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MARX/ENGELS
GESAMTAUSGABE
Tafel I
Friedrich Engels im Jahre 1839
MARX / ENGELS
GESAMTAUSGABE
GLIEDERUNG:
ERSTE ABTEILUNG: SÄMTLICHE WERKE UND SCHRIFTEN
MIT AUSNAHME DES «KAPITAL»
ZWEITE ABTEILUNG: DAS «KAPITAL» MIT VORARBEITEN
DRITTE ABTEILUNG: BRIEFWECHSEL
VIERTE ABTEILUNG: GENERALREGISTER
MARX / ENGELS
GESAMTAUSGABE
ERSTE ABTEILUNG
BAND 2
ENGELS: WERKE UND SCHRIFTEN BIS ANFANG 1844
NEBST BRIEFEN UND DOKUMENTEN
KARL MARX
FRIEDRICH ENGELS
HISTORISCH-KRITISCHE GESAMTAUSGABE
WERKE / SCHRIFTEN / BRIEFE
IM AUFTRAGE DES
MARX-ENGELS-INSTITUTS
MOSKAU
HERAUSGEGEBEN
VON
D. RJAZANOV
MARX-ENGELS-VERLAG G. M. B. H.
BERLIN
FRIEDRICH ENGELS
WERKE UND SCHRIFTEN
BIS ANFANG 1844
NEBST BRIEFEN UND DOKUMENTEN
MARX/ENGELS
GESAMTAUSGABE
ERSTE ABTEILUNG
B AN D 2
MARX-ENGELS-VERLAG G. M. B. H.
BERLIN 1 930
Drude
J. B. Hirschfeld (Amo Pries), Leipzig
Einband :
Carl Einbrodt, Großbuchbinderei G. m. b. H., Leipzig
EINLEITUNG ZUM ZWEITEN BANDE
DER ERSTEN ABTEILUNG
I
Die literarischen Dokumente, die wir im ersten Bande unserer Ge¬
samtausgabe veröffentlicht haben, lassen die geistige Entwicklung des
jungen Karl Marx bis zu seiner engen Verbindung mit Friedrich Engels
in allen bedeutenden Momenten und Perioden dieser Entwicklung über¬
schauen. Els sind unter diesen Dokumenten nicht wenige, die Engels
in seinem für das „Handwörterbuch der Staatswissenschaften“ verfaßten
biographischen Abriß nicht erwähnt hatte und die auch Kautsky, Bern¬
stein und Mehring unbekannt geblieben waren; ferner noch solche, die —
wie eine Anzahl von Artikeln aus der Rheinischen Zeitung — Mehring
wohl gekannt, aber in die Nachlaß-Ausgabe nicht aufgenommen hatte.
Wenn diese neuen Dokumente nicht dazu angetan sind, das bekannte Ge¬
samtbild von der intellektuellen Entwicklung des jungen Marx radikal zu
verändern, so geben sie doch die Möglichkeit, manchen sehr bedeutenden
Zug in diesem Bilde richtigzustellen und zu ergänzen; insbesondere wer¬
fen sie ein sehr helles Licht auf einige Übergangsstadien der theoretischen
Entwicklung, die zwischen Marxens junghegelianischer Periode und sei¬
ner mit den Deutsch-Französischen Jahrbüchern beginnenden kommu¬
nistischen Periode liegen.
Ganz anders verhält es sich nun mit den Artikeln und Briefen des
jungen Friedrich Engels.
Die im vorliegenden zweiten Bande gesammelten Dokumente sollen
ihrerseits dazu beitragen, die hauptsächlichen Abschnitte von Engels’ gei¬
stiger Entwicklung vor seiner Bekanntschaft mit Marx deutlich zu machen.
Kautsky und Mehring — der erste Engelsi-Biograph und der erste Heraus¬
geber der vor 1850 erschienenen kleineren Schriften Engels’ — gingen
beide von der Auffassung aus, daß Engels’ literarische Tätigkeit erst mit
seinen Beiträgen für die Deutsch-Französischen Jahrbücher, also 1844, be¬
gonnen habe. Daher dann auch die bekannte Gegenüberstellung: Engels
sei von der Ökonomie hergekommen und zur Philosophie gelangt, Marx
habe den umgekehrten Weg gemacht. Es wurde eine Art von Dogma ge¬
schaffen, wonach Engels sein literarisches Werk mit einer Untersuchung
eröffnet habe, die sich durch hohe Reife des theoretischen Gedankens aus¬
zeichne und dem wissenschaftlichen Kommunismus bereits näher stehe als
die Marxschen Erstlingsschriften, — nämlich mit den von Marx selbst als
„geniale Skizze“ gerühmten „Umrissen zu einer Kritik der National¬
ökonomie“.
X
Einleitung
Aber schon im Jahre 1885 hatte die bekannte historische Arbeit von
Georg Adler1) manche interessanten Angaben über Engels gebracht, die
eine kritische Nachprüfung erheischten. Auf Grund von Daten, die zuerst
in der „Barmer Zeitung“2) veröffentlicht, sodann in dem damaligen legalen
Organ der deutschen Sozialdemokratie wiederabgedruckt worden waren3),
berichtete Adler, Engels habe in jungen Jahren im Gutzkowschen „Tele¬
graphen für Deutschland“ „Briefe aus dem Wuppertal“ veröffentlicht und
eine gegen Schelling gerichtete Broschüre „Schelling und die Offen¬
barung“ verfaßt; derselben Quelle zufolge sollte Engels überdies die Ver¬
fasserschaft an einem satirischen „christlichen Heldengedicht“ schon sei¬
nerzeit zugeschrieben worden sein.
Das Buch Adlers erfuhr durch Kautsky in der Neuen Zeit eine sehr
scharfe Ablehnung. In seiner Rezension zeigte Kautsky allerdings, mit
welcher Leichtfertigkeit Adler sein Buch kompiliert und mit welcher
Leichtgläubigkeit er sich auf Polizeiberichte gestützt hatte, überging aber
die genannten Angaben, denen er gar keine Beachtung schenkte; diese
Achtlosigkeit ist um so auffälliger, als Kautsky für die Abfassung der Re¬
zension von Engels selbst nicht nur die verschiedensten Hinweise und An¬
gaben mitgeteilt bekommen, sondern auch das mit vielen Randbemerkun¬
gen versehene Engelssche Handexemplar des Adlerschen Buchs zur Be¬
nutzung erhalten hatte. In der für den Österreichischen Arbeiterkalen¬
der (1888) verfaßten — übrigens von Engels selbst durchgesehenen —
Engels-Biographie erwähnte Kautsky ebenfalls mit keinem Wort jene sei¬
nem Lehrer zugeschriebenen Erstlingsschriften ; und auch 1895, als dieser
biographische Aufsatz mit verschiedenen Ergänzungen in Broschürenform
neu veröffentlicht wurde4), vermerkte er in keiner Weise ein literarisches
Auftreten von Engels vor dem Zeitpunkt von 1844.
Auch Mehring, der sich noch schärfer als Kautsky gegen Georg Adler
gewandt hatte, versäumte es, den erwähnten Angaben noch vor 1895,
d. h. noch zu Engels’ Lebzeiten, nachzugehen, obwohl ihm dies um so
leichter gewesen wäre, als er selbst bei der Sichtung des literarischen
Nachlasses von Marx noch zu Anfang der neunziger Jahre Engels tätigen
Beistand geleistet hatte.
Als Mehring sich dann vor die Aufgabe gestellt sah, über die Früh¬
schriften von Engels zu berichten, war er — wie er selbst schreibt — nun
1 ) G. Adler, Die Geschichte der ersten sozialpolitischen Arbeiterbewegung
in Deutschland mit besonderer Rücksicht auf die einwirkenden Theorien. Bres¬
lau 1885. S. 141
2) Jahrg. 51, Nr. 151 vom 1. Juli 1884 (Jubiläumsnummer); anonymes Feuil¬
leton: „Barmer Dichter während der letzten fünfzig Jahre“
8) Berliner Volksblatt, 3. Juli 1884
4) [K. Kautsky,] Friedrich Engels. Sein Leben, sein Wirken, seine Schrif¬
ten. Berlin 1895
Einleitung
XI
schon nicht mehr in der Lage, festzustellen, inwieweit die von Adler vor¬
gebrachten Angaben der Wirklichkeit entsprächen, — wenn er sie auch, im
Gegensatz zu Kautsky, wenigstens nicht unerwähnt ließ. Aber damit nicht
genug.Während Mehring von Engels’ Mitarbeit an der Rheinischen Zeitung
ganz bestimmte Kenntnis hatte, vermochte er doch keine einzige von den
Engelsschen Korrespondenzen aufzufinden, obwohl auch dies mit Engels’
Hilfe eine leichte Sache gewesen wäre1).
Was nun die Engels zugeschriebene philosophische Broschüre betraf, so
erhielt Mehrings Mißtrauen neue Nahrung aus einem andern Umstand.
Schon nach dem Erscheinen des Adlerschen Buches wurde der Brief¬
wechsel Arnold Ruges publiziert und damit ein an den Hegelianer Karl
Rosenkranz gerichteter Brief vom April 1842 bekannt, worin der Heraus¬
geber der Deutschen Jahrbücher sehr kategorisch die Behauptung aus¬
spricht, die Broschüre „Schelling und die Offenbarung“ sei von Bakunin
verfaßt. Der Wortlaut des Briefes erlaubte die Annahme, Ruge habe dies
von dem Autor der Broschüre selbst erfahren2).
Es versteht sich, daß ein so gründlicher und umsichtiger Gelehrter wie
Nettlau, Verfasser einer großen Bakunin-Biographie, an diesem inter¬
essanten Hinweis nicht vorübergehen konnte. Er wußte besser als jeder
andere, was und worüber Bakunin je geschrieben hatte: aber weder Baku¬
nin selbst noch irgendeiner seiner Freunde hatte jemals eine solche Baku-
ninsche Broschüre erwähnt. Ihm, Nettlau, mußte der Umstand auffallen,
daß in anderen Quellen von dem Antipoden Bakunins, nämlich von Engels,
als dem Autor der anonymen Broschüre die Rede war, obwohl es auch ihn
wundemahm, daß Kautsky und Mehring Georg Adlers Darstellung wohl
in zahlreichen Punkten richtigstellten, aber gerade die erwähnten Angaben
mit Stillschweigen übergingen. Nettlau selbst fand in der Literatur noch
weitere Fingerzeige: während Kuno Fischer die Broschüre Engels zu¬
schreibt3), nennt Ludwig Noack als Verfasser einen gänzlich unbekannten
O s w a 1 d4).
Gestützt auf die wahrscheinlichere Aussage des mit Bakunin persönlich
befreundeten Ruge, führte Nettlau — Philologe ex professo — eine sorg¬
fältige, peinlich genaue Vergleichung der Broschüre „Schelling und die
Offenbarung“ mit dem in den Deutschen Jahrbüchern erschienenen Auf¬
satz Bakunins durch. Er kam zu dem Ergebnis: es müsse eine auffallende
*) Mehring, Aus dem literarischen Nachlaß von K. Marx und F. En¬
gels. Stuttgart 1902. Bd. I, S. 357
2) Arnold Ruges Briefwechsel und Tagebuchblätter. Hg. v. P. Nerrlich.
Berlin 1886. Bd. I, S. 273
3) K. Fischer, Geschichte der neuem Philosophie. Bd. VII. 1872. (3. Aufl.
Heidelberg 1902. S. 260 f.)
4 ) Ludwig Noack, Schelling und die Philosophie der Romantik. Ein Beitrag
zur Kulturgeschichte des deutschen Geistes. Berlin 1859. Bd. II, S. 477
XII
Einleitung
Ähnlichkeit des Stils und der Ideen festgestellt werden. Doch blieb ihm
unerklärlich, woher der Hinweis auf die Verfasserschaft Engels’ stammen
könnte, zumal in der entschiedenen, apodiktischen Form, in der Kuno
Fischer diese Angabe vorgebracht hatte.
Erst nach dem Erscheinen der Bakunin-Biographie und des von Meh¬
ring redigierten literarischen Nachlasses von Marx und Engels wurden
dann neue Gesichtspunkte in der hier interessierenden Frage geltend ge¬
macht, und zwar in den von Bernstein seit 1902 herausgegebenen „Doku¬
menten des Sozialismus“. „Doubley ou“, hinter welchem Namen sich einer
der rührigsten und kundigsten Sammler sozialistischer Literatur1), der
Wiener Rechtsanwalt Wilhelm Pappenheim verbarg, hatte neue Angaben
aufgefunden, welche die Autorschaft Bakunins wieder in Zweifel rück¬
ten2). In einem 1845 erschienenen Überblick über die Literatur zum
Schelling-Streit, nennt der Verfasser, ein Theologe namens Merz, als Autor
der Broschüre einen A. Engels3). Wie naheliegend die Annahme, es handle
sich bei der störenden Initiale nur um einen Druckfehler! Aber W. Pap¬
penheim machte noch eine andere Entdeckung, die ihn wieder zur
Preisgabe der Vermutung veranlaßte, daß dieser „A. Engels“ mit Friedrich
Engels identisch sein könnte. Es gelang ihm, das von Adler erwähnte
„christliche Heldengedicht“ zum Vorschein zu bringen, in dem unter an¬
deren Junghegelianem auch ein Oswald angeführt wird, also offenbar der¬
selbe, den Noack als Autor der Schelling-Broschüre nennt. Und bei Durch¬
sicht des Jahrgangs 1842 der Deutschen Jahrbücher fand Pappenheim
dann einen Artikel von Friedrich Oswald4), worin dieser sich selbst als
Autor der Broschüre „Schelling und die Offenbarung“ bezeichnet. Die
Existenz eines Oswald schien damit nachgewiesen zu sein. W. Pappenheim
glaubte klargestellt zu haben, daß die Broschüre weder von Engels, noch
von Bakunin, sondern von eben diesem Friedrich Oswald verfaßt sei, daß
es also mit der Angabe Noacks seine Richtigkeit habe.
Es war dies aber eine Lösung des Rätsels, die den Forscher keineswegs
zufriedenstellen konnte. Es erhob sich die Frage, wie denn ein Schrift¬
steller hatte spurlos verschwinden können, der seine Laufbahn mit einer
so deutlich in die Literaturgeschichte eingezeichneten Schrift begonnen
hatte. Mußte da nicht eine andere Hypothese glaubwürdiger erscheinen,
x) In Gemeinschaft mit Theodor Mauthner brachte Pappenheim eine
ganz vorzügliche Privatbibliothek zur Geschichte des Sozialismus zusammen, die jetzt
im Besitze des Marx-Engels-Instituts ist.
2) Doubleyou, Schelling und die Offenbarung. Auch ein Beitrag zui Ge¬
schichte der Berliner „Freien“. Documente des Socialismus, Bd. I (1902),
S. 436—443
3) [L. Merz,] Schelling und die Theologie. (Sonderabdruck aus dem Neuen
Repertorium für theologische Literatur und kirchliche Statistik. Jg. 1845, Heft 2.)
Berlin 1845. S. 22, 27—28
4) Siehe in diesem Band S. 322—335; vgl. S. 333
Einleitung
XIII
daß nämlich der Name Friedrich Oswald von Friedrich Engels, der ja da¬
mals noch als Artillerist im preußischen Militärdienst stand, nur als lite¬
rarischer Deckname gebraucht worden sei?
Diese Möglichkeit gab schon Bernstein zu, dem an der äußeren Be¬
schreibung Oswalds, wie sie in dem erwähnten satirischen Poem vorkommt,
eine gewisse Ähnlichkeit mit der Erscheinung von Engels auffiel1). Aber
auch er kam dann zu demselben Schluß wie Pappenheim, daß nämlich
Engels dem Autor der Schelling-Broschüre zwar nahegestanden habe, aber
nicht selbst der Autor sein könne; Verfasser sei kein anderer als der
sonst unbekannte Oswald. Im Nachwort zum dritten Bande der Nachlaß-
Ausgabe schloß sich Mehring der von Pappenheim und Bernstein ver¬
tretenen Meinung an 2).
II
Nachdem ich mich in der Mauthner-Pappenheimschen Bibliothek mit
dem zu dieser Frage gesammelten Material vertraut gemacht, begann ich
mich selbst dafür zu interessieren, wer hinter diesem rätselhaften Oswald
verborgen sei. Die Möglichkeit, daß ein Schriftsteller aus diesen oder je¬
nen Gründen seine literarischen Jugendarbeiten absichtlich verschwiegen,
oder daß er sie im Abstand der Jahre völlig vergessen habe, konnte ohne
weiteres angenommen werden. Die Beschäftigung mit der Geschichte des
Kommunistenbundes, als des wichtigsten Vorläufers der Internationale,
hatte mich überdies zu der Überzeugung geführt, daß Marxens und Engels’
Äußerungen über die früheste Periode ihres Auftretens nicht immer genau
sind, daß vielmehr nach Verlauf von zwei, drei Jahrzehnten ihnen beiden
so manche Einzelheit ihres literarischen und organisatorischen Wirkens
gänzlich aus dem Gedächtnis entfallen war. Im Jahre 1913 untersuchte ich
Engels’ Beiträge für die owenistische Zeitschrift The New Moral World.
Diese Artikel, deren erster schon im November 1843 erschienen war, be¬
wiesen nun nicht nur, daß Engels seine literarische Tätigkeit vor dem Jahre
1844 begonnen, — aus ihrem Inhalt ging auch hervor, daß er noch an der
junghegelianischen Bewegung in Deutschland tätigen Anteil genommen
hatte. In einem dieser Aufsätze fand ich Hinweise auf eine von ihm selbst
herausgegebene philosophische Broschüre3), womit nach meiner Meinung
nur die anonyme Schelling-Broschüre gemeint sein konnte. So kam ich
zu der Schlußfolgerung, daß der Autor dieser Broschüre niemand anders
0 [Ed. Bernstein,] Aus der Schrift: Schelling und die Offenbarung. Ein
Päan des radikalen Junghegelianismus von 1842. Documente des Socialismus,
Bd.I (1902), Heft 12, S. 552—557
2) Mehring, Aus dem literarischen Nachlaß von K. Marx und F. Engels.
1902. Bd.III, S. 489
3) Siehe in diesem Band S. 447
XIV
Einleitung
als eben Engels sei. Hatte sich aber die Angabe G. Adlers, d. h. der „Bar¬
mer Zeitung“, einmal bestätigt, so mußten auch die übrigen Angaben,
nämlich über die Urheberschaft der „Briefe aus dem Wuppertal“ und des
„christlichen Heldengedichts“, an Glaubwürdigkeit gewinnen. Und wenn
sich der Verfasser der Schelling-Broschüre in den Deutschen Jahrbüchern
Friedrich Oswald nannte, so konnte dieser „Oswald“ kein anderer sein als
Friedrich Engels.
Um dieselbe Zeit fand Gustav Mayer Dokumente, die es ihm möglich
machten, die Identität des „Friedrich Oswald“ mit Friedrich Engels „un¬
widerleglich“ — wie es mir im Jahre 1913 schien1) — festzustellen. In
Briefen dés jungen Engels an die mit ihm befreundeten Brüder Graeber —
G. Mayer hatte diese Briefe von Engels’ Verwandten zur Verfügung ge¬
stellt bekommen — bezeichnet sich Engels als den Verfasser der „Briefe
aus dem Wuppertal“2). Und in einem Briefe an Johann Jacoby spricht der
junge Eduard Flottwell im November 1841 von dem „bekannten Oswald aus
dem Telegraphen, der eigentlich ein junger Kaufmann aus der Rhein¬
provinz, und gegenwärtig hier [in Berlin] sein Jahr abdient, um Schelling
und Werder zu hören“3).
So konnte Mayer in seiner 1920 erschienenen Engels-Biographie über
eine große Anzahl von noch vor 1844 entstandenen Aufsätzen Engels’ be¬
richten und einen stattlichen „Ergänzungsband“ mit diesen „Schriften der
Frühzeit“ füllen4).
Die „absolute Gewißheit“ — wie Carl Grünberg sich ausdrückte5) —,
daß „Oswald“ mit Engels identisch sei, besser gesagt, den „juristisch“ un¬
anfechtbaren Beweis für diese Identität, erbrachte allerdings erst jener
Engelssche Brief, den ich im Jahre 1921 in der Autographensammlung der
Preußischen Staatsbibliothek zu Berlin auffand, wo er der Aufmerksamkeit
G. Mayers zufällig entgangen war.
Der Brief, um den es sich handelt, ist an Ruge adressiert, denselben, der
noch im April 1842 Bakunin für den Verfasser der Schelling-Broschüre er¬
klärt hatte. Wenn dieser Brief die letzten Zweifel an jener Identität be¬
seitigte und den wirklichen Verfasser der so lange umstrittenen Broschüre
*) Friedrich Engels’ Jugendarbeiten. Der Kampf (Wien), H. 7, Nr. 4 (1. Ja¬
nuar 1914), S. 158
2) Siehe in diesem Band S. 505 f.
3) G. Mayer, Ein Pseudonym von Friedrich Engels. Grünbergs Archiv,
Jg. IV (1914), H. 1, S. 86—89. — Friedrich Engels’ Jugendbriefe. Neue Rund¬
schau, Jg. 24, H.9—10 (Sept.-Okt. 1913), S. 1141—1257, 1396—1416
4) G. Mayer, Friedrich Engels. Eine Biographie. Erster Band: Friedrich
Engels in seiner Frühzeit, 1820—1851. — Ergänzungsband zum ersten Bande: Fried¬
rich Engels. Schriften der Frühzeit, Aufsätze, Korrespondenzen, Briefe, Dichtungen
aus den Jahren 1838—1844 nebst einigen Karikaturen und einem unbekannten Ju¬
gendbildnis des Verfassers. Berlin 1920
6) Im Archiv für die Geschichte des Sozialismus und der Arbeiterbewegung,
Jg.XI (1925), S.184
Einleitung
XV
enthüllte, so gab er mir überdies die Möglichkeit, noch eine weitere Schrift
über Schelling aufzufinden, die zu ihrer Zeit Aufsehen erregt hatte und
deren Verfasser wiederum kein anderer als Engels war. Es heißt in diesem
von Berlin, 15. Juni 1842, datierten Brief an Ruge folgendermaßen:
„Warum ich ,Schelling und die Offenbarung4 nicht für die Jahrbücher
einsandte? 1. weil ich auf ein Buch von 5—6 Bogen rechnete und erst im
Laufe der Unterhandlungen mit dem Verleger auf den Raum von 3% Bo¬
gen beschränkt wurde; 2. weil die Jahrbücher bis dahin über Schelling
noch immer etwas zurückgehalten hatten; 3. weil mir hier abgeraten wurde,
Schelling fernerhin in einem Journale anzugreifen, dagegen lieber gleich
eine Broschüre gegen ihn loszulassen. ,Schelling, der Philosoph in Christo4
rührt ebenfalls von mir her.
Doktor bin ich übrigens nicht und kann es nie werden, ich bin nur
Kaufmann und k. preuß. Artillerist; erlassen Sie mir also gütigst jenen
Titel.. .441).
Der Brief ist unterzeichnet: F. Engels (Oswald).
Es fanden sich dann in der Publizistik der vierziger Jahre noch weitere
Angaben über die Identität Engels’ mit jenem „Oswald44. Nach Erschei¬
nen der Deutsch-Französischen Jahrbücher hebt ein Korrespondent der
„Aachener Zeitung44 auch die Aufsätze von „Friedrich Oswald44 hervor2),
die Engels doch mit seinem wirklichen Namen gezeichnet hatte. Weiter
unten zitieren wir einen aus dem Jahre 1843 stammenden Artikel über
Schelling, worin der Autor der ersten von den beiden anonymen Schelling-
Broschüren zwar nicht mit Namen genannt, aber als „Barmener Kauf¬
mannsdiener44 bezeichnet wird. Im März 1845 bringt der „Telegraph für
Deutschland443) eine Notiz über den Aufenthalt von „Engels (Friedrich
Oswald)44 in Barmen. Im Jahre 1846 wird das Pseudonym in Wigands
Konversationslexikon gelüftet4). In der späteren philosophie¬
geschichtlichen Literatur werden, wie schon bemerkt, Engels’ Schelling-
Broschüren mehrfach erwähnt, bei Kuno Fischer mit Nennung des Ver¬
fassers.
Obwohl also in den vierziger Jahren sogar ein Konversationslexikon
das Geheimnis jenes Pseudonyms enthüllt hatte, zudem in den achtziger
Jahren die Anfänge des inzwischen berühmt gewordenen Sozialisten Engels
1) Siehe in diesem Bande S. 631
2) Aachener Zeitung, Nr. 57 v. 27. Febr. 1844, Korrespondenz v. 23. Fehr.; nach¬
gedruckt in der Barmer Zeitung, Nr. 60 v. 29. Febr. 1844. — Auch Der Sprecher
oder Rheinisch-Westphälische Anzeiger, Nr. 22 v. 16. März 1844, erwähnt als Mit¬
arbeiter der Deutsch-Französischen Jahrbücher neben Heine, Ruge, Marx und Heß
nicht den Namen Engels, sondern Oswald.
3) Nr. 45, S. 180
4) Bd. 2, S. 81; Artikel „Edgar Bauer“. - Vgl. unten S. LIV
XVI
Einleitung
der Literaturgeschichte des Wuppertals wohl bekannt waren D, bedurfte
es doch fast zweier Jahrzehnte nach Engels’ Tod, bis die Geschicht¬
schreibung des Sozialismus die Verbindung zwischen dem „historischen“
und dem „vorhistorischen“ Engels nicht nur bibliographisch, wie dies
Georg Adler getan, sondern im vollen Sinne der biographischen und
historischen Entwicklung herstellen konnte.
III
Das Hauptverdienst um die Erforschung dieser Friihperiode kommt
zweifelsohne dem Engels-Biographen und Herausgeber der „Schriften der
Frühzeit“, Gustav Mayer, zu. Manche Engelssche Jugendarbeit, so die
zweite Schelling-Broschüre, entging allerdings auch seiner Aufmerksam¬
keit, doch ist es vor allem seinen erfolgreichen Nachforschungen zu ver¬
danken, wenn wir heute die Möglichkeit haben, das literarische Wirken
des jungen Engels in den Jahren vor seiner Begegnung mit Marx — also
vor der Zeit, in die Mehring die Anfänge verlegt hatte — nach Charakter
und Umfang mit nahezu erschöpfender Vollständigkeit zu bestimmen.
Von den im vorliegenden Bande wiedergegebenen Schriften und Brie¬
fen waren Gustav Mayer die meisten bekannt, als er die „Schriften der
Frühzeit“ herausgab. Trotzdem bringt unsere Sammlung rund zweimal so
viel Texte wie jene Ausgabe, die keine vollständige Reproduktion der ihrem
Editor bekannten Texte sein sollte. Auf den Wiederabdruck der in dei
Mehringschen Nachlaß-Ausgabe zugänglich gemachten zwei Aufsätze aus
den Deutsch-Französischen Jahrbüchern hatte Mayer verzichtet. Die Bro¬
schüre „Schelling und die Offenbarung“ war aus Raummangel von der
Wiedergabe ausgeschlossen worden. Auch die „Lombardischen Streifzüge“
aus dem „Athenäum“ und verschiedene Artikel aus der Rheinischen Zei¬
tung ließ Mayer beiseite. Den Aufsatz über Joel Jacoby aus dem „Tele¬
graphen“ publizierte er in der Neuen Zeit Die für The New Moral
World geschriebenen Beiträge nahm er nicht auf, weil sie in deutscher
Übersetzung schon früher, teils in der Neuen Zeit2), teils von mir im Wie¬
ner „Kampf“3), veröffentlicht worden waren. Auch die Briefe an die
9 Wir meinen nicht nur den genannten Feuilleton-Artikel der „Barmer Zei¬
tung“. Im Jahre 1886 spricht Friedrich Roeber, selbst ein Wuppertaler Schriftstel¬
ler, Verfasser eines Romans über das von sozialen Kämpfen durchwühlte Elberfeld
der vierziger Jahre („Marionetten“, 2. Aufl. Iserlohn 1885), in einem Buch über
„Literatur und Kunst im Wuppertale“ (Iserlohn 1886, S. 74) auch über „Fritz
Engels von Barmen, der sich später... als Führer der sozialistischen Bewegung
einen weit bekannten Namen erworben“ und der „in seinem allerersten literarischen
Auftreten, nämlich in einem Artikel über das Wuppertal, der im Gutzkowschen ,Tele¬
graphen* erschien, den Kunstgeschmack zu Elberfeld in seiner Weise zu beleuch¬
ten“ versucht habe.
a) Die Neue Zeit, Jg. 28, Bd. 1 (1910), S. 427—431. (Nach dem englischen
Wiederabdruck in The Social-Democrat, London, vol. 13, 1909, p. 517—522)
3) Der Kampf, Jg. 7 (1914), S. 162ff.
Einleitung
XVII
Schwester Marie ließ Mayer aus seiner Sammlung weg, er veröffentlichte
sie — mit Auslassungen — in der „Deutschen Revue“1).
Es versteht sich von selbst, daß wir alle diese Mayer bekannten, aber in
seine Ausgabe der „Schriften der Frühzeit“ aus diesem oder jenem Grunde
nicht auf genommenen Stücke in unserer Gesamtausgabe abdrucken. Wir
bringen aber dazu noch manches, was Mayer seinerzeit unbekannt ge¬
blieben war. Am wichtigsten ist hier das erwähnte parodistische Pam¬
phlet „Schelling, der Philosoph in Christo“. Aus dem „Telegraphen“
bringen wir zwei Notizen über Krummacher, und eine dritte über Anasta¬
sius Grün2>, die Mayers Aufmerksamkeit entgangen waren, ferner die
Ode auf die (Ende 1840 erfolgte) Überführung der Leiche Napoleons
nach Paris3). Die Briefe an die Brüder Graeber und an die Schwester
Marie bezeugen die sprudelnde Produktivität, mit welcher der junge
Engels belletristische und kritische Versuche niedergeschrieben hat. In
ihnen fand sich mancher mehr oder minder sichere Anhaltspunkt für
Nachforschungen; wir veranlaßten daher die systematische Durchsicht
einer großen Anzahl von Zeitungen und Zeitschriften der Jahre 1838 bis
1842. Es konnte festgestellt werden, daß die erste gedruckte Arbeit 4)
des jungen Engels im „Bremischen Conversationsblatt“, einer recht ge¬
diegenen, sich über das lokale Niveau erhebenden Bildungszeitschrift
erschienen ist; — es ist das Gedicht „Die Beduinen“, dessen authentischer
Text schon aus einem Briefe an die Brüder Graeber bekannt war 6\ Den
Bremer „Stadtboten“, den Engels unter dem Pseudonym „Theodor Hilde¬
brand“ durch Einsendung salbungsvoll moralisierender Gedichte ein
ganzes Vierteljahr lang zum Narren gehalten hat 7), vermochten wir nicht
ausfindig zu machen 8) ; allem Anschein nach sind die wenigen Nummern
dieses kurzlebigen 9) Lokalblättchens, dessen Herausgeber, der Porzellan¬
x) Deutsche Revue, Jg. 45, 1920 (November- und Dezemberheft), S. 126—138,
218—229
2) In diesem Bande S. 44, 88 f. und 71
8) In diesem Bande S. 109 f. Vgl. auch Engels’ Brief vom 6.—8. Dez. 1840 an
seine Schwester Marie (S. 603).
4) Vgl. Engels an Friedrich und Wilhelm Graeber, 17.—18. Sept. 1838, S. 486f.
5) Das „Bremische Conversationsblatt“ erschien im gleichen Verlage wie die
„Bremer Zeitung“ und wurde von Ludwig Wilhelm Heyse redigiert. Vgl. Heinrich
Tidemann, Die Zensur in Bremen von den Karlsbader Beschlüssen 1819 bis zu
ihrer Aufhebung 1848. Bremisches Jahrbuch, Bd. 32 (1929), S. 9f. — Siehe auch die
Engelssche Charakteristik in diesem Bande S. 124.
6) Siehe ebendort S. 489 f.
7) Vgl. in diesem Bande S. 517, 579, 580
8) Alle dahin gehenden Bemühungen waren vergeblich. Wir ergreifen die Ge¬
legenheit, um der Leitung der Bremer Stadtbibliothek, insbesondere
deren Direktor H.Knittermeyer, für freundlicherweise angestellte Nachfor¬
schungen in diesem und in ähnlichen Fällen unseren Dank auszusprechen. Für die
gleiche Zuvorkommenheit haben wir auch der Leitung des Bremischen
Staatsarchivs, insbesondere seinem Direktor H. Entholt,zu danken.
•) Es existierte von Mitte Januar bis Ende April 1839.
Marx-Engels-Gesamtausgabe, I. Abt., Bd. 2. H
XVIII
Einleitung
händler Albertus Meyer, sich als Bremens Tugendwächter auf spiel te
unwiderbringlich verschollen. Doch fand sich in einer anderen Lokal¬
zeitschrift, dem „Bremischen Unterhaltungsblatt“, das mit dem „Stadt¬
boten“ seit dessen erster Nummer im Streit lag2), in einem der vielen
polemischen Artikel ein Gedicht des tugendhaften Theodorus Hildebrand
„An die Feinde“ des „Stadtboten“ vollständig abgedruckt3). Wir
sind so in der Lage, ein Beispiel von dem „konfusen Zeug“ wiederzu¬
geben, mit dem Engels den „Stadtboten“ fütterte 4). Er wurde des Spaßes
bald überdrüssig; Ende April schrieb er an Wilhelm Graeber, er habe
dem „Stadtboten“ nun mit einem gereimten Briefe „abgesagt“ 5). Das
Absagegedicht „A n den Stadtbote n“, dessen Text uns schon aus
dem genannten Brief bekannt war, ist am 27. April 1839 im „Bremischen
Unterhaltungsblatt“ erschienen; wir haben es daher auch unter die ge¬
druckten Schriften im ersten Teil des vorliegenden Bandes aufgenommen.
Ein Oswald-Gedicht, „N a c h t f a h r t“ betitelt6), fand sich im Stutt¬
garter „Deutschen Courier“ vom 3. Januar 1841. Da dieses von Carl
Weil redigierte liberale Blatt sonst fast nie Originalgedichte brachte, so
kann mit ziemlicher Bestimmtheit gesagt werden, daß diese die Freiheits¬
schwärmerei mit Naturbildern vereinigenden Verse einem anderen Blatte
nachgedruckt wurden; wo sie zuerst erschienen, ließ sich nicht feststellen.
Von einer nächtlichen Wagenfahrt Engels’ nach „S t ü v e ’ s Stadt, . . .
der Freiheit Stadt“, Osnabrück, wissen wir sonst nichts7).
Besonderes Interesse verdient unter den neu auf gefundenen Stücken
D In einer der Ankündigungen Albertus Meyers in den „Bremer Wöchent¬
lichen Nachrichten“ (Nr. 8 v. 18. Jan. 1839, S. 4) heißt es u. a.: „Möge es dem
Boten gelingen, auch nur ein Geringes dazu beizutragen, den Geist der Tugend
immer herrschender zu machen; welcher Geist es ist, der Segen bringt in alle die
mannigfaltigen Verhältnisse des bürgerlichen und häuslichen Lebens. Möge hin¬
gegen der finstere, beständig verneinende Geist immer mehr erkannt und gewür¬
digt, mögen Vorurteil und Kaltherzigkeit durch Prüfung und durch die Macht der
Wahrheit und Liebe besiegt werden.“
2) Vgl. S. 579. — Über das „Bremische Unterhaltungsblatt“ vgl. H. Tide¬
mann, a. a. O. S. 8(, und die Engelssche Charakteristik in diesem Bande S. 124f.
3) Bremisches Unterhaltungsblatt, Jg. 17 v. 27. Febr. 1839, Sp. 138f.
4) Vgl. den Brief Engels’ vom 12. Februar 1839 an seine Schwester Marie
(S. 580). Die in demselben Brief mitgeteilten einfältigen Reime unter dem Titel
„Bücherweisheit“ wurden in Nr. 8 des „Bremer Stadtboten“, am 24. März, gleich¬
falls „ganz treuherzig“ abgedruckt; dies ergibt sich aus dem Inhaltsverzeichnis die¬
ser Nummer, das uns aus einem Inserat bekannt ist. (Die Inhaltsangaben der ein¬
zelnen Nummern des „Bremer Stadtboten“ finden sich — ohne Vermerk der Auto¬
rennamen — in den Ankündigungen, die Albertus Meyer in die „Bremer Wöchent¬
lichen Nachrichten“ einrücken ließ; die Ankündigung der Nr. 8 des „Stadtboten“
mit dem Poem „Bücherweisheit“ ist in den „Nachrichten“ am 25. März 1839, Nr. 36,
2. Beilage S. 2, enthalten.)
5 ) Siehe S. 517.
•) Siehe S. 17 f.
7) Ob dem Gedicht dieselbe Reise zugrunde lag wie der Beschreibung der
norddeutschen Heide in dem ein halbes Jahr früher im „Telegraphen“ erschienenen
Aufsatz „Landschaften“ (S. 761L) läßt sich nicht mit Bestimmtheit ausmachen.
Einleitung
XIX
eine poetische Übersetzung, die der Zwanzigjährige in einem der vierten
Saekularfeier der Buchdruckerkunst gewidmeten Album erscheinen ließ.
Im Jahre 1840 feierte man die irrtümlich in das Jahr 1440 verwiesene Er¬
findung Gutenbergs wie im Auslande, so auch in allen größeren Städten
Deutschlands. Auch in Bremen wurde ein Gutenberg-Fest veranstaltet D.
Ein Braunschweiger Verleger, Dr. Heinrich Meyer, bereitete im Verein
mit amerikanischen und englischen Verlegern ein großes Album zu
Ehren Gutenbergs vor, für welches Dichter und Schriftsteller ver¬
schiedener Länder um Beiträge angegangen wurden ; dieses „Gutenbergs-
Album“ erschien im Juli 1840 in zwei Ausgaben — als Prachtband in
Großquartformat und als einfacher Oktavband.2) Engels steuerte die Über¬
setzung einer großen Ode des berühmten spanischen Dichters Manuel José
de Quintana bei —, das erste gedruckte literarische Erzeugnis, das mit
Engels’ wirklichem Namen unterzeichnet war. Die Luxusausgabe brachte
in einem Anhang die faksimilierten Namenszüge aller Beteiligten, darunter
auch den von Engels, wohl dem jüngsten unter den Mitarbeitern des
Albums. Der Name Friedrich Engels trat so zum erstenmal in einer inter¬
nationalen Publikation vor die Öffentlichkeit.
Von recht großer Bedeutung nach Inhalt und Umfang sind unter den
neuentdeckten Stücken diejenigen, die Engels im Zeitraum einest halben
Jahres, zwischen Juli 1840 und Januar 1841, dem Stuttgarter „Morgen¬
blatt für gebildete Leser“ eingesandt hat. Es sind dies Korrespondenzen,
eine „Volkssage“, ein Gedicht — teils mit „Friedrich Oswald“, teils mit
den Initialen „F. O.“ gezeichnet, teils ohne Signatur gedruckt. Wir kom¬
men auf sie noch weiter unten zurück.
In einem Briefe an Conrad Schmidt erwähnt Engels in späteren Jahren
seine „gelegentliche“ Mitarbeit an der „Königsberger Zeitung“3); er
schreibt in diesem Briefe vom 26. September 1887:
„Es hat mich sehr gefreut..., daß Sie ... in die Atmosphäre der rei¬
nen Vernunft zurückgekehrt sind. Von den seltsamen Abenteuern,
die sich an die Ankunft Ihrer Bücherkiste geknüpft, hatte ich durch die Zei¬
tungen erfahren und glaubte mich wieder in die verschollenen Zeiten ver¬
setzt, da ich selbst in Berlin als gelegentlicher Mitarbeiter der Hartung-
*) Siehe z. B. Bremisches Unterhaltungsblatt, Jg. 17, Nr. 52 v. 27. Juni 1840,
S. 207 f. Vgl. auch in diesem Band S. 122 f.
a) „1840. Gutenbergs-Album.“ Hg. v. Dr. Heinrich Meyer. Braunschweig, Ver¬
lag von Johann Heinrich Meyer. London, bei C. und H. Senior. Philadelphia, bei
J. G. Wesselhöft. — In der Oktavausgabe war nur der Braunschweiger Verlag an¬
geführt. — Die Engelssche Übersetzung zusammen mit dem spanischen Original des
Quintana auf S. 200—217 ; die „Autographa der Mitarbeiter“, mit dem Namenszug
„Friedrich Engels“, zwischen S. 346 und 347.
8) Siehe Sozialistische Monatshefte, Jg. 26 (1920), Bd. II, S. 663
IP
XX
Einleitung
sehen Zeitung war, und alles verboten war, außer dem beschränkten
Untertanenverstand. Es wird aber wohl noch besser kommen.“
Während seiner Berliner Militärzeit stand Engels nachweislich in nähe¬
ren Beziehungen zu Vertretern des ostpreußischen Liberalismus. Er war
befreundet mit dem damals zum Kreis der Berliner „Freien“ gehörigen
Eduard Flottwell, dem radikal gesinnten Sohn des ostpreußischen Staats¬
mannes1). Auch mit Johann Jacoby, der manchmal im Kreise der Berliner
Radikalen erschien, wurde Engels damals persönlich bekannt2). Von ein¬
dringlicher Beschäftigung mit den ostpreußischen liberalen Bestrebungen
und Bewegungen zeugen mehrere um diese Zeit geschriebene Aufsätze3).
Eine Verbindung mit dem Hauptorgan des ostpreußischen Liberalismus
konnte auf diese Weise leicht zustandegekommen sein. Man könnte also
meinen, daß heute, da wir den Charakter der Engelsschen Publizistik aus
der fraglichen Zeit aus so zahlreichen Dokumenten kennen, der in dem
Brief an Conrad Schmidt enthaltene Hinweis sichere Feststellungen erlau¬
ben werde. Und dennoch gelang es uns ebensowenig wie Gustav Mayer* ),
die Engelsschen Beiträge für die „Königsberger Zeitung“ mit einiger Be¬
stimmtheit festzustellen.
Im Jahre 1842 erschienen in diesem Blatte zahlreiche, insgesamt etwa
dreißig Berliner t Korrespondenzen, die, ganz und gar im Geiste der Ber¬
liner „Freien“ gehalten, dem Inhalte wie der Tendenz nach sehr wohl von
Engels herrühren konnten. Es befindet sich darunter auch die berühmte
Korrespondenz (vom 17. Juni 1842) über die Bildung des Vereins der
„Freien“. Der Verfasser dieser regulären Berliner Korrespondenzen ließ
sich noch nicht feststellen, doch ist sicher, daß sie nicht von Engels her¬
rühren, und zwar schon deshalb, weil die letzte dieser Berliner t Korre¬
spondenzen in eine Zeit fällt (Dezember 1842), in der Engels Berlin schon
verlassen hatte. Außerdem befindet sich im Jacoby-Nachlaß dasManuskript
eines von der Zensur nicht durchgelassenen Artikels dieses regulären Ber¬
liner Korrespondenten 5) ; durch die freundlicheVermittlungGustavMayers
erhielten wir eine Photographie dieses Manuskriptes, — es sind nicht die
Schriftzüge von Friedrich Engels6). Die übrigen — nicht zahlreichen —
„gelegentlichen“ Berliner Korrespondenzen im Jahrgang 1842 der „Kö¬
0 Vgl. den oben zitierten Aufsatz von G. Mayer in Grünbergs Archiv,
Bd. IV, S. 87
2) Vgl. G. Mayer in Grünbergs Archiv, Bd. I (1911), S. 354—357
3) Siehe in diesem Bande S. 299—302, 311 ff., 324
4) Vgl. G. Mayers Vorbemerkung zu den „Schriften der Frühzeit“, S. XI
6) Vgl. G. Mayer, Die Anfänge des politischen Radikalismus im vormärz¬
lichen Preußen. Zeitschrift für Politik, Bd. VI (1913), S. 109
6) Auch nicht die von Stirner, in dem G. Mayer 1913 den Verfasser vermutete.
Der Namenszug des jungen Flottwell ist der Schrift des Manuskripts ähnlich, doch
läßt sich auf Grund allein des Namenszuges — Briefe oder Manuskripte Flottwells
sind uns nicht bekannt — kein bestimmtes Urteil fällen.
Einleitung
XXI
nigsberger Zeitung“ sind teils ganz farblos1), teils rühren sie von „einem
ehemaligen Bewohner Preußens“ her 2\ Es bleiben so nur noch drei Kor¬
respondenzen übrig, bei denen Engels’ Verfasserschaft an sich nicht aus¬
geschlossen wäre8). Ihr ganz bedeutungsloser Inhalt bietet jedoch keiner¬
lei positive Anhaltspunkte für die Feststellung der Verfasserschaft; wir
konnten uns nicht entschließen, sie, wenn auch nur als Dubiosa, in unsern
Band aufzunehmen. Stammen auch diese Beiträge — wie uns scheint —
nicht von Engels, so bleibt noch die Hypothese, daß Engels „gelegentlich“
— etwa auch mit der Korrespondenz über die „Freien“ — für den
regelmäßigen Berliner Korrespondenten unter dessen Zeichen „ein¬
gesprungen“ sei, in welchem Falle wir die von Engels gelieferten Bei¬
träge nicht zu unterscheiden vermögen, — oder aber es muß die
zitierte Stelle aus dem Briefe an Conrad Schmidt so gedeutet werden, daß
der „Königsberger Zeitung“ von Engels zwar „gelegentlich“ Korrespon¬
denzen eingesandt, diese jedoch von der Zensur nicht durchgelassen wor¬
den seien.
Wir sind überzeugt, daß es bei einer noch umfassenderen Durchsicht
der Zeitungen, Zeitschriften und Almanache aus den Jahren 1838 bis 1842
gelingen wird, noch manches literarische Erzeugnis des Barmer Handels¬
kommis und Berliner Gardeartilleristen zum Vorschein zu bringen4).
Engels war ungemein fleißig im Schreiben und brauchte nicht
wenige Presseorgane, um die Erzeugnisse seiner Feder unterbringen
zu können. Bis zum Ablauf seiner Militärzeit, Ende Oktober 1842,
waren es neun verschiedene Blätter und Sammelwerke, in denen — so¬
So die mit dem Korrespondenzzeichen A
2) So die mit dem Korrespondenzzeichen 0
8) Es handelt sich um die Korrespondenzen „0 Berlin, 24. Jan.“ in Nr. 23 v.
28. Jan. 1842; „§ Berlin, 31. Jan.“ vom 5. Febr. 1842; „§ Berlin, 4. März“ in Nr. 58
v. 10. März 1842.
4) Am gründlichsten wurde die Bremer und die Hamburger periodische Presse
durchgesehen; die betreffenden Titel seien hier aufgeführt. — Bremen : Bremer
Zeitung 1839—1841; Bremisches Conversationsblatt 1838—1839; Bremisches Unter¬
haltungsblatt 1838—1843; Bremer Volksblatt 1840; Bremer Abendblatt 1843; Bre¬
mer Lesefrüchte angenehmen und nützlichen Inhalts 1839—1841; Bremer Bürger-
Freund 1839—1841; Bremisches Album 1839; Bremische Wöchentliche Nachrich¬
ten 1839—1841; Das Dampfschiff 1839 (April bis Oktober); Der Patriot 1838
(Juli—Dezember); Union 1842. — Hamburg: Freischütz 1839—1840; Freihafen
1841—1842; Hamburgischer Correspondent 1840—1842; Hamburger literarische
und kritische Blätter 1839—1842; Hamburger Neue Zeitung 1839—1842; Hansa-
Album 1842; Jahreszeiten 1842; Telegraph für Deutschland 1838—1842; Die Zeit
1841. Es schien uns notwendig, der Frage nachzugehen, ob Engels nicht auch für
die „Leipziger Allgemeine Zeitung“, an der 1841—1842 besonders viele Literaten
aus dem Kreise der Berliner Junghegelianer mitarbeiteten, Korrespondenzen ge¬
schrieben habe. Herr F. A. Brockhaus hatte die Freundlichkeit, eine Durchsicht
der Geschäftsbücher der fraglichen Jahre zu veranlassen; doch ohne positives Er¬
gebnis: unter den Namen, für die Honorarzahlungen eingetragen sind, figuriert
weder „Oswald“ noch Engels.
XXII
Einleitung
weit uns heute bekannt — seine Arbeiten erschienen 1). Daß er während
derselben Zeit noch mehr Blättern Beiträge zugesandt hat, wissen wir aus
seinen Briefen; sicherlich ist auch davon noch manches gedruckt wor¬
den. So sehr aber unsere Gesamtausgabe Vollständigkeit anstrebt, wollten
wir doch um dieser oder jener noch in den Archiven und Bibliotheken
vergrabenen Korrespondenz willen das Erscheinen des vorliegenden Ban¬
des nicht noch weiter verzögern.
IV
Bei der Anordnung der gedruckten Schriften des jungen Engels gin¬
gen wir vom entwicklungsgeschichtlichen, chronologischen Prinzip aus,
ohne jedoch einfache mechanische Konsequenz walten zu lassen; wir be¬
rücksichtigten die Publikationsorgane, worin diese Korrespondenzen,
Dichtungen und Aufsätze erschienen waren, also den publizistischen Rah¬
men, der die Engelsschen Beiträge umfaßt und ihren Inhalt oder ihre
Richtung mehr oder minder mitbestimmt hatte. Die eine längere Zeitspanne
hindurch „parallel“ laufenden Beiträge für den „Telegraphen“ und für
das „Morgenblatt“ wurden also je für sich gesondert zusammengestellt
Ebenso gaben wir den in den Deutschen Jahrbüchern erschienenen Auf¬
satz über Alexander Jung nicht im Zusammenhang mit den Artikeln aus
der Rheinischen Zeitung wieder, wohin er entsprechend dem Zeitpunkt
seiner Abfassung und seines Erscheinens gehören würde. Sechs in ver¬
schiedenen Blättern bzw. in dem genannten Gutenbergs-Album veröffent¬
lichte Gedichte aus der Zeit vom Herbst des Jahres 1838 bis zum Jahre
1841 wurden, angefangen mit den „Beduinen“, also überhaupt der ersten
gedruckten Arbeit von Engels, zu Beginn des Bandes gesondert zusam¬
mengestellt. Die großen, bedeutsamen Zeitabschnitte im Leben des jun¬
gen Engels, die „Knotenpunkte“ seiner geistigen Entwicklung und Wende¬
punkte seiner äußeren Existenz, blieben jedoch unbedingt maßgebend
für die Einrichtung des ganzen Bandes2).
Vom wirklichen Beginn der literarischen Tätigkeit Friedrich Engels’
— September 1838 — bis zum Erscheinen der Deutsch-Französischen
Jahrbücher — Ende Februar 1844 — vergingen fünfeinhalb Jahre; diese
Frühzeit seines Wirkens gliedert sich in drei Hauptabschnitte: die Bre¬
mer Periode bis zum Frühling 1841, die Berliner Periode
bis zum Herbst 1842 und die M an ehest er • Lon d o ne r P e r i ode.
In Bremen befreit sich Engels nach qualvollem inneren Ringen von dem
Banne der religiösen Tradition, durchlebt eine Zeit der Begeisterung für
das „Junge Deutschland“, wird, hauptsächlich unter dem Einfluß von
*) Die „Einundzwanzig Bogen aus der Schweiz“, die erst 1843 herauskamen,
und die „Königsberger Zeitung“ nicht eingerechnet.
2) Durch besondere Titelblätter und Kolumnentitel wurden diese Zeitabschnitte
deutlich hervorgehoben.
Einleitung
XXIII
Ludwig Börne, zum politischen Demokraten und tritt um die Jahreswende
1840/41 ins Lager der Junghegelianer über. In diese Zeit fällt seine
Mitarbeit an Bremer Lokalblättern, an Gutzkows „Telegraph“ und am
Cottaschen „Morgenblatt“. In Berlin tritt er sogleich in engere Verbin¬
dung mit den „Athenäem“, dem Kreise Bruno Bauers; in der literari¬
schen Fehde, die damals ausgefochten wird, steht er als Verteidiger der
junghegelianischen Sache, insbesondere aber als Gegner Schellings und
der Schellingschen Schule in der vordersten Reihe. Außer Broschüren
schreibt er um diese Zeit Artikel für die Rheinische Zeitung, für die Deut¬
schen Jahrbücher und für den Deutschen Boten aus der Schweiz (welch
letztere dann in den Einundzwanzig Bogen erschienen). Als er im Herbst
1842 nach England geht, ist er bereits konsequenter Materialist; früher
als Marx entwickelt er sich, bis zu einem gewissen Grade von Moses Heß
angeregt und angeleitet, zum Kommunisten. In diese Periode fallen seine
englischen Briefe für die Rheinische Zeitung und für den Schweizerischen
Republikaner, seine Berichte über den kontinentalen Sozialismus für The
New Moral World und die beiden Aufsätze für die Deutsch-Französischen
Jahrbücher. Der Zeitpunkt, an dem die erste und einzige Lieferung dieser
von Marx und Ruge begründeten Zeitschrift erschien, bezeichnet die zeit¬
liche Grenze für den Inhalt des vorliegenden zweiten Bandes unserer Ge¬
samtausgabe, — wir haben das Ende des ersten, der Frühzeit von Karl
Marx gewidmeten Bandes an denselben Zeitpunkt gesetzt.
Wir drucken, entsprechend dem beim ersten Bande befolgten Verfah¬
ren außer den Werken und Schriften auch die Briefe ab, soweit sie aus
diesem Zeitraum, bis Anfang 1844, erhalten geblieben sind. Die Briefe,
die Engels den intimsten Freunden seiner Jugend, den Brüdern Graeber
schrieb, ragen durch den Reichtum ihres Inhalts über die anderen Kor¬
respondenzen durchaus hervor; sie werfen ein helles Licht auf Engels’
geistige Entwicklung vor dem Jahre 1841 und können zugleich als Kom¬
mentar oder Ergänzung zu seinen im „Telegraphen“ gedruckten Aufsätzen,
in geringerem Grade auch zu seinen Beiträgen für das „Morgenblatt“ gel¬
ten; auch mehrere literaturkritische und poetische Versuche sind in diese
Briefe eingeschaltet. Das letzte Stück dieses Briefbündels ist vom 22. Fe¬
bruar 1841 datiert. Die inhaltlich weniger bedeutsamen, an Gedichten
und Karikaturen aber ebenso reichhaltigen Briefe an die Schwester Marie
reichen etwas weiter, bis Anfang August 1842. In der zweiten Abteilung
des vorliegenden Bandes („Handschriftliches, Briefe, Dokumente“) sind
diese Briefe vereinigt mit zwei wichtigen Briefen an Ruge, mit einigen
Dokumenten (der Geburts- und Taufurkunde, dem Abgangszeugnis vom
Gymnasium, dem militärischen Führungsattest) und ferner mit einigen
noch handschriftlich erhalten gebliebenen ersten Jugendversuchen.
XXIV
Einleitung
V
Engels verläßt das Elberfelder Gymnasium im Jahre 1837. Aus dem
Abgangszeugnis1) ersieht man, daß er schon in jungen Jahren durch her¬
vorragende Sprachkenntnisse geglänzt hat. Mit dreizehn Jahren schreibt
er Verse, so z.B. ein Gedicht auf den Geburtstag des Großvaters. 1837 ver¬
faßt er eine „Seeräubergeschichte“. Bei den öffentlichen Schulfeierlich¬
keiten des Elberfelder Gymnasiums im September 1837 trägt er ein selbst-
verfaßtes griechisches Gedicht vor, das den Zweikampf des Etheokles und
Polyneikes zum Gegenstände hat.2)
Nach kurzer Tätigkeit im väterlichen Geschäft wird Engels 1838 nach
Bremen geschickt; dort tritt er in das Großhandelshaus des Konsuls Hein¬
rich Leupold ein, der ein Geschäftsfreund seines Vaters ist und in
Barmen Verwandte hat. Die väterliche Vorsorge verschafft ihm Unter¬
kunft als Pensionär im Hause des Pastors Treviranus, eines mit der Pa¬
storenfamilie Krummacher eng befreundeten Pietisten. Engels, der sich
damals noch zum Dichter berufen glaubt, macht hier in Bremen die ersten
Versuche, gedruckt zu werden.
Die erste literarische Arbeit, mit der er vor das Publikum tritt, ist,
wie wir aus seinem Brief vom 17. September 1838 an die Brüder Grae¬
ber3) wissen, die Ballade „Die Beduinen“4). Sie ist, wie nach eini¬
gem Nachforschen in verschiedenen Bremer Zeitungen und Zeitschriften
festgestellt werden konnte, am 16. September 1838 im „Bremischen Con-
versationsblatt“ erschienen, — womit das Datum von Engels’ literari¬
schem Debüt um einiges weiter zurückverlegt ist6).
Aufmerksamkeit erregte Engels zuerst durch einen Versuch in Prosa,
mit dem seine regelmäßige literarische Tätigkeit begann. Einer der her¬
vorragendsten Vertreter des Jungen Deutschland, Karl Gutzkow, Autor
des Dramas „Uriel Acosta“, stand bei dieser Arbeit Taufpate.
Im Jahre 1836 hatte Gutzkow in Frankfurt die „Börsenzeitung“, mit
einer „Telegraph“ betitelten literarischen Beilage, gegründet Das Blatt
war bald eingegangen, doch gelang Gutzkow die Umgestaltung der lite¬
rarischen Beilage in eine selbständige Zeitschrift, die im September 1837
*) In diesem Bande S. 480 f.
2 ) Die genannten Jugendarbeiten siehe S. 462—479
8) Siehe S. 486ff.
4) Der Kuriosität halber sei hier erwähnt, daß P. Lavrov, Engels’ späterer
Freund, ebenfalls mit einem „Die Beduinen“ betitelten Gedicht die literarische
Arena betrat (in der „Biblioteka dl ja ëtenija“, Mai 1841). Der eine wie der
andere war durch die Freiligrathsche Poesie beeinflußt.
5) Wir geben das Gedicht nicht nur in der gedruckten Fassung wieder (S. 7f.),
sondern auch in der ursprünglichen, in der es Engels den Brüdern Graeber mitteilte
(S. 489 f.); sein Brief vom 17. September 1838 zeigt den Ärger, den ihm die von
dem Redakteur vorgenommenen Veränderungen verursachten, aber auch den nicht
minder berechtigten Unwillen, den ihm seine Verse selbst erregten, als er sie ge¬
druckt „mit viel schärferen Augen“ ansah (S. 487).
Einleitung
XXV
nach Hamburg in den Verlag Hoffmann und Campe überging. Dank dem
Geschick Gutzkows, der eine Menge begabter Mitarbeiter heranzog, errang
diese Zeitschrift, nunmehr „Telegraph für Deutschland“ be¬
titelt, sehr bald vorzüglichen literarischen Ruf. Die Jahre 1838—1841
bedeuteten den Höhepunkt ihrer Popularität und Verbreitung. Obwohl
Gutzkow selbst politisch über „schöne“, aber gemäßigte Worte niemals
hinausging und jede deutlich politische Tendenz immer vermied, ver¬
setzte die preußische Regierung Ende 1841 seiner Zeitschrift einen harten
Schlag, indem sie ihre Verbreitung in den preußischen Landen verbot
Zu dieser Zeit war Gutzkow allerdings hinter der jüngeren Generation
schon sehr zurückgeblieben: sie jubelte jetzt neuen politischen Lyrikern
zu, vor allem Georg Herwegh. Als Gutzkow 1841 seine „Briefe aus
Paris“ erscheinen ließ, begegneten sie scharfer Kritik D. Der Dichter,
der 1831 zu den fortschrittlichsten Vertretern der deutschen Literatur
gezählt hatte, war noch vor Ausbruch der Revolution von 1848 zu einem
sächsischen Hofdramaturgen herabgesunken.
Während seines Aufenthalts in Bremen arbeitete Engels unausgesetzt
am „Telegraphen“ mit. Es scheint, daß das Ungestüm seiner geistigen Ent¬
wicklung Gutzkow schon zu ängstigen begann, obwohl Engels — wie aus
seinen Briefen an die Brüder Graeber hervorgeht — auf die Forderungen
der Zensur2) Rücksicht zu nehmen trachtete.
„Das traurige Verdienst, den Oswald in die Literatur eingeführt zu
haben — schreibt Gutzkow am 6. Dezember 1842 an Alexander Jung —,
gebührt leider mir. Vor Jahren schickte mir ein Handlungsbeflissener
namens Engels aus Bremen ,Briefe über das Wuppertal4. Ich korrigierte
sie, strich die Persönlichkeiten, die zu grell waren, und druckte sie ab.
Seither schickte er manches, das ich regelmäßig umarbeiten mußte. Plötz¬
lich verbat er sich diese Korrekturen, studierte Hegel, legte sich den
Namen Oswald bei und ging zu anderen Organen über. Noch kurz vor
dem Erscheinen der Kritik über Sie hatte ich ihm 15 rx nach Berlin ge¬
schickt. So sind diese Neulinge fast alle. Uns verdanken sie, daß sie
denken und schreiben können, und ihre erste Tat ist geistiger Vater¬
mord. Natürlich würde all diese Schlechtigkeit nichts sein, wenn ihr nicht
Ein Echo dieser Kritik drang übrigens bis nach Rußland, wie ein gleich¬
zeitiger ausführlicher Artikel von V. Botkin in den „Oteëestvennye Zapiski“ be¬
zeugt. (Wieder abgedruckt in der späteren Ausgabe der Botkinschen „Werke“:
Soëinenija. St. Petersburg 1891. Bd. II, S. 291—342.)
2) Von den Akten der Hamburger Zensur sind aus dieser Zeit einige kümmer¬
liche Reste vorhanden. Wie aus ihnen hervorgeht, stieß schon der erste der „Briefe
aus dem Wuppertal“ auf Zensurhindemisse: der Zensor verweigerte die Erlaubnis
zur Veröffentlichung, und erst die Zensur-Kommission des Senats erteilte auf Gutz¬
kows Beschwerde hin das Imprimatur. (Am 13. und 15. März 1839. Censurakten
1839—1840: Cl. VII. Lit. Lb N. 16. Vol. 7, Fase. 3; Protocoll der Censur-Com-
mission 1837—1844.)
XXVI
Einleitung
die Rheinische Zeitung und Ruges Blatt entgegenkäme.“1) An diesen
charakteristischen Klagen interessiert uns hier nur die Tatsache, daß
Engels’ Artikel von Gutzkow redigiert worden sind, was besonders für die
erste Periode der Mitarbeit am „Telegraphen“ zu beachten ist.
Die „Briefe ausdem Wupperta 1“, Engels’ erster Beitrag für
den „Telegraphen“, erschienen im März und April 1839. Die kritische
Darstellung des Lebens und der Sitten in jenem industriellen Zentrum,
in dem Engels auf gewachsen war, erregte in seiner Heimat einige Sen¬
sation.
Barmen und Elberfeld, diese geographisch so eng benachbarten Städte,
waren nicht nur verwaltungsmäßig getrennt2). In Barmen war (1840)
bei einer Bevölkerung von 30 847 Köpfen die Zahl der Katholiken ganz
unbedeutend; in Elberfeld aber bildeten sie ein Viertel der 32 384 Köpfe
zählenden Einwohnerschaft. Elberfeld war mit dem industriellen und
literarisch-künstlerischen Zentrum Düsseldorf auch in kulturellen Dingen
enger verbunden. Während Engels’ Geburtsstadt Barmen sich durch ihr
Muckertum und ihren Obskurantismus hervortat, trug Elberfeld eher den
Charakter einer fortschrittlichen Stadt. Auch die Arbeiter zeigten hier
keine so lammfromme Ergebenheit in ihr Los, wie es die Barmer taten.
Elberfeld hatte seine revolutionären Traditionen. 1829 hatte sich die Em¬
pörung der Elberfelder Arbeiterschaft in elementaren Ausbrüchen Luft
gemacht, wobei manche Fabrik arg mitgenommen worden war. Auch in
der revolutionären Bewegung der deutschen Intelligenz zur Zeit der „De¬
magogenverfolgung“ spielte Elberfeld eine Rolle. Aus den Briefen von
Engels selbst geht hervor, daß das Elberfelder Gymnasium, das er be¬
sucht hatte, unter seinen Lehrern Freisinnige vom Schlage eines Clausen
aufwies, über welch letzteren Engels sich mit besonderer Wärme äußerts).
Die „Briefe aus dem Wuppertal“, Dokumente von großer biogra¬
phischer Bedeutung4), geben ein lebendiges Bild von dem bigotten Phi¬
listermilieu, in welchem der künftige Materialist und Revolutionär auf-
wuchs. In ganz Deutschland galt das Wuppertal als der Herd des Pie¬
tismus. An der Spitze einer streitbaren Geistlichkeit stand Friedrich Wil¬
helm Krummacher, der Sohn des Parabeldichters Friedrich Adolf Krum-
x) Vgl. den zitierten Artikel von G. Mayer, Ein Pseudonym von Friedrich
Engels (Grünbergs Archiv, Jg. IV, H. 1, S. 88f.)
2) Barmen gehörte zum Aachener, Elberfeld zum Düsseldorfer Regierungs¬
bezirk.
8) Siehe S. 36f. Von Engels’ Anhänglichkeit an diesen „in der Geschichte und
Literatur ausgezeichneten“ Lehrer zeugt wohl auch der Umstand, daß sich in
Engels’ Nachlaß ein Schulheft erhalten hat, in dem er Clausens Vorträge über alte
Geschichte — „von Erschaffung der Welt bis auf den Peloponnesischen Krieg,
4000—401“ — in sorgfältiger Ausarbeitung, mit Plänen und Zeichnungen, wieder¬
gegeben hatte.
4) Vgl. dazu einige Stellen aus den Briefen an die Brüder Graeber, S. 505f.,
518 f., 521, 536, 539.
Einleitung
XXVII
mâcher ; Engels kam in Bremen, wo sich ebenfalls ein Zentrum des deut¬
schen Pietismus gebildet hatte, auch mit Krummacher, dem Vater, noch
in BerührtingD.
Ein wenig sonderbar erscheint Engels’ Urteil über die „Elberfelder
Zeitung“ und deren Redakteur Martin Runkel. Dieses Blatt hatte zwar
Beziehungen zum rheinischen Liberalismus, d. h. zu dessen äußerstem
rechten Flügel, war aber in völliger Abhängigkeit von den Pietisten2).
Und das bewies Runkel auch unverzüglich. Nach dem Erscheinen des
ersten von den „Briefen aus dem Wuppertal“, noch ehe er den zweiten und
die darin gegebene anerkennende Beurteilung seines Blattes zu Gesicht
bekommen hatte, entgegnete er sofort mit einer kurzen, in scharfem Ton
gehaltenen Zurückweisung, in welcher er die Engelssche Darstellung als
„Karikatur“ bezeichnete. Er schrieb den Aufsatz einem „von Düsseldorf
ins Märkische gereist sein wollenden Jungdeutschen“ zu, bezweifelte,
daß „der Reisende seine Notizen in Elberfeld selbst auf gesammelt“ habe,
und machte dem Verfasser einen Vorwurf daraus, daß er „trotz aller...
Persönlichkeiten anonym geblieben“ sei; die Schilderung strotze von
„entschiedener Unkunde“ der Wuppertaler Verhältnisse und verrate ledig¬
lich „die Absicht, zu schmähen und irre zu leiten“3). Um seinen Aufent¬
haltsort nicht preiszugeben, ließ ihm Engels, wohl durch Vermittlung
eines Barmer Freunds, vermutlich Wilhelm Blanks4), eine vom 6. Mai
datierte, aber wohl etwas früher verfaßte Erwiderung zugehen, die Run¬
kel dann, um den Schein der Unvoreingenommenheit zu wahren, am 9. Mai
in seinem Blatt abdruckte, nachdem er noch tags zuvor — noch ohne
Kenntnis des inzwischen erschienenen zweiten Briefes — in einer längeren,
sehr gehässigen Replik „aus dem Bergischen“ die Engelssche Schilderung
als „roheste Kalumniation“ angegriffen hatte6).
Der Engelssche Brief an „Herrn Dr. Runkel in Elberfeld“
— er ist übrigens durchaus maßvoll, ja fast bescheiden gehalten — ge¬
hört zu den neuentdeckten Texten unseres Bandes; obwohl er nicht im
„Telegraphen“ erschienen ist, lassen wir ihn doch des engen Zusammen¬
x) Von den „Parabeln“ des Bremer Krummacher schrieb Belinskij im Jahre
1843: „Krummachers ,Parabeln* erschienen einst in einer russischen Zeitschrift zu¬
sammen mit Gedichten Byrons. Das war in den ,Novosti russkoj literatury*, die
1822—1826 vom seligen Vojejkov herausgegeben wurden. Jetzt haben sich die
Zeiten geändert: Die Byronschen Gedichte werden nach wie vor von Erwachsenen
gelesen und studiert, die ,Parabeln* Krummachers eignen sich höchstens noch für
Kinder... Für Kinder unter 12 Jahren ist Krummacher ein tiefer und beredter
Schriftsteller“ (Soèinenija. Hg. v. S. Vengerov. Bd. VIII, S. 297).
2) Vgl. L. Salomon, Geschichte des deutschen Zeitungswesens... Bd. III.
S. 367f. — Dr. Leo Busch, Die Wuppertaler Presse bis zum Jahre 1850. Blätter
für Heimatkunde (Beilage zur „Barmer Zeitung“) 1926, Nr. 76—77, S. 305 f., 310f.
8) Elberfelder Zeitung, Nr. 101 vom 12. April 1839
4) Vgl. Engels’ Brief vom 30. April 1839 an Wilhelm Graeber, S. 519, und
Runkels redaktionelle Anmerkung, S. 42
5) Elberfelder Zeitung, Nr. 126 vom 8. Mai 1839
XXVIII
Einleitung
hanges wegen unmittelbar auf den zweiten der „Briefe aus dem Wupper¬
tal“ folgen; ebenso noch zwei im „Telegraphen“ veröffentlichte Notizen,
in denen Engels gleichfalls Elberfelder Verhältnisse behandelt1).
Von den „Briefen aus dem Wuppertal“ meint Engels in einem etwas
späteren Schreiben an Wilhelm Graeber2): sie seien „in der Hitze ge¬
schrieben“ und litten daher „an Einseitigkeiten und halben Wahrheiten“.
Der öffentlichen Meinung Elberfelds schlug die Schilderung jedenfalls
ins Gesicht. Sie machte — wie Wilhelm Blank in einem Brief an seinen
Freund Engels schrieb — in Elberfeld „rasenden Rumor“3).
Gutzkow selbst glaubte den Protesten der erregten Gemüter Rechnung
tragen zu müssen; kurz nach Erscheinen des zweiten der „Briefe“ druckte
er „Einige Berichtigungen der Briefe aus dem Wuppertale“ ab4). Der an¬
onyme Verfasser dieser Zuschrift findet für vieles, was von Engels an¬
gegriffen worden war, eine Entschuldigung; er ist insbesondere bestrebt,
die kulturellen Zustände Elberfelds in ein besseres Licht zu setzen, und
beschäftigt sich daher hauptsächlich mit dem zweiten der „Briefe“. Inter¬
essant ist die Polemik, die der Verfasser der „Berichtigungen“ gegen die
Engelseche Darstellung der Lohnverhältnisse der Weber6) führt. Der An¬
onymus bestreitet, daß der wegen Verkürzung des Arbeitslohns erhobene
Vorwurf gerade die zur pietistischen Partei gehörigen Kaufleute treffe;
„im Gegenteil — schreibt er — hängen gewiß viele aus der arbeitenden
Klasse dieser Richtung an, um der Wohltätigkeit teilhaftig zu werden, die
die angesehensten Familien jener Partei auszeichnet... Überhaupt möchte
das Vermindern des Arbeitslohnes, wenn es nicht, um mit dem Ausland
konkurrieren zu können, unabweisbar nötig wird, den Fabrikanten, der
es sich erlaubte, allgemeiner Infamie in Elberfeld aussetzen.“
Der Aufsatz über „D ie deu t sehen Vo 1 k sb üch er“®), im „Te¬
*) Siehe S. 42—46. — Zu der kurzen Notiz über eine Krummacher-Predigt
vgl. Engels’ Brief vom 30. April 1839 an Wilhelm Graeber (S. 519), der Engels’
Verfasserschaft außer Zweifel stellt.
2) Am 8. Oktober 1839. Siehe S. 539
8) Vgl. Engels an Wilhelm Graeber, 30. April 1839 (S. 519). Der Blanksche
Brief an Engels ist nicht erhalten geblieben, dafür aber ein anderer, den derselbe
W. Blank um die gleiche Zeit, am 24. Mai 1839, an Wilhelm Graeber — also
gleichfalls einen eingeweihten Jugendfreund — über diesen „rasenden Rumor“
schrieb. In Elberfeld — heißt es in diesem Briefe — sei man „ganz wütend“ über
den „Telegraphen“: „alle Exemplare, die sich hier finden, waren im Augenblick
vergriffen. Merkwürdig ist es, wie man sich hier abplagt, den Verfasser zu finden;
der Eine sagt, es ist Freiligrath, der Andere — Clausen, der Dritte — Holzapfel
u. s. fort, den Rechten raten sie aber nicht, es ist auch gut, denn sie würden den
Friedrich Engels, wenn sie wüßten, daß er es wäre, bei seiner Rückkehr entsetzt
vornehmen. Übrigens hat der erste Lärm deshalb schon ziemlich abgenommen, und
diejenigen, gegen welche der Angriff gerichtet, halten sich darüber erhaben, und
so ist die Wirkung, die es haben sollte, meist verloren gegangen.“ (Der Brief be¬
findet sich im Besitze von Emil Engels in Engelskirchen.)
4) Telegraph für Deutschland, Mai 1839, Nr. 80, S. 635—638
B) Im ersten der „Briefe aus dem Wuppertal“.
fl) Siehe S. 49 ff.
Einleitung
XXIX
legraph“ im November 1839 erschienen, bezeugt Engels’ früh erwachen¬
des Interesse für folkloristische Studien. Er hebt nicht nur die dichte¬
rische und ethnographische Bedeutung der Volksbücher hervor, son¬
dern betont auch ihre mögliche politische Verwendung in der Propaganda
für die Freiheit, gegen den Adel, gegen den Pietismus. Da der Aufsatz
„mehrere sehr bittre Sarkasmen für den Bundestag und die preußische
Zensur“ enthielt, wunderte sich Engels einigermaßen, als die Hamburger
Zensur ihn ganz unangetastet passieren ließ1).
Der Artikel „Karl Beck“2), veröffentlicht im „Telegraph“ im No¬
vember und Dezember desselben Jahres, zeigt Engels von jener Verehrung
für den populären Dichter des Jungen Deutschland geheilt, die ihn ein¬
mal in seinen Briefen an die Brüder Graeber veranlaßt hatte, jenen mit
Schiller zu vergleichen. Einige Jahre später machte Engels die Dichtung
Becks als Musterbeispiel für die Poesie des „wahren Sozialismus“ zum
Gegenstand einer vernichtenden Kritik.
Der Aufsatz „RetrogradeZeichenderZeit“3) — der „Tele¬
graph“ brachte ihn im Februar 1840 — verrät mit besonderer Deutlich¬
keit die literarischen und stilistischen Einflüsse des Jungen Deutschland,
bedeutet aber einen weiteren Fortschritt in Engels’ politischer Entwick¬
lung. Hatte er bis dahin noch stark unter dem Einflüsse Gutzkows, Laubes
und Kühnes gestanden — also gerade jener Jungdeutschen, die sich haupt¬
sächlich mit literarischen Fragen befaßten und selbst für die Philosophie
nur insoweit Interesse übrig hatten, als sie die Ästhetik und die Literatur
betraf —, so spricht er jetzt schon von dem Hegelschen System als dem¬
jenigen, „dasi alle früheren an Konsequenz übertrifft“; er legt dar, daß
im Jungen Deutschland selbst auch Kräfte wirksam seien, welche die
„Vermittlung der Wissenschaft und des Lebens, der Philosophie und der
modernen Tendenzen, Börnes und Hegels“, sich zum Ziel gesetzt hätten.
— Die Notiz über Anastasius Grün4) — April 1840 — ist als
eine nachträgliche Illustration zu den „Retrograden Zeichen der Zeit“ zu
betrachten.
In dem Artikel „Platen“6) — gleichfalls Februar 1840 — kenn¬
zeichnet Engels den rationalistischen Charakter der Platenschen Poesie
sehr richtig. Er spricht von dem Dreigestim Platen, Chamisso und Immer¬
mann. Bei Platen, sagt er, habe die poetische Kraft ihre Selbständigkeit
auf gegeben und stehe unter der Herschaft des mächtigeren Verstandes;
1) Engels an die Brüder Graeber, 9. Dezember 1839 (S. 554). Vor allem hatte
er wohl die auf S. 53u und S. 54* wiedergegebenen Stellen im Auge. — Zur Ent¬
stehungsgeschichte des Aufsatzes vgl. noch S. 497, 575
*) Siehe S. 57 ff.
8) Siehe S. 62 ff.
4) Siehe S. 71
B) S. 67f.
XXX
Einleitung
darum vertrete er gerade das Verstandesmäßige der Poesie, nämlich die
Form. Vor allem gelte dies Von den Polenliedem, in denen der mangelnde
poetische Duft durch eine Fülle erhabener, leidenschaftlicher, edler Ge¬
danken ersetzt sei. „Platens literarische Stellung in der öffentlichen Mei¬
nung wird sich verändern ; er wird weiter von Goethe, aber näher zu Börne
treten.“ In diesen Sätzen gibt Engels zugleich sein Urteil über die poli¬
tische Bedeutung Platens, des Dichters, dessen Verse den ganzen Haß der
radikalen deutschen Intelligenz gegen das Moskowitertum ausgesprochen
hatten1).
Der Artikel „J o e 1 J a c o b y“ 2) — April 1840 — ist gegen den be¬
kannten deutschen Renegaten gerichtet, der aus einem Radikalen zu
einem verbissenen Reaktionär geworden war und später sein Leben als
Würdenträger der Berliner Polizei beschloß3).
Das „R eq u i em f ü r d i e d eut so h e Adel sz ei t u n g“4) — cs
erschien im „Telegraph“ gleichfalls im April 1840 — ist durch den Pro¬
spekt eines neuen Blattes, der „Zeitung für den deutschen Adel“, angeregt
und bemerkenswert als frühester Ausdruck des Protests gegen alle und
jede Idealisierung des Adels und des Mittelalters, der für Engels während
seiner ganzen ferneren politischen Tätigkeit charakteristisch bleibt. Die
Kritik an dem romantisch phantasierenden Baron De la Motte-Fouqué, der
sich in seinen Ritterromanen — um mit dem Kommunistischen Manifest
zu reden — für jene „brutale Kraftäußerung“ begeisterte, die ihre „pas¬
sende Ergänzung in der trägsten Bärenhäuterei“ findet, bildet zusammen
mit der Kritik, die Marx in der Rheinischen Zeitung an der Anmaßung
des preußischen Adels übte, eine prächtige Illustration für die späteren
Leitsätze über den „feudalen Sozialismus“. Die „Requiem“-Form des
Engelsschen Pamphlets erklärt sich übrigens aus dem Umstand, daß meh¬
rere Zeitungen das Gerücht verbreitet hatten, die Adelszeitung sei — kaum
einige Monate nach ihrer Gründung — bereits eingegangen ; faktisch exi¬
stierte das erzreaktionäre Blatt noch einige Jahre.
In den „Landschaften“6) — veröffentlicht im Juli 1840 — ver¬
rät sich zum ersten Male die besondere Neigung für die Geographie, die
Engels auch in reiferen Jahren eigen geblieben ist. Der Artikel läßt ver¬
muten, daß Engels im Frühjahr 1840 seine erste Reise nach Holland
und England gemacht hat. Bemerkenswert ist die Verbindung, in welche
x) Über Engels' früheste Beschäftigung mit außenpolitischen Angelegenheiten
vgl. auch Friedrich Hertneck, Die deutsche Sozialdemokratie und die orien¬
talische Frage im Zeitalter Bismarcks (Archiv für Politik und Geschichte, 1926,
S. 645f.).
’) S. 69ff.
8 ) Vgl. die Bemerkungen G. Mayers in der Neuen Zeit, XXXIX/1, S. 208ff.
(November 1920)
4) Siehe S. 72ff.
6) Siehe S. 76 ff.
Einleitung
XXXI
die holländische Landschaft mit dem Calvinismus gebracht wird. Es ist
ein erstes Gefühl für den Zusammenhang, der zwischen Hollands gesell¬
schaftlichen Lebensformen und der religiösen Prädestinationslehre be¬
steht, — für einen Zusammenhang, den Engels viele Jahre später in
einer ganz anderen Weise erklären wird.
Den Aufsatz „Siegfrieds Heimat“1) brachte der „Telegraph“
im Dezember 1840. Die Gestalt Siegfrieds beschäftigte den jungen Engels
sehr lebhaft. In dem Helden des Nibelungenlieds verkörperte sich ihm
das Element der Tatkraft und des Tatendranges, die Auflehnung gegen
Überliefertes, der Abscheu vor dem Gewöhnlichen. Engels trug sich so¬
gar mit dem Plan einer Tragikomödie, in der Siegfried als der Repräsen¬
tant der jungen deutschen Generation, erfüllt von den Idealen der Freiheit,
allen Mächten der Finsternis und der Reaktion in den Weg treten sollte.
In den erhalten gebliebenen Bruchstücken — man findet sie in einem Brief
an Friedrich Graeber2) — tritt eine Reihe von Vertretern der damaligen
Literatur auf. Der im „Telegraphen“ veröffentlichte Aufsatz beginnt mit
archäologischen und kunstgeschichtlichen Betrachtungen und klingt in
radikaler politischer Publizistik aus. Die Zensur machte deshalb zunächst
Schwierigkeiten. Erst auf die Beschwerde des Verlegers erteilte die Zen¬
sur-Kommission die Druckerlaubnis3), verfügte aber die Abschwächung
„einer Stelle“; es läßt sich nicht mehr ausmachen, um welche Stelle es
sich handelte.
In dem Artikel „Ernst Moritz Arndt“4) — Januar 1841 —
tritt Emgels als Publizist hervor. Um die Wahl und Behandlung des
Themas begreiflich zu machen, müssen wir daran erinnern, daß im Jahre
1840 die Angelegenheiten der Außenpolitik, insbesondere die deutsch¬
französischen Beziehungen, wieder stark in den Vordergrund gerückt
waren. Ehe Verschärfung des Verhältnisses zwischen Frankreich und
England, hervorgerufen durch Konflikte im nahen Osten — in Ägypten
und Syrien —, hatte hart an den Rand eines Krieges geführt. In Deutsch¬
land regte sich wieder der alte Franzosenhaß. Es wurden Stimmen laut,
man müsse Frankreichs schwierige Lage ausnützen, um im Bunde mit Eng¬
land das linke Rheinufer zurückzugewinnen. Nikolaus Becker, der Dich¬
ter des Rheinlieds, wurde der Held des Tages.
In Engels’ Artikel, der für die Beurteilung dieser Phase seiner Ent¬
wicklung ganz besonders wichtig ist, spricht sich zunächst unverkennbar
der Einfluß des Bömeschen Pamphlets wider „Menzel, den Franzosen¬
0 Siehe S. 91 ff.
*) Siehe S. 507—515
8) Am 30. November 1840. Vgl. die oben zitierten Akten des Hamburger
Staatsarchivs.
4) Siehe S. 96ff.
XXXII
Einleitung
fresser“, aus. Die letzten Spuren seiner religiös-orthodoxen Erziehung
hat Engels jetzt abgestreift, seine Hinwendung zum Junghegelianismus ist
entschieden. Jener Gedanke, der sich in den „Retrograden Zeichen der
Zeit“ erst angedeutet findet: die Synthese Börne-Hegel, die Vereinigung
von Tat und Idee, wird nun mit größerer Bestimmtheit ausgeführt. Engels
stellt sich vollkommen auf die Seite der Hegelschen Linken, der Ruge,
Strauß, Köppen. Allein bei aller Entschiedenheit des demokratischen
Standpunktes, den er vertritt, und bei aller Absage an die Deutschtümelei
hält Engels die Wiedergewinnung des linken Rheinufers und selbst die
Germanisierung der Niederlande und Belgiens für eine politische
Notwendigkeit, solle die Einigung Deutschlands erreicht werden. Inso¬
weit erscheint Engels bis zu einem gewissen Grade als deutscher Pa¬
triot. In seiner Kritik der aristokratischen Ideologie an das „Requiem
für die deutsche Adelszeitung“ anknüpfend, handelt dieser Artikel aber
noch von anderen Dingen, die für Engels’ fernere Entwicklung be¬
sonders bedeutungsvoll geworden sind. In der Schilderung der Wupper¬
taler Zustände war er gewissermaßen schon auf die „Arbeiterfrage“ ge¬
stoßen; hier beschäftigt er sich nun — ungeachtet jenes Vorwaltens der
literarischen und politischen Interessen, das für seine Frühzeit überhaupt
charakteristisch ist — bereits mit der Agrarfrage, mit ökonomischen
Angelegenheiten wie die Freiheit des Grundeigentums und die Boden¬
parzellierung. Es sind dies alles Probleme, die auch für den jungen
Marx ein bedeutender Anstoß zum Studium der politischen Ökonomie ge¬
wesen sind.
Noch im November 1840 hatte der „Telegraph“ das gereimte „Frag¬
ment“ „S an o t H e 1 e n a“1) veröffentlicht, im Februar 1841 brachte er
die Ode „Der K ai ser z ug“2\ die anläßlich der am 15. Dezember
erfolgten pomphaften Beisetzung Napoleons im Hôtel des Invalides ge¬
schrieben war, — beides Zeugnisse des Einflusses, den der Heinesche Na¬
poleonkult auf den jungen Engels ausgeübt hat. „Ich wollt’, ich wäre
jetzt in Paris“, heißt es in dem Brief, in dem er die Überführung der
kaiserlichen Leiche nach Frankreich der Schwester Marie mitteilt3),
ihr, der er sonst von politischen Fragen oder Ereignissen nie zu schreiben
pflegt
Mit dem Aufsatz über „I mm e r m a n n s Mem or a b i 1 ien“ 4) —
im April 1841 erschienen — endet Engels’ regelmäßige Mitarbeit am
„Telegraphen“. Immermann, einer der begabtesten Vertreter der Über-
1) Siehe S. 90
2) Siehe S. 109f.
3) Am 8. Dezember 1840 (S. 603)
4) Siehe S. 111 ff.
Einleitung
XXXIII
gangsepoche zwischen Romantik und Realismus, neigte mit seinen Sym¬
pathien zum Jungen Deutschland. Sein Roman „Die Epigonen“ schilderte
den Kampf zwischen Adel und Bürgertum, das Ringen der industriellen
mit der feudalen Welt. Er war der Begründer des berühmten Muster-
theaters in Düsseldorf und hatte auch in Elberfeld eine Filiale errichtet.
Engels war mit ihm wohl schon in seiner Heimatstadt bekannt geworden,
wo die Theaterfrage seinerzeit zu einem scharfen Konflikt geführt hatte;
die ehrenwerten Barmer Pfahlbürger hatten von einem Theater nichts
wissen wollen, hatten aber die lebensfroheren Elberfelder Nachbarn nicht
daran hindern können, daß sie in ihren Mauern eine Lasterhöhle Beelze¬
bubs sich auftun ließen. Wenn Immermann, der sich über Krummachers
„Gott der Spinner“ nicht wenig mokiert hatte, für die literarische Jugend
des Wuppertals, und so auch für Engels, jetzt freilich hinter dem Schritt
der Zeit schon zurückgeblieben war, so galt er doch immer noch als der
geliebte Lehrer und Bildner der Geister.
VI
Von Engels’ Beiträgen für den „Telegraphen“ behandeln nur die
ersten, die „Briefe aus dem Wuppertal“, Ereignisse und Erscheinungen
von eigentlich lokalem Charakter, sonst aber durchweg allgemeine deutsche
Angelegenheiten: die literarischen Fehden, geistigen Strömungen, poli¬
tischen Bestrebungen, die den ganzen deutschen Globus damals in Bewe¬
gung hielten.
Anders die Aufsätze, die Engels — während dieser selben Zeit seiner
regelmäßigen Mitarbeit am „Telegraphen“ — im Verlauf von etwa einem
halben Jahr einer anderen Zeitschrift zusendet. Sie tragen zumeist lokale
Farbe, wenigstens ihrem Stoffe nach, dem Engels allerdings allgemei¬
ner interessierende Seiten abzugewinnen bestrebt ist. Diese Gruppe von
Arbeiten der Frühzeit war, wie schon erwähnt, auch Gustav Mayer unbe¬
kannt geblieben. Weder in den Briefen an die Brüder Graeber oder an die
Schwester, noch in der späteren Tradition wird ihrer gedacht Ihre Auf¬
findung war das Ergebnis der systematischen — obwohl, wie schon betont,
noch durchaus nicht erschöpfenden — Durchsicht der deutschen Zeit¬
schriften aus den Jahren 1838—1842.
Die Zeitschrift, in der diese Beiträge erschienen, war das Stuttgarter
„Morgenblatt für gebildete Leser“. Im Jahre 1807 von
Cotta begründet, hatte das „Morgenblatt“ (es wurde täglich in vierseitigen
Lieferungen ausgegeben) um 1840 zwar nicht mehr die dominierende
Stellung unter den deutschen Bildungs- und Unterhaltungs-Zeitschriften,
die es in den ersten zwei Jahrzehnten seines Bestehens innegehabt hatte,
war aber doch noch immer und noch für lange eine der meistverbreiteten
Marx-Engels-Gesamtausgabe, I. Abt., BJ. 2. III
XXXIV
Einleitung
Zeitschriften. Es war ein Juste-milieu-Blatt, das sich, keiner literarischen
Richtung, wohl aber jedem „Extrem“ verschloß.
Hinsichtlich der lokalen Korrespondenzen war im Verlagsprogramm
gesagt: das Blatt sei nicht in der Lage, „von irgendeinem Orte eine eigent¬
liche Musik- und Theater-Chronik zu geben“, doch sei es bereit, „derglei¬
chen Leistungen“ „in Bezug aufs Allgemeine zu besprechen“. Diesem Vor¬
behalt tragen auch die Bremer Korrespondenzen von Engels Rechnung.
Wie aber kam Engels, damals schon radikaler Jungdeutscher und He-
geling, dazu, an einer so farblosen Zeitschrift mitzuarbeiten, deren „Lite¬
raturblatt“ — die nicht obligatorische Beilage, das „krittlichste und dürrste
Blatt im ganzen Literaturwald“ 1) — von Wolfgang Menzel, dem „Denun¬
zianten“, redigiert wurde? Diese Frage ist nicht mit Bestimmtheit zu be¬
antworten. Persönliche Vermittlung durch irgendeinen andern Mitarbei¬
ter der Zeitschrift kann, wie wir noch sehen werden, dabei keine Rolle
gespielt haben. Die Sache mag sich einfach daraus erklären, daß Engels
zu dieser Zeit noch nicht so „wählerisch“ gewesen ist Seit Anfang 1839
schreibt er allerdings — soweit sich feststellen läßt — nur für den „Tele¬
graphen“ 2>. Da aber das „Morgenblatt“ selbst keineswegs aggressiv
gegen die jungdeutschen Richtungen auf trat und in seinen Korresponden¬
zen, sofern sie politische Fragen berührten, liberalen Geist im allgemeinen
nicht vermissen ließ, konnte Engels die Mitarbeit an diesem Juste-Milieu-
Blatt mit der Tätigkeit für das jungdeutsche Hauptorgan immerhin für
vereinbar halten. Vielleicht reizte ihn auch der Gedanke, in demselben
Blatt aufzutreten, an dem einst auch der hochverehrte Börne, der Leitstern
seiner Jugendjahre, mitgearbeitet hatte?
Engels’ ersten Beitrag für das „Morgenblatt“, eine Korrespondenz
über das „Kulturleben“ Bremens, ist in den Nummern vom 30. und
31. Juli 1840 erschienen, der letzte in den Nummern vom 17. bis
21. August 1841. Es könnte demnach scheinen, daß er über ein ganzes
Jahr lang an dem Blatt mitgearbeitet hätte. Bei näherem Zusehen ergibt
sich, daß dem nicht so ist. Der zuletzt erschienene Artikel, eine in leichtem,
spielerisch-ernstem, typisch jungdeutschem Plauderton gehaltene Schilde¬
rung einer Fahrt nach Bremerhaven, ist bestimmt ein gutes Jahr vor dem
Erscheinen verfaßt worden. Dies ergibt sich bei der Untersuchung der
V erf asserschaft.
0 So Engels in einer Xenie auf das „Literaturblatt“; Brief an Friedrich Graeber,
20. Januar 1839, S 498
2) Es scheint, daß sich Engels in dieser Zeit mit der Absicht getragen hat, auch
an der „Zeitung für die elegante Welt“, dem Organ der Berliner Jungdeutschen, mit¬
zuarbeiten. In dem Brief vom 30. Juli 1839 an Wilhelm Graeber spricht er davon,
daß er „nächstens“ eine Notiz „in die Elegante Zeitung rücken lassen“ werde. Wir
konnten in dieser Zeitschrift keinen einzigen Beitrag feststellen, bei dem Engels*
Autorschaft angenommen werden könnte.
Einleitung
XXXV
Daß der anonym erschienene Aufsatz von Engels herrührt, wird
durch einen seiner Briefe an die Schwester sinnfällig bewiesen. Der Brief
schildert eine Fahrt nach Bremerhaven. Fast sämtliche Einzelheiten, die
Engels seiner Schwester mitteilt, sind in dem feuilletonistischen Aufsatz
wiederzufinden.1) Es ist ganz klar: der Artikel beschreibt — nur viel aus¬
führlicher, untermischt mit vielen Einzelbeobachtungen und mit Reflexio¬
nen über national politische und handelspolitische Fragen — dieselbe
„sonntägliche Lustfahrt“, die im Briefe geschildert ist. Dieser Brief ist
nun am 7. Juli 1840 geschrieben, zwei Tage nach der Fahrt. Um die¬
selbe Zeit muß aber auch der Artikel geschrieben worden sein; sein Da¬
tum, „Bremen, Juli“, bezieht sich demnach ursprünglich auf das Jahr
1840, und nicht auf das Jahr des Erscheinens, 1841. Über das Leben und
Treiben an den Ufern der Weser konnte Engels im Monat Juli des Jahres
1841 keine Beobachtungen anstellen, er weilte damals im Elternhaus
oder streifte gerade irgendwo in der Lombardei herum.
Es ist wohl möglich, daß Engels das Erscheinen seines Feuilletons gar
nicht mehr bemerkte. Im August 1841 trennten ihn nur noch wenige
Wochen von seiner Übersiedelung nach Berlin und also von dem Eintritt
in neue, weitere Horizonte; zudem lag das faktische Ende seiner Tätig¬
keit für das „Morgenblatt“ — der von ihm zuletzt eingesandte Beitrag war
am 15.—19. Januar erschienen — jetzt schon fast volle acht Monate zu¬
rück; — in diesem Augenblick wird er sich um das Schicksal jener, ein
volles Jahr früher übersandten „Stilübung“ kaum mehr gekümmert haben.
Engels’ Mitarbeit an der Cotta’schen Zeitschrift erstreckt sich also in
Wirklichkeit auf ein halbes Jahr, auf die Zeit von Juli 1840 bis Ja¬
nuar 1841. Während dieses Zeitraumes brachte das „Morgenblatt“ von
ihm drei längere Korrespondenzen, ein Gedicht und eine Bremer „Volks¬
sage“. Der die erste Korrespondenz einleitende Hinweis auf den Um¬
stand, daß „kein namhaftes Journal einen stehenden Korrespondenten in
Bremen“ habe2), läßt keinen Zweifel zu, daß wir Engels’ ersten Beitrag
für das „Morgenblatt“ vor uns haben.
Der einzige Beitrag, in dem er keinen lokalen Stoff, sondern Probleme
der „gemeinsam deutschen Literatur“ 3 ) behandelt, ist die Ode „B e i I m -
mermanns To d“. Sie erschien im „Morgenblatt“ am 10. Oktober
Ü So das ungünstige, mit Stürmen drohende, regnerische und windige Wetter,
die schauderhafte Lage der armen Passagiere im Zwischendeck der Auswanderer¬
schiffe; so der Schrecken, der „alle Damen“ ergreift, als das Dampfschiff „ein
wenig schwankt“; so endlich die Abholung des Kapitäns von einem großen Drei¬
master, der zufällig den Namen der Schwester, „Maria“, trägt, usw. Vgl. S. 589—590
mit S. 148, 151 f., 153 f.
2) Siehe S. 121
3) Siehe S. 111
III*
XXXVI
Einleitung
1840 an vornehmer Stelle, auf der ersten Seite, mit dem vollen Pseudonym
„Friedrich Oswald“ gezeichnet Wiederum gewinnt man, wie beim Lesen
des um etwa ein halbes Jahr später geschriebenen Immermann-Aufsatzes
im „Telegraphen“, den Eindruck, daß Engels selbst auch zu jenem Kreis
junger Poeten gehörte, die sich um den in Düsseldorf seßhaft gewordenen
Dichter „zusammenfanden und aus der Nachbarschaft zu ihm herüber¬
kamen“1), die der „Klausner in der deutschen Dichtung Hain“ seinem
„moosbewachsnen Haus“ voll Ehrfurcht nahen und still zu seinen Füßen
sitzen sah2>. Jener spätere Aufsatz ist trotz der weiter entwickelten kriti¬
schen Auffassung der beste Kommentar zu der Ode. Die Ode aber bezeugt
unmittelbar den mächtigen Einfluß, den der Dichter, seit er nach dem
„wilden Donner“ der Julirevolution3) von der Generation seiner Jugend
und damit von seiner exklusiv romantischen Periode Abschied genommen,
auf die jüngeren literarischen Kräfte am Rheine und in Westfalen aus¬
übte; zu Eingang seines Aufsatzes gibt Engels eine Schilderung dieses Ein¬
flusses4). Ungeachtet der großen Unterschiede, die in der Beurteilung,
zumal der politischen Gesinnung Immermanns und seines „deutschen“
Berufs, zwischen der Ode und dem Aufsatz hervortreten, liefert die Ode
einen neuen Beweis dafür, daß — außer Freiligrath — Immermann der¬
jenige gewesen ist, der für den jungen Engels den „vermittelnden Über¬
gang von der provinziellen zur gemeinsam deutschen Literatur“6) ge¬
bildet hat.
Die ohne jede Autor-Signatur veröffentlichte „Volkssage“ über den
„Ratsherrn von Bremen“ stammt zweifellos gleichfalls von
Engels. Inmitten zweier Engelsscher Korrespondenzen erschien sie in
einer Periode, in der das „Morgenblatt“ außer Engels-Oswald keinen ande¬
ren Bremer Mitarbeiter hatte. Sie gehört — wie eigentlich alle Beiträge
für das „Morgenblatt“ — sicherlich zu jener Art von „diversen Prosa¬
stücken“, von denen Engels in einem Brief an Friedrich Graeber am 9. De¬
zember 1839 sagt: er schreibe sie, um seinen „Stil zu üben“, — also zu
jenen Dingen, die er jeweils an einem freien Abend fabrizierte, nebenher
mit dem Gedanken, ein Büchlein „zusammenzuschmieren“ und heraus¬
zugeben.6) Aber ganz ohne jede, wenn auch noch so geringe Dosis eines
politischen Bekenntnisses vermochte er jetzt auch beim „Schmieren“ von
„Stilübungen“ nicht mehr auszukommen. Die wundersame Historie von
dem ehrsamen Bremer Ratsherrn Sebaldus Beer lein, der im Jahre 1749
Ü Siehe S. 111
2) Siehe S. 127
3) Vgl. S. 12722
4) Vgl. S. 111 f.
B) Vgl. S. 11135—36
6) Siehe S. 553
Einleitung
XXXVII
eines schönen Sommerabends auf das Geheiß einer geheimnisvollen
Stimme Heim und Familie verläßt und in eine gespensterhafte Versamm¬
lung vornehmer Herren und wunderschöner Damen geführt wird, reizte
den jungen Engels sicherlich wegen der Pointe der ganzen Geschichte:
über der Tür eines der prächtigen Säle, in welchen die mit roten Schnü¬
ren um den Hals gezeichneten aristokratischen Spukgestalten hausen, ist
„in großenschwarzen Ziffern 1789 an geschr i eben“ 1).
Also auch in dieser „Volkssage“ ein gewisser Ausdruck jener Erkennt¬
nis, zu der ihn die politische Analyse der „Zeichen der Zeit“ damals ge¬
führt hatte, daß nämlich die Zeit mit einem der großen französischen Re¬
volution ähnlichen Umsturz drohte2); es waltet hier die Stimmung, in
der er sich, von dem Gedanken an diese nahende Revolution ganz erfüllt,
selbst auch berufen fühlt zu den Siegfried-Taten, die für die Söhne des
neunzehnten Jahrhunderts Vorbehalten sind.3) *)
Die drei Korrespondenzen, jeweils durch zwei oder drei Nummern des
„Morgenblatts“ fortlaufend erschienen, behandeln — wie es bei dieser
Gattung anders auch nicht zu erwarten ist — Bremische Zustände und Er¬
eignisse: Theater, Musik und Literatur, Handel und Schiffahrt, Feste und
Zeitungen, kirchliche Fehden und militärische Manöver, — kurz viele
Seiten des kulturellen und wirtschaftlichen Lebens kommen nacheinander
und wiederholt an die Reihe. Die Beleuchtung der „sozialen Zustände“,
die in den „Briefen aus dem Wuppertal“ so eindrucksvoll geschildert
waren, fehlt. Aber am Schlüsse seines ersten Beitrages für das „Morgen¬
blatt“ hatte er fürs nächste „etwas über Bremerhafen und über die sozialen
Zustände Bremens“ angekündigt.6) In der Beschreibung jener „Fahrt“
gab er tatsächlich die versprochene Korrespondenz „über Bremerhafen“.
Man darf annehmen, daß er auch die Schilderung der „sozialen Zustände“
Bremens nicht ungeschrieben gelassen hat, daß sie aber von der Redaktion
des „Morgenblattes“ nicht publiziert worden ist.
Trifft es zu, was Engels zu Eingang seines ersten Briefes betonte®),
daß nämlich damals kein namhaftes Journal einen ständigen Korrespon¬
denten in Bremen hatte — und die systematische Durchsicht der Zeit¬
schriften jener Jahre brachte tatsächlich sehr wenig Bremer Beiträge zum
Vorschein —, so dürften die kritischen Berichte von Engels beachtenswerte
Dokumente zur Geschichte Bremens sein. Umsomehr, als es ein Orts¬
D Siehe S. 139
a) Vgl. den Dezember 1840 geschriebenen Aufsatz über Arndt; siehe vor allem
S. 105, 106
8) Vgl. den im Dezember 1840 im „Telegraphen“ erschienenen Artikel „Siegfrieds
Heimat“; S. 91
4) Die „Volkssage“ wurde zwei Monate später im „Bremischen Unterhaltungs¬
blatt“ nachgedruckt (24. Febr.—7. März 1841, Nr. 16—19, S. 62 f., 65 f., 69 f., 74),
®) Siehe S. 125
•) Siehe S. 121
XXXVIII
Einleitung
fremder war, der die Zustände und Ereignisse schilderte, und noch dazu
einer, der sich des dialektischen Widerstreites zwischen den „fortlaufen¬
den“, d. h. sich progressiv entwickelnden Problemen des „Gesamtvater¬
landes“ und den „abgeschlossenen“, d. h. örtlich beschränkten Problemen
der Weser-Stadt klar bewußt und der bestrebt war, die letzteren auf die
Höhe der ersteren zu erheben.
In den aus der Bremer Zeit erhalten gebliebenen Briefen Engels’ an
die Brüder Graeber und an seine Schwester Marie finden sich nun zahl¬
reiche Elemente der in den Korrespondenzen gegebenen Darstellungen:
Bemerkungen und Mitteilungen über Bremerhaven, über die kirchlichen
Fehden, den Lesezirkel „Union“, über Lokalblätter, Theater, Manöver,
Konzerte usw. Die Korrespondenzen sind so in ihrem Zusammenhang mit
den Briefen vor allem wertvolle Beiträge zur Biographie des jungen Engels.
Sie sind als ein literarischer Ausdruck der Bestrebungen, Stimmungen
und Meinungen anzusehen, die er damals vertrat und mit denen er in
einem ganzen Kreise von in Gebaren, Sitten und Gesinnung rebellierenden
jungen Leuten gewiß nicht allein stand. Es ist der Kreis jener „schnurr¬
bartsfähigen“ jungen Leute, die unter Engels’ Anleitung durch Schnurr¬
barttragen „die Philister zu perhorreszieren“ sich anmaßten1), die Ende
Juli 1840 drei Tage lang zu Ehren der Julirevolution kneipten 2), die als
„Jünglingsverein“ unter der Führung von Richard Roth — einem Jugend¬
freunde von Engels noch von Barmen her — die kirchlichen Skandale
nach besten Kräften zu steigern bemüht waren3), die statt des Becker-
schen Rheinlieds verbotene Studentenlieder sangen, die im Winter 1840
einen „Verein“ stifteten, wo sie Reden hielten und wo auch Engels als
Redner hospitieren sollte.*) Gustav Mayer hat nach unserer Meinung die
„geistige Einsamkeit“, in der Engels in Bremen gelebt habe, etwas über¬
trieben®). Die Korrespondenzen für das „Morgenblatt“ dokumentieren
eine sehr rege Anteilnahme an dem zu dieser Zeit stärker pulsierenden
wirtschaftlichen und kulturellen Leben des Stadtstaates an der Weser, dem
Engels damals für das Werden des Staates „Deutschland“ eine große Rolle
zudachte. Wenn Engels Anfang Januar 1841 von dem schon mit einigen
Buchhändlern besprochenen Plan eines neuen Journals berichtet, dessen
Verwirklichung, wenn nur noch zwei—drei tüchtige Literaten von auswärts
herangezogen würden, den größten Einfluß auf die Kulturentwicklung
Norddeutschlands haben könnte®), — so dürfen wir wohl annehmen, daß
Engels an die Schwester, 29. Oktober 1840; S. 601
2) Engels an die Schwester, 4. August 1840; S. 592
3) Vgl. Engels an Wilhelm Graeber, 20. November 1840; S. 561
4) Engels an die Schwester, 8. Dezember 1840; S. 604
5) G. Mayer, Friedrich Engels . . . Bd. I, S. 62 ff.
•) Siehe S. 144-145
Einleitung
XXXIX
an diesem Plane außer Engels noch mancher andere von jenen „schnurr¬
bartsfähigen“ jungen Leuten beteiligt war.1)
Am ausführlichsten behandelt Engels in seinen Korrespondenzen die
Auseinandersetzung zwischen Pietismus und Rationalismus, zwischen Of¬
fenbarungstheologie und Vernunftglauben, — diesen Pastorenstreit, der
Bremen, „die Hauptstadt des norddeutschen Buchstabenglaubens“, in
großer Aufregung hielt und auch weit über ihre Grenzen hinaus starken
Widerhall fand. Der Streit hub an, kurz bevor Engels seine erste Korre¬
spondenz für das „Morgenblatt“ schrieb, — und zwar am 12. Juli mit der
Gastpredigt des „Elberfelder Eiferers“ Friedrich Wilhelm Krummacher
in der St. Ansgarii-Kirche und mit der noch am selben Nachmittag eben¬
dort gehaltenen Kontroverspredigt des rationalistischen Pastors Karl
Friedrich Wilhelm Paniel. Weitere Predigten und Gegenpredigten, die
Veröffentlichung der beiden Reden Krummachers, Repliken und neue
Ausfälle, Sendschreiben und offene Briefe zogen bald die ganze Stadt in
Mitleidenschaft. 2)
In seinem Briefe vom 20. November 1840 an Wilhelm Graeber be¬
handelt Engels den Fall als einen „großartigen Ulk“ und entwirft dem
Freunde über den Verlauf der heftig hin und her wogenden Diskussion
einen satirischen Schlachtenbericht, wobei er seiner strategischen Phan¬
tasie, der die Manöver3) starke Nahrung gegeben hatten, freien Lauf
läßt.
Engels konnte sich mit keiner der streitenden Parteien solidarisieren
O Das von Engels sehr ironisch behandelte „Bremische Unterhal¬
tungsblatt“ (vgl. S. 124 f.) äußerte sich — wie noch notiert werden soll —
zu seinen kritischen Bemerkungen über die lokale Beschränktheit und Rückständig¬
keit der literarischen Bildung in Bremen zustimmend, und zwar in einem Artikel über
„Bremische Literatur“ (Nr. 69 v. 26. Aug. 1840, S. 277). In der nächsten Nummer
druckte es aber eine Notiz aus den Leipziger „Rosen“ ab, worin die in der Engels-
schen Korrespondenz erhobenen Beschuldigungen zurückgewiesen werden, weil die
Klatschsucht der Bremer Lokalblätter übertrieben geschildert und den Kaufleuten
Bremens zu Unrecht der Vorwurf gemacht werde, daß „sie die Handelsblätter eifriger
als unsere belletristischen Journale studieren und daß sie eher über einen veränderten
Kurszettel in Ekstase geraten, als über einen kritischen Artikel in den »Hallischen
Jahrbüchern*“ (Nr. 70 v. 29. Aug. 1840, S. 281).
2) Zu Engels’ ziemlich ausführlicher Darstellung des Streites und seines Ver¬
laufs bis Ende 1840 (S. 128—130, 141—144) vgl. von späteren Untersuchungen: Bruno
Weiss, Bilder aus der Bremischen Kirchengeschichte um die Mitte des 19. Jahr¬
hunderts. Bremen 1896. S. 4—22, 69*—70. — I. F. I k e n , Kirchliche Arbeiten und
Kämpfe ... zu Bremen . . . Ein Vortrag. Bremen 1889. S. 43 f. — Otto V e e c k ,
Geschichte der reformierten Kirche Bremens. Bremen 1909. S. 131—133. — Hein¬
rich T i d e m a n n , Die Zensur in Bremen von den Karlsbader Beschlüssen 1819
bis zu ihrer Aufhebung 1848. II. Teil. Bremisches Jahrbuch. Bd. 32. Bremen 1929.
Bes. S. 45 ff. — In der letztgenannten Abhandlung finden sich wertvolle Angaben
über mehrere der von Engels behandelten Bremer Lokalblätter. Laut einer Fußnote
Tidemanns (S. 45) wird in absehbarer Zeit eine größere Arbeit von Hermann Ent-
h o 11 über „Geistige Bewegungen und Zustände Bremens in der ersten Hälfte des
19. Jahrhunderts (1815—1848)“ erscheinen.
8) Siehe S. 131; vgl. die Briefe an die Schwester vom 20. August und vom
18. September 1840.
XL
Einleitung
oder gar identifizieren. Er hatte nicht nur den Pietismus und Mystizismus,
sondern auch den Rationalismus bereits überwunden, von dessen Basis
aus er noch in den „Briefen aus dem Wuppertal“ die Krummacherschen
Predigten beurteilt hatte.1) Im Juli 1840 stand er als Junghegelianer
über den beiden streitenden Parteien und konnte in der wütenden
Fehde wohl einen „großartigen Ulk“ erblicken; aber er wäre kein Hege¬
lianer gewesen, hätte er sie nur als einen eitlen Streit von völlig gleich¬
gültigem Inhalt und nicht auch als eine Erscheinung von einer gewissen
historischen und politischen Bedeutung aufgefaßt. In dieser Hinsicht}
sind die im September 1840 und Anfang Januar 1841 für das „Morgen¬
blatt“ geschriebenen Korrespondenzen viel bedeutsamer, als der aller¬
dings sehr kurze Artikel, den Engels anläßlich des Kirchenstreits über
F. W. Krummacher, den Verfasser der zwei, eben im Druck erschienenen
Bremer Verfluchungspredigten, ebenfalls im September, aber wohl etwas
vor der ersten „Morgenblatt“-Koirrespondenz dem „Telegraphen“ ein¬
sandte.
Während Engels in diesem Artikel 2) nur Persönlichkeit und Stil des
eifernden, manchmal aber doch Töne der echten Poesie anschlagenden
„Glaubens-Virtuosen“ charakterisiert, stellt er in der September-Korre¬
spondenz für das „Morgenblatt“ mit lebhafter Begeisterung den Fort¬
schritt fest, den „der Kampf um freiere oder beschränktere Auffassung
des Christentums“ in dem Kulturleben der „Hauptstadt des norddeutschen
Buchstabenglaubens“ bedeute; wie immer der Streit ausfallen werde, der
„alte Sauerteig“ sei „aufgerüttelt“, das „Gewitter am Himmel der Zeit“
habe auch in Bremen eingeschlagen.3) Auch im zweiten, im Januar-
Artikel erklärt Engels: bei diesem Streit, der kein wissenschaftliches In¬
teresse habe, vielmehr „nur auf dem Boden von wissenschaftlich längst
abgefertigten Richtungen“ Geltung habe, komme es hauptsächlich auf
den „Anteil des Volks“ an.4)
Trotz, oder besser gesagt, gerade wegen der „unparteiischen“ Behand¬
lung der Kirchenfehde dürften die Engelsschen Korrespondenzen keine
der streitenden Parteien zufriedengestellt haben. Es ist also nicht ver¬
wunderlich, daß ein enragierter Panielit sich veranlaßt fühlte, gegen
diese Art von „Unparteilichkeit“ zu protestieren und vom „Morgenblatt“
den Abdruck einer eigenen „wahrheitsgetreuen“ Darstellung der Bremer
Streitigkeiten zu fordern.6) Dieser Kontroversbericht erschien etwa drei
1) Siehe S. 30ff. Vgl. auch die Briefe an die Brüder Graeber aus derselben Zeit;
besonders S. 504—506, 519.
2) Siehe S. 88 f.
8) Siehe S. 128,130.
4) Siehe S. 141
5) Im „Morgenblatt“. Nr. 83 vom 7. April 1841, S. 332, heißt es darüber in einer
„Stuttgart, 2. April“ datierten redaktionellen Vorbemerkung: „In einem Schreiben
Einleitung
XLI
Monate später als Engels’ Korrespondenz. Eine Engeksche Replik suchen
wir vergeblich. Die in vier Nummern des „Morgenblatts“ erschienene
Januar-Korrespondenz war die letzte, die er dem Blatte einsandte.
Die fernere Radikalisierung seiner Anschauungen und sein Ver¬
langen nach wirklicher publizistischer Aktivität, wovon der letzte noch
vorliegende Brief an die Brüder Graeber 1) und der Aufsatz über Arndt
Zeugnis ablegen, erklären es hinlänglich, wenn er an einer farblosen
Publizistik in einem farblosen Blatte nun schon kein Interesse mehr hatte.
VII
Im Frühling 1841 endlich gelang es Engels, von Bremen loszukommen.
Er war um diese Zeit bereits konsequenter Junghegelianer. Wie er
sich am Schlüsse des Aufsatzes über Immermann in Hinsicht auf die
neuere, von Hegel eingeleitete Philosophie ausdrückte, hatte er unwider¬
ruflich beschlossen, „sich durch sie hindurchzuarbeiten und doch die
jugendliche Begeisterung nicht zu verlieren“. „Denn nur“ — hieß es dort
weiter — „die Begeisterung ist echt, die wie der Adler die trüben Wolken
der Spekulation, die dünne, verfeinerte Luft in den obem Regionen der
Abstraktion nicht scheut, wenn es gilt, der Wahrheitssonne entgegenzu¬
fliegen.“ 2)
Er mußte nun seiner militärischen Dienstpflicht nachkommen und
machte sich diesen Umstand zunutze, um Bremen zu verlassen; er ent¬
schied sich für Berlin als das größte Universitätszentrum. Bevor er sich
aber dahin begab, verbrachte er noch mehrere Monate im Elternhaus und
aus Bremen werden wir sehr dringend aufgefordert, den nachfolgenden Aufsatz
abdrucken zu lassen, durch den unsere in Nr. 249 und 250 des vorigen und in Nr. 13
und 14 dieses Jahres mitgeteilten Berichte . . . berichtigt werden sollen. Wir
haben die erwähnten Briefe aufgenommen, weil der Verfasser keinem der streitenden
Teile anzugehören schien und, er mag in Wirklichkeit sein, wer es will, für den mit
den Bremer Verhältnissen nicht näher Bekannten, und somit auch für die Redaktion,
außerhalb der Parteien steht. Der Einsender der Berichtigung glaubt nun aber ver¬
sichern zu können, die Unbefangenheit unseres Korrespondenten sei nur Maske, und
sein Bericht ein vom Lager der Pietisten ausgegangenes Pasquill auf die Partei der
Denkgläubigen und ihre Hauptvertreter . . . .“ (Diese Stelle scheint übrigens auch zu
bezeugen, daß die Redaktion des „Morgenblatts“ über Engels’ Person und Beruf
nichts näheres wußte.)
Unter Ablehnung jeder Verantwortung druckte die anscheinend etwas einge¬
schüchterte Redaktion den neuen Bericht tatsächlich ab; dieser enthielt keine direkte
Polemik mit dem Engelsschen „Pasquill“, sondern gab eine weit zurückgreifende
Darstellung über den Verlauf der Streitigkeiten, — natürlich mit der „Zermalmung“
des bösen Krummacher durch den guten Paniel endend. Trotz des gegensätzlichen
Standpunktes stimmte der streitbare Rationalist in einem Punkte mit dem verkappten
„Pietisten“ Engels überein, nämlich im Lobe des Professors Wilhelm Ernst Weber,
den Engels wegen seiner hohen Bildung und „freien Gesinnung“ „aus dem rationali¬
stischen Vulgus“ „hervorgehoben“ hatte. Siehe S. 143; vgl. auch S. 122, 124, 129
(über den „Anonymus“).
1) Engels an Friedrich Graeber, 22. Februar 1841; siehe S. 562—564
2) Siehe S. 118
XLII
Einleitung
unternahm eine Wanderung durch die Schweiz und Oberitalien. Seine
Reiseeindrücke schilderte er in den „Lombardischen Streifzü¬
gen“, die am 4. und 11. Dezember im Berliner „Athenäum“ (Nr. 48
und 49) erschienen, in demselben Organ, das wenige Monate zuvor Mar¬
xens „Wilde Lieder“ abgedruckt hatte1). Die „Streifzüge“ erschienen
unter dem alten Decknamen; es ist bezeichnend, daß auf dem Umschlag
dieser junghegelianischen Zeitschrift schon im zweiten Halb jahrgang
neben den Namen der damaligen Berliner „literarischen Führer“ — Buhl,
Köppen, Rutenberg, Meyen, welch letzterer die Zeitschrift faktisch lei¬
tete — auch der Name Oswald genannt ist.2) Unter den Erwähnten
finden wir zugleich auch die nächsten Freunde Marxens, Mitglieder jenes
philosophischen und politischen Zirkels, dessen Mittelpunkt Bruno Bauer
gewesen war. Bruno Bauer hatte zusammen mit Marx zu dieser Zeit Ber¬
lin schon verlassen.
So war also Engels alsbald nach seiner Ankunft in Berlin, im Herbst
1841, mit dem Berliner Kreis der Junghegelianer in Verbindung getreten.
Er stürzte sich unverzüglich in den philosophischen Kampf.
Eben zu dieser Zeit war Schelling nach Berlin berufen worden,
wo er der Hegel sehen Philosophie entgegentreten sollte. Die gesamte Ber¬
liner Intelligenz, insbesondere aber die junghegelianische Schule, erwar¬
tete mit Ungeduld die Eröffnung der Schellingschen Universitäts-Vorle¬
sungen. Das Auditorium Nr. 6 in dem Schelling seine Philosophie der
Offenbarung vortrug, war — um mit Engels zu sprechen — der „Kampf¬
platz“, „auf dem um die Herrschaft über die öffentliche Meinung Deutsch¬
lands in Politik und Religion, also über Deutschland selbst, gestritten“
wurde3).
Am 15. November hielt Schelling seine Antrittsrede. Hinter den
„Notabilitäten der Universität“, den „Koryphäen der Wissenschaft“, in¬
mitten der „durcheinandergewürfeiten“ „Repräsentanten aller Lebens¬
stellungen, Nationen und Glaubensbekenntnisse“, saß auch trotz der Nähe
von manchen „graubärtigen Stabsoffizieren“ „ganz ungeniert“ der ein¬
undzwanzigjährige „Freiwillige“ Friedrich Engels; und er war da, nicht
nur „in eigener Person“, sondern zugleich als einer der Abgesandten der
streitbaren Berliner Junghegelianer. Wie die übrigen Literaten des
„Athenäum“-Kreises erachtete es auch Engels als seine Pflicht, nachdem
O Siehe Bd. 1/1, S.XXXVIff. und 147f.
a) Diese ganze Gruppe war übrigens auch den russischen Junghegelianern
wohlbekannt. In den „Oteèestvennye Zapiski“, September—Oktober 1839, findet
sich ein Artikel über „Deutsche Literatur“, „von dem Berliner Literaten Buhl,
eigens für die ,0. Z.‘ geschrieben und der Redaktion durch Varnhagen von
Ense zugestellt“. Im Dezember 1840 brachten die „Oteèestvennye Zapiski“ eine
kleine Besprechung des Köppenschen Buchs: „Friedrich der Große und seine
Widersacher“, das der Verfasser bekanntlich Karl Marx gewidmet hatte.
8) Siehe S. 173
Einleitung
XLHI
er die Antrittsrede und einige weitere Vorlesungen Schellings mitange¬
hört und eifrig notiert hatte, „für den großen Toten in die Schranke zu
treten“. Er schrieb einen geharnischten Aufsatz über die Ausfälle, die der
Autor der „philosophia secunda“ gegen Hegel gemacht hatte, und sandte
ihn an Gutzkow, dem er seit April, während seines Aufenthaltes im Eltern¬
haus und seiner Wanderungen in der Schweiz und Oberitalien keine Bei¬
träge mehr hatte zukommen lassen. Unter dem Titel „Schelling
über Hegel“ erschien der Kampfartikel Mitte Dezember im „Tele¬
graphen“. Er rief die Anhänger der Hegelschen Lehre auf, „des großen
Meisters Grab vor Beschimpfung zu schützen“, auch wenn es notwendig
werden sollte, „für eine Zeitlang ecclesia pressa zu sein“.1) Als geschicht¬
liches Dokument, als Zeugnis eines Zeitgenossen, ist der Engelssche Ar¬
tikel, wie Hermann Oncken sich ausdrückt2), eine überaus wichtige Ergän¬
zung zu der Darstellung des Streits für und wider Schelling, die Max Lenz
in seinem Werk über die „Geschichte der Fried rieh-Wilhelms-Universität
zu Berlin“ gibt.3)
Engels’ Mitarbeit am „Telegraphen“ hört mit diesem Beitrag auf. Wie
wir aus Gutzkows Brief an Alexander Jung wissen, ist Engels’ Auflehnung
gegen die von Gutzkow vorgenommenen Korrekturen und Streichungen
die unmittelbare Ursache für seinen Bruch mit dem „Telegraphen“ ge¬
wesen 4) ; es ist also anzunehmen, daß auch die Schrift wider Schelling
unter solchen redaktionellen Eingriffen gelitten hat.
Der Aufsatz war nur ein Prolog. In ähnlichen Zeitschriftenartikeln
gedachte Engels die Attacke fortzusetzen. Auf den Rat der Berliner
Freunde entschloß er sich dann aber zu einer Broschüre, der er gleich den
Umfang von fünf bis sechs Druckbogen geben wollte; im Laufe seiner
Unterhandlungen mit dem Verleger mußte er sich aber auf die Hälfte
dieses Umfangs beschränken.6) Noch ehe die Schellingschen Vorlesungen
gedruckt waren, trat Engels mit dieser Broschüre, einer neuen scharfen
Streitschrift, gegen sie auf. „Er [Schelling] hatte seine erste Vorlesung
in Berlin noch nicht beendet,“ schreibt Kuno Fischer, „als eine Schrift
erschien, die aus der Vergleichung dreier Kollegienhefte die Schelling-
sche Offenbarungslehre wiedergeben, in ihrem Unwerte namentlich Hegel
gegenüber dartun, als den ,neuesten Reaktionsversuch gegen die freie
Philosophie4 vernichten sollte.“ «) Die literarischen Schicksale dieser an-
O Siehe S. 179
a) H. Oncken, Friedrich Engels und die Anfänge des deutschen Kom¬
munismus. Historische Zeitschrift. Bd. 123 (1921), S. 239—246
8) Schellings Auftreten ist ausführlich im zweiten Band des Lenzschen Wer¬
kes in der zweiten Hälfte (1918), S. 42—56, behandelt.
4) Vgl. hiezu den oben zitierten Artikel G. Mayers, Ein Pseudonym...
B) Vgl. Engels an Ruge, 15. Juni 1842 (S. 631),
e) Kuno Fischer, Geschichte der neuem Philosophie. Bd VII (3. Aufl. Hei¬
delberg 1902), S.260f.
XLIV
Einleitung
onymen Broschüre über „Schelling und die Offenbarung“
sind schon früher vorgeführt worden; sie wurde, wie gesagt, lange Zeit
Bakunin zugeschrieben. Aus dem früher erwähnten Ruge-Brief geht her¬
vor, daß sie noch im März 1842 erschienen ist. Engels hat also seinen
Vorsatz, für Hegel auf den Plan zu treten, sehr rasch verwirklicht Und
er führt diese Verteidigung mit wahrer Leidenschaft: „Wer mit kaltem
Blut seine Klinge zieht, hat selten viel Begeisterung für die Sache, die er
verficht“.1)
Der erste Teil der Schrift handelt von der Entwicklung des Streits
zwischen den Schelling-Anhängern und der Hegelschen Schule und stellt
dar, wie Schelling mit seiner Berufung nach Berlin die nicht beneidens¬
werte Rolle zugefallen sei, das etliche Jahre zuvor von Heinrich Leo be¬
gonnene Werk fortzusetzen. Im Jahre 1838 war Leo, der Historiker, mit
einem förmlichen Anklageakt gegen die D. Fr. Strauß, Ruge und Genos¬
sen aufgetreten, — gegen die „Hegelingen“, wie er die „Linken“ im Un¬
terschied zu den Vertretern des orthodoxen, „positiven“ Hegelianismus
nannte. 2>
Bruno Bauer, der noch einige Jahre vorher selbst gegen Strauß ge¬
kämpft hatte, ging dann im Verlauf der so entbrannten Fehde zu den „Lin¬
ken“ über; er brach, wie Ludwig Feuerbach im „Wesen des Christen¬
tums“, mit der religiösen Orthodoxie. Bald gesellte sich ihm Marx.
Friedrich Köppen, Bauers Freund, war in den Deutschen Jahrbüchern
gegen Leo, den Historiker, auf getreten. In der zweiten Hälfte des Jahres
1841 entschloß sich Bauer, die Form der Polemik zu ändern, er versuchte
— mit Marxens Beteiligung, wie wir annehmen dürfen — in der anonymen
Broschüre „Die Posaune des Jüngsten Gerichts über Hegel, den Atheisten
und Antichristen“ darzutun, daß im Grunde der alte Hegel selbst gar nicht
weit vom Atheismus und von allen den Todsünden entfernt gewesen sei,
die Leo den „Hegelingen“ vorwarf. Dieser Kampfschrift schließt sich nun
Engels mit der Erklärung an: die „hegelingische Rotte“ verhehle nicht
mehr, daß sie weder imstande noch gewillt sei, das Christentum weiterhin
als Grenze zu betrachten, über die keiner seinen Fuß setzen dürfe. „Alle
Grundprinzipien des Christentums, ja sogar dessen, was man bisher über¬
haupt Religion nannte, sind gefallen vor der unerbittlichen Kritik der Ver¬
nunft.“3)
Das Problem, das Engels schon früher beschäftigt hat — die Synthese
des philosophischen Gedankens mit der politischen Tat in Gestalt des mit
Börne vereinigten Hegel —, läßt ihn auch jetzt nicht ruhen. Die Broschüre
U Siehe S. 178
2) H. Leo, Die Hegelingen. Aktenstücke und Belege zu der sogenannten De¬
nunziation der ewigen Wahrheit. Halle 1838
8) Siehe S. 185
Einleitung
XLV
schließt mit dem Ruf zum Kampf und zur Opferbereitschaft im Namen
des neuen Grals, mit dem Appell, daß man sich rüste zur großen Völker¬
schlacht „Seht ihr unsre Fahnen wehen von den Bergesgipfeln herab?
Seht ihr die Schwerter unsrer Genossen blinken, die Helmbüsche flattern?
Sie kommen, sie kommen, aus allen Tälern, von allen Höhen strömen sie
uns zu, mit Gesang und Hömerschall ; der Tag der großen Entscheidung,
der Völkerschlacht, naht heran, und der Sieg muß unser sein!“ 1)
In den Deutschen Jahrbüchern2) behandelte Ruge die Broschüre in
einem größeren Artikel, in dem er für Engels und gegen Schelling entschie¬
den Partei ergriff und die in der Broschüre gegebene Darstellung der
Schellingschen Vorlesungen als richtig bestätigte. „Sein [des Autors]
Charakter und sein Standpunkt ist jugendlich; Ende und Anfang des Bü-
chelchens zeigen Lust an bilderreicher Sprache und ein frisches Feuer der
Begeisterung für die große Entwicklung, in der wir uns befinden. In der
Mitte des Buchs und in der eigentlichen Exposition und Kritik der Schel¬
lingschen Philosopheme herrscht dagegen eine sachgemäße Ruhe und eine
sehr klare Haltung.“
Auch sonst fand die Broschüre in der philosophischen Literatur und
in der Publizistik der Zeit starke Beachtung. Die eine oder die andere
Äußerung oder Erwähnung haben wir schon früher, in der Erzählung der
weiteren Schicksale der Schrift, angeführt.3) In einem um diese Zeit im
„Jahrbuch der deutschen Universitäten“ erschienenen Aufsatz, der sich
für den alten Philosophen einsetzt,4) werden die schwungvollen Schlu߬
worte der Engelsschen Broschüre mit der Bemerkung zitiert : „0 über eure
Visionen . .., ich sehe und höre von dem Allen Nichts. Ich höre wohl das
Geschrei jener Herren, die es lieben, auf der Straße Lärm zu machen, bis
die Polizei sie auseinandertreibt.“ Und hämisch fügt der Schreiber des
Artikels einen Satz hinzu, mit dem er beweist, daß ihm der Autor der
anonymen Broschüre wohlbekannt war: „Oder ist jener Barmener
Kaufmannsdiener euer Führer, der seine herzhaften Angriffe bald
anonym, bald pseudonym in Broschüren und Zeitschriften macht?“
In seiner „Kritik der Schellingschen Offenbarungsphilosophie“B)
stützte sich Marheineke auf die in der Broschüre enthaltene Darstellung
der Schellingschen Vorlesungen als auf seine Quelle. Paulus0), dessen
0 Siehe S. 227
2) Nr. 126—128; 28., 30., 31. Mai 1842; S. 502—512
3) Siehe S. XV
4) G. Heine, Schelling in Berlin. »Jahrbuch der deutschen Universi¬
täten“. Hg. v. Heinrich Wuttke. Winterhalbjahr 1842/43. Leipzig 1842. S. 1—24
6) Berlin 1843
6) Dr. H. E. G. Paulus, Die endlich offenbar gewordene positive Philo¬
sophie der Offenbarung oder Entstehungsgeschichte, wörtlicher Text, Beurthei-
lung und Berichtigung der von Schellingschen Entdeckungen . . . Darmstadt 1843
XLVI
Einleitung
„unbefugte“ Veröffentlichung diese Vorlesungen am ausführlichsten
wiedergab, fand gleichfalls anerkennende Worte für den Verfasser der
Broschüre; in seiner „Vorläufigen Appellation“ wider die von Schelling
veranlaßten Gegenmaßnahmen schrieb er: „Die Denkenderen, die ihn
[Schelling] hörten, wie Frauenstädt, Alexis Schmidt, Fr. Oswald u. a.
gaben sich die Mühe, durch die Auszüge, welche sie gaben, Gedanken,
Ordnung, Probabilitäten in das diktatorische Gerede hineinzubringen,
welches sie ganz vorzulegen nicht wagten.“ D
VIII
Wir werden des Interesses auch der nichtrussischen Leser sicher sein,
wenn wir in Kürze berichten, welche Bedeutung die Engelssche Broschüre
für die russischen Junghegelianer jener Zeit gehabt hat. In der Tat ge¬
langte die Schrift bis nach St. Petersburg und Moskau. Daß sie Alexander
Herzen und seinem Kreis wohlbekannt war, verstand sich von selbst. Bei
Schellings ersten Vorlesungen war, wie Engels selbst in seinem für den
„Telegraphen“ geschriebenen Artikel erzählt, unter der Zuhörerschaft mit
vielen anderen Nationalitäten auch die russische vertreten.2) Die damals
in Berlin weilenden russischen Junghegelianer verfolgten diesen ideologi¬
schen Kampf mit nicht geringerer Spannung als ihre deutschen Gesin¬
nungsgenossen. Bakunin schrieb in einem Briefe vom 3. November 1841
an seine Verwandten in der Heimat: „Heuer werde ich hören: Logik bei
Werder; Philosophische Offenbarung bei Schelling; Geschichte der
neuesten Zeit bei Ranke... Ihr könnt Euch vorstellen, mit welcher Un¬
geduld ich Schellings Vorlesungen entgegensehe.“ 3)
Aber der Kampf um Schelling und Hegel wurde, wie gesagt, auch in
Rußland selbst, in St. Petersburg und Moskau, mit großem Interesse ver¬
folgt. Und die Engelssche Broschüre spielte hier eine nicht geringe Rolle.
In der großen Revue Oteëestvennye Zapiski (Vaterländische Annalen)
O Dr. Paulus’ vorläufige Appellation an das wahrheitswollende Publikum
contra des Philosophen Fr. W. Joseph von Schelling Versuch mittels der Polizei
sich unwiderlegbar zu machen. (Lex tuetur bene merentes.) Darmstadt 1843. (Da¬
tiert: Heidelberg, August 1843.) S. 11
2) Siehe S. 174. — In späterer Zeit, in einem (bisher nur in russischer Über¬
setzung veröffentlichten) Brief vom 22. Oktober 1889 an Max Hildebrand, worin
Engels seines Hospitierens an der Berliner Universität gedenkt, erwähnt er auch
wieder die Russen, die mit ihm zusammen damals die Vorlesungen Schellings und
Werders hörten; mit Namen nennt er hier nur Bakunin: offenbar waren ihm sei¬
nerzeit die übrigen russischen Gäste, unter ihnen Turgenjev und Katkov, unbe¬
kannt geblieben
8) Kornilov, Gody stranstvij Michaila Bakunina [Die Wanderjahre Michael
Bakunins]. Leningrad 1925. S. 84
Einleitung
XLVII
erschien im Januar 1843 ein ausführlicher Bericht über Schellings Auf¬
treten in Berlin. Der Verfasser dieses Aufsatzes, der schon erwähnte
russische Kritiker V. Botkin, hält es für „unerläßlich“, über die Be¬
rufung Schellings an die Berliner Universität einige Worte zu sagen,
da deren Geschichte „in der zeitgenössischen Entwicklung der deutschen
Wissenschaft“ ein höchst bemerkenswertes Ereignis darstelle; der darauf
folgende Bericht lehnt sich nun ganz eng an die Engelssche Broschüre an,
deren erste Seiten beinahe wörtlich wiedergegeben sind.1)
Dieser Botkinsche — man könnte fast sagen: Engelssche — Artikel
gefiel Belinskij, dem Lessing der russichen Literatur, ungemein2). Und
Plechanov, in seiner großen Studie über Belinskij 8), legte Wert darauf,
diese Tatsache hervorzuheben; er führte eine längere Stelle aus Botkins
Artikel wörtlich an: „Sein [Hegels] System war in den Grundzügen
schon vor 1810 abgeschlosen ; seine Ansichten über die zeitgenössische
Gesellschaft vollendeten sich um 1820. Seine politische Gesinnung, sein
Staatsbegriff, den er an dem Muster Englands entwickelte, tragen an sich
sehr deutlich das Gepräge der Restaurationsepoche. Daraus erklärt sich
auch, warum sich ihm die späteren Ereignisse in Europa in so trübem
Lichte darstellten. Aber die ungewöhnliche Sicherheit und Stärke seines
Gedankens ist gerade darin zu erkennen, daß sein System sich unabhängig
von seinen persönlichen Gesinnungen ausgeformt hat, dermaßen, daß die
beste Kritik seiner Ergebnisse sich unter dem Prüfstein seiner eigenen
Methode ergibt. Und eben in diesen Ergebnissen tritt oft der Einfluß sei¬
ner persönlichen Gesinnung zutage. Seine Religions- und seine Rechts¬
philosophie würden ein anderes Gesicht bekommen haben, hätte er sie
aus dem reinen Gedanken entwickelt und sie nicht mit positiven Elementen
aus der Zivilisation seiner Zeit durchsetzt; denn von letzteren stammen
die Widersprüche und falschen Konsequenzen her, die sich in seiner Re¬
ligions- und Rechtsphilosophie vorfinden. Deren Prinzipien sind immer
unabhängig, frei und wahr, — die Ableitungen und Schlußfolgerungen
hingegen oft kurzsichtig. In diesem Umstand liegt der Grund, warum sich
die Schule in einen rechten und einen linken Flügel spalten mußte. Ein
Teil der Schüler berief sich auf die Prinzipien und lehnte die Folgerungen
ab, sofern sie nicht aus jenen hervorgingen; diese Schule war es auch, die
die dialektische Methode auf alle Lebensfragen der Zeit anwandte. Sie
1) Der Artikel ist in der Ausgabe seiner „Werke“ („Soöinenija“, 1891), Bd. II,
S. 255—275, wiederabgedruckt.
2) „Dein Artikel — schrieb er darüber an Botkin — hat mir außerordentlich
gut gefallen, — verständig, gescheit und geschickt.“ (Belinskij, Pis’ma, Bd. II,
S.334)
8) „Sovremennyj Mir“. April 1911. — Wiederabgedruckt im 23. Band der von
mir herausgegebenen „Werke“ Plechanovs („Soëinenija“. Moskau-Leningrad
1926. S. 168—222)
XLVIII
Einleitung
wurde die linke genannt. Die rechte blieb bei den bloßen Ergebnissen,
ohne sich um die Prinzipien zu bekümmern.“1)
„Der Gedanke ist hier — bemerkt dazu Piechanov — derselbe, dem
wir bei Belinskij begegnet sind: das Verdienst der linkshegelianischen
Schule besteht in der Auflehnung gegen die absoluten Schlußfolgerungen
Hegels (in der Verabschiedung der philosophischen Schlafmütze4) und
in der Hervorkehrung der dialektischen Seite seines Systems, — d. h.
darin, daß man die Idee der Negation entwickelte.“
Es war Plechanov natürlich nicht bekannt, daß Belinskij, wenn un¬
mittelbar durch Botkin, so doch eigentlich durch Engels zu diesen Ge¬
dankengängen angeregt worden war. In der Tat findet sich in Engels’
Broschüre auch diese aus dem Botkinschen Artikel angeführte Stelle fast
wörtlich wieder.2)
Aber Botkin und Belinskij waren nicht die einzigen, denen die Schrift
des jungen Engels so starke Anregungen gab. Wenn dieser es sich zur
Hauptaufgabe gemacht hatte, aus der Philosophie Hegels die „äußersten
Folgerungen“ zu ziehen und sie „offen und verständlich“ auszusprechen,
„mag daraus kommen, was da wolle“ 3\ — so entwickelte Herzen diesen
Gedanken folgendermaßen:
„Das Heldentum der Konsequenz, der Selbstverleugnung, der Furcht¬
losigkeit vor den Folgen ist so schwer, daß schon die größten Menschen
vor den augenscheinlichen Ergebnissen ihrer Grundsätze zurückgeschreckt
sind. So auch Hegel, die Entwicklung des Junghegelianismus, die Entwick¬
lung seiner Anfänge; Hegel würde sich von ihnen lossagen, er liebte, er
achtete das Bestehende, er sah, daß er keinen Schlag aushalten würde, und
wollte darum nicht selbst schlagen ; ihm schien zuallernächst genug daran,
daß er zu seinem Anbeginn gelangt war. Dort eben setzte die junge Gene¬
ration ein, ein Schritt voran war eben jener Schlag, der das Bestehende
aufs tiefste erschüttern konnte. Hegel würde sich von ihnen lossagen, aber
wahrlich: sie wären ihm treuer als er sich selbst, treuer ihm, dem von
seiner zufälligen Person, Epoche u. a. losgelösten Denker. Schelling ist
ein lebendiges Beispiel dafür, wie man hinter seinem eigenen Gedanken
zurückstehen kann, wenn man als Denker auf halbem Wege haltmacht,
ohne die Kraft, die dem Gedanken gegebene Bewegung aufzuhalten. Die
Lage Schellings ist wahrhaft tragisch, wie sich Ruge ausdrückt.“4)
Die in den letzten Worten enthaltene Anspielung auf den Schluß des
Artikels, in dem der Herausgeber der Deutschen Jahrbücher über die En-
1 ) Plechanov, Soèinenija, Bd. XXIII, S. 173 f.
2 ) Siehe in diesem Bande S. 184
3) Ebendort
4) A. G e r c e n , Polnoe sobranie soèinenij [Gesamtausgabe der Werkel.
Bd. III, S. 43 (Im „Tagebuch“ — Dnevnik — am 22. September 1842)
Einleitung
XLIX
gelssche Broschüre gesprochen hatte1), beweist, daß Herzen jedenfalls
diesen Rugeschen Bericht aufmerksam gelesen hatte.
Nur auf Katkov machten die Vorlesungen Schellings einen günstigen
Eindruck 2). Im April 1842 schreibt darüber Belinskij an Botkin: „Katkov
ist ganz offensichtlich ein Anhänger der Berliner philosophischen Schule:
die Vorlesungen Schellings über die Offenbarung betrachtet er als die
tiefste Weisheit des Universums. Armer Hegel!“3)
IX
Unmittelbar auf die Schrift gegen „Schelling und die Offenbarung“
ließ Engels noch ein anderes Pamphlet folgen. Es gab sich aus als „für
gläubige Christen“ bestimmt, denen „der philosophische Sprachgebrauch
unbekannt“ sei, und trug den Titel : „Schelling, derPhilosoph
in Christo, oder die Verklärung der Weltweisheit
zur Gottesweisheit“. Jahrzehnte lang war diese Engelssche Bro¬
schüre, die doch anno 1842 kein geringeres Aufsehen erregt hatte als die
erste, völliger Vergessenheit anheimgefallen, — bis sie von mir, wie schon
berichtet, für die Geschichtschreibung wiederentdeckt wurde.
Wie schon Ruge in seinem Aufsatz über die Streitschrift „Schelling
und die Offenbarung“ vermerkte4), waren in ihr von den Schellingschen
Vorlesungen nur die drei ersten abgehandelt, hingegen die „positive christ¬
liche Philosophie“ kaum berührt. Diesen Mangel sollte die zweite Bro¬
schüre nun beseitigen. Während aber die erste in leidenschaftlicher, zu¬
gleich scharfer und ernster Form geschrieben war, schlug Engels nun¬
mehr nach dem Vorgang Bruno Bauers eine andere Tonart an; er trat jetzt
unter der Maske der ihm wohlbekannten Wuppertaler und Bremer Pie¬
tisten auf.
Wie wir aus dem angeführten Brief von Engels an Ruge schon wissen,
ist diese zweite Broschüre jedenfalls vor dem 15. Juni 1842 erschienen.
Zeitgenössische Berichte lassen ihr Erscheinungsdatum noch genauer
fixieren. Die Berliner „Freien“ beeilten sich, die Schrift gleich nach ihrem
Erscheinen zu denunzieren. Die Rheinische Zeitung brachte am 6. Mai
1) Ruges Schlußsatz lautete: „Sein [Schellings] Los, mag es immerhin
ein verdientes sein, es ist ein großes Unglück, ja es ist, wenn es sich erst ganz
erfüllt haben wird, so eigentümlich, daß es in der ganzen Geschichte vergeblich
seines Gleichen sucht.“ (Deutsche Jahrbücher, Nr. 128 vom 31. Mai 1842, S. 512)
2) Vgl. Katkovs Brief vom 18. März 1842 über Schelling in den Oteèestvennye
Zapiski, Jg.1842, Bd. XXII
8) Belinskij, Pis’ma [Briefe!. Bd. II, S. 306. In einem späteren Brief
vom 15. Mai 1846 an Kudrjavcev schreibt er: „Wird Schelling nicht bald auf-
hören, sich selbst zu entehren, d. h wird er sterben? Wirklich, es lohnt nicht zu
leben, wenn man nach solch einem Ruhm auf seine alten Tage zu einem Sevyrev
wird.“ (Pis’ma, Bd. III, S. 119)
4) Deutsche Jahrbücher, Nr. 126—128 vom 28.—31. Mai 1842 (S. 502ff.)
Marx-Engels-Gesamtausgabe, I. Abt., Bd. 2. IV
L
Einleitung
1842 (in Nr. 126) eine vom 2. Mai datierte Potsdamer Korrespondenz über
die „soeben erschienene Schrift“. In der Königsberger Zeitung richtete
der reguläre Berliner Korrespondent, der sicher über den Verfasser der
Schrift genau Bescheid wußte, am 7. Mai einen Scheinangriff gegen den
„borniert-orthodoxen Standpunkt“ dieses Autors, dem es, wie er gezeigt
habe, gelungen sei, „sich der verhaßten Vernunft auf eine vollkommene
Weise zu entäußern.“ O Bei den Orthodoxen durchschaute man dennoch
sehr bald den wirklichen Charakter des Pamphlets, den lange geheimzu¬
halten wohl gar nicht in der Absicht des Verfassers und seiner Freunde
lag. In der Rheinischen Zeitung rückte am 18. Mai einer von den Berliner
„Freien“ — Mey en oder Mügge — mit dem Geheimnis heraus, daß die
Broschüre gamicht „ernsthaft und in pietistischem Sinne“ verfaßt, der
pietistische Ton nur „sehr geschickt nachgemacht“ sei.2) Am selben Tage
aber enthüllte auch schon in der pietistischen Elberfelder Zeitung ein ge¬
ärgertes „Schreiben aus Berlin“ vom 14. Mai zwar nicht die Person, aber
den wahren Standpunkt des Verfassers: „Ein junger, leichtsinniger Skri¬
bent nahm die Maske eines rechtgläubigen Kopfhängers vor, hieß Schel¬
ling als Restaurator der Orthodoxie willkommen und knüpfte daran eine
Menge auf Schwäche berechnete abenteuerliche Befürchtungen. Der Spaß
war indes zu plump, er blieb daher ohne Wirkung.“ s) Fast gleichzeitig
mit diesem Angriff zog auch die „große“, die „berühmte“ Augsburger All¬
gemeine Zeitung gegen den anonymen Pamphletisten zu Felde. Der Ver¬
fasser habe sich — so schrieb das würdevolle Weltblatt — durch seine
„ungeschickte Plumpheit“ und durch den „empörenden Mißbrauch“, den
er mit dem Worte der Bibel getrieben, den Stab selbst gebrochen; zur Ehre
des Schreibers könne nur gesagt werden, daß er noch so viel Schamgefühl
besessen habe, um seinen Namen zu verschweigen.4)
Die „Freien“ blieben die Antwort nicht schuldig. In der Rheinischen
Zeitung trat einer aus ihrer Mitte — wahrscheinlich Edgar Bauer — für
die beiden so heftig befehdeten antischellingischen Pamphlets in die
Schranke; er sah in dem „einstimmigen Urteile“ der Elberfelder und der
1 ) Königsberger Zeitung, Nr. 104 vom 7. Mai 1842, S. 838
2) Rheinische Zeitung, Nr. 138 vom 18. Mai 1842, Korr.: H], Berlin, 14. Mai
8) Elberfelder Zeitung, Nr. 135 vom 18. Mai 1842. Dasselbe „Schreiben aus
Berlin“ behandelte auch noch die erste Broschüre „Schelling und die Offen¬
barung“ und äußerte sich über deren Verfasser mit den Worten: „Er ist ein
Mensch von Talent, sonst fanatisch, scheut sich auch nicht, geradezu Unwahr¬
heiten zu sagen.“
4) Allgemeine Zeitung, Nr. 139 vom 19. Mai 1842, S. 1112: 9 Berlin, 12. MaL
— In derselben Korrespondenz wird „Schelling und die Offenbarung“ etwas
glimpflicher behandelt, weil der Verfasser der Broschüre — nach Meinung des
Korrespondenten — „den Zusammenhang mit dem Zentrum und mit den Rechten“
noch „nicht ganz“ aufgehoben habe. Durch seine subjektiv gefärbte Darstellung
und besonders durch „die selbstgefälligen Ergüsse widriger Siegestrunkenheit“’
habe er jedoch „seine eigene Sache total verdorben.“
Einleitung LI
Augsburger Zeitung einen Beweis dafür, daß die beiden Streitschriften
„die wunden Stellen ihrer Gegenstände getroffen“ hätten. Er goß seinen
Spott über die geärgerten Korrespondenten,die den Autor der Broschüre
nicht herauszufinden vermocht hätten : „Beide. .. können unmöglich gute
Konnexionen mit der Schar unserer großen Sicherheitsmannschaft be¬
sitzen, denn sonst wüßten sie, wer jene Broschüren geschrieben hätte, und
würden sich darauf eine zarte Anspielung erlauben, während ihnen jetzt
nur die Pein ihrer Unkunde verbleibt.“1) Mit diesem Pfeil des Hohns war
natürlich nicht nur auf die Schreiber der gegnerischen Artikel, sondern
auch — vielleicht sogar in erster Linie — auf die Zensur und die Polizei
gezielt.
In den Deutschen Jahrbüchern widmete Ruge diesem zweiten Pamphlet
— wie kurz zuvor dem ersten — eine ausführliche Besprechung; der Auf¬
satz trug den Titel „Das Selbstbewußtsein des Glaubens oder die Offen¬
barung unserer Zeit“ und behandelt zugleich auch den zweiten Teil der
„Posaune“ („Hegels Lehre von der Religion und Kunst“).2)
Ruge beginnt mit einer ironischen Polemik gegen die von dem „Berliner
Zeitungskorrespondenten“ vorgebrachte Ansicht, daß die extreme Gläubig¬
keit in der Broschüre nur geheuchelt sei. Er beruft sich auf die Predigten
F. W. Krummachers und Arndts als Beweisstücke dafür, daß „Inhalt und
Absicht eines konsequenten Glaubens... keineswegs ohne Beispiel in
unserer Zeit“ seien ; nur der „ostensible Liberalismus“ sei so heuchlerisch,
jede „entschiedne Ansicht“, jeden „reinen runden Fall des Zeitgenius“ so¬
gleich zu leugnen. Diese beiden Schriften seien Beispiele von „wirklichen
Glaubensfällen“: „ebenso wie wir es mit wirklicher Cholera zu tun haben
auch dann, wenn der Kranke sich selbst die Cholera eingeimpft hatte.“3 >
Allerdings macht dann Ruge, wo er den Inhalt der Broschüre darzustellen
beginnt, gleich eingangs die Bemerkung: „alles“, was unlängst das
Schriftchen „Schelling und die Offenbarung“ von der Offenbarungslehre
polemisch mitgeteilt habe, komme „nunmehr apologetisch“ vor. Und auch
noch an einer andern Stelle scheint er den Zusammenhang des „apologe¬
tischen“ mit dem „polemischen“ Pamphlet leise andeuten zu wollen. 4>
Sonst aber behandelt er das „Traktätchen“ mit geheucheltem Emst als
eine getreue Wiedergabe der Ansichten Schellings und zollt ihm zum
Schluß hohes Lob : „die Erscheinungen, welche wie Krummacher, Schel¬
ling und Arndt den Mut haben, entschieden mit dem Zeitgeist und den
Prätensionen der menschlichen Vernunft zu brechen, und die kleinen
1) Rheinische Zeitung, Nr. 149 vom 29. Mai 1842: Berlin, 25. Mai
2) Deutsche Jahrbücher, Nr. 143—145 vom 17.—20. Juni 1842, S. 571—579.
Die weiteren Teile des Aufsatzes — bis Nr. 150 vom 25. Juni — behandeln aus¬
schließlich die genannte Bauersche Schrift.
8) Ebendort S. 571 f.
4) Ebendort S. 578
IV*
LU
Einleitung
Volksschriften, welche, wie gegenwärtiges Traktätchen, dies aussprechen“,
seien „von höchster Wichtigkeit und aller Beächtung wert.“1)
Es unterliegt keinem Zweifel, daß Herzen und seinen Freunden auch
diese Broschüre — wenigstens aus Ruges Wiedergabe — wohlbekannt war.
Dafür sprechen zur Genüge Herzens Tagebuch-Auf Zeichnungen über das
gleichfalls gegen Schelling gerichtete Buch von Frauenstädt („Schellings
Vorlesungen in Berlin“, 1842). „Es gibt keine undankbarere Sache,“
schreibt Herzen, „als die Schellingsche: die taschenspielerische Anpassung
des philosophischen Gedankens an die gegebene unbewegliche, abgelebte
Anschauung. Das ist Scholastik und zugleich Lüge. Wieviel poetische Be¬
gabung und Scharfsinn wird da zur Erklärung der Mythen aufgewendet,
und dabei lassen diese Erklärungen irgendein unangenehmes Gefühl zu¬
rück: man fühlt, daß alles nachträglich bedacht ist Schellings These fet
begreiflich; begreiflich, daß seine platonische Seele durch den Anblick
der Negation, der nackten Negation, verletzt wird; wie soll man aber ver¬
stehen, daß er sich mit elenden, mystisch-philosophischen, verzerrten und
schlecht geleimten Anschauungen zufrieden gibt? Er beginnt beim Pan¬
theismus und kommt zum Judaismus, und diesen Judaismus nennt er po¬
sitive Philosophie. Je weiter er seine positive Lehre entwickelt, um so be¬
schwerlicher und peinlicher wird einem zu Mut; man fühlt, daß seine
Lösungen nichts lösen, daß alles nebelhaft, unfrei bleibt. Nach und nach
verläßt er völlig den Weg der wissenschaftlichen Form und verliert sich
ganz in exzentrischem Mystizismus, erklärt den Satan, die Wunder, die
Auferstehung, die Ausgießung des heiligen Geistes au pied de la lettre.
Man will nicht glauben, daß dies im XIX. Jahrhundert geschrieben sei; es
scheinen die Worte eines Scholastikers aus dem XIV. oder eines Theologen
aus den ersten Jahren der Reformation . .. Schelling hat dem Christentum
einen furchtbaren Schlag zugefügt; seine Philosophie hat endlich die ganze
Abgeschmacktheit des christlichen Philosophierens entlarvt, er hat durch
seinen Namen und durch seinen Streit mit Hegel das ganze gelehrte
Deutschland gezwungen, bei sich Einkehr zu halten und über seinen Fie¬
berwahn nachzudenken. Es gibt Dinge, denen Öffentlichkeit, Entlarvung,
Nachforschung den Tod bringen.“ 2)
Wenn man nun den bekannten Aufsatz Bakunins aus den Deutschen
Jahrbüchern im konkreten geschichtlichen Zusammenhang betrachtet und
sich die schnell aufeinanderfolgenden Etappen des junghegelianischen
Streits mit Schelling vergegenwärtigt, so muß festgehalten werden, daß
dieser Aufsatz 3) erst in der zweiten Hälfte des Oktober 1842, das heißt
1) Ebendort S. 579
2) A. Gercen, Soëinenija. Bd. III, S. 132f. (Dnevnik, 17. August 1843)
8) „Die Reaktion in Deutschland. Ein Fragment von einem Franzosen“. Unter
dem Pseudonym „Jules Elysard“, — in Nr. 247—251 v. 17.—21. Okt. 1842.
Einleitung
LUI
aber erst nach dem Erscheinen all der genannten Broschüren und der ihnen
gewidmeten Rugeschen Besprechungen geschrieben und veröffentlicht
worden ist In der Tat machte Bakunin seine jähe radikale Wendung erst
unter dem Eindruck des Feldzuges gegen Schelling, bei welchem übrigens
der Vertreter des hegelianischen Zentrums, Werder, der Freund von Stan-
kevië, Bakunin und vielen anderen Russen, eine nicht ganz saubere Rolle
spielte. Belinskij schreibt am 7. November 1842 über Bakunin an dessen
Bruder Nikolaj : „Ich weiß, daß er von Werder abgerückt ist, weiß, daß
er zum linken Flügel des Hegelianismus unter dem Zeichen R. [Ruge] ge¬
hört und den traurigen, bei Lebzeiten gestorbenen Romantiker Schelling
durchschaut.“ 1)
Nur in Verkennung dieser geschichtlichen Zusammenhänge hat man
den Grad der Originalität und den revolutionären Charakter des Bakunin-
schen Artikels überschätzen können. Die auffallende Ähnlichkeit im Stil
und in der Idee, die Bakunins Biograph Max Nettlau zwischen Engels’
Streitschrift wider „Schelling und die Offenbarung“ und Bakunins Aufsatz
über „Die Reaktion in Deutschland“ festgestellt hat2>, erklärt sich — so¬
weit dies Urteil nicht durch den Wunsch beeinflußt ist, in Bakunin den
Autor einer der talentvollsten Schöpfungen der junghegelianischen Lite¬
ratur zu finden — sehr einfach: Bakunins Aufsatz war ein Widerhall
fremder Gedanken, der durch den Umstand, daß man in dem Autor,
„Jules Elysard“, zu Anfang tatsächlich einen Franzosen vermutete, an
Interesse und Wirkung gewann.
X
In engem Zusammenhang mit den beiden philosophischen Pamphlets
gegen Schelling entstand das „christliche Heldengedicht“, betitelt: „Der
Triumph des Glaubens. Das ist: Schreckliche, jedoch wahrhafte
und erkleckliche Historia von dem weiland Licentiaten Bruno Bauer“.
„Einen unmittelbaren Hinweis darauf — schrieb Gustav Mayer im
Jahre 1920 —, daß Engels der Verfasser des Christlichen Heldengedich¬
tes... sei, besitzen wir bis jetzt bloß in jenem Artikel der Barmer Zeitung
vom 1. Juli 1884, dessen übrige Angaben sich freilich ausnahmslos als
richtig erwiesen haben.“ Trotzdem hielt er es für „ganz zweifellos, daß
niemand anderer als Engels der Verfasser der kecken Dichtung“ sein
könne.3)
Mir schien die Verfasserschaft weniger zweifelsfrei. Ich schrieb darüber
1923 in den Anmerkungen zu der von mir herausgegebenen ersten russi¬
schen Ausgabe der Schriften des jungen Engels wie folgt: „Meines Erach¬
0 Belinskij, Pis’ma. Bd. II, S. 317
2) Siehe oben S.XI-XII
8) Friedrich Engels, Schriften der Frühzeit ... S. IX
LIV
Einleitung
tens kann diese Dichtung nicht Engels allein zum Autor haben, wenn¬
gleich ihm gewiß der Hauptanteil an ihrer Abfassung zuzuschreiben ist.
Die bedeutende Rolle, die darin das,Ungetüm4 aus Trier, d. h. Marx, spielt,
beweist, daß der oder die Verfasser des Gedichts Marx persönlich gekannt
haben müssen. Indes absolvierte Engels seinen Militärdienst in Berlin zu
einer Zeit (1. Oktober 1841 — 30. September 1842), als Marx nicht mehr
dort war. Nach Engels’ eigenem Zeugnis schloß er übrigens erst 1842 in
Köln mit Marx persönliche Bekanntschaft. Allerdings konnte er aus Er¬
zählungen von Marxens Freunden — den Brüdern Bauer und Köppen —
viele Einzelheiten über ihn erfahren und sie in seiner Parodie verwendet
haben. Das Wahrscheinlichste dünkt uns aber, daß ihm ein Mitglied des
Berliner Kreises — wir meinen, es dürfte Edgar Bauer gewesen sein — bei
dieser Arbeit Beistand geleistet hat.“ 1)
Diese Vermutung, die zunächst nur auf den Inhalt des Gedichts selbst
gegründet war, fand ich dann später durch direkte, völlig zuverlässige An¬
gaben bestätigt, die mir 1923 noch unbekannt gewesen waren. In dem bio¬
graphisch-bibliographischen Lexikon der im Jahre 1845 in Berlin leben¬
den Schriftsteller heißt es über Edgar Bauer u. a. :
„Zugleich [nämlich im Jahre 1842] verfertigte er mit Friedrich Os¬
wald ein ,christliches Heldengedicht4, ,Die frech bedräute jedoch glorreich
befreite Bibel4, welches in Neumünster bei Heß erschienen ist.“2)
Das genannte Lexikon war auf Grund der von den befragten Schrift¬
stellern selbst ausgefüllten Fragebogen zusammengestellt Kein Zweifel,
daß hier Edgar Bauer selbst die Verfasserschaft des „christlichen Helden¬
gedichtes“ enthüllt hat
Die Angabe ging dann im nächsten Jahre in das Konversations-Lexikon
Wigands, des Verlegers der Junghegelianer, über; in diesem wird unter
dem Titel „Edgar Bauer“ gesagt:
„Bei seiner großen kritischen Tätigkeit blieb ihm noch Zeit übrig,
Novellen zu schreiben . . ., ja sogar wie es heißt, mit Oswald (Engels) ein
komisches Heldengedicht ,Die bedräute Bibel4 (1842) herauszugeben.“3)
Versuchen wir nun zunächst den Zeitpunkt festzustellen, zu welchem
dies Poem verfaßt worden ist. Da Bruno Bauers Absetzung, d. h. die Ent¬
ziehung der venia legendi, am 29. März 1842 erfolgt war4), kann das
1)K. Marks i F. Engels, Soëinenija. Tom 2: F. Engels, Stat’i i
Korrespondencii 1839—1844 g. CK. Marx und F. Engels, Werke. Bd. 2: F. Engels,
Artikel und Korrespondenzen 1839—1844.] Moskva—Leningrad 1923. S. 608
2) [W. Koner,] Gelehrtes Berlin im Jahre 1845. Verzeichnis im Jahre 1845
in Berlin lebender Schriftsteller und ihrer Werke. Berlin, Verlag von Th. Scherk,
Athenäum in Berlin, 1846. S. 15
8) Wigands Conversations-Lexikon . . . Leipzig. Bd. II, S. 81
4) Vgl. Bezold, Geschichte der Bonner Universität. Bonn 1920. S. 374 f.
— Max Lenz, Geschichte der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin. Halle
1910—1918. Bd. II/l, S. 25—38
Einleitung
LV
„Heldengedicht“, in dessen Mittelpunkt eben dieses Ereignis steht, natür¬
lich nicht vor April entstanden sein. Das heißt aber noch nicht, daß es —
wie Gustav Mayer annimmt1) — eben im April geschrieben und auch
noch im selben Monat erschienen sein muß.
Gegen diesen Zeitpunkt spricht schon der Umstand, daß in der Dich¬
tung das Pseudonym „Radge“ vorkommt, unter welchem Edgar Bauer aber
erst im Juni 1842, und zwar gerade zur Verteidigung seines Bruders, auf-
getreten ist2). Ferner wird Marx zusammen mit Rutenberg und Jung in die
Kölner Gruppe der Streiter eingereiht, woraus allein schon folgt, daß das
Gedicht nicht früher entstanden sein kann, als Marx zu einem der einflu߬
reichsten Mitarbeiter der Rheinischen Zeitung geworden war, — d. h. nicht
früher als Mai 1842. Die ersten Nachrichten über die Vereinigung der
„Freien“, deren Existenz in dem Gedicht schon als bekannt vorausgesetzt
ist, gelangten erst im Juni in die Presse. Die bekannte Berliner Korrespon¬
denz der „Königsberger Zeitung“ $, worin die Bildung des Vereins der
„Freien“ an die Öffentlichkeit gebracht wurde, trug das Datum des 12. Juni.
Somit kann das „christliche Heldengedicht“ nicht vor Mitte Juni entstan¬
den sein . Da nun Engels in seinem Brief an Ruge am 26. Juli 1842 bereits
schreibt, er habe beschlossen, „für einige Zeit aller literarischen Tätigkeit
zu entsagen“, — so meinen wir nach allem, daß die Abfassungszeit der
Satire in die Monate Juni und Juli 1842 fällt.
Sie erschien etwa ein halbes Jahr später, im Dezember 1842, in der
Schweiz bei Joh. Fr. Heß, einem kleinen Drucker in Neumünster bei Zü¬
rich, dessen sich das Züricher „Literarische Comptoir“ bei besonders ge¬
fährlichen Schriften als „Blitzableiters“4) bediente; eigentlicher Heraus¬
geber war also Julius Fröbel, der Verleger der „Anekdota“ und der
„Deutsch-Französischen Jahrbücher“. Das Erscheinungsdatum läßt sich
auf Grund der ersten Zeitungsnachrichten genauer feststellen. In Fröbels
Blatt, dem „Schweizerischen Republikaner“, erschien die Ankündigung
des Verlags am 9. Dezember.5)
!) In seiner Engels-Biographie, Bd. I, S. 84
a) Deutsche Jahrbücher, Nr. 151—154 vom 27.—30. Juni 1842. „Die Bruno
Bauersche Angelegenheit . . .“
3) Nr. 138 vom 17. Juni 1842
4) Nach einem Ausdruck von August Becker. Vgl. [Bluntschli,] Die
Kommunisten in der Schweiz nach den bei Weitling vorgefundenen Papieren . . .
Zürich 1843. S. 59. — Über Joh. Fr. Heß vgl. auch den „Schweizerischen Re¬
publikaner“, Nr. 48 und 49 vom 16. und 20. Juni 1843
5) Nr. 98, S. 404. In dem Inserat war das ganze Titelblatt der Broschüre
wiedergegeben und folgende kuriose Empfehlung hinzugefügt: „Dieses Gedicht,
dem satirisch-poetischer Wert nicht abgesprochen werden wird, hat die religiösen
und theologischen Kämpfe der neuesten Zeit und insbesondere die Absetzung Bruno
Bauers zum Gegenstände, und wird überall, wo man von den Bewegungen unserer
Tage irgend Notiz genommen hat, um so weniger ohne Interesse gelesen werden,
als in demselben fast alle in diesen Bewegungen beteiligten Notabilitäten persön¬
lich figurieren.“
LVI
Einleitung
Noch im Dezember brachte die Leipziger „Eisenbahn“ Auszüge aus
dem Poem, die uns aus den ebenfalls in Leipzig herausgegebenen „Frei¬
kugeln“ bekannt sind1). Der „Eibinger Anzeiger“, ein Blatt, dessen Spal¬
ten den Berliner Junghegelianem offen standen, berichtete am 18. Januar
1843 in einer Notiz über das „vor kurzem“ erschienene „Büchlein“, in
dem „die neuesten theologischen Wirren“ „nun auch von der Knittelvers¬
poesie ausgebeutet“ würden.2)
Die Idee der Satire stammte sicherlich von Engels, der die Waffe der
Parodie eben erst an Schelling erprobt hatte. In ähnlicher Tonart hatte
er schon früher, in einem Briefe an Wilhelm Graeber8), den Froschmäuse¬
krieg zwischen den Bremer Pietisten und Rationalisten behandelt. Das
Haupt der Bremer Pietisten, Mallet, figuriert im „Heldengedicht“ als
Führer der Bremer Gläubigenschar.
Das Werk verrät gründliche Bekanntschaft mit der intimen Geschichte
des Berliner Junghegelianismus, und zwar auch für die Periode vor dem
Herbst 1841, cL h. vor dem Zeitpunkt von Engels’ Eintreffen in Berlin.
Bruno Bauer übersiedelte von Bonn nach Berlin erst Anfang Mai 18424);
es ist darum am ehesten anzunehmen, daß Engels durch Edgar Bauer, an
den er sich im Winter 1841/42 eng anschloß, in die vergangene Geschichte
des Kreises eingeweiht worden ist. Demnach würde, wie Bruno Bauer mit
Marx, so hier Edgar Bauer mit Engels verbunden erscheinen.
In der Darstellung des „Heldengedichts“ beruft Ruge alle seine Käm¬
pen nach Bockenheim bei Frankfurt am Main, d. h. an den Sitz des Bun¬
destags, gewissermaßen um zu betonen, daß man sich für Deutschlands
Freiheit inmitten ihrer Gegner zu schlagen habe. Der ganze „Atheisten¬
trupp“ zieht hier an uns vorüber; darunter fast alle Mitglieder des Ber¬
liner Klubs, dem Marx 1838—1841 angehört hat: Köppen, Marxens
Freund, der diesem seine „Jubelschrift“ über Friedrich den Großen ge¬
widmet hatte; Mey en, Redakteur des „Athenäums“, der „schon seit
Mutterleib täglich im Voltaire liest“ ; EdgarBauer, „von außen Mo¬
demann, von innen sansculottig“ ; hinter ihm R a d g e, sein „arger Schat¬
ten 5) ; dann „der Patriot“, „von innen schmeidig-zart, von außen Sans-
culot“, — nämlich Ludwig Buhl, Herausgeber der Zeitschrift „Der
Patriot“; Bruno Bauer, „ein schmaler Bösewicht“ im grünen Rock,
1) „Freikugeln“, Leipzig. Red. M. Bauschke. Verlag des literarischen Museums.
Nr. 52 vom 30. Dezember 1842, S. 208. — Es gelang uns bisher nicht, den be¬
treffenden Jahrgang der radikalen „Eisenbahn“ ausfindig zu machen. — Auch die
„Hamburger literarischen und kritischen Blätter“ (Nr. 2220 v. 19. Dez. 1842, S. 1044,
„Miscellen“ von [Eduard Kohln) und die „Hamburger Neue Zeitung“ (Nr. 303 v.
31. Dez. 1842, S. 3) nahmen schon im Dezember vom Erscheinen des Poems Notiz.
2) Eibinger Anzeiger, Nr. 5 vom 18. Januar 1843, S. 3f.
8 ) Vom 20. November 1840. Siehe S. 561
4) Siehe Rheinische Zeitung, Nr. 128 vom 8. Mai 1842, Korr, aus Bonn, 5. Mai
5) D. i. Edgars Deckname (Anagramm)
Einleitung
LVII
mit der „Kritik der synoptischen Evangelien“ fuchtelnd ; Marx, „ein
schwarzer Kerl aus Trier“ mit rasender Seele, losgehend wie vom Teufel
besessen; Georg Jung, der „Jüngling aus Köln“, Mitbegründer der
Rheinischen Zeitung, Sohn eines Amsterdamer Patriziers; „Rtg“, d. h.
Adolf Rutenberg, den der junge Marx im Brief an seinen Vater
seinen besten Freund nannte und von dem er später so sehr enttäuscht
werden sollte. Aber in diesem Zug der Janitscharen gibt es zwei neue Käm¬
pen, die im Berliner Kreis erst auf tauchten, als Marx schon aus ihm ge¬
schieden war: das ist „O s w a 1 d, der Montagnard“, der Unversöhnliche,
„grau berockt und pfefferfarb behoset, auch innen pfefferfarb“, der nur
ein Instrument spielt — die Guillotine; und Stirner, grimmiger Feind
aller Schranken, der immer, wenn andere „à bas les rois!“ schreien, hin¬
zusetzt „à bas aussi les lois!“ Und man sieht zu dieser Versammlung auch
einen aus dem Süden sich gesellen, den Einspänner, der doch allein „ein
ganzes Heer von frechen Atheisten“ aufwiegt, der im „Fressen, Saufen
und Baden“ die „Wahrheit der Sakramente“ sieht, — LudwigFeuer-
bach.
XI
In dem „christlichen Heldengedicht“ werden die „Freien“, wie man
sieht, als einige, geschlossene Schar dargestellt, durchaus solidarisch im
Kampf gegen das feindliche Heer der Dunkelmänner, Pietisten, Theo¬
logen von allen Ecken und Enden Deutschlands.
Wir haben schon oben gesagt, daß das Poem nicht vor dem Zeitpunkt
entstanden sein kann, zu dem Marx in der Rheinischen Zeitung zu Einfluß
und Ansehen gelangt war; wir können nunmehr hinzufügen: die Schrift
muß vor Marxens Zerwürfnis mit den „Freien“ verfaßt sein ; dieser Kon¬
flikt aber hatte sich noch vor seinem Eintritt in die Redaktion, also Juli-
August 1842, angekündigt, verschärfte sich in den ersten Wochen seiner
Redaktionszeit und endete im November mit dem völligen Bruch.
Marx hielt sich noch in Trier auf, als Zeitungsmeldungen die Grün¬
dung des neuen „Vereins der Freien“ in Berlin anzeigten. Aus seinem
Schreiben vom 9. Juli 1842 an Ruge wird ersichtlich, daß er von den Ver¬
änderungen, die in dem Berliner Freundeskreis vor sich gegangen waren,
keinerlei Vorstellung hatte; er schreibt: „Wissen Sie was Näheres von den
sogenannten ,Freien4? Der Artikel in der Königsberger war mindestens
nicht diplomatisch. Ein anderes ist, seine Emanzipation erklären, was
Gewissenhaftigkeit ist, ein anderes, sich im voraus als Propaganda aus¬
schreien, was nach Renommisterei klingt und den Philister aufbringt. Und
dann, bedenken Sie diese ,Freien4, ein Meyen etc.... Es ist ein Glück,
daß Bauer in Berlin ist. Er wird wenigstens keine ,Dummheiten4 begehn
LVIII
Einleitung
lassen, und das einzige, was in dieser Sache (wenn sie wahr ist und kein
bloßer absichtlicher Zeitungsversuch) mich beunruhigt, ist die Wahr¬
scheinlichkeit, daß die Berliner Fadheit irgendwie ihre gute Sache lächer¬
lich macht und diverse ,Dummheiten4 bei dem Emst nicht entbehren kann.
Wer so lang unter diesen Leuten war wie ich, wird diese Besorgnis nicht
unbegründet finden.“ D
Die von Marx ausgesprochenen Befürchtungen bewahrheiteten sich;
nicht aber seine Hoffnungen auf Bruno Bauer, der kurz zuvor gezwungen
worden war, die gewisse Bindungen auf erlegende Professur mit dem Beruf
des „freien Schriftstellers“ zu vertauschen, und der sich nun mit besonde¬
rer Lust daranmachte, das gelehrte und literarische Publikum anzufallen.
Marx hegt also, wie der angeführte Brief bezeugt, schon im Juni 1842
einiges Mißtrauen gegen das „renommistische“ und „nicht diplomatische“,
vielmehr nur den „Philister aufbringende“ Treiben der Berliner „Freien“.
Mit wachsender Unlust betrachtet er von nun an den Charakter ihrer Bei¬
träge für die Rheinische Zeitung. Als Edgar Bauer in vier großen Artikeln
über „Das Juste-Milieu“ gegen das Repräsentativsystem zu Felde zieht,
rüstet sich Marx zu einer öffentlichen Kritik, und der Leitung der Rheini¬
schen Zeitung gegenüber spricht er sich am 25. August scharf gegen solche
provokatorische Erörterungen aus, die nur dazu angetan seien, „eine große
. . . Menge freigesinnter praktischer Männer, welche die mühsame Rolle
übernommen haben, . . . innerhalb der konstitutionellen Schranken, die
Freiheit zu erkämpfen“, vor den Kopf zu stoßen 2). Eben dieses Auftreten
gegen die Taktik der „Freien“ bildete dann einen starken Anstoß zu Mar¬
xens Berufung in die Redaktion der Rheinischen Zeitung. Während seiner
Redakteurzeit verschärft sich sein Gegensatz zu den „Freien“ — man kann
füglich annehmen — von Woche zu Woche, ja von Tag zu Tag. Er „annul¬
liert“ „haufenweise“ Artikel von „Meyen und Konsorten“ — seiner Auf¬
fassung nach „weltumwälzungsschwangre und gedankenleere Sudeleien in
saloppem Stil, mit etwas Atheismus und Kommunismus . . . versetzt“.3)
Als Marx die Redaktion antrat, befand sich Engels nicht mehr in
Berlin, aber er verließ diese Stadt — um den 10. Oktober 4) — als intimes
Mitglied der „Freien“ und als besonders naher Freund Edgar Bauers.
Auf der Reise nach Barmen stattete er der Redaktion der Rheinischen Zei¬
tung, für die er von Berlin aus seit April mehrere Artikel und Korrespon¬
denzen geschrieben hatte, einen Besuch ab. Er traf — Marx war damals
noch nicht nach Köln übergesiedelt — in der Redaktion mit Heß und
*) Siehe Band 1/2 der Gesamtausgabe, S. 278
2) Marx an Dagobert Oppenheim am 25. August 1842; Bd. 1/2 der Gesamt¬
ausgabe, S. 280
3) Marx an Ruge am 30. November 1842; Bd. 1/2, S. 285
4) Das militärische Führungsattest (siehe S. 635) wurde am 8. Oktober 1842
ausgestellt; Engels reiste wohl unmittelbar darnach aus Berlin ab.
Einleitung
LIX
Rutenberg zusammen. Heß berichtet über diese Begegnung an Berthold
Auerbach: „Wir sprachen über die Zeitfragen und er, ein Anno I Revo¬
lutionär, schied von mir als allereifrigster Kommunist“ 1)
Die Wandlung oder wenigstens Wendung, von der hier die Rede ist,
erfolgte gerade einige Tage vor dem Erscheinen des Marxschen Artikels
über den „Kommunismus und die Augsburger Allgemeine Zeitung“, wo¬
rin Marx den kommunistischen Ideen „in ihrer jetzigen Gestalt nicht ein¬
mal theoretische Wirklichkeit zuzugestehen“, noch weniger „ihre prak¬
tische Verwirklichung“ zu wünschen bereit war und eine „gründliche
Kritik“ auf Grund „lang anhaltenden und tief eingehenden Studiums“ für
nötig hielt2).
Die darauf folgenden Wochen verbrachte Engels im Eltemhause zu
Barmen ; er bereitete sich für die Übersiedlung nach England vor. Wäh¬
rend dieser Wochen verfinstert sich „der Berliner Himmel“ über der Rhei¬
nischen Zeitung und deren Redakteur Marx immer mehr. Um den 10. No¬
vember kommt es in Berlin zu einem heftigen Konflikt zwischen den
„Freien“ einerseits, Ruge und Herwegh andererseits. Der um die Mitte
November auf Wunsch der Regierung auch formell von der Redaktion
entfernte Rutenberg schreibt „in alle Welt“, daß mit seinem Fortgang
die Rheinische Zeitung eine „ander e“, d. h. transigent© Haltung gegen¬
über der Regierung einnehmen werde3). Die „Freien“ sind der Rheini¬
schen Zeitung und ihrem Redakteur Marx gegenüber äußerst mißtrauisch
geworden; um den 20. November verlangen sie von Marx, daß er über
„das neue Redaktionsprinzip“ und über sein Verhältnis zu ihnen selbst,
zu Ruge und Herwegh Rechenschaft ablege4). Der Bruch steht unmittel¬
bar bevor.
Es ist anzunehmen, daß der in Barmen weilende Engels von seinen
Berliner Freunden über diese Vorgänge brieflich auf dem laufenden ge¬
halten wurde. Insbesondere muß er — und zwar doch wohl von Edgar
Bauer — ausführlichen Bericht über die stürmische Szene erhalten haben,
die sich um den 10. November zwischen den „Freien“ und Ruge in der
Walburgschen Weinstube (Poststraße 28) abspielte. Denn er gab diese
Szene, der er nicht beiwohnte, in einer roh ausgeführten, aber doch in
den Details mit der Überlieferung aller sonstigen Quellen genau über¬
einstimmenden Handzeichnung wieder®).
1) Heß an Auerbach, Köln 19. Juni 1843. (Ungedruckt. Original im Schiller-
Archiv, Marbach)
2) Siehe Bd. 1/1 der Gesamtausgabe, S. 263
3) Vgl. Marx an Ruge, 30. November 1842; Bd. 1/2, S. 286
4) Siehe ebendort
5) Eine Analyse dieser Karikatur und die ausführlichste Darstellung der
Szene in der Walburgschen Weinstube — auf Grund aller früheren Forschungen
von Mackay, Mehring und G. Mayer — gibt Rolf Engert in der Schrift: Das
Bildnis Max Stirners. Das Bild der Freien (Neue Beiträge zur Stimerforschung.
LX
Einleitung
Noch bevor in Gestalt eines heftigen Briefwechsels zwischen Marx
und Mey en und des Rücktritts der „Freien“ von der Mitarbeit an der Rhei¬
nischen Zeitung der Bruch Ende November wirklich eintrat, besuchte
Engels, jetzt auf der Reise nach England, Ende November (etwa am 25.)
ein zweites Mal die Redaktion der Rheinischen Zeitung in Köln. Diesmal
traf er dort Marx an.
Mehr als ein halbes Jahrhundert später schrieb Engels über diese
seine erste Begegnung mit Marx: „Als ich gegen Ende November auf der
Durchreise nach England wieder [in der Redaktion der Rheinischen Zei¬
tung] vorsprach, traf ich Marx dort, und wir hatten bei der Gelegenheit
unser erstes sehr kühles Zusammentreffen. Marx war inzwischen gegen
die Bauers auf getreten, das heißt, hatte sich dagegen erklärt, daß die
Rheinische Zeitung vorwiegend ein Vehikel für theologische Pro¬
paganda, Atheismus etc., statt für politische Diskussion und Aktion werde,
und ebenso gegen den Edgar Bauerschen, auf bloßer Lust am ,am weitesten
Gehen4 beruhenden Phrasenkommunismus, der dann auch bald bei Edgar
durch andere extrem klingende Phrasen ersetzt wurde; da ich mit den
Bauers korrespondierte, galt ich für ihren Alliierten, während Marx mir
verdächtigt war von jenen.“ *)
Diese erste Begegnung verlief also „sehr kühl“. In der Tat führte
Marx gerade in diesen Tagen sein briefliches Duell mit Eduard Meyen
als dem Wortführer der „Freien“; und nur wenige Tage später rückte er
dann in die Rheinische Zeitung jene vom 25. November datierte Notiz
über „Herweghs und Ruges Verhältnis zu den Freien“2) ein, die den end¬
gültigen Bruch mit den „Freien“ herbeiführte. Wir gingen auf die Vor¬
geschichte dieser Begegnung ausführlicher ein, um deutlich zu machen,
daß einerseits der damals gerade akute Konflikt zwischen Marx und den
„Freien“, andererseits das Freundschaftsverhältnis zwischen Engels und
den „Freien“, besonders den Brüdern Bauer, vollauf hinreichte, um —
Zweites und drittes Heft. Dresden 1922). Engert zögerte noch, die Zeichnung
mit Bestimmtheit Engels zuzuschreiben. Wer aber mit Engels’ Schriftzügen ver¬
traut ist, kann über die Autorschaft nicht die geringsten Zweifel hegen. (Zur
Identifizierung der Handschrift vgl. Julius Schuster in der Festschrift: Aus
der Handschriftenabteilung der Preußischen Staatsbibliothek... Ludwig Darm¬
städter zum 75. Geburtstag dargebracht... Berlin 1922. S. 176f.) — Die Zeich¬
nung befindet sich seit 1927 im Besitze des Marx-Engels-Instituts in Moskau. Ihre
ikonographische Bedeutung ist außerordentlich groß. Von nicht weniger als sechs
der darauf abkonterfeiten Literaten sind der Forschung bis jetzt gar keine andern
Bildnisse bekannt, — nämlich von Bruno und Edgar Bauer, Ludwig Buhl, Fried¬
rich Köppen, Eduard Meyen und Max Stirner. — Wir reproduzieren die Zeich¬
nung auf Tafel VI, an der Stelle des „christlichen Heldengedichts“, wo die Per¬
sonen der gezeichneten Szene allesamt auch literarisch porträtiert sind; allerdings
hat sich die Szene in der Walburgschen Weinstube erst mehrere Monate später
abgespielt.
1) Vgl. Mehring, Geschichte der Deutschen Sozialdemokratie. Stuttgart
1898. Zweiter Teil. S. 554
2) Rheinische Zeitung, Nr. 333 vom 29. November 1842; siehe Band 1/1, S. 309
Einleitung
LXI
schon vor dem Bruch der „Freien“ mit der Zeitung — in Marx und
Engels ein gegenseitiges Mißtrauen zu erwecken und ihr erstes Zusam¬
mentreffen frostig zu gestalten. Engels’ literarische Arbeiten, die Marx
bekannt sein mußten, im besonderen seine Beiträge für die Rheinische
Zeitung, konnten dabei keine Rolle spielen : die kritischen Einwände, die
Marx gegen die Beiträge der „Freien“ erhob, konnten in keiner Weise auf
die Engelsschen Artikel zutreffen. Trotz der „sehr kühlen“ Aussprache
muß die Begegnung mit dem Versprechen Engels’ geendet haben, daß er
aus England Korrespondenzen senden werde, — denn kaum in London
angekommen, schon am 30. November, sandte er einen Beitrag, worin er
seine schon in Deutschland in „stiller Beschäftigung“ mit den englischen
Zuständen1) gewonnenen Ansichten über den krisenhaften Zustand Eng¬
lands auseinandersetzte.
XII
Engels hatte seine Mitarbeit an der Rheinischen Zeitung früher als
Marx begonnen. Während dessen erster Beitrag am 5. Mai 1842 erschien,
war der erste Artikel von Engels um fast einen Monat früher, am 12. April,
veröffentlicht worden 2)e
Da Engels aktives Mitglied des junghegelianischen Literatenkreises in
Berlin war, der an der Gründung der Rheinischen Zeitung sehr stark be¬
teiligt gewesen war und die gesamte Berliner Korrespondenz des Blattes
besorgte, so war es selbstverständlich, daß auch er seine Feder in den
Dienst des Blattes stellte. Doch war er nicht regulärer Mitarbeiter oder
Korrespondent der Zeitung in dem Sinne, wie es andere aus der Gesell¬
schaft der „Freien“ — etwa die professionellen Publizisten Buhl, Mey en
oder Edgar Bauer — waren. Was er schrieb, waren vorwiegend Feuille¬
tons und Artikel allgemeinen Inhalts, — nicht Korrespondenzberichte.
Engels’ Beiträge sind zweimal mit den Initialen seines Pseudonyms
„F. 0.“ gezeichnet3) ; die übrigen tragen an der Spitze ein Korresponden¬
tenzeichen (ein liegendes, manchmal stehendes Kreuz zwischen zwei Stern¬
chen), dessen Entzifferung dem Umstande zu danken ist, daß das Manu¬
skript eines unter diesem Zeichen erschienenen Artikels unter den Resten
der Redaktionspapiere der Rheinischen Zeitung erhalten geblieben ist4).
Gustav Mayer erklärte mit Recht, daß derlei Autoren- und Korrespon¬
dentenzeichen nicht immer zuverlässig und eindeutig sind 5) ; er behandelte
darum in seiner Engels-Biographie von den Beiträgen, die das genannte
*) Siehe in diesem Bande S. 356.3—10
2) Siehe S. 287ff. Der Artikel war zudem noch vom März datiert.
8) Siehe S. 298 und 302
4) Es handelt sich um den Artikel „Zur Kritik der Preußischen Preßgesetze“
(S. 310—317); das Manuskript befindet sich im Historischen Archiv der Stadt
Köln.
6) Vgl. Engels, Schriften der Friihzeit... S. IX
LXII
Einleitung
Zeichen tragen, nur diejenigen als von Engels geschrieben, bei denen ihm
auch aus „inneren Gründen“ die Autorschaft völlig erwiesen schien. Wir
gingen etwas weiter, indem wir von den *x* Artikeln nicht nur die auf¬
nahmen, bei denen „innere Gründe“ für die Autorschaft Engels’ spre¬
chen, sondern sämtliche, bei denen „innere Gründe“ nicht schwerwie¬
gend gegen Engels sprechen. Die von der Rheinischen Zeitung geübte
Konsequenz im Gebrauch der Chiffres, soweit sie bis jetzt von der For¬
schung enträtselt worden sind — es handelt sich um die Chiffres von
Bruno Bauer, Heß, Marx, Stimer, Ruge u. a. —, gibt keinen Anlaß zu
überkritischem Mißtrauen. So schlossen wir nur zwei *x* Artikel aus
unserer Sammlung aus: eine aus „Berlin, 25. Juni“ datierte Korrespon¬
denz über die „Teilnahme an den Verhandlungen der badischen Kam¬
mer“ 1) und ferner einen großen Artikel über „Zentralisation und Frei¬
heit“, der ohne Orts- und Zeitbestimmung im Beiblatt zu Nr. 261 der
Rheinischen Zeitung am 18. September erschienen ist.2)
Da die schadenfrohe Korrespondenz über „Das Aufhören der
kriminalistischen Zeitung‘“3) auch nach Gustav Mayers
Ansicht „wohl sicher“ 4) von Engels stammt, ist die Zahl der von Mayer
abgelehnten, von uns auf genommenen *x* Artikel nur vier. Von diesen
ist der zeitlich frühesteß) eine Polemik gegen Heinrich Leo,
der die Medizin — beiläufig auch die Jurisprudenz — durch mystisch¬
theologische Deutungen zu Nutzen der christlichen Frömmigkeit zu ex-
ploitieren versucht hatte. Diese draufgängerische Polemik ist echter
Engels. An seiner Verfasserschaft kann nicht im geringsten gezweifelt
werden. Anders mit den übrigen drei kleinen Korrespondenzen 6). Sie
sind inhaltlich wenig bedeutend und auch stilistisch farblos. Nichts
spricht gegen Engels, für ihn aber auch nur das Korrespondenzzeichen.
Die übrigen Berliner Beiträge, die Engels der Rheinischen Zeitung
gesandt hat, seien nun noch mit einigen Worten gestreift.
In dem ersten Artikel — über „N ord- und Süddeutschen
Liberalismus“7) — rühmt Engels die entschiedene Konsequenz, die
O Erschienen in Nr. 176 vom 25. Juni 1842
2) Wir werden beide Artikel in dem geplanten Ergänzungsband abdrucken, bei
welcher Gelegenheit wir auch auf die Frage der Verfasserschaft ausführlich ein-
gehen werden.
8) Datiert „Berlin, 25. Juni“; erschienen am 30. Juni 1842. Siehe S. 308f.
4) A. a. O. S. 116.
6) Datiert „Von der Hasenheide, im Mai“; erschienen am 10. Juni 1842. Siehe
S. 303—305
•) S. 306f.: „Die Freisinnigkeit der Spenerschen Zeitung“ (datiert: „Berlin,
22. Juni“, erschienen am 26. Juni) ; ferner zwei in der Nr. 241 vom 29. August
unter dem Strich hintereinander erschienene kleine Notizen, von denen die erste
„Berlin. 19. August“ datiert ist. Siehe S. 318f.
7) Datiert: „Berlin, im März“. Rheinische Zeitung, Nr. 102 vom 12. April
1842. Siehe S. 287—289
Einleitung
LXIII
Bestimmtheit der Forderungen, den welthistorischen Weitblick, wodurch
der norddeutsche Liberalismus sich vor dem süddeutschen aus¬
zeichne. Bekanntlich war Ende September 1841, also kurz vor
Engels’ Ankunft in Berlin, dem berühmten Führer der badischen
Opposition und Mitherausgeber des „Staatslexikons“ Karl Welcker in
Berlin ein Ständchen gebracht worden. Bei einem Festessen, das bei dieser
Gelegenheit veranstaltet worden war, hatten die Berliner Junghegelianer
ihre kritische Haltung gegenüber dem zurückgebliebenen, abgelebten süd¬
deutschen Liberalismus demonstrativ zum Ausdruck gebracht; Bruno
Bauer hatte in seinem Trinkspruch die Staatsauffassung Hegels gepriesen,
die durch Kühnheit und Entschiedenheit die der süddeutschen Liberalen
weit überrage. Und diese kritische Meinung über den süddeutschen Libe¬
ralismus teilte damals auch Engels, der ja eben erst mit den Vertretern
des jungen norddeutschen Liberalismus — mit den liberalen und radi¬
kalen Hegelianern — und ebenso mit Anhängern des ostpreußischen Libe¬
ralismus, ja wahrscheinlich mit Johann Jacoby selbst, Bekanntschaft ge¬
schlossen hatte. Der Vergleich, den er dann in der Rheinischen Zeitung
zwischen dem norddeutschen und dem süddeutschen Liberalismus an¬
stellte, fiel durchaus zugunsten des ersteren aus. In Börne, dessen Bedeu¬
tung überschwänglich hervorzuheben er auch hier nicht versäumte, sah
er den Vorläufer und Propheten des norddeutschen Liberalismus. Wäh¬
rend die Bewegung des Südens allmählich einschlummere, bringe der
Norden einen Stab von energischen Politikern und Publizisten hervor,
wie ihn der Süden in seiner schönsten Blütezeit nicht gehabt habe. Die
„Herrschaft über Deutschland“ könne dem norddeutschen Liberalismus
nicht mehr abgestritten werden.
In dem Artikel „R h e i n i s c h e F e s t e“ O unternimmt Engels — er
hatte sich in jungen Jahren nicht nur an poetische Produktionen, sondern
auch an musikalische Kompositionen gemacht 2> — den interessanten Ver¬
such, aus den „klimatischen und sozialen Verhältnissen“ Deutschlands,
vor allem der Rheinlande, den Primat der Musik zu erklären.
Die zwei unter dem Titel „Tagebuch eines Hospitanten“"
erschienenen Feuilleton-Artikel sind mit den Initialen F. 0. gezeichnet
Sie schildern das Leben an der Berliner Universität und sind biographisch
recht wichtig. Der erste Artikel handelt von Marheinekes am 2. Mai ge¬
haltener erster Vorlesung über die Bedeutung der Hegelschen Philoso¬
phie in der Theologie4) und schließt sich eng an die philosophischen
*) Datiert „Berlin, den 6. Mai“, erschienen am 14. Mai 1842; siehe S. 293ff..
2) Vgl. die Briefe an seine Schwester Marie, S. 576—579, auch S. 612
8) Sie erschienen am 10. Mai und am 24. Mai 1842. Siehe S. 290—292, 296
—298
4) Vgl. Rheinische Zeitung, Nr. 128 vom 8. Mai 1842, Korr. „Berlin, 2. Mai“
(aus der Leipziger Allgemeinen Zeitung)
LXIV
Einleitung
Pamphlets an, die Engels zur „Ehrenrettung der gekränkten Manen
Hegels“1) gegen Schelling gerichtet hatte. Das Feuilleton erschien fast
gleichzeitig mit Marheinekes Separatvotum über die Entsetzung Bruno
Bauers2). Im zweiten Tagebuchblatt des Hospitanten — über v. Henning
— ist außer dem polemischen Seitenhieb gegen die historische Rechts¬
schule, die so gern von „historischer, organischer, naturgemäßer Ent¬
wicklung“ rede, die hier zum erstenmal ausgesprochene Überzeugung be¬
merkenswert, daß Preußen „mit Hintansetzung aller Rücksichten rein den
Eingebungen der Vernunft folgen“ und daher „wie kein anderer Staat
von den Erfahrungen seiner Nachbarn lernen“ könne3).
Die „Glossen und Randzeichnungen zu Texten aus
unserer Zeit“4) sind den öffentlichen Vorlesungen gewidmet, die der
bekannte demokratische Publizist und Freund Jacobys, Ludwig Wales¬
rode, in Königsberg gehalten hatte. In dessen Stil und Auffassungsweise
findet Engels große Verwandtschaft mit Börne; er rügt bei dieser Ge¬
legenheit zum erstenmal die „Erschlaffung“ und das „fruchtlose Streben“
des Jungen Deutschland6).
Der Artikel „Zur Kritik der Preußischen Preßge-
setze“8) ist zuerst von Prof. Joseph Hansen, dem Entdecker des Manu¬
skripts, als Engelssche Arbeit festgestellt worden. Er interessiert nicht
nur wegen seines besonderen Gegenstands, sondern fordert geradezu einen
Vergleich mit dem entsprechenden Marxschen Artikel heraus: es kann
so schon an einem sehr frühen Beispiel der Unterschied in der Behand¬
lung eines und desselben Themas durch Marx und durch Engels deutlich
gemacht werden. Zur Illustrierung seiner kritischen Analyse behandelt
Engels ausführlich den Prozeß gegen Johann Jacoby wegen der „Vier Fra¬
gen“; über den Stand dieses Prozesses hatte Jacoby soeben in einer in
der Schweiz gedruckten Broschüre der Öffentlichkeit Bericht vorgelegt7).
Mit diesem Beitrag schließt etwa für ein halbes Jahr Engels’ regel¬
mäßige Mitarbeit an der Rheinischen Zeitung.
XIII
Fast gleichzeitig mit dem zur Verteidigung des intransigent liberalen
Königsberger Publizisten geschriebenen Artikel brachte Ruge in den Deut-
i) Siehe S. 290f.
2) Über den Zeitpunkt, an dem das Separatvotum erschien, vgl. Rheinische
Zeitung Nr. 134 vom 14. Mai 1842, Korr. „Berlin, 9. Mai“ (aus der „Düsseldorfer
Zeitung“).
3) Siehe S. 298
4) Gezeichnet F. 0., erschienen am 25. Mai 1842. Siehe S. 299—302
6) Siehe S. 301f.
6) Datiert „Berlin, im Juni“, erschienen am 14. Juli 1842. Siehe S. 310—317
7) Dr. Jacoby, Meine weitere Verteidigung wider die gegen mich erhobene
Beschuldigung der Majestätsbeleidigung und des frechen, unehrerbietigen Tadels
der Landesgesetze. Zürich und Winterthur 1842
Einleitung
LXV
sehen Jahrbüchern einen Aufsatz von Engels, der gegen einen gemäßigt
liberalen Königsberger Schriftsteller, gegen den Herausgeber des „Kö¬
nigsberger Literaturblattes“, Alexander Jung, gerichtet war. Der Aufsatz
— betitelt „Alexander Jung, Vorlesungen über die mo-
derne Literatur der Deutschen“1) — entstand in der ersten
Hälfte des Juni 18422 ) ; am 15. Juni sandte ihn Engels an Ruge mit einem
Begleitbrief, der erhalten geblieben ist: es ist der wiederholt angeführte
Brief, in dem sich Engels als Verfasser des „Traktätchens“ über Schel¬
ling bekennt. Erschienen ist der Aufsatz in den Nummern vom 7. bis
9. Juli 1842. Die Überschrift führt zwar nur ein einziges Werk an — die
erwähnten, 1842 in Danzig publizierten „Vorlesungen“ —, tatsächlich
aber wird fast die gesamte literarisch-kritische Tätigkeit Jungs mit einer
vehementen Kritik attackiert, die seine Exkommunizierung aus der Ge¬
meinschaft der Entschiednen und „Freien“ motivieren soll.
Engels, der innerhalb zweier Jahre eine überaus rasche Entwicklung
durchgemacht und die Schule des Jungen Deutschland als bedeutende
Phase seiner geistigen Entwicklung passiert hat, übt hier zugleich eine
gewisse Selbstkritik, wie er es dann einige Jahre später in der nicht min¬
der scharfen Kritik des „wahren Sozialismus“ tut.
Auch jetzt will er Börne nicht nur von solchen Repräsentanten des
Jungen Deutschland wie Mundt, Kühne, Laube, sondern auch von Gutz¬
kow und Wienbarg gesondert wissen. Gegen Heine, der 1840 sein bitter¬
böses Pamphlet gegen Börne veröffentlicht hatte, kann er nicht genug
scharfe Worte finden. Später besserten sich dann seine Beziehungen zu
dem Dichter, was jedoch nicht nur dem Marxschen Einfluß zuzuschreiben
war, sondern auch einer mit Heine selbst vorgegangenen Wandlung: noch
im Jahre 1843 schlug sich dieser — nicht zuletzt unter der Einwirkung
von Marx — entschiedener als je auf die Seite der radikalen Opposition,
er schrieb zu dieser Zeit seine besten politischen Gedichte.
Engels beschränkt sich nun aber nicht allein auf die Kritik von Jungs
literatur-kritischem Wirken, er analysiert auch seine philosophischen
Ansichten und greift speziell seine versöhnliche Haltung gegenüber der
Offenbarungsphilosophie des alten Schelling an. Der Engelssche Aufsatz
bildet insofern den Abschluß der mannigfachen literarischen Arbeiten,
mit denen der junge Engels gegen Schellings Wirken in Berlin, gegen die
„Todeserklärung Hegels“3) und gegen die Herabwürdigung der klassi¬
schen deutschen Philosophie zur Dienstmagd der Theologie hervor¬
getreten ist.
i) Siehe S. 323—335
2) Die letzte der in dem Aufsatz behandelten Nummern des „Literaturblatts“
war am 8. Juni erschienen; vgl. S. 335 und die dazu gehörigen Zitatennachweise
am Schlüsse dieses Bandes.
8) Vgl. S. 173
Marx-Engels-Gesamtausgabe, I. Abt., Bd. 2. V
LXVI
Einleitung
Alexander Jung veröffentlichte übrigens im „Königsberger Literatur¬
blatt“ 1) eine in überlegenem Ton geschriebene, ironisch sein sollende Er¬
widerung, in der er auf den Inhalt der von Engels vorgebrachten Kritik
jedoch gar nicht einging2). Wenn Engels über Jungs Erwiderung
äußerte8): „ich behaupte, sie ist das Beste, was er bis jetzt geschrieben
hat“, so war dies in keinem anderen als in einem ironischen Sinne gemeint.
In diesem Brief —wir haben schon früher davon gesprochen — mel¬
dete Engels auch seinen „Entschluß“ an, „für einige Zeit aller literari¬
schen Tätigkeit zu entsagen und dafür desto mehr zu studieren“. Lange
hielt es ihn allerdings nicht beim bloßen Studieren. Die Zeiten waren
nicht darnach. Spätestens Anfang November nahm er die literarische
Fehde wieder auf, und zwar mit einem größeren Artikel über „Fried¬
rich Wilhelm IV., König von Preußen“4). Der Artikel er¬
schien in dem von Georg Herwegh herausgegebenen Sammelband „Ein¬
undzwanzig Bogen aus der Schweiz“0), im Verlag des von Julius Fröbel
geleiteten „Literarischen Comptoirs Zürich und Winterthur“.
Die in diesem Band vereinigten Aufsätze und Gedichte waren ur¬
sprünglich für die ersten Hefte der von Herwegh geplanten Monatsschrift
„Der deutsche Bote aus der Schweiz“ bestimmt. Die Monatsschrift sollte
eine im Plan und in der Redaktion radikal veränderte Fortsetzung des
gleichnamigen, seit Anfang 1842 in Zürich wöchentlich zweimal erschei¬
nenden Blattes von Karl Fröbel sein; aber noch bevor der Plan ins Werk
gesetzt werden konnte, verbot die preußische Regierung Ende November
die Einfuhr des „Boten“ nach Preußen. Damit war der ursprüngliche
Plan zunichte gemacht. Statt der Monatsschrift gelang es dann nach
vielerlei Plagen und Schwierigkeiten, auf die hier einzugehen nicht nötig
ist6), den Sammelband „Einundzwanzig Bogen“ herauszubringen; er er¬
schien erst Mitte Juli 1843.
Er brachte auch das von Engels verfaßte Charakterbild Friedrich Wil¬
helms IV. ; es war mit den Initialen F. 0. gezeichnet. Die Entstehungszeit
des Aufsatzes ist nicht ganz leicht zu fixieren. Eingangs spricht Engels
i) Nr. 42 vom 20. Juli 1842, S. 329 ff.
2) Jungs Erwiderung trug den Titel: „Ein Bonbon für den kleinen Oswald,
meinen Gegner in den deutschen Jahrbüchern“, und hetzte einen einzigen Witz zu
Tode: daß nämlich dieser Gegner ein kleines Kind sei, ein Schulknabe, der
komische Anstrengungen mache, als Erwachsener zu erscheinen. Nicht minder kin¬
disch sei auch die Schrift über „Schelling und die Offenbarung“ gewesen, als deren
Verfasser sich „der Kleine“ nun zu erkennen gegeben habe.
8) Engels an Ruge, 26. Juli 1842. Siehe S. 632
4) Siehe S. 339—346
6) Einundzwanzig Bogen aus der Schweiz. Herausgegeben von Georg Her¬
wegh. Erster Teil. Zürich und Winterthur, Verlag des Literarischen Comptoirs, 1843
6) Aus der umfangreichen Literatur vgl. z. B. Victor Fleury, Le poète Geor¬
ges Herwegh. Paris 1911. p. 79—112. — Werner Näf, Das Literarische Comptoir
Zürich und Winterthur. (Neujahrsblätter der Literarischen Gesellschaft Bern.
N. F. H. 7.) Bern 1929
Einleitung
LXVII
von den „beiden Jahren“ der Regierung des Königs; nähme man dies
wörtlich genau, so müßte der Aufsatz im Juni 1842 geschrieben worden
sein, und ursprünglich schien uns dieses Datum ganz annehmbar1). Eine
genauere Prüfung führt jedoch zu einem andern Ergebnis.
Der Plan, aus dem bis dahin fast ausschließlich auf Schweizer Inter¬
essen zu geschnittenen „Deutschen Boten“ eine große politische Monats¬
schrift zu machen, war frühestens Ende August 1842 entstanden. Im
„Boten“ selbst war die bevorstehende „Veränderung des Plans und der
Redaktion“ zuerst am 17. September angekündigt worden. Herwegh hatte
seine ersten Werbebriefe — an Prutz, an Feuerbach — Anfang Septem¬
ber2) geschrieben. Der Engelssche Aufsatz konnte demnach frühestens
im September verfaßt werden. Für ein noch späteres Datum spricht aber
ein anderes Moment, nämlich die Stelle des Aufsatzes, wo es heißt, daß
in Preußen „seit der angeblich freieren Bewegung der Presse“, d. h. „seit
einem Jahre“, das preußische Volk einen großen Aufschwung genom¬
men habe3). Das würde — buchstäblich genommen — etwa auf die Jah¬
reswende 1842/43 hinweisen; die bekannte, vom 24. Dezember 1841 da¬
tierte Zensurinstruktion, die eine mildere Handhabung der Zensur ver¬
fügte, war am 14. Januar 1842 publiziert worden. Es gibt aber einen
direkten Beweis dafür, daß der Aufsatz spätestens um die Mitte November
entstanden ist: Herwegh erwähnt ihn noch vor seinem Weggang von Ber¬
lin — am 24. November4) — in einem undatierten Briefe an Fröbel6).
Der Aufsatz ist also zwischen Mitte September und Mitte November
1842 niedergeschrieben worden. Eine der Hauptstützen des Herwegh-
schen Unternehmens war Moses Heß, der Verfasser der bedeutsamsten
Beiträge des Sammelbandes, — Herwegh hatte diese übrigens gleichfalls
schon vor dem 24. November in Händen; die Annahme liegt nahe, daß
es eben Moses Heß war, der Engels bei Gelegenheit ihrer Kölner Begeg¬
nung um die Oktobermitte6) zur Mitarbeit am „Deutschen Boten“ auf-
forderte. Die Abfassungszeit des Aufsatzes fiele demnach in jene Wochen,
die Engels vor seiner Übersiedlung nach England im Elternhaus in Bar¬
men verbrachte.
Da die Herweghsche Zeitschrift für die Verbreitung in Deutschland
und vor allem in Preußen berechnet war, mußten die Autoren bestrebt
sein, allzu schroffe Wendungen und Urteile zu vermeiden. So ist denn
auch dem Engelsschen Aufsatz eine gewisse Mäßigung des Tons anzuspü-
In der 1929 erschienenen russischen Ausgabe dieses Bandes datierten wir
den Aufsatz vom Juni—Juli 1842.
2) Vgl. Fleury, 1. c. p. 85
8) Siehe S. 345
4) Vgl. Fleury, p. 102
6) Vgl. W.Näf, S. 82 Fußn.
«) Siehe oben S. LVIII—LIX
V*
LXVIII
Einleitung
reu. Wo Engels das System Friedrich Wilhelms IV. als das ausgeführte
System der Romantik darstellt, nimmt er den Gedanken des D. Fr. Strauß-
schen Pamphlets „Der Romantiker auf dem Thron der Caesaren“ vorweg,
worin der Autor des „Lebens Jesu“ den preußischen König in Gestalt Ju¬
lians des Abtrünnigen vorführt. Engels zieht eine andere historische Paral¬
lele — mit Ludwig XVI. ; doch unterläßt er mit Rücksicht auf die Zen¬
surverhältnisse eine breitere Entwicklung dieses Gedankens. Er hat ihn
dann später, in den Aufsätzen über die „Revolution und Konterrevolu¬
tion in Deutschland“, ausgeführt, zu einer Zeit, als eine offenere Charak¬
teristik des preußischen Königs gegeben werden konnte.
Trotz des gemäßigten Tons führt Engels die eingangs versprochene
„rücksichtslose“ Beurteilung in re durch: zum Schlüsse resümiert er seine
Analyse dahin, daß die Lage Preußens viel Ähnlichkeit habe mit der
Lage Frankreichs vor der Revolution.
XIV
Preußen — Deutschland — geht einer baldigen bürgerlichen Revolution
entgegen: in dieser Erkenntnis resümiert sich zuletzt die fast vierjährige
publizistische Schriftstellerei des jungen Engels, unmittelbar bevor er
den Boden Deutschlands auf anderthalb Jahre mit dem Englands ver¬
tauscht.
England steht am Vorabend einer gewaltsamen sozialen Revolution:
dies der leitende Gedanke, der sämtliche publizistischen Arbeiten be¬
herrscht, die er in England und über England schreibt; dies gilt schon
von der ersten Korrespondenz, die er einige Tage nach der Ankunft in
London an die Rheinische Zeitung sendet.
Engels betrat den Boden von England kurz nach dem Zurückgehen
der letzten Wellen jener mächtigen Streikbewegung, die im August 1842
fast über das ganze industrielle England hinweggegangen war. Hervor¬
gerufen durch die herausfordernde Taktik der Bourgeoisie, hatte sich die
Bewegung unter dem Einfluß der Chartisten in einen politischen Massen¬
streik verwandelt. Es war dies zugleich auch der erste Versuch, den „hei¬
ligen Monat“ zur Erkämpfung der Volkscharte zu verwirklichen. Schon
gegen Ende desselben Jahres mußten sich die Chartisten ihre Niederlage
eingestehen. O’Connor und seine Genossen wurden verhaftet, doch bald
wieder freigelassen, noch ehe es zur Gerichtsverhandlung kam (sie fand
erst ein Jahr später statt). Für einige Zeit waren die Chartisten gezwun¬
gen, ihre Tätigkeit auf Propaganda und Agitation zu beschränken.
Die Schlappe des Chartismus leitete ein Wiederaufleben der Gewerk¬
schaftsbewegung ein, sie belebte ebenso auch wieder die owenistische
Richtung, die einen neuen Vorstoß zur Gewinnung der Massen unternahm:
Einleitung
LXIX
wenn früher Owen und seine Schüler ihre Werbearbeit auf die Eroberung
der Trade Unions gerichtet hatten, so verstärkten sie jetzt die Propaganda
zugunsten der Genossenschaften.
„Ist in England eine Revolution möglich oder gar wahrscheinlich?“
Mit dieser Frage beginnt Engels seine Korrespondenzen für die Rhei¬
nische Zeitung. Die erste, noch in London geschrieben und vom 30. No¬
vember 1842 datiert, erschien am 9. und 10. Dezember. Die zweite, eben¬
falls noch aus London, trug das Datum des 3. Dezember und erschien
einen Tag vor der ersten. Die übrigen, bereits „aus Lancashire“, d. h.
aus Manchester eingesandt, wurden in den Nummern vom 24., 25. und
27. Dezember 1842 abgedruckt1).
Schon der erste dieser Beiträge erklärt jede andere als eine soziale
Revolution in England für unmöglich. Der zweite legt dar, daß die Mit¬
telklasse nur zu den Whigs oder zu den Tories, keineswegs zu den Char¬
tisten stoßen könne. In der dritten Korrespondenz versucht Engels zwi¬
schen den englischen und den deutschen Parteien eine Parallele zu ziehen,
indem er die Tories mit der Partei des „Politischen Wochenblatts“ und
der historischen Rechtsschule vergleicht. Er zeigt zugleich den Wesens¬
unterschied zwischen den von den Whigs geführten englischen Mittel¬
klassen und dem Mittelstand in Deutschland, zu welchem die Handwerker
und Bauern gehören. Die dritte, die radikal-demokratische Partei, stütze
sich auf die Arbeiterklasse, sei aber erst in der Bildung begriffen. Deutsch¬
land habe im Gegensatz zu England keine so zahlreiche Klasse von Fabrik¬
arbeitern aufzuweisen. Darauf folgt eine Charakteristik der „Übergangs¬
nuancen“, zu welchen Engels die künftigen Peel-Anhänger und die
Gruppe um Cobden und Bright, die Freihändler und Gegner der Kom-
gesetze, rechnet. Seine weiteren Perspektiven für die kommenden parla¬
mentarischen Kombinationen haben sich später im allgemeinen bewahr¬
heitet. Die beiden letzten Berichte behandeln die Haltung der Arbeiter¬
klasse im Kampfe gegen die Komgesetze. Engels’ Versprechen, die Tätig¬
keit der Anti-Corn-Law-League darzustellen, blieb unerfüllt.
Die letzte dieser Korrespondenzen für die Rheinische Zeitung ist vom
22. Dezember datiert. Warum stellte Engels seine Beiträge für das Blatt,
das doch noch bis Ende März erschien, so plötzlich ein? Möglich, daß die
um die Jahreswende 1842/43 eingetretene Verschärfung der preußischen
Zensur und das bald — am 21. Januar — ausgesprochene Verbot der
Rheinischen Zeitung die Ursache war. Wahrscheinlicher ist jedoch, daß
das Aufhören der Engelsschen Beiträge mit dem inzwischen erfolgten
endgültigen Bruch zwischen den „Freien“ und1 der Rheinischen Zeitung im
Zusammenhänge steht. Wie wir oben2) schon gesagt haben, war zu dem
i) Siehe S. 351—364
2) S.LX-LXI
LXX
Einleitung
Zeitpunkt, als Engels bei seinem zweiten Besuch in der Redaktion des
Blattes mit Marx seine erste „sehr kühle“ Begegnung hatte, das Verhältnis
zwischen den „Freien“ und dem Blatte zwar schon sehr gespannt, ein
Bruch aber noch nicht erfolgt; dieser wurde erst Tatsache, als Marx am
29. November 1842 die bekannte Notiz über „Herweghs und Ruges Ver¬
hältnis zu den Freien“ abdruckte1). Die „Freien“ sprachen nun den Boy¬
kott über die Rheinische Zeitung aus2). Es kann nun angenommen wer¬
den, daß Engels von seinen Berliner Freunden — und zwar wohl von
Edgar Bauer — über den Bruch informiert, ja vielleicht sogar direkt auf-
gefordert worden ist, seine Tätigkeit für die Rheinische Zeitung einzu¬
stellen, und daß Engels sich dann in der Tat mit den „Freien“ solidari¬
siert hat.
Nach dem Aufhören der Rheinischen Zeitung und der Deutschen Jahr¬
bücher gab es in Deutschland selbst kein einziges Organ mehr, das
Engels’ Freunden zur Verfügung gestanden hätte. Ruge und Marx waren
erst dabei, den Plan einer neuen Zeitschrift auszuarbeiten, und es verging
noch mancher Monat, bis dieser Plan Wirklichkeit gewann. In der Zwi¬
schenzeit blieb als das einzige, schon zum Sozialismus hinneigende Organ
der „Schweizerische Republikaner“ in Zürich; Redakteur
dieses Blattes war Julius Fröbel, derselbe, der als Leiter des „Literari¬
schen Comptoirs“ auch Ruges „Anekdota“ und Herweghs „Einund¬
zwanzig Bogen aus der Schweiz“ verlegte. An den „Schweizerischen Re¬
publikaner“ sandte Engels im Mai und Juni 1843 insgesamt vier Korre¬
spondenzen3), die, obwohl bestimmt aus Manchester geschrieben, von der
Redaktion als „B r i e f e aus London“ abgedruckt wurden.
Im Zeitraum seit seiner letzten Korrespondenz für die Rheinische Zei¬
tung hatte Engels bedeutende Fortschritte gemacht. Man merkt, daß er
inzwischen Zeit gefunden hatte, die Hauptwerke der englischen politischen
Literatur kennen zu lernen und sich gründlich an das Studium der poli¬
tischen Ökonomie zu machen. Auch war er mit einigen führenden So¬
zialisten und Chartisten persönlich bekannt geworden. Die „Briefe aus
London“ enthalten wohl manche starke Übertreibung, doch geben sie von
dem geistigen und materiellen Leben der englischen Arbeiter bereits ein
Bild, aus dem Engels dann später manchen charakteristischen Zug und
manche Tatsache in sein Buch über die „Lage der arbeitenden Klasse in
England“ übernehmen konnte.
Engels’ Mitarbeit am „Schweizerischen Republikaner“ fand dann ein
jähes Ende. Weitlings Verhaftung in Zürich und die Panik, von der die
Ü Siehe Bd. 1/1 der Gesamtausgabe, S. 309
2) Im Laufe des Monats Dezember verschwanden, von zwei oder drei Ausnah¬
men abgesehen, sämtliche alten Chiffres aus den Berliner Korrespondenzen, um
ganz neuen Zeichen Platz zu machen.
3) Siehe S. 365—376
Einleitung
LXXI
Züricher Bourgeois ergriffen wurden, wirkten sich auch auf die Geschicke
des „Schweizerischen Republikaners“ aus, zumal da dessen Mitarbeiter
Bakunin und der Redakteur Fröbel selbst in die Weitlingsche Affäre ver¬
wickelt waren. Fröbel mußte die Leitung der Zeitschrift auf geben.
XV
Aus Herweghs Briefwechsel ist bekannt, daß Engels im September
1843 auf den Kontinent heriiberkam und in Ostende mit Herwegh, übri¬
gens auch mit dem Historiker Gervinus zusammentraf1), der ihm seine
Ideen über die Begründung der deutschen Einheit unter der Hegemonie
eines konstitutionellen Preußen auseinandersetzte2). Von Herwegh konnte
er über die von Marx und Ruge geplanten Deutsch-Französischen Jahr¬
bücher näheres erfahren, ebenso manches über die neuen Stimmungen
unter seinen alten Freunden hören. Bald begann er denn auch für die
Deutsch-Französischen Jahrbücher zu schreiben.
Von wem er zur Mitarbeit auf gefordert worden ist, läßt sich nicht
mit völliger Bestimmtheit feststellen. Vielleicht von Herwegh, der ja da¬
mals mit Fröbel und Ruge aufs engste verbunden war. Aber auch Ruge
kannte, wie wir wissen, Engels’ Leistungen und Fähigkeiten und wußte ihn
genügend zu schätzen, um ihn von sich aus um Mitarbeit anzugehen. Die
geringste Wahrscheinlichkeit scheint uns dafür zu sprechen, daß diese
Aufforderung von Marx gekommen sei3). Engels’ spätere Angabe, daß er
und Marx „seit der gemeinsamen Arbeit an den Deutsch-Französischen
Jahrbüchern in Briefwechsel getreten“ seienspricht nicht für diese An¬
nahme, noch weniger Marxens Bericht, wonach er mit Engels „seit dem
Erscheinen“ der „Umrisse“ in den Deutsch-Französischen Jahrbüchern
„einen steten schriftlichen Ideenaustausch unterhielt“5). Wie dem immer
sei, der Gang der Dinge fügte es, daß die bedeutendsten Aufsätze der
neuen Zeitschrift von den beiden künftigen Freunden geschrieben wur¬
den. Die Engelsschen Beiträge erregten allgemeine Aufmerksamkeit. Wer
den Autor noch von den „Oswald“-Artikeln her kannte, dem mußte so¬
1) Vgl. „1848. Briefe von und an Herwegh.“ Hg. v. Marcel Herwegh. Mün¬
chen 1896. S. 88
2) Vgl. Engels, Gewalt und Ökonomie bei der Herstellung des neuen Deut¬
schen Reiches. Zuerst abgedruckt in der Neuen Zeit, Jg. 14, Bd. 1 (1895/96), S. 710
Fußn. — Acht Jahre später, als Engels in dem vom September 1851 datierten dritten
Artikel der für The New York Tribune verfaßten Aufsatzreihe auf den Plan der
„Gothaer“ zur „kleindeutschen“ Lösung der Nationalfrage zu sprechen kam, be¬
zeichnete er Gervinus als den Erfinder dieses Planes; sicherlich hatte er dabei
auch die genannte Unterredung in Ostende in Erinnerung.
3) Wie Gustav Mayer in seiner Engels-Biographie (Bd. I, S. 157) meint.
4) Siehe Engels’ Artikel im Handwörterbuch der Staatswissenschaften. Bd. VI,
Jena 1892. S. 1130 ff.
5) Marx, Zur Kritik der politischen Ökonomie, im Vorwort (1859)
LXXII
Einleitung
gleich der gewaltige Unterschied auffallen, der zwischen seinen Arbeiten
von 1842 und von 1844 bestand. Ein interessantes Zeugnis dafür wird von
G. Mayer aus dem Jacoby-Archiv angeführt: „Engels hat an sich selbst
ein wahres Wunder vollbracht — so schreibt der Berliner Arzt Dr. Julius
Waldeck an Johann Jacoby —, wenn man die Gereiftheit und Männlich¬
keit seiner Gedanken und seines Stils gegen sein vorjähriges Wesen hält.“1 )
In beiden Aufsätzen erscheinen in der Tat zum erstenmal die Ergeb¬
nisse, die Engels aus dem eindringlichen Studium des Lebens und Trei¬
bens der großen industriellen Zentren Englands gewonnen hatte.
Die „Umrisse zu einer Kritik der Nationalökono¬
mie“2) hat Marx im Vorwort zur „Kritik der politischen Ökonomie“
eine „geniale Skizze zur Kritik der ökonomischen Kategorien“ genannt.
Hauptsächlich auf Proudhon, Fourier und Owen gestützt, manche Ge¬
dankengänge aber konsequent weiter entwickelnd, zeigte Engels in selb¬
ständiger Darstellung schon jetzt, wie fruchtbar in der politischen Öko¬
nomie die Anwendung der Hegelschen Dialektik auf die Tatsachen der
Gesellschaft sei. Zuweilen beschränkt er sich allerdings auf bloße
ethische Urteile und auf den Nachweis des Widerspruchs zwischen Ideal
und Wirklichkeit, statt die inneren Widersprüche dieser Wirklichkeit
selbst und damit die Dialektik der bürgerlichen Gesellschaftsverhältnisse
zu enthüllen. Es kann aber kein Zweifel daran bestehen, daß Engels mit
dieser ökonomischen Untersuchung auf Marx anregend eingewirkt, dem
theoretischen Denken dessen, der kurz darauf sein Freund für immer
werden sollte, einen bedeutsamen Anstoß gegeben hat.
Aus diesem Grunde ist die Bedeutung des Aufsatzes für die Ent¬
stehungsgeschichte des Marxismus außerordentlich groß; daran ändert
A) G. Mayer, Friedrich Engels in seiner Frühzeit... S. 181. — Von Interesse
ist auch eine Äußerung Friedrich Hebbels über die Deutsch-Französischen Jahr¬
bücher und speziell über die Engelsschen Aufsätze; er schreibt in einem Brief vom
2. April 1844 aus Paris: Diese Jahrbücher enthalten „zwei ausgezeichnete Aufsätze
von einem Preußen, Friedrich Engels in Manchester; die Lage Englands,
tmd Kritik der National-Ökonomie, wovon namentlich der letztere die
ungeheure Unsittlichkeit, worauf aller Handel der Welt basiert ist, bloß legt. Für
mein letztes Drama: „zu irgend einer Zeit“ hatte ich mir, nebst anderen
Konsequenzen, die mit der Zeit aus der jetzigen Weltlage hervorgehen, auch die
notiert, daß, so wie jetzt die Kindes-Mörderinnen bestraft werden, sie dann
eine Belohnung erhalten und daß Staatsanstalten existieren müßten, worin die
Kinder der Pauperisten getötet würden. Es steht in meiner Schreibtafel. Zu
meinem größten Erstaunen lernte ich nun aus dem Engelsschen Aufsatz über Na¬
tional-Ökonomie, daß der berühmte National-Ökonom M a 11 h u s dies schon wirk¬
lich in Vorschlag gebracht, meine Phantasie also zur Nachhinkerin seines Verstan¬
des gemacht hat. Es war mir lieb, denn ich sehe doch daraus, daß ich unser jetzi¬
ges soziales Prinzip richtig gefaßt habe.“ (Fr. Hebbel, Sämtliche Briefe. Histo¬
risch-kritische Ausgabe von R. M. Werner. Bd. III, S. 73 f.) Schon Oncken hat
1921, in einem Aufsatz über G. Mayers Engels-Biographie, auf die zitierte Hebbel-
sche Äußerung hingewiesen. (H. Oncken, Friedrich Engels und die Anfänge
des deutschen Kommunismus. Historische Zeitschrift, Bd. 123, S. 239ff.)
2) Siehe S. 379—404
Einleitung
LXXIII
nicht das geringste die Tatsache, daß später, im Jahre 1871, Engels selbst
— in einem Briefe an Liebknecht — von dem Aufsatz erklärt hat, er sei
seinem theoretischen Inhalt nach „ganz veraltet und voller Un¬
richtigkeiten“1). Liebknecht wollte damals die „Umrisse“ im Zentral¬
organ der Partei, im Leipziger „Volksstaat“, wieder abdrucken; Engels
meinte aber: „das Ding... hat nur noch Wert als historisches Akten¬
stück“; es im Parteiorgan abzudrucken, „geht absolut nicht“, schon
wegen der „Hegelschen Manier“, die „absolut nicht mehr paßt“, vor
allem aber wegen der vielen „Unrichtigkeiten, die die Leute nur konfus
machen würden“. Sicherlich hatte er dabei vor allem jene These im
Auge, wonach „der Arbeit nur das Allemotdürftigste, die nackten Sub¬
sistenzmittel zufallen“2), also die erst von Marx im „Kapital“ richtig¬
gestellte Auffassung, die unter dem Namen des „ehernen Lohngesetzes“
in dem Streit zwischen den Lassalleanem und den Eisenachern eine so
große Rolle gespielt hat8). Trotz dieser und vieler anderer veralteten
und unrichtigen Ausführungen bleibt der Aufsatz eine „geniale Skizze“;
er verwies Marx unmittelbar auf die politische Ökonomie; er machte
Epoche in der Genesis der marxistischen Lehre.
Der andere Engelssche Beitrag für die Deutsch-Französischen Jahr¬
bücher, der Aufsatz über „D i e Lag e Englands“4), ist, wie aus den
ersten Zeilen ersichtlich6), schon im Jahre 1844 geschrieben. Da die
„Jahrbücher“ Ende Februar schon unter der Presse waren, so kommt
für die Abfassungszeit dieses Aufsatzes nur der Januar in Betracht. Car¬
lyles sozialpolitische Pamphlets mit ihrer bitteren Kritik an den Zuständen
Englands machten auf Engels starken Eindruck; schon in den „Um¬
rissen“ finden sich — in der Beurteilung Malthus’ — Anklänge an Car-
lylesche Ideen. Noch in dem späteren Werk über die „Lage der arbei¬
tenden Klasse in England“ fühlt man Carlyles Einfluß. Nach der Revo¬
lution von 1848, als sich Carlyle in einen Durchschnitts-Konservativen
und Apologeten des „geheiligten Despotismus“ verwandelt hatte, wird
dann Engels’ und Marxens Verhalten zu ihm durchaus negativ.
In der Kritik der geschichtsphilosophischen Ansichten Carlyles, die
im letzten Teil des Aufsatzes gegeben wird, lehnt sich Engels noch an
Bruno Bauer und insbesondere an Feuerbach an. Man weiß, welch be¬
geisterter „Feuerbachianer“ Engels nach dem Erscheinen des „Wesens des
Christentums“ geworden war. Als das A und 0 der Philosophie gilt ihm
*) Dieser — undatierte — Brief ist wahrscheinlich Anfang April 1871 geschrie¬
ben. (Unterstreichung von Engels.)
2) Siehe S. 401
3) Vgl. Engels’ Anmerkung aus dem Jahre 1884 zu der deutschen Ausgabe von
Marxens Werk „Misère de la Philosophie“. (In der Dietzschen Ausgabe S. 24)
4) Siehe S. 405—431
5) Carlyles Buch „Past and Present“4 wird dort unter die „im vergangenen
Jahr“ erschienenen Schriften gerechnet (S. 405).
LXXIV
Einleitung
zwischen 1843 und 1845 das anthropologische Prinzip.1) Die hohe Ein¬
schätzung Goethes zeigt Engels in diesem Punkt schon von dem Böme-
schen Einfluß befreit Die Kritik des Carlyleschen Heroenkultus, der
Carlyleschen Scheidung der Menschen in Schafe und Böcke, bereitet
schon die kommende Kritik an Bruno Bauers späterer Lehre vom „Hel¬
den“ und von der „Masse“ vor.
Engels schließt diesen Aufsatz mit dem Versprechen, in den folgenden
Heften der Zeitschrift „genauer auf die Lage Englands und ihren Kem,
die Lage der arbeitenden Klasse“, einzugehen, weil nämlich die Verhält¬
nisse dieses Landes „von der unermeßlichsten Bedeutung für die Ge¬
schichte und für alle andern Länder“ seien.2) Er führte dies Vorhaben
in der Tat aus, — allerdings nicht in den Deutsch-Französischen Jahr¬
büchern, die mit ihrem ersten Doppelheft zu erscheinen aufhörten. Zum
„Kern“ der Frage kam er erst in seinem großen Werke vom Jahre 1845.
Aber schon vordem schrieb er eingehende Studien über die „Lage Eng¬
lands“, die er in einem seit Anfang 1844 in Paris erscheinenden deut¬
schen Blatt, im „Vorwärts“, publizierte. Da sie jedoch frühestens im
Juni 1844 geschrieben und mehrere Monate später, im September und
Oktober 1844, erschienen sind, gehören diese Beiträge für den Pariser
„Vorwärts“ nicht mehr in den vorliegenden Band, der, ganz entsprechend
dem Plane des ersten Bandes unserer Gesamtausgabe, durch die Periode
der Deutsch-Französischen Jahrbücher und den unmittelbar darauf fol¬
genden Ideenaustausch zwischen Marx und Engels begrenzt sein soll.
XVI
In den vorliegenden Band gehören dagegen noch einige Artikel, die
Engels — zum Teil noch vor der Zeit des Aufsatzes über Carlyle — für
ein englisches sozialistisches Blatt schrieb. Bis zum Herbst 1843 hatte
er sich schon so eng mit den englischen Sozialisten befreundet, daß er
sie über die Erfolge des Sozialismus und Kommunismus auf dem Kon¬
tinent unterrichten zu müssen glaubte. Er tat dies im Zentralorgan der
Owenisten, „The New Moral Worl d“, zu dem er, wahrscheinlich
durch John Watts, Beziehungen angeknüpft hatte. Das noch im Jahr 1834
begründete Blatt hatte, die alte Bezeichnung als Hauptnamen weiterfüh¬
rend, zur Unterstreichung der neuen Richtung einen zusätzlichen Titel an¬
genommen und nannte sich seit Juli 1839 „The New Moral World, or
Gazette of the Universal Comunity Society or Rational Religionisits“, seit
Juli 1842 „The New Moral World and Gazette of the Rational Society“.
1) Ein Vergleich der Engelsschen Anschauungen mit denen von Éernyèev«
s k i j , der bis ans Ende seiner Tage in seinem Enthusiasmus für Feuerbach ver¬
harrte, wäre sehr interessant und aufschlußreich.
2) Siehe S. 431
Einleitung
LXXV
Engels’ Mitarbeit dauert insgesamt vom November 1843 bis zum Mai
1845. Es handelt sich aber um drei verschiedene Perioden dieser Mit¬
arbeit. In diesen Band gehören nur die vier Artikel der ersten Periode,
deren frühester am 4. November 1843 und deren letzter am 3. Februar
1844 erschienen ist.
Der Aufsatz „Progress of Social Reform on the Con¬
tinent“ („I. France“)1) erschien am 4. November 1843. Gleich in
den ersten Sätzen überrascht die hohe Zahl der Kommunisten, die Engels
für Frankreich annimmt. Es ist dies eine jener Übertreibungen, denen wir
auch in Engels’ Briefen aus England begegnen. Den Unterschied zwischen
Frankreich, England und Deutschland als Ländern, die sich jedes auf
seinem besonderen Weg ein und derselben, für alle unausweichlichen so¬
zialen Revolution nähern, hatte schon früher Moses Heß behandelt, der
ebenfalls die Notwendigkeit eines Bündnisses zwischen den drei Nationen
unterstrich.
Schon in diesem Artikel — früher als Marx — bekennt sich Engels
als entschiedenen Kommunisten, dem eine radikale Revolution, die das
Privateigentum beseitigen werde, notwendig und unausweichlich scheint
Der Kommunismus folgt ihm nicht aus irgendwelchen Voraussetzungen,
die dieser oder jener Nation, z. B der englischen, eigentümlich wären,
sondern ist das notwendige Resultat aus allen durch die moderne Zivili¬
sation geschaffenen Bedingungen. Er betrachtet also die kommunistischen
Bewegungen in den einzelnen Ländern als voneinander unabhängig sich
entwickelnde nationale Bewegungen, deren gemeinsame Grundlage inter-
naionalen Wesens ist Er betont die Notwendigkeit der gegenseitigen in¬
ternationalen Fühlungnahme, aber ohne daß er schon dem Gedanken der
gemeinsamen, internationalen Aktion Ausdruck gäbe.
Engels beginnt die Darstellung des „Progress of Social Reform on
the Continent“ mit der Geschichte des Sozialismus in Frankreich, weil
ihm dieses Land dazu berufen scheint, alle politischen Entwicklungs¬
formen zu durchschreiten, bevor es zu demselben Endergebnis gelange,
zu dem schließlich auf verschiedenen Wegen alle Nationen kommen mü߬
ten : zum Kommunismus.
In der Kritik der Demokratie ist in der Form des Protests gegen jede
Art von Staatswesen noch ein anarchistisches Element spürbar. Kenn¬
zeichnend ist die Gegenüberstellung Napoleon-Babeuf. Leider wird die
„rohe und oberflächliche Art“ des babouvistischen Kommunismus — den
Engels als dem englischen Leser bekannt voraussetzt — nicht näher unter¬
sucht. Den Saint-Simonismus betrachtet Engels als eine vom sozialen
Schauplatz bereits „verschwundene“ Lehre. Einige Vertreter des Jungen
i) Siehe S. 435 ff.
LXXVI
Einleitung
Deutschland, besonders Gutzkow, und später Heß, hatten ihm wohl ge¬
wisse Elemente aus dieser Lehre vermittelt, aber schon stößt ihn der
saint-simonistische „Mystizismus“ ab, dem er als einer „sozialen Poesie“
die ernste, wissenschaftliche „soziale Philosophie“ Fouriers entgegenhält.
Die alten Sympathien für seinen Lehrer verrät er auch hier wieder, wo
er Börnes Kritik an dem saint-simonistischen Distributionsprinzip an¬
führt. Bei Fourier hebt er dieselben Grundsätze hervor, die viele Jahre
später Cernysevskij gegen Mill vorgebracht, — dieselben, die Engels
selbst späterhin in der Kritik der bürgerlichen politischen Ökonomie an¬
geführt hat Engels kennt bereits die „Travailleurs égalitaires“ und
andere babouvistische Geheimgesellschaften aus der Epoche der Juli¬
monarchie. Er erwähnt auch die Organisation Blanquis, ohne dessen Na¬
men zu nennen. Das begeisterte Lob, das er Proudhon erteilt, weist auf
eine andere Quelle der in den „Umrissen“ enthaltenen Kritik am Privat¬
eigentum und an den Folgen der freien Konkurrenz hin.
Die Fortsetzung des Artikels: „G e r m a n y a n d S w i t zer 1 a n d“1),
in The New Moral World am 18. November 1843 unter besonderem Titel
erschienen, ist für die Geschichte des deutschen Kommunismus von außer¬
ordentlicher Bedeutung. Sie bezeichnet den Höhepunkt, den die Entwick¬
lung des deutschen Kommunismus vor Marxens Auftreten in den Deutsch-
Französischen Jahrbüchern erreicht hat,und macht es darum allein mög¬
lich, das Neue zu bestimmen, das Marx in die Bewegung gebracht hat.
Engels zieht zwischen dem Kommunismus der Arbeiterklasse und dem
philosophischen Kommunismus der revolutionären Intelligenz einen
scharfen Trennungsstrich, — wenigstens behandelt er die beiden Bewe¬
gungen voneinander völlig getrennt, ohne auch nur mit einem Worte die
Möglichkeit oder Notwendigkeit ihrer Verschmelzung anzudeuten. Er
erkennt zwar schon die Verdienste Weitlings, den er den „Begründer des
deutschen Kommunismus“ nennt, schreibt aber der Weitlingschen Bewe¬
gung, die wegen des Fehlens einer hoch entwickelten Industrie in Deutsch¬
land ihre Anhänger nur unter den Handwerksgesellen rekrutieren kann,
offenbar keine große Bedeutung zu. Überdies betrachtet er das Bestreben,
den Kommunismus mit dem Christentum zu verbinden — ein Punkt, den
er ebenso an Cabet rügt —, als eine theoretische Unzulänglichkeit der
Weitlingschen Lehre.
Sehr eingehend untersucht Engels die geschichtlichen Wurzeln des
philosophischen Kommunismus. Dieser stellt sich ihm als logische Folge
der philosophischen Entwicklung in Deutschland dar, die von Kant über
Fichte und Schelling zu Hegel geführt hat. Er spricht weiter von der Spal¬
tung der Hegelschen Schule, die, durch David Friedrich Strauß’ „Leben
0 Siehe S. 443 ff.
Einleitung
LXXVII
Jesu“ hervorgerufen, zu heftigen Attacken der „christlichen“ gegen die
„neuen Hegelianer“ das Signal gegeben hat. Er betont die theoretische
Verzagtheit der Junghegelianer. Auf seine eigene Schrift gegen „Schel¬
ling und die Offenbarung“ anspielend, fügt er hinzu: erst im Vorjahre
habe er, „Autor dieser Zeilen“, in einem Pamphlet den — gegen die Jung¬
hegelianer erhobenen — Vorwurf des Atheismus als begründet dargestellt.
Des weiteren skizziert Engels die Bewegung von 1842. Das „political
paper“, von dem er spricht, vorerst ohne es beim Namen zu nennen, ist die
Rheinische Zeitung; die Pamphlets, mit denen die Junghegelianer das
Land „überschwemmt“ haben, sind uns schon bekannt. Die Angabe, daß
im Herbst 1842 einige Vertreter der atheistischen und republikanischen
Partei mit der Erklärung auf getreten seien, bloße politische Reformen
genügten nicht mehr und nur eine soziale Revolution mit der Beseiti¬
gung des Privateigentums sei die ihren abstrakten Grundthesen einzig
entsprechende Ordnung, — bezieht sich vor allem auf Heß, der ver¬
mittelst einiger seiner Artikel den Kommunismus in die Rheinische Zei¬
tung „eingeschwärzt“ hatte1). Wie wenig jedoch 1843 der „philoso¬
phische Kommunismus“ noch entwickelt war, geht schon daraus hervor,
daß Engels neben Heß, dem „first communist of the party“, auch Arnold
Ruge unter die Kommunisten rechnet. Außer diesen beiden wird aus dem
Kreis der zu Kommunisten gewordenen Junghegelianer namentlich noch
Marx und Herwegh erwähnt. Alle Genannten waren damals direkt be¬
teiligt an der Vorbereitung der „neuen Zeitschrift“, von der Engels am
Schlüsse des Artikels spricht2); die Deutsch-Französischen Jahrbücher
sollten also nach Engels’ Meinung ein kommunistisches Kampf organ, ein
Organ der kommunistischen Propaganda werden.
Dem Heßschen Einflüsse ist auch die in Engels’ Artikel so deutlich
ausgesprochene Illusion zuzuschreiben, daß in keinem Lande unter den
gebildeten Ständen für die Schaffung einer kommunistischen Partei mehr
Aussicht bestehe als gerade in Deutschland. Engels’ Argumentation er¬
innert hier verblüffend an die wohlbekannte Apologie der russischen In¬
telligenz, die auch ihre „eigene Statur“ besitzen wollte.
Im Gefühl seiner philosophischen Überlegenheit über die englischen
Sozialisten gibt Engels gleichwohl zu, daß in allen Fragen der Praxis und
des gesellschaftlichen Wirkens die englischen Sozialisten den deutschen
voraus seien, letztere daher bei ihren englischen Kameraden noch manches
zu lernen hätten.
9 So Heß’ eigener Ausdruck; vgl. seinen Aufsatz „Über die sozialistische Be¬
wegung in Deutschland“ in den Neuen Anekdota, hg. v. Karl Grün. Darmstadt
1845. S. 188ff. (Wiederabdruck: Moses Heß, Sozialistische Aufsätze. Hg. v.
Th. Zlocisti. Berlin 1921. S. 103ff.)
2) Siehe S. 449
LXXVIII
Einleitung
Als The New Moral World ganz unerwartet einen Artikel der Times
über den deutschen Kommunismus abdruckt, wendet sich Engels unver¬
züglich mit einem — am 20. Januar 1844 veröffentlichten — Brief an die
Redaktion („The ,Times6 on German Communism“) 1>, worin
er dem Korrespondenten der Times wohl ganz richtig eine ganze Reihe
von Fehlern nach weist, aber an seinen übertriebenen Angaben über die
Stärke der kommunistischen Bewegung in Frankreich festhält. Seine
Äußerung, er sei mit aktiven Teilnehmern des Maiaufstands von 1839
persönlich bekannt, zwingt zu der Annahme, daß er schon damals mit
Schapper, Bauer und Moll, den Führern des 1840 gegründeten Londoner
kommunistischen ArbeiterinIdungs-Vereins bekannt geworden ist. Vier
Jahrzehnte später berichtet Engels darüber: „Ich lernte sie alle drei
[Schapper, Bauer und Moll] 1843 in London kennen; es waren die ersten
revolutionären Proletarier, die ich sah; und soweit auch im Einzelnen
damals unsre Ansichten auseinandergingen — denn ich trug ihrem bor¬
nierten Gleichheitskommunismus damals noch ein gut Stück ebenso bor¬
nierten philosophischen Hochmuts entgegen — so werde ich doch nie den
imponierenden Eindruck vergessen, den diese drei wirklichen Männer auf
mich machten, der ich damals eben erst ein Mann werden wollte.66 2)
In der Tat, in dem November-Artikel haben wir den „philosophischen
Kommunismus66 dem „Gleichheitskommunismus66 mit Schärfe, ja „Hoch¬
mut66 entgegengestellt gesehen.
Einen in seiner Korespondenz vom 13. Januar enthaltenen Irrtum in
bezug auf den Abbé Constant berichtigte Engels in einem besonderen
Schreiben vom 28. Januar 1844, das am 3. Februar unter dem Titel
„French Communis m“ 3> in New Moral World erschien. Es ergibt
sich daraus — und dies ist bemerkenswert —, daß Engels mit dem damals
weit berühmten, zu jener Zeit noch revolutionären und kommunistischen
Prediger und Propagandisten Goodwyn Barmby persönlich bekannt ge¬
wesen ist. Barmby hatte 1840 mehrere Monate in Paris geweilt; er konnte
also Engels tatsächlich auf Grund eigener Kenntnis über die kommuni¬
stische Bewegung in Paris informiert haben.
Gleichzeitig mit der genannten Berichtigung sandte Engels eine kleine
Korrespondenz über einige neuere Vorgänge in der kommunistischen
Bewegung des Kontinents; sie wurde am gleichen Tage unter dem Titel
„Continental Movements“4) abgedruckt.
Siehe S 450 ff. Der Brief ist (wie aus S. 454 6 ersichtlich) am 13. Januar
geschrieben.
2) Engels in der (aus London, 8. Oktober 1885 datierten) Einleitung zu Karl
Marx, Enthüllungen über den Kommunisten-Prozeß zu Köln. Hottingen-Zürich,
1885. S. 4. — In der Mehringschen Ausgabe (Berlin 1914) S. 31
3) Siehe S. 454
4) Siehe S. 455
Einleitung
LXXIX
Das hier ausgesprochene wohlwollende Urteil über Suei’s „Mystères
de Paris“ hat Engels unter dem Einflüsse von Marx dann sehr bald ge¬
ändert. Durchaus richtig ist vermerkt, daß im Jahre 1843 in der deutschen
Presse ein Interesse für die Schicksale der Besitzlosen zu erwachen begann.
Zum Schlüsse erwähnt Engels wiederum — wie im November — die
Deutsch-Französischen Jahrbücher, die neue Zeitschrift von Dr. Ruge
und Dr. Marx, die eine „radikale gesellschaftliche Reform befürworten“
werde; der — bekanntlich fehlgeschlagene — Plan, in diesen Jahrbüchern
Beiträge von französischen und deutschen Autoren zu vereinigen, wird
registriert, ohne daß der Gedanke einer internationalen sozialistischen
Aktion besonders betont würde.
Das nächste halbe Jahr verwandte Engels vor allem zu Studien und
Beobachtungen über die „Lage Englands und ihren Kern, die Lage der
arbeitenden Klasse“1), aus denen zunächst die erwähnten Beiträge für den
Pariser „Vorwärts“, später das große Werk über das englische Proletariat
hervorgingen. Während dieser Zeit schrieb er für The New Moral World
nichts. Sein nächster Beitrag darin erschien erst zu Anfang Oktober 1844:
eine kleine Korrespondenz, die er schon aus Barmen sandte, nachdem er
kurz vorher auf der Heimreise aus England zehn Tage in Paris verbracht
und seinen Anteil für die „Heilige Familie“ fertiggestellt hatte, — für
das erste literarische Erzeugnis der eben geschlossenen Arbeitsgemein¬
schaft mit Karl Marx.
XVII
Im zweiten Teil unseres Bandes bringen wir Handschrift¬
liches, BriefeundDokument e.2) Wir haben den Inhalt dieses
Teils schon oben skizziert; wir haben insbesondere im Zusammenhang
mit der Entstehungsgeschichte der Jung-Engelsschen Schriften auf die
Briefsammlung mehrfach hingewiesen.
Von diesen Briefen war durchaus der größte Teil schon publiziert3)
und der Forschung bekannt. Herr Emil Engels in Engelskirchen, in
dessen Besitz sich heute der größte Teil der Briefe und Handschriften be¬
findet, erlaubte uns freundlich, die Originale photographisch aufzuneh¬
men; auch an dieser Stelle sei dafür unser Dank ausgesprochen; des¬
gleichen gebührt unser Dank der Familie Mittelstenscheid in
Barmen, die uns den vollständigen Abdruck der Briefe an die Schwester
Marie4) ermöglichte.
O Vgl. S. 431
2) S. 457—635
8) Vgl. das Verzeichnis der ersten Wiederabdrucke, bzw. Erstveröffentlichungen,
S.66H.
4) Gustav Mayer hatte im Jahre 1920 nur 13 von diesen 29 Briefen veröffentlicht.
LXXX
Einleitung
Die beiden großen Briefreihen tragen in bedeutendem Maße dazu bei,
den äußeren Lebensgang des jungen Engels, die Entstehungsgeschichte
seiner frühen Schriften, die geistige Entwicklung seiner Frühzeit zu er¬
hellen. Die Briefe an die Freunde machen insbesondere den Prozeß an¬
schaulich, in dessen Verlauf sich Engels von der pietistischen Weltan¬
schauung, von der Überlieferung seines elterlichen Hauses befreite. Die
vielen kritischen und poetischen Versuche, die in die Briefe an die Freunde
wie an die Schwester eingeflochten sind, können als nicht unwesentliche
Ergänzung zu den gedruckten Arbeiten aus derselben Periode genommen
werden.
Früheren Datums sind die wenigen literarischen Arbeiten, die sich
handschriftlich im Engelskirchener Familienarchiv erhalten haben. Am
umfangreichsten ist die schon genannte „Seeräubergeschichte“1),
die noch während der Schulzeit, wohl im letzten Schuljahre — also etwa
Anfang 1837 — entstanden sein muß. Gustav Mayer schloß diese litera¬
risch bedeutungslose, jeder persönlichen Note entbehrende Skizze aus
seiner Auswahl-Ausgabe — den „Schriften der Frühzeit“ — mit Recht
aus; in einer Gesamtausgabe durfte sie jedoch nicht fehlen, um so weniger,
als sie immerhin die philhellenische Begeisterung des achtzehnjährigen
Gymnasiasten dokumentiert und darum biographisch von Interesse ist.
Auch wir verzichten jedoch auf den Abdruck eines erhalten gebliebe¬
nen Schulheftes, in dem Engels die Vorträge seines Geschichtslehrers
Clausen, dieses „tüchtigsten Mannes in der ganzen Schule“2), über alte
Geschichte „von Erschaffung der Welt bis auf den Peloponnesischen Krieg
4000—401“ sehr sorgfältig ausgearbeitet hat; auf die Wiedergabe der
zahlreichen darin enthaltenen Pläne und Zeichnungen meinten wir gleich¬
falls verzichten zu dürfen; ohnehin werden durch die Zeichnungen in den
Briefen — wir reproduzierten sie restlos — ferner durch das Bild der
„Freien“ die zeichnerischen Künste des jungen Engels genügend charak¬
terisiert Die interessanteste von den Zeichnungen des Schulhefts ist ein
Bild der „colossalen Sphinx bei Cairo“, — die Sphinx trägt unverkenn¬
bar die Gesichtszüge des jungen Engels.3)
Im handschriftlichen Nachlaß von Marx und Engels — und zwar in
dem bis Ende 1924 bei Eduard Bernstein aufbewahrten Teil — fand sich
inmitten der Manuskripte der „Deutschen Ideologie“ noch ein Studien¬
heft, das aus der von diesem Bande umfaßten Periode, nämlich aus der
Berliner Militärzeit stammt und betitelt ist: „Studien zur Kritik
der Evangelien“. Es enthält sehr gedrängte, häufig nur stichwort¬
artige Auszüge aus dem Mitte Juli 1841 erschienenen ersten Band von
1) Siehe S. 465 ff.
2) Vgl. S. 36
8) Vgl. Tafel X
Einleitung
LXXXI
Bruno Bauers „Kritik der evangelischen Geschichte der Synoptiker“ ; ver¬
hältnismäßig am ausführlichsten ist die „Beilage“ über „Die messiani¬
schen Erwartungen der Juden zur Zeit Jesu“ D exzerpiert. Die Auszüge aus
dem ersten Bande der „Synoptiker“ füllen die ersten sieben Seiten des
Heftes; danach fehlen 1—2 Blätter, die übrigen 17 beschriebenen Seiten
enthalten Notizen, Stichworte, Zitate, Bibel- und Literaturhinweise in
außerordentlich gedrängter Form. Bei näherem Zusehen ergibt sich, daß
es sich um die Geschichte und Auslegung des „Buches der Offenbarung“
handelt. Daß Engels sich im Jahre 1841 — also zu einer Zeit, als in
Deutschland die Phase der „Kritik der Religion“ noch nicht abgeschlossen
war — mit Bibelstudien, mit der Kritik der neutestamentlichen Bücher
beschäftigte, ist gar nicht überraschend. Er bewahrte sein ganzes Leben
lang sein Interesse für dieses Thema, das um 1840 eine so eminente Rolle
in dem Kampf der Weltanschauungen spielte. Ein Artikel über „The
book of Revelation“, von Engels im Jahre 1883 für die englische Frei¬
denker-Zeitschrift „Progress“ geschrieben, erlaubt uns, die Herkunft des
Studienheftes zweifelsfrei festzustellen. Der Artikel hat nämlich in allem
Wesentlichen jene alten Notizen zur Grundlage; die Quelle seiner Spezial¬
kenntnisse gibt Engels hier in folgenden Worten an: „Professor Ferdinand
Benary, to whose course of lectures in Berlin University, in 1841, I am
indebted for what follows, has proved, chapter and verse, whence our
author [der Verfasser des Buches der Offenbarung] borrowed every one
of his pretended visions.“2) In den „Studien zur Kritik der Evangelien“
haben wir also entweder ein Kollegheft vor uns, das Engels nach den
Vorlesungen des liberalen Hegelianers Ferdinand Benary niedergeschrie¬
ben hat, oder aber Notizen, möglicherweise das Konzept zu einem Vor¬
trag, den er über das Buch der Offenbarung, oder allgemeiner über die
Entstehung des Christentums, in Benarys Seminar gehalten haben würde.
Etwa ein Jahr vor seinem Tode beschäftigte sich dann Engels noch
einmal mit der Geschichte des Urchristentums. In einem in der Neuen
Zeit publizierten größeren Aufsatz verwertet er unter anderem auch den
genannten englischen Artikel aus dem Jahre 1883; er mag dabei wohl auch
das alte Studienheft wieder zur Hand gehabt haben. Auf die Entdeckung
Ferdinand Benarys beruft er sich auch hier, — aber ohne auf dessen Vor¬
lesungen vom Jahre 1841 hinzuweisen3).
Da das Heft mit den „Studien zur Kritik der Evangelien“ insgesamt
nur Exzerpte, bibliographische Hinweise, Notizen usw. enthält, da es
zudem ohne die vollständige Wiedergabe der vielen von Engels heran-
i) Bei Bauer, Bd. I, S. 391—416
a) The Progress. London 1883. Vol. 2 (July—December), p. 114
8) Vgl. Engels, Zur Geschichte des Urchristentums. Die Neue Zeit. Jg. 13
(1894/95), Bd. 1, S. 4—13, 36—43. Über Benary S. 40 und 41
Marx-Engels-Gesamtausgabe, I. Abt., Bd. 2. VI
LXXXII
Einleitung
gezogenen, aber nur bibliographisch bezeichneten Stellen ganz unver¬
ständlich wäre, so entschlossen wir uns, von einem Abdruck in diesem
ohnehin schon stark angeschwollenen Bande abzusehen; wir werden das
Heft in einem besonderen Ergänzungsbande bringen oder als Beilage zu
jenem Bande, in dem die beiden Engelsschen Aufsätze über die Ent¬
stehung des Christentums ihren Platz finden werden.
*
Ich habe schließlich noch die Namen der an der Herausgabe dieses
Bandes beteiligten Mitarbeiter des Marx-Engels-Instituts zu nennen. Bei
der Vorbereitung des Bandes war mir die Mitarbeit von E. C z ô b e 1 von
Wert. Die mit der Textgestaltung verknüpften Arbeiten wurden in der
Hauptsache von Frau A. Bernfeld-Schmückle und K. Nix¬
dorff ausgeführt, die gemeinsam mit Frau V. Kropp-Löffler
zugleich den Titel- und Zitatennachweis und das Namenregister zusam¬
menstellten. Dabei leistete K. Schmückle dauernden Beistand. Bei
der Textherstellung wirkte F. P. Schiller mit. Unser Berliner Korre¬
spondent B. Nikolaj evskij war auch diesmal, wie beim ersten
Bande der Gesamtausgabe, unermüdlich im Sammeln von Angaben aller
Art; die erwähnte systematische Durchsicht der deutschen Zeitschriften
aus den Jahren 1838—1842 wurde von ihm vorgenommen. Von den Mit¬
arbeitern, die bei der Kontrolle des Textes und bei den sonst notwendigen
Arbeiten der verschiedensten Art mitwirkten, seien genannt Frau G. G. L.
Alexander, Frau N. Drösemeier, R. Fox, H. Huppert,
H. Jaeger, Frau A. Koppel, Frau B. Waldheim, P. Weller.
D. Rjazanov
ERSTER TEIL:
DIE GEDRUCKTEN SCHRIFTEN
Bremen 1838—1841
ZERSTREUTE GEDICHTE
1838—1841
Die Beduinen 7—8
Geschrieben in der ersten Septemberhälfte 1838
An die Feinde 9
Geschrieben im Februar 1839
AndenStadtboten 10
Geschrieben im April 1839
[Die Erfindung der Buchdruckerkunst] . . . 11—16
Nachtfahrt 17-18
Die Beduinen
[Bremisches Conversationsblatt. 16. Sept. 1838.
Nr. 40, p. 257]
Die Glocke tönet, und empor
5 Der seid’ne Vorhang rauscht alsbald,
Aufmerksam lauschet jedes Ohr
Jedwedem Wort, das dort erschallt.
Doch heut ist’s nicht der Kotzebue,
Dem sonst ihr schallend Lachen zollt,
10 Heut tritt nicht Schiller ernst hervor,
Ausgießend seiner Worte Gold.
Der Wüste Söhne, stolz und frei,
Sie treten still zu euch heran;
Der edle Stolz — er ist vorbei,
15 Die Freiheit — sie ist abgetan.
Da springen sie für Geld herum, —
Der Knab’, so in der Wüste sprang
In Jugendlust; doch alle stumm,
Nur einer singt ’nen Klaggesang.
20 Man wundert sich ob ihrer Kraft.
Ja, wie man sonst dem Kotzebue
Geklatscht, wenn er sein Krämchen schafft,
So klatschet ihnen jetzt man zu. —
Ihr Wüstensöhne, flink und stark,
25 Ihr zogt wohl sonst im Mittagsstrahl
Hin durch Marokkos sand’ge Mark,
Und durch das milde Datteltal!
Ihr streiftet durch die Gärten hin
Des Landes Biled ul Dscherid,
30 Zum Raube stand der mut’ge Sinn,
Zum Kampfe ging der Rosse Schritt!
Ihr saßet wohl im Mondenglanz
Am Palmenquell im dürren Land,
Und holder Märchen bunten Kranz
35 Flocht euch ein schöner Mund gewandt.
Bremen 1838—1841.
Zerstreute Gedichte
Ihr schlummertet im engen Zelt
Im Arm der Liebe träumevoll.
Bis Morgenlicht den Himmel hellt,
Und der Kamele Brüllen scholl.
Jetzt springet ihr für Geld herum — 5
Nicht der Natur urkräft’ger Drang —
Das Aug’ erloschen, alle stumm,
Nur einer singt ’nen Klaggesang.
An die Feinde
5
10
15
20
25
[Der Stadtbote. Bremen, 24. Febr. 1839, Nr. 41)]
Könnt Ihr nie ein treues, redlich Streben,
Nie ein gutgemeintes Wort
Lassen sich auf seine Art erheben,
Und im Stillen wirken fort?
Freilich, wer es will, der kann verdrehen
Jedes Wort mit leichter Müh’,
0, Ihr könnt im Guten Schlechtes sehen,
Schlecht macht Ihr das Gute aber nie!
Meint Ihr selber Vorteil draus zu ziehen,
Wenn Ihr And’rer Wort und Werk’
Zieht herab! Nein! Ehre wird Euch fliehen,
Schafft Ihr sie Euch nicht durch eig’ne Stärk’!
Wollt Ihr steigen, müßt Ihr selbst ja handeln,
Selber schaffen mit dem eig’nen Sinn,
Andern nach auf ihrem Pfad zu wandeln,
Sie verkleinernd, bringt Euch nicht Gewinn!
Sagt, und könnt Ihr denn dem Boten schaden,
Dem Ihr hämisch Schlingen legt?
Laßt ihn gehen doch auf seinen Pfaden,
Wenn er ringsum seine Botschaft trägt!
Wahrheit bleibt’s doch, wenn er Wahrheit bringet,
Und erhebend über List und Trug.
Ihm ein altes Wort zum Herzen dringet:
„Redlich Streben ist sich selbst genug!66
!) Nachdruck aus Bremisches Unterhaltungsblatt. 27. Febr. 1839. Nr. 17, p. 138 sq.
An den Stadtboten
[Bremisches Unterhaltungsblatt. 27. April 1839.
Nr. 34, p. 280]
Stadtbote, hör’s, doch ärg’re Dich nicht driiber
Wie man zum Besten lange Dich gehabt, 5
Denn merke Dir’s, man spottet deß, mein Lieber,
Der stets sich zeigt nur als übergeschnappt.
Dein blauer Freudenhimmel wird stets trüber,
Nun Du ein Vierteljahr herumgetrabt,
Was Du zu sagen, Edler, dich beflissen, 10
Das hast Du alles wiederkäuen müssen.
Ich nahm stets aus Dir selber meine Themata,
Du hast sie Alle selbst nur präparieret,
Aus Deinen Reden machte ich Poemata,
Drin hab’ ich Dich, allein Dich persiflieret; 15
Nimm ihnen nur des Reims, der Metrik Schemata,
So wird Dein Ebenbild Dir vorgeführet;
Nun fluch’, beliebt es Dir, vom Zorne wild entbrannt
Auf Deinen ganz ergeb’nen
TheodorHildebrand 20
[Die Erfindung der Budidruckerkunst1)]
5
10
15
20
25
30
35
[Gutenbergs-Album. Hg. v. H. Meyer.
Braunschweig 1840, p. 208—225]
Wird denn allein des Dichters Stimme singen
Von blut’gem Ehrgeiz und von stolzen Thronen,
Wenn die Drommeten Fama’s um ihn klingen.
Die Lippen schwellend, wo die Götter wohnen?
Ward euch so fremd die Scham? Des Preisens Gabe,
Des Ruhmes Strahl mit seinem hellen Lichte
Verschwendet ihr an Männern, welchen ewig
Fluch spendet und Verwünschung die Geschichte?
Erwacht, erwacht! die Wolken überfliege
Der Sang, der scheugeword’ne,
Mit nie geseh’ner Kraft in hehrem Siege!
Und wollt ihr, daß die Welt euch würdig halte
Des Lorbeers, der um eure Stirne blüht,
So sorgt, daß euer Lied
Würdig der Welt und kräftig sich entfalte!
In alter Zeit ward nimmermehr verschwendet
Der Opferduft des Lobes;
An dem Altar wohltätiger Erfindung,
Wohltät’gen Geistes ward er stets gespendet.
Einst kam Saturn, und mit dem mächt’gen Pfluge
Zerteilte er der Erde Mutterbusen,
Da sah der Mensch sich breiten
Lebend’ge Saat rings über dürren Boden,
Zum Himmel steigen seines Dankes Oden,
Sie nennen ihn den Gott der goldnen Zeiten.
Warst du nicht auch ein Gott, der dem Gedanken,
Dem Wort du einen Leib einst hast gegeben,
In Zeichen fesseltest der Rede Leben,
Das sonst entfloh, gehemmt von keinen Schranken?
Verschlungen immer wieder
Hätt’ ohne dich sich selbst die Zeit, in’s Grab
Ew’gen Vergessens sinkend, tot, hernieder.
x) Übersetzung a. d. Spanischen: Manuel José de Quintana: A la invencion
de la imprenta
12
Bremen 1838—1841.
Zerstreute Gedichte
Du kamst, und der Gedanke
Sah rasch erweitert seine enge Sphäre,
Die ihn umgrenzt in seiner langen Kindheit.
Ihn trug sein Fittich in die ferne Welt,
Wo mit zukünft’ger Zeit die tatenschwere 5
Vergangenheit gewalt’ge Zwiesprach hält.
Erleuchter du der Blindheit!
Erfreue dich, Unsterblicher, der Ehre,
Des hohen Ruhmgesanges nun allein,
Die dir gebühren, dem erhabnen Geiste! io
Und die Natur, als hätte die Erfindung
Allein genügt, zu zeigen ihre Macht,
Sie hat geruht seitdem, und, geizig, nicht
Ein gleiches Wunder mehr der Welt gebracht.
Endlich erhebt sie sich, ein neues Zeichen 15
Sich zu erschaffen, und der eis’ge Rhein
Sah Gutenberg erstehn. „Vergebliche Mühen!
Was hilft es euch, daß Leben ihr verleiht
Eurem Gedanken, schreibend,
Wenn er erstirbt, starr in der Dunkelheit 20
Lethargischen Vergessens ferner bleibend?
Kann Ein Gefäß die breiten Wogen alle
Des Ozeans, des tosenden, enthalten?
So können nicht in Einem Buch allein
Des Menschengeistes Gaben sich entfalten! 25
Was fehlt? die Kunst des Flugs? Doch wenn Natur
Nach Einem Bilde unzählbare Wesen
Erschuf, wohlan, ihr nach, meine Erfindung!
Daß tausendfach im Echo Eine Wahrheit
Erschalle in gewaltiger Verkündung, 30
Empor sich schwingend mit dem Flug der Klarheit!“
Er sprach’s — da ward der Druck, und sieh, Europa
Erstaunt, bewegt, erhebt sich alsobald
Mit lautem Brausen, wie vom Sturmeswinde
Emporgefacht, erschallt 35
Das grimme Feuer, dessen Flammen schliefen
Verschlossen in der Erde finstern Tiefen. —
O schlimme Burg, dem Irrtum auf gemauert
Durch schnöde Roheit und Tyrannenwüten!
Es platzte der Vulkan, die Felsen glühten, 40
Da bebten deine Gründe, schreckdurchschauert!
Wer ist das Ungetüm, des bösen Geistes
Unreine Mißgeburt, die ohn’ Erröten
Die Erfindung der Buchdruckerkunst
13
5
10
15
20
25
30
35
40
Auf dem verfallnen Kapitol den Thron,
Den scheußlichen, sich gründet, und zu töten,
Ja, zu verschlingen drohet Alles schon?
Wohl lebt es noch, doch seiner Macht Gebäude
Bricht langsam ein; einst aber stürzt der Wipfel,
Und weithin breiten rings sich die Ruinen.
Also beherrscht den hohen Bergesgipfel
Ein starker Turm auf hoher Felsenzinne;
Des Krieges Söhne haben auf geschlagen
Die feste Wohnung drinne,
Dort herrschen sie mit der geraubten Macht,
Laut brüllend stürzen sie von da zur Schlacht;
Verlassen bleibt er stehen,
Der Turm, einsam im Wald, und ungesehen.
Noch schaut er, auch gebrechlich, wie vor Zeiten,
Mit droh’ndem Anlitz rings nach allen Seiten.
Einst aber kommt die Zeit, da fällt er nieder,
Er fällt, die Felder ächzen,
Trümmerbedeckt; bis dahin bleibt er freilich
Popanz und Vogelscheuche aller Leute,
Der doch ihr Schreck, ihr Ärgernis war neulich.
Das war der erste Lorbeer, der die Schläfe
Bekränzte der Vernunft; doch kühn erhebt
Sich der Verstand, nach sicherm Wissen dürstend,
Und er umarmt die Welt in ihrem Fluge.
Copernicus schwingt sich zum Stemenzuge,
Den, undurchdringlich, deckte sonst ein Schleier;
Dort schaut er, wie in ungemeßner Ferne
Der leuchtendste der Sterne,
Der uns den Tag bringt, ruht in ew’ger Feier.
Unter der Sohle fühlet Galileo
Der Erde Kugel rollen, und zum Lohne
Gibt ihm Italien einen Kerker, blind ;
Und dennoch schifft indeß die Erde ohne
Aufhören durch des Raumes Meer geschwind,
Und mit ihr schiffen, Blitzen gleich, die Sterne,
Die schimmernden, im Flug; da ward geschleudert
In ihre Mitte Newtons rascher Geist;
Er folgt, und er versteht sie,
Bestimmend die Geleise
Des Triebs, der sie gescheucht in ihre Kreise.
Was hilft es dir, den Himmel zu erobern,
Zu finden das Gesetz, das ewig regt
14
Bremen 1838—1841.
Zerstreute Gedichte
Den Luftkreis und das Meer? Den Strahl zu teilen
Des unantastbar’n Lichts, und in die Erde
Dich zu vergraben, und des Goldes Wiege
Und des Krystalles zu ertappen? Kehre
Zum Menschen, Geist! — Er tat’s, und warf die schwere s
Erbitterung in seine lauten Klagen.
„Wie ist der Sinn mit Blindheit doch geschlagen,
Wie klirrt die wilde Kette,
Die Tyrannei in ihrer Wut geschmiedet,
An diesem Pol und jenem um die Wette, 10
Und bannt an’s Totenbette
Den Menschen, wenn der Knechtschaft er ermüdet!
So sei’s nicht mehr!“ — Das hörten die Despoten,
Da fühlten sie das Feuer und das Schwert
In der verruchten Hand, zwei sichre Boten. 15
Unsinnige! die hohen Scheiterhaufen,
Die schrecklich dorther droh’n mich zu verschlingen,
Die mit der Wahrheit wollen um mich streiten,
Leuchttürme sind’s ja, die zu ihr mich leiten,
Und Fackeln, Licht für ihren Sieg zu bringen! 20
In Liebe sie verlangend
Betet sie an mein Herz, begeistrungstrunken,
Mein Geist schaut sie, ihr folgen meine Schritte,
Nicht vor dem Feu’r, nicht vor dem Schwerte bangend,
Und dennoch sollen wanken meine Tritte? 25
Kann ich zurück denn setzen
Vielleicht den Fuß? des Tajo Wogen kehren
Niemals zurück zu ihrer ersten Quelle,
Wenn einmal sie zum Meer hinabgeflossen;
Vergebens stellen Berge sich entgegen, 30
Sie halten ihn in seinem Lauf nicht an;
Ihr jagt auf raschen Wegen
Das Schicksal brausend in den Ozean.
Da kam der Tag, der große,
An dem ein Sterblicher sich aus der Schande, 35
Der allwärts gleichen, sich erhob im Grimme,
Und mit allmächt’ger Stimme
Vor aller Welt es rief : Frei ist der Mensch!
Und enge Grenzen schlugen nicht in Bande
Den heil’gen Ruf ; auf seine Schwingen nahm 40
Das Echo ihn, das Gutenberg erfunden,
Und trug ihn wundersam,
Daß er in Einem Augenblick, beflügelt,
Die Erfindung der Buchdruckerkunst
15
Die Berge übersprang, die weiten Meere,
Und in den Winden herrschte, ungezügelt.
Nicht übertönt’ ihn der Tyrannen Schrei,
Und kräftig scholl und laut nach allen Seiten
5 Das Jauchzen der Vernunft: der Mensch ist frei!
Ja, frei, ja frei! o süßes Wort, die Brust
Schwillt, höher klopfend, wenn du ihr erklungen,
Mein Geist, von dir durchdrungen,
Erfüllt von deiner heiligen Begeist’rung,
10 Schwingt sich empor zu himmlisch heitern Wegen,
Und reißt mich mit in feur’gen Fittichschlägen.
Wo bleibt ihr, die ihr höret
Auf meinen Sang, ihr Sterblichen? Von oben
Seh ich das ehrne Kerkertor des Schicksals
Sich öffnen, und den dichten Schlei’r der Zeiten
Zerreißen — offen liegt vor mir die Zukunft!
Ich sah es klar, nicht ist von nun die Erde
Mehr der Planet, der arme, wo die Ehrsucht,
Der Krieg geherrscht mit grimmiger Gebärde.
so Die sind auf ewig beide mm entflohen,
Wie Pest und Sturm, die Peiniger, sich schickten
Zur Flucht weg von der Zone, der bedrückten,
Wenn von dem Pol her eis’ge Winde drohen.
Die Menschen fühlten ihre Gleichheit alle,
25 Mit ungezähmter Kraft die tapfem Mannen
Erkämpften sie mit lautem Jubelschalle.
Jetzt sind nicht Sklaven mehr und nicht Tyrannen;
Liebe und Friede in der Welt sich breiten,
Liebe und Friede atmet rings die Erde,
„Liebe und Friede!“ schallt’s durch alle Weiten.
Und droben streckt auf seinem goldnen Throne
Gott seinen Szepter über sie zum Segen,
Und spendet Lust und Freude rings hernieder,
Daß sie auf allen Wegen
ss In Strömen rinnen, so wie vormals wieder.
Seht ihr sie nicht? seht ihr sie nicht, die Säule,
Die große, jenes Denkmal, hehr und prächtig,
Wie hell aufblitzend es die Augen blendet?
So sind nicht jene Pyramiden mächtig,
40 Der Sklaven Werk, die scheu vor dessen Keule
Gebebt, dem Unterdrückung Ruhm gespendet!
16
Bremen 1838—1841.
Zerstreute Gedichte
Vor ihm, unabgewendet
Dampft ew’ger Weihrauch schon.
Den Gutenberg der Erdkreis dankbar weihet;
Für seine große Wohltat kleiner Lohn!
Ruhm dem, der die unsinn’ge Macht zerschlug 5
Der pochenden Gewalt, und des Verstandes,
Der Seele Kraft erhob zu raschem Flug!
Ruhm dem, den im Triumph die Wahrheit trug,
Und ewig fruchtbar machte seine Hände!
Dem Weltwohltäter Hymnen ohne Ende! io
Bremen.
Friedrich Engels
Nachtfahrt
5
10
15
20
25
30
Gedicht von Friedrich Oswald
[Deutscher Courier. 3. Jan. 1841.
Nr. 1, p. 8]
Ich fuhr bei dunkler Nacht allein im Wagen
In einem deutschen Lande, das Ihr kennet,
Wo rings, zu Boden von der Macht geschlagen,
Manch’ Mannesherz im heißen Zorn entbrennet;
Im Zorne, daß die Freiheit, die errungen
Mit saurer Müh’, in ruhelosem Wachen,
Vertrieben ward, und nun von feilen Zungen
Verspottet wird, verhöhnt mit Schimpf und Lachen.
Ein dichter Nebel deckte Haid’ und Fluren,
Nur selten, daß des Windes Stöße trafen
Die Pappeln, die aus ihrem Schlummer fuhren
Erschreckt, um eilig wieder einzuschlafen.
Doch hell die Luft; Damokles Schwerte gleichend,
Hängt über jener Stadt, dahin ich eile,
Des Mondes scharfe Sichel — femhinreichend
Ist Königszom, und trifft in kurzer Weile!
Und um des Wagens Räder springend bellen
Die Hunde auf zu mir; sind sie erbittert,
Verwandt der Hauptstadt feilen Schreibgesellen,
Weil meinen freien Geist sie ausgewittert?
Was kümmern die mich? tief gedrückt ins Kissen,
Leb’ ich in Zukunftsträumen, freien, dreisten:
Laßt Euch nicht irre machen, denn wir wissen,
Wenn nah’ der Morgen, drückt der Alp am meisten !
Und ja, der Morgen ist herbeigekommen,
Sein Stern flammt vor ihm her, den Weg bereitend,
Der Freiheit Glocken wecken alle Frommen,
Nun nicht mehr Sturm, nein, heitern Frieden läutend!
Marx-Engels-Gesamtausgabe, I. Abt., Bd. 2. 2
18
Bremen 1838—1841.
Zerstreute Gedichte
Des Geistes Baum mit Wurzelarmen preßte
Den Rest der abgestorb’nen Zeit zu Trümmern,
Und über alle Welt streu’n seine Äste
Die Blüten aus, die ewig golden schimmern!
So schlief ich ein ; und Morgens drauf erwachend,
Sah’ ich die Erde selig, lichtumfangen,
Und vor mir S t ü v e’s Stadt, umglänzt und lachend,
Der Freiheit Stadt, im Morgenlichte prangen.
Aus:
TELEGRAPH FÜR DEUTSCHLAND
Hamburg 1839—1841
Briefe aus dem Wuppertal
Aufsätze und Gedichte
Die Artikel wurden in der Zeit von März 1839 bis April 1841 im
Telegraph für Deutschland veröffentlicht, mit Ausnahme
der Notiz „Elberfeld, den 6. Mai“ (p. 42—43), die in der Elber¬
felder Zeitung erschien. Wir haben diese Notiz des unmittelbaren
inhaltlichen Zusammenhanges wegen nach den „Briefen aus dem
Wuppertal“ eingefügt
AUS DEM WUPPERTAL
Briefe aus dem Wuppertal**
[TfD März 1839. Nr. 49, p. 385-388; Nr. 50, p. 393-396;
Nr. 51, p. 401-404; Nr. 52, p. 412-415]
Bekanntlich begreift man unter diesem bei den Freunden des
5 Lichtes sehr verrufenen Namen die beiden Städte Elberfeld und
Barmen, die das Tal in einer Länge von fast drei Stunden ein¬
nehmen. Der schmale Fluß ergießt bald rasch, bald stockend seine
purpurnen Wogen zwischen rauchigen Fabrikgebäuden und garn¬
bedeckten Bleichen hindurch; aber seine hochrote Farbe rührt
io nicht von einer blutigen Schlacht her, denn hier streiten nur theo¬
logische Federn und wortreiche alte Weiber, gewöhnlich um des
Kaisers Bart; auch nicht von Scham über das Treiben der Men¬
schen, obwohl dazu wahrlich Grund genug vorhanden ist, sondern
einzig und allein von den vielen Türkischrot-Färbereien. Kommt
15 man von Düsseldorf her, so tritt man bei Sonnbom in das heilige
Gebiet; die Wupper kriecht träg und verschlammt vorbei und
spannt durch ihre jämmerliche Erscheinung, dem eben verlasse¬
nen Rheine gegenüber, die Erwartungen bedeutend herab. Die
Gegend ist ziemlich anmutig; die nicht sehr hohen, bald sanft
2o steigenden, bald schroffen Berge, über und über waldig, treten
keck in die grünen Wiesen hinein, und bei schönem Wetter läßt
der blaue, in der Wupper sich spiegelnde Himmel ihre rote Farbe
ganz verschwinden. Nach einer Biegung um einen Abhang sieht
man die verschrobenen Türme Elberfelds (die demütigen Häuser
25 verstecken sich hinter den Gärten) dicht vor sich und in wenigen
Minuten ist das Zion der Obskuranten erreicht. Fast noch außer¬
halb der Stadt stößt man auf die katholische Kirche ; sie steht da,
als wäre sie verbannt aus den heiligen Mauern. Sie ist im byzan¬
tinischen Stil nach einem sehr guten Plan von einem sehr unerfah-
30 renen Baumeister sehr schlecht ausgeführt; die alte katholische
Kirche ist abgebrochen, um dem linken noch nicht gebauten Flügel
das Rathauses Platz zu machen ; nur der Turm ist stehen geblieben
und dient dem allgemeinen Wohl auf seine Art, nämlich als Ge¬
fängnis. Gleich darauf kömmt man an ein großes Gebäude — auf
35 Säulen ruht sein Dach, aber diese Säulen sind von ganz merk¬
* ) Unsre Leser werden uns Dank wissen für diese authentische Schilderung einer
Gegend, welche das wahre Zion der häßlichsten Form des an manchen Orten
in Deutschland grassierenden und das Mark des Volkes ausmergelnden Pietismus ist.
A. d. R.
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Bremen 1838—1841.
Aus dem Telegraph
würdiger Beschaffenheit; ihrer Dicke nach sind sie unten egyp-
tisch, in der Mitte dorisch und oben jonisch, und außerdem ver¬
achten sie alles überflüssige Beiwerk, als Piédestal und Kapitäl,
aus sehr triftigen Gründen. Dieses Gebäude hieß früher das Mu¬
seum; die Musen aber blieben weg und eine große Schuldenlast 5
blieb da, so daß vor einiger Zeit das Gebäude verauktioniert
wurde und den Namen Kasino annahm, der auch, um alle Erinne¬
rungen an den ehemaligen poetischen Namen zu entfernen, auf
das leere Frontispice gesetzt wurde. Übrigens ist das Gebäude so
plump in allen Dimensionen, daß man es abends für ein Kamel 10
hält. Von nun an beginnen die langweiligen, charakterlosen Stra¬
ßen; das schöne neue Rathaus, erst halb vollendet, ist aus Mangel
an Raum so verkehrt gesetzt, daß die Fronte nach einer engen,
häßlichen Gasse geht. Endlich gelangt man wieder an die Wupper,
und eine schöne Brücke zeigt, daß man nach Barmen kommt, wo 15
wenigstens auf architektonische Schönheit mehr gegeben wird.
Sowie die Brücke passiert ist, nimmt alles einen freundlicheren
Charakter an; große, massive Häuser in geschmackvoller, mo¬
derner Bauart, vertreten die Stelle jener mittelmäßigen Elber¬
felder Gebäude, die weder altmodisch noch modern, weder schön 20
noch karikiert sind; überall entstehen neue, steinerne Häuser,
das Pflaster hört auf, und ein grader chaussierter Weg, an beiden
Seiten bebaut, Setzt die Straße fort. Zwischen den Häusern sieht
man auf die grünen Bleichen; die hier noch klare Wupper, und
die sich dicht herandrängenden Berge, welche durch leicht ge- 25
schwungene Umrisse und durch mannigfaltige Abwechselung von
Wäldern, Wiesen und Gärten, aus denen überall rote Dächer her¬
vorschauen, die Gegend immer anmutiger machen, je weiter man
kommt. Halbweg der Allee sieht man gegen die Fronte der etwas
zurückliegenden Unterbarmer Kirche; sie ist das schönste Ge- 30
bäude des Tals, im edelsten byzantinischen Stil sehr gut ausge¬
führt. Bald aber tritt das Pflaster wieder ein, die grauen Schiefer¬
häuser drängen sich eins an das andre; doch herrscht hier weit
mehr Abwechselung als in Elberfeld, indem bald eine frische
Bleiche, bald ein modernes Haus, bald ein Stückchen vom Fluß, 35
bald eine Reihe Gärten dicht an der Straße das ewige Einerlei
unterbrechen. Dadurch bleibt man im Zweifel, ob man Barmen
für eine Stadt oder für ein bloßes Konglomerat von allerlei Ge¬
bäuden halten soll; auch ist es nur eine Vereinigung vieler Ort¬
schaften, die durch das Band städtischer Institutionen zusammen- 40
gehalten werden. Die bedeutendsten dieser Ortschaften sind: Ge-
marke, von jeher der Mittelpunkt reformierter Konfession; Unter¬
barmen, nach Elberfeld zu, unweit Wupperfeld, oberhalb Ge
marke, und noch weiter Rittershausen, welches links Wichling-
hausen, und rechts Hekinghausen mit dem wunderschönen Rauhen- 45
Briefe aus dem Wuppertal I
25
tal neben sich hat; alle lutherisch in zwei Kirchen; die Katholiken,
zwei- bis dreitausend höchstens, sind im ganzen Tal zerstreut.
Nachdem der Durchreisende nun Rittershausen passiert hat, ver¬
läßt er am Ende der Welt das Bergische und tritt durch den
5 Schlagbaum in das altpreußische, westfälische Gebiet ein.
Das ist die äußere Erscheinung des Tals, die im allgemeinen,
mit Ausnahme der trübseligen Straßen Elberfelds, einen sehr
freundlichen Eindruck macht; daß dieser aber für die Bewohner
verloren gegangen ist, zeigt die Erfahrung. Ein frisches, tüchtiges
10 Volksleben, wie es fast überall in Deutschland existiert, ist hier
gar nicht zu spüren; auf den ersten Anblick scheint es freilich
anders, denn man hört jeden Abend die lustigen Gesellen durch
die Straßen ziehen und ihre Lieder singen, aber es sind die ge¬
meinsten Zotenlieder, die je über branntweinentflammte Lippen
15 gekommen sind; nie hört man eins jener Volkslieder, die sonst in
ganz Deutschland bekannt sind, und auf die wir wohl stolz sein
dürfen. Alle Kneipen sind, besonders Sonnabend und Sonntag,
überfüllt, und abends um elf Uhr, wenn sie geschlossen werden,
entströmen ihnen die Betrunkenen und schlafen ihren Rausch
2o meistens im Chausseegraben aus. Die gemeinsten unter diesen
sind die sogenannten Karrenbinder, ein gänzlich demoralisiertes
Volk, ohne Obdach und sichern Erwerb, die mit Tagesanbruch
aus ihren Schlupfwinkeln, Heuböden, Ställen usw. hervorkriechen,
wenn sie nicht auf Düngerhaufen oder den Treppen der Häuser
25 die Nacht überstanden hatten. Durch Beschränkung ihrer früher
unbestimmten Zahl ist diesem Wesen von der Obrigkeit jetzt
einigermaßen ein Ziel gesetzt worden.
Die Gründe dieses Treibens liegen auf der Hand. Zuvörderst
trägt das Fabrikarbeiten sehr viel dazu bei. Das Arbeiten in den
30 niedrigen Räumen, wo die Leute mehr Kohlendampf und Staub
einatmen als Sauerstoff, und das meistens schon von ihrem
sechsten Jahre an, ist grade dazu gemacht, ihnen alle Kraft und
Lebenslust zu rauben. Die Weber, die einzelne Stühle in ihren
Häusern haben, sitzen vom Morgen bis in die Nacht gebückt dabei
35 und lassen sich vom heißen Ofen das Rückenmark ausdörren.
Was von diesen Leuten dem Mystizismus nicht in die Hände gerät,
verfällt ins Branntweintrinken. Dieser Mystizismus muß in der
frechen und widerwärtigen Gestalt, wie er dort herrscht, notwendig
das entgegengesetzte Extrem hervorrufen, und daher kommt es
40 hauptsächlich, daß das Volk dort nur aus „Feinen66 (so heißen
die Mystiker) und liederlichem Gesindel besteht. Schon diese
Spaltung in zwei feindselige Parteien wäre, abgesehn von der Be¬
schaffenheit derselben, allein imstande, die Entwicklung alles
Volksgeistes zu zerstören, und was ist da zu hoffen, wo auch das
45 Verschwinden der einen Partei nichts helfen würde, weil beide
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Bremen 1838—1841.
Aus dem Telegraph
gleich schwindsüchtig sind? Die wenigen kräftigen Gestalten, die
man dort sieht, sind fast nur Schreiner oder andre Handwerker,
die alle aus fremden Gegenden her sind; unter den eingebornen
Gerbern sieht man auch kräftige Leute, aber drei Jahre ihres
Lebens reichen hin, sie körperlich und geistig zu vernichten; von 5
fünf Menschen sterben drei an der Schwindsucht, und alles das
kommt vom Branntweintrinken. Dies aber hätte wahrlich nicht auf
eine so furchtbare Weise überhand genommen, wenn nicht der
Betrieb der Fabriken auf eine so unsinnige Weise von den In¬
habern gehandhabt würde, und wenn der Mystizismus nicht in der io
Art bestände, wie er besteht, und wie er immer mehr um sich zu
greifen droht. Aber es herrscht ein schreckliches Elend unter den
niedern Klassen, besonders den Fabrikarbeitern im Wuppertal;
syphilitische und Brustkrankheiten herrschen in einer Ausdeh¬
nung, die kaum zu glauben ist; in Elberfeld allein werden von 15
2500 schulpflichtigen Kindern 1200 dem Unterricht entzogen und
wachsen in den Fabriken auf, bloß damit der Fabrikherr nicht
einem Erwachsenen, dessen Stelle sie vertreten, das Doppelte des
Lohnes zu geben nötig hat, das er einem Kinde gibt. Die reichen
Fabrikanten aber haben ein weites Gewissen, und ein Kind mehr 20
oder weniger verkommen zu lassen, bringt keine Pietistenseele in
die Hölle, besonders wenn sie alle Sonntage zweimal in die Kirche
geht. Denn das ist ausgemacht, daß unter den Fabrikanten die
Pietisten am schlechtesten mit ihren Arbeitern umgehen, ihnen
den Lohn auf alle mögliche Weise verringern, unter dem Vor- 25
wände, ihnen Gelegenheit zum Trinken zu nehmen, ja bei Prediger¬
wahlen immer die ersten sind, die ihre Leute bestechen.
In den niedern Ständen herrscht der Mystizismus am meisten
unter den Handwerkern (zu denen ich die Fabrikanten nicht
rechne). Es ist ein trauriger Anblick, wenn man solch einen Men- 30
sehen, gebückten Ganges, in einem langen, langen Rock, das Haar
auf Pietistenart gescheitelt, über die Straßen gehen sieht. Aber
wer dies Geschlecht wahrhaft kennen will, der muß in eine pie¬
tistische Schmiede- oder Schusterwerkstatt eintreten. Da sitzt der
Meister, rechts neben ihm die Bibel, links, wenigstens sehr häufig 35
— der Branntwein. Von Arbeiten ist da nicht viel zu sehen; der
Meister liest fast immer in der Bibel, trinkt mitunter eins und
stimmt zuweilen mit dem Chore der Gesellen ein geistlich Lied
an; aber die Hauptsache ist immer das Verdammen des lieben
Nächsten. Man sieht, diese Richtung ist hier dieselbe wie überall. 40
Ihre Bekehrungswut bleibt auch nicht ohne Früchte. Besonders
werden viele gottlose Säufer etc. bekehrt, meist auf wunderbare
Weise. Aber das hat sich wohl; diese Proselyten sind alle ent¬
nervte, geistlose Menschen, die zu überzeugen eine Kleinigkeit ist;
diese bekehren sich, lassen sich jede Woche mehrere Male zu Trä- 45
Briefe aus dem Wuppertal I
27
nen rühren, und treiben ihr ehemaliges Leben im geheimen fort.
Vor mehreren Jahren kam diese Wirtschaft einmal ans Tageslicht,
zum Schrecken aller Mucker. Es fand sich nämlich ein amerika¬
nischer Spekulant unter dem Namen Pastor Jürgens ein; er pre-
5 digte mehrere Male und hatte sehr viel Zulauf, weil die meisten
Leute glaubten, er müsse als Amerikaner notwendig braun oder
gar schwarz sein. Aber wie erstaunten sie, als er nicht nur ein
Weißer war, sondern auch dergestalt predigte, daß die ganze
Kirche in Tränen zerfloß; das hatte übrigens seinen Grund darin,
10 daß er selbst, wenn alle Mittel der Rührung fehlschlugen, zu wim¬
mern anfing. Nun war eine Stimme des Staunens unter den Gläu¬
bigen; zwar opponierten einige Vernünftige, aber da wurden sie
recht als Gottlose verschrieen; bald hielt Jürgens Konventikel, be¬
kam reiche Geschenke von seinen angesehnen Freunden und lebte
15 herrlich und in Freuden. Seine Predigten wurden so stark besucht
wie keine andern; seine Konventikel waren überfüllt, jedes seiner
Worte ließ Männer und Weiber weinen. Jetzt glaubten alle, er sei
zum wenigsten ein halber Prophet und werde das neue Jerusalem
bauen, aber auf einmal war der Spaß vorbei. Es wird plötzlich
20offenbar, was für Dinge in seinen Konventikeln getrieben werden;
Herr Jürgens wird festgesetzt und hat ein paar Jahre in Hamm
auf dem Inquisitoriat Buße getan für seine Frömmigkeit. Nachher
ist er mit dem Versprechen der Besserung entlassen und wieder
nach Amerika spediert worden. Auch erfuhr man, daß er seine
25 Künste schon in Amerika angewandt, deshalb von da weiterge¬
schickt, in Westfalen schon, um nicht aus der Übung zu kommen,
eine Repetition angestellt, wo er aus Gnade oder vielmehr
Schwachheit der Behörden ohne weitere Nachforschungen entlas¬
sen, und sodann in Elberfeld seinem liederlichen Leben durch
30 nochmalige Wiederholung die Krone aufgesetzt. Als nun offenbar
wurde, was da war geschehen in den Versammlungen dieses Edlen,
siehe, da erhob sich wider ihn alles Volk, und war keiner, der etwas
von ihm wissen wollte; sie sind alle von ihm abgefallen, vom
Libanon bis an das Salzmeer, das heißt vom Rittershauser Berg bis
35 an das Wehr zu Sonnbom in der Wupper.
Der eigentliche Mittelpunkt alles Pietismus und Mystizismus
ist aber die reformierte Gemeinde in Elberfeld. Von jeher zeich¬
nete sie sich durch streng calvinistischen Geist aus, der in den
letzten Jahren durch die Anstellung der bigottesten Prediger —
4o jetzt wirtschaften ihrer viere zugleich dort — zur schroffsten In¬
toleranz geworden ist und dem papistischen Sinn wenig nach¬
steht. Da werden komplette Ketzergerichte in den Versammlungen
gehalten; da wird der Wandel eines jeden, der diese nicht be¬
sucht, rezensiert, da heißt es: der und der liest Romane, auf dem
45 Titel steht zwar christlicher Roman, aber der Pastor Krummacher
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Bremen 1838—1841.
Aus dem Telegraph
hat gesagt, Romanenbücher seien gottlose Bücher; oder der und
der schiene doch auch vor dem Herm zu wandeln, aber er ist vor¬
gestern im Konzert gesehen — und sie schlagen die Hände über
dem Kopf zusammen vor Schreck über die greuliche Sünde. Und
steht nun erst ein Prediger im Ruf eines Rationalisten (darunter 5
verstehen sie jeden, der nicht mit ihrer Ansicht aufs Haar überein¬
stimmt), so wird er hergenommen, und sie sehen genau zu, ob
sein Rock auch ganz schwarz und seine Hose recht von orthodoxer
Farbe war; und wehe ihm, wo er sich in einem etwas ins Blaue
fallenden Rock oder mit einer rationalistischen Weste betreten #
läßt! Kommt nun gar einer, der die Prädestination nicht glaubt,
so heißt’s gleich: der ist beinahe so schlimm als ein Lutheraner,
ein Lutheraner ist nicht viel besser als ein Katholik, ein Katholik
und ein Götzenanbeter aber ist von Natur verdammt. Und was
sind das für Leute, die so reden? Unwissendes Volk, die kaum #
wissen, ob die Bibel chinesisch oder hebräisch oder griechisch ge¬
schrieben, und nach den Worten eines einmal als orthodox aner¬
kannten Predigers alles beurteilen, es mag dahin gehören oder
nicht.
Dieser Geist war vorhanden, seit die Reformation hier die 20
Oberhand bekam, blieb aber unbeachtet, bis der vor einigen Jah¬
ren verstorbene Prediger G. D. Krummacher an eben dieser Ge¬
meinde anfing, ihn recht zu hegen und zu pflegen; bald war der
Mystizismus in der schönsten Blüte, aber K[rummacher] starb,
ehe die Frucht reif wurde; dies ist erst geschehen, seit sein Bru- 25
derssohn, Dr. Friedrich Wilhelm Krummacher, die Lehre so scharf
ausgebildet und bestimmt hat, daß man nicht weiß, ob man das
Ganze für Unsinn oder für Blasphemie halten soll. Nun, die Frucht
ist reif ; es wird sich keiner verstehen, sie zu pflücken, und so wird
sie wohl mit der Zeit elendiglich faul abfallen müssen. 30
Gottfried Daniel Krummacher, Bruder des durch seine Para¬
beln bekannten Dr. F. A. Krummacher in Bremen, starb vor etwa
drei Jahren in Elberfeld nach einer sehr langen Amtstätigkeit.
Als vor mehr als zwanzig Jahren in Barmen ein Prediger die Prä¬
destination nicht ganz so scharf wie er von der Kanzel lehrte, 35
fingen sie, unter dem Vorwande, solch eine ungläubige Predigt sei
gar keine, an, in der Kirche zu rauchen, Lärm zu machen und
ihn am Predigen zu verhindern, so daß die Obrigkeit sich genötigt
sah, einzuschreiten. Da schrieb Krummacher einen entsetzlich
groben Brief an den Barmer Magistrat, wie Gregor VII. an Hein- 40
rieh IV. geschrieben haben würde, und befahl, die Mucker unge¬
schoren zu lassen, da sie nur ihr teures Evangelium verteidigten;
auch predigte er davon. Er wurde aber nur verlacht. Dies bezeich¬
net seinen Geist, den er bis an sein Ende bewahrt hat. Übrigens
war er von so merkwürdigen Sitten, daß tausend Anekdoten von 45
Briefe aus dem Wuppertal I
29
ihm zirkulieren, nach denen man ihn entweder für einen kuriosen
Sonderling oder einen herzlich groben Menschen halten muß.
Dr. Friedrich Wilhelm Krummacher, ein Mann von ungefähr
vierzig Jahren, groß, stark, von imposanter Gestalt, doch nimmt
5 er, seitdem er in Elberfeld ist, einen nicht unbedeutenden körper¬
lichen Umfang an. Sein Haar trägt er auf ganz absonderliche
Weise, worin ihm alle seine Anhänger nachahmen, wer weiß, viel¬
leicht wird es noch einmal Mode, die Haare à la Krummacher zu
tragen; doch würde diese Mode alle frühem, sogar die der
10 Puderperücken, an Abgeschmacktheit übertreffen. — Als Student
war er Mitarbeiter an der turnenden Demagogie, schrieb Freiheits¬
lieder, trug auf dem Wartburgfeste eine Fahne und hielt eine
Rede, die großen Eindruck gemacht haben soll. Dieser flotten
Jahre gedenkt er noch häufig auf der Kanzel mit den Worten: als
15 ich noch unter den Hethitern und Kananitem war. Später wurde
er in Barmen von der reformierten Gemeine zum Pfarrer gewählt,
und seine eigentliche Reputation datiert sich erst von dieser Zeit.
Kaum war er da, so rief er schon durch seine Lehre der strengen
Prädestination eine Spaltung, nicht nur zwischen Lutheranern und
2o Reformierten, sondern auch unter letztem zwischen strengen und
gelinden Prädestinatianem hervor. Einmal kam ein alter steifer
Lutheraner ein wenig angetrunken aus einer Gesellschaft und
mußte über eine baufällige Brücke gehen. Das mochte ihm in
seinem Zustande doch etwas gefährlich dünken, und so begann er
25 zu reflektieren: Gehst du hinüber, und es geht gut, so ist’s gut, geht
es aber nicht gut, dann fällst du in die Wupper und dann sagen
die Reformierten, es hätte so sein sollen; nun soll es aber nicht so
sein. Er kehrte also um, suchte eine seichte Stelle, und an dieser
watete er, bis an den Leib im Wasser, hindurch, mit dem seligen
3o Gefühl, die Reformierten eines Triumphes beraubt zu haben.
Als in Elberfeld eine Stelle vakant wurde, wählte man Krum¬
macher dahin, und in Barmen schwand alsbald aller Zwist, wäh¬
rend er in Elberfeld noch weit stärker erregt wurde. Schon Krum¬
machers Antrittspredigt erzürnte die einen und begeisterte die
35 andern; der Zwist steigerte sich immer mehr, besonders da bald
jeder Prediger, wenn auch alle dieselben Ansichten hatten, eine
eigne Partei bekam, die sein einziges Auditorium ausmachte.
Später wurde man der Sache überdrüssig und das ewige Schreien:
ich bin krummacherisch, ich bin kohlisch etc. fiel weg, nicht aus
to Liebe zum Frieden, sondern weil die Parteien sich immer be¬
stimmter schieden.
Krummacher ist unleugbar ein Mann von ausgezeichnetem
rhetorischen, auch poetischen Talent; seine Predigten sind nie
langweilig, ihr Zusammenhang ist sicher und natürlich; vorzüg-
*5 lieh stark ist er in dunkelschattigen Schilderungen — seine Schil¬
30
Bremen 1838—1841.
Aus dem Telegraph
derung der Hölle ist stets neu und kühn, wie oft sie auch vor¬
kommt — und in Antithesen. Dagegen hält er sich wieder sehr
häufig an der biblischen Phraseologie und an den darin gegebenen
Bildern, die, wenn auch ihre Anwendung meistens geistreich ist,
zuletzt doch sich wiederholen müssen; dazwischen trifft man denn 5
wieder ein höchst prosaisches Bild aus dem gewöhnlichen Leben
oder eine Erzählung aus seinen eignen Schicksalen und seinen
unbedeutendsten Erfahrungen. Alles bringt er auf die Kanzel, es
mag passen oder nicht; eine Reise nach Württemberg und der
Schweiz hat er neulich in zwei Predigten seinen andächtigen Zu- io
hörern zum Besten gegeben, darin sprach er von seinen siegreichen
vier Disputationen mit Paulus in Heidelberg und Strauß in Tü¬
bingen, freilich ganz anders, als Strauß sich in einem Briefe dar¬
über ausdrückt. — Seine Deklamation ist stellenweise sehr gut
und seine gewaltsame, handgreifliche Gestikulation oft ganz pas- 15
send angebracht; zuweilen aber über alle Begriffe manieriert und
abgeschmackt. Dann rennt er in allen Richtungen auf der Kanzel
umher, beugt sich nach allen Seiten, schlägt auf den Rand, stampft
wie ein Schlachtroß und schreit dazu, daß die Fenster klirren und
die Leute auf der Straße zusammenfahren. Da beginnen denn die 20
Zuhörer zu schluchzen; zuerst weinen die jungen Mädchen, die
alten Weiber fallen mit einem herzzerschneidenden Sopran ein,
die entnervten Branntweinpietisten, denen seine Worte durch
Mark und Bein gehen würden, wenn sie noch Mark in den Knochen
hätten, vollenden die Dissonanz mit ihren Jammertönen, und da- 25
zwischen tönt seine gewaltige Stimme durch all das Heulen hin,
mit der er der ganzen Versammlung unzählige Verdammungs¬
urteile oder diabolische Szenen vormalt.
Und nun gar seine Lehre! Man begreift nicht, wie ein Mensch
dergleichen, was mit der Vernunft und der Bibel im direktesten 30
Widerspruch steht, glauben kann. Demungeachtet hat Krum¬
macher die Doktrin so scharf ausgeprägt und in allen Konse¬
quenzen verfolgt und festgehalten, daß man nichts verwerfen
kann, sobald die Grundlage zugegeben ist, nämlich die Unfähig¬
keit des Menschen, aus eigner Kraft das Gute zu wollen, ge- 35
schweige zu tun. Daraus folgt die Notwendigkeit einer Befähigung
von außen, und da der Mensch das Gute nicht einmal wollen kann,
so muß ihm Gott diese Befähigung auf dringen. Aus dem freien
Willen Gottes folgt nun die willkürliche Verleihung derselben,
die sich auch, wenigstens scheinbar, auf die Schrift stützt. — Auf 40
solcher Konsequenzmacherei beruht die ganze Lehre; die wenigen
Erwählten werden nolentes, volentes selig, die andern werden also
verdammt, auf ewig. „Auf ewig? — Ja, auf ewig!!66 (Krum¬
macher). Ferner steht geschrieben: Niemand kommt zum Vater,
denn durch mich ; die Heiden können aber nicht durch Christum 45
Briefe aus dem Wuppertal I
31
zum Vater kommen, weil sie Christum nicht kennen, also sind sie
alle bloß da, um die Hölle zu füllen. — Unter den Christen sind
viele berufen und wenige auserwählt; die vielen Berufenen sind
aber nur zum Schein berufen, und Gott hütete sich wohl, sie so
5 stark zu berufen, daß sie Folge leisteten, alles zur Ehre Gottes
und auf daß sie keine Entschuldigung haben. Dann steht auch ge¬
schrieben: Die Weisheit Gottes ist den Klugen dieser Welt eine
Torheit; dies ist für die Mystiker ein Befehl, ihren Glauben recht
unsinnig auszubilden, damit doch ja dieser Spruch in Erfüllung
10 gehe. Wie das alles mit der Lehre der Apostel stimmt, die vom
vernünftigen Gottesdienst und vernünftiger Milch des Evange¬
liums sprechen, das ist ein Geheimnis, das der Vernunft zu
hoch ist.
Solche Lehren verderben alle Krummacherschen Predigten;
15 die einzigen, in denen sie nicht so stark hervortreten, sind die
Stellen, wo er von dem Gegensatz der irdischen Üppigkeit und
der Niedrigkeit Christi oder des Stolzes der weltlichen Fürsten
und Gottes spricht. Da bricht sehr häufig noch ein Strahl von seiner
frühem Demagogie durch, und redete er dann nicht so allgemein,
2o so würde die Regierung nicht dazu schweigen.
Der ästhetische Wert seiner Predigten wird nur von sehr weni¬
gen in Elberfeld gewürdigt; denn wenn man seine drei Kollegen,
die fast alle ein gleich starkes Auditorium haben, gegen ihn hält,
so erscheint er als Eins, die andern als lauter Nullen dahinter, die
25 nur dazu dienen, seinen Wert zu erhöhen. Die älteste dieser Nullen
heißt Kohl, dessen Name zugleich seine Predigten bezeichnet; die
zweite Herrmann, kein Nachkomme dessen, dem sie jetzt ein Denk¬
mal setzen, das die Geschichte und den Tacitus überleben soll, die
dritte Ball — nämlich Krummachers Spielball; alle drei höchst
30 orthodox und in den Predigten Nachtreter der schlechten Seiten
Krummachers. Lutherische Pfarrer in Elberfeld sind : Sander und
Hülsmann, die früher, als ersterer noch in Wichlinghausen stand
und in den bekannten Streit mit Hülsmann in Dahle, jetzt in Len¬
nep, dem Bruder von Sanders jetzigem Kollegen, verwickelt war,
35 sich wütend in den Haaren lagen. In ihrer jetzigen Stellung be¬
nehmen sich beide würdig gegeneinander, die Pietisten aber
suchen die Zwietracht wieder hervorzulocken, indem sie Hüls¬
mann immer allerlei Vergehen gegen Sander vorzuwerfen haben.
Der dritte im Bunde ist Döring, dessen Zerstreutheit sehr originell
40 ist; er kann keine drei Sätze im Zusammenhang sprechen, dagegen
aus drei Teilen einer Predigt vier machen, indem er einen wört¬
lich wiederholt, ohne das geringste zu merken. Probatum est. Von
seinen Gedichten wird später die Rede sein.
Unter den Barmer Predigern ist nicht viel Unterschied; alle
45 streng orthodox, mit mehr oder weniger pietistischer Beimischung.
32
Bremen 1838—1841.
Aus dem Telegraph
Nur Stier in Wichlinghausen ist einigermaßen bemerkenswert.
Jean Paul soll ihn als Knaben gekannt und ausgezeichnete An¬
lagen in ihm entdeckt haben. Er war als Pfarrer in Frankleben
bei Halle angestellt, und gab in dieser Zeit mehre poetische
und prosaische Schriften heraus, eine Verbesserung des luther- s
sehen Katechismus, ein Surrogat für denselben, und ein Hülfs-
büchlein dazu für stupide Lehrer, nicht weniger auch ein Werk¬
lein über die Gesangbuchsnot in der Provinz Sachsen, welches
von der evangelischen Kirchenzeitung ausnehmend belobt wurde,
und wenigstens vernünftigere Ansichten über Kirchenlieder ent-
hielt, als man im gesegneten Wuppertal vernimmt, wenn auch
noch mancher unbegründete Machtspruch darin vorkommt. Seine
Gedichte sind höchst langweilig, auch hat er sich das Verdienst
erworben, einige heidnische Gedichte Schillers für die Ortho¬
doxen genießbar zu machen. Z. B. aus den Göttern Griechenlands: 15
Da ihr noch die eitle Welt regiertet,
An der Sünde trügerischem Band,
Lange Zeit manch Menschenalter führtet,
Leere Wesen aus dem Fabelland!
Ach, da euer Sünderdienst noch glänzte, 20
Wie ganz anders, anders war es da!
Da man deine Tempel noch bekränzte,
Venus Amathusia!
Wirklich sehr geistreich, ja wahrhaft mystisch! Seit einem
halben Jahre ist Stier in Wichlinghausen an Sanders Stelle, hat 25
die Barmer Literatur indes noch nicht bereichert.
Ein Ort bei Elberfeld, Langenberg, gehört seinem ganzen
Wesen nach noch zum Wuppertal. Dieselbe Industrie wie dort,
derselbe pietistische Geist. Dort steht Emil Krummacher,
Bruder des Friedrich Wilhelm; er ist nicht so schroffer Präde- 30
stinatianer wie dieser, ahmt ihm aber sehr nach, wie diese Stelle
seiner letzten Weihnachtspredigt zeigt: „Mit den irdischen Lei¬
bern sitzen wir hier zwar noch auf den hölzernen Bänken, aber
unsre Geister schwingen sich mit Millionen Gläubigen auf den
heiligen Berg, und nachdem sie dort das Jauchzen der himm- 35
lischen Heerscharen vernommen, gehen sie hinab in das arme
Bethlehem. Und was erblicken sie da? Zuerst einen armen Stall,
und in dem armen, armen Stall eine arme Krippe, und in der
armen Krippe armes, armes Heu und Stroh, und auf dem armen,
armen Heu und Stroh liegt wie das arme Kind eines Bettlers in 40
armen Windeln der reiche Herr der Welt/6
Nun wäre wohl das Missionshaus noch zu besprechen, aber die
in diesen Blättern schon früher erwähnten Harfenklänge eines
Exmissionärs geben genügend Zeugnis davon, was für ein Geist
dort herrscht. Der Inspektor desselben, Dr. Richter, ist übri- 45
Briefe aus dem Wuppertal I
33
gens ein gelehrter Mann, bedeutender Orientalist und Natur¬
forscher, gibt auch eine „erklärte Hausbibel“ heraus.
Das ist das Treiben der Pietisten im Wuppertal; man begreift
nicht, daß zu unsrer Zeit dergleichen noch aufkommen kann; aber
5 es scheint doch, als könne auch dieser Fels des alten Obskurantis¬
mus dem rauschenden Strom der Zeit nicht mehr widerstehen;
der Sand wird weggespült, der Fels stürzt und tut einen großen
Fall.
Briefe aus dem Wuppertal
[TfD April 1839. Nr. 57, p. 449-454,
Nr. 59, p. 468-472]
IL
In einer Gegend, die so von Pietisterei erfüllt ist, versteht es *
sich von selbst, daß diese, nach allen Seiten sich ausdehnend, jede
einzelne Richtung des Lebens durchdringt und verdirbt. Ihre
Hauptgewalt übt sie aus auf das Unterrichtswesen, vor allem auf
die Volksschulen. Der eine Teil von diesen liegt ganz in ihren
Händen; es sind dies die kirchlichen Schulen, deren jede Ge- 10
meinde eine hat. Freier schon, doch auch noch immer unter Auf¬
sicht des kirchlichen Scholarchats, stehen die übrigen Volksschu¬
len da, auf die die Zivilverwaltung einen bedeutenderen Einfluß
hat. Und da liegen die hindernden Einwirkungen des Mystizismus
auf der Hand; denn während die kirchlichen Schulen noch immer,
wie weiland unter dem hochseligen Kurfürsten Karl Theodor,
außer Lesen, Schreiben und Rechnen nur den Katechismus ihren
Schülern einprägen, werden auf den andern doch die Anfangs¬
gründe einiger Wissenschaften, auch etwas Französisch gelehrt,
und viele der Schüler, dadurch angeregt, suchen sich, auch wenn 20
sie die Schule schon verlassen, weiter fortzubilden. Diese Schulen
sind in einem starken Fortschreiten begriffen und haben seit dem
Eintritte des preußischen Gouvernements die kirchlichen, hinter
denen sie damals sehr zurückstanden, weit überholt. Die kirch¬
lichen Schulen werden aber viel stärker besucht, da sie weit weni-
ger Kosten machen und viele Eltern ihre Kinder teils aus Anhäng¬
lichkeit, teils weil sie in dem Fortschreiten der Kinder ein Über¬
handnehmen des weltlichen Sinnes sehen, immer noch dahin
schicken.
Von höheren Lehranstalten ernährt das Wuppertal drei: die ja
Stadtschule in Barmen, die Realschule in Elberfeld und das Gym¬
nasium daselbst.
Die Barmer Stadtschule, sehr schwach dotiert und deshalb
sehr schlecht mit Lehrern besetzt, tut indes alles, was in ihren
Kräften steht. Sie liegt ganz in den Händen eines beschränkten, &
knickerigen Kuratoriums, das meist auch nur Pietisten zu Lehrern
wählt. Der Direktor, der dieser Richtung auch nicht fremd ist,
versieht sein Amt indes nach festen Prinzipien und weiß sehr ge¬
Briefe aus dem Wuppertal II
35
schickt jedem Lehrer seine Stelle anzuweisen. Auf ihn folgt Herr
Johann Jakob Ewich, der nach einem guten Lehrbuche gut unter¬
richten kann und im Geschichtsunterricht eifriger Anhänger des
Nösseltschen Anekdotensystems ist. Er ist Verfasser vieler
5 pädagogischer Schriften, deren größte, d. h. dem Umfange nach,
den Titel führt: Human, Wesel bei Bagel, zwei Bände, 40 Bogen,
Preis 1 Rtlr. Alle sind voll hoher Ideen, frommer Wünsche und
unausführbarer Vorschläge. Man sagt, seine pädagogische Praxis
solle hinter der schönen Theorie weit zurückstehn.
io Dr. Philipp Schifflin,^ zweiter Oberlehrer, ist der tüchtigste
Lehrer der Schule. Vielleicht ist keiner in Deutschland so tief in
die grammatische Struktur des modernen Französischen einge¬
drungen wie er. Er ging nicht vom Altromanischen aus, sondern
faßte die klassische Sprache des vorigen Jahrhunderts, besonders
15 Voltaires, auf und ging von dieser zum Stil der neuesten Autoren
über. Die Resultate seiner Forschungen liegen in seiner „Anlei¬
tung zur Erlernung der französischen Sprache, in drei Cursen“,
vor, von denen der erste und zweite schon in mehreren Auflagen
erschienen und der dritte jetzt zu Ostern herauskömmt. Dies ist
so ohne Zweifel neben der Knebelschen die beste französische Sprach¬
lehre, die wir besitzen; sie fand gleich beim Auftreten des ersten
Kursus ungemessenen Beifall und erfreut sich schon jetzt einer
fast beispiellosen Verbreitung durch ganz Deutschland, bis nach
Ungarn und den russischen Ostseeprovinzen hin.
25 Die übrigen Lehrer sind junge Seminaristen, von denen sich
einige tüchtig herangebildet haben, andre aber mit einem Chaos
von allerlei Wissenschaften schwanger gehen. Der beste von diesen
jungen Lehrern war Herr Köster, Freiligraths Freund, von dem
ein Abriß der Poetik in einem Programme steht, worin er die
30 didaktische Poesie ganz ausschloß und die ihr gewöhnlich zuge¬
teilten Gattungen der Epik oder Lyrik unterordnete; der Aufsatz
zeugte von Einsicht und Klarheit. Er wurde nach Düsseldorf be¬
rufen, und da die Herren vom Kuratorium ihn als Gegner aller
Pietisterei kannten, ließen sie ihn sehr gerne ziehen. Den Gegen-
35 satz zu ihm bildet ein anderer Lehrer, der auf die Frage eines
Quartaners, wer Goethe gewesen sei, antwortete: „ein gottloser
Mann66.
Die Elberfelder Realschule ist sehr gut fundiert und kann des¬
halb tüchtigere Lehrer wählen und einen vollständigeren Kursus
40 einrichten. Dagegen herrscht auf ihr jene fürchterliche Heftschrei¬
berei, die einen Schüler in einem halben Jahre stumpf machen
kann. Nebenbei ist von Direktion wenig zu spüren; der Direktor
ist die Hälfte des Jahres verreist und betätigt seine Anwesenheit
1) Im TfD Schifflern
3*
36
Bremen 1838—1841.
Aus dem Telegraph
nur durch übertriebene Strenge. Mit der Realschule ist eine Ge¬
werbschule verbunden, auf der die Schüler ihr halbes Leben ver¬
zeichnen. Von den Lehrern ist Herr Dr. Kruse bemerkenswert, der
sechs Wochen in England war und ein Werklein über die englische
Aussprache schrieb, welches sich durch seine ausgezeichnete Un- 5
brauchbarkeit bemerklich macht; die Schüler stehen in einem
sehr schlechten Rufe und sind die Veranlassung zu Diesterwegs
Klagen über die Jugend Elberfelds.
Das Gymnasium in Elberfeld ist in sehr bedrängten Verhält¬
nissen, aber anerkannt eins der besten im preußischen Staat. Es 10
ist Eigentum der reformierten Gemeinde, hat von ihrem Mystizis¬
mus wenig zu leiden, weil die Prediger sich nicht darum beküm¬
mern und die Scholarchen nichts von Gymnasialsachen verstehen;
desto mehr aber von ihrer Knauserei. Diese Herren haben nicht
die geringste Idee von der Vorzüglichkeit der preußischen Gym- #
nasialbildung, suchen der Realschule alles, Geld wie Schüler, zu¬
zuwenden und werfen doch dem Gymnasium vor, daß es durch
Schulgeld seine Auslagen nicht einmal decken könne. Es wird jetzt
unterhandelt, daß die Regierung, der es sehr darum zu tun ist,
das Gymnasium übernimmt; käme es nicht dazu, so müßte es in 20
wenigen Jahren aus Mangel an Mitteln suspendiert werden. Die
Lehrerwahlen liegen jetzt auch in den Händen der Scholarchen,
Leute, die zwar einen Posten sehr korrekt ins Hauptbuch über¬
tragen können, aber von Griechisch, Latein oder Mathematik keine
Idee haben. Das Hauptprinzip ihrer Wahl ist: lieber einen refor- 2s
mierten Stümper als einen tüchtigen Lutheraner oder gar
Katholiken zu wählen. Da aber unter den preußischen Philologen
weit mehr Lutheraner als Reformierte sind, haben sie diesem
Prinzipe fast nie recht folgen können.
Dr. Hantschke, königlicher Professor und provisorischer Direk- 30
tor, ist aus Luckau in der Lausitz, schreibt ein ciceronianisches
Latein in Versen und Prosa, ist auch Verfasser mehrerer Predig¬
ten, pädagogischer Schriften und eines hebräischen Übungs¬
buches. Er wäre längst fester Direktor geworden, wenn er nicht
lutherisch und das Scholarchat weniger geizig wäre. 35
Dr. Eichhoff, zweiter Oberlehrer, schrieb mit seinem jüngeren
Kollegen, Dr. Beltz, eine lateinische Grammatik, die aber in der
Allgemeinen Litteratur-Zeitung von F. Haase nicht sehr günstig
rezensiert wurde. Seine Hauptforce ist das Griechische.
Dr. Clausen, dritter Oberlehrer, ohne Zweifel der tüchtigste 40
Mann in der ganzen Schule, in allen Fächern bewandert, in der
Geschichte und Literatur ausgezeichnet. Sein Vortrag ist von selte¬
ner Anmut; er ist der einzige, der den Sinn der Poesie in den
1) Im TfD Hase
Briefe aus dem Wuppertal II
37
Schülern zu wecken weiß, den Sinn, der sonst elendiglich verküm¬
mern müßte unter den Philistern des Wuppertales. Als Schrift¬
steller ist er meines Wissens nur in einer Programm-Dissertation:
„Pindaros der Lyriker66 aufgetreten, die ihm einen großen Ruf
5 unter den Gymnasiallehrern in und außerhalb Preußen gemacht
haben soll. In den Buchhandel ist sie natürlich nicht gekommen.
Diese drei Schulen sind erst seit 1820 eingerichtet worden;
früher bestand nur in Elberfeld und Barmen je eine Rektorat¬
schule und eine Menge von Privatinstituten, die keine gediegene
io Bildung geben konnten. Ihre Nachwirkungen sind noch an den
älteren Kaufleuten Barmens zu spüren. Von Bildung — keine
Idee; wer Whist und Billard spielen, etwas politisieren, ein ge¬
wandtes Kompliment machen kann, das ist in Barmen und Elber¬
feld ein gebildeter Mann. Es ist ein schreckliches Leben, was diese
15 Menschen führen, und sie sind doch so vergnügt dabei; den Tag
über versenken sie sich in die Zahlen ihrer Konti, und das mit einer
Wut, mit einem Interesse, daß man es kaum glauben möchte;
abends zur bestimmten Stunde zieht alles in die Gesellschaften,
wo sie Karten spielen, politisieren und rauchen, um mit dem
20 Schlage neun nach Hause zurückzukehren. So geht es alle Tage,
ohne Veränderung, und wehe dem, der ihnen dazwischen kömmt;
er kann der ungnädigsten Ungnade aller ersten Häuser gewiß sein.
— Die jungen Leute werden brav von ihren Vätern in die Schule
genommen; sie lassen sich auch sehr gut an, ebenso zu werden.
25 Ihre Unterhaltungsgegenstände sind ziemlich einförmig; die Bar¬
mer sprechen mehr von Pferden, die Elberfelder von Hunden;
wenn’s hoch kömmt, werden auch Schönheiten rezensiert oder es
wird von Geschäftssachen geplappert, das ist alles. Alle halbe
Jahrhundert sprechen sie auch von Literatur, unter welchem Na-
50 men sie Paul de Kock, Marryat, Tromlitz, Nestroy und Konsorten
verstehen. In der Politik sind sie als sehr gute Preußen, weil sie
unter preußischer Herrschaft stehen, a priori allem Liberalismus
gar sehr zuwider, alles, solange es Sr. Majestät gefällt, ihnen den
Code Napoleon zu lassen; denn mit ihm würde aller Patriotismus
55 schwinden. Das junge Deutschland kennt niemand in seiner lite¬
rarischen Bedeutung; es gilt für eine geheime Verbindung, etwa
wie die Demagogie, unter dem Vorsitze der Herren Heine, Gutz¬
kow und Mundt. Einige der edlen Jünglinge haben wohl etwas
von Heine gelesen, vielleicht die Reisebilder mit Übergehung der
40 Gedichte darin, oder den Denunzianten, aber von den übrigen
herrschen nur dunkle Begriffe aus dem Munde der Pfarrer oder
Beamten. Freiligrath ist den meisten persönlich bekannt und steht
im Rufe eines guten Kameraden. Als er nach Barmen kam, wurde
er von diesem grünen Adel (so nennt er das junge Kaufmanns-
45 volk) mit Besuchen überhäuft; bald aber hatte er ihren Geist er¬
38
Bremen 1838—1841.
Aus dem Telegraph
kannt und zog sich zurück; aber sie verfolgten ihn, lobten seine
Gedichte und seinen Wein und strebten mit aller Gewalt darnach,
mit einem Brüderschaft zu trinken, der etwas hatte drucken lassen;
denn diesen Menschen ist ein Dichter nichts, aber ein Schrift¬
steller alles. Nach und nach brach Freiligrath allen Umgang mit 5
diesen Menschen ab und verkehrt jetzt nur mit wenigen, nachdem
Köster Barmen verlassen hat. Seine Prinzipale haben sich in ihrer
prekären Stellung immer sehr anständig und freundlich gegen ihn
benommen; merkwürdigerweise ist er ein höchst exakter und flei¬
ßiger Comptoirarbeiter. Über seine dichterischen Leistungen zu 10
sprechen, wäre sehr überflüssig, nachdem Dingelstedt, in dem
Jahrbuche der Literatur, und Carrière in den Berliner Jahr¬
büchern ihn so genau beurteilt haben. Indes scheinen mir beide
nicht genug beachtet zu haben, wie er bei allem Schweifen in die
Feme doch $o sehr an der Heimat hängt. Darauf deuten die häu- is
figen Anspielungen auf deutsche Volksmärchen, z. B. S. 54, die
Unkenkönigin, S. 87, Snewittchen u. a., denen S. 157 ein ganzes
Gedicht (Im Walde) gewidmet ist, hin, die Nachahmung Uhlands
(der Edelfaik, S. 82, die Schreinergesellen, S. 85, auch das erste
der zwei Feldherrngräber erinnert doch nur zu seinem Vorteile an 20
ihn), dann die Auswanderer und vor allen sein unübertrefflicher
Prinz Eugen. Auf diese wenigen Momente muß man desto mehr
achten, je mehr Freiligrath in die entgegengesetzte Richtung sich
verliert. Einen tiefen Blick in sein Gemüt eröffnet auch der aus¬
gewanderte Dichter, besonders die Fragmente, die im Morgenblatt 25
abgedruckt sind; darin fühlt er schon, wie er in der Ferne nicht
heimisch werden kann, wenn er nicht in echt deutscher Dichtkunst
wurzelt.
In der eigentlichen Wuppertaler Literatur nimmt die Journa¬
listik die wichtigste Stelle ein. Oben an steht die Elberfelder Zei- 30
tung, redigiert von Dr. Martin Runkel, die sich unter seiner ein¬
sichtsvollen Leitung einen bedeutenden und wohlverdienten Ruf
erworben hat. Er übernahm die Redaktion, als zwei Zeitungen,
die Allgemeine und Provinzialzeitung, zu einer verschmolzen
wurden; unter nicht sehr günstigen Auspizien entstand das Blatt; 35
die Barmer Zeitung trat konkurrierend auf, aber Runkel hat es
nach und nach durch Streben nach eigner Korrespondenz und
durch seine leitenden Artikel zu einer der ersten Zeitungen des
preußischen Staates gemacht. Sie fand zwar in Elberfeld, wo die
leitenden Artikel nur von wenigen gelesen werden, wenig, auswärts 40
aber desto mehr Anerkennung, wozu der Verfall der Preussischen
Staatszeitung (?) auch das Seinige beigetragen haben mag. Die
belletristische Beilage, Intelligenzblatt, erhebt sich nicht über das
Gewöhnliche. Die Barmer Zeitung, deren Verleger, Redaktoren
und Zensoren häufig wechselten, steht jetzt unter der Leitung von 45
Briefe aus dem Wuppertal II
39
H. Püttmann, der zuweilen in der Abendzeitung rezensierend auf¬
tritt. Er möchte die Zeitung wohl gerne heben, aber durch des Ver¬
legers wohlbegründete Kargheit sind ihm die Hände gebunden.
Das Feuilleton mit einigen seiner Gedichte, Rezensionen oder
5 Auszügen aus größeren Schriften angefüllt, tut’s auch nicht. Der
sie begleitende „Wuppertaler Lesekreis“ nährt sich fast nur von
Lewalds Europa. Außer diesen erscheint noch der Elberfelder
tägliche Anzeiger nebst Fremdenblatt, ein Kind der Dorfzeitung,
unübertrefflich in herzbrechenden Gedichten und schlechten
10 Witzen, und das Barmer Wochenblatt, eine alte Nachtmütze, dem
die pietistischen Eselsohren alle Augenblick unter der belletristi¬
schen Löwenhaut hervorschauen.
Von der übrigen Literatur ist die Prosa gar nichts wert; nehme
ich die theologischen oder vielmehr pietistischen Schriften, einige
is Werklein über Barmens und Elberfelds Geschichte, die sehr ober¬
flächlich abgefaßt sind, weg, so bleibt nichts übrig. Aber die Poe¬
sie findet reichliche Pflege in dem „gesegneten Tale“, und eine
ziemliche Anzahl Poeten haben dort ihren Wohnsitz auf geschlagen.
Wilhelm Langewiesche, Buchhändler zu Barmen und Iserlohn,
20 schreibt unter dem Namen W. Jemand, sein Hauptwerk ist eine
didaktische Tragödie, der ewige Jude, die freilich nicht an Mosens
Bearbeitung desselben Gegenstandes reicht. Er ist als Verleger
der bedeutendste seiner Wuppertaler Konkurrenten, was übrigens
sehr leicht ist, da ihrer zwei, Hassel in Elberfeld, Steinhaus in
25 Barmen, nur echten Pietismus verlegen. Freiligrath wohnt in sei¬
nem Hause.
Karl August Döring, Prediger in Elberfeld, ist Verfasser einer
Menge von prosaischen und poetischen Schriften; von ihm gilt
Platens Wort: Sie sind ein wasserreicher Strom, den niemand bis
30 zu Ende schwimmt.
In seinen Gedichten unterscheidet er zwischen geistlichen Lie¬
dern, Oden und lyrischen Gedichten. Zuweilen hat er schon auf
der Mitte des Gedichts den Anfang vergessen und gerät dann in
ganz eigentümliche Regionen; von den Südseeinseln und ihren
35 Missionären gerät er in die Hölle und von den Seufzern der zer¬
knirschten Seele nach dem Eise des Nordpols.
Lieth, Vorsteher einer Mädchenschule in Elberfeld, Verfasser
von Kindergedichten, die meistens in einer schon veralteten Ma¬
nier geschrieben sind und keinen Vergleich mit denen Rückerts,
40 Gülls und Heys aushalten können; doch finden sich auch einzelne
hübsche Sachen darunter.
Friedrich Ludwig Wülfing, unstreitig der größte Dichter des
Wuppertals, ein Barmer von Geburt, ist ein Mann, in dem die
Genialität gar nicht zu verkennen ist. Sieht man einen langen
45 Menschen, von etwa fünfundvierzig Jahren, in einen langen rot¬
40
Bremen 1838—1841.
Aus dem Telegraph
braunen Rock verhüllt, der halb so alt ist, wie sein Herr, auf den
Schultern ein unbeschreibliches Antlitz, auf der Nase eine ver¬
goldete Brille, in deren Gläsern sich die strahlenden Blicke der
Augen brechen, das Haupt gekrönt mit einer grünen Mütze, im
Munde eine Blume, in der Hand einen eben vom Rock gedrehten 5
Knopf — das ist der Horaz Barmens. Tag für Tag ergeht er sich
auf dem Hardtberge und wartet, ob ihm nicht ein neuer Reim
oder eine neue Geliebte aufstoße. Bis in sein dreißigstes Jahr
huldigte er Pallas Athenen als industriöser Mann; dann geriet er
Aphroditen in die Hände, die ihm neun Dulcineen nacheinander 10
zuführte; diese sind seine Musen. Man spreche nicht von Goethe,
der allem eine poetische Seite abgewann, nicht von Petrarca, der
jeden Blick, jedes Wort der Geliebten in ein Sonett brachte — an
Wülfing reichen sie lange nicht. Wer zählt die Sandkörner, die
der Geliebten Fuß zerknittert? Das tut der große Wülfing. Wer
besingt Minchens (die Clio der neun Musen) in einer sumpfigen
Wiese beschmutzte Strümpfe? Nur Wülfing. — Seine Epigramme
sind Meisterwerke der originellsten, volkstümlichsten Grobheit.
Als seine erste Frau starb, schrieb er eine Todesanzeige, die alle
Dienstmädchen zu Tränen rührte und eine noch weit schönere 20
Elegie: „Wilhelmine, schönster aller Namen!“ Sechs Wochen spä¬
ter verlobte er sich schon wieder und jetzt hat er die dritte Frau.
Der geistreiche Mann hat alle Tage andere Pläne. Als er noch so
recht in seiner poetischen Blütezeit stand, wollte er bald Knopf¬
macher, bald Landmann, bald Papierhändler werden; zuletzt ist 25
er in den Hafen der Lichtzieherei geraten, um sein Licht auf
irgendeine Weise leuchten zu lassen. Seine Schriften sind wie
der Sand am Meer.
Montanus Eremita, ein Solinger Anonymus, gehört als nach¬
barlicher Freund auch hieher. Er ist der poetischste Historiograph 30
des bergischen Landes; seine Verse sind weniger unsinnig als
langweilig und prosaisch.
Ebenso Johann Pol, Pastor zu Heedfeld bei Iserlohn, der ein
Bändlein Gedichte schrieb.
Könige kommen von Gott und Missionäre desgleichen, 35
Aber der Goethe-Poet kommt von den Menschen allein.
Dies zeigt den Geist des ganzen Bandes. Aber er hat auch Witz,
denn er sagt: Die Dichter sind Lichter, die Philosophen sind der
Wahrheit Zofen. Und welche Phantasie liegt in den beiden An¬
fangszeilen seiner Ballade: Attila an der Marne: 40
Gleich Lawinen ungeheuer, schneidend hart wie
Schwert und Kiesel,
1) Im TfD Hanfeld
Briefe aus dem Wuppertal II
41
Wälzt durch Schutt und Städteflammen sich nach
Gallien Godegisel.
Auch hat er Psalme gedichtet, oder vielmehr aus Davidschen
Fragmenten komponiert. Sein Hauptwerk ist die Besingung des
5 Streits zwischen Hülsmann und Sander und zwar auf eine höchst
originelle Weise, in Epigrammen. Da dreht sich alles um den Ge¬
danken, die Rationalisten wagten —
Zu schmähen und zu lästern den Herrn Herrn.
Weder Voß noch Schlegel haben jemals einen so vollkommenen
10 Spondeus am Schluß eines Hexameters gehabt. Er versteht die
Einteilung seiner Gedichte noch besser als Döring, er teilt sie in :
„Geistliche Gesänge und Lieder und vermischte Gedichte.66
F. W. Krug, Kandidat der Theologie, Verfasser von poetischen
Erstlingen oder prosaischen Reliquien, Übersetzer mehrerer hol-
15 ländischer und französischer Predigten, schrieb auch eine rüh¬
rende Novelle im Geschmack Stillings, worin er unter andern
einen neuen Beweis für die Wahrheit der mosaischen Schöpfungs¬
geschichte auf stellt. Das Buch ist ergötzlich.
Zum Schlüsse muß ich noch eines geistvollen jungen Mannes
20 erwähnen, der die Idee hat, da Freiligrath Handlungsdiener und
Dichter zugleich sei, müßte er es auch können. Hoffentlich wird
die deutsche Literatur bald durch einige seiner Novellen vermehrt
werden, die von den besten nicht übertroffen werden; die ein¬
zigen Fehler, die man ihnen vorwerfen kann, sind Abgedroschen-
25 heit der Handlung, übereilte Anlage und nachlässiger Stil. Sehr
gern würde ich eine im Auszuge mitteilen, wenn es die Dezenz
nicht verböte; doch wird sich vielleicht bald ein Buchhändler des
großen D. (seinen ganzen Namen wage ich nicht zu nennen, weil
ihn sonst seine verletzte Bescheidenheit zu einem Injurienprozeß
3o gegen mich verleiten würde) erbarmen und seine Novellen ver¬
legen. Auch will er ein sehr genauer Freund Freiligraths sein.
Dies sind so ziemlich die literarischen Erscheinungen des welt¬
berühmten Tals, wozu vielleicht noch einige weinentflammte
Kraftgenies zu zählen wären, die sich dann und wann reimend
36 versuchen, und die ich Herm Dr. Duller zur Porträtierung für
einen neuen Roman sehr empfehlen kann. Die ganze Gegend liegt
von einem Meer von Pietismus und Philisterei überschwemmt,
und was daraus hervorragt, sind keine schönen blumenreichen Ei¬
lande, nur dürre nackte Klippen oder lange Sandbänke, und
io Freiligrath irrt dazwischen umher wie ein verschlagener Schiffer.
[Offener Brief an Dr. Runkel]
[Elberfelder Ztg. 9. Mai 1839. Nr. 127]
f Elberfeld, den 6. Mai.*) Herrn Dr. Runkel in El¬
berfeld. Sie haben mich und meine Briefe aus dem Wuppertal
in Ihrer Zeitung heftig angegriffen, haben mir absichtliche Ent¬
stellungen, Unkenntnis der Verhältnisse, Persönlichkeiten, ja Un- «5
Wahrheiten vorgeworfen. Daß Sie mich einen Jungdeutschen nen¬
nen, kann mir gleichgültig sein, da ich weder die Vorwürfe, die
Sie der jungen Literatur machen, anerkenne, noch zu ihr zu ge¬
hören die Ehre habe. Ich habe Sie bisher als Literat und Publi¬
zisten nur geachtet, meine Ansicht dahin auch im zweiten Artikel 10
ausgesprochen und absichtlich die von Ihnen herrührenden Ge¬
dichte im Rheinischen Odeon nicht erwähnt, weil ich diese nicht
hätte loben können. Absichtliche Entstellung kann man jedem vor¬
werfen und pflegt dies auch überall zu tun, wo eine Erzählung
nicht mit des Lesers vorgefaßten Meinungen stimmt. Warum haben 15
Sie mir keine einzige nachgewiesen? Was die Unkenntnis der
Verhältnisse betrifft, so hätte ich diesen Vorwurf am wenigsten
erwartet, wenn ich nicht wüßte, wie sehr diese Redensart eine
nichtssagende, überall in Ermangelung eines Besseren gebrauchte
Floskel geworden ist. Ich habe mich vielleicht doppelt so lange 20
im Wuppertal auf gehalten wie Sie, habe in Elberfeld und Barmen
gewohnt und die günstigste Gelegenheit gehabt, das Leben aller
Stände genau zu beobachten. —
Herr Runkel, auf Genialität, wie Sie mir vorwerfen, mache
ich keine Ansprüche, aber dazu gehörte wahrlich ein außerordent- 25
lieh stupides Ingenium, unter solchen Umständen die Verhält¬
nisse nicht kennen zu lernen, besonders wenn man sich darum be¬
müht. Persönlichkeiten — ein Prediger, ein Lehrer ist so gut wie
ein Schriftsteller ein öffentlicher Charakter, und eine Schilderung
seines öffentlichen Auftretens nennen Sie doch wohl keine Per- 30
sönlichkeit? Wo habe ich Privatangelegenheiten zur Sprache ge¬
bracht, wo nun gar solche, die die Nennung meines Namens er¬
forderten, wo dergleichen verspottet? Und was die mir aufgebun¬
denen Unwahrheiten betrifft, so sehe ich mich, so gern ich alle
Klopffechter ei oder nur Aufsehen vermieden hätte, genötigt, um 35
♦) Diesen Artikel fanden wir gestern in unsrer Wohnung vor, ohne zu wissen,
von wem er zugesandt worden. Wir drucken ihn wörtlich ab, da wir gern unpar¬
teiisch verfahren, bemerken aber unsrerseits, daß wir unsre allgemein aus¬
gesprochenen Behauptungen nur dann in Details verteidigen, wenn, was wir getan
haben, jener Wuppertaler Briefsteller sich genannt haben wird.
D. Red. d. Elberf. Ztg.
Brief an Runkel in Elberfeld
43
weder den Telegraphen noch meine anonyme Ehre zu kompromit¬
tieren, Sie aufzufordern, mir doch aus der „Fülle von Unwahr¬
heiten66 nur Eine nachzuweisen. Ehrlich gesagt, zwei sind wirk¬
lich drin. Die Umdichtung von Stier ist nicht wörtlich abgedruckt,
5 und mit dem Reisen des Herrn Egen ist es nicht so schlimm. Aber
nun haben Sie doch die Güte, das Kleeblatt voll zu machen! Ferner
sagen Sie, ich hätte nicht eine einzige Lichtseite der Gegend dar¬
gestellt. Das ist wahr; im einzelnen habe ich überall das Tüchtige
anerkannt (nur Herm Stier habe ich nicht in seiner theologischen
10 Bedeutsamkeit dargestellt, was mir wirklich leid tut), aber im all¬
gemeinen habe ich keine reinen Lichtpartien finden können; die
Darstellung derselben erwarte ich gleichfalls von Ihnen. Ferner
ist es mir nicht eingefallen, zu sagen, die rote Wupper werde bei
Barmen wieder klar. Das ist ja Unsinn, oder fließt die Wupper
in bergan? Zum Schluß bitte ich Sie, erst zu urteilen, nachdem Sie
das Ganze gelesen und den Dante künftig wörtlich oder gar nicht
zu zitieren; er sagt nicht: qui si entra nell’ etemo dolore, sondern
per me si va nello etemo dolore (Inferno III, 2). —
Der Verfasser der Briefe aus dem Wuppertal.
[F. W. Krummachers Predigt über Josua]
[TfD Mai 1839. Nr. 84, p. 671-672]
* Krummacher in Elberfeld stellte kürzlich in einer Predigt
über Josua 10, 12, 13, wo Josua die Sonne stillstehen heißt, die
interessante Behauptung auf, daß fromme Christen, Auserwählte, 5
an dieser Stelle nicht annehmen dürften, daß Josua sich den An¬
sichten des Volkes hier akkomodiert habe, sondern glauben mü߬
ten, daß die Erde stille stehe und die Sonne sich um
dieselbe bewege. Um diese Ansicht zu begründen, bewies
er, daß sie in der ganzen Bibel ausgesprochen sei. Den Narren, io
welchen die Welt ihnen, den Auserwählten, deshalb anhängen
werde, sollten sie getrost zu den vielen, die sie schon bekommen,
in die Tasche stecken. —
Eine Widerlegung dieser uns aus guter Quelle gekommenen
traurigen Anekdote würden wir mit Freuden aufnehmen. i5
Aus Elberfeld
[TfD Nov. 1839. Nr. 178, p. 1420-1422]
Es sind seit einiger Zeit Klagen laut geworden, bittere Klagen
über die trostlose Kraft der Skepsis; hier und da schaute man
5 trübe auf das niedergerissene Gebäude des alten Glaubens, bang
harrend, daß die Wolken zerreißen möchten, die den Himmel der
Zukunft bedecken. Mit einem ähnlichen, wehmütigen Gefühle
lege ich die „Lieder eines heimgegangenen Freundes46 aus der
Hand ; es sind Lieder eines Toten, eines echten Wuppertaler Chri-
io sten, an die glückliche Zeit erinnernd, wo man selbst noch kindlich
glauben konnte an eine Lehre, deren Widersprüche man sich jetzt
an den Fingern abzählen kann, wo man von heiligem Eifer glühte
gegen religiöse Freisinnigkeit — einem Eifer, über den man jetzt
lächelt oder errötet. — Der Druckort schon zeigt, daß man diese
15 Verse nicht nach dem gewöhnlichen Maßstabe beurteilen darf,
daß hier keine blendenden Gedanken, kein fesselloser Schwung
eines freien Geistes zu finden sind; ja es wäre unbillig, etwas
anderes zu verlangen als Produkte des Pietismus. Der einzig rich¬
tige Maßstab, den man an diese Gedichte legen darf, ist durch die
2o frühere Wuppertaler Literatur gegeben, an der ich meinen Un¬
mut schon hinlänglich ausgelassen habe, um mm auch einmal von
andrem Gesichtspunkte eines ihrer Erzeugnisse beurteilen zu dür¬
fen. Und da ist unverkennbar, daß in diesem Buche ein Fort¬
schritt sich zeigt. Die Gedichte — die von einem, wenn auch nicht
25 ungebildeten Laien herzurühren scheinen — stehen den Gedanken
nach zum wenigsten gleich mit denen der Prediger Döring und
Pol, ja zuweilen ist ein leiser Hauch von Romantik, soviel sich
davon an die calvinistische Lehre anhängen läßt, nicht zu verken¬
nen. Was die Form betrifft, sind sie aber unstreitig das Beste, was
so das Wuppertal bis jetzt hervorgebracht hat; neue oder seltene
Reime sind oft nicht ohne Geschicklichkeit angebracht; ja bis zum
Distichon und zur freien Ode hat sich der Verfasser erhoben,
welche Formen ihm aber zu hoch waren. Krummachers Einfluß
ist unverkennbar; seine Redensarten und Bilder sind überall be-
35 nutzt; wenn der Dichter aber singt:
Pilger: Arme Schäflein von Christi Herde,
Ich seh’ ja nichts von seiner Zierde
An Dir, o Schäflein, so still.
46
Bremen 1838—1841.
Aus dem Telegraph
Schäflein: Gedrückt ein Weilchen, dann hoch erhöht
Das Schäflein im Paradiese steht.
Pilger, schweige, und werd’ ein Lämmlein,
Die still Gebeugten geh’n zum engen Tor ein,
Drum schweig’ und bete und werd’ ein Lämmlein, &
so ist das keine Nachahmung Krummachers, sondern schon er
selbst! Dagegen finden sich einzelne Stellen dieser Gedichte, die
durch die Wahrheit der Empfindung wirklich rührend sind — ach,
man kann nur nie vergessen, daß diese Empfindung größtenteils
krankhaft ist! Und doch zeigt es sich auch hier, wie stärkend und m
tröstend eine wirklich zur Herzenssache gewordene Religion,
selbst in ihren traurigsten Extremen, überall wirkt.
Lieber Leser, verzeihe mir, daß ich Dir ein Buch vorführte,
das unendlich wenig Interesse für Dich haben kann; Du bist nicht
im Wuppertale geboren, Du standest vielleicht nie auf den Ber- iz
gen und sahst nie die beiden Städte zu Deinen Füßen; aber Du
hast auch eine Heimat und kehrst vielleicht mit derselben Liebe
wie ich zu ihren unbedeutenden Erscheinungen zurück, wenn Du
Deinen Zorn gegen ihre Verkehrtheiten ausgelassen hast. —
S. O s w a 1 d *) 20
*) Verfasser der „Briefe aus dem Wuppertal“, die der Telegraph unlängst mit¬
teilte, und die niemand harmloser aufgenommen hat als F. W. Krummacher.
An m. d. Red.
VERSCHIEDENES
Die deutschen Volksbücher
Von Friedrich Oswald
[TfD Nov. 1839. Nr. 186, p. 1481-1484; Nr. 188, p. 1501-1502; Nr.
189, p. 1509-1512; Nr. 190, p. 1518-1519; Nr. 191, p. 1526-1528]
Ist es nicht ein großes Lob für ein Buch, wenn es ein Volksbuch,
ein deutsches Volksbuch ist? Aber darum dürfen wir auch Großes
von einem solchen Buche verlangen, darum muß es allen vernünf¬
tigen Ansprüchen genügen und von jeder Seite in seinem Werte
unangreifbar sein. Das Volksbuch hat den Beruf, den Landmann,
10 wenn er abends müde von seinem harten Tagewerk zurückkehrt,
zu erheitern, zu beleben, zu ergötzen, ihn seiner Mühen vergessen
zu machen, sein steiniges Feld in einen duftigen Rosengarten um¬
zuwandeln; es hat den Beruf, dem Handwerker seine Werkstatt,
dem geplagten Lehrjungen seine elende Dachkammer in eine Welt
io der Poesie, in einen goldenen Palast umzuzaubem und ihm sein
handfestes Liebchen in Gestalt einer wunderschönen Prinzessin
vorzuführen; aber es hat auch den Beruf, neben der Bibel ihm sein
sittliches Gefühl klarer zu machen, ihm seine Kraft, sein Recht,
seine Freiheit zum Bewußtsein zu bringen, seinen Mut, seine Vater-
20 landsliebe zu wecken.
Sind also im allgemeinen die Anforderungen, die man, ohne
ungerecht zu sein, an ein Volksbuch machen darf, reicher poeti¬
scher Inhalt, derber Witz, sittliche Reinheit, und für das deutsche
Volksbuch kräftiger, biederer deutscher Geist, Eigenschaften,
25 die zu jeder Zeit sich gleichbleiben, so sind wir daneben auch be¬
rechtigt, zu verlangen, daß das Volksbuch seiner Zeit entspreche
oder aufhöre, Volksbuch zu sein. Sehen wir insbesondere die
Gegenwart an, das Ringen nach Freiheit, das alle ihre Erschei¬
nungen hervorruft, den sich entwickelnden Konstitutionalismus,
5o das Sträuben gegen den Druck der Aristokratie, den Kampf des
Gedankens mit dem Pietismus, der Heiterkeit mit den Resten
düsterer Askese, so sehe ich nicht ein, inwiefern es Unrecht wäre,
zu verlangen, das Volksbuch solle hier dem Ungebildeteren zur
Hand gehen, ihm, wenn auch natürlich nicht in unmittelbarer
35 Deduktion, die Wahrheit und Vernünftigkeit dieser Richtungen
zeigen — aber auf keinen Fall die Duckmäuserei, das Kriechen
vor dem Adel, den Pietismus befördern. Von selbst versteht es
sich aber, daß Gebräuche früherer Zeiten, deren Ausübung jetzt
Marx-Engels-Gesamtausgabe, I. Abt., Bd. 2. 4
50
Bremen 1838—1841.
Aus dem Telegraph
Unsinn oder gar Unrecht wäre, dem Volksbuche fremd bleiben
müssen.
Nach diesen Grundsätzen dürfen und müssen wir auch die¬
jenigen Bücher beurteilen, die jetzt wirklich deutsche Volksbücher
sind und gewöhnlich unter diesem Namen zusammengefaßt $
werden. Sie sind teils Erzeugnisse der mittelalterlichen deutschen
oder romanischen Poesie, teils des Volksaberglaubens. Früher
von den hohem Ständen verachtet und verspottet, wurden sie von
den Romantikern hervorgesucht, bearbeitet, ja gefeiert. Aber die
Romantik sah nur auf den poetischen Gehalt, und, wie unfähig sie 10
war, ihre Bedeutung als Volksbücher zu fassen, zeigt Görres
in seinem Werk darüber. Daß Görres überhaupt seine Urteile alle
dichtet, hat er ja noch in der neuesten Zeit gezeigt. Doch beruht
auf seinem Buche noch immer die gewöhnliche Ansicht über diese
Bücher, und Marbach beruft sich noch darauf bei der Ankün- is
digung seiner Ausgabe. In der dreifachen neuen Bearbeitung
dieser Bücher — durch Marbach in Prosa, durch Simrock eine
prosaische und eine poetische — von denen zwei wieder für das
Volk bestimmt sind, war die Aufforderung gegeben, die Gegen¬
stände dieser Bearbeitungen nochmals genau in ihrem volkstüm- 20
liehen Werte zu prüfen.
Das Urteil über den poetischen Wert dieser Bücher muß jedem
Einzelnen überlassen bleiben, so lange die Poesie des Mittelalters
überhaupt so sehr verschieden beurteilt wird ; daß sie aber wirk¬
lich echt poetisch sind, wird wohl keiner leugnen. Mögen sie also 25
auch als Volksbücher sich nicht legitimieren können, der poetische
Gehalt soll ihnen ungeschmälert bleiben, ja, nach Schillers
Worten:
Was unsterblich im Gesang soll leben,
Muß im Leben untergehn, 30
möchte vielleicht mancher Dichter einen Beweggrund mehr finden,
das, was sich als unhaltbar fürs Volk erweist, der Poesie durch
Bearbeitung zu retten. — Zwischen denen dieser Erzählungen,
die deutschen, und denen, die romanischen Ursprungs sind, findet
sich ein sehr bezeichnender Unterschied; die deutschen, echte 35
Volkssagen, stellen den Mann handelnd in den Vordergrund; die
romanischen heben das Weib, entweder geradezu duldend (Ge¬
novefa) oder liebend, also auch passiv gegen die Leidenschaft,
hervor. Nur zwei sind ausgenommen: die Haimonskinder und
Fortunat, beide romanisch, aber auch Volkssagen, während Okta- &
vian, Melusine usw. Produkte der Hof poesie und erst später durch
prosaische Bearbeitung ins Volk übergegangen sind. — Von den
komischen ist auch nur eins nicht geradezu deutschen Ursprungs,
Salomon und Morolf, während Eulenspiegel, die Schildbürger
usw. uns nicht streitig gemacht werden können. 45
Die deutschen Volksbücher
51
Fassen wir die Gesamtheit dieser Bücher ins Auge und be¬
urteilen wir sie nach den im Anfänge ausgesprochenen Grund¬
sätzen, so ist es klar, daß sie nur nach einer Seite hin diesen An¬
sprüchen genügen; sie haben Poesie und Witz in reichem Maße
und in einer auch dem Ungebildetsten im allgemeinen ganz ver¬
ständlichen Form, nach der andern Seite hin aber genügt die
Gesamtheit gar nicht, einzelne sprechen gerade das Gegenteil
aus, andere genügen nur teilweise. Die besonderen Zwecke, die
die Gegenwart von ihnen verlangen dürfte, gehen ihnen als Pro-
10 dukten des Mittelalters natürlich ganz ab. Trotz der äußeren
Reichhaltigkeit dieses Literaturzweiges und trotz Tiecks und Gör¬
res’ Deklamationen lassen sie also noch sehr zu wünschen übrig;
ob diese Lücke aber jemals auszufüllen sein wird, ist eine andere
Frage, die ich mir nicht zu beantworten getraue.
15 Um nun zu dem einzelnen überzugehen, so ist ohne Zweifel
das wichtigste die Geschichte vom gehörnten Siegfried. — Das
Buch laß’ ich mir gefallen; das ist eine Erzählung, die wenig
zu wünschen übrig läßt, da ist die üppigste Poesie, bald mit der
größten Naivetät, bald mit dem schönsten humoristischen Pathos
2o vorgetragen; da ist sprudelnder Witz — wer kennt nicht die kost¬
bare Episode vom Kampf der beiden Memmen? Da ist Charakter,
ein kecker, jugendlich-frischer Sinn, an dem sich jeder wandernde
Handwerksbursche ein Exempel abnehmen kann, wenn er auch
nicht mehr mit Drachen und Riesen zu kämpfen hat. Und werden
25 nur die Druckfehler verbessert, an denen besonders die mir vor¬
liegende (Kölner) Ausgabe überaus reich ist, und die Interpunk¬
tion richtig gesetzt, so verschwinden Schwabs und Marbachs Über¬
arbeitungen gegen diesen echten Volksstil. Das Volk hat sich aber
auch dankbar dagegen bewiesen ; keines dieser Bücher ist mir so
so häufig vorgekommen wie dieses.
Herzog Heinrich der Löwe. — Von diesem Buche habe
ich mir leider kein altes Exemplar verschaffen können; die neuere,
in Einbeck gedruckte Ausgabe scheint ganz an die Stelle der alten
getreten zu sein. Voran geht eine Genealogie des Braunschweigi-
35 sehen Hauses, die bis zum Jahr 1735 geht, dann folgt die Bio¬
graphie des Herzogs Heinrich nach der Geschichte und darauf
die Volkssage. Noch sind beigefügt eine Erzählung, die von Gott¬
fried von Bouillon dasselbe erzählt, wie die Volkssage von Hein¬
rich dem Löwen, die Geschichte vom Sklaven Andronicus, welche
4o einem palästinischen Abt Gerasimi zugeschrieben und am Schluß
bedeutend verändert wird und ein Gedicht aus der neueren roman¬
tischen Schule, dessen Verfasser mir nicht einfällt, in dem die
Sage vom Löwen noch einmal erzählt wird. So verschwindet die
Sage, auf der doch das Volksbuch beruht, gänzlich unter den An-
45 hängsein, mit denen es die Freigebigkeit des weisen Herausgebers
52
Bremen 1838—1841.
Aus dem Telegraph
ausstattete. Die Sage selbst ist sehr schön, aber das übrige kann
nicht interessieren; was geht den Schwaben die braunschweigische
Geschichte an? Und was soll die moderne, wortreiche Romanze
hinter dem einfachen Stil des Volksbuches? — Doch auch der ist
fort; der geniale Bearbeiter, der mir ein Pfarrer oder Schul- 5
meister aus dem Ende des vorigen Jahrhunderts zu sein scheint,
schreibt folgendermaßen: „So war das Ziel der Reise erreicht, das
heilige Land lag vor Augen, der Boden wurde betreten, an den
sich die bedeutendsten Erinnerungen der religiösen Geschichte
knüpfen! Die fromme Einfalt, die hieher verlangensvoll geschaut 19
hatte, ging hier über in inbrünstige Andacht, fand hier volle Be¬
friedigung und ward die lebhafteste Freude in dem Herrn.“ —
Man stelle die Sage in ihrer alten Sprache wieder her, füge, um ein
Buch voll zu machen, andre echte Volkssagen hinzu und sende sie
so unters Volk, so wird sie den poetischen Sinn wach halten; aber u
in dieser Gestalt ist sie es nicht wert, unter dem Volke zu zirku¬
lieren.
Herzog Ernst. — Der Verfasser dieses Buches ist kein be¬
sonderer Poet gewesen, indem er alle poetischen Momente im
orientalischen Märchen vorfand. Doch ist das Buch gut geschrie- 20
ben und sehr unterhaltend für das Volk; das ist aber auch alles.
An die Wirklichkeit der darin vorkommenden Phantasiegebilde
wird doch kein Mensch mehr glauben; man mag es darum un¬
verändert in den Händen des Volks lassen.
Ich komme jetzt zu zwei Sagen, die das deutsche Volk schuf 25
und ausbildete, zu dem Tiefsten, was die Volkspoesie aller Völker
aufweisen kann. Ich meine die Sage von Faust und vom ewigen
Juden. Sie sind unerschöpflich, jede Zeit kann sie sich aneignen,
ohne sie in ihrem Wesen umzumodeln; und wenn auch die Be¬
arbeitungen der Faustsage nach Goethe zu den Iliaden post Home- 30
rum gehören mögen, so decken sie uns doch immer neue Seiten
daran auf — von der Wichtigkeit der Ahasversage für die neuere
Poesie gar nicht zu reden. Aber wie enthalten die Volksbücher
diese Sagen! Nicht als Produkte der freien Phantasie, nein, als
Kinder eines sklavischen Aberglaubens sind sie auf gefaßt; das 35
Buch vom ewigen Juden verlangt sogar einen religiösen Glauben
an seinen Inhalt, den es mit der Bibel und vielen abgeschmackten
Legenden zu rechtfertigen sucht; von der Sage enthält es nur das
Alleräußerlichste, aber eine sehr lange und langweilige christliche
Vermahnung über den Juden Ahasvérus. Die Faustsage ist zu 40
einer gemeinen Hexereigeschichte herabgesunken, mit ordinären
Zauberanekdoten verziert, sogar die wenige Poesie, die sich in der
Volkskomödie erhalten hat, ist fast ganz verschwunden. Nicht
nur aber sind diese beiden Bücher unfähig, einen poetischen Ge¬
nuß zu bieten, sie müssen in der gegenwärtigen Gestalt den alten 45
Die deutschen Volksbücher
53
Aberglauben wieder befestigen und erneuern; oder was soll man
anders von solchen Teufeleien erwarten? Das Bewußtsein der
Sage und ihres Inhalts scheint auch im Volke ganz zu verschwin¬
den; Faust gilt für einen ganz gewöhnlichen Hexenmeister und
s Ahasver für den größten Bösewicht außer Judas Ischariot. Aber
sollte es nicht möglich sein, diese beiden Sagen dem deutschen
Volke zu retten, sie in ihrer ursprünglichen Reinheit wieder
herzustellen und ihr Wesen so klar auszudrücken, daß auch dem
Ungebildeteren der tiefe Sinn nicht ganz unverständlich ist? Mar-
bach und Simrock sind noch nicht zur Bearbeitung dieser Sagen
gekommen; möchten sie bei diesen eine weise Kritik vorwalten
lassen!
Eine andre Reihe der Volksbücher liegt vor uns, es sind die
scherzhaften, Eulenspiegel, Salomon und Morolf, der Pfaff
15 vom Kalenberge, die sieben Schwaben, die Schildbürger.
Das ist eine Reihe, wie sie wenige Völker aufzuweisen haben.
Dieser Witz, diese Natürlichkeit der Anlage wie der Ausfüh¬
rung, der gutmütige Humor, welcher den beißenden Spott
überall begleitet, damit er nicht zu arg werde, diese frappante
20 Komik der Situation könnte wahrlich einen großen Teil unserer
Literatur beschämen. Welcher Autor der Gegenwart hätte Er¬
findungsgabe genug, ein Buch wie die Schildbürger schaffen zu
können? Wie prosaisch steht Mundts Humor da, vergleicht man
ihn mit dem der sieben Schwaben! Freilich gehörte eine ruhigere
25 Zeit dazu, dergleichen zu produzieren, als die unsrige, die, einem
ruhelosen Geschäftsmanne gleichend, stets die wichtigen Fragen
im Munde führt, die sie zu beantworten habe, ehe sie an andres
denken könne. — Was die Form dieser Bücher betrifft, so möchte
außer Entfernung eines oder des andern mißratenen Witzes und
5o Reinigung des entstellten Stils, wenig an ihnen zu ändern sein. Von
Eulenspiegel sind mehrere, mit preußischem Zensurstempel ver¬
sehene Ausgaben weniger vollständig; gleich im Anfänge fehlt ein
derber Witz, der bei Marbach in einem sehr guten Holzschnitte
dargestellt ist.
35 Einen schroffen Gegensatz hierzu bilden die Geschichten von
Genovefa, Griseldis und Hirlanda, drei Bücher romanischen
Ursprungs, die alle ein Weib zur Heldin haben, und zwar ein
leidendes Weib; sie bezeichnen das Verhältnis des Mittelalters
zur Religion, und das auf sehr poetische Weise — nur sind
40 Genovefa und Hirlanda zu sehr über einen Leisten gehauen. Aber,
um Gottes Willen, was soll das deutsche Volk heutzutage damit?
Man kann sich zwar unter Griseldis das deutsche Volk sehr schön
vorstellen und unter Markgrafen Walther die Fürsten — aber
da müßte denn die Komödie doch ganz anders schließen, als es im
!) Im TfD romantischen
54
Bremen 1838—1841.
Aus dem Telegraph
Volksbuche geschieht, man würde sich die Vergleichung beider¬
seits verbitten und würde hie und da gutes Recht dazu haben.
Soll die Griseldis noch Volksbuch bleiben, so kommt sie mir vor
wie eine Petition an die hohe deutsche Bundesversammlung um
Emanzipation der Frauen. Man weiß aber hie und da, wie vor s
vier Jahren dergleichen romanhafte Petitionen auf genommen wur¬
den, weshalb ich mich sehr wundere, daß Marbach nicht nach¬
träglich zum jungen Deutschland gerechnet worden. — Das Volk
hat lange genug Griseldis und Genovefa vorgestellt, es spiele jetzt
auch einmal den Siegfried und Reinald; aber der rechte Weg, es 10
dahin zu bringen, ist doch wohl nicht das Anpreisen jener alten
Demütigungshistorien ?
Das Buch vom Kaiser Octavianus gehört seiner ersten
Hälfte nach dieser Klasse an, während es durch die zweite Hälfte
sich an die eigentlichen Liebesgeschichten anschließt. Die Ge- #
schichte von der Helena ist nur eine Nachahmung des Oktavian,
oder beide sind vielleicht verschiedene Auffassungen derselben
Sage. Die zweite des Oktavian ist ein vortreffliches Volksbuch
und allein dem Siegfried zur Seite zu stellen; die Charakteristik
des Florens, sowie seines Pflegevaters Clemens und des Claudius 20
ist ausgezeichnet, und Tieck hatte es hier sehr leicht; aber zieht
sich nicht überall der Gedanke hindurch, daß adliges Blut besser
sei als Bürgerblut? Und wie oft finden wir nicht diesen Gedanken
noch im Volke selbst! Wenn dieser Gedanke nicht aus dem Okta¬
vian verbannt werden kann — und das halte ich für unmöglich — 25
wenn ich bedenke, daß e r zuerst entfernt werden muß, wo kon¬
stitutionelles Leben erstehen soll — so mag das Buch so poetisch
sein, wie es will, censeo Carthaginem esse delendam.
Den genannten tränenreichen Leidens- und Duldergeschichten
stehen drei andre gegenüber, die die Liebe feiern. Es sind: Ma- 30
gelone, Melusina und Tristan. Magelone sagt mir als Volks¬
buch am meisten zu; Melusina ist wieder voll von absurden Mon¬
strositäten und fabelhaften Übertreibungen, so daß man beinahe
eine Donquijotiade darin sehen möchte, und ich wieder fragen
muß: was soll das dem deutschen Volke? Und nun gar die Ge-
schichte von Tristan und Isolde — ihren poetischen Wert will ich
nicht antasten, weil ich die herrliche Bearbeitung Gottfrieds von
Straßburg liebe, wenn auch hie und da Mängel in der Erzählung zu
finden sein möchten — aber es gibt kein Buch, das weniger dem
Volke in die Hände gegeben werden dürfte als gerade dieses. 40
Zwar liegt hier eine moderne Frage wieder sehr nahe, die Eman¬
zipation der Frauen; ein geschickter Dichter würde bei einer Be¬
arbeitung des Tristan jetzt diese Frage gar nicht mehr von seiner
Arbeit ausschließen können, ohne darum in eine gesuchte und
langweilige Tendenzpoesie zu verfallen. Aber im Volksbuch, wo
Die deutschen Volksbücher
55
von dieser Frage keine Rede ist, kommt die ganze Erzählung auf
eine Entschuldigung des Ehebruchs heraus — und das in den
Händen des Volks zu lassen, ist doch sehr bedenklich. Indes ver¬
schwindet das Buch fast ganz, und sehr selten bekommt man ein
5 Exemplar davon zu Gesicht.
Die Haimonskinder und Fortunat, wo wir wieder den
Mann im Mittelpunkte der Handlung sehen, sind einmal wieder
ein paar rechte Volksbücher. Hier der heiterste Humor, mit dem
der Sohn Fortunas alle seine Abenteuer durchficht — dort der
10 kecke Trotz, die ungebändigte Oppositionslust, die der absoluten,
tyrannischen Gewalt Karls des Großen jugendkräftig entgegen¬
tritt und sich nicht scheut, erlittene Beleidigungen mit eigner
Hand, auch vor dem Auge des Fürsten, zu rächen. Solch’ ein
jugendlicher Geist muß in den Volksbüchern herrschen, der läßt
iß viele Mängel übersehen; aber wo ist der in Griseldis und ihren
Verwandten zu finden?
Zuletzt kommt das Beste, der geniale hundertjährige Kalender
das superkluge Traumbuch, das nie fehlende Glücksrad und
ähnliche unsinnige Kinder des leidigen Aberglaubens. Mit
20 welchen elenden Sophismen Görres dieses Zeug entschuldigt hat,
weiß ein jeder, der sein Buch nur einmal angesehen hat. Alle
diese traurigen Bücher hat die preußische Zensur mit ihrem
Stempel beehrt. Freilich sind sie weder revolutionär, wie Börnes
Briefe, noch unsittlich, wie man von der Wally behauptet. Man
26 sieht, wie falsch die Anschuldigungen sind, als sei die preußische
Zensur ausnehmend scharf. Ich brauche wohl kein Wort mehr
darüber zu verlieren, ob solches Zeug ferner unter dem Volke
bleiben solle.
Von den übrigen Volksbüchern ist nichts zu sagen; die Ge-
30 schichten von Pontus, Fierabras usw. haben sich längst ver¬
loren und verdienen also diesen Namen nicht mehr. Aber ich
glaube schon in diesen wenigen Andeutungen gezeigt zu haben,
wie ungenügend diese Literatur erscheint, wenn man jsie im In¬
teresse des Volks, nicht im Interesse der Poesie beurteilt. Was ihr
35 nottut, sind Bearbeitungen einer strengen Auswahl, die vom alten
Ausdruck nicht ohne Not abgehen und gut ausgestattet, unter das
Volk gebracht werden. Mit Gewalt die auszurotten, die vor der
Kritik nicht bestehen können, dürfte weder leicht möglich, noch
rätlich sein; nur dem wirklich Abergläubischen darf der Zensur-
40 stempel versagt werden. Die übrigen verlieren sich von selbst;
Griseldis findet sich selten, Tristan fast gar nicht. In manchen
Gegenden ist es nicht möglich, auch nur ein einziges Exemplar
aufzutreiben, z. B. im Wuppertal; in andern, wie in Köln, Bremen
usw. hat fast jeder Krämer Exemplare an den Fenstern für die
45 hereinkommenden Bauern ausgehängt.
56
Bremen 1838—1841.
Aus dem Telegraph
Aber eine vernünftige Bearbeitung ist das deutsche Volk, sind
die besseren dieser Bücher doch wohl wert? Es ist freilich nicht
jedermanns Sache, eine solche Bearbeitung auszuführen; ich
kenne nur zwei, die kritischen Scharfsinn und Geschmack genug
bei der Auswahl, Gewandtheit im altertümlichen Stil bei der Aus- 5
führung besitzen ; das sind die Brüder G r i m m ; ob sie aber auch
Lust und Muße zu dieser Arbeit haben würden? Die Marbachsche
Bearbeitung paßt gar nicht für das Volk. Was ist da zu hoffen,
wenn er gleich mit Griseldis anfängt? Nicht nur fehlt ihm alle
Kritik, auch hat er sich zu Auslassungen hinreißen lassen, die gar io
nicht nottaten; dazu hat er den Stil recht matt und farblos gemacht
— man vergleiche das Volksbuch vom gehörnten Siegfried und
jedes andre mit der Bearbeitung. Da ist nichts als auseinander¬
gerissene Sätze, Wortversetzungen, zu denen keine Veranlassung
war, als Herm Marbachs Sucht, in Ermanglung anderweitiger x
Selbständigkeit, hier selbständig zu scheinen. Oder was trieb ihn
sonst dazu, die schönsten Stellen aus dem Volksbuch zu verändern
und mit seiner unnötigen Interpunktion zu versehen? Wer das
Volksbuch nicht kennt, für den sind die Marbachschen Erzäh¬
lungen ganz gut, aber sobald man beide vergleicht, sieht man, daß 20
Marbachs ganzes Verdienst die Verbesserung der Druckfehler ist.
Seine Holzschnitte sind von ganz verschiedenem Wert. — Die Sim-
rocksche Bearbeitung ist noch nicht weit genug gediehen, um ein
Urteil darüber fällen zu können; doch traue ich Simrock weit mehr
zu als seinem Nebenbuhler. Seine Holzschnitte sind auch durch- 25
gängig besser als die Marbachs.
Sie haben für mich einen außerordentlichen, poetischen Reiz,
diese alten Volksbücher mit ihrem altertümlichen Ton, mit ihren
Druckfehlern und schlechten Holzschnitten; sie versetzen mich
aus unsern geschraubten, modernen „Zuständen, Wirren und fei- 30
nen Bezügen“ in eine Welt, die der Natur weit näher liegt. Aber
davon darf hier keine Rede sein; Tieck freilich hatte in diesem
poetischen Reiz sein Hauptargument — aber was gilt Tiecks,
Görres’ und aller andern Romantiker Autorität, wenn die Ver¬
nunft dawider spricht, und wenn es sich um das deutscheVolk 35
handelt?
Tafel II
îd ejj t ap I)
für
$ e il t f dH a n b.
1839. $ e c e m b e t. 3^ 202.
Ä a r l SB e cf.
23on JftUbKUfi OetoalH.
Gin Fulton bin i$, roilb unb fturmberoegt
Win J^eer bed 8iebê geyanjerte Geflattern
Um meine ©ttrne bat ber Gram gelegt
2)en Œurban in gebeimnifreirfje galten —
5Dîit tiefen fdjnjüïfh'gen SBorten tratc&err Secf, SinlaÇ begebrenb,
«n Vie Sieben ber beutfcljen Dichter; im Sluge bas ftoljeSewuftfepn
feines SerufS, um ben SWunb einen wcltfchmerjlichen mobernen
Bug. So firecfte er bie £>anb nad; bem Corbeer aue. 3«ei
3a|re ftnb feitbem vergangen; bebecft ber Corbeer verfôbnenb
bie „geheimnisvollen galten" feiner Stirn?
©S lag in feiner erften ©ebichtfammlung eine gro^e Âü^n#
bett. „©epanjerte Cieber," eine „neue Sibel," ein „junges
^aläfh'na, " — ber gwanjigjäbrige liierter fprang aus ÿrima
gleich in ben britten Rimmel! DaS war ein geuer, rote es
lange nicht loberte, ein geuer, bad ftarf rauchte, weil eS von
olivgrünem frifchem $olje fam.
Die junge Literatur entwicfelte ftch fo rafch unb glänjenb,
bafj ihre ©egner einfahen, wie man burch b>ocf>inütb>ißeö DeS«
avoniren ober Slburtbeilen mehr verlieren als gewinnen muffe.
6S war hob« 3tit, fte genauer ju betrachten unb t£re roirflü
eben Schwächen angußreifen. Damit war benn bie junge Cite#
ratur freilich als ebenbürtig anerfannt. Unb man fanb tiefer
fdjwacben Seiten — ob wirtliche ober febeinbare, gebt uns h’tr
Eine Seite aus dem Telegraph für Deutschland“
mit Engels’ Aufsatz „Karl Beck“
Karl Bede.
Von Friedrich Oswald
[TfD Nov. 1839. Nr. 202, p. 1609-1611;
Dez. 1839. Nr. 203, p. 1619-1622]
5 Ein Sultan bin ich, wild und sturmbewegt,
Mein Heer des Lieds gepanzerte Gestalten;
Um meine Stirne hat der Gram gelegt
Den Turban in geheimnisreiche Falten —
Mit diesen schwülstigen Worten trat Herr Beck, Einlaß be-
10 gehrend, an die Reihen der deutschen Dichter; im Auge das stolze
Bewußtsein seines Berufs, um den Mund einen weltschmerzlichen
modernen Zug. So streckte er die Hand nach dem Lorbeer aus.
Zwei Jahre sind seitdem vergangen; bedeckt der Lorbeer ver¬
söhnend die „geheimnisvollen Falten“ seiner Stirn?
16 Es lag in seiner ersten Gedichtsammlung eine große Kühnheit.
„Gepanzerte Lieder“, eine „neue Bibel“, ein „junges Palästina“,
— der zwanzigjährige Dichter sprang aus Prima gleich in den
dritten Himmel! Das war ein Feuer, wie es lange nicht loderte, ein
Feuer, das stark rauchte, weil es von allzugrünem frischem
20 Holze kam.
Die junge Literatur entwickelte sich so rasch und glänzend, daß
ihre Gegner einsahen, wie man durch hochmütiges Desavouieren
oder Aburteilen mehr verlieren als gewinnen müsse. Es war hohe
Zeit, sie genauer zu betrachten und ihre wirklichen Schwächen an-
25 zugreifen. Damit war denn die junge Literatur freilich als eben¬
bürtig anerkannt. Und man fand dieser schwachen Seiten — ob
wirkliche oder scheinbare, geht uns hier nichts an — bald eine
ziemliche Anzahl; am lautesten aber wurde behauptet, das ge¬
wesene junge Deutschland wolle die Lyrik stürzen. Freilich, Heine
30 kämpfte gegen die Schwaben; Wienbarg machte bittere Bemer¬
kungen über die alltägliche Lyrik und ihr ewiges Einerlei, Mundt
verwarf alle Lyrik als unzeitgemäß und prophezeite einen Lite¬
raturmessias der Prosa; das war zu arg. Wir Deutschen sind von
jeher stolz gewesen auf unsere Lieder; rühmte sich der Franzose
35 seiner selbsterkämpften Charte und spottete er unserer Zensur, so
zeigten wir stolz auf die Philosophie von Kant bis Hegel und auf
die Liederreihe vom Ludwigslied bis auf Nikolaus Lenau. Und
dieser lyrische Schatz sollte uns nun verkümmert werden? Siehe»
58
Bremen 1838—1841.
Aus dem Telegraph
da kommt die Lyrik der „jungen Literatur“ mit Franz Dingel¬
stedt, Emst von der Haide, Theodor Creizenach und Karl Beck.
Kurz vor Freiligraths Gedichten erschienen Becks „Nächte“.
Es ist bekannt, welches Aufsehen beide Gedichtsammlungen er¬
regten. Zwei junge Lyriker standen auf, denen damals von den 5
Jüngeren keiner an die Seite zu setzen war. Das Verhältnis Becks
und Freiligraths zu einander wurde in der Eleganten Zeitung von
Kühne in seiner, von den Charakteren her bekannten Manier be¬
sprochen. Ich möchte auf diese Kritik die Worte Wienbargs über
G. Pfizer anwenden. io
Die Nächte sind ein Chaos. Alles liegt bunt und regellos durch¬
einander. Bilder, oft kühn, wie seltsame Felsformationen; Keime
eines künftigen Lebens, übergossen aber von einem Phrasenmeer;
hier und da beginnt schon eine Blume zu sprossen, eine feste Insel
sich anzusetzen, eine Kristallschichte sich zu bilden. Aber noch w
ist alles Verwirrung und Unordnung. Nicht auf Börne, auf Beck
selbst passen die Worte:
Wie sich die Bilder wüst und blitzend treiben
Durch mein gewitterschwüles, zürnend Haupt!
Das Bild, welches uns Beck in seinem ersten Versuch von so
Börne gibt, ist entsetzlich schief und unwahr; Kühnes Einfluß ist
dabei nicht zu verkennen. Abgesehen davon, daß Börne nun und
nimmermehr in solchen Phrasen gesprochen hätte, kannte er auch
den ganzen verzweifelnden Weltschmerz nicht, den ihm Beck zu¬
schreibt. Ist das der klare Börne, der feste, unerschütterliche Cha- 25
rakter, dessen Liebe wärmte, aber nicht verbrannte, am wenigsten
ihn selbst? Nein, das ist Börne nicht, das ist nur ein unbestimmtes
Ideal des modernen Dichters, aus Heinescher Koketterie und
Mundtschen Floskeln zusammengesetzt, ein Ideal, vor dessen
Realisierung uns Gott bewahren möge. In Börnes Haupt haben so
sich nie die Bilder wüst und blitzend herumgetrieben, seine Locken
haben sich nicht fluchend gen Himmel gebäumt; in seinem Herzen
scholl es nie Mitternacht, sondern immer Morgenstunde, sein
Himmel war nicht blutig rot, sondern immer blau. Börne war
glücklicherweise nicht so gräßlich verzweiflungsvoll, daß er die 35
„achtzehnte Nacht“ hätte schreiben können. Schwatzte Beck nicht
so viel vom Rot des Lebens, mit dem sein Börne schreibt, so würd’
ich glauben, er hätte den Franzosenfresser nicht gelesen. Beck
mag die allerwehmütigste Stelle des Franzosenfressers nehmen,
und sie ist lichter Tag gegen seine affektierte Sturmnachtverzweif- 40
lung. Ist denn Börne an sich nicht poetisch genug; muß er erst mit
diesem neumodischen Weltschmerze gepfeffert werden? Neu¬
modisch sage ich — denn daß dergleichen zur echten modernen
Poesie gehöre, kann ich nie glauben. Das ist ja eben die Größe
Karl Beck
59
Börnes, daß er erhaben war über die jämmerlichen Floskeln und
Koteriestichwörter unserer Tage.
Noch ehe sich ein fertiges Urteil über die „Nächte“ bilden
konnte, trat Beck schon mit einer neuen Reihe Dichtungen her-
5 vor. Der fahrende Poet zeigte ihn uns von anderer Seite.
Der Sturm hatte ausgeweht, das Chaos begann sich zu ordnen.
Man hatte keine so vortrefflichen Schilderungen erwartet, wie der
erste und zweite Gesang sie aufwiesen; man hatte nicht geglaubt,
daß Schiller und Goethe, die unserer pedantischen Ästhetik in die
10 Krallen geraten waren, zu einer so poetischen Zusammenstellung
Stoff bieten könnten, wie sie im dritten Gesänge gegeben wurde;
daß Becks dichterische Reflexion so ruhig und beinahe philiströs
über der Wartburg schweben würde, wie sie es nun wirklich tat.
Mit dem fahrenden Poeten war Beck förmlich in die Literatur
io eingetreten. Beck kündigte stille Lieder an, und die Jour¬
nale berichteten, daß er ein Trauerspiel: Verlorne Seelen, aus¬
arbeite.
Ein Jahr verging. Außer einzelnen Gedichten ließ Beck nichts
von sich hören. Die stillen Lieder blieben aus und von den ver-
20 lorenen Seelen war nichts Gewisses zu erfahren. Endlich brachte
die Elegante novellistischeSkizzen von ihm. Ein Versuch
in Prosa von einem solchen Autor konnte jedenfalls Beachtung
verlangen. Ich bezweifle indes, daß dieser Versuch selbst irgend¬
einen Freund der Beckschen Muse befriedigt hat. An einigen
25 Bildern war der Frühere zu erkennen; der Stil konnte bei sorg¬
samer Pflege sich recht nett herausbilden, das ist aber auch alles
Gute, was von dieser kleinen Erzählung zu sagen ist. Weder tiefe
Gedanken noch poetischer Schwung erhoben sie über die Sphäre
der gemeinen Unterhaltungsliteratur; die Erfindung ziemlich all-
30 täglich und sogar unschön; die Ausführung gewöhnlich.
In einem Konzerte sagte mir ein Freund, daß Becks stille Lie¬
der angekommen seien. Eben erklang das Adagio einer Beet-
hovenschen Symphonie. So, dacht’ ich, werden diese Lieder sein;
aber ich hatte mich getäuscht, es war wenig Beethoven und viel
35 Bellinisches Lamentieren darin. Als ich das kleine Heft zur Hand
nahm, erschrak ich. Gleich das erste Lied so unendlich trivial, in
einer so wohlfeilen Manier, nur durch gesuchte Redeweisen quasi¬
originell !
An die „Nächte“ erinnert nur in diesen Liedern noch die
40 enorme Träumerei. Daß in den Nächten viel geträumt wurde, war
zu entschuldigen; dem fahrenden Poeten sah man’s nach, aber
jetzt kommt Herr Beck aus dem Schlafen gar nicht heraus. Schon
Seite 3 wird geträumt; S. 4, S. 8, S. 9, S. 15, S. 16, S. 23, S. 31,
S. 33, S. 34, S. 35, S. 40 usw. überall Träume. Dazu kommt eine
45 ganze Reihe Traumbilder. Es wäre lächerlich, wenn es nicht gar
60
Bremen 1838—1841.
Aus dem Telegraph
zu traurig wäre. Die Hoffnung auf Originalität mußte bis auf
einige neue Versmaße verschwinden; dafür müssen uns denn
Heinesche Anklänge entschädigen und eine grenzenlos kin¬
dische Naivität, die durch fast alle diese Lieder sich höchst
widerwärtig hindurchzieht. Besonders leidet die erste Abteilung: 5
„Lieder der Liebe, Ihr Tagebuch“ daran. Von einer lodernden
Flamme, von einem edeln, kräftigen Geist, wie Beck sein will,
hätte ich solch’ einen matten, widerlichen Brei nicht erwartet. Nur
zwei oder drei Lieder sind erträglich. „Sein Tagebuch“ ist etwas
besser; da ist denn doch hier und da ein wirkliches Lied, das uns
für die vielen Unsinnigkeiten und Faseleien entschädigen kann.
Die größte dieser Faseleien seines Tagebuchs ist „Eine Träne“.
Man weiß, was Beck früher schon in der Tränenpoesie leistete.
Da ließ er „das Leid, den rohen blutigen Korsaren, im stillen
Meer der Träne kreuzen“, und „den Gram, den stummen, kalten
Fisch“, darin plätschern, jetzt gesellt sich noch mehr dazu:
Träne, nicht vergebens
Bist du voll und groß,
Schwimmt doch meines Lebens
Glück in deinem Schoß (!) 20
Es schwimmen in dir so viel, so viel,
Mein Lieben und mein Saitenspiel.
Träne, nicht vergebens
Bist du voll und groß!
Wie albern ist das! Die Traumbilder enthalten noch das Bessere 26
des ganzen Hefts, und einzelne Lieder darunter sind wenigstens
herzlich. Besonders: Schlaf’ wohl! das, nach der Zeit des ersten
Abdrucks in der Eleganten zu schließen, unter die frühem dieser
Lieder gehören muß. Das Schlußgedicht ist eins der besseren,
nur etwas phrasenhaft, und zum Schluß ist wieder die „Träne des m
Weltgeistes starker Schild“.
Den Schluß machen Versuche in der Ballade. Der Zigeu¬
ner k ö n i g, dessen Anfang stark nach Freiligraths Schilderungs¬
weise schmeckt, ist matt gegen die lebendigen Gemälde des Zi¬
geunerlebens bei Lenau, und der Phrasenschwall, der uns zwingen 36
soll, das Gedicht frisch und kräftig zu finden, macht es nur noch
widerwärtiger. Dagegen ist „Das Röslein“ ein hübsch wieder¬
gegebener Moment. Das ungrische Wachthaus gehört in
die Kategorie des Zigeunerkönigs; die letzte Ballade dieses Zyklus
ist ein Exempel, wie ein Gedicht fließende und volltönende Verse 40
und schöne Floskeln haben kann, ohne doch einen besondem Ein¬
druck zu hinterlassen. Der frühere Beck hätte mit drei treffenden
Bildern den finstern Räuber Janossyk anschaulicher hingestellt.
Dieser muß denn noch zu guter Letzt auf der vorletzten Seite
träumen, und so schließt das Heft, aber nicht das Gedicht, des- 46
sen Fortsetzung im zweiten Bändchen versprochen wird. Was
Karl Beck
61
soll das heißen? Sollen Dichtungen wie Journale schließen mit
„Fortsetzung folgt“.
Die Verlornen Seelen hat der Verfasser, nachdem sie als Drama
von der Regie mehrer Theater für unaufführbar erklärt worden,
5 wie man hört, vernichtet: ein anderes Trauerspiel: „Saul“, scheint
er jetzt auszuarbeiten, wenigstens hat die Elegante nur den ersten
Akt und die Theater-Chronik einen großen Prospektus davon ge¬
geben. Dieser Akt ist schon in diesen Blättern besprochen worden.
Ich kann das darin Gesagte leider nur bestätigen. Beck, dessen
10 regellose tastende Phantastik ihn unfähig macht zu plastischer
Charakterdarstellung und allen seinen Personen dieselben
Phrasen unterlegt, Beck, der in seiner Auffassung Börnes zeigte,
wie wenig er einen Charakter verstehen kann, geschweige schaffen,
konnte auf keinen unglücklicheren Gedanken kommen, als ein
iß Trauerspiel zu schreiben. Beck mußte die Exposition unwill¬
kürlich von einem eben erschienenen Vorbilde entlehnen, mußte
seinen David und Merob im weinerlichen Ton „Ihres Tagebuchs“
sprechen lassen, er mußte die Stimmungsübergänge im Gemüte
Sauls mit der Plumpheit einer Jahrmarktskomödie wiedergeben.
2o Wenn man den Moab sprechen hört, so erkennt man erst die Be¬
deutung, die bei seinem Vorbilde Abner hat; dieser Moab, dieser
rohe, blutige Molochjünger, der dem Tiere näher steht als dem
Menschen, sollte Sauls „böser Geist“ sein? Ein Naturmensch ist
noch keine Bestie, und Saul, der gegen die Priester opponiert, fin-
25 det darum doch noch keinen Gefallen an Menschenopfern. Dazu
der Dialog über alle Maßen ledern, die Sprache matt, und nur
einige erträgliche Bilder, die aber noch keinen Akt eines Trauer¬
spiels stützen können, erinnern an Erwartungen, die Herr Beck
nicht mehr erfüllen zu können scheint.
Retrograde Zeichen der Zeit
Von Friedrich Oswald
[TfD Febr. 1840. Nr. 26, p. 101-102;
Nr. 27, p. 107-108; Nr. 28, p. 111]
Nichts Neues unter der Sonne! Das ist eine jener glücklichen 5
Pseudowahrheiten, denen die brillanteste Karriere zugedacht war,
die von Mund zu Mund ihren Triumphzug um die Erde machten
und nach Jahrhunderten noch so oft zitiert werden, als kämen sie
erst eben zur Welt. Die echten Wahrheiten sind selten so glücklich
gewesen ; sie mußten ringen und dulden, sie wurden gefoltert und 10
lebendig begraben und jeder knetete sie nach seinem Gutdünken
zurecht. Nichts Neues unter der Sonne! Nein, Neues genug, aber
es wird unterdrückt, wenn es nicht zu jenen geschmeidigen
Pseudowahrheiten gehört, die immer ein loyales „das heißt usw.“
in ihrem Gefolge führen und die wie ein aufflackemdes Nordlicht 15
bald der Nacht wieder weichen; steigt aber eine neue, echte Wahr¬
heit am Horizonte morgenrötlich empor, so wissen die Kinder der
Nacht wohl, daß sie ihrem Reich den Untergang droht und greifen
zu den Waffen. Das Nordlicht findet ja stets einen heitern, das
Morgenrot meist einen bewölkten Himmel, dessen Trübe es nieder- 20
zukämpfen oder mit seinen Flammen zu durchgeisten hat. Und
einige solcher Wolken, die sich an die Morgenröte der Zeit ge¬
hängt haben, sollen jetzt vor uns Revue passieren.
Oder fassen wir unsern Stoff anders an! Die Versuche, den
Lauf der Geschichte mit einer Linie zu vergleichen, sind bekannt. 25
„Die Form der Geschichte“, heißt es in einem geistvollen Werke,
das gegen die Hegelsche Geschichtsphilosophie geschrieben ist,
„die Form der Geschichte ist nicht Auf- und Absteigen, nicht der
konzentrische Kreis oder die Spirale, sondern der epische Paral-
lelismus, bald konvergierend (so soll es wohl statt „kongruierend“ 30
heißen) bald divergierend.“ Ich halte mich indes lieber an eine
aus freier Hand gezogene Spirale, die es mit ihren Windungen
nicht zu genau nimmt. Langsam beginnt die Geschichte ihren Lauf
von einem unsichtbaren Punkte aus, um den sie in schläfrigen
Windungen kriecht; aber immer größer werden ihre Kreise, im- 35
mer rascher und lebendiger der Schwung; endlich schießt sie wie
ein flammender Komet von Stern zu Stern, ihre alten Bahnen oft
streifend, oft durchkreuzend und tritt mit jeder Umkreisung ihrer
Retrograde Zeichen der Zeit
63
selbst dem Unendlichen näher. — Wer will das Ende absehen?
Und an jenen Stellen, wo sie ihre alte Bahn wieder aufzunehmen
scheint, da erhebt sich die naseweise Kurzsichtigkeit und schreit
frohlockend, daß sie einmal einen Gedanken gehabt! Da haben
5 wir’s, es ist nichts Neues unter der Sonne! Da jubeln unsre chine¬
sischen Stillstandshelden, unsre Rückschrittsmandarine und ma¬
chen Miene, drei Jahrhunderte als einen vorwitzigen Ausflug in
verbotene Regionen, als einen Fiebertraum aus den Weltannalen
hinauszurezensieren — und sie sehen nicht, daß die Geschichte
10 nur den gradesten Weg einem neuen, leuchtenden Ideengestirn
entgegenbraust, das bald in seiner Sonnengröße ihre blöden Augen
blenden wird.
An einem solchen Punkte der Geschichte stehen wir jetzt. Alle
Ideen, welche seit Karl dem Großen in die Arena traten, alle Ge-
15 schmäcke, die seit fünf Jahrhunderten einander verdrängten, wol¬
len ihr abgestorbenes Recht bei der Gegenwart noch einmal wieder
geltend machen. Der Feudalismus des Mittelalters und der Abso¬
lutismus Ludwigs XIV., die Hierarchie Roms und der Pietismus
des vorigen Jahrhunderts streiten sich um die Ehre, den freien;
2o Gedanken aus dem Felde zu schlagen! Man wird mir erlassen,
von diesen ein Breiteres zu reden; blitzen doch gleich tausend
Schwerter, alle schärfer als das meinige, gegen jeden, der eine
dieser Devisen auf dem Schilde führt, und wissen wir doch, daß
sie alle sich aneinander und am diamantharten Fuße der fort-
25 schreitenden Zeit zerreiben. Aber jenen kolossalen Reaktionen im
kirchlichen und Staatsleben entsprechen unbemerktere Be¬
strebungen in Kunst und Literatur, unbewußte Rückschritte zu
frühem Jahrhunderten, die zwar nicht der Zeit, aber doch dem
Zeitgeschmack Gefahr drohen und deren Zusammenstellung selt-
30 samerweise noch nirgend geschehen ist.
Man braucht eben nicht weit zu gehen, um diese Erscheinungen
anzutreffen. Geht nur in einen modem möblierten Salon, so werdet
ihr sehen, wes Geisteskinder die Formen sind, mit denen man euch
umgibt. Alle die Rokokomißgeburten aus der Zeit des krassesten
35 Absolutismus sind heraufbeschworen worden, um den Geist der
Bewegung in die Formen zu zwängen, in denen sich der „l’Etat
c’est moi“ behaglich fühlte. Unsre Salons sind geschmückt, Stühle,
Tische, Schränke und Sofas im style de la renaissance, und es
fehlte nur noch, daß man Heinen eine Perücke auf setzte und Bet-
40 tinen in einen Reifrock preßte, um das siècle vollständig wieder
herzustellen.
Solch ein Zimmer ist freilich dazu gemacht, um darin einen
Roman des Herm von Sternberg mit seiner merkwürdigen
Vorliebe für das Zeitalter der Maintenon zu lesen. Man hat dem
4-, Geiste Sternbergs diese Kaprice verziehen, man hat sich auch
64
Bremen 1838—1841.
Aus dem Telegraph
wohl, aber natürlich umsonst, nach tiefem Gründen dafür um¬
gesehen; ich erlaube mir indes zu behaupten, daß grade dieser
Zug Stembergscher Romane, der für den Augenblick vielleicht
ihre Verbreitung befördert, ihrer Fortdauer bedeutend schaden
wird. Abgesehen davon, daß ein ewiges Hindeuten auf die dürrste, 5
prosareichste Zeit, gegen deren verschrobenes, zwischen Himmel
und Erde zappelndes Wesen, gegen deren Konvenienzmarionetten
unsre Zeit und ihre Kinder noch natürlich sind, die Schönheit einer
Dichtung eben nicht hebt, so sind wir doch zu sehr gewohnt, diese
Zeit in spöttischem Lichte zu betrachten, als daß sie uns auf die 10
Dauer in andrer Beleuchtung zusagen könnte, und eine solche
Kaprice in jedem Stembergschen Romane wiederzufinden, wird
am Ende doch überaus langweilig. Für mehr als eine Kaprice
kann diese Neigung, wenigstens in meinen Augen, nicht gelten,
und entbehrt sie schon dämm aller tiefem Gründe, so glaube ich 15
doch, den Anknüpfungspunkt im Leben der „guten Gesellschaft46
gefunden zu haben. Herr von Sternberg ist ohne Zweifel für sie
erzogen worden und hat sich mit Behagen in ihr bewegen gelernt,
hat vielleicht seine eigentliche Heimat in ihren Zirkeln gefunden;
und da ist’s kein Wunder, wenn er mit einer Zeit liebäugelt, deren 20
gesellschaftliche Formen weit bestimmter und gerundeter, wenn
auch hölzerner und geschmackloser waren als die heutigen. Weit
kühner als bei Herm von Sternberg ist der Geschmack des siècle
in seiner Mutterstadt Paris auf getreten, wo er ernsthafte Miene
macht, den Romantikern den kaum errungenen Sieg wieder zu 25
entreißen. Victor Hugo kam, Alexander Dumas kam und die
Herde der Nachahmer mit ihnen; die Unnatur der Iphigenien und
Athalien wich der Unnatur einer Lucrezia Borgia, auf einen Starr¬
krampf folgte ein hitziges Fieber; man wies den französischen
Klassikern Plagiate aus den Alten nach — da tritt Dem. Rachel 30
auf und alles ist vergessen, Hugo und Dumas, Lucrezia Borgia
und die Plagiate; Phädra und der Cid spazieren mit abgemessenen
Schritten und geschniegelten Alexandrinern über die Bühne,
Achilles paradiert mit seinen Anspielungen auf den großen Lud¬
wig, und Ruy Blas und Mademoiselle de belle Isle wagen sich 35
kaum aus den Kulissen hervor, um sich gleich in deutsche Uber-
setzungsfabriken und auf deutsche Nationalbühnen zu retten. Es
muß ein seliges Gefühl sein für einen Legitimisten, im Anschauen
Racinescher Stücke, die Revolution, Napoleon und die große
Woche vergessen zu können; die Glorie des ancien régime steigt 40
aus der Erde hervor, die Welt behängt sich mit Hautelisse-Tape-
ten, der absolute Ludwig spaziert in brokatner Weste und Allonge¬
perücke durch die gestutzten Alleen von Versailles, und ein all-
*) Dies Sujet ist auch rococo.
A. d. R.
Retrograde Zeichen der Zeit
65
mächtiger Maitressenfächer regiert den glücklichen Hof und das
unglückliche Frankreich.
Während hier indes die Reproduktion des Frühem in Frank¬
reich selbst bleibt, scheint eine Eigentümlichkeit der französischen
5 Literatur im vorigen Jahrhundert bei der gegenwärtigen deut¬
schen sich wiederholen zu wollen. Ich meine den philosophischen
Dilettantismus, der sich bei mehreren neuern Schriftstellern eben
so gut wie bei den Enzyklopädisten zeigt. Was hier der Materialis¬
mus war, beginnt dort Hegel zu werden. Mundt war der erste,
10 der — um in seinem eignen Sprachgebrauch zu reden — die
Hegelschen Kategorien in die Literatur einführte; Kühne, wie
immer, unterließ nicht, ihm zu folgen und schrieb die „Quaran¬
täne im Irrenhause“, und obgleich der zweite Band der „Charak¬
tere“ von einem teilweisen Abfall von Hegel zeugt, so enthält ihr
15 erster Band doch Stellen genug, in denen er Hegel ins Moderne
zu übersetzen versucht. Leider gehören diese Übersetzungen aber
zu denen, deren Verständnis nicht ohne das Original gewonnen
werden kann.
Die Analogie ist nicht zu leugnen; wird die Folgerung, die der
2o schon einmal angezogene Autor aus dem Schicksale des philoso¬
phischen Dilettantismus im vorigen Jahrhundert zog, nämlich, daß
mit dem System der Keim des Todes in die Literatur kommt, wird
sie auch bei dem des gegenwärtigen Jahrhunderts sich betätigen?
Werden die Wurzeln eines Systems, das alle frühem an Konse-
25 quenz übertrifft, sich störrig quer über das Feld legen, das der
poetische Genius beackert? Oder entsprechen diese Erscheinungen
nur der Liebe, mit der die Philosophie der Literatur entgegen¬
kommt und deren Früchte an Hotho, Rötscher, Strauß, Rosen¬
kranz und den Hallischen Jahrbüchern so glänzend hervortreten?
30 Dann freilich würde sich der Gesichtspunkt anders stellen und wir
dürften auf jene Vermittelung der Wissenschaft und des Lebens,
der Philosophie und der modernen Tendenzen, Börnes und Hegels
hoffen, deren Vorbereitung früher schon von einem Teile des so¬
genannten jungen Deutschland beabsichtigt wurde. Außer diesen
35 bleibt nur noch ein Ausweg offen, der sich hinter diesen beiden
freilich etwas komisch ausnimmt; der, angenommen, daß Hegels
Einfluß auf die schöne Literatur ohne alle Bedeutung sein werde.
Ich glaube indes, nur wenige werden sich entschließen können,
diesen einzuschlagen.
4o Aber wir müssen noch weiter zurück als bis zu den Enzyklo¬
pädisten und der Frau von Maintenon; Duller, Freiligrath und
Beck erlauben sich, die zweite schlesische Schule des siebzehnten
Jahrhunderts in unsrer Literatur zu repräsentieren. Wen erinnern
Dullers Ketten und Kronen, Antichrist, Loyola, Kaiser und Papst
45 in ihrer Darstellung nicht an das himmelstürmende Pathos der
Marx-Engels-Gesamtausgabe, I. Abt., Bd. 2. 5
66
Bremen 1838—1841.
Aus dem Telegraph
asiatischen Banise von weiland Ziegler von Klipphausen, oder an
den „Großherzog Arminius samt seiner durchlauchtigsten Thus¬
nelda“ Lohensteins? Beck nun gar hat jene guten Leute an
Schwulst noch übertroffen; man hält einzelne Stellen seiner Ge¬
dichte fast für nichts andres als für Produkte des siebzehnten 5
Jahrhunderts, eingetaucht in moderne Weltschmerztinktur; und
Freiligrath, der auch zuweilen Schwulst von poetischer Sprache
nicht unterscheiden kann, macht den Rückschritt zu Hofmanns¬
waldau vollständig, indem er den Alexandriner erneuert und die
Koketterie mit Fremdwörtern wieder einführt. Er wird dies aber io
hoffentlich mit seinen ausländischen Stoffen ablegen,
Die Palme dorrt, der Wüstensand verweht,
Ans Herz der Heimat wirft sich der Poet,
Ein anderer und doch derselbe!
und täte Freiligrath dies nicht, wahrlich, in hundert Jahren würde 15
man seine Gedichte für ein Herbarium oder eine Streusandbüchse
halten und sie, den lateinischen Versregeln gleich, für den Schul¬
unterricht in der Naturgeschichte benutzen. Ein Raupach dürfte
auf keine andre als eine solche praktische Unsterblichkeit seiner
Jambenchroniken rechnen, aber Freiligrath wird uns hoffentlich 20
Dichtungen bringen, die des neunzehnten Jahrhunderts vollkom¬
men würdig sind. — Aber ist es nicht hübsch, daß wir in unsrer
Reproduktionsliteratur seit der romantischen Schule schon vom
zwölften bis ins siebzehnte Jahrhundert gediehen sind? Dann wird
auch wohl Gottsched nicht lange mehr auf sich warten lassen. 25
Ich gestehe meine Verlegenheit, wie ich diese Einzelnheiten
unter einen Gesichtspunkt rangieren soll; ich gestehe, die Fäden
verloren zu haben, mit denen sie sich an die fortrollende Masse
der Zeit knüpfen. Vielleicht sind sie noch nicht reif zu einem
sichern Überblick und gewinnen noch an Umfang und Zahl. Aber 30
es bleibt merkwürdig, daß wie im Leben, so in Kunst und Literatur
diese Reaktion hervortritt, daß die Klagen ministerieller Blät¬
ter von Wänden widerhallen, die das l’état c’est moi gehört zu
haben scheinen und dem Geschrei der modernen Dunkelmänner
auf dieser Seite die überladene Dunkelheit eines Teils der neuem 35
deutschen Poesie auf jener entspricht.
Platen
[TfD Febr. 1840. Nr. 31, p. 124]
Von den poetischen Kindern der Restaurationsperiode, deren
Kraft durch die elektrischen Schläge des Jahres 1830 nicht ge-
5 lähmt wurde, und deren Ruhm sich erst in der gegenwärtigen
Literaturepoche begründete, zeichnen sich drei durch eine be¬
zeichnende Ähnlichkeit aus: Immermann, Chamisso und Platen.
Bei allen dreien eine ungewöhnliche Individualität, ein bedeuten¬
der Charakter und eine Verstandeskraft, die ihr poetisches Talent
10 zum mindesten aufwiegt. Bei Chamisso herrscht bald Phantasie
und Gefühl vor, bald der berechnende Verstand; in den Terzinen
besonders ist die Oberfläche durchaus kalt und verständig, aber
man hört das edle Herz darunter pochen; bei Immermann be¬
kämpfen sich diese beiden Eigenschaften und bilden jenen Dualis-
15 mus, den er selbst anerkennt und dessen äußerste Spitzen seine
starke Persönlichkeit wohl zusammenbiegen, aber nicht vereinen
kann; bei Platen endlich hat die poetische Kraft ihre Selbständig¬
keit auf gegeben und findet sich leicht in die Herrschaft des mäch¬
tigeren Verstandes. Hätte Platens Phantasie sich nicht anlehnen
20 können an seinen Verstand und seinen großartigen Charakter, er
wäre nicht so berühmt geworden. Darum vertrat er das Verstandes¬
mäßige der Poesie, die Form, und darum ward ihm sein Wunsch
nicht gewährt, mit einem großen Werke seine Laufbahn zu be¬
schließen. Er wußte wohl, daß ein solches großes Werk nötig sei,
25 um seinem Ruhme Dauer zu verleihen; aber er fühlte auch, daß
seine Kraft noch nicht dazu ausreiche, und hoffte von der Zukunft
und seinen Vorarbeiten; indessen verfloß die Zeit, er kam aus den
Vorarbeiten gar nicht heraus und starb endlich.
Platens Phantasie folgte ängstlich dem kühnen Schritte seines
so Verstandes; und als es auf ein geniales Werk ankam, als sie einen
kühnen Sprung wagen sollte, den der Verstand nicht vollbringen
konnte, da mußte sie zurückbeben. Daraus entsprang Platens Irr¬
tum, daß er die Produkte seines Verstandes für Poesie hielt. Für
anakreontische Ghaselen reichte seine poetische Schöpferkraft
35 aus; zuweilen auch blitzte sie in seinen Komödien wie ein Meteor
auf ; aber gestehen wir uns nur, von dem, was Platen eigentümlich
war, ist das meiste Produkt des Verstandes, und als solches wird
es immer anerkannt werden. Man wird seiner überkünstelten Gha¬
sele, seiner rhetorischen Oden müde werden; man wird die Pole-
5*
68
Bremen 1838—1841.
Aus dem Telegraph
mik seiner Komödien größtenteils unberechtigt finden, aber man
wird dem Witze seiner Dialoge, der Erhabenheit seiner Parabasen
alle Achtung zollen und seine Einseitigkeit in der Größe seines
Charakters begründet finden müssen. Platens literarische Stellung
in der öffentlichen Meinung wird sich verändern; er wird weiter 5
von Goethe, aber näher zu Börne treten.
Daß ihn auch seine Gesinnungen mehr zu Börne hinziehen, da¬
für zeugten außer einer Masse von Anspielungen in den Komö¬
dien schon mehrere Gedichte in der Gesamtausgabe, von denen
ich nur die Ode an Karl X. erwähne; eine Reihe Lieder, die den 10
polnischen Freiheitskampf zur Veranlassung hatten, waren in
diese Sammlung nicht aufgenommen, obwohl sie für die Charak¬
teristik Platens von hohem Interesse sein mußten. Jetzt sind sie,
als Anhang zur Gesamtausgabe, in einer andern Verlagshandlung
erschienen. Meine Ansicht über Platen finde ich darin bestätigt, w
Der Gedanke und der Charakter müssen hier mehr und auffallen¬
der als sonst irgendwo die Poesie ersetzen. Darum findet sich
Platen in der einfachen Weise des Liedes selten zurecht; es müssen
lange, gestreckte Verse sein, deren jeder einen Gedanken betten
kann, oder künstliche Odenmetra, deren ernster, gemessener Gang 20
einen rhetorischen Inhalt fast zu fordern scheint. Mit der Kirnst
des Verses kommen Platen auch die Gedanken, und das ist der
stärkste Beweis für den verstandesmäßigen Ursprung seiner Ge¬
dichte. Wer andere Ansprüche an Platen macht, den werden diese
Polenlieder nicht befriedigen ; wer aber mit diesen Erwartungen 25
das Heftchen in die Hand nimmt, der wird für den mangelnden
poetischen Duft durch eine Fülle erhabener, mächtiger Gedanken,
die auf dem Boden des edelsten Charakters gewachsen sind, und
durch eine „großartige Leidenschaftlichkeit46, wie die Vorrede
treffend sagt, reichlich entschädigt werden. Schade, daß diese Ge- u
dichte nicht einige Monate früher erschienen sind, als das deutsche
Nationalbewußtsein sich gegen die kaiserlich russische euro¬
päische Pentarchie erhob; sie wären die beste Antwort darauf ge¬
wesen. Vielleicht hätte auch der Pentarchist hier manches Motto
für sein Werk gefunden. 35
Friedrich Oswald
Joel Jacoby
[TfD April 1840. Nr. 55, p. 219-220]
Die Görressche Seiltänzertruppe hat an Joel Jacoby eine
kostbare Akquisition gemacht. Die Partie des Bajazzo war früher
5 von Herm Guido Görres vertreten, dessen Späße dem Publikum
indes nicht zusagen wollten; das neue Mitglied aber hat neuer¬
dings wieder in seinem „Kampf und Sieg“ seinen Beruf zu die¬
ser Rolle auf überraschende Weise dargetan. Ein Mann von sol¬
cher Vielseitigkeit, dem die rote Mütze und der Purpur Davids,
io der Frack eines anstellungshungrigen Kandidaten und das Bu߬
hemd des Katechumenen gleich gut stehen, der mit Vergnügen das
Amt einer ambulanten Anzeige übernimmt und vom eine Num¬
mer des Berliner politischen Wochenblattes, hinten den Verlags¬
katalog von Manz in Regensburg trägt, ein solcher Mann findet sich
15 mit Leichtigkeit in alle Rollen. Da tritt er nun zum ersten Male
auf, ohne alle Befangenheit, und während „Heil und Frieden,
Kampf und Sieg euch künden seine Töne“, schielt er mit dem
einen Auge nach dem Roten Adlerorden, mit dem andern nach
der Bischofsmütze.
so „Womit soll ich euch erquicken?“ fragt er das Publikum.
„Wollt ihr vom Jahrgange 1832 oder 1834, 1836 oder 1839?
Was soll ich deklamieren, Marat oder Jarcke, David oder Görres
oder Hegel?“ Aber er ist großmütig und gibt uns ein Ragout von
allen Reminiszenzen, die sich in der Wüste seines Kopfes auf-
25 scheuchen lassen, und es ist wahr, er gibt uns etwas Erquickliches.
Man ist in Verlegenheit, wo man diesen Unsinn anfassen soll.
Es wird mir gern erlassen werden, die Perfidie der Gesinnung, die
chaotische Konfusion der Begriffe, die auch diese Schrift des Ver¬
fassers auszeichnet, auseinanderzulegen; haben wir doch einen
3o Halbwahnsinnigen vor uns, in dessen Kopfe die eignen, unge-
stalten Gedankenembryone mit den eingepfropften Begriffen an¬
derer eine zügellose Orgie anstellen! Wie viel mag z. B. unser
Poet noch von seiner Vergangenheit wissen, wenn er sich „einen
stillen Mann“ nennt! Er, der seit acht Jahren in einem fort schreit,
35 wütet, tobt für die Revolution, gegen die Revolution, für Preußen,
für den Papst. Der ist ein stiller Mann? Er, dessen Klagen immer
gleich V e r klagen war, der gebome Denunziant, der immer mas¬
senweise verdächtigte, der gehört zu den Stillen im Lande?
•) Regensburg, 1840.
70
Bremen 1838—1841.
Aus dem Telegraph
Die Sprachverwirrung Franz Karl Joel Jacobys ist seiner Ge¬
dankenverwirrung angemessen. Ich hätte nie der deutschen
Sprache zugetraut, daß sie sich so eng an die verworrensten Vor¬
stellungen anschließen könne. Worte, die sich nie gesehen haben,
werden hier zusammengeworfen; Begriffe, die sich abstoßen, wer- 5
den mit einem allmächtigen Zeitwort aneinandergekoppelt; die
rechtlichsten, unschuldigsten Ausdrücke finden sich plötzlich zwi¬
schen Reminiszenzen aus Joels Revolutionsjahren, zwischen ver¬
dächtig blickenden Phrasen Menzels, Leos und Görres’, zwischen
mißverstandenen Gedanken Hegels, und auf alle schwingt der io
Dichter seine Hetzpeitsche, daß die ganze wilde Jagd, sich nieder¬
stürzend, radschlagend und taumelnd daherbraust und endlich im
Schoß der alleinseligmachenden Kirche Ruhe findet.
Der eigentliche Inhalt dieses Meisterwerks, das in einem Pseu-
doparallelismus abgefaßt ist, in der alten „großartigen Manier, w
alles zweimal (auch wohl drei- oder sechsmal) zu sagen“, besteht
aus den lyrischen Klagen eines Juden und eines Katechumenen,
und sodann aus den Klagen eines Katholiken, in welchen der Ver¬
fasser aus der einseitigen lyrischen Subjektivität heraustritt und
ein echt modernes Drama entwickelt, in dessen Zentrum die ener- 20
gische Persönlichkeit des Verfassers tragiert (er ist wenigstens
traurig genug anzuschauen), und über dessen trostlose Wirren die
mittelalterliche Aurora der katholischen Kirche auf geht; riesen¬
groß erhebt sich der neue Prophet Joel aus dem modernen Chaos
und weissagt den Untergang aller revolutionären, liberalen, hege- 25
lingischen und protestantischen Bestrebungen, welche einem neuen
Zeitalter der Gedankenlosigkeit Platz machen werden. Der Fluch
wird über alles ausgesprochen, was sich nicht dem Krummstab
beugt; nur das „preußische Vaterland“ erhält pia desideria; da¬
gegen gehen die karlistischen Basken und die „belgische Nachti- 30
gall“ ein zu der Freude ihres Herrn Loyola. Man sieht, der Terro¬
rismus aus der Jakobinerepoche ist Herrn Jacoby gut im Gedächt¬
nis geblieben. Ein blutiges Gericht ergeht über alle Feinde des
Jesuitismus und des monarchischen Prinzips, vor allem über die
neuen Philosophen, welche einen Dolch in einem Futteral von 3s
sinnverwirrenden Begriffen tragen und unter ihren bunten Lappen
das wohlbekannte Leichentuch (wenigstens Herr Jacoby kennt es
von früher sehr genau), in dem die Priester und die Fürsten bei¬
sammen finden ihren Todesschlaf. Aber der neue Prophet kennt
sie, „ich hab’ euch stets verstanden“, sagt er selbst. Den Meister 40
dagegen spricht er frei, weil einige von des Meisters Ideen in
Herrn Jacobys heißen Kopf geschneit und dort freilich zu Wasser
geworden sind. Vor dem jetzt folgenden Chor der Geier und Eulen,
so wie vor dem infernalischen Jauchzen verstummt die Kritik
billigerweise. 45
Joel Jacoby
71
In Joel Jacoby sehen wir das schauderhafte Extrem, wohin end¬
lich alle die Herren Ritter vom Unverstände getrieben werden.
Dahin führt endlich alle Feindschaft wider den freien Gedanken,
alle Opposition gegen die absolute Macht des Geistes, möge sie
5 auftreten als wilder, regelloser Sansculottismus oder als gedan¬
kenloser, serviler Knechtsgeist; möge sie sich darstellen mit dem
gescheitelten Haar des Pietisten oder der Tonsur des Pfaffen. Joel
Jacoby ist eine lebendige Trophäe, ein Zeichen des Sieges, den
der denkende Geist errungen hat. Wer jemals für das neunzehnte
10 Jahrhundert in die Schranken getreten ist, der kann mit triumphie¬
renden Blicken auf diesen verunglückten Zeitdichter hinschauen,
denn über kurz oder lang werden alle seine Widersacher diesem
gleichen.
Friedrich Oswald
15 [Über Anastasius Grün]
[TfD April 1840. Nr. 61, p. 244]
* Bei der Kammerherrn-Bewerbung Anastasius Grüns wird man
unwillkürlich an die Verse erinnert, die er vor zwei Jahren in der
Eleganten abdrucken ließ. Das Gedicht war überschrieben: Apo-
2o stasie, und schloß :
Will’s Gott, so lang ich gesund, erspäht
Ihr mich bei diesem Panier.
Wahr’s Gott! Wenn Ihr je mich drüben säht,
Krank oder tot bin ich schier!
25 Denkt mein wie eines Toten dann; —
Es mag oft bitter sein,
Vorbeizugehn als Lebend’ger
Am eignen Leichenstein.
Das klingt fast wie Vorgefühl. F. 0.
Requiem für die deutsche Adelszeitung
[TfD April 1840. Nr. 59, p. 235-236; Nr. 60, p. 238-239]
Dies irae, dies illa
Saecla solvet in favilla. —
Jener Tag, an dem Luther die Urschrift des neuen Testamentes 5
hervorzog und mit diesem griechischen Feuer die Jahrhunderte
des Mittelalters, mit ihrer Herrlichkeit und ihrer Knechtschaft,
mit ihrer Poesie und Gedankenlosigkeit, zu Staub und Asche ver¬
brannte, jener Tag und die ihm folgenden drei Jahrhunderte haben
endlich eine Zeit geweckt, „die so ganz der Öffentlichkeit ange- 10
hört, eine Zeit, von der Napoleon, dem man trotz vieler Eigen¬
schaften, die namentlich in den Augen der Deutschen verwerflich
sind, einen seltnen Scharfsinn nicht absprechen kann, gesagt hat:
,Le journalisme est une puissance/ “ Ich führe diese Worte nur hier
an, um zu zeigen, wie wenig mittelalterlich, d. h. gedankenlos, der 15
Prospektus der Adelszeitung ist, dem sie entlehnt sind. Und dieser
Öffentlichkeit sollte die Krone aufgesetzt, sollte das Bewußtsein
gegeben werden mit der deutschen Adelszeitung. Denn das ist klar,
Gutenberg erfand den Druck nicht, um einem Börne — das war
ja ein Demagoge — oder Hegel — der ist ja vom servil, wie 20
Heine, und hinten revolutionär, wie Schubarth bewiesen hat —
oder irgend einem andern Bürgerlichen seine verworrenen Ge¬
danken in die Welt verbreiten zu helfen, sondern einzig und allein,
um die Stiftung der Adelszeitung möglich zu machen. — Wohl
ihr, sieisthinüber! Sie tat nur einen verstohlenen, scheuen 25
Blick in diese arge, unmittelalterliche Welt und ihr reines Jung¬
frauen- oder vielmehr gnädiges Fräuleinherz bebte zurück vor
dem Greuel der Verwüstung, vor dem Schmutz der demokrati¬
schen Canaille, vor der schauderhaften Arroganz der Courunfä¬
higkeit, vor allen jenen bejammernswerten Zuständen, Bezügen so
und Wirren dieser Zeit, die an den Toren freiherrlicher Schlösser,
wenn sie sich dort melden, mit der Hetzpeitsche begrüßt werden.
Wohl ihr, sie ist hinüber, sie sieht die Hohlheit der Demokratie,
das Rütteln am Bestehenden, die Tränen der Hochwohl- und Hoch-
gebomen nicht mehr, sie ist entschlafen. — 35
Requiem aetemam dona ei, Domine!
Und doch, wir haben viel an ihr verloren! Welche Freude war
nicht in allen Salons, wo nur Herren von sechzehn Ahnen Zutritt
Requiem für die deutsche Adelszeitung
73
haben, welcher Jubel in allen halbverlomen Vorposten der recht¬
gläubigen Aristokratie! Da saß der alte gnädige Papa im Erb¬
lehnstuhl, von den Lieblingshunden umgeben, in der Rechten die
Erbpfeife, in der Linken die Erbkarbatsche und studierte an-
5 dächtig den antediluvianischen Stammbaum im ersten Buche
Mosis, als die Tür aufging und der Prospektus der Adelszeitung
hereingebracht wurde. Der Hochwohlgebome, als ihm das Wort
Adel, mit großen Lettern gedruckt, begegnet, rückt eilig die Brille
zurecht und liest beseligt das Blatt durch, er sieht, daß auch Fa-
10 miliennachrichten in der neuen Zeitung eine Stelle finden und
freut sich schon auf seinen Nekrolog — wie gern möchte er ihn
nicht selbst lesen! — wenn er einmal zu seinen Ahnen versammelt
wird. — Da galoppieren die jungen Herren in den Schloßhof; der
Alte läßt sie eilig heraufrufen, Herr Theoderich „von der Neige66
15 jagt die Rosse mit einem Peitschenhiebe in den Stall, Herr Sieg¬
wart überrennt mehrere Lakaien, tritt der Katze auf den Schwanz
und schleudert ritterlichst einen alten, suppliziert habenden und
abgewiesenen Bauern auf die Seite, Herr Giselher befiehlt den
Dienern bei Leibesstrafe die Anordnungen zur Jagd ja untadelhaft
zu treffen und so poltern die jungen Barone in den Saal. Die
Hunde, welche ihnen heulend entgegenspringen, werden mit der
Karbatsche unter den Tisch getrieben und Herr Siegwart von der
Neige, der den Lieblingshund mit gnädigem Fuße zur Ruhe ver¬
wiesen, bekommt von dem entzückten Papa nicht einmal den ge-
25 wohnten zornigen Blick dafür. Herr Theoderich, der außer der
Bibel und dem Stammbaum auch einiges im Konversationslexikon
gelesen hat und also die Fremdwörter am richtigsten aussprechen
kann, muß den Prospektus vorlesen und der Alte vergißt bei sei¬
nen Freudentränen Ablösungsordnung und Adelsbeschwerung.
30 Wie sittig-bescheiden-herablassend ritt die Gnädige nicht her¬
ein in die moderne Welt auf ihrem weißen Papierzelter, wie kühn
sahen ihre beiden Ritter nicht in die Welt hinaus, jeder Zoll ein
Baron, jeder Blutstropfen die Frucht von vierundsechzig eben¬
bürtigen Beilagem, jeder Blick eine Herausforderung! Zuerst
35 Herr von Alvensleben, der sein ritterliches Streitroß auf der
dürren Heide französischer Romane und Memoiren herumgetum¬
melt hat, um nun auch einen Tyost gegen bürgerliche Rangen
wagen zu können. Auf dem Schilde trägt er die Devise: „Ein wohl¬
erworbenes Recht kann nie ein Unrecht werden66, und schreit mit
40 starker Stimme in die Welt hinaus: „der Adel hat vor Zeiten die
Gnade gehabt, sich verdient zu machen, jetzt ruht er auf seinen
Lorbeeren, oder zu deutsch, liegt auf der Bärenhaut, und der Adel
hat die Fürsten und somitauchdieVölker kräftiglich ge¬
schützt, und ich werde schon Sorge tragen, daß diese Großtaten
45 nicht vergessen werden und meine Geliebte, die Adelszeitung —
74
Bremen 1838—1841.
Aus dem Telegraph
requiescat in pace — ist die schönste Dame in der Welt, und wer
das leugnet, der —66
Da fällt der adelige Held vom Pferde und an seiner Stelle
zockelte Herr Friedrich Baron de la Motte-Fouqué in die
Schranken. Der alte „lichtbraune66 Rosinante, dem wegen langen 5
Stallebens die Eisen abgefallen waren, der in seinen besten Tagen
nie fett gewesene Hippogryph, dem die romantischen Sprünge
unter den Nordlandsrecken längst vergangen waren, fing plötzlich
an zu stampfen; Herr von Fouqué vergaß den jährlichen poeti¬
schen Kommentar zum Berliner politischen Wochenblatt, ließ den 10
Panzer scheuren und das alte blinde Roß hervorführen und ging
in einsamer Heldengröße auf den Kreuzzug der Ideen der Zeit;
damit aber der ehrliebende Bürgerstand nicht glaube, gegen ihn
richte sich die geknickte Lanze des alten Recken, wirft er ihm ein
Vorwort hin. Solch herablassende Güte verdient Besprechung. 15
Das Vorwort belehrt uns, daß die Weltgeschichte nicht, wie
Hegel höchst irrig meint, da ist, um den Begriff der Freiheit zu
realisieren, sondern allein, um zu beweisen, daß es drei Stände
geben muß, von denen der Adel fechten, der Bürger denken, der
Bauer pflügen soll. Nun sollen das aber keine Kastenunterschiede 20
sein, sondern die Stände sollen sich gegenseitig flicken und er¬
frischen, nicht durch Mesalliancen, sondern durch Standes¬
erhöhungen. Es ist freilich schwer zu begreifen, daß der „quellen¬
klare See66 des Adels, der aus den reinen Quellen zusammenrann,
die von den Höhen der Raubschlösser sprudelten, daß dieser See 25
noch eine Erquickung nötig haben soll. Aber der edle Baron er¬
laubt, daß Leute, welche nicht nur allein Bürger, sondern auch
„Reitersknechte66 und vielleicht sogar Schneiderge¬
sellen gewesen sind, den Adel erfrischen sollen. Wie aber die
übrigen Stände vom Adel erfrischt werden sollen, das sagt Herr 30
Fouqué nicht. Wahrscheinlich durch die aus dem Adel degra¬
dierten Subjekte; oder, da Herr Fouqué so gütig ist, zu gestehen,
daß der Adel eigentlich innerlich nicht besser ist als die Canaille,
so wird für den Adeligen die Erhebung in den Bürgerstand, oder
gar in den Stand der Bauern von derselben Ehre sein, als das 35
Adelsdiplom für den Bürgerlichen? In dem Staate des Herm
Fouqué ist ferner dafür gesorgt, daß die Philosophie nicht zu
sehr überhand nimmt; Kant wäre mit seinen Gedanken über den
ewigen Frieden dort auf den Scheiterhaufen gekommen, denn
beim ewigen Frieden könnten die Adeligen gar nicht fechten, son- 40
dern höchstens etwa die Handwerksburschen.
Man sieht, Herr Fouqué verdiente für seine gründlichen Stu¬
dien der Geschichte und Staatswissenschaft die Erhebung in den
denkenden, d. h. in den Bürgerstand: er ist vortrefflich eingeübt,
Requiem für die deutsche Adelszeitung
75
bei Hunnen und Avaren, bei Baschkiren und Mohikanern, ja so¬
gar bei den Antediluvianern nicht nur ein verehrliches Publikum,
sondern auch einen hohen Adel aufzuspüren. Er hat auch die
nagelneue Entdeckung gemacht, daß im Mittelalter, als der Bauer
5 leibeigen war, der Bauernstand Liebes und Gutes in bezug auf die
beiden andern gab und empfing. Seine Sprache ist unvergleichlich,
er schleudert mit „wurzeltief eingreifenden Dimensionen“ um
sich und „weiß Gold aus den a n s i c h (Hegel — Saul unter den
Propheten) dunkelsten Erscheinungen zu ziehen“. —
10 Et lux perpétua luceat eis —
sie haben’s wahrlich nötig.
Sie hat noch so manchen schönen Gedanken gehabt, die selige
Adelszeitung, zum Exempel den über den Grundbesitz des Adels
und noch hundert andre, die zu preisen ein Ding der Unmöglich-
15 keit wäre, aber ihr schönster Gedanke war doch, in ihrer ersten
Nummer unter den Ankündigungen gleich eine Mesalliance
anzuzeigen. Ob sie mit gleicher Humanität Herrn von Rothschild
unter den deutschen Adel rechnen wolle, hat sie nicht gesagt. Gott
tröste die beklagenswerten Eltern und erhebe die Selige in den
2o himmlischen Grafenstand,
Und laß sie ruhig schlafen.
Bis über den jüngsten Tag! —
Wir aber wollen ihr ein Requiem singen und eine Leichenrede
halten, wie es eines braven Bürgers Pflicht ist.
25 Tuba mirum spargens sonum
Per sepulcra regionum
Coget omnes ante thronum.
Hört ihr sie nicht, die Posaune, die die Grabsteine umbläst und
die Erde freudig wogen macht, daß die Gräber sich auftun? Der
so jüngste Tag ist angebrochen, der Tag, dem keine Nacht1* mehr fol¬
gen wird; der Geist, der ewige König ist auf seinen Thron ge¬
stiegen und zu seinen Füßen versammeln sich die Völker der Erde,
Rechenschaft zu geben von ihrem Dichten und Trachten; es geht
ein neues Leben durch die Welt, daß die alten Völkerstämme ihre
35 laubigen Zweige freudig wiegen im Hauche des Morgens und ab¬
schütteln alle alten Blätter zum Spiel des Windes, der sie zusam¬
menweht zu einem großen Scheiterhaufen, den Gott selbst mit
seinen Blitzen entflammt. Das Gericht ist ausgegangen über die
Geschlechter der Erde, das Gericht, das die Kinder der Vergan-
4o genheit gern niederschlagen möchten wie einen Erbschaftsprozeß;
aber unerbittlich droht der ewige Richter mit seinen durchdringen¬
den Blicken; das Pfund, mit dem sie nicht gewuchert haben, wird
von ihnen genommen, und sie werden hinausgestoßen in die Fin¬
sternis, wo kein Strahl des Geistes sie erquickt.
45 Friedrich Oswald
*) Im TfD Macht
Landschaften
Von Friedrich Oswald
[TfD Juli 1840. Nr. 122, p. 485-487; Nr. 123, p. 490-491]
Hellas hatte das Glück, seinen landschaftlichen Charakter in
der Religion seiner Bewohner zum Bewußtsein gebracht zu sehen. 5
Hellas ist ein Land des Pantheismus; alle seine Landschaften sind
— oder waren es wenigstens — in den Rahmen der Harmonie ge¬
faßt. Und doch drängt sich jeder Baum, jede Quelle, jeder Berg
zu sehr in den Vordergrund, und doch ist sein Himmel viel zu
blau, seine Sonne viel zu strahlend, sein Meer viel zu großartig, 10
als daß sie sich mit der lakonischen Vergeistigung eines Shelley-
schen Spirit of nature, eines allumfassenden Pan begnügen soll¬
ten; jedes einzelne macht auch in seiner schönen Abrundung An¬
sprüche auf einen besondern Gott, jeder Fluß will seine Nymphen,
jeder Hain seine Dryaden haben — und so ward die Religion der 15
Hellenen. Andere Gegenden waren nicht so glücklich ; sie dienten
keinem Volke zur Grundlage seines Glaubens und müssen ein
poetisches Gemüt abwarten, das den religiösen Genius, der in
ihnen schlummert, heraufbeschwört. Steht ihr auf dem Drachen¬
fels oder auf dem Rochusberg bei Bingen und schaut ihr hin über 20
das rebenduftende Rheintal, die fernen blauen Berge mit dem
Horizont verschmolzen, das Grün der Felder und Weinberge, vom
Golde der Sonne übergossen, das Blau des Himmels widerstrah¬
lend aus dem Strom — da senkt sich der Himmel mit seinem Licht
auf die Erde und spiegelt sich in ihr, der Geist versenkt sich in die 25
Materie, das Wort wird Fleisch und wohnt unter uns — das ist ver¬
körpertes Christentum. Im graden Gegensatz dazu steht die nord¬
deutsche Heide; da ist nichts als dürre Halme und demütiges
Heidekraut, das im Bewußtsein seiner Schwäche nicht von der
Erde aufzukriechen wagt; hier und da ein ehemals trotzender, jetzt 30
vom Blitz zersplitterter Baum; und je heiterer der Himmel ist,
desto schärfer scheidet er sich in seiner selbstgenügsamen Herr¬
lichkeit von der armen verfluchten Erde, die im Sack und in der
Asche vor ihm liegt, desto zomesheißer blickt sein Sonnenauge auf
den kahlen, unfruchtbaren Sand — hier ist die jüdische Welt- 35
anschauung repräsentiert.
Die Heide ist genug gescholten worden, die ganze Literatur
hat ihr einen Fluch zugewälzt und sie nur, wie in Platens Ödipus,
*) Im dritten Bande des Blasedow nimmt sich der Alte der Heide an.
Landschaften
77
zur Staffage der Satire angewandt, aber man hat es auch ver¬
schmäht, ihre seltenen Reize, ihre versteckten poetischen Beziehun¬
gen aufzusuchen. Man muß eigentlich in einer schönen Gegend,
auf Bergeshöhen und waldigen Felsenkronen, auf gewachsen sein,
5 um das Abschreckende, Trostlose der norddeutschen Sahara recht
zu empfinden, aber auch um den verborgenen, wie die libysche
Mirage nicht immer sichtbaren Schönheiten dieses Gebietes mit
Lust nachzuspüren. Die eigentliche Prosa Deutschlands steckt nur
in den Kartoffelsteppen der linkenElbseite. Aber die Heimat der
10 Sachsen, des tatenreichsten deutschen Stammes, ist auch in ihrer
Öde poetisch. In einer Sturmnacht, wenn die Wolken gespenstisch
um den Mond flattern, wenn die Hunde sich von fern einander zu¬
bellen, dann jagt auf schnaubenden Rossen hinein in die endlose
Heide, dann sprengt mit verhängten Zügeln über die verwitterten
15 Granitblöcke und die Grabhügel der Hünen; in der Feme blitzt
das Wasser der Moore im Widerscheine des Mondes, Irrlichter
gaukeln darüber hin, unheimlich tönt das Geheul des Sturmes
über die weite Fläche; der Boden wird unsicher unter euch und
ihr fühlt, daß ihr in den Bereich der deutschen Volkssage gekom-
20 men seid. Erst seit ich die norddeutsche Heide kenne, hab’ ich die
Grimmschen „Kinder- und Hausmärchen66 recht verstanden. Fast
allen diesen Märchen sieht man es an, daß sie hier entstanden
sind, wo mit dem Anbruch der Nacht das Menschliche verschwin¬
det und die grausigen, formlosen Geschöpfe der Volksphantasie
25 über einen Boden hinhuschen, dessen Öde am hellen Mittag schon
unheimlich ist. Sie sind die Versinnlichung der Gefühle, die den
isolierten Bewohner der Heide erfassen, wenn er in einer solchen
wilden Nacht durch sein Heimatland geht oder vom hohen Turme
die öde Fläche schaut. Da treten die Eindrücke, die ihm von den
30 Sturmnächten der Heide aus seiner Kindheit geblieben sind, wie¬
der vor ihn und gestalten sich zu jenen Märchen. Das Geheimnis
von der Entstehung des Volksmärchens belauscht ihr am Rhein
und in Schwaben nicht, während hier jede Blitznacht — helle
Blitznacht, sagt Laube — davon mit Donnerzungen redet.
35 Der Sommerfaden meiner Apologie der Heide würde, vom
Winde getragen, sich wohl noch länger fortspinnen, wenn er sich
nicht eben um einen unglücklichen, mit hannoverschen Landes¬
farben angemalten Wegweiser verwickelt hätte. Ich habe lang’
über die Bedeutung dieser Farben nachgedacht. Die königlich
4o preußischen zeigen zwar das nicht an, was Thiersch in seinem
schlechten Preußenliede darin finden will; immerhin aber erin¬
nern sie in ihrer Prosa an die kalte, herzlose Bureaukratie und
alles das, was dem Rheinländer vom Preußentum noch nicht recht
einleuchten will; der schroffe Abstand zwischen Schwarz und
x) Wohl irrtümlich statt rechten
78
Bremen 1838—1841.
Aus dem Telegraph
Weiß kann ein Analogon bieten für das Verhältnis zwischen König
und Untertanen in der absoluten Monarchie; und da sie eigentlich
nach Newton gar keine Farben sind, so können sie andeuten, daß
die loyale Gesinnung in der absoluten Monarchie die ist, welche
sich zu gar keiner Farbe hält. Die muntre rote und weiße Fahne s
der Hanseaten paßte doch wenigstens vor Zeiten; der französische
Esprit schillert in der Trikolore, deren Farben sich auch das
phlegmatische Holland aneignete, wahrscheinlich um sich selbst
zu persiflieren; am schönsten und deutungsvollsten bleibt freilich
immer die unglückliche deutsche Trikolore. Aber die hannover- io
sehen Farben! Denkt euch einen Stutzer, der mit seinen weißen
Inexpressibles eine Stunde lang über Stock und Stein, durch
Chausseegräben und frischgepflügte Felder gejagt ist, denkt euch
Lots Salzsäule — ein Exempel für das ehemals hannoversche
Nunquam retrorsum, zur Warnung für viele — denkt euch dieses
ehrwürdige Denkmal von der ungezogenen Beduinenjugend mit
Lehm beworfen, und ihr habt einen hannoverschen Wappenpfahl.
Oder bedeutet das Weiß vielleicht das unschuldige Staatsgrund¬
gesetz und das Gelb den Kot, mit dem es von gewissen feilen
Federn bespritzt wird? — 20
Wenn ich den religiösen Charakter der Gegenden festhalte, so
sind die holländischen Landschaften wesentlich calvi-
nistisch. Die totale Prosa, die Unmöglichkeit einer Vergeistigung,
die auf einer holländischen Fernsicht lastet, der graue Himmel,
der nun einmal einzig zu ihr paßt, alles das erweckt denselben 25
Eindruck, den die unfehlbaren Beschlüsse der Dordrechter Synode
in uns zurücklassen. Die Windmühlen, das einzig Bewegte in der
Landschaft, erinnern an die Erwählten der Prädestination, die sich
einzig und allein vom Hauche der göttlichen Fügung antreiben
lassen; alles andere liegt im „Geistlichen Tod66. Und der Rhein 30
wie der strömende, lebendige Geist des Christentums verliert in
dieser dürren Orthodoxie seine befruchtende Kraft und muß ganz
und gar versanden. So erscheinen, vom Rheine aus gesehen, seine
holländischen Ufer; andre Teile des Landes sollen schöner sein,
ich kenne sie nicht. — Rotterdam, mit seinen schattigen Kais, 35
mit seinen Grachten und Schiffen, ist für Kleinstädter aus dem
Innern Deutschlands eine Oase; hier begreift man, wie die Phan¬
tasie eines Freiligrath mit den scheidenden Fregatten zu fernen,
üppigeren Gestaden ziehen konnte. Dann wieder die verdammten
seeländischen Inseln, nichts als Schilf und Dämme, Windmühlen 40
und glockenspielende Kirchturmspitzen, zwischen denen sich das
Dampfboot stundenlang hindurchwindet !
Aber nun, welch seliges Gefühl, wenn wir hinausfliegen aus
den philiströsen Dämmen, aus der enggeschnürten, calvinistischen
Landschaften
Orthodoxie in das Gebiet des freiwogenden Geistes! Helvoetsluys
verschwindet, die Waalufer versinken rechts und links in den höher
auf jubelnden Wellen, das sandige Gelb des Wassers verwandelt
sich in Grün, und nun vergessen, was dahinten ist und mit frohem
5 Herzen hinaus in die dunkelgrüne, durchsichtige Flut!
Und nun vergiß der Schmerzen,
Die man dir angetan,
Und geh’ mit ganzem Herzen
Die große freie Bahn.
10 Der Himmel beugt sich nieder
Wird Eines mit dem Meer —
Du willst zerrissen wieder
Fahren dazwischen her?
Der Himmel beugt sich nieder,
15 Umfängt die schöne Welt,
Selig der schönen Glieder,
Die er umschlungen hält,
Als wollte sie ihn küssen,
So hüpfte die Welle auf,
20 Und du, du willst zerrissen
Vollenden deinen Lauf?
Sieh’ wie der Gott der Liebe
Sich in die Welt versenkt.
Und daß er ihr verbliebe,
25 Sich ihr im Menschen schenkt!
Trägst du nicht allerwegen
Den Gott im Busen dein?
So lass’ ihn frei sich regen,
Und seiner würdig sein!
30 Dann hänge dich in die Taue des Bugspriets und schau’ in die
Wogen, wie sie vom Kiele zerteilt, den weißen Schaum weit hinaus
spritzen über dein Haupt, dann sieh’1) über die ferne, grüne Fläche,
wo die schäumenden Wellenhäupter in ewiger Unruhe auftauchen,
wo die Sonnenstrahlen aus tausend tanzenden Spiegeln in dein
35 Auge zurückfallen, wo das Grün des Meeres mit dem spiegelnden
Himmelblau und Sonnengold zu einer wunderbaren Farbe ver¬
schmilzt, da entschwinden dir alle die kleinlichen Sorgen, alle
Erinnerungen an die Feinde des Lichts und ihre hinterlistigen
Ausfälle, und du gehst auf im stolzen Bewußtsein des freien, un-
40 endlichen Geistes! Ich habe nur einen Eindruck, den ich diesem
vergleichen konnte; als sich zum erstenmal die Gottesidee des
letzten Philosophen vor mir auftat, dieser riesenhafteste Gedanke
des neunzehnten Jahrhunderts, da erfaßten mich dieselben seligen
Schauer, da wehte es mich an, wie frische Meerluft, die vom
45 reinsten Himmel herniederhaucht; die Tiefen der Spekulation
lagen vor mir wie die unergründliche Meerflut, von der das zum
Boden strebende Auge sich nicht abwenden kann; in Gott leben,
O Im TfD sich
80
Bremen 1838—1841.
Aus dem Telegraph
weben und sind wir! Das kommt uns auf dem Meere zum Bewußt¬
sein; wir fühlen, daß alles um uns und wir selbst von Gott durch¬
haucht sind; die ganze Natur ist uns so verwandt, die Wellen win¬
ken uns so vertraut zu, der Himmel breitet sich so liebeselig um
die Erde, und das Licht der Sonne hat einen so unbeschreiblichen s
Glanz, daß man meint, es mit Händen greifen zu können. —
Die Sonne sinkt im Nordwest; links von ihr erhebt sich ein
leuchtender Streif aus dem Meere, die Küste von Kent, das süd¬
liche Ufer der Themse. Auf der See liegen schon die Nebel der
Dämmerung, nur im Westen ist, wie über den Himmel, auch übers 10
Wasser, der Purpur des Abends ausgegossen; der östliche Himmel
prangt in tiefem Blau, aus dem die Venus schon hell heraustritt;
im Südwesten zieht sich lang am Horizonte Margate hin, in dessen
Fenstern das Abendrot sich spiegelt, ein langer goldener Streif in
zauberischem Lichte; und nun schwingt die Mützen und begrüßt #
das freie England mit freudigem Rufe und vollem Glase. Gute
Nacht, auf fröhliches Erwachen in London!
Ihr, die ihr über die Prosa der Eisenbahnen klagt, ohne je
eine gesehen zu haben, laßt euch fahren auf der, die von London
nach Liverpool geht. Wenn es irgend ein Land gibt, das gemacht20
ist, auf der Eisenbahn durchflogen zu werden, so ist es England.
Keine blendenden Schönheiten, keine kolossalen Felsmassen, aber
ein Land voll sanfter Hügelwellen, das bei der englischen, nie
ganz klaren Sonnenbeleuchtung einen wunderbaren Reiz hat. Man
staunt über die mannigfachen Gruppierungen der einfachen Staf- 25
fage; aus ein paar Hügeln, Feld, Bäumen, weidendem Vieh macht
die Natur tausend anmutige Landschaften. Eigentümlich schön
erscheinen die Bäume, mit denen alle Felder, einzeln und in
Gruppen, besetzt sind, so daß die ganze Gegend etwas Park¬
ähnliches erhält. Dann wieder ein Tunnel, der den Wagenzug für 30
einige Minuten im Dunkel hält, und der in einen Hohlweg ausläuft,
aus dem man plötzlich wieder in die lachenden, sonnigen Felder
versetzt wird. Auf einmal führt der Weg auf einem Viadukt
quer durch ein langes Tal; tief unten liegen die Städte und Dörfer,
die Wälder und Wiesen, zwischen denen der Fluß sich hindurch-35
schlängelt; rechts und links Berge, die im Hintergründe ver¬
schwimmen, und über dem reizenden Tale eine zauberhafte Be¬
leuchtung, halb Nebel, halb Sonnenschein — doch kaum hat man
das wunderbare Gebiet überschaut, so ist man ihm in einen kahlen
Hohlweg entrückt und hat Zeit, das magische Bild in der Phan- 40
tasie neuzuschaffen. Und so geht es fort, bis die Nacht herein¬
bricht und der Schlummer die schauensmatten Augen schließt.
0, es liegt eine reiche Poesie in den Provinzen Britanniens! Oft
meint man, noch in den golden days of merry England zu sein,
und Shakespeare mit der Büchse hinterm Hag schleichen zu sehen, 45
Landschaften
81
wie er noch nach fremdem Wilde jagte, oder man wundert sich,
daß auf dieser grünen Au nicht eine seiner göttlichen Komödien
wirklich sich abwickelt. Denn wo die Szene auch liegen mag, in
Italien, in Frankreich oder Navarra, immer ist’s im Grunde doch
5 merry England, wohin seine barocken Rüpel, seine superklugen
Schulmeister, seine liebenswürdig-bizarren Frauen gehören, über¬
all merkt man dem Ganzen an, daß nur der englische Himmel
dazu paßt. Nur einige Komödien, wie der Sommernachstraum,
haben das Südlich-Klimatische so vollkommen wie Romeo und
10 Julie, auch in den Charakteren.
Und nun zurück zu unserem Vaterlande! Das malerische und
romantische Westfalen ist ganz ärgerlich geworden über seinen
Sohn Freiligrath, der es über den freilich weit malerischeren und
romantischeren Rhein ganz und gar vergessen hat; trösten wir es
15 mit einigen schmeichelnden Worten, damit seine Geduld nicht
eher bricht, als das zweite Heft erscheint. Westfalen ist von Berg¬
ketten gegen Deutschland hin umgeben und nur gegen Holland
offen, gleichsam als sei es von Deutschland ausgestoßen. Und
doch sind seine Kinder echte Sachsen, treue, gute Deutsche. Nun,
20 jene Berge bieten herrliche Punkte dar; im Süden die Ruhr- und
Lennetäler, im Osten das Wesertal, im Norden eine Bergkette von
Minden nach Osnabrück — überall die reichsten Aussichten, nur
in der Mitte des Landes eine langweilige Sandfläche, die man
durch Gras und Korn immer hindurchscheinen sieht. Und dann
25 die alten schönen Städte, vor allen Münster mit seinen gotischen
Kirchen, mit den Arkaden seines Marktes, mit Annette Elisabeth
von Droste-Hülshoff und Levin Schücking. Der letztere, den ich
das Vergnügen hatte, dort kennenzulemen, war so gütig, mich auf
die Gedichte jener Dame aufmerksam zu machen, und ich kann
so diese Gelegenheit nicht vorübergehen lassen, ohne einen Teil der
Schuld abzutragen, die das deutsche Publikum sich gegen diese
Poesien auf geladen hat. Es hat sich bei ihnen wiederum bewährt,
daß die gepriesene deutsche Gründlichkeit es sich nur zu leicht mit
der Würdigung von Gedichten macht; man blättert sie durch,
35 untersucht, ob die Reime rein, die Verse fließend sind, ob der
Inhalt leicht zu verstehen und an schlagenden, wenigstens blenden¬
den Bildern reich ist, und das Urteil ist fertig. Aber Dichtungen
wie diese, wo eine Innigkeit des Gefühls, eine Zartheit und Origi¬
nalität der Naturbilder, wie sie nur Shelley haben mag, eine
40 kühne, Byronsche Phantasie im Gewände einer freilich etwas steif
drappiertenForm, einer von Provinzialismen nicht freien Sprache
auf treten, gehen spurlos vorüber; wer hätte aber auch Lust, sie
etwas langsamer zu lesen als gewöhnlich — und da man doch
nur Gedichte zur Hand nimmt, wenn die Stunde der Siesta kommt,
45 so könnte die Schönheit derselben wohl gar dem Schlafe Abbruch
Marx-Engels-Gesamtausgabe, I. Abt., Bd. 2. 6
82 Bremen 1838—1841. Aus dem Telegraph
tun! Dazu ist die Dichterin eine gläubige Katholikin, und wie kann
sich ein Protestant dafür interessieren! Aber wenn der Pietismus
den Mann, den Magister, den Oberhelfer Albert Knapp lächerlich
macht, so steht der kindliche Glaube dem Fräulein von Droste
gut. Es ist eine mißliche Sache um die religiöse Freisinnigkeit der 5
Frauen. Die George Sands, die Mistreß Shelleys sind selten; nur
zu leicht zernagt der Zweifel das weibliche Gemüt und erhebt den
Verstand zu einer Macht, die er bei keinem Weibe haben darf.
Wenn aber die Ideen, mit denen wir Kinder des Neuen stehen und
fallen, Wahrheit sind, dann ist auch die Zeit nicht mehr fern, wo 10
das weibliche Herz ebenso warm für die Gedankenblüten des mo¬
dernen Geistes schlägt wie jetzt für den frommen Glauben der
Väter — und erst dann wird der Sieg des Neuen vor der Tür sein,
wenn die junge Generation es mit der Muttermilch in sich auf¬
nimmt. 15
10
15
20
25
30
35
Ein Abend
Von Friedrich Oswald
[TfD Aug. 1840. Nr. 125, p. 498-500]
To morrow comes!
Shelley.
1.
Im Garten sitz’ ich — eben ist gesunken
Des alten Tages Sonne in die Fluten
Und, die von ihr beherrscht, verborgen ruhten,
Spriih’n lustig jetzt, der Abendröte Funken.
Die Blumen steh’n und schau’n sich an so trübe,
Daß ihnen schwand der Sonne heit’res Leuchten,
Die Vögel aber auf den unerreichten
Baumgipfeln singen froh ihr Lied der Liebe.
Die Schiffe ruhen auf des Stromes Rücken,
Die sonst den weiten Ozean durchfahren,
Und fernherüber dröhnt das Holz der Brücken,
Drauf heimwärts ziehn der Menschen müde Scharen.
Der kühle Trank braust auf im hellen Becher,
Und vor mir liegen Calderons Komödien;
Und so berausch’ ich mich, ein rechter Zecher,
Am Wein und den gewaltigen Tragödien.
2.
Bleich wird das Abendrot im Westen schon —
Geduld, ein Morgen kommt, ein Freiheitsmorgen,
Die Sonne steigt, und ewig glüht ihr Thron,
Fern bleibt die Nacht mit ihren trüben Sorgen.
Da sprießen neu die Blumen, nicht in Beeten,
Nicht da allein, wo wir den Samen säeten,
Die ganze Erde wird ein lichter Garten.
Und alle Pflanzen wechseln ihre Länder,
Die Friedenspalme schmückt des Nordens Ränder,
Der Liebe Rose kränzt die Frosterstarrten.
Die feste Eiche wandert nach dem Süden,
Despoten trifft als Keule dort ihr Ast,
Und wer dem Lande wiedergab den Frieden,
Der sieht von ihrem Laub sein Haupt umfaßt.
Die Aloe sproßt in aller Welt empor —
6*
84
Bremen 1838—1841.
Aus dem Telegraph
Ihr ist der strenge Geist des Volkes ähnlich.
So stachelvoll, so plump und unansehnlich,
Bis plötzlich, laut erkrachend, bricht hervor
Durch jedes Hemmnis eine lichte Blüte,
Die Freiheitsflamme, die verborgen glühte, 5
Den Duft verhauchend, der zu Gott mag dringen
Eh’ als der Weihrauch, den ihm Heuchler bringen.
Und einsam steh’n im Haine und vergessen,
Jetzt ohne Deutung, einzig die Zypressen.
3* 10
Die Vögel, die dann auf den grünen Zweigen
Mit lautem Sang das Morgenrot verkünden,
Die schon erkennen, wenn die Wolken neigen
Ihr feuchtes Haupt zu niedem Tälergründen,
Daß bald die Sonne wird den Thron besteigen, u
Das sind die Männer aus dem Dichterreigen;
Ihr Wort wird fortgetragen an den Winden,
Die, frei, sich gern mit freiem Wort verbünden.
Die Sänger stehn nicht auf der Schlösser Warten —
Die Adelsschlösser sanken längst, zertrümmert — 20
Von stolzen Eichen, die im Sturm nicht knarrten,
Sehn sie zur Sonne kühn und unbekümmert;
Ob sie der Strahl des Lichts, des langerharrten,
Auch blende, wenn er rein die Welt umschimmert,
Und ich bin einer auch der freien Sänger; 25
Die Eiche Börne ist’s, an deren Ästen
Ich aufgeklommen, wenn im Tal die Dränger
Um Deutschland enger ihre Ketten preßten.
Ja, einer bin ich von den kecken Vögeln,
Die in dem Äthermeer der Freiheit segeln; 30
Und wär’ ich Sperling nur in ihren Zügen —
Ich wäre Sperling lieber unter ihnen,
Als Nachtigall, sollt’ ich im Käfig liegen,
Und mit dem Liede einem Fürsten dienen.
4. 35
Dann trägt das Schiff, das durch die Wogen schäumt,
Nicht Waren mehr, um einz’le zu bereichern,
Nicht dient’s dem gier’gen Kaufmann mehr zu Speichern,
Es bringt die Saat, der Menschenglück entkeimt;
Es ist ein Roß, das jugendfroh sich bäumt, 40
Sein Reiter bringt den Heuchlern Tod und Schleichern,
’s ist einer von den mut’gen Gramverscheuchern,
’s ist ein Gedanke, der von Freiheit träumt.
Ein Abend
85
5
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30
35
40
Die Flagge trägt nicht mehr des Königs Wappen,
Dem sich das Schiff svolk beugt mit Furcht und Zittern —
Sie trägt die Wolk’, um die nach Ungewittern,
Wenn sie der Blitz zerriß mit seinen Schlägen,
Sich sühnend will der Friedensbogen legen.
5.
Dann wölbt die Liebe Brücken, unsichtbare,
Von Herz zu Herzen; ob durch ihren Bogen
Herniederbraust der rasche Strom der Jahre,
Der Strom der Leidenschaften, schaumumflogen,
Die Brücke wanket nicht, die demantharte,
Und d’rüber weht der Freiheit Lichtstandarte
Und d’rüber geht der Mensch; wohin er sendet
Den Blick, wohin sein Fuß ihn möge tragen,
Er sieht ein gastlich Dach gen Himmel ragen,
Erquickung wird ihm gerne stets gespendet;
Wo er sich legt, das Auge schlaf geblendet,
Da fühlt er heimisch sich und sonder Zagen.
Zum Äther aber wölbet neue Brücken,
Ein rein’rer Glaube, d’rauf die Menschen dreister
Zum Himmel geh’n, demütig-stolz zu blicken
Ins Aug’ dem ew’gen Urbild aller Geister.
Aus seinem Schoße sind sie ausgegangen,
Zu seinem Schoße kehren sie hinwieder,
Sich fühlend als der Geisteskette Glieder,
Die ewig die Materie umfangen.
6.
Ein neuer Wein wird dann die Becher füllen,
Der Freiheit Wein, zu üppiger Berauschung;
Er wird die Sinne nicht in Nebel hüllen,
Gibt neuen Sinn in glücklicher Vertauschung,
Daß du vermagst, die Melodie der Sphären
Dir aufzufangen mit des Ohres Lauschung,
Daß in den Adem sich dein Blut verklären,
Zu Äther wird, der die Unendlichkeiten
Durchströmt, daß deine Blicke durch den hehren
Uralten Raum, wie kecke Krieger schreiten,
Und Sterne sich erobern in der Höh’;
Dazwischen, wie Irrlichterscheine, gleiten
Vorbei die Bilder aus vergangenem Weh’.
86
Bremen 1838—1841.
Aus dem Telegraph
7.
Und dann ersteht, ein Calderon, ein neuer,
Ein Perlenfischer in dem Meer der Dichtung,
Von Bildern dämmt sein Lied, die Opferfeuer
Von duft’ger Zedernblöcke hoher Schichtung; 5
Es rauscht sein Sang, es rauscht die gold’ne Leier
Von des Tyrannen blutiger Vernichtung:
Die Menschheit horcht dem stolzen Siegesliede,
Und alle Welt durchhaucht der milde Friede.
Auch jener singt, wie einst den Sieg erstritten io
Die Menschheit über der Tyrannen Heere
Auf der Mantibler Brücke1), wo sie mitten
Durch alle Lanzen eindrang in das hehre
Gelobte Freiheitsland mit kühnen Schritten;
Wie da sie ward der Arzt der eignen Ehre2), «
Sie, die so lang’, gleich dem standhaftenFürsten8),
In Ketten mußte nach Erlösung dürsten.
TochterderLuft4), stieg da die Freiheit nieder
Zur Erde fröhlich aus des Äthers Raum,
Sang ihre wundervollen Zauberlieder, 20
Da ward das Leben5) rings ein süßer Traum.
Da glänzte klar der Freude Becher wieder
Und ungetrübt von wilder Gärung Schaum;
Die Sonne scheucht die Wolken wie die Sorgen
Und bringt, stets froh, April - und M ai enmo rgenfl). 25
8.
Doch wann wird jene neue Sonn’ erstehen,
Wann wird die alte Zeit zusammenkrachen?
Wir sah’n die alte Sonne untergehen,
Wie lang wird uns die finst’re Nacht umdachen? 30
Durch Wolkenschleier lugt der trübe Mond,
Der Nebel lagert auf den Tälergründen;
Im Nebel ruht, was auf der Erde wohnt,
Wir, die wir wachen, tappen wie die Blinden.
Geduld! die Wolken, die den Mond umringen, 36
Scheucht vor sich her die Sonne schon im Steigen,
Die Nebel, die sich durch die Täler schlingen,
Sind morgenhauch-geweckte Geisterreigen.
Im Osten tanzt der Morgenstern empor,
Blutrote Strahlen durch die Nebel schießen — 40
O La puente de Mantible
3) El Principe constante
ö) La Vida es sueno
2) El Médico de su honra
•) La hija del aire
•) Mananas de Abril y Mayo
Ein Abend
87
Seht ihr nicht Blumen schon den Kelch erschließen.
Schmettert nicht schon der Vöglein froher Chor?
Der halbe Himmel strahlt im lichten Scheine,
Schneegipfel werden Rosenedelsteine;
Die gold’nen Wolken, die dort aufgeschossen,
Die Häupter sind’s von edlen Sonnenrossen;
Schaut dorthin, wo die dicht’sten Strahlen fließen,
Die junge Sonne jubelnd zu begrüßen!
[Zwei Predigten von F. W. Krummadier]
[TfD Sept. 1840. Nr. 149, p. 596]
* Die zwei Predigten liegen vor uns, welche die sonst so frommen
Bremenser veranlaßten, dem Elberfelder Eiferer, F. W. Krum¬
macher, das fernere Hospitieren in der Kirche St. Ansgarii zu 5
untersagen. Wenn man von den gewöhnlichen Predigten, wo Gott
nur der Weltenvater oder das höchste Wesen genannt
wird, einen meist sehr wässerigen Eindruck hat, so ist der Text
dieser Krummacher’schen Reden Lauge, Beize, ja Scheide¬
wasser. Schon der Originalität wegen, so von der Kanzel herab, 10
wie es hier geschieht, mit den Gemeinden zu verkehren, wird man
die Reden mit Interesse lesen; sie zeigen, daß Krummacher ein
geistvoller, mit Witz und Phantasie gesegneter Zelote ist. Ob
diese geharnischte Sprache aus einem wirklichen Felsenglauben
an das Christentum fließt, kann man bezweifeln. Wir glauben, 15
daß Krummacher kein Heuchler ist, sich aber in diese Predigt¬
weise nur aus Geschmack festrannte und sie um so weniger lassen
kann, als allerdings der gewöhnliche Ton der evangelischen
Liebessäusler und der Damenprediger ein sehr abgeschmackter
ist. Soviel aber ist gewiß, daß Krummacher die Bedeutung der 20
Kanzel sehr verkennt, wenn er sie zum Inquisitionsstuhle erhebt.
Was kann eine Gemeinde aus einer solchen Predigt mit nach
Hause nehmen? Nichts, als jenen geistlichen Hochmut,
der am Pietismus so widerwärtig ist. Wer von seiner Gemeinde
nur Glauben verlangt, dies starre Gebot nur mit Synonymen 25
umschreibt und den übrigen Teil des Predigtvortrags zur Tages¬
polemik benutzt, wird sehr viel Eigendünkel, Hochmut und ortho¬
doxe Verstocktheit, aber sehr wenig Christentum verbreiten.
Krummacher scheint diese Aufgabe, die christliche Einfalt zum
Hochmut zu emanzipieren, methodisch zu betreiben. Die Wendung, 30
daß Geist, Witz, Phantasie, Dichtertalent, Kunst, Wissenschaft,
alles vor Gott nichts wäre, ist ihm stereotyp. Er sagt: „Im Himmel
ist ein Festtag, nicht wenn ein Dichter geboren wird, sondern ein
Irrender geweckt wird/6 Er schildert dem Ärmsten in seiner Ge¬
meinde eine Bedeutung, die er haben könne, daß dieser un- 35
fehlbar sich höher und weiser bedünken muß als Kant, Hegel,
Strauß etc., die Krummacher fortwährend in seinen Predigten
anathematisiert. Sollte Krummacher’s eigenstes Wesen nicht auch
aus einem — zurückgetretenen Ehrgeize, aus der Sucht nach Aus-
Zwei Predigten von F. W. Krummacher
89
Zeichnung entstehen? Es gibt viele Köpfe, die das Höchste erstreb¬
ten, es nicht durch Fleiß, Talent und Gediegenheit erreichen konn¬
ten und dann hoffen, durch eine beispiellose Glaubens-Vir¬
tuosität es bis zur ewigen Krone zu bringen. Wenigstens
<5 möchte man sehr geneigt sein, die fortwährende Polemik Krum-
macher’s gegen alles, was in der Welt berühmt ist, sich
so und nicht anders zu erklären. — Recht schmerzlich ist es, in
den erwähnten Predigten wenig auflösende Elemente,
Rührung, Gemüt, echten Schmerz zu finden. Einem so starren,
10 eifernden Wesen kann der Ton der Liebe nicht geläufig sein. In¬
dessen finden sich doch Stellen, die mit dem wunderlichen Wesen
dieses Mannes wieder aussöhnen. Wie wenig Predigten haben wir,
in denen sich eine so schöne Stelle, wie die folgende, finden wird:
„Ja, Freunde, die Welt ist da noch nicht zu Ende, wo am fernen
n Seegestade der Sturm heult, oder wo droben der trauernde Mond
geht und die stillen Sterne wehmütig zur Erde niederschauen. Es
geht darüber hinaus eine andere, weitere, lichtere Region. 0 da
ist’s besser sein, als hier. Da trägt man keine Rosen mehr zu
Grabe; da droht der Liebe keine Trennung mehr; da ruht kein
2o Galletropfen mehr im Freudenbecher. Eine solche Welt ist da, so
wahr sich der Herr Jesus sichtbar (?) in sie hinüberschwang.“
Sanct Helena
Fragment
[TfD Nov. 1840. Nr. 191, p. 764]
Du stolzer Fels in Meereseinsamkeit,
Du harte Gruft des größten Felsenherzen,
Das hier gedacht der selbstgeschaff’nen Zeit,
Das hier verschied an des Prometheus Schmerzen;
Wie stehst du da im schwarzen Priesterkleid,
Du, eine jener ausgeglühten Kerzen,
Die Gott, als er die Welt gesetzt zusammen, io
Entbrannt, um Licht zu seinem Werk zu flammen.
Wohl möchten sie zu dir den Heros senden,
Der als ein neu Jahrhundert ward geboren,
Mit seinen Blitzen mußt’ Erleuchtung spenden,
Mit seinem Donner füllen alle Ohren, 15
Bis, ungehört, sich in des Weltraums Wänden
Des Kindes erster Wehschrei sich verloren;
Dann warf die Zeit, in ihren bittern Scherzen,
Ihn zu den andern ausgeglühten Kerzen.
Siegfrieds Heimat
Von Friedrich Oswald
[TfD Dez. 1840. Nr. 197, p. 785-787]
Do wuohs in Niderlanden eins riehen Kiineges kint,
5 Sin vater hiez Siegmunt, sin muoter Siglint,
In einer bürge riche, diu witen was bekant,
Niden bi dem Rine, diu was ze Santen genant.
Der Nibelunge Not, 20
Nicht allein oberhalb Köln sollte der Rhein besucht werden,
io und namentlich die deutsche Jugend sollte sich nicht dem reisenden
John Bull gleichstellen, der sich von Rotterdam bis Köln in der
Kajüte des Dampfschiffes langweilt, und erst dann aufs Verdeck
steigt, weil hier sein Panorama des Rheins von Köln bis Mainz oder
sein Guide for travellers on the Rhine beginnt. Die deutsche Ju-
15 gend sollte sich einen wenig besuchten Ort zum Wallfahrtsorte
wählen, ich meine die Heimat Hürnensiegfrieds, Xanten.
Römerstadt, wie Köln, blieb es im Mittelalter klein und äußer¬
lich unbedeutend, während Köln groß wurde und einem kurfürst¬
lichen Erzbistume den Namen gab. Aber Xantens Kathedrale
2o blickt in herrlicher Vollendung weithin in die Prosa der hollän¬
dischen Sandfläche, und Kölns kolossalerer Dom blieb Torso; aber
Xanten hat Siegfried und Köln nur den heiligen Hanno, und was
ist das Hannolied gegen die Nibelungen!
Ich kam vom Rheine her. Durch enge, verfallene Tore trat ich
25 in die Stadt; schmutzige, enge Gassen führten mich auf den
freundlichen Markt, und von dort schritt ich auf ein überbautes
Tor in der Mauer zu, die den ehemaligen Klosterhof mit der Kirche
umgrenzte. Über dem Tore, rechts und links, unter den beiden
Türmchen, standen zwei Basreliefs, unverkennbar zwei Siegfriede,
30 leicht von dem Schutzpatron der Stadt, dem über jeder Haustüre
abgebildeten heiligen Viktor zu unterscheiden. Der Held steht da,
im enganschließenden Schuppenpanzer, den Speer in der Hand,
auf dem Bilde rechts dem Lindwurm den Speer in den Rachen
rennend, links den „starken Zwerg44 Alberich niedertretend. Es
35 war mir auffallend, diese Bildwerke in Wilhelm Grimms deut¬
scher Heldensage, wo doch sonst alles gesammelt ist, was sich auf
den Gegenstand bezieht, nicht erwähnt zu finden. Auch sonst er¬
innere ich mich nicht, von ihnen gelesen zu haben, und doch ge¬
92
Bremen 1838—1841.
Aus dem Telegraph
hören sie mit zu den wichtigsten Zeugnissen für die örtliche An¬
knüpfung der Sage im Mittelalter.
Ich durchschritt den hallenden, gotisch gewölbten Torweg und
stand vor der Kirche. Die griechische Baukunst ist helles, heiteres
Bewußtsein, die maurische Trauer, die gotische heilige Ekstase; 5
die griechische Architektur ist lichter, sonniger Tag, die maurische
stemdurchflimmerte Dämmerung, die gotische Morgenröte. Hier
vor dieser Kirche empfand ich, wie niemals, die Gewalt des goti¬
schen Baustils. Nicht zwischen modernen Gebäuden, wie der Köl¬
ner Dom, oder gar verbaut mit Häusern, die sich Schwalben- 10
nestem gleich daran gehängt haben, wie die Kirchen in den nord¬
deutschen Städten, erregt eine gotische Kathedrale den bewäl-
tigendsten Eindruck; sondern nur zwischen waldigen Bergen, wie
die Kirche von Altenberg im Bergischen, oder wenigstens getrennt
von allem Fremdartigen, Modernen, zwischen Klostermauem und 15
alten Gebäuden, wie der Dom von Xanten. Da erst empfindet man
es tief, was ein Jahrhundert vollbringen kann, wenn es sich mit
aller seiner Macht auf ein Einziges, Großes wirft. Und stände erst
der Kölner Dom so frei und dem Blick von allen Seiten, in allen
seinen riesigen Dimensionen so offen, wie die Kirche von Xanten, 20
wahrlich, das neunzehnte Jahrhundert müßte sterben vor Scham,
daß es mit all seiner Superklugheit dieses Gebäude nicht vollenden
kann. Denn wir kennen die religiöse Tat nicht mehr, und darum
wundem wir uns auch über eine Mistreß Fry, die im Mittelalter zu
den gewöhnlichsten Erscheinungen gehört hätte. 25
Ich trat in die Kirche; es wurde gerade das Hochamt gehalten.
Die Orgeltöne brausten vom Chor herunter, eine jubelnde Schar
herzenerobemder Krieger, und jagten durch das hallende Schiff,
bis sie sich in den entferntesten Gängen der Kirche verliefen. Und
laß auch du dein Herz von ihnen bezwingen, Sohn des neunzehnten 30
Jahrhunderts — diese Klänge haben Stärkere und Wildere ge¬
bändigt denn du! Sie haben die alten deutschen Götter aus ihren
Hainen vertrieben, sie haben die Helden einer großen Zeit über das
stürmische Meer, durch die Wüste und ihre niebesiegten Kinder
nach Jerusalem geführt, sie sind die Schatten tatendürstender, 35
heißblütiger Jahrhunderte! Dann aber, wenn die Posaunen das
Wunder der Transsubstantiation verkünden, wenn der Priester die
blitzende Monstranz erhebt und alles Bewußtsein der Gemeine
trunken ist vom Wein der Andacht, dann stürze hinaus, rette dich,
rette dein Denken aus diesem Meere des Gefühls, das durch die 40
Kirche wogt, und bete draußen zu dem Gott, des Haus nicht von
Menschenhänden gemacht ist, der die Welt durchhaucht und im
Geist und in der Wahrheit angebetet sein will.
Erschüttert ging ich weg und ließ mich zu einem Gasthof, dem
einzigen des Städtchens, zeigen. Als ich in die Wirtsstube trat, 45
Siegfrieds Heimat
93
merkte ich, daß ich in Hollands Nachbarschaft sei. Eine seltsam ge¬
mischte Ausstellung von Gemälden und Kupferstichen an den Wän¬
den, ins Glas geschnittenen Landschaften an den Fenstern, Gold¬
fischen, Pfauenfedern und tropischen Blattgerippen vor dem Spie-
5 gel zeigten recht deutlich den Stolz des Wirtes, Dinge zu besitzen,
die andere nicht haben. Diese Raritätensucht, die in entschiedener
Geschmacklosigkeit sich mit den Produkten der Kunst und Natur,
gleichviel ob schön oder häßlich, umgiebt und die sich am wohlsten
in einem Zimmer befindet, das von solchen Unsinnigkeiten strotzt,
10 das ist die Erbsünde des Holländers. Welch’ ein Schauder ergriff
mich aber erst, als der gute Mann mich in seine sogenannte Ge¬
mäldesammlung führte! Ein kleines Zimmer, die Wände ringsum
dicht bedeckt von Gemälden geringen Wertes, obwohl er behaup¬
tete, Schadow habe ein Porträt, welches freilich viel hübscher war
15 als die übrigen, für einen Hans Holbein erklärt. Einige Altar¬
bilder von Jan van Calcar1) (einem benachbarten Städtchen) hatten
lebhaftes Kolorit und würden dem Kenner interessant gewesen
sein. Aber wie war dieses Zimmer noch sonst dekoriert! Palmen¬
blätter, Korallenzweige und dergleichen ragten aus jeder Ecke her-
2o vor, ausgestopfte Eidechsen waren überall angebracht, auf dem
Ofen standen ein paar von bunten Seemuscheln zusammengesetzte
Figuren, wie man sie namentlich in Holland häufig findet; in einer
Ecke stand die Büste des Kölners Wallraf und unter ihr hing der
mumienhaft ausgedörrte Leichnam einer Katze, die mit einem
25 Vorderfuß einem gemalten Christus am Kreuz grade ins Gesicht
trat. Sollte einer meiner Leser einmal nach Xanten in dies einzige
Hotel verschlagen werden, so frage er den gefälligen Wirt nach
seiner schönen antiken Gemme; er besitzt eine wunderschöne, in
einen Oval geschnittene Diana, die mehr wert ist als seine ganze
30 Gemäldesammlung.
In Xanten muß man nicht versäumen, die Sammlung von Alter¬
tümern des Herrn Notar Houben2) zu sehen. Hier ist fast alles ver¬
einigt, was auf dem Boden der Castra vetera ausgegraben und auf¬
gefunden wurde. Die Sammlung ist interessant, doch enthält sie
35 nichts von besonderem Kunstwert, wie das von einer Militärstation,
wie Castra vetera war, auch zu erwarten ist. Die wenigen schönen
Gemmen, die hier gefunden wurden, sind ganz zerstreut in der
Stadt; das einzige größere Denkmal der Skulptur ist eine etwa
drei Fuß lange Sphinx im Besitze des erwähnten Gastwirts; sie ist
4o von gewöhnlichem Sandstein, schlecht erhalten, übrigens auch nie
schön gewesen.
Ich ging vor die Stadt und bestieg einen Sandberg, die einzige
natürliche Erhöhung in weitem Kreise. Das ist der Berg, wo nach
9 Im TfD Kalkar
’) Im TfD Huber
94
Bremen 1838—1841.
Aus dem Telegraph
der Sage Siegfrieds Burg gestanden hat. Am Eingänge eines
Fichtenwaldes setzte ich mich nieder und sah auf die Stadt herab.
Von allen Seiten durch Dämme umgeben, lag sie in einem Kessel,
über dessen Rand sich nur die Kirche majestätisch erhob. Rechts
der Rhein, der mit breiten, blinkenden Armen eine grüne Insel 5
umschließt, links die Clevischen Berge in blauer Feme.
Was ist es, das uns in der Sage von Siegfried so mächtig er¬
greift? Nicht der Verlauf der Geschichte an sich, nicht der schmäh¬
lichste Verrat, dem der jugendliche Held unterliegt; es ist die tiefe
Bedeutsamkeit, die in seine Person gelegt ist. Siegfried ist der io
Repräsentant der deutschen Jugend. Wir alle, die wir ein von den
Beschränkungen des Lebens noch ungebändigtes Herz im Busen
tragen, wissen, was das sagen will. Wir fühlen alle denselben
Tatendurst, denselben Trotz gegen das Herkommen in uns, der
Siegfrieden aus der Burg seines Vaters trieb ; das ewige Überlegen, is
die philiströse Furcht vor der frischen Tat ist uns von ganzer Seele
zuwider, wir wollen hinaus in die freie Welt, wir wollen die Schran¬
ken der Bedächtigkeit umrennen und ringen um die Krone des
Lebens, die Tat. Für Riesen und Drachen haben die Philister auch
gesorgt, namentlich auf dem Gebiete von Kirche und Staat. Aber 20
das Zeitalter ist nicht mehr; man steckt uns in Gefängnisse, Schulen
genannt, wo wir, statt selber um uns zu schlagen, das Zeitwort:
schlagen so recht zum Spott durch alle Modi und Tempora grie¬
chisch durchkonjugieren müssen, und wenn man uns aus der
Disziplin losläßt, so fallen wir der Göttin des Jahrhunderts, 25
der Polizei, in die Arme. Polizei beim Denken, Polizei beim
Sprechen, Polizei beim Gehen, Reiten und Fahren, Pässe,
Aufenthaltskarten und Douanenscheine — es schlage der Teu¬
fel Riesen und Drachen tot! Nur den Schein der Tat haben
sie uns gelassen, das Rappier statt des Schwertes; und was 30
soll alle Fechterkunst mit dem Rappier, wenn wir sie nicht mit
dem Schwerte anwenden dürfen? Und wenn einmal die Schranken
durchbrochen werden, wenn die Philisterei und der Indifferentis-
mus einmal überritten wird, wenn der Tatendrang sich Luft
macht — seht ihr dort jenseits des Rheines den Turm von Wesel? 35
Die Zitadelle jener Stadt, die eine Burg der deutschen Freiheit ge¬
nannt wird, sie ist ein Grab der deutschen Jugend geworden, und
sie muß der Wiege des größten deutschen Jünglings grade gegen¬
über liegen! Wer hat dort gesessen? Studenten, welche nicht um¬
sonst wollten fechten gelernt haben, vulgo Duellanten und Dema- 40
gogen. Jetzt, nach der Amnestie Friedrich Wilhelms IV., darf man
es sagen, daß diese Amnestie ein Akt nicht nur der Gnade, sondern
auch der Gerechtigkeit war. Alle Prämissen und namentlich die
Notwendigkeit zugegeben, daß der Staat gegen diese Verbindungen
einschreiten mußte; so werden doch alle, die das Wohl des Staates 45
Siegfrieds Heimat
95
nicht im blinden Gehorsam, in der strikten Subordination sehen,
darin mit mir übereinstimmen, daß durch die Behandlung der
Beteiligten eine Restitution derselben in Ehren und Würden be¬
dingt war. Die demagogischen Verbindungen unter der Restau-
ô ration und nach den Julitagen waren eben so erklärlich, wie sie
jetzt unmöglich sind. Wer hatte denn damals jede freie Regung
unterdrückt, wer hatte das Pochen des jugendlichen Herzens unter
„provisorische“ Kuratel gestellt? Und wie sind jene Unglück¬
lichen behandelt worden? Kann man es leugnen, daß dieser
10 Rechtsfall grade dazu gemacht ist, um alle Nachteile und Fehler
der schriftlichen und geheimen Rechtspflege ins hellste Licht zu
stellen, um den Widerspruch zu beweisen, daß besoldete Staats-
diener anstatt unabhängiger Geschwornen über Anklagen auf
Vergehen gegen den Staat zu richten haben; kann man es leugnen,
15 daß die ganze Verurteilung in Bausch und Bogen, „im Rummel“,
wie die Kaufleute sagen, geschehen ist?
Doch ich will hinuntergehen an den Rhein und lauschen, was die
abendrotumstrahlten Wellen der Muttererde Siegfrieds erzählen
von seinem Grabe zu Worms und vom versenkten Horte. Vielleicht
2o daß eine gütige Fee Morgana mir das Schloß Siegfrieds neu er¬
stehen läßt oder mir vorspiegelt, was seinen Söhnen im neunzehn¬
ten Jahrhundert für Heldentaten vorbehalten sind.
Ernst Moritz Arndt
Von F. Oswald**
[TfD Jan. 1841. Nr. 2, p. 5-7; Nr. 3, p. 11-12;
Nr. 4, p. 13-15; Nr. 5, p. 18-20]
Wie der treue Eckart der Sage steht der alte Arndt am Rhein 5
und warnt die deutsche Jugend, die nun schon manches Jahr hin¬
überschaut nach dem französischen Venusberge und den ver¬
führerischen, glühenden Mädchen, den Ideen, die von seiner Zinne
winken. Aber die wilden Jünglinge achten des alten Recken nicht
und stürmen hinüber — und nicht alle bleiben entnervt liegen wie 10
der neue Tannhäuser Heine.
Das ist Arndts Stellung zur deutschen Jugend von heute. So
hoch ihn allç schätzen, so genügt ihnen sein Ideal des deutschen
Lebens nicht; sie wollen freieres Walten, vollere, strotzende
Lebenskraft, glühendes, stürmisches Pulsieren in den welthisto- 15
rischen Adem, die Deutschlands Herzblut leiten. Und darum die
Sympathie für Frankreich, aber freilich nicht jene Sympathie der
Unterwerfung, von der die Franzosen fabeln, sondern jene höhere
und freiere, deren Natur von Börne im Franzosenfresser der
deutschtümlichen Einseitigkeit gegenüber so schön entwickelt ist. 20
Arndt hat es gefühlt, daß die Gegenwart ihm entfremdet ist, daß
sie nicht ihn um seines Gedankens, sondern seinen Gedanken um
seiner starken, männlichen Persönlichkeit willen achtet. Und darum
mußte es ihm, dem von Talent und Gesinnung, wie von der Zeit¬
entwickelung einer Reihe von Jahren getragenen Manne zur Pflicht 25
werden, seinem Volke ein Denkmal seines Bildungsganges, seiner
Denkart und seiner Zeit zu hinterlassen, wie er in seinen viel¬
besprochenen „Erinnerungen aus dem äußern Leben“ getan hat.
Vorläufig von der Tendenz abstrahiert, ist das Amdtsche Buch
auch ästhetisch allerdings eine der interessantesten Erscheinungen. 30
Diese gedrungene, markige Sprache ist in unserer Literatur lange
nicht gehört worden und verdiente auf manchen von der jungen
Generation einen dauernden Eindruck zu machen. Lieber straff als
schlaff! Es gibt ja Autoren, die das Wesen des modernen Stils
darin sehen, daß jede hervortretende Muskel, jede angespannte 35
Sehne der Rede hübsch mit weichem Fleisch umhüllt wird, selbst
auf die Gefahr hin, weibisch zu erscheinen. Nein, da ist mir doch
der männliche Knochenbau des Amdtschen Stils lieber, als die
schwammige Manier gewisser „moderner“ Stilisten! Um so mehr,
*) Eine vielbesprochene Erscheinung, beurteilt vom Standpunkte des Telegraphen.
Die Red.
Emst Moritz Arndt
97
als Arndt die Absonderlichkeiten seiner Genossen von 1813 mög¬
lichst vermieden hat und sich nur im absoluten Gebrauche des Su¬
perlativs (wie in den südromanischen Sprachen) dem Affektierten
nähert. Eine so horrende Sprachmengerei, wie sie jetzt wieder in
5 Aufnahme gekommen ist, darf man bei Arndt auch nicht suchen;
er zeigt im Gegenteil, wie wenig fremde Zweige wir auf unseren
Sprachstamm zu pfropfen brauchen, ohne in Not zu kommen.
Wahrhaftig, unser Gedankenwagen fährt auf den meisten Wegen
besser mit deutschen als mit französischen oder griechischen
io Rossen, und mit dem Gespötte über die Extreme der puristischen
Richtung ist es nicht abgetan.
Treten wir dem Buche näher. Das mit echt dichterischer Hand
entworfene Idyll des Jugendlebens nimmt den größten Teil des
Buches ein. Der mag Gott immer danken, der seine ersten Jahre so
15 verlebt hat wie Arndt! Nicht im Staube einer großen Stadt, wo die
Freuden des Einzelnen von den Interessen des Ganzen erdrückt
werden, nicht in Kleinkinderbewahranstalten und philantropi-
schen Gefängnissen, wo die sprossende Kraft verdumpft, nein,
unter freiem Himmel in Feld und Wald bildete die Natur den
2o stählernen Mann, den das verweichlichte Geschlecht wie einen
Nordlandsrecken anstaunt. Die große plastische Kraft, mit der
Arndt diesen Abschnitt seines Lebens schildert, drängt einem fast
die Ansicht auf, als seien alle idyllischen Dichtungen über¬
flüssig, so lange unsere Autoren noch solche Idyllen erleben
25 wie Arndt. Am befremdlichsten wird unserem Jahrhundert jene
Selbsterziehung des Jünglings Arndt erscheinen, die germanische
Keuschheit mit spartanischer Strenge vereinigt. Diese Strenge aber,
wo sie so naiv, so frei von Jahnscher Renommisterei ihr hoc tibi
proderit olim für sich hinsummt, kann unserer ofenhockemden
so Jugend nicht genug empfohlen werden. Eine Jugend, die das kalte
Wasser scheut wie ein toller Hund, die bei dem geringsten Frost
drei-, vierfache Kleidung anlegt, die sich eine Ehre daraus macht,
wegen Körperschwäche vom Militärdienste freizukommen, ist
wahrlich eine schöne Stütze des Vaterlandes! Von der Keuschheit
35 vollends zu reden, gilt sie für ein Verbrechen in einer Zeit, wo man
gewohnt ist, in jeder Stadt zuerst nach dem „Tor, wo die letzten
Häuser stehen“ sich zu erkundigen. Ich bin wahrlich kein abstrak¬
ter Moralist, alles asketische Unwesen ist mir verhaßt, ich werde
nie mit der gefallenen Liebe rechten; aber es schmerzt mich, daß
40 der sittliche Ernst zu verschwinden droht und die Sinnlichkeit sich
selbst als das Höchste zu setzen sucht. Die praktische Emanzipation
des Fleisches wird immer neben einem Arndt erröten müssen.
Mit dem Jahre 1800 tritt Arndt in den ihm zugeteilten Beruf.
Napoleons Heere überschwemmen Europa, und mit der Macht des
45 Franzosenkaisers wächst Arndts Haß gegen ihn; der Greifswalder
Marx-Engels-Gesamtausgabe, I. Abt., Bd. 2. 7
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Bremen 1838—1841.
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Professor protestiert im Namen Deutschlands gegen die Unter¬
drückung und muß fliehen. Endlich erhebt sich die deutsche Na¬
tion und Arndt kehrt zurück. Dieser Teil des Buchs wäre ausführ¬
licher zu wünschen; vor der Nationalbewaffnung und ihren Taten
tritt Arndt bescheiden zurück. Statt uns erraten zu lassen, daß er 5
nicht untätig war, hätte er uns seinen Anteil an der Zeitentwickelung
ausführlicher darstellen, hätte er die Geschichte jener Tage vom
subjektiven Standpunkte aus erzählen sollen. Die späteren Schick¬
sale werden noch weit kürzer behandelt. Bemerkenswert ist hier
einerseits die immer bestimmtere Hinneigung zur Orthodoxie im io
Religiösen, andererseits die mysteriöse, fast untertänige und die
Rute küssende Art, mit der Arndt von seiner Suspension spricht.
Wen aber dies befremdete, der wird durch die jüngst in öffent¬
lichen! Blättern erlassenen Erklärungen Arndts, in denen er seine
Restitution als einen Akt der Gerechtigkeit, nicht als ein is
Gnadengeschenk ansieht, sich überzeugt haben, daß er noch seine
alte Festigkeit und Entschiedenheit besitzt.
Eine besondere Wichtigkeit aber erhält das Amdtsche Buch
durch die gleichzeitige Herausgabe einer Masse von Denkwürdig¬
keiten über den Befreiungskrieg. So wird uns die ruhmvolle Zeit, 20
wo die deutsche Nation seit Jahrhunderten wieder zum ersten Male
sich erhebt und auswärtiger Unterdrückung in ihrer ganzen Kraft
und Größe sich gegenüberstellte, auf lebendige Weise wieder nahe
gebracht. Und wir Deutschen können uns nicht genug an jene
Kämpfe erinnern, damit wir unser schläfriges Volksbewußtsein 25
wach erhalten; freilich nicht in dem Sinne einer Partei, die nun
alles getan zu haben glaubt und auf den Lorbeern von 1813
ruhend, sich im Spiegel der Geschichte selbstgefällig beschaut,
sondern eher im entgegengesetzten. Denn nicht die Abschüttelung
der Fremdherrschaft, deren emporgeschrobene, allein auf den 30
Atlasschultem Napoleons ruhende Unnatur über kurz oder lang
von selbst zusammenkrachen mußte, nicht die errungene „Frei¬
heit“ war das größte Resultat des Kampfes, sondern dies lag in
der Tat selbst und in einem von den wenigsten Zeitgenossen klar
empfundenen Momente derselben. Daß wir uns über den Verlust 35
der nationalen Heiligtümer besannen, daß wir uns bewaffneten,
ohne die allergnädigste Erlaubnis der Fürsten abzuwarten, ja die
Machthaber zwangen, an unsere Spitze zu tretenkurz, daß
wir einen Augenblick als Quelle der Staatsmacht, als souveränes
Volk auftraten, das war der höchste Gewinn jener Jahre, und 40
darum mußten nach dem Kriege die Männer, die dies am klarsten
gefühlt, am entschiedensten danach gehandelt hatten, den Regie¬
rungen gefährlich erscheinen. — Aber wie bald schlummerte die
bewegende Kraft wieder ein! Der Fluch der Zersplitterung ab-
*) Vergl. über diesen Punkt Karl Bade: „Napoleon im Jahre 1813.“ Altona 1840
Ernst Moritz Arndt
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sorbierte den dem Ganzen so nötigen Schwung für die Teile, zer¬
spaltete das allgemeine Deutsche in eine Menge provinzieller
Interessen und machte es unmöglich^, für Deutschland eine Grund¬
lage des Staatslebens zu gewinnen, wie sie Spanien sich in der Ver-
5 fassung von 1812 geschaffen hat. Im Gegenteil, der sanfte Früh¬
lingsregen von allgemeinen Versprechungen, der uns aus „höheren
Regionen“ überraschte, war schon zuviel für unsere von der Unter¬
drückung niedergebeugten Herzen und wir Narren bedachten nicht,
daß es Versprechungen gibt, deren Bruch vom Standpunkte der
io Nation aus niemals, von dem der Persönlichkeit aus aber sehr
leicht zu entschuldigen sein soll. (?) Dann kamen die Kongresse
und gaben den Deutschen Zeit, ihren Freiheitsrausch auszuschlafen
und sich, erwachend, in dem alten Verhältnis von Allerhöchst und
Alleruntertänigst wiederzufinden. Wem die alte Strebenslust noch
15 nicht vergangen war, wer sich noch nicht entwöhnen konnte, auf
die Nation zu wirken, den jagten alle Gewalten der Zeit in die Sack¬
gasse der Deutschtümelei. Nur wenige ausgezeichnete Geister
schlugen sich durch das Labyrinth und fanden den Pfad, der zur
wahren Freiheit führt.
2o Die Deutschtümler wollten die Tatsachen des Befreiungskrieges
ergänzen und das materiell unabhängig gewordene Deutschland
auch von der geistigen Hegemonie des Fremden befreien. Aber
eben darum war sie Negation, und das Positive, mit dem sie sich
brüstete, lag in einer Unklarheit begraben, aus der es nie ganz er-
25 stand; was davon ans Tageslicht der Vernunft kam, war meist
widersinnig genug. Ihre ganze Weltanschauung war philosophisch
bodenlos, weil nach ihr die ganze Welt um der Deutschen willen
geschaffen war und die Deutschen selbst die höchste Entwickelungs¬
stufe längst gehabt hatten. Die Deutschtümelei war Negation, Ab-
30 straktion im Hegelschen Sinne. Sie bildete abstrakte Deutsche
durch Abstreifung alles dessen, was nicht auf vierundsechzig
Ahnen rein deutsch und aus volkstümlicher Wurzel entsprossen
war. Selbst ihr scheinbar Positives war negativ, denn die Hin¬
führung Deutschlands zu ihren Idealen konnte nur durch Negation
35 eines Jahrtausends und seiner Entwickelung geschehen, und so
wollte sie die Nation ins deutsche Mittelalter oder gar in die Rein¬
heit des Urdeutschtums aus dem Teutoburger Walde zurück¬
drängen. Das Extrem dieser Richtung bildete Jahn. Diese Ein¬
seitigkeit machte denn die Deutschen zum auserwählten Volk Israel
4o und mißkannte alle die zahllosen weltgeschichtlichen Keime, die
außerdeutschem Boden entsproßt waren. Namentlich gegen die
Franzosen, deren Invasion zurückgedrängt war, und deren Hege¬
monie in Äußerlichkeiten darin ihren Grund hat, daß sie die
Form der europäischen Bildung, die Zivilisation, jedenfalls von
9 Im TfD möglich
7*
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allen Völkern am leichtesten beherrschen, gegen die Franzosen
wandte sich der bilderstürmende Grimm am meisten. Die großen,
ewigen Resultate der Revolution wurden als „welscher Tand66 oder
gar „welscher Lug und Trug66 verabscheut; an die Verwandtschaft
dieser ungeheuren Volkstat mit der Volkserhebung von 1813 5
dachte niemand; was Napoleon gebracht hatte: Emanzipation der
Israeliten, Geschwomengerichte, gesundes Privatrecht statt des
Pandektenwesens, wurde allein um des Urhebers willen verdammt.
Der Franzosenhaß wurde Pflicht; der Fluch der Undeutschheit fiel
auf jede Anschauungsweise, die sich einen höheren Gesichtspunkt 10
zu erobern wußte. So war auch der Patriotismus wesentlich negativ
und ließ das Vaterland ohne Unterstützung im Kampfe der Zeit,
während er sich abmühte, für längst eingedeutschte Fremdwörter
urdeutsche, schwülstige Ausdrücke zu erfinden. Wäre diese Rich¬
tung konkret deutsch gewesen, hätte sie den durch zweitausend-15
jährige Geschichte entwickelten Deutschen genommen, wie sie ihn
fand, hätte sie das richtigste Moment unserer Bestimmung, die
Zunge zu sein an der Wagschale der europäischen Geschichte, über
die Entwickelung der Nachbarvölker zu wachen, hätte sie das nicht
übersehen, sie würde alle ihre Fehler vermieden haben. — Es darf 20
auf der andern Seite aber auch nicht verschwiegen werden, daß
die Deutschtümelei eine notwendige Bildungsstufe unseres Volks¬
geistes war und mit der ihr folgenden den Gegensatz bildete, auf
dessen Schultern die moderne Weltanschauung steht.
Dieser Gegensatz gegen die Deutschtümelei war der kosmopoli- 25
tische Liberalismus der süddeutschen Stände, der auf die Negation
der Nationalunterschiede und die Bildung einer großen, freien,
alliierten Menschheit hinarbeitete. Er entsprach dem religiösen
Rationalismus, mit dem er aus der gleichen Quelle, der Philan¬
tropie des vorigen Jahrhunderts, geflossen war, während die 30
Deutschtümelei konsequent zur theologischen Orthodoxie hin¬
führte, wohin fast alle ihre Anhänger (Arndt, Steffens, Menzel)
mit der Zeit gelangt sind. Die Einseitigkeiten der kosmopolitischen
Freisinnigkeit sind von ihren Gegnern oft — freilich selbst von
einseitigen Standpunkten — auf gedeckt worden, daß ich mich in 35
bezug auf diese Richtung kurz fassen kann. Die Julirevolution
schien sie anfangs zu begünstigen, doch wurde dieses Ereignis von
allen Parteien ausgebeutet. Die faktische Vernichtung der Deutsch¬
tümelei oder vielmehr ihrer Zeugungskraft, datiert von der Juli¬
revolution und war in ihr gegeben. Aber ebenso auch der Sturz des 40
Weltbürgertums; denn die übergreifende Bedeutung der großen
Woche war eben die Restitution der französischen Nationalität in
ihrer Stellung als Großmacht, wodurch denn die andern Nationali¬
täten gezwungen waren, sich gleichfalls in sich selbst fester zu¬
sammen zu ziehen.
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Schon vor dieser jüngsten Welterschütterung arbeiteten zwei
Männer im Stillen an der Entwickelung des deutschen Geistes,
welche vorzugsweise die moderne genannt wird, zwei Männer, die
sich im Leben selbst beinahe ignoriert und deren gegenseitige Er-
5 gänzung erst nach ihrem Tode erkannt werden sollte, Börne und
Hegel. Börne ist oft und mit dem größten Unrecht zum Kosmo¬
politen gestempelt worden, aber er war deutscher als seine Feinde.
Die Hallischen Jahrbücher knüpften neulich eine Besprechung
der „politischen Praxis“ an Herm v. Florencourt; aber dieser ist
10 wahrlich nicht ihr Vertreter. Er steht auf dem Punkte, wo sich
die Extreme der Deutschtümelei und des Kosmopolitismus be¬
rühren, wie dies in der Burschenschaft geschah, und ist von den
späteren Fortbildungen des Nationalgeistes nur oberflächlich be¬
rührt worden. Der Mann der politischen Praxis ist Börne, und daß
15 er diesen Beruf vollkommen ausfüllte, das ist seine historische
Stellung. Er riß der Deutschtümelei ihren prahlerischen Flitter¬
staat vom Leibe und deckte unbarmherzig auch die Scham des
Kosmopolitismus auf, der nur kraftlose frommere Wünsche hatte.
Er trat an die Deutschen mit den Worten des Cid: Lengua sin
2o manos, cuemo osas fablar? Die Herrlichkeit der Tat ist von keinem
so geschildert wie von Börne. Alles ist Leben, alles Kraft an ihm.
Nur von seinen Schriften kann man sagen, daß sie Taten
für die Freiheit sind. Man komme mir hier nicht mit „Verstandes¬
bestimmungen“, mit „endlichen Kategorien“! Die Art, wie Börne
25 die Stellung der europäischen Nationalitäten und ihre Bestimmung
auffaßte, ist nicht spekulativ. Aber das Verhältnis Deutschlands
und Frankreichs hat Börne zuerst in seiner Wahrheit entwickelt,
und damit der Idee einen größeren Dienst getan als die Hegelianer,
die während dessen Hegels Enzyklopädie auswendig lernten und
so damit dem Jahrhundert genug getan zu haben glaubten. Eben jene
Darstellung beweist auch, wie hoch Börne über der Fläche des
Kosmopolitismus steht. Die verstandesmäßige Einseitigkeit war
Bömen so notwendig, wie Hegeln der übergroße Schematismus;
aber statt dies zu begreifen, kommen wir nicht über die derben
35 und oft schiefen Axiome der Pariser Briefe hinaus.
Neben Börne und ihm gegenüber stellte Hegel, der Mann des
Gedankens, sein bereits fertiges System vor die Nation hin. Die
Autorität gab sich nicht die Mühe, sich durch die abstrusen Formen
des Systems und den ehernen Stil Hegels durchzuarbeiten; wie
4o konnte sie auch wissen, daß diese Philosophie sich aus dem ruhigen
Hafen der Theorie auf das stürmische Meer der Begebenheiten
wagen werde, daß sie das Schwert schon zücke, um geradezu auf
die Praxis des Bestehenden loszuziehen? War ja doch Hegel selbst
ein so solider, orthodoxer Mann, dessen Polemik gerade gegen die
45 von der Staatsmacht abgelehnten Richtungen, gegen den Rationa¬
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lismus und den kosmopolitischen Liberalismus ging! Aber die
Herren, die am Ruder saßen, sahen nicht ein, daß diese Richtungen
nur bekämpft wurden, um der höheren Platz zu machen, daß die
neue Lehre erst in der Anerkennung der Nation wurzeln müsse,
ehe sie ihre lebendigen Konsequenzen frei entfalten können. Wenn 5
Börne Hegeln angriff, so hatte er von seinem Standpunkte aus voll¬
kommen recht, aber wenn die Autorität Hegeln protegierte, wenn
sie seine Lehre fast zur preußischen Staatsphilosophie erhob, gab
sie sich eine Blöße, die sie jetzt augenscheinlich bereut. Oder sollte
Altenstein, der freilich noch aus einer liberaleren Zeitherstammend, io
einen höheren Standpunkt behauptete, hier so sehr freie Hand ge¬
habt haben, daß alles auf seine Rechnung kam? Dem sei, wie ihm
wolle, als nach Hegels Tode seine Doktrin von dem frischen
Hauche des Lebens angeweht wurde, entkeimten der „preußischen
Staatsphilosophie“ Schößlinge, von denen keine Partei sich hatte is
träumen lassen. Strauß auf theologischem, Gans und Ruge auf
politischem Felde werden epochemachend bleiben. Erst jetzt zer¬
teilen sich die matten Nebelflecke der Spekulation in die leuchten¬
den Ideensteme, die der Bewegung des Jahrhunderts vorleuchten sol¬
len. Man mag der ästhetischen Kritik Ruges immerhin vorwerfen, 20
daß sie nüchtern und im Schematismus der Doktrin befangen ist;
es bleibt sein Verdienst, die politische Seite des Hegelschen
Systems in ihrer Übereinstimmung mit dem Zeitgeiste dargestellt
und in die Achtung der Nation restituiert zu haben. Gans hatte dies
nur indirekt getan, indem er die Geschichtsphilosophie bis auf die 25
Gegenwart fortführte; Ruge hat die Freisinnigkeit des Hegelianis¬
mus offen ausgesprochen, Köppen hat sich ihm zur Seite gestellt;
beide haben keine Feindschaft gescheut, haben ihren Weg verfolgt,
selbst auf die Gefahr einer Spaltung der Schule hin, und darum
alle Ehre ihrem Mute! Die begeisterte, unerschütterliche Zuver- 30
sicht auf die Idee, wie sie dem Neu-Hegelianismus eigen, ist die
einzige Burg, wohin sich die Freigesinnten sicher zurückziehen
können, wenn die von Oben unterstützte Reaktion ihnen einen
augenblicklichen Vorteil abgewinnt.
Das sind die jüngsten Entwicklungsmomente des deutschen poli- 35
tischen Geistes und die Aufgabe unsrer Zeit ist es, die Durch¬
dringung Hegels und Börnes zu vollenden. Im Jung-Hegelianismus
ist schon ein gutes Stück Börne, und manchen Artikel der Halli-
schen Jahrbücher würde Börne wenig Anstand nehmen, zu unter¬
schreiben. Aber teils ist die Vereinigung des Gedankens mit derTat 40
noch nicht bewußt genug, teils ist sie noch nicht in die Nation ge¬
drungen. Noch immer wird von mancher Seite her Börne als der
strikte Gegensatz Hegels angesehen, aber ebensowenig wie Hegels
praktische Bedeutung für die Gegenwart (nicht seine philosophi-
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sehe für die Ewigkeit) nach der reinen Theorie seines Systems beur¬
teilt werden darf, ebensowenig paßt auf Börne ein flaches Abspre¬
chen über seine nie geleugneten Einseitigkeiten und Extravaganzen.
Ich glaube hiermit die Stellung der Deutschtümelei zur Gegen-
5 wart hinreichend bezeichnet zu haben, um zu einer detaillierteren
Besprechung ihrer einzelnen Seiten, wie sie Arndt in seinem Buche
auseinander gelegt, übergehen zu können. Die weite Kluft, die
Amdten von der jetzigen Generation trennt, spricht sich am klarsten
darin aus, daß ihm gerade dasjenige im Staatsleben gleichgültig
10 ist, wofür wir Blut und Leben lassen. Arndt erklärt sich für einen
entschiedenen Monarchisten; gut. Ob aber konstitutionell oder ab¬
solutistisch, darauf kommt er gar nicht zu sprechen. Der Differenz¬
punkt ist hier: Arndt und seine ganze Genossenschaft setzt das
Wohl des Staats darin, daß Fürst und Volk mit aufrichtiger Liebe
io einander zugetan sind und sich im Streben nach dem allgemeinen
Wohl entgegen kommen. Für uns dagegen steht es fest, daß das Ver¬
hältnis zwischen Regierenden und Regierten erst rechtlich ge¬
ordnet sein muß, ehe es gemütlich werden und bleiben kann. Erst
Recht, dann Billigkeit! Welcher Fürst wäre so schlecht, daß er
20 nicht sein Volk liebte und — ich spreche hier von Deutschland —
von seinem Volke nicht schon darum geliebt würde, weil er sein
Fürst ist? Welcher Fürst aber darf sich rühmen, seit 1815 sein
Volk wesentlich weitergebracht zu haben? Ist es nicht alles unser
eignes Werk, was wir besitzen, ist es nicht unser trotz Kontrolle
25 und Aufsicht? Es läßt sich schön reden von der Liebe des Fürsten
und des Volkes, und seit der große Dichter von „Heil Dir im
Siegerkranz“ sang: „Liebe des freien Mann’s sichert die steilen
Höh’n, wo Fürsten steh’n“, seitdem ist unendlicher Unsinn darüber
geschwatzt worden. Man könnte die uns jetzt von einer Seite her
so drohende Regierungsart eine zeitgemäße Reaktion nennen. Patri-
monialgerichte zur Bildung eines hohen Adels, Zünfte zur Wieder¬
erweckung eines „ehrsamen“ Bürgerstandes, Begünstigung aller
sogenannten historischen Keime, welche eigentlich alte abgehauene
Strünke sind. — Aber nicht nur in bezug auf diesen Punkt hat sich
35 die Deutschtümelei von der entschiedenen Reaktion um die Frei¬
heit ihres Gedankens prellen lassen, auch ihre Verfassungsideen
sind Einflüsterungen der Herren vom Berliner politischen Wochen¬
blatt. Es tat einem wehe, zu sehen, wie selbst der gediegene, ruhige
Arndt sich von der sophistischen Goldflitter: „organischer Staat“
40 hat blenden lassen. Die Phrasen von historischer Entwickelung,
Benutzung der gegebenen Momente, Organismus und so weiter
müssen ihrer Zeit einen Zauber gehabt haben, von dem wir uns
keine Vorstellung machen können, weil wir einsehen, daß es meist
schöne Worte sind, die es mit ihrer eignen Bedeutung nicht emst-
45 lieh meinen. Man gehe geradezu auf die Gespenster los! Was ver¬
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steht ihr unter einem organischen Staat? Einen solchen, dessen
Institutionen sich mit und aus der Nation im Laufe der Jahr¬
hunderte entwickelt haben, nicht aber aus der Theorie heraus kon¬
struiert sind. Sehr schön; nun kommt die Anwendung auf Deutsch¬
land! Dieser Organismus soll darin bestehen, daß die Staats- s
genossen sich in Adel, Bürger und Bauern scheiden, benebst allem,
was daran hängt. Das soll alles in dem Wort Organismus in nuce
verborgen liegen. Ist das nicht eine elende, eine schmähliche So¬
phisterei? Selbstentwickelung der Nation, sieht das nicht gerade
aus wie Freiheit? Ihr greift zu mit beiden Händen und erhascht
— den ganzen Druck des Mittelalters und des ancien régime. Zum
Glück kommt diese Taschenspielerei nicht auf Arndts Rechnung.
Nicht die Anhänger der Ständeteilung, wir, ihre Gegner, wir wollen
organisches Staatsleben. Es handelt sich vorläufig gar nicht um die
„Konstruktion aus der Theorie46 ; aber es handelt sich um das, wo-15
mit man uns blenden will, um die Selbstentwickelung der Nation.
Wir allein meinen es ernstlich und aufrichtig mit ihr; aber jene
Herren wissen nicht, daß aller Organismus unorganisch wird, so¬
bald er stirbt; sie setzen die toten Kadaver der Vergangenheit mit
ihren galvanischen Drähten in Bewegung und wollen uns auf- 20
binden, das sei kein Mechanismus, sondern Leben. Sie wollen die
Selbstentwickelung der Nation fördern und schmieden ihr den
Klotz des Absolutismus ans Bein, damit sie rascher vorankommt.
Sie wollen nicht wissen, daß das, was sie Theorie, Ideologie oder
Gott weiß wie nennen, längst in Blut und Saft des Volks über- 25
gegangen und zum Teil schon ins Leben getreten ist; daß damit
nicht wir, sondern s i e im Utopien der Theorie herumirren. Denn
das, was vor einem halben Jahrhundert allerdings noch Theorie
war, hat sich seit der Revolution als selbständiges Moment im
Staatsorganismus ausgebildet. Und, was die Hauptsache ist, steht 30
die Entwickelung der Menschheit nicht über der der Nation?
Und die Ständewirtschaft? Die Scheidewand zwischen Bürgern
und Bauern ist gar nicht da, es ist selbst der historischen Schule
kein Emst damit; diese Scheidewand wird nur pro forma hin¬
gestellt, um uns die Absonderung des Adels plausibler zu machen. 35
Um den Adel dreht sich alles, mit dem Adel fällt das Ständewesen.
Mit dem Stande des Adels aber sieht es noch schlimmer aus, als
mit seinem Bestände. Ein erblicher, ein Majoratsstand ist denn
doch wohl nach modernen Begriffen das Allerunsinnigste. Im
Mittelalter freilich! Da waren ja auch in den Reichsstädten (wie 40
in Bremen z. B. noch) die Zünfte und ihre Privilegien erblich, da
gab es reines Bäckerblut und Zinngießerblut. Freilich, was ist der
Adelsstolz gegen das Bewußtsein: Meine Ahnen waren Bierbrauer
bis ins zwanzigste Glied! Ein Schlächter- oder nach bremischem
poetischerem Namen Knochenhauerblut haben wir noch im Adel, 45
Ernst Moritz Arndt
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dessen von Herm Fouqué festgesetzter kriegerischer Beruf ja ein
fortwährendes Schlachten und Knochenhauen ist. Es ist eine lächer¬
liche Arroganz des Adels, sich für einen Stand zu halten, da nach
den Gesetzen aller Staaten ihm gar kein Beruf, weder der kriege-
5 rische noch der des großen Grundbesitzes ausschließlich zu¬
kommt. Jeder Schrift über den Adel könnte der Vers des Trouba¬
dours Wilhelm von Poitiers als Motto vorstehen: „dies Lied soll
um ein Nichts sich dreh’n.“ Und weil der Adel seine innere Nich¬
tigkeit empfindet, kann kein Adliger den Schmerz darüber ver-
10 bergen, von dem sehr geistreichen Baron von Sternberg an bis zu
dem sehr geistlosen C. L. F. W. G. von Alvensleben. Jene Toleranz,
die dem Adel das Vergnügen lassen will, sich für etwas Apartes
zu halten, falls er nur sonst keine Privilegien in Anspruch nimmt,
ist sehr schlecht angebracht. Denn so lange der Adel noch etwas
15 Apartes vorstellt, so lange will und muß er Vorrechte haben. Wir
bleiben bei unserer Forderung: Keine Stände, wohl aber eine
große, einige, gleichberechtigte Nation von Staatsbürgern! —
Eine andere Forderung Arndts für seinen Staat sind die Ma¬
jorate, überhaupt eine den Grundbesitz auf fixe Verhältnisse fest-
20 stellende Agrargesetzgebung. Auch dieser Punkt verdient, abge¬
sehen von seiner allgemeinen Wichtigkeit, schon darum Beachtung,
weil die erwähnte zeitgemäße Reaktion auch in dieser Hinsicht die
Dinge wieder auf den Fuß vor 1789 zu setzen droht. Sind doch
neuerdings viele geadelt worden unter der Bedingung, ein den
25 Wohlstand der Familie garantierendes Majorat zu stiften! —
Arndt ist entschieden gegen die unbeschränkte Freiheit und Teil¬
barkeit des Grundbesitzes ; er sieht als ihre unvermeidliche Folge
eine Teilung des Landes in Parzellen, von denen keine ihren Mann
ernähren kann. Aber er sieht nicht, daß gerade die volle Frei-
30 gebung des Grundeigentums die Mittel besitzt, alles das im ganzen
und großen wieder auszugleichen, was sie im einzelnen allerdings
hier und da aus dem Gleise bringen mag. Während die verwickelte
Gesetzgebung der meisten deutschen Staaten und die eben so ver¬
wickelten Vorschläge Arndts Inkonvenienzen in den Agrarverhält-
35 nissen nie unmöglich machen, sondern höchstens erschweren,
hemmen sie zugleich bei dem Eintritt von Mißverhältnissen die
freiwillige Rückkehr zur gehörigen Ordnung, machen ein außer¬
gewöhnliches Eingreifen des Staats notwendig und hemmen den
Fortschritt dieser Gesetzgebung durch hundert kleinliche, aber nie
mzu umgehende Privatrücksichten. Dagegen kann die Freiheit des
Grundes kein Extrem, weder die Ausbildung des großen Land¬
besitzes zur Aristokratie noch die Zersplitterung der Äcker in all¬
zukleine, nutzlos werdende Stückchen aufkommen lassen. Neigt
sich die eine Wagschale zu tief, so konzentriert sich der Inhalt
45 der andern alsbald zur Ausgleichung. Und fliegt der Grundbesitz
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auch aus einer Hand in die andere — ich will lieber das wogende
Weltmeer mit seiner großartigen Freiheit als den engen Landsee
mit seiner ruhigen Fläche, deren Miniaturwellen alle drei Schritte
von einer Landzunge, von einer Baumwurzel, von einem Steine
gebrochen werden. Nicht nur, daß die Erlaubnis der Majorats- 5
Stiftung eine Einwilligung des Staats in die Bildung einer Aristo¬
kratie ist, nein, diese Fesselung des Grundbesitzes arbeitet, wie alle
unveräußerliche Erblichkeit, geradezu auf eine Revolution hin.
Wenn der beste Teil des Landes an einzelne Familien geschmiedet
und den übrigen Staatsbürgern unzugänglich gemacht wird, ist 10
das nicht eine direkte Herausforderung des Volkes? Beruht nicht
die Majoratsbefugnis auf einer Ansicht vom Eigentum, die unserer
Erkenntnis längst nicht mehr entspricht? Als ob eine Generation
das Recht hätte, über das Eigentum aller künftigen Geschlechter,
welches sie augenblicklich genießt und verwaltet, unbeschränkt zu 15
verfügen, als ob die Freiheit des Eigentums nicht zerstört würde
durch ein Schalten mit demselben, welches alle Nachkommen die¬
ser Freiheit beraubt! Als ob eine solche Fesselung des Menschen
an die Scholle wirklich ewigen Bestand haben könnte! Die Auf¬
merksamkeit übrigens, die Arndt dem Grundeigentum widmet, ist 20
eine wohlverdiente und die Wichtigkeit des Gegenstandes wäre
einer ausführlichen Besprechung von der Höhe der Zeit wohl wert.
Die bisherigen Theorien leiden alle an der Erbkrankheit der deut¬
schen Gelehrten, die ihre Selbständigkeit darein setzen, jeder ein
apartes System für sich zu haben. 25
Verdienten die retrograden Seiten der Deutschtümelei schon
eine genauere Prüfung, teils um des verehrten Mannes willen, der
sie als seine Überzeugung verficht, teils um der Begünstigung
willen, welche sie neuerdings in Preußen erfahren haben, so muß
eine andere Richtung derselben darum um so entschiedener zu- 30
rückgewiesen werden, weil sie augenblicklich unter uns wieder
überhand zu nehmen droht — der Franzosenhaß. Ich will mit Arndt
und den übrigen Männern von 1813 nicht rechten, aber das servile
Gewäsch, das die Gesinnungslosigkeit jetzt in allen Zeitungen
gegen die Franzosen verführt, ist mir durch und durch zuwider. 35
Es gehört ein hoher Grad von Untertänigkeit dazu, um durch den
Julitraktat überzeugt zu werden, daß die orientalische Frage eine
Lebensfrage Deutschlands ist und Mehemed Ali unser Volkstum
gefährdet. Von diesem Standpunkte aus hat denn Frankreich frei¬
lich durch die Unterstützung des Ägypters dasselbe Verbrechen 40
an der deutschen Nationalität begangen, dessen es sich im Anfänge
dieses Jahrhunderts schuldig machte. Es ist traurig, daß man nun
schon seit einem halben Jahre kein Zeitungsblatt mehr in die Hand
nehmen kann, ohne der franzosenfressenden Wut zu begegnen, die
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neu erwacht ist. Und wozu? Um den Russen Gebietszuwachs und
den Engländern Handelsmacht genug zu geben, daß sie uns
Deutsche ganz einklemmen und zerdrücken können! Das stabile
Prinzip Englands und das System Rußlands, das sind die Erb-
5 feinde des europäischen Fortschritts, nicht aber Frankreich und
seine Bewegung. Aber weil zwei deutsche Fürsten dem Traktat bei¬
zutreten für gut fanden, ist die Sache plötzlich eine deutsche,
Frankreich der alte gottlose, „welsche“ Erbfeind, und die ganz
natürlichen Rüstungen des allerdings beleidigten Frankreichs sind
10 ein Frevel an der deutschen Nation. Das alberne Geschrei einiger
französischer Journalisten nach der Rheingrenze wird weitläuf-
tiger Erwiderungen wert gehalten, die leider von den Franzosen
gar nicht gelesen werden, und Beckers Lied: „Sie sollen ihn nicht
haben“ wird par force zum Volkslied gemacht. Ich gönne Beckern
h den Erfolg seines Liedes, ich will den poetischen Inhalt desselben
gar nicht untersuchen, ich freue mich sogar, vom linken Rheinufer
so deutsche Gesinnung zu vernehmen, aber ich finde es mit den in
diesen Blättern bereits darüber erschienenen Artikeln, die mir eben
zu Gesichte kommen, lächerlich, daß man das bescheidene Gedicht
20 zur Nationalhymne erheben will. „Sie sollen ihn nicht haben!“
Also wieder negativ? Könnt ihr mit einem negierenden Volks¬
liede zufrieden sein? Kann deutsches Volkstum nur in der Pole¬
mik gegen das Ausland eine Stütze finden? Der Text der Mar¬
seillaise ist trotz aller Begeisterung nicht viel wert, aber wieviel
25 edler ist hier das Übergreifen über die Nationalität hinaus zur
Menschheit. Und — nachdem Burgund und Lothringen uns ent¬
rissen, nachdem wir Flandern französisch, Holland und Belgien
unabhängig werden ließen, nachdem Frankreich mit dem Elsaß
schon bis an den Rhein vorgedrungen und nur ein verhältnismäßig
30 kleiner Teil der ehemals deutschen linken Rheinseite noch unser
ist, jetzt schämen wir uns nicht, groß zu tun und zu schreien: das
letzte Stück sollt ihr wenigstens nicht haben. 0 über die Deutschen!
Und wenn die Franzosen den Rhein hätten, so würden wir doch
mit dem lächerlichsten Stolze rufen: Sie sollen sie nicht haben, die
35 freie deutsche Weser und so fort bis zur Elbe und Oder, bis
Deutschland zwischen Franzosen und Russen geteilt wäre, und
uns nur zu singen bliebe: Sie sollen ihn nicht haben, den freien
Strom der deutschen Theorie, so lang er ruhig wallend ins Meer der
Unendlichkeit fließt, so lange noch ein unpraktischer Gedanken-
*o fisch auf seinem Grund die Flosse hebt! Statt daß wir Buße tun
sollten im Sack und in der Asche für die Sünden, durch die wir
alle jene schönen Länder verloren haben, für die Uneinigkeit und
den Verrat an der Idee, für den Provinzial-Patriotismus, der vom
Ganzen um des lokalen Vorteils willen abfällt, und für die natio-
45 nale Bewußtlosigkeit. Allerdings ist es eine fixe Idee bei den Fran¬
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zosen, daß der Rhein ihr Eigentum sei, aber die einzige des deut¬
schen Volkes würdige Antwort auf diese anmaßende Forderung ist
das Amdtsche: „Heraus mit dem Elsaß und Lothringen!“
Denn ich bin — vielleicht im Gegensatz zu vielen, deren Stand¬
punkt ich sonst teile, allerdings der Ansicht, daß die Wieder- 5
eroberung der deutschsprechenden linken Rheinseite eine natio¬
nale Ehrensache, die Germanisierung des abtrünnig gewordenen
Hollands und Belgiens eine politische Notwendigkeit für uns ist.
Sollen wir in jenen Ländern die deutsche Nationalität vollends
unterdrücken lassen, während im Osten sich das Slawentum immer 10
mächtiger erhebt? Sollen wir die Freundschaft Frankreichs mit
der Deutschheit unserer schönsten Provinzen erkaufen; sollen wir
einen kaum hundertjährigen Besitz, der sich nicht einmal das Er¬
oberte assimilieren konnte; sollen wir die Verträge von 1815 für
ein Urteil des Weltgeistes in letzter Instanz halten? 15
Aber auf der andern Seite sind wir der Elsasser nicht wert,
so lange wir ihnen das nicht geben können, was sie jetzt besitzen,
ein freies, öffentliches Leben in einem großen Staate. Es kommt
ohne Zweifel noch einmal zum Kampfe zwischen uns und Frank¬
reich, und da wird sich’s zeigen, wer des linken Rheinufers würdig 20
ist. Bis dahin können wir die Frage ruhig der Entwickelung unserer
Volkstümlichkeit und des Weltgeistes anheimstellen, bis dahin
wollen wir auf ein klares, gegenseitiges Verständnis der euro¬
päischen Nationen hinarbeiten und nach der innem Einheit stre¬
ben, die unser erstes Bedürfnis und die Basis unserer zukünftigen 25
Freiheit ist. So lange die Zersplitterung unseres Vaterlandes be¬
steht, so lange sind wir politisch Null, so lange sind öffentliches
Leben, ausgebildeter Konstitutionalismus, Preßfreiheit und was
wir noch mehr verlangen, alles fromme Wünsche, deren Ausfüh¬
rung immer halb bleiben wird; darnach also strebt und nicht nach 30
Exstirpation der Franzosen!
Aber dennoch hat die deutschtümliche Negation ihre Aufgabe
noch immer nicht ganz vollbracht: es ist noch genug über die
Alpen, den Rhein und die Weichsel heimzuschicken. Den Russen
wollen wir die Pentarchie lassen; den Italienern ihren Papismus 35
und was daran klebt, ihren Bellini, Donizetti und selbst Rossini,
wenn sie mit diesem großtun wollen gegen Mozart und Beethoven;
den Franzosen ihre arroganten Urteile über uns, ihre Vaudevilles
und Opern, ihren Scribe und Adam. Wir wollen heimjagen, woher
sie gekommen sind alle die verrückten ausländischen Gebräuche 40
und Moden, alle die überflüssigen Fremdwörter; wir wollen auf¬
hören, die Narren der Fremden zu sein und zusammenhalten zu
einem einigen, unteilbaren, starken — und so Gott will, freien
deutschen Volk. p n
Der Kaiserzug
5
10
15
20
25
30
[TfD Febr. 1841. Nr. 23, p. 92]
Paris ist leer, in dunkeln Riesenwogen
Wälzt sich das Volk hinaus zum Strand der Seine;
Die Sonne Frankreichs glänzt, doch florumzogen,
Und in das stolze Lächeln fließt die Träne.
Das heit’re Volk, es sieht so ernst und stille,
Nicht denkt es mehr an neue Lorbeerreiser;
Dort naht, umgriint von ew’gen Lorbeers Fülle,
Europas Geißel, Frankreichs Gott, der Kaiser!
Geführet und gefolgt von Veteranen,
Ergrauten Schlachtentrümmern, zieht die Leiche
Im Donner der Kanonen und von Fahnen
Umrauschet gen Paris. Die üpp’ge, reiche,
Gedankenvolle Stadt wirft sich zu Füßen
Noch einmal ihrem Abgott andachttrunken;
Und müßte sie es schmerzlicher noch büßen,
Wie einst — es gilt! es zuckt der Rachefunken.
Musik des Todes und Musik der Kriege
Erbraust und stürmt, die stillsten Herzen schlagen;
So zog er ein im Glanze seiner Siege
Von Austerlitz und in Marengos Tagen.
Und bleich und stumm und stolz und groß, wie immer,
Wenn durch des Volkes Strudel er geritten,
So zieht, verklärt, wie nie, von Ruhmesschimmer
Die Kaiserleiche in des Volkes Mitten.
Wo ist die Garde? und wo ist Dombrowski,
Der unbesiegte General der Slaven?
Murat, der Reiterfürst, und Poniatowski?
Und wo ist Ney, der Bravste aller Braven?
Gelichtet ist die hohe Heldenwaldung,
Die Garde fiel in Waterloos Gewittern;
Die Letzten schreiten dort in ernster Haltung,
Nur Montholon seufzt hinter Eisengittern.
110
Bremen 1838—1841.
Aus dem Telegraph
Dem Sarge folgt des Reiches Kraft und Blüte,
Das alte und das junge Frankreich einet
Sich hier, und selbst der Republik Elite
Weint an der Stätte, wo ganz Frankreich weinet.
Und wer sind Jene, mit der Stirn der Siege, 5
Und doch des Schmerzes Beute unverhohlen,
Gramvoller als ihr Flor, sind ihre Züge,
Doch stolz ihr Gang — o still, es sind die Polen.
Den Kaiser grüßen Bogen, Säulen, Steine,
Denkmäler, ew’ge Bilder, und metall’ne 10
Gedanken, kühn und schroff geformt wie seine,
Sie feiern seine Hoheit, die zerfall’ne.
Zerfallen ist sein Haus, tot seine Krone;
Das Weltenreich, das er gesehn im Traume,
Es ist dahin. Wie Alexander ohne 15
Nachkommen schläft er unterm Lorbeerbäume.
Der Kaiser ruht, verstummt ist das Tedeum;
Die frommen Säulen, feierlich umschattet.
Die ganze Kirche ist Sein Mausoleum!
Ein toter Gott liegt einsam hier bestattet. 20
Friedrich 0.
Immermanns Memorabilien
Erster Band. Hamburg, Hoffmann und Campe. 1840
[TfD April 1841. Nr. 53, p. 210-211;
Nr. 54, p. 213-215; Nr. 55, p. 219]
Die Nachricht vom Tode Immermanns war ein harter Schlag
5 für uns Rheinländer, nicht allein wegen der poetischen, sondern
auch wegen der persönlichen Bedeutung dieses Mannes, obwohl
die letztere noch mehr als die erstere erst recht sich zu entwickeln
begann. Er stand in einem eigenen Verhältnisse zu den jüngem
literarischen Kräften, die neuerdings am Rheine und in West-
io falen erstanden sind; denn in literarischer Hinsicht gehören West¬
falen und der Niederrhein zusammen, so scharf sie in politischer
sich bisher geschieden haben; wie denn auch das „Rheinische Jahr¬
buch“ für Autoren beider Provinzen einen gemeinsamen Mittel¬
punkt abgibt. Je mehr der Rhein bisher sich der Literatur fern ge-
15 halten hatte, desto mehr suchten jetzt rheinische Poeten sich als
Vertreter ihrer Heimat hinzustellen und wirkten so zwar nicht nach
einem Plane, aber doch auf ein Ziel hin. Ein solches Streben
bleibt selten ohne das Zentrum einer starken Persönlichkeit, der
sich die Jüngem unterordnen, ohne ihrer Selbständigkeit etwas zu
20 vergeben, und dieses Zentrum schien für die rheinischen Dichter
Immermann werden zu wollen. Er war, trotz mancher Vorurteile
gegen die Rheinländer, doch allmählich unter ihnen naturalisiert,
er hatte seine Versöhnung mit der literarischen Gegenwart, der
die Jüngern alle angehörten, offen vollzogen, ein neuer, frischerer
25 Geist war über ihn gekommen und seine Produktionen fanden
immer mehr Anerkennung. So wurde auch der Kreis junger Dich¬
ter, die sich um ihn zusammenfanden und aus der Nachbarschaft
zu ihm herüberkamen, immer größer; wie oft klappte z. B. nicht
Freiligrath, als er in Barmen noch Fakturen schrieb und Conti
3o Correnti rechnete, Memorial und Hauptbuch zu, um einen oder
ein paar Tage in Immermanns und der Düsseldorfer Maler Gesell¬
schaft zuzubringen! So kam es, daß Immermann in den Träumen
von einer rheinisch-westfälischen Dichterschule, die hier und da
auftauchten, einen wichtigen Platz einnahm; er war, ehe Freilig-
35 raths Ruhm reifte, der vermittelnde Übergang von der provin¬
ziellen zur gemeinsam deutschen Literatur. Wer ein Auge hat für
solche Beziehungen und Verknüpfungen, dem ist dies Verhältnis
längst kein Geheimnis mehr gewesen; vor einem Jahre deutete
112
Bremen 1838—1841.
Aus dem Telegraph
unter andern Reinhold Köstlin in der Europa darauf hin, wie
Immermann der Stellung entgegenreife, die Goethe in seinen spä¬
tem Jahren einnahm. Der Tod hat alle diese Zukunftsträume und
Hoffnungen zerrissen.
Wenige Wochen nach dem Tode Immermanns erschienen seine 5
„Memorabilien66. War er, im kräftigsten Mannesalter, schon reif
genug, um seine eigenen Denkwürdigkeiten zu schreiben? Sein
Schicksal bejaht, sein Buch verneint es. Aber wir haben auch die
Memorabilien nicht als den Abschluß eines Greises, der seine
Laufbahn dadurch für geschlossen erklärt, mit dem Leben anzu- io
sehen; Immermann rechnete vielmehr nur mit einer frühem, mit
der exklusiv romantischen Periode seiner Tätigkeit ab, und so
waltet freilich ein anderer Geist über diesem Buche als über den
Werken jener Periode. Dazu waren die hier geschilderten Ereig¬
nisse durch den mächtigen Umschwung des letzten Dezenniums so 15
fern gerückt, daß sie sogar ihm, ihrem Zeitgenossen, als historisch
abgetan erschienen. Und dennoch glaub’ ich behaupten zu dürfen,
daß Immermann nach zehn Jahren die Gegenwart und ihre Stel¬
lung zu der Angel seines Werks, dem Befreiungskriege, höher,
freier gefaßt hätte. Vorläufig gilt es jedoch, die Memorabilien so 20
zu betrachten, wie sie einmal sind.
Hatte der frühere Romantiker in den Epigonen schon den
hohem Standpunkt Goethescher Plastik und Ruhe angestrebt, ruhte
der Münchhausen bereits ganz auf der Basis moderner Dichtungs¬
weise, so zeigt sein nachgelassenes Werk noch klarer, wie sehr Im- 25
mermann die neuesten literarischen Entwickelungen zu würdigen
wußte. Der Stil und mit ihm die Form der Anschauung sind ganz
modern; nur der durchdachtere Gehalt, die strengere Gliederung,
die scharf geprägte Charaktereigentümlichkeit und die, wenn auch
ziemlich verschleierte, antimodeme Gesinnung des Verfassers 30
scheiden dieses Buch aus der Masse von Schilderungen, Charak¬
teren, Denkwürdigkeiten, Besprechungen, Situationen, Zuständen
usw., von denen heuer unsere nach gesunder poetischer Lebensluft
schmachtende Literatur eingedunstet wird. Dabei hat Immermann
Takt genug, um selten Gegenstände vor das Forum der Reflexion 35
zu bringen, die ein anderes Tribunal ansprechen dürfen als das
des baren Verstandes.
Der vorliegende erste Band findet seinen Stoff in „der Jugend
vor fünfundzwanzig Jahren66 und den sie beherrschenden Ein¬
flüssen. Ein „Avisbrief66 leitet ihn ein, in dem der Charakter des 40
Ganzen aufs treueste dargelegt ist. Auf der einen Seite moderner
Stil, moderne Schlagwörter, ja moderne Prinzipien, auf der andern
Eigentümlichkeiten des Autors, deren Bedeutung für einen wei¬
tem Kreis längst abgestorben ist. Immermann schreibt für mo¬
derne Deutsche, wie er mit ziemlich dürren Worten sagt, für solche, 45
Immermanns Memorabilien
113
die den Extremen des Deutschtums und des Kosmopolitismus
gleich fern stehen; die Nation faßt er ganz modern auf und stellt
Prämissen hin, die konsequent auf Selbstherrschaft als Bestim¬
mung des Volks führen würden; er spricht sich entschieden gegen
5 den „Mangel an Selbstvertrauen, die Wut zu dienen und sich weg¬
zuwerfen66 aus, an der die Deutschen kranken. Und doch steht
daneben eine Vorliebe für das Preußentum, die Immermann nur
auf sehr schwache Gründe stützen kann, eine so frostige, gleich¬
gültige Erwähnung der konstitutionellen Bestrebungen in Deutsch-
10 land, die nur zu deutlich zeigt, daß Immermann die Einheit des
modernen geistigen Lebens noch keineswegs erfaßt hatte. Man
sieht es deutlich, wie ihm der Begriff des Modernen gar nicht zu¬
sagen will, weil er sich gegen manche Faktoren desselben sträubt,
und wie er diesen Begriff doch wieder nicht von der Hand weisen
15 kann.
Mit „Knabenerinnerungen66 beginnt das eigentliche Mémoire.
Immermann hält sein Versprechen, nur die Momente zu erzählen,
wo „die Geschichte ihren Durchzug durch ihn gehalten66. Mit dem
Bewußtsein des Knaben wachsen die Weltbegebenheiten, steigert
20 sich der kolossale Bau, von dessen Sturz er Zeuge sein sollte; an¬
fangs in der Feme tosend, brechen die Wogen der Geschichte in
der Schlacht bei Jena den Damm Norddeutschlands, strömen über
das selbstzufriedene Preußen hin, das „Après moi le déluge66 des
großen Königs nun auch speziell für seinen Staat bewahrheitend,
25 und überfluten gleich zuerst Immermanns Vaterstadt, Magdeburg.
Dieser Teil ist der beste des Buches; Immermann ist stärker in der
Erzählung als in der Reflexion, und es ist ihm vortrefflich gelungen,
die Spiegelung der Weltbegebenheiten in der einzelnen Brust aufzu¬
fassen. Dazu ist grade hier der Punkt, von dem an er sich dem Fort-
3o schritte, freilich nur vorläufig, unumwunden anschließt. Ihm ist,
wie allen Freiwilligen von 1813, das Preußen vor 1806 das ancien
régime dieses Staates, aber auch, was jetzt weniger zugegeben wird,
Preußen nach 1806 das durch und durch wiedergebome, die neue
Ordnung der Dinge. Mit der Wiedergeburt Preußens ist es aber
35 eine eigne Sache. Die erste Wiedergeburt durch den großen
Friedrich ist bei Gelegenheit des vorig jährigen Jubiläums so ge¬
priesen worden, daß man nicht begreift, wie ein zwanzigjähriges
Interregnum schon wieder eine zweite nötig machen konnte. Und
dann will man behaupten, daß trotz der zweimaligen Feuertaufe
40 der alte Adam neuerdings wieder starke Lebenszeichen von sich
gegeben habe. In dem vorliegenden Abschnitte verschont uns
Immermann jedoch mit Anpreisungen des Status quo, und so wird
sich erst im Verlaufe dieser Zeilen näher herausstellen, wo Immer¬
manns Weg sich von dem der Neuzeit trennt.
45 „Die Jugend wird, bis sie in das öffentliche Leben eintritt, er-
Marx-Engels-Gesamtausgabe, I. Abt., Bd. 2. 8
114
Bremen 1838—1841.
Aus dem Telegraph
zogen durch die Familie, durch die Lehre, durch die Literatur. Als
viertes Erziehungsmittel trat für die Generation, welche wir be¬
trachten, noch der Despotismus hinzu. Die Familie hegt und pflegt
sie, die Lehre isoliert sie, die Literatur führt sie wieder ins Weite;
uns gab der Despotismus die Anfänge des Charakters.66 Nach *
diesem Schema ist der reflektive Teil des Buches eingerichtet und
man wird ihm schwerlich seinen Beifall versagen können, da es
den großen Vorteil hat, den Entwicklungsgang des Bewußtseins in
der Zeitfolge seiner Stufen aufzufassen. — Der Abschnitt über die
Familie ist ganz ausgezeichnet, so lange er bei der alten Familie
stehen bleibt, und es ist nur zu bedauern, daß Immermann sich
nicht mehr bemüht hat, Licht- und Schattenpartieen zu einem Gan¬
zen zu verbinden. Die Bemerkungen, die er hier gibt, sind alle im
höchsten Grade treffend. Dagegen zeigt seine Auffassung der
neuern Familie wieder, daß er die alte Befangenheit und Ver- w
Stimmung gegen die Erscheinungen des letzten Jahnzehnts noch
immer nicht losgeworden war. Allerdings weicht das „altväterische
Behagen66, die Zufriedenheit mit dem heimischen Herde immer
mehr einer Mißstimmung, einem Ungenügen an den Genüssen des
Familienlebens; aber dagegen verliert sich auch die Philisterei 20
der Hausväterlichkeit, der Glorienschein um die Schlafmütze
immer mehr, und die Gründe der Mißstimmung, die Immermann
fast alle ganz richtig und nur zu grell hervorhebt, sind eben Sym¬
ptome einer noch ringenden, nicht abgeschlossenen Epoche. Das
Zeitalter vor der Fremdherrschaft war abgeschlossen und trug als 25
solches den Stempel der Ruhe — aber auch der Untätigkeit, und
schleppte sich mit dem Keim des Verfalls. Unser Autor hätte ganz
kurz sagen können: die neuere Familie kann sich darum einer
gewissen Unbehaglichkeit nicht erwehren, weil neue Ansprüche an
sie gemacht werden, die sie mit ihren eignen Rechten noch nicht 30
zu vereinigen weiß. Die Gesellschaft ist, wie Immermann zugibt,
eine andere geworden, das öffentliche Leben ist als ganz neues
Moment hinzugetreten, Literatur, Politik, Wissenschaft, alles das
dringt jetzt tiefer in die Familie ein, und diese hat ihre Mühe, alle
die fremden Gäste unterzubringen. Da liegt’s! Die Familie ist noch 30
zu sehr nach dem alten Stil, um sich mit den Eindringlingen recht
zu verständigen und auf guten Fuß zu setzen, und hier gibt es aller¬
dings eine Regeneration der Familie; der leidige Prozeß muß nun
einmal durchgemacht werden, und mir deucht, die alte Familie
hätte ihn wohl nötig. Übrigens hat Immermann die moderne Fa- 40
milie grade in dem beweglichsten, modernen Einflüssen am meisten
zugänglichen Teile Deutschlands, am Rhein, studiert, und hier ist
denn das Mißbehagen eines Übergangsprozesses am deutlichsten
zu Tage getreten. In den Provinzialstädten des innem Deutschlands
lebt und webt die alte Familie noch fort unter dem Schatten des 45
Immermanns Memorabilien
115
alleinseligmachenden Schlafrocks, steht die Gesellschaft noch auf
dem Fuße von Anno 1799, und wird öffentliches Leben, Literatur,
Wissenschaft mit aller Ruhe und Bedächtigkeit abgefertigt, ohne
daß sich jemand in seinem Schlendrian stören ließe. — Zum Belege
5 des über die alte Familie Beigebrachten gibt der Verfasser noch
„pädagogische Anekdoten66 und schließt dann mit dem „Oheim66,
einem Charakterbilde aus der alten Zeit, den erzählenden Teil des
Buches ab. Die Erziehung, die der heranwachsenden Generation
von der Familie wird, ist abgeschlossen; die Jugend wirft sich der
io Lehre und Literatur in die Arme. Hier beginnen die weniger ge¬
lungenen Partieen des Buches. In betreff der Lehre wurde Immer¬
mann zu einer Zeit von ihr berührt, wo die Seele aller Wissenschaft,
die Philosophie, und die Basis dessen, was der Jugend geboten
wurde, die Kenntnis des Altertums, in einem windschnellen Um-
15 schwunge begriffen waren, und Immermann hatte nicht den Vor¬
teil, diesen Umschwung bis zu seinem Ziele lernend mitmachen zu
können. Als es zum Abschluß kam, war er der Schule längst ent¬
wachsen. Auch sagt er vorläufig wenig mehr, als daß die Lehre
jener Jahre eng gewesen sei, und holt die eingreifendsten Hebel
2o der Zeit in gesonderten Artikeln nach. Bei Gelegenheit Fichtes gibt
er Philosophisches zum Besten, was unsern Herren vom Begriff
seltsam genug vorkommen mag. Er läßt sich hier zu geistreichen
Raisonnements über eine Sache verleiten, die zu durchschauen ein
geistreiches und poetisches Auge nicht hinreicht. Wie werden un-
25 sere strikten Hegelianer schaudern, wenn sie lesen, wie hier die
Geschichte der Philosophie auf drei Seiten dargestellt wird ! Und
es muß zugestanden werden, daß nicht leicht dilettantischer über
Philosophie gesprochen werden kann, als es hier geschieht. Gleich
der erste Satz, daß die Philosophie immer zwischen zwei Punkten
so oszilliere, entweder im Ding oder im Ich das Gewisse aufsuche, ist
offenbar der Folge des Fichteschen Ich auf das Kantsche „Ding
an sich66 zu Gefallen geschrieben worden und läßt sich zur Not auf
Schelling, keinenfalls aber auf Hegel anwenden. — Sokrates wird
die Inkarnation des Denkens genannt und ihm eben deshalb die
35 Fähigkeit, ein System zu haben, abgesprochen; in ihm sei die reine
Doktrin mit einem unbefangenen Eingehen in die Empirie vereinigt
gewesen, und weil dieser Bund über den Begriff hinausging, habe
er nur als Persönlichkeit, nicht als Lehre sich manifestieren kön¬
nen. Sind das nicht Sätze, die ein unter Hegelschen Einflüssen
io herangewachsenes Geschlecht in die größte Verwirrung bringen
müssen? Hört da nicht alle Philosophie auf, wo die Übereinstim¬
mung des Denkens und der Empirie „über den Begriff hinaus¬
geht66? Welche Logik hält da stand, wo die Systemlosigkeit der
„Inkarnation des Denkens66 als notwendiges Attribut beigelegt
45 wird?
8*
116
Bremen 1838—1841.
Aus dem Telegraph
Doch warum Immermann auf ein Gebiet verfolgen, das er selbst
nur durchfliegen wollte? Genug, eben so wenig er mit den Philo¬
sophemen früherer Jahrhunderte fertig werden kann, eben so wenig
weiß er Fichtes Philosophie mit seiner Persönlichkeit zu einigen.
Dagegen schildert er den Charakter Fichte, den Redner an die s
deutsche Nation, und den Tumwüterich Jahn wieder ganz vor¬
trefflich. Diese Charakterbilder werfen mehr Licht auf die wir¬
kenden Kräfte und Ideen, in deren Bereich die damalige Jugend
stand, als lange Auseinandersetzungen. Auch da, wo die Literatur
das Thema bildet, lesen wir die Darlegung des Verhältnisses, in das io
sich die „Jugend vor fünfundzwanzig Jahren66 zu den großen Dich¬
tem stellte, weit lieber, als die schwach begründete Beweisführung,
daß die deutsche Literatur vor allen ihren Schwestern einen mo¬
dernen, nichtromantischen Ursprung hat. Es wird immer gezwun¬
gen erscheinen, wenn man Corneille aus romantisch-mittelalter- is
licher Wurzel auf sprießen läßt und von Shakespeare mehr als den
rohen Stoff, den er vorfand, dem Mittelalter zuweisen will. Spricht
hier vielleicht das nicht ganz reine Gewissen des ehemaligen Ro¬
mantikers, das den Vorwurf eines fortwährenden Kryptoroman-
tizismus zurückweisen will? w
Auch der Abschnitt über den Despotismus, nämlich den Napo¬
leonischen, wird nicht gefallen. Die Heinesche Napoleonsanbetung
ist dem Volksbewußtsein fremd, aber dennoch wird es niemandem
zusagen, daß Immermann, der hier die Unparteilichkeit des Hi¬
storikers in Anspruch nimmt, als beleidigter Preuße spricht. Er 25
hat es wohl gefühlt, daß hier ein Hinausgehen über den national¬
deutschen und besonders den preußischen Standpunkt nötig sei;
darum hält er sich im Stil möglichst vorsichtig, paßt die Gesinnung
dem Modernen so nah wie möglich an und wagt sich nur an Kleinig¬
keiten und Nebensachen. Allmählich wird er aber kühner, gesteht, 30
daß es ihm nicht recht eingehen wolle, wie Napoleon zu den großen
Männern gerechnet werde, stellt ein vollständiges System des Des¬
potismus auf und zeigt, daß Napoleon in diesem Handwerke ein
ziemlicher Stümper und Böhnhase gewesen sei. Das ist aber nicht
der rechte Weg, große Männer zu begreifen. 35
So stellt sich Immermann—abgesehen von einzelnen Gedanken,
die seiner Überzeugung vorausgeeilt sind — allerdings in der
Hauptsache dem modernen Bewußtsein fern. Aber dennoch läßt
er sich nicht in eine jener Parteien einrangieren, in die man
Deutschlands geistigen Status quo zu teilen pflegt. Die Richtung, 40
der er am nächsten zu stehen scheint, die Deutschtümelei, weist er
ausdrücklich ab. Der bekannte Immermannsche Dualismus äußerte
sich in der Gesinnung als Preußentum einerseits, als Romantik
andererseits. Das erstere verlief sich aber allmählich, besonders
für den Beamten, in die nüchternste, maschinenmäßigste Prosa, die 45
Immermanns Memorabilien
117
letztere in eine bodenlose Überschwenglichkeit. So lange Immer-
mann auf diesem Punkte stehen blieb, konnte er sich keine rechte
Anerkennung erringen und mußte mehr und mehr einsehen, daß
diese Richtungen nicht nur polare Gegensätze waren, sondern auch
5 das Herz der Nation immer gleichgültiger ließen.
Endlich wagte er einen poetischen Fortschritt und schrieb die
Epigonen. Und kaum hatte das Werk den Laden des Verlegers
verlassen, so gab es seinem Verfasser Gelegenheit, einzusehen, daß
nur seine bisherige Richtung einer allgemeineren Anerkennung
10 seines Talentes von Seiten der Nation und der jüngern Literatur
entgegen gestanden hatte. Die Epigonen wurden fast überall ge¬
würdigt und gaben Veranlassung zu Diatriben über den Charakter
ihres Verfassers, wie sie Immermann bisher nicht gewohnt war.
Die junge Literatur, wenn man anders diesen Namen für die Frag-
15 mente einer Sache noch brauchen darf, die niemals ein Ganzes war,
diese erkannte zuerst die Bedeutung Immermanns und führte ihn
erst recht bei der Nation ein. Er war durch die immer schärfer
werdende Scheidung zwischen Preußentum und romantischer
Poesie sowie durch die verhältnismäßig geringe Popularität, deren
2o seine Schriften genossen, innerlich verstimmt gewesen und hatte
seinen Werken immer mehr den Stempel schroffer Isolierung un¬
willkürlich auf gedrückt. Jetzt, als er einen Schritt vorwärts getan
hatte, kam mit der Anerkennung auch ein anderer, freierer, heite¬
rer Geist über ihn. Die alte jugendliche Begeisterung taute wieder
25 auf und nahm im Münchhausen einen Anlauf zur Versöhnung mit
der praktisch-verständigen Seite des Charakters. Seine roman¬
tischen Sympathien, die ihm noch immer im Nacken saßen, be¬
schwichtigte er durch Ghismonda und Tristan; aber welch ein Un¬
terschied gegen frühere romantische Dichtungen, namentlich
30 welche Plastik gegen Merlin herrscht darin !
Überhaupt war die Romantik für Immermann nur Form; vor
der Träumerei der romantischen Schule bewahrte ihn die Nüch¬
ternheit des Preußentums; aber diese war es denn auch, die ihn
gegen die Zeitentwicklung einigermaßen verstockte. Man weiß,
35 daß Immermann in religiöser Hinsicht zwar sehr freisinnig, in
politischer aber gar zu eifriger Anhänger der Regierung war.
Durch seine Stellung zur jüngern Literatur wurde er allerdings
den politischen Strebungen des Jahrhunderts näher gestellt und
lernte sie von einer andern Seite kennen; wie indes die Memora-
40 bilien zeigen, saß das Preußentum noch gar fest in ihm. Dennoch
finden sich grade in diesem Buche so manche Äußerungen, die mit
der Grundansicht Immermanns so sehr kontrastieren und so sehr
auf moderner Basis beruhen, daß ein bedeutender Einfluß der
modernen Ideen auf ihn gar nicht zu verkennen ist. Die Memora-
45 bilien zeigen klar ein Bemühen ihres Verfassers, mit seiner Zeit
118
Bremen 1838—1841.
Aus dem Telegraph
gleichen Schritt zu halten, und wer weiß, ob der Strom der Ge¬
schichte nicht allmählich den konservativ-preußischen Damm un¬
terwühlt hätte, hinter dem Immermann sich verschanzt hielt.
Und mm noch eine Bemerkung! Immermann sagt, der Charak¬
ter jener Epoche, die er in den Memorabilien schildert, sei vor- 5
zugsweise jugendlich gewesen; jugendliche Motive seien in Be¬
wegung gesetzt und Jugendstimmungen angeschlagen worden. Ist’s
mit unserer Epoche nicht ebenso? Die alte Generation in der Lite¬
ratur ist ausgestorben, die Jugend hat sich des Worts bemächtigt.
Von dem heranwachsenden Geschlecht hängt mehr als je unsere 10
Zukunft ab, denn dieses wird über Gegensätze zu entscheiden
haben, die sich immer höher hinauf gipfeln. Die Alten klagen zwar
entsetzlich über die Jugend, und es ist wahr, sie ist sehr unfolgsam;
laßt sie aber nur ihre eignen Wege gehen, sie wird sich schon zu¬
rechtfinden, und die sich verirren, sind selbst schuld daran. Denn is
wir haben einen Prüfstein für die Jugend an der neuen Philo¬
sophie; es gilt, sich durch sie hindurchzuarbeiten und doch die
jugendliche Begeisterung nicht zu verlieren. Wer sich scheut vor
dem dichten Walde, in dem der Palast der Idee steht, wer sich
nicht durchhaut mit dem Schwerte und küssend die schlafende 20
Königstochter weckt, der ist ihrer und ihres Reiches nicht wert,
der mag hingehen, Landpastor, Kaufmann, Assessor oder was er
sonst will, werden, ein Weib nehmen, Kinder zeugen in aller Gott¬
seligkeit und Ehrbarkeit, aber das Jahrhundert erkennt ihn nicht
als seinen Sohn an. Ihr braucht darum keine Althegelianer zu wer- 25
den, mit An und für sich, Totalität und Diesigkeit um euch zu
werfen, aber ihr sollt die Arbeit des Gedankens nicht scheuen ; denn
nur die Begeisterung ist echt, die wie der Adler die trüben Wolken
der Spekulation, die dünne, verfeinerte Luft in den obem Re¬
gionen der Abstraktion nicht scheut, wenn es gilt, der Wahrheits- 30
sonne entgegenzufliegen. Und in diesem Sinne hat denn auch die
Jugend von heute die Schule Hegels durchgemacht, und manches
Samenkorn aus den dürren Fruchtkapseln des Systems ist herrlich
auf gegangen in der jugendlichen Brust. Das aber gibt auch das
größte Vertrauen auf die Gegenwart, daß ihr Schicksal nicht von 35
der tatscheuen Bedächtigkeit, der gewohnheitsmäßigen Philisterei
des Alters, sondern von dem edlen, ungebändigten Feuer der Ju¬
gend abhängt. Darum laßt uns für die Freiheit kämpfen, so lange
wir jung und voll glühender Kraft sind; wer weiß, ob wir’s noch
können, wenn das Alter uns beschleicht! 40
Friedrich Oswald
Aus:
MORGENBLATT FÜR GEBILDETE LESER
Stuttgart 1840—1841
Die Artikel wurden in der Zeit vom 30. Juli 1840 bis zum 21. August
1841 im Morgenblatt für gebildete Leser veröffentlicht.
Der Aufsatz „Eine Fahrt nach Bremerhafen“ wurde, wie aus dem Brief
an die Schwester Marie vom 7.—9. Juli 1840 (p. 589 sqq.) ersichtlich,
ein Jahr vor dem Erscheinen geschrieben.
Bremen
Bremen, Juli
Theater, Buchdruckerfest
[Morgenblatt für gebildete Leser
s 30. Juli 1840. Nr. 181, p. 724]
Soviel ich weiß, hat kein namhaftes Journal einen stehenden
Korrespondenten in Bremen, und man könnte aus diesem Con¬
sensus gentium leicht schließen, daß von hier aus nichts zu schrei¬
ben wäre, dem ist aber nicht so; haben wir doch ein Theater, bei
10 dem noch vor kurzem rasch nacheinander Agnese Schebest, Ca¬
roline Bauer, Tichatscheck und Mad. Schröder-Devrient gastier¬
ten, und dessen Repertoire es an Gediegenheit mit manchem an¬
dern und berühmteren aufnehmen könnte. Wurden doch bereits
Gutzkows „Richard Savage66 und Blums „Schwärmerei nach der
15 Mode66 hier gegeben. Das erste dieser beiden Stücke ist nun schon
zum Überfluß besprochen worden; ich halte dafür, daß eine
jüngsthin in den Halleschen Jahrbüchern enthaltene Besprechung
desselben nach Abzug der häufigen Animositäten sehr viel Wah¬
res enthält, und namentlich darin den Grundfehler trifft, daß das
2o Verhältnis zwischen Mutter und Kind, als ein unfreies, niemals
die Basis eines Dramas abgeben kann. Gutzkow hat diesen Fehler
vielleicht schon von vornherein eingesehen, aber er hatte Recht,
wenn er sich dadurch von der Ausführung nicht abhalten ließ;
denn wollte er sich mit einem einzigen Stücke die Bahn zum
25 Theater brechen, so mußte er dem eingerissenen Theaterschlen¬
drian einige Konzessionen machen, die er späterhin, wenn ihm
sein Plan gelang, immerhin wieder zurücknehmen konnte. Er
mußte seinem Stücke ein originelles Fundament geben, auch wenn
dasselbe vor der poetischen Kritik nicht bestehen konnte, auch
so wenn seine Szenen ins Melodramatische, Effektsuchende über¬
schlugen. Man mag Richard Savage tadeln, man mag ihn ver¬
werfen, aber man gebe auch zu, daß Gutzkow sein dramatisches
Talent dadurch bewiesen hat. — Von Blums „Schwärmerei nach
der Mode66 würde ich gar nicht sprechen, wenn dieses Stück nicht
35 in vielen Journalen als „zeitgemäß66 ausposaunt worden wäre. Es
ist aber ganz und gar nichts Zeitgemäßes darin, weder in den Cha¬
rakteren, noch in der Handlung, noch im Dialog. Es ist wahr,
Blum hat sich ein Verdienst dadurch erworben, daß er den Mut
122
Bremen 1838—1841
Aus dem Morgenblatt f. gebild. Leser
hatte, den Pietismus auf die Bühne zu bringen ; aber auf so leichte
Weise wird man mit diesem verrenkten Fuße des Christentums
nicht fertig. Man höre doch endlich auf, hinter dem Pietismus
Betrug, Habsucht oder raffinierte Sinnlichkeit zu suchen; von sol¬
chen Potenzierungen und Extremen, wie sie in Königsberg sich 5
zeigten, von solchen Mißbräuchen, wie sie Stephan aus Dresden
sich erlaubte, wendet sich der eigentliche Pietismus entschieden
ab. Als Stephan mit seiner unglücklichen Gesellschaft hier war,
um sich nach New-Orleans einzuschiffen, und noch keiner den ge¬
ringsten moralischen Verdacht hatte, habe ich selbst gesehen, mit 10
welchem Mißtrauen die hiesigen Pietisten sich gegen ihn be¬
nahmen. Wer über diese Richtung schreiben will, der gehe einmal
unter die „Quäker“, wie man sie hier nennt, und sehe, mit welcher
Liebe sich diese Menschen entgegenkommen, wie rasch die Freund¬
schaft geschlossen ist zwischen zwei wildfremden Menschen, die 15
weiter nichts von einander wissen, als daß sie „gläubig“ sind, mit
welcher Sicherheit, Konsequenz und Entschiedenheit sie ihren Weg
gehen, mit welchem feinen psychologischen Takte sie alle ihre
kleinen Fehler aufzufinden wissen, und ich bin überzeugt, er
schreibt keine Schwärmerei nach der Mode mehr. Gegen die Vor- 20
würfe dieses Schauspiels hat der Pietismus ebenso sehr recht, wie
er gegen den freien Gedanken unseres Jahrhunderts Unrecht hat.
— Deshalb nahm der hiesige Pietismus auch nur insofern Notiz
von dem Stücke, als er fragte, ob „lästerliche Reden“ darin vor¬
kämen. 25
Das Gutenbergsfest ist hier, in der ultima Thule der deutschen
Kultur auch gefeiert worden, und zwar auf eine erfreulichere
Weise, als in den beiden andern Hansestädten. Die Buchdrucker
hatten schon seit mehreren Jahren sich wöchentlich etwas von
ihrem Lohne zurückgelegt, um das Fest würdig zu begehen; schon 30
früh wurde ein Komitee gebildet, indessen fand die Durchfüh¬
rung auch hier von Staatswegen Schwierigkeiten. Kleine, meist an
Persönlichkeiten geknüpfte Kabalen wurden gesponnen, wie es in
solchen kleinen Staaten nicht anders möglich ist; eine Zeitlang
hörte man gar nichts über die ganze Sache, und es hatte den An- 35
schein, als werde höchstens ein „Fest der Handwerker“ zutage ge¬
fördert werden. Erst am Vorabend wurde das Interesse allge¬
meiner, das Programm erschien, Professor Wilhelm Ernst Weber,
bekannt durch seine vortrefflichen Übersetzungen alter Klassiker
und seine Kommentare zu deutschen Dichtern, lenkte durch seine 40
in der Aula gehaltene Rede die Aufmerksamkeit auf das morgende
Fest, und die Kaufherren waren unschlüssig, ob nicht morgen den
Comptoirarbeitem ein halber Feiertag zu bewilligen sei. Der fest¬
liche Tag kam; alle Schiffe auf der Weser hatten ihre Flaggen auf¬
gesteckt, und am untern Ende der Stadt lagen zwei Schiffe, deren
Theater. Buchdruckerfest. Literatur
123
Maste an den Spitzen durch ein langes, mit unzähligen Flaggen
besetztes Band zu einer ungeheuren Ehrenpforte verbunden waren.
Auf einem dieser Schiffe lag auch die einzige disponible Kanone,
die den ganzen Tag hindurch donnerte. Das Komitee begab sich
5 mit den sämtlichen Buchdruckern in feierlichem Zuge zur Kirche
und von da zu dem neuerbauten Dampfschiffe „Gutenberg66, dem
schönsten Steamer, der je auf der Weser gefahren, mit schnee¬
weißem, goldverziertem Rumpf. Für diese seine erste Fahrt war
er festlich mit Kränzen und Flaggen verziert; der Zug ging an
10 Bord, fuhr unter Musik und Gesang die Weser hinauf und hielt
an der Brücke, wo ein Choral gesungen und von einem Buch¬
drucker eine Rede gehalten wurde. Während die sämtlichen Teil¬
nehmer des Festes an Bord ein von dem Eigner des Schiffes, Herm
Lange von Vegesack, veranstaltetes Frühstück einnahmen, fuhr der
io „Gutenberg66 mit einer Schnelligkeit, die dem Erbauer Ehre
machte, durch die Flaggenpforte nach Lankenau, einem Vergnü¬
gungsorte unterhalb der Stadt, während Tausende von der Brücke
und dem Quai ihm ein Hurra nachriefen. Durch den feierlichen
Zug und diese Weserfahrt erhielt die Feier erst den Charakter
20 eines Volksfestes, noch mehr aber durch die, anfangs beschränkte,
später indes freigegebene Austeilung der Karten zu einem für
diesen Abend in Beschlag genommenen und erleuchteten öffent¬
lichen Garten, wohin sich das Komitee nach eingenommenem Fest¬
mahl begab. Hier wurde das Fest bei Musik und Lichterglanz mit
25 Haut-Sautemes, St. Julien und Champagner beschlossen.
Literatur
[Morgenblatt für gebildete Leser
31. Juli 1840. Nr. 182, p. 728]
Im übrigen ist das hiesige Leben ziemlich einförmig und klein-
3o städtisch; die haute volée, d.h. die Familien der Patrizier und
Geldaristokraten, sind den Sommer über auf ihren Landgütern,
die Damen der mittleren Stände können sich auch in der schönen
Jahrszeit nicht von ihren Teekränzchen, wo Karten gespielt und
die Zunge geübt wird, losreißen, und die Kaufleute besuchen Tag
35 für Tag das Museum, die Börsenhalle oder die Union, um über
Kaffee und Tabakspreise, und den Stand der Unterhandlungen
mit dem Zollverband zu sprechen; das Theater wird wenig be¬
sucht. — Eine Teilnahme an der fortlaufenden Literatur des Ge¬
samtvaterlandes findet hier nicht statt; man ist so ziemlich der
4o Ansicht, daß mit Goethe und Schiller die Schlußsteine in das Ge¬
wölbe der deutschen Literatur gelegt seien, und läßt allenfalls die
Romantiker noch für später angebrachte Verzierungen gelten. Man
124
Bremen 1838—1841
Aus dem Morgenblatt f. gebild. Leser
ist in einem Lesezirkel abonniert, teils der Mode halber, teils um
bei einem Journal bequemer Sieste halten zu können; aber Inter¬
esse erregt nur der Skandal und alles, was etwa über Bremen in
den Blättern gesagt wird. Bei vielen der Gebildeten mag diese
Apathie freilich in dem Mangel an Muße begründet sein, denn be- 5
sonders der Kaufmann ist hier gezwungen, sein Geschäft stets im
Kopfe zu behalten, und den etwaigen Rest der Zeit nimmt die
Etikette unter der meist sehr zahlreichen Verwandtschaft, Besuche
etc. in Anspruch. Dagegen existiert hier eine abgeschlossene Li¬
teratur, die sich teils in Broschüren, meist auf theologische Strei- w
tigkeiten sich beziehend, teils in der Journalistik zur Genüge
ausbreitet. Die „Bremer Zeitung66, ein mit Takt redigiertes, refe¬
rierendes Blatt, erfreute sich eines bedeutenden Rufes in weitem
Umkreise, der indes seit den unfreiwilligen Verwickelungen in
die politischen Verhältnisse des Nachbarstaates abgenommen hat. is
Ihre westeuropäischen Artikel werden mit Geist geschrieben, wenn
sie auch nicht entschieden freisinnig sind. Ein Beiblatt zu ihr, das
„Bremische Conversationsblatt66, versuchte Bremen in der deut¬
schen Tagesliteratur zu vertreten, und brachte geistreiche Artikel
von Professor Weber und Dr. Stahr in Oldenburg; die Ge- 20
dichte lieferte Nicolaus Delius, ein talentvoller junger Philo¬
loge, der sich auch als Dichter allmählich eine ehrenvolle Stel¬
lung erringen dürfte. Bedeutende auswärtige Mitarbeiter waren
aber schwer zu erwerben, und so mußte das Blatt aus Mangel an
Beiträgen eingehen. Eine andere Zeitschrift, der „Patriot66, dessen 25
Bestreben dahin ging, sich als würdigeres Organ für die Bespre¬
chung lokaler Interessen hinzustellen, und zugleich in ästhetischer
Beziehung Gediegeneres zu leisten als die kleinen Lokalblätter,
starb an der schwankenden Stellung zwischen einem Lokal- und
belletristischen Blatte. Zäheren Lebens können sich die kleineren 30
Lokalblätter rühmen, die mit Skandal, Streitigkeiten zwischen
Schauspielern, Stadtgeklatsch und dergleichen gefüttert werden.
Das „Unterhaltungsblatt66 besonders ist durch seine zahlreichen
Mitarbeiter (fast jeder Comptoirist kann sich rühmen, ein paar
Zeilen fürs Unterhaltungsblatt geschrieben zu haben) zu einer 35
seltenen Allwissenheit gediehen. Wenn im Theater ein Nagel aus
der Bank hervorsteht, wenn in der Union eine Broschüre nicht an-
geschafft ist, wenn ein betrunkener Zigarrenmacher auf der
Straße die Nacht verjubelt hat, wenn ein Rinnstein nicht gehörig
gefegt ist — wer zuerst aufmerksam darauf wird, ist das Unter- 40
haltungsblatt. Wenn ein Offizier der Bürgerwehr kraft seines
Amtes auf Fußwegen reiten zu dürfen geglaubt hat, so kann er
gewiß sein, daß in der nächsten Nummer dieses Blattes die An¬
frage steht, ob Offiziere der Bürgerwehr auf Fußwegen reiten dür¬
fen. Man könnte dieses vortreffliche Blatt die Vorsehung von Bre- 45
Theater. Buchdruckerfest. Literatur
125
men nennen. Sein Hauptmitarbeiter aber ist Crischan Tripsteert,
der pseudonyme Verfasser plattdeutscher Gedichte. Es wäre bes¬
ser für die plattdeutsche Sprache, daß sie nach Wienbargs Forde¬
rung abgeschafft würde, als daß sie sich von Crischan Tripsteert
5 zu seinen Gedichten muß mißbrauchen lassen. Die übrigen Lokal¬
blätter sind zu ordinär, um auch nur ihren Namen vor das größere
Publikum zu bringen. Ganz abgeschlossen steht der „Bremer Kir¬
chenbote66 da, ein pietistisch-asketisches Blatt, von drei Predigern
redigiert, wofür zuweilen Krummacher, der bekannte Parabel-
10 dichter, Beiträge liefert. Das Blatt eifert so sehr, daß die Zensur
häufig einschreiten muß, was bei dem Anklang, den seine Tendenz
höhern Orts findet, gewiß nur im Notfälle geschieht. Es polemi¬
siert fortwährend gegen Hegel, den „Vater des modernen Pan¬
theismus66, und „seinen Schüler, den eiskalten Strauß66, wie gegen
15 jeden Rationalisten, der sich zehn Meilen in der Runde blicken
läßt. — Nächstens etwas über Bremerhafen und über die sozialen
Zustände Bremens.
F. 0.
Bei Immermanns Tod
[Morgenblatt für gebildete Leser
10. Okt. 1840. Nr. 243, p. 969-970]
Wir saßen in des Lagers schönstem Zelt,
Zu span’schem Weine singend deutsche Lieder; 5
Schon sank die Nacht, und heller ward das Feld,
Und unsre überwachten Augen müder;
Da fiel der Morgensonne erster Schein
In’s Zelt auf unsre leeren Xeresflaschen:
Wir müssen früh zur Stelle wieder sein, 10
Wohlauf, besteigt die Rosse nun, die raschen!
Wir jagten heim. Welch seliges Gefühl
Nach der vertobten Nacht am frischen Morgen!
Noch klingt Gesang im Ohr und Saitenspiel,
Noch ferne sind des Tages Müh und Sorgen; 15
Das Dunkel schwand, das heil’ge Licht umschwebt
So Fluß wie Baum und taugetränkte Fluren;
Zum reinen Blau des Himmels fröhlich hebt
Das Auge sich und folgt der Sonne Spuren.
Wir sind daheim. Die Rosse liefen gut; 20
Ich steh’ an trüber Werkeltages Schwelle;
Die Zeitung her, auf daß ich frischen Mut
Mir trinke aus des Völkerlebens Quelle! —
Was Russen, Briten, ew’ge Türkennot!
Wo find’ ich, was in Deutschland ist geschehen? 20
Ha dort — ihr Augen, wacht ihr wirklich? tot?
Mein Immermann, auch du willst von uns gehen?
Du trotzig Herz, erfüllt von edlem Zorn,
Mußt grade jetzt du gehn zum ew’gen Schweigen,
Nun wir erkannt die Rose, trotz dem Dorn, 30
Und uns in Demut deinem Geiste neigen?
Nun du, wie Schiller, kaum dein Volk mit Lust
Gesehn an deinem Dichtermunde hangen,
Und nun die Liebe deiner stolzen Brust
Mit neuen Strahlen herrlich auf gegangen? 35
Bei Immermanns Tod
127
Stets warst du in der deutschen Dichtung Hain
Ein Klausner, fern von der Genossen Toben
Hast du in deiner Einsamkeit am Rhein
Manch zart Gebilde deinem Volk gewoben.
5 Dich stört’ der Menschen Schwatzen nimmermehr
In deines Gartens blumenreichem Hage;
Von dir verklang bei ihnen bald die Mähr,
Und lebend wardst du fast zu einer Sage.
Denn jene Menge, die nicht fassen kann,
10 Was da vermag den Dichter zu erregen,
Was kümmert sie der ernste, stumme Mann,
Der fern bleibt ihren abgetretnen Wegen?
Du aber, der du nun gestorben bist,
Du wolltest einsam mit dir selber ringen,
15 In deiner eignen Brust den herben Zwist,
Mit dem du aufgewachsen, zu bezwingen.
So hast du sinnend denn die lange Nacht,
Die unsre deutsche Dichtung hielt in Banden,
Im Kampfe mit dir selber durchgewacht,
2o Bis sonnenhell der Morgen auf erstanden.
Und als ob deinem moosbewachsnen Haus
Des Juli wilde Donner nun verklangen,
Da sandest du die Epigonen aus,
Ein Grablied dem Geschlechte, das vergangen.
25 Du aber sahst das kommende Geschlecht,
Dem in der Brust der Jugend Feuer lodert,
Das dir mit lautem Ruf dein Dichterrecht
Und deinen vollen Lorbeerkranz gefodert.
Du sahst uns deinem Haus voll Ehrfurcht nahn,
so Du sahst uns sitzen still zu deinen Füßen,
Wie wir in dein begeistert Auge sahn,
Und hörten deiner Dichtung rauschend Fließen.
Und jetzt, nun du zum Volk zurückgeführt,
Das dich vergaß, mit Jubelruf und Freuden,
35 Mit den verdienten Kränzen reich geziert,
Mein Immermann, jetzt mußt du von uns scheiden?
Fahr wohl! Gar wenig deinesgleichen nur
Gehn dichtend unter uns auf deutscher Erden!
Ich aber ging an’s Tagewerk und schwur,
40 So stark und fest und deutsch, wie du, zu werden.
Friedrich Oswald
Bremen
Bremen, September
Rationalismus und Pietismus
[Morgenblatt für gebildete Leser
17. Okt. 1840. Nr. 249, p. 996] 5
Endlich einmal wieder ein Stoff, der über das Geklatsch der
Teegesellschaften hinausgeht, der das ganze Publikum unseres
Freistaates aufregt, so daß jeder für oder gegen Partei nimmt, und
der auch dem Ernsteren zu denken gibt. Das Gewitter am Himmel
der Zeit hat auch in Bremen eingeschlagen, der Kampf um freiere 10
oder beschränktere Auffassung des Christentums hat auch hier,
in der Hauptstadt des norddeutschen Buchstabenglaubens, sich
entzündet, die Stimmen, die sich jüngst in Hamburg, Kassel und
Magdeburg erhoben, haben in Bremen ein Echo gefunden. —
Der Verlauf der Sadie ist kurz folgender: Pastor F. W. Krum-15
mâcher, der Papst der Wuppertaler Kalvinisten, der Sankt
Michael der Prädestinationslehre, besuchte seine Eltern hier und
predigte zweimal für seinen Vater in der St. Ansgariuskirche. Die
erste Predigt behandelte sein Lieblingsschauspiel, das jüngste Ge¬
richt, die zweite eine anathematisierende Stelle des Galater- 20
briefes; beide waren mit der flammenden Beredsamkeit, mit der
poetischen, wenn auch nicht immer gewählten Bilderpracht ge¬
schrieben, die man an diesem reichbegabten Kanzelredner kennt;
beide aber, und namentlich die letzte, sprühen von Verfluchungen
Andersdenkender, wie sie von einem so schroffen Mystiker nicht 25
anders erwartet werden können. Die Kanzel wurde der Präsiden¬
tenstuhl eines Inquisitionsgerichts, von dem der ewige Fluch auf
alle theologischen Richtungen gewälzt wurde, die der Inquisitor
kannte und nicht kannte; jeder, der den krassen Mystizismus nicht
für das absolute Christentum hält, wurde dem Teufel übergeben. 30
Und dabei wußte sich Krummacher mit einer Sophistik, die selt¬
sam naiv herauskam, immer hinter den Apostel Paulus zurück¬
zuziehen. „Ich bin es ja nicht, der da flucht, nein! Kinder, be¬
sinnt euch doch, es ist ja der Apostel Paulus, der da verdammt!“
— Das Schlimmste bei der Sache war, daß der Apostel griechisch 35
schrieb, und die Gelehrten sich über die bestimmte Bedeutung
einiger seiner Ausdrücke noch nicht haben verständigen können.
Zu diesen dubiosen Wörtern gehört denn auch das an dieser Stelle
Rationalismus und Pietismus. Schiffahrtsprojekt. Theater. Manöver 129
gebrauchte Anathema, dem Krummacher hier ohne weiteres die
schärfste Bedeutung, als einer Anwünschung der ewigen Ver¬
dammnis, beigelegt hatte. Pastor Paniel, der Hauptvertreter des
Rationalismus auf jener Kanzel, hatte das Unglück, dieses Wort
5 in milderem Sinne zu fassen, und überhaupt ein Feind der Krum-
macherschen Anschauungsweise zu sein; er hielt darum Kontro-
verspredigten. Man mag über seine Gesinnungen denken, wie man
will, so wird sich doch gegen sein Benehmen kein gegründeter
Tadel beibringen lassen. Krummacher wird nicht leugnen können,
10 daß er bei der Abfassung seiner Predigten nicht nur an die ratio¬
nalistische Mehrzahl der Gemeine, sondern auch speziell an Pa¬
niel gedacht hat; er wird nicht leugnen können, daß es unrecht ist,
als Gastprediger eine Gemeine gegen ihre angestellten Seel¬
sorger einnehmen zu wollen; er wird zugeben müssen, daß auf
15 einen groben Klotz ein grober Keil gehört. Was sollte hier alles
Schelten auf Voltaire und Rousseau, vor denen sich in Bremen
auch der ärgste Rationalist wie vor dem Teufel fürchtet, was
alles Verfluchen der spekulativen Theologie, über die sein ganzes
Auditorium mit zwei oder drei Ausnahmen ebensowenig urteils-
2o fähig war wie er, was sollte das anders, als die sehr bestimmte, ja
persönliche Tendenz der Predigten bemänteln? — Panieis
Kontroverspredigten wurden nun im Geiste des Paulusschen Ra¬
tionalismus gehalten, und leiden trotz ihrer belobten gründlichen
Disponierung und ihres rhetorischen Pathos an allen Fehlern die-
25 ser Richtung. Da ist alles unbestimmt und phrasenhaft; der hie
und da angebrachte poetische Schwung gleicht dem Arbeiten einer
Spinnmaschine, die Behandlung desTextes einem homöopathischen
Aufguß; Krummacher hat in drei Sätzen mehr Originalität, als
sein Gegner in allen drei Predigten. — Eine Stunde von Bremen
3o lebt ein pietistischer Landpastor, der seinen Bauern so sehr über¬
legen ist, daß er angefangen hat, sich für einen großen Theologen
und Sprachkundigen zu halten. Er gab gegen Paniel einen Trak¬
tat heraus, in dem er den ganzen Apparat eines philologischen
Theologen aus dem vorigen Jahrhundert spielen ließ. In einer
35 anonymen Schrift wurde dem guten Landpfarrer sein wissen¬
schaftlicher Star auf sehr empfindliche Weise gestochen. Mit
ebensoviel Geist als Gelehrsamkeit wies der Anonymus, in dem
man einen, in meinem vorigen Bericht mehrfach erwähnten, ver¬
dienten Gelehrten unserer Stadt entdecken will, dem weisen „Got-
40 tes Wort vom Lande66 alle die Verkehrtheiten nach, die er sich
mühsam aus längst antiquierten Handbüchern zusammengesucht
hatte. Krummacher ließ eine „theologische Replik66 gegen Pa¬
nieis Kontroverspredigten ergehen, worin er seine ganze Persön¬
lichkeit unverhohlen angriff, und zwar auf eine Weise, die den
45 seinem Gegner gemachten Vorwurf des Schmähens paralysiert.
Marx-Engels-Gesamtausgabe, I. Abt., Bd. 2. 9
130
Bremen 1838—1841
Aus dem Morgenblatt f. gebild. Leser
So geschickt diese Replik die schwachen Seiten des Rationalis¬
mus und namentlich des Gegners zu fassen weiß, so ungeschickt
benimmt sich Krummacher bei dem versuchten Umsturz der Pa-
nielschen Exegese. Das Tüchtigste, was vom pietistischen Stand¬
punkt aus in dieser Streitsache geschrieben wurde, war die Bro- <5
schüre des benachbarten Predigers Schlichthorst, worin auf
ruhige, leidenschaftslose Weise der Rationalismus, und gerade
der des Pastors Paniel, auf seine Basis, die Kantsche Philosophie
zurückgeführt, und ihm die Frage gestellt wurde: warum seid ihr
nicht so ehrlich, zu gestehen, daß nicht die Bibel der Grund eures io
Glaubens ist, sondern die Exegese derselben im Sinne der Kant-
schen Philosophie, wie sie Paulus aufbrachte? — Eine neue
Schrift von Paniel wird dieser Tage die Presse verlassen. Wie
diese auch ausfalle, er hat den alten Sauerteig aufgerüttelt, er hat
die Bremer, die an alles glaubten, nur nicht an sich selbst, an ihre
eigene Vernunft gewiesen, und der Pietismus, der es bisher für
eine Schickung Gottes ansah, daß seine Gegner in so viele Parteien
unter sich selbst zerfielen, spüre nun auch einmal, daß wir alle
zusammenhalten, wo es den Kampf gegen die Finsternis gilt.
Schiffahrtsprojekt. Theater. Manöver 20
[Morgenblatt für gebildete Leser
19. Okt. 1840. Nr. 250, p. 1000]
Man geht hier jetzt mit einem Plane um, dessen Ausführung
von den wichtigsten Folgen, und nicht allein für Bremen, sein
würde. Ein hiesiger geachteter junger Kaufmann ist vor kurzem 25
von London zurückgekehrt, wo er sich über die Einrichtung des
Dampfschiffes Archimedes, das bekanntlich auf eine neuerfun¬
dene Art, durch eine archimedische Schraube in Bewegung gesetzt
wird, genau unterrichtet hat. Er machte die Probefahrt dieses
Schiffes, das es an Schnelligkeit den auf die gewöhnliche Art ein- so
gerichteten Dampfbooten bedeutend zuvortut, um ganz Gro߬
britannien und Irland mit, und geht jetzt damit um, die neue Er¬
findung bei einem projektierten Dampfschiffe anzuwenden, das
eine rasche und beständige Kommunikation zwischen New-York
und Bremen vermitteln soll. Das leere Schiff, das sogenannte 35
Casco, will unser erster Schiffsbaumeister für seine eigene Rech¬
nung bauen, wogegen die Kosten der Maschine etc. durch Aktien
aufgebracht werden sollen. Die Wichtigkeit eines solchen Unter¬
nehmens fühlt jeder; obgleich einzelne unserer Segelschiffe in
der unbegreiflich kurzen Zeit von 25 Tagen die Strecke von Balti- 40
more bis hieher machen, so hängt diese Schnelligkeit doch stets
vom Winde ab, der eine solche Reise auch auf das Dreifache ver-
Rationalismus und Pietismus. Schiffahrtsprojekt. Theater. Manöver 131
längem kann, und ein Dampf boot, das für den Fall des günstigen
Windes auch zum Segeln eingerichtet ist, würde ohne Zweifel von
einem Hafen der vereinigten Staaten bis Bremen nur 11—18 Tage
brauchen. Ist dann einmal der Anfang einer Dampfpaketfahrt
5 zwischen Deutschland und dem amerikanischen Kontinente ge¬
macht, so wird die neue Einrichtung ohne Zweifel bald ausgebil¬
det und von den größten Folgen für die Verbindung beider Länder
werden. Die Zeit wird nicht lange mehr auf sich warten lassen,
wo man aus jedem Teile Deutschlands in vierzehn Tagen New-
io York erreichen, von dort aus in vierzehn Tagen die Sehenswürdig¬
keiten der vereinigten Staaten beschauen und in vierzehn Tagen
wieder zu Hause sein kann. Ein paar Eisenbahnen, ein paar
Dampfschiffe, und die Sache ist fertig; seit Kant die Kategorien
Raum und Zeit von der Anschauung des denkenden Geistes abge-
15 löst hat, strebt die Menschheit mit Gewalt dahin, sich auch ma¬
teriell von diesen Beschränkungen zu emanzipieren. — Auf un¬
serm Theater herrschte kürzlich ein niegekanntes Leben. Unsere
Bühne steht gewöhnlich ganz außer der Gesellschaft, die Abon¬
nenten bezahlen ihren Beitrag und gehen dann und wann hin,
20 wenn sie nichts besseres zu tun haben. Jetzt kam Seydelmann, und
Schauspieler und Publikum gerieten in einen Eifer, dessen wir
in Bremen nicht gewohnt sind. Mag noch soviel über den Verfall
des rezitierenden Schauspiels durch die Übermacht der Oper ge¬
klagt werden, mögen selbst Schiller und Goethe leere Häuser fin-
25 den, während sich zu dem Gedudel eines Donizetti und Merca¬
dante alles drängt; solange das rezitierende Schauspiel in seinem
tüchtigsten Vertreter noch einen solchen Triumph erringen kann,
solange ist unsere Bühne von ihrer Erschlaffung noch heilbar. Wir
sahen Seydelmann, außer in einigen Kotzebueschen und Raupach-
30 sehen Stücken, namentlich als Shylock, Mephistopheles und Phi¬
lipp (Don Carlos). Es hieße Wasser ins Meer tragen, wollte ich
mich über seine bekannte Auffassung dieser Rollen des breitem
auslassen. — Ein Miniaturbild des Lagers bei Heilbronn bieten
uns die auf dem angrenzenden Teile des oldenburgischen Gebiets
35 eben ausgeführten Manövers der oldenburgisch-hanseatischen Bri¬
gade. Bei der fingierten Einnahme eines Fleckens sollen unsere
Truppen sich so tapfer gehalten haben, daß das starke Geschütz¬
feuer sämtliche Fensterscheiben zersprengte. Die Bremer sind
froh, daß sie wieder einen neuen Vergnügungsort haben, und
40 ziehen in Scharen hinaus, sich den Spaß anzusehen, während ihre
Söhne und Brüder die Wachen beziehen, und bei Wein und Gesang
dort die lustigsten Nächte ihres Lebens zubringen.
F. 0.
9*
Der Ratsherr von Bremen
Eine Volkssage.
[Morgenblatt für gebildete Leser 23.-26. Dez. 1840.
Nr. 306-309, p. 1221 sq., 1226 sq., 1230 sq., 1233 sq.]
Es war im Sommer des Jahres 1749, als in der freien Reichs- 5
stadt Bremen in dem Hause des Ratsherrn Sebaldus Beerlein die
Familie beisammensaß und sich auf gewohnte Weise die Abend¬
stunde von acht bis neun mit Gesprächen und einfachen kleinen
Spielen der jüngeren Genossenschaft verkürzte. Die Familie be¬
fand sich in dem geräumigen Gemach, das nach der Sitte da- 10
maliger Zeit mit geschnitztem Holzwerk belegt und hier und da
mit nicht wertlosen Ölgemälden, die der Vater des Herm Sebald
auf seinen Reisen in Holland eingekauft, verziert war. Die alte
Großmutter des Ratsherrn saß in einem Armstuhl von gepreßtem
Leder, mit Goldblumen geziert, auf erhöhter Fensterstufe und 15
blickte, wie sie es gewohnt war, in das Abendrot hinein, wie es
über die Dächer hereinschimmerte und die Spitzen der fernen
Kirchen erhellte. Sie murmelte dabei für sich ein altes Kirchen¬
lied von Paul Gerhardt, das von der Ruhe der Frommen nach dem
Tode handelt und diejenigen glücklich preist, die in der letzten 20
Erdennot gut bestanden und alles Weh der Zeitlichkeit nun weit
hinter sich haben. Sie zählte achtzig Jahre, und somit hatte sie
wohl Grund genug, ein solches Lied zu singen. Catharine Beer¬
lein, die Ratsherrin, eine geborene Ruhbergin, von dem reichs-
stiftlichen Geschlechte derer von Ruhberg aus Hildesheim, eine 25
stattliche, noch junge Dame, saß nicht weit vom Fenster ab an
einem kleinen Tischchen und spielte mit ihrem Vetter, dem Rats¬
kopisten Ruhberg, einem noch fast knabenhaften jungen Men¬
schen, eine Partie Landsknecht. Sie verwechselte im Dämmer¬
licht die Karten, der Jüngling benutzte dieses und betrog ab- 30
sichtlich seine Muhme, und diese verwies ihm seine losen
Streiche mit lauten Scheltworten und lachendem Gezänk. Eine
Gruppe Kinder saß in der Mitte der Stube beisammen, und die
kleine Sigismunde, die älteste Tochter, ein Mädchen von zwölf
Jahren, erzählte ihren Geschwistern mit leisen, heimlichen Tönen 35
ein langes Märchen, das mit lautloser Neugier angehört wurde.
Theobald Ahlwert, ein alter treuer Diener des Hauses, stand an
der Ofenecke und überrechnete still für sich die heutige Einnahme
Der Ratsherr von Bremen
133
eines kleinen Kramladens, den seine Frau hielt, und, wie er zu
vermuten Ursache hatte, nicht zum besten hielt. So war jedes
Mitglied der kleinen Familie auf seine Weise beschäftigt und
kümmerte sich nicht um das Treiben des andern.
5 Herr Sebaldus Beerlein selbst saß auf dem Kanapee, und die
eine Hand in die Westentasche gesteckt, auf die andere den Kopf
gestützt, blickte er in die Dämmerung vor sich hin, freute sich
der lachenden Stimme seiner Frau, der leise flüsternden Töne
seines Kindes, und richtete von Zeit zu Zeit seinen Blick auf die
10 dunkle Gestalt der Großmutter, wie ihr zitterndes Haupt und ihre
edlen, scharf geformt en Züge sich gegen den Abendhimmel ab¬
zeichneten. Solche Augenblicke haben für einen Familienvater
großen Wert. Er überdenkt dann sein früheres Leben, er zählt
die Schätze an Glück und Frieden, die ihm geworden, und für
15 die Zukunft macht er Pläne, alles, was er Liebes hat, zu erhalten,
wo nicht noch zu vermehren.
Die Glocke des nahen Turms schlug jetzt die neunte Stunde.
Sowie die letzten Töne verhallt waren, stand der Ratsherr auf,
nahm seinen Hut und Stock und schritt eilig zur Türe hinaus.
20 „Sebald!“ rief ihm die Frau nach, „gehst du ins Comptoir und
willst du, daß man Licht hinunterbringe?“ Der Ratsherr ant¬
wortete nicht, man hörte ihn die Treppe hinabsteigen und bald
darauf die schwere Haustür hinter ihm zufallen. — „Wo geht er
hin?“ fragte die Großmutter. „Ich weiß es wahrhaftig nicht,“ ent-
25 gegnete die Tochter. „Er wollte den Abend mit uns zubringen. Es
muß ihm plötzlich etwas eingefallen sein.“ Die Alte schüttelte das
Haupt, erwiderte aber nichts. Es wurde Licht gebracht, die kleine
Familie setzte sich am runden Tisch zusammen; Catharine stellte
einen Teller mit Nüssen und Backwerk auf ; die Großmutter be-
30 kam ihr Näpfchen von bemaltem Steingut mit der Abendsuppe.
Der Platz für den Hausherrn blieb leer, denn jedermann war der
festen Überzeugung, daß er gleich wieder in die Stube treten
werde; aber er kam nicht. Es schlug ein Viertel vom Turme, dann
halb, dreiviertel und endlich zehn Uhr, und er war noch nicht da.
35 Theobald ward ausgesandt, bei dem Weinhändler gegenüber an¬
zufragen, ob vielleicht der Ratsherr in dessen Stube sich eingefun¬
den, und ob ein paar Freunde ihn dort aufgehalten. Theobald
kam wieder und versicherte, der Weinhändler habe den Herrn
nicht gesehen. Catharine scherzte nun über dieses eilige Hinweg-
4o gehen ihres Eheherrn, aber niemand wollte in diese Munterkeit
einstimmen, besonders weil die alte Großmutter ein so ernsthaftes
Gesicht machte. Sie hatte sich seit einigen Tagen unwohl gefühlt
und sagte jetzt: „Es ist nicht recht, daß er so fortgeht; ich muß
jeden Augenblick gewärtig sein, abgerufen zu werden, und leid
45 täte es mir, wenn ich ihn nicht mehr sehen sollte.“ Catharine
134
Bremen 1838—1841
Aus dem Morgenblatt f. gebild. Leser
schalt wegen dieser Äußerung auf die Großmutter und verwies
ihr solch böse Reden. Die Alte hielt ihr Abendgebet und ließ sich
dann von Catharine in ihr Schlaf gemach führen. Die Kinder wur¬
den ebenfalls zu Bette gebracht, der junge Ruhberg empfahl sich,
Catharine blieb in der Stube allein wach und setzte sich mit ihrer 5
Arbeit zum Licht, entschlossen, nicht früher zur Ruhe zu gehen,
als bis ihr Mann zurückgekehrt.
Es schlug elf, es schlug zwölf, und kein Schritt draußen ließ
sich hören. Die Straßen waren stille und ausgestorben, in einer
entfernten Gasse blies der Wächter, und aus dem verhängten Fen-10
ster einer Erkerstube klang der leise Gesang der Wächterinnen,
die bei einer Leiche wachten. Der Nachthimmel war bedeckt und
aus den spärlichen Wolkenrissen blickten Sterne, die Cathari-
nens Auge zählen konnte. Sie stand am Fenster, und jeder an den
nahen Häusern vorbeischleichende Schatten schien ihr der end-15
lieh zurückkehrende Sebald zu sein; aber er war es immer nicht.
Wie sie wieder zum Tisch an die Arbeit zurückkehrte, fühlte sie
eine Mattigkeit und Beängstigung. Sie bedachte jetzt ernstlich, daß
es gar nicht in Sebalds Weise lag, so plötzlich, und ohne ein Wort
zu sagen, fortzugehen und so lange wegzubleiben. Hatte er seinen 20
Entschluß geändert und mußte er den Abend noch einen Gang
machen, so hätte er gewiß ein paar Worte seiner nicht weit von
ihm sitzenden Frau zugeflüstert; nie ging er auch nur auf eine
Stunde weg, ohne daß er Catharinen benachrichtigte und sie bat,
das Abendbrot für ihn aufzuheben, und jetzt blieb er die ganze 25
Nacht fort. Sie überdachte sein Betragen den Tag vorher, und un¬
ruhig, wie sie war, glaubte sie sich zu erinnern, daß es nicht ganz
so wie gewöhnlich gewesen, und dennoch konnte sie, bei noch
schärferem Nachdenken, nichts Bestimmtes angeben. Jeder un¬
bedeutende Zwist wurde von der ängstlichen Frau erwogen; aber 30
dann sprach sie wieder zu sich selbst: „Welch ein Zwist müßte der
gewesen sein, der einen Mann also von seinem Weibe triebe, und
Sebald hatte es nicht in seiner Art, so ernstlich zu grollen/6 Auch
seine Vermögensumstände bedachte Catharine; aber, so viel ihr
bewußt, waren diese geordnet, und wären sie auch noch so zerrüt- #
tet gewesen, der allgemein beliebte und verehrte Ratsherr hätte
doch deshalb nicht in Nacht und Nebel zu verschwinden gebraucht;
dafür hatte er Freunde und reiche, teilnehmende Verwandte.
Über diesen Betrachtungen brach die Morgenstunde an und
Catharine löschte ihre Lampe. So ermüdet sie war, kam doch kein
Schlaf in ihre Augen. Nach und nach wurde das Haus lebendig,
die Türen gingen und im Zimmer der alten Großmutter kündete
der trockene Morgenhusten ihr Erwachen an. Die Kinder kamen
und Catharine verschwieg ihnen und der Alten die Abwesenheit
ihres Mannes. Aber wie lange konnte sie das? Geschäftsleute spra-u
Der Ratsherr von Bremen
135
chen vor, der Ratsdiener kam, Freunde fragten, endlich mußte sie
gestehen, sie wisse nicht, wo ihr Mann sei. Man wartete einen
Tag; dann ging das Gerücht in der Stadt umher, der Ratsherr Beer¬
lein sei spurlos verseh wunden. J etzt wollten einige amU f er desStroms
5 den Hut und den Stock des Mannes gefunden haben, andere spra¬
chen von einem, zur nächtlichen Stunde gehörten Schuß im nahen
Walde, und die Leiche des Selbstmörders sollte von heimlich ge¬
dungenen Köhlern in der Stille des Morgens in die Stadt geführt
worden sein. Noch wunderlichere Gerüchte erzählten, Herr Beer-
10 lein sei mit einer Eskorte über die Grenze geführt worden, um
wegen plötzlich bekannt gewordener Verbrechen im Nachbarlande
seine Strafe zu empfangen. Man kann sich denken, was Catha¬
rine und die Ihrigen bei diesen Reden litten. Immer noch glaubte
die arme verlassene Frau, der Mann werde stündlich, täglich er-
15 scheinen, und immer ward sie getäuscht. Es verging ein Monat,
es vergingen zwei, endlich ein Vierteljahr, und keine Spur von
dem Ratsherrn Beerlein war zu sehen. Die Aufrufe in den Zei¬
tungen fruchteten nichts, ebensowenig die im Geheim unermüd¬
lich angestellten Nachforschungen. Der Mann war und blieb ver-
20 loren, wie unter die Erde gesunken. Niemand hatte ihn aus dem
Tore wandeln sehen, niemand ihn auf der Straße bemerkt;
so genau seine Kleidung, sein Gesicht, seine Figur beschrieben
wurden, nirgends in den naheliegenden Orten war eine solche Ge¬
stalt gesehen worden.
25 Drei Jahre waren vergangen, niemand sprach mehr von dem
verschollenen Ratsherrn, als eines Abends spät, es war wiederum
im Hochsommer, ein Mann an die Türe des Beerleinschen Hauses
klopfte und Einlaß begehrte. Er sah bleich und ermüdet aus. Man
fragte ihn, was er wolle. Der Unbekannte war sichtlich bestürzt
3o über diese Frage. „Wer seid Ihr?“ fragte er dagegen den jungen
Mann, der ihm die Türe geöffnet hatte. „Wie kommt Ihr in mein
Haus?“ — „In Euer Haus?“ rief der Jüngling und maß den Fra¬
genden von Kopf bis zu Fuß. „Ich bin der Kommis der Weinhand¬
lung und dieses Haus gehört dem Herm Van Peters.“ — „Van
35 Peters!“ rief der Fremde. „Was fällt Euch ein, einfältiger Spa߬
vogel! Weiß ich denn nicht, wo die Weinhandlung und wo mein
eigenes Haus ist?“ Mit diesen Worten drängte er ungestüm den
jungen Burschen beiseite und stieg die wohlbekannte Treppe hin¬
auf. Er ging über den Gang; dieser war mit unbekannten Möbeln
40 und Gemälden versehen; er wollte die Stubentür öffnen, da schallte
ihm lautes, schallendes Gelächter, Gläserklang und rauhe, strei¬
tende Stimmen entgegen. „Ist es möglich!“ rief er bei sich, „hat
Catharine Gäste? und noch dazu so ungebührlich laute?“
Leise öffnete er die Tür und sah schaudernd eine Reihe trun-
45 kener Gesichter um einen Wirtstisch geschart. Im Zimmer sah es
136
Bremen 1838—1841
Aus dem Morgenblatt f. gebild. Leser
wüste aus, und Tabaksqualm erfüllte den sonst so behaglichen,
reinlichen, zierlich geputzten Raum. Das Täfelwerk war beschä¬
digt und hie und da von der Wand abgelöst, der Stuhl am Fenster,
wo die Großmutter zu sitzen pflegte, war von einem dickbauchigen
Schläfer eingenommen. Aber die Abendsonne schien wie damals 5
durch die Scheiben und ihr goldener Schein schnitt dem armen,
wiedergekehrten Ratsherrn wie mit scharfen Schwertern ins Herz.
Er stand auf der Schwelle seines lieben Zimmers, er suchte die
teuem Gestalten, die er vor einer Stunde hier verlassen, und alles
war schreckenvoll umgewandelt, wie in einem ängstlichen, wahn- io
sinnigen Traum. Der Arme rieb sich die Stirne, er schloß die
Augen, öffnete sie wieder und schwankte wie einer, den die Be¬
sinnung zu verlassen droht. Die Gäste wurden seiner ansichtig
und spotteten des bleichen Mannes, der, in das Wirtshaus kom¬
mend, schon betrunken schien. Da schrie auf einmal des Wirts is
laute Stimme dazwischen: „Herr Jesus, das ist ja der verschollene
Ratsherr!“
Dieser Ausruf packte mit panischem Schrecken die Gäste, sie
setzten schnell ihre Gläser hin und starrten zur Türe, wie auf ein
Gespenst. Niemand erwiderte den Gruß des Mannes, der nun still 20
kam und sich auf die Ecke der Bank hinsetzte. Die andern rück¬
ten von ihm weg, der Wirt allein machte sich an ihn. „Herr Rats¬
herr,“ rief er, „wo seid Ihr gewesen? Man hat Euch drei Jahre
vergeblich gesucht.“ — „Drei Jahre!“ wiederholte Beerlein und
sah starr den Wirt an. — „Dieses Haus,“ fuhr jener fort, „ist nicht 25
mehr Euer; Eure Witwe, oder Eure Frau, wollt’ ich sagen — ver¬
gebt, ich spreche zu Euch, wie zu einem Toten — hat im zweiten
Jahr, da Ihr nicht kamt, das Haus mir verkauft und wohnt jetzt in
einem kleinen Städtchen in der Nachbarschaft.“ — „Meine Gro߬
mutter?“ fragte Herr Beerlein. — „Sie starb wenige Wochen nach 30
Eurem Verschwinden.“ — „Meine Kinder?“ — „Sind tot; eine
Seuche, die im vorigen Jahre in unserer guten Stadt wütete, hat sie
dahingerafft.“
Bei diesen Antworten sank des armen Ratsherrn Haupt immer
tiefer, er gab keinen Laut des Schreckens oder des Schmerzes von 35
sich, aber sein ganzes Wesen drückte ein geheimnisvolles, unend¬
liches Leid aus. So ging er still aus der Stube, wie er gekommen
war. Der Wirt folgte ihm, faßte ihn an der Treppe und fragte ihn
laut und schneidend: „Wo seid Ihr gewesen, Nachbar?“ — „Fragt
mich nicht,“ erwiderte der Arme; „Gott hat mich in ein wunder- 40
voll Gericht geführt. Ich fühle, daß ich sterben werde.“ — Mit
diesen Worten fiel er in eine tiefe Ohnmacht. Man sorgte dafür,
daß er zu seinem Weibe gebracht wurde, und man kann sich
Catharinens Schrecken und Freude denken, als sie den Verlorenen
so heimkehren sah. Sie empfing ihn in ihren Witwenkleidern, die 45
Der Ratsherr von Bremen
137
sie dann sogleich ablegte, um sie wenige Wochen darauf, diesmal
mit vollem Rechte, wieder anzulegen. Denn Herr Sebaldus Beer¬
lein verschied, wie er es vorhergesagt hatte, eines sanften Todes.
Vorher jedoch vertraute er seinem Seelsorger die seltsame Ge-
5 schichte seines Verschollenseins, und die Familie bewahrt noch
diese Urkunde auf. Sie ist beglaubigt und unterschrieben von vie¬
len damals lebenden Zeugen, die den Ratsherrn hatten verschwin¬
den und wiederkommen sehen, und die Gerichte haben ihre Siegel
darunter gesetzt. Der wesentliche Inhalt der Schrift ist folgender.
10 Am Sonntage Trinitatis des Jahrs 1749, so erzählt der Rats¬
herr in dem eben angeführten Bekenntnisse, abends zwischen acht
und neun Uhr saß ich ruhig und in den freudigsten Gedanken
über meine Familie, die sich um mich versammelt hatte, als ich
deutlich ein Klopfen an der Türe hörte. Ich achtete dessen nicht,
15 und meinte, Ahlwert, mein Diener, der sich dicht an der Türe be¬
fand, werde schon öffnen, oder der Anklopfende werde, wenn
man sein Zeichen nicht beachte, selbst hereintreten. Aber es ge¬
schah nicht; statt dessen klopfte es jetzt dreimal hintereinander
sehr stark. Mich wunderte, daß niemand im Zimmer dies laute
2o Pochen zu hören schien; alle blieben ruhig an ihren Plätzen. Plötz¬
lich war es mir, als spräche zu mir eine Stimme: „Steh auf, nimm
Hut und Stock und folge.“ Ich beschwichtigte diese seltsame
innere Aufforderung und blieb sitzen, allein eine Beklemmung,
eine Bangigkeit ergriff mich jetzt, wie in der schwersten Krank-
25 heit; es ward mit diesem peinlichen Gefühl so arg, daß ich nicht
anders konnte, ich mußte Stock und Hut nehmen und zur Tür hin¬
ausgehen.
Als ich im Gange stand, erblickte ich einen Mann neben mir,
der mich mit festem Blick ansah, und wiederum tönten die Worte
3o in mein Ohr: „Komm, folge mir.“ Ich kannte den Mann nicht
und wußte nicht, was er von mir wollte; ich fühlte aber, daß er
von dem Augenblick, wo ich die Schwelle meines Zimmers über¬
schritten, Macht über mich hatte, und ich folgte. Wir stiegen die
Hintertreppe hinab und gingen durch einen Gang am Nachbar-
35 hause, von dessen Dasein ich nie früher etwas gewußt habe. Es
war ein gewölbter Gang, und so viel ich mich besinne, standen
Tonnen und leere Warenbehälter an den dunkeln Wänden auf¬
gehäuft. Er wurde enger und enger, und zuletzt war ich genötigt,
gebückt einherzuschreiten, meinem Führer nach, der immer ge-
40 rade vor mir herging. Wir gelangten an ein dunkles Gewässer,
das ich für einen bedeckten Kanal hielt; das Wasser floß aber un¬
heimlich und finster; die zwei Bretter, die zur Brücke dienten,
waren baufällig und schwankten stark, als ich darüber schritt;
mein Führer jedoch ging leicht wie eine Feder und völlig geräusch-
45 los über diesen gefährlichen Steg.
138
Bremen 1838—1841
Aus dem Morgenblatt f. gebild. Leser
Endlich kamen wir ins Freie und ich sah den gestirnten Him¬
mel über uns. Im Westen verglühte noch die Abendröte, und ich
besinne mich, als ich umschaute, noch den Turm unserer Haupt¬
kirche deutlich gesehen zu haben ; alles andere war wie in einen
Nebel gehüllt. Wir gelangten jetzt auf eine weite, unabsehbare «
Fläche, die mir völlig unbekannt dünkte. Kein Baum, keine Hütte,
selbst kein Weg war zu sehen. Die Erde war wie mit vertrock¬
netem oder versengtem Grase bedeckt, so als hätte vor langer Zeit
eine gewaltige Feuersbrunst hier gewütet. Ich teilte diese Bemer¬
kung meinem Führer mit, indem ich ihn zugleich fragte, wo er io
mich denn hinbringe. Ohne zu antworten, machte er eine stumme
Bewegung, daß wir weiter schreiten sollten. Dies geschah auch;
ohne ein Wort zu wechseln, gingen wir miteinander die Heide¬
fläche entlang. Die Abendröte verschwand gänzlich und ein Nebel
verbreitete sich über den Sternenhimmel, so daß Erde und Hirn- 2«
mel in denselben grauen, bleifarbenen Schimmer gehüllt waren.
Ich kann nicht sagen, wie schauervoll und die Seele bedrückend
diese Einsamkeit war. Wie labend wäre mir auch nur der kleinste
Laut des Lebens gewesen! selbst unsere eigenen Schritte hörten
wir nicht auf dem weichen Boden. Von Zeit zu Zeit wehte ein küh- 20
les Lüftchen über die Fläche, aber es erquickte mich nicht, denn
es führte einen unleidlichen Moderduft mit sich.
Wie wir ungefähr eine halbe Stunde gegangen sein mochten,
erblickte ich ein Haus, das auf der Ebene ganz einsam stand und
dessen Fenster hell erleuchtet waren. Es war in einem Stil auf- 25
geführt, wie man Paläste baut, Säulen trugen das Dach und kost¬
bare Wappenschilder, prächtige Treppen und schöne vergoldete
Statuen zierten den Bau. Mein Gefährte winkte mir, hereinzutreten.
Ich stellte ihm vor, daß ich das Haus und seinen Besitzer nicht
kenne. „Du wirst ihn kennen lernen,“ entgegnete er; „nur hüte w
dich, irgendeine Frage an ihn oder seine Umgebung über das, was
deine Augen sehen werden, zu richten. Stumm, wie du kommst,
geh wieder und zeichne in deinem Gedächtnis auf, was du siehst.“
Mit diesen Worten öffnete er die Türe eines großen, prächtigen
Saals, und ich sah beim Glanze von tausend Kerzen eine geputzte 35
Gesellschaft an den Wänden sitzen, die ihre Blicke auf mich rich¬
tete. Es waren vornehme Herm und wunderschöne Frauen, aber
ich kannte niemanden. Es waren Gesichter, die ich nie in meinem
Leben gesehen. Mein Begleiter, der an der Tür in einer ehrerbie¬
tigen Stellung zurückblieb, winkte mir, mich der Gesellschaft zu 40
nähern. Ich tat es, obwohl scheu, und man erwiderte meinen Gruß
mit einer abgemessenen, aber nicht unfreundlichen Verbeugung;
denn jeder schien mit sich und seinem Nachbar beschäftigt, und
niemand bekümmerte sich weiter um mich. Ich hatte Zeit zu beob¬
achten, und es fiel mir bald auf, daß alle diese schönen Damen an; 45
Der Ratsherr von Bremen
139
ihren wie Alabaster weißen Hälsen kleine rote Schnüre hatten;
die Herm trugen über ihren Halsbinden gleichfalls dieses Zeichen.
Als ich bemerkte, daß man mich frei herumgehen ließ, trat ich
an einen Spieltisch am Fenster und sah den vier ernsthaften Herrn
5 zu, die sich hier vereinigt hatten. Sie sahen kalt und gleichgültig
aus, es lag ihnen wie Schlaf auf den Augen; ihre Kleider waren
auf das Prächtigste mit Gold gestickt und breite Ordensbänder
lagen über der Brust. Auch sie hatten die kleinen roten Bändchen
um den Hals, und noch mehr erschrak ich, als ich sah, daß die
10 Karten, mit denen sie spielten, mit Blutflecken beschmutzt waren.
Schaudernd wendete ich mich ab und trat in ein Nebenzimmer.
Es war noch kostbarer als der Saal dekoriert, mit roten Samttape¬
ten; auf einem Sofa schlummerte ein Mann, sein Haupt war tief
auf die Brust gesenkt, und auch er hatte das rote Bändchen. Wie
15 ich auf den Boden blickte, sah ich mit Schrecken eine Blutspur,
die ins nächste Zimmer leitete. Ich folgte ihr und sah einen zwei¬
ten Saal, in dem aber alles leer und ausgestorben war. Die Lich¬
ter brannten düster und eine Anzahl musikalischer Instrumente,
die in einer Ecke aufgehäuft lagen, zeigten an, daß hier zum Tanz
so auf gespielt worden war, oder werden sollte. Aber kein Musiker
war zu sehen und die tiefste Stille herrschte. Die Hinterwand des
Saals nahm eine Tür von ungeheurer Größe ein; sie war verschlos¬
sen und mit kostbaren vergoldeten Verzierungen umgeben. Die
Blutspuren leiteten hierher; aber so vermessen ich war und so viel
25 Mühe ich mir gab, die Tür zu öffnen, das Schloß wankte und wich
nicht. Ich fürchtete, durch das Geräusch, das ich verursachte, die
Gesellschaft herbeizulocken, deshalb ließ ich von allen weitem
Versuchen ab. Über der Tür war in großen schwarzen Ziffern
1789 angeschrieben. Diese Zahl hat sich mir tief eingeprägt, so
30 wie das verschlossene Gemach und die Blutspur, die sich darin
verlor.
Ich weiß, daß ich über diese Dinge nachdachte und in eine Art
von Betäubung verfiel, so daß ich mich in einem Winkel des Saals
auf einen Stuhl setzte. Wie lange ich gesessen haben mag, weiß
35 ich nicht; als ich aus meinen Grübeleien erwachte, hörte ich eine
Uhr schlagen und zugleich ein lebhaftes Geräusch im Gesell¬
schaftssaale. Schnell erhob ich mich und eilte durch die Gemächer,
um meinen Führer wieder aufzusuchen. Er stand noch da, um
mich zu erwarten. Wir verließen sogleich den Saal und das Haus.
*0 Ich wandelte wieder auf der einsamen Heide und mein Begleiter
ging wieder stumm neben mir. So kamen wir vor die Stadt, wo er
mit einer stummen Gebärde von mir Abschied nahm. Ich fühlte
mich matt und wie im Sterben. Kaum hatte ich Kraft genug, die
Stadt zu erreichen, wo ich mich freute, die wohlbekannten Straßen
45 wieder zu sehen. Als ich wieder Straßenlärm und menschliche
140 Bremen 1838—1841 Aus dem Morgenblatt f. gebild. Leser
Stimmen hörte, war es mir, als würde mein Herz gesund. Das Bild
der gespenstischen Versammlung mit ihren fürchterlichen Anzei¬
chen wich immer mehr aus meiner Seele, aber jene prophetische
Zahl blieb mir beständig vor Augen und wird es auch bleiben, so
lange ich atme; denn es ist nur zu gewiß, daß mich der Herr ein s
wunderbar Gesicht hat schauen lassen.
Diese Bekenntnisse erhielten ihre volle Würdigung, als vier¬
zig Jahre darauf die französische Revolution ausbrach. Es wurde
in jenem Jahre ein Büchlein gedruckt, das den Titel führt: „Wun¬
dersame und wahre Historie von dem verschollenen Ratsherrn zu w
Bremen, wie derselbige durch Gottes besondere Zulassung künf¬
tige Zeitläufte und ihre Werke vorausgesehen/6 — Dieses Büch¬
lein liegt der hier erzählten Sage zugrunde.
Bremen
Bremen, Januar.
Kirchlicher Streit.
[Morgenblatt für gebildete Leser
5 15. Jan. 1841. Nr. 13, p. 51-52]
Mit dem alten Jahre lassen sich die Akten unseres kirchlichen
Streites so ziemlich schließen. Wenigstens haben die jetzt noch zu
erwartenden Streitschriften nicht mehr auf die Teilnahme im
Publikum zu rechnen, deren sich die frühem erfreuten; es wird
io nicht mehr vorkommen, daß mehrere Auflagen in einer Woche
vergriffen werden. Und auf einen solchen Anteil des Volks kommt
es bei dergleichen Streitigkeiten doch hauptsächlich an; ein rein
wissenschaftliches Interesse darf eine Frage nicht ansprechen, die
nur auf dem Boden von wissenschaftlich längst abgefertigten
15 Richtungen Geltung hat. — Pastor Paniel rechtfertigte das ver¬
zögerte Erscheinen seiner Schrift gegen Krummachers „theolo¬
gische Replik66 durch den Umfang derselben. Mit zehn Bogen
rückt er seinem Gegner zu Leibe. In der Vorrede erklärt er, auf
etwaige fernere Angriffe durch eine Geschichte des Pietismus ant-
2o Worten und darin beweisen zu wollen, daß diese Richtung ihre
Quelle im Heidentum habe. Das müßte freilich eine Quelle à la
Arethusa sein, die lange unter der Erde fortgelaufen, ehe sie auf
christlichem Boden zum Vorschein gekommen. Im übrigen übt er
gegen seinen Angreifer das Recht der Retorsion, indem er ihm, ab-
25 gesehen von den Vorwürfen, die dem Pietismus gewöhnlich ge¬
macht werden, fast jedes feindselige Wort gewissenhaft zurück¬
gibt. Auf diese Weise reduziert sich der ganze Kampf am Ende
auf eine Wortklauberei; halbwahre Behauptungen fliegen wie
Spielbälle herüber und hinüber, und es käme in letzter Instanz
30 nur auf eine Begriffsbestimmung an, die denn doch wohl vor dem
Streite hätte aufgestellt werden müssen. In diese Lage wird sich
aber der Rationalismus der Orthodoxie gegenüber immer versetzt
finden. Er hat dies seiner schwankenden Stellung zu danken, in
der er bald als neue Entwicklung des christlichen Geistes, bald als
35 dessen ursprüngliche Form gelten will, und in beiden Fällen die
biblischen Schlagwörter der Orthodoxie — nur mit veränderter
Bedeutung — zu den seinigen macht. Er ist nicht ehrlich gegen
sich selbst und gegen die Bibel; die Begriffe Offenbarung, Er¬
142
Bremen 1838—1841
Aus dem Morgenblatt f. gebild. Leser
lösung, Inspiration haben in seinem Munde eine höchst un¬
bestimmte und schielende Fassung. — Die verstandesmäßige
Trockenheit des Rationalismus hat in Paniel eine seltene Höhe er¬
reicht. Mit einer abschreckenden, mehr Wolf sehen als Kantischen
Logik setzt er seinen höchsten Ruhm darein, alle Gliederungen 5
seines Werks recht grell hervorspringen zu lassen. Seine Ausfüh¬
rungen sind nicht das lebendige Fleisch, mit dem er das logische
Gerippe umkleidet, sie sind in weichlicher Sentimentalität ge¬
tränkte Lappen, die er an den vorragenden Ecken des Kirchen¬
gerüstes zum Trocknen aufhängt. Dann jene wäßrigen Exkurse, 10
an denen man trotz der orthodoxesten Stichwörter den Rationa¬
listen überall erkennt, liebt Paniel ebenfalls sehr; nur weiß er sie
nicht mit der Verstandesdürre zu verschmelzen, und sieht sich oft
genötigt, den schönsten Phrasenstrom durch ein Erstens, Zwei¬
tens und Drittens zu unterbrechen. Es ist aber nichts widerwär-15
tiger, als diese ohnehin geschmacklose Weichlichkeit, wenn sie
systematisch auftritt. Das Interessanteste des ganzen Buchs sind
die Auszüge aus Krummacherschen Schriften, aus denen die krasse
Denkart dieses Mannes in ihrer ganzen Schärfe hervorleuchtet. —
Die Entschiedenheit, mit der der Rationalismus hier auftrat, ver- 2o
anlaßte die Prediger der Gegenpartei zu einer Gesamterklärung,
die in einer Broschüre niedergelegt und von zweiundzwanzig Pre¬
digern unterzeichnet wurde. Sie enthält die Grundsätze der Ortho¬
doxie in zusammenhängender Darstellung und mit halbversteckter
Bezugnahme auf die Tatsachen des schwebenden Streites. Eine 25
beabsichtigte Erklärung der sieben rationalistischen Prediger
unterblieb. Man würde indes sehr irren, wollte man nach dem Ver¬
hältnis der Predigerzahl auch das Verhältnis der Parteien im
Publikum schätzen.
[Morgenblatt für gebildete Leser 30
16. Jan. 1841. Nr. 14, p. 56]
Die große Mehrzahl der pietistischen Prediger wird durch die
Pfarrer des Gebietes gebildet, denen teils ein temporäres Über¬
wiegen ihrer Partei, teils ein gelinder Nepotismus ihre Stellen ver¬
schafft hat. Im Gegenteil halten im Publikum die Rationalisten 35
der Zahl nach den Pietisten wenigstens die Wage, und es fehlte
ihnen nur ein energischer Vertreter, um ihnen das Bewußtsein
ihrer Stellung zu geben. In dieser Hinsicht ist Paniel von un¬
berechenbarem Werte für seine Anhänger; er besitzt Mut, Ent¬
schiedenheit und in mancher Hinsicht auch Gelehrsamkeit genug, 4U
und es fehlt ihm nur an rhetorischem und Schriftstellertalent, um
Bedeutendes zu wirken. Seitdem sind mehrere, meist anonyme
Schriftchen erschienen, die aber alle ohne Einfluß auf die Stim¬
mung des Publikums blieben; vor wenigen Tagen kam ein Bogen
Kirchlicher Streit. Verhältnis zur Literatur. Musik. Plattdeutsch 143
„Unpietistische Reime“ heraus, der seinem Verfasser indes keine
besondere Ehre macht, und nur der Merkwürdigkeit wegen er¬
wähnt werden muß. Vom Hauptstimmführer der Bremischen Pie¬
tisten, dem talentvollen Prediger F. L. Mallet, ist eine Schrift in
5 Aussicht gestellt: „Dr. Paniel und die Bibel“; doch wird auch
diese kaum auf Beachtung von Seiten der Gegenpartei rechnen
dürfen, und so kann man den Kampf für beendigt annehmen, und
die Tatsachen als abgeschlossen unter einem allgemeinen Gesichts¬
punkte zusammenfassen. — Man muß gestehen, daß der Pietis-
10 mus sich diesmal mit mehr Geschicklichkeit benommen hat als
sein Gegner. Er hatte übrigens auch manches voraus gegen den
Rationalismus, eine zweitausendjährige Autorität, und eine, wenn
auch einseitige, wissenschaftliche Ausbildung durch die neuem
orthodoxen und halborthodoxen Theologen, während der Rationa¬
le lismus in seiner schönsten Entwicklung zwischen zwei Feuer ge¬
nommen, von Tholuck und Hegel zugleich angegriffen wurde. Der
Rationalismus ist nie klar gewesen über seine Stellung zur Bibel;
die unglückliche Halbheit, die anfangs entschieden offenbarungs-
gläubig erschien, aber bei weitern Konsequenzen die Göttlichkeit
2o der Bibel so restringierte, daß fast nichts davon übrig blieb, dieses
Schwanken setzt den Rationalismus jedesmal in Nachteil, sobald
es sich um biblische Begründung von Lehrsätzen handelt. Warum
die Vernunft preisen, und doch keine Autonomie proklamieren?
Denn wo von beiden Seiten die Bibel als gemeinsame Basis aner-
25 kannt wird, da hat der Pietismus immer Recht. Aber außerdem
war auf Seiten des Pietismus diesmal auch das Talent. Ein Krum¬
macher wird im einzelnen manche Geschmacklosigkeit vorbrin¬
gen, nie aber sich ganze Seiten lang in so nichtssagenden Redens¬
arten umdrehen können, wie Paniel tut. Das Beste, was von ratio-
3o nalistischer Seite geschrieben wurde, waren „die Verfluchungen“,
als deren Verfasser sich W. E. W e b e r bekannte. G. Schwab sagte
einmal von Strauß, er zeichne sich vor dem großen Haufen der
Gegner des Positiven durch einen empfänglichen Sinn für das
Schöne in jeder Gestaltung aus. Durch dieselbe Bezeichnung
35- möchte ich Weber aus dem rationalistischen Vulgus hervorheben.
Er hat durch eine seltene Kenntnis der griechischen und deutschen
Klassiker seinen Horizont erweitert, und kann man auch seinen
Behauptungen, namentlich den dogmatischen, nicht immer bei¬
stimmen, so muß die freie Gesinnung und die edle, kräftige Dik-
40 tion doch stets Anerkennung finden. Einer kürzlich erschienenen
Gegenschrift gehen alle diese Eigenschaften ab. Eine eben hier
ankommende Schrift: Paulus in Bremen, ist nicht ohne Witz ge¬
schrieben und enthält pikante Seitenhiebe auf politische und
soziale Zustände Bremens, schließt aber ebensowenig etwas ab,
45 als die bereits erwähnten. — Für Bremen speziell war dieser Streit
144
Bremen 1838—1841
Aus dem Morgenblatt f. gebild. Leser
von großer Bedeutung. Die Parteien standen sich gedankenlos
gegenüber, ohne daß es weiter als zu kleinlichen Häkeleien kam.
Der Pietismus ging seinen eigenen Zwecken nach, während der
Rationalismus sich um ihn nicht kümmerte und eben deshalb
manche schiefe Vorstellung von ihm hatte. Im Ministerium, das 5
heißt der gesetzlichen Versammlung aller reformierten und unier¬
ten Prediger der Stadt war bisher der Rationalismus nur durch
zwei, und noch dazu sehr schüchterne Mitglieder vertreten; Paniel
trat gleich nach seiner Ankunft entschiedener auf, und man hörte
schon von Mißhelligkeiten im Ministerium. Jetzt, seitdem durch 10
Krummacher der Streit angefacht wurde, weiß jede Partei, woran
sie ist. Der Pietismus wußte längst, daß sein Autoritätsprinzip
mit der Basis des Rationalismus, der Vernunft, nicht in Überein¬
stimmung zu bringen war, und sah in dieser Richtung schon bei
ihrem Emporkeimen mit Recht einen Abfall von dem altortho- is
doxen Christentum. Jetzt hat auch der Rationalist eingesehen, daß
seine Überzeugung nicht durch eine andere Exegese vom Pietis¬
mus getrennt ist, sondern in geradem Gegensätze zu ihm steht.
Jetzt erst, nun die Parteien sich gegenseitig erkennen, kann die
Vereinigung auf einem hohem Standpunkte geschehen, und im 20
Hinblick darauf die Zukunft ruhig abgewartet werden.
Verhältnis zur Literatur. Musik
[Morgenblatt für gebildete Leser
18. Jan. 1841. Nr. 15, p. 60]
Es scheint, als sollten die Hansestädte jetzt mit Gewalt in den 25
Strom der Literatur gerissen werden. Seit Beurmanns „Skizzen“
häufen sich die Besprechungen über diesen allerdings interessan¬
ten Stoff. Beurmann selbst hat in „Deutschland und die Deut¬
schen“ den drei freien Seestädten bedeutenden Raum gewidmet.
Der Freihafen brachte Soltwedels „Hanseatische Briefe“. Ham- 30
bürg steht schon seit längerer Zeit in mancher Beziehung zur deut¬
schen Literatur; Lübeck liegt etwas zu sehr abseiten und hat auch
materiell seine Blütezeit längst hinter sich; doch will A. Soltwedel
jetzt dort auch ein Journal begründen. Bremen sieht die Literatur
mit argwöhnischen Blicken an, weil es kein ganz reines Gewissen 35
gegen sie hat, und gewöhnlich nicht aufs Sanfteste von ihr berührt
wird. Und doch läßt sich nicht leugnen, daß Bremen durch seine
Lage und seine politischen Verhältnisse zu einem Mittelpunkte für
die Bildung des nordwestlichen Deutschlands mehr als jede andere
Stadt sich eignet. Gelänge es nur, zwei oder drei tüchtige Literaten 40
hierher zu ziehen, so könnte hier ein Journal begründet werden,
das den größten Einfluß auf die Kulturentwicklung Norddeutsch¬
Kirchlicher Streit. Verhältnis zur Literatur. Musik. Plattdeutsch 145
lands hätte. Die Buchhändler Bremens haben Unternehmungs¬
geist genug, und ich habe es von mehreren schon aussprechen
hören, daß sie gern die nötigen Fonds hergeben und den wahr¬
scheinlichen Schaden der ersten Jahrgänge tragen wollten.
5 Die beste Seite Bremens ist die Musik. Es wird in wenig Städ¬
ten Deutschlands so viel und so gut musiziert wie hier. Eine ver¬
hältnismäßig sehr große Anzahl von Gesangvereinen hat sich ge¬
bildet, und die häufigen Konzerte sind immer stark besucht. Da¬
bei hat sich der musikalische Geschmack fast ganz rein erhalten ;
10 die deutschen Klassiker, Händel, Mozart, Beethoven, von den
neuem Mendelssohn-Bartholdy und die besten Liederkomponi¬
sten behaupten entschieden das Übergewicht. Die neufranzösische
und neuitalienische Schule haben fast nur unter den jungen Comp-
toiristen ein Publikum. Es wäre nur zu wünschen, daß Sebastian
15 Bach, Gluck und Haydn weniger zurückgesetzt würden. Dabei
werden neuere Erscheinungen keineswegs abgewiesen, im Gegen¬
teil möchten wenig Orte sein, wo die Produktionen junger deut¬
scher Komponisten so bereitwillig aufgeführt würden, wie hier.
Auch fanden sich hier immer Namen, die in der musikalischen
20 Welt vorteilhaft bekannt sind. Der talentvolle Liederkomponist
Stegmayer dirigierte mehrere Jahre das Orchester unsers Thea¬
ters; an seine Stelle ist Koßmaly getreten, der sich teils durch
Kompositionen, teils durch Artikel, die er meistens in Schumanns
„Neuer Zeitschrift für Musik“ abdrucken läßt, manche Freunde
25 verschafft haben wird. Riem, der die Singakademie und die mei¬
sten Konzerte dirigiert, ist ebenfalls ein anerkannter Komponist.
Riem ist ein liebenswürdiger Greis mit jugendlicher, hinreißen¬
der Begeisterung im Herzen; niemand versteht wie er, Sänger und
Instrumentalisten zu lebendigem Vortrag zu entflammen.
30 Plattdeutsch
[Morgenblatt für gebildete Leser
19. Jan. 1841. Nr. 16, p. 63-64]
Was dem Fremden hier zuerst auffällt, ist der Gebrauch der
plattdeutschen Sprache, selbst in den angesehensten Familien.
35 Sowie der Bremer herzlich und vertraulich wird, spricht er platt¬
deutsch, ja er klebt so sehr an diesem Dialekt, daß er ihn über
den Ozean trägt. Auf der Lonja von Havanna wird eben so viel
Bremer Plattdeutsch gesprochen wie Spanisch. Ich kenne Leute,
die in New-York und Vera-Cruz von den dort sehr zahlreichen Bre-
40 mern den Dialekt ihrer Vaterstadt vollkommen erlernt haben. Es
sind aber auch noch nicht dreihundert Jahre, daß das Hoch¬
deutsche zur offiziellen Sprache erklärt wurde; die Grundgesetze
Marx-Engels-Gesamtausgabe, I. Abt., Bd. 2. 10
146
Bremen 1838—1841
Aus dem Morgenblatt f. gebild. Leser
der Stadt, Tafel und neue Eintracht, sind in niederdeut¬
scher Sprache abgefaßt, und die ersten Laute, die der Säugling
hier nachsprechen lernt, sind plattdeutsch. Selten beginnt ein Kind
vor dem vierten oder fünften Jahre hochdeutsch zu sprechen. Die
Bauern des Gebiets lernen es nie und zwingen dadurch die Ge- 5
richte sehr häufig, plattdeutsch zu verhandeln und hochdeutsch zu
protokollieren. Übrigens wird das Niedersächsische hier noch
immer ganz rein gesprochen, und hat sich ganz und gar von der
Vermischung mit hochdeutschen Formen frei gehalten, welche den
hessischen und rheinischen Dialekt entstellt. Der nordhannöver- io
sehe Dialekt hat einzelne Archaismen vor dem Bremer voraus,
leidet aber desto mehr an mannigfaltigen lokalen Färbungen; der
westfälische hat sich in einer entsetzlichen Breite der Diphthonge
verloren, während westlich von der Weser der Übergang ins Frie¬
sische beginnt. Man kann die Bremer Mundart getrost als die un- is
vermischteste Fortentwickluhg der alten niedersächsischen Schrift¬
sprache ansehen; die Volkssprache hat sogar noch so viel Be¬
wußtsein, daß sie hochdeutsche Wörter nach den Lautgesetzen des
Niedersächsischen fortwährend um wandelt und in sich auf nimmt,
eine Fähigkeit, deren sich nur wenig niedersächsische Volksmund- 20
arten noch jetzt zu erfreuen haben. Die Sprache des Reineke Vos
hat vor dem gegenwärtigen Dialekt fast nur vollere, jetzt kontra¬
hierte Formen voraus, während die Wortstämme, bis auf wenige
Ausnahmen, noch immer ihr Leben behauptet haben. Die Sprach¬
forscher haben darum auch ganz recht getan, wenn sie das „Bre- 25
mische Wörterbuch“ in lexikalischer Hinsicht als Durchschnitts¬
summe der jetzigen niedersächsischen Volksidiome ansahen, und
eine Grammatik des Bremischen Dialekts, mit Rücksichtnahme
auf die Mundarten zwischen Weser und Elbe, würde eine sehr ver¬
dienstliche Arbeit sein. Mehrere hiesige Gelehrte haben Interesse 30
für das Plattdeutsche gezeigt, und es wäre sehr zu wünschen, daß
einer von ihnen sich dieser Arbeit unterzöge.
Eine Fahrt nach Bremer hafen1)
Bremen, Juli [1840]
[Morgenblatt für gebildete Leser
17. Aug. 1841. Nr. 196, p. 1783-1784]
5 Um sechs Uhr morgens sollte der „Roland“ abfahren. Ich
stand an den Räderkasten angelehnt und sah unter der Menschen¬
schar, die sich an Bord des Dampfschiffs drängte, nach Be¬
kannten umher. Denn heute war eine sonntägliche Lustfahrt nach
Bremerhafen veranstaltet, und zwar zu herabgesetzten Preisen,
10 wobei denn jeder die Gelegenheit benutzte, der See ein wenig
näher zu kommen und einige große Schiffe zu sehen. Es war mir
merkwürdig, daß die Gewinnsucht, die sonst fortwährend auf eine
Geldaristokratie hinarbeitet, hier auch einmal der Demokratie
einige Konzessionen machte. Die Preisemiedrigung machte den
15 Unbemitteltem die Teilnahme möglich, und dazu war der Unter¬
schied zwischen erster und zweiter Kajüte aufgehoben, was in
Bremen, wo die „höheren Stände“ nichts mehr scheuen, als ge¬
mischte Gesellschaft, sehr viel sagen will. So wurde denn das
Dampfschiff auch sehr voll. Echte „Bremer Borger“, die in
so ihrem Leben nicht aus dem Gebiet der freien Hansestadt heraus¬
gekommen waren und nun ihrer Familie den Hafen zeigen woll¬
ten, bildeten den Kem der Gesellschaft; Küper, Auswanderer,
Handwerksgesellen waren ebenfalls in Masse da; hier und dort
stand ein Mann der Börse, der, zur guten Gesellschaft gehörend,
25 sich von der Menge absonderte, und überall sah man die Bauern
auf dem Schachbrett einer Handelsstadt, die immer vorgeschoben
werden, die Comptoiristen, welche sich wieder in Kommis, erste
Lehrlinge und Jüngste scheiden. Der Kommis dünkt sich schon
eine wichtige Person ; er hat nur einen Schritt bis zur Selbständig-
30 keit; er ist das Faktotum seiner Firma, er kennt die Verhältnisse
seines Hauses durch und durch, er ist mit dem Stande des Marktes
vertraut und auf der Börse drängen sich die Makler um ihn. Der
erste Lehrling hält sich nicht viel geringer; er steht zwar mit dem
Prinzipal nicht auf demselben Fuße, wie der Kommis, doch weiß
35 er einen Makler und namentlich einen Küper oder Kahnschiffer
schon ganz vortrefflich abzufertigen, und trägt in Abwesenheit des
Prinzipals und Kommis das Bewußtsein zur Schau, daß er jetzt
die Firma vertritt und der Kredit eines ganzen Hauses von seinem
O So nach der damaligen Schreibweise
10*
148
Bremen 1838—1841
Aus dem Morgenblatt f. gebild. Leser
Benehmen abhängt. Der Jüngste dagegen ist ein unglückliches
Geschöpf ; er vertritt das Handlungshaus höchstens gegen den Ar¬
beiter, der die Güter verpackt, oder den Briefträger, in dessen
Rayon das Comptoir liegt. Er muß nicht nur sämtliche Hand¬
lungsbriefe und Wechsel kopieren, Rechnungen austragen und 5
bezahlen, sondern überhaupt völlig den Laufburschen machen, die
Briefe zur Post bringen, Pakete schnüren, Kisten zeichnen und
die Briefe von der Post holen. Man kann jeden Mittag das Post¬
lokal gedrängt voll von diesen „Jüngsten66 sehen, welche die Ham¬
burger Post abwarten. Und was das schlimmste ist, jedes Ver- io
sehen, das auf dem Comptoir vorfällt, muß sich der Jüngste ge¬
duldig zuschieben lassen; denn es gehört mit zu seinem Beruf, der
Sündenbock eines ganzen Comptoirs zu sein. Diese drei Klassen
sondern sich auch in Gesellschaft streng voneinander: die Jüng¬
sten, deren Kinderschuhe meist noch nicht ganz vertreten sind, x
gefallen sich in lautem Lachen und viel Lärmen um nichts; die
ersten Lehrlinge sprechen eifrig über den jüngsten großen Ein¬
kauf, den ein Zuckerhändler gemacht hat, und jeder hat seine
Vermutungen darüber; die Kommis lächeln über Witze, die nicht
ans Tageslicht kommen, und wissen bezeichnende Dinge von den 20
anwesenden Damen zu sagen.
[Morgenblatt für gebildete Leser
18. Aug. 1841. Nr. 197, p. 788]
Das Dampfschiff fuhr ab. Obwohl die Bremer ein solches
Schauspiel alle Tage sehen können, so mußte die bremische Neu- m
gier sich dennoch in einer Ungeheuern Menschenmasse betätigen,
die von jedem Ufervorsprung unserer Abfahrt zusah. — Das
Wetter war eben nicht günstig; es war zwar derselbe alte, eherne
Himmel, von dem Homer erzählt, aber die uns zugewandte Seite,
welche die ewigen Götter nicht alle Tage putzen lassen, war mit so
bedeutendem Rost überlaufen. Mehr als einmal löschte ein Regen¬
tropfen zischend meine Zigarre aus. Die Dandys, welche ihre
Makintoshröcke bisher über dem Arm trugen, sahen sich ver¬
anlaßt, sie anzuziehen, und die Damen spannten die Regenschirme
auf. — Die Ausfahrt aus Bremen ist, von der Weser gesehen, sehr 35
hübsch: links die Neustadt mit ihrem langen, baumbepflanzten
„Deich“, rechts die Anlagen des Walls, die sich hier bis an die
Weser erstrecken und von einer kolossalen Windmühle gekrönt
werden. Dann aber kommt die bremische Wüste, rechts und links
Weidengebüsch, sumpfige Wiesen, Kartoffelpflanzungen und eine 40
Masse Braunkohlfelder. Braunkohl ist das Lieblingsgericht der
Bremer.
Auf dem Räderkasten stand, trotz des starken Regens und des
scharfen Windes, ein langer Assekuranzmaklergehülfe und unter¬
hielt sich in plattdeutscher Sprache mit dem Kapitän, der ruhig ^5
Eine Fahrt nach Bremerhafen
149
seinen Kaffee trank. Dann eilte er wieder hinunter zu einer Ge¬
sellschaft von Kaufleuten zweiten Ranges, um ihnen Bericht über
die wichtigen Äußerungen des Kapitäns abzustatten. Die Kommis
und ersten Lehrlinge rissen sich fast um diese angesehene Per-
5 sönlichkeit, aber er kehrte sich nicht an sie, denn heute sprach er
nur mit etablierten Häusern. Jetzt stürmte er eilig vom Räder¬
kasten herunter und brachte die Nachricht: „in einer Viertelstunde
sind wir in Vegesack.66 „Vegesack!66 wiederholten erfreut alle Zu¬
hörer; denn Vegesack ist die Oase der bremischen Wüste, in
10 Vegesack gibt’s Berge von sechzig Fuß Höhe, und der Bremer
spricht wohl von der „Vegesacker Schweiz66. Vegesack liegt nun
auch ganz hübsch, oder wie man hier sagt, „niedlich66, oder „süß66,
wobei man denn an die letzte, mit Vorteil verkaufte Partie gelben
Havannazucker denkt. Der Flecken selbst bietet der Weser eine
15 anmutige Front dar; ehe man hinkommt, sieht man eine Menge
Schiffsrümpfe in der Weser liegen, teils ausgediente, teils hier
neugebaute. Die Lesum fließt hier in die Weser und bildet mit
ihren Hügeln ebenfalls ganz „niedliche66 Ufer, die sogar roman¬
tisch sein sollen, wie mich der Schulmeister von Grohn, einem
2o Dorfe bei Vegesack, auf Ehre versicherte. Gleich hinter Vegesack
versucht das Sandmeer wirklich, bedeutende Wellen zu schlagen,
und senkt sich ziemlich steil in die Weser hinein. Hier liegen die
Villen der Bremer Aristokraten, deren Anlagen das Weserufer
eine kleine Strecke hin wirklich sehr verschönern. Dann freilich
25 kommt wieder die alte Langeweile. — Ich ging unter das Verdeck
und fand in einem kleinen Nebenzimmer der Kajüte eine Schar
„erster Lehrlinge66, welche alle Segel aufspannte, um drei hübsche
Schneiderstöchter gebührend zu unterhalten; vor der Türe drängte
sich eine Schar „Jüngster66, die dem Geschwätz der ersten Lehr-
30 linge gespannt zuhörten ; hinter ihnen stand der garde d’honneur
der Damen, ein alter Hausfreund, den das Unwesen zu einem
ärgerlichen Brummen veranlaßte. Mich langweilte das Gespräch,
und so ging ich wieder hinauf und stellte mich auf den Räder¬
kasten. Nichts ist schöner, als so über einer Menge Menschen zu
35 stehen, dem Gedränge zuzuschauen und das Gewirr von Worten
zu hören, das ohne Zusammenhang von unten herauf schallt. Man
fühlt den frischen Hauch des Windes frischer dort oben, und der
Regen, den man freilich auch frischer zu genießen hat, ist wenig¬
stens besser, als die Tropfen, die einem ein Philister mit seinem
40 Schirme in die Kravatte gießt.
[Morgenblatt für gebildete Leser
19. Aug. 1841. Nr. 198, p. 791-792]
Endlich, nach verschiedenen uninteressanten hannöverschen
und oldenburgischen Dörfern, wieder eine erfreuliche Abwechse-
150
Bremen 1838—1841
Aus dem Morgenblatt f. gebild. Leser
hing, der Freihafen Bracke, dessen Häuser und Bäume einen
effektvollen Hintergrund zu den auf der Weser liegenden Schiffen
bilden. Bis hieher kommen schon größere Seeschiffe, und von
hier abwärts hat die Weser, wenn nicht durch Inseln zerrissen,
schon eine ansehnliche Breite. — Nach kurzem Aufenthalt fuhr 5
das Dampfschiff weiter, und in anderthalb Stunden waren wir nach
beinahe sechsstündiger Fahrt am Ziele. Als das Fort von Bremer¬
hafen vor uns auf tauchte, zitierte ein Buchhändler von meiner
Bekanntschaft Schiller, der Assekuranzmakler zitierte die Ship¬
ping and Mercantile Gazette, ein Kaufmann zitierte die letzte
Nummer der Einfuhrliste. Mit einem prächtigen Bogen fuhr das
Dampfboot in die Geest, einen kleinen Fluß, der sich bei Bremer¬
hafen in die Weser ergießt. Aber die Passagiere drängten sich,
trotz der Ermahnungen des Kapitäns, nach dem Vorderteil des
Schiffs, die Ebbe hatte den niedrigsten Stand erreicht, und mit is
einem Ruck war Roland, der Repräsentant der bremischen Unab¬
hängigkeit, auf den Sand geraten. Die Passagiere zerstreuten sich,
die Maschine arbeitete rückwärts und Roland kam glücklich von
der Sandbank.
Bremerhafen ist ein junger Ort. 1827 kaufte Bremen von Han- 20
nover einen kleinen Strich Landes, und ließ den Hafen mit unge¬
heuren Kosten dort erbauen. Allmählich zog eine ganze bremische
Kolonie hinüber, und noch immer nimmt der Ort an Bevölkerung
zu. Darum ist hier alles bremisch, von der Bauart der Häuser
bis zu der plattdeutschen Sprache der Einwohner, und der Bremer 25
vom alten Schlage, der sich vielleicht über die außerordentliche
Steuer geärgert hat, mit deren Ertrag das Stückchen Land gekauft
wurde, kann doch jetzt seine Freude nicht verhehlen, wenn er
sieht, wie hier alles so schön, so zweckmäßig, so bremisch ist. —
Von der Anfahrt der Dampfschiffe aus hat man gleich den besten 30
Überblick über das Ganze. Ein schöner, breiter Quai, in dessen
Mitte das kolossale Hafenhaus in mißlungenem antiken Stil her¬
vorragt; der Hafen in seiner ganzen Länge, mit allen seinen Schif¬
fen; links und jenseits desselben das von hannöverschen Soldaten
besetzte kleine Fort, dessen Backsteinmauem nur zu deutlich 35
zeigen, daß es bloß pro forma dasteht. Es ist darum auch ganz
konsequent, daß man niemand ins Innere des Forts läßt, eine
Erlaubnis, die bei jeder preußischen Festung leicht zu erlangen
ist. — Wir gingen im Regen den Quai entlang. Hier und da bot
eine Seitenstraße einen Blick in das Innere des Orts; alles recht- 40
winklig, die Straßen schnurgerade, die Häuser häufig noch im
Bau begriffen. Diese moderne Anlage des Orts sticht allein gegen
Bremen ab. Die Straßen waren bei dem schlechten Wetter und
dem noch nicht beendigten Gottesdienst so still, wie in Bremen.
Eine Fahrt nach Bremerhafen
151
[Morgenblatt für gebildete Leser
20. Aug. 1841. Nr. 199, p. 796]
Ich ging auf eine große Fregatte, deren Verdeck voll Aus¬
wanderer stand, die dem Aufwinden der „Jolle“ zusahen. Jolle
5 heißt hier jeder Nachen, der einen Kiel hat und sich dadurch
zum Dienst auf der See eignet. Die Leute waren noch fröhlich;
sie hatten noch nicht die letzten Schollen des heimischen Bodens
betreten. Aber ich habe gesehen, wie nahe es ihnen geht, wenn sie
wirklich die deutsche Erde für immer verlassen, wenn das Schiff,
io mit allen Passagieren an Bord, langsam aus dem Hafen auf die
Rhede legt und von da in die offene See hineinsegelt. Es sind fast
lauter treue, deutsche Gesichter, ohne Falsch, mit kräftigen Ar¬
men, und man braucht nur einen Augenblick unter ihnen zu ver¬
weilen, nur die Herzlichkeit zu sehen, mit der sie sich begegnen,
15 um zu erkennen, daß es wahrlich nicht die Schlechtesten sind,
die ihr Vaterland verlassen, um sich im Lande der Dollars und
der Urwälder anzusiedeln. Der Spruch: Bleibe im Lande und
nähre dich redlich, scheint wie für die Deutschen gemacht, und
doch ist es nicht so; wer sich redlich nähren will, geht, wenigstens
20 sehr häufig, nach Amerika. Und es ist bei weitem nicht immer
Nahrungslosigkeit, geschweige denn Habsucht, was diese Leute in
die Feme treibt; es ist die schwankende Stellung des deutschen
Bauern zwischen Leibeigenschaft und Unabhängigkeit, es ist die
Erbuntertänigkeit und das Schalten und Walten der Patrimonial-
25 gerichte, was dem Landmann sein Essen versäuert und den Schlaf
unruhig macht, bis er sich entschließt, sein Vaterland zu ver¬
lassen. — Es waren Sachsen, die mit diesem Schiffe hinüber¬
gingen. Wir stiegen die Treppe hinab, um das Innere des Schiffes
zu betrachten. Die Kajüte war außerordentlich elegant und kom-
3o fortabel eingerichtet; ein kleines, viereckiges Zimmer, alles
elegant, wie in einem Salon der Aristokratie, Mahagoni mit Gold
verziert. Vor der Kajüte waren in kleinen niedlichen Zimmerchen
die Schlaf Stätten der Passagiere; daneben schlug aus einer offenen
Tür der Schinkenduft der Speisekammer uns entgegen. Wir muß-
35 ten wieder auf Verdeck, um eine andere Treppe hinab ins Zwi¬
schendeck zu gelangen. „Da unten aber ist’s fürchterlich,“ zitier¬
ten alle meine Begleiter, als wir wieder hinauf stiegen. Da unten
lag die Canaille, die nicht Geld genug hat, um neunzig Taler an
eine Überfahrt in der Kajüte zu wenden, das Volk, vor dem man
4o den Hut nicht zieht, dessen Sitten man hier als gemein, dort als
ungebildet bezeichnet, die Plebs, die nichts hat, die aber das
Beste ist, was ein König in seinem Reiche haben kann, und die
namentlich in Amerika das deutsche Prinzip allein aufrecht hält.
Die Deutschen in den Städten sind es, die den Amerikanern ihre
45 jämmerliche Verachtung gegen unsere Nationalität beigebracht
152
Bremen 1838—1841
Aus dem Morgenblatt f. gebild. Leser
haben. Der deutsche Kaufmann macht sich eine Ehre daraus,
seine Deutschheit wegzuwerfen und ein kompletter Yankeeaffe
zu werden. Dieses Zwittergeschöpf ist glücklich, wenn man ihm
den Deutschen nicht mehr anmerkt, spricht englisch auch mit
seinen Landsleuten, und wenn er wieder nach Deutschland kommt, <5
spielt er erst recht den Yankee. Man hört oft in den Straßen Bre¬
mens englisch sprechen, aber man würde sich sehr irren, wenn
man jeden, der englisch spricht, für einen Briten oder Yankee
halten wollte; wenn diese nach Deutschland kommen, so sprechen
sie immer deutsch, um unsere schwere Sprache zu lernen; jene io
Leute sind immer in Amerika gewesene Deutsche. Der deutsche
Bauer allein ist es, vielleicht noch der Handwerker in den See¬
städten, der mit eiserner Festigkeit an seiner volksmäßigen Sitte
und Sprache klebt, der, durch die Urwälder, die Alleghany-
gebirge und die großen Ströme von den Yankees geschieden, mit- h
ten in den Vereinigten Staaten ein neues, freies Deutschland erbaut;
in Kentucky, Ohio und im Westen von Pensylvania sind nur die
Städte englisch, während auf dem Lande alles deutsch spricht.
Und der Deutsche hat in seinem neuen Vaterlande neue Tugenden
gelernt, ohne die alten zu verlieren. Der deutsche Korporations- 20
geist hat sich hier zu einem ausgebildeten Geiste der politischen,
freien Genossenschaft entwickelt, er drängt die Regierung tag¬
täglich um Einführung der deutschen Sprache als Gerichtssprache
in den deutschen Counties, er schafft eine deutsche Zeitung nach
der andern, die alle einem besonnenen, ruhigen Streben nach Ent- 25
wicklung der vorliegenden Freiheitselemente huldigen, und was
das beste Zeichen seiner Macht ist, er hat die durch alle Staaten
verbreitete Partei der „Native Americans“ hervorgerufen, welche
die Einwanderung hindern und dem Eingewanderten die Erlan¬
gung des Bürgerrechts erschweren wollen. 30
„Dort unten aber ist’s fürchterlich.“ Um das ganze Zwischen¬
deck läuft eine Reihe Betten herum, mehrere nebeneinander und
je zwei übereinander. Eine drückende Luft herrscht hier, wo
Männer, Weiber und Kinder wie die Pflastersteine auf der Straße
aneinander gepackt liegen, Kranke neben Gesunden, alles zu- 35
sammen. Man stolpert jeden Augenblick über einen Haufen Klei¬
der, Geräte u. dgl.; hier schreien kleine Kinder, dort hebt sich ein
Kopf aus einem Bette. Es ist ein trauriger Anblick; und wie mag
es erst sein, wenn ein anhaltender Sturm alles übereinander wirft
und die Wellen übers Verdeck jagt, so daß die Luke, die allein 40
noch frische Luft hereinläßt, nicht geöffnet werden kann! Und
auf den bremischen Schiffen ist alles noch am menschlichsten ein¬
gerichtet. Wie es den meisten ergeht, die über Havre gehen, ist
bekannt. Wir besuchten nach diesem noch ein anderes, amerika¬
nisches Schiff ; es wurde gerade gekocht, und als eine deutsche 45
Eine Fahrt nach Bremerhafen
153
Frau, die dabeistand, die schlechten Speisen und die noch schlech¬
tere Zubereitung sah, sagte sie unter bittem Tränen: wenn sie das
gewußt hätte, wäre sie lieber zu Hause geblieben.
[Morgenblatt für gebildete Leser
5 21. Aug. 1841. Nr. 200, p. 800]
Wir gingen in den Gasthof zurück. Die Primadonna unseres
Theaters saß mit ihrem Gemahl, dem ultimo uomo desselben, und
mehreren andern Schauspielern in einem Winkel; die übrige Ge¬
sellschaft war sehr unbedeutend, und so griff ich nach einigen
10 Drucksachen, die auf dem Tische lagen, und von denen ein Jahres¬
bericht über den bremischen Handel das Interessanteste war. Ich
ergriff ihn und las folgende Stellen: „Kaffee im Sommer und
Herbst gefragt, bis gegen den Winter flauere Zustände auf¬
kamen. Zucker genoß fortwährender Abnahme, jedoch kam die
15 eigentliche Idee dafür erst mit den größern Zufuhren.“ Was
soll ein armer Literat dazu sagen, wenn er sieht, wie die Aus¬
drucksweise nicht nur der modernen Belletristik, sondern auch der
Philosophie den Stil der Mäkler durchdringt! Zustände und Ideen
in einem Handelsbericht — wer hätte das erwartet! Ich schlug um
no und fand die Bezeichnung: „Superfein mittel gut ordinär reeller
Domingo-Kaffee.“ Ich fragte den anwesenden Kommis eines der
ersten Bremer Rheder, was diese superfeine Bezeichnung sagen
wolle. Er antwortete: „Sehen Sie diese Probe an, die ich eben
von einer für uns angekommenen Ladung gezogen habe; darauf
25 wird jene Benennung ungefähr passen.“ Da fand ich denn, daß
superfein mittel gut ordinär reeller Domingo-Kaffee ein Kaffee
von der Insel Hayti ist, von blaßgraugrüner Farbe, und wovon das
Pfund aus fünfzehn Lot guten, zehn Lot schwarzen Bohnen und
sieben Lot Staub, Steinchen und anderem Unrat besteht. Ich
30 ließ mich so noch in mehrere Mysterien des Hermes einweihen,
und vertrieb mir damit die Zeit bis gegen Mittag, wo wir ein sehr
mittelmäßiges Mahl einnahmen, und durch die Glocke dann wie¬
der aufs Dampfboot gerufen wurden. Der Regen ließ endlich
nach, und kaum hatte das Schiff aus der Geest „gelegt“, so brachen
35 die Wolken auseinander und die Sonnenstrahlen fielen licht und
wärmend auf unsere noch immer feuchten Kleider. Zu allge¬
meiner Verwunderung aber fuhr das Schiff nicht stromaufwärts,
sondern die Rhede hinab, wo ein stolzer Dreimaster eben geankert
hatte. Wir waren kaum in die Mitte der Strömung gekommen, als
40 die Wellen größer wurden und das Schiff merklich zu schwanken
anfing. Wer, der jemals auf der See war, fühlt sein Herz nicht
höher schlagen, wenn er dieses Zeichen von der Nähe des Meeres
spürt! Man glaubt einen Augenblick, es gehe wieder hinaus in
die freie rauschende See, zu dem tiefklaren Grün der Wogen,
154
Bremen 1838—1841
Aus dem Morgenblatt f. gebild. Leser
mitten hinein in das wunderbare Licht, das Sonne, Himmelblau
und Meer vereint erzeugen; man beginnt unwillkürlich wieder,
die Bewegung des Schiffs balancierend mitzumachen. Die Damen
waren indes anderer Meinung, sahen sich erschrocken an und
wurden bleich, während das Dampfboot „in a gallant style“, wie *
die Engländer sagen, einen Halbkreis um das neu angekommene
Schiff beschrieb und den Kapitän desselben aufnahm. Der Asse-
kuranzmäklergehülfe erklärte eben einigen Herm, die sich ver¬
gebens am Bug nach dem Namen des Schiffs umgesehen hatten,
daß dieses laut seiner Flaggennummer die Maria, Kapitän Ruyter,
und laut der Lloydsliste unter dem und dem Tage von Trinidad de
Cuba gesegelt sei, als der Kapitän die Treppe des Dampfboots
heraufstieg. Unser Assekuranzmäkler ging ihm entgegen, schüt¬
telte ihm mit Protektormiene die Hand und erkundigte sich nach
seiner Überfahrt, nach der Ladung, und verführte überhaupt is
einen langen plattdeutschen Diskurs mit ihm, während ich den
Schmeicheleien zuhörte, die der Buchhändler an die halb naiven,
halb koketten Schneiderstöchter verschwendete.
Die Sonne ging in voller Glorie unter. Eine glühende Kugel
hing sie in einem Netze von Wolkenstreifen, dessen Fäden schon 20
zu brennen schienen, so daß man jeden Augenblick hätte erwarten
sollen: jetzt, jetzt hat sie das Netz durchgebrannt und fällt zischend
in den Strom! Aber ruhig sank sie hinter eine Baumgruppe, die
Mosis feurigem Dornbüsche glich. Wahrlich, hier wie dort
spricht Gott mit lauter Stimme! Doch das heisere Gekrächz eines 25
Bremer Oppositionsmannes bemühte sich, ihn zu überschreien;
der kluge Mann plagte sich, seinem Nachbar zu beweisen, wie es
weit klüger gewesen wäre, statt den Bremerhafen zu bauen, das
Fahrwasser der Weser auch für größere Schiffe auszutiefen. Lei¬
der geht hier die Opposition nur zu oft mehr aus einem Neide 30
gegen die Macht der Patrizier hervor, als aus dem Bewußtsein,
daß die Aristokratie dem vernünftigen Staate widerstrebe; und
dabei ist sie so beschränkt, daß ebenso schwer mit ihr über die
bremischen Angelegenheiten zu sprechen ist, wie mit den strengen
Anhängern des Senats. — Beide Parteien überzeugen einen im- 35
mer mehr, daß so kleine Staaten, wie Bremen, sich überlebt haben,
und selbst in einem mächtigen Staatenverbande ein nach außen
hin gedrücktes und nach innen phlegmatisch-alterschwaches Leben
führen müssen. — Jetzt waren wir dicht an Bremen. Der lange
Ansgariuskirchturm, an den sich unsere „kirchlichen Wirren“ 40
knüpften, stieg aus Moor und Heide auf, und bald waren wir an
den hohen Warenlagern, welche die rechte Weserseite einfassen.
Berlin 1841—1842
Aus:
ATHENÄUM
Zeitschrift für das gebildete Deutschland
Berlin 1841
Erschienen in: Athenäum. Zeitschrift für das gebildete Deutsch¬
land. Redigiert von D. Karl Riedel. Erster Jahrgang. Berlin 1841. Nr. 48
vom 4. Dezember 1841, p. 751—756 und Nr. 49 vom 11. Dezember 1841,
p. 767-769.
Lombardische Streifzüge
Von Friedrich Oswald
L
Über die Alpen !
5 Gottlob, daß wir Basel im Rücken haben! Solch eine trockene
Stadt, voll Bratenröcke und Dreimaster, Philister und Patrizier und
Methodisten, in der nichts frisch und kräftig ist als die Bäume um
den ziegelroten Dom und die Farben an Holbeins Passion, die hier
auf der Bibliothek unter andern Gemälden zu sehen ist; solch ein
10 Nest mit allen Häßlichkeiten des Mittelalters ohne die Schönheiten
desselben kann ein jugendliches Gemüt, dessen Phantasie mit den
Schweizeralpen und Italien vollauf zu tun hat, nicht ansprechen.
Ist der Übergang aus Deutschland in die Schweiz, aus dem milden,
rebenumrankten badischen Markgraftum nach Basel vielleicht nur
15 darum so entmutigend, damit der Eindruck der Alpen später desto
tiefer sein möge? Auch die Gegend, die wir eben durchfahren, ist
nicht die schönste. Rechts die letzten Vorsprünge des Jura, zwar
grün und frisch, aber ohne Charakter, links der schmale Rhein,
der auch vor Basel ein Grauen zu haben scheint, so langsam
20 schleicht er zu Tal, und jenseits des Rheins noch ein Stückchen
Deutschland. Allmählich entfernen wir uns vom grünen Strome,
die Straße geht bergan, und der äußerste Grat des Jura, der sich
zwischen Aar und Rhein vorschiebt, wird erstiegen. Da ändert sich
die Szenerie mit einem Male. Vor uns liegt ein sonniges, heitres
25 Tal, nein, drei, vier Täler, Aar, Reuß, Limmat, auf weite Strecken
sichtbar, winden sich durch die Hügel und strömen zusammen,
Dörfer und Städtchen umlagern ihre Ufer und in der Feme erhebt
sich hinter den vorderen Hügelreihen eine Bergkette hinter der an¬
dern wie die Bänke eines riesigen Amphitheaters; durch die Nebel,
30 die um die fernsten Zacken schweben, blitzt hier und da der Schnee,
und über die Menge der Spitzen ragt der Pilatus empor, als säße
er zu Gericht wie vor Zeiten der judäische Landpfleger, der ihm
den Namen gab, — das sind die Alpen!
Rasch gehts bergab, und jetzt erst, mit der Nähe der Alpen,
35 merkt man, daß man in der Schweiz ist. Schweizertracht und
Schweizerbauart stellen sich ein mit der Schweizematur. Die
Sprache klingt schöner, geistiger als der Baseler Dialekt, dem die
Behäbigkeit des patrizischen Städterlebens eine materielle, schwer¬
fällige Breite verliehen hat, die Physiognomien werden freier,
160
Berlin 1841—1842
Aus dem Athenäum
offener, lebendiger, der Dreimaster weicht dem runden Hut, die
langen, nachschleppenden Rockschöße der kurzen Sammetjacke.
— Das Städtchen Brugg liegt bald hinter uns, und die Straße ver¬
folgend, kreuzen wir die raschen, grünen Flüsse; eine Menge rei¬
zender, schnell wechselnder Prospekte mit den Augen überfliegend, 5
verlassen wir Aar und Reuß mit der Habsburg, deren Trümmer
von einem waldigen Gipfel herabschauen, und treten in das Lim-
mattal ein, um es bis Zürich zu verfolgen.
In Zürich hatte ich einen Tag zu bleiben, und auf dem Wege
nach dem gelobten Lande der deutschen Jugend ist ein Tag schon 10
ein bedeutender Aufenthalt. Was hatte ich von Zürich zu erwarten?
sollte die Zögerung sich belohnen? Ich gestehe, seit der September¬
geschichte, seit dem Siege der Pfäflikoner Zionswächter konnte ich
mir Zürich nie anders als ein zweites Basel vorstellen und dachte
mit Grauen an den schon verloren gegebenen Tag; an den See is
dachte ich in meiner Unschuld gar nicht mehr, um so weniger als
die Regenschauer, die nach langem Sonnenschein mich endlich
zwischen Basel und Zürich ereilt hatten, mir einen nassen Tag ver¬
sprachen. Als ich aber beim Erwachen einen blauen Morgenhimmel
über den sonnigen Bergen sah, sprang ich rasch auf und eilte 20
hinaus. Aufs Geratewohl losschlendemd, kam ich an eine Art
Terrasse, die mit Gartenanlagen umgeben und auf der Spitze mit
alten Bäumen besetzt war. Eine beschriebne Holztafel belehrte
mich, daß die Anlage öffentlich sei, und so stieg ich frisch hinauf.
Da sah ich denn den See vor mir liegen, blitzend im Morgenschein, 25
vom Frühnebel dampfend, eingeschlossen von dichtbewaldeten
Bergen, und war im ersten Augenblick selbst noch befangen in
einem gewissen naiven Erstaunen über das Dasein einer so über¬
raschend schönen Gegend. Ein freundlicher Züricher, den ich an¬
redete, sagte mir, dort oben auf dem Ütliberg sei eine so schöne 30
Aussicht, daß die Züricher ihren Berg den kleinen Rigi genannt
hätten, und nicht ganz mit Unrecht. Ich sah mir die Kuppe einmal
darauf an, sie war die höchste der Albiskette, die sich an der süd¬
westlichen Seite des Sees hinzieht, und überhaupt höher als die
übrigen sichtbaren Berge. Ich ließ mir den Weg angeben und zog 35
ohne viel Umstände hinan. Nach einem anderthalbstündigen
Marsche war ich oben. Da lag hier der See in seiner ganzen Länge
mit allem seinem bunten Farbenspiel von Grün und Blau, mit der
Stadt und den unzähligen Häusern seiner hügeligen Ufer vor mir,
dort an der andern Seite des Albis, ein Tal voll grüner Matten, in 40
das sich von den Bergen die hellen Eichen- und die dunklen Tan¬
nenwälder hinabzogen, ein grünes Meer mit Hügelwellen, in denen
die Häuser wie Schiffe lagen, und gen Süden am Horizonte die
blitzende Kette der Gletscher von der Jungfrau bis zum Septimer
und Julier hin; und oben vom blauen Himmel goß die Maisonne 45
Lombardische Streifzüge
161
die Glorie ihrer Strahlen über die sonntäglich geschmückte Welt
aus, daß See und Feld und Berg in die Wette funkelten und der
Herrlichkeit kein Ende war.
Müde vom Schauen trat ich in das bretteme Haus, das auf dem
5 Gipfel steht und forderte einen Trunk. Ich erhielt ihn und zugleich
das Fremdenbuch. Man weiß, was in dergleichen Büchern zu fin¬
den ist; jeder Philister hält sie für Verewigungsanstalten, darin er
seinen obskuren Namen und einen seiner höchst trivialen Gedanken
der Nachwelt überliefern kann, und je beschränkter einer ist, mit
10 desto längeren Randglossen begleitet er seinen Namen. Kaufleute
wollen beweisen, daß neben Kaffee, Tran oder Baumwolle auch
die schöne Natur, die das alles und sogar das Gold erzeugt hat,
noch ein Plätzchen in ihrem Herzen besitzt; Frauenzimmer lassen
ihr übersprudelndes Gefühl, Studenten ihre Heiterkeit und Spott-
15 sucht darin aus, und weise Schulmeister geben der Natur ein
schwülstiges Maturitätszeugnis. „Herrlicher Ütli, gefährlicher
Nebenbuhler des Rigi!“ begann ein Doktor der unfreien Künste
seine ciceronianische Apostrophe. Ich schlug verdrießlich um
und ließ alle die Deutschen, Franzosen und Engländer ungelesen.
2o Da fand ich ein Sonett von Petrarca in italienischer Sprache, das
deutsch etwa so lautet: *)
Ich schwang mich auf im Geist zur Wohnung deren,
Die stets ich such’ und finde nicht hienieden;
Die Blicke sanft, die einst so streng mich mieden,
25 So stand sie in des Himmels dritten Sphären.
Die Hand mir fassend, sprach sie leise: Deine Zähren
Versiegen hier, wo nie wir sind geschieden;
Ich bin’s, die lange Dir geraubt den Frieden,
Um hieher, vor der Zeit, dann heimzukehren.
30 O daß ein Menschensinn mein Glück verstände !
Dich nur erwart’ ich, und den Dir so lieben,
Den Leib, den ich dort unten ließ schon lange. —
Ach, warum schwieg sie, ließ mir los die Hände?
Denn wenig fehlte bei dem süßen Klange,
35 Daß ich nicht gleich im Himmel dort geblieben.
Der es eingezeichnet hatte, hieß Joachim Triboni aus Genua
und war durch diese Einzeichnung sogleich mein Freund geworden.
Denn je hohler und unsinniger die übrigen Glossen waren, desto
schärfer hob sich dies Sonett aus ihrem Hintergründe hervor, desto
io mehr ergriff es mich. Wer da, wo die Natur all’ ihre Pracht ent¬
faltet, wo die in ihr schlummernde Idee wenn nicht zu erwachen,
doch einen goldnen Traum zu träumen scheint, wer da nichts zu
fühlen, nichts zu sagen hat als: Wie schön bist du, Natur, der hat
*) Sonetti di Petrarca, in morte, 261
Marx-Engels-Gesamtausgabe, I. Abt., Bd. 2. 11
162
Berlin 1841—1842
Aus dem Athenäum
nicht das Recht, sich über die gewöhnliche, flache, unklare Masse
erhaben zu dünken. Dem tieferen Gemüte dagegen tauchen dann
die individuellen Schmerzen und Leiden empor, aber nur um in
der Herrlichkeit der Natur aufzugehen und in milde Versöhnung
sich aufzulösen. Und schöner als in jenem Sonett konnte diese <5
Versöhnung kaum ausgesprochen werden. Aber noch ein andrer
Umstand war es, der mich mit jenem Genueser befreundete. So
hatte doch vor mir schon einer seinen Liebeskummer auf diese
Höhe getragen ; so stand ich nicht allein da mit einem Herzen, das
vor einem Monat noch unendlich selig und nun zerrissen und öde 10
war. Und welcher Schmerz hat mehr Recht, sich der schönen Natur
gegenüber auszusprechen, als das edelste, das höchste aller per¬
sönlichen Leiden, das Leid der Liebe?
Noch einmal übersah ich mir die grünen Täler und stieg dann
den Berg hinab, um die Stadt näher in Augenschein zu nehmen. Sie 15
liegt amphitheatralisch um den engen Ausfluß des Sees und ge¬
währt auch von diesem aus mit den sie umgebenden Dörfern und
Landhäusern einen reizenden Anblick. Auch die Straßen zeichnen
sich durch hübsche, neue Gebäude vorteilhaft aus. Daß dieser
Stand der Dinge indes noch nicht lange existiere, belehrte mich die 20
abendliche Unterhaltung mit einem alten Reisenden, der sich nicht
genug verwundern konnte, wie sehr sich das alte Zürich seit sechs
Jahren verschönert habe, und wie glänzend die vorige Regierung
die äußere Würde der Republik in Beziehung auf öffentliche Ge¬
bäude hergestellt habe. Heutzutage, wo eine gewisse Partei nicht 25
Kot genug auf den Leichnam dieser Regierung werfen kann, ver¬
dient es wohl erwähnt zu werden, daß diese bei Lebzeiten nicht nur
den bis jetzt einzig dastehenden Mut hatte, einen Strauß zu be¬
rufen, sondern auch anderen Regierungspflichten ehrenvoll nach¬
gekommen ist. 30
Am andern Morgen ging’s fort nach Süden. Zuerst führte die
Straße an der ganzen Länge des Sees vorbei bis Rapperschwyl und
Schmärikon, ein herrlicher Weg durch Gärten, Landhäuser und
malerisch gruppierte, rebenumschlungne Dörfer; jenseits des Sees
der lange, dunkelgrüne Albisrücken mit seinen üppigen Vorhügeln, 35
und gen Süden, wo die Berge sich von einander tun, die blendenden
Zinken der Glarner Alpen. Mitten im See taucht ein Eiland auf
— Ufnau, das Grab Ulrichs von Hutten. So kämpfen für die freie
Idee, und so ausruhen, von Streit und Mühen — wem das be-
schieden wäre! umrauscht von den grünen Wellen des Sees, die wie 40
fernes Waffengetöse und Schlachtgeschrei an das Grab des Helden
schlagen, bewacht von den eisgepanzerten, ewig jugendlichen
Riesen, den Alpen! Und dann ein Georg Herwegh, der als Ver¬
treter der deutschen Jugend zu diesem Grabe wallfahrtet und
seine Lieder, den schönsten Ausdruck der Gesinnung, die die junge 45
Lombardische Streifzüge
163
Generation begeistert, darauf niederlegt — das wiegt Statuen und
Denkmäler auf.
In Uznach, wohin der Weg sich wandte, nachdem er den See
verlassen hatte, war Kirmes, und die Imperiale des Postwagens, die
5 ich bisher allein eingenommen hatte, füllte sich mit Kirmesgästen,
die allmählich alle die Folgen der verschwärmten Nacht empfan¬
den und einschlummemd mich meinen Betrachtungen überließen.
Ein wunderschönes Tal nahm uns jetzt auf; sanftgeschwungne
Hügel, bekleidet mit grünen Matten und gekrönt mit Wäldern,
10 umgaben uns; zum ersten Male sah ich hier in der Nähe das eigen¬
tümlich schattierte Grün der Schweizer Wälder, die aus Laub- und
Nadelholz gemischt sind, und kann den tiefen Eindruck nicht be¬
schreiben, den es auf mich machte. Die Mischung, die helle wie
dunkle Schattierungen gleich stark hervorhebt, verleiht auch ein-
15 förmigen Gegenden einen hohen Reiz, und war gerade hier auch
die Gruppierung von Berg und Tal nicht originell, so überraschte
es doch, ein Gebiet zu finden, wo fast alle Schönheit im Kolorit
lag; dieses aber war auch dafür desto schöner. Erhabenheit und
Strenge in der Natur lag noch genug vor mir bis zur Höhe des
2o Alpenrückens; aber diese Milde und Anmut fand ich erst auf der
italienischen Seite wieder.
Bald indes war ich wieder am Fuße größerer Berge, deren
Spitzen, obwohl unter der Schneelinie, doch noch jetzt, im Mai,
weiß waren. Durch bald enge, bald weitere Täler ging es den
25 Kanal entlang, der den Züricher mit dem Wallenstädter See ver¬
bindet. Bald lag dieser vor mir. Hier ist schon ein ganz andrer Cha¬
rakter der Gegend als am Züricher See; fast unnahbar liegt das
Bassin zwischen steilen Felsen, die sich unmittelbar aus dem Was¬
ser erheben und nur beim Aus- und Eingänge eine schmale Öffnung
3o lassen. Ein schlechtes Dampfboot nahm die Postreisenden auf, und
bald verschwand Weesen, das Städtchen, wo wir eingestiegen
waren, hinter den sich zusammenschiebenden Bergen. Alle Spuren
menschlicher Tätigkeit waren hinter uns zurückgeblieben, einsam
ruderte das Dampfboot hinein in die schöne Wildnis, immer tiefer
35 hinein in dies stille Reich der Natur; im hellen Sonnenscheine blitz¬
ten die grünen Wellenhäupter, die schneeigen Bergkuppen und die
Wasserfälle, die hier und da von ihnen herabrauschten, zwischen
dem weißgrauen Granit der Felsen lachte jezuweilen eine grüne
Waldschlucht, ein Fleckchen Wiesengrund hervor, und der feine
4o Nebeldust, der aus dem See emporstieg, verschwamm in der Feme
auf dem Gebirgshintergrunde zu weichen, violetten Schatten. Es
war eine jener Gegenden, die den Menschengeist fast herausfordern
zu jener Individualisierung des Naturgeistes, wie wir sie in der
Volkssage finden, wo die zerklüfteten Felsen mit ihren Schnee-
45 krönen die Umrisse tief gefurchter und silberlockiger Greisen-
n*
164
Berlin 1841—1842.
Aus dem Athenäum
antlitze gewinnen und aus den klaren Fluten das grünwallende
Haar reizender Nixen emportaucht. Allmählich öffneten sich die
drängenden Wände ein wenig und dichtbuschige Vorsprünge ragten
in den See hinein, ein weißer Streif schimmerte durch den blauen
Duft — es waren die Häuser von Wallenstädt, das am Ende des 5
Sees liegt; wir landeten und wallten lustig weiter nach Chur zu,
während über unsern Häuptern die Felskette hing, deren höchste
Spitzen die sieben Churfürsten genannt werden. Die gestrengen
Herren saßen so feierlich da in ihren versteinerten Hermelin¬
mänteln, mit ihren von der Abendsonne vergoldeten Schneekronen, 10
als wären sie zu Frankfurt im Römer zur Kaiserwahl versammelt,
ungestört von dem Rufen und Drängen des Volks zu ihren Füßen
im ganzen heiligen römischen Reich, dessen Verfassung mit der
Zeit eben so versteinert war wie hier seine sieben Repräsentanten.
Solche Benennungen im Munde des Volks sind übrigens ein Be- 15
weis, wie durch und durch deutsch die Schweizer sind, so wenig
sie selbst dies auch zugeben wollen. Ich komme vielleicht später
einmal ausführlicher auf dies Thema zurück und verlasse es des¬
halb für jetzt.
Immer tiefer ging’s jetzt in die Felsen hinein, immer seltner 20
wurden die Stellen, wo des Menschen Hand der rauhen Natur ein
milderes Ansehn abgewonnen hat; wie ein Schwalbennest hing
das Schloß Sargans an einer scheitelrechten Klippe, bis endlich bei
Ragatz wenigstens die Bäume Erde genug auf dem Gestein fanden,
um es mit dichter Waldung bekleiden zu können. Auch hier liegt 25
ein Schloß am Abhange, aber ein zerstörtes, wie denn überhaupt
die Pässe von einem Flußtal zum andern mit solchen Spuren des
Faustrechts ziemlich besetzt sind. Bei Ragatz tut sich das Tal weit
auf, ehrfurchtsvoll treten die Berge zurück vor dem gewaltigen
Genius des Stromjünglings, der sich kräftig Bahn brach durch die 30
granitnen Riesen am Gotthard und Splügen und jetzt seinem
großen Geschick jugendstolz und mutig entgegenrauscht; es ist
der Rhein, den wir jetzt wieder begrüßen. In einem breiten
Bette rollt er feierlich über Kies und Sand dahin, aber man sieht
es an dem weit verstreuten Gestein, wie wild er um sich schlägt, 35
wenn er einmal der weichlichen Bequemlichkeit genug hat und
sich zerstörungsmutig aufrafft. Sein Tal bildet von hier aus die
Straße, die nach Chur und von dort zum Splügenpasse hinaufführt.
In Chur beginnt schon die Sprachmengerei, die den ganzen
höchsten Rücken der Alpen beherrscht; Deutsch, Romanisch und 40
Italienisch im lombardischen Dialekt wurde auf dem Posthofe
durcheinander geschrien. Über das Romanische, die Sprache der
Graubündner Bergbewohner, ist von den Sprachgelehrten viel hin
und her gesprochen worden, und dennoch schwebt darüber noch ein
geheimnisvolles Dunkel. Einige haben es den romanischen Haupt- 45
Lombardische Streifzüge
165
sprachen in bezug auf Selbständigkeit koordinieren, andere haben
wieder französische Elemente darin finden wollen, ohne zu be¬
denken, wie diese dorthin dringen sollten. Will man einmal dies
Idiom einiger Aufmerksamkeit würdigen, so ist der Vergleich mit
5 den angrenzenden Dialekten doch wohl das, was am nächsten liegt.
Dies hat man aber bisher unterlassen. Soviel ich von den der
Sprache kundigen Leuten bei flüchtiger Durchreise herausbekom¬
men konnte, hat die Wortbildung des Idioms sehr nahe Verwandt¬
schaft mit dem des angrenzenden lombardischen Dialekts und nur
10 mundartliche Verschiedenheiten von demselben. Was man für fran¬
zösischen Einfluß gehalten hat, findet man südlich von den Alpen
alles wieder.
Den nächsten Morgen ging’s von Chur weiter rheinaufwärts, ein
breites Tal entlang, von wilden Felsen umgeben. Nach einigen
15 Stunden tauchte aus dem feinen Morgennebel ein senkrechter Ab¬
hang, von Bergtrümmem gekrönt, heraus und legte sich der Straße
quer in den Weg. Das Tal war dadurch vor uns wie zugemauert,
und nur durch eine enge Schlucht konnten wir vorwärts dringen.
Ein schmaler, weißer Turm ragte vor uns auf; er war der von
20 Tusis oder wie die Lombarden sagen, Tosana, d. h. Mädchenstadt.
Wunderschön liegt es in einem engen Kessel, dessen Wände von
scheitelrechten Felsen gebildet werden, deren unzugänglichster
jene Trümmer, die der Burg Hohenrhätien, trägt. Es gibt keine
größere Abgeschiedenheit, als wozu die Natur dieses Dorf ver-
25 urteilt hat, und doch sind die Menschen auch hier stärker gewesen
als die Natur, sie haben, wie ihr zum Trotz, die Heerstraße mitten
durch Tusis gelegt und führen täglich Engländer, Kaufleute,
Touristen hier vorüber. — Hinter Tusis begann denn auch die
Steigerung des Alpengürtels, den wir bis Abend überklimmen soll-
3o ten. Ich ließ den Wagen im Stich und ging, gestärkt durch einen
Schoppen Veltliner, der hier am besten zu haben ist, der Straße
nach. Solch eine Straße gibt es auf der Welt nicht wieder. In über¬
hängende Felsen gehauen, windet sie sich durch die Schluchten,
die der Rhein sich gebrochen hat, empor. Senkrecht umstarren die
35 riesigen Granitwände den Pfad, den an manchen Stellen der Straße
selbst die Mittagssonne nicht erreicht, und tief unten durch zer¬
klüftetes Gestein tobt und donnert der wilde Bergstrom, Fichten
entwurzelnd, Felsblöcke wälzend, wie ein wütiger Titan, dem ein
Gott zwei Berge auf die Brust geschleudert hat. Hieher scheinen
4o sich die letzten, trotzigen Berge, die sich der allbezwingenden Herr¬
schaft der Menschen nicht beugen wollten, geflüchtet und zu ihrer
Freiheit Wahrung in Reih’ und Glied gestellt zu haben; schreckend
und starr schaun sie den Wandrer an, und man meint ihre Stimme
zu hören: Komm her, Mensch, wenn du es wagst, erklimm unsre
45 Häupter und säe dein Korn in die Furchen unsrer Stirnen; aber
166
Berlin 1841—1842.
Aus dem Athenäum
droben wird dich das Gefühl deiner Kleinheit schwindelnd er¬
fassen, der Boden weicht unter dir und zerschellend stürzest du von
Zacke zu Zacke! Baue deine Straßen nur zwischen uns durch; all¬
jährlich kommt unser Bundsgenosse, der Rhein, zomgeschwollen
herab und reißt dein Werk über den Haufen! 5
Diese Opposition der Naturmacht gegen den Menschengeist ist
nirgend so kolossal, man möchte fast sagen, so selbstbewußt wie
hier. Das einsam Schauerliche des Weges und die Gefahr, die einst
mit diesem Alpenübergange verknüpft war, haben ihm auch den
Namen Via mala verschafft. Jetzt freilich ist das anders. Der Geist 10
hat auch hier die Natur überwunden, und wie ein fesselnd Band
zieht sich von Fels zu Fels, die sichre, bequeme und fast unzerstör¬
bare Straße, die zu jeder Jahreszeit gangbar bleibt. Und doch über¬
schleicht einen beim Anblick der dräuenden Felsen ein schauerlich
ängstlich Gefühl; sie scheinen über Rache zu brüten und über 15
Befreiung.
Allmählich aber erweitert sich die Schlucht, die brausenden
Katarakte werden seltner, das Bette des Rheins, der sich oft durch
Engpässe drängen mußte, die nur nach Zollen zu messen waren,
wird breiter, die steilen Wände werden schräger und treten mehr 20
zurück, ein grünes Tal tut sich auf, und in der Mitte dieser ersten
Terrasse des Splügen liegt Andeer, ein Örtchen, das den Grau¬
bündnern und Veltlinern als Badeort bekannt ist. Die Vegetation
wird hier schon bedeutend kärglicher, was um so mehr ins Auge
fällt, als von Tusis bis hieher Laub und Gras nicht zu sehen war, 25
sondern bloß Tannen an den steilen Klippen sich anklammem
konnten. Und doch tat es dem Auge so wohl, nach all den düstem,
graubraunen Granitwänden wieder einmal ein grünes Wiesental,
eine buschige Halde zu sehen. Gleich hinter Andeer ging’s einen
jähen Abhang hinauf, an dem sich die Straße unter tausend Win- 30
düngen emporschlängelte. Ich überließ diese dem Wagen und
klomm über Felsgeröll, durch Busch und engverschlungne Ranken
empor, bis wo die Straße sich der andern Seite des Berges zu¬
wendete. Da lag das grüne Tal tief unter mir, durchwunden vom
Rhein, dessen Donner schon wieder zu mir herüberscholl. Noch 35
einen grüßenden Blick hinunter und dann vorwärts. Die Straße
führte mich in einen Kessel zwischen himmelhohen, schrägen Fel¬
sen, wieder in die verlassenste Einsamkeit von der Welt. Ich lehnte
mich an die Mauerbrüstung und sah hinab in den Rhein, der unter
dunkellaubigen Bäumen ein Bassin bildete. Die stille, grüne Fläche, 40
über die sich die Zweige bogen und überall heimliche, versteckte
Winkelchen umlaubten, die bemoosten Felswände, die hie und
dort einfallenden Sonnenstrahlen, alles das hatte etwas eigentüm¬
lich Zauberisches. Das Murmeln des beruhigten Flusses klang fast
verständlich wie das Geplauder jener schönen Schwanenjung- 45
Lombardische Streifzöge 167
frauen, die von Fern über die Berge fliegen und an einsamer, heim¬
licher Stelle die Schwanenhaut abstreifen, um unter den grünen
Zweigen in der schneekalten Welle zu baden. Dazwischen scholl
der Donner der Katarakte wie die zürnende Stimme des Fluß-
5 geistes, der sie wegen ihrer Unvorsichtigkeit auszankt, denn sie
wissen ja, daß sie dem folgen müssen, der ihnen die Schwanenhaut
raubt, und dort hinten kommt schon ein ganzer Postwagen voll
Mädchenbeäugler, und überhaupt paßt es sich nicht für Frauen¬
zimmer, und wenn sie auch romantische Schwanenjungfrauen sind,
10 an offner Heerstraße zu baden. Aber die schönen Nixen lachen
den ängstlichen Alten aus, denn sie wissen ja, daß niemand sie
sieht als der, dem das träumende Leben der Natur erschlossen ist,
und daß der ihnen nichts tut.
Immer kühler ward’s zwischen den Bergen; nach einigem Stei-
15 gen fand ich gegen Mittag den ersten Schnee, und plötzlich wehte
mir, dem vom raschen Steigen und Laufen in glühender Sonne
Erhitzten, eine merklich kalte Luft entgegen. Es war die Tempera¬
tur der zweiten Terrasse dieses Passes, auf der das Dorf Splügen
liegt, der letzte Ort, wo deutsch gesprochen wird, zwischen hohen
20 Bergen, aus deren grünen Wänden die dunkelbraunen Sennhütten
hervorragen. In einem schon ganz italienisch eingerichteten Hause,
das bis in die obem Stockwerke nur steinerne Fußböden und dicke,
steinerne Mauern hatte, wurde zu Mittag gegessen und dann die
Reise eine fast senkrechte Felswand hinauf fortgesetzt. In einer
25 Waldschlucht, zwischen den letzten Bäumen, die ich diesseits der
Alpen sah, lag eine Lawine, ein breiter Schneestrom, der sich von
den steilem Gipfelwänden herabgewälzt hatte. Nicht lange dauerte
es, so begannen die öden Schluchten, in denen die Bergströme
unter einer festen, gewölbten Schneedecke donnern, und die nack-
30 ten Felsen kaum hier und da von Moos überkleidet sind. Immer
höher, immer ausgebreiteter lagerte der Schnee. Ganz oben war für
die Straße ein Weg ausgeschnitten, zu dessen beiden Seiten der
Schnee in dreifacher, ja vierfacher Manneshöhe lag. Ich hieb mit
den Fersen Stufen in die Schneewand und klomm hinan. Da lag
35 ein weites, schneeweißes Tal vor mir, aus dessen Mitte ein graues
Dach emporragte — die österreichische Douane, das erste Gebäude
auf der italienischen Alpenseite. Die Untersuchung unsrer Effekten
an diesem Hause, bei der ich jedoch meinen Varinas den Augen der
Grenzwächter glücklich entzog, gab mir Muße, mich etwas umzu-
io sehen. Von allen Seiten kahle, graue Felslagen, deren Gipfel mit
Schnee bedeckt waren, ein Tal, in dem vor lauter Schnee kein Halm
zu sehen war, geschweige ein Strauch oder gar ein Baum — kurz
eine furchtbare, verlaßne Wüste, über der italische und deutsche
Windeshauche sich kreuzen und stets graue Wolken zusammen
45 jagen — eine Einöde, gräßlicher als die Sahara, und prosaischer
168
Berlin 1841—1842.
Aus dem Athenäum
als die Lüneburger Heide, ein Gebiet, wo es jahraus jahrein neun
Monate schneit und drei Monate regnet — das war das erste, was
ich von Italien zu sehen bekam. Aber nun ging’s rasch bergab, der
Schnee verschwand, und wo kaum gestern die weiße Winterdecke
geschmolzen war, sproßten schon heute die gelben und blauen 5
Krokus auf, das Gras begann wieder grün zu werden, die Büsche
kamen wieder, dann dieBäume, zwischen denen die weißen Wasser¬
fälle hinabbrausten, und tief unten in einem Tale voll violetter
Schatten floß der schäumende Liro, dessen schneeiger Glanz aus
den dunklen Kastanienalleen hell emporleuchtete, wärmer und 10
wärmer ward die Luft, obwohl die Sonne schon hinter den Bergen
versank, und in Campo Dolcino befanden wir uns, wenn nicht
schon im echten Italien, doch unter echten Italienern. Haufenweise
versammelten sich die Bewohner des Dörfchens um unsern Wagen
und schwatzten in ihrem schnarrenden, nasalen Lombardisch über is
Pferde, Gefähr und Reisende; alles echtwelsche Gesichter voll
kräftigen Ausdrucks und hervorgehoben von dichtem, schwarzem
Haar und Bart. Und rasch ging’s weiter, den Liro hinab, zwischen
Wiesen und Wäldern, durch unzählige, ungeheure Granitblöcke,
die wer weiß zu welcher Zeit von den Alpengipfeln hinabgeschleu- 20
dert wurden, und die sich auf dem hellgrünen Wiesengrunde mit
ihren scharfen, schwarzen Zacken und Kanten eigentümlich genug
ausnehmen. Eine Reihe wunderschöner an die Felsen gelehnter
Dörfermit ihren schlanken, schneeweißen Kirchtürmen, namentlich
S. Maria di Galivaggio, gehen unsren Blicken vorüber; endlich 25
tut sich das Tal auf, und in einem Winkel erhebt sich der Turm
von Chiavenna oder nach deutschem Ausdruck Kläwen, einer der
Hauptstädte des Veltlins. Chiavenna ist schon eine ganz italienische
Stadt mit hohen Häusern und engen Straßen, auf denen man über¬
all die lombardischen Leidenschaftsausbrüche: fiocul d’ona pu- 30
tana, porco della Madonna, usw. hört. Während ein italienisches
Abendbrot und Veltliner Wein uns hier in Anspruch nahmen, sank
die Sonne hinter die rhätischen Alpen; ein östreichischer Wagen
mit einem italienischen Kondottiere und einem eskortierenden Ka¬
rabinier nahm uns auf und fort ging’s dem Comer See zu. Voll 35
und klar stand der Mond am dunkelblauen Himmel, an dem hier
und da ein Stern zu glänzen anfing, hochauf flammte die Abend¬
röte, die Spitzen der Berge vergoldend; eine herrliche Südnacht
stieg empor. So fuhr ich hin durch die grünen Rebengelände, die
ihre Ranken über Lauben und in die Kronen der Maulbeerbäume 40
schlangen, der warme Hauch Italiens schwoll mir mild und immer
milder entgegen, der Zauber einer nie gekannten, langgeträumten
Natur ergriff mich mit süßem Schauer, und im Geiste anschauend
die Herrlichkeiten, die mein Auge sehen sollte, schlummerte ich
beseligt ein. 45
PHILOSOPHISCHE PAMPHLETE
1841—1842
Schelling über Hegel 173—180
Geschrieben in der zweiten Novemberhälfte 1841
Erschienen Mitte Dezember 1841
Schelling und die Offenbarung 181—227
Geschrieben um die Jahreswende 1841/42
Erschienen im März 1842
Schelling, der Philosoph in Christo . . . 229—249
Geschrieben Anfang 1842
Erschienen Anfang Mai 1842
Der Triumph des Glaubens 252—281
Geschrieben Juni/Juli 1842
Erschienen Dezember 1842
Wir haben die drei Schriften gegen Schelling unter dem gemeinsamen
Titel „Anti-Schelling“ zusammengefaßt. „Schelling über Hegel“ er¬
schien im Telegraph für Deutschland, die beiden andern
Arbeiten wurden, ebenso wie der „Triumph des Glaubens“, als selbstän¬
dige Broschüren publiziert.
ANTI-SCHELLING
Schelling über Hegel
Von Friedrich Oswald
[TfD Dez. 1841. Nr. 207, p. 825-827;
Nr. 208, p. 830-832]
5 Wenn ihr jetzt hier in Berlin irgendeinen Menschen, der auch
nur eine Ahnung von der Macht des Geistes über die Welt hat,
nach dem Kampfplatze fraget, auf dem um die Herrschaft über die
öffentliche Meinung Deutschlands in Politik und Religion, also
über Deutschland selbst, gestritten wird, so wird er euch antworten,
io dieser Kampfplatz sei in der Universität, und zwar das Auditorium
Nr. 6, wo Schelling seine Vorlesungen über Philosophie der Offen¬
barung hält. Denn für den Augenblick sind alle einzelnen Gegen¬
sätze, die der Hegelschen Philosophie jene Herrschaft streitig
machen, gegen die eine Opposition Schellings verdunkelt, ver-
15 wischt und zurückgetreten; alle die Angreifer, die außerhalb der
Philosophie stehen, Stahl, Hengstenberg, Neander, machen einem
Streiter Platz, von dem man sich versieht, daß er den Unbesiegten
auf seinem eignen Gebiet bekämpfen wird. Und der Kampf ist
wirklich eigentümlich genug. Zwei alte Jugendfreunde, Stuben-
2o genossen im Tübinger Stift, treten sich nach vierzig Jahren als Geg¬
ner wieder unter die Augen; der eine tot seit zehn Jahren, aber
lebendiger als je in seinen Schülern; der andere seit drei De¬
zennien, wie jene sagen, geistig tot, nun urplötzlich des Lebens
volle Kraft und Geltung für sich ansprechend. Wer „unparteiisch66
25 genug ist, sich beiden gleich fremd zu wissen, d. h. kein Hegelianer
zu sein — denn zu Schelling kann nach den paar Worten, die er
gesagt hat, sich bis jetzt wohl niemand bekennen — wer also diesen
vielberühmten Vorzug der „Unparteilichkeit66 hat, der wird in der
Todeserklärung Hegels, die durch Schellings Auftreten in Berlin
30 ausgesprochen ist, die Rache der Götter sehen für die Todeserklä¬
rung Schellings, die Hegel seinerzeit verkündete.
Ein bedeutendes, bunt gemischtes Auditorium hat sich eingefun¬
den, um dieses Kampfes Zeuge zu sein. An der Spitze die Notabili-
täten der Universität, die Koryphäen der Wissenschaft, Männer,
35 deren jeder eine eigentümliche Richtung hervorgerufen hat, ihnen
sind die nächsten Plätze um das Katheder überlassen, und hinter
ihnen, durcheinander gewürfelt, wie der Zufall sie zusammen¬
führte, Repräsentanten aller Lebensstellungen, Nationen und Glau¬
bensbekenntnisse. Mitten zwischen der übermütigen Jugend sitzt
174
Berlin 1841—1842.
Philosophische Pamphlete
hier und da ein graubärtiger Stabsoffizier, und neben ihm wohl gar
ganz ungeniert ein Freiwilliger, der in anderer Gesellschaft sich
vor Devotion gegen den hohen Vorgesetzten nicht zu lassen wüßte.
Alte Doktoren und Geistliche, deren Matrikel bald ihr Jubiläum
feiern kann, fühlen den langvergessenen Burschen wieder im 5
Kopfe spuken und gehen ins Kolleg, Judentum und Islam wollen
sehen, was es für eine Bewandtnis mit der christlichen Offenbarung
hat; man hört deutsch, französisch, englisch, ungarisch, polnisch,
russisch, neugriechisch und türkisch durcheinander sprechen —
da ertönt das Zeichen zum Schweigen und Schelling besteigt das 10
Katheder.
Ein Mann von mittlerer Statur, mit weißem Haar und hell¬
blauem, heitern Auge, dessen Ausdruck eher ins Muntere als ins
Imponierende spielt, und vereint mit einigem Embonpoint, mehr
auf den gemütlichen Hausvater als auf den genialen Denker 15
schließen läßt, ein hartes, aber kräftiges Organ, schwäbisch-bayri¬
scher Dialekt mit beständigem „eppes“ für etwas, das ist Schel¬
lings äußere Erscheinung.
Ich übergehe den Inhalt seiner ersten Vorlesungen, um sogleich
zu seinen Äußerungen über Hegel zu kommen, und behalte mir nur20
vor, zur Erläuterung derselben das Nötige nachzuschicken. Ich
gebe sie wieder, wie ich sie in der Vorlesung selbst nachgeschrieben
habe.
„Die Identitätsphilosophie, wie ich sie auf stellte, war nur eine
Seite der ganzen Philosophie, nämlich die negative. Dieses Nega- 25
tive mußte entweder durch die Darstellung des Positiven befriedigt
werden, oder, den positiven Gehalt der früheren Philosophieen ver¬
schlingend, sich selbst als das Positive setzen und sich so zur abso¬
luten Philosophie aufwerfen. Auch über dem Geschick des Men¬
schen schwebt eine Vernunft, die ihn in der Einseitigkeit verharren 30
läßt, bis er alle Möglichkeiten derselben erschöpft hat. So war es
Hegel, der die negative Philosophie als die absolute auf stellte. —
Ich nenne Herm Hegels Namen zum ersten Male. So wie ich mich
über Kant und Fichte frei ausgesprochen habe, die meine Lehrer
gewesen sind, so werde ich es auch über Hegel tun, obgleich mir 35
dies eben keine Freude macht. Aber um der Offenheit willen, die
ich Ihnen, meine Herren, versprochen habe, will ich es tun. Es soll
nicht scheinen, als hätte ich irgend etwas zu scheuen, als gäbe es
Punkte, worüber ich mich nicht frei aussprechen dürfte. Ich ge¬
denke der Zeit, wo Hegel mein Zuhörer, mein Lebensgenoß war, 40
und ich muß sagen, daß, während die Identitätsphilosophie allge¬
mein seicht und flach auf gefaßt wurde, er es war, der ihren Grund¬
gedanken in die spätere Zeit hinübergerettet und bis zuletzt fort¬
während anerkannt hat, wie mir dies vor allem seine Vorlesungen
Schelling über Hegel
175
über die Geschichte der Philosophie bezeugten. Er, der den großen
Stoff schon bewältigt vorfand, hielt sich hauptsächlich an die Me¬
thode, während wir andern vorzugsweise das Materielle behaupte¬
ten. Ich selbst, dem die gewonnenen negativen Resultate nicht ge-
5 nügten, hätte gern jeden befriedigenden Abschluß, auch von frem¬
der Hand, entgegengenommen.“
„Übrigens handelt es sich hier darum, ob Hegels Stelle in der
Geschichte der Philosophie, die Stelle, die ihm unter den großen
Denkern anzuweisen ist, eben diese ist, daß er die Identitätsphilo-
10 sophie zur absoluten, zur letzten zu erheben versuchte, was freilich
nur mit bedeutenden Veränderungen geschehen konnte; und dies
gedenke ich aus seinen eignen, aller Welt offenstehenden Schriften
zu beweisen. Wollte man sagen, daß darin eben der Tadel für
Hegel liege, so antworte ich, daß Hegel getan hat, was ihm zu-
75 nächst lag. Die Identitätsphilosophie mußte mit sich selber ringen,
über sich selbst hinausgehen, so lange jene Wissenschaft des Posi¬
tiven, die sich auch über die Existenz erstreckt, noch nicht da war.
Darum mußte Hegel in jenem Bestreben die Identitätsphilosophie
über ihre Schranke, die Potenz des Seins, das reine Seinkönnen,
20 hinausführen und die Existenz ihr unterwürfig machen.“ —
„,Hegel, der sich mit Schelling zur Anerkennung des Abso¬
luten erhob, wich von diesem ab, indem er dasselbe nicht in der in¬
tellektuellen Anschauung vorausgesetzt, sondern auf wissenschaft¬
lichem Wege gefunden wissen wollte/ Diese Worte bilden den
25 Text, über den ich jetzt zu Ihnen reden werde. — In obiger Stelle
liegt die Meinung zugrunde, die Identitätsphilosophie habe das Ab¬
solute nicht bloß der Sache, sondern auch der Existenz nach zum
Resultate; da nun der Ausgangspunkt der Identitätsphilosophie die
Indifferenz von Subjekt und Objekt ist, so wird auch deren Existenz,
30 als durch die intellektuelle Anschauung erwiesen, angenommen.
Auf diese Weise nimmt Hegel ganz arglos an, ich habe die
Existenz, das Sein jener Indifferenz durch die intellektuelle
Anschauung beweisen wollen, und tadelt mich wegen des mangel¬
haften Beweises. Daß ich dies nicht wollte, zeigt die von mir so
35 häufig ausgesprochene Verwahrung, die Identitätsphilosophie sei
kein System der Existenz, und was die intellektuelle Anschauung
betrifft, so kommt diese Bestimmung in derjenigen Darstellung der
Identitätsphilosophie, die ich einzig und allein für die wissen¬
schaftliche aus früherer Zeit anerkenne, gar nicht vor. Diese Dar-
40 Stellung befindet sich da, wo sie kein Mensch sucht, nämlich in der
Zeitschrift für spekulative Physik, zweiten Bandes zweites Heft.
Sonst wohl kommt sie allerdings vor, und ist ein Erbstück der
Fichteschen Verlassenschaft. Fichte, mit dem ich nicht geradezu
brechen wollte, gelangte durch sie zu seinem unmittelbaren Ge-
45 wissen, dem Ich; ich knüpfte daran an, um auf diesem Wege zur
176
Berlin 1841—1842.
Philosophische Pamphlete
Indifferenz zu gelangen. Indem nun das Ich in der intellektuellen
Anschauung nicht mehr subjektiv betrachtet wird, tritt es in die
Sphäre des Gedankens und ist so nicht mehr unmittelbar gewiß
existierend. Sonach würde die intellektuelle Anschauung selbst
nicht einmal die Existenz des Ich beweisen; und wenn Fichte sie 5
zu diesem Zwecke braucht, so kann ich mich doch nicht auf sie be¬
rufen, um die Existenz des Absoluten daraus zu demonstrieren. So
konnte mich Hegel nicht wegen der Mangelhaftigkeit eines Be¬
weises tadeln, den ich nie führen wollte, sondern nur deswegen,
daß ich nicht ausdrücklich genug sagte, daß es mir überhaupt um 10
die Existenz nicht zu tun sei. Denn wenn Hegel den Beweis des
Seins der unendlichen Potenz verlangt, so geht er über die Ver¬
nunft hinaus; sollte die unendliche Potenz sein, so wäre die Philo¬
sophie nicht frei vom Sein; und hier ist denn die Frage aufzu¬
stellen, ob das Prius der Existenz zu denken ist? Hegel negiert es, 15
denn er fängt seine Logik mit dem Sein an und geht sogleich auf
ein Existentialsystem los. Wir aber bejahen es, indem wir mit der
reinen Potenz des Seins als nur im Denken existierend beginnen.
Hegel, der so viel von der Immanenz spricht, ist doch nur immanent
in dem dem Denken nicht Immanenten, denn das Sein ist dies 20
Nichtimmanente. Sich ins reine Denken zurückziehen, heißt insbe¬
sondere sich von allem Sein außer dem Gedanken zurückziehen.
Die Behauptung Hegels, die Existenz des Absoluten sei in der
Logik bewiesen, hat dann noch den Nachteil, daß man auf diese
Weise das Unendliche zweimal hat, am Ende der Logik und dann 25
noch einmal am Ende des ganzen Prozesses. Überhaupt sieht man
nicht ein, warum die Logik bei der Enzyklopädie vorausgeschickt
wird, anstatt daß sie den ganzen Zyklus belebend durchdringt/6
Soweit Schelling. Ich habe zum großen Teil und soviel es mir
möglich war, seine eignen Worte angeführt und kann dreist be- 30
haupten, daß er die Unterschreibung dieser Auszüge nicht weigern
dürfte. Zur Ergänzung füge ich aus den vorhergehenden Vorlesun¬
gen bei, daß er die Dinge nach zwei Seiten betrachtet, das quid
von dem quod, das Wesen und den Begriff von der Existenz trennt;
ersteres der reinen Vernunftwissenschaft oder negativen Philo- 35
sophie, letzteres einer neuzugründenden Wissenschaft mit empiri¬
schen Elementen, der positiven Philosophie, zuweist. Von der letz¬
teren verlautete bis jetzt noch nichts, die erstere trat vor vierzig
Jahren in mangelhafter, von Schelling selbst preisgegebener Fas¬
sung auf und wird von ihm jetzt in ihrem wahren, adäquaten Aus- 40
druck entwickelt. Ihre Basis ist die Vernunft, die reine Potenz des
Erkennens, welche die reine Potenz des Seins, das unendliche Sein-
können zu ihrem unmittelbaren Inhalt hat. Das notwendige Dritte
hierzu ist nun die Potenz über das Sein, die sich nicht mehr ent¬
äußern könnende, und diese ist das Absolute, der Geist, das, was 45
Schelling über Hegel
177
von der Notwendigkeit des Überganges in das Sein freigesprochen
ist und in ewiger Freiheit gegen das Sein verharrt. Auch die „or-
phische“ Einheit jener Potenzen kann das Absolute genannt wer¬
den, als das, außer dem nichts ist. Treten die Potenzen in Gegensatz
$ zu einander, so ist diese ihre Ausschließlichkeit die Endlichkeit.
Diese wenigen Sätze genügen, denk’ ich, zum Verständnis des
Vorhergehenden und als Grundzüge des Neuschellingianismus, so¬
weit diese hier und bis jetzt gegeben werden können. Es bleibt mir
nun noch übrig, die von Schelling wohl absichtlich verschwiegenen
10 Konsequenzen hieraus zu ziehen und für den großen Toten in die
Schranken zu treten.
Wenn man das Schellingsche Todesurteil des Hegelschen
Systems seiner Kurialsprache entkleidet, so kommt folgendes her¬
aus: Hegel hat eigentlich gar kein eignes System gehabt, sondern
15 vom Abfall meiner Gedanken kümmerlich sein Leben gefristet;
während ich mit der partie brillante, der positiven Philosophie,
mich beschäftigte, schwelgte er in der partie honteuse, der nega¬
tiven, und übernahm, da ich keine Zeit hierzu hatte, ihre Vervoll¬
ständigung und Ausarbeitung, unendlich beglückt dadurch, daß
to ich ihm dies noch anvertraute. Wollt Ihr ihn deshalb tadeln? „Er
tat, was ihm zunächst lag.46 Er hat dennoch „eine Stelle unter den
großen Denkern66, denn „er war der einzige, der den Grundgedan¬
ken der Identitätsphilosophie anerkannte, während alle andern sie
flach und seicht auf faßten66. Aber dennoch sah es schlimm mit ihm
25 aus, denn er wollte die halbe Philosophie zur ganzen machen. —
Man erzählt ein bekanntes Wort, angeblich aus Hegels Munde,
das aber nach obigen Äußerungen unzweifelhaft von Schelling her¬
rührt: „Nur einer meiner Schüler verstand mich, und auch dieser
verstand mich leider falsch.66 —
so Aber im Ernste, dürfen solche Schmähungen auf den Grabstein
Hegels geschrieben werden, ohne daß wir, die wir ihm mehr ver¬
danken, als er Schelling schuldig war, zur Ehre desi Toten eine
Herausforderung wagen, und sei der Gegner noch so furchtbar?
Und Schmähungen sind dies doch, da mag Schelling sagen, was er
35 will, da mag die Form scheinbar noch so wissenschaftlich sein.
0, ich könnte den Herrn von Schelling und jeden Beliebigen, wenn
es verlangt würde, „auf rein wissenschaftliche Weise66 so grund¬
schlecht darstellen, daß er die Vorzüge der „wissenschaftlichen
Methode66 gewiß einsehen würde; aber was sollte mir das? Es wäre
40 ohnehin frivol, wollte ich, der Jüngling, einen Greis meistem, und
vollends Schelling, der, mag er noch so entschieden von der Frei¬
heit abgefallen sein, immer der Entdecker des Absoluten bleibt
und, sobald er als Hegels Vorgänger auf tritt, nur mit der tiefsten
Ehrfurcht von uns allen genannt wird. Aber Schelling, der Nach-
45 folger Hegels, hat nur auf einige Pietät Anspruch und wird von
Marx-Engels-Gesamtausgabe, I. Abt., Bd. 2. 12
178
Berlin 1841—1842.
Philosophische Pamphlete
mir am allerwenigsten Ruhe und Kälte verlangen ; denn ich bin für
einen Toten eingetreten, und dem Kämpfenden steht etwas Leiden¬
schaft doch wohl an, wer mit kaltem Blut seine Klinge zieht, hat
selten viel Begeisterung für die Sache, die er verficht.
Ich muß sagen, daß das hiesige Auftreten Schellings und «
namentlich diese Invektiven gegen Hegel wenig Zweifel mehr an
dem übrig lassen, was man bisher nicht glauben wollte, nämlich
daß das in der Vorrede zu Riedels bekannter jüngster Broschüre
gezeichnete Porträt ähnlich sei. Wenn diese Art, die ganze Ent¬
wickelung der Philosophie in diesem Jahrhundert, Hegel, Gans, 10
Feuerbach, Strauß, Ruge und die Deutschen Jahrbücher zuerst von
sich abhängig zu machen und sie dann nicht nur zu negieren, nein,
sie mit einer Floskel, die nur ihn besser ins Licht stellen soll,
als einen Luxus, den der Geist mit sich selber treibt, ein Kuriosum
von Mißverständnis, eine Gallerie von unnützen Verirrungen dar-
zustellen — wenn das nicht alles übertrifft, was in jener Broschüre
Schelling vorgeworfen wird, so hab’ ich keine Ahnung von dem,
was im gegenseitigen Verkehr Sitte ist. Freilich mochte es für
Schelling schwer sein, einen Mittelweg zu finden, der weder ihn
noch Hegeln kompromittierte, und der Egoismus wäre verzeihlich, 20
der ihn, um sich zu halten, zur Aufopferung des Freundes ver¬
anlaßte. Aber es ist doch etwas zu stark, wenn Schelling dem Jahr¬
hundert zumutet, vierzig Jahre voll Mühen und Arbeit, vierzig
Jahre des Denkens, des Auf opferns der liebsten Interessen und der
heiligsten Überlieferungen als vergeudete Zeit, verfehlte Richtung 25
zurückzunehmen, bloß damit e r nicht diese vierzig Jahre zu lange
gelebt habe; es klingt wie mehr als Ironie, wenn er Hegeln eben
dadurch eine Stelle unter den großen Denkern anweist, daß er ihn
aus ihrer Zahl der Sache nach ausstreicht, ihn wie sein Geschöpf,
seinen Diener behandelt; und endlich erscheint es doch einiger- so
maßen wie Gedankengeiz, wie kleinlicher — wie nennt man doch
die bekannte blaßgelbe Leidenschaft? — wenn Schelling alles und
jedes, was er bei Hegel anerkennt, als sein Eigentum, ja als Fleisch
von seinem Fleisch, reklamiert. Es wäre doch sonderbar, wenn die
alte Schellingsche Wahrheit nur in der schlechten Hegelschen Form 35
sich hätte halten können, und dann fiele der Vorwurf des dunkeln
Ausdrucks, den Schelling seinem Angegriffenen vorgestern machte,
doch notwendig auf ihn selbst zurück, was er freilich nach allge¬
meinem Urteil schon jetzt tut, trotz der versprochenen Deutlichkeit.
Wer sich in solchen Perioden ergeht, wie Schelling es fortwährend 40
tut, wer Ausdrücke wie Quidditativ und Quodditativ, orphische
Einheit usw. gebraucht und selbst mit diesen noch so wenig aus¬
kommt, daß lateinische und griechische Sätze und Wörter jeden
Augenblick aushelfen müssen, der begibt sich denn doch wohl des
Rechtes, über Hegels Stil zu schelten. 4s
Schelling über Hegel
179
Am meisten zu bedauern ist übrigens Schelling wegen des un¬
glücklichen Mißverständnisses in Beziehung auf die Existenz. Der
gute, naive Hegel mit seinem Glauben an die Existenz philosophi¬
scher Resultate, an die Berechtigung der Vernunft, in die Existenz
5 zu treten, das Sein zu beherrschen! Aber merkwürdig wäre es doch,
wenn er, der Schelling denn doch gehörig studiert und lange per¬
sönlichen Umgang mit ihm gepflogen hatte, wenn alle andern, die
die Identitätsphilosophie zu durchdringen suchten, gar nichts ge¬
merkt hätten von dem Hauptspaß, nämlich, daß das all nur Flausen
10 sind, die nur in Schellings Kopf existierten und gar keine An¬
sprüche darauf machten, auf die Außenwelt einigen Einfluß zu
haben. Irgendwo müßte das doch wohl geschrieben stehen, und
einer hätt’ es doch gewiß gefunden. Aber man kommt wirklich in
Versuchung, daran zu zweifeln, ob dies von vom herein Schellings
U Ansichten gewesen, oder ob es spätere Zutat sei.
Und die neue Fassung der Identitätsphilosophie? Kant befreite
das vernünftige Denken von Raum und Zeit, Schelling nimmt uns
noch die Existenz. Was bleibt uns dann noch? Es ist hier nicht der
Ort, gegen ihn zu beweisen, daß die Existenz allerdings in den Ge-
2o danken fällt, dasi Sein dem Geiste immanent ist und der Grundsatz
aller modernen Philosophie, das cogito ergo sum, nicht so im
Sturm umgerannt werden kann; aber man wird mir die Fragen
erlauben, ob eine Potenz, die selbst kein Sein hat, ein Sein erzeugen
kann, ob eine Potenz, die sich nicht mehr entäußern kann, noch
25 Potenz ist, und ob die Trichotomie der Potenzen der aus Hegels
Enzyklopädie sich entwickelnden Dreieinigkeit von Idee, Natur
und Geist nicht auf eine merkwürdige Weise entspricht?
Und was wird sich aus dem allen für die Philosophie der Offen¬
barung ergeben? Sie fällt natürlich in die positive Philosophie, in
so die empirische Seite. Schelling wird sich nicht anders helfen
können, als durch die Annahme des Faktums einer Offenbarung,
das er vielleicht auf irgendeine Weise, nur nicht vernünftig, denn
dazu hat er sich ja die Türe versperrt, begründet. Hegel hat es sich
doch ein klein wenig saurer gemacht — oder sollte Schelling
35 andere Auskunftsmittel in der Tasche haben? So läßt sich denn
diese Philosophie ganz richtig die empirische nennen, ihre Theo¬
logie die positive und ihre Jurisprudenz wird wohl die historische
sein. Das wäre freilich einer Niederlage nicht unähnlich, denn das
kannten wir alles schon, ehe Schelling nach Berlin kam.
40 Unsere Sache wird es sein, seinen Gedankengang zu ver¬
folgen und des großen Meisters Grab vor Beschimpfung zu
schützen. Wir scheuen den Kampf nicht. Uns konnte nichts Wün¬
schenswerteres geschehen, als für eine Zeitlang ecclesia pressa zu
sein. Da scheiden sich die Gemüter. Was echt ist, bleibt im Feuer
45 bewährt, was unecht ist, vermissen wir gern in unseren Reihen. Die
12*
180 Berlin 1841—1842. Philosophische Pamphlete
Gegner müssen uns zugestehen, daß niemals die Jugend so zahl¬
reich zu unsern Fahnen strömte, niemals der Gedanke, der uns be¬
herrscht, sich so reich entfaltete, Mut, Gesinnung, Talent so sehr
auf unserer Seite war als jetzt. So wollen wir denn getrost auf-
stehen gegen den neuen Feind; am Ende findet sich doch einer 5
unter uns, der es bewährt, daß das Schwert der Begeisterung ebenso
gut ist wie das Schwert des Genies.
Schelling aber mag sehen, ob er eine Schule zusammen¬
bekommt. Viele schließen sich jetzt bloß deshalb an ihn an, weil
sie, wie er, gegen Hegel sind, und jeden, der ihn angreift, und io
wär’ es Leo oder Schubarth, mit Dank annehmen. Für diese ist
aber Schelling, denk’ ich, viel zu gut. Ob er außerdem Anhänger
bekommt, wird sich zeigen. Ich glaub’ es noch nicht, obgleich
einige seiner Zuhörer Fortschritte machen und es schon bis zur
Indifferenz gebracht haben. u
Tafel III
® dieHing
unb bie
Offenbarung«
Kritik
bed neueßen JReafti onô»erfu$ê
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freie Ißbtfoftybie«
e i p 3 i a.
Stöbert Sinket.
1842.
Titelseite der Broschüre ..Schelling und die Offenbarung“
Schelling und die Offenbarung
Kritik des neuesten Reaktionsversuchs gegen die freie Philo¬
sophie. — Leipzig, Robert Binder. 1842. [8°. 55 Seiten]
Seit einem Jahrzehend hing an den Bergen Süddeutschlands
5 eine Gewitterwolke, die sich immer dräuender und finstrer für die
norddeutsche Philosophie zusammenzog. Schelling trat in Mün¬
chen wieder auf; man vernahm, daß sein neues System sich dem
Abschluß nähere und dem Übergewicht der Hegelschen Schule
sich entgegenstellen werde. Er selbst sprach sich entschieden
io gegen diese Richtung aus, und den übrigen Gegnern derselben
blieb immer noch der Rückhalt, wenn alle Gründe der siegenden
Gewalt jener Lehre weichen mußten, auf Schelling als den Mann
hinzuweisen, der sie in letzter Instanz vertilgen werde.
Erwünscht mußte es daher den Jüngem Hegels sein, als vor
15 einem halben Jahre Schelling nach Berlin kam und sein nunmehr
fertiges System dem öffentlichen Urteile preiszugeben versprach.
So durfte man hoffen, das lästige, leere Gerede von ihm, dem
großen Unbekannten, endlich nicht mehr hören zu müssen, und
einmal zu sehen, was denn daran sei. Ohnehin war bei dem
20 kampflustigen Sinn, der die Hegelsche Schule immer auszeich¬
nete, bei dem Selbstvertrauen, das sie besaß, die Gelegenheit ihr
nur willkommen, sich mit einem berühmten Gegner messen zu
können; längst war Schelling ja von Gans, Michelet und dem
Athenäum, seine jüngeren Schüler von den Deutschen Jahrbüchern
25 herausgefordert.
So zog denn die Gewitterwolke herauf und entlud sich in
Donner und Blitz, die von Schellings Katheder aus ganz Berlin
aufzuregen begannen. Jetzt ist der Donner verhallt, der Blitz
leuchtet nicht mehr; hat er sein Ziel getroffen, schlägt das Gerüste
30 des Hegelschen Systems, dieser stolze Palast des Gedankens, in
Flammen auf, eilen die Hegelianer zu retten, was noch zu retten
ist? Bis jetzt hat das noch niemand gesehen.
Und doch hatte man von Schelling alles erwartet. Lagen nicht
die „Positiven“ auf den Knien und ächzten über die große Dürre
35 im Lande des Herrn und flehten die Regenwolke heran, die am
fernen Horizont hing? War es nicht gerade wie damals in Israel,
wo Elias beschworen wurde, die weiland Baalspfaffen zu ver¬
treiben? Und als er nun kam, der große Teufelsbanner, wie ver¬
182
Berlin 1841—1842.
Philosophische Pamphlete
stummte da auf ein Mal all die laute, schamlose Denunziation, all
das wüste Toben und Schreien, damit nur ja kein Wort verloren
gehe von der neuen Offenbarung! Wie zogen sich die tapfern
Helden von der Evangelischen und Allgemeinen Berliner Kirchen¬
zeitung, vom Literarischen Anzeiger, von der Fichteschen Zeit- s
schrift bescheiden zurück, um dem Sankt Georg Platz zu machen,
der den greulichen Lindwurm der Hegelei, dessen Odem Flammen
der Gottlosigkeit und Rauch der Verfinsterung war, erlegen sollte!
War nicht eine Stille im Lande, als sollte der heilige Geist her¬
nieder fahren, als wollte Gott selbst aus den Wolken reden? 10
Und als der philosophische Messias nun seinen hölzernen, sehr
schlecht gepolsterten Thron im Auditorium maximum bestieg, als
er Taten des Glaubens und Wunder der Offenbarung versprach,
welch jubelnder Zuruf scholl ihm aus dem Heerlager der Posi¬
tiven entgegen! Wie waren alle Zungen voll von Ihm, auf den die w
„Christlichen“ ihre Hoffnung gesetzt hatten! Hieß es nicht, der
kühne Recke werde allein, wie Roland, auf feindliches Gebiet
gehen, im Herzen des feindlichen Landes seine Fahne aufpflanzen,
die innerste Burg der Verruchtheit, die nie bewältigte Feste der
Idee in die Luft sprengen, daß die Feinde ohne Basis, ohne Zen- 20
trum, in ihrem eignen Lande keinen Rat, keine sichere Stätte mehr
finden könnten? Proklamierte man nicht schon den bis zu Ostern
1842 erwarteten Sturz des Hegelianismus, den Tod aller Atheisten
und Unchristen?
Alles ist anders gekommen. Die Hegelsche Philosophie lebt 25
nach wie vor auf dem Katheder, in der Literatur, in der Jugend;
sie weiß, daß alle bis jetzt gegen sie geführten Streiche ihr nichts
anhaben konnten und geht ruhig ihren eignen innem Entwick¬
lungsgang fort. Ihr Einfluß auf die Nation ist, wie schon die ver¬
mehrte Wut und Tätigkeit der Gegner beweist, in raschem Steigen, 30
und Schelling hat fast alle seine Zuhörer unbefriedigt gelassen.
Das sind Tatsachen, gegen die etwas Stichhaltiges einzuwenden
selbst den wenigen Anhängern der neuschellingschen Weisheit un¬
möglich sein wird. Als man merkte, daß die in bezug auf Schel¬
ling gefaßten Vorurteile sich nur zu sehr bestätigten, war man an- 35
fangs etwas verlegen, wie man die Pietät gegen den Altmeister
der Wissenschaft mit jener offenen, entschiedenen Zurückweisung
seiner Ansprüche, die man Hegeln schuldig war, vereinigen sollte.
Er tat uns indes bald den Gefallen, uns aus diesem Dilemma zu
befreien, indem er sich über Hegel in einer Weise aussprach, die 40
uns von jeder Rücksicht gegen den angeblichen Nachfolger und
Überwinder desselben entband. Darum wird man auch mir es
nicht verübeln können, wenn ich ein demokratisches Prinzip in
meiner Beurteilung befolge und ohne Ansehen der Person rein
auf die Sache und ihre Geschichte mich beschränke. 45
Schelling und die Offenbarung
183
Als Hegel im Jahre 1831 sterbend seinen Jüngern das Ver¬
mächtnis seines Systems hinterließ, war ihre Zahl noch verhältnis¬
mäßig gering. Das System war nur in jener zwar strengen und
starren, aber auch gediegenen Form vorhanden, die seitdem soviel
5 getadelt worden ist, die aber nichts andres als eine Notwendigkeit
war. Hegel selbst hatte, im stolzen Vertrauen auf die Kraft der
Idee, wenig zur Popularisierung seiner Lehre getan. Die Schriften,
die er veröffentlicht hatte, waren alle in einem streng-wissenschaft¬
lichen, ja fast dornigen Stile geschrieben und konnten, wie die
io Jahrbücher für wissenschaftliche Kritik, wo seine Schüler in der¬
selben Weise schrieben, nur auf ein geringes, noch dazu prä¬
okkupiertes Publikum von Gelehrten rechnen. Die Sprache durfte
sich der im Kampf mit dem Gedanken erworbenen Narben nicht
schämen; es kam fürs erste darauf an, alles Vorstellungsmäßige,
15 Phantastische, Gefühlige entschieden abzuweisen und den reinen
Gedanken in seiner Selbstschöpfung zu erfassen. War diese sichere
Operationbasis erst gewonnen, so konnte man einer späteren Reak¬
tion der ausgeschlossenen Elemente ruhig entgegen sehen und
selbst in das unphilosophische Bewußtsein herabsteigen, da der
2o Rücken gedeckt blieb. Die Wirkung der Hegelschen Vorlesungen
blieb immer auf einen kleinen Kreis beschränkt, und so bedeutend
sie da auch gewesen ist, so konnte sie doch erst in späteren Jahren
Früchte tragen.
Als aber Hegel gestorben war, begann seine Philosophie erst
25 recht zu leben. Die Herausgabe seiner sämtlichen Werke, beson¬
ders der Vorlesungen, machte eine unermeßliche Wirkung. Neue
Pforten taten sich auf zu dem verborgenen, wundervollen Schatze,
der im verschwiegnen Bergesschoße lag, und dessen Herrlichkeit
nur für wenige bisher geschimmert hatte. Klein war die Zahl derer
30 gewesen, die den Mut hatten, auf eigne Faust sich in das Labyrinth
der Zugänge zu wagen; jetzt war eine gerade, bequeme Bahn da,
auf der das märchenhafte Kleinod erreicht werden konnte. Zu¬
gleich nahm die Lehre im Munde der Schüler Hegels eine mensch¬
lichere, anschaulichere Gestalt an, die Opposition von Seiten der
35 Philosophie selbst wurde immer schwächer und bedeutungsloser,
und allmählich hörte man nur noch den theologischen und juristi¬
schen Schlendrian sich über die Impertinenz beklagen, mit der ein
Unberufener sich in seine Fachgelehrsamkeit eindränge. Die
Jugend bemächtigte sich des dargebotenen Neuen um so begieriger,
4o als inzwischen in der Schule selbst ein Fortschritt eingetreten war,
der zu den bedeutungsvollsten, auf die Lebensfragen der Wissen¬
schaft wie der Praxis sich beziehenden Diskussionen antrieb.
Die Schranken, in die Hegel selbst den gewaltigen, jugendlich
aufbrausenden Konsequenzenstrom seiner Lehre eindämmte, waren
45 teils von seiner Zeit, teils von seiner Persönlichkeit bedingt. Das
184
Berlin 1841—1842.
Philosophische Pamphlete
System war in seinen Grundzügen vor 1810 fertig, die Welt¬
anschauung Hegels mit 1820 abgeschlossen. Seine politische An¬
sicht, seine im Hinblick auf England entwickelte Staatslehre tragen
unverkennbar das Gepräge der Restaurationszeit, wie ihm denn
auch die Julirevolution in ihrer welthistorischen Notwendigkeit 5
nicht klar wurde. So fiel er selbst seinem eignen Ausspruch anheim,
daß jede Philosophie nur der Gedankeninhalt ihrer Zeit ist.
Andrerseits wurden zwar seine persönlichen Meinungen durch das
System geläutert, aber nicht ohne auf die Konsequenzen desselben
zu influieren. So wäre die Religions- und Rechtsphilosophie unbe- ie
dingt ganz anders ausgefallen, wenn er mehr von den positiven
Elementen, die nach der Bildung seiner Zeit in ihm lagen, ab¬
strahiert und dafür aus dem reinen Gedanken entwickelt hätte.
Hierauf lassen sich alle Inkonsequenzen, alle Widersprüche in
Hegel reduzieren. Alles, was in der Religionsphilosophie zu ortho-15
dox, im Staatsrecht zu pseudohistorisch erscheint, ist unter diesen
Gesichtspunkt zu fassen. Die Prinzipien sind immer unabhängig
und freisinnig, die Folgerungen — das leugnet kein Mensch —
hier und da verhalten, ja illiberal. Hier trat mm ein Teil seiner
Schüler auf, hielt sich an die Prinzipien und verwarf die Kon- 20
Sequenzen, wenn sie sich nicht rechtfertigen konnten. Die linke
Seite bildete sich, Ruge schuf ihr in den Hallischen Jahrbüchern
ein Organ, und über Nacht war der Abfall von der Herrschaft des
Positiven erklärt. Aber noch wagte man nicht, alle Konsequenzen
offen auszusprechen. Man glaubte, selbst nach Strauß noch inner- 25
halb des Christentums zu stehen, ja man pochte, den Juden gegen¬
über, auf die Christlichkeit; man war sich über Fragen wie die von
der Persönlichkeit Gottes und der individuellen Unsterblichkeit
selbst noch nicht klar genug, um ein rückhaltloses Urteil fällen zu
können; ja man war im Zweifel, wenn man die unausbleiblichen 30
Konsequenzen herannahen sah, ob die neue Lehre nicht esoteri¬
sches Eigentum der Schule und für die Nation ein Geheimnis
bleiben müsse. Da trat Leo mit den Hegelingen auf und erwies
seinen Gegnern dadurch den größesten Dienst; wie denn über¬
haupt alles, was auf den Untergang dieser Richtung berechnet war, 35
zu ihrem Vorteil ausschlug und ihr aufs deutlichste bewies, daß
sie mit dem Weltgeiste Hand in Hand geht. Leo hat den Hegelingen
Klarheit über sich selbst verschafft, hat in ihnen den stolzen Mut
wieder erweckt, der die Wahrheit bis in ihre äußersten Folge¬
rungen begleitet und sie offen und verständlich ausspricht, mag &
daraus kommen, was da wolle. Es ist ergötzlich, jetzt die damals
gegen Leo erschienenen Verteidigungen zu lesen, wie die armen
Hegelinge zappeln und sich gegen Leos Schlüsse verwahren und
verklausulieren. Jetzt fällt es keinem von ihnen ein, die Anklage¬
punkte Leos abzuleugnen; so hoch ist ihre Frechheit seit drei Jahren 45
Schelling und die Offenbarung
185
gestiegen. Feuerbachs Wesen des Christentums, Strauß’ Dogmatik
und die Deutschen Jahrbücher zeigen die Früchte, die Leos Denun¬
ziation getragen hat; ja die „Posaune66 weist die Konsequenzen,
auf die es ankommt, schon bei Hegel nach. Dies Buch ist schon
5 darum für die Stellung Hegels so wichtig, weil es zeigt, wie oft in
Hegel der unabhängige, kühne Denker über den tausend Einflüssen
unterworfenen Professor gesiegt hat. Es ist eine Ehrenrettung der
Persönlichkeit des Mannes, dem man zumutete, nicht nur da, wo
er genial war, über seine Zeit hinauszugehen, sondern auch da, wo
10 er es nicht war. Hier ist der Beweis, daß er auch dies getan hat.
So hat es denn die „hegelingische Rotte66 kein Hehl mehr, daß
sie das Christentum nicht mehr als ihre Schranke ansehen kann
und will. Alle Grundprinzipien des Christentums, ja sogar dessen,
was man bisher überhaupt Religion nannte, sind gefallen vor der
15 unerbittlichen Kritik der Vernunft; die absolute Idee macht An¬
spruch darauf, die Gründerin einer neuen Ära zu sein. Die große
Umwälzung, von der die französischen Philosophen des vorigen
Jahrhunderts nur die Vorläufer waren, hat ihre Vollendung im
Reiche des Gedankens, ihre Selbstschöpfung vollbracht. Die Philo-
2o sophie des Protestantismus, von Descartes an, ist geschlossen ; eine
neue Zeit ist angebrochen, und es ist die heiligste Pflicht aller, die
der Selbstentwicklung des Geistes gefolgt sind, das ungeheure Re¬
sultat ins Bewußtsein der Nation überzuführen und zum Lebens¬
prinzip Deutschlands zu erheben.
25 Während dieser innem Entwicklung der Hegelschen Philo¬
sophie blieb ihre äußere Stellung auch nicht unverändert. Der Mi¬
nister Altenstein, durch dessen Vermittlung der neuen Lehre eine
Wiege in Preußen bereitet war, starb; mit den folgenden Verände¬
rungen hörte nicht nur alle Begünstigung jener Lehre auf, sondern
so man bestrebte sich auch, sie allmählich vom Staate auszuschließen.
Es war dies die Folge der sowohl auf Seite des Staats als der Philo¬
sophie stärker hervorgehobenen Prinzipien; wie diese sich nicht
scheute, das Notwendige auszusprechen, so war es auch ganz natür¬
lich, daß jener seine Konsequenzen bestimmter geltend machte.
35 Preußen ist ein christlich-monarchischer Staat, und seine welt¬
historische Stellung gibt ihm ein Recht auf Anerkennung seiner
Prinzipien als faktisch gültiger. Man mag sie teilen oder nicht,
genug, sie sind da, und Preußen ist stark genug, sie nötigenfalls
vertreten zu können. Zudem hat die Hegelsche Philosophie keine
40 Ursache, sich darüber zu beklagen. Ihre frühere Stellung warf
einen falschen Schein auf sie und zog ihr scheinbar eine Menge
Anhänger zu, auf die in Zeiten des Kampfes nicht zu rechnen war.
Ihre falschen Freunde, die Egoisten, die Oberflächlichen, die
Halben, die Unfreien, sind jetzt glücklich zurückgetreten, und sie
45 weiß jetzt, woran sie ist und auf wen sie zählen kann. Zudem kann
186
Berlin 1841—1842.
Philosophische Pamphlete
es ihr nur lieb sein, wenn die Gegensätze sich scharf hervorheben,
da ihr endlicher Sieg doch gewiß ist. So war es denn ganz natür¬
lich, daß als Gegengewicht der bisher vorherrschenden Tendenzen
Männer von der entgegengesetzten Richtung berufen wurden; der
Kampf gegen jene wurde wieder angefacht, und als die historisch- s
positive Fraktion wieder einigen Mut bekommen hatte, wurde
Schelling nach Berlin berufen, um dem Streite den Ausschlag zu
geben und die Hegelsche Lehre auf ihrem eignen philosophischen
Gebiet zu ächten.
Sein Auftreten in Berlin mußte allgemein Spannung erregen. 10
Er hatte in der Geschichte der neueren Philosophie eine so be¬
deutende Rolle gespielt; trotz aller von ihm herrührenden An¬
regungen hatte er indes nie ein fertiges System gegeben und seinen
Abschluß mit der Wissenschaft immer noch hinausgeschoben, bis
er jetzt endlich diese große Abrechnung über seine ganze Lebens-
tätigkeit zu geben versprach. Er übernahm es auch wirklich, die
Versöhnung von Glauben und Wissen, von Philosophie und Offen¬
barung zustande zu bringen und was er weiter in seiner ersten Vor¬
lesung aussprach. Ein andres, wichtiges Moment, das erhöhtes In¬
teresse für ihn einflößte, war seine Stellung zu dem, den er zu 20
besiegen gekommen war. Freunde und Stubengenossen schon auf
der Universität, lebten beide Männer nachher in Jena so vertraut
zusammen, daß es bis auf den heutigen Tag unentschieden bleiben
muß, welchen Einfluß sie aufeinander hatten. Nur dies ist gewiß,
daß Hegel es war, der es Schelling zum Bewußtsein brachte, wie 25
weit er bereits, ohne es zu wissen, über Fichte hinausgegangen
war*). Nach ihrer Trennung indes begannen ihre bisher parallel
laufenden Entwicklungsbahnen bald aus einander zu gehen. Hegel,
dessen tiefinnerliche, ruhelose Dialektik erst jetzt sich recht zu ent¬
falten anfing, nachdem Schellings Einfluß zurückgetreten war, tat 30
1806 in der Phänomenologie des Geistes einen Riesenschritt über
den naturphilosophischen Standpunkt hinaus und erklärte seine
Unabhängigkeit von diesem; Schelling verzweifelte immer mehr
daran, auf dem bisherigen Wege zu den erstrebten großen Resul¬
taten zu gelangen, und versuchte bereits zu jener Zeit, sich des Ab- 35
soluten auf unmittelbare Weise, durch die erfahrungsmäßige Vor¬
aussetzung einer höheren Offenbarung zu bemächtigen. Während
Hegels gedankenschaffende Kraft immer energischer, lebendiger,
tätiger sich zeigte, versank Schelling, wie schon eine solche An-
*) Wenn Schelling wirklich die „Geradsinnigkeit und Offenheit“, mit der er sich
brüstet, besitzt, wenn er seine Behauptungen über Hegel wirklich aufrichtig meint
und Grund dazu hat, so beweise er das durch die Herausgabe seines Briefwechsels
mit Hegel, den er besitzen soll, wie es heißt, oder dessen Veröffentlichung doch nur
von ihm abhängt. Aber da liegt der wunde Fleck. Verlangt er also Glauben an seine
Wahrhaftigkeit, so rücke er heraus mit diesem Beweise, der alle deshalb erhobenen
Streitigkeiten lösen würde.
Schelling und die Offenbarung
187
nähme beweist, in eine träge Ermattung, die sich auch in seiner
bald einschlummemden literarischen Tätigkeit äußerte. Er mag
jetzt immerhin selbstzufrieden von seiner langen, verschwiegnen
philosophischen Arbeit, von den geheimen Schätzen seines Pultes,
5 von seinem dreißigjährigen Krieg mit dem Gedanken sprechen, es
glaubt ihm das kein Mensch. Wer alle Anstrengung seines Geistes
auf einen Punkt verwendet, wer die Jugendkraft noch in Anspruch
nimmt, die einen Fichte überwand, der ein Heros der Wissen¬
schaft, ein Genie ersten Ranges sein will — und nur ein solches
10 würde Hegeln stürzen können, das muß jeder zugeben — der sollte
dreißig Jahre und mehr gebrauchen, um einige unbedeutende Re¬
sultate zutage zu fördern? Hätte Schelling es sich nicht so bequem
mit dem Philosophieren gemacht, würden da nicht alle Stufen
seines Gedankenganges der Welt in einzelnen Schriften vorliegen?
15 Ohnehin hat er von jeher in dieser Beziehung wenig Selbstbeherr¬
schung gezeigt und alles Neue, das er fand, gleich ohne viel Kritik
in die Welt geschickt. Fühlte er sich noch immer als König der
Wissenschaft, wie konnte er ohne die Anerkennung seines Volkes
leben, wie konnte ihm die armselige Existenz eines abgesetzten
so Fürsten, eines Karl X., wie konnte ihm der längst verschlissene
und verbleichte Purpur der Identitätsphilosophie genügen? Mußte
er nicht alles daran wagen, sich in seine verlornen Rechte zu resti¬
tuieren, den Thron, den ein „später Gekommener“ ihm geraubt,
wieder zu erobern? Statt dessen ließ er die Bahn des reinen Ge-
25 dankens liegen, vergrub sich in mythologische und theosophische
Phantastereien und hielt, wie es scheinen muß, sein System zur
Verfügung des Königs von Preußen, denn auf dessen Ruf war das
nie Vollendete sogleich fertig. So kam er denn her, mit der Ver¬
söhnung von Glauben und Wissen im Koffer, machte von sich reden
3o und stieg endlich aufs Katheder. Und was war das Neue, das er
brachte, das Unerhörte, womit er Wunder wirken wollte? Die
Philosophie der Offenbarung, die er „seit 1831 ganz in derselben
Weise“ in München vorgetragen hatte, und die Philosophie der
Mythologie, die „aus noch früherer Zeit her sich datiert.“ Ganz
35 alte Sachen, die seit zehn Jahren in München fruchtlos verkündigt
waren, die nur einen Ringseis, einen Stahl zu kapern imstande
waren. Das also nennt Schelling sein „System“! Da liegen die welt¬
erlösenden Kräfte, die Bannsprüche für die Gottlosigkeit, in dem
Samen, der in München nicht aufkeimen wollte! Warum hat denn
40 Schelling diese seit zehn Jahren fertigen Vorlesungen nicht drucken
lassen? Bei all dem Selbstvertrauen und der Zuversicht des Er¬
folges muß doch noch etwas dahinterstecken, muß irgend ein ge¬
heimer Zweifel ihn doch von diesem Schritte abhalten.
Indem er vor das Berliner Publikum trat, stellte er sich aller-
45 dings der Öffentlichkeit etwas näher als bisher in München. Was
188
Berlin 1841—1842.
Philosophische Pamphlete
dort leicht esoterische Geheimlehre bleiben konnte, weil kein
Mensch sich darum kümmerte, muß hier ohne Gnade ans Tages¬
licht. Keiner wird in den Himmel eingelassen, ehe er durch das
Fegefeuer der Kritik gegangen ist. Was hier in der Universität
heute Auffallendes gesagt wird, steht morgen in allen deutschen $
Zeitungen. So mußten Schelling alle Gründe, die ihn vom Druck
seiner Vorlesungen abhielten, auch von der Übersiedelung nach
Berlin zurückhalten. Ja noch mehr, denn das gedruckte Wort läßt
kein Mißverständnis zu, während das einmal flüchtig gesprochene,
eilig nachgeschriebene und vielleicht nur halb gehörte allerdings 10
falschen Auffassungen ausgesetzt sein muß. Aber freilich war nun
kein andrer Rat; er mußte nach Berlin, oder er erkannte durch die
Tat seine Unfähigkeit an, den Hegelianismus zu besiegen. Auch zum
Druck war es nun zu spät, denn er mußte etwas Neues, Ungedruck¬
tes nach Berlin bringen, und daß er nicht noch andere Dinge „im is
Pulte“ hat, zeigt sein Auftreten hier.
So trat er denn zuversichtlich und gleich von vom herein seinen
Zuhörern das Ungeheuerste versprechend, aufs Katheder und be¬
gann vor fast vierhundert Menschen aus allen Ständen und Natio¬
nen seine Vorträge. Aus ihnen werde ich nun, meine eignen mit an- 20
dern möglichst treuen Heften verglichenen Notizen zugrunde legend,
das mitteilen, was zur Rechtfertigung meines Urteils nötig ist.
Alle Philosophie hat es sich bisher zur Aufgabe gestellt, die
Welt als vernünftig zu begreifen. Was vernünftig ist, das ist nun
freilich auch notwendig, was notwendig ist, muß wirklich sein oder 25
doch werden. Dies ist die Brücke zu den großen praktischen Resul¬
taten der neueren Philosophie. Wenn nun Schelling diese Resultate
nicht anerkennt, so war es konsequent, die Vernünftigkeit der
Welt auch zu leugnen. Dies geradezu auszusprechen, hat er indes
nicht gewagt, sondern es vorgezogen, die Vernünftigkeit der Philo- 30
Sophie zu leugnen. So zieht er sich denn zwischen Vernunft und
Unvernunft auf einem möglichst krummen Wege durch, nennt das
Vernünftige a priori begreiflich, das Unvernünftige a posteriori
begreiflich und weist das erste der „reinen Vemunftwissenschaft
oder negativen Philosophie“, das zweite der neu zu begründenden 96
„positiven Philosophie“ zu.
Hier ist die erste, große Kluft zwischen Schelling und allen
andern Philosophen; hier der erste Versuch, Autoritätsglauben,
Gefühlsmystik, gnostische Phantasterei in die freie Wissenschaft
des Denkens hineinzuschmuggeln. Die Einheit der Philosophie, die &
Ganzheit aller Weltanschauung wird zum unbefriedigendsten
Dualismus zerrissen, der Widerspruch, der die welthistorische Be¬
deutung des Christentums ausmacht, zum Prinzip auch der Philo¬
sophie erhoben. Gleich von vorn herein also müssen wir gegen
diese Spaltung protestieren. Wie nichtig sie außerdem ist, wird 45
Schelling und die Offenbarung
189
sich zeigen, wenn wir den Gedankengang verfolgen, mit dem
Schelling seine Unfähigkeit, das Universum als Vernünftiges und
Ganzes zu begreifen, zu rechtfertigen sucht. Er geht von dem scho¬
lastischen Satze aus, daß an den Dingen das quid und das quod,
5 das Was und das D a ß zu unterscheiden sei. Was die Dinge
seien, lehre die Vernunft, daß sie seien, beweise die Erfahrung.
Wolle man diese Unterscheidung durch die Behauptung der Iden¬
tität von Denken und Sein aufheben, so sei das ein Mißbrauch
dieses Satzes. Das Resultat des logischen Denkprozesses sei nur
10 der Gedanke der Welt, nicht die reale Welt. Die Vernunft sei
schlechthin impotent, die Existenz von irgend etwas zu beweisen,
und habe in dieser Beziehung das Zeugnis der Erfahrung für ge¬
nügend anzunehmen. Nun habe sich die Philosophie aber auch mit
Dingen beschäftigt, die über alle Erfahrung hinausgingen, z. B.
io mit Gott; es frage sich also, ob die Vernunft für die Existenz der¬
selben Beweise zu liefern imstande sei. Um diese Frage beantwor¬
ten zu können, läßt sich Schelling auf eine lange Diskussion ein,
die hier ganz überflüssig ist, da obige Prämissen keine Antwort
zulassen als ein entschiedenes Nein. Dies ist denn auch das Re-
20 sultat der Schellingschen Erörterung. So folgt denn hieraus nach
Schelling notwendig, daß die Vernunft im reinen Denken sich nicht
mit den wirklich existierenden Dingen, sondern mit den Dingen
als möglichen zu beschäftigen habe, mit ihrem Wesen, nicht mit
ihrem Sein; so daß wohl Gottes Wesen, aber nicht seine Existenz
26 ihr Gegenstand sei. Für den wirklichen Gott müsse also eine andre
als die rein vernünftige Sphäre gesucht werden, es müssen Dinge
die Voraussetzung der Existenz erhalten, die sich erst später,
a posteriori, als möglich oder vernünftig und als in ihren Folgen
erfahrungsmäßig, d.h. wirklich zu erweisen haben.
so Hier ist der Gegensatz gegen Hegel bereits in seiner ganzen
Schärfe ausgesprochen. Hegel, in jenem naiven Glauben an die
Idee, über den Schelling so erhaben ist, behauptet, was vernünftig
sei, das sei auch wirklich ; Schelling sagt aber, was vernünftig ist,
das ist möglich, und stellt sich dadurch sicher, denn dieser Satz
35 ist bei der bekannten Weitschichtigkeit der Möglichkeit unumstö߬
lich. Zugleich aber beweist er schon hierdurch, wie sich später
zeigen wird, seine Unklarheit in Beziehung auf alle reinlogischen
Kategorien. Ich könnte zwar gleich jetzt die Lücke in der obigen
Schlachtordnung von Schlüssen aufzeigen, durch die der böse
40 Feind der Abhängigkeit sich in die Reihe der freien Gedanken
stahl, aber ich will es auf spätere Gelegenheit versparen,um mich
nicht zu wiederholen, und sogleich zum Inhalt der reinen Ver¬
nunftwissenschaft übergehen, wie ihn Schelling zum großen Er¬
götzen aller Hegelianer seinen Zuhörern vorkonstruiert hat. Er ist
45 folgender:
190
Berlin 1841—1842.
Philosophische Pamphlete
Die Vernunft ist die unendliche Potenz des Erkennens. Potenz
ist dasselbe wie Vermögen (Kants Erkennungsvermögen). Sie
scheint als solche ohne allen Inhalt, doch hat sie allerdings einen
solchen, und zwar ohne Zutun, ohne Aktus von ihrer Seite, denn
sonst hörte sie ja auf Potenz zu sein, da Potenz und Aktus sich 5
gegenüber stehen. Dieser, notwendigerweise also unmittelbare, an¬
geborene Inhalt wird, da allem Erkennen ein Sein entspricht, nur
die unendliche Potenz des Seins, entsprechend der unendlichen
Potenz des Erkennens, sein können. Diese Potenz des Seins, dies
unendliche Seinkönnen ist die Substanz, aus der wir unsre Be-19
griffe abzuleiten haben. Die Beschäftigung mit ihr ist das reine,
sich selbst immanente Denken. Dieses reine Seinkönnen ist nun
nicht bloß eine Bereitschaft, zu existieren, sondern der Begriff des
Seins selbst, das seiner Natur nach ewig in den Begriff Über¬
gehende, oder im Begriff, ins Sein überzugehen, Seiende, das vom 15
Sein nicht Abzuhaltende und darum vom Denken ins Sein Über¬
gehende. Dies ist die bewegliche Natur des Denkens, wonach es
nicht beim bloßen Denken stehen bleiben kann, sondern ewig ins
Sein übergehen muß. Doch ist dies kein Übergang ins reale Sein,
sondern bloß ein logischer. So erscheint anstatt der reinen Potenz 20
ein logisch Seiendes. Indem nun aber die unendliche Potenz als
das Prius dessen sich verhält, was im Denken selbst durch Über¬
gehen ins Sein entsteht, und der unendlichen Potenz nur alles wirk¬
liche Sein entspricht, so besitzt die Vernunft die Potenz, als ihr
mit ihr verwachsener Inhalt, eine apriorische Stellung gegen das 25
Sein anzunehmen und so, ohne die Erfahrung zu Hülfe zu nehmen,
zum Inhalt alles wirklichen Seins zu gelangen. Was in der Wirk¬
lichkeit vorkommt, hat sie als logisch notwendige Möglichkeit er¬
kannt. Sie weiß nicht, ob die Welt existiert, sie weiß bloß, daß,
wenn sie existiert, sie so und so beschaffen sein muß. 30
Daß die Vernunft Potenz ist, nötigt uns also, den Inhalt der¬
selben auch für potenziell zu erklären. Gott also kann nicht un¬
mittelbarer Inhalt der Vernunft sein, denn er ist etwas Wirkliches,
nichts bloß Potenzielles, Mögliches. In der Potenz des Seins ent¬
decken wir nun zuerst die Möglichkeit, ins Sein überzugehen. Dies 35
Sein nimmt ihr die Herrschaft über sich selbst. Vorher war sie des
Seins mächtig, sie konnte übergehen und auch nicht; jetzt ist sie
dem Sein verfallen, in seiner Gewalt. Dies ist entgeistetes Sein, be¬
griffloses, denn Geist ist Macht über das Sein. In der Natur ist dies
begrifflose Sein nicht mehr anzutreffen, es ist schon alles von der <0
Form in Beschlag genommen, aber es ist leicht zu sehen, daß
diesem ein blindes, schrankenloses Sein vorausging, als Materie
zugrunde liegt. Nun aber ist die Potenz dies Freie, Unendliche, das
ins Sein übergehen kann und auch nicht; so daß sich zwei kontra¬
diktorische Gegensätze, Sein und Nichtsein, in ihr nicht aus-
Schelling und die Offenbarung
191
schließen. Dies Auch-nicht-übergehen-Können ist, so lange das
erste in der Potenz bleibt, diesem gleich. Erst wenn das unmittelbar
Seinkönnende wirklich übergeht, wird das Andre von ihm ausge¬
schlossen. Die Indifferenz Beider in der Potenz hört auf, denn jetzt
b setzt die erste Möglichkeit die zweite außer sich. Dieser zweiten
wird das Können erst gegeben durch die Ausschließung der ersten.
Wie in der unendlichen Potenz das Übergehen-Können und das
Nichtübergehen-Können sich nicht ausschließen, so schließen sie
auch das zwischen Sein und Nichtsein Freischwebende nicht aus.
10 So haben wir drei Potenzen. In der ersten ein unmittelbares Ver¬
hältnis zum Sein, in der zweiten ein mittelbares, erst durch die
Ausschließung von der ersten sein Könnendes. So haben wir also
1) das zum Sein sich Neigende, 2) das zum Nichtsein sich Nei¬
gende, 3) das zwischen Sein und Nichtsein Freischwebende. Vor
U dem Übergange ist das dritte von der unmittelbaren Potenz nicht
unterschieden und wird so erst dann ein Sein werden, wenn es von
den ersten beiden ausgeschlossen ist, es kann erst zustande kommen,
wenn die beiden ersten ins Sein übergegangen sind. Hiermit sind
alle Möglichkeiten geschlossen, und der innere Organismus der
so Vernunft ist in dieser Totalität der Potenzen erschöpft. Die erste
Möglichkeit ist nur die, vor welcher nur die unendliche Potenz
selbst sein kann. Es gibt etwas, das, wenn es den Ort der Möglich¬
keit verlassen hat, nur Eines ist, aber bis es sich hierzu entschieden
hat, ist es instar omnium, das zunächst Bevorstehende, auch das
26 Widerstehende, das dem Andern, ihm zu folgen Bestimmten,
Widerstand leistet. Indem es aus seiner Stelle weicht, überträgt es
seine Macht einem Andern, dieses zur Potenz erhebend. Diesem
Andern, zur Potenz Erhobenen, wird es sich selbst als relativNicht-
seiendes unterordnen. Zuerst tritt hervor das im transitiven Sinne
so Seinkönnende, das daher auch das Zufälligste, Unbegründetste ist,
das seinen Grund nur im Folgenden, nicht im Vorhergehenden,
finden kann. Indem es sich diesem Folgenden unterordnet, gegen
es ein relativ Nichtseiendes wird, wird es hierdurch selbst erst be¬
gründet, wird erst etwas, da es allein nur das Verlorene wäre. Dies
35 Erste ist die prima materia alles Seins, selbst zum bestimmten Sein
gelangend, indem es ein Höheres über sich setzt. Das zweite Sein¬
könnende wird erst durch die obige Ausschließung des ersten aus
seiner Gelassenheit gesetzt und in seine Potenz erhoben ; das an sich
noch nicht Seinkönnende wird jetzt Seinkönnendes durch die Ne-
rfögation. Aus seinem ursprünglichen Nicht-unmittelbar-seinkönnen
ist es gesetzt als das gelassene ruhige Wollen, und wird so not¬
wendig dahin wirken, dasjenige, wodurch es negiert wurde, selbst
zu negieren und sich in sein gelassenes Sein zurückzuführen. Dies
kann nur dadurch geschehen, daß das Erste aus seiner absoluten
45 Entäußerung in sein Seinkönnen zurückgebracht wird. So erhalten
192
Berlin 1841—1842.
Philosophische Pamphlete
wir ein höheres Seinkönnen, ein in sein Können zurückgebrachtes
Sein, das als ein Höheres ein seiner selbst mächtiges Sein ist. Da
nach dem unmittelbaren Seinkönnen die unendliche Potenz nicht
erschöpft ist, so muß das zweite, was in ihr liegt, das unmittelbar
nur-nicht-sein-Können sein. Aber das unmittelbar Seinkönnende ist 5
schon über das Können heraus; daher muß die zweite Potenz das
unmittelbar Nicht-Nicht-seinkönnen sein, das ganz reine Sein,
denn nur das Seiende ist nicht das Seinkönnende. Das reine Sein
kann allerdings, mag es auch noch so widersprechend scheinen,
Potenz sein, denn es ist nicht das wirkliche Sein, es ist nicht, wie 10
dieses, a potentia ad actum übergegangen, sondern actus purus.
Unmittelbare Potenz ist es freilich nicht, aber daraus folgt
nicht, daß es überhaupt nicht Potenz sein
könne. Es muß negiert werden, damit es verwirklicht werde; so
ist es nicht überall und durchaus Potenz, kann aber durch Nega-15
tion Potenz werden. So lange das unmittelbar Seinkönnende bloß
Potenz blieb, war es selbst im reinen Sein; sowie es sich über die
Potenz erhebt, verdrängt es das reine Sein aus seinem Sein, um
selbst Sein zu werden. Das Reinseiende als actus purus negiert,
wird so Potenz. So hat es keine Freiheit des Willens, sondern es 20
muß wirken, seine Negation wieder zu negieren. Auf diese Weise
könnte es allerdings ab actu ad potentiam übergehen und so außer
sich verwirklicht werden. Das Erste, das schrankenlose Sein, war
das Nichtgewollte, die Hyle, mit der der Demiurg zu ringen hat.
Es ist gesetzt, um sogleich durch die zweite Potenz verneint zu wer- 25
den. An die Stelle des schrankenlosen Seins muß ein gefaßtes
treten, es muß stufenweise ins Seinkönnen zurückgeführt werden
und ist dann ein sich besitzendes und auf der höchsten Stufe selbst¬
bewußtes Können. So liegt also zwischen der ersten und zweiten
Möglichkeit eine Menge abgeleiteter Möglichkeiten und Mittel- 30
potenzen. Diese sind schon die konkrete Welt. Ist nun die außer
sich gesetzte Potenz ins Können ganz zurückgebracht, zur sich be¬
sitzenden Potenz, so wird auch die zweite vom Schauplatz abtreten,
weil sie nur da ist, um die erste zu negieren, und in dem Negations¬
akt der ersten sich selbst als Potenz auf löst. Je mehr sie das Ent- 35
gegenstehende überwindet, vernichtet sie sich selbst. Hier kann
nun nicht stehen geblieben werden. Soll im Sein das
Vollendete sein, so muß an die Stelle des durch die zweite Potenz
ganz überwundenen Seins ein drittes gesetzt werden, dem die
zweite Potenz ihre Macht ganz überträgt. Dies kann weder reines 40
Seinkönnen noch reines Seinsein, sondern nur das, was im Sein
Seinkönnen und im Seinkönnen Sein ist, der Widerspruch von Po¬
tenz und Sein als Identität gesetzt, das zwischen beiden frei Schwe¬
bende, der Geist, eine unerschöpfliche Quelle von Sein, die
ganz frei ist und nicht aufhört, im Sein Potenz zu bleiben. Diese 45
Schelling und die Offenbarung
193
kann nicht unmittelbar wirken, sondern nur durch die zweite ver¬
wirklicht werden. Da nun das Zweite das Vermittelnde zwischen
dem Ersten und Dritten ist, so ist das Dritte gesetzt durch das vom
Zweiten überwundene Erste. Dies Dritte, im Sein unbesiegt Ge-
5 bliebene, ist als Geist gesetzt das Seinkönnende und Vollendende,
so daß mit seinem Eintritte in das Sein das vollendete Sein da ist.
In dem sich selbst besitzenden Können, im Geist, ist der Schluß der
Natur. Dieses Letzte kann nun auch einer neuen, mit Bewußtsein
bewirkten Bewegung sich hingeben, und so über der Natur eine
10 neue, intellektuelle Welt sich bilden. Auch diese Möglichkeit muß
von der Wissenschaft erschöpft werden, die damit Natur- und
Geistesphilosophie wird.
Durch diesen Prozeß ist alles dem Denken nicht Immanente, ins
Sein Übergegangene ausgeschieden, und es bleibt die Potenz, die
15 nicht mehr ins Sein überzugehen braucht, die das Sein nicht mehr
außer sich hat, deren Seinkönnen ihr Sein ist; das Wesen, das dem
Sein nicht mehr unterworfen ist, sondern sein Sein in seiner Wahr¬
heit ist, das sogenannte höchste Wesen. So ist das höchste Gesetz
des Denkens erfüllt, Potenz und Aktus sind in Einem Wesen zu-
20 sammen, das Denken ist nun bei sich selber und somit freies
Denken, nicht mehr einer unaufhaltsamen, notwendigen Be¬
wegung unterworfen. Hier ist das am Anfang Gewollte erreicht;
der sich selbst besitzende Begriff (denn Begriff und Potenz sind
identisch), der, weil er der einzige seiner Art ist, einen besondem
25 Namen hat, und weil er das von Anfang Gewollte ist, Idee heißt.
Denn wer im Denken nicht aufs Resultat sehen will, wessen Philo¬
sophie sich ihres Zweckes nicht bewußt ist, der gleicht jenem
Maler, der drauf los malte, mochte herauskom¬
men, was da wollte.
so So weit hat uns Schelling den Inhalt seiner negativen Philo¬
sophie mitgeteilt, und diese Umrisse reichen vollkommen hin, um
den phantastischen, unlogischen Charakter seiner Denkweise zu er¬
kennen. Er ist nicht mehr fähig, sich im reinen Denken auch nur
eine kurze Zeit zu bewegen; jeden Augenblick laufen ihm die
35 märchenhaftesten, bizarrsten Phantome über den Weg, daß die
Rosse seines Gedankenwagens scheu sich bäumen, und er selbst
sein Ziel liegen läßt, um jenen Nebelgestalten nachzujagen. Daß
die drei Potenzen, wenn man sie auf ihren nackten Gedankengehalt
reduziert, nichts andres sind als die drei Momente des Hegelschen
40 Entwicklungsganges durch die Negation, nur auseinandergezerrt,
in ihrer Trennung fixiert und von der „ihres Zweckes bewußten
Philosophie66 diesem Zwecke gemäß zugerichtet, sieht man auf den
ersten Blick. Es ist ein trauriges Schauspiel, wie Schelling den
Gedanken aus seinem erhabenen, reinen Äther in das Gebiet der
in sinnlichen Vorstellung herabreißt, ihm die echte Goldkrone vom
Marx-Engels-Gesamtausgabe. I. Abt.« Bd. 2. 13
194
Berlin 1841—1842.
Philosophische Pamphlete
Haupte schlägt und ihn zum Spott der Straßenjungen mit einer
goldpapiemen Krone, von dem Nebel und Dunst der ungewohnten,
romantischen Atmosphäre berauscht, umhertaumeln läßt. Diese so¬
genannten Potenzen sind gar keine Gedanken mehr, es sind nebu¬
löse, phantastische Gestalten, an denen die Umrisse der drei gött- 5
liehen Hypostasen bereits deutlich durch den Wolkenschleier
schimmern, der sie geheimnisvoll umhüllt. Ja, sie haben bereits
ein gewisses Selbstbewußtsein, die eine „neigt sich“ zum Sein, die
andere zum Nichtsein, die dritte „schwebt frei“ zwischen beiden.
Sie „geben einander Raum“, sie haben verschiedene „Stellen“, sie 10
„verdrängen“ einander, sie „widerstehen“, sie bekämpfen ein¬
ander, sie „suchen sich zu negieren“, sie „wirken“ und „streben“
usw. Diese seltsame Versinnlichung des Gedankens ist wieder aus
einem Mißverständnisse der Hegelschen Logik entstanden. Jene ge¬
waltige Dialektik, jene innere, treibende Kraft, die die einzelnen 15
Gedankenbestimmungen, als wäre sie das böse Gewissen ihrer Un¬
vollkommenheit und Einseitigkeit, zu immer neuer Entwicklung
und Wiedergeburt forttreibt, bis sie endlich als absolute Idee in
unvergänglicher, fleckenloser Herrlichkeit zum letzten Male aus
dem Grab der Negation erstehen, hat Schelling nicht anders fassen 20
können, denn als Selbstbewußtsein der einzelnen Kategorien, wäh¬
rend sie doch das Selbstbewußtsein des Allgemeinen, des Denkens,
der Idee ist. Er will die Sprache des Pathos zur absolut wissen¬
schaftlichen erheben, ohne vorher uns den reinen Gedanken in der
ihm allein passenden Sprache gezeigt zu haben. Auf der andern 25
Seite ist er ebenso wenig fähig, den Gedanken des Seins in seiner
vollständigen Abstraktion zu erfassen, wie er schon dadurch zeigt,
daß er die Bestimmungen Sein und Seiendes fortwährend als
gleichbedeutend gebraucht. Das Sein ist ihm nur als Materie, als
Hyle, als wüstes Chaos denkbar. Dazu haben wir jetzt schon 30
mehrere solche Materien, ein „schrankenloses Sein“, ein „gefaßtes
Sein“, ein „reines Sein“, ein „logisches Sein“, ein „wirkliches
Sein“, ein „gelassenes Sein“, und wir werden später noch ein „un¬
vordenkliches Sein“ und ein „konträres Sein“ hinzubekommen. Es
ist spaßhaft anzusehen, wie diese verschiedenen Sein zusammen- 35
stoßen und einander verdrängen, wie die Potenz nur die Wahl hat,
sich in diese wüste Masse zu verlieren oder ein leeres Phantom
zu bleiben. Man sage mir nicht, das liege bloß an der bildlichen
Ausdrucksweise; im Gegenteil ist dieses gnostisch-orientalische
Traumdenken, das jede Gedankenbestimmung entweder als Person- 40
lichkeit oder Materie erfaßt, die Grundlage des ganzen Prozesses.
Man nehme die Anschauungsweise weg, und alles fällt zusammen.
Schon die Grundkategorien, Potenz und Aktus, rühren aus einer
verworrenen Zeit her, und Hegel hatte ganz recht, wenn er diese
unklaren Bestimmungen aus der Logik herauswarf. Schelling voll- 45
Schelling und die Offenbarung
195
ends macht die Konfusion noch größer und gebraucht diesen
Gegensatz abwechselnd, wie es ihm beliebt, für folgende Hegelsche
Bestimmungen: Ansichsein und Fürsichsein, Idealität und Realität,
Kraft und Aeußerung, Möglichkeit und Wirklichkeit, und bei alle-
3 dem ist die Potenz noch ein apartes, sinnlich-übersinnliches Wesen.
Die hauptsächliche Bedeutung, die ihr Schelling beilegt, ist indes
die der Möglichkeit, und so haben wir hier eine auf Möglichkeit
begründete Philosophie. In dieser Beziehung nennt Schelling seine
Vemunftwissenschaft mit Recht die „Nichtsausschließende64, denn
iu tnöglich ist am Ende alles. Es kommt aber darauf an, daß der
Gedanke sich bewähre durch seine innere Kraft, sich zu verwirk¬
lichen. Die Deutschen werden für eine Philosophie danken, die sie
auf einem holprigen Wege durch die unendlich langweilige Sahara
der Möglichkeit schleppt, ohne ihnen etwas Reelles zu essen und
U zu trinken zu geben, und ohne sie zu einem andern Ziel zu führen
als dahin, wo nach ihrer Aussage die Welt für die Vernunft mit
Brettern zugenagelt ist.
Doch geben wir uns die Mühe, den Weg durch das Nichts nach¬
zugehen. Schelling sagt: Das Wesen ist für den Begriff, das Sein
2o für das Erkennen. Vernunft ist unendliche Potenz des Erkennens,
ihr Inhalt unendliche Potenz des Seins, wie oben ausgeführt. Jetzt
aber fängt er mit einem Male an, die unendliche Potenz des Seins
mit der Potenz des Erkennens wirklich zu erkennen. Kann er das?
Nein, Erkennen ist Aktus, dem Aktus entspricht Aktus, „dem Er-
25 kennen entspricht ein Sein66, also dem obigen, aktuellen Erkennen
das aktuelle, wirkliche Sein. So würde die Vernunft also doch
wider Willen das wirkliche Sein erkennen müssen, und trotz aller
Mühe, die hohe See der Möglichkeit zu halten, wären wir gleich
an den verhaßten Strand der Wirklichkeit geschleudert.
Aber, wendet man ein, die Potenz des Seins wird ja erst nach
ihrem Übergange, der freilich ein logischer ist, erkannt. Schelling
selbst sagt ja, daß logisches Sein und Potenz des Seins, Begriff und
Potenz identisch ist. Wenn also die Potenz des Erkennens wirklich
zum Aktus übergeht, so darf die Potenz des Seins sich nicht mit
3Ä einem vorgespiegelten Scheinübergange begnügen. Geht die Potenz
des Seins nicht wirklich über, so bleibt die Potenz, kann von der
Vernunft nicht erkannt werden, ist also nicht der „notwendige In¬
halt der Vernunft66, sondern gerade das absolut Unvernünftige.
Oder will Schelling die Tätigkeit, die die Vernunft ihrem In-
4o halte zuwendet, nicht Erkennen, sondern etwa Begreifen nennen?
Dann müßte die Vernunft die unendliche Potenz des Begreifens
sein, da sie in ihrer eigenen Wissenschaft gar nicht zum Erkennen
käme.
Auf der einen Seite schließt Schelling die Existenz von der Ver-
45 nunft aus, auf der andern Seite gibt er sie ihr mit dem Erkennen
13*
196
Berlin 1841—1842.
Philosophische Pamphlete
wieder. Erkennen ist ihm Einheit von Begriff und Existenz, von
Logik und Empirie. Also Widersprüche, wohin wir uns wenden.
Wie geht das zu?
Ist die Vernunft denn die unendliche Potenz des Erkennens?
Ist das Auge die Potenz des Sehens? Das Auge, selbst das ge- 5
schlossene, sieht immerfort, es sieht, wenn es sogar nichts zu sehen
glaubt, immer noch die Finsternis. Nur das kranke Auge, das heil-
bar-blinde, ist Potenz des Sehens, ohne Aktus zu sein, nur die un¬
entwickelte oder momentan verworrene Vernunft ist die bloße
Potenz des Erkennens. Aber es scheint doch so plausibel, die 10
Vernunft als Potenz zu fassen? Sie ist es auch, und nicht bloß
Möglichkeit, sondern absolute Kraft, Notwendigkeit des Er¬
kennens. Diese aber muß sich äußern, muß erkennen. Die Tren¬
nung von Potenz und Aktus, von Kraft und Äußerung, gehört nur
der Endlichkeit an, im Unendlichen ist die Potenz selbst ihr Aktus, 15
die Kraft ihre eigene Äußerung. Denn das Unendliche duldet
keinen Widerspruch in sich. Ist nun die Vernunft unendliche Po¬
tenz, so ist sie dieser Unendlichkeit halber auch unendlicher Aktus.
Sonst wäre die Potenz selbst endlich gefaßt. Das liegt auch schon
im unbefangenen Bewußtsein. Vernunft, die in der Potenz des Er- 20
kennens stehen bleibt, heißt man Unvernunft. Nur die Vernunft gilt
für Vernunft, die wirklich sich durch Erkennen bewährt, das Auge
nur für ein rechtes Auge, das auch sieht. Hier zeigt sich also gleich
der Gegensatz von Potenz und Aktus als ein lösbarer, nichtiger in
letzter Instanz, und diese Lösung ist ein Triumph der Hegelschen 25
Dialektik über die Beschränktheit Schellings, die über diesen
Gegensatz nicht hinauskann; denn selbst da, wo in der Idee
Potenz und Aktus zusammenfallen sollen, wird dies bloß be¬
hauptet, das Überfließen beider Bestimmungen in einander aber
nicht gezeigt. 30
Sagt aber Schelling: Die Vernunft ist Begreifen, und da Be¬
griff Potenz ist, Potenz des Erkennens, die erst dann wirkliches
Erkennen wird,wenn sie etwasReelles zu erkennen findet;dagegen
in der reinen Vemunftwissenschaft, wo sie sich mit der Potenz des
Seins beschäftigt, bleibt sie innerhalb der Potenz des Erkennens 35
stehen und begreift bloß — so wird doch kein Mensch, auch abge¬
sehen von der obigen Erörterung über Potenz und Aktus —
leugnen, daß es der Zweck der Potenz des Erkennens ist, wirklich
zum Erkennen überzugehen, und sie ein Nichts ist, so lange sie dies
nicht tut. So zeigt sich, daß der Inhalt der reinen Vemunftwissen- 40
schäft ein hohler, leerer, unnützer ist, und die Vernunft, wenn sie
ihren Zweck erfüllt und wirklich erkennt, Unvernunft wird. Wenn
Schelling das zugibt, daß das Wesen der Vernunft die Unvernunft
sei, so habe ich freilich nichts mehr zu sagen.
So hat sich Schelling gleich von vorn herein mit seinen Poten- 45
Schelling und die Offenbarung
197
zen, Übergängen und Entsprechenden so festgefahren, daß aus
der Verwirrung von logischem und realem Sein, die er sich vom
Halse halten will, nur durch Anerkennung eines andern Ge¬
dankenweges, als seines eignen, herauszukommen ist. Doch gehen
5 wir weiter.
Auf diese Weise soll nun die Vernunft den Inhalt alles wirk¬
lichen Seins erfassen und eine apriorische Stellung dagegen ein¬
nehmen ; sie soll nicht beweisen können, daß Etwas existiere, son¬
dern wenn Etwas existiere, es so und so beschaffen sein müsse, im
10 Gegensatz zur Hegelschen Behauptung, daß mit dem Gedanken
auch die reale Existenz gegeben sei. Diese Sätze sind wieder durch¬
aus verworren. Es ist weder Hegel noch sonst jemand eingefallen,
die Existenz irgend eines Dinges ohne empirische Prämissen be¬
weisen zu wollen; er beweist bloß die Notwendigkeit des Existie-
15 renden. Schelling faßt die Vernunft hier eben so abstrakt, wie
früher Potenz und Aktus, und wird dadurch in die Konsequenz
gejagt, ihr eine vorweltliche, von aller andern Existenz getrennte
Existenz anzuweisen. Die Konsequenz der neueren Philosophie, die
Schelling in seiner früheren Philosophie wenigstens in den Prä-
20 missen hatte, und die erst Feuerbach in ihrer ganzen Schärfe zum
Bewußtsein gebracht hat, ist, daß die Vernunft schlechterdings nur
als Geist, und dieser nur in und mit der Natur existieren könne,
nicht aber etwa abgesondert von ihr, Gott weiß wo, ein apartes
Leben führt. Dies gibt auch Schelling zu, wenn er als Ziel der in-
25 dividuellen Unsterblichkeit nicht die Befreiung des Geistes von
der Natur, sondern erst das rechte Gleichgewicht beider hinstellt;
wenn er ferner von Christus sagt, er sei nicht in das All zer¬
flogen, sondern als Mensch zur Rechten Gottes erhoben. (Also
müßten die übrigen beiden göttlichen Persönlichkeiten doch wohl
so im All zerflogen sein? ) Existiert nun aber die Vernunft, so ist ihre
eigene Existenz der Beweis für die Existenz der Natur. So ist die
Notwendigkeit da, daß die Potenz des Seins sogleich in den Aktus
des Seins übergehen muß. Oder um an einen ganz alltäglichen,
auch ohne Feuerbach und Hegel verständlichen Satz anzuknüpfen:
35 So lange man von aller Existenz abstrahiert, kann überhaupt nicht
die Rede von ihr sein. Knüpft man aber an etwas Existierendes an,
so kann man von diesem aus allerdings zu andern Dingen fort¬
schreiten, die, wenn alle Schlußfolgerungen richtig waren, eben¬
falls existieren müssen. Ist die Existenz der Prämissen zugegeben,
40 so ist die Existenz der Folgerung selbstverstanden. Nun ist die
Basis aller Philosophie die Existenz der Vernunft; diese Existenz
ist durch ihre Tätigkeit bewiesen (cogito ergo sum) ; geht man also
von ihr als existierend aus, so folgt die Existenz aller ihrer Kon¬
sequenzen von selbst. Daß die Existenz der Vernunft eine Voraus-
45 Setzung sei, hat noch kein Philosoph geleugnet; will Schelling in¬
198
Berlin 1841—1842.
Philosophische Pamphlete
des diese Voraussetzung nicht anerkennen, so bleibe er aus der
Philosophie ganz heraus. So konnte Hegel allerdings die Existenz
der Natur beweisen, d. h. ihre notwendige Konsequenz aus dem Da¬
sein der Vernunft. Schelling aber, der in eine abstrakte und nich¬
tige Immanenz des Denkens hinein will, vergißt, daß allen seinen 5
Operationen die Existenz der Vernunft von selbst zugrunde liegt,
und stellt die lächerliche Forderung, daß die wirkliche Vernunft
unwirkliche, bloß logische Resultate haben, ein wirklicher Apfel¬
baum nur logische, potentielle Äpfel hervorbringen soll. Einen
solchen Apfelbaum pflegt man unfruchtbar zu nennen; Schelling 10
würde sagen: Die unendliche Potenz eines Apfelbaums.
Wenn Hegels Kategorien also nicht nur die Vorbilder, nach
denen die Dinge dieser Welt, sondern auch die zeugenden Kräfte,
durch die sie geschaffen worden sind, genannt werden, so heißt
dies nichts andres, als daß sie den Gedankeninhalt der Welt und 15
ihre notwendige Folge aus dem Dasein der Vernunft aussprechen.
Schelling dagegen hält wirklich die Vernunft für etwas, das auch
außerhalb des Weltorganismus existieren könne und stellt damit
das wahre Reich derselben in die hohle, leere Abstraktion, in den
„Aeon vor Erschaffung der Welt64, der aber glücklicherweise nie 20
dagewesen ist, und in dem die Vernunft sich noch weit weniger
herumgetrieben oder gar selig gefühlt hat. Es zeigt sich aber hier,
wie die Extreme sich berühren ; Schelling kann den konkreten Ge¬
danken nicht fassen und treibt ihn in die schwindelndste Ab¬
straktion hinauf, die ihm sogleich wieder als sinnliches Bild er- 25
scheint, so daß gerade dies Durcheinander von Abstraktion und
Vorstellung das Charakteristische der Schellingschen scholastisch¬
mystischen Denkweise ist.
Hierfür haben wir wieder neue Beweise, wenn wir uns zur In¬
haltsentwicklung der „negativen Philosophie66 wenden. Die Potenz 30
des Seins dient zur Basis. Die Karikierung der Hegelschen Dialek¬
tik tritt aufs deutlichste hervor. Die Potenz kann übergehen, kann
dies aber auch unterlassen, wie es ihr gefällt. So scheiden sich aus
der neutralen Potenz in der Retorte der Vernunft die beiden che¬
mischen Bestandteile: Sein und Nichtsein. Wäre es überhaupt mög- 35
lieh, die Potenzenwirtschaft auf die gesunde Vernunft zurückzufüh¬
ren, so wäre hier der Ort, wo sich ein dialektisches Moment zeigt
und Schelling zu ahnen scheint, daß das Wesen der Potenz die Not¬
wendigkeit des Übergangs, und die Potenz aus dem Aktus der
Wirklichkeit erst abstrahiert sei. Aber nein, er verfängt sich immer 40
tiefer in die einseitige Abstraktion. Er läßt die Potenz zur Probe
einmal übergehen und findet den großen Gedanken, daß nach die¬
sem Übergange sie die Chance verscherzt hat, auch nicht über¬
zugehen. Zugleich entdeckt er in der Potenz ein Drittes, die Mög¬
lichkeit, keins von beiden zu tun und zwischen beiden frei zu 45
Schelling und die Offenbarung
199
schweben. Diese drei Möglichkeiten oder Potenzen sollen allen ver¬
nünftigen Inhalt, alles mögliche Sein in sich schließen.
Die Möglichkeit, sein zu können, wird wirkliches Sein. Dadurch
wird die zweite Möglichkeit, auch nicht sein zu können, negiert.
5 Wird diese sich wiederherzustellen suchen? Wie kann sie das,
denn es ist nicht bloß eine Negation im Hegelschen Sinne, der sie
unterliegt, sie ist total vernichtet, auf ein Gamichts reduziert, ein
so radikales Nichtsein, wie es nur in einer Philosophie der Mög¬
lichkeit vorkommen kann. Woher soll diese ekrasierte, verschlun-
10 gene, auf gefressene Möglichkeit noch Kraft haben, sich zu resti¬
tuieren? Denn nicht bloß die zweite Möglichkeit, sondern sogar
die Urpotenz, das Subjekt, dessen bloßes Prädikat jene zweite Mög¬
lichkeit ist, wird negiert, und da müßte nicht diese, sondern jene,
die Urpotenz sich zu restituieren suchen. Das aber kann ihre Ab-
15 sicht gar nicht sein — um in Schellings Beschauungsweise zu
bleiben — denn das mußte sie vorherwissen, daß sie, Aktus wer¬
dend, sich selbst als Potenz negieren werde. Eine solche Wieder¬
herstellung kann überhaupt nur stattfinden, wo Personen, nicht
Kategorien, sich negieren. Nur ein grenzenloses Mißverständnis,
2o nur eine ungeheure Verballhornisierungswut konnte das Prinzip
der Hegelschen Dialektik, das hier offenbar zugrunde liegt, auf
eine so gedankenlose Weise entstellen. Wie undialektisch der ganze
Prozeß ist, zeigt sich auch so: Wenn die beiden Seiten in der Po¬
tenz gleiche Kraft haben, so entscheidet sie sich doch wohl, ohne
25 Anstoß von außen, gar nicht zum Übergange und bleibt. Dann
freilich fände der ganze Prozeß nicht statt, und Schelling wüßte
keinen Rat, woher er die Prototypen der Welt, des Geistes und der
christlichen Dreieinigkeit holen sollte. So sieht man die Notwendig¬
keit des Ganzen nicht ein, es bleibt dunkel, weshalb die Potenz
30 ihren schönen potentiellen Frieden fahren läßt, sich dem Sein
unterwirft usw., und der ganze Prozeß ruht von vom herein auf
einer Willkürlichkeit. Wenn das im „notwendigen“ Denken ge¬
schieht, was wird im „freien“ erst kommen! Das ist’s aber, dieser
Übergang muß willkürlich bleiben, denn sonst erkennte Schelling
35 ja die Notwendigkeit der Welt an, und diese paßt nicht in seinen
Positivismus. Hier liegt aber wieder ein Beweis dafür, daß Potenz
nur Potenz als Aktus, dagegen ohne Aktus ein hohles, leeres Un¬
ding ist, mit dem sich Schelling selbst nicht zufrieden geben kann.
Denn an der leeren Potenz hat er keinen Inhalt; dieser tritt erst
40 ein, wenn sie Aktus wird, und so muß er die Unwahrheit des Gegen¬
satzes von Potenz und Aktus wider Willen anerkennen.
Kommen wir noch einmal auf die zweite Potenz zurück, aus der
Schelling das wunderbarste Wesen macht. Wir haben oben gesehen,
wie sie negiert, auf Nichts reduziert wurde. Jetzt sagt Schelling
45 weiter: Da die erste das Seinkönnende ist, so ist sie sein Gegenteil,
200
Berlin 1841—1842.
Philosophische Pamphlete
Alles, nur nicht das Seinkönnende, also das ganz reine Seiende,
actus purus! Dieser muß nun aber auch schon in der Urpotenz ge¬
legen haben, aber wie kommt er hinein? Wie wird jenes, „dem
Sein abgewandte, zum Nichtsein sich neigende“ usw. auf einmal
das ganz reine Sein, wie unterscheidet sich das „reine Sein“ vom &
„schrankenlosen Sein“, warum gibt es für das Nichtseinkönnende
keine andre Möglichkeit, als das Seiende zu sein? Darauf erhalten
wir keine Antwort. Statt dessen wird uns versichert, daß diese
zweite Potenz die erste, schrankenlos gewordene, ins Können
zurückführt, sich dadurch restituiert und zugleich — vernichtet. 10
Das begreife einer! Ferner ist dieser Reduktionsprozeß in seinen
Stufen fixiert in den Stufen der Natur. Daß dabei die Natur heraus¬
kommen soll, sieht keiner ein. Weshalb ist denn z. B. das schran¬
kenlose Sein die Hyle? Weil Schelling von vorn herein an diese
Hyle gedacht, auf sie losgearbeitet hat, sonst könnte dieses Sein is
auch alles andre zum sinnlichen oder geistigen Inhalt haben. Daß
die Naturstufen als Potenzen zu fassen sind, ist auch nicht einzu¬
sehen. Auf diese Weise müßte das Toteste, Anorganische das am
meisten Seiende, das Organische das mehr Seinkönnende sein;
man kann dies aber nur als mystisches Bild ansehen, in dem aller 20
Gedankeninhalt untergegangen ist.
Statt nun die dritte Potenz, den Geist — denn auf diesen sieht
man Schelling schon wieder von weitem losarbeiten — als die
höchste quantitative Stufe der durch die zweite überwundenen
ersten, worin zugleich eine qualitative Änderung vorgeht, zu be- 25
greifen, weiß Schelling wieder nicht Rat, woher er sie holen soll.
„Die Wissenschaft sieht sich nach einem Dritten um.“ „Hier kann
nun nicht stehen geblieben werden.“ „Es muß an die Stelle des
durch die zweite Potenz überwundenen Seins ein Drittes gesetzt
werden.“ Das sind die Zauberfloskeln, mit denen er den Geiste
beschwört. Wie dieser durch generatio primitiva hereingekommene
Geist beschaffen sei, wird uns nun gelehrt. Denken wir an die
Natur, so ist es allerdings einleuchtend, daß nach den gegebenen
Prämissen der Geist als das sich selbst besitzende Seinkönnen
(nicht bloßes Können) zu fassen sei, was freilich schon schlimm 35
genug ist; abstrahieren wir aber von dieser erst zukünftigen und
vielleicht gar nicht einmal kommenden Natur, bleiben wir bei den
reinen Potenzen, so ist nicht mit aller Mühe einzusehen, daß die
durch die zweite ins Seinkönnen zurückgebrachte erste etwas
andres sein könne, als die Urpotenz. Schelling hat bei Hegel wohl 40
die Tiefe der durch die Negation und den Gegensatz hindurch¬
gegangenen Vermittlung geahnt, aber nachmachen kann er’s nicht.
Bei ihm sind zwei einander gleichgültige Dinge, von denen eins das
andere verdrängt, worauf das zweite seinen Platz wiedererobert
und das erste auf seinen ursprünglichen Ort zurücktreibt. Daß da- 45
Schelling und die Offenbarung
201
bei etwas andres herauskommen soll als der anfängliche Zustand,
ist unmöglich. Zudem, wenn das erste stark genug ist, das zweite zu
verdrängen, woher kommt dem zweiten auf einmal die Kraft, nach
einer verunglückten Defensive die Offensive zu ergreifen und das
5 erste zu verjagen? Von der unglücklichen Definition des Geistes
will ich gar nicht sprechen ; sie widerlegt sich selbst und den ganzen
Prozeß, dessen Resultat sie ist.
So hätten wir uns denn glücklich durch diesen sogenannten Ent¬
wicklungsprozeß durchgearbeitet und könnten gleich zu andern
10 Dingen übergehen, wenn uns nicht Schelling, nachdem der Geist
dasLetzte war, der alles beschloß, eine andre, intellektuelle Welt in
Aussicht stellte, als deren Schlußstein er uns die Idee nennt. Wie
Schelling nun nach der konkreten Natur und dem lebendigen
Geiste noch die abstrakte Idee (in dieser Stellung kann sie aller-
dings nur abstrakt sein) herausbekommen kann, ist allerdings un¬
begreiflich, und Schelling hätte dies rechtfertigen müssen, da er
die Stellung der Hegelschen Idee gegen diese doch verwirft. Er
kommt aber hierzu durch die Sucht, das Absolute platterdings am
Ende der Philosophie haben zu wollen, und dadurch, daß er nicht
20 begriff, wie Hegel dies auch wirklich geleistet hat. Das Absolute
aber ist der sich selbst wissende Geist — und das wird auch wohl
Schellings Idee sein; dieser aber soll nach Schelling am Ende der
negativen Philosophie Postulat sein. Da ist aber wieder ein Wider¬
spruch. Die Geschichte kann nicht in sie hineinfallen, da sie mit
25 der Wirklichkeit nichts zu schaffen hat; auf der andern Seite ist
sie Geistesphilosophie, und deren Krone ist doch die Philosophie
der Weltgeschichte; auch soll die negative Wissenschaft „jene
letzte Möglichkeit eines mit Bewußtsein vorgehenden Prozesses
(der doch nur die Geschichte sein kann) erschöpfen“. Wie sieht
so es nun damit aus? Soviel ist gewiß, daß, wenn Schelling eine
Geschichtsphilosophie hätte, der sich wissende Geist ihm nicht
als Postulat, sondern als Resultat erscheinen würde. Der sich wis¬
sende Geist ist aber noch lange nicht der Begriff des persönlichen
Gottes, wie Schelling das von der Idee behauptet.
35 Nachdem Schelling dies absolviert hatte, behauptete er, diese
eben dargestellte Wissenschaft in ihrem Zusammenhänge zu geben,
sei sein Bemühen vor vierzig Jahren gewesen. Die Identitätsphilo¬
sophie habe nur diese negative Philosophie sein wollen. Ihre lang¬
same, allmähliche Erhebung über Fichte sei wenigstens teilweise
40 absichtlich gewesen; „er habe alle schroffen Übergänge vermeiden,
die Stetigkeit der philosophischen Entwicklung beibehalten wollen
und sich sogar mit der Hoffnung geschmeichelt, vielleicht später
einmal Fichte selbst auf seine Seite zu ziehen“. Man müßte die
obige Aussage Hegels und die geringe Selbstkenntnis Schellings
45 nicht kennen. Das Subjekt, das in der Identitätsphilosophie allen
202
Berlin 1841—1842.
Philosophische Pamphlete
positiven Inhalt in sich aufnahm, wird jetzt für die Potenz erklärt.
Schon in ihr sollen die Stufen der Natur gegen die jedesmal
höheren relativ Seiende, die höheren selbst Seinkönnende und
gegen ihre höheren wieder relativ Seiende sein, so daß, was dort
Subjekt und Objekt, hier Seinkönnendes und Seiendes heißt, bis 5
zuletzt das nicht mehr relativ Seiende, das absolut „Überseiende“,
die Identität, nicht mehr die bloße Indifferenz von Denken und
Sein, von Potenz und Aktus, Subjekt und Objekt herauskommt.
Alles in ihr sei aber „in Voraussetzung der reinen Vemunftwissen-
schaft“ gesagt worden, und der schlimmste Mißverstand sei der 10
gewesen, daß man das Ganze für einen nicht bloß logischen, son¬
dern auch wirklichen Hergang genommen habe, daß man meinte,
sie schlösse von einem an sich wahren Prinzip auf die Wahrheit
alles Folgenden. Erst an ihrem Ziel bleibe das sich nicht mehr ent¬
äußern Könnende, das Sein in seinem vollen Glanze stehen und 15
sehe Natur und Geist als seinen Thron unter sich, auf den es erhöht
worden; jedoch sei dies bei aller Erhabenheit ein bloßes Gedanken¬
gebilde und nur durch völlige Umkehr in einen wirklichen Her¬
gang zu verwandeln.
Wir wollen es einstweilen dahin gestellt sein lassen, ob diese 20
Darstellung der Identitätsphilosophie nicht den jetzigen Ansichten
Schellings akkommodiert ist, ob er vor vierzig Jahren ebenso wenig
auf die Realität seiner Gedanken gab als jetzt, und ob es nicht
besser gewesen wäre, statt vornehmen Schweigens den „größten
Mißverstand“ mit zwei Worten, wie es leicht geschehen konnte, zu 25
beseitigen; wir wollen gleich zur Beurteilung des Mannes über¬
gehen, der Schellingen „aus seinem Ort verdrängte“, ohne daß
dieser bisher „das ihn Negierende wieder negieren konnte“.
Hegel, sagt Schelling, hat, während fast alle die Identitäts¬
philosophie falsch und flach auffaßten, ihren Grundgedanken ge- 30
rettet und bis zuletzt anerkannt, worüber seine Vorlesungen über
die Geschichte der Philosophie Zeugnis geben. Hegel fehlte darin,
daß er die Identitätsphilosophie für die absolute Philosophie hielt
und nicht anerkannte, daß es Dinge gibt, die über sie hinaus gehen.
Ihre Grenze war das Seinkönnen; er ging darüber hinaus und zog 35
das Sein in ihren Bereich. Daß er sie zu einem Existentialsystem
machen wollte, war sein Grundfehler. Er glaubte, die Identitäts¬
philosophie habe das Absolute nicht bloß der Sache, sondern auch
der Existenz nach zum Gegenstand gehabt. Indem er die Existenz
hineinzieht, fällt er aus der Entwicklung der reinen Vernunft 40
heraus. So ist es konsequent, wenn er seine Wissenschaft mit dem
reinen Sein beginnt und damit das Prius der Existenz leugnet. Da¬
durch kam es, daß er nur immanent war im Nichtimmanenten,
denn das Sein ist das im Denken Nichtimmanente. Darauf nun be¬
hauptet er, in der Logik das Absolute bewiesen zu haben. So hätte 45
Schelling und die Offenbarung
203
er denn das Absolute zweimal, am Ende der Logik, wo es genau
so bestimmt ist wie am Ende der Identitätsphilosophie, und am
Ende des ganzen Prozesses. Hier zeigt sich also, daß die Logik
nicht als erster Teil der Entwicklung vorausgeschickt werden soll,
5 sondern eben den ganzen Prozeß zu durchdringen hat. Bei Hegel
bestimmt sich die Logik als subjektive Wissenschaft, worin das
Denken in und mit sich allein ist, vor und außer aller Wirklichkeit.
Und doch soll es die wirkliche, reale Idee zu seinem End¬
punkt haben. Während die Identitätsphilosophie mit ihrem ersten
10 Schritt in der Natur ist, wirft Hegel die Natur aus der Logik heraus
und erklärt sie dadurch für unlogisch. Die abstrakten Begriffe der
Hegelschen Logik gehören eben nicht an den Anfang der Philo¬
sophie, sie können erst dann eintreten, wenn das Bewußtsein die
ganze Natur in sich aufgenommen hat, denn sie sind erst die Ab-
straktionen aus der Natur. So kann bei Hegel von objektiver Logik
nicht die Rede sein, denn da, wo die Natur, das Objekt anfängt,
hört gerade die Logik auf. So ist in der Logik die Idee im Werden,
aber nur im Gedanken des Philosophen, ihr objektives Leben fängt
erst da an, wo sie zum Bewußtsein gekommen ist. Sie ist aber als
wirklich existierende schon am Ende der Logik — also kann mit
ihr nun doch nicht weiter fortgefahren werden. Denn die Idee, als
absolutes Subjekt-Objekt, als ideal-real, ist in sich vollendet und
keines Fortschritts mehr fähig; wie kann sie also ins Andre, in die
Natur, noch übergehen. Hier zeigt es sich schon, daß in der reinen
** Vemunftwissenschaft von einer wirklich existierenden Natur nicht
die Rede sein kann. Was die wirkliche Existenz betrifft, muß eben
der positiven Philosophie vorbehalten bleiben.
Das Verkehrte dieser Darstellung beruht hauptsächlich auf dem
naiven Glauben, daß Hegel nicht über den Schellingschen Stand-
30 punkt hinausgekommen sei und diesen noch dazu mißverstanden
habe. Daß Schelling bei aller Mühe nicht aus der Existenz heraus¬
kommen kann, haben wir gesehen, und es bedürfte also eigentlich
keiner Rechtfertigung, daß Hegel diesen Anspruch der abstrakten
Idealität nicht machte. Könnte Schelling auch in der reinen Potenz
35 verharren, so müßte ihm seine eigene Existenz beweisen, daß die
Potenz übergegangen ist, also alle Konsequenzen des bloß logischen
Seins jetzt in das reale fallen und das „Absolute66 somit existiert.
Was will er nun weiter mit der positiven Philosophie? Folgt aus
der logischen Welt das logische Absolute, so folgt doch aus der
40 existierenden Welt das existierende Absolute. Daß Schelling sich
hierbei aber nicht begnügen kann, sondern nun noch eine positive
Glaubensphilosophie annimmt, zeigt, wie sehr die empirische,
außerweltliche Existenz des Absoluten allerVemunft widerspricht,
und wie sehr Schelling selbst dies empfindet. Weil nun Schelling
45 die Hegelsche Idee, die unendlich hoch über dem Absoluten der
204
Berlin 1841—1842.
Philosophische Pamphlete
Identitätsphilosophie steht, weil sie das ist, was jenes zu sein nur
behauptet, auf seinen niedrigen Standpunkt herabziehen will, kann
er das Verhältnis der Idee zu Natur und Geist nicht fassen. Schel¬
ling stellt sich wieder die Idee als extramundanes Wesen, als per¬
sönlichen Gott vor, was Hegel gar nicht eingefallen ist. Die Realität a
der Idee ist bei Hegel nichts anderes als — Natur und Geist.
Darum hat Hegel das Absolute auch nicht zweimal. Am Ende der
Logik ist die Idee als ideal-real, aber eben darum ist sie ja sogleich
Natur. Ist sie bloß als Idee ausgesprochen, so ist sie nur ideal, nur
logisch existierend. Das ideal-reale, in sich vollendete Absolute 10
ist eben nur die Einheit von Natur und Geist in der Idee. Schelling
aber faßt das Absolute immer noch als absolutes Subjekt, denn,
ob es vom Inhalt der Objektivität erfüllt ist, bleibt es doch noch
Subjekt, ohne Objekt zu werden, d. h. ihm ist das Absolute nur in
der Vorstellung des persönlichen Gottes real. Er lasse diesen doch is
aus dem Spiel und halte sich an die reine Gedankenbestimmung,
in der es sich nicht um Persönlichkeit handelt. So ist das Absolute
nicht real außer Natur und Geist. Wäre es das, so wären diese
beiden ja überflüssig. Handelte es sich also in der Logik um die
idealen Bestimmungen der Idee als realer in Natur und Geist, so 20
handelt es sich nun um diese Realität selbst, um den Nachweis
dieser Bestimmungen in der Existenz, welcher die letzte Probe und
zugleich die höchste Stufe der Philosophie ist. So ist aus der Logik
allerdings ein Fortschritt nicht nur möglich, sondern notwendig,
und eben dieser Fortschritt kehrt im selbstbewußten, unendlichen 25
Geist zur Idee zurück. So zeigt sich die Nichtigkeit der Schelling¬
schen Behauptungen : Hegel erkläre die Natur für unlogisch (wo¬
für übrigens Schelling einmal die ganze Welt erklärt), seine Logik,
die notwendige, selbsttätige Entwicklung des Gedankens, sei „sub¬
jektive Wissenschaft, und die objektive Logik könne gar nicht statt- 30
finden, da dies die Naturphilosophie sei und diese aus der Logik
geworfen66. Als ob die Objektivität der Wissenschaft darin be¬
stände, daß sie ein äußerliches Objekt als solches betrachtet!
Nennt Schelling die Logik subjektiv, so ist kein Grund vorhanden,
die Naturphilosophie auch für subjektiv zu erklären, denn dasselbe 35
Subjekt, das hier denkt, denkt auch da, und auf den betrachteten
Inhalt kommt es ja nicht an. Hegels objektive Logik aber entwickelt
nicht, sie läßt die Gedanken sich selbst entwickeln, und das
denkende Subjekt ist als bloßer Zuschauer rein zufällig.
Hierauf knüpft Schelling, zur Geistesphilosophie übergehend, 40
an die Äußerungen an, in denen die Philosophie Hegels mit seinen
persönlichen Neigungen und Vorurteilen im Kampfe liegt. Die
religionsphilosophische Seite des Hegelschen Systems gibt ihm An¬
laß, Widersprüche zwischen Prämissen und Folgerung aufzuzeigen,
die längst von der junghegelschen Schule aufgedeckt und an- 45
Schelling und die Offenbarung
205
erkannt worden sind. So sagt er ganz richtig: So will diese Philo¬
sophie christlich sein, wozu sie doch nichts zwingt; bliebe sie auf
dem ersten Stand der Vemunftwissenschaft stehen, so hätte sie ihre
Wahrheit in sich selbst. — Er schließt seine Bemerkungen dann
5 mit der Anerkennung des Hegelschen Ausspruchs, daß die letzten
Formen der Erringung des Absoluten Kunst, Religion und Philo¬
sophie seien. Nur müsse, und dies gilt ihm für den dialektischen
Punkt dieses Ausspruchs, da Kunst und Religion über die reine
Vemunftwissenschaft hinausgingen, diese Philosophie dies auch
10 tun und eine zweite, eine von der bisherigen verschiedene sein. Aber
wo sagt denn Hegel dies? Am Ende der Phänomenologie, wo er
die ganze Logik als zweite Philosophie vor sich hat. Die Phäno¬
menologie war aber — hier tritt gerade das Gegenteil der Schel-
lingschen Auffassung hervor — nicht reine Vemunftwissenschaft,
15 sondern grade erst der Weg zu ihr, die Erhebung des Empirischen,
des sinnlichen Bewußtseins auf den Standpunkt der reinen Ver¬
nunftwissenschaf t. Nicht das logische, sondern das phänomenolo¬
gische Bewußtsein findet diese drei als letzte „Möglichkeiten, sich
der Existenz des absolut Überseienden zu versichern66, vor sich.
20 Das logische, freie Bewußtsein sieht ganz andre Dinge, um die
wir uns vorläufig indes noch nicht zu bekümmern haben, es h a t
das Absolute schon in sich.
So wäre der schwere Schritt getan, der Abfall von der reinen
Vernunft offen ausgesprochen. Schelling ist seit den Scholastikern
25 der erste, der diesen Schritt wagt; denn Jacobi und seinesgleichen
zählen nicht, weil sie nur einzelne Seiten ihrer Zeit, nie ihre Ganz¬
heit vertraten. Zum ersten Male seit fünfhundert Jahren tritt ein
Heros der Wissenschaft auf und erklärt diese für die Magd des
Glaubens. Er hat es getan — die Folgen fallen auf ihn. Uns
30 kann es nur freuen, daß der Mann, der ein Träger seiner Zeit war
wie keiner, in dem sein Jahrhundert zum Selbstbewußtsein kam,
daß dieser Mann auch von Schelling für die höchste Blüte der Ver¬
nunftwissenschaft erklärt wird. Wer an die Allmacht der Vernunft
glaubt, nehme sich dies Zeugnis eines Feindes zu Herzen.
35 Schelling schildert die positive Philosophie folgendermaßen:
Sie ist von der negativen ganz unabhängig und kann nicht mit dem
Ende dieser als einem Existierenden anfangen, sondern muß die
Existenz erst selbst erweisen. Das Ende der negativen ist in der
positiven nicht Prinzip, sondern Aufgabe; der Anfang der posi-
40 tiven ist durch sich selber absolut. Die Einheit beider ist nie vor¬
handen gewesen und war weder durch Unterdrückung einer, noch
durch Vermischung beider zu erlangen. Es läßt sich nachweisen,
daß beide von jeher im Widerstreite mit einander waren. (Hier
folgt der Versuch eines solchen Nachweises von Sokrates bis zu
45 Kant, in welchem Empirismus und Apriorismus wieder scharf ge¬
206
Berlin 1841—1842.
Philosophische Pamphlete
trennt seien. Wir müssen diesen übergehen, da er ganz ohne alle
Resultate bleibt.) Nun ist die positive Philosophie aber nicht reiner
Empirismus, am wenigsten aber solcher, der sich auf innere,
mystisch-theosophische Erfahrung basiert, sondern sie hat ihr Prin¬
zip in dem, was weder im bloßen Denken ist, noch in der Erfah- 5
rung vorkommt, also im absolut Transzendenten, was über alle Er¬
fahrung und alles Denken hinausgeht und beiden zuvorkommt. Da¬
her muß der Anfang nicht relatives Prius sein wie im reinen Den¬
ken, wo die Potenz den Übergang vor sich hat, sondern absolutes
Prius, so daß nicht vom Begriff zum Sein, sondern vom Sein zum 10
Begriffe fortgeschritten wird. Dieser Übergang ist nicht notwendig
wie der erste, sondern Folge einer freien, das Sein überwindenden
Tat, die a posteriori durch die Empirie erwiesen wird. Denn wenn
es der negativen Philosophie, die auf logischer Konsequenz beruht,
gleichgültig sein kann, ob es eine Welt gibt, und ob diese mit ihrer 15
Konstruktion übereinstimmt, so schreitet die positive durch freies
Denken fort und muß so ihre Bestätigung in der Erfahrung haben,
mit der sie gleichen Schritt zu halten hat. Ist die negative Philo¬
sophie reiner Apriorismus, so ist die positive apriorischer Empiris¬
mus. Weil in ihr ein freies, d. h. wollendes Denken vorausgesetzt 20
wird, so sind ihre Beweise auch nur für die Wollenden und
„Klugen“; man muß sie nicht nur verstehen, sondern ihre Kraft
auch fühlen wollen. Befindet sich unter den Erfahnmgsgegen-
ständen etwa auch die Offenbarung, so gehört sie dieser ebenso zu
wie der Natur und Menschheit, und hat daher für diese keine 25
andere Autorität wie für alles übrige; wie z. B. für die Astronomie
die Planetenbewegungen allerdings Autoritäten sind, mit denen die
Berechnungen übereinzustimmen haben. Sagt man, die Philosophie
wäre ohne die vorhergegangene Offenbarung nicht zu diesem Re¬
sultate gekommen, so hat dies allerdings in etwas seine Richtig- 30
keit, aber jetzt kann die Philosophie es auch allein; wie es Leute
gibt, die kleine Fixsterne, nachdem sie sie einmal durch das
Teleskop erkannt haben, nachher auch mit bloßen Augen entdecken
können und somit nicht mehr vom Teleskop abhängig sind. Die
Philosophie muß das Christentum, das ebenso gut Realität ist wie 35
Natur und Geist, in sich aufnehmen, aber nicht allein eine Offen¬
barung, sondern die innere Notwendigkeit der bloß logischen Phi¬
losophie zwingt diese, über sich selbst hinauszugehen. Die negative
bringt alles zur bloßen Erkennbarkeit und gibt es dann an die
andern Wissenschaften ab, nur das Eine Letzte kann sie nicht dahin 40
bringen, und doch ist dies das am meisten Erkennenswerte; dies
also muß sie in einer neuen Philosophie wieder aufnehmen, die die
Aufgabe hat, eben diesLetzte als Existierendes zu erweisen. So wird
die negative erst Philosophie in Beziehung auf die positive. Wäre
die negative allein, so hätte sie kein reales Resultat, und die Ver- 45
Schelling und die Offenbarung
207
nunft wäre nichtig, in der positiven triumphiert sie; in ihr wird die
in der negativen gebeugte Vernunft wieder aufgerichtet.
Ich brauche zur Erläuterung dieser Schellingschen Sätze wohl
nichts zu sagen, sie erklären sich von selbst. Aber vergleichen wir
5 sie mit den Versprechungen, die Schelling am Anfänge gab, welch’
ein Abstand zeigt sich da! Die Philosophie sollte revolutioniert
werden, eine Lehre sollte sich entwickeln, die der Negation der
letzten Jahre ein Ende machen werde, die Versöhnung von Glauben
und Wissen war im Anzuge, und was kommt endlich heraus? Eine
10 Lehre, die weder in sich selbst, noch in etwas Anderem, Erwiesenem,
ihren Grund hat. Hier stützt sie sich auf ein von aller logischen
Notwendigkeit befreites, d. h. willkürliches, nichtiges Denken, und
dort auf das, dessen Realität eben in Frage gestellt, dessen Behaup¬
tungen eben bestritten werden, auf die Offenbarung. Eine naive
15 Forderung, daß man, um sich vom Zweifel zu kurieren, eben den
Zweifel wegwerfen soll! „Ja, wenn ihr nicht glaubt, so kann euch
nicht geholfen werden!66 Was wollte denn Schelling hier in Berlin?
Er hätte statt seines positiven Schatzes eine Widerlegung von
Strauß’ „Leben Jesu66, von Feuerbachs „Wesen des Christentums66
2o usw. mitbringen sollen, da hätte er noch Geschäfte machen können;
aber so bleiben die Hegelianer lieber in der bekannten „Sackgasse66
stecken, als daß sie sich ihm „auf Gnade und Ungnade über¬
geben66 ; und die positiven Theologen werden auch lieber wie bis¬
her aus der Offenbarung heraus als in sie hinein arbeiten. Hierzu
25 paßt denn auch das seit Neujahr täglich wiederholte Geständnis,
er wolle keinen Beweis des Christentums, auch keine spekulative
Dogmatik, sondern nur einen Beitrag zur Erklärung des Christen¬
tums geben. Mit der Notwendigkeit der negativen Philosophie,
über sich selbst hinauszugehen, ist es auch nicht weit her, wie wir
so gesehen haben. Führt die Voraussetzung des Übergangs a potentia
ad actum notwendig auf den nur von dieser Voraussetzung ab¬
hängigen logischen Gott, so führt der durch die Erfahrung be¬
wiesene wirkliche Übergang auch auf den wirklichen Gott, und die
positive Wissenschaft ist überflüssig.
35 Den Übergang zur positiven Philosophie nimmt Schelling vom
ontologischen Beweise für das Dasein Gottes. Gott kann nicht zu¬
fällig existieren, also „wenn er existiert66, existiert er not¬
wendig. Dieser Zwischensatz in die Lücke des Schlusses ist ganz
richtig. So kann Gott nur das an und vor sich selbst (nicht für
4o sich; — Schelling ist so erbost auf Hegel, daß er selbst seine Aus¬
drücke als sprachwidrig tadeln und verbessern zu müssen glaubt)
Seiende sein, d. h. er existiert vor sich selbst, vor seiner Gottheit.
So ist er das geradezu vor allem Denken Blindseiende. Da es nun
aber zweifelhaft ist, ob er existiert, so müssen wir vom Blind-
45 seienden ausgehen und sehen, ob wir vielleicht von da zum Be¬
208
Berlin 1841—1842.
Philosophische Pamphlete
griffe Gottes gelangen können. Wenn also in der negativen Philo¬
sophie das allem Sein zuvorkommende Denken, so ist in der posi¬
tiven das allem Denken zuvorkommende Sein Prinzip. Dieses
blinde Sein ist das notwendige Sein; Gott ist aber nicht dies, son¬
dern das notwendig „Notwendigseiende66; das notwendige Sein ist 5
allein das Seinkönnen des höchsten Wesens. Dies Blindseiende ist
nun das, was keiner Begründung bedarf, weil es allem Denken
zuvorkommt. So fängt die positive Philosophie mit dem ganz Be¬
grifflosen an, um es a posteriori, als Gott, begreiflich und zum
immanenten Inhalt der Vernunft zu machen. Diese ist hier erst 10
frei und dem notwendigen Denken entkommen.
Dieses „Blindseiende66 ist die Hyle, die ewige Materie früherer
Philosophie. Daß diese sich zu Gott entwickelt, ist wenigstens neu.
Bisher war sie immer das Gott entgegengesetzte, dualistische Prin¬
zip. Doch sehen wir weiter den Inhalt der positiven Philosophie an. 15
Dieses Blindseiende, das auch das „unvordenkliche Sein66 ge¬
nannt werden kann, ist purus actus der Existenz und die Identität
von Wesen und Sein (was von Gott als Aseität ausgesagt wird).
Dies aber scheint nicht als Basis eines Prozesses dienen zu können,
da ihm alle bewegende Kraft fehlt, und diese nur in der Potenz 20
liegt. Aber warum sollte dem actus purus die Möglichkeit abge¬
schnitten sein, hintennach auch Potenz werden zu können ; die Kon¬
sequenz, daß das Seinseiende nicht auch post actum das Sein-
könnende sei, ist nicht da. Dem unvordenklichen Sein kann sich
— dem steht nichts entgegen — nach der Hand die Möglichkeit 25
darstellen, ein zweites Sein aus sich hervorgehen zu lassen. Hier¬
durch wird das blinde Sein Potenz, denn es bekommt etwas, das
es wollen kann und wird so Herr seines eigenen blinden Seins. Ent¬
läßt es dies zweite Sein, so ist das erste blinde Sein nur potentia
actus purus, und somit sich selbst besitzendes Sein (doch ist dies 30
alles erst Hypothese, die sich durch den Erfolg zu beweisen hat),
es wird durch Unterscheidung von jenem erst seiner selbst bewußt
als des seiner Natur nach notwendigen; das blinde Sein erscheint
als zufällig, weil nicht vorhergesehen, und hat sich so durch Über¬
windung seines Gegenteils als notwendig zu erweisen. Dies ist der 35
letzte Grund des ihm entgegentretenden Seins und somit der letzte
Grund der Welt. Das Gesetz, daß alles klar werde und nichts ver¬
borgen bleibe, ist das höchste Gesetz alles Seins, zwar kein Gesetz,
das über Gott steht, sondern ein solches, daä ihn erst in Freiheit
setzt, also schon selbst ein göttliches. Dieses große Weltgesetz, diese 40
Weltdialektik will eben nicht, daß etwas Unentschiedenes sei. Nur
sie kann die großen Rätsel lösen. Ja, Gott ist so gerecht, daß er
jenes entgegengesetzte Prinzip anerkennt bis zum Ende, und bis
aller Widerspruch erschöpft ist. Alles unfreiwillige, unvordenk¬
liche Sein ist unfrei ; der wahre Gott ist der lebendige, der etwas 45
Schelling und die Offenbarung
209
anderes als das Unvordenkliche werden kann. Sonst ist entweder
mit Spinoza anzunehmen, daß alles aus der göttlichen Natur not¬
wendig, ohne sein Zutun, emaniere (schlechter Pantheismus), oder
daß der Begriff der Schöpfung ein für die Vernunft unfaßbarer
0 sei (schaler Theismus, der den Pantheismus nicht überwinden
kann). So wird das unvordenkliche Sein Potenz des entgegen¬
gesetzten, und da ihm die Px>tentialität etwas Unleidliches ist, so
wird es notwendig wirken wollen, sich in den actus purus wieder¬
herzustellen. So muß das zweite Sein vom ersten wieder negiert
10 und in die Potenz zurückgeführt werden. So wird es nicht nur
Herr der ersten Potenz, sondern auch der zweiten, sein Unvordenk¬
liches in ein Seiendes zu verwandeln und dadurch von sich weg¬
zubringen und so seine ganze Existenz aufzugeben. In dieser liegt
auch sein bisher vom Sein verhülltes Wesen; das reine Sein, das
15 durch den Widerstand eine Potenz in sich bekommen hat, ist nun
selbständig als Wesen. So ist dem Herm der ersten Möglichkeit
auch die gegeben, sich als sich selbst zu zeigen, als vom not¬
wendigen Sein frei, als Geist sich zu setzen; denn Geist ist, was
frei ist, zu wirken und nicht zu wirken, was im Sein seiner mächtig
2o ist und auch seiend bleibt, wenn es sich nicht äußert. Dies ist aber
nicht das unmittelbar Seinkönnende, noch auch das Sein-
müssende, sondern das Seinkönnend-Seinmüssende.
Diese drei Momente erscheinen dem unvordenklichen Sein als
eigentlich Seinsollende, so daß außer diesen drei Momenten
25 es nichts andres gibt und alles Zukünftige ausgeschlossen ist.
Der Gedankengang in der positiven Philosophie ist, wie wir
sehen, sehr „frei66. Schelling hat es hier kein Hehl, daß er bloße
Hypothesen macht, die sich erst durch den Erfolg, d. h. durch
Übereinstimmung mit der Offenbarung, als richtig zu erweisen
so haben. Eine Folge dieses freien, wollenden Denkens ist, daß er das
„unvordenkliche Sein66 gerade so sich benehmen läßt, als wäre es
bereits das, was erst daraus entwickelt werden soll, nämlich Gott.
Das unvordenkliche Sein kann ja noch gar nicht sehen, wollen, ent¬
lassen, zurückführen. Es ist nichts als eine kahle Abstraktion von
35 der Materie, die gerade von allem Persönlichen, Selbstbewußten am
weitesten entfernt ist. Es ist durch keine Entwicklung möglich, in
diese starre Kategorie Selbstbewußtsein zu bringen, es sei denn,
daß sie als Materie gefaßt werde und durch die Natur zum Geist
sich entwickle, wie das „schrankenlose Sein66 in der negativen, das
40 von diesem nur durch die nichtige Bestimmung der Unvordenklich-
keit unterschieden ist. Diese Unvordenklichkeit kann nur zum Ma¬
terialismus und höchstens zum Pantheismus führen, aber nie zum
Monotheismus. Das Wort Cuviers bewährt sich auch hier: „Schel¬
ling setzt Metaphern an die Stelle der Beweisgründe und verändert,
45 statt Begriffe zu entwickeln, Bilder und Allegorien nach Bedürf-
Marx-Engels-Cesamtausgabe, I. Abt., Bd. 2. 14
210
Berlin 1841—1842.
Philosophische Pamphlete
nis“. Zudem sind Entwicklungen, in denen jeder Fortschritt durch:
es ist kein Grund vorhanden, daß dies nicht geschehe, die logische
Konsequenz fehlt, warum dies nicht möglich sein sollte, usw., zu¬
rückgewiesen wird, wenigstens bis jetzt in der Philosophie nicht da¬
gewesen. Auf diese Weise läßt sich auch die chinesische und ota- 5
heitische Religion aus dem „unvordenklichen Sein66 entwickeln,
und auch sie bewährt sich dadurch, daß sie ein Faktum ist, so gut
wie das Christentum. Was aber das neuentdeckte Weltgesetz, daß
alles klar werde, betrifft, so läßt sich nicht leugnen, daß hier
wenigstens sehr wenig klar wird und sehr viel verborgen bleibt. 10
Man sieht hier nur die Klarheit des Gedankens in den finstern Ab¬
grund der Phantasterei versinken. Soll jenes Gesetz aber heißen,
daß alles wegen seiner Existenz sich vor der Vernunft zu recht¬
fertigen habe, so ist dies wieder einer der Grundgedanken Hegels
und noch dazu von Schelling selbst nicht angewandt. Den Schluß 15
der obigen Darlegung mit seinem Können, Müssen, Sollen dahin
zu bringen, daß alles klar werde, wird man wohl noch eine Zeit-
lang vergeblich sich bemühen. In welchem Verhältnis, fragt sich
vor allem, stehen diese drei positiven Potenzen zu den drei nega¬
tiven? Es wird nur das klar, daß sie jedenfalls zwar sein sollende, 20
aber nicht seinkönnend-seinmüssende Möglichkeiten sind.
Dieser „eingreifendsten66 Dialektik, behauptet Schelling, sei es
allein möglich, von dem actu Notwendigexistierenden des Spinoza
zum natura sua Notwendigseienden zu gelangen. Denn nur dies
habe er wollen können, da er nicht die Existenz des Göttlichen, 23
sondern nur die Gottheit des Existierenden beweisen wolle (gerade
dasselbe tut die junghegelsche Philosophie auch), nämlich die
Gottheit des actu ewig, von selbst Seienden. Wer aber beweist uns
denn, daß etwas von Ewigkeit existiert? Das actu von selbst
Seiende kann nur auf die Ewigkeit der Materie führen, sobald man 30
logisch schließt. Unlogische Schlüsse gelten aber nicht, ob die
Offenbarung auch dazu Ja sagt. „Wollte man einer schwachen
Dialektik zufolge sagen: Gott nimmt die Potenz des entgegengesetz¬
ten Seins nur an, um die blinde Affirmation seiner Existenz in eine
durch Negation vermittelte zu verwandeln, so fragt sich, warum 35
er dies tut? Nicht seiner selbst willen, denn er kennt seine Macht,
nur für andre kann er das von ihm verschiedene Sein zum Gegen¬
stand des Wollens machen. In diesem Von-sich-wegsein liegt erst
Gottes Wesen, seine Seligkeit, alle seine Gedanken sind nur außer
ihm, in der Schöpfung. So ist es freilich ein Prozeß der Suspension 40
und Wiederherstellung, aber dazwischen liegt die ganze Welt.66
Wie lächerlich macht sich hier der Hochmut, mit dem die kari¬
kierte, eingreifendste Dialektik auf ihr „schwaches66 Urbild herab¬
sieht! Sie hat dies nicht einmal soweit verstanden, daß sie es richtig
darstellen kann. Selbst Hegel denkt nach Schelling in dieser vor- 45
Schelling und die Offenbarung
211
stellungsmäßigen Weise; Schelling läßt ihn etwa so deduzieren:
Hier ist Gott. Dieser schafft die Welt. Sie negiert ihn. Weshalb,
weil sie böse ist? Gott bewahre, bloß weil sie da ist. Sie nimmt
allen Raum für sich, und Gott, der nicht weiß, wohin, sieht sich
0 genötigt sie wieder zu negieren. Da müßte er sie freilich vernichten.
Die Tiefe aber, nach der die Negation notwendig aus dem erst
Ansichseienden hervorgeht, als Entfaltung des innersten Wesens,
als die Erweckerin des Bewußtseins, bis sie in ihrer höchsten Tätig¬
keit sich aus sich selbst wieder negieren muß und das Entwickelte,
10 Beisichbleibende, Freie als Produkt hervorgehen läßt, von der
kann Schelling keine Ahnung haben, denn sein Gott ist frei, d. h.
willkürlich handelnd.
Gott oder das unvordenkliche Sein hat nun die Welt oder das
konträre Sein gesetzt. Diese besteht eben nur im göttlichen Willen
15 und hängt von ihm ab. Sie behufs seiner Wiederherstellung mit
einem Schlage zu vernichten, läßt seine Gerechtigkeit nicht zu,
denn das Konträre hat nun gewissermaßen ein Recht, einen von
Gott unabhängigen Willen. Darum wird es allmählich und nach
einem die Stufen des Ganges bestimmenden Prinzip durch die
2o beiden letzten Potenzen zurückgeführt. War also die erste Potenz
die veranlassende Ursache der ganzen Bewegung und des konträren
Seins, so war die zweite die ex actu gesetzte, die sich in der Über¬
windung der ersten verwirklichende, die, auf das konträre Sein
wirkend, dies der dritten Potenz unterwarf, sodaß das konträre
25 Sein als konkretes Ding zwischen die drei Potenzen trat. Diese er¬
weisen sich nun als: causa materialis, ex qua, causa efficiens, per
quam, causa finalis, in quam (secundum quam) omnia filmt.
Ist nun das unvordenkliche Sein Bedingung der Gottheit, so ist
mit der Schöpfung Gott als solcher da, als Herr des Seins, in dessen
so Macht es steht, jene Möglichkeiten als wirklich zu setzen oder
nicht. Er bleibt außerhalb des ganzen Prozesses und geht über jene
Trias der Ursachen als causa causarum hinaus. Um nun die Welt
nicht als Emanation seines Wesens erscheinen zu lassen, stand es
bei Gott, alle möglichen Stellungen der Potenzen gegen einander
35 zu versuchen, d.h. die zukünftige Welt wie in einem Ge¬
sicht an sich vorüber gehen zu lassen. Denn die bloße
Allmacht und Allwissenheit vermittelt dies nicht allein, sondern
dieWerke sind als Visionen des Schöpfers vorhanden. Daher wurde
jene Urpotenz, die erste Veranlassung des konträren Seins, immer
40 besonders verherrlicht; sie ist die indische Maja (mit dem deut¬
schen „Macht66, Potenz, verwandt), die die Netze des bloß Er¬
scheinenden ausspannt, um den Schöpfer zur wirklichen Schöpfung
zu bewegen, sowie die Fortuna primigenia zu Präneste.
Ich setze kein Wort hinzu, um den mystischen Schmetterlings-
45 staub dieser Vision nicht zu verwischen.
14*
212
Berlin 1841—1842.
Philosophische Pamphlete
Daß Gott nun wirklich schafft, läßt sich a priori nicht beweisen,
es erklärt sich aus dem einzigen, bei Gott zulässigen Bedürfnis, er¬
kannt zu sein, das grade den edelsten Naturen am meisten eigen
ist. Der Gott der Schöpfung ist nicht der schlechthin Einfache,
sondern der in einer Mehrheit Einfache, und da diese Mehrheit 5
(jene Potenzen) eine in sich geschlossene ist, so ist der Schöpfer
der A11 - E i n e, und dies ist Monotheismus. Weil er allem zuvor¬
kommt, so kann er nicht seinesgleichen haben, denn das potenzlose
Sein kann überhaupt nicht ( ! ). Gott, von dem bloß nebenbei
gesagt wird, er sei der Einzige, ist nur der Gott der Theisten; der 10
Monotheismus erfordert die Einzigkeit, ohne die Gott nicht Gott
ist, während der Theismus bei der unendlichen Substanz stehen
bleibt. Der Fortschritt von hier aus zu dem, der im Verhältnis zu
den Dingen als Gott ist, ist der Pantheismus; in ihm sind die Dinge
Bestimmungen Gottes. Erst der Monotheismus enthält Gott als is
wirklichen Gott, als lebendigen, wo die Einheit der Substanz in der
Potenz verschwunden ist, und eine übersubstantielle Einheit an
ihre Stelle trat, sodaß Gott der unüberwindliche Eine gegen Drei
ist. Obgleich mehrere, sind doch nicht mehrere Götter, sondern
nur Ein Gott, nicht in der Gottheit mehrere. So sind Mono- 20
theismus und Pantheismus Fortschritte gegen den Theismus, der
der letzte Ausdruck des Absoluten in der negativen Philosophie ist.
Im Monotheismus ist der Übergang zum Christentum, denn die
Alleinheit hat ihren bestimmten Ausdruck in der Dreieinigkeit.
Man bemühe sich, diese Dreieinigkeit zu begreifen, wie man 25
will, es bleiben immer Drei gegen Einen, Einer gegen Drei. Ist Gott
die Einheit von Dreien, so kann er dies nur als ein Vierter sein,
oder es bleiben drei Götter. Ist bloß die Gottheit ihre Einheit, so
ist ebensogut die Menschheit die Einheit aller Menschen, und man
hat, wie Einen Gott, auch nur Einen Menschen. Die Vielen lassen 30
sich aber ebensowenig wie die Drei wegbringen, und es kommt
nimmermehr aus drei Personen Eine heraus. Der alte Widerspruch
der Dreieinigkeit liegt ganz offen da, und man erstaunt über die
Kühnheit Schellings, zu behaupten, er sei gelöst. Daß die Dreiheit
erst der wahre Ausdruck der Einheit sei, ist wieder aus Hegel ent- 33
nommen, aber wie gewöhnlich zur baren Inhaltslosigkeit verflacht.
Bei Hegel bleibt die Dreiheit eine Stufenfolge von Entwicklungs¬
momenten des Gottes, wenn man einen solchen einmal bei ihm
statuieren will. Hier aber sollen die drei Momente als Persön¬
lichkeiten neben einander stehen, und es ist originellerweise 40
behauptet, die wahre Persönlichkeit einer Person sei, daß sie
drei Personen sei.
Bis jetzt haben wir indes erst die Eine Person, den Vater. Denn
wenn ein zuvor Seiendes ein zu ihm Gehöriges vor sich wegbringt,
sodaß dies sich notwendig selbst verwirklicht, so heißt das mit 43
Schelling und die Offenbarung
213
Recht Zeugen. Ist nun in diesem Verwirklichungsprozeß das kon¬
träre Sein (B) wirklich überwunden, so ist auch die zweite Potenz
Herr desselben wie die erste, und so die Gottheit des Sohnes gleich
der des Vaters. So auch die dritte Potenz, die als das vom Sein
5 freie Wesen erst nach Besiegung des B wieder ins Sein kommen
kann; dann aber mit jenen gleiche Herrlichkeit und Persönlichkeit
hat und als Geist erscheint. So sind am Ende drei Persönlichkeiten,
aber nicht drei Götter, weil das Sein Eines, also auch die Herrlich¬
keit darüber nur Eine ist (als ob die beiden spartanischen Könige,
10 weil ihre Herrschaft Eine war, je nur Ein König gewesen seien!).
In den Potenzen, während sie in Spannung sind, sehen wir bloß die
natürliche Seite des Prozesses („Spannung“ scheint der Prozeß
der negativen Philosophie zu sein) als die Entstehung der Welt;
mit den Personen eröffnet sich erst die Welt des Göttlichen,
15 und die göttliche Bedeutung jenes Prozesses, daß das Sein, ur¬
sprünglich als Möglichkeit beim Vater, dem Sohne gegeben und
von diesem dem Vater als Überwundenes zurückgegeben wird.
Außer dem Sohne ist es auch dem Geiste gegeben von Vater und
Sohn, und er hat nur das beiden gemeinschaftliche Sein. Durch
2o die ganze Natur geht die Spannung der Potenzen, und jedes Ding
hat ein gewisses Verhältnis derselben. Jedes Entstehende ist ein
Viertes zwischen den Potenzen, der Mensch aber, in dem sich die
Spannung völlig löst, hat schon ein Verhältnis zu den Persön¬
lichkeiten als solchen, denn in ihm drückt sich jener letzte
25 Moment der Verwirklichung aus, in dem die Potenzen zu wirk¬
lichen Persönlichkeiten werden. Dieser Prozeß ist also für die
Dinge Schöpfungs-, für die Persönlichkeiten theogonischer Prozeß.
So hat uns denn Schelling den persönlichen nicht nur, sondern
auch den dreieinigen Gott, Vater, Sohn und Geist, welcher letztere
so freilich nur mit Mühe untergebracht wurde, sodann die willkürlich
geschaffene, von Willkür abhängige, also hohle und nichtige Welt
aus dem Abgrunde des unvordenklichen Seins ans Tageslicht ge¬
zaubert und hat so die Basis des Christentums. Die Inkonsequenzen,
Willkürlichkeiten, kecken Behauptungen, Lücken, Sprünge, Sup-
35 Positionen, Verwirrungen, die sich Schelling hier zuschulden kom¬
men läßt, einzeln aufzuzeigen, kann meine Absicht nicht sein ; war
es schon im notwendigen Denken so arg damit, so durfte man im
freien auf eine noch größere Verwirrung von Scholastik und
Mystik — das ist das Wesen des Neuschellingianismus — rechnen.
40 Weder kann der Leser solche übermenschliche Geduld von mir,
noch ich von ihm solches Interesse an der Sache verlangen. Zu¬
dem, was auf der Hand liegt, braucht nicht erst auf gedeckt zu
werden. Nur im allgemeinen den Gedankengang zu verfolgen, nur
aufzuweisen, wie zwischen Hegel und Schelling gerade das Umge-
45 kehrte von dem stattfindet, was Schelling behauptet, ist mein
214
Berlin 1841—1842.
Philosophische Pamphlete
Zweck. Jetzt, auf christlichem Boden, können wir die Tatsachen
noch mehr sprechen lassen. Zunächst erklärt Schelling seine Un¬
fähigkeit, die Welt zu begreifen, in so fern, als er das Böse nicht
begreifen kann. Der Mensch habe in Gott bleiben können und auch
nicht, daß er es nicht getan habe, sei freier Wille von seiner Seite 5
gewesen. Er habe sich dadurch an Gottes Statt gesetzt und da, wo
alles geordnet schien, alles nochmals aufs Spiel gesetzt. Die Welt
sei, von Gott getrennt, der Äußerlichkeit preisgegeben worden, das
Moment habe seine Stellung als solches verloren. Der Vater sei
„gleichsam“ aus seiner Stelle verdrängt (später wird das Gleich- io
sam ausgelassen).
Noch immer sei aber die christliche Dreieinigkeit nicht da, der
eigne, vom Vater unabhängige Wille des Sohns noch nicht ausge¬
sprochen. Jetzt aber tritt am Ende der Schöpfung etwas Neues ein,
das im Menschen sich selbst besitzende B. In seiner Wahl liegt es, k
mit Gott eins zu sein oder nicht. Er will nicht und drängt da¬
durch die höhere Potenz in die Potentialität zurück, die nun erst,
durch den Willen des Menschen vom Vater getrennt, ebensosehr
des Menschen Sohn wie Gottes Sohn ist (dies die Bedeutung
des neutestamentlichen Ausdrucks) und ein göttlich-außergött- 20
liches Sein hat. Jetzt kann sie dem Sein in die Außergöttlichkeit
folgen und es zu Gott zurückführen. Der Vater ist der Welt nun
abgewandt und wirkt in ihr nicht mehr mit seinem Willen, sondern
mit seinem Unwillen (dies die wahre Bedeutung des Zornes
Gottes). So hat der Vater auch nicht die böse Welt vernichtet, son- 25
dem im Hinblick auf den Sohn erhalten, wie geschrieben steht. In
ihm, d. h. im Hinblick auf ihn, sind alle Dinge gemacht. So haben
wir hier zwei Zeiten, den Aeon des Vaters, wo das Sein (die Welt)
noch als Potenz im Vater lag und der Sohn noch nicht selbständig
war, und den Aeon des Sohns, die Zeit der Welt, deren Geschichte 30
die des Sohns ist. Diese Zeit hat wieder zwei Abschnitte; im ersten
ist der Mensch ganz in der Gewalt des konträren Seins, des B, der
kosmischen Potenzen. Hier ist der Sohn im Stande der Negation,
des tiefsten Leidens, der Passivität, vom Sein (d. h. von der Welt)
vorerst ausgeschlossen, unfrei, außer dem menschlichen Bewußt- 35
sein. Zur Eroberung des Seins kann sie nur auf natürliche Weise
wirken. Dies ist die Zeit des alten Bundes, wo der Sohn nicht
seinem Willen, sondern seiner Natur nach die Herrschaft des Seins
anstrebt. Diese Bedeutung jener Zeit fehlte bisher in der Wissen¬
schaft, dies hatte noch niemand. Es ist aufs bestimmteste im Alten
Testamente angedeutet, namentlich im 53. Kapitel des Jesaias, wo
von einem gegenwärtigen Leiden des Messias die Rede ist.
Erst mit der Erstarkung der zweiten Potenz, mit der errungenen
Herrschaft über das Sein beginnt die zweite Zeit, wo sie frei und
mit Willen handelt. Dies ist die Zeit ihres Erscheinens in Christo, 45
Schelling und die Offenbarung
215
die der Offenbarung. Dies ist der Schlüssel des Christentums, mit
diesem Ariadnefaden ist es möglich, „sich durch das Labyrinth
meiner Gedankenwege zu finden“. — Durch die Empörung des
Menschen werden die durch Überwindung des B in der Schöpfung
5 entstandenen Persönlichkeiten wieder zu bloßen Möglichkeiten, in
die Potentialität zurückgedrängt und vom Bewußtsein ausgeschlos¬
sen, außergöttlich gesetzt. Hier ist nun die Ursache eines neuen
Prozesses, der im Bewußtsein des Menschen vor sich geht, und von
dem die Gottheit ausgeschlossen ist, denn in ihrer Spannung sind
10 die Potenzen außergöttlich. Dieser Prozeß der Unterwerfung des
Bewußtseins unter die Herrschaft der Potenzen ist im Heidentum
als mythologische Entwicklung vor sich gegangen. Die tiefere ge¬
schichtliche Voraussetzung der Offenbarung ist die Mythologie.
Wir haben nun in der Philosophie der Mythologie die einzelnen
in Potenzen im mythologischen Bewußtsein nachzuweisen, und das
Bewußtsein darüber in den griechischen Mysterien.
Es fragt sich, ob der hier von Schelling behauptete Einfluß des
Menschen auf die Selbstentwicklung Gottes — denn nur so kann
dies genannt werden — christlich ist? Der christliche Gott aber ist
2o ein von Ewigkeit fertiger, dessen Ruhe selbst durch das temporäre
Erdenleben des Sohns keine Veränderung erleidet. Überhaupt
endigt die Schöpfung nach Schelling auf eine schmähliche Weise.
Das Kartenhaus der „Mittelpotenzen, der relativ Seienden und
Seinkönnenden“, ist kaum auf gebaut, die drei Potenzen stehen auf
25 dem Punkte, Persönlichkeiten zu werden — da macht der dumme
Mensch einen leichtsinnigen Streich, und die ganze künstliche Ar¬
chitektonik stürzt über einander, und die Potenzen bleiben Potenzen
wie bisher. Es ist gerade wie in dem Märchen, wo ein Schatz, von
hellglänzenden Geistergestalten umgeben, aus der Tiefe beschworen
3o wird ; schon am Rande des Abgrundes schwebt das Ersehnte empor
— da wird ein unbesonnenes Wort gesprochen, die Gestalten zer¬
rinnen, der Schatz sinkt hinab und für immer schließt ihn die Tiefe
ein. Der Schellingsche Gott hätte seine Sache auch etwas klüger
machen können, da hätte er sich viele Mühe und uns die Philo-
35 Sophie der Offenbarung erspart. Die Blüte der Schellingschen
Mystik entwickelt sich aber hier in dem Leidenszustande des Sohns.
Dieses dunkle, geheimnisvolle Verhältnis göttlicher Außergöttlich¬
keit, bewußter Bewußtlosigkeit, tätiger Untätigkeit, willenlosen
Willens, diese Überstürzung sich drängender Widersprüche ist für
4o Schelling allerdings eine unschätzbare Fundgrube von Konsequen¬
zen, denn daraus läßt sich alles ableiten. Noch unklarer ist das
Verhältnis dieser Potenz zum Bewußtsein des Menschen. Hier wir¬
ken alle Potenzen als kosmische, natürliche, aber wie? Was sind
kosmische Potenzen? Kein einziger Schüler Schellings, er selbst
45 nicht, kann hierauf eine vernünftige Antwort geben. Es ist dies
216
Berlin 1841—1842.
Philosophische Pamphlete
eben wieder eine der verworrenen, mystischen Denkbestimmungen,
zu denen er seine Zuflucht nehmen muß, um selbst „mit freiem,
wollendem Denken“ zur Offenbarung zu gelangen. „Die mythologi¬
schen Vorstellungen lassen sich nicht anders erklären, denn als
notwendiges Erzeugnis des in die Gewalt der kosmischen Potenzen 5
geratenen Bewußtseins.“ Die kosmischen Potenzen sind aber die
in ihrer Spannung befindlichen göttlichen Potenzen, das Göttliche
als Nichtgöttliches. Hierdurch soll denn auch der Bezug der Mytho¬
logie auf die Natur erklärt, hierdurch vollkommen neue Tatsachen
und eine Ausfüllung des vorgeschichtlichen Zeitraums der Mensch- 10
heit, nämlich durch die „ungeheuren Erregungen des Gemüts bei
Erzeugung der Göttervorstellungen“, gewonnen sein.
Wir können uns die Darstellung der „Philosophie der Mytho¬
logie“ ersparen, da sie nicht unmittelbar in die Philosophie der
Offenbarung gehört, und außerdem Schelling im nächsten Semester 15
sie ausführlicher vortragen wird. Dieser Teil der Vorlesungen war
übrigens bei weitem der beste und enthält manches, das, wenn es
von der mystischen, entstellenden Anschauungsweise befreit wird,
auch der nicht verwerfen dürfte, der diese Phasen des Bewußtseins
vom freien, reinmenschlichen Standpunkte betrachtet. Es fragt 20
sich nur, inwiefern eben dies Schellings Eigentum ist, und ob es
überhaupt nicht von Stuhr herrührt. Das Verkehrte der Schelling-
schen Darstellung liegt hauptsächlich darin, daß er den mytho¬
logischen Prozeß nicht als freie Selbstentwicklung des Bewußt¬
seins innerhalb der weltgeschichtlichen Notwendigkeit faßt, son- 25
dem immer übermenschliche Prinzipien und Kräfte wirken läßt,
und zwar auf die verworrenste Weise, so daß diese Potenzen zu¬
gleich die „Substanz des Bewußtseins“ und doch wieder etwas
mehr sind. Zu solchen Mitteln muß man sich freilich entschließen,
wenn einmal absolut übermenschliche Einflüsse statuiert werden. 30
So gebe ich Schelling seine Hauptresultate der Mythologie in Be¬
ziehung aufs Christentum gern zu, nur in andrer Weise, indem ich
beide Erscheinungen nicht als dem Bewußtsein von außen her bei¬
gebracht, übernatürlich, sondern als innerste Produkte des Be¬
wußtseins, als rein menschlich und natürlich fasse. 35
Wir kommen also jetzt endlich bei der durch die Mythologie
vorbereiteten Offenbarung an. Diese ist das ganze Christentum.
Darum hat die Philosophie derselben sich nicht um Dogmatik usw.
zu bekümmern; sie will selbst keine Lehre auf stellen, sondern nur
das historische Faktum des Christentums erklären. Wir werden in- 40
des sehen, wie allmählich die ganze Dogmatik herauskommt. Wir
werden sehen, wie Schelling „das Christentum nur als Tatsache,
wie das Heidentum auch“, betrachtet. Die Tatsachen des Heiden¬
tums nahm er nicht, wie sie sich gaben, als wahr, z. B. Dionysos
nicht als wirklichen Gott; die des Christentums dagegen sind ihm 45
Schelling und die Offenbarung
217
absolut, wenn Christus sich für den Messias erklärt, wenn Paulus
dies oder jenes behauptet, so glaubt ihm Schelling unbedingt. Die
mythologischen Tatsachen erklärte Schelling, wenigstens auf
seine Weise, die des Christentums behauptet er. Und bei alledem
5 schmeichelt er sich, „die Liebe der Jugend durch seine Geradheit
und Offenheit erworben zu haben, und nicht nur die Liebe, sondern
auch die Begeisterung“.
Um nun die Offenbarung zu erklären, knüpft er an die Stelle
Pauli im Philipperbriefe, Kap. 2, 6—8 an, die ich hier aus-
io schreibe. „Christus, ob er wohl in göttlicher Gestalt war ( èv
poQ(pfi &eov), hielt er es nicht für einen Raub (d^ay^a), Gott
gleich sein, sondern äußerte (ènlvtoae) sich selbst und nahm
Knechtsgestalt an, ward gleich wie ein andrer Mensch, an Geberden
wie ein Mensch erfunden; er erniedrigte sich selbst und ward ge-
is horsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz.“
Ohne mich in die weitläuftigen exegetischen Untersuchungen ein¬
zulassen, mit denen Schelling seine philosophische Erklärung be¬
gleitete, will ich hier bloß die von Paulus erzählte Tatsache in
Schellingscher Weise erzählen. Christus war in seinem Leidens-
2o zustande allmählich Herr des Bewußtseins geworden durch den
mythologischen Prozeß. Unabhängig vom Vater, besaß er eine
eigne Welt und konnte mit ihr schalten wie er wollte. Er war der
Gott der Welt, aber nicht der absolute Gott. Er konnte in diesem
außergöttlich-göttlichen Zustande beharren. Dies nennt Paulus: in
26 göttlicher Gestalt, èv ^ogfprj ÿeov, sein. Aber er wollte dies nicht.
Er wurde Mensch, entäußerte sich dieser seiner Herrlichkeit, um
sie dem Vater zu übergeben und so die Welt mit Gott zu vereinigen.
Hätte er dies nicht getan, so war für die Welt keine Möglichkeit
mehr da, mit Gott sich zu vereinigen. Dies ist die wahre Bedeutung
so des Gehorsams Christi. In diesem Sinne ist auch die Versuchungs¬
geschichte zu erklären. Der Widersacher, das blinde kosmische
Prinzip, ist so weit gebracht, daß er Christo sein Reich anbietet,
wenn er ihn anbeten, d. h. selbst kosmische Potenz, èv poQtpfi êeov,
bleiben wolle. Christus aber schlägt diese Möglichkeit aus und
36 unterwirft sein Sein dem Vater, indem er es zum kreatürlichen
macht und Mensch wird.
„Gott behüte mich, daß ich philosophische Lehren als christlich
deduziere, von denen das Christentum nichts weiß“, schloß Schel¬
ling diese Deduktion. Über die Christlichkeit dieser Lehren zu
io streiten wäre Luxus, denn wäre diese auch erwiesen, so wäre ja
damit für Schelling noch nichts gewonnen. Meiner Ansicht nach
widerstreiten sie aber der ganzen Grundanschauungsweise des
Christentums. Es ist keine Kunst, aus einzelnen Bibelstellen das
Abnormste zu beweisen, aber darauf kann es ja gar nicht an-
45 kommen. Das Christentum ist bald zweitausend Jahre alt und hat
218
Berlin 1841—1842.
Philosophische Pamphlete
Zeit genug gehabt, zu sich selbst zu kommen. Der Inhalt desselben
ist in der Kirche ausgesprochen, und es ist unmöglich, daß außer
diesem noch verborgener positiver Gehalt von Bedeutung darin
stecke, oder gar erst jetzt der wahre Sinn verstanden wäre. Ohne¬
hin käme dieser jetzt zu spät. Doch abgesehen davon, liegt auch noch 5
Erbauliches genug in der obigen Erklärung. War es eine freie Tat
von Christus, daß er sich dem Vater unterwarf? Unmöglich, es war
Naturnotwendigkeit. Die Möglichkeit des Bösen ist in Christo
doch nicht füglich zu statuieren, ohne seine Gottheit zu vernichten.
Wer Böses tun kann, kann nie Gott werden. Wie kann man über-
haupt Gott werden? Aber mm den Fall gesetzt, daß Christus
die Welt für sich behalten hätte? Einen so widersinnigen, komi¬
schen Zustand kann man sich gar nicht vorstellen als den, der da
herausgekommen wäre. Hier Christus mit seiner schönen Welt herr¬
lich und in Freuden lebend, die Blüte des Hellenismus im Himmel 15
und auf Erden, und dort einsam und kinderlos der alte Gott, der
über den mißlungenen Streich gegen die Welt sich grämt. Das ist
der Hauptfehler des Schellingschen Gottes, daß er mehr Glück als
Verstand hat. Es ist noch alles gut gegangen, aber es hätte auch
ganz anders ausfallen können. Überhaupt ist die Schellingsche 20
Gotteslehre durch und durch anthropopathisch. Hätte der Teufel
das Reich der Welt Christo angeboten, ehe er Mensch wurde, so
hatte er wenigstens Aussicht, ihn zu gewinnen, und wer weiß, was
geschehen wäre ; als aber Christus Mensch geworden war, hatte er
dadurch seine Unterwerfung unter Gott bereits angetreten, und alle 23
Hoffnung für den armen Teufel war vorbei. Außerdem — hatte
Christus nicht bereits im mythologischen Prozesse sich die Herr¬
schaft der Welt errungen, was konnte ihm der Teufel also noch
bieten?
Hiermit ist die Hauptsache von dem gegeben, was Schelling zur m
Erklärung des Christentums gesagt hat. Das übrige sind teils
Belegstellen und ihre Exegese, teils Ausführungen in das Detail
der Konsequenzen. Von diesen will ich die wichtigeren mitteilen.
Nach der früher angeführten Lehre von der Sukzession der Po¬
tenzen in der Herrschaft über die Welt ist es erklärlich, wie jedes- &
mal die herrschende Potenz Verkündigerin der folgenden ist. So
prophezeit im Alten Testament der Vater den Sohn, im Neuen der
Sohn den Geist. In den prophetischen Büchern kehrt sich dies um,
und die dritte Potenz weissagt von der zweiten. Hier zeigt sich mm
ein Fortrücken der Potenzen mit der Zeit, namentlich an dem &
„Malach Jehova“, dem „Engel des Herm“, der zwar nicht die
zweite Person unmittelbar, aber doch die zweite Potenz, die Ur¬
sache des Erscheinens der zweiten Potenz im B, ist. Er ist in ver¬
schiedenen Zeiten ein verschiedener, so daß an der Art seiner Er¬
scheinung das Alter der einzelnen Bücher zu erkennen ist, und so
Schelling und die Offenbarung
219
aus diesem Fortrücken der Potenzen „erstaunenswerte66 Resultate
zu erreichen sind, die alles übertreffen, was die Kritik bisher getan.
Diese Bestimmung ist „der Schlüssel des Alten Testaments, aus
dem die Realität der alttestamentlichen Vorstellungen in ihrer rela-
5 tiven Wahrheit zu erweisen ist66.
Das Alte Testament hat seinen Grund und seine Voraussetzung
mit dem Heidentum gemein. Daher das Heidnische so mancher mo¬
saischen Gebräuche. So ist die Beschneidung offenbar nur die mil¬
dere Form für die Entmannung, die im ältesten Heidentume eine
10 so große Rolle spielt und die Besiegung des ältesten Gottes, des
Uranos, durch die folgende Stufe mimisch-symbolisch darstellt. So
die Speiseverbote, die Einrichtung der Stiftshütte, die an ägyp¬
tische Heiligtümer erinnert wie die Bundeslade an die heilige
Kiste der Phönizier und Ägypter.
15 Die Erscheinung Christi selbst ist nun keine zufällige, sondern
eine vorherbestimmte. Das Römertum war die Auflösung der My¬
thologie, indem es, selbst kein neues Moment darbietend, alle reli¬
giösen Vorstellungen der Welt, bis zu den ältesten orientalischen
Religionen hinauf, in sich auf nahm und dadurch zu erkennen gab,
20 daß es zur Hervorbringung eines Neuen unfähig sei. Zugleich ent¬
stand aus der Leerheit dieser ausgelebten Formen das Gefühl, daß
etwas Neues kommen müsse. Die Welt war still und harrte der
Dinge, die da kommen sollten. Aus diesem äußerlichen römischen
Weltreich, aus dieser Vernichtung der Nationalitäten ging das
25 innere Gottesreich hervor. Als so die Zeit erfüllt war, sandte Gott
seinen Sohn.
Christus, der nootpr} ^sov^ des außergöttlichen Seins als Gött¬
lichen sich entäußernd, wurde Mensch, seine in ihm fortdauernde
Göttlichkeit so aufs hellste und glänzendste betätigend. Das Arm-
w werden Christi um unsertwillen gilt nicht von der Entäußerung
seiner Gottheit, nicht von dem non-usus derselben, sondern von der
Ablegung der p,oQ(pri &sov^ der göttlichen Gestalt. Das göttliche
Wesen bleibt in ihm. Nur er konnte vermitteln, da er aus Gott und
im menschlichen Bewußtsein war. In seiner Wirkung im Heiden-
35 tum und Judentum war das die Menschheit hemmende und sie wo¬
möglich aufhebende Prinzip nicht auf gehoben; nur die Symptome,
nicht der Grund der Krankheit wurde durch die wiederkehrenden
Opfer beseitigt. Der Unwille des Vaters konnte nur auf gehoben
werden durch einen andern Willen, der stärker war als er, als der
4o Tod, als jeder andre Wille. Keine physische, nur moralische Über¬
windung dieses Willens war statthaft, und zwar durch die größte
freiwillige Unterwerfung des Vermittlers anstatt des Menschen.
Die größte freiwillige Unterwerfung des Menschen war nie ganz
freiwillig, dagegen die des Mittlers frei, ohne seinen Willen und
45 seine Schuld frei gegen Gott. Daher der Prozeß durchs Heidentum,
220
Berlin 1841—1842.
Philosophische Pamphlete
damit der Vermittler als Vertreter des Bewußtseins auftreten
konnte. Der Entschluß hierzu war das größte Wunder göttlicher
Gesinnung.
Die physische Seite der Menschwerdung kann freilich nicht bis
ins kleinste klar gemacht werden. Die materielle Möglichkeit hierzu 5
hat er in sich. Materiell sein heißt, einer höhern Potenz zum Stoff
dienen, ihr unterwürfig sein. Indem sich Christus so Gott unter¬
wirft, wird er materiell gegen ihn. Aber nur kreaturisiert hat er
das Recht, außer Gott zu sein. So muß er Mensch werden. Was im
Anfang bei Gott war, was in göttlicher Gestalt das Bewußtsein im 10
Heidentume beherrschte, wird in Bethlehem als Mensch vom
Weibe geboren. Die Versöhnung war nur immer subjektiv ge¬
wesen, daher genügten auch schon subjektive Fakta. Hier aber
galt es, den Unwillen des Vaters zu besiegen, und dies konnte nur
ein objektives Faktum, die Menschwerdung. 15
Bei dieser tritt nun die dritte Potenz als vermittelnde Persön¬
lichkeit ein. Christus ist aus, d.h. in Kraft des heiligen Geistes
empfangen, ist aber nicht sein Sohn. Die demiurgische Funktion
geht in die drittePotenz über; ihre ersteÄußerung ist der materielle
Mensch Jesus. Die zweite Potenz ist der Stoff, die dritte die Bild- 20
nerin desselben. Der vorliegende Vorgang ist außerordentlich,
materiell unbegreiflich, aber einer höhern Auffassung wohl ver¬
ständlich. Den Stoff der Menschwerdung nahm Christus von sich
selbst. Diese erste Bildung, deren Beschaffenheit uns hier nicht
weiter angeht, wurde in den organischen Prozeß der Mutter auf- 25
genommen. Mehr zu fragen, wäre mehr als Mikrologie.
Wenn Gott irgendwo mit seinem Willen wirkt, so ist das ein
Wunder. In der Natur ist alles willenlos. So auch Christus. Die
demiurgische Funktion hat er natura sua, ohne seinen Willen, also
kann er sie als Mensch nicht ablegen ; sie wird hier zum Leiter 30
seines Willens. Daß der Sohn mit seinem Willen in der Natur ist,
hängt vom Willen des Vaters ab, und so tut der Sohn die Wunder
aus Kraft des Vaters. Wer nach diesen Vorträgen das Neue Testa¬
ment liest, wird manches darin finden, was er bisher nicht darin
sah. 35
Der Tod Christi war schon vor der Menschwerdung beschlossen,
von Christo und vom Vater gebilligt. Er war also nicht zufällig,
sondern ein Opfer, das die göttliche Gesinnung heischte. Es kam
darauf an, dem bösen Prinzip alle Macht zu nehmen, es in seiner
Potenz zu überwinden. Dies konnte nur die vermittelnde Potenz, 40
aber nicht, indem sie jenem als bloß natürliche sich entgegenstellte.
Da Gott die Überwindung jenes Prinzips indes selbst wollte, so
mußte sich die zweite Potenz diesem unterwerfen. Denn in Gottes
Augen ist die zweite Potenz als natürliche nicht mehr wert als das
Gott Negierende, wenn sie auch durch eigene Schuld nicht natürlich 45
Schelling und die Offenbarung
221
wurde, sondern durch Schuld des Menschen. Dieser letztere Um¬
stand gibt ihr auch ein gewisses Recht, so außer Gott zu sein. Gott
ist so gerecht, daß er das entgegengesetzte Prinzip nicht einseitig
aufhebt, ja er ist so menschlich, daß er dies im Grunde bloß Zu-
5 fällige, das ihm die Möglichkeit gab, als Gott zu sein, mehr liebt
als das notwendige Moment, die Potenz aus sich selbst. Er ist so
gut der Gott des konträren Prinzips wie der der zweiten Potenz.
Dies ist seine Natur, die sogar über seinem Willen ist. Diese Allein¬
heit aller Prinzipien ist seine göttliche Majestät, und diese erlaubt
10 nicht, daß jenes Prinzip einseitig gebrochen werde. Soll es auf¬
gehoben werden, so ist es an der zweiten Potenz, diesem voran¬
zugehen und sich in ihrem außergöttlichen Sein Gott gänzlich zu
unterwerfen. Hier konnte die Menschwerdung noch nicht genügen.
Christus war gleich nach dem Falle dem Menschen in die Gott-
io entfremdung gefolgt und stellte sich zwischen die Welt und Gott.
Auf die Seite des konträren Prinzips tretend, stellte er sich dem
Vater gegenüber, trat mit ihm in Spannung, machte sich zum Mit¬
schuldigen jenes Seins und mußte als der Unschuldig-Schuldige,
der sich für das gottentfremdete Sein Verbürgende, die Strafe er-
20 leiden. Diese seine Gleichstellung mit dem Konträren büßte er mit
den auf sich genommenen Sünden der Welt im Tode. Dies ist der
Grund seines Todes. Freilich sterben die anderen Menschen auch,
aber er ist eines ganz andern Todes gestorben als sie. Dieser Tod ist
ein Wunder, das wir zu glauben gar nicht wagen würden, wenn es
20 nicht so gewiß wäre. Bei seinem Tode war die ganze Menschheit
in ihren Repräsentanten gegenwärtig; Juden und Heiden wohnten
ihm bei. Das Prinzip der Heiden mußte den Tod der Heiden ster¬
ben, den Kreuzestod; in diesem ist übrigens nichts Besondres zu
suchen. Die Ausspannung am Kreuz war die Lösung der
30 langen Spannung, in der sich Christus im Heidentum befunden
hatte, wie geschrieben steht, er sei durch den Tod aus dem Gericht
und der Angst (d. h. der Spannung) genommen worden. Dies ist
das große Geheimnis, das auch heute noch den Juden (den Mora¬
listen) ein Ärgernis und den Heiden (den bloß Rationalen) eine
35 Torheit ist.
Die Auferstehung Christi ist von je als eine Garantie der persön¬
lichen Unsterblichkeit betrachtet worden. Über diese Lehre ist, ab¬
gesehen von der Auferstehung Christi, folgendes zu bemerken. In
diesem Leben herrscht die Natur über den Geist, und es setzt hier-
40 mit ein Zweites voraus, indem dies durch die Herrschaft des Geistes
über die Natur kompensiert wird, und ein Drittes, Letztes, worin
beide Momente sich ausgleichen und in Harmonie stehen. Die Phi¬
losophie hatte bisher kein beruhigendes Ziel für die Unsterblich¬
keit, hier im Christentum ist es gegeben.
Die Auferstehung Christi selbst ist der Beweis für die Unwider¬
222
Berlin 1841—1842.
Philosophische Pamphlete
ruflichkeit seiner Menschwerdung. In ihr wird das menschliche
Sein von Gott wieder angenommen. Nicht die einzelne Tat des
Menschen war Gott mißfällig, sondern der ganze Zustand, in dem
er sich befand, so also auch der Einzelne, noch ehe er gesündigt.
Daher konnte kein menschlicher Wille, keine Tat wirklich gut sein, 5
ehe der Vater versöhnt war. Durch Christi Auferstehung ist dieser
Zustand von Gott anerkannt, ist der Welt die Freudigkeit wieder
gegeben. So wurde die Rechtfertigung erst durch die Auferstehung
vollendet, indem Christus nicht in das All zerflogen ist,
sondern als Mensch zur Rechten Gottes sitzt. Die Auferstehung ist 10
ein Blitz der innem Geschichte in die äußere. Wer sie wegnimmt,
hat bloß die Äußerlichkeit ohne göttlichen Inhalt, ohne jenes
Transzendente, das die Geschichte erst zur Geschichte macht, hat
eine bloße Gedächtnissache und steht da wie der große Haufe zu
den Tagesbegebenheiten, deren innere Triebräder ihm unbekannt 15
sind. Außerdem kommt er noch in die Hölle, d. h. „der Moment
des Sterbens dehnt sich ihm zur Ewigkeit aus“.
Zuletzt kommt der heilige Geist und beschließt alles. Er kann
nur erst ausgegossen werden, nachdem der Vater vollkommen ver¬
söhnt ist, und sein Kommen ist das Zeichen, daß dies geschehen ist. 20
Hier schob Schelling sein Urteil über die neueste Kritik seit
Strauß ein. Sie hätte ihm nie eine Art von Polemik ablocken
können, das er dadurch beweise, daß er diese Vorlesungen seit
1831 immer in derselben Weise, ohne Zusätze, gehalten habe. Die
Philosophie der Mythologie datierte er noch weiter zurück. Dann 25
sprach er von dem „gemeinen, eminent philisterhaften Verstände“
dieser Leute, von ihrer „schülerhaften Behandlung unfertiger
Sätze“, von der „Impotenz ihrer Philosophie“ usw. Gegen den
Pietismus und das rein subjektive Christentum habe er dagegen
nichts zu sagen, nur sei dies nicht das Einzige und Höchste. 30
Soll ich auch noch die Satanologie exzerpieren? Der Teufel ist
nicht persönlich und nicht unpersönlich, er ist eine Potenz; die
bösen Engel sind Potenzen, aber solche, die nicht sein sollen, indes
durch den Fall des Menschen gesetzt sind; die guten Engel sind
auch Potenzen, aber solche, die sein sollen und durch den Fall des 35
Menschen nicht sind. Das ist vorläufig genug.
Die Kirche und ihre Geschichte entwickelt sich aus den drei
Aposteln Petrus, Jakobus (nebst dessen Nachfolger Paulus) und
Johannes. Neander ist derselben Ansicht. Die katholische Kirche
ist die des Petrus, die konservative, jüdisch-formelle, die protestan- 40
tische die des Paulus, die dritte, noch zu erwartende und wohl
durch Schelling vorbereitete ist die des Johannes, der die Einfalt
des Petrus und die dialektische Schärfe des Paulus in sich ver¬
einigt. Petrus vertritt den Vater, Paulus den Sohn, Johannes den
Schelling und die Offenbarung
223
Geist. „Die der Herr liebt, denen gibt er das Geschäft des Voll¬
endens. Hätte ich eine Kirche zu bauen, ich würde sie dem heiligen
Johannes bauen. Einst aber wird allen drei Aposteln eine gemein¬
same Kirche gebaut werden, und diese wird das wahre christliche
5 Pantheon sein.“
Dies ist der Hauptinhalt der Schellingschen Vorlesungen, so weit
er aus der Vergleichung dreier Hefte zu erkennen war. Ich bin mir
bewußt, mit der größten Lauterkeit und Aufrichtigkeit zu Werke
gegangen zu sein. Da haben wir ja die ganze Dogmatik, die Drei-
10 einigkeit, die Schöpfung aus Nichts, den Sündenfall, die Erbsünde
und Impotenz zum Guten, die Versöhnung durch den Tod Christi,
die Auferstehung, die Ausgießung des Geistes, Gemeinschaft der
Heiligen, Auferstehung von den Toten und ein ewiges Leben.
Schelling hebt so selbst die Trennung von Faktum und Dogma, die
15 er statuierte, wieder auf. Betrachten wir die Sache aber genauer,
ist dann dies Christentum noch das alte? Wer ohne Vorurteil daran
geht, wird sagen müssen: Ja und Nein. Die Unvereinbarkeit von
Philosophie und Christentum ist so weit gekommen, daß selbst
Schelling in einen noch schlimmem Widerspruch gerät als Hegel.
2o Dieser hatte doch eine Philosophie, wenn auch ein nur scheinbares
Christentum dabei herauskam; was Schelling gibt, ist aber weder
Christentum noch Philosophie, und darin, daß er es für beides
ausgibt, besteht die „Geradsinnigkeit und Offenheit“, besteht das
Verdienst, „denen, die Brot von ihm forderten, wirkliches Brot ge-
25 geben zu haben, nicht aber einen Stein, dabei sagend, das sei
Bro t“. Daß Schelling sich selbst gar nicht kennt, bewies die Rede,
der diese Worte entnommen sind, wiederum. Auf wie schwachen
Füßen das heutige Christentum steht, kommt einem bei einer
solchen Doktrin wieder einmal recht zum Bewußtsein.
so Wenn wir das Ganze derselben noch einmal überschauen, ge¬
winnen wir außer den bereits angeführten noch folgende Resultate
zur Bestimmung der neuschellingschen Denkweise. Die Verwirrung
der Freiheit und Willkür steht in der schönsten Blüte. Gott ist
immer als menschlich-willkürlich handelnd gefaßt. Dies ist aller¬
es dings notwendig, so lange Gott als Einzelner gefaßt wird, nur phi¬
losophisch ist es nicht. Die Freiheit nur ist die wahre, die die Not¬
wendigkeit in sich enthält, ja, die nur dieWahrheit, die Vernünftig¬
keit der Notwendigkeit ist. Darum kann Hegels Gott nun und
nimmermehr eine einzelne Person sein, weil alles Willkürliche aus
io ihm entfernt ist. Darum muß Schelling das „freie“ Denken an¬
wenden, wenn er von Gott spricht, denn das notwendige Denken der
logischen Konsequenz schließt alle göttliche Person aus. Die
Hegelsche Dialektik, diese gewaltige, nie ruhende Triebkraft des
Gedankens, ist nichts anderes als das Bewußtsein der Menschheit
45 im reinen Denken, das Bewußtsein des Allgemeinen, das Gottes¬
224
Berlin 1841—1842.
Philosophische Pamphlete
Bewußtsein Hegels. Wo, wie bei Hegel, sich alles von selbst macht,
ist eine göttliche Persönlichkeit überflüssig.
Ferner zeigt sich jetzt noch ein neuer Widerspruch in der Spal¬
tung der Philosophie. Ist die negative Philosophie ohne allen Bezug
auf die Existenz, so ist „die Konsequenz nicht da“, weshalb sie 5
nicht auch Dinge enthalten sollte, die in der wirklichen Welt nicht
Vorkommen. Schelling gibt dies zu, wenn er von ihr sagt, sie küm¬
mere sich nicht um die Welt, und wenn diese mit ihren Konstruk¬
tionen übereinstimme, so sei dies zufällig. Auf diese Weise ist die
negative Philosophie aber eine ganz leere, hohle, die sich in der 10
willkürlichsten Möglichkeit herumtreibt und der Phantasie ihre
Tore angelweit öffnet. Auf der andern Seite aber, wenn sie nur das
enthält, was in der Natur und dem Geiste wirklich ist, so schließt
sie die Realität ja ein und die positive ist überflüssig. Dies zeigt
sich auch von der andern Seite. Natur und Geist sind bei Schelling 15
das einzige Vernünftige. Gott ist nicht vernünftig. So zeigt sich
auch hier, daß das Unendliche nur dann vernünftigerweise real
existieren kann, wenn es als Endlichkeit, als Natur und Geist er¬
scheint, und eine jenseitige extramundane Existenz des Unend¬
lichen ins Reich der Abstraktionen zu verweisen ist. Jene aparte 20
positive Philosophie hängt, wie wir gesehen haben, allein vom
Glauben ab und existiert nur für den Glauben. Gibt nun ein Jude
oder Muhamedaner die Prämissen Schellings in der negativen Wis¬
senschaft zu, so wird er sich notwendig auch eine jüdische oder
muhamedanische positive Philosophie bilden. Ja schon für den
Katholizismus, für die anglikanische Kirche wird sie verschieden
sein. Alle sind gleich berechtigt, denn „um das Dogma handelt es
sich nicht, sondern um das Faktum“. Und mit dem beliebten
„freien“ Denken läßt sich alles als absolut konstruieren. Nament¬
lich im Muhamedanismus sind die Fakta weit besser konstruiert als 30
im Christentum.
So wären wir denn mit Schellings Philosophie zu Ende und
können nur bedauern, daß ein Mann wie er so in die Schlingen des
Glaubens und der Unfreiheit gefallen ist. Als er noch jung war, da
war er ein andrer. Da rangen sich aus seinem gärenden Haupte 35
leuchtende Pallasgestalten empor, deren manche auch noch bei
späteren Kämpfen vorauseilte; da segelte er frei und kühn ins
offene Meer des Gedankens hinaus, um die Atlantis, das Absolute
zu entdecken, deren Abbild in träumerisch-schimmemder Fata
Morgana er so oft aus fernem Meeresrande sich heben sah; da 40
brach alles Feuer der Jugend in Flammen der Begeisterung aus
ihm, ein gottestrunkener Prophet, weissagte er von einer neuen
Zeit; hingerissen von dem Geiste, der über ihn kam, kannte er die
Bedeutung seiner Worte oft selber nicht. Er riß die Türflügel des
Philosophierens weit auf, daß der frische Hauch der Natur durch 43
Schelling und die Offenbarung
225
die Räume des abstrakten Gedankens wehte, daß der warme Früh¬
lingsstrahl auf den Samen der Kategorien fiel und alle schlum¬
mernden Kräfte erweckte. Aber das Feuer brannte zusammen, der
Mut entschwand, der gärende Most, noch eh’ er klarer Wein ge-
5 worden war, ging in sauren Essig über. Das kecke, fröhlich die
Wellen durchtanzende Schiff kehrte um und fuhr in den seichten
Hafen des Glaubens ein, fuhr den Kiel so fest in den Sand, daß
er noch jetzt darin steckt. Da liegt es jetzt, und keiner erkennt in
dem alten, hinfälligen Wrack das alte Schiff wieder, das mit vollen
10 Segeln und wehenden Flaggen hinausfuhr. Die Segel sind längst
vermodert, die Masten zerknickt, durch die klaffenden Planken
strömen die Wellen hinein, und täglich spült die Flut neuen Sand
um den Kiel.
Wenden wir uns ab von diesem Raub der Zeit. Es gibt schönere
io Dinge, die wir betrachten können. Man wird uns dies Wrack nicht
zeigen wollen und sagen, das sei allein ein seehaltend Schiff, wäh¬
rend in einem andern Hafen eine ganze Flotte stolzer Fregatten
liegt, bereit ins hohe Meer zu stechen. Unser Heil, unsere Zukunft
liegt anderswo. Hegel ist der Mann, der eine neue Ära des Bewußt-
2o seins erschloß, indem er die alte vollendete. Es ist eigentümlich,
daß dieser gerade jetzt von zwei Seiten angefeindet wird, Von
seinem Vorgänger Schelling und seinem jüngsten Nachfolger
Feuerbach. Wenn dieser letztere Hegeln vorwirft, er stecke noch tief
im Alten, so sollte er bedenken, daß das Bewußtsein über das Alte
25 gerade schon das Neue ist, daß ein Altes eben dadurch der Ge¬
schichte anheimfällt, daß es vollkommen zum Bewußtsein gebracht
wird. So ist Hegel allerdings das Neue als Altes, das Alte als
Neues. Und so ist Feuerbachs Kritik des Christentums eine not¬
wendige Ergänzung zu der durch Hegel begründeten spekulativen
30 Religionslehre. Diese hat in Strauß ihren Gipfel erreicht, das
Dogma löst sich durch seine eigne Geschichte objektiv in den
philosophischen Gedanken auf. Zu gleicher Zeit reduziert Feuer¬
bach die religiösen Bestimmungen auf subjektive menschliche
Verhältnisse und hebt dadurch die Resultate Strauß’ nicht etwa
35 auf, sondern macht erst recht die Probe darauf ; wie denn auch
beide zu demselben Resultate kommen, daß das Geheimnis der
Theologie die Anthropologie sei.
Ein neuer Morgen ist angebrochen, ein weltgeschichtlicher
Morgen, wie jener, da aus der Dämmerung des Orients das lichte,
40 freie hellenische Bewußtsein sich losrang. Die Sonne ist empor¬
gestiegen, der von allen Bergesgipfeln Opferfeuer entgegenlachten,
deren Kunft von allen Warten heller Hörnerklang verkündete, auf
deren Licht die bange Menschheit harrte. Von langem Schlummer
sind wir erwacht, der Alp, der auf unserer Brust lag, ist entflohen,
45 wir reiben uns die Augen und sehen erstaunt um uns. Alles hat
Marx-Engels-Gesamtausgabe, I. Abt., Bd. 2. 15
226
Berlin 1841—1842.
Philosophische Pamphlete
sich verändert. Die Welt, die uns so fremd war, die Natur, deren
verborgene Mächte uns wie Gespenster schreckten, wie verwandt,
wie heimisch sind sie uns nun! Die Welt, die uns als ein Gefängnis
erschien, zeigt sich nun in ihrer wahren Gestalt, als ein herrlicher
Königspalast, darin wir alle aus- und eingehen, Arme und Reiche, 5
Hohe und Niedere. Die Natur schließt sich auf vor uns und ruft
uns zu: Fliehet doch nicht vor mir, ich bin ja nicht verworfen,
nicht abgefallen von der Wahrheit, kommt und sehet, es ist euer
innerstes, eigenstes Wesen, das auch mir Lebensfülle und Jugend¬
schönheit gibt! Der Himmel ist zur Erde hernieder gekommen, 10
seine Schätze liegen verstreut wie die Steine am Wege, wer nach
ihnen verlangt, braucht sie nur aufzuheben. Alle Zerrissenheit, alle
Angst, alle Spaltung ist verschwunden. Die Welt ist wieder ein
Ganzes, selbständig und frei; sie hat die Tore ihres dumpfen
Klosters gesprengt, das Bußhemd abgeworfen und den freien,
reinen Äther zur Wohnung erwählt. Sie braucht sich nicht mehr
zu rechtfertigen vor dem Unverstand, der sie nicht erfassen konnte;
ihre Pracht und Herrlichkeit, ihre Fülle, ihre Kraft, ihr Leben ist
ihre Rechtfertigung. Wohl hatte Einer recht, als er vor achtzehn¬
hundert Jahren ahnte, daß die Welt, der Kosmos, ihn dereinst ver- 20
drängen werde, und seinen Jüngern gebot, der Welt abzusagen.
Und das liebste Kind der Natur, der Mensch, als freier Mann
nach den langen Kämpfen des Jünglingsalters, nach der langen
Entfremdung zur Mutter zurückkehrend, sie schirmend gegen alle
Phantome der im Kampfe erschlagenen Feinde, hat auch die 25
Trennung von sich selber, die Spaltung in der eignen Brust über¬
wunden. Nach undenklich langem Ringen und Streben ist der
lichte Tag des Selbstbewußtseins über ihm auf gegangen. Frei und
stark, auf sich vertrauend und stolz, steht er da, denn er hat den
Kampf der Kämpfe gekämpft, er hat sich selbst überwunden und 30
die Krone der Freiheit sich aufs Haupt gedrückt. Es ist ihm alles
offenbar geworden, und nichts war stark genug, sich gegen ihn zu
verschließen. Jetzt erst geht ihm das wahre Leben auf. Wohin er
früher in dunkler Ahnung strebte, das erreicht er jetzt mit vollem,
freiem Willen. Was außer ihm, in nebelnder Feme zu liegen 35
schien, findet er in sich als sein eigen Fleisch und Blut. Er achtet
es nicht, daß er es teuer erkauft, mit seinem besten Herzblut er¬
kauft hat, denn die Krone war des Blutes wert; die lange Zeit des
Werbens ist ihm nicht verloren, denn die hohe, herrliche Braut, die
er in die Kammer führt, ist ihm dadurch nur desto teurer ge- &
worden; das Kleinod, das Heiligtum, das er gefunden hat nach
langem Suchen, war manchen Irrweg wert. Und diese Krone, diese
Braut, dies Heiligtum ist das Selbstbewußtsein der
Menschheit, der neue Gral, um dessen Thron sich die Völker
jauchzend versammeln, und der alle, die sich ihm hingeben, zu /s
Schelling und die Offenbarung
227
Königen macht, daß alle Herrlichkeit und Macht, alles Reich und
Gewalt, alle Schönheit und Fülle dieser Welt zu ihren Füßen liegen
und zu ihrer Verherrlichung sich opfern muß. Das ist unser Beruf,
daß wir dieses Grals Tempeleisen werden, für ihn das Schwert um
5 die Lenden gürten und unser Leben fröhlich einsetzen in den letz¬
ten, heiligen Krieg, dem das tausendjährige Reich der Freiheit
folgen wird. Und das ist die Macht der Idee, daß jeder, der sie er¬
kannt hat, nicht aufhören kann von ihrer Herrlichkeit zu reden
und ihre Allgewalt zu verkündigen, daß er heiter und guten Muts
10 alles andre wegwirft, wenn sie es heischt, daß er Leib und Leben,
Gut und Blut opfert, wenn nur sie, nur sie durchgesetzt wird. Wer
sie einmal geschaut hat, wem sie einmal im stillen nächtlichen
Kämmerlein in all ihrem Glanze erschienen ist, der kann nicht von
ihr lassen, der muß ihr folgen, wohin sie ihn führt, und wär’ es in
in den Tod. Denn er weiß von ihrer Kraft, daß sie stärker ist als alles
im Himmel und auf Erden, daß sie sich durchschlägt gegen alle
Feinde, die sich ihr entgegen setzen. Und dieser Glaube an die All¬
macht der Idee, an den Sieg der ewigen Wahrheit, diese feste Zu¬
versicht, daß sie nimmermehr wanken und weichen kann und wenn
2o die ganze Welt sich gegen sie empörte, das ist die wahre Religion
eines jeden echten Philosophen, das ist die Basis der wahren posi¬
tiven Philosophie, der Philosophie der Weltgeschichte. Diese ist die
höchste Offenbarung, die des Menschen an den Menschen, in der
alle Negation der Kritik positiv ist. Dieses Drängen und Stürmen
25 der Völker und Heroen, über dem die Idee in ewigem Frieden
schwebt und endlich herniedersteigt mitten in das Getreibe und
seine innerste, lebendigste, selbstbewußte Seele wird, das ist die
Quelle alles Heils und aller Erlösung; das ist das Reich, in dem
jeder von uns an seinem Ort zu wirken und zu handeln hat. Die
so Idee, das Selbstbewußtsein der Menschheit ist jener wunderbare
Phönix, der aus dem Kostbarsten, was es auf der Welt gibt, sich
den Scheiterhaufen baut und verjüngt aus den Flammen, die eine
alte Zeit vernichten, emporsteigt.
So laßt uns denn unser Teuerstes und Liebstes, alles was uns
35 heilig und groß war, ehe wir frei wurden, diesem Phönix auf den
Scheiterhaufen tragen! Laßt uns keine Liebe, keinen Gewinn,
keinen Reichtum für zu hoch halten, als daß wir ihn nicht der Idee
freudig opfern sollten — sie wird es uns alles vergelten tausend¬
fach ! Laßt uns kämpfen und bluten, dem Feinde unverzagt ins grim-
40 mige Augen schauen und ausharren bis ans Ende! Seht ihr unsre
Fahnen wehen von den Bergesgipfeln herab? Seht ihr die Schwerter
unsrer Genossen blinken, die Helmbüsche flattern? Sie kommen,
sie kommen, aus allen Tälern, von allen Höhen strömen sie uns zu,
mit Gesang und Hömerschall; der Tag der großen Entscheidung,
45 der Völkerschlacht, naht heran, und der Sieg muß unser sein!
15*
Tafel IV
Reiling,
»et in ©brifto,
ober
bk
bet SSeltoeföbeft jur ©ottHtuei^beif.
Jur gläubige griffen
benen bet ©»racbgebraüdj unbekannt ift.
SBetlis, 1M8.
SB et la g »»n & G^ffen^arbt.
Uinschlagsrite der Broschüre „Schelling, der Philosoph in Christo“
Schelling, der Philosoph in Christo,
oder die Verklärung der Weltweisheit zur
Gottesweisheit
Für gläubige Christen, denen der philosophische Sprachgebrauch
5 unbekannt ist. — Berlin, 1842. Verlag von A. Eyssenhardt.
[Kl. 8°. 43 Seiten]
„Also auch wird Freude sein im Himmel über einen Sünder,
der Buße tut, vor neunundneunzig Gerechten, die der Buße nicht
bedürfen.“ (Luk. 15. 7.) Dieses Wort des Herm mag einem wohl
io einfallen, wenn man von Schelling reden will; denn an ihm sind
Wunder der göttlichen Gnade sichtbarlich geschehen, auf daß der
Name des Herrn erhöhet werde. Denn er hat sich seiner erbarmt,
wie er einst über Paulum sich erbarmte; welcher auch, ehe er
bekehret war, hinging und zerstörete die Gemeinen, und schnaubte
io mit Drohen und Morden wider die Jünger des Herm. Da er aber
gen Damaskus fuhr, umleuchtete ihn plötzlich ein Licht, und er
fiel auf sein Angesicht; der Herr aber redete zu ihm und zog
ihn zu sich, also daß er gläubig ward zu derselbigen Stunde, ließ
sich taufen und predigte den Namen des Herrn allen Völkern, und
2o ward ein auserwähltes Rüstzeug vor dem Herrn. So auch hat die
Gnade des Heilandes über Schelling ihre Hand gehalten, und
als die Zeit gekommen war, ging ihm ein großes Licht auf. Denn
wer hätte es jemals nach menschlicher Einsicht vorhersagen kön¬
nen, daß der Mann, der um den Anfang des Jahrhunderts mit
25 seinem damaligen Freunde, dem berüchtigten Hegel, den Grund
zu jener schnöden Weltweisheit legte, die jetzt nicht mehr im Fin¬
stern schleicht, sondern deren Pfeile am Mittag verderben — daß
dieser Mann dermaleinst noch sein Kreuz auf sich nehmen und
Christo nachfolgen werde? Aber so ist es gekommen. Der die
w Herzen der Menschen lenkt wie Wasserbäche, hatte auch ihn nach
seiner Gnade auserwählet und harrete nur der rechten Stunde, urti
ihn zu sich zu ziehen. Und jetzt hat er es getan, hat ihn erleuchtet
und zu einem seiner Streiter gegen den Unglauben und die Gott¬
losigkeit gemacht. Es ist kein Zweifel mehr; er selbst ruft es vom
35 Katheder herab den Gläubigen zu: Kommet und sehet, und preiset
die Gnade, die der Herr an mir getan hat! Ja, der Hüter in Israel
schläft noch schlummert nicht, der alte Gott lebt noch, allen Spöt¬
tern zum Trotz, und tut noch Zeichen und Wunder, für alle die da
230
Berlin 1841—1842.
Philosophische Pamphlete
sehen wollen. Sie machen ein Getöse, die Gottlosen, und sprechen
in ihrem Herzen, es ist kein Gott, aber der im Himmel wohnet,
lachet ihrer, und der Herr spottet ihrer. Er hat über sie trium¬
phiert, so lange die Welt steht, und wird über sie triumphieren in
alle Ewigkeit. Er hat mit starkem Arm sein Regiment gehalten 5
und aller Orten sich Werkzeuge erweckt zur Verherrlichung seines
Namens. Und jetzt wieder hat er glänzend triumphiert über die
Philosophen, die ihm allezeit ein Greuel waren, indem er den
besten und tüchtigsten, den eigentlichen Stifter ihrer Lehre, aus
ihrer Mitte herausgehoben und zu seinem Knecht gemacht hat. 10
Denn daß Schelling früher selbst recht jämmerlich tief in diesem
sogenannten Pantheismus, in dieser Vergötterung der Welt und
seiner selbst, drin gesteckt hat, das ist aus seinen frühem Büchern
sonnenklar. Er sah nur noch nicht recht alles in seinem Zusammen¬
hänge und wußte nicht recht, wohin dieser Weg führen werde. 15
Möge er es dem Herrn danken, daß Er ihn von diesem Wege ge¬
nommen hat und auf den schmalen Weg geführt, der zum Himmel
geht, und dadurch an ihm seine Macht auf hellste bewiesen, allen
Feinden des Glaubens gegenüber. Jetzt können sie nicht mehr
sagen: Wo ist Euer Gott? Was tut er? Wo treibt er sich herum? 20
Warum tut er keine Wunder mehr? Hier ist er ja, in ihre eigne
Schar fährt sein Arm hernieder wie der Blitz und macht Feuer
aus Wasser, Weiß aus Schwarz, Gerechte aus Ungerechten. Wer
kann hier noch leugnen, daß das Gottes Finger ist?
Aber das ist nicht alles. Der Herr hat uns durch Schellings 25
Berufung noch einen zweiten Triumph über die Gottlosen und
Lästerer bereitet. Er hat gerade Schelling auserkoren, weil dieser,
mit der Weisheit dieser Welt vertraut, am besten geeignet war,
die stolzen hochmütigen Philosophen zu widerlegen, und hat diesen
dadurch in seiner unermeßlichen Gnade und Liebe einen Weg 30
eröffnet, wieder zu ihm zu kommen. Kann man mehr von ihm ver¬
langen? Denen, die ihm fluchen, die gegen sein Dasein wüten, die
seine tollsten, rasendsten, verstocktesten Feinde sind, denen bietet
er, statt sie von der Erde zu vertilgen und in den tiefsten Schlund
der Hölle zu stürzen, denen bietet er immer aufs neue die rettende 35
Hand, um sie aus dem Abgrund des Verderbens, in dem sie liegen,
herauf zu ziehen an das Licht; ja die Gnade des Herrn ist so weit
die Himmel reichen von Auf gang zum Niedergang, und seine
Barmherzigkeit will kein Ende nehmen. Wer könnte einer solchen
Langmut und Liebe widerstehen? Aber ihre Herzen sind so ver- 40
stockt und in Sünden verhärtet, daß sie auch jetzt noch die Hand
zurückstoßen, die sie retten will; so verblendet sind sie von den
Lüsten dieser Welt und dem eignen Hochmutsteufel. Sie graben
sich löchrige Brunnen und verschmähen den Quell des Lebens,
der im Blute Christi fließt. Sie verstopfen ihre Ohren gegen das 45
Schelling, der Philosoph in Christo
231
Heil, das von Oben kommt, sie haben Lust an dem, was dem Herrn
übel gefällt. Ihr Wesen haben sie kein Hehl und rühmen ihre
Sünde, wie die zu Sodom, und verbergen sie nicht. Wehe ihrer
Seele, denn damit bringen sie sich selbst in alles Unglück. (Jes.
5 3,9.) Aber dennoch hat der Herr nicht abgelassen, sie zu sich ein¬
zuladen, auf daß sie keine Entschuldigung haben. Er hat ihnen
durch Schelling gezeigt, wie schwach und nichtig die menschliche
Vernunft ist. Wenn sie sich jetzt nicht bekehren, so ist es allein
ihre Schuld, und sie können nicht sagen, daß sie das Evangelium
io nicht gekannt haben.
Weil nun aber der Herr so Großes getan hat, und der ganzen
Christenheit ein so trostreiches Zeichen gegeben hat, daß er ihr
nahe ist und sie nicht verlassen will in der Not und den Kämpfen
dieser Welt, so muß es jedem Gläubigen am Herzen liegen, diese
15 frohe Botschaft seinen Mitchristen zu verkündigen. Und weil nun
Schelling sein Bekenntnis von Christo hier in Gestalt von Vor¬
lesungen abgelegt hat, so ist dies einesteils nur wenigen bekannt
geworden, andernteils aber auch in einer so schwierigen philoso¬
phischen Kunstsprache abgefaßt, daß es nur denen, die sich mit
20 der Weltweisheit längere Zeit beschäftigt haben, verständlich ist;
drittenteils ist aber auch vieles für die Philosophen und anderes
für die Gläubigen berechnet, so daß der einfältige Christ Mühe
haben würde, sich hier durchzufinden. Deshalb hat der Verfasser
dieser Zeilen es für nicht ganz überflüssig gehalten, allen denen,
25 so nicht Zeit noch Lust haben, sich in das unfruchtbare Studium
der Weltweisheit einzulassen, dennoch aber wohl Lust hätten zu
wissen, was denn eigentlich an dem berühmten Schelling sei, dieses
mit kurzen, einfältigen Worten und um im Weinberge des Herrn
nicht müßig zu stehn, darzulegen. Der Herr möge seinen Segen
so dazu geben, daß es gedeihe zu Nutz und Frommen seines Reiches.
Es muß aber vorher noch bemerkt werden, daß Schelling, bei
allen seinen Verdiensten um das wahre Christentum, dennoch seine
alte, verkehrte Weisheit nicht ganz los werden kann. Es sind noch
mancherlei Ansichten, die glauben machen, er könne den Hoch-
35 mut der eignen Vernunft dennoch nicht so ganz unterdrücken, und
als scheue er sich noch etwas vor der Welt, seine gänzliche Um¬
kehr mit aller Freudigkeit und Dank gegen Christum zu bekennen.
Wir wollen ihm das nicht zu hoch anrechnen; wer die Gnade bei
ihm so herrlich zum Durchbruch brachte, der wird auch diese
40 Flecken von ihm abwaschen; wer das Werk begann, wird es auch
vollführen. Der mutige Streiter für die Wahrheit aber, von dem
wir sprechen, möge dieses Pfahls im Fleisch gedenken, wenn der
Hochmutsteufel über ihn kommt und ihn versuchet. Er möge allen
Stolz auf seine ehemalige Philosophie, die doch nur gottlose Kin-
45 der geboren hat, von sich tun und nur stolz sein auf den, der ihn
232
Berlin 1841—1842.
Philosophische Pamphlete
aus freier, unermeßlicher Gnade aus diesem Verderben ge¬
rettethat.
Das erste, was Schelling hier auf dem Katheder tat, war, daß
er geradezu und mit offner Stirne gegen die Philosophie losging
und ihren Boden, die Vernunft, unter den Füßen wegzog. Mit den 5
schlagendsten, aus ihren eignen Rüstkammern genommenen Grün¬
den bewies er ihnen, daß die natürliche Vernunft nicht fähig sei,
auch nur das Dasein eines Grashalms zu beweisen; daß sie mit
allen ihren Demonstrationen, Gründen und Schlüssen keinen Hund
vom Ofen lockt und gar nicht zum Göttlichen hinauf kann, weil 10
sie in ihrer Plumpheit immer auf dem Erdboden liegen bleibt.
Das haben wir nun zwar längst gewußt, aber so schön und deutlich
war es den verstockten Philosophen noch nicht gesagt worden.
Dies hat er in einem ganzen langen System der sogenannten nega¬
tiven Philosophie getan, worin er ihnen sonnenklar vor die Augen i*
führt, daß ihre Vernunft nur Mögliches erkennen kann, aber nichts
Wirkliches, am allerwenigsten Gott und die Geheimnisse des
Christentums. Diese Mühe, die er sich mit einem so unfrucht¬
baren Gegenstände, mit den Luftgebilden der Weltweisheit gegeben
hat, ist um des Reiches Gottes willen sehr dankenswert. Denn 20
so lange diese Philosophen noch auf ihre Vernunft pochen konnten,
war mit ihnen nichts anzufangen. Jetzt aber, da sie auch von ihrem
Standpunkte aus überführt worden sind, daß ihre Vernunft ganz
und gar untauglich zur Erkenntnis des Wahren ist und nur
leere, hohle Hirngespinste zutage fördert, die gar nicht das 25
Recht haben zu existieren, so gehört schon ein verstocktes
und in Sünden grau gewordenes Haupt dazu, um in der heid¬
nischen Lehre zu verharren, und es ist wohl möglich, daß unter
dem Beistände der göttlichen Gnade sich einer oder der andre von
seinem bösen Wandel bekehre. Es ist sehr richtig und muß immer
wiederholt werden, daß die verfinsterte Vernunft des Menschen
ganz und gar untüchtig ist und des Ruhmes mangelt, den sie vor
Gott haben sollte, denn das ist das Hauptbollwerk der Ungläubigen,
daß ihre Vernunft ihnen andre Dinge sagt als das Wort Gottes.
Es ist aber ein Frevel gegen den Allerhöchsten, ihn, den Feind aller 35
Sünde, mit der durch die Sünde befleckten und verblendeten Ver¬
nunft erkennen zu wollen, ja, diese allen Lüsten dieser Welt, allen
Versuchungen des Satans hingegebene Vernunft über Gott selbst
zu setzen, und das tun die Weltweisen doch, indem sie Gottes Wort
mit dieser ihrer verworfenen Vernunft kritisieren, was ihnen nicht &
gefällt herauswerfen, ja nicht allein die Heiligkeit der Bibel, son¬
dern das Dasein Gottes selbst mit frevierischen Händen antasten
und leugnen, um sich selbst an seiner Statt zum Gott zu machen.
Das sind die natürlichen Folgen davon, daß die Vernunft, wie wei¬
land jene Metze in den Bluttagen der französischen Revolution,
Schelling, der Philosoph in Christo
233
auf den Thron Gottes erhoben wird und sich unterfängt, die Ma߬
regeln des allmächtigen Herm der Welt zu kritisieren. Hier ist
es, wo geheilt werden muß, nicht an der Oberfläche, sondern an
der Wurzel des Übels. Flickt man auch einen neuen Lappen auf
5 ein altes Kleid? Wie stimmt Christus mit Belial? Es ist nicht
möglich, es ist eine Lästerung, wenn man den Erlösungstod des
Herm, die Auferstehung und Himmelfahrt mit der natürlichen
Vernunft begreifen will. Darum gehe man mit Schelling kräf¬
tig zu Werke und werfe die Vernunft aus dem Christentum hinaus
10 ins Heidentum, denn dahin gehört sie, da kann sie sich gegen Gott
auflehnen und die Welt mit ihren Lüsten und Begierden, der wir
abgesagt haben, für göttlich halten, alle Sünden und Laster,
Greuel der Völlerei und Unzucht als Tugenden und Gottesdienst
beschönigen, und den Selbstmord eines Cato, die Unkeuschheit
15 einer Lais und Aspasia, den Verwandtenmord eines Brutus, den
Stoizismus und die Christenverfolgungswut eines Marcus Aurelius
als Muster der Menschheit aufstellen. Dann steht sie dem Christen¬
tum doch offen entgegen und jeder weiß, woran er mit ihr ist.
Aber es ist eine Hauptlist des Widersachers gewesen, sie ins
2o Christentum hineinzuschmuggeln, wo sie dann saubre Hurkinder
herausgeboren hat, als da sind : Pelagianismus, Sozinianismus, Ra¬
tionalismus und spekulative Theologie. Gott aber, was töricht ist
vor der Welt, das hat er erwählet, auf daß er die Weisen zu
Schanden mache (1. Kor. 1, 27); darum vernimmt der natür-
25 liehe Mensch nichts vom Geiste Gottes, es ist ihm eine Torheit und
muß geistlich gerichtet sein (1. Kor. 2, 14).
So ist es ein wahrhaft christliches Bestreben, wenn Schelling
in der reinen Vemunftwissenschaft, welche eben die negative Philo¬
sophie ist, die Vernunft, statt ihr irgend eine Überhebung zu ge-
30 statten, recht tief erniedrigt und demütigt, daß sie zur Erkenntnis
ihrer Schwäche und Sündlichkeit komme und sich bußfertig der
Gnade zuwende, denn nur diese kann sie heiligen, erleuchten und
wiedergebären, daß sie tüchtig werde zur Erkenntnis Gottes. Die
Vernunft zu kreuzigen, ist schwerer und deshalb mehr, denn das
35 Fleisch zu kreuzigen. Dieses liegt doch unter dem Gewissen, wel¬
ches auch schon den Heiden zur Zähmung ihrer Lüste und zum
innem Richter über ihre Sünden gegeben ist; die Vernunft aber
stellt sich über dasselbe und verträgt sich sogar ganz gut mit ihm,
und es ist nur dem Christen gegeben, sie unter das sanfte Joch des
<o Glaubens zu beugen. Das aber fordert die Schrift von uns, und da
gelten keine Einwendungen oder Ausflüchte: entweder gib deine
Vernunft unter den Glauben gefangen, oder geh hinüber zur Lin¬
ken zu den Böcken (nennen sich doch die ärgsten jener Selbst-
vergötterer wie zum Spott: die linke Seite), da bist Du an
45 Deiner Stelle!
234
Berlin 1841—1842.
Philosophische Pamphlete
Hierdurch hat sich Schelling nun den Boden frei gemacht.
All die Überbleibsel des Heidentums, die in unsrer Zeit wieder
hervorgeholt werden und für neue Wahrheit gelten sollen, alle die
verzerrten Ausgeburten der unkeuschen, lüsternen Vernunft sind
beseitigt, und seine Zuhörer sind jetzt fähig, die Milch des Evan- 5
geliums in sich aufzunehmen. Das ist der rechte Weg. Die Heiden
waren bei ihren weltlichen Wollüsten und Begierden zu fassen;
aber unsre Philosophen stellen sich wenigstens heutzutage noch so,
als wollten sie die christliche Moral noch anerkennen. Darum,
wenn die Apostel bei den Heiden ein bußfertiges, reuiges, zer-10
schlagenes und zerknirschtes Herz forderten, so muß von den hoch¬
mütigen Weltweisen dieser Zeit eine bußfertige, demütige, zer¬
schlagene Vernunft gefordert werden, ehe sie fähig sind, die Gnade
des Evangeliums zu genießen. So konnte Schelling denn auch
erst jetzt seinen ehemaligen Genossen in der Gottlosigkeit, den ver-15
rufenen Hegel, recht beurteilen. Denn dieser Hegel hatte einen
solchen Hochmut in der Vernunft, daß er sie geradezu für Gott
erklärte, als er sah, daß er mit ihr zu einem andern wahren, über
dem Menschen stehenden Gott nicht kommen konnte. Darum er¬
klärte Schelling denn auch offen, er wolle mit diesem Men- 20
sehen und seiner Lehre nichts mehr zu schaffen haben und küm¬
merte sich weiter auch nicht um ihn.
Nachdem nun die Vernunft sich gedemütigt hat und den Wil¬
len zeigt, das Heil anzunehmen, kann sie nun wieder erhöhet und
vom Geist der Wahrheit erleuchtet werden. Dies geschieht in der 25
positiven Philosophie, wo sie durch freies, d. h. erleuchtetes Den¬
ken mit Hülfe der göttlichen Offenbarung zu den Gnadengaben des
Christentums zugelassen wird. Jetzt, nun ihr das Verständnis der
höheren Welt aufgeschlossen ist, sieht sie auf einmal den ganzen
wunderbaren Zusammenhang in der Geschichte des Reiches Gottes 30
ein, und was ihr früher unbegreiflich war, ist jetzt klar und be¬
greiflich, als wenn es gar nicht anders sein könnte. Denn die
Augen, die der Herr erleuchtet, sind erst wahre Augen und sehend ;
wo aber die Finsternis herrscht, und die Lüste und Begierden
dieser Welt ihr Wesen treiben, da kann keiner etwas sehen. Diese 35
Gnadenwirkung spricht Schelling darin aus, daß er sagt, diese
Philosophie sei nur für die Wollenden und Klugen und finde ihre
Bewährung in der Offenbarung. Wer also an diese nicht glaubt,
für den ist auch die Philosophie nicht. Mit andern Worten, diese
Sache ist eigentlich keine rechte Philosophie, sondern dieser Name 40
ist nur um der Weltweisen willen gewählt, wie geschrieben steht:
Seid klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben
(Matth. 10,16) ; im übrigen aber ist es ein rechtes und wirkliches
Christentum, wie sich uns bald zeigen wird. Schelling hat die
gute alte Zeit wieder heraufgeführt, wo die Vernunft sich unter 45
Schelling, der Philosoph in Christo
235
den Glauben gefangen gibt und die Weltweisheit, indem sie sich
als Magd der Theologie, der Gottesweisheit unterwirft, zur Gottes¬
weisheit verklärt wird. Denn wer sich selbst erhöhet, der wird er¬
niedriget, und wer sich selbst erniedriget, der wird erhöhet (Matth.
6 23, 12).
Auf diesem Wege des erleuchteten Denkens kommt der teure
Mann, von dem wir reden, denn auch sogleich zur wahren Grund¬
lehre alles Christentums, nämlich der Dreieinigkeit Gottes. Es
kann dem gottesfürchtigen Leser nicht zugemutet werden, diesen
io Weg mitzumachen, denn er weiß und glaubet ja, daß dieser Weg
nur zur Wahrheit führen kann; es ist dies nur für die Ungläubigen
gesagt worden, um ihnen zu zeigen, wie sie zur Wahrheit kommen
können und wie sehr ihre Vernunft gereinigt und geheiligt werden
muß, um die Erlösung in Christo Jesu erkennen und fassen zu
15 können. Darum wollen wir diese Dinge, die für die Erkenntnis
des Heils bei den Gläubigen doch keinen Wert haben, übergehen.
Schelling beschreibt nun nach der Schrift, wie Gott die Welt
aus Nichts geschaffen und der Mensch, vom Satan in Gestalt der
Schlange verführt, seinen ersten Wandel verloren habe und dem
2o Fürsten der Finsternis verfallen sei. Dadurch habe er die ganze
Welt von Gott losgerissen und in die Gewalt des Satans gebracht.
Alle Kräfte, die früher durch die göttliche Einheit zusammen¬
gehalten waren, seien jetzt auseinander gefallen und in wilde
Feindschaft geraten, so daß der Satan recht mit Lust in der Welt
25 hausen könne. Man muß sich nur durch die philosophische Aus¬
drucksweise unserer Gottesgelehrten nicht verblenden lassen. Die
Weltweisen in unsrer gottlosen Zeit verstehen die einfache, von
Gott selbst eingegebene Sprache der heiligen Schrift nicht mehr;
es muß ihnen auf ihre Weise beigebracht werden, bis sie wieder
30 reif werden zum Verständnis der Bibel, wie geschrieben stehet:
Ich preise dich, Vater und Herr Himmels und der Erde, daß du
es den Weisen und Klugen verborgen hast und hast es den Un¬
mündigen offenbaret (Matth. 11, 25). Darum sagt Schelling
für die Engel, die ihr Fürstentum nicht behalten haben, sondern
35 verließen ihre Behausung (Judä 6), für den Teufel und seine
gottlosen Scharen: kosmische Potenzen, was soviel heißt wie Für¬
sten dieser Welt. Jetzt natürlich kann Gott an der Welt keinen Ge¬
fallen mehr haben. Er stößt sie nach seiner Gerechtigkeit von
sich, und wo er in ihr wirkt, tut er es in seinem Zorn und ohne
40 seinen vollen freien Willen. Aber der ewige Erbarmer kann nicht
von ihr lassen; das Wort, durch welches alle Dinge gemacht sind
und ohne dasselbige ist nichts gemacht, das gemacht ist (Joh. 1,3),
der eingeborne Sohn Gottes bleibt mit seiner unermeßlichen Liebe
und Gnade bei der armen, verstoßenen Welt. Sein Leidensstand
45 beginnt mit dem Sündenfall und nicht erst mit seiner Mensch¬
236
Berlin 1841—1842.
Philosophische Pamphlete
werdung unter Herodes, denn mit dem Sündenfall ist er ganz aus
der Menschheit verdrängt, in der er mehr noch als der Vater lebte.
Ja, indem er sich zwischen den zürnenden Gott und die gefallene
Welt, die jener vernichten wollte, hinstellte, auf ihre Seite trat,
trennte er sich vom Vater und war so gewissermaßen mitschuldig 5
und konnte auf die göttliche Herrlichkeit keinen Anspruch machen,
so lange der Vater nicht versöhnt war. Dies große Werk der Ver¬
söhnung, den Kampf mit dem Fürsten dieser Welt, begann er nun
in dieser nicht göttlichen und nicht menschlichen Gestalt, in dieser
Trennung vom Vater, die sein Leiden und seinen Schmerz aus- 10
macht. Daß diese Deutung in der heiligen Schrift begründet ist,
zeigt das 53. Kapitel des Propheten Jesaias aufs deutlichste, wo
von einem gegenwärtigen, nicht zukünftigen Leiden die Rede ist.
Dieser große Streit beginnt nun im Judentum und im Heidentum.
Wie der Herr sich das Judentum unterwirft, zeigt die Geschichte 15
des Volkes Israel im Alten Testament, und die herrlichen Füh¬
rungen, durch die der Herr sein Volk geleitet hat, sind den Christen
wohlbekannt. Aber im Heidentum? War nicht gerade der Teufel
der Gott der Heiden? Wir wollen versuchen, dies so klar wie mög¬
lich zu beantworten, ohne von den Aussprüchen der heiligen 20
Schrift abzuweichen.
Es hat wohl jeder bereits gehört, daß auch unter den Heiden,
in den sibyllinischen Büchern und sonst wo Weissagungen auf
Christum waren. Hier zeigt sich also schon, daß sie nicht ganz so
gottverlassen waren, als man gewöhnlich meint, denn diese Weis- 25
sagungen sind göttlichen Ursprungs. Nun aber ist es damit nicht
getan. Warum sollte der Herr in seiner Barmherzigkeit sie so ganz
in der Irre gehen und in die Krallen des Teufels fallen lassen?
Läßt er doch regnen über Gute und Böse und die Sonne scheinen
über Gerechte und Ungerechte! Ja, wenn die Heiden so ganz ohne
Gottes Schutz und Leitung in der Gewalt des bösen Feindes ge¬
wesen wären, würden ihre Sünden da nicht größer und unerhörter
sein, als sie wirklich waren? Würden dann nicht alle die schänd¬
lichen Wollüste und unnatürlichen Begierden, die fleischlichen
und andern Sünden, Mord, Ehebruch, Hurerei, Dieberei, Schalks- 35
auge, Unkeuschheit nicht so laut gen Himmel geschrieen haben, daß
Gott sie hätte ohne*Zaudern vertilgen müssen? Ja, würden sie sich
nicht selbst einander erschlagen und auf gefressen haben? Hier¬
aus folgt schon, daß Gott sich auch der Heiden erbarmt und ihnen
einiges Licht von Oben gegeben haben muß ; und dies besteht darin,
daß sie allmählich und ohne daß sie es merkten, durch alle Stufen
des Götzendienstes zur Anbetung des wahren Christus geführt
wurden, ohne aber daß sie wußten, ihr Gott und der der Christen
sei derselbe, und der im Heidentum verborgen gewesen, sei nun
im Christentum offenbaret worden. Diejenigen nun, welche dies «
Schelling, der Philosoph in Christo
237
nicht erkannten, als ihnen das Evangelium gepredigt war, beteten
nun nicht mehr den verborgenen Christus an, weil sie den geoffen¬
barten verfolgten, sondern ihr Gott war nun der Feind Christi, der
Teufel. Das ist ein großes Verdienst von Schelling, daß er der
5 erste ist, der sich daran gibt, die Führungen Gottes unter den Hei¬
den aufzusuchen und so der Liebe Christi zu den sündigen Men¬
schen ein neues Lob bereitet.
Nachdem nun die Juden mit Bewußtsein und die Heiden ohne
es zu wissen und in falscher Gestalt zur Erkenntnis des wahren
10 Gottes gebracht, als die stolzen Paläste des Griechentums zerfallen
waren und die eiserne Hand des römischen Kaisers auf der ganzen
Welt lag, da war die Zeit erfüllet, und Gott sandte seinen Sohn,
auf daß alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern
das ewige Leben haben. Dies geschah folgendermaßen. Indem
10 Christus sich das Heidentum unterworfen hatte, war er der Gott
desselben, aber nicht der wahre Gott, das konnte er ohne den
Vater nicht sein. So hatte er dem Teufel die Welt abgerungen und
konnte mit ihr machen was er wollte; er konnte sie für sich be¬
halten und ihre Herrschaft in dieser göttlichen Gestalt
2o allein führen; aber er tat dies aus freiem Gehorsam nicht, sondern
übergab sie seinem Vater, indem er die göttliche Gestalt ablegte
und Mensch wurde. Welcher, ob er wohl in göttlicher Gestalt war,
hielt er es nicht für einen Raub, Gott gleich sein; sondern äußerte
sich selbst und nahm Knechtsgestalt an, und ward gleich wie ein
26 anderer Mensch und an Gebärden wie ein Mensch erfunden. Er
erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja bis
zum Tode am Kreuz (Phil. 2, 6—8). Es sind noch eine Menge
Stellen in der heiligen Schrift, die diese Auslegung für die rich¬
tige erklären und beweisen; auch kann man nach dieser Weise
to alles ganz einfältiglich und wörtlich nehmen, ohne viel Ausflüchte
und Gelehrsamkeit nötig zu haben.
Das ist eben das Große an dem Gehorsam Christi, daß der Hei¬
land die ganze Welt für sich besitzen und sich vom Vater lossagen
konnte, und daß er dies nicht wollte, sondern seinem Vater die
36 dem Teufel abgestrittene Welt zu Füßen legte und den Tod erlitt
zur Versöhnung für viele.
Hier sehen wir auch, was die Versuchungsgeschichte Christi be¬
deutet. Hätte es nicht in Jesu freier Wahl gestanden, sich dem
Vater zu unterwerfen oder nicht, so hätte der Teufel ihn gar nicht
40 versuchen können, denn er mußte ja wissen, daß es doch vergeb¬
lich sein werde. Also ist die obige Auslegung Schellings ge¬
wiß richtig.
Daß also Christus wahrer Gott sei, haben wir gehört und jetzt
geht unser Gewährsmann zur zweiten Natur desselben, der mensch-
45 liehen, über. Auch er ist des festen Glaubens, daß Christus wahr¬
238
Berlin 1841—1842.
Philosophische Pamphlete
lieh und wahrhaftiger Mensch gewesen ist und nicht, wie viele
Ketzer meinen, bloß eine Erscheinung oder der Geist Gottes, der
sich auf einen bereits existierenden Menschen herabgelassen habe.
Indem Christus die Welt gegen Gott vertrat, sich für sie ver¬
bürgte, trat er außer Gott heraus und ihm gegenüber. So lange also *
die Welt nicht wieder mit Gott versöhnt war, war Christus nicht
Gott, sondern in einem Mittelzustande, der durch die Besiegung
des Heidentums zur göttlichen Gestalt wurde, aber selbst der wahre
göttliche Zustand nicht war. Um in diesen sich wieder zu versetzen,
mußte Christus seinem Vater die Welt übergeben, die er dem
Teufel abgerungen hatte, mußte die göttliche Gestalt ablegen und
sich selbst demütig dem Vater unterwerfen, um die Strafe für die
Missetat der Welt auf sich zu nehmen. Diese Demut zeigte er, in¬
dem er Mensch wurde, vom Weibe geboren, und gehorsam war bis
zum Tode, ja bis zum Tode am Kreuz. Alle Reinigung und Opfer
hatten Gott nicht versöhnen können und waren bloß die Vorspiele
des einen großen Opfers gewesen, in welchem nicht nur das Böse
vertilgt, sondern auch der Zorn Gottes versöhnt wurde. Dieser
konnte nur durch die größte, freiwilligste, demütigste Unterwer¬
fung versöhnt werden, und das konnte nur der Sohn, nicht aber 20
der Mensch, den die Furcht und Qual des Gewissens, der dräuende
Zorn Gottes zur Unterwerfung zwang. Jetzt konnte Christus auch
die Menschen vor Gott vertreten, da er durch die Anbetung, die sie
ihm ohne es zu wissen, zollten, ihr Herr, ihr Verteidiger geworden
war. Um nun wirklich an des Menschen Statt die diesem zukom- 25
mende Strafe zu tragen, ward er Mensch; der Entschluß zur
Menschwerdung ist ein Wunder der göttlichen Gesinnung. So
wurde, der im Anfänge bei Gott, ja Gott selbst, und nach dem
Sündenfall in der „göttlichen Gestalt66 war, jetzt in Bethlehem als
Mensch geboren, und zwar aus dem heiligen Geist von der Maria, 20
ohne Zutun einiges Mannes.
Wer hätte das zu hoffen gewagt, daß im Jahr 1842 ein Philo¬
soph, ja der Stifter der neuen Lästerschule, so erfreulich umkeh¬
ren werde und sich so freudig zu den Hauptlehren des Christen¬
tums bekennen? Das, woran der Zweifel sich immer zuerst machte, 35
was die Halbchristen von jeher verstoßen haben, und das dennoch
der Eckstein des christlichen Glaubens ist, die Geburt Christi aus
der Maria ohne Zutun des Mannes, daß Schelling auch dies
als seine Überzeugung ausgesprochen hat, ist eines der erfreu¬
lichsten Zeichen der Zeit, und der hochbegnadigte Mann, der den
Mut dazu hatte, hat Anspruch auf den Dank eines jeden Gläubigen.
Wer erkennt aber nicht hier die Hand des Herrn in dieser wunder¬
baren, herrlichen Fügung? Wer sieht nicht, daß er hier seiner
Kirche ein Zeichen gibt, daß Er sie nicht verlassen hat und ihrer
bei Tag und Nacht gedenkt? «
Schelling, der Philosoph in Christo
239
Über den Tod des Herrn spricht sich Schelling auf eine
eben so wahrhaft christliche und erbauliche Weise aus. Er sei von
Anbeginn der Welt im Rate der Wächter beschlossen gewesen und
ein Opfer, das die göttliche Gesinnung geheischt habe. Gott sei
auch gegen den Satan gerecht und habe ihm so sehr sein Recht
angedeihen lassen, daß er seinen eigenen Sohn in den Tod dahin¬
gegeben, auf daß alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden,
sondern das ewige Leben haben, damit der Teufel nur ja nicht den
mindesten Grund habe zu sagen, er sei durch die größere Macht
10 Gottes auf ungerechte Weise gestürzt worden. Es ist die Majestät
und Herrlichkeit des Herrn selbst, die auch den leisesten Schein
eines solchen Fleckens nicht duldet. Darum mußte Christus
Mensch werden und die Missetat der gottverlassenen Menschheit
auf sich nehmen und am Kreuze den Tod leiden, auf daß durch
Jä Eines Tod viele lebendig würden. Darum mußte der Herr in seiner
Gnade und Barmherzigkeit sich dahin geben für uns, sich für die
Sünder beim Vater verbürgen und unsere Schuld bezahlen, daß
wir wieder Zutritt haben zum Thron der Gnade. Und zwar sind
die anderen Menschen auch dem Tode samt und sonders verfallen,
20 aber Keiner ist so gestorben wie der Herr, hat einen solchen Er¬
lösungstod erlitten wie Jesus Christus. Und so ist auch diese Krone
des Glaubens, die Reinigung von den Sünden im Blute Christi,
wieder einmal wunderbarlich aus den Krallen des alten Drachen,
welcher jetzt in Gestalt der Weltweisheit und des leidigen Zeit-
25 geistes umgeht, gerettet worden, und aufs Neue hat der Herr die
köstliche Verheißung bewährt, daß die Pforten der Hölle seine
Kirche nicht überwältigen sollen. Weiter sagt Schelling von
Christo sehr schön: Dieser Tod ist ein so großes Wunder, daß wir
gar nicht wagen würden, es zu glauben, wenn wir es nicht so ge-
30 wiß wüßten. Bei seinem Tode war die ganze Menschheit vertreten;
Juden und Heiden waren gegenwärtig, und sie waren die beiden
Seiten des ganzen Menschengeschlechts. Das Prinzip der Heiden,
wie Christus es durch seinen Kampf mit dem Satan im Heidentum
geworden war, mußte den Tod der Heiden, den Kreuzestod, ster-
35 ben. Die Ausspannung am Kreuze ist nur die Lösung der langen
Spannung, in der er sich unter den Heiden befunden hatte, d. h.
die außergöttliche Stellung des Herm löste sich auf, und er wurde
durch den Tod wieder Eines mit Gott, wie geschrieben steht: Er ist
aus der Angst und dem Gericht genommen, wer will seines Lebens
40 Länge ausreden? Denn er ist aus dem Lande der Lebendigen weg¬
gerissen, da er um die Missetat meines Volkes geplaget war
(Jes. 53, 8.).
Von der Auferstehung des Herm sagt aber Schelling, sie
sei der Beweis, daß Christus seine Menschheit nicht zum Schein
45 angenommen habe, sondern ernstlich und für immer Mensch ge¬
240
Berlin 1841—1842.
Philosophische Pamphlete
worden sei, und daß Gott die menschliche Gestalt und das mensch¬
liche Wesen wieder zu Gnaden angenommen habe, und zwar nicht
allein die Menschheit in Christo, sondern überhaupt alle Mensch¬
heit, deren Vertreter Christus nur gewesen. Denn nicht die ein¬
zelne Sünde sei Gott so mißfällig, daß er die Menschheit darum 5
habe verlassen müssen, sondern das Schlimmste sei der ganze,
sündige, dem Bösen verkaufte Zustand des ganzen Menschenge¬
schlechts, und daher hat Gott sein Mißfallen am Menschen, schon
ehe er gesündigt, so daß es vor Gott schon gleichsam eine Sünde
war, ein Mensch zu sein. Daher konnte kein guter, Gott wohlge- 10
fälliger Wille, daher keine einzige gute, vor Gott gerechte Tat auf
der Welt sich finden, ehe Christus gestorben war, und daher kön¬
nen auch jetzt nur die Gläubigen gute Werke tun und guten Willen
haben. Durch die Auferstehung des Herm aber ist der mensch¬
liche Zustand wieder vor Gott gerechtfertigt und von Gott als ent-15
sündigter anerkannt, und so ist die Rechtfertigung durch die Auf¬
erstehung erst vollendet. So ist Christus nun gen Himmel auf ge¬
hoben worden, und sitzet zur Rechten Gottes des Vaters, als wahrer
Mensch und wahrer Gott, die Menschheit vor dem Vater vertretend.
Die Auferstehung ist uns ferner ein Beweis für die Unsterb- 20
lichkeit unserer eigenen Seele und die Auferstehung des Fleisches.
Auch dies erkennt Schelling an und setzt hinzu, daß, wenn in
diesem Leben das Fleisch über den Geist herrsche, ein zweites
folgen müsse, wo der Geist das Fleisch überwältigt habe, und zu¬
letzt eine Ausgleichung beider Seiten notwendig sei. Dies stimmt 25
ganz mit der Lehre der Schrift, denn der letzte Zustand nach der
Auferstehung und dem jüngsten Gericht, nach der Verklärung des
Leibes, ist nichts anderes, als das, was Schelling das Gleich¬
gewicht zwischen Seele und Leib nennt. Für den Zustand der Un¬
bußfertigen und Verdammten, die in Unglauben, Herzenshärtig- 30
keit und Sünden dahin gefahren sind, spricht Schelling auch
eine Vermutung aus. Er hält den zweiten, ewigen Tod für ein
ewiges Sterben, ohne je zum wirklichen Tode kommen zu können.
Darüber zu grübeln, möchte wöhl unterlassen und es dem Herm
anheimgestellt werden können, wie er seine Verächter und Lästerer 35
züchtigen und peinigen will.
Endlich aber legt der teure Schelling folgendes köstliche
Zeugnis von der Auferstehung unseres Herm und Heilandes Jesu
Christi ab: Diese Auferstehung ist ein Blitz der innem Geschichte
in die äußere. Wer solche Tatsachen wegnimmt, dem bleibt die 40
Geschichte des Reiches Gottes nur eine Reihe von äußerlichen, zu¬
fälligen Begebenheiten ohne allen göttlichen Inhalt, ohne das
Transzendente (was über die Vernunft geht), welches erst eigent¬
liche Geschichte ist. Ohne sie ist die Geschichte nur eine äußerliche
Gedächtnissache, nie eine wahre, ganze Kenntnis der Begeben- 45
Schelling, der Philosoph in Christo
241
heiten. — Das ist ein schönes und christliches Wort, dagegen die
Redereien der Weltweisen von Gott in der Geschichte und Ent¬
wickelung des Gattungsbewußtseins eitel Unflat und Lästerung
sind. Denn wenn diese hochmütigen Jugendverführer ihren Gott
5 in der Geschichte aller menschlichen Sünden und Verbrechen ha¬
ben, wo bleibt der Gott außerhalb dieser Sünden. Diese Spötter
wollen nicht einsehen, daß die ganze Weltgeschichte ein Vorüber¬
drängen von allerlei Ungerechtigkeit, Bosheit, Mord, Ehebruch,
Hurerei, Dieberei, Lästerung, Frevel, Zorn und Wut und Trunken-
10 heit ist, die unfehlbar sich selbst in die Hölle stürzen würden und
die ganze Welt mit, wenn man nicht überall Gottes rettende Hand
sähe, die dem Übel wehrt und steuert; und diese schändliche
Lasterbühne ist ihr Himmel, ihre ganze Unsterblichkeit, das haben
sie selbst offen gesagt. Aber das sind die säubern Folgen davon,
15 daß man alle göttlichen Wirkungen aus der Geschichte heraus¬
wirft. Gott rächt sich dadurch an ihnen, daß er ihnen sein wahres
Wesen verschließt und sie sich einen Gott machen läßt, der noch
weniger als ein tauber Götze von Holz und Stroh, der ein vages
Luftgebilde, ein sogenannter Weltgeist und Geist der Geschichte
20 ist. Was bei einer solchen Betrachtung der Geschichte, deren
Hauptanstifter der bei allen guten Christen übel berufene Hegel
ist, herauskommt, haben wir gesehen; halten wir also das Bild
der Geschichte dagegen, welches ein Mann Gottes, wie Schel¬
ling, entwirft.
25 Unter den Zwölfen, sagt Schelling, welche den Herm im¬
mer umgaben und von ihm zu Aposteln bestellt wurden, waren es
vornehmlich drei, die er bei jeder Gelegenheit vor den andern be¬
gnadigte, Petrus, Jakobus und Johannes. In diesen Dreien sind die
Vorbilder der ganzen christlichen Kirche gegeben, wenn wir für
so den frühe für den Namen Christi getöteten Jakobus den ungefähr
zu derselben Zeit bekehrten Paulus als Nachfolger annehmen.
Petrus, Paulus und Johannes sind die Herrscher über drei ver¬
schiedene Zeiträume der christlichen Kirche, wie im Alten Testa¬
ment Moses, Elias und Johannes der Täufer die drei Vertreter
35 dreier Zeiträume waren. Moses war der Gesetzgeber, durch wel¬
chen der Herr den Grund legte; Elias der feurige Geist, der das
träge, abgefallene Volk wieder zum Leben und zur Tätigkeit
brachte, Johannes der Täufer der Vollender, der das Alte Testa¬
ment ins Neue hinüberführt. So auch war für die neutestamentliche
4o Kirche Petrus der Moses, der Grundleger, durch welchen das jü¬
dische Wesen der damaligen Zeit in der christlichen Kirche ver¬
treten wurde; Paulus der treibende, feurige Elias, der die Gläu¬
bigen nicht lau werden und einschlummern ließ und das Wesen
des Heidentums, Bildung, Gelehrsamkeit und Weltweisheit — so-
45 fern sie sich unter den Glauben gefangen gab — vertrat; Johannes
Marx-Engels-Gesamtausgabe, I. Abt., Bd. 2. 16
242
Berlin 1841—1842.
Philosophische Pamphlete
aber wird wiederum der Vollender, der auf die Zukunft Hin¬
weisende, sein, denn die der Herr liebt, denen gibt er das Geschäft
des Vollendens. So schrieb denn auch Johannes, schon zu seinen
Lebzeiten auf die Zukunft hinweisend, die Offenbarung. Die
Kirche des Apostels Petrus ist nun die katholische, deren zeremo- s
nieller Gottesdienst, so wie ihre Lehre von den guten Werken dem
jüdischen Gesetze entspricht; und es läßt sich nicht leugnen, daß
das Wort des Herrn: Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will
ich meine Kirche bauen, und die Pforten der Hölle sollen sie nicht
überwältigen, auf die von ihm gestiftete Kirche geht. Wie er den 10
Herrn dreimal verleugnete, so läßt sich auch nachweisen, daß die
römische Kirche den Herm dreimal verleugnet hat. Zuerst, als sie
selbst nach der weltlichen Herrschaft strebte, sodann, als sie der
weltlichen Gewalt zu ihren Zwecken sich zu bedienen wußte, und
endlich, als sie der weltlichen Gewalt sich als Mittel zu ihren 15
Zwecken hergab. Die zweite Kirche des Apostels Paulus nun ist
die protestantische, in welcher die Gelehrsamkeit und alle gott¬
selige Weisheit, also das Wesen der aus dem Heidentum herüber¬
gekommenen Christen vorherrschend ist, und in welcher, statt des
Feststehenden, Bleibenden der katholischen Kirche, nun das Trei- 20
bende, Parteien machende Leben der in viele Sekten zerfallenden
evangelischen Kirche eintritt. Wer weiß, ob das Dichten und
Trachten dieser heidnischen Christen dem Reiche Gottes nicht am
Ende förderlicher ist als das der jüdischen Christen!
Aber keine dieser beiden Parteien ist die wahre, letzte Kirche 25
des Herm, sondern dies wird erst die sein, die von Petri Grund
durch Paulum zu Johannes durchdringt und so die letzten Zeiten
vorbereitet. Diese letzte Kirche ist die Kirche der Liebe, wie Jo¬
hannes der Bote der Liebe war, die Vollendung der Kirche, zu
deren Zeiten der auf das Ende geweissagte große Abfall sein wird, so
und sodann das jüngste Gericht. Es sind allen Aposteln viele Kir¬
chen gebaut worden, aber verhältnismäßig sehr wenige dem heili¬
gen Johannes. Hätte ich eine Kirche zu bauen, so würde ich sie
ihm widmen; einst aber wird eine Kirche gebauet werden allen
drei Aposteln, und diese wird die letzte, das wahre christliche ss
Pantheon sein.
Dies sind die Worte, mit denen der erste wahrhaft christliche
Philosoph seine Vorlesungen beschloß, und so wären wir ihm bis
zum Ende gefolgt. Der Verfasser dieser Zeilen glaubt hinlänglich
gezeigt zu haben, welch ein auserwähltes Rüstzeug der Herr seiner 40
Kirche in diesem werten Manne erwecket hat. Das ist der Mann,
welcher die Heiden der jetzigen Welt vertreiben wird, die da ihr
Wesen treiben unter vielfältiger Gestalt, als Weltleute, als junges
Deutschland, als Philosophen und wie sie sich sonst nennen mögen.
Wahrlich, wenn man in den Saal kam, in welchem Schelling 4&
Schelling, der Philosoph in Christo
243
seine Vorlesungen hielt, und hörte diese Leute über den Auser¬
wählten unter den Weltweisen spötteln und witzeln, so mußte man
des Apostels Pauli gedenken, als er zu Athen predigte. Es ist ge¬
radeso, als wiederholte sich die Geschichte, wie sie Apostelge-
5 schichte 17, 16ff. erzählet ist, wo die Worte also lauten:
„Da aber Paulus zu Athen ihrer wartete, ergrimmete sein Geist
in ihm, da er sah die Stadt so gar abgöttisch. Und er redete zwar
zu den Juden und Gottesfürchtigen in der Schule, auch auf dem
Markt alle Tage zu denen, so sich herzufanden. Etliche aber der
io Epikurer und Stoiker Philosophen zankten mit ihm. Und etliche
sprachen: Was will dieser Lotterbube sagen? Etliche aber: Es
siebet, als wollte er neue Götter verkündigen. Das machte, er hatte
das Evangelium von Jesu und von der Auferstehung ihnen ver¬
kündiget.“
15 Wohl mochte auch Schelling hier zu Berlin ergrimmen, da
er sähe die Stadt so gar abgöttisch. Denn wo wird mehr Abgötterei
getrieben mit irdischen Dingen, mit dem Mammon und der Ehre
dieser Welt, mit dem eignen lieben Ich, und der wahre Gott mehr
beiseite gesetzt als gerade hier? Wo ist das Weltleben mit seiner
so Üppigkeit, seinem Luxus und seiner hohlen eitlen Pracht, mit sei¬
nen glänzenden Lastern und übertünchten Sünden auf eine höhere
Stufe gediehen als gerade hier? Haben Eure Gelehrten, Eure
seichten und unchristlichen Schriftsteller Euch nicht schmeicheln
wollen, wenn sie Eure Stadt so häufig mit Athen verglichen? 0,
25 welche bittere Wahrheit haben sie Euch gesagt! Ja wohl Athen voll
heidnischer, stolzer Bildung und Zivilisation, die Euch eben die
Augen verblendet gegen die einfache Wahrheit des Evangeliums,
Athen voll Glanz und Schein und irdischer Herrlichkeit, voll
Wohllebens und bequemen Schlendrians, der sich dehnt und gähnt
30 auf weichen Lotterbettlein, und dem das Wort vom Kreuz viel zu
langweilig und die Buße viel zu anstrengend ist, Athen voll üppi¬
gen wilden Rausches und Sinnentaumels, in dem die laute Stimme
des Gewissens überschrieen und übertäubt, die innere Unruhe und
Pein mit glänzender Hülle bedeckt wird! Ja wohl, Athen voll hoch-
35 mütiger Weltweisen, die sich um Sein und Nichts und andre schale
Dinge den Kopf zerbrechen und mit Gott und Welt längst fertig
sind, die aber das Wort von der Demütigung und Armut im Geiste
als eine Torheit und eine Kuriosität aus vergangenen Zeiten ver¬
lachen ; Athen voll gründlicher Gelehrter, die alle Arten Infusions-
40 tierchen und alle Kapitel des römischen Rechts auswendig wissen
und darüber das ewige Heil, welches ist der Seelen Seligkeit, ver¬
gessen! Da mag auch wohl ein Schelling ergrimmet sein, wie
einst Paulus, als er in eine solche Stadt trat. Und als er herkam,
da sprachen die Weltweisen, wie vorzeiten die weiland Epikurer
45 und Stoiker zu Athen: Was will dieser Lotterbube sagen? Sie
16*
244
Berlin 1841—1842.
Philosophische Pamphlete
sprachen schon schlecht von ihm, ehe er seinen Mund aufgetan
hatte, sie schmähten ihn, ehe er noch ihre Stadt betreten hatte.
Doch sehen wir, wie die heilige Schrift uns weiter berichtet: „Sie
nahmen ihn aber und fiihreten ihn auf den Richtplatz und spra¬
chen: Können wir auch erfahren, was das für eine neue Lehre sei, 5
die Du lehrest? Denn Du bringest etwas Neues vor unsre Ohren;
so wollten wir gerne hören, was das sei? Die Athener aber Alle,
auch die Ausländer und Gäste, waren gerichtet auf nichts Anderes,
denn etwas Neues zu sagen und zu hören.“
Nun, sind das nicht die Berliner, wie sie leiben und leben? Sind 10
nicht auch sie nur gerichtet darauf, etwas Neues zu hören und zu
sehen? Da gehet einmal hin in Eure Kaffeehäuser und Kondito¬
reien und sehet, wie die neuen Athener hinter den Zeitungen her¬
laufen, während die Bibel zu Hause bestaubt daliegt, und kein
Mensch schlägt sie auf ; hört, wenn sie zusammen kommen, ob ihr 15
Gruß anders ist, als: Was gibt’s Neues? Nichts Neues? Immer
etwas Neues, immer etwas noch nicht Dagewesenes, sonst lang¬
weilen sie sich zu Tode, mit all ihrer Bildung, ihrer Pracht und
ihren Genüssen. Wer gilt ihnen für liebenswürdig, interessant und
beachtenswert? Der am erleuchtetsten ist vom heiligen Geist? 20
Nein, der, der immer die meisten Neuigkeiten zu erzählen weiß.
Was kümmert sie am meisten? Ob sich ein Sünder bekehrt hat,
worüber sich doch die Engel Gottes freuen? Nein, was über Nacht
für Skandalgeschichten vorgefallen sind, was in der Leipziger
Allgemeinen Zeitung aus Berlin berichtet ist! Vor allen ist das 25
Otterngezücht der Politiker und Kannegießer aber das schlimmste
und am meisten auf Neuigkeiten versessene. Diese Heuchler
mischen sich aufs vorlauteste in die Regierung, statt dem Könige
zu lassen, was des Königs ist, und kümmern sich um ihrer unsterb¬
lichen Seelen Heil keinen Augenblick; den Splitter im Auge der 30
Regierung wollen sie ausziehen, und den Balken in ihrem eignen
glaubenslosen, für Christi Liebe blinden Auge wollen sie nicht
bemerken. Diese sind ganz besonders wie weiland die Athener, die
sich auch den ganzen Tag auf dem Markte umhertrieben und
Neuigkeiten auf spürten und die alte Wahrheit dagegen unange- 35
rührt im Schranke liegen haben. Was wollten sie von Schelling
anders, als etwas Neues hören, und wie rümpften sie ihre Nasen,
als er ihnen nur das alte Evangelium brachte! Wie wenige waren
ihrer, die nicht stets nach neuen Dingen trachteten, sondern von
Schelling nur die alte Wahrheit, das Wort von der Erlösung 40
durch Christum Jesum, verlangten! —
Und so ist es mit der ganzen Geschichte, wie dort bei Paulus,
so hier bei Schelling. Sie hörten seine Predigt mit kritischen
Gesichtern an, lächelten hier und da vornehm, schüttelten den
Kopf, sahen sich selbst vielsagend und dann Schelling mit- 45
Schelling, der Philosoph in Christo
245
leidig an, und da sie höreten die Auferstehung von den Toten, da
hatten sie es ihren Spott (Apostelgeschichte 17, 32). Nur wenige
hingen ihm an. Denn wie in Athen ist es noch heute: die Aufer¬
stehung von den Toten ist ihr Hauptärgernis. Die meisten sind
5 ehrlich genug, von gar keiner Unsterblichkeit etwas wissen zu
wollen; die Minderzahl gibt eine sehr ungewisse, schwankende,
neblige Unsterblichkeit der Seele zu, aber den Leib läßt sie auf
ewig vermodern, und sie sind Alle darin gleich, daß sie die wirk¬
liche, entschiedene und unverhohlene Auferstehung des Fleisches
io verspotten und für ein Ding der Unmöglichkeit halten, als wenn
nicht geschrieben stände: Bei Gott ist kein Ding unmöglich.
Es bleibt uns aber noch eine andre Bemerkung übrig, wenn wir
auf die dem gläubigen Leser dargelegte Geschichte der Kirche
Christi, wie sie vorbildlich in den drei Aposteln Petrus, Paulus
15 und Johannes uns vorgestellt ist, zurückkommen. Es folgt daraus,
daß es höchst unrecht und sündlich gegen die Anordnung Gottes
selbst ist, wenn wir, wie so manche noch heutzutage tun, die katho¬
lische Kirche gegen die unsrige verachten und herabsetzen wollten.
Denn sie ist eben so gut wie die protestantische im göttlichen Rat-
20 Schluß vorherbestimmt, und wir können gar manches von ihr ler¬
nen. Die katholische Kirche hat noch die alte apostolische Kirchen¬
zucht, welche bei uns ganz verloren gegangen ist. Wir wissen aus
der Schrift, daß die Apostel und die Gemeinden Ungläubige, Irr¬
lehrer und Sünder, die der Gemeinde zum Ärgernis waren, aus-
25 stießen aus der Gemeinschaft des heiligen Geistes. Spricht nicht
Paulus 1. Kor. 5, 3—5: Ich zwar, als der ich mit dem Leibe nicht
da bin, doch mit dem Geist gegenwärtig, habe schon als gegen¬
wärtig beschlossen über den, der solches also getan hat: In dem
Namen unsres Herrn Jesu Christi, in Eurer Versammlung mit
3o meinem Geist, und mit der Kraft unsres Herrn Jesu Christi: Ihn
zu übergeben dem Satan zum Verderben des Fleisches, auf daß
der Geist selig werde am Tage unsres Herrn Jesu. Hat nicht Chri¬
stus gesagt zu Petro: Und ich will Dir des Himmelreichs Schlüssel
geben. Alles, was Du auf Erden binden wirst, soll auch im Himmel
gebunden sein, und Alles, was Du auf Erden lösen wirst, soll auch
im Himmel los sein (Matth. 16, 19). Sprach er nicht nach der
Auferstehung zu allen Jüngern: Welchem Ihr die Sünden erlasset,
dem sind sie erlassen, welchem Ihr sie behaltet, dem sind sie be¬
halten? (Ev. Joh. 20, 23.) Solche Stellen der heiligen Schrift
40 gehen auf eine kräftige Kirchenzucht, wie sie in der apostolischen
Kirche blühte und bei den Katholiken noch besteht, und wenn die
apostolische Kirche unser Vorbild und die heilige Schrift unsre
Richtschnur ist, so müssen auch wir jene alte Einrichtung wieder
in Geltung zu bringen trachten, und bei der Wut, mit welcher der
46 böse Feind heutzutage die Kirche des Herm verfolgt und angreift,
246
Berlin 1841—1842.
Philosophische Pamphlete
mögen wir wohl uns vorsehen, nicht nur innerlich mit Glauben
und Hoffnung, sondern auch äußerlich durch Befestigung der Ge¬
meinschaft im Geist und Ausstoßung der falschen Propheten ge¬
rüstet zu sein. Der Wolf darf nicht unter die Herde kommen, ohne
wieder herausgetrieben zu werden. Auch ist ferner die Ehelosigkeit 5
der katholischen Priester nicht ganz zu verwerfen. Es steht ge¬
schrieben Matth. 19, 10—12: Da sprachen die Jünger zu ihm:
Stehet die Sache eines Mannes mit seinem Weibe also, so ist es
nicht gut, ehelich werden. Er sprach aber zu ihnen: Das Wort
fasset nicht Jedermann, sondern denen es gegeben ist. Denn es sind w
etliche verschnitten, die sind aus Mutterleibe also geboren; und
sind etliche verschnitten, die von Menschen verschnitten sind, und
sind etliche verschnitten, die sich selbst verschnitten haben um des
Himmelreichs willen. Wer es fassen mag, der fasse es. Sodann
handelt 1. Kor. 7 von Anfang bis zu Ende von den Vorzügen des 15
ehelosen Standes gegen den Ehestand, und ich will daraus nur
einige Stellen anführen: V. 1. 2. Es ist dem Menschen gut, daß
er kein Weib berühre, aber um der Hurerei willen habe ein jeg¬
licher sein eigen Weib und eine jegliche habe ihren eigenen Mann.
V. 8. Ich sage zwar den Ledigen und Witwen: Es ist ihnen gut, 20
wenn sie auch bleiben wie ich. V. 27. Bist du aber los vom Weibe,
so suche kein Weib. V. 32. 33. Wer ledig ist, der sorget was dem
Herm angehöret, wie er dem Herm gefalle; wer aber freiet der
sorget was der Welt angehöret, wie er dem Weibe gefalle. V. 38 ff.
Endlich, welcher verheiratet der tut wohl, welcher aber nicht ver- 2i
heiratet, der tut besser. Ein Weib ist gebunden an das Gesetz, so
lange ihr Mann lebet; so aber ihr Mann entschläft, ist sie frei sich
zu verheiraten, welchem sie will; allein, daß es in dem Herrn ge¬
schehe. Seliger ist sie aber, wo sie also bleibet, nach meiner Mei¬
nung. Ich halte aber, ich habe auch den Geist Gottes. — Diese 30
Aussprüche sind doch klar genug, und es ist schwer zu begreifen,
wie bei solchen Vorschriften der ehelose Stand unter den Prote¬
stanten so sehr in Verruf kommen konnte. So sehen wir also, daß
die katholische Kirche in manchen Stücken der heiligen Schrift
näher steht als wir, und wir keine Ursache haben sie zu verachten.35
Im Gegenteil stehen unsre Brüder in der katholischen Kirche, so
sie gläubig und gottesfürchtig sind, uns näher als die abgefallenen
und unchristlichen Protestanten, und es ist an der Zeit, daß wir
die Johanneskirche vorzubereiten anfangen, indem wir uns mit
den Katholiken vereinigen gegen die gemeinsamen Feinde, welche 40
das ganze Christentum bedrohen. Es ist nicht mehr Zeit, sich über
die Unterschiede der einzelnen Bekenntnisse zu streiten, wir müs¬
sen das dem Herm überlassen, nachdem wir Menschen es in drei¬
hundert Jahren nicht haben ins klare bringen können, wir müssen
wachen und beten und gerüstet sein alle Zeit, umgürtet die Lenden 45
Schelling, der Philosoph in Christo
247
mit Wahrheit, und angezogen den Krebs der Gerechtigkeit, und
an Beinen gestiefelt, als fertig zu treiben das Evangelium des Frie¬
dens; vor allen Dingen aber müssen wir ergreifen den Schild des
Glaubens, mit welchem wir auslöschen können alle feurigen Pfeile
5 des Bösewichts, und nehmen den Helm des Heils und das Schwert
des Geistes, welches ist das Wort Gottes (Epheser 6, 14—17).
Denn die Zeit ist schlimm, und der Feind gehet um wie ein brül¬
lender Löwe und suchet, welchen er verschlinge (1. Petri 5, 8).
Und wenn der Verfasser seine demütige Meinung äußern darf, wo
io so manche gottselige und erleuchtete Männer reden könnten, so ist
er der Ansicht, daß die Kirche Johannis und mit ihr die letzten
Tage vor der Tür sind. Wer hat den Ereignissen der letzten Jahre
im Hinblick auf den Herm zugesehen, ohne zu merken, daß große
Dinge im Anzuge sind, und die Hand des Herm in den Begeben-
15 heiten der Könige und Länder waltet! Seit der greulichen franzö¬
sischen Revolution ist ein ganz neuer, teuflischer Geist in einen
großen Teil der Menschheit gefahren, und die Gottlosigkeit erhebt
ihr freches Haupt so unverschämt und hoffärtig, daß man denken
muß, es gingen jetzt die Weissagungen der Schrift in Erfüllung.
20 Wir wollen aber einmal sehen, was die Schrift über die Gottlosig¬
keit der letzten Zeiten sagt. Der Herr Jesus sagt Matth. 24, 11—
13: Und es werden sich viele falsche Propheten erheben und wer¬
den Viele verführen, und dieweil die Ungerechtigkeit wird über¬
hand nehmen, wird die Liebe in Vielen erkalten. Wer aber beharret
25 bis an das Ende, der wird selig. Und es wird geprediget werden
das Evangelium vom Reich in der ganzen Welt, zu einem Zeugnis
über alle Völker und dann wird das Ende kommen. Und V. 21:
Es werden falsche Christi und falsche Propheten auf stehen, und
große Zeichen und Wunder tun, daß verführet würden in den Irr-
3o tum, wo es möglich wäre, auch die Auserwählten. Und Paulus
sagt, 2. Thess. 2, 3ff.: Es wird geoffenbaret werden der Mensch
der Sünde, und das Kind des Verderbens, der da ist ein Wider¬
wärtiger und sich überhebt über Alles, das Gott oder
Gottesdienst heißt; nach der Wirkung des Satans, mit al-
3s lerlei lügenhaftigen Kräften und Zeichen und Wundem, und mit
allerlei Verführung zur Ungerechtigkeit unter denen, die verloren
werden, dafür, daß sie die Liebe zur Wahrheit nicht haben ange¬
nommen, daß sie selig würden. Darum wird ihnen Gott
kräftige Irrtümer senden, daß sie glauben der
i# Lüge; auf daß gerichtet werden Alle, die der Wahrheit nicht
glauben sondern haben Lust an der Ungerechtigkeit. Und 1. Tim.
3, 1 : Der Geist aber sagt deutlich, daß in den letzten Zeiten wer¬
den Etliche vom Glauben abtreten und anhangen den verführe¬
rischen Geistern und Lehren der Teufel.
45 Ist das nicht, als sähen der Herr und Paulus unsere Zeit vor
248
Berlin 1841—1842.
Philosophische Pamphlete
Augen wie sie leibt und lebt? Der allgemeine Abfall vom Reiche
Gottes wird immer größer, die Gottlosigkeit und Lästerung wird
täglich frecher, wie Petrus sagt, 2. Petri 3, 3: Und wisset, daß in
den letzten Tagen kommen werden Spötter, die nach ihren eigenen
Lüsten wandeln. Alle Feinde Gottes tun sich jetzt zusammen und 5
fallen die Gläubigen mit allen möglichen Waffen an; die Gleich¬
gültigen, welche der Lust dieser Welt fröhnen und denen das Wort
vom Kreuz zu langweilig war, vereinigen sich jetzt, vom Gewissen
gestachelt, mit den atheistischen Weltweisen und wollen durch
deren Lehre den Wurm im Innern einschläfern; diese auf der an- io
dern Seite leugnen mit offner Stirn alles, was nicht mit Augen zu
sehen ist, Gott und alles Leben nach dem Tode, und da versteht es
sich von selbst, daß ihnen diese Welt das Höchste ist, diese Welt
mit ihren fleischlichen Genüssen, mit Fressen, Saufen und Huren.
Das sind die schlimmsten Heiden, die sich selbst verhärtet und 15
halsstarrig gemacht haben gegen das Evangelium, und von denen
der Herr sagt, daß es dem Lande der Sodomer und Gomorrer er¬
träglicher gehen werde am jüngsten Gericht, denn ihnen. Es ist
nicht mehr eine Gleichgültigkeit und Kälte gegen den Herrn, nein,
es ist offene, erklärte Feindschaft, und anstatt aller Sekten und 20
Parteien haben wir jetzt nur zwei: Christen und Antichristen. Wer
aber Augen hat zu sehen, der sehe und verblende sie nicht; denn
es ist jetzt nicht Zeit zu schlummern und Ausflüchte zu machen;
wo die Zeichen der Zeit so klar sprechen, da gilt es acht auf sie
zu haben und zu forschen in den Worten der Weissagung, die uns 25
nicht umsonst gegeben ist. Wir sehen die falschen Propheten mit¬
ten unter uns, und ist ihnen gegeben ein Mund zu reden große
Dinge und Lästerung, und sie tun ihren Mund auf gegen Gott zur
Lästerung, zu lästern seinen Namen und seine Hütte und die im
Himmel wohnen. Und ist ihnen gegeben zu streiten mit den Heili- 30
gen und (so will es fast scheinen) sie zu überwinden. Off. Joh. 13,
5—7. Alle Scham und Scheu und Ehrfurcht ist aus ihnen ver¬
schwunden, und die scheußlichen Spöttereien eines Voltaire sind
ein Kinderspiel gegen den gräßlichen Ernst und die überlegte
Lästerung dieser Verführer. Sie ziehen umher in Deutschland und 35
wollen sich überall einschleichen, sie predigen ihre satanischen
Lehren auf den Märkten und tragen das Panier des Teufels von
einer Stadt zur andern, die arme Jugend hinter sich herlockend,
um sie in den tiefsten Schlund der Hölle und des Todes zu stürzen.
Die Versuchung hat auf eine unerhörte Weise überhand genom- 40
men, und daß der Herr sie so zuläßt, kann nicht ohne besondere
Absicht sein. Soll es denn auch von uns heißen: Ihr Heuchler, des
Himmels Gestalt könnt Ihr beurteilen, könnt Ihr denn nicht auch
die Zeichen dieser Zeit beurteilen? Matth. 16, 3. Nein, wir müs¬
sen unsere Augen auftun und um uns schauen; die Zeit ist wichtig, 45
Schelling, der Philosoph in Christo 249
und es gilt zu wachen und zu beten, auf daß wir nicht in Anfech¬
tung fallen, und der Herr, welcher kommen wird, wie ein Dieb in
der Nacht, uns nicht schlafend finde. Es werden große Trübsal und
Anfechtung über uns kommen, aber der Herr wird uns nicht ver-
5 lassen, denn er hat gesagt: Offenb. Joh. 3, 5: Wer überwindet, der
soll mit weißen Kleidern angetan werden und ich werde seinen
Namen nicht austilgen aus dem Buche des Lebens, und will seinen
Namen bekennen vor meinem Vater und seinen Engeln. Und
V. 11: Siehe, ich komme bald. Halte was du hast, auf daß Nie-
io mand deine Krone nehme! Amen.
DER TRIUMPH DES GLAUBENS
Tafel V
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Historia
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Heumünfter bei ^Bürid)
Xrucftö unt oerlegtö Job Jr.
1842.
Umschlagseitc der Broschüre „Der Triumph des Glaubens“"
Die frech bedräute, jedoch wunderbar
befreite Bibel. Oder: Der Triumph des Glaubens
Das ist: Schreckliche, jedoch wahrhafte und erkleckliche Historia
von dem weiland Licentiaten Bruno Bauer; wie selbiger vom
s Teufel verführet, vom reinen Glauben abgefallen, Oberteufel ge¬
worden und endlich kräftiglich entsetzet ist. Christliches Helden¬
gedicht in vier Gesängen. — Neumünster bei Zürich. Truckts und
verlegts Joh. Fr. Hess. Ao. 1842. [Kl. 8°. 47 Seiten]
Erster Gesang
io Des Glaubens Gloria recht herrlich zu besingen,
Entfalt’, o Seele mein, demütiglich die Schwingen,
Des Glaubens hohen Sieg — doch nein! ist eigne Kraft
Nicht gleich dem schwachen Rohr? Ein andrer gibt den Saft;
Ein anderer verleiht so Wollen wie Vermögen:
i* Ihr Gläub’gen, fleht herab auf mich der Gnade Segen!
Ja, hebe dein Gebrüll, du Leu am Saalestrand,
Und falte, Hengstenberg, die sieggewohnte Hand!
Du mit der Leier groß, und groß auf dem Katheder,
0 Sack, von deiner Kraft ergieß in meine Feder;
20 Krummacher, Gottesmann, des wahren Glaubens Hort,
0 lehre mich, gleich dir, verkündigen das Wort!
Und du, mein holder Knapp! Ich trag’, o fromme Seele,
Die Fackel deines Lieds kühn in die Lästerhöhle!
Und du, der dem Geschlecht der Spötter, kühn und frei,
25 Das Kreuz entgegenhielt, o Klopstock, steh’ mir bei!
Was wär’ ich ohne dich, Theologus Johannes!
Wenn du mir treulich hilfst, ich unternehm’s und kann es.
Vertilgen helfet mir, David und Hesekiel,
Den Greul der Lästerung mit Stumpf und auch mit Stiel !
3o Auf, scharet euch um mich, des Glaubens starke Säulen,
Beschützt mich gegen Spott und frecher Läst’rer Heulen;
Hebt eure Hände fromm zum Thron der Gnaden auf,
Daß ich zum Preis des Herrn vollende meinen Lauf! —
Was störet auf einmal der Sel’gen Hosianna?
35 Warum versieget denn des Engelliedes Manna?
Weh, ist des Teufels List zum Himmel eingekehrt
254.
Berlin 1841—1842.
Philosophische Pamphlete
Und hat sein Pestgestank die Freud’ in Leid verkehrt?
Wo Jubel nur und Preis und Loblied soll erklingen,
Was soll das Jammern dort, das Klageliedersingen?
Wer ist es, der da klagt? Wer schreit in Himmelshöh’n?
Der Frommen Seelen sind’s, sie haben das Gestöhn: 4
„0 Herr, erhöre Herr, Herr höre unser Schreien!
Wie lange duldest du die Plage deiner Treuen?
Wie lange wartest du, und hast noch nicht gerächt,
0 Herr, der Gläub’gen Blut am frevelnden Geschlecht?
Ach soll der Weltlust Trotz, der frechen Läst’rer Prahlen 10
Im Glanz der Herrlichkeit stets auf der Erden strahlen?
Soll jeder Philosoph stets sagen: Ich bin Ich?
Soll der Freigeister Schar stets frecher lästern dich?
Ach, immer lauter schallt des Übermutes Höhnen,
0 laß des Weltgerichts Posaune bald ertönen!“ is
Besänft’gend spricht der Herr: „Noch ist nicht voll das Maß,
Nicht arg genug der Stank, der ausgeht von dem Aas;
Und meine Streiter auch muß ich zum Mut erziehen,
Daß nicht im letzten Kampf sie vor dem Satan fliehen.
Dort unten in Berlin sind, die mich suchen, viel’, 20
Doch viele fesselt noch des stolzen Denkens Pfühl;
Nicht glauben wollen sie, sie wollen mich begreifen,
Mich fesseln wollen sie mit des Gedankens Reifen.
Seht BrunoBauer dort: er glaubt, doch er denkt nach,
Wohl willig ist sein Fleisch, doch ach, der Geist ist schwach. 24
Nun, wartet kurze Zeit; bald weichen diese Schlacken,
Dann wird nicht Satan mehr ihn bei dem Denken packen.
Er, der so treu mich sucht, er findet mich zuletzt,
Fromm wirft er von sich ab, was Eitles ihn ergötzt.
Des Denkens Narretei, die seinen Sinn zersplittert, 3»
Erkennet er als Wind — und seine Seel’ erzittert.
Ja, die Philosophie, sie wird ihm noch ein Spott,
Die Gnade bricht hindurch, er glaubet: Gott ist Gott.“
Und über dieses Wort ward Seligkeit dort oben,
Zum Preis des starken Herm ein Loblied ward erhoben : 34
„Wohl würdig bist du, Herr, zu nehmen Ehr’ und Preis
Und Kraft, geschaffen ist durch dich der Welten Kreis;
Bald kommen wird dein Zorn, die Bösen zu vernichten,
Die Knechte zu erhöh’n, die deinen Dienst verrichten.“
Und weiter sprach der Herr: „Ja, jener ist der Mann, 44
Der in dem letzten Kampf die Gläub’gen führen kann.
Wenn auf die sünd’ge Welt dann meines Zornes Schalen
Herniederstürzen, sich die Meere blutig malen,
Und wenn des Abgrunds Born sich finster tuet auf,
Wenn der Heuschreckenschwarm erscheint in hellem Hauf, 44
Der Triumph des Glaubens
255
Wenn Feuerhagel dann zur Erde niederprasselt,
Der Boden rings erbebt, der Fels zusammenrasselt,
Schwingt Bruno Bauer hoch die Fahne meiner Schar,
Nicht wankend in dem Kampf für Thron und für Altar/6
5 Und über dieses Wort ward Seligkeit dort oben,
Zum Preis des starken Herrn ein Loblied ward erhoben:
„Halleluja! Und der Rauch gehet auf ewiglich.“
Und sieh! Als noch das Lied ertönte durch die Himmel,
Da kam der Teufel an mit Stank und mit Getümmel.
10 In seinen Augen glomm der Hölle schwarze Wut,
Die Zunge lechzte nach der Gotteskinder Blut.
So trat er frevelnd hin zum Stuhl des Allerhöchsten,
Zu jenen Engeln, die dem Throne stehn am nächsten,
Und schrie wie Donnergraus: „Wie lange zauderst du,
16 Und hältst in meinem Haus mich auf in feiger Ruh’?
Du hast wohl Furcht, daß ich am jüngsten Tage,
Wo um die Krone dieser Welt
Wir kämpfen, daß ich da dein Heer von Engeln schlage,
Erstürme mir dein Himmelszelt?
20 Und hast du Mut, wohlan, den Kampf beschleunige,
Laß die Posaunen blasen,
Daß ich mein wildes Heer alsbald vereinige,
Ich brenne schon vor Lust, zu stürzen auf das deinige,
Durch deine Sphären hinzurasen!“
2o Der Herr: „Geduld, Geduld, die Zeit ist nicht mehr fern,
Wo du erkennen sollst, daß ich der Herr der Herm!
Sieh’ auf die Erd’ herab, ob du sie merkst, die Zeichen,
Darob die Menschen all’ erzittern und erbleichen?
Sieh’ Krieg und Pest und Brand und Revolution,
so Sieh’ das Gesetz verhöhnt, geschmäht Religion,
Die Gottesläst’rer blühn, verlästert sind die Frommen,
Und warte nur, es wird noch zehnmal besser kommen!
Jetzt hab’ ich auserwählt mir einen treuen Knecht,
Der predige das Reich dem gottlosen Geschlecht;
36 Sie werden ihn verschmähn, sie werden seiner lachen,
Das will ich just, so kann ich bald ein Ende machen.
Noch ist das Maß nicht voll, doch lange währt es nicht,
Wenn ferner sie verschmähn, wie jetzt, das Gnadenlicht.“
Der Teufel: „Und wer ist ersehn zu diesen Taten?“
40 Der Herr: „Der Bauer ist’s.“ —
„Meinst du den Lizentiaten?“
„Denselben.“
„Nun, der dient dir auf besond’re Weise.
Nicht Beten und Gesang ist seines Herzens Speise.
46 Nein, sieh’, von dir verlangt er deine schönsten Sterne,
256 Berlin 1841—1842. Philosophische Pamphlete
Und dann begreift er sie — das ist so seine Lust.
Und aller Dogmata spekulativste Kerne
Befried’gen nicht die tiefbewegte Brust.“
Der Herr: „Wenn er mir jetzt auch nur verworren dient,
So werd’ ich ihn gewiß bald in die Klarheit führen. s
Und wenn er jetzt auch noch zu denken sich erkühnt,
Verlaß dich d’rauf, bald soll er die Vernunft verlieren.“
Der Teufel: „Nun, was gilt’s, den will ich dir verführen?
Er soll, ein Edelstein, bald meine Krone zieren.
Ihm steckt bei alledem der Hegel noch im Kopf, io
Da fass’ ich ihn, gib acht, da fass’ ich ihn beim Schopf.“
Der Herr: „Wohlan, er sei dir blindlings überlassen!
Zieh’ diesen Gläubigen von seinem Heiland ab,
Und führ’ ihn, kannst du ihn mit deinem Trug erfassen,
Auf deinem Höllenweg hohnlachend mit hinab, is
Und steh’ beschämt, wenn du zuletzt gestehen mußt,
Ein Gläubiger, selbst im spekulativen Drange,
Ist sich des schmalen Wegs im Herzen stets bewußt.“
Da schrie der Teufel froh: „Wohlan, mir ist nicht bange,
Gib acht, den Bauer hast du nicht mehr allzulange!“ 20
Und mit des Sturmes Kraft fuhr er alsbald hinaus,
Erfüllend noch mit Qualm des Himmels strahlend Haus.
Indes der Teufel dort mit Gott dem Herrn verkehret,
Hat der Verdammten Schar sich in der Höll’ empöret.
Es tost der wilde Schwarm im Aufruhr fürchterlich, 25
Laut rufend mit Gebrüll: Wo bist du, Teufel sprich?
An ihrer Spitze schwingt zwei Feuerbränder Hegel
Und Voltaire hinterdrein mit feurigrotem Flegel,
Danton erhebt die Stimm’, es brüllet Edelmann,
Es ruft Napoleon: „Auf, Höllenbrut, voran!“ 30
So rasen durch die Glut des Abgrunds finst’re Geister,
So schnauben sie voll Wut und rufen nach dem Meister.
Da von des Himmels Höh’n stürzt eilends Er herab
In seine Feuerseen und in sein Flammengrab.
„Was ist, so ruft er laut, was wollt ihr, schnöde Rotten, 35
Wollt ihr des Teufels Zorn, des Teufels Macht verspotten?
Ist euch nicht heiß genug der Höllen Flammenglut,
Und tränk’ ich euch nicht satt in der Gerechten Blut?“
„Nein, nein, schreit Voltaire, nein, du tatenloser Teufel,
Hab’ ich darum gepflanzt, geheget stets den Zweifel, 40
Daß überall nun durch spekulative Nacht
Das Wort Philosophie wird in Verruf gebracht,
Daß mich Franzosen selbst, den Pfaffen glaubend, hassen —
Und das, du Teufel, das kannst du geschehen lassen?“
„Weshalb, spricht Danton, hab’ ich denn guillotiniert, 45
Der Triumph des Glaubens
257
Weshalb, statt Gottesdienst, Vemunftdienst eingeführt,
Wenn wieder Unsinn herrscht, aristokrat’sche Laffen
Ins Reich sich teilen mit den hirnverbrannten Pfaffen?“
Und Hegel, dem bisher der Grimm den Mund verschloß,
Urplötzlich fand das Wort, und hob sich riesengroß:
„Mein ganzes Leben weiht’ ich der Wissenschaft,
Den Atheismus lehrt’ ich mit ganzer Kraft,
Das Selbstbewußtsein hob zum Throne ich,
Gott zu bewältigen, glaubte schon ich.
10 Doch mich gebraucht nur törichter Mißverstand,
Und feige Geister haben mich umgewandt,
Den Unsinn aufzukonstruieren,
Knechteten schnöde das Spekulieren.
Und jetzt da endlich kühn sich erhob der Mann,
15 Der Strauß, der halb schon mich zu verstehn begann,
Als kaum nach Zürich er berufen,
Wies man ihn ab an der Aula Stufen.
0 Schmach, vom ganzen Kreise der Welt verbannt
Ist schon das Werkzeug, welches ich klug erfand,
Die Freiheitskämpferin, die kühne,
Wehe, verbannt ist die Guillotine!
Auf, sag’, o Teufel, hab’ ich umsonst gelebt?
Hab’ ich vergebens philosophiert, gestrebt?
Wird bald der Mann, der rechte, kommen,
25 Welcher es köpft, das Geschlecht der Frommen?“ —
Das hört der Teufel an mit hämisch-zartem Grinsen:
„Still, still, du treu’ster Knecht, und laß das eitle Plinsen.
Wie? Kennt ihr mich nicht mehr, den Teufel? Hört mich an:
Gefunden ist schon längst, gefunden ist der Mann!“
30 „Wer ist’s? Laß uns so lang nicht stehen auf der Lauer!“
So rufen all’. Und er: „Er heißet — Bruno Bauer!“
Es lacht die schnöde Schar. Sie wenden das Gesicht,
Und Hegel, zomentflammt, der wilde Hegel spricht:
[Wichte,
35 „Willst du spotten noch und höhnen, du verfluchtester der
Kann der Bauer denn uns helfen, der Vernunft nur macht
[zu nichte,
Der die Wissenschaft nur führet auf des Glaubens Hochge-
[richte?“
40 „0 Hegel, bist du blind,“ sprach d’rauf der Höllenfürste,
„Glaubst du, daß Bauer nur nach Glaubensäpfeln dürste?
Sein Durst ist viel zu groß, die machen ihn nicht satt,
Wer so gewaltig kämpft, der wird so leicht nicht matt.
Hüllt er sich jetzt noch in des Glaubens Bettlermantel,
45 Er wirft ihn ab: gib Acht, ich schließ’ mit ihm den Handel.“
Marx-Engels-Gesamtausgabe, I. Abt., Bd. 2. 17
258
Berlin 1841—1842.
Philosophische Pamphlete
„Ich beuge mich vor dir/6 sprach Hegel wieder froh,
Und d’rauf die ganze Schar erhob ein wild’ Hailoh.
Mit Jubel führte sie den Herrscher an die Schwelle,
Und dieser, siegbewußt, entschwebete der Hölle. —
In frommer Leute Haus, in düsterem Gemach, 5
Von Büchern rings umstellt, denkt Bruno Bauer nach,
Vor sich den Pentateuch, und hinter sich den Teufel,
Bannt ihn der Glaube vorn und hinten rupft der Zweifel:
„Schrieb Moses dieses Buch, ist echt es oder nicht?
0 daß Philosophie so selten deutlich spricht! 10
Da hab’ ich nun, weh mir, Phänomenologie,
Ästhetik, Logik und Metaphysik
Und leider auch Theologie
Durchaus studiert, nicht ohne Glück!
Heiße Doktor und Lizentiat, 15
Lese Collegia früh und spat,
Ich habe den Glauben spekulativ
Versöhnt mit dem absoluten Begriff,
Mir ist nichts dunkel, da ist kein Geheimnis,
Das ich nicht ergründet hätt’ ohne Säumnis, 20
Ich habe begriffen die Dogmen alle
Von Schöpfung, Erlösung und Sündenfalle,
Der Jungfrau wunderbare Empfängnis
Hab’ ich begriffen sonder Bängnis,
Den ganzen Kram — und mit all’ dem Zeugs 25
Läßt sich nicht beweisen die Echtheit des Pentateuchs.
Wer hilft in dieser Not, wer deutet, was mich quälet?
Wer reicht des Wissens Brot, ergänzet, was mir fehlet? —
Dort dies geheimnisvolle Buch,
Von des Philippus eigner Hand, 30
Ist mir es nicht Geleit genug
Durch dieser Zweifel labyrinth’sches Land?
Ich schlag’ es auf. Schon wird der Sinn mir hell,
Entgegenrauscht mir ein Kategorienquell.
Sieh’, wie sie auf- und niedersteigen 35
Und sich die goldnen Eimer reichen!
Ha, welch’ eine Höhe!
Vermittelt schon sehe
Ich Glauben und Wissen
In heiligen Küssen! 40
Tief unter mir die Mächte der Natur!
Welch’ Schauspiel, aber ach! ein Schauspiel nur!
Denn wird der Schleier mir gehoben,
Der um den Ursprung ist des Pentateuchs gewoben?
Philippe erscheine !“ 45
Der Triumph des Glaubens
259
Ein Schatten, dreigekrönt, tritt aus gespaltner Wand,
Und warnend hob er hoch empor die dürre Hand :
„0 Bauer,Bauer, falle nicht vom Pfad hinab,
Der dir in Hegels Logik vorgezeichnet ist!
5 Und wo in absoluter Klarheit der Begriff
Erstrahlt, da laß vorstellungsmäßig Denken nicht
Dem Geiste trotzen, welcher da die Freiheit ist.“ —
„Doch ist dies Buch denn echt, wie lösest du die Frage?
0 weiche mir nicht aus, o sprich, antworte, sage!“
io „Du gleichst dem Geist, den du begreifst; nicht mir!“
„Nicht dir? Verschwinde nicht, o laß dich halten, Freund!“
Er ruft’s, springt auf, und sieh’, da steht vor ihm der Feind.
„Haha haha haha haha haha haha !
Da steht der Theolog, da stehet er nun da!
15 Du bist doch sonst so klug, und hast noch nicht gesehn,
Daß man dich immer läßt ringsum im Kreise gehn?“
In wirrem Schrecken greift jetzt Bruno nach der Bibel.
„Pah,“ lacht der Teufel auf, „was soll die alte Fibel?
Pah, über solches Zeug sind wir schon längst hinaus,
2o Und dich, ich glaub’ es nicht, dich letzet solch’ ein Schmaus?
Wie? Glaubst du, wenn du hier in dumpfen Mauern steckest,
Wenn du aus krankem Hirn Kategorien heckest,
Wenn du das Wasser und das Feuer mischen willst,
Mit ekelem Gebräu den Geist, den durst’gen, stillst,
25 Den Geist, der frei sich sehnt, die Fesseln zu zersprengen,
Die ihn in schalen Dunst, in dumpfen Kerker zwängen, —
Dann glaubst dein Sehnen du gestillt mit solcher Qual?
Hat Hegel dich gelehrt, zusammen Berg und Tal
Zu bringen, Schwarz mit Weiß, und Feuersglut und Wasser?
so An Hegel denke jetzt, den kühnen Gotteshasser,
Der ohne Grübeln warf das Faktum über Bord,
Vor der Vernunft verwarf der Überliefrung Wort!“
„Was du, o Teufel, sagst, schön klingt es, eine Quelle
Des reinsten Himmelslichts, so scheint der Qualm der Hölle;
35 Doch mich verführst du nicht; die Spekulation,
Sie hat, o Teufel, längst auch dich begriffen schon.
Glaubst du, wo meinem Geist sich auf tut jedes Wesen,
Du seist allein verschont von dem Begriff gewesen?
Ich weiß, mit schönem Schein, mit gleissnerischem Wort
40 Betörst du uns zuerst, und reißest uns dann fort,
Versprichst uns freien Geist für unsre schönen Fakta,
Und führst uns dann ins Reich einseitiger Abstrakta.
Zu dem Extreme führt dein freier Geist mich hin,
Da ich nichts andres weiß und denk’, als daß ich bin.
45 Nicht jene kalte Höh’ kann mich, o Freund, betören,
17*
260 Berlin 1841—1842. Philosophische Pamphlete
Wo, was der Geist begreift, er einzig will zerstören.
Ein beutegier’ger Schlund, ein Moloch ist dein Geist,
Der seine Zähne stets dem Positiven weis’t.
Du siehst, ich kenne dich, ich kenne deine Fahrten,
Und was du mir gesagt, sind lauter Redensarten. 5
Schau hier den Pentateuch; faß’ ich ihn positiv,
Hab’ ich mit ihm zugleich des Judentums Begriff.“
Der Böse grinst und höhnt: „Ha ist es nicht zum Lachen?
Was alt und rostig ist, das willst du glänzend machen?
Wo man in Läusen nur des Herren Finger sieht,*) 10
Und wo des Hauses Bau den Herm im Himmel müht,**)
Wo Gottes Rufen man in allem will verspüren,
In Maß, Gewicht und Pfand,***) da willst du spekulieren?
Da mattest du dich ab, freudlos und ohne Ruh?
Versuch’s, wer stärker ist, der Glauben oder du! n
Hinauf! wo sich der Geist in seiner Herrschaft fühlet,
Wo nicht er, gleich dem Wurm, in altem Moder wühlet;
Dort thront er siegbewußt; vor seinem höchsten Recht
Beugt sich der Glaube tief, des Vorurteiles Knecht!“
„0 Teufel, was ich sonst in unbewachten Stunden 20
Zu denken kaum gewagt, du sprichst es ungebunden.
Ach! daß es mich ergreift, mich fesselt mit Gewalt,
Daß quälend jetzt der Ruf in meinem Innern schallt:
„Du hast umsonst gelebt!“
„Nur keine Zeit verloren, 25
Du brauchst zu wollen nur, und du bist neugeboren!“
„Doch was beginn’ ich nun?“
„Wie, glaubst du, daß du hier,
Im gläubigen Berlin, in diesem Sandrevier,
Zu jener Höhe kannst, zu jenem Frohsinn dringen, 30
Dem Glauben frank und frei ein Pereat zu bringen?
Ich führe dich nach Bonn zum stolzen grünen Rhein,
Da wasche dich vom Schlamm des Aberglaubens rein,
Da führ’ in Heiterkeit ein neues, schönes Leben
Im frischen Bunde mit dem treuen Saft der Reben; 35
Wo alles Atmen Sieg, wo frisch die Brust sich hebt,
Und wo der Freiheit Glut in allen Adern bebt!“ —
„Wohlan, ich folge dir!“ —
„Und wo in voller Klarheit
Aus stolzem Geisterkampf ersteht die reine Wahrheit; 40
Hoch auf den Trümmern dort von kühn zerstörten Schranken
Bau’ siegreich den Altar der freiesten Gedanken!“
*) 2. Mose 8,19.
•♦) 5. Mose 22,8.
♦♦♦) 5. Mose 25.
Der Triumph des Glaubens
261
Zweiter Gesang
O weh dir, Bonn, weh dir, frommste der Fakultäten,
Tu’ Buß’ in Asch’ und Sack, laß nimmer ab vom Beten!
Auf dem Katheder, wo nur Fromme sich gesetzt,
5 Lehrt durch des Teufels List der tolle Bauer jetzt.
Da steht er, schäumt vor Wut, ein Teufelchen im Nacken,
Ihn lehrend, wie er soll die Theologen packen.
Da heult er auf voll Grimm, ein wasserscheuer Hund,
Und also spricht der Feind durch Bauers Lästermund:
10 „0 laßt euch nimmer durch der Theologen Tücken,
Durch ihre Gleissnerei und Hinterlist berücken!
0 seht, wie sie den Sinn von jedem Wort verdrehn,
Wie sie auf bösem Pfad, im Dunkeln schleichend gehn;
0 seht die schmutz’ge Angst dieser Buchstabenknechte,
^5 Seht, wie sie selber stets sich schlagen im Gefechte!
Gesalbte Quälerei und Jesuitenlug,
Sophistik all’ ihr Tun und gleißend frommer Trug!
Dem Dorfschulmeister gleich, dem aus der Schul’ entlaufen
Die Kinder, draußen sich nach Lust und Kräften raufen,
20 Wie der mit seinem Stock jagt wütend hinterdrein,
Und jene vor ihm fliehn mit Lärmen, Spott und Schrein —
So auch der Theolog. Stets kommt er in die Brüche,
Gerät er zwischen des Grundtextes Widersprüche.
Seht, wie er zirkelt, dreht, drückt, dehnt, preßt, quetscht und mißt,
25 Was eben er gesagt, im Augenblick vergißt,
Seht, wie er kocht und braut in seiner dunst’gen Küche,
Bis endlich mit Geschrei entfliehn die Widersprüche!
Wie jagt er ihnen nach! Wie schreit er hinterdrein:
Wollt ihr wohl wieder her? Wollt ihr wohl artig sein!
30 Wie schwingt er zornentbrannt des Glaubens heil’gen Bakel,
Wie haut er mitten in den gottlosen Spektakel!
Wie er sie fängt und in den Hexenkessel drückt,
Bis vor dem argen Qualm die Armen sind erstickt!
So sind sie all’, so sind auch die Evangelisten,
35 So werden stets sie sein, so lang es gibt noch Christen!
Wie ein Evangelist den andern mißversteht,
Wie er sich windet, quält, den Sinn noch mehr verdreht,
Wie in des Widerspruchs unrettbarer Verwirrung
Er sich nicht helfen kann, und stets vermehrt die Irrung,
40 Wie er des andern Schrift zerstört, zerreißt, zerfetzt,
Und alle dem die Kron’ Johannes aufgesetzt;
0 seht —“ Da hielten sich die Gläubigen nicht länger:
„Hinaus das Lästermaul, hinaus, am Galgen häng er!
Hinaus mit ihm, dafür ist nicht der Lehrstuhl da,
262
Berlin 1841—1842.
Philosophische Pamphlete
Hinaus mit ihm, hinaus, hinaus, Halleluja!“
Doch andre schrie’n: „Hurra, hoch lebe Bruno Bauer,
Der freien Wissenschaft, des freien Denkens Mauer!
„Schweigt, fromme Heuchler, schweigt, sonst zeige Keilerei
Ob wirklich euer Gott ein starker Helfer sei!“ 5
„Hinaus den Lügner!“ schallt es von der rechten Seite,
„Hinaus die Gläubigen!“ schreit links die Frevlermeute.
„Schweigt, Atheisten, still“ — „Ihr frommen Schafe schweigt,
Eh’ euch der Böcke Schar die harten Hörner zeigt!“
„H i e r C h r i s t u s !“ — „B a u e r h i e r !“ — 10
Und mit gewalt’gem Rasseln
Hört man der Stöcke Wucht alsbald hemiederprasseln.
Die wilde Schlacht entbrennt, es hallt das Kampfgeschrei.
Man wirft die Pulte um, schlägt jede Bank entzwei ;
Aus Pulten bauen auf, zum Schutze vor den Christen, 15
Sich eine feste Burg die frechen Atheisten.
Als Bomben werfen sie, in dichter Schar vereint,
Die Dintenstecher all’, die Bibeln auf den Feind.
Vergebens stürmen an auf diese Burg die Frommen,
Der dritte Anlauf selbst hat sie nicht eingenommen. 20
Schon blutet manches Haupt, und mancher Fromme sank,
Durch Atheistenhand getroffen, auf die Bank;
Da wirft der Frevler Hand die Mauer selbst zur Erde,
Daß rein des Kampfes Feld endlich gefeget werde.
Sie stürzen schnaubend auf die Gottesstreiter los, 25
Die Frommen fliehn erschreckt vor diesem wilden Troß;
Das Feld ist rein. —
Es wogt die Flucht im Korridore,
Doch endlich steht die Schar der Frommen vor dem Tore.
Zur Hilfe schickt der Herr Pedelle jetzt herbei,
Es kommt der Rektor an, Senat und Klerisei.
Erst schlichten wollen sie, des Kampfes Ursach wissen;
Doch sind sie in den Strom alsbald hineingerissen.
Von neuem fürchterlich erbraus’t die wilde Schlacht;
Wie manch’ hohweises Haupt wird windelweich gemacht! 35
Wie mancher krumme Rücken wird hier gerad geschlagen!
Wie senkt sich manche Nase, die sonst so hoch getragen!
Die Luft verdunkelt sich vom ausgeklopften Staub,
Perücken fliegen rings, dem frechen Wind zum Raub,
Die Philosophen auch, die Herren Positiven, 40
Hei wie sie vor dem Stoß der Atheisten liefen!
Wie greifst du, kleiner Sohn des großen Fichte, aus!
Zu mager bist du doch zum Atheistenschmaus!
Wie wird Herm Brandis, seht, trotz seinem schnellen Jagen,
Aus seinem Rocke der Systemstaub ausgeschlagen! 45
Der Triumph des Glaubens
263
Was hilft es ihnen, daß sie H e g e 1 widerlegt,
Wenn Hegels wilde Brut so wütend auf sie schlägt?
Denn immer toller drängt der Atheisten Rotte,
Vor ihren Stöcken wird das Gottvertraun zum Spotte.
5 Doch nein, sein Auge wacht; denn in der höchsten Not,
Die seine Gläubigen mit ärgstem Schimpf bedroht,
Da sendet er, den Sieg der Bösen zu vereiteln,
Den stets getreuen Sack mit glattgekämmten Scheiteln.
So eben kommt er her vom Weinberge des Herrn:
io Am Kirchenhimmel glänzt sein graues Aug’ ein Stern.
Es ist die Nase sein des Glaubens starke Säule,
Es triefet stets sein Mund von Gottes Wort und Heile.
Ihn trägt die Eselsmaid, gar wunderbar beschweift;
Ihn kümmert nimmer, daß sein Fuß am Boden schleift.
15 Er hat mit Gottes Kraft den Bibeltext erfunden
Und ihn der Eselsmaid dicht an den Schwanz gebunden.
Gesenkten Hauptes sitzt er auf der Eselin,
Unmerkbar führt der Geist das Tier zum Kampfplatz hin.
Als er das Tosen hört, der Frechen Jubilieren,
2o Will er sein frommes Tier auf andre Wege führen.
Doch, die so folgsam sonst, die treue Eselsmaid,
Sieh’, wie sie bäumt und stockt und springt und setzt und scheut.
„Was hast du, Tierchen, denn? Was kommt dir in die Quere?
Gehorche meinem Zaum, sei folgsam doch und höre!“
25 Doch sie gehorchet nicht und klemmt ihn an die Wand;
Da faßt zum erstenmal ergrimmt den Stock die Hand.
Er schlägt und schlägt und schlägt, er schlägt und schlägt sie
Doch nimmer weicht das Tier, er fällt zur Erde nieder. [wieder,
Da öffnete der Herr der Eselin den Mund,
so Und seine Absicht tat sie dem Erstaunten kund:
„Was schlägst du? sieh’ den Geist, der mir den Weg versperret,
Der an dem Zaume mich zu jenem Kampfplatz zerret!
Wo ist dein alter Mut? Auf, stürz’ in jenen Streit,
Wo Atheistenwut der Gläub’gen Heer bedräut!
35 Tu’ auf dein Ohr, o Sack, und hör’ die sel’ge Kunde,
Die Gott dir offenbart aus deines Viehes Munde:
Sack hießest du bisher, und Beutel heiß hinfort,
So send’ ich, Beutel, dich, den Streit zu schlichten dort.“
Gen Himmel schauend, sprach der fromme Bruder Beutel:
40 „0 Herr, wie ist vor dir des Menschen Wissen eitel!
Die Tiere wählest du zu deinem Sprachrohr aus ;
Gehorsam deinem Ruf, stürz’ ich in Kampfesgraus.“
Er sprach’s und schnellgewandt eilt er zum Ort der Schrecken,
Den Matte, Blutende, Ohnmächtige bedecken.
45 Mit lautem Rufe sprengt der Kühne zwischen sie
264
Berlin 1841—1842.
Philosophische Pamphlete
Und singt den Friedenspsalm nach Himmelsmelodie.
Vor seinem Anblick stehn die Kämpfenden betroffen,
Doch BruderBeutel steht, und sieht den Himmel offen.
„Wie,66 ruft er, „an dem Ort, wo sonst nur Lobgesang
Und Glaubenswort ertönt, herrscht Haß, Neid, Mord, Sturm, 5
Ihr wollet, wo ich seh’ den Himmel sich zerteilen, [Drang?
Im Angesicht des Herm die Rücken euch zerkeilen?66
Der Frommen Herde lauscht, zieht schüchtern sich zurück,
Der Atheisten Schar lacht drein mit frechem Blick.
Und BruderBeutel sprach : „Hier unten Mord, Getümmel, 10
Doch oben ew’ge Ruh’ und Seligkeit im Himmel.
Ich seh’ die Cherubim um des Allmächt’gen Thron.
Ich seh’ das Gotteslamm, den eingebomen Sohn.
Ich seh’ die Herrlichkeit des Herren niederscheinen,
Ich seh’ die Engelein zum Loblied sich vereinen. 15
Ich seh’ — o Seligkeit! das Lamm tut auf den Mund,
Und tut den Willen sein mir, seinem Knechte, kund:
„ „Auf den ich sonst gehofft, Bruno, den Theologen,
Um den hat uns der Feind durch seine List betrogen.
Er, welcher betend sonst in seiner Klause saß, 20
Gibt jetzt mein heilig Wort den Gottlosen zum Fraß.
Ein wütend Mordgeschlecht hetzt er auf meine Frommen.
Sein Wille soll geschehn, der Fluch soll auf ihn kommen!
So sei denn du erwählt; zieh’ hin durch Berg und Tal,
Und sammle du zum Kampf die Gläubigen zumal! 25
Laß dich dein frommes Tier durch alle Lande tragen,
Und predige das Wort vom Kreuze sonder Zagen!
So zieh’ den Hamisch an, den Hamisch deines Herm,
Denn sieh’ des Kampfes Tag, der Tag ist nicht mehr fern.
Umgürte mit dem Gurt der Wahrheit deine Lenden, 30
Der Krebs der Rechtlichkeit soll dir Bewährung spenden.
Gestiefelt beide Bein’, marschfertig, zieh’ hinaus,
Lösch’ auf des Glaubens Schild die Höllenpfeile aus.
Setz’ auf den Helm des Heils, ihn trifft kein Schlag des Spottes,
Vor allem schwinge kühn das Schwert des Wortes Gottes!66 66 36
Ja, Herr, ich folge dir, es zieht hinaus dein Knecht,
Zu predigen das Wort dem sündigen Geschlecht!66
Zur Kirche war indes gewallt der Frommen Haufen,
Doch jene gingen hin, wie immer, um zu saufen.
Der BruderBeutel läßt sein Tier nun fürbaß gehn, 40
Und singt: „Ehre sei Gott, dem Herm in Himmelshöhn,
Den Menschen auf der Erd’ ein süßes Wohlgefallen!66
Und weithin höret man das fromme Liedlein schallen.
So zieht er selig fort und überläßt dem Tier,
Wohin es ihn des Wegs in Gottes Namen führ’. 45
Der Triumph des Glaubens
265
Indessen sitzen drei in Leipzig still zusammen,
Drei Männer, längst schon reif für Satans Höllenflammen.
Der wilde Ruge ist’s, der dort am Tische sitzt,
Das sorgenschwere Haupt auf breite Fäuste stützt.
5 Ein Recke wohlbeleibt, friedfertig anzuschauen,
Doch sind wie Schwerter scharf die kampfgewohnten Klauen.
Behaglich glaubst du ihn, dem Bierphilister gleich,
Doch trägt er in der Brust ein ganzes Höllenreich.
0 Ruge, lache nur, bald kommet das Gerichte,
io Da wird auch dir man ziehn die Maske vom Gesichte!
Der andre, welcher schaut ins Glas mit schnödem Trutz
Und Höllengreuel sinnt, das ist der grimme P r u t z.
Kein menschliches Gefühl drang je in seinen Busen,
Sein Denken und sein Tun, sein Fühlen sind Medusen.
a Den Unbefangnen sä’t sein gleißend glatter Reim
Ins unschuldvolle Herz des Atheismus Keim.
O P r u t z, o lache nur, bald kommet das Gerichte,
Da wird auch dir man ziehn die Maske vom Gesichte!
Der Dritte endlich dort, der sich den Schnurrbart streicht,
2o Der Blücher-Wigand ist’s, an Kniffen unerreicht,
Der Gotteslästrer nie ermüdender Verleger
Und durch sein Kapital der ganzen Rotte Träger.
Ha! lache, Wigand, nur, mit deinem Bart von Blücher,
Bald kommet das Gericht, du bist dem Teufel sicher!
25 Sie sitzen um den Tisch und sehn sich grollend an,
Und Wigand spricht: „Hab’ ich darum mein Geld vertan,
Und mußt’ ich darum bloß bis jetzt soviel bezahlen,
Daß man verbietet nun die Hallischen Annalen?“
„0 welche schlechte Zeit,66 spricht ArnoldRuge wild,
30 „Mit Mühe nur mein Blatt des Zensors Blutdurst stillt;
Zwei Drittel Manuskript, die muß er mind’stens haben,
Und dennoch wollen sie mein armes Blatt begraben!66
Und Prutz : „0 wehe mir, seit einem halben Jahr
Ließ mir der Zensor durch auch nicht ein einzig Haar!
35 Aushungern will man mich! Wird’s besser nicht, ihr Brüder,
So dicht’ ich, wie zuvor, beim Teufel! Liebeslieder.66
„Was soll man anders tun?66 spricht Ruge wild danach,
„Ich bin beschränkt schon auf den Musenalmanach.
Zum Teufel Hegelei! Den Busen mir zu schwellen,
40 Zieht süße Lieder ein, langweilige Novellen!66
„Und ich,66 fährt Wigand fort, „ich kriege M ü g g e n ’ran,
Nehm’ seinen neuesten vierbändigen Roman.
Komm’ an mein Herz, o komm’, sanftmüt’ge Belletristik,
Dich streicht der Zensor nicht, wie Hegelsche Sophistik.
45 Für deutsche Dichter jetzt breit’ ich den Fittich aus,
266
Berlin 1841—1842.
Philosophische Pamphlete
Kommt, Minnesänger, kommt, Bierfiedler, in mein Haus!
Gebt Brüder mir die Hand, wir ändern unsre Führung,
Wir werden jetzt loyal, es lebe die Regierung!66
Da tritt der Teufel ein: „Ihr jämmerlicher Schund!66
Fährt er die Freien an mit flammensprühndem Mund; 5
„Ist das der Heldenmut, das euer kühnes Wagen,
Vor eines Zensors Spruch, vor dem Verbot zu zagen?
0 schämen muß ich mich, daß ich auf euch vertraut,
Den Esel nicht erkannt in seiner Löwenhaut!
Ha, wartet! Kann ich euch erst in der Hölle packen, io
Wie will ich da mit Lust euch peinigen und placken!
Nein! das, du feiger Troß, das wäre mir zu klein:
Zum Himmel jag’ ich euch, zu Gott dem Herrn hinein!66
„So sei vernünftig doch!66 sagt Wigand ihm dagegen,
„Was fangen wir denn an? Führ’ uns auf bessern Wegen!66 15
„Ihr seid wie Ochsen dumm, der Teufel zornig spricht,
Ihr sehet ja den Wald vor lauter Bäumen nicht!
Bindet den Hallischen Annalen man die Hände,
So nennt ihr Deutsche sie, und alles ist zu Ende.
Und mir nur überlaßt die Sorge der Zensur, 20
Das findet alles sich, es gilt Courage nur!
Wer mit dem Teufel steht auf Du und Du im Bunde,
Der darf nicht feig entfliehn vor jedem Lumpenhunde!
Jetzt also fasset Mut! Ich muß noch weiter heut’,
Ihr wütet vor wie nach für die Gottlosigkeit!66 25
Er sprach es und verschwand. Da, wider alles Hoffen,
Tritt Bruder Beutel ein, und sieht den Himmel offen.
Ihn trägt die Eselin, die Gottes Sprachrohr ward,
Sie wird ihn tragen auch bei seiner Himmelfahrt.
Zum Himmel schaut er auf mit gottverzückten Blicken, 30
Und spricht: „0 Lästerschar, ich kenne deine Tücken!
So spricht der Herr dein Gott: Ihr seid des Teufels Brut,
Ihr dürstet immerdar nach der Gerechten Blut;
Noch einmal will ich euch durch meinen Knecht berufen,
Daß ihr euch demütigt vor meines Thrones Stufen. 35
Tut Buße, spricht der Herr! und kriecht vor mir in Staub,
Eh’ ihr hinfallt zuletzt dem Höllenfeu’r ein Raub.
So spricht der Herr dein Gott: Wollt ihr euch nicht bekehren,
So will ich euch im Bauch das Eingeweid zerstören ;
Zur süßen Speise geb’ ich dieses Schandgeschlecht, 40
Euch meinem Hengstenberg und Beuteln, meinem Knecht;
Es sei der Frommen Leib euch ein lebendig Grab!
So spricht der Herr dein Gott!66 — Und damit zog er ab.
Der Triumph des Glaubens
267
Dritter Gesang
Was seh’ ich! Wüst ein Heer, das ganz von Lästrung funkelt,
Ob sich bei seiner Schau die Sonne nicht verdunkelt?
Wer sind sie? Wie mit Hast sie kommen Mann für Mann!
5 Von Süden, Norden, Ost und Westen ziehn sie an.
Germaniens Auswurf ist’s; sie kommen, zu beraten
Und zu berauschen sich in neuen Freveltaten.
Schon fühlten sie die Hand des Herren über sich,
Schon maßen sie den Sturz, in den sie fürchterlich
10 Des Satans Kralle riß — schon wollten sie verzagen,
Den Atheismus schon zu allen Teufeln jagen —
Da scholl des Arnolds Ruf, er fordert alle Frei’n
Nach Bockenheim zusamt zu höllischem Verein:
„Auf, auf, ihr Freien all’! Was sitzt ihr an den Kunkeln,
Wenn die Romantiker die Welt ringsum verdunkeln?
Wenn die Reaktion sich reget, wenn verschmitzt
Der Wissenschaft schon halb sie in dem Nacken sitzt?
Der B a u e r ist bedroht; an wütige Zensoren
Geht, was ihr denkt und schreibt, zum größten Teil verloren ;
2o Drum, Freie allesamt, horcht meinem Manifest,
Vorausgesetzt daß es der Zensor drucken läßt:
Es ist jetzt hohe Zeit, daß wir als Diplomaten
Die heil’ge Allianz ernst im Kongreß beraten.
Seht ihr, wie sie sich müht, die hohe Polizei,
25 Zu tilgen überall das kleine Wörtchen frei ?
Wie der Gendarmerie das Gotteslamm sich eint,
Und gleichfalls nur zum Vieh herabzuwürd’gen meint?
Wohlauf, ihr Freien, denn zum schönen Bockenheim,
Dort pflanzen wir vereint der neuen Taten Keim!66
30 Kaum war das Manifest in alle Welt ergangen,
Welch’ fürchterlicher Drang, welch’ freventlich Verlangen
Erstand in frecher Brust, nach Bockenheim zu ziehn;
Die Frechsten sendete vor allen doch Berlin.
Schamlos ziehn sie daher, voran der breite Arnold,
35 Ihm nach in wilder Jagd ein wüster Zug von Narr’n tollt;
Weit übertraf er noch den Jakobinerklub,
Der hinter Arnold tost, der Atheistentrupp.
Siehst du den Köppen dort mit dem bebrillten Haupte,
Den gänzlich guten Mann — wenn’s Ruge nur erlaubte.
40 Doch Arnolds blinde Wut hat ganz ihn angesteckt:
An seine Seite hat den Degen er gesteckt,
Ein langes, rost’ges Ding, gleich einem Teufelsschwanze,
Umwedelt’s wunderbar die Waden ihm im Tanze.
Ihn zieren Epauletts, ein Rohr trägt seine Hand,
268 Berlin 1841—1842. Philosophische Pamphlete
Er braucht’s, den Wissensdrang der Jugend zornentbrannt
Herauszupauken. — Seht, ihm folgt der freie Maien —
Europa kennet ihn — er ist’s, an dem sich freuen
Der Bösen Böseste; gebomer Atheist,
Der schon seit Mutterleib täglich im Voltaire liest, 6
So hold, so zart, so klein — o arger Teufel Maien!
Wer sind die Rangen, die an deiner Seite schreien?
Weh’, deine Neffen sind’s! Auch sie verführest du?
Gleich mit Familie fährst du dem Teufel zu?
Doch der am weitsten links mit langen Beinen toset, io
Ist 0 s w a 1 d, grau berockt und pfefferfarb behoset,
Auch innen pfefferhaft, Oswald der Montagnard,
Der wurzelhafteste mit Haut und auch mit Haar.
Er spielt ein Instrument: das ist die Guillotine,
Auf ihr begleitet er stets eine Kavatine; w
Stets tönt das Höllenlied, laut brüllt er den Refrain:
Formez vos bataillons! aux armes, citoyens!
Wer raset neben ihm, bemuskelt wie ein Brauer?
Das ist der Blutdurst selbst, es ist der EdgarBauer.
Sein braunes Antlitz ist von Bartgesproß umwallt, 20
An Jahren ist er jung, an Listen ist er alt.
Von außen blaubefrackt, von innen schwarz und zottig,
Von außen Modemann, von innen sansculottig.
0 seht das Wunder, seht, sein Schatten selber trampst,
Sein arger Schatten, den er R a d g e zubenambst. 25
Seht S t i r n e r, seht ihn, den bedächt’gen Schrankenhasser,
Für jetzt noch trinkt er Bier, bald trinkt er Blut wie Wasser.
So wie die andern schrein ihr wild: à bas les rois!
Ergänzet S t i r ner gleich: à bas aussi les lois!
Es trippelt hinterher, die grünen Zähne weisend, 30
Mit ungekämmtem Haupt und vor der Zeit ergreisend,
Ein seifenscheuer und blutscheuer Patriot,
Von innen schmeidig-zart, von außen Sansculot.
Arnold der Wilde vom, der Atheisten-Czare,
Er schwingt an seinem Stock diverse Exemplare 35
Der Baltischen Annalen ; ihm folget ungezählt
Der Schwarm, den Satan sich zum Fraß hat auserwählt.
Kaum sind zur Stelle sie, da tost heran der Bauer,
Gehüllt in Qualm und Dampf und Höllenregenschauer.
Er rast im grünen Rock, ein schmaler Bösewicht, 40
Den Höllensohn verrät das lauernde Gesicht.
Er schwingt die Fahne hoch, daß rings die Funken flogen
Von seiner Schmachkritik der Bibel einen Bogen.
Wer jaget hinterdrein mit wildem Ungestüm?
Ein schwarzer Kerl aus T r i e r, ein markhaft Ungetüm. 43
Der Triumph des Glaubens
269
Er gèhet, hüpfet nicht, er springet auf den Hacken
Und raset voller Wut, und gleich, als wollt’ er packen
Das weite Himmelszelt, und zu der Erde ziehn,
Streckt er die Arme sein weit in die Lüfte hin.
5 Geballt die böse Faust, so tobt er sonder Rasten,
Als wenn ihn bei dem Schopf zehntausend Teufel faßten.
Patriziermäß’gen Gangs ein Jüngling folgt aus Köln,
Zum Himmelreich zu arg, zu fein dem Schlund der Höll’n.
Aristokrate halb, und halb ein Sansculote,
10 Ein feiner reicher Herr mit faltigem Jabote;
Doch seine Seele zählt der argen Falten mehr,
In seiner Tasche sitzt ein ganzes Teufelsheer
Mit goldigem Gesicht. Und Rtg, der schnöde,
Er baumelt hinterher, mit seiner Faust nicht blöde.
15 Aus seinem Munde steigt ein ewig gleicher Rauch,
Ein Höllentabaksqualm — das ist sein schnöder Brauch.
Wenn in dem Munde hängt die ellenlange Pfeife,
Er nimmt sie nur heraus, zu keifen sein Gekeife.
Doch wer von Süden dort kommt mutterseelallein,
20 Verschmähend jeden Trost, er selber ein Verein,
Er selbst ein ganzes Heer von frechen Atheisten,
Er selbst ein ganzer Schatz von argen Teufelslisten,
Er selbst ein ganzer Strom von Lästerung und Schmach,
Es ist, hilf Sankt Johann! — der grause Feuerbach.
25 Er rast und springet nicht, er schwebet in den Lüften,
Ein grauses Meteor, umwallt von Höllendüften.
In seiner einen Hand den blinkenden Pokal,
Und in der anderen des Brotes labend Mahl,
Sitzt bis zum Nabel er in einem Muschelbecken,
30 Den neuen Gottesdienst der Frechen zu entdecken.
Das Fressen, Saufen und das Baden, sagt er frei,
Daß dies die Wahrheit nur der Sakramente sei.
Ein Hoch empfänget ihn, ein Brüllen, Jubilieren;
Man muß ihn auch sogleich in eine Kneipe führen.
35 Ein Durcheinanderschrein, ein Toben fängt hier an,
Daß keiner in dem Saus zu Worte kommen kann.
Sie sitzen nimmer still, sie schwirren, drängen, schieben,
Vom bösen Geiste stets im Kreis herumgetrieben.
Es läßt sie nimmer ruhn des Stillstands toller Haß,
40 Zur Ordnung schreiet man umsonst ohn’ Unterlaß.
Da faßte wilder Grimm den gänzlich guten Köppen,
Den ordnungsfrohen Mann: „Bin ich in wilden Steppen?
Ihr roher Hordenschwarm, vergeßt ihr immerdar,
Was von der Reis’ hieher der erste Anlaß war?
45 0 Arnold, treuer Hort, heb’ an das Disputieren,
270
Berlin 1841—1842.
Philosophische Pamphlete
0 sage, willst du uns zu gutem Ausweg führen?66
Oswald und Edgar schrein in brüllendem Verein:
„Hört, hört! Genug, genug das ordnungslose Schrein!66
Still ward es alsobald, und Arnold, der indessen
Ganz in Harmlosigkeit drei Beefsteaks auf gegessen, 5
Den letzten Bissen noch würgt’ er in seinen Schlund,
Da öffnet’ er alsbald zum Reden seinen Mund :
„Ha, welch’ treffliche Schau rings im Verein! Freie zum Kampf
[bereit
Und zu gehn in den Tod, immer am Platz, wenn’s die Idee 10
[gebeut.
Seht, die Reaktion hält uns am Schopf, wie mit dem Stock sie
[dräut;
Doch sie bändigt uns nicht, wenn ihr, oh Freund’, einig und
[tapfer seid.66 15
Nicht länger lassen ihn Oswald und Edgar reden,
Sie springen auf den Tisch und brüllen laut die Beeden:
„Der Worte haben wir genug von dir, Ruge,
Gehört; wir wollen heut’ mit Kraft und Mark: Taten!66
Ein wildes Bravo schallt, ein Echo, schlechtberaten, 20
Es brüllte stets und stets: „Ha, Taten, Taten, Taten!66
Und spöttisch lächelnd rief der Arnold nun darein:
„Unsere Taten sind nur Worte bis jetzt und noch lange,
Hinter die Abstraktion stellt sich die Praxis von selbst.66
Indessen hatten schon die beiden wilden Schreier 25
Gehoben auf den Stuhl in ihrem Tatenfeuer
Den tollen Bruno; seht, es reiht sich eine Schar
Um sie, man hebt ihn hoch, da schwebt er gleich dem Aar.
Seht, wie die wilde Brunst in seinen Augen funkelt,
Wie Zornesfaltenwurf die ganze Stirn verdunkelt. 30
Hört, wie es brüllend rast. — Doch gegenüber, weh!
Das schwarze Ungetüm erklettert R t g.
Hört, wie er brüllt und tost ! Hört wie sie beide brüllen :
„Wie lange willst du uns den Durst mit Worten stillen?66
Bauer : „Siehst du, Verblendeter, 35
Siehst du die Frommen,
Ha, wie sie kommen!66
Ungetüm: „Ihr frommes Heer
Wächst mehr und mehr.66
Bauer: „Beutel zieht um,
Verwirrt das Publikum.66
Ungetüm : „Gott Vater soll schon längst daran denken,
Der Erd’ einen neuen Messias zu schenken.66
Bauer: „Nicht Ein Lamm macht uns jetzt Beschwerde,
Uns dränget von Lämmern ’ne ganze Herde.66 &
Der Triumph des Glaubens
271
Ungetüm: „Der heil’ge Geist
In tausend Gestalten auf Erden reist.“
Beide: „Uns plaget nicht bloß die Dreieinigkeit,
Auch der Polizei und des Glaubens Zweieinigkeit.“
5 Ungetüm: „Wenn sie nicht feiern,
Wollen wir leiern?“
Bauer: „Sie nehmen die Waffen,
Wir sollen nun gaffen?“
Schon rief man hier und dort: „Wir sind zum Kampf bereit!“
10 Durch Feuerbach entbrennt jedoch ein neuer Streit.
Er schrie: „Was sollen wir so lange denn beraten,
Wenn jemand Taten will, so tu’ er selber Taten!
Sein eigner Helfer steht für sich der freie Mann,
Und was er immer tut, hab’ er allein getan!“
15 Seht, Köppen stehet auf, es leuchtet seine Brille,
Vor seinem Jovishaupt sind rings die Freien stille:
„Was hast, oFeuerbach,du gegen den Verein?
Es wird der Unordnung gewehrt durch ihn allein;
Des Fortschritts Strom wird dann in Ruhe sich ergießen,
2o Und, was das Beste ist, kein Tröpfchen Blut wird fließen!“
Edgar und Oswald schrein: „Verfluchter Girondist,
Kraftloser Schwärmer, geh’, du bist kein Atheist!“
Doch S t i r n e r würdevoll: „Wer bindet ihm den Willen?
Wer will hier ein Gesetz auf drängen uns durch Brüllen?
25 Den Willen bindet ihr, ihr wagt’s und nennt euch frei,
Wie seid ihr eingelebt noch in die Sklaverei!
Weg Satzung, weg Gesetz!“ — Schon war durch diese Irrung
Der höllische Kongreß in völliger Verwirrung,
Da teilet sich das Dach, und Blücher-Wigand schießt
30 Hemieder in den Saal auf eignem Flieggeriist;
Er ritt, o Teufelsspuk! hoch auf papiernem Drachen.
„Was“, ruft energisch er, „wollt ihr für Streiche machen?
Hier seht mich fahren
Auf Exemplaren
35 Der Deutschen Jahrbücher,
Die ich mir geklebt,
Die ich mir gewebt,
Ich, euer Blücher!
Wenn sie mich durch die Lüfte tragen,
io Wollt ihr verzagen?
Wehe, wehe!
Frankfurts Nähe,
Gibt sie gutes Beispiel nicht?
Dort ist Einigkeit und Stille,
45 Und der Allerhöchsten Wille
272
Berlin 1841—1842.
Philosophische Pamphlete
Ist den Hohen und den Höchsten,
Ist den Kleinen und den Kleinsten
Leitstern, Überzeugung, Licht!
Wehte — wehe! —
Frankfurts Nähe 5
Euch herüber schlechten Wind?
Kann der Freie nicht bestehen,
Wo des Bundes Winde wehen?
Nun, so folget mir geschwind!
Nach Leipzig laßt uns ziehn, dort hab’ ich aufgetürmt 10
Die schönsten Batterien, die nie ein Frommer stürmt.
Das Haus, in dem ich sonst mit Hegelei gehandelt,
In eine feste Burg ist es jetzt umgewandelt.
ImGutenberge dann, in Leipzig sammelt euch,
Das Zentrum des Verlags sei Zentrum auch vom Reich.66 15
„Ja, auf nach Leipzig hin!66 so schallt’s von allen Seiten,
„Dort sei der Mittelpunkt für das vereinte Streiten.66
Und alle brechen auf, und Wigand schwebt voran,
Und nur der Feuerbach zieht einsam seine Bahn.
Doch fort von dieser Schau, mir winken Friedentale, 20
Mir winkt die Stadt des Herrn, winkt Halle an der Saale.
0 sel’ge Stadt, getreu bestehst du vor dem Herm!
Des Teufels List zum Trotz strahlt heller stets dein Stern,
Dir tut die Jauche nichts, die Ruge ausgeeitert,
All’ seine Pläne sind an deiner Treu’ gescheitert! 25
Drum zog er wütend ab, und kehret nicht zurück ;
0 danke, Stadt, dem Herm für solchen Sieg und Glück!
Und sieh’, die Gläubigen, die Auserwählten alle
Versammeln sich zu Lob und Preis mit süßem Schalle.
0 sieh’, welch’ feine Schar! sieh’ jenen Schuster vom, 30
Sein hektisch dürrer Leib ist ihm der Andacht Sporn.
Sieh’ dort den Schenkwirt an des Mäßigkeitsvereines,
Er schenkt euch aus fürs Geld Trinkwasser, klares, reines.
Der Friede Gottes hellt sein Vollmondsangesicht —
0 sehet, was vermag ein fester Glaube nicht! 35
Seht jenes Mütterchen, die Sünde beugt sie nieder,
Doch Seligkeit durchstrahlt die abgestorbnen Glieder.
Sie singt ein geistlich Lied mit lieblichem Gekreisch,
Und kreuzigt Tag und Nacht ihr ausgedörrtes Fleisch.
Und seht, o sehet hier des Saalenstrandes Leuen, 40
An dessen Glaubenskraft sich Gottes Engel freuen.
Im Glauben griff er an der Hegelinge Schar,
Im Glauben schützte er den Thron und den Altar,
Im Glauben hat er die gottlose Weltgeschichte
Verbessert, umgewandt, verklärt im Himmelslichte. 45
Der Triumph des Glaubens
273
0, komm’, du treue Schar, geh’ in das Kämmerlein
Und singe deinem Gott ein Loblied zart und fein!
0 hört, wie liebelich das Liedelein erschallet,
Gleich Opferrauch empor zum Thron der Gnaden wallet:
5 „0 Herr, wir sind vor dir ein Aas,
Ein Pestgestank, ein Rabenfraß,
Im Schinderloch der Sünden!
Wir sind von Mutterleib grundschlecht,
Zertritt uns, so geschieht uns recht
io Für unsre argen Sünden!
Wenn auch, dennoch hast du gnädig
Uns entledigt
Von dem Krebs, der uns beschädigt.
Du läßt uns in den Himmel ein
15 Zu deinen lieben Engelein
Und wäschest uns vom Schlamme.
Du hast den Bösen weggejagt,
Der uns stets Unruh’ hat gebracht,
Friß ihn, und ihn verdamme!
2o Glühend, sprühend in der Hölle
Schlimmster Stelle
Laß ihn braten
Für die schnöden Sündentaten!66
Der Schuster stellet sich, o sieh’, auf einen Stuhl,
25 Und predigt schrecklich laut vom Höllenschwefelpfuhl :
„Seht ihr den grausen Schlund, der qualmend sich ergießet,
Der Schwefel, Pech und Feu’r auf alle Lande gießet!
Seht, wie er kocht und braut und lauter Teufel speit,
Zu fressen, zu verzehr’n die ganze Christenheit!
io Seht, wie er weithin streut der Hölle schwarzen Samen!
Groß ist der Herr, dein Gott, die Welt geht unter. Amen.66
„Ja wahrlich, also ist’s,66 so ruft der Leu begeistert,
„Die Teufel ziehen nackt, selbst nicht die Scham verkleistert.
Die große Hure kommt vom schnöden Babylon,
35 Die Göttin der Vernunft, die Revolution!
Bauer ist Robespierre, und Danton lebt in Ruge,
Marat ist Feuerbach,o daß ihn Gott verfluche!
Drum nehmet, Gläubige, der Zeiten wohl in Acht!
Es kommt der Tag des Herrn, o betet, betet, wacht!66
io Er sprach’s, und siehe da — und alle stehn betroffen
Tritt BruderBeutel ein und sieht den Himmel offen.
Ihn trägt die Eselin, die Gottes Sprachrohr ward,
Sie wird ihn tragen auch bei seiner Himmelfahrt.
Zum Himmel schaut er auf mit Gottvertraun und Stärke
45 Und spricht: „0 fromme Schar, ich kenne deine Werke.
Marx-Engels-Gesamtausgabe, I. Abt., Bd. 2. 18
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Berlin 1841—1842.
Philosophische Pamphlete
So spricht der Herr, dein Gott: Gehorchet meinem Knecht,
Den ich erwählt, mein Heer zu führen ins Gefecht.
Gehorchet ihm, gehorcht, gehorchet Bruder Beuteln,
Er wird des Teufels List und Trug und Macht vereiteln.
So spricht der Herr; und ich fiel demutsvoll aufs Knie, 5
Und sprach: Du rufst, o Herr, ich folge dir und zieh'.
So zog ich mutig aus, das Wort des Herm zu kündigen,
Das angenehme Jahr des Herm der Welt, der sündigen.
Und in die Schlösser ging ich, in die reichen, hin
Zu vornehmem Geschlecht, zu Fürst und Königin. 10
Doch dies Geschlecht, das stets nach ird’schen Gütern trachtet,
Nach eitler Ehre geizt, hat mich geschmäht, verachtet.
Sie saßen um den Tisch in wilder Völlerei,
Genossen Augenlust und Fleischeslust dabei.
Da ging ich fort, den Staub von meinen Füßen schüttelnd, 15
Doch zu mir sprach der Herr, mich nachts vom Schlafe rüttelnd:
„„Gehn nicht zum Himmelreich die Reichen ein so schwer,
Als ein Kamel du machst gehn durch eine Nadelöhr?
Wie steht geschrieben? Geh’ hinaus auf die Landstraßen,
Die Armen führe her, die Blinden von den Gassen, 20
Die Krüppel, Lahmen laß herein zum Abendmahl,
Die an den Zäunen stehn, ruf’ an mit lautem Schall.
Da sind die wahren Leut’, das ist der Kem des Heeres,
So geh’ und sammle sie, wirb Knechte und vermehr’ es!“ “
So sprach der Herr, und ich, ich komme alsogleich, 25
Gehorsam seinem Wort, ihr Gläubigen, zu euch.
Gehorcht dem Ruf des Herm, bald wird der Morgen tagen,
Wo mit dem Teufel wird die große Schlacht geschlagen.
Die Freien scharen sich, gen Leipzig zieht ihr Heer,
Und Blücher-Wigands Haus ist ihnen feste Wehr. 30
Dort hinter Ballen stehn und Büchern sie verschanzet,
Dort wird der Kampfestanz, der heil’ge Tanz getanzet.
Hier gilt Beständigkeit und starker Mut im Sturm,
Daß wir einnehmen bald der argen Frevler Turm.
So schart euch, Brüder, denn, seid stark in Lieb’ und Hoffen, 33
Am Glauben haltet fest! Ich seh’ den Himmel offen.
Der Glauben ist das A und auch das Omega,
Im Glauben bist du groß, Halle, Halleluja!
Im Glauben hat die Maid den Gottessohn empfangen,
Im Glauben spie der Fisch den Jonas aus, den bangen. &
Im Glauben tat der Herr das Evangelium kund,
Im Glauben sprach zu mir der Herr durch Eselsmund.
Im Glauben sah das Licht der Blinde wider Hoffen,
Im Glauben blick’ ich auf und seh’ den Himmel offen.
Im Glauben ruf’ ich laut: credo ut intelligam, 45
Der Triumph des Glaubens
275
Im Glauben halt’ ich fest am rauhen Kreuzesstamm.
Im Glauben ist mein Tim, im Glauben ist mein Hoffen,
Im Glauben blick’ ich auf und seh’ den Himmel offen:
Und zu mir spricht der Herr: „Laß meinen Knecht, den Leu’n,
5 Non der Hallenser Schar den kühnen Hauptmann sein.
Durchziehe Land und Stadt, geh’ ein in alle Burgen
Und wirb Soldaten an und Kompaniechirurgen.
Und ruhe nimmer aus, bei Tage wie bei Nacht,
Daß bald der Frommen Heer zusammen sei gebracht.
10 So spricht der Herr, dein Gott, so sei’s mein Hort und Hoffen!
Lebt wohl, ihr Brüder lieb, ich seh’ den Himmel offen!“ —
Vierter Gesang
Was seh’ ich ! Sankt Johann, erleuchte meine Blicke,
Daß deiner Dichterei Gewalt mich schier verzücke;
x Der mit geweihtem Aug’ den Engel Michael
Im Drachenkampfe schaut’, o läutre meine Seel’!
Was seh’ ich! Ha, er naht, er naht, der Tag des Richtens,
Der Tag der letzten Schlacht, der Tag naht des Vernichtens!
Was seh’ ich! Ein Gewölk, das rings des Himmels Kreis
^o Umzog, es steigt herauf, erst sacht’, erst schmeichelnd-leis’;
Doch plötzlich, wie der Leu, voll Gier nach seiner Beute,
Rast es gewaltig an. Die ganze Höllenmeute
Zischt durch der Wolken Dunst; mit feuerglüh’ndem Schwanz
Zerpeitschen sie die Luft; in wildem Hexentanz
s* Drehn sie sich ruhelos, in rasend gier’gem Brüllen
Versuchen sie die Wut, die sie durchkocht, zu stillen.
Was seh’ ich! Schandgeschlecht, sind dein des Himmels Höh’n,
Und darfst du ungestraft auf Gottes Pfaden gehn?
In eurer Hand der Blitz, in eurer Macht der Donner?
30 Doch, ich versteh’, es führt voll Wildheit euch der Bonner!
Doch sieh’, die Gnad’ des Herm ist ewig wachsam da,
Und alles endiget mit einem Gloria.
Da kommen sie heran, die wutentbrannten Freien,
Bald, bald wird ihren Stolz der Herr mit Macht zerstreuen.
33 Da brausen sie heran, und Wigand schwebt vorauf,
Die andern hinterdrein mit Brüllen und Geschnauf.
Nach Leipzig führt er sie; zu einem Platz der Waffen
Hat er den „G u t e n b e r g“ in Eile umgeschaffen.
Von Ballen aufgetürmt, prangt manche Bastion,
40 Wallgang und Graben ist des Sturms gewärtig schon.
Von Bauers Schriften sind getürmt vier Raveline,
Wohl mit Geschütz versehn, zu decken die Courtine.
18*
276
Berlin 1841—1842.
Philosophische Pamphlete
Von Köppens „Fried er ich“ liegt dort manch Exemplar,
Manch Blatt Annalen auch von längstvergangnem Jahr.
Posaune, Feuerbach, geschnürt in schwere Ballen,
Ziehn sich in langen Reihn, die Festung zu umwallen.
Als span’scher Reiter liegt dort Ruges „Novellist“, 5
Zum Schweißabtrocknen der „verhallertePietist“.
Zum Rückzug bleibt das Haus, dies kleine Stückchen Hölle,
Das jetzt verwandelt in die stärkste Zitadelle.
Die Fenster sind verbaut, die Tür barrikadiert,
Und die Munition hart unters Dach geführt, 10
Daß, kommt der Frommen Schar, die Schanzen einzureißen,
Die Frei’n von oben her ihnen den Kopf zerschmeißen.
Sie ziehen mit Gebrüll und wildem Jubel ein,
Und auf die Bastions verteilen sich die Frei’n.
Von Halle rückten an die frommen Gottesstreiter, 15
Zum Stürmen trugen sie des Jakob Himmelsleiter.
Die Feuersäule wogt als Fahne stolz voran,
Die Büsche brannten hell auf ihrer nächt’gen Bahn.
0, wär’ ich stark genug, der Frommen Zug zu malen
Und ihn mit heil’gem Glanz gar köstlich zu umstrahlen! 20
Die erste Reihe führt der grimmig stolze Leu;
Er schreitet kühn daher und schwinget sonder Scheu’
Fünf Bände Weltgeschicht’ in seinen frommen Fäusten;
Sonst ist er waffenlos; der Glaube muß ihm leisten,
Was aller Übermut und Selbstvertrau’n nicht kann. 25
Die zweite Reihe führt ein wahrer Gottesmann,
Die Frommen nennen ihn Herr Juliusvan der Sünden;
Ihr könnt am lieben Mann nicht Eine Waffe finden;
Er schlägt die Freien bloß durch seine Gegenwart,
Drum hatten sich um ihn die Gläubigsten geschart, 30
Und ihre Waffe war das Beten nur und Singen,
Denn wenn von weitem nur des Himmelssanges Klingen
Die Freien angehört, sie laufen meilenweit. —
Bonn sendet Kämpen auch, viel tapfre, zu dem Streit,
Sie führet Bruder Nichts; und andre ziehn von Schwaben, 35
Der „Christenbote“ schwebt als Fahne hoch erhaben.
Die Bremer führt zum Kampf der tapfre Mallet hin,
Es führet Hengstenberg die Frommen von Berlin.
Auch ihr, die ihr den Strauß von Zürich fortgejaget,
Es führet euch zum Kampf der Hirzel unverzaget, 40
Der Pfaff von Pfäffikon. Auch Basler ziehn heran.
Du kommst vom Wuppertal, Krummacher, Gottesmann.
Die Scharen sammeln sich auf Leipzigs weiten Plätzen;
Da höret man von fern zu lieblichem Ergötzen,
Erbaulichen Gesang, der zu dem Herzen dringt; 45
Ruge bei den Berliner „Freien“. Karikatur von Engels
Tafel VI
Der Triumph des Glaubens
277
Und alle fragen sich: Wer ist es, der da singt?
Sieh’, auf der Eselin — und alle stehn betroffen —
Naht Bruder Beutel sich und sieht den Himmel offen.
Sein Sang ertönt: „Hie Schwert des Herm und Gideon,
Auf, Brüder, sehet dort des Teufels Schanzen schon!
Wie fürchterlich sich auch der Höllen Pforten türmen,
Hinauf in Gottvertraun! Der Glaube wird sie stürmen!66
Und sieh’, die Eselin sprengt auf die Schanzen ein,
Die Schar der Gläubigen eilt singend hinterdrein.
10 0 welch’ ein wilder Sturm! Verzagt, ihr Lästermäuler,
Und heult zum Teufel nun, ihr gottvergess’nen Heuler!
Sieh’, Bruder Beutel fliegt hinan den stolzen Wall;
Es führet Hengstenberg zum Kampf der Gläub’gen Schwall.
Doch drinnen ordnet an den Widerstand der Teufel,
Gibt guten Rat zur Schlacht und scheuchet feige Zweifel.
Seht, Blücher-Wigand steht hoch auf dem Ravelin,
Von Maien unterstützt, seht, wie sie Feuer sprühn;
Seht Stirner, wie er wirft mit ganzen Bücherballen,
Daß scharenweis betäubt die Frommen niederfallen;
20 Seht Arnold auf dem Wall, wie er gewaltig ficht,
Wie er den Gläub’gen wirft Jahrbücher ins Gesicht;
Seht, wie in erster Reih’, hoch auf der Büchermauer,
Wild die Posaune schwingt der tolle Bruno Bauer;
Seht, wie aus sichrem Ort, wo ihn kein Wurf bedroht,
25 Broschüren rücklings wirft ins Feld der Patriot;
Wie Köppen wütend ficht mit seinem Krötenspieße,
Und dennoch menschlich sorgt, daß er kein Blut vergieße ;
Wie streitet Edgar wild mit Brauerskraft und Mut,
Wie färbt der Pfefferrock Oswalds sich rot von Blut!
3o 0 seht die Kölner Schar! Im Kampf ist ausgegangen
Die Pfeife Rtg’s, doch das macht ihm kein Bangen,
Er faßt sie umgekehrt am langen, schwanken Schlauch,
Und schwenkt den Wassersack den Frommen um den Bauch.
Der Jüngling schleudert grimm Goldteufel rings hernieder,
35 Es rast das Ungetüm und reckt zum Kampf die Glieder.
Doch immer mut’ger vor das fromme Häuflein dringt
Und immer herrlicher das Halleluja klingt.
Seht, wie den Wigand faßt auf seinem Bücherberg
Am langen blonden Bart der fromme Hengstenberg;
40 Seht, wie er wütend hat den Bart ihm ausgerissen,
Und in den grausen Kot Wigand herabgeschmissen;
Seht, Arnold ist bedrängt und Edgar hart bedroht,
Ins Haus flieht Köppen schon, mit ihm der Patriot.
Halb eingerissen ist die stolze Büchermauer,
45 Doch immer wütend kämpft allein der tolle Bauer.
278
Berlin 1841—1842.
Philosophische Pamphlete
Auf BruderBeuteln fliegt von seiner Hand herab
Ein ganzer Ballen jetzt und wird des Frommen Grab.
Es wankt von seinem Schlag Herr Julius van der Sünden.
Da trotzet HallesLeu den wilden Höllenschlünden.
Ein Simson, reißt er ein den stolzen Festungswall, *
Er stürzt, und Bauer, seht, auch Bauer kommt zu Fall!
Da liegt er, eingepreßt von seinen eignen Ballen, —
Ha, wie die Gläub’gen ihn lobsingend überfallen!
Seht, Bruder Beutel rafft sich von der Erd’ empor
Und fasset siegesfroh des tollen Bauer Ohr, m
Und spricht: „0 Gläubige, der Herr erfüllt mein Hoffen,
Der Herr ist unser Hort, ich seh’ den Himmel offen!
Zum Kampfe, fort zum Kampf! 0 laßt den Bauer mir;
Derweil ihr jene schlagt, bewach’ ich diesen hier.“
Sie binden Bauer rasch und stürzen singend weiter, 25
Und setzen an das Haus zum Sturm die Jakobsleiter.
Es wankt der Gutenberg, es kracht die Türe schon,
Schon geht den Freien aus oben die Munition,
Schon ringt der Patriot verzweiflungsvoll die Hände,
Schon ist durch einen Wurf gelähmet Arnolds Lende, 20
Schon blutet Maien stark aus Nasenloch und Mund,
Da eilt der Teufel fort voll Angst zum Höllenschlund.
Mit grausigem Geheul flieht er in seine Tiefen,
Hei, wie die Bösen da in Angst zusammenliefen!
Sie fragen, lästern, dröhn, und er in grimmem Zagen: 23
„0 Schmach, die Freien sind vom frommen Heer geschlagen!
Nichts half mein Spott und Hohn, nichts half mein Pestgestank;
Weh’, sie besiegten mich mit himmlischem Gesang!
W i g a n d ist ohne Bart, gefangen ist der Bauer,
Genommen ist mit Sturm der Bücherballen Mauer!“ 30
Hei, wie von Angstgebrüll der Höllen Tiefe dröhnt!
Hei, wie vor grausem Schmerz der wilde Hegel stöhnt!
Doch hat sich kaum erholt der Schwarm vom ersten Schrecken,
Erheben Schimpf und Drohn die tollen Höllenrecken;
In Aufruhr tosen sie. „Du willst ein Teufel sein, 35
Und läßt uns das geschehn?“ schreit Hegel wild darein.
„Wo war dein Schwefeldampf, wo war dein Brand und Feuer?
Vor einem Amen fliehst du, feiges Ungeheuer?
Wir sehen, ach, zu spät! vor Alter bist du schwach,
Nur Kindern läufst du noch und alten Vetteln nach. 49
Auf! rasches Handeln hilft, nicht weichliches Geplärre.
Hier, Danton! Voltaire, auf! Und du, Robespierre!
Nur ihr könnt helfen hier, die ihr gewallt auf Erden;
Zum Himmel mit dem Teufel! Wir müssen Teufel werden!
Stets kraftlos ist und bleibt das mythische Geschmeiß, 45
Der Triumph des Glaubens
279
Selbst tausendjähr’ger Brand macht nicht die Feigen heiß.
Auf, Bruder Marat! Wir, die Menschen einst gewesen,
Wir müssen einen Mann zum Führer auserlesen.
Der Teufel ist und bleibt nur mythische Person,
5 Und er ist unser Feind, wie jeder Himmelssohn.
Hinauf, hinauf zum Sieg!“ — Hei, wie in tollem Rasen
Sie aus der Hölle fliehn, die blutgewohnten Äsen!
An ihrer Spitze schwingt zwei Feuerbränder Hegel,
Und Voltaire hinter ihm mit feurigrotem Flegel,
w Danton erhebt die Stimm’, es brüllet Edelmann,
Es ruft Napoleon: „Auf, Höllenbrut, voran!“
Marat, in jeder Hand zwei borst’ge Höllenkinder,
Schon lechzet er nach Blut, der wüste Menschenschinder.
Robespierre saust, von Grimme zuckt sein Mund —
15 Weh’! diese wilde Schar speit aus der Höllenschlund.
Wo BruderBeutel hält, der Bauern fromm behütet,
Da ist die wilde Jagd gradhin zuerst gewütet.
Der Beutel steht erschreckt, es weint die Eselsmaid:
„Ach, Herr, jetzt ist es aus, es kommt nun unsre Zeit.“
20 Mar a t wirft sein Geschoß, und Beutel wird getroffen,
Zur Erde sinkt er hin, und sieht den Himmel offen.
Und Hegel hat umarmt den tollen Bauer schon:
„Ja, du hast mich gefaßt, du bist mein lieber Sohn!“
Die Bande löst er ihm, die Bösen jubilieren:
25 „Hoch Bauer, unser Held! Er soll zum Kampf uns führen!
Der Teufel ist entsetzt, wir brauchen einen Mann.“
So stürmen mit Geschrei sie auf die Frommen an.
Es wendet sich das Blatt, die Frommen fliehn betroffen;
Doch BruderBeutel sieht, wie stets, den Himmel offen.
so Es trägt die Eselin zum Himmel ihn hinan —
0 welch’ ein Wunder, seht, hat Gott der Herr getan!
Zum Himmel fahren seht, o seht Elias-Beuteln!
Der Gotteslästrer Plan, seht herrlich ihn vereiteln.
Und hinter ihm mit Glanz der Frommen Heeresschar,
35 Sie fliehen mit Gesang zum Himmel auf fürwahr.
Doch weh’! die Höllenbrut, sie fähret hinterdrein:
Es stürmen wütend nach mit Siegesruf die Frei’n.
Dem Schrecken sind, der Furcht die Frommen mm zur Beute,
Und ihnen mit Gebrüll stürzt nach die Höllenmeute. —
4o Den Teufel unterdes hat die Rebellion,
Mit der die Trefflichsten aus seinem Haus geflohn,
Auf lange stumm gemacht, und mit ihm staunt die Hölle ;
Sie stehen regungslos und stieren nach der Schwelle,
Aus welcher Hegel und die ganze Schar gesaust;
45 Bis endlich Ihm der Zorn aus schaum’gem Munde braust:
280
Berlin 1841—1842.
Philosophische Pamphlete
„Daran erkenn’ ich euch, ich Dummer bin verraten,
Die Tat ist teuflischer, als meine faden Taten.
Zu frei sind diese Frei’n, erst hab’ ich sie verführt,
Nun haben sie von mir sich schnöd’ emanzipiert.
Mit diesem Menschenpack ist gar nichts anzufangen, 5
Nach frechster Freiheit steht ihr freventlich Verlangen:
Erkennen diese Frei’n kein Heiliges mehr an,
Am Ende ist es dann auch noch um mich getan.
Ich kämpfe wider mich, indem ich Gott bestreite,
Als mythische Person schiebt man mich auch beiseite. jo
Hinauf! wir suchen Gott in seinem Himmelsglanz
Und schließen treuvereint hochheil’ge Allianz.“
So stürzt er wild hinauf, er wirft sich Gott zu Füßen,
Und spricht: „0 laß mich nicht, was ich gefrevelt, büßen!
Vereint kämpf’ ich mit dir.“ Und Gott, der güt’ge, sprach: 15
„Einstweilen sehen wir dir deine Sünden nach ;
Geh’, wasch in Lästrerblut dir ab die argen Sünden,
Und kommst du dann zurück, wird sich das andre finden.“
Voll Freude stürmt er fort; er findet grimme Schlacht.
Ob Beistand auch der Schar der Frommen ward gebracht — 20
Ach dennoch muß — o Schmach! — der Glauben unterliegen,
Es eilt die Frevlerbrut zu immer neuen Siegen.
Von Stern zu Sterne fort springt Bauer, wutentbrannt,
Und die Posaune schwingt als Keule seine Hand.
Entgegen ziehen ihm die vier Evangelisten, 25
Jedoch sie schrecken nicht den frechen Atheisten;
Ob auch des Lukas Ochs die Hörner grimmig streckt,
Des Markus Löwe brüllt — er bleibet unerschreckt;
Er scheucht die Heil’gen all’. — Wie wild der Hegel dränget,
Der Engel Flügelein mit seinem Brand versenget; 20
Wie mit dem Flegel hoch der schnöde Voltaire dräut;
Wie Ruge wutentbrannt die Kirchenväter bläut;
Seht Bauer einen Stern in seinem Laufe packen
Und, ach! ihn schleudern auf die fliehnden frommen Nacken;
Seht, wie der Teufel sinkt von der Posaune Schlag, 35
Und vor ihr M i c h a e 1 selbst nicht bestehen mag;
Seht, wie den Syrius der wilde Hegel fasset,
Und Hengstenbergen wirft, daß er alsbald erblasset ;
Seht, wie der Englein Schar versengt die Flügelein,
Durchzappelt das Gewölk mit angsterfülltem Schrein! 40
Das Lämmlein hält das Kreuz dem Ungetüm entgegen,
Der aber ballt die Faust und droht mit grimmen Schlägen.
Die Magd Maria selbst verläßt das Heiligtum
Und spornt die Engel an zu Kampfesmut und Ruhm.
„Auf, gegen Bauer, auf! auf, gegen den Titanen! 43
Der Triumph des Glaubens
281
Begreifen wollt’ er mich, das müßt, das müßt ihr ahnen.66
Doch, wie sie fleht und ruft, wie sie auch lieblich blickt,
Der Freien Scharen sind stets weiter vorgerückt.
0 seht, schon nahen sie dem Heiligtum des Herren,
5 Schon kann die Gottesschar nicht mehr den Weg versperren;
Schon stößt an einen Stern die fromme Eselin,
Und fällt auf ihrer Flucht mit BruderBeuteln hin ;
Schon nahet Bauer ihm mit fürchterlichem Rasen,
Sein Lebenslicht mit der Posaune auszublasen;
io Schon fasset Ruge wild des Saalestrandes Leu ’ n,
Und preßt in seinen Mund ein Blatt Annalen ein
Da sieh’! was schwebt heran, von Himmelsglanz umgeben,
Was läßt den B a u e r so gewaltiglich erbeben?
Es ist, ihr glaubt es kaum, ein einfach Pergamen:
15 Was mag mit Himmelslicht darauf verzeichnet stehn?
Es schwebt gelind herab, es schwebt vor Bauer nieder,
Und Bruno hebt es auf ; es zittern seine Glieder
Was ist es, was die Stirn mit kaltem Schweiß benetzt?
Was murmelt er so dumpf? Er murmelt: — „Abgesetzt!66
so Kaum ist dies Himmelswort dem Höllenmund entfahren,
Da brüllen: „Abgesetzt!66 ringsum der Freien Scharen.
Sie stehen starr und stumm, es jauchzt der Engel Heer,
Die Freien fliehn voll Graus, die Engel hinterher.
Sie treiben in Triumph die Freien bis zur Erde,
25 Daß jeder Böse doch also bestrafet werde!
PUBLIZISTISCHES
Aus:
RHEINISCHE ZEITUNG
für Politik, Handel und Gewerbe
Köln 1842
Die Artikel erschienen in der Zeit vom 12. April 1842 bis zum
29.August 1842 in der Rheinischen Zeitung. Von dem Artikel
„Zur Kritik der Preußischen Preßgesetze“ ist das Manuskript erhalten.
Wir haben alle Abweichungen vom Manuskript in Fußnoten vermerkt.
Nord- und süddeutscher Liberalismus
[RhZ 12. April 1842. Nr. 102]
*x* Berlin, im März. Es ist noch nicht lange her, da galt der
Süden unseres Vaterlandes für den einzigen Teil desselben, der
5 einer entschiedenen politischen Gesinnung fähig sei; Baden,
Württemberg und Rheinbayern schienen die drei einzigen Altäre
zu sein, auf denen das Feuer des allein würdigen, unabhängigen
Patriotismus entflammen könnte. Der Norden schien in eine träge
Gleichgültigkeit, in eine, wenn nicht servile, doch schlaffe und
10 zähe Ermattung zurückgesunken, in der er sich von der freilich
großartigen und ungewohnten Anstrengung der Befreiungskriege,
an denen der Süden keinen Teil genommen, erholen wollte. Er
schien mit jener Tat genug und nun den Anspruch auf einige Ruhe
zu haben, so daß der Süden bereits auf ihn herabzusehen, seine
15 Interesselosigkeit zu schelten, seine Geduld zu verspotten begann.
Die Ereignisse in Hannover wurden vom Süden ebenfalls zu einer
Rechtfertigung seiner Überhebung gegen den Norden reichlich
ausgebeutet. Während dieser sich anscheinend stiller, tatenloser
verhielt, triumphierte jener, pochte auf sein sich entwickelndes
so parlamentarisches Leben, auf seine Reden in den Kammern, auf
seine Opposition, die den Norden unterstützen müsse, während er
seine Existenz auch ohne diesen gesichert wisse. —
Das ist alles anders geworden. Die Bewegung des Südens ist
eingeschlummert, die Zähne der Räder, die sich früher so scharf
26 erfaßten und im Umschwung erhielten, sind allmählich abge¬
schlissen und wollen nicht mehr recht in einander greifen, ein
Mund verstummt nach dem andern und die jüngere Generation
hat nicht Lust, auf dem Pfade ihrer Vorgänger zu gehen. Dagegen
hat der Norden, obwohl die äußern Umstände ihm lange nicht so
30 günstig sind wie dem Süden, obwohl die Tribüne, wo sie nicht
ganz mangelt, sich nie zur Bedeutung der süddeutschen erheben
konnte, dennoch seit mehreren Jahren einen Fonds von gediegener,
politischer Gesinnung, von charakterfester, lebendiger Energie,
von Talent und publizistischer Tätigkeit aufzuweisen, wie ihn der
36 Süden in seiner schönsten Blütezeit nicht zusammenbrachte. Dazu
kommt, daß der norddeutsche Liberalismus unbestreitbar einen
höheren Grad von Durchbildung und Allseitigkeit, eine festere
historische wie nationale Basis besitzt, als der Freisinn des Südens
jemals sich erringen konnte. Der Standpunkt des ersteren ist weit
288
Berlin 1841—1842.
Aus der Rheinischen Zeitung
über den des letzteren hinaus. Woher kommt das? Die Geschichte
beider Erscheinungen löst diese Frage aufs klarste.
Als mit dem Jahre 1830 der politische Sinn in ganz Europa zu
erwachen, das Staatsinteresse in den Vordergrund zu treten be¬
gann, entwickelte sich aus den Tatsachen und Anregungen dieses 5
Jahres in ihrem Zusammenstoß mit den wiedererwachenden
Träumen der Deutschtümelei das neue Produkt des süddeutschen
Liberalismus. Aus der unmittelbaren Praxis geboren, blieb er
dieser getreu und schloß sich ihr in seiner Theorie an. Die Praxis
aber, aus der er sich die Theorie konstruierte, war bekanntlich eine io
sehr weitschichtige, französische, deutsche, englische, spanische
usw. Daher kam es, daß auch die Theorie, der eigentliche Inhalt
dieser Richtung sehr ins Allgemeine, Vage, Blaue hinauslief, daß
sie weder deutsch, noch französisch, weder national, noch ent¬
schieden kosmopolitisch, sondern eben eine Abstraktion und Halb- u
heit war. Man hatte einen allgemeinen Zweck, die gesetzliche Frei¬
heit, aber gewöhnlich zwei gerade entgegengesetzte Mittel dafür;
so wollte man konstitutionelle Garantieen für Deutschland und
schlug heute, um dies zu erreichen, größere Unabhängigkeit der
Fürsten vom Bundestage, morgen größere Abhängigkeit, aber eine 20
Volkskammer zur Seite der Bundesversammlung vor: zwei Mittel,
von denen eins unter den obwaltenden Umständen so unpraktisch
war wie das andere. Man wollte heute zur Erreichung des großen
Zweckes größerer Einheit Deutschlands und morgen größere Un¬
abhängigkeit der kleinen Fürsten gegen Preußen und Österreich. 25
So, über den Zweck immer, über die Mittel nie einig, wurde die bei
weitem mächtigere Partei bald von der Regierung überholt und
sah ihre Unklugheit zu spät ein. Sodann war ihre Kraft an eine
momentane Aufregung, an die Rückwirkung eines bloß äußer¬
lichen Ereignisses, der Julirevolution geknüpft, und als diese 30
nachließ, mußte auch sie entschlummern.
Während dieser Zeit war in Norddeutschland alles weit ruhiger
und dem Anscheine nach untätiger. Nur ein Mann strömte damals
alle Glut seiner Lebenskraft in lebendigen Flammen aus, und der
galt mehr, als alle Süddeutschen zusammen, ich meine Börne. 35
In ihm, der über die Halbheit jener mit aller Energie seines Cha¬
rakters hinausging, kämpfte sich diese Einseitigkeit ganz und gar
durch und überwand so sich selbst. In ihm rang sich aus der
Praxis die Theorie heraus und zeigte sich als die schönste Blüte
jener. So trat er entschieden auf den Standpunkt des norddeut- 49
sehen Liberalismus und ward sein Vorläufer und Prophet.
Diese Richtung, der jetzt die Herrschaft über Deutschland nicht
mehr abzustreiten ist, gewann durch ihre Basis schon einen volleren
Gehalt, eine dauerhaftere Existenz. Sie knüpfte von vorn herein
ihr Dasein nicht an ein einzelnes Faktum, sondern an die ganze is
Nord- und süddeutscher Liberalismus
289
Weltgeschichte und namentlich an die deutsche; die Quelle, aus der
sie floß, war nicht in Paris, sie war im Herzen Deutschlands ent¬
sprungen; es war die neuere deutsche Philosophie. Daher kommt
es, daß der norddeutsche Liberale eine entschiedene Konsequenz,
5 eine Bestimmtheit in seinen Forderungen, ein festes Verhältnis
von Mittel und Zweck hat, das der Süddeutsche bisher immer
vergebens anstrebte. Daher kommt es, daß seine Gesinnung als
ein notwendiges Produkt der nationalen Bestrebungen, und darum
selbst als national erscheint, daß sie Deutschland nach innen und
10 außen gleich würdig gestellt sehen will und nicht in das kosmische
Dilemma kommen kann, ob man erst liberal und dann deutsch,
oder erst deutsch und dann liberal sein solle. Daher weiß sie sich
gleich sicher vor den Einseitigkeiten dieser wie jener Partei und
ist die Spitzfindigkeiten und Sophistereien los, in die diese durch
15 ihre eigenen innem Widersprüche getrieben wurden. Darum kann
sie einen so entschiedenen, so lebendigen, so erfolgreichen Kampf
gegen alle und jede Reaktion eröffnen, wie der süddeutsche Libe¬
ralismus nie, und darum ist ihr der Sieg am Ende gewiß.
Indes ist der Süddeutsche nicht als ein verlorener Vorposten,
20 nicht als ein mißlungenes Experiment zu fassen; wir haben durch
ihn Resultate errungen, die wahrlich nicht zu verachten sind. Vor
allem war er es, der eine deutsche Opposition begründete und so
eine politische Gesinnung in Deutschland möglich machte und das
parlamentarische Leben erweckte; der das Samenkorn, das in den
25 deutschen Verfassungen lag, nicht einschlummem und verfaulen
ließ und den Gewinn aus der Julirevolution zog, der für Deutsch¬
land daraus zu erzielen war. Er ging von der Praxis zur Theorie
und kam damit nicht durch; so wollen wir es umgekehrt anfangen
und von der Theorie in die Praxis zu dringen suchen — ich wette,
30 was ihr wollt, wir kommen so am Ende weiter.
Tagebuch eines Hospitanten
I
[Marheineke]
[RhZ 10. Mai 1842. Nr. 130]
In einer Stadt wie Berlin würde der Fremde ein wahres Ver- 5
brechen gegen sich selbst und den guten Geschmack begehen, wenn
er nicht alle Merkwürdigkeiten in Augenschein nehmen würde.
Und doch geschieht es nur zu häufig, daß das allerbedeutendste
in Berlin, das, wodurch die preußische Hauptstadt sich so sehr
vor allen andern auszeichnet, von Fremden unbeachtet bleibt; ich 10
meine die Universität. Nicht die imposante Fassade am Opern¬
platz, nicht das anatomische und mineralogische Museum mein’
ich, sondern die so und sovielen Hörsäle mit geistreichen und
pedantischen Professoren, mit jungen und alten, lustigen und
ernsthaften Studenten, mit Füchsen und bemoosten Häuptern, 15
Hörsäle, in denen Worte gesprochen sind und noch täglich gespro¬
chen werden, denen mit der Grenze Preußens, ja des deutschen
Sprachgebietes kein Ziel der Verbreitung gesetzt ist. Es ist der
Ruhm der Berliner Universität, daß keine so sehr wie sie in der
Gedankenbewegung der Zeit steht und sich so zur Arena der 20
geistigen Kämpfe gemacht hat. Wie viele andere Universitäten,
Bonn, Jena, Gießen, Greifswald, ja selbst Leipzig, Breslau und
Heidelberg, haben sich diesen Kämpfen entzogen und sind in jene
gelehrte Apathie versunken, die von jeher das Unglück der deut¬
schen Wissenschaft war! Berlin dagegen zählt Vertreter aller Rich- 25
tungen unter seinen akademischen Lehrern und macht dadurch
eine lebendige Polemik möglich, die dem Studierenden eine
leichte, klare Übersicht über die Tendenzen der Gegenwart ver¬
schafft. Unter solchen Umständen trieb es mich, von dem jetzt all¬
gemein gewordenen Rechte des Hospitierens Gebrauch zu machen, 30
und so ging ich eines Morgens, als gerade das Sommersemester
begann, hinein. Mehre hatten schon angefangen zu lesen, die mei¬
sten begannen gerade heute. Das Interessanteste, das sich mir dar¬
bot, war die Eröffnung der Vorlesungen von Marheineke über
die Einführung der Hegelschen Philosophie in die Theologie. 35
Überhaupt hatten die ersten Vorlesungen der hiesigen Hegelianer
in diesem Semester ein ganz besonderes Interesse, weil manche
schon im Voraus auf direkte Polemik gegen die Schellingsche
Offenbarungsphilosophie rechnen ließen, von den andern aber er¬
wartet wurde, daß sie mit einer Ehrenrettung der gekränkten 40
Tagebuch eines Hospitanten I
291
Manen Hegels nicht zurückhalten würden. Marheinekes Kolleg
war zu augenscheinlich gegen Schelling gerichtet, um nicht eine
besondere Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Das Auditorium
war schon lange vor seiner Ankunft gefüllt, junge und alte Män-
5 ner, Studenten, Offiziere und wer weiß was sonst noch, saßen
und standen dicht aneinander gedrängt. Endlich tritt er ein; das
Sprechen und Summen verstummt auf der Stelle, die Hüte fliegen
wie auf Kommando ab. Eine feste, kräftige Gestalt, ein ernstes,
entschiedenes Denkerantlitz, die hohe Stirn umkränzt von Haaren,
10 die in der sauren Arbeit der Gedanken ergraut sind; beim Vor¬
trage selbst ein nobler Anstand, nichts von dem Gelehrten, der
seine Nase in dem Heft vergräbt, aus dem er liest, nichts von
theatralisch-gekünstelter Gestikulation; jugendlich aufrechte Hal¬
tung, das Auge fest auf der Hörermenge ruhend; der Vortrag
15 selbst ruhig, würdig, langsam aber stets fließend, schmucklos aber
unerschöpflich an schlagenden Gedanken, von denen einer den
andern drängt und immer noch schärfer trifft als der vorher¬
gehende. Marheineke imponiert auf dem Katheder durch die
Sicherheit, die unerschütterliche Festigkeit und Würde, zugleich
20 aber durch den freien Sinn, der aus seinem ganzen Wesen hervor¬
leuchtet. Heute aber trat er in einer ganz eigenen Stimmung aufs
Katheder, imponierte seinen Zuhörern auf eine noch weit mäch¬
tigere Weise als sonst. Hatte er ein ganzes Semester lang die un¬
würdigen Äußerungen Schellings über den toten Hegel und seine
25 Philosophie geduldig ertragen, hatte er die Vorträge Schellings
bis zu Ende ruhig angehört — und das ist für einen Mann wie
Marheineke wahrlich keine Kleinigkeit — so war nun der Moment
gekommen, wo er den Angriff erwidern, wo er gegen stolze Worte
stolze Gedanken ins Feld führen konnte. Er begann mit allge-
30 meinen Bemerkungen, in denen er die heutige Stellung der Philo¬
sophie zur Theologie in meisterhaften Zügen schilderte, erwähnte
Schleiermachers anerkennend, von dessen Schülern er sagte, sie
seien durch sein zum Denken anregendes Denken zur Philosophie
geführt worden, und diejenigen, die einen andern Weg einge-
35 schlagen, hätten es selbst zu büßen. Allmählich ging er zur Hegel¬
schen Philosophie über und trat bald in eine leicht bemerkbare
Beziehung zu Schelling. „Hegel“, sagte er, „wollte vor allem, daß
man sich in der Philosophie über seine eigene Eitelkeit er¬
hebe und sich nicht etwa vorstelle, als habe man etwas Besonderes
40 gedacht, bei dem es nun sein Bewenden haben könne; und nament¬
lich war er der Mann nicht, dermitgroßenVersprechun-
gen und blendenden Worten auftrat, sondern er über¬
ließ es ruhig der philosophischen Tat, für ihn zu sprechen. Er
ist nie der miles gloriosus in der Philosophie gewesen, der von
45 sich selbst viel Rühmens machte. Jetzt freilich hält sich
19*
292
Berlin 1841—1842.
Aus der Rheinischen Zeitung
keiner für zu unwissend und zu beschränkt, um über ihn und seine
Philosophie absprechen zu können, und wer eine gründliche Wi¬
derlegung derselben in der Tasche hätte, würde unfehlbar sein
Glück machen; denn wie sehr man sich mit einer solchen insinu¬
ieren würde, sieht man an denen, welche nur versprechen, sie zu 5
widerlegen, und es hintennach nicht halten.66
Bei diesen letzten Worten brach der Beifall des Auditoriums,
der sich bisher schon in einzelnen Zeichen kund getan, in eine
stürmische Akklamation aus, die, in einer theologischen Vor¬
lesung neu, den Dozenten sehr frappierte und in ihrer frischen 10
Ursprünglichkeit merkwürdige Vergleiche zuließ mit dem durch
Subskription mühsam aufgebrachten, dürren Vivat am Schlüsse
der von Marheineke bekämpften Vorlesungen. Er beschwichtigte
den Zuruf durch Handbewegung und fuhr fort: „Diese erwünschte
Widerlegung ist indes noch nicht da und wird auch nicht kommen, 15
so lange noch Gereiztheit, Verstimmung, Neid, über¬
haupt Leidenschaft an der Stelle der ruhigen, wissenschaftlichen
Prüfung gegen sie auf gewandt werden; so lange man Gnostik
und Phantastik für hinreichend hält, um den philosophischen
Gedanken vom Throne zu stürzen. Die erste Bedingung dieser 20
Widerlegung ist freilich die, den Gegner richtig zu verstehen, und
da gleichen freilich manche der Feinde Hegels dem Zwerge, der
gegen den Riesen kämpfte, und dem noch bekannteren Ritter, der
sich mit Windmühlen herumschlug.66
Dies ist der Hauptinhalt der ersten Marheinekeschen Vor- 25
lesung, so weit er das größere Publikum interessieren dürfte. Mar¬
heineke hat wiederum gezeigt, wie mutig und unverdrossen er
immer auf dem Kampf platze ist, wenn es gilt, die Freiheit der
Wissenschaft zu verteidigen. Er steht vermöge seines Charakters
und Scharfsinns weit mehr als Nachfolger Hegels da als Gabler, 30
dem man gewöhnlich diesen Titel gibt. Der große, freie Blick, mit
dem Hegel das ganze Gebiet des Denkens überschaute und die Er¬
scheinungen des Lebens auffaßte, ist auch Marheinekes Erbteil.
Wer will ihn verdammen, daß er seine langjährige Überzeugung,
seine mühsame Errungenschaft nicht einem Fortschritte opfern 35
will, der erst seit fünf Jahren ins Leben getreten ist? Marheineke
ist lange genug mit der Zeit fortgeschritten, um zu einem wissen¬
schaftlichen Abschluß berechtigt zu sein. Es ist eine große Eigen¬
schaft an ihm, daß er sich selbst mit den äußersten Extremen der
Philosophie auf gleichem Boden weiß und ihre Sache zur seinigen 40
macht, wie er dies alle Tage seit Leos Hegelingen bis zu Bruno
Bauers Entsetzung getan hat.
Marheineke wird übrigens diese Vorlesungen nach dem
Schlüsse derselben drucken lassen.
F. 0. 45
Rheinische Feste
[RhZ 14. Mai 1842. Nr. 134]
*x* Berlin, den 6. Mai. Es gibt gewisse Zeiten im Jahre,
wo den Rheinländer, der sich in der Fremde herumtreibt, eine ganz
5 besondere Sehnsucht nach seiner schönen Heimat ergreift. Diese
Sehnsucht stellt sich namentlich im Frühling, um die Pfingstzeit,
die Zeit des rheinischen Musikfestes ein und ist ein ganz fatales
Gefühl. Jetzt, das weiß man leider nur zu genau, jetzt wird es
grün am Rhein; die durchsichtigen Wellen des Stromes kräuseln
10 sich im Lenzhauch, die Natur zieht ihr Sonntagskleid an, und jetzt
rüsten sie sich zu Hause zur Sängerfahrt, morgen ziehen sie aus,
und du bist nicht dabei!
0, es ist ein schönes Fest, das rheinische Musikfest! Auf voll¬
gedrängten, laubgeschmückten Dampfschiffen mit wehenden
15 Flaggen, mit Hömerschall und Gesang, auf langen Eisenbahn¬
zügen und Postwagenreihen mit geschwungenen Hüten und wehen¬
den Tüchern kommen die Gäste von allen Seiten herbeigeströmt,
heitere Männer jung und alt, schöne Frauen mit noch schöneren
Stimmen, lauter Sonntagsmenschen mit lachenden Sonntags-
20 gesichtem. Das ist eine Lust! Alle Sorgen, alle Geschäfte sind
vergessen; da ist auch kein einzig ernsthaftes Gesicht zu erblicken
in dem dichten Gedränge der Ankommenden. Alte Bekanntschaf¬
ten werden erneuert, neue geschlossen, das junge Volk lacht und
schäkert und schwatzt in einem fort, und selbst die Alten, die
25 von ihren lieben Töchtern gewaltsam überredet wurden, trotz
Gicht, Podagra, Erkältung und Hypochondrie das Fest mitzu¬
machen, werden von der allgemeinen Lust angesteckt und müssen
lustig sein, da sie nun doch einmal mitgegangen sind. Alles be¬
reitet sich zur Pfingstfeier vor, und würdiger kann ein Fest, das
30 von allgemeiner Ausgießung des heiligen Geistes sich herleitet,
nicht gefeiert werden, als durch Hingabe an den göttlichen Geist
der Freude und des Lebensgenusses, dessen innersten Kem eben
der Kunstgenuß bildet. Und von allen Künsten eignet sich keine
so sehr dazu, den Mittelpunkt eines solchen geselligen Provinzial-
35 landtages zu bilden, wo alle Gebildeten der Umgegend zu gegen¬
seitiger Auffrischung des Lebensmutes und der jugendlichen
Fröhlichkeit sich zusammenfinden, als gerade die Musik. War es
bei den Alten die komische Darstellung, der Wetteifer tragischer
294
Berlin 1841—1842.
Aus der Rheinischen Zeitung
Dichter, was bei dem Panathenäen und Bakchosfesten das Volk
anzog, so kann dem bei unseren klimatischen und sozialen Ver¬
hältnissen nur die Musik entsprechen. Denn, wie uns die bloß ge¬
druckte, nicht zum Gehör sprechende Musik keinen Genuß ge¬
währen kann, so blieb den Alten die Tragödie tot und fremd, so 5
lange sie nicht von der Thymele und Orchestra durch den leben¬
digen Mund der Schauspieler redete. Jetzt hat jede Stadt ihr
Theater, wo allabendlich gespielt wird, während für den Hellenen
nur an großen Festen die Bühne sich belebte; jetzt verbreitet der
Druck jedes neue Drama über ganz Deutschland, während bei den 10
Alten nur wenige das geschriebene Trauerspiel zu lesen bekamen.
Darum kann das Drama keinen Mittelpunkt großer Versamm¬
lungen mehr abgeben, eine andere Kunst muß aushelfen, und das
kann nur die Musik; denn sie allein läßt die Mitwirkung einer
großen Menge zu und gewinnt sogar dadurch an Kraft des Aus- 25
drucks bedeutend; sie ist die einzige, bei der der Genuß mit der
lebendigen Ausführung zusammenfällt, und deren Wirkungskreis
an Umfang dem des antiken Dramas entspricht. Und wohl mag
der Deutsche die Musik, in der er König ist vor allen Völkern,
feiern und pflegen, denn wie es nur ihm gelungen ist, das Höchste 20
und Heiligste, das innerste Geheimnis des menschlichen Gemüts
aus seiner verborgenen Tiefe ans Licht zu bringen und in Tönen
auszusprechen, so ist es auch nur ihm gegeben, die Gewalt der
Musik ganz zu empfinden, die Sprache der Instrumente und des
Gesanges durch und durch zu verstehen. 25
Aber die Musik ist dabei nicht die Hauptsache. Was denn?
Nun, das Musikfest. So wenig das Zentrum einen Kreis bildet
ohne Peripherie, so wenig ist die Musik dabei irgend etwas, ohne
das fröhliche gesellige Leben, das die Peripherie zu diesem musi¬
kalischen Zentrum bildet. Der Rheinländer ist durch und durch 30
sanguinischer Natur; sein Blut rollt so leicht durch seine Adern
wie frischgegorener Rheinwein, und seine Augen sehen immer
munter und wohlgemut in die Welt hinaus. Er ist das Sonntags¬
kind unter den Deutschen, dem die Welt immer schöner und das
Leben immer heiterer erscheint als den übrigen ; er sitzt lachend 35
und schwatzend in der Rebenlaube und hat beim Becher alle seine
Sorgen längst vergessen, wenn die andern erst stundenlang be¬
raten, ob sie hingehen und desgleichen tun sollen und darüber die
beste Zeit verstreichen lassen. Das ist gewiß, kein Rheinländer
hat sich jemals eine Gelegenheit zum Lebensgenüsse vorübergehen 40
lassen, oder er ist für den größten Narren gehalten worden. Dieses
leichte Blut erhält den Rheinländer auch noch eine lange Zeit
jung, wo der eigentliche Norddeutsche schon seit Jahren ins Phi-
listerium der Gesetztheit und Prosa übergegangen ist. Der Rhein¬
länder hat all sein Leben lang Spaß an lustigen, übermütigen 45
Rheinische Feste
295
Streichen, jugendlichen Schwänken oder, wie die weisen, gesetzten
Leute sagen, an tollen Narreteien und Verrücktheiten; die lustig¬
sten und flottesten Universitäten sind von jeher Bonn und Heidel¬
berg gewesen. Und selbst der alte Philister, der in Müh und Arbeit,
5 in der Dürre der Alltäglichkeit versauert ist, mag er auch früh¬
morgens seine Jungen für ihre mutwilligen Späße abprügeln, so
erzählt er ihnen doch abends beim Schöppchen behaglich die alten
Schnurren, die er selbst in seiner Jugend verübt hat.
Bei diesem ewig heitern Charakter der Rheinländer, bei einer
10 so offenen, unbefangenen Sorglosigkeit ist es gar nicht zu ver¬
wundern, daß auf dem Musikfeste fast alle mehr wollen als hören
und sich hören lassen. Das ist eine Fröhlichkeit, ein bewegtes,
zwangloses Leben, eine Frische des Genusses, wie man sie anders¬
wo lange suchen mag. Lauter heitere, wohlwollende Gesichter,
15 Freundschaft und Herzlichkeit für alle, die an der allgemeinen
Lust teilnehmen; wie Stunden verfliegen die drei Festtage unter
Trinken, Singen und Scherzen. Und am Morgen des vierten Tages,
wenn die ganze Freude genossen ist und geschieden werden muß,
freut man sich schon wieder in der Hoffnung auf das nächste Jahr,
2o verabredet sich darauf und jeder geht, noch immer heiter und neu
belebt, seines Wegs und an sein alltäglich Werk.
Tagebuch eines Hospitanten
II
[von Henning]
[RhZ 24. Mai 1842. Nr. 134]
In einem geräumigen Hörsaal saßen ein paar Studenten zer- 5
streut und erwarteten den Dozenten. Der Anschlag an der Türe
zeigte an, daß Professor von Henning um diese Stunde einen
öffentlichen Vortrag über preußische Finanzverfas¬
sung beginnen werde. Der durch Bülow-Cummerow an die Tages¬
ordnung gebrachte Gegenstand sowie der Name des Dozenten, 10
eines der älteren Schüler Hegels, zog mich an und es wunderte
mich, daß sich nicht mehr Teilnahme zu finden schien. Henning
trat ein, ein schlanker Mann in seinen „besten Jahren“, mit dün¬
nem blondem Haar, und begann in rasch fließender, vielleicht
etwas zu ausführlicher Rede seinen Gegenstand darzustellen. 15
„Preußen“, sagte er, „zeichne sich vor allen Staaten dadurch
aus, daß seine Finanzverfassung durchaus auf dem Grunde der
neueren nationalökonomischen Wissenschaft erbaut sei, daß es den
bis jetzt einzigen Mut gehabt habe, die theoretischen Resultate
eines Adam Smith und seiner Nachfolger praktisch durchzufüh- 20
ren. England z. B., von dem doch die neueren Theorien ausge¬
gangen, stecke noch bis über die Ohren im alten Monopol- und
Prohibitivsystem, Frankreich fast noch mehr, und weder Hus¬
kisson in jenem noch Duchätel in diesem Lande habe mit seinen
vernünftigeren Ansichten die Privatinteressen überwinden können 25
— von Österreich und Rußland gar nicht zu reden, während Preu¬
ßen das Prinzip des freien Handels und der Gewerbefreiheit ent¬
schieden anerkannt und alle Monopole und Prohibitivzölle abge¬
schafft habe. So stelle uns diese Seite unserer Verfassung hoch
über Staaten, die in anderer Beziehung, in Entwickelung der poli- 30
tischen Freiheit uns weit vorausgeeilt seien. Wenn nun unsere
Regierung in finanzieller Hinsicht so Außerordentliches geleistet
habe, so sei auf der andern Seite auch anzuerkennen, daß sie ganz
besonders günstige Verhältnisse zu einer solchen Reform vorge¬
funden. Der Schlag von 1806 habe reines Feld geschaffen, worauf 35
das neue Gebäude aufgeführt werden konnte; eine Repräsentativ-
Verfassung, in der sich die besondem Interessen hätten geltend
gemacht, habe ihr die Hände nicht gebunden. Leider aber fänden
Tagebuch eines Hospitanten II
297
sich immer noch alte Herren, die in ihrer Beschränktheit und
Grämlichkeit das Neue bekrittelten und ihm den Vorwurf mach¬
ten, daß es unhistorisch, aus der abstrakten Theorie heraus, un¬
praktisch, gewaltsam konstruiert sei; als ob seit 1806 die Ge-
5 schichte aufgehört habe und es ein Vorwurf für die Praxis sei,
mit der Theorie, der Wissenschaft übereinzustimmen; als ob das
Wesen der Geschichte der Stillstand, das Drehen im Kreise, nicht
aber der Fortschritt sei, als ob es überhaupt eine von aller Theorie
bare Praxis gebe!“
io Es wird mir erlaubt sein, diese letzten Punkte, mit denen die
öffentliche Meinung in Deutschland und namentlich in Preußen
sich gewiß einverstanden erklären wird, näher zu betrachten; es
ist sehr an der Zeit, dem ewigen Gerede einer gewissen Partei von
„historischer, organischer, naturgemäßer Entwickelung“ vom
15 „naturwüchsigen Staat“ usw. entschieden entgegen zu treten und
vor dem Volke jene glänzenden Gestalten zu entlarven. Wenn es
Staaten gibt, die allerdings Rücksichten auf die Vergangenheit
zu nehmen haben und zu einem langsameren Fortschritt genötigt
sind, so findet dies auf Preußen keine Anwendung. Preußen
2o kann nicht schnell genug fortschreiten, sich nicht
rasch genug entwickeln. Unsere Vergangenheit liegt begraben
unter den Trümmern des vorjenaischen Preußens, ist fortge¬
schwemmt von der Flut der napoleonischen Invasion. Was fesselt
uns? Wir haben nicht jene mittelalterlichen Klötze mehr an den
26 Füßen nachzuschleppen, die so manchen Staat am Gehen hindern;
der Schmutz vergangener Jahrhunderte klebt nicht mehr an unse¬
ren Sohlen. Wie kann man also hier von historischer Entwickelung
reden, ohne eine Zurückführung ins ancien régime im Sinne zu
haben? Einen Rückzug, der der schmählichste sein würde, der
so jemals dagewesen ist, der die glorreichsten Jahre aus der preußi¬
schen Geschichte aufs feigste verleugnen würde, der — bewußt
oder unbewußt — Verrat am Vaterlände wäre, indem er wieder
eine neue Katastrophe wie die von 1806 nötig machte. Nein, es
ist sonnenklar, daß Preußens Heil allein in der Theo-
35 rie, der Wissenschaft, der Entwickelung aus dem
Geiste liegt. Oder, um es von einer andern Seite zu fassen,
Preußen ist kein „naturwüchsiger“, sondern ein durch Politik,
durch Zwecktätigkeit, durch den Geist entstandener Staat. Man
hat dies neuerdings von französischer Seite her als die größte
4o Schwäche unseres Staats darstellen wollen ; im Gegenteil ist dieser
Umstand, wenn er nur recht benutzt wird, unsere Hauptstärke. So
hoch der selbstbewußte Geist über der bewußtlosen Natur steht,
so hoch kann Preußen, wenn es will, sich über die „naturwüchsi¬
gen“ Staaten stellen. Weil die provinzielle Verschiedenheit in
45 Preußen so groß ist, so muß, um keinem Unrecht zu tun, die Ver¬
298
Berlin 1841—1842.
Aus der Rheinischen Zeitung
fassung rein aus dem Gedanken erwachsen; ein allmäh¬
liches Verschmelzen der verschiedenen Provinzen macht sich dann
von selbst, indem die besondern Eigentümlichkeiten sich alle in
die höhere Einheit des freien Staatsbewußtseins auflösen, während
sonst ein paar Jahrhunderte nicht hinreichen würden, um die 5
innere legislative und nationale Einheit von Preußen hervorzu¬
bringen, und der erste erschütternde Stoß für den innem Zusam¬
menhalt unseres Staats Folgen haben müßte, für die kein Mensch
einstehen kann. Den andern Staaten ist durch einen bestimmten
Nationalcharakter der Weg vorgezeichnet, den sie zu nehmen 10
haben; wir sind frei von diesem Zwange; wir können aus uns
machen, was wir wollen; Preußen kann mit Hintansetzung aller
Rücksichten rein den Eingebungen der Vernunft folgen, kann
wie kein anderer Staat, von den Erfahrungen seiner Nachbarn
lernen, kann, und das tut ihm keiner nach, als Muster&aat für 15
Europa dastehen, auf der Höhe seiner Zeit, das vollständige
Staatsbewußtsein seines Jahrhunderts in seinen Institutionen dar¬
stellen.
Das ist unser Beruf, dazu ist Preußen geschaffen. Sollen wir diese
Zukunft um ein paar hohle Phrasen einer verlebten Richtung ver- 20
schachern? Sollen wir der Geschichte selbst nicht hören, die uns
den Beruf anweist, die Blüte aller Theorie ins Leben hinüberzu¬
führen? Preußens Basis, ich sage es noch einmal, sind nicht die
Trümmer vergangener Jahrhunderte, sondern der ewig junge
Geist, der in der Wissenschaft zum Bewußtsein kommt und im 25
Staat seine Freiheit sich selber schafft. Und wenn wir vom Geist
und von seiner Freiheit ließen, so verleugneten wir uns selbst, so
verrieten wir unser heiligstes Gut, so mordeten wir unsere eigene
Lebenskraft und wären nicht wert, länger in der Reihe der euro¬
päischen Staaten zu stehen. Dann würde die Geschichte mit dem 30
furchbaren Todesurteil über uns kommen: „Du bist gewogen und
zu leicht gefunden!66
F. 0.
Glossen und Randzeichnungen zu Texten
aus unserer Zeit
Vier öffentliche Vorlesungen, gehalten zu Königsberg von Ludwig Walesrode.
Königsberg, H. L. Voigt, 1842.
5 [RhZ 25. Mai 1842. Nr. 145]
Königsberg in Preußen hat sich seit mehreren Jahren zu einer
Bedeutsamkeit erhoben, die für ganz Deutschland erfreulich sein
muß. Durch die Bundesakte formell von Deutschland ausgeschlos¬
sen, hat sich das deutsche Element dort zusammengerafft und
io macht Anspruch darauf, als deutsch anerkannt, als Vertreter
Deutschlands gegen die Barbarei des slawischen Ostens geachtet
zu werden. Und wahrlich, die Ostpreußen konnten Deutschlands
Bildung und Nationalität dem Slawentum gegenüber nicht besser
vertreten, als sie es getan haben. Das geistige Leben, der politische
15 Sinn haben sich dort zu einer Regsamkeit des Treibens, zu einer
Höhe und Freiheit des Standpunktes auf geschwungen wie in
keiner andern Stadt. Rosenkranz vertritt mit der Vielseitigkeit
und Beweglichkeit seines Geistes die deutsche Philosophie dort
auf eine erfreuliche Weise, und wenn er auch nicht den Mut der
20 rücksichtslosen Folgerung hat, so stellt ihn außer seinen Kennt¬
nissen und seinem Talent auch noch sein feiner Takt und seine un¬
befangene Auffassung sehr hoch. Jachmann und andere bespre¬
chen auf freisinnige Weise die Fragen des Tages, und jetzt eben
liegt uns in dem obigen Heft ein neuer Beweis vor, welch einen
25 hohen Bildungsgrad das dortige Publikum besitzt.
Es sind vier, vor einem großen Auditorium gehaltene humo¬
ristische Vorlesungen über aus der unmittelbaren, lebendigen
Gegenwart gegriffene Stoffe, die der talentvolle Verfasser hier
vereinigt hat. In der Tat zeigt sich hier eine solche Anlage zum
30 Genremalen, eine solche Leichtigkeit, Eleganz und Schärfe der
Darstellung, ein solch sprühender Witz, daß dem Verfasser eine
bedeutende Anlage zum Humoristen nicht abgesprochen werden
kann. Er hat den richtigen Blick, der den Zeitereignissen gleich
die günstige, traktable Seite abgewinnt, und weiß seine zahllosen
35 Beziehungen und Anspielungen auf eine so feine Art anzubringen,
daß der Getroffene selbst wird lächeln müssen; dazu drängt eine
die andere, und zuletzt kann keiner auf den Spötter eigentlich böse
sein, weil alle etwas mitbekommen haben. Die erste Vorlesung:
Die Masken des Lebens, führt uns München, Berlin, den deutschen
300
Berlin 1841—1842.
Aus der Rheinischen Zeitung
Michel, die Hohlheit der Adelsaristokratie, die Zerrissenheit und
eine Gesellschaft deutscher Zelebritäten vor, aus der ich folgende
Stellen aushebe:
„Nicht weit von uns sitzt ein junger Mann am Tisch, der seinen Wein aus einem
schweren silbernen Pokale trinkt. Er hat einmal mit einem einzigen Liede zwanzig 5
französische Batterien demontiert, welche gegen die freien Najaden des grünen,
freien Rheins gerichtet waren, und mit seinen vierfüßigen Jamben mehrere Kavallerie¬
regimenter der französischen Avantgarde, die schon bis Andernach gekommen waren,
in unaufhaltsamer Flucht bis nach Thionville zurückgeschlagen. Für diese kühne Tat
wurde er mit einem silbernen Pokale und einer Partizipialkonstruktion belohnt, die 10
noch kühner war als sein Lied, so wunderbar gigantisch, daß alle Gymnasiallehrer
Deutschlands erbleichten und die Tertianer von den Schulbänken sprangen und
jauchzend riefen: Nun haben wir Hundstagsferien!“
Bald darauf heißt es:
„Da tritt uns eine Zensormaske entgegen. Wenn sie einen unzensierten Tintenfleck 10
an unsern Fingern entdecken sollte, wär’s um uns geschehen. Ein Zensor sieht aus wie
ein anderer Mensch, aber sein Amt ist mehr als menschlich. Er richtet den Geist und
die Gedanken und hält die Wage in Händen, welche die ewige Gerechtigkeit allein
führen sollte. In der Literatur ist er angestellt, um das pharaonische Gesetz zu exeku¬
tieren, daß alle männlich geborenen literarischen Kindlein getötet, wenigstens 20
abälardisiert werden. Die Zensur des alten Roms bestand in einem strengen Sitten¬
gericht über die Bürger der Republik; sie hörte auf, als sie, wie Cicero sagt, nichts
weiter vermochte, als einen Mann zum Erröten zu bringen. Unsere Zensur kann erst
dann aufhören, wenn die ganze Nation wie ein Mann über sie zu erröten vermag!“
Die zweite Vorlesung, „Unser goldnes Zeitalter,“ verbreitet 25
sich in derselben leichten Weise über die Geldaristokratie; die
dritte, „Literarisches Don-Quixote-Tournier,“ geht mit eingelegter
Lanze auf allerlei Verkehrtheiten der Zeit los, zuerst auf den deut¬
schen politischen Stil.
„Die deutsche Sprache,“ heißt es in dieser Vorlesung, „ist frei und republikanisch 30
geboren; sie erklimmt die höchsten Alphörner und Gletscher der Dichtkunst und des
Gedankens, um mit dem Adler sich zur Sonne zu schwingen. Aber sie gibt sich auch,
wie die Schweizer, zur Leibgarde des Despotismus her. Was der König von Hannover
seinem Volk im schlechtesten Deutsch gesagt hat, das hätte er im besten Englisch
nicht ausdrücken können. Kurz, unsere Sprache ist, wie die Morrisonschen Pillen, zu 35
allem gut und brauchbar; nur etwas fehlt ihr, was ihr sehr not tut — der politische
Stil! Freilich, in Zeiten der höchsten Gefahr, wenn sich der Kölner Dom im Rheine
spiegelt, was er nur unter sehr bedenklichen Umständen zu tun pflegt, dann nimmt
sie, mit hoher obrigkeitlicher Bewilligung, eine Art politischen Schwung an; dann
wird jedes Kartoffelfeld ein „Gau“ genannt und ehrliche Kleinstädter werden zu 40
„Mannen“ promoviert und jede Nätherin verwandelt sich plötzlich über Nacht in eine
deutsche „Maid“. Aber das ist nur der politische Defensivstil, der gewöhnlich zugleich
mit dem Landsturm aufgeboten wird; zur Offensive hat’s unsere Sprache noch nicht
gebracht. Wenn der Deutsche sich sein einfachstes politisches Recht, das ihm auf
Stempelbogen so gesetzlich verbrieft ist wie seine Frau durch den Heiratskontrakt, 45
in Anspruch nehmen will, dann verklausuliert er seine Forderung mit so vielen
Kurialschnörkeln, Hochachtungsepisoden, Respektstrichen und so vielen Versiche¬
rungen nicht zu ersterbender Liebe und Treue, daß man das Ganze eher für den
zeremoniösen Liebesbrief eines Schneidergesellen als für eine gerechte Forderung
halten dürfte. Denn der Deutsche hat nicht Courage genug — Recht zu haben, und 50
darum bittet er tausendmal um Verzeihung, wenn er’s gewagt haben sollte zu glauben,
zu meinen, zu vermuten oder auch nur zu ahnen, daß er bei einem hohen Kunden noch
eine politische Forderung ausstehen hätte. Erinnern z. B. nicht die meisten Bitt¬
schriften um Preßfreiheit ganz und gar an den vollständig in der Theatergarderobe
kostümierten Marquis Posa, der sich dem König Philipp zu Füßen wirft mit den 55
Glossen und Randzeichnungen zu Texten aus unserer Zeit
301
Worten: „Sire! geben Sie Gedankenfreiheit!“ Kann man sich denn noch wundern,
wenn solche Suppliken ebenfalls mit König Philipps Worten: „Sonderbarer Schwär¬
mer!“ abgetan und ad acta gelegt werden? Die wenigen Deutschen, die den Mut
hatten, als die Advokaten ihres Vaterlandes dessen politische Rechte in klarer und
6 bündiger Sprache, wie es Männern geziemt, darzulegen, haben es lediglich dieser
Feigheit unseres politischen Stils zu danken, daß sie der Staatsinquisition als Opfer
in die Hände gefallen sind. Denn, wo die Feigheit Norm ist, da ist der Mut Ver¬
brechen! Ein politischer Schriftsteller unserer Zeit konnte sehr leicht wegen bloßer
Stilsünden, dafür, daß er seine Worte und Gedanken in nackter Wahrheit, nicht mit
10 dem vom Zeremonienmeister vorgeschriebenen Kostüme bekleidet erscheinen läßt,
etwas gelinde von unten nach oben gerädert werden, und das von Rechts wegen. So
eunuchenhaft feige der deutsche Stil indes ist, wenn er politische Rechte geltend zu
machen hat, so plump schlägt er auch wieder den großmächtigsten Gewalten das
Weihrauchfaß um die Ohren. Wenn irgendwo ein Fürst sagt: „Ich will Recht und
15 Gerechtigkeit üben!“ gleich stürzen ganze Schwärme von Zeitungsphrasen wie wilde
Bienen über die Fleckchen Honig her und summen vor Wonne über den köstlichen
Fund auf der öden politischen Heide. Gibt’s aber wohl etwas Beleidigenderes für
einen Fürsten, als wenn der bloß ausgesprochene Wille zur Ausübung der ersten
Regentenpflicht, ohne welche man seinen Namen zu einem Nero und Busiris werfen
20 müßte, als eine außerordentliche, unerhörte Fürstentugend durch alle Zeitungen aus¬
posaunt wird? Und das geschieht in Staatszeitungen, unter den Augen der Zensoren,
unter den Auspizien des Bundestages! Müßte nicht auf einen solchen ungeschickten
Lobredner der § 92 des Kriminalrechts in seiner ganzen Strenge angewendet werden?“
Die vierte gibt „Variationen über beliebte Zeit- und National¬
es melodien“, worunter sich „ein Ordenskapitel“ befindet, welches
folgendermaßen anhebt:
„Die Fürsten sind die Hirten der Völker, wie schon Homer sagt, und daher die
Völker natürlich die Schafe der Fürsten. Und die Hirten lieben ihre Schafe sehr und
führen sie an einem bunten seidenen Leitseile, damit sie ihnen nicht abhanden kom-
30 men, und die Schafe haben wiederum ihre Freude an dem artigen, in allen Regen¬
bogenfarben schillernden Bande und merken es nicht, daß diese Zierde zugleich ihre
Fessel ist, weil es eben Schafe sind“ usw.
Walesrode hat durch diese vier Vorträge seine Befähigung zum
Humoristen dargetan. Aber damit ist es nicht genug. Solche
35 Sachen haben einmal das Recht, locker, zersplittert, einheitslos
sein zu können, wenn sie nur ihren Zweck als Vorlesungen erfül¬
len; der echte Humorist indes würde noch mehr, als Walesrode es
getan hat, den Hintergrund einer positiven, großen Weltanschau¬
ung hervorgehoben haben, in der sich zuletzt aller Spott und alle
40 Negation zur vollsten Befriedigung auflöst. In dieser Beziehung
hat Walesrode durch die Herausgabe des obigen Werkchens eine
Pflicht auf sich genommen; er muß die Erwartungen, die er hier
rege gemacht hat, so bald wie möglich rechtfertigen, und beweisen,
daß er ebenso sich konzentrieren, seine Anschauungen zu einem
45 Ganzen verarbeiten kann, wie er sie hier hat auseinandergehen
lassen. Und das ist um so nötiger, als er eine große Verwandtschaft
mit den Autoren des weiland jungen Deutschlands durch sein
Hervorgehen aus Börne, durch seine Auffassungsweise und seinen
Stil bekundet; fast alle jener Kategorie angehörigen Autoren ha-
w ben indes die erregten Erwartungen nicht gerechtfertigt und sind
in eine Erschlaffung versunken, wie sie ein fruchtloses Streben
302
Berlin 1841—1842.
Aus der Rheinischen Zeitung
nach innerer Einheit zur Folge haben mußte. Die Unfähigkeit,
etwas Ganzes zu liefern, war die Klippe, an der sie scheiterten,
weil sie selbst keine ganzen Leute waren. Walesrode läßt indes
hier und da einen höheren, vollendeteren Standpunkt durch¬
blicken und berechtigt so zur Anforderung, seine einzelnen Ur- 5
teile untereinander und mit der philosophischen Höhe der Zeit
ins Gleichgewicht zu bringen.
Übrigens wünschen wir ihm Glück zu dem Publikum, das solche
Vorlesungen zu würdigen verstand, und zu dem Zensor, der sie
der Öffentlichkeit nicht vorenthielt. Wir sind der Hoffnung, daß 10
eine solche Handhabung der Zensur, wie dies Buch sie beweist,
alle andern, schwankenden Prinzipien in derselben, für Preußen
wenigstens, überwinden und sich allgemeine Geltung verschaffen
werde; daß die Zensur überall von solchen Männern ausgeübt
werde, wie es in Königsberg geschieht, wo, wie unser Verfasser is
sagt, die Zensoren Männer sind, „die das gehässigste aller Ämter
mit schmerzlicher Aufopferung übernommen haben, um es nicht
in die Hände solcher übergehen zu lassen, die es mit Freuden über¬
nehmen möchten“.
F. 0. 20
[Polemik gegen Leo]
[RhZ 10. Juni 1842. Nr. 161]
*x*Von der Hasenheide, im Mai. Was, dem erleuch¬
teten Urteil der „Literarischen Zeitung“ zufolge, die Hegelsche
5 Philosophie nicht vermochte, nämlich ein auf ihren Prinzipien be¬
ruhendes System der Naturwissenschaften aufzubauen, das über¬
nimmt jetzt von ihrem Standpunkte aus und mit großartigem Er¬
folge die Evangelische Kirchenzeitung. Ein mitH.L.
(Leo) unterzeichneter Aufsatz in ihren neuesten Nummern ent-
io wickelt, bei Gelegenheit einer Schrift des Prof. Leupoldt in Er¬
langen, das Programm einer totalen Revolution in
der Medizin, deren Folgen bis jetzt unabsehbar sind. Wie
immer, beginnt Leo auch hier, obwohl ohne sie zu nennen, mit
den Hegelingen, spricht von der pantheistischen, heidnischen Rich-
15 tung, die sich der neueren Naturforschung bemächtigt habe, von
der „philosophischen Naturbetasteiei und subtilen Systemströste-
lung“, züchtigt die anatomistische Ansicht, welche den einzelnen
Kranken kuriere, nicht gleich ganze Generationen und Völker,
und kommt endlich zu dem Resultat: „daß die Krankheit der
20 Sünde Lohn sei, daß nach der physischen Seite zusammengehörige
Generationen solidarisch für ihre Sünde haften, selbst nach der
geistigen Seite, wenn nicht der durch Gottes Gnade geschenkte
Glaube die Strafenkette entzwei bricht. So gut wie der Einzelne
nach der physischen Seite durch seine Bekehrung nicht von der
25 Strafe der stattgehabten Sünde frei wird, z. B. wenn er in Folge
sündlicher Ausschweifungen seine Nase eingebüßt hat, sie durch
die Bekehrung nicht wieder erhält, so gut werden nach der reinen
Naturseite auch heute noch den Enkeln die Zähne stumpf von
den Härlingen, welche die Großväter gegessen haben, und wo
30 nicht ein fester Glaube ins Mittel tritt, hört nicht einmal die
geistige Strafenreihe auf. Wie oft mag schon ein Mann, der in
Üppigkeit und Sünden gelebt und dabei scheinbar glücklich ge¬
endet hat, dem Sohn, dem Enkel den Keim nervenzerrüttendster
Krankhaftigkeit hinterlassen haben, der in diesen fortgewütet hat,
35 bis in deprimiertestem Zustande der Unterleibsleiden der Urenkel,
bei dem noch kein Wort der Gnade ein fruchtbares Erdreich ge¬
funden, in der Verzweiflung zum Rasiermesser griff und an der
eigenen Kehle die Strafe vollzog, die der Urheber seiner Leiden,
sein Urgroßvater, verdient hätte.“ Ohne diese Ansichten erschiene
304
Berlin 1841—1842.
Aus der Rheinischen Zeitung
die Weltgeschichte als schreiendste Ungerechtigkeit. — Sodann
äußert Leo weiter: „Der gläubig gewordene, nasenlose Sünder
kann in seiner Verstümmelung nur ein Denkmal der göttlichen
Gerechtigkeit sehen, und was dem Ungläubigen eine Strafe war,
wird dem Gläubigen ein neues Fundament seines Glaubens.“ Mit 5
Völkern verhält es sich ebenso. „Geistige wie leibliche Zeitkrank¬
heiten und Verstimmungen sind von einem gewissen Standpunkte
aus noch heute so gut wie in den Tagen des Propheten göttliche
Strafgerichte.“
Dies sind die philosophischen ich wollte sagen religiösen 10
Prinzipien, auf denen Leo, der mit einem Ringseis zu fraterni¬
sieren würdig wäre, seine neue medizinische Praxis gründet. Was
hilft all das kleinliche Herumkurieren am einzelnen Menschen, ja,
am einzelnsten Gliede? Gleich familienweise, volksweise muß
kuriert werden! Leidet der Großvater am Fieber, so muß die ganze is
Familie, Söhne, Töchter, Enkel mit Weib und Kind China
schlucken! Hat der König die Lungenentzündung, so schicke jede
Provinz einige Deputierte, denen zur Ader gelassen wird, wenn
man nicht lieber gleich sämtlichen, so und so viel Millionen vor¬
sichtshalber pro Kopf eine Unze Blut lassen will! Und welche Re- 20
sultate für die Sanitätspolizei lassen sich hieraus entwickeln!
Keiner darf zur Heirat zugelassen werden, der nicht ein Attest
vom Arzte bringt, daß sowohl er selbst gesund sei, wie auch seine
Vorfahren bis zum Urgroßvater von guter Konstitution gewesen
seien, und ein Attest vom Pfarrer, daß er wie seine Vorfahren 25
bis zum Urgroßvater sich eines christlichen, gottseligen und
tugendhaften Wandels stets befleißigt haben, auf daß nicht, wie Leo
sagt, „die Sünden der Väter heimgesucht werden an den Kindern
bis ins dritte und vierte Glied!“ Daher hat auch der Arzt „eine
Stellung furchtbarster Verantwortlichkeit und grauenerregendster 30
Bezüglichkeit, denn er kann eben sowohl ein Bote Gottes an den
Einzelnen sein, der ihn bis auf einen möglichen Grad eximiert
von der Mitleidenschaft für die Sünde, als ein Knecht des
Teufels, der mit seiner Kraft der Strafe Gottes entgegenzu¬
treten und sie unwirksam zu machen sucht“. Wieder Resultate 35
für den Staat! Der vorgeschriebene philosophische Kursus der
Mediziner muß abgeschafft und dafür ein theologischer einge¬
führt werden; der medizinische Examinand muß ein Zeugnis
über seinen Glauben beibringen und die Praxis der jüdischen
Mediziner, wenn man sie nicht etwa ganz abschaffen will, wenig- *o
stens auf ihre Glaubensgenossen beschränkt werden. Leo fährt
fort: „Der Kranke, wie der Verbrecher, ist sacer, die heilige
Hand Gottes liegt auf ihm — wer heilen kann, der heile! Aber
er scheue nicht den glühenden Stahl und das schneidende Eisen
und den grimmigen Hunger, wo sie allein helfen können. 45
Polemik gegen Leo
305
Schwächliche Hülfe schadet in der Medizin, wie im bürgerlichen
Gemeinwesen.“ Nur frisch drauf los geschnitten und gebrannt!
Wo bisher die jämmerliche Trepanation angewandt wurde, helfen
wir nun durch einfaches Abhacken des Kopfes; wo ein Fehler
5 am Herzen sich zeigt — der gewöhnlich die Strafe für Liebes¬
sünden, die die Mutter des Kranken beging, zu sein pflegt — und
das Blut sich zu sehr zum Herzen drängt, schaffen wir ihm einen
Ausweg durch einen Messerstich ins Herz; wer am Magenkrebs
leidet, dem schneiden wir den ganzen Magen aus — der alte
10 Doktor Eisenbart, von dem das Volk singt, war wahrlich so übel
nicht, seine Zeit hat ihn nur nicht verstanden. Ebenso, folgert
Leo, sei es mit den Verbrechern, sie seien nicht allein strafbar,
sondern das Volk hafte mit, und die Strafen seien nicht stark
genug, die unsere schlappe Zeit anwende; es müsse mehr ge-
15 köpft und gemartert werden, sonst bekomme man mehr Ver¬
brecher, als Raum in den Arbeitshäusern sei. Ganz recht! Wo
Einer mordet, da muß seine ganze Familie ausgerottet werden,
und jeder Einwohner seiner Vaterstadt wenigstens fünfundzwan¬
zig Stockhiebe für seine Mitschuld an diesem Morde bekommen;
20 wo Ein Bruder der illegitimen Liebe pflegt, müssen alle seine
Brüder mit k— werden. Und die Strafenverschärfung kann auch
nur nützen. Seitdem das Kopf abhacken, wie wir oben gesehen
haben, keine Strafe mehr, sondern nur eine medizinische Ampu¬
tation ist, um den Körper zu retten, muß diese Todesart aus den
25 Kriminalgesetzbüchem gestrichen werden, und an ihre Stelle
Rädern, Vierteilen, Spießen, Verbrennen, mit glühenden Zangen
Zwicken usw. treten.
Auf diese Weise hat Leo der heidnisch gewordenen Medizin
und Jurisprudenz eine christliche entgegengesetzt, die ohne Zwei-
30 fei bald allgemein durchdringen wird. Wie er das Christentum
in die Geschichte nach denselben Grundsätzen eingeführt und so
z. B. die Hegelinge, die er für die Kinder der französischen Re¬
volutionsmänner hält, für das zu Paris, Lyon und Nantes ver¬
gossene Blut, für die Taten Napoleons selbst verantwortlich
35 macht, ist bekannt, und ich erwähne es hier nur, um die erfreu¬
liche Allseitigkeit des rastlosen Mannes zu zeigen. Wie verlautet,
haben wir nächstens eine deutsche Grammatik nach christlichen
Prinzipien von ihm zu erwarten.
Die Freisinnigkeit der Spenerschen Zeitung
[RhZ 26. Juni 1842. Nr. 171]
*x* Berlin, 22. Juni. Die „Spenersche Zeitung“ brachte
neulich, da bis jetzt Niemand Anders dies Geschäft übernommen
hat, sich selbst das Lob, was sie ihrer Meinung nach verdient. Ein 5
„Rückblick“, den sie auf ihre Tätigkeit im verflossenen Halbjahr
tut, ist hinreichend für sie zu der wichtigen Entdeckung, daß sie
es ist, welche der freieren Preßbewegung Bahn gebrochen hat. Es
ist ergötzlich anzusehen, wie sie, mit der Feiertagsmiene erhöhten
Selbstbewußtseins, in sonntäglich gebürstetem Bratenrock vor ihr 10
Publikum, vor die auswärtigen Zeitungen hintritt, und die Bürger¬
krone der Freisinnigkeit sich aufs Haupt setzt. Die Spenersche
Zeitung behauptet, wenn sie oder vielmehr das *, welches den
fraglichen Artikel vertritt, also wenn dies * nicht gewesen wäre,
so würde bis auf den heutigen Tag keine preußische Zeitung den h
gegenwärtigen Standpunkt der Freisinnigkeit erreicht haben.
Das * nämlich versuchte, als das Zensurzirkular erschien, alsbald,
wie weit man gehen dürfe in der Oppositionsmacherei, es pochte
leise an, und siehe! ihm ward auf getan. Natürlich, denn jene
leisen, gebückten, wohlmeinenden, demütigen, zahmen Artikel 20
wären am Ende auch schon früher passiert. Das * sollte seinem
Zensor doch soviel wohl zutrauen, daß er ein Haustier von einem
reißenden unterscheiden kann. Aber Gott behüte! Diese Isoliert¬
heit der Philisterei ist so beschränkt, daß sie den trivialsten Ein¬
fall, der ihr durch den Kopf fährt, für originell, genial, einzig in 25
seiner Art hält. Das Zensurzirkular erscheint; nun muß doch jeder
Schriftsteller augenblicklich seine Schreibart ändern, freier reden
lassen. Unser Stemmann aber hält sich für den einzigen Men¬
schen in der Welt, dessen Verstand dieser Kombination fähig ist,
und will die übrigen Journalisten mit der Nase darauf stoßen, daß 30
sie jetzt freier schreiben dürfen. Damit nicht genug. Er hält sich
für freisinnig. Er hat einen gewissen Sinn für Öffentlichkeit. Viel¬
leicht, im allergeheimsten, verschlossensten Winkelchen seines
Herzens schlummert ein leiser Gedanke von Ausbildung der stän¬
dischen Verhältnisse. Was wird er also tun? Er schreibt eine 35
Reihe Artikel, die eine komplette Skala der Freisinnigkeit bilden;
heute wird der zahmste, morgen der % Gran weniger zahme hinge¬
schickt usw. Bei der Stufe bleibt er indes stehen, wo die Zahmheit
und die sogenannte Freisinnigkeit sich die Wage halten. Das nennt
Die Freisinnigkeit der Spenersehen Zeitung 307
unser Stermnann „Bahn brechen“!? Die übrigen preußischen Re¬
daktionen werden sich auch noch die Mühe machen, die Spenersche
Zeitung zu lesen, um aus ihr zu lernen, was Freisinn ist! Dabei
ist es komisch, wie unser Politikus nicht begreifen kann, weshalb
6 er mit seinen Artikeln nicht eben so große Sensation macht, wie
gewisse Zeitungen mit den ihrigen; weshalb er, der Fahnenträger
des preußischen Freisinns, der große Bahnbrecher, dennoch sich
in allen auswärtigen Blättern verhöhnt sieht, und sich damit
trösten muß, daß man ihn verkennt.
Das Aufhören der „Kriminalistischen Zeitung“
[RhZ 30. Juni 1842. Nr. 181]
*x* Berlin, 25. Jimi. Die hiesige „Kriminalistische Zei¬
tung“ hört am 1. Juli „vorläufig auf, zu erscheinen“. Also haben
ihre Tiraden gegen die Geschwomengerichte doch nicht die er- 5
wünschte Beistimmung des Publikums gefunden. Sie war ein juste-
milieu-Blatt im juristischen Gebiete. Sie wollte Öffentlichkeit und
Mündlichkeit, aber um Gottes willen keine Geschwomen. Die
Halbheit einer solchen Tendenz wird aber glücklicherweise immer
mehr und mehr anerkannt, und die Verteidiger des Schwurgerichts 10
mehren sich täglich. Die Kriminalistische Zeitung stellte das Prin¬
zip auf: kein Zweig der exekutiven Gewalt dürfe dem Volke un¬
mittelbar in die Hände gegeben werden, also auch nicht das
Richteramt. Das wäre allerdings ganz schön, wenn die richterliche
Gewalt nicht etwas ganz verschiednes wäre, als die exekutive. In 15
allen Staaten, wo die Trennung der Gewalten wirklich durchgesetzt
worden ist, stehen richterliche und exekutive Gewalt ganz außer
allem Zusammenhänge. So in Frankreich, England und Amerika;
die Vermischung beider Gewalten führt zur heillosesten Ver¬
wirrung, und die äußerste Konsequenz davon würde sein, den Po- 20
lizeidirektor, Inquirenten und Richter in eine Person zu ver¬
einigen. Daß aber die richterliche Gewalt ein unmittelbares
Eigentum der Nation ist, das sie durch ihre Geschwomen ausüben
läßt, das ist nicht nur aus dem Prinzip, sondern auch aus der Ge¬
schichte längst erwiesen. Von den Vorteilen und Garantien, die 25
das Geschwomengericht bietet, schweige ich ganz, es wäre Über¬
fluß, hier noch ein Wort zu verlieren. Aber da sind die einge¬
fleischten Juristen, die Buchstabenklauber, deren Wahlspruch ist:
fiat justitia, pereat mundus! Denen ist natürlich das freie Ge¬
schwomengericht nicht recht. Denn nicht nur würden sie dadurch 30
aus der richterlichen Stellung verdrängt, sondern der heilige
Buchstabe des Gesetzes würde in Gefahr geraten, das tote, ab¬
strakte Recht. Das aber darf nicht verloren gehen, das ist ihr
Palladium, und daher schreien die Herren Mord und Brand, wenn
einmal die Geschwomen in Frankreich oder England einen armen 35
Das Aufhören der „Kriminalistischen Zeitung“ 309
Proletarier frei sprechen, der in der Verzweiflung des Hungers
für einen Heller Brot gestohlen hat, trotz dem, daß die Sache
durch Zeugen und Geständnis konstatiert ist — da rufen sie
triumphierend: Seht, das kommt von den Geschwornengerichten,
5 die Sicherheit des Eigentums, des Lebens selbst wird untergraben,
das Unrecht wird sanktioniert, Verbrechen und Revolution offen
proklamiert! — Wir hoffen, daß die „Kriminalistische Zeitung66
vorläufig nicht wieder anfangen wird, „vorläufig66 zu erscheinen.
Zur Kritik der Preußischen Preßgesetze1)
[RhZ 14. Juli 1842. Nr. 195, Beiblatt]
*X* Berlin,imjuni.2) Dem Preußen stehen zwei Wege zur
Veröffentlichung seiner Gedanken offen. Entweder kann er sie
im Inlande drucken lassen, wo er sich dann der heimischen Zensur 5
zu unterwerfen hat; oder er kann, wenn er hier Beanstandung
finden sollte, immer noch außerhalb der Grenzen seines Staats,
entweder unter die Zensur eines anderen Bundesstaats sich stellen,
oder die Preßfreiheit auswärtiger Länder benutzen. In allen
Fällen bleibt dem Staate das Recht, gegen etwaige Ungesetzlich-10
keiten Repressivmaßregeln zu ergreifen. Im ersten Falle werden,
der Natur der Sache nach, derartige Maßregeln nur höchst selten
anwendbar sein, da in der Regel die Zensur eher zu viel als zu
wenig streicht und am allerwenigsten strafbare Dinge pas¬
sieren läßt. Bei Publikationen jedoch, welche unter auswärtiger is
Preßgesetzgebung bewerkstelligt worden sind, werden Konfis¬
kationen des Werkes und gerichtliche Verfolgung des Autors weit
eher und häufiger eintreten können. Um nun ein Urteil über die
Gesamtverhältnisse der preußischen Preßgesetzgebung fassen zu
können, ist es von großer Wichtigkeit, auch die gesetzlichen Re- 20
pressivmaßregeln nicht außer acht zu lassen.
Die darauf bezüglichen Gesetze finden sich mm, da eine beson¬
dere Repressiv-Preßgesetzgebung uns bis jetzt noch fehlt, im Land¬
recht unter verschiedenen Titeln zerstreut. Von den Strafgesetzen
gegen Injurie, Unsittlichkeit usw. können wir einstweilen absehen, 25
da es sich doch in der Hauptsache nur um politische Vergehen
handelt, und hier finden wir die betreffenden Data in den Rubri¬
ken: Hochverrat, frecher, unehrerbietiger Tadel oder Verspottung
der Landesgesetze und Majestätsbeleidigung. Wie sich bald er¬
geben wird, sind diese Gesetze indes so unbestimmt gehalten und 30
namentlich in Beziehung auf die Presse einer so weiten und un¬
leugbar willkürlichen Deutung unterworfen, daß das Urteil über
sie8) durch die Praxis der Gerichtshöfe wesentlich bestimmt wer¬
den muß. Denn, wenn die Voraussetzung richtig ist, daß der Geist
unserer4) Gesetzgebung in unsern5) Gerichtsbeamten lebendig ge- 35
worden ist, so muß die bei ihnen gebräuchliche Auslegung der ein¬
zelnen Bestimmungen ein wesentliches Ergänzungsmoment der¬
x) Von diesem Artikel ist das Engelssche Manuskript erhalten (Historisches
Archiv, Köln); es trägt in der oberen rechten Ecke die Aufschrift von Dagobert
Oppenheim: Engels, Abgedruckt.
2) im Juni von Oppenheim gesperrt.
’) Nach sie von Oppenheim gestrichen nur
4) Von Oppenheim korr. aus jeder
5) Von Oppenheim korr. aus den
Zur Kritik der Preußischen Preßgesetze
311
selben bilden, wie denn auch in zweifelhaften Fällen die bisherige
Praxis einen bedeutenden Einfluß auf die Entscheidung ausübt.
Schreiber dieses ist nun in dem Falle, sein Urteil über die preu¬
ßischen Preßgesetze durch eine ihm vorliegende, ausführlich mo-
« tivierte Entscheidung eines preußischen Gerichtshofes supplieren
zu können. Der Verfasser^ einer außerhalb Preußen gedruckten
Schrift über inländische Angelegenheiten wurde wegen sämt¬
licher oben angeführten Vergehen zur Untersuchung gezogen
und von der Anklage des Hochverrats zwar unbedingt frei-
10 gesprochen, des frechen und unehrerbietigen Tadels und der Ver¬
spottung der Landesgesetze indes, sowie der Majestätsbeleidigung
für schuldig erklärt.
Das preußische Strafrecht bestimmt das Verbrechen des Hoch¬
verrats § 92 also: ein Unternehmen, welches auf eine gewaltsame
15 Umwälzung der Verfassung des Staats oder gegen das Leben oder
die Freiheit seines Oberhauptes abzielt, ist Hochverrat. Es kann
vorausgesetzt werden, daß für die jetzigen Verhältnisse diese ge¬
setzliche Definition als genügend allgemein anerkannt werden
wird. Da nun auch nicht zu erwarten steht, daß dergleichen Unter-
20 nehmungen durch die Presse und von solchen Leuten, die unserer
Justiz erreichbar sind, begonnen werden, so ist dieser Punkt für
die Presse ziemlich unwichtig. Das klare Wort: „gewaltsam“
schützt vor richterlicher Willkür oder Unfreiheit hinreichend. Da¬
gegen ist ein anderer Punkt für die Presse von der höchsten Be-
25 deutung, nämlich derjenige, welcher von der unerlaubten Be¬
sprechung der Landesgesetze handelt. Die gesetzlichen Bestim¬
mungen in dieser Beziehung sind folgende: Allg. L. R. T. II.
S. 202) § 151: „Wer durch frechen, unehrerbietigen Tadel oder
Verspottung der Landesgesetze und Anordnungen im Staate Miß-
30 vergnügen veranlaßt, der hat Gefängnis- oder Festungsstrafe auf
6 Monate bis 2 Jahre verwirkt.“ Hierzu gehört das Zensur-Edikt3)
vom 18. Oktober 1819, worin sub. XVI. Nr. 2 bestimmt wird: „daß
bei frechem, unehrerbietigem Tadel und Verspottung der Landes¬
gesetze und Anordnungen im Staate es nicht bloß darauf an-
35 kommen soll, ob Mißvergnügen und Unzufriedenheit veranlaßt
worden sind, sondern die obige Strafe wegen solcher strafbaren
Äußerungen selbst verwirkt ist.“
Es fällt aber beim ersten Blick auf, wie unbestimmt und unge¬
nügend diese gesetzlichen Verordnungen sind. Was heißt frech
4o und unehrerbietig? Augenscheinlich ist in dem Para¬
graphen des Straf rechtes entweder der erste oder der zweite Teil
überflüssig. Frecher Tadel oder Verspottung der Landesgesetze
wird mit Aufreizung zum Mißvergnügen so gut wie synonym er-
1) Joh. Jacoby 2) Allg. L. R. T. II S. 20 von Oppenheim korr. aus Straf recht
8) Zensur von Oppenheim eingefügt
312
Berlin 1841—1842.
Aus der Rheinischen Zeitung
klärt und das Edikt vom 18. Oktober 1819 spricht die Koinzidenz
dieser Begriffe geradezu aus. Die gesetzliche Bestimmung wäre
also so zu fassen: Wer frechen, unehrerbietigen Tadel oder Ver¬
spottung der Landesgesetze und Anordnungen im Staate sich zu¬
schulden kommen läßt, der sucht zu Mißvergnügen und zur Un- 5
Zufriedenheit mit denselben aufzureizen und hat deshalb die frag¬
liche Strafe verwirkt.
Jetzt erst läßt sich das Gesetz klar ins Auge fassen. Die Be¬
stimmungen: Frech und unehrerbietig neben einander
zu stellen, war ein Mißgriff des Gesetzgebers, der die größte Ver- io
wirrung herbeiführen kann. Man kann unehrerbietig sein, ohne
frech zu werden. Unehrerbietigkeit ist ein Mangel, eine Nach¬
lässigkeit, ein übereiltes Versehen, das dem Besten passieren
kann; Frechheit setzt den animus injuriandi, die böse Absicht vor¬
aus. Und nun vollends Verspottung! Welcher Abstand von „Un- is
ehrerbietigkeit“ bis zur „Verspottung“! Und doch für beide eine
Strafe. Diese beiden Begriffe sind nicht etwa bloß quantitativ
unterschieden, nicht etwa nur verschiedene Grade einer und der¬
selben Sache, sondern sie sind qualitativ, wesentlich verschieden,
sie sind geradezu inkommensurabel.1) Und diese verschiedenen 20
Dinge sollen in einem Gesetz unter einen Hut gebracht werden?
Jedenfalls ist das „unehrerbietig“ hier zu streichen und, wenn es
nicht lieber ganz ausfallen soll, in einen besonderen Paragraphen
zu bringen. Denn durch unehrerbietigen Tadel kann doch nimmer¬
mehr Unzufriedenheit und Mißvergnügen bezweckt2) werden, da 25
die Unehrerbietigkeit in jedem Falle absichtslos, unwill¬
kürlich, oder doch immer ohne böse Absicht begangen wird.
Bleibt also das Wort: unehrerbietig hier stehen, so ist damit ausge¬
sprochen, daß aller und jeder Tadel der Staatsverhältnisse auf die
Erregung von Unzufriedenheit ausgeht und deshalb zu bestrafen 30
ist. Dies würde aber mit unseren jetzigen Zensurverhältnissen
durchaus im Widerspruch stehen. Kurz, die ganze Verwirrung
rührt daher, daß das Wort: unehrerbietig aus den Zensurinstruk¬
tionen, wohin es gehört,3) ins Gesetz herübergenommen4) ist. Bei
Zensurfällen mag es der Einsicht des Zensors als Polizeibeamten, 35
und solange die Zensur Polizeimaßregel ist, überlassen bleiben, ob
O Nach inkommensurabel von Oppenheim durchstrichen Begegnet mir jemand,
dem ich etwas verdanke, ich bemerke ihn und gehe ihm aus dem Wege, um nicht
zu grüßen, so ist das unehrerbietig; sehe ich ihm dreist ins Gesicht, drücke
den Hut in die Stirn und renne ihm im Vorbeigehen den Ellbogen in die Seite, so ist
das frech; drehe ich ihm aber vor seinen Augen eine Nase und schneide ihm
Fratzen, so ist das Verspottung. Gewisse Leute wollen es sogar schon für un¬
ehrerbietig halten, wenn man sie nicht bemerkt.
2) Bei Engels unterstrichen
8) Von Oppenheim korr. aus daß aus den Zensurinstruktionen, wohin das Wort
unehrerbietig gehört
4) Von Oppenheim korr. aus hinübergenommen
Zur Kritik der Preußischen Preßgesetze
313
er etwas für „unehrerbietig“ oder für „wohlmeinend“ hält; die
Zensur ist eine Ausnahme, und hier werden genauere Bestim¬
mungen stets unmöglich bleiben. Aber im Kriminalkodex darf ein
so vager Begriff, ein solcher Spielraum für das subjektive Be-
5 lieben nicht vorkommen, am allerwenigsten da, wo die Differenz
politischer Ansichten sich ins Spiel mischen muß, und die Richter
keine Geschwome, sondern Staatsdiener sind.
Daß diese Kritik des Gesetzes richtig, der Vorwurf der Begriffs¬
vermischung gegründet ist, wird sich am besten aus der Praxis der
10 Gerichtshöfe nachweisen lassen. Ich zitiere das oben erwähnte
und bereits publizierte Erkenntnis.
Der Verfasser der fraglichen Druckschrift entwirft darin eine
Schilderung der — wohlbemerkt, gegen Ende 1840 in Preußen
gehandhabten Zensur, aus welcher folgende Stellen inkriminiert
15 werden: „Bekanntlich darf bei uns weder der kleinste Zeitungs¬
artikel, noch Schriften über 20 Bogen ohne Zensurprüfung er¬
scheinen ; ist der Gegenstand ein politischer, so fällt meistens die
Prüfung einem Polizeiagenten anheim, der bei den vagen Be¬
stimmungen des Zensurreglements (vom 18. Oktober 1819) sich
2o allein nach den besondem Instruktionen des Ministers zu richten
hat. Vom Minister vollkommen abhängig und nur dem Minister
verantwortlich, ist dieser Zensor alles zu streichen gezwungen, was
den individuellen Ansichten und Absichten seiner Oberen nicht
genehm ist. Führt der Verfasser gegen ihn Klage, so wird er in
25 der Regel abschläglich beschieden oder erhält sein Recht erst nach
so langer Zeit, daß er keinen Gebrauch mehr davon machen kann.
Wie wäre es sonst auch möglich, daß seit jenem im Jahre 1804
ausgesprochenen Lobe anständiger Publizität man in keiner preu¬
ßischen Zeitung, in keinem hier gedruckten Buche auch nur den
3o leisesten Tadel über das Verfahren des untergeordnetsten Beamten
findet, daß jede, das öffentliche Interesse nur entfernt berührende
Andeutung (die Rubrik: Inland der Staatszeitung wird wohl nie¬
mand hierher rechnen), um veröffentlicht zu werden, sich erst
außerhalb der preußischen Grenzen flüchten muß.“
35 „Und auch hier ist sie nicht sicher vor jener bedenklichen
Beamten-Eigenmacht, welche mit Recht Friedrich Wilhelm III. als
die notwendige Folge unterdrückter Publizität bezeichnet; damit
auch durch ausländische Zeitungen kein ungünstiges Urteil über
Beamtenhandlungen, keine irgend freimütige Beleuchtung unserer
40 Zustände nach Preußen gelange, werden dergleichen Blätter ent¬
weder verboten, oder deren Redaktionen durch wohlbekannte
Mittel fügsam gemacht. Wir übertreiben, leider! nicht. Die fran¬
zösischen Zeitungen sind freilich erlaubt, die meisten aber dürfen
nicht unter Kreuzband nach Preußen kommen, so daß e i n solches
x) Nach erwähnte von Oppenheim gestrichen , vom 5. April d. J. unterzeichnete
314
Berlin 1841—1842.
Aus der Rheinischen Zeitung
Blatt jährlich mehr als 400 Taler an Postporto kosten würde; nur
der Schein ist gewährt, der Sache nach aber eine solche Erlaubnis
und ein Verbot eins und dasselbe. Anders verfährt man mit den
deutschen Zeitungen. Sind deren Redakteure nicht schon in
ihrem eigenen wohlverstandenen Interesse auf ihrer Hut, neh- 5
men sie über Preußen oder preußische Beamte einen in Berlin
mißliebigen Artikel auf, so werden an sie von Seiten des preu¬
ßischen Ministeriums (dem Zweifler sind wir dies durch Akten¬
stücke darzutun bereit) Vorwürfe und Reklamationen gerichtet,
Angabe ihrer Korrespondenten drohend verlangt und nur unter 10
demütigenden Bedingungen der einträgliche preußische Markt
ihnen ferner offen gelassen/6
Nach dieser Schilderung bemerkt der Angeklagte, eine so ge¬
handhabte Zensur werde zu einer anmaßenden Bevormundung, zu
einer wahrhaften Unterdrückung der öffentlichen Meinung und 15
führe endlich zu einer höchst bedenklichen, dem Volke wie dem
Könige gleich gefährlichen Eigenmacht der Beamten.
Nun, wie erscheint diese Stelle? Würde eine Schrift, in diesem
Tone geschrieben, nicht heutzutage das preußische Imprimatur
bekommen? Wird nicht in allen preußischen Zeitungen genau das- 20
selbe Urteil über die damaligen Zensurzustände gefällt? Sind
nicht schon weit stärkere Sachen über noch bestehende Ein¬
richtungen gesagt worden? Und was sagt unser Urteil?
„In solcher Weise darf ein Untertan sich über Gesetze und An¬
ordnungen im Staate nicht auslassen, die Behauptung, daß jede 25
das öffentliche Interesse nur entfernt berührende Andeutung, um
veröffentlicht zu werden, sich außerhalb der preußischen Grenzen
flüchten müsse, daß die Zensur, wie sie in Preußen gehandhabt
werde, eine anmaßende Bevormundung, eine wahrhafte Unter¬
drückung der öffentlichen Meinung involviere, enthalten der Sache 30
und dem Worte nach frechen Tadel und verletzen die dem
Staate schuldige Ehrerbietung. Die Aufstellung aber, daß dadurch
eine höchst bedenkliche, dem Volke wie dem Könige gleich gefähr¬
liche Eigenmacht der Beamten gefördert werde, beweiset deutlich
die Tendenz, Mißvergnügen und Unzufriedenheit mit den also ge- 35
schilderten Institutionen zu veranlassen. Inkulpat hat in der vor¬
liegenden Untersuchung zu erweisen gesucht, daß sein Urteil über
die Zensurverwaltung in der Wirklichkeit begründet sei, und es
sind von ihm in dieser Hinsicht mehrere spezielle Fälle angeführt,
in welchen Artikeln publizistischen Inhalts das Imprimatur ver- 10
weigert worden ist/6
x) Von Oppenheim durchstrichen ; auch hat er eine zwischen dem Geheimen
Oberregierungsrat Seyffert und dem Redakteur der Leipziger Allgemeinen Zeitung
stattgefundene Korrespondenz allegiert zum Beweise, daß jene Zeitung wirklich unter
dem Einflüsse der preußischen Regierung stehe.
Zur Kritik der Preußischen Preßgesetze
315
„Diese Anführungen sind indessen offenbar unerheblich; denn
abgesehen davon, daß einzelne Beispiele für den Wert oder Un¬
wert einer Staatseinrichtung überhaupt nichts beweisen, so würde,
auch selbst die Richtigkeit des von dem Inkulpaten gefällten Ur-
5 teils vorausgesetzt, die Form, in welcher dasselbe ausgesprochen
ist, den Vorwurf der Frechheit und Unehrerbietigkeit fortbestehen
lassen. Er urteilt nicht in ruhig erörternder Weise, sondern tadelt
in solchen Ausdrücken, welche, wenn sie gegen Personen gerichtet
wären, unzweifelhaft als Injurien anzusehen sein würden.“
10 Ferner heißt es: „Inkulpat bemerkt über die Kommunalver¬
fassung: ,vor allem müsse die Städteordnung vom Jahre 1808
von der revidierten des Jahres 1831 wohl unterschieden werden.
Erstere trüge den liberalen Charakter der damaligen Zeit und achte
der Bürger Selbständigkeit; die zweite werde überall von der Jetzt-
15 Regierung begünstigt und den Städten dringend anempfohlen/
Der in diesen Worten enthaltene Gegensatz zwischen den Worten:
liberaler Charakter der damaligen Zeit und Jetzt-Regierung, ent¬
hält die frech tadelnde Behauptung, daß die jetzige Regierung
nicht allein illiberal sei, sondern auch, daß sie überhaupt die
2o Selbständigkeit der Bürger nicht achte ( ? ? ). Die unlautere Gesin¬
nung und die verwerfliche Tendenz seiner Schrift gibt sich aber
ganz besonders kund aus den Beispielen, welche Inkulpat zum Be¬
weise jener von ihm aufgestellten Parallele folgen läßt, indem er
hierbei die von ihm allegierten Bestimmungen der beiden Städte-
25 Ordnungen teils unrichtig, teils unvollständig und entstellt wieder¬
gibt.“
Ich kann mich der zu weit führenden Auszüge, die jetzt folgen,
um so eher entschlagen, als, selbst die Unrichtigkeit und Unvoll¬
ständigkeit der angeklagten Darstellung zugegeben, daraus doch
30 noch lange nicht unlautere Gesinnung und verwerfliche Tendenz
folgen würde. Nur den Schluß will ich noch anführen: ,Erwägt
man die den ständischen Verhandlungen vollkommen entzogene
Öffentlichkeit, die daher rührende, bei Wahlen wie überall sich
offenbarende Gleichgültigkeit der gebildeten Klassen, endlich die
35 zweimal, im Jahre 1826 und 1833, von den liberalen rheinpreußi¬
schen Ständen erfolgte Ablehnung einer derartigen Gemeindever¬
fassung, so wird man wohl schwerlich geneigt sein, die v i e 1 g e -
rühmte preußische Städteordnung als Gegengewicht des selb¬
ständigen Volksbewußtseins gegen Ministerwillkür, geschweige als
40 ein Surrogat konstitutioneller Vertretung gelten zu lassen/ Über
diese Worte bemerkt das Erkenntnis: „Auch diese Stelle enthält
offenbar spöttischen Tadel und verrät gleichfalls die Tendenz, Un¬
zufriedenheit und Mißvergnügen zu erregen. Wem es nur darum
zu tun ist, dem Vaterlande zu nützen, der wird nicht nachzuweisen
45 bemüht sein, daß früher eine dem Volke ersprießlichere Richtung
316
Berlin 1841—1842.
Aus der Rheinischen Zeitung
verfolgt sei, welche man jetzt immer mehr und mehr verlasse und
mit einer dem Gemeinwohl schädlichen Tendenz vertausche. Eine
solche Vergleichung des frühem vorgeblich bessern Zustandes mit
dem gegenwärtigen ist durchaus unnötig, um die vermeintlichen
Mängel der bestehenden Verfassung aufzudecken; sie kann daher *
keinen andern Zweck haben, als die Ansicht hervorzurufen, daß
es jetzt nicht mehr so gut um das Wohl der Nation stehe wie früher,
um solchergestalt Mißvergnügen und Unzufriedenheit zu erregen.“
Was vom Gesetz oben ausgesagt wurde, das bestätigt die
Praxis nur zu sehr. Die Bestimmung der Unehrerbietigkeit, die ins
Ressort der Polizei, der Zensur gehört, äußert hier ihre nachteiligen
Wirkungen. Durch die Verpflanzung dieses Begriffs auf den Boden
des Gesetzes wird dies von der jedesmaligen schwerem oder leich¬
tem Zensur abhängig gemacht. Ist die Zensur gerade drückend
wie 1840, so ist der leiseste Tadel unehrerbietig. Ist sie human u
wie jetzt, so ist, was damals für frech galt, heute kaum unehrer-
bietig.2) Die Zensur muß ihrer Natur nach schwankend sein;
das Gesetz aber muß fest stehen, bis es auf gehoben wird; es
muß unabhängig sein von dem Auf und Ab der polizeilichen
Praxis. 20
Und nun vollends die „Erregung zum Mißvergnügen und zur
Unzufriedenheit“! Das ist freilich zum Teils) Zweck aller Oppo¬
sition. Wenn ich eine4) gesetzliche Bestimmung tadle, so habe ich
allerdings die Absicht, Unzufriedenheit damit zu erregen, und
zwarö) nicht im Volke, sondern sogar0) bei der Regierung. Wie 25
kann man anders etwas tadeln als in der Absicht, andere von der
— gelinde gesagt — Unvollkommenheit des Getadelten zu über¬
zeugen, also bei ihm Unzufriedenheit damit zu erwecken? Wie
kann ich hier tadeln und dort loben, wie kann ich etwas zu gleicher
Zeit für schlecht und für gut halten? Es ist rein unmöglich. Ich 30
bin auch ehrlich genug, gleich gradeaus zu sagen, daß ich die
Absicht hege, durch diesen Artikel Unzufriedenheit und Mi߬
vergnügen gegen den § 151 des preußischen Straf rechts zu erregen,
und hege dennoch die Überzeugung, daß ich denselben nicht „frech
und unehrerbietig“, wie dieser Paragraph sagt, sondern „anständig 35
und wohlmeinend“, wie das Zensurzirkular sagt, tadele. Das Zen¬
surzirkular hat aber dieses Recht, Unzufriedenheit zu erregen,
sanktioniert, und zum Ruhm der preußischen Nation ist seitdem
*) Von Oppenheim durchstrichen Genug der Auszüge, die ich übrigens verzehn¬
fachen könnte!
2) Nach unehrerbietig von Oppenheim durchstrichen Daher der Widerspruch,
daß in der Rheinischen und Königsberger Zeitung Dinge das preußische Imprimatur
erhalten, die 1840 nicht nur unerlaubt, sondern sogar strafbar waren.
3) freilich zum Teil von Oppenheim korr. aus vollends
*) Von Oppenheim korr. aus diese
5) zwar von Oppenheim eingefügt
•) Nach sogar von Oppenheim gestrichen womöglich
Zur Kritik der Preußischen Preßgesetze
317
bereits viel^ geschehen, nm Unzufriedenheit und Mißvergnügen
zu erwecken. Dieser Teil des Paragraphen ist dadurch faktisch
aufgehoben, und die Strafbarkeit des „unehrerbietigen Tadels“
bedeutend beschränkt. Beweis genug, daß der Paragraph eine Ver-
5 mischung und Zusammenwürfelung heterogener, legislatorischer
und preßpolizeilicher Bestimmungen enthält.
Dies erklärt sich auch ganz einfach aus der Zeit, in welcher das
Landrecht gesammelt wurde, aus dem Konflikt der freisinnigen
Aufklärung jener Epoche mit dem preußischen ancien régime von
10 damals. Mißvergnügen mit der Regierung, mit Staatseinrich¬
tungen zu hegen, war damals nicht viel besser als Hochverrat und
wenigstens schon ein Verbrechen, worauf sich eine recht hübsche
Untersuchung und Verurteilung basieren ließ.
Die Majestätsbeleidigung interessiert uns wenig. Die preu-
15 ßischen Publizisten haben bis jetzt den richtigen Takt befolgt, die
Person des Königs aus dem Spiele zu lassen. Es ist das die Anti¬
zipation des konstitutionellen Prinzips von der Unverletzlichkeit
der königlichen Person und kann nur gebilligt werden.
Der obigeParagraph sei hiermit der Gesetzrevisionskommission
20 bestens empfohlen; wir wollen indes fortfahren, in der angedeute¬
ten guten, wohlmeinenden und anständigen Weise recht viel Mi߬
vergnügen und Unzufriedenheit mit allen überlebten und illi¬
beralen Resten in unsern Staatseinrichtungen zu erwecken.
M viel von Oppenheim korr. aus das Möglichste
[Allerlei aus Berlin]
[RhZ 29. Aug. 1842. Nr. 241, p. 2]
*x* Berlin, 19. August. Ich schreibe heute an Sie, um
Ihnen zu melden, daß es von hier aus eigentlich Nichts zu melden
gibt. Das weiß der Himmel, es ist jetzt, wie man hier sagt, die 5
Sauregurkenzeit für Korrespondenten. Es passiert auch Nichts,
gar Nichts! Der Verein des historischen Christus läßt eben so
wenig etwas von sich hören wie der Verein der Freien; trotzdem
daß er offiziell existiert, weiß eigentlich doch kein Student, wo er
existiert und wer dazu gehört. Es muß wohl sein wie vor einem 10
halben Jahr mit dem berühmten Fackelzug für den Philosophen
in der Leipziger Straße, woran nachher auch kein Student wollte
Teil genommen haben, und wovon es schon den Tag vorher hieß,
es seien leider meistens „Philister“. Auch die ständischen Aus¬
schüsse können noch immer nicht zu Stande kommen, trotz der 16
Leipziger Zeitung, die bei ihrer Vorliebe für preußische ungelegte
Eier kreuz und quer debattiert über das, was den Ausschüssen
vorgelegt werden wird. Wir aber trösten uns der Weisheit unseres
Königs und lassen die ungelegten Eier in Ruhe. Derselbe soll
einen Handelsvertrag und eine neue Kartellkonvention mitge- 20
bracht haben, und das werden wohl keine ungelegten Eier sein!
Wir aber kümmern uns auch darum nicht, ich meine wir Berliner,
sondern beneiden die Rheinländer um den Hochgenuß, der ihnen
in wenigen Wochen werden wird, wo nicht nur unser König, son¬
dern unter vielen andern hohen Personen auch der würdige König 25
Ludwig von Bayern, der Dichter auf dem Throne und Verfasser
der Walhallagenossen, Gründer Walhallas, zur Grundsteinlegung
des zu einer Zierde des deutschen Volkes vollendet werden sollenden
Kölner Doms erscheinen wird. Die Walhallagenossen haben in den
hiesigen gebildeten Kreisen lebhafte Sensation erregt, und das 30
allgemeine, kompetente Urteil spricht sich unbedingt dahin aus,
daß König Ludwig ein neues Lorbeerreis um seine Krone gefloch¬
ten habe. Der taciteisch-gedrungene, urkräftig-gewaltsame Stil des
Königs wird unbedenklich auf Nachahmung rechnen können und
doch wohl selten erreicht werden. — 35
[F. W. Andreä und der „Hohe Adel Teutschlands“]
[RhZ 29. Aug. 1842. Nr. 241, p. 2]
*x* Ich will nicht verfehlen, die Herren katholischen ritter-
bürtigen Ritterschaftsmitglieder auf ein Gedicht aufmerksam zu
5 machen, welches zwar von einem Bürgerlichen verfaßt, aber eben
deshalb um so mehr wert ist, als eine kostbare Perle, als ein
schuldiger Tribut der bürgerlichen Demut aufgehoben zu werden.
Es ist in Erfurt bei F. W. Otto im Jahre der Gnade achtzehn¬
hundertzweiundvierzig ein Büchlein erschienen: Das Wissens-
10 würdigste der Heraldik oder Wappenkunde, von F. W. Andreä,
dessen Widmung also lautet: „Dem gesammten Hohen Adel
Teutschlands ehrerbietig gewidmet von dem Herausgeber.“
„Dem Adelstand gebührt der erste Rang im Staate,
Der Ahnen Großverdienst hat ihn so hoch gestellt.
iß Und fortgeerbt, vermehrt hat sich der Ahnen Tugend,
Die Gegenwart steht der Vergangenheit nicht nach.
Es krönt darum Verehrung ihn auf allen Wegen,
Denn jedem Staate spendet er den reichsten Segen.
„Und in den Wappen liegt der tiefe Sinn verborgen,
20 Was in der Vorzeit Großes einst geschah.
Wie Fürsten das Verdienst des Adels ehrten,
Im Krieg sowohl, wie in des Friedens Ruh.
Die Wappen sind des Adels hochverdiente Kronen,
Geweiht, nur edle Taten zu belohnen! —
25 «Mit Schüchternheit und tief ergriffen von dem Ruhme,
Der hehren Glanzes durch Aeonen strahlt,
Wag’ ich den Hohen Tugend-Erben jener Helden
Ein Denkmal der Verehrung hier zu weihn.
0 nehmet gnädig an das schwache Werk für starken Willen,
3o Es gibt Euch Kunde doch, was ich gefühlt im Stillen!“
Nicht wahr, der Mann verdient geadelt zu werden?
Aus:
DEUTSCHE JAHRBÜCHER
für Wissenschaft und Kunst
Leipzig 1842
Erschienen in:DeutscheJahrbücherfürWissenschaft
und Kunst. Herausgegeben unter Verantwortlichkeit der Verlags¬
handlung. Leipzig, Verlag von Otto Wigand. Jahrgang 1. Nr. 160, 7. Juli
1842, p. 640; Nr. 161, 8. Juli 1842, p. 641-644; Nr. 162, 9. Juli 1842,
p. 645-647.
Geschrieben in der ersten Hälfte des Juni 1842.
Alexander Jung, Vorlesungen über die moderne
Literatur der Deutschen. Danzig 1842. Gerhard.
Je erfreulicher die gewaltige geistige Bewegung ist, mit welcher
Königsberg sich in den Mittelpunkt der deutschen politischen Ent-
5 wicklung zu setzen sucht, je freier und ausgebildeter sich dort die
öffentliche Meinung beweist, um so seltsamer erscheint es, daß
an eben diesem Orte in philosophischer Beziehung ein gewisses
Juste-Milieu sich geltend zu machen sucht, das mit der Majorität
des dortigen Publikums offenbar in Widerspruch geraten muß.
10 Und wenn Rosenkranz immer noch manche respektable Seite
hat, obwohl auch ihm der Mut der Konsequenz abgeht, so tritt
die ganze Schlaffheit und Erbärmlichkeit des philosophischen
Juste-Milieu in Herm Alexander Jung ans Tageslicht.
Es gibt bei jeder Bewegung, bei jedem Ideenkampfe eine ge-
15 wisse Art verworrner Köpfe, die sich nur im Trüben ganz wohl
befinden. So lange die Prinzipien mit sich selbst noch nicht im
reinen sind, läßt man solche Subjekte mitlaufen; so lange jeder
nach Klarheit ringt, ist es nicht leicht, ihre prädestinierte Unklar¬
heit zu erkennen. Wenn aber die Elemente sich scheiden, Prinzip
2o gegen Prinzip steht, dann ist es an der Zeit, jenen Unbrauchbaren
den Abschied zu geben und sich definitiv mit ihnen ins reine zu
setzen; denn dann zeigt sich ihre Hohlheit auf eine erschreckende
Weise.
Zu diesen Leuten gehört auch Herr Alexander Jung. Sein obiges
25 Buch bliebe am besten ignoriert; da er aber außerdem ein „Kö¬
nigsberger Litteraturblatt“ herausgibt und seinen langweiligen
Positivismus auch hier allwöchentlich vors Publikum bringt, so
mögen die Leser der Jahrbücher es mir verzeihen, wenn ich ihn
einmal aufs Korn fasse und etwas ausführlicher charakterisiere.
30 Zur Zeit des weiland jungen Deutschlands trat er mit Briefen
über die neueste Literatur auf. Er hatte sich der jüngem Richtung
angeschlossen und geriet nun mit ihr in die Opposition, ohne daß
er es wollte. Welche Stellung für unsren Vermittler! Herr Alexan¬
der Jung auf der äußersten Linken! Man kann sich die Unbehag-
35 lichkeit, in der er sich befand, den Schwall von Beschwichtigungen,
von dem er sprudelte, leicht denken. Nun hatte er eine besondre
Passion für Gutzkow, der damals für den Erzketzer galt. Er wollte
seinem gepreßten Herzen Luft machen, aber er fürchtete sich, er
wollte nicht anstoßen. Wie sollte er sich helfen? Er fand ein
40 Mitteichen, das ganz seiner würdig war. Er schrieb eine Apotheose
Gutzkows und vermied es, seinen Namen darin zu nennen; dann
21*
324
Berlin 1841—1842.
Aus den Deutschen Jahrbüchern
setzte er darüber: „Fragmente über den Ungenannten“. Wenn
Sie erlauben, Herr Alexander Jung, das war feig!
Seitdem trat Jung wieder mit einem vermittelnden und ver¬
worrnen Buche auf : Königsberg in Preußen und die Extreme des
dortigen Pietismus. Welch ein Titel schon! den Pietismus selbst .5
läßt er gelten, aber seine Extreme müssen bekämpft werden,
ebensogut, wie jetzt im Königsberger Litteraturblatt die Extreme
der junghegelschen Richtung bekämpft werden, wie alle Extreme
überhaupt vom Übel sind und nur die liebe Vermittlung und Mä¬
ßigung etwas taugt. Als wenn nicht die Extreme die bloßen Konse- 10
quenzen wären! Übrigens ist das Buch seinerzeit in den Hallischen
Jahrbüchern besprochen worden.
Jetzt kommt er mit dem obigen Buch heran und gießt einen
reichlichen Eimer voll vager, kritikloser Behauptungen, verworr¬
ner Urteile, hohler Phrasen und lächerlich beschränkter An- 15
schauungen vor uns aus. Es ist, als wenn er seit seinen „Briefen“
geschlafen hätte. Rien appris, rien oublié! Das junge Deutsch¬
land ist vorübergegangen, die junghegelsche Schule ist gekommen,
Strauß, Feuerbach, Bauer, die Jahrbücher haben die allgemeine
Aufmerksamkeit auf sich gelenkt, der Kampf der Prinzipien ist 20
in der schönsten Blüte, es handelt sich um Leben oder Tod, das
Christentum steht auf dem Spiele, die politische Bewegung er¬
füllt alles, und der gute Jung ist noch immer des naiven Glaubens,
„die Nation“ habe nichts andres zu tun, als auf ein neues Stück
von Gutzkow, einen versprochnen Roman von Mundt, eine zu er- 25
wartende Bizarrerie von Laube gespannt zu sein. Während ganz
Deutschland widerhallt vom Kampfgeschrei, während die neuen
Prinzipien zu seinen eignen Füßen debattiert werden, sitzt Herr
Jung in seinem Kämmerlein, kaut an der Feder und grübelt nach
über den Begriff des „Modernen“. Er hört nichts, er sieht nichts, 30
denn er steckt bis über die Ohren in Bücherballen, für deren In¬
halt sich jetzt kein Mensch mehr interessiert, und müht sich ab,
die einzelnen Stücke recht ordentlich und nett unter Hegelsche
Kategorien zu rangieren.
Ans Tor seiner Vorlesungen stellt er als Wache den Popanz des 35
„Modernen“ auf. Was ist das „Moderne?“ Herr Jung sagt, als
Ausgangspunkte dafür setze er Byron und George Sand voraus, die
nächsten prinzipiellen Elemente der neuen Weltzeit seien für
Deutschland: Hegel und die Schriftsteller der sogenannten jungen
Literatur. — Was dem armen Hegel nicht alles zugeschoben wird! 40
Atheismus, Alleinherrschaft des Selbstbewußtseins, revolutionäre
Staatslehre, und jetzt noch das junge Deutschland. Es ist aber
geradezu lächerlich, Hegel mit dieser Koterie in Verbindung zu
bringen. Weiß denn Herr Jung nicht, daß Gutzkow von jeher gegen
die Hegelsche Philosophie polemisiert hat, daß Mundt und Kühne 45
Alexander Jung, Vorlesungen
325
so gut wie gar nichts von der Sache verstehen, daß namentlich
Mundt in der Madonna und sonst das verrückteste Zeug, die grö߬
ten Mißverständnisse in bezug auf Hegel ausgesprochen hat und
jetzt erklärter Gegner seiner Lehre ist? Weiß er nicht, daß Wien-
5 barg sich ebenfalls gegen Hegel aussprach und Laube in seiner
Literaturgeschichte Hegelsche Kategorien fortwährend falsch ge¬
brauchte?
Jetzt geht Herr Jung an den Begriff des „Modernen“ und quält
sich auf sechs Seiten damit herum, ohne ihn zu bewältigen. Natür-
10 lieh! Als ob das „Moderne“ jemals „in den Begriff erhoben wer¬
den“ könne! Als ob eine so vage, gehaltlose, unbestimmte Phrase,
die von oberflächlichen Köpfen in gewisser geheimnisvoller Weise
überall vorgeschoben wurde, jemals eine philosophische Kategorie
werden könne! Welcher Abstand von dem „Modernen“ Heinrich
15 Laubes, das nach aristokratischen Salons riecht und sich nur in
Gestalt eines Dandy verkörpert, bis zu der „modernen Wissen¬
schaft“ auf dem Titel der Straußschen Glaubenslehre! Das hilft
aber alles nicht, Herr A. Jung sieht diesen Titel als einen Beweis
an, daß Strauß das Moderne, das speziell jungdeutsche Moderne
2o als eine Macht über sich anerkenne und bringt ihn flugs mit der
jungen Literatur unter einen Hut. Endlich bestimmt er den Be¬
griff des Modernen als die Unabhängigkeit des Subjekts von jeder
bloß äußerlichen Autorität. Daß das Streben danach ein Haupt¬
moment der Zeitbewegung sei, haben wir längst gewußt, und daß
25 die „Modernen“ damit Zusammenhängen, leugnet keiner; aber
es zeigt sich hier recht glänzend die Verkehrtheit, mit der Herr
Jung platterdings einen Teil zum Ganzen, eine überlebte Durch¬
gangsepoche zur Blütezeit erheben will. Das junge Deutschland
soll nun einmal, es mag biegen oder brechen, zum Träger des
30 ganzen Zeitinhalts gemacht werden, und nebenbei soll Hegel auch
noch sein Stückchen abbekommen. Man sieht, wie Herr Jung bis¬
her in zwei Teile geteilt war; in der einen Herzkammer trug er
Hegel, in der andern das junge Deutschland. Jetzt, als er diese
Vorlesungen schrieb, mußte er diese beiden notwendig in Zu-
35 sammenhang bringen. Welche Verlegenheit! Die linke Hand
karessierte die Philosophie, die rechte die oberflächliche, schil¬
lernde Unphilosophie, und auf gut christlich wußte die rechte
Hand nicht, was die linke tat. Wie sollte er sich helfen? Statt ehr¬
lich zu sein, und von den beiden unvereinbaren Liebhabereien die
40 eine fallen zu lassen, machte er eine kühne Wendung und leitete
die Unphilosophie aus der Philosophie ab.
Zu diesem Zwecke wird der arme Hegel auf dreißig Seiten be¬
leuchtet. Eine schwülstige, phrasenstrotzende Apotheose ergießt
ihre trübe Flut auf das Grab des großen Mannes; sodann plagt
45 sich Herr Jung, zu beweisen, daß der Grundzug des Hegelschen
326
Berlin 1841—1842.
Aus den Deutschen Jahrbüchern
Systems die Behauptung des freien Subjekts gegen die Hetero-
nomie der starren Objektivität sei. Man braucht aber nicht eben
bewandert im Hegel zu sein, um zu wissen, daß er einen weit
hohem Standpunkt in Anspruch nimmt, den der Versöhnung
des Subjekts mit den objektiven Gewalten, daß er einen unge- 5
heuren Respekt vor der Objektivität hatte, die Wirklichkeit, das
Bestehende weit höher stellte, als die subjektive Vernunft des
Einzelnen, und gerade von diesem verlangte, die objektive Wirk¬
lichkeit als vernünftig anzuerkennen. Hegel ist nicht der Prophet
der subjektiven Autonomie, wie Herr Jung meint und wie sie 10
als Willkür im jungen Deutschland zutage kommt, Hegels Prinzip
ist auch Heteronomie, Unterwerfung des Subjekts unter die all¬
gemeine Vernunft. Zuweilen sogar, z. B. in der Religionsphilo¬
sophie, unter die allgemeine Unvernunft. Das, was Hegel am
meisten verachtete, war der Verstand, und was ist dieser andres,
als die in ihrer Subjektivität und Vereinzelung fixierte Vernunft?
Nun wird mir aber Herr Jung antworten, so habe er das nicht ge¬
meint, er rede nur von bloß äußerlicher Autorität, er wolle
in Hegel auch nichts andres sehen als die Vermittlung beider
Seiten, und das „moderne46 Individuum wolle seiner Ansicht nach 20
weiter nichts, als eben sich bedingt sehen nur „durch eigne Ein¬
sicht in die Vernünftigkeit eines Objektiven66 — dann bitte ich
mir aber auch aus, daß er mir Hegel nicht mit den Jungdeutschen
zusammenbringt, deren Wesen eben die subjektive Willkür, die
Marotte, das Kuriosum ist; dann ist „das moderne Individuum66 25
nur ein andrer Ausdruck für einen Hegelianer. Bei einer so gren¬
zenlosen Verwirrung muß Herr Jung denn auch das „Moderne66
innerhalb der Hegelschen Schule auf suchen, und richtig ist die
linke Seite dazu vorzugsweise berufen, mit den Jungdeutschen zu
fraternisieren.
Endlich kommt er zur „modernen66 Literatur, und es geht jetzt
eine allgemeine Anerkennung und Loberei los. Da ist keiner,
der nicht irgend etwas Gutes getan hätte, keiner, der nicht
etwas Bemerkenswertes repräsentierte, keiner, dem die Literatur
nicht irgendeinen Fortschritt verdankte. Dieses ewige Bekompli- 35
montieren, dieses Vermittlungsstreben, diese Wut, den literarischen
Kuppler und Unterhändler zu spielen, ist unerträglich. Was geht
das die Literatur an, ob dieser oder jener ein bißchen Talent hat,
hier und da eine Kleinigkeit leistet, wenn er sonst nichts taugt,
wenn seine ganze Richtung, sein literarischer Charakter, seine w
Leistungen im Großen nichts wert sind? In der Literatur gilt jeder
nicht für sich, sondern nur in seiner Stellung zum Ganzen. Wenn
ich mich zu einer solchen Art Kritik hergeben wollte, so müßte ich
auch mit Herm Jung selbst glimpflicher verfahren, weil vielleicht
fünf Seiten in diesem Buche nicht übel geschrieben sind und eini- 45
Alexander Jung, Vorlesungen
327
ges Talent verraten. — Eine Masse komischer Aussprüche fließen
Herm Jung mit einer großen Leichtigkeit und einer gewissen Gran¬
dezza aus der Feder. So, von den scharfen Abfertigungen Pück-
lers durch die Kritik sprechend, freut er sich, daß diese „ohne
5 Ansehen der Person und des Ranges ihr Urteil
fälle. Es zeugt dieses in Wahrheit von einem hohen, in sich selbst
unabhängigen Standpunkt deutscher Kritik“. Welch eine schlechte
Meinung muß Herr Jung von der deutschen Nation haben, daß er
ihr dergleichen so hoch anrechnet! Als ob Wunders welche Courage
10 dazu gehörte, die Werke eines Fürsten zu tadeln!
Ich übergehe dies Geschwätz, das den Anspruch macht, Lite¬
raturgeschichte zu sein, und außer seiner innem Hohlheit und
Zusammenhangslosigkeit auch noch grenzenlos lückenhaft ist; so
fehlen die Lyriker Grün, Lenau, Freiligrath, Herwegh, so die
io Dramatiker Mosen und Klein usw. Endlich kommt er dahin,
worauf er von vom herein losgearbeitet hat, auf sein liebes junges
Deutschland, das für ihn die Vollendung des „Modernen“ ist. Er
beginnt mit Börne. In Wahrheit aber ist Börnes Einfluß auf das
junge Deutschland so groß nicht, Mundt und Kühne erklärten ihn
20 für verrückt, Lauben war er zu demokratisch, zu entschieden, und
nur bei Gutzkow und Wienbarg äußerten sich nachhaltigere Wir¬
kungen. Gutzkow namentlich verdankt Bömen sehr viel. Der
größte Einfluß, den Börne gehabt hat, das ist jener stille auf die
Nation, die seine Werke als ein Heiligtum bewahrt und sich daran
25 gestärkt und aufrecht erhalten hat in den trüben Zeiten von
1832—40, bis die wahren Söhne des Pariser Briefstellers in den
neuen, philosophischen Liberalen erstanden. Ohne die direkte und
indirekte Wirkung Börnes wäre es der aus Hegel hervorgehenden
freien Richtung weit schwerer geworden, sich zu konstituieren. Es
30 kam jetzt aber bloß darauf an, die verschütteten Gedankenwege
zwischen Hegel und Börne auszugraben, und das war so schwer
nicht. Diese beiden Männer standen sich näher als es schien. Die
Unmittelbarkeit, die gesunde Anschauung Börnes erwies sich als
die praktische Seite dessen, was Hegel theoretisch wenigstens in
35 Aussicht stellte. Herr Jung sieht das natürlich wieder nicht ein.
Börne ist ihm gewissermaßen allerdings ein respektabler Mann,
der sogar Charakter hatte, was unter Umständen gewiß viel wert
ist, er hat unleugbare Verdienste, wie etwa Vamhagen und Pück-
ler auch, und hat namentlich gute Theaterkritiken geschrieben,
*0 aber er war ein Fanatiker und Terrorist, und davor behüte uns der
liebe Gott! Pfui über so eine schlaffe, mattherzige Auffassung
eines Mannes, der allein durch seine Gesinnung ein Träger seiner
Zeit wurde! Dieser Jung, der das junge Deutschland und sogar die
Persönlichkeit Gutzkows aus dem absoluten Begriff konstruieren
O In den „Deutschen Jahrbüchern“ irrtümlich Rosen
328
Berlin 1841—1842.
Aus den Deutschen Jahrbüchern
will, ist nicht einmal imstande, einen so einfachen Charakter wie
Börne zu begreifen; er sieht nicht ein, wie notwendig, wie konse¬
quent auch die extremsten, radikalsten Aussprüche aus Börnes
innerstem Wesen hervorgehen, daß Börne seiner Natur
n a ch R epublikaner wa r, und für einen solchen die Pariser &
Briefe wahrlich nicht zu stark geschrieben sind. Oder hat Herr
Jung nie einen Schweizer oder Nordamerikaner über monarchische
Staaten sprechen hören? Und wer will es Bömen zum Vorwurf
machen, daß er „das Leben nur aus dem Gesichtspunkte der Po¬
litik betrachtete“? Tut nicht Hegel dasselbe? Ist nicht auch ihm 10
der Staat in seinem Übergange zur Weltgeschichte, also in den
Verhältnissen der innem und äußern Politik, die konkrete Realität
des absoluten Geistes? Und — es ist lächerlich — bei dieser un¬
mittelbaren, naiven Anschauung Börnes, die in der erweiterten
Hegelschen ihre Ergänzung findet und oft aufs Überraschendste 15
zu ihr stimmt, meint Herr Jung dennoch, Börne habe sich „ein
System der Politik und des Völkerglücks entworfen“, so ein ab¬
straktes Wolkengebilde, aus dem man sich seine Einseitigkeiten
und Verhärtungen erklären müsse! Herr Jung hat keine Ahnung
von der Bedeutung Börnes, von seinem eisernen, geschloßnen 20
Charakter, von seiner imponierenden Willensfähigkeit; eben weil
er selbst so ein gar kleines, weichherziges, unselbständiges Aller¬
weltsmännchen ist. Er weiß nicht, daß Börne einzig dasteht als
Persönlichkeit in der deutschen Geschichte, er weiß nicht, daß
Börne der Bannerträger deutscher Freiheit war, der einzige 25
Mann in Deutschland zu seiner Zeit; er ahnt nicht, was es heißt,
gegen vierzig Millionen Deutsche auf stehen und das Reich der
Idee proklamieren; er kann es nicht begreifen, daß Börne der
Johannes Baptista der neuen Zeit ist, der den selbstzufriednen
Deutschen von der Buße predigt und ihnen zuruft, daß die Axt 30
schon an der Wurzel des Baumes liege und der Stärkere kommen
wird, der mit Feuer tauft und die Spreu unbarmherzig von der
Tenne fegt. Zu dieser Spreu darf sich auch Herr A. Jung rechnen.
Endlich kommt Herr Jung zu seinem lieben jungen Deutschland
und beginnt mit einer erträglichen, aber viel zu ausführlichen 35
Kritik Heines. Die übrigen werden sodann nach der Reihe durch¬
genommen, zuerst Laube, Mundt, Kühne, sodann Wienbarg, dem
verdientermaßen gehuldigt wird, und endlich auf fast fünf¬
zig Seiten Gutzkow. Die ersten drei verfallen der gewöhnlichen
Juste-Milieu-Huldigung, viel Anerkennung und sehr bescheidner 40
Tadel; Wienbarg wird entschieden hervorgehoben, aber kaum auf
vier Seiten, und Gutzkow endlich mit einer unverschämten Unter¬
würfigkeit zum Träger des „Modernen“ gemacht, nach dem Hegel¬
schen Begriffsschema konstruiert und als Persönlichkeit ersten
Ranges behandelt. 40
Alexander Jung, Vorlesungen
329
Wäre es ein junger, sich erst entwickelnder Autor, der mit
solchen Urteilen aufträte, man ließe sich das gefallen; es gibt
manchen, der eine zeitlang Hoffnungen auf die junge Literatur
gesetzt und im Hinblick auf eine erwartete Zukunft ihre Werke
5 nachsichtiger betrachtet hat, als er es sonst vor sich selbst ver¬
antworten konnte. Namentlich wer die jüngsten Entwicklungs¬
stufen des deutschen Geistes in seinem eignen Bewußtsein repro¬
duziert hat, wird irgend einmal mit Vorliebe auf die Produktionen
Mundts, Laubes oder Gutzkows geblickt haben. Aber der Fort-
10 schritt über diese Richtung hinaus hat sich seitdem viel zu ener¬
gisch geltend gemacht, und die Gehaltlosigkeit der meisten Jung¬
deutschen ist auf eine erschreckende Weise offenbar geworden.
Das junge Deutschland rang sich aus der Unklarheit einer be¬
wegten Zeit empor und blieb selbst noch mit dieser Unklarheit
15 behaftet. Gedanken, die damals noch formlos und unentwickelt
in den Köpfen goren, die später erst durch Vermittlung der
Philosophie zum Bewußtsein kamen, wurden vom jungen Deutsch¬
land zum Spiel der Phantasie benutzt. Daher die Unbestimmtheit,
die Verwirrung der Begriffe, die unter den Jungdeutschen selbst
2o herrschte. Gutzkow und Wienbarg wußten noch am meisten, was
sie wollten, Laube am wenigsten. Mundt lief sozialen Marotten
nach, Kühne, in dem etwas Hegel spukte, schematisierte und klassi¬
fizierte. Aber bei der allgemeinen Unklarheit konnte nichts Rechtes
zutage kommen. Der Gedanke von der Berechtigung der Sinn-
25 lichkeit wurde nach Heines Vorgang roh und flach gefaßt, die
politisch-liberalen Prinzipien waren nach den Persönlichkeiten
verschieden, und die Stellung desWeibes gab zu den fruchtlosesten
und konfusesten Diskussionen Anlaß. Keiner wußte, woran er mit
dem andern war. Auf die allgemeine Verwirrung der Zeit müssen
3o auch die Maßregeln der verschiedenen Regierungen gegen diese
Leute geschoben werden. Die phantastische Form, in der jene
Vorstellungen propagiert wurden, konnte nur dazu beitragen,
jenen wirren Zustand zu vermehren. Durch das glänzende Ex¬
terieur der jungdeutschen Schriften, die geistreiche, pikante, le-
35 bendige Schreibart derselben, die geheimnisvolle Mystik, mit wel¬
cher die Hauptschlagwörter umgeben waren, sowie durch die
Regeneration der Kritik und die Belebung der belletristischen
Zeitschriften, die von ihnen ausging, zogen sie bald jüngere Schrift¬
steller in Masse an sich, und es dauerte nicht lange, so hatte jeder
4o von ihnen, mit Ausnahme Wienbargs, seinen Hof. Die alte schlaffe
Belletristik mußte dem jungen Andrange weichen, und die „junge
Literatur“ nahm das eroberte Feld in Besitz, teilte sich darein und
— zerfiel in sich selbst über der Teilung. Hier kam die Unzuläng¬
lichkeit des Prinzips zum Vorschein. Jeder hatte sich im andern
45 getäuscht. Die Prinzipien verschwanden, es handelte sich nur noch
330
Berlin 1841—1842.
Aus den Deutschen Jahrbüchern
um Persönlichkeiten. Gutzkow oder Mundt, das war die Frage.
Cliquenwesen, Häkeleien, Streitigkeiten um nichts und wieder
nichts begannen die Journale zu füllen.
Der leichte Sieg hatte die jungen Herren übermütig und eitel
gemacht. Sie hielten sich für welthistorische Charaktere. Wo ein 5
junger Schriftsteller auftrat, gleich wurde ihm die Pistole auf
die Brust gesetzt und unbedingte Unterwerfung gefordert. Jeder
machte den Anspruch, exklusiver Literaturgott zu sein. Du sollst
keine andern Götter haben neben mir! Der geringste Tadel erregte
tödliche Feindschaften. Auf diese Weise verlor die Richtung allen 10
geistigen Inhalt, den sie noch etwa gehabt hatte, und sank in den
reinen Skandal herab, der in Heines Buch über Börne kulminierte
und in infame Gemeinheit überging. Von den einzelnen Persön¬
lichkeiten ist Wienbarg unbedingt die nobelste; ein ganzer,
kräftiger Mann, eine Statue von hellglänzendem Erz aus w
einem Gusse, daran kein Rostfleck ist. Gutzkow ist der
Klarste, Verständigste; er hat am meisten produziert und neben
Wienbarg auch die entschiedensten Zeugnisse seiner Gesinnung
gegeben. Will er auf dem dramatischen Gebiet bleiben, so sorge
er indes für beßre, ideenvollre Stoffe, als er sie bisher gewählt 20
hat, und schreibe statt aus dem „modernen64 aus dem wirklichen
Geist der Gegenwart heraus. Wir verlangen mehr Gedankengehalt
als die liberalen Phrasen des Patkul oder die weiche Empfindsam¬
keit des Werner. Wozu Gutzkow viel Talent hat, ist die Publi¬
zistik; er ist ein gebomer Journalist, aber er kann sich nur durch 25
e i n Mittel halten: wenn er sich die neuesten religions- und staats¬
philosophischen Entwicklungen aneignet und seinen Telegraphen,
den er, wie es heißt, wieder auferstehen lassen will, der großen
Zeitbewegung unbedingt widmet. Läßt er aber die entartete Belle-
tristerei seiner Herr werden, so wird er nicht besser werden als 30
die übrigen schönwissenschaftlichen Journale, die nicht Fisch und
nichtFleisch sind, von langweiligen Novellen strotzen,kaum durch¬
blättert werden und überhaupt an Gehalt und in der Achtung des
Publikums mehr als je gesunken sind. Ihre Zeit ist vorbei, sie
lösen sich allmählich in die politischen Zeitungen auf, die das 35
bißchen Literatur noch ganz gut mit abfertigen können.
Laube ist bei all seinen schlechten Eigenschaften doch noch
gewissermaßen liebenswürdig; aber seine unordentliche, prin¬
ziplose Schreiberei, heut Romane, morgen Literaturgeschichte,
übermorgen Kritiken, Dramen usw., seine Eitelkeit und Flachheit 40
läßt ihn nicht aufkommen. Den Mut der Freiheit hat er eben so
wenig als Kühne. Die „Tendenzen66 der weiland „jungen Lite¬
ratur66 sind längst vergessen, das leere, abstrakte Literaturinteresse
hat beide ganz in Anspruch genommen. Dagegen ist die Indiffe¬
renz bei Heine und Mundt zur offnen Apostasie geworden. 45
Alexander Jung, Vorlesungen
331
Heines Buch über Börne ist das Nichtswürdigste, was jemals
in deutscher Sprache geschrieben wurde; Mundts neueste Tätig¬
keit im Piloten nimmt dem Verfasser der „Madonna46 die letzte
Spur von Achtung in den Augen der Nation. Man weiß hier in
5 Berlin nur zu gut, was Herr Mundt mit einer solchen Selbstentwür¬
digung bezweckt, nämlich eine Professur; um so ekelerregender
ist diese plötzlich in Herrn Mundt gefahme Untertänigkeit. Herr
Mundt und sein Waffenträger F. Radewell mögen nur fortfahren,
die neuere Philosophie zu verdächtigen, den Notanker der Schel-
10 lingschen Offenbarung zu ergreifen und sich durch ihre unsinnigen
Versuche, selbst zu philosophieren, vor der Nation lächerlich zu
machen. Die freie Philosophie kann ihre philosophischen Schüler¬
arbeiten ruhig und unwiderlegt in die Welt gehen lassen; sie zer¬
fallen in sich selbst. Was den Namen des Herrn Mundt an der Stirn
15 trägt, ist, wie die Werke Leos, mit dem Malzeichen der Apostasie
gebrandmarkt. Vielleicht bekommt er an Herm Jung bald einen
neuen Hintersassen; er läßt sich bereits gut an, wie wir gesehen
haben und noch weiter sehen werden. —
Nachdem Herr Jung nun den eigentlichen Zweck seiner Vor-
2o lesungen hinter sich hat, drängt es ihn gewaltig, sich zum Schluß
noch einmal recht dem Gelächter der Nation preiszugeben. Er
geht von Gutzkow auf David Strauß über, schreibt ihm das emi¬
nente Verdienst zu, „die Resultate von Hegel und Schleiermacher
und des modernen Stils66 ( ist d a s etwa moderner Stil?) in sich
25 zusammengezogen zu haben, klagt dabei aber entsetzlich über
die greuliche, ewige Negation. Ja, die Negation, die Negation!
Die armen Positivisten und Juste-Milieu-Leute sehen die negative
Flut immer höher und höher schwellen, klammem sich fest anein¬
ander und schreien nach etwas Positivem. Da jammert nun so ein
so Alexander Jung über die ewige Bewegung der Weltgeschichte,
nennt den Fortschritt Negation und spreizt sich zuletzt zum fal¬
schen Propheten auf, der „eine große positive Geburt66 weissagt;
die er mit den verschrobensten Phrasen im voraus beschreibt, und
die Strauß, Feuerbach und was damit zusammenhängt, mit dem
35 Schwerte des Herm besiegen werde. Auch in seinem Litteraturblatt
predigt er das Wort vom neuen „positiven66 Messias. Kann es
etwas Unphilosophischeres geben als ein so unverhohlnes Mißver¬
gnügen, eine so offne Unbefriedigung in der Gegenwart? Kann
man sich weibischer und kraftloser betragen, als es Herr A. Jung
40 tut? Kann man sich eine ärgre Phantasterei denken — die neu-
schellingsche Scholastik ausgenommen — als diesen frommen
Glauben an den „positiven Messias66? Wann gab es eine größre
— und leider auch verbreitetre Verwirrung als diejenige, welche
jetzt in Beziehung auf die Begriffe „positiv und negativ66 herrscht?
45 Man gebe sich nur einmal die Mühe, die verschriene Negation
332
Berlin 1841—1842.
Aus den Deutschen Jahrbüchern
näher anzusehen, und man wird finden, daß sie durch und durch
selbst Position ist. Für diejenigen freilich, die das Vernünftige,
den Gedanken, weil er nicht still steht, sondern sich bewegt, für
nicht positiv erklären, und deren kraftloses Efeugemüt einer
alten Mauerruine, eines Faktums bedarf, um sich an ihm zu hal- 5
ten, für die ist freilich aller Fortschritt Negation. In Wahrheit
aber ist der Gedanke in seiner Entwicklung das allein Ewige und
Positive, während die Faktizität, die Äußerlichkeit des Geschehens
eben das Negative, Verschwindende und der Kritik Anheim¬
fallende ist. 10
„Wer aber wird der Heber0 dieses unendlichen, in unsrer Nähe
weilenden Schatzes sein?46 fährt Herr Jung mit gesteigertem
Pathos fort. Ja, wer wird der Messias sein, der die schwachen,
zagenden Seelen aus dem Exil der Negation, aus der finstern Nacht
der Verzweiflung zurückführen wird in das Land, da Milch und m
Honig fließt? „Ob Schelling? Große, heilige
Hoffnungen setzen wir auf Schelling; eben weil Er so lange
der Einsamkeit vertraut, eben weil er jenen Ruhesitz am Urquelle
des Denkens und Schaffens entdeckt hat, jenen Herrschersitz, wel¬
cher die Zeit aufhören macht, Zeit zu sein!66 usw. Ja, so spricht ein 20
Hegelianer, und weiter (Königsberger Litteratur-Blatt Nr. 4) :
„Wir versprechen uns von Schelling außerordentlich viel.
Schelling wird, hoffen wir, mit derselben Leuchte eines nie-
gesehenen, neuen Lichtes durch die Geschichte schreiten, wie
er einst durch die Natur geschritten ist66 usw. Sodann Nr. 7 eine 25
Huldigung für den unbekannten Gott Schellings. Die Philosophie
der Mythologie und der Offenbarung wird als notwendig konstru¬
iert, und Herr Jung ist selig in dem Bewußtsein, Schellings, des
großen Schelling Gedankenbahnen auch schon von ferne mit
seinem begeisterten Auge nachahnen zu können. Solch ein mark- 30
loser, sehnsüchtiger Geist ist dieser Jung, daß er nur in der Hin¬
gebung an einen andern, in der Unterwerfung unter fremde Auto¬
rität sich befriedigt findet. Keine Ahnung von Selbständigkeit ist
bei ihm zu finden; so wie ihm der Halt genommen wird, den
er umfaßt, knickt er in sich selbst zusammen und weint helle 35
Tränen der Sehnsucht. Sogar an etwas, was er noch nicht kennt,
wirft er sich weg, und trotz der ziemlich genauen Nachrichten,
die man schon vor Schellings Auftreten in Berlin über seine Phi¬
losophie und den speziellen Inhalt seiner Vorlesungen hatte,
kennt Herr Jung keine größere Seligkeit, als zu Schellings Füßen 40
im Staube zu sitzen. Er weiß nicht, wie Schelling sich in der
Vorrede zu dem Cousinschen Werk über Hegel ausgesprochen
hat, oder vielmehr er weiß es wohl, und dennoch wagt er, ein
Hegelianer, sich an Schelling wegzuschenken, wagt es, nach
In den deutschen Jahrbüchern“ Geber
Alexander Jung, Vorlesungen
333
solchen Antezedentien den Namen Hegels noch in den Mund zu
nehmen, auf ihn gegen die neuesten Entwicklungen zu provo¬
zieren! Und um seiner Selbstentwürdigung die Krone aufzu¬
setzen, fällt er in Nr. 13 nochmals anbetend vor Schelling nieder,
5 der ersten Vorlesung desselben den Weihrauch seiner ganzen
Bewundrung und Proskynese zollend. Ja er findet es hier alles
bestätigt, was er von Schelling „nicht bloß voraussetzte, sondern
wußte, jene wunderbar frische, jene auch der Form nach voll¬
endete Durchdringung aller wissenschaf dichen, künsderischen
io und sittlichen Elemente, welche in solcher Vereinigung antiker und
christlicher Welt den so Verherrlichten zu einem ganz andern
Priester des Höchsten und seiner Offenbarung weihen mag, als
es Priestern niedern Grades und Laien auch nur
einfallen kann“. Freilich werden einige so verworfen sein,
15 „daß sie aus Neid sogar die Größe wegleugnen, welche sich hier
rein und klar wie das Licht der Sonne, jedem offenbart“. „Die
ganze Größe Schellings, die Überlegenheit über alles Ausgezeich¬
nete bloß einseitiger Richtungen strahlt uns aus seiner ersten Vor¬
lesung herrlich entgegen.“ „Wer so anfangen kann, der muß
20 gewaltig fortfahren, muß als Sieger enden, und wenn
sie alle ermüden, weil sie alle, solchen Fluges ungewohnt, sinken,
und keiner mehr zu folgen, zu verstehen vermag,
was Du von Ur an Begeisterter sprichst; so lauschen Dir sicher die
Manen des mit Dir Ebenbürtigen, des treuesten, des herrlichsten
25 Deiner Freunde, es lauschen Dir die Manen des alten
Hegel!—“
Was mag Herr Jung dabei sich vorgestellt haben, als er diesen
Enthusiasmus ins Blaue, diese romantische Schwebelei zu Papier
brachte! Was wenigstens hier in Berlin jeder im voraus wußte
30 oder mit Sicherheit schließen konnte, davon ahnt unser frommer
„Priester“ nichts. Was aber jener „Priester des Höchsten“ uns für
„Offenbarungen“ gepredigt, worin die „Größe“, der „Beruf, der
Menschheit das Höchste zu enthüllen“, der „gewaltige Flug“ be¬
standen, wie Schelling „als Sieger geendigt“ hat, das weiß jetzt
35 alle Welt; in dem Schriftchen: „Schelling und die Offenbarung“,
als dessen Verfasser ich mich hiemit bekenne, habe ich den Inhalt
der neuen Offenbarung in durchaus objektiver Weise dargelegt.
Herr Jung möge die Erfüllung seiner Hoffnungen daran nach¬
weisen oder wenigstens die Aufrichtigkeit und den — Mut haben,
40 seinen glänzenden Irrtum einzugestehen.
Ohne mich auf die Kritik Sealsfields, mit der Herr Jung sein
Buch schließt, weiter einzulassen, da ich vom belletristischen
Felde doch schon weit gnug entfernt bin, will ich zum Schlüsse
noch auf einige Stellen des „Königsberger Litteraturblatts“ ein-
45 gehen, um auch hier die Mattherzigkeit und marklose Aufgedun¬
334
Berlin 1841—1842.
Aus den Deutschen Jahrbüchern
senheit Herm Jungs nachzuweisen. Gleich in Nr. 1 wird, jedoch
sehr zurückhaltend, auf Feuerbachs Wesen des Christentums hin¬
gewiesen, in Nr. 2 die Negationstheorie der Jahrbücher ange¬
griffen, jedoch noch mit Respekt, in Nr.3 wird Herbarten ge¬
huldigt, wie vorhin Schellingen, in Nr. 4 allen beiden und zu- *
gleich noch eine Verwahrung gegen den Radikalismus ausge¬
sprochen, in Nr. 8 beginnt eine ausführliche Kritik des Feuer-
bachschen Buchs, in der die Halbheit des Juste-Milieu ihre Über¬
legenheit über den entschiednen Radikalismus geltend machen
will. Und was sind die schlagenden Argumente, die hier aufge- io
wandt werden? Feuerbach, sagt Herr Jung, hätte ganz recht, wenn
die Erde das ganze Universum wäre; vom irdischen Standpunkte
aus ist sein ganzes Werk schön, schlagend, vortrefflich, unwider¬
leglich; aber vom universalen, vom Weltgesichtspunkt aus ist es
nichtig. Schöne Theorie! Als ob auf dem Monde zwei mal zwei #
fünf wäre, als ob auf der Venus die Steine lebendig herumliefen
und auf der Sonne die Pflanzen sprechen könnten! Als ob jenseits
der Erdatmosphäre eine aparte, neue Vernunft anfinge, und der
Geist nach der Entfernung von der Sonne gemessen würde! Als ob
das Selbstbewußtsein, zu dem die Erde in der Menschheit kommt, 20
nicht in demselben Augenblick Weltbewußtsein würde, in wel¬
chem es seine Stellung als Moment desselben erkennt! Als ob ein
solcher Einwand nicht nur ein Vorwand wäre, um die fatale Ant¬
wort auf die alte Frage hinauszuschieben in die schlechte End¬
losigkeit des Raumes! Klingt es nicht seltsam naiv, wenn Herrn 25
Jung mitten in die Hauptreihe seiner Argumente sich der Satz
eingeschmuggelt hat: „die Vernunft, welche über jede bloß sphä¬
rische Bestimmtheit hinausgeht?“ Wie kann er dann, bei zu-
gestandner Konsequenz und Vernünftigkeit des Bestrittnen vom
irdischen Gesichtspunkt aus, diesen vom „universalen“ unter- so
scheiden? Es ist aber eines Phantasten, eines Gefühlsschwärmers,
wie Herr Jung einer ist, vollkommen würdig, sich in die schlechte
Unendlichkeit des Sternenhimmels zu verlieren und über den¬
kende, liebende, phantasierende Wesen auf den andern Welt-
körpem sich allerhand kuriose Hypothesen und wundersame Träu- ss
mereien auszuklauben. Dabei ist es lächerlich, wie er vor der
Seichtigkeit warnt, Feuerbach und Strauß nun ohne weitres des
Atheismus und der unbedingten Leugnung der Unsterblichkeit zu
beschuldigen. Herr Jung sieht nicht, daß diese Leute gar keinen
andern Standpunkt in Anspruch nehmen. Weiter. In Nr. 12 droht *°
uns Herr Jung bereits mit seinem Zorn; in Nr. 26 wird Leo kon¬
struiert und über das unleugbare Talent des Mannes seine Ge¬
sinnung ganz und gar vergessen und beschönigt; ja Rügen wird
ebenso sehr unrecht gegeben wie Leon. Nr. 29 erkennt Hinrichs’
nichtssagende Kritik der Posaune in den Berliner Jahrbüchern an
Alexander Jung, Vorlesungen
335
und erklärt sich noch entschiedner gegen die Linke; Nr.35 vollends
liefert einen langen, grauenvollen Artikel über F. Baader, dessen
somnambüle Mystik und Unphilosophie ihm noch dazu als Ver¬
dienst angerechnet wird; endlich Nr. 36 klagt über „unselige Po-
Hemik“, mit andern Worten offenbar über einen Artikel von
E. Meyen1) in der Rheinischen Zeitung, worin Herm Jung einmal
die Wahrheit gesagt wird — es ist sonderbar! In einem solchen
Dusel und Traumleben ergeht sich Herr Jung, daß er glaubte, er
sei unser „Kampfgenosse44, er „verteidige dieselben Ideen44, daß
io er glaubt, es „walteten zwar Differenzen44 zwischen ihm und uns
ob, „doch stehe die Identität der Prinzipien und Zwecke fest44.
Hoffentlich wird er jetzt gesehen haben, daß wir mit ihm fraterni¬
sieren weder wollen noch können. Solche unglückliche Amphibien
und Achselträger sind nicht brauchbar für den Kampf, den nun
io einmal entschiedne Leute entzündet, und nur Charaktere hindurch¬
führen können. Im Verfolge obiger Zeilen tut er sich noch den
Tort an, daß er in die trivialste Redeweise von literarischer Despo¬
tie der Liberalen verfällt und sich seine Freiheit wahrt. Die soll
ihm bleiben; es wird ihn jeder ruhig fortfaseln lassen bis in alle
2o Ewigkeit. Aber er wird uns erlauben, für seine Unterstützung zu
danken und ihm ehrlich und offen zu sagen, wofür man ihn hält.
Sonst wäre er ja der literarische Despot, und dazu ist er doch
etwas zu weichherzig. Dieselbe Nummer wird in würdiger
Weise beschlossen von einem Hilferuf gegen „das selbstsüchtige,
25 hohle Geschrei, welches in rasender Weise das Selbstbewußt¬
sein zum Gott erhebt44, — nun wagt das Königsberger Litteratur-
Blatt es, diese schaudervollen Ausrufungen nachzusprechen: „Nie¬
der mit dem Christentum, nieder mit der Unsterblichkeit, nieder
mit Gott! !“ Doch es tröstet sich damit, daß „die Träger bereits im
so Vorhause stehen, um diejenigen, welche noch bei so guter Stimme
sind, als lautlose Leichen herauszutragen44. Also wieder die Kraft¬
losigkeit einer Appellation an die Zukunft!
Eine weitre Nummer des Jungschen Blattes ist mir noch nicht
zu Gesicht gekommen. Ich denke, die gegebnen Beweise werden
35 genügen, die Zurückweisung des Herm Jung aus der Gemeinschaft
der Entschiednen und „Freien44 zu begründen; er selbst ist jetzt in
den Stand gesetzt, zu sehen, was man an ihm auszusetzen hat. Noch
eine Bemerkung sei mir gestattet. Herr Jung ist unzweifelhaft der
charakterschwachste, kraftloseste, unklarste Schriftsteller Deutsch-
4o lands. Woher kommt das alles, woher die erbauliche Form, die
er überall zur Schau trägt? Sollte es damit Zusammenhängen, daß
Herr Jung, wie es heißt, früher ex efficio erbaulich sein mußte?
Friedrich Oswald
i) In den „Deutschen Jahrbüchern“ Mayen
Aus:
EINUNDZWANZIG BOGEN
AUS DER SCHWEIZ
Zürich und Winterthur 1843
Erschienen in: Einundzwanzig Bogen aus der S ch weiz,
herausgegeben von Georg Herwegh. Erster Teil. Zürich und Winterthur,
Verlag des Literarischen Comptoirs, 1843. p. 189—196.
Geschrieben zwischen Mitte September und Mitte November 1842.
Friedrich Wilhelm IV., König von Preußen
Unter den europäischen Fürsten, deren Persönlichkeit auch
außer ihrem Lande Aufmerksamkeit erregt, sind besonders vier
interessant: Nikolaus von Rußland, durch die Geradheit und
5 unverhohlene Offenheit, mit der er zum Despotismus hinstrebt,
Louis Philippe, der den Macchiaveil unserer Zeit anpaßt,
Viktoria von England, das vollendete Muster einer konstitutio¬
nellen Königin, und Friedrich Wilhelm IV., dessen Gesin¬
nung, wie sie sich in den beiden Jahren seiner Regierung unver-
10 kennbar und deutlich dargelegt hat, hier einer genauem Betrach¬
tung unterworfen werden soll.
Es ist nicht der Haß und die Rachlust einer von ihm zurück¬
gesetzten und perhorreszierten, von seinen Beamten unterdrückten
und gemißhandelten Partei, die hier sprechen sollen, nicht der
15 bittere Groll, den die Zensur genährt hat, und der die Preßfreiheit
benutzt, um Skandalgeschichten und Berliner Stadtgeklatsch an
den Mann zu bringen. Der deutsche Bote beschäftigt sich mit an¬
dern Dingen. Aber bei der ehrlosen, niederträchtigen Schmeichelei,
mit der die deutschen Fürsten und Völker täglich in den Zeitungen
2o regaliert werden, ist es durchaus nötig, daß die Herrschaften ein¬
mal von einem andern Gesichtspunkt angesehen, ihre Handlungen
und Gesinnungen, rücksichtslos wie die jedes andern, beurteilt
werden.
Die Reaktion im Staate begann in den letzten Jahren des
25 vorigen Königs, sich mit der kirchlichen Reaktion zu vereinigen.
Durch die Entwickelung des Gegensatzes zur absoluten Freiheit
sah sich der orthodoxe Staat wie die orthodoxe Kirche genötigt, auf
ihre Voraussetzungen zurückzugehen und das christliche Prinzip
mit allen seinen Konsequenzen geltend zu machen. So ging die
so protestantische Rechtgläubigkeit auf den Katholizismus zurück,
eine Phase, die in L e o und Krummacher ihre konsequentesten
und würdigsten Vertreter findet, der protestantische Staat auf die
konsequente christlich-feudalistische Monarchie, wie sie Fr ied-
richWilhelm IV. ins Leben zu rufen trachtet.
35 FriedrichWilhelm IV. ist durchaus ein Produkt seiner
Zeit, eine Gestalt, die ganz aus der Entwickelung des freien Geistes
und seinem Kampfe gegen das Christentum, und nur hieraus zu
erklären ist. Er ist die äußerste Konsequenz des preußischen Prin¬
zips, das in ihm in seiner letzten Aufraffung, aber zugleich in
22*
340
Berlin 1841—1842.
Aus den 21 Bogen aus der Schweiz
seiner vollkommenen Kraftlosigkeit gegenüber dem freien Selbst¬
bewußtsein zur Erscheinung kommt. Mit ihm ist die gedanken¬
mäßige Entwickelung des bisherigen Preußens abgeschlossen; eine
neue Gestaltung desselben ist nicht möglich, und wenn es Friedrich
Wilhelm gelingt, sein System praktisch durchzusetzen, so muß 5
Preußen entweder ein ganz neues Prinzip ergreifen — und dies
kann nur das des freien Geistes sein — oder in sich selbst Zu¬
sammenstürzen, wenn es zu jenem Fortschritt nicht die Kraft haben
sollte.
Der Staat, auf den Friedrich Wilhelm IV. hinarbeitet, ist seinem 10
eigenen Ausspruche gemäß der christliche. Die Form, in der das
Christentum auftritt, sobald es sich wissenschaftlich zergliedern
will, ist die Theologie. Das Wesen der Theologie, namentlich in
unserer Zeit, ist die Vermittlung und Vertuschung absoluter Gegen¬
sätze. Selbst der konsequenteste Christ kann sich nicht von den 15
Voraussetzungen unserer Zeit ganz emanzipieren; die Zeit nötigt
ihn zu Modifikationen des Christentums; er trägt Prämissen in sich,
deren Entwickelung zum Atheismus führen könnte. Daher kommt
denn jene Gestalt der Theologie, die an B. Bauer ihren Zergliederer
gefunden hat, und die mit ihrer innem Unwahrheit und Heuchelei 20
unser ganzes Leben durchdringt. Dieser Theologie entspricht auf
dem Gebiete des Staates das jetzige Regierungssystem in Preußen.
Ein System hat Friedrich Wilhelm IV., das ist unleugbar, ein voll¬
kommen ausgebildetes System der Romantik, wie dies auch eine
notwendige Folge seines Standpunktes ist; denn wer von diesem 25
aus einen Staat organisieren will, muß mehr wie ein paar abge¬
rissene, zusammenhangslose Ansichten zu seiner Verfügung haben.
Das theologische Wesen dieses Systems wäre also vorläufig zu ent¬
wickeln.
Indem der König von Preußen es unternimmt, das Prinzip der 30
Legitimität in seinen Konsequenzen durchzusetzen, schließt er sich
nicht nur der historischen Rechtsschule an, sondern führt sie sogar
weiter fort, und kommt fast bei der Hallerschen Restauration an.
Zuerst, um den christlichen Staat zu verwirklichen, muß er den
fast heidnisch gewordenen rationalistischen Beamtenstaat mit 35
christlichen Ideen durchdringen, den Kultus heben, die Teilnahme
an demselben zu fördern suchen. Dies hat er denn auch nicht unter¬
lassen. Die Maßregeln zur Förderung des Kirchenbesuchs im all¬
gemeinen und namentlich bei den Beamten, die strengere Aufrecht¬
haltung der Sonntagsfeier überhaupt, die beabsichtigte Verschär- 40
fung der Ehescheidungsgesetze, die teilweise schon begonnene
Epurierung der theologischen Fakultäten, das Gewicht, welches ein
starker Glaube gegen schwache Kenntnisse bei den theologischen
Prüfungen in die Wagschale legt, die Besetzung vieler Beamten¬
stellen mit vorzugsweise gläubigen Männern — und viele andere 45
Friedrich Wilhelm IV., König von Preußen
341
weltkundige Tatsachen gehören hieher. Sie können als Belege
dienen, wie sehr Friedrich Wilhelm IV. dahin strebt, das Christen¬
tum unmittelbar in den Staat wieder einzuführen, die Gesetze des
Staates nach den Geboten der biblischen Moral einzurichten. Das
5 ist aber nur das Erste, Unmittelbarste. Das System des christlichen
Staates kann hierbei nicht stehen bleiben. Der weitere Schritt ist
nun die Trennung der Kirche vom Staate, ein Schritt, der über den
protestantischen Staat hinausgeht. In diesem ist der König summus
episcopus und vereinigt in sich die höchste kirchliche und staat-
10 liehe Macht; die Verschmelzung von Staat und Kirche, wie sie bei
Hegel ausgesprochen ist, ist das letzte Ziel dieser Staatsform. Wie
aber der ganze Protestantismus eine Konzession an die Weltlich¬
keit ist, so auch das Episkopat des Fürsten. Es ist eine Bestätigung
und Rechtfertigung des päpstlichen Primats, indem es die Not-
15 wendigkeit eines sichtbaren Oberhaupts der Kirche anerkennt; auf
der andern Seite aber erklärt es die irdische, weltliche Gewalt, die
Staatsgewalt, für das absolut Höchste und ordnet ihm die kirch¬
liche Gewalt unter. Es ist nicht etwa eine Gleichstellung des Welt¬
lichen und Geistlichen, sondern eine Unterordnung des Geistlichen
so unter das Weltliche. Denn der Fürst war eher Fürst, als er summus
episcopus wurde, und bleibt auch nachher vorzugsweise Fürst,
ohne je einen geistlichen Charakter zu tragen. Die andere Seite der
Sache ist freilich die, daß der Fürst jetzt alle Gewalt, irdische wie
himmlische, in sich vereinigt, und, als irdischer Gott, die Vollen-
25 düng des religiösen Staates darstellt. — Wie jene Unterordnung
aber dem christlichen Geiste widerspricht, so ist es durchaus nötig,
daß der Staat, der den Anspruch der Christlichkeit macht, der
Kirche ihre Selbständigkeit ihm gegenüber wieder einräume. Diese
Rückkehr zum Katholizismus ist nun einmal unmöglich; die ab-
30 soluté Emanzipation der Kirche ist ebenfalls unausführbar, ohne
die Grundsäulen des Staates zu untergraben ; es muß also hier ein
Vermittlungssystem durchgeführt werden. Dies hat Friedrich Wil¬
helm IV. denn auch in Beziehung auf die katholische Kirche bereits
in Ausführung gebracht, und was die protestantische Kirche be-
35 trifft, so beweisen auch hier sonnenklare Tatsachen, wie er in die¬
sem Punkte denkt; besonders ist die Aufhebung des Unionszwanges
und die Befreiung der Altlutheraner von dem Drucke, den sie er¬
dulden mußten, zu erwähnen. Bei der protestantischen Konfession
tritt nun ein ganz eignes Verhältnis ein. Sie hat kein sichtbares
4o Oberhaupt, überhaupt keine Einheit, sie zerfällt in viele Sekten,
und so kann der protestantische Staat sie nicht anders frei lassen,
als indem er die verschiedenen Sekten als Korporationen faßt und
ihnen so für ihre inneren Angelegenheiten absolute Freiheit läßt.
Dennoch aber läßt der Fürst sein Episkopat nicht fallen, sondern
45 behält sich das Bestätigungsrecht, überhaupt die Souveränität vor,
342
Berlin 1841—1842.
Aus den 21 Bogen aus der Schweiz
während er auf der andern Seite das Christentum als Macht über
sich anerkennt und konsequent also auch vor der Kirche sich
beugen muß. So bleiben nicht nur die Widersprüche, in denen der
protestantische Staat sich bewegt, trotz aller scheinbaren Auf¬
lösung bestehen, sondern es tritt noch eine Vermischung mit den 5
Prinzipien des katholischen Staats ein, die eine wunderliche Ver¬
wirrung und Prinziplosigkeit herbeiführen muß. Das ist nicht
theologisch. —
Der protestantische Staat hat durch Altenstein und Friedrich
Wilhelm III., durch das Verfahren gegen den Erzbischof von Köln io
den Satz ausgesprochen, daß der konsequente Katholik unmöglich
ein brauchbarer Staatsbürger sein könne. Dieser Satz, dessen Be¬
währung die ganze Geschichte des Mittelalters ist, gilt nicht nur für
den protestantischen, sondern überhaupt für jeden Staat. Wer sein
ganzes Sein und Leben zu einer Vorschule des Himmels macht, 15
kann am Irdischen nicht das Interesse haben, das der Staat von
seinen Bürgern fordert. Der Staat macht den Anspruch, seinen
Bürgern alles zu sein ; er erkennt keine Macht über sich und stellt
sich überhaupt als absolute Gewalt hin. Der Katholik erkennt aber
Gott und seine Einrichtung, die Kirche, als das Absolute an, und 20
kann sich also nie ohne inneren Vorbehalt auf den Boden des
Staats stellen. Dieser Widerspruch ist unlösbar. Selbst der katho¬
lische Staat muß sich für den Katholiken der Kirche unterordnen,
oder der Katholik zerfällt mit ihm; wie viel mehr also wird er mit
dem nichtkatholischen Staat zerfallen sein? In dieser Hinsicht war 25
das Verfahren der vorigen Regierung vollkommen konsequent und
wohlbegründet; der Staat kann nur so lange die Freiheit der katho¬
lischen Konfession ungeschmälert lassen, als sie sich den bestehen¬
den Gesetzen unterwirft. — Dieser Zustand der Dinge konnte dem
christlichen Könige nicht genügen. Aber was war zu machen? Der 30
protestantische Staat konnte nicht hinter den katholischen Hohen¬
staufen Zurückbleiben, und bei der Höhe des Bewußtseins, zu wel¬
cher Staat und Kirche sich auf geschwungen hatten, war eine defi¬
nitive Lösung nur durch eine Unterwerfung des einen oder des
andern möglich — eine Unterwerfung, die für den sich beugenden 35
Teil einer Selbstvernichtung gleichgekommen wäre. Die Frage
war prinzipiell geworden, und vor den Prinzipien hatte der ein¬
zelne Fall als solcher zurücktreten müssen. Was tat nun Friedrich
Wilhelm IV.? Echt theologisch drängte er die vorlauten, unbe¬
quemen Prinzipien zurück, hielt sich rein an den vorliegenden 40
Fall, der nun ohne die Prinzipen vollends verwickelt wurde, und
suchte diesen durch Vermittlung aus dem Wege zu schaffen. Die
Kurie gab nichts nach — wer also das blaue Auge davontrug, war
der Staat. Das ist die berühmte glorreiche Lösung der Kölner
Wirren, auf ihren wahren Gehalt reduziert. 45
Friedrich Wilhelm IV., König von Preußen
343
Dieselben nur oberflächlich verdeckten Widersprüche, die Fried¬
rich Wilhelm IV. in der Stellung des Staats zur Kirche hervorrief,
suchte er auch in den innem Verhältnissen des Staats zu erwecken.
Er konnte sich hier an die bereits bestehenden Theorien der histo-
.5 rischen Rechtsschule anlehnen und hatte so ein ziemlich leichtes
Spiel. Der Verlauf der Geschichte hatte in Deutschland das Prinzip
der absoluten Monarchie zum herrschenden gemacht, die Rechte
der alten Feudalstände vernichtet, den König zum Gott im Staate
erhoben. Dazu waren in der Zeit von 1807—12 die Reste des
io Mittelalters mit Entschiedenheit angegriffen und zum großen Teil
weggeräumt worden. Wieviel auch seitdem redressiert sein mochte,
die Gesetzgebung jener Zeit und das unter dem Einflüsse der Auf¬
klärung abgefaßte Landrecht blieben die Grundlagen der preußi¬
schen Gesetzgebung. Ein solcher Zustand mußte unerträglich sein.
Daher knüpfte Friedrich Wilhelm IV. überall an, wo er noch etwas
Mittelalterliches vorfand. Der Majoratsadel wurde begünstigt und
durch neue Adelsverleihungen, die unter Bedingung der Majorats¬
stiftung erteilt wurden, verstärkt; der Bürgerstand als solcher, ge¬
trennt vom Adel und den Bauern, als aparter, Handel und Industrie
20 repräsentierender Stand angesehen und behandelt; die Sonderung
der Korporationen, die Abschließung einzelner Handwerke und
ihre Annäherung an das Zunftwesen begünstigt etc. Überhaupt
zeigten alle Reden und Handlungen des Königs von vorn herein,
daß er eine besondere Vorliebe für das Korporationswesen hat,
25 und gerade dies bezeichnet seinen mittelalterlichen Standpunkt
am besten. Dies Nebeneinanderbestehen privilegierter Verbindun¬
gen, die in ihren innem Angelegenheiten mit einer gewissen Frei¬
heit und Selbständigkeit verfahren können, deren jede durch
gleiche Interessen in sich verbunden ist, die sich aber auch gegen-
30 seitig bekämpfen und Übervorteilen — diese Zersplitterung der
Staatskräfte bis zur völligen Auflösung des Staats, wie sie das
deutsche Reich darstellt, macht eines der wesentlichsten Momente
des Mittelalters aus. Es versteht sich aber von selbst, daß Friedrich
Wilhelm IV. nicht gesonnen ist, den christlichen Staat bis zu
35 dieser Konsequenz durchzuführen. Er glaubt zwar, zur Herstellung
des wahrhaft christlichen Staats berufen zu sein, in Wahrheit aber
will er nur den theologischen Schein desselben, den Glanz und
Schimmer, nicht aber die Not, den Druck, die Unordnung und
Selbstvernichtung des christlichen Staats, kurz ein Juste-milieu-
30 Mittelalter; gerade wie etwa Leo auch nur den glänzenden Kultus,
die Kirchenzucht usw. vom Katholizismus will, nicht aber den
ganzen Katholizismus mit Haut und Haar. Darum ist Friedrich
Wilhelm auch nicht absolut illiberal und gewaltsam in seinen Be¬
strebungen, Gott bewahre, er will seinen Preußen alle möglichen
45 Freiheiten lassen, aber eben nur in der Gestalt der Unfreiheit, des
344
Berlin 1841—1842.
Aus den 21 Bogen aus der Schweiz
Monopols und Privilegiums. Er ist kein entschiedener Feind der
freien Presse, er wird sie geben, aber auch als Monopol des vor¬
zugsweise wissenschaftlichen Standes. Er will die Repräsentation
nicht aufheben oder verweigern, er will nur nicht, daß der Staats¬
bürger, als solcher, vertreten sei; er arbeitet auf eine Repräsenta- 5
tion der Stände hin, wie sie in den preußischen Provinzial¬
ständen schon teilweise ausgeführt ist. Kurz, er kennt keine all¬
gemeinen, keine staatsbürgerlichen, keine Menschenrechte, er kennt
nur Korporationsrechte, Monopole, Privilegien. Deren wird er
eine Masse geben, so viel, wie er kann, ohne seine absolute Gewalt io
durch positiv-gesetzliche Bestimmungen zu beschränken. Vielleicht
auch mehr. Vielleicht hat er schon jetzt, trotz der Königsberger
und Breslauer Bescheide, im geheimen die Absicht, wenn er seine
theologische Politik weit genug durchgeführt hat, das Werk durch
Erteilung einer reichsständisch-mittelalterlichen Verfassung zu is
krönen und seinen möglicherweise andersgesinnten Nachfolgern
die Hände dadurch zu binden. Konsequent wäre es — ob aber
seine Theologie das zuläßt, steht dahin.
Wie schwankend und haltlos, wie inkonsequent dies System
schon in sich selbst ist, haben wir gesehen; die Einführung des- 20
selben in die Praxis muß notwendigerweise neue Schwankungen
und Inkonsequenzen herbeiführen. Der kalte preußische Beamten¬
staat, das Kontrollewesen, die schnarrende Staatsmaschine will
von der schönen, glänzenden, vertrauensvollen Romantik nichts
wissen. Das Volk steht im Durchschnitt auf einer noch zu niedrigen 25
Stufe der politischen Bildung, um das System des christlichen
Königs durchschauen zu können. Der Haß gegen die Privilegien
des Adels, gegen die Anmaßungen der Geistlichkeit jeder Kon¬
fession ist indes zu tief eingewurzelt, als daß Friedrich Wilhelm
bei ganz offenem Verfahren hieran nicht scheitern müßte. Daher 30
das bisher befolgte ängstliche Sondierungssystem, mit welchem er
zuerst die öffentliche Meinung ausforschte, und dann immer noch
Zeit genug behielt, eine zu anstößige Maßregel zurückzuziehen.
Daher die Methode, seine Minister vorzuschieben und bei zu ge¬
waltsamen Handlungen derselben sie zu desavouieren, wobei nur 35
das merkwürdig ist, daß ein preußischer Minister sich das gefallen
läßt, ohne seine Entlassung einzureichen. Namentlich mit Rochow
geschah dies früher, und binnen kurzem wird Herr Eichhorn an
die Reihe kommen, obwohl ihn der König noch jüngst für einen
Ehrenmann erklärt und seinen Handlungen Beifall gezollt hat. 40
Ohne solche theologische Mittel würde Friedrich Wilhelm IV.
längst die Liebe des Volks verscherzt haben, die er sich bis jetzt
nur noch durch seinen offenen, jovialen Charakter, durch mög¬
lichst große Liebenswürdigkeit und Leutseligkeit und durch seinen
rücksichtslosen Witz, der selbst gekrönte Häupter nicht verschonen *5
Friedrich Wilhelm IV., König von Preußen
345
soll, erhalten hat. Auch hütet er sich wohl, die zu anstößigen oder
gar die unvermeidlichen schlimmen Seiten seines Systems heraus¬
zukehren; er spricht im Gegenteil davon, als wenn es lauter Pracht
und Herrlichkeit und Freiheit wäre und läßt sich nur da ganz
5 gehen, wo sein System anscheinend liberaler ist als die bestehende
preußische Bevormundung; wo er aber illiberal erscheinen würde,
hält er sich klugerweise zurück. Zudem, während er den gewöhn¬
lichen Konstitutionalismus stets mit den Ehrennamen: oberfläch¬
lich und ordinär belegt, hat er sich dessen Terminologie dennoch
10 angeeignet und gebraucht sie in seinen Reden — soll man sagen
als Ausdruck oder als Verdeckung seiner Ideen? — mit vielem
Geschick. Genau so machen es die modernen Vermittlungs¬
theologen, die sich ebenfalls politischer Redeweisen mit Vorliebe
bedienen und sich so den Forderungen der Zeit zu akkomodieren
15 wähnen. Bruno Bauer nennt das kurzweg Heuchelei.
Was die Finanzverwaltung unter Friedrich Wilhelm IV. be¬
trifft, so hat er sich nicht an die Art von Zivilliste halten können,
die sein Vater für sich festsetzte, indem er dieser gesetzlich
bestimmte, daß vom Ertrage der Domänen jährlich 2^2 Million
20 Taler für den König und sein Haus bestimmt, das übrige aber,
gleich allen andern Einkünften, zu Staatszwecken verwendet wer¬
den sollte. Man kann dem Könige nachrechnen, selbst wenn man
seine Privateinkünfte hinzuzählt, daß er mehr verbraucht als
2^2 Millionen — und doch sollte von diesen noch die Apanage der
25 andern Prinzen bestritten werden. Bülow-Cummerow hat zudem
erwiesen, daß die sogenannte Rechnungsablage des preußischen
Staats rein illusorisch ist. Es ist also durchaus Geheimnis, wie die
Staatseinkünfte verwaltet werden. Der vielbesprochene Steuer¬
erlaß ist kaum der Rede wert und hätte schon unter dem vorigen
30 Könige längst eintreten können, wenn dieser es nicht gescheut
hätte, je in die Notwendigkeit einer Steuererhöhung zu kommen.
Ich glaube hiermit über Friedrich Wilhelm IV. genug gesagt zu
haben. Es versteht sich bei seinem unbezweifelt gutmütigen Cha¬
rakter von selbst, daß er in Dingen, die mit seiner Theorie nicht in
35 Berührung stehen, aufrichtig das tut, was die öffentliche Stimme
von ihm fordert und was wirklich gut ist. Es bleibt nur noch die
Frage, ob er jemals sein System durchsetzen werde? Darauf läßt
sich glücklicherweise nur mit Nein antworten. Das preußische
Volk hat seit einem Jahre, seit der angeblich freieren Bewegung
40 der Presse, die im Augenblick wieder die unfreiste geworden ist,
einen Aufschwung genommen, der mit der Geringfügigkeit jener
Maßregel fast in gar keinem Verhältnis steht. Der Druck der
Zensur hält in Preußen eine so ungemeine Masse von Kräften ge¬
fesselt, daß die geringste Erleichterung eine unverhältnismäßig
40 starke Reaktion derselben hervorruft. Die öffentliche Meinung in
346 Berlin 1841—1842. Aus den 21 Bogen aus der Schweiz
Preußen konzentriert sich immer mehr auf zwei Dinge: Repräsen-
tatiwerfassung und besonders Preßfreiheit; der König mag sich
stellen wie er will, man wird ihm vorläufig die letztere abnötigen,
und besitzt man diese, so muß die Verfassung in einem Jahre
nachfolgen. Ist aber eine Repräsentation erst da, so läßt sich gar 5
nicht absehen, welchen Gang Preußen dann nehmen wird. Eine der
ersten Folgen wird die Zerstörung der russischen Allianz sein,
wenn der König nicht schon früher genötigt sein sollte, diese Folge
seines Prinzips fahren zu lassen. Dann aber kann noch manches
folgen, und Preußens jetzige Lage hat viel Ähnlichkeit mit der io
Frankreichs vor — doch ich enthalte mich aller voreiligen
Schlüsse.
F. 0.
London und Manchester 1842—1844
BRIEFE AUS ENGLAND
1842—1843
Die Artikel erschienen in der Zeit vom 9. Dezember 1842 bis zum
27. Juni 1843 in der Rheinischen Zeitung und im Schwei¬
zerischen Republikaner*
Die innern Krisen
[RhZ 9. Dez. 1842. Nr. 343]
*x* London, den 30. November. Ist in England eine Revo¬
lution möglich oder gar wahrscheinlich? Das ist die Frage, von
5 der die Zukunft Englands abhängt. Legt sie dem Engländer vor, und
er wird euch mit tausend schönen Gründen beweisen, daß von einer
Revolution gar die Rede nicht sein kann. Er wird euch sagen,
daß England sich allerdings für den Augenblick in einer kritischen
Lage befindet, daß es aber in seinem Reichtum, seiner Industrie
10 und seinen Institutionen die Mittel und Wege besitzt, sich ohne
gewaltsame Erschütterungen herauszuarbeiten, daß seine Ver¬
fassung Elastizität genug hat, um die heftigsten Stöße der Prin¬
zipienkämpfe zu überdauern und allen von den Umständen auf-
gedrungenen Veränderungen ohne Gefahr für ihre Grundlagen
15 sich unterwerfen zu können. Er wird euch sagen, daß selbst die
unterste Volksklasse wohl weiß, daß sie bei einer Revolution nur
zu verlieren hat, weil jede Störung der öffentlichen Ruhe nur eine
Stockung des Geschäfts und damit eine allgemeine Arbeitslosigkeit
und Hungersnot nach sich ziehen kann. Kurz, er wird euch soviel
so klare und einleuchtende Dinge vorbringen, daß ihr am Ende meint,
es stehe wirklich so schlimm nicht mit England und man mache
sich auf dem Kontinent allerlei Phantasien über die Lage dieses
Staates, die vor der handgreiflichen Wirklichkeit, vor der genauem
Kenntnis der Sache wie Seifenblasen zerplatzen müßten. Und
25 diese Meinung ist auch die einzig mögliche, sobald man sich auf
den national-englischen Standpunkt der unmittelbaren Praxis, der
materiellen Interessen stellt, d. h. sobald man den beregenden Ge¬
danken außer Augen läßt, die Basis über der Oberfläche vergißt,
den Wald vor Bäumen nicht sieht. Es ist eine Sache, die sich in
so Deutschland von selbst versteht, die aber dem verstockten Briten
nicht beizubringen ist, daß die sogenannten materiellen Interessen
niemals in der Geschichte als selbständige, leitende Zwecke auf-
treten können, sondern daß sie stets, unbewußt oder bewußt, einem
Prinzip dienen, das die Fäden des historischen Fortschritts leitet.
35 Darum ist es ein Ding der Unmöglichkeit, daß ein Staat wie Eng¬
land, dessen politische Exklusivität und Selbstgenügsamkeit am
Ende um einige Jahrhunderte gegen den Kontinent zurückgeblieben
ist, ein Staat, der von der Freiheit nur die Willkür kennt, der bis
352
London und Manchester 1842—1844.
Briefe aus England
über die Ohren im Mittelalter steckt, daß ein solcher Staat nicht
endlich mit der, indes fortgeschrittenen, geistigen Entwickelung
in Konflikt kommen sollte. Oder ist das nicht das Bild der poli¬
tischen Lage Englands? Gibt es ein Land in der Welt, wo der Feu¬
dalismus in so ungebrochener Kraft besteht, und nicht nur faktisch, s
sondern auch in der öffentlichen Meinung unangetastet bleibt? Be¬
steht die vielgerühmte englische Freiheit in etwas anderm als in
der rein formellen Willkür, innerhalb der bestehenden gesetzlichen
Schranken tun und lassen zu können, was man Lust hat? Und was
für Gesetze sind das! Ein Wust von verworrenen, einander wider-10
sprechenden Bestimmungen, die die Jurisprudenz zur reinen So-
phistik herabgewürdigt haben, die von der Justiz nie befolgt wer¬
den, weil sie auf unsere Zeit nicht passen, die es zulassen, wenn
anders die öffentliche Meinung und ihr Rechtsgefühl es zuließen,
daß der ehrliche Mann wegen der unschuldigsten Handlung zum is
Verbrecher gestempelt wird. Ist das Unterhaus nicht eine rein
durch Bestechung gewählte, dem Volke entfremdete Korporation?
Tritt das Parlament nicht fortwährend den Willen des Volkes mit
Füßen? Hat die öffentliche Meinung in allgemeinen Fragen den
geringsten Einfluß auf die Regierung? Beschränkt sich ihre Macht 20
nicht bloß auf den einzelnen Fall, auf die Kontrolle der Justiz und
Verwaltung? Das sind alles Dinge, die selbst der verstockteste Eng¬
länder nicht unbedingt leugnet, und ein solcher Zustand soll sich
halten können? —
Aber ich will das Feld der Prinzipienfragen verlassen. In Eng- 25
land, wenigstens unter den Parteien, die sich jetzt um die Herr¬
schaft streiten, unter Whigs und Tories, kennt man keine Prin¬
zipienkämpfe, man kennt nur Konflikte der materiellen Interessen.
Es ist also billig, daß auch dieser Seite ihr Recht widerfahre. Eng¬
land ist von Natur ein armes Land, daß außer seiner geogra- 30
phischen Lage, seinen Eisenminen und Kohlengruben nur einige
fette Weiden, sonst keine Fruchtbarkeit oder irgendeinen andern
natürlichen Reichtum besitzt. Es ist also durchaus auf Handel,
Schiffahrt und Industrie angewiesen und hat sich auch durch diese
zu der Höhe aufzuschwingen gewußt, die es einnimmt. In der 35
Natur der Sache liegt aber, daß das Land, wenn es diesen Weg ein¬
geschlagen hat, sich nur durch fortwährende Steigerung der indu¬
striellen Produktion auf der einmal erreichten Höhe halten kann ;
und Stillstand wäre auch hier ein Rückschritt.
Es ist ferner eine natürliche Folge aus den Voraussetzungen des 40
Industriestaats, daß er, um die Quelle seines Reichtums zu schüt¬
zen, die industriellen Produkte anderer Länder mit Prohibitiv¬
zöllen von sich abhalten muß. Da aber die inländische Industrie
die Preise ihrer Produkte mit den Zöllen auf auswärtige Produkte
erhöht, so ist auch hierin die Notwendigkeit gegeben, die Zölle 45
Die innern Krisen
353
fortwährend zu erhöhen, damit die auswärtige Konkurrenz, dem
angenommenen Prinzipe gemäß, ausgeschlossen bleibe. So würde
sich also hier von zwei Seiten her ein Prozeß ins Endlose ergeben,
und der Widerspruch, der in dem Begriffe des Industriestaates
5 liegt, zeigte sich schon hier. Aber wir brauchen hier diese philo¬
sophischen Kategorien nicht einmal, um die Widersprüche auf¬
zuzeigen, zwischen denen England eingekeilt liegt. Bei den zwei
Steigerungen, der Produktion und der Zölle, die wir soeben be¬
trachteten, haben auch noch andere Leute als die englischen In-
10 dustriellen mitzusprechen. Zuerst das Ausland, das selbst Industrie
besitzt und nicht nötig hat, sich zum Abzugsgraben für die eng¬
lischen Produkte herzugeben, und dann die englischen Konsu¬
menten, die sich eine solche Steigerung der Zölle ins Unendliche
nicht gefallen lassen. Und gerade hier steht jetzt die Entwickelung
15 des Industriestaats in England. Das Ausland will die englischen
Produkte nicht, weil es selbst seinen Bedarf erzeugt, und die eng¬
lischen Konsumenten verlangen einstimmig die Aufhebung der
Prohibitivzölle. Schon aus der obigen Entwickelung ergibt sich,
daß England hierdurch in ein doppeltes Dilemma gerät, zu dessen
2o Lösung der bloße Industriestaat nicht fähig ist; aber auch die un¬
mittelbare Anschauung der Verhältnisse bestätigt dies.
Um zuerst von den Zöllen zu reden, so ist es selbst in England
anerkannt, daß fast in allen Artikeln die niedrigem Qualitäten von
den deutschen und französischen Fabriken besser und billiger ge-
25 liefert werden; ebenso eine Masse anderer Artikel, in deren Fa¬
brikation die Engländer gegen den Kontinent zurück sind. Mit
diesen würde England schon bei Aufhebung des Prohibitivsystems
sogleich überschwemmt werden, und die englische Industrie er¬
hielte dadurch den Todesstoß. Andererseits ist jetzt die Maschinen-
30 ausfuhr in England freigegeben, und da in der Maschinenfabri¬
kation England bis jetzt keine Konkurrenz hat, so wird der Kon¬
tinent durch englische Maschinen nun desto mehr in den Stand
gesetzt, mit England zu konkurrieren. Das Prohibitivsystem hat
ferner die Staatseinkünfte Englands ruiniert und muß schon des-
35 wegen abgeschafft werden — wo ist nun hier ein Ausweg für den
Industriestaat?
[Rh Z 10. Dez. 1842. Nr. 344]
* x * London, 30. Nov. (Schluß des gestern abgebro¬
chenen Artikels.) In Beziehung auf den Markt für die englischen
Produkte haben Deutschland und Frankreich deutlich genug er-
40 klärt, daß sie, um England gefällig zu sein, ihre Industrie nicht
länger preisgeben wollen. Die deutsche Industrie namentlich hat
ohnehin einen solchen Aufschwung genommen, daß sie die eng¬
lische nicht mehr zu fürchten hat. Der Kontinentalmarkt ist für
Marx-Engels-Gesamtausgabe, I. Abt., Bd. 2. 23
354
London und Manchester 1842—1844.
Briefe aus England
England verloren. Es bleiben ihm nur noch Amerika und seine eig¬
nen Kolonien, und nur in letzteren ist es durch seine Navigations¬
gesetze vor fremder Konkurrenz gesichert. Die Kolonien aber sind
lange nicht groß genug, um alle Produkte der immensen englischen
Industrie konsumieren zu können, und überall anderswo wird die 5
englische Industrie immer mehr durch die deutsche und franzö¬
sische verdrängt. Diese Verdrängung ist freilich nicht Schuld der
englischen Industrie, sondern Schuld des Prohibitivsystems, das
die Preise aller Lebensbedürfnisse und mit ihnen den Arbeitslohn
auf eine unverhältnismäßige Höhe geschraubt hat. Dieser Arbeits- io
lohn aber verteuert gerade die englischen Produkte so sehr gegen
die Produkte der kontinentalen Industrie. So kann also England der
Notwendigkeit nicht entgehen, seine Industrie zu beschränken. Das
kann aber eben so wenig durchgeführt werden als der Übergang
vom Prohibitivsystem zum freien Handel. Denn die Industrie be- 15
reichert zwar ein Land, aber sie schafft auch eine Klasse von Nicht¬
besitzenden, von absolut Armen, die von der Hand in den Mund
lebt, die sich reißend vermehrt, eine Klasse, die nachher nicht
wieder abzuschaffen ist, weil sie nie stabilen Besitz erwerben kann.
Und der dritte Teil, fast die Hälfte aller Engländer, gehört dieser 20
Klasse an. Die geringste Stockung im Handel macht einen großen
Teil dieser Klasse, eine große Handelskrisis macht die ganze Klasse
brotlos. Was bleibt diesen Leuten anders übrig als zu revoltieren,
wenn solche Umstände eintreten? Durch ihre Masse aber ist diese
Klasse zur mächtigsten in England geworden, und wehe den eng- 25
lischen Reichen, wenn sie darüber zum Bewußtsein kommt.
Bis jetzt ist sie es freilich noch nicht. Der englische Proletarier
ahnt erst seine Macht, und die Frucht dieser Ahnung war der Auf¬
ruhr des vergangenen Sommers. Der Charakter dieses Aufruhrs ist
auf dem Kontinente ganz verkannt worden. Man war wenigstens im 30
Zweifel, ob die Sache nicht ernstlich werden könnte. Aber davon
war für den, der die Sache an Ort und Stelle mit ansah, gar keine
Rede. Erstlich beruhte die ganze Sache auf einer Illusion; weil
einige Fabrikbesitzer ihren Lohn herabsetzen wollten, glaubten die
sämtlichen Arbeiter der Baumwollen-, Kohlen- und Eisendistrikte 35
ihre Stellung gefährdet, was gar nicht der Fall war. Sodann war
die ganze Sache nicht vorbereitet, nicht organisiert, nicht geleitet.
Die Tum-outs hatten keinen Zweck, und waren sich über die Art
und Weise ihres Verfahrens noch weniger einig. Daher kam es,
daß sie bei dem geringsten Widerstande von Seiten der Behörden to
unschlüssig wurden und die Achtung vor dem Gesetz nicht über¬
winden konnten. Als die Chartisten sich der Zügel der Bewegung
bemächtigten und vor den versammelten Volkshaufen die people’s
charter proklamieren ließen, war es zu spät. Die einzige leitende
Idee, die den Arbeitern, wie den Chartisten, denen sie eigentlich 45
Die innern Krisen
355
auch angehört, vorschwebte, war die einer Revolution auf gesetz¬
lichem Wege, — ein Widerspruch in sich selbst, eine praktische
Unmöglichkeit, an deren Durchführung sie scheiterten. Gleich die
erste, allen gemeinsame Maßregel, die Stillsetzung der Fabriken,
5 war gewaltsam und ungesetzlich. Bei dieser Haltlosigkeit der gan¬
zen Unternehmung würde sie gleich anfangs unterdrückt worden
sein, wenn nicht die Verwaltung, der sie durchaus unerwartet kam,
eben so unschlüssig und mittellos gewesen wäre. Und dennoch
reichte die geringe militärische und polizeiliche Macht hin, das
10 Volk im Zaume zu halten. Man hat in Manchester gesehen, wie
Tausende von Arbeitern auf den Squares durch vier oder fünf
Dragoner, deren jeder einen Zugang besetzt hielt, eingeschlossen
gehalten wurden. Die „gesetzliche Revolution“ hatte alles gelähmt.
So verlief sich die ganze Sache; jeder Arbeiter fing wieder an zu
is arbeiten, sobald seine Ersparnisse verbraucht waren, und er also
nichts mehr zu essen hatte. Der Nutzen, der für die Besitzlosen
daraus hervorgegangen ist, bleibt aber bestehen; es ist das Be¬
wußtsein, daß eine Revolution auf friedlichem Wege eine Un¬
möglichkeit ist, und daß nur eine gewaltsame Umwälzung der
2o bestehenden unnatürlichen Verhältnisse, ein radikaler Sturz der
adligen und industriellen Aristokratie die materielle Lage der
Proletarier verbessern kann. Von dieser gewaltsamen Revolution
hält sie noch die dem Engländer eigentümliche Achtung vor dem
Gesetz zurück; bei der oben dargelegten Lage Englands kann es
25 aber nicht fehlen, daß in kurzer Zeit eine allgemeine Brotlosigkeit
der Proletarier eintritt, und die Scheu vor dem Hungertode wird
dann stärker sein als die Scheu vor dem Gesetz. Diese Revolution
ist eine unausbleibliche für England; aber wie in allem, was in
England vorgeht, werden die Interessen, und nicht die Prinzipien,
30 diese Revolution beginnen und durchführen; erst aus den Inter¬
essen können sich die Prinzipien entwickeln, d. h. die Revolution
wird keine politische, sondern ein soziale sein.
Englische Ansicht über die innern Krisen
[RhZ 8. Dez. 1842. Nr. 342]
*x* London, 3. Dez. Wenn man sich im stillen eine
Zeitlang mit den englichen Zuständen beschäftigt, wenn man sich
über die schwache Grundlage, auf der das ganze künstliche Ge- 5
bäude der sozialen und politischen Wohlfahrt Englands ruht,
Klarheit verschafft hat, und nun auf einmal mitten in das englische
Treiben hinein versetzt wird, so staunt man über die merkwürdige
Ruhe und Zuversicht, womit hier jedermann der Zukunft entgegen¬
sieht. Die herrschenden Klassen, gleichviel ob Mittelstand oder 10
Aristokratie, Whigs oder Tories, haben nun schon so lange das
Land regiert, daß das Aufkommen einer andern Partei ihnen eine
Unmöglichkeit scheint. Man mag ihnen ihre Sünden, ihre Halt¬
losigkeit, ihre schwankende Politik, ihre Blindheit und Verstockt¬
heit, man mag ihnen den schwindelnden Zustand des Landes, der 15
eine Frucht ihrer Prinzipien ist, noch so sehr vorhalten, sie bleiben
bei ihrer unerschütterlichen Sicherheit und trauen sich die Kraft
zu, das Land einer bessern Lage zuzuführen. Und wenn eine Re¬
volution in England unmöglich ist, wie sie wenigstens behaupten,
so haben sie allerdings für ihre Herrschaft wenig zu fürchten. 20
Wenn der Chartismus sich so lange geduldet, bis er die Majorität
im Unterhause für sich gewonnen hat, kann er noch manches Jahr
Meetings halten und die sechs Punkte der Volkscharte verlangen;
die Mittelklasse wird sich nie durch Bewilligung des allgemeinen
Stimmrechts von der Besetzung des Unterhauses ausschließen, da 25
sie, eine notwendige Konsequenz der Nachgiebigkeit in diesem
Punkte, alsdann von der Unzahl der Nichtbesitzenden überstimmt
werden dürfte. Daher hat der Chartismus unter den Gebildeten in
England noch gar keine Wurzel schlagen können und wird es auch
so bald noch nicht. Wenn man hier von Chartisten und Radikalen 30
spricht, so versteht man fast durchgängig die Hefe des Volkes, die
Masse der Proletarier darunter; und es ist wahr, die wenigen gebil¬
deten Stimmführer der Partei verschwinden unter der Masse. —
Auch abgesehen vom politischen Interesse, kann der Mittelstand
nur Whig oder Tory, nie Chartist sein. Sein Prinzip ist die Auf- 35
rechthaltung des Bestehenden; der „gesetzliche Fortschritt“ und
das allgemeine Stimmrecht würde bei der jetzigen Lage Englands
eine Revolution unfehlbar nach sich ziehen. So ist es denn ganz
Englische Ansicht über die innern Krisen 357
natürlich, daß der praktische Engländer, dem die Politik ein Zah¬
lenverhältnis oder gar ein Handelsgeschäft ist, von der im stillen
furchtbar anwachsenden Macht des Chartismus gar keine Notiz
nimmt, weil sie sich nicht in Zahlen ausdrücken läßt oder doch
5 nur in solchen, die in Beziehung auf die Regierung und das Par¬
lament Nullen vor der Eins sind. Es gibt aber Dinge, die über das
Zahlenverhältnis hinausgehen, und daran wird die Superklugheit
des englischen Whiggismus und Toryismus schon scheitern, wenn
ihre Zeit gekommen sein wird.
Stellung der politischen Partei
[RhZ 24. Dez. 1842. Nr. 358]
*t* Aus Lancashire, 19. Nov.^ So kompliziert die
gegenwärtige Lage Englands erscheint, wenn man, wie der Eng¬
länder es tut, am Allernächsten, an der handgreiflichen Wirklich- 5
keit, an der äußerlichen Praxis klebt, so einfach ist sie, wenn man
diese Äußerlichkeit auf ihren prinzipiellen Gehalt reduziert. Es
gibt nur drei Parteien in England, die von Bedeutung sind, die
Aristokratie des Grundbesitzes, die Aristokratie des Geldes und
die radikale Demokratie. Die erstere, die der Tories, ist ihrer 10
Natur und geschichtlichen Entwicklung nach die rein mittelalter¬
liche, konsequente, reaktionäre Partei, der alte Adel, der mit der
„historischen“ Rechtsschule in Deutschland fraternisiert und die
Stütze des christlichen Staates bildet. Die zweite, die Whigpartei,
hat ihren Kem in den Kaufleuten und Fabrikanten, deren Mehrzahl 15
den sogenannten Mittelstand bilden. Dieser Mittelstand, zu dem
alles gehört, was gentleman ist, d. h. sein anständiges Auskommen
hat, ohne übermäßig reich zu sein, ist aber nur Mittelstand im Ver¬
gleich mit den reichen Adeligen und Kapitalisten; seine Stellung
gegen den Arbeiter aber ist aristokratisch und dies muß in einem 20
Lande wie England, das nur von der Industrie lebt, und also eine
Masse Arbeiter besitzt, weit eher zum Bewußtsein kommen als
z. B. in Deutschland, wo man die Handwerker und Bauern als
Mittelstand begreift und jene ausgedehnte Klasse der Fabrik¬
arbeiter gar nicht kennt. Hierdurch wird die Whigpartei in die 25
zweideutige Stellung des juste-milieu hingedrängt, sobald die
Klasse der Arbeiter anfängt zum Bewußtsein zu kommen. Und
dies geschieht in diesem Augenblick. Die radikal-demokratischen
Prinzipien des Chartismus durchdringen die arbeitende Klasse täg¬
lich mehr und werden von ihr immer mehr als der Ausdruck ihres 30
Gesamtbewußtseins erkannt. Jetzt indes ist diese Partei erst in
der Bildung begriffen und kann deshalb noch nicht mit voller
Energie auftreten. —
Daß außer diesen drei Hauptparteien noch allerlei Über¬
gangsnuancen existieren, versteht sich von selbst, und von die- 35
sen sind augenblicklich zwei von Bedeutung, obwohl sie alles
prinzipiellen Gehalts entbehren. Die erste ist die Mitte zwischen
1) Irrtümlich für Dezember
Stellung der politischen Partei
359
Whiggismus und Toryismus, wie sie durch Peel und Russell re¬
präsentiert wird, und der für die nächste Zukunft die Majorität
im Unterhause, also das Ministerium sicher ist. Die andere ist die
Mitte zwischen Whiggismus und Chartismus, die „radikale66 Nu-
5 ance, die durch ein halbes Dutzend Parlamentsmitglieder und
einige Zeitschriften, namentlich den „Examiner66 vertreten ist, und
deren Prinzipien, obwohl nicht ausgesprochen, der National Anti-
Corn-Law-League zum Grunde liegen. Die erstere Fraktion muß
durch die größere Entwicklung des Chartismus an Bedeutung ge-
10 winnen, weil sie ihm gegenüber die Einheit von Whig- und Tory-
prinzipien darstellten, die er grade behauptet. Die andere muß
dadurch ganz in ihr Nichts zurückfallen. Die Stellung dieser Par¬
teien gegeneinander zeigt sich am klarsten in ihrem Verhalten gegen
die Komgesetze. Die Tories geben keinen Zoll breit nach. Der
15 Adel weiß, daß seine Macht, außer der konstitutionellen Sphäre
des Oberhauses, hauptsächlich in seinem Reichtum liegt. Durch
eine Freigebung der Komeinfuhr würde er genötigt sein, mit den
Pächtern neue Kontrakte auf billigere Bedingungen abzuschließen.
Sein ganzer Reichtum ist Grundbesitz; der Wert des Grundbesitzes
20 steht mit der Pacht in unabänderlichem Verhältnis und fällt mit
ihr. Nun ist die Pacht augenblicklich so hoch, daß selbst bei dem
jetzigen Zoll der Pächter ruiniert wird; eine Freigebung der Kom¬
einfuhr würde diese Pacht und mit ihr den Wert des Grundeigen¬
tums um den dritten Teil herabsetzen. Grund genug für die Aristo-
25 kratie, an ihrem wohlerworbenen Recht, das den Ackerbau ruiniert
und die Armen des Landes aushungert, festzuhalten. Die Whigs,
das allzeit fertige juste-milieu, haben einen festen Zoll von 8 Schil¬
ling per Quarter vorgeschlagen; dieser Zoll ist grade niedrig
genug, um fremdes Korn hereinzulassen und dem Pächter den
30 Markt verderben zu können, und grade hoch genug, um dem Päch¬
ter allen Grund zur Forderung neuer Pachtbedingungen zu nehmen
und für das Land einen durchschnittlich eben so hohen Brotpreis
zu stellen, wie er jetzt existiert. Die Weisheit des juste-milieu
ruiniert also das Land noch weit sicherer als die Verstocktheit der
35 konsequenten Reaktion. Die „Radikalen66 sind hier einmal wirk¬
lich radikal und fordern freie Komeinfuhr. Aber der „Examiner66
hat diesen Mut auch erst seit acht Tagen, und die Anti-Corn-Law-
League war von vorn herein so sehr bloß gegen die bestehenden
Komgesetze und die Sliding-Scale gerichtet, daß sie bis zuletzt
40 immerfort die Whigs unterstützte. Allmählich indes ist die abso¬
lute Freiheit der Komeinfuhr und überhaupt „freier Handel66 das
Feldgeschrei der Radikalen geworden, und die Whigs schreien
gutmütig mit nach „freiem Handel66, worunter sie juste-milieu-
Zölle verstehen. Daß die Chartisten von Komzöllen nichts wissen
45 wollen, versteht sich von selbst. Was wird aber daraus werden?
360 London und Manchester 1842—1844. Briefe aus England
Daß die Komeinfuhr frei werden muß, ist so gewiß, wie daß die
Tories stürzen müssen, auf friedlichem oder gewaltsamem Wege.
Nur über die Art dieser Veränderung kann man streiten. Wahr¬
scheinlich wird schon die nächste Parlamentssession den Abfall
Peels von der Sliding-Scale und damit vom vollen Toryismus 5
bringen. Der Adel wird in allem nachgeben, was ihn nicht zwingt,
seine Pachtsätze zu erniedrigen, weiter aber nichts. Die Koalition
Peel-Russell, das parlamentarische Zentrum, hat jedenfalls die
nächste Chance fürs Ministerium und wird die Entscheidung der
Komfrage durch seine juste-milieu-Maßregeln so lange wie mög-10
lieh aufhalten. Wie lange aber, das hängt nicht von ihr ab, son¬
dern vom Volk.
Lage der arbeitenden Klasse in England
[RhZ 25. Dez. 1842. Nr. 359]
*f* Aus Lancashire, 20. Dez. Die Lage der arbeiten¬
den Klassen in England wird täglich prekärer. Für den Augen-
5 blick hat es freilich den Anschein, als wäre es so schlimm nicht; in
den Baumwolldistrikten sind die meisten Leute beschäftigt, in
Manchester kommt vielleicht auf zehn Arbeiter nur ein Unbeschäf¬
tigter, in Bolton und Birmingham mag das Verhältnis dasselbe
sein, und wenn der englische Arbeiter beschäftigt ist, ist er auch
10 zufrieden. Und er kann es auch sein, wenigstens der Baumwollen¬
arbeiter; wenn er sein Los mit dem seiner Schicksalsgenossen in
Deutschland und Frankreich vergleicht. Dort hat der Arbeiter
knapp genug, um von Kartoffeln und Brot leben zu können ; glück¬
lich, wer einmal die Woche Fleisch bekommt. Hier ißt er täglich
is seinRindfleisch und bekommt für sein Geld einen kräftigem Braten
als der Reichste in Deutschland. Zweimal desTages hat erTee, und
behält immer noch Geld genug übrig, um mittags ein Glas Porter
und abends brandy and water trinken zu können. Das ist dieLebens-
art der meisten Arbeiter in Manchester bei einer täglich zwölf-
20 stündigen Arbeit. Aber wie lange dauert das! Bei der geringsten
Schwankung im Handel werden Tausende von Arbeitern brotlos;
ihre geringen Ersparnisse sind bald verzehrt, und dann steht der
Hungertod vor ihnen. Und eine solche Krisis muß in ein paar
Jahren wieder eintreten. Dieselbe vermehrte Produktion, die jetzt
25 den „paupers“ Arbeit verschafft, und die auf den chinesischen
Markt spekuliert, muß eine Unmasse Waren und eine Stockung
des Absatzes hervorbringen, in deren Gefolge wieder eine allge¬
meine Brotlosigkeit der Arbeiter ist. Sodann ist die Lage der
Baumwollenarbeiter die beste. In den Kohlenminen haben die Ar-
3o beiter die schwersten und ungesundesten Arbeiten für einen ge¬
ringen Lohn zu verrichten. Die Folge davon ist, daß diese Ar¬
beiterklasse einen weit größern Ingrimm gegen die Reichen hegt als
die andern working men, und daher durch Raub, Mißhandlungen
der Reicheren etc. sich besonders auszeichnet. So sind hier in
35 Manchester die „Bolton people“ ordentlich gefürchtet, wie sie sich
denn auch bei den Sommerunruhen am entschlossensten gezeigt
haben. In ähnlichem Rufe stehen die Eisenarbeiter, wie überhaupt
alle, die schwere körperliche Arbeiten zu verrichten haben. Wenn
362
London und Manchester 1842—1844.
Briefe aus England
alle diese schon jetzt knapp leben können, was soll aus ihnen werden,
wenn die geringste Stockung im Geschäft eintritt? Die Arbeiter
haben zwar Kassen unter sich gebildet, deren Fonds durch wöchent¬
liche Beiträge vermehrt wird und die Unbeschäftigten unterstützen
soll; aber auch diese reichen nur dann aus, wenn die Manufak- 5
turen gut gehen, denn selbst dann sind noch immer Brotlose genug
da. Sowie die Arbeitslosigkeit allgemein wird, so hört auch diese
Hülfsquelle auf. Schottland ist augenblicklich der Sündenbock,
wo die Manufakturen stocken; denn bei der Ausdehnung der eng¬
lischen Industrie gibt es immer einen oder den andern Bezirk, der io
leidet. In der ganzen Umgegend von Glasgow nimmt die Arbeits¬
losigkeit täglich zu. In Paisley, einer verhältnismäßig kleinen
Stadt, waren vor vierzehn Tagen 7000 „unemployed“ ; jetzt sind
ihrer schon 10 000. Die ohnehin schon geringen Zusendungen aus
den Unterstützungskassen sind noch um die Hälfte vermindert is
worden, weil die Fonds ausgehen; eine Meeting der Noblemen und
Gentlemen der Grafschaft hat eine Subskription beschlossen, die
3000 Pfund einbringen soll; aber dies Mittel ist auch schon ab¬
genutzt, und die Herren selbst hoffen im stillen nur auf einen Er¬
trag von höchstens 400 Pfund. Es kommt zuletzt darauf alles hin- so
aus, daß England sich mit seiner Industrie nicht nur eine große
Klasse von Besitzlosen, sondern auch unter dieser eine immer nicht
unbedeutende Klasse von Brotlosen auf den Hals geladen hat, die
es nicht los werden kann. Diese Leute müssen sehen, wie sie sich
durchschlagen; der Staat gibt sie auf, ja stößt sie von sich. Wer 25
kann es ihnen verübeln, wenn die Männer sich auf den Straßenraub
oder Einbruch, die Weiber auf den Diebstahl und die Prostitution
werfen? Aber der Staat kümmert sich nicht drum, ob der Hunger
bitter oder süß ist, sondern sperrt sie in seine Gefängnisse oder
deportiert sie in die Verbrecherkolonien, und wenn er sie freiläßt, 30
so hat er das zufriedenstellende Resultat, aus Brotlosen Sittenlose
gemacht zu haben. Und der Humor von der ganzen Geschichte ist,
daß der hochweise Whig und „Radikale“ fortwährend nicht be¬
greift, woher bei einer solchen Lage des Landes der Chartismus
herkommt, und wie die Chartisten nur glauben mögen, daß sie auch 35
nur die geringste Chance in England haben.
Die Korngesetze
[RhZ 27. Dez. 1842. Nr. 360/361]
*t* Aus Lancashire, 22. Dez. Die bestehenden Kom¬
gesetze gehen ihrem Ende rasch entgegen. Das Volk hat eine
wahre Wut auf die „Brottaxe“, und die Tories mögen machen, was
sie wollen, sie können gegen den Andrang der erbitterten Masse
nicht standhalten. Sir Robert Peel hat das Parlament bis zum zwei¬
ten Februar vertagt — sechs Wochen Zeit für die Opposition, jene
Wut noch mehr zu schüren. Peel wird sich gleich von vornherein
bei Eröffnung der neuen Session über die Sliding-Scale zu erklären
haben; man glaubt allgemein, daß er in seiner Ansicht über sie
wenigstens wankend geworden ist. Entschließt er sich, sie fallen
zu lassen, so wird die strengere Torypartei das Ministerium ohne
Zweifel verlassen und den gemäßigten Whigs Platz machen, so daß
15 schon dann die Koalition Peel-Russell zustande käme. In jedem
Falle wird die Aristokratie sich hartnäckig verteidigen, und ich
meinerseits glaube nicht, daß sie gutwillig zur Freigebung der
Komeinfuhr zu bringen ist. Der englische Adel hat die Reformbill
und die Emanzipation der Katholiken durchgehen lassen, aber die
20 Selbstüberwindung, die ihm dies gekostet hat, würde nichts sein
gegen die, mit der er die Komgesetze abschaffte. Was ist die
Schwächung des aristokratischen Einflusses auf die Wahl des
Unterhauses gegen die Herabsetzung des Vermögens aller eng¬
lischen Adligen um 30 Prozent? Und wenn schon die beiden obigen
25 Bills solche Kämpfe gemacht haben, wenn die Reformbill nur mit
Hülfe von Volksauf ständen, mit Steinwürfen in die Fenster der
Aristokraten durchgesetzt wurde, dann sollte der Adel es bei dieser
Frage nicht darauf ankommen lassen, ob das Volk mutig und stark
genug ist, seinen Willen durchzuführen? Ohnehin haben die
so Sommerunruhen dem Adel ja gezeigt, wie wenig das englische Volk
taugt, wenn es revoltiert. Ich bin fest überzeugt, daß die Aristo¬
kratie diesmal standhalten wird, bis ihr das Messer an der Kehle
sitzt. Daß das Volk aber nicht lange mehr von jedem Pfunde Brot,
das es verzehrt, der Aristokratie einen Penny (10 Pfennige Preuß.)
35 bezahlen wird, ist gewiß. Dafür hat die Anti-Com-Law-League
gesorgt. Ihre Tätigkeit ist ungeheuer gewesen, einen genauem Be¬
richt darüber behalte ich mir vor. Soviel für heute, daß eines der
wichtigsten Resultate, das teils die Komgesetze, teils die League
364
London und Manchester 1842—1844.
Briefe aus England
hervorgebracht haben, die Befreiung der Pächter von dem mora¬
lischen Einfluß ihrer adligen Grundbesitzer ist. Bisher war nie¬
mand gegen politische Verhältnisse gleichgültiger gewesen als die
englischen Pächter, d. h. der ganze ackerbauende Teil der Nation.
Der Landlord (Gutsbesitzer) war, wie sich von selbst versteht, 5
Tory, und jagte jeden Pächter fort, der bei den Parlamentswahlen
gegen die Tories stimmte. Daher kam es denn, daß die 252 Par¬
lamentsglieder, welche das platte Land im vereinigten König¬
reiche zu wählen hat, regelmäßig fast lauter Tories waren. Durch
die Wirkungen der Komgesetze, sowie durch die Publikationen io
der League, die in Hunderttausenden von Exemplaren verbreitet
wurden, ist aber nun in dem Pächter der politische Sinn geweckt
worden. Er hat eingesehen, daß sein Interesse nicht mit dem des
Landlords identisch, sondern ihm gerade entgegengesetzt ist, und
daß dieKomgesetze für niemand ungünstiger gewesen sind als für 15
ihn. Daher ist denn auch eine bedeutende Veränderung unter den
Pächtern vorgegangen ; die Mehrzahl derselben ist jetzt Whig, und
da es den Landlords schwer fallen dürfte, jetzt noch einen durch¬
greifenden Einfluß auf die Stimme der Pächter bei den Wahlen
auszuüben, so werden die 252 Tories wohl bald in eben so viel 20
Whigs übergehen. Wenn dieser Übergang auch nur bei der Hälfte
einträte, so würde dadurch schon die Gestalt des Unterhauses be¬
deutend verändert werden, indem hierdurch die Majorität des
Unterhauses den Whigs für immer gesichert wäre. Und das muß
geschehen. Vollends wenn die Komgesetze aufgehoben wären, 25
denn dann wäre der Pächter ganz unabhängig gegen den Landlord,
weil von jener Aufhebung an die Pachtkontrakte unter ganz neuen
Bedingungen geschlossen werden müssen. Die Aristokratie hat
Wunders einen klugen Streich zu machen gemeint, als sie die Kom¬
gesetze gab; aber das Geld, was sie dadurch bekommen hat, wiegt 30
lange nicht den Nachteil auf, den ihr jene Gesetze gebracht haben.
Und dieser Nachteil besteht eben darin, daß von nun an die Aristo¬
kratie nicht mehr als die Vertreterin des Ackerbaus, sondern ihrer
eigenen selbstsüchtigen Interessen dasteht.
Briefe aus London
I
[Schweiz. Republ. 16. Mai 1843. Nr. 39, p. 173-174]
Die demokratische Partei in England macht reißende Fort-
5 schritte. Während Whiggismus und Toryismus, Geldaristokratie
und Adelsaristokratie in der „Nationalplauderstube66, wie der
Tory Thomas Carlyle, oder in dem „Hause, das sich anmaßt, die
Gemeinden von England vertreten zu wollen66, wie der Chartist
Feargus O’Connor sagt, einen langweiligen Zungenstreit um des
io Kaisers Bart führen, während die Staatskirche allen ihren Einfluß
auf die bigotten Neigungen der Nation aufbietet, um ihr verrottetes
Gebäude noch etwas aufrecht zu erhalten, während die Anti-Korn-
gesetz-Ligue Hunderttausende wegwirft, in der wahnsinnigen Hoff¬
nung, dafür Millionen in die Taschen der baumwollspinnenden
2.5 Lords strömen zu sehen—während des schreitet der verachtete und
verspottete Sozialismus ruhig und sicher voran und drängt sich
allmählich der öffentlichen Meinung auf, während des hat sich in
ein paar Jahren eine neue, unzählbare Partei unter der Fahne der
Volkscharte gebildet und eine so energische Art der Agitation an-
2o genommen, daß O’Connell und die Ligue dagegen Stümper und
Pfuscher sind. Es ist bekannt, daß in England die Parteien mit
den sozialen Stufen und Klassen identisch sind; daß die Tories
identisch mit dem Adel und der bigotten, streng orthodoxen Frak¬
tion der Hochkirche sind, daß die Whigs aus den Fabrikanten,
25 Kaufleuten und Dissenters, im ganzen aus der höhern Mittelklasse
bestehen, daß die niedere Mittelklasse die sogenannten „Radi¬
kalen66 ausmacht, und endlich der Chartismus seine Stärke in den
working men, den Proletariern, hat. Der Sozialismus bildet keine
geschlossene politische Partei, rekrutiert sich aber im ganzen aus
30 der niedern Mittelklasse und den Proletariern. So zeigt England
das merkwürdige Faktum, daß, je tiefer eine Klasse in der Gesell¬
schaft steht, je „ungebildeter66 sie im gewöhnlichen Sinne des
Wortes ist, desto näher steht sie dem Fortschritt, desto mehr Zu¬
kunft hat sie. Im ganzen ist dies der Charakter jeder revolutionären
35 Epoche, wie dies namentlich bei der religiösen Revolution, deren
Produkt das Christentum war, sich zeigte: „selig sind die Armen66,
„die Weisheit dieser Welt ist zur Torheit geworden66 usw. Aber,
so deutlich ausgeprägt, so scharf abgestuft, wie jetzt in England,
erschien dies Vorzeichen einer großen Umwälzung wohl noch nie.
366
London und Manchester 1842—1844.
Briefe aus England
In Deutschland geht die Bewegung von der nicht nur gebildeten,
sondern sogar gelehrten Klasse aus; in England sind die Gebil¬
deten und vollends die Gelehrten seit dreihundert Jahren taub und
blind gegen die Zeichen der Zeit. Der elende Schlendrian der eng¬
lischen Universitäten, gegen den unsere deutschen Hochschulen 5
noch golden sind, ist weltbekannt; aber welcher Art die Werke der
ersten englischen Theologen und selbst eines Teils der ersten eng¬
lischen Naturforscher sind, was für erbärmlich reaktionäre Schrif¬
ten die Masse der wöchentlichen „Liste neuer Bücher46 ausmachen,
das läßt man sich auf dem Kontinent nicht träumen. England ist jo
das Vaterland der Nationalökonomie; aber wie steht die Wissen¬
schaft unter den Professoren und praktischen Politikern? Die
Handelsfreiheit Adam Smiths ist in die wahnsinnige Konsequenz
der Malthusschen Bevölkerungstheorie hineingetrieben worden
und hat nichts produziert als eine neue zivilisiertere Gestalt des is
alten Monopolsystems, die in den heutigen Tories ihre Vertreter
findet, und die den Malthusschen Unsinn mit Erfolg bekämpft hat
— aber zuletzt doch wieder auf Malthussche Konsequenzen ge¬
trieben wird. Inkonsequenz und Heuchelei auf allen Seiten, wäh¬
rend die schlagenden ökonomischen Traktate der Sozialisten und 20
zum Teil auch der Chartisten mitVerachtung beiseite gelegt werden
und nur unter den niedern Ständen Leser finden. Strauß’ „Leben
Jesu66 wurde ins Englische übersetzt. Kein „respektabler66 Buch¬
händler wollte es drucken; endlich erschien es heftweise, 3 Pence
das Heft, und zwar im Verlage eines ganz untergeordneten, aber 25
energischen Antiquars. So ging es mit Übersetzungen von Rousseau,
Voltaire, Holbach usw. Byron und Shelley werden fast nur von
den untern Ständen gelesen; des letztem Werk dürfte kein „respek¬
tabler66 Mann auf seinem Tische liegen haben, ohne in den schreck¬
lichsten Verruf zu kommen. Es bleibt dabei: selig sind die Armen, 30
denn ihrer ist das Himmelreich, und wie lange wird’s dauern —
auch das Reich dieser Welt.
Dem Parlament liegt jetzt Sir F. Grahams Bill über die Er¬
ziehung der in Fabriken arbeitenden Kinder vor, wonach die Ar¬
beitszeit derselben beschränkt, der Schulzwang eingeführt und 35
die Hochkirche mit der Aufsicht über die Schulen beschenkt wer¬
den soll. Diese Bill hat natürlich allgemeine Bewegung hervor¬
gerufen und den Parteien wieder Gelegenheit gegeben, ihre Stärke
zu messen. Die Whigs wollen die Bill ganz verworfen haben, weil
sie die Dissenters von der Jugenderziehung verdrängt und den
Fabrikanten durch die Beschränkung der Arbeitszeit der Kinder
Verlegenheiten bereitet. Unter den Chartisten und Sozialisten gibt
sich dagegen eine bedeutende Zustimmung zu der allgemeinen
humanen Tendenz der Bill, mit Ausnahme der auf die Hochkirche
bezüglichen Klauseln, kund. Lancashire, der Hauptsitz der Fa- 43
Briefe aus London I
367
briken, ist natürlich auch der Hauptsitz der auf obige Bill bezüg¬
lichen Agitationen. Die Tories sind hier in den Städten durchaus
machtlos; ihre desfallsigen Meetings waren auch nicht öffentlich.
Die Dissenters versammelten sich erst in Korporationen, um gegen
s die Bill zu petitionieren, und ließen dann im Verein mit den libe¬
ralen Fabrikanten Stadtmeetings berufen. Ein solches Stadt¬
meeting wird vom obersten städtischen Beamten berufen, ist ganz
öffentlich und jeder Einwohner hat das Recht, zu sprechen. Hier
also kann, wenn der Versammlungssaal groß genug ist, nur die
10 stärkste und energischste Partei siegen. Und in allen bis jetzt be¬
rufenen Stadtmeetings haben die Chartisten und Sozialisten ge¬
siegt. Das erste war in Stockport, wo die Resolutionen der Whigs
nur eine Stimme, die der Chartisten das ganze Meeting für sich
hatten, und so der whiggische Mayor von Stockport als Präsident
15 des Meetings genötigt war, eine chartistische Petition zu unter¬
schreiben und an ein chartistisches Parlamentsmitglied (Dun¬
combe) zur Überreichung einzusenden. Das zweite war in Salford,
einer Art Vorstadt von Manchester mit etwa 100000 Einwohnern;
ich war dort. Die Whigs hatten alle Vorkehrungen getroffen, um
so sich den Sieg zu verschaffen; der Boroughreeve nahm den Präsi¬
dentenstuhl ein und sprach viel von Unparteilichkeit; als aber ein
Chartist fragte, ob Diskussion erlaubt sei, erhielt er zur Antwort:
ja, wenn das Meeting vorüber sei! Die erste Resolution sollte
durchgeschmuggelt werden, aber die Chartisten waren auf ihrer
25 Hut und vereitelten es. Als ein Chartist die Plattform bestieg, kam
ein dissentierender Geistlicher und wollte ihn herunterwerfen!
Alles ging indes noch gut, bis zuletzt, als eine Petition im Sinne der
Whigs vorgeschlagen wurde. Da trat ein Chartist auf und schlug
ein Amendement vor; alsbald stand der Präsident und sein ganzer
30 Whigschweif auf und verließ den Saal. Das Meeting wurde nichts¬
destoweniger fortgesetzt und die chartistische Petition zur Ab¬
stimmung gebracht; aber gerade im rechten Augenblick machten
die Polizeibeamten, die sich schon mehrere Male zugunsten der
Whigs ins Mittel gelegt hatten, die Lichter aus und zwangen das
35 Meeting, sich zu trennen. Nichtsdestoweniger ließen die Whigs in
der nächsten Lokalzeitung ihre sämtlichen Resolutionen als durch¬
gegangen einrücken und der Boroughreeve war ehrlos genug, seinen
Namen „in Vertretung und auf Befehl des Meetings66 zu unter¬
zeichnen! Das ist Whigrechtlichkeit! Das dritte Meeting war zwei
40 Tage später in Manchester, und hier trugen die radikalen Parteien
gleichfalls den glänzendsten Sieg davon. Obwohl die Stunde so ge¬
wählt war, daß die meisten Fabrikarbeiter nicht anwesend sein
konnten, war doch eine bedeutende Majorität von Chartisten und
Sozialisten im Saal. Die Whigs beschränkten sich rein auf die
45 Punkte, welche ihnen mit den Chartisten gemeinsam waren; ein
368
London und Manchester 1842—1844.
Briefe aus England
Sozialist und ein Chartist sprachen von der Plattform und gaben
den Whigs das Zeugnis, daß sie sich heute als gute Chartisten auf¬
geführt hätten. Der Sozialist sagte ihnen geradezu, daß er her¬
gekommen sei, um Opposition zu machen, wenn er die geringste
Gelegenheit finde, aber es sei alles nach seinen Wünschen ge- 5
gangen. So ist es also dahin gekommen, daß Lancashire, und
namentlich Manchester, der Sitz des Whiggismus, der Zentralpunkt
der Anti-Komgesetz-Ligue, eine glänzende Majorität zugunsten der
radikalen Demokratie aufzuweisen hat, und die Macht der „Libe¬
ralen“ dadurch komplett im Schach gehalten wird. 10
II.
[Schweiz. Republ. 23. Mai 1843. Nr. 41, p. 185]
Die Augsburger Allgemeine Zeitung hat einen liberalen Korre¬
spondenten (*) in London, der den Whigumtrieben in entsetzlich
langen und langweiligen Artikeln das Wort redet. „Die Anti- n
Korngesetz-Ligue ist jetzt die Macht des Landes“, sagt dies Orakel
und spricht damit die größte Lüge aus, die je von einem Partei¬
korrespondenten gesagt ist. Die Ligue die Macht des Landes! Wo
steckt diese Macht? Im Ministerium? Da sitzen ja Peel und Graham
und Gladstone, die ärgsten Feinde der Ligue. Im Parlament? Da 20
wird jeder ihrer Anträge mit einer Majorität verworfen, die ihres¬
gleichen in den englischen Parlamentsannalen selten hat. Wo steckt
diese Macht? Im Publikum, in der Nation? Die Frage kann nur so
ein gedankenloser, flatterhafter Korrespondent bejahen, dem
Drury-Lane das Publikum und eine zusammengetrompetete Ver- 25
Sammlung die öffentliche Meinung ist. Wenn dieser weise Korre¬
spondent schon so blind ist, daß er am hellen Tage nicht sehen
kann, wie dies das Erbteil der Whigs ist, so will ich ihm sagen, wie
es mit der Macht der Ligue steht. Von den Tories ist sie aus dem
Ministerium und aus dem Parlament, von den Chartisten aus der 30
öffentlichen Meinung gejagt worden. Feargus O’Connor hat sie in
allen Städten Englands im Triumph vor sich hergetrieben, hat sie
überall zu einer öffentlichen Diskussion auf gefordert, und die
Ligue hat den Handschuh nie aufgenommen. Die Ligue kann kein
einziges öffentliches Meeting berufen, ohne aufs schmählichste von 35
den Chartisten geschlagen zu werden. Oder weiß der Augsburger
Korrespondent nicht, daß die pomphaften Meetings in Manchester
im Januar und jetzt die Zusammenkünfte im Londoner Drury-
Lane-Theater, wo sich die liberalen Gentlemen gegenseitig etwas
vorlügen und sich über ihre innere Haltlosigkeit zu täuschen 40
suchen — daß das alles „übertünchte Gräber“ sind? Wer wird zu
diesen Versammlungen zugelassen? Nur die Mitglieder
der Ligue oder solche, denen die Ligue Billetts
Briefe aus London II
369
erteilt. Da kann also keine Gegenpartei die Chance einer er¬
folgreichen Opposition haben, und deshalb bewirbt sich auch
keiner um Billetts; wenn auch noch so viel List angewandt würde,
so könnte sie doch keine hundert ihrer Anhänger hineinschmuggeln.
5 Solche Meetings, die dann nachher „öffentliche66 genannt werden,
hält die Ligue schon seit Jahren und gratuliert sich darin selbst
über ihre „Fortschritte66. Es steht der Ligue dann auch sehr wohl
an, in diesen „öffentlichen66 Billettversammlungen über das „Ge¬
spenst des Chartismus66 zu schimpfen, besonders da sie weiß, daß
10 O’Connor, Duncombe, Cooper usw. diese Angriffe in wirklich
öffentlichen Meetings redlich erwidern. Die Chartisten haben bis
jetzt noch jedes öffentliche Meeting der Ligue mit glänzender Ma¬
jorität gesprengt, aber die Ligue hat noch nie ein chartistisches
Meeting beunruhigen können. Daher der Haß der Ligue gegen
in die Chartisten, daher das Geschrei über „Störung66 eines Meetings
durch Chartisten — d. h. Auflehnung der Majorität gegen die Mi¬
norität, die von der Plattform aus jene zu ihren Zwecken zu be¬
nutzen sucht. Wo ist denn die Macht der Ligue? — In ihrer Ein¬
bildung und — in ihrem Geldbeutel. Die Ligue ist reich, sie hofft
2o durch Abschaffung der Komgesetze eine gute Handelsperiode
herbeizuzaubem, und wirft daher mit der Wurst nach dem Schin¬
ken. Ihre Subskriptionen tragen bedeutende Massen Geld ein, und
damit werden alle die pomphaften Versammlungen und der übrige
Schein und Flitterstaat aufgebracht. Aber hinter all dem gleißen-
25 den Exterieur steckt gar nichts Reelles. Die „National-Charter-
Association66, die Verbindung der Chartisten, ist an Mitgliederzahl
stärker, und es wird sich bald zeigen, daß sie auch mehr Geldmittel
aufbringen kann, obwohl sie nur aus armen Arbeitern besteht,
während die Ligue alle reichen Fabrikanten und Kaufleute in ihren
30 Reihen zählt. Und das aus dem Grunde, weil die chartistische Asso¬
ziation ihre Gelder zwar pfennigweise, aber von fast jedem ihrer
Mitglieder erhält, während bei der Ligue zwar bedeutende Sum¬
men, aber nur von einzelnen beigetragen werden. Die Chartisten
können mit Leichtigkeit jede Woche eine Million Pence
35 auf bringen — es fragt sich sehr, ob die Ligue das durchhalten
könnte. Die Ligue hat eine Kontribution von 50 000 Pfund Sterling
ausgeschrieben und etwa 70000 erhalten; Feargus O’Connor wird
nächstens für ein Projekt 125000 Pfund Sterling und viel¬
leicht bald darauf wieder ebensoviel ausschreiben — er erhält sie,
4o das ist gewiß — und was will dann die Ligue mit ihren „großen
Fonds66?
Weshalb die Chartisten Opposition gegen die Ligue machen,
darüber ein andermal. Jetzt nur noch die eine Bemerkung, daß
*) Macht jährlich 1 787 500 fl. Rhein., was nach unsern festländischen Begriffen
von armen Leuten kaum glaublich scheint. Die Red.
Marx-Engels*Gesamtausgabe, I. Abt., Bd. 2. 24
370
London und Manchester 1842—1844.
Briefe aus England
die Anstrengungen und Arbeiten der Ligue eine gute Seite haben.
Dies ist die Bewegung, die durch die Antikomgesetz-Agitation in
eine bisher total stabile Klasse der Gesellschaft gebracht wird —
in die ackerbauende Bevölkerung. Bisher hatte diese gar kein
öffentliches Interesse; abhängig vom Grundbesitzer, der den Pacht- s
kontrakt jedes Jahr kündigen kann, phlegmatisch, unwissend,
schickten die Farmers jahraus jahrein lauter Tories ins Parlament,
251 aus 658 Mitgliedern des Unterhauses — und dies war bisher
die starke Basis der reaktionären Partei. Wenn ein einzelner Far¬
mer sich gegen diese erbliche Stimmgebung auf lehnen wollte, fand io
er keine Unterstützung bei seinesgleichen und konnte vom Grund¬
besitzer mit Leichtigkeit abgedankt werden. Jetzt indes gibt sich
eine ziemliche Regsamkeit unter dieser Klasse der Bevölkerung
kund, es existieren schon liberale Farmers, und es gibt Leute unter
ihnen, welche einsehen, daß das Interesse des Grundbesitzers und 15
das des Pächters in sehr vielen Fällen sich gerade entgegenstehen.
Vor drei Jahren hätte namentlich im eigentlichen^ England kein
Mensch einem Pächter das sagen dürfen, ohne entweder ausgelachi
oder gar geprügelt zu werden. Unter dieser Klasse wird die Arbeit
der Ligue Früchte tragen, aber ganz gewiß andere als sie erwartet; 20
denn wenn es wahrscheinlich ist, daß die Masse der Pächter den
Whigs allmählich zugeht, so ist es noch viel wahrscheinlicher, daß
die Masse der ackerbauenden Taglöhner auf die Seite der Char¬
tisten geworfen wird. Eins ohne das andere ist unmöglich, und so
wird die Ligue auch hier nur einen schwachen Ersatz bekommen 25
für den entschiedenen und totalen Abfall der arbeitenden Klasse,
den sie in den Städten und Fabrikbezirken seit fünf Jahren durch
den Chartismus erlitten hat. Das Reich des Justemilieus ist vor¬
über, und „die Macht des Landes66 hat sich auf die Extreme ver¬
teilt. Ich aber frage nach diesen unleugbaren Tatsachen den Herm 30
Korrespondenten der Allgemeinen Zeitung von Augsburg, wo „die
Macht der Ligue66 steckt?
III
[Schweiz. Republ. 9. Juni 1843. Nr. 46, p. 216-217]
Die englischen Sozialisten sind weit grundsätzlicher und prak- 35
tischer als die französischen, was besonders davon herrührt, daß
sie in offenem Kampfe mit den verschiedenen Kirchen sind und
von der Religion nichts wissen wollen. In den größern Städten
nämlich halten sie gewöhnlich eine Hall (Versammlungshaus),
wo sie alle Sonntage Reden anhören, häufig sind dieselben pole- 40
misch gegen das Christentum und atheistisch, oft aber beschlagen
sie auch eine, das Leben der Arbeiter berührende Seite; von ihren
1) Im „Schweizerischen Republikaner“ in eigentlich
Briefe aus London III
371
Lektiirers (Predigern) scheint mir Watts in Manchester jedenfalls
ein bedeutender Mann zu sein, welcher mit vielem Talente einige
Broschüren über die Existenz Gottes und über die National¬
ökonomie geschrieben hat. Die Lektürers haben eine sehr gute
5 Manier zu räsonnieren; alles geht von der Erfahrung und von be¬
weisbaren oder anschaulichen Tatsachen aus, dabei aber findet
eine so grundsätzliche Durchführung statt, daß es schwer hält, auf
ihrem gewählten Boden mit ihnen zu kämpfen. Will man aber ein
anderes Terrain nehmen, so verlachen sie einen ins Gesicht; ich
10 sage z. B. : die Existenz Gottes ist nicht vom Beweise aus Tatsachen
für den Menschen abhängig, da entgegnen sie: „Wie lächerlich ist
Ihr Satz: wenn er nicht durch Tatsachen sich manifestiert, was
wollen wir uns auch um ihn bekümmern: aus Ihrem Satze folgt
gerade, daß die Existenz Gottes oder die Nichtexistenz den Men-
15 sehen gleichgültig sein kann. Da wir nun für so tausend andere
Dinge zu sorgen haben, so lassen wir Ihnen den lieben Gott hinter
den Wolken, wo er vielleicht existiert, vielleicht auch nicht. Was
wir nicht durch Tatsachen wissen, das geht uns gar nichts an; wir
halten uns auf dem Boden ,der schönen Fakten6, wo von solchen
2o Phantasiestücken wie Gott und Religiosa keine Rede sein kann.66
So stützen sie ihre übrigen kommunistischen Sätze auf den Beweis
von Tatsachen, bei deren Annahme sie in der Tat vorsichtig sind.
Die Hartnäckigkeit dieser Leute ist unbeschreiblich, und wie die
Geistlichen sie herumkriegen wollen, weiß der liebe Himmel. In
25 Manchester z. B. zählt die Kommunisten-Gemeinde 8000 erklärte
für die Hall eingeschriebene und an derselben bezahlende Mitglie¬
der, und es ist keine Übertreibung, wenn behauptet wird, die Hälfte
der arbeitenden Klassen in Manchester teilen ihre Ansichten über
das Eigentum; denn wenn der Watts von der Plattform (bei den
so Kommunisten, was die Kanzel bei den Christen) sagt: heute geh’
ich an dies oder jenes Meeting, so kann man darauf rechnen, daß
die Motion, welche der Lektürer bringt, die Mehrheit hat.
Es gibt aber auch unter den Sozialisten Theoretiker, oder, wie
die Kommunisten sie nennen, ganze Atheisten, während jene
35 die praktischen heißen; von diesen Theoretikern ist der be¬
rühmteste Charles Southwell in Bristol, der eine streitfertige Zeit¬
schrift: „Das Orakel derVemunft66 herausgab und dafür mit einem
Jahr Gefängnis und einer Buße von etwa 100 Pfund gestraft
wurde: natürlich ist dieselbe schnell durch Subskriptionen gedeckt
io worden ; wie denn jeder Engländer seine Zeitung hält, seinen
Führern die Buße tragen hilft, an seine Kapelle oder Hall zahlt,
an seine Meeting geht. Charles Southwell aber sitzt schon wie¬
der; es mußte nämlich die Hall in Bristol verkauft werden, weil
nicht so viele Sozialisten in Bristol und darunter wenig Reiche sind,
45 während dem eine solche Hall ein ziemlich kostspieliges Ding ist.
24*
372
London und Manchester 1842—1844.
Briefe aus England
Dieselbe wurde von einer christlichen Sekte gekauft und in eine
Kapelle umgewandelt. Als die Hall zur Kapelle geweiht wurde,
drangen die Sozialisten und Chartisten hinein, um die Sache mit
anzusehen und zu hören. Als nun aber der Geistliche anfing Gott zu
loben, daß all das ruchlose Zeug ein Ende genommen habe, daß 5
nun da, wo Gott sonst gelästert wurde, der Allmächtige nun ge¬
priesen werde, hielten sie es für einen Angriff, und da nach eng¬
lischen Begriffen jeder Angriff eine Abwehr heischt, schrien sie:
Southwell, Southwell! Southwell soll dagegen Rede halten! South¬
well also macht sich auf und beginnt eine Rede: jetzt aber stellen io
sich die Geistlichen der christlichen Sekte an die Spitze ihrer in
Kolonnen gestellten Pfarrkinder und stürmen auf Southwell los,
andere der Sekte holen Polizei, da der Southwell den christlichen
Gottesdienst gestört habe: die Geistlichen packen ihn mit eigenen
Fäusten, schlagen ihn (was in solchen Fällen häufig geschieht) is
und übergeben ihn einem Polizeimann. Southwell selbst befahl
seinen Anhängern, keinen leiblichen Widerstand zu machen: als er
weggeführt wurde, folgten ihm bei 6000 Mann mit Hurrarufen
und Lebehoch.
Der Stifter der Sozialisten Owen schreibt in seinen vielen 20
Büchlein wie ein deutscher Philosoph, d. h. sehr schlecht, doch hat
er zuweilen lichte Augenblicke, wo er seine dunkeln Sätze genie߬
bar macht: seine Ansichten sind übrigens umfassend. Nach Owen
sind „Ehe, Religion und Eigentum die einzigen Ursachen alles Un¬
glücks, was seit Anfang der Welt existiert hat66 (!!), alle seine 25
Schriften wimmeln von Wutausbrüchen gegen die Theologen, die
Juristen und Mediziner, welche er in einen Topf wirft. „Die Ge-
schwornengerichte werden aus einer Klasse Leuten besetzt, welche
noch ganz theologisch, also Partei ist; auch die Gesetze sind
theologisch und müssen deswegen samt dem Jury abgeschafft 30
werden.“
Während die englische Hochkirche praßte, haben die Sozialisten
für die Bildung der arbeitenden Klassen in England unglaublich
viel getan; man kann sich anfänglich nicht genug wundem, wenn
man die gemeinsten Arbeiter in der Hall of Science über den poli- 35
tischen, den religiösen und sozialen Zustand mit klarem Bewußt¬
sein sprechen hört; aber wenn man die merkwürdigen Volks¬
schriften auf spürt, wenn man die Lektürers der Sozialisten, z. B.
den Watts in Manchester hört, so nimmt es einen nicht mehr wunder.
Die Arbeiter besitzen gegenwärtig in sauberen wohlfeilen Aus- 40
gaben die Übersetzungen der französischen Philosophie des ver¬
flossenen Jahrhunderts, am meisten den Contrat social von Rous¬
seau, das Système de la Nature und verschiedene Werke von Vol¬
taire, außerdem in Pfennig- und Zweipfennigbroschüren und Jour¬
nalen die Auseinandersetzung der kommunistischen Grundsätze; 45
Briefe aus London III
373
ebenso sind die Ausgaben von Thomas Paine und Shelleys
Schriften zu billigem Preise in den Händen der Arbeiter. Dazu
kommen noch die sonntäglichen Vorlesungen, welche sehr fleißig
besucht werden; so sah ich bei meiner Anwesenheit in Manchester
5 die Kommunisten-Hall, welche etwa 3000 Menschen faßt, jeden
Sonntag gedrängt voll und hörte da Reden, welche unmittelbare
Wirkung haben, in welchen dem Volke auf den Leib geredet wird,
auch Witze gegen die Geistlichen vorkommen. Daß das Christen¬
tum geradezu angegriffen wird, daß die Christen als „unsere
10 Feinde“ bezeichnet werden, kommt oft vor.
Die Formen dieser Zusammenkünfte gleichen zum Teil den
kirchlichen; ein Sängerchor, von einem Orchester begleitet, singt
auf der Galerie die sozialen Hymnen, es sind halb und ganz geist¬
liche Melodien mit kommunistischen Texten, wobei die Zuhörer
15 stehen. Dann tritt ein Vorleser auf die Plattform, auf welcher ein
Pult und Stühle stehen, ganz ungeniert mit dem Hut auf dem Kopf,
macht mit dem Hutlüften den Anwesenden seinen Gruß und zieht
den Überrock aus; dann setzt er sich und hält seinen Vortrag, wo¬
bei gewöhnlich viel gelacht wird, da der englische Witz im sprudeln-
2o den Humor sich in diesen Reden Luft macht: in der einen Ecke der
Hall ist ein Bücher- und Broschürenladen, in der andern eine Bude
mit Orangen und andern Erfrischungen, wo jeder seine dahin ein¬
schlagenden Bedürfnisse befriedigen oder, wenn ihn die Rede lang¬
weilen sollte, sich ihr entziehen kann. Zuweilen werden Sonntag
25 abends da Teepartieen gegeben, wo alle Alter, Stände und Ge¬
schlechter unter einander sitzend das gewöhnliche Abendessen, Tee
mit Butterbrot zu sich nehmen; an Werktagen werden oft Bälle und
Konzerte in der Hall auf geführt, wo man sich recht lustig macht;
ebenso ist noch ein Kaffee in der Halle.
so Wie kommt es, daß man diesen ganzen Kram duldet? Aber ein¬
mal haben die Kommunisten sich unter dem Whigministerium eine
Parlamentsakte verschafft und sich überhaupt damals so festge¬
setzt, daß man ihnen jetzt als Korporation nichts mehr tun kann.
Zweitens würde man den hervorragenden Einzelnen sehr gerne zu
35 Leib gehen, aber man weiß, daß dies nur zum Vorteil der Sozia¬
listen ausschlüge, indem es die öffentliche Aufmerksamkeit auf sie
lenkt, wonach sie streben. Gäbe es Märtyrer für ihre Sache (und
wie viele wären alle Augenblicke dazu bereit), so entstände Agita¬
tion; Agitation aber ist das Mittel, ihre Sache noch mehr zu ver-
4o breiten, während jetzt ein großer Teil des Volkes sie übersieht, in¬
dem es sie für eine Sekte wie eine andere hält; Gegenmaßregeln,
wußten die Whigs sehr wohl, wirken kräftiger für eine Sache als
Selbstagitation, daher gaben sie ihnen Existenz und eine Form;
jede Form aber ist bindend. Die Tories schlagen hingegen etwa los,
45 wenn die atheistischen Schriften zu arg ausfallen; aber jedesmal
374
London und Manchester 1842—1844.
Briefe aus England
zum Nutzen der Kommunisten; im Dezember 1840 wurden South¬
well und andere wegen Blasphemie gestraft; gleich erschienen drei
neue Zeitschriften, eine „Der Atheist66, die andere „Der Atheist
und der Republikaner66, die dritte, von dem Lektiirer Watts heraus¬
gegeben: „Der Gotteslästerer66. Einige Nummern des Gottes- 5
lästerers haben großes Aufsehen erregt, und man studierte um¬
sonst darauf, wie man diese Richtung unterdrücken könnte. Man
ließ sie gehen, und siehe da, alle drei Blätter gingen wieder ein!
Drittens retten sich die Sozialisten wie alle die andern Parteien
durch Gesetzumgehen und Wortklauben, was hier an der Tages- io
Ordnung ist.
So ist hier alles Leben und Zusammenhang, fester Boden und
Tat, so nimmt hier alles äußere Gestalt an: während wir glauben
etwas zu wissen, wenn wir die matte Elendigkeit des Steinschen
Buches verschlucken, oder etwas zu sein, wenn wir da oder dort is
eine Meinung mit Rosenöl verduftet aussprechen.
In den Sozialisten sieht man recht deutlich die englische Energie;
was mich aber mehr in Erstaunen setzte, war das gutmütige Wesen
dieser, fast hätte ich gesagt Kerls, das aber so weit von Schwäche
entfernt ist, daß sie über die bloßen Republikaner lachen, da die 20
Republik ebenso heuchlerisch, ebenso theologisch, ebenso gesetz¬
lich ungerecht sein würde, als die Monarchie; für die soziale
Reform aber wollen sie, samt Weib und Kindern, Gut und Blut
einsetzen.
IV
[Schweiz. Republ. 27. Juni 1843. Nr. 51, p. 217]
Man hört jetzt von nichts als von O’Connell und der irischen
Repeal (Aufhebung der Verbindung Irlands mit England).
O’Connell, der alte schlaue Advokat, der während der Whigregie¬
rung ruhig im Unterhause saß und „liberale66 Maßregeln durch- so
bringen half, damit sie im Oberhause durchfielen, O’Connell hat
sich auf einmal aus London und der parlamentarischen Debatte
fortgemacht und bringt seine alte Repealfrage wieder auf. Kein
Mensch dachte noch daran ; da steigt Old Dan in Dublin ans Land
und rührt den alten verjährten Plunder wieder auf. Kein Wunder, ss
daß das alte gärende Zeug nun merkwürdige Luftblasen ent¬
wickelt. Da zieht der alte Schlaukopf von Stadt zu Stadt und
jedesmal von einer Leibgarde begleitet, wie kein König sie aufzu¬
weisen hat, zweimalhunderttausend Mann immer um sich! Was
könnte damit alles getan werden, wenn ein vernünftiger Mensch 40
die Popularität O’Connells, oder O’Connell ein wenig mehr Ein¬
sicht und etwas weniger Egoismus und Eitelkeit besäße! Zweimal¬
hunderttausend Mann; und was für Leute! — Leute, die keinen
Briefe aus London IV
375
Pfennig zu verlieren, die zu zwei Dritteln keinen ganzen Rock am
Leibe haben, echte Proletarier und Sansculotten, und dazu Ir¬
länder, wilde, unbändige, fanatische Gälen. Wer die Irländer nicht
gesehen hat, der kennt sie nicht. Gebt mir zweimalhunderttausend
5 Irländer und ich werfe die ganze britische Monarchie über den
Haufen. Der Irländer ist ein sorgloses, heiteres, kartoffelessendes
Naturkind. Von der Heide, auf der er unter einem schlechten Dach,
bei dünnem Tee und schmaler Kost herangewachsen ist, wird er in
unsere Zivilisation hineingerissen. Der Hunger treibt ihn nach
10 England. In dem mechanischen, egoistischen, eisig-kalten Getriebe
der englischen Fabrikstädte erwachen seine Leidenschaften. Was
weiß der rohe Junge, dessen Jugend auf der Heide spielend und
auf der Landstraße bettelnd verbracht wurde, von Sparsamkeit?
Was er verdient, wird verjubelt; dann hungert er bis zum nächsten
is Zahltag oder bis er wieder Arbeit findet. Das Hungern ist er so ge¬
wöhnt. So kehrt er zurück, sucht sich seine Familie von der Land¬
straße zusammen, wo sie sich zum Betteln zerstreute und zuweilen
wieder um denTeekessel sammelte, den die Mutter mit sich führte.
Aber er hat in England viel gesehen, öffentliche Meetings und Ar-
2o beitervereine besucht, er weiß, was Repeal ist und was es mit Sir
Robert Peel auf sich hat, er hat sich mit der Polizei ganz gewiß sehr
oft herumgeschlagen und weiß von der Hartherzigkeit und Schänd¬
lichkeit der „Peelers“ (Polizeidiener) viel zu erzählen. Auch von
Daniel O’Connell hat er viel gehört. Jetzt sucht er sich sein altes
25 Haus mit einem Stück Kartoffelland wieder auf. Die Kartoffeln
sind reif geworden, er macht sie aus und hat nun für den Winter
zu leben. Da kommt der Oberpächter und fragt nach der Pacht.
Ja du lieber Gott, wo ist Geld? Der Oberpächter ist dem Grund¬
herrn für die Pacht verantwortlich, er läßt also pfänden. Der Ir-
30 länder widersetzt sich und wird eingesteckt. Man läßt ihn am Ende
wieder laufen, und bald darauf findet man den Oberpächter oder
sonst jemand, der sich bei der Pfändung beteiligte, im Graben
erschlagen.
Das ist eine Geschichte aus dem Leben der irischen Proletarier,
35 wie sie alle Tage passiert. Die halbwilde Erziehung und die später
ganz zivilisierte Umgebung bringen den Irländer in einen Wider¬
spruch mit sich selbst, in eine stete Gereiztheit, in eine stets in¬
wendig fortglimmende Wut, die ihn zu allem fähig machen. Dazu
liegt die Last einer fünfhundertjährigen Unterdrückung mit allen
4o ihren Folgen auf ihm. Was Wunder, daß er da, wie jeder Halb¬
wilde, bei jeder Gelegenheit blind und wütend dreinschlägt, daß ein
ewiger Rachedrang, eine Wut des Zerstörens, in seinen Augen
brennt, der es ganz gleichgültig ist, wogegen sie sich äußert, wenn
sie nur dreinschlagen, nur zerstören kann? Das aber ist noch nicht
45 alles. Wütender Nationalhaß desGälen gegen den Sachsen, altkatho-
376
London und Manchester 1842—1844.
Briefe aus England
lischer,von den Priestern genährter Fanatismus gegen den protestan¬
tisch-episkopalen Hochmut—mit solchen Elementen läßt sich alles
durchsetzen. Und alle diese Elemente sind in O’Connells Hand.
Und über welche Massen hat er zu verfügen! Vorgestern in Cork
— 150 000 Mann; gestern in Nenaph — 200000 Mann; heute in s
Kilkenny — 400 000 Mann, so geht das durch. Ein Triumphzug
von vierzehn Tagen, ein Triumphzug, wie kein römischer Impera¬
tor ihn hielt. Und wollte O’Connell wirklich das Beste des Volks,
wäre es ihm um die Wegschaffung des Elends wirklich zu tun —
wären es nicht seine elenden kleinlichen Justemilieuzwecke, die io
hinter all dem Lärmen, der Agitation der Repeal stecken, wahrlich
ich möchte wissen, was ihm Sir Robert Peel verweigern dürfte,
wenn er es an der Spitze einer solchen Macht forderte, wie er sie
jetzt hat. Aber was richtet er aus mit all seiner Macht und seinen
Millionen waffenfähiger, verzweifelter Irländer? Nicht einmal die h
elende Repeal der Union kann er durchsetzen; natürlich, bloß weil
es ihm kein Emst damit ist, weil er das ausgesogene, zerdrückte
irische Volk dazu mißbraucht, den Toryministem Verlegenheit zu
bereiten und seine Justemilieufreunde wieder ins Amt zu bringen.
Das weiß auch Sir Robert Peel gut genug, und darum reichen 20
25 000 Mann Soldaten hin, ganz Irland im Zaum zu halten. Wenn
O’Connell wirklich der Mann des Volks wäre, wenn er Mut genug
besäße, und sich nicht selbst vor dem Volke fürchtete,
d. h. wenn er kein doppelzüngiger Whig, sondern ein gerader kon¬
sequenter Demokrat wäre, so wäre längst kein englischer Soldat 25
mehr in Irland, kein protestantischer faulenzender Pfaff in rein ka¬
tholischen Bezirken, kein altnormännischer Baron in seinem Schloß.
Aber da liegt der Haken. Wenn das Volk für einen Augenblick
losgelassen wäre, so würden Daniel O’Connell und seine Geld¬
aristokraten bald ebenso aufs Trockene gesetzt werden, wie er die 30
Tories aufs Trockene setzen will. Darum schließt sich Daniel so
eng an die katholische Geistlichkeit, darum warnt er seine Irländer
vor dem gefährlichen Sozialismus, darum weist er die angebotene
Unterstützung der Chartisten zurück, obwohl er zum Schein hie
und da von Demokratie spricht, wie Louis Philipp einst von den 35
republikanischen Institutionen, und darum wird er es nie zu etwas
bringen, als zu einer politischen Heranbildung des irischen Volks,
die am Ende für niemanden gefährlicher ist als für ihn selbst.
Aus:
DEUTSCH-FRANZÖSISCHE JAHRBÜCHER
Paris 1844
Umrisse zu einer Kritik der National¬
ökonomie 379—404
Geschrieben gegen Ende 1843
DieLageEnglands 405—431
Geschrieben im Januar 1844
Erschienen in: Deutsch-Französische Jahrbücher,
herausgegeben von Arnold Ruge und Karl Marx. Iste und 2te Lieferung.
Paris. Im Bureau der Jahrbücher. Au Bureau des Annales. Rue Van¬
neau, 22. 1844. p. 86-114 und 152-181.
UMRISSE
ZU
EINER KRITIK DER NATIONALOEKONOMIE
von
5 Friedrich Engels in Manchester
Die Nationalökonomie entstand als eine natürliche Folge der
Ausdehnung des Handels, und mit ihr trat an die Stelle des ein¬
fachen, unwissenschaftlichen Schachers ein ausgebildetes System
des erlaubten Betrugs, eine komplette Bereicherungswirtschaft.
10 Diese aus dem gegenseitigen Neid und der Habgier der Kauf¬
leute entstandene Nationalökonomie oder Bereicherungswissen¬
schaft trägt das Gepräge der ekelhaftesten Selbstsucht auf der
Stirne. Man lebte noch in der naiven Anschauung, daß Gold und
Silber der Reichtum sei, und hatte also nichts Eiligeres zu tun,
is als überall die Ausfuhr der „edlen66 Metalle zu verbieten. Die
Nationen standen sich gegenüber wie Geizhälse, deren jeder seinen
teuren Geldsack mit beiden Armen umschließt und mit Neid und
Argwohn auf seine Nachbarn blickt. Alle Mittel wurden aufge¬
boten, um den Völkern, mit denen man im Handelsverkehr stand,
20 so viel bares Geld wie möglich abzulocken und das glücklich Her¬
eingebrachte hübsch innerhalb der Mautlinie zu behalten.
Die konsequenteste Durchführung dieses Prinzips hätte den
Handel getötet. Man fing also an, diese erste Stufe zu über¬
schreiten; man sah ein, daß das Kapital im Kasten tot da liegt,
25 während es in der Zirkulation sich stets vermehrt. Man wurde also
menschenfreundlicher, man schickte seine Dukaten als Lockvögel
aus, damit sie andere mit sich zurückbringen sollten, und erkannte,
daß es nichts schadet, wenn man dem A zuviel für seine Ware be¬
zahlt, so lange man sie noch bei B für einen hohem Preis los
30 werden kann.
Auf dieser Basis erbaute sich das Merkantilsystem. Der hab¬
gierige Charakter des Handels wurde schon etwas versteckt; die
Nationen rückten sich etwas näher, sie schlossen Handels- und
Freundschaftstraktate, sie machten gegenseitig Geschäfte und taten
35 einander, um des größern Gewinns willen, alles mögliche Liebe
und Gute an. Aber im Grunde war es doch die alte Geldgier und
Selbstsucht, und diese brach von Zeit zu Zeit in den Kriegen aus,
die in jener Periode alle auf Handelseifersucht beruhten. In diesen
380
London und Manchester. Aus den Deutsch-Französischen Jahrbüchern
Kriegen zeigte es sich auch, daß der Handel, wie der Raub, auf
dem Faustrecht beruhe; man machte sich gar kein Gewissen daraus,
durch List oder Gewalt solche Traktate zu erpressen, wie man sie
für die günstigsten hielt.
Der Hauptpunkt im ganzen Merkantilsystem ist die Theorie von *
der Handelsbilanz. Da man nämlich noch immer an dem Satz fest¬
hielt, daß Gold und Silber der Reichtum sei, so hielt man nur die
Geschäfte für vorteilbringend, die am Ende bares Geld ins Land
brächten. Um dies ausfindig zu machen, verglich man die Aus¬
fuhr und Einfuhr. Hatte man mehr aus- als eingeführt, so glaubte 10
man, daß die Differenz in barem Gelde ins Land gekommen sei,
und hielt sich um diese Differenz reicher. Die Kunst der Ökonomen
bestand also darin, dafür zu sorgen, daß am Ende jedes Jahres die
Ausfuhr eine günstige Bilanz gegen die Einfuhr gebe; und um
dieser lächerlichen Illusion willen sind Tausende von Menschen is
geschlachtet worden! Der Handel hat auch seine Kreuzzüge und
seine Inquisition aufzuweisen.
Das achtzehnte Jahrhundert, das Jahrhundert der Revolution,
revolutionierte auch die Ökonomie; aber wie alle Revolutionen
dieses Jahrhunderts einseitig waren und im Gegensatz stecken 20
blieben, wie dem abstrakten Spiritualismus der abstrakte Mate¬
rialismus, der Monarchie die Republik, dem göttlichen Recht der
soziale Kontrakt entgegengesetzt wurde, so kam auch die ökono¬
mische Revolution nicht über den Gegensatz hinaus. Die Voraus¬
setzungen blieben überall bestehen; der Materialismus griff die 25
christliche Verachtung und Erniedrigung des Menschen nicht an
und stellte nur statt des christlichen Gottes die Natur dem Menschen
als Absolutes gegenüber; die Politik dachte nicht daran; die Vor¬
aussetzungen des Staates an und für sich zu prüfen; die Ökonomie
ließ sich nicht einfallen, nach der Berechtigung des Privateigen- 30
tums zu fragen. Darum war die neue Ökonomie nur ein halber Fort¬
schritt; sie war genötigt, ihre eigenen Voraussetzungen zu verraten
und zu verleugnen, Sophistik und Heuchelei zu Hülfe zu nehmen,
um die Widersprüche, in die sie sich verwickelte, zu verdecken, um
zu den Schlüssen zu kommen, zu denen sie nicht durch ihre Vor- 35
aussetzungen, sondern durch den humanen Geist des Jahrhunderts
getrieben wurde. So nahm die Ökonomie einen menschenfreund¬
lichen Charakter an; sie entzog ihre Gunst den Produzenten und
wandte sie den Konsumenten zu; sie affektierte einen heiligen Ab¬
scheu gegen die blutigen Schrecken des Merkantilsystems und er- 40
klärte den Handel für ein Band der Freundschaft und Einigung
zwischen Nationen wie zwischen Individuen. Es war alles lauter
Pracht und Herrlichkeit — aber die Voraussetzungen machten sich
bald genug wieder geltend und erzeugten im Gegensatz zu dieser
gleißenden Philanthropie die Malthussche Bevölkerungstheorie, 43
Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie
381
das rauhste barbarischste System, das je existierte, ein System der
Verzweiflung, das alle jene schönen Redensarten von Menschen¬
liebe und Weltbürgertum zu Boden schlug; sie erzeugten und hoben
das Fabriksystem und die moderne Sklaverei, die der alten nichts
5 nachgibt an Unmenschlichkeit und Grausamkeit. Die neue Öko¬
nomie, das auf Adam Smiths Wealth of Nations gegründete System
der Handelsfreiheit, erweist sich als dieselbe Heuchelei, Inkon¬
sequenz und Unsittlichkeit, die jetzt auf allen Gebieten der freien
Menschlichkeit gegenüber steht.
10 Aber war denn das Smithsche System kein Fortschritt? — Frei¬
lich war es das, und ein notwendiger Fortschritt dazu. Es war not¬
wendig, daß das Merkantilsystem mit seinen Monopolen und Ver¬
kehrshemmungen gestürzt wurde, damit die wahren Folgen des
Privateigentums ans Licht treten konnten; es war notwendig, daß
15 alle diese kleinlichen Lokal- und Nationalrücksichten zurücktraten,
damit der Kampf unserer Zeit ein allgemeiner, menschlicher wer¬
den konnte; es war notwendig, daß die Theorie des Privateigen¬
tums den rein empirischen, bloß objektiv untersuchenden Pfad ver¬
ließ und einen wissenschaftlicheren Charakter annahm, der sie
so auch für die Konsequenzen verantwortlich machte und dadurch die
Sache auf ein allgemein menschliches Gebiet herüberführte; daß
die in der alten Ökonomie enthaltene Unsittlichkeit durch den Ver¬
such ihrer Wegleugnung und durch die hereingebrachte Heuchelei
— eine notwendige Konsequenz dieses Versuches — auf den höch-
25 sten Gipfel gesteigert wurde. Alles dies lag in der Natur der Sache.
Wir erkennen gern an, daß wir erst durch die Begründung und
Ausführung der Handelsfreiheit in den Stand gesetzt sind, über die
Ökonomie des Privateigentums hinauszugehen, aber wir müssen zu
gleicher Zeit auch das Recht haben, diese Handelsfreiheit in ihrer
so ganzen theoretischen und praktischen Nichtigkeit darzustellen.
Unser Urteil wird um so härter werden müssen, je mehr die
Ökonomen, die wir zu beurteilen haben, in unsere Zeit hinein¬
fallen. Denn während Smith und Malthus nur einzelne Bruchstücke
fertig vorfanden, hatten die Neueren das ganze System vollendet
35 vor sich; die Konsequenzen waren alle gezogen, die Widersprüche
traten deutlich genug ans Licht, und doch kamen sie nicht zu einer
Prüfung der Prämissen, und doch nahmen sie noch immer die Ver¬
antwortlichkeit für das ganze System auf sich. Je näher die Öko¬
nomen der Gegenwart kommen, desto weiter entfernen sie sich von
40 der Ehrlichkeit. Mit jedem Fortschritt der Zeit steigert sich not¬
wendig die Sophisterei, um die Ökonomie auf der Höhe der Zeit
zu erhalten. Darum ist z. B. Ricardo schuldiger als Adam Smith
und Mac Cuiloch und Mill schuldiger als Ricardo.
382
London und Manchester. Aus den Deutsch-Französischen Jahrbüchern
Die neuere Ökonomie kann nicht einmal das Merkantilsystem
richtig beurteilen, weil sie selbst einseitig und noch mit den Vor¬
aussetzungen desselben behaftet ist. Erst der Standpunkt, der sich
über den Gegensatz der beiden Systeme erhebt, der die gemein¬
samen Voraussetzungen beider kritisiert und von einer rein mensch- 5
lischen, allgemeinen Basis ausgeht, wird beiden ihre richtige Stel¬
lung anweisen können. Es wird sich zeigen, daß die Verteidiger der
Handelsfreiheit schlimmere Monopolisten sind als die alten Mer¬
kantilisten selbst. Es wird sich zeigen, daß hinter der gleißne-
rischen Humanität der Neueren eine Barbarei steckt, von der die 10
Alten nichts wußten; daß die Begriffsverwirrung der Alten noch
einfach und konsequent ist gegen die doppelzüngige Logik ihrer
Angreifer, und daß keine der beiden Parteien der andern etwas
vorwerfen könne, was nicht auf sie selbst zurückfällt. — Darum
kann auch die neuere liberale Ökonomie die Restauration des is
Merkantilsystems durch List nicht begreifen, während die Sache
für uns ganz einfach ist. Die Inkonsequenz und Doppelseitigkeit
der liberalen Ökonomie muß sich notwendig wieder in ihre Grund¬
bestandteile auf lösen. Wie die Theologie entweder zum blinden
Glauben zurück-, oder zur freien Philosophie vorwärtsgehen muß, 20
so muß die Handelsfreiheit auf der einen Seite die Restauration
der Monopole, auf der andern die Aufhebung des Privateigentums
produzieren.
Der einzig positive Fortschritt, den die liberale Ökonomie ge¬
macht hat, ist die Entwicklung der Gesetze des Privateigentums. 25
Diese sind allerdings in ihr enthalten, wenn auch noch nicht bis zur
letzten Konsequenz entwickelt und klar ausgesprochen. Hieraus
folgt, daß in allen Punkten, wo es auf die Entscheidung über die
kürzeste Manier, reich zu werden, ankommt, also in allen strikt-
ökonomischen Kontroversen, die Verteidiger der Handelsfreiheit 30
das Recht auf ihrer Seite haben. Wohlverstanden — in Kontro¬
versen mit den Monopolisten, nicht mit den Gegnern des Privat¬
eigentums, denn daß diese imstande sind, in ökonomischen Fragen
auch ökonomisch richtiger zu entscheiden, haben die englischen
Sozialisten längst praktisch und theoretisch bewiesen. 3s
Wir werden also bei der Kritik der Nationalökonomie die
Grundkategorien untersuchen, den durch das System der Handels¬
freiheit hineingebrachten Widerspruch enthüllen und die Konse¬
quenzen der beiden Seiten des Widerspruchs ziehen.
Der Ausdruck Nationalreichtum ist erst durch Verallgemeine- w
rungssucht der liberalen Ökonomen aufgekommen. So lange das
Privateigentum besteht, hat dieser Ausdruck keinen Sinn. Der
„Nationalreichtum“ der Engländer ist sehr groß, und doch sind
sie das ärmste Volk unter der Sonne. Man lasse entweder den Aus-
Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie
383
druck ganz fallen oder man nehme Voraussetzungen an, die ihm
einen Sinn geben. Ebenso die Ausdrücke Nationalökonomie, poli¬
tische, öffentliche Ökonomie. Die Wissenschaft sollte unter den
jetzigen Verhältnisse Privatökonomie heißen, denn ihre öffent-
5 liehen Beziehungen sind nur um des Privateigentums willen da.
Die nächste Folge des Privateigentums ist der Handel, der Aus¬
tausch der gegenseitigen Bedürfnisse, Kauf und Verkauf. Dieser
Handel muß unter der Herrschaft des Privateigentums wie jede
Tätigkeit eine unmittelbare Erwerbsquelle für den Handeltreiben-
10 den werden; d.h. jeder muß suchen, so teuer wie möglich zu ver¬
kaufen und so billig wie möglich zu kaufen. Bei jedem Kauf und
Verkauf stehen sich also zwei Menschen mit absolut entgegen¬
gesetzten Interessen gegenüber; der Konflikt ist entschieden feind¬
selig, denn jeder kennt die Intentionen des andern, weiß, daß sie
15 den seinigen entgegengesetzt sind. Die erste Folge ist also auf der
einen Seite gegenseitiges Mißtrauen, auf der andern die Recht¬
fertigung dieses Mißtrauens, die Anwendung unsittlicher Mittel zu
Durchsetzung eines unsittlichen Zwecks. So ist z.B. der erste Grund¬
satz im Handel die Verschwiegenheit, Verheimlichung alles dessen,
20 was den Wert des fraglichen Artikels herabsetzen könnte. Die Kon¬
sequenz daraus: es ist im Handel erlaubt, von der Unkenntnis, von
dem Vertrauen der Gegenpartei den möglichst großen Nutzen zu
ziehen und ebenso, seiner Ware Eigenschaften anzurühmen, die sie
nicht besitzt. Mit einem Worte, der Handel ist der legale Betrug.
25 Daß die Praxis mit dieser Theorie übereinstimmt, kann mir jeder
Kaufmann, wenn er der Wahrheit die Ehre geben will, bezeugen.
Das Merkantilsystem hatte noch eine gewisse unbefangene, ka¬
tholische Geradheit und verdeckte das unsittliche Wesen des Han¬
dels nicht im mindesten. Wir haben gesehen, wie es seine gemeine
so Habsucht offen zur Schau trug. Die gegenseitig feindselige Stel¬
lung der Nationen im achtzehnten Jahrhundert, der ekelhafte Neid
und die Handelseifersucht waren die konsequenten Folgen des
Handels überhaupt. Die öffentliche Meinung war noch nicht huma¬
nisiert, was sollte man also Dinge verstecken, die aus dem un-
35 menschlichen feindseligen Wesen des Handels selbst folgten.
Als aber der ökonomische Luther, Adam Smith, die bisherige
Ökonomie kritisierte, hatten sich die Sachen sehr geändert. Das
Jahrhundert war humanisiert, die Vernunft hatte sich geltend ge¬
macht, die Sittlichkeit fing an, ihr ewiges Recht in Anspruch zu
40 nehmen. Die erpreßten Handelstraktate, die kommerziellen Kriege,
die schroffe Isolierung der Nationen stießen zu sehr gegen das
fortgeschrittene Bewußtsein an. An die Stelle der katholischen Ge¬
radheit trat protestantische Gleißnerei. Smith bewies, daß auch
die Humanität im Wesen des Handels begründet sei; daß der Han¬
384
London und Manchester. Aus den Deutsch-Französischen Jahrbüchern
del, anstatt „die fruchtbarste Quelle der Zwietracht und der Feind¬
seligkeit66 zu sein, ein „Band der Einigung und Freundschaft zwi¬
schen den Nationen, wie zwischen Individuen66 (vgl. Wealth of
Nations B. 4, c. 3, § 2) werden müsse; es liege ja in der Natur der
Sache, daß der Handel im ganzen und großen allen Beteiligten vor- 5
teilhaft sei.
Smith hatte recht, wenn er den Handel als human pries. Es gibt
nichts absolut Unsittliches in der Welt; auch der Handel hat eine
Seite, wo er der Sittlichkeit und Menschlichkeit huldigt. Aber welch
eine Huldigung! Das Faustrecht, der platte Straßenraub des Mittel- io
alters wurde humanisiert, als er in den Handel, der Handel, als
seine erste Stufe, welche sich durch das Verbot der Geldausfuhr
charakterisiert, in das Merkantilsystem überging. Jetzt wurde
dieses selbst humanisiert. Natürlich ist es im Interesse des Han¬
delnden, mit dem einen, von welchem er wohlfeil kauft, wie mit is
dem andern, an welchen er teuer verkauft, sich in gutem Ver¬
nehmen zu halten. Es ist also sehr unklug von einer Nation ge¬
handelt, wenn sie bei ihren Versorgern und Kunden eine feind¬
selige Stimmung nährt. Je freundschaftlicher, desto vorteilhafter.
Dies ist die Humanität des Handels, und diese gleißnerische Art, 20
die Sittlichkeit zu unsittlichen Zwecken zu mißbrauchen, ist der
Stolz des Systems der Handelsfreiheit. Haben wir nicht die Bar¬
barei der Monopole gestürzt, rufen die Heuchler aus, haben wir
nicht die Zivilisation in entfernte Weltteile getragen, haben wir
nicht die Völker verbrüdert und die Kriege vermindert? — Ja, das 25
alles habt ihr getan, aber wie habt ihr es getan! Ihr habt die
kleinen Monopole vernichtet, um das eine große Grundmonopol,
das Eigentum, desto freier und schrankenloser wirken zu lassen;
ihr habt die Enden der Erde zivilisiert, um neues Terrain für die
Entfaltung eurer niedrigen Habsucht zu gewinnen; ihr habt die 30
Völker verbrüdert, aber zu einer Brüderschaft von Dieben, und
die Kriege vermindert, um im Frieden desto mehr zu verdienen,
um die Feindschaft der einzelnen, den ehrlosen Krieg der Konkur¬
renz, auf die höchste Spitze zu treiben! — Wo habt ihr etwas aus
reiner Humanität, aus dem Bewußtsein der Nichtigkeit des Gegen- 35
satzes zwischen dem allgemeinen und inviduellen Interesse getan?
Wo seid ihr sittlich gewesen, ohne interessiert zu sein, ohne unsitt¬
liche, egoistische Motive im Hintergründe zu hegen?
Nachdem die liberale Ökonomie ihr Bestes getan hatte, um
durch die Auflösung der Nationalitäten die Feindschaft zu verall- 40
gemeinem, die Menschheit in eine Horde reißender Tiere — und
was sind Konkurrenten anders? — zu verwandeln, die einander
eben deshalb auf fressen, weil jeder mit allen andern gleiches In¬
teresse hat, nach dieser Vorarbeit blieb ihr nur noch ein Schritt
zum Ziele übrig, die Auflösung der Familie. Um diese durchzu- 45
Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie
385
setzen, kam ihr ihre eigene schöne Erfindung, das Fabriksystem,
zu Hülfe. Die letzte Spur gemeinsamer Interessen, die Güter¬
gemeinschaft der Familie, ist durch das Fabriksystem untergraben
und — wenigstens hier in England — bereits in der Auflösung be-
5 griffen. Es ist etwas ganz Alltägliches, daß Kinder, sobald sie
arbeitsfähig, d. h. neun Jahre alt werden, ihren Lohn für sich ver¬
wenden, das elterliche Haus als ein bloßes Kosthaus ansehen und
den Eltern ein Gewisses für Kost und Wohnung vergüten. Wie
kann es anders sein? Was kann anders aus der Isolierung der In-
10 teressen, wie sie dem System der Handelsfreiheit zugrunde liegt,
folgen? Ist ein Prinzip einmal in Bewegung gesetzt, so arbeitet es
sich von selbst durch alle seine Konsequenzen durch, die Ökonomen
mögen Gefallen daran haben oder nicht.
Aber der Ökonom weiß selbst nicht, welcher Sache er dient. Er
15 weiß nicht, daß er mit all seinem egoistischen Räsonnement doch
nur ein Glied in der Kette des allgemeinen Fortschrittes der
Menschheit bildet. Er weiß nicht, daß er mit seiner Auflösung
aller Sonderinteressen nur den Weg bahnt für den großen Um¬
schwung, dem das Jahrhundert entgegen geht, der Versöhnung der
2o Menschheit mit der Natur und mit sich selbst.
Die nächste durch den Handel bedingte Kategorie ist der Wert.
Über diese, sowie über alle andern Kategorien, existiert kein Streit
zwischen den älteren und neueren Ökonomen, weil die Monopo¬
listen in ihrer unmittelbaren Wut der Bereicherung keine Zeit übrig
25 hatten, um sich mit Kategorien zu beschäftigen. Alle Streitfragen
über derartige Punkte gingen von den Neueren aus.
Der Ökonom, der von Gegensätzen lebt, hat natürlich auch einen
doppelten Wert; den abstrakten oder realen Wert, und den Tausch¬
wert. Über das Wesen des Realwertes war ein langer Streit zwi-
3o sehen den Engländern, die die Produktionskosten als den Ausdruck
des Realwertes bestimmten, und dem Franzosen Say, der diesen
Wert nach der Brauchbarkeit einer Sache zu messen vorgab. Der
Streit hat seit dem Anfänge dieses Jahrhunderts geschwebt und ist
eingeschlafen, nicht entschieden. Die Ökonomen können nichts ent-
35 scheiden.
Die Engländer, — Mac Culloch und Ricardo besonders — be¬
haupten also, der abstrakte Wert einer Sache werde durch die Pro¬
duktionskosten bestimmt. Wohlverstanden, der abstrakte Wert,
nicht der Tauschwert, der exchangeable value, der Wert im Handel
40 — das sei etwas ganz andres. Weshalb sind die Produktionskosten
das Maß des Wertes? Weil — hört, hört! — weil niemand eine
Sache, unter gewöhnlichen Umständen und das Verhältnis der
Konkurrenz aus dem Spiele gelassen, für weniger verkaufen würde
Marx-Engels-Gesamtausgabe, I. Abt., Bd. 2. 25
386
London und Manchester. Aus den Deutsch-Französischen Jahrbüchern
als ihm ihre Produktion kostet, — verkaufen würde? Was haben
wir hier, wo es sich nicht um den Handelswert handelt, mit „Ver¬
kaufen“ zu tun? Da haben wir ja gleich wieder den Handel im
Spiel, den wir ja gerade herauslassen sollen — und was für einen
Handel! einen Handel, wobei die Hauptsache, das Konkurrenz- 5
Verhältnis, nicht in Anschlag kommen soll! Erst einen abstrakten
Wert, jetzt auch einen abstrakten Handel, einen Handel ohne Kon¬
kurrenz, d. h. einen Menschen ohne Körper, einen Gedanken ohne
Gehirn, um Gedanken zu produzieren. Und bedenkt der Öko¬
nom denn gar nicht, daß, sowie die Konkurrenz aus dem Spiele 10
gelassen wird, gar keine Garantie da ist, daß der Produzent seine
Ware gerade zu den Produktionskosten verkauft? Welche Ver¬
wirrung!
Weiter! Geben wir für einen Augenblick zu, daß dem allem so
sei wie der Ökonom sagt. Angenommen, es machte jemand mit 15
ungeheurer Mühe und enormen Kosten etwas ganz Unnützes, etwas,
wonach kein Mensch begehrt, ist das auch die Produktionskosten
wert? Ganz und gar nicht, sagt der Ökonom, wer wird das kaufen
wollen? Da haben wir also auf einmal nicht nur die verschrieene
Saysche Brauchbarkeit, sondern — mit dem „Kaufen“ — das Kon- 20
kurrenzverhältnis daneben. Es ist nicht möglich, der Ökonom kann
seine Abstraktion nicht einen Augenblick festhalten. Nicht nur das,
was er mit Mühe entfernen will, die Konkurrenz, sondern auch das,
was er angreift, die Brauchbarkeit, kommt ihm jeden Augenblick
zwischen die Finger. Der abstrakte Wert und seine Bestimmung 25
durch die Produktionskosten sind eben nur Abstraktionen, Undinge.
Aber geben wir noch einmal für einen Augenblick dem Öko¬
nomen recht — wie will er uns dann die Produktionskosten be¬
stimmen, ohne die Konkurrenz in Anschlag zu bringen? Wir wer¬
den bei der Untersuchung der Produktionskosten sehen, daß auch ao
diese Kategorie auf die Konkurrenz basiert ist, und auch hier
wieder zeigt es sich, wie wenig der Ökonom seine Behauptungen
durchführen kann.
Gehen wir zu Say über, so finden wir dieselbe Abstraktion. Die
Brauchbarkeit einer Sache ist etwas rein Subjektives, gar nicht ab- 35
solut zu Entscheidendes — wenigstens so lange man sich noch in
Gegensätzen herumtreibt, gewiß nicht zu entscheiden. Nach dieser
Theorie müßten notwendige Bedürfnisse mehr Wert besitzen als
Luxusartikel. Der einzig mögliche Weg, zu einer einigermaßen
objektiven, scheinbar allgemeinen Entscheidung über die größere 40
oder geringere Brauchbarkeit einer Sache zu kommen, ist unter
der Herrschaft des Privateigentums das Konkurrenzverhältnis, und
das soll ja gerade beiseite gelassen werden. Ist aber das Kon¬
kurrenzverhältnis zugelassen, so kommen auch die Produktions¬
kosten herein ; denn niemand wird für weniger verkaufen, als er 45
Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie
387
selbst bei der Produktion angelegt hat. Auch hier also geht die
eine Seite des Gegensatzes wider Willen in die andere über.
Versuchen wir, Klarheit in diese Verwirrung zu bringen. Der
Wert einer Sache schließt beide Faktoren ein, die von den strei-
5 tenden Parteien mit Gewalt, und wie wir gesehen haben, ohne Er¬
folg getrennt werden. Der Wert ist das Verhältnis der Produktions¬
kosten zur Brauchbarkeit. Die nächste Anwendung des Wertes ist
die Entscheidung darüber, ob eine Sache überhaupt produziert wer¬
den soll, d.h. ob die Brauchbarkeit die Produktionskosten auf-
10 wiegt. Dann erst kann von der Anwendung des Wertes für den
Tausch die Rede sein. Die Produktionskosten zweier Dinge gleich
gesetzt, wird die Brauchbarkeit das entscheidende Moment sein,
um ihren vergleichungsmäßigen Wert zu bestimmen.
Diese Basis ist die einzig gerechte Basis des Tausches. Geht man
15 aber von derselben aus, wer soll über die Brauchbarkeit der Sache
entscheiden? Die bloße Meinung der Beteiligten? So wird jeden¬
falls einer betrogen. Oder eine auf die inhärente Brauchbarkeit
der Sache unabhängig von den beteiligten Parteien gegründete
und ihnen nicht einleuchtende Bestimmung? So kann der Tausch
2o nur durch Zwang zustande kommen, und jeder hält sich für be¬
trogen. Man kann diesen Gegensatz zwischen der wirklichen in¬
härenten Brauchbarkeit der Sache und zwischen der Bestimmung
dieser Brauchbarkeit, zwischen der Bestimmung der Brauchbar¬
keit und der Freiheit der Tauschenden nicht aufheben, ohne das
25 Privateigentum aufzuheben ; und sobald dies aufgehoben ist, kann
von einem Tausch, wie er jetzt existiert, nicht mehr die Rede sein.
Die praktische Anwendung des Wertbegriffs wird sich dann immer
mehr auf die Entscheidung über die Produktion beschränken, und
da ist seine eigentliche Sphäre.
so Wie aber stehen die Sachen jetzt? Wir haben gesehen, wie der
Wertbegriff gewaltsam zerrissen ist, und die einzelnen Seiten jede
für das Ganze ausgeschrieen werden. Die Produktionskosten, durch
die Konkurrenz von vorn herein verdreht, sollen für den Wert
selbst gelten; ebenso die bloß subjektive Brauchbarkeit, — denn
35 eine andere kann es jetzt nicht geben. — Um diesen lahmen Defi¬
nitionen auf die Beine zu helfen, muß in beiden Fällen die Kon¬
kurrenz in Anspruch genommen werden ; und das beste ist, daß bei
den Engländern die Konkurrenz, gegenüber den Produktions¬
kosten, die Brauchbarkeit vertritt, während sie umgekehrt bei Say,
40 der Brauchbarkeit gegenüber, die Produktionskosten hereinbringt.
Aber was für eine Brauchbarkeit, was für Produktionskosten
bringt sie herein! Ihre Brauchbarkeit hängt vom Zufall, von der
Mode, von der Laune der Reichen ab, ihre Produktionskosten
gehen auf und ab mit dem zufälligen Verhältnis von Nachfrage
45 und Zufuhr. —
25*
388
London und Manchester. Aus den Deutsch-Französischen Jahrbüchern
Dem Unterschiede zwischen Realwert und Tauschwert liegt eine
Tatsache zum Grunde — nämlich daß der Wert einer Sache ver¬
schieden ist von dem im Handel für sie gegebenen sogenannten
Äquivalent, d. h. daß dies Äquivalent kein Äquivalent ist. Dies so¬
genannte Äquivalent ist der Preis der Sache, und wäre der Ökonom 5
ehrlich, so würde er dies Wort für den „Handelswert66 gebrauchen.
Aber er muß doch immer noch eine Spur von Schein behalten, daß
der Preis mit dem Werte irgendwie Zusammenhänge, damit nicht
die Unsittlichkeit des Handels zu klar ans Licht komme. Daß aber
der Preis durch die Wechselwirkung der Produktionskosten und 10
der Konkurrenz bestimmt wird, das ist ganz richtig und ein Haupt¬
gesetz des Privateigentums. Dies war das erste, was der Ökonom
fand, dies rein empirische Gesetz; und hiervon abstrahierte er
dann seinen Realwert, d. h. den Preis zu der Zeit, wenn das Kon¬
kurrenzverhältnis sich balanciert, wenn Nachfrage und Zufuhr 15
sich decken — dann bleiben natürlich dieProduktionskosten übrig,
und das nennt dann der Ökonom Realwert, während es nur eine
Bestimmtheit des Preises ist. So steht aber alles in der Ökonomie
auf dem Kopf; der Wert, der das Ursprüngliche, die Quelle des
Preises ist, wird von diesem, seinem eigenen Produkt, abhängig ge- 20
macht. Bekanntlich ist diese Umkehrung das Wesen der Abstrak¬
tion, worüber Feuerbach zu vergleichen. —
Nach dem Ökonomen bestehen die Produktionskosten einer
Ware aus drei Elementen: dem Grundzins für das nötige Stück
Land, um das rohe Material zu produzieren, dem Kapital mit dem 20
Gewinn darauf, und dem Lohn für die Arbeit, die zur Produktion
und Verarbeitung erforderlich waren. Es zeigt sich aber sogleich,
daß Kapital und Arbeit identisch sind, da die Ökonomen selbst ge¬
stehen, Kapital sei „aufgespeicherte Arbeit66. So bleiben uns also
nur zwei Seiten übrig, die natürliche, objektive, der Boden, und 30
die menschliche, subjektive, die Arbeit, die das Kapital einschließt
— und außer dem Kapital noch ein Drittes, woran der Ökonom
nicht denkt, ich meine das geistige Element der Erfindung, des Ge¬
dankens, neben dem physischen der bloßen Arbeit. Was hat der
Ökonom mit dem Erfindungsgeist zu schaffen? Sind ihm nicht alle 35
Erfindungen ohne sein Zutun zugeflogen gekommen? Hat ihrer
eine ihm etwas gekostet? Was also hat er bei der Berechnung
seiner Produktionskosten sich darum zu kümmern? Ihm sind Land,
Kapital, Arbeit die Bedingungen des Reichtums, und weiter braucht
er nichts. Die Wissenschaft geht ihn nichts an. Ob sie ihm durch 40
Berthollet, Davy, Liebig, Watt, Cartwright, usw. Geschenke gemacht
hat, die ihn und seine Produktion unendlich gehoben haben — was
liegt ihm daran? Dergleichen weiß er nicht zu berechnen; die
Fortschritte der Wissenschaft gehen über seine Zahlen hinaus. Aber
Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie
389
für einen vernünftigen Zustand, der über die Teilung der Inter¬
essen, wie sie beim Ökonomen stattfindet, hinaus ist, gehört das
geistige Element allerdings mit zu den Elementen der Produktion
und wird auch in der Ökonomie seine Stelle unter den Produktions-
5 kosten finden. Und da ist es allerdings befriedigend, zu wissen, wie
die Pflege der Wissenschaft sich auch materiell belohnt, zu wissen,
daß eine einzige Frucht der Wissenschaft, wie James Watt’s
Dampfmaschine, in den ersten fünfzig Jahren ihrer Existenz der
Welt mehr eingetragen hat, als die Welt von Anfang an für die
10 Pflege der Wissenschaft ausgegeben.
Wir haben also zwei Elemente der Produktion, die Natur und
den Menschen, und den letzteren wieder physisch und geistig, in
Tätigkeit, und können nun zum Ökonomen und seinen Produktions¬
kosten zurückkehren.
15 Alles, was nicht monopolisiert werden kann, hat keinen Wert,
sagt der Ökonom — ein Satz, den wir später näher untersuchen
werden. Wenn wir sagen, hat keinen Preis, so ist der Satz richtig für
den auf dem Privateigentum beruhenden Zustand. Wäre der Boden
so leicht zu haben wie die Luft, so würde kein Mensch Grundzins
20 bezahlen. Da dem nicht so ist, sondern die Ausdehnung des in
einem speziellen Fall in Beschlag kommenden Bodens beschränkt ist,
so bezahlt man Grundzins für den in Beschlag genommenen, das
heißt monopolisierten Boden, oder erlegt einen Kaufpreis dafür.
Es ist aber sehr befremdlich, nach dieser Auskunft über die Ent-
25 stehung des Grundwerts vom Ökonomen hören zu müssen, daß
Grundzins der Unterschied zwischen dem Ertrage des Zins bezahlen¬
den und des schlechtesten, die Mühe der Bebauung lohnenden
Grundstückes sei. Dies ist bekanntlich die von Ricardo zuerst voll¬
ständig entwickelte Definition des Grundzinses. Diese Definition
30 ist zwar praktisch richtig, wenn man voraussetzt, daß ein Fall der
Nachfrage augenblicklich auf den Grundzins reagiert und sogleich
eine entsprechende Quantität des schlechtesten bebauten Landes
außer Bearbeitung setzte. Allein dies ist nicht der Fall, die Defini¬
tion ist darum unzureichend ; zudem schließt sie die Kausation des
35 Grundzinses nicht ein und muß schon deshalb fallen. Oberst
T. P. Thompson, der Antikomgesetz-Leaguer, erneuerte im Gegen¬
satz zu dieser Definition die Adam Smithsche und begründete sie.
Nach ihm ist der Grundzins das Verhältnis zwischen der Kon¬
kurrenz der sich um den Gebrauch des Bodens Bewerbenden und
40 der beschränkten Quantität des disponiblen Bodens. Hier ist wenig¬
stens eine Rückkehr zur Entstehung des Grundzinses; aber diese
Erklärung schließt die verschiedene Fruchtbarkeit des Bodens aus,
wie die obige die Konkurrenz ausläßt.
390
London und Manchester. Aus den Deutsch-Französischen Jahrbüchern
Wir haben also wieder zwei einseitige und deswegen halbe De¬
finitionen für einen Gegenstand. Wir werden, wie beim Wert¬
begriffe, wiederum diese beiden Bestimmungen zusammenzufassen
haben, um die richtige, aus der Entwickelung der Sache folgende
und darum alle Praxis umfassende Bestimmung zu finden. Der s
Grundzins ist das Verhältnis zwischen der Ertragsfähigkeit des
Bodens, der natürlichen Seite (die wiederum aus der natürlichen
Anlage und der menschlichen Bebauung, der zur Verbesserung an¬
gewandten Arbeit besteht) — und der menschlichen Seite, der Kon¬
kurrenz. Die Ökonomen mögen über diese „Definition66 ihre Köpfe 10
schütteln ; sie werden zu ihrem Schrecken sehen, daß sie alles ein¬
schließt, was auf die Sache Bezug hat.
Der Grundbesitzer hat dem Kaufmanne nichts vorzuwerfen.
Er raubt, indem er den Boden monopolisiert. Er raubt, indem
er die Steigerung der Bevölkerung, welche die Konkurrenz und 15
damit den Wert seines Grundstücks steigert, für sich ausbeutet,
indem er zur Quelle seines persönlichen Vorteils macht, was nicht
durch sein persönliches Tun zustande gekommen, was ihm rein zu¬
fällig ist. Er raubt, wenn er verpachtet, indem er die von seinem
Pächter angelegten Verbesserungen zuletzt wieder an sich reißt. 20
Dies ist das Geheimnis des stets steigenden Reichtums der großen
Grundbesitzer.
Die Axiome, welche die Erwerbsart des Grundbesitzers als Raub
qualifizieren, nämlich, daß jeder ein Recht auf das Produkt seiner
Arbeit hat, oder daß keiner ernten soll, wo er nicht gesät hat, sind 25
nicht unsre Behauptung. Der erste schließt die Pflicht der Er¬
nährung der Kinder, der zweite schließt jede Generation vom Recht
der Existenz aus, indem jede Generation den Nachlaß der voran¬
gehenden Generation antritt. Diese Axiome sind vielmehr Kon¬
sequenzen des Privateigentums. Entweder führe man seine Kon 30
Sequenzen aus oder man gebe es als Prämisse auf-
Ja die ursprüngliche Appropriation selbst wird durch die Be¬
hauptung des noch frühem gemeinsamen Besitzrechtes gerecht¬
fertigt. Wohin wir uns also wenden, das Privateigentum führt uns
auf Widersprüche. 35
Es war der letzte Schritt zur Selbstverschacherung, die Erde
zu verschachern, die unser Eins und Alles, die erste Bedingung
unsrer Existenz ist; es war und ist bis auf den heutigen Tag eine
Unsittlichkeit, die nur von der Unsittlichkeit der Selbstveräuße¬
rung übertroffen wird. Und die ursprüngliche Appropriation, die 40
Monopolisierung der Erde durch eine kleine Anzahl, die Aus¬
schließung der übrigen von der Bedingung ihres Lebens, gibt der
spätem Verschacherung des Bodens an Unsittlichkeit nichts nach.
Lassen wir hier wieder das Privateigentum fallen, so reduziert
sich der Grundzins auf seine Wahrheit, auf die vernünftige An- 45
Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie
391
schauung, die ihm wesentlich zugrunde liegt. Der als Grundzins
vom Boden getrennte Wert desselben fällt alsdann in den Boden
selbst zurück. Dieser Wert, der zu messen ist durch die Produk¬
tionsfähigkeit gleicher Flächen bei gleicher darauf verwendeter
5 Arbeit, kömmt allerdings als Teil der Produktionskosten bei der
Wertbestimmung der Produkte in Anschlag und ist wie der
Grundzins das Verhältnis der Produktionsfähigkeit zur Kon¬
kurrenz, aber zur wahren Konkurrenz, wie sie ihrer Zeit entwickelt
werden wird.
w Wir haben gesehen, wie Kapital und Arbeit ursprünglich iden¬
tisch sind; wir sehen ferner aus den Entwicklungen des Ökonomen
selbst, wie das Kapital, das Resultat der Arbeit, im Prozesse der
Produktion sogleich wieder zum Substrat, zum Material der Arbeit
gemacht, wie also die für einen Augenblick gesetzte Trennung des
is Kapitals von der Arbeit sogleich wieder in die Einheit beider auf-
gehoben wird; und doch trennt der Ökonom das Kapital von der
Arbeit, doch hält er die Entzweiung fest, ohne die Einheit daneben
anders als durch die Definition des Kapitals: „aufgespeicherte Ar¬
beit“ anzuerkennen. Die aus dem Privateigentum folgende Spal-
tung zwischen Kapital und Arbeit ist nichts als die diesem ent¬
zweiten Zustande entsprechende und aus ihm hervorgehende Ent¬
zweiung der Arbeit in sich selbst. Und nachdem diese Trennung
bewerkstelligt, teilt sich das Kapital nochmals in das ursprüng¬
liche Kapital und in den Gewinn, den Zuwachs des Kapitals, den
26 es im Prozesse der Produktion empfängt, obwohl die Praxis selbst
diesen Gewinn sogleich wieder zum Kapital schlägt und mit diesem
in Fluß setzt. Ja selbst der Gewinn wird wieder in Zinsen und
eigentlichen Gewinn gespalten. In den Zinsen ist die Unvernünftig¬
keit dieser Spaltungen auf die Spitze getrieben. Die Unsittlichkeit
30 des Zinsenverleihens, des Empfangens ohne Arbeit, für das bloße
Borgen, ist, obwohl schon im Privateigentum liegend, doch zu
augenscheinlich und vom unbefangenen Volksbewußtsein, das in
diesen Dingen meistens recht hat, längst erkannt. Alle diese feinen
Spaltungen und Divisionen entstehen aus der ursprünglichen
33 Trennung des Kapitals von der Arbeit und der Vollendung dieser
Trennung in der Spaltung der Menschheit in Kapitalisten und Ar¬
beiter, einer Spaltung, die alle Tage schärfer und schärfer ausge¬
bildet wird, und die sich, wie wir sehen werden, immer steigern
muß. Diese Trennung, wie die schon betrachtete Trennung des
io Bodens von Kapital und Arbeit, ist aber in letzter Instanz eine un¬
mögliche. Es ist durchaus nicht zu bestimmen, wie viel der Anteil
des Bodens, des Kapitals und der Arbeit an einem bestimmten Er¬
zeugnisse betrage. Die drei Größen sind inkommensurabel. Der
Boden schafft das rohe Material, aber nicht ohne Kapital und Ar¬
392
London und Manchester. Aus den Deutsch-Französischen Jahrbüchern
beit, das Kapital setzt Boden und Arbeit voraus, und die Arbeit
setzt wenigstens den Boden, meistens auch Kapital voraus. Die
Verrichtungen der drei sind ganz verschiedenartig und nicht in
einem vierten gemeinsamen Maße zu messen. Wenn es also bei den
jetzigen Verhältnissen zur Verteilung des Ertrags unter die drei 5
Elemente kommt, so gibt es kein ihnen inhärentes Maß, sondern
ein ganz fremdes, ihnen zufälliges Maß entscheidet: die Konkur¬
renz oder das raffinierte Recht des Stärkeren. Der Grundzins im¬
pliziert die Konkurrenz, der Gewinn auf Kapital wird einzig durch
die Konkurrenz bestimmt, und wie es mit dem Arbeitslohn aus-10
sieht, werden wir gleich sehen.
Wenn wir das Privateigentum fallen lassen, so fallen alle diese
unnatürlichen Spaltungen. Der Unterschied von Zinsen und Ge¬
winn fällt; Kapital ist nichts ohne Arbeit, ohne Bewegung. Der
Gewinn reduziert seine Bedeutung auf das Gewicht, das bei der Be-
Stimmung der Produktionskosten das Kapital in die Wage legt,
und bleibt so dem Kapital inhärent, wie dies selbst in seine ur¬
sprüngliche Einheit mit der Arbeit zurückfällt.
Die Arbeit, die Hauptsache bei der Produktion, die „Quelle des
Reichtums66, die freie menschliche Tätigkeit, kommt bei dem Öko- 20
nomen schlecht weg. Wie das Kapital schon von der Arbeit getrennt
wurde, so wird jetzt wieder die Arbeit zum zweitenmal gespalten;
das Produkt der Arbeit steht ihr als Lohn gegenüber, ist von ihr
getrennt, und wird wieder, wie gewöhnlich, durch die Konkurrenz
bestimmt, da es für den Anteil der Arbeit an der Produktion, wie 25
wir gesehen haben, kein festes Maß gibt. Heben wir das Priyat-
eigentum auf, so fällt auch diese unnatürlicheTrennung, die Arbeit
ist ihr eigner Lohn, und die wahre Bedeutung des früher veräußer¬
ten Arbeitslohnes kommt an den Tag: die Bedeutung der Arbeit für
die Bestimmung der Produktionskosten einer Sache. — so
Wir haben gesehen, daß am Ende alles auf die Konkurrenz
hinausläuft, so lange das Privateigentum besteht. Sie ist die Haupt¬
kategorie des Ökonomen, seine liebste Tochter, die er in einem fort
hätschelt und liebkost — und gebt acht, was für ein Medusen¬
gesicht da herauskommen wird. 35
Die nächste Folge des Privateigentums war die Spaltung der
Produktion in zwei entgegengesetzte Seiten, die natürliche und die
menschliche; den Boden, der ohne die Befruchtung des Menschen
tot und steril ist, und die menschliche Tätigkeit, deren erste Be¬
dingung eben der Boden ist. Wir sahen ferner, wie sich die mensch- 40
liehe Tätigkeit wieder in die Arbeit und das Kapital auflöste, und
wie diese Seiten sich wieder feindselig gegenüber traten. Wir hatten
also schon den Kampf der drei Elemente gegeneinander, anstatt
Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie
393
der gegenseitigen Unterstützung der drei ; jetzt kommt noch dazu,
daß das Privateigentum die Zersplitterung jedes dieser Elemente
mit sich bringt. Ein Grundstück steht dem andern, ein Kapital dem
andern, eine Arbeitskraft der andern gegenüber. Mit andern Wor-
5 ten: weil das Privateigentum jeden auf seine eigne rohe Einzelnheit
isoliert, und weil jeder dennoch dasselbe Interesse hat wie sein
Nachbar, so steht ein Grundbesitzer dem andern, ein Kapitalist
dem andern, ein Arbeiter dem andern feindselig gegenüber. In
dieser Verfeindung der gleichen Interessen eben um ihrer Gleich-
10 heit willen ist die Unsittlichkeit des bisherigen Zustandes der
Menschheit vollendet; und diese Vollendung ist die Konkurrenz.
Der Gegensatz der Konkurrenz ist das Monopol. Das Monopol
war das Feldgeschrei der Merkantilisten, die Konkurrenz der
Schlachtruf der liberalen Ökonomen. Es ist leicht einzusehen, daß
15 dieser Gegensatz wieder ein durchaus hohler ist. Jeder Konkurrie¬
rende muß wünschen, das Monopol zu haben, mag er Arbeiter,
Kapitalist oder Grundbesitzer sein. Jede kleinere Gesamtheit von
Konkurrenten muß wünschen, das Monopol für sich gegen alle
andern zu haben. Die Konkurrenz beruht auf dem Interesse und
20 das Interesse erzeugt wieder das Monopol; kurz, die Konkurrenz
geht in das Monopol über. Auf der andern Seite kann das Monopol
den Strom der Konkurrenz nicht aufhalten, ja es erzeugt die Kon¬
kurrenz selbst, wie z. B. ein Einfuhrverbot oder hohe Zölle die
Konkurrenz des Schmuggelns geradezu erzeugen. — Der Wider-
25 spruch der Konkurrenz ist ganz derselbe wie der des Privateigen¬
tums selbst. Es liegt im Interesse jedes einzelnen, alles zu besitzen,
aber im Interesse der Gesamtheit, daß jeder gleichviel besitze. So
ist also das allgemeine und individuelle Interesse diametral ent¬
gegengesetzt. Der Widerspruch der Konkurrenz ist: daß jeder sich
30 das Monopol wünschen muß, während die Gesamtheit als solche
durch das Monopol verlieren und es also entfernen muß. Ja, die
Konkurrenz setzt das Monopol schon voraus, nämlich das Monopol
des Eigentums — und hier tritt wieder die Heuchelei der Liberalen
an den Tag — und so lange das Monopol des Eigentums besteht, so
35 lange ist das Eigentum des Monopols gleich berechtigt; denn auch
das einmal gegebene Monopol ist Eigentum. Welche jämmerliche
Halbheit ist es also, die kleinen Monopole anzugreifen und das
Grundmonopol bestehen zu lassen. Und wenn wir hierzu noch den
früher erwähnten Satz des Ökonomen ziehen, daß nichts Wert hat,
40 was nicht monopolisiert werden kann, daß also nichts, was nicht
diese Monopolisierung zuläßt, in diesen Kampf der Konkurrenz
eintreten kann, so ist unsere Behauptung, daß die Konkurrenz das
Monopol voraussetzt, vollkommen gerechtfertigt.
394
London und Manchester. Aus den Deutsch-Französischen Jahrbüchern
Das Gesetz der Konkurrenz ist, daß Nachfrage und Zufuhr sich
stets und eben deshalb nie ergänzen. Die beiden Seiten sind wieder
auseinander gerissen und in den schroffen Gegensatz verwandelt.
Die Zufuhr ist immer gleich hinter der Nachfrage, aber kommt nie
dazu, sie genau zu decken ; sie ist entweder zu groß oder zu klein, 5
nie der Nachfrage entsprechend, weil in diesem bewußtlosen Zu¬
stande der Menschheit kein Mensch weiß, wie groß diese oder jene
ist. Ist die Nachfrage größer als die Zufuhr, so steigt der Preis und
dadurch wird die Zufuhr gleichsam irritiert; sowie sie sich im
Markte zeigt, fallen die Preise, und wenn sie größer wird als jene, 10
so wird der Fall der Preise so bedeutend, daß die Nachfrage da¬
durch wieder aufgereizt wird. So geht es in einem fort, nie ein ge¬
sunder Zustand, sondern eine stete Abwechslung von Irritation und
Erschlaffung, die allen Fortschritt ausschließt, ein ewiges Schwan¬
ken, ohne je zum Ziel zu kommen. Dies Gesetz mit seiner steten is
Ausgleichung, wo, was hier verloren, dort wieder gewonnen wird,
findet der Ökonom wunderschön. Es ist sein Hauptruhm, er kann
sich nicht satt daran sehen und betrachtet es unter allen möglichen
und unmöglichen Verhältnissen. Und doch liegt auf der Hand, daß
dies Gesetz ein reines Naturgesetz, kein Gesetz des Geistes ist. Ein 20
Gesetz, das die Revolution erzeugt. Der Ökonom kommt mit seiner
schönen Theorie von Nachfrage und Zufuhr heran, beweist euch,
daß „nie zu viel produziert werden kann64, und die Praxis antwortet
mit den Handelskrisen, die so regelmäßig wiederkehren wie die
Kometen, und deren wir jetzt durchschnittlich alle fünf bis sieben 25
Jahre eine haben. Diese Handelskrisen sind seit achtzig Jahren
eben so regelmäßig gekommen wie früher die großen Seuchen —
und haben mehr Elend, mehr Unsittlichkeit mit sich gebracht als
diese (vergl. Wade, Hist, of the Middle and Working Classes,
London 1835, p. 211). Natürlich bestätigen diese Handelsrevo- 30
lutionen das Gesetz, sie bestätigen es im vollsten Maße, aber in
einer andern Weise, als der Ökonom uns glauben machen möchte.
Was soll man von einem Gesetz denken, das sich nur durch perio¬
dische Revolutionen durchsetzen kann? Es ist eben ein Naturgesetz,
das auf der Bewußtlosigkeit der Beteiligten beruht. Wüßten die 35
Produzenten als solche, wie viel die Konsumenten bedürften, or¬
ganisierten sie die Produktion, verteilten sie sie unter sich, so
wäre die Schwankung der Konkurrenz und ihre Neigung zur Krisis
unmöglich. Produziert mit Bewußtsein, als Menschen, nicht als
zersplitterte Atome ohne Gattungsbewußtsein, und ihr seid über 40
alle diese künstlichen und unhaltbaren Gegensätze hinaus. So lange
ihr aber fortfahrt, auf die jetzige unbewußte, gedankenlose, der
Herrschaft des Zufalls überlassene Art zu produzieren, so lange
bleiben die Handelskrisen; und jede folgende muß universeller,
also schlimmer werden als die vorhergehende, muß eine größere 43
Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie
395
Menge kleiner Kapitalisten verarmen und die Anzahl der bloß von
der Arbeit lebenden Klasse in steigendem Verhältnisse vermehren
— also die Masse der zu beschäftigenden Arbeit, das Haupt¬
problem unserer Ökonomen, zusehends vergrößern und endlich
5 eine soziale Revolution herbeiführen, wie sie sich die Schulweisheit
der Ökonomen nicht träumen läßt.
Die ewige Schwankung der Preise, wie sie durch das Konkurrenz¬
verhältnis geschaffen wird, entzieht dem Handel vollends die letzte
Spur von Sittlichkeit. Von Wert ist keine Rede mehr; dasselbe
ic System, das auf den Wert soviel Gewicht zu legen scheint, das der
Abstraktion des Wertes im Gelde die Ehre einer besondern Existenz
gibt — dies selbe System zerstört durch die Konkurrenz allen in¬
härenten Wert und verändert das Wertverhältnis aller Dinge gegen
einander täglich und stündlich. Wo bleibt in diesem Strudel die
15 Möglichkeit eines auf sittlicher Grundlage beruhenden Aus¬
tausches? In diesem fortwährenden Auf und Ab muß jeder suchen,
den günstigsten Augenblick zum Kauf und Verkauf zu treffen, jeder
muß Spekulant werden, d. h. ernten, wo er nicht gesäet hat, durch
den Verlust anderer sich bereichern, auf das Unglück andrer kal-
20 kulieren oder den Zufall für sich gewinnen lassen. Der Spekulant
rechnet immer auf Unglücksfälle, besonders auf Mißernten, er be¬
nutzt alles, wie z. B. seinerzeit den Brand von New-York, und der
Kulminationspunkt der Unsittlichkeit ist die Börsenspekulation in
Fonds, wodurch die Geschichte und in ihr die Menschheit zum
25 Mittel herabgesetzt wird, um die Habgier des kalkulierenden oder
hazardierenden Spekulanten zu befriedigen. Und möge sich der
ehrliche, „solide66 Kaufmann nicht pharisäisch über das Börsen¬
spiel erheben — ich danke dir Gott usw. Er ist so schlimm wie die
Fondsspekulanten, er spekuliert ebenso sehr wie sie, er muß es, die
30 Konkurrenz zwingt ihn dazu, und sein Handel impliziert also die¬
selbe Unsittlichkeit wie der ihrige. Die Wahrheit des Konkurrenz¬
verhältnisses ist das Verhältnis der Konsumtionskraft zur Produk¬
tionskraft. In einem der Menschheit würdigen Zustande wird es
keine andre Konkurrenz als diese geben. Die Gemeinde wird zu
35 berechnen haben, was sie mit den ihr zu Gebote stehenden Mitteln
erzeugen kann, und nach dem Verhältnis dieser Produktionskraft
zur Masse der Konsumenten bestimmen, in wie weit sie die Produk¬
tion zu steigern oder nachzulassen, in wie weit sie dem Luxus
nachzugeben oder ihn zu beschränken hat. Um aber über dies Ver-
4c hältnis und die von einem vernünftigen Zustande der Gemeinde zu
erwartende Steigerung der Produktionskraft richtig zu urteilen,
mögen meine Leser die Schriften der englischen Sozialisten und
zum Teil auch Fouriers vergleichen.
Die subjektive Konkurrenz, der Wettstreit von Kapital gegen
46 Kapital, Arbeit gegen Arbeit usw., wird sich unter diesen Um¬
396
London und Manchester. Aus den Deutsch-Französischen Jahrbüchern
ständen auf den in der menschlichen Natur begründeten und bis
jetzt nur von Fourier erträglich entwickelten Wetteifer reduzieren,
der nach der Aufhebung der entgegengesetzten Interessen auf seine
eigentümliche und vernünftige Sphäre beschränkt wird. —
Der Kampf von Kapital gegen Kapital, Arbeit gegen Arbeit, 5
Boden gegen Boden treibt die Produktion in eine Fieberhitze hinein,
in der sie alle natürlichen und vernünftigen Verhältnisse auf den
Kopf stellt. Kein Kapital kann die Konkurrenz des andern aus¬
halten, wenn es nicht auf die höchste Stufe der Tätigkeit gebracht
wird. Kein Grundstück kann mit Nutzen bebaut werden, wenn es 1()
nicht seine Produktionskraft stets steigert. Kein Arbeiter kann sich
gegen seine Konkurrenten halten, wenn er nicht seine ganzen Kräfte
der Arbeit widmet. Überhaupt keiner, der sich in den Kampf der
Konkurrenz einläßt, kann ihn ohne die höchste Anstrengung seiner
Kräfte, ohne die Aufgebung aller wahrhaft menschlichen Zwecke 15
aushalten. Die Folge von dieser Überspannung auf der einen Seite
ist notwendig Erschlaffung auf der andern. Wenn die Schwankung
der Konkurrenz gering ist, wenn Nachfrage und Zufuhr, Konsum¬
tion und Produktion sich beinahe gleich sind, so muß in der Ent¬
wicklung der Produktion eine Stufe eintreten, in der so viel über- 20
zählige Produktionskraft vorhanden ist, daß die große Masse der
Nation nichts zu leben hat; daß die Leute vor lauter Überfluß ver¬
hungern. In dieser wahnsinnigen Stellung, in dieser lebendigen Ab¬
surdität befindet sich England schon seit geraumer Zeit. Schwankt
die Produktion stärker, wie sie es infolge eines solchen Zustandes 2s
notwendig tut, so tritt die Abwechslung von Blüte und Krisis, Über¬
produktion und Stockung ein. Der Ökonom hat sich diese verrückte
Stellung nie erklären können; um sie zu erklären, erfand er die
Bevölkerungstheorie, die eben so unsinnig, ja noch unsinniger ist
als dieser Widerspruch von Reichtum und Elend zu derselben Zeit. 30
Der Ökonom durfte die Wahrheit nicht sehen; er durfte nicht ein¬
sehen, daß dieserWiderspruch eine einfache Folge der Konkurrenz
ist, weil sonst sein ganzes System über den Haufen gefallen wäre.
Uns ist die Sache leicht zu erklären. Die der Menschheit zu Ge¬
bote stehende Produktionskraft ist unermeßlich. Die Ertragsfähig- 35
keit des Bodens ist durch die Anwendung von Kapital, Arbeit und
Wissenschaft ins Unendliche zu steigern. Das „übervölkerte66 Gro߬
britannien kann nach der Berechnung der tüchtigsten Ökonomen
und Statistiker (vgl. Alison9s Principle of population, Bd. 1, Cap. 1
et 2) in zehn Jahren dahin gebracht werden, daß es Korn genug 40
für das Sechsfache seiner jetzigen Bevölkerung produziert. Das
Kapital steigert sich täglich; die Arbeitskraft wächst mit der Be¬
völkerung, und die Wissenschaft unterwirft den Menschen die
Naturkraft täglich mehr und mehr. Diese unermeßliche Produk-
Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie
397
tionsfähigkeit, mit Bewußtsein und im Interesse aller gehandhabt,
würde die der Menschheit zufallende Arbeit bald auf ein Minimum
verringern; der Konkurrenz überlassen, tut sie dasselbe, aber
innerhalb des Gegensatzes. Ein Teil des Landes wird aufs beste
5 kultiviert, während ein andrer — in Großbritannien und Irland
30 Millionen Acres gutes Land — wüst daliegt. Ein Teil des Ka¬
pitals zirkuliert mit ungeheurer Schnelligkeit, ein andrer liegt tot
im Kasten. Ein Teil der Arbeiter arbeitet vierzehn, sechszehn
Stunden des Tages, während ein anderer faul und untätig dasteht
io und verhungert. Oder die Verteilung tritt aus dieser Gleichzeitigkeit
heraus: heute geht der Handel gut, die Nachfrage ist sehr be¬
deutend, da arbeitet alles, das Kapital wird mit wunderbarer
Schnelligkeit umgeschlagen, der Ackerbau blüht, die Arbeiter
arbeiten sich krank — morgen tritt eine Stockung ein, der Acker-
15 bau lohnt nicht der Mühe, ganze Strecken Landes bleiben unbebaut,
das Kapital erstarrt mitten im Flusse, die Arbeiter haben keine Be¬
schäftigung, und das ganze Land laboriert an überflüssigem Reich¬
tum und überflüssiger Bevölkerung.
Diese Entwickelung der Sache darf der Ökonom nicht für die
20 richtige erkennen ; er müßte sonst, wie gesagt, sein ganzes Kon¬
kurrenzsystem auf geben; er müßte die Hohlheit seines Gegensatzes
von Produktion und Konsumtion, von überflüssiger Bevölkerung
und überflüssigem Reichtum einsehen. Um aber, da das Faktum
einmal nicht zu leugnen war, dies Faktum mit der Theorie ins
25 Gleiche zu bringen, wurde die Bevölkerungstheorie erfunden.
Malthus, der Urheber dieser Doktrin, behauptet, daß die Be¬
völkerung stets auf die Subsistenzmittel drückt, daß, sowie die
Produktion gesteigert wird, die Bevölkerung sich in demselben Ver¬
hältnis vermehrt, und daß die der Bevölkerung inhärente Tendenz,
3o sich über die disponiblen Subsistenzmittel hinaus zu vermehren,
die Ursache alles Elends, alles Lasters ist. Denn wenn zuviel Men¬
schen da sind, so müssen sie auf die eine oder die andre Weise
aus dem Wege geschafft, entweder gewaltsam getötet werden oder
verhungern. Wenn dies aber geschehen ist, so ist wieder eine
35 Lücke da, die sogleich wieder durch andre Vermehrer der Bevöl¬
kerung ausgefüllt wird, und so fängt das alte Elend wieder an. Ja,
dies ist unter allen Verhältnissen so, nicht nur im zivilisierten, son¬
dern auch im Naturzustande; die Wilden Neuhollands, deren
einer auf die Quadratmeile kommt, laborieren eben so sehr an
4o Übervölkerung wie England. Kurz, wenn wir konsequent sein wol¬
len, so müssen wir gestehen, daß die Erde schon übervölkert war,
als nur ein Mensch existierte. Die Folgen dieser Entwicklung sind
nun, daß, da die Armen gerade die Überzähligen sind, man nichts
für sie tun soll, als ihnen das Verhungern so leicht als möglich zu
is machen, sie zu überzeugen, daß es sich nicht ändern läßt und daß
398
London und Manchester. Aus den Deutsch-Französischen Jahrbüchern
für ihre ganze Klasse keine Rettung da ist als in einer möglichst
geringen Fortpflanzung, oder wenn dies nicht geht, so ist es noch
immer besser, daß eine Staatsanstalt zur schmerzlosen Tötung der
Kinder der Annen, wie sie „Marcus“ vorgeschlagen hat, einge¬
richtet wird — wonach auf jede Arbeiterfamilie zweiundeinhalbes 5
Kind kommen dürfen, was aber mehr kommt, schmerzlos getötet
wird. Almosengeben wäre ein Verbrechen, da es den Zuwuchs der
überzähligen Bevölkerung unterstützt; aber sehr vorteilhaft wird
es sein, wenn man die Armut zu einem Verbrechen und die Armen¬
häuser zu Strafanstalten macht, wie dies bereits in England durch 10
das „liberale“ neue Armengesetz geschehen ist. Es ist zwar wahr,
diese Theorie stimmt sehr schlecht mit der Lehre der Bibel von der
Vollkommenheit Gottes und seiner Schöpfung, aber „es ist eine
schlechte Widerlegung, wenn man die Bibel gegen Tatsachen ins
Feld führt“!
Soll ich diese infame, niederträchtige Doktrin, diese scheu߬
liche Blasphemie gegen die Natur und Menschheit noch mehr aus¬
führen, noch weiter in ihre Konsequenzen verfolgen? Hier haben
wir endlich die Unsittlichkeit des Ökonomen auf ihre höchste
Spitze gebracht. Was sind alle Kriege und Schrecken des Monopol- 20
Systems gegen diese Theorie? Und gerade sie ist der Schlußstein
des liberalen Systems der Handelsfreiheit, dessen Sturz den des
ganzen Gebäudes nach sich zieht. Denn ist die Konkurrenz hier
als die Ursache des Elends, der Armut, des Verbrechens nach¬
gewiesen, wer will ihr dann noch das Wort zu reden wagen? 25
Alison hat die Malthussche Theorie in seinem oben zitierten
Werk erschüttert, indem er an die Produktionskraft der Erde ap¬
pellierte und dem Malthusschen Prinzip die Tatsache entgegen¬
setzte, daß jeder erwachsene Mensch mehr produzieren kann als er
selbst gebraucht, eine Tatsache, ohne die die Menschheit sich nicht 30
vermehren, ja nicht einmal bestehen könnte; wovon sonst sollten
die Heranwachsenden leben? Aber Alison geht nicht auf den
Grund der Sache und kommt daher zuletzt wieder zu demselben
Resultate wie Malthus. Er beweist zwar, daß Malthus’ Prinzip
unrichtig ist, kann aber die Tatsachen nicht wegleugnen, die diesen 35
zu seinem Prinzip getrieben haben.
Hätte Malthus die Sache nicht so einseitig betrachtet, so müßte
er gesehen haben, daß die überzählige Bevölkerung oder Arbeits¬
kraft stets mit überzähligem Reichtum, überzähligem Kapital und
überzähligem Grundbesitz verknüpft ist. Die Bevölkerung ist nur 40
da zu groß, wo die Produktionskraft überhaupt zu groß ist. Der
Zustand jedes übervölkerten Landes, namentlich Englands, von
der Zeit an, wo Malthus schrieb, zeigt dies aufs deutlichste. Dies
waren die Tatsachen, die Malthus in ihrer Gesamtheit zu betrach¬
ten hatte, und deren Betrachtung zum richtigen Resultate führen 45
Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie
399
mußte; statt dessen griff er eine heraus, ließ die andern unberück¬
sichtigt und kam daher zu seinem wahnsinnigen Resultate. Der
zweite Fehler, den er beging, war die Verwechslung von Sub¬
sistenzmitteln und Beschäftigung. Daß die Bevölkerung stets auf
5 die Mittel der Beschäftigung drückt, daß so viel Menschen be¬
schäftigt werden können, so viel auch erzeugt werden, kurz daß die
Erzeugung der Arbeitskraft bisher durch das Gesetz der Konkur¬
renz reguliert worden und daher auch den periodischen Krisen
und Schwankungen ausgesetzt gewesen ist, das ist eine Tatsache,
10 deren Feststellung Malthus’ Verdienst ist. Aber die Mittel der Be¬
schäftigung sind nicht die Mittel der Subsistenz. Die Mittel der
Beschäftigung werden durch die Vermehrung der Maschinenkraft
und des Kapitals nur in ihrem Endresultate vermehrt; die Mittel
der Subsistenz vermehren sich, sobald die Produktionskraft über-
15 haupt um etwas vermehrt wird. Hier kommt ein neuer Wider¬
spruch der Ökonomie an den Tag. Die Nachfrage des Ökonomen
ist nicht die wirkliche Nachfrage, seine Konsumtion ist eine künst¬
liche. Dem Ökonomen ist nur der ein wirklich Fragender, ein wirk¬
licher Konsument, der für das, was er empfängt, ein Äquivalent
2o zu bieten hat. Wenn es aber eine Tatsache ist, daß jeder Erwach¬
sene mehr produziert als er selbst verzehren kann, daß Kinder wie
Bäume sind, die die auf sie verwandte Auslage überreichlich wie¬
der erstatten — und das sind doch wohl Tatsachen? — so sollte
man meinen, jeder Arbeiter müßte weit mehr erzeugen können als
25 er braucht, und die Gemeinde müßte ihn daher gern mit allem ver¬
sorgen wollen, was er nötig hat, so sollte man meinen, eine große
Familie müßte der Gemeinde ein sehr wünschenswertes Geschenk
sein. Aber der Ökonome in der Roheit seiner Anschauung kennt
kein andres Äquivalent, als das ihm in handgreiflichem barem
3o Gelde ausgezahlt wird. Er sitzt so fest in seinen Gegensätzen, daß
die schlagendsten Tatsachen ihn eben so wenig kümmern wie die
wissenschaftlichsten Prinzipien.
Wir vernichten den Widerspruch einfach dadurch, daß wir ihn
aufheben. Mit der Verschmelzung der jetzt entgegengesetzten In-
35 teressen verschwindet der Gegensatz zwischen Übervölkerung hier
und Überreichtum dort, verschwindet das wunderbare Faktum,
wunderbarer als alle Wunder aller Religionen zusammen, daß eine
Nation vor eitel Reichtum und Überfluß verhungern muß; ver¬
schwindet die wahnsinnige Behauptung, daß die Erde nicht die
40 Kraft habe, die Menschen zu ernähren. Diese Behauptung ist die
höchste Spitze der christlichen Ökonomie — und daß unsre Öko¬
nomie wesentlich christlich ist, hätte ich bei jedem Satz, bei jeder
Kategorie beweisen können und werde es seinerzeit auch tun;
die Malthussche Theorie ist nur der ökonomische Ausdruck für das
45 religiöse Dogma von dem Widerspruch des Geistes und der Natur
400
London und Manchester. Aus den Deutsch-Französischen Jahrbüchern
und der daraus folgenden Verdorbenheit beider. Diesen Wider¬
spruch, der für die Religion und mit ihr längst aufgelöst ist, hoffe
ich auch auf dem ökonomischen Gebiet in seiner Nichtigkeit auf¬
gewiesen zu haben; ich werde übrigens keine Verteidigung der
Malthusschen Theorie für kompetent annehmen, die mir nicht vor- 6
her aus ihrem eignen Prinzip heraus erklärt, wie ein Volk von
lauter Überfluß verhungern kann, und dies mit der Vernunft und
den Tatsachen in Einklang bringt. —
Die Malthussche Theorie ist übrigens ein durchaus notwendiger
Durchgangspunkt gewesen, der uns unendlich weiter gebracht hat. 10
Wir sind durch sie, wie überhaupt durch die Ökonomie, auf die
Produktionskraft der Erde und der Menschheit aufmerksam ge¬
worden und nach der Überwindung dieser ökonomischen Ver¬
zweiflung vor der Furcht der Übervölkerung für immer gesichert.
Wir ziehen aus ihr die stärksten ökonomischen Argumente für eine 15
soziale Umgestaltung; denn selbst wenn Malthus durchaus recht
hätte, so müßte man diese Umgestaltung auf der Stelle vornehmen,
weil nur sie, nur die durch sie zu gebende Bildung der Massen die¬
jenige moralische Beschränkung des Fortpflanzungstriebes möglich
macht, die Malthus selbst als das wirksamste und leichteste Gegen- 20
mittel gegen Übervölkerung darstellt. Wir haben durch sie die
tiefste Erniedrigung der Menschheit, ihre Abhängigkeit vom Kon¬
kurrenzverhältnisse kennen gelernt; sie hat uns gezeigt, wie in
letzter Instanz das Privateigentum den Menschen zu einer Ware
gemacht hat, deren Erzeugung und Vernichtung auch nur von der 2*
Nachfrage abhängt; wie das System der Konkurrenz dadurch Mil¬
lionen von Menschen geschlachtet hat und täglich schlachtet; das
alles haben wir gesehen und das alles treibt uns zur Aufhebung
dieser Erniedrigung der Menschheit durch die Aufhebung des
Privateigentums, der Konkurrenz und der entgegengesetzten In- 30
teressen.
Kommen wir indes, um der allgemeinen Übervölkerungsfurcht
alle Basis zu nehmen, noch einmal auf das Verhältnis der Produk¬
tionskraft zur Bevölkerung zurück. Malthus stellt eine Berechnung
auf, worauf er sein ganzes System basiert. Die Bevölkerung ver- 35
mehre sich in geometrischer Progression —1+2+4+8+16+32
usw., dieProduktionskraft des Bodens in arithmetischer —1+2+3
+4+5+6- Die Differenz ist augenscheinlich, ist schreckenerre¬
gend; aber ist sie richtig? Wo steht erwiesen, daß die Ertrags¬
fähigkeit des Bodens sich in arithmetischer Progression vermehre? 40
Die Ausdehnung des Bodens ist beschränkt, gut. Die auf diese
Fläche zu verwendende Arbeitskraft steigt mit der Bevölkerung;
nehmen wir selbst an, daß die Vermehrung des Ertrags durch Ver¬
mehrung der Arbeit nicht immer im Verhältnis der Arbeit steigt;
so bleibt noch ein drittes Element, das dem Ökonomen freilich nie 45
Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie
401
etwas gilt, die Wissenschaft, und deren Fortschritt ist so unendlich
und wenigstens eben so rasch als der der Bevölkerung. Welchen
Fortschritt verdankt die Agrikultur dieses Jahrhunderts allein der
Chemie, ja allein zwei Männern—Sir Humphrey Davy und Justus
5 Liebig? Die Wissenschaft aber vermehrt sich mindestens wie die
Bevölkerung; diese vermehrt sich im Verhältnis zur Anzahl der
letzten Generation; die Wissenschaft schreitet fort im Verhältnis
zu der Masse der Erkenntnis, die ihr von der vorhergehenden Ge¬
neration hinterlassen wurde, also unter den allergewöhnlichsten
10 Verhältnissen auch in geometrischer Progression — und was ist der
Wissenschaft unmöglich? Es ist aber lächerlich, von Übervölke¬
rung zu reden, so lange „das Tal des Mississippi wüsten Boden
genug besitzt, um die ganze Bevölkerung von Europa dorthin ver¬
pflanzen zu können66, so lange überhaupt erst ein Drittel der Erde
15 für bebaut angesehen werden und die Produktion dieses Drittels
selbst durch die Anwendung jetzt schon bekannter Verbesserungen
um das Sechsfache und mehr gesteigert werden kann.
Die Konkurrenz setzt also Kapital gegen Kapital, Arbeit gegen
Arbeit, Grundbesitz gegen Grundbesitz, und ebenso jedes dieser
20 Elemente gegen die beiden andern. Im Kampf siegt der Stärkere,
und wir werden, um das Resultat dieses Kampfes vorauszusagen,
die Stärke der Kämpfenden zu untersuchen haben. Zuerst sind
Grundbesitz und Kapital jedes stärker als die Arbeit, denn der Ar¬
beiter muß arbeiten, um zu leben, während der Grundbesitzer von
25 seinen Renten und der Kapitalist von seinen Zinsen, im Notfälle
von seinem Kapital oder dem kapitalisierten Grundbesitz leben
kann. Die Folge davon ist, daß der Arbeit nur das Allemotdürf-
tigste, die nackten Subsistenzmittel zufallen, während der größte
Teil der Produkte sich zwischen dem Kapital und dem Grund-
30 besitz verteilt. Der stärkere Arbeiter treibt ferner den schwächeren,
das größere Kapital das geringere, der größere Grundbesitz den
kleinen aus dem Markt. Die Praxis bestätigt diesen Schluß. Die
Vorteile, die der größere Fabrikant und Kaufmann über den klei¬
nen, der große Grundbesitzer über den Besitzer eines einzigen
35 Morgens hat, sind bekannt. Die Folge hiervon ist, daß schon unter
gewöhnlichen Verhältnissen das große Kapital und der große
Grundbesitz das kleine Kapital und den kleinen Grundbesitz nach
dem Recht des Stärkeren verschlingen — die Zentralisation des
Besitzes. In Handels- und Agrikulturkrisen geht diese Zentrali-
40 sation viel rascher vor sich. — Großer Besitz vermehrt sich über¬
haupt viel rascher als kleiner, weil von dem Ertrag ein viel ge¬
ringerer Teil als Ausgaben des Besitzes in Abzug kommt. Diese
Zentralisation des Besitzes ist ein dem Privateigentum ebenso
immanentes Gesetz wie alle andern; die Mittelklassen müssen
Marx-Engels-Gesamtausgabe, I. Abt., Bd. 2. 26
402
London und Manchester. Aus den Deutsch-Französischen Jahrbüchern
immer mehr verschwinden, bis die Welt in Millionäre und Paupers,
in große Grundbesitzer und arme Taglöhner geteilt ist. Alle Ge¬
setze, alle Teilung des Grundbesitzes, alle etwaige Zersplitterung
des Kapitals hilft nichts — dies Resultat muß kommen und wird
kommen, wenn nicht eine totale Umgestaltung der sozialen Ver- «
hältnisse, eine Verschmelzung der entgegengesetzten Interessen,
eine Aufhebung des Privateigentums ihm zuvorkommt.
Die freie Konkurrenz, das Hauptstichwort unserer Tagesöko¬
nomen, ist eine Unmöglichkeit. Das Monopol hatte wenigstens die
Absicht, wenn es sie auch nicht durchführen konnte, den Kon- w
sumenten vor Betrug zu schützen. Die Abschaffung des Monopols
öffnet aber dem Betrüge Tor und Tür. Ihr sagt, die Konkurrenz
hat in sich selbst das Gegenmittel gegen den Betrug, keiner wird
schlechte Sachen kaufen — d. h. jeder muß für jeden Artikel ein
Kenner sein, und dies ist unmöglich — daher die Notwendigkeit
des Monopols, die sich auch in vielen Artikeln zeigt. Die Apo¬
theken usw. müssen ein Monopol haben. Und der wichtigste Ar¬
tikel, das Geld, hat gerade das Monopol am meisten nötig. Das zir¬
kulierende Medium hat jedesmal, sowie es aufhörte, Staatsmono¬
pol zu sein, eine Handelskrisis produziert, und die englischen 20
Ökonomen, unter andern Dr. Wade, geben die Notwendigkeit des
Monopols hier auch zu. Aber das Monopol schützt auch nicht vor
falschem Gelde. Man stelle sich auf welche Seite der Frage man
wolle, die eine ist so schwierig wie die andere, das Monopol er¬
zeugt die freie Konkurrenz und diese wieder das Monopol; darum 26
müssen beide fallen, und diese Schwierigkeiten durch die Auf¬
hebung des sie erzeugenden Prinzips gehoben werden.
Die Konkurrenz hat alle unsre Lebensverhältnisse durchdrun¬
gen und die gegenseitige Knechtschaft, in der die Menschen sich
jetzt halten, vollendet. Die Konkurrenz ist die große Triebfeder, 30
die unsre alt und schlaff werdende soziale Ordnung, oder vielmehr
Unordnung, immer wieder zur Tätigkeit auf stachelt, aber bei jeder
neuen Anstrengung auch einen Teil der sinkenden Kräfte verzehrt.
Die Konkurrenz beherrscht den numerischen Fortschritt der Mensch¬
heit, sie beherrscht auch ihren sittlichen. Wer mit der Statistik des 35
Verbrechens sich etwas bekannt gemacht hat, dem muß die eigen¬
tümliche Regelmäßigkeit aufgefallen sein, mit der das Verbrechen
alljährlich fortschreitet, mit der gewisse Ursachen gewisse Verbre¬
chen erzeugen. Die Ausdehnung des Fabriksystems hat überall eine
Vermehrung der Verbrechen zur Folge. Man kann die Anzahl der
Verhaftungen, Kriminalfälle, ja die Anzahl der Morde, der Ein¬
brüche, der kleinen Diebstähle usw., für eine große Stadt oder
einen Bezirk mit jedesmal zutreffender Genauigkeit alljährlich
vorausbestimmen, wie dies in England oft genug geschehen ist.
Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie
403
Diese Regelmäßigkeit beweist, daß auch das Verbrechen von der
Konkurrenz regiert wird, daß die Gesellschaft eine Nachfrage
nach Verbrechen erzeugt, der durch eine angemessene Zufuhr ent¬
sprochen wird, daß die Lücke, die durch die Verhaftung, Trans-
5 portierung oder Hinrichtung einer Anzahl gemacht, sogleich durch
andere wieder ausgefüllt wird, gerade wie jede Lücke in der Be¬
völkerung sogleich wieder durch neue Ankömmlinge ausgefüllt
wird, mit andern Worten, daß das Verbrechen ebenso auf die
Mittel der Bestrafung drückt, wie die Völker auf die Mittel der
10 Beschäftigung. Wie gerecht es unter diesen Umständen, abgesehen
von allen andern, ist, Verbrecher zu bestrafen, überlasse ich dem
Urteil meiner Leser. Mir kommt es hier bloß darauf an, die Aus¬
dehnung der Konkurrenz auch auf das moralische Gebiet nachzu¬
weisen und zu zeigen, zu welcher tiefen Degradation das Privat-
15 eigentum den Menschen gebracht hat.
In dem Kampfe von Kapital und Boden gegen die Arbeit haben
die beiden ersten Elemente noch einen besonderen Vorteil vor der
Arbeit voraus — die Hülfe der Wissenschaft, denn auch diese ist
unter den jetzigen Verhältnissen gegen die Arbeit gerichtet. Fast
20 alle mechanischen Erfindungen z. B. sind durch den Mangel an
Arbeitskraft veranlaßt worden, so besonders Hargreaves’, Cromp¬
tons und Arkwrights Baumwollspinnmaschinen. Die Arbeit ist nie
sehr gesucht gewesen, ohne daß daraus eine Erfindung hervor¬
ging, die die Arbeitskraft bedeutend vermehrte, also die Nach-
25 frage von der menschlichen Arbeit ablenkte. Die Geschichte Eng¬
lands von 1770 bis jetzt ist ein fortlaufender Beweis dafür. Die
letzte große Erfindung in der Baumwollspinnerei, die Selfac-
ting Mule, wurde ganz allein durch die Frage nach Arbeit
und den steigenden Lohn veranlaßt, — sie verdoppelte die
3o Maschinenarbeit und beschränkte dadurch die Handarbeit auf die
Hälfte, warf die Hälfte der Arbeiter außer Beschäftigung und
drückte dadurch den Lohn der andern Hälfte herab ; sie vernichtete
eine Verschwörung der Arbeiter gegen die Fabrikanten und zer¬
störte den letzten Rest von Kraft, mit dem die Arbeit noch den un-
35 gleichen Kampf gegen das Kapital ausgehalten hatte (Vgl. Dr. Ure,
Philosoph^ of manufactures, Bd. 2). Der Ökonom sagt nun zwar,
daß im Endresultate die Maschinerie günstig für die Arbeiter sei,
indem sie die Produktion billiger mache und dadurch einen neuen
größeren Markt für ihre Produkte schaffe, und so zuletzt die außer
4o Arbeit gesetzten Arbeiter doch wieder beschäftige. Ganz richtig;
aber vergißt der Ökonom denn hier, daß die Erzeugung der Ar¬
beitskraft durch die Konkurrenz reguliert wird, daß die Arbeits¬
kraft stets auf die Mittel der Beschäftigung drückt, daß also, wenn
diese Vorteile eintreten sollen, bereits wieder eine Überzahl von
26*
404
London und Manchester. Aus den Deutsch-Französischen Jahrbüchern
Konkurrenten für Arbeit darauf wartet und dadurch diesen Vor¬
teil illusorisch machen wird, während der Nachteil, die plötzliche
Wegnahme der Subsistenzmittel für die eine und der Fall des
Lohns für die andere Hälfte der Arbeiter nicht illusorisch ist?
Vergißt der Ökonom, daß der Fortschritt der Erfindung nie stockt, 5
daß also dieser Nachteil sich verewigt? Vergißt er, daß bei der
durch unsere Zivilisation so unendlich gesteigerten Teilung der Ar¬
beit ein Arbeiter nur dann leben kann, wenn er an dieser bestimmten
Maschine für diese bestimmte kleinliche Arbeit verwendet werden
kann? daß der Übergang von einer Beschäftigung zu einer andern, 10
neuem, für den erwachsenen Arbeiter fast immer eine entschiedene
Unmöglichkeit ist?
Indem ich dieWirkungen der Maschinerie ins Auge fasse,komme
ich auf ein anderes, entfernteres Thema, das Fabriksystem, und
dieses hier zu behandeln, habe ich weder Lust noch Zeit. Ich hoffe 15
übrigens bald eine Gelegenheit zu haben, die scheußliche Unsitt¬
lichkeit dieses Systems ausführlich zu entwickeln und die Heuche¬
lei des Ökonomen, die hier in ihrem vollen Glanze erscheint, scho¬
nungslos aufzudecken.
DIE LAGE ENGLANDS
von
Friedrich Engels in Manchester
Post and Present by Thomas Carlyle. London 1843.
5 Unter all den dicken Büchern und dünnen Broschüren, die im
vergangenen Jahre zur Belustigung oder Erbauung der „gebil¬
deten Welt66 in England erschienen sind, ist die obige Schrift die
einzige, die des Lesens wert ist. Alle die bändereichen Romane mit
ihren traurigen und lustigen Verwicklungen, alle die erbaulichen
10 und beschaulichen, gelehrten und ungelehrten Kommentare über
die Bibel — und Romane und Erbauungsbücher sind die zwei
Stapelartikel der englischen Literatur — alles das könnt ihr ruhig
ungelesen lassen. Vielleicht findet ihr einige geologische oder
ökonomische, historische oder mathematische Bücher, die ein
is Körnchen Neues enthalten — aber das sind Sachen, die man stu¬
diert, aber nicht liest, das ist trockne Fachwissenschaft, dürre
Herbarienwirtschaft, Pflanzen, deren Wurzeln aus dem allge¬
meinen menschlichen Boden, aus dem sie ihre Nahrung zogen,
längst losgerissen sind. Ihr mögt suchen wie ihr wollt, Carlyles
to Buch ist das einzige, das menschliche Saiten anschlägt, mensch¬
liche Verhältnisse darlegt und eine Spur von menschlicher An¬
schauungsweise entwickelt.
Es ist merkwürdig, wie sehr die hohem Klassen der Gesell¬
schaft, so was der Engländer „respectable people“, „the better
25 sort of people“ etc. nennt, in England geistig gesunken und er¬
schlafft sind. Alle Energie, alle Tätigkeit, aller Inhalt sind dahin;
der Landadel geht auf die Jagd, der Geldadel schreibt Haupt¬
bücher und, wenn es hoch kommt, treibt sich in einer ebenso
leeren und schlaffen Literatur herum. Die politischen und reli-
30 giösen Vorurteile erben sich von Generation zu Generation fort;
man bekommt jetzt alles leicht gemacht und braucht sich gar nicht
um Prinzipien mehr zu plagen wie in früheren Zeiten; sie fliegen
einem jetzt schon in der Wiege fix und fertig zu, man weiß nicht
woher. Was braucht man weiter? Man hat eine gute Erziehung
35 genossen, d. h. man ist in der Schule mit den Römern und Grie¬
chen ohne Erfolg geplagt worden, im übrigen ist man „respek¬
tabel66, d. h. besitzt so und so viel Tausend Pfund und hat sich also
406
London und Manchester. Aus den Deutsch-Französischen Jahrbüchern
um weiter gar nichts zu bemühen als um eine Frau, wenn man noch
keine hat.
Und nun vollends der Popanz, den die Leute „Geist66 nennen!
Wo soll in einem solchen Leben Geist herkommen, ja, wenn er
käme, wo soll er ein Unterkommen finden bei ihnen? Da ist alles 5
chinesisch festgesetzt und abgezirkelt — wehe dem, der die engen
Grenzen überschreitet, wehe, dreimal wehe dem, der gegen ein
altehrwürdiges Vorurteil anstößt, neunmal wehe ihm, wenn dies
Vorurteil ein religiöses ist. Da gibt es für alle Fragen nur zwei
Antworten, eine Whigantwort und eine Toryantwort; und diese 10
Antworten sind von den weisen Oberzeremonienmeistem beider
Parteien längst vorgeschrieben, ihr habt gar keine Überlegung
und Weitläuftigkeiten nötig, es ist alles fix und fertig, Dicky Cob¬
den oder Lord John Russell hat das gesagt, und Bobby Peel oder
der „Herzog66 par excellence, nämlich der von Wellington, hat so 15
gesagt, und dabei bleibts.
Ihr guten Deutschen müßt euch alle Jahre von den liberalen
Zeitungsschreibern und Volksvertretern vorsagen lassen, was die
Engländer für wunderbare Leute und unabhängige Männer seien,
und alles das durch ihre freien Institutionen, und das sieht sich 20
aus der Entfernung ganz gut an. Die Debatten der Parlaments¬
häuser, die freie Presse, die stürmischen Volksversammlungen,
die Wahlen, die Juries verfehlen ihren Effekt auf Michels timides
Gemüt nicht, und in seiner Verwunderung nimmt er all den
schönen Schein für bare Münze. Aber am Ende ist doch der Stand- 25
punkt des liberalen Zeitungsschreibers und Volksvertreters noch
lang nicht hoch genug, um einen umfassenden Überblick zu ge¬
währen, sei es über die Entwicklung der Menschheit oder auch
nur die einer einzigen Nation. Die englische Verfassung ist ihrer
Zeit ganz gut gewesen und hat manches Gute getan, ja seit 1828 hat 30
sie angefangen, an ihrer besten Tat, nämlich an ihrer eignen Zer¬
störung zu arbeiten — aber das, was ihr der Liberale zuschreibt,
das hat sie nicht getan. Sie hat die Engländer nicht zu unabhän¬
gigen Männern gemacht. Die Engländer, d. h. die gebildeten Eng¬
länder, nach denen man auf dem Kontinent den Nationalcharakter 35
beurteilt, diese Engländer sind die verächtlichsten Sklaven unter
der Sonne. Nur der auf dem Kontinent unbekannte Teil der eng¬
lischen Nation, nur die Arbeiter, die Parias Englands, die Armen
sind wirklich respektabel, trotz all ihrer Roheit und all ihrer
Demoralisation. Von ihnen geht die Rettung Englands aus, in 40
ihnen liegt noch bildsamer Stoff ; sie haben keine Bildung, aber
auch keine Vorurteile, sie haben noch Kraft aufzuwenden für eine
große nationale Tat — sie haben noch eine Zukunft. Die Aristo¬
kratie — und diese schließt heutzutage auch die Mittelklassen
ein—hat sich erschöpft; was sie von Gedankengehalt aufzuwenden 45
Die Lage Englands. Carlyles Fast and Present
407
hatte, ist bis in die letzten Konsequenzen verarbeitet und praktisch
gemacht, und ihr Reich geht mit großen Schritten seinem Ende
entgegen. Die Konstitution ist ihr Werk, und die nächste Folge
dieses Werks war, daß es seine Urheber mit einem Netze von Insti-
ö tutionen umgarnte, in dem jede freie geistige Bewegung unmög¬
lich gemacht ist. Die Herrschaft des öffentlichen Vorurteils ist
überall die erste Folge sogenannter freier politischer Institutionen,
und diese Herrschaft ist in dem politisch freisten Lande Europas,
in England, stärker als sonst irgendwo — Nordamerika ausge-
10 nommen, wo durch das Lynchgesetz das öffentliche Vorurteil als
Macht im Staate gesetzlich anerkannt ist. Der Engländer kriecht
vor dem öffentlichen Vorurteil, opfert sich ihm täglich auf — und
je liberaler er ist, desto demütiger schmiegt er sich in den Staub
vor diesem seinem Götzen. Das öffentliche Vorurteil in den „gebil-
15 deten Kreisen46 ist aber entweder torystisch oder whiggisch, höch¬
stens radikal — und das selbst riecht schon nicht mehr ganz fein.
Geht einmal unter gebildete Engländer und sagt, ihr seid Char¬
tisten oder Demokraten — man wird an eurem gesunden Ver¬
stände zweifeln und eure Gesellschaft fliehen. Oder erklärt, ihr
so glaubtet nicht an die Gottheit Christi, und ihr seid verraten und
verkauft; gesteht vollends, das ihr Atheisten seid, und man tut am
andern Tage, als kenne man euch nicht. Und der unabhängige Eng¬
länder, wenn er, was selten genug vorkommt, wirklich einmal zu
denken anfängt und die Fesseln des mit der Muttermilch einge-
25 sognen Vorurteils abschüttelt, selbst dann hat er nicht den Mut,
seine Überzeugung frei herauszusprechen, selbst dann heuchelt er
sich für die Öffentlichkeit eine wenigstens tolerierte Meinung an
und ist nur zufrieden, wenn er unter vier Augen zuweilen mit
einem Gleichgesinnten gerade aus sprechen kann.
w So sind die gebildeten Klassen in England allem Fortschritt
verschlossen und werden nur durch den Andrang der arbeitenden
Klasse noch etwas in Bewegung gehalten. Es ist nicht zu erwarten,
daß das literarische tägliche Brot dieser altersschwachen Bildung
anders beschaffen sei als sie selbst. Die ganze fashionable Lite¬
rs ratur dreht sich in einem ewigen Kreise und ist gerade so lang¬
weilig und unfruchtbar wie die blasierte und ausgesogene fashio¬
nable Gesellschaft.
Als Strauß’ Leben Jesu und sein Renommee über den Kanal
kam, da wagte es kein anständiger Mann, das Buch zu übersetzen,
io kein angesehener Buchhändler, es zu drucken. Endlich übersetzte
es ein sozialistischer Lecturer (für diesen agitatorischen Kunst¬
ausdruck gibt es kein deutsches Wort) — also ein Mann in einer
der unfashionabelsten Lebensstellungen von der Welt — ein un¬
bedeutender sozialistischer Buchdrucker druckte es in Heften,
45 jedes zu einem Penny, und die Arbeiter von Manchester, Birming-
408 London und Manchester. Aus den Deutsch-Französischen Jahrbüchern
ham und London bildeten das einzige Publikum für Strauss in
England.
Wenn übrigens von den beiden Parteien, in die sich der gebil¬
dete Teil der Engländer spaltet, eine einen Vorzug verdient, so
sind dies die Tories. Der Whig ist bei der sozialen Lage Englands 5
zu sehr selbst Partei, um ein Urteil haben zu können; die Industrie,
dieses Zentrum der englischen Gesellschaft, ist in seinen Händen
und bereichert ihn ; er findet sie tadellos und hält ihre Ausdehnung
für den einzigen Zweck aller Gesetzgebung, denn sie hat ihm seinen
Reichtum und seine Macht gegeben. Der Tory dagegen, dessen 10
Macht und Alleinherrschaft durch die Industrie gebrochen worden
ist, dessen Prinzipien durch sie erschüttert worden sind, haßt sie
und sieht in ihr höchstens ein notwendiges Übel. Daher bildete
sich jene Sektion philanthropischer Tories, deren Hauptführer
Lord Ashley, Ferrand, Walter, Gastier etc. sind, und die sich die is
Vertretung der Fabrikarbeiter gegen die Fabrikanten zur Pflicht
gemacht haben. Auch Thomas Carlyle ist ursprünglich ein Tory
und steht dieser Partei noch immer näher als den Whigs. Soviel
ist gewiß, ein Whig hätte nie ein Buch schreiben können, das halb
so menschlich wäre wie „Post and Present66. 20
Thomas Carlyle ist in Deutschland durch seine Bemühungen,
den Engländern die deutsche Literatur zugänglich zu machen, be¬
kannt geworden. Seit mehreren Jahren beschäftigt er sich haupt¬
sächlich mit der sozialen Lage Englands, — er der einzige der Ge¬
bildeten seines Landes, der das tut! — und schrieb schon 1838 25
ein kleineres Werk: Chartism. Damals waren die Whigs im Mini¬
sterium und proklamierten mit vielem Pomp, daß das gegen 1835
entstandene „Gespenst66 des Chartismus vernichtet sei. Der Char¬
tismus war die natürliche Fortsetzung des alten Radikalismus, der
durch die Reformbill für einige Jahre beschwichtigt und seit ja
1835/36 mit neuer Kraft und in geschlossenem Massen als je vor¬
her wieder aufgetreten war. Diesen Chartismus glaubten die Whigs
unterdrückt zu haben, und Thomas Carlyle nahm davon Veran¬
lassung, die wirklichen Ursachen des Chartismus, und die Un¬
möglichkeit ihn zu vertilgen, ehe diese Ursachen vertilgt seien, 35
zu entwickeln. Der Standpunkt dieses Buchs ist zwar im ganzen
derselbe wie in Past and Present, aber mit etwas stärkerer tory-
stischer Färbung, die indes vielleicht bloß in dem Umstand be¬
gründet ist, daß die Whigs als herrschende Partei der Kritik am
nächsten lagen. Jedenfalls enthält „Past and Present66 alles, was 40
in dem kleineren Buche steht, klarer, entwickelter und mit aus¬
drücklicher Bezeichnung der Konsequenzen, und überhebt uns
also der Kritik des Chartismus.
„Past and Present66 ist eine Parallele zwischen dem England
des zwölften und dem des neunzehnten Jahrhunderts und besteht 4$
Die Lage Englands. Carlyles Past and Present
409
aus vier Abteilungen, überschrieben: Proömium; der Mönch der
Vorzeit; der Arbeiter der Neuzeit; Horoskop. — Gehen wir der
Reihe nach durch diese Abteilungen; ich kann der Versuchung,
die schönsten der oft wunderbar schönen Stellen des Buchs zu
5 übersetzen, nicht widerstehen. — Die Kritik wird schon für sich
selbst sorgen.
Das erste Kapitel des Proömiums heißt: „Midas.66
„Die Lage Englands gilt mit Recht für eine der drohend¬
sten und überhaupt fremdartigsten, die je in der Welt gesehen
10 wurden. England ist voller Reichtum aller Art, und doch stirbt
England vor Hunger. Mit ewig gleicher Fülle grünt und blüht der
Boden Englands, wogend mit goldenen Ernten, dicht besetzt mit
Werkstätten, mit Handwerkszeug aller Art, mit fünfzehn Mil¬
lionen Arbeitern, die die stärksten, klügsten und willigsten sein
15 sollen, die unsere Erde je besaß; diese Männer sind hier; die Ar¬
beit, die sie getan, die Frucht, die sie geschaffen haben, ist hier
im Überfluß, überall in üppigster Fülle — und siehe, welch un¬
selig Gebot, wie eines Zauberers, ist ausgegangen und sagt: Rührt
es nicht an, ihr Arbeiter, ihr arbeitenden Herren, ihr müßigen
2o Herren; euer keiner soll es anrühren, euer keiner soll es ge¬
nießen — dies ist bezauberte Frucht!“
Auf die Arbeiter fällt dies Gebot zuerst. 1842 zählte England
und Wales 1430 000 Paupers, von denen 222 000 in Arbeitshäu¬
sern — Armengesetz-Bastillen nennt sie das Volk — eingesperrt
S5 sitzen. — Dank der Humanität der Whigs! — Schottland hat kein
Armengesetz, aber Arme in Masse. — Irland, beiläufig, kann sich
der ungeheuren Zahl von 2 300 000 Paupers rühmen.
„Vor den Assisen zu Stockport (Cheshire) wurden eine Mutter
und ein Vater angeklagt und schuldig befunden der Vergiftung
so dreier ihrer Kinder, um dadurch einen Begräbnisklub um drei
Pfund acht Schillinge, zahlbar beim Tode jedes Kindes, zu be¬
trügen, und die amtlichen Autoritäten, sagt man, deuten an, daß
der Fall nicht der einzige ist, daß es vielleicht besser sei, dies nicht
genauer zu untersuchen. Solche Beispiele sind gleich dem
3s höchsten Berggipfel, der am Horizont emportaucht — drunter
liegt eine ganze Berggegend und noch nicht aufgetauchtes Land.
— Eine menschliche Mutter, ein menschlicher Vater sagen unter¬
einander: Was sollen wir tun, um dem Hungertode zu entgehen?
Wir sind tief gesunken, hier in unserm dunkeln Keller, und Hülfe
so ist fern. — O, in Ugolinos Hungerturm geschehen ernste Dinge,
der vielgeliebte kleine Gaddo1) ist tot hingefallen an des Vaters
Knieen! — Die Stockporter Eltern denken und sagen: unser armer
kleiner hungriger Tom, der den ganzen Tag nach Brot schreit,
O In den „Deutsch-Französischen Jahrbüchern“ Godda
410
London und Manchester. Aus den Deutsch-Französischen Jahrbüchern
der nur Übles und nichts Gutes in dieser Welt sehen wird — wenn
er mit einem Male aus der Not käme — und wir andern vielleicht
erhalten würden? Es ist gedacht, gesagt, zuletzt getan. Und nun
Tom tot ist und alles ausgegeben und verzehrt, kommt jetzt der
arme kleine hungrige Jack an die Reihe, oder der arme kleine s
hungrige Will? — 0 was für eine Überlegung der Wege und Mit¬
tel, das! — In belagerten Städten, in dem äußersten Ruin des unter
dem Zorn Gottes gefallnen Jerusalems, war geweissagt worden: die
Hände der elenden Weiber haben ihre eigenen Kinder sich zur
Speise bereitet. Die düstre Phantasie des Hebräers konnte keinen 20
schwärzem Schlund des Elends sich vorstellen, das war das letzte
des entwürdigten, gottverfluchten Menschen — und wir hier, im
modernen England, in der Fülle des Reichtums — kommen wir
dahin? Wie geht das zu? Woher kommt das, weshalb muß dem
so sein?66 15
Dies geschah 1841. Ich mag hinzufügen, daß vor fünf Mona¬
ten in Liverpool Betty Eules aus Bolton gehangen wurde, die drei
eigene und zwei Stiefkinder aus derselben Veranlassung ver¬
giftet hatte.
Soviel für die Armen. Wie sieht’s mit den Reichen aus? 20
Diese erfolgreiche Industrie mit ihrem strotzenden Reichtum
hat bis jetzt noch niemand reich gemacht, es ist behexter Reich¬
tum und gehört niemandem. Wir können Tausende ausgeben, wo
wir sonst Hunderte anlegten — aber wir können nichts Brauch¬
bares dafür kaufen. — Mancher ißt feinere Leckereien, trinkt 25
teurere Weine, — aber was für ein größerer Segen ist da? Sind
sie schöner, besser, stärker, braver? Sind sie nur, was sie ,glück¬
licher6 nennen?66
Der arbeitende Herr ist nicht glücklicher, der faulenzende
Herr, d. h. der adlige Grundbesitzer, ist nicht glücklicher — „für 30
wen denn ist dieser Reichtum, Englands Reichtum? Wen segnet er,
wen macht er glücklicher, schöner, weiser, besser? Bis jetzt nie¬
mand. Unsre erfolgreiche Industrie hat bis jetzt keinen Erfolg; in
der Mitte üppiger Fülle verhungert das Volk; zwischen goldenen
Mauern und vollen Scheunen fühlt sich keiner sicher und zu- 33
frieden. — Midas schmachtete nach Gold und beschimpfte den
Olymp. Er bekam Gold, so daß alles, was er berührte, Gold wurde
— und das half ihm mit seinen langen Ohren wenig. Midas hatte
die himmlische Musik mißbeurteilt. Midas hatte Apollon und die
Götter beschimpft, und die Götter bewilligten ihm seinen Wunsch 40
und ein Paar lange Ohren dazu, auch ein gutes Anhängsel, —
welch eine Wahrheit in diesen alten Fabeln!66
„Wie wahr66, fährt er im zweiten Kapitel fort, „ist die andre
alte Fabel von der Sphynx: Die Natur ist die Sphynx, eine Göttin,
aber noch nicht ganz befreit, noch halb in der Tierheit, der Geist- 43
Die Lage Englands. Carlyles Past and Present
411
losigkeit steckend — Ordnung, Weisheit auf der einen Seite, aber
auch Dunkelheit, Wildheit, Schicksalsnotwendigkeit.66 Die Sphynx-
Natur — deutscher Mystizismus, sagen die Engländer, wenn sie
dies Kapitel lesen — hat für jeden Menschen und jede Zeit eine
5 Frage — glücklich der, der sie richtig beantwortet; wer sie nicht
oder falsch beantwortet, fällt dem tierisch-wilden Teil der Sphynx
anheim, statt der schönen Braut findet er eine reißende Löwin.
Und so ist es mit Nationen auch: könnt ihr das Rätsel des Schick¬
sals lösen? Und alle unglücklichen Völker, wie alle unglücklichen
10 Individuen haben die Frage falsch beantwortet, den Schein für
die Wahrheit genommen, die ewigen inneren Tatsachen des Uni¬
versums für die äußerlichen vergänglichen Erscheinungsformen
fahren lassen; und das hat England auch getan. England ist, wie
er sich später ausdrückt, dem Atheismus anheimgefallen, und seine
is jetzige Lage ist die notwendige Folge davon. Wir werden später
davon zu sprechen haben, einstweilen ist bloß zu bemerken, daß
Carlyle das Gleichnis der Sphynx, wenn es in dem obigen panthe-
istisch-altschellingschen Sinn zugelassen werden soll, noch etwas
weiter hätte ausführen können, — die Lösung des Rätsels ist heute,
20 wie in der Sage, der Mensch, und zwar die Lösung im allerweite¬
sten Sinne. Auch das wird seine Erledigung finden.
Das nächste Kapitel gibt uns die folgende Schilderung der
Manchester-Insurrektion vom August 1842 :
„Eine Million hungriger Arbeiter standen auf, kamen alle
25 heraus auf die Straße und — standen da. Was sonst sollten sie
tun? Ihre Unbilden und Klagen waren bitter, unerträglich, ihre
Wut dagegen war gerecht; aber wer verursacht diese Klagen, wer
will abhelfen? Unsre Feinde sind, wir wissen nicht wer oder was;
unsre Freunde sind, wir wissen nicht, wo? Wie sollen wir jemand
m angreifen, jemand erschießen oder uns von jemand erschießen
lassen? 0, wenn dieser verfluchte Nachtalp, der unsichtbar unser
und der Unsrigen Leben auspreßt, nur eine Gestalt annehmen, uns
als syrkanischer Tiger, als Behemoth des Chaos, als der Erzfeind
selbst entgegentreten wollte! in irgend einer Gestalt, die wir sehen,
so an der wir ihn fassen könnten!66
Das war aber eben das Unglück der Arbeiter in der Sommer¬
insurrektion von 1842, daß sie nicht wußten, gegen wen sie kämp¬
fen sollten. Ihr Übel war ein soziales — und soziale Übel lassen
sich nicht abschaffen, wie man das Königtum oder die Privilegien
« abschafft. Soziale Übel lassen sich nicht durch Volkscharten ku¬
rieren, und das fühlte das Volk — sonst wäre die Volkscharte
heute das Grundgesetz von England. Soziale Übel wollen studiert
und erkannt sein, und das hat die Masse der Arbeiter bis jetzt
noch nicht getan. Die große Frucht des Aufstandes war, daß die
45 Lebensfrage Englands, die Frage nach dem definitiven Los der
412 London und Manchester. Aus den Deutsch-Französischen Jahrbüchern
arbeitenden Klasse, wie Carlyle sagt, auf eine für jedes denkende
Ohr in England hörbare Weise gestellt wurde. Die Frage kann
jetzt nicht mehr umgangen werden, England muß sie beantworten
oder untergehen.
Übergehen wir die Schlußkapitel dieses Abschnitts, übergehen s
wir einstweilen auch den ganzen folgenden, und nehmen wir
gleich den dritten Abschnitt, der von dem „Arbeiter der Neuzeit“
handelt, um die Schilderung der Lage Englands, wie sie im Pro-
ömium angefangen wurde, ganz beisammen zu haben.
Wir haben, fährt Carlyle fort, die Religiosität des Mittelalters io
weggeworfen und nichts dafür bekommen; wir haben „Gott ver¬
gessen, wir haben unsre Augen verschlossen für die ewige Wesen¬
heit der Dinge und sie nur offen gehalten für den betrügerischen
Schein der Dinge; wir beruhigen uns dabei, daß dies Universum
innerlich ein großes unbegreifliches Vielleicht ist, und äußerlich is
augenscheinlich ein großer Viehstand und ein Arbeitshaus mit
bedeutenden Küchengebäuden und Eßtischen, wo, wer weise ist,
einen Platz findet; alle Wahrheit dieses Universums ist ungewiß,
nur der Gewinn und Verlust, nur das Magenfutter und der Bei¬
fall sind und bleiben dem praktischen Menschen einleuchtend. 20
— Kein Gott existiert mehr für uns; Gottes Gesetze sind ein ,Prin¬
zip der größtmöglichen Glückseligkeit6, ein Parlamentskniff ge¬
worden; der Himmel ist eine astronomische Uhr, ein Jagdterrain
für Herschelsche Teleskope geworden, wo man auf wissenschaft¬
liche Resultate und Sentimentalitäten jagt; in unsrer und des alten 25
Ben Jonsons Sprache: der Mensch hat seine Seele verloren und
fängt jetzt an, ihren Mangel zu merken. Das ist in Wahrheit der
wunde Fleck, das Zentrum des allgemeinen sozialen Krebsge¬
schwürs. — Es gibt keine Religion, es gibt keinen Gott, der Mensch
hat seine Seele verloren und sucht umsonst nach einem Salz gegen 30
die Verfaulung. Umsonst in der Hinrichtung von Königen, in
französischen Revolutionen, in Reformbills, in Manchester-Insur¬
rektionen, in alle dem ist kein Heilmittel. Der faule Aussatz, für
eine Stunde erleichtert, kommt in der nächsten stärker und ver¬
zweifelter wieder.66 — 35
Da aber die Stelle der alten Religion nicht ganz unbesetzt blei¬
ben konnte, so haben wir ein neues Evangelium an ihrer Statt be¬
kommen, ein Evangelium, das der Hohlheit und Inhaltslosigkeit
des Zeitalters entspricht — das Evangelium des Mammon. Der
christliche Himmel und die christliche Hölle sind, jener als zwei- 40
felhaft, diese als unsinnig aufgegeben — und ihr habt eine neue
Hölle bekommen; die Hölle des modernen Englands ist das Be¬
wußtsein, „nicht voranzukommen, kein Geld zu verdienen!66 —
„Wahrlich, mit unserm Mammonsevangelium sind wir zu sonder¬
baren Folgerungen gekommen! Wir nennen es Gesellschaft, 45
Die Lage Englands. Carlyles Past and Present
413
und doch richten wir überall die totalste Trennung und Isolierung
ein. Unser Leben ist nicht gegenseitige Unterstützung, sondern
gegenseitige Feindseligkeit, unter gewissen Kriegsgesetzen „ver¬
nünftige Konkurrenz66 und so weiter. Wir haben durchaus ver-
« gessen, daß bare Zahlung nicht das einzige Band zwischen Mensch
und Mensch ist. „Meine hungernden Arbeiter?66 sagt der reiche Fa¬
brikant. „Hab ich sie nicht, wie recht und billig, im Markt gemietet?
Hab ich ihnen nicht meine vertragsmäßige Schuldigkeit bei Heller
und Pfennig bezahlt? Was hab ich sonst noch mit ihnen zu schaf-
10 fen? Wahrlich, Mammonskultus ist ein trauriger Glaube!66 —
„Eine arme irische Witwe in Edinburgh bat um Hülfe einer
wohltätigen Anstalt für sich und ihre drei Kinder. An allen An¬
stalten wurde sie abgewiesen; Kraft und Mut versagten ihr; sie
sank nieder im Typhusfieber, starb und infizierte ihre ganze Gasse
15 mit der Krankheit, so daß siebenzehn andere infolgedessen
starben. Der menschliche Arzt, der diese Geschichte erzählt —
Dr. W. P. Alison — fragt dabei: würde es nicht ökonomischer
gewesen sein, dieser Frau zu helfen? Sie bekam das Fieber und
tötete eurer siebenzehn! — Sehr sonderbar. Die verlassene irische
so Witwe wendet sich an ihre Mitgeschöpfe: seht, ich komme hülflos
um, Ihr müßt mir helfen, ich bin Eure Schwester; Bein von Eurem
Bein, Ein Gott schuf uns! Sie aber antworten: Nein, unmöglich;
Du bist unsere Schwester nicht. Aber sie beweist ihre Schwester¬
schaft; ihr Fieber tötet sie; sie waren ihre Brüder, obwohl sie es
25 leugneten. Wann mußte man diesen Beweis noch niedriger
suchen?66
Carlyle, beiläufig gesagt, ist hier im Irrtum, eben so wie Alison.
Die Reichen haben kein Mitleiden, kein Interesse für den Tod der
„Siebenzehn66. Ist es nicht ein öffentliches Glück, daß die „über-
3o zählige Bevölkerung66 um siebenzehn vermindert wird? Wenn es
nur ein paar Millionen wären anstatt lumpiger „siebenzehn66, so
wäre das um so viel besser. — Das ist das Raisonnement der eng¬
lischen reichen Malthusianer.
Und dann das andre, noch schlimmere Evangelium des Dilet-
35 tantismus, das eine Regierung geschaffen hat, die nichts tut, das
den Menschen allen Emst genommen hat und sie treibt, das
scheinen zu wollen, was sie nicht sind — das Streben nach „Glück¬
seligkeit66, d. h. nach gutem Essen und Trinken, das die krasse Ma¬
terie auf den Thron erhoben und allen geistigen Inhalt zerstört
40 hat; was soll bei allem dem herauskommen?
„Und was sollen wir sagen zu einer Regierung wie die unsrige,
die ihren Arbeitern eine Anklage der Überproduktion6 entgegen¬
hält? Überproduktion, ist das nicht der Punkt? Ihr verschiedenen
fabrizierenden Individuen, Ihr habt zu viel produziert! Unsere An¬
klage ist, daß Ihr mehr als zweihunderttausend Hemden für die
414
London und Manchester. Aus den Deutsch-Französischen Jahrbüchern
Blöße der Menschheit gemacht habt. Auch die Beinkleider, die Ihr
verfertigtet von Baumwollensammet, Kasimir, schottisch Plaid, von
Nanking und wollen Tuch, sind sie nicht mannigfaltig? Hüte und
Schuhe, Stühle zum Sitzen und Löffel zum Essen — ja, und gol¬
dene Uhren produziert Ihr, Juwelensachen, silberne Gabeln, Kom- s
moden, Chiffonnieren und gepolsterte Sofas — o Himmel, alle
Commercial Bazars und Howel and James’s können Eure Produkte
nicht bergen; Ihr habt produziert, produziert, produziert — wer
Euch anklagen will, möge nur um sich sehen; Millionen Hemden
und leere Beinkleider hangen da zum Zeugnis wider Euch. Wir 10
klagen Euch der Überproduktion an; Ihr seid schuldig des schwe¬
ren Verbrechens, Hemden, Hosen, Hüte und Schuhe und so weiter
in schaudererregendem Überfluß produziert zu haben. Und jetzt
ist eine Stockung infolgedessen, und Eure Arbeiter müssen ver¬
hungern.66 is
„My Lords und Gentlemen, wes klagen Sie jene armen Arbeiter
an? Sie, My Lords und Gentlemen, waren ernannt dafür zu sor¬
gen, daß keine Stockungen einträten; Sie hatten darauf zu sehen,
daß die Verteilung des Lohns für die getane Arbeit ordentlich vor
sich gehe, daß kein Arbeiter ohne seinen Lohn, sei es in Geld- 20
münzen, sei es in hänfnen Galgenstricken, bliebe; das war Ihr
Amt von undenklicher Zeit her. Diese armen Spinner haben viel
vergessen, was nach dem innem ungeschriebenen Gesetz ihrer
Stellung sie hätten bedenken sollen — aber welch geschrieben
Gesetz ihrer Stellung haben sie vergessen? Sie waren angestellt, 25
Hemden zu machen. Die Gemeinde befahl ihnen: macht Hemden
— und hier sind die Hemden. Zu viel Hemden? Wahrlich, das
ist neu, auf dieser verrückten Welt, mit ihren neunhundert Mil¬
lionen nackter Leiber! Aber, My Lords und Gentlemen, Ihnen be¬
fahl die Gemeinde: seht zu, daß diese Hemden wohl verteilt wer- 30
den — und wo ist die Verteilung? Zwei Millionen hemdloser oder
schlechtbehemdeter Arbeiter sitzen in Armengesetz-Bastillen, fünf
Millionen andere in Ugolinoschen Hungerkellem; und dem abzu¬
helfen, sagen Sie: steigert unsre Renten! Sie sagen triumphie¬
rend: Ihr wollt Anklagen zusammenflicken, Ihr wollt uns Über- 35
Produktion vorwerfen? Wir nehmen Himmel und Erde zu Zeu¬
gen, daß wir gar nichts produziert haben. In den weiten Reichen
der Schöpfung ist kein Hemd, das wir gemacht hätten. Wir sind
unschuldig an der Produktion; im Gegenteil, Ihr Undankbaren,
was für Berge von Dingen haben wir nicht zu ,konsumieren6 ge- 40
habt! Sind diese Berge nicht verschwunden vor uns, als ob wir
Straußenmägen hätten und eine Art göttlicher Fähigkeit des Ver¬
zehrens? Ihr Undankbaren; seid Ihr nicht gewachsen unter dem
Schatten unsrer Flügel? Eure schmutzigen Fabriken, stehen sie
nicht auf unserm Grund und Boden? Und wir sollen Euch unser is
Die Lage Englands. Carlyles Past and Present
415
Korn nicht zu dem Preise verkaufen können, der uns gefällt? Was,
denkt Ihr, würde aus Euch werden, wenn wir, die Besitzer des
Bodens von England, beschlössen, gar kein Korn mehr wachsen
zu lassen?66
5 Diese Anschauungsweise der Aristokratie, diese barbarische
Frage: was würde aus Euch werden, wenn wir nicht so gnädig
wären, Korn wachsen zu lassen, hat die „wahnsinnigen und er¬
bärmlichen Korngesetze66 produziert; die Komgesetze, die so
wahnsinnig sind, daß man gar keine Argumente gegen sie vor-
10 bringen kann als solche, „die einen Engel im Himmel und auch
einen Esel auf Erden zum Weinen bringen müssen66. Die Kom¬
gesetze beweisen, daß die Aristokratie noch nicht gelernt hat, kein
Unheil anzurichten, still zu sitzen, gar nichts zu tun, geschweige
denn, etwas Gutes zu tim, und doch wäre dies nach Carlyle ihre
io Pflicht; „sie ist durch ihre Stellung verpflichtet, England zu leiten
und zu regieren, und jeder Arbeiter im Arbeitshause hat das Recht,
sie vor allem andern zu fragen: „Warum bin ich hier? Seine Frage
wird gehört im Himmel und wird sich auch hörbar machen auf
Erden, wenn sie nicht beachtet wird. Seine Anklage ist gegen Sie,
2o My Lords und Gentlemen ; Sie stehen in der ersten Reihe der An¬
geklagten, Sie, kraft der Stellung, die Sie einnehmen, haben ihm
zuerst zu antworten! — Das Schicksal der faulenzenden Aristo¬
kratie, wie ihr Horoskop in Komgesetzen usw. zu lesen ist, ist ein
Abgrund, der einen mit Verzweiflung füllt! Ja meine rosigen
25 fuchsjagenden Brüder, durch Eure frischen, schmucken Gesichter,
durch Eure Komgesetz-Majoritäten, sliding-scales, Schutzzölle,
Bestechungswahlen und kentische Triumphfeuer entdeckt ein den¬
kendes Auge schauerliche Bilder des Sturzes, zu schauerlich für
Worte, eine Mene Mene Handschrift — guter Gott, erklärte nicht
30 eine französische nichtstuende Aristokratie, kaum ein halb Jahr¬
hundert verfloß seitdem, ebenso: wir können nicht existieren, nicht
fortfahren uns standesmäßig zu kleiden und zu paradieren; der
Grundzins unserer Besitzungen reicht nicht aus, wir müssen mehr
haben als das, wir müssen von Steuern eximiert sein und ein Kom-
35 gesetz haben, um unsern Grundzins zu steigern. Das war 1789, vier
Jahre weiter — habt Ihr von der Gerberei zu Meudon gehört, wo
die Nackten sich Hosen von Menschenhaut machten? Möge der
barmherzige Himmel das Omen abwenden; mögen wir weiser
sein, damit wir weniger elend werden!66
40 Und die arbeitende Aristokratie verfängt sich in den Vogel¬
netzen der faulenzenden Aristokratie und kommt mit ihrem
„Mammonismus66 zuletzt auch in eine schlimme Lage; „die Leute
auf dem Kontinent, scheint es, exportieren unsre Maschinerie,
spinnen Baumwolle und fabrizieren für sich selbst, treiben uns
45 aus diesem Markt und dann aus dem. Traurige Nachrichten,
416
London und Manchester. Aus den Deutsch-Französischen Jahrbüchern
aber lange noch nicht die traurigsten. Das Traurigste ist, daß wir
unsre nationale Existenz, wie ich habe sagen hören, abhängig
sehen sollten von unsrer Fähigkeit, Baumwollenstoffe, einen Hel¬
ler die Elle wohlfeiler zu verkaufen als alle andere Völker. Ein
sehr schmaler Stand für eine große Nation, das! Ein Stand, den
wir, wie mir scheint, trotz aller möglichen KomgesetzabSchaffun¬
gen auf die Dauer nicht werden erhalten können. — Keine große
Nation kann auf einer solchen Pyramidenspitze stehen, sich höher
und höher schraubend, auf der großen Zehe balancierend. Kurz,
dies Mammonsevangelium mit seiner Hölle des Nichtsverdienens, 10
Nachfrage und Zufuhr, Konkurrenz, Handelsfreiheit, laissez faire
und der Teufel hol’ das Übrige, fängt allmählich an, das erbärm¬
lichste Evangelium zu werden, das je auf der Erde gepredigt
wurde. — Ja, wenn die Korngesetze morgen auf gehoben wären, so
ist damit noch nichts am Ende, es ist bloß Raum gemacht, um 15
Dinge aller Art anzufangen. Die Komgesetze fort, den Handel
frei gemacht, so ist es gewiß, daß die jetzige Lähmung der Indu¬
strie verschwinden wird. Wir werden wieder eine Periode der
Handelsunternehmungen, des Sieges und der Blüte haben, das
würgende Band der Hungersnot um unsern Nacken wird loser 20
werden, wir werden Raum zum Atmen und Zeit zum Besinnen und
Bereuen haben — eine dreimal kostbare Zeit, um, wie für unser
Leben, für die Reform unsrer bösen Wege zu kämpfen, unser Volk
zu erleichtern, zu unterrichten, zu regeln ; ihm etwas geistige Nah¬
rung, etwas wirkliche Leitung und Regierung zuzuwenden — es 25
wird eine unbezahlbare Zeit sein! Denn unsre neue Periode der
Blüte wird und muß auf die alte Methode von „Konkurrenz und
der Teufel hol’ das Übrige zuletzt sich doch wieder nur als ein
Paroxysmus erweisen, und wahrscheinlich als unser letzter. Denn
verdoppelt sich in zwanzig Jahren unsre Industrie, so ist auch 30
unsre Bevölkerung in zwanzig Jahren verdoppelt; wir werden so
weit sein wie wir waren, nur unser doppelt so viele, und doppelt,
ja zehnmal so unbändig. — Wehe, in was für Gegenden sind wir
auf dieser unsrer Wanderung durch die Weite der Zeiten geraten,
wo die Menschen umherwandeln wie galvanisierte Leichen, mit 35
gedankenlosen, stieren Augen, ohne Seele, nur mit einer fieber¬
mäßigen Industriefähigkeit und einem Magen zur Verdauung!
Die abgemagerte Verzweiflung der Baumwollfabriken, Kohlen¬
bergwerke und Chandosschen Äckerbautaglöhner in diesen Tagen
ist schmerzlich anzuschauen, aber lange nicht so schmerzlich dem 40
Denkenden als diese brutale gottvergessene Gewinn- und Verlust¬
philosophie und Lebensweisheit, die wir überall ausschreien hören
in Senatssitzungen, Disputierklubs, leitenden Artikeln, von Kan¬
zeln und Rednerbühnen herab als das Ultimatevangelium und
ehrliche Englisch des menschlichen Lebens!66 45
Die Lage Englands. Carlyles Past and Present
417
„Ich habe die Kühnheit, zu glauben, daß zu keiner Zeit, seit den
Anfängen der Gesellschaft, das Los der stummen, abgearbeiteten
Millionen so durchaus unerträglich gewesen ist wie jetzt. Nicht
der Tod, oder selbst der Hungertod, macht den Menschen elend;
« wir alle müssen sterben, unser aller letzter Ausgang ist in einem
Feuerwagen des Schmerzes; aber elend zu sein und nicht zu
wissen warum, sich siech zu arbeiten für nichts und wieder nichts,
abgearbeiteten und müden Herzens, und doch isoliert, verwaist
zu sein, eingegürtet von einem kalten, universellen Laissez-faire,
10 langsam zu sterben all unser Leben lang, eingemauert in eine
taube, tote unendliche Ungerechtigkeit wie in den verfluchten
Bauch eines Phalarisstiers — das ist und bleibt für ewig unerträg¬
lich für alle gottgeschaffenen Menschen. Und wir wundem uns
über eine französische Revolution, eine ,große Woche4, einen
is englischen Chartismus? Die Zeiten, wenn wir’s recht bedenken,
sind wahrlich beispiellos.44
Wenn in solchen beispiellosen Zeiten die Aristokratie sich zur
Lenkung des allgemeinen Wesens unfähig erweist, so ist es eine
Notwendigkeit, sie auszustoßen. Daher die Demokratie. „Zu wel-
20 eher Ausdehnung die Demokratie jetzt schon gelangt ist, wie sie
mit ominöser, stets wachsender Eile voran schreitet, kann jeder
sehen, der seine Augen für irgend ein Gebiet der menschlichen
Verhältnisse öffnen will. Von dem Donner napoleonischer Schlach¬
ten bis zum Geplärre um eine offene Gemeindeversammlung in
26 St. Mary Axe verkündigt alles Demokratie.44 Aber was ist Demo¬
kratie am Ende? „Nichts als der Mangel an Herren, die euch regie¬
ren könnten, und die Ergebung in diesen unvermeidlichen Mangel,
der Versuch, ohne sie fertig zu werden. — Niemand unterdrückt
dich, du freier und unabhängiger Wähler, aber unterdrückt dich
so nicht dieser stupide Portertopf? Kein Adamssohn befiehlt dir zu
kommen oder zu gehen — aber dieser absurde Topf, schweres
Naß (Heavy-wet), der kann und tut es! Du bist der Leibeigne nicht
Cerdiks1) des Sachsen, aber deiner eignen tierischen Lüste, und du
sprichst von Freiheit? Du totaler Dummkopf! Die Vorstel-
36 lung, daß jemandes Freiheit darin besteht, seine Stimme bei der
Wahl zu geben und zu sagen: siehe, ich auch habe jetzt mein Zwan¬
zigtausendstel eines Sprechers in unserer Nationalschwatzanstalt,
werden mir nicht alle Götter günstig sein? — Diese Vorstellung
ist eine der spaßhaftesten in der Welt. Vollends die Freiheit, die
30 dadurch erkauft wird, daß ihr euch gegenseitig isoliert, nichts mit¬
einander zu tun habt außer durch bar Geld und Hauptbücher,
diese Freiheit wird zuletzt sich als die Freiheit des Verhungerns
für die arbeitenden Millionen zeigen, als die Freiheit des Ver-
O In den Deutsch-Französischen Jahrbüchern“ Cedriks
Mar x-En geis-Gesamt aus gäbe, I. Abt., Bd. 2.
27
418
London und Manchester. Aus den Deutsch-Französischen Jahrbüchern
faulens für die faulen, nichtstuenden Tausende und Einheiten.
Brüder, nach Jahrhunderten konstitutioneller Regierung wissen wir
noch wenig, was Freiheit ist und was Sklaverei ist. Aber die Demo¬
kratie wird ihren freien Lauf haben, die arbeitenden Millionen, in
ihrem Lebensbedürfnis, in ihrem instinktmäßigen leidenschaft- 5
liehen Verlangen nach Leitung, werden die falsche Leitung weg¬
werfen und für einen Augenblick hoffen, daß Nichtleitung ihnen
genügen wird; aber nur für einen Augenblick. Die Unterdrückung
durch eure falschen Oberen mögt ihr wegwerfen; ich tadle euch
nicht, ich bedaure und ermahne euch bloß ; aber das getan und das 10
große Problem bleibt noch ungelöst; das Problem, Leitung durch
eure wahren Oberen zu finden/6
„Die Leitung, wie sie jetzt besteht, ist freilich erbärmlich ge¬
nug.“ Bei dem neulichen Bestechungskomitee des Parlaments
schien es die Meinung der gesundesten praktischen Köpfe zu sein, 13
daß Bestechung nicht zu vermeiden sei, und daß wir gut oder übel
ohne reine Wahlen uns durchzuschlagen suchen müßten.
Ein Parlament, das sich als gewählt und wählbar durch Be¬
stechung proklamiert, was für Gesetzgebung kann davon kommen!
Bestechung bedeutet nicht nur Käuflichkeit, sondern Unehrlich- 20
keit, unverschämte Betrügerei; eherne Gefühllosigkeit gegen Lüge
und Anstiftung von Lügen. Seid doch ehrlich, eröffnet im Dow¬
ning-Street ein Wahlbureau mit einem Städtetarif: so viel Bevöl¬
kerung bezahlt so viel Einkommensteuer, Wert der Häuser so viel,
wählt zwei Abgeordnete, wählt einen Abgeordneten, zu haben für 25
so viel bar Geld: Ipswich so viel tausend Pfund, Nottingham so
viel, — da habt ihrs doch hübsch ehrlich durch Kauf, ohne die Un¬
ehrlichkeit, ohne die Schamlosigkeit, ohne die Lüge! Unser
Parlament erklärt sich für gewählt und wählbar durch Be¬
stechung. Was soll aus einem solchen Parlament werden? Wo 30
nicht Belial und Beelzebub dies Weltall regieren, so bereitet
sich solch ein Parlament für neue Reformbills. Wir wollen lieber
den Chartismus oder jedes andere System versuchen, als damit zu¬
frieden sein! Ein Parlament, das mit einer Lüge auf der Zunge
beginnt, wird sich selbst auf die Seite schaffen müssen. Täglich 33
und stündlich rückt irgend ein Chartist, irgend ein bewaffneter
Cromwell heran, um solch einem Parlament anzuzeigen: „Ihr seid
kein Parlament. Im Namen des Allerhöchsten — packt Euch!“
Das ist die Lage Englands nach Carlyle. Eine faulenzende,
grundbesitzende Aristokratie, die „noch nicht einmal gelernt hat, 40
still zu sitzen und wenigstens kein Unheil anzustiften“, eine arbei¬
tende Aristokratie, die im Mammonismus versunken ist, die, wo
sie eine Versammlung von Leitern der Arbeit, von „Industriefeld¬
herren66 sein sollte, nur ein Haufe von industriellen Bucaniers und
Piraten ist, ein durch Bestechung gewähltes Parlament, eine 43
Die Lage Englands. Carlyles Past and Present
419
Lebensphilosophie des bloßen Zusehens, des Nichtstuns, des Lais-
sez-faire, eine ausgeschlissene bröcklige Religion, eine totale Auf¬
lösung aller allgemein menschlichen Interessen, eine universelle
Verzweiflung an der Wahrheit und der Menschheit und infolge-
5 dessen eine universelle Isolierung der Menschen auf ihre „rohe
Einzelnheit“, eine chaotische, wüste Verwirrung aller Lebensver¬
hältnisse, ein Krieg aller gegen alle, ein allgemeiner geistiger Tod,
Mangel an „Seele66, d.h. an wahrhaft menschlichem Bewußtsein:
eine unverhältnismäßig starke arbeitende Klasse, in unerträg-
10 lichem Druck und Elend, in wilder Unzufriedenheit und Rebellion
gegen die alte soziale Ordnung, und daher eine drohende, unauf¬
haltsam voranrückende Demokratie — überall Chaos, Unordnung,
Anarchie, Auflösung der alten Bande der Gesellschaft, überall
geistige Leere, Gedankenlosigkeit und Erschlaffung.— Das ist die
is Lage Englands. So weit werden wir, wenn wir einige Ausdrücke,
die durch Carlyles partikularen Standpunkt hereingekommen
sind, abrechnen — ihm vollkommen recht geben müssen. Er, der
einzige der „respektabeln“ Klasse, hat seine Augen wenigstens
für die Tatsachen offen gehalten, er hat wenigstens die unmittel-
20 bare Gegenwart richtig auf gefaßt, und das ist wahrlich für einen
„gebildeten66 Engländer unendlich viel.
Wie sieht es mit der Zukunft aus? So wie jetzt bleibt es nicht und
kann es nicht bleiben. Wir haben gesehen, Carlyle hat, wie er
selbst gesteht, keine „Morrisonspille66, kein Universalmittel für
25 die Heilung der sozialen Übel. Auch darin hat er recht. Alle So¬
zialphilosophie, so lange sie noch ein paar Sätze als ihr Endresul¬
tat auf stellt, so lange sie noch Morrisonspillen eingibt, ist noch
sehr unvollkommen; es sind nicht die nackten Resultate, die wir
so sehr bedürfen, als vielmehr das Studium; die Resultate sind
30 nichts ohne die Entwicklung, die zu ihnen geführt hat, das wissen
wir schon seit Hegel, und die Resultate sind schlimmer als nutzlos,
wenn sie für sich fixiert, wenn sie nicht wieder zu Prämissen für die
fernere Entwicklung gemacht werden. Aber die Resultate müssen
auch temporär eine bestimmte Form annehmen, müssen durch die
35 Entwicklung aus der vagen Unbestimmtheit zu klaren Gedanken
sich gestalten und können dann allerdings bei einer so rein empi¬
rischen Nation, wie die Engländer sind, die „Morrisonspillen“-
Form nicht vermeiden. Carlyle selbst, obwohl er viel Deutsches
in sich aufgenommen hat und der krassen Empirie ziemlich fern
40 steht, würde wahrscheinlich einige Pillen bei der Hand haben,
wenn er weniger unbestimmt und unklar über die Zukunft wäre.
Einstweilen erklärt er, daß alles unnütz und fruchtlos sei, so
lange die Menschheit im Atheismus beharre, so lange sie ihre
„Seele66 sich noch nicht wieder verschafft habe. Nicht daß der alte
45 Katholizismus in seiner Energie und Lebenskraft wiederherzu-
27*
420
London und Manchester. Aus den Deutsch-Französischen Jahrbüchern
stellen oder nur die jetzige Religion aufrecht zu erhalten sei —
er weiß sehr wohl, daß Rituale, Dogmen, Litaneien und Sinai¬
donner nicht helfen können, daß aller Sinaidonner die Wahrheit
nicht wahrer und keinem vernünftigen Menschen bange macht,
daß man über die Religion der Furcht längst hinaus ist, aber s
die Religion selbst muß wiederhergestellt werden, wir sehen
selbst, wohin uns „zwei Jahrhunderte atheistischer Regierung“
— seit der „gesegneten“ Restauration Karls II. — gebracht
haben, und wir werden auch allmählich einsehen müssen, daß
dieser Atheismus anfängt, ausgetragen und verschlissen zu wer-w
den. Wir haben aber gesehen, was Carlyle Atheismus nennt, nicht
sowohl den Unglauben an einen persönlichen Gott, sondern den
Unglauben an die innere Wesenhaftigkeit, an die Unendlichkeit
des Universums, den Unglauben an die Vernunft, die Verzweif¬
lung am Geist und an der Wahrheit; sein Kampf geht nicht gegen 15
den Unglauben an die Offenbarung der Bibel, sondern gegen den
„schrecklichsten Unglauben, den Unglauben an die Bibel der
Weltgeschichte“. Diese ist das ewige Gottesbuch, in dem jeder
Mensch, so lange ihm Seele und Augenlicht nicht erloschen sind,
Gottes Finger schreibend sehen kann. Diese zu verspotten ist ein 20
Unglaube, gleich keinem andern, ein Unglaube, den ihr bestrafen
würdet, nicht mit Feuer und Scheiterhaufen, aber doch mit dem
entschiedensten Befehl, zu schweigen, bis man etwas Besseres zu
sagen habe. Weshalb sollte das glückliche Schweigen durch Getöse
gebrochen werden, um nur solch Zeug auszuschreien? Wenn die 2s
Vergangenheit keine göttliche Vernunft in sich hat, sondern bloß
teuflische Unvernunft, so vergeht sie auf ewig, sprecht nicht mehr
von ihr; uns, deren Väter alle gehangen wurden, ziemt es schlecht,
von Stricken zu schwatzen! „An die Geschichte aber kann das
moderne England nicht glauben.“ Das Auge sieht von allen Din- sq
gen nur so viel, als es nach seiner ihm inhärenten Fähigkeit sehen
kann. Ein gottloses Jahrhundert kann keine gotterfüllten Epochen
begreifen. Es sieht in der Vergangenheit (dem Mittelalter) nur
leere Zwietracht, die allgemeine Herrschaft der rohen Gewalt, es
sieht nicht, daß am Ende Macht und Recht zusammenfallen, es ss
sieht bloße Dummheit, wilde Unvernunft, eher für Bedlam als
für eine menschliche Welt passend. Woraus denn natürlich folgt,
daß dieselben Eigenschaften in unserer Zeit zu herrschen fort¬
fahren sollten. Millionen festgebannt in Bastillen; irische Witwen,
die ihre Menschheit durch Typhusfieber beweisen ; es ist immer 40
so gewesen oder schlimmer; was verlangt ihr anders? Was an¬
ders ist die Geschichte gewesen als die Aussaugung verstockter
Dummheit durch erfolgreiche Quacksalberei? Kein Gott war in
der Vergangenheit, nichts als Mechanismus und chaotisch-bestia¬
lische Götzen; wie soll der arme „philosophische Geschichtsschrei- &
Die Lage Englands. Carlyles Past and Present
421
ber“, dem sein eigen Jahrhundert so ganz gottverlassen ist, „den
Gott in der Vergangenheit sehen“?
Aber so ganz verlassen ist unsre Zeit doch nicht. „Ja, in unsrem
armen zersplitterten Europa selbst, haben sich nicht in diesen
5 neuesten Zeiten religiöse Stimmen erhoben, mit einer neuen, und
zugleich der ältesten Religion, unbestreitbar den Herzen aller
Menschen? Einige kenne ich, die sich nicht Propheten hießen
oder glaubten, aber die in Wahrheit wieder einmal volltönende
Stimmen waren aus dem ewigen Herzen der Natur, Seelen, ewig
10 ehrwürdig allen, die eine Seele haben. Eine französische Revolu¬
tion ist ein Phänomen; als Ergänzung und geistiger Exponent der¬
selben ist mir ein Dichter Goethe und eine deutsche Literatur auch
ein Phänomen. Wenn die alte weltliche oder praktische Welt in
Feuer auf gegangen ist, ist dann nicht hier die Weissagung und das
iß Morgenrot einer neuen geistigen Welt, der Mutter von weit edle¬
ren, weiteren, neuen, praktischen Welten? Ein Leben antiker Hin¬
gebung, antiker Wahrheit und antiken Heldensinns ist wieder
möglich geworden, ist hier wirklich sichtbar für den modernsten
Menschen, ein Phänomen, in aller seiner Ruhe keinem andern zu
20 vergleichen! Da sind Anklänge einer neuen Sphärenmelodie, hör¬
bar aufs neue durch all den unendlichen Jargon und die Disso¬
nanzen des Dings, das man Literatur nennt.“
Goethe, der Prophet der „Religion der Zukunft“, und ihr Kul¬
tus — die Arbeit. „Denn es liegt ein ewiger Adel, ja eine Heilig-
25 keit in der Arbeit. Und wäre er noch so verfinstert, seines hohen
Berufes vergessen, so ist doch immer noch Hoffnung da für einen
Menschen, der wirklich und ernstlich arbeitet; in der Faulheit
allein ist ewige Verzweiflung. Arbeit, noch so mammonisiert, noch
so erniedrigt, bleibt doch eine Verbindung mit der Natur; der
3o treibende Wunsch, seine Arbeit getan zu bekommen, wird mehr
und mehr der Wahrheit und den Bestimmungen und den Gesetzen
der Natur zuführen. Eine unendliche Bedeutung liegt in der
Arbeit; der Mensch vollendet sich durch sie. Faule Moräste wer¬
den weggeräumt; schöne Saatfelder erstehen an ihrer Stelle und
35 prächtige Städte, und vor allem zuerst hört der Mensch selbst auf,
ein fauler Morast und eine seuchenschwangere Wüste zu sein. Be¬
denkt, wie selbst in den niedrigsten Arten der Arbeit die ganze
Seele des Menschen in eine gewisse Harmonie versetzt wird, so wie
er sich an die Arbeit gibt! Zweifel, Verlangen, Kummer, Unruhe,
40 Unwille, Verzweiflung selbst, alle diese, wie Höllenhunde be¬
lagern die Seele des armen Tagarbeiters wie jedes andern, aber
er greift mit freiem Mut sein Tagwerk an, und sie alle weichen
murrend zurück in ihre fernen Höhlen. Der Mensch ist mm
Mensch; die heilige Glut der Arbeit in ihm ist wie ein reinigend
45 Feuer, worin alles Gift und selbst der verpestendste Qualm in einer
422
London und Manchester. Aus den Deutsch-Französischen Jahrbüchern
hellen heiligen Flamme verbrennt. Gesegnet ist, wer seine
Arbeit gefunden hat; er verlange nach keinem anderen Segen. Er
hat eine Arbeit, einen Lebenszweck; er hat ihn gefunden, er ver¬
folgt ihn, und nun fließt sein Leben dahin, ein freiströmender
Kanal, gegraben durch den abgestandenen Notsumpf der Existenz, 5
ableitend das abgestandne Wasser von der entferntesten Binse,
den verpestenden Sumpf in eine grüne fruchtbare Wiese verwan¬
delnd. Arbeit ist Leben; du hast im Grunde keine andere Kennt¬
nis, als die du dir durch Arbeit erworben hast, das Übrige ist all
Hypothese, Stoff zum Schulgezänk in den Wolken, in endlosen 10
logischen Strudeln flutend, bis wir es versuchen und fixieren. Zwei¬
fel aller Art kann nur durch Tätigkeit gelöst werden. Wunder¬
schön war der Spruch der alten Mönche: Laborare, est orare, Ar¬
beit ist Kultus. Älter als alles gepredigte Evangelium, war dies
ungepredigte, unausgesprochene, aber unauslöschliche, ewige 15
Evangelium; arbeite, und finde Befriedigung in der Arbeit. 0
Mensch, liegt nicht in deinem innersten Herzen ein Geist tätiger
Anordnung, eine Kraft der Arbeit; brennend wie ein schmerzlich
glimmend Feuer, das dir keine Ruhe läßt, bis du es entfaltest, bis
du es in Tatsachen ringsumher niederschreibst? Alles Ungeord- 20
nete, Wüste sollst du geordnet, geregelt, ackerbar machen, dir ge¬
horsam und dir Frucht tragend. Wo du Unordnung findest, da ist
dein ewiger Feind; greif ihn rasch an, unterjoche ihn; entreiß ihn
der Herrschaft des Chaos, bring ihn unter deine, der Intelligenz
und Göttlichkeit Herrschaft! Vor allem aber, wo du Unwissen- 25
heit, Dummheit, Vertierung findest, greif’ sie an, sag’ ich dir,
schlage sie, weise, unermüdlich, ruhe nicht, so lange du lebst und
sie lebt, schlage zu, schlage, im Namen Gottes; schlage! Du sollst
wirken, so lange es Tag ist; es kommt die Nacht, da niemand wir¬
ken kann. — Alle wahre Arbeit ist heilig; Schweiß des Angesichts, 30
Schweiß des Gehirns und des Herzens, einschließend eines Kepler
Berechnungen, eines Newton Meditationen; alle Wissenschaften,
alle gesprochenen Heldenlieder, alles getane Heldentum, Mär¬
tyrertum, bis zu jenem ,Todeskampf des blutigen Schweißes6,
den alle Menschen göttlich genannt haben. Wenn das nicht Kultus 35
ist, zum Teufel dann allen Kultus. Wer bist du, der über sein Le¬
ben saurer Arbeit klagt? Klage nicht, dir ist der Himmel streng,
aber nicht unfreundlich, eine edle Mutter, wie jene spartanische
Mutter, die ihrem Sohne den Schild gab: Mit ihm oder auf ihm!
Klage nicht; auch die Spartaner klagten nicht. Ein Un- 40
geheuer ist in der Welt, — der Faulenzer. Was ist seine Religion,
als daß die Natur ein Phantom, daß Gott eine Lüge ist und der
Mensch und sein Leben eine Lüge.66
Aber auch die Arbeit ist in den wilden Strudel der Unordnung
und des Chaos hineingerissen, das reinigende, aufklärende, ent- 45
Die Lage Englands. Carlyles Past and Present
423
wickelnde Prinzip ist der V e r Wickelung, Verwirrung und Finster¬
nis anheimgefallen. Dies führt auf die eigentliche Hauptfrage,
auf die Zukunft der Arbeit.
„Was für eine Arbeit wird es sein, was unsere Freunde auf
dem Kontinent, schon ziemlich lange und etwas absurd danach
umhertappend, ,Organisation der Arbeit6 nennen. Das muß aus
den Händen absurder Windbeutel genommen und tüchtigen, wei¬
sen, arbeitsamen Männern übergeben werden; es sogleich zu be¬
ginnen, auszuführen und durchzuführen, wenn Europa — wenig-
10 stens wenn England noch lange bewohnbar bleiben soll. Wenn wir
unsre hochedlen Komgesetz-Herzöge ansehen oder unsre geist¬
lichen Herzöge und Seelenhirten ,mit einem Minimum von vier¬
tausendfünfhundert Pfund jährlich6, so werden unsre Hoffnungen
freilich etwas gedämpft. Aber Mut! Es gibt noch manchen braven
u Mann in England. Du unbezähmbarer Fabriklord, ist nicht auch
in dir noch einige Hoffnung? Du bist bis jetzt ein Bucanier ge¬
wesen; aber in dieser ernsten Braue, in diesem unbezähmbaren
Herzen, das Baumwolle besiegen kann, liegen da nicht vielleicht
noch andre, zehnmal edlere Siege?66 — „Seht um euch, eure
20 Weltenheere sind alle in Meuterei, Verwirrung, Verlassenheit; am
Vorabend eines Untergangs in Flammen, am Vorabend des Wahn¬
sinns! Sie wollen nicht weiter marschieren nach dem Prinzip von
sechs Pence täglich und Nachfrage und Zufuhr; sie wollen nicht
und haben ein Recht dazu. Sie sind fast in den Rachen des Wahn-
25 sinnes gejagt; seid ihr vernünftiger. Diese Leute werden nicht
länger als ein verworrener und verwirrender Pöbel marschieren,
sondern als eine geschlossne geordnete Masse, mit wirklichen Füh¬
rern an ihrer Spitze. Alle menschlichen Interessen, alle gemein¬
schaftlichen Unternehmungen mußten auf einer gewissen Ent-
30 wicklungsstufe organisiert werden, und jetzt verlangt das größte
aller menschlichen Interessen, die Arbeit, nach Organisation.66
Um diese Organisation durchzuführen, um wahre Lenkung und
wahre Regierung an die Stelle falscher Lenkung zu setzen, ver¬
langt Carlyle nach einer „wahren Aristokratie66, nach einem
35 „Heroenkultus“, und stellt es als das zweite große Problem auf,
die üqiçto^ die besten ausfindig zu machen, deren Leitung „die un¬
vermeidliche Demokratie mit der notwendigen Souveränität zu
verbinden66.
Aus diesen Auszügen geht der Standpunkt Carlyles ziemlich
40 klar hervor. Seine ganze Anschauungsweise ist wesentlich pan¬
theistisch und zwar deutsch-pantheistisch. Die Engländer haben
keinen Pantheismus, sondern bloß Skeptizismus; das Resultat
alles englischen Philosophierens ist die Verzweiflung an der Ver¬
nunft, die eingestandene Unfähigkeit, die Widersprüche, auf die
45 man in letzter Instanz geraten ist, zu lösen, und infolgedessen auf
424
London und Manchester. Aus den Deutsch-Französischen Jahrbüchern
der einen Seite ein Rückfall in den Glauben, auf der andern die
Hingebung an die reine Praxis, ohne sich weiter um Metaphysik
usw. zu bekümmern. Carlyle ist darum mit seinem aus der deut¬
schen Literatur stammenden Pantheismus auch ein „Phänomen“
in England, und ein für die praktischen und skeptischen Englän- 5
der ziemlich unbegreifliches Phänomen. Die Leute starren ihn an,
sprechen von „deutschem Mystizismus“, von verrenktem Eng¬
lisch; andre behaupten, es sei doch am Ende was dahinter, sein
Englisch sei zwar ungewöhnlich, aber doch schön, er sei ein Pro¬
phet usw. — aber keiner weiß recht, was er aus dem Ganzen 10
machen soll.
Uns Deutschen, die wir die Voraussetzungen für Carlyles
Standpunkt kennen, ist die Sache klar genug. Reste torystischer
Romantik und menschliche Anschauungen aus Goethe auf der
einen, das skeptisch-empirische England auf der andern Seite, 15
diese Faktoren reichen hin, um aus ihnen Carlyles ganze Weltan¬
sicht abzuleiten. Carlyle ist, wie alle Pantheisten, noch nicht über
den Widerspruch hinausgekommen, und der Dualismus ist bei
Carlyle um so schlimmer, da er zwar die deutsche Literatur, aber
nicht ihre notwendige Ergänzung, die deutsche Philosophie kennt, 20
und alle seine Anschauungen daher auch unmittelbar, intuitiv,
mehr schellingisch als hegelisch sind. Mit Schelling — d. h. dem
alten, nicht dem Offenbarungs-Schelling, hat Carlyle wirklich
eine Masse Berührungspunkte; mit Strauß, dessen Anschauungs¬
weise ebenfalls pantheistisch ist, trifft er im „Heroenkultus“ oder 2s
„Kultus des Genius“ zusammen.
Die Kritik des Pantheismus ist in der letzten Zeit in Deutsch¬
land so erschöpfend ausgeführt worden, daß wenig mehr zu sagen
bleibt. Feuerbachs Thesen in den „Anekdotis“ und B. Bauers
Schriften enthalten alles hierher Gehörige. Wir werden uns also so
darauf beschränken können, einfach die Konsequenzen aus Car¬
lyles Standpunkt zu ziehen und zu zeigen, daß er im Grunde nur
eine Vorstufe zum Standpunkte dieser Zeitschrift ist.
Carlyle klagt über die Leerheit und Hohlheit des Zeitalters,
über die innere Verfaulung aller sozialen Institutionen. Die Klage m
ist gerecht; aber mit dem einfachen Klagen ist es nicht abgetan;
um dem Übel abzuhelfen, muß die Ursache desselben aufgesucht
werden; und hätte Carlyle dies getan, so würde er gefunden haben,
daß diese Zerfahrenheit und Hohlheit, diese „Seelenlosigkeit“,
diese Irreligion und dieser „Atheismus“ ihren Grund haben in 40
der Religion selbst. Die Religion ist ihrem Wesen nach die Ent¬
leerung des Menschen und der Natur von allem Gehalt, die Über¬
tragung dieses Gehalts an das Phantom eines jenseitigen Gottes,
der dann wiederum den Menschen und der Natur in Gnaden etwas
von seinem Überfluß zukommen läßt. So lange nun der Glaube an
Die Lage Englands. Carlyles Past and Present
425
dies jenseitige Phantom kräftig und lebendig ist, so lange kommt
der Mensch auf diesem Umwege wenigstens zu etwas Gehalt. Der
starke Glaube des Mittelalters verlieh auf diese Weise der ganzen
Epoche allerdings eine bedeutende Energie, aber eine Energie, die
5 nicht von außen kam, sondern schon in der menschlichen Natur
lag, wenn auch noch unbewußt, noch unentwickelt. Der Glaube
wurde allmählich schwach, die Religion zerbröckelte vor der stei¬
genden Kultur, aber noch immer sah der Mensch nicht ein, daß
er sein eignes Wesen als ein fremdes Wesen angebetet und ver-
10 göttert hatte. In diesem bewußtlosen und zugleich glaubenslosen
Zustande kann der Mensch keinen Inhalt haben, m u ß er an der
Wahrheit, an der Vernunft und Natur verzweifeln, und diese
Hohlheit und Inhaltslosigkeit, die Verzweiflung an den ewigen
Tatsachen des Universums wird so lange dauern, bis die Mensch-
15 heit einsieht, daß das Wesen, was sie als Gott verehrt hat, ihr
eignes, ihr bisher unbekanntes Wesen war, bis — doch was soll
ich Feuerbach abschreiben.
Die Hohlheit ist längst da gewesen, denn die Religion ist der
Akt der Selbstaushöhlung des Menschen; und ihr wundert euch,
so daß sie jetzt, nachdem der Purpur, der sie verdeckte, verblichen,
nachdem der Dunst, der sie einhüllte, gestorben ist, daß sie jetzt
zu eurem Schrecken ans Tageslicht tritt?
Carlyle klagt ferner — dies ist die nächste Folge aus dem Vor¬
hergehenden — das Zeitalter der Heuchelei und der Lüge an. Na-
25 türlich, die Hohlheit und Entnervung muß doch durch Staffage,
ausgestopfte Gewänder und Fischbeinschienen anständig verhüllt
und aufrecht gehalten werden! Auch wir greifen die Heuchelei
des jetzigen christlichen Weltzustandes an; der Kampf gegen sie,
unsere Befreiung von ihr und die Befreiung der Welt von ihr sind
so am Ende unser einzig Tagewerk; aber weil wir durch die Ent¬
wickelung der Philosophie zur Erkenntnis dieser Heuchelei ge¬
kommen, und weil wir den Kampf wissenschaftlich führen, darum
ist uns das Wesen dieser Heuchelei nicht mehr so fremd und un¬
verständlich, wie es für Carlyle allerdings noch ist. Diese Heuche-
35 lei führen wir auch auf die Religion zurück, deren erstes Wort
eine Lüge ist — oder fängt die Religion nicht damit an, daß sie
uns etwas Menschliches zeigt und behauptet, das sei etwas Über¬
menschliches, Göttliches? Weil wir aber wissen, daß alle diese
Lüge und Unsittlichkeit aus der Religion folgt, daß die religiöse
40 Heuchelei, die Theologie der Urtypus aller andern Lügen und
Heuchelei ist, so sind wir berechtigt, den Namen der Theologie auf
die gesamte Unwahrheit und Heuchelei der Gegenwart auszudehnen,
wie dies zuerst durch Feuerbach und B. Bauer geschehen ist. Car¬
lyle möge ihre Schriften lesen, wenn er zu wissen wünscht, woher
45 die Unsittlichkeit kommt, die alle unsre Verhältnisse verpestet.
426
London und Manchester. Aus den Deutsch-Französischen Jahrbüchern
Eine neue Religion, ein pantheistischer Heroenkultus, Kultus
der Arbeit sei zu stiften oder müsse erwartet werden; unmöglich;
alle Möglichkeiten der Religion sind erschöpft; nach dem Chri¬
stentum, nach der absoluten, d.h. abstrakten Religion, nach der
„Religion als solcher“ kann keine andere Form der Religion mehr 5
aufkommen. Carlyle sieht selbst ein, daß das katholische, pro¬
testantische, oder jedes beliebige andere Christentum unaufhalt¬
sam dem Untergange entgegengeht; wenn er die Natur des Chri¬
stentums kennte, so würde er einsehen, daß nach ihm keine andre
Religion mehr möglich ist. Auch der Pantheismus nicht! Der Pan-10
theismus ist selbst noch eine von seiner Prämisse nicht zu tren¬
nende Konsequenz des Christentums, wenigstens der moderne,
spinozistische, schellingische, hegelische und auch der Carlyle-
sche Pantheismus. Der Mühe, den Beweis hierfür zu liefern, über¬
hebt mich wiederum Feuerbach. 15
Wie gesagt, auch uns ist es darum zu tun, die Haltlosigkeit, die
innere Leere, den geistigen Tod, die Unwahrhaftigkeit des Zeit¬
alters zu bekämpfen; mit allen diesen Dingen führen wir einen
Krieg auf Leben und Tod, ebenso wie Carlyle, und haben weit
mehr Wahrscheinlichkeit des Erfolgs für uns als er, weil wir wis- 20
sen, was wir wollen. Wir wollen den Atheismus, wie ihn Carlyle
schildert, aufheben, indem wir dem Menschen den Gehalt wieder¬
geben, den er durch die Religion verloren hat; nicht als einen
göttlichen, sondern als einen menschlichen Inhalt, und die ganze
Wiedergabe beschränkt sich einfach auf die Erweckung des Selbst- 25
bewußtseins. Wir wollen alles, was sich als übernatürlich und
übermenschlich ankündigt, aus dem Wege schaffen und dadurch
die Unwahrhaftigkeit entfernen, denn die Prätension des Mensch¬
lichen und Natürlichen, übermenschlich, übernatürlich sein zu
wollen, ist die Wurzel aller Unwahrheit und Lüge. Deswegen ha- 30
ben wir aber auch der Religion und den religiösen Vorstellungen
ein für allemal den Krieg erklärt und kümmern uns wenig dar¬
um, ob man uns Atheisten oder sonst irgendwie nennt. Wenn indes
Carlyles pantheistische Definition von Atheismus richtig wäre, so
wären nicht wir, sondern unsere christlichen Gegner die wahren 35
Atheisten. Uns fällt es nicht ein, die „ewigen inneren Tatsachen
des Universums“ anzugreifen; im Gegenteil, wir haben sie erst
wahrhaft begründet, indem wir ihre Ewigkeit nachwiesen und sie
vor der allmächtigen Willkür eines in sich selbst widersprechen¬
den Gottes sicher stellten. Uns fällt es nicht ein, „die Welt, den 40
Menschen und sein Leben, für eine Lüge“ zu erklären; im Gegen¬
teil, unsere christlichen Gegner begehen diese Unsittlichkeit, wenn
sie die Welt und den Menschen von der Gnade eines Gottes ab¬
hängig machen, der in Wirklichkeit nur durch die Abspiegelung
des Menschen in der wüsten Hyle seines eigenen unentwickelten 43
Die Lage Englands. Carlyles Past and Present
427
Bewußtseins erzeugt wurde. Uns fällt es nicht ein, die „Offen¬
barung der Geschichte66 zu bezweifeln oder zu verachten, die Ge¬
schichte ist unser Eins und Alles und wird von uns höher gehalten
als von irgendeiner andern, früheren, philosophischen Richtung,
5 höher selbst als von Hegel, dem sie am Ende auch nur als Probe
auf sein logisches Rechenexempel dienen sollte. Der Hohn gegen
die Geschichte, die Nichtachtung der Entwicklung der Menschheit
ist ganz auf der andern Seite ; es sind wiederum die Christen, die
durch die Aufstellung einer aparten „Geschichte des Reiches
10 Gottes66 der wirklichen Geschichte alle innere Wesenhaftigkeit ab¬
sprechen und diese Wesenhaftigkeit allein für ihre jenseitige, ab¬
strakte und noch dazu erdichtete Geschichte in Anspruch nehmen,
die durch die Vollendung der menschlichen Gattung in ihrem
Christus die Geschichte ein imaginäres Ziel erreichen lassen, sie
is mitten in ihrem Laufe unterbrechen und nun die folgenden acht¬
zehnhundert Jahre schon der Konsequenz halber für wüsten Un¬
sinn und bare Inhaltslosigkeit ausgeben müssen. Wir reklamieren
den Inhalt der Geschichte ; aber wir sehen in der Geschichte nicht
die Offenbarung „Gottes66, sondern des Menschen, und nur des
2o Menschen. Wir haben nicht nötig, um die Herrlichkeit des mensch¬
lichen Wesens zu sehen, um die Entwicklung der Gattung in der
Geschichte, ihren unaufhaltsamen Fortschritt, ihren stets sicheren
Sieg über die Unvernunft des einzelnen, ihre Überwindung alles
scheinbaren Übermenschlichen, ihren harten, aber erfolgreichen
25 Kampf mit der Natur bis zur endlichen Erringung des freien,
menschlichen Selbstbewußtseins, der Einsicht von der Einheit des
Menschen mit der Natur, und der freien, selbsttätigen Schöpfung
einer auf rein menschliche, sittliche Lebensverhältnisse begrün¬
deten neuen Welt — um alles das in seiner Größe zu erkennen,
so haben wir nicht nötig, erst die Abstraktion eines „Gottes66 herbei¬
zurufen und ihr alles Schöne, Große, Erhabene und wahrhaft
Menschliche zuzuschreiben; wir brauchen diesen Umweg nicht,
wir brauchen dem wahrhaft Menschlichen nicht erst den Stempel
des „Göttlichen66 aufzudrücken, um seiner Größe und Herrlich-
jjkeit sicher zu sein. Im Gegenteil, je „göttlicher66, d. h. unmensch¬
licher etwas ist, desto weniger werden wir es bewundern können.
Nur der menschliche Ürsprung des Inhalts aller Religionen
rettet ihnen hier und da noch etwas Anspruch auf Respekt; nur
das Bewußtsein, daß selbst der tollste Aberglaube doch im Grunde
io die ewigen Bestimmungen des menschlichen Wesens enthalte,
wenn auch in noch so verrenkter und verzerrter Form, nur dies
Bewußtsein rettet die Geschichte der Religion und namentlich des
Mittelalters vor der totalen Verwerfung und vor dem ewigen
Vergessen, was sonst allerdings das Schicksal dieser „gottvollen66
45 Geschichten sein würde. Je „gottvoller66, desto unmenschlicher,
428
London und Manchester. Aus den Deutsch-Französischen Jahrbüchern
desto tierischer, und das „gottvolle66 Mittelalter produzierte aller¬
dings die Vollendung menschlicher Bestialität, Leibeigenschaft,
jus primae noctis usw. Die Gott 1 o s i g k e i t unseres Zeitalters,
worüber Carlyle so sehr klagt, ist eben seine Gotterfülltheit.
Hieraus wird auch klar, weshalb ich oben den Menschen als die 5
Lösung des Sphynxrätsels angab. Die Frage ist bisher immer ge¬
wesen: Was ist Gott? und die deutsche Philosophie hat die Frage
dahin gelöst: Gott ist der Mensch. Der Mensch hat sich nur selbst
zu erkennen, alle Lebensverhältnisse an sich selbst zu messen, nach
seinem Wesen zu beurteilen, die Welt nach den Forderungen sei- 10
ner Natur wahrhaft menschlich einzurichten, so hat er das Rätsel
unserer Zeit gelöst. Nicht in jenseitigen, existenzlosen Regionen,
nicht über Zeit und Raum hinaus, nicht bei einem der Welt in-
wohnenden oder ihr entgegengesetzten „Gott66 ist die Wahrheit zu
finden, sondern viel näher, in des Menschen eigener Brust. Des
Menschen eigenes Wesen ist viel herrlicher und erhabener als das
imaginäre Wesen aller möglichen „Götter66, die doch nur das mehr
oder weniger unklare und verzerrte Abbild des Menschen selbst
sind. Wenn also Carlyle nach Ben Jonson sagt, der Mensch habe
seine Seele verloren und fange jetzt an, ihren Mangel zu merken, 20
so würde der richtige Ausdruck dafür sein: der Mensch hat in der
Religion sein eigenes Wesen verloren, sich seiner Menschheit ent¬
äußert und merkt jetzt, nachdem die Religion durch den Fort¬
schritt der Geschichte wankend geworden ist, seine Leerheit und
Haltlosigkeit. Es ist aber keine andre Rettung für ihn, er kann 25
seine Menschheit, sein Wesen nicht anders wieder erobern als
durch eine gründliche Überwindung aller religiösen Vorstellun¬
gen und eine entschiedene, aufrichtige Rückkehr nicht zu „Gott66,
sondern zu sich selbst.
Alles das steht auch in Goethe, dem „Propheten66, und wer so
offene Augen hat, der kann es herauslesen. Goethe hatte nicht gern
mit „Gott66 zu tun; das Wort machte ihn unbehaglich, er fühlte
sich nur im Menschlichen heimisch, und diese Menschlichkeit,
diese Emanzipation der Kunst von den Fesseln der Religion macht
eben Goethes Größe aus. Weder die Alten noch Shakespeare kön- 35
nen sich in dieser Beziehung mit ihm messen. Aber diese voll¬
endete Menschlichkeit, diese Überwindung des religiösen Dualis¬
mus kann nur von dem in ihrer ganzen historischen Bedeutung er¬
faßt werden, dem die andre Seite der deutschen Nationalentwick¬
lung, die Philosophie, nicht fremd ist. Was Goethe erst unmittel- so
bar, also in gewissem Sinne allerdings „prophetisch66 aussprechen
konnte, das ist in der neuesten deutschen Philosophie entwickelt
und begründet. Auch Carlyle trägt Voraussetzungen in sich, die
konsequenterweise zu dem oben entwickelten Standpunkt führen
müssen. Der Pantheismus ist selbst nur die letzte Vorstufe zur ss
Die Lage Englands. Carlyles Past and Present
429
freien, menschlichen Anschauungsweise. Die Geschichte, die Car¬
lyle als die eigentliche „Offenbarung66 hinstellt, enthält eben nur
Menschliches, und nur durch einen Gewaltstreich kann ihr Inhalt
der Menschheit entzogen und auf Rechnung eines „Gottes66 ge-
5 bracht werden. Die Arbeit, die freie Tätigkeit, in der Carlyle eben¬
falls einen „Kultus66 sieht, ist wieder eine rein menschliche An¬
gelegenheit und kann auch nur auf gewaltsame Weise mit „Gott66
in Verbindung gebracht werden. Wozu fortwährend ein Wort in
den Vordergrund drängen, das im besten Falle nur die Unend-
10 lichkeit der Unbestimmtheit ausdrückt und noch dazu den Schein
des Dualismus aufrecht erhält? ein Wort, das in sich selbst die
Nichtigkeitserklärung der Natur und Menschheit ist?
So viel für die innerliche, religiöse Seite des Carlyleschen
Standpunktes. Die Beurteilung der äußerlichen, politisch-sozialen
io knüpft sich unmittelbar hieran; Carlyle hat noch Religion genug,
nun in einem Zustande der Unfreiheit zu bleiben; der Pantheis¬
mus erkennt immer noch etwas Höheres an als den Menschen als
solchen. Daher sein Verlangen nach einer „wahrhaften Aristo¬
kratie66, nach „Heroen66; als ob diese Heroen im besten Falle mehr
so sein könnten als Menschen. Hätte er den Menschen als Men¬
schen in seiner ganzen Unendlichkeit begriffen, so würde er nicht
auf die Gedanken gekommen sein, die Menschheit wieder in zwei
Haufen Schafe und Böcke, Regierende und Regierte, Aristokraten
und Canaille, Herren und Dummköpfe zu trennen, so würde er
85 die richtige soziale Stellung des Talents nicht im gewaltsamen
Regieren, sondern im Anregen und Vorangehen gefunden haben.
Das Talent hat die Masse von der Wahrheit seiner Ideen zu über¬
zeugen und wird sich dann nicht weiter um die ganz von selbst
folgende Ausführung derselben zu plagen haben. Die Menschheit
w macht den Durchgang durch die Demokratie wahrlich nicht des¬
halb, um zuletzt wieder da anzukommen, von wo sie ausging. —
Was Carlyle übrigens von der Demokratie sagt, läßt wenig zu
wünschen übrig, wenn wir das soeben Angedeutete, die Unklar¬
heit über das Ziel, den Zweck der modernen Demokratie, aus-
85 schließen. Die Demokratie ist allerdings nur Durchgangspunkt,
aber nicht zu einer neuen, verbesserten Aristokratie, sondern zur
wirklichen, menschlichen Freiheit; eben so wie die Irreligiosität
des Zeitalters zuletzt zur vollkommenen Emanzipation von allem
Religiösen, Übermenschlichen und Übernatürlichen, nicht aber zu
40 dessen Wiederherstellung leiten wird.
Carlyle erkennt die Unzulänglichkeit von „Konkurrenz, Nach¬
frage66 und „Zufuhr, Mammonismus66 usw. an und ist weit ent¬
fernt, die absolute Berechtigung des Grundbesitzes zu behaupten.
Warum nun nicht den einfachen Schluß aus allen diesen Voraus-
45 Setzungen gezogen und das Eigentum überhaupt verworfen? Wie
430 London und Manchester. Aus den Deutsch-Französischen Jahrbüchern
will er die „Konkurrenz66, „Nachfrage und Zufuhr66, Mammonis-
mus usw. vernichten, so lange die Wurzel von alle dem, das Privat¬
eigentum, besteht? „Organisation der Arbeit66 kann dazu nichts
tim, sie kann ohne eine gewisse Identität der Interessen gar nicht
durchgeführt werden. Warum nun nicht konsequent durchge- 5
griffen, die Identität der Interessen, den einzig menschlichen Zu¬
stand proklamiert und dadurch allen Schwierigkeiten, aller Unbe¬
stimmtheit und Unklarheit ein Ende gemacht?
Carlyle erwähnt in allen seinen Rhapsodien der englischen So¬
zialisten mit keiner Silbe. So lange er auf seinem jetzigen, gegen 10
die Masse der Gebildeten Englands allerdings unendlich weit
vorausgeschrittenen, aber immer noch abstrakt-theoretischen
Standpunkt stehen bleibt, wird er sich mit ihren Bestrebungen
freilich nicht besonders befreunden können. Die englischen Sozia¬
listen sind rein praktisch und schlagen deshalb auch Maßregeln, 15
Kolonisation der Heimat usw. in etwas Morrisons-pillenmäßiger
Form vor; ihre Philosophie ist echt englisch, skeptisch, d.h. sie
verzweifeln an der Theorie und halten sich für die Praxis an den
Materialismus, auf den ihr ganzes soziales System basiert ist;
alles das wird Carlyle wenig zusagen, aber er ist eben so einseitig 20
wie sie. Beide haben den Widerspruch nur innerhalb des
Widerspruchs überwunden; die Sozialisten innerhalb der Praxis,
Carlyle innerhalb der Theorie, und auch da nur unmittelbar, wäh¬
rend die Sozialisten über den praktischen Widerspruch entschie¬
den und durch das Denken hinausgekommen sind. Die Sozialisten 25
sind eben noch Engländer, wo sie bloß Menschen sein sollten, sie
kennen von der philosophischen Entwicklung des Kontinents nur
den Materialismus, nicht auch die deutsche Philosophie, das ist
all ihr Mangel, und sie arbeiten direkt auf die Auflösung dieser
Lücke hin, indem sie auf die Aufhebung der Nationalunterschiede jo
hinarbeiten. Wir brauchen gar so eilig nicht zu sein, ihnen die
deutsche Philosophie aufzudrängen, zu der sie von selbst kommen
werden, und die ihnen jetzt wenig nützen könnte. Jedenfalls sind
sie aber die einzige Partei in England, die eine Zukunft hat, so
schwach sie auch verhältnismäßig sein mögen. Die Demokratie, 35
der Chartismus muß sich bald durchsetzen, und dann hat die
Masse der englischen Arbeiter nur die Wahl zwischen dem Hunger¬
tode und dem Sozialismus.
Für Carlyle und seinen Standpunkt ist die Unkenntnis der deut¬
schen Philosophie nicht so gleichgültig. Er ist für sich deutscher /o
Theoretiker und dabei doch durch seine Nationalität an die Empi¬
rie gewiesen; er steht in einem schreienden Widerspruch, der nur
dadurch zu lösen ist, daß er den deutsch-theoretischen Standpunkt
bis zu seiner letzten Konsequenz, bis zur totalen Versöhnung mit
der Empirie fortentwickelt. Carlyle hat nur noch Einen, aber, wie 43
Die Lage Englands. Carlyles Past and Present
431
alle Erfahrung in Deutschland gezeigt hat, einen schweren Schritt
zu tun, um über den Widerspruch, in dem er sich bewegt, heraus¬
zukommen. Es ist zu wünschen, daß er ihn tue, und obwohl er
nicht mehr jung ist, wird er ihn doch wohl tun können, denn der
5 Fortschritt, den sein letztes Buch zeigt, beweist, daß er noch nicht
aus der Entwicklung herausgetreten ist.
Nach allem diesem ist Carlyles Buch einer deutschen Über¬
setzung zehntausendmal eher wert als alle die Legionen englischer
Romane, die täglich und stündlich nach Deutschland importiert
10 werden, und ich kann zu einer solchen Übersetzung nur raten.
Aber unsre Fabrikübersetzer mögen ihre Finger nur davon halten!
Carlyle schreibt ein apartes Englisch, und ein Übersetzer, der
nicht tüchtig Englisch und Anspielungen auf englische Verhält¬
nisse versteht, würde die lächerlichsten Schnitzer machen. —
is Nach dieser, etwas allgemeinen Einleitung werde ich in den
nächsten Heften dieser Zeitschrift genauer auf die Lage Englands
und ihren Kem, die Lage der arbeitenden Klasse eingehen. Die
Lage Englands ist von der unermeßlichsten Bedeutung für die
Geschichte und für alle andern Länder; denn in sozialer Beziehung
2o ist England allerdings allen andern Ländern weit voraus.
F. Engels
Aus:
THE NEW MORAL WORLD
1843—1844
Die Artikel erschienen in der Zeit vom 4. November 1843 bis zum
3. Februar 1844 in The New Moral World.
Tafel VII
NEW MORAL WORLD
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StinUStouMam, «her hartng exerted, Ukr • bnK.dcat of fndî;pv&i dnUumdon agninu cuinmarc^
hani mi-tcnr, the attenbon «f ihr dunking, diaai» , »clUhnr«. und wnpedtmn, »c bare in practka^uS
prMrnl IYovi tim Social horunn. Nobody uo« thmA» oM compétitive ayatem upoa an Imprmrd oke. *
of u. or aprak« of U । iu Uo»e m patu pnortaw bmtik 00 more liberal frinribleaT Gar-
Nearly at the amne time widi Satnt Simon, another tainly, hr r wr canmx atup} and the r reneb, too,
man ilirected the aetivily of hia nugbty iatdktf mj 1 harr not «topped Herr.
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Eine Seite aus „The New Moral World
mit Engels’ Aufsatz „Progress of Social Reform on the Continent
PROGRESS OF SOCIAL REFORM ON THE
CONTINENT
[NMW Vol. V. Third Séries. 4. Nov. 1843. Nr. 19, p. 145-146]
It has always been in some degree surprising to me, ever since
5 I met with English Socialists, to find that most of them are very
little acquainted with the social movement going on in different
parts of the continent. And yet there are more than half a million
of Communists in France, not taking into account the Fourierists,
and other less radical Social reformers; there are Communist as-
io sociations in every part of Switzerland, sending forth missionaries
to Italy, Germany, and even Hungary; and German philosophy,
after a long and troublesome circuit, has at last settled upon Com-
munism.
Thus, the three great and civilized countries of Europe—Eng-
15 land, France, and Germany, have all corne to the conclusion, that
a thorough révolution of social arrangements, based on Community
of property, has now become an urgent and unavoidable necessity.
This resuit is the more striking, as it was arrived at by each of
the above nations independently of the others; a fact, than which
2o there can be no stronger proof, that Communism is not the consé¬
quence of the particular position of the English, or any other
nation, but that it is a necessary conclusion, which cannot be
avoided to be drawn from the premises given in the general facts
of modern civilization.
25 It must, therefore, appear désirable, that the three nations
should understand each other, should know how far they agree,
and how far they disagree; because there must be disagreement
also, owing to the different origin of the doctrine of Community in
each of the three countries. The English came to the conclusion
so practically, by the rapid increase of misery, demoralization, and
pauperism in their own country: the French poluically, by first
asking for political liberty and equality; and, finding this insuffi-
cient, joining social liberty, and social equality to their political
claims: the Germans became Communists philosophically^ by
35 reasoning upon first principles. This being the origin of Socialism
in the three countries, there must exist différences upon minor
points; but I think I shall be able to show that these différences
are very insignificant, and quite consistent with the best feeling
on the part of the Social reformers of each country, towards those
28*
436 London und Manchester 1842—1844. Aus The New Moral World
of the other. The thing wanted is, that they should know each other;
this being obtained, I am certain, they all will have the best wishes
for the success of their foreign brother Communists.
NO. I — FRANCE
France is, since the Revolution, the exclusively political country e
of Europe. No improvement, no doctrine can obtain national im¬
portance in France, unless embodied in some political shape. It
seems to be the part the French nation have to perform in the pre¬
sent stage of the history of mankind, to go through all the forms of
political development, and to arrive, from a merely political be- io
ginning, at the point where all nations, all different paths, must
meet at Communism. The development of the public mind in
France shows this clearly, and shows at the same time, what the
future history of the English Chartists must be.
The French Revolution was the rise of democracy in Europe. is
Democracy is, as I take all forms of govemment to be, a contra¬
diction in itself, an untruth, nothing but hypocrisy (theology, as
we Germans call it), at the bottom. Political liberty is sham-
liberty, the worst possible slavery; the appearance of liberty, and
therefore the reality of servitude. Political equality is the same; 20
therefore democracy, as well as every other form of govemment,
must ultimately break to pièces: hypocrisy cannot subsist, the con¬
tradiction hidden in it must come out; we must have either a regulär
slavery—that is, an undisguised despotism, or real liberty, and
real equality—that is, Communism. Both these conséquences were 25
brought out in the French Revolution; Napoleon established the
first, and Babeuf the second. I think I may be short upon the sub-
ject of Babouvism, as the history of his conspiracy, by Buonarotti,
has been translated into the English language. The Communist
plot did not succeed, because the then Communism itself was of so
a very rough and superficial kind; and because, on the other hand,
the public mind was not yet far enough advanced.
The next French Social reformer was Count de St. Simon. He
succeeded in getting up a sect, and even some establishments; none
of which succeeded. The general spirit of the Saint-Simonian doc- 35
trines is very much like that of the Ham-Common Socialists, in
England; although, in the detail of the arrangements and ideas,
there is a great différence. The singularities and eccentricities of
the Saint-Simonians very soon became the victims of French wit
and satire; and everything once made ridiculous is inevitably lost 40
in France. But, besides this, there were other causes for the failure
of the Saint-Simonian establishments; all the doctrines of this
Progress of Social Reform I
437
party were enveloped in the clouds of an unintelligible mysticism,
which, perhaps, in the beginning, attract the attention of the people;
but, at last, must leave their expectations disappointed. Their eco-
nomical principles, too, were not unexceptionable; the share of
each of the members of their communities in the distribution of
produce, was to be regulated, firstly, by the amount of work he
had done; and, secondly, the amount of talent he displayed. A Ger¬
man Republican, Boeme, justly replied to this principle, that
talent, instead of being rewarded, ought rather to be considered as
10 a natural preference; and, therefore, a déduction ought to be made
from the share of the talented, in order to restore equality.
Saint-Simonism, after having excited, like a brilliant meteor,
the attention of the thinking, disappeared from the Social horizon.
Nobody now thinks of it, or speaks of it; its time is past.
u Nearly at the same time with Saint-Simon, another man directed
the activity of his mighty intellect to the social state of mankind —
Fourier. Although Fourier’s writings do not display those bright
sparks of genius, which we find in Saint-Simon’s, and some of his
disciples; although his style is hard, and shows, to a considérable
20 extent, the toil with which the author is always labouring to bring
out his ideas, and to speak out things, for which no words are pro-
vided in the French language—nevertheless, we read his works with
greater pleasure; and find more real value in them, than in those of
the preceeding school. There is mysticism, too, and as extrava-
25 gant as any, but this you may eut off and throw it aside, and there
will remain something not to be found among the Saint-Simonians,
—scientific research, cool, unbiassed, systematic thought; in
short, social philosophy; whilst Saint-Simonism can only be called
social poefry. It was Fourier, who, for the first time, established
so the great axiom of social philosophy, that, every individual having
an inclination or prédilection for some particular kind of work,
the sum of all these inclinations of all individuals must be, upon
the whole, an adéquate power for providing for the wants of all.
From this principle, it follows, that if every individual is left to
35 his own inclination, to do and to leave what he pleases, the wants of
all will be provided for,without the forcible means used by the pre¬
sent System of society. This assertion looks bold, and yet, afterFou¬
rier’s mode of establishing it, is quite unassailable, almost seif-
evident—the egg of Columbus. Fourier proves, that every one is
io bom with an inclination for some kind of work, that absolute
idleness is nonsense, a thing which never existed, and cannot exist:
that the essence of the human mind is to be active itself, and to
bring the body into activity ; and that, therefore, there is no neces-
sity for making the people active by force, as in the now existing
45 state of society, but only to give their natural activity the right
438 London und Manchester 1842—1844. Aus The New Moral World
direction. He goes on proving the identity of labour and enjoy¬
ment, and shows the irrationality of the present social System,
which separates them, making labour a toil, and placing enjoyment
above the reach of the majority of the labourers; he shows further,
how, under rational arrangements, labour may be made, what it 5
is intended to be, an enjoyment, leaving every one to follow his own
inclinations. I cannot, of course, follow Fourier through the whole
of his theory of free labour, and I think this will be sufficient to
show the English Socialists that Fourierism is a subject well worthy
of their attention 10
Another of the merits of Fourier is to have shown the advan-
tages—nay, the necessity of association. It will be sufficient only
to mention this subject, as I know the English to be fully aware of
its importance.
There is one inconsistency, however, in Fourierism, and a very 15
important one too, and that is, his nonabolition of private property.
In his Phalanstères or associative establishments, there are rieh
and poor, capitalists and working men. The property of all mem-
bers is placed into a joint stock, the establishment carries on
commerce, agricultural and manufacturing industry, and the 20
proceeds are divided among the members; one part as wages of
labour, another as reward for skill and talent, and a third as
profits of capital. Thus, after all the beautiful théories of asso¬
ciation and free labour; after a good deal of indignant décla¬
mation against commerce, selfishness, and compétition, we have in 25
practice, the old compétitive System upon an improved plan, a
poor-law bastile on more liberal principles! Certainly, here we
cannot stop; and the French, too, have not stopped here.
The progress of Fourierism in France was slow, but regulär.
There are not a great many Fourierists, but they count among their 30
numbers a considérable portion of the intellect now active in
France. Victor Considérant is one of their cleverest writers. They
have a newspaper, too, the „Phalange“, published formerly three
times a week, now daily**\
As the Fourierists are now represented in England also by 35
Mr. Doherty, I think I may have said enough conceming them, and
now pass to the most important and most radical party in France,
the Communists.
I said before, that everything claiming national importance,
in France, must be of a political nature, or it will not succeed. 40
Saint-Simon and Fourier did not touch politics at all, and their
schemes, therefore, became not the common property of the nation,
*) A few years since we gave a complété exposition of the System in a sériés
of articles in this Journal. — Ed. N. M. W.
* * ) Now entitled the „Démocratie Pacifique“. — Ed. N. M. W.
Progress of Social Reform I
439
but only subjects of private discussion. We have seen how Babeuf’s
Communism arose out of the democracy of the first révolution.
The second révolution, of 1830, gave rise to another and more
powerful Communism. The „great week“, of 1830, was accom-
5 plished by the union of the middle and working classes, the libérais
and the republicans. After the work was done, the working classes
were dismissed, and the fruits of the révolution were taken posses¬
sion of by the middle classes only. The working men got up
several insurrections, for the abolition of political monopoly, and
io the establishment of a republic, but were always defeated; the
middle dass having, not only the army on their side, but forming
themselves the national guard besides. During this time (1834
or 1835) a new doctrine sprang up among the republican working
men. They saw, that even after having succeeded in their demo-
15 cratic plans, they would continue the dupes of their more gifted
and better educated leaders, and that their social condition, the
cause of their political discontent, would not be bettered by any
political change whatsoever. They referred to the history of the
great révolution, and eagerly seized upon Babeuf’s Communism.
2o This is all that can, with safety, be asserted conceming the origin
of modern Communism in France; the subject was first discussed
in the dark lanes and crowded alleys of the Parisian suburb, Saint-
Antoine, and soon after in the secret assemblies of conspira tors.
Those who know more about its origin, are very careful to keep
25 their knowledge to themselves, in order to avoid the „strong arm
of the law“. However, Communism spread rapidly over Paris,
Lyons, Toulouse, and the other large and manufacturing towns of
the realm; various secret associations followed each other, among
which the „Travailleurs Egalitaires66, or Equalitarian working
30 men, and the Humanitarians, were the most considérable. The
Equalitarians were rather a „rough set66, like the Babouvists of
the great révolution; they purposed making the world a working-
man’s Community, putting down every refinement of civilization,
science, the fine arts, etc., as useless, dangerous, and aristocratie
35 luxuries; a préjudice necessarily arising from their total ignorance
of history and political economy. The Humanitarians were known
particularly for their attacks on marriage, family, and other simi-
lar institutions. Both these, as well as two or three other parties,
were very short-lived, and the great bulk of the French working
40 classes adopted, very soon, the tenets propounded by M. Cabet,
„Père Cabet66, (Father C.) as he is called, and which are known
on the continent under the name of Icarian Communism.
This sketch of the History of Communism in France shows, in
some measure, what the différence of French and English Com-
45 munism must be. The origin of Social reform, in France, is a
440 London und Manchester 1842—1844. Aus The New Moral World
political one; it is found, that democracy cannot give real equality,
and therefore the Community scheme is called to its aid. The bulk
of the French Communists are, therefore, republicans besides;
they want a community state of society, under a republican form
of govemment. Now, I do not think that the English Socialists s
would have serious objections to this; because, though they are
more favourable to an elective monarchy, I know them to be too
enlightened to force their kind of govemment upon a people to-
tally opposed to it. It is evident, that to try this would involve
this people in far greater disorders and difficulties than would io
arise from their own démocratie mode of govemment, even suppo-
sing this to be bad.
But there are other objections that could be made to the French
Communists. They intend overthrowing the present govemment
of their country by force, and have shown this by their continuai 15
policy of secret associations. This is true. Even the Icarians,
though they déclaré in their publications, that they abhor physical
révolutions and secret societies, even they are associated in this
männer, and would gladly seize upon any opportunity to establish
a republic by force This will be objected to, I dare say, and 20
rightly, because, at any rate, secret associations are always con-
trary to common prudence, inasmuch as they make the parties
liable to unnecessary legal persécutions. I am not inclined to
defend such a line of policy, but it has to be explained, to be
accounted for; and it is fully done so by the différence of the 25
French and English national character and govemment. The Eng¬
lish Constitution has now been, for about one hundred and fifty
years, uninterruptedly, the law of the land; every change has
been made by legal means, by constitutional forms; therefore the
English must have a strong respect for their laws. But, in France, 30
duringthe last fifty years, one forced alteration followed the other;
all constitutions, from radical democracy to open despotism, all
kinds of laws were, after a short existence, thrown away and
replaced by others; how can the people then respect their laws?
And the result of all these convulsions, as now established in the 35
French constitution and laws, is the oppression of the poor by the
rieh, an oppression kept up by force — how can it be expected
that the oppressed should love their public institutions, that they
should not resort to the old tricks of 1792? They know that, if
they are anything, they are it by meeting force by force, and 40
having, at present, no other means, why should they hesitate a
*) It is proper to reiterate that the Icarian Communists, in their organ, the Popu¬
laire, have, in the strongest männer, disowned all participation in secret societies, and
affixed the names of their leaders to public documents, expositions of their principles
and objecte. — Ed. N. M. JT.
Progress of Social Reform I
441
moment to apply this? It will be said further; why do not the
French Communists establish communities, as the English have
done? My reply is, because they dare not. If they did, the first
experiment would be put down by soldiers. And if they were
5 suffered to do so, it would be of no use to them. I always un-
derstood the Harmony Establishment to be only an experiment, to
show the possibility of Mr. Owen’s plans, if put into practice, to
force public opinion to a more favourable idea of the Socialist
schemes for relieving public distress. Well, if that be the case,
10 such an experiment would be of no avail in France. Show the
French, not that your plans are practical, because that would
leave them cool and indifferent. Show them that your communities
will not place mankind under an „iron-bound despotism,“ as
Mr. Bairstow the Chartist said, in his late discussion with Mr.
is Watts. Show them that real liberty and real equality will be only
possible under Community arrangements, show them that justice
demands such arrangements, and then you will have them all on
your side.
But to retum to the social doctrines of the Icarian Communists.
2o Their „holy book“ is the „Voyage en Icarie“, (Travels in Icaria)
of Father Cabet, who, by-the-by, was formerly Attomey-General,
and Member of the Chamber of Deputies. The general arrange¬
ments for their Communities are very little different to those of
Mr. Owen. They have embodied in their plans everything rational
25 they found in Saint-Simon and Fourier; and, therefore, are very
much superior to the old French Communists. As to marriage, they
perfectly agree with the English. Everything possible is done to
secure the liberty of the individual. Punishments are to be aboli-
shed, and to be replaced by éducation of the young, and rational
so mental treatment of the old.
It is, however, curious, that whilst the English Socialists are
generally opposed to Christianity, and have to suffer all the reli-
gious préjudices of a really Christian people, the French Com¬
munists, being a part of a nation celebrated for its infidelity, are
35 themselves Christians. One of their favourite axioms is, that
Christianity is Communism „le Christianisme c’est le Commu¬
nisme66. This they try to prove by the bible, the state of community
in which the first Christians are said to have lived, etc. But ail
this shows only, that these good people are not the best Christians,
4o although they style themselves so ; because if they were, they
would know the bible better, and find that, if some few passages
of the bible may be favourable to Communism, the general spirit
of its doctrines is, nevertheless, totally opposed to it, as well as to
every rational measure.
45 The rise of Communism has been hailed by most of the eminent
442 London und Manchester 1842—1844. Aus The New Moral World
minds in France; Pierre Leroux, the metaphysician; George Sand,
the courageous defender of the rights of her sex; Abbé de La¬
mennais, author of the „Words of a Believer“, and a great many
others, are, more or less, inclined towards the Communist doctrines.
The most important writer, however, in this line is Proudhon, a 5
young man, who published two or three years ago his work: What
is Property? („Qu’est ce que la Propriété?64) where he gave the
answer: „La propriété c’est le vol,44 Property is robbery. This is
the most philosophical work, on the part of the Communists, in the
French language; and, if I wish to see any French book translated 10
into the English language, it is this. The right of private property,
the conséquences of this institution, compétition, immorality,
misery, are here developed with a power of intellect, and real
scientific research, which I never since found united in a single
volume. Besides this, he gives very important remarks on govem-15
ment, and having proved, that every kind of govemment is alike
objectionable, no matter whether it be democracy, aristocracy, or
monarchy, that ail govem by force; and that, in the best of ail
possible cases, the force of the majority oppresses the weakness
of the minority, he cornes, at last, to the conclusion: „Nous voulons 20
l’anarchie!44 What we want is anarchy; the mie of nobody, the
responsibility of every one to nobody but himself.
Upon this subject I shall have to speak more, when I corne to
the German Communists. I have now only to add, that the French
Icarian Communists are estimated at about half a million in num- 25
ber, women and children not taken into account. A pretty respec¬
table phalanx, is n’t it? They have a monthly paper, the „Popu¬
laire“, edited by Father Cabet; and, besides this, P. Leroux pu-
blishes a periodical, the „Independent Review“, in which the tenets
of Communism are philosophically advocated. 30
F. Engels
Manchester, Oct. 23,1843.
NO. II — GERMANY AND SWITZERLAND
[NMW Vol. V. Third Séries. 18. Nov. 1843. Nr. 21, p. 161-162]
Germany had her Social Reformers as early as the Reforma¬
tion. Soon after Luther had begun to proclaim church reform and
5 to agitate the people against spiritual authority, the peasantry of
Southern and Middle Germany rose in a general insurrection
against their temporal lords. Luther always stated his object to
be, to return to original christianity in doctrine and practice; the
peasantry took exactly the same standing, and demanded, there-
10 fore, not only the ecclesiastical, but also the social practice of
primitive christianity. They conceived a state of villany and ser¬
vitude, such as they lived under, to be inconsistent with the doc¬
trines of the Bible; they were oppressed by a set of haughty barons
and earls, robbed and treated like their cattle every day, they had
is no law to protect them, and if they had, they found nobody to
enforce it. Such a state contrasted very much with the communities
of early Christians and the doctrines of Christ, as laid down in the
Bible. Therefore they arose and began a war against their lords,
which could only be a war of extermination. Thomas Münzer, a
2o preacher, whom they placed at their head, issued a proclamation,
full, of course, of the religious and superstitious nonsense of the
âge, but containing also among others, principles like these: That
according to the Bible, no Christian is entitled to hold any property
whatever exclusively for himself ; that Community of property is
25 the only proper state for a society of Christians; that it is not
allowed to any good Christian, to have any authority or command
over other Christians, nor to hold any office of govemment or here-
ditary power, but on the contrary, that, as all men are equal before
God, so they ought to be on earth also. These doctrines were nothing
3o but conclusions drawn from the Bible and from Luther’s own writ-
ings; but the Reformer was not prepared to go as far as the people
did ; notwithstanding the courage he displayed against the spiritual
authorities, he had not freed himself from the political and social
préjudices of his age ; he believed as firmly in the right divine of
35 princes and landlords, to trample upon the people, as he did in
the Bible. Besides this, he wanted the protection of the aristocracy
and the protestant princes, and thus he wrote a tract against the
rioters, disclaiming not only every connection with them, but also
exhorting the aristocracy to put them down with the utmost
4o severity, as rebels against the laws of God. „Kill them like dogs!“
444 London und Manchester 1842—1844. Aus The New Moral World
he exclaimed. The whole tract is written with such an animosity,
nay, fury and fanaticism against the people, that it will ever form
a blot upon Luther’s character; it shows that, if he began his career
as a man of the people, he was now entirely in the service of their
oppressors. The insurrection, after a most bloody civil war, was 5
suppressed, and the peasants reduced to their former servitude.
If we except some solitary instances, of which no notice was
taken by the public, there has been no party of Social Reformers
in Germany, since the peasants’ war, up to a very recent date. The
public mind during the last fifty years was too much occupied with
questions of either a merely political or merely metaphysical na¬
ture—questions, which had to be answered, before the social
question could be discussed with the necessary calmness and
knowledge. Men, who would have been decidedly opposed to a
System of Community, if such had been proposed to them, were w
nevertheless paving the way for its introduction.
It was among the working class of Germany that Social Reform
has been of late made again a topic of discussion. Germany having
comparatively little manufacturing industry, the mass of the wor¬
king classes is made up by handicraftsmen, who previous to their 20
establishing themselves as little masters, travel for some years
over Germany, Switzerland, and very often over France also. A
great number of German workmen is thus continually going to and
from Paris, and must of course there become acquainted with the
political and social movements of the French working classes. One 25
of these men, William Weitling, a native of Magdeburg in Prussia,
and a simple joumeyman-tailor, resolved to establish communities
in his own country.
This man, who is to be considered as the founder of German
Communism, after a few years’ stay in Paris, went to Switzerland, 30
and, whilst he was working in some tailor’s shop in Geneva, prea-
ched his new gospel to his fellow-workmen. He formed Commun¬
ist Associations in all the towns and cities on the Swiss side of the
lake of Geneva, most of the Germans who worked there becoming
favourable to his views. Having thus prepared a public mind, he 35
issued a periodical, the Young Generation, for a more extensive
agitation of the country. This paper, although written for working
men only, and by a working man, has from its beginning been
superior to most of the French Communist publications, even to
Father Cabet’s Populaire. It shows that its editor must have worked 40
very hard, to obtain that knowledge of history and politics, which
a public writer cannot do without, and which a neglected éducation
had left him deprived of. It shows, at the same time, that Weitling
was always struggling to unité his various ideas and thoughts on
society into a complété System of Communism. The Young Gene- 45
Progress of Social Reform II
445
ration was first published in 1841 ; in the following year, Weitling
published a work: Guarantees of Harmony and Liberty, in which
he gave a review of the old social System and the outlines of a new
one. I shall, perhaps, some time give a few extracts from this book.
s Having thus established the nucléus of a Communist party in
Geneva and its neighbourliQod, he went to Zurich, where, as in
other towns of Northern Switzerland, some of his friends had
already commenced to opérate upon the minds of the working men.
He now began to organise his party in these towns. Under the name
io of Singing Clubs, associations were formed for the discussion of
Social reorganization. At the same time Weitling advertised his in¬
tention to publish a book,—The Gospel of the Poor Sinners. But
here the police interfered with his proceedings.
In June last, Weitling was taken into custody, his papers and his
io book were seized, before it left the press. The Executive of the
Republic appointed a Committee to investigate the matter, and to
report to the Grand Council, the représentatives of the people. This
report has been printed a few months since. It appears from it,
that a great many Communist associations existed in every part of
so Switzerland, consisting mostly of German working men; that Weit¬
ling was considered as the leader of the party, and received from
time to time reports of progress; that he was in correspondence
with similar associations of Germans in Paris and London, and that
all these societies, being composed of men who very often changed
25 their résidence, were so many seminaries of these „dangerous and
Utopian doctrines,66 sending out their elder members to Germany,
Hungaria, and Italy, and imbuing with their spirit every workman
who came within their reach. The report was drawn up by Dr.
Bluntschli, a man of aristocratie and fanatically Christian opinions,
so and the whole of it therefore is written more like a party denun-
ciation, than like a calm, official report. Communism is denounced
as a doctrine dangerous in the extreme, subversive of all existing
order, and destroying all the sacred bonds of society. The pious
doctor, besides, is at a loss for words sufficiently strong to express
35 his feelings as to the frivolous blasphemy with which these infa-
mous and ignorant people try to justify their wicked and revolutio-
nary doctrines, by passages from the Holy Scriptures. Weitling
and his party are, in this respect, just like the Icarians in France,
and contend that Christianity is Communism.
4o The resuit of Weitling’s trial did very little to satisfy the anti¬
cipations of the Zurich govemment. Although Weitling and his
friends were sometimes very incautious in their expressions, yet
the charge of high treason and conspiracy against him could not be
maintained; the criminal court sentenced him to six months’ im-
45 prisonment, and etemal banishment from Switzerland; the mem-
446 London und Manchester 1842—1844. Aus The New Moral World
bers of the Zurich associations were expelled the Canton; the report
was communicated to the govemments of the other Cantons and to
the foreign embassies, but the Communists in other parts of
Switzerland were very little interfered with. The prosecution came
too late, and was too little assisted by the other Cantons; it did 5
nothing at all for the destrucion of Communism, and was even
favourable to it, by the great interest it produced in all countries of
the German tongue. Communism was almost unknown in Germany,
but became by this an object of general attention.
Besides this party there exists another in Germany, which advo- 10
cates Communism. The former, being thoroughly a populär party,
will no doubt very soon unité all the working classes of Germany;
that party which I now refer to is a philosophical one, unconnected
in its origin with either French or English Communists, and arising
from that philosophy which, since the last fifty years, Germany has 15
been so proud of.
The political révolution of France was accompanied by a philo¬
sophical révolution in Germany. Kant began it by overthrowing the
old System of Leibnitzian metaphysics, which at the end of last
Century was introduced in all Universities of the Continent. Fichte 20
and Schelling commenced rebuilding, and Hegel completed the
new System. There has never been, ever since man began to think,
a System of philosophy as comprehensive as that of Hegel. Logic,
metaphysics, natural philosophy, mental philosophy, the philo¬
sophy of law, of religion, of history, all are united in one System, 25
reduced to one fundamental principle. The System appeared quite
unassailable from without, and so it was; it has been overthrown
from within only, by those who were Hegelians themselves. I can-
not, of course, give here a complété development either of the
System or of its history, and therefore must restrain myself to the 30
following remarks. The progress of German philosophy from Kant
to Hegel was so consistent, so logical, so necessary, if I may say so,
that no other Systems besides those I have named could subsist.
There are two or three of them, but they found no attention; they
were so neglected, that nobody would even do them the honour to 35
overthrow them. Hegel, notwithstanding his enormous learning and
his deep thought, was so much occupied with abstract questions,
that he neglected to free himself from the préjudices of his age —
an age of restoration for old Systems of govemment and religion.
But his disciples had very different views on these subjects. Hegel 40
died in 1831, and as early as 1835 appeared Strauss9 Life of Jesus,
the first work showing some progress beyond the limits of orthodox
Hegelianism. Others followed; and in 1837 the Christians rose
against what they called the New Hegelians, denouncing them as
Atheists, and calling for the interférence of the state. The state, 45
Progress of Social Reform II
447
however, did not interfère, and the controversy went on. At that
time, the New, or Young Hegelians, were so little conscious of the
conséquences of their own reasoning, that they all denied the
charge of Atheism, and called themselves Christians and Pro-
5 testants, although they denied the existence of a God, who was not
man, and declared the history of the gospels to be a pure mytho-
logy. It was not until last year, in a pamphlet, by the writer of
these lines, that the charge of Atheism was allowed to be just. But
the development went on. The Young Hegelians of 1842, were
io declared Atheists and Republicans; the periodical of the party, the
„German Annals66, was more radical and open than ever before;
a political paper was established, and very soon the whole of the
German liberal press was entirely in our hands. We had friends
in almost every considérable town of Germany; we provided all
is the liberal papers with the necessary matter, and by this means
made them our organs; we inundated the country with pamphlets,
and soon govemed public opinion upon every question. A tem-
porary relaxation of the censorship of the press added a
great deal to the energy of this movement, quite novel to a
2o considérable part of the German public. Papers, published under
the authorization of a govemment censor, contained things which,
even in France, would have been punished as high treason, and
other things which could not have been pronounced in England,
without a trial for blasphemy being the conséquence of it. The
25 movement was so sudden, so rapid, so energetically pursued, that
the govemment as well as the public were dragged along with it for
some time. But, this violent character of the agitation proved that
it was not founded upon a Strong party among the public, and that
its power was produced by the surprise and consternation only of
30 its opponents. The govemments, recovering their senses, put a stop
to it by a most despotic oppression of the liberty of speech. Pam¬
phlets, newspapers, periodicals, scientific works were suppressed
by dozens, and the agitated state of the country soon subsided. It is
a matter of course that such a tyrannical interférence will not
35 check the progress of public opinion, nor quench the principles
defended by the agitators; the entire persécution has been of no
use whatever to the ruling powers; because, if they had not put
down the movement, it would have been checked by the apathy of
the public at large, a public as little prepared for radical changes
40 as that of every other country; and, if even this had not been the
case, the republican agitation would have been abandoned by the
agitators themselves, who now, by developing farther and farther
the conséquences of their philosophy, became Communists. The
princes and rulers of Germany, at the very moment when they
45 believed to have put down for ever, republicanism, saw the rise of
448 London und Manchester 1842—1844. Aus The New Moral World
Communism from the ashes of political agitation; and this new
doctrine appears to them even more dangerous and formidable
than that in whose apparent destruction they rejoiced.
As early as autumn, 1842, some of the party contended for the
insufficiency of political change, and declared their opinion to be, 5
that a Social révolution based upon common property, was the only
state of mankind agreeing with their abstract principles. But even
the leaders of the party, such as Dr. Bruno Bauer, Dr. Feuerbach,
and Dr. Ruge, were not then prepared for this decided Step. The
political paper of the party, the Rhenish Gazette, published some w
papers advocating Communism, but without the wished-for effect.
Communism, however, was such a necessary conséquence of New
Hegelian philosophy, that no opposition could keep it down, and,
in the course of this present year, the originators of it had the satis¬
faction of seeing one republican after the other join their ranks. is
Besides Dr. Hess, one of the editors of the now suppressed Rhenish
Gazette, and who was, in fact, the first Communist of the party,
there are now a great many others; as Dr. Ruge, editor of the
German Armais, the scientific periodical of the Young Hegelians,
which has been suppressed by resolution of the German Diet; 20
Dr. Marx, another of the editors of the Rhenish Gazette; George
Herwegh, the poet whose letter to the King of Prussia was
translated, last winter, by most of the English papers, and others:
and we hope that the remainder of the republican party will, by-
and-by, come over too. 25
Thus, philosophical Communism may be considered for ever
established in Germany, notwithstanding the efforts of the govern-
ments to keep it down. They have annihilated the press in their
dominions, but to no effect; the progress parties profit by the free
press of Switzerland and France, and their publications are as 30
extensively circulated in Germany, as if they were printed in that
country itself. All persécutions and prohibitions have proved
ineffectual, and will ever do so; the Germans are a philosophical
nation, and will not, cannot abandon Communism, as soon as it
is founded upon sound philosophical principles: chiefly if it is 35
derived as an unavoidable conclusion from their own philosophy.
And this is the part we have to perform now. Our party has to
prove that either all the philosophical efforts of the German nation,
from Kant to Hegel, have been useless—worse than useless; or,
that they must end in Communism; that the Germans must either 40
reject their great philosophers, whose names they hold up as the
glory of their nation, or that they must adopt Communism. And
this will be proved; this dilemma the Germans will be forced into,
and there can scarcely be any doubt as to which side of the question
the people will adopt. There is a greater chance in Germany for 45
Progress of Social Reform II
449
the establishment of a Communist party among the educated classes
of society, than anywhere else.The Germans are a very disinterested
nation; if in Germany principle cornes into collision with interest,
principle will almost always silence the daims of interest. The
5 same love of abstract principle, the same disregard of reality and
self-interest, which have brought the Germans to a state of political
nonentity, these very same qualities guarantee the success of philo-
sophical Communism in that country. It will appear very singulär
to Englishmen, that a party which aims at the destruction of private
10 property, is chiefly made up by those who have property ; and yet
this is the case in Germany. We can recruit our ranks from those
classes only which have enjoyed a pretty good éducation; that is,
from the universities and from the commercial dass; and in either
we have not hitherto met with any considérable difficulty.
is As to the particular doctrines of our party, we agréé much more
with the English Socialists than with any other party. Their System,
like ours, is founded upon philosophical principle; they struggle,
as we do, against religious préjudices whilst the French reject
philosophy and perpetuate religion by dragging it over with them-
2o selves into the projected new state of society. The French Com¬
munists could assist us in the first stages only of our development,
and we soon found that we knew more than our teachers; but we
shall have to leam a great deal yet from the English Socialists.
Although our fundamental principles give us a broader base,
25 inasmuch as we received them from a System of philosophy
embracing every part of human knowledge; yet in everything
bearing upon practice, upon the facts of the present state of society,
we find that the English Socialists are a long way before us, and
have left very little to be done. I may say, besides, that I have met
so with English Socialists with whom I agréé upon almost every
question.
I cannot now give an exposition of this Communist System
without adding too much to the length of this paper; but I intend to
do so some time soon, if the Editor of the New Moral World will
35 allow me the space for it. I therefore conclude by stating, that,
notwithstanding the persécutions of the German govemments (I
understand that, in Berlin, Mr. Edgar Bauer is prosecuted for a
Communist publication; and in Stuttgart another gentleman has
been committed for the novel crime of “Communist correspon-
4o dence“!) notwithstanding this, I say, every necessary step is taken
to bring about a successful agitation for Social Reform, to establish
a new periodical, and to secure the circulation of ail publications
advocating Communism.
F. Engels
Marx-Engels-Gesamtausgabe, I. Abt., Bd. 2.
29
THE „TIMES“ ON GERMAN COMMUNISM
To the Editor of the New Moral World
[NMW Vol. V. Third Séries. 20. Jan. 1844. Nr. 30, p. 235]
Sir, — Seeing the paper from the Times on the Communists in
Germany, republished in The New Moral World, I thought it 5
better not to let it pass without some commentatory remarks, which
you perhaps will find worth inserting.
The Times hitherto enjoyed on the continent the réputation of a
well-informed newspaper, but a few more articles like that on
German Communism must very soon destroy that opinion. Every 10
one who has the slightest knowledge of the social movements in
France and Germany, must at once perceive that the author of the
paper alluded to speaks of a subject of which he is thoroughly
ignorant. He knows not even so much about it as would enable him
to expose the weaker parts of the party he attacks. If he wanted to 15
decry Weitling, he could have found in his writings passages much
more fitted for his purpose than those he translates. If he only
would have given himself the trouble to read the report of the
Zurich Committee, which he professes to have read, but evidently
has not, he would have found plenty of matter for slander, lots of 20
garbled passages collected expressly for the purpose. It is very
curious, after all, that the Communists themselves must fumish
their opponents with arms for the combat; but, Standing upon the
broad base of philosophical argument, they can afford to do so.
The correspondent of the Times begins by describing the Com- 25
munist party as very weak in France, and doubts whether the in¬
surrection of 1839, in Paris, was got up by them, or, which he
thinks very likely, by the „powerful“ republican party. My well
informed informer of the English public, do you consider a party
very weak which numbers about half a million of adult males? Do 30
you know that the „powerful“ republican party in France is, and
has been these last nine years, in a state of utter dissolution and
increasing decay? Do you know that the National newspaper, the
organ of this „powerful“ party, has a more limited circulation
than any other Paris paper? Must I, a foreigner, remind you of 35
the republican subscription for the Irish repeal fund, got up by the
National last summer, and amounting to less than one hnndred
pounds, although the republicans affected considérable sympathy
The „Times“ on German Communism
451
for the Irish repealers? Do you not know that the mass of the
republican party, the working classes, have seceded from their
richer partizans long since, and not joined, no, established the
Communist party, long before Cabet commenced to advocate Com-
5 munism? Do you not know that all the „power“ of the French
republicans consists in the reliance they have in the Communists,
who wish to see a republic established before they begin putting
Communism into practice? It seems you are ignorant of ail these
things, and yet you ought to know them, in order to form a correct
10 opinion of continental Socialism.
As to the insurrection of 1839, I do not consider such things
creditable to any party; but I have il from parties actively engaged
in this émeute, that it was plotted and executed by the Communists.
The well-informed correspondent goes on to state that „Fou-
15 rier’s and Cabet’s doctrines seemed more to occupy the minds of
some literary and scientific characters, than to gain general favoui
with the people.66 Of Fourier this is true, as I had occasion to show
in a former number of this paper; but Cabet! Cabet, the author of
almost nothing but small pamphlets, — Cabet, who is always called
20 Father Cabet, a name not likely to be given by „literary and scien¬
tific characters66, — Cabet, whose greatest fault is superficiality
and want of regard for the just daims of scientific researcb, —
Cabet, the editor of a paper calculated for the information of those
who are able to read only; — that this man’s doctrines should
25 occupy the mind of a prof essor of the Parisian university, like
Michelet, or of Quinet, whose boast is a deepness deeper than
mysticism? It is too ludicrous.
The correspondent then speaks of the celebrated German noc-
tumal meeting at Hambach and Steinholzli, and expresses his
30 opinion „that this bore rather a political than a social revolutionary
character66.1 hardly know where to begin in exppsing the blunders
of this sentence. Firstly, „noctumal meetings66 are quite unknown
on the continent: we have no torch-light Chartists’ or nocturnal
Rebeccaite assemblages. The Hambach meeting was held in open
35 day, under the eyes of the authorities. Secondly, Hambach is a
place in Bavaria, and Steinholzli in Switzerland, some hundred
miles from Hambach; yet our correspondent speaks of the „Ham¬
bach and Steinholzli meeting66. Thirdly, these two meetings were
separated by a considérable extent, not only of space, but of time
40 also. The Steinholzli meeting took place several years after the
other. Fourthly, these meetings not only seemed, but in reality did
bear a merely political character; they were held before the Com¬
munists appeared in the field.
The sources from which our correspondent got his invaluable
45 information, were „the report of the (Zurich) Commission, the
29*
452 London und Manchester 1842—1844. Aus The New Moral World
published and unpublished Communist writings discovered at the
arrest of the Weitling, and personal inquiry66. Now it is evident,
from the ignorance of our correspondent, that he never read the
report; it is evident that „published communistical writings46 could
not be „discovered“ at the arrest of anybody, as the very fact of 5
their „publication66 destroys every possibility of a „discovery“.
The attorney-general of Zurich certainly would not boast of the
„discovery66 of books which every bookseller could have fumished
him with! As to the „unpublished66 writings, for the suppression
of which the prosecution was commenced, the Zurich Senators 10
would have been inconsistent indeed, had they, as our correspon¬
dent appears to believe, afterwards published them themselves!
They did no such thing. In fact, in all the report of our correspon¬
dent, there is nothing produced, which he could have procured
from this source and from that of personal inquiry, if it be not the 15
two novel facts, that the German Communists got their doctrine
chiefly from Cabet and Fourier, whom they attack; as our cor¬
respondent could have read in the same book from which he so
extensively quotes (Weitling’s Guarantees, p. 228) ; and that „they
consider as their four evangelists, Cabet, Proudhon, Weitling, 20
and—and—Constant66! Benjamin Constant, the friend of Madame
de Staël, died long ago, and never thought of anything connected
with social reform. Evidently our correspondent means Consi¬
dérant, the Fourierist, editor of the Phalange, now the Démocratie
Pacifique, who is not at all connected with the Communists. 25
„The Communist doctrine is at present more negative than posi¬
tive66 — and immediately after this assertion is given, our cor¬
respondent cuts its throat by laying down, in twelve paragraphs, an
outline of Weitling’s proposed arrangements for a new social state,
which arrangements are altogether positive, and do not even men- 30
tion the destruction of the present social System.
These extracts, however, are given in a very confused männer,
showing that our correspondent did in several cases fail to hit upon
the vital point of the question, and gave in its stead some rather
insignificant details. Thus he omits to state the chief point in which 35
Weitling is superior to Cabet, namely, the abolition of all govem¬
ment by force and by majority, and the establishment in its stead
of a mere administration, organizing the different branches of
labour, and distributing its produce; he omits the proposai to
nominate all officers of this administration, and in every particular 40
Brauch, not by a majority of the Community at large, but by those
only who have a knowledge of the particular kind of work the
future officer has to perform; and, one of the most important
features of the plan, that the nominators are to select the fittest per-
son, by means of some kind of prize essays, without knowing the 45
The „Times“ on German Communism
453
author of any of these essays; the names to be sealed up, and that
paper only to be opened, which contains the name of the successful
competitor; obviating by this all personal motives which could bias
the minds of the electors.
5 As to the remainder of the extracts from Weitling, I leave it to
the readers of this periodical to judge, whether they contain such
contemptible stuff as our correspondent thinks them to be; or
whether they do not advocate in most, if not in ail cases, the same
principles and proposais, for the propagation of which this paper
10 was established. At any rate, if the Times should wish to comment
again on German Communism, it would do well to provide another
correspondent.
I am, Sir, yours truly,
F. Engels
FRENCH COMMUNISM
[NMW Vol. V. Third Séries. 3. Febr. 1844. Nr. 32, p. 256]
To the Editor of the New Moral World
Manchester, January 28, 1844.
Dear Sir, — In my letter to you in the New Moral World of 5
the 13th instant I committed an error. I considered the correspon¬
dent of the Times wrong in naming a M. Constant as a Communist;
but since I wrote, I have received some French Communist publi¬
cations, in which an Abbe Constant is named as a partizan of the
Community System. At the same time, Mr. Goodwyn Barmby had 10
the kindness to give me some further information about the Abbé
Constant, who, he says, has been imprisoned for his principles, and
is the author of several Communist works. His creed is thus
expressed in his own words: I am a Christian and I take christia¬
nity to be Community only. 15
Requesting you, therefore, to correct the above error in your
next number,
I am, dear Sir, yours respectfully,
F. Engels
CONTINENTAL MOVEMENTS
[NMW Vol. V. Third Sériés. 3. Febr. 1844. Nr. 32, p. 255]
The well-known novel of Eugène Sue, the „Mysteries of Paris66,
has made a deep impression upon the public mind, especially
5 in Germany; the forcible manner in which this book depicts the
misery and demoralization, falling to the share of the „lower
Orders66 in great cities, could not fail to direct public attention
to the state of the poor in general. The Germans begin to discover.
as the „Allgemeine Zeitung66, the Times of Germany, says, that
10 the style of novel writing has undergone a complété révolution
during these last ten years; that instead of kings and princes,
who formerly were the heroes of similar taies, it is now the
poor, the despised dass, whose fates and fortunes, joys and
sufferings, are made the topic of romance; they find out at
15 last, that this new dass of novel writers, such as G. Sand,
E. Sue, and Boz, is indeed a sign of the times. The good Ger¬
mans always thought, that misery and destitution existed in
Paris and Lyons, London and Manchester only, and that Germany
was entirely free from such excrescences of over-civilization and
20 of excessive manufacturing industry. Now, however, they begin
to see that they also may muster a considérable amount of social
disease; theBerlin papers confess, that the „Voigtland”of that town
is not inferior in this respect to St. Giles’ or any other abode of the
parias of civilization ; they confess, that, although trades’ unions
25 and strikes have hitherto been unknown in Germany, yet help is
much needed, in order to avoid the occurrence of similar things
among their own countrymen. Dr. Mundt, a lecturer at the Berlin
university, has commenced a course of public lectures on the dif¬
ferent Systems of Social Re-organization ; and although he is not
so the man to form a correct and impartial judgment upon such
things, yet these lectures must do a great deal of good. It may easily
be conceived, how favourable this moment is for the commen¬
cement of a more extensive social agitation in Germany, and what
will be the effect of a new periodical advocating a thorough social
35 reform. Such a periodical has been established in Paris under the
title of „German and French Annals66; its editors, Dr. Ruge and
Dr. Marx, as well as its other contributors, belong to the „leamed
Communists66 of Germany, and are supported by the most distin-
guished Socialist authors of France. The periodical, which is to be
40 published in monthly numbers, and to contain French as well as
German articles, could not, indeed, commence at a more favourable
moment, and its success may be considered as certain, even before
the first number is issued. F. E.
ZWEITER TEIL:
HANDSCHRIFTLICHES, BRIEFE, DOKUMENTE
DOKUMENTE UND JUGENDARBEITEN
Barmen-Elberfeld 1820—1837
Übersicht über die Dokumente und Jugendarbeiten
Geburtsurkunde 461
Tauf urkunde 461
Geburtstagsgedicht 462
Friedrich Engels sen. an seine Frau Elise 462—464
Gedicht aus dem Jahre 1836 464
Gedicht, wahrscheinlich von Anfang 1837 465
Eine Seeräubergeschichte 465—477
Denkspruch am Tage der Konfirmation 477
Griechisches Gedicht 478—479
Abgangszeugnis von der Prima 480—481
In den Dokumenten ist die Original orthographie beibehalten.
5
10
15
20
25
30
Geburtsurkunde von Friedrich Engels; Bar¬
men 1820 Dezember 5. Auszug aus dem Standes-
register von Barmen
Original: Archiv des Preußischen Landgerichts, Elberfeld
No. 659. Geburt von Friedrich Engels, am 28. November 1820.
Im Jahr eintausend achthundert zwanzig, am fünften December Nach¬
mittags um halb vier Uhr, erschien vor mir Peter Wichelhausen
Beigeordneter der Sammtgemeinde Barmen der Kaufmann Herr Fried¬
rich Engels wohnhaft in Brücher Rotte, mit der Anzeige, daß am
Dienstag den achtundzwanzigsten des Monats November des Abends um
neun Uhr, ihm von seiner Ehegattin Elisabeth Francisca Mau¬
ri t z i a geborenen van Haar, ein Kind männlichen Geschlecht ge¬
boren sey, welchem er den Vornamen Friedrich beigelegt habe.
Zeugen bei dieser Handlung waren : Herr Peter Gottfried
Schmits sechsundzwanzig jährigen Alters, Secretär wohnhaft in Ge-
marke, und Herr Johann Jacob Helmes zweiunddreißig Jahre
alt, Secretär wohnhaft in Werther Rotte.
Nach Vorlesung haben Comparenten unterschrieben:
gez. Friedrich Engels Jac. Schmits J. Helmes
Der Beigeordnete
gez. Wichelhausen
Taufurkunde von Friedrich Engels; Unter-
Barmen 1821 Januar 18. Auszug aus dem Tauf¬
buche der Evangelisch-reformierten Gemeinde
Elberfeld
Original: Archiv des Gemeinde-Amtes, Elberfeld
1821 Januar. Getauft den 18. U[nter]-B [armen]
No. 24. — [Geboren] den 28. November Abends 9 Uhr. Friedrich,
ehel. Sohn des im Bruch wohnenden Kaufmanns, Herrn Friedrich
Engels und der Frau Elisabeth Mauritia Francisca,
geb. van Haar.
Die Tauf-Zeugen Herr CasparEngels senior, und Frau F ran¬
ci s c a Christina van Haar, geb. Snethlage.
462
Dokumente und Jugendarbeiten Barmen-Elberfeld 1833 Dez. 20
Geburtstagsgedicht von Fr. Engels an sei¬
nen Großvater van Haar; Barmen 1833 Dezem¬
ber 20
Original im Besitze von Emil Engels, Engelskirchen
Barmen, den 20. Dezember 1833.
AnmeinenGroßvater. 5
0 Du lieber Großvater, der immer uns gütig begegnet,
Der Du noch immer uns halfst, wenn’s mit den Arbeiten gehapert!
Der so schöne Geschichten mir, wenn Du hier warst, erzähltest,
Vom Cercyon und Theseus, vom hundertäugigen Argus;
Vom Minotaur, Ariadn’, von dem ertrunknen Aegeus; 10
Von dem goldenen Vließ, von den Argonauten und Jason,
Von dem starken Herkul, von dem Danaus und Kadmos.
Und ich weiß es nicht mehr, was Du noch sonst mir erzählet;
Nun, so wünsche ich Dir, Großvater, ein glückliches Neujahr,
Dir ein Leben noch lang, viel Freud und wenige Trübsal, 15
Alles Gute, was nur dem Menschen kann je widerfahren,
Alles das wird Dir gewünscht von Deinem Dich liebenden Enkel
Friedr. Engels.
Friedrich Engels sen. an seine Frau Elise,
geb. van Haar in Hamm; Barmen 1835 August 27 20
Original im Besitze von Emil Engels, Engelskirchen
Barmen, 27. August 1835.
Donnerstag Abend.
Liebe Elise!
Soeben wird mir Dein Brief vom gestrigen Tage gebracht, woraus ich 25
sehe, daß der Zustand des guten Vaters noch immer derselbe ist, ja daß er
sich sogar etwas zu bessern scheint. Wir wollen uns nicht über seinen Zu¬
stand täuschen, wenn die Natur sich auch wieder zu heben scheint, und die
Kräfte zunehmen, so ist doch sehr selten an eine Genesung zu denken ; die
Krankheit wird langwieriger, bis ein neuer Anfall erfolgt. Der gute Vater 30
ist in Gottes Hand; wohl ihm und uns, daß wir ihn so ruhig dem himm¬
lischen Vater über lassen können.
Am Sonntag den 23. gab ich einen Brief für Dich auf die Post. Du
hast ihn doch erhalten? Du erwähnst seiner nicht. Schon gestern wollte ich
wieder an Dich schreiben, wurde aber verhindert. Uns geht es allen gottlob 35
wohl; die Kinder sind sämtlich gesund. Mit Emil habe ich meine gewohnte
Last, der Junge ist etwas unbändig, will beständig auf die Straße und heute
Abend war wieder die Klage, daß er aus dem Fenster gesprungen sei.
Rudolph ist lieb und brav, sitzt mittags neben mir und ist ein herzensguter
1835 Aug. 27 Dokumente und Jugendarbeiten Barmen-Elberfeld
463
Junge. Die Hedwig ist klüger wie beide, ist wieder kerngesund und strickt
an einem Paar Socken für mich, die ich ihr zum Zeitvertreib auf gegeben
habe. Hermann ist ziemlich artig, ist abends mein einziger Tischgenosse,
und glaubt diese Woche steif und fest wie gewöhnlich No.l zu bekommen.
5 Die kleine Elise ist womöglich noch kregel er wie früher, macht ihre
Kunststückchen, hat ihren Vater sehr lieb, kurz ist ein sehr liebes kleines
Kätzchen.
Friedrich hat mittelmäßige Zeugnisse in voriger Woche gebracht. Im
Äußern ist er, wie Du weißt, manierlicher geworden, aber trotz der
io frühem strengen Züchtigungen scheint er selbst aus Furcht vor Strafe
keinen unbedingten Gehorsam zu lernen. So hatte ich heute wieder den
Kummer, ein schmieriges Buch aus einer Leihbibliothek, eine Ritter¬
geschichte aus dem dreizehnten Jahrhundert in seinem Sekretär zu finden.
Merkwürdig ist seine Sorglosigkeit, mit welcher er solche Bücher in seinem
15 Schranke läßt. Gott wolle sein Gemüt bewahren, oft wird mir bange um
den übrigens trefflichen Jungen.
Gestern erhielt ich durch Friedrich einen Brief von Dr. Hantschke vom
22. August, den er wohlweislich so spät erst an die Mägde gab, daß er mir
erst um halb neun Uhr abends zukam. Wahrscheinlich hat er ihn also
20 schon am Sonntage gehabt. Dr. Hantschke schreibt mir, daß ihm das An¬
erbieten gemacht werde, zwei Pensionäre ins Haus zu nehmen, daß er aber
dieses ablehnen werde, falls wir vorzögen, Friedrich länger als Herbst bei
ihm zu lassen; daß Friedrich fortwährend der Aufsicht bedürfe, daß der
weite Weg seinen Studien hinderlich sei etc. Ich habe ihm gleich geant-
25 wortet, daß ich ihm sehr danke, daß er mir bei dem vorteilhaften An¬
erbieten dennoch die Wahl lasse, und ich ihn bäte, den Friedrich ferner bei
sich zu behalten, daß er mich aber durch Mitteilung seiner desfallsigen
Bedingungen verpflichten werde. Er hatte nämlich selbst darauf hinge¬
deutet, daß wir uns über die Bedingungen schon einigen würden. Du wirst
30 es so mit mir gewiß auch fürs Beste halten. Auf Geld dürfen wir bei dem
Wohle des Kindes nicht sehen, und Friedrich ist so ein eigentümlicher be¬
weglicher Junge, daß eine abgeschlossene Lebensart, die ihn zu einiger
Selbständigkeit führen muß, für ihn das Beste ist. Noch einmal, der
liebe Gott wolle den Knaben in Seinen Schutz nehmen, damit sein Gemüt
35 nicht verderbt werde. Bis jetzt entwickelt er eine beunruhigende Gedanken-
und Charakterlosigkeit, bei seinen übrigens erfreulichen Eigenschaften.
Soweit über unsere hiesigen Kinder. Gerne hörte ich von Dir, daß es
Anna und Marie wohlgeht, wann kommen diese wieder, und ist es be¬
stimmt, daß Ludwig sie zurückbringt?
40 Bei dem jetzigen Zustand des lieben Vaters kann ich wohl denken, daß
es Dir und der guten Mutter lieb sein wird, noch einige Tage dort zu
bleiben. Tue Du es auch in Gottes Namen. Ich dachte mir früher, Dich
gegen Sonntag den 30. ds. abzuholen, aber nun will ich nähere Nachricht
erwarten. Hier geht alles seinen gewöhnlichen Gang, Du kannst daher
45 deshalb ruhig sein. Caspar ist mit Julius nach Frankfurt verreist und wird
am Dienstag zurückerwartet.
Deine Anordnungen wegen Kleidung und Leinwand werden pünktlich
besorgt werden, ich hätte nicht daran gedacht. Den Wein werde ich mit¬
bringen. —
464
Dokumente und Jugendarbeiten Barmen-Elberfeld
1835 Aug. 27
Grüße die liebe Mutter sowie den Vater in einem klaren Augenblicke
herzlich von mir sowie Griesheims. Gott stehe Euch allen in diesen
schweren Tagen bei.
Dein
Friedrich. 5
[Auf der Adreßseite]
An Frau Elise Engels. Adr. Herm Rektor van Haar Wohlgeb. in
Hamm. Franco.
[Poststempel] Barmen 28. 8.
Gedicht aus dem Jahre 1836 w
Faksimile in: Die Internationale. Berlin. Jg. 2, Heft 26 vom 1. Dezember 1920
Mir dämmert in der Feme
so manches holde Bild,
Wie durch die Wolken Sterne
leuchten zart und mild. 15
Sie nahn sich — ich erkenne
schon ihre Gestalt,
den Teil seh ich, den Schützen,
Siegfried, den Drachen ungestalt,
Mir nahet Faust der Trotzge, 20
Achilles tritt hervor,
Bouillon der edle Degen
mit seiner Ritter Chor,
Es naht — lacht nicht, — Brüder,
Don Quixote der Held, 25
Der auf dem edlen Rosse
Durchzieht die weite Welt.
So kommen sie und schwinden
Wie sie vorüber ziehn;
Kannst Du sie binden? 30
Hemmen ihr schnelles Fliehn?
Oft mögen sie Dir erscheinen,
Der holden Dichtung Gebild,
Daß sie die Sorgen zerstreuen,
Wie sie Dir nahn so mild! 35
Tafel VIII
Gedicht und Zeichnung des jungen Friedrich Engels aus dem Jahre 1836
(S.464)
Anfang 1837 Dokumente und Jugendarbeiten Barmen-Elberfeld 465
Gedicht, wahrscheinlich von Anfang 1837
Original im Besitze von Emil Engels, Engelskirchen
1. Herr Jesu Christe, Gottes Sohn,
0 steig herab von Deinem Thron,
5 und rette meine Seele!
0 komm mit Deiner Seligkeit,
Du Glanz der Vaterherrlichkeit,
Gib, daß ich Dich nur wähle!
Lieblich, Herrlich, Ohne Leide ist die Freude, wenn dort Oben,
10 wir Dich, unsern Heiland loben!
2. Gib, daß dereinst zu seiner Zeit,
Wenn mich erfaßt des Todes Leid,
Ich fest an Dir mich halte;
Daß ich, wenn mir das Aug’ vergeht,
is Des Herzens Pulsschlag stille steht,
Ich froh in Dir erkalte!
Fortan wird dann Dich dort oben Mein Geist loben, ohne Ende
Denn er ist in Deinen Händen.
3. 0 wär sie da, die Zeit der Lust,
20 w ich an Deiner Liebesbrust
vom Tode soll erwärmen!
Dann seh’ ich, Gott, ich dank es Dir,
die all’, die waren teuer mir,
kann ewig sie umarmen!
25 Ewig, ewig, ewiglebend, vor Dir stehend, Dich zu sehen
Wird mein Leben neu erblühen.
Du kamst, die Menschheit zu erlösen,
vom Tod sie zu befrein und Bösen,
zu bringen ihr Dein Glück und Heil.
3o Kommst Du nun herab zur Erden,
da wird durch Dich es anders werden,
da teilst Du jedem zu sein Teil.
Eine Seeräubergeschichte; Barmen 1837
Original im Besitze von Emil Engels, Engelskirchen
Es war an einem Wintermorgen des Jahres 1820, als auf der
Insel Koluri, dem alten Salamis, dem Schauplatze athenischer
9 Korr, aus schönen Sommermorgen
Marx-Engels-Gesamtausgabe, I. Abt., Bd. 2. 30
466
Dokumente und Jugendarbeiten Barmen-Elberfeld. Anfang 1837
Tapferkeit, ein Schiff eben im Begriff war, abzusegeln. — Es war
dies ein griechischer Kauffahrer, der, stark bemannt, Mastix,
Gummi Arabicum, etc., vorzüglich aber Damaszenerklingen, Ze-
demholz und feine asiatische Gewebe nach Athen gebracht hatte.—
Am Ufer war alles in Bewegung. Unter den arbeitenden Ma- 5
trosen ging der Kapitän herum, alles ordnend. Da flüsterte ein
Matrose einem andern auf Italienisch zu:
„Philippo, siehst du dort jenen jungen Menschen stehen? Das
ist der neue Passagier, den der Kapitän gestern abend engagiert
hat; er will ihn unter uns auf nehmen, oder, wenn er nicht will, ihn 19
ins Meer versenken, denn nach Stambul, wohin er will, soll er
nicht!“
„Aber,“ sagte Philippo „was ist das denn für ein Mensch?“
„Das weiß ich selbst nicht, der Kapitän wird’s aber wohl wissen.“
Da erscholl ein Schuß vom Schiffe, und alle gingen zu den Booten. 15
Der Kapitän ging in die Schaluppe und rief: „Junger Mensch —
he, was träumt Ihr denn? —Kommt doch! Wir wollen abfahren!“
Der junge Mensch, an den diese Rede gerichtet war, und der bisher
hatte schweigend an einer Säule gestanden, blickte auf : „Ach ja,“
rief er, „ich komme“, und schritt schnell auf das Boot zu. Er stieg 29
ein, und mit raschem Ruderschlag wurde das Fahrzeug vom Ufer
abgetrieben. Bald ist das Schiff erreicht, und nach der Lösung einer
Kanone sammeln sich die Bootsleute auf dem Schiff, und bald
wurde der Anker emporgewunden, die Segel gespannt, und rasch,
wie ein riesiger Schwan, flog die Brigg hinüber über die bläuliche 25
See.
Der Kapitän aber, der bisher die Arbeiten der Leute geleitet
hat, tritt nun heran zu dem blühenden Jüngling, der trauernd,
wie immer vorher, an des Schiffes Galerie sich lehnte und düster
dorthin schaute, wo die Bergspitzen des Hymettos immer mehr
in der Feme verschwanden.
„Junger Mensch“, redete er ihn an, „kommt doch einmal mit
mir in die Kajüte, ich will Euch etwas sagen.“
„Gem“, antwortete jener und folgte dem voranschreitenden
Manne. 35
Unten angekommen, ließ ihn der Hauptmann sich setzen, und,
nachdem er aus einer Flasche Chiosweins ihm und sich einen
Becher eingeschenkt hatte, sprach er:
„Hört einmal, ich will Euch einen Vorschlag machen. Doch
wie heißt Ihr? Und wo seid Ihr her?“ 40
„Leon Papon heiße ich und bin von Athinai. Und Ihr?“
„Capitanos Leonidas Spezziotis (von Spezzia). Doch hört! Ihr
haltet uns wohl für ehrliche Kaufleute? Nein, das sind wir nicht!
Sehet unser Geschütz, offen und verborgen, unsre Munition, unsre
Waffenkammer an, und Ihr sehet leicht, daß wir solches Krämer- 45
Anfang 1837 Dokumente und Jugendarbeiten Barmen-Elberfeld
467
handwerk nur zum Scheine treiben. Ihr sollt aber sehen, daß wir
andre, bessre Leute sind, nämlich echte Hellenen, Leute, die noch
die Freiheit zu schätzen wissen, — kurz, Korsaren, wie uns die
Ungläubigen, für die wir ein scharfes Schwert sind, zu titulieren
6 pflegen. Und nun wollte ich Euch, denn wahrlich Ihr gefallt mir
und erinnert mich sehr an einen lieben Sohn, den mir die Un¬
gläubigen voriges Jahr vor meinen Augen erschossen haben,
wollte ich Euch den Vorschlag machen, unter uns zu treten und
mitzukämpfen für die Freiheit der Hellenen, und den Ungläu-
io bigen zu schaden, auf die man wohl den homerischen Vers:
"Ecoerai fj/iaQ, 5t’ äv not* ofabfy] vIXlo^ Iq^,
Kal üqlafJLO^, xal Ado? èvimeAiai Ilocâ^oio *)
anwenden könnte. Seid Ihr aber nicht gewillt, dies zu tun, so mag
ich für die Folgen nicht stehen; denn mein Volk, wenn es erfährt,
15 was für Mitteilungen ich Euch gemacht habe, wird sicherlich Euren
Tod fordern, und mein guter Wille wird unterdrückt werden.“
„Was sagt Ihr? Korsaren? Ich unter Euch treten? Auf der
Stelle! Ich soll mich rächen können an des Vaters Mördern! 0,
gerne, gerne will ich in Eure Reihen treten, will mit Wut die Mos-
20 lemim bekämpfen, will sie schlachten wie das Vieh!“
„Topp! Leon, so gefällst Du mir! Laß uns auch auf das neue
Bündnis eine Flasche Chioswein trinken!“ Und frisch schenkte der
alte Zecher ein und ermahnte seinen mäßigem Genossen oft durch
ein lustiges: „So trink doch, Leon!“, bis die Flasche geleert war.
20 Jetzt ging er mit seinem neuen Genossen durch das Schiff und
zeigte ihm den Vorrat. Erst gingen sie in die Rüstkammer. Da
hingen prächtige Kleider von aller Art, die enge Matrosen jacke,
der weite Kaftan, der hohe Hut, die kleine griechische Mütze, der
breite Turban, die enge Frankenhose und die weiten Beinkleider
30 des Türken, die buntgestickte persische Weste, die ungrische Hu¬
sarenjacke, der russische Pelzrock, paradierten alle durcheinander
in großen Schränken. Die Wände waren bedeckt von Waffen aller
Völker, alle Schießgewehre vom kleinen Terzerol bis zur drei¬
läufigen schweren Muskete, allerlei Schwerter, die Damaszener-
35 klinge, der spanische Stoßdegen, das breite deutsche Schwert, der
kurze italische Dolch, das krumme Handschar, hingen sorg¬
fältig sortiert an ihren Plätzen. In den Ecken standen Lanzen¬
behälter, so daß aller Raum im Zimmer benutzt war. Hierauf
ging’s in die Pulverkammer. Acht große Fässer, jedes mit hundert
40 Pfund Pulver, und vier kleine zu 80 Pfund standen da; in drei
Fässern lagen Bomben, in zwei größeren Granaten; die Schränke
an den Seiten waren voll von Krügen und Töpfen, deren Inhalt
•) Einst wird kommen der Tag, da die heilige Ilios hinsinkt,
Priamos auch, und das Volk des lanzenschwingenden Königs.
30*
468
Dokumente und Jugendarbeiten Barmen-Elberfeld. Anfang 1837
Pulver mit Bleistücken, Steinen, Eisenstücken vermengt war. Nun
gingen sie in den Raum, wo Leonidas ihm mehrere Säcke voll Ka¬
nonenkugeln zeigte. Wieder gingen sie hinauf zu den Kanonen. Da
standen an jeder Seite zwölf Kanonen von schwerem Kaliber; auf
der Schanze noch zwei Achtundvierzigpfünder. Überall dazwi- s
sehen standen Drehbassen, im ganzen an dreißig Stück Geschütze.
In der Kajüte, wohin sie zurückgingen, zeigte Leonidas dem Leon
drei Kisten voll Flinten, Kugeln und zwei voll allerlei Schrot.
„Ist unser Schiff nicht in gutem Zustande?“ redete er er ihn an.
„Herrlich“, antwortete jener, „es könnte nicht besser sein. Doch 10
erlaubt, daß ich mich jetzt auf dem Deck etwas weiter umsehe!“
Er ging hinauf. Doch nicht lange, so fand er ihn wieder an der
Galerie stehen. Eben waren sie am Vorgebirge Kolonai, dem alten
Sunium, und düster sah wieder Leon nach den eben verschwinden¬
den Spitzen des Hymettos sich um, da redete ihn also Leonidas an: «
„Nun, Bursch, warum so trübe, komm mit mir auf die Schanze
und erzähle von Deinem früheren Leben!“
Und Leon ging mit und erzählte folgendes:
II.
Ich bin jetzt bald sechzehn Jahr alt. Mein Vater war der Kauf- 20
mann Gregorios Papon; meine Mutter hieß Diane. Ich heiße Leon,
meine Zwillingsschwester heißt Zoe und mein jüngerer Bruder
Alexis. Es sind nun etwa drei Monate, da sah der Pascha von Athi-
nai eine junge Sklavin, die mein Vater mit uns erzogen hatte.
Gleich verlangte er sie, und als mein Vater sie ihm weigerte, da 25
schwur er Rache und hat seinen Eid uns zum Verderben gehalten.
Denn als wir einst abends ruhig zusammen saßen, und ich mit Se-
lima, der Sklavin, Zoe und Alexis zur Kithara Lieder sangen, da
kamen die Amauten des Pascha herein, rissen unsren lieben Vater
und Selima aus unsrer Mitte und führten sie hinweg; uns aber jo
stießen sie aus, und ließen uns, aller Hülfsmittel beraubt, liegen.
Wir gingen fort und gelangten endlich an den Ort, vors Tor, wo
die alte Makedonierfeste stand. Dort kehrten wir zu mitleidigen
Bauern ein, die uns Brot und etwas Fleisch gaben. Von dort gingen
wir auf den Peiraios zu. Aber ach! meiner Schwester Kräfte hielten 35
nicht mehr, und sie sank halbohnmächtig unter einem Olivenbaum
nieder. Ich aber wollte in die Stadt zurückgehn und bei den Ver¬
wandten Hülfe suchen. Trotz der Mutter Bitten ging ich und fand,
als ich an der Akropolis war und heransteigen wollte — stellt Euch
meine Freude vor — meinen Vater. Wie froh ich ihm um den 40
Hals fiel, wie ich mir unser Glück und der Mutter Freude vor¬
stellte, das kann ich Euch nicht beschreiben. Ach! ich sollte nur
zu bald enttäuscht werden! Denn kaum waren wir einige Schritte1)
0 Korr, aus Straßen entlang
Anfang 1837 Dokumente und Jugendarbeiten Barmen-Elberfeld
469
gegangen, als wir — den Anführer der Amautenschar des Pascha
kommen sahen. Dieser erkannte ihn, zog seinen Säbel und stürzte
auf ihn los. Mein Vater faßte seinen Knotenstock, den er gefunden
hatte, in die Rechte und blieb stehen, der Türk hieb zu und hieb
5 den Stock entzwei; der Hieb fiel in des Vaters Schulter; nun jener
hieb noch einmal und traf den wehrlosen Vater über den Kopf,
daß er zu Boden sank. Ich ergriff den gefallenen Stock und warf
ihn dem Türken durchs Gesicht; dieser wütend, hatte den Säbel
fallen lassen, zog aber einen Hammer aus dem Gurt und schlug
io ihn mir vor den Kopf, daß ich besinnungslos hinfiel.
Als ich wieder zu mir kam, da lag mein Vater neben mir in den
letzten Zügen. Er sagte: „Leon — mein Sohn — fliehe — fliehe
von hier! Du bist nicht sicher! Ist die Mutter frei?66 Als ich’s be¬
jahte, sagte er: „0 geht nach Kuluri, und von dort nach Nauplia —
is dort hab’ ich Freunde!66 Ich fragte: „Vater, wie heißt dein Mör¬
der?66 „Leon — er heißt — Mustapha — Bey — Gott sei — meiner
armen — See—le gnäd—ig“, und mit diesen Worten verschied er.
Ich umarmte die Leiche, rief, jammerte, schrie nach Hülfe — doch
er blieb tot, und keiner kam zu Hülfe. Endlich erhob ich mich
20 weinend, band mir des lieben Vaters Gürtel um, steckte den Säbel
des Mörders hinein, und schwur, weder den Gürtel noch den Säbel
abzulegen — bis das Blut meines Vaters durch Türkenblut ge¬
waschen sei. Nun ging ich vor die Stadt — aber — o Jammer, die
Lieben waren nicht mehr da! ein blutiger Dolch, der Mutter blut-
25 befleckter Schleier und Alexis’ Mütze, die da lagen, bezeugten, daß
auch hier Gewalt gebraucht sei. Dies ist die Mütze, die ich jetzt
trage; dies der Dolch (er zeigte auf einen schönen türkischen Dolch
im Gürtel), und den Schleier trage ich seit der Zeit auf meiner
Brust, unter dem Chiton
so Jetzt dachte ich erst an meine Wunde. Sie fing an mich zu
schmerzen; ich fühlte hin und schob die Mütze zurück — da floß
das Blut mir aufs neue über das Gesicht. Ich legte mich unter den
Baum und band ein Tuch um den Kopf.
Ich schlief ein; und im Schlafe meinte ich den Vater zu sehen,
35 wie er mir entgegentrat, frisch und blühend, und die Mutter an
seiner Seite, und Zoe und Alexis bei ihnen und hätten mich empor¬
gehoben, da wären die Türken gekommen, und des Vaters Mörder
sei schreiend vor uns niedergestürzt — da erwachte ich, und lag auf
einem Wagen — ein alter Mann stand vor mir und sagte, ich solle
mich ruhig verhalten, und fuhr mich weg.
Er brachte mich nach St. Nikolaus, wo er mich heilte. Ich blieb
vier Wochen bei ihm, dann gab er mir Geld, fuhr mich auf seinem
eignen Boote nach Koluri. Dort trennte ich mich von ihm, und zum
*) Leibrock. Das Unterkleid der Griechen: xltwv oder Ki&œv.
470
Dokumente und Jugendarbeiten Barmen-Elberfeld. Anfang 1837
Andenken teilten wir einen Piaster. Hier blieb ich einige Tage, da
keine Gelegenheit zur Abfahrt sich fand. Das Übrige wißt Ihr.
IIL
Dies war ungefähr die Erzählung des jungen Papon. Gleich
nahm ihn Leonidas bei der Hand, ging mit ihm zur Rüstkammer s
und ließ ihn sich seine Rüstung auswählen. Er nahm sich zur
Kleidung eine leichte griechische Hose und einen kurzen blauen
Rock. Zur Waffe nahm er eine kurze Doppelbüchse, zwei Paar
Doppelterzerole und einen Hammer. Leonidas sagte: „Nun, so
nimm Dir doch auch einen Säbel! Oder doch eine Scheide dazu.6610
„Nein,66 sagte er, „von diesem Säbel trenne ich mich nicht! Auch
bleibt er bloß, bis ich mir die Scheide selbst erobert habe.66 —
Mittlerweile fing es an zu dunkeln. Sie gelangten zur Insel
Zea. Ohne zu landen, zogen sie doch alle Segel ein und ließen
von der Spitze des Hauptmasts eine Rakete steigen. Sogleich 15
näherte sich ein Boot mit einem Kreuz auf der Spitze. In diesem
saßen sechs bewaffnete Männer, die das Boot hinten anbanden und
aufstiegen. Leonidas stellte ihnen den neuen Kameraden vor,
den sie herzlich bewillkommneten. Darauf sagte Leonidas:
„Nun, Stephano, was hast Du aufgespürt?66 20
Stephano: „Dort, am Hafen der Stadt liegt ein türkisches Kauf-
farteischiff, ich bin dort gewesen, in einen Krämer verkleidet. Aber
Leonidas, wen glaubst Du, daß ich gesehen habe? Denke Dir, hier
unser alter Kumpan, der Dukas, war als Sklave dort. Ich habe ihn
in einer Kiste befreit. Das Schiff hat nur drei Kanonen, doch ist 25
Mannschaft und Bewaffnung stark; es sind an dreißig Türken dar¬
auf. Jedoch habe ich zwei griechische Passagiere, die nach Athinai
wollen, gewonnen. Sie wollen die Pulverkammer besetzen.66
Leonidas: „Ah, prächtig! Ihr bleibt hier, wartet ein wenig.66
Er eilte hinab in die Kajüte, kam wieder mit drei Flaschen
Wein, und leerte sie mit Leon und den sechs neuen. Dabei
sprach er:
„Unser sind jetzt — halt — Ihr sechs, auf dem Schiff zwanzig
Mann, Leonidas, ich, sind 28, zwei Türken als Passagiere nach
Serpho, wovon einer ein Janitschar — Notos!46 35
Der Gerufene kam.
„Nimm Pro tos und Taras mit in die Kajüte, entwaffne die
Türken und bring sie herauf.66 Er ging. Leonidas rief wieder:
„Mykalis!“
„Hier!66 rief der Herbeieilende. 40
„Ladet das Geschütz sofort, setzt die Drehbassen instand, ladet
drei mit Schrot und Kugeln, die andern mit Blei, Glas, Steinen
und Eisen! Bringt sechzig Granaten, zwei Bomben und eine Kiste
Anfang 1837 Dokumente und Jugendarbeiten Barmen-Elberfeld
471
Kugeln herauf! Laß sich alle bewaffnen!“ Sein Befehl wurde voll¬
zogen. „Und nun“, indem er sich an Leon wandte, „mein Sohn,
jetzt bekommst Du Gelegenheit, Deinen ersten Kampf unter uns zu
bestehen. Halte Dich wacker. Sobald das Schiff mit uns in Kampf
5 gerät, hältst Du Dich zu mir, tust das, was ich tue. Wage nur nicht
eher hinüberzuspringen wie ich; es könnte Dir leicht das Leben
kosten.“
„Ja“, sprach Stephanos, „das weiß ich. Denke dir, Leon, da
sprang ich mit zwei jungen Leuten wie Du aufs feindliche Schiff;
io die Feinde hieben den Haken ab, und da standen wir gefangen. Wir
wehrten uns, allein nach dem Tode der beiden wurde ich durch die
Menge fast erdrückt, erhielt einen scharfen Schlag auf den Kopf;
die Narbe ist noch zu sehen, und wäre gewiß umgekommen, wenn
unsre Leute nicht indes wieder geentert hätten.“
is Jetzt kam Notos mit den beiden Türken, von denen einer den
Arm in der Binde trug. Notos sprach zu Leonidas:
„Sieh, da habe ich sie. Sie haben sich verzweifelt gewehrt. Hier
unser Janitschar hat dem armen Protos einen Schlag versetzt, daß
er wohl schwerlich wird wieder aufkommen, dafür hat er aber
2o auch von mir den Arm zerschlagen, während Taras den andern
um den Leib faßte und zu Boden warf.“
„Ja“, sprach der Janitschar, „das ist eine Kunst, uns, die wir
friedlich in der Kajüte saßen, zu überwältigen! Jedoch haben sie’s
schwer entgolten, das tröstet mich.“
25 „0“, antwortete Leonidas, „an Eurer Tapferkeit habe ich nie
gezweifelt. Doch sollt Ihr nicht ohne Lohn bleiben; wenn Ihr wollt,
so setze ich Euch morgen früh auf Thermia aus; doch gebt Ihr mir
jeder fünfzig Piaster Lösegeld.“ Sie waren es gerne zufrieden und
ließen sich in die Kajüte, wo sie unter Notos Bewachung blieben,
so zurückführen, während Leonidas zu Protos ging, der in einer Matte
lag. Er untersuchte die Wunde und sah, daß es ein Hieb mit einem
Handschar, grade über den Schädel, der an einer Stelle verletzt
war, sei. Die Wunde war tödlich; doch war noch Hoffnung da.
Er legte ein Pflaster auf und ging mit Leon zu Bette. Letzterem
35 wies er ein Lager neben sich an.
Mitten in der Nacht wurden sie geweckt. Stephanos stand vor
ihnen.
„Geschwind steht auf, im Norden zeigt sich ein Segel. Man
kann es an der Laterne erkennen“. Im Augenblick waren beide
40 gewaffnet. Leonidas öffnete einen Schrank und gab Leon einen
Beutel mit Kugeln, einen mit Schrot, und ein großes schönes
Pulverhorn. Er selbst versah sich auch mit Munition, und beide
begaben sich aufs Deck.
„Mykalis,“ sprach der Hauptmann, „wo sind die Kugeldreh-
45 bassen?“
472
Dokumente und Jugendarbeiten Barmen-Elberfeld Anfang 1837
Als sie gezeigt waren, stellte er sich an eine, an die andre Leon,
und an die dritte Stephanon.
Die Mannschaft sammelte sich auf dem Deck. Leonidas ließ
sie sich sammeln und überzählte sie. Es waren ihrer, sich mit¬
gerechnet, sechsundwanzig. Er ließ Noton ablösen, dieser kam 5
und stellte sich an den einen Achtundvierzigpfünder, an den andern
Mykalis. Die Drehbassen waren nahe dabei.
Alle Augen waren nach der Laterne gerichtet. Man kam ihr
näher. Jetzt verlosch sie, und man mußte in der Richtung fort-
steuem, die man genommen hatte. Einige Male erschien sie zwar 10
wieder, doch zuletzt verlor man sie ganz.
Es wurde Tag. Das Meer war mit Nebeln bedeckt. Nach und
nach verloren sich diese. Da rief Stephanos, der auf dem Mast
saß: „Ich sehe das Schiff! Es ist dasselbe, wo ich im Hafen zu
Zea war.“ 15
Jetzt sah es auch Leonidas durchs Fernrohr. Stephano kam
herab. Gleich wurden alle Segel beigesetzt, es zu erreichen, und
bald war es allen sichtbar. Man zog die türkische Flagge auf und
näherte sich ihm. Nach etwa drei Stunden war man ihm so nahe,
daß nur noch wenig an der Schußweite fehlte. Da ließ Leonidas 20
die türkische Flagge abnehmen und die schwarz und rote mit dem
weißen Kreuze aufziehen. Das türkische Schiff aber hatte sich
früher schon nordwestlich gewendet und setzte nun alle Segel bei,
um Makronisi zu erreichen. Doch bald war ihm Leonidas nahe,
und gleich fuhr auf seinen Befehl eine Kugel durchs feindliche 25
Takelwerk. Die Türken antworteten sogleich, zogen sich aber
zurück. Da rief Leonidas: „Her Mykalis mit Deinen fünfzehn,
geh und rudre, was Du kannst! Wir müssen es haben! Notos! Du
gehst ans Vorderteil und feuerst auf den Feind!, wenn wir auf
halber Schußweite sind ! Taras mit seinen fünf bleibt hier.“ 30
Schneller flog das Schiff. Näher und näher kamen sie ihrer
Beute. Leonidas unterdessen befahl:
„Du, Taras, gehst, sobald Mykalis wiederkommt, an die rechte
Seite zum Geschütz; Stephanos sorgt für das Geschütz am Hinter¬
teil; Leon bleibt bei mir!“ 35
Da feuerte Notos aus seinem Zwölfpfünder, da knallten noch
fünf Geschütze — und ein Segel des Feindes stürzte mit des Mastes
Spitze herab und hing an den Tauen! Ein Freudenausruf erfolgte
auf der Stelle; das Geschütz feuerte noch einmal, und das Bug¬
spriet des Schiffes wurde zerschmettert. Die Türken konnten nicht 40
entfliehen. Das Schiff kam näher, und schnell brannte Leonidas
und Leon seine Bassen los. Mehrere Leute fielen; jedoch hatten die
Schüsse nur wenig genützt. Mykalis kam zurück; man kam den
Türken ganz nah, rechts und links flogen Salven; die Türken feuer¬
ten aber auch tapfer; da gab Leonidas eine volle Salve und rückte 45
Anfang 1837 Dokumente und Jugendarbeiten Barmen-Elberfeld
473
dicht an den Feind. Die Drehbassen knallten; das Deck des Feindes
wurde leerer, da enterte der Grieche. Mykalis und sein Trupp,
Leonidas und Leon standen an den Haken; sie feuerten mit den
Flinten unter den Feind, zogen den Haken an, und ein Augenblick
5 — da stand Mykalis und Leon bei dem Feinde. Leon zog ein Pistol
und schoß den ersten nieder; sein Säbel blitzte hier — blitzte
dort — und ein Türke stürzte über den andern. Da fällt Mykalis;
doch Leonidas ist da, die Hellenen drängen vor; es entspinnt sich
ein wütender Kampf, doch die Griechen, die noch auf ihrem Schiff
10 waren, feuern mutig darauf los, und nach kurzer Zeit strecken
einige Türken die Waffen. Da stürzt ein riesiger Amaut aufs Deck,
schwingt seinen Säbel und schreit:
„Wie, Moslemim, Ihr wollt Euch von den Ungläubigen schlach¬
ten lassen? Ergreift Eure Säbel und haut die Hunde nieder!“
io Er springt vor und haut einen Hellenen nieder. „Wo ist der
Anführer?“ ruft er. „Hier“, schreit Leonidas und dringt vor. Sie
kämpfen. Leonidas hält sich kalt bei den schweren wütenden Hie¬
ben seines Feindes. Dieser, in blinder, toller Wut, rennt voran,
schlägt zu und trifft auch seinen Gegner auf den linken Arm. Da
faßt dieser sein breites Schwert mit Kraft und zerschlägt des
Feindes Säbel, schlägt noch einmal, und das Blut dringt aus des
Türken Brust. Doch ein andrer Türke rennt auf jenen ein und ver¬
setzt ihm einen Hieb quer übers Gesicht, daß er fällt. Leon sieht
ihn fallen, schlägt den Mörder tot, hält den Feind zurück, und nun
25 streckt dieser die Waffen.
Doch der verwundete Anführer landet eben auf seinem Boote
mit zehn Mann auf Makronisi.
IV.
Jetzt übersieht er den Kampfplatz. Zwölf Türken lagen tot da.
30 Acht waren verwundet; zehn streckten die Waffen, und zehn waren
entkommen.
Doch auch vier Griechen lagen tot da; Mykalis lag im Sterben;
Notos hatte einen Schuß im Schenkel ; der Hauptmann hatte den
Hieb, und noch drei andre waren leicht verwundet. Auch Leon
35 hatte einen Streifschuß am Kopf und eine Schmarre am linken
Arm.
Stephano trat zu ihm. „Du hast Dich brav gehalten, Leon;
doch sollst Du zu Leonidas kommen. Was, Du blutest ja?“
„Ach, es ist nichts, nur wenig. Daß der verwünschte Amaut uns
40 entkommen ist, das ärgert mich am meisten. Ich hätte ihn gerne
vollends erschlagen.“
Er ging zu Leonidas. Dieser sagte: „Leon, ich übertrage Dir
hiermit Notos Kommando bis zu seiner Genesung. Stephanos ist
474
Dokumente und Jugendarbeiten Barmen-Elberfeld. Anfang 1837
Oberbefehlshaber, bis ich mein Amt wieder antreten kann. Geh
einmal zu Mykalis, wie’s ihm geht.“
Er gehorchte. „Er ist sehr schwach; er hat einen Schuß in die
Brust und einen Bruch in den Schenkel. Doch hat Taras noch
Hoffnung.“ 5
Stephano kam zurück. „Das Schiff hat Baumwolle für Athinai
und Munition für Nauplia geladen. Auch Datteln, Kokosnüsse,
Feigen und allerlei Vorräte in Überfluß, um sie gelegentlich zu
verkaufen.“
„Bring alles herüber, was von Wert im Schiff ist, und laß 10
nach dem Hafen Raphti steuern,“ sprach Leonidas. „Leon, geh’
mit Stephano hinüber. Ihr fragt die Gefangenen aus; Du notierst
alle ihre Aussagen.“
Er ging. Die Aussagen der Gefangenen waren etwa folgende:
Das Schiff sei ein Kauffahrer und gehöre einem Kaufmann zu u
Ismir*), Murad. Sein Bruder Ali habe das Schiff befehligt und sei
eben der, den Leon verwundet hatte. Sie seien bis S. gefahren,
wo sie die Nachricht erhalten hätten, es seien Korsaren in dieser
Gegend. Deshalb hätten sie gestern abend noch zehn Mann nach
Athinai genommen. Da hätten sie das Schiff gesehen und seien 20
überfallen worden. Auf die Frage, wo die griechischen Passagiere
seien, sagten sie, einer sei in die See gestürzt, und den andern
habe Ali erschlagen, als das Korsarenschiff erkannt worden sei.
Nun wurde das Schiff durchsucht. Außer den schon ange¬
gebenen Vorräten fand man viele Waffen und Munition, auch Tuch 25
und Kleidungsstücke. Das beste aber waren drei Säcke mit Gold,
in jedem 5000 Piaster. Diese wurden in die Kajüte des griechi¬
schen Schiffs gebracht.
Zwischen Sunium und der argolischen Halbinsel liegt ein
kleines Eiland **\ felsig und unbewohnt, dorthin fuhr Leonidas. 30
Man landete am folgenden Morgen. Da man aber vor Ali und den
Türken, die gewiß den Pascha von Eyribos oder Athen dazu ver¬
mögen würden, ein Schiff gegen die Räuber zu senden, so setzte
man hier die Türken aus, gab ihnen einigen Mundvorrat, zwei
Säbel und eine Flinte mit Munition, damit sie sich durch Jagd 35
der Hasen und dgl., die viel auf solchen Inseln sind, ernähren
könnten.
Man wollte abfahren — da fehlte Leon. Er war auf die Jagd
gegangen; man suchte — da hörte man einen Schuß, eilte in der
Richtung und — Leon lag dort in seinem Blute, neben ihm ein 40
erschossener Türke, und ein andrer, mit dem blutigen Säbel Leons
in der Hand, stand dabei. Stephano, der am ersten da war, sprang
herzu und griff den Türken an. Nach kurzem Gefecht schlug er
*) Smyrna
**) San Giorgio di Asparra genannt
Anfang 1837 Dokumente und Jugendarbeiten Barmen-Elberfeld
475
dem Feinde den Säbel aus der Hand, riß ihn zu Boden und schlug
ihm den Kopf ab.
Nun kamen noch mehrere, Leon wurde auf eine Bahre von
Zweigen gelegt und heimgetragen. Da fand denn Taras, der die
5 Wunde untersuchte, daß ihm der Türk einen Hieb über den Kopf,
einen über den Schenkel und einen leichten Streifhieb über den
Arm versetzt hatte.
Endlich kam der Verwundete zu sich. „Wo ist mein Säbel?66
war seine erste Frage. Als man ihm ihn zeigte, sagte er: „Wo ist
10 der Türk, der mich schlug?66
„Ich habe ihn erschlagen,66 sagte Stephano. „Aber halte Dich
ruhig, Du bist gefährlich verwundet!66
Die Wunde über den Kopf war gefährlich; der Transport auf
dem Schiffe hätte nur schaden können, deshalb wurde beschlossen,
io die Türken einzufangen und sie an der Küste von Morea aus¬
zusetzen; dagegen Leon, Mykalis, der auch noch gefährlich war,
Notos und Leonidas hierzulassen und zu ihrer Pflege drei Leute.
Nach einigen Wochen wollte Stephanos sie wieder einnehmen. Die
Türken wurden wieder zusammengebracht, nur einer fehlte noch;
20 doch da sie in der Feme ein türkisches Schiff gewahrten, ging das
Korsarenschiff mit Stephanos unter Segel. Doch blieben außer den
Verwundeten und Taras mit seinen beiden Gehülfen noch fünf da,
die das türkische Schiff nach Epina schaffen sollten und am fol¬
genden Tag abfuhren.
25 Leon besserte sich zusehends. Nach sechs Tagen konnte er
schon vom Lager auf stehen und etwas herumgehen. Auch Mykalis
trat in der folgenden Woche wieder vor die Türe der kleinen Hütte,
die sie erbaut hatten. Leonidas und Notos waren schon fast wieder
heil, und oft auf der Jagd gewesen. Einst kam Notos zurück und
30 sagte:
„Ich habe einen Türken gesehen. Er lief aber schnell weg.
Laßt uns uns nur hüten.66
Am folgenden Tage ging er wieder mit Leonidas auf die Jagd.
Sie trafen eine wilde Ziege. Sie trennten sich. Notos strich durch
35 die Wälder — da fällt ein Schuß, Notos fällt, und der Türke, mit
einer Pistole in der Linken und einem Dolch in der Rechten, stürzt
hervor, bückt sich, schwingt den Dolch, da erhebt sich der Ver¬
wundete, zieht ein Pistol und schießt den Moslem nieder. Bald
kamen alle Griechen zusammen. Der Türk war tot, sein Schuß
4o war Notos in die Brust gefahren, doch hatte der Griff seines Dolchs
den Schuß matt gemacht und war nicht gefährlich.
Notos wurde nach Hause getragen und litt noch eine Woche,
ehe er wieder auf stehen konnte. Dann waren alle heil; aber der
Mund vorrat war auf, und die Insel nährte durch Jagd nur schwach.
476
Dokumente und Jugendarbeiten Barmen-Elberfeld. Anfang 1837
V.
Vier Wochen waren sie nun auf der Insel, da kam Stephano und
holte sie ab. Er hatte das türkische Schiff an einen englischen
Kaufmann zu Thessalonich für 10000 Piaster verkauft; ebenso
einem andern die Baumwolle für 4000 Piaster. Das Korsaren- 5
schiff war neu ausgerüstet, drei Kanonen neu, die Munition drei¬
fach, Flinten und andre Waffe in Überfluß da. Auch waren die gut
belohnten Räuber in besserem Zustande. Jetzt fuhr das Schiff nach
Candia zu. Als mm Milo ihnen im Gesichte lag, zeigte sich ein,
nach seiner Bauart, türkisches Schiff. Gleich fällt Leonidas hinter- w
her und verfolgt es bis in den Busen von Milo. Dort liegen
mehrere kleine Inseln, die den Busen schließen. Hier flieht das
Schiff unter die Kanonen des Docks vom Hafen. Nun zeigt sich,
daß es eine ägyptische Galeere ist. Es entspinnt sich ein wütender
Kampf. Die Griechen feuern tapfer; aber da fährt ein türkisches
Schiff in den Busen und greift — ein kleines Kriegsschiff — die
Hellenen im Rücken an. Da entert Leonidas die Türken — schickt
Stephanon herüber, und nach kurzem Kampfe ist das Schiff er¬
obert.
Unterdessen aber fuhr eine Salve des Forts in das griechische
Schiff und es sinkt. Da wird es eilend an das Ufer auf eine
Sandbank gelenkt, wo es auch strandet. Aber die Leute steigen aufs
türkische eroberte Schiff, drängen die Galeere heftig, entern sie.
Leon springt hinüber, ihm folgen andre; Stephanos sogleich auch,
und er greift an. Leon immer voraus, badet sein Schwert im Blute 25
der Moslemim; rasend schlägt er zu, Stephanos folgt ihm, und sie
dringen weit vor. Da bekommt Leon den feindlichen Anführer,
einen riesigen Egyptier, vor sich. Er ficht mit ihm, keiner kann den
andern überwinden; endlich versetzt Leon seinem Gegner hurtig
einen Hieb über den linken Arm; da zieht dieser ein Pistol, schießt, 30
trifft aber statt Leons einen andern Hellenen, und fällt um unter
den Hieben seines tapfem Gegners. Mit seinem Fall ist das Schiff
erobert. Die wenigen Türken strecken die Waffen und werden ans
Land gesetzt, wo Taras als Unterhändler in türkischer Kleidung
aufs Fort geht, um über die Wiederherstellung des Schiffs zu 35
unterhandeln. Der habsüchtige Pascha wird gegen ein Geschenk
von dreihundert Piastern gewonnen, schickt aber heimlich ein Boot
nach Siphanto hin, wo sich einige Schiffe der türkischen Flotte be¬
fanden. Es fand sie, und sogleich segelten alle drei hinzu. Notos
und Taras waren auf ihrem Boote vor den Busen hinausgefahren, 40
da erblickten sie die Schiffe und brachten Leonidas die Nachricht.
Dieser ließ schnell seine Leute zum Teil auf die türkischen Schiffe,
wohin er Munition für Kleingewehr und einige Kanonen bringen
ließ ; die meisten aber ließ er auf sein Schiff gehen, wohin auch etwa
dreißig neuangeworbene Burschen von Milo gingen. Leon, der die 45
Anfang 1837 Dokumente und Jugendarbeiten Barmen-Elberfeld
477
kleine Kriegsbrigg befehligte, legte sich an den Eingang des
Hafens. Nun kommen die Türken. Ein Schiff segelt zuerst hinein.
Da gibt Leon diesem eine volle Salve in den Bug, dreht das Schiff,
entert und kommt mit der ganzen Mannschaft herüber. Aber von der
5 andern Seite legt das folgende Schiff an, sendet seine Mannschaft,
und es entsteht ein wütender Kampf. Leon kämpft tapfer. Mancher
Türke fällt unter seinen Streichen, aber auch mancher tapfre Hel¬
lene mußte unter den Schwertern der Türken sein Leben aushauchen,
und das Glück neigt sich auf die Seite der Barbaren, die aber auch
io in dreifacher Zahl da waren. Da sieht Leonden Mörder seines
Vaters. Wut erfaßt ihn, als er den großen Amauten sieht, der eben
einen alten Hellenen niederschlägt. „Hunkiar!“ (Mörder) ruft er,
„wende Dich gegen Jünglinge!“ Gleich auch wendet er sich und
kämpft, an Kraft dem Hellenen doppelt überlegen, aber zuriick-
15 stehend gegen dessen Wut. Sie kämpfen wütend. Schlag fällt auf
Schlag. — Da entfällt dem Türken der Säbel, als Leon ihm einen
Hieb über die Hand gibt. Doch er reißt den wohlbekannten Ham¬
mer aus dem Gurt und schlägt rasend vor Wut und Schmerz auf
Leon zu, und bald sitzt des Hammers breite Fläche auf Leons hoher
20 Stirne zum zweiten Male, und Leon fällt unter beständigen schwe¬
ren Streichen des Türken.
„Der ist zur Hölle!“ ruft er. Nun an die andern; doch diese
sind fast alle schon tot, und nur wenige sind, der Waffen beraubt,
gefangen.
25 Unterdessen aber waren die beiden andern Schiffe in den Hafen
gefahren und verfolgten Leonidas, der sich mit seiner ganzen
Mannschaft und dem Gelde auf die Galeere warf und, den Ver¬
folgungen der Feinde entgehend, glücklich aus dem Hafen ins
hohe Meer kam und nach Belo Paulo segelte, wo er sich Nachricht
so von Leon und den übrigen verschaffen wollte.
Denkspruch für Friedrich Engels am Tage
der Konfirmation; Unterbarmen 1837 März 12
Original: Archiv der Familie Engels, Engelskirchen
DENKSPRUCH
35 für Friedrich Engels.
Phil. 3,13,14.
Ich vergesse, was dahinten ist, und strecke mich zu dem, das da vorne
ist; und jage nach dem vorgesteckten Ziel, nach dem Kleinod, welches
vorhält die himmlische Berufung Gottes in Christo Jesu.
40 Am Confirmation-Tage: Von deinen Lehrern und
den 12-ten März 1837. Seelsorgern :
W. Leipoldt. Snethlage.
Im Orig, irrtümlich Leonidas
478
Dokumente und Jugendarbeiten Barmen-Elberfeld 1837 Sept. 15
Griechisches Gedicht, von Fr. Engels im
epischen Versmaß bearbeitet und vorgetragen
bei den öffentlichen Schulfeierlichkeiten des
Elberfelder Gymnasiums am 15. September 1837
Original: Archiv der Familie Engels, Engelskirchen 5
9 EteokXovq xal noXvvetnovç povopaxia* —
Time pèv &arv xdra xqaTEqcov péya Kaôpeubvwv
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Tims ôè navraxo^sv nsôiov XEvndaTUÔEç âvÔQsç
Tslxsa paxqà néqi ÇsaToïç xivvvrac èv StiXoiç; 10
Elac xarà mdUoQ ßqiaqov pèv 9Ayrjvoqiöao
âvôqcov 9Aqysicov arqaTià nqaTEqoïç èn àéiïÂobQ,
ëqxovrai Aavacov, ndkspov 0T$7]ai (péqovrsç
^yepdvEç, Tvdevç, KaTtavs^Q xal Ilaq&EvoTtaïoç,
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91 Aôqaaroç ßaaiXsÜQ xal âva^ àvôqâjv IloXvvsiwp;,
ndvrsç öpov ßalvovai adv Innocç nal adv 6xea(PLV* —
9 AaTqâmovaw èvl màlcp Myx^ re atôrjqai
xal aine9 dpcpakdevr9 yôè Çi(pe9 âqyvqdrjfaz.
ô9 6t9 sxiàva nsql nqoßdToio KvMvderai afyvrjç 20
Hat qa mQmXénsTai, péXea ôé te ndvra nmsiqysv, —
âç ô9 avicoç Aavaol Ortfrjç ëôoç fj^v&ov àpcpi.
Airaq ènsl nâaal t’ ëotav crùv èyx^^ Td^eiç,
èn Ttdkeœç âvôqeç, HSHoqv&pévoi aliïom xa^KV
ijXv&ov, èv ô9 avToïç 9ETeonÂrjç, Olômdôao 25
vloç uèv KQaTeQoç nal ûaqaaXéoç noAepurrfa.
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Boicdtcùv nqôpaxoi te nal 9Aqyeicov arqaztcüTai
adv q SßaXov qlvovç, adv ô9 ëyxea nul pdvE9 àvôq&v
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Tavqœv ^ô9 aly&v, tôôe poi Hq^vov èéXôœq, 40
ôôq pot èvl aTéqvotai ßakeiv do^xoaxiov ëyxoç
tovô9 àvôqdç, h^itov yévoç Olôtndôao âvamoç,
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1837 Sept. 15 Dokumente und Jugendarbeiten Barmen-Elberfeld.
479
5
10
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20
25
30
35
40
45
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Kaôp,sta>v ßaaiksi)Q pèv avaaostco éoô9 èvl kâq>.
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^Qq ëq>a&9• ol ô9 è%âQr/aav 9A%aiol Boicotol ts,
xal q9 InnovQ pèv ëQvÇav ènl atfyaç, èK ô9 ëßav avto^
tsv%£a d9è^£Ôvovto, tà fièv Katâ&svt9 ènl yaly
nXrjalov àXX^Xœv, dMyr) ô9 fjv a^iç agovga.
^Ey^oç äga ngotsi ôoXi%oaKiov vvv 9Et£0KÀfjç
Kal to pèv âvta lôcbv ^Xsvato Kvjga fiéXaivav
ôioç 9Ayr]vog(Ô7]ç. to ô9 inégntato ^dbcEov ëy%oç.
Avtàg oy9 ègvaad/iEvoç ÇlrpoQ àgyvgôritov al^ y9
rjX&s ägdpa) ènl tdvôs taô9, àvtlÛEOQ üo^wslKriQ —
aôv ô9ën£aov Xéovaiv èotKotsç dj^ofpdyoïaiv
aïpatoç èl; evoq ovts Kaalyvrjtoi Kal onatgoi,
ijtot ô’ è^Epaâjta Katà Çœvrjv %gvasrqv
vil” ènl ô9 avtàç ëgstas, ßagsly %sigl ni&^aaç,
avtlKa ô9 ëggssv alpa KsXalvs(p£ç èÇ âtEikrjç.
avtàg ôpov Çl(poQ xatà atrjûoç 9Et£OKtovç
&d)gipcoç ôi èXijkat9 âvaKt9 àvôgcov IIoXvveIkei. —
Kal g9 ënsaov ngàç yfjv, äfitpoj, aKÔtoç Sacs KdAvipev.
Ksïtai dösfapoQ döshpov êkàrv tava^Kä %aAxcö.
àndXcûXs yévoç toi àpivpiovoç Olôindôao.
40
45
50
55
60
65
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75
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Dokumente und Jugendarbeiten Barmen-Elberfeld 1837 Sept. 25
Abgangszeugnis für den Primaner Fried-
rich Engels; Elberfeld 1837 September 25. Auszug
aus dem Zeugnisbuch
Original: Archiv des Elberfelder Gymnasiums
Abgangs-Zeugniss für den Primaner Friedrich Engels (No. 713), ge- $
boren den 28. November 1820 zu Unter-Barmen, evangelischer
Confession, seit Herbst (den 20. October) 1834 Schüler des Gymnasiums
zu Elberfeld, und zwar seit Herbst (17. October) 1836 Mitglied der Prima
desselben, hat sich vorzugsweise während seines Aufenthaltes in Prima
eines recht guten Betragens befleißigt, namentlich durch Be- #
scheidenheit, Offenheit und Gemüthlichkeit2) seinen Lehrern sich emp¬
fohlen, ingleichen von guten Anlagen unterstützt ein rühmliches Stre¬
ben, sich eine möglichst umfassende wissenschaftliche Bildung anzu¬
eignen, an den Tag gelegt, weshalb denn auch die Fortschritte auf
erfreuliche Weise hervortraten, wie Solches die nachfolgende besondere 15
Zusammenstellung der einzelnen Lehrfächer bestimmter ausweist
I. Sprachen.
1. Lateinisch. Das Verständnis® der betreffenden Schriftsteller,
prosaischer wie poetischer Diction, namentlich des Livius und Cicero, des
Virgilius und Horatius, wird ihm nicht schwer, so daß er mit Leichtigkeit 20
in den Zusammenhang größerer Ganze einzugehen, den Gedankengang mit
Klarheit aufzufassen und mit Gewandtheit das Vorliegende in die Mutter¬
sprache überzutragen versteht. Weniger ist es ihm gelungen, des gramma¬
tischen Theiles sich mit durchgreifender Sicherheit zu bemächtigen, sodaß
die schriftlichen Arbeiten, obwohl nicht ohne sichtbares Fortschreiten zum 25
Besseren, doch in grammatisch-stylistischer Beziehung noch Manches zu
wünschen übrig ließen.
2. Griechisch. Er hat sich eine genügende Kenntniss der Formen¬
lehre und der syntaktischen Regeln, insbesondere aber eine gute Fertigkeit
und Gewandtheit im Übersetzen der leichteren griechischen Prosaiker, wie so
des Homer und Euripides erworben, und wußte den Gedankengang
in einem platonischen Dialoge mit Geschick aufzufassen und wieder¬
zugeben.
3. Deutsch. Die schriftlichen Aufsätze zeigten besonders in dem
letzten Jahre ein erfreuliches Fortschreiten der allgemeinen Entwicklung; 35
sie enthielten gute, selbstständige Gedanken und waren meist richtig dispo-
nirt; die Ausführung hatte die gehörige Fülle und der Ausdruck näherte
sich sichtbar der Correktheit. Für die Geschichte der deutschen
Nationalliteratur und die Lectüre der deutschen Classiker legte E.
ein rühmliches Interesse an den Tag. 40
4. Französisch. Die französischen Classiker übersetzt er mit Ge¬
wandtheit. In der Grammatik besitzt er gute Kenntnisse.
II. Wissenschaften.
1. Religion. Die Grundlehren der evangelischen Kirche, des¬
gleichen die Hauptmomente der christlichen Kirchengeschichte sind ihm 45
*) Korr, aus Offenheit des Gemüthes
1837 Sept. 25 Dokumente und Jugendarbeiten Barmen-Elberfeld. 481
wohlbekannt. Auch ist er in der Lectüre des N[euen] T[estaments] (im
Originale) nicht unerfahren.
2. In der Geschichte und Geographie besitzt derselbe eine
genügende übersichtliche Kenntniss.
5 3. In der Mathematik hat E. im Ganzen erfreuliche Kenntnisse
erlangt; er zeigte überhaupt eine gute Auffassungsgabe und wußte sich mit
Klarheit und Bestimmtheit mitzutheilen. Dasselbe gilt
4. von seinen Kenntnissen in der Physik.
5. Philosophische Propädeutik. An den Vorträgen über
io empirische Psychologie nahm E. mit Interesse und Erfolg Theil.
Der Unterzeichnete entläßt den lieben Schüler, der ihm in Folge häus¬
licher Beziehungen insbesondere nahegestellt und in dieser Stellung durch
religiösen Sinn, durch Reinheit des Gemüthes, gefällige Sitte und andere
ansprechende Eigenschaften sich zu empfehlen bemüht war, bey seinem am
15 Schlüsse des Schuljahres (den 15. September d. J.) erfolgten Übergange
in das1) Geschäftsleben, das er statt des früher beabsichtigten Studiums
als seinen äußeren Lebensberuf zu wählen sich veranlaßt sah, mit seinen
besten Segenswünschen. Der Herr segne und geleite ihn !
Elberfeld, den 25. September 1837.
20 Dr. J. C. L. Hantschke
O Vor Geschäftsleben gestrichen praktische
BRIEFE AN DIE BRÜDER GRAEBER
Herbst 1838—Frühjahr 1841
Engels an Friedrich und Wilhelm Graeber
in Elberfeld; [Bremen 1838] September 1
Original im Besitze von Emil Engels, Engelskirchen
Den 1. September. Herren Gebrüder Graeber aus Barmen, der-
5 zeit in Elberfeld. Indem ich mich zum Empfange des geehrten
Schreibens Ihres Herrn F. Graeber bekenne, erlaube ich mir, ein
paar Zeilen an Sie zu richten. Hol mich der Donner, das macht
sich. Nun wollen wir gleich mit der bildenden Kunst anfangen.
Nämlich mein Hausgenosse, namens George (engl. ausgesprochen)
io Görrissen, der erste Hamburger Geck, der je existiert
hat; nehmt das Mittel von den beiden Bildern, die da
U stehen, setzt es auf einen schmalen Rumpf und lange
ÿ Beine, gebt den Augen einen recht geflappten Blick,
eine Sprache, präzise wie Kirchner spricht, nur Ham-
, _. burger Dialekt, und Ihr habt das kompletste Bild von
diesem Flegel, das es gibt. Ich wollte, ich könnte ihn
/ nur so Sut treffen gestern Abend, wo ich ihn auf
/ Wn eine Tafel malte, und so präzise, daß ihn alle, sogar
T die Mägde, erkannten. Sogar ein Maler, der hier im
2o ’ Hause wohnt und es sah, der sonst nichts gut findet,
fand es sehr gut. — Es ist dieser G. Görrissen der ge-
flappteste Kerl, den die Erde trägt; alle Tage hat er neuen Unsinn
vor, er ist unerschöpflich in abgeschmackten und langweiligen
Ideen. Der Kerl hat wenigstens schon zwanzig Stunden ~
25 auf seinem Gewissen, die er mich gelangweilt hat. — / I
Ich habe neulich Jacob Grimms Verteidigungsschrift
mir gekauft, sie ist ausgezeichnet schön, und eine Kraft
darin, wie man sie selten findet. An einem Buchladen habe
ich neulich nicht weniger als sieben Broschüren über die Kölner
3o Geschichte gelesen. — NB. hier habe ich schon Redensarten und
Sachen gelesen, besonders in der Literatur bin ich in Übung, die
man bei uns nie drucken dürfte, ganz liberale Ideen etc., Rai¬
sonnements über den alten Hannoverschen Lause-Bock, ganz
herrlich. —
53 Hier sind sehr schöne satirische Bilderbogen. — Einen sah ich
schlecht gemalt, aber sehr bezeichnende Gesichter. Ein Schneider
auf einem Bock wird von dem Meister auf gehalten, und die Schu¬
ster sehen zu. Was noch mehr darauf passiert, ist in der Unter¬
schrift ausgedrückt:
486
Briefe an die Brüder Graeber
1838 Sept. 17—18
Altmeister, halten Sie mein Roß nicht auf!
Doch das nächstens, denn nun kann ich diese [?]1) nicht krie¬
gen, weil der Prinzipal da sitzt. Der ist sonst ein sch [reck] lieh
guter Kerl, o so gut, Du kannst Dir gar nicht denken.
Entschuldige, daß ich so schlecht schreibe, ich habe drei Fla- $
sehen Bier im Leib, hurrah, viel kann ich auch nicht mehr schreiben,
denn gleich muß der Brief auf die Post. Es schlägt schon -1/24, und
um 4 Uhr müssen die Briefe da sein. Potz Donnerwetter, merkst
Du, daß ich Bier im Leibe habe. —2)
Ihr werdet die Güte haben, mir gleich wieder was zu schmieren, io
meine Adresse weiß der Wurm, dem könnt Ihr’s auch geben. Oh
je, was soll ich schreiben? oh je, oh je, oh je, Jammer und Elend!
Der Alte, d. h. der Prinzipal, geht eben heraus, und ich bin ganz
konfuse, ich weiß nicht was ich schreibe, mir dröhnen allerlei Töne
ins Ohr. Grüßt den P. Jonghaus und den F. Plümacher, sie sollen w
mir schreiben, und nächstens werde ich sie auch mit Signaturen
langweilen. Könnt Ihr’s lesen, was ich dahin saue?
Was gibst Du mir für das Pfund Konfusion? ich hab grade
eine Masse vorrätig. 0 Je.
Dein ergebener 20
Euer hochwohlgeboren ergebener
F. Engels.
Engels an Friedrich und Wilhelm Graeber
in Barmen; [Bremen 1838] September 17—18
Original im Besitze von Emil Engels, Engelskirchen 26
. . . den 17. Sept. Die schwarze Tinte zuerst, dann fängt die
rote wieder von vomen an. —
Carrissimi! In vostras epistolas haec vobis sit respondentia. Ego
enim quum longiter latine non scripsi, vobis paucum scribero, sed
in germanico-italianico-latino. Quae quum ita sint, so sollt Ihr 30
auch kein Wort Latein mehr kriegen, sondern pures, lauteres,
reines, volkommenes Deutsch. Um nun gleich von einer bedeutend
wichtigen Sache zu reden, will ich Euch erzählen, daß meine spa¬
nische Romanze durchgefallen ist; der Kerl scheint ein Antiroman¬
tiker zu sein, so sieht er auch aus ; aber ein Gedicht von mir selb- 36
sten, die Beduinen, welches in Abschrift beifolgt, wurde einge¬
rückt in ein andres Blatt; nur veränderte mir der Kerl die letzte
Strophe und richtete dadurch eine heillose Konfusion ein. Näm¬
lich er scheint das: „Zu unsrem Frack, pariser Schnitt, Paßt nicht
der Wüste schlichtes Hemd, Noch in die Lit’ratur Eu’r Lied“, weil 40
es barock erscheint, nicht verstanden zu haben. Der Hauptgedanke
1) Zwei Worte unleserlich
2) Ein Satz unleserlich
1838 Sept. 17—18
Briefe an die Brüder Graeber
487
ist die Entgegenstellung der Beduinen, selbst in ihrem jetzigen
Zustande, und des Publikums, welches diesen Leuten ganz fremd
ist. Deshalb darf dieser Gegensatz nicht bloß durch die nackte Be¬
schreibung, die in den beiden scharf geschiedenen Teilen gegeben
s ist, ausgedrückt werden, sondern er erhält am Schluß erst rechtes
Leben durch die Entgegenstellung und die Schlußfolgerung in
der letzten Strophe. Nebenbei sind noch Einzelheiten darin aus¬
gedrückt: 1. leise Ironie über den Kotzebue und seine Anhänger,
mit Entgegenstellung Schillers, als des guten Prinzips für unser
io Theater; 2. Schmerz über den jetzigen Zustand der Beduinen,
mit Entgegenstellung ihres früheren Zustandes; diese beiden
Nebensachen laufen parallel in den beiden Hauptgegensätzen.
Nun nimm die letzte Strophe weg, und alles fällt auseinander;
wenn aber der Redakteur den Schluß weniger auffallend machen
is will und schließt: „Jetzt springen sie für Geld herum — nicht der
Natur urkräft’ger Drang, das Aug’ erloschen, alle stumm, nur
einer singt ’nen Klaggesang66, so ist der Schluß erstens matt, weil
er aus früher schon gebrauchten Floskeln besteht, und zweitens
vernichtet er mir den Hauptgedanken, indem er den Nebengedan-
20 ken: Klage um den Zustand der Beduinen und Gegensatz des
früheren Zustands, an dessen Stelle setzt. Also hat er folgendes
Unheil gestiftet: 1. den Hauptgedanken, 2. den Zusammenhang
des Gedichts ganz und gar vernichtet. Übrigens kostet das dem
Kerl wieder einen Groten (= % Sgr.), denn er wird Antwort von
25 mir erhalten in einer Predigt. Ich wollte übrigens, ich hätte das
Gedicht nicht gemacht, das Ausdrücken des Gedankens in klarer,
anmutiger Form ist mir ganz mißlungen; die Floskeln von Str. —
sind eben nur Floskeln, Dattelland und Bileduldscherid sind ein
und dasselbe, also ein Gedanke zweimal mit denselben Worten,
50 und welcher Mißklang: „schallend Lachen zollt66 und „Mund ge¬
wandt66! Es ist ein eigentümliches Gefühl; wenn man seine Verse
so gedruckt sieht, sie sind einem fremd geworden, und man sieht
sie mit viel schärferen Augen an, als wenn sie geschrieben sind.
Ich mußte tüchtig lachen, als ich mich so aufs Öffentliche trans-
55 feriert sah, aber bald verging mir das Lachen; als ich das Ver¬
ändern merkte, bekam ich die Wut und tobte barbarisch — Satis
autem de hac re locuti sumus!
Ein ganz eigentümliches Buch fand ich heute morgen bei einem
Antiquar, einen Auszug der acta Sanctorum, leider nur für die
*o erste Hälfte des Jahrs, mit Porträts, Lebensbeschreibungen der
Heiligen und Gebeten; aber alles sehr kurz. Es kostete mich
12 Grote, 6 Sgr., und dasselbe gab ich für Wielands Diogenes von
Sinope, oder Sœnqàxriç paivopevoQ. —
An meiner Poesie und deren Produktionskraft verzweifle ich
45 alle Tage mehr, seitdem ich in Goethe die beiden Aufsätze „Für
488
Briefe an die Brüder Graeber
1838 Sept. 17—18
junge Dichter66 gelesen habe, in denen ich mich so trefflich be¬
zeichnet finde, wie es nur möglich ist, und aus denen es mir klar
geworden, daß durch meine Reimereien nichts für die Kunst getan
ist; ich werde aber nichtsdestoweniger fortreimen, weil dies eine
„angenehme Zugabe66, wie Goethe sagt, ist, auch wohl ein Gedicht 5
in ein Journal einrücken lassen, weil andre Kerls, die ebensolche,
auch wohl noch größere Esel sind, als ich bin, es auch tun, und
weil ich dadurch die deutsche Literatur weder heben noch senken
werde; aber wenn ich ein tüchtiges Gedicht lese, dann fährt mir
allemal ein Grimm durch die Seele: daß du das nicht hast machen io
können! Satis autem de hac re locuti sumus!
Meine cari amici, man vermißt Euch doch sehr! wenn ich
dran denke, wie ich oft in Eure Kammer trat, und da saß der Fritz
so behaglich hinterm Ofen, mit seiner kurzen Pfeife im Munde,
und der Wilm in seinem langen Schläfer rauschte durch die Kam- 15
mer und konnte nichts rauchen als 4-Pfennigs-Zigarren, und riß
Witze, daß das Zimmer bebte, und dann rührte sich der gewaltige
Feldmann, gleich dem Çav&oç MeveXâoç, und trat herein, und dann
kam der Wurm im langen Rock, mit dem Stock in der Hand, und
es wurde gezecht, dann ist der Teufel los, und jetzt muß man sich 20
mit Briefen abfinden — es ist infam. Daß Ihr mir aber auch von
Berlin aus tüchtig schreibt, ist constat und naturaliter; die Korre¬
spondenz dahin bleibt auch nur einen Tag länger unterwegs als
nach Barmen. Meine Adresse wißt Ihr; sonst ist es auch einerlei,
denn ich habe mit unserm Briefträger schon so genaue Bekannt- 25
schäft gemacht, daß er mir die Briefe immer aufs Kontor bringt.
Honoris causa könnt Ihr aber doch allenfalls drauf schreiben:
St. Martini Kirchhof No. 2. Diese Freundschaft mit dem Brief¬
träger rührt daher, daß unsre Namen ähnlich sind, er heißt
Engelke. — Das Brief schreiben wird mir heute etwas schwer; ich 30
habe vorgestern einen Brief an Wurm nach Bilk und heute einen
an den Strücker expediert, den ersten von acht, den zweiten von
sieben Seiten, und jetzt wollt Ihr auch Eure Ration haben. — Wenn
Ihr diesen Brief bekommt, ehe Ihr nach Köln geht, so befolgt
folgenden Auftrag: kommt Ihr hin, so sucht die Streitzeug- 35
gasse, geht in die Everaertsche Buchdruckerei, Numero 51 und
kauft da für mich Volksbücher; Siegfried, Eulenspiegel, Helena
habe ich; am wichtigsten sind mir Octavian, die Schildbürger (un¬
komplett in der Leipziger Ausgabe), Haimonskinder, Dr. Faust,
und was von den übrigen mit Holzschnitten versehen; sind mysti- 40
sehe da, so kaufe sie auch, besonders die Sibyllenweissagungen.
Bis zwei, drei Thaler mögt Ihr immerhin gehen. Dann schickt sie
mir per Schnellpost, gebt mir den Betrag an, so will ich Euch einen
Wechsel auf meinen Alten schicken, der es gerne bezahlen wird.
Oder noch mehr, Ihr könnt die Bücher meinem Alten schicken, 45
1838 Sept. 17—18
Briefe an die Brüder Graeber
489
dem ich die ganze Geschichte auseinandersetzen werde, und der
mag sie mir zu Weihnachten schenken, oder wie er will. — Ein
neues Studium für mich ist Jacob Böhme; es ist eine dunkle, aber
eine tiefe Seele. Das meiste aber muß entsetzlich studiert werden,
5 wenn man etwas davon kapieren will; er ist reich an poetischen Ge¬
danken und ein ganz allegorischer Mensch; seine Sprache ist ganz
eigentümlich, alle Wörter haben eine andre Bedeutung als ge¬
wöhnlich; statt Wesen, Wesenheit sagt er Qual; Gott nennt er einen
Ungrund und Grund, da er keinen Grund noch Anfang seiner Exi-
io stenz hat, sondern selbst der Grund seines und alles andern Lebens
ist. Bis jetzt habe ich erst drei Schriften von ihm auftreiben kön¬
nen, fürs erste freilich genug. — Doch hier will ich mein Gedicht
von den Beduinen hinsetzen.
Die Glocke tönet, und empor
15 Der seidne Vorhang rauscht alsbald;
Aufmerksam lauschet jedes Ohr
Jedwedem Wort, das dort erschallt.
Doch heut’ ist’s nicht der Kotzebue,
Dem sonst Ihr schallend Lachen zollt,
20 Auch tritt nicht Schiller ernst hervor,
Ausgießend seiner Worte Gold.
Der Wüste Söhne, stolz und frei,
Sie treten still zu Euch heran ;
Der edle Stolz — er ist vorbei,
25 Die Freiheit — sie ist abgetan.
Da springen sie für Geld herum —
Der Knab’ so in der Wüste sprang,
In Jugendlust — doch alle stumm,
Nur einer singt ’nen Klaggesang.
so Man wundert sich ob ihrer Kraft;
Ja, wie man sonst dem Kotzebue
Geklatscht, wenn er sein Krämchen schafft,
Also klatscht ihnen jetzt man zu.
Ihr Wüstensöhne, flink und stark!
35 Ihr zogt wohl sonst im Mittagsstrahl
Hin durch Marokkos sand’ge Mark
Und durch das milde Datteltal!
Ihr streiftet durch die Gärten hin
Des Landes Bileduldscherid,
40 Zum Raube stand der mut’ge Sinn,
Zum Kampfe ging der Rosse Schritt!
Ihr saßt wohl sonst im Mondenglanz
Am Palmenquell im dürren Land,
Und holder Märchen bunten Kranz
490
Briefe an die Brüder Graeber
1838 Sept. 17—18
Flocht Euch ein schöner Mund gewandt.
Ihr schlummertet im engen Zelt
Im Arm der Liebe, träumevoll
Bis Morgenlicht den Himmel hellt’
Und der Kamele Brüllen scholl! s
Zieht wieder heim, Ihr Gäste fremd,
Zu unserm Frack, pariser Schnitt,
Paßt nicht der Wüste schlichtes Hemd,
Noch in die Lit’ratur Eu’r Lied !
den IBten.^ io
Cur me poematibus exanimas tuis, werdet Ihr ausrufen! Aber
ich quäle Euch jetzt noch viel mehr damit oder vielmehr darum.
Der Guilelmus hat noch ein Heft Verse von mir, wie ich sie hin¬
schrieb. Dieses Heft bitte ich mir aus und zwar so: Ihr könnt alles
unbeschriebene Papier davon schneiden und mir sodann bei jedem is
Eurer Briefe ein Quartblatt beilegen, das erhöht das Porto nicht.
Zur Not auch noch sonst einen Fetzen, wenn Ihr es pfiffig verpackt
und den Brief vor der Absendung gut preßt, etwa eine Nacht
zwischen ein paar Lexika legt, so merken die Kerls nichts. — Das
inliegende Blatt für Blank besorgt Ihr wohl. Ich kriege eine furcht- 20
bar ausgedehnte Korrespondenz, mit Euch nach Berlin, mit Wurm
nach Bonn, nach Barmen und Elberfeld desgleichen, aber wenn
ich das nicht hätte, wie sollte ich die unendliche Zeit totschlagen,
die ich auf dem Comptoir, ohne doch lesen zu dürfen, zubringen
muß? — Vorgestern war ich bei meinem Alten, id est principalis, 25
seine Frau wird genannt die Altsche (italienisch alce, das Elen¬
tier geradeso ausgesprochen), auf dem Lande, wo seine Familie
wohnt, und viel Pläsir gehabt habe. Der Alte ist ein köstlicher
Kerl, er schimpft seine Jungens immer polnisch aus. Ihr Ledschia-
ken, Ihr Kaschuben! Auf dem Rückwege habe ich mich bemüht, 30
einem Philister, der mit da war, einen Begriff von der Schönheit
der plattdeutschen Sprache zu geben, habe aber gesehen, daß dies
unmöglich ist. Solch ein Philister ist doch eine unglückliche Seele,
aber dabei doch überglücklich in seiner Dummheit, die er für die
größte Weisheit hält. Neulich abend war ich im Theater, sie gaben 35
den Hamlet, aber ganz schauderhaft. Doch darum will ich lieber
ganz davon schweigen. — Daß Ihr nach Berlin geht, ist ganz gut,
an Kunst wird Euch da wohl so viel geboten, wie sonst auf keiner
Universität, ausgenommen München; dagegen die Poesie der
Natur, die fehlt: Sand, Sand, Sand! Hier ist es weit besser; 45
die Straßen außer der Stadt sind meistens sehr interessant und
1) Von hier an ist der Brief mit einer roten, heute sehr verblichenen Tinte quer
durch den vorhergehenden Text geschrieben.
1838 Sept. 17—18
Briefe an die Brüder Graeber
491
durch die mannigfaltigen Baumgruppen sehr anmutig; aber die
Berge, ja die Berge, das ist der Donnerwetter. Ferner fehlt in Ber¬
lin die Poesie des Studentenlebens, die in Bonn am größten ist,
wozu dann das Herumschweifen in der poetischen Umgegend nicht
5 am wenigsten beiträgt. Nun, Ihr kommt ja auch noch nach Bonn.
Mein lieber Wilhelm, ich würde Dir rasend gern auf Deinen witzi¬
gen Brief ebenso witzig antworten, wenn mir nicht überhaupt aller
Witz, und im besonderen jetzt gerade die Lust fehlt, die man sich
nicht geben kann, und ohne die alles erzwungen ist. Aber ich
io fühle, es geht mit mir zu Ende, es ist mir, als ob mir verschwände
jeder Gedanke aus meinem Haupt, als wenn mir das Leben würde
geraubt. Der Stamm meines Geistes ganz entlaubt, denn alle meine
Witze sind geschraubt, und der Kem aus der Schale herausge¬
klaubt. Und meine Makamen, die verdienen kaum den Namen,
15 während die Deinen Rückert den Ruhm nahmen, diese hier, die
ich schreibe, die haben die Gicht im Leibe, sie hinken, sie wanken,
sie sinken, ja sie schon sanken in den Abgrund der Vergessenheit,
nicht stiegen in die Höhe der Gelesenheit. Oh Jammer, da sitz’ ich
in der Kammer, und pochte ich an mein Haupt mit einem Hammer,
20 es flösse doch nur Wasser heraus, mit großem Gebraus. Doch das
hilft nicht einer Laus, der Geist ist drum doch nicht drin zu Haus.
Gestern abend, als ich zu Bette ging, stieß ich an meinen Kopf, und
es läutete, wie wenn man an ein Gefäß mit Wasser stößt, und das
Wasser an der andern Seite ans Gefäß klatscht. Ich mußte lachen,
25 als mir die Wahrheit so derb unter die Nase gerieben wurde. Ja
Wasser, Wasser! In meiner Stube spukt’s überhaupt; gestern
abend hörte ich eine Totenuhr in der Wand klopfen, in der Gasse
neben mir rumoren Enten, Katzen, Hunde, Dirnen und Menschen.
Übrigens verlange ich von Euch einen ebenso langen, wenn nicht
3o noch längeren Brief, et id post notas und das nach Noten.
Das ausgezeichnetste Kirchengesangbuch, das es gibt, ist un¬
streitig das hiesige; es enthält alle berühmten Namen deutscher
Poesie: Goethe (das Lied: der Du von dem Himmel bist), Schiller
(drei Worte des Glaubens), Kotzebue und viele andre. Auch Kuh-
35 pockenlieder, und was des Unsinns mehr ist. Es ist eine Barbarei
ohne gleichen; wer’s nicht sieht, glaubt’s nicht; dabei ein schauder¬
haftes Verderben aller unsrer schönen Lieder, ein Verbrechen,
was sich auch Knapp im Liederschatz hat zu Schulden kommen
lassen. — Bei Gelegenheit, daß wir eine Expedition Schinken
*o nach Westindien machen, fällt mir folgende höchst interessante
Geschichte ein: Es schickte einmal einer Schinken nach Havanna;
der Brief mit der Berechnung kommt erst später an, und der Emp¬
fänger, der schon gemerkt hat, daß zwölf Stück fehlten, sieht nun
in der Rechnung aufgeführt: Rattenfraß 12 Stück. Diese
45 Ratten aber waren die jungen Leute auf dem Comptoir, die sich diese
492
Briefe an die Brüder Graeber
1838 Sept. 17—18
Schinken zu Gemüte geführt hatten; jetzt ist die Geschichte aus.
— Indem ich mir erlaube, den noch übrigen Raum mit Aufgrei-
fung und malerischer Darstellung von Äußerlichkeiten (Dr. He)
auszufüllen, bekenne ich Euch, daß ich von meiner Reise Euch
schwerlich werde viel können zugehen lassen, weil ich’s dem 5
Strücker und dem Wurm zu allererst versprochen; ich fürchte
schon, daß ich’s denen werde zweimal schreiben müssen, und drei¬
mal die ganze Salbaderei, mit vielem Unsinn vermischt, das
wäre doch etwas zu viel. Will Euch aber der Wurm das Heft, das
er freilich schwerlich vor Ende dieses Jahres bekommen wird, io
schicken, so ist mir’s recht, sonst kann ich Euch nicht helfen, bis
Ihr selbst nach Bonn geht. —
Dero ergebenster Diener
Friedrich Engels.
Grüßt den P. Jonghaus, er kann Euch einen Brief beilegen, ich 15
hätte ihm auch geschrieben, aber der Kerl ist gewiß verrissen.
Baldige Antwort. Eure Berliner Adresse !!!!!!!
[Auf der Adreßseite]
Herm Friedrich Graeber, Adr. Herm Pastor Graeber Barmen.
Franco. 20
1839 Jan. 20
Briefe an die Brüder Graeber
493
Engels an Friedrich Graeber; [Bremen 1839
Januar 20]
Original im Besitze von Emil Engels, Engelskirchen
6 An Fritz Graeber.
Florida.
I.
Der Geist der Erde spricht:
Dreihundert Jahre sind’s, da kam gefahren
Das trotz’ge weiße Volk von jener Seite
10 Des Ozeans, da ihre Städte waren.
Die Inseln wurden bald der Starken Beute,
Da hob die Faust ich aus dem Meer empor,
Ob diese auch ihr kecker Fuß beschreite.
Mit Wald war sie bedeckt und Blumenflor,
is Und durch die tiefen Tälerfurchen streifte
Mein treu Geschlecht, der braunen Männer Chor.
Der ew’ge Vater mild hernieder träufte
Des Segens Fülle — da die Weißen kamen,
Es naht’ ihr Schiff, das irr im Meere schweifte.
20 Und ihrem Sinn gefiel das Land, sie nahmen
Es weg, wie sie die Inseln sich geeignet,
Für mein Volk brachten sie der Knechtschaft Samen.
Der Furchen Grenze haben sie verleugnet,
Sie maßen mit Quadranten meine Hand,
25 Sie haben fremde Linien drein gezeichnet.
Bald überschwemmten sie das ganze Land,
Ein Finger ist’s, den sie noch nicht bedeckt,
Wer dahin kommt, ist in den Tod gerannt.
Auf diesen Finger hab ich mir gesteckt
30 Jetzt einen Ring, den meine Braunen bilden ;
Sie haben ihre Speere vorgestreckt,
Und schützen sie mich nicht mit ihren Schilden,
Zerfeilt den Ring der Weißen Übermut,
Dann zieh ich samt den Weißen und den Wilden
35 Die Hand herab in die empörte Flut.
II.
Der Seminole spricht:
Nicht Frieden will ich meinen Brüdern künden,
Krieg sei mein erstes Wort, mein letztes Schlacht,
40 Und wenn sich Eure Blicke dann entzünden,
494
Briefe an die Brüder Graeber
1839 Jan. 20
Wie Waldbrand, vom Orkane angefacht,
Dann sag ich, daß ihr einst mit Recht mich nanntet
Des Wortes Sonne, der entweicht die Nacht!
Wie Ihr in wilder Jagdlust sonst entbranntet,
Unschuld’ge Tiere, die Euch flohn zu jagen, 5
Wie Ihr verfolgend Pfeil auf Pfeil entsandtet,
So meint das Volk der Weißen Euch zu jagen —
Daß sie das Wild, daß Ihr die Jäger seid,
Das lasset ihnen Eure Pfeile sagen.
Auf uns, die Roten, schauen sie mit Neid, 10
Und daß sich ihr verhaßtes Weiß nicht zeige,
Verhüllen sie sich ganz mit buntem Kleid.
Sie nannten unser Land das blumenreiche,
Weil mannigfache Blumen hier erblühen,
Die sollen alle, blaue, gelbe, bleiche, 15
Ein rotes Kleid sich alle überziehen,
Besprenget von der Weißen rotem Blut,
Und der Flamingo soll nicht röter glühen.
Zu ihren Sklaven waren wir nicht gut,
Drum brachten sie die feigen Schwarzen her, 20
Sie sollen kennen unsre Kraft und Mut!
Kommt nur, Ihr Weißen, lüstet’s Euch so sehr,
Ihr mögt die Huldigung Euch selber holen,
Aus jedem Schilf, von jedem Baume her
Erwartet Euch der Pfeil des Seminolen ! 25
III.
Der Weiße spricht:
Wohlan! so will ich denn zum letzten Male
Dem rauhen Schicksal kühn die Stirne bieten,
Will frei entgegenschaun dem Mörderstahle! 30
Du bist mir wohl bekannt, Du Schicksalswüten!
Du hast mir stets des Lebens Lust verbittert —
Meint Ihr, daß mir der Liebe Freuden blühten?
Die hat durch Spott mein armes Herz zersplittert,
Die ich geliebt; ich suchte Trost im Streben 35
Nach Freiheit, und vor unserm Bund gezittert
Hat mancher König, Fürsten sahn mit Beben,
Wie deutsche Jünglinge zusammen standen —
Drauf hab ich sieben Jahr von meinem Leben
Gebüßet für die Schuld in ehmen Banden. 40
Da brachte man mich hin zum schnellen Schiffe,
Frei sollt’ ich werden, doch in fernen Landen. —
1839 Jan. 20
Briefe an die Brüder Graeber
405
Die Küste winkt! Da auf dem Felsenriffe
Zerbirst das Schiff, und in die wilde Brandung
Stürzt alles Volk; daß ich allein ergriffe
Ein Brett, das sich mir bot, zur schweren Landung,
5 Das war das erste Glück, das mir geschehen,
Die andern ruhen in der Flut Versandung.
Doch kann ich je dem Unheil wohl entgehen?
Die Wilden stürzen auf mich los, und binden
Mich, den zum Tod, der Rache sie ersehen.
io Die Freiheit dacht’ ich wieder hier zu finden,
Und Freiheitskämpfer grüßen mich mit Mord,
So muß ich büßen meiner Brüder Sünden!
Doch sieh, was schwimmt heran zum Ufer dort?
Ein Kruzifix! Wie schaun so mild die Züge
is Mich an des Heilands! Ach, mir fehlt sein Wort,
Wenn sterbend ich auf heißem Sande liege,
Da kommt er selbst zu mir, der Gnadenreiche!
Ich murre hier, und für mich wird im Kriege
Mit Höllenwut Gott selber eine Leiche!
2o Da hast Du meinen Beitrag fürs nächste Kränzchen, ich habe
gesehen, daß es wieder bei uns gewesen ist, und es tat mir sehr
leid, daß ich nichts dazu eingeschickt hatte. Jetzt zur Beantwor¬
tung Deines Briefes. — Aha! Warum liest Du die Zeitung nicht!
Da hättest Du bald gesehen, was von der Geschichte in der Zeitung
25 stand und was nicht. Das ist meine Schuld nicht, wenn Du Dich
blamierst. In der Zeitung haben bloß offizielle Berichte des Senats
gestanden, die freilich auch danach gewesen sind. Die Komödie
von Plümacher muß sehr schön sein, ich habe zweimal darum ge¬
schrieben, und er hat kein Wort davon verlauten lassen. Was den
3o Jonghaus und seine Liebe anbetrifft, so habe ich mit dem noch ein
besonderes Kapitel drüber abzumachen. Ihr Menschen laßt Euch
immer durch „Dieses und Jenes“ vom Schreiben abhalten, sage
einmal, kannst Du mir nicht alle Tage, von dem an, daß Du
meinen Brief bekommst, eine halbe Stunde schreiben?, so bist Du
35 in drei Tagen fertig. Ich muß alle diese Briefe schreiben, fünf
Stück, schreibe viel enger als Ihr, und bin doch in 4 à 5 Tagen
fertig. Ja es ist schrecklich. Acht Tage sollt Ihr Zeit haben, aber
am neunten Tag nach Empfang meines Briefes müßt Ihr den Euri¬
gen auf die Post geben, das geht nicht anders; sollte ich bei Wurm
io andre Bestimmungen gemacht haben, so ändre ich sie hiermit um,
8 Tage Zeit habt Ihr, sonst treten die bei Wurm angedrohten
Strafen ein; keine Verse und ebenso langes Wartenlassen.
Hier hast Du einen Holzschnitt à la Volksbücher, der Dir klar
darstellt, wie ich auf Euch passe, d. h. auf Eure Briefe. Ich dachte,
496
Briefe an die Brüder Graeber
1839 Jan. 20
Briefträger: Herr Konsul, ein Brief!
Konsul Leupold: Aha! Gut.
Engels: Nichts für mich?
Briefträger: Nein.
ich hätte heute die Briefe noch weggekriegt (Sonntag, den 20. Ja- 5
nuar), aber es schlägt halb fünf, und heute geht die Post schon um
fünf. Wieder ein Strich durch die Rechnung. Nun das Gute hat’s
doch, daß ich jetzt mit Ruhe scheißen und dann Euch mit Ruhe
schreiben kann. Für Peter J [onghaus] habe ich noch keinen Brief
anfangen können. Verdammt, da sitzt einer auf dem Abtritt, und io
es drängt mich von oben bis unten, mich zu ergießen.
Es ist merkwürdig, daß, wenn wir unsre größten Dichter zu¬
sammennehmen, immer zwei und zwei sich ergänzen, so Klopstock
und Lessing, so Goethe und Schiller, so Tieck und Uhland. Jetzt
aber steht Rückert ganz allein da, soll mich einmal verlangen, ob is
der noch einen bekommt, oder ob er so abstirbt; es hat fast den
Anschein. Als Liebesdichter könnte man ihn mit Heine zusammen¬
stellen, aber leider Gottes sind die zwei sonst so heterogen, daß man
sie gar nicht vereinen kann. Klopstock und Wieland sind doch
noch Gegensätze, aber Rückert und Heine haben nicht die min- 20
deste andre Ähnlichkeit, und stehen beide absolut da. Die Ber¬
liner Partei des jungen Deutschlands ist doch eine saubre Kom¬
pagnie! Da wollen sie unsre Zeit umstempeln zu einer Zeit der
„Zustände und feinen Bezüge66, welches so viel bedeutet als: wir
schreiben was in die Welt hinaus, und um die Seiten voll zu krie- 25
gen, schildern wir Dinge, die nicht da sind, und das nennen wir
Zustände, oder wir bringen das Hundertste mit dem Tausendsten
zusammen und das geht unter dem Namen der „feinen Bezüge66.
Dieser Theodor Mundt sudelt da was in die Welt hinein von der
Demoiselle Taglioni, die „Goethe tanzt66, schmückt sich mit Flos- 30
kein aus Goethe, Heine, der Rahel und der Stieglitz, sagt den köst-
1839 Jan. 20
Briefe an die Brüder Graeber
497
liebsten Unsinn über Bettina, aber alles so modern, so modern,
daß es eine Lust sein muß für einen Schnipulanten, oder für eine
junge, eitle, lüsterne Dame, dergleichen zu lesen. Dieser Kühne,
Mundts Agent in Leipzig, redigiert die Zeitung für die elegante
s Welt, und die sieht jetzt aus wie eine Dame, deren Körperbau für
einen Reifrock eingerichtet, und die jetzt in ein modernes Kleid
gesteckt wird, daß bei jedem Schritt die holdselige Krümmung der
Beine durch das schmiegsame Kleid sichtbar wird. Es ist köstlich!
Und dieser Heinrich Laube! Der Kerl schmiert in Einem fort
io Charaktere, die nicht existieren, Reisenovellen, die keine sind,
Unsinn über Unsinn, es ist schrecklich. Wie es mit der deutschen
Literatur werden soll, weiß ich nicht. Drei Talente haben wir, Karl
Beck, Ferdinand Freiligrath und Julius Mosen; der dritte ist wohl
ein Jude und läßt in seinem Ahasver den ewigen Juden an allen
is Enden dem Christentum trotzen; Gutzkow, der noch mit der Ver¬
nünftigste ist, tadelt ihn deshalb, weil Ahasveros eine gemeine
Natur sei, ein wahrer Schacherjude ; Theodor Creizenach, eben¬
falls ein juif, packt nun in der Zeitung für die elegante Welt den
Gutzkow auf eine wütende Weise an, aber Gutzkow steht ihm zu
so hoch. Dieser Creizenach, ein gewöhnlicher Tagesschreiber, erhebt
Ahasver in alle Himmel, als einen getretenen Wurm, und schimpft
auf Christus, als einen eigenmächtigen, stolzen Herrgott; meint
auch, freilich sei im Volksbuch Ahasver eben nur ein gemeiner
Kerl, aber im Löschpapier der Jahrmarktsbuden sei Faust auch
25 nicht viel mehr als ein gemeiner Hexenmeister, während doch
Goethe „die Psychologie mehrerer Jahrhunderte66 in ihn gelegt
habe. Letzteres ist klar, Unsinn zu sein (wenn ich nicht irre, ist
das eine ganz lateinische Konstruktion), aber mich rührt nur das
wegen der Volksbücher. Freilich, wenn Theodor Creizenach darauf
so schimpft, so müssen sie wohl sehr, sehr schlecht sein, indessen
wage ich zu bemerken, daß im Volksahasver mehr Tiefe und
Poesie ist als in dem ganzen Th. Crteizenach] benebst seinen löb¬
lichen Konsorten. Ich habe jetzt einige Xenien in Arbeit, von
denen ich Dir, so viel davon fertig, hersetze.
36 Diejournale.
1. Telegraph.
Nennst Du Dich selbst Schnellschreiber, wer wird dann Zweifel
noch hegen,
Schnellgeschriebenes sei, was Dir die Blätter erfüllt?
40 2. Morgenblatt.
Liest Du am Morgen mich durch, so hast Du vergessen am Abend,
Ob Du auf leeres Papier oder bedrucktes gesehn.
Marx-Engels-Gesamtausgabe, I. Abt., Bd. 2. 32
498
Briefe an die Brüder Graeber
1839 Jan. 20
3. Abendzeitung.
Fehlt Dir am Abend der Schlaf, so nimm dies Blatt in die Hände,
Lieblicher Schlummer erfüllt sicherlich Dich alsobald.
4. Literaturblatt.
Dies ist das krittlichste Blatt in dem ganzen Literaturwald, 5
Aber wie ist es so dürr! weht es der Wind doch herab!
Andre fallen mir grade nicht ein, ich muß also wohl aufhören.
Ich muß mich, wie ich eben vermerke, noch bedeutend eilen, wenn
ich Schächer noch morgen die Briefe wegbekommen soll; gleich
haben wir Gesellschaft, dann morgen große Rennerei und Kopie- io
rerei, so daß es nicht unzweckmäßig sein wird, sehr schnell zu
schreiben.
Von Duller lese ich jetzt Kaiser und Papst, einen vierbändigen
Roman. Duller hat einen übermäßigen Ruf; seine Wittelsbacher
— Romanzen, von denen viele in Hülstett stehen, — sind ent- is
setzlich schlecht; er wollte Volkston nachahmen und wurde fami¬
liär; sein Loyola ist ein scheußliches Konfusorium aller guten
und schlechten Elemente eines historischen Romans, mit einer
schlechten Stilsauce auf gewärmt; sein Leben Grabbes ist entsetz¬
lich entstellt und einseitig; der vorliegende Roman ist schon 20
besser, einzelne Charaktere sind gut, andre wenigstens nicht
schlecht gezeichnet, einzelne Situationen sind ziemlich gut auf¬
gefaßt, und die erfundenen Personen sind interessant. Aber das
Maß der Breite und des Hervortretens der Nebenpersonen, neue,
kühne Ansichten der Geschichte fehlen ihm, nach dem ersten 25
Bande zu urteilen, gänzlich. Es ist ihm nichts, den am besten ge¬
zeichneten Charakter am Ende des ersten Bandes zu töten; auch
hat er eine große Vorliebe für absonderliche Todesarten; so stirbt
einer vor Wut, als er eben seinem Feinde den Dolch in die Brust
stoßen will, und dieser Feind steht am Krater des Ätna, wo er 30
sich eben vergiften will, als eine Spalte des Berges ihn im Lava¬
strome begräbt. Dann schließt der Band, nachdem diese Szene
geschildert: Die Wogen des Ozeans schlagen über dem Scheitel
des Sonnenhauptes zusammen. Ein sehr pikanter, im Grunde aber
abgedroschener und alberner Schluß. Der soll auch meinen Brief 35
schließen. Addio, adieu, a dios, a deos,
Dein Friedrich Engels.
1839 Febr. 19
Briefe an die Brüder Graeber
499
Engels an Friedrich Graeber; [Bremen 1839
Februar 19]
Original im Besitze von Emil Engels, Engelskirchen
Et Tu, Brute? Friderice Graeber, hoc est res quam nunquam
5 de te crediderim! Tu jocas ad cartas? passionaliter? 0 Tempores
o moria! Res dignissima memoria! Unde est tua gloria? Wo ist
Dein Ruhm, und Dein Christentum? Est itum ad Diabolum! Quis
est, qui te seduxit? Nonne verbum meum fruxit (hat gefruchtet) ?
0 fili mi, verte, sonst schlag ich Dich mit Rute und Gerte, cartas
10 abandona, fac multa bona, et vitam agas integram, partem recu-
perabis optimam! Vides amorem meum, ut spiritum faulenzen-
deum egi ad linguam latinam et die obstupatus: quinam fecit
Angelum ita tollum, nonsensitatis vollum, plénum et, plus ancora
viel: hoc fecit enorme Kartenspiel! Geh in Dich, Verbrecher,
is bedenke, was der Zweck Deines Daseins ist! Räuber, bedenke,
wie Du Dich an allem versündigst, was heilig und unheilig ist!
Karten! Die sind aus des Teufels Haut geschnitten! 0 Ihr Schreck¬
lichen! ich gedenke Eurer nur noch in Tränen oder Zähneknir¬
schen! Ha, mich faßt die Begeisterung! Am neunzehnten Tage
2o des zweiten Monats 1839, am Tage, da Mittag um 12 Uhr ist,
faßte mich der Sturm und trug mich in die Ferne und da sah ich,
wie sie Karten spielteln], und da war es Zeit zu essen. Fortsetzung
folgt. Und siehe, es erhob sich von Morgen ein greuliches Donner¬
wetter, also, daß die Fenster klirrten, und die Schloßen hernieder-
25 schmetterten, sie aber spielten weiter. Darob erhob sich ein Streit
und der König von Morgen zog wider den Fürsten aus Abend, und
die Mitternacht hallte wieder vom Geschrei der Streiter. Und der
Fürst des Meeres machte sich auf wider die Lande im Morgen,
und ein Schlagen geschah vor seiner Stadt, desgleichen die
30 Menschheit nicht gesehen. Sie aber spielten weiter. Und vom Him¬
mel herab stiegen sieben Geister. Der erste trug einen langen
Rock, und sein Bart reichte ihm auf die Brust. Den nannten sie
Faust. Und der zweite Geist hatte greises Haar um das kahle
Haupt, und er rief: Wehe, wehe, wehe! Den nannten sie Lear.
35 Und der dritte Geist war hohen Leibes und gewaltig anzuschauen,
des Name war Wallenstein. Und der vierte Geist war wie die Kin¬
der Enaks, und trug eine Keule, gleichwie die Zedern auf Liba¬
non. Den nannten sie Herakles. Und der fünfte Geist war von
Eisen über und über, und sein Name stand geschrieben auf seiner
40 Stirn: Siegfried, und an seiner Hand ging ein gewaltiger Streiter,
des Schwert leuchtete wie der Blitz, das war der sechste und hieß
Roland. Und der siebente Geist trug einen Turban auf der Spitze
seines Schwertes und schwang eine Fahne ob seinem Haupte, dar¬
auf stand geschrieben: Mio Cid. Und die sieben Geister pochten
32*
500
Briefe an die Brüder Graeber
1839 Febr. 19
an der Türe der Spieler, aber sie hörten nicht darauf. Und siehe,
da kam von Mitternacht eine große Helle, die flog dahin über das
Erdreich, wie ein Adler, und da sie vorbei war, sähe ich die Spie¬
ler nicht mehr. Aber mit schwarzen Zeichen stand geschrieben auf
der Türe: Und ich verstummte. 5
Wenn mein Brief an Wilhelm noch nicht Beweis genug für
meine Unsinnigkeit ist, so fällt es jetzt hoffentlich keinem von
Euch mehr ein, daran zu zweifeln. Wo nicht, so will ich Euch
noch triftiger davon überzeugen.
Eben sehe ich im Telegraphen eine Rezension der Gedichte des 10
Missionars Winkler in Barmen. Sie werden furchtbar herunter¬
gemacht; es gibt eine Masse Proben, die eben einen Missionars¬
geschmack verraten. Kommt das Blatt nach Barmen, so ist es um
Gutzkows Reputation daselbst, die schon sehr gering ist, getan.
Diese Proben sind schauderhaft, ganz unendlich ekelhafte Bilder is
— Pol ist ein Engel dagegen. Herr Jesu, heile du den Blutfluß
meiner Sünden (Anspielung auf die bekannte Geschichte im
Evangelium) und dergl. mehr. Ich verzweifle immer mehr an
Barmen, es ist alles aus in literarischer Beziehung. Was da ge¬
druckt wird, ist, mit Ausnahme der Predigten, zum wenigsten 20
dummes Zeug; religiöse Sachen sind gewöhnlich Unsinn. Barmen
und Elberfeld sind wahrhaftig nicht mit Unrecht als obskur und
mystisch verschrieen; Bremen steht in demselben Ruf und hat viel
Ähnlichkeit damit; die Philisterei verbunden mit religiöser Ze¬
lotenwirtschaft, wozu in Bremen noch eine niederträchtige Ver- 25
fassung kommt, verhindern jeden Aufschwung des Geistes, und
eines der vorzüglichsten Hindernisse ist F. W. Krummacher. —
Blank klagt so entsetzlich über die Elberfelder Prediger, beson¬
ders Kohl und Hermann, ich möchte wissen, ob er recht hat; vor
allem wirft er ihnen Dürre vor, nur Krum [mâcher] sei eine Aus- so
nähme. — Höchst komisch ist, was der Missionar über die Liebe
sagt. Paß mal auf, ich will ein derartiges Ding machen.
1839 Febr. 19
Briefe an die Brüder Graeber
501
Liebeserklärung eines Pietisten.
Ehrbare Jungfrau! Ich, nach viel und schwerem Ringen,
Gegen die Lust der Welt, die gegen mich tat dringen,
Komm ich mit dem Gesuch, ob sie mich wollte nicht
e Nehmen zu ihrem Mann, in Ehrbarkeit und Pflicht.
Zwar liebe ich Sie nicht, das wär’ zu viel verlanget,
Ich lieb in ihr den Herm, der —
nein, es geht nicht, man kann so was nicht satirisieren, ohne das
Heiligste mit in diesen Kreis zu ziehen, wohinter sich dieses Volk
io versteckt. Ich möchte einmal eine solche Ehe sehen, wo der Mann
nicht seine Frau, sondern Christum in seiner Frau liebt, und liegt
da dieFrage nicht auf der Hand, ob er auch Christum in seinerFrau
beschläft? Wo steht denn was in der Bibel von dieser unsinnigen
Wirtschaft? Im Hohen Liede steht: wie süß bist du, Liebe in Wol-
15 lüsten; aber freilich schimpft man jetzt auf alles Verteidigen der
Sinnlichkeit trotz David und Salomo und Gott weiß wem. Uber so
was kann ich mich entsetzlich ärgern. Diese Kerls rühmen sich
noch obendrein, die wahre Lehre zu haben, und verdammen jeden,
der nicht etwa an der Bibel zweifelt, sondern der sie anders aus-
20 legt wie sie. Es ist eine saubre Wirtschaft. Komme einmal einem
damit, der oder der Vers sei untergeschoben, die werden Dich
schon fuchsen. Gustav Schwab ist der bravste Kerl von der Welt,
sogar orthodox, aber die Mystiker halten nichts auf ihn, weil er
ihnen nicht immer geistliche Lieder in der Weise: Du sagst, ich
25 bin ein Christ, vorleiert, und in einem Gedicht auf mögl [ichste]
Ausgleichung zwischen Rationalisten und Mystikern hindeutet.
Mit der religiösen Poesie ist es fürs Erste am Ende, bis einer
kommt, der ihr neuen Schwung gibt. Bei Katholiken wie Prote¬
stanten geht alles im alten Schlendrian, die Katholiken machen
so Marienlieder, die Protestanten singen die alte Leier in den pro¬
saischsten Ausdrücken von der Welt. Diese gräßlichen Abstrakta:
Heiligung, Bekehrung, Rechtfertigung, und weiß Gott was für
loci communes und breitgetretene Floskeln mehr sind. Man sollte
aus Ärger über die jetzige religiöse Poesie, also aus Frömmigkeit,
33 des Teufels werden. Ist denn unsre Zeit so schofel, daß nicht ein¬
mal einer neue Wege für religiöse Poesie bahnen kann? Übrigens
halte ich dafür, daß die Zeitgemäßeste Art die ist, die ich in Sturm
und Florida, über welches ich mir ausführlichere Rezension er¬
bitte, bei Strafe des Nichtmehrgedichtehabensollens, angewandt
4o habe. Daß der Wurm die Briefe zurückbehalten, ist nicht ver¬
zeihlich.
Dein Friedrich Engels.
502
Briefe an die Brüder Graeber
1839 April 8—9
Engels an Friedrich Graeber; [Bremen] 1839
April 8—9
Original im Besitze von Emil Engels, Engelskirchen
den 8. (nisi erro) April 1839.
Teuerster Fritz! 5
Dieser Brief — ja Du denkst wohl, Du würdest Dich bedeu¬
tend daran amüsieren, nein, dieses weniger. Du, der Du mich
nicht nur durch langes Wartenlassen, sondern auch durch die Ent¬
weihung der heiligsten Geheimnisse, die je dem menschlichen
Genius verborgen blieben, die Visionen, betrübt, geärgert, erzürnt 10
hast, Du mußt eine absonderliche Strafe haben, Du sollst gelang¬
weilt werden, und womit? mit einem Aufsatz, und worüber? über
den vielbesagten Hammel: Literatur der Gegenwart.
Was hatten wir vor 1830? Theodor Hell und Konsorten, Willi¬
bald Alexis, einen alten Goethe und einen alten Tieck, c’est tout, is
Da tritt die Julirevolution, seit dem Befreiungskriege die schönste
Äußerung des Volkswillens, wie ein Donnerschlag herein. Goethe
stirbt, Tieck verkommt immer mehr, Hell schläft ein, Wolfgang
Menzel fährt fort, Schusterkritiken zu schreiben, aber ein neuer
Geist steht auf in der Literatur; als Dichter vor allen Grün und 20
Lenau; Rückert bekommt einen neuen Schwung, Immermann be¬
kommt Bedeutung, Platen desgleichen, aber das ist nicht genug:
Heine und Börne waren schon vor der Julirevolution abgeschlos¬
sene Charaktere, aber jetzt erst bekommen sie Bedeutung, und auf
ihnen fußt ein neues Geschlecht, das die Literaturen und das 25
Leben aller Völker sich zunutze macht, voran Gutzkow. Gutzkow
war 1830 noch Student, arbeitete zuerst für Menzel am Literatur¬
blatt, aber nicht lange; ihre Ansichten stimmten nicht, Menzel
wurde flegelhaft, Gutzkow schrieb die berüchtigte Wally (Zweif¬
lerin) und Menzel verschrie das Buch mit gräßlichem Spektakel, 30
indem er dem Gutzkow die von der Wally ausgesprochenen An¬
sichten als seine eignen vorwarf, und bewirkte wahrhaftig, daß
das unschuldige Buch verboten wurde. An Gutzkow schloß sich
der freilich unbedeutende Mundt an, der Geldverdienens halber
allerlei Unternehmungen anfing, worin er cum suibus noch Auf- 35
sätze von andern gab. Beurmann kam bald hinzu, ein scharf¬
sinniger Kerl und feiner Beobachter, ferner Ludolf Wienbarg,
F. Gustav Kühne, und Wienbarg erfand für fünf dieser Schrift¬
steller (nisi erro, anno 1835) den Namen: junges Deutschland.
Gegenüber stand der Menzel, der besser zu Hause geblieben wäre, 40
sintemal ihn Gutzkow ebendeswegen zu Tode geschlagen hat, dann
die Evangelische Kirchenzeitung, die in jeder Allegorie eine Ab¬
götterei und in jeder Äußerung der Sinnlichkeit eine der Erb¬
sünde findet, (heißt der Hengstenberg vielleicht so lucus a non
lucendo, d.h. ist er ein Wallach, Kastrat, Eunuch?). Diese Edlen 45
1839 April 8—9
Briefe an die Brüder Graeber
503
klagten das junge Deutschland an, sie wollten die Emanzipation
der Frauen und die Restauration des Fleisches, nebenbei wollten
sie ein paar Königreiche stürzen und Papst und Kaiser in einer
Person werden. Von allen diesen Angriffen war bloß der von
5 Emanzipation der Frauen (im Goetheschen Sinne) gegründet, und
ließ sich auch nur auf Gutzkow anwenden, der ihn später desavou¬
iert (als übermütige Jugendübereilung) hat. Durch das Zusam¬
menhalten bildeten sich ihre Zwecke schärfer aus; es waren die
„Ideen der Zeit“, die in ihnen zum Bewußtsein kamen. Diese
io Ideen des Jahrhunderts (so sprachen Kühne und Mundt) sind
nicht etwa demagogischer oder antichristlicher Art, wie sie ver¬
schrien werden, sondern sie basieren auf dem Naturrechte eines
jeden Menschen und erstrecken sich auf alles, was in den jetzigen
Verhältnissen diesem widerspricht. So gehört zu diesen Ideen:
15 vor allem die Teilnahme des Volks an der Staatsverwaltung, also
das Konstitutionelle, ferner die Judenemanzipation, Abschaffung
alles Religionszwanges, aller Adelsaristokratie usw. Wer kann
was dagegen haben? Die Evangelische Kirchenzeitung und Men¬
zel haben es auf dem Gewissen, daß sie die Ehre des jungen
2o Deutschlands so verschrien haben. Schon 1836, 37 war unter die¬
sen, durch Einheit der Absicht, nicht aber durch besondre Asso¬
ziation verbundenen Schriftstellern, die Idee klar und bestimmt;
durch ihre tüchtigen Schriften verschafften sie sich Anerkennung
bei den andren meist jämmerlichen Literaten und zogen alle jun-
25 gen Talente an sich. Ihre Dichter sind Anast[asius] Grün und Karl
Beck ; ihre Kritiker vor allen Gutzkow, Kühne, Laube, und unter
den jüngeren Ludwig Wihl, Levin Schücking etc. ; dazu versuchen
sie sich im Roman, Drama etc. In der neuesten Zeit ist zwar Streit
ausgebrochen zwischen Gutzkow und Mundt nebst Kühne und
30 Laube; sie haben beide Anhänger, Gutzkow die jüngeren, Wihl,
Schücking etc., Mundt von den jüngeren nur ein paar; Beurmann
hält sich ziemlich neutral, so der junge, sehr talentvolle Dingel¬
stedt, neigen aber sehr zu Gutzkow hin. Mundt hat durch den Streit
allen seinen Kredit verloren; der des Kühne ist bedeutend gesun-
35 ken, weil er so gemein ist, alles, was Gutzkow schreibt, herunter¬
zumachen ; Gutzkow dagegen nimmt sich sehr nobel und hält sich
meist nur über die große Liebe zwischen Mundt und Kühne, die
sich gegenseitig loben, auf. Daß Gtutzkow] ein ganz ausgezeichnet
ehrenwerter Kerl ist, beweist sein letzter Aufsatz im Jahrbuch der
40 Literatur. —
Außer dem jungen Deutschland haben wir nur wenig Aktives.
Die schwäbische Schule war schon seit 1820 nur passiv; die
Östreicher — Zedlitz und Grillparzer interessieren wenig, weil sie
so fremdartig dichten (Z[edlitz] spanisch, Gr[illparzer] antik),
45 unter den Lyrikern ist Lenau schon hinneigend zum jungen
504
Briefe an die Brüder Graeber
1839 April 8—9
Deutschland] trotz seiner kirchlichen Stoffe, Frankl ein gemüt¬
licher Uhland en miniature, K. E. Ebert ist ganz verböhmt; die
Sachsen — Hell, Heller, Herloßsohn, Morvell, Wachsmann,
Tromlitz — ach du mein Gott, da fehlt der Witz; die Marteauer
und Berliner (wozu Du nicht gehörst) sind niederträchtig, die 5
Rheinländer — Lewald ist bei weitem der beste der Unterhal¬
tungsschriftsteller; seine Europa läßt sich lesen, aber die Rezen¬
sionen drin sind gräßlich — Hub, Schnetzler und Konsorten nicht
viel wert, Freiligrath wendet sich noch einmal dem jungen
Deutschland zu, das sollst Du sehen, Duller auch, wenn er nicht io
vorher schon verkommt, und Rückert, der steht wie der alte Vater
da und breitet seine Hände segnend über alle.
Den 9. April. Das ist dieser rührende Aufsatz. Was soll ich
armer Teufel nun anfangen? Für meinen eignen Kopf fortochsen?
Hab keine Lust. Loyal werden? Pfui Teufel! Mich an die säch- is
sische Mittelmäßigkeit halten — ugittugitt (o Gott o Gott, hiesiger
Ausruf des Ekels). Also ich muß ein junger Deutscher werden,
oder vielmehr ich bin es schon mit Leib und Seele. Ich kann des
Nachts nicht schlafen vor lauter Ideen des Jahrhunderts; wenn ich
an der Post stehe und auf das preußische Wappen blicke, packt 20
mich der Geist der Freiheit; jedesmal wenn ich in ein Journal
sehe, spüre ich nach Fortschreiten der Freiheit; in meine Poemata
schleichen sie sich und verspotten die Obskuranten in Mönchs-
kapuze und im Hermelin. Aber von ihren Floskeln: Weltschmerz,
welthistorisch, Schmerz des Judentums etc. halte ich mich fern, 25
denn die sind jetzt schon veraltet. Und das sage ich Dir, Fritz, so
Du einmal Pastor wirst, Du magst so orthodox werden, wie Du
willst, aber wirst Du mir ein Pietist, der aufs junge Deutschland
schimpft, die Evangelische Kirchenzeitung zum Orakel nimmt,
wahrlich, ich sage Dir, Du hast’s mit mir zu tun. Du mußt Pastor 30
werden zu Gemarke und den verdammten, schwindsüchtigen,
ofenhöckerigen Pietismus wegjagen, den der Krummacher zur
Blüte gebracht hat. Da werden sie Dich freilich einen Ketzer schel¬
ten, aber laß mal einen kommen und Dir aus Bibel oder Vernunft
beweisen, daß Du Unrecht hast. Der Blank ist indessen ein ver- 35
ruchter Rationalist, schmeißt das ganze Christentum über den
Haufen, was soll daraus werden? Na, ein Pietist bin ich nie ge¬
wesen, ein Mystiker eine Zeitlang, aber das sind tempi passati;
jetzt bin ich ein ehrlicher, gegen andre sehr liberaler Supematura-
list. Wie lange ich das bleibe, weiß ich nicht, doch hoffe ich es zu 40
bleiben, wenn auch bald mehr, bald weniger zum Rationalismus
hinneigend. Das muß sich alles entscheiden. Adios, Friderice,
schreib rascher und viel.
Do hêst de mî dubbelt. Tuus
Friedrich Engels. Friedrich Engels. 45
1839 April ca. 23—Mai 1 Briefe an die Brüder Graeber
505
Engels an Friedrich Graeber; [Bremen 1839
April ca. 23]—Mai 1
Original im Besitze von Emil Engels, Engelskirchen
Fritz Graeber. Ich beschäftige mich jetzt sehr mit Philo-
5 sophie und kritischer Theologie. Wenn man 18 Jahr alt wird,
Strauß, die Rationalisten und die Kirchenzeitung kennen lernt, so
muß man entweder alles ohne Gedanken lesen oder anfangen, an
seinem Wuppertaler Glauben zu zweifeln. Ich begreife nicht, wie
die orthodoxen Prediger so orthodox sein können, da sich doch
10 offenbare Widersprüche in der Bibel finden. Wie kann man die
beiden Genealogien Josephs, des Mannes der Maria, die verschie¬
denen Angaben bei der Einsetzung des Abendmahls (dies ist mein
Blut, dies ist das neue Testament in meinem Blut), bei den Be¬
sessenen (der erste erzählt, der Dämon fuhr bloß aus, der zweite,
is er fuhr in die Säue), die Angabe, Jesu Mutter sei ausgezogen,
ihren Sohn zu suchen, den sie für wahnsinnig hielt, obwohl sie ihn
wunderbar empfangen etc., mit der Treue, der wörtlichen Treue
der Evangelisten reimen? Und nun die Abweichung beim Unser
Vater, in der Reihenfolge der Wunder, die eigentümlich tiefe Auf-
20 fassung des Johannes, wodurch aber die Form der Erzählung
offenbar getrübt wird, wie da? Christi ipsissima verba, worauf die
Orthodoxen pochen, lauten in jedem Evangelium anders. Vom
alten Testament gar nicht zu reden. Aber in dem lieben Barmen
wird einem das nicht gesagt, da wird man nach ganz andern Grund-
25 sätzen unterrichtet. Und worauf gründet sich die alte Orthodoxie?
Auf nichts, als auf — den Schlendrian. Wo fordert die Bibel wört¬
lichen Glauben an ihre Lehre, an ihre Berichte? Wo sagt ein
Apostel, daß alles was er erzählt, unmittelbare Inspiration ist?
Das ist kein Gefangennehmen der Vernunft unter den Gehorsam
so Christi, was die Orthodoxen sagen, nein, das ist ein Töten des
Göttlichen im Menschen, um es durch den toten Buchstaben zu er¬
setzen. Darum bin ich noch ein ebenso guter Supranaturalist wie
vorher, aber das Orthodoxe habe ich abgelegt. So kann ich nun
und nimmer glauben, daß ein Rationalist, der von ganzem Herzen
35 das Gute so viel wie möglich zu tim sucht, ewig verdammt werden
soll. Das widerspricht auch der Bibel selbst. Denn es steht ge¬
schrieben, daß um der Erbsünde willen keiner verdammt ist, son¬
dern um seiner eignen Sünde willen; wenn nun einer der Erbsünde
aus aller Kraft widersteht und tut, was er kann, so sind doch seine
io wirklichen Sünden nur notwendige Folge der Erbsünde, also kön¬
nen ihn die nicht verdammen. —
Den 24. April. Ha, ha, ha! Weißt Du, wer den Aufsatz im Tele¬
graphen gemacht hat? Schreiber dieses ist der Verfasser, aber
ich rate Dir, nichts davon zu sagen, ich käme in höllische Schwuli¬
506
Briefe an die Brüder Graeber 1839 April ca. 23—Mai 1
täten. Kohl, Ball und Hermann kenne ich fast nur aus Rezensionen
W. Blanks und Strückers, die ich fast wörtlich abgeschrieben
habe; daß Kohl aber kohlt und Hermann ein schwachmatischer
Pietist ist, weiß ich aus eigner Anhörung. Der D. ist der Kontor-
jüngling D ü r h o 11 bei Wittensteins in Unterbarmen. Übrigens tu 5
ich mir was drauf zu gut, daß ich darin nichts gesagt habe, was
ich nicht beweisen kann. Eins nur ärgert mich : daß ich den Stier
nicht bedeutend genug dargestellt, er ist als Theologe nicht zu ver¬
achten. Bewunderst Du aber nicht meine Kenntnis der Charaktere,
besonders Krummachers, Dörings (was über dessen Predigt ge- 10
sagt, hat mir P. Jonghaus erzählt), und der Literatur? Die Be¬
merkungen über Freiligrath müssen wohl gut sein, sonst hätte sie
Gutzkow gestrichen. Der Stil ist übrigens hundeschlecht. — Der
Aufsatz scheint übrigens Sensation gemacht zu haben — ich ver¬
pflichte Euch fünf auf Euer Ehrenwort, niemanden zu sagen, daß 15
ich der Verfasser bin. Kapiert? Was das Schimpfen betrifft, so
habe ich das meistens auf Dich und Wilhelm gehäuft, weil ich die
Briefe an Euch grade vor mir liegen hatte, als mich die Lust zu
schimpfen überkam. Besonders soll F. Plümacher nicht erfah¬
ren, daß ich den Aufsatz gemacht habe. Was der Ball übrigens 20
für ein Kerl ist! Karfreitag soll er predigen, hat keine Lust zu
studieren und lernt deshalb eine Predigt auswendig, die er im
Menschenfreund findet, und hält sie. Krummacher ist in der
Kirche, ihm kommt die Predigt bekannt vor, und endlich fällt ihm
ein, daß er selbst die Predigt Karfreitag 1832 gehalten hat. Andre 25
Leute, die die Predigt gelesen haben, erkennen sie auch, Ball wird
zur Rede gestellt und muß bekennen. Signum est, Ballum non
tantum abhorrere a Kr[ummachero], ut Tu quidem dixisti. Für die
ausführliche Rezension des Faust bin ich Dir sehr verbunden. Die
Bearbeitung des Stücks ist wohl die elende Raupachsche, dieser 30
Hundsfott mischt sich in alles und verdirbt nicht nur den Schiller,
indem er dessen Bilder und Gedanken in seinen Tragödien ab¬
drischt, sondern auch den Goethe dadurch, daß er ihn malträtiert.
Daß meine Poemata einen reißenden Abgang haben werden, ist
zu bezweifeln, aber daß sie einen scheißenden Abgang haben wer- 35
den, ist eher möglich, denn sie gehen in Makulatur und Arsch¬
wische über. Dein Rotgeschriebenes konnte ich nicht lesen, werde
also weder 5 Sgr. noch Zigarren schicken. Du wirst dieses Mal ent¬
weder die Canzone oder ein Stück der begonnenen, aber unvoll¬
endeten Komödie bekommen. Jetzt muß ich gleich in die Sing- 40
stunde gehen, adieu.
Den 27. April.
1839 April ca. 23—Mai 1 Briefe an die Brüder Graeber
507
Fragmente einer Tragikomödie:
Der gehörnte Siegfried.
I.
Palast des Königs Sieghard.
ô Ratsversammlung.
Sieghard:
So seid ihr Treuen versammelt wieder,
Als Unsres Reiches starke Glieder
Um Unsern hohen Königsthron.
10 Ihr alle — doch es fehlt Unser Sohn!
Der streift wohl wieder fern im Wald,
Wird nie verständig, ist schon so alt,
Statt hier in Unsrem Rat zu sitzen,
Wo Wir vom Morgen zum Abend schwitzen,
is Statt hier der Greise Wort zu hören,
Soll ihn der Vögel Geschrei belehren;
Statt hier der Weisheit nachzujagen,
Will er sich mit den Bären schlagen;
Und spricht er mit Unsrer Majestät,
20 Verlangt er Krieg nur früh und spät.
Wir hätten ihm längst schon nachgegeben,
Härt’ Uns Gott in seiner Weisheit eben
Nicht solche Erkenntnis zugeteilt,
Daß Unser Verstand sich nicht übereilt.
25 Wie sollte ganz verderben das Land,
Hätte seinen Willen solch ein Fant!
Ein Rat:
Eure Majestät spricht, wie immerdar,
Gar weise und trifft die Sach’ aufs Haar.
30 Jedennoch, mit meines Königs Urlaub,
Sag ich, was ich in meiner Einfalt glaub.
Des Menschen Weis’ ist mannigfalt.
Der Knab’ ist achtzehn Jahr erst alt,
Ihm steht der Sinn nach Jagd und Streit,
35 Die Weisheit kommt auch mit der Zeit.
Denn Jugendmut rennt frei hinaus,
Die Weisheit bleibet still zu Haus;
Der Jugendmut wird endlich zahm,
Und seine stolze Kraft wird lahm,
40 Dann kehrt zur Weisheit er zurück,
Und find’t daheim bei ihr sein Glück.
508 Briefe an die Brüder Graeber 1839 April ca. 23—Mai 1
Drum laßt den Jungen bald ausreiten,
Mit Drachen und mit Riesen streiten;
Gar rasch ereilt ihn das Alter doch,
Das und das Leben, diese lehren
Ihm beide wohl die Weisheit noch, 6
Dann wird er gern ihren Worten hören.
Siegfried (tritt ein):
0 Wald, muß ich dich lassen
Mit deinen Bäumen frisch?
In dir ist besser prassen, ja
Als an des Königs Tisch;
Wo wohnt das Wild mit Freuden,
Als in dem Waldestal?
Das grüne Laubdach neiden
Die goldnen Hall’n zumal. 15
Ich seh’s, Herr Vater, Ihr wollt schelten,
Daß ich so lang umhergeschweift;
Muß ich es immer denn entgelten,
Wenn mir zu schnell der Eber läuft?
Nicht jagen soll ich, auch nicht streiten, 20
So gebt ein Roß mir und ein Schwert;
Dann mag ich in die Fremde reiten,
Wie ich’s so oft von Euch begehrt!
Sieghard:
Steht dir der Sinn noch stets danach? 25
Wann willst du endlich weise werden?
So lang dein Übermut so jach,
Wirst du dich nimmer klug gebärden.
Und weil es doch das beste Mittel,
Den Willen dir zu geben frei, 30
So geh, ein derber Riesenknittel
Weckt dich schon aus der Träumerei.
Nimm Schwert und Roß dir, zieh hinaus,
Kehr bald und klüger in Unser Haus.
Siegfried: 35
Habt ihr’s gehört? Ein Schwert, ein Roß!
Was frag’ ich da nach Helm und Brünne?
Was frag’ ich nach der Knappen Troß?
Allein mit meinem kühnen Sinne!
Der wilde Bergstrom gießt sich brausend 40
Allein durch Waldesschlucht voran,
Die Fichten stürzen vor ihm sausend,
1839 April ca. 23—Mai 1 Briefe an die Brüder Graeber
509
So wühlt er selbst sich eine Bahn,
Und wie der Bergstrom will ich sein,
Die Bahn mir brechend ganz allein.
Rat:
5 Nicht gräm’ sich drob Eu’r Majestät,
Wenn der junge Held von hinnen geht;
Der Bergstrom auch kommt einst zu Tal,
Dann kracht nicht mehr der Bäume Fall,
Dann fließt er durch die Eb’ne still,
10 Macht fruchtbar rings die Lande,
Der Wellen Wüten wird ein Spiel,
Endlich verrinnend im Sande.
Siegf r ied:
Was soll ich länger weilen
is Hier in dem alten Schloß?
Da hängt ein Schwert am Pfeiler,
Und draußen wiehert ein Roß ;
Komm her von deiner Säule,
Du altes, blankes Schwert,
2o Daß ich von hinnen eile —
Leb wohl, mein Vater wert! (Ab.)
II.
Schmiede im Wald.
Siegfried tritt ein.
25 Der Meister tritt ein.
Meister:
Ihr seid hier in der großen Schmiede,
Wo man die schönen Novellen macht,
Die in Almanachen, samt manchem Liede
3o Entfalten ihre hehre Pracht.
Journale werden hier gehämmert,
Kritik und Poesie vereinend,
Vom Morgen, bis der Abend dämmert,
Seht Ihr die Glut der Esse scheinend.
3s Doch geht — genießt erst Speis und Wein —
Lehrbursch, führ den Herm da hinein.
(Siegfried mit dem Lehrburschen ab.)
510
Briefe an die Brüder Graeber 1839 April ca. 23—Mai 1
Meister:
Wohlan zur Arbeit, ihr Gesellen,
Ich steh’ euch wirkend stets zur Seite;
Schlagt auf dem Amboß die Novellen,
Daß sie recht gehen in die Breite! 5
Durchglüht die Lieder in der Essen,
Daß sie das Feu’r recht in sich fressen;
Werft alles dann auf einen Kloß,
Des Publikums Magen ist gar groß.
Und habt ihr nicht des Eisens genug, 10
Dafür weiß Rat der Meister klug;
Drei Helden von Scott, drei Frau’n von Goethen,
Ein Ritter von Fouqué, grimm und stählern,
Mehr sind wahrhaftig nicht von Nöten
Zu den Novellen von zwölf Erzählern! 15
Für Lieder sind Uhlands Poesien
Ein ganzes Floskelmagazin.
Drum schwingt den Hammer mit aller Kraft,
Der beste ist, wer das meiste schafft!
Siegfried (kommt wieder): 20
Dank Meister, für den guten Wein,
Ich trank zwölf Maß davon hinein.
Meister:
(Verfluchter Kerl!) Mich freut es sehr,
Daß Euch mein Rheinwein hat gefallen; 25
Beliebt’s Euch nun, so tretet her,
Ich mach’ Euch bekannt mit den Arbeitern allen.
Hier dieser ist der allerbeste,
Macht liederliche und ehrenfeste
Erzählungen, wie ich’s verlange, 30
Läßt sich loben vom großen Wolfgange
Menzel, der in Stuttgart sitzt,
Sein Name ist: Herr von Tromlitz.
Der andre hier ist fast so gut,
Ist auch von adeligem Blut, 35
Das ist von Wachsmann das große C,
Einen beßren ich hier nirgends seh;
Kein Almanach kann existieren,
In dem man ihn nicht tut verspüren,
Der wirft Novellen zu Dutzenden 40
Ins Angesicht dem Publikum dem stutzenden,
Arbeitet im Schweiß seines Angesichts,
Und was am meisten sagen will,
1839 April ca. 23—Mai 1 Briefe an die Brüder Graeber
511
Für Poesie tat er noch nichts.
Für Geschmacksentnervung unendlich viel.
Denn Geschmack, vor dem bin ich sehr bang,
Nur der bringt uns den Untergang.
5 Da ist ein dritter, Robert Heller,
Sein Stil ist poliert, wie ein zinnerner Teller,
Für Silber hält’s das Publikum,
Wir lassen es gerne also dumm.
Zwar macht er nicht so viel wie die beiden
10 Und hascht auch wohl nach Charakteristik,
Doch hat er jetzt — er kann sie nicht leiden,
Aufs Maul gegeben eins der Mystik.
Ihr wißt, die vier Evangelisten
Waren nur dumme Pietisten,
15 Die hat er ein wenig vorgenommen,
Sie entkleidet des Ehrwürd’gen und Frommen,
Präpariert zum Teetischgenuß —
Lest seine Schwestern des Lazarus.
Auch weiß er gar anmutig zu kosen,
20 Mehr findet Ihr in seinen Klatschrosen.
Hier ist die unterhaltende
Gelehrsamkeit: der haarspaltende
Friedrich Nork, der größte Poet,
Der je gelebt, seit die Welt steht.
25 Der dichtet und lügt die schönsten Sachen,
Beweist Euch aus des Orients Sprachen,
Daß Ihr ein Esel, Elias die Sonne,
Denn der Orient ist aller Sprachen Bronne.
Doch Verstand — den findet bei ihm Ihr nie,
30 Noch tüchtiges Wissen und Etymologie.
Hier ist der wackre Herloßsohn,
Der wohl verdiente einen Thron,
Ein Novellist und Lyriker,
Des Unsinns Panegyriker,
35 Besonders seinen Kometenstem
Lesen die Dummen gar zu gern.
Jetzt kommen, unter Winklers Leitung,
Die Herren von der Abendzeitung;
Thuringus, Faber, von Großcreutz,
40 Schon in den Namen welch ein Reiz!
Doch was soll ich sie alle loben?
Das Publikum, welches etwas verschroben,
Hat sie schon längst in den Himmel geschoben,
Bis zu den Sternen sie erhoben.
512
Briefe an die Brüder Graeber 1839 April ca. 23—Mai 1
Noch einige sind grade abwesend,
Im Walde dürres Brennholz lesend;
Vom Lehrlingsschwarm gar nichts zu sagen,
Die noch zu schwach auf den Amboß schlagen,
Doch, hoff’ ich, werden alle gut, *
Haben sie nur einen Tropfen Novellistenblut.
Siegf ried:
Doch sagt mir, Meister, wie Ihr nur heißt?
Meister:
Ich fühl den sächsischen Literaturgeist io
Verkörpert in meiner Wenigkeit.
Doch wollt Ihr sehn, was ich vermag,
Seht meiner Arme Sehnigkeit,
Und meinen kräftigen Hammerschlag.
Ich glaub’, Ihr hämmert auch nicht schlecht; 15
Wollt Ihr beitreten meinen Gesellen?
Siegfried:
Topp, Meister, ’s wär mir eben recht,
Dien Euch wie ein andrer Schmiedeknecht.
Meister: 20
Ich geb Euch zur Lehr bei Theodor Hellen.
Hämmer zur Probe die zwei Novellen.
Siegfried:
Ha, wenn mit meinen Fäusten
Die Eichen ich zerbrach, 25
Und wenn vor meinem dreisten
Angriff der Bär erlag,
Könnt ich zur Erde ringen
Den Stier in seiner Brunst,
Wie sollt’ ich den Hammer nicht schwingen 30
Zur edlen Schmiedekunst?
Lehrlingswerk will ich treiben
Nicht einen Augenblick;
Gesell will ich nicht bleiben,
Hier ist mein Meisterstück! 35
Gebt mir die Eisenstangen,
Ein Hieb — sie sind entzwei!
Zu Staub sie all’ zersprangen,
Das Schmieden ist vorbei!
1839 April ca. 23—Mai 1 Briefe an die Brüder Graeber 513
5
10
15
20
25
30
Theodor Hell:
Gemach! gemach, was soll das heißen?
Gleich schlag ich Euch, wie Ihr das Eisen!
Siegfried:
Was hast du noch zu schwatzen?
Was tust du so entrüstet?
Da liegst du schon am Boden,
Steh auf, wenn’s dich gelüstet!
Theodor Hell:
Ach Hülfe, Hülfe!
Meister:
Junger Gesell,
Was schlagt Ihr mir die andern Knechte?
Marsch, schert Euch flugs mir von der Stell’,
Sonst zieh ich Euch über die Ohren das Fell!
Siegfried:
Du wärst mir dazu wahrlich der Rechte!
(Wirft ihn nieder.)
Meister:
0 weh, o weh! etc.
Siegfried wird in den Wald geschickt, erschlägt den Drachen
und, zurückgekehrt, den Meister, jagt die Gesellen auseinander
und geht weg. —
III.
Im Walde.
Siegfried:
Jetzt hör ich wieder, wie in den Hagen
Zwei Männer auf einander schlagen.
Da kommen sie her — ’s ist wahrlich zum Lachen,
Da wird keiner den andern verstummen machen!
Dachte, es kämen zwei Riesen mit Kraft,
Die stärksten Fichten ihr Lanzenschaft,
Da kommen zwei dürre Professoren,
Werfen sich Bücher an die Ohren.
36
(Leo und Michelet kommen.)
Marx-Engels-Gesamtausgabc, I. Abt., Bd. 2.
33
514
Briefe an die Brüder Graeber 1839 April ca. 23—Mai 1
Leo:
Komm an, du Hund von Hegeling!
Michelet:
Pietist, bist mir wahrlich zu gering!
Leo: 6
Da hast du die Bibel an den Kopf!
Michelet:
Und du den Hegel, verhallerter Tropf!
Leo:
Ich werf dir den Hegel, du Läst’rer, zurück! 10
Michelet:
Und ich dir die Bibel ins Genick!
Leo:
Was willst du noch? Du bist ja längst tot?
Michelet: 15
Das bist du, burschikoser Zelot!
Siegfried:
Was ist von eurem Streit der Grund?
Leo:
Der Hegeling, der lästerliche Mund, 20
Will die Bibel in Verachtung bringen,
Da muß man wohl auf ihn eindringen!
Michelet:
Das lügt der ungehobelte Flegel,
Er will nicht respektieren den Hegel! 20
Siegfried:
Aber ihr warft euch ja gegenseitig
Mit den Büchern, um die ihr streitig?
Leo:
’S ist einerlei, er ist kein Christ. 30
Michelet:
So gut und besser, wie du einer bist.
Er schwatzt von Dingen, die er nicht versteht.
1839 April ca. 23—Mai 1 Briefe an die Brüder Graeber
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6
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25
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35
Siegfried:
Was wollt ihr denn? Eurer Wege geht!
Wer hat den Streit denn angefangen?
Leo:
Das tat ich, ich rühm es ohne Bangen.
Ich habe für Gott und mit Gott gestritten.
Siegfried:
Da hast du auf lahmem Pferde geritten.
Der wird das Christentum nicht töten,
Du wirst es nicht retten aus den Nöten,
Laß ihn doch auf seine Art gewähren,
Steht es dir doch frei, was andres zu lehren!
Und laß nicht unsern Herrgott entgelten
Dein blindes Toben, dein tolles Schelten!
Nun geh du hierhin, du dahin,
Und schlagt euch das Streiten aus dem Sinn!
(Leo und Mtichelet] zu verschiedenen Seiten ab.)
Siegfried:
Solche Wut hab’ ich nie gesehn,
Und sind doch friedliche, gelehrte Männer,
Wie sie so toll aufeinander gehn,
Der edlen Wissenschaften Kenner! —
Jetzt aber plagt mich der Hunger wieder,
Ich will drum gehn ins Tal hernieder,
Ob ich wohl find’ ein Haus oder Schloß,
Wo ich labe meine Glieder,
Sonst schafft mir Beute wohl mein Geschoß. —
So weit. Die Stücke der Handlung habe ich ausgelassen, bloß
die Einleitung und die Satirika abgeschrieben. Dies ist das letzte,
jetzt sollte der König von Bayern hergenommen werden, aber da
stockt’s. Die Abrundung und Verwicklung fehlt dem Ding. — Bitte
Wurm, die Gedichte an den Musenalmanach zu besorgen, ich muß
jetzt schließen, die Post geht ab.
Dein
den 1. Mai 39.
Friedr. Engels.
516
Briefe an die Brüder Graeber
1839 April 27—30
Engels an Wilhelm Graeber; [Bremen 1839
April 27—30]
Original im Besitze von Emil Engels, Engelskirchen
Guglielmo carissimo! aov &uaTÖÄT]v evQrjxa èv roïç rœv
ézéQcov, nal yôv pÀv è/iol tô avrov Qfj/aa. To ôè ôiHaazTjQiov twv névxE 5
axovôtœaœv, nal aix&v hqIolv ov Ôvva/biat yivœaHEtv % av&EvxtHTjv
?J Ho/anExévxrjv. — ’Eoxlv yàq %aQtç vn èpov, eI ôcôoj^l notruiaxa èv
xaiç eIç v^àç èmaxofauç.
Daß Du St. Hanor, Florida und Sturm nicht kritisieren willst,
verdient wieder keinen Vers; die Behauptung debilitatis ingenii 10
abhorret ab usata tua veriloquentia. Meam quidem mentem ad
juvenilem germaniam se inclinare, haud nocebit libertati; haec
enim classis scriptorum non est, ut schola romantica, demagogia,
et cett, societas clausa, sed ideas saeculi nostri, emancipationem
judaeorum servorumque, constitutionalismum generalem aliasque is
bonas ideas in succum et sanguinem populi Teutonici intrare vo-
lunt tentantque. Quae quum ideae haud procul sint a directione
animi mei, cur me separare? Non enim est, quod tu dicis: sich
einer Richtung übergeben, sed: sich anschließen; sequitur a con¬
tinuation in my room, and, in writing a polyglottic letter, I will 20
take now the English language, ma no, il mio bello Italiano, dolce
e soave, corne il zefiro, con parole, somiglianti alle flori del più
bel giardino, y el Espanol, lingua como elviento en los ârboles, e
o Portuguez, como as olas da mar em riba de flores e prados, et le
Français, comme le murmure vite d’un font, très amusant, en de 25
hollandsche taal, gelijk den damp uijt eener pijp Tobak, zeer ge-
moedlijk: aber unser liebes Deutsch — das ist alles zusammen:^
Gleich den Wogen, den langen, des Meers, ist die Zunge Homeros,
Äschylos schleudert ins Tal ein Felsstück rasch nach dem andern,
Romas Sprache — so spricht zu dem Heer der gewaltige Cäsar, 30
Greift in die Fülle der Worte — sie liegen, wie rohes Gesteine,
Scharf und kantig — daraus ersteht cyklopisches Bauwerk,
Aber die jüngere Zunge der Italer, lieblich und milde,
Stellet den Dichter inmitten des holdesten Gartens der Erde,
Draus ein Füllhorn pflückte Petrark, Ariost sich den Kranz wand, 35
Doch Hispaniens Sprache — o horch, wie im laubigen Wipfel
Herrscht der gewaltige Hauch, und gewalt’ge, erhabene Lieder
Alter Zeit draus rauschen hervor, und die Trauben des Weinstocks,
Der am Stamme hinauf sich wand, sich schaukeln im Laube!
Portugals Zunge — das Rauschen des Meers am Blumengestade, 40
Wo in dem Schilf auf seufzt Syrinx beim Hauche des Zephyrs;
1) Alle Eigentümlichkeiten im vorhergehenden nach dem Original
1839 April 27—30
Briefe an die Brüder Graeber
517
Und die Zunge der Franken, sie gleitet, ein üppiges Bächlein,
Munter dahin, und rundet der Sandstein, der eigensinn’ge,
Bald sich im plätschernden Flusse der nimmer beruhigten Wellen.
Englands Sprache, ein längst verwittertes, rasenbehangnes
* Denkmal riesiger Hünen, doch wuchs das Gestrüppe darüber,
Sausend und heulend umweht es der Sturm, und möchte es fällen.
Aber die Sprache Germaniens — sie tönt, wie die donnernde
Brandung
An den gezackten Korallen — die tragen ein liebliches Eiland,
w Dorthin schallet das Rauschen der langen Wellen Homeros,
Dort erdonnem die riesigen Blöcke aus Äschylos Händen,
Dort auch siehst du der Feldhermhand cyklopisches Bauwerk,
Und den duftenden Garten der schönsten und edelsten Blumen,
Mächtiges Rauschen erschallt dort laut aus waldigem Wipfel,
is Syrinx tönet im Schilf, und die Bächlein runden den Sandstein,
Dort auch steht manch’ Hünengebäu, umsaust von den Winden,
Das ist Germaniens Zunge, die ewige, wunderumrankte.
Diese Hexameter habe ich extempore hin [ge] schrieben, sie
mögen Dir den Unsinn auf der vorigen Seite, aus dem sie hervor-
20 gegangen, etwas erträglich machen. Rezensiere sie aber als Ex¬
temporale. Den 29. April. Kontinuierlich Deinen Brief auf kon¬
sequente Weise fortsetzend, ist heute wunderschönes Wetter, so
daß Ihr, posito caso aequalitatis temporalis, heute wahrscheinlich
und von rechtswegen alle Kollegia schwänzt. Ich wollt’, ich wär
25 bei Euch. — Ich hab Euch wohl schon geschrieben, daß ich unter
dem Namen Theodor Hildebrand am Bremer Stadtboten meinen
Witz ausließ, nun habe ich ihm mit folgendem Briefe abgesagt:
Stadtbote, hör’s, doch ärgre nicht Dich drüber,
Wie ich zum Besten lange Dich gehabt;
30 Denn merke Dir’s, man spottet des, mein Lieber,
Der immer sich erzeigt als übergeschnappt.
Dein blauer Freudenhimmel wird stets trüber,
Nun Du ein Vierteljahr herumgetrabt,
Was Du zu sagen, Edler, Dich beflissen,
35 Das hast Du alles wiederkäuen müssen.
Ich nahm stets aus Dir selber meine Themata,
Du hast sie alle selbst mir präparieret,
Aus Deinen Reden machte ich Poemata,
Darin ich Dich, allein Dich persiflieret.
<o Nimm Ihnen nur des Reims, der Metrik Schemata,
So wird Dein Ebenbild Dir vorgeführet,
Nun fluch, beliebt es Dir, vom Zorne wild entbrannt,
Auf Deinen ganz ergebnen Theodor Hildebrand.
518
Briefe an die Brüder Graeber
1839 April 27—30
Du solltest auch anfangen, ein wenig zu schriftstellern, in Ver¬
sen oder Prosen, und alsdann an das Berliner Conversationsblatt,
wenn es noch existiert, oder den Gesellschafter schicken. Später
treibst Du’s stärker, machst Novellen, die Du erst in Journalen,
dann allein drucken läßt, bekommst Ruf, wirst als geistreicher, 5
witziger Erzähler genannt. Ich sehe Euch noch einmal — der Heu¬
ser großer Komponist, Wurm schreibt tiefsinnige Untersuchungen
über Goethe und die Zeitentwicklung, Fritz wird ein berühmter
Prediger, Jonghaus macht religiöse Poemata, Du schreibst geist¬
volle Novellen und kritische Aufsätze, und ich — werde Stadtpoet io
von Barmen, Leutnant Simons malträtierten (in Cleve) Anden¬
kens zu ersetzen. — Als fernere Poesie für Dich ist auch noch das
Lied da auf dem Blatt für den Musenalmanach, welches ich keine
Lust habe, noch einmal abzuschreiben. Vielleicht schreibe ich noch
eins dazu. Heute (30. April) habe ich bei dem kostbaren Wetter k>
von 7 bis halb 9 im Garten gesessen, geraucht und Lusiade gelesen,
bis ich aufs Kontor mußte. Es liest sich nirgends so gut, als im
Garten an einem klaren Frühlingsmorgen, die Pfeife im Munde,
die Sonnenstrahlen auf dem Rücken. Heut mittag werde ich diese
Bestrebungen mit dem altdeutschen Tristan und seiner süßen Re- 20
flexion über die Liebe fortsetzen, heut abend geh ich in den Rats¬
keller, wo unser Herr Pastor seinen von dem neuen Bürgermeister
pflichtschuldigst erhaltenen Rheinwein zum besten gibt. Bei sol¬
chem ungeheuren Wetter habe ich immer eine unendliche Sehn¬
sucht nach dem Rhein und seinen Weinbergen; aber was ist da zu 25
machen? höchstens ein paar Verse. Ich wollte wohl wetten, daß
der W. Blank Euch geschrieben hat, daß [ich] die Aufsätze im
Telegraphen gemacht hätte, und Ihr darum so drauf geschimpft
habt.
Die Szene ist in Barmen, was es ist, kannst Du Dir denken. —
1839 Mai 24 — Juni 15
Briefe an die Brüder Graeber
519
Eben kriege ich einen W. Blanksbrief, worin er mir schreibt,
daß der Aufsatz rasenden Rumor in Elberfeld mache; Dr. Runkel
schimpft in der Elberfelder Zeitung darüber und wirft mir Un¬
wahrheiten vor; ich will ihm eine Andeutung zugehen lasssen, daß
5 er mir doch eine Unwahrheit nachweisen soll, was er nicht kann,
da alles erwiesene Data sind, die ich von Augen- und Ohrenzeugen
habe. Bitank] schickte mir das Blatt zu, das ich gleich mit der
Bitte, meinen Namen ferner geheim zu halten, an Gutzkow spe¬
dierte. Krummacher hat neulich in seiner Predigt dargetan, daß
10 die Erde still steht und die Sonne sich um sie dreht, und das wagt
der Kerl am 21. April 1839 in die Welt zu posaunen, und sagt
doch, der Pietismus führe die Welt nicht zum Mittelalter zurück!
Es ist schändlich! man sollte den Kerl chassieren, oder er wird
noch einmal Papst werden, eh’ Du Dich versiehst, wo ihn aber das
15 saffrangelbe Donnerwetter zermalmen soll. Dios lo sabe, Gott
weiß, was noch aus dem Wuppertale wird. Adios. Dein baldige
Briefe erwartender oder wieder keine Poemata sendender
Friedrich Engels.
Engels an Wilhelm Graeber in Berlin; [Bre-
men 1839] Mai 24— Juni 15
Original im Besitze von Emil Engels, Engelskirchen
My dear William!
Heute — der 24. Mai, und noch keine Zeile von Euch! Ihr qua¬
lifiziert Euch wieder zum Nicht-Gedichte-Empfangen. Ich be-
25 greife Euch nicht. Indes sollst Du Beiträge zur Literatur der
Gegenwart haben.
Gesammelte Werke von Ludwig Börne. 1. und
2. Band. Dramaturgische Blätter. — Börne, der riesige Kämpfer
für Freiheit und Recht, zeigt sich hier auf ästhetischem Gebiete.
so Und auch hier ist er zu Hause; was er sagt, ist so bestimmt und
klar, so aus richtigem Gefühl für das Schöne hervorgegangen, und
so einleuchtend bewiesen, daß von Widerspruch gar nicht die
Rede sein kann. Darüber ist ein Meer des üppigsten Witzes ausge¬
gossen, und wie Felsen tauchen hier und da die festen, scharfen
35 Freiheitsgedanken auf. Die meisten dieser Kritiken (denn aus
diesen besteht das Buch) sind gleichzeitig mit dem Erscheinen der
Stücke geschrieben worden, also zu einer Zeit, wo das Urteil der
Kritik darüber noch blind und schwankend umhertappte; Börne
aber sah und durchdrang alles bis auf die innersten Fäden der
4o Handlung. Am ausgezeichnetsten sind die Kritiken über Schillers
Teil — ein Aufsatz, der seit mehr denn zwanzig Jahren der ge-
520
Briefe an die Brüder Graeber 1839 Mai 24 — Juni 15
wohnlichen Ansicht unwiderlegt entgegensteht, eben, weil er un¬
widerleglich ist. — Immermanns Cardenio und Hofer, Raupachs
Isidor und Olga, Claurens Wollmarkt — woran sich andre Inter¬
essen knüpfen — Houwalds Leuchtturm und Bild, die er so ver¬
nichtet, daß nichts, gar nichts bleibt, und Shakespeares Hamlet. 5
Überall ist es der große Mann, der einen Streit von noch unabseh¬
baren Folgen hervorrief, und schon diese beiden Bände würden
Börne einen Platz neben Lessing sichern ; aber er ward ein Lessing
auf andrem Gebiete, möge ihm in Karl Beck der Goethe folgen!
Nächte. Gepanzerte Lieder von Karl Beck. io
„Ein Sultan bin ich, wild und sturmbewegt,
„Mein Heer — des Lieds gepanzerte Gestalten;
„Um meine Stirne hat der Gram gelegt
„Den Turban in geheimnisreichen Falten.“
Wenn solche Bilder schon in der zweiten Strophe eines Prologs 15
vorkommen, wie wird dann erst das Buch selbst sein? Wenn ein
Jüngling von zwanzig Jahren solche Gedanken hegt, wie wird erst
der reife Mann singen? — Karl Beck ist ein Dichtertalent, wie seit
Schiller keines aufgestanden ist. Ich finde eine auffallende Ver¬
wandtschaft zwischen Schillers Räubern und Becks Nächten, der- 20
selbe freiheitglühende Geist, dieselbe ungebändigte Phantasie,
derselbe jugendliche Übermut, dieselben Fehler. Schiller strebte
nach Freiheit in den Räubern, sie waren eine ernste Mahnung an
seine servile Zeit; aber damals konnte sich solch ein Streben noch
nicht bestimmt gestalten; jetzt haben wir im jungen Deutschland 25
eine bestimmte, systematische Richtung — Karl Beck tritt auf und
ruft seiner Zeit laut zu, diese Richtung zu erkennen und sich ihr
anzuschließen. Benedictus, qui venit in nomine Domini!
Der fahrende Poet. Dichtungen von Karl Beck.
Der junge Dichter legt, kaum nach dem ersten, schon ein zweites 30
Werk vor, das dem ersten an Kraft, Fülle der Gedanken, lyrischem
Schwung und Tiefe nicht im mindesten nachsteht, an gediegener
Form und Klassizität aber unendlich weit darüber hinausreicht.
Welch ein Fortschritt, von der „Schöpfung“ in den Nächten zu
den1) Sonetten über Schiller und Goethe im fahrenden Poeten! 35
Gutzkow meint, die Sonettform sei dem Effekt des Ganzen schäd¬
lich, ich aber möchte behaupten, daß dieses Shakespearesche So¬
nett grade die für dies eigentümliche Gedicht passende Mitte zwi¬
schen der epischen Strophe und dem einzelnen Gedicht hält. Es ist
ja kein episches Gedicht, es ist rein lyrisch, an losem epischen
Im Orig, irrtümlich dem
1839 Mai 24—Juni 15
Briefe an die Brüder Graeber
521
Faden gereiht, noch loser als Byrons Childe Harold. Aber wohl
uns Deutschen, daß Karl Beck geboren wurde.
Blasedow und seine Söhne. Komischer Roman
von Karl Gutzkow. 1. Band. Diesem dreibändigen Roman
5 liegt die Idee eines modernen Don Quichotte zugrunde, eine zwar
schon mehrfach benutzte, doch meist schlecht bearbeitete, ge¬
schweige erschöpfte Idee. Der Charakter dieses modernen Don
Quichotte (Blasedows, eines Landpfarrers), wie er Gutzkow an¬
fänglich vorschwebte, war vortrefflich, in der Ausführung da-
gegen ist wohl einzelnes verfehlt. Wenigstens hinter Cervantes’
Darstellung, die freilich auch das Werk eines reifen Mannes ist,
bleibt dieser Roman des kaum dreißigjährigen Gutzkow (der
ohnedies schon seit drei Jahren vollendet sein soll) sehr zurück.
Dagegen sind die Nebencharaktere — Tobianus scheint Sancho
™ Pansa zu entsprechen —, die Situationen und die Sprache ausge¬
zeichnet. —
So weit mit meinen Rezensionen, jetzt werde ich fortfahren,
wenn Du geschrieben hast. — Weißt Du, wann Eure Briefe ange¬
kommen sind? Den — fünfzehnten Juni! Und die letzten kamen
2o am fünfzehnten April an! Also grade zwei Monate! Ist das recht?
Ich dekretiere hierdurch, daß bei Strafe des Nie-wieder-Gedichte-
Erhaltens dem Wurm aller Einfluß auf die Absendung der Briefe
entzogen werden soll. Und wenn in gehöriger Zeit Wurm seinen
Brief noch nicht fertig hat, so laßt sie ohne seinen abgehen! Sind
25 14 Tage nicht genug, um zwei Quartseiten an mich zu schreiben?
Es ist schändlich. Du schreibst auch wieder kein Datum dabei,
das ist mir auch nicht recht. — Der Aufsatz im Tel[egraph] ist
mein unbestreitbares Eigentum und hat W. Blank über die Maßen
gefallen; in Barmen hat er auch bedeutenden Beifall erhalten und
so ist außerdem im Nürnberger Athenäum rühmlichst zitiert worden.
Einzelne Übertreibungen mögen drin sein, das Ganze aber gibt ein
richtiges Bild von vernünftigem Standpunkt aus gesehen. Wenn
man es freilich mit dem Vorurteil, es sei ein konfuses Machwerk,
liest, muß es wohl so erscheinen. — Was Du von der Komödie
35 sagst, ist justum.
Justus judex ultionis,
Donum fac remissionis!
Die Canzone ist von Euch nicht im mindesten berührt worden. Ist
nachzuholen.
522
Briefe an die Brüder Graeber 1839 Mai 24 — Juni 15
Was Leo und Michelet betrifft, so kenne ich die Sache frei¬
lich nur aus Leos Hegelingen und mehreren Gegenschrif¬
ten, ich habe daraus gelernt: 1. daß Leo, der nach seinen eignen
Worten seit elf Jahren aller Philosophie entsagt und deshalb kein
Urteil darüber hat, 2. daß er den Beruf dazu nur in seinem eignen
überschwänglichen und renommistischen Hirn gefunden hat;
3. daß er Schlüsse, die durch die eigentümliche Hege Ische Dia¬
lektik notwendig aus allgemein angenommenen Prämissen hervor¬
gingen, angegriffen hat, statt die Dialektik anzugreifen, ohne wel¬
ches er diese Folgerungen stehen lassen mußte; 4. daß er die io
Gegenschriften nur mit rohen Exklamationen, ja mit Schimpf¬
reden widerlegt hat; 5. daß er sich für weit über seine Gegner er¬
haben ansieht, groß tut und auf der nächsten Seite wieder mit der
grenzenlosesten Demut kokettiert; 6.1} daß er nur vier angreift,
während er dadurch die ganze Schule angriff, die sich von diesen^
nicht trennen läßt; denn mag Gans etc. auch im einzelnen sich von
diesen geschieden haben, sie gehörten doch so innig zusammen,
daß Leo am wenigsten kapabel war, die Differenzpunkte als
wichtig zu beweisen. 7.^ ist es der Geist der Evangelischen]
K[irchen]-Z[eitung], die Leo voranging, der in Leos ganzem 20
Libell herrscht; Schluß: Leo hätte besser das Maul gehalten. Was
sind das für „bitterste Erfahrungen“ gewesen, die Leo
zum Losbrechen zwangen? Hat er nicht schon in seiner Broschüre
über G ö r r e s sie angefallen, und noch heftiger als in den Hege¬
lingen? Zu einem wissenschaftlichen Streit ist jeder berufen, 25
der die Kenntnisse dazu hat (ob Leo sie hatte?), aber wer ver¬
dammen will, der nehme sich in acht; und hat Leo das getan?
Verdammt er mit Michelet nicht auch Marheineke, dem die Ev[an-
gelische] K[irchen]-Z[eitung] wie einem, der unter ihre Polizei¬
aufsicht gestellt, auf jedem Schritt nachspürt, ob’s auch orthodox 30
ist? Bei konsequentem Schließen hätte Leo unendlich viele ver-
Im Orig, irrtümlich 5 und 6
1839 Juni 15
Briefe an die Brüder Graeber
523
dämmen müssen, dazu hatte er aber keine Courage. Wer die
Hegelsche Schule angreifen will, muß selbst ein Hegel sein, der an
ihrerStelle eine neuePhilosophie schafft. UndLeo zumTrotz dehnt
sie sich von Tage zu Tage mehr aus. Und der Angriff vom Hirsch-
s berger Schubarth auf die politische Seite der Hegelschen, kommt er
nicht wie ein Amen des Küsters zu dem pfaffenmäßigen Credo des
Halleschen Löwen, welcher freilich das Katzengeschlecht nicht
verleugnet? A propos, Leo ist der einzige akademische Lehrer in
Deutschland, der die Adelsaristokratie eifrig verteidigt! Leo nennt
n auch W. Menzel seinen Freund! ! !
Dein treuer Freund
Friedrich Engels, junger Deutscher.
Seid Ihr nicht mit Gans’ Leiche gewesen? Warum schreibt Ihr
nichts von dem?
Engels an Friedrich Graeber in Berlin;
[Bremen 1839] Juni 15
Original im Besitze von Emil Engels, Engelskirchen
Den 15. Juni. Heute kommen Eure Briefe an. Ich dekretiere,
daß Wurm nie mehr die Briefe wegschicken soll. Zur Hauptsache.
20 Was Du mir über Josephs Stammbäume sagst, so habe ich dies
der Hauptsache nach schon gewußt und dagegen einzuwenden:
1. Wo ist in der Bibel in einem Geschlechtsregister der
Schwiegersohn auch unter ähnlichen Umständen Sohn genannt
worden? Ohne solch ein Beispiel kann ich dies nur als eine ge-
25 zwungene, unnatürliche Erklärung ansehen.
2. Warum sagt Lukas, der für Griechen griechisch schrieb, für
Griechen, die diese jüdische Sitte nicht kennen konnten, nicht aus¬
drücklich, daß dem so sei, wie Du sagst?
3. Was soll überhaupt ein Geschlechtsregister Josephs, das
30 ganz überflüssig ist, da alle drei synoptischen Evangelien aus¬
drücklich sagen, Joseph sei nicht Jesu Vater? —
4. Warum nimmt ein Mann wie Lavater nicht seine Zuflucht zu
dieser Erklärung und läßt lieber den Widerspruch stehen? End¬
lich, warum sagt selbst Neander, der doch gelehrter ist, sogar als
35 Strauß, daß das ein unlösbarer Widerspruch sei, der dem griechi¬
schen Bearbeiter des hebräischen Matthäus zur Last zu legen sei?
Ferner lasse ich mich mit meinen übrigen Sachen, die Du
„elende Wortklaubereien“ nennst, nicht so leicht abweisen. Die
wörtliche Inspiration wird von den Wuppertalern in dem Grade
io gelehrt, daß Gott sogar in jedes Wort einen besonders tiefen Sinn
524
Briefe an die Brüder Graeber
1839 Juni 15
Fritz Graeber. Meine Herren, hier sehen Sie moderne Charak¬
tere und Zustände.
gelegt haben soll, was ich oft genug von der
Kanzel gehört habe. Daß Hengstenberg
diese Ansicht nicht hat, glaube ich wohl, 5
denn aus der K[irchen]-Z Leitung] geht her¬
vor, daß er gar keine klaren Ansichten hat,
sondern bald hier etwas einem Orthodoxen
zugibt, was er bald darauf einem Rationa¬
listen wieder als Verbrechen vorhält. Aber 10
wie weit geht denn die Inspiration der Bi¬
bel? Doch wahrlich nicht so weit, daß der
eine Christum sagen läßt: das ist mein Blut,
und der andre: das ist das n[eue] T testa¬
ment] in meinem Blut? Denn warum ist 15
dann Gott, der den Streit zwischen Luth [e-
rischen] und Ref [ormierten] doch vorhersah, diesem unseligen
Streit nicht durch eine so unendlich geringfügige Einwirkung
zuvorgekommen? Ist einmal Inspiration da, so gelten hier nur
zwei Fälle: entweder Gott hat es absichtlich getan, um den 20
Streit hervorzurufen, was ich Gott nicht auf bürden mag, oder Gott
hat es übersehen, was dito unstatthaft ist. Daß dieser Streit etwas
Gutes hervorgerufen habe, läßt sich auch nicht behaupten, und
daß er, nachdem er 300 Jahre die christliche Kirche zerrissen, in
Zukunft noch Gutes wirken solle, wäre eine Annahme, die ohne 25
allen Grund und aller Wahrscheinlichkeit zuwider ist. Grade diese
1839 Juni 15
Briefe an die Brüder Graeber
525
Stelle beim Abendmahl ist wichtig. Und ist ein Widerspruch da,
so ist der ganze Bibelglaube zerstört.
Ich will Dir nur grade heraussagen, daß ich jetzt dahin ge¬
kommen bin, nur die Lehre für göttlich zu halten, die vor der Ver-
5 nunft bestehen kann. Wer gibt uns das Recht, der Bibel blindlings
zu glauben? Nur die Autorität derer, die es vor uns getan haben.
Ja, der Koran ist ein organischeres Produkt als die Bibel, denn
er fordert Glauben an seinen ganzen, fortlaufenden Inhalt.
Die Bibel aber besteht aus vielen Sttücken] vieler Verfasser, von
10 denen viele nicht einmal selbst Ansprüche auf Göttlichkeit
machen. Und wir sollen sie, unsrer Vernunft zuwider, glauben,
bloß weil unsre Eltern es uns sagen? Die Bibel lehrt ewige Verdamm¬
nis des Rationalisten. Kannst Du Dir denken, daß ein Mann, der
sein Leben lang (Börne, Spinoza,Kant) nach der Vereinigung mit
is Gott strebte, ja, daß einer wie Gutzkow, dessen höchstes Lebens¬
ziel ist, den Punkt aufzufinden, wo sich das positive Christentum
und die Bildung unsrer Zeit verschwistert darstellen, daß der nach
seinem Tode ewig, ewig von Gott entfernt sein sollte, und körper¬
lich und geistig den Zorn Gottes ohne Ende in den grausamsten
20 Qualen tragen? Wir sollen keine Fliege peinigen, die uns Zucker
stiehlt, und Gott sollte einen solchen Mann, dessen Irrtümer ebenso
unbewußt sind, zehntausendmal so grausam und in alle Ewigkeit
peinigen? Ferner, ein Rationalist, der aufrichtig ist, sündigt der
durch sein Zweifeln? Nimmermehr. Er müßte ja sein Lebenlang
25 die schrecklichsten Gewissensbisse haben ; das Christentum müßte,
wenn er nach Wahrheit strebt, sich ihm mit unüberwindlicher
Wahrheit aufdrängen. Geschieht das? Ferner, in welcher zwei¬
deutigen Position steht die Orthodoxie zur modernen Bildung?
Man beruft sich drauf, daß das Christentum die Bildung überall
30 hin mitgebracht habe; jetzt plötzlich gebietet die Orthodoxie, die
Bildung solle mitten in ihrem Fortschritt stehen bleiben. Was soll
z. B. alle Philosophie, wenn wir der Bibel glauben, die die Un¬
erkennbarkeit Gottes durch die Vernunft lehrt? Und doch findet
die Orthodoxie ein wenig, nur ja nicht zu viel, Philosophie ganz
35 zweckmäßig. Wenn die Geologie andre Resultate bringt als die
mosaische Urgeschichte lehrt, wird sie verschrieen (siehe den
elenden Aufsatz der Evangtelischen] K[irchen]-Z[eitung] : Die
Grenzen der Naturbetrachtung), bringt sie scheinbar dieselben wie
die Bibel, so beruft man sich darauf. Zum Beispiel sagt ein Geolog,
40 die Erde, die versteinerten Knochen bewiesen eine große Flut, so
beruft man sich darauf ; entdeckt aber ein andrer Spuren eines ver¬
schiedenen Alters dieser Dinge und beweist, es habe diese Flut
verschiedene Zeiten an verschiedenen Orten gehabt, so wird die
Geologie verdammt. Ist das aufrichtig? Ferner: da ist Strauß’
45 Leben Jesu, ein unwiderlegliches Werk, warum schreibt man nicht
526
Briefe an die Brüder Graeber
1839 Juli 12—27
eine schlagende Widerlegung? warum verschreit man den wahr¬
haftig achtbaren Mann? Wie viele sind christlich, wie Neander,
gegen ihn aufgetreten, und der — ist kein Orthodoxer. Ja, es gibt
wahrhaftig Zweifel, schwere Zweifel, die ich nicht widerlegen
kann. Ferner die Erlösungslehre: warum zieht man sich nicht die 5
Moral draus, wenn sich einer freiwillig für den andern stellt, den
zu strafen? Ihr würdet es alle für Unrecht halten; was aber vor
Menschen Unrecht ist, das soll vor Gott die höchste Gerechtigkeit
sein? Ferner: Das Christentum sagt: Ich mache euch frei von der
Sünde. Nun strebt dahin auch die übrige, rationalistische Welt; io
da tritt das Christentum dazwischen und verbietet ihnen, fortzu¬
streben, weil der Weg der Rationalisten noch weiter vom Ziel ab¬
führe. Wenn das Christentum uns einen zeigte, den es in diesem
Leben so frei gemacht hat, daß er nicht mehr sündigte, dann
möchte es einiges Recht haben, so zu sprechen, aber eher wahrlich is
nicht. Ferner: Paulus spricht von vernünftiger, lauterer Milch des
Evangeliums. Ich begreife es nicht. Man sagt mir: Das ist die er¬
leuchtete Vernunft. Nun zeige man mir eine erleuchtete Vernunft,
der das einleuchtet. Bisher ist mir noch keine vorgekommen, sogar
den Engeln ist’s „ein hohes Geheimnis46. — Ich hoffe, Du denkst 20
zu gut von mir, dergleichen einer frevlerischen Zweifelsucht und
Renommisterei zuzuschreiben; ich weiß, ich komme in die größten
Unannehmlichkeiten dadurch, aber was sich mir überzeugend auf¬
dringt, kann ich, so gern ich’s möchte, nicht zurückdrängen. Habe
ich durch meineheftigeSprachevielleichtDeinerÜberzeugungwehe 25
getan, so bitte ich Dich von Herzen um Verzeihung; ich sprach
nur, wie ich denke, und wie es sich mir auf drängt. Es geht mir
wie Gutzkow; wo sich einer hochmütig über das positive Christen¬
tum hinwegsetzt, da verteidige ich diese Lehre, die ja vom tiefsten
Bedürfnis der menschlichen Natur, dem Sehnen nach Erlösung 30
von der Sünde durch die Gnade Gottes, ausgeht; wo es aber drauf
ankommt, die Freiheit der Vernunft zu verteidigen, da protestiere
ich gegen allen Zwang. — Ich hoffe, eine radikale Veränderung im
religiösen Bewußtsein der Welt zu erleben; — wäre ich nur erst
selbst im Klaren ! Doch das soll schon kommen, wenn ich nur Zeit 35
habe, mich ruhig und ungestört zu entwickeln.
Der Mensch ist frei geboren, ist frei!
Dein treuer Freund Friedrich Engels.
Engels an Friedrich Graeber in Berlin; [Bremen
1839] Juli 12—27 40
Original im Besitze von Emil Engels, Engelskirchen
Fritzo Graebero den 12. Juli. Ihr könntet Euch wohl einmal
herablassen, mir zu schreiben. Es werden bald fünf Wochen, daß
1839 Juli 12—27
Briefe an die Brüder Graeber
527
ich Euren letzten Brief bekam. — In meinem vorigen Briefe warf
ich Dir eine Masse skeptischer Klötze hin, ich würde das Ding an¬
ders angefaßt haben, wenn ich damals schon die Schleiermacher-
sche Lehre gekannt hätte. Das ist denn doch noch ein vernünftiges
5 Christentum; das leuchtet doch jedem ein, auch ohne daß man es
grade annimmt, und man kann den Wert anerkennen, ohne sich an
die Sache anschließen zu müssen. Was ich von philosophischen
Prinzipien in der Lehre fand, habe ich schon angenommen; über
seine Erlösungstheorie bin ich noch nicht im Reinen und werde
io mich hüten, sie gleich als Überzeugung anzunehmen, um nicht
bald wieder umsatteln zu müssen. Aber studieren werd’ ich’s, so¬
bald ich Zeit und Gelegenheit habe. Hätte ich die Lehre früher ge¬
kannt, ich wäre nie Rationalist geworden, aber wo hört man so was
in unserm Muckertale? Ich habe eine rasende Wut auf diese Wirt¬
es schäft, ich will mit dem Pietismus und dem Buchstabenglauben
kämpfen, solang ich kann. Was soll das Zeug? Was die Wissen¬
schaft, in deren Entwicklung jetzt die ganze Kirchengeschichte
liegt, verwirft, das soll auch im Leben nicht mehr existieren. Mag
der Pietismus früher ein historisch berechtigtes Element in der
2o Entwicklung der Theologie gewesen sein; er hat sein Recht be¬
kommen, er hat gelebt und soll sich nun auch nicht weigern, der
spekulativen Theologie zu weichen. Nur aus dieser läßt sich jetzt
etwas Sicheres entwickeln. Ich begreife nicht, wie man noch ver¬
suchen kann, den wörtlichen Glauben an die Bibel zu halten oder
25 die unmittelbare Einwirkung Gottes zu verteidigen, da sie sich
doch nirgends beweisen läßt.
Den 26. Juli. Da seid Ihr ja. Zur Sache. In Deinem Briefe ist
es ganz merkwürdig, wie Du an der Orthodoxie hältst und doch
dabei einer rationalisierenden Richtung einzelnes zugibst, wo-
3o durch Du mir Waffen in die Hand gibst. Josephs Stammbaum. Auf
meinen ersten Gegengrund antwortest Du mir: Wer weiß, ob wir
nicht oft genug in den biblischen Geschlechtsregistem Sohn statt
Schwiegersohn und Neffe lasen. Zerstörst Du nicht dadurch die
ganze Glaubwürdigkeit der biblischen Geschlechtsregister? Wie
35 das Gesetz hier etwas beweisen soll, begreife ich gar nicht. — Auf
meinen zweiten Gegengrund sagst Du: Lukas habe für Theophilus
geschrieben. Lieber Fritz, was ist das für eine Inspiration, wo
eine solche Rücksicht auf die Kenntnisse dessen stattfindet, an den
das Buch zufällig zuerst geht? Wenn da nicht auch auf alle zu-
*o künftigen Leser Rücksicht genommen wird, so kann ich keine In¬
spiration anerkennen, überhaupt scheinst Du Dir über den Begriff
der Inspiration noch nicht klar zu sein. Drittens daß ein Ge¬
schlechtsregister des Joseph die Erfüllung der Weissagung dar¬
lege, bin ich nicht kapabel zu kapieren; im Gegenteil mußte den
*5 Evangelisten alles daran gelegen sein, Jesum nicht als Josephs
528
Briefe an die Brüder Graeber
1839 Juli 12—27
Sohn darzustellen, diese Ansicht zu zerstören, und Joseph gar nicht
so mit Darstellung seines Geschlechtsregisters zu beehren. — „Zu
sagen, Jesus war ein Sohn Marias, Maria eine Tochter Eli, wäre
ganz gegen die Sitte gewesen/6 Lieber Fritz, kann hier die Sitte
auch nur den geringsten Einfluß haben? Sieh genau zu, ob Du da- 5
durch nicht wieder Deinem Begriffe von Inspiration zu nahe trittst.
Ich kann Deine Erklärung wahrlich nicht anders, als so unendlich
gezwungen ansehen, daß ich an Deiner Stelle mich lieber ent¬
schlösse, Eines für unecht zu halten. — „Dem Christentum müs¬
sen sich unauflösliche Zweifel entgegenstellen, und doch kann io
man zur Gewißheit kommen durch Gottes Gnade.66 Diesen Einfluß
der göttlichen Gnade auf den einzelnen bezweifle ich in der Ge¬
stalt, wie Du ihn hast. Wohl kenne ich das selige Gefühl, das jeder
hat, der sich in innige, herzliche Beziehung zu Gott setzt, Rationa¬
list wie Mystiker; aber werde Dir darüber klar, denke, ohne Dich j5
an biblische Redensarten zu knüpfen, darüber nach, so findest Du,
es ist das Bewußtsein, daß die Menschheit göttlichen Ursprungs ist,
daß Du alsTeil dieser Menschheit nicht verloren gehen kannst, und
nach allen unzähligen Kämpfen, in dieser, wie in jener Welt, vom
Sterblichen und Sündlichen entkleidet, in den Schoß der Gottheit 20
zurückkehren mußt; das ist meine Überzeugung, und ich bin ruhig
dabei; insofern kann ich Dir auch sagen, daß mir Gottes Geist
Zeugnis gibt, daß ich ein Kind Gottes bin ; und wie gesagt, ich kann
nicht glauben, daß Du es in andrer Art sagen könntest. Freilich,
Du bist viel ruhiger dabei, während ich mich noch mit allerlei 25
Meinungen herumschlagen und meine Überzeugung nicht so unaus¬
gebildet stehen lassen kann ; aber darum kann ich den Unterschied
wohl quantitativ, nicht aber qualitativ anerkennen. — Daß ich
ein Sünder bin, daß ich einen tiefliegenden Hang zur Sünde habe,
erkenne ich wohl an und halte mich durchaus von aller Werkge-
rechtigkeit fern. Aber, daß diese Sündlichkeit im Willen des
Menschen liege, erkenne ich nicht an. Wohl gebe ich zu, daß in
der Idee der Menschheit die Möglichkeit zur Sünde zwar nicht
liege, aber in ihrer Realisierung notwendigliegenmüsse;
ich bin somit gewiß so bußfertig, wie es nur jemand verlangen 35
kann; aber, lieber Fritz, daß durch die Verdienste eines Dritten
meine Sünden sollen gehoben werden1}, das kann kein denken¬
der Mensch glauben. Denke ich unabhängig von aller Autorität
darüber nach, so finde ich mit der neueren Theologie, daß die
Sündlichkeit des Menschen in der notwendig unvollkommenen 40
Realisation der Idee liege; daß darum das Streben eines jeden
sein müsse, die Idee der Menschheit in sich zu realisieren, d. h.
sich Gott gleich zu machen an geistiger Vollendung. Das ist etwas
0 Im Orig, irrtümlich wären
1839 Juli 12—27
Briefe an die Brüder Graeber
529
ganz Subjektives — wie soll die orthodoxe Erlösungstheorie, die
ein Drittes setzt, etwas Objektives, dieses Subjektive vollbringen?
Strafwürdig erkenne ich mich, und wenn Gott mich strafen will,
so mag er’s tun, aber eine ewige Entfernung auch nur des gering-
5 sten Teils von Geist von Gott — das ist mir ganz unmöglich zu
denken und zu glauben. Daß es Gnade von Gott ist, daß er uns
annimmt, das ist freilich wahr, es ist ja alles Gnade, was Gott tut,
es ist aber zugleich auch Notwendigkeit, alles was er tut. Die Eini¬
gung dieser Widersprüche macht ja einen bedeutenden Teil des
io Wesens Gottes aus. Was Du da weiter sagst, Gott könne sich nicht
verleugnen etc., kommt mir vor, als wolltest Du meine Frage um¬
gehen. Kannst Du glauben, daß ein Mensch, der nach Vereinigung
mit Gott strebt, auf ewig von Gott verstoßen sein soll? Kannst Du
das? Das kannst Du nicht, darum gehst Du um den heißen Brei.
is Ist das nicht eine sehr niedrige Ansicht, daß Gott für vergangenes
Böse noch eine Strafe — außer der, die in der bösen Tat selbst
liegt — geben soll? Du mußt mit ewiger Strafe auch ewige Sünde
setzen; mit ewiger Sünde ewige Möglichkeit zu glauben, also er¬
löst zu werden. Die Lehre von der ewigen Verdammnis ist schreck-
20 lieh inkonsequent. Ferner: Das historische Glauben ist Dir doch eine
große Hauptsache vom Glauben, und der Glaube ohne jenen nicht
denkbar; nun wirst Du mir aber nicht leugnen, daß es Menschen
gibt, denen es ganz unmöglich ist, diesen historischen Glau¬
ben zu haben. Und von denen sollte Gott verlangen, daß sie das
25 Unmögliche täten? Lieber Fritz, bedenke, daß das Unsinn wäre,
und daß Gottes Vernunft wohl höher ist als unsre, aber doch nicht
anders; denn dann wäre es keine Vernunft mehr. Die biblischen
Dogmen sollen ja auch mit der Vernunft aufgefaßt werden. —
Nicht zweifeln können, sagst Du, sei Geistesfreiheit? Die größte
3o Geistesknechtschaft ist es, frei ist nur der, der jeden Zweifel an
seiner Überzeugung besiegt hat. Und daß D u mich schlagen sollst,
verlange ich nicht einmal; ich fordre die ganze orthodoxe Theolo¬
gie auf, sie soll mich schlagen. Hat die ganze 1800 Jahre alte
christliche Wissenschaft dem Rationalismus keine Gegengründe
35 entgegenstellen können und nur wenige seiner Angriffe repous-
siert, ja, scheut sie den Kampf auf rein wissenschaftlichem Felde
und zieht lieber die Persönlichkeit der Gegner in den Staub —
was soll man dazu sagen? Ja, ist die orthodox-christliche Lehre
einer rein wissenschaftlichen Behandlung fähig? Ich sage nein;
4o was kann mehr geschehen als ein bißchen Rangieren, Erklären und
Disputieren? Ich rate Dir, einmal die „Darstellung und Kritik des
modernen Pietismus von Dr. C. Märklin, Stuttgart 1839“ zu
lesen; wennDu die widerlegst (d.h. nicht dasPositive, sondern das
Negative darin), so sollst Du der erste Theologe der Welt sein. —
45 „Der einfache Christ kann hierbei auch ganz stehen bleiben, er
Marx-Engels-Gesamtausgabe, I. Abt., Bd. 2. 34
530
Briefe an die Brüder Graeber
1839 Juli 12—27
weiß, daß er ein Kind Gottes ist, und es ist ihm nicht nötig, daß er
auf alle scheinbaren Widersprüche Rede und Antwort stehen
könne.“ Auf die „scheinbaren Widersprüche“ kann weder der ein¬
fache Christ noch Hengstenberg Rede und Antwort geben, denn es
sind wirkliche Widersprüche; aber wahrlich, wer dabei stehen 5
bleibt und auf seinen Glauben pocht, der hat gar keinen Grund
seines Glaubens. Wohl kann das Gefühl bestätigen, aber begrün¬
den doch wahrlich nicht, daß hieße ja, mit den Ohren riechen
wollen. Was Hengstenberg mir so verhaßt macht, ist die wahrhaft
schändliche Redaktion der Kirchenzeitung. Fast alle Mitarbeiter io
sind anonym, und der Redakteur hat also für sie zu stehen, packt
ihn aber einer darauf an, der darin beleidigt worden, so weiß Herr
Hengstenberg von nichts, nennt den Verfasser nicht, will aber auch
keine Rede stehen. So ist es schon manchem armen Teufel gegangen,
der Gott weiß von welchem dunklen Lumen in der K[irchen]-Z[ei- u
tung] angegriffen worden, und der von Hengstenberg, wenn er ihn
drauf faßte, zur Antwort bekam, e r habe den Artikel nicht ge¬
schrieben. Die Kirchenzeitung hat dabei noch immer unter den
pietistischen Predigern einen großen Ruf, weil die die Gegen¬
schrift nicht lesen, und so hält sie sich. Die letzten Nummern habe 20
ich nicht gelesen, sonst würde ich Dir Exempla anführen können.
Als die Zürcher Geschichte mit Strauß losbrach, kannst Du Dir gar
nicht denken, wie greulich die K[irchen]-Z[eitung] Strauß’ Cha¬
rakter verleumdet und verschrieen hat, während er sich doch —
darin haben alle Nachrichten übereingestimmt, durchaus nobel 25
bei der ganzen Sache benommen hat. Woher kommt z. B. der große
Eifer der K[irchen]-Z[eitung], Strauß mit dem jungen Deutsch¬
land unter eine Rubrik zu bringen? Und bei vielen gilt das junge
Deutschland für rasend schlimm, leider Gottes. — Wegen der
Poesie des Glaubens hast Du mich verkehrt verstanden. Ich habe 30
nicht um der Poesie willen geglaubt; ich habe geglaubt, weil ich
einsah, so nicht mehr in den Tag hineinleben konnte, weil mich
meine Sünden reuten, weil ich der Gemeinschaft mit Gott be¬
durfte. Ich habe mein Liebstes auf der Stelle gern weggegeben,
ich habe meine größten Freuden, meinen liebsten Umgang für 35
nichts geachtet, ich habe mich vor der Welt blamiert an allen
Ecken; ich habe ungeheure Freude darüber gehabt, daß ich an
Plümacher einen fand, mit dem ich davon reden konnte, ich habe
gern seinen Prädestinationsfanatismus ertragen; Du weißt selbst,
daß es mir Ernst war, heiliger Emst. Da war ich glücklich, das 40
weiß ich, ich bin es jetzt ebenso sehr; da hatte ich Zuversicht, Freu¬
digkeit zum Beten; die hab’ ich jetzt auch, ich hab’ sie noch mehr,
denn ich kämpfe und bedarf der Stärkung. Aber von jener eksta¬
tischen Seligkeit, von der ich auf unsern Kanzeln so oft hörte, habe
ich nie was verspürt; meine Religion war und ist stiller, seliger 45
1839 Juli 12—27
Briefe an die Brüder Graeber
531
Friede, und wenn ich den nach meinem Tode auch habe, so bin ich
zufrieden. Daß ihn Gott mir nehmen sollte, das habe ich keinen
Grund zu glauben. Die religiöse Überzeugung ist Sache des Her¬
zens und hat nur insofern Bezug auf das Dogma, als diesem vom
5 Gefühl widersprochen wird oder nicht. So mag Dir der Geist
Gottes durch Dein Gefühl Zeugnis geben, daß Du ein Kind Gottes
bist, das ist sehr leicht möglich, aber daß Du es bist durch den Tod
Christi — das doch gewiß nicht; sonst wäre das Gefühl fähig zu
denken, Deine Ohren fähig zu sehen. — Ich bete täglich, ja fast
io den ganzen Tag um Wahrheit, habe es getan, sobald ich anfing zu
zweifeln, und komme doch nicht zu Eurem Glauben zurück; und
doch steht geschrieben: bittet, so wird Euch gegeben. Ich forsche
nach Wahrheit, wo ich nur Hoffnung habe, einen Schatten von ihr
zu finden; und doch kann ich Eure Wahrheit nicht als die ewige
io anerkennen. Und doch steht geschrieben: suchet, so werdet Ihr
finden. Wer ist unter Euch, der seinem Kinde, das ihn um Brot
bittet, einen Stein biete? Wieviel mehr Euer Vater im Himmel?
Die Tränen kommen mir in die Augen, indem ich dies schreibe,
ich bin durch und durch bewegt, aber ich fühle es, ich werde nicht
20 verloren gehen, ich werde zu Gott kommen, zu dem sich mein
ganzes Herz sehnt. Und das ist auch ein Zeugnis des heiligen Gei¬
stes, darauf leb’ ich und sterb’ ich, ob auch zehntausendmal in der
Bibel das Gegenteil steht. Und täusche Dich nicht, Fritz, ob Du so
sicher tust, eh’ Du Dich versiehst, kommt auch so ein Zweifel, und
25 da hängt die Entscheidung Deines Herzens oft vom kleinsten Zu¬
fall ab. — Aber daß auf den inneren Frieden der dogmatische
Glaube keinen Einfluß hat, weiß ich aus Erfahrung. —
Den 27. Juli.
Wenn Du tätest, was in der Bibel steht, so dürftest Du gar
so nicht mit mir umgehen. Im zweiten Brief Johannes (wenn ich nicht
irre) steht, man solle den Ungläubigen nicht grüßen, nicht einmal
%aïQ£ zu ihm sagen. Dergleichen Stellen sind sehr häufig und
haben mich immer geärgert. Ihr tut aber lange nicht alles, was in
der Bibel steht. Übrigens, wenn das orthodoxe evangelische Chri-
35 stentum die Religion der Liebe genannt wird, so kommt mir das
vor wie die ungeheuerste Ironie. Nach Eurem Christentum werden
neun Zehntel der Menschen ewig unglücklich und ein Zehntel wird
glücklich, Fritz, und das soll die unendliche Liebe Gottes sein?
Bedenke, wie klein Gott erscheinen würde, wenn das seine Liebe
40 wäre. Das ist denn doch klar, daß, wenn es eine offenbarte Reli¬
gion gibt, der Gott derselben zwar größer, aber nicht anders sein
darf als der, den die Vernunft zeigt. Sonst ist alle Philosophie
nicht nur eitel, sondern sogar sündlich, ohne Philosophie gibt es
keine Bildung, ohne Bildung keine Humanität, ohne Humanität
34*
532
Briefe an die Brüder Graeber
1839 Juli 12—27
wiederum keine Religion. Aber die Philosophie so zu schmähen,
wagt selbst der fanatische Leo nicht. Und das ist wieder so eine
von den Inkonsequenzen der Orthodoxen. Mit Männern wie
Schleiermacher und Neander will ich mich schon verständigen,
denn sie sind konsequent und haben ein Herz ; beides suche ich in 5
der Evangelischen Kirchenzeitung und den übrigen Pietisten-
blättem vergebens. Besonders vor Schleiermacher hab’ ich unge¬
heure Achtung. Bist Du konsequent, so mußt Du ihn freilich ver¬
dammen, denn er predigt nicht Christentum in Deinem Sinne, son¬
dern eher im Sinne des jungen Deutschlands, Theodor Mundts und io
Karl Gutzkows. Aber er ist ein großer Mann gewesen, und ich kenne
unter den jetzt lebenden nur einen, der gleichen Geist, gleiche
Kraft und gleichen Mut hat, das ist David Friedrich Strauß.
Ich habe mich gefreut, wie Du Dich so rüstig aufgemacht hast,
mich zu widerlegen, aber Eins hat mich geärgert, ich will’s Dir nur is
grad heraus sagen. Es ist die Verachtung, mit der Du von dem
Streben zur Vereinigung mit Gott, von dem religiösen Leben der
Rationalisten sprichst. Du liegst freilich behaglich in Deinem
Glauben wie im warmen Bett und kennst den Kampf nicht, den
wir durchzumachen haben, wenn wir Menschen es entscheiden 20
sollen, ob Gott Gott ist oder nicht; Du kennst den Druck solcher
Last nicht, die man mit dem ersten Zweifel fühlt, der Last des
alten Glaubens, wo man sich entscheiden soll, für oder wider, fort¬
tragen oder abschütteln; aber ich sage es Dir nochmals, Du bist
vor dem Zweifel so sicher nicht, wie Du wähnst, und verblende 25
Dich nicht gegen die Zweifelnden, Du kannst einst selber zu ihnen
gehören, und da wirst Du auch Billigkeit verlangen. Die Religion
ist Sache des Herzens, und wer ein Herz hat, der kann fromm sein ;
wessen Frömmigkeit aber im Verstände oder auch in der Vernunft
Wurzel hat, der hat gar keine. Aus dem Herzen sprießt der Baum 30
der Religion und überschattet den ganzen Menschen und saugt
seine Nahrung aus der Luft der Vernunft; seine Früchte aber, die
das edelste Herzblut in sich tragen, das sind die Dogmen; was
drüber ist, das ist vom Übel. Das ist Schleiermachers Lehre,
und dabei bleibe ich. 35
Adieu, lieber Fritz, besinne Dich recht drüber, ob Du mich
wirklich in die Hölle schicken willst, und schreib mir bald mein
Urteil.
Dein Friedrich Engels.
1839 Ende Juli
Briefe an die Brüder Graeber
533
Engels an Friedrich Graeber; [Bremen 1839
Ende Juli]
Original im Besitze von Emil Engels, Engelskirchen
Lieber Fritz!
5 Recepi litteras tuas hodie, et jamque tibi responsurus sum. Viel
schreiben kann ich Dir nicht — Du bist noch in meiner Schuld
und ich erwarte einen langen Brief von Dir. Ist Dein Bruder
Wtilhelm] auch frei? Studiert Wurm jetzt auch mit Euch in Bonn?
Gott segne dem dicken Peter seine Studia militaria. Ein kleines
io Poem, am 27. Juli gemacht, möge Dich üben im Liberalismus und
im Lesen antiker Metra. Sonst ist nichts dran.
Deutschejulitage.
1839.
Wie die Wellen sich heben im rauschenden Strom, wie der Sturm
is so gewaltig einhergeht!
Mannshoch braust auf die geschlagene Flut, und es sinkt und es
hebt sich der Nachen;
Von dem Rhein her wehet der sausende Wind, der dieWolken ver¬
sammelt am Himmel,
2o Der die Eichen zerbricht und den Staub auf treibt, und die Wogen
zerwühlt in der Tiefe.
Und Eurer gedenk’ ich im schwankenden Boot, Ihr Fürsten und
Könige Deutschlands,
Aufs Haupt nahm einst das geduldige Volk den vergoldeten Thron,
25 da Ihr sitzet,
Trug Euch im Triumph durchs heimische Land und verjagte den
kühnen Erobrer.
Da wurdet Ihr keck und des Übermuts voll, da habt Euer Wort
Ihr gebrochen,
so Nun wehet der Sturm aus Frankreich her, und es woget die Menge
des Volkes,
Und es schwanket der Thron wie das Boot in dem Sturm, und das
Szepter erbebt in der Hand Euch.
Vor allem zu Dir, Ernst August, wend ich den Blick mit zornigem
35 Mute,
Du brachst, ein Despot, das Gesetz tollkühn, horch auf, wie die
Stürme erbrausen!
Wie das Volk aufschaut durchbohrenden Augs und das Schwert
kaum ruht in der Scheide,
40 Sprich, ruhst Du so sicher auf goldenem Thron, wie ich in dem
schwankenden Boote?
534
Briefe an die Brüder Graebe
1839 Juli 30
Das Faktum mit den hohen Wellen in der Weser ist wahr, auch
daß ich am großen Tage der Julirevolution drauf fuhr.
Grüß Wurm, er soll mir viel schreiben.
Dein Friedrich Engels.
Engels an Wilhelm Graeber; Bremen 1839 «
Juli 30
Original im Besitze von Emil Engels, Engelskirchen
Br., 30. Juli 1839.
Mein lieber Guglielmo!
Was hast Du für korrupte Ansichten von mir? Weder vom 10
Spielmann noch vom treuen Eckart (oder wie Du schreibst Eck¬
hardt) kann hier die Rede sein, sondern bloß von Logik, Vernunft,
Konsequenz, propositio major und minor etc. Ja, Du hast recht,
mit Sanftmut ist hier nichts auszurichten, mit dem Schwert müssen
diese Zwerge — Servilismus, Aristokratenwirtschaft, Zensur etc. is
— weggejagt werden. Da sollte ich freilich recht poltern und
toben, aber weil Du es bist, will ich sänftiglich mit Dir fahren, da¬
mit Du Dich nicht „bekreuzest“, wenn „die wilde Jagd“ meiner
regellosen, poetischen Prosa an Dir vorbeijagt. Zuerst protestiere
ich gegen Dein Ansinnen, ich gäbe dem Zeitgeist einen Tritt nach 20
dem andern auf den Codex, damit er besser vorankäme. Lieber
Mensch, was denkst Du Dir für eine Fratze unter meiner armen,
stumpfnasigen Gestalt! Nein, das laß ich fein bleiben, im Gegen¬
teil, wenn der Zeitgeist daherkommt, wie der Sturmwind, und den
Train auf der Eisenbahn fortschleppt, so spring ich rasch in den 25
Wagen und laß mich ein wenig mitziehen. Ja, so ein Karl Beck
— die tolle Idee, er habe sich ausgedichtet, ist gewiß von dem ver¬
kommenen Wichelhaus, über den der Wurm mich gehörig instru¬
ierthat. Dieser Gedanke, daß ein zweiundzwanzig jähriger Mensch,
der solche rasende Gedichte gemacht hat, nun plötzlich aufhören 30
soll, — nein, solcher Nonsens ist mir noch nicht vorgekommen.
Kannst Du Dir denken, daß Goethe nach dem Götz aufgehört habe,
ein genialer Poet zu sein, oder Schiller nach den Räubern? Außer¬
dem soll sich die Geschichte am jungen Deutschland gerächt
haben! Gott bewahre mich, freilich, wenn die Weltgeschichte dem 35
Bundestage als erbliches Lehn vom lieben Herrgott anvertraut ist,
so hat sie sich an Gutzkow durch dreimonatliche Haft gerächt,
wenn sie aber, wie wir nicht mehr zweifeln, in der öffentlichen
Meinung (d. h. hier der literarischen) liegt, so hat sie sich inso¬
fern am jungen Deutschland gerächt, daß sie sich hat von ihm to
mit der Feder in der Hand erkämpfen lassen und nun das junge
Deutschland als Königin der deutschen modernen Literatur
1839 Juli 30
Briefe an die Brüder Graeber
535
thront. Was Börnes Schicksal gewesen? Er ist gefallen wie ein
Held, 1837 im Februar, und hat noch in seinen letzten Tagen die
Freude gehabt, zu sehen, wie seine Kinder, Gutzkow, Mundt, Wien¬
barg, Beurmann sich auf arbeiteten gleich dem Donnerwetter —
5 freilich lagen die schwarzen Wolken des Unheils noch über ihren
Häuptern, und eine lange, lange Kette war um Deutschland ge¬
zogen, die der Bundestag flickte, wo sie zu reißen drohte, aber er
lacht jetzt auch der Fürsten und weiß vielleicht die Stunde, da
ihnen die gestohlne Krone vom Kopf fällt. Für Heines Glück will
io ich Dir nicht einstehen, überhaupt ist der Kerl seit längerer Zeit
ein Schweinigel, für Becks auch nicht, denn er ist verliebt und
grämt sich über unser liebes Deutschland; an letzterem partizi¬
piere ich auch, habe mich sonst noch viel herumzuschlagen, doch
hat der gute alte Herrgott mir einen vortrefflichen Humor ge-
15 schickt, der mich bedeutend tröstet. Männeken, bist Du denn glück¬
lich? — Deine Ansicht von Inspiration halt nur ja geheim, sonst
wirst Du nie Prediger im Wuppertal. Wär’ ich nicht in den Extre¬
men der Orthodoxie und des Pietismus aufgewachsen, wäre mir
nicht in der Kirche, der Kinderlehre und zu Haus immer der
2o direkteste, unbedingteste Glaube an die Bibel und an die Über¬
einstimmung der biblischen Lehre mit der Kirchenlehre, ja, mit
der Speziallehre jedes Pfarrers vorgesprochen worden, so wäre
ich vielleicht noch lange am etwas liberalen Supranaturalismus
hängen geblieben. In der Lehre sind Widersprüche genug, so viel
25 als biblische Autoren sind, und der Wuppertaler Glaube hat somit
ein Dutzend Individualitäten in sich aufgenommen. Von wegen
dem Stammbaum Josephs schiebt Neander bekanntlich den des
Matthäus dem griechischen Übersetzer des hebräischen Origi¬
nals zu ; wenn ich nicht irre, hat Weiße sich in seinem Leben
so Jesu ähnlich wie Du gegen Lukas ausgesprochen. Die Erklärung
des Fritz kommt zuletzt auf solche abnorme Möglichkeiten, daß
sie für keine zu halten sein kann. bin ich freilich, doch
nicht der rationalistischen, sondern der liberalen Partei. Die
Gegensätze trennen sich, schroff stehn sich die Ansichten gegen-
35 über. Vier Liberale (zugleich Rationalisten), ein Aristokrat, der
zu uns überging, aus Angst aber, gegen die in seiner Familie ein-
geerblichten Grundsätze anzustoßen, gleich wieder zur Aristokra¬
tie lief, ein Aristokrat, der guter Hoffnung ist — wie wir hoffen,
und diverse Schafsköpfe, das ist der Zirkus, in dem gestritten
io wird. Ich promachiere als Kenner des Altertums, des Mittelalters
und des modernen Lebens, als Grobian etc., doch ist dies Proma-
chieren schon nicht mehr nötig, meine Untergebnen machen sich
gut heraus; gestern hab’ ich ihnen die historische Notwendigkeit
in der Geschichte von 1789 bis 1839 beigebracht und außerdem
15 zu meiner Verwunderung erfahren, daß ich den hiesigen Prima¬
536
Briefe an die Brüder Graebe
1839 Juli 30
nern allen um ein ziemliches im Disputieren überlegen sein soll.
Sie haben sich, nachdem ich gleich zwei — vor langer Zeit schon
— aus dem Felde geschlagen—entschlossen und verschworen, mir
den Gescheitesten auf den Hals zu schicken, der sollte mich schla¬
gen, und war unglücklicherweise damals in den Horaz verliebt, 5
so daß ich ihn nach der Art kloppte. Da bekamen sie die greu¬
lichste Angst. Jener Ex-Horazomane steht jetzt sehr gut mit mir
und erzählte es mir gestern abend. Von der Richtigkeit meiner
Rezensionen würdest Du Dich auf der Stelle überzeugen, wenn Du
die rezensierten Bücher läsest. K. Beck ist ein ungeheures Talent, io
mehr als das, ein Genie. Bilder wie:
„Man hört des Donners Stimme laut verkünden,
Was ins Gewölk die Blitze hingeschrieben“
kommen in ungeheurer Masse vor. Höre, was er von seinem an¬
gebeteten Börne sagt. Er redet Schiller an: is
Dein Posa war kein schaumgeborner Wahn;
Ist Börne für die Menschheit nicht gefallen?
Er klomm, ein Teil, der Menschheit Höh’n hinan,
Und ließ der Freiheit Hüfthorn laut erschallen.
Dort hat er ruhig seinen Pfeil gespitzt, 20
Er zielte, schoß, und tief im Apfel sitzt
Der Freiheit Pfeil — tief in der runden Erde.
Und wie er das Elend der Juden schildert, und das Studenten¬
leben, es ist kostbar; und nun gar der fahrende Poet! Mensch,
habe doch Begriffe und lies ihn. Sieh einmal, wenn Du nur den 25
Aufsatz Börnes über Schillers Teil widerlegst, so sollst Du all das
Honorar haben, was ich für meine Übersetzung des Shelley zu be¬
kommen hoffe. Daß Du mir meinen Wuppertaler Aufsatz so her¬
untergemacht hast, will ich Dir verzeihen, indem ich ihn neulich
wieder las und über den Stil erstaunte. Ich habe seit der Zeit lange 30
nicht so gut wieder geschrieben. Leo und Michelet vergiß nächstes
Mal nicht. Du bist sehr im Irrtum, wie gesagt, wenn Du meinst,
wir jungen Deutschen wollten den Zeitgeist auf den Strumpf
wehen; aber bedenke einmal, wenn dieses nvev^a weht und uns
recht weht, wären wir nicht Esel, wenn wir die Segel nicht auf- 35
spannten? Daß Ihr mit Gans’ Leiche gegangen seid, soll Euch
nicht vergessen werden. Ich werd’ es nächstens in die Elegante Zei¬
tung rücken lassen. Höchst komisch kommt es mir vor, daß Ihr
alle hintennach so schön um Verzeihung bittet über Euer bißchen
Poltern ; Ihr könnt noch gar nicht donnerwettem, und da kommen 40
sie alle an — der Fritz schickt mich in die Hölle, begleitet mich bis
ans Tor und schiebt mich mit einem tiefen Kompliment hinein, um
1839 Juli 30
Briefe an die Brüder Graeber
537
selbst wieder in den Himmel fliegen zu können. Du kuckst alles
doppelt durch Deine Spathbrille und siehst meine drei Genossen
für Geister aus Frau Venus’ Berg an — Männeken, was schreist Du
nach dem treuen Eckart? Sieh, da ist er ja schon, ein kleiner Kerl,
5 mit scharfem, jüdischem Profil, er heißt Börne, laß den nur drein¬
schlagen, der chassiert all das Volk der Frau Venus-Servilia. Dann
empfiehlst Du Dich gleichfalls höchst demütig — sieh, Mr. Peter
kommt auch, lacht mit dem halben Gesicht und knurrt mit dem
halben Gesicht und hält mir erst die knurrende, dann die lachende
io Seite hin.
Im lieben Barmen fängt jetzt der literarische Sinn sich zu regen
an. Freiligrath hat einen Verein zur Lektüre von Dramen gestiftet,
in dem seit Freiligraths Weggange Strücker und Neuburg (Kom¬
mis beiLangewiesche)die^o/;a%otliberalerIdeen sind. Da hat denn
is Herr Ewich die scharfsinnigen Entdeckungen gemacht: 1. daß das
junge Deutschland in diesem Verein spuke, 2. daß dieser Verein
in pleno die Briefe aus dem Wuppertale im Telegraphen abgefaßt
habe. Auch hat er plötzlich eingesehen, daß Freiligraths Gedichte
das fadeste Zeug von der Welt seien, Freiligrath tief unter de la
2o Motte Fouqué stehe und innerhalb drei Jahren vergessen sein
werde. Gerade wie jene Behauptung von K. Beck. —
Oh Schiller, Schiller, dem im Geistesschwunge
Das größte Herz im wärmsten Busen schlug,
Du, Du warst der Prophet, der ewig junge,
25 Der kühn voran der Freiheit Fahne trug!
Als alle Welt sich aus dem Kampf gestohlen,
Die kleinen Seelen sich dem Herrn empfohlen,
Warst Du verschwenderisch mit Deinem Blut;
Dein wärmstes Leben und Dein tiefstes Leben
30 Hast Du für eine Welt dahingegeben —
Sie nahm das Opfer kalt und wohlgemut;
Denn sie begriff nicht Deinen tiefen Gram,
Sie hörte nur die Melodie der Sphären,
Wenn an ihr Ohr die Liederwoge kam,
35 Die Du geschwellt mit blutigroten Zähren!
Von wem ist das Ding? Es ist von Karl Beck, aus dem fahrenden
Poeten, mit all seinen gewaltigen Versen und seiner Bilderpracht,
aber auch mit seiner Unklarheit, mit seinen überschwänglichen
Hyperbeln und Metaphern ; denn daß Schiller unser größter libe-
40 raler Poet ist, ist ausgemacht; er ahnte die neue Zeit, die nach der
französischen Revolution anbrechen werde, und Goethe tat das
nicht, selbst nicht nach der Julirevolution; und wenn es ihm zu nah
kam, daß er doch fast glauben mußte, es käme was Neues, so zog
538
Briefe an die Brüder Graeber
1839 Okt. 8
er sich in seine Kammer zurück und schloß die Tür zu, um behag¬
lich zu bleiben. Das schadet Goethe sehr; aber er war 40 Jahr alt,
als die Revolution ausbrach, und ein gemachter Mann, deshalb
kann man es ihm nicht vorwerfen. Ich will Dir zum Schluß noch
was malen. 5
Engels an Wilhelm Graeber; [Bremen] 1839 io
Oktober 8
Original im Besitze von Emil Engels, Engelskirchen
Den 8. Oktober 1839.
0 Wilhelm, Wilhelm, Wilhelm! Also endlich vernimmt man
was von Dir? Nun, Männeken, nun sollst Du mal was hören: ich is
bin jetzt begeisterter Straußianer. Kommt mir jetzt nur her, jetzt
habe ich Waffen, Schild und Helm, jetzt bin ich sicher; kommt
nur her, und ich will Euch kloppen trotz Eurer Theologia, daß Ihr
nicht wissen sollt wohin flüchten. Ja, Guillermo, jacta est alea, ich
bin Straußianer, ich, ein armseliger Poete, verkrieche mich unter 20
die Fittiche des genialen David Friedrich Strauß. Hör’ einmal,
was das für ein Kerl ist! Da liegen die vier Evangelien, kraus und
bunt wie das Chaos; die Mystik liegt davor und betet an — siehe,
da tritt David Strauß ein, wie ein junger Gott, trägt das Chaos
heraus ans Tageslicht und — Adios Glauben! es ist so löcherig 25
wie ein Schwamm. Hier und da sieht er zu viel Mythen, aber nur
in Kleinigkeiten, und sonst ist er durchweg genial. Wenn Ihr den
Strauß widerlegen könnt — eh bien, dann werd’ ich wieder Pietist.
— Ferner würde ich aus Deinem Briefe lernen können, daß Mengs
ein bedeutender Künstler war, wenn ich’s unglücklicherweise nicht 30
1839 Okt. 8
Briefe an die Brüder Graeber
539
längst gewußt hätte. „Die Zauberflöte (Musik von Mozart)“, das
ist gradeso. Die Einrichtung mit dem Lesezimmer ist ja vortreff¬
lich, und ich mache Dich von neuesten literarischen Erscheinungen
auf König Saul, Trauerspiel von Gutzkow; Skizzenbuch, von dem-
s selben; Dichtungen von Th. Creizenach (einem Juden) ; Deutsch¬
land und die Deutschen, von Beurmann; die Dramatiker der Jetzt¬
zeit, 1. Heft, von L. Wienbarg etc. aufmerksam. Über den Saul bin
ich sehr begierig, ein Urteil von Dir zu hören; in Deutschland und
die Deutschen hat Beurmann meinen Aufsatz im Teltegraphen]
io exzerpiert, wo er vom Wuppertale spricht. — Dagegen warne ich
Dich vor der Geschichte des polnischen Aufstands (1830—31)
von Smitt, Berlin 1839, welche ohne Zweifel auf direkte Order des
Königs von Preußen geschrieben ist. Das Kapitel vom Beginn der
Revolution hat ein Motto aus Thucydides etwa dieses Sinnes: Wir
is aber, die wir uns nichts Böses versahen, wurden plötzlich ohne alle
Ursache von ihnen mit Krieg überzogen! ! ! ! ! ! 0 Unsinn, Du bist
groß ! Herrlich dagegen ist die Geschichte dieses glorreichen Auf¬
standes vom Grafen Soltyk, die deutsch Stuttgart 1834 herauskam
— ja, bei Euch wird sie verboten sein, wie alles Gute. Eine andre
2o wichtige Neuigkeit ist, daß ich eine Novelle schreibe, welche Ja¬
nuar gedruckt wird, wohl zu merken, wenn sie die Zensur passiert,
welches ein arges Dilemma ist. —
Ob ich Euch Poeme schicken soll oder nicht, weiß ich gar nicht
einmal, doch glaube ich, daß ich Euch den Odysseus Redivivus zu-
letzt geschickt habe, und bitte mir Kritik aus über die letzte Sen¬
dung. Hier ist jetzt ein Kandidat von dort, Müller, der als Prediger
mit einem Schiff in die Südsee gehen soll. Er wohnt bei uns im
Hause und hat ungeheuer forcierte Ansichten vom Christentum,
was Dir einleuchtend sein wird, wenn ich Dir sage, daß er seine
30 letzte Zeit unter G o ß n e r s Einfluß verlebte. Exaltiertere An¬
sichten von der Kraft des Gebets und der unmittelbaren göttlichen
Einwirkung aufs Leben kann man nicht leicht haben. Statt zu
sagen, man könne seine Sinne, Gehör, Gesicht, verschärfen, sagt
er: wenn der Herr mir ein Amt gibt, so muß er mir auch Kraft da-
35 zu geben ; natürlich muß brünstiges Gebet und eignes Arbeiten
danach dabei sein, sonst geht’s nicht, — und so beschränkt er
diese allen Menschen gemeinsame, bekannte Tatsache auf die
Gläubigen allein. Daß eine solche Weltansicht doch gar zu kindlich
und kindisch ist, müßte mir selbst ein Krummacher zugeben. —
40 Daß Du bessere Ansichten von meinem telegraphischen Artikel
hast, ist mir sehr lieb. Übrigens ist das Ding in der Hitze ge¬
schrieben, wodurch es zwar einen Stil erhalten hat, wie ich ihn mir
für meine Novelle nur wünschen mag, aber auch an Einseitig¬
keiten und halben Wahrheiten leidet. Krummacher hat Gutzkow
45 — Du weißt’s wohl schon, in Frankfurt am Main kennen gelernt
540
Briefe an die Brüder Graeber
1839 Okt. 8
und soll mirabilia darüber fabeln; — Beweis für die Richtigkeit
der Strauß sehen Mythenansicht. Ich lege mich jetzt auf den mo¬
dernen Stil, der ohne Zweifel das Ideal aller Stilistik ist. Muster
für ihn sind Heines Schriften, besonders aber Kühne und Gutzkow.
Sein Meister aber ist Wienbarg. Von früheren Elementen haben 5
besonders günstig auf ihn eingewirkt: Lessing, Goethe, Jean Paul
und vor allem Börne. 0 der Börne schreibt einen Stil, der über
alles geht. „Menzel der Franzosenfresser“ ist stilistisch das erste
Werk Deutschlands, und zugleich das erste, wo es darauf ankommt,
einen Autor ganz und gar zu vernichten; ist wieder bei Euch ver- I0
boten, damit ja kein besserer Stil geschrieben werde, als auf den
königlichen Bureaus geschieht. Der moderne Stil vereinigt alle
Vorzüge des Stils in sich; gedrungene Kürze und Prägnanz, die mit
einem Worte den Gegenstand trifft, abwechselnd mit der epi¬
schen, ruhigen Ausmalung; einfache Sprache, abwechselnd mit 15
schimmernden Bildern und glänzenden Witzfunken, ein jugendlich
kräftiger Ganymed, Rosen ums Haupt gewunden und das Geschoß
in der Hand, das den Python schlug. Dabei ist denn der Indivi¬
dualität des Autors der größte Spielraum gelassen, so daß trotz
der Verwandtschaft keiner des andern Nachahmer ist. Heine 20
schreibt blendend, Wienbarg herzlich warm und strahlend, Gutz¬
kow haarscharf treffend, zuweilen von einem wohltuenden Sonnen¬
blick überflogen, Kühne schreibt gemütlich-ausmalend, mit etwas
zu viel Licht und zu wenig Schatten, Laube ahmt Heine nach und
jetzt auch Goethe, aber auf verkehrte Manier, indem er den 25
Goetheaner Vamhagen nachahmt, und Mundt ahmt gleichfalls
Vamhagen nach. Marggraf schreibt noch etwas sehr allgemein
und mit vollen Backen pustend, doch das wird sich legen, und
Becks Prosa ist noch nicht über Studien hinaus. — Verbindet man
Jean Pauls Schmuck mit Börnes Präzision, so sind die Grundzüge 30
des modernen Stils gegeben. Gutzkow hat auf eine glückliche Weise
den brillanten, leichten aber trocknen Stil der Franzosen in sich
aufzunehmen gewußt. Dieser französische Stil ist wie ein Sommer¬
faden, der deutsche moderne ist eine Seidenflocke. (Dies Bild ist
leider verunglückt.) Daß ich aber über dem Neuen das Alte nicht 35
vergesse, zeigt mein Studium der gottvollen Goetheschen Lieder.
Man muß sie aber musikalisch studieren, am besten in verschie¬
denen Kompositionen. Z. B. will ich Dir die Reichardtsche Kom¬
position des Bundeslieds hersetzen:
Jin al - len gu - ten Stun-dcn, Er - höht von Lieb und Wein,l
(Soll d>n - ses Lied ver - bun-den Von uns ge - sun - gen sein. /
1839 Okt. 20—21
Briefe an die Brüder Graeber
541
Uns hält der Gott zu - sam-men, der uns hie - her ge - bracht,
Er - neu - ert eu - re Flam-men, er hat sie an - ge - facht.
Die Taktstriche hab ich wieder vergessen, laß sie Dir vom Heuser
machen. Die Melodie ist herrlich und durch die stets im Akkord
sich haltende Einfachheit dem Liede so angemessen wie keine.
Herrlich macht sich das Steigen V. 6 von e bis zur Septime d, und
5 das rasche Fallen V. 8 von h bis zur None a. Über das Miserere
von Leonardo Leo werde ich dem Heuser schreiben. —
Ich werde Euch dieser Tage einen guten Freund, der dort stu¬
dieren wird, Adolf Torstrick, herschicken, er ist fidel und liberal
und versteht gut griechisch. Die andern Bremer, die dorthin kom-
io men, sind nicht viel wert. Torstrick wird Briefe an Euch von mir
bekommen. Nehmt ihn gut auf, ich will wünschen, daß er Euch ge¬
fallen möge. Fritz hat mir noch immer nicht geschrieben, der
vermicul wollte von Elberfeld aus schreiben, ist aber unterblieben
aus Faulheit, wofür Du ihn rüffeln willst. Sollte der Heuser an-
io kommen, dem ich aus Furcht, ihn nicht mehr zu treffen, nicht
nach Elberfeld schreiben kann, so mach ihm Hoffnung, bald was
zu kriegen.
Dein Friedrich Engels.
Engels an Wilhelm Graeber in Berlin;
2o [Bremen 1839] Oktober 20—21
Original im Besitze von Emil Engels, Engelskirchen
den 20. Oktober. Herm Wilhelm Graeber. Ich bin ganz senti¬
mental, es ist ein schwieriger Kasus. Ich bleibe hier, entblößt von
aller Fidelität. Mit Adolf Torstrick, dem Überbringer dieses, geht
25 die letzte Fidelität weg. Wie ich den 18. Oktober gefeiert, ist in
meiner letzten Heuserlichen Epistel zu lesen. Heute Bierzech, mor¬
gen Langweile, übermorgen geht der Torstrick weg, Donnerstag
kommt der in vorerwähnter Epistel erwähnte Studio wieder,
worauf zwei fidele Tage folgen, und dann — ein einsamer, greu-
30 licher Winter. Die ganze hiesige Welt ist nicht zum Zechen zu
bringen, es sind alles Philister, ich sitze mit meinem Rest burschi¬
koser Lieder, mit meinem renommistischen studiosistischen An¬
hauch allein in der großen Wüste, ohne Zechgenossen, ohne Liebe,
ohne Fidelität, einzig mit Tabak, Bier und zwei zechunfähigen Be¬
542
Briefe an die Brüder Graeber
1839 Okt. 20—21
kannten. Sohn, da hast du meinen Spieß, kneip’ daraus mein
Cerevis, So du kneipest comme il faut, wird dein alter Vater froh,
möcht’ ich singen, aber wem soll ich meinen Spieß geben, und
dann kann ich auch die Melodie nicht recht. Eine Hoffnung allein
hab’ ich noch, Euch übers Jahr, wenn ich nach Hause geh, in Bar- 5
men zu treffen, und wenn in Dich und Jonghaus und Fritz der Pfaffe
noch nicht zu sehr gefahren ist, mit Euch dort herumzukneipen.
Den 21. — Heute einen furchtbar langweiligen Tag gehabt. Auf
dem Comptoir halbtot geochst. Dann Singakademie gehabt, unge¬
heuren Genuß. Nun muß ich sehen, daß ichEuch noch was schreibe, io
Verse mit nächster Gelegenheit, ich habe keine Zeit mehr, sie zu
kopieren. Nicht einmal was Interessantes zu essen gehabt, alles
langweilig. Dabei ist es so kalt, daß man es auf dem Comptoir
nicht aushalten kann. Gottlob, morgen haben wir Hoffnung, geheizt
zu bekommen. Von Deinem Bruder Hermann werde ich nächstens is
wohl einen Brief bekommen, er will meiner Theologie auf den
Zahn fühlen und meine Überzeugung massakrieren. Das kommt
vom Skeptizismus, die tausend Haken, mit denen man am Alten
hing, lassen los und haken sich wo anders ein, und dann gibt’s
Disputationen. Den Wurm soll der Teufel holen, der Kerl läßt 20
nichts von sich hören, er encanaillisiert sich täglich mehr. Ich
vermute, er kommt ans Branntweintrinken. Nun nehmt mir den
Torstrick freundlich auf, laßt ihn Euch von mir erzählen, wenn
Euch das interessiert, und setzt ihm gutes Cerevis vor. Fare well.
Dein Friedrich Engels. 25
[Auf der Adreßseite]
Herm Wilhelm Graeber, Berlin, Mittelstraße No. 52. 2 Trep¬
pen hoch.
Engels an Friedrich Graeber; [Bremen 1839
Oktober 29] 30
Original im Besitze von Emil Engels, Engelskirchen
Mein lieber Fritz — ich bin nicht wie Pastor Stier gesinnt. —
Den 29. Oktober, nach einer flott verlebten Messe und einer mit
schwerer, furchtbarer Korrespondenz, die durch Gelegenheit nach
Berlin ging, sowie nach einem Brief an W. Blank, der lange warten 35
mußte, bin ich endlich so weit, mich mit Dir in aller Freundschaft
herumbalgen zu können. Deinen Exkurs über die Inspiration hast
Du wohl ziemlich flüchtig hingeschrieben, indem es so wörtlich
nicht zu nehmen ist, wenn Du schreibst: die Apostel predigten das
Evangelium rein, und das hörte nach ihrem Tode auf. Da mußt 40
Du zu den Aposteln noch den Verfasser der Apostelgeschichte und
1839 Okt. 29
Briefe an die Brüder Graeber
543
des Ebräerbriefs rechnen und beweisen, daß die Evangelien
wirklich von Matthäus, Markus, Lukas und Johannes geschrieben
sind, während doch von den drei ersten das Gegenteil feststeht.
Ferner sagst Du: ich glaube nicht, daß wir in der Bibel eine andre
5 Inspiration finden dürfen, als wenn die Apostel und Propheten auf¬
traten und dem Volke predigten. Gut, aber gehört nicht wieder
eine Inspiration zur richtigen Aufzeichnung dieser Predigten? Und
gibst Du in diesem Satz mir zu, daß uninspirierte Stellen in der
Bibel sind, wo willst Du da die Grenze ziehn? Nimm die Bibel
io zur Hand und lies — Du wirst keine Zeile missen wollen, als da,
wo wirkliche Widersprüche sind; aber diese Widersprüche ziehen
eine Masse Konsequenzen nach sich ; z. B. der Widerspruch, daß
der Aufenthalt der Kinder Israel in Ägypten nur vier Generationen
gedauert habe, während Paulus im Galaterbrief (nisi erro)
15 430 Jahre angibt, was sogar mein, mich gern im Dunkeln halten
wollender Pastor, als Widerspruch anerkennt. Du wirst mir nicht
sagen, Paulus Worte gelten nicht für inspiriert, weil er die Sache
gelegentlich erwähnt und keine Geschichte schreibt — was gilt mir
eine Offenbarung, in der solch überflüssige und unnütze Dinge vor-
2o kommen. Ist aber der Widerspruch anerkannt, so können beide
gleich Unrecht haben, und die alttestamentliche Geschichte tritt in
ein zweideutiges Licht, wie denn überhaupt die biblische Chrono¬
logie — das erkennen alle, nur nicht Pastor Tiele zu Obemeuland
bei Bremen, an — unrettbar verloren für die Inspiration ist. Das
25 stellt die Geschichte des alten Testaments noch mehr ins Mythen¬
hafte, und es wird nicht lange dauern, bis dies auch auf den Kan¬
zeln allgemein anerkannt ist. — Was den Josuaschen Sonnenstill¬
stand anbetrifft, so ist der schlagendste Grund, den Ihr gebrauchen
könnt, daß Josua, als er dies sprach, noch nicht inspiriert gewesen
so sei, und später, als er inspiriert das Buch geschrieben habe, habe
er nur erzählt. Erlösungstheorie. — „Der Mensch ist so gefallen,
daß er aus sich nichts Gutes zu tun vermag.“ Lieber Fritz, laß doch
ab von diesem hyperorthodoxen und nicht einmal biblischen Un¬
sinn. Wenn Börne, der in Paris selbst knapp lebte, alles Honorar
35 für seine Schriften armen Deutschen gab, wofür er nicht einmal
Dank empfing, so war das hoffentlich doch etwas Gutes? Und Börne
war wahrlich kein „Wiedergebomer“. — Ihr habt diesen Satz gar
nicht einmal nötig, wenn Ihr nur die Erbsünde habt. Christus
kennt ihn auch nicht, so wie so vieles aus der Lehre der Apostel.
4o — Die Lehre von der Sünde habe ich noch am wenigsten über¬
dacht, das ist mir indes klar, daß die Sünde der Menschheit not¬
wendig ist. Die Orthodoxie sieht richtig einen Zusammenhang zwi¬
schen Sünde und irdischen Mängeln, Krankheit etc., sie irrt aber
darin, daß sie die Sünde als Ursache dieser Mängel hinstellt, was
4* nur in einzelnen Fällen stattfindet. Diese beiden, Sünde und
544
Briefe an die Brüder Graeber
1839 Okt. 29
Mängel, bedingen sich gegenseitig, das eine kann ohne das andre
nicht bestehen. Und weil die Kräfte des Menschen nicht göttlich
sind, so ist die Möglichkeit zur Sünde notwendig; daß sie wirklich
eintreten mußte, war durch die rohe Stufe der ersten Menschen
gegeben, und daß sie seitdem nicht aufhörte, ist wieder ganz 5
psychologisch. Sie kann auch gar nicht aufhören auf der Erde,
weil sie durch alle irdischen Verhältnisse bedingt ist, und Gott
sonst die Menschen anders hätte schaffen müssen. Da er sie aber
einmal so geschaffen hat, so kann er gar keine absolute Sündlosig-
keit von ihnen verlangen, sondern nur einen Kampf mit der Sünde; io
daß dieser Kampf plötzlich mit dem Tode aufhören und ein dolce
far niente eintreten werde, konnte nur die vernachlässigte Psycho¬
logie früherer Jahrhunderte schließen. Ja, diese Prämissen zu¬
gegeben, wird die moralische Vollkommenheit nur mit der Voll¬
kommenheit aller übrigen geistigen Kräfte, mit einem Auf gehen is
in die Weltseele zu erringen sein, und da bin ich bei der Hegel-
schen Lehre, die Leo so heftig angriff. Dieser letzte metaphysische
Satz ist übrigens so ein Schluß, von dem ich selbst noch nicht weiß,
was ich davon halten soll. — Ferner kann nach diesen Prämissen
die Geschichte Adams nur Mythe sein, indem Adam entweder Gott 20
gleich sein mußte, wenn er so sündlos geschaffen war, oder sün¬
digen mußte, wenn er mit im übrigen menschlichen Kräften ge¬
schaffen war.—Das ist meine Theorie der Sünde, die indes noch an
ungeheurer Roheit und Lückenhaftigkeit leidet; wobei habe ich hier
noch einer Erlösung nötig? — „Wollte Gott einen Ausweg zwischen 25
strafender Gerechtigkeit und erlösender Liebe finden, so blieb die
Stellvertretung als einziges Mittel über.“ Nun seht einmal, was
für Menschen Ihr seid. Uns kommt Ihr damit, daß wir in die Tiefen
der göttlichen Weisheit unser kritisches Senkblei herabließen, und
hier setzt Ihr sogar der göttlichen Weisheit Schranken. Ein größeres 30
Dementi hätte sich Herr Professor Philippi nicht geben können.
Und hört denn — gesetzt auch die Notwendigkeit dieses einzigen
Mittels — die Stellvertretung auf, eine Ungerechtigkeit zu sein?
Ist Gott wirklich so streng gegen die Menschen, so muß er hier
auch streng sein und darf hier kein Auge zudrücken. Arbeite Dir 35
dieses System nur einmal recht scharf und bestimmt heraus, und
die wunden Flecke werden Dir nicht entgehen. — Dann kommt ein
ganz pompöser Widerspruch gegen die „Stellvertretung als ein¬
ziges Mittel“, indem Du sagst: „Ein Mensch kann nicht Mittler sein,
selbst wenn er durch einen Akt der göttlichen^
Allmacht von aller Sünde befreit wäre.“ Also doch
noch ein andrer Weg? Ja, wenn die Orthodoxie keine besseren Ver¬
treter in Berlin hat als Professor Philippi, so ist sie wahrhaftig
schlimm dran. — Durch die ganze Deduktion zieht sich still¬
schweigend das Prinzip der Rechtmäßigkeit der Stellvertretung. 45
1839 Okt. 29
Briefe an die Brüder Graeber
545
Das ist ein Mörder, den Ihr für Eure Zwecke geworben habt, und
der Euch hintennach selbst totsticht. Ihr wollt auch gar nicht recht
dran, zu beweisen, daß dies Prinzip nicht mit der göttlichen Ge¬
rechtigkeit streite, und, bekennt es nur ehrlich, Ihr fühlt selbst,
5 daß Ihr diesen Beweis gegen Euer innerstes Gewissen führen
müßtet; deswegen huscht Ihr weg über das Prinzip und nehmt die
Tatsache, mit einigen schönen Worten von erbarmender Liebe etc.
verbrämt, stillschweigend für rechtmäßig an. — „Die Dreieinig¬
keit ist Bedingung der Erlösung.“ Das ist wieder so eine halb-
io richtige Konsequenz Eures Systems. Freilich, zwei Hypostasen
müßte man schon annehmen, aber die dritte doch wohl nur, weil
es so hergebracht ist.
„Um aber zu leiden und zu sterben, mußte Gott Mensch werden,
denn abgesehen von der metaphysischen Undenkbarkeit, in Gott
is als solchen eine Leidensfähigkeit zu setzen, war ja auch die durch
die Gerechtigkeit bedingte ethische Notwendigkeit vorhanden.“
— Aber, wenn Ihr die Undenkbarkeit zugebt, daß Gott leiden
könne, so hat in Christus der Gott auch nicht gelitten, sondern
nur der Mensch, und: „ein Mensch könnte nicht Mittler sein“. Du
20 bist doch noch so vernünftig, daß Du nicht, wie so viele, hier die
äußerste Spitze der Konsequenz ergreifst: „also muß Gott gelitten
haben“, und Dich daran festhältst. Und was es mit der „durch die
Gerechtigkeit bedingten ethischen Notwendigkeit“ für eine Be¬
wandtnis hat, steht auch dahin. Wenn einmal das Prinzip der
25 Stellvertretung anerkannt werden soll, so ist es auch nicht nötig,
daß der Leidende gerade ein Mensch sei; wenn er nur Gott ist.
Gott kann aber nicht leiden, ergo — sind wir so weit als vorher.
Das ist’s eben bei Eurer Deduktion, bei jedem Schritt weiter muß
ich Euch neue Konzessionen machen. Nichts entwickelt sich voll
30 und ganz aus dem Vorhergehenden. So muß ich Dir hier wieder
zugeben, daß der Mittler auch Mensch sein mußte, was noch gar
nicht bewiesen ist; denn gäbe ich dies nicht zu, so wäre ich ja nicht
imstande, mich auf das Folgende einzulassen. „Auf dem Weg der
natürlichen Fortpflanzung konnte aber die Menschwerdung Gottes
35 nicht vor sich gehen, denn wenn sich auch Gott mit einer von einem
Eltempaar erzeugten und durch seine Allmacht entsündigten Per¬
son verbunden hätte, so hätte er sich doch nur mit dieser Person
und nicht mit der menschlichen Natur verbunden, und nahm
im Leibe der Jungfrau M[aria] nur die menschliche Natur an, in
4o seiner Gottheit lag die personbildende Kraft.“ — Sieh einmal, das
ist reine Sophisterei, und Euch durch die Angriffe auf die Not¬
wendigkeit der übernatürlichen Erzeugung abgenötigt. Um die
Sache in ein anderes Licht zu stellen, schiebt Herr Professor ein
drittes: die Persönlichkeit dazwischen. Das hat nichts damit zu tim.
45 Im Gegenteil, die Verbindung mit der menschlichen Natur ist um
Marx-Engels-Gesamtausgabe, I. Abt., Bd. 2. 35
546
Briefe an die Brüder Graeber
1839 Okt. 29
so inniger, je mehr die Persönlichkeit menschlich ist und der sie
belebende Geist göttlich. Ein zweites Mißverständnis liegt hierbei
im Hintergründe versteckt, Ihr verwechselt den Leib und die Per¬
son; das geht noch klarer hervor aus den Worten: „auf der andern
Seite konnte Gott sich nicht so ganz abrupt wie den ersten Adam 5
in die Menschheit hineinschaffen, dann hätte er in keiner Verbin¬
dung mit der Substanz unsrer gefallenen Natur gestanden.“ Also
um die Substanz, um das Handgreifliche, Leibliche handelt es
sich? Das Beste aber ist, daß die schönsten Gründe für die über¬
natürliche Erzeugung, das Dogma von der Unpersönlichkeit der w
menschlichen Natur in Christo, nur eine gnostische Konsequenz der
übernatürlichen Erzeugung ist. (Gnostisch natürlich nicht in Be¬
ziehung auf die Sekte, sondern die y vGkhq überhaupt. ) Wenn in
Christus der Gott nicht leiden konnte, so konnte der personlose
Mensch noch viel weniger leiden, und das kommt denn bei dem is
Tiefsinn heraus. „So erscheint Christus ohne einzelne menschliche
Markierung.“ Das ist eine Behauptung in den Tag hinein; die
Evangelisten haben alle vier ein bestimmtes Charakterbild von
Jesu, das in seinen meisten Zügen bei allen übereinstimmt. So
dürfen wir behaupten, daß der Charakter des Apostels Johannes 2o
dem Christi am nächsten gestanden habe; nun aber, wenn Christus
keine menschliche Markierung hatte, ist darin eingeschlossen, daß
Johannes der vorzüglichste gewesen sei; und das möchte bedenk¬
lich zu behaupten sein.
So weit die Entgegnung Deiner Deduktion. Sie ist mir nicht 25
sehr gut gelungen, ich hatte keine Kollegienhefte, sondern nur
Fakturabücher und Konti. Bitte deshalb hier und daige Unklarheit
zu entschuldigen. — Dein Bruder hat sich noch nicht mit einem
Briefe vernehmen lassen. — Du reste, wenn Ihr die Ehrlichkeit
meines Zweifels anerkennt, wie wollt Ihr solch ein Phänomen er- 30
klären? Eure orthodoxe Psychologie muß mich notwendig unter
die ärgsten Verstockten rangieren, besonders da ich jetzt ganz und
gar verloren bin. Ich habe nämlich zu der Fahne des David Fried¬
rich Strauß geschworen und bin ein Mythiker erster Klasse; ich
sage Dir, der Strauß ist ein herrlicher Kerl und ein Genie und 35
Scharfsinn hat er wie keiner. Der hat Euren Ansichten den Grund
genommen, das historische Fundament ist unwiederbringlich ver¬
loren, und das dogmatische wird ihm nachsinken. Strauß ist gar
nicht zu widerlegen, darum sind die Pietisten so wütend auf ihn;
Hengstenberg plagt sich in der Kirchenzeitung ungeheuer ab, fal- 40
sehe Konsequenzen aus seinen Worten zu ziehen und hämische
Ausfälle gegen seinen Charakter daran zu knüpfen. Das ist’s, was
ich an Hengstenberg und Konsorten hasse. Was geht sie die Per¬
sönlichkeit Straußens an; aber da plagen sie sich, seinen Charakter
herabzusetzen, damit man sich scheuen möge, sich ihm anzu- 45
1839 Okt. 29
Briefe an die Brüder Graeber
547
schließen. Der beste Beweis, daß sie ihn nicht widerlegen können.
Doch jetzt hab’ ich genug theologisiert und will mal anders¬
wohin meinen Blick richten. Wie großartig die Entdeckungen sind,
die der Deutsche Bund aus der Demagogie und sämtlichen so-
5 genannten Verschwörungen machte, geht daraus hervor, daß es auf
85 Seiten gedruckt werden kann. Ich habe das Buch noch nicht
gesehn, doch las ich Auszüge in Zeitungen, die mir zeigen, wie
kostbare Lügen unsre verfluchte Behörde dem deutschen Volke
auf tischt. Mit der unverschämtesten Frechheit behauptet der Deut-
io sehe Bund, die politischen Verbrecher seien von ihren „recht¬
mäßigen Richtern“ verurteilt worden, da doch jeder weiß, wie
überall, besonders da wo öffentliche Gerichtsbarkeit existiert,
Kommissionen angeordnet wurden — und was da geschehen, bei
Nacht und Nebel, das weiß kein Mensch; denn die Angeklagten
is mußten schwören, nichts über das Verhör auszusagen. Das ist das
Recht, was in Deutschland existiert — und wir haben über nichts,
gar nichts zu klagen! — Es erschien vor etwa sechs Wochen ein
vortreffliches Buch: Preußen und Preußentum, von J. Venedey,
Mannheim 1839, worin die preußische Gesetzgebung, die Staats-
20 Verwaltung, Steuerverteilung etc. einer strengen Prüfung unter¬
worfen werden, und die Resultate leuchten ein: Begünstigung der
Geldaristokratie vor den Armen, Streben nach fortwährendem
Absolutismus, und die Mittel dazu : Unterdrückung der politischen
Intelligenz, Verdummung der Volksmehrzahl, Benutzung der Re-
25 ligion; glänzendes Außenwesen, Renommisterei ohne Grenzen, und
der Schein, als begünstige man die Intelligenz. Der Deutsche Bund
hat gleich Sorge getragen, das Buch zu verbieten und die vorrätigen
Exemplare mit Beschlag zu belegen ; letzteres ist nur eine Schein¬
maßregel, da die Buchhändler höchstens gefragt werden, ob sie
3o Exemplare hätten, wo denn natürlich jeder rechtschaffne Kerl sagt:
Nein. — Kannst Du das Buch Dir dort verschaffen, so lies es ja,
denn es sind keine Rodomontaden, sondern Beweise, aus dem
preuß ischen Landrechte geführt. — Am liebsten möchte
ich, Du könntest Börnes: Menzel der Franzosenfresser bekommen.
35 Dieses Werk ist ohne Zweifel das beste, was wir in deutscher Prosa
haben, sowohl was Stil als Kraft und Reichtum der Gedanken be¬
trifft; es ist herrlich ; wer es nicht kennt, der glaubt nicht, daß unsre
Sprache solch eine Kraft besitze. — [Schluß fehlt]
548
Briefe an die Brüder Graeber
1839 Nov. 13—20
Engels an Wilhelm Graeber in Berlin; Bre¬
men 1839 November 13—20
Original im Besitze von Emil Engels, Engelskirchen
Den 13. Novbr. 1839.
Liebster Guilielme, 5
warum schreibst Du nicht? Ihr gehört sämtlich in die Kategorie
der Faulenzer und Bärenhäuter. Aber ich bin ein andrer Kerl!
Nicht nur, daß ich Euch mehr schreibe als Ihr verdient, daß ich
mir eine ausnehmende Bekanntschaft mit allen Literaturen der
Welt verschaffe; ich arbeite mir auch im Stillen in Novellen und 10
Gedichten ein Denkmal des Ruhmes aus, welches, wenn nämlich
die Zensur den blitzenden Stahlschimmer nicht zu häßlichem Rost
anhaucht, mit hellem Jugendglanz durch alle deutschen Lande,
Ostreich ausgenommen, hinscheinen wird. Es gärt und kocht in
meiner Brust, es glüht in meinem, bisweilen besoffenen Kopfe ganz 15
ausnehmend; ich sehne mich, einen großen Gedanken zu finden,
der die Gärung aufklärt und die Glut zur lichten Flamme anhaucht.
Ein großartiger Stoff, gegen den alle meine bisherigen nur Kinde¬
reien sind, ringt sich in meinem Geist empor. Ich will in einer
„Märchen-Novelle66 oder einem derartigen Ding die modernen 20
Ahnungen, die sich im Mittelalter zeigten, zur Anschauung brin¬
gen, ich will die Geister auf decken, die unter der harten Erdrinde
nach Erlösung pochten, vergraben unter den Fundamenten der
Kirchen und Verließe. Ich will wenigstens einen Teil jener Auf¬
gabe Gutzkows zu lösen versuchen: der wahre zweite Teil des 25
Faust, Faust nicht mehr Egoist, sondern sich aufopfernd für die
Menschheit, soll noch erst geschrieben werden. Da ist Faust, da
ist der ewige Jude, da ist der wilde Jäger, drei Typen der geahnten
Geistesfreiheit, die leicht in eine Verbindung und eine Beziehung
zu Johann Huß zu setzen sind. Welch ein poetischer Hintergrund, 30
vor dem diese drei Dämonen schalten und walten, ist mir da ge¬
geben! Die früher metrisch angefangne Idee vom wilden Jäger
ist darin aufgegangen. — Diese drei Typen (Menschen, warum
schreibt Ihr nicht? d. 14. November) werde ich ganz eigentümlich
behandeln; besonders verspreche ich mir Effekt von der Auf fas- 35
sung Ahasvers und des wilden Jägers. Leicht kann ich, um die
Sache poetischer und Einzelheiten bedeutender zu machen, noch
andre Dinge aus deutschen Sagen einflechten — doch das wird
sich schon finden. Während die gegenwärtig von mir bearbeitete
Novelle nur mehr Studie des Stils und der Charakterschilderung 40
ist, soll diese das Eigentliche werden, worauf ich Hoffnungen für
meinen Namen begründe.
Den 15. November. Auch heute kein Brief? Was mach’ ich?
Was denk’ ich von Euch? Ihr seid mir unbegreiflich. Den
1839 Nov. 13—20
Briefe an die Brüder Graeber
549
20. November. Und wenn Ihr heute nicht schreibt, so kastrier’ ich
Euch in Gedanken und lasse Euch warten, wie Ihr tut. Aug’ um
Auge, Zahn um Zahn, Brief um Brief. Ihr Heuchler aber sagt:
Nicht Aug’ um Auge, nicht Zahn um Zahn, nicht Brief um Brief,
5 und laßt mich bei Eurer verdammten christlichen Sophistik sitzen.
Nein, lieber ein guter Heide als ein schlechter Christ.
Weltschmerz-Poeten.
Da ist ein junger Jude aufgestanden, Theodor Creizenach, wel¬
cher ganz vortreffliche Gedichte und noch bessere Verse macht.
io Er hat eine Komödie gemacht, in der W. Menzel und Konsorten
aufs kostbarste persiffliert werden. Es strömt jetzt alles der mo¬
dernen Schule zu und baut Häuser, Paläste oder Hüttlein auf
dem Fundament der großen Ideen der Zeit. Alles andre kommt
auf den Hund, die sentimentalen Liedlein verhallen ungehört und
is das schmetternde Jagdhorn wartet eines Jägers, der es blase zur
Tyrannenjagd; in den Wipfeln aber rauscht der Sturm von Gott,
und die Jugend Deutschlands steht im Hain, die Schwerter zu¬
sammenschlagend und die vollen Becher schwingend; von den
Bergen lohen die brennenden Schlösser, die Throne wanken, die
2o Altäre zittern, und ruft der Herr in Sturm und Ungewittern, voran,
voran, wer will uns widerstehn?
Wir Friedrich Engels
oberster Poet im Bremer Ratskeller und privilegierter
ZECHEK
25 Tun kund und zu wissen allen Vergangenen, Gegenwärtigen
Abwesenden und Zukünftigen
daß ihr sämtlich Esel seid, faule Kreaturen, die an dem
Überdruß der eignen Existenz dahinsiechen, mir nicht-
sdireibende Canaillen und so weiter
so Gegeben auf unsrem Comptoirbock,
zur Zeit da wir nicht den Katzenjammer hatten.
Friedrich Engels.
550
Briefe an die Brüder Graeber
1839 Nov. 13—20
In Berlin lebt ein junger Poet, Karl Grün, von dem ich dieser
Tage ein Buch derWanderungen gelesen habe, welches sehr gut ist.
Doch soll er schon 27 Jahre alt sein und dafür könnt’ er besser
schreiben. Er hat zuweilen sehr treffende Gedanken, aber oft greu¬
liche Hegelsche Floskeln. Was heißt das z. B.: „Sophokles ist das 5
hochsittliche Griechenland, das seine titanischen Ausbrüche an der
Mauer absoluter Notwendigkeit sich brechen ließ. In Shakespeare
ist der Begriff des absoluten Charakters zur Erscheinung ge¬
kommen.“
Vorgestern Abend hatte ich große Knüllität im Weinkeller von io
zwei Flaschen Bier und zweieinhalb Flaschen Rüdesheimer 1794er.
Mein Herr Verleger in spe und diverse Philister waren mit. Probe
einer Disputation mit einem dieser Philister über die Bremer Ver¬
fassung: Ich: In Bremen ist die Opposition gegen die Regierung
nicht rechter Art, weil sie in der Geldaristokratie, den Älterleuten is
besteht, die sich der Rangaristokratie, dem Senat, widersetzen. Er:
Das können Sie doch so ganz eigentlich nicht behaupten. Ich: Wes¬
halb nicht? Er: Beweisen Sie Ihre Behauptung. Dergleichen soll
hier für Disputation gelten! 0 Philister, geht hin, lernt griechisch
und kommt wieder. Wer griechisch kann, der kann auch rite dispu- 20
tieren. Aber solche Kerle disputier’ ich sechs auf einmal tot, wenn
ich auch halb knüll bin und sie nüchtern. Diese Menschen können
keinen Gedanken drei Sekunden in seine notwendigen Konse¬
quenzen fortspinnen, sondern alles geht ruckweise; man braucht
sie nur eine halbe Stunde sprechen zu lassen, ein paar scheinbar 25
unschuldige Fragen aufwerfen und sie widersprechen sich splendi-
damente. Es sind gräßlich abgemeßne Menschen, diese Philister;
ich fing an zu singen, da beschlossen sie einstimmig gegen mich, daß
sie erst essen und dann singen wollten. Da fraßen sie Austern,
ich aber rauchte ärgerlich drauflos, soff und brüllte, ohne mich 30
an sie zu stören, bis ich in einen seligen Schlummer geriet. Ich bin
jetzt ein ungeheurer Spediteur von verbotnen Büchern ins Preu¬
ßische; der Franzosenfresser von Börne in vier Exemplaren, die
Briefe aus Paris von demselben, 6 Bände, Venedey Preußen und
Preußentum, das strengst verbotne, in fünf Exemplaren liegen zur 35
Versendung nach Barmen bereit. Die beiden letzten Bände der
Briefe aus Paris hatte ich noch nicht gelesen, sie sind herrlich.
König Otto von Griechenland wird fürchterlich durchgenommen ;
so sagt er einmal: wenn ich der liebe Gott wäre, so würde ich einen
kostbaren Spaß machen, ich ließe alle großen Griechen in einer 40
Nacht wieder aufstehen. Nun kommt eine sehr schöne Beschrei¬
bung, wie diese Hellenen in Athen umhergehen, Perikies, Aristo¬
teles etc. Da heißt es: König Otto ist angekommen. Alles macht sich
auf, Diogenes putzt das Licht in seiner Laterne und alle eilen zum
Piräus. König Otto ist ausgestiegen und hält folgende Rede: 45
1839 Nov. 13—20
Briefe an die Brüder Graeber
551
„Hellenen, schaut über Euch. Der Himmel hat die bayrische Na¬
tionalfarbe angenommen. (Diese Rede ist gar zu schön, ich muß
sie ganz abschreiben.) Denn Griechenland gehörte in den ältesten
Zeiten zu Bayern. Die Pelasger wohnten im Odenwalde und In-
5 achus war aus Landshut gebürtig. Ich bin gekommen, Euch glück¬
lich zu machen. Eure Demagogen, Unruhestifter und Zeitungs¬
schreiber haben Euer schönes Land ins Verderben gestürzt. Die
heillose Preßfreiheit hat alles in Verwirrung gebracht. Seht nur,
wie die Ölbäume aussehen. Ich wäre schon längst zu Euch herüber-
10 gekommen, ich konnte aber nicht viel eher, denn ich bin noch
nichtlangeaufderWelt. Jetzt seid Ihr ein Glied des Deut¬
schen Bundes; meine Minister werden Euch die neuesten Bundes¬
beschlüsse mitteilen. Ich werde die Rechte meiner Krone zu wahren
wissen und Euch nach und nach glücklich machen. Für meine Zivil-
15 liste (Gehalt des Königs im konstitutionellen Staat) gebt Ihr mir
jährlich 6 Millionen Piaster, und ich erlaube Euch, meine Schulden
zu bezahlen.“ Die Griechen werden konfus, Diogenes hält dem
König seine Laterne ins Gesicht, Hippokrates aber ließ sechs
Karren Nießwurz holen etc. etc. Diese ganze ironische Dichtung ist
20 ein Meisterstück der beißendsten Satire, und in einem Stil, der
göttlich ist. Daß Dir Börne weniger gefällt, kommt daher, daß Du
eins seiner schwächsten und frühesten Werke, die Schilderungen
aus Paris, liest. Unendlich höher stehen die Dramaturgischen
Blätter, die Kritiken, die Aphorismen, und vor allen die Briefe aus
25 Paris und der wundervolle Franzosenfresser. Die Beschreibung
der Gemäldesammlung ist sehr langweilig, darin hast du recht.
Aber die Grazie, die herkulische Kraft, die Gemütstiefe, der ver¬
nichtende Witz des Franzosenfressers sind unübertrefflich. Hoffent¬
lich sehen wir uns Ostern oder doch Herbst in Barmen, da sollst
30 Du andre Begriffe von diesem Börne bekommen. — Was Du über
Torstricks Duellgeschichte schreibst, ist freilich differierend von
seinen Nachrichten, doch ist er auf jeden Fall der, der am meisten
Unannehmlichkeiten davon hatte. Der Kerl ist gut, lebt aber in
Extremen: besoffen hier, etwas pedantisch dort. —
35 Fortsetzung. Wenn Du meinst, die deutsche Literatur sei all¬
mählich eingeschlafen, so bist Du bedeftend irrig. Denke nicht,
weil Du wie Vogel Strauß Deinen Kopf vor ihr verbirgst und sie
nicht siehst, hörte sie auf zu existieren. Au contraire entwickelt sie
sich ansehnlich, was Dir einleuchten würde, wenn Du mehr acht
40 darauf gäbst und nicht in Preußen lebtest, wo die Werke von Gutz¬
kow etc. erst einer besondem und selten erteilten Erlaubnis be¬
dürfen. — Ebenso sehr irrst Du, wenn Du meinst, ich müßte zum
Christentum zurückkehren. Pro primo ist mir ridikül, daß ich Dir
nicht mehr für einen Christen gelte und pro secundo, daß Du
45 meinst, wer einmal um des Begriffs willen das Vorstellungsmäßige
552
Briefe an die Brüder Graeber
1839 Nov. 13—20
der Orthodoxie abgestreift hat, könne sich wieder in diese Zwangs¬
jacke bequemen. Ein rechter Rationalist kann das wohl, indem er
seine natürliche Wundererklärung und seine seichte Moralsucht
für ungenügend erkennt, aber der Mythizismus und die Speku¬
lation kann nicht wieder von ihren morgenrotbestrahlten Firnen in 5
die nebligen Täler der Orthodoxie herabsteigen. — Ich bin näm¬
lich auf dem Punkte, ein Hegelianer zu werden. Ob ich’s werde,
weiß ich freilich noch nicht, aber Strauß hat mir Lichter über
Hegel angesteckt, die mir das Ding ganz plausibel darstellen.
Seine (Hegels) Geschichtsphilosophie ist mir ohnehin wie aus io
der Seele geschrieben. Sieh doch, daß du Strauß’ Charakteri¬
stiken und Kritiken bekommst, die Abhandlung über Schleier¬
macher und Daub ist wundervoll. So gründlich, klar und inter¬
essant schreibt außer Strfauß] kein Mensch. Übrigens infallibel
ist er gar nicht; ja wenn sein ganzes Leben Jesu als ein Komplex is
von lauter Sophismen sich herausstellte, denn das Erste, wodurch
dieses Werk so wichtig ist, das ist die ihm zugrunde liegende
Idee des Mythischen im Christentum; diese wäre auch durch jene
Entdeckung nicht verletzt, denn sie kann immer wieder neu auf
die biblische Geschichte angewandt werden. Aber die unleugbar 20
ausgezeichnete Durchführung zugleich mit der Idee gegeben zu
haben, das erhöht Strauß’ Verdienst noch mehr. Ein guter Exeget
mag ihm hier und da einen Schnitzer oder ein Verfallen ins
Extrem nachweisen können, ebenso gut wie Luther im einzelnen
angreifbar war; aber das schadet ja nichts. Wenn Tholuck was 25
Gutes über Strfauß] gesagt hat, so ist das reiner Zufall oder eine
gut angewandte Reminiszenz; Tholucks Gelehrsamkeit geht zu
sehr ins Breite, und dabei ist er nur rezeptiv, nicht einmal kri¬
tisch, geschweige produktiv. Die guten Gedanken, die Tholuck
gehabt hat, werden sich leicht zählen lassen, und den Glauben an 30
die Wissenschaftlichkeit seiner Polemik hat er durch seinen Streit
mit Wegscheider und Gesenius schon vor zehn Jahren selbst zer¬
stört. Tholucks wissenschaftliche Wirksamkeit ist in keiner Weise
nachhaltig gewesen, und seine Zeit ist längst vorbei. Hengsten¬
berg hat doch wenigstens einmal einen originellen, wenn auch 35
absurden Gedanken gehabt: den von der prophetischen Perspek¬
tive. — Es ist mir unbegreiflich, daß Ihr Euch um alles nicht
kümmert, was über Hengstenberg und Neander hinausgeht. Allen
Respekt vor Neander, aber wissenschaftlich ist er nicht. Statt
Verstand und Vernunft bei seinen Werken tüchtig arbeiten zu 40
lassen, auch wenn er einmal mit der Bibel in Opposition käme,
läßt er da, wo er dergleichen fürchtet, die Wissenschaft Wissen¬
schaft sein und kommt mit der Empirie oder dem frommen Ge¬
fühl. Er ist gar zu fromm und gemütlich, um Straußen opponieren
zu können. Gerade durch diese frommen Ergüsse, an denen sein 45
1839 Dez. 9—1840 Febr. 5 Briefe an die Brüder Graeber
553
Leben Jesu reich ist, stumpft er die Spitzen auch seiner wirklich
wissenschaftlichen Argumente ab.
A propos — vor ein paar Tagen las ich in der Zeitung, die He-
gelsche Philosophie sei in Preußen verboten worden, ein berühm-
5 ter Hallischer Hegelianischer Dozent sei durch ein Ministeriai¬
reskript bewogen worden, seine Vorlesungen zu suspendieren und
mehrere Hallische jüngere Dozenten derselben Farbe (wohl Ruge
etc.) seien bedeutet worden, sie hätten keine Anstellung zu er¬
warten. Durch eben dieses Reskript sei das definitive Verbot der
io Berliner Jahrbücher für wissenschaftliche Kritik entschieden wor¬
den. Weiter habe ich noch nichts gehört. Ich kann an einen so
unerhörten Gewaltstreich selbst der preußischen Regierung nicht
glauben, obwohl Börne dies vor fünf Jahren schon prophezeite,
und Hengstenberg Intimus des Kronprinzen, sowie Neander er-
15 klärter Feind der Hegelschen Schule sein soll. Wenn Ihr etwas
über die Sache hört, so schreibt mir davon. Jetzt will ich Hegel
studieren bei einem Glase Punsch. Adios. Dein baldiges Schrei¬
ben erwartender Friedrich Engels.
Engels an Friedrich Graeber in Berlin; [Bre¬
hmen 1839] Dezember 9 — 1840 Februar 5
Original im Besitze von Emil Engels, Engelskirchen
Den 9. Dezbr.
Liebster — soeben kommt Dein Brief an, es ist erstaunlich,
wie lange man auf Euch Menschen warten muß. Von Berlin ver-
25 lautet seit Deinem und Heusers Brief von Elberfeld aus gar nichts.
Man sollte des Teufels werden, sobald seine Existenz erwiesen
wäre. Doch Du bist ja arriviert, und es ist gut so.
Dir nachahmend, lasse ich die Theologie bis zuletzt, um die
Pyramide meines Briefes würdig zu krönen. Ich beschäftige mich
so sehr viel mit schriftstellerischen Arbeiten ; nachdem ich von Gutz¬
kow die Zusicherung erhalten, daß ihm meine Beiträge willkom¬
men sind, habe ich ihm einen Aufsatz über K. Beck eingeschickt,
sodann mache ich viele Verse, die aber sehr der Politur bedürfen
und schreibe diverse Prosastücke, um meinen Stil zu üben. „Eine
35 Bremer Liebesgeschichte66 schrieb ich vorgestern, „Die Juden in
Bremen66 gestern; morgen denk’ ich „Die junge Literatur in Bre¬
men66, „Der Jüngste66 (nämlich Comptoirlehrling) oder ein an¬
dres derartiges Ding zu schreiben. In vierzehn Tagen kann man so
bei guter Laune leicht fünf Bogen zusammenschmieren, dann
40 poliert man den Stil, setzt hier und da zur Abwechslung Verse
dazwischen und gibt’s als: „Bremer Abende66 heraus. Mein Ver¬
leger in spe kam gestern zu mir, ich las ihm den „Odysseus Re-
divivus66 vor, der ihn ausnehmend entzückte; er will den ersten
Roman aus meiner Fabrik nehmen und wollte gestern mit aller
554
Briefe an die Brüder Graeber 1839 Dez. 9—1840 Febr. 5
Gewalt ein Bändchen Gedichte haben. Aber leider sind nicht genug
da und — die Zensur! Wer ließe den Odysseus durch? Übrigens
lasse ich mich durch die Zensur nicht abhalten, frei zu schreiben;
mag sie hintennach streichen, so viel sie will, ich begeh’ keinen
Kindermord an meinen eignen Gedanken. Unangenehm sind soi- *
ehe Zensurstriche immer, aber auch ehrenvoll; ein Autor, der
dreißig Jahre alt wird oder drei Bücher schreibt ohne Zensur¬
striche, ist nichts wert, die narbigen Krieger sind die besten. Man
muß es einem Buche ansehen, daß es aus einem Kampf mit dem
Zensor kommt. Übrigens liberal ist die Hamburger Zensur; in
meinem letzten telegraphischen Aufsatze über die deutschen Volks¬
bücher sind mehrere sehr bittre Sarkasmen für den Bundestag und
die preußische Zensur, aber kein Buchstabe ist gestrichen worden.
Den 11. Dezember. — 0 Fritz! So faul, wie ich diesen Augen¬
blick bin, bin ich seit Jahren nicht gewesen. Ha, mir geht ein w
Licht auf: ich weiß, was mir fehlt — ich muß tertium locum be¬
suchen.
Den 12. Dezember. Was doch die Bremer für Ochsen — ich
wollt’ sagen gute Leute sind! Bei dem jetzigen Wetter sind alle
Straßen entsetzlich glatt, und da haben sie vor dem Ratskeller 20
Sand gestreut, damit die Betrunkenen nicht fallen.
Dieser nebenstehende Kerl leidet an
Weltschmerz, er hat H. Heine in Paris be-
suc^ *st von anSestec^t worden;
sodann ging er zu Theodor Mundt und lernte 25
wjFw gewisse zum Weltschmerzieren unumgäng-
lieh nötige Phrasen. Seit der Zeit ist er sicht-
lieh maSerer geworden und wird ein Buch
( c 5z ' / schreiben, daß der Weltschmerz das einzige
sichre Mittel gegen die Fettleibigkeit sei. — 30
Den 20. Januar. Ich wollte Dir nicht eher schreiben, als bis
über mein Hierbleiben oder Weggehen bestimmt war. Jetzt end¬
lich kann ich Dir sagen, daß ich bis auf weiteres noch hier bleibe.
Den 21. Ich gestehe Dir, keine große Lust zur Fortsetzung
des theologischen Disputs zu haben. Man versteht sich gegenseitig 35
miß und hat bei der Beantwortung seine ipsissima verba, auf die
es ankommt, längst vergessen, und kommt so zu keinem Ziele.
Eine gründliche Erörterung der Dinge erforderte einen weit grö¬
ßeren Raum, und mir geht es oft so, daß ich Dinge, die ich in
einem früheren Briefe sagte, im folgenden nicht mehr unter- 40
schreiben kann, weil sie zu sehr der Kategorie der Vorstellung an¬
gehörten, von der ich mich indes losgemacht habe. Ich bin jetzt
durch Strauß auf den strikten Weg zum Hegeltum gekommen.
So ein eingefleischter Hegelianer wie Hinrichs etc. werde ich frei¬
lich nicht werden, aber ich muß schon bedeutende Dinge aus ts
1839 Dez. 9—1840 Febr. 5 Briefe an die Brüder Graeber
555
diesem kolossalen Systeme in mich aufnehmen. Die Hegelsche
Gottesidee ist schon die meinige geworden, und ich trete somit in
die Reihen der „modernen Pantheisten“, wie Leo und Hengsten¬
berg sagen, wohl wissend, daß schon das Wort Pantheismus einen
5 so kolossalen Abscheu bei den nicht denkenden Pfarrern erregt.
Da hab’ ich heut mittag mich köstlich ergötzt an einer langen
Predigt der Evangelischen] K[irchen]-Z[eitung] gegen Märklins
Pietismus. Die gute K[irchen]-Z[eitung] findet es nicht nur höchst
sonderbar, daß sie zu den Pietisten gezählt wird, sondern sie findet
io auch noch andre kuriose Dinge. Der moderne Pantheismus, d. h.
Hegel, abgesehen davon, daß er schon bei den Chinesen und
Parsen sich findet, ist vollkommen ausgeprägt in der von Calvin
angegriffnen Sekte der Libertiner. Diese Entdeckung ist wirklich
gar zu originell. Noch origineller ist aber die Durchführung. Es
15 hält schon sehr schwer, Hegel in dem wiederzuerkennen, was die
K[irchen]-Z[eitung] für seine Ansicht ausgibt, und das hat nun
wieder eine an den Haaren herbeigezogne Ähnlichkeit mit einem
sehr unbestimmt ausgedrückten Satze Calvins über die Libertiner.
Der Beweis war enorm ergötzlich. Der Bremer Kirchenbote weiß
dies noch besser auszudrücken und sagt, Hegel leugne die Wahr¬
heit der Geschichte! Es ist enorm, was zuweilen für Unsinn her¬
auskommt, wenn man sich plagt, eine Philosophie, die einem im
Wege liegt und die man nicht mehr umgehen kann, als unchristlich
darzustellen. Leute, die Hegel nur dem Namen nach kennen und
25 von Leos Hegelingen nur die Anmerkungen gelesen haben, wollen
ein System stürzen, das, aus e i ne m Gusse, keiner Klammem
bedarf, um sich zu halten. — Über diesem Briefe schwebt ein
eminenter Unstern. Gott weiß, wenn ich mich eben dransetze, so
geht der Teufel los. Immer bekomme ich Comptoirarbeit.
30 Dieses sind zwei Marionetten, welche wider meinen Willen so
steif sind. Sonst wären’s Menschen.
556
Briefe an die Brüder Graeber 1839 Dez. 9—1840 Febr. 5
Hast Du Strauß’ Charakteristiken und Kritiken gelesen? Sieh
daß Du sie bekommst, die Aufsätze drin sind alle ausgezeichnet.
Der über Schleiermacher und Daub ist ein Meisterstück. Aus den
Aufsätzen über die Württemberger Besessenen ist ungeheuer viel
Psychologie zu lernen. Ebenso interessant sind die übrigen theo¬
logischen und ästhetischen Aufsätze. — Außerdem studiere ich
Hegels Geschichtsphilosophie, ein enormes Werk, ich lese jeden
Abend pflichtschuldigst darin, die ungeheuren Gedanken packen
mich auf eine furchtbare Weise. — Neulich warf Tholucks alte
Tratsche, der Literarische Anzeiger, in ihrer Albernheit die Frage 10
auf: warum doch der „moderne Pantheismus66 keine lyrische
Poesie habe, die doch der altpersische etc. habe? Der Literarische
Anzeiger soll nur warten, bis ich und noch gewisse andre Leute
diesen Pantheismus einmal durchdrungen haben, die lyrische
Poesie soll schon kommen. Es ist übrigens sehr schön, daß der w
Literarische Anzeiger Daub anerkennt und die spekulative
Philosophie verdammt. Als wenn nicht auch Daub den Grundsatz
Hegels gehabt hätte: daß Menschheit und Gottheit dem Wesen
nach identisch seien. Das ist diese gräßliche Oberflächlichkeit;
ob Strauß und Daub der Grundlage nach übereinstimmen, das &
kümmert sie wenig, aber ob Strauß nicht an die Hochzeit zu Kana
glaubt, Daub aber doch, danach wird der eine in den Himmel ver¬
setzt und der andre als Kandidat der Hölle bezeichnet. Oswald
Marbach, der Volksbücherherausgeber, ist der konfuseste aller
Menschen, besonders aber (cum — tum) der Hegelianer. Wie ein 25
Kind Hegels sagen kann:
Der Himmel ist auch auf der Erden,
Ich fühle klar den Gott in mir zum Menschen werden,
das ist mir rein unbegreiflich, weil Hegel die Gesamtheit sehr
scharf von dem unvollkommnen Einzelnen unterscheidet. — He- 30
geln hat niemand mehr geschadet als seine Schüler; nur wenige
waren wie Gans, Rosenkranz, Ruge etc. seiner würdig. Aber ein
Oswald Marbach ist denn doch das Non plus ultra aller Miß-
verstehungsmenschen. So ein göttlicher Kerl! — Herr Pastor
Mallet hat im Bremer Kirchenboten Hegels System für eine „lose 35
Rede“ erklärt. Das wäre schlimm, denn wenn die Blöcke ausein¬
anderfielen, diese Granitgedanken, so könnte ein einziges Frag¬
ment dieses zyklopischen Gebäudes nicht nur Herrn Pastor Mallet,
sondern ganz Bremen totschlagen. Wenn zum Beispiel der Ge¬
danke, daß die Weltgeschichte die Entwicklung des Begriffs der 40
Freiheit ist, mit aller seiner Macht in den Nacken eines Bremi¬
schen Pfarrers fiele — wie sollt’ er seufzen!
Den 1. Februar. Heute soll der Brief aber weg, das gehe, wie
es gehe.
1839 Dez. 9—1840 Febr. 5 Briefe an die Brüder Graeber
557
Die Russen fangen an, naiv zu werden; sie behaupten, der
Krieg gegen die Tscherkessen habe noch nicht so viel Menschen¬
leben gekostet wie eine der kleineren Napoleonischen Schlachten.
Solche Naivetät hätte ich einem Barbaren wie Nicolas nicht zu-
Laß Dir seine Lebensgeschichte
15
« getraut.
Die Berliner, wie ich höre,
sind furchtbar wütend auf
mich. Ich habe Tholuck und
Neander gegen sie ein wenig
heruntergemacht und Ranke
nicht unter die Superos ver¬
setzt, und das hat sie rasend
gemacht. Dazu hab’ ich dem
Heuser göttlich tolles Zeug
über Beethoven geschrieben.
— Ein sehr hübsches Lustspiel hab’ ich gelesen, Weh dem, der
lügt! von Grillparzer in Wien, das bedeutend über den gegen¬
wärtigen Lustspielschlendrian weg ist. Hier und da blickt auch
ein edler, freier Geist hindurch, dem die östreichische Zensur
20 eine unerträgliche Last ist. Man sieht ihm die Mühe an, die es
ihn kostet, einen aristokratischen Adligen so zu zeichnen, daß
der adlige Zensor keinen Anstand findet. 0 tempores, o moria,
Donner und Doria, heute ist der fünfte Februar da, es ist schänd¬
lich, daß ich so faul bin, but I cannot help it; das weiß Gott,
25 ich tu jetzt nichts. Mehrere Aufsätze hab’ ich unter den Hän¬
den, aber sie rücken nicht vor, und wenn ich abends Verse
machen will, so hab ich immer so viel gegessen, daß ich mich
vor Schlaf nicht mehr halten kann. — Ich möchte diesen Sommer
ungeheuer gern eine Reise machen, ins Dänische, Holstein, Jüt-
30 land, Seeland, Rügen. Ich muß mal sehen, daß mein Alter mir
meinen Bruder herschickt, den schlepp ich dann mit. Ich hab’ ein
ungeheures Verlangen nach dem Meere, und welch eine interessante
Reisebeschreibung ließ sich davon machen; man könnte sie so¬
dann mit etlichen Gedichten herausgeben. Es ist jetzt so gött-
35 liches Wetter und ich kann nicht ausgehen, ich möcht’s ungeheuer
gern, es ist Pech. —
Dies ist ein dicker Zuckermakler, der
eben aus dem Hause geht, und dessen
stehende Redenart ist: „Nach meiner Mei-
40 nung nach“. Wenn er auf der Börse mit
einem gesprochen hat und weggeht, so sagt
er regelmäßig: „Sie leben wohl!“ Er heißt
Joh. H. Bergmann.
Es gibt rührendes Volk hier. So will ich Dir gleich ein andres
45 Lebensbild hinzeichnen:
558
Briefe an die Brüder Graeber 1839 Dez. 9—1840 Febr. 5
Dieser alte Kerl ist jeden Morgen besoffen und tritt dann vor
seine Türe und schreit, seine Brust schlagend: „Ick bin Borger!66
d. h. Ich danke Dir Gott, daß ich nicht bin wie jene, Hannoveraner,
Oldenburger oder gar Franzosen, sondern Bremer Borger tägen
baren Bremer Kind! 5
Der Gesichtsausdruck der hiesigen alten Wei¬
ber aller Stände ist wahrhaft ekelhaft. Besonders
die rechts mit der Stumpfnase ist echt Bremisch.
Die Rede vom Bischof Eylert am Ordensfeste
hat ein wesentliches Verdienst; jetzt weiß man, 10
was vom König zu halten ist, und sein Meineid ist
offiziell. Derselbe König, der anno 1815, als er
die Angst kriegte, seinen Untertanen in einer Kabi¬
nettsordre versprach, wenn sie ihn aus der Schwu¬
lität rissen, sollten sie eine Konstitution haben, w
derselbe lumpige, hundsföttische, gottverfluchte
König läßt jetzt durch Eylert
verkündigen, daß niemand
eine Konstitution von ihm be¬
kommen werde, denn „Alle 20
für Einen und Einer für
Alle sei Preußens Regierungs¬
prinzip66, und „Niemand flicke
einen alten Lappen auf ein neues Kleid66. Weißt Du, warum
Rottecks vierter Band in Preußen verboten ist? Weil darin steht, 25
daß unsre majestätische Rotznase von Berlin 1814 die spa¬
nische Konstitution von 1812 anerkannt hat und doch 1823 die
Franzosen nach Spanien geschickt hat, um diese Konstitution zu
vernichten und den Spaniern die edle Gabe der Inquisition und
Tortur wiederzubringen. 1826 ist zu Valencia Ripoll von In- 30
quisitions wegen verbrannt worden, und dessen Blut und das
Blut von dreiundzwanzigtausend edlen Spaniern, die wegen
liberaler und ketzerischer Ansichten im Gefängnis verschmach¬
tet sind, hat Friedrich] Wtilhelm] III. „„„der Gerechte66 66 66
von Preußen auf seinem Gewissen. Ich hasse ihn, und außer ihm 35
hasse ich vielleicht nur noch zwei oder drei, ich hasse ihn bis
in den Tod; und müßte ich ihn nicht so sehr verachten,
diesen Scheißkerl, so haßte ich ihn noch mehr. Napoleon war
ein Engel gegen ihn, der König von Hannover ist ein Gott, wenn
unser König ein Mensch ist. Es gibt keine Zeit, die reicher ist an 40
königlichen Verbrechen, als die von 1816 bis 1830; fast jeder
Fürst, der damals regierte, hatte die Todesstrafe verdient. Der
fromme Karl X., der tückische Ferdinand VII. von Spanien, Franz
von Ostreich, diese Maschine, die zu nichts gut war, als Todes¬
urteile zu unterschreiben und von Carbonari zu träumen, Dom 45
1840 Nov. 20
Briefe an die Brüder Graeber
559
Miguel, der ein größeres Luder ist als sämtliche Helden der fran¬
zösischen Revolution zusammengenommen, und den doch Preu¬
ßen, Rußland und Ostreich mit Freuden anerkannten, als er im
Blute der besten Portugiesen sich badete, und der Vatermörder
5 Alexander von Rußland, sowie sein würdiger Bruder Nikolaus,
über deren scheußliche Taten noch ein Wort zu verlieren über¬
flüssig wäre — o, ich könnte Dir ergötzliche Geschichten erzählen,
wie lieb die Fürsten ihre Untertanen haben — ich erwarte bloß von
dem Fürsten etwas Gutes, dem die Ohrfeigen seines Volks um den
io Kopf schwirren, und dessen Palastfenster von den Steinwürfen der
Revolution zerschmettert werden. Leb wohl.
Dein
Friedrich Engels.
Engels an Wilhelm Graeber; Bremen 1840
15 N o v e m be r 20
Original im Besitze von Emil Engels, Engelskirchen
Bremen, 20. November 1840.
Mein lieber Wilhelm!
Es ist nun schon wenigstens ein halbes Jahr vorbei, daß Du
2o mir nicht geschrieben hast. Was soll ich zu solchen Freunden
sagen? Du schreibst nicht, Dein Bruder schreibt nicht, der Wurm
schreibt nicht, Grel schreibt nicht, Heuser schreibt nicht, der
W. Blank läßt keine Zeile erblicken, von Plümacher ist mir noch
weniger etwas bewußt, sacré tonnerre, was soll ich dazu sagen?
25 Meine Rolle Kanaster war noch sieben Pfund schwer, als ich Dir
zum letzten Male schrieb, jetzt ist kaum noch ein Kubikzoll davon
übrig, und noch keine Antwort. Statt dessen jubiliert Ihr in Bar¬
men herum, — wartet Kerls, als ob ich nicht von jedem Glase
Bier wüßte, das Ihr seitdem getrunken habt, ob Ihr’s in einem
30 oder mehreren Zügen getrunken habt.
Namentlich Du solltest Dich schämen, über meine politischen
Wahrheiten loszuziehen, Du politische Schlafmütze. Wenn man
Dich auf Deiner Landpfarre, denn ein höheres Ziel wirst Du doch
wohl nicht erwarten, ruhig sitzen und jeden Abend mit der Frau
35 Pfäffin und den etwaigen jungen Pfäfflein spazieren gehen läßt,
ohne Dir eine Kanonenkugel vor die Nase zu schicken, bist Du
seelenvergnügt und kümmerst Dich nicht um den frevelhaften
F. Engels, der gegen das Bestehende räsonniert. O ihr Helden!
Aber Ihr werdet dennoch in die Politik hereingerissen, der Strom
io der Zeit überflutet Eure Idyllenwirtschaft, und dann steht Ihr da
560
Briefe an die Brüder Graeber
1840 Nov. 20
wie die Ochsen am Berge. Tätigkeit, Leben, Jugendmut, das ist
der wahre Witz!
Von dem großartigen Ulk, den unser gemeinschaftlicher Freund
Krummacher hier angeregt hat, werdet Ihr nun wohl schon gehört
haben. Jetzt ist es so ziemlich vorbei, aber es ist arg gewesen. Die 5
Panieliter haben sich bataillonsmäßig formiert, haben das Arsenal
der Bürgerwehr gestürmt und sind mit einer großen dreifarbigen
Fahne durch die Stadt gezogen. Sie sangen Ein freies Leben führen
wir und Vivat Paniel, Paniel lebe, Paniel ist ein braver Mann.
Die Krummacherianer scharten sich auf dem Domshof, besetzten io
das Rathaus, wo gerade der Senat Sitzung hielt, und plünderten
die Waffenkammer. Mit Hellebarden und Morgensternen bewaff¬
net, stellten sie sich auf dem Domshof in ein Karree, richteten
die beiden Kanonen, die an der Hauptwache stehen (Pulver hatten
sie aber nicht), gegen die Obemstraße, von wo die Panieliter 15
kamen, und erwarteten so den Feind. Dieser aber, als er vor den
Kanonen angekommen war, kam1) von der andern Seite auf den
Markt, und besetzte1) ihn. Die 600 Mann starke Reiterei ok¬
kupierte den Grasmarkt, gerade den Krummacherianern gegen¬
über, und war des Kommandos zum Einhauen gewärtig. Da trat 20
der Bürgermeister Smidt aus dem Rathause. Er ging zwischen die
Parteien, stellte sich festen Fußes auf den Stein, auf dem die Gift¬
mischerin Gottfried hingerichtet wurde, und welcher gerade einen
halben Zoll aus dem Pflaster hervorragt, und sprach, zu den
Krummacherianern gewendet: „Ihr Männer von Israel!66 Dann 25
drehte er sich zu den Panielitem: 9Dann
wandte er sich bald rechts bald links und hielt folgende Rede:
Sintemal Krummacher ein Fremder ist, so ziemt es sich nicht,
daß ein Streit, den er erregt hat, in unsrer guten Stadt ausge¬
fochten werde. Ich schlage also den geehrten Teilen vor, sich
gütigst auf die Bürgerweide begeben zu wollen, welche für der¬
gleichen Szenen ein sehr passendes Terrain bietet.
Dies wurde billig befunden, die Parteien zogen zu verschie¬
denen Toren hinaus, nachdem Paniel sich mit dem steinernen
Schilde und Schwert Rolands bewaffnet hatte. Den Oberbefehl
der Krummacherianer, welche 623972 Mann stark waren, über¬
nahm Pastor Mallet, der 1813 den Feldzug mitgemacht hat; er
befahl, Pulver zu kaufen und ein paar kleine Pflastersteine mit¬
zunehmen, um sie in die Kanonen zu laden. Auf der Bürgerweide
angekommen, ließ Mallet den Kirchhof besetzen, der daran stößt 40
und von einem breiten Graben umgeben ist. Er stieg auf das Mo¬
nument des Gottfried Menken und befahl die Kanonen auf dem
Wall des Kirchhofs aufzufahren. Aber aus Mangel an Pferden
waren die Kanonen nicht fortzuschaffen gewesen. Inzwischen war
9 /m Orig. Plural kamen, besetzten
1840 Nov. 20
Briefe an die Brüder Graeber
561
es neun Uhr abends und pechdunkel. Die Heere biwakierten,
Paniel in Schwachhausen, einem Dorfe, Mallet in der Vorstadt.
Das Hauptquartier war in der Reitbahn vor dem Herdentore,
welche zwar schon von einer Kunstreiterbande okkupiert war,
5 aber als Pastor Kohlmann von Hom in der Bahn einen Abend¬
gottesdienst hielt, liefen die Reiter weg. Dies geschah am 17. Ok¬
tober. Am 18. morgens rückten die beiden Armeen aus. Paniel,
der 42673/4 Mann zu Fuß und lößQVi Reuter hatte, griff an. Eine
Infanteriekolonne, die Paniel selbst anführte, drang auf das erste
io Treffen Mallets ein, welches aus seinen Katechisationsschülem
und einigen zelotischen Frauen bestand. Nachdem drei alte Weiber
gespießt und sechs Katechumenen erschossen waren, stob das
Bataillon auseinander und wurde von Paniel in den Chaussee¬
graben geworfen. Auf dem rechten Flügel Panieis stand Pastor
15 Capelle, der mit drei Schwadronen Kavallerie, die aus den jungen
Comptoiristen gebildet war, Mallet umging und ihm in den Rücken
fiel; er besetzte die Vorstadt und nahm dem Mallet so seine Ope¬
rationsbasis. Panieis linker Flügel rückte unter Pastor Rothes
Befehl auf die Homer Chaussee und drängte den Jünglingsverein,
2o der mit den Hellebarden nicht umzugehen wußte, auf das Gros
von Mallets Armee zurück. Da hörten wir, unsrer sechse, in der
Fechtstunde das Schießen, stürzten mit Fecht-Jacken, -Hand¬
schuhen, -Masken und -Hüten heraus; das Tor war geschlossen,
ein Angriff auf die Wache verschaffte uns den Schlüssel, und so
25 kamen wir, das Rappier in der Hand, auf dem Kampfplatz an.
Richard Roth von Barmen formierte den zersprengten Jünglings¬
verein aufs neue, während Höller von Solingen sich mit dem
Rest der Katechumenen in ein Haus warf; ich und drei andre
hieben ein paar Panieliter vom Pferde, stiegen auf, warfen, vom
30 Jünglingsverein unterstützt, die feindliche Kavallerie; Mallets
Hauptarmee rückte vor, unsre Rappiere verbreiteten Quarten, Ter¬
zen, Schrecken und Tod, und in einer halben Stunde waren die
Rationalisten zerstreut. Jetzt kam Mallet um zu danken, und als
wir sahen, für wen wir gefochten hatten, sahen wir uns erstaunt an.
35 Se non è vero, è corne spero ben trovato. Schreibt nun aber
bald ! Und animiere den Wurm, daß er mir schreibt !
Fr. Engels.
562
Briefe an die Brüder Graeber
1841 Febr. 22
Engels an Friedrich Graeber; Bremen 1841
Februar 22
Original im Besitze von Emil Engels, Engelskirchen
Ew. Hochwohlehrwürden in spe
haben die Gnade gehabt, habuerunt gratiam mir zu schreiben 5
mihi scribendi sc. literas. Multum gaudeo, tibi adjuvasse ad
gratificationem triginta thalerorum, speroque, te ista gratificatione
usum esse ad bibendum in sanitatem meam. mv Xql~
GTuzvcapov, péyaç äarQov rfjç ÔQ&oôo&aç, navaiQ
tcov Avnrjç, ßaatXeÜQ rrjç ;!;! 10
r’jçn-nbti b’ççn-nç rna
schwebte über F. Graeber, als er das Unmögliche
tat und bewies, daß zweimal zwei fünf sind. Oh Du großer Strau-
ßenjäger, ich beschwöre Dich im Namen der ganzen Orthodoxie,
daß Du das ganze verruchte Straußennest zerstörst und all die 15
halbausgebrüteten Straußeneier mit Deinem Sankt Georgsspieß
durchbohrest! Reite hinaus in die Wüste des Pantheismus, tapfrer
Drachentöter, kämpfe mit dem Leo rugiens Ruge, welcher umher¬
geht und suchet, wen er verschlinge, vernichte die verdammte
Straußenbrut und pflanze das Banner des Kreuzes auf dem Sinai 20
der spekulativen Theologie auf! Laß Dich erflehen; siehe, die
Gläubigen warten schon seit fünf Jahren auf den, der der Strau-
ßischen Schlange den Kopf zerteten soll, sie haben sich abge¬
plackt, mit Steinen und Kot, ja mit Mist nach ihr geworfen, aber
immer höher schwillt ihr der giftstrotzende Kamm; da Dir das 25
Widerlegen so leicht wird, daß all die schönen Gebäude von
selbst über den Haufen stürzen, so mache Dich auf und widerlege
das Leben Jesu und den ersten Band der Dogmatik; denn die Ge¬
fahr wird immer dringender, das Leben Jesu hat bereits mehr
Auflagen erlebt, als alle Schriften Hengstenbergs und Tholucks 30
zusammen, und es wird schon Comment, jeden, der kein Strau¬
ßianer ist, aus der Literatur herauszuschmeißen. Und die Halli-
schen Jahrbücher sind das verbreitetste Journal Norddeutsch¬
lands, so verbreitet, daß seine preußische Majestät es nicht mehr
verbieten kann, so gern er es möchte. Das Verbot der Hallischen 35
Jahrbücher, die ihm alle Tage die größten Grobheiten sagen,
würde ihm auf der Stelle eine Million Preußen, die jetzt noch
nicht wissen, was sie von ihm denken sollen, zu Feinden machen.
Und es ist für Euch die höchste Zeit, sonst werdet Ihr von uns,
trotz der frommen Gesinnungen des Königs von Preußen, zum &
ewigen Stillschweigen verwiesen. Überhaupt solltet Ihr Euch ein
wenig mehr Courage anschnallen, damit die Paukerei einmal
1841 Febr. 22
Briefe an die Brüder Graeber
563
recht losgeht. Aber da schreibt Ihr so ruhig und gelassen, als ob
die orthodox-christlichen Aktien hundert Prozent Agio ständen,
als ob der Strom der Philosophie ruhig und gelassen, wie zu
Zeiten der Scholastiker, zwischen seinen kirchlichen Dämmen
5 flösse, als ob sich zwischen den Mond der Dogmatik und die Sonne
der Wahrheit nicht die unverschämte Erde zu einer grausigen
Mondfinsternis eingedrängt hätte. Merkt Ihr denn nicht, daß der
Sturm durch die Wälder fährt und alle abgestorbnen Bäume um¬
schmeißt, daß statt des alten, ad acta gelegten Teufels der kritisch-
10 spekulative Teufel erstanden ist und einen enormen Anhang hat?
Wir fordern Euch ja alle Tage heraus mit Übermut und Spott,
laßt Euch doch auch einmal durch die dicke Haut — sie ist freilich
1800 Jahre alt und etwas lederhart geworden — stechen und be¬
steigt das Kampfroß. Aber alle Eure Neander, Tholuck, Nitzsch,
is Bleek, Erdmann und wie sie heißen, das sind so weiche, gefühl¬
volle Kerls, denen der Degen so possierlich stehen würde, die sind
alle so ruhig und bedächtig, so bange vor dem Skandal, daß gar
nichts mit ihnen anzufangen ist. Der Hengstenberg und der Leo
haben doch noch Courage, aber der Hengstenberg ist so oft aus
20 dem Sattel geworfen worden, daß er ganz lendenlahm ist, und der
Leo hat sich bei der letzten Rauferei mit den Hegelingen den gan¬
zen Bart ausrupfen lassen, so daß er sich jetzt mit Anstand nicht
mehr sehen lassen kann. Übrigens hat sich der Strauß gar nicht
blamiert, denn wenn er vor ein paar Jahren noch glaubte, daß
25 durch sein Leben Jesu der Kirchenlehre kein Eintrag geschähe, so
hätte er allerdings, ohne sich etwas zu vergeben, ein „System der
orthodoxen Theologie“ lesen können, wie so mancher Orthodoxe
ein „System der Hegelschen Philosophie“ liest, wenn er aber, wie
das Leben Jesu zeigt, wirklich glaubte, daß der Dogmatik über-
3o haupt durch seine Ansichten kein Eintrag geschehe, so wußte jeder
vorher, daß er bald von solchen Ideen zurückkommen würde, wenn
er nur einmal die Dogmatik ernstlich vomähme. Er sagt’s ja auch
grade heraus in der Dogmatik, was er von der Kirchenlehre hält.
Es ist übrigens sehr gut, daß er sich in Berlin angesiedelt hat, da
36 ist er an seinem Platze und kann durch Wort und Schrift mehr
wirken als in Stuttgart.
Daß ich als Poet auf den Hund gekommen sein soll, wird von
mehreren Seiten bestritten, und übrigens hat der Freiligrath meine
Verse nicht aus poetischen, sondern aus Tendenz- und räumlichen
4o Gründen nicht drucken lassen. Erstens ist er nicht eben liberal,
und zweitens sind sie zu spät gekommen; drittens war so wenig
Raum da, daß von den für die letzten Bogen bestimmten Ge¬
dichten Bedeutendes gestrichen werden mußte. Das Rheinlied
von N. Becker ist übrigens doch wahrhaftig ein ganz ordinäres
45 Ding und schon so auf den Hund gekommen, daß man es in
36*
564
Briefe an die Brüder Graeber
1841 Febr. 22
keinem Journal mehr loben darf. Da ist doch der Rhein von
R. E. Prutz ein ganz andres Lied. Und andre Gedichte von Becker
sind auch weit besser. Die Rede, die er bei dem Fackelzuge ge¬
halten hat, ist das Verworrenste, was mir je vorgekommen ist.
Für die Ehrenbezeugungen von den Königen bedanke ich mich. 5
Was soll all das? Ein Orden, eine goldne Tabatière, ein Ehren¬
becher von einem Könige, das ist heutzutage eher eine Schande als
eine Ehre. Wir bedanken uns alle für dergleichen und sind gott¬
lob sicher, denn seit ich meinen Artikel über E. M. Arndt im Tele-
gr[aphen] drucken ließ, wird es selbst dem verrückten König von 10
Bayern nicht einfallen, mir eine solche Narrenschelle anzuheften
oder den Stempel des Servilismus auf den Hintern zu drücken. Je
schuftiger, je kriechender, je serviler einer heutzutage ist, desto
mehr Orden kriegt er.
Ich fechte jetzt wütend und werde Euch demnächst alle zu- 15
sammenhauen. Zwei Duelle hab’ ich hier in den letzten vier Wo¬
chen gehabt, der Erste hat revoziert, nämlich den dummen Jungen,
den er mir, nachdem ich ihn geohrfeigt, auf brummte, und hat die
Ohrfeige noch ungesühnt sitzen; mit dem Zweiten hab ich mich
gestern geschlagen und ihm einen famosen Abschiß über die Stirn 20
beigebracht, so recht von oben herunter, eine ausgezeichnete
Prime.
Fare well,
Dein
F. Engels.
Br. 22. 2. 41.
25
BRIEFE AN DIE SCHWESTER MARIE
Sommer 1838—Sommer 1842
Engels an seine Schwester Marie in Bar¬
men; Bremen 1838 August 28—29
Original im Besitze der Familie Mittelstenscheid, Barmen
Bremen, d. 28. Aug. 1838.
5 Liebe Marie!
Als ich Deinen Brief nur eben zu sehen bekam, wußte ich
gleich, daß er von Dir war, obwohl ich Deine Hand sonst nicht
kenne. Denn der Brief sieht grade aus, wie Du; schrecklich schnell
geschrieben, Alles in lieblicher Konfusion, Moralitäten, die aber
io gar nicht ernst gemeint sind, Wie geht es Dir, Gesundheit, Emil-
chen und Adelinchen, Unglücksfälle, Alles durcheinander. — Hier
ist eben auch ein Unglücksfall passiert, ein Anstreicher — in
8 Tagen der zweite, ist vom Brett1) gefallen und gleich tot.
Daß Emilchen und Adelinchen wegkommen, ist was ganz Er-
15 staunliches; wenigstens Treviranus waren ganz erstaunt darüber,
sie meinten Alle, Carl erzöge sie.
Den 29. August.
Daß Ihr nach Xanten wollt, ist ganz gut, und Ihr sollt auch
wohl dahinkommen, wenn es die Mutter der Tante und Groß-
2o mutter versprochen hat. Ihr müßt machen, daß Ihr in der Wein¬
traubenzeit hinkommt, dann könnt Ihr essen, was das Zeug hält.
In unserm Garten hier sind auch Weintrauben, aber sie sind noch
nicht reif, aber Äpfel haben wir, die reif sind, Paradiesäpfel, die
sind viel leckerer als die auf Caspars Hof waren auf dem dicken
25 Baum, den sie umgehauen haben. —
Denke Dich, Marie, wir haben Dich eine Klucke mit sieben
Küken, die kaum 8 Tage alt sind, und wenn wir auf dem Kontor
nichts zu tun haben, dann gehen wir auf den Hof und fangen
Fliegen, Mücken und Spinnen, und dann kommt die Alte, und
so nimmt es uns aus der Hand und gibt es ihnen. Aber da ist ein
schwarzes Küken, das ist so groß wie ein Kanarienvogel, das frißt
die Fliegen aus der Hand. Und alle diese kleinen Tierchen wer¬
den Kruphühner, und haben alle Federn an den Füßen. Ich wette,
solch eine Klucke und Küken würden Dir große Freude machen.
35 Du bist ja selbst so ein Küken. Du mußt der Mutter sagen, sie
sollte nächstes Jahr auch einem Huhn Eier unterlegen. Auch
Tauben haben wir, sowohl bei Treviranus, als bei Leupolds, Kot¬
1) Korr, aus Dache
568
Briefe an seine Schwester Marie
1838 Aug. 28—29
becke und Kröpper, die hier Krontauben (weil sie ein Pläschen
vor der Brust haben, was sie hier Krone nennen) und Kropper
heißen. Besonders die Kotbecke sind schön. Die füttern wir auch
alle Tage, Eberlein und ich; sie fressen aber keine Wicken, die
gibt es hier nicht, sondern Erbsen oder ganz kleine Buchnüsse, die 5
nicht größer werden als Erbsen. —
Du solltest einmal sehen, wenn des Morgens der Markt voll ist,
was für merkwürdige Trachten die Bäuerinnen haben. Besonders
die Mützen und Strohhüte sehen merkwürdig aus. Wenn ich ein¬
mal eine Frau recht mit Ruhe ansehen kann, will ich nachher ver-10
suchen, es einmal abzuzeichnen, und will es Dir schicken. Die
Mädchen tragen ein ganz kleines rotes Käppchen über das Nest,
und alte Frauen haben große Flügelhauben, die ihnen flach an¬
liegen und bis ins Gesicht hängen, oder auch große Sammtkappen,
die vorne mit schwarzen Spitzen kraus eingefaßt sind. Es sieht 15
ganz sonderbar aus.
Mein Stubenfenster geht nach einer Gasse hinaus, und in der
Gasse da spukt es. Wenn ich des Abends spät noch auf bin, so
um elf Uhr, dann fängt es an in der Gasse zu lärmen, und die
Katzen schreien, die Hunde bellen, die Gespenster lachen und 20
heulen, und sie schlagen an die Schlagfenster von dem andern
Hause; das geht aber all ganz natürlich zu, denn in der Gasse
wohnt der Laternenbesorger, und der läuft um elf Uhr noch
heraus.
Jetzt habe ich zwei Seiten vollgeschrieben; wenn ich es nun 25
machen wollte, wie Du, würde ich jetzt schreiben: „Nun wirst Du
wohl zufrieden sein, da ich Dir so viel erzählt habe, nächstens
will ich Dir wieder so viel erzählen.“ So machst Du es; Du
schreibst mir zwei Seiten voll, und sehr weit von einander, und
läßt mir die andern zwei Seiten leer; damit Du aber siehst, daß 30
ich es nicht mache, wie Du, und nicht gleiches mit gleichem ver¬
gelte, will ich mich plagen, daß ich Dir vier Seiten enggeschrieben
zusammenstudiere.
Heute Morgen kam ein Barbierer, und da wollte der Herr
Pastor haben, ich sollte mich rasieren lassen, ich sähe ganz ab- 35
scheulich aus. Aber das tue ich nicht, der Vater hat gesagt, ich
sollte meine Rasiermesser versiegelt liegen lassen, bis ich sie ge¬
brauchte, und der Vater ist heute vor 14 Tagen abgereist, und in
der Zeit kann mir der Bart doch so nicht gewachsen sein. Nun
rasiere ich mich auch nicht eher, als bis ich einen rabenschwarzen 40
Schnurrbart habe. Ja, weißt Du noch, daß die Mutter sagte, der
Vater sollte mir ein Rasierzeug mitgeben, und der Vater ant¬
wortete, das hieße ja mich dazu verführen, und in Manchester
kauft er mir selbst welche; ich gebrauche sie aber nicht, aus
Grundsätzen. 45
1838 Aug. 28—29
Briefe an seine Schwester Marie
569
Eben komme ich von der Parade, die alle Tage auf dem Doms¬
hofe ist. Da exerziert denn die große hanseatische Armee, die aus
ungefähr 40 Soldaten und 25 Musikanten, auch 6 bis 8 Offizieren
besteht, und (wenn ich den Tambour Major ausnehme) alle zu-
5 sammen so viel Schnurrbart hat, als ein preußischer Husar. Die
meisten haben gar keinen Bart, andre bloß eine Idee davon. Die
Parade dauert ganze zwei Minuten, die Soldaten kommen hin,
stellen sich auf, präsentieren’s Gewehr und gehen wieder weg.
Aber die Musik ist gut (sehr gut, wunderschön, wundervoll sagen
io die Bremer). Gestern ist solch ein Hanseate eingebracht, der
desertiert war. Dieser Kerl war ein Jude, und ging bei Pastor
Treviranus in Religionsunterricht und wollte getauft werden. Nun
desertierte er, ging aber nicht aus der Stadt, sondern schrieb einen
Brief an den Pastor Treviranus, er wäre in Brinkum und wäre
15 durch einen Verwandten beredet, dorthin zu kommen; er, der
Pastor, möge bitten, daß die Strafe gemildert würde. Das wollte
der Pastor auch tim, als auf einmal dieser Kerl gestern vor Bremen
arretiert wurde, und es sich auswies, wo er war. Jetzt wird er wohl
ein Stück oder 60 Hiebe kriegen — denn hier kriegen die Sol-
2o daten immer Hiebe.
Es wohnen gar keine Juden in Bremen, bloß ein Paar Schutz¬
juden in der Vorstadt, aber in die Stadt darf keiner ziehen. —
Es regnet heute wieder den ganzen Tag. Gestern vor 8 Tagen
hat es einmal gar nicht geregnet, sonst alle Tage, wenn auch oft
25 nur ein wenig. Am Sonntag war es sehr heiß, und auch gestern
war die Luft etwas schwül, obwohl der Himmel oft bewölkt war,
aber heute, nein, heute ists nicht zum Aushalten. Klatschnaß
wird man, so wie man vor die Türe tritt. Wie sieht’s bei Euch
aus? Jetzt will ich an die Mutter schreiben. — Seid ihr Kamper-
3o manns wieder gut, alte Gänse?
Adieu Marie,
Dein Bruder
Friedrich.
Engels an seine Schwester Marie in Bar-
35 men; [Bremen 1838] September 11
Original im Besitze der Familie Mittelstenscheid, Barmen
D. 11. Septb.
Liebe Marie,
„In der Hoffnung, daß ich wieder einen Brief von 4 Seiten
40 von Dir bekommen werde, verbleibe ich etc.“ Ja, Du Gänschen,
4 Seiten sollst Du haben, aber sie sind auch danach, mit dem
Maße, mit welchem Du mißt, soll Dir wieder gemessen werden,
570
Briefe an seine Schwester Marie
1838 Sept. 11
und doch ist das noch zu viel für Dich. Denn ich schreibe auf
solch eine kleine Seite so viel wie Du auf eine große, und solch
ein Papierverschänden möchte ich mir nächstens auch verbitten;
wenn der Dicke so weit schreibt, so ist das was andres. Verstehn
Sie mir, Mamsellchen? — Wenn Ihr dieses Jahr nicht nach Xanten s
geht, so müßt Ihr sagen: tröste Dich mit Hiob
Un schmear de Monk met Syrop.
Ich kann’s nicht helfen, sagt man hier in Bremen. Ihr könnt Euch
ja denken, Ihr wärt da gewesen, und weißt Du nicht mehr, wie es
der Hermann machte, als er ein Glas Wein bekam? er trank io
ganz langsam, damit er lange Freude davon habe. Also müßt Ihr
auch sagen: Wenn wir jetzt in Xanten wären, so könnten wir uns
nicht mehr drauf freuen, daß wir noch hingingen, aber nun haben
wir noch ein ganzes hoffnungsvolles Jahr voraus, da können wir
uns recht satt freuen. Sieh, das ist politisch, so würden Sokrates w
und Eulenspiegel auch sagen. Merke Dir das für die Zukunft. Du
siehst, ich kann Dir auch Ermahnungen geben eben so gut wie Du
mir. Und wenn Du mir wieder schreibst, so fange mir nicht jeden
Absatz an mit: „Denke Dir/6 Wie kommst Du an diese edle Ge¬
wohnheit? Wie kannst Du sagen „ich weiß nicht mehr, was ich 20
schreiben soll,66 wenn Du mir noch nicht gesagt hast, was für ein
Hauptzeugnis Du und Anna hast, wer die Abhandlung vor Eurem
Programm dies Jahr geschrieben hat; der Dicke wird auch wohl
einen Witz gerissen haben in den 8 Wochen, die ich weg bin,
konntest Du mir das nicht schreiben? Wie viel mag noch sonst25
passiert sein, wovon ich gar nichts wissen kann? Sag einmal, ist
das eine Entschuldigung: ich weiß nicht, was ich schreiben soll?
Ich weiß auch nicht, was ich schreiben soll, wenn ich eine Zeile
anfange, weiß ich noch nicht, was ich in die folgende setzen soll,
und es fließt mir doch immer zu, und ich hoffe auch daß es Dir 30
ersprießlich und von nicht geringem Nutzen sein wird, was ich
Dir schreibe. Aber wenn Du zwei Seiten mit weit entfernten Zeilen
besät hast, dann meinst Du gleich, Du hättest eine ungeheure Her¬
kulesarbeit verrichtet, aber was denkst Du von mir? Wenn ich
diesen Brief an Dich fertig habe, muß ich noch drei andre schrei- 35
ben, und morgen oder übermorgen müssen sie doch auf die Post.
Dabei habe ich nicht viel Zeit, denn heut Nachmittag wird das
Schiff Panchita nach Havanna expediert, und da muß ich Briefe
kopieren, statt selbst welche zu schreiben; heute mittag erwarte
ich einen Brief von Strücker, und der wird dann auch Antwort 40
haben wollen; und ich darf doch auch nicht wieder dasselbe dem
einen schreiben, was ich dem andern geschrieben habe; siehst Du
nun, daß es recht wäre, Du schriebst mir sechs Seiten, und dürftest
Dich nicht beklagen, wenn ich Dir nur ^6 Seite schriebe? Übrigens
ist die Strafpredigt schon so lang wie Dein ganzer Brief, und da- 45
1838 Sept. 11
Briefe an seine Schwester Marie
571
mit Du siehst, daß ich auch was Andres schreiben kann, will
ich jetzt so frei sein und Dir sagen, daß ich Dir, wenn ich Pinsel
habe, ehe dieser Brief abgeht, einige Bremer Bauernmodebilder
einschicken werde. — Aber jetzt hast Du recht, ich weiß nicht
5 mehr, was ich schreiben soll, aber ich will doch einmal sehen, ob
ich nicht noch was zu tun kriege; die 4 Seiten sollen voll sein, und
das redlich. Was sehr unangenehm ist, die Tore werden abends
mit Dunkelwerden geschlossen und wer dann hinaus pder herein
will, muß Sperre bezahlen; jetzt fängt es um sieben Uhr schon an,
io dann muß man 2 Grote bezahlen, und es steigt mit der Zeit; nach 9
bezahlt man 3 gt., um 10 Uhr 6 gt., um 11 Uhr 12 gt. Zu Pferde
muß man noch mehr bezahlen. Es ist mir auch schon ein paarmal
passiert, daß ich Sperre bezahlen mußte. — Eben spricht der
Konsul mit Herm Grave über die Briefe, die heut Nachmittag ge-
15 schrieben werden sollen; ich höre das an mit höchst gespannter
Seele, wie ein Spitzbub, der die Geschwomen heraustreten sieht
und nun: „Schuldig66 oder „Nicht schuldig66 erwartet. Denn wenn
Grave einmal anfängt zu schreiben, dann habe ich, ehe ich mich
versehe, sechs, sieben, acht oder mehr Briefe von 1, 2, auch
2o 3 Seiten da liegen. Ich habe in der Zeit, daß ich hier bin, schon
40 Seiten kopiert, 40 Seiten in solch einem riesenmäßigen Kopier¬
buch. Eben liegt schon wieder ein Brief nach Baltimore vor mir,
und siehe da, die 4 Seiten sind voll, es ist %12 Uhr und ich werde
nach der Post gehen, unter dem Vorwand, die Konsulsbriefe zu
25 holen, eigentlich aber zu sehen, ob ein Brief von Strücker da ist.
Adieu, liebe Marie, ich hoffe auf 4 große Seiten,
Dein Bruder
Friedrich.
Engels an seine Schwester Marie in Bar-
so men; Bremen 1838 Oktober 9—10
Original im Besitze der Familie Mittelstenscheid, Barmen
Bremen, 9. Okt. 1838.
Liebe Marie
Endlich vier Seiten voll! Nun, da will ich Dich auch loben,
35 daß Dir die Schwarte knackt, wie man zu sagen pflegt. Das Reiten
ist jetzt leider vorbei, und darum bin ich Sonntags meistens zu
Hause, wo ich aber auch viel Pläsir habe; entweder ich lasse
mir was vorspielen und vorsingen, oder ich schreibe, und Abends
wird denn allerlei tolles Zeug getrieben; vorgestern, wo bekannt-
40 lieh Sonntag war, machten wir einen Ring in eine Obertasse voll
572
Briefe an seine Schwester Marie
1838 Okt. 9—10
Mehl und spielten das bekannte Spiel, ihn mit dem Munde heraus¬
zuholen. Wir kamen alle dran, die Frau Pastorin, die Mädchen,
der Maler und ich auch, während der Herr Pastor in der Ecke auf
dem Sopha saß und beim Dampf einer Zigarre das Hokuspokus
mit ansah. Die Frau Pastorin konnte dann das Lachen nicht lassen, 5
wenn sie ihn herauskriegen sollte, und machte sich über und über
voll Mehl, und als der Maler dran kam, hustete er mit aller Ge¬
walt drin, daß das Mehl rechts und links herausschnob und sich
wie ein Nebel auf seinen grün und roten Schlafrock niederließ.
Nachher warfen wir uns einander das Mehl ins Gesicht, ich machte 10
mich mit einem Korkstopfer schwarz, da lachten sie alle, und
wenn ich dann auch an zu lachen fange, dann müssen sie immer¬
fort immer toller, immer voller lachen, und da lachte ich so laut:
Hä hä hä hä hä, da lachten die andern alle nach hi hi hi hi hi,
ha ha ha ha ha, es war grade wie in dem Märchen, wo der Jude 15
im Dom tanzen muß, bis sie mich zuletzt baten, ich sollte um
Gotteswillen aufhören. —
Du bist doch noch immer eine rechte Gans, wenn die Jettchen
Trost Dir Langeweile macht, warum läßt Du sie nicht laufen.
Jetzt fängt die Gans an, mir die Leviten zu lesen; das ist 20
rührend. Sag einmal, Gans, kennst Du denn das Sprichwort nicht:
Wie Du mir, so ich Dir? Weißt Du denn nicht, daß ich, wenn Du
auch noch so klein schreibst, doch noch doppelt so klein schreibe
wie Du? Aber wir wollen dem Ding ein Ende machen, schreibst
Du mir vier Seiten, so sollst Du vier Seiten wiederhaben und da- 25
mit basta. Übrigens wenn Du wüßtest, wie viel Briefe ich diese
Woche geschrieben habe und noch schreiben muß, Du würdest
Barmherzigkeit mit mir haben, und mit zwei Seiten zufrieden
sein. Frag einmal den Strücker, wie viel ich ihm geschrieben
hätte, frag einmal den Wurm, doch der ist nicht da — nun ich will 30
Dir’s sagen, gewiß 12 solcher Seiten wie diese und dann noch mit
roter Tinte ebensoviel dadurch geschrieben. Der schreibt mir aber
ebenso viel wieder. Dann muß ich wieder an Mutter, Hermann,
August, Rudolf schreiben, was soll das geben? Ich denke, da Du
doch auch die andern Briefe lesen kannst, wirst Du nächstens 35
billig sein und nur halb so viel von mir verlangen, als Du mir
schreibst. — Die Anna, meinst Du, erhöbe ich in den Himmel,
nein, so god over nit, dat do ek nit, aber wenn sie mir vier Seiten
schreibt und Du nur drei, dann ist sie doch besser als Du? Sonst
will ich Dir gerne zugestehen, daß Du ein treuer Schluff bist und 40
mir am allerfleißigsten schreibst. Aber Du mußt Dich auch nicht
unterfangen, mir solchen Skandal und Spektakel anzuzetteln und
zu meinen, Du hättest groß Recht, wenn Du doch eigentlich auf
den Knieen Abbitte tun solltest! — Du klagst über den Grade¬
halter — ei mein Gänschen, halte Dich selbst grade, dann wird 45
1838 Okt. 9—10
Briefe an seine Schwester Marie
573
man ihn Dir nicht umschnallen. — Was Du vom Wetter schreibst,
war hier ebenso, jetzt aber ist das Wetter schaudervoll, es regnet
und fisselt in Einem fort, zuweilen kommt ein Platzregen, dann
alle 24 Stunden ein wenig Blaues am Himmel, und alle halbe
5 Jahr ein Sonnenstrahl.
Nun soll ich Dir schreiben, was ich auf Weihnachten nötig
habe? Ja, was ich habe, das brauchst Du mir nicht zu machen,
was ich nicht habe, weißt Du, was soll ich Dir also schreiben?
Sticke mir eine Zigarrendose, oder ich ich weiß nicht was,
io Du kannst aber die Mutter von Zeit zu Zeit, etwa alle 2, 3 Tage
etwas prickeln, daß sie mir zu Christtag den Goethe schickt; ich
habe ihn wirklich sehr nötig, denn man kann Nichts lesen, oder die
Leute berufen sich auf Goethe. Wer war das, Goethe? Herr Riepe:
Kinder, das war —!
is Deine Zeichnung vom Hühnerhof konnte ich mit aller Leich¬
tigkeit kopieren, und es ist ein sehr praktisches Ding, Katzen oder
Iltisse können nicht herein, und die Tiere nicht heraus.
Vorigen Freitag war ich im Theater, sie gaben das Nachtlager
in Granada, eine Oper, die recht hübsch ist; heute Abend wird
20 die Zauberflöte gegeben, da muß ich hin; es soll mich einmal ver¬
langen, was das für ein Stück ist, ich hoffe, es wird recht schön
sein.
Den 10. Oktober. Im Theater bin ich gewesen, und die Zauber¬
flöte hat mir sehr gut gefallen; ich wollte, Du könntest auch ein-
25 mal mit mir dahingehn, ich wette, es gefiele Dir sehr gut. — Ja,
Marie, was soll ich Dir nun schreiben? soll ich in Ermangelung
eines Besseren ein wenig brummen? ich weiß gewiß Nichts bes¬
seres, und Du wirst ja auch zufrieden sein, wenn die 4 Seiten voll
sind, einerlei, was drauf steht. In Bremen hier sind die Kauf-
30 mannshäuser alle ganz merkwürdig gebaut; sie stehen nicht an
der Straße, so wie unser Haus, mit der langen, sondern mit der
schmalen Seite, und die Dächer stehen so anein-
ander und die Diele ist ganz groß und hoch, wie
eine kleine Kirche, oben und unten grade über
35 einander sind Luken, die mit Falltüren verschlossen sind, und
durch welche eine Winde auf und ab gehen kann ; denn oben auf
dem Oller, da ist ein Warenlager, und durch die Luken werden
mit der Winde Kaffee, Leinen, Zucker, Tran etc. her auf gewunden.
So sind auf allen Dielen zwei Reihen Fenster über einander. —
40 Jetzt ist die Frau Konsulin wieder in die Stadt gezogen mit ihren
4 kleinen Kindern; die machen einen entsetzlichen Spektakel.
Glücklicherweise gehen auch 2 von diesen, Elisabeth und Loin
(soll Ludwig heißen) in die Schule, und so hat man nicht den
ganzen Tag den Lärm zu hören, aber Loin und Siegfried, wenn
45 die zusammen sind, so lärmen sie, daß es nicht zum Aushalten
574
Briefe an seine Schwester Marie
1838 Okt. 9—10
ist; neulich tanzten sie auf den Leinenkisten herum, jeder mit
seiner Flinte und seinem Säbel bewaffnet, und forderten sich zum
Zweikampf heraus, und Loin blies dann auf seinem Muschelhom,
daß einem die Ohren gellten. Ich habe es sehr pläsierlich, vor
meinem Pult ist ein großes Fenster nach der Diele hin, und so s
kann ich alles genau sehen, was da vorfällt. —
Weil Du mir den Hühnerhof gezeichnet
hast, so zeichne ich Dir die Kirche, wie man
sie vom Kontor aus sieht. Farewell.
Dein Bruder Friedrich.
Engels an seine Schwester Marie in Bar¬
men; Bremen 1838 November 13
Original im Besitze der Familie Mittelstenscheid, Barmen
Bremen, 13. Nov. 1838.
Liebe Marie! 1S
Deine beiden Briefe haben mich sehr gefreut, und ich will
sehen, daß ich Dir noch ziemlich was erzählen kann, soviel Raum
und Zeit es zulassen. Es ist nämlich schon 3 Uhr durch und um
vier Uhr muß der Brief auf die Post. Ich weiß aber wirklich
eigentlich gar Nichts zu erzählen, hier passiert Nichts ungewöhn- 20
liches, als daß die Bremer wieder ihre beiden großartigen Ka¬
nonen an der Hauptwache aufgestellt haben, daß man hier statt
„Fußbank“ Fußtritt sagt, daß hier sehr viele Macintosches ge-
1838 Nov. 13
Briefe an seine Schwester Marie
575
tragen werden, daß es diese Nacht unendlich kalt war, und
Blumen an die Fenster gefroren sind, daß jetzt die Sonne scheint
und dergl. Noch eins fällt mir ein, was Du der Mutter sagen
solltest, nämlich, ich schrieb Ende September an Gräbers, wenn
5 sie nach Köln gingen sollten sie mir Volksbücher schicken und
sich das Geld von Vater geben lassen; nun haben sie, da sie selbst
nicht hinkamen, an ihren Vetter geschrieben; sollte der also
welche per mezzo durch Pastor Gräber schicken, so ist es gut, und
der Vater tut mir wohl den Gefallen, die Sache für meine Rech-
io nung abzumachen ; schickt er keine, so ist es auch gut, und ihr
habt keine Plage davon. Ich würde eher davon geschrieben
haben, bin aber erst heute von der gehörigen Prozedur in be¬
deutende Kenntnis gesetzt. Wilhelm Gräber schreibt mir auch
— das ist recht was für Dich — daß man in Berlin keine eigent-
15 liehen Abtritte habe, sondern bloß Nachtstühle, und zwar müßten
diese apart gemietet werden, welche monatlich 5 Silbergroschen
kosten; sie, als Pastorensöhne, seien aber auch in dieser Hinsicht
steuerfrei. Auch erzählen sie mir viel von ihrer Fußreise durch
den Harz und auf den Blocksberg, und wie sie mit einem langen
2o Garde-Unteroffizier von Magdeburg nach Berlin gefahren sind.
Wenn Du mich einmal besuchen willst, so will ich Dir die ganze
Historie vorlesen; auch die Geschichte von der schönen Dorothee,
die im Siebertal im Harz passiert ist, wo ein reicher, reicher Herr
sich in ein kleines Mädchen von 7 Jahren verliebt hat, und ihrem
25 Vater einen Ring gegeben hat, daß er wiederkommen wollte und
sie heiraten, wenn ihr der Ring paßte, und wie er nach zehn Jahren
wiederkommt, da war das Mädchen seit einem Jahre tot, und da
ist der Herr vor lieber langer Weile auch gestorben, wovon der
Fritz Gräber ein rührendes Lied gemacht hat usw. Aber die Seite
so ist gleich voll, ich will eben noch einen Brief kopieren, der noch
mit soll, und dann nach der Post gehn. Schreibst Du wohl an Ida?
Dem Herrn Holler hat die Julchen in Mannheim sehr gut gefallen,
aber der Karl ist ganz bös gewesen, daß er sie so oft besucht hat,
erzähl’s aber ja nicht weiter. Adieu, liebe Marie, Dein
35 Friedrich. —
[Auf der Adreßseite]
Frau Elise Engels
Adr. Herren Friedr. Engels & Co.
Barmen.
4o [Poststempel] Bremen, 13.11.
576 Briefe an seine Schwester Marie 1838 Weihnachten
Engels an seine Schwester Marie in Bar¬
men; [Bremen, um Weihnachten 1838]
Original im Besitze der Familie Mittelstenscheid, Barmen
Liebe Marie!
Nun Du machst auch was rechts her mit Deinem Kranksein, 5
alle Augenblicke liegst Du Spinte im Bett, das mußt Du Dir abge¬
wöhnen. Daß Du mir nur ja wieder auf bist, wenn Du diesen Brief
kriegst, hörst Du? Für die schöne Zigarrenbüchse danke ich Dir
und kann Dir versichern, daß sie den komplettesten Beifall so¬
wohl in Wahl des Musters als auch in der Ausführung bei dem 10
strengsten aller Rezensenten, d. h. G. W. Feistkorn Maler gefun¬
den hat. Die Marie Tr[eviranus] hatte mir auch eine gestickt, sie
hat sie aber wieder zurückgenommen, und die geht jetzt nach Mün¬
ster am Stein bei Kreuznach zum Herrn Pastor Hessel, dem Marie
auch eine versprochen hatte. Sie macht mir ein Zigarrenkörbchen 15
dafür. Die Frau Pastorin hat mir einen Geldbeutel gehäkelt.
Auch Leupolds Jungen haben eine Flinte für Zündhütchen
bekommen, auch Säbel, und der Alte nennt sie nicht anders als:
Du Kriegesknecht! Du Kaschube! Was das für ein Rätsel ist mit
dem Teich, begreife ich nicht, aber ich will Dir eins aufgeben, 20
weißt Du, was ein Ledschiak ist? (Ich weiß es selbst nicht, es ist
ein Schimpfwort, welches der Alte sehr oft gebraucht.1)—) Das ist
die Auflösung, wenn Du es nicht raten kannst, so halt’ es gegen den
Spiegel, da kannst Du es lesen. Eben höre ich, daß die Familie
Leupold durch ein kleines Mädchen einen Zuwachs bekommen 25
hat. —
Ich will Dir doch auch erzählen, daß ich jetzt am Komponieren
bin, und zwar mache ich Choräle. Es ist aber entsetzlich schwer,
der Takt und die Kreuzer und die Akkorde machen einem sehr
viel zu schaffen. Bis jetzt habe ich es noch nicht weit gebracht, 30
aber ich will Dir doch eine Probe hersetzen. Es sind die beiden
ersten Zeilen von: Ein’ feste Burg ist unser Gott.
Weiter hab’ ich’s noch nicht bringen können als zweistimmig,
vierstimmig ist noch zu schwer. Ich hoffe, ich werde keinen
Schreibfehler gemacht haben, und so probier Du einmal, das Ding 35
zu spielen.
Adieu, liebe Marie,
Dein Bruder Friedrich.
1) Der eingeklammerte Satz im Orig, in Spiegelschrift
1839 Jan. 7
Briefe an seine Schwester Marie
577
Engels an seineSchwester Marie in Barmen;
[Bremen] 1839 Januar 7
Original im Besitze der Familie Mittelstenscheid, Barmen
Liebe Marie!
D. 7. Jan. 39.
5
Hoffentlich hast Du den Zahn jetzt ausgezogen oder hast es gar
nicht nötig. — Das Rätsel von dem Teich ist sehr schön, Du mußt
es aber aus dem Kopfe lösen können. Hör einmal, das Kompo¬
nieren, das ist eine schwere Sache, da muß man auf so vielerlei
10 acht geben, auf Harmonie der Akkorde und richtige Fortschrei¬
tung, das macht viel Mühe, ich will aber mal sehen, ob ich Dir
nächsten nicht wieder was schicke. Ich bin jetzt dran, einen andern
Choral zu komponieren, da wechselt in der Singstimme Baß und
Sopran ab. Paß mal auf.
is Die Begleitung fehlt noch, wahrscheinlich werde ich auch noch
Einzelnes verändern. Daß das Meiste, ausgenommen die 4.te
Zeile, aus dem Gesangbuch gestohlen ist, ist klar. Der Text ist das
bekannte lateinische Stabat mater dolorosa Juxta crucem lacry-
mosa Dum pendebat filius.
2o Heute mittag hat der Herr Pastor ein Schwein geschlachtet, im
Waschhaus, die Frau Pastorin wollte zuerst von dem Schnack
nichts wissen, er aber sagte, er wollte es ihr schenken, und da
mußte sie es wohl nehmen. Es hat auch gar nicht geschrieen. Als
es tot war, kam die ganze weibliche Familie herein. Die alte Groß-
25 mama aber ließ sich das Blutrühren gar nicht nehmen, das sah
ganz komisch aus; morgen werden die Würste gemacht, das ist
auch recht ihr Leben.
Marx-Engels-Gesamlausgabe, I. Abt., Bd. 2.
37
578
Briefe an seine Schwester Marie
1839 Jan. 7
Du sagst, Du hättest einen Affen gesehen, und das seist Du ge¬
wesen; weißt Du wohl, daß auf der Oblate, mit der Du Dein Brief¬
chen zugemacht hattest, stand :
Je dis la vérité?
Auch ein Spiegel ist drauf abgemalt. 5
Sage der Mutter, sie sollte nicht mehr schreiben: Treviranus,
sie kann den Herm Pastor auch ganz von der Adresse lassen, der
Briefträger weiß doch, wo ich wohne, da ich alle Tage die Briefe
an der Post hole; auch kommt er sonst wohl in Versuchung, sie mir
nicht ans Kontor zu bringen, sondern nach Trev[iranus], und da 10
bekomme ich sie erst ein paar Stunden später, wenn ich nach Hause
gehe.
Der Strücker hat mir geschrieben, der Hermann hätte den
Sonntag vor Neujahr allerlei aufgeführt, einen Kellner etc., er
soll mir doch was davon schreiben. — Der Str [ücker] lobte seine
Gewandtheit dabei sehr, er hätte den Kellner so schön gemacht, w
als wäre er 3 Jahre in einem Wirtshaus gewesen. Er ist wohl
stark am Wachsen?
Die Mutter soll das Komponierte dem Schornstein nicht zeigen,
sonst sagt er wieder: Nu hört Allens uf. Ich erfahre doch Alles,
was passiert; nächstens wenn ich wieder in Barmen bin, will ich 20
bremischer Konsul werden wie der Alte.
A dios mi hermana
Dein Friedrich.
Die vielen Schreibfehler im Baß mußt Du entschuldigen; ich 25
bin es nicht gewohnt, Noten zu schreiben. Auf den Fall daß Du
die vorletzte Zeile nicht lesen könntest schreibe ich sie Dir noch
einmal hier.
49 c
1839 Febr. 11—12
Briefe an seine Schwester Marie
579
Engels an seinen Bruder Hermann in Bar¬
men; Bremen 1839 Februar 11—12
Original im Besitze der Familie Mittelstenscheid, Barmen
Lieber Hermann,
Br., 11. Febr. 1839.
Ew. Wohlgeboren ersuche ich, mich künftig nicht mehr mit den
Briefanfängen, so Sie vom Herrn Riepe gelernt haben, zu quälen,
und erlaube mir nur, für jetzt zu bemerken, daß wir jeden Morgen
Winter und jeden Mittag Sommer haben. Denn des Morgens haben
10 wir — 5 Grad, und Mittags + 10. Das Singen und Komponieren
bleibt in steter Übung, hier hast Du von letzterem eine Probe.
Du kannst den Blinden nach der Melodie singen, kannst es aber
auch lassen.
Den 12. Februar. Daß Du jetzt bald zu Deinem Hund kommen
is wirst, freut mich sehr, was ist denn die Frau Mama für eine und
wie sieht das Tier aus? Jetzt kommt seine Antiquität, Herr Leu¬
pold ins Kontor hinein, da werde ich in einen ernsthafteren Ton
fallen müssen, wie der große Shakespeare sagt. Hier ist eine neue
Zeitung aufgekommen, die heißt der Bremer Stadtbote, redigiert
2o von Albertus Meyer, welcher ein sehr großer Schafskopf ist. Er
hielt früher Vorlesungen über Völkerglück, Kindererziehung und
noch andere Themata, und als er sie drucken lassen wollte, hat
das die liebe Obrigkeit nicht zugegeben, es wäre gar zu unsinnig.
Er ist von Natur ein Porzellanhändler und liegt schon seit seiner
25 ersten Nummer mit dem Unterhaltungsblatt im Streit. Da kebbeln
sie sich, daß es zum Kranklachen ist.
Vorne vor dem Stadtboten geht
ein Kerl, der sieht so aus.
Fortsetzung bei Marie.
Dein Dich liebender
Bruder
Friedrich Engels.
37*
580
Briefe an seine Schwester Marie
1839 Febr. 12
Engels an seine Schwester Marie in Bar¬
men; Bremen 1839 Februar 12
Original im Besitze der Familie Mittelstenscheid, Barmen
B., 12 Mz.1} 1839.
Liebe Mariel 5
(Fortsetzung von H[ermanns] Brief). In diesem Stadtboten
kommt lauter Unsinn, und nun mache ich auf dem Kontor Ge¬
dichte, die ihn zum Spott immer recht loben, lauter konfuses Zeug,
und das schicke ich ihm hin unter dem Namen Th. Hildebrandt,
und er druckt das dann ganz treuherzig ab. Jetzt hab ich eins im 10
Pult liegen, das soll er hinhaben, das heißt:
Bücherweisheit.
Der ist nicht weise, der aus allen Schriften
Sich einen Schwall von Worten zugelegt,
Der wird auch nie des Daseins Schleier lüften, 15
Ob er auch schwer an Wissenschaften trägt.
Es wird das Gras der nimmer wachsen hören,
Der die Botanik aus dem Grunde kennt,
Und der wird keinem gut zu leben lehren,
Der alle Sätze der Moral Euch nennt. 20
Nein! in des Menschen Busen liegt verborgen
Der Keim, der ihm die Kunst zu leben zeigt,
Ob er studiert vom Abend bis zum Morgen,
Er lernt’s nicht, wie die Leidenschaft er beugt,
Des Herzens Stimme, diese muß er hören,
Und der geht unter, der sie hat verkannt,
Von ihren Worten all, den inhaltschweren,
Das inhaltschwerste heißt Menschenverstand.46
So geht es immer in einem fort, alles Spott. Gewöhnlich, wenn
ich nicht recht weiß, was ich ihm schicken soll, nehme ich den 30
Boten in die Hand und stoppele da ein wenig draus zusammen.
Neulich setzte ich Karl Leupold an meinen Pult und diktierte ihm
einen groben Brief an den Boten, welchen er gekriegt und mit
ungeheuer dummen Randglossen abgedruckt. Aber ich muß jetzt
ausgehen, deshalb verharre ich 35
Dein Dich liebender Bruder
Friedrich.
1) Wohl irrtümlich für Februar.
1839 April 10
Briefe an seine Schwester Marie
581
Engels an seine Schwester Marie in Bar¬
men; Bremen 1839 April 10
Original im Besitze der Familie Mittelstenscheid, Barmen
Br., 10. April 1839.
5 Liebe Marie,
Pardon, daß ich so lange nicht geschrieben, ich will Dir jetzt
auch was Schönes erzählen. Am Karfreitag starb der hiesige Bür¬
germeister Dr. Gröning Magnifizenz, und heut vor acht Tagen
war die Wahl eines neuen; Herr Senator Dr. J. D. Noltenius Hoch-
10 wohlgeboren erhielt die Stelle und wurden Freitag in einem langen
Zuge aufgeführt. Vorangingen die acht Herrendiener, Leute, deren
jeder Bürgermeister zwei zu seiner Bedienung hat, in weißen, por¬
zellanenen, kurzen Pistolen und schönen Strümpfen, und in einem
Frack von blutrosenroter Farbe, einen Degen an der Seite,
is und auf dem Kopf einen Bonapartehut; darauf folgten die Bürger¬
meister, vor allen Herr Dr. Smidt Magnifizenz, welcher der ge¬
scheiteste von allen und sogut wie König in Bremen ist; Herr Dr.
Duntze, welcher bis an den Hals in den Pelz eingewickelt war und
in die Senatsversammlung immer ein Thermometer mitbringt,
20 dann die Senatoren, Prediger und Bürger, über 6—800 Mann, die
alle in ein Haus oder mehrere gingen, wo geïst (nicht Geist)
wurde; d. h. sie bekamen alle zusammen Makronen, Zigarren und
Wein, aßen und pfropften sich alle Taschen voll. Die Jungens
standen vor der Türe und lärmten, und wenn Einer heraus kam,
25 riefen sie ihm nach: hêt îst, hêt îst! Das taten sie auch einmal
dem Herm Ältermann Hase, da wandte sich dieser majestätisch
um und sagte: Ich bin der Herr Ältermann Hase! Da schrieen sie:
Ollermann Hase hêt îst, Ollermann Hase hêt îst! und Du kannst
Dir denken, wie diese Stütze des bremischen Staats die Stützen
30 seines eignen Körpers in Bewegung setzte, um sich zu retten.
Vorigen Samstag wurde ein neuer Senator gewählt an Dr. Nol¬
tenius’ Stelle, und Dr. Mohr erhielt die Ehre, dessen Iserei Mon¬
tag abgehalten wurde. Dabei ist Gebrauch, daß einer der Ver¬
wandten des neuen Senators das Schwein trinken muß, d. h. er
35 wird unter den Tisch getrunken, welche schwierige Aufgabe denn
auch Herr H. A. Heineken, Makler, zur allgemeinen Zufrieden¬
heit löste. Denn —
Des Lebens Überdruß mit Wehmut zu genießen
Ist Tugend und Begriff,
40 sagt ein großer Dichter. —
Marie: „Aber Friedrich, wie kannst Du mir nun wohl so dummes
Zeug schreiben? Das paßt ja wie die Faust auf’s Auge!66 Fried¬
rich : I can’t help it, die Seite muß noch voll — aha da fällt mich
582
Briefe an seine Schwester Marie
1839 April 10
was ein. Vorigen Sonntag ritt ich mit Neviandt und Roth aus, da
nimmt der Nleviandt] einen kleinen Engländer, so groß wie die
Anna, mit; kaum sind wir vor der Stadt, da läßt sich der eine
Reitpeitsche geben und haut auf’s Pferd, daß es vom und hinten
ausschlägt. Er bleibt ruhig drauf sitzen, das Tier springt nach 5
allen Seiten, aber er fällt nicht herunter. Nun steigt er ab, um die
Reitpeitsche, die er verloren, wiederzukriegen, und läßt, o gro߬
artige Dummheit, das Pferd ganz allein stehen, das sich auch
wenig besinnt und gleich auskneift. Er dahinter, der Neviandt
steigt ab und läuft ihm nach, kommt, aber unverrichteter Sache io
zurück, John und das Roß sind weg. Wir reiten nach Hom, packen
uns einen, und sind kaum auf dem Rückwege, als Mr. John plein
carrière hoch -zu Roß ankommt. Es war unterwegs aufgehalten,
er hatte es bestiegen, nach dem Stall geritten und sich eine neue
Peitsche geholt. Nun reiten wir um; Nev[iandt] und ich hatten 15
ziemlich wilde Pferde, und wie wir anfangen, ein wenig zu traben,
schießt Mr. John ganz rasend im Galopp an mir vorbei. Mein Roß
kriegt die Nücke und kneift ganz pompös aus. Ich merkte den
Braten, ließ es ruhig laufen und versuchte nur dann und wann,
es zu halten; aber wenn ich’s eben aus dem rasenden Jagen aus- 20
halte, keilte John an mir vorbei, und es war ärger wie vorher. Da¬
zu schrie er immer, den Hut schwenkend: My horse runs better
than y ours, hurrah! Endlich stutzte sein Pferd vor einer Karre
und blieb stehen, und siehe da, auch meine Norma hielt ein. Wenn
die dummen Pferde nur wüßten, daß der Reiter es beim Aus- 25
kneifen ganz pläsierlich hat, ich hatte wenigstens nicht die ge¬
ringste Angst und konnte ganz gut fertig werden. Adieu
Dein
Friedrich.
Engels an seine Schwester Marie in Bar-^
men; [Bremen] 1839 April 28
Original im Besitze der Familie Mittelstenscheid, Barmen
Den 28. April 39.
Liebe Marie!
Auch Du bekommst heute nur wenig, damit ich an die Komödie
komme, die ich Euch schicken will. Daß die Herren 6 Maupen
volle Makronen gegessen haben, ist doch wahr, Du magst es nun
glauben oder nicht, es waren an die 600 Menschen.
Daß Du das Nesselfieber bekommen hast, ist Dir recht, es juckt
Dir so immer in den Fingern, daß Du dummes Zeug machen willst, «
1839 April 28
Briefe an seine Schwester Marie
583
jetzt hast Du was zu jucken. Du bist und bleibst eine alte Juck-
maschine.
Auch rate ich Dir, mir ja kein leeres Papier in Deinem Brief
zu lassen, denn da male ich immer Karrikaturen hin, um nicht aus
s der Übung zu kommen.
Dies, meine liebe Marie, Dein Bruder
Friedrich.
Das nennt man Stenographie, das Gekritzelte. —
Die Verkleidung. Komödie in 1 Akt, für Marie.
io Erste Szene.
(Die Wohnstube, an dem Tisch sitzt die Mutter, und hilft Emil und Hedwig. Die
Marie sitzt am Ofen und liest; Rudolf läuft herum und vexiert sie alle.)
Mutter: Marie, gib’s Lesen auf. Das ist kein Buch für Dich. Du
liest so viel Zeug, das kann Dir gar nicht helfen.
J5 Marie: 0 Mutter, die eine Geschichte noch, dann sollst Du das
Buch wieder haben!
Emil: Mutter, wat heißt dat Wort: kewatroze?
Mutter: Og, das heißt quatorze, 14, das hast Du ja schon lange
gelernt; Du mußt nicht alles wieder vergessen — Hedwig!
2o Läuft das Kind wahrhaftig nach der Marie hin und prügelt
sich mit dem Rudolf. Hedwig! Willst Du wohl arbeiten? Ihr
seit heute ja alle verkehrt!
(Anna und Laura Kampermann treten ein.)
Anna: So Mutter wir haben unsre Sachen gemacht, jetzt gehn wir
25 herauf und verkleiden uns, dat duhn wir.
Mutter: Ja, macht aber nicht zu viel Lärmen.
Hedwig: Mutter, ich kann dat Exempel nit herauskriegen!
Mutter: Og, denk’ nach! Ich hab’s ja schon einmal mit Dir ge¬
rechnet. Sei nicht so zerstreut!
30 Hedwig (weint) : Ich kann et aber nit herauskriegen!
Anna: Mutter, willst Du Dich auch verkleiden?
Mutter: Was sagst Du? Geh, laß mich zufrieden. Immer Mutter,
immer Mutter. Es ist nicht zum Aushalten.
Anna: Sag Mutter, willst Du?
35 Mutter: Ja, ja! Macht, daß ihr fortkommt!
(Anna und Laura jubelnd und schreiend ab.)
584
Briefe an seine Schwester Marie
1839 April 28
Marie: Da haste et Buch, Mutter! Ich hab die Geschichte aus,
ich will mich auch verkleiden. Sagemal, wat soll ich anziehn?
Mutter: Og! Eben sag ich zu der Anna, sie soll ruhig sein, und nu
fängst Du an?
Rudolf (fällt auf die Erde): 0 Mutter, Ooo Mutter (schreit). 5
Mutter: Was ist Dir? (geht zu ihm).
Emil: Mutter, wie heißt der Satz.
Hedwig: Mutter, da is eine Zahl, die is so kurios.
Mutter: Wollt Ihr wohl stille sein? Alle durcheinander, ich kann’s
nicht aushalten! 10
Emil: Mutter, willst Du mich nich helfen sag mir mal? 0 Mutter,
Mutter, ich muß mal auf den Abc!
Mutter: Dann geh!
Marie: Is dat wahr, Mutter, willst Du Dich verkleiden?
Mutter: Dummes Zeug! Tut’s Dir noch weh, Rudolf ? 15
Hedwig: Ja Mutter, he hat ene große Düll vor ein Kopf! Wie
heißt die Zahl, Mutter?
Marie: Ja, Du mußt Dich aber verkleiden.
Anna (kommt herein): Mutter, die Laura is auf dem Abc und der
Emil steht davor und brüllt in Eins fort, und schlägt an die 20
Tür.
Mutter: Kommst Du auch noch? Ich hab jetzt keine Zeit.
Luise (kommt) : Madam, der Wendel geht nach der Gemarke, haben
Sie auch was?
Mutter: Jawohl, ich muß mich erst besinnen. Seid einmal stille. 25
Rudolf, laß das Janken!
Marie: Anna, hat die Mutter nicht gesagt, dat se sich mit ver¬
kleiden wollt?
Anna: Ja, Mutter, dat hast Du gesagt.
Mutter: Wollt Ihr wohl stille sein? Marsch, fort. 30
Emil (tritt weinend ein) : 0 Mutter, die Laura — wollt mich nich auf
den Abtritt lassen, un da hab ich und hab wat — in de —
Alle: d hat wat in de Boxe gemacht!
Mutter: Das auch noch? Kann man keinen Augenblick Ruhe
haben? Alle schreien sie durch einander. (Nimmt die Reitpeitsche.) 35
Da, Emil, eins, zwei, drei, Anna, Marie, heraus mit Euch.
Der Wendel soll selbst herkommen!
(Zwei Masken, ein Mann und eine Frau treten ein).
1839 April 28
Briefe an seine Schwester Marie
585
Mutter: Wer ist das? Das ist ja wieder was!
(Der Mann springt auf die Mutter los und nimmt ihr die Reitpeitsche leise aus der
Hand. Alle springen auf und jubeln durcheinander. Die Frau stellt sich neben
Mutter und setzt ihr eine Knipbrill auf die Nase.)
5 Mutter: Dummes Zeug! Aber man muß doch drüber lachen. (Wendel
tritt ein.) Wendel, hier den Brief auf die Post. Das nach Cleners.
Das Geld nach dem Schneider Hühnerbein. Das ist alles. (Wendel
ab.) (Die Mutter setzt sich mit der Brill hin.) Emil, Du gehst einmal fürs
Erste Und läßt Dich waschen. (Die Masken packen ihn, der mit offnem
10 Munde dasteht, und jagen ihn mit Schreien und Prügeln zur Tür hinaus.)
Hedwig: 0 Mutter, ich seh eben, dat ich schon zwei Exempels
mehr gerechnet habe als nötig is. Juchhe!
Marie: Hör einmal, Mutter, willst Du Dich denn nu auch ver¬
kleiden?
is Mutter: Og dummes Zeug!
Marie: Ja hör mal, Mutter, dann will ich Dir aber doch mal wat
sagen. (Sie sagt ihr was ins Ohr.)
Mutter: Nein, das geht nicht.
Marie: Ja, das geht doch! Das sollst Du sehen ! (Alle ab.)
20 (Zwei Stunden später. Hedwig hat Rudolfs, Rudolf Hedwigs Zeug angezogen, beide
eine Maske, die sie sich einer dem andern losbinden. Dann kommen nach und nach
die andern hinein, alle ganz kurios verkleidet.)
Hermann: 0 August, ich hab doch die längste Nas! Kik es, Jon,
ek hew ok en Bat drop äs use Fritz mois het!
25 August: Aver ek hew so nette gröne Backen und sonen grisen Bat,
un mine Nas es ok voll röader.
Marie: Kik ens, Laura, ek sie doch gewest en netten Jongen! Du
bös somen kotten, ongerhatten, ek sie voll gröter als Du bist.
Und mein Ponnepatshut is auch größer!
30 (Die Mutter kommt, in einem alten Schlafrock, dem Vater seinen Pelzschlafrock
drüber, eine spitze Nachtmütze über die Haube auf und die Kniepbrill auf der Nasen.)
Alle schreien: 0 Mutter, Mutter!
Hermann: August, dat es mine Moder nit!
Mutter: Junge, willst Du wohl stille sein? Und setzt Euch alle um
3s den Tisch, bis er kommt.
(Pause. Der Vater tritt ein, sieht sich erstaunt um, bis endlich alle die Masken ab¬
nehmen und unter Schreien und Lärmen und Jubeln durcheinander rennen; Finale:
ein ungeheurer Schmaus.) —
586
Briefe an seine Schwester Marie
1839 April 28
Ich hätte das Ding noch weiter ausführen können, aber das wird
wohl die Zeit nicht erlauben; in einer halben Stunde geht die
Post, ich schließe also.
Dein Bruder Friedrich.
Engels an seine Schwester Marie in Bar- 5
men; Bremen 1839 Mai 23
Original im Besitze der Familie Mittelstenscheid, Barmen
Br., 23. Mai 1839.
Liebe Marie!
Ich reite Dir jetzt alle Sonntage mit R. Roth in die weite Welt, io
vorigen Montag waren wir in Vegesack und Blumenthal, und wie
wir eben die berühmte Bremer Schweiz besehen wollten (das ist
ein ganz kleiner Strich Land mit kleinen Sandhügeln), kam ein
ganz ungeheurer Heerrauch wie eine Wolke heran, und in 5 Mi¬
nuten war es fast ganz dunkel, daß wir die sogenannte schöne 15
Aussicht gar nicht genießen konnten. — Aber am zweiten Pfing-
1839 Mai 23 Briefe an seine Schwester Marie 587
sten, dann ist hier ein Leben! All das Volk geht heraus, in Bremen
ist es totenstill, aber vor den Toren, Zug an Zug, Wagen, Reiter und
Fußgänger. Und ein Staub, das ist was Entsetzliches. Denn die
Chausseen liegen alle voll Sand, wohl eine halbe Elle hoch, und
5 der geht natürlich all’ in die Höhe. Eben kommt ein Makler herein,
der heißt Jan Krusbecker, den will ich Dir malen.
Jan Krusbecker
So sieht er präzis aus, hat Augen wie Raketen, ein immer ganz
wehmütig-lächelndes Air. — Adieu.
io
Dein Bruder
Friedrich.
588
Briefe an seine Schwester Marie
1839 Sept. 28
Engels an seine Schwester Marie in Bar¬
men; Bremen 1839 September 28
Original im Besitze der Familie Mittelstenscheid, Barmen
Br., 28. Sept. 1839.
Liebe Marie! 5
Es war hoch an der Zeit, daß Ew. Gnaden mir einmal schrieben,
es hat lang genug gedauert, Mamsell! Doch ich will Dir Deine
schweren Verbrechen vergeben und Dir was erzählen. Morgen wer¬
den es vierzehn Tage, da ritten wir nach Delmenhorst. Dieses ist ein
oldenburgisches Landstädtchen mit einem Tiergarten, der so heißt, 10
weil die Bremer und Oldenburger immer hineingehen, und als wir
dagewesen waren, ritten wir wieder um — und kamen nach Hause,
denkst Du? Jawohl, aber nach manchen Abenteuern. Erst saß ich
den halben Weg im Kabriolett, und als wir an die Stelle kamen, wo
ich mein Pferd wiederhaben sollte, waren die Ritter noch nicht da, 15
und wir mußten einkehren, schlechtes Bier trinken und schlechte
Zigarren rauchen. Endlich kamen die Ritter an, da war es acht Uhr
und stockdunkel. Als ich mein Pferd gefunden hatte, ritten wir
weiter, bezahlten Torsperre und ritten durch die Neustadt. Da
kamen acht Trommelschläger, die den Zapfenstreich schlugen, um 20
die Ecke in einer Reihe grade auf uns los geschwenkt, und die
Pferde sprangen kreuz und quer durcheinander, die Tambours
schlugen immer stärker, die edelmütige Bremer Straßenjugend
schrie, so daß wir bald voneinander kamen. R. Roth und ich
fanden uns am ersten wieder zusammen und ritten fort, zum an- 25
dem Ende der Stadt heraus, wo wir wieder Sperre bezahlen mu߬
ten; denn der Pferdephilister wohnt vor dem Tor. Bei diesem
trafen wir die Andern an, denen die Pferde durchgegangen waren;
wir marschierten nun nach Hause und mußten zum drittenmal
Torsperre bezahlen. Ist das nicht eine interessante Geschichte? Das 30
wirst Du nicht leugnen können, am wenigsten, wenn Du erfährst,
daß ich darauf, nachdem es zum Zuhauseessen zu spät war, in die
Union ging, Beefsteak mit Eiern aß und ein sehr unterhaltendes
Gespräch anhörte, welches in meiner Nähe geführt wurde und von
jungen Hunden und toten Katzen handelte. Indeed, very inter- 35
esting! very amusing! Ich bin jetzt nämlich in der Union, welche
dasselbe ist, was in Barmen die Concordia oder Verbesserungs¬
anstalt bedeutet. Das Beste, was da ist, sind die vielen Zeitungen,
holländische, englische, amerikanische, französische, deutsche,
türkische und japanische. Bei der Gelegenheit hab’ ich Türkisch 40
und Japanisch gelernt und verstehe somit fünfundzwanzig Spra¬
chen. Dies ist wieder höchst interessant zu wissen für eine junge
Dame, welche nach Mannheim in Pension will. Auch war der
Jacob Schmitt hier, er wird nächste Woche wiederkommen und mit
1840 Juli 7/9
Briefe an seine Schwester Marie
589
mir in den Weinkeller gehen. Dieser ist unleugbar das beste In¬
stitut in Bremen. Auch haben wir wieder ein Theater, ich bin aber
noch nicht dagewesen.
Farewell, my dear, yours for ever
Friedrich.
Engels an seine Schwester Marie in Mann¬
heim; Bremen 1840 Juli 7—9
Original im Besitze der Familie Mittelstenscheid, Barmen
Liebe Marie!
io Es ist wirklich bald zu arg mit Dir; Du wolltest mir gleich nach
Deiner Ankunft in Mtannheim] schreiben, und jetzt sitz ich schon
drei Wochen wieder hier und noch kein Brief von Dir. Wenn das
so fortgeht, so muß ich mich wohl entschließen, direkt an Fräulein
Jung zu schreiben, damit Du einigermaßen angehalten wirst, mir
is Deine schwesterliche Liebe zu beweisen.
Ich will Dir besser Wetter wünschen, als wir jetzt haben, lauter
Sturm und Regen, wie im September und November. Auf der See
sinken die Schiffe, wie die Fliegen, die in ein Glas Wasser fallen,
und das Dampfschiff, was nach Norderney fährt, hat kaum hin-
20 kommen können. Vorgestern war ich in Bremerhafen, und da
regnete es auch den ganzen Morgen. Ich war auf den Schiffen,
womit die Auswandrer nach Amerika gebracht werden; im Zwi¬
schendeck liegen sie alle zusammen, das ist ein großer Raum, so
breit und lang wie das ganze Schiff, immer sechs Kojen (so heißen
25 die Bettstellen) neben einander, und darüber wieder sechs. Da
liegen sie alle, Männer, Frauen und Kinder, und wie schauderhaft
dieser dumpfe Raum ist, wo oft 200 Menschen liegen, besonders
während der ersten, seekranken Tage, kannst Du Dir wohl denken.
Es ist so schon eine Luft zum Ersticken darin. Die Kajütspassa-
3o giere haben es aber besser, sie haben mehr Raum und eine sehr
elegant eingerichtete Kajüte. Wenn nun ein Sturm losplatzt, und
die Wellen gehen über das Schiff, so haben sie’s aber schlimmer,
denn über der Kajüte ist ein Glaskasten, wodurch das Licht fällt,
und wenn der von einer Sturzwelle getroffen wird, so klingelt das
35 Glas mit der schönsten Manier in die Kajüte hinein und das Was¬
ser dahinter her. Gewöhnlich wird dann die ganze Kajüte voll
Wasser, die Betten aber sind so hoch, daß sie trocken bleiben. Als
wir mittags wieder wegfuhren, kam eben ein großes, dreimastiges
Schiff auf die Rhede, welches, wie Du, Marie heißt und von der
40 Insel Kuba kam. Es konnte wegen der Ebbe nicht in den Hafen
kommen und ankerte auf der Rhede. Wir fuhren mit dem Dampf¬
schiff heran und holten den Kapitän ab ; auf der Rhede aber fängt
590
Briefe an seine Schwester Marie
1840 Juli 7/9
das Wasser schon an Wellen zu werfen, und das Schiff schwankte
ein wenig. Auf der Stelle wurden alle Damen blaß und machten
Gesichter, als hätten sie ertrinken sollen; wir hatten ein paar
hübsche Schneiderstöchter aufgetan, gegen die wir äußerst galant
waren, und ich band den Gänsen auch mit dem ernsthaftesten Ge- 5
sicht von der Welt auf, das Schwanken dauerte fort bis Brake, wo¬
hin wir erst nach IV2 Stunden kamen. Leider hört es aber schon
gleich hinter Bremerhafen wieder auf. Drei unreife Hüte flogen
ins Wasser und sind wahrscheinlich nach Amerika geschwommen,
ferner eine ganze Masse leere Wein- und Bierflaschen. Außerdem 10
hab’ ich nicht viel Merkwürdiges gesehn, als eine tote Katze in der
Weser, die für ihren eignen Kopf eine Reise nach den Vereinigten
Staaten machte. Ich redete sie an, sie war aber grob genug, mir
nicht zu antworten. —
Hier hast Du eine flüchtige Zeichnung von Bremerhafen. Links 15
das Fort, zum Schutz des Hafens, ein altes ziegelsteinemes Ding,
das der Wind nächstens umwehen wird, daneben die Schleusen,
durch die die Schiffe in den Hafen, der ein langer, schmaler Ka¬
nal, etwas breiter als die Wupper ist, eingelassen werden, dahinter
die Stadt, weiter rechts die Geest, eine Art Fluß, darüber die 20
Kirchturmspitze in der Luft, das ist die Kirche, die erst gebaut
werden soll. Rechts das in der Feme ist Geestendorf.
Dieser Tage lernt’ ich einen kennen, dessen Vater ist ein in
Amerika gebomer Franzose, dessen Mutter eine Deutsche, er
selbst ist auf dem Meer geboren und spricht, da er in Mexiko 25
wohnt, von Natur spanisch. Was ist mm sein Vaterland?
Auf unsrem Comptoir haben wir jetzt ein komplettes Bier¬
lager, unterm Tisch, hinterm Ofen, hinter dem Schrank, überall
stehen Bierflaschen, und wenn der Alte Durst hat, so borgt er uns
eine ab und läßt sie uns nachher wieder voll machen. Das wird 30
jetzt schon ganz öffentlich getrieben, die Gläser stehn den ganzen
Tag auf dem Tisch und eine Flasche daneben. Rechts in der Ecke
stehen die leeren, links die vollen Flaschen, daneben meine Zigar¬
ren. Es ist wirklich wahr, Marie, die Jugend wird immer schlech¬
ter, wie Dr. Hantschke sagt, wer hätte vor 20, 30 Jahren an solche 35
schreckliche Bosheit gedacht, Bier auf dem Comptoir zu trinken?
1840 Juli 7/9
Briefe an seine Schwester Marie
591
Wie ist es Dir am bequemsten, soll ich das Porto für unsre Kor¬
respondenz auslegen und meine Briefe frankieren, und auch die
Deinigen, die Du dann unfrankiert schickst, bezahlen? Wenn Du
schon geschrieben hast, ehe dieser Brief ankommt, so werd’ ich
5 Dir nicht eher wieder schreiben, als bis Du mir auf diesen Brief
einen vernünftigen, langen Brief geschrieben hast.
Adieu
mit treuer Liebe
Dein Bruder
io B., 7. Juli 40. Friedrich.
Der Brief ist glücklicher Weise wieder liegen geblieben und
gibt mir so noch Gelegenheit, Deinen eben angestiegenen Brief zu
beantworten. „Ich wollt’, ich könnt’ auch so gut spielen wie die!
wenn ich mich recht fleißig übe, komm’ ich auch so weit.“ Du?
is Eine Sonate von 20 Seiten spielen? Gans, die Du bist! Der Schorn¬
stein würde sich freilich freuen. Was ich für Wünsche auf Weih¬
nachten habe? Meine Zigarrentasche hab’ ich verloren, und wenn
ich sie nicht bald wiederfinde, kannst Du mir eine neue machen?
Der Ada laß ich für ihren Gruß danken und grüße sie herzlich
2o wieder; sag’ ihr, sie wäre die erste, die mich liebenswürdig nannte,
und ein Cousin wäre ich ganz und gar nicht, sondern höchstens
ihr ergebenster Vetter. Wenn Du wieder schreibst, so adressiere
den Brief nicht an Treviranus, da krieg’ ich ihn später, sondern
F. E., Bremen, Martini No. 11. Dann wird er mir ans Comptoir
25 gebracht.
Farewell
Dein
Friedrich.
B., 9. Juli 1840.
3q [Auf der Adreßseite]
An
Fräulein Marie Engels
im großherzoglichen Institut,
frei. Mannheim.
35 (.Poststempel] Bremen 10. Jul. Mannheim 13. Jul.
Engels an seine Schwester Marie in Mann¬
heim; Bremen 1840 August 4
Original im Besitze der Familie Mittelstenscheid, Barmen
Liebe Marie!
Ich muß Dir nur gleich sagen, daß ich mir für die Zukunft
alle guten Lehren aus Deiner Feder verbitte. Du mußt ja nicht
glauben, mein teuerstes Gänschen, daß Du jetzt in der Pension
592
Briefe an seine Schwester Marie
1840 Ang. 4
schon einmal probieren könntest, weise zu sein, und außerdem
kann ich, wenn ich Lust haben sollte, vom Pastor eine Unmasse
Bücher voll guter Lehren kriegen. Das Bier auf unsrem
Comptoir bleibt doch stehen, bis es ausgetrunken wird, und seit
Du dagegen räsonnierst, hat sich unser Bierkommers nur noch 5
vervollkommnet, denn wir haben erstens Braunbier und zweitens
Weißbier. Das kommt dabei heraus, wenn sich die naseweisen
Pensionsfräulein in die Sachen ihrer Herren Brüder mischen.
Ich werde also meine Briefe nicht frankieren. Die Adresse
mache bloß : Herrn F. E. in Bremen, das ist genug. Den Pfaffen laß io
mir aber von der Adresse weg. Neulich am 27. bis 30. Juli haben
wir die Julirevolution gefeiert, die vor zehn Jahren in Paris los¬
ging; wir waren einen Abend im Ratskeller und die andern auf
Richard Roth seiner Kneipe. Der Kerl ist noch immer nicht wie¬
der da. Da haben wir den schönsten Laubenheimer von der Welt is
getrunken und Zigarren geraucht — wenn Du die gesehen hättest,
hättest Du bloß um ihretwillen das Rauchen gelernt. Meine Zi¬
garrentasche ist noch immer nicht wieder da. Auch ist ein Be¬
kannter von mir wiedergekommen, der in Pinselfahnien und Kal-
termoria gewesen ist und den Mister Sippi (soll heißen Pennsyl- 20
vanien, Baltimore und Mississippi) gesehen hat. Dieser Kerl ist
ein Solinger, und die Solinger sind die unglücklichsten Menschen
von der Welt, denn sie können ihr Solinger Deutsch nicht los¬
werden. Der Bengel sagt noch immer: im Sohmer is es sehr schön
Wätter, und für Karoline sagt er fortwährend Kalinah. 25
Es ist betrübt, ich habe fast keinen Groten mehr in der Tasche
und eine Masse Schulden, sowohl eigne als Zigarrengeschäfts¬
schulden. Da plagt mich der, von dem ich zuletzt Katharinen¬
pflaumen für Euch kaufte, die ich noch nicht bezahlt habe, da ist
der Buchbinder noch nicht bezahlt, da sind die drei Monate, nach 30
denen ich die gekauften Zigarren bezahlen muß, längst verstri¬
chen und der Strücker schickt keine Wechsel, und der Pastor ist
verreist und kann mir kein Geld geben. Morgen kommt er aber
wieder und dann steck ich sechs Louisdor in den Geldbeutel, und
wenn ich in einem Caféhaus für drei Grote ein Stück Kuchen 35
gegessen habe, so werf ich eine doppelte Pistole auf die Zahlbank:
„Können Sie wechseln?“ Und dann heißt’s „leider Gottes nein“,
dann such’ ich in allen Taschen die drei Grote zusammen und geh
stolz auf meine doppelten Pistolen zur Türe hinaus. Wenn ich
dann wieder auf dem Comptoir bin, schmeiß ich dem rotlockigen 40
Jüngsten eine Pistole aufs Pult: „Derkhiem, sehen Sie, ob Sie
kein Kleingeld kriegen können“, und dann ist der Kerl äußerst
glücklich, denn er hat dann Veranlassung, eine Stunde vom Comp¬
toir zu bleiben und herumzuschwänzen, welches unschuldige Ver¬
gnügen er sehr liebt. Denn das kleine Geld ist hier sehr rar, und
1840 Aug. 4
Briefe an seine Schwester Marie
593
wer fünf Taler Kleingeld in der Tasche hat, ist ungeheuer zu¬
frieden. —
Neulich fiel hier ein kostbarer Witz vor. In der Zeitung wurde
eine Köchin gesucht. So kommt ein robustes Mädel ins Verlags-
5 bureau und sagt: „Hört Se mol, do hebb’ ick in der Zeitung lesen,
dat se ’ne Köksche sökt.“ — „Jawol“, sagt der Kommis; „wat mot
de wol können?“ fragt die Dirne. „Jo, de mot Kloveer (Klavier)
speelen un danzen un Französch, un singen, un neien un sticken —
dat mot se all können“. „Donnerslag“, sagt die Dirne, „dat kann
io eck nit“. Wie sie aber das ganze Comptoir lachen sieht, fragt sie:
„Se wêt (wollen) mek wol tom Besten hebben? Donnerslag, ick
lote mi nich mokeeren!“ Und damit springt sie auf den Kommis
los und will ihn abprügeln; sie wurde natürlich gelinde vor die
Türe gesetzt. Neulich hat der Alte einen Fuhrmann zur Türe
is herausgeworfen. Der Kerl hatte preußisches Gold zu fordern und
wollte die Louisdor zu 55/i2 Taler nicht annehmen. Da schalten wir
uns mit ihm herum, als der Alte kam. „Was ist das hier für eine
Wirtschaft, soll doch das Donnerwetter dreinschlagen,“ und packte
den Kerl bei der Brust und warf ihn in die Gosse. Darauf kam
2o der Fuhrmann ruhig wieder und sagte: „So wer et nich meent (ge¬
meint), jetz will eck de Lujedor woll nehmen.“
Ich habe augenblicklich kein andres Kuvert zum Briefe als
diese verschriebene Kaffeerechnung, die Dir als einer rechten
Kaffeeschwester wohl willkommen sein wird.
25 Farewell und schreib bald
Deinem Bruder
Friedrich.
B., 4. Aug. 1840.
[Auf der Adreßseite]
so Fräulein Marie Engels im großherzoglichen Institut zu Mann¬
heim.
[Poststempel] Bremen 4. Aug.
Engels an seine Schwester Marie in Mann¬
heim; Bremen 1840 August 20—25
Original im Besitze der Familie Mittelstenscheid, Barmen
Meine sehr teure Soeur!
Ich habe soeben Deinen Brief bekommen, und da ich eben
Nichts zu tun habe, will ich Dir einige Zeilen sudeln. Unser
Comptoir hat eine wesentliche Verbesserung erhalten. Es war näm-
4o lieh bisher immer sehr langweilig, nach dem Essen gleich ans Pult
zu stürzen, wenn man noch so schauderhaft faul ist, und da haben
Marx-Engels-Gesamtausgabc, I. Abt., Bd. 2. 38
594
Briefe an seine Schwester Marie
1840 Aug. 20—25
wir, um diesem Übelstande abzuhelfen, auf dem Packhaussoller
zwei sehr schöne Hängematten errichtet, in welchen wir uns nach
Tische, eine Zigarre rauchend, schaukeln und zuweilen auch einen
kleinen Dusel halten. Ich bin überzeugt, Du wirst diese Einrich¬
tung sehr zweckmäßig finden. Vom Roth habe ich heut Morgen 5
auch einen Brief erhalten, er kommt nächsten Sonntag [nach]
einer Abwesenheit von 4 Monaten wieder. Damit Du es weißt:
1700 Mark Banko sind zu 137 Prozent 776 Taler 24 Grote Louis¬
dor. Ich hab’ es eben doppelt gerechnet, es ist ganz richtig. —
Hierbei ein Kupfer. Ein alter Weinkenner, der sauren Wein zu w
trinken kriegt. Der daneben ist der Handlungsreisende, von dem
er den sauren Wein gekauft hat. Auch will ich Dir hermalen, wie
sich die jungen Herren hier frisieren. Die Kerls sehen aus wie die
Kälber.
Verdammt! Als ich dies geschrieben hatte, ging ich nach 15
Hause und aß, und als ich wiederkam, steckte ich mir eine Zi¬
garre an, um mich in die Hängematte zu legen. Sie brach aber
gleich unter mir zusammen, und als ich ging, neue Nägel einzu¬
schlagen, rief mich der infame Derkhiem; und jetzt kann ich aus
dem Comptoir nicht wieder loskommen. 20
Gottlob! Ich hab meine Mittagsruhe doch gehalten! Ich stahl
1840 Aug. 20—25
Briefe an seine Schwester Marie
595
5
10
15
20
30
35
40
45
mich aus dem Comptoir und nahm Zigarren und Streichhölzchen
mit und bestellte Bier; dann schob ich auf den obersten Packhaus-
soller und legte mich in die Hängematte und schaukelte mich
äußerst sanft. Sodann ging ich auf den mittelsten Packhausboden
und packte zwei Kisten Platillas ein, wobei ich eine Zigarre und
eine Flasche Bier verzehrte und stark schwitzte. Denn es ist heute
so warm, daß ich trotz eines kaum losgewordenen Schnupfens
wieder in die Weser will. Neulich badete ich und ließ einen Kerl
hinter mir herrrudern, da schwamm ich in einem Zuge viermal
über die Weser, was mir so leicht keiner in Bremen nachtun wird.
Verdammt! Aus zwei Gründen, erstens regnet’s, zweitens will
mein liebenswürdiger junger Prinzipal das Comptoir gar nicht
verlassen, und so muß ich meine Zigarre wieder ausgehen lassen.
Aber ich will ihn schon wegjagen. Weißt Du, wie ich das mache?
Ich geh in die Küche und rufe ganz laut: Kristine, en Proppen-
trecker! Dann mach ich eine Flasche Bier auf und schenke mir
ein Glas ein. Wenn er dann nur für einen halben Groten Ehre im
Leibe hat, so muß er sich schieben, denn das heißt soviel als: Pack
dich, Don Guillermo!
Also Du sprichst jetzt so famos englisch? Na wart, wenn Du
wieder nach Hause kommst, so lehre ich Dir Dänisch oder Spa¬
nisch, daß Du mit mir in einer Sprache sprechen kannst, die die
andren nicht verstehen. Danske Sprag fagre Sprag, y el Espanol
es Lengua muy hermosa. Oder willst Du lieber Portugiesisch?
O portugues, he huma lingua muito graçosa, e os Portuguezes saö
naçâo muito respeitavel. Da Du jetzt aber noch nicht so weit bist,
will ichDich damitverschonen.
Hier ist zu sehen meine
Hängematte, enthaltend mich
selbst, wie ich eine Zigarre
rauche.
Soeben höre ich, daß wie¬
der 500 Kisten Zucker, also
250 000 Pfund verkauft sind ;
damit kann manche Tasse
Kaffee süß gemacht werden! Wer weiß, ob Du nicht den Zucker
in Deiner Tasse aus derselben Kiste kriegst, aus der ich habe
Probe ziehen müssen! Aber Euer Zucker am Rhein kommt all
von Holland, wo er aus Lumpen gemacht wird, keine Kattun-
Lumpen, sondern Lumpenzucker.
Nächstens ist in Falkenberg, 3 Stunden von hier, großes Manö¬
ver, wo die Bremer, Hamburger, Lübecker und Oldenburger
Truppen, zusammen ein ganzes Regiment stark, ihre Kunststücke
machen. Es sind rührende Trupfen, drei davon haben zusam¬
men nicht so viel Schnurrbart wie ich, wenn ich mich drei Tage
38*
596
Briefe an seine Schwester Marie
1840 Aug. 20—25
nicht hab scheren lassen, an ihren Röcken kann man jeden
Faden zählen, und Säbel haben sie nicht, sondern Speckääle. Ein
Speckaal ist nämlich ein geräucherter Aal, aber bei den Soldaten
ist es die Lederscheide für das Bajonett, die sie statt des Säbels
tragen. Diese Unglücklichen riskieren nämlich, einer dem Andern 5
beim Marschieren das Bajonett durch die Fratze zu jagen, wenn sie
es an der Flinte haben, darum sind sie so vernünftig, es auf dem
Rücken zu tragen. Es sind jammervolle Patrone, Kaschuben und
Ledschaken.
Mir ist, weiß Gott, der Stoff all’ auf gegangen, 10
Ich weiß nicht, was noch mehr zu schreiben wäre,
Doch ich will diese Seite noch, auf Ehre,
Vollschreiben, zog’ ich’s auch herbei mit Zangen.
Und da man kann in Versen wenig sagen,
Und wenig Stoff so recht ins Breite schlagen, 15
So schließ ich diesen Brief mit schlechten Reimen;
Doch fürcht’ ich, daß sich Pegasus wird bäumen,
Und mich gewaltsam werfen auf den Sand.
Die Sonne sinkt, rings dunkel wird das Land,
Und nur im Westen dringt durch Wolkenschleier 20
Des Abendrotes heiß entflammter Brand.
Es ist ein ernst und ein geheiligt Feuer,
Das auf dem Grabe eines Tages glüht,
Der Manches uns gebracht, was lieb und teuer.
Jetzt starb er hin, und ihren Mantel zieht 23
Die dunkle Nacht mit hellen Sternenblicken
Leis über unser irdisches Gebiet.
Und alles still; in ihre Nester drücken
Die Vögel sich und ins Gebüsch die Tiere,
Und ausgetanzt auch haben schon die Mücken. 30
Verschlossen ist des Lebens heitre Türe,
Wie einst noch an dem dritten Schöpfungstage,
Wo nur der Baum geschaffen, daß er ziere
Die Erde, und noch nicht im grünen Hage
Die Tiere weideten — so ist es wieder, 35
Nur in den Zweigen rauscht des Windes Sage;
Das ist der Geist des Herm, gewalt’ge Lieder
Braust er hernieder im gewalt’gen Schwünge,
Und Wolken scheucht hinfort des Sturms Gefieder.
Und ewig weht er so, der ewig junge, 4Ü
Mir aber geht zum Reimen aus die Lunge.
1840 Aug. 20—25
Briefe an seine Schwester Marie
597
Punktum. Wenn Du’s verstehst, so bist Du gebildet und kannst
ein Wort mitsprechen. Adios
B., 20. Aug. 40. Dein Friedrich.
Den 25. Aug.
s Der Roth ist vorgestern wieder angestiegen.
Engels an seine Schwester Marie in Mann¬
heim; [Bremen] 1840 September 18—19
Original im Besitze der Familie Mittelstenscheid, Barmen
Den 18. Sept. 1840.
10 Meine Allerwerteste!
Augenblicklich ist der Äquinoktialsturm los auf eine furcht¬
bare Weise; in unsrem Hause ist diese Nacht ein Fenster einge¬
weht worden, und die Bäume krachen ganz gotteserbärmlich. Mor¬
gen und übermorgen werden was Nachrichten von gescheiterten
is Schiffen einlaufen! Der Alte steht am Fenster und macht ein
kraus Gesicht, denn vorgestern ist ein Schiff in See gegangen,
worin er für 3000 Taler Leinen hat, und die sind nicht versichert.
Du schreibst ja Nichts über den Brief an Ida, den ich meinem
vorigen Brief beilegte, oder sollte ich vergessen haben, ihn hinein-
20 zutun? — Ich bleibe jetzt wirklich bis Ostern hier, welches mir
aus diversen Gründen äußerst gepfiffen ist. Also die Ida ist nun
weg, das wird Dir sehr fatal sein.
Wir haben hier auch ein tüchtiges Lager, das beinah 3000Mann
stark ist. Oldenburger, Bremer, Lübecker und Hamburger Trup-
25 fen. Neulich war ich da, es war ein enormer Witz. Gleich vom im
Zelt (da hat ein Kneipeninhaber ein großes Eßzelt gebaut) saß
ein Franzose, der war ganz knüll und konnte nicht mehr auf den
Beinen stehen. Die Kellner hingen ihm einen großen Kranz um
und nun fing er an zu brüllen : Bekrenst mit Laup ten libehn vol-
3o lehn Beker. Nachher schleppten sie ihn auf die Totenkammer,
d.h. den Heuboden, da blieb er liegen und schlief. Als er wieder
nüchtern war, lieh er von einem Andern ein Pferd, setzte sich
drauf und galoppierte in Einem fort am Lager auf und ab. Er war
immer nah dran, aufs Angenehmste herunterzufallen. Wir haben
35 dort äußerst viel Jokus genossen und besonders schönen Wein.
Vorigen Sonntag ritt ich nach Vegesack, bei welcher Tour ich das
Vergnügen hatte, viermal durch naß geregnet zu werden, und ich
hatte doch so viel innere Glut in mir, daß ich immer gleich wieder
trocken wurde. Ich hatte aber auch ein abscheuliches Roß, das
40 furchtbar hart trabte, so daß das infame Schmeißen einem durch
598
Briefe an seine Schwester Marie
1840 Sept. 18—19
Mark und Bein ging. — Soeben werden wieder 6 Flaschen Bier
für uns angeschleppt, welche sogleich in den Entzündungsprozeß
— ich dachte an Zigarren — es muß heißen in den Ausleerungs¬
prozeß übergehen sollen. — Eine Flasche hab ich schon beinah
verzehrt und einen Brand dabei verraucht, sogleich geht unser 5
Don Guillermo, der junge Prinzipal, nochmals weg und dann wird
von Neuem angefangen.
Den 19. Sept. 1840.
Ihr habt doch ein langweiligeres Leben als wir. Gestern Nach¬
mittag waren keine Arbeiten mehr zu tun, und der Alte war weg, w
und Wilhelm L[eupold] ließ sich auch selten sehen. So steckt’
ich mir eine Zigarre an, schrieb erst das Vorstehende an Dich, so¬
dann nahm ich Lenaus Faust aus dem Pulte und las darin. Nach¬
her trank ich noch eine Flasche Bier und ging um halb acht zum
Roth; wir schoben in die Union, ich las Räumers Geschichte der u
Hohenstaufen und aß dann ein Beefsteak und Gurkensalat. Um
halb elf ging ich nach Hause, las Diez’ Grammatik der romani¬
schen Sprachen, bis ich schläfrig wurde. Dazu ist morgen wieder
Sonntag und am Mittwoch Bremischer Buß- und Bettag, und so
kramt man sich allmählich bis in den Winter hinein. DiesenWinter 20
werd’ ich mit Eberlein Tanzstunde nehmen, um meine steifen
Beine an ein wenig Grazie zu gewöhnen. — Hier hast Du eine
Szene von der Schlachte, d. h. der Straße, die an der einen Seite
die Weser hat, und wo die Waren ausgeladen werden. Der Kerl
mit der Peitsche ist der Fuhrmann, der die Kaffeesäcke, die da- 25
hinten liegen, eben wegfahren will ; der Kerl mit dem Sack rechts
ist der Schlachtkaper, der sie auf ladet; neben ihm ein Küper, der
eben eine Probe gezogen hat und noch in der Hand hält, und da-
1840 Sept. 18—19
Briefe an seine Schwester Marie
599
neben der Kahnschiffer, aus dessen Kahn die Säcke geladen wur¬
den. Du wirst nicht leugnen können, daß diese Gestalten sehr
interessant sind. Wenn der Fuhrmann fährt, so setzt er sich ohne
Sattel, Bügel und Sporen aufs Pferd und hackt ihm die Fersen
5 fortwährend in die Rippen, so:
Jetzt regnet’s wieder ganz ungebührlich für einen Sonnabend
Abend, es sollte eigentlich nur in der Woche regnen, aber von
Sonnabend Mittag an schönes Wetter sein. Weißt Du, was super¬
fein mittelgut ordinärer Domingokaffee ist? Das ist wieder einer
io von den tiefen Begriffen, die in der Philosophie des Kaufmanns¬
standes vorkommen, und die Eure Geisteskräfte nicht verstehen
können. Superfein mittelgut ordinärer Domingokaffee ist Kaffee
von der Insel Hayti, der einen leisen Anflug von grüner Farbe hat,
im Übrigen grau ist, und wo man zu zehn guten Bohnen vier
is schlechte Bohnen, sechs Steinchen und ein viertel Lot Dreck, Staub
usw. in den Kauf bekommt. Jetzt hast Du’s wohl begriffen. Da¬
von kostet das Pfund jetzt 9% Groten, das sind 4 Silbergroschen
8123/i37 Pfennige. Solche Handelsgeheimnisse dürfte ich eigent¬
lich nicht verraten, da man nicht aus der Schule schwatzen soll;
2o aber weil Du es bist, so will ich eine Ausnahme machen. — Eben
sagt unser Arbeitsmann; Herr Derkhiem, wann Se sek met de
Jungens gemein mokt, so met Se sek en beten mehr en Respekt
hohlen, sons krigt Se dat Volk ganz unner de Föte, Heinrich dat
es en slimmen Jung, do hebb’ ick manch’ en Tuck med har’d, Se
25 met nich so veel dornet speelen, Se möt se gliks wat achter de
Ohren geven, anners helpt nich, um wann Se no’n Ohlen geht, de
dait de Jungens ok nix, de segt man blot: Laßt mir den Kerl vom
Halse. Da kannst Du Dich ein wenig in unsrem Plattdeutsch üben.
Im Übrigen bin ich Dein ganz ergebenster
so Friedrich.
600
Briefe an seine Schwester Marie
1840 Okt. 29
Engels an seine Schwester Marie in Mann¬
heim; Bremen 1840 Oktober 29
Original im Besitze der Familie Mittelstenscheid, Barmen
Liebe Marie!
Schreib mir nächstens nicht wieder über Barmen, die Mutter 5
läßt die Briefe immer so lange liegen, bis sie selbst schreibt, und
das dauert oft sehr lange. Aber was ich Dir schreiben wollte, Du
darfst’s aber nicht nach Hause schreiben, denn ich will sie näch¬
stes Frühjahr damit überraschen, ich trage jetzt einen ungeheuren
Schnurrbart und werde mir nächstens einen Henriquatre und 10
Ziegenbart zulegen. Die Mutter wird sich wundem, wenn auf ein¬
mal so ein langer schwarzbärtiger Kerl über die Bleiche kommt.
Nächstes Jahr, wenn ich nach Italien gehe, muß ich doch auch
wie ein Italiener aussehen.
Dies hat die kleine Sophie Leupold ge- w
Sophie Leupold schrieben, die mich eben auf dem Comptoir
besuchte, während der Alte und Eberlein,
der hier im Hause ißt, bei einem großen
Mittagessen sind. Oh, ich könnte Dir inter¬
essante Dinge erzählen von diesem Mittag- 20
essen, von noch nicht öffentlichen Verlo¬
bungen und verstohlnen Küssen, aber das
ist Nichts für ein Mädchen in Pension. Das
erfährst Du noch früh genug, wenn wir
wieder zu Hause sind. Dann setz ich mich in den Garten, 25
und Du bringst mir einen großen Krug Bier und Butter¬
brot mit Wurst heraus, und dann sag ich: Sieh, meine
liebe Schwester, weil Du mir jetzt das Bier herausgebracht
hast, und weil es so ein schöner Sommerabend ist, so will ich Dir
auch erzählen von dem großen Mittagessen, was Anno 1840, am to
29. des Monats Oktober in Bremen, Martini Numero elf im König¬
lich sächsischen Konsulat gefeiert wurde. Jetzt aber kann ich Dir
nur soviel sagen, daß an Madeira, Portwein, Pouillak, Haut Sau¬
ternes und Rheinwein heut mittag ganz ungeheure Quantitäten
werden vertrunken werden. Denn obwohl nur fünf Herren da sind, 35
so trinken sie alle doch sehr gut, fast so gut wie ich. — Augen¬
blicklich haben wir Freimarkt, und wenn ich auch nicht die Ehre
habe, Ihrer königlichen Hoheit einer Großherzogin und vielen
allerdurchlauchtigsten Prinzessinnen vorgestellt zu werden, so
haben wir doch auch Spaß. Ich bin glücklicherweise so kurzsich- 40
tig, daß ich gar nicht weiß, wie die paar hohen, höchsten und aller¬
höchsten Personen, die die Ehre gehabt haben, an mir vorbeizu-
1) Der Name in Kinderhandschrift
1840 Okt. 29
Briefe an seine Schwester Marie
601
fahren, aussehen. Wenn Dir nächstens wieder so eine Allergnä¬
digste vorgestellt wird, so schreib mir doch, ob sie hübsch ist,
sonst interessieren mich solche Persönlichkeiten gar nicht. Unser
edler Ratskeller ist jetzt so schön eingerichtet, wie er nur sein
« kann, man sitzt so recht schön zwischen den Fässern. Vorigen
Sonntag hatten wir einen Schnurrbartkommers drin. Ich habe näm¬
lich ein Zirkular ausgehen lassen an alle schnurrbartsfähigen
jungen Leute, daß es endlich Zeit wäre, all die Philister zu per-
horreszieren, und daß das nicht besser geschehen könnte, als daß
io wir Schnurrbärte trügen. Wer also Courage genug hätte, der Phi¬
listerei zu trotzen und einen Schnurrbart zu tragen, der sollte sich
unterschreiben. Gleich hatt’ ich ein Dutzend Schnurrbärte zusam¬
men, und nun wurde der 25. Oktober, als an welchem Tage unsre
Schnurrbärte einen Monat alt wurden, zu einem gemeinschaft-
k liehen Schnurrbartsjubiläum angesetzt. Ich dachte mir aber wohl,
wie es kommen würde, kaufte ein wenig Schnurrbartwichse und
nahm sie mit hin ; da fand sich denn, daß der Eine zwar einen sehr
schönen, aber leider ganz weißen Bart hatte, der Andre aber von
seinem Prinzipal die Weisung bekommen hatte, das verbreche-
20 rische Ding wegzuhacken. Genug, heut Abend mußten wir wenig¬
stens welche haben, und wer keinen hatte, mußte sich einen malen.
Dann stand ich auf und brachte folgende Gesundheit aus:
Einen Schnurrbart trugen jeder Zeit
Alle tapfem Männer weit und breit,
2,i Und die fürs Vaterland schwangen das Schwert,
Trugen Alle schwarz’ und braune Schnurrbärt’.
Drum sollen in diesen kriegerischen Tagen
Wir AIP einen stolzen Schnurrbart tragen.
Die Philister freilich haben’s nicht gelitten
so Und sich die Schnurrbärte weggeschnitten,
Wir aber sind keine Philister nicht,
Drum lassen wir wachsen den Schnurrbart dicht,
Hoch lebe jeder gute Christ,
Der mit einem Schnurrbart behaftet ist,
33 Und Alle Philister pereant,
Die die Schnurrbärt’ haben verpönt und verbannt.
Auf diese Knüttelverse wurde mit großem Enthusiasmus ange¬
stoßen, und dann trat ein Andrer auf. Diesem wollte sein Prin¬
zipal keinen Hausschlüssel geben, und so mußte er um zehn Uhr
i0 zu Hause sein, sonst wurde das Haus zugeschlossen und sie ließen
ihn nicht mehr ein. Es geht hier manchem armen Teufel so. Dieser
sagte:
602
Briefe an seine Schwester Marie
1840 Okt. 29
Pereant Alle
Prinzipale,
Die nicht hergeben den Hausschlüssel!
Haare und Fliegen mögen sie finden
Beim Abendessen in der Schüssel, 5
Und sich schlaflos im Bette winden!
Darauf wurde wieder angestoßen. So ging’s fort bis um zehn
Uhr, da mußten die Hausschlüssellosen nach Haus, wir Glück¬
lichen aber, die wir Hausschlüssel haben, blieben sitzen und aßen
Austern. Ich hab acht Stück gegessen, mehr aber könnt’ ich nicht, 10
ich kann bis jetzt das Zeug nicht goutieren.
Da Du so gern Rechnungen hast und mich sogar dafür mit
dem gelben Kuvertorden belohnen willst, so will ich die Gnade
haben, Dich mit der Bemerkung zu regalieren, daß Kurant jetzt
106^2 °/o steht, während es vor einem Jahre 114 stand. Die Louis-
dors fallen so, daß derjenige, der hier in Bremen eine Million
Taler vor einem Jahre hatte, jetzt nur noch neunhunderttausend,
also hunderttausend Taler weniger hat. Ist das nicht enorm?
Du schreibst mir noch immer Nichts von dem Wisch für Ida,
hast Du ihn gekriegt und abgegeben oder nicht? Es wäre mir 20
fatal, wenn ich ihn nicht abgeschickt hätte und er hier liegen ge¬
blieben und dem Alten in die Hände gekommen wäre. Schreib
mir also und zwar den langen sechsseitigen Brief, den Du mir
versprochen hast. Ich werde mich zu revanchieren wissen. Hier
auf dem Kuvert wirst Du wieder mit einigen Rechnereien rega- 25
liert, die Du Dir zu Herzen nehmen kannst. Daß ich diesen Brief
noch einmal abschreiben mußte, daran ist Herr Timoleon Miese¬
gans in Bremen Schuld, derselbe, den der Alte vor zwei Jahren
einmal aus dem Hause geworfen hat. Mit Achtung und Ergeben¬
heit Friedrich. 30
Bremen, 29. Okt. 1840.
[Auf der Adreßseite]
Fräulein Marie Engels im großherzoglichen Institut zu M a n n -
heim.
[Poststempel] Bremen 30. Okt. Mannheim 2. Nov.
1840 Dez. 6—9
Briefe an seine Schwester Marie
603
Engels an seine Schwester Marie in Mann¬
heim; Bremen 1840 Dezember 6—9
Original im Besitze der Familie Mittelstenscheid, Barmen
Alleruntertänigstes Danksagungsschreiben des mit dem gelben
5 Kuvertorden allergnädigst begnadigten F. Engels.
Wohlgebornes! Hochzuverehrendes Fräulein!
Der alleruntertänigst Unterzeichnete, den Ew. Wohlgeboren un-
verdientest mit dem gelben Kuvertorden zu beleihen Allergnädigst
geruheten, verfehlt nicht, Allergehorsamst seinen allerergeben-
sten Dank zu Allerhöchst dero erhabnen Füßen niederzulegen.
Alleruntertänigst derselbe hat auch nicht umhin können, die
hohe Gnade zu bewundern, nach welcher Allerhöchstdieseiben das
begleitende Handbillet Dero dienstwilligstem Knechte offen und
aller Welt zugänglich zugehen ließen, so daß Jedermann sich
16 von der hohen Gnade überzeugen konnte, welche Dero erhabne
Milde und umfassende Weisheit mir geruheten zu Teil werden
zu lassen.
Schließlich empfiehlt sich Dero gnädigstem Andenken Aller-
höchstdero in tiefster Ehrfurcht ersterbende [r] alleruntertänigster
20 Fr. Engels.
Bremen, 6. Dez. 1840.
Ich habe Deinen Brief offen bekommen. Die elende Oblate
war abgesprungen.
Liebe Marie!
25 Um aus der Form zu fallen, die ich für die erste Seite dieses
Briefes gewählt hatte, bin ich Dir gar nicht dankbar für die
schlechten Oblaten, mit denen Du Deine Briefe versiegelst, und
die halbwegs auf springen. Mit welchem Kuvertorden Du mich
beglücken willst, ist mir einerlei, aber hau’ ein reelles Petschaft
so drauf in des Kuckucks Namen, daß die Geschichten nicht schon
in Mainz auseinanderfallen. Vorgestern war der Anna ihr Ge¬
burtstag oder gestern, das weiß ich nicht, ich hab ihn gestern ge¬
feiert in Schwachhausen mit einer Portion Kaffee, kost’ mich
6 Grote, ist das nicht brüderliche Liebe? Sonnabend vor acht
36 Tagen, als ich 20 Jahr wurde, feiert’ ich meinen Geburtstag mit
Zahnschmerzen und einer dicken Backe, welches mir infame Pein
machte. Auch wirst Du gehört haben, daß Napoleons Leiche in
Frankreich angekommen ist, hei, das wird ein Skandal werden!
Ich wollt’, ich wäre jetzt in Paris, das ist ein Witz! Liest Du auch
io die Zeitung? Hast Du an Krieg geglaubt? Was denkst Du vom
604.
Briefe an seine Schwester Marie
1840 Dez. 6—9
Ministerium Guizot und Soult? Singst Du auch das schlechte
Lied: Sie sollen ihn nicht haben?, während Du, wenn Du weit
gucken kannst, die französische Grenze jenseits des Rheins sehen
kannst. Wir haben jetzt Fechtstunde, ich schlage alle Woche vier¬
mal, heut Mittag auch wieder. Auf der andern Seite kannst Du 5
mich beschauen, wie ich haue.
Den 8. Dezember.
Gestern hatt’ ich höllisch viel zu tun und heut morgen auch.
Jetzt will ich diesen Brief an Dich schließen und dann werd’ ich
wohl zum Kaffeetrinken kommen. Hörst Du, zu Weihnachten io
machst Du mir eine neue Zigarrentasche, und zwar schwarz, rot
und gold, das sind die einzigen Farben, die ich leiden mag.
„Rot wie die Liebe sei der Brüder Zeichen,
Rein wie das Gold der Sinn, der uns durchglüht,
Und daß wir auch im Tode nimmer weichen, is
Sei schwarz das Band, das unsre Brust umzieht.“
Aus einem verbotenen Studentenliede. Hier haben einige
Schafsköpfe einen Verein gestiftet, wo sie Reden halten, und da
soll ich einmal hospitieren und nolens volens eine Rede halten.
0 weh, das wird schönes Zeug werden. Übrigens kann ich sehr 20
gut predigen, auch ohne vorher drauf studiert zu haben, und
wenn’s aufs Lügen ankommt, da bin ich gar nicht still zu kriegen,
das geht in Einem fort. Wenn ich auf dem Landtag wäre, so ließ’
1840 Dez. 6—9
Briefe an seine Schwester Marie
605
ich keinen zu Worte kommen. — Ich habe mich jetzt in meinem
Schnurrbart malen lassen und damit Du siehst, wie ich aussehe,
5
10
15
20
kopiere ich das Bild. Du siehst, daß
ich gemalt bin, als ich wütend war.
Die Zigarre wollte nämlich nicht
ziehen. In diesem Augenblick er¬
schien ich so geistreich, daß der
Maler mich beschwor, ich solle mich
in dieser Situation malen
lassen. Ich legte mir alle
schlechten Zigarren zurück,
und jedesmal, wenn ich
wieder saß, rauchte ich ein
solches gräßliches Ding. Das war mir die größte Pein.
Freu Dich, daß Du nichts mit Musterkisten zu tun hast! Das
ist ein Unsinn und eine Konfusion erster Klasse, da kann man den
ganzen Tag auf dem Packhausboden am offnen Fenster stehn
in dieser Kälte und Leinen packen, das ist das Fürchterlichste,
und zuletzt kommt doch nur Unsinn dabei heraus.
Meine teure Schwester, ich bin Dein ergebener
[Auf der Adreßseite]
Fräulein Marie Engels im großherzogl. Institut, Mannheim.
[Poststempel] Bremen 9. Dez. Mannheim 11. Dez.
606
Briefe an seine Schwester Marie
1840 Dez. 21—28
Engels an seine Schwester Marie in Mann¬
heim; [Bremen] 1840 Dezember 21—28
Original im Besitze der Familie Mittelstenscheid, Barmen
Den 21. Dez. 40.
Liebe Marie! 5
Ich kann mich nicht enthalten, Dir meinen Dank für die schöne
Zigarrentasche zu sagen, an der nichts fehlt, als daß sie nicht
schwarz-rot-gold ist. Sie ist zufällig schon heute in meinen Besitz
gekommen und gleich in Tätigkeit gesetzt worden. — Es ist hier
ungeheuer kalt gewesen, den ganzen Dezember hat’s in Einem w
fort gefroren und friert noch, die Weser ist zu bis Vegesack,
4 Stunden von hier, was äußerst merkwürdig aussieht. Dieser Tage
waren ein paar Barmer hier, da haben wir ein famos fideles Leben
geführt, alle Kneipen visitiert, stets das Glas gerührt und zuweilen
einen kleinen Spitz verspürt. Inliegend findest du einen Mahn- 13
brief von meinem ehemaligen spanischen Lehrer, wenn Du ihn
verstehst, so will ich Dir einen neuen Hut schenken. Vielleicht ist
doch Jemand in Eurer Pension, der so viel Spanisch versteht, und
mir liegt das Ding hier im Wege. — Übrigens weiß ich kaum, was
ich Dir schreiben soll, eine Zuckerfabrik ist hier abgebrannt, und zu
der Alte will nicht aus dem Comptoir gehen, obwohl ich wirklich
schmachte nach einer Zigarre. —
Den 23.
Gestern Abend hatten wir Paukstunde, als die saubere Nach¬
richt kam, es sei schon wieder Feuer, und zwar in der Neustadt. -5
Aus Pflichtgefühl gingen wir hin, und als wir hinkamen, war es
schon aus. Das hat man davon. Man soll immer hübsch zu Hause
bleiben, bis es einem auf die Nase brennt. Die Mutter hat mir zu
Weihnachten eine Anweisung auf Goethes sämtliche Werke ge¬
schickt, ich habe mir gestern gleich die zuerst erschienenen Bände 30
geholt und gestern Abend bis zwölf mit dem größten Genuß in den
Wahlverwandtschaften gelesen. Das ist ein Kerl, der Goethe!
Wenn Du noch so ein Deutsch schriebst wie der, so wollt’ ich Dir
alle fremden Sprachen gern erlassen. Übrigens ist es sehr über¬
flüssig, daß Du einen Rand läßt, wenn Du an mich schreibst, die 35
Oktavseiten sind schmal genug, und von dieser bequemen Manier,
viele Seiten voll zu schreiben, ohne viel zu schreiben, mag ich
nichts hören. Wonach zu achten! sagt Professor Hantschke. —
Den 24. Dez.
Du wirst jetzt in einer ungeheuren Aufregung sein, das kann 40
ich mir denken, und großartige Hoffnungen. Ich bin begierig, was
da herauskommen wird. Du wirst mich doch mit erster Post von
1840 Dez. 21—28
Briefe an seine Schwester Marie
607
diesem wichtigen Vorgänge in Kenntnis setzen? Ich werde dafür
sorgen, daß es gleich hier in die Zeitung kommt.
Hier nebenbei sind einige Züge, Schwänke und Unterschriften,
wodurch ich meinem auf seine vierkantigen Züge stolzen Jüngsten
s die Gewandtheit meiner Hand bewies.
Den 28. Dez.
Die Weser ist jetzt ganz zugefroren, so daß man mit Wagen
darauf spazieren fährt. Ich glaube, daß man bis Vegesack, was
auf der Weser 5 Stunden sind, Schlittschuh laufen könnte. Nach¬
mittags geht der ganze beau monde darauf spazieren, und
io die Damen schlagen Bahn, um sich von den Herren absetzen zu
lassen, was ihnen immer ein großes Pläsier macht. Die Bäume
sehen aus, als wären sie von Schnee, so dicht sind sie mit einer
weißen Kruste überzogen. — Die Pastorin hat mir zu Weihnachten
einen schwarz rot goldnen Geldbeutel gestickt, und Marie eine
is schwarz rot goldne Pfeifentrottel, die sich ganz ungeheuer macht.
Heute ist es 9 Grad kalt, das ist ein Leben! Ich mag nichts lieber,
als diese kalte wirkungslose Sonne, die über der winterharten
Erde aufgeht. Keine Wolke am Himmel, kein Dreck auf der Erde,
alles hart und fest wieStahl und Diamant. Die Luft istnicht so schlaff
20 und schwindsüchtig wie im Sommer, man fühlt sie jetzt doch,
608
Briefe an seine Schwester Marie
1840 Dez. 21—28
wenn man herausgeht. Die ganze Stadt ist voll Gletscher, die Leute
gehen nicht mehr, sie fallen von einer Straße in die andre. Jetzt
merkt man doch einmal wieder, daß es Winter ist. Ich hoffe, Ihr
lernt in Mannheim, unter andern ersprießlichen Kunststücken
auch das Schlittschuhlaufen, damit Du mir nicht als ein frostiges, s
ofenhockerisches, nicht aus der Stube zu kriegendes Dämlein nach
Hause kommst, was ich mir bestens verbeten haben will. Wo Du
mir aber so frostscheu ankommst, so werde ich Dich auf einen
Schlitten binden, den Pferden brennenden Schwamm ins Ohr
legen und Dich so in die weite Welt jagen. Oder ich binde Dir io
Schlittschuh unter und trage Dich mitten auf den Teich und laß
Dich da allein krabbeln.
Meine sehr liebe Schwester!
Diesen Brief bekommst Du, wenn meine Berechnungen sich
nicht schneiden, am Neujahrstage. Ich wünsche Dir zu diesem mir is
und wohl auch Dir sehr erwünscht kommenden Festtage alles,
was Du verlangst, da dieser Wunsch mich nichts kostet, und hoffe,
daß Deine Wünsche für mich wenigstens ebenso christlich sein
werden. Möge es Dir in dem neuen Jahre ebensogut in Mann¬
heim gefallen, wie es Dir im alten, Deinen Briefen nach, gefallen 20
hat. (Dies schreibe ich für den Fall, daß dieser Brief vorher eine
Zensur zu bestehen hat, ehe er in Deine Hände kommt.)
Dein Friedrich.
B. 28. 12. 40.
Engels an seine Schwester Marie in Mann- 25
heim; Bremen 1841 Februar 18
Original im Besitze der Familie Mittelstenscheid, Barmen
Liebe Marie!
Diesmal sollst Du einen recht schweren Brief bekommen. Ich
wollte Dir erst sogar auf Pappdeckel schreiben, damit Du recht 30
viel Porto zu blechen hättest, konnte aber leider kein planiertes
Stück bekommen und muß nun auf das schwerste Papier schrei¬
ben, das in unsrem Papiermagazin aufzufinden war. Wenn Du
nicht weißt, was Paukstunde ist, so zeugt das, daß Du in der Kultur
schmählich zurückgeblieben bist; daß Du es aber aus der bei- 35
gefügten Zeichnung nicht gesehen hast, zeugt auch von natürlicher
Beschränktheit, und man sieht, daß nicht nur der Hopfen der Bil¬
dung, sondern auch das Malz des Mutterwitzes an Dir verloren
ist. In Eurem schlechten Deutsch bedeutet Paukstunde so viel wie
Fechtstunde. Ich habe mir jetzt auch ein paar Schläger und Hand- 40
schuhe angestiegen, die einzigen Handschuhe, die ich habe, denn
mit Glacé etc. gebe ich mich nicht ab.
1841 Febr. 18
Briefe an seine Schwester Marie
609
Bei dem Stabat mater dolorosa etc. fällt mir ein, sieh doch
einmal zu, ob dieses Ding von Pergolese komponiert ist. Ist es das,
so schaffe mir womöglich eine Abschrift der Partitur, wenn Instru¬
mente dabei sind, die brauch ich nicht, bloß die Singstimmen.
5 Ist es aber von Palestrina oder von einem andren, so brauch ich’s
nicht. Übermorgen führen wir den Paulus von Mendelssohn auf,
das beste Oratorium, das seit Händels Tode geschrieben worden
ist. Du wirst es kennen. Ins Theater geh ich sehr selten, da das
hiesige schändlich schlecht ist, und nur, wenn ein neues Stück
io oder eine gute Oper, die ich noch nicht kenne, gegeben wird, geh
ich zuweilen hin. —
Seit meinem letzten Briefe haben wir hier eine schöne Über¬
schwemmung gehabt. Das Wasser stand bei Treviranus zwölf bis
vierzehn Zoll hoch in meiner Stube, und ich mußte zum Alten
15 flüchten, der mich mit gewohnter Güte beinahe vierzehn Tage be¬
herbergte. Da aber ging der Tanz erst recht los. Das Wasser stand
anderthalb Fuß vor dem Hause, und damit es nicht in den Keller
käme, der eine Luke hat, mauerten wir diese mit Kuhmist zu. Aber
das maliziöse Wasser lief nun aus dem Keller des Nachbars in
2o unsren durch die Wand, und damit unsre schönen Rumfässer und
Kartoffeln und vor allem der wohlassortierteWeinkeller des Alten
nicht ersoff, mußten wir Tag und Nacht pumpen, vier Nächte
hintereinander, die ich alle vier durchgepumpt habe. Wilhelm
Leupold und ich blieben gewöhnlich zusammen auf, setzten uns
25 hinter den Tisch aufs Sofa, auf dem Tisch einige Flaschen Wein,
Wurst und ein großes Stück vom edelsten Hamburger Rauch¬
fleisch. Dabei wurde geraucht, geschwatzt und alle halbe Stunden
gepumpt. Es war sehr ergötzlich. Um fünf Uhr Morgens kam dann
der Alte und löste einen von uns ab. Bei dieser Überschwemmung
30 sind rührende Dinge vorgefallen. In einem Hause vor der Stadt,
das bis an die Fenster des untersten Stocks voll Wasser stand,
sahen die Leute plötzlich eine ungeheure Masse Ratten an¬
schwimmen, die durch die Fenster hineinkamen und das ganze
Haus besetzten. In diesem Hause waren außerdem lauter ratten-
35 scheue Frauenzimmer, gar kein Mann, so daß die zarten Damen
sich trotz ihrer Angst entschließen mußten, mit Säbeln, Stöcken
etc. auf die wilde Horde loszugehen. In einem Hause, das ganz
an der Weser liegt, saßen eben die Comptoiristen beim Frühstück,
als eine große Eisscholle herabgetrieben kam, die Wand durch-
40 stieß und den unbescheidenen Kopf ins Zimmer steckte, worauf
denn gleich eine gute Portion Wasser nachfolgte. Jetzt will ich
Dir auch eine Neuigkeit mitteilen. Du erinnerst Dich, daß ich Dir
einmal sehr geheimnisvoll von einem großen Mittagessen schrieb,
welches im Kgl. sächsischen Konsulat gegeben wurde und wo-
45 bei große Geheimnisse vorfielen. Jetzt kann ich Dir sagen, daß
Marx-Engels-Gesamtausgabe, I. Abt., Bd. 2. 39
610
Briefe an seine Schwester Marie
1841 Febr. 18
die Person, welcher dieses Mittagessen zu Ehren gegeben wurde,
die dame souveraine des pensées, die donna amada mais que la
vida von meinem zweiten Prinzipal, dem oben erwähnten Wilhelm
Leupold war. Er hat mir während der Überschwemmung seine
Ostern erfolgende öffentliche Verlobung offiziell angezeigt, und 5
ich will, im Glauben an Deine Verschwiegenheit, Dir dieses mit¬
teilen, schwatzen aber darfst Du noch nicht davon, denn es wird
erst mit Ostern publik. Du siehst, wie sehr ich Dir vertraue, denn
wenn Du davon sprichst, so könnte es in drei Tagen sich bis hie-
her nach Bremen fortgepflanzt haben, da es überall schwatzhafte w
F rauenzimmer gibt. Und dann käm’ ich in eine schöne Patsche. —
Die Braut W. L[eupold]s heißt Therese Meyer, Tochter vom
Stockmeyer in Hamburg. Stockmeyer heißt dieser aber, weil er
eine Fabrik von Spazierstöcken hat, wodurch er sich schweres
Geld erworben hat. Sie trägt, d.h. nicht die Fabrik, sondern^
Therese, einen blauen Spenzer und ein helles Kleid, ist siebzehn
Jahre alt und so mager wie Du, wenn Du indessen in Mannheim
nicht zugenommen hast. Sie ist noch nicht einmal konfirmiert, ist
das nicht schrecklich?
Heute hab ich mir meinen Schnurrbart wieder abgeschnitten 20
und die jugendliche Leiche unter schweren Klagen begraben. Ich
sehe aus wie ein Weib, es ist schändlich; und wenn ich gewußt
hätt, daß ich ohne Bart so schändlich ausseh, so hätt’ ich ihn
gewiß nicht heruntergehauen. Als ich mit der Schere vor dem
Spiegel stand und die rechte Seite fortgesäbelt hatte, kam der 25
Alte aufs Comptoir und mußte laut lachen, als er mich mit dem
halben Schnurrbart sah. Jetzt lass ich ihn aber wieder wachsen,
denn ich kann mich ja nirgends sehen lassen. In der Singakademie
war ich der Einzige mit einem Schnurrbart und hab mich immer
über die Philister amüsiert, die sich gar nicht genug wunderten, 30
daß ich die Frechheit haben konnte, so unrasiert in anständige
Gesellschaft zu gehen. Den Damen hat’s übrigens doch sehr ge¬
fallen und meinem Alten auch. Gestern Abend noch im Konzert
standen sechs jugendliche Stutzer um mich herum, alle im Frack
mit Glacéhandschuhen, ich stellte mich zwischen sie im gewöhn- 35
liehen Rock, ohne Handschuh. Die Kerls haben den ganzen
Abend über mich und meine borstige Oberlippe glossiert. Das
Schönste ist, vor einem Vierteljahr kannte mich kein Mensch
hier, und jetzt kennt mich alle Welt, bloß wegen dem Schnurrbart.
0 über die Philister! *o
Br., 18. Februar 1841. Dein Friedrich.
[Auf der Adreßseite]
Fräulein Marie Engels im großherzoglichen Institut
zu Mannheim.
[Poststempel] Bremen 19. Febr. Mannheim 23. Febr. 45
1841 März 8—11
Briefe an seine Schwester Marie
611
Engels an seine Schwester Marie in Mann¬
heim; Bremen 1841 März 8—11
Original im Besitze der Familie Mittelstenscheid, Barmen
Liebe Marie!
Bremen, 8. März 1841.
„So hochachtungsvoll wie ergebenst“, das waren die letzten
Worte eines Geschäftsbriefes, mit dem ich meine heutige Comp¬
toirtätigkeit schloß, um — um — um — nun, wie drück ich mich
am zierlichsten aus?1} Ach was, die Verse wollen nicht fließen,
io man sagt’s am besten grad heraus, um an Dich zu schreiben. Da ich
mich aber noch mit der Verdauung des Mittagessens beschäftigt
bin, so hab ich keine Zeit, viel zu denken, sondern muß Dir schon
schreiben, was mir eben durch den Kopf kommt. Mein erster Ge¬
danke aber ist eine Zigarre, welche sogleich entflammt werden
io soll, da Seine Majestät sich wegbegeben hat. Seine Majestät ist
nämlich der Alte, der diesen Titel bekommen hat, da wir ent¬
schlossen sind, uns im Hofstil zu üben. Denn es ist ja bestimmt
und sicher, daß das ganze Leupoldsche Comptoir demnächst noch
einmal Minister und geheime Kammerherrn wird. Du sollst Dich
20 wundern, wenn Du mich mit dem goldnen Schlüssel am schwarzen
Frack siehst — ich werde dann natürlich ebenso steif sein wie ich
bisher mein Lebenlang gewesen bin, und meinen Schnurrbart
schneid ich keinem König zu Gefallen ab. Er ist jetzt wieder im
besten Flor, am Wachsen, und wenn ich, wie ich nicht zweifle, im
25 Frühjahr das Vergnügen haben sollte, Dich in Mannheim zu be-
30
35
40
kneipen, so sollst Du Dich über seine Glorie wundern.
Der Richard Roth ist heut vor acht Tagen
hier weggegangen, um eine große Reise zu
machen, nach Süddeutschland und der
Schweiz. Ich danke Gott, daß ich nun auch
dies langweilige Nest verlasse, wo man
Nichts tun kann als fechten, essen, trinken,
schlafen und ochsen, voilà tout. Ich weiß
nicht, ob Du schon gehört hast, daß ich Ende
April mit dem Vater wahrscheinlich nach
Italien gehen werde, bei welcher Gelegen¬
heit ich Dir die Ehre meines Besuchs antun
werde. Wenn Du Dich anständig machst,
bring ich Dir vielleicht auch was mit, bist
Du aber aufgeblasen und hast einen Schuß
im Nacken, so bekommst Du schwere Risse.
Auch wirst Du der gerechten Strafe nicht
i) Danach gestrichen den Türken gleich
39*
612
Briefe an seine Schwester Marie
1841 März 8—11
entgehen, wenn Du wieder solchen nonsense schreibst wie in
Deinem vorletzten Brief von der Paukstunde, womit Du mich hast
foppen wollen. Daß das Stabat mater von Pergolese ist, hab ich
mit Vergnügen erfahren; Du mußt mir
jedenfalls eine Kopie des Klavierauszugs 5
mit allen Singstimmen schaffen und zwar so,
daß das gleichzeitig gesungne und gespielte
obeneinander steht wie in einem Opern¬
klavierauszuge. Tenor und Baß fällt mir
eben ein, fehlt aber wohl bei dem Pfergo- io
lese] sehen Stabat mater; dafür werden meh¬
rere Soprane und Alte dasein. Schadt nichts.
Wenn ich wirklich dies Frühjahr nach Mailand komme, so
treffe ich dort mit Roth und dem Elberfelder Wilhelm Blank zu¬
sammen und wir richten dort ein fideles Leben ein bei türkischem 15
Tabak und Lagrime di Cristo. Die Italiener sollen noch ein hal¬
bes Jahr nachher von den drei lustigen Deutschen schwatzen, so
berühmt wollen wir uns machen.
Deine Beschreibung Eures unschuldigen Karnevals hat mich
sehr amüsiert. Ich hätt Dich sehen mögen. Hier ist nicht viel 20
Witz losgewesen außer ein paar ennuyanten Redouten, die ich
nicht besucht habe. In Berlin ist der Karneval auch schmählich
skandalös abgelaufen. Am Besten könnens doch immer noch die
Kölner. —
Eins hast Du doch weniger als ich, Du kannst heute Mitt- 25
woch den 10. März nicht Beethovens Cmoll Symphonie hören, und
ich doch. Diese und die Sinfonia eroica sind meine Lieblings¬
stücke. Exerzier Dich nur ja recht ein, Beethovensche Sonaten
und Symphonien zu spielen, damit Du mir nachher keine Schande
machst. Ich höre sie aber nicht im Klavierauszug, sondern von 30
vollem Orchester.
Den 11. März. Das ist gestern Abend eine Symphonie gewesen!
So was hast Du in Deinem Leben noch nicht gehört, wenn Du die¬
ses Prachtstück noch nicht kennst. Diese verzweiflungsvolle Zer¬
rissenheit im ersten Satze, diese elegische Wehmut, diese weiche 35
Liebesklage im Adagio, und dieser gewaltige, jugendliche Posau¬
nenjubel der Freiheit im dritten und vierten Satze! Außerdem
hat sich gestern noch ein jämmerlicher Franzose hören lassen, der
sang ein Ding, das ging so:
1841 März 8—11
Briefe an seine Schwester Marie
613
und soweiter, keine Melodie und keine Harmonie, ein jämmer¬
licher französischer Text, und der ganze Witz war tituliert L’Exilé
de France. Wenn alle aus Frankreich Verbannten ein solches
Katzengewinsel erheben, so wird man sie nirgends haben wollen.
5 Auch sang dieser Flegel ein Lied: Le toréador, d. h. der Stierfech¬
ter, wobei alle fingerlang der Refrain vorkam: Ah que j’aime
l’Espagne! Dieses war womöglich noch erbärmlicher und ging
ebensobald mit Quintensprüngen, bald in chromatischen Gängen
sich krümmend, als wenn’s Bauchweh bedeuten sollt. Wär nicht
io zum Schluß die prachtvolle Symphonie gekommen, so wär ich weg¬
gelaufen und hätt’ den Raben krächzen lassen, denn er hatt’ einen
erbärmlich dünnen Bariton. Im Übrigen schick mir nächstens
besser gefaltete Briefe. Die Form
ist sehr unpraktisch
und geschmacklos, es muß
is achten. Semper Tuus
oder
sein, wonach zu
Friedrich.
Engels an seine Schwester Marie in Mann¬
heim; Barmen 1841 April 5
Original im Besitze der Familie Mittelstenscheid, Barmen
20 Warum hast Du mir nicht nach Bremen geschrieben? Über¬
haupt verdientest Du gar nicht, daß ich Dir jetzt noch schrieb,
aber ich will einmal eine Ausnahme machen und Dich in Deiner
Mannheimer Verlassenheit mit ein paar Zeilen erfreuen. Man
hat mich hier auf der Stube neben meiner alten, jetzigen Musik-
25 stube, angesiedelt, wo ich mich jetzt unter lauter italienischen
Büchern vergrabe und zuweilen aufstehe, um mit dem Hermann
oder Adolf einen Gang auf Hieb und Stich zu machen. Ich habe
eben mit August, Hermann und Bernhard gefochten und bin des¬
halb etwas zitterig in der Hand, daher ich auch heute eine sehr
30 schlechte und gelehrte Handschrift habe. Gestern als wir nach
Vohwinkel waren, hab ich fast alle getroffen, mit denen ich frü¬
her auf dem Gymnasium war. —
Es ist sehr schönes Wetter, und ich hab heut noch einen jäm¬
merlich langweiligen Besuch bei Wemhöners vor. Den Emil werd
35 ich von Dir grüßen. Luise Snethlage hat sich ja den Hermann
Siebel zugelegt und scheint sich sehr wohl dabei zu befinden. Im
Übrigen ist ganz Barmen auf dem alten Fuß geblieben, und ich
habe Dir nur noch eine baldige Erfüllung Deiner Pflichten gegen
mich ans Herz zu legen.
40 Der Deinige Friedrich.
Barmen, 5. April 41.
614
Briefe an seine Schwester Marie
1841 Anfang Mai
Engels an seine Schwester Marie in Mann¬
heim; [Barmen 1841 ca. Anfang Mai]
Original im Besitze der Familie Mittelstenscheid, Barmen
Liebe Marie!
Gestern Abend begann ich einen Brief an Dich, kam aber nicht 5
über die dritte Zeile hinaus, und das schnitt die Anna ab, um die¬
ses Papier noch zu benützen. Deine beiden Briefe hab ich bekom¬
men, auch den Bremer, der eine schöne Reise gemacht hat. Im
Übrigen geht’s hier ziemlich trocken, wenn nicht etwa dann und
wann ein Abendessen mit etwas Maitrank, ein Bierkommers, eine 10
Kneiperei oder Regenwetter in Bänken ist. Das Beste an der gan¬
zen Wirtschaft ist, daß ich den ganzen Tag rauche, was unbe¬
zweifelt ein hoher unbezahlbarer Genuß ist. Von Bremen hab ich
mit meiner Kiste noch einige sehr hübsche Arbeiten bekommen,
ein Zigarrenkörbchen, Aschenbecher, Pfeifentroddel etc. Der 15
Vater ist nach Engelskirchen, ich sitze in seinem Schläfer mit
der langen Pfeife auf seinem Bock und dampfe ein Erkleckliches.
In acht bis zehn Tagen werden wir wohl nach Mailand abreisen,
wobei uns nur gutes Wetter zu wünschen ist. Heut regnet’s wieder
toll drauf los. Ich bin begierig, wie Du Dich in Mannheim ent- 20
wickelt haben wirst, ob Du noch dasselbe magre, alberne Küken
von ehemals bist oder Dir neue Tollheiten zugelegt hast. Die Anna
hat auch zuweilen so einen tollen Strich und ergeht sich dann in
Albernheiten, ihr drittes Wort ist: „Og, Drikes!“ Der Hermann
entwickelt glänzende Anlage zum Hypochonder, kann oft tage- 25
lang mit dem gleichgültigsten Gesicht von der Welt dasitzen, das
Maul hangen lassen und kein Wort sprechen. Kriegt er dann plötz¬
lich den Rappel, so weiß er sich vor Tollheit nicht zu lassen. Der
Emil ist noch immer groß in Mißverständnissen. Hedwig ent¬
wickelt, etwas Eigensinn ausgenommen, sehr wenig Charakter. 30
Rudolf ist ein Kerl wie der Hermann war, er daselt den halben
Tag in Träumen herum, und die übrige Zeit macht er dumme
Streiche. Sein größtes Pläsier ist, wenn ich ihm ein Rappier gebe
und es ihm aus der Faust schlage. Die kleine Elise wird sich be¬
deutend machen, jetzt aber ist sie noch unbedeutend. Sie zeigt 35
Keime von Liebenswürdigkeit und sticht Euch am Ende alle aus.
Und Ich? ich würde vielleicht interessant aussehen, hätte ich statt
meines jetzigen jungen Schnurrbarts noch meinen alten Bremer
und meinen langen Haarwuchs.
Jetzt hast Du für heut genug, ich schreib Dir von Mailand aus, 40
wenn wir dort Regenwetter haben sollten.
Dein
Friedrich.
1841 Sept. 9
Briefe an seine Schwester Marie
615
Engels an seine Schwester Marie in Mann¬
heim; [Barmen 1841 ca. Ende August]
Original im Besitze der Familie Mittelstenscheid, Barmen
Liebe Marie!
5 Wenn ich Dir denn durchaus schreiben soll, so muß ich Dir
vorher sagen, daß es nicht viel werden wird, denn hier fällt nichts
vor. Hochzeiten, Visiten, ei nun, da geh ich hin, eß und trink,
und hintennach einen langen Klatsch drüber halten, das ist doch
unmöglich für mich. Dergleichen bist Du auch nicht von mir ge-
io wohnt. Ich sitze jetzt fast den ganzen Tag oben auf meiner Stube,
lese und rauche wie ein Dampfmaschinenschornstein, fechte, daß
die Klingen bersten und amüsiere mich so gut wie möglich. Das
schändlich schlechte Wetter bringt mich fast zum Verzweifeln,
man kann nicht nach Elberfeld gehen ohne zu riskieren, dreimal
is durch naß zu werden. Unglücklicher Weise gibt es zwischen hier
und Elberfeld auch nur eine Station, wohin man sich retirieren
kann, wenn’s zu arg wird, nämlich die Bierkirche. Und da kost’
das Glas Bier noch dazu 2 Silbergroschen. Im Übrigen geht nichts
vor sich, sondern alles hinter sich. Von meiner Abreise nach Ber-
20 lin ist noch nicht die Rede, das hat Zeit, ich kümmere mich um
Nix und laß die andern sorgen. Willst Du mehr Briefes haben, so
meld Dich und schreib mir was Schönes.
Dein Bruder
Friedrich.
25 [Auf der Adreßseite]
To Miss Mary Engels, Mannheim
Engels an seine Schwester Marie in Mann¬
heim; Barmen 1841 September 9.
Original im Besitze der Familie Mittelstenscheid, Barmen
so Liebe Marie!
Die Mutter behauptet, daß ich Dir zuletzt einen Wisch, der
keiner Beantwortung wert sei, und keinen Brief geschrieben hätte,
und da Du mir auf besagten Wisch nicht geantwortet hast, so muß
ich zu meinem großen Leidwesen fast glauben, daß Du derselben
35 Meinung bist. Ich muß Dir übrigens sagen, daß ich durch diese
Behandlungsweise sehr verletzt, wenn nicht beleidigt worden bin,
und heut abend nur, weil ich guter Laune bin, und keine Zän¬
kereien mit Dir anfangen will, Dir einen Brief schreibe; denn ver¬
616
Briefe an seine Schwester Marie
1841 Sept. 9
dient hast Du ihn gewiß nicht. Außerdem tu ich der Mutter einen
Gefallen damit, und jetzt weißt Du, wem Du diese Zeilen zu ver¬
danken hast. Ich bin nun zirka sechs Wochen hier und habe viel
Tabak verraucht und gehörig studiert, obwohl man in den höheren
Regionen behaupten will, ich hätte nichts getan. In 8—14 Tagen s
werde ich indessen wohl nach Berlin abreisen, um dort meiner
Pflicht als Staatsbürger zu genügen, d. h. mich wo möglich vom
Militär frei zu machen, und dann nach Barmen zurückzukommen.
Wie nun die Sache ablaufen wird, steht zu erwarten.
Wir hatten für Samstag und Sonntag eine Tour nach Altenberg w
vor, aus der Nichts werden wird, da Blank und Roth nicht können;
ich muß nun einmal sehen, ob wir nichts Andres aufbringen kön¬
nen. Eben fällt mir ein, daß ich wohl einmal wieder nach der
Beienburg gehen könnte, da ich doch lange nicht dort gewesen bin.
Gestern ist die Mutter bei Augusts zum Kaffee gewesen und hat 15
dort die Bemerkung gemacht, daß Fräulein Julie Engels sehr still,
Fräulein Mathilde Wemhöner aber sehr gesprächig gewesen ist.
Etwaige Schlüsse daraus magst Du Dir selber ziehen.
Im Übrigen habe ich gefunden, daß die Anna sehr lustig ist,
der Emil im Witzereißen Fortschritte macht, die Hedwig sehr 20
frech wird, und der Rudolf auf die Wege gerät, die der Hermann
als Bengel seines Alters einschlug, übrigens die Elise sich sehr
ziert.
Dein englischer Brief an den Vater, den ich heute las, war im
Ganzen gut, nur mit einigen derben Fehlern, abgefaßt. 25
Du reste, Dein Bruder
Friedrich.
Barmen, 9. Sept. 41.
Engels an seine Schwester Marie in Mann¬
heim; Berlin 1842 Januar 5—6 30
Original im Besitze der Familie Mittelstenschcid, Barmen
Berlin, 5. Januar 1842.
Meine liebe Marie!
Mit der ungeheuersten Beschämung mußte ich mich durch
Deinen Brief an die lang versäumte Pflicht, Dir zu schreiben, 35
mahnen lassen. Es ist wirklich schändlich von mir gewesen, und
das Verbrechen ist gar nicht zu entschuldigen. Darum will ich mich
nur gleich dransetzen und Dein vorgestern empfangenes liebes
Schreiben beantworten. Gestern hab ich das Kanonenfieber be¬
kommen. Ich war nämlich den Morgen über sehr unwohl und 40
1842 Jan. 5—6
Briefe an seine Schwester Marie
617
schwachmatisch, wurde dann zum Exerzieren bestellt und wäre bei
der Kanone beinah flau geworden, worauf ich mich entfernte und
den Nachmittag über ein schändliches Fieber genoß; heut Morgen
war mir besser zu Mut, aber das Exerzieren wollt’ noch nicht recht
5 gehen, doch bin ich jetzt so ziemlich wieder auf dem Schick und
habe mir zwei Tage krank geben lassen, wegen katarrhalischen
Kanonenfiebers, worauf ich wieder so weit zu sein hoffe, daß ich
den Wischer gehörig in den Lauf bringen kann. Übrigens schreib
mir davon nichts nach Haus, das kann zu Nichts dienen. Weißt Du,
io was mir der Doktor fürs Kanonenfieber verordnet hat? Ein Glas
Punsch vor Schlafengehen, ist das nicht gute Medizin? Daraus
siehst Du, daß ein Kompagniechirurgus weit mehr wert ist, als
z. B. ein Dr. Reinhold mit allen seinen Pflastern und spanischen
Fliegen, Blutigeln etc., obwohl er lange nicht so viel zu wissen
is braucht. Aber bei uns werden nur kräftige Mittel angewandt,
lauter medizinisches schweres Geschütz, Bomben und Granaten
und 24-Pfünder. Unsre Rezepte sind sehr einfach, und ich habe
mich in Bremen fortwährend damit kuriert. Zuerst Bier, hilft
das nicht, Punsch, hilft das auch nicht, ein Schluck Rum, das
20 muß helfen. Das ist Artilleriedoktorei. Ich glaube übrigens,
Du lachtest Dich krank, wenn Du mich in der Jacke und den
dicken langen Wischer in der Faust am Sechspfünder stehen sähst
und um das Rad springen. Meine Uniform ist übrigens sehr schön,
blau mit schwarzem Kragen, an dem zwei breite gelbe Streifen
25 sind, und mit schwarzen, gelbstreifigen Aufschlägen nebst rot
ausgeschlagenen Schößen. Dazu die roten Achselklappen mit
weißen Rändern, ich sage Dir, das macht einen pompösen Effekt,
und ich könnte mich auf der Ausstellung sehen lassen. Neulich
hab ich den Poet Rückert, der jetzt hier ist, schändlich dadurch
30 verbiestert gemacht. Ich setzte mich nämlich, als er Vorlesung
hielt, dicht vor ihn, und nun sah der arme Kerl fortwährend auf
meine blanken Knöpfe und kam ganz aus dem Konzept. Außerdem
hab’ ich als Soldat den Vorzug, daß ich nirgends anzuklopfen
brauche, wenn ich zu Jemand komme, auch nicht Guten Tag zu
35 sagen oder sonst Komplimente zu schneiden. Es kam einmal einer
zum Kapitän und klopfte mit der Säbelscheide unwillkürlich an
die Türe; dafür kam er acht Tage in Arrest, weil der Kapitän be¬
hauptete, er hätte angeklopft. Du siehst, was ich für ein Mords¬
kerl bin, außerdem werd’ ich jetzt bald Bombardier, das ist so
40 eine Art Unteroffizier und kriege goldne Tressen an die Auf¬
schläge; also hab nur gehörigen Respekt vor mir. Denn wenn ich
Bombardier bin, so hab ich allen Gemeinen in der ganzen preu¬
ßischen Armee zu befehlen, und alle Gemeine müssen vor mir an
die Mütze greifen. —
45 Was schwatzt Du mir in Deinem Brief so viel vom alten Fritz
618
Briefe an seine Schwester Marie
1842 Jan. 5—6
Wilm und vom jungen Fritzchen Wilmchen? Ihr Frauleut sollt
Euch nicht in die Politik mischen, davon versteht Ihr Nichts. Da
Du aber so gern von Deiner teuren Majestät etwas wissen willst,
so will ich Dir erzählen, daß Allerhöchstdieselben am 16. dieses
Monats nach London abreisen, um Seine königliche Hoheit, den 5
kleinen englischen Prinzen, über die Taufe zu halten, auf der
Rückreise vielleicht nach Paris, gewiß aber nach Köln gehen wer¬
den, im Frühjahr die silberne Hochzeit Allerhöchst Ihres erhabe¬
nen Schwagers, des Kaisers von Rußland, in Petersburg feiern
werden, sodann im Sommer sich in Potsdam amüsieren und den w
Herbst am Rhein zubringen werden, um sich sodann den Winter
in Charlottenburg zu amüsieren. Jetzt muß ich ins Kolleg.
Den 6. Jan. 1842.
Heut Morgen bin ich ausgezogen aus dem vorderen Zimmer
in das hintere, weil das vordere an einen Landsmann von mir, 15
einen Juristen aus der Gegend von Köln vermietet ist und sich
außerdem schlecht heizt. Das ist kurios; dies hintere Zimmer ist
doch größer als das vordere und doch ist es immer von etwas
Feuer warm, während das vordere eiskalt ist. Ich könnt’ es da vorn
mit aller Mühe nicht dahin bringen, daß die Eisblumen von den 20
Fenstern schmolzen, aber hier hinten ist es ein Pläsier, anzusehen,
wie das seit acht Tagen gefrorne, fingerdicke Eis wie im Früh¬
ling zerfließt und der klare blaue Himmel lustig hereinsieht, nach¬
dem ich ihn so lange aus der Stube nicht hatte sehen können. Auch
die Kaserne vom zweiten Garderegiment Schwammklöpper (so 25
nennen wir die Infanteristen), der ganze Tierarzneischulenplatz
und was dazu gehört, läßt sich wieder sehen.
Wir haben hier eine rheinische Restauration, in der alle unsre
heimischen Leibgerichte, die hier sonst kein Mensch kennt, ge¬
macht werden. Jeden Sonnabend Abend wird Reibkuchen gegessen 30
und ein Köpken Koffe dazu getrunken. Gestern hab’ ich Äpfel
und Erdäpfel gegessen. Unsre alte Erpelssupp, die Du auch wohl
noch kennst, spielt eine bedeutende Rolle. So noch eine Masse, was
mir jetzt nur nicht einfällt. Heut Mittag gibt’s Sauerkraut und
Schweinefleisch, worauf ich mich schon freue. Neulich wollt’ er 35
uns auch auf Pannhas traktieren, aber der geriet nicht, weil hier
kein Buchweizenmehl zu haben ist, und also auch keine Puffers¬
kuchen gebacken werden können, wonach wir schon lange Zeit
schmachten.
Sehr schön ! Da fängt die Sonne recht herzlich an zu scheinen, 40
was mir sehr erbaulich vorkommt. Denn nun werd’ ich nach Tisch
spazieren gehn, und da Schelling heut Abend nicht liest, den gan¬
zen Abend für mich haben, wo ich dann bedeutend und ungestört
arbeiten kann.
1842 Jan. 5—6
Briefe an seine Schwester Marie
619
5
10
Das hiesige Theater ist sehr schön, ausgezeich¬
nete Dekorationen, vortreffliche Schauspieler,
aber meist schlechte Sänger. Deswegen geh ich
auch selten in die Oper. Morgen wird ein neues
Stück gegeben, Columbus von Werder. Der Co¬
lumbus ist derselbe, der Amerika entdeckt hat,
und der Werder ist Professor hier an der Univer¬
sität, derselbe, der die Tiefe der Negation ent¬
deckt hat. Wahrlich, wahrlich, ich sage Dir, das
wird morgen voll im Theater werden und ich
werde auch zu dieser Vollheit beitragen. Zwei
Akte spielen auf der See, auf einem Schiffe, das
soll sehr kurios zu sehen sein. Hier siehst Du mich
in Uniform, wie ich meinen Mantel sehr roman¬
tisch und malerisch, aber ungeheuer vorschrifts¬
widrig umgehängt habe. Würde ich so über die
Straße gehen, so wäre ich jeden Augenblick in
Gefahr, in Arrest geschickt zu werden, was doch eben nicht an¬
genehm ist. Denn wenn ich schon auf der Straße nur Einen
2o Knopf an der Uniform oder eine Krempe am Kragen offen habe,
so kann mich jeder Offizier oder Unteroffizier in Arrest schicken.
Du siehst, es ist gefährlich, Soldat zu sein, auch im Frieden.
Das Schönste ist, daß wir alle 4 Wochen in die Kirche müssen, ich
hab mich aber immer dran vorbeigefudelt, nur einmal nicht;
25 denn da muß man eine Stunde vorher im schweren dekorierten
Tschako mit Federbusch auf dem Hofe stehn und dann kommt
man nachher recht durchgefroren in die eiskalte Kirche, wo man
von der Predigt wieder Nichts zu hören bekommt, so schlecht
klingt es. Ist das nicht schön? Schreib bald wieder Deinem
so Bruder Friedrich.
Die Oblate hält nicht zum Besten.
Engels an seine Schwester Marie in Mann¬
heim; Berlin 1842 April 14—16
Original im Besitze der Familie Mittelstenscheid, Barmen
35 Liebe Marie!
Dieses zarte Blättchen1), welches ich, nachdem es ein halbes Jahr
in meiner Mappe gelegen hat, herausziehe und Dir dediziere, wird
Dich hoffentlich für die lange Zeit entschädigen, die ich, mit Reue
bekenn’ ich es, Dich habe warten lassen. Der Herr Hösterey haben
O Links oben auf dem Briefbogen eine Rose mit Knospen und Blättern
620
Briefe an seine Schwester Marie
1842 April 14—16
mir Dein Brieflein richtig überbracht, nachdem Hochdieseiben es
vor den Augen der österreichischen Zöllner in der Hosentasche
verborgen hatten, wofür Höchst-Sie mich um Verzeihung baten,
und zwar in einem sehr schönen Deutsche. Ich kann es nun nicht
vor meinem Gewissen rechtfertigen, Dich noch länger warten zu s
lassen, und schreibe also. Was? Ja, das weiß ich noch nicht. Daß
ich heut morgen von 8—V2I2 Parademarsch geübt habe? Daß ich
dabei eine sehr bedeutende Nase vom Herm Oberstleutnant be¬
sehen habe? Daß wir am Sonntag Kirchen parade haben werden?
Daß meine guten Zigarren auf sind und das Bier bei Wallmüller 10
seit einigen Tagen sehr schlecht ist? Daß ich jetzt ausgehen muß
wegen ein paar Töpfe Ingwer, die ich für Snethlagens bestellt
habe? Ja, das ist’s. Also bis morgen.
Heute als Freitag, 15. April, fahre ich fort. Wir haben ein weit
schöneres Wetter bekommen. Vor meinem Hause liegen eine 15
Menge Droschken und halten ihr Standquartier daselbst. Die
Droschkiers sind gewöhnlich besoffen und amüsieren mich sehr.
Wenn ich also einmal ausfahren sollte, so habe ich das sehr be¬
quem. Ich wohne überhaupt ganz angenehm, eine Treppe hoch,
ein elegant möbliertes Zimmer, dessen vordere Wand aus drei 20
Fenstern besteht, zwischen denen nur schmale Pfeiler sind, so daß
es sehr hell und freundlich ist.
Gestern, als ich dies geschrieben hatte, wurde ich gestört. Heute
kann ich Dir die erfreuliche Nachricht melden, daß wir morgen
wohl keine Parade haben werden, weil Seine Majestät der König 25
Allerhöchstdieselben nach Potsdam und Brandenburg zu gehen
geruht haben. Welches mir sehr angenehm ist, da ich doch keine
Lust habe, mich morgen auf dem verfluchten Schloßplatz herum¬
zutreiben. Hoffentlich kommen wir auf diese Weise ganz an der
Parade vorbei. Auch haben wir jetzt ein sehr anmutiges Exer- 30
zieren auf dem sogenannten Grützmacher, welcher ein sehr großer
Platz ist, wo man bis über die Kniee in den Sand versinkt und wel¬
cher die schöne Eigenschaft hat, daß er elektrisch ist. Wenn nun
die zwölfte Gardefußartillerie-Kompagnie, bei welcher ich stehe
und welche auch elektrisch ist, aber negativ, dahin kommt, so 35
stoßen positive und negative Elektrizität zusammen, machen Skan¬
dal und Verwirrung in der Luft und ziehen die Wolken an.
Anders weiß ich es mir wenigstens nicht zu erklären, daß es im¬
mer regnet oder schneit, wenn unsere Kompagnie auf den Grütz¬
macher geht. Übrigens bin ich seit vier Wochen Bombardier, wenn 40
Du dies noch nicht wissen solltest, trage die Tressen und Litzen
und den blauen Kragen mit roter Paspelierung. Das verstehst Du
nun zwar nicht, aber das ist auch nicht nötig, wenn Du nur weißt,
daß ich Bombardier bin, so ist das genug.
Daß der Herr Liszt hier gewesen ist und durch sein Klavier- 45
1842 April 14—16
Briefe an seine Schwester Marie
621
spielen alle Damen entzückt hat, wirst Du wohl noch nicht gehört
haben. Die Berliner Damen sind aber so vernarrt gewesen, daß sie
sich im Konzert um einen Handschuh von Liszt, den er hatte fallen
lassen, komplett geprügelt haben, und zwei Schwestern, deren
5 eine ihn der andern abnahm, deshalb in ewige Feindschaft ge¬
rieten. Den Tee, den der große Liszt in einer Tasse stehen ließ,
goß sich die Gräfin Schlippenbach in ihr Eau de Cologne-Flacon,
nachdem sie die Eau de Cologne auf die Erde gegossen hatte; seit¬
dem hat sie dies Flacon versiegelt und auf ihrem Sekretär zum
io ewigen Andenken hingestellt und entzückt sich jeden Morgen da¬
ran, wie auf einer deshalb erschienenen Karikatur zu sehen ist. Es
ist ein Skandal gewesen wie noch nie. Die jungen Damen haben
sich um ihn gerissen, und dabei hat er sie alle ganz entsetzlich
links liegen gelassen und lieber mit ein paar Studenten Cham-
15 pagner getrunken. Aber in jedem Hause sind ein paar Bilder von
dem großen, liebenswürdigen, himmlischen, genialen, göttlichen
Liszt zu sehen. Ich will Dir doch auch ein Konterfei davon machen.
Das ist der Mann mit der kamtschadalischen Fri-
sur. Übrigens hat er hier gewiß 10000 Taler
20 /& uhBäMÄ verdient, und seine Rechnung im Wirtshause be-
Zp jOHM trug 3000 Taler. Ungerechnet, was er sonst noch
lJQHMBI verkneipt hat. Ja, ich sage Dir, das ist ein Mann.
Der trinkt täglich zwanzig Tassen Kaffee, auf jede
Tasse vier Lot, zehn Flaschen Champagner, wto-
25 F. Liszt raus mit ziemlicher Sicherheit geschlossen wer¬
den kann, daß er in einem fortwährenden ge¬
wissen Trane lebt, wie sich dies auch bestätigt. Jetzt ist er nach
Rußland gegangen und es fragt sich, ob die Damen dort auch so
verrückt werden können.
so Übrigens muß ich jetzt ausgehen und schließe deshalb. Leb
wohl und antworte bald
Deinem Bruder
Friedrich
Berlin, 16. 4. 42. Dorotheenstraße 56.
35 [Auf der Adreßseite]
Fräulein Marie Engels im großherzoglichen Institut
Mannheim.
Engels an seine Schwester Marie; [1842,
Sommer], Fragment
40 Original im Besitze der Familie Mittelstenscheid, Barmen
Eine schöne Erzählung, erzählt von dem Freund der Ida, dem
Göttersohn Albert Molineus, in Gegenwart eines Franzosen: En-
622
Briefe an seine Schwester Marie
1842 Juli 2
fin, à la porte du ciel était Saint-Pétrus (statt Saint Pierre) et le
peintre Köttgen d’Elberfeld était abordé par le musicien Wein-
brenner: Eh bien, Köttgen, vous ne dites rien, racontez-nous donc
quelque chose. Enfin, Köttgen dit: Enfin, j’ai eu cette nuit un
fameux rêve. Enfin, dit Weinbrtenner] qu’est-ce qu’il y avait *
donc? Enfin, dit Köttgen, je rêvais d’être à la porte du ciel. Alors
il y avait tous les artistes célèbres, Meyerbeer, Horace Vernet etc.
Enfin, Meyerbeer frappait à la porte; Pétrus dit: qui est là?
„Meyerbeer66. Les artistes n’entrent pas ici, dit Pétrus. Enfin
vint Horace Vernet. Qui est là, dit Pétrus. „Horace Vernet.66 Les io
artistes n’entrent pas ici, dit Pétrus. Enfin, Weinbrtenner] arrivait.
Qu’est-ce-qu’il y a là? dit Pétrus. Enfin, je suis Weinbrtenner].
Enfin, Pétrus dit: Entrez, s’il vous plaît.
Der Hauptwitz: ainsi, Weinbrtenner] n’est pas d’artiste, den
ließ der kluge junge Mann, der so gut französisch sprach, natiir- #
lieh aus. Jetzt weißt Du auch, was für Volk sich um die Ehre reißt,
künftig Dein Vetter zu werden.
Friedrich.
Engels an seine Schwester Marie in Bonn;
Berlin 1842 J u 1 i 2 20
Original im Besitze der Familie Mittelstenscheid, Barmen
Liebe Marie!
Ich gratuliere Dir zu Deiner Entlassung aus dem edeln Mann¬
heimer Institut und der Briefzensur von Fräulein Jung. Ich hab’s
Dir nur nicht schreiben wollen, um Dich nicht noch unzufriedner 25
zu machen, aber jetzt kann ich Dir’s sagen, daß es mit all den Pen¬
sionen Unsinn ist, und daß die Mädchen darin, wenn sie nicht ein
so glückliches Naturell haben wie Du, schändlich verzogen und
eitle Blue-stockings und Koketten werden. Aber es ist einmal
Mode in Barmen, und dagegen kann freilich niemand. Freu Dich, 30
daß Du aus dem Kloster heraus bist, und wieder am Fenster sitzen
und über die Straße gehen darfst, und zuweilen verrücktes Zeug
sprechen kannst, ohne daß sie Dir ein Verbrechen daraus machen.
Soviel aber sag ich Dir, daß Du mir keine Dummheiten machst
und auf die Barmer Sprünge gerätst, nämlich die Verlobungs- 35
Sprünge. Das edle junge Volk rennt wieder wie toll auf die Hoch¬
zeit los, und so blind sind sie, daß sie sich Einer den Andern um¬
rennen. Es ist gerade, als spielten sie Blindekuh, und wo sich zwei
kriegen, da verloben sie sich und leben herrlich und in Freuden.
Sieh einmal Deine beiden Cousinen an. Da ist die Luise Sneth- 40
läge, die hat einen Mann ergattert, der im Übrigen ganz gut ist,
aber er hat graue Haare, und die schöne Ida hat auch einen auf-
1842 Aug. 2—8 Briefe an seine Schwester Marie 623
gegabelt, aber er ist mir auch danach. Nun, er ist zwar mein
Vetter, und ich sollt’ ihn deshalb eigentlich nicht schlecht machen,
aber ich ärger’ mich, daß sie mich nicht gefragt haben, ob ich
diesen Saint-Petrus, diesen lion, diesen Dandy, diesen Albert
5 Mtolineus] zum Vetter haben wollte, und darum soll er herhalten.
Ich sage Dir, wenn Du nach einem solchen Freier verlangst, der
schaff’ ich Dir alle Tag ein Dutzend und jeden Tag ein neues
Dutzend. Es ist Edelmut von mir, daß ich überhaupt die ganze
Sache habe geschehen lassen. Ich hätte wenigstens protestieren
io sollen.
Auch sogar der Schornstein hat sich verlobt, es ist schrecklich!
Und der Strücker will platterdings Ehemann werden, ist das nicht
sonderbar? Ich fange an, an der Menschheit zu verzweifeln, ich
werde Misanthrop, wenn Du, Marie, Du auch Doch nein,
is Du wirst Deinem Bruder dieses Leid nicht antun.
Es regnet wieder sehr langweilig. Ich bin nun diese Woche ge¬
wiß viermal im Dienst des Vaterlandes naß geworden, zweimal
vom Regen und zweimal von Transpiration, um mich zart auszu¬
drücken. Jetzt will ich ins Lesekabinett gehen und Zeitungen lesen;
2o und da werd ich doch wohl nicht zum fünften Male naß werden?
Adieu, Dein Bruder
Berlin, 2. Juli 42. Friedrich.
[Auf der Adreßseite]
Fräulein Marie Engels aus dem großherzogl. Institut in
Mannheim
Bonn.
Engels an seine Schwester Marie in Ost¬
ende; Berlin 1842 August 2—8
Original im Besitze der Familie Mittelstenscheid, Barmen
so Berlin, 2. Aug. 1842.
Liebe Marie!
Über Deinen langen Brief habe ich mich sehr gefreut, und im
Hinblick auf das kreuzweis beschriebne viele Papier die Straf¬
predigt sehr rasch überlesen, so daß ich nicht einmal mehr weiß,
35 was Du mir für Vorwürfe machst. Daß Frl. Jung ohne Zweifel
ein sehr krauses Gesicht wird gemacht haben, als sie las, wie Her¬
mann das liebe Institut mit seinem wahren Namen: Kloster be¬
legte, kann ich mir schon denken, ebenso daß sie ihn einen leicht¬
sinnigen Menschen nannte. Glücklicher Weise denken aber nicht
4o alle Leute so schlimm vom Leichtsinn wie Deine ehemalige Sün¬
denregistervorreiterin. Und das ist gut. Was sollte sonst auch
aus uns Beiden werden, nicht wahr? Ich laß mich auch von
624 Briefe an seine Schwester Marie 1842 Aug. 2—8
meinem Hauptmann angrunzen und rüffeln und denke: et soll wol
egal sein, und dreh ihm eine Nase; und wenn er’s mir zu arg
macht, wie vorigen Mittwoch, wo alle andern dispensiert waren
und ich allein, bloß weil mein Bursche mich nicht abbestellt hatte,
um 12 Uhr Mittags mit auf den Schießplatz wandern mußte, um 5
eine unausführbare Lumperei nicht ausführen zu sehen — in sol¬
chen Fällen meld ich mich krank, und zwar diesmal wegen Zahn¬
schmerzen, wodurch ich mir einen Nachtmarsch und ein zwei¬
stündiges Exerzieren erspart habe. Heute muß ich mich leider
wohl wieder gesund melden. Dabei geh ich spazieren, wenn es io
mir beliebt, Berlin ist groß, und bei unsrer Kompagnie nur drei
Offiziere, die mich kennen, die begegnen mir also höchstwahr¬
scheinlich nicht und das Einzige wäre, wenn sie mir den Kom¬
pagnie-Chirurg zuschickten, das hat aber gute Wege und höch¬
stens, wenn er mich nicht zu Hause träfe, würd’ ich eine Nase be-u
sehen. Et soll wol egal sein!
Du scheinst ein enormes Talent zu haben, Bekanntschaften zu
machen. Ist das Mädel vier Wochen in Bonn und kennt mir richtig
schon die halbe Universität mit Namen und hat sich schon einen
interessanten lahmen Studenten angeschafft, der ihr täglich sechs- 20
mal begegnet! Der interessante lahme Student mit der Brille und
dem blonden Bart! Sie haben ihm gewiß die Beine im Duell ent¬
zweigeschossen! Warum hinkt er nur immer des Weges? Hinkt
er interessant, oder gewöhnlich, wie andre Lahme? An welchem
Fuß ist er lahm, am rechten oder an beiden? Trägt er nicht einen 25
Hut mit einer roten Hahnenfeder? Sollte er nicht der diable boi¬
teux sein? Ich möchte gerne Näheres von dem interessanten, lah¬
men, bärtigen, bebrillten, scharfkuckenden Studenten wissen.
Hast Du dies Bekanntschaftenmachen in Ostende fortgesetzt?
Ist da nicht auch so ein interessanter hinkender Fläminger, der Dir 30
täglich sechsmal am Strande begegnet? Gib mal Acht.
Aus dem Kloster bin ich glücklich
Fort und darf mich frei bewegen,
Schwatzen, lachen darf ich wieder,
Mich sogar ins Fenster legen! 35
Ach wie traurig, als im Kloster
Von Duennen rings umlauert
Ich bei steter Arbeit saß,
Abgepfercht und eingemauert!
Singend hört ich Heidelberger 40
Draußen oft vorübergehen,
Und ich durfte nicht ans Fenster,
Nicht die flotten Burschen sehen.
5
10
15
20
25
30
35
40
1842 Aug. 2—8
Briefe an seine Schwester Marie 625
Frei bin ich und will mich freuen
Meiner kaum erworbnen Freiheit.
Grünes, frisches Leben will ich
Nach der grauen Einerleiheit!
Auf! Die neuen Kleider will ich
Unverzüglich mir anziehen
Und mich übersiedeln nach der
Flottsten der Akademieen.
Poppelsdorf und Königswinter!
Rolandseck und Drachenfels!
Staunt ob meiner Augen Feuer,
Staunt ob meiner Zähne Schmelz!
Und ich wett’, soviel Ihr sein mögt
F akultätskommilitonen,
In acht Tagen höchstens wißt Ihr
Allzusammen, wo wir wohnen.
Gastwirt Stamm, und sag uns Dank,
Daß bei Dir wir abgestiegen,
Weil seitdem Studenten zahllos
Zechend Dir im Garten liegen.
Und nun vollends beim Spaziergang,
Welche Massen mich umschwärmen,
Wie sich die Professorstöchter
Einsam, unbegleitet härmen !
Seht den Schweif von flotten Burschen
Der mir hängt am kleinen Finger,
Graf d’Alviella, von Szepanski,
Lauter kühne Flaschenzwinger!
Herr von Diest, der Vielverliebte,
Tut mir treuen Dienst als Läufer,
Singend amüsiert mich Bunsen,
Tanz ich, ist Chapeau mir Pfeifer!
Eins nur liegt mir in Gedanken:
Wenn ich fern dem Schwarme gehe,
Daß ich immer einen hübschen
Hinkenden Studenten sehe.
Alle andren sind beschäftigt
Haben Dienst für mich getan,
Doch was fang ich mit dem hübschen,
Interessanten Lahmen an?
* *
*
Marx-Engels-Gesamtausgabe, I. Abt., Bd. 2.
40
626
Briefe an seine Schwester Marie
1842 Aug. 2—8
Mit der Nordsee flachen Strande
Will ich nun mein Bonn vertauschen;
Statt Studentenliedem hör ich
Nun des Meeres Brandung rauschen.
Unter Belgiern und Franzosen 5
Geh am Strande ich spazieren,
Wie im Kloster, muß französisch
Ich die Unterhaltung führen.
Auch hat sich ein Schweif gefunden,
Der mich auf der Promenade, io
Der mich bis ins Meer verfolget,
Wenn ich Morgens geh’ und bade.
Sonst ist alles wie in Bonn,
Und ich kann durchaus nicht klagen,
Essen und Logis ist gut, 15
Auch der Wirt ist zu ertragen —
Eins nur fehlt mir: Unter Allen,
Die bisher zum Bade kamen,
Find ich, weh mir Armen! auch nicht
Einen intressanten Lahmen! 20
Nicht wahr, das ist Dir so recht aus der Seele geschrieben? Ich
will’s Dir auch komponieren, damit Du es singen kannst. Die
Komposition bekommst Du aber erst auf Deinen nächsten Brief
zur Antwort, denn ich würde Dich durch eine so reichliche Be¬
schenkung ohne Zweifel verwöhnen. Ich hab aber andre Dinge zu 25
tun, als Dich fortwährend zu besingen, das kann nur als Beloh¬
nung für einen ausgezeichnet langen Brief verstattet werden.
Du mußt einmal sehen, daß Du in Ostende die Vlaemsche oder
Nederduitsche Taal lernst, das ist eine sehr klobige Sprache,
welche aber ihre Vorzüge hat, und jedenfalls sehr komisch ist. 30
Wenn Du noch Plattdeutsch kennst, so muß Du das Flämische so
ziemlich verstehen können.
Ich hab auch jetzt einen Hund, den ich von August Bredt aus
Barmen bekommen habe, als er hier fortging. Es ist ein hübscher,
junger Wachtelhund, viel größer als der edle Mira und total ver- 35
rückt. Er zeichnet sich durch viel Talent zum Kneipen aus, des
Abends, wenn ich in einer Restauration esse, sitzt er immer dabei
und läßt sich sein Teil abtreten oder hospitiert bei allen, die da
sind. Auch zeichnet er sich durch ein total unsichtbares Halsband
aus. Schwimmen kann er ausgezeichnet, aber er ist zu wahnsinnig, 40
um Kunststücke zu lernen. Eins hab ich ihm beigebracht, wenn
ich ihm sage: Namenloser (so heißt er), das ist ein Aristokrat, so
1842 Aug. 2—8
Briefe an seine Schwester Marie
627
wird er grenzenlos wütend gegen den, den ich ihm zeige und
knurrt scheußlich.
Während aller Aussicht nach das Jahr einen vortrefflichen
Rheinwein bringen wird, ist der Grüneberger schändlich schlecht
5 geraten. Kennst Du den Grüneberger? Der Grüneberger ist ein
Lausitzer Wein, er wächst nur im Sande und bringt nie gute Trau¬
ben, außer in einem ganz nassen Jahr; wenn die Beeren aus der
Härte eines Steins in die des Holzes übergegangen sind, d. h.
wenn man mit einem Messer hineinschneiden kann, so sind sie
io reif. Sie werden mit einer Dampfmaschine gekeltert und man
rechnet, daß zur Kelterung von 100 Beeren zirka zwölf Pferde
Kraft in einer Stunde hinreichen. Der beste Grüneberger ist Anno
40 gewachsen. Er kann nicht in Fässern aufbewahrt werden, weil
er das Holz entzwei frißt; wenn er gut ist, so muß man ein Dut-
15 zend Stecknadeln auf essen und dann ein Glas Grüneberger trin¬
ken, und wenn die Nadeln nicht binnen fünf Minuten aufgelöst
und vertilgt sind, so taugt der Wein nichts. Es ist ein sehr nach¬
haltiger Wein, denn wenn man einen Schluck trinkt, so ist einem
der Hals vier Wochen lang wund. Er hat ein sehr feines Bouquet,
2o sodaß nur Kenner den Geruch von dem des Essigs unterscheiden
können. Scheidewasser und Weinessig durcheinander kommt im
Geschmack diesem edlen Getränk am nächsten. Im Übrigen hast
Du jetzt genug, ich muß noch an die Mutter schreiben. Adieu
Dein Bruder Friedrich.
25 Berlin, 8. Aug. 42.
ZWEI BRIEFE AN RUGE
Sommer 1842
Engels an Arnold Ruge, 15. Juni 1842
(S.631)
Tafel IX
Engels (Oswald) an Arnold Ruge in Dres
den ; Berlin 1842 J uni 15
Original: Preußische Staatsbibliothek, Berlin
Geehrter Herr Doktor!
5 Inliegend einen Artikel für die Jahrbücher. Die Dante-Ge¬
schichte hab’ ich einstweilen beiseite gelegt. Ich würde bereits ihn
geschickt haben, wenn ich einigermaßen Zeit gehabt hätte.
Ihren Brief empfing ich, nachdem er viele Irrfahrten gemacht
hatte. Warum ich „Schelling und die Offenbarung66 nicht für die
io Jahrbücher einsandte? 1. weil ich auf ein Buch von 5—6 Bogen
rechnete und erst im Laufe der Unterhandlungen mit dem Verleger
auf den Raum von 31/» Bogen beschränkt wurde; 2. weil die Jahr¬
bücher bis dahin über Schelling noch immer etwas zurückgehalten
hatten; 3. weil mir hier abgeraten wurde, Schelling fernerhin in
is einem Journale anzugreifen, dagegen lieber gleich eine Broschüre
gegen ihn loszulassen. „Schelling, der Philosoph in Christo66 rührt
ebenfalls von mir her.
Doktor bin ich übrigens nicht und kann es nie werden, ich bin
nur Kaufmann und k. preuß. Artillerist; erlassen Sie mir also
20 gütigst jenen Titel.
Ich denke mich recht bald wieder mit einigem Manuskript bei
Ihnen einzustellen, einstweilen empfehle ich mich Ihnen
Hochachtungsvoll
Berlin, 15. Juni 42.
25 F. Engels (Oswald)
Dorotheenstr. 56.
Engels an Arnold Ruge in Dresden; Berlin
1842 Juli 26
Original: Preußische Staatsbibliothek, Berlin
so Hochgeehrter Herr!
Diesmal schreibe ich Ihnen, um Ihnen anzuzeigen, daß ich
Ihnen nichts senden werde.
Ich habe den Entschluß gefaßt, für einige Zeit aller litera¬
rischen Tätigkeit zu entsagen und dafür desto mehr zu studieren.
as Die Gründe dafür liegen auf der Hand. Ich bin jung und Auto-
632
Briefe an Ruge
1842
didakt in der Philosophie. Ich habe genug gelernt, um mir eine
Überzeugung zu bilden und sie nötigenfalls zu vertreten. Aber
nicht genug, um mit Erfolg und gehörig für sie wirken zu können.
Man wird um so mehr Anforderungen an mich machen, als ich
„philosophischer Musterreiter66 bin und mir nicht durch ein 5
Doktordiplom das Recht zu philosophieren erkauft habe. Ich
denke, wenn ich wieder einmal, und dann unter eigenem Namen,
etwas schreibe, diesen Anforderungen zu genügen. Und zudem
darf ich meine Zeit jetzt nicht zu sehr zersplittern, da sie in kurzem
wohl wieder durch kaufmännische Arbeiten mehr in Anspruch ge-10
nommen werden wird. Meine bisherige literarische Tätigkeit, sub¬
jektiv genommen, bestand aus lauter Versuchen, deren Erfolg mich
lehren sollte, ob meine natürlichen Anlagen mir eine fruchtbare
Wirksamkeit für den Fortschritt, eine lebendige Teilnahme an der
Bewegung des Jahrhunderts gestatteten. Ich kann mit dem Erfolg 15
zufrieden sein und halte es nun für meine Pflicht, durch ein Stu¬
dium, das ich mit doppelter Lust fortsetze, mir auch das immer
mehr anzueignen, was einem nicht angeboren wird. —
Wenn ich im Oktober nach meiner rheinischen Heimat zurück¬
kehre, denk’ ich in Dresden Sie zu treffen und Ihnen mehr davon 20
zu erzählen. Einstweilen leben Sie wohl und gedenken Sie meiner
dann und wann.
Der Ihrige
Berlin, 26. 7. 42. F. Engels.
Haben Sie Jungs Erwiderung gelesen? Ich behaupte, sie ist das 26
Beste, was er bis jetzt geschrieben hat. Übrigens ist jetzt der andere
Jung von der Rheinischen Zeitung aus Köln hier und wird Sie auf
seiner Rückreise in einigen Wochen besuchen.
MILITÄRISCHES FÜHRUNGSATTEST
Herbst 1842
Führungs-Attest für den einjährigen Frei¬
willigen Friedrich Engels; Berlin 1842 Okto¬
ber 8
Original: Archiv der Sozialdemokratischen Partei, Berlin
Führungs-Attest.
Vorzeiger Dieses, der einjährige Freiwillige Bombardier Friedrich
Engels von der 12ten Fuß-Kompagnie der Garde Artillerie Brigade,
aus Barmen, Kreis Elberfelde, Regierungs-Bezirk Düsseldorf gebürtig,
21 Jahr und 10 Monat alt, E i n Jahr gedient, hat sich während seiner
10 Dienstzeit sowohl in moralischer wie in dienstlicher Beziehung recht gut
geführt, welches hiermit pflichtmäßig attestiert
Berlin, den 8ten Oktober 1842.
v. W e d e 11,
Hauptmann und Kompagnie
Chef.
Zeichnung des jungen Friedrich Engels aus dem Jahre 1834
(aus einem Schulheft über alte Geschichte)
Tafel X
ZITATEN- UND TITELNACHWEISE
TEXTKRITISCHE ANMERKUNGEN
Abkürzungen
EvKZ = Evangelische Kirchenzeitung
NMW = The New Moral World
RhZ = Rheinische Zeitung
TfD = Telegraph für Deutschland
Erster Teil:
Die gedruckten Schriften
101 Der Bremer Stadtbote. Hg. v. Albertus Meyer. Erschien wöchentlich ab
Januar 1839
111 Manuel José de Quintana, A la invencion de la imprenta. In Poesias.
Madrid 1802; 2. Aufl. Madrid 1813; 3. Aufl. Burdeos 1825.
28 31—32 Friedrich Adolf Krummacher, Parabeln. Duisburg u. Essen 1805
3044—45 Ev. Joh. 14, 6
317—8 1. Ep. Pauli an die Korinther 1,18—21 u. 2,14 (nicht wörtlich) 11—121. Ep.
Petri 2, 2
324—5 Rudolf Stier, Christliche Gedichte. Basel 1825 — Kurzer Grundriß einer
biblischen Keryktik oder einer Anweisung, durch das Wort Gottes sich zur
Predigtkunst zu bilden. Halle 1830 — Zwanzig biblische Predigten gehalten
an verschiedenen Orten. Kempten 1832 — Neu geordnetes Lehrgebäude der
hebräischen Sprache. 2 Teile. Leipzig 1833 — Darf Luthers deutsche Bibel
unberichtigt bleiben? Halle 1836 — 70 ausgewählte Psalmen, nach Ordnung
und Zusammenhang ausgelegt. 1. Hälfte. Halle 1834; 2. Hälfte. Halle 1836
— Epistelpredigten für das christliche Volk. Halle 1837 — Ein nöthiges Wort
an meine bisherige Gemeinde wegen der ungewissen Zukunft. Predigt. Halle
1838 5—6 Id., Luthers Katechismus als Grundlage des Konfirmanden-
Unterrichts im Zusammenhang erklärt. Berlin 1832. 4. Aufl. Berlin 1839
6—7 Id., Hilfsbüchlein des Lehrers zu meinem Katechismus für den Konfirman-
den-Unterricht. Nebst Probe eines verbesserten lutherischen Katechismus.
Berlin 1838 7--8 Id., Die Gesangsbuchnoth. Eine Kritik unserer moder¬
nen Gesangsbücher, mit besonderer Rücksicht auf die Preußische Provinz
Sachsen. Leipzig 1838 9 EvKZ 22. IX.—6. X. 1838, Nr. 76—80, p. 601 sqq.,
609 sqq., 617 sqq., 625 sqq., 633 sqq. 16—23 Rudolf Stier, Christliche Ge¬
dichte. Basel 1825. p. 190—191 17 Sünde trügerischem Band] bei Stier
Täuschung kind’schem Gängelband 18 Lange Zeit manch Menschenalter]
bei Stier Manch betrognes Menschenalter 43 TfD Dez. 1838, Nr. 208, p. 1657
sqq. : „Zeichen der Zeit“ von „10 ff.“
832 Heinrich u. Wilhelm Richter, Erklärte Hausbibel oder allgemein verständ¬
liche Auslegung der ganzen heiligen Schrift alten und neuen Testaments, nach
vielen englischen, deutschen u. a. Auslegern bearbeitet. 6 Bde., Barmen u.
Schwelm 1834—1840
854—7 Johann Jakob Ewich, Human, der Lehrer einer Volksschule, sein Wesen
und Wirken. 2 Bde. Wesel 1829 — Ueber die edelsten Freuden des Lehrer¬
berufes. Essen 1832 — Was tut unserm erziehenden Unterrichte Noth? Drei
zusammenhängende Abhandlungen: Ueber die Bildung einer edlen Innen¬
welt in dem Schüler, das Ideal eines Lesebuches für Volksschulen und die Er¬
richtung zweckmäßiger Lehrerkonferenzen. Elberfeld 1834 16—17 Dr. Phi¬
lipp Schifflin, Anleitung zur Erlernung der französischen Sprache. 1. Kursus.
3. verb. Aufl. Elberfeld 1839; 2. u. 3. Kursus. Elberfeld 1833 20 H. Knebel,
Französische (Schul-) Grammatik für Gymnasien und Progymnasien, nebst einem
Uebungsbuche zum Uebersetzen aus dem Deutschen ins Französische von
Er. Höchsten. Koblenz 1834. 2. verb. u. verm. Aufl. Koblenz 183 6 29 Hein¬
rich Köster, Kurze Darstellung der Dichtungsarten. In Neunter Bericht über
die höhere Stadtschule in Barmen. Barmen 1837
640
Zitaten, und Titelnachweise; textkritische Anmerkungen
861—5 Karl Ad. F. W. Kruse, Grundregeln der englischen Aussprache, nach
Walter’s System. Zum Memoriren u. Nachschlagen eingerichtet u. mit einigen
Leseübungen versehen. Elberfeld 1837 31—32 J. G. Leberecht Hantschke,
De authentia Cap. 21. Evangel. Joannis, e sola orationis indole judicanda.
Leipzig 1818 — Solemnia natalitia Friderici Guilielmi III., Regis Boruss.
Augustissimi ac Potentissimi, d. III. m. Aug. MDCCCXXX publ. pieque ce-
lebrata Scholarum Elberfeldensium nomine atque auctoritate auspicatus est
(Gedicht). Elberfeld 1831 —De vocalium graecarum pronuntiatione. Elberfeld
1827 — De vocalium graecarum pronuntiatione. Programma scholast. se-
peratim editum. Pars I. Elberfeld 1827 32—33 Id., Gleichnisse und Deutung.
Zwei Predigten. Elberfeld 1826 33 Id., Wesen und Zweck des Gymnasial¬
unterrichts. Elberfeld 1827 — Hermann Cruse als Schulmann u. Dichter. Ein
pädagogisch-literarischer Versuch. Elberfeld 1832 — Martin Luther über
Schulen. Ansichten, Wünsche u. Vorschläge. In zeitgemäßer Auswahl zur
Beherzigung f. Eltern u. Schulfreunde aufs Neue ans Licht gestellt. Elberfeld
1830 33—34 Id., Hebräisches Uebungsbuch für Schulen. In 2 Abt. durchaus
praktisch eingerichtet. Mit Vorrede von G. B. Winer. Leipzig 1823 3fr—37
K. Eichhoff u. Karl Chr. Beltz, Lateinische Schulgrammatik mit Rücksicht
auf d. neuere Gestaltung der deutschen Sprachlehre. Elberfeld 183 7 38 All¬
gemeine Litteratur-Zeitung. Jena—Leipzig. August 1838, Nr. 65—70, Er¬
gänzungsblätter: F. Haase, Übersicht über 9 lateinische Grammatiken
874 Joh. Chr. Heinr. Clausen, Pindaros der Lyriker. Im Programm des Gymnasi¬
ums Elberfeld 1834 39 Heinrich Heine, Reisebilder. 1.—3. Teil. Hamburg
1826—30. 2. Aufl. 3 Teile u. Nachträge (od. 4. Teil). Hamburg 1830—31
40 Id., Über den Denunzianten. Eine Vorrede zum dritten Theile des Salons.
Hamburg 1837
8811—12 Dr. F. Dingelstedt, Ferdinand Freiligrath. Ein Literaturbild. In Jahr¬
buch der Literatur. Hamburg 1839, 1. Jg. p. 219 sqq. 12—13 Moriz Car¬
rière, Rezension: Gedichte von Ferdinand Freiligrath. Stuttgart und Tübingen
1838. In Jahrbücher für wissenschaftliche Kritik. Berlin, Januar 1839. Nr. 8,
p. 60 sqq. 10—17 Freiligrath, Gedichte. Stuttgart und Tübingen 1838.
p. 54 sqq. Das Gedicht von der Unkenkönigin trägt die Überschrift „Schwalben-
mährchen“ 17 Ib., p. 87 sqq. Das Gedicht von Snewittchen heißt „Meer¬
fahrt“ 17—18 Ib., p. 157 sqq.: „Im Walde“ 19 Ib., p. 82 sqq.: „Der
Falk“ Ib., p. 85: „Die Schreinergesellen“ 19—20 Ib., p. 190 sqq.: „Zwei
Feldherrngräber“ 21 Ib., p. 14 sqq.: „Die Auswanderer“ 22 Ib., p. 65
sqq.: „Prinz Eugen, der edle Ritter“ 24r—25 Rheinisches Odeon. Hg. v.
I. Hub, F. Freiligrath u. A. Schnezler. 1. Jg. Goblenz 1836, p. 342 sqq. : Frei¬
ligrath, Der ausgewanderte Dichter. (Bruchstücke eines unvollendeten Cyklus.)
Sechs Gedichte ohne besondere Überschriften Rheinisches Odeon. 2. Jg.
Düsseldorf 1838, p. 373 sqq. : Freiligrath, Der ausgewanderte Dichter. Weitere
Bruchstücke. Fünf Gedichte ohne einzelne Überschriften 25—26 Morgenblatt
für gebildete Stände 10. IX. 1836, Nr. 218: „Der ausgewanderte Dichter“.
(Bruchstücke eines unvollendeten Cyklus.) Aus dem von Hub und Schnezler
angekündigten rheinischen Odeon. Sechs Gedichte ohne besondere Überschriften;
ib. 3. II. 1838, Nr. 30: „Der ausgewanderte Dichter.“ Neue Bruchstücke. Drei
Gedichte ohne einzelne Überschriften 30—31 Elberfelder Zeitung. Tageszeitung.
Erschien seit 1. VII. 1834. Später mit der „Westdœutschen Zeitung“ vereinigt;
erscheint noch jetzt als „Bergisch-Märkische Zeitung“ 36 Barmer Zeitung.
Tageszeitung. Erschien seit 1834; 1839 mit der Bemerkung: Redigiert unter Ver¬
antwortlichkeit des Verlegers Friedr. Staats 41—42 Allgemeine Preußische
Staatszeitung. Gegr. 1819 v. Hardenberg als erstes amtliches Publikationsorgan
891 H. Püttmann, Rezension über F. Freiligrath, Gedichte. In der Dresdener
Abendzeitung 6. III. 1839, Nr. 19 6 Wuppertaler Leserkreis. Zweimal
Zitaten* und Titelnachweise; textkritische Anmerkungen
641
wöchentlich publizierte Beilage der Barmer Zeitung 7 Europa, Chronik
der gebildeten Welt. Gegr. 1835 in Stuttgart v. Aug. Lewald. Erschien später
in Karlsruhe und 1846—59, unter Redaktion von Gustav Kühne, in Leipzig
7—8 Täglicher Anzeiger, Elberfeld. Erschien seit 1826. 1839 verantw. Redakteur
F. Weber. Später hieß er Täglicher Anzeiger für Berg und Mark 8 Dorf¬
zeitung. Gegr. 1818 in Hildburghausen v. Dr. Karl Ludw. Nonne. Populär-humo¬
ristische Zeitung io Barmer Wochenblatt. Erschien seit 1829 zweimal wöchent¬
lich 21 W. Jemand [Wilhelm Lange wiesche], Der ewige Jude. Didaktische
Tragödie. Iserlohn 1831 21—22 Julius Mosen, Ahasver. Episches Gedicht.
Dresden u. Leipzig 1838 27—28 Karl August Döring, Abschieds-Gast- und
Antrittspredigt. Halle 1815 — Allerlei für allerlei Leser. 2 Teile. Elberfeld
1827 — Denkverse und Epigramme. 2. Aufl. Elberfeld u. Barmen 1830 —
Episteln, Sermone und kleinere Lehrgedichte. Elberfeld u. Barmen 1830 — Neu¬
testamentarisches Gebetsbuch, nach der vom seligen Abt Steinmetz zum Druck
beförderten biblischen Gebetsübung, mit kleinen Veränderungen und einigen
Zusätzen neu herausgegeben. Elberfeld 1830 — Drei Gelegenheitspredigten.
Halle 1815 — Christliche Gesänge nach kirchlichen Melodien. 1. Sammlung.
Elberfeld 1814. 2. Ausg. 1817 — Christlicher Hausgarten. Elberfeld 1831
— Christliches Hausgesangsbuch. Elberfeld 1821. 2. Aufl. 1825. 2. Teil. Elber¬
feld 1830 — Lehren der Weisheit in poetischen und prosaischen Denksprüchen,
als Begleiter auf Spaziergängen, auf Reisen durchs Leben. Elberfeld 1823
— Luthers Tod und Predigt auf Luthers Kanzel in Eisleben am 18. Febr. 1816.
2. Aufl. Barmen 1831 — Sammlung christlicher Predigten. Barmen 1832
— Die Augsburgische Confession. Barmen 1830 — Andenken an den heiligen
Tag der Konfirmation. Feierlichst übergeben. 20. Aufl. Barmen 1839 — Taschen¬
buch für christliche Jünglinge. 3. Aufl. Barmen 1833 — Die Wahrhaftigkeit
und Zuverlässigkeit Gottes in seinem Wort. Elberfeld 1833 — Kurzer In¬
begriff der christlichen Religion für Katechumenen und Konfirmanden. Barmen
u. Schwelm 1833 29—30 Graf August v. Platen, Der romantische Oedipus.
Lustspiel in 5 Akten. III. Akt, 4. Szene. Gesammelte Werke. In Einem Band.
Stuttgart u. Tübingen 1839. p. 290 37—38 C. L. T. Lieth, Gedichte für das
erste Jugend-Alter, zur Bildung des Herzens und Geistes. Aus Teutschlands
besten Dichterwerken für Schule und Haus gesammelt. 2 Teile. Crefeld 1834—35
39 Fr. Rückert, Fünf Märlein zum Einschläfem für mein Schwesterlein. In Ge¬
sammelte Gedichte von Fr. Rückert. 6 Bde. Erlangen 1834—1838. Bd. I,
p. 477 sqq. 40 Fr. Güll, Kinderheimat in Bildern und Liedern. Mit einem
Vorwort von Gustav Schwab. Stuttgart 1837 W. Hey, Erzählungen aus
dem Leben Jesu für die Jugend, dichterisch bearbeitet. (Zu Olivier’s Volks¬
bilderbibel.) Hamburg 1838 — Fünfzig Fabeln für Kinder, mit Bildern ge¬
zeichnet von Otto Speckter. Hamburg 1833 — Noch fünfzig Fabeln in Bildern.
Hamburg 1837
4027—28 Friedrich Ludwig Wülfing, Jugendblüthen. Barmen 1830 — Leier und
Schwerdt oder Bienen, mit und ohne Stachel. Als Manuscript für Gönner und
Freunde. Barmen 1830 — Ein Heftchen wackerer Gesänge. 1832 30—31 Mon-
tanus Eremita [Vincent von Zuccalmaglio], Die Vorzeit der Länder Cleve-Mark,
Jülich-Berg und Westphalen. 1. Bd. (Heft 1—4) 2. Aufl. Solingen u. Gummers¬
bach 1837. 2. Bd. (Heft 5—8) ib. 1838—39 34 J. Pol, Gedichte. 1. Teil.
Geistliche Gesänge und Lieder. 2. Teil. Vermischte Gedichte. Heedfeld
183 7 35—36 Ib. p. 177, Distichon Nr. 14: „Den Bewundernden“ 38 Ib.
p. 112: „Dichter“ 38—39 Ib. p. 111: „Philosophen“
4041—412 Ib. p. 143 : „Attila an der Mame“ 41 ungeheuer] bei Pol angeschwollen
413 In J. Pol, Gedichte. 1. Teil 13—14 Fr. W. Krug, Poetische Erstlinge
und prosaische Reliquien. Bestehend aus mehreren eigenen religiösen u. Na¬
turgedichten nebst einigen interessanten u. erlaublichen, noch wenig bekannten
Marx-Engels-Gesamtansgabe, I. Abt., Bd. 2. 41
642
Zitaten, und Titelnachweise; textkritische Anmerkungen
Mitteilungen v. H. Stilling u. G. Tersteegen. Einem resp. wohlwollenden Pub¬
likum freimütig dargeboten u. mitgeteilt Barmen 1831 14—15 Id., Das wahre
Kreuz. Eine Schrift für alle Confessionen. Aus dem Französischen des Herrn
Cäsar Malan, evangelischen Predigers in Genf. Uebers. v. F. W. Krug. Elber¬
feld 1832 15—16 Id., Kämpfe und Siege des jungen Wahlheim oder Lebens¬
bilder aus dem Reiche des Wahren, Guten und Schönen. 1. Bändchen. El¬
berfeld 1833
423—4 Elberfelder Zeitung, 12. IV. 1839, Nr. 101: „Elberfeld“ 11—12 Rhei¬
nisches Odeon. Hg. v. I. Hub, F. Freiligrath u. A. Schnezler. 2. Jg. Düssel¬
dorf 1838, p. 448: Martin Runkel, Zu Grabbes Bildniss
432—3 Cf. Anm. zu 423—4 4 Cf. Anm. zu 3216—23 17—18 Dante, La Divina
Commedia. Inferno III, 2 18 nello] bei Dante nell’
444 Josua Kap. 10, Vers 12 u. 13
458 Lieder eines heimgegangenen Freundes. Elberfeld 1839 [anonym]
4536—46 5 Ib. p. 18: „Der Pilger und das Schäflein“ 36 Arme] im Or. Armes
461 Gedrückt] im Or. Gebückt 5 ein Lämmlein] im Or. ein Schäflein
491 Von den deutschen Volksbüchern existierten zur Zeit der Abfassung des Engdschen
Aufsatzes neben gewöhnlichen Volksausgaben bereits mehrere literarisch-kritische
Sammlungen, deren Engels vier erwähnt: Volksbücher. Hg. v. G. O. Marbach. Leip¬
zig 1838—1845 — Deutsche Volksbücher nach den ächtesten Ausgaben herge¬
stellt v. Dr. Karl Simrock. Berlin 1839 — Deutsche Volksbücher, neu gereimt
v. K. Simrock. Berlin 1839 — Buch der schönsten Geschichten und Sagen für
Jung und Alt wiedererzählt v. Gustav Schwab. 2 Bde. Stuttgart 1836—1837.
Damals waren in den vier Sammlungen bereits folgende von Engels erwähnte Volks¬
bücher erschienen: In der Marbachschen Sammlung: Nr. 1 Griseldis. 1838 —
Nr. 3 Melusina. 1838 — Nr. 4 Die Schildbürger. 1838 — Nr. 5 Magelone. 1838
— Nr. 6 Kaiser Octavianus. 1838 — Nr. 7 Die sieben Schwaben. 1838 — Nr. 8
Genovefa. 1838 — Nr. 10 Die Heymonskinder. 1838 — Nr. 12 Eulenspiegel.
1839 — Nr. 13/14 Tristan und Isolde. 1839. In den beiden Simrockschen Samm¬
lungen: Salomon und Morolf. 1839. Bei Schwab: I. Bd. Nr. 1 Der gehörnte Sieg¬
fried — Nr. 2 Die schöne Magelone — Nr. 4 Hirlanda — Nr. 5 Genovefa —
Nr. 7 Griseldis — Nr. 9 Die Schildbürger — II. Bd. Nr. 10 Kaiser Octavianus
— Nr. 11 Die vier Heymonskinder — Nr. 12 Die schöne Melusina — Nr. 13
Herzog Emst — Nr. 14 Fortunat und seine Söhne. Über die älteren Ausgaben cf.
P. Heitz u. Dr. F. Ritter, Versuch einer Zusammenstellung der deutschen Volks¬
bücher des 15. und 16. Jahrhunderts nebst deren spätem Ausgaben und Lite¬
ratur. Straßburg 1924
5011—12 Joseph Görres, Die teutschen Volksbücher. Nähere Würdigung der
schönen Historien- Wetter- und Arzneybüchlein, welche teils innerer Wert, teils
Zufall Jahrhunderte hindurch bis auf unsere Zeit erhalten hat. Heidelberg
1807 15—16 Intelligenzblatt zu den Hallischen Jahrbüchern. Leipzig 1838,
Nr. 1, p. 3: „An das gesammte deutsche Volk“ 29—30 Schiller, Die Götter
Griechenlands 39—44 Cf. Anm. zu 49 1
5116 Der hörnerne Siegfried. Eine wunderschöne Historie von dem gehörnten
Siegfried. Was wunderliche Ebentheuer dieser theure Ritter ausgestanden,
sehr denkwürdig und mit Lust zu lesen. Aus dem Französischen und Teutschen
übersetzt und von neuem wieder aufgelegt. Köln [ohne Jahr] 27 Cf. Anm.
zu 491 33 Leben und Thaten des großen Helden Heinrich des Löwen, Herzog
zu Braunschweig. Einbeck [ohne Jahr]
5218 Cf. Anm. zu 491 27—28 Cf. Anm. zu 491
5314—15 Cf. Anm. zu 491 36 Cf. Anm. zu 491
Zitaten- und Titelnachweise; textkritische Anmerkungen
643
5413 u. 16 Cf. Anm. zu 491 21 Ludwig Tieck, Kaiser Octavianus. Ein Lustspiel
in zwei Theilen. Schriften. 15 Bde. Berlin 1828/29. Bd. 1 30—31 Cf. Anm.
zu 491 37—38 Gottfried von Straßburg, Tristan und Isolde. Höfisches
Epos, um 1210
55e Cf. Anm. zu 491 17—18 Cf. Anm. zu 491 21 Cf. Anm. zu 5011—12
23—24 Ludwig Börne, Briefe aus Paris 1830—1831. Erster Teil, Zweiter Teil.
Gesammelte Schriften Nr. 9. 10. Teil. Hamburg 1832 — Mitteilungen aus
d. Gebiete der Länder- u. Völkerkunde. Erster Teil, Zweiter Teil. Gesammelte
Schriften. 11.12. Teil. Offenbach 1833 — Briefe aus Paris 1832—1833. Fünfter
Teil, Sechster Teil. Gesammelte Schriften. 13. 14. Teil. Paris 1834 24 Karl
Gutzkow, Wally oder die Zweiflerin. Mannheim 1835 30 Cf. Anm. zu 491
567—8 Cf. Anm. zu 491 12 Cf. Anm. zu 5116 22—23 Cf. Anm. zu 491
576—8 Karl Beck, Nächte. Gepanzerte Lieder. Leipzig 1838. p. 2: „Der Sultan“
15—16 Id., Nächte. Gepanzerte Lieder. Eingeteilt in: Erstes Märchen. Abenteuer
eines Leipziger Studenten — Zweites Märchen. Die neue Bibel — Drittes
Märchen. Der neuen Bibel zweiter Teil — Viertes Märchen. Das junge Palästina
— Vermischte Märchen 37 Ludwigslied, Althochdeutsches Gedicht in frän¬
kischer Mundart um 882. Die Handschrift durch Hoffmann v. Fallersleben wieder
aufgefunden und 1837 in den von ihm und Willems herausgegebenen „Monumenta
Elnonensia“ wieder abgedruckt.
583 F. Freiligrath, Gedichte. Stuttgart u. Tübingen 1838 3 Cf. Anm. zu 5716—16
6—8 Zeitung für die elegante Welt 13. u. 15. XI. 1838, Nr. 223 u. 224, p. 889 sq.
u. 893 sq. : „Deutsche Lyrik. Karl Beck, Ferdinand Freiligrath.“ Ohne An¬
gabe des Verfassers 9—io Ludolf Wienbarg, Die Dramatiker der Jetztzeit.
1. Heft. Altona 1839. p. 13 sqq. 18—io Karl Beck, Nächte. Gepanzerte
Lieder, p. 77 : Zweiundzwanzigste Nacht 38 L. Börne, Menzel, der Franzosen¬
fresser. Paris 1837
595 Karl Beck, Der fahrende Poet. Dichtungen. Leipzig 1838. 4 Gesänge: Ungarn
— Wien — Weimar — Die Wartburg 15 Id., Stille Lieder. 1. Bändchen. Leip¬
zig 1840. Wieder abgedruckt auch in „Gedichte“, 2. Aufl. Berlin 1845 21 Karl
Beck, Novellistische Skizzen. In Zeitung für die elegante Welt 2. IX., 3. IX.,
5.—7. IX. 1839, Nr. 171—175, p. 681 sqq., 686 sq., 689 sqq., 693 sqq., 697 sqq.
6014—15 Karl Beck, Nächte, p. 5: „Der Sultan“ 12 Id., Stille Lieder. In
Gedichte. 2. Aufl. Berlin 1845, p. 198: „Eine Thräne“ 17—24 Cf. voran¬
gehende Anm. 20 Sperrung und ! von E. 21 Es schwimmen] bei Beck
Es schwimmt 27—28 Zeitung für die elegante Welt 30. VI. 1838, Nr. 126,
p. 501: „Stille Lieder von Karl Beck. 2. Schlaf wohl!“ 30—31 Beck, Stille
Lieder, Leipzig 1840. p. 64: „Weltgeist“ 32 Beck, Gedichte. 2. Aufl. Berlin
1845, p. 245 sqq.: „Der Zigeunerkönig“ 37 Ib. p. 256 sq.: „Das Röslein“
38 Ib. p. 258 sqq. : „Das Wachthaus“
615 Karl Beck, Saul. Ein Trauerspiel in 5 Aufzügen. Leipzig 1841 0—7 Zei¬
tung für die elegante Welt 4.—8. XI. 1839, Nr. 216—219, p. 861 sqq., 865 sqq.,
869 sqq., 873 sqq.: Saul. Trauerspiel in fünf Aufzügen von Karl Beck. Erster
Aufzug 7 Allgemeine Theater-Chronik. Leipzig, 25. XI. 1839, Nr. 143,
p. 570: Episoden. Carl Beck als Dramatiker. Von J. P. Leser 8 TfD No¬
vember 1839, Nr. 190, p. 1519 sq.: *—* Kleine Chronik: „Karl Beck. Saul.
1. Akt“ Mit Fußnote von K. G\utzkow'\
6226—31 K. Gutzkow, Zur Philosophie der Geschichte. Hamburg 1836. p. 53
6512—13 F. Gustav Kühne, Eine Quarantaine im Irrenhause, aus den Papieren
eines Mondscheinlers. Leipzig 1835 13—14 Id., Weibliche und männliche
Charaktere. 2 Bde. Leipzig 1838 29 Hallische Jahrbücher für deutsche
Wissenschaft und Kunst. Hg. v. Arnold Ruge u Theodor Echtermeyer. Leipzig
4P
644
Zitaten, und Titelnachweise; textkritische Anmerkungen
Januar 1838 bis Juni 1841. Von der preußischen Regierung verboten, erschie¬
nen sie seit Juli 1841 bis zu ihrer endgültigen Unterdrückung im Januar 1843
unter dem Titel Deutsche Jahrbücher für Wissenschaft und Kunst 44 Edu¬
ard Duller, Kronen und Ketten. Frankfurt 1835 Id., Der Antichrist. Leipzig
1833 Id., Loyola. Leipzig 1836 Id., Kaiser und Papst. In vier Theilen.
Leipzig 1838
661 Heinrich Anselm von Ziegler und Kliphausen, Asiatische Banise oder blutiges
doch muthiges Pegu alles in Historischer mit dem Mantel einer annehmlichen
Helden- und Liebesgeschichte bedeckten Wahrheit beruhende. Leipzig 1688
2—3 Daniel Casper von Lohenstein, Großmüthiger Feldherr Arminius oder Her¬
mann nebst seiner durchlauchtigsten Thusnelda. Leipzig 1689 12—14
F. Freiligrath, Das malerische und romantische Westphalen. Barmen—Leipzig.
1. Lieferung 1839. 2. Lieferung von Freiligrath u. Levin Schücking. Barmen—
Leipzig 1840. Das Zitat aus dem einleitenden Gedicht: „Freistuhl zu Dort¬
mund“
68o Graf August v. Platen, Gesammelte Werke. In Einem Band. Stuttgart
u. Tübingen 1839 10 Ib. p. 115, Ode XXIX 10—14 Gedichte aus dem
ungedruckten Nachlasse des Grafen August von Platen-Hallermünde. (Als
Anhang zu den bei Cotta erschienenen Gedichten Platens.) Straßburg 1839
34 [Goldmann,] Die europäische Pentarchie. Leipzig 1839
697 Franz Karl Joel Jacoby, Kampf und Sieg (Vorläuferin der ausführlichen
Bekehrungsgeschichte). Regensburg 1840 13 Berliner politisches Wochen¬
blatt. Hg. v. Carl Ernst Jarcke, seit 1832 v. F. W. Streit. Berlin 1831—1841.
16—17 Joel Jacoby, Kampf und Sieg. p. 57 33—34 Ib. p. 81
7030—31 Ib. p. 94 40 Ib. p. 104
7121—28 Zeitung für die Elegante Welt 8. II. 1838, Nr. 28, p. 109 : „Neue Gedichte
von Anastasius Grün. 2. Apostasie.“ 23 je mich] in der Ztg. f. d. Eleg. Welt
mich je 27 als Lebend’ger] in der Ztg. f. d. Eleg. Welt als lebend’ger Mann
721 Zeitung für den Deutschen Adel. Leipzig 1840—1844. Zweimal wöchentlich
erscheinend. Hg. v. C. L. F. W. G. v. Alvensleben bis 1842. Verantwortlicher
Redakteur 1840—1843 Fr. Baron de la Motte Fougue, nach dessen Tode, Jan.
1843, H. A. Freiherr v. Einsiedel. Vom 1. I. 1845 ab erschien die Zeitung unter
dem Namen Panorama der Vergangenheit und Gegenwart. Fortsetzung der Zei¬
tung für den Deutschen Adel 3—4 Anfangsworte der Sequenz aus der Missa de
Requie 10—14 Ankündigung und Einladung zur Subscription auf die mit dem
1. Januar 1840 erscheinende Zeitung für den deutschen Adel. Abgedruckt u. a.
im Sprecher oder Rheinisch-Westphälischen Anzeiger 28. VIII. 1839, Nr. 69,
p. 1103 sq. 10—11 der Öffentlichkeit angehört] in dem Prospektus der Öffent¬
lichkeit angehört, wie die gegenwärtige 21 K. E. Schubarth, Ueber die Un¬
vereinbarkeit der Hegel’schen Staatslehre mit dem obersten Lebens- und Ent¬
wicklungsprinzip des Preußischen Staats. Breslau 1839 36 A us dem Requiem
7838—39 Cf. Anm. zu 7210—14 39 nie ein Unrecht] in dem Prospektus nie zu
einem Unrecht
7410 Cf. Anm. zu 6913 16 L. M. Fouqué, Vorwort an unsere Leser. Zeitung für
den Deutschen Adel 1. I. 1840, Nr. 1, p. 1 sqq. 23—24 Ib. p. 2 38—39 Kant,
Zum ewigen Frieden. Ein philosophischer Entwurf. Königsberg 1795
757 L. M. Fouqué, Vorwort an unsere Leser, p. 3. Cf. Anm. zu 7416 8—9 Ib.
p. 3. Weiß Gold aus den an sich dunkelsten Erscheinungen zu ziehen] in der
Adels-Zeitung Gold ziehend auch selbst aus den an sich dunkelsten Erscheinun¬
gen Sperrung von E. 10 Aus dem Requiem 25—27 Ib.
7638 Cf. Anm. zu 392^—36 39 Karl Gutzkow, Blasedow und seine Söhne.
Komischer Roman. 3 Teile. Stuttgart 1838
Zitaten* und Titelnachweise; textkritische Anmerkungen
645
7721 Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen. 1. Aufl. 2 Bde. Berlin 1812
—1814. 3. Aufl. Göttingen 1837 40—41 Joh. Bernhard Thiersch, Ich bin
ein Preuße. In Lieder und Gedichte des Dr. Bernhard Thiersch, von seinen
Freunden in und bei Halberstadt für sich herausgegeben. Halberstadt 1833
796—30 Der Verfasser dieses Gedichts konnte nicht ermittelt werden
818 Shakespeare, Ein Sommemachtstraum. Dramatische Werke. Uebers. v. A.
W. Schlegel, ergänzt u. erläutert v. Ludwig Tieck. 9 Teile. Berlin 1825—1833.
III, p. 197 sqq. 9—io Romeo und Julia. Ib., IX, p. 187 sqq. 11—12 Cf.
Anm. zu 6612—14
834—5 Shelley, Queen Mab. III u. IV. The Poetical Works. Reprinted from the
early éditions. London and New York, Frédéric Warne and Co. (Ohne Jahres¬
angabe) p. 14 u. 17 20 Pedro Calderon de la Barea, Las comedias, cotejadas
con las mejores ediciones hasta ahora publicadas, corregidas y dadas à luz por
Juan Jorge Keil. 3 vols. Leipzig 1820—1822; 4 vols. Leipzig 1829—30
8612 La puente de Mantible. Ib. T. I 15 El Médico de su honra Ib. T. II
16 El Principe constante. Ib. T. II 18 La hija del aire, parte primera y se-
gonda. Ib. T. III 21 La Vida es sueno. Ib. T. I 25Mananas de Abril y
Mayo. Ib. T. III
883 Friedr. Wilh. Krummacher, Das letzte Gericht. Gastpredigt gehalten am
12. Juli 1840 vor der St. Ansgarii-Gemeine zu Bremen. Auf Verlangen zum
Besten der Sonntagsschule herausgegeben. Bremen 1840—Id., Paulus, kein Mann
nach dem Sinne unsrer Zeit. Bremen 1840 32—34 Ib. p. 17 sq. Im Himmel
ist ein Festtag, nicht wenn ein Dichter geboren wird, sondern ein Irrender ge¬
weckt wird] bei Krummacher Ihr kennt das Wort des Herm, Luc. 15, 7: „Ich
sage euch, es wird Freude im Himmel seyn,“ ... wenn auf Erden was geschah?
Ein Genie geboren ward? Ein großer Künstler auftrat? ... O nein, der Vor¬
gang, der auch den Himmel in freudige Bewegung setzt, ist ein andrer ... Seht,
da liegt ein Mensch im Staube und schlägt an seine Brust ... Ja, über einen
solchen Menschen ist Freude droben ...
8914—21 Id., Das letzte Gericht, p. 13 17 geht darüber] bei Krummacher gibt
darüber 19 ruht] bei Krummacher ruhet
914—7 Der Nibelunge Not I, 20 23 Annolied, mittelhochdeutsches Gedicht,
Ende des 11. oder Anfang des 12. Jahrhunderts, zur Verherrlichung des heil.
Anno, Erzbischofs von Köln. Das Gedicht wurde zuerst von M. Opitz, Danzig
1639, herausgegeben. Gültige Ausgabe von Rödiger in den Monumenta Germaniae
historica (Deutsche Chroniken. Bd.l. Hannover 1895) 35—36 Wilhelm Grimm,
Die deutsche Heldensage. Göttingen 1829
9619 Cf. Anm. zu 5838 28 Ernst Moritz Arndt, Erinnerungen aus dem äußern
Leben. Leipzig 1840
97 36—37 Goethe, Der Gott und die Bajadere
9845 Carl Bade, Napoleon im Jahre 1813, politisch-militärisch geschildert. 1. Teil:
Der Krieg in Deutschland bis zum Waffenstillstände, 4. Juni. Altona 1839;
2. Teil : Der Krieg in Deutschland. Zeitraum vom 4. Juni bis zum 3. September.
Altona 1840 ; 3. Teil : Der Krieg in Deutschland. Zeitraum vom 4. September
bis zum 15. Oktober. Altona 1841; 4. Teil: Der Krieg in Deutschland. Zeit¬
raum vom 16. Oktober bis zum Ende des Jahres. Altona 1841
1018—9 Anonyme Rezension: Friedrich v. Florencourt, Politische, kirchliche und
litterarische Zustände in Deutschland. Ein journalistischer Beitrag zu den
Jahren 1838 und 1839. Leipzig 1840. In Hallische Jahrbücher 23. u. 24. XI.
1840, Nr. 281 u. 282, p. 2241 sqq., p. 2249 sqq. 19—20 Poema del Cid.
Ediciön anodata por Ramon Menéndez Pidal. Madrid 1900, p. 101, Vers 3328
646
Zitaten- und Titelnachweise; textkritische Anmerkungen
29 G. W. F. Hegel, Encyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grund¬
risse. Teil 1. Hg. v. L. v. Henning. Vollständige Ausgabe durch einen Verein von
Freunden des Verewigten... 19 Bücher in 23 Bden. Berlin 1832—1845. Bd. VI.
1840 35 Cf. Anm. zu 552^24.
10238—39 Cf. Anm. zu 65 29
10828—28 Balthasar Gerhard Schumacher, Preußische Nationalhymne. 1793 um¬
gearbeitet nach dem „Lied für den preußischen Untertan“ von H. Harries.
Zum ersten Mal abgedruckt in der SpenerschenZtg. 17. XII. 1793, als „Berliner
Volksgesang“ 37—38 Cf. Anm. zu 6913
1057—8 Cf. A. Jeanroy, Poésies de Guillaume IX, Comte de Poitiers. Paris 1905,
p. 28: Farai un vers de dreyt nien (Je ferai un vers sur le pur néant)
10713—14 Nikolaus Becker, Der deutsche Rhein. Zuerst erschienen in der Trierschen
Zeitung 18. IX. 1840, Nr. 257, p. 1179 23—24 Marseillaise, gedichtet und kom¬
poniert von Claude-Joseph Rouget de Lisle 1792
Illi Karl Immermann, Memorabilien. 1. Teil. Hamburg 1840. Die Jugend
vor fünfundzwanzig Jahren. Kapitel-Einteilung: Avisbrief—Knabenerinne¬
rungen — Die Familie — Pädagogische Anekdoten — Der Oheim —
Lehre und Literatur — Fichte — Jahn — Der Despotismus — Die Jugend.
12—13 Rheinisches Jahrbuch für Kunst und Poesie. Hg. v. F. Freiligrath,
C. Matzerath und K. Simrock. 1. u. 2. Jg. Köln 1840 u. 1841
1121 R. K[östlin], Die deutschen Dichter und ihr Publikum. In Europa, Chronik
der gebildeten Welt. Stuttgart 1840. p. 39 sqq. Cf. Anm. zu 1111 22 Immer¬
mann, Die Epigonen. Familienmemoiren in 9 Büchern. Düsseldorf 1836
24 Id., Münchhausen. Eine Geschichte in Arabesken. Düsseldorf 1838—39
1185—6 Id., Memorabilien, p. 27 5 Mangel an Selbstvertrauen] bei Immermann
Das allgemeine Selbstvertrauen fehlt aber 18 Ib. p. 30 sq. 23—24 Fré¬
déric le Grand, Oeuvres. Berlin 1847—1852. T. XXVI. In dem Briefe Fried¬
richs II. an den Prinzen Heinrich v. Preußen vom 18. X. 1782 als Sprichwort
erwähnt.
11845—114 5 Immermann, Memorabilien, p. 95 45 eintritt] bei I. übertritt
1142—3 betrachten, noch der] bei I. betrachten, der 4 führt sie] bei I. wirft sie
11542—43 Ib. p. 286 44 Ib. p. 285
11725 Cf. Anm. zu 11224 28 Immermann, Ghismonda, oder die Opfer des
Schweigens. Taschenbuch dramatischer Originalien. Hg. v. Franck. 3. Jg.
Leipzig 1839 — Id., Tristan und Isolde. Ein Gedicht in Romanzen. Düssel¬
dorf 1841 30 Id., Merlin. Eine Mythe. Düsseldorf 1832
12114 K. Gutzkow, Richard Savage, oder der Sohn einer Mutter. Erste Auf¬
führung im Königl. Schauspielhause zu Berlin am 2. Mai 1840. Gedruckt in
K. Gutzkow, Dramatische Werke. Bd. 1. Leipzig 1842 14—15 Karl Blum,
Theater. 4 Bde. Berlin 1839—1844. „Schwärmerei nach der Mode. Er¬
ziehungsresultate.“ Bd. III. 1844 17 Hallische Jahrbücher 20. IV. 1840,
Nr. 95, p. 756 sqq., 22—24. IV. 1840, Nr. 97—99, p. 774 sqq., 782 sqq.,
788 sqq. : „Richard Savage in Leipzig. Correspondenz.“
12412 Bremer Zeitung für Staats- Gelehrten- und Handelssachen. Hg. v. Verlags¬
buchhändler Johann Georg Heyse. 1813—1848 18 Bremisches Conversations-
blatt. Red. v. Lud. Wilhelm Heyse. 3. V. 1838—30. VI. 1839 25 Der
Patriot. Zeitschrift für Deutschland. Hg. v. Dr. F. L. Voget. Bremen. Juli—
Dezember 183 8 33 Bremisches Unterhaltungsblatt. 1823—1857. 1838—1840
red. v. W. Fricke
1257—8 Bremer Kirchenbote. Eine Zeitschrift. Hg. v. G. G. Treviranus, Friedr.
Mallet u. F. A. Toel. 1832—1847 13—17 Bremer Kirchenbote 12. u. 19. I.
1840, Nr. 1—2. Friedrich Mallet: „Vorwort“, p. 4
Zitaten- und Titelnachweise; textkritische Anmerkungen
647
12723 Cf, Anm. zu 11222
128i»—20 Cf. Anm. zu 883 33—34 Friedr. Wilh. Krummacher, Paulus, kein
Mann nach dem Sinne unsrer Zeit. Bremen 1840. p. 12—13. Engels zitiert
nur dem Sinne nach
12922 Karl Friedrich Wilh. Paniel, Drei Predigten, mit Bezug auf eine besondere
Veranlassung, am 12., 19. u. 26. Juli 1840 gehalten. Bremen 1840 32—33
J. N. Tiele, Sendschreiben an Herm Dr. Paniel. Bremen 1840 37 [E. W.
Weber,] Die Verfluchungen im Interesse denkender Christen von einem Ano¬
nymus. Bremen 1840 42 F. W. Krummacher, Theologische Replik an
Herrn Dr. Paniel. Elberfeld 1840
1805—6 Nicht ermittelt
14116—17 Karl Friedr. Wilh. Paniel, Unverhohlene Beurteilung der von Herrn
Pastor Dr. philos. Krummacher von Elberfeld zur Verteidigung seiner Bre¬
mischen Verfluchungssache herausgegebenen sogenannten „Theologischen
Replik“. Bremen 1840
14221—23 Bekenntnis Bremischer Pastoren in Sachen der Wahrheit. Bremen 1840
1481 Unpietistische Reime, erbaulich und gut zu lesen für Jedermann. 1. Gabe-
Bremen 1841 30—31 Cf. Anm. zu 12937 42 [Dr. E. Beurmann,] Paulus in
Bremen. Von einem Candidaten der Theologie aus Stade. Hanau 1841
14426 Eduard Beurmann, Skizzen aus den Hanse-Städten. Hanau 1836] 28—29
Id., Deutschland und die Deutschen. 4 Bde. Altona 1838—40 30 Alexander
Soltwedel [Friedrich Sass], Hanseatische Briefe. In Der Freihafen. Galerie
von Unterhaltungsbildem aus den Kreisen der Literatur, Gesellschaft und
Wissenschaft. 1839, Heft 3, p. 240sqq., Heft 4, p. 250sqq.; 1840, Heft 1,
p. 255 sqq.
14523—24 Neue Zeitschrift für Musik 13.—27. XI. 1834, Bd. I, Nr. 65—69. Carl
Kossmaly: „Aphorismen“ — Ib. 9. I. 1835, Bd. II, Nr. 3. Id.: „Kunststa¬
tionen“ — Ib. 27. III.—13. IV. 1838, Bd. VIII, Nr. 25—30. Id.: „Musika¬
lische Charakteristiken. I. Bellini“; 20, VIII. 1839, Bd. XI, Nr. 15: „II. Fer¬
dinand Ries“; 12. XI. 1839, Bd. XI, Nr. 39: „III. Ch. de Bériot und Pauline
Garcia“; 19. II.—1. III. 1841, Bd, XIV, Nr. 15—18: „IV. Über das Lied im
Allgemeinen — Das Volkslied — N. Beckers Gedicht — Über die Composi-
tionen des Letzteren“ — Ib. 16. VII. 1839, Bd. XI, Nr. 5. Id.: „Vertraute
Briefe aus Amsterdam“ — Ib. 11. IX.—21. IX. 1839, Bd. IX, Nr. 21—24.
Id.: „Das Sängerfest in Frankfurt a. Main.“ Gez. C. K—y
1461 Die „Tafel“ wurde 1433, die „Neue Eintracht“ 1534 abgefaßt. „Neue Ein¬
tracht“ abgedruckt in: Johann Hermann Duntze, Geschichte der freien Stadt
Bremen. 3. Bd. Bremen 1848. p. 146 sqq. 21 1498 erschien in Lübeck eine
plattdeutsche illustrierte und satirisch bearbeitete Ausgabe dieser Dichtung: „Reynke
de Vos“
1509—10 The Shipping- and Mercantile Gazette. Erschien vom Januar 1836 in London
15136 Schiller, Der Taucher
16122—35 Petrarca, Collezione dei quattro primi poeti italiani. Paris 1838. In
Morte di M. Laura. Sonetto XXXIV. Estasi felicissima
17419 Cf. Schelling’s Erste Vorlesung in Berlin. 15. November 1841. Stuttgart
u. Tübingen 1841. Ferner Dr. H. E. G. Paulus, Die endlich offenbar gewordene
positive Philosophie der Offenbarung oder Entstehungsgeschichte, wörtlicher
Text, Beurtheilung und Berichtigung der v. Schellingsschen Entdeckungen
über Philosophie überhaupt, Mythologie und Offenbarung des dogmatischen
Christenthums im Berliner Wintercursus von 1841—42. Der allgemeinen
Prüfung vorgelegt. Darmstadt 1843
648
Zitaten, und Titelnachweise; textkritische Anmerkungen
17444—1751 Hegel, Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie. 3 Bde.
Hg. v. K. L. Michelet. Hegels Werke. Bd. XIII—XV. Berlin 1833—1836
17541 Zeitschrift für spekulative Physik. Hg. v. Fr. v. Schelling. Jena u. Leipzig
1800—1801. Zweyten Bandes zweytes Heft
1788 [Carl Riedel,] v. Schellings religionsgeschichtliche Ansicht nach Briefen aus
München. Mit einer vergleichenden Zugabe: Peter Feddersen Stuhr über Ur¬
geschichte und Mythologie und einem Vorberichte über v. Schellings jüngste
literarische Fehden. Berlin 1841 n Cf. Anm. zu 652»
17925—26 Cf. Anm. zu 10122
18123—24 Athenäum für Wissenschaft, Kunst und Leben. Eine Monatsschrift
für das gebildete Deutschland. Hg. v. Carl Riedel. Nürnberg 1838—39 24 Cf.
Anm. zu 65 29
1824 Evangelische Kirchenzeitung. Gegr. v. E. W. Hengstenberg. Berlin 1827
—1924 4—5 Berliner Allgemeine Kirchenzeitung. Hg. v. Prof. Rheinwald.
Berlin 1839—1853 5 Literarischer Anzeiger für christliche Theologie und
Wissenschaft überhaupt. Hg. v. Prof. Dr. Tholuck. Halle 1830—1849 5—6
Zeitschrift für Philosophie und spekulative Theologie. Hg. v. I. H. Fichte.
Bonn 1837—1846
188 io Jahrbücher für wissenschaftliche Kritik. Hg. v. der Societät für wissenschaft¬
liche Kritik zu Berlin. Red. von Prof. v. Henning. Berlin 182 7—1847 25 Hegels
Werke. Vollständige Ausgabe durch einen Verein von Freunden des Ver¬
ewigten ... 23 Bde. Berlin 1832—1845
18410 Hegel, Vorlesungen über die Philosophie der Religion. Nebst einer Schrift
über die Beweise vom Daseyn Gottes. 2 Bde. Hg. v. Philipp Marheineke.
Hegels Werke. Bd. XI u. XII. Berlin 1832 Id., Grundlinien der Philo¬
sophie des Rechts, oder Naturrecht und Staatswissenschaft im Grundrisse.
Hg. v. Ed. Gans. Hegels Werke. Bd. VIII. Berlin 1833 22 Cf. Anm.
zu 6529 33 Heinrich Leo, Die Hegelingen. Actenstücke und Belege zu der
s. g. Denunciation der ewigen Wahrheit. Halle 1838
1851 Ludwig Feuerbach, Das Wesen des Christentums. Leipzig 1841 David
Friedrich Strauß, Die christliche Glaubenslehre in ihrer geschichtlichen Ent¬
wicklung und im Kampfe mit der modernen Wissenschaft dargestellt. Bd. 1—2.
Tübingen 1840—41 2 Cf. Anm. zu 65 29 3 [Bruno Bauer,] Die Posaune
des Jüngsten Gerichts über Hegel den Atheisten und Antichristen. Ein Ulti¬
matum. Leipzig 1841
18631 Hegel, Phänomenologie des Geistes. Hg. v. J. Schulze. Hegels Werke.
Bd. II. Berlin 1832
18732 Fr. W. J. v. Schelling, Philosophie der Offenbarung. Sämmtliche Werke.
Hg. v. K. F. A. Schelling. I. Abt. 10 Bde. II. Abt. 4 Bde. Stuttgart u.
Augsburg 1856—1861. II. Abt. Bd. III u. IV 33—34 Id., Philosophie der
Mythologie. Ib. II. Abt. Bd. II
20231—32 Cf. Anm. zu 174^—1751
20511 Cf. Anm. zu 186 31
20719 David Friedrich Strauß, Das Leben Jesu, kritisch bearbeitet. Tübingen
1835—36 Cf. Anm. zu 1851
20943—2101 G. Cuvier, Discours sur les révolutions de la surface du globe. Paris
1840. p. 53: „... une philosophie, qui substitue des métaphores aux raisonne¬
ments ... “. Wahrscheinlich bezieht sich E. auf diese Stelle.
21441—42 Jesaias 53, 4—8
21613—15 Cf. Anm. zu 18 7 32, 33—34
21710—15 Ep. Pauli an die Philipper 2, 6—8
Zitaten- und Titelnachweise; textkritische Anmerkungen
649
2297—9 Lucas 15, 7
2812—4 Jesaias 3, 9
23822—24 1. Ep. Pauli an die Korinther 1, 27 24—26 Ib. 2,14
23442 Matthaeus 10,16
2353—4 Ib. 23,12 31—33 Ib. 11, 25 34—36 Ep. Judä 6 41—42 Ev. Joh. 1,3
23612—13 Jesaias 53, 4—8
28725—27 Ep. Pauli an die Philipper 2, 6—8
28938—41 Jesaias 53, 8
2428—10 Matthaeus 16,18 9 meine Kirche bauen] bei Matthaeus meine Gemeine
bauen
2436—14 Apostelgeschichte 17,16—18
2443—9 Apostelgeschichte 17, 19—21 24—25 Leipziger Allgemeine Zeitung.
Leipzig. 1837—März 1843
2451—2 Apostelgeschichte 17 , 32 26—32 1. Ep. Pauli an die Korinther 5, 3—5
33—36 Matthaeus 16,19 37—39 Ev. Joh. 20, 23
2467—14 Matthaeus 19,10—12 17—191. Ep. Pauli an die Korinther 7,1—2
20—21 Ib. 7, 8 21—22 Ib. 7, 27 22—24 Ib. 7, 32—33 25—30 Ib. 7, 38—40
24645—247 6 Ep. Pauli an die Epheser 6, 14—17 mit einigen Abweichungen bei E.
7—81. Ep. Petri 5, 8 22—27 Matthaeus 24,11—14 ; bei E. irrtümtichNers 11—13
2a—30 Ib. 24, 24 ; bei E. V. 21 31—412. Ep. Pauli an die Thessalonicher
2,3—4 42—44 1. Ep. Pauli an Timotheus 4,1; bei E. 3,1
2483—5 2. Ep. Petri 3, 3 27—31 Offenbarung Johannis 13, 5—7 etwas gekürzt
42-44 Matthaeus 16,3
2495—8 Offenbarung Johannis 3, 5 9—10 Ib. 3,11
25910 Goethe, Faust. Der Tragödie Erster Teil. Nacht
26528 Hallische Annalen = Hallische Jahrbücher, cf. Anm. zu 65 29 38 Deutscher
Musenalmanach für 1840. Dasselbe für 1841. Hg. v. Th. Echtermeyer und
A. Ruge. Berlin 1840, 1841
26618—19 cf. Anm. zu 65 29
2761 Carl Friedrich Köppen, Friedrich der Große und seine Widersacher. Eine
Jubelschrift. Meinem Freunde Karl Heinrich Marx aus Trier gewidmet. Leipzig
[Mitte April] 1840 3 Cf. Anm. zu 1853 und 1 5 Arnold Ruge, Der
Novellist. Eine Geschichte in acht Dutzend Denkzetteln aus dem Taschen¬
buche des Helden. Leipzig 1839 6 Eduard Meyen, Heinrich Leo, der ver-
hallerte Pietist. Ein Literaturbrief. Allen Schülern Hegels gewidmet. Leip¬
zig 1839 23 Heinrich Leo, Lehrbuch der Universalgeschichte, zum Gebrauche
in höheren Unterrichtsanstalten. 6 Bde. Halle 1835—1844 36 Der Christen-
Bote. Ein kirchlich-religiöses Sonntagsblatt. Erschien ab 1832 in Stuttgart
unter der Redaktion von I. C. F. Burk.
29241 Cf. Anm. zu 18433 43—44 Dr. Philipp Marheineke, Einleitung in die
öffentlichen Vorlesungen über die Bedeutung der Hegelschen Philosophie in
der christlichen Theologie. Nebst einem Separatvotum über B. Bauers Kritik
der evangelischen Geschichte. Berlin 1842
2969 v. Bülow-Cummerow, Preußen, seine Verfassung, seine Verwaltung, sein Ver¬
hältnis zu Deutschland. 1. Teil. Berlin 1842
2991—4 Ludwig Walesrode, Glossen und Randzeichnungen zu Texten aus unserer
Zeit. Vier öffentliche Vorlesungen, gehalten zu Königsberg. Königsberg 1842.
Bei H. L. Voigt. (XI u. 84 p.) Inhalt: I. Die Masken des Lebens. Eine Ascher¬
mittwochs-Phantasie II. Unser goldnes Zeitalter III. Literarisches Don-
quixotes-Tumier IV. Variationen über beliebte Zeit- und Nationalmelodien
650
Zitaten, und Titelnachweise; textkritische Anmerkungen
8004—13 Ib. p. 15—16 io und einer] bei W. und mit einer 15—24 Ib. p.
16—17 15 entgegen] bei W. gerade in den Weg 16 Fingern] bei W, Schreib-
fingem 20 Sperrung von E. 22 bei W. sie gesperrt
8O030—301 23 Ib. p. 48—50 30 Die deutsche Sprache] bei W. Sie 33—35
Was können bei W. gesperrt 36 politische bei W. gesperrt 42 Defensivstil
bei W. gesperrt 43 Offensive bei W. gesperrt 44 Recht bei W. gesperrt
52—53 bei einem hohen .. .ausstehen hätte bei W. gesperrt eine politische]
bei W. eine kleine politische Bei W. folgt dann Erhebt sich einmal Einer
zum Enthusiasmus des Rechts, zum „Männerstolz vor Königsthronen“, wie
unser Schiller sagt, dann tritt er wiederum mit so vielem theatralischen
Pathos auf, daß er schon deshalb nicht zum Ziele gelangt
3017—8 wo die Feigheit . .. Verbrechen bei W. gesperrt 8 konnte] bei W.
könnte n Rechts wegen bei W, gesperrt 20 außerordentliche, unerhörte
bei W. gesperrt 23 angewendet] bei W. angewandt 27—32 Ib. p. 70
27 Hirten der Völker bei W. gesperrt sagt] bei IF. gesagt 27—28 daher
die Völker] bei W. die Völker daher 28 Schafe der Fürsten bei W. ge¬
sperrt lieben ihre Schafe sehr] bei IF. lieben sehr ihre Schafe
30216—19 Ib., Vorwort für den edeln Unbekannten, der es lesen sollte, p. VIII
18 Freuden bei IF. gesperrt
3034—6 Literarische Zeitung. In Verbindung mit mehreren Gelehrten heraus¬
gegeben von Dr. Karl Heinrich Brandes. 9. Jg., 2. III. 1842, Nr. 9, p. 201 sqq. :
„Naturphilosophie“ 8—10 EvKZ 4. V. 1842, Nr. 36, p. 281 sqq. u. 7. V. 1842,
Nr. 37, p. 289 sqq. H. L[eo], Rezension: Geschichte der Gesundheit und der Krank¬
heiten von Dr. Joh. Mich. Leupoldt. Erlangen 1842 16—17 EvKZ 4. V. 1842,
Nr. 36, p. 281 Systemströstelung] in der EvKZ Systemstrostelung 19—39 Ib.
p. 284 19—20 daß ... Lohn sei in der EvKZ gesperrt, dann Auslassung
einiger Zeilen bei E. 20 zusammengehörige] in der EvKZ zusammenge¬
hörende 22 Seite] in der EvKZ Seite tun sie es 23 Einzelne] in der
EvKZ einzelne Mensch 25 der stattgehabten Sünde] in der EvKZ statt¬
gehabter Sünden z. B.] in der EvKZ und also z. B. 29—30 und wo
nicht ein fester Glaube] in der EvKZ und wo ein fester Glaube mit seiner
beruhigenden Macht und Stärkung 33 nervenzerrüttendster] in der EvKZ
nervenzerrüttender
3042—5 Ib. p. 284 3—4 göttlichen Gerechtigkeit] in der EvKZ Gerechtigkeit
Gottes 4 Ungläubigen] in der EvKZ ungläubigen Sünder 6—9 Ib. p. 285
28—29 In der EvKZ nur dem Sinne nach zitiert 29—35 Ib. p. 28 5 33—34
Sperrung von E. 34 Kraft der Strafe] in der EvKZ Kunst den Strafen
30442-305 2 EvKZ 7. V. 1842, Nr. 37, p. 299
8001 Berlinische Nachrichten von Staats- und Gelehrten-Sachen. Berlin 1734
—1874. Seit Mitte des 18. Jahrhunderts allgemein „Spenersche Zeitung“ genannt.
6 Spenersche Zeitung 16. VI. 1842, Nr. 137, p. 3 u. 17. VI. 1842, Nr. 138, p. 2—3 :
„♦♦Aufsätze über inländische Zustände. XVI. Ein Rückblick“ 17 Zensur-
Verfügung vom 24. XII. 1841, veröffentlicht in der Allgemeinen Preußischen
Staatszeitung 14.1.1842, Nr. 14 : „Berlin, 13. Jan.“ Cf. auch Bd. 1/1, p. 151 sqq.
u. p. 179 sqq.
3081 Criminalistische Zeitung für die Preußischen Staaten. Hg. v. J. W. Bonseri
u. J. D. H. Temme. Berlin 1841—1842
3116—7 [Dr. Johann Jacoby,] Vier Fragen beantwortet von einem Ostpreußen.
Mannheim 1841 13—16 Allgemeines Landrecht für die Preußischen Staaten.
2. Aufl. Berlin 1794. Teil II, Titel 20, § 92. p. 1187 27—31 Ib. Teil II,
Titel 20, § 151. p. 1196. Bei E. etwas verkürzt 31—37 Gesetz-Sammlung
für die Königlichen Preußischen Staaten. Jg. 1819, Nr. 20, p. 224—232
Zitaten- und Titelnachweise; textkritische Anmerkungen
651
81315—31412 [Dr. Johann Jacoby,] Vier Fragen ... p. 8—10 16 20 Bogen]
bei Jacoby 20 Druckbogen 32 seiner Oberen] bei J. seines Obern 25 ab-
schläglich] bei J. abschlägig 35 hier ist sie] bei J, hier selbst ist sie 37 be¬
zeichnet] bei J. bezeichnete
8141 Blatt jährlich mehr] bei J. Blatt mehr an Postporto] bei J. an jährlichem
Postporto 7 mißliebigen] bei J. mißfälligen 24—41 Die hier und auf der
folgenden Seite zitierten Bruchstücke aus dem Urteil erster Instanz befinden sich
zum größten Teil {mit geringen Abweichungen) in Dr. Jacoby, Meine weitere
Vertheidigung wider die gegen mich erhobene Beschuldigung der Majestäts¬
beleidigung und des frechen unehrerbietigen Tadels der Landesgesetze. Zürich
und Winterthur 1842, p. 13, 16 u. 20. Cf. auch Dr. Jacoby, Meine Recht¬
fertigung wider die gegen mich erhobene Anschuldigung des Hochverraths,
der Majestätsbeleidigung und des frechen unehrerbietigen Tadels der Landes¬
gesetze. Zürich und Winterthur 1842. Cf. ferner Deutsch-Französische Jahr¬
bücher, Paris 1844, p. 41 sqq. : Urtheil des Ober-Appellations-Senats, in der
wider den Dr. Johann Jacoby geführten Untersuchung wegen Hochverraths,
Majestätsbeleidigung und frechen unehrerbietigen Tadels der Landesgesetze,
mitgetheilt von Dr. Johann Jacoby. — Ein Urteil des Königsberger Kriminal-
Senats. Beleuchtet von Dr. Johann Jacoby. Mannheim 1846. —Vier Fragen
beantwortet von einem Ostpreußen. Nebst dem Erkenntniss des Ober-Appel-
lations-Senats des Kammergerichts in der wider den Dr. Johann Jacoby ge¬
führten Untersuchung. Leipzig 1863
3151—9 Cf. Anm. zu 3142Ar-Ai 11—15 [Dr. Johann Jacoby,] Vier Fragen be¬
antwortet von einem Ostpreußen ... p. 11 16—26 Cf. Anm. zu 31424—41
31—40 [Dr. Johann Jacoby,] Vier Fragen beantwortet von einem Ostpreußen...,
p. 14 32 ständischen] bei J. städtischen 37—38 Sperrung von E.
31541—3168 Cf. Anm. zu 31424—41
3168 um solchergestalt] bei J. und solchergestalt
32325—26 Königsberger Literaturblatt. Red. v. Alexander Jung. Erschien vom
6. Oktober 1841 bis Marz 1845 in Königsberg 28 Cf. Anm. zu 6529 30—31
Dr. Alexander Jung, Briefe über die neueste Literatur. Denkmale eines lite¬
rarischen Verkehrs. Hamburg 1837
3244—5 Id., Königsberg in Preußen und die Extreme des dortigen Pietismus.
Braunschweig 1840 11—12 Arnold Ruge, Rezension über A. Jung, Königs¬
berg in Preußen und die Extreme des dortigen Pietismus. In Deutsche Jahr¬
bücher 27.—29. XII. 1841, Nr. 153—155, p. 609 sqq., 613 sqq., 617 sqq.:
„Die Restauration des Christentums“
3252 Theodor Mundt, Madonna. Unterhaltungen mit einer Heiligen. Leipzig
1835. 2. unveränd. Ausg. Leipzig 1840 5—6 Heinrich Laube, Geschichte
der deutschen Literatur. 4 Bde. Stuttgart 1839—40 16—17 Cf. Anm.
zu 1851
827 4—7 Dr. Alexander Jung, Vorlesungen über die moderne Literatur der Deut¬
schen. Danzig 1842. Verlag von Fr. Sam. Gerhard (IX u. 241 p.) p. 117
5 ihr Urteil] bei Jung das Urteil
8285—6 Cf. Anm. zu 5523—24 9—io A. Jung, Vorlesungen ... p. 133 das Leben
aus] bei Jung das Leben nur 16—17 Ib. p. 132 ein System ... entworfen]
bei J. dem Systeme der Politik und des Völkerglückes, welches er sich selbst
entworfen hatte
83012 Heinrich Heine über Ludwig Börne. Hamburg 1840 23 Karl Gutzkow,
Patkul. Ein politisches Trauerspiel in 5 Aufzügen. Dramatische Werke. 9 Bde.
Leipzig 1842—1857. Bd. II 24 Id., Werner, oder Herz und Welt. Schau¬
spiel in 5 Aufzügen. Dramatische Werke. Bd I 27 Telegraph für Deutschland.
Erschien 1837—1848 in Hamburg, zuerst unter Redaktion von Gutzkow, dann
von Georg Schirges.
652
Zitaten, und Titelnachweise; textkritische Anmerkungen
8313 Der Pilot. Allgemeine Revue der einheimischen und ausländischen Literatur¬
und Völkerzustände. Hg. v. d. Redaktion des Freihafens unter Leitung von
Th. Mundt. Erschien 1840—Juni 1843 in Altona. Red. 1842—43 von Friedrich
Sass 23—2A A. Jung, Vorlesungen . . . p. 236
83215—20 Ib. p. 237 17 Hoffnungen bei J. gesperrt 18 vertraut] bei J. sich
vertraut 19—20 Herrschersitz, Zeit . .. sein! bei J. gesperrt Der ganze
Satz bei E. stark verkürzt 22—25 Königsberger Literatur-Blatt 27. X. 1841,
Nr. 4, p. 31. Dritte Notiz im „Feuilleton“ 22 Sperrung von E. 24 Sperrung
von E. 25—26 Ib., 17. XI. 1841, Nr. 7, p. 49sqq. Alexander Jung: „Zur
Orientierung über Schelling“ 42 Victor Cousin über französische und deut¬
sche Philosophie. Aus dem Französischen v. Dr. Hubert Beckers. Nebst einer
beurtheilenden Vorrede des Herm Geheimen Rats von Schelling. Stuttgart
u. Tübingen 1834
3384—26 Königsberger Literatur-Blatt 29. XII. 1841, Nr. 13, p. 101 sq. Kleine
Bücherschau. Alexander Jung, Rezension: Schelling’s Erste Vorlesung in Berlin.
15. November 1841. Stuttgart u. Tübingen. In der J. Cotta’schen Buch¬
handlung 1841 7 vorausgesetzte] bei J. vermuteten 8 wußte] bei J.
wußten und Sperrung 12—14 Sperrung von E. 15 Neid bei J. gesperrt
die bei J. gesperrt wegleugnen] bei J. weglügen 16 jedem] bei J. einem
Jeden 17 Schellings bei J. gesperrt 18 einseitiger bei J. gesperrt 19 an¬
fangen bei J. gesperrt kann] bei J. konnte 21 weil sie alle] bei J. weil sie
sinken] bei J. und wenn sie alle sinken. Alle weiteren Sperrungen von E.
35 Cf. in diesem Bande 181 sqq. 41 A. Jung, Vorlesungen ... p. 238 sqq.
3841—3 Königsberger Literatur-Blatt 6. X. 1841, Nr. 1, p. 3 sqq. Alexander Jung:
„Stellung deutscher Journalistik“ 3—4 Ib. 13. X. 1841, Nr. 2, p. 9 sqq.
Alexander Jung: „Stellung deutscher Journalistik. Schluß“ 4—5 Ib. 20. X.
1841, Nr. 3, p. 17 sqq. Alexander Jung: „Herbart“ 5 Ib. 27. X. 1841,
Nr. 4, p. 25 sqq. Alexander Jung: „Herbart. Schluß“ 6—7 Ib. p. 29 u. 31 :
Feuilleton. Erste und dritte Glosse. 7—8 Ib. 24. XL; 1., 8., 15., 22. XII.
1841, Nr. 8—12, p. 57 sqq., 65 sqq., 73 sqq., 81 sqq., 89 sqq. Alexander Jung,
Rezension: „Das Wesen des Christentums von Ludwig Feuerbach. Otto Wigand,
1841“ 27-28 Ib. 1. XII. 1841, Nr. 9, p. 65 40-41 Ib. 22. XII. 1841,
Nr. 12, p. 92 sqq. Kleine Bücherschau. Alexander Jung, Rezension über Die
konservative Partei in Deutschland. Von V. A. H. Marburg, N. G. Eiwert’s
Universitäts-Buchhandlung. 1841 und Die Posaune des jüngsten Gerichts über
Hegel den Atheisten und Antichristen. Ein Ultimatum. Leipzig. Otto Wigand
1841 41—44 Ib. 30. III. 1842, Nr. 26, p. 201 sqq.: „Leo, Preußen und die
Götheschen Wahlverwandtschaften“
83444—835 1 Ib. 20. IV. 1842, Nr. 29, p. 228 sq.: *„Hinrichs und der Posaunist“
45 Jahrbücher für wissenschaftliche Kritik. März 1842, Nr. 52—55, p. 409 sqq.,
417 sqq., 425 sqq., 433 sqq. H. F. W> Hinrichs, Rezension: Die Posaune des
jüngsten Gerichts über Hegel, den Atheisten und Antichristen. Ein Ultimatum.
Leipzig 1841. Bei Otto Wigand. Vorwort und Text. 168 p.
8851—4 Königsberger Literatur-Blatt 1. VI. 1842, Nr. 35, p. 273 sqq. Alexander
Jung: „Franz Ritter von Baader“ 4—7 Ib. 8. VI. 1842, Nr. 36, p. 287 sq.
Feuilleton: „Unselige Polemik“. Gezeichnet C. 5—6 RhZ 29—31. V. 1842,
Nr. 149—151, E. M[eyen], Rezension: Vorlesungen über die moderne Literatur
der Deutschen von Dr. Alexander Jung. Danzig. Verlag von Fr. Sam. Ger¬
hard 1842 9—11 Königsberger Literatur-Blatt 8. VI. 1842, Nr. 36, p. 287
23—24 Ib. p. 288. C.: „Consequenzen der Hegelschen Philosophie“ 24—26
Ib. p. 288 25 welches] im Königsberger Literatur-Blatt selbstsüchtig, weil es
Sperrung von E. 27—29 Ib. p. 288 28 Christentum] im Königsberger Lite¬
ratur-Blatt Christentum nieder mit der Religion
Zitaten- und Titelnachweise; textkritische Anmerkungen
653
859ö The Examiner. Gegründet u. hg. v. Leigh Hunt u. dessen Bruder. London
1808—1881
36536 Lucas 6, 20 sind die Armen] im Or. seid ihr Armen 37 1. Ep. Pauli
an die Korinther 1, 20 die Weisheit dieser Welt] im Or. hat nicht Gott die
Weisheit dieser Welt zur Torheit gemacht
86622 Die Übersetzung von D. F. Strauß’ Leben Jesu wurde 1842 von Hetherington
in wöchentlichen Heftchen à 1 d veröffentlicht. Sie scheint nach der französischen
Übersetzung LittrPs (1839) angefertigt worden zu sein. Eine zweite Übersetzung
von George Eliot erschien 184 3 26—27 In den „Advertisements“ der New Moral
World, Jg. 1840 finden sich in dem Sammelinserat der drei Buchhändler J. Hobson,
Leeds, A. Heywood, Manchester, J. Cleave, London folgende Volksausgaben:
An Inquiry into the Nature of the Social Contract, or Principles of Political
Right, by Jean Jacques Rousseau; in 13Nos. at lx/2 deach, or complété in
cloth. — Queen Mab by Percy Bysshe Shelley. — Holbachs Système de la
Nature ou des lois du monde physique et du monde morale 1770 erschien in eng¬
lischer Übersetzung London 1795 ; eine weitere Ausgabe: System of Nature erschien
London 1817, hg. v. Sherwood, Neely and Jones, Paternoster Row and all book-
sellers 33 Bill for regulating the employment of children and young persons in
factories, and for the better éducation of children in factory districts, 7. III.
1843. Cf. die Parlamentsrede von Sir James Graham in Hansard’s Parliamentary
Debates: Third Sériés, Commencing with the Accession of William IV. Vol.
LXVII Comprising the Period from the twenty-eighth Day of February, to
the twenty-fourth Day of March 1843. Second Volume of the Session. London
1843. p. 422 sqq.
86815—16 [Augsburger] Allgemeine Zeitung 20. IV. 1843, Nr. 110, p. 875: London
13. April
87137 The Oracle of Reason. Bristol 1842/43. Gegründet von Ch. Southwell.
Nach dessen Verhaftung hg. v. Jacob Holyoake, der, wie auch die späteren
Herausgeber Thomas Paterson, George Adams u. William Chilton verhaftet
wurde u. die Zeitschrift nach seiner Freilassung 1843 als „The Movement“
fortsetzte.
W1%2Ar-2& Robert Owen, The Marriage System of the New Moral World; With a
faint outline of the present Very Irrational System ; as developed in a course
of ten lectures. Leeds 1838. p. 54: „I resume the subject of marriage because
it is the source of more demoralization, crime and misery than any other single
cause, with the exception of religion and private property; and these three
together form the great trinity of causes of crime and immorality among
mankind“ 27—31 Nicht ermittelt
87242—8783 Cf. Anm. zu 36626—27. In der NMW Jg.1840 ist inseriert: Thomas
Paine, Theological Works; Id., Political Works
8743—6 Die genannten Zeitschriften konnten nicht ermittelt werden 14—15 Lorenz
von Stein, Der Sozialismus und Kommunismus des heutigen Frankreichs.
Ein Beitrag zur Zeitgeschichte. Leipzig 1842
8816 Adam Smith, An enquiry into the nature and causes of the wealth of nations.
London 1776
8841—3 Ib. Book IV, Chap. 3, Part 2 (in der Ausgabe Edinburgh 1834: p. 201)
89420—30 John Wade, History of the Middle and Working Classes. London 1835
8963^—40 Archibald Alison, Principles of population. 2 vols. London 1840
8984 Unter dem Pseudonym Marcus erschienen 3 Broschüren: On the Possibility
of Limiting Populousness. By Marcus. Printed by John Hill, Black Horse
Court, Fleet Street 1838, 46 p. — The Book of Murder! A Vade Mecum for
the Commissioners and Guardians of the New Poor Law . . . Being an exact
654
Zitaten- und Titelnachweise; textkritische Anmerkungen
Reprint of the Infamous Essay on the Possibility of Limiting Populousness,
by Marcus, one of the three . . . Now Reprinted for the Instruction of the
Labourer, by William Dugdale, No. 37 Holywell Street, Strand. — The Theory
of Painless Exstinction; by Marcus. Cf. N. M. W. : „Advertisements“ 29. VIII.
1840 — Eine anonyme Broschüre: An Essay on Populousness. Printed for
private circulation ; printed for the author. 1838. 27 p. enthält die Grundgedanken
der Marcus-Pamphlets. Cf. auch Thomas Carlyle, Chartism. London 1840.
p. 110 sqq.
40738 Cf. Anm. zu 20719 40—44 Cf. Anm. zu 36622
40826 Thomas Carlyle, Chartism. London 1840
408 44—4092 Id., Past and Present. London 1843. Book I: Poem; Book II:
The Ancient Monk; Book III: The Modem Worker; Book IV: Horoscope
4097 Ib. Chap. I: Midas, p. 1—8 8—21 Ib. p. 1 mit einigen Kürzungen von E.
40928—41016 Ib. p. 4—6 mit Kürzungen von E.
41030—42 Ib. p. 7—9 mit starken Kürzungen von E. 43 Ib. Chap. II : The Sphinx,
p. 9—18
41043—4112 Ib. p. 9 von E. nur dem Sinne nach wiedergegeben
41122 Ib. Chap. III: Manchester Insurrection, p. 19—29 24—35 Ib. p. 20
mit einer geringen Kürzung von E.
4127 Ib. Book III: The Modem Worker, p. 185—318 11—36 Ib. p. 185—186
mit starken Kürzungen von E. 43 Ib. p. 197
41244—41810 Ib. p. 198 mit Kürzung von E.
41811—26 Ib. p. 201—202 mit Kürzungen von E.
41341—41416 Ib. p. 230 mit geringen Kürzungen von E.
41416—4154 Ib. p. 231—232 mit Kürzungen von E. 24 Sperrung von E.
45 Sperrung von E.
4157—8 Ib. p. 238 15—39 Ib. p. 238 u. p. 240—241 mit starken Kürzungen
von E.
41542—41645 Ib. p. 246—252 mit starken Kürzungen von E.
4171—16 Ib. p. 282 nicht ganz wörtliche Ueberseizung 10—25 Ib. p. 289 mit ge¬
ringer Kürzung von E.
41726—41812 Ib. p. 289, 292, 293—295 mit starken Kürzungen von E.
41837—38 Ib. p. 340 40—41 Ib. p. 238
42017—18 Ib. p. 322 20—30 Ib. p. 321 von E. nur dem Sinne nach wiedergegeben
42045—4212 Ib. p. 322
4213—22 Ib. p. 316—317
42124—42243 Ib. p. 264—266 u. p. 270—273 mit starken Kürzungen von E.
4284—81 Ib. p. 262—263 u. p. 368 mit Kürzungen von E.
42429 Ludwig Feuerbach, Vorläufige Thesen zur Reformation der Philosophie.
In Anekdota zur neuesten deutschen Philosophie und Publicistik von Bruno
Bauer, Ludwig Feuerbach, Friedrich Köppen, Karl Nauwerck, Arnold Ruge
und einigen Ungenannten. Hg. v. Arnold Ruge. Bd. I—II. Zürich u. Winter¬
thur 1843. Bd. II, p. 62 sqq.
48628—29 Buonarroti’s History of Babeuf’s Conspiracy for Equality with the
author’s reflections on the causes and character of the French Revolution,
and his estimate of the leading men and events of that epoch. Also, his views
of démocratie govemment, Community of property, and political and social
equality. Translated from the French language, and illustrated by original
notes, etc. By Bronterre, Editor of the Poor Man’s Guardian, Hetherington’s
Twopenny Dispatch, etc. etc. London 1836
Zitaten- und Titelnachweise; textkritische Anmerkungen
655
48833 La Phalange, Revue de la science sociale. Ed. V. Considérant. Paris»
Juillet 1836—Juillet 184 3 43—44 NMW 31. VIII. 1839, new séries, Nr. 45,
p. 707 sq.; 7. IX. 1839, new séries, Nr. 46, p. 725 sq.; 21. IX. 1839, new séries,
Nr. 48, p. 754 sq.; 28. IX. 1839, new séries, Nr. 49, p. 771 sqq. Amo: „Socialism
in France. Charles Fourier“ — NMW 26. X. 1839, new séries, Nr. 53, p. 834 sq. ;
9. XI. 1839, new sériés, Nr. 55, p. 865 sq.; 23. XI. 1839, new séries, Nr. 57,
p. 899 sq. ; 14. XII. 1839, new sériés, Nr. 60, p. 946 sq. ; 21. XII. 1839, new séries,
Nr. 61, p. 963 sq.; 28. XII. 1839, new séries, Nr. 62, p. 979 sq.; 4. I. 1840,
new séries, Nr. 63, p. 995 sq.; 29. II. 1840, new séries, Nr. 71, p. 1137 sq.;
14. III. 1840, new séries, Nr. 73, p. 1167 sqq.; 21. III. 1840, new séries, Nr. 74,
p. 1181 sq.; 28. III. 1840, new séries, Nr. 75, p. 1194 sq. Amo: „Fourierism“
45 La Démocratie Pacifique, Journal des intérêts des gouvernements et des
peuples. Rédacteur en chef: V. Considérant. Paris Août 1843—Novembre
1851
44042—43 Le Populaire, Journal des intérêts politiques, matériels et moraux du
Peuple. Par une société patriotique. Directeur: Etienne Cabet. Paris
Septembre 1833—Octobre 1835
44120 [Cabet,] Voyage et aventures de Lord William Cavisdall en Icarie. Trad.
de l’anglais de Francis Adams par Th. Dufruit. Paris 1840
4423 Félicité Robert de Lamennais, Paroles d’un croyant. Paris 1836—37 6—7
Pierre Joseph Proudhon, Qu’est-ce que la Propriété? Paris 1840 8 Ib.
p. 2 20 E. bezieht sich wohl auf die Stellen p. 229: „Je suis anarchiste“,
p. 238: „la liberté est anarchie“ etc. 21—2» Cf. Anm. zu 44042r-43 29 La
Revue Indépendante. Publiée par Pierre Leroux, George Sand et Louis
Viardot. Paris, Novembre 1841—Février 1848
44832—33 Martin Luther, Wider die räuberischen und mörderischen Rotten der
Bauern. 1525. Luthers Werke. Kritische Gesamtausgabe. Bd. 18, Weimar 1908.
p. 344 sqq. 35 Ib. Bd. 18, p. 358 „Drumb soi hie zuschmeyssen, würgen
und stechen heymlich oder öffentlich, wer da kan, und gedencken, das nicht
gifftigers, schedlichers, teuffelischers seyn kan, denn eyn auffrurischer mensch,
gleich als wenn man eynen tollen hund todschlahen mus, schlegstu nicht, so
schlegt er dich und eyn gantz land mit dyr.“
44436 Die junge Generation. Januar 1842—Mai 1843. Gedruckt zuerst in Bern,
seit April 1842 in Vivis, 1843 in Langenthal
4452 Wilhelm Weitling, Garantien der Harmonie und Freiheit. Vevey [Dezember]
1842 12 Da« angezeigte Buch erschien erst später: W. Weitling, Das Evan¬
gelium eines armen Sünders. Bem 1845 28—31 [Joh. Casp. v. Bluntschli,]
Die Kommunisten in der Schweiz nach den bei Weitling vorgefundenen Pa¬
pieren. Wörtlicher Abdruck des Kommissionalberich tes an die H. Regierung
des Standes Zürich. Zürich 1843
44041 Cf. Anm. zu 20719
4477—8 Cf. in diesem Bande 181 sqq. 11 Cf. Anm. zu 6529
44810 Rheinische Zeitung für Politik, Handel und Gewerbe. Köln, 1. Januar 1842
—31. März 1843 21—23 Cf. RhZ 31. I. 1843, Nr. 31, Korr. London,
25. Jan. : Besprechung der Herwegh-Affäre durch „alle hiesigen Blätter“, spe¬
ziell durch die Times vom 16. Jan. und den Moming Herald vom 17. Jan.
44934 The New Moral World. Gegr. 1. Nov. 1834 v. R. Owen. Später red. von
G. A. Fleming. Ser. 1: 1. nov. 1834—20. oct. 1838. Vol. 1—4. Nr. 1—208;
Ser. 2: 27. oct. 1838—27. june 1840. Vol. 5—7. Nr. 1—88; Ser. 3: 4. july
1840—24. jan. 1846. Vol. 8—13 [1—6]. Die Zeitung erschien unter folgenden
Titeln: 31. III. 1835—22. X. 1836: The New Moral World, or Millenium;
29. X. 1836—20. X. 1838: The New Moral World, and Manuel of Science;
27. X. 1838—6. VII. 1839: The New Moral World. New Sériés; 11. VII.
656
Zitaten- und Titelnachweise; textkritische Anmerkungen
1839—25. VI. 1842: The New Moral World, or: Gazette of the Universal
Community Society or Rational Religionists ; 2. VII. 1842—23. IV. 1845: The
New Moral World and Gazette of the Rational Society. Dann spaltete sich die
Zeitung. Von James Hill erworben und in theistischem Sinne geleitet erschien
sie vom 30. IV. 1845—24. I. 1846 als The New Moral World and Gazette for
the Rational Society. Die Owenisten setzten die alte Richtung fort mit der Zeitung
The Moral World, 30. IV. — 8. XI. 1845. Die NMW wurde an folgenden
Orten herausgegeben: 1. XI. 1834—Anfang Juni 1837 in London; 10. VI.
1837—2. VI. 1838 in Manchester; 9. VI. 1839—6. VII. 1839 in Birmingham;
11. VII. 1839—25. VI. 1842 in Leeds; dann in London 37—38 Edgar
Bauer, Der Streit der Kritik mit Kirche und Staat. Charlottenburg 1843
4504—5 NMW 6.1.1844, vol. V, 3 rd séries, Nr. 28, p. 217: „The Communists in
Germany“. Abdruck aus den „Times” vom 29. XII. 1843 33 Le National.
Fondé par MM. Thiers, Mignet et Carrel. Paris, Janvier 1830—Décembre 1851
45114—17 Cf. Anm. zu 4504—5 characters] inNMW characters — such as Che¬
valier, Guizot and Michelet 30—31 Ib. p. 217
45145—452 2 Ib. p. 217; genauer Wortlaut in NMW: „partly from the report of this
Commission, partly from the published and unpublished Communistical writings
which were thus discovered, and partly from personal inquiry, that the follow-
ing account is collected.“
45219—21 Ib. p. 217 evangelists, Cabet] in NMW evangelists, Constant, Cabet,
Proudhon and Weitling 24—25 Cf. Anm. zu 43 8 33 u. 45 26—27 Cf.
Anm. zu 4504—5
4545—6 Cf. in diesem Bande 450 sqq.
455s Eugène Sue, Les Mystères de Paris. Ile édition. 10 vol. Paris 1842—43.
Zuerst erschienen im „Journal des Débats“ 1842—43 9 Allgemeine Zeitung.
Gegr. 1798. Seit 1810 in Augsburg erscheinend. Seit 1837 redigiert v. Georg
Kolb 36 Deutsch-Französische Jahrbücher. Hg. v. Arnold Ruge und Karl
Marx. Lieferung 1—2. Paris. Im Bureau der Jahrbücher. Au Bureau des
Annales. [Ende Februar] 1844
Zweiter Teil:
Handschriftliches, Briefe, Dokumente
46711—12 Ilias IV, 164 sq.
47 7 37—39 Ep. Pauli an die Philipper 3, 13—14
48526 Jacob Grimm über seine Entlassung. Basel 1838
48633—34 Cf. in diesem Bande 11 sqq. 36 Cf. in diesem Bande 7 sq.
48715—17 Cf. in diesem Bande 716—19 39 Acta Sanctorum. Die in zahlreichen
Ausgaben verbreitete Sammlung von Heiligen-Geschichten 42 Ghr. M. Wieland,
Dialoge des Diogenes von Sinope. Leipzig 1770
48745—4881 Goethe, Sämmtliche Werke. 30 Bde. Stuttgart und Tübingen 1851.
Bd. XXVI, p. 315—317 : Für junge Dichter. 1831 ; p. 317—318 : Noch ein Wort
für junge Dichter
48837—40 Cf. Anm. zu 491
49131 Christliches Gesangbuch zur Beförderung öffentlicher und häuslicher An¬
dacht. l.Aufl. Bremen 1812. 2. Aufl. Bremen 1837 33 Goethe, Wanderers
Zitaten- und Titelnachweise; textkritische Anmerkungen
657
Nachtlied 34 Schiller, Die Worte des Glaubens 38 Albert Knapp,
Evangelischer Liederschatz für Kirche und Haus. Eine Sammlung geistlicher
Lieder aus allen christlichen Jahrhunderten, gesammelt und nach den Be¬
dürfnissen unsrer Zeit bearbeitet. 2 Bde. Stuttgart u. Tübingen 1837
49630 Theodor Mundt, Spaziergänge und Weltfahrten. 3 Bde. Altona 1838.
Bd. I, p. 82
4974 Zeitung für die elegante Welt. Leipzig 1801—1859. Die letzten Jahrgänge
Erfurt u. Berlin. 1833—34 hg. v. H. Laube; nach seiner Ausweisung u. Ver¬
haftung Mitte Juli 1834 von A. v. Binzer u. 1835 von G. Kühne; von 1843—46
wieder hg. v. Laube io Heinrich Laube, Reisnovellen. 1. Aufl. Leipzig
1833—34. 2. Aufl. Mannheim 1835 — Neue Reiseno veilen. 2 Bde. Mann¬
heim 1837 14 Cf. Anm. zu 3921—22 15—17 Gutzkow, Rezension: Julius
Mosen, Ahasver. In TfD August 1838, Nr. 124, p. 985 sqq. 17—19 Theodor
Creizenach, Gutzkow über Ahasver. In der Zeitung für die elegante Welt
27. IX. 1838, Nr. 189, p. 753 sqq. 26 Ib. p. 753 Psychologie mehrerer Jahr¬
hunderte] bei Creizenach Metaphysik mehrerer Jahrhunderte 29 Cf. Anm.
zu 491 36 Cf. Anm. zu 33027 40 Morgenblatt für gebildete Stände.
(spater Morgenblatt für gebildete Leser.) Hg. v. Weisser, Therese Huber,
W. Hauff, Herm. Hauff. Stuttgart u. Tübingen 1807—1865
4981 Abendzeitung. Hg. v. Theodor Hell u. Friedrich Kind, seit 1843 v. Robert
Schmieder. Dresden 1817—1848 4 Literaturblatt. Beilage des Morgenblattes
für gebildete Stände. Hg. v. Wolfgang Menzel, Heinrich Voss, Ad. Müllner.
1820—1852 13 Cf. Anm. zu 65 44 14 Eduard Duller, Die Wittelsbacher.
Balladenkranz. München 1831 15 G. Karl A. Hülstett, Sammlung aus¬
gewählter Stücke aus den Werken deutscher Prosaiker und Dichter, zum
Erklären und Vortragen f. d. unteren u. mittleren Klassen v. Gymnasien.
Düsseldorf 1830 19 Duller, Grabbes Leben. Einleitung zu Chr. D. Grabbe,
Die Hermannsschlacht. Düsseldorf 1838 38 Duller, Kaiser und Papst.
Leipzig 1838. p. 284
50010 TfD Dezember 1838, Nr. 208, p. 1657 sqq: „Zeichen der Zeit“ von
„10 ff.“ 1G—17 TfD Dezember 1838, Nr. 208, p. 1658: „Kein Mittel ist ja
sonst zu finden Wodurch der Blutfluß meiner Sünden Geheilet und gestillet
wird.“ 17—18 Lucas 8, 43
50114—15 Das Hohe Lied 7,7: „Wie schön und lieblich bist Du, Du Liebe voller
Wonne!“
50227 Cf. Anm. zu 4981 29 Cf. Anm. zu 5521 30—33 W. Menzel, Rezension
über Gutzkows Wally. In Literaturblatt. Beilage des Morgenblatts für
gebildete Stände. 11. u. 14. IX. 1835, Nr. 93 u. 94 42 Cf. Anm. zu 1821
50839 K. Gutzkow, Vergangenheit und Gegenwart 1830—1838. Jahrbuch der
Literatur. 1. Jg. Hamburg 1839. p. 1—110
5047 Cf. Anm. zu 397
5056 Cf. Anm. zu 1821 42—43 Cf. in diesem Bande 23 sqq.
50623 Der Menschenfreund, eine religiöse Zeitschrift. Berlin 1824—1847
51120 Rosen. Eine Zeitschrift für die gebildete Welt. Hg. v. Robert Heller,
seit 1845 v. G. Hesekiel. Leipzig 1838—1844, Altenburg 1845—1848
35 Der Komet. Ein Unterhaltungsblatt für die gebildete Lesewelt. Hg. v. G. Her¬
loßsohn. Erschien seit 1830 in Altenburg, später in Leipzig 38 Cf. Anm.
zu 4981
51724 Cf. Anm. zu 101
5182 Berliner Conversations-Blatt für Poesie, Literatur und Kritik. Hg. v. Fr.
Förster u. W. Häring. Berlin 1827—1829. Erschien seit 1830, vereinigt mit
der 1803 von Kotzebue gegründeten Zeitschrift Der Freimüthige oder Berliner
Marx-Engels-Gesamtausgabe, I. Abt., Bd. 2. 42
658
Zitaten, und Titelnachweise; textkritische Anmerkungen
Zeitung für gebildete, unbefangene Leser, unter dem Titel: Der Freimüthige,
oder Berliner Conversationsblatt. Hg. v. W. Häring. Berlin 1830—1835
3 Der Gesellschafter, oder Blätter für Geist und Herz. Hg. v. F. W. Gubitz.
Berlin 1817—1847 16 Luis de Camöes, Os Lusiadas. Epos. 1572 20 Cf.
Anm. zu 491
5192—4 Cf. Anm. zu 43 2—3 27 Ludwig Börne, Gesammelte Schriften. 4 Teile.
Hamburg 1829—1840. T. I—II: Dramaturgische Blätter. 40-41 Ib., Ueber
den Charakter des Wilhelm Teil in Schillers Drama. T. II, p. 54 sqq.
5202 Ib., Cardenio und Celinde, Trauerspiel in fünf Aufzügen von Carl Immer¬
mann. T. I, p. 135 sqq. Ib., Das Trauerspiel in Tyrol. Ein dramatisches
Gedicht von Immermann. T. I, p. 179 sqq. 3 Ib., Die Leibeigenen, oder
Isidor und Olga. Trauerspiel von Raupach. T. I, p. 1 sqq. Ib., Der Woll¬
markt, oder Das Hôtel de Wibourg. Lustspiel von Clauren. T. I, p. 166 sqq.
4 Ib., Der Leuchtturm. Drama von Ernst von Houwald. T. I, p. 68 sqq.
Ib., Das Bild. Trauerspiel von Freiherrn v. Houwald. T. II, p. 132 sqq. 5 Ib.,
Hamlet, von Shakespeare. T. II, p. 172 sqq. io—14 Cf. Anm. zu 57 6—8
20 Schiller, Die Räuber. Frankfurt u. Leipzig 1781 28 Cf. Anm. zu 59 6
5211 Byron, Childe Harold’s Pilgrimage. London 1812—1818 3 Cf. Anm. zu
7639 27 Cf. in diesem Bande 23 sqq. 30 Athenäum für Wissenschaft,
Kunst und Leben. Eine Monatsschrift für das gebildete Deutschland. Nürn¬
berg 1838—39. 2. Jg., 3. Heft, 1. III. 1839: „Notizen“
5222 Cf. Anm. zu 18433 19—20 Cf. Anm. zu 1824 22 „bitterste Erfahrungen“
findet sich in Leos „Hegelingen“ nicht. Vielleicht bezieht sich E. auf die Stelle
im Nachtrag der Leipziger Ausgabe von 1838, p. 48 : „.. . ich habe an der Leicht¬
fertigkeit, mit der man über mich geschrieben ... in jüngster Zeit Erfahrungen
gemacht, die es mir als eine Lebenspflicht auflegen, den Krebs der Lüge ...
bis auf die geringsten Wurzeln aufzuschneiden ...“ 23—24 Heinrich Leo,
Sendschreiben an J. Görres. Halle 1838
5234 Cf. Anm. zu 7221
5248 Cf. Anm. zu 1824
52536—36 EvKZ 20., 23. u. 27. III. 1839, Nr. 23—25, p. 177 sqq., 185 sqq.,
195sqq.: „Die Grenzen der Naturbetrachtung“ 42—43 Cf. Anm. zu 207 19
52614—15 1. Ep. Petri 2,2
52941—42 Dr. C. Märklin, Darstellung und Kritik des modernen Pietismus. Ein
wissenschaftlicher Versuch. Stuttgart 1839
53010 Cf. Anm. zu 1824
53110—17 Matthaeus 7, 7—9 30—32 2. Ep. Joh. 10
5326 Cf. Anm. zu 1824
53432 Goethe, Götz von Berlichingen. 1773
53520—30 Christian Herm. Weisse, Die evangelische Geschichte, kritisch und philo¬
sophisch bearbeitet. 2 Bde. Leipzig 1838
53612—13 Karl Beck, Nächte. Gepanzerte Lieder. Leipzig 1838. p. 17: „Dritte
Nacht. Gang um Leipzig“ 16—23 Ib. p. 27 : „Fünfte Nacht. Schillers Haus
in Gohlis“ 18 Er klomm, ein Teil, der Menschheit Höh’n hinan] bei Beck
Es klomm sein Geist, ein Teil, den Berg hinan 19 Hüfthorn laut] bei Beck
Hüfthom weit 20 ruhig] bei Beck rüstig
53627 Cf. Anm. zu 51940—41 29 Cf. in diesem Bande 23 sqq. 38 Cf. Anm.
zu 4974
53722—35 Karl Beck, Der fahrende Poet. Leipzig 1838. Dritter Gesang: Weimar.
52 24 Du, Du warst] bei Beck O, Du warst 29 Dein wärmstes Leben
Zitaten* und Titelnachweise; textkritische Anmerkungen
659
und Dein tiefstes Leben] bei Beck Dein tiefstes Lieben und Dein wärmstes
Leben
5891 Die Zauberflöte. Oper in 2 Akten v. W. A. Mozart. Text v. E. Schika¬
neder. Wien 1791 4 K. Gutzkow, König Saul. Trauerspiel in 5 Auf¬
zügen. Hamburg 1839 Id., Skizzenbuch. Cassel 1839 5 Th. Creizenach,
Dichtungen. Mannheim 1839 5—« Cf. Anm. zu 1442^—29 6—7 L. Wien¬
barg, Die Dramatiker der Jetztzeit. 1. Heft. Altona 1839 io Ed. Beur¬
mann, Deutschland und die Deutschen. Bd. III, p. 147 sq. n Friedrich v.
Smitt, Geschichte des polnischen Aufstandes und Krieges in den Jahren 1830
u. 1831. 3 Teile. Berlin 1839 ia—16 Ib. Teil I, p. 137: „Fortgang des Auf¬
standes bis zur Bekanntmachung des Manifestes gegen Rußland.“ Griechisches
Motto nebst folgender Übersetzung: „Übermütig geworden in Hinsicht der Zu¬
kunft und über ihr Vermögen hoffend, obgleich noch unter ihren Wünschen,
haben sie Krieg erhoben und verlangt, Gewalt vor Recht zu setzen; denn da
sie sich des Siegs gewiß hielten, haben sie uns unbeleidigt angegriffen. Thucy¬
dides III., c. 39“ 17—18 Graf Roman Soltyk, Polen, geographisch und
historisch geschildert (Geschichte des polnischen Freiheitskampfes 1830 u.
1831). 2 Teile in einem Band. Hamburg 1834
5408 Cf. Anm. zu 58 38 39 Emst Moritz Arndt, Des Deutschen Vaterland. Musik
v. Gustav Reichardt. Zuerst erschienen in Lieder für Deutsche. [Ohne Orts¬
angabe] 1813
5415—6 Leonardo Leo, Miserere. Achtstimmig im A-cappella-Stil. 1739
5421—2 Travestie des Liedes von Friedr. Leopold Graf zu Stolberg, Lied eines alten
schwäbischen Ritters an seinen Sohn („Sohn, da hast Du meinen Speer . ..“).
Der Wandsbecker Bothe, 14. V. 1774
54814—15 Ep. Pauli an die Galater 3,17
54641 Cf. Anm. zu 1824
5477 Darlegung der Hauptresultate aus den wegen der revolutionären Complotte
der neueren Zeit in Deutschland geführten Untersuchungen. Auf den Zeit¬
abschnitt mit Ende Juli 1838. Frankfurt a. M. [1839] 19 J. Venedey,
Preußen und Preußentum. Mannheim 183 9 35 Cf. Anm. zu 58$&
54910 Th. Creizenach, Dichtungen. Mannheim 1839. p. 85 sqq.: „Der schwäbische
Apoll“
5502 Emst von der Haide, Buch der Wanderungen, Ostsee und Rhein. Hg. v.
Karl Grün. Cassel 1839 5—9 Ib. p. XXV 5 Sophokles ist das] bei Grün
ist (selbst) das 6—7 seine titanischen Ausbrüche an der Mauer absoluter
Notwendigkeit] bei Grün an derMauer absoluter Notwendigkeit seine titanischen
Ausbrüche 33 Cf. Anm. zu 58 38 34 L. Börne, Gesammelte Schriften. Ham¬
burg 1835. 14 Bde. Bd. IX—XIV: Briefe aus Paris. Cf. auch Anm. zu 5523—24
34—35 Cf. Anm. zu 54719 37 Cf. Anm. zu 550 m. Zitate verglichen nach
L. Börne, Werke. Historisch-kritische Ausgabe. Hg. v. Ludwig Geiger. 12 Bde.
Bd. VI—VII: Briefe aus Paris. Berlin 1912—1913
55039—55117 Ib. Bd.VH, 39. Brief, p. 172 39 wenn ich der liebe Gott wäre
. . . wieder aufstehen] bei Börne Ach ! wenn ich Gott wäre, welche Späße
wollte ich mir machen mit Bavaria-Hellas! Ich ließ in einer Nacht alle
die herrlichen Griechen aller Zeiten und aller Städte aus dem Grabe hervor¬
steigen 43—44 Alles macht sich auf] bei Börne alles gerät in Bewegung
44—45 alle eilen zum Piräus] bei Börne alle eilig zum pyräischen Tor hinaus
45 König Otto ist ausgestiegen] bei Börne König Otto tritt majestätisch hervor
5511—2 Der Himmel hat ... angenommen] bei Börne der Himmel trägt 8—9
Seht nur, wie die ölbäume] bei Börne Seht wie die ölbäume io nicht viel
eher] bei Börne nicht viel früher 15 Das Eingeklammerte Zusatz von E.
42*
660
Zitaten, und Titelnachweise; textkritische Anmerkungen
2a—23 L. Börne, Gesammelte Schriften, Hamburg 1835. 14 Bde. Bd. V: Schil¬
derungen aus Paris 23 Ib. Bd. I—II: Dramaturgische Blätter. Cf. auch
Anm. zu 519 21 24 Ib. Bd. VI: Fragmente und Aphorismen; Bd. VII:
Kritiken 24—25 Ib. Bd. IX—XIV: Briefe aus Paris 25 Cf. Anm. zu 5833
55211—12 David Friedrich Strauß, Charakteristiken und Kritiken. Eine Sammlung
zerstreuter Aufsätze aus den Gebieten der Theologie, Anthropologie und
Aesthetik. Leipzig 1839, p. 2 sqq.: „Schleiermacher und Daub in ihrer Be¬
deutung für die Theologie unsrer Zeit“ 15 Cf. Anm. zu 20719 25—29
Fr. Aug. G. Tholuck, Die Glaubwürdigkeit der evangelischen Geschichte, zu¬
gleich eine Kritik des Lebens Jesu von Strauß, für theologische und nicht
theologische Leser dargestellt. Hamburg 1838
5531 Joh. Aug. Wilh. Neander, Das Leben Jesu Christi, in seinem geschichtlichen
Zusammenhänge und seiner geschichtlichen Entwicklung dargestellt. Hamburg
1837 10 Cf. Anm. zu 18310 32 Cf. in diesem Bande 57 sqq.
6557-8 EvKZ 1.1., 4. L, 8. L, 11. I., 15. I., 18. I., [22. I. u. 25. I.] 1840, Nr. 1—8,
p. 1 sqq., 9 sqq., 17 sqq., 25 sqq., 33 sqq., 41 sqq., [49 sqq., 57 sqq.]: „Vorwort“
10—13 Cf. ib. p. 35 sq. 19 Cf. Anm. zu 1251—8 25 Cf. Anm. zu 18433
5561—3 Cf. Anm. zu 55211—12 4 D. Fr. Strauß, Charakteristiken und Kritiken
... p. 301 sqq. : Geschichten Besessener neuerer Zeit 1 Hegel, Vorlesungen
über die Philosophie der Geschichte. Hg. v. E. Gans. Hegels Werke. Bd. IX.
Berlin 1837 9—io Literarischer Anzeiger für christliche Theologie und
Wissenschaft überhaupt. Hg. v. A. Tholuck. Jg. 1840, Nr. 1 u. 2, p. 1—11:
„Vorwort des Herausgebers zum zehnten Jahrgange“ 35—36 Bremer Kirchen¬
bote 12. u. 19. I. 1840, Nr. 1—2. Friedrich Mallet: „Vorwort“, p. 14. Cf.
auch Anm. zu 12513—11
55716—17 Grillparzer, Weh dem, der lügt. Lustspiel in 5 Aufzügen. Wien 1840
5580—24 Cf. Allgemeine Preußische Staats-Zeitung 20. I. 1840, Nr. 20, p. 79:
Rede gesprochen im Ritter-Saale des Königlichen Schlosses bei der Feier des
Krönungs- und Ordensfestes am 19. Januar 1840 von dem Ersten evangelischen
Bischöfe, Kgl. Hofprediger und Domherrn Dr. Eylert 20—23 Alle für Einen
und Einer für Alle sei Preußens Regierungsprinzip] bei Eylert ... das lebens¬
volle monarchische Prinzip, das in dem Ursatze sich ausspricht: „Einer für
Alle und Alle für Einen“ 23—24 Niemand flicke einen alten Lappen auf ein
neues Kleid] bei Eylert Niemand flickt ein altes Kleid mit einem neuen Lappen
25 Carl v. Rotteck, Allgemeine Weltgeschichte für alle Stände, von den frühesten
Zeiten bis 1831, mit Zugrundelegung seines größeren Werkes. 4 Bde. Stutt¬
gart 1833—1839. Bd. IV, p. 337
56228 Cf. Anm. zu 20713 u. zu 1851 32—33 Cf. Anm. zu 6523
56843—44 Cf. Anm. zu 10713—14
5641—2 R. E. Prutz, Der Rhein. Gedicht. Leipzig 1840 9 Cf. in diesem
Bande 96 sqq.
57818—19 Das Nachtlager von Granada. Romantische Oper in zwei Akten von
Konradin Kreutzer, Text nach Fr. Kinds gleichnamigem Drama von Frhr. v.
Braun. Wien 1834 28—24 Cf. Anm. zu 5391
57632 Kirchenlied von Martin Luther. Erstdruck 1529
57718 Jacopone da Todi, Stabat mater
57819 Cf. Anm. zu 101 25 Cf. Anm. zu 12433
58188—39 Von Adolf v. Thümmel. Lebens Überdruß] bei Thümmel Unverstand
69729—30 Matthias Claudius, Sämmtliche Werke des Wandsbecker Bothen. 8 Teile.
1775—1812. T. III: Rheinweinlied („Bekränzt mit Laub den lieben vollen
Becher ...“)
Zitaten- und Titelnachweise; textkritische Anmerkungen
661
59813 Nikolaus Lenau, Faust. Ein Gedicht. Stuttgart u. Tübingen 1836 15—16
F. L. G. v. Raumer, Geschichte der Hohenstaufen und ihrer Zeit. 6 Bde.
Leipzig 1823—1825. 2. verb. u. verm. Aufl. Leipzig 1840 17—18 Fr. Diez,
Grammatik der romanischen Sprache. 2 Teile. Bonn 1836—1838
6042 Cf. Anm. zu 10713—14 13—16 Die zweite Strophe lautet „Schwarz die
Vergangenheit, Rot und freudig die Gegenwart, Golden die Zukunft!“
1848 wurde das Lied wieder gesungen und im Hagener Kreisblatt, März 1848
abgedruckt als Gedicht eines Unbekannten
60629 Goethe, Sämmtliche Werke. 40 Bde. Stuttgart 1840 32 Ib. Bd. XV:
Die Wahlverwandtschaften
6091—2 Pergolese, Stabat mater. Beendigt 1736. Cf. auch Anm. zu 577 18 6 F. v.
Mendelssohn-Bartholdy, Paulus. Oratorium. Erstaufführung in Düsseldorf
1836
61226 L. v. Beethoven, G-moll Symphonie. Geschrieben 1807. Erstaufführung 1808
27 Id., Es-dur Symphonie „Eroica“. Geschrieben 1804. Erstaufführung 1805
619ß Karl Werder, Christoph Columbus. Trauerspiel in 5 Akten. Erstaufführung
am 7. I. 1842 im Kgl. Opernhause Berlin. Ouvertüre und Zwischenakts-Musik
aus Beethovenschen Symphonien. Als Buch erschien das Stück umgearbeitet
Berlin 1858
6815 Cf. in diesem Bande 323 sqq. 9 Cf. in diesem Bande 181 sqq. 16 Cf. in
diesem Bande 229 sqq.
68225 Königsberger Literaturblatt 20. VII. 1842, Nr. 42, p. 329 sqq.: Alexander
Jung, Ein Bonbon für den kleinen Oswald, meinen Gegner in den deutschen
Jahrbüchern.
Verzeichnis der ersten Wiederabdrucke
Im folgenden vermerken wir die Publikationen t in denen einzelne Texte des zweiten
Bandes noch vor unserer Gesamtausgabe zum ersten Male nach dem Erstabdruck oder
aus dem Manuskript veröffentlicht worden sind:
Briefe aus dem Wuppertal (p. 23—46) : Friedrich Engels, Schriften der Frühzeit.
Ges. u. hg. v. Gustav Mayer. Berlin 1920, p. 20—39. Bei Gustav Mayer fehlt der
Text auf p. 42—44 unserer Ausgabe.
Die deutschen Volksbücher (p. 49—56): Ib. 98—105
Karl Beck (p. 57—61): Ib. 106—110
Retrograde Zeichen der Zeit (p. 62—66): Ib. 110—115
Platen (p. 67—68): Ib. 115—117
Joel Jacoby (p. 69—71): Neue Zeit, 1921. Bd. 39/1, p. 209—210
Requiem für die deutsche Adelszeitung (p. 72—75): Engels, Schriften der
Frühzeit. p. 117—121
Landschaften (p. 76—82): Ib. 121—127
Ein Abend (p. 83—87): Ib. 127—131
Sanct Helena (p. 90): Ib. 131
Siegfrieds Heimat (p. 91—95): Ib. 134—139
Emst Moritz Arndt (p. 96—108): Ib. 139—152
Immermanns Memorabilien (p. 111—118): Ib. 155—163
Schelling über Hegel (p. 173—180): Ib. 167—174
662
Zitaten, und Titelnachweise; textkritische Anmerkungen
Schelling und die Offenbarung (p. 181—227): Documente des Socialismus.
Hg. v. Ed. Bernstein. Bd. I. Berlin 1902. p. 555—558. „Aus der Schrift: Schelling
und die Offenbarung“. Mitgeteilt v. Doubleyou [Dr. W. Pappenheim]. In den „Docu¬
menten“ nur der Schluß der Broschüre, in unserem Bande p. 224—227, abgedruckt.
Der Triumph des Glaubens (p. 253—281): Engels, Schriften der Frühzeit,
p. 210—239
Nord- und süddeutscher Liberalismus (p. 287—289): Ib. 174—177
Tagebuch eines Hospitanten I (p. 290—292): Ib. 179—182
Rheinische Feste (p. 293—295): Ib. 177—179
Tagebuch eines Hospitanten II (p. 296—298): Ib. 182—185
Glossen und Randzeichnungen zu Texten aus unserer Zeit (p. 299—302):
Ib. 185—187. Bei Gustav Mayer fehlen, die Zitate aus Walesrode.
Alexander Jung, Vorlesungen über die moderne Literatur der Deutschen
(p. 323—335): Ib. 187—200
Friedrich Wilhelm IV., König von Preußen (p. 339—346): Ib. 200—207
Die innem Krisen (p. 351—355): Ib. 243—247
Englische Ansicht über die innem Krisen (p. 356—357): Ib. 247—248
Stellung der politischen Partei (p. 358—360): Ib. 249—251
Lage der arbeitenden Klasse in England (p. 361—362): Ib. 251—252
Die Komgesetze (p. 363—364): Ib. 253—254
Briefe aus London (p. 365—376): Ib. 254—266
Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie (p. 379—404): Neue Zeit, 1891.
Bd. 9/1, p. 236—254.—Mehring, Nachlaßausgabe. Bd. I. Stuttgart 1902. p. 432—460
Die Lage Englands (p. 405—431) : Mehring, Nachlaßausgabe. Bd. I, p. 461—490
Progreß of Social Reform on the Continent (p. 435—442): The Social-
Democrat. London. Vol. XIII. 1909. p. 517—522. Nicht vollständig abgedruckt,
in unserem Bande p. 435—440. — Deutsche Ueberseizung in „Neue Zeit“, 1910,
Bd. 28/1. p. 427—431. — Der letzte Abschnitt des Aufsatzes in deutscher Über¬
setzung mitgeleilt in N. Rjazanoff: „Friedrich Engels’ Jugendarbeiten“. Der
Kampf. Wien 1914. p. 159—161.
Germany and Switzerland (p. 443—449) : Der Kampf. Wien 1914. p.162—167.
In deutscher Uebersetzung.
Gedicht aus dem Jahre 1836 (p. 464): Die Internationale. Eine Zeitschrift
für Praxis und Theorie des Marxismus. 1920. Jg. 2, Heft 26. Faksimile.
Briefe an die Brüder Graeber (p. 485—564): Die Neue Rundschau. XXIV.
Jahrgang der freien Bühne. Berlin, September u. Oktober 1913. Heft 9 u. 10,
p. 1245—1257, p. 1396—1416: „Friedrich Engels, Jugendbriefe“. Mitgeteilt
von Gustav Mayer. 15 Briefe nur in Bruchstücken. — Engels, Schriften der
Frühzeit. p. 3—19, 39—98, 132—134, 152—155.
Briefe an die Schwester Marie (p. 567—632) : Deutsche Revue. Eine Monats¬
schrift. Hg. v. Richard Fleischer. Stuttgart u. Leipzig 1920. 45. Jg., 4. Bd.,
p. 127—138, 218—228 : „Briefe von Friedrich Engels an Mutter und Geschwister“.
Mitgeteilt von Gustav Mayer. Bei Gustav Mayer sind, von, den in unserer
Ausgabe veröffentlichten 29 Briefen nur 13 abgedruckt.
Brief von Engels (Oswald) an Arnold Ruge vom 15. Juni 1842 (p. 631) : Archiv
für die Geschichte des Sozialismus und der Arbeiterbewegung. Hg. v. Carl Grün¬
berg. 11. Jg. Leipzig 1925. p. 184—185: „Ein Brief von Friedrich Engels (Os¬
wald) an den Herausgeber der Deutschen Jahrbücher“. Mitgeteilt von N. (D.)
Rjasanoff. Mit einer Vorbemerkung von Carl Grünberg.
Brief von Engels an Arnold Ruge vom 26. Juli 1842 (p. 631—632): Die Inter¬
nationale. 1920. Jg. 2 Heft 26: Ein unbekannter Brief Friedrich Engels’. Mit¬
geteilt von E. Drahn. Faksimile.
NAMENREGISTER
Bei allgemein bekannten Namen geben wir nur Geburts- und Todesdatum, bei
weniger bekannten außerdem ein kennzeichnendes Stichwort. Biographische Notizen
fügen wir nur bei den Namen hinzu, die in den allgemein bekannten Nachschlage¬
werken nicht zu finden sind (Allgemeine Deutsche Biographie; Brockhaus’ und
Meyers Konversationslexikon; Larousse, Grand Dictionnaire Universel; La Grande
Encyclopédie; Encyclopaedia Britannica; Dictionary of National Biography; Paulys
Realenzyklopädie der klassischen Altertumswissenschaft; R. Eisler, Philosophen¬
lexikon; Herzog-Haucks Realenzyklopädie der protestantischen Theologie und Kirche;
Goedeke, Grundriß zur Geschichte der deutschen Dichtung) ; hierbei wird besonders
die erste Hälfte der vierziger Jahre berücksichtigt.
Literarische und mythologische Namen werden durch Kursivschrift bezeichnet.
Den 2. Halbband des 1. Bandes unserer Gesamtausgabe zitieren wir ohne Titel und
Abkürzung nur durch die Ziffern 1/2.
Die in der Einleitung und im Zitaten- und Titelnachweis vorkommenden Namen
werden im Register nicht berücksichtigt.
Abner (Figur aus K. Becks „Saul“) 61
Achaios 479
Achilleus 64 464
Adam 113 544 546
Adam, Charles Adolphe, französischer
Komponist (1803—1856) 108
Adolf s. Adolf v. Griesheim
Adrastos 478 479
Aegeus 462
Agenor 478 479
Ahasvérus 52 53 497 548
Aischylos (525—456 v. Chr.) 516 517
Alberich 91
Alexander der Große (356—323 v. Chr.)
110
Alexander L, Kaiser von Rußland (1777
—1825) 559
Alexis, Willibald [Georg Wilhelm Hä¬
ring] (1798—1871) 502
Alison, Sir Archibald, Historiker, Anti-
Malthusianer (1792—1867) 396 398
Alison, William Pulteney, englischer
Arzt (1790—1859) 413
Altenstein, Karl v. (1770—1840) 102 185
342
Alvensleben, Ludwig v., Novellist und
Publizist (1800—1868 ) 73 105
d’Alviella, Louis Goblet, comte, aus
Brüssel. Sohn des 1790 geb. belgi¬
schen Generals und Staatsmannes Al¬
bert-Joseph Goblet, comte d’Alviella.
Studierte 1841/42 an der Bonner phi¬
losophischen Fakultät. 625
Amphiaraos 478
Andreä, Friedrich Wilhelm, Verfasser
heraldischer Bücher 319
Andronicus, Livius (gest. ca. 220 v.
Chr.) 51
Aphrodite 40
Apollon 410
Archimedes (ca. 287—212 v. Chr.) 130
Arethusa 141
Argeia 478 479
Argos 462 479
Ariadne 215 462
Ariosto, Ludovico (1474—1533) 516
Aristoteles (384—322 v. Chr.) 550
Arkwright, Sir Richard (1732—1792)
403
Arminius (Lohenstein, Großmüthiger
Feldherr Arminius . . .) 66
Arndt, Ernst Moritz (1769—1860)
96—98 100 103—106 108 564
Arnim, Bettina v., geb. Brentano (1785—
1859) 63 497
Ashley, Lord s. Shaftesbury
Aspasia (5. Jh. v. Chr.) 233
Athalie (Racine) 64
Athene 40 478 479
Atrytone s. Athene
Attila (gest. 453) 40 41 (Godegisel)
Baader, Franz Benedict v. (1765—1841)
335
Baal 181
Babeuf, Gracchus (1760—1797) 436 439
Bach, Johann Sebastian (1685—1750)
145
Bade, Karl, Militärschriftsteller, preußi¬
scher Artillerie-Offizier, Teilnehmer
an der Schlacht von Leipzig. Lebte
in den vierziger Jahren in Altona und
Hamburg. 98
Bagel, Verlagsbuchhandlung in Wesel 35
Bairstow, Jonathan R. H., Chartist. Geb.
um 1819. Begann politisch hervorzu¬
treten 1839. Mitglied der „Conven¬
tion“ vom 12. IV. 1842, London,
welche die „National Petition“ aus¬
arbeitete. Einer der 57 Angeklagten
in dem großen Prozeß gegen die
Chartistenführer vor den Assisen zu
Lancaster März 1843. Emigrierte
später nach Amerika. 441
Bakchos 294
Ball, Hermann, Sohn des Lederhändlers
Johannes Ball in Barmen. Reformier¬
ter Pfarrer erst in Wülfrath, dann in
Elberfeld. Später Superintendent.
Gest. 1860. 31 506
Barmby, Goodwyn, religiöser Sozialist
(1820—1881) 454
Bauer, Bruno (1809—1882) 253—259
261 262 264 267 268 270 271
273 275 277—281 292 324 340
424 425 448
Bauer, Caroline, Schauspielerin (1807—
1877) 121
Bauer, Edgar (1820—1886) 268 (Radge),
270 271 277 449
Beck, Karl (1817—1879) 57—61 65 66
497 503 520 521 535—537 540 553
Becker, Nikolaus, Dichter des Rhein¬
liedes (1809—1845) 107 563
Beethoven, Ludwig van (1770—1827) 59
108 145 557 612
666
Namenregister
Behemoth 411
Belial 233 418
Belle Isle, Mademoiselle de (Dumas) 64
Bellini, Giovanni (1801—1835) 59 108
Beltz, Karl Christian, geb. 5. IX. 1807
in Kirna a. d. Nahe. Besuchte das
Gymnasium in Kreuznach, studierte
in Heidelberg u. Bonn. 1833—54
Lehrer am Elberfelder Gymnasium.
Engels’ Lehrer für Griechisch. Eine
Zeitlang Redakteur des „Täglichen
Anzeigers für Berg und Mark“ und
Vorsitzender des „Constitutioneilen
Vereins“ in Elberfeld. Gest. 2. XII.
1857. 36
Ben Jonson s. Jonson
Bergmann, Joh. H., Zuckermakler in
Bremen 557
Bernhard, ein Barmer Jugendbekannter
oder Verwandter von Friedrich
Engels, vielleicht Bruder von Engels’
Mutter (Bernhard van Haar) 613
Berthollet, Claude Louis, comte, franzö¬
sischer Chemiker (1748— 1822) 388
Bettine s. Bettina v. Arnim
Beurmann, Eduard, geb. 14. IV. 1804 in
Bremen. Studierte 1823—27 in Göt¬
tingen, wurde dann Advokat in Bre¬
men. Lebte von 1832 ab in Frank¬
furt, Kassel und zuletzt in Berlin, wo
er am 16. II. 1883 starb. Er spielte
politisch eine zweideutige Rolle.
Einerseits unterhielt er Beziehungen
zu radikal-demokratischen Kreisen,
andrerseits war er jahrelang Konfi¬
dent der Metternich-Regierung. 144
502 503 535 539
„Beutel, Bruder“ s. C. H. Sack
Binder, Robert, Verlag in Leipzig. Er¬
losch 1863. Publizierte hauptsächlich
radikale Literatur. 181
Blank, Wilhelm, geb. April 1821 in
Elberfeld als Sohn eines Kaufmanns.
Bestand sein Abitur im August 1838
am dortigen Gymnasium. Später
Hauptmann. Naher Jugendfreund
von Friedrich Engels. Gest. 1892.
490 504 506 518 519 521 542 559 612
616
Blasedow (Gutzkow, Blasedow und seine
Söhne) 76 521
Bleek, Friedrich, evangelischer Bibel¬
forscher (1793—1859) 563
Blücher, Gebhard Leberecht, Fürst von
Wahlstatt (1742—1819) 265 271 274
277
Blum, Karl Ludwig, Komponist und Ver¬
fasser leichter Theaterstücke (1786—
1844) 121
Bluntschli, Johann Kaspar (1808—1881)
445
Böhme, Jakob (1575—1624) 489
Börne, Ludwig (1786—1837) 55 58 59 61
65 68 84 96 101—103 288 301 327
330 437 502 519 525 535—537 540
547 550 551 553
Borgia, Lucretia (Victor Hugo) 64
Boz s. Dickens
Brandis, Christian August, Altphilologe
und Philosoph (1790—1867) 262
Bredt, August, aus Barmen. Geb. 1817.
1848 Landtagskommissar, als solcher
von Manteuffel als „böser 48er“ ver¬
schrien, weil er für die Steuerver¬
weigerung gestimmt habe. 1855—79
erst Bürgermeister, dann Oberbürger¬
meister von Barmen. Später Herren¬
hausmitglied. Gest, in Honnef a. Rh.
23. III. 1895. 626
Brutus, Marcus Junius (85—42 v. Chr.)
233 499
Bülow - Cummerow, Emst Gottfried
Georg v., konservativer Publizist
(1775—1851) 296 345
Buhl, Ludwig Heinrich Franz {Patriot),
geb. 1814, Junghegelianer. S. Namen¬
register 1/2 268 277 278
Bunsen, Carl, Sohn des Diplomaten Chri¬
stian Carl Josias Bunsen. Geb. 9. XI.
1821. Studierte 1841/42 an der Bon¬
ner juristischen Fakultät, schlug dann
die diplomatische Laufbahn ein. 625
Buonarroti, Filippo Michele (1761—
1837) 436
Busiris 301
Byron, George Noel Gordon, Lord (1788
—1824) 81 324 366 521
Cabet, Etiehne (1788—1856) 439 441
442 444 451 452
Caesar, C. Julius (100—44 v. Chr.) 516
Calcar, Jan van, holländischer Maler (ca.
1460—1519) 93
Calderon, Pedro, de la Barea (1600—
1681) 83 86
Calvin, Johannes (1509—1564) 45 78 555
Capelle, Emst Friedrich Conrad, geb.
27. II. 1790 in Hom (Lippe-Detmold).
Studierte in Marburg Theologie.
1816—1847 Pastor an der Bremer
Kirche Unserer lieben Frauen. An¬
hänger von Paniel. Gest. 27. V. 1847
in Bremen. 563
Cardenio (Immermann, Cardenio und
Celinde) 520
Carlos, Don (Schiller) 131
Carlyle, Thomas (1795—1881) 365 405
408 411—413 415 418—420 423—426
428—431
Carrière (Carrière), Moriz, Junghege¬
lianer, Ästhetiker (1817—1895) 38
Cartwright, Edmund (1743—1823) 388
Cato, M. Porcius (239 od. 234—149 v.
Chr.) 233
Namenregister
667
Cercyon 462
Cerdic, Häuptling der west-sächsischen
Stämme, die im 5. und 6. Jh. Süd-
Britannien eroberten. 417
Cervantes, Saavedra Miguel de (1547—
1616) 521
Chamisso, Adalbert v. (1781— 1838) 67
Chapeau, 1842 Student in Bonn 625
Childe Harold (Byron, Childe Harold’s
Pilgrimage) 521
Cicero, M. Tullius (106—43 v. Chr.) 300
480
Cid Campeador (ca. 1050—1099) 64 101
499
Claudius (Deutsche Volksbücher) 54
Clauren, H. [Karl Gottlieb Samuel
Heun], Novellist (1771—1854) 520
Clausen, Johann Christoph, geb. 15. XI.
1806 in Ratingen b. Düsseldorf. Stu¬
dierte in Göttingen u. Bonn, kam
1832 ans Elberfelder Gymnasium als
Lehrer; später Oberlehrer und Pro¬
fessor. Engels’ Lehrer in Deutsch,
Geschichte und Geographie. Er ver¬
öffentlichte auch einige literarische
Arbeiten. Gest. 3. I. 1877. 36
Clemens (Deutsche Volksbücher) 54
Cleners, aus Barmen 585
Clio 40
Cobden, Richard (1804—1865) 406
Columbus, Christoph (1446—1504) 437
619
Considérant, Victor, Fourierist (1808—
1893) 438 452
Constant, Abbé Alphonse Louis (1816—
1875). Schrieb auch unter dem Pseu¬
donym Eliphas Lévy. Religiöser So¬
zialist. Autor zahlreicher Schriften.
Verfaßte zusammen mit F. Lamennais
„Le Deuil de la Pologne, protestation
de la démocratie française et du so¬
cialisme universel“, Paris 1847.
Wurde gegen Ende der fünfziger
Jahre Okkultist. 454
Constant de Rebecque, Benjamin (1767
—1830) 452
Cooper, Thomas, Chartistenführer (1805
—1892) 369
Copernicus, Nicolaus (1473—1543) 13
Corneille, Pierre (1606—1684) 116
Cousin, Victor (1792—1867) 332
Creizenach, Theodor, Schriftsteller und
Pädagoge (1818—1877) 58 497 539
549
Crompton, Samuel, englischer Erfinder
(1753—1827) 403
Cromwell, Oliver (1599—1658) 418
Cuvier, Georges, Baron de (1769—1832)
209
D. s. Dürholt
Damokles Yl
Danaer 462 478 479
Dante Alighieri (1265—1321) 43
Danton, Georges Jacques (1759—1794)
256 273 278 279
Daub, Karl, protestantischer Theologe
spekulativer Richtung (1765—1836)
552 556
David 41 61 69 253 501
Davy, Sir Humphrey, englischer Chemi¬
ker (1778—1829) 388 401
Delius, Nicolaus, Philologe, später als
Shakespeareforscher bekannt (1813
—1888) 124
Derkhiem, Angestellter bei der Firma
Leupold in Bremen 592 594 599
Descartes, René (1596—1650) 185
Diana 93
Dichter von „Heil Dir im Siegerkranz“
s. B. G. Schumacher
Dickens, Charles (Boz) (1812—1870) 455
Diest, Otto Carl Erich Heinrich, aus
Berlin. Studierte 1841/42 an der
Bonner juristischen Fakultät. 625
Diesterweg, Friedrich Adolf, Lehrer und
liberaler pädagogischer Schriftsteller
(1790—1866) 36
Diez, Christian Friedrich, romanischer
Philologe (1794—1876) 598
Dingelstedt, Franz v. (1814—1881) 38 58
503
Diogenes, der Kyniker (412—323 v.
Chr.) 487 550 551
Dionysos 216
Dirke 478
Döring, Karl August, Pfarrer in Elber¬
feld, Pietist (1783—1844) 31 39 45
506
Doherty, Hugh, Fourierist; Herausgeber
der Zeitung „The London Phalanx“,
Mitarbeiter an Owens „The New Mo¬
ral World“ und Considérants „La
Phalange“. 438
Dombrowski, Jan Henryk, polnischer Ge¬
neral (1755—1818) 109
Donizetti, Gaetano (1797—1848) 108 131
Don Quijote (Cervantes) 54 300 464 521
Dorothee, die schone (Gedicht von Fr.
Graeber) 575
Droste-Hülshoff, Annette, Freiin v. (1797
—1848 ) 81 82
Droste-Vischering, Clemens August, Frei¬
herr v., Erzbischof von Köln (1773
—1845) 342
Duchätel, Charles Marie Tanneguy,
comte, Minister im Kabinett Guizot
(1803—1867) 296
Dürholt, Kontorist aus Unterbarmen (D.)
41 506
Duller, Eduard, Romanschriftsteller (1809
—1853) 41 65 498 504
Dumas, Alexandre (1802—1870) 64
668
Namenregister
Duncombe, Thomas Slingsby, radikaler
englischer Politiker (1796—1861)
367 369
Duntze, Dr., 1839 Bürgermeister von Bre¬
men 581
Eberlein, Angestellter der Firma Leu¬
pold, Bremen 568 598 600
Ebert, Karl Egon, deutsch-böhmischer
Dichter (1801—1882) 504
Eckart 96 534 537
Edelmann, Johann Christian, Freidenker
(1698—1767) 256 279
Egen, Peter Caspar Nicolaus, geb. 26.
IV. 1793 in Breckerfeld b. Arnsberg.
1812—1822 Rektor in Halver, 1822
—1830 Lehrer am Gymnasium zu
Soest. 1830—1848 Direktor am El¬
berfelder Gymnasium. Dann Regie¬
rungsrat im Handelsministerium und
Direktor des kgl. Gewerbe-Instituts
in Berlin, wo er am 24. VIII. 1849
starb. Während seiner Elberfelder
Dienstzeit sehr tätig für die Entwick¬
lung der Eisen-, Stahl- und Baum¬
wollindustrie, des Eisenbahnwesens
usw. im Wuppertal 35 43
Eichhoff, Karl Johann Ludwig, geb. 19.
III. 1805 in Weilburg. Studierte Phi¬
lologie in Bonn und Berlin, wo er
Hegel, Schleiermacher und Lach¬
mann hörte. Erst Lehrer in Kreuz¬
nach und Krefeld, dann, von 1832 ab,
Oberlehrer am Elberfelder Gymna¬
sium. 1845 wurde er Direktor des
Gymnasiums in Duisburg, wo er 1882
starb. Er war Engels’ Latein- und
Griechisch-Lehrer. Veröffentlichte
viele Schriften und Aufsätze. 36
Eichhorn, Johann Albrecht Friedrich
(1779—1856) 344
Eisenbart, Doktor 305
Eli 528
Elias, der Prophet 181 241 279 511
Enak 499
Engelke, Briefträger in Bremen 488
Engels, Adeline, geb. 16. II. 1827 in
Barmen, gest. ebenda 14. VIII. 1901.
Cousine von Friedrich Engels, Toch¬
ter von Caspar Engels jun. und sei¬
ner ersten Frau Julie, geb. Overbeck.
Heiratete Friedrich Lorenz. 567 591
Engels, Anna, geb. 5. XII. 1825 in Bar¬
men, gest. 9. VH. 1853 in Engels¬
kirchen. Schwester von Friedrich
Engels. Heiratete 1848 Adolf v.
Griesheim. 463 570 572 583 584 603
614 616
Engels, August, senior, geb. 25. VI.
1797 in Barmen, gest. ebenda 26. IV.
1874. Bruder von Friedrich Engels’
Vater. Heiratete 1820 Luise Krebs.
Kgl. preußischer Kommerzienrat, Fa¬
brikbesitzer, Teilhaber der Firma
„Caspar Engels u. Söhne“ in Bar¬
men. Wiederholt Kirchmeister. Von
1860 ab Herrenhausmitglied. 616
Engels, August, junior, Sohn des vori¬
gen, Vetter von Friedrich Engels.
Geb. 12. VII. 1824 in Barmen, gest.
ebenda 12. VI. 1855. Fabrikbesitzer
in Barmen. Verheiratet 1849—1852
mit Elisabeth Wichelhaus, dann mit
Maria de Weerth. 572 585 613
Engels, Caspar, senior, Großvater von
Friedrich Engels. Geb. 28. II. 1753
in Barmen, gest. ebenda 20. VII.
1821. Teilhaber des väterlichen Ge¬
schäfts „Caspar Engels u. Söhne“.
Errichtete Arbeiterhäuser und eine
Schule, Mitbegründer des „Armenver¬
eins“ (1807), Vorsteher des „Kom-
vereins“ (zur Beschaffung billiger Le¬
bensmittel nach der Dürre von 1816).
Begründer der selbständigen Unter¬
barmer unierten Gemeinde, Haupt¬
stifter der Unterbarmer Kirche. Mu¬
nizipalrat der Stadt Barmen. Ver¬
heiratet 1789—1790 mit Konstantie
Korten, dann mit Louise Noot. 461
Engels, Caspar, junior, Sohn des vorigen,
Bruder von Friedrich Engels’ Vater.
Geb. 30. XII. 1792 in Barmen, gest.
ebenda 25. XI. 1863. Trat 1812 in
das väterliche Geschäft „Caspar
Engels u. Söhne“ ein, seit 1849 allei¬
niger Inhaber des Hauses. Ver¬
heiratet in erster Ehe mit Julie Over¬
beck, in zweiter Ehe mit Alwine
Platzhoff, verw. Kampermann. 463
567
Engels, Elisabeth Francisca Mauritzia,
Mutter von Friedrich Engels. Geb.
22. IV. 1797 in Hamm i. W. als Toch¬
ter des Rektors van Haar. In ihrer
Jugend war sie bei ihrem Onkel, dem
Rektor Snethlage in Berlin, in Pen¬
sion. Lebte dann immer in Barmen.
Sie stand ihren Kindern näher als der
strenge und bigotte Vater. Gest. 29.
X. 1873. 460—462 464 567—569 572
575 578 583—585 600 606 615 616 627
Engels, Elise, die jüngste Schwester von
Friedrich Engels. Geb. 6. VIII. 1834
in Barmen, gest. 9. III. 1912 in Bonn.
Am 3. X. 1854 verheiratete sie sich
mit ihrem verwitweten Schwager
Adolf v. Griesheim. 463 614 616
Engels, Emil, Bruder von Friedrich
Engels. Geb. 9. III. 1828 in Barmen,
gest. 30. XI. 1884 in Engelskirchen
im Rheinland. Kommerzienrat, Teil¬
haber der Firma „Ermen u. Engels“
in Engelskirchen. In Gemeinde und
Namenregister
669
Stadtverwaltung sehr tätig. Heiratete
am 10. V. 1853 Charlotte Bredt.
462 583—585 614 616
Engels, Emilie, Cousine von Friedrich
Engels, Tochter von Caspar Engels
junior. Geb. 27. X. 1825 in Barmen,
gest. 8. I. 1906 in Bonn. Verheiratet
mit Karl August Broicher, Regie¬
rungsrat in Köln. 567
Engels, Friedrich, senior, Vater von
Friedrich Engels. Geb. 12. V. 1796
in Barmen, gest. ebenda 20. III. 1860.
Er war bis 1837 im väterlichen Ge¬
schäft „Caspar Engels u. Söhne“
tätig, gründete dann mit Ermen in
Manchester die Baumwollspinnerei
„Ermen u. Engels“ und 1841 mit
Ermens Bruder eine zweite in Engels¬
kirchen. Pietist; tätig für Kirche,
Schulwesen und Stadtverwaltung. 460
—464 488 557 568 575 585 611 616
Engels, Hedwig, Schwester von Fried¬
rich Engels. Geb. 3. I. 1830 in Bar¬
men, gest. in Godesberg 10. IX. 1904.
Heiratete 1850 Friedrich Boelling,
Kaufmann aus Barmen. 463 583—585
614 616
Engels, Hermann, Bruder von Friedrich
Engels. Geb. 29. X. 1822 in Barmen,
gest. ebenda 18. HI. 1905. Fabrik¬
besitzer, Teilhaber der Firma „Er¬
men u. Engels“ in Engelskirchen.
Wiederholt Scholarch, Kirchmeister,
Stadtverordneter usw. Heiratete 1855
Emma Croon. 463 557 570 572 578—
580 585 613 614 616
Engels, Ida, Cousine von Friedrich
Engels, Tochter von August Engels
senior. Geb. 16. XI. 1822 in Bar¬
men, gest. ebenda 26. X. 1884. Hei¬
ratete 1842 Albert Molineus. 575 597
602 621 622
Engels, Julie, Cousine von Friedrich
Engels, Tochter von Caspar Engels
junior und dessen erster Frau Julie
Overbeck. Geb. 19. V. 1821 in Bar¬
men, gest. 6. I. 1875 in Bonn. Heira¬
tete 1844 Karl Anton Josef Diehl,
Weinhändler aus Mainz 575 616
Engels, Julius, Vetter von Friedrich
Engels, Sohn von Caspar Engels ju¬
nior und dessen zweiter Frau Alwine
Platzhoff, verw. Kampermann. Geb.
8. X. 1818 in Barmen, gest. 28. II.
1883 in Waltersdorf (Nieder-Lausitz).
Rittergutsbesitzer. Heiratete 1846
Ottilie Kampermann, eine Halb¬
schwester seiner Schwägerin Luise
Kampermann. 463
Engels, Karl, Vetter von Friedrich
Engels, Sohn von Caspar Engels ju¬
nior. Geb. 12. IX. 1817 in Barmen,
gest. ebenda 7. XII. 1840. 567 575
Engels, Marie, Schwester von Friedrich
Engels. Geb. 13. VH. 1824 in Bar¬
men, gest. ebenda 5. IV. 1901. Sie
heiratete am 3. VI. 1845 Karl Emil
Blank, Fabrikant aus Barmen. Diese
Schwester stand Engels am nächsten;
auch mit ihrem Mann verbanden ihn
politische und freundschaftliche Be¬
ziehungen. 463 565 567 569 571 574
—577 579—586 588—591 593 597 600
602 603 605 606 608 610 611 613—616
619 621—623
Engels, Rudolf, Bruder von Friedrich
Engels. Geb. 8. III. 1831 in Barmen,
gest. ebenda 15. II. 1903. Teilhaber
der Firma „Ermen u. Engels“ in
Engelskirchen. Heiratete 1856 Ma¬
thilde Remkes. 462 572 583—585 614
616
Erdmann, Johann Eduard, Hegelianer
(1805—1892) 563
Ernst IL, Herzog von Schwaben (ca.
1007—1030) 52
Ernst August, König von Hannover
(1771—1851) 300 485 533 558
Eteokles 478 479
Eugen, Prinz (Freiligrath) 38
Eulenspiegel, Till 50 53 488 570
Eules, Betty, aus Bolton; 1843 in Liver¬
pool als Kindesmörderin hingerichtet.
410
Euripides (480—406 v. Chr.) 480
Everaertsche Buchdruckerei, Köln 488
Ewich, Johann Jakob, geb. 23. VIII.
1788 in Wesel. Volksschullehrer in
Haldern b. Rees, dann Lehrer in Bud¬
berg. 1823—54 Oberlehrer an der
Barmer Stadtschule. Nach seiner
Pensionierung lebte er in Burgbrohl
b. Brohl, wo er am 15. V. 1863 starb.
Vielseitiger pädagogischer Schrift¬
steller. 35
Eylert, Rulemann Friedrich, Bischof,
Hof- und Garnisonprediger Friedrich
Wilhelms III. (1770-1852) 558
Eyssenhardt, A., Verlag in Berlin; be¬
stand 1835—1863. 229
Faber, Pseudonym eines Mitarbeiters
der „Abendzeitung“ in Dresden 511
Faust 52 53 464 488 497 499 506 538
598
Feistkorn, G. W., ein Maler aus Engels*
Bekanntenkreis in Bremen. 485 572
576 605
Feldmann, Gustav, Jugendfreund von
Friedrich Engels. Geb. Mai 1820 in
Elberfeld. Engels’ Mitschüler im
Elberfelder Gymnasium. Nach dem
Abitur, August 1838, Student der
670
Namenregister
Rechts- und Kameral Wissenschaften
in Bonn. Später Kammerpräsident
in Saarbrücken. 488
Ferdinand VII., König von Spanien
(1784—1833) 558
Ferrand, William Busfield, geb. 1809. So¬
zialreformerischer Tory, der Gruppe
des „Young England“ nahestehend.
Mitglied des Unterhauses für Knares-
bourough. Trat für die 10-Stunden-
Bill ein und bekämpfte das Armen¬
gesetz (Poor Law). Freund Disraelis.
408
Feuerbach, Ludwig (1804—1872) 178
185 197 207 225 269 271—273 276
324 331 334 388 424 425 448
Fichte, Johann Gottlieb (1762—1814)
115 116 174—176 186 187 262 446
Fichte, Immanuel Hermann, Sohn des
vorigen (1796—1879) 182 262
Fierabras (Deutsche Volksbücher) 55
Florencourt, Franz v. [François Chassot
de], liberaler Schriftsteller, später
katholisch konvertiert (1803—1886)
101
Florens (Deutsche Volksbücher) 54
Fortuna 55 211
Fortunat (Deutsche Volksbücher) 50 55
Fouqué, Friedrich de la Motte (1777—
1843) 74 105 510 537
Fourier, Charles (1772—1837) 395 437
438 441 451 452 Fourierists: 435 438
452 Fourierism: 438
Frankl, Ludwig August, Ritter von
Hochwarth, österreichischer Schrift¬
steller (1810—1894) 504
Franz L, Kaiser von Österreich (1768—
1835) 558
Freiligrath, Ferdinand (1810—1876) 35
37—39 41 58 60 65 66 78 81 111 327
497 504 506 537 563
Friedrich IL, König von Preußen (1712
—1786) 113 276
Friedrich Wilhelm III., König von Preu¬
ßen (1770—1840) 37 313 339 342 345
539 558 618
Friedrich Wilhelm IV., König von Preu¬
ßen (1795—1861) 94 187 318 339—
346 448 553 562 618 620
Fry, Elisabeth, englische Quäkerin und
Gefängnisreformerin (1780—1845) 92
Gabler, Georg Andreas, Philosoph, He¬
gelianer (1786—1853) 292
Gaddo, Ugolinos Sohn (gest. 1269) 409
Galilei, Galileo (1564—1642) 13
Gans, Eduard (1797—1839) 102 178 181
522 523 536 556
Ganymed 540
Genovefa (Deutsche Volksbücher) 50 53
54
Georg, Sankt 182 562
Gerasimo (Gerasimi), San, palästinensi¬
scher Abt, geb. in Licia (Kleinasien),
gest. 475 in dem von ihm erbauten
Kloster am Jordan. 51
Gerhard, Verlag, später Buchdruckerei
und Buchhandlung in Leipzig 323
Gerhardt, Paulus (1607—1676) 132
Gesenius, Heinrich Friedrich Wilhelm,
historisch-kritischer Bibelforscher und
Orientalist (1786—1842) 552
Ghismonda (Immermann, Ghismonda,
oder die Opfer des Schweigens) 117
Gideon 277
Giselher 73
Gladstone, William (1809—1898) 368
Gluck, Willibald, Ritter von (1714—
1787) 145
Godegisel s. Attila
Görres, Joseph v. (1776—1848) 50 51 55
56 69 70 522
Goethe, Johann Wolfgang v. (1749—1832)
35 40 52 59 68 112 123 131 421 424
428 487 488 491 496 497 502 503 506
510 518 520 534 537 538 540 573 606
Götz von Berlichingen (Goethe) 534
Goldmann, Karl Eduard {Pentarchist),
Verfasser der anonym erschienenen
prorussischen Schrift „Die Europä¬
ische Pentarchie“, Leipzig 1839. Trat
um 1823/24 vom Protestantismus zum
Katholizismus über ; in Leipzig gab er
eine katholische Zeitung und religiöse
Propagandaschriften heraus. Dann, bis
1830, stand er in Wien im Dienste
Metternichs. Wurde in der Folge
Agent der russischen Regierung und
lebte in Warschau. Später bot er noch
einmal Metternich seine Dienste an,
wurde aber von der russischen Regie¬
rung zurückgewonnen. Hielt sich in
Warschau auf, kehrte schließlich im
russischen Interesse nach Deutschland
zurück, wo er u. a. im Rheinland, in
Leipzig und Berlin lebte. Dort gest.
um 1862/63. Seine letzte Schrift war
„Europas Cabinette und Allianzen“,
Leipzig 1862, über die Engels in sei¬
nem Briefe an Marx vom 1. VIII. 1862
und Bruno Bauer in seinem Buche
„Zur Orientierung über die Bismarck’-
scheÄra“, Chemnitz 1880, sprechen. 68
Gorissen, George, Engels’ Hausgenosse
in Bremen. 485
Gössner, Johann, geb. 1773. In München
katholischer Geistlicher, wo er 1811
eine Gruppe von Pietisten, der „Er¬
weckten“, organisierte. Plante inner¬
halb der katholischen Kirche Grün¬
dung einer Bruderschaft im Sinne der
Herrnhuter. 1817, nach Wiederher¬
stellung der Rechte des Jesuiten¬
ordens in Bayern, wurde G. von sei¬
Namenregister
671
ner Kirchenbehörde suspendiert und
ging nach Preußen. 1819 von der rus¬
sischen Bibelgesellschaft, deren Prä¬
sident Fürst Golizyn war, nach Pe¬
tersburg berufen. Seine mystischen
Predigten hatten gewaltigen Zulauf.
Wegen seines Buches „Geist des Le¬
bens und der Lehre Jesu“ wurde er
1824 aus Rußland ausgewiesen. Sein
Protektor Golizyn verlor durch diese
Angelegenheit seinen Ministerposten.
Gössner lebte darauf in Leipzig, dann
in Schlesien, wo er zum Protestantis¬
mus übertrat. Ab 1829 Prediger an
der Bethlehemskirche in Berlin, wo
er am 30. III. 1858 starb. 539
Gottfried von Bouillon, Herzog von Nie¬
derlothringen (gest. 1100 ) 51 464
Gottfried von Straßburg (1. Hälfte des
13. Jh.) 54
Gottfried, Gesima, geb. Timm, aus Bre¬
men. Giftmörderin; vergiftete 19 Per¬
sonen, darunter ihre Eltern und ihre
Kinder. Emil Wilhelm Krummacher
besuchte sie kurz vor ihrer Hinrich¬
tung im Jahre 1836. 560
Gottsched, Johann Christoph (1700—
1766) 66
Grabbe, Christian Dietrich (1801—1836)
498
Graeber, Franz Friedrich, Pastor, Vater
der Brüder Graeber. S. Namen¬
register 1/2. 492 575
Graeber, Friedrich Christ. Ludwig, Sohn
des vorigen. Geb. April 1818 in
Baerl bei Ruhrort. Mitschüler von
Friedrich Engels im Elberfelder
Gymnasium ; einer seiner nächsten
Jugendfreunde. Nach dem Abitur,
August 1838, Student der Theologie
in Bonn und Beidin. 1845—1885
Pfarrer in Issum, Kreis Geldern, wo
er 1881 Superintendent wurde. 1885
trat er, fast völlig erblindet, in den
Ruhestand. Gest. 1895 in Moers.
483 485 486 488 492 493 499 502 504
505 518 523 524 526—529 531—533
535 536 541—543 553 559 562 575
Graeber, Wilhelm, Bruder des vorigen.
Geb. April 1820 in Baerl. Nach dem
Abitur Student der Theologie in
Bonn und Berlin. Später Pfarrer in
Essen, wo er 1893 seine Abschieds¬
predigt hielt. Wie sein Bruder Fried¬
rich Klassenkollege und naher
Jugendfreund von Engels. 483 485
486 488 490 491 500 506 516 519 533
534 538 541 542 548 559 575
Graeber, Hermann, Bruder der vorigen.
Studierte Theologie ; 1836—1840
Hilfslehrer für Latein und Grie¬
chisch an der Barmer Stadtschule.
Später Pfarrer in Duisburg-Meide-
rich. 542
Graeber, Vetter der Brüder Graeber,
lebte während deren Bonner Stu¬
dienzeit in Köln. 575
Graham, Sir James Robert Georges, eng¬
lischer Politiker und Staatsmann,
Whig (1792—1861) 366 368
Grave, Bekannter von Engels in Bremen,
Angestellter der Firma Leupold. 571
Gregor VIL, Papst (1025—1085) 28
Grel, Jugendfreund von Engels 559
Griesheims: Heinrich Wilhelm v. Gries¬
heim (1779—1859) war verheiratet
mit Friederike van Haar, der Schwe¬
ster von Engels’ Mutter. Kgl. preußi¬
scher Hauptmann ; lebte in Hamm
i. W. 464
Griesheim, Friderike v., geb. van Haar.
Frau des vorigen, Tante von Engels.
Geb. 10. I. 1789 in Hamm i. W., gest.
19. XI. 1880 in Bonn. 567
Griesheim, Adolf v., Sohn der vorigen.
Geb. 21. XII. 1820 in Hamm i. W.,
gest. 16. X. 1894 in Bonn. Fabrik¬
besitzer und Teilhaber der Firma
„Ermen u. Engels“ in Engelskirchen.
Er war erst mit Friedrich Engels’
Schwester Anna, dann mit der jüng¬
sten Schwester Elise verheiratet. 613
Grillparzer, Franz v. (1791—1872) 503
557
Grimm, Jacob (1785—1863) 56 77 485
Grimm, Wilhelm (1786—1859) 56 77 91
Griseldis (Deutsche Volksbücher) 53—56
Groening, Heinrich, geb. 4. X. 1774 in
Bremen. Im preußischen Justizdienst
tätig. 1817 zum Bürgermeister von
Bremen gewählt. Gest. 29. III. 1839.
581
Grosscreutz, v., Pseudonym eines Mit¬
arbeiters der „Abendzeitung“ in
Dresden 511
Grün, Anastasius [Anton Alexander
Graf von Auersperg] (1806—1876)
71 327 502 503
Grün, Karl, s. Ernst von der Haide
Güll, Friedrich Wilhelm, Dichter von
Kinderliedem (1812—1879) 39
Guizot, François Pierre Guillaume (1787
—1874) 604
Gutenberg, Johann [Gensfleisch] (ca.
1394—1468) 11 12 14 72 122 123
Gutzkow, Karl (1811—1878) 37 121 323
324 327—331 497 500 502 503 506 519
521 525 526 532 534 535 539 540 548
551 553
Haar, Bernhard van, Friedrich Engels’
Großvater mütterlicherseits. Geb.
6. IV. 1760 in Wesel. Kam 1781 als
Lehramts-Kanditat an das Gymna-
672
Namenregister
sium in Hamm i. W. Später Lehrer,
Oberlehrer u. von 1829 ab Rektor.
Pietist. Veröffentlichte unter dem Na¬
men seines Schwagers Bernhard Mo¬
ritz Snethlage eine Broschüre, in der
er vorschlug, alle Maschinen zu zer¬
stören und nur als Museums-Modelle
zu erhalten. Pensioniert 1833, gest.
20. II. 1837. 462—464
Haar, Francisca Christina van, Frau
des vorigen, Großmutter von Fried¬
rich Engels. Tochter des Pfarrers
Snethlage aus Tecklenburg, Schwe¬
ster von Carl Wilhelm Moritz Sneth¬
lage. 461 463 464 567
Haar, Ludwig van, Sohn der vorigen.
1812 Forstbeamter in Stromberg.
Freiwilliger in den Befreiungskrie¬
gen. 463
Haase, Friedrich, Latinist und Gräcist,
hegelisch beeinflußt (1808—1867) 36
Händel, Georg Friedrich (1685—1759)
145 609
Haide, Emst von der [Karl Grün] (1817
—1887) 58 550
Haimonskinder (Deutsche Volksbücher)
50 55 488
Haller, Karl Ludwig v. (1768—1854)
276 340
Hamlet (Shakespeare) 490 520
Hanno, der heilige, Erzbischof von Köln
(gest. 1075) 91
Hantschke, Johann Carl Leberecht, geb.
6. VIII. 1796 in Zinnitz b. Luckau,
Niederlausitz. Studierte in Leipzig
und Halle. 1824—1831 Oberlehrer am
Elberfelder Gymnasium, 1831—1842
provisorischer Direktor. Dann Direk¬
tor am Gymnasium in Wetzlar; 1854
pensioniert, gest. 9. VI. 1856. Er war
Engels’ Direktor und Lehrer in Latein
und Hebräisch. Verfasser vieler
Schriften philologischen, pädagogi¬
schen und religiösen Inhalts. 36 463
481 590 606
Hargreaves, James, Erfinder (gest. 1778)
403
Hase, Senator in Bremen 581
Hassel, Verlag in Elberfeld. Ging 1874
an den Verlag Adolf Langewiesche,
Godesberg, über. 39
Haydn, Joseph (1732—1809) 145
Dr. He [?] 492
Hegel, Georg Wilhelm Friedrich (1770
—1831) 57 62 65 69 70 72 74 88 99
101 102 115 118 125 143 173—187 189
194 196—199 201—205 207 210 212
213 223—225 229 234 256—259 263
265 278—280 290—292 296 324—329
331 333 427 446 448 522 523 550 552
553 555 556 563 Hegelianismus, He¬
gelianer, hegelisch: 101 102 115 173
182 188 290 326 332 424 426 446 552—
554 556 Alt-Hegelianer: 118 Jung-
Hegelianismus, Jung-Hegelianer: 102
204 324 446 447
Heine, Heinrich (1797—1856) 37 57 58
60 63 72 96 116 328—331 496 502 535
540 554
Heineken, H. A., Makler in Bremen 581
Heinrich der Löwe (Deutsche Volks¬
bücher) 51
Heinrich IV., deutscher Kaiser (1050—
1106) 28
Helena (Deutsche Volksbücher) 54 488
Hell [Karl Gottlieb Theodor Winkler],
Literat (1775—1856) 502 504 SU¬
SIS
Heller, Wilhelm Robert, Schriftsteller
und Journalist (1814—1871) 504 511
Helmes, Johann Jakob, aus Barmen, geb.
1788, Zeuge bei Ausstellung der Ge¬
burtsurkunde von Friedrich Engels.
461
Hengstenberg, Ernst Wilhelm, Hauptver¬
treter der kirchlichen Orthodoxie
(1802—1868) 173 253 266 276 277
280 502 524 530 546 552 553 555 562
563
Henning, Leopold v., Althegelianer (1791
—1866) 296
Hera 479
Herakles (Herkules) 462 499
Herbart, Johann Friedrich (1776—1841)
334
Herloßsohn, Karl Georg Reginald [Her¬
loss], liberaler Publizist (1804—
1849) 504 511
Hermann, Reinhard, geb. 1806 in Duis¬
burg als Sohn des Pastors Hermann.
Ursprünglich zum Kaufmann be¬
stimmt, entschloß er sich nach vier
Jahren kaufmännischer Arbeit zum
Theologiestudium, besonders unter
dem Einfluß von Gottfried Daniel
Krummacher. Kandidat in Mett¬
mann, 1833 Pfarrer in Orsoy, 1836
an der reformierten Kirche in Elber¬
feld. Gest. 1839. Sein jüngster Bru¬
der Eugen gab nach seinem frühen
Tode seine Predigten in zwei Bän¬
den heraus. 31 500 506
Herodes Antipas (4 v.—37 n. Chr.) 236
Herschel, Sir William (1738—1822) 412
Herwegh, Georg (1817—1875) 162 327
448
Hesekiel 253
Heß, Johann Friedrich, Deckverlag un¬
ter dem Namen eines Setzers des Lite¬
rarischen Comptoirs, dessen Fröbel
sich bei manchen zensurgefährdeten
Neuerscheinungen bediente, in Neu¬
münster b. Zürich. 253
Heß, Moses (1812—1872) 448
Namenregister
673
Hessel, Pastor in Münster am Stein bei
Kreuznach 576
Heuser, Gustav, aus Elberfeld. Jugend¬
freund von Friedrich Engels. 518
541 553 557 559
Hey, Wilhelm, Verfasser von Fabeln für
Kinder (1879—1854) 39
Hildebrandt (Hildebrand), Theodor,
Pseudonym von Friedrich Engels 10
517 580
Hinrichs, Hermann Friedrich Wilhelm,
Althegelianer (1774—1861) 334 554
Hiob 570
Hippokrates von Kos (ca. 460—377 v.
Chr.) 551
Hippomedontos 478
Hirlanda (Deutsche Volksbücher) 53
Hirzel, Bernhard, Pfarrer in Pfäffikon,
reaktionärer Agitator (1807—1847)
276
Höller, aus Solingen. Bremer Bekannter
von Friedrich Engels. 561 592 (ein
Solinger)
Hösterey, Bekannter der Familie Engels
aus Barmen. Vielleicht identisch mit
Gottfried Hösterey, der 1836 und
1840 Stadtrat in Barmen war. 619
Hofer, Andreas (Immermann, Das Trauer¬
spiel in Tyrol) 520
Hoffmann u. Campe, Verlag in Ham¬
burg; gegr. 1810. 111
Hofmannswaldau, Christian Hofmann v.
(1617—1679) 66
Hohenstaufen 342 598
Holbach, Paul Heinrich Dietrich, Baron
(1723—1789) 366
Holbein, Hans (1497 od. 1498—1543) 93
159
Holler, Bekannter der Familie Engels
575
Homeros 148 301 467 480 516 517
Horatius, Quintus Flaccus (65—8 v.
Chr.) 40 480 536
Hotho, Heinrich Gustav, hegelianischer
Ästhetiker (1802—1873) 65
Houben, Philipp, Notar aus Xanten. Be¬
gann 1819 in der Umgebung von
Xanten mit Ausgrabungen, vereinigte
die von ihm gefundenen Altertümer
in einem Museum, das nach seinem
Tode, ca. 1855, aufgelöst und verkauft
wurde. Zusammen mit Franz Fiedler,
Gymnasialprofessor in Wesel, ver¬
faßte er: „Denkmäler von Castra
Vetera und Colonia Trajana in Ph.
Houbens Antiquarium zu Xanten.
Xanten 1839. 93
Houwald, Christoph Ernst, Freiherr v.,
Verfasser von Schicksalsdramen (1778
—1845) 520
Hub, Ignaz, rheinischer Publizist und
Dichter (1810—1880) 504
Marx-Engels-Gesamtausgabe, I. Abt., Bd. 2.
Hühnerbein, Friedrich W., Schneider
aus Barmen. Nahm 1848 an der Re¬
volution teil. Wurde im April 1850
wegen „Hochverrats durch Teilnahme
an der Elberfelder Revolution, Bar¬
rikadenkampf, bewaffnetem Wider¬
stand gegen die Staatsgewalt und
Rebellion“ vor die Assisen zu Elber¬
feld gestellt, aber freigesprochen.
Stand bis Ende der 70er Jahre in
Verbindung mit Friedrich Engels. 585
Hülsmann, August, 1822—1846 Pfarrer
der lutherischen Gemeinde in Elber¬
feld. Dann Konsistorial- und Schulrat
in Düsseldorf. 31
Hülsmann, Eduard, Bruder des vorigen.
Pfarrer in Dahl und seit 1836 an
der lutherischen Gemeinde in
Schwelm, Gegen seine 1835 erschie¬
nene „Predigerbibel“ erließ Sander,
Vertreter des orthodoxen Stand¬
punkts, sein „Theologisches Gut¬
achten“ und 1836 die Schrift „Be¬
leuchtung“, in deren Schlußwort
(2. Aufl.) er Hülsmann aufforderte,
aus dem Amte auszuscheiden. Diese
Polemik erregte im Wuppertale gro¬
ßes Aufsehen. 31 41
Hiilstett, G. Karl A., Oberlehrer in Düs¬
seldorf; schriftstellerisch tätig. Cf.
Anm. z. p. 49815. 498
Hugo, Victor (1802—1885) 64
Human (J. J. Ewich, Human, der Leh¬
rer einer höheren Volksschule in
seinem Wesen und Wirken) 35
Huskisson, William, freihändlerischer
Tory (1770—1830) 296
Huß, Johann (ca. 1369—1415) 548
Hutten, Ulrich v. (1488—1523) 162
Immermann, Karl (1796—1840) 67
111—118 126 127 502 520
Inachos 551
Iphigenie (Racine) 64
Isidor (Raupach, Isidor und Olga) 520
Ismenos 478
Isolde (Deutsche Volksbücher) 54
Jachmann, Karl Reinhold, Sohn des Kö¬
nigsberger Pädagogen und Kant-
Biographen Jachmann. Studierte Phi¬
losophie, Geschichte und Theologie an
der Königsberger Universität, die er
1828 absolvierte. Dann ebenda Lizen¬
tiat der Theologie und Privatdozent.
Später Redakteur des „Neuen Elbin-
ger Anzeigers“. Gest, in Elbing um
1873. Stand dem Kreise Johann Ja¬
cobys und der Hartungschen Zeitung
nahe. Veröffentlichte mehrere Schrif¬
ten: „Der Hirte des Hermas. Ein Bei¬
trag zur Patristika“, Königsberg 1835.
43
674
Namenregister
„Commentar über die katholischen
Briefe“, Leipzig 1838. „Zur Geschichte
des Gustav-Adolf-Vereins“, Königs¬
berg 1844. 299
Jakob 276 278
Jacobi, Friedrich Heinrich, Philosoph
(1743—1819) 205
Jakobus, der Apostel 222 241
Jacoby, Joel (1810—1863) 69—71
Jacoby, Johann (1805—1877) 311 313
Jahn, Friedrich Ludwig (1778—1852)
97 99 116
Janossyk, der Räuber (Figur aus Becks
„Ungrischen Melodien“) 60
Jarcke, Karl Emst, romantisch-reaktio¬
närer Politiker und Publizist (1801—
1852) 69
Jason 462
Jemand, W. s. Wilhelm Langewiesche
Jesaias 214 231 236 239
Jehova 218
Jesus Christus 30 31 45 89 93 197 207 214
217—222 229 230 231 233 235—241
244 245 247 262 318 366 407 427 446
465 495 497 500 501 505 523—525
527 528 543 545 546 552 553 562 563
Johannes, der Apostel 222 241 242 245
247 249 253 269 275 531
Johannes, der Evangelist 235 245 253
261 505 543
Johannes, der Täufer 241 328
Jonas 274
Jonghaus, Peter, geb. Nov. 1816 in Bar¬
men. Nach dem Abitur, August 1838,
studierte er in Berlin Theologie. Spä¬
ter Pfarrer in Essen. Trat 1874 in
den Ruhestand. Schulkamerad und
Jugendfreund von Friedrich Engels.
486 492 496 506 518 533 537 541
Jonson, Benfjamin] (1573—1637) 412 428
Joseph 505 523 527 528 535
Josua 44 543
Juda 235
Judas Ischariot 53
„Jüngling aus Köln“ s. Georg Jung
Jürgens, Wanderprediger und Abenteu¬
rer 27
Julia (Shakespeare, Romeo und Julia)
81
Jung, Alexander (1799—1884) 323—328
331—335 632
Jung, Georg Gottlob {Jüngling aus Köln)
(1814—1886), einer der Begründer
der Rheinischen Zeitung. S. Namen¬
register 1/2. 269 277 632
Jung-Stilling [Johann Heinrich Jung]
(1740—1817) 41
Jung, Fräulein, Vorsteherin des Groß-
herzogl. Instituts in Mannheim 589
622 623
Kadmeer 462 479
Kampermanns : Peter Kampermann
(1784—1839), Seiden- und Tuch¬
fabrikant in Unterbarmen, war 1809
—1820 mit Wilhelmine Schuchard,
1824—1839 mit Alwine Platzhoff
verheiratet, die nach seinem Tode
die zweite Frau von Caspar Engels
junior wurde. 569
Kampermann, Laura, Tochter von Peter
K. aus zweiter Ehe. Geb. 15. II. 1827 ;
heiratete 1847 August Caesar, Dr. jur.
583—585
Kant, Immanuel (1724—1804) 57 74
88 115 130 131 142 174 179 190 205
446 448 525
Kapaneus 478
Karl L, der Große, König der Franken
und römischer Kaiser (742—814) 55 63
Karl II., König von Großbritannien und
Irland (1630—1685 ) 420
Karl X., Philipp, Graf von Artois (1757
—1836) 68 187 558
Karl Theodor, Kurfürst von der Pfalz
und von Bayern (1724—1799) 34
Kepler, Johannes (1571—1630) 422
Kerl — schwarzer Kerl aus Trier — s.
Karl Marx
Kirchner, Bekannter der Familie Engels.
Vielleicht identisch mit Hermann
Kirchner, der zusammen mit Fried¬
rich Engels von der Prima des Elber¬
felder Gymnasiums abging. 485
Klein, Julius Leopold, dramatischer Dich¬
ter (1810—1876) 327
Klopstock, Friedrich Gottlieb (1724—
1803) 253 496
Knapp, Albert, geistlicher Liederdichter
(1798—1864) 82 253 491
Knebel, H., 1841—1845 Direktor des
Gymnasiums in Duisburg. Er gab
eine vielbenutzte französische Gram¬
matik heraus. 35
Kock, Paul de, französischer Roman¬
schriftsteller (1794—1871) 37
Köppen, Karl Friedrich (1808—1863),
junghegelianischer Publizist. Wid¬
mete sein 1840 erschienenes Buch
„Friedrich der Große und seine
Widersacher“ Karl Marx. S. Namen¬
register 1/2. 102 267 269 271 276 277
Köster, Heinrich, geb. 11. III. 1807 in
Wernigerode, Zögling des Halber-
städter Seminars, dann Hauslehrer
in Genthin. 1828—1837 Lehrer an
der Barmer Stadtschule. Später Leh¬
rer an der Töchterschule in Düssel¬
dorf und Vorsteher einer privaten
Lehranstalt. Gest. 17. IV. 1881. Er
war mit Freiligrath befreundet, der
ihn , den Pädagogen und Kinder¬
freund“ nannte. 35
Namenregister
675
Köstlin, Christian Reinhold, Jurist, He¬
gelianer (1813—1856) 112
Köttgen, Gustav Adolf, Maler, geb. 9. V.
1805 in Langenbeck bei Elberfeld.
Schüler des Malers P. Cornelius,
München. 1831—1844 lebte er in El¬
berfeld. Mitglied des Düsseldorfer
Malervereins „Malkasten“. Veröffent¬
lichte 1843/44 Gedichte im „Sprecher
oder Rheinisch-Westphälischen Anzei¬
ger“. Mitte der 40er Jahre in der
kommunistischen Bewegung des Wup¬
pertals tätig. Verfasser des sog. „Zu¬
rufs der westphälischen Kommuni¬
sten“ vom 10. Juni 1846. 1847 über¬
siedelte er von Elberfeld nach Bre¬
men. Mitglied des Bremer Demokra¬
tischen Vereins. 1848/49 in der
Bremer Arbeiterbewegung tätig. Gab
seit dem 7. April 1849 ein Wochen¬
blatt „Vereinigung. Zeitung für sämt¬
liche Arbeiter“ heraus, von der
13 Nummern erschienen. Nach der
Unterdrückung der Zeitung wurde
Köttgen zu 8 Wochen Haft und zur
Ausweisung aus Bremen verurteilt.
1850—1853 in Hamburg ansässig.
Später lebte er in Düsseldorf. Ge¬
legentlicher Mitarbeiter des Schweit-
zerschen „Social-Demokrat“. Gest.
10. XI. 1882 in Düsseldorf. 622
Kohl, Albert, geb. in Elberfeld 23. III.
1802. Pastor in Spellen, Gruiten und
1831—1862 an der reformierten Ge¬
meinde in Elberfeld. Freund Krum¬
machers. Gest. 23. V. 1882 in gei¬
stiger Umnachtung. 29 31 500 506
Kohlmann, Johann Melchior, geb. 21. I.
1795 in Bremen. 1829—1864 Pastor
in Hom b. Bremen. Schrieb eine
Reihe von Arbeiten über die Bremer
Kirchengeschichte. Gest. 16. XH.
1864 in Hom. In dem Streite Krum-
macher-Paniel war er ein Gegner
Panieis. 561
Koßmaly, Carl, geb. 27. VH. 1812 in
Breslau. Kapellmeister in Wiesba¬
den, Mainz, Amsterdam und ab 1841
in Bremen. Lebte später als Dirigent
und Professor für Musik in Stettin,
wo er am 1. XII. 1873 starb. Verfas¬
ser vieler Lieder- und Instrumental¬
kompositionen, ferner einer Anzahl
musikwissenschaftlicher Artikel und
selbständiger Schriften (Schlesisches
Tonkünstlerlexikon, 1846/47; Mozarts
Opern, 1848 u. a.) 145
Kotzebue, August Friedrich Ferdinand v.
(1761—1819) 7 131 487 489 491
Kristine, Hausmädchen bei Konsul Leu¬
pold in Bremen 595
Krug, Friedrich Wilhelm, geb. 14. IX.
1799 in Elberfeld. Sollte ursprüng¬
lich Schneider werden, wie sein Va¬
ter, entschloß sich später zum Stu¬
dium. Ab 1832 studierte er in Bonn
erst orientalische Wissenschaften,
dann Theologie. Durch seine orienta¬
lischen Studien kam er zeitweise in
nähere Beziehung zu Aug. Wilh. v.
Schlegel. Veröffentlichte eine Reihe
von Gedichten, von belletristischen
und autobiographischen Schriften. 41
Krummacher, Friedrich Adolf, der Pa¬
rabeldichter (1767—1845) 28 125 128
Krummacher, Gottfried Daniel, Bruder
des vorigen (1774—1837) 28
Krummacher, Friedrich Wilhelm, älte¬
ster Sohn von Friedrich Adolf Krum¬
macher, Führer des Wuppertaler Pie¬
tismus (1796—1868) 27—32 44 46 88
89 128—130 141—144 253 276 339 500
504 506 519 539 560
Krummacher, Emil, zweiter Sohn von
Friedrich Adolf Krummacher. Geb.
7. V. 1798 in Moers. Pfarrer in Duis¬
burg. 1876 trat er in den Ruhestand
und übersiedelte nach Bonn. Dort gest.
14. I. 1886. Die von ihm verfaßten
„Lebenserinnerungen eines geist¬
lichen Veteranen“ wurden 1889 von
seinem Sohne Hermann herausge¬
geben. 32
Krusbecker, Jan, Makler in Bremen 587
Kruse, Karl Adolf Bernhard, geb. 24.
XII. 1807 in Rheydt a. Rh. Lehrer
an der Elberfelder Realschule für
Französisch, Geschichte und Geogra¬
phie. Gest. 16. IX. 1873 in Elber¬
feld. Veröffentlichte eine Anzahl
philologischer Arbeiten. 36
Kühne, Gustav, Vertreter des „Jungen
Deutschland“ (1806—1888) 58 65 324
327—330 497 502 503 540
Lais 233
Lamennais (La Mennais), Félicité Ro¬
bert de (1782—1854) 442
Lange, aus Vegesack bei Bremen, Schiff¬
fahrtsunternehmer 123
Langewiesche, Wilhelm, geb. 4. XII.
1807 in Möllerhotten b. Schwelm, er¬
lernte in Essen den Buchhandel,
1829/30 als Gehilfe in Berlin tätig,
gründete 1830 in Iserlohn eine eigene
Buchhandlung, die er 1837 nach Bar¬
men verlegte und bis 1872 leitete.
Gest. 1872 in Godesberg. Unter den
Pseudonymen W. Jemand, L. Wiese,
Ernst Gotthelf, Wagner, Dr. Klein¬
paul schrieb er eine Anzahl poetischer
und prosaischer Schriften. 39
Laube, Heinrich (1806—1864) 77 324 325
327—330 497 503 540
43*
676
Namenregister
Lavater, Johann Kaspar (1741—1801)
523
Lazarus (Robert Heller, Die Schwestern
des Lazarus) 511
Lear (Shakespeare) 499
Leibniz, Gottfried Wilhelm (1646—1716)
446
Leipoldt, Wilhelm, geb. 24. IX. 1794 in
Elberfeld. Studierte in Marburg und
Göttingen Theologie, wurde 1814
Hilfsprediger an der lutherischen
Gemeinde Elberfeld; 1816—1822
Pfarrer an der unierten Gemeinde
Unterbarmen. Gest. 5. II. 1842. Er
konfirmierte Friedrich Engels. 477
Lenau, Nikolaus [Nikolaus Niembsch v.
Strehlenau] (1802—1850) 57 60 327
502 598
Leo, Heinrich, orthodoxer Theologe (1799
—1878) 70 180 184 185 253 272 273
275 276 278 281 292 303—305 331 334
339 343 513—515 522 523 532 536 544
555 562 563
Leo, Leonardo, italienischer Komponist
(1694—1744) 541
Leroux, Pierre (1797—1871) 442
Lessing, Gotthold Ephraim (1729—1781)
496 520 540
„Leu“ s. Heinrich Leo
Leupold, Heinrich, geb. in Schlesien,
sächsischer Konsul, Chef der Export¬
firma Leupold in Bremen. Friedrich
Engels’ Prinzipal während seiner Bre¬
mer Lehrlingszeit. Gest. 1865. 486
490 496 567 571 576 578 579 590 593
597 598 600 602 606 609 610 611
Leupold, Frau des vorigen 490 573
Leupolds kleine Kinder: Während Engels’
Lehrzeit standen im Kindesalter: Eli¬
sabeth, Loin (Ludwig), Siegfried,
Sophie. 490 573 574 576 600
Leupold, Karl, Sohn von Konsul Leu¬
pold, Junior-Chef der Firma 580
Leupold, Wilhelm, Bruder des vorigen,
gleichfalls im Geschäft seines Vaters
tätig. 595 598 609 610
Leupold, Sophie s. Leupolds Kinder
Leupoldt, J. M., geb. 11. XI. 1794 in
Weißenstadt. 1818 Privatdozent der
Medizin in Erlangen, 1821 außer¬
ordentlicher Professor der Psychia¬
trie. Gest. 21. VIII. 1874. 303
Lewald, August, Schriftsteller, dem „Jun¬
gen Deutschland“ nahestehend (1792
—1871) 39 504
Liebig, Justus v. (1803—1873) 388 401
Lieth, K. Ludwig Theodor, Lehrer, Ver¬
fasser von Kindergedichten (1776—
1850) 39
Liszt, Franz v. (1811—1886) 620 621
Livius, Titus (59 v.—17. n. Chr.) 480
Lohenstein, Daniel Casper v. (1635—
1683) 66
Lot 78
Louis Philippe, König von Frankreich
(1773—1850) 339 376
Loyola, Ignatius (1491— 1556) 70 498
Lucas 229 280 523 527 535 543
Ludwig s. Ludwig van Haar
Ludwig XIV., König von Frankreich
(1638—1715) 63 64
Ludwig I., König von Bayern (1786—
1868) 318 515
Luise, Hausmädchen bei Friedrich
Engels’ Eltern 584
Luther, Martin (1483—1546) 72 383 443
444 552
MacCulloch, John Ramsay (1789—1864)
381 385
Machiavelli, Niccolö (1469—1527) 339
Märklin, Christian, protestantischer Theo¬
loge, Hegelianer (1807—1849) 529
555
Magelone (Deutsche Volksbücher) 54
Maien s. Eduard Meyen
Maintenon, Françoise d’Aubigné, mar¬
quise de (1635—1719) 63 65
Maja 211
Mallet, Friedrich Ludwig, Hauptvertreter
des Pietismus in Bremen (1792—
1865) 143 276 556 560 561
Malthus. Thomas Robert (1766—1834)
366 380 381 397—400 413
Manz, Verlag in Regensburg, gegr.
1830 von G. J. Manz. Später Mün¬
chen und Regensburg. 1839—1842
von der Zensur verboten. 69
Marat, Jean Paul (1744—1793 ) 69 273
279
Marbach, Oswald, Schriftsteller, Hege¬
lianer (1810—1890) 50 51 53 54 56
556
Marcus: unter diesem Namen erschienen
um 1840 in England aufsehenerregen¬
de Pamphlete zur Frage der Armen¬
gesetzgebung und Bevölkerungspoli¬
tik. Cf. Anm. zu p. 398 4. 398
Marcus 280 543
Marcus Aurelius Antoninus (121—180)
233
Marggraf, Hermann, Schriftsteller und
Literarhistoriker (1809—1864) 540
Marheineke, Philipp Konrad, hegeliani¬
scher Theologe (1780—1846) 290—
292 522
Maria 238 280 505 528 545
Marryat, Frederick, englischer Roman¬
schriftsteller (1792—1848) 37
Marteau: vermutlich gemeint Pierre
Marteau (Peter Hammer, Pieter Ha¬
mer), fingierter Drucker- und Ver¬
legemame im 17.—19. Jh. Als Er¬
Namenregister
677
scheinungsort wurde Paris angegeben,
in Wirklichkeit befand sich der Ver¬
lag in Köln. 504
Marx, Karl (1818—1883) 268 270 271
277 280 378 448 455
Matthaeus 234 235 245—248 523 535 543
Mehemed Ali, Statthalter von Ägypten
(1769—1849) 106
Melusine (Deutsche Volksbücher) 50 54
Mendelssohn-Bartholdy, Felix (1809—
1847) 145 609
Menelaos 488
Mengs, Anton Raphael, Maler (1728—
1779) 538
Menken, Gottfried, Bremer Theologe
(1768—1831) 560
Menzel, Wolfgang (1798—1873) 70 100
502 510 523 540 547 549
Mephistopheles (Goethe, Faust) 131
Mercadante, Saverio, italienischer Kom¬
ponist (1797—1870) 131
Merlin (Immermann) 117
Merob (Figur aus K. Becks „Saul“) 61
Meyen, Eduard (1812—1870), Junghege-
lianer. S. Namenregister 1/2. 268
277 278 335
Meyer, Albertus, Redakteur des „Bremer
Stadtboten“. In den vierziger Jahren
Vorstandsmitglied des Bremer „Demo¬
kratischen Vereins“. 579
Meyer, Heinrich, Buchdrucker und Ver¬
leger in Braunschweig (1812—1863)
11
Meyer, Therese, Braut von Wilhelm
Leupold 610
Meyer (Stockmeyer), Vater der vorigen
610
Meyerbeer, Giacomo [Jakob Liebmann
Beer] (1791—1864) 622
Michael, der heilige 128 275 280
Michelet, Jules, der französische Ge¬
schichtsschreiber u. Philosoph (1798
—1874) 451
Michelet, Karl Ludwig, Hegelianer (1801
—1893) 181 513—515 522 536
Midas 409 410
Miesegans, Timoleon, aus Bremen 602
Miguel, Dom, von Portugal [Dom Maria
Evaristo Miguel] (1802—1866) 559
Mill, John Stuart (1806—1873 ) 381
Minchen (aus Friedrich Ludwig Wül¬
fings „Jugendblüthen“) 40
Minotauros 462
Moab (Figur aus K. Becks „Saul“) 61
Mohr, Carl Friedrich Gottfried, geb.
9. IV. 1803 in Bremen. Seit 1825
Advokat. 1839 in den Bremer Senat
gewählt. Einer der Schöpfer der
Bremer Verfassung von 1854. 1857 |
wurde ihm das periodische Bürger¬
meisteramt übertragen, das er mit l
den gesetzmäßigen Pausen bis Ende
1873 bekleidete. Gest. 1888. 581
Molineus, Albert, geb. 27. III. 1814 in
Barmen, Fabrikbesitzer, Inhaber des
Hauses „Molineus u. Co.“ in Bar¬
men. 1842 heiratete er Friedrich
Engels’ Cousine Ida. Gest. 13. II.
1889. 623
Moloch 61 260
Montanus Eremita [Vincenz Jacob v.Zuc-
calmaglio], Dichter und Sagenfor¬
scher (1806—1876) 40
Montholon, Charles Tristan, comte de
Lee, Adjutant Napoleons und Me¬
moirenschreiber (1783—1853) 109
Morolf (Deutsche Volksbücher) 50 53
Morison, Erfinder der „Morison’s Pilis“
(„Morrisonpillen“), eines damals
sehr bekannten Abführmittels. Gest.
1840. 300 419 430
Morveil, C., Pseudonym für C. F. Voll¬
mer. Verfasser zahlreicher Erzählun¬
gen und historischer Romane. Er
schrieb auch unter dem Namen W. F.
A. Zimmermann naturwissenschaft¬
liche Schriften. Gest. 1864 in Berlin.
504
Mosen, Julius (1803—1867) 39 327 497
Moses 73 241 258 260
Mozart, Wolfgang Amadeus (1756—
1791) 108 145
Mügge, Theodor, radikaler Schriftsteller
(1806—1861) 265
Müller, Predigamts-Kandidat aus Ber¬
lin, aus dem Kreise des Pater Jo¬
hann Gössner. Wohnte 1839 im
Hause von Pastor Treviranus in
Bremen. 539 541 (Studio)
Müller, Julius {von der Sünden), ortho¬
doxer Theologe (1801—1878 ) 276 278
Münchhausen (Immermann) 112 117
Münzer, Thomas (1488 od. 1489—1525)
443
Mundt, Theodor, Vertreter des ,Jungen
Deutschland“ (1808—1861) 37 53 57
58 65 324 325 327—331 455 496 497
502 503 532 535 540 554
Murat, Joachim (1767—1815) 109
Napoleon Bonaparte (1769—1821) 37 64
72 97 98 100 109 HO 116 256 279 297
305 417 436 557 558 603
Neander, Johann August, orthodoxer
Theologe (1789—1821) 173 222 523
526 532 535 552 553 557 563
Neige, Siegwarth von der 73
Neige, Theoderich von der 73
Nero (37—68 n. Chr.) 301
Nestroy, Johann Nepomuk (1801—
1862) 37
Neuburg, Angestellter der Verlagsbuch-
678
Namenregister
Handlung W. Langewiesche, Bar¬
men 537
Neviandt, ein Bekannter von Friedrich
Engels aus Bremen 582
Newton, Isaak (1642—1727) 13 78 422
Ney, Michel, Marschall (1769—1815)
109
Nikolaus L, Kaiser von Rußland (1796
-1855) 339 557 559 618
„Nichts, Bruder“ s. Karl Immanuel
Nitzsch
Nitzsch, Karl Immanuel, protestantischer
Theologe (1787—1868) 276 563
Nösselt, Friedrich August, Verfasser
historischer Unterrichtsbücher (1781
—1850) 35
Noltenius, J. Daniel, geb. 2. V. 1779.
1809 in den Bremer Rat, 1839 zum
Bürgermeister gewählt. Schwager
von Johann Smidt. Gest. 8. III.
1852. 581
Nork, Friedrich, Verfasser satirischer
Schriften (1803—1850) 511
Oastler, Richard, englischer Sozialrefor¬
mer (1789—1861) 408
O’Connell, Daniel, Führer der irisch-ka¬
tholischen Unabhängigkeitsbewegung
(1775—1847) 365 374—376
O’Connor, Feargus Edward, Führer der
Chartistenbewegung (1794—1855) 365
368 369
Octavianus (Deutsche Volksbücher) 50
54 488
Odysseus (Friedrich Engels, Odysseus
Redivivus) 539 553
Oedipus 76 478 479
Olga (Raupach, Isidor und Olga) 520
Oppenheim, Dagobert (1809—1899), mit
Georg Jung verantwortlicher Gerant
der Rheinischen Zeitung. S. Namen¬
register 1/2. 310—314 316 317
Oswald: S. Oswald, Friedrich Oswald
(F. O.) — Pseudonym von Friedrich
Engels 17 46 49 57 62 71 75 76 83 91
96 108 110 118 125 127 131 159 173
268 270 271 277 292 298 302 335 346
631
Otto I., König von Griechenland (1815
—1867) 550 551
Otto, F. W., Verlagsbuchhandlung in
Erfurt 319
Owen, Robert (1771—1858) 372 441
Paine, Thomas, radikaler Publizist und
Freidenker (1737—1809) 373
Palestrina, Giovanni Pierluigi da (ca.
1525—1594) 609
Paniel, Carl Friedrich Wilhelm, geb.
1803 in Mannheim. Seit 1839 Pastor
an der St. Ansgarii-Kirche in Bre¬
men. Als am 12. Juli 1840 Fr. W.
Krummacher in Bremen eine Gast¬
predigt hielt, in der er den Ratio¬
nalismus scharf angriff, begann Pa¬
niel, der den rationalistischen Stand¬
punkt vertrat, gegen ihn eine sich
lange hinziehende Polemik. Gest. 1856
in Bremen. 129 130 141—144 560 561
Parthenopaios 478
Patkul (Gutzkow) 330
„Patriot“ s. L. H. F. Buhl
Paul, Jean [Jean Paul Richter] (1763—
1825) 32 540
Paulus (Oratorium von Mendelssohn)
609
Paulus, der Apostel 128 130 143 217
222 229 241—243 245 247 526 543
Paulus, Heinrich Eberhard Gottlob,
Hauptvertreter des Rationalismus in
der Theologie (1761—1851) 30
Peel, Sir Robert (1788—1850) 359 360
363 368 375 376 406
Pentarchist s. Goldmann
Pergolese, Giovanni Battista (1710—
1736) 609 612
Perikies (499—429 v. Chr.) 550
Peter s. Peter Jonghaus
Petrarca, Francesco (1304—1374) 40
161 516
Petrus, der Apostel 222 241 242 245 247
248 622 623
Pfizer, Gustav, Schriftsteller, zur „schwä¬
bischen Schule“ gehörend (1807—
1890) 58
Phaedra (Racine) 64
Philipp, König (Schiller, Don Carlos)
131 300 301
Philippi, Friedrich Adolf, orthodoxer
Theologe (1809—1882) 544 545
Philippus 258
Pilatus, Pontius (Anfang des 1. Jh. n.
Chr.) 159
Pindaros (522 od. 518—446 v. Chr.) 37
Platen: August, Graf v. Platen-Haller-
münde (1796—1835) 39 67 68 76
502
Plato (427-347 v. Chr.) 480
Plümacher, Friedrich, geb. Juli 1819 in
Elberfeld. Nach dem Abitur am El¬
berfelder Gymnasium, August 1839,
studierte er Theologie in Berlin.
Später Pfarrer in Neviges, Kr. Mett¬
mann. Trat 1874 in den Ruhestand.
Jugendfreund von Friedrich Engels.
486 495 506 530 559
Pol, Jan, evangelischer Pastor in Heed¬
feld b. Iserlohn. Verfasser von Ge¬
dichten hauptsächlich religiösen In¬
halts. 40 45 500
Polyneikes 478 479
Poniatowski, Jozef, napoleonischer Mar¬
schall (1763—1813) 109
Pontus (Deutsche Volksbücher) 55
Namenregister
679
Posa, Marquis (Schiller, Don Carlos)
300 536
Priamos 467
Prometheus 90
Proudhon, Pierre Joseph (1809—1865)
442 452
Prutz, Robert Eduard, demokratischer
Dichter und Literarhistoriker (1816—
1872) 265 564
Pückler-Muskau, Hermann Ludwig
Heinrich, Fürst (1785—1871) 327
Püttmann, Hermann, einer der frucht¬
barsten sozialen Lyriker der vierziger
Jahre. Er veröffentlichte 1841 die
„Tscherkessenlieder“, 1844 die „Ditt-
marschen Lieder“, 1845 „Soziale Ge¬
dichte“. Einer der Hauptvertreter
des „wahren Sozialismus“ ; Heraus¬
geber der meisten Zeitschriften die¬
ser Richtung, z. B. der „Rheinischen
Jahrbücher für gesellschaftliche Re¬
form“, des „Prometheus“, des „Deut¬
schen Bürgerbuchs“, des „Volks¬
manns“. Nach der Revolution von
1848, etwa 1850, wanderte er nach
Australien aus und gründete in Mel¬
bourne eine deutsche Zeitung. Dort
ist er verschollen. 39
Quinet, Edgar (1803—1875) 451
Quintana, Manuel José de, spanischer
Dichter (1772—1857) 11
Rachel, Elise [genannt Félix], französi¬
sche Schauspielerin (1820—1858) 64
Racine, Jean de (1639—1699) 64
Radewell, Friedrich, Literat. Veröffent¬
lichte im „Jahrbuch der Literatur“
eine Satire „Die theologischen Wir¬
ren“ unter dem Pseudonym Fr. Kyau,
ein Bruchstück aus der literarischen
Komödie „Tyll Eulenspiegel“, Ham¬
burg 1840. 331
Radge s. Edgar Bauer
Rahel s. Rahel Varnhagen von Ense
Ranke, Leopold v. (1795—1886) 557
Raumer, Friedrich v. (1781—1873) 598
Raupach, Ernst (1784—1852) 66 131
506 520
Reichardt, Gustav, Komponist (1797—
1884) 540
Reinald (Deutsche Volksbücher) 54
Reinhold, Dr., Arzt in Barmen 617
Ricardo, David (1772—1823 ) 381 385 389
Richter, Heinrich, geb. 1800. Besuchte
das Seminar in Wittenberg, war
später Inspektor der rheinischen
Missionsgesellschaft und des Mis¬
sionshauses in Barmen. Gab 1834—
1840 die „Erklärte Hausbibel“ her¬
aus. Gest. 1847. 32
Riedel, Carl (1804—1878), Junghege¬
lianer. S. Namenregister 1/2. 158 178
Riem, Friedrich Wilhelm, Musiker (1779
—1857) 145
Riepe, Rudolf, 1835—1858 Lehrer an
der Barmer Stadtschule, dann an der
höheren Töchterschule in Elberfeld.
573 579
Ringseis, Johann Nepomuk, Vertreter
einer religiös-spekulativen Richtung
in der Medizin (1785—1880) 187 304
Ripoll, Antonio, wurde wegen Ketzerei
zum Tode verurteilt und am 31. Juli
1826 in Valencia auf dem Marktplatz
verbrannt. Er war der letzte in Spa¬
nien als Häretiker Hingerichtete. 558
Robespierre, Maximilien (1758—1794)
273 278 279
Rochow, Gustav Adolf Rochus v., kon¬
servativer preußischer Staatsmann
1792—1847) 344
Rötscher, Heinrich Theodor, hegeliani¬
scher Ästhetiker (1803—1871) 65
Roland 182 499 560
Romeo (Shakespeare, Romeo und Julia)
81
Rosenkranz, Karl, Althegelianer (1805—
1879) 65 299 323 556
Rossini, Giocchino Antonio (1792—
1868) 108
Roth, Richard, geb. 19. I. 1821 in Bar¬
men. Jugendfreund von Friedrich
Engels. Fabrikbesitzer, Teilhaber
der Firma „Friedrich Bockmühl
Söhne“ in Düsseldorf. Verheiratet
mit Hulda Bockmühl. Gest. 1. VI.
1858 in Düsseldorf. 561 582 586 588
592 594 597 598 611 612 616
Rothe, Moritz, geb. 11. X. 1800 in
Schneeberg. 1837—1875 Pastor an
der St. Ansgarii-Kirche in Bremen.
Gegner des Pietismus, nahm in der
Polemik Krummacher—Paniel Stel¬
lung für Paniel. Gest. 31. I. 1888.
561
Rothschild, Herr von: Alle fünf Brüder
Rothschild wurden 1815 in den
österreichischen Adelsstand erhoben.
75
Rotteck, Karl Wenzeslaus Rodecker v.
(1775—1840) 558
Rousseau, Jean Jacques (1712—1778)
129 366 372
Rtg. s. Rutenberg
Rückert, Friedrich (1788—1866) 39 491
496 502 504 617
Ruge, Arnold (1802—1880) 102 178
184 265 267—270 272 273 276—278
280 281 334 378 448 455 553 556 562
629 631
Runkel, Martin, 1839—1844 Chefredak¬
teur der „Elberfelder Zeitung“. Er
680
Namenregister
ordnete sich der pietistischen Rich¬
tung unter und beteiligte sich an dem
Kampf gegen die Rheinische Zeitung.
38 42 519
RusseU, John, Lord (1792—1872) 359
360 363 406
Rutenberg, Adolf (1808—1869), Jung¬
hegelianer. S. Namenregister 1/2.
269 270 277
Ruy Blas (Victor Hugo) 64
Ruyter, Schiffskapitän 154
Sack, Carl Heinrich, orthodoxer Theo¬
loge (1879—1875) 263 264 266 270
273 274 277—279 281
Saint-Simon, Claude Henri, comte de
(1760—1825 ) 436—438 441
Salomo 50 53 501
Sancho Pansa (Cervantes) 521
Sand, George [Aurore Dudevant, geb.
Dupin] (1803—1876) 82 324 442 455
Sander, Immanuel Friedrich, Pastor in
Elberfeld, Pietist (1797—1859) 31 32
41
Sass, Friedrich (schrieb auch unter dem
Pseudonym Alexander Soltwedel ), geb.
in Lübeck. Publizist Gab u.a. 1842/43
den „Pilot“ heraus. Im Mai 1843 aus
Leipzig ausgewiesen, übersiedelte er
nach Berlin. Zog 1848 nach Paris, von
dort ebenfalls ausgewiesen. Lebte
dann in London und Brüssel. Gest.
13. XI. 1851. Er verkehrte im Kreise
der Freien, stand dem Junghegelianis¬
mus und dem „wahren Sozialismus“
nahe. Verfasser von: „Deutschlands
Flotte“, Hamburg 1842. „Geschichte
des Hamburger Brandes“, Leipzig
1842. „Lübeck, ich und die neuen Lü¬
becker Blätter“, Hamburg 1842. „Über
das preußische Verfassungspatent vom
3. II. 1847“, Schkeuditz 1847. „Berlin
in seiner neuesten Zeit und Entwick¬
lung“, Berlin 1847. 144.
Satan 232 235 239 247 254
Saturnus 11
Saul 61 75 539
Savage, Richard (Gutzkow) 121
Say, Jean Baptiste (1767—1832) 386 387
Schadow, Friedrich Wilhelm, Maler,
Sohn des Bildhauers (1789—1862) 93
Schebest, Agnese, Opernsängerin (1813
—1869) 121
Schelling, Friedrich Wilhelm v. (1775—
1854) 115 170 171 173—182 186—189
193—205 207 209—218 222—225
229—235 237—244 290 291 332—334
424 426 446 618 631
Schifflin, Philipp, erst Predigamts-Kan¬
didat, entschloß sich dann für den
Lehrerberuf. 1823—1829 Lehrer an
der höheren Stadtschule Krefeld,
1828—1848 erst Lehrer, dann Ober¬
lehrer für neue Sprachen an der Bar¬
mer Stadtschule. 1849 pensioniert.
Herausgeber einer französischen
Grammatik. 35
Schiller, Friedrich v. (1759—1805) 7 32
50 59 123 126 131 150 487 496 506
519 520 534 536 537
Schlegel, August Wilhelm v. (1767—
1845) 41
Schleiermacher, Friedrich Emst Daniel
(1768—1834) 331 527 532 552 556
Schlichthorst, J. D., Pastor 130
Schlippenbach, Gräfin : Die Schlippen¬
bachs waren ein altes, ursprünglich
clevisches Adelsgeschlecht der Graf¬
schaft Mark. 621
Schmits, Peter, Gottfried (Jakob), aus
Barmen, geb. 1794, Zeuge bei Ausstel¬
lung der Geburtsurkunde von Fried¬
rich Engels. 461
Schmitt, Jakob, Bekannter der Familie
Engels 588
Schnezler (Schnetzler), August, Lyriker,
Schriftsteller (1809—1853 ) 504
Schornstein, Johannes, Musikdirektor in
Elberfeld. Leitete 1824—1844 den
Gesangsunterricht am dortigen Gym¬
nasium. 578 591 623
Schröder-Devrient, Wilhelmine, Schau¬
spielerin (1804—1860) 121
Schubarth, Karl Ernst, antihegeliani¬
scher Publizist (1796—1861) 72 180
523
Schücking, Levin (1814—1883) 81 503
Schumacher, Balthasar Gerhard, Dichter
von „Heil Dir im Siegerkranz“ (1755
—1801) 103
Schwab, Gustav (1792—1850) 51 143
501
Scott, Sir Walter (1771—1832) 510
Scribe, Eugène (1791—1861) 108
Sealsfield, Charles [Karl Anton Postl],
deutsch-amerikanischer Schriftsteller
(1793—1864) 333
Seydelmann, Karl, Schauspieler (1793—
1843) 131
Seyffert, kgl. preußischer Oberregie¬
rungsrat 314
Shaftesbury, Anthony Ashley Cooper,
VH. Earl of, englischer Sozialpolitiker
(1801—1885) 408
Shakespeare, William (1564—1616) 80
116 428 520 550 579
Shelley, Percy Bysshe (1792—1822) 76
81 366 373
Shelley, Mary, Frau des vorigen (1797—
1851) 82
Shylock (Shakespeare, Der Kaufmann
von Venedig) 131
Siebel, Hermann, geb. 21. IX. 1809 in
Barmen, gest. ebenda 12. XII. 1879.
Namenregister
681
Kommerzienrat, Fabrikbesitzer. Ver¬
heiratet mit Luise Snethlage. 613
Siegfried 51 54 56 91 94 95 464 488
499 507—510 512—515
Sieghard 507 508
Siegmunt 91
Sieglint 91
Simons, Leutnant, Bekannter von Fried¬
rich Engels aus Barmen 518
Simrock, Karl Joseph (1802—1876) 50
53 56
Simson 278
Smidt, Johann, bremischer Staatsmann
(1773—1857) 560 581
Smith, Adam (1723—1790 ) 296 366 381
383 384 389
Smitt, Friedrich v., geb. 21. I. 1787 in
Narwa (Livland). Studierte in Kiel;
dann Hauslehrer in Narwa und Stu¬
dent in Moskau. 1822—1831 Zei¬
tungs-Zensor beim Postamt in Wilna.
1831 nahm er am Sturm auf War¬
schau teil. Er lebte dann zu Studien¬
zwecken in Moskau und Petersburg.
1859 wurde er Historiograph des
russischen Generalstabs. Gest, in
Petersburg 1865. Verfasser von Me¬
moirenwerken und historischen Ar¬
beiten. 539
Snethlage, Carl Wilhelm Moritz, Ver¬
wandter der Familien Engels und van
Haar; Pfarrer in Barmen, später
Oberhofprediger in Berlin (1792—
1871) 477 620
Snethlage, Luise, Tochter des vorigen,
Cousine von Friedrich Engels. Geb.
4. X. 1822. Heiratete 1841 Hermann
Siebel. Gest. 30. X. 1878 in Barmen.
613 622
Snewittchen (Freiligrath) 38
Sokrates (469—399 v. Chr.) 115 205
487 570
Soltwedel, Alexander s. Friedrich Sass
Soltyk, Roman, Graf, polnischer General
(1791—1843) 539
Sophokles (497—406 v. Chr.) 550
Soult, Nicolas Jean de Dieu, Marschall
(1769—1851) 604
Southwell, Charles, geb. London 1814.
Owenistischer Sozialist und Atheist.
Kämpfte mit der britischen Legion in
Spanien. Gründete in Bristol die
atheistische Zeitung „The Oracle of
Reason“. 1842 wegen Gotteslästerung
zu 1 Jahr Gefängnis verurteilt. Kor¬
respondent der NMW und sozialisti¬
scher Prediger (lecturer). Verfasser
verschiedener Pamphlete. 1856 emi¬
grierte er nach Neu-Seeland und
starb in Auckland 7. VIII. 1860. 371
372 374
Spener, Johann Karl Philipp, Buchhänd¬
ler, Redakteur (1749—1827 ) 306 307
Sphinx 410 411
Spinoza, Benedictus (1632—1677) 209
210 426 525
Staël-Holstein, Anne Louise Germaine
Necker, baronne de (1766—1817)
452
Stahl, Friedrich Julius (1802—1861)
173 187
Stahr, Adolf Wilhelm Theodor, Aristo-
telesforscher, Literar- und Kunsthisto¬
riker (1805—1876) 124
Stamm, Gastwirt in Bonn 625
Steffens, Hendrik (1773—1845) 100
Stegmayer, Ferdinand, Komponist und
Dirigent (1803—1863) 145
Stein, Lorenz v. (1815—1890) 374
Steinhaus, Johann Friedrich, Verlag,
Buchhandlung und Buchdruckerei,
Barmen, Wupperstr. 58. Ging später
an die Firma Wiemann über. 39
Stephan, Martin, Pastor an der böhmi¬
schen Gemeinde in Dresden. Orga¬
nisator und Führer der lutherischen
Séparations- und Auswanderungsbewe¬
gung in Sachsen. Wanderte 1838 nach
New-Orleans aus. Dort verlor er wegen
Korruptionsaffären seine Anhänger.
122
Stieglitz, Charlotte (1806—1834) 496
Stier, Ewald Rudolf, Pastor (1800—1862)
32 43 506 542
Sternberg s. Ungem-Stemberg
Still in g s. Jung-Stilling
Stirner, Max [Johann Kaspar Schmidt]
(1806—1856) 268 271 277
Strauß, David Friedrich (1808—1874)
30 65 88 102 125 143 162 178 184 185
207 222 225 257 276 324 325 331
334 366 407 424 446 505 523 525 530
532 538 540 546 552 554 556 563
Strücker, Jugendfreund von Friedrich
Engels 488 492 506 537 570—572 578
592 623
„Student, der lahme“ in Bonn 624—626
Stüve, Johann Karl Bertram, geb. in Os¬
nabrück, liberaler hannoverscher
Staatsmann (1798—1872) 18
Stuhr, Peter Feddersen, Geschichts- und
Religionsforscher (1787—1851) 216
Sue, Eugene (1804—1857) 455
„Sunden, Julius von der“ s. Julius Müller
Syrinx 516
Szczepansky, Gustav L. Fr. H. W. v., aus
Bonn, 1839—1842 Student an der
philologischen Fakultät der Bonner
Universität. Mitglied der Bonner „Pa-
latia“; Verfasser von „Bonner Skizzen
(1839—42)“, die in den „Akademi¬
schen Monatsheften“ München 1892—
1893 erschienen. 625
682
Namenregister
Tacitus (ca. 55—120) 31
Taglioni, Maria (1804—1884) 496
Tannhäuser 96
Tante s. Friederike v. Griesheim
Teil, Wilhelm (Schiller) 464 519 536
Theophilus (Lucas-Evangelium) 527
Theseus 462
Thiersch, Bernhard, Dichter des „Preu¬
ßenliedes“ (1793—1855) 77
Tholuck, Friedrich August, orthodoxer
Theologe (1799—1877) 143 552 556
557 562 563
Thompson, Thomas Peronnet, radikaler
Politiker, Mitglied der Anti-Corn-
Law League (1783—1869) 389
Thukydides (460—400 v. Chr.) 539
Thuringus, Pseudonym eines Mitarbeiters
der „Abendzeitung“ in Dresden 511
Thusnelda (Lohenstein, Großmüthiger
Feldherr Arminius oder Hermann
nebst seiner durchlauchtigsten Thus¬
nelda) 66
Tichatschek, Joseph Aloys, Opernsänger
(1807—1886) 121
Tieck, Ludwig (1773—1853) 51 54 56 496
502
Tiele, Johann Nikolaus, geb. 27. IX.
1804 in Bremen. Schüler Menkens.
Seit 1835 Pastor in Obemeuland b.
Bremen. Stand auf dem kirchlich¬
orthodoxen Flügel und nahm in dem
Kampfe Krummacher—Paniel für
Krummacher Stellung. Gest. 10. VI.
1856 in Oberneuland. 129 (Land¬
pastor), 543.
Tobianus (Gutzkow, Blasedow und seine
Söhne) 521
Torstrick, Johann Adolf, geb. 22. I.
1821 in Bremen als Sohn des Orga¬
nisten der St. Martini-Kirche. Stu¬
dierte in Bonn, wo er dem Kreise Kin¬
kels nahestand. 1844—1850 als Haus¬
lehrer tätig, hauptsächlich in der Fa¬
milie des Fürsten Davidov in Peters¬
burg. Von 1858 bis zu seinem Tode
Lehrer am Bremer Gymnasium.
Jugendfreund von Friedrich Engels.
Hegelianer. 1851 entdeckte er auf
der Bibliothèque Nationale in Paris
noch nicht veröffentlichte Fragmente
des Aristotelischen Werkes „De
Anima“. Später beauftragte ihn die
kgl. preußische Akademie der Wis¬
senschaften mit der Durchsicht der in
Betracht kommenden Manuskripte
verschiedener Bibliotheken, um eine
neue Ausgabe der aristotelischen
Kommentatoren vorzubereiten. 1876
wurde er zum korrespondierenden
Mitgliede der Akademie ernannt.
Gest. 22. XI. 1877 in Bremen. 541
542 551
Treviranus, Georg Gottfried, geb. 12. I.
1788, studierte in Göttingen und Tü¬
bingen Theologie; 1814—1866 Pastor
an der St. Martini-Kirche in Bremen.
Orthodox, hauptsächlich als Organisa¬
tor kirchlicher Vereine hervortretend.
Friedrich Engels wohnte während sei¬
ner Bremer Zeit bei ihm, Martinistr. 22.
Gest. August 1868. 518 543 567—569
572 577 578 591 592 609
Treviranus, Mathilde, geb. Castendyk,
Frau des vorigen 572 576 577 607
Treviranus, Marie, Tochter der vorigen
576
Treviranus, „Großmama“, Mutter von
Pastor Treviranus 578
Triboni, Joachim, aus Genua 161
Tripsteert, Crischan, Pseudonym eines
Mitarbeiters am „Bremer Unterhal¬
tungsblatt“ 125
Tristan 54 55 117 518
Tromlitz, A. v. [Karl August Freiherr
von Witzleben], Schriftsteller (1773—
1839) 37 504 510
Troost, Henriette, geb. 7. X. 1826 in Bar¬
men, gest. ebenda 20. VI. 1853. Ju¬
gendbekannte von Marie Engels 572
Tydeus 478
Ugolino della Gherardesca, Graf von
Donoratico (gest. 1288) 409 414
Uhland, Ludwig (1787—1862) 38 496
504 510
Ungem-Stemberg, Alexander Freiherr v.,
Romanschriftsteller (1806—1866) 63
64 105
Ungetüm — Ungetüm aus Trier — s.
Karl Marx
Uranos 219
Ure, Andrew, englischer Chemiker (1778
—1857) 403
Vamhagen von Ense, Karl August (1785
—1858 ) 327 540
Vamhagen von Ense, Rahel (1771—
1833) 496
Venedey, Jakob (1805—1871) 547 550
Venus 32 96 537
Vergilius, Publius Maro (70 v.—19 v.
Chr.) 480
Vernet, Horace, französischer Maler
(1789—1863) 622
Viktor L, der heilige (Papst von 189—
198) 91
Viktoria, Königin von Großbritannien
und Irland (1819—1901) 339
Voigt, H. L., Verlag in Königsberg 299
Voltaire, François Marie (1694—1778)
35 129 256 278—280 366 372
Voss, Johann Heinrich (1751—1826) 41
Wachsmann, Karl Adolf v., Novellist
(1787—1862) 504 510
Namenregister
683
Wade, John (1788-1875) 394 402
Walesrode, Ludwig Reinhold [Cohen],
radikaler Journalist (1810—1889)
299 301 302
Wallenstein, Albrecht Wenzel, Herzog
von Friedland (1583—1634) 499
Wallmüller, Lokal in Berlin 620
Wallraf, Ferdinand Franz, Kölner Kunst¬
sammler (1748—1824) 93
Wally (Gutzkow, Wally oder die Zweif¬
lerin) 55 502
Walter, John, Besitzer und Herausgeber
der „Times“ (1776—1847) 408
Walther, Markgraf (Deutsche Volks¬
bücher) 53
Watt, James (1736-1819) 388 389
Watts, John, Owenist (1818—1887) 371
372 374 441
Weber, Wilhelm Ernst, geb. 14. X. 1790 in
Weimar. Philologe. 1829 wurde er Di¬
rektor der Gelehrtenschule in Bremen.
Vertreter des Liberalismus. Gest.
26. III. 1850. Verfasser philologischer,
pädagogischer und ästhetischer Arbei¬
ten, Übersetzer antiker Autoren. 122
124 (Anonymus) 129 143
Wedell, v., Hauptmann und Kompagnie¬
chef der 12. Fuß-Kompagnie der
Garde-Artillerie-Brigade in Berlin, in
der Friedrich Engels diente. 624 635
Wegscheider, Julius August Ludwig,
protestantischer Theologe (1771—
1849) 552
Weinbrenner, August, Musiklehrer aus
Münster. Wurde 1828 als Organist
der lutherischen Gemeinde in Elber¬
feld angestellt. War auch als Kompo¬
nist tätig. 622
Weiße, Christian Hermann (1801—1866)
535
Weitling, Wilhelm (1808—1871) 444
445 450 452 453
Wellington, Sir Arthur Wellesley, Her¬
zog von (1769—1852) 406
Wemhöners, aus Barmen. 1827 war ein
Ludwig Wemhöner Kirchmeister in
Unterbarmen. 613
Wemhöner, Emil, bestand Herbst 1839
sein Abitur an der Barmer Stadt¬
schule. Später Kaufmann. 613
Wemhöner, Mathilde, ein Mitglied der
Barmer Familie Wemhöner 616
Wendel, Angestellter bei Friedrich
Engels’ Eltern 584 585
Werder, Karl Friedrich, Berliner Uni¬
versitätsprofessor, Hegelianer ( 1806
—1893) 619
Werner (Gutzkow, Werner oder Herz
und Welt) 330
Wetzel, Wilhelm, geb. 6. VI. 1801 in
Berlin, wo er 1819—1822 Theologie,
Philologie und Mathematik studierte.
1822—1824 Lehrer an der Kgl. Real¬
schule, 1824—1825 am Kölnischen
Gymnasium in Berlin. 1825—1828
Rektor der lateinischen Schule in
Landsberg a. d. Warthe, seit 1828
Direktor der Stadtschule Barmen,
die 1846 zur Realschule erhoben
wurde. 1856 pensioniert; gest. 1868
in Gütersloh. 34
Wichelhaus, ein Mitglied der Elberfel¬
der Familie Wichelhaus 534
Wichelhausen, Peter, geb. 13. X. 1764
in Barmen. Kommerzienrat, Rats¬
herr zu Barmen, seit 1816 Beigeord¬
neter der Gemeinde Barmen. Zeuge
bei Ausstellung der Geburtsurkunde
von Friedrich Engels. Zog 1824 nach
Frankfurt a. M., dort gest. 1843. 461
Wieland, Christoph Martin (1733—
1813) 487 496
Wienbarg, Ludolf (1802—1872) 57 58
125 325 327—330 502 535 539 540
Wigand, Otto, Buchhändler und Verleger
(1795—1870) 265 266 271 272 274
275 277 278 322
Wihl, Ludwig, Schriftsteller, Philologe
(1807—1882) 503
Wilhelm von Poitiers, Troubadour (1087
—1127) 105
Winkler s. Hell
Winkler, J. Ch. F., Missionar in Bar¬
men, vorher in Ostindien. Er ver¬
faßte eine Gedichtsammlung „Har¬
fenklänge“. 500
Wittelsbacher (Duller, Die Wittels¬
bacher) 498
Wittenstein, Firma in Unterbarmen 506
Wolff (Wolf), Christian (1679—1754) 142
Wülfing, Friedrich Ludwig, geb. 1807 in
Barmen. Er veröffentlichte einige Ge¬
dichtbände. Cf. Anm. zu p. 40 27-28
39 40
Wülfing, Wilhelmine, geb. Kampmann,
Frau des vorigen 40
Wurm, Gustav, geb. 15. VIII. 1819 in
Barmen. Nach dem Abitur am El¬
berfelder Gymnasium, August 1838,
studierte er in Berlin, Marburg und
Bonn Philologie bis 1844. Später
Rektor in Mettmann. Gest. 14. XI.
1888 in Barmen. Jugendfreund von
Friedrich Engels. 486 488 490 492 495
501 515 518 521 523 533 534 541 543
(vermicul), 559 561 572
Zedlitz: Josef Christian Freiherr von Zed¬
litz-Nimmersatt, österreichischer Dich¬
ter und Diplomat (1790—1862) 503
Zeus 478 479
Ziegler: Heinrich Anshelm von Ziegler
und Kliphausen (1663—1696) 66
INHALT
Inhalt
Seite
Einleitung zum zweiten Bande. Vom Herausgeber VII
ERSTER TEIL: DIE GEDRUCKTEN SCHRIFTEN
Bremen. 1838—1841
Zerstreute Gedichte aus den Jahren 1838—1840
Die Beduinen 7
An die Feinde 9
An den Stadtboten 10
Die Erfindung der Buchdruckerkunst (A la invenciôn de la
imprenta) 11
Nachtfahrt 17
Aus: Telegraph für Deutschland. 1839—1841
Aus dem Wuppertal
Briefe aus dem Wuppertal I 23
Briefe aus dem Wuppertal II 34
Offener Brief an Dr. Runkel 42
F. W. Krummachers Predigt über Josua 44
Aus Elberfeld 45
Verschiedenes
Die deutschen Volksbücher 49
Karl Beck 57
Retrograde Zeichen der Zeit 62
Platen 67
Joel Jacoby 69
Über Anastasius Grün 71
Requiem für die deutsche Adelszeitung 72
Landschaften 76
Ein Abend 83
Zwei Predigten von F. W. Krummacher 88
Sanct Helena 90
Siegfrieds Heimat 91
Ernst Moritz Arndt 96
Der Kaiserzug 109
Immermanns Memorabilien 111
688
Inhalt
Seite
Aus: Morgenblatt für gebildete Leser. 1840—1841
Theater. Buchdruckerfest. Literatur 121
Bei Immermanns Tod 126
Rationalismus und Pietismus. Schiffahrtsprojekt. Theater. Manöver 128
Der Ratsherr von Bremen 132
Kirchlicher Streit. Verhältnis zur Literatur. Musik. Plattdeutsch 141
Eine Fahrt nach Bremerhafen 147
Berlin 1841 — 1842
Aus: Athenäum. Berlin 1841
Lombardische Streifzüge 159
Philosophische Pamphlete
Anti-Schelling
Schelling über Hegel 173
Schelling und die Offenbarung 181
Schelling, der Philosoph in Christo 229
Der Triumph des Glaubens
Die frech bedräute, jedoch wunderbar befreite Bibel oder der
Triumph des Glaubens 253
Publizistisches
Aus: Rheinische Zeitung für Politik, Handel und Gewerbe. 1842
Nord- und süddeutscher Liberalismus 287
Tagebuch eines Hospitanten I 290
Rheinische Feste 293
Tagebuch eines Hospitanten II 296
Glossen und Randzeichnungen zu Texten aus unserer Zeit . . . 299
Polemik gegen Leo 303
Die Freisinnigkeit der Spenerschen Zeitung 306
Das Aufhören der Kriminalistischen Zeitung 308
Zur Kritik der Preußischen Preßgesetze 310
Allerlei aus Berlin 318
F. W. Andreä und der „Hohe Adel Teutschlands“ 319
Aus: Deutsche Jahrbücher für Wissenschaft und Kunst
Alexander Jung, Vorlesungen über die moderne Literatur der
Deutschen 323
Aus: Einundzwanzig Bogen aus der Schweiz.
Zürich und Winterthur 1843
Friedrich Wilhelm IV., König von Preußen 339
Inhalt
689
Seite
London und Manchester. 1842—1844
Briefe aus England für die Rheinische Zeitung und den
Schweizerischen Republikaner. 1842—1843
Die innern Krisen 351
Englische Ansicht über die innern Krisen 356
Stellung der politischen Partei 359
Lage der arbeitenden Klasse in England 361
Die Korngesetze 363
Briefe aus London I 365
Briefe aus London II 368
Briefe aus London III 370
Briefe aus London IV 374
Aus: Deutsch-Französische Jahrbücher. Paris 1844
Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie 379
Die Lage Englands. Past and Present by Thomas Carlyle . . . 405
Aus: The New Moral World. 1843—1844
Progress of Social Reform on the Continent 435
I. France 436
II. Germany and Switzerland 443
The „Times“ on German Communism 450
French Communism 454
Continental Movements 455
ZWEITER TEIL:
HANDSCHRIFTLICHES, BRIEFE, DOKUMENTE
Dokumente und Jugendarbeiten. Barmen-Elberfeld 1820—1837
1. Geburtsurkunde von Friedrich Engels; Barmen 1820 Dezem¬
ber 5 461
2. Taufurkunde von Friedrich Engels; Unter-Barmen 1821 Ja¬
nuar 18 461
3. Geburtstagsgedicht von Engels an seinen Großvater van Haar;
Barmen 1833 Dezember 20 462
4. Friedrich Engels sen. an seine Frau Elise, geb. van Haar in
Hamm; Barmen 1835 August 27 462
5. Gedicht aus dem Jahre 1836 464
6. Gedicht wahrscheinlich von Anfang 1837 465
7. Eine Seeräubergeschichte 465
8. Denkspruch für Friedrich Engels am Tage der Konfirmation;
Unterbarmen 1837 März 12 477
9. Griechisches Gedicht, von Fr. Engels im epischen Versmaß be¬
arbeitet und vorgetragen bei den öffentlichen Schulfeierlich¬
keiten des Elberfelder Gymnasiums am 15. September 1837 . 478
10. Abgangszeugnis für den Primaner Friedrich Engels; Elberfeld
1837 September 25 480
Marx-Engels-Gesamtausgabe, I. Abt., Bd. 2. 44
690
Inhalt
Seite
Briefe an die Brüder Graeber
Engels an Friedrich und Wilhelm Graeber in Elberfeld; [Bremen
1838] September 1 485
Engels an Friedrich und Wilhelm Graeber in Barmen; [Bremen
1838] September 17—18 486
Engels an Friedrich Graeber; [Bremen 1839 Januar 20] . . . 493
Engels an Friedrich Graeber; [Bremen 1839 Februar 19] . . 499
Engels an Friedrich Graeber; [Bremen] 1839 April 8—9 . . 502
Engels an Friedrich Graeber; [Bremen 1839 April ca. 23]—Mai 1 505
Engels an Wilhelm Graeber; [Bremen 1839 April 27—30] . . 516
Engels an Wilhelm Graeber in Berlin; [Bremen 1839] Mai 24
-Juni 15 519
Engels an Friedrich Graeber in Berlin; [Bremen 1839] Juni 15 523
Engels an Friedrich Graeber in Berlin; [Bremen 1839] Juli 12—27 526
Engels an Friedrich Graeber; [Bremen 1839 Ende Juli] .... 533
Engels an Wilhelm Graeber; Bremen 1839 Juli 30 534
Engels an Wilhelm Graeber; [Bremen] 1839 Oktober 8 . . . 538
Engels an Wilhelm Graeber in Berlin; [Bremen 1839] Ok¬
tober 20-21 541
Engels an Friedrich Graeber; [Bremen 1839 Oktober 29] . . . 542
Engels an Wilhelm Graeber in Berlin; Bremen 1839 No¬
vember 13—20 548
Engels an Friedrich Graeber in Berlin; [Bremen 1839] Dezember 9
—1840 Februar 5 553
Engels an Wilhelm Graeber; Bremen 1840 November 20 . . . 559
Engels an Friedrich Graeber; Bremen 1841 Februar 22 . . . 562
Briefe an die Schwester Marie
Engels an seine Schwester Marie in Barmen; Bremen 1838
August 28— 29 567
Engels an seine Schwester Marie in Barmen; [Bremen 1838] Sep¬
tember 11 569
Engels an seine Schwester Marie in Barmen; Bremen 1838 Ok¬
tober 9-10 571
Engels an seine Schwester Marie in Barmen; Bremen 1838 Novem¬
ber 13 574
Engels an seine Schwester Marie in Barmen; [Bremen, um Weih¬
nachten 1838] 576
Engels an seine Schwester Marie in Barmen; [Bremen] 1839 Ja¬
nuar 7 577
Engels an seinen Bruder Hermann in Barmen; Bremen 1839 Fe¬
bruar 11—12 579
Engels an seine Schwester Marie in Barmen; Bremen 1839 Fe¬
bruar 12 580
Engels an seine Schwester Marie in Barmen; Bremen 1839 April 10 581
Engels an seine Schwester Marie in Barmen ; [Bremen] 1839 April 28 582
Engels an seine Schwester Marie in Barmen; Bremen 1839 Mai 23 586
Inhalt
691
Seite
Engels an seine Schwester Marie in Barmen; Bremen 1839 Sep¬
tember 28 588
Engels an seine Schwester Marie in Mannheim; Bremen 1840
Juli 7—9 589
Engels an seine Schwester Marie in Mannheim; Bremen 1840
August 4 591
Engels an seine Schwester Marie in Mannheim; Bremen 1840
August 20—25 593
Engels an seine Schwester Marie in Mannheim; [Bremen] 1840
September 18—19 597
Engels an seine Schwester Marie in Mannheim; Bremen 1840
Oktober 29 600
Engels an seine Schwester Marie in Mannheim; Bremen 1840
Dezember 6—9 603
Engels an seine Schwester Marie in Mannheim; [Bremen] 1840
Dezember 21—28 606
Engels an seine Schwester Marie in Mannheim; Bremen 1841
Februar 18 608
Engels an seine Schwester Marie in Mannheim; Bremen 1841
März 8-11 611
Engels an seine Schwester Marie in Mannheim; Barmen 1841
April 5 613
Engels an seine Schwester Marie in Mannheim ; [Barmen 1841 ca.
Anfang Mai] 614
Engels an seine Schwester Marie in Mannheim; [Barmen 1841 ca.
Ende August] 615
Engels an seine Schwester Marie in Mannheim; Barmen 1841
September 9 615
Engels an seine Schwester Marie in Mannheim; Berlin 1842
Januar 5—6 616
Engels an seine Schwester Marie in Mannheim; Berlin 1842
April 14-16 619
Engels an seine Schwester Marie [1842, Sommer] 621
Engels an seine Schwester Marie in Bonn; Berlin 1842 Juli 2 . . 622
Engels an seine Schwester Marie in Ostende; Berlin 1842 August
2-8 623
Zwei Briefe an Ruge
Engels (Oswald) an Arnold Ruge in Dresden; Berlin 1842 Juni 15 631
Engels an Arnold Ruge in Dresden; Berlin 1842 Juli 26 ... . 631
Militärisches Führungsattest
Führungs-Attest für den einjährigen Freiwilligen Friedrich Engels;
Berlin 1842 Oktober 8 635
Zitaten- und Titelnachweise; textkritische Anmerkungen • • 639
Verzeichnis der ersten Wiederabdrucke 661
Namenregister 665
44*
Beilagen
Tafel I. Friedrich Engels im Jahre 1839 vor S. I
Tafel II. Eine Seite des „Telegraph für Deutschland“ mit
Engels’ Aufsatz „Karl Beck“ vor S. 57
Tafel III. Titelseite der Broschüre „Schelling und die Of¬
fenbarung“ vor S. 181
Tafel IV. Umschlagseite der Broschüre „Schelling, der Phi¬
losoph in Christo“ vor S. 229
Tafel V. Umschlagseite der Broschüre „Der Triumph des
Glaubens“ vor S. 253
Tafel VI. Ruge bei den Berliner „Freien“. Karikatur von
Engels vor S. 277
Die Zeichnung stellt den Zusammenstoß der Freien mit
Arnold Ruge dar, der um den 10. November 1842 in Beglei¬
tung des Verlegers Otto Wigand die Freien in Berlin be¬
suchte, — kurze Zeit vor dem Bruch der Freien mit der
Rheinischen Zeitung. (Vgl. Marx an Ruge, 30. Novem¬
ber 1842, und Ruge an Marx, 4. Dezember 1842; 1/2, S. 287ff.)
Ort der Handlung ist die Walburgsche Weinstube, Ver¬
sammlungsort der Freien. Die auf der Zeichnung in erregter
Auseinandersetzung dargestellten Personen sind Ruge, Buhl,
Nauwerck, Bruno Bauer, Wigand, Edgar Bauer, Stirner, Meyen,
zwei Unbekannte und Köppen. Bruno Bauer tritt mit einem
Fuß auf die Rheinische Zeitung, mit dem andern auf die —
mit den Unterschriften von Flottwell und Dr. Jordan versehene
— Subskriptionsliste für Johann Jacoby; daneben die Königs¬
berger Zeitung. — An der Wand eine Guillotine, links in der
Ecke ein Eichhörnchen (Anspielung auf den Kultusminister
Eichhorn).
Das Original. 21 :24 cm groß, ist eine Federzeichnung
von der Hand Friedrich Engels’, von dem auch die Unter¬
schriften stammen, und ist Mitte November 1842 in Barmen
entstanden. Engels befand sich zur Zeit jenes Ereignisses nicht
mehr in Berlin und wurde vermutlich durch briefliche Mit¬
teilungen zu der Karikatur angeregt. — Das Original befindet sich
im Marx-Engels-Institut.
Tafel VII. Eine Seite aus „The New Moral World“ mit
Engels’ Aufsatz „Progress of Social Reform on the Con¬
tinent“ vor S. 435
Tafel VIII. Gedicht und Zeichnung des jungen Friedrich
Engels aus dem Jahre 1836 vor S. 465
Tafel IX. Engels an Arnold Ruge, 15. Juni 1842 .... vor S. 631
Tafel X. Zeichnung des jungen Friedrich Engels aus dem
Jahre 1834 (aus einem Schulheft über alte Geschichte) vor S. 637
D ruckf ehler
2624 statt ,,Schweigt lies Schweigt
469 Fußnote statt xizoiv oder Kl&wv lies %Itojv oder Man
5165 statt yôv lies ^öv
5167 statt aâQiç lies xdçiç
679 r. Sp.z.56 statt 1879—1875 lies 1789—1875
MARX
ENGELS
GESAMT
AUSGABE
ERSTE
ABTEILUNG
BAND 2