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                    ZEIT WISSEN GLAUBEN

  

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januar 

Wissenschaft bewegt uns

KÖNNEN WIR

OHNE GLAUBEN
LEBEN?
Fremdgesteuert
Computerprogramme
bestimmen heimlich
über unser Leben

Fast normal
, EURO Österreich, Benelux, Italien, Spanien, Frankreich 6,40 € — Schweiz 10,90 sfr



Wie ein Mädchen
mit halbem Gehirn
das Leben meistert

Schönes Foto!
Neue Kameras
versprechen
das perfekte Bild

Warum religiöse Gefühle so
viel Kraft verleihen – und wie selbst
Atheisten das nutzen können

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 Fotos Matthew Appleby; privat; Edith Wagner EDITORIAL Herzlich willkommen! Zu Weihnachten geschieht etwas erstaunliches: Viele Menschen scheinen in diesen Tagen ihren Glauben wiederzuentdecken – selbst Kirchenskeptiker und manche Atheisten frömmeln auf einmal. Das mag an der besonderen Stimmung in dieser Zeit liegen oder an den omnipräsenten religiösen symbolen. Denn danach ist es bei vielen mit dem Glauben offenbar wieder vorbei. Doch ist das wirklich so? Die beiden Autoren unserer Titelgeschichte kommen zu einem anderen Schluss: Menschen müssen glauben, ob sie wollen oder nicht – der Drang dazu ist tief in uns verankert. Für viele ist das sicher eine schlechte Nachricht. Die gute ist: Es hat vorteile, zu glauben (Seite 12). Eine anregende Lektüre wünscht B=(,7:LVVHQBB Jan Schweitzer, Chefredakteur zeit wissen 01 — 13 aus der redaktion Kathrin Spirk machte die Fotos zur Ernährungsserie. Seit sie für den ersten Teil eine Familie fotografierte, fragen die Kinder, wann die Frau wiederkommt, die so lecker kocht. (Seite 54) Ulf Schönert gelangen mit der neuen Generation von Kameras endlich Fotos vom Fußballteam seines Sohnes. »Jetzt müssen die Jungs nur noch so gut spielen, wie sie aussehen.« (Seite 30) 
  INHALT zeit wissen s 04 bis s 05 Religion dient als sozialer Kitt – nicht nur für Papst-Fans wie hier beim Weltjugendtag in Köln. seite  titel Können wir ohne Glauben leben? B=(,7:LVVHQBB In der Entwicklungsgeschichte des Menschen sind Religionen ein Erfolgsmodell. Sie schweißten Gesellschaften zusammen und bedienten uralte Denkmuster. Und heute? Für Normen sorgt der Gesetzgeber, für Welterklärung die Wissenschaft. Aber die Sinnfrage bleibt und das Bedürfnis nach Geborgenheit auch. Philosophen sagen: Höchste Zeit, von den Religionen zu lernen – auch ohne Gott. 12 Baut den Atheisten eine Kirche! Die Wissenschaft ergründet die Anziehungskraft der Religionen. Von ihnen können wir lernen, sagt ein atheistischer Philosoph. 20 Warum wir glauben Mit Religion können viele nichts mehr anfangen. Religiös sind sie trotzdem. 24 »Diese Erfahrung ist universell« Gläubige haben kein Geheimwissen, sagt der Soziologe Hans Joas. Sie reden nur anders. Fotos Chris Keulen / laif; Andre Ermolaev / iberpress / Bulls Press; Monika Keiler; Bernd Jonkmanns / laif  
 Forschung & Technik Gesundheit & Psychologie Umwelt & Gesellschaft Islands Flüsse sind wunderschön, vor allem wenn sie durch Vulkansand mäandern. seite  Auch mit nur einer Gehirnhälfte meistert die achtjährige Hedwig ihr Leben. seite  Der Schnelle Brüter in Kalkar ist ein Symbol für die Plutoniumlüge. seite  28 Was wichtig war, was wichtig wird 52 Was wichtig war, was wichtig wird 74 Was wichtig war, was wichtig wird 30 Rettung vor der Bilderflut Neue Digitalkameras wählen Fotos aus, die man löschen sollte. Endlich! 54 Die Welt an einem Tisch Die Globalisierung verändert die Esskultur. Macht uns das gesünder? 76 Nachhaltigkeit kompakt: Recycling, aber richtig Können hochwertige Produkte zu 100 Prozent wiederverwertet werden? 34 Die dummen Diener Algorithmen bestimmen unser Leben. Leider laufen sie manchmal Amok. 60 40 Analyse: Elektroautos Das Comeback der Brennstoffzelle. Titelfoto Gerald Bucher 42 Galerie: Feuer trifft Eis Wenn Vulkane von Gletschern bedeckt sind, entstehen bizarre Flüsse – und manchmal wird es gefährlich. 50 Der Drink aus dem Eis In einer Hütte am Südpol wurde 100 Jahre alter Whisky entdeckt – Chemiker haben ihn nachgebraut. Rubriken B=(,7:LVVHQBB 06 09 10 10 Leben mit einem halben Gehirn Wegen ihrer epileptischen Anfälle wurde Hedwig am Gehirn operiert. Nun erobert sie ihren Alltag zurück. 66 Expertenrat für Weihnachten Von Baum löschen bis richtig streiten: Acht Überlebenstipps für die Festtage – wissenschaftlich fundiert! 70 »Zum Glück bin ich gesund« Marjolein Kriek ließ als erste Frau ihr komplettes Erbgut entziffern. Sie würde es nicht jedem empfehlen. auf dem Titel angekündigte Themen Extreme Die wichtigsten Meldungen Expertenrat Woran arbeiten Sie gerade? 11 Pro & Contra: Homöopathie-Forschung 108 Rätsel/Leserforum 108 Impressum 86 Das Weltgifterbe Die Atomindustrie hat gefährliches Plutonium angehäuft. Wohin damit? 92 Einfach mehr verstehen: So kann die Energiewende klappen. 94 ZEIT Wissen-Preis Mut zur Nachhaltigkeit: Die Nominierten (I) 98 Dossier: Nachhaltige Kleidung 101 102 104 106 Wie Textilien der Umwelt schaden Was kommt nach der Baumwolle? Die wichtigsten Ökolabels Was taugen Funktionstextilien? 109 Kiosk/Medien 110 Kaufen/Nicht kaufen 114 Das will ich wissen: Cornelia Funke 
250 Menschen die giftigste quallenart der Welt heißt Chironex fleckeri. Sie lebt an der Ost- und Nordküste Australiens sowie im Westpazifik. Mit knapp zehn Stundenkilometern schwimmt sie in Ufernähe die Küste entlang. Eine kurze Berührung ihrer Tentakel B=(,7:LVVHQBB kann tödlich enden: Das Gift blockiert Signalleitungen im menschlichen Körper und kann innerhalb weniger Minuten zur Atemlähmung führen. Hilfe kommt dann oft zu spät. Das Gift einer einzigen Qualle reicht, um rund 250 Menschen zu töten. Foto Valerie & Ron Taylor / Ardea / Picture Press  Extreme 
 Foto Gerald Bucher 0 Menschen die ungiftigste qualle kann man sogar essen. Eigentlich ist die weltweit am meisten verzehrte Art Rhopilema esculentum wie alle Quallenarten leicht giftig. Aber ohne ihre Tentakel lässt sie sich gefahrlos verspeisen. In Asien wird sie deshalb sogar gezüchtet. B=(,7:LVVHQBB Eingelegte oder getrocknete Qualle ist teuer und ihre Zubereitung aufwendig, deshalb gelten Quallengerichte als Delikatesse. In Deutschland bekommt man Qualle in vielen Asialäden und in besseren Chinarestaurants. Glibberig. Und harmlos! 
  FORUM zeit wissen s 08 bis s 11 Kryptonit im Polarmeer Es scheint, als sei dieser Taucher in der Tiefsee auf eine mysteriöse leuchtende Materie gestoßen. Superman-Fans denken jetzt vielleicht an Kryptonit, jenes giftgrüne Mineral, das den Comic-Helden in Lebensgefahr bringt. Doch zeigt dieses Foto bloß eine dicke Eisschicht – von unten. Das grüne Leuchten spielt sich oberhalb der gefrorenen Wasseroberfläche ab: Es ist das Polarlicht. Dieses eindrucksvolle Schauspiel B=(,7:LVVHQBB am Himmel entsteht, wenn elektrisch geladene Teilchen aus dem Sonnenwind mit Atomen der Erdatmosphäre kollidieren, meistens in den Polarregionen. Um das Spektakel einmal aus anderer Perspektive zu zeigen, schlug Fotograf George Karbus ein Loch in den Eispanzer des russischen Weißmeeres und tauchte mit Freunden hinab, während das Polarlicht den Nachthimmel erleuchtete. Fotos George Karbus / hgm-press; Gustavo Alàbiso / epd-bild; Ray Wilson / Alamy / mauritius images  
 die wichtigsten meldungen Sport: doi:10.1371/journal.pmed.1001335 Mond: doi: 10.1126/science.1226073, 10.1126/science.1226073 Testosteron: doi:10.1371/journal.pone.0046774 Malaria: 10.1056/NEJMoa1208394 Länger leben mit Übergewicht Regelmäßige Bewegung verhilft auch Menschen mit Übergewicht zu einer höheren Lebenserwartung. Das schließt ein internationales Forscherteam aus den Daten mehrerer Langzeitstudien aus den USA und Schweden. Selbst wenn die körperliche Aktivität nicht dazu führt, dass man abnimmt, wirkt sie sich demnach doch positiv auf die Gesundheit aus. Schon wer nur 75 Minuten pro Woche zügig spazieren geht, lebt im Durchschnitt 1,8 Jahre länger als jemand, der keinen Sport treibt. Bis zu 4,5 Jahre mehr Lebenszeit bringen die von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfohlenen 150 Minuten Bewegung pro Woche. Aktive Menschen mit moderatem Übergewicht leben sogar drei Jahre länger als bewegungsfaule Normalgewichtige. B=(,7:LVVHQBB Testosteron macht ehrlicher Testosteron hat einen schlechten Ruf: Das Hormon soll Aggression, riskantes Verhalten und Imponiergehabe fördern. Nun hat eine Studie der Universitäten Bonn und Maastricht zur Abwechslung mal einen Nutzen für das soziale Miteinander gefunden: Testosteron fördert demnach die Ehrlichkeit. Probanden, die das Hormon in einem Experiment verabreicht bekamen, betrogen bei einem Würfelspiel seltener als diejenigen, die nur ein Placebo erhalten hatten. Wahrscheinlich steigere Testosteron den Stolz und das Bedürfnis, ein positives Selbstbild zu entwickeln, folgern die Forscher. Für ein paar Euro setze man das nicht auf ’s Spiel. Malaria-Impfstoff enttäuscht Neuer Mutterschaftstest: Der Mond ist unser Baby Der Mond besteht wohl weitgehend aus dem Material des früheren Erdmantels. Zwei neue Simulationen zeigen, wie das Baumaterial für den Mond bei einem Zusammenstoß der Erde mit einem anderen Planeten in die Umlaufbahn geschleudert wurde. Anders als frühere Modelle stehen die Computersimulationen nun im Einklang mit chemischen Analysen des Mondgesteins. Rückschlag im Kampf gegen Malaria: Der bislang am weitesten entwickelte Impfstoff Mosquirix ist bei Säuglingen weniger wirksam als erhofft. In einer Studie mit sechs bis zwölf Wochen alten Babys sank die Rate der klinischen Malaria-Infektionen nur um 31 Prozent – deutlich weniger als bei älteren Kindern. Ob die WHO die Vakzine in ihr Impfprogramm aufnimmt, ist fraglich. 
 Forum expertenr at »Sollen wir Produkte lieber beim regionalen Händler oder im Internet kaufen?« Elli Schneider per E-Mail Moritz Mottschall ist Umweltingenieur und wissenschaftlicher Mitarbeiter des Öko-Instituts e. V. Haben Sie eine Frage an die Wissenschaft? Schicken Sie diese an expertenrat@ zeit-wissen.de. In Kooperation mit N-JOY. B=(,7:LVVHQBB wor an arbeiten sie ger ade? »Ich diene dem Panda« Der zweijährige Taotao ist das erste Pandajunge unseres Programms, das wir in die Wildnis entlassen. Seine Mutter und er leben derzeit auf einem 2100 Meter hohen Bergplateau. Einmal im Monat besuchen wir sie, um einen Gesundheits-Check zu machen. Damit Taotao eine natürliche Scheu vor dem Menschen entwickeln kann, tragen wir dabei Pandakostüme. Sie sind dick und schwer, man bewegt sich nur sehr schwerfällig in ihnen. Wenn ich das Kostüm überziehe, glaube ich tatsächlich, in der Haut eines Pandas zu stecken. Wir reiben das Kunstfell mit Pandakot und -urin aus dem Zoo ein, um unseren Menschengeruch zu überdecken. Das klingt übel, aber die Tiere sind ja zum Glück Vegetarier. Deshalb stinken wir gar nicht bestialisch in den Kostümen, sondern riechen nur dezent nach verdautem Bambus. Huang Yan, 48, leitet das Auswilderungsprogramm im Panda-Reservat Wolong der chinesischen Provinz Sichuan. Foto China Daily / Reuters Beim lokalen Händler hat man einen Ansprechpartner und stärkt den Einzelhandel. Dagegen werden Produkte im Internet meist günstiger angeboten. Und die Umweltbilanz? Ein Warenlager verbraucht meist weniger Energie als ein Ladengeschäft. Und der Versand eines Paketes verursacht oft auch weniger Treibhausgasemissionen als die Autofahrt zum Laden. Kaufen wir also Geschenke lokal und fahren mit dem Auto, sollten wir Einkäufe verknüpfen oder Fahrgemeinschaften bilden. Die umweltfreundlichste Variante der Onlinekäufe ist es, Produkte nur im Netz anzuschauen und sie als Standardpaket zu bestellen. Die schlechteste Variante ist die wohl alltäglichste: mit dem Auto zum Geschäft zu fahren und dort das Produkt anzusehen, es aber online per Expresssendung zu bestellen und dann zurückzuschicken. 
 pro & contr a Muss man die Homöopathie überhaupt noch erforschen? Die Homöopathie polarisiert. Die einen halten sie für eine ganzheitliche Heilmethode, die anderen für quacksalberei, deren Erforschung nur noch Geld und Zeit verschwendet. Illustrationen Anje Jager pro Skeptiker halten eine Wirksamkeit der Homöopathie über den Placeboeffekt hinaus für unmöglich. Homöopathen sind vom Gegenteil überzeugt. Die durchaus widersprüchlichen Ergebnisse der placebokontrollierten Studien der letzten 30 Jahre werden von den jeweiligen Lagern als Beleg für die eigene Meinung herangezogen. Zwei Argumente sprechen für weitere Forschung: Zum einen die große Verbreitung der Homöopathie und zum anderen die doch recht gut belegten, konsistenten und zum Teil sehr ungewöhnlichen Erfahrungen in der Praxis. Die Forschung muss jedoch radikal andere Fragen stellen, »Ist die Homöopathie zumindest ein besonders potentes Placebo?« zum Beispiel. Die boomende Placeboforschung spricht dafür, dass Placebo nicht gleich Placebo ist. Weitere Fragen sind: Was sind die Umstände, unter denen die zum Teil völlig überraschenden Effekte der Homöopathie auftreten oder wahrgenommen werden? Warum wenden sich engagierte Ärzte und gebildete Patienten der Homöopathie zu? Solche Forschung könnte das Phänomen besser erfassen und vielleicht erklären – die Ergebnisse würden möglicherweise allerdings weder Skeptikern noch Homöopathen gefallen. Klaus Linde B=(,7:LVVHQBB contr a Etwa 200 klinische Studien sprechen nicht eindeutig für die Homöopathie, für keine Erkrankung ist ihre Wirksamkeit belegt. Aber Patienten erleben doch Heilungen am eigenen Leib, sagen Homöopathen. Stimmt, doch viele Faktoren können hier mitwirken. Etwa der Placeboeffekt oder der Umstand, dass sich Erkrankungen auch ohne Therapie bessern. »Wer heilt, hat Recht« ist ein weiteres Argument. Auch das steht auf wackeligen Beinen. Placeboeffekte helfen zwar, aber dafür braucht man keine Placebos in Form von homöopathischen Mitteln: Falls ein Arzt mit Empathie eine wirklich effektive Therapie verschreibt, profitiert der Patient nicht nur von einem Placeboeffekt, sondern auch von dem spezifischen Effekt der Therapie. Die alleinige Gabe eines homöopathischen Placebos hingegen bringt den Patienten um einen essenziellen Anteil der Therapie. Homöopathie ist einfach nicht plausibel. Ähnliches lässt sich nicht mit Ähnlichem heilen, und Verdünnen macht eine Substanz nicht potenter, sondern schwächer. Auch die Hoffnung, dass eines Tages neue Erkenntnisse die Homöopathie erklären werden, beruht auf reinem Wunschdenken: Es kann keine Erklärung der Homöopathie geben, die in Einklang mit den Naturgesetzen zu bringen ist. Edzard Ernst pro Klaus Linde ist Professor am Institut für Allgemeinmedizin der TU München. contr a Edzard Ernst ist emeritierter Professor für Komplementärmedizin an der University of Exeter. 
  TITEL zeit wissen s 12 bis s 26 Können wir ohne Glauben leben? Wissenschaftler ergründen die Kraft der Religiosität. Ihre Erkenntnis: Wir sollten nicht auf den Glauben verzichten, er hat zu viele Vorteile – selbst für Atheisten. 14 B=(,7:LVVHQBB Lernen von der Religion: Wir sollten die besten Strategien übernehmen. 20 Warum wir glauben: Religion geht uns immer weniger an, trotzdem werden wir religiöser. 24 »Diese Erfahrung ist universell«: Ein Interview mit dem Soziologen Hans Joas. Foto Chris Keulen / laif Text Ulrich Schnabel & Christian Schüle 
Von den einen wird Papst Benedikt XVI. verehrt und bejubelt, wie hier beim Weltjugendtag in Köln. Für andere ist er eine Reizfigur, umstritten wie die katholische Kirche im Ganzen. Der Philosoph Alain de Botton, selbst Atheist, fordert mehr Offenheit: »Religionen sind zu nützlich, wirksam und intelligent, als dass man sie allein den Religiösen überlassen sollte.« B=(,7:LVVHQBB 
An irgendetwas glaubt jeder Mensch, und sei es an die musikalische Einzigartigkeit der Lieblingsband, die man anbetet. Und das will man auch zum Ausdruck bringen, vor allem auf Konzerten oder Festivals, wo sich ganze Massen von der Star-Verehrung mitreißen lassen. B=(,7:LVVHQBB 
text Ulrich Schnabel  Was wir von der Religion lernen können Forscher und Philosophen entdecken die Vorteile religiösen Denkens – und wollen die besten strategien in die Gesellschaft übertragen. Foto Stanislas Fautre / Le Figaro Magazine / laif Illustrationen Jindrich Novotny A lain de Botton ist kein geborener Gläubiger, im Gegenteil. Der Sohn eines Schweizer Bankiers wuchs unter überzeugten Atheisten auf und hat früh gelernt, religiöse Gefühle »mit jener Art von Mitleid zu betrachten, die für gewöhnlich Menschen mit einer degenerativen Erkrankung vorbehalten ist«. Doch mit Mitte zwanzig ereilte ihn eine »Krise der Glaubenslosigkeit«, wie er gesteht. Ihm wurde klar, dass die großen Religionen nicht nur unglaubliche Behauptungen – etwa von der Existenz Gottes, der unbefleckten Empfängnis oder der Wiederauferstehung – hervorgebracht haben, sondern auch eine Vielzahl wertvoller Errungenschaften, die er nicht missen wollte – von religiös inspirierter Kunst über gemeinschaftsfördernde Rituale bis hin zu ethischen Wertmaßstäben. Nun, im Alter von 42 Jahren, bekennt sich der in London lebende Philosoph und Schriftsteller offensiv zu seiner ambivalenten Haltung. »Religionen sind zu nützlich, wirksam und intelligent, als dass man sie den Religiösen allein überlassen sollte«, lautet das Credo seines Buches Religion for Atheists, das sich explizit an Ungläubige (wie ihn selbst) wendet. Denn weil diese in der Regel alles ablehnten, was auch nur entfernt an Religion erinnere, sei die moderne, säkulare Gesellschaft »unfairerweise verarmt«, diagnostiziert de Botton. Das beginne beim Verlust von Gemeinschaftserlebnissen, mache sich im Fehlen architektonischer Kraftzentren und Ruhezonen bemerkbar und reiche bis zum Mangel an effektiven Bewältigungsstrategien für seelische Nöte und unsere Angst vor dem Tod. In der modernen Warenwelt gebe es zwar »ein unübersehbares Angebot für das Bedürfnis nach einem Haarwaschmittel«, kritisiert der Philosoph, doch ausgerechnet »die Sorge um die wichtigsten Bedürfnisse« des Menschen liege heute oft in den Händen Einzelner. Daher plädiert de Botton in seinem (bislang nur auf Englisch erschienenen) Buch dafür, die Religionen gleichsam zu »bestehlen« und die besten Strategien aus deren reichhaltigem Repertoire in die säkulare Gesellschaft zu übertragen. So schlägt er etwa »säkulare Tempel« vor, in denen man zur Ruhe kommen und die wesentlichen Fragen seines Lebens über- B=(,7:LVVHQBB denken könne; oder er philosophiert über »Agape restaurants« (vom griechischen agape = Liebe), in denen nicht raffinierte Speisen, sondern die Begegnung und der Austausch mit Fremden im Zentrum stehen sollen. Denn gerade an solchen Begegnungen mangele es in unseren kalten Gesellschaften, und kaum etwas stärke das Zusammengehörigkeitsgefühl so sehr wie ein gemeinsames Essen (weshalb in der Frühzeit des Christentums das »Abend-Mahl« noch ein richtiges Essen war). Allerdings sollen dabei nicht die üblichen, oberflächlichen Unterhaltungen geführt werden (»Was arbeiten Sie?«, »Wo gehen Ihre Kinder zur Schule?«), sondern die wirklich relevanten Fragen des Menschseins zur Sprache kommen (»Was bedauern Sie?«, »Wovor haben Sie Angst?«, »Wem können Sie nicht vergeben?«). Natürlich rufen solche Vorschläge von allen Seiten Widerspruch hervor. Als de Botton erstmals »Tempel für Ungläubige« vorschlug, erhob sich prompt ein millionenfacher Proteststurm auf Facebook und Twitter. Hartgesottene Atheisten vermuteten dahinter eine perfide Strategie zur Rehabilitierung des Glaubens; überzeugte Christen wiederum argumentierten, ihre Religion sei doch bitte kein Selbstbedienungsladen, den man nach Belieben plündern dürfe. D er vehemente Widerspruch beweist, dass de Botton einen Nerv trifft. Denn anders als viele bedient er nicht das übliche Schubladendenken, das in Sachen Religion entweder nur vehemente Ablehnung oder ebenso vehemente Zustimmung kennt. Im Gegensatz etwa zu dem Evolutionsbiologen Richard Dawkins, der wortgewaltig gegen den »Gotteswahn« wettert und alles Religiöse als unwissenschaftlich verdammt, versucht de Botton, eine Brücke zwischen Gläubigen und Ungläubigen zu bauen und religiöse Rituale auch auf ihre positiven Seiten hin abzuklopfen. Schützenhilfe erhält er dabei ausgerechnet von der nüchternen Wissenschaft (auch wenn die in seinem Buch kaum erwähnt wird). Denn auch Anthropologen und Psychologen haben sich in den vergangenen Jahren zunehmend mit religiösen Ver- Wenn Forscher mit Religion experimentieren Güte Wer mit religiösen Begriffen konfrontiert wird, handelt großzügiger, stellten Forscher 2007 fest. Von 50 Freiwilligen wurden 25 in einem Spiel beiläufig mit Wörtern wie »Gott« und »heilig« konfrontiert, die anderen mit nicht religiösen Begriffen. Die erste Gruppe schenkte anschließend im Schnitt 4,22 von 10 Dollar einem Fremden, die zweite Gruppe gab nur 1,84 Dollar. Das Priming zeigte auch bei Atheisten Wirkung. 
 Titel B=(,7:LVVHQBB auf den Körper zurück. Im besten Fall kann daher ein entsprechender Glaube tatsächlich »Berge versetzen«, sprich: Krankheiten heilen. So lässt sich etwa zeigen, dass Patienten auf große rote Pillen im Allgemeinen stärker ansprechen als auf kleine weiße. Oder dass teure Medikamente besser wirken als billige und dass eine Spritze, die der Chefarzt persönlich gibt, ungleich stärker wirkt als die vom Pfleger, der sie auch noch ganz nebenbei verabreicht hat – auch wenn in all diesen Fällen derselbe pharmakologische Wirkstoff in der gleichen Menge zum Einsatz kommt. Denn neben der reinen Pharmakologie wirkt immer auch unsere Vorstellungskraft: Wer etwa fest daran glaubt, ein Medikament werde seine Schmerzen lindern, setzt entsprechende Botenstoffe im Gehirn frei, deren Signal wiederum über das Nervensystem an den Körper weitergeleitet wird und dort gerade jene heilsamen Wirkungen in Gang setzt, die man antizipiert hat – eine Art neuronale Selffulfilling Prophecy. Und dieser Effekt kann enorm stark sein: in manchen Fällen macht er bis zu 50 Prozent der Wirkung eines normalen Medikaments aus. Das zeigt, wie sehr sich unsere inneren Selbstheilungskräfte durch die rechte Ansprache wecken lassen, was wiederum den Erfolg von Schamanen und Heilern aller Art erklärt. Und welche Erwartung könnte auch letztlich stärker sein als die Vorstellung eines liebenden Gottes, der sich ganz um unser Wohlergehen sorgt und zur Not auch kleine Wunder vollbringt? Natürlich können dabei (wie bei jeder Art von Therapie) schädliche Nebenwirkungen auftreten. Das unbewusste »schnelle Denken« kann uns in schwierigen Situationen geradewegs in die Irre führen; die Hoffnung auf göttlichen Beistand im Krankheitsfall kann zur Vernachlässigung notwendiger medizinischer Therapien führen – gar nicht zu reden von psychologischen Schattenseiten wie der religiösen Intoleranz gegen Ungläubige und dem fundamentalistischen Beharren auf der eigenen Wahrheit. D ennoch müssen selbst hartgesottene Evolutionsbiologen konstatieren, dass die Religion – entwicklungsgeschichtlich betrachtet – ein Erfolgsmodell ist. Anders ist kaum zu erklären, weshalb sich irgendeine Art von religiösem Denken in allen Kulturen und zu allen Zeiten findet. Aber warum ist die Religion so erfolgreich? Ara Norenzayan, Religionspsychologe an der University of British Columbia in Vancouver, liefert eine Antwort aus anthropologischer Sicht: Ein religiöses System schweiße seine Jünger zu einer Glaubensgemeinschaft zusammen, die häufig erfolgreicher sei als andere Gruppen. Denn mit dem Verweis auf göttli- Foto Joanna Nottebrock / laif Tod Der Tod ist ein starkes Argument für den Glauben, das auch bei Ungläubigen zieht. In einer Studie wurden Probanden mit dem Gedanken an das Ableben konfrontiert und danach zu ihrer Religiosität befragt. Die Prozedur verstärkte bei Gläubigen die Gottesfurcht und bei Atheisten die Skepsis. Doch die Ungläubigen brauchten länger, um die Frage nach der Existenz Gottes zu verneinen – ein Zeichen dafür, dass sie unsicherer geworden waren, so die Autoren. haltensweisen beschäftigt und mittlerweile eine ganze Menge Gründe zutage gefördert, die das scheinbar so irrationale religiöse Denken in einem sehr rationalen Licht erscheinen lassen. Das beginnt schon mit der Frage, wie religiöse Vorstellungen überhaupt entstehen und warum nicht alle Menschen die Welt rational-nüchtern sehen. Antwort: Weil »Religion natürlich ist und Wissenschaft nicht«, wie es der Philosoph und Religionspsychologe Robert McCauley kurz und bündig formuliert. In seinem Buch Why Religion is Natural and Science is Not beschreibt McCauley, dass uns der religiöse Glaube viel leichter fällt als das (oft anstrengende) wissenschaftliche Denken. Denn die meisten Denk- und Gefühlsreflexe, die sich im Laufe der menschlichen Evolutionsgeschichte herausgebildet haben, kommen dem religiösen Denken natürlicherweise entgegen: Wir tendieren etwa dazu, hinter jeder Wirkung eine Ursache zu vermuten (»Keine Schöpfung ohne Schöpfer«), entdecken selbst in zufälligen Strukturen gerne Muster, haben eine natürliche Neigung, auch tote Gegenstände als belebt wahrzunehmen (weshalb wir dem Auto oder dem Computer gut zureden), und sehnen uns alle insgeheim nach allwissenden Autoritäten, denen wir uns guten Gewissens unterwerfen können. »Schnelles Denken« nennt der Psychologe und Nobelpreisträger Daniel Kahneman solche automatischen Denkreflexe, die unsere unbewusste Beurteilung einer Situation häufig prägen. Im Gegensatz dazu steht das »langsame Denken«, das auf Reflexion und kritischem Hinterfragen beruht und sehr viel mühsamer ist. Kurioserweise beruht auf dieser Art zu denken nicht nur die Wissenschaft, sondern auch die Theologie, die meist zu ausgefeilten und schwer verständlichen Glaubensgebäuden führt. Der gern zitierte Widerspruch zwischen Theologie und Wissenschaft sei daher gar keiner, meint McCauley. Der wahre Gegensatz zur Theologie bestehe im populären Volksglauben, der etwa Gott eher als eine Art Superhelden sieht denn als theologisch korrekte Dreieinigkeit aus Vater, Sohn und Heiligem Geist. Aber ob es uns gefällt oder nicht: Das »schnelle Denken«, das sich im Laufe der Evolution vielfach bewährte, ist für die meisten Menschen ihr kognitiver Normalmodus – und dazu gehört nun einmal auch die Sehnsucht nach religiösem Aufgehobensein. Es gibt allerdings noch andere Gründe für die weltweite Verbreitung des religiösen Denkens. Einer zum Beispiel ist der aus der Medizin bekannte Placeboeffekt. Denn der Mensch lebt nicht nur von der biologischen Materie allein, sondern eben auch von seinen Gedanken, Vorstellungen und Hoffnungen. Und diese wirken – wie psychologische und medizinische Studien zunehmend belegen – immer auch 
Nirgendwo wird deutlicher, welche Bedeutung eine Ersatzreligion für Menschen haben kann, als beim Fußball. Zu beobachten beim Public Viewing in Hannover bei der Europameisterschaft 2012 (auf dem Bild), aber auch jeden Samstag in der Bundesliga. B=(,7:LVVHQBB 
 Titel Es hat schon etwas von einer religiösen Massenveranstaltung, was die Menschen hier in New York treiben. Dabei feiern sie nur den längsten Tag des Jahres im Juni 2012 – mit Yogaübungen. Tatsächlich zeigen Studien, dass Gläubige gesünder sind als Nichtgläubige – ganz unabhängig davon, ob sie Sport treiben oder nicht. B=(,7:LVVHQBB 
 Foto Shannon Stapleton / Reuters che oder heilige Gebote ließen sich moralische Werte in einer Gemeinschaft sehr effektiv durchsetzen. »Und solche Gruppen können größer werden und kooperativer zusammenarbeiten und damit erfolgreicher sein als andere im Wettbewerb um Ressourcen und Habitate«, schreibt Norenzayan. Für ihn erklärt dies auch den engen Zusammenhang zwischen dem Aufkommen der ersten Hochkulturen und der Entwicklung ausgefeilter religiöser Lehren. Denn bei den Jäger-und-Sammler-Stämmen, die durch die Frühzeit des Menschen zogen, war »der direkte Kontakt von Angesicht zu Angesicht die Norm«. Moralisches Verhalten wurde durch den sozialen Gruppendruck garantiert, deshalb liefern die schamanistischen Religionen solcher Stämme in der Regel auch keine moralischen Wertesysteme. Erst als die Menschen sesshaft, ihre Gesellschaften größer und anonymer wurden, änderte sich das. Nun wurde es nötig, moralische Standards zu definieren, an die sich Menschen auch dann halten, wenn sie keine engen verwandtschaftlichen Beziehungen mehr haben – und damit begann der Aufstieg der Religionen. Gerade die Vorstellung eines omnipräsenten Gottes lässt sich für Norenzayan aus dieser Perspektive schlüssig erklären: Psychologische Studien zeigen nämlich, dass Menschen sich stets ehrlicher und »moralischer« verhalten, wenn sie sich beobachtet fühlen. Schon allein stilisierte Zeichnungen, die Augen repräsentieren, fördern großzügiges Verhalten gegenüber Fremden. Kein Wunder, dass die Vorstellung, von einem allwissenden Gott beobachtet zu werden, einen massiven Effekt hat. Diesen Effekt wiesen Norenzayan und sein Kollege Azim Shariff unter anderem in einem Spielexperiment nach, in dem zwei einander unbekannte Teilnehmer eine gewisse Summe Geld untereinander aufteilen mussten. Konfrontierte man sie vor dem Versuch quasi nebenbei mit Begriffen wie »göttlich«, »Gott« oder »Geist«, ließ sich ihre Großzügigkeit beträchtlich steigern. »Wer dazu angeregt wird, an Gott zu denken, verhält sich viel großzügiger«, sagt Norenzayan und folgert daraus: Die Religion habe während »der längsten Zeit der Menschheitsgeschichte die Rolle eines sozialen Klebstoffs« gespielt. F ehlt uns heute in unseren kalten, kapitalistischen Gesellschaften gerade diese Art von »Klebstoff«, wie es zum Beispiel Alain de Botton in seinem Buch beklagt? Ist etwa der Arbeitswahn von modernen Workaholics auch dadurch zu erklären, dass sie im Büro jene Art von Gemeinschaftserlebnis suchen, für das früher die Religionen zuständig waren? Mit anderen Worten: Fehlt uns ohne irgendeine Art von Religion etwas Entscheidendes im Leben? B=(,7:LVVHQBB Norenzayan sieht das differenziert. Zur Aufrechterhaltung der Moral brauche man Religion heute nicht mehr unbedingt. Schließlich hätten moderne Gesellschaften inzwischen Ersatz für die einstigen religiösen Moralhüter geschaffen: Gerichte, Polizei und weltliche Gesetze wachen nun in säkularen Staaten darüber, dass niemand den anderen übers Ohr haut. Und in solchen Nationen gehe es keinesfalls unmoralischer oder chaotischer zu, bilanziert Norenzayan. Im Gegenteil, »einige der kooperativsten, friedlichsten und prosperierendsten Gesellschaften der Welt« hätten heute eine atheistische Mehrheit. Solche Staaten seien gewissermaßen »die Leiter der Religion hochgeklettert und haben sie dann weggekickt«. D och die Aufrechterhaltung von Recht und Ordnung ist nicht alles. Für Alain de Botton gibt es auch noch die »weicheren« Qualitäten unseres Zusammenlebens, die in Begriffen wie Nächstenliebe oder Demut zum Ausdruck kommen. Und für diese fehle unseren Gesellschaften häufig das Gespür. »So sind wir etwa vom finanziellen Standpunkt aus deutlich großzügiger als unsere Vorfahren«, schreibt der Philosoph. »Wir geben rund die Hälfte unseres Einkommens an das Gemeinwesen ab. Aber wir tun dies, fast ohne es zu realisieren, nämlich durch die anonymen Mechanismen unseres Steuersystems.« Und wir fühlten uns schon gar nicht mit jenen verbunden, für die unsere Steuern »saubere Wäsche, Suppe, ein Dach über dem Kopf oder die tägliche Dosis Insulin« finanzieren. Denn Steuern förderten weniger den Zusammenhalt als eher das egoistische Denken. »Weder Empfänger noch Geber empfinden das Bedürfnis, Danke oder Bitte zu sagen«, klagt de Botton. Daher komme es darauf an, für solche Situationen einen geeigneten Rahmen zu schaffen, der auch die menschliche Dimension hinter solchen Transaktionen sichtbar mache. Und das könne man von den Religionen durchaus lernen, argumentiert er. Dass man ihm Naivität vorwerfen kann, ist de Botton dabei durchaus bewusst. Und dass es in der Geschichte schon früher ähnliche Versuche gegeben hat, die kläglich scheiterten, thematisiert er selbst in seinem Buch. Ihm geht es auch gar nicht im Ernst darum, nun eine neue Form der Religion zu schaffen, sondern viel bescheidener darum, »einige der Lektionen zu identifizieren, die wir von den Religionen lernen können«. Und da, so ist Alain de Botton überzeugt, gebe es genügend Stoff aufzuarbeiten. »Die Weisheit der Religionen gehört allen Menschen, selbst den rationalsten unter uns, und sie verdient es, dass ihre besten Teile auch von den größten Gegnern des Übernatürlichen wieder aufgegriffen werden.« Gewalt Organisierte Religion geht mit Gewaltbereitschaft einher, schrieben kanadische Wissenschaftler 2009. Sie fanden bei Israelis und Palästinensern eine Verbindung zwischen der Häufigkeit von Gottesdienstbesuchen und einer positiven Einstellung gegenüber Selbstmordattentaten. Eine ähnliche Tendenz herrschte auch bei Christen und Hindus. Wie oft die Befragten beteten, spielte keine Rolle. 
 Titel text Christian Schüle Warum wir glauben müssen Dank eines festen Glaubens an etwas (hier Anhänger der Glaubensgemeinschaft der Universellen Weißen Bruderschaft) werden viele Menschen mit den Zumutungen und Bedrohungen des Alltags besser fertig. Der Blick geht dabei immer nach oben, dorthin, wo es offen und unbestimmt ist. Religion geht uns immer weniger an, trotzdem werden wir religiöser . Und das ist auch gut so, schreibt Christian Schüle. U B=(,7:LVVHQBB kann, als zu glauben. Der Mensch ist von Natur aus religiös, und auch der Atheist ist ein homo naturaliter religiosus. Gibt es Beweise für eine solche These? Gibt es. Ausgerechnet durch die Wissenschaft. Psychophysikalisch gesprochen, entspricht kaum etwas dem ausgeprägten Individualismus unserer Tage so sehr wie die Mystik der spirituellen Auffahrt. Der nach Prinzipien der Kausalität und Rationalität erzogene Atheist etwa lebt in einer total vermittelten Medienwelt: Für jedes Gefühl gibt es ein Medium, für jeden Erdwinkel ein Bild, für jede Frage eine Wikipedia-Antwort. Als ganzer Mensch aber hungert er nach Unmittelbarkeit. Er will spüren, sich und das Sein. Er will mitgerissen werden, in eine andere Dimension geraten. Er will erleben und auffahren. Und im mystischen Erlebnis der Verschmelzung mit diesem diffusen »Irgendwohin« seiner Auffahrt ist er selbst das Medium – Körper und Geist, Leib und Seele schließen sich kurz. Der Dualismus von Ich und Korpus, Außen und Innen ist aufgehoben. Und danach? Vielleicht ist der Atheist in der Wahrnehmung seiner selbst verändert, jedenfalls aber fühlt er sich für Man muss nicht an Gott glauben, um zu glauben. Man muss nicht Katholik sein, um etwas anzubeten. Foto Vassil Donev / EPA / dpa Picture Alliance nbefleckte Empfängnis? Da lacht doch heute jeder. Wundertaten eines Heiligen? Nette Märchengeschichte. Wiederauferstehung? Ist höchstens einmal passiert, also unglaubwürdig. Leben nach dem Tod? Schöne Idee, aber völlig unbewiesen. Kirchenschiffe leeren, Kirchenaustritte häufen sich. Von Seelsorge ist nicht mehr viel zu sehen, skateboardfahrende Pfarrer sind irgendwie lächerlich, und der Papst hat seine Kirche auf lebensferne »Entweltlichung« programmiert. Kurzum: Der Zeitgenosse hat andere Probleme und ist auf andere Problemlösungsstrategien angewiesen. Ist er – wie zunehmend mehr Menschen – Atheist, glaubt er womöglich an Technologie und Bionahrung, an sozialen Frieden und Nachbarschaftshilfe. Oder konkreter: Ist er zum Beispiel Lehrer, glaubt er vielleicht an die Kraft der Poesie und humanistische Bildung; ist er Analyst an den Dax und die Börse. Der CEO glaubt an Kapitalakkumulation und Höhlenmeditation, der Unternehmer an ewigen Fortschritt und Reiki, der Chemiker an das Reich des Kohlenstoffs und die digitale Second World; der Astrophysiker an ferne Galaxien; der Psychoanalytiker ans Unbewusste; die Esoterikerin an spirituelle Energien; die Linke an die Revolution, die Rechte an die Kernfamilie, der Liberale an die Freiheit. Fällt bei alldem nicht etwas ins Auge? An irgendetwas glauben alle. Das persönliche Wohlergehen, die Definition eines gelingenden Lebens, so scheint es trotz aller Diesseitigkeit, kommt ohne Glauben nicht aus. Man muss nicht an Gott glauben, um zu glauben. Man muss nicht Katholik sein, um anzubeten. Man muss sich nicht zum Protestantismus bekennen, um seinen Nächsten zu lieben. Wer aber glaubt, der Mensch komme ohne Glauben aus, der glaubt somit erstens selbst und macht zweitens die Rechnung ohne die Spezies Mensch. Das heißt: Der Mensch glaubt, weil er gar nicht anders 
 einen wie lange auch immer währenden Moment nicht mehr überflüssig und zufällig, sondern aufgehoben, geborgen und gewollt. S o gut wie alle Riten und Zeremonien, die in älteren Kulturen mit dem Numinosen und Geheimnisvollen verbunden waren – Geistbeschwörungen etwa, Sonnenwendfeiern, Opferkulte –, sind im Zuge einer unterkühlten ZweckMittel-Rationalisierung des technischen Fortschritts entzaubert und entwertet worden. Doch die helle Ratio, die Axt der Vernunft allein, so scheint es immer mehr, schlägt keine Bresche mehr zum Glück. Weil das Individuum ans Übersinnliche andocken will, gehen Grafikerinnen auf schamanische Reisen nach Hawaii, pilgern Bankangestellte zu den Urmenschen im peruanischen Regenwald und besuchen nachweislich gebildete Frauen immer und immer wieder Wochenendseminare oder spirituelle Sommerakademien, um sich bei einem Fest der Sinne in Meditationen, Kontemplationen, Tanz und Shiatsu an ihre Quelle, ihren Ursprung zu wagen. Es ist die Sehnsucht nach Übersetzung des kleinen Ich ins große Ganze. Der Blick geht dabei immer nach oben, dorthin, wo es offen und unbestimmt ist, weil unten doch alles determiniert scheint. Fast immer beginnt diese Sehnsucht nach dem Oben, wenn sich der auspubertierte Mensch den großen Sinnfragen zuwendet: Ist das, was ich wahrnehme, wirklich? Gibt es einen Plan, der hinter allem steht? Wird mein Leben gelenkt? Das, sagen Religionspsychologen, sei jene Zeit, in der der Mensch bewusst erfährt, dass Glauben ein geistiges Vermögen ist. Auch der Atheist hat die Fähigkeit zu glauben, weil er die Fähigkeit hat, das Andere zu denken. Weil er sich hineindenken kann in das Gegenteil von Sein: in das Nichts. Und gerade weil der menschliche Geist zu dieser Entgrenzungserfahrung in der Lage ist, braucht er Sicherheit und Begrenzung – eine transzendente Heimat, ein metaphysisches Obdach, eine sinnreiche Antwort. Einer der evolutionsbiologischen Vorteile des Glaubens, lehrt die Religionspsychologie, ist »Coping« (Alltagsbewältigung). Will heißen: Als Bewohner einer transzendenten Heimat (egal, welcher) wird der Mensch mit den Zumutungen und Bedrohungen des Alltags besser fertig. Im Glauben hat der oft beziehungslose Einzelne die Möglichkeit, sich selbst zu relativieren, weil Glaube immer eine Beziehung vermittelt. Evolutionspsychologisch betrachtet, ist Religiosität die einzig funktionierende Gemeinschaftsform, die den Egoismus zu reduzieren in der Lage ist. »Ego-Deflation« nennt Sebastian Murken, klinischer Therapeut am Forschungszentrum für Psychobiologie und Psychosomatik der Universität Trier, B=(,7:LVVHQBB Rationales Denken Ein Ball und ein Schläger kosten zusammen elf Dollar. Der Schläger kostet zehn Dollar mehr als der Ball – was kostet der Ball? Wer hier »einen Dollar« antwortet, ist mit höherer Wahrscheinlichkeit gläubiger als jemand, der die richtige Lösung, 50 Cent, nennt. Zu diesem Schluss kamen Forscher in einer Studie im April. Sie folgern, dass rationales Denken und Glauben sich gegenseitig behindern. Rassismus Allein das Denken an Religion kann rassistische Ressentiments verstärken. In einer Studie wurden US-Studenten unbewusst mit religiösen Begriffen konfrontiert, danach ihre Vorurteile mit Fragebögen ermittelt. Probanden, die Wörter wie Kirche und Jesus zu sehen bekamen, wurden als rassistischer gegenüber Schwarzen eingestuft als solche, die neutrale Wörter wie Butter und Hemd lasen. 
rantiert Entlastung und Erleichterung. Kirkpatrick weist die Vorstellung zurück, der Mensch besitze so etwas wie religiöse Instinkte. Religiöser Glaube ist für ihn die Suche nach der Beziehung zu einer Vaterfigur. Je defizitärer die Beziehungsstruktur eines Individuums, desto stärker glaubt es. »Religion ist natürlich und Wissenschaft nicht«, sagt der Religionspsychologe Robert McCauley. Denn der Glaube an einen Gott (auf dem Bild muslimische Gläubige in Kaschmir, die eine heilige Reliquie anbeten) falle viel leichter als das oft anstrengende wissenschaftliche Denken. Hirnphysiologisch betrachtet, sind religiöse Erfahrungen emotionale Erlebnisse, die im limbischen System verankert sind. B=(,7:LVVHQBB den Reiz des Glaubens. Als prosoziales Wesen ist dem Menschen von Geburt an das Bedürfnis nach Beziehung eingeschrieben. Der Bindungstheorie des berühmten britischen Psychoanalytikers und Arztes John Bowlby zufolge wird in der frühkindlichen Sozialisation bis zum Alter von vier mit dem Selbstbild auch ein spezifischer Bindungsstil generiert, der das je spezifische Glaubensmuster prägt. Bis zum zehnten Lebensjahr wird dieses erworbene Vertrauensmuster bestätigt, wodurch sich im Gehirn emotionale Strukturen für das Gefühl von Zugehörigkeit ausbilden. Der amerikanische Evolutionspsychologe Lee Kirkpatrick hat die Gesetzmäßigkeit der Bowlbyschen Bindungstheorie auf das Religiöse erweitert. Jeder Mensch strebt nach einem positiven Selbstbild. Je höher nun aber die innere Spannung zwischen gewünschtem und erlebtem, zwischen positivem und negativem Selbst ist, desto eher versucht der Mensch, diese Spannung religiös zu lösen. Der plötzliche Wechsel zu einem neuen Bezugs- oder Glaubenssystem, die radikale Umwertung von inneren Überzeugungen, von Selbst- und Weltwahrnehmung ga- Foto Waseem Andrabi / Hindustan Times / Getty E thnologisch betrachtet, ist in der Tat verblüffend, wie stark die Bereitschaft, eine überindividuelle Bezugsgröße zu verehren, bis zum heutigen Tag von den Menschen aller Kulturen bejaht wird. Der Glaube an eine höhere Wirklichkeit, das Niederwerfen auf die Knie vor einer Vaterfigur, scheint das denkfähige Subjekt zu erheben. Vielleicht kann selbst der Atheist gar nicht anders, als zu glauben, aus ganz profanen, weil neurologischen Gründen. Der Geist sei zwangsläufig mystisch, mystische Erfahrung sei biologisch real und naturwissenschaftlich messbar, religiöses Erleben habe allein neurophysiologische Grundlagen: Das ist die Behauptung einer vergleichsweise jungen Disziplin namens Neurotheologie, die seit einigen Jahren versucht, den Mechanismus mystischer Erfahrung im menschlichen Gehirn zu verorten, genauer: im Lobus parietalis superior, auch Scheitellappen genannt. Der Begriff Neurotheologie, 1984 von James Ashbrook vom Chicago Center for Religion and Science zum ersten Mal verwendet, steht für den systematischen Versuch neurophysiologischer Forschung, Religiosität von ihrer biologischen Grundlage her zu verstehen. Das bedeutet: Alle Religionen beruhen auf Mythen; der Scheitellappen ist ein wichtiger Teil des mythenbildenden Zentrums im Gehirn; menschliche Rituale können transzendente Einheitszustände hervorrufen, die sich auf den Hypothalamus auswirken. Während einer Meditation wird die Reizzufuhr durch den Hippocampus, der als Filter Beruhigungs- und Erregungsreaktionen im Gehirn reguliert, gestoppt. Die neurologischen Prozesse des Rituals machen aus Mythen gefühlte Erfahrungen; über das religiöse Ritual wird der Mythos im Gehirn messbar. Also schafft sich das Gehirn seinen eigenen Gott. Religiosität, lautet die Erkenntnis neurotheologischer Hirnforscher, ist ein in ihrer Grundstruktur so einheitliches Phänomen, dass man für verschiedene Glaubensrichtungen und Kulturen ein identisches Hirnareal annehmen kann – wobei fast trivial zu sagen ist, dass auch religiöse Emotionen neuronale Grundlagen haben, weil Emotionen immer neuronal bedingt sind. Bei Meditationen lassen sich die gleichen starken Theta-Wellen feststellen wie während eines Orgasmus oder eines intensiven Schmerzerlebnisses. Conclusio? Religiöse Erfahrungen sind hirn- 
 physiologisch betrachtet intensive emotionale Erlebnisse, die unterhalb des kortikalen Mantels im limbischen System, der entwicklungsgeschichtlich ältesten Hirnregion, verankert sind. A ber das ist noch nicht alles. Aus zahlreichen religionsmedizinischen Studien vornehmlich amerikanischer Wissenschaftler geht hervor, dass Gläubige gesünder sind als Nichtgläubige. Menschen, die mystische Zustände erfahren, weisen angeblich ein höheres Maß an psychischer Gesundheit auf als die Bevölkerung insgesamt. Der klinische Psychologe David Larson vom amerikanischen National Institute for Healthcare Research hat alle zwischen 1978 und 1989 erschienenen Untersuchungen seines Instituts systematisch auf den Zusammenhang zwischen Glauben und psychischer Gesundheit ausgewertet und kommt zu dem Fazit, Religiosität wirke sich in 84 Prozent der Fälle positiv, in 13 Prozent neutral und in 3 Prozent gesundheitsabträglich aus. Eine breit angelegte Studie über den Zusammenhang zwischen Religiosität und Mortalität aus dem Jahr 1999 will beweisen, dass 20-jährige USAmerikaner, wenn sie einmal pro Woche den Gottesdienst besuchen, eine um 6,6 Jahre höhere Lebenserwartung haben als Menschen, die nie einen Gottesdienst besuchen. Naheliegend ist erst einmal der Rückschluss auf die subjektive Verhaltensweise im Angesicht des Transzendenten. Das Gesundheitsverhalten von Gläubigen ist grundsätzlich günstiger: Sie rauchen weniger, trinken weniger Alkohol und nehmen seltener Drogen, erfahren größere soziale B=(,7:LVVHQBB Unterstützung in der Gemeinschaft und genießen bessere Krankenpflege in intakten Familien. Harold Koenig, Direktor des Center for the Study of Religion/Spirituality and Health an der Duke-Universität Durham, North Carolina, will in seinen Kohortenstudien sogar nachgewiesen haben, dass religiöse oder spirituelle Aktivitäten zu einer Reduktion depressiver Symptome führen: »Wir wissen, dass religiöser Glaube die Dauer depressiver Schübe reduziert.« Glaube steigert also das subjektive Wohlbefinden – auch das des Atheisten: Der freilich glaubt, dass es Gott nicht gibt. Daran aber glaubt er. Die entscheidende Frage lautet schließlich: Könnte das Leben, könnte die Gesellschaft, könnte die Welt ohne Glauben funktionieren? Die Antwort lautete Nein, weil die eigentliche Währung des Religiösen das Vertrauen ist. Um in einer hochdifferenzierten, auf zerbrechlichen Übereinkünften basierenden Umwelt zu überleben, muss der Mensch sich von vornherein auf den guten Gang der Dinge verlassen. Er muss mit der konstanten Stabilität seiner Lebenswelt rechnen. Auch der Atheist muss vertrauen können, einen doppelten Boden hat er dafür nicht. Er muss auf seine Sinne vertrauen und kann das Wahrgenommene nicht andauernd infrage stellen. Darum geht es letztlich jedem Menschen, ob Atheist, Esoteriker, Christ, ob Maschinenbauer, Chemiker, Webdesigner oder Bäcker: um die Hoffnung auf die für ihn ideale Ordnung. Um die Geborgenheit im Diesseits. Um das Heil in Gemeinschaft. Um den Rausch der spirituellen Erfahrung. Im Vertrauen versichert sich das Individuum seiner selbst. Wer glaubt, hofft. Wer hofft, vertraut. Und wer vertrauen kann – lebt der nicht glücklicher? Aberglaube Aberglaube kann einen Teil der Moral stiftenden Funktion von Religion übernehmen. Das legt eine Studie von 2005 nahe: Hier betrogen Erwachsene seltener bei einem Computertest, wenn ihnen gesagt wurde, dass ein Geist im Raum sei. Bei abergläubischen Kindern wirkte die angebliche Anwesenheit einer unsichtbaren Prinzessin sogar so stark wie die Präsenz eines echten Erwachsenen. 
 Titel interview Ulrich Schnabel & Christian Schüle »Diese Erfahrung ist universell« auch atheisten kennen die Erfahrung der Selbsttranszendenz. Sie deuten diese nur anders als religiöse Menschen. B=(,7:LVVHQBB Steht das Gefühl der Selbsttranszendenz in meiner Macht, oder widerfährt es mir? Es ist wie mit der Kreativität: Ich kann sie nicht erzwingen. Inspiration ist auch nicht steuerbar, sondern die Erfahrung, dass ein Geist in mich fährt. Konkreter: Wenn ich ein Problem kreativ lösen will, brauche ich eine spezifische Form der Entspannung bei gleichzeitiger Konzentration auf die Situation. Ich muss mich zugleich distanzieren und öffnen können für eigene neue Impulse und neue Wahrnehmungen der Welt. Kann man die Erfahrung der Selbsttranszendenz nicht auch im Fußballstadion machen oder bei einem Konzert? Wann kommt die Religion ins Spiel? Tatsächlich gehören solche kollektiven Formen der Selbsttranszendenz für viele zu den intensivsten Erfahrungen überhaupt. Religionen offerieren für Erfahrungen der Selbsttranszendenz ein bestimmtes Repertoire an Deutungen. Atheisten halten genau diese Deutungen für Illusionen. Was wir brauchen, ist eine Auseinandersetzung über die Deutung von Erfahrungen, die wir teilen. Vorbei ist es dann mit dem Eindruck, Gläubige hätten ein Geheimwissen, das Nichtgläubigen prinzipiell verschlossen sei. Religionen stellen aber Rahmen bereit, um bestimmte Erfahrungen erst zu machen – etwa Räume der Stille oder Meditationen im Kloster. Erfahrungen der Selbsttranszendenz können einen völlig unerwartet überkommen, wie etwa das SichVerlieben in der ersten Minute einer Begegnung oder das Überwältigtwerden vom Mitleid mit einem anonymen anderen. Später merkt man dann allerdings oft, dass eine gewisse Stimmung bereits vorhanden war, die es in einer anderen Lebenslage nicht gegeben hat. Es ist aber völlig richtig: Religionen schaffen einen Raum, der Erfahrungen der Selbsttranszendenz ermöglicht. Jeden Sonntag in den Gottesdienst gehen heißt für den Katholiken ja nicht, dass er immer eine sein Selbst mitreißende Erfahrung macht, sondern dass er diese bestimmte Erfahrung garantiert nicht machen wird, wenn er nicht geht. Brauchen wir die Religion für unseren gesellschaftlichen Zusammenhalt? »Ohne Gott keine Moral«? Die Empirie spricht eine andere Sprache. Es stimmt nicht, dass Nichtgläubige notwendig unglücklicher wären, unmoralisch und zu altruistischen Hand- Biografie Hans Joas ist einer der profiliertesten Soziologen in Deutschland. Nach Professuren in Erlangen, Berlin und Erfurt ist der 64-Jährige nun Permanent Fellow am Freiburg Institute for Advanced Studies und Professor an der University of Chicago. Im Sommersemester 2012 hatte Joas als erster Wissenschaftler die neu geschaffene Gastprofessur der Joseph Ratzinger Papst Benedikt XVI.Stiftung an der Universität Regensburg inne. Sein jüngstes Buch »Glaube als Option« erschien im Juni im Herder Verlag. Foto privat Herr Joas, glauben Sie? Ja. Woran? Ich dachte, Sie reden vom christlichen Glauben. An eine Erdgöttin glaube ich jedenfalls nicht. Was ist das überhaupt, Glauben? Ein sehr starkes Gefühl von Gewissheit und Vertrauen. Wir müssen unterscheiden zwischen der umgangssprachlichen Verwendung von »Glauben« im Sinne eines Nicht-ganz-sicher-Wissens und religiösem »Glauben« im Sinne einer solchen Haltung des Vertrauens und der Gewissheit vor aller Reflexion. Wenn ich jetzt sage: Ich glaube nicht – habe ich etwas falsch gemacht? So würde ich nie reden. Auch der militanteste Atheist weiß ja, was ein tief sitzendes Vertrauensgefühl ist. Wir alle würden seelisch zusammenbrechen, hätten wir nicht Erfahrungen der Geborgenheit bei anderen Menschen. Solche Erfahrungen, die fundamentale Gewissheiten konstituieren, sind allen Menschen zugänglich. Von da aus ist der Zugang zum Glauben im anspruchsvolleren Sinn zu bahnen. Es ist also kein Bezug auf Gott oder Jesus Christus oder sonst wen nötig, um zu glauben? Zunächst einmal nicht, wenn wir alle Arten des Glaubens einbeziehen wollen. Die fundamentale Erfahrung, von der ich spreche, nenne ich Selbsttranszendenz. Das soll ein bloß beschreibender psychologischer Begriff sein, weit entfernt noch von Transzendenz im Sinne eines Über-Irdischen. Selbsttranszendenz heißt: Wir werden aus den Grenzen unseres Selbst herausgerissen, indem wir einer starken, uns anziehenden Kraft begegnen. In Ihrem neuen Buch »Glaube als Option« vertreten Sie die These, dass der christliche Glaube heute nur noch eine »Glaubensmöglichkeit« neben vielen anderen ist. Heißt das, dass ich auch als Ungläubiger selbsttranszendente Erfahrungen machen kann? Selbstverständlich. Diese Erfahrung ist universell. So wie auch Liebesgefühle zum anthropologischen Grundbestand gehören. Es gibt ja keinen Menschen, der nicht wüsste, was Gefühle der Liebe sind. Alle Menschen haben Zugang zu diesen Erfahrungen. Sie deuten sie innerhalb ihres kulturellen Raums freilich höchst unterschiedlich. 

 Titel lungen nicht in der Lage. Das zeigen beispielsweise stark säkulare Länder wie Schweden. Eine Gesellschaft ist auch ohne Religion stabilisierbar. Dieser Befund macht manche Untergangspropheten ganz wütend. Dennoch sehen Sie das Christentum im Aufwind. Man muss sich vor Augen führen, dass wir derzeit, Kriminalität global gesehen, eine der größten Expansionsphasen Wer an die Hölle glaubt, des Christentums in der Geschichte erleben. In Chibegeht weniger Straftaten. Das berichteten amerikana, Südkorea, Afrika nimmt die Zahl der Christen nische Psychologen im rasant zu. Nur nehmen das viele in Europa gar nicht Juni. Sie werteten statistizur Kenntnis, sondern blicken eher nostalgisch auf sche Daten von mehr das Mittelalter zurück. Die aktuelle Entwicklung erals 140 000 Menschen aus scheint dann als Verfall. über 60 Ländern aus. In Europa verliert das Christentum an Mitgliedern In Ländern mit einem verund Einfluss. Was ist passiert? breiteten Glauben an die Die Geschichte der europäischen Säkularisierung ist Hölle herrschte insgesamt sicher auch eine Geschichte massiver Enttäuschuneine niedrigere Kriminalitätsrate als in Ländern, gen. Viele Kirchenvertreter tun so, als wären eines wo der Glaube an den Tages quasi von einem anderen Stern Ungläubige geHimmel bedeutender ist. landet und hätten – teils durch Verführung, teils durch Zwang – andere vom christlichen Glauben abgehalten oder weggezerrt. So ist es natürlich nicht. Die Enttäuschung vieler Gläubigen hat auch damit zu tun, dass sich die Kirchen mit den verschiedensten politischen Ordnungen immer wunderbar arrangiert haben, statt für das Ethos des Christentums Wert einzutreten. Als etwa die preußischen Revolutionäre Kann man der Religion 1848 sahen, wie regimetreu sich die protestantische einen ökonomischen Wert Kirche verhielt, waren sie so enttäuscht, dass sich zuweisen? Eine Forschungsmanche auch von dieser Kirche und vom Glauben arbeit vom April dieses Jahres versuchte es. Sie kam abwandten. Darin liegt ein Impuls für die Säkularisierung des deutschen Liberalismus. für die USA auf einen Was können die Kirchen aus ihrer Geschichte lerWert von etwa 50 000 Dollar. So viel Geld müsste nen, was müssen sie anders machen? man ausgeben, um die Die Konsequenz daraus kann jedenfalls nicht sein, Wirkung von achtmal Bedass die Kirchen künftig agieren wie politische Parten pro Woche auf das teien und in allen Fragen »populäre« Haltungen einWohlempfinden zu erreinehmen. Das soll aber nicht heißen, dass es keine chen. Achtmal ist DurchNeuerungen geben darf. Ich bin etwa dafür, in der schnitt für Gläubige in katholischen Kirche Frauen als Priester einzusetzen. den USA. Das DurchAber der Grund dafür ist nicht, dass ich das für schnittseinkommen liegt populär halte, sondern dass ich überzeugt bin, dass bei etwa 45 000 Dollar. Hristio Boytchev es das Richtige ist. Es ist offensichtlich, dass die katholische Kirche zurzeit das vorhandene Frauenpotenzial nicht ausschöpft und sich dadurch selbst schädigt. Und durch den Pflichtzölibat schöpft sie noch nicht einmal das männliche Potenzial aus. Die Kirchen müssen auch das Risiko auf sich nehmen, für etwas einzutreten, was unpopulär ist und die Leute eher wegtreibt. Sie müssten in den USA energischer gegen die Todesstrafe sein oder hätten vehementer gegen den Irakkrieg auftreten können. Wie sollen sich die Kirchen gegenüber der neu auftretenden »Konkurrenz« des Islams, des Buddhismus und anderer Religionen verhalten? B=(,7:LVVHQBB Ich würde in einem vom Säkularismus geprägten Zeitalter jeder Religionsgemeinschaft raten, die Existenz anderer Religionen grundsätzlich zu begrüßen. Gerade die Kirchen sollten für Religionsfreiheit und Pluralismus eintreten – und zwar aus religiösen Gründen. In den USA findet man selbst in kleinen Ortschaften mitunter sieben Kirchen. Solche Pluralität stört niemanden. Im Gegenteil, sie sorgt dafür, dass die Religion im öffentlichen Leben präsent bleibt. Ich plädiere nicht für die Entleerung öffentlicher Plätze von religiösen Symbolen, sondern für die Vervielfältigung dieser Symbole. Wie man das Geläut der Kirchenglocken akzeptiert, könnte man auch den Ausrufer auf dem Minarett respektieren. Ist heute nicht auch die Sprache ein Teil des Problems? Unter bestimmten religiösen Begriffen verstehen ja längst nicht mehr alle Menschen dasselbe. Kann es sein, dass wir gerade in religiösen Fragen zum Teil glorios aneinander vorbeireden? Bestimmt. Manchen sind zentrale Begriffe des Christentums völlig unverständlich geworden, andere aber leben noch in dieser traditionellen Sprache. Das macht es natürlich Priestern oder gläubigen Intellektuellen schwer, eine Sprache zu finden, die sowohl den Gläubigen das Gefühl der Kontinuität vermittelt als auch den Ungläubigen verständlich wäre. Deshalb spreche ich zum Beispiel auch nicht von der »Gottesebenbildlichkeit« des Menschen, sondern verwende lieber den artifiziellen Begriff »Sakralität der Person«, weil dieser für Gläubige wie Ungläubige anschlussfähig sein soll. Verzweifeln Sie manchmal an Ihrer Kirche, an Ihrem Glauben? Nein, keineswegs. Ich bin der Meinung, dass die Botschaft des Christentums von unerhörter Aktualität ist. Denken Sie an das Ethos der Nächstenliebe: Für mich hat die Vorstellung, dass es ein Überschreiten des Eigennutzes und der Dynamik der Konflikteskalation gibt, lebenslang eine ins Mark gehende Attraktivität. Das ermöglicht eine Vision des Ausstiegs aus Gewaltspiralen, der nicht von vornherein in der Natur des Menschen angelegt ist. Der Religionspsychologe William James sagte vor hundert Jahren: »Würden wir die Vorschrift ›Liebet eure Feinde!‹ wirklich befolgen, würde dies die Welt radikal verändern.« Allerdings hat diese Revolution bis heute nicht stattgefunden. Natürlich. Das ist ja auch alles andere als einfach. Außerdem hat James gesagt: Wir leben in einer Welt menschlicher Krokodile. Das heißt: Wir dürfen das Liebesethos nicht naiv verstehen. Sonst heißt es am Ende: »Schieb mal rüber. Du bist doch Christ und musst immer nachgeben.« So ist das nicht gemeint. Aus dem Ethos muss schon etwas Realitätstüchtiges entstehen. Und darum muss man sich immer wieder neu bemühen. —— 

   FORSCHUNG & TECHNIK zeit wissen s 28 bis s 51 Max Rauner, Redakteur von ZEIT Wissen, erreichen Sie unter max.rauner@zeit.de. Was wichtig war Ist die Realität, also unser Universum, die Erde samt ihren Bewohnern, nur eine simulation auf einem Supercomputer späterer Zivilisationen? Durchaus möglich, behauptete der Philosoph Nick Bostrom von der Universität Oxford vor zehn Jahren. Mit einem Rechner von der Größe der Erde ließe sich unsere Welt simulieren, schätzt er. Wir wären dann intelligente avatare in einer Software-Matrix. Kein schöner Gedanke. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft hat nun eine Arbeit gefördert, die diese Hypothese zu widerlegen versucht. Drei Physiker kommen darin zu dem schluss: Wenn wir wirklich eine Simulation wären, würden kosmische Teilchen nicht gleichmäßig aus allen Richtungen, sondern bevorzugt entlang von drei Achsen auf die Erde einprasseln. Dieser Fehler schleicht sich ein, weil Simulationen den Raum in winzige kleine Kästchen einteilen. Allerdings: Je besser der Computer ist, desto schwieriger wird es für uns, den Effekt zu beobachten. Das deutlichste Signal wäre immer noch ein Computerabsturz. Und tschüss! Was wichtig wird Das Urteil war ein Schock: Sechs Jahre Haft für sechs erdbebenforscher, weil sie dem Gericht zufolge mit Schuld tragen am Tod von Bewohnern der italienischen Stadt L’Aquila, die 2009 bei einem Großbeben ums Leben kamen. Ein fragwürdiges Urteil, zumal die Forscher ihrer Darstellung nach gar keine Entwarnung gegeben hatten. Nun warten alle auf die Urteilsbegründung, die bis Ende Januar vorliegen soll. Europäische Wissenschaftsakademien wollen jetzt intensiv über die Verantwortung der Wissenschaft und gute risikokommunikation diskutieren. Das ist überfällig, der Anlass absurd. B=(,7:LVVHQBB 
 Das tragbare Auge Foto Google dieser google-angestellte steigt mit 15 Kameras im Rucksack-Gestell in den Grand Canyon hinab. Später werden die Fotos für Google Street View zu Panoramen verknüpft. Massenproteste sind diesmal nicht zu erwarten: Im Canyon sind um diese Jahreszeit nur wenige deutsche Urlauber unterwegs. Außerdem werden Gesichter verpixelt. B=(,7:LVVHQBB 
 Forschung & Technik text Ulf Schönert fotos Sebastian Arlt Rettung vor der Bilderflut digitalkameras produzieren oft unzählige schlechte Fotos, die sich niemand anschaut. Die neue Generation könnte das ändern. Authentisch war gestern. Künftig kommt das Foto fertig retuschiert aus dem Chip. Nachträglich scharf stellen geht auch schon. B=(,7:LVVHQBB W illenlos muss man sein. Sich unterwerfen. Auf die Selbstbestimmung pfeifen. Ja, moderne kleine Digitalkameras fordern ihren Tribut: Sie überlassen nichts mehr dem Zufall, nehmen dem Fotografen all das ab, was er womöglich falsch machen könnte. Aber nicht nur das: Mit spektakulären neuen Funktionen wollen sie ihm seine Wünsche von den Lippen ablesen. Lange Zeit war das anders: Da waren die kleinen Knipsen nur gut für Schnappschüsse. Sie waren zwar billig, einfach zu bedienen und so klein, dass man sie immer dabeihaben konnte. Die Fotos aber wurden eher mittelmäßig. Und weil man das schon beim Fotografieren ahnte, knipste man einfach dasselbe Motiv zigfach – und müllte damit die Festplatte zu. Gute Fotos machen, das konnten nur die großen und teuren Spiegelreflexkameras. Dazu musste man sie allerdings auch bedienen können. Und man musste einiges mitschleppen: die schwere Kamera und Objektive für verschiedene Gelegenheiten. Doch jetzt ist alles anders. Kompaktkameras können mittlerweile Bilder machen, deren Qualität früher hochpreisigen Großgeräten vorbehalten war. Der Grund: eine immer bessere Software und eine immer leistungsfähigere Elektronik. Vorbild sind dabei gerade die Geräte, die ihnen die größte Konkurrenz machen: die Smartphones. Fortgeschrittene Fotografen dürfte das kalte Grauen überkommen. Authentisch war gestern. Künftig kommt das Foto fertig manipuliert und retuschiert aus dem Kamerachip. Alle anderen jedoch dürfen hoffen: dass sie selbst bessere Bilder machen. Bestes Beispiel für die Hochrüstung der Digitalkameras ist die automatische Szenenerkennung: Vor dem Auslösen analysiert sie blitzschnell die Situation, in der das Foto gemacht werden soll. Wie hell ist es? Beleuchtet die Sonne oder eine Neonröhre die Szenerie? Ist das Motiv ein Gesicht? Und wenn ja, welches? In Sekundenbruchteilen entscheidet sich die Kamera für ein Motivprogramm: eine gut abgestimmte Mischung verschiedener Kamera-Einstellungen wie Belichtungsdauer, Weißabgleich und Fokussierung, die optimal auf eine Situation zugeschnitten ist. Es gibt Programme für Landschaft, Porträt oder Schnee und Dutzende weitere Situationen. Wie gut moderne Kameras auch komplizierte Situationen analysieren können, wird bei der automatischen Gesichtserkennung deutlich. Selbst in schwierigen Situationen, etwa wenn Menschen nur von der Seite zu sehen sind oder gar auf dem Kopf stehen, erfassen moderne Kameras oftmals bis zu ein Dutzend Gesichter gleichzeitig. Sie rechnen aus, wie Belichtung, Schärfe und Weißabgleich darauf einzustellen sind. Manche Modelle gehen noch weiter: Sie erkennen nicht nur, dass ein Mensch geknipst wird, sie identifizieren die Person sogar. Die Rechenarbeit, die dazu nötig ist, hätte in früheren Zeiten die Leistungskraft ganzer Computer beansprucht. Dass sie mittlerweile auch in einer Kamera geleistet wird, ist der Forschungsarbeit der Hersteller zu verdanken. Manche Prozessoren sind inzwischen so schnell, dass sie laut Herstellerangaben bis zu 60 Serienbilder pro Sekunde verarbeiten können. Sie können Schärfe, Belichtung und Farben analysieren. Anschließend schlägt die Elektronik eine Auswahl der mutmaßlich gelungensten Bilder vor – 
 was ihr erstaunlich gut gelingt. »Best Moment Capture« nennt sich diese Funktion in Nikon-Kameras. Viele dieser Techniken haben sich die Kamerakonstrukteure von den Smartphone-Herstellern abgeschaut. Denn es waren deren Handys, die in den vergangenen Jahren vorgemacht haben, wie man mithilfe von schnellen Prozessoren und gut programmierter Software die Nachteile von kleineren Bildsensoren und schlechterer Optik kompensieren kann. D ie Kamera-Industrie reagiert auf die Konkurrenz, indem sie sich an ihr orientiert – und verstärkt auf Qualität setzt. Anstatt die Bilderflut immer weiter ansteigen zu lassen (allein in Deutschland werden nach aktuellen Zahlen in jeder Sekunde etwa 2000 Fotos geschossen), sollen die Bilder besser werden. Wer etwa bei Feuerschein oder in der Dämmerung fotografiert und die stimmungsvolle Szenerie nicht mit einem Blitz zerstören will, kann auf die Hilfe der Kamera zählen – und muss nicht unzählige Testaufnahmen machen, die allesamt verwackeln. Eine ausgeklügelte Bildstabilisierung erkennt Bewegungen der Kamera oder des Motivs und steuert den daraus resultierenden Verwackelungen schon während des Fotografierens entgegen. Noch raffiniertere Tricks, um auch bei Dunkelheit verwacklungsarme Bilder aufzunehmen, nutzen andere neue Geräte: Sie nehmen mehrere Fotos hintereinander auf, um sie dann vom eigenen Bildbearbeitungsprogramm automatisch zu einem einzigen Bild zusammenzusetzen lassen. Solche sogenannten B=(,7:LVVHQBB »Multishot«-Techniken ermöglichen Fotos, die es so bislang nicht gab oder die in früheren Zeiten mühsam in Handarbeit am Computer zusammengesetzt werden mussten. Fotos, auf denen alle Bildbereiche gleich scharf sind, zum Beispiel. Wie oberschlau moderne Kameras sein können, zeigen auch Funktionen wie die Lächel-Erkennung (»Smile Shutter«). Entsprechend voreingestellt, lösen Digitalkameras mit dieser Funktion genau in dem Moment aus, wenn jemand lächelt. Andere Kameras führen eine Blinzelprüfung durch, die warnt, wenn der zu Fotografierende bei der Aufnahme die Augen geschlossen hat. Wieder andere gehen mit »Beauty-Shot«-Funktionen elektronisch gegen Hautunreinheiten vor. Und die »Klarbildzoomtechnologie« von Sony hilft, Details von extrem nah herangezoomten Objekten zu verbessern. Dabei analysiert der Kameraprozessor die Strukturen des eingefangenen Motivs und vergleicht sie mit Tausenden werksseitig gespeicherten Vorlagen. Anhand dieser Daten optimiert er die Details in den Randbereichen und vermindert so Verpixelungen. Die »Ein-Klick-Verbesserung«, das automatische Aufhübschen, wie es früher nur Bildbearbeitungsprogramme am Rechner beherrschten, tut dann ihr Übriges: Sie wird in vielen Geräten standardmäßig und unbemerkt eingesetzt. All das hat Auswirkungen auf die Art und Weise, wie fotografiert wird. Was früher wichtig war und oft nur Vielfotografierer beherrschten, spielt in modernen Kameras kaum noch eine Rolle – Kenntnisse über Blenden und Verschlusszeiten zum Beispiel. Wer früher beispielsweise ein Porträt schießen wollte, auf dem sich das Gesicht scharf vom unscharfen Hin- Jetzt mal bitte alle still stehen! Nein, nicht rausrennen ... zu spät, schon abgedrückt. Also einfach noch mal. Und noch mal ... Schluss damit! Eine neue Funktion lässt die Kamera schnell hintereinander fünf Bilder schießen und setzt daraus ein einziges Foto zusammen. 
 Forschung & Technik Wie viele Fotos haben wir auf der Festplatte, auf denen der Freund einfach nur schrecklich aussieht? Und wie schön wäre es, wenn die Kamera nur dann auslöst, wenn jemand gerade lächelt? Mit den neuen Kameras geht dieser Wunsch in Erfüllung, »Smile Shutter« heißt die Funktion. Smarte Kameras für bessere Bilder Nokia Lumia 920 Die Geräte der neuen Lumia-Serie mit dem Windows Phone 8 machen auch bei wenig Licht gute Fotos. Spaß bringen vorinstallierte Apps wie »Kreativ-Studio«. etwa 600 Euro Sony NEX-5R Dass die Systemkameras der NEX-Serie zu den besten der Welt gehören, liegt auch an der Software: Die »intelligente Automatik« liefert exzellente Ergebnisse. Trotzdem lässt das Gerät dem Fotografen noch viele Freiheiten. Über WLAN kann man die Kamera mit Apps erweitern. etwa 750 Euro Samsung Galaxy Camera Das Android-Betriebssystem macht zahlreiche Erweiterungen möglich. Trotzdem ist die Galaxy Camera nicht perfekt: Ihr Gehäuse ist relativ klobig, und der Preis ist hoch. 699 Euro B=(,7:LVVHQBB tergrund absetzt, musste dafür Fokus und Blende richtig einstellen, damit wirklich nur die gewünschte Bildebene scharf wird. Inzwischen reicht es oft, den entsprechenden »Touchfokus«-Modus auszuwählen und dann per Fingertipp den Teil des Bildes zu bestimmen, der auf dem Foto scharf aussehen soll. Ähnlich einfach lassen sich Parameter wie Belichtungszeit, Helligkeit, Farbsättigung oder Tiefenschärfe einstellen. Wie das fertige Bild aussehen wird, kann der Fotograf bei einigen Modellen schon vor dem Auslösen auf dem Kameradisplay erkennen. Verändert man eine Einstellung, bildet sich dort der Effekt in Echtzeit ab. Erst wenn alles stimmt, drückt man auf den Auslöser. W ie sehr Fotoapparate inzwischen bei Handys abgucken, zeigt sich am deutlichsten bei der neuesten Kamera von Samsung. Die Galaxy Camera ist eine Art Zwitterwesen aus Fotoapparat und Smartphone. Sie verfügt über den zurzeit wohl stärksten Kameraprozessor, wie man ihn auch im Smartphone Galaxy S III findet, einen Quadcore-Chip. Ihr ungewöhnlichstes Merkmal aber ist das Betriebssystem Android, das sonst nur in Handys zum Einsatz kommt. Durch Android kann die Galaxy Camera fast beliebig mit immer neuen Funktionen erweitert werden. Man kann mit ihr im Internet surfen, Mails checken und Apps installieren. Wichtige Funktionen lassen sich der Galaxy Camera sogar per Spracheingabe befehlen. Ein vorinstallierter »Photo Wizard« ermöglicht auch anspruchsvolle Bildbearbeitung. Auf Wunsch schlägt die Kamera Bilder vor, die so misslungen sind, dass sie besser gelöscht werden sollten. Die Galaxy Camera ist zwar nicht der erste Fotoapparat mit dem Android-Betriebssystem. Aber sie ist die erste, die die Möglichkeiten der neuen Technologie ausreizt. Nicht wenige Marktbeobachter glauben deshalb, dass sie eine Art Prototyp für den Fotoapparat der Zukunft ist. Der vereint dann alle Vorteile von traditionellen Kameras – große Bildsensoren und lichtstarke Zoom-Optik – mit der Rechenkraft, der Software und den Kommunikationsmöglichkeiten aus der Smartphone-Welt. »In wenigen Jahren wird die Mehrzahl der Kameras mit Smartphone-Betriebssystemen laufen«, sagt Michael Schidlack vom Branchenverband Bitkom. Dafür sprächen nicht allein die erweiterten Möglichkeiten, die die Software biete, sondern auch die verbesserte Bedienbarkeit. »Gerade jüngere Leute kennen das von ihren Smartphones und erwarten es auch von den Kameras.« Ein weiteres Plus von Android seien die vereinfachten Möglichkeiten der Vernetzung, des Herunterladens von Bildern direkt von der Kamera. Schon jetzt werden immer mehr neue Kameras mit Funktechniken wie WLAN ausgestattet. Wie Handys können sie damit ihre frisch geschossenen Bilder sogleich in Online-Fotospeicher hochladen oder auf Blogs oder bei Facebook veröffentlichen. Tatsächlich wollen auch andere große Hersteller Geräte mit Android oder ähnlichen Betriebssystemen auf den Markt bringen. Für die neue Kamera NEX-5R bietet Sony die Möglichkeit, den Funktionsumfang mit Apps nachträglich zu erweitern. Und auch von anderer Seite her nähern sich Smartphones und Kameras immer mehr an. Beson- 
 ders der abgeschlagene Handyhersteller Nokia setzt auf bessere Fototechnik als Verkaufsargument für seine neuen Smartphones. Das 808 Pureview mit seinen 41 Megapixeln lässt allein von der Auflösung her jede herkömmliche Kompaktkamera weit hinter sich. Und auch die neuen Lumia-Modelle mit dem Betriebssystem Windows 8 sind mit außergewöhnlich guten Optiken ausgestattet. E benso viel Entwicklungsenergie hat der Hersteller in die Kamerasoftware gesteckt. Bestes Beispiel dafür ist die »Smart-Gruppenaufnahme«. Wählt der Fotograf diese Funktion aus, werden zum Beispiel von einer Fußballmannschaft in schneller Folge fünf Bilder nacheinander aufgenommen. Nun kommt die Software ins Spiel: Algorithmen erkennen nicht nur die Gesichter selbst, sondern analysieren zudem, auf welchem Foto jede einzelne Person am besten aussieht – zumindest nach den ästhetischen Kriterien der Software. In einem letzten Schritt werden schließlich aus allen geschossenen Bildern die besten Ausschnitte zu einer einzigen Aufnahme zusammengefügt. Wer Au- B=(,7:LVVHQBB thentizität sucht, muss von solcher Technik allerdings die Finger lassen. Es geht aber noch mehr. So wurde kürzlich bekannt, dass Samsung einen Chip entwickelt hat, der ähnlich wie die Kinect-Kamera der Spielkonsole Xbox sogenannte Tiefendaten sammelt. Anders als ein herkömmlicher Bildchip registriert dieser Sensor nicht allein das einfallende Licht, sondern auch den Abstand des fotografierten Objekts zur Kamera. Gut möglich, dass eine auf dieser Technologie basierende Kamera in ein paar Jahren nicht nur 3-D-, sondern auch Lichtfeldaufnahmen liefert, bei denen die Einstellungen nicht mehr bis zum Moment des Auslösens, sondern auch noch danach vorgenommen werden können. Ein ähnliches Konzept verfolgt schon jetzt die Lichtfeld-Kamera von Lytro, die seit einiger Zeit im Handel erhältlich ist. Auch sie erfasst alles Licht der Umgebung und erlaubt das nachträgliche Scharfstellen an beliebigen Stellen des Bildes. Gerüchte besagen, dass sich der verstorbene Apple-Chef Steve Jobs für die spektakuläre Technik interessierte. Eine Nachricht, die vielleicht auch die anderen Kamerahersteller freute: Endlich war mal wieder ein Fotoapparat Vorbild für Smartphones. —— Canon Ixus 125 HS Mit der »Face-ID«-Funktion kann die kleine Kamera Gesichter nicht nur erkennen, sondern auch identifizieren, wenn die Namen anfangs einmal eingegeben wurden. Bis zu zwölf Personen speichert die Kamera, deren Gesichter sie auf Gruppenbildern bevorzugt scharf stellt. ab etwa 120 Euro 
 Forschung & Technik text Tobias Hürter algorithmen erleichtern unseren Alltag. Doch sie bekommen immer mehr Macht – und beginnen unser Leben zu bestimmen. B=(,7:LVVHQBB 
 Foto akg / Science Photo Libary A m 6. Mai 2010 um 14 Uhr, 42 Minuten und 44 Sekunden Eastern Standard Time passiert das Unvorhergesehene: Die Kurse an der Wall Street fallen plötzlich ins Bodenlose, der Dow-Jones-Index stürzt so heftig ab wie nie zuvor, um fast tausend Punkte. Binnen fünf Minuten verschwinden neun Prozent des Markts im Nichts. Händler und Aufseher starren fassungslos auf ihre Monitore. Und sind machtlos: Die vollautomatischen Handelssysteme spielen verrückt. »Ich habe keine Ahnung, was das verursacht hat«, sagt der britische Finanzmathematiker Paul Wilmott, der die Handelssysteme der Finanzmärkte kennt wie kaum ein anderer. Inzwischen gibt es einen Namen für die wilden Kursausschläge jener Minuten: Flash Crash. Eine Erklärung gibt es bis heute nicht. Nach sechseinhalb Minuten war der Spuk vorüber. Die Kurse erholten sich fast so schnell, wie sie eingebrochen waren. Der amerikanische Wissenschaftshistoriker George Dyson kam sich vor wie der Zeuge eines schlimmen Verkehrsunfalls: »Man glaubt, dieser Motorradfahrer muss völlig zerschmettert sein. Und dann steht er einfach auf und geht weg.« An jenem Tag mussten die Broker lernen, dass sie nicht mehr Herr im eigenen Haus sind. Die Algorithmen, von denen sie inzwischen einen großen Teil ihrer Geschäfte erledigen lassen, bestimmen oft das Geschehen an den Börsen. Sie tätigen bereits mehr als 70 Prozent der Transaktionen an der Wall Street. Mit diesen Algorithmen sind die Computer programmiert. Sie bestimmen nach festen Regeln, wie die jeweils aktuellen Daten zu bewerten sind und welche Aktionen das auslöst. Die Maschinen folgen dann automatisch einer langen Reihe von Handlungsanweisungen, so komplex, dass ein Mensch längst den Überblick verloren hätte. Binnen Mikrosekunden analysieren sie Trends und Charts, gleichen sie mit riesigen Datenbanken ab, suchen nach Mustern in Kursen und platzieren ihre Order. Sie haben den Deal längst abgeschlossen, bevor die menschlichen Händler auch nur geblinzelt haben. Nicht nur an der Börse, überall in unserem Leben sind inzwischen Algorithmen am Werk. Sie bestimmen mit, welche Bücher wir lesen; sie schätzen unsere Kreditwürdigkeit ein; sie suchen uns Freunde und Partner aus, filtern die Nachrichten, die uns erreichen. Hinter den Kulissen von Yahoo News, der meistbesuchten Internet-Nachrichtenseite der Welt, analysieren raffinierte Algorithmen die Interessen der Besucher und setzen ihnen die Informationen vor, die zu diesen Vorlieben passen. Das neu gegründete Unternehmen Narrative Science in Chicago geht noch einen Schritt weiter, es lässt die Nachrichten gleich von Algorithmen schreiben. Die sammeln Informationsfetzen aus dem Internet und fügen sie B=(,7:LVVHQBB zu Geschichten zusammen. Bei Berichten von Baseballspielen klappt das schon ganz gut. Das Wort Algorithmus ist eine Verballhornung des Namens von Al-Chwarizmi, einem persischen Gelehrten, der in Bagdad lebte und um 825 in seinem Buch über das Rechnen die ersten Grundlagen für die heutige Mathematik legte. Es bezeichnet eine Liste klarer Anweisungen, die Menschen oder auch Maschinen zur Lösung einer bestimmten Aufgabe befolgen müssen. Im 20. Jahrhundert erfand der Londoner Mathematiker Alan Turing die ComputerAlgorithmen. Vor Turing war computerr die englische Berufsbezeichnung für Angestellte, die Berechnungen durchführten, zum Beispiel in Behörden und Versicherungen. Das war eine ziemlich stupide Tätigkeit mit Papier, Stift und mechanischer Rechenmaschine. Die menschlichen Rechner summierten, multiplizierten und dividierten nach festen Regeln, die man als »Algorithmus« bezeichnete. Turing erkannte, dass Maschinen die besseren Rechner sind. Er formulierte einige der grundlegenden Prinzipien der Computerwissenschaft, baute selbst Rechner und knackte mit ihnen die verschlüsselten Funksprüche der deutschen U-Boote. Der Erfinder Alan Turing, geboren 1912, war ein britischer Mathematiker und gilt als Erfinder der Computer-Algorithmen. Während des Zweiten Weltkriegs war er maßgeblich beteiligt an der Entzifferung der deutschen Funksprüche, des EnigmaCodes. Später lehrte er Computerwissenschaften und arbeitete an der Software für einen der ersten echten Computer. Er starb 1954. Der nach ihm benannte Turing Award zeichnet bedeutende Informatiker aus. D ie festen Regeln, nach denen die Algorithmen ablaufen, gibt der Mensch vor. Wenn eine Maschine sie ausführt, muss aber nicht immer herauskommen, was der Mensch sich dabei gedacht hat. Eine erste Ahnung vom Eigenleben der Algorithmen bekam der italienisch-norwegische Mathematiker Nils Barricelli, als er im Jahr 1953 in Princeton mit einem Röhrencomputer namens Maniac herumspielte. Tagsüber simulierte Maniac die Detonation von Wasserstoffbomben. Nachts probierte Barricelli aus, was geschah, wenn Algorithmen sich paaren und vermehren dürfen. Maniac war nach heutigen Maßstäben ein Witz von einem Rechner, er hatte gerade mal die Kapazität eines App-Icons auf einem iPhone. Aber schon in diesem engen Ambiente entwickelten sich nach wenigen Generationen äußerst raffinierte Algorithmen. Die digitale Welt hat also ein Eigenleben – diese Erkenntnis fand Barricellis Chef John von Neumann so brisant, dass er sie geheim hielt. Barricellis Ergebnisse erschienen erst nach von Neumanns Tod 1957. Seither haben sich Algorithmen still und heimlich in der Welt ausgebreitet. Auch im Auto. Die meisten Autofahrer gehen davon aus, dass ihr Fahrzeug ihnen vollkommen gehorcht. Tatsächlich nehmen manche neuen Automodelle die Lenkbewegungen und Pedaltritte ihrer Fahrer nur noch als unverbindliche Hinweise, die sie je nach ihrem Wissensstand über die Verkehrslage 
 Forschung & Technik Einträge auf der Startseite Damit die persönlichen Startseiten nicht überquellen, filtert Facebook die Fotos, Nachrichten, Kommentare, Likes der Freunde – die sogenannten Edges – mit dem Edge-Rank-Algorithmus. Bruder postet ein Foto Edge Bruder Heute um 11.00 Uhr Alte Schulfreundin Vor 4 Stunden Gewicht Zeit Foto HIGH Status neu LOW MED Gemeinsamer Freund kommentiert HIGH Artikel u1 w1 d1 MED Fan gefällt das u2 w2 d2 LOW Fan kommentiert u3 w3 d3 MED Vor 12 Stunden Firma lädt Artikel hoch u Affi nität bewertet die Nähe zum Absender. Freunde und Firmen, mit denen man viel kommuniziert, bekommen einen höheren Wert. w Gewicht bemisst die Art der Interaktion. Kommentare etwa zählen mehr, als nur auf »Gefällt mir« zu klicken. Die Werte legt Facebook fest. und die äußeren Bedingungen so oder so interpretieren. Über einen Sensor ermitteln sie Position und Tempo eines vorausfahrenden Fahrzeugs, sie erkennen Hindernisse auf der Straße oder ein Stauende und könnten im Prinzip auch allein fahren. Aber damit sich die Autofahrer zumindest noch in ihren Blechkisten als Chef fühlen können, erhalten die Hersteller ihnen diese Illusion. In einem Oberklasse-Auto von heute sind mehr als 100 Millionen Zeilen Programmcode am Werk – mehr als in Boeings neuestem Flugzeugmodell 787 Dreamliner. Der besondere Wert eines Mercedes oder BMW liege inzwischen in seiner Software und seinen Computern, sagt der amerikanische Zukunftsforscher Paul Saffo und lästert: »Die Räder sind vor allem dazu da, dass die Computer nicht über den Boden schleifen.« Die Hersteller verschleiern mit Wortschöpfungen wie »Adaptive Cruise Control«, dass sie halb autonome Fahrzeuge verkaufen. Manchmal ist es geradezu unheimlich, was die Algorithmen vollbringen. Ein amerikanischer Vater erfuhr aus den Werbemails des Onlinehändlers Target, dass seine junge Tochter schwanger ist – der Algorithmus hatte die Klicks der Tochter richtig gedeutet und ihr Angebote für Babyausstattung geschickt. Eine Facebook-Nutzerin fand unter den B=(,7:LVVHQBB EdgeRank Gemeinsamer Freund kommentiert ZEIT ONLINE Freundin hat Status geändert Affinität Aus diesen Werten ergibt sich die Platzierung (der EdgeRank) Faktor Zeit misst d Der die Aktualität des Eintrags. Je älter, desto niedriger der Wert. So sorgt Facebook für Abwechslung auf der Startseite. e u e we d e »Personen, die du vielleicht kennst«, das Hochzeitsbild eines Mannes, den sie durchaus kannte: des Mannes, mit dem sie verheiratet war. Ein FacebookAlgorithmus entlarvte ihn also als Bigamisten. Die heimliche Großmeisterin der Algorithmen ist die National Security Agency (NSA), der geheimste der amerikanischen Geheimdienste. Ihre Aufgabe ist keine geringere als die lückenlose Überwachung des globalen Kommunikationsverkehrs. Mit Menschenkraft ist das unmöglich. Das schaffen nur Algorithmen. »Jeden Tag belauschen und speichern die Systeme der NSA 1,7 Milliarden E-Mails, Telefongespräche und andere Formen von Kommunikation«, schrieb die Washington Post vor zwei Jahren. Und diese Zahlen werden bald noch übertroffen. In ihrem neuen Datenzentrum in Bluffdale im Bundesstaat Utah rüstet sich die NSA mit ExaflopGroßcomputern und Yottabyte-Speichern auf. Fast jeder Mensch, der einmal mit Datentechnik in Berührung gekommen ist, soll in Bluffdale aktenkundig werden – wie in einer automatisierten und globalisierten Stasi. Und das mit Algorithmen, die nicht wesentlich schlauer sind als die von Amazon. Man könnte natürlich versuchen, sich den Algorithmen zu entziehen. Aber das ist schwierig. Wer geht noch in die Bibliothek, um eine Wissenslücke Infografik Ela Strickert Auf Facebook bleibt manches verborgen 

 Forschung & Technik Wir glauben, dass wir uns selbstbestimmt informieren. Tatsächlich entscheiden Algorithmen darüber, welche Information uns erreicht. B=(,7:LVVHQBB zu schließen, wenn Google allzeit auf Tastendruck bereitsteht? In dessen Herzen werkelt der vielleicht mächtigste Algorithmus der Welt: PageRank. Er entscheidet darüber, welche Suchtreffer man zu sehen bekommt. PageRank war ein gewaltiger Fortschritt gegenüber den Suchmaschinen aus der Frühzeit des Internets, die im Prinzip Zufallsergebnisse lieferten. Aber auch PageRank ist nur ein Algorithmus: ohne einen Funken Einsicht, ziemlich leicht zu überlisten. Nichts, wovon man sich sein Weltbild prägen lassen will. Ein Verwandter von PageRank namens EdgeRank entscheidet auf Facebook, welche Postings seiner Freunde man zu lesen bekommt – und ob man selbst von den anderen gelesen wird. Beim Rumhängen auf Facebook bemerkte der amerikanische Polit-Aktivist Eli Pariser eines Tages, dass ein Algorithmus seine Lektüre zensiert. Pariser ist das, was man in den USA einen »Liberalen« nennt: Er hält sich für fortschrittsorientiert und undogmatisch. Dennoch war er auf Facebook mit einigen Konservativen befreundet, schließlich beachtet ein echter Liberaler auch abweichende Meinungen. Eines Tages fiel Pariser auf, dass die Konservativen aus seinem Feed verschwunden waren. Pariser ging der Sache nach und stellte fest, dass die Facebook-Algorithmen darüber Buch geführt hatten, auf welche Links Pariser klickt. Da er jene Links bevorzugt hatte, die seine liberalen Freunde geteilt hatten, hatte Facebook die Konservativen einfach aus dem Feed gestrichen – ohne es Pariser mitzuteilen. Pariser, nun hellhörig, suchte nach weiteren Hinweisen für Manipulation durch Algorithmen. Er stellte zum Beispiel fest, dass es von der politischen Einstellung des Benutzers abhängt, was bei einer Google-Anfrage herauskommt. Wenn ein Umweltbewegter den Ölkonzern BP googelt, zeigt Google ihm vorzugsweise Schadensberichte aus dem Golf von Mexiko. Ein Konservativer bekommt Analystenkommentare zur Entwicklung der BP-Aktie. Einst war Google einfach eine Suchmaschine: Man tippte ein paar Begriffe ein, Google listete die Seiten auf, die am besten dazu passten. Heute ist Google eine Spähmaschine. Wer sein Webprotokoll bei Google abruft, findet alle seine Suchanfragen. Die Google-Algorithmen errechnen daraus ein Bild von den Interessen und Neigungen des Nutzers. Google vergisst nichts. Selbst wenn man sich dort nicht namentlich als Benutzer einloggt und im Browser all seine persönlichen Daten löscht, können Googles Algorithmen sich einiges zusammenreimen. Sie verwerten den geografischen Ort, die Art der Internetverbindung, den Computertyp und den Browser und schneiden ihre Suchergebnisse darauf zu. Im Jahr 2009 führte Google die Personalisierung ein. Seitdem ist die Suche niemals mehr neutral. Wir leben in einer »Filterblase«, warnt Eli Pariser jetzt: »Die Art, wie Information durch das Internet fließt, verändert sich. Die Veränderung ist unsichtbar. Aber wenn wir sie nicht beachten, könnte sie ein echtes Problem werden.« Wir leben zwar in der Illusion, dass wir uns selbstbestimmt informieren. Tatsächlich aber sortieren und selektieren Algorithmen die Information, die uns erreicht. »Das Internet zeigt uns das, von dem es glaubt, dass wir es sehen wollen«, sagt Pariser, »aber nicht unbedingt das, was wir sehen sollten.« Die Algorithmen tun alles, um zu bestätigen, was wir sowieso glauben. Sie betonieren unsere Vorurteile. Gibt es ein Entrinnen aus der Filterblase? »Es wird sehr schwierig für Leute, sich etwas anzuschauen oder zu konsumieren, das nicht irgendwie auf sie zugeschnitten wurde«, sagt Eric Schmidt, der bis 2011 Chef des Google-Konzerns war. Wenn jemand glaubt, sich autonom durchs Internet zu bewegen, werkeln im Schatten die Algorithmen mit. Die große Freiheit, die zum Gründungsmythos des Internets gehört, ist tatsächlich nur noch ein Mythos. Früher waren es Menschen, die über unsere Informationsdiät wachten: Lehrer und Journalisten zum Beispiel. Heute sind es Algorithmen. Das ist nicht unbedingt schlimm. Aber es erfordert gesteigerte Aufmerksamkeit. Denn im Unterschied zu Menschen sind Algorithmen unsichtbar. W erden die Algorithmen den Computern irgendwann zur Künstlichen Intelligenz verhelfen, wie es Alan Turing 1950 prophezeite? Als vor einem Jahr der von IBM entwickelte Rechner Watson bei Jeopardy, einer amerikanischen Spielshow, in der man schnell auf Wissensfragen antworten muss, zwei menschliche Champions aus dem Feld schlug, hätte man auf den ersten Blick die von Turing prophezeite Ära der intelligenten Algorithmen anbrechen sehen können. Doch dann kam die Frage: »Was essen Grashüpfer?«, und Watson antwortete: »Koscher.« Watson kann in Nanosekunden auf eine der größten Wissensdatenbanken der Welt zugreifen – und hat doch keine Ahnung von irgendetwas. Eigentlich ist es ja eine gute Nachricht, dass die Algorithmen so dumm sind. Weil sie uns Menschen nicht verstehen können, wie wir einander verstehen, brauchen wir keine Sorge zu haben, dass sie demnächst die Weltherrschaft übernehmen und uns alle versklaven. Wenn wir ihre Sklaven werden, dann nur, weil wir uns selbst dazu machen – weil wir uns ihnen anpassen, indem wir unser soziales Leben und ökonomisches Handeln ihren Regeln unterwerfen. Dann wird die Dummheit der Algorithmen unsere eigene Dummheit. —— 

 Forschung & Technik text Jürgen Pander analyse Die Zukunft gehört den Elektroautos – doch die werden wohl anders funktionieren als bislang gedacht: Nicht mit Batterien, sondern mit minikraftwerken. B=(,7:LVVHQBB E Foto Annette Hauschild / Ostkreuz Das Comeback der Brennstoffzelle s herrscht Einigkeit in der Autoindustrie: Autos werden in Zukunft durch Elektromotoren angetrieben. Doch wie soll die Energie ins Fahrzeug kommen? Akkus wirken wenig überzeugend. Sie sind schwer, teuer und speichern nach derzeitigem Stand der Technik nur Strom für rund 150 Kilometer Fahrt; danach muss der Wagen für mehrere Stunden an die Steckdose. Seit klar ist, dass sich daran so rasch nichts ändern wird, klingt der Hype ums Elektroauto ab. Stattdessen hat eine alte Technik auf einmal wieder Auftrieb, deren Durchbruch schon vor Jahrzehnten postuliert wurde: die Brennstoffzelle. Das ist im Prinzip ein Wandler von chemischer in elektrische Energie. Sauerstoff und Wasserstoff reagieren miteinander und erzeugen Energie. Der große Vorteil: Als »Abfallprodukt« entstehen lediglich Wasser und Wärme, also Wasserdampf. 
 Die Brennstoffzelle wurde von mehreren Autoherstellern weiterentwickelt und ist inzwischen reif für die Serienproduktion. »In früheren Fahrzeuggenerationen funktionierte eine Brennstoffzelle bei Temperaturen unter null Grad nicht zuverlässig. Mittlerweile ist ein Kaltstart sogar bis minus 25 Grad kein Problem mehr«, sagt Christian Mohrdieck, Leiter des Bereichs Antriebsentwicklung Brennstoffzellensystem bei Daimler. »Auch der Wirkungsgrad hat sich wesentlich verbessert. Er ist nun etwa doppelt so hoch wie bei einem Verbrennungsmotor, beträgt also etwa 60 Prozent.« Dass die Technik in der Praxis funktioniert, zeigte Daimler im vergangenen Jahr mit einer Weltumrundung durch drei Mercedes B-Klasse F-Cell, die je 30 000 Kilometer bei unterschiedlichsten Bedingungen problemlos zurücklegten. Die Tanks der B-Klasse fassen etwa vier Kilogramm Wasserstoff, sodass die Autos mit einer Tankfüllung bis zu 400 Kilometer zurücklegen können. Das entspricht umgerechnet einem Verbrauch von 3,3 Liter Diesel je 100 Kilometer. Doch nicht nur die Reichweite überzeugt, sondern auch die Dauer des Tankens: In drei Minuten ist der Tank voll. Allerdings gibt es derzeit in Deutschland lediglich 15 Wasserstofftankstellen. In den kommenden drei Jahren soll das Netz auf 50 solcher Stationen erweitert werden, sodass zumindest in allen größeren Städten eine Tankmöglichkeit besteht – es wäre ein Anfang. Etwa eine Million Euro kostet der Bau einer Wasserstofftankstelle, die Bundesregierung will sich mit 20 Millionen Euro engagieren. Das ist angesichts der Bedeutung des Themas ein Klacks: Die Summe entspricht etwa den Kosten von eineinhalb Kilometern neuer Autobahn. Immerhin scheint sich allmählich der HenneEi-Konflikt aufzulösen, der in der Vergangenheit das Thema Brennstoffzellenauto belastete. Die Autoindustrie verwies stets auf die fehlende Infrastruktur, die Wasserstoffversorger verwiesen auf fehlende Fahrzeuge. Jetzt geht es mit beidem voran, wenn auch noch langsam. Mercedes plant, die Brennstoffzellen-B-Klasse in den nächsten Jahren auf den Markt zu bringen. Toyota will von 2015 an eine Limousine mit Brennstoffzellenantrieb verkaufen. Der Wagen soll 600 Kilometer Reichweite haben und zu einem Preis von rund 50 000 Euro angeboten werden. An dem Kaufpreis zeigen sich die großen Entwicklungsschübe der letzten Zeit, denn die wasserstoffbasierte Brennstoffzellentechnik galt jahrelang als schlicht unbezahlbar für Autokäufer. Toyota kann den Preis vor allem aus zwei Gründen senken: Erstens ermöglicht eine neue Konstruktion des Hightech-Tanks, der immerhin einem Druck von 700 Bar standhalten muss, eine sehr viel einfachere und billigere Herstellung. Zweitens kann die Brennstoffzelle inzwischen kompakter gebaut werden – was sie billiger macht. Die Renaissance der Brennstoffzellentechnik wurde zuletzt beim Autosalon in Paris deutlich. Die asiatischen Hersteller Nissan und Hyundai trumpften mit neuen Brennstoffzellenmodellen auf. Der Geländewagen Hyundai ix 35 FCEV soll schon im kommenden Jahr ausgeliefert werden. Eine Tankfüllung mit 5,6 Kilogramm Wasserstoff soll für 588 Kilometer reichen. Die Kardinalfrage ist allerdings die nach der Herstellung des Wasserstoffs. Wird dieser per Elektrolyse gewonnen, kostet das Energie. Und die muss aus einer regenerativen Quelle stammen, wenn der CO₂-Ausstoß nicht nur vom Auspuff in einen Kraftwerksschornstein verlagert werden soll. So wäre Mobilität dann wirklich sauber: auf Kurzstrecken mit Akkus und auf längeren Distanzen mit Brennstoffzellen. Es braucht dafür nur noch etwas Geduld und reichlich Pioniergeist. —— Wasserstoff im Tank Energie Wasserstofftanks Infografik Ela Strickert Elektromotor Brennstoffzellen Lithium-Ionen-Akku Brennstoffzellen erzeugen Strom aus Wasserstoff und können so ein Elektroauto antreiben. Bessere Tanks haben die Technik wieder populär gemacht, sie speichern Wasserstoff bei 700 Bar. Dadurch passt mehr hinein, die Reichweite steigt. Nachteil: Die Autos sind schwer. Ziemlich sicher ist, dass Autofahren mit Wasserstoff nicht billiger wird. B=(,7:LVVHQBB Jahrelang galt die Brennstoffzelle als unbezahlbar für Autokäufer. Das ändert sich gerade – die Technik wird billiger. Glossar Brennstoffzelle In einer Brennstoffzelle reagiert Sauerstoff mit Wasserstoff, der dabei in positiv geladene Protonen und negativ geladene Elektronen aufgespalten wird. Da die Membran der Brennstoffzelle nur für Protonen durchlässig ist, entsteht eine Spannung – und es fließt Strom. Wirkungsgrad Er bezeichnet beim Motor das Verhältnis von abgegebener mechanischer und zugeführter chemischer oder elektrischer Energie. Der Wirkungsgrad von Verbrennungsmotoren liegt bei circa 35 Prozent, der einer Brennstoffzelle bei etwa 60 Prozent, der von Elektromotoren bei 95 Prozent. Elektrolyse Durch elektrischen Strom wird Wasser in seine Bestandteile zerlegt: Sauerstoff und Wasserstoff. Soll dieses Verfahren CO₂-neutral ablaufen, muss die dazu benötigte Energie aus regenerativen Quellen stammen. 
 Forschung & Technik text Claudia Wüstenhagen fotos Andre Ermolaev Geheimnisvoller Strom Was wie ein glühender Lavastrom aussieht, ist in Wirklichkeit ein Fluss. So eindrucksvolle Farbspiele entstehen, wenn sich Schmelzwasserflüsse von Gletschern durch eine mit Vulkanasche bedeckte Landschaft schlängeln. Wohl nirgendwo auf der Welt kann man das so schön sehen wie in Island. B=(,7:LVVHQBB 
 Wenn Feuer auf Eis trifft Das Zusammenspiel der Elemente formt in Island eine Landschaft von bizarrer schönheit. Auch Vulkanforscher interessieren sich dafür. B=(,7:LVVHQBB 
 Forschung & Technik Wolken im Wasser Feinste Gesteinspartikel der Gletscher schweben in den Schmelzwasserflüssen und ziehen milchige Schlieren (oben). Der See Hvítárvatn (unten) speist sich aus dem Gletscher Langjökull. Er ist so reich an Schwebeteilchen, dass er nahezu weiß ist. B=(,7:LVVHQBB 
 Strom aus Watte An Viskose erinnert dieser Fluss, weil er so dichte Materie trägt. Wenn ein Vulkan unter einem Gletscher ausbricht, hat das Magma keine Zeit zu kristallisieren. Es wird abgeschreckt und erstarrt zu Asche, die am Gletscherboden zu feinsten Partikeln zerrieben wird und dann ins Schmelzwasser gelangt. B=(,7:LVVHQBB 
Schwarzer Mäander Auf dem Weg ins Meer schlängelt sich dieser Fluss durch einen dunklen Strand aus feinsten basaltischen Glaskörnchen: Vulkanasche. Anders als etwa Weingläser oder Fensterscheiben enthält dieses Glas Eisen und ist deshalb nicht durchsichtig, sondern schwarz. B=(,7:LVVHQBB 
 Geflochtene Flüsse Durchqueren die Flüsse Torfland, bilden sich rostrote Partikel. Denn isländischer Torf enthält Eisen, das im Schmelzwasser oxidiert (oben). Nach und nach verlieren die Flüsse ihre schwebende Ladung. Wenn die Partikel einen Kanal verstopfen, springt der Strom in eine benachbarte Rinne über (unten). Forscher sprechen von »geflochtenen Flüssen«. B=(,7:LVVHQBB 
Das Gletschereis macht Vulkane gefährlicher: Sie speien mehr Asche und überfluten das Land. Sigurður Reynir Gíslason ist Geochemiker an der University of Iceland in Reykjavík. Als der Eyjafjallajökull Europas Flugverkehr lahmlegte, war er ein gefragter Experte. B=(,7:LVVHQBB Herr Professor Gíslason, die Flüsse Islands sind schön wie Aquarellgemälde. Wie kommt das? Viele speisen sich aus Gletschern und enthalten feinste Gesteinspartikel, die das Wasser milchig färben. Bei geringer Konzentration ist das Wasser bläulich, schweben viele Teilchen darin, ist es grau oder weiß. Manchmal ist es sogar orange. Warum? Das passiert, wenn Flüsse durch Torfland fließen. Der isländische Torf ist außergewöhnlich, denn er enthält Vulkanasche und somit Metalle. Wenn das sauerstoffarme Torfwasser in die Flüsse mit sauerstoffreichem Schmelzwasser fließt, oxidieren die Metalle und bilden kleine rötliche Teilchen: Rost. Die Gletscher, aus denen sich diese Flüsse speisen, bedecken Vulkane. Kann die Farbe eines Flusses etwas über den Zustand des Vulkans aussagen? Manchmal. Wir haben etwa nach dem Ausbruch des Eyjafjallajökull in einem Fluss Verfärbungen beobachtet. Durch die Eruption gelangte Gas in das Wasser, wodurch sich im Flussbett Travertin, ein Kalkgestein, ablagerte. Das war spektakulär. Auf einer Länge von einem Kilometer war das Flussbett strahlend weiß. Inzwischen haben sich aber Bakterien auf dem Travertin angesiedelt und ihn grün verfärbt. Kann man an den Flüssen auch ablesen, ob ein Vulkanausbruch bevorsteht? Nicht anhand der Farbe. Aber wir kontrollieren die chemische Zusammensetzung der Flüsse, um zu sehen, was unter dem Gletscher vor sich geht. Chemische Veränderungen können uns zeigen, ob magmatische Gase ins Wasser gelangen. Fotos Andre Ermolaev / iberpress / Bulls Press; Sigurdur Reynir Gislason Rostiger Baum Spülen die Flüsse etwa oxidierende Eisenteilchen aus dem Boden, lässt die Strömung bizarre Muster entstehen – manchmal fast wie gemalt. Welche Parameter messen Sie dafür? Vor allem die Leitfähigkeit. Sie gibt Hinweise darauf, ob sich viele Ionen im Wasser befinden. Wenn das Magma eines Vulkans nah an die Oberfläche dringt, gibt es Säure und Metalle an das Schmelzwasser des Gletschers ab. Eine hohe Leitfähigkeit des Flusses deutet also darauf hin, dass im Innern des Vulkans Magma aufsteigen könnte. Einen Hinweis liefert auch die Wassermenge. Innerhalb der Gletscher gibt es Kessel, die sich mit Schmelzwasser füllen, wenn Hitze aufsteigt. Die Kessel entleeren sich in die Flüsse. Wir überwachen die Menge des Wassers und seine Leitfähigkeit, um vor Überflutungen zu warnen. Verändern Gletscher das Verhalten der Vulkane? Ja, sie machen sie gefährlicher. Das hat man beim Ausbruch des Eyjafjallajökull gesehen. Normalerweise entsteht Vulkanasche nur bei bestimmten Ausbrüchen, vor allem wenn das Magma silikatreich ist. Aber wenn Gletscher den Vulkan bedecken, entsteht bei allen Ausbrüchen explosive Asche, weil das Magma mit Wasser in Berührung kommt. Was genau passiert dabei? Das Magma zerspringt. Es kühlt rapide ab und zerbirst in winzige, feine Partikel. Zwar hätte der Eyjafjallajökull so oder so anfangs Asche gespuckt, aber ohne das Eis wäre es nicht so viel gewesen, und sie wäre nicht so fein gewesen, dass sie tagelang über weite Strecken durch die Luft hätte schweben können. Abgesehen von den globalen Folgen sind Vulkanausbrüche unter Gletschern so gefährlich, weil das Schmelzwasser ganze Landstriche überfluten kann. Kommt das häufig vor? Ja, das geschah zu Beginn des EyjafjallajökullAusbruchs. Auch letztes Jahr hatten wir eine Überschwemmung, als Wasser aus Kesseln oberhalb des Vulkans Katla strömte. Es spülte eine Brücke auf dem wichtigsten Highway weg. Der Katla hat bis zu 800 Meter dickes Eis und verursacht daher starke Überflutungen. Die jüngste war aber nichts gegen die von 1918. Damals schoss tagelang Wasser in die Flüsse, auf dem Höhepunkt 200 000 Kubikmeter pro Sekunde. Das ist etwa so viel wie der durchschnittliche Durchfluss des Amazonas. Mein Großvater galoppierte damals auf seinem Pferd vor dieser Flut davon. Sie haben selbst etwas erlebt, das Sie Ihren Enkeln erzählen können: Beim Ausbruch des Eyjafjallajökull waren Sie derjenige, der mitten in die Aschewolke hineinfuhr, um Proben zu nehmen. Es war eine einzigartige Gelegenheit. Für meine Forschung brauche ich trockene Asche. Also musste ich so schnell wie möglich ausrücken, bevor es regnete. Aber ich hatte große Angst, als ich in die Wolke fuhr. Ich wusste nicht, ob es spontane Blitze geben würde oder ich gefährliche Gase einatmete. Außerdem war es fast völlig dunkel. Es war wohl eine der aufregendsten Sachen, die ich je gemacht habe. —— 

 Forschung & Technik text Angelika Franz illustr ation Ivo Kircheis Der Drink aus dem Eis Im Basislager einer historischen Südpolexpedition stieß man auf hundert Jahre alten whisky. Chemiker haben sein Geheimnis gelüftet – und ihn neu aufgelegt. Der Entdecker Ernest Shackleton hatte den Whisky selbst ausgesucht. Der Alkohol half gegen die Kälte – und das Essen: Nieren, Kutteln, Markfett. B=(,7:LVVHQBB M änner gesucht für gefährliche Reise. Geringer Lohn, bittere Kälte, lange Monate kompletter Dunkelheit, ständige Gefahr, sichere Rückkehr ungewiss. Ruhm und Ehre bei Gelingen.« Mit dieser Zeitungsanzeige suchte der Entdecker Ernest Shackleton Reisegefährten für seine geplante Südpolexpedition. Die Männer, die er schließlich für sein Team auswählte, waren hart im Nehmen – und Trinken. So gehörten auch 25 Kisten Whisky zum Nahrungsmittelvorrat, den sie zu Beginn des Jahres 1908 im Basislager am Cape Royds auf Ross Island verstauten – zusammen mit zwölf Kisten Brandy und sechs Kisten Port. Der Vorrat schwand schnell. Bei einer mittwinterlichen »Weihnachtsparty« im Juni 1908 leerte allein der Schotte Alistair Mackay, zweiter Chirurg des Teams, zwei Drittel einer Flasche, bevor er ins Alkoholkoma fiel. Einer der Männer muss Angst bekommen haben, als er sah, wie schnell sich die Flaschen leerten. Er zweigte fünf Kisten aus dem Vorrat ab. Zwei davon enthielten Brandy der australischen Hunter-ValleyDestillerie in Allandale, die drei restlichen Whisky aus der Heimat: »Rare old Highland malt whisky, blended and bottled by Chas. Mackinlay & Co«. Er versteckte sie unter dem Boden der Hütte. Das damalige Basislager hat heute historischen Wert: Von 2004 an ließ der Antarctic Heritage Trust vier antarktische Sommer lang die Hütte restaurieren – und fand dort auch die versteckten Spirituosen. Für Whiskyliebhaber und Wissenschaftler war dieser Fund eine Sensation: »Ein Geschenk des Himmels!« nannte ihn Richard Paterson, Masterblender von Whyte & Mackay. Das Unternehmen hatte vor einigen Jahren Mackinlay & Co. aufgekauft und ist damit der rechtmäßige Nachfolger des Expeditionslieferanten. Unter strengen Auflagen bekam Whyte & Mackay im Januar 2011 die Erlaubnis, drei Flaschen nach Schottland zu holen. So ein rarer Tropfen durfte natürlich nicht einfach mit der Post verschickt werden. Also nahm Firmenchef Vijay Mallya sich der Sache persönlich an. Der indische Milliardär besitzt nicht nur Whyte & Mackay, sondern auch ein Formel-1-Team, einige Fußballclubs, die Sandalen und die Brille von Mahatma Gandhi – und einen Privatjet. In dem brachte Paterson die Flaschen nach Schottland, die roten Kühlbehälter zur Sicherheit mit Handschellen an seine Handgelenke gekettet. Der Zweck der Aktion: aus jeder Flasche 100 Milliliter zu entnehmen, den Whisky zu kosten, zu analysieren und – nachzumachen. Im Permafrost hatte er unter perfekten Lagerbedingungen ein ganzes Jahrhundert überdauert; einmal in Flaschen abgefüllt, altert Whisky nicht weiter. Er bot also die Chance, das Originalgeschmacksprofil wiederzuentdecken. Der Polarforscher Shackleton hatte die um 1900 sehr beliebte Whiskymarke angeblich persönlich für seine Expedition ausgesucht. Es ging dabei wohl auch darum, der Kälte zu trotzen und den Geschmack des gewöhnungsbedürftigen Proviants hinunterzuspülen. Die nicht verbrauchten Vorräte stehen noch heute in den Regalen der restaurierten Hütte: getrockneter Spinat und Pfefferminze, gekochte Nieren, irische Sülze, Markfett, gekochte Steaks, Kutteln, Bückling. Und Pemmikan – eine Mischung aus Dörrfleisch mit Fett, erhältlich in zwei Varianten: eine für Hunde, eine für Menschen. 
 In dieser Hütte hatten Shackleton und seine Leute einen antarktischen Winter verbracht, bevor sie zur Expedition aufbrachen. Die eine Gruppe sollte erstmals den magnetischen Südpol erreichen – was gelang. Die andere machte sich unter Shackletons Leitung auf den Weg zum geografischen Südpol. Doch 180 Kilometer vor dem angestrebten Ziel mussten die Männer umkehren. Weil Robert Scott und Roald Amundsen ihren legendären Wettlauf zum Südpol erst drei Jahre später starteten, stellte Shackleton dennoch einen Rekord auf: Niemals zuvor war jemand so weit gen Süden vorgedrungen. Zurück in London, schlug ihn König Edward VII. zum Ritter. Dass er 180 Kilometer vor dem Ziel umgekehrt war, trug sogar positiv zu Shackletons Image bei. Er wollte den Ruhm nicht mit dem Leben seiner erschöpften Leute bezahlen. Die Transportschlitten mussten sie selber ziehen, weil ihre Hunde und Ponys längst verendet waren. Sie waren geschwächt von den Strapazen und vom Durchfall, die Vorräte wurden knapp. Nur mit Mühe erreichten sie ihr Schiff Nimrod. Der Whisky blieb in der Antarktis zurück. Wonach schmeckt ein Whisky, der ein Jahrhundert lang dort im Eis lagerte? Das Ergebnis überraschte den Masterblender Paterson: »Das Bouquet ist weich und elegant mit delikaten Aromen von zerdrücktem Apfel, Birne und frischer Ananas. Dazu kommt ein Hauch Marmelade und Zimt sowie eine Prise Rauch, Ingwer und Rohrzucker«, urteilt er. Beim Kosten fand er »einen Hauch Lagerfeuerrauch, der sich in würzigen, reichhaltigen Toffee, Zuckerrübensirup und Pekannüsse auflöst«. Der Whisky, den die harten Männer sich mit in die Antarktis genommen hatten, sei alles andere als raubeinig gewesen, sondern »elegant und leicht – wie eine wunderschöne Frau«, urteilt der Meister. D iese blumigen Worte sind mehr als nur eine rührende Liebeserklärung. Whyte & Mackays Chefchemiker James Pryde hatte den kostbaren Tropfen in seine Einzelteile zerlegt. Die Ergebnisse waren vor Kurzem im Journal of the Institute of Brewing zu lesen. Eine olfaktometrische Analyse ergab 77 Aromen, von denen Pryde 43 außerdem auch in einer Gas-Chromatografie, gekoppelt mit Massenspektrometer nachweisen konnte. Für den süßlichen Rauchgeruch beispielsweise ist Guajacol verantwortlich, das auch in Kaffee vorkommt. Die eher florale Note stammt vom 2-Phenylethanol. Die chemische Analyse verriet Pryde auch ein paar Geheimnisse des Brennmeisters, der den Whisky einst kreierte. Kurzkettige Säuren wie Buttersäure oder Isovaleriansäure zum Beispiel deuten darauf hin, dass er damals den Mittellauf erst beendete, als B=(,7:LVVHQBB der Alkoholgehalt schon relativ niedrig war – viel später, als es heute üblich ist. Durch die Säuren bekam der Whisky aber sowohl ein Popcorn-Aroma als auch eine Note von Erde und verrottenden Blättern. »Die größte Überraschung war, dass dieser Whisky aus dem 19. Jahrhundert einen chemischen und sensorischen Fingerabdruck hat wie der beste ScotchWhisky, den wir heute produzieren«, sagt Pryde. Dass er die Zeit in seiner vollen Eleganz und Leichtigkeit überdauerte, verdankt der Whisky vor allem den Lagerbedingungen unter dem Hüttenboden. Prydes chemische Analyse ergab, dass der Gefrierpunkt dieses Whiskys bei minus 34,3 Grad liegt. Messungen in der Hütte brachten es aber selbst im antarktischen Winter nur auf eine Minimaltemperatur von minus 32,5 Grad. Außerhalb der Hütte konnte das Thermometer zwar schon mal auf bis zu minus 42,1 Grad sinken, aber selbst dann wurde der Flascheninhalt nur zu slush, Eismatsch. Die Konzentration von Scopoletin, zusammen mit den Ellagsäuren und Gallussäuren des Tannins, verrieten dem Chemiker Pryde zudem, worin Mackinlay den Whisky lagerte: in amerikanischer Weißeiche. Der Beitrag dieses Holzes zum Geschmack des Whiskys gefiel Pryde am besten: »Ich mag die Komplexität und den Charakter, die dieses qualitativ hochwertige Holz dem Whisky bei der Reifung gegeben hat.« Er ist sich sicher: Shackletons Whisky war kein Blend – keine Mischung aus verschiedenen Whiskys –, sondern ein Single Malt. Wahrscheinlich wurde er in der Glen-MhorDestillerie in Inverness gebrannt. Die gehörte im späten 19. Jahrhundert Mackinlay, ist inzwischen aber nicht mehr in Betrieb. Das Wasser stammte dann aus dem nächstgelegenen Gewässer – dem Loch Ness. Den Torf zum Räuchern der Gerste dagegen importierte Mackinlay von weit her. Pryde fand seinen Ursprungsort. Die Phenole und Phenolverbindungen wiesen ihm den Weg: auf die Orkneyinseln. Nun war es an Paterson, Shackletons Schatz neu aufzulegen. Dazu buddelte er nicht etwa Torf aus dem Boden der Orkneys und schöpfte auch kein Wasser aus dem Loch Ness. »Dann hätten wir 25 Jahre warten müssen, um zu sehen, ob es funktioniert.« Stattdessen kreierte er einen Blend aus rund zwei Dutzend Verwandten des alten Whiskys. Als Basis diente der noch vorhandene Altbestand aus Glen Mhor. Die Torfnote lieferte ein Whisky aus der Dalmore-Destillerie. Heraus kam ein Getränk, das Shackleton und seine Leute bei einer Blindverkostung für ihren eigenen Whisky gehalten hätten. Mit rund 120 Euro pro Flasche ist es – auch preisbereinigt – aber deutlich teurer als das Original. Die drei museumsreifen Flaschen hingegen liegen nun wieder in ihrem Bett unter der restaurierten Hütte in der Antarktis – nur um jeweils 100 Milliliter leichter. —— Washingtons Whiskey Einen ganz anderen Charakter als der von Shackleton zeigt ein ebenfalls neu aufgelegter historischer Whiskey. Am zusätzlichen »e« in der amerikanischen Schreibweise erkennt man, dass er aus den USA stammt: von Mount Vernon, dem Anwesen George Washingtons, des ersten Präsidenten der Vereinigten Staaten und damals erfolgreichsten Whiskeybrenners Nordamerikas. Sein Whiskey war eine clevere Resteverwertung: Auf seinem Anwesen stand eine Mühle, und sein Plantagenmanager hatte die Idee, das Getreide in Whiskey umzuwandeln. Da kein Rezept für diesen Whiskey überliefert ist, »haben wir uns die Mengen der unterschiedlichen Getreidesorten angeschaut, die an die Mühle geliefert wurden«, erklärt Dennis Pogue, der Vizedirektor für Denkmalschutz auf Mount Vernon. Das war vor allem Roggen, und er verlieh dem Whiskey das würzige, fruchtige Aroma, das so typisch ist für Ryewhiskey. 
   GESUNDHEIT & PSYCHOLOGIE zeit wissen s 52 bis s 73 Claudia Wüstenhagen, Redakteurin von ZEIT Wissen, erreichen Sie unter claudia.wuestenhagen@zeit.de Was wichtig war In Deutschland sind 2010 laut OECD die Ausgaben im Gesundheitssystem wieder einmal angestiegen: um 2,7 Prozent. In anderen Ländern der EU hingegen sanken sie um durchschnittlich 0,6 Prozent, in irland sogar um 7,9 Prozent. Nun könnte man annehmen, dass Politiker deswegen in Jubel ausbrechen, doch das Gegenteil ist der Fall: Der EU-Kommission machen diese Zahlen Sorgen, sind sie doch eine Folge der Wirtschaftskrise – und könnten damit Anzeichen einer schlechteren Versorgung sein. Kann man also froh sein über die gesteigerten Ausgaben in Deutschland? Nein. Denn das Geld wird oft nicht im Sinne der Patienten ausgegeben. Oder, um es mit den Worten von Jürgen Windeler, dem Chef des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen, zu sagen: »Im deutschen Gesundheitssystem gibt es Anreize für Ärzte, etwas zu tun. Es gibt aber keine Anreize dafür, etwas zu lassen.« Und Letzteres ist oft besser für Patienten. Was wichtig wird Weihnachten und Silvester sind gleich zwei Ereignisse, an denen man sich mit seinen Schwächen auseinandersetzen kann: zu viel Essen etwa oder zu wenig Bewegung. Dass gute Vorsätze schwer einzuhalten sind, hat die Wissenschaft längst belegt. Nun gibt sie endlich Tipps, wie es besser geht: Mit zuckerwasser zu gurgeln (ohne es zu schlucken) erhöht die Selbstdisziplin, zeigt eine aktuelle Studie. Dabei würden Hirnregionen aktiviert, die mit Belohnung und Motivation in Verbindung gebracht werden, vermuten die Forscher. Die Adventszeit eignet sich gut, um die Methode selbst auszuprobieren. Doch gilt dann auch ohne Naschen: Zähneputzen nicht vergessen. B=(,7:LVVHQBB 
Foto Robert Schlossnickel / plainpicture  Verräterischer Schweiß wer schwitzt, sendet Signale aus: Am Schweißgeruch können andere unbewusst erkennen, ob jemand Angst oder Ekel empfindet. Das zeigt eine Studie in den Niederlanden, bei der männliche Probanden Angst oder Ekel auslösende Filme sahen. Als später weibliche Probanden an den t-shirts rochen, spiegelte ihre Mimik die jeweilige Emotion wider. B=(,7:LVVHQBB 
 Gesundheit & Psychologie text Julia Rudorf fotos Kathrin Spirk Serie, Teil 3 Besser essen Die Welt an einem Tisch Sushi in Deutschland, Würstchen in Thailand, Pizza überall: Die Globalisierung der Küchen bringt zwar viel abwechslung, aber ist das auch gesund? die serie Besser essen Teil 1: Wie jeder Einzelne besser isst Von der Kantine bis zur Currywurstbude: Welche versteckten Fallen beim Mittagessen lauern – und wie man sie überwindet. (ZEIT Wissen 5/12) Teil 2: Wie ein ganzes Land besser isst Fettsteuer und Ernährungserziehung: Kann und soll der Staat seine Bürger vor ungesundem Essen schützen? (ZEIT Wissen 6/12) Teil 3: Wie die Welt besser isst Sushi mit Pommes: Wie die Globalisierung das Essverhalten weltweit verändert – und was das für die Gesundheit bedeutet. B=(,7:LVVHQBB D ass die Basis des Familiengeschäfts einmal roher Fisch auf kaltem Reis sein würde, das hätte der Großvater sicher nicht geglaubt. Für die Enkel jedoch war die Sache gleich klar, als sie vor fast zehn Jahren in einem kalifornischen Supermarkt standen. »Sushi – da wussten wir sofort, das ist ein cooles Produkt. Das wird in Deutschland funktionieren«, sagt Tom Hörnemann, der gemeinsam mit seinem Bruder Tim Geschäftsführer von Natsu Foods in Neuss ist. Etwa eine Million Sushis produziert Natsu pro Woche, nach eigenen Rezepten zusammengestellt und von japanischen Maschinen gerollt. Längst beliefern die Brüder auch die Frischetheken von Real, Edeka und Rewe. Die Hörnemanns stellen in der dritten Generation Lebensmittel her. Wie sich der Geschmack der Deutschen verändert hat, spiegelt sich in der Familiengeschichte. »Unser Großvater hat Wurst hergestellt«, sagt Tom Hörnemann. »Und unser Vater hat in den Achtzigern Cheeseburger für Supermärkte produziert.« Er selbst und sein Bruder bereisten in ihrer Jugend die ganze Welt. »Da haben wir gesehen, was in anderen Ländern gegessen wird – und ein Gespür dafür bekommen, was in Deutschland ankommen könnte.« Zum Beispiel Sushi. In Deutschland ist japanisches Essen mittlerweile genauso normal wie der örtliche Italiener, Grieche oder Thailänder. In China wird bayerisches Bier getrunken, in Bayern australischer Wein. In Vietnam isst man deutsche Wurst und spült mit USSoftdrinks nach. Die ganze Welt an einem Tisch: Die globalisierte Küche ist nahezu überall angekommen. Was das für die Ernährungsgewohnheiten der Weltbevölkerung bedeutet, kann man bisher nicht genau sagen. Wenig deutet darauf hin, dass der Mensch dank der Globalisierung weltweit gesünder würde. Im Gegenteil: Laut Statistiken der WHO lebt mittlerweile die Mehrzahl der Menschen in Ländern, in denen Übergewicht ein größeres Gesundheitsproblem darstellt als Unterernährung. »Globesity« oder »Globadipositas« hat sich in Schwellen- und Entwicklungsländern ausgebreitet. In Mexiko, Brasilien oder Indien steigt nicht nur die Zahl der Übergewichtigen, sondern auch die der Diabetes-2-Erkrankungen. Für manche Epidemiologen steht fest: An der Globalisierung des Fettsuchtproblems haben die internationalen Ernährungsgewohnheiten einen großen Anteil. Dabei habe die Welt gerade eine historisch einmalige Chance, sagen Ernährungsmediziner und Ökologen – nämlich so gut und gesund zu essen wie nie zuvor. Gerade erlebten die Menschen die »dritte Welle der Globalisierung« ihrer Küchen, sagt Marin Trenk, Professor für Ethnologie an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Er erforscht international die Esskultur und ihre Veränderungen. Vieles von dem, was heute als typische Landesküche gilt, ist das Produkt der ersten Globalisierungsphase. 1492 löste die Entdeckung Amerikas den bis dahin größten kulinarischen Umbruch aus. Viele indianische Kulturpflanzen erreichten die Alte Welt, Haustiere und hiesige Pflanzen umgekehrt die Neue. »Columbian exchange« taufte der amerikanische Historiker Alfred Crosby in den 1970er Jahren diesen Austausch. »Das hat die Küchen in Europa massiv verändert«, sagt Trenk. Erst dadurch konnte sich die Tomate in Italien etablieren, die Paprika in Ungarn und die Chili in Südostasien. In Europa wurde die Kartoffel heimisch, in Afrika verdrängte Mais die bisherige Nummer eins, die Hirse. Für die Gesundheit der Weltbevölkerung war dieser erste Globalisierungsschub ein Segen. Den nächsten Globalisierungsschub lösten dann die Kolonien aus. »Die Siedlerkolonien Spaniens waren Küchenlaboratorien, mit Cross-over und Fusion«, so Trenk. Die traditionelle Küche Mexikos etwa verdanke ihre Vielfalt der Experimentierfreude jener Zeit. Ähnliches gelte für Kambodscha, Vietnam 
 Alles Geschmackssache Ob Bami Goreng oder Pasta, Sushi oder Pizza: In Deutschlands Großstädten bringt der Lieferservice längst Gerichte aus aller Welt direkt ins Haus. B=(,7:LVVHQBB 
 Gesundheit & Psychologie will? Die Suche nach der Formel für die weltbeste Ernährung dauert schon viele Jahrzehnte. Den ersten Versuch eines internationalen Tellervergleichs starteten Wissenschaftler in den fünfziger Jahren. Ancel Keys, ein amerikanischer Biologe und Ernährungswissenschaftler, entdeckte eine Auffälligkeit in den Gesundheitsstatistiken: Amerikanische Geschäftsleute, die nach damaliger Auffassung zu den besternährten Menschen weltweit zählten, litten besonders häufig an Herzerkrankungen. Gemeinsam mit Forschern aus dem damaligen Jugoslawien, Griechenland, Japan, Italien, Finnland und den Niederlanden hatte Keys den Gesundheitsstatus und die verschiedenen Ernährungsgewohnheiten international verglichen. Die als SiebenLänder-Studie bekannte Arbeit war die erste sogenannte Längsschnittstudie. die die Beziehung zwischen Ernährung, Lebensweise und Erkrankungen wie Schlaganfall oder Herzinfarkt in verschiedenen Ländern untersuchte. Das Ergebnis: In den USA und den nordeuropäischen Ländern starben die Männer häufiger an koronaren Herzerkrankungen als in Südeuropa und in Japan. Keys erklärte das mit unterschiedlichen Ernährungsgewohnheiten. Während das fleisch- und fettreiche Essen von Amerikanern und Finnen den Cholesterinspiegel im Blut steigen lasse und das Herz gefährde, sei die Kost der Mittelmeerländer mit viel Obst und Gemüse, Pasta, Brot und Olivenöl wesentlich gesünder. Ähnlich wie das japanische Essen – Fisch, Reis, wenig Fett und viele Sojaprodukte – gilt sie bis heute als mustergültig. Deutsche Küche Der Wok macht der Pfanne inzwischen harte Konkurrenz, in vielen Familien kocht man heute international. B=(,7:LVVHQBB oder Laos, wo der Einfluss der französischen Küche bis heute spürbar ist. Die aktuelle Globalisierungswelle begann in Deutschland bereits vor über 50 Jahren. Gastarbeiter führten die Mittelmeerküche ein, italienische oder griechische Restaurants brachten einen Hauch von Exotik in Kleinstädte und auf Speisepläne. Asiatische Küchen folgten. Allerdings veränderten sie sich durch die Globalisierung, sagt der Ethnologe Trenk. Asiatische Gerichte würden hier dem deutschen Gaumen angepasst: Für Fleischgerichte steht nur Filet auf der Karte, gewürzt wird weniger scharf, dafür gibt es Soßen mit Sahne. Trenk spricht von einer »Selbstbanalisierung« der Küche. In Asien, etwa in Thailand, passiere Ähnliches mit der Wurst, allerdings etwas kreativer. Dort werden zum Beispiel die zwar beliebten, aber eher geschmacksneutralen Frankfurter Würstchen gern als Salat serviert – verfeinert mit Limette, scharfen Gewürzen und Seafood. »Plötzlich schmeckt auch so ein fades Würstchen spannend und typisch thailändisch«, sagt Trenk. Doch an welcher Küche sollte man sich orientieren, wenn man sich besonders gesund ernähren A uch Walter Willett, Ernährungswissenschaftler an der Harvard-Universität, ließ sich letztlich von der mediterranen Küche inspirieren. Seine »Healthy Eating Pyramid« empfiehlt eine Ernährung mit jeder Menge frischem Obst und Gemüse, Brot und Pasta aus Vollkorngetreide, Olivenöl, etwas Fisch und Geflügel, Milchprodukten in Maßen und wenig rotem Fleisch, Wurst, Butter, Weißmehlprodukten oder Kartoffeln. Willett entwickelte die Pyramide auf Basis der Daten von zwei der größten Langzeitstudien, die je zum Thema Essen erschienen – der Nurses’ Health Study und der Health Professionals Follow-Up Study. 90 000 Frauen und mehr als 50 000 Männer nahmen daran teil. Vor gut zehn Jahren veröffentlichte Willett dann eine Studie, die für Aufmerksamkeit sorgte. Männer, die ihr Essen strikt an seiner Healthy Eating Pyramid orientierten, konnten ihr Risiko einer Herzerkrankung um 40 Prozent senken, Frauen um 30 Prozent. Vor allem diese Studie habe die Bedeutung von wissenschaftlicher Evidenz zurück in die Ernährungs- 

 Gesundheit & Psychologie Wenn in den Schwellenländern der Appetit auf westliche Lebensmittel zunimmt, könnte das den Hunger in der Welt verschärfen. wissenschaften gebracht, sagt Donald Hensrud. Er ist Ernährungsmediziner, betreut seit Jahren Patienten aus der ganzen Welt an der renommierten Mayo Clinic in den USA – und hat den Ernährungsratgeber The Mayo Clinic Diet herausgebracht, der über Wochen auf den amerikanischen Bestsellerlisten stand. Der unterscheidet sich wenig von der Leitlinie aus Harvard – nur dass Süßes auf ein Minimum beschränkt wird und Alkohol nicht auftaucht. Auf der Website der Mayo Clinic sind nicht nur die hauseigene Diät, sondern auch die Grundzüge der Mittelmeerküche sowie der Küchen Asiens, Lateinamerikas und Afrikas erklärt. Als strikte Vorschrift seien die schematischen Darstellungen jedoch nicht gedacht: »Sie sollen eher eine Inspiration sein und zeigen: Man kann sich überall auf der Welt gesund ernähren. Es gibt großartige Lebensmittel. Und jede Küche der Welt hat dazu spannende Features zu bieten.« Dass die Küche anderer Länder die Ernährung verbessern kann, glaubt Volker Schudziarra vom Else-KrönerFresenius-Zentrum für Ernährungsmedizin an der TU München ebenfalls: »Andere Küchen bringen auch gesunde Abwechslung. Wegen MultikultiEssen haben wir in Deutschland jedenfalls kein Ernährungsproblem.« Das Problem könnte eher darin bestehen, dass sich das, was auf den Teller kommt, immer mehr ähnelt. Das musste schon Ancel Keys zugeben, als er auf Basis seiner Daten Ende der achtziger Jahre noch einmal eine Studie über Ernährung publizierte. Die Unterschiede zwischen den untersuchten Ländern seien seit den sechziger Jahren geringer geworden, heißt es dort. Das zeigt auch die Mortalitätsstatistik der EU: An Herzinfarkten sterben in Griechenland heute sogar mehr Menschen als in Finnland, Deutschland oder England. Hochkalorisches Essen gibt es jetzt überall. Snacks, Chips, Schokoriegel – auch das ist eine Nebenwirkung der Globalisierung. Weil Coca-Cola eines der ersten Lebensmittel war, die einen weltweiten Siegeszug antraten, sprechen nicht nur Globalisierungsgegner, sondern auch Epidemiologen und Ökologen von »Cocacolonisation«. H unger und Überfluss gleichzeitig – dieses paradoxe Phänomen beobachten Public-Health-Forscher in Afrika schon seit einigen Jahren. Stand der Kontinent lange ausschließlich für Mangelernährung und Hungersnot, so warnen verschiedene Studien nun vor einer drohenden Adipositas-Epidemie. In Südafrika ergab der jüngste nationale Gesundheitsreport, dass mehr als die Hälfte aller Frauen übergewichtig oder adipös ist, bei den Männern ist es rund ein Drittel. Und eine internationale Studie, publiziert vergangenes Jahr im Fachmagazin B=(,7:LVVHQBB The Lancet, deutet an, dass sich Übergewicht auch in anderen afrikanischen Ländern ausbreitet. Der Kampf gegen den Hunger gilt als wichtigstes Millenniumsziel der Vereinten Nationen. Doch dass in vielen Schwellenländern mit wachsendem Wohlstand auch der Appetit auf bestimmte Lebensmittel zunimmt, könnte das Hungerproblem verschärfen. Denn eine Ernährung, wie sie in der westlichen Welt normal ist, wäre für den Planeten problematisch – vor allem der hohe Fleischkonsum. Die Vereinten Nationen gehen davon aus, dass die Weltbevölkerung bis 2050 auf neun Milliarden Menschen anwachsen wird. Eigentlich sei es kein Problem, die Welt auch in Zukunft ausreichend und gesund zu ernähren, sagt Karl von Koerber, Ernährungsökologe und Leiter der Arbeitsgruppe Nachhaltige Ernährung der TU München: »Die Ressourcen sind da – es kommt nur darauf an, für welche Art von Ernährung man landwirtschaftliche Flächen und Wasser einsetzt.« Um Rindfleisch mit 1000 Kilokalorien zu produzieren, braucht die Landwirtschaft rund 30 Quadratmeter. 1000 Kilokalorien Getreide, Gemüse oder Obst benötigen dagegen nur ein bis zwei Quadratmeter. Die Tiere können zwar Gras vom Weideland fressen, was eine günstige Verwendung der Flächen bedeutet. »Wenn sie aber große Mengen Kraftfutter aus Soja oder Getreide bekommen, verbraucht das viel Ackerfläche, auf der auch Erzeugnisse direkt für die menschliche Ernährung angebaut werden könnten«, so von Koerber. Forscher vom Stockholm International Water Institute haben ausgerechnet, dass eine westliche Ernährung mit etwa 3000 Kilokalorien pro Tag und einem Fünftel aus tierischen Proteinen und Fleisch viel mehr Wasser benötigen würde, als es überhaupt gibt. Um alle satt zu bekommen, müsste der Anteil von Fleisch in der Nahrung deshalb auf fünf Prozent sinken. Wenn insgesamt weniger Wiederkäuer gehalten würden – und diese auf Weideland –, wäre auch die Klimabelastung zu verkraften. Eigentlich, sagt von Koerber, sei es mit der nachhaltigen Ernährung nicht so kompliziert. Den Sonntagsbraten könne man gern weiter essen. Aber eben nur am Sonntag. Und lieber von einem Tier, das nicht in Intensivhaltung aufgewachsen ist. Außerdem: viel Gemüse und Obst, wenn möglich aus der Region; weniger Fertigprodukte; Wasser, Tee oder verdünnte Fruchtsäfte statt Limonaden. Praktischerweise fast genau das, was auch Ernährungsberater empfehlen. Bei den Kunden von Tim Hörnemann scheint das schon angekommen zu sein: »Wir machen unser Sushi so, wie es unsere Kunden mögen – German style.« Die beliebtesten Sushis im Sortiment seien die mit Garnele und mit Lachs, beides aus nachhaltiger Zucht. Und natürlich die vegetarische Variante – mit Gurke und Avocado. —— 

 Gesundheit & Psychologie text Ina Hübener fotos Monika Keiler Leben mit einem halben Gehirn Um epileptische Anfälle zu verhindern, wurde bei Hedwig eine hirnhälfte ausgeschaltet. Jetzt erobert sich das Mädchen seinen Alltag zurück. H eute darf Hedwig zum ersten Mal die Spielkonsole Wii ausprobieren. Wie gebannt schaut sie auf den Monitor an der Wand und mustert dann die Fernbedienung in ihrer linken Hand. Gleich wird die Achtjährige gegen einen virtuellen Gegner boxen – eine leichte Übung für Kinder ihres Alters. Doch nicht für Hedwig. Eine sehr seltene Krankheit, die Rasmussen-Enzephalitis, hat Hedwigs linke Hirnhälfte unwiderruflich zerstört. Deshalb litt das Mädchen in den vergangenen fünf Jahren immer häufiger und stärker unter epileptischen Anfällen – bis ihre linke Gehirnhälfte vor ein paar Monaten vom restlichen Körper getrennt und damit ausgeschaltet wurde. Die radikale Operation war die einzige Möglichkeit, die Krankheit zu stoppen. Nun besitzt sie nur noch ein halbes Gehirn. Und muss ein Leben lang damit zurechtkommen. Gemeinsam mit ihrer Ergotherapeutin Claudia Backer navigiert sich Hedwig zum ersten Boxkampf. Ihre Augen fokussieren den virtuellen Gegner. Zaghaft bewegt sie die linke Hand in Richtung Bildschirm und landet den ersten sanften Treffer. Ein kurzes Lächeln huscht über ihr Gesicht. Hedwig schlägt etwas kräftiger. Und schließlich immer fester – doch nur mit der linken Faust, ihr rechter Arm hängt schlaff herunter. Er ist fast vollständig gelähmt. Normalerweise wird die rechte Körperseite von der linken Gehirnhälfte gesteuert. Weil die bei ihr aber keine Funktion mehr hat, muss Hedwig einiges neu lernen – ihr Gehirn muss neu verschaltet werden. Im neurologischen Rehabilitationszentrum Friedehorst in Bremen absolviert das Mädchen ein strammes Programm: Krankengymnastik, Logopädie, Musiktherapie, Schule und Schwimmen stehen auf dem Plan. Und Ergotherapie, wie heute früh. Nach fünf Runden im Boxring steht es 3 : 2 für Hedwig. Claudia Backer reißt Hedwigs rechten Arm B=(,7:LVVHQBB nach oben, wie bei einem echten Boxkampf. Hedwig strahlt über das ganze Gesicht und ruft: »Ich hab gewonnen! Noch mal! Noch mal! Noch mal!« Schon in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entnahmen oder durchtrennten Neurochirurgen bei Epileptikern einzelne Bereiche des Gehirns. Ihr Ziel war die Heilung der Erkrankung. Studien berichteten von guten Erfolgen. Doch es gab auch Berichte von Patienten, die infolge der Operation unter starken Persönlichkeitsveränderungen oder Gedächtnisstörungen litten. Heute gibt es Medikamente, die bei vielen Formen der Epilepsie die Anfälle verhindern oder mindern können – operiert wird nur noch selten. Aber auch bei den Eingriffen ist man weiter: Inzwischen kann man, wie bei Hedwig, eine Gehirnhälfte komplett vom restlichen Körper trennen. Mit den Erkenntnissen der Hirnforschung und dank moderner bildgebender Verfahren ist das möglich. Manche Menschen schließen mit nur einer Gehirnhälfte die Schule ab, machen einen Universitätsabschluss und gehen ganz normal einem Beruf nach. Ob Hedwig das einmal schaffen wird? Es gibt keine Garantie dafür, jedes Rasmussen-Kind ist anders. Doch eines zeigt ihr Beispiel: zu welchen Leistungen unser Gehirn fähig ist. A ngefangen hatte alles vor fünf Jahren. Hedwig war drei Jahre alt, als sie plötzlich nicht mehr laufen konnte: Ihr rechtes Bein zitterte ununterbrochen – ein epileptischer Anfall. Nach vielen medizinischen Tests, vielen Anfällen und Wochen der Ungewissheit stand irgendwann die dramatische Diagnose fest: Hedwig litt an RasmussenEnzephalitis. In Deutschland erkranken drei bis vier Kinder pro Jahr daran. Die meisten Betroffenen sind zwischen zwei und zehn Jahre alt. Der älteste bekannte Patient erkrankte erst mit über 50 Jahren. Manche meistern mit nur einer Gehirnhälfte ein Studium und üben später einen anspruchsvollen Beruf aus. Hedwig Isensee war drei Jahre alt, als sie an einem Leiden erkrankte, das schwere epileptische Anfälle auslöst und gegen das keine Medikamente halfen. Nach langem Zögern ließen ihre Eltern sie operieren. 
 B=(,7:LVVHQBB 
 Gesundheit & Psychologie Wie die Rasmussen-Enzephalitis entsteht, weiß man nicht genau. Mediziner vermuten, dass es sich um eine Virus- oder eine Autoimmunerkrankung handelt. Im Gehirn verursacht das Leiden eine chronische Entzündung, die sich meist auf eine Großhirnhälfte beschränkt. Nur äußerst selten befällt sie auch die andere Hemisphäre. Das ist Glück im Unglück: Sonst wäre auch die Operation, bei der die kranke Gehirnhälfte von der gesunden getrennt wird, nicht möglich. »Ich habe lange nach anderen Therapien gesucht. Doch es gab einfach keine«, sagt Karen Isensee. Solange die Ursachen der Krankheit nicht bekannt sind, bleibt die Operation der einzige Ausweg. Antiepileptika sind bei dieser Form der Epilepsie nahezu wirkungslos. Dennoch entschieden sich Hedwigs Eltern anfangs gegen die Operation. Das halbe Gehirn der eigenen Tochter sollte ausgeschaltet, der Krankheit geopfert werden? Nein, das kam für sie nicht infrage. Im Internet waren sie nur auf Horrormeldungen zu dem Eingriff gestoßen. Es dauere Ewigkeiten, bis die Kinder danach wieder auf den Stand von vorher kämen. Erst nach zehn Jahren würden sie vielleicht wieder laufen können. Es gebe Patienten, die nach einer Operation am Gehirn keine Entschlüsse mehr fassen könnten oder die unter schweren Gedächtnisstörungen litten. Würde so etwas auch mit Hedi passieren? H Ihre Schwestern Elisabeth (Bild oben, rechts) und Lioba helfen Hedwig auf dem Weg in ein normales Leben. In der Förderschule Meißen (Bild unten) trainiert sie mit der Physiotherapeutin Katrin Bretschneider. Von Rückschlägen lässt sich Hedwig nicht unterkriegen. Schließlich will sie mal Bergsteigerin werden. B=(,7:LVVHQBB Für die betroffenen Familien bricht mit der Krankheit eine Welt zusammen. »Wenn man so eine Diagnose bekommt, denkt man: Eigentlich müsste jetzt die Welt aufhören, sich zu drehen«, sagt Karen Isensee, Hedwigs Mutter. »Das tut sie aber nicht. Das Leben geht weiter. Und genau das muss man dabei lernen.« Während Karen Isensee spricht, läuft Hedi – so nennt ihre Mutter sie – auf dem Laufband der Physiotherapeutin. Weil sie noch etwas wackelig auf den Beinen ist, hängt sie in einem Gurt, der an der Decke verankert ist. Ihr linkes Bein ist ihr starkes, das rechte schleift sie etwas hinterher. Kaum losgelaufen, fragt sie: »Wie schnell?« – »So schnell wie gestern«, antwortet die Mutter. »Dann schneller!«, sagt Hedi bestimmt. Nach 30 Minuten ist Schluss. Hedi ist 472 Meter gelaufen. Ein neuer Rekord. edwigs Eltern versuchten es zunächst mit Medikamenten, einige Jahre lang. Das klappte in der ersten Zeit auch gut. »Dann wurden die Anfälle ganz schlimm«, erinnert sich Karen Isensee. »Und man merkte, dass sich dadurch ihre Entwicklung verzögerte.« Die vielen epileptischen Anfälle schwächen bei Rasmussen-Kindern das gesamte Gehirn. Die kranke Hälfte verliert kontinuierlich Funktionen, und die gesunde lernt immer langsamer Neues hinzu. So konnte Hedwig bald nur noch sehr kurze Strecken laufen, irgendwann brauchte sie einen Rollstuhl. Sie wurde immer müder und schwächer, konnte nicht mehr gerade sitzen. Ihr Kopf kippte nach vorn. Sie konnte sich nichts mehr merken. Ihre Sprache wurde undeutlicher. Irgendwann fing sie an, Babysprache zu benutzen. Schwere epileptische Anfälle suchten das Mädchen heim, zuletzt bis zu fünfzehn am Tag. »Das hat sie so sehr angestrengt, dass sie gar nicht mehr richtig am Leben teilhaben konnte«, erzählt ihre Mutter. Es habe Phasen gegeben, wo sie nur noch auf dem Sofa lag und vor sich hindämmerte. Die ganze Familie war mit den Nerven am Ende: »Irgendwann wussten wir einfach nicht mehr weiter.« Nichts führte an der gefürchteten OP vorbei. 
 Bevor es so weit war, musste Hedwig zahlreiche Tests über sich ergehen lassen. Ganz zentral war der Wada-Test – ein Sprach- und Erinnerungstest. Benannt ist er nach dem japanischen Neuropsychologen Jun Wada. Der Test sollte zeigen, ob Hedwig auch ohne ihre linke Gehirnhälfte sprechen kann – keine Selbstverständlichkeit. Denn bei Rechtshändern wie Hedwig ist die linke Hemisphäre fast immer hauptverantwortlich für die Sprache. 30 bis 40 Prozent der Linkshänder haben hingegen eine sprachdominante rechte Gehirnhälfte. Dort befinden sich dann die beiden wichtigsten Areale der Sprachverarbeitung: Das Wernicke-Zentrum lässt uns Sprache verstehen, und das Broca-Areal hilft uns bei der Bildung von Worten und Sätzen. Doch auch andere Bereiche des Gehirns wirken an der Sprachverarbeitung mit. Für den Wada-Test wurde Hedwigs linke Gehirnhälfte betäubt. Dann sollte sie die Gegenstände auf verschiedenen Bildern benennen. Doch Hedwig blieb stumm, sosehr sich der Neuropsychologe auch bemühte. Konnte sie nicht mehr sprechen? Das wäre ein Grund gewesen, nicht zu operieren. Als der Neuropsychologe bereits abbrechen wollte, übernahm Hedwigs Mutter die Befragung ihrer Tochter. Sie sprach ein ernstes Wort mit ihr und zeigte ihr die Bilder erneut. Plötzlich konnte Hedi alle Gegenstände benennen. Am Ende sagte sie: »Ich will jetzt endlich was zu essen.« Ein frei formulierter Satz. Damit stand fest: Hedi kann auch mit einer Gehirnhälfte sprechen. Das Ergebnis des Wada-Tests, Videos von anderen erfolgreich operierten Kindern und der Befund, dass in Hedwigs linker Gehirnhälfte praktisch permanent epileptische Aktivität zu messen war, gaben dann den Ausschlag. Für Karen Isensee zeigte sich damit zum ersten Mal eine Perspektive. »Ich kam total beflügelt und beseelt nach Hause. Aber mein Mann wollte es lieber doch noch mal mit Medikamenten versuchen. Wir haben furchtbar gestritten.« Am Ende trafen sie den Entschluss gemeinsam. V or etwa einem Jahr, am 24. Januar 2012, wurde Hedwig dann operiert. Acht Stunden lang. Bei dieser Hemispherotomie durchtrennte der Neurochirurg den Balken, die Verbindung zwischen der linken und rechten Hirnhälfte. Er schnitt vorsichtig einmal um die linke Großhirnrinde herum, sodass sie keinerlei Verbindung mehr zum Körper oder zur gesunden rechten Hälfte hatte. Dabei musste er auch kleinere Teile des Gehirns entfernen. Diesen Eingriff überleben Menschen nur, weil das Gehirn aus zwei getrennten Hälften besteht. Fällt die kranke weg, übernimmt die übrig gebliebene deren Funktionen. B=(,7:LVVHQBB 
 Gesundheit & Psychologie fing sie wieder an zu laufen. Die Beine regenerieren sich generell schneller als die Hände mit ihrer feineren Motorik. Sie verfügen auch über viel mehr Nervenbahnen, die aus derselben Gehirnhälfte kommen. Einige Wochen nach der Operation hängt Hedwigs rechter Arm immer noch schlaff herunter. Sie kann mit der rechten Hand kaum etwas halten: Deren Feinmotorik wird wohl nie wieder so gut funktionieren wie früher. Für Hedwig war das ein Schock, denn sie ist Rechtshänderin. Sie ist nun gezwungen, alles mit links zu machen. Das passt ihr gar nicht. »Es gab eine Phase, in der sie geschimpft hat und sagte: Ich will das nicht. Ich will lieber meine Anfälle wiederhaben«, erinnert sich ihre Mutter. »Insgesamt merkt man aber, dass sie jetzt viel wacher ist, viel aufmerksamer, fitter, besser gelaunt.« In vielen Dingen des Alltags überwiegen die Vorteile die Nachteile – wie bei vielen Patienten nach diesem sehr tief gehenden Eingriff. D In Sachsen hatten Hedwigs Eltern bislang einen Bauernhof gepachtet. Nun haben sie dort einen eigenen Hof gekauft, der renoviert wird – die drei Töchter gehen immer wieder gemeinsam auf Entdeckungstour. B=(,7:LVVHQBB Bei Hedwig lief die Operation perfekt. Und fast noch wichtiger: Sie hat seither keinen einzigen Anfall mehr gehabt. Zurückgeblieben ist nur eine große, hufeisenförmige Narbe über ihrem linken Ohr und der Verlust des halben Gesichtsfelds beider Augen. Für Hedwig war es anfangs sehr gewöhnungsbedürftig, den Kopf so weit drehen zu müssen, dass sie auch am Rand genug sehen konnte. Kurz nach der Operation war zudem ihre rechte Körperhälfte noch nahezu komplett gelähmt. In der Rehabilitation trainiert sie jetzt hart, damit ihre verbliebene Gehirnhälfte lernt, zusätzlich diese Seite des Körpers anzusteuern. Das ist möglich, weil jeder Mensch von Geburt an Nervenbahnen besitzt, die von der rechten Gehirnhälfte auch in die rechte Körperhälfte führen. Im Laufe der Jahre verkümmern sie nur. Fällt jedoch eine Gehirnhälfte weg, kann man durch gezieltes Training die verkümmerten Bahnen teilweise wieder aktivieren. Auch das zugehörige Areal im Gehirn, im motorischen Kortex, wird trainiert und dadurch größer. Auf Hedwigs rechtes Bein wirkt sich diese Aktivierung schon spürbar aus. Noch im Krankenhaus och wie verarbeiten diese Kinder Emotionen und Informationen? Haben sie etwa Schwierigkeiten, Entscheidungen zu treffen? Werden sie vielleicht sogar zu ganz anderen Menschen? Neuropsychologen gehen davon aus, dass unsere rechte Gehirnhälfte Erlebnisse und Eindrücke eher emotional verarbeitet, wohingegen die linke Gehirnhälfte bevorzugt kognitiv und analytisch vorgeht. »Die Operation mag sich als Nuance auswirken«, vermutet Tilman Polster. Er ist leitender Kinderarzt am Bielefelder Epilepsie-Zentrum Bethel, dem größten in Deutschland. Dort wurde auch Hedwig operiert. »Es könnte zwar sein, dass jemand, dessen rechte Hemisphäre intakt ist, etwas anders durchs Leben geht als jemand, der nur die linke Hirnhälfte nutzen kann«, sagt Polster, der schon viele Kinder mit RasmussenEnzephalitis vor und nach der Operation betreut hat. Grundsätzlich aber verändere sich die Persönlichkeit nicht durch die Operation. Und was ist mit den Erinnerungen, wenn auf einmal eine Großhirnhälfte fehlt? Seltsamerweise ist bei Hedwig fast nichts verloren gegangen. Die gleiche Erfahrung hat Tilman Polster auch bei anderen Patienten mit nur einer Gehirnhälfte gemacht. »Anscheinend sind die Gedächtnisinhalte so stabil, dass sie auf beiden Gehirnhälften abrufbar sind«, sagt er. Wissenschaftler gehen heute davon aus, dass jede Erinnerung eine Gedächtnisspur im Gehirn hinterlässt, die weit über das Neuronennetz verteilt ist. Das hat den Vorteil, dass durch eine Verletzung oder eine so radikale OP wie bei Hedwig die Gedächtnisinhalte nicht verloren gehen. Einen kritischen Bereich gibt es allerdings im Gehirn, die sogenannten Hippocampi. Beim Speichern 
 von Erinnerungen spielen sie eine entscheidende Rolle. Sie sind die Schnittstelle zwischen Kurzzeitund Langzeitgedächtnis. Fällt wie bei Hedwig ein Hippocampus aus, ist das oft noch kein Problem. Fehlen jedoch beide, kommt es zu dramatischen Ausfällen, wie der Fall des Patienten Henry Gustav Molaison eindrucksvoll zeigte. Ihm wurden vor über 50 Jahren beide Hippocampi entfernt, weil die Ärzte damals keinen anderen Weg sahen, seine schwere Epilepsie zu behandeln. Nach der Operation litt er für den Rest seines Lebens unter einer anterograden Amnesie: Er konnte sich nichts Neues mehr merken. Zu kleineren Ausfällen kann es auch nach dem Verlust eines halben Gehirns kommen. »Betroffene müssen manche Worte wieder neu lernen«, sagt Polster. Das sei der Fall, wenn – wie bei Hedwig – die sprachtragende Seite betroffen ist. So konnte Hedwig nach der Operation etwa bei einem bestimmten Spiel die Farben nicht mehr benennen. Und als sie eines Abends ihre große Schwester Elisabeth anrief, fiel ihr sogar ihr eigener Name nicht mehr ein. In der Reha-Station neigt sich der Tag dem Ende. Um sechs Uhr bringt Karen Isensee ihre Tochter zum Abendbrot. Nach dem Essen ist Hedi immer noch fit. Sie setzt sich nicht wie sonst in den Rollstuhl, sondern läuft halb hinkend, halb hüpfend voran. Nichts kann sie aufhalten. Sie läuft die mehr als 600 Meter bis zur Unterkunft auf dem RehaGelände. Das erste Mal. Und es wird noch viele andere erste Male geben. Früher, vor der Operation, ging es Hedwig fast jeden Tag etwas schlechter. Mit dem Eingriff aber hat sich das geändert: Es geht bergauf, stetig. Die Operation war ein Neuanfang. Ihr Leben ist mit einer Gehirnhälfte ein anderes geworden, ein besseres. Man hat das Gefühl, die vorhandene Hälfte kann sich nun endlich wieder entfalten. Heute, einige Monate nach der Reha, geht es Hedwig ausgesprochen gut. Sie hatte keinen epileptischen Anfall mehr, sie ist fröhlich und spielt viel mit ihren beiden Schwestern. Sie füttern Pferde, schaukeln, verkleiden sich, malen und basteln. Seit Mai geht Hedi in die Förderschule. Dort lernt sie neben Mathe und Deutsch auch, ihren Körper immer besser zu beherrschen. Selbst abends im Bad kennt ihr Ehrgeiz keine Grenzen. Gerade versucht sie, ihrer rechten Hand wieder das Zähneputzen beizubringen. Und sie schmiedet große Pläne für die Zukunft. Der Kran auf dem Gelände der Reha-Einrichtung hat sie dazu inspiriert. Als sie ihre Mutter fragte, wie man denn da hochkomme, sagte diese, dass es dafür eine Leiter gebe. »Kann ich da auch hochklettern?«, wollte Hedi wissen. »Dafür musst du noch ein bisschen üben.« – »Dann will ich jetzt sofort üben.« Schließlich möchte sie später einmal Kranführerin werden. Oder Bergsteigerin. —— B=(,7:LVVHQBB 
 Gesundheit & Psychologie illustr ation Jan Kruse / Human Empire So übersteht man Weihnachten Was tun, wenn der Baum brennt, Streit ausbricht oder die Geschenke nicht gefallen? ZEIT Wissen hat überlebenstipps von Fachleuten eingeholt. Ist Weihnachten ungesund? Das liegt nahe, wenn man an Szenarien wie die verzweifelte Suche nach den richtigen Geschenken denkt, an überfüllte Kaufhäuser, Terminstress zum Jahresende und unzählige Weihnachtsfeiern. Und dann erst die Verwandtenbesuche! Kann das gesund sein? Natürlich nicht! Oder doch? Eine Studie aus dem Jahr 2007 zeigte Überraschendes: Zumindest was Herzinfarkte betrifft, schadet Weihnachten nicht der Gesundheit. Im Gegenteil, um die Festtage herum erleiden etwa zehn Prozent weniger Menschen einen Herzinfarkt als sonst. Wie kann das sein, wo doch zu Weihnachten der Stress zunimmt? Darüber könne man nur spekulieren, sagt Jochen Senges, Leiter der Studie: Stress sei nicht gleich Stress. Es gebe guten und ungesunden. Vermutlich stecke im Weihnachtsstress mehr die gute Sorte – die uns vor einem Infarkt schützt. Erste-Hilfe-Tipps bei Weihnachts-Wehwehchen Die Festtage sind eine Zeit der Gefahr für Körper und Seele. Das Aufstellen des Weihnachtsbaums etwa kann den Rücken traktieren, üppige Mahlzeiten können Sodbrennen bewirken und anstrengende Verwandtenbesuche zusammen mit dem Konsum geistiger Getränke zu Kopfschmerzen führen. Was nun? Gegen die Rückenschmerzen hilft eines nicht, auch wenn man sich danach sehnen mag: Schonung. Man sollte sich im Gegenteil bewegen. Zusätzlich kann man ein Schmerzmittel wie Ibuprofen nehmen – das gleichzeitig gegen den Kater hilft. Bei Letzterem empfiehlt sich zudem, viel Flüssigkeit zu sich zu nehmen – am besten Wasser, weil es dem Körper verloren gegangene Mineralien zuführt. Und gegen das Sodbrennen wirkt ein Antacidum wie Magaldrat. B=(,7:LVVHQBB Beliebte Ausreden Weihnachten feiernder Atheisten »Konsum ist heute oberste Bürgerpflicht, und Weihnachten ist eine Konsumorgie. Da bin ich Patriot!« »Wir machen das doch nur wegen der Kinder.« »Wieso, wir feiern ja auch Ostern.« »Ich gehe wegen des Posaunenchors in die Christmette, beim Credo halte ich den Mund.« »Wer nicht Weihnachten feiert, der kann hinterher gar nichts umtauschen gehen.« »Hä? Was hat Weihnachten mit Gott zu tun?« »Wann sollen wir uns denn sonst was schenken?« »Das wird uns aufoktroyiert.« »Eigentlich feiern wir die Wintersonnenwende, wir warten damit nur bis zum Feiertag.« »Kein Problem. Wir schenken den Kindern auch zu Chanukka und Ramadan haufenweise Spielzeug.« Wie vermeidet man Weihnachts-Streit? Anstelle des harmonischen Beisammenseins spielt sich an Weihnachten mitunter Hässliches ab. Da brechen Machtkämpfe aus um das Schmücken des Baumes oder die Zubereitung der Gans, da entladen sich Frustrationen und reißen alte Wunden auf. Wenn die Familienmitglieder samt ihren Erwartungen auf en- Text Max Rauner, Hanna Röhling, Jan Schweitzer, Stefan Schmitt, Claudia Wüstenhagen Streitthemen am besten vor dem Fest klären, rät der Psychologe – auf die Gefahr hin, dass man dann nicht mehr zusammen feiert. 
 gem Raum zusammentreffen, kann einiges passieren. Der Psychologe und Konfliktforscher Philipp Yorck Herzberg von der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg empfiehlt: »Potenzielle Streitthemen sollte man vorher mit den betreffenden Personen besprechen – auch auf die Gefahr hin, dass man Weihnachten dann nicht mehr zusammen feiert.« Das sei immer noch besser, als sich am Fest der Liebe zu verkrachen. Lässt sich ein Konflikt nicht vorher aus der Welt schaffen, kann man auch für Weihnachten eine Auszeit vereinbaren und die Sache später klären. Das Gleiche gilt, wenn es beim Fest Streit gibt. Nicht einfach rausplatzen oder die Wut unterdrücken, sondern einen Termin für die Aussprache festlegen, rät Herzberg. Man müsse auch an die Bedürfnisse der anderen denken, gerade wenn Kinder dabei seien. Zum Frieden trage zudem eine kurze Besuchsdauer bei: »Der Volksmund trifft es ganz gut – Fisch und Gäste fangen nach drei Tagen an zu stinken.« Wie vermeidet man, schlecht zu schenken? Laut einer Umfrage im Auftrag von eBay erwarten die Deutschen dieses Jahr ungeliebte Geschenke im Wert von 617 Millionen Euro. Ein Jammer. Besser schenkt, wer sich auf die Persönlichkeit und die Interessen anderer einstellt und frühzeitig aufmerksam ist, sagt der Erlanger Soziologe Holger Schwaiger, der das Schenken erforscht. »Wichtiger als der Wert des Geschenkes ist, dass der Beschenkte sich wirklich darüber freut.« Wer sich mit seinen Gaben selbst darstellen will, liegt eher daneben. Schlimmer als ein misslungenes Geschenk findet Schwaiger aber Geld oder Gutscheine. »Damit wird die Idee des Schenkens auf den Kopf gestellt. Ich signalisiere: Ich habe keine Lust, mir Gedanken zu machen, wie ich dir eine Freude machen könnte.« Auch von Großeltern könne man erwarten, dass sie in Erfahrung bringen, was die Enkel mögen. Muss man wirklich immer etwas verschenken? Der Geschenkekauf ist für die Deutschen der größte Stressfaktor in der Vorweihnachtszeit. 41 Prozent empfinden ihn laut einer Allensbach-Umfrage als Belastung. Warum also nicht damit aufhören? Der US-Ökonom Joel Waldfogel fordert genau dies, er hält die ganze Schenkerei für pure Geldvernichtung. Schenken sei ineffizient, weil – so die ökonomische Annahme – jeder seine eigenen Wünsche am besten kenne. Geschenke von anderen verfehlten diese höchstwahrscheinlich. Gegen diese Sicht wehrt sich B=(,7:LVVHQBB der Soziologe Holger Schwaiger: »Es geht ja nicht darum, dem anderen etwas zu schenken, damit er es sich nicht selbst kaufen muss.« Schenken sei vielmehr eine Form der Kommunikation. »Wir senden Botschaften wie: Ich mag dich.« Anders als Worte oder flüchtige Gesten seien Geschenke oft von Dauer. Schwaiger hält es daher für einen Fehler, nichts zu schenken. »Man bringt sich um eine zusätzliche Möglichkeit, seine Gefühle auszudrücken.« Natürlich machen Schenkende auch der Wirtschaft eine Freude – sie profitiert vom Weihnachtsgeschäft, vor allem von Geschenken aus heimischer Produktion. Wie viele Geschenke für die Kinder? In vielen deutschen Familien bedarf es eigentlich keines besonderen Anlasses wie Weihnachten mehr, um den Kindern etwas zu schenken – finanziell leisten können sie sich das auch so. Deswegen sollte es an Weihnachten (oder auch bei Geburtstagen) um mehr gehen, als nur die diversen Spielzeugwünsche der Kinder zu erfüllen. Dieses »mehr« aber müssen die Kinder erst schätzen lernen – sie müssen für das richtige Schenken sozialisiert werden, wie es Soziologe Holger Schwaiger nennt. »Die Kinder sollten begreifen lernen, dass Geschenke zwar einen materiellen Wert haben, dass der aber eher nebensächlich ist.« Was das Lego-Set, die sprechende Puppe oder das ferngesteuerte Auto gekostet hat, sollte ihnen nicht so wichtig sein wie das Wissen darum, dass die Oma, die Tante oder auch die Eltern zu diesem Anlass an sie gedacht haben. Wenn die Kinder das verinnerlicht haben, ist die Anzahl der Geschenke nicht mehr wichtig. Was tun bei ungeliebten Geschenken? Wer hat nicht schon mal eine geschmacklose Vase im Schrank versteckt, einen kratzenden Schal bei eBay verhökert? Wer ein Geschenk bekommt, das ihm nicht gefällt, sitzt in der Zwickmühle: Soll er die Gefühle des Schenkenden verletzen oder Freude vortäuschen und damit weitere Fehlgeschenke riskieren? Experten raten zu einem zweistufigen Krisenmanagement. »Zunächst bedankt man sich und nimmt das Geschenk symbolisch in Besitz, das heißt, man probiert den Pullover an oder legt die Kette um«, sagt Holger Schwaiger. Die Botschaft: Schön, dass du dir Gedanken gemacht hast. Dann folgt der heikle Teil. Ist man unsicher, ob das Geschenk einem gefällt, kann man um Bedenkzeit bitten und vielleicht am nächsten Tag sagen: Das ist leider 
 Gesundheit & Psychologie nichts für mich, rät Psychologe Herzberg. Nehme man es einfach an, könne das die Beziehung vergiften. »Man heuchelt, fühlt sich selbst unaufrichtig, und der andere merkt das vielleicht und fragt noch zehnmal nach. Eine unangenehme Spirale entsteht.« Darf man den Kindern vorgaukeln, dass es den Weihnachtsmann gibt? Irgendwann im Leben der Eltern schlägt die Stunde der Wahrheit. Mama, gibt es den Weihnachtsmann wirklich? Wer jetzt lügt, tut seinen Kindern womöglich keinen Gefallen – sagt zumindest die Kinderund Jugendtherapeutin Marguerite Dunitz-Scheer vom Universitätsklinikum Graz: »Eltern können ihren Kindern alles plausibel machen, darunter auch die Geschichte vom Weihnachtsmann. Diese Machtposition auszunutzen kann problematisch sein.« Der Weihnachtsmann sei zwar eine freundliche Figur und das Weihnachtsfest eine schöne kulturelle Tradition. Man brauche aber keinen Hokuspokus, um die Vorfreude zu schüren. »Wenn Kinder vor lauter Aufregung um den Weihnachtsmann nicht mehr schlafen können, wirkt die elterliche Absicht kontraproduktiv. Wenn ihnen andere erzählen, dass es den Weihnachtsmann gar nicht gibt, leidet mitunter sogar das Vertrauen in die Eltern.« Auch die katholische Kirche findet wenig Gefallen am Weihnachtsmann, wenn auch aus anderen Gründen: Er macht dem heiligen Nikolaus Konkurrenz, der einst lauter Wunder vollbrachte. Wirklich! Wie lösche ich den brennenden Baum? Am besten ist Vorbeugung: Ein Weihnachtsbaum mit echten Kerzen sollte in sicherem Abstand zur Gardine stehen. Um die Brandgefahr zu verringern, hilft außerdem ein mit Wasser befüllbarer Ständer, dann trocknen die Nadeln nicht so schnell aus. Die Kerzen sollte man früh auswechseln, bevor sich flüssiges Wachs im Kerzenhalter entzünden kann. Neben den Baum stellt man einen Wassereimer mit Handtuch. Kleine Feuer lassen sich damit schnell ersticken. Wenn das nicht hilft, kann man das Wasser auf die brennenden Zweige schütten. Noch besser ist ein Feuerlöscher mit Wasser (Pulver versaut die Wohnung). Aber nur einen Löschversuch unternehmen! Wenn das Feuer um sich greift, muss man schnell das Zimmer verlassen und unbedingt die Türen schließen, die Nachbarn alarmieren und die Feuerwehr rufen. Die empfiehlt übrigens als Weihnachtsgeschenk: Rauchmelder. B=(,7:LVVHQBB Wie sieht das ökologisch korrekte Fest aus? Umweltfreunde halten Weihnachten für eine ökologische Sauerei: Viele Gänse werden importiert, das Lametta enthält mitunter Blei, als Rohstoff für Kerzen dient Erdöl, und laut Naturschutzbund Deutschland stammen ein Drittel der 20 Millionen Weihnachtsbäume von dänischen Plantagen. Das muss nicht sein. Bäume mit Ökosiegel sind ohne Mineraldünger und Pestizide gewachsen. Noch besser sind Bäume aus durchforsteter Waldwirtschaft, also vom Förster aus der Region. Die Gans kann man mit Biosiegel kaufen oder vom Bauern nebenan – Gänse aus Ungarn oder Polen werden oft nicht artgerecht gehalten, kritisiert der Tierschutzbund. Oder soll man gleich vegan kochen? Nun ja, wer das ganze Jahr über ökologisch korrekt lebt, darf Weihnachten vielleicht mal ein bisschen die Sau rauslassen. Was kann ich verhindern, dass der Baum nadelt? Unsere Großeltern vertrauten nur einer bestimmten Tannensorte oder gaben ihre ganz eigenen Frischhaltemittel in den Christbaumständer. Was hilft wirklich? Der Holzwissenschaftler Johannes Welling sagt: »Vor allem braucht der Baum Wasser.« Der Käufer sollte deshalb den Stamm zu Hause frisch ansägen und an einem kühlen Ort in Wasser stellen. Zum Fest gönnt sich die Familie am besten einen Baumständer mit Wasserbehälter und stellt diesen fern von Heizkörpern auf. Zusätzlichen Halt könnte auch Haarspray den Nadeln geben. Indem es deren Spaltöffnungen verklebt, erlahmt der Austrocknungsprozess. Vorsicht: Haarspray wirkt wie Brandbeschleuniger – deshalb nur bei elektrischen Kerzen verwenden. Wann und wie sollte ich am besten reisen? Wer vor dem Fest viel Stress und vergeudete Zeit auf der Autobahn oder am Bahnhof vermeiden möchte, sollte drei Dinge berücksichtigen: das Wetter, das Wetter und das Wetter. So lässt sich der Rat von Jürgen Grieving vom ADAC zusammenfassen. »Das Wetter ist die große Unbekannte, die einem einen Strich durch die Rechnung machen kann. Da sollte man vorher gut planen.« So sollte man sich vor der Reise unbedingt den Wetterbericht anschauen und die Fahrt auch mal verschieben, falls mächtiger Schneefall vorhergesagt ist. Zwei Tage gibt es, die Jürgen Grieving ohnehin meiden würde: den 21. und 22. Dezember, die Hauptreisetage. »Am 23. ist es schon besser mit dem Verkehr, direkt an Heiligabend dann ideal«, sagt er. —— 

 Gesundheit & Psychologie interview Ulrich Bahnsen »Zum Glück bin ich gesund« Als erste Frau ließ die Genetikerin Marjolein Kriek ihr komplettes Erbgut entziffern. Und sie musste darauf gefasst sein, dass auch gefährliche mutationen in ihren Genen entdeckt würden. Sie würde es immer wieder tun, aber nicht jedem empfehlen. B=(,7:LVVHQBB der im Schaufenster. Ich sage dann: Aber wir wissen nicht, welche Hälfte das ist. Es gibt schließlich auch einen Vater, der den zweiten Teil zu ihrem Erbgut beigesteuert hat. Trotzdem hätten unangenehme Dinge herauskommen können! Natürlich. Ich habe mir die Gedanken gemacht, die sich jeder Mensch machen sollte, der sich auf so etwas einlässt. Es gibt viele monogene Krankheiten, die durch ein einziges defektes Gen ausgelöst werden. Zum Glück bin ich gesund geboren worden und bin jetzt, mit fast 40 Jahren, immer noch gesund. Ich musste mir also keine großen Sorgen machen – für mich sind höchstens genetische Veränderungen relevant, die erst später im Leben krank machen können. Mein Vater ist zum Beispiel mit 54 an Darmkrebs gestorben – also lag die Frage nahe: Habe ich von ihm vielleicht eine Mutation geerbt, die auch mich in Gefahr bringen könnte? Ich wollte das wissen, denn gegen ein genetisches Darmkrebsrisiko hätte ich etwas unternehmen können, etwa eine Darmspiegelung durchführen lassen. Es ist faszinierend, sich die eigenen Gene anzuschauen. Waren Sie nicht auch neugierig? Natürlich, ich bin eine klinische Genetikerin, ich glaube an Wissen, nicht an Ignoranz. Und ich fühlte mich natürlich geehrt. Die Analysetechnik für Genomuntersuchungen wird immer schneller und billiger. Sind wir schon bereit, alle Menschen zu sequenzieren? Umfassende Genomanalysen werden in den nächsten Jahren kommen. Ich bin überzeugt, dass sie bald Teil der alltäglichen ärztlichen Praxis sind. Aber es sollte seine Gene nur entschlüsseln lassen, wer eine konkrete medizinische Frage hat: Woran leidet ein Kranker wirklich, bekommt er die richtigen Medikamente? Einfach so die Gene von gesunden Menschen zu entziffern, würde ich nicht empfehlen. Es ist übrigens immer noch ziemlich teuer. »Mein Vater ist an Darmkrebs gestorben – also lag die Frage nahe: Habe ich von ihm vielleicht eine gefährliche Mutation geerbt?« Marjolein Kriek im Medical Center der Universität Leiden. In Nijmegen steht ihr zu Ehren eine Statue: Ein stilisierter Computerausdruck ihrer DNA. Foto Marc de Haan Frau Doktor Kriek, Ihnen wurde bereits ein Denkmal gesetzt ... Dabei bin ich noch nicht einmal tot. Ich habe auch nichts Besonderes getan! Sie sind ziemlich jung, Sie sind eine Frau – und Sie sind die erste, deren Erbgut entziffert wurde ... Es war die erste komplette Entschlüsselung eines Genoms einer nicht anonymen Frau, um genau zu sein. Mein gesamtes Erbgut ist nun öffentlich. Also sind die Menschen in Ihrer Heimatstadt Nijmegen stolz auf Sie? Vielleicht. Fragen Sie die Leute zu Hause einmal. Wissen Sie, warum ich ausgesucht wurde? Das wollte ich gerade fragen. Das war 2007. Ich forschte gerade in Leiden für meine Doktorarbeit. Damals bekamen wir einen neuen schnellen Gensequenzer – eine Maschine, mit der man Erbgut entziffern kann. Eine vergleichbare gab es nur noch ein einziges Mal in ganz Europa, im Max-Planck-Institut in Berlin. Meine beiden Chefs wollten sofort ein menschliches Genom damit entziffern. Zu dieser Zeit war bereits das Erbgut von Jim Watson entziffert worden, also sollte es nun eine Frau sein. Und mein Nachname – Kriek – klingt wie Crick, wenn man ihn englisch ausspricht. Damit waren Watson und Crick beisammen, die Entdecker der DNA-Doppelhelix. Das Ganze haben meine Chefs natürlich bei ein paar Drinks ersonnen – ich war nicht einmal dabei. Und Sie haben einfach so mitgemacht? Nein. Ich habe erst mit meiner Familie gesprochen. Ich war zu dieser Zeit mit unserem ersten Kind schwanger. Deshalb war das sehr wichtig. Wenn Sie Ihr Erbgut veröffentlichen lassen, werden automatisch auch eine Menge genetischer Informationen über Ihre Mutter, Ihren Vater und Ihre Kinder publik. Haben Sie da nicht gezögert? Danach wurde ich später oft gefragt. Schließlich liegt jetzt auch die Hälfte des Genoms meiner Kin- 
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Biografie Die niederländische Ärztin Marjolein Kriek, geboren im November 1973, ist klinische Genetikerin am University Medical Center in Leiden. Die zweifache Mutter untersucht dort vor allem Kinder mit gestörter Entwicklung und geistiger Behinderung. An ihrer Arbeit schätzt sie besonders die Verbindung von Forschung und Arztberuf. 2008 wurde Krieks Erbgut vollständig entschlüsselt. Es war das erste persönliche Genom einer Frau, das veröffentlicht wurde. Aber es wird immer billiger. Würde sich Ihre Einstellung ändern, wenn sich jeder Hausarzt für 800 Euro einen Sequenzer in die Praxis stellen könnte? Damit ist es ja nicht getan. Die Allgemeinmediziner können das Genom ihrer Patienten doch überhaupt nicht interpretieren. Selbst wir Humangenetiker haben große Mühe damit. Meine Zunft wird die wichtige Aufgabe haben, Kollegen über die Vorund Nachteile einer Genomsequenzierung zu unterrichten. Wir müssen auch entscheiden, wie viel Hausärzte in Zukunft überhaupt von Genetik verstehen sollten. Im Moment sehe ich noch keine Notwendigkeit, weil ein Hausarzt die Ergebnisse einer Genomanalyse kaum für eine Behandlung nutzen kann. Es gibt doch schon Firmen, wie 23andme, die Genomtests für jedermann im Internet anbieten. Wie sinnvoll ist das? Im Moment ist das im Großen und Ganzen nicht zu empfehlen. Die Firmen erstellen genetische Profile für Krankheitsrisiken und geben ihren Kunden dann Empfehlungen. Doch eigentlich wissen wir noch nicht genug über verschiedene Genkombinationen, um das Risiko einzelner Krankheiten zuverlässig einschätzen zu können. Zum Beispiel könnte es sein, dass wir eine Genvariante entdeckt haben, die mit einer Erkrankung zusammenhängt. Daneben könnte es aber auch schützende Varianten geben, die wir nur noch nicht identifiziert haben. Speziell bei komplexen Erkrankungen wie Diabetes sind die Ergebnisse deshalb schwer zu interpretieren. Das Geld für B=(,7:LVVHQBB eine solche Genanalyse sollte man lieber für einen schönen Urlaub ausgeben. Wird man jemals komplexe Volkskrankheiten wie Diabetes oder Bluthochdruck aus dem Genom eines Menschen vorhersagen können? Das ist noch Zukunftsmusik. Wir verstehen noch lange nicht, wie das Genom funktioniert. Das gilt sogar für einfache monogene Erbkrankheiten: Nehmen wir an, wir entziffern das Genom eines Patienten und finden in seinem Erbgut nach heutigem Stand keine pathogene Veränderung. In fünf Jahren, wenn wir mehr wissen, könnte das schon ganz anders aussehen. In den USA wird bereits ausprobiert, ob man das übliche Neugeborenen-Screening durch eine routinemäßige Genomanalyse der Babys ersetzen kann. Dabei gibt es noch viele ungelöste Fragen: Wo werden diese Daten gespeichert, wie können wir sie vor unberechtigten Zugriffen schützen? Wie geht man mit möglicherweise schwerwiegenden Zufallsbefunden um? Ich glaube, für eine generelle Genomanalyse von Neugeborenen ist die Zeit noch nicht reif. Bei welchen Patienten ist dann zurzeit überhaupt eine Erbgutanalyse angebracht? Wir in Leiden bieten das vor allem für geistig behinderte Kinder an, deren Erkrankungen unerklärlich erscheinen. Es gibt viele Syndrome mit einen genetischen Hintergrund. Ohne eine molekulargenetische Diagnose lässt sich wenig über die Vererbung sagen. Ein anderes Beispiel ist das Noonan-Syndrom. Es kann von Defekten in mindestens acht verschiedenen Genen ausgelöst werden. Zur Diagnose ist es sinnvoll, das Genom zu entziffern, weil man nach allen möglichen Mutationen zugleich suchen kann. Allerdings können wir mit einer Genomanalyse noch lange nicht alle Krankheiten diagnostizieren. Wir beginnen erst, das menschliche Erbgut zu verstehen. Tut mir leid, wenn ich Sie enttäusche. Gibt es nach einer Diagnose per Genanalyse auch Hoffnung auf Therapie oder gar Heilung? Das ist natürlich immer das Ziel. Manchmal ergibt sich eine Behandlung, für viele genetische Erkrankungen haben wir aber schlicht keine Therapie. Doch oft hilft es Eltern, wenn wir ihnen erklären können, warum sich ihr Kind nicht normal entwickelt – wenn sie dem Leiden einen Namen geben können. Und wenn wir das Krankheitsrisiko für ihre künftigen Kinder oder andere Familienmitglieder einschätzen können. Bei einer Genomentzifferung können viele unangenehme Informationen auftauchen. Wie bereiten Sie einen Patienten darauf vor? Dazu führen wir in den Niederlanden gerade eine heiße Debatte. Welche zufälligen Befunde sollen Patienten offenbart werden: alle? Nur die behandelbaren? Was machen wir mit Defekten wie der Hun- Foto Philip Provily / VG Bild-Kunst, Bonn 2012  Gesundheit & Psychologie 
 tington-Mutation, die eine spät auftretende, unheilbare Krankheit auslöst? Bis zum Jahresende soll das entschieden sein. Sie können doch jetzt schon in eine schwierige Situation geraten: Sie untersuchen das Genom eines kleinen Kindes. Sie stellen dabei zufällig fest, es hat eine gefährliche Brustkrebsmutation von seiner Mutter geerbt. Sagen Sie der Mutter, in welcher Gefahr sie selbst schwebt? Ich würde die Frau vorher beraten und ihr sagen, dass wir solche Entdeckungen machen könnten und dass ich es für unethisch hielte, ihr diese dann zu verschweigen. Sie müssen bedenken, die Analyse macht am Ende ein Computer ohne Gewissen. Man kann ihn auch anweisen, nach so brisanten Informationen gar nicht erst zu suchen. Als Ihr Genom entziffert war, welche Fragen wurden Ihnen beantwortet? Die Leute glauben mir das nie, aber ich war zunächst gar nicht in das Projekt involviert. Ich war in der Babypause. Und das Ganze passierte 2008, damals konnten wir das Genom kaum interpretieren. Ich bin eine Frau – das sah man natürlich auch im Erbgut. Ich habe rote Haare – tatsächlich fand sich eine B=(,7:LVVHQBB Genvariante, die einen mit großer Wahrscheinlichkeit rothaarig macht. Mit meinen blauen Augen war das schon sehr viel schwieriger, die Augenfarbe wird sehr komplex gesteuert. Nichts davon war klinisch relevant. Inzwischen wissen wir viel mehr. Ich habe bedenklich aussehende Varianten in drei Genen, die Erbkrankheiten auslösen können. Sie sind aber offenbar doch harmlos, denn ich bin ja gesund. Ich bin auch Träger für einige Erbkrankheiten, zum Beispiel für eine Form von Taubheit. Finden Sie es gut, das zu wissen? Jetzt spielt es keine große Rolle mehr. Meine Familie ist komplett. Meine beiden Kinder sind nicht taub – mein Mann müsste die gleiche Veranlagung haben, hat sie aber offenbar nicht. Wenn ich aber vorher gewusst hätte, dass ich eine häufige Erbkrankheit wie etwa Mukoviszidose weitergeben könnte, hätte ich von meinem Partner verlangt, sich auch auf den Gendefekt testen zu lassen, bevor wir Kinder zeugen. Wenn beide Eltern so eine Veranlagung haben, ist es gut, das zu wissen. Sonst könnte man ja kranke Kinder zeugen. Mit allem, was Sie inzwischen wissen, würden Sie sich heute auch wieder sequenzieren lassen? Natürlich. Warum nicht? —— »Ich hätte von meinem Partner verlangt, dass er sich auf den Gendefekt testen lässt, bevor wir Kinder zeugen.« 
   UMWELT & GESELLSCHAFT Niels Boeing, ZEIT Wissen-Autor, erreichen Sie unter redaktion@zeit-wissen.de. zeit wissen s 74 bis s 106 Was wichtig war Als Ende der siebziger Jahre der Bestseller »Wir Kinder vom Bahnhof Zoo« die Republik schockierte, galt Cannabis als Vorstufe zum drogentod. Vom Joint führt ein direkter Weg zum Heroinbesteck, glaubten viele. Heute ist die Pflanze mit den hübschen Blättern gesellschaftsfähig geworden. Die US-Bundesstaaten Colorado und Washington wollen nun den letzten Schritt wagen: die vollständige legalisierung. Jeder soll Cannabis anbauen, konsumieren und verkaufen dürfen. Haben die Amerikaner den Verstand verloren? Vielleicht haben sie einfach die Studien von US-Forschern verfolgt. Die ergaben, dass nach der Teillegalisierung in 16 Bundesstaaten – für medizinische Zwecke – die Zahl der autounfälle um neun Prozent sank, die der alkoholbedingten Unfälle sogar um 14 Prozent. Kommt die Legalisierung durch, könnte sie auch der Anfang vom Ende der mörderischen Drogenkartelle in Mexiko sein, der größten Cannabis-Produzenten in Nordamerika. Was wichtig wird Lange waren Wind- und Solarenergie Vorzeigetechnologien made in Germany. Die damit erzeugten Kilowattstunden kosten aber viel Geld, das auf alle Stromkunden umgelegt wird. Weil nun der strompreis steigt, dreht sich die öffentliche Meinung gegen die Erneuerbaren. Eine Studie des Forums Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft zeigt: Das Problem sind die zu billigen CO₂-Zertifikate des EUEmissionshandels, die die Industrie zu klimafreundlichen Technologien bewegen sollen. Wären die Zertifikate teurer, könnte die Ökostrom-Umlage viel günstiger ausfallen. Dafür müsste die EU die Zahl der Zertifikate senken. Das käme der Energiewende und den Verbrauchern zugute. B=(,7:LVVHQBB 
Foto Imaginechina / Corbis  So klaut man Erdgas riesige würste schweben in letzter Zeit durch Bingzhou. Einige Bewohner der nordchinesischen Stadt sind so arm, dass sie Gas aus einer nahe gelegenen Förderanlage stehlen, um heizen und kochen zu können. Das Gas transportieren sie dann in großen Ballons nach Hause. Sieht bequem aus, ist aber gefährlich – und ziemlich auffällig. B=(,7:LVVHQBB 
 Umwelt & Gesellschaft text Niels Boeing infogr afik Helen Gruber Nachhaltigkeit Kompakt Recycling, aber richtig Kreisläufe wie in der Natur sind Vorbild für eine Welt ohne müll . Doch können hochwertige Produkte zu 100 Prozent wiederverwertet werden? F ür Michael Braungart hat die Rettung der Welt schon begonnen: in Form von Sportschuhen, Stühlen, Teppichen oder Klopapierrollen, die sich überall in seinem Hamburger Büro finden. »Diesen Stoff können Sie sogar essen«, sagt er und zeigt auf einen Stapel Textilproben. Er will mit den Stoffquadraten nicht den Welthunger beseitigen – sie sind nur Beispiele für Cradle-to-CradleProdukte. Und das ist für Braungart »die nächste industrielle Revolution«. Cradle to Cradle bedeutet »von der Wiege bis zur Wiege«, also Kreislaufwirtschaft. Die Produkte werden aus recycelten Materialien hergestellt und bilden, wenn sie nicht mehr genutzt werden, ihrerseits den Rohstoff für neue Produkte. Braungart spricht lieber von »Nährstoffen« – wie bei einem Kirschbaum. Der produziere verschwenderisch Blüten, die nach einigen Tagen auf den Boden fallen und andere Organismen ernähren. In der Natur gebe es keinen Abfall. »Abfall ist Nahrung« lautet Braungarts Credo, nach dem er die Wirtschaft umbauen will. In der deutschen Ökoszene kommt dieser Ton nicht immer gut an. Der Chemiker Braungart hat das Konzept gemeinsam mit dem US-Architekten Bill McDonough Anfang der neunziger Jahre entwickelt. Damals war längst offensichtlich, dass unser heutiges Wirtschaftssystem verschwenderisch mit Rohstoffen umgeht und gewaltige Müllberge produziert. Während die Umweltbewegung sich dafür starkmachte, Abfall zu vermeiden, überlegten Braungart und McDonough, wie man die Dinge des täglichen Bedarfs – bis hin zu ganzen Häusern – in Anlehnung an die Kreisläufe der Natur konstruieren könnte. Echtes Recycling also, kein Downcycling, bei dem aus gebrauchtem Papier schadstoffhaltiges Altpapier wird, aus gebrauchtem Kunststoff graues Plastik. Ihre Idee war, alle Materialien grob in zwei Klassen zu unterteilen: in »biologische« und »technische Nährstoffe«. Biologische Nährstoffe sind organische Verbindungen wie Polymere oder Textilfasern, die am Ende auf dem Kompost wieder in die Biosphäre zurückkehren, so wie die Blüten des Kirschbaums zu Humus werden. Voraussetzung: Die Materialien dürfen keine Giftstoffe enthalten, die Organismen schädigen. Technische Nährstoffe hingegen kehren wieder in die »Technosphäre« zurück, wie Braungart Müll vermeiden war gestern. In Zukunft sollen ausgediente Produkte als Rohstoffquellen dienen. Recyclingquoten im Vergleich 591 kg * Deutschland 62 % 583 kg * Großbritannien 39 % 521 kg * Bulgarien 0% 410 kg * Die Recyclingquote umfasst die Kompostierung und das eigentliche Recycling von Abfällen. Fast alle EU-Länder – außer Deutschland und den Niederlanden – deponieren Müll noch auf Halden, Bulgarien sogar zu 100 Prozent. Quelle Eurostat Österreich 70 % * Abfallaufkommen pro Person und Jahr B=(,7:LVVHQBB 
 interview »Holz ist nicht immer umweltverträglicher« designer müssen das Recycling Foto Jens Umbach ihrer Produkte im Blick haben. Und Käufer sollten danach fragen. Herr Löw, was bedeutet Cradle-to-Cradle-Design für Sie? Den Anspruch, Produkte so zu gestalten, dass sie möglichst umweltverträglich sind. Um diesen Anspruch kommt man als Gestalter heute nicht mehr herum. Umweltverträglichkeit sollte auch vom Konsumenten selbstverständlich erwartet werden. Sie selbst haben den Think Chair entworfen, einen Bürostuhl nach dem Cradle-to-Cradle-Ansatz. Wie unterscheidet der sich von anderen Bürostühlen? Er wiegt nur halb so viel wie das Vorgängermodell – das bedeutet weniger Materialverbrauch und weniger Energieverbrauch bei der Herstellung und beim Transport. Außerdem haben wir den Stuhl so konstruiert, dass er sich zusammenlegen und in kleineren Kartons verschiffen lässt. So bekommt man mehr Stühle in einen Container. Zum Recyceln kann man den Stuhl sortenrein in seine Bestandteile zerlegen, wir haben also möglichst keine Verbundstoffe verwendet, in denen Materialien miteinander verschmolzen sind. Der Stuhl lässt sich ohne Spezialwerkzeuge in ungefähr fünf Minuten zerlegen, ein normaler Schraubenzieher genügt. Auf welche Recyclingquote kommt der Think Chair damit? 99 Prozent des Stuhls lassen sich recyceln, und 44 Prozent der Teile können aus zuvor recyceltem Material bestehen. Dies sind aber theoretische Werte, da in der Realität oft die Infrastruktur fehlt, um alle verkauften Stühle auch tatsächlich zu recyceln. Warum ist C2C in Deutschland nicht so populär wie in den USA oder in den Niederlanden? Die Sensibilität ist unter Designern vorhanden. Aber zu einer Produktentwicklung gehören immer zwei, und die Bereitschaft der Hersteller, sich über das übliche Greenwashing hinaus mit dem Thema zu beschäftigen, wird sehr stark von der Nachfrage bestimmt. Die Verbraucher in den USA üben in dieser Hinsicht mehr Druck auf die Hersteller aus. B=(,7:LVVHQBB Ist C2C-Design teurer? Nicht unbedingt. Der Think Chair ist eher günstiger in der Herstellung und Montage. Durch sein geringeres Gewicht wird bei der Herstellung weniger Material und somit weniger Energie verbraucht. Aber was hält die Hersteller dann ab? Ein entscheidender Impuls muss von der Nachfrage ausgehen. Die Konsumenten können den Herstellern durch ihre Kaufentscheidung signalisieren, dass nicht C2C-zertifizierte Produkte unverkäuflich sind. Muss man als Produktdesigner für C2C-Design umdenken? Der Entwicklungsprozess verändert sich nicht grundlegend, er wird nur um den Aspekt der Umweltverträglichkeit erweitert. C2C verändert auch nicht unbedingt das Aussehen der Produkte: Die verbreitete Vorstellung, Produkte aus Hanf oder Holz wären per se umweltverträglicher als Kunstoffprodukte, ist falsch. Glen Oliver Löw lehrt Produktgestaltung an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg. Sein Bürostuhl Think Chair wurde mit dem begehrten Designerpreis »red dot« ausgezeichnet. 
 Umwelt & Gesellschaft Nachhaltigkeit Kompakt die Welt der Geräte und Maschinen nennt. Metalle etwa können sortenrein zurückgewonnen werden, um eingeschmolzen wieder als Rohstoff zu dienen. Technische Kunststoffe werden in ihrer chemischen Struktur ebenfalls so designt, dass sie ohne Qualitätsverlust wieder als Ausgangsmaterial formbar sind. Auch hier ist wichtig: Das Plastik darf keine Rückstände von Schwermetallen enthalten, die etwa in vielen PET-Trinkflaschen stecken, zum Beispiel Spuren des Katalysators Antimon, mit dem der Kunststoff in der chemischen Industrie hergestellt wird. Wenn es gelänge, alle Produkte als biologische oder technische Nährstoffe anzulegen und sie mithilfe erneuerbarer Energie herzustellen, müsste man sich nicht einmal mehr über CO₂-Bilanzen Gedanken machen. Braungart und McDonough gründeten zwei Unternehmen, mit denen sie andere beim Produktdesign nach der Cradle-to-CradlePhilosophie (C2C) beraten und Produkte zertifizieren. Über 500 haben bereits ein C2C-Label erhalten. Nach C2C-Prinzipien zu produzieren ist eine Herausforderung für Unternehmen, die jahrzehntelang daran gewöhnt waren, möglichst günstige Rohstoffe zu verwenden. Diese Erfahrung musste auch Peter Kämpf machen, Entwicklungschef beim fränkischen Stifthersteller Stabilo. Nachdem die Unternehmensleitung beschlossen hatte, ein C2C-Produkt auf den Markt zu bringen, machte sich sein Team unter Leitung von Ivan Horvat auf die Suche nach geeigneten Materialien für einen Filzschreiber. Für die Hülle des Stifts experimentierten die Entwickler zunächst mit Biopolymeren. Doch diese waren wasserdurchlässig und hätten Tinte durchgelassen. Fündig wurde Kämpf bei einem Folien verarbeiter. Der hatte Produktionsabfälle aus Polypropylen, das sich gut recyceln lässt. Als schwieriger erwiesen sich die Polyesterfasern für die Schreibspitze und den Tintenspeicher. Stabilo hatte bis dahin Rohmaterial aus Japan gekauft. Könnte man auch recyceltes Polyethylen nehmen? »Die Japaner sagten erst einmal, das gehe nicht«, erinnert sich Kämpf. Schließlich fanden sie doch eine Lösung. »Heute zeigen sie ihre Recyclingfasern stolz auf Messen.« Auch für den Clip am Ende des Stifts sowie den schwarzen Kegel, in dem die Schreibspitze steckt, konnte Kämpf recyceltes Material finden. Blieb noch die Tinte. Biologisch unbedenklich ist sie nur dann, wenn Mikroorganismen sie verdauen können. Dafür durfte sie keinen Konservierungsstoff enthalten. Den mischte der Farbstofflieferant B=(,7:LVVHQBB aber bei, um die Tinte in flüssiger Form auszuliefern. »Die Lösung war, die Farbstoffe in Pulverform zu schicken und erst bei uns im Werk mit Wasser zu verflüssigen«, sagt Kämpf, der von Braungarts Environmental Protection Encouragement Agency beraten wurde. Bis auf das Phenolharz, das die Fasern der Schreibspitze verklebt, und die Farbpigmente für die Hülle besteht der Stift jetzt komplett aus recycelten Materialien. Quote: 98 Prozent. »Greenpoint« nennt Stabilo den Stift. D ie richtigen Materialien zu finden ist eine der größten Hürden für Produktentwickler. Mehr als eine Million Chemikalien gibt es weltweit. Welche davon eignen sich als biologische oder technische Nährstoffe? Das untersucht Braungart gemeinsam mit Material Connexion, einer internationalen Beratungsfirma für nachhaltige Produktentwicklung. »Wir haben jetzt 40 C2C-zertifizierte Materialien in unserer Bibliothek«, sagt Karsten Bleymehl, Direktor für Materialforschung in Köln. Das ist nicht viel. »Es muss noch sehr viel von Grund auf neu entwickelt werden.« Zwar gibt es inzwischen rund 140 Unternehmen, die Produkte nach dem Cradle-to-CradleKonzept auf den Markt gebracht haben. Aber anders als Braungarts Kirschbaum, der seine Inhaltsstoffe freizügig der Natur überlässt, betrachten die meisten Firmen ihre C2C-Materialien als Geschäftsgeheimnis. Die Entwicklung geeigneter Stoffe koste viel Zeit und Geld, sagt Bleymehl. »Da wird beispielsweise der Trikothersteller Trigema einem Mitbewerber kaum offenlegen, welche biologisch abbaubaren Textilfarben er verwendet.« Besser bekannt ist, welche Stoffe Produktentwickler nicht verwenden sollten. Zum Beispiel PVC wegen der darin enthaltenen Weichmacher oder Brom als Flammhemmer in den Plastikgehäusen von Elektronikgeräten. Elektronik ist in der Liste der C2C-designten Produkte bislang Mangelware zwischen Textilien, Verpackungen, Büromöbeln und Teppichen. Allerdings hat sich inzwischen auch ein großer Elektronikhersteller an die Philosophie von Braungart und McDonough gewagt: Philips. 2010 brachte der niederländische Konzern den Flachbildfernseher Econova auf den Markt. Das Gehäuse besteht aus recyceltem Aluminium, die Kabelummantelungen im Inneren sind nicht mehr aus PVC. Überhaupt hat Philips, soweit es ging, Kunststoffe aus dem Gerät verbannt. 2011 folgte die Kaffeemaschine Senseo Viva Eco. Viele Teile sind aus recyceltem Plastik oder Stahl hergestellt, die zum Teil aus alten Haushaltsgeräten von Philips gewonnen wurden (siehe Grafik rechts). Die Die Cradleto-CradleKaffeemaschine Haushaltsgeräte wie eine Kaffeemaschine lassen sich zu großen Teilen aus recycelten Materialien herstellen. Sortenrein eingeschmolzen, könnten Bauteile als Ausgangsstoff für andere Produkte dienen. Nur für Teile, die mit Wasser und Kaffee in Berührung kommen, sollte man besser Neumaterial verwenden. 1 Die vordere Hälfte des Gehäuses sowie die Teile des Sockels lassen sich aus Polypropylen fertigen, das aus Kunststoffverpackungen oder Getränkeflaschen stammen kann. 2 Für den Deckel und einige Kleinteile eignet sich das Polyacryl von ehemaligen CDs und DVDs. 3 Das Kupfer für das Kabel lässt sich unter anderem aus alten Kabeln gewinnen. In Deutschland stammen bereits über 50 Prozent des jährlich verbrauchten Kupfers aus Recyclingfabriken. 4 Für Teile mit starker Beanspruchung ist der besonders schlagfeste Kunststoff ABS, aus dem auch Motorradhelme bestehen, ein guter Werkstoff. 5 Für Stahlteile wie Sieb, Boiler oder Wasserpumpe eignet sich recycelter rostfreier Stahl. Wiederverwertet könnte man daraus eines Tages etwa Besteck machen. 6 Teile wie das Wasserauffangbecken können auch aus dem Polypropylen von zuvor eingesammelten Haushaltsgeräten wie Toastern gefertigt werden. 
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 Umwelt & Gesellschaft Nachhaltigkeit Kompakt LED-Lämpchen der Anzeige sind nicht verschraubt oder verlötet, sondern gesteckt, um sie später weiterverwenden zu können. Oft heißt es, auf Nachhaltigkeit angelegte Technik sei zu teuer. Stimmt nicht: »Im Senseo-Projekt haben wir gelernt, dass ein C2CDesign am Ende nicht mehr kosten muss«, sagt Philips-Entwickler Mark-Olof Dirksen. Haben Kaffeemaschinen, Computer oder Stereoanlagen ausgedient, können Kunststoff- und Metallteile wieder zurück in den Rohstoffkreislauf gebracht werden. Auch aus den Elektronikbauteilen lassen sich inzwischen viele der darin enthaltenen Metalle herauslösen. Die aus den Geräten entfernten Leiterplatten aus Epoxidharz werden dafür einem Spezialrecycler wie dem belgischen Unternehmen Umicore in Hoboken bei Antwerpen übergeben. Dort analysiert ein Team täglich die neuen Lieferungen – neben Elektronik auch Autokatalysatoren und andere Industrierückstände – auf die vorhandenen Elemente. Dann entscheidet die »Küchenabteilung«, wie das Team in der Firma genannt wird, in welcher Mischung der Elektronikabfall in den Hochofen kommt. Während das Epoxidharz beim Erhitzen als Energielieferant dient, schmelzen die metallischen Bestandteile der elektronischen Bauteile. In der heißen Suppe bilden sich zwei Schichten: oben Schlacke, unten eine Mischung aus Kupfer, Gold, Silber und anderen wertvollen Metallen. Die Metallschmelze wird aus dem Ofen in ein Wasserbad geleitet, wo sie ein Granulat bildet, das noch einmal gemahlen wird. Aus dem können in weiteren chemischen Verfahren 17 Metalle in hochreiner Form herausgelöst werden. Mit der Vorstellung des Cradle-to-CradleDesigns, bei dem alles einfach zerlegbar ist, hat dieses Verfahren nicht viel gemein. Bislang gibt es noch keine C2C-gemäßen Leiterplatten, auch wenn einige Firmen an Klebeverbindungen für die Elektronikbauteile arbeiten, die sich mithilfe von Enzymen lösen lassen. »Ein C2C-Design ist wichtig, um an die relevanten Bauteile zu gelangen, aber aus komplexen Baugruppen lassen sich die einzelnen Metalle dann nur metallurgisch abtrennen«, sagt Christian Hagelüken, Recyclingexperte bei Umicore. Er hält es für wichtiger, die Elektronik nicht an unzugänglichen Stellen zu verbauen. In Autos etwa befinden sich viele Leiterplatten irgendwo in der Karosserie. »Da kommen Sie kaum ran«, sagt Hagelüken. Folge: Die Elektronik wird mit der Karosserie geschreddert, und wertvolle Metalle gehen verloren. B=(,7:LVVHQBB Nötig ist nicht nur ein besseres Design, um Geräte einfach und gründlich zu zerlegen. Es hapert auch an effizienten Sammelsystemen. Vom Elektronikschrott in Europa erreichen nur 30 Prozent die Recyclinganlagen. »Es müsste viel mehr Anstrengungen geben, um zu verhindern, dass das gesammelte Material in dubiose Kanäle abfließt«, sagt Hagelüken. Elektroschrott wird oft illegal nach Afrika oder Asien verschifft. Einige C2C-Unternehmen wie der niederländische Teppichhersteller Desso bauen inzwischen eigene Systeme auf, um die Kreisläufe zu schließen. Desso will 2015 zurückgenommene Auslegeware in eigenen Anlagen recyceln. 75 Prozent der neu produzierten Teppiche sollen dann aus alten Teppichen bestehen. Das mag hier funktionieren, stößt aber bei anderen Produkten wie dem Filzschreiber von Stabilo an Grenzen. Die Firma hatte bereits im vergangenen Jahr mit dem Entsorgungsunternehmen Interseroh einen Test gestartet: Sechs Monate lang konnten Verbraucher an 400 Sammelstellen alte Stabilo-Stifte zurückgeben. Das Ergebnis war laut Peter Kämpf »ein Desaster«. Nur ein paar Hundert Stifte waren an Interseroh zurückgeflossen – einige davon waren vom Konkurrenten Edding. Der Umgang der Deutschen mit Müll sei von Schuldgefühlen geprägt, sagt Braungart. In China versteht man ihn besser. K ritiker monieren, Michael Braungart propagiere verschwenderischen Konsum, indem er Abfall zu Nährstoffen etikettiere und nicht zu Müll, den es zu vermeiden gelte. Braungart entgegnet, der Umgang der Deutschen mit Nachhaltigkeit und Abfall sei von einem Schuldkomplex geprägt. Deutschland setze im großen Stil Müllverbrennungsanlagen ein, um »die bösen Müllgeister« zu vernichten. Tatsächlich geht es ihm um mehr als nur darum, Kreisläufe zu schließen. Er will mit besseren Zutaten auch die Qualität der Produkte und damit die Lebens qualität erhöhen. Eines seiner Lieblingsbeispiele sind die Teppiche von Desso. Die dünsten im Gegensatz zu herkömmlicher Auslegeware keine giftigen Moleküle aus. Mehr noch, sie sollen sogar die Raumluft reinigen, indem sie Schwebeteilchen binden. In anderen Ländern, allen voran den Niederlanden, fühlt sich Braungart besser verstanden. Sogar in China ist man auf das Cradle-to-Cradle-Konzept aufmerksam geworden: Der Spielzeughersteller Goodbaby fertigt seine Produkte inzwischen nach C2C-Prinzipien. »Wir müssen China und Indien Blaupausen liefern, die sie kopieren können«, sagt Braungart. Die Boomländer Asiens können mit der hiesigen Vorstellung, auf Konsum zu verzichten, um die Welt besser zu machen, ohnehin nichts anfangen. Vielleicht gelangt die Kirschbaum-Ökonomie dort als Erstes zu voller Blüte. —— 





 Umwelt & Gesellschaft text Andrea Rehmsmeier fotos Bernd Jonkmanns / laif Der Schnelle Brüter in Kalkar am Niederrhein wurde 1985 fertiggestellt, doch wegen Sicherheitsbedenken nie in Betrieb genommen. Ein niederländischer Investor hat auf dem Gelände einen Vergnügungspark mit Hotel errichtet: das »Wunderland Kalkar«. B=(,7:LVVHQBB 
 Das Weltgifterbe In der Hoffnung, plutonium irgendwann einmal wiederverwerten zu können, hat die Atomindustrie tonnenweise davon angehäuft. Doch der Plan ging nicht auf, und die große Frage ist nun: Wohin nur mit dem hochgefährlichen Stoff, der die welt bedroht? D ie Tauben versetzten die nordenglische Kleinstadt Seascale an der Irischen See in Aufruhr. »Die beiden alten Damen, die 1998 dort drüben wohnten, haben sie gefüttert«, sagt Martin Forwood von der örtlichen Umweltorganisation Core Cumbria und deutet auf eines der Reihenhäuser an der Strandpromenade. Ein Hotelbesitzer aus der Nachbarschaft habe sich damals über den Taubendreck geärgert und die Vögel mit behördlicher Erlaubnis töten lassen. Doch niemand wollte die toten Tiere wegräumen: Sie hatten ihre Nester im drei Kilometer entfernten Sellafield. Dort steht eine der größten Nuklearanlagen der Welt, und auf dem Gelände gibt es viele warme Nischen. Die Laboruntersuchung brachte Gewissheit: Die Kadaver waren radioaktiv. Sie mussten in einem Lager für schwach strahlenden Atommüll entsorgt werden. »Schuld war das Plutonium«, sagt Martin Forwood, »britisches Plutonium, japanisches Plutonium und deutsches Plutonium. Es hat unsere Tauben in fliegenden Atommüll verwandelt.« Auf dem Betriebsgelände der Wiederaufbereitungsanlage Sellafield lagern 112 Tonnen reines Plutonium, es ist das größte zivile Plutoniumlager der Welt. Ursprünglich glaubte man, mit dem aufgearbeiteten Atommüll günstig Strom erzeugen zu können, im eigens dafür konzipierten Schnellen Brüter. Doch der Traum vom Reaktor, der seinen eigenen Abfall verzehrt, droht zum Albtraum zu werden. Und während Länder wie Großbritannien, Deutschland und die USA verzweifelt nach Wegen suchen, den Stoff loszuwerden, findet die gefährliche Utopie des Plutoniumkreislaufs in China, Russland und Indien neue Anhänger – allen Gefahren zum Trotz. Immer wenn ein Atomkraftwerk Strom aus der Kernspaltung von Uran erzeugt, entsteht dabei Plutonium. Es ist radioaktiv und hochgiftig. Schon wenige Mikrogramm können Krebs auslösen. Kein B=(,7:LVVHQBB anderer Stoff, der in so kleinen Dosen tödlich wirkt, wurde je in so großen Mengen produziert. Und natürlich ist Plutonium auch noch auf andere Weise gefährlich: 1945 tötete eine Atombombe mehr als 70 000 Menschen in der japanischen Stadt Nagasaki, Zehntausende starben an den Spätfolgen. Wie viel Plutonium die Ingenieure und Militärs nach Jahrzehnten des Wettrüstens und der zivilen Atomstrom-Produktion angehäuft haben, lässt sich nur grob schätzen: Bis zu 2000 Tonnen könnten sich als Bestandteil von abgebranntem Kernbrennstoff angesammelt haben, verteilt auf Abklingbecken und Zwischenlager in aller Welt. Daraus lassen sich nicht so einfach Atombomben bauen, weil das Plutonium mit anderen Stoffen im Brennelement eingeschlossen ist. 250 Tonnen reines Plutonium jedoch haben die Atommächte für ihr nukleares Arsenal produziert, es wird streng bewacht. Aber dann sind da noch einmal 250 Tonnen aus der Wiederaufbereitung – das Erbe der Technikutopie vom geschlossenen Brennstoffkreislauf (siehe Infografik auf Seite 89). Genug für Tausende Nuklearsprengköpfe des Nagasaki-Typs. Diese Erbschaft kann man nicht einfach ausschlagen wie die Schulden der Großtante. Das Plutonium existiert – und es muss weg. Nur wohin? Das Gelände der Nuklearanlage Sellafield beginnt gleich hinter dem Bahnhof. Wer sich zu nah an den Zaun heranwagt, wird sofort von Sicherheitskräften umringt, die Maschinengewehre vor der Brust tragen: »Could we have a look at your documents, please?« Hinter dem Zaun Gestalten mit Schutzhelmen, die Hürden überspringen, robben, schießen: Sicherheitskräfte beim Einsatztraining. »Irgendwann ist ein Lageplan von Sellafield im Internet aufgetaucht«, sagt der Atomkraftgegner Martin Forwood. »Seitdem finden hier regelmäßig Übungen zur Verhütung von Terroranschlägen statt.« Sellafield betreibt eine von zwei Plutoniumfabriken in Europa, die andere ist die Wiederauf- Im englischen Sellafield lagert tonnenweise Plutonium. Sechs Kilo reichten für die Bombe aus, die in Nagasaki mehr als 70 000 Menschen tötete. Plutonium 1940 beschießt der Nuklearphysiker Glen Seaborg Uran mit Deuterium und Neutronen und erhält Plutonium 239. Dieses Isotop, das bei der Kernspaltung Energie freisetzt und in der Natur nur in geringen Mengen vorkommt, kann nun künstlich hergestellt werden. 1945 lässt USPräsident Harry Truman zwei Atombomben über Japan abwerfen: Über Hiroshima eine Bombe mit Uran, über Nagasaki eine mit Plutonium. 
 Umwelt & Gesellschaft Einige Tonnen des Plutoniums, das in Sellafield lagert, stammen aus Deutschland. Ein Teil davon muss zurück – als Brennstoff für Atomkraftwerke. Leichtwasser-Reaktor Der Begriff fasst die weitverbreiteten Druckwasserund Siedewasser-Reaktoren zusammen. Sie werden mit leichtem, also normalem Wasser gekühlt. Schwerwasser-Reaktoren funktionieren mit angereichertem Wasser. Im Brutreaktor wiederum kühlt flüssiges Metall wie etwa Natrium die Brennstäbe. Großbritannien schließlich betreibt ausschließlich gasgekühlte Reaktoren. B=(,7:LVVHQBB bereitungsanlage in La Hague. In Sellafield stehen Gewerbehallen, Schornsteine, Bürokomplexe, Kühltürme und Reaktorkuppeln inmitten von grünen Hügeln. Da gibt es die beiden alten Plutoniumreaktoren, die früher Munition für das britische Atombombenprogramm produzierten. Sie stammen aus den fünfziger Jahren, als Sellafield noch Windscale hieß. Ein Brand im Jahr 1957 löste dort eine der ersten schweren Katastrophen des Nuklearzeitalters aus. Hier steht auch die Wiederaufbereitungsanlage Thorp, wo abgebrannter Kernbrennstoff aus Atomkraftwerken in Salpetersäure aufgelöst wird, um daraus Plutonium und Uran wiederzugewinnen. In den Jahren 2004 und 2005 liefen durch ein Leck im Rohrsystem unbemerkt 83 000 Liter radioaktive Flüssigkeit mit 160 Kilogramm Plutonium in ein Becken. Die Brühe wurde abgepumpt, der Betreiber musste 500 000 Pfund Strafe zahlen. Und schließlich gibt es die Fertigungsanlage für Mischoxid-Brennstoff, kurz: Mox, in der Plutonium und Uran zu neuen Brennelementen verarbeitet werden. Wegen technischer Schwierigkeiten produzierte die Anlage bislang nur einen Bruchteil der angekündigten 120 Tonnen Mox pro Jahr. Ursprünglich war der Mox-Brennstoff für den Betrieb der Schnellen Brüter gedacht. Weil diese jedoch nie gebaut wurden oder vor Inbetriebnahme als Ruinen endeten, war bald eine andere Lösung im Gespräch: das Verbrennen in Leichtwasser-Reaktoren. Allerdings können die britischen Atomkraftwerke den Mox-Brennstoff nicht selbst verbrauchen, weil sie mit Gas gekühlt werden. Die AKWs, die man mit Mox-Brennstoff betreiben kann, stehen in Frankreich – und in Deutschland. Tatsächlich stammen bis zu sieben Tonnen des Sellafield-Plutoniums aus dem Recycling deutscher Brennelemente. Die deutschen AKW-Betreiber waren ursprünglich vertraglich verpflichtet, Sellafield die entsprechende Menge an Mox-Brennstäben abzunehmen. Im September und November wurden 16 davon ins AKW Grohnde geliefert, begleitet von Protesten. Mox-Brennelemente seien unter anderem wegen der aufwendigen Handhabung etwa 30 Prozent teurer als Brennelemente aus reinem Uran, teilt Grohnde-Betreiber E.on mit. Trotzdem muss Deutschland Dutzende Mox-Brennelemente abnehmen. Wie konnte es nur so weit kommen? Der Schnelle Brüter in Kalkar, die Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf und die Mox-Kernbrennstoff-Fabrik in Hanau kosteten Milliarden, ohne jemals in Betrieb zu gehen. Doch seit Mitte der siebziger Jahre war die Wiederaufbereitung vorgeschrieben. Sie lieferte den AKW-Betreibern den Nachweis der »schadlosen Verwertung« – und entschärfte so den Konflikt um das Endlager Gorleben. Deshalb schickten die deutschen Betreiber weiter ihren abgebrannten Kernbrennstoff zur Wiederaufbereitung nach Frankreich und Großbritannien, obwohl in Deutschland niemand mehr an ein Atommüll-Recycling im Schnellen Brüter glaubte. Erst 2005 gab die Bundesregierung den offiziellen Ausstieg aus der Wiederaufbereitung bekannt. Das Plutonium aus den Altverträgen muss Deutschland dennoch zurücknehmen. In Frankreich, Großbritannien und Belgien laufen noch Aufträge über 244 Mox-Brennelemente. Sie alle müssen irgendwie angeliefert und verbraucht werden, bevor der letzte deutsche Meiler heruntergefahren wird. D ie Kleinstadt Harwell, 25 Kilometer südlich von Oxford und damit weit entfernt von Sellafield, ist Sitz der Nuclear Decommissioning Authority (NDA), der für nukleare Entsorgungsfragen zuständigen Behörde. Adrian Simper ist hier als strategischer Leiter verantwortlich für Sellafield. Dass die britische Strategie der Wiederaufbereitung in der Sackgasse steckt, ist spätestens seit dem Atomunglück von Fukushima offensichtlich, wo es zur Kernschmelze von Mox-Elementen kam. Im August 2011 gab Großbritannien die Schließung der Sellafield-Mox-Fabrik bekannt, weil die Anlage von technischen Dauerproblemen geplagt war und mit Japan obendrein ihren letzten großen Auslandskunden verloren hatte. »Ja, wir sitzen auf riesigen Plutoniumbeständen und haben jetzt keine Kernbrennstoff-Fabrik mehr«, gibt Simper zu. »Es ist Zeit, zu überlegen, was wir mit unserem Plutonium anfangen. Zunächst einmal müssen wir dafür sorgen, dass es für viele Jahrzehnte sicher gelagert wird.« Doch wie schützt man 112 Tonnen Plutonium vor Flugzeugabstürzen, Erdbeben, Überschwemmungen, Stromausfällen, Terroranschlägen? Simper schüttelt lächelnd den Kopf: Die Informationen über die technischen Sicherheitsstandards der Lagerstätte sind geheim. Würde man das Plutonium als Müll deklarieren, erklärt Simper, müsste man eine schlüssige Entsorgungsstrategie vorweisen. »Unsere Regierung hat sich kürzlich dafür ausgesprochen, Forschung und Entwicklung weiterzuführen, um den Energiegehalt des Plutoniums zu nutzen. Voraussichtlich wird das Plutonium in Leichtwasser-Reaktoren eingesetzt werden, deren Bau Großbritannien in den kommenden Jahren plant.« Dafür wäre dann aber auch der Bau einer neuen Mox-Anlage nötig. Für einen Teil des Plutoniums aus deutschen Beständen gibt es eine neue Regelung: Vier der sieben Tonnen hat jetzt die NDA in ihren Besitz genommen. Und die vereinbarte Produktion weiterer MoxKernbrennstäbe soll künftig der französische Nuklearkonzern Areva übernehmen. »So vermeiden wir teure 
 Die Utopie vom Plutoniumkreislauf Plutonium 20 % 80 % Die Mox-Fabrik stellt Brennelemente aus Plutonium und Uran-238 her. Uran Der Schnelle Brüter erzeugt Strom aus Brennelementen, die Plutonium und Uran enthalten ( ). Außerdem kann er das Uran in den Brutelementen ( ) in Plutonium umwandeln. Die Wiederaufbereitung löst chemisch Plutonium, Uran-238 und hochradioaktive Stoffe aus den Brennund Brutelementen. Infografik Ela Strickert Atomtransporte, und Großbritannien bekommt die Kosten für das Management des Plutoniums erstattet«, sagt Simper. »Aus Sicht der britischen Steuerzahler ist es also ein guter Deal und auch für unsere deutschen Kunden von Vorteil.« Die Wiederaufbereitung, die Großbritannien einst mit Blick auf den Schnellen Brüter im großen Stil begann, hat dem Land ein gewaltiges Sicherheitsproblem beschert. Reines Plutonium, das nach der Wiederaufbereitung nicht mehr von dem stark strahlenden Mantel aus Atommüll umgeben ist, ist ein Waffenstoff. Obwohl es extrem gefährlich ist, kann man seine radioaktive Strahlung leicht abschirmen; es ist ein sogenannter Alphastrahler. Sollten sich je Handlanger von Terroristen oder Diktatoren Zugang zu einer Lagerstätte verschaffen, könnten sie es ziemlich einfach heraustragen. Für die Endlagerung ist reines Plutonium daher nicht geeignet. Die paradoxe Lösung dieses Problems: Bevor man das mühsam separierte Plutonium in einer Matrix aus Glas oder Keramik endlagerfähig macht, müsste man es wieder mit anderem Atommüll vermischen, der Gammastrahlung abgibt. Das würde den Diebstahl erheblich erschweren. Doch solange ein Fünkchen Hoffnung auf ein Plutoniumrecycling besteht, lässt sich die Suche nach einem Endlager in die ferne Zukunft verschieben, und das Plutonium bleibt in Sellafield zwischengelagert. A m 20. Dezember 1951 flackerten in der Halbwüste des Bundesstaates Idaho im Mittleren Westen der USA vier Glühbirnen auf. Der Strom, der sie zum Leuchten brachte, wurde erzeugt vom ersten Atomkraftwerk der Welt. Der Meiler war ein Reaktortyp, der später als Schneller Brüter berühmt werden sollte. Damals in B=(,7:LVVHQBB Atommüll (z. B. Cäsium) Idaho schien die Vision vom geschlossenen Brennstoffkreislauf für einen Moment zum Greifen nah. Schnurgerade zieht sich die Straße durch die grasbewachsene Ebene. Das Betriebsgelände des staatlichen Forschungszentrums Idaho National Laboratory (INL) umfasst 2300 Quadratkilometer Wüstenlandschaft. Insgesamt 52 Testreaktoren gab es hier. Die meisten sind zu Industrieruinen geworden. »Where peaceful power was born« steht auf einer riesigen Schrifttafel über dem Eingang zu dem Reaktorgebäude, das heute ein Wissenschaftsmuseum ist. Ein mit Plexiglas abgeschirmtes Loch im Boden gibt den Blick nach unten frei – mitten in den Reaktorkern hinein. »Das Kühlmittel Natrium wurde von der Hitze hier im Reaktorkern auf fast 320 Grad Celsius erwärmt: 1300 Liter pro Minute, und das durch Kernbrennstoff, der lediglich die Größe eines Fußballs hatte«, schwärmt Don Miley, der im INL für die historischen Führungen zuständig ist. »Das nenne ich Energiedichte!« Im Jahr 1953 gelang den hiesigen Forschern der Nachweis für den bis dahin nur theoretisch vorhergesagten »Brutprozess«: Im Schnellen Brüter wird die nukleare Kettenreaktion mithilfe von schnellen Neutronen am Laufen gehalten und nicht mit abgebremsten, wie im Standardmeiler. Daher dient Natrium als Kühlmittel, denn anders als Wasser bremst es die Neutronen kaum ab. Der Schnelle Brüter kann mit dem Plutonium gefüttert werden, das er während des Spaltprozesses selbst erzeugt hat. Man müsste also nur das Plutonium aus dem abgebrannten Kernbrennstoff herausisolieren und als Mox-Brennstoff von Neuem im Reaktor einsetzen, und schon hätte man den Atommüll reduziert und Rohstoff gewonnen. Das war jedenfalls die Idee. Doch dann wurden immer neue Uranvorkommen entdeckt. Warum sollte man also aufwendig Das Endlager wird seit Jahrzehnten vergeblich gesucht. Uranvorkommen Anders als Plutonium ist Uran ein in der Natur häufig vorkommendes, schwachradioaktives Metall. Das wichtigste Abbaugebiet befindet sich in Südaustralien. Große Uranreserven gibt es auch in Kanada, Kasachstan und Russland. Die DDR war früher der drittgrößte Produzent weltweit. Heute wird in Deutschland kein Uran mehr abgebaut. 
 Umwelt & Gesellschaft Im russischen Obninsk setzt man jetzt auf Atomkraftwerke mit schnellen Neutronen. »Die Welt braucht Plutonium«, sagt ein Sprecher. Plutonium aus wiederaufbereitetem Atommüll herausziehen, wenn der Standard-Kernbrennstoff auf dem Weltmarkt günstig zu haben war? Hinzu kamen Sicherheitsbedenken. Im Schnellen Brüter, warnten Kritiker, könne die nukleare Kettenreaktion wegen des hochkonzentrierten Plutoniums schnell aus dem Ruder laufen. Aufwendige Sicherheitsvorrichtungen machten die Reaktoren immer teurer. Fast alle Schnellen Brüter, die später weltweit ans Netz gingen, produzierten statt Strom vor allem Störfälle und Skandale. In den USA wurde das endgültige Ende der Brüter-Programme von einer Plutoniumdetonation ausgelöst: Am 18. Mai 1974 führte Indien seinen ersten erfolgreichen Atomwaffentest durch. USPräsident Jimmy Carter fürchtete jetzt, die Plutoniumwirtschaft könne unberechenbaren Regimen auf legalem Handelsweg Atombombenmunition in die Hände spielen. Der Traum vom geschlossenen Brennstoffkreislauf wurde zum Albtraum. Heute wird in der staatlichen Nuklearanlage Savannah River in South Carolina erstmals seit Jimmy Carter wieder eine Fabrik für Mox-Kernbrennstoff gebaut. Denn im Jahr 2010 beschlossen die USA und Russland die gemeinsame Abrüstung von je 34 Tonnen Waffenplutonium. Von 2018 an soll das Plutonium als Kernbrennstoff verwendet und somit für Waffen untauglich gemacht werden – allerdings nicht in einem Schnellen Brüter, sondern in den amerikanischen Leichtwasser-AKWs. Im Januar dieses Jahres veröffentlichte eine von US-Präsident Barack Obama einberufene Expertenkommission namens Blue Ribbon Richtlinien zum künftigen Umgang mit der strahlenden Altlast von 70 000 Tonnen abgebranntem US-Kernbrennstoff. Ein Endlager sei unverzichtbar, heißt es in der Expertise. Schnelle Reaktoren (sie funktionieren wie Schnelle Brüter, haben aber keine Brutelemente) seien nach wie vor technisch unausgereift. Sie böten kurzfristig keine Perspektive für die Atommüll-Entsorgung. Die Wiederaufbereitung gilt in den USA und Europa längst als Schildbürgerstreich. In Russland, China und Indien aber träumt die Wissenschaft bis heute vom geschlossenen Brennstoffkreislauf. D ort, wo es sonst nichts gibt als Birkenwälder, Datschen und russisch-orthodoxe Klöster, 110 Kilometer südwestlich von Moskau, liegt das Städtchen Obninsk: breite Alleen, repräsentative Gebäudefassaden – sowie Nuklearlaboratorien und Kernforschungsinstitute in jeder Straße. Zwischen Blumenrabatten streben Männer und Frauen mit Laptoptaschen in Richtung der Institute. Eine Stadt im Aufbruch. Die Krisenstimmung der neunziger B=(,7:LVVHQBB Jahre: verflogen. Der Exodus unterbezahlter Wissenschaftler ins Ausland: Vergangenheit. Der Überlebenskampf der Institute: gewonnen. Am Stadtrand erstreckt sich das weitläufige Gelände des renommierten Physikalisch-Energetischen Instituts (IPPE). Der einzige SchnelleNeutronen-Reaktor der Welt, der seit über 30 Jahren weitgehend skandalfrei mit voller Leistung Strom produziert, stammt aus dem Hause IPPE. Er steht am Ural und gehört zum Atomkraftwerk Belojarsk. Der Vorzeigereaktor läuft allerdings mit Uran. Heute nutzt Russland vor allem DruckwasserReaktoren aus eigener Produktion. Doch schon in wenigen Monaten will es den ersten Prototyp einer neuen Generation Schneller Reaktoren ans Netz bringen. Der soll, Folge des Abrüstungsabkommens mit den USA, 34 Tonnen Waffenplutonium verbrennen. Die Plutoniumkonzentration des MoxBrennstoffs soll hier fast fünfmal so hoch sein wie beispielsweise in Deutschland. Einer der gefährlichsten Stoffe der Welt in einem der störanfälligsten Reaktortypen der Welt – unter dem politischen Unbedenklichkeitssiegel der Abrüstung ist das möglich. Unbefugten ist der Zutritt zum Institutsgelände verwehrt. Man kann den IPPE-Sprecher Wladimir Kagramanjan nur in einem nahe gelegenen Café treffen. Er referiert über den wachsenden globalen Energiebedarf und über Rohstoffreserven, die zur Neige gehen, und erinnert an überfüllte Zwischenlager und Endlagerstandorte, die wieder aufgegeben wurden. »China, Indien und die Schwellenländer entwickeln sich rasant, sie brauchen Energie«, sagt er. »Die Welt braucht Plutonium! Dank Indien und China wird sich die Energiewirtschaft in Richtung Schnelle Reaktoren bewegen. Und Russland ist heute das einzige Land, das diese Technologie beherrscht.« 26 neue Atomreaktoren will Russland in den kommenden Jahren bauen. Ein Teil davon sollen Schnelle-Neutronen-Reaktoren sein, die Mox-Kernbrennstoff mit einer hohen Beimischung von Plutonium nutzen. Davon profitiert auch das Institut für Atomenergie in Obninsk. Es ist Russlands renommierteste Kerntechnik-Kaderschmiede, hier büffeln über 4000 Studenten Atomphysik, Reaktortechnik und Radiologie. Danil Popowitsch etwa will sich auf die Forschung und Entwicklung der neuen Schnellen Brüter spezialisieren. Die Sicherheitsbedenken, die Störfälle der Vergangenheit und die Befürchtungen, dass dieser Reaktortyp Diktatoren und Terroristen Bombenmaterial in die Hände spielen könnte: Das alles quittiert der Student mit einem Schulterzucken. »Angst behindert nur die Arbeit. Es gibt keine Gefahr, es gibt nur Bereiche, die eine höhere Verantwortung verlangen«, sagt der angehende Nuklearingenieur. »Neue Technologien muss man souverän angehen. Dann wird alles gut.« —— 

 Umwelt & Gesellschaft text Max Rauner infogr afik Golden Section Graphics / Jim Dick einfach mehr verstehen Neue Stromkabel Die Energiewende der streit um die Öko-Energie nimmt kein Ende. Hat Erdkabel fallen weniger auf als Freileitungen, sind aber zwei- bis zehnmal so teuer und nicht umweltschonender. Freileitungen stoßen auf Protest, der den Bau verzögert. Trotzdem: Bürgerbeteiligung und mehr Transparenz beim Planen müssen sein. Deutschland sich mit seinen ehrgeizigen Zielen übernommen? ZEIT Wissen zeigt, wo es hakt – und wie es weitergehen muss. Energiespeicher Pumpspeicherkraftwerke gleichen kurzzeitige Schwankungen erneuerbarer Energien aus (< 1 Stunde). Über ein Unterseekabel soll Deutschland von 2018 an norwegische Pumpspeicher anzapfen können. Doch das reicht nicht. Eine Alternative zu Speichern: Energieeffizienz-Maßnahmen fördern. B=(,7:LVVHQBB Strom zu Gas Das Gasnetz kann Biogas aufnehmen, aber auch Ökostrom speichern, indem Wasserstoff oder Methan durch Elektrolyse hergestellt werden (»Power to Gas«). Wie viel Wasserstoff Gasleitungen und Gaskraftwerke vertragen, müssen Ingenieure dringend klären. 
 Ökostrom-Förderung Die Vergütung von Solarstrom wird nun dreimonatlich angepasst, um Überförderung zu vermeiden. Der Zubau von Solaranlagen und Windrädern muss aber stärker an den Ausbau des Stromnetzes gekoppelt werden. Off shore-Windkraft 28 Windparks in Nord- und Ostsee sind genehmigt, doch erst zwei sind in Betrieb. Schuld ist vor allem der Streit um die Haftung, wenn etwas schiefgeht. Über eine Milliarde Euro kostet ein Windpark mit Anschluss. Eine Lösung: Der Bund haftet – und wird an den Erlösen beteiligt. Die Lobbyisten Neustart für die Strombörse Der Stromhandel braucht Regeln, um erneuerbare Energien besser zu integrieren: Regional unterschiedliche Strompreise könnten Engpässen vorbeugen; der Handel im Vierstundentakt statt am Vortag würde Windprognosen besser berücksichtigen. Dann fehlt nur noch ein Anreiz, Kraftwerke auf Stand-by zu halten. B=(,7:LVVHQBB Energieminister /-in gesucht Für die verschiedenen Teilbereiche des Energiesystems sind ein halbes Dutzend Ministerien zuständig, die sich mitunter gegenseitig ausbremsen. Nach der Bundestagswahl 2013 sollte man die Abteilungen in einem Energieministerium bündeln. Das könnte zudem ein europäisches Energiekonzept vorantreiben. Atomlobby war gestern, jetzt sind die Lobbyisten für Kohle, Gas, Stromnetze und erneuerbare Energien am Zug. Leider hat das Energiesparen keine Lobby. Der Sozialwissenschaftler Harald Welzer sieht hier eine Aufgabe für Genossenschaften: Wer Autos, Werkzeuge und Maschinen gemeinsam nutzt, konsumiert weniger – und spart Energie. 
 Umwelt & Gesellschaft text Ulrike Meyer-Timpe ZEIT Wissen Preis — Mut zur Nachhaltigkeit Handeln statt klagen! rei Die d r ten nie Nomi K a te g o r ie ln H a nd e Der neue ZEIT Wissen-Preis Mut zur Nachhaltigkeit zeichnet verantwortungsbewusste Unternehmen und Initiativen aus. Nun stehen die Nominierten fest. B=(,7:LVVHQBB Foto Kathrin Spirk D en Zustand der Welt zu beklagen ist das eine. Etwas zu tun, um sie nachhaltig zu verändern, etwas ganz anderes. In der Kategorie »Handeln« hat die Jury drei Nominierte ausgewählt, die auf ganz unterschiedlichen Gebieten aktiv geworden sind. Heini Staudinger widersetzt sich mit seinen Waldviertler-Schuhen den Zwängen der Globalisierung. »Man darf nur so viel Holz schlagen, wie nachwächst«, lautet seine Maxime von wirtschaftlicher Nachhaltigkeit, die den Menschen in einer der ärmsten Regionen Österreichs langfristig Arbeitsplätze bietet. Jakob Bilabel hat dem hohen CO₂-Ausstoß der Musikbranche den Kampf angesagt und dafür die Green Music Initiative ins Leben gerufen. »Mit Nachhaltigkeit verbinden viele nur Askese«, sagt er. »Wir zeigen, dass eine klimaverträgliche Welt Spaß macht.« Und das Konzept des Netzwerks Solidarische Landwirtschaft stellt unser Leben auf ein völlig neues Fundament, indem es die fatale Verbindung zwischen Essen und Profit kappt – und so für eine gesunde, natur- und klimaschonende Ernährung sorgt. Netzwerker Wolfgang Stränz: »Statt einfach Altes zu bewahren, müssen wir nach ganz neuen Wegen suchen.« —— 
 green music initiative Klimaschutz mit Musik Vier Jahre ist es her, dass Jakob Bilabel mit Freunden aus der Musikbranche beisammensaß. »Die Band, die ich jetzt manage, will klimafreundlich touren – aber wie geht das?«, fragte einer von ihnen. Das Einzige, was Bilabel einfiel: »Frag doch bei Greenpeace nach.« Doch auch die Umweltorganisation wusste keinen Rat. Bilabel, früher selbst im Management von Universal Music, ist Gründer des »Think-do-Tanks« thema 1, der nach innovativen Wegen zur CO₂-Minderung sucht. Das Treffen mit den ehemaligen Kollegen gab den Anstoß, die Green Music Initiative zu starten: eine Plattform für Ideen, wie die energieintensive Musikbranche klimaverträglicher werden kann. Damals war eine Studie der Oxford University zu dem Ergebnis gekommen, dass besonders die Anreise Zehntausender Fans zu Festivals und Großkonzerten eine Belastung für die Umwelt darstellt. Gemeinsam mit Forschern von der Universität Chemnitz und der Fachhochschule Potsdam startete Green Music eine Befragung von Festivalbesuchern und stellte fest: Die klassischen B=(,7:LVVHQBB Antworten aus dem Mobilitätsmanagement funktionieren hier nicht. Einerseits kommen die Fans nicht allein, sondern oft zu dritt oder viert im Auto angereist. Andererseits sind öffentliche Verkehrsmittel keine Alternative, weil Festivals meist fernab auf der grünen Wiese stattfinden. Das Melt!-Festival in Sachsen-Anhalt wurde zum Pilotprojekt. Jetzt fährt ein Zug mit Party-Waggon und abschließbaren Schlafwagenabteilen von Köln bis auf das Ex-Industriegelände, wo er drei Tage lang zum Übernachten dient. Für andere Festivals, auf deren Gelände keine Bahngleise liegen, hat Green Music eine Social-MediaPlattform entwickelt. Über Facebook und andere Kanäle können Fans nun diejenigen suchen, mit denen sie gern schon auf der Hinfahrt feiern möchten. Wenn genügend Passagiere beisammen sind, wird automatisch ein Bus gebucht. Falls Green Music den mit 10 000 Euro dotierten Nachhaltigkeitspreis gewinnt, will Bilabel Workshops für Musikveranstalter aus Osteuropa organisieren – dort sei man an Green Music sehr interessiert. 
 Umwelt & Gesellschaft solidarische landwirtschaft »Bei uns verlieren die Lebensmittel ihren Preis – und gewinnen so ihren Wert zurück.« Wolfgang Stränz, Netzwerk Solidarische Landwirtschaft Der Gemeinschaftsbauer Ein Bauernhof? Da gibt es Kornfelder und den Kartoffelacker, auf den Weiden grasen die Kühe, und im Hof tummeln sich Hühner und Enten. Produziert werden gesunde Lebensmittel. Ein allzu romantisches Bild? Längst ist die Landwirtschaft zur Industrie geworden. Wer als Bauer Geld verdienen will, muss sich spezialisieren: auf Rapsanbau für Biosprit, auf Massenzucht von Schweinen, auf Eierproduktion in Legebatterien. Kein Wunder, dass sich kaum noch Nachwuchs findet. »Wir brauchen einen Paradigmenwechsel in der Landwirtschaft«, sagt Wolfgang Stränz. Das 2010 gegründete Netzwerk Solidarische Landwirtschaft, dessen Kassenwart er ist, verfolgt ein radikal neues Konzept. Das Prinzip: Wer sich gesunde Lebensmittel und eine nachhaltige Landwirtschaft wünscht, muss den Bauern vom Druck befreien, möglichst billig möglichst viel zu produzieren. Es begann auf dem Buschberghof nahe Hamburg. Als der Bauer in Rente ging, übernahm ein Verein den Hof und stellte einen jungen Landwirt an. Jedes Jahr kalkuliert dieser seine Betriebskosten. Die Mitglieder des Vereins bringen das Geld auf und erhalten dafür kostenlos alles, was der Hof produziert. »Die Lebensmittel verlieren so ihren Preis und bekommen ihren Wert zurück«, sagt Stränz. Auf dem Buschberghof beträgt das Budget jetzt 360 000 Euro pro Jahr; davon kann man rund 300 Menschen ernähren. Im Schnitt zahlt jeder rund 100 Euro im Monat und erhält dafür alles, was er braucht: Brot, Käse und fünfzig Sorten Gemüse, Obst, Eier, Milch von glücklichen Kühen und Biofleisch von Angler Sattelschweinen. Die meisten Mitglieder leben in Hamburg und Umgebung. Dort können sie sich in Depots mit den Erzeugnissen des Hofs bedienen. In Deutschland ist die Zahl solcher Freihöfe in den vergangenen fünf Jahren von 8 auf 27 gestiegen; in Frankreich, wo Stränz vor zehn Jahren das Konzept vorstellte, gibt es bereits 2000. Das Preisgeld würde Stränz gern verwenden, um für das Konzept zu werben – und viele Nachahmer zu finden. »Wissen« und »Handeln« lauten die Kategorien des ZEIT Wissen-Preises Mut zur Nachhaltigkeit. Preisträger können Bildungsund Forschungsinitiativen sein, die sich mit Nachhaltigkeit beschäftigen, B=(,7:LVVHQBB genauso wie Firmen, die unseren Alltag nachhaltiger gestalten. Verliehen wird der Preis im Rahmen eines Kongresses am 21. Februar 2013. Mehr Informationen unter: www.zeit.de / mut-zur-nachhaltigkeit. Foto Kathrin Spirk Der Preis 
 waldviertler Foto Paul Kranzler Schuhe, die Identität stiften Vor gut zwanzig Jahren nahm Heini Staudinger ein Geschenk an, das andere energisch abgelehnt hätten: Zum Nulltarif wurde er Miteigentümer in einer Schuhmanufaktur, weil er mit seinem Schuhgeschäft deren Hauptkunde war. Die Werkstatt war sieben Jahre zuvor gegründet worden, um Arbeitsplätze für problembeladene Menschen zu schaffen. B=(,7:LVVHQBB Inzwischen war sie hoch verschuldet. Als auch noch der Geschäftsführer ging, machte sich Staudinger auf ins Waldviertel, Österreichs Armenhaus nahe der tschechischen Grenze. Er bezog einen »garagenähnlichen Raum« in Schrems und übernahm die Leitung der Schuhmanufaktur. Zwölf Mitarbeiter hatte er 1994, heute sind es 130 – ein Phänomen angesichts der Konkurrenz aus Asien. »Die Region war vom Niedergang gekennzeichnet, hier herrschte eine recht depressive Stimmung«, erzählt Staudinger. »Jetzt bilden wir das Gegengewicht: Wir stellen ein identitätsstiftendes Produkt her – und sind ein Signal der Hoffnung und des Stolzes.« Die hochwertigen und hochpreisigen Schuhe signalisierten: »Waldviertler sind stark, mit ihnen kommst du weiter.« Sie tragen den Namen der einst als rückständig geltenden Region in die Metropolen. Und locken Besucher an, die gern die Werkstätten besichtigen und zu Seminaren ins Tagungshaus kommen. Inzwischen stellt Staudinger auch ökologisch unbedenkliche Betten her. Verkauft werden die Produkte in den Läden seiner Kette GEA, von denen es jetzt auch zwölf in Deutschland gibt. Zwischen 1000 und 2000 Euro zahlt er seinen Leuten, er selbst komme mit noch viel weniger aus, sagt Staudinger. Das Preisgeld würde er für Projekte in Afrika spenden und davon außerdem alleinerziehenden Müttern in Österreich einen Urlaub mit ihren Kindern spendieren. 
  DOSSIER nachhaltige kleidung zeit wissen s 98 bis s 106 Unsere zweite Haut Schön, wenn die Bluse nur zehn euro kostet. Nicht gut, wenn dafür die Umwelt leidet und Arbeiter ausgebeutet werden. Es gibt Alternativen. Höchste Zeit, denn Baumwolle wird knapp. 102 Neue Stoffe – Milch und Bananenfasern werden zu Textilien. B=(,7:LVVHQBB 103 Spinnenseide – was die Zauberfäden der Natur leisten können. 104 Gütesiegel – was uns die Ökolabels über Kleidung verraten. 106 Hightech-Stoffe – das Geschäft mit den Funktionstextilien. 
text Susanne Schäfer B illustr ation Lisa Schweizer eutestück Nummer zwei ist roséfarben und glänzt. Die junge Frau hält das Kleid in die Kamera, dreht und wendet es, Metallic-Optik sei das und habe 5,99 Euro gekostet. Ein Hammerpreis, sagt Funnypilgrim, wie sie sich auf YouTube nennt. Die weiteren Eroberungen der Shoppingtour: noch ein Kleid, ein Pulli, fünf Hosen, ein Oberteil, eine Strickjacke und ein Gürtel. Willkommen im Polyester-Paradies. »Haul Video« nennt sich das, was derzeit ModeMädchen von den USA bis Deutschland ins Netz stellen – Dokumente ihrer Shoppingbeutezüge. Sie filmen sich selbst dabei, wie sie Kleidungsstücke vorführen, die sie gerade gekauft haben. Dabei sitzen sie in ihren Jungmädchenzimmern, pinkfarbene Wände und Schminktischchen gehören oft zur Kulisse. Vielen von ihnen sehen um die 100 000 Menschen zu. Die Konsumenten, die Polyesterkleidchen für 5,99 Euro und ebenso billige Baumwoll-T-Shirts kaufen, sind Teil des Systems Fast Fashion. Viele tragen ihre Kleider nur ein paar Mal, dann muss etwas Neues her – weil die Mode sich geändert hat oder die Teile schlicht kaputt sind. Modeketten produzieren Kleidung in immer kürzerer Zeit und bringen ständig neue Stücke in die Läden. Die Billigproduktion und der schnelle Modezyklus gehen zulasten von Arbeitern, Umwelt, Klima und der Gesundheit derjenigen, die die Kleider am Ende tragen. Das könnte sich bald jedoch ändern: Baumwolle wird in den kommenden Jahren voraussichtlich knapper, und auch Erdöl – die Basis von Polyester – ist bekanntlich nicht unbegrenzt verfügbar. Deshalb setzen viele Anbieter auf Fasern aus nachwachsenden Rohstoffen, Viskose etwa wird auf der Basis von Holz hergestellt. Experten sehen voraus, dass Mode bald nicht mehr ganz so billig sein wird. »BaumwollT-Shirts, die bei Textil-Discountern immer noch wie Wegwerfartikel zu Billigstpreisen gehandelt werden, gehören hoffentlich bald der Vergangenheit an«, sagt Silvia Jungbauer vom Verband Gesamtmasche, der einen Teil der deutschen Textilunternehmen vertritt. Die Produktionsstrecke vom Entwurf bis zum ausgelieferten Kleidungsstück dauert heute nur noch wenige Wochen. Neue Kollektionen kommen nicht mehr wie früher zweimal pro Jahr in die Läden, es treffen kontinuierlich neue Kleider ein. So signalisieren die Anbieter den Kunden, dass sie ständig ihre Garderobe erneuern sollten – und machen dies möglich, indem ein T-Shirt oft kaum mehr kostet als ein Kaffee. Wer bei Billiganbietern wie H & M, Zara oder der gerade expandierenden irischen Kette Primark kauft, kann bei allen Trends mitmachen, ohne viel Geld auszugeben. Die Kunden spielen da gerne mit. Wegwerfen und Neukaufen wird zum Prinzip. B=(,7:LVVHQBB »Je mehr Kleidung hergestellt wird, desto größer wird auch die Belastung für die Umwelt«, sagt Kirsten Brodde, Textilexpertin von Greenpeace. Bei der Produktion werden Hunderte verschiedener Chemikalien eingesetzt – Farbstoffe, Färbebeschleuniger und Bleichmittel, zusätzlich Substanzen, die dafür sorgen, dass Kleider griffiger werden, weniger knittern, mehr glänzen oder dass Leder nicht schimmelt. Gerade in Ländern wie China, Indien und Bangladesch, aus denen ein großer Teil unserer Textilien kommt, sind gefährliche Stoffe verfügbar. Greenpeace analysierte das Abwasser chinesischer Fabriken, die auch deutsche und multinationale Textilunternehmen beliefern, und fand langlebige giftige Chemikalien. Die Menschen, die in solchen Fabriken unsere Kleidung herstellen, gefährden ihre Gesundheit. Bei der Sandstrahl-Methode etwa – mit der neue Jeans behandelt werden, damit sie abgetragen aussehen – atmen die Arbeiter Quarz ein, das die Lunge angreift. Nach heftiger Kritik verpflichteten sich H & M und das Jeanslabel Levi Strauss dazu, die Technik nicht mehr anzuwenden. Insgesamt haben sich die Sozialstandards jedoch kaum verbessert, obwohl die Zustände in den Fabriken lange bekannt sind. Die Organisation »Kampagne Saubere Kleidung« kritisiert niedrige Löhne und mangelnde Sicherheit. Bei einem Brand in einer Textilfabrik in Pakistan, die unter anderem für KiK produzierte, starben im September mehr als 250 Arbeiter.  Statt zwei Kollektionen pro Jahr treffen jetzt ständig neue Kleider in den Läden ein – und animieren dazu, die Garderobe öfter zu erneuern. A uch hierzulande sorgt das Prinzip Fast Fashion für Umweltprobleme – in Form von Müll. Der durchschnittliche Europäer verbrauche im Jahr 20 Kilogramm Textilien, der Amerikaner sogar 35, schreibt Textil-Experte Andreas Engelhardt in seinem Buch Schwarzbuch Baumwolle. Der weltweite Fasermarkt umfasste nach Angaben der Bremer Baumwollbörse 1990 ein Volumen von 38 Millionen Tonnen, im Jahr 2000 von knapp 50 Millionen und 2012 sogar von 75 Millionen Tonnen. Etwa die Hälfte dieser Fasern wird für Kleidung genutzt, schätzt Engelhardt. Die vielen chemischen Zusätze in Textilien schaden vor allem den Arbeitern, womöglich aber auch den Käufern. Einige der Textil-Chemikalien können Kontaktallergien auslösen, zum Beispiel Formaldehyd. Damit werden Kleider behandelt, damit sie weniger knittern und ihre Form behalten. Zinnorganische Verbindungen, die Kleidung während des Transports vor Pilzbefall schützen, könnten nach Einschätzung des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) die Fruchtbarkeit einschränken und das Nervensystem angreifen. Sie sind in der EU verboten. Andere Substanzen stehen im Verdacht, das 
 Dossier Dossier Nachhaltige Kleidung Krebsrisiko zu erhöhen, zum Beispiel einige Azofarbstoffe. Nach Angaben des BfR verzichtet die deutsche Industrie schon lange auf die gefährlichen Mittel, nur wird ja kaum noch Kleidung in Deutschland hergestellt. »Man muss davon ausgehen, dass in einigen importierten Textilien, insbesondere aus Nicht-EUStaaten, solche problematischen Farbstoffe enthalten sein können«, schreibt das BfR. Die EU hat ein Warnsystem namens Rapex eingerichtet, um Verbraucher vor gefährlichen Stoffen zu schützen, die bei den Herstellern in China oder Indien eingesetzt werden. Das Kürzel steht für Rapid Exchange of Information System. Wenn in einem EU-Staat bei Stichproben verbotene Stoffe oder erhöhte Werte einer gefährlichen Substanz auftauchen, informiert er die anderen EU-Mitglieder. Notfalls kann man bedenkliche Produkte zurückrufen. Grund zur Panik besteht aber nicht. Allergien, die durch den Kontakt mit Kleidung entstanden sind, kommen selten vor. Nach Informationen des BfR wurde bei etwa ein bis zwei Prozent der Allergiepatienten in Kliniken das Leiden durch Kleidung hervorgerufen. Die Gesundheitsgefahr durch Textilien wächst allerdings, wenn man ständig neue kauft, weil mögliche Schadstoffe dann noch konzentriert sein können. Nachdem man die Kleider drei- bis zehnmal gewaschen hat, sind die Rückstände verschwunden– manche Schnäppchenjäger tragen die Kleidung aber gar nicht länger. Doch möglicherweise steht eine Ökowende bei der Textilherstellung bevor. »Die Zeiten billiger Bekleidungstextilien nähern sich dem Ende«, schreibt Andreas Engelhardt in seinem Schwarzbuch Baumwolle. Er geht der Frage nach, wie man den wachsenden Stoffbedarf der Welt möglichst nachhaltig decken kann. Die Anbaufläche ist begrenzt, ähnlich wie beim Biosprit konkurrieren die Bauern mit denen, die Nahrungspflanzen anbauen. Baumwolle wird daher knapp. Gute Chancen sieht Engelhardt da für Stoffe aus Pflanzenfasern, zum Beispiel aus Holz von Bäumen, die besonders schnell wachsen. Die brauchen zwar auch Anbaufläche, aber weniger als Baumwolle. Zudem wächst, als Gegenbewegung zur Wegwerfmode, das Interesse an nachhaltig produzierter Kleidung. Die breite Masse kauft zwar, ähnlich wie bei Lebensmitteln, vor allem billig. Doch eine kleinere Gruppe hat ein Bewusstsein für biologisch und fair hergestellte Produkte entwickelt. Ökomode ist oft so verarbeitet, dass sie länger hält als eine Saison. B=(,7:LVVHQBB Sie gilt in immer weiteren Kreisen als schick, Modestrecken zu Green Fashion in Frauenzeitschriften sind inzwischen ganz normal. Bewusst leben, ohne zu verzichten, guter Konsum ist möglich – dieser Gedanke entspricht dem Lifestyle of Health and Sustainability, kurz Lohas, der vor ein paar Jahren aufkam. Inzwischen hat sich herausgestellt, dass es durchaus mit Arbeit verbunden ist, Produkte zu finden, die das Versprechen erfüllen. Viele Unternehmen werben mit scheinbar grünen Produkten, in Wirklichkeit betreiben sie aber nur Greenwashing – so umweltfreundlich sind ihre Angebote gar nicht. In ihrem Buch Ende der Märchenstunde hat die Autorin Kathrin Hartmann etliche Beispiele dafür gefunden, auch in der Mode. Eine gewisse Sicherheit bieten Gütesiegel, die für eine umweltfreundliche Produktion, hohe Sozialstandards oder ein giftfreies Endprodukt stehen (siehe Seite 104). Allerdings sind erst wenige Kleidungsstücke mit solchen Labels gekennzeichnet. Anbauflächen werden knapp, Baumwolle wird teurer – die Wegwerf-T-Shirts gehören daher wohl bald der Vergangenheit an. D ie Alternative zu gutem Konsum ist weniger Konsum. Bei vielen entsteht gerade eine neue Lust an Dingen, die bleiben. Die Anhänger der Werterhaltung reparieren ihre Klamotten, statt sie wegzuwerfen. In den Niederlanden gibt es Repair Cafés – die Veranstalter helfen den Leuten an wechselnden Orten, ihre kaputte Kleidung oder andere Dinge in Ordnung zu bringen. Auch diejenigen, die ihre Kleider am Leben halten wollen, nutzen YouTube-Videos – nicht als Shoppingkanal wie die Modemädchen, sondern um einander zu zeigen, wie man Reißverschlüsse repariert oder Knöpfe wieder annäht. Für die Umwelt wäre es das Beste, wenn mehr neue aus alten Kleidern entstünden. Altkleider gibt es ja genug, weil so viele Menschen ihre Sachen nur kurz tragen und schnell wegwerfen. Manche Textilunternehmen verwenden deshalb inzwischen auch recycelte Fasern, wie Silvia Jungbauer vom Branchenverband Gesamtmasche sagt. Allerdings bewege sich das bisher »in den Grenzen des Machbaren«. In der Ökobilanz, die die Umweltorganisation Made-by errechnet hat, schneiden recycelte Fasern besonders gut ab. Manche Hersteller von Sport- und Outdoorkleidung beginnen nun, Jacken und Rucksäcke aus aufbereitetem Material wie Plastikflaschen anzubieten. Wie das große Projekt Faser-Recycling schon jetzt im Kleinen funktioniert und aus Müll Mode wird, zeigen einige Designer. Die Betreiber des Ladens Redesign im Hamburger Karoviertel schneidern aus alten Pullis Röcke, aus Jeans enge Westen, aus den Ärmeln von getragenen Blazern Handytäschchen. Ein kleiner Teil von dem, was das System Fast Fashion auswirft, lebt so weiter. 
 Wie unsere Kleidung der Umwelt schadet Holz wird mit Zusatzstoffen zu einem Brei aufgelöst und dann durch eine Art Sieb gepresst. Wegen der Chemikalien und des Energieverbrauchs steht Viskose in der Kritik. Neuere Verfahren sind umweltfreundlicher und brauchen weniger Wasser. Die Ökobilanz von Wolle variiert stark, besonders je nach Art der Weiterverarbeitung. Merinoschafe, die vor allem in Australien leben, werden allerdings häufig unter tierquälerischen Bedingungen gehalten, kritisiert Greenpeace. Leder enthält oft Chromatrückstände vom Gerben mit Chromsalz. Sie können allergische Reaktionen auslösen. Neue Verfahren, Leder etwa mit Rhabarberextrakt pflanzlich zu gerben, haben sich noch nicht durchgesetzt. B=(,7:LVVHQBB Synthetische Fasern herzustellen verbraucht viel Energie, aber wenig Wasser, etwa 200 bis 300 Liter pro Kilogramm. Als Rohstoff dient Erdöl – das zur Neige geht. Biokunststoff aus Mais ist eine Alternative, aber umstritten, weil der Anbau Ackerfläche verbraucht. Der Baumwollanbau verbraucht mindestens 7000 Liter Wasser pro Kilogramm Faser, viel Ackerfläche und viel Dünger. Polyester schneidet unter den meisten Umweltaspekten besser ab. Biobaumwolle ist besser als konventionell angebaute, hat aber nur ein Prozent Anteil am Baumwollmarkt. 
 Dossier Die Stoffe der Zukunft Weil Baumwolle knapp wird, suchen Hersteller nach neuen Materialien und stellen Kleidung aus milch, Bananenfasern und Eukalyptus her. Natürliche Stoff-Lieferanten Bananen Nach der Ernte werden die Pflanzen zurückgeschnitten, der Stamm wird zerkleinert, in Salzwasser eingeweicht und gekocht. Aus der getrockneten Masse lösen die Arbeiter die Fasern heraus, die sie reinigen, zu Garn spinnen und mit etwas Baumwolle zu einem Mischgewebe verarbeiten. Eukalyptus Weil diese Bäume schnell wachsen, eignen sie sich besonders gut als Rohstofflieferant. Das Holz wird zu einem Zellulosebrei aufgelöst und zu Fäden gepresst, aus denen Lyocell entsteht – ein ähnliches Verfahren wie bei Viskose, bei dem aber weniger chemische Hilfsmittel notwendig sind. B=(,7:LVVHQBB G latt und kühl fühlt sich das kleine Gelbe an, ein bisschen wie Seide. Es hängt zwischen anderen Kleidern an einer Stange. Ein Zimmer weiter steht der Rohstofflieferant für den Stoff – kein Schaf, keine Baumwollpflanze, keine Seidenraupen. Sondern ein Becher mit Pulver, das aussieht wie Mehl und sich zwischen den Fingern stumpf anfühlt. Es ist Proteinpulver, aus Milch gewonnen. Milchseide ist einer von vielen neuen Stoffen, die gerade auf den Markt kommen. Baumwolle wird in den nächsten Jahren voraussichtlich knapper und damit teurer. Deshalb suchen Textilunternehmen und Modelabels nach Alternativen. Sie probieren sich quer durch die Natur: Künftig sollen wir Mais, Soja und sogar Krabbenschalen am Körper tragen. Der Ökomode-Hersteller Hessnatur etwa bietet schon heute einen Schal aus Bananenfasern an, das italienische Label Loro Piana verarbeitet Fasern burmesischer Lotuspflanzen zu Anzügen. Aus den Experimenten werden wohl auch Stoffe entstehen, die den Fasermarkt neu strukturieren könnten: Der Textilexperte Andreas Engelhardt, Autor von Schwarzbuch Baumwolle, sieht eine große Zukunft für Stoffe aus Pflanzenfasern, die neue Viskose gewissermaßen. Seiner Einschätzung nach werden auf Zellulose basierende Fasern die stärksten Zunahmen erleben als Folge künftiger Engpässe bei Baumwolle. Er beobachtet, dass viele Textilunternehmen jetzt in die Herstellung von Zellulosefasern investieren. Der österreichische Hersteller Lenzing etwa vertreibt bereits einen Stoff, der aus dem Holz von Buchen und Eukalyptus entsteht. Zwei Entwicklungen befeuern die Suche nach neuen Materialien. Zum einen steigt die Nachfrage nach Kleidung, weil die Weltbevölkerung wächst, in einigen bisher armen Regionen der Wohlstand steigt und die Modezyklen in den reichen Ländern kürzer geworden sind. Zum anderen werden Ackerflächen und Wasser zu begehrten Ressourcen, und gerade Baumwolle braucht enorm viel davon. Obwohl die Baumwollproduktion immer noch steigt, sinkt der Anteil des Rohstoffs am weltweiten Fasermarkt bereits. 1990 waren weltweit 19 Millionen Tonnen verfügbar, was einem Anteil von 49 Prozent entsprach. Im Jahr 2000 gab es zwar 20 Millionen Tonnen Baumwolle, doch das entsprach lediglich einem Anteil von rund 40 Prozent, weil der weltweite Markt aller Fasern gewachsen war. Derzeit hat Baumwolle noch einen Anteil von 31 Prozent. Der enorme Stoffbedarf weltweit lässt sich immer weniger durch Baumwolle decken. Ein Nachfolge-Kandidat ist Polyester. Das Material werde immer besser darin, Naturfasern nachzuahmen, und lasse sich besonders günstig herstellen, sagt Elke Hortmeyer von der Bremer Baumwollbörse. Dagegen prognostiziert Silvia Jungbauer vom Verband Gesamtmasche, der deutsche Textilunternehmen vertritt, dass die Preise für Chemiefasern steigen werden, weil auch Erdöl knapp wird – die Basis synthetischer Fasern. Außerdem akzeptierten die Kunden Polyester nicht immer, Unterwäsche und Nachthemden aus dem Material seien unbeliebt. Der Verband setzt eher auf Fasern aus Naturstoffen, die nachwachsen. Dabei werden die Pflanzenfasern meist aufgelöst und zu einem Zellulosebrei verarbeitet, aus dem dann Fäden gepresst werden. Schon etwa seit 1900 ist dieses Verfahren aus der Herstellung von Viskose bekannt. Hier wird der Brei aus Holz gewonnen, allerdings braucht man für das Verfahren so viele Zusätze, dass Viskose als Chemiefaser gilt. Als zweite Generation der Zellulosefasern bezeichnet der Autor und Textilexperte Engelhardt das Modal, das meist aus Buchenholz gewonnen wird. In einem verbesserten Verfahren wurden die Fasern fester. Nun haben Hersteller zudem einen Weg gefunden, Holz schonender zu verarbeiten. Der Zellstoff wird mit ungiftigen Lösungsmitteln und ohne Natronlauge aufgelöst. Zur dritten Generation der Zellulosefasern zählt Lyocell, ein Stoff aus Eukalyptus- oder Buchenholz. Zwar sind auch dafür Anbauflächen nötig, die man ebenso für Nahrungspflanzen nutzen könnte – aber weniger als für Baumwolle. Eukalyptusbäume wachsen schnell, der Ertrag pro Fläche ist also gut. Hans-Peter Fink, Leiter des Fraunhofer Instituts für Angewandte Polymerforschung in Potsdam, sieht in Lyocell eine umweltfreundliche Alternative zu Viskose. Flachs, Hanf und Bambus eignen sich ebenfalls für den Zellulosebrei, und offenbar auch Bananenpflanzen oder Soja, wie neuere Versuche zeigen. 
 Immer neue Rohstoffe nehmen sich die Erfinder vor. Viele legen Wert darauf, dass ihr Ausgangsmaterial üppig vorhanden ist. Garne aus Krabbenschalen entstehen aus Resten, die bei der Lebensmittelverarbeitung anfallen. Für die Sojaseide eignen sich Tofu-Abfälle. Für eine Art Biopolyester nutzen die Hersteller derzeit noch Mais, den man auch essen könnte, experimentieren aber schon mit Maisabfällen. Die Textilunternehmen sind offen für solche Experimente. Davon profitiert auch Anke Domaske, die den Stoff aus Milch erfunden hat. Sie hat bereits viele Anfragen von Unternehmen. Im Moment produziert sie noch im Faserinstitut in Bremen, nächstes Jahr stellt sie sich ihre eigene Maschine in die Räume, die sie in Hannover gemietet hat. Dann kann sie größere Mengen herstellen. Auf die Suche nach dem neuen Stoff hatte sich die Mikrobiologin gemacht, als ihr Stiefvater an Leukämie erkrankte. Sein Körper war so geschwächt, dass er keine normale Kleidung mehr tragen konnte; die Haut reagierte zu gereizt auf die Chemikalien, die bei der Produktion eingesetzt werden. Für ihn wollte Anke Domaske einen Stoff entwickeln, der so pur wie möglich war. Sie fand heraus, dass schon in den dreißiger Jahren Kleidung aus dem Milchprotein Kasein hergestellt wurde. Damals brauchte man aber viele chemische Zusatzstoffe bei der Herstellung. Sie wollte es mit natürlichen Mitteln schaffen, so wie auch die neue Generation der Zellulosefasern mit weniger Chemie auskommt. Domaske kaufte einen Mixer und ein Thermometer, das Hobbyköche zum Einkochen verwenden, und begann, in der Küche zu experimentieren. Wenn sie erzählt, wie sie zum ersten Mal einen Faden aus der Masse herauszog, der nicht riss, klingt sie immer noch begeistert und staunend. Die Zutaten liefert die Molkerei. Sie lässt die Milch sauer werden und schöpft die Proteinmasse ab. Daraus entsteht das trockene Pulver, das Anke Domaske in einem Becher auf dem Tisch stehen hat. Im Faserinstitut Bremen kann sie eine Maschine nutzen, die aus Kasein, Wasser und ein paar Geheimzutaten eine Masse knetet und Fäden presst. Die Zusätze sorgen dafür, dass der Stoff haltbar wird – auch wenn man ihn wäscht, löst er sich nicht auf. Zum Beweis, dass sie wirklich nur natürliche Zutaten verwendet, reißt die Erfinderin ein Stück Faden ab, steckt es in den Mund, kaut – und schluckt. Die Milch, die Anke Domaske für ihren Stoff verwendet, ist ungenießbar. Für Rohmilch gelten strenge Anforderungen, damit sie als Lebensmittel in den Handel kommen darf, oft erfüllt sie diese nicht. Jährlich entsorgten die Agrarbetriebe etwa 1,9 Millionen Tonnen davon, sagt Anke Domaske. »Wir kurbeln also nicht die Milchproduktion an, sondern verwerten einen Rohstoff, der unvermeidbar anfällt.« Aus dem Faden lässt sich entweder Milchseide pur weben, wie bei dem kleinen Gelben, oder ein Mischgewebe mit Viskose wie bei den anderen Kleidern auf der Stange. Die fühlen sich eher wie Baumwolljersey an, ein schwerer, dehnbarer T-Shirt-Stoff. Wie viele Chemikalien für die Weiterverarbeitung verwendet wurden, kann Anke Domaske nicht sagen, sie verkauft nur die Faser, den Rest machen andere. Ihr Ziel sei aber, völlig natürliche Kleidung herzustellen, sie experimentiere schon mit Lebensmittelfarbe. Bei der nächsten Präsentation wird sie dann womöglich ein Kleid anknabbern. Lotuspflanzen Burmesische Arbeiter brechen die Pflanzen einzeln auf und ziehen mit der Hand Fäden aus dem Stängel heraus, die wie Spinnenfäden aussehen. Diese spinnen sie und weben einen Stoff daraus, der an Wildseide erinnert. Massentauglich ist das Produkt nicht, sondern eher etwas für Liebhaber. Mais Die Firma Nature Works extrahiert Zuckerstoffe aus Pflanzen wie Mais und wandelt diese in das sogenannte Ingeo-Biopolymer um. Daraus lassen sich nicht nur Fasern formen, sondern auch Flaschen, Behälter und Folien, die Plastik ähneln. Derzeit gibt es T-Shirts und Socken aus der Faser. spinnenseide Die Zauberfäden der Natur Die unproduktivste Textilfabrik der Welt hat rund 80 Angestellte und steht auf Madagaskar. Sie gehört einem britischen Textildesigner und einem amerikanischen Kleinunternehmer und hat in acht Jahren nur zwei Kleidungsstücke hergestellt: einen Umhang und einen Schal. Das weltberühmte Victoria and Albert Museum in London zeigte die beiden goldschimmernden Textilien Anfang des Jahres in B=(,7:LVVHQBB einer Sonderausstellung. Das Besondere daran: Der Stoff besteht aus Spinnenseide, produziert von mehr als zwei Millionen Seidenspinnen. Napoleon besaß Kniestrümpfe aus Spinnenseide, seine erste Frau einen Schal. Heute fasziniert der Stoff nicht nur Textildesigner, sondern auch Mediziner. Spinnenfäden sind sehr reißfest und dehnbar, außerdem werden sie vom Organismus gut abgebaut. Deshalb halten Forscher an der Medizinischen Hochschule Hannover mehrere Dutzend Seidenspinnen, die zweimal pro Woche an rotierenden Spindeln ihre Fäden abgeben. In Versuchen mit Schafen nähten die Mediziner einen Faden aus Spinnenseide zwischen verletzte Nervenenden im Hinterbein. Daran entlang wuchsen die Nervenfasern wieder zusammen. Bereits nach zwei Monaten konnten die Schafe ohne Schwierigkeiten laufen. Schon lange träumen Materialforscher davon, Spinnenseide industriell herzustellen. Thomas Scheibel von der Universität Bayreuth hat E.-coliBakterien gentechnisch so verändert, dass sie das Seidenprotein der Spinne produzieren. Eine Firma vermarktet das Produkt. Einen Faden herzustellen, wie es die Spinne kann, ist aber noch nicht gelungen. Kein Wunder: Das Tier hat ein paar Millionen Jahre Vorsprung. Max Rauner Milch Die Mikrobiologin Anke Domaske stellt Kleiderstoff aus Kasein her – ein Eiweiß, das in Milch vorkommt und sich zu Fasern verarbeiten lässt. Sie verwendet dazu nur Milch, die nicht in den Handel kommt, weil sie zum Beispiel zu viele Bakterien enthält. 
 Dossier Die wichtigsten Gütesiegel Auch in der Textilindustrie sorgen unterschiedliche ökolabels für Verwirrung. Verbraucherschützer haben sie verglichen. Global Organic Textile Standard Das Siegel bewertet den gesamten Entstehungsprozess eines Kleidungsstücks vom Anbau der Rohstoffe bis zum Endprodukt. Mindestens 70 Prozent der Fasern müssen aus biologischem Anbau stammen. Es ist genau geregelt, wie sie weiterverarbeitet werden dürfen und welche Hilfsmittel dabei erlaubt sind. Dadurch ist nach Einschätzung der Verbraucher Initiative »gewährleistet, dass eine mögliche Schadstoffbelastung im Endprodukt so gering wie möglich ist«. Auch soziale Standards für die Bauern und Arbeiter sind garantiert. Verbraucherschützer empfehlen das Gütesiegel. Selbst Greenpeace lobt: »Momentan das anspruchsvollste Label für den Massenmarkt mit ökologischen Kriterien entlang der gesamten textilen Kette.« Hess Natur Das Versandhaus bewirbt seine Textilien als frei von Gift und Schadstoffen. Die Baumwolle stammt nahezu ausschließlich aus eigenen Anbauprojekten, in denen weitreichende Umwelt- und Sozialstandards gelten. Schafwolle kommt zum großen Teil aus Bio-Tierhaltung. Bei der Verarbeitung werden nur Naturfarbstoffe oder gesundheitlich unbedenkliche synthetische Farbstoffe verwendet. Umweltschädigende Chemikalien sind verboten, soziale Standards und fairer Handel werden garantiert. Die Verbraucher Initiative empfiehlt das Label vor allem wegen der hohen Standards und unabhängigen Zertifizierungen durch die Fair Wear Foundation und den Internationalen Verband der Naturtextilwirtschaft. Europäisches Umweltzeichen Textilien Das EU-Siegel kennzeichnet Textilien, deren Herstellung wenig Energie und Wasser verbraucht und außerdem die Luft und das Abwasser wenig belastet. Gesundheitlich bedenkliche Flammhemmstoffe und einige Farbstoffe sind verboten. Über Sozialstandards sagt das Label nichts aus. Die Verbraucher Initiative stuft das Label als »empfehlenswert« ein, Greenpeace dagegen kritisiert, dass nicht vor Ort geprüft werde, ob die Kriterien eingehalten werden. B=(,7:LVVHQBB Waschbär Kleidung und andere Produkte des Versandhauses werden bevorzugt aus nachwachsenden Rohstoffen wie Holz und Naturfasern gefertigt und sollen besonders lange halten. Die Kleider sind umweltfreundlich hergestellt, jeder einzelne Produktionsschritt kann nachvollzogen werden. Die Verbraucher Initiative vergibt nur das Urteil »eingeschränkt empfehlenswert«, weil die Firma zwar mit kontrollierter Bio-Qualität werbe, aber gerade bei Textilien viele Produkte aus konventioneller Herstellung stammten. Manche Labels kennzeichnen fairen Handel, andere stehen für umweltschonende Herstellung oder wenig Schadstoffe. Oeko-Tex Standard 100 Das Label zeichnet Produkte wie Kleidung, Bettwäsche und Matratzen aus, bei denen Grenzwerte für gesundheitsgefährdende Stoffe wie Formaldehyd oder zinnorganische Verbindungen eingehalten werden. Farbstoffe, die als krebserregend oder allergieauslösend gelten, dürfen nicht enthalten sein. Die Verbraucher Initiative bescheinigt dem Siegel, dass die gesundheitlichen Standards über gesetzliche Vorgaben hinausgehen, bewertet es aber nur als »eingeschränkt empfehlenswert«. Greenpeace kritisiert, das Label stelle nur geringe Anforderungen an die fertigen Produkte. Zudem habe es »keinerlei Aussagekraft, was den Faseranbau und die Herstellungsbedingungen betrifft«. Zusätzlich gibt es den Oeko-Tex Standard 1000 für umweltfreundliche Betriebsstätten sowie den Oeko-Tex Standard 100plus für schadstoffgeprüfte Produkte, deren Bestandteile umwelt- und sozialverträglich hergestellt wurden. Bei diesen erweiterten Varianten erkennt Greenpeace »zumindest geringe Anforderungen an die Textilverarbeitung«, auch die Verbraucher Initiative empfiehlt den 100plus-Standard. Cotton made in Africa Das Projekt gehört zur Aid by Trade Foundation, die der Unternehmer Michael Otto gründete. Es soll die Lebensverhältnisse afrikanischer Baumwollbauern und den Umweltschutz in der Baumwollproduktion verbessern. Greenpeace lobt den sozialen Ansatz und das Verbot vieler Pestizide im Anbau, Bio-Qualität habe die Baumwolle aber nicht. 

 Dossier Teflon-Couture Funktionstextilien sind beliebt wie nie. Sie sollen schweiss raus- und regen nicht reinlassen. Das geht mitunter nur auf Kosten der Umwelt. A ls der Bergsteiger Reinhold Messner in den siebziger Jahren die Berge des Himalaya in Angriff nahm, gab es hierzulande noch nicht in jeder Fußgängerzone einen Outdoorladen, und die Menschen trugen Wolle statt Wolfskin und Parka statt Patagonia. Messner hatte damals auf seinen Touren ein Problem: Das Zelt wurde von innen nass, Schweiß und Atemluft kondensierten zu Tröpfchen. Da traf er einen Abgesandten der amerikanischen Firma Gore, der damals eine neue Membran in Europa präsentierte. Messner, so die Legende, ließ sich sofort ein Zelt daraus anfertigen. Der Rest ist Geschichte. Gore-Tex wurde zum Prototyp der Funktionstextilien. Heute sind eine Vielzahl von synthetischen Stoffen auf dem Markt, deren Hersteller mit ähnlichen Versprechen um Kunden buhlen. Sie heißen HyVent, Sympatex, Jeantex oder Texapore, und Verkäufer halten schon mal Kurzvorträge über Osmose, Laminierung und den Wasserdampfdurchgangswiderstand, obwohl man doch nur eine gute Regenjacke braucht. Sind die Textilien wirklich so gut, wie die Firmen-PR glauben macht? Und welches Wir-sind-besser-Tex kann jetzt noch kommen? Das Prinzip von Gore-Tex und ähnlichen Materialien ist keine Magie. Die Membran besteht aus Teflon und hat winzige Poren. »Gerade groß genug, um den Wasserdampf aus winzigen Schweißtröpfchen von innen nach außen zu leiten, aber zu klein, um die größeren Wassertropfen aus Regen oder Schnee von außen hineinzulassen«, sagt Frank Gähr, der am Institut für Textilchemie- und Chemiefasern Denkendorf solche Membranen erforscht. Wassermoleküle aus dem Schweiß seien viel kleiner als die Poren, Wassertropfen hingegen größer. Die Struktur der Membran ähnelt der einer Hecke – deshalb bläst der Wind nicht durch die Poren. Damit der Schweiß durch die Jacke nach außen gelangt, muss es außen kälter sein als innen, gut ist eine Temperaturdifferenz von 15 Grad oder mehr. Wer im Sommer eine GoreTex-Jacke trägt, macht etwas falsch. Um aus den Membranen eine Jacke herzustellen, werden sie an den Oberstoff laminiert (oder der Stoff wird beschichtet) und dann vernäht. Und dabei geht offenbar einiges schief. Die Stiftung Warentest B=(,7:LVVHQBB stellte vor Kurzem eine Puppe mit Feuchtesensoren in eine Regenkammer und testete an ihr 17 Jacken. Nur zwei schnitten gut ab, sechs ließen schon als Neuware Regen durch, fünf waren nicht ausreichend atmungsaktiv. Nach dem Waschen wurde es oft noch schlimmer. Kritik gab es kürzlich auch von Greenpeace. Die Organisation testete Outdoorjacken auf perfluorierte und polyfluorierte Chemikalien (PFC) – und fand die Stoffe in allen Exemplaren. Die Substanzen dringen nicht durch die Haut, aber sie gelangen in die Umwelt, wenn man die Jacke wäscht. Sie können sich in der Nahrung und im Trinkwasser anreichern und stehen im Verdacht, das Krebsrisiko zu erhöhen und die Fruchtbarkeit zu beeinträchtigen. Greenpeace empfiehlt Produkte aus Sympatex statt Gore-Tex – der Hersteller verzichte auf PFC. Nach eigenen Angaben verwendet Sympatex stattdessen Wachse und Silikone zur Imprägnierung. Die Jacke von Zimtstern, die eigens für Greenpeace mit SympatexMaterial gefertigt wurde, wies allerdings auch Spuren von PFC auf. Diese seien wohl versehentlich durch die Produktionsanlagen in die Jacken geraten, rechtfertigt sich die Umweltorganisation. Soll man Funktionstextilien nun gar nicht mehr waschen, damit die Umwelt und der Regenschutz nicht leiden? Dann würden sie womöglich müffeln. Aber auch dafür haben Textilforscher eine Lösung: Silberpartikel. Silber wirkt antibakteriell. Unklar ist allerdings, ob es die Bakterien resistent macht. Zunächst experimentierten Entwickler mit Nanopartikeln. Weil Kritiker befürchten, dass diese in Zellen eindringen, basieren die neuen Stoffe nun häufig auf Silberionen. Das Textilforschungsinstitut Hohenstein testete die Hautverträglichkeit. 60 Personen trugen vier Wochen täglich acht Stunden lang T-Shirts, die auf einer Hälfte mit den antibakteriellen Fasern ausgestattet waren, während die andere Hälfte zur Kontrolle silberfrei blieb. Wöchentlich untersuchten die Wissenschaftler die Mikroorganismen auf der Haut und das Mikroklima zwischen Haut und T-Shirt. Sie fanden keinen Unterschied zwischen der Hautflora auf der silbernen und der normalen Seite. Fazit: gesundheitlich unbedenklich. Ob die Probanden gut rochen, blieb allerdings offen. —— Die Jacken seien mit schädlichen Chemikalien beschichtet, sagt Greenpeace. Das eigene Modell wies allerdings ebenso Spuren davon auf. lesen Elizabeth L. Cline: Overdressed Portfolio; 256 Seiten, 20,50 Euro (englisch) Andreas Engelhardt: Schwarzbuch Baumwolle Deuticke; 222 Seiten, 17,90 Euro 

 Leserforum leserbriefe r ätsel – ganz schön kr ank    Gefangenes Gesicht  nr  oktober november  Wissenschaft bewegt uns Leserbriefe bitte an: Redaktion ZEIT Wissen, 20079 Hamburg, leserbriefe@zeit-wissen.de oder über unsere FacebookSeite www.facebook.com/ zeitwissen Mördersuche , EURO Österreich, Benelux, Italien, Spanien, Frankreich 6,40 € — Schweiz 10,90 sfr Wie Profiler Tätern auf die Spur kommen Blackout Hat Deutschland genug Strom für den Winter? Die Macht der Worte Wie Sprache manipuliert, wie sie uns prägt – und was sie über uns verrät Ihre Mimik erinnert an ein pokerface, doch nach Kartenspielen ist den Betroffenen meist nicht zumute. Unser Rätsel: Ein nettes Lächeln lockert ein Gespräch auf. Die Betroffenen aber können das nicht, sie werden deswegen häufig zu Unrecht für gefühlskalt oder sogar geistig behindert gehalten. Welches Leiden suchen wir? Schicken Sie uns die Antwort per Mail an raetsel@zeit-wissen.de oder per Postkarte an ZEIT Wissen, Stichwort: Rätsel, Buceriusstraße, Eingang Speersort 1, 20095 Hamburg. stromausfall Schwachsinnige Lichtorgien ZW 06/2012: Beten gegen den Blackout Am besten alle Kirchen und öffentlichen Gebäude nachts nicht sinnlos anstrahlen und die schwachsinnigen Lichtorgien der Balkone abstellen. Dann gibt es genug Strom. an-i, Online-Kommentar Wäre es nicht besser für die Allgemeinheit, wenn der Staat die Versorgung wieder in die Hand nehmen würde? Vielleicht sollte man das einmal überlegen, statt nur zu beten. auflösung der vergangenen ausgabe: Die gesuchte Krankheit war das Roemheld-Syndrom. Die Preise: Wir verlosen zwei hochwertige DINA5-Organizer aus Vollrindleder mit Kalendereinlage für 2013 und dazu je drei passende Notizhefte. Der Gesamtwert eines Sets beträgt 111 Euro. Der Organizer wird in Handarbeit und komplett in Deutschland hergestellt. kleine zusatzhilfe Nein, um Karneval geht es bei dieser Krankheit nicht. Illustration Anje Jager ZEIT WISSEN DIE MACHT DER WORTE ausgabe   Einsendeschluss ist der 11. Februar 2013. Teilnahmeberechtigt sind alle Leserinnen und Leser ab 18 Jahren, ausgenommen Mitarbeiter des Zeitverlags und der beteiligten Unternehmen sowie deren Angehörige. Alle richtigen Einsendungen nehmen an der Verlosung teil. Die Gewinner werden schriftlich benachrichtigt. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen, ebenso die Barauszahlung der Gewinne. PeterTuch, Online-Kommentar mobilität in der stadt Falsche Prämisse impressum ZW 06/2012: Modernes Leben Das Modell unterstellt den Menschen das Bedürfnis, in einer urbanen Umgebung leben zu wollen. Ich will am Stadtrand wohnen. Schnell in der Stadt sein – und schnell in der Natur. An dieser Vorliebe wird kein Verkehrskonzept etwas ändern, das auf der Voraussetzung urbanen Wohnens beruht. Wowman, Online-Kommentar herausgeber Andreas Sentker Stefanie Hauer abonnement vertrieb unternehmens kommunikation und veranstaltungen Jahresabonnement (6 Hefte) 31,80 Euro, Lieferung frei Haus, Auslandsabonnementpreise auf Anfrage; Abonnentenservice Telefon: 0180/52 52 909*, Fax: 0180/52 52 908*, E-Mail: abo@zeit-wissen.de Silvie Rundel druck herstellung | schlussgrafik Firmengruppe APPL, appl Druck, Wemding Torsten Bastian (verantw.), Nicole Hausmann, Oliver Nagel repro gesamtanzeigenleitung anschrift Dr. Rainer Esser Dr. Max Rauner, Jens Uehlecke (San Francisco), Claudia Wüstenhagen bildredaktion korrektorat Maria Leutner onlineredaktion Mechthild Warmbier (verantw.), Barbara Hajek, Christoph Kirchner, Ursula Nestler, Antje Poeschmann, Maren Preiß, Karen Schmidt, Oliver Voß, Thomas Worthmann Wolfgang Blau (verantw.) gesamtleitung magazine Maren Henke (verantw.) redaktions assistenz Sandra Kreft Andrea Capita Christiane Dähn iq media marketing GmbH Gesamtanzeigenleitung: Axel Kuhlmann chefredakteur Jan Schweitzer artdirektion Anna Primavera redaktion Susanne Schäfer Die heutige Ausgabe enthält Prospekte folgender Firmen, in der Gesamtaufl age: Th e Economist Subscription, 50325 Frankfurt/Main; in Teilaufl agen: Dt. Wildtierstiftung, 22113 Hamburg; Plan International Deutschland e.V., 22305 Hamburg; Pro Idee GmbH & Co. KG, 52053 Aachen; Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft GmbH, 69038 Heidelberg. verlagsleitung Anzeigenleitung: Karsten Völker Anzeigenpreise: ZEIT WissenPreisliste Nr. 8, 1. Januar 2012 geschäftsführung Dr. Ulrich Bahnsen, Niels Boeing, Hristio Boytchev, Dr. Angelika Franz, Gerlinde Geff ers, Ina Hübener, Tobias Hürter, Ulrike Meyer-Timpe, Jürgen Pander, Andrea Rehmsmeier, Dr. Hanna Röhling, Julia Rudorf, Ulrich Schnabel, Ulf Schönert, Christian Schüle, Dr. Ragnhild Schweitzer, Xifan Yang autorin Beilagenhinweis: mitarbeiter dieser ausgabe layout Lena Appenzeller objektleitung Jürgen Jacobs marketing René Beck Matthias Weidling anzeigenleitung magazine empfehlungsanzeigen 4mat media, Hamburg ZEIT Wissen, Zeitverlag Gerd Bucerius GmbH & Co. KG, Buceriusstraße, Eingang Speersort 1, 20095 Hamburg, Telefon: 040/32 80-0, Fax: 040/32 80-553, E-Mail: leserbriefe@zeit-wissen.de * 0,14 Euro/Min. aus dem deutschen Festnetz, max. 0,42 Euro/Min. aus dem Mobilfunknetz B=(,7:LVVHQBB 
  Fotos © 2012 Twentieth Century Fox; Frida Rose KIOSK  zeit wissen s 109 bis s 113 müssen mark ist 38 und hatte noch nie Sex. Seit er als Kind an Polio erkrankte, »The Sessions – Wenn Worte berühren« 95 Minuten, vom 3. Januar an im Kino ist er gelähmt und muss die meiste Zeit an einer Beatmungsmaschine verbringen. Das hindert ihn nicht daran, als Journalist zu arbeiten, Gedichte zu verfassen und Charme zu versprühen. Aber mit den Frauen hat es eben noch nicht geklappt. Mark beschließt, seine Jungfräulichkeit mit professioneller Hilfe zu verlieren, und engagiert eine Sextherapeutin (Helen Hunt). Mit großen Erwartungen und noch größerer nervosität nähert er sich seinem Ziel, nicht ohne den örtlichen, überraschend toleranten Pfarrer über jeden Schritt zu informieren. Der Film basiert auf der Geschichte des amerikanischen Journalisten Mark O’Brien, der öffentlich über seine sexsitzungen schrieb, um auf die Bedürfnisse Behinderter aufmerksam zu machen. Bewegend – und sehr lustig. lassen für die jüngeren unter uns: Es geht um diese schweren, in Leder »Enyclopædia Britannica 2013« DVD-ROM, 49,90 Euro gebundenen und mit Goldlettern geprägten Bände aus Papier, unter denen sich die Regalbretter in Opas hausbibliothek bogen. Die Encyclopædia Britannica war einst das berühmteste Nachschlagewerk der Welt, laut Wikipedia erstmals publiziert im Jahr 1768, heute bedroht durch das Internet und die Weisheit der vielen. Im März gab der Verlag bekannt, das Werk werde nicht mehr in der gedruckten Form erscheinen. Für die 32 Bände der Ausgabe von 2010 musste man gut 1400 Euro zahlen. Nun also eine DVD mit 100 000 Einträgen und viel Multimedia für 49,90 Euro. Darauf finden sich auch viele schätze, aber man fragt sich dauernd, ob das alles noch stimmt. Dann schon lieber das Online-Abo. Die DVD kann ja Opa haben, der hat noch ein Laufwerk. B=(,7:LVVHQBB 
 Kiosk Das vermüllte Paradies reiste. Eine neue Mülldeponie bedroht die Natur. Jetzt hat er einen Film darüber gemacht. Das türkische Bergdorf Çamburnu ist von grünen Hügeln umgeben, seit Generationen bauen die Menschen hier Tee an. Doch die Idylle trügt. Seit die Regierung eine Mülldeponie oberhalb des Dorfes bauen ließ, ist das Paradies zur Hölle geworden. Der Müll stinkt zum Himmel, bei Regen wird dreckige Brühe auf die Teeplantagen gespült, wilde B=(,7:LVVHQBB Hunde belagern das Dorf. Als Filmemacher Fatih Akin für seinen Film »Auf der anderen Seite« in Çamburnu drehte, beschloss er, den Bewohnern beizustehen. Er hat die Katastrophe und den Kampf dagegen jahrelang dokumentiert. Sein Film zeigt wunderschöne, aber auch verstörende Bilder. Er macht wütend und zugleich Mut. Müll im Garten Eden Den Trailer zum Film kann man auf der Website www.muell-film.de anschauen. 98 Minuten, vom 6. Dezember an im Kino. Foto © corazón international: Hervé Dieu fatih akin war entsetzt, als er vor Jahren für Dreharbeiten ins Dorf seiner Großeltern 
Fotos C. Bertelsmann Verlag; hr; polyband; Jorge Cham  lesen hören sehen klicken Ökonomen sind auch nur Menschen Unser Leben im Netz Wolfsgeheul im deutschen Wald Gezeichnete Wissenschaft Worum geht’s? Wie müssen Märkte beschaffen sein, um den Menschen Wohlstand zu bringen? Darüber brüten Ökonomen seit der Industrialisierung. Hier werden sie vorgestellt, von Karl Marx über Joseph Schumpeter und John Maynard Keynes bis zu Amartya Sen. Was bringt’s? Gekonnt verwebt Sylvia Nasar die Biografie ihrer Protagonisten mit dem Weltgeschehen. Sie gibt ökonomischen Theorien ein Gesicht. Wen interessiert’s? Wer die Finanzkrise verstehen will, findet hier schon mal die historischen Bezüge – allerdings ohne Kritik am Primat des Wachstums. Worum geht’s? Um Datenexhibitionisten, Cyberbullying, digitale Lernvorteile, Schwarmintelligenz und digitale Demokratie. Kurz: um das Leben im und mit dem Internet. 23 Sendungen beleuchten die Freiheiten, die das Netz gebracht hat, und den Preis, den es verlangt. Was bringt’s? Einen aktuellen Überblick über Forschung und Debatten zur digitalen Medienkultur. Wer tiefer einsteigen will, kann an einem Onlinekurs teilnehmen. Wen interessiert’s? Netzaffine und Netzscheue, die genauer wissen wollen, was das Internet mit den Menschen macht. Worum geht’s? Seit etwa zehn Jahren gibt es wieder wilde Wölfe in Deutschland. Biologen und Dokumentarfilmer haben die Tiere aufgespürt und über Jahre beobachtet, um zu zeigen, wie sie in Freiheit leben. Was bringt’s? Einzigartige Einblicke in das Sozialleben wilder Wolfsrudel. Die Filmreihe dokumentiert die Ansiedlung der seltenen Tiere, erzählt von den Bemühungen der Tierschützer und räumt mit Vorurteilen auf. Zu sehen gibt es tapsige Welpen, aber auch tote Schafe. Wen interessiert’s? Alle, die die neuen Bewohner unserer Wälder kennenlernen wollen. Worum geht’s? Die Website zeigt Wissenschaft von einer anderen Seite: als Comic und als Film (in dem dann auch Comicelemente zur Erklärung auftauchen). Das ist unterhaltsam, meistens interessant und fast immer lehrreich. Was bringt’s? Spaß beim Lernen von neuen Dingen und manchmal eine ganz neue Sicht auf scheinbar Bekanntes (es gibt etwa einen Film zur »Physik des Surfens«). Wen interessiert’s? »Man kann die Comics lesen, um zu prokrastinieren oder zu entspannen – wie es sich gerade anbietet«, meint Nature. Stimmt! Sylvia Nasar: »Markt und Moral« C. Bertelsmann, 650 S., 30 Euro »Funkkolleg Wirklichkeit 2.0« Hessischer Rundfunk, www.funkkolleg.de, kostenlos »Deutschlands Wölfe« Polyband, DVD, 178 Minuten, rund 17 Euro »Piled Higher and Deeper« www.phdcomics.com, kostenlos Und sonst? Und sonst? Und sonst? Und sonst? Kerstin Schimandl: »Les Fins du Monde« Dickes Büchlein mit Dutzenden Weltuntergangsprophezeihungen, von 2800 v. Chr. (assyrische Tontafeln) bis 3797 (Nostradamus). Unterhaltsam – und zeitlos. Schmidt Hermann Verlag, 25 Euro »Gedankenlesen durch Schneckenstreicheln« Absurdes aus der Tierwelt. Wissenschaft paart sich mit schwarzem Humor. Sprecher Harry Rowohlt treibt die Blödelei herrlich auf die Spitze. Der Hörverlag, rund 20 Euro »Venedigs letzte Chance« Venedig droht zu versinken, denn der Pegel der Adria steigt. Ein ambitioniertes Bauprojekt soll die Stadt retten. Ein Vorbild für den Küstenschutz in Zeiten des Klimawandels? Sunfilm, vom 17. Januar an auf DVD, 10 Euro Simon Winchester: »Der Atlantik – Biographie eines Ozeans« Der Atlantik als Bühne für Krieg, Seefahrt, Sklavenhandel. Auch für Nordseeurlauber geeignet. Knaus, 528 Seiten, 30 Euro Paul Watzlawick: »Anleitung zum Unglücklichsein« Neuauflage des Klassikers. Köstliche Geschichten darüber, wie man sich das Leben schwer macht. Der Audio Verlag, rund 20 Euro »Science Tunnel« Interaktive Multimedia-Ausstellung über Wissenschaft, die unser Leben verändern wird. Bis 24. Februar im Heinz Nixdorf Museum Paderborn Fusionsanlage des Max-PlanckInstituts für Plasmaphysik Willkommen zu einem Besuch des heißesten Orts Deutschlands! Bei einem virtuellen Rundgang kann man die Fusionsforschungsanlage Asdex Upgrade in Garching kennenlernen und sich erklären lassen. www.ipp.mpg.de/panorama B=(,7:LVVHQBB »Cardiograph« Eine App, die den Puls misst: Das ist nicht ganz genau, aber lustig. Für iPhone und iPad, 1,79 Euro 
 Kiosk nicht k aufen k aufen Das ist auch nur Natriumchlorid Z u viel Salz schadet der Gesundheit. Dieses aber wirke wie Medizin, behauptet der Autor Peter Ferreira, der Himalayasalz hierzulande populär gemacht hat: Es verhindere Nierenund Gallensteine und senke den Blutdruck. Das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit hat das Salz untersucht. Ergebnis: Es habe keinerlei ernährungsphysiologische Vorteile. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung weist darauf hin, dass Himalayasalz kein Jod enthalte. Daher sei es sogar schlechter für die Gesundheit als normales Salz. Gerichte haben die Bezeichnung »Himalayasalz« inzwischen untersagt, weil es in Pakistan fernab des Hochgebirges abgebaut wird. Zum Anbeißen Keine Lust auf die alljährlichen Plätzchenherzen, Kokosmakronen und Zimtsterne? Dann beißen Sie doch mal in ein smartphone. Dank der neuen Ausstechform iCookie geht das ziemlich gut. Wir iCookie, 8,95 Euro, http://shop.donkey-products.com wünschen: guten App-etit. iKakerlake Lesetablett Was waren das für Zeiten, als man die Klasse noch mit einem Furzkissen beeindrucken konnte, das man dem Lehrer auf den Stuhl legte! Das Pendant der Neuzeit sind diese ferngesteuerten Insekten. Ähnlichkeiten mit lebenden Küchenschaben sind nicht rein zufällig. iPhone Controlled Beetle, etwa 30 Euro, www.ihelicopters.net Himalayasalz Angebliche Wirkung: senkt den Blutdruck; Zielgruppe: Hypertoniker mit Ambitionen auf den Mount Everest; Preis: 3 bis 22 Euro/Kilo. B=(,7:LVVHQBB Inzwischen muss wohl jeder große Computerkonzern sein eigenes iPad, Entschuldigung: sein eigenes Tablet haben. Jetzt kommt in Deutschland der Versandriese Amazon dazu: Sein Kindle Fire HD macht einen guten Eindruck, und das Display ist erste Klasse. Allerdings schränkt es seine Nutzer auf die Amazon-Welt ein. Kindle Fire HD, ab 199 Euro, www.amazon.de 
 k aufen Wechselwillig Schön, dass man nun auch mit der Farbe des Lautsprechers seine Laune zeigen kann. Ist die schlecht, wechselt man den Bezug einfach von Pink auf Schwarz und lässt die alten Alben von The Cure laufen. Das ist dann mal ein echtes Statement. Ach ja, der Libratone Zipp klingt dabei auch noch gut, und er empfängt die Musik drahtlos. So kann man sich in sein Bett verkriechen und von da aus schlechte Stimmung verbreiten. Libratone Zipp, 449 Euro, www.libratone.com Obst mit Charakter Mit Essen spielt man doch! Diese aufkleber machen Gesundes unwiderstehlich. Mit Haut und Haaren sollte man deshalb nicht alles verschlingen, mit Augen aber schon: Sie sind essbar. Edible Eyes, etwa 7 Euro, www.suck.uk.com B=(,7:LVVHQBB 
 Das will ich wissen »Werden wir einmal zeitreisen?« funke, Kinderbuchautorin Teilchen können es schon »In Albert Einsteins Spezieller Relativitätstheorie gilt: Kehrt eine Weltraum-Rundreisende zurück auf die Erde, ist für sie weniger Zeit vergangen als für die Daheimgebliebenen. Sie reist dann gewissermaßen in die Zukunft. Zwar sind heutige Raumschiffe zu langsam, als dass sich messbare Effekte ergäben; in Teilchenbeschleunigern kann man so aber Teilchen in die Zukunft schicken. Für Zeitreisen in die Vergangenheit liefert Einsteins Allgemeine Relativitätstheorie Modelle. Sieht man genauer hin, haben die aber immer einen Haken. Stephen Hawking und andere Physiker fanden Hinweise darauf, dass die Naturgesetze Vergangenheitsreisen generell verbieten. Das würde auch Paradoxien ausschließen: etwa, dass eine Zeitreisende in die Zeit vor ihrer Geburt zurückreiste und ihren Vater erschösse.« Virtuelle Zeitreisen »In meiner Forschergruppe reisen wir dauernd in der Zeit herum – wenn auch in den virtuellen Welten in unserem Hochleistungsrechner. Wir simulieren damit die Erde in der letzten Eiszeit oder der Eem-Warmzeit – mitsamt Vegetation, Winden, Wolken, Meeresströmen und Eismassen. Durch den Vergleich der Modellwelt mit Daten lernen wir besser zu verstehen, wie äußere Antriebsfaktoren (etwa Änderungen der Erdbahn um die Sonne) auf das Klima wirken. Mit denselben Modellen können wir auch die Wirkung der von uns Menschen freigesetzten Treibhausgase auf das Klima der Zukunft simulieren. Unsere Kinder werden erleben, wie realistisch unsere Modelle sind. Es kommt aber weniger darauf an, die Zukunft zu bereisen, als sie durch vorausschauendes Handeln klug zu gestalten!« Gesteuerte Träume »Natürlich! In unseren nächtlichen Träumen ist alles möglich – auch das Zeitreisen. Das Problem ist, dass wir meist keine Kontrolle über das Traumgeschehen haben. In luziden Träumen ist das anders: Der Träumer weiß dann, dass er gerade träumt, und kann die Traumhandlung steuern. Wenn sie oder er möchte, dann ist auch die Reise in die Vergangenheit und die Zukunft möglich. Unser Gehirn wird eine entsprechende Traumwelt generieren und ausgehend von unseren Erfahrungen eine Handlung präsentieren. Man sollte aber nicht erwarten, dass die Lottozahlen, die man im Traum gesehen hat, einen wirklich zum Millionär machen. Wenn wir träumen, verstrickt uns der Supercomputer in unserem Kopf in grenzenlose Abenteuer in einer perfekt simulierten Welt. Die Betonung liegt auf simuliert.« Markus Pössel, Physiker und Leiter des Hauses der Astronomie in Heidelberg Stefan Rahmstorf, Professor am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung Daniel Erlacher, Autor von »Anleitung zum Klarträumen«, Universität Bern B=(,7:LVVHQBB Im nächsten Heft Das Rätsel Zeit Wie Physiker und Psychologen dem Zeitsinn auf die Spur kommen wollen. Großes Vertrauen Viele Internetfirmen haben keine eigene Infrastruktur mehr, sondern vertrauen auf die von großen Konzernen. Das birgt Gefahren. Das nächste ZEIT Wissen erscheint am 12. Februar Foto Joerg Schwalfenberg / Dressler fragt cornelia Cornelia Funke illustrierte früher Kinderbücher. Da ihr die Geschichten, die sie bebilderte, nicht immer gefielen, fing sie selbst an zu schreiben. Bekannt wurde sie unter anderem mit der Reihe »Die wilden Hühner« und der Trilogie »Tintenwelt«. Vor Kurzem ist ihr neues Buch »Reckless – Lebendige Schatten« erschienen, der zweite Band der »Spiegelwelt«-Reihe.