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Теги: zeitschrift zeitschrift zeit wissen
Год: 2012
Текст
ZEIT WISSEN GLAUBEN
nr
dezember
januar
Wissenschaft bewegt uns
KÖNNEN WIR
OHNE GLAUBEN
LEBEN?
Fremdgesteuert
Computerprogramme
bestimmen heimlich
über unser Leben
Fast normal
, EURO Österreich, Benelux, Italien, Spanien, Frankreich 6,40 € — Schweiz 10,90 sfr
Wie ein Mädchen
mit halbem Gehirn
das Leben meistert
Schönes Foto!
Neue Kameras
versprechen
das perfekte Bild
Warum religiöse Gefühle so
viel Kraft verleihen – und wie selbst
Atheisten das nutzen können
dossi
er
G u t e ng
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K l e i d toffe
ko - S
Die Ö u kunf t
Z
r
de
Fotos Matthew Appleby; privat; Edith Wagner
EDITORIAL
Herzlich willkommen!
Zu Weihnachten geschieht etwas
erstaunliches: Viele Menschen
scheinen in diesen Tagen ihren
Glauben wiederzuentdecken – selbst
Kirchenskeptiker und manche
Atheisten frömmeln auf einmal.
Das mag an der besonderen Stimmung in dieser Zeit liegen oder an
den omnipräsenten religiösen
symbolen. Denn danach ist
es bei vielen mit dem Glauben
offenbar wieder vorbei. Doch ist
das wirklich so? Die beiden Autoren
unserer Titelgeschichte kommen
zu einem anderen Schluss: Menschen
müssen glauben, ob sie wollen oder
nicht – der Drang dazu ist tief in
uns verankert. Für viele ist das
sicher eine schlechte Nachricht. Die
gute ist: Es hat vorteile, zu
glauben (Seite 12).
Eine anregende Lektüre
wünscht
B=(,7:LVVHQBB
Jan Schweitzer, Chefredakteur
zeit
wissen
01 — 13
aus der
redaktion
Kathrin Spirk machte die
Fotos zur Ernährungsserie.
Seit sie für den ersten Teil
eine Familie fotografierte,
fragen die Kinder, wann
die Frau wiederkommt, die
so lecker kocht. (Seite 54)
Ulf Schönert gelangen mit
der neuen Generation von
Kameras endlich Fotos vom
Fußballteam seines Sohnes.
»Jetzt müssen die Jungs nur
noch so gut spielen, wie sie
aussehen.« (Seite 30)
INHALT
zeit
wissen
s 04 bis s 05
Religion dient als sozialer Kitt – nicht nur für Papst-Fans wie hier beim Weltjugendtag in Köln. seite
titel
Können wir ohne
Glauben leben?
B=(,7:LVVHQBB
In der Entwicklungsgeschichte des Menschen sind Religionen ein Erfolgsmodell.
Sie schweißten Gesellschaften zusammen
und bedienten uralte Denkmuster. Und
heute? Für Normen sorgt der Gesetzgeber,
für Welterklärung die Wissenschaft. Aber
die Sinnfrage bleibt und das Bedürfnis
nach Geborgenheit auch. Philosophen
sagen: Höchste Zeit, von den Religionen
zu lernen – auch ohne Gott.
12
Baut den Atheisten eine Kirche!
Die Wissenschaft ergründet die Anziehungskraft der Religionen. Von ihnen können wir
lernen, sagt ein atheistischer Philosoph.
20
Warum wir glauben
Mit Religion können viele nichts mehr
anfangen. Religiös sind sie trotzdem.
24
»Diese Erfahrung ist universell«
Gläubige haben kein Geheimwissen, sagt der
Soziologe Hans Joas. Sie reden nur anders.
Fotos Chris Keulen / laif; Andre Ermolaev / iberpress / Bulls Press; Monika Keiler; Bernd Jonkmanns / laif
Forschung &
Technik
Gesundheit &
Psychologie
Umwelt &
Gesellschaft
Islands Flüsse sind wunderschön, vor allem
wenn sie durch Vulkansand mäandern. seite
Auch mit nur einer Gehirnhälfte meistert die
achtjährige Hedwig ihr Leben. seite
Der Schnelle Brüter in Kalkar ist ein Symbol
für die Plutoniumlüge. seite
28 Was wichtig war, was wichtig wird
52 Was wichtig war, was wichtig wird
74 Was wichtig war, was wichtig wird
30
Rettung vor der Bilderflut
Neue Digitalkameras wählen Fotos
aus, die man löschen sollte. Endlich!
54 Die Welt an einem Tisch
Die Globalisierung verändert die
Esskultur. Macht uns das gesünder?
76 Nachhaltigkeit kompakt:
Recycling, aber richtig
Können hochwertige Produkte zu
100 Prozent wiederverwertet werden?
34
Die dummen Diener
Algorithmen bestimmen unser Leben.
Leider laufen sie manchmal Amok.
60
40 Analyse: Elektroautos
Das Comeback der Brennstoffzelle.
Titelfoto Gerald Bucher
42 Galerie: Feuer trifft Eis
Wenn Vulkane von Gletschern
bedeckt sind, entstehen bizarre Flüsse
– und manchmal wird es gefährlich.
50 Der Drink aus dem Eis
In einer Hütte am Südpol wurde
100 Jahre alter Whisky entdeckt –
Chemiker haben ihn nachgebraut.
Rubriken
B=(,7:LVVHQBB
06
09
10
10
Leben mit einem halben Gehirn
Wegen ihrer epileptischen Anfälle
wurde Hedwig am Gehirn operiert.
Nun erobert sie ihren Alltag zurück.
66 Expertenrat für Weihnachten
Von Baum löschen bis richtig streiten:
Acht Überlebenstipps für die Festtage – wissenschaftlich fundiert!
70 »Zum Glück bin ich gesund«
Marjolein Kriek ließ als erste Frau
ihr komplettes Erbgut entziffern. Sie
würde es nicht jedem empfehlen.
auf dem Titel angekündigte Themen
Extreme
Die wichtigsten Meldungen
Expertenrat
Woran arbeiten Sie gerade?
11
Pro & Contra:
Homöopathie-Forschung
108 Rätsel/Leserforum
108 Impressum
86 Das Weltgifterbe
Die Atomindustrie hat gefährliches
Plutonium angehäuft. Wohin damit?
92 Einfach mehr verstehen:
So kann die Energiewende klappen.
94 ZEIT Wissen-Preis Mut zur
Nachhaltigkeit: Die Nominierten (I)
98
Dossier: Nachhaltige Kleidung
101
102
104
106
Wie Textilien der Umwelt schaden
Was kommt nach der Baumwolle?
Die wichtigsten Ökolabels
Was taugen Funktionstextilien?
109 Kiosk/Medien
110 Kaufen/Nicht kaufen
114 Das will ich wissen:
Cornelia Funke
250 Menschen
die giftigste quallenart der Welt heißt
Chironex fleckeri. Sie lebt an der Ost- und Nordküste
Australiens sowie im Westpazifik. Mit knapp zehn
Stundenkilometern schwimmt sie in Ufernähe die
Küste entlang. Eine kurze Berührung ihrer Tentakel
B=(,7:LVVHQBB
kann tödlich enden: Das Gift blockiert Signalleitungen im menschlichen Körper und kann innerhalb weniger Minuten zur Atemlähmung führen.
Hilfe kommt dann oft zu spät. Das Gift einer einzigen
Qualle reicht, um rund 250 Menschen zu töten.
Foto Valerie & Ron Taylor / Ardea / Picture Press
Extreme
Foto Gerald Bucher
0 Menschen
die ungiftigste qualle kann man sogar essen.
Eigentlich ist die weltweit am meisten verzehrte Art
Rhopilema esculentum wie alle Quallenarten leicht
giftig. Aber ohne ihre Tentakel lässt sie sich gefahrlos
verspeisen. In Asien wird sie deshalb sogar gezüchtet.
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Eingelegte oder getrocknete Qualle ist teuer und ihre
Zubereitung aufwendig, deshalb gelten Quallengerichte als Delikatesse. In Deutschland bekommt
man Qualle in vielen Asialäden und in besseren
Chinarestaurants. Glibberig. Und harmlos!
FORUM
zeit
wissen
s 08 bis s 11
Kryptonit im Polarmeer
Es scheint, als sei dieser Taucher in der Tiefsee auf
eine mysteriöse leuchtende Materie gestoßen. Superman-Fans denken jetzt vielleicht an Kryptonit, jenes
giftgrüne Mineral, das den Comic-Helden in Lebensgefahr bringt. Doch zeigt dieses Foto bloß eine dicke
Eisschicht – von unten. Das grüne Leuchten spielt
sich oberhalb der gefrorenen Wasseroberfläche ab:
Es ist das Polarlicht. Dieses eindrucksvolle Schauspiel
B=(,7:LVVHQBB
am Himmel entsteht, wenn elektrisch geladene Teilchen aus dem Sonnenwind mit Atomen der Erdatmosphäre kollidieren, meistens in den Polarregionen. Um das Spektakel einmal aus anderer Perspektive zu zeigen, schlug Fotograf George Karbus
ein Loch in den Eispanzer des russischen Weißmeeres und tauchte mit Freunden hinab, während
das Polarlicht den Nachthimmel erleuchtete.
Fotos George Karbus / hgm-press; Gustavo Alàbiso / epd-bild; Ray Wilson / Alamy / mauritius images
die wichtigsten meldungen
Sport: doi:10.1371/journal.pmed.1001335 Mond: doi: 10.1126/science.1226073, 10.1126/science.1226073
Testosteron: doi:10.1371/journal.pone.0046774 Malaria: 10.1056/NEJMoa1208394
Länger leben
mit Übergewicht
Regelmäßige Bewegung
verhilft auch Menschen
mit Übergewicht zu einer
höheren Lebenserwartung. Das schließt ein
internationales Forscherteam aus den Daten
mehrerer Langzeitstudien
aus den USA und
Schweden. Selbst wenn
die körperliche Aktivität
nicht dazu führt, dass
man abnimmt, wirkt sie
sich demnach doch
positiv auf die Gesundheit aus. Schon wer nur
75 Minuten pro Woche
zügig spazieren geht,
lebt im Durchschnitt 1,8
Jahre länger als jemand,
der keinen Sport treibt.
Bis zu 4,5 Jahre mehr Lebenszeit bringen die von
der Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfohlenen 150 Minuten
Bewegung pro Woche.
Aktive Menschen mit
moderatem Übergewicht
leben sogar drei Jahre
länger als bewegungsfaule
Normalgewichtige.
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Testosteron macht ehrlicher
Testosteron hat einen schlechten Ruf: Das Hormon soll
Aggression, riskantes Verhalten und Imponiergehabe
fördern. Nun hat eine Studie der Universitäten Bonn
und Maastricht zur Abwechslung mal einen Nutzen für
das soziale Miteinander gefunden: Testosteron fördert
demnach die Ehrlichkeit. Probanden, die das Hormon
in einem Experiment verabreicht bekamen, betrogen
bei einem Würfelspiel seltener als diejenigen, die nur
ein Placebo erhalten hatten. Wahrscheinlich steigere
Testosteron den Stolz und das Bedürfnis, ein positives
Selbstbild zu entwickeln, folgern die Forscher. Für ein
paar Euro setze man das nicht auf ’s Spiel.
Malaria-Impfstoff enttäuscht
Neuer Mutterschaftstest:
Der Mond ist unser Baby
Der Mond besteht wohl weitgehend aus dem Material
des früheren Erdmantels. Zwei neue Simulationen
zeigen, wie das Baumaterial für den Mond bei einem
Zusammenstoß der Erde mit einem anderen Planeten
in die Umlaufbahn geschleudert wurde. Anders als frühere Modelle stehen die Computersimulationen nun
im Einklang mit chemischen Analysen des Mondgesteins.
Rückschlag im Kampf gegen Malaria: Der bislang am
weitesten entwickelte Impfstoff Mosquirix ist bei Säuglingen weniger wirksam als erhofft. In einer Studie mit
sechs bis zwölf Wochen alten Babys sank die Rate der
klinischen Malaria-Infektionen nur um 31 Prozent – deutlich weniger als bei älteren Kindern. Ob die WHO
die Vakzine in ihr Impfprogramm aufnimmt, ist fraglich.
Forum
expertenr at
»Sollen
wir Produkte
lieber beim regionalen Händler
oder im Internet
kaufen?«
Elli Schneider
per E-Mail
Moritz Mottschall ist Umweltingenieur und wissenschaftlicher Mitarbeiter des
Öko-Instituts e. V.
Haben Sie eine Frage an
die Wissenschaft? Schicken
Sie diese an expertenrat@
zeit-wissen.de.
In Kooperation
mit N-JOY.
B=(,7:LVVHQBB
wor an arbeiten sie ger ade?
»Ich diene dem Panda«
Der zweijährige Taotao ist das erste
Pandajunge unseres Programms, das wir
in die Wildnis entlassen. Seine Mutter
und er leben derzeit auf einem 2100 Meter hohen
Bergplateau. Einmal im Monat besuchen wir sie,
um einen Gesundheits-Check zu machen. Damit
Taotao eine natürliche Scheu vor dem Menschen
entwickeln kann, tragen wir dabei Pandakostüme.
Sie sind dick und schwer, man bewegt sich nur
sehr schwerfällig in ihnen. Wenn ich das Kostüm
überziehe, glaube ich tatsächlich, in der Haut eines
Pandas zu stecken. Wir reiben das Kunstfell mit
Pandakot und -urin aus dem Zoo ein, um unseren
Menschengeruch zu überdecken. Das klingt übel,
aber die Tiere sind ja zum Glück Vegetarier. Deshalb stinken wir gar nicht bestialisch
in den Kostümen, sondern riechen nur
dezent nach verdautem Bambus.
Huang Yan, 48, leitet das Auswilderungsprogramm im Panda-Reservat Wolong der chinesischen Provinz Sichuan.
Foto China Daily / Reuters
Beim lokalen Händler hat
man einen Ansprechpartner und stärkt den Einzelhandel. Dagegen werden
Produkte im Internet
meist günstiger angeboten.
Und die Umweltbilanz?
Ein Warenlager verbraucht
meist weniger Energie als
ein Ladengeschäft. Und
der Versand eines Paketes
verursacht oft auch weniger Treibhausgasemissionen als die Autofahrt zum
Laden. Kaufen wir also
Geschenke lokal und fahren mit dem Auto, sollten
wir Einkäufe verknüpfen
oder Fahrgemeinschaften
bilden. Die umweltfreundlichste Variante der Onlinekäufe ist es, Produkte
nur im Netz anzuschauen
und sie als Standardpaket
zu bestellen. Die schlechteste Variante ist die wohl
alltäglichste: mit dem
Auto zum Geschäft zu
fahren und dort das Produkt anzusehen, es aber
online per Expresssendung
zu bestellen und dann
zurückzuschicken.
pro & contr a
Muss man die Homöopathie überhaupt noch erforschen?
Die Homöopathie polarisiert. Die einen halten sie für eine ganzheitliche Heilmethode, die
anderen für quacksalberei, deren Erforschung nur noch Geld und Zeit verschwendet.
Illustrationen Anje Jager
pro
Skeptiker halten eine Wirksamkeit der
Homöopathie über den Placeboeffekt hinaus für
unmöglich. Homöopathen sind vom Gegenteil
überzeugt. Die durchaus widersprüchlichen Ergebnisse der placebokontrollierten Studien der letzten
30 Jahre werden von den jeweiligen Lagern als Beleg
für die eigene Meinung herangezogen.
Zwei Argumente sprechen für weitere Forschung: Zum einen die große Verbreitung der
Homöopathie und zum anderen die doch recht gut
belegten, konsistenten und zum Teil sehr ungewöhnlichen Erfahrungen in der Praxis. Die Forschung
muss jedoch radikal andere Fragen stellen, »Ist die
Homöopathie zumindest ein besonders potentes
Placebo?« zum Beispiel. Die boomende Placeboforschung spricht dafür, dass Placebo nicht gleich
Placebo ist. Weitere Fragen sind: Was sind die Umstände, unter denen die zum Teil völlig überraschenden Effekte der Homöopathie auftreten oder wahrgenommen werden? Warum wenden sich engagierte
Ärzte und gebildete Patienten der Homöopathie zu?
Solche Forschung könnte das Phänomen besser
erfassen und vielleicht erklären – die Ergebnisse
würden möglicherweise allerdings weder Skeptikern
noch Homöopathen gefallen.
Klaus Linde
B=(,7:LVVHQBB
contr a
Etwa 200 klinische Studien sprechen
nicht eindeutig für die Homöopathie, für keine Erkrankung ist ihre Wirksamkeit belegt. Aber Patienten
erleben doch Heilungen am eigenen Leib, sagen Homöopathen. Stimmt, doch viele Faktoren können hier
mitwirken. Etwa der Placeboeffekt oder der Umstand,
dass sich Erkrankungen auch ohne Therapie bessern.
»Wer heilt, hat Recht« ist ein weiteres Argument.
Auch das steht auf wackeligen Beinen. Placeboeffekte
helfen zwar, aber dafür braucht man keine Placebos
in Form von homöopathischen Mitteln: Falls ein Arzt
mit Empathie eine wirklich effektive Therapie verschreibt, profitiert der Patient nicht nur von einem
Placeboeffekt, sondern auch von dem spezifischen
Effekt der Therapie. Die alleinige Gabe eines homöopathischen Placebos hingegen bringt den Patienten
um einen essenziellen Anteil der Therapie.
Homöopathie ist einfach nicht plausibel. Ähnliches lässt sich nicht mit Ähnlichem heilen, und Verdünnen macht eine Substanz nicht potenter, sondern
schwächer. Auch die Hoffnung, dass eines Tages neue
Erkenntnisse die Homöopathie erklären werden,
beruht auf reinem Wunschdenken: Es kann keine
Erklärung der Homöopathie geben, die in Einklang
mit den Naturgesetzen zu bringen ist. Edzard Ernst
pro
Klaus Linde ist Professor
am Institut für Allgemeinmedizin der TU München.
contr a
Edzard Ernst ist emeritierter Professor für
Komplementärmedizin an
der University of Exeter.
TITEL
zeit
wissen
s 12 bis s 26
Können wir
ohne Glauben leben?
Wissenschaftler ergründen die Kraft der Religiosität.
Ihre Erkenntnis: Wir sollten nicht auf den Glauben
verzichten, er hat zu viele Vorteile – selbst für Atheisten.
14
B=(,7:LVVHQBB
Lernen von der Religion:
Wir sollten die besten
Strategien übernehmen.
20 Warum wir glauben: Religion
geht uns immer weniger an,
trotzdem werden wir religiöser.
24 »Diese Erfahrung ist
universell«: Ein Interview mit
dem Soziologen Hans Joas.
Foto Chris Keulen / laif
Text
Ulrich Schnabel & Christian Schüle
Von den einen wird Papst
Benedikt XVI. verehrt und
bejubelt, wie hier beim
Weltjugendtag in Köln. Für
andere ist er eine Reizfigur,
umstritten wie die katholische Kirche im Ganzen. Der
Philosoph Alain de Botton,
selbst Atheist, fordert mehr
Offenheit: »Religionen sind
zu nützlich, wirksam und
intelligent, als dass man sie
allein den Religiösen überlassen sollte.«
B=(,7:LVVHQBB
An irgendetwas glaubt jeder
Mensch, und sei es an die
musikalische Einzigartigkeit der Lieblingsband,
die man anbetet. Und das
will man auch zum Ausdruck bringen, vor allem
auf Konzerten oder Festivals,
wo sich ganze Massen von
der Star-Verehrung mitreißen lassen.
B=(,7:LVVHQBB
text Ulrich Schnabel
Was wir von der Religion lernen können
Forscher und Philosophen entdecken die Vorteile religiösen Denkens – und
wollen die besten strategien in die Gesellschaft übertragen.
Foto Stanislas Fautre / Le Figaro Magazine / laif
Illustrationen Jindrich Novotny
A
lain de Botton ist kein geborener
Gläubiger, im Gegenteil. Der Sohn
eines Schweizer Bankiers wuchs unter
überzeugten Atheisten auf und hat
früh gelernt, religiöse Gefühle »mit
jener Art von Mitleid zu betrachten,
die für gewöhnlich Menschen mit einer degenerativen Erkrankung vorbehalten ist«. Doch mit Mitte
zwanzig ereilte ihn eine »Krise der Glaubenslosigkeit«, wie er gesteht. Ihm wurde klar, dass die großen Religionen nicht nur unglaubliche Behauptungen – etwa von der Existenz Gottes, der unbefleckten
Empfängnis oder der Wiederauferstehung – hervorgebracht haben, sondern auch eine Vielzahl
wertvoller Errungenschaften, die er nicht missen
wollte – von religiös inspirierter Kunst über gemeinschaftsfördernde Rituale bis hin zu ethischen Wertmaßstäben.
Nun, im Alter von 42 Jahren, bekennt sich der
in London lebende Philosoph und Schriftsteller offensiv zu seiner ambivalenten Haltung. »Religionen
sind zu nützlich, wirksam und intelligent, als dass
man sie den Religiösen allein überlassen sollte«,
lautet das Credo seines Buches Religion for Atheists,
das sich explizit an Ungläubige (wie ihn selbst)
wendet. Denn weil diese in der Regel alles ablehnten, was auch nur entfernt an Religion erinnere, sei
die moderne, säkulare Gesellschaft »unfairerweise
verarmt«, diagnostiziert de Botton. Das beginne
beim Verlust von Gemeinschaftserlebnissen, mache
sich im Fehlen architektonischer Kraftzentren und
Ruhezonen bemerkbar und reiche bis zum Mangel
an effektiven Bewältigungsstrategien für seelische
Nöte und unsere Angst vor dem Tod. In der modernen Warenwelt gebe es zwar »ein unübersehbares
Angebot für das Bedürfnis nach einem Haarwaschmittel«, kritisiert der Philosoph, doch ausgerechnet
»die Sorge um die wichtigsten Bedürfnisse« des Menschen liege heute oft in den Händen Einzelner.
Daher plädiert de Botton in seinem (bislang nur
auf Englisch erschienenen) Buch dafür, die Religionen gleichsam zu »bestehlen« und die besten Strategien aus deren reichhaltigem Repertoire in die säkulare Gesellschaft zu übertragen. So schlägt er etwa
»säkulare Tempel« vor, in denen man zur Ruhe kommen und die wesentlichen Fragen seines Lebens über-
B=(,7:LVVHQBB
denken könne; oder er philosophiert über »Agape
restaurants« (vom griechischen agape = Liebe), in
denen nicht raffinierte Speisen, sondern die Begegnung und der Austausch mit Fremden im Zentrum
stehen sollen. Denn gerade an solchen Begegnungen
mangele es in unseren kalten Gesellschaften, und
kaum etwas stärke das Zusammengehörigkeitsgefühl
so sehr wie ein gemeinsames Essen (weshalb in der
Frühzeit des Christentums das »Abend-Mahl« noch
ein richtiges Essen war). Allerdings sollen dabei nicht
die üblichen, oberflächlichen Unterhaltungen geführt werden (»Was arbeiten Sie?«, »Wo gehen Ihre
Kinder zur Schule?«), sondern die wirklich relevanten
Fragen des Menschseins zur Sprache kommen (»Was
bedauern Sie?«, »Wovor haben Sie Angst?«, »Wem
können Sie nicht vergeben?«).
Natürlich rufen solche Vorschläge von allen
Seiten Widerspruch hervor. Als de Botton erstmals
»Tempel für Ungläubige« vorschlug, erhob sich
prompt ein millionenfacher Proteststurm auf Facebook und Twitter. Hartgesottene Atheisten vermuteten dahinter eine perfide Strategie zur Rehabilitierung des Glaubens; überzeugte Christen wiederum
argumentierten, ihre Religion sei doch bitte kein
Selbstbedienungsladen, den man nach Belieben
plündern dürfe.
D
er vehemente Widerspruch beweist,
dass de Botton einen Nerv trifft.
Denn anders als viele bedient er
nicht das übliche Schubladendenken, das in Sachen Religion
entweder nur vehemente Ablehnung oder ebenso vehemente Zustimmung kennt.
Im Gegensatz etwa zu dem Evolutionsbiologen
Richard Dawkins, der wortgewaltig gegen den »Gotteswahn« wettert und alles Religiöse als unwissenschaftlich verdammt, versucht de Botton, eine Brücke zwischen Gläubigen und Ungläubigen zu bauen
und religiöse Rituale auch auf ihre positiven Seiten
hin abzuklopfen.
Schützenhilfe erhält er dabei ausgerechnet von
der nüchternen Wissenschaft (auch wenn die in
seinem Buch kaum erwähnt wird). Denn auch Anthropologen und Psychologen haben sich in den
vergangenen Jahren zunehmend mit religiösen Ver-
Wenn Forscher
mit Religion
experimentieren
Güte
Wer mit religiösen Begriffen konfrontiert wird,
handelt großzügiger, stellten Forscher 2007 fest. Von
50 Freiwilligen wurden 25
in einem Spiel beiläufig
mit Wörtern wie »Gott«
und »heilig« konfrontiert,
die anderen mit nicht
religiösen Begriffen. Die
erste Gruppe schenkte anschließend im Schnitt
4,22 von 10 Dollar einem
Fremden, die zweite Gruppe
gab nur 1,84 Dollar.
Das Priming zeigte auch
bei Atheisten Wirkung.
Titel
B=(,7:LVVHQBB
auf den Körper zurück. Im besten Fall kann daher
ein entsprechender Glaube tatsächlich »Berge versetzen«, sprich: Krankheiten heilen.
So lässt sich etwa zeigen, dass Patienten auf
große rote Pillen im Allgemeinen stärker ansprechen
als auf kleine weiße. Oder dass teure Medikamente
besser wirken als billige und dass eine Spritze, die der
Chefarzt persönlich gibt, ungleich stärker wirkt als
die vom Pfleger, der sie auch noch ganz nebenbei
verabreicht hat – auch wenn in all diesen Fällen derselbe pharmakologische Wirkstoff in der gleichen
Menge zum Einsatz kommt. Denn neben der reinen
Pharmakologie wirkt immer auch unsere Vorstellungskraft: Wer etwa fest daran glaubt, ein Medikament werde seine Schmerzen lindern, setzt entsprechende Botenstoffe im Gehirn frei, deren Signal
wiederum über das Nervensystem an den Körper weitergeleitet wird und dort gerade jene heilsamen Wirkungen in Gang setzt, die man antizipiert hat – eine
Art neuronale Selffulfilling Prophecy.
Und dieser Effekt kann enorm stark sein: in
manchen Fällen macht er bis zu 50 Prozent der Wirkung eines normalen Medikaments aus. Das zeigt,
wie sehr sich unsere inneren Selbstheilungskräfte
durch die rechte Ansprache wecken lassen, was wiederum den Erfolg von Schamanen und Heilern aller
Art erklärt. Und welche Erwartung könnte auch letztlich stärker sein als die Vorstellung eines liebenden
Gottes, der sich ganz um unser Wohlergehen sorgt
und zur Not auch kleine Wunder vollbringt?
Natürlich können dabei (wie bei jeder Art von
Therapie) schädliche Nebenwirkungen auftreten. Das
unbewusste »schnelle Denken« kann uns in schwierigen Situationen geradewegs in die Irre führen; die
Hoffnung auf göttlichen Beistand im Krankheitsfall
kann zur Vernachlässigung notwendiger medizinischer Therapien führen – gar nicht zu reden von
psychologischen Schattenseiten wie der religiösen
Intoleranz gegen Ungläubige und dem fundamentalistischen Beharren auf der eigenen Wahrheit.
D
ennoch müssen selbst hartgesottene
Evolutionsbiologen konstatieren,
dass die Religion – entwicklungsgeschichtlich betrachtet – ein Erfolgsmodell ist. Anders ist kaum zu
erklären, weshalb sich irgendeine
Art von religiösem Denken in allen Kulturen und zu
allen Zeiten findet.
Aber warum ist die Religion so erfolgreich? Ara
Norenzayan, Religionspsychologe an der University
of British Columbia in Vancouver, liefert eine Antwort aus anthropologischer Sicht: Ein religiöses System schweiße seine Jünger zu einer Glaubensgemeinschaft zusammen, die häufig erfolgreicher sei als
andere Gruppen. Denn mit dem Verweis auf göttli-
Foto Joanna Nottebrock / laif
Tod
Der Tod ist ein starkes
Argument für den Glauben,
das auch bei Ungläubigen
zieht. In einer Studie wurden Probanden mit dem
Gedanken an das Ableben
konfrontiert und danach
zu ihrer Religiosität befragt.
Die Prozedur verstärkte
bei Gläubigen die Gottesfurcht und bei Atheisten
die Skepsis. Doch die Ungläubigen brauchten länger, um die Frage nach der
Existenz Gottes zu verneinen – ein Zeichen dafür,
dass sie unsicherer geworden waren, so die Autoren.
haltensweisen beschäftigt und mittlerweile eine ganze Menge Gründe zutage gefördert, die das scheinbar
so irrationale religiöse Denken in einem sehr rationalen Licht erscheinen lassen.
Das beginnt schon mit der Frage, wie religiöse
Vorstellungen überhaupt entstehen und warum nicht
alle Menschen die Welt rational-nüchtern sehen.
Antwort: Weil »Religion natürlich ist und Wissenschaft nicht«, wie es der Philosoph und Religionspsychologe Robert McCauley kurz und bündig formuliert. In seinem Buch Why Religion is Natural and
Science is Not beschreibt McCauley, dass uns der religiöse Glaube viel leichter fällt als das (oft anstrengende) wissenschaftliche Denken. Denn die meisten
Denk- und Gefühlsreflexe, die sich im Laufe der
menschlichen Evolutionsgeschichte herausgebildet
haben, kommen dem religiösen Denken natürlicherweise entgegen: Wir tendieren etwa dazu, hinter jeder
Wirkung eine Ursache zu vermuten (»Keine Schöpfung ohne Schöpfer«), entdecken selbst in zufälligen
Strukturen gerne Muster, haben eine natürliche Neigung, auch tote Gegenstände als belebt wahrzunehmen (weshalb wir dem Auto oder dem Computer gut
zureden), und sehnen uns alle insgeheim nach allwissenden Autoritäten, denen wir uns guten Gewissens unterwerfen können.
»Schnelles Denken« nennt der Psychologe und
Nobelpreisträger Daniel Kahneman solche automatischen Denkreflexe, die unsere unbewusste Beurteilung einer Situation häufig prägen. Im Gegensatz
dazu steht das »langsame Denken«, das auf Reflexion
und kritischem Hinterfragen beruht und sehr viel
mühsamer ist.
Kurioserweise beruht auf dieser Art zu denken
nicht nur die Wissenschaft, sondern auch die Theologie, die meist zu ausgefeilten und schwer verständlichen Glaubensgebäuden führt. Der gern zitierte
Widerspruch zwischen Theologie und Wissenschaft
sei daher gar keiner, meint McCauley. Der wahre
Gegensatz zur Theologie bestehe im populären
Volksglauben, der etwa Gott eher als eine Art Superhelden sieht denn als theologisch korrekte Dreieinigkeit aus Vater, Sohn und Heiligem Geist.
Aber ob es uns gefällt oder nicht: Das »schnelle
Denken«, das sich im Laufe der Evolution vielfach
bewährte, ist für die meisten Menschen ihr kognitiver
Normalmodus – und dazu gehört nun einmal auch
die Sehnsucht nach religiösem Aufgehobensein.
Es gibt allerdings noch andere Gründe für die
weltweite Verbreitung des religiösen Denkens. Einer
zum Beispiel ist der aus der Medizin bekannte Placeboeffekt. Denn der Mensch lebt nicht nur von der
biologischen Materie allein, sondern eben auch von
seinen Gedanken, Vorstellungen und Hoffnungen.
Und diese wirken – wie psychologische und medizinische Studien zunehmend belegen – immer auch
Nirgendwo wird deutlicher,
welche Bedeutung eine
Ersatzreligion für Menschen
haben kann, als beim Fußball. Zu beobachten beim
Public Viewing in Hannover
bei der Europameisterschaft 2012 (auf dem Bild),
aber auch jeden Samstag
in der Bundesliga.
B=(,7:LVVHQBB
Titel
Es hat schon etwas von
einer religiösen Massenveranstaltung, was die Menschen hier in New York
treiben. Dabei feiern sie
nur den längsten Tag des
Jahres im Juni 2012 – mit
Yogaübungen. Tatsächlich
zeigen Studien, dass
Gläubige gesünder sind als
Nichtgläubige – ganz
unabhängig davon, ob sie
Sport treiben oder nicht.
B=(,7:LVVHQBB
Foto Shannon Stapleton / Reuters
che oder heilige Gebote ließen sich moralische Werte in einer Gemeinschaft sehr effektiv durchsetzen.
»Und solche Gruppen können größer werden und
kooperativer zusammenarbeiten und damit erfolgreicher sein als andere im Wettbewerb um Ressourcen
und Habitate«, schreibt Norenzayan.
Für ihn erklärt dies auch den engen Zusammenhang zwischen dem Aufkommen der ersten Hochkulturen und der Entwicklung ausgefeilter religiöser
Lehren. Denn bei den Jäger-und-Sammler-Stämmen, die durch die Frühzeit des Menschen zogen, war
»der direkte Kontakt von Angesicht zu Angesicht die
Norm«. Moralisches Verhalten wurde durch den sozialen Gruppendruck garantiert, deshalb liefern die
schamanistischen Religionen solcher Stämme in der
Regel auch keine moralischen Wertesysteme. Erst als
die Menschen sesshaft, ihre Gesellschaften größer
und anonymer wurden, änderte sich das. Nun wurde
es nötig, moralische Standards zu definieren, an die
sich Menschen auch dann halten, wenn sie keine
engen verwandtschaftlichen Beziehungen mehr haben – und damit begann der Aufstieg der Religionen.
Gerade die Vorstellung eines omnipräsenten
Gottes lässt sich für Norenzayan aus dieser Perspektive schlüssig erklären: Psychologische Studien zeigen
nämlich, dass Menschen sich stets ehrlicher und
»moralischer« verhalten, wenn sie sich beobachtet
fühlen. Schon allein stilisierte Zeichnungen, die
Augen repräsentieren, fördern großzügiges Verhalten
gegenüber Fremden. Kein Wunder, dass die Vorstellung, von einem allwissenden Gott beobachtet zu
werden, einen massiven Effekt hat.
Diesen Effekt wiesen Norenzayan und sein
Kollege Azim Shariff unter anderem in einem Spielexperiment nach, in dem zwei einander unbekannte
Teilnehmer eine gewisse Summe Geld untereinander
aufteilen mussten. Konfrontierte man sie vor dem
Versuch quasi nebenbei mit Begriffen wie »göttlich«,
»Gott« oder »Geist«, ließ sich ihre Großzügigkeit beträchtlich steigern. »Wer dazu angeregt wird, an Gott
zu denken, verhält sich viel großzügiger«, sagt Norenzayan und folgert daraus: Die Religion habe während
»der längsten Zeit der Menschheitsgeschichte die
Rolle eines sozialen Klebstoffs« gespielt.
F
ehlt uns heute in unseren kalten, kapitalistischen Gesellschaften gerade diese
Art von »Klebstoff«, wie es zum Beispiel
Alain de Botton in seinem Buch beklagt? Ist etwa der Arbeitswahn von
modernen Workaholics auch dadurch
zu erklären, dass sie im Büro jene Art von Gemeinschaftserlebnis suchen, für das früher die Religionen
zuständig waren? Mit anderen Worten: Fehlt uns
ohne irgendeine Art von Religion etwas Entscheidendes im Leben?
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Norenzayan sieht das differenziert. Zur Aufrechterhaltung der Moral brauche man Religion heute
nicht mehr unbedingt. Schließlich hätten moderne
Gesellschaften inzwischen Ersatz für die einstigen
religiösen Moralhüter geschaffen: Gerichte, Polizei
und weltliche Gesetze wachen nun in säkularen
Staaten darüber, dass niemand den anderen übers
Ohr haut. Und in solchen Nationen gehe es keinesfalls unmoralischer oder chaotischer zu, bilanziert
Norenzayan. Im Gegenteil, »einige der kooperativsten,
friedlichsten und prosperierendsten Gesellschaften
der Welt« hätten heute eine atheistische Mehrheit.
Solche Staaten seien gewissermaßen »die Leiter der Religion hochgeklettert und haben sie dann weggekickt«.
D
och die Aufrechterhaltung von
Recht und Ordnung ist nicht alles.
Für Alain de Botton gibt es auch
noch die »weicheren« Qualitäten
unseres Zusammenlebens, die in Begriffen wie Nächstenliebe oder Demut zum Ausdruck kommen. Und für diese fehle
unseren Gesellschaften häufig das Gespür. »So sind
wir etwa vom finanziellen Standpunkt aus deutlich
großzügiger als unsere Vorfahren«, schreibt der Philosoph. »Wir geben rund die Hälfte unseres Einkommens an das Gemeinwesen ab. Aber wir tun dies,
fast ohne es zu realisieren, nämlich durch die anonymen Mechanismen unseres Steuersystems.« Und wir
fühlten uns schon gar nicht mit jenen verbunden,
für die unsere Steuern »saubere Wäsche, Suppe, ein
Dach über dem Kopf oder die tägliche Dosis Insulin« finanzieren. Denn Steuern förderten weniger
den Zusammenhalt als eher das egoistische Denken.
»Weder Empfänger noch Geber empfinden das Bedürfnis, Danke oder Bitte zu sagen«, klagt de Botton. Daher komme es darauf an, für solche Situationen einen geeigneten Rahmen zu schaffen, der auch
die menschliche Dimension hinter solchen Transaktionen sichtbar mache. Und das könne man von
den Religionen durchaus lernen, argumentiert er.
Dass man ihm Naivität vorwerfen kann, ist de
Botton dabei durchaus bewusst. Und dass es in der
Geschichte schon früher ähnliche Versuche gegeben
hat, die kläglich scheiterten, thematisiert er selbst in
seinem Buch. Ihm geht es auch gar nicht im Ernst
darum, nun eine neue Form der Religion zu schaffen, sondern viel bescheidener darum, »einige der
Lektionen zu identifizieren, die wir von den Religionen lernen können«.
Und da, so ist Alain de Botton überzeugt, gebe
es genügend Stoff aufzuarbeiten. »Die Weisheit der
Religionen gehört allen Menschen, selbst den rationalsten unter uns, und sie verdient es, dass ihre
besten Teile auch von den größten Gegnern des
Übernatürlichen wieder aufgegriffen werden.«
Gewalt
Organisierte Religion geht
mit Gewaltbereitschaft
einher, schrieben kanadische Wissenschaftler 2009.
Sie fanden bei Israelis
und Palästinensern eine
Verbindung zwischen der
Häufigkeit von Gottesdienstbesuchen und einer
positiven Einstellung
gegenüber Selbstmordattentaten. Eine ähnliche Tendenz herrschte auch bei
Christen und Hindus. Wie
oft die Befragten beteten,
spielte keine Rolle.
Titel
text Christian Schüle
Warum wir
glauben müssen
Dank eines festen Glaubens
an etwas (hier Anhänger
der Glaubensgemeinschaft
der Universellen Weißen
Bruderschaft) werden viele
Menschen mit den Zumutungen und Bedrohungen
des Alltags besser fertig. Der
Blick geht dabei immer
nach oben, dorthin, wo es
offen und unbestimmt ist.
Religion geht uns immer
weniger an, trotzdem werden wir
religiöser . Und das ist auch
gut so, schreibt Christian Schüle.
U
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kann, als zu glauben. Der Mensch ist von Natur aus
religiös, und auch der Atheist ist ein homo naturaliter
religiosus. Gibt es Beweise für eine solche These?
Gibt es. Ausgerechnet durch die Wissenschaft.
Psychophysikalisch gesprochen, entspricht kaum
etwas dem ausgeprägten Individualismus unserer
Tage so sehr wie die Mystik der spirituellen Auffahrt.
Der nach Prinzipien der Kausalität und Rationalität
erzogene Atheist etwa lebt in einer total vermittelten
Medienwelt: Für jedes Gefühl gibt es ein Medium,
für jeden Erdwinkel ein Bild, für jede Frage eine
Wikipedia-Antwort. Als ganzer Mensch aber hungert
er nach Unmittelbarkeit. Er will spüren, sich und das
Sein. Er will mitgerissen werden, in eine andere Dimension geraten. Er will erleben und auffahren. Und
im mystischen Erlebnis der Verschmelzung mit diesem diffusen »Irgendwohin« seiner Auffahrt ist er
selbst das Medium – Körper und Geist, Leib und
Seele schließen sich kurz. Der Dualismus von Ich und
Korpus, Außen und Innen ist aufgehoben. Und danach? Vielleicht ist der Atheist in der Wahrnehmung
seiner selbst verändert, jedenfalls aber fühlt er sich für
Man muss nicht
an Gott glauben,
um zu glauben.
Man muss nicht
Katholik sein, um
etwas anzubeten.
Foto Vassil Donev / EPA / dpa Picture Alliance
nbefleckte Empfängnis? Da lacht
doch heute jeder. Wundertaten eines
Heiligen? Nette Märchengeschichte.
Wiederauferstehung? Ist höchstens
einmal passiert, also unglaubwürdig.
Leben nach dem Tod? Schöne Idee,
aber völlig unbewiesen. Kirchenschiffe leeren, Kirchenaustritte häufen sich. Von Seelsorge ist nicht
mehr viel zu sehen, skateboardfahrende Pfarrer sind
irgendwie lächerlich, und der Papst hat seine Kirche
auf lebensferne »Entweltlichung« programmiert.
Kurzum: Der Zeitgenosse hat andere Probleme und
ist auf andere Problemlösungsstrategien angewiesen.
Ist er – wie zunehmend mehr Menschen – Atheist, glaubt er womöglich an Technologie und Bionahrung, an sozialen Frieden und Nachbarschaftshilfe. Oder konkreter: Ist er zum Beispiel Lehrer,
glaubt er vielleicht an die Kraft der Poesie und humanistische Bildung; ist er Analyst an den Dax und die
Börse. Der CEO glaubt an Kapitalakkumulation und
Höhlenmeditation, der Unternehmer an ewigen
Fortschritt und Reiki, der Chemiker an das Reich des
Kohlenstoffs und die digitale Second World; der Astrophysiker an ferne Galaxien; der Psychoanalytiker
ans Unbewusste; die Esoterikerin an spirituelle Energien; die Linke an die Revolution, die Rechte an die
Kernfamilie, der Liberale an die Freiheit.
Fällt bei alldem nicht etwas ins Auge?
An irgendetwas glauben alle. Das persönliche Wohlergehen, die Definition eines gelingenden Lebens, so
scheint es trotz aller Diesseitigkeit, kommt ohne
Glauben nicht aus. Man muss nicht an Gott glauben, um zu glauben. Man muss nicht Katholik sein,
um anzubeten. Man muss sich nicht zum Protestantismus bekennen, um seinen Nächsten zu lieben.
Wer aber glaubt, der Mensch komme ohne Glauben
aus, der glaubt somit erstens selbst und macht zweitens die Rechnung ohne die Spezies Mensch. Das
heißt: Der Mensch glaubt, weil er gar nicht anders
einen wie lange auch immer währenden Moment
nicht mehr überflüssig und zufällig, sondern aufgehoben, geborgen und gewollt.
S
o gut wie alle Riten und Zeremonien,
die in älteren Kulturen mit dem Numinosen und Geheimnisvollen verbunden
waren – Geistbeschwörungen etwa,
Sonnenwendfeiern, Opferkulte –, sind
im Zuge einer unterkühlten ZweckMittel-Rationalisierung des technischen Fortschritts
entzaubert und entwertet worden. Doch die helle
Ratio, die Axt der Vernunft allein, so scheint es immer mehr, schlägt keine Bresche mehr zum Glück.
Weil das Individuum ans Übersinnliche andocken
will, gehen Grafikerinnen auf schamanische Reisen
nach Hawaii, pilgern Bankangestellte zu den Urmenschen im peruanischen Regenwald und besuchen nachweislich gebildete Frauen immer und immer wieder Wochenendseminare oder spirituelle
Sommerakademien, um sich bei einem Fest der Sinne in Meditationen, Kontemplationen, Tanz und
Shiatsu an ihre Quelle, ihren Ursprung zu wagen. Es
ist die Sehnsucht nach Übersetzung des kleinen Ich
ins große Ganze. Der Blick geht dabei immer nach
oben, dorthin, wo es offen und unbestimmt ist, weil
unten doch alles determiniert scheint.
Fast immer beginnt diese Sehnsucht nach dem
Oben, wenn sich der auspubertierte Mensch den
großen Sinnfragen zuwendet: Ist das, was ich wahrnehme, wirklich? Gibt es einen Plan, der hinter allem
steht? Wird mein Leben gelenkt? Das, sagen Religionspsychologen, sei jene Zeit, in der der Mensch
bewusst erfährt, dass Glauben ein geistiges Vermögen
ist. Auch der Atheist hat die Fähigkeit zu glauben,
weil er die Fähigkeit hat, das Andere zu denken. Weil
er sich hineindenken kann in das Gegenteil von Sein:
in das Nichts. Und gerade weil der menschliche Geist
zu dieser Entgrenzungserfahrung in der Lage ist,
braucht er Sicherheit und Begrenzung – eine transzendente Heimat, ein metaphysisches Obdach, eine
sinnreiche Antwort.
Einer der evolutionsbiologischen Vorteile des
Glaubens, lehrt die Religionspsychologie, ist »Coping«
(Alltagsbewältigung). Will heißen: Als Bewohner einer
transzendenten Heimat (egal, welcher) wird der
Mensch mit den Zumutungen und Bedrohungen des
Alltags besser fertig. Im Glauben hat der oft beziehungslose Einzelne die Möglichkeit, sich selbst zu relativieren, weil Glaube immer eine Beziehung vermittelt. Evolutionspsychologisch betrachtet, ist
Religiosität die einzig funktionierende Gemeinschaftsform, die den Egoismus zu reduzieren in der Lage ist.
»Ego-Deflation« nennt Sebastian Murken, klinischer Therapeut am Forschungszentrum für Psychobiologie und Psychosomatik der Universität Trier,
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Rationales Denken
Ein Ball und ein Schläger
kosten zusammen elf
Dollar. Der Schläger kostet
zehn Dollar mehr als der
Ball – was kostet der Ball?
Wer hier »einen Dollar«
antwortet, ist mit höherer
Wahrscheinlichkeit gläubiger als jemand, der die
richtige Lösung, 50 Cent,
nennt. Zu diesem Schluss
kamen Forscher in einer
Studie im April. Sie folgern,
dass rationales Denken
und Glauben sich gegenseitig behindern.
Rassismus
Allein das Denken an
Religion kann rassistische
Ressentiments verstärken.
In einer Studie wurden
US-Studenten unbewusst
mit religiösen Begriffen
konfrontiert, danach ihre
Vorurteile mit Fragebögen
ermittelt. Probanden,
die Wörter wie Kirche und
Jesus zu sehen bekamen,
wurden als rassistischer
gegenüber Schwarzen eingestuft als solche, die
neutrale Wörter wie Butter
und Hemd lasen.
rantiert Entlastung und Erleichterung. Kirkpatrick
weist die Vorstellung zurück, der Mensch besitze so
etwas wie religiöse Instinkte. Religiöser Glaube ist für
ihn die Suche nach der Beziehung zu einer Vaterfigur.
Je defizitärer die Beziehungsstruktur eines Individuums, desto stärker glaubt es.
»Religion ist natürlich und
Wissenschaft nicht«, sagt
der Religionspsychologe
Robert McCauley. Denn der
Glaube an einen Gott
(auf dem Bild muslimische
Gläubige in Kaschmir,
die eine heilige Reliquie anbeten) falle viel leichter
als das oft anstrengende
wissenschaftliche Denken.
Hirnphysiologisch betrachtet,
sind religiöse
Erfahrungen
emotionale
Erlebnisse, die
im limbischen
System verankert
sind.
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den Reiz des Glaubens. Als prosoziales Wesen ist dem
Menschen von Geburt an das Bedürfnis nach Beziehung eingeschrieben. Der Bindungstheorie des berühmten britischen Psychoanalytikers und Arztes
John Bowlby zufolge wird in der frühkindlichen Sozialisation bis zum Alter von vier mit dem Selbstbild
auch ein spezifischer Bindungsstil generiert, der das je
spezifische Glaubensmuster prägt. Bis zum zehnten
Lebensjahr wird dieses erworbene Vertrauensmuster
bestätigt, wodurch sich im Gehirn emotionale Strukturen für das Gefühl von Zugehörigkeit ausbilden.
Der amerikanische Evolutionspsychologe Lee
Kirkpatrick hat die Gesetzmäßigkeit der Bowlbyschen Bindungstheorie auf das Religiöse erweitert.
Jeder Mensch strebt nach einem positiven Selbstbild.
Je höher nun aber die innere Spannung zwischen
gewünschtem und erlebtem, zwischen positivem und
negativem Selbst ist, desto eher versucht der Mensch,
diese Spannung religiös zu lösen. Der plötzliche
Wechsel zu einem neuen Bezugs- oder Glaubenssystem, die radikale Umwertung von inneren Überzeugungen, von Selbst- und Weltwahrnehmung ga-
Foto Waseem Andrabi / Hindustan Times / Getty
E
thnologisch betrachtet, ist in der Tat
verblüffend, wie stark die Bereitschaft,
eine überindividuelle Bezugsgröße zu
verehren, bis zum heutigen Tag von den
Menschen aller Kulturen bejaht wird.
Der Glaube an eine höhere Wirklichkeit, das Niederwerfen auf die Knie vor einer Vaterfigur, scheint das denkfähige Subjekt zu erheben.
Vielleicht kann selbst der Atheist gar nicht anders,
als zu glauben, aus ganz profanen, weil neurologischen Gründen.
Der Geist sei zwangsläufig mystisch, mystische
Erfahrung sei biologisch real und naturwissenschaftlich messbar, religiöses Erleben habe allein neurophysiologische Grundlagen: Das ist die Behauptung einer
vergleichsweise jungen Disziplin namens Neurotheologie, die seit einigen Jahren versucht, den Mechanismus mystischer Erfahrung im menschlichen
Gehirn zu verorten, genauer: im Lobus parietalis
superior, auch Scheitellappen genannt. Der Begriff
Neurotheologie, 1984 von James Ashbrook vom
Chicago Center for Religion and Science zum ersten
Mal verwendet, steht für den systematischen Versuch
neurophysiologischer Forschung, Religiosität von
ihrer biologischen Grundlage her zu verstehen.
Das bedeutet: Alle Religionen beruhen auf
Mythen; der Scheitellappen ist ein wichtiger Teil
des mythenbildenden Zentrums im Gehirn;
menschliche Rituale können transzendente Einheitszustände hervorrufen, die sich auf den Hypothalamus auswirken. Während einer Meditation
wird die Reizzufuhr durch den Hippocampus, der
als Filter Beruhigungs- und Erregungsreaktionen
im Gehirn reguliert, gestoppt. Die neurologischen
Prozesse des Rituals machen aus Mythen gefühlte
Erfahrungen; über das religiöse Ritual wird der
Mythos im Gehirn messbar. Also schafft sich das
Gehirn seinen eigenen Gott.
Religiosität, lautet die Erkenntnis neurotheologischer Hirnforscher, ist ein in ihrer Grundstruktur
so einheitliches Phänomen, dass man für verschiedene Glaubensrichtungen und Kulturen ein identisches
Hirnareal annehmen kann – wobei fast trivial zu sagen ist, dass auch religiöse Emotionen neuronale
Grundlagen haben, weil Emotionen immer neuronal
bedingt sind. Bei Meditationen lassen sich die gleichen starken Theta-Wellen feststellen wie während
eines Orgasmus oder eines intensiven Schmerzerlebnisses. Conclusio? Religiöse Erfahrungen sind hirn-
physiologisch betrachtet intensive emotionale Erlebnisse, die unterhalb des kortikalen Mantels im
limbischen System, der entwicklungsgeschichtlich
ältesten Hirnregion, verankert sind.
A
ber das ist noch nicht alles. Aus zahlreichen religionsmedizinischen Studien vornehmlich amerikanischer Wissenschaftler geht hervor, dass
Gläubige gesünder sind als Nichtgläubige. Menschen, die mystische
Zustände erfahren, weisen angeblich ein höheres
Maß an psychischer Gesundheit auf als die Bevölkerung insgesamt. Der klinische Psychologe David
Larson vom amerikanischen National Institute for
Healthcare Research hat alle zwischen 1978 und
1989 erschienenen Untersuchungen seines Instituts
systematisch auf den Zusammenhang zwischen
Glauben und psychischer Gesundheit ausgewertet
und kommt zu dem Fazit, Religiosität wirke sich in
84 Prozent der Fälle positiv, in 13 Prozent neutral
und in 3 Prozent gesundheitsabträglich aus.
Eine breit angelegte Studie über den Zusammenhang zwischen Religiosität und Mortalität aus
dem Jahr 1999 will beweisen, dass 20-jährige USAmerikaner, wenn sie einmal pro Woche den Gottesdienst besuchen, eine um 6,6 Jahre höhere Lebenserwartung haben als Menschen, die nie einen
Gottesdienst besuchen. Naheliegend ist erst einmal
der Rückschluss auf die subjektive Verhaltensweise
im Angesicht des Transzendenten. Das Gesundheitsverhalten von Gläubigen ist grundsätzlich günstiger:
Sie rauchen weniger, trinken weniger Alkohol und
nehmen seltener Drogen, erfahren größere soziale
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Unterstützung in der Gemeinschaft und genießen
bessere Krankenpflege in intakten Familien. Harold
Koenig, Direktor des Center for the Study of Religion/Spirituality and Health an der Duke-Universität
Durham, North Carolina, will in seinen Kohortenstudien sogar nachgewiesen haben, dass religiöse oder
spirituelle Aktivitäten zu einer Reduktion depressiver
Symptome führen: »Wir wissen, dass religiöser Glaube
die Dauer depressiver Schübe reduziert.«
Glaube steigert also das subjektive Wohlbefinden – auch das des Atheisten: Der freilich glaubt, dass
es Gott nicht gibt. Daran aber glaubt er.
Die entscheidende Frage lautet schließlich:
Könnte das Leben, könnte die Gesellschaft, könnte
die Welt ohne Glauben funktionieren? Die Antwort
lautete Nein, weil die eigentliche Währung des Religiösen das Vertrauen ist. Um in einer hochdifferenzierten, auf zerbrechlichen Übereinkünften basierenden Umwelt zu überleben, muss der Mensch sich von
vornherein auf den guten Gang der Dinge verlassen.
Er muss mit der konstanten Stabilität seiner Lebenswelt rechnen. Auch der Atheist muss vertrauen können, einen doppelten Boden hat er dafür nicht. Er
muss auf seine Sinne vertrauen und kann das Wahrgenommene nicht andauernd infrage stellen. Darum
geht es letztlich jedem Menschen, ob Atheist, Esoteriker, Christ, ob Maschinenbauer, Chemiker, Webdesigner oder Bäcker: um die Hoffnung auf die für
ihn ideale Ordnung. Um die Geborgenheit im Diesseits. Um das Heil in Gemeinschaft. Um den Rausch
der spirituellen Erfahrung. Im Vertrauen versichert
sich das Individuum seiner selbst. Wer glaubt, hofft.
Wer hofft, vertraut. Und wer vertrauen kann – lebt
der nicht glücklicher?
Aberglaube
Aberglaube kann einen
Teil der Moral stiftenden
Funktion von Religion
übernehmen. Das legt eine
Studie von 2005 nahe:
Hier betrogen Erwachsene
seltener bei einem Computertest, wenn ihnen gesagt wurde, dass ein Geist
im Raum sei. Bei abergläubischen Kindern wirkte die angebliche Anwesenheit einer unsichtbaren
Prinzessin sogar so stark
wie die Präsenz eines echten Erwachsenen.
Titel
interview Ulrich Schnabel & Christian Schüle
»Diese Erfahrung ist universell«
auch atheisten kennen die Erfahrung der Selbsttranszendenz.
Sie deuten diese nur anders als religiöse Menschen.
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Steht das Gefühl der Selbsttranszendenz in meiner
Macht, oder widerfährt es mir?
Es ist wie mit der Kreativität: Ich kann sie nicht erzwingen. Inspiration ist auch nicht steuerbar, sondern die Erfahrung, dass ein Geist in mich fährt.
Konkreter: Wenn ich ein Problem kreativ lösen will,
brauche ich eine spezifische Form der Entspannung
bei gleichzeitiger Konzentration auf die Situation.
Ich muss mich zugleich distanzieren und öffnen
können für eigene neue Impulse und neue Wahrnehmungen der Welt.
Kann man die Erfahrung der Selbsttranszendenz
nicht auch im Fußballstadion machen oder bei einem Konzert? Wann kommt die Religion ins Spiel?
Tatsächlich gehören solche kollektiven Formen der
Selbsttranszendenz für viele zu den intensivsten Erfahrungen überhaupt. Religionen offerieren für Erfahrungen der Selbsttranszendenz ein bestimmtes
Repertoire an Deutungen. Atheisten halten genau
diese Deutungen für Illusionen. Was wir brauchen,
ist eine Auseinandersetzung über die Deutung von
Erfahrungen, die wir teilen. Vorbei ist es dann mit
dem Eindruck, Gläubige hätten ein Geheimwissen,
das Nichtgläubigen prinzipiell verschlossen sei.
Religionen stellen aber Rahmen bereit, um bestimmte Erfahrungen erst zu machen – etwa Räume der Stille oder Meditationen im Kloster.
Erfahrungen der Selbsttranszendenz können einen
völlig unerwartet überkommen, wie etwa das SichVerlieben in der ersten Minute einer Begegnung
oder das Überwältigtwerden vom Mitleid mit einem
anonymen anderen. Später merkt man dann allerdings oft, dass eine gewisse Stimmung bereits vorhanden war, die es in einer anderen Lebenslage nicht
gegeben hat. Es ist aber völlig richtig: Religionen
schaffen einen Raum, der Erfahrungen der Selbsttranszendenz ermöglicht. Jeden Sonntag in den Gottesdienst gehen heißt für den Katholiken ja nicht,
dass er immer eine sein Selbst mitreißende Erfahrung
macht, sondern dass er diese bestimmte Erfahrung
garantiert nicht machen wird, wenn er nicht geht.
Brauchen wir die Religion für unseren gesellschaftlichen Zusammenhalt? »Ohne Gott keine Moral«?
Die Empirie spricht eine andere Sprache. Es stimmt
nicht, dass Nichtgläubige notwendig unglücklicher
wären, unmoralisch und zu altruistischen Hand-
Biografie
Hans Joas ist einer der profiliertesten Soziologen in
Deutschland. Nach Professuren in Erlangen, Berlin
und Erfurt ist der 64-Jährige
nun Permanent Fellow
am Freiburg Institute for
Advanced Studies und
Professor an der University
of Chicago. Im Sommersemester 2012 hatte Joas als
erster Wissenschaftler die
neu geschaffene Gastprofessur der Joseph Ratzinger
Papst Benedikt XVI.Stiftung an der Universität
Regensburg inne. Sein
jüngstes Buch »Glaube als
Option« erschien im
Juni im Herder Verlag.
Foto privat
Herr Joas, glauben Sie?
Ja.
Woran?
Ich dachte, Sie reden vom christlichen
Glauben. An eine Erdgöttin glaube ich
jedenfalls nicht.
Was ist das überhaupt, Glauben?
Ein sehr starkes Gefühl von Gewissheit und Vertrauen. Wir müssen unterscheiden zwischen der umgangssprachlichen Verwendung von »Glauben« im
Sinne eines Nicht-ganz-sicher-Wissens und religiösem »Glauben« im Sinne einer solchen Haltung des
Vertrauens und der Gewissheit vor aller Reflexion.
Wenn ich jetzt sage: Ich glaube nicht – habe ich
etwas falsch gemacht?
So würde ich nie reden. Auch der militanteste Atheist weiß ja, was ein tief sitzendes Vertrauensgefühl
ist. Wir alle würden seelisch zusammenbrechen, hätten wir nicht Erfahrungen der Geborgenheit bei
anderen Menschen. Solche Erfahrungen, die fundamentale Gewissheiten konstituieren, sind allen
Menschen zugänglich. Von da aus ist der Zugang
zum Glauben im anspruchsvolleren Sinn zu bahnen.
Es ist also kein Bezug auf Gott oder Jesus Christus
oder sonst wen nötig, um zu glauben?
Zunächst einmal nicht, wenn wir alle Arten des
Glaubens einbeziehen wollen. Die fundamentale Erfahrung, von der ich spreche, nenne ich Selbsttranszendenz. Das soll ein bloß beschreibender psychologischer Begriff sein, weit entfernt noch von
Transzendenz im Sinne eines Über-Irdischen. Selbsttranszendenz heißt: Wir werden aus den Grenzen
unseres Selbst herausgerissen, indem wir einer starken, uns anziehenden Kraft begegnen.
In Ihrem neuen Buch »Glaube als Option« vertreten Sie die These, dass der christliche Glaube heute
nur noch eine »Glaubensmöglichkeit« neben vielen
anderen ist. Heißt das, dass ich auch als Ungläubiger selbsttranszendente Erfahrungen machen kann?
Selbstverständlich. Diese Erfahrung ist universell. So
wie auch Liebesgefühle zum anthropologischen
Grundbestand gehören. Es gibt ja keinen Menschen,
der nicht wüsste, was Gefühle der Liebe sind. Alle
Menschen haben Zugang zu diesen Erfahrungen. Sie
deuten sie innerhalb ihres kulturellen Raums freilich
höchst unterschiedlich.
Titel
lungen nicht in der Lage. Das zeigen beispielsweise
stark säkulare Länder wie Schweden. Eine Gesellschaft ist auch ohne Religion stabilisierbar. Dieser
Befund macht manche Untergangspropheten ganz
wütend.
Dennoch sehen Sie das Christentum im Aufwind.
Man muss sich vor Augen führen, dass wir derzeit,
Kriminalität
global gesehen, eine der größten Expansionsphasen
Wer an die Hölle glaubt,
des Christentums in der Geschichte erleben. In Chibegeht weniger Straftaten.
Das berichteten amerikana, Südkorea, Afrika nimmt die Zahl der Christen
nische Psychologen im
rasant zu. Nur nehmen das viele in Europa gar nicht
Juni. Sie werteten statistizur Kenntnis, sondern blicken eher nostalgisch auf
sche Daten von mehr
das Mittelalter zurück. Die aktuelle Entwicklung erals 140 000 Menschen aus
scheint dann als Verfall.
über 60 Ländern aus.
In Europa verliert das Christentum an Mitgliedern
In Ländern mit einem verund Einfluss. Was ist passiert?
breiteten Glauben an die
Die Geschichte der europäischen Säkularisierung ist
Hölle herrschte insgesamt
sicher auch eine Geschichte massiver Enttäuschuneine niedrigere Kriminalitätsrate als in Ländern,
gen. Viele Kirchenvertreter tun so, als wären eines
wo der Glaube an den
Tages quasi von einem anderen Stern Ungläubige geHimmel bedeutender ist.
landet und hätten – teils durch Verführung, teils
durch Zwang – andere vom christlichen Glauben
abgehalten oder weggezerrt. So ist es natürlich nicht.
Die Enttäuschung vieler Gläubigen hat auch damit
zu tun, dass sich die Kirchen mit den verschiedensten politischen Ordnungen immer wunderbar arrangiert haben, statt für das Ethos des Christentums
Wert
einzutreten. Als etwa die preußischen Revolutionäre
Kann man der Religion
1848 sahen, wie regimetreu sich die protestantische
einen ökonomischen Wert Kirche verhielt, waren sie so enttäuscht, dass sich
zuweisen? Eine Forschungsmanche auch von dieser Kirche und vom Glauben
arbeit vom April dieses
Jahres versuchte es. Sie kam abwandten. Darin liegt ein Impuls für die Säkularisierung des deutschen Liberalismus.
für die USA auf einen
Was können die Kirchen aus ihrer Geschichte lerWert von etwa 50 000
Dollar. So viel Geld müsste nen, was müssen sie anders machen?
man ausgeben, um die
Die Konsequenz daraus kann jedenfalls nicht sein,
Wirkung von achtmal Bedass die Kirchen künftig agieren wie politische Parten pro Woche auf das
teien und in allen Fragen »populäre« Haltungen einWohlempfinden zu erreinehmen. Das soll aber nicht heißen, dass es keine
chen. Achtmal ist DurchNeuerungen geben darf. Ich bin etwa dafür, in der
schnitt für Gläubige in
katholischen Kirche Frauen als Priester einzusetzen.
den USA. Das DurchAber der Grund dafür ist nicht, dass ich das für
schnittseinkommen liegt
populär halte, sondern dass ich überzeugt bin, dass
bei etwa 45 000 Dollar.
Hristio Boytchev es das Richtige ist. Es ist offensichtlich, dass die katholische Kirche zurzeit das vorhandene Frauenpotenzial nicht ausschöpft und sich dadurch selbst
schädigt. Und durch den Pflichtzölibat schöpft sie
noch nicht einmal das männliche Potenzial aus. Die
Kirchen müssen auch das Risiko auf sich nehmen,
für etwas einzutreten, was unpopulär ist und die
Leute eher wegtreibt. Sie müssten in den USA energischer gegen die Todesstrafe sein oder hätten vehementer gegen den Irakkrieg auftreten können.
Wie sollen sich die Kirchen gegenüber der neu auftretenden »Konkurrenz« des Islams, des Buddhismus und anderer Religionen verhalten?
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Ich würde in einem vom Säkularismus geprägten
Zeitalter jeder Religionsgemeinschaft raten, die
Existenz anderer Religionen grundsätzlich zu begrüßen. Gerade die Kirchen sollten für Religionsfreiheit
und Pluralismus eintreten – und zwar aus religiösen
Gründen. In den USA findet man selbst in kleinen
Ortschaften mitunter sieben Kirchen. Solche Pluralität stört niemanden. Im Gegenteil, sie sorgt dafür,
dass die Religion im öffentlichen Leben präsent
bleibt. Ich plädiere nicht für die Entleerung öffentlicher Plätze von religiösen Symbolen, sondern für
die Vervielfältigung dieser Symbole. Wie man das
Geläut der Kirchenglocken akzeptiert, könnte man
auch den Ausrufer auf dem Minarett respektieren.
Ist heute nicht auch die Sprache ein Teil des Problems? Unter bestimmten religiösen Begriffen verstehen ja längst nicht mehr alle Menschen dasselbe.
Kann es sein, dass wir gerade in religiösen Fragen
zum Teil glorios aneinander vorbeireden?
Bestimmt. Manchen sind zentrale Begriffe des
Christentums völlig unverständlich geworden, andere aber leben noch in dieser traditionellen Sprache.
Das macht es natürlich Priestern oder gläubigen Intellektuellen schwer, eine Sprache zu finden, die sowohl den Gläubigen das Gefühl der Kontinuität vermittelt als auch den Ungläubigen verständlich wäre.
Deshalb spreche ich zum Beispiel auch nicht von der
»Gottesebenbildlichkeit« des Menschen, sondern
verwende lieber den artifiziellen Begriff »Sakralität
der Person«, weil dieser für Gläubige wie Ungläubige
anschlussfähig sein soll.
Verzweifeln Sie manchmal an Ihrer Kirche, an Ihrem Glauben?
Nein, keineswegs. Ich bin der Meinung, dass die
Botschaft des Christentums von unerhörter Aktualität ist. Denken Sie an das Ethos der Nächstenliebe:
Für mich hat die Vorstellung, dass es ein Überschreiten des Eigennutzes und der Dynamik der Konflikteskalation gibt, lebenslang eine ins Mark gehende
Attraktivität. Das ermöglicht eine Vision des Ausstiegs aus Gewaltspiralen, der nicht von vornherein
in der Natur des Menschen angelegt ist.
Der Religionspsychologe William James sagte vor
hundert Jahren: »Würden wir die Vorschrift ›Liebet
eure Feinde!‹ wirklich befolgen, würde dies die
Welt radikal verändern.« Allerdings hat diese Revolution bis heute nicht stattgefunden.
Natürlich. Das ist ja auch alles andere als einfach.
Außerdem hat James gesagt: Wir leben in einer Welt
menschlicher Krokodile. Das heißt: Wir dürfen das
Liebesethos nicht naiv verstehen. Sonst heißt es am
Ende: »Schieb mal rüber. Du bist doch Christ und
musst immer nachgeben.« So ist das nicht gemeint.
Aus dem Ethos muss schon etwas Realitätstüchtiges
entstehen. Und darum muss man sich immer wieder
neu bemühen. ——
FORSCHUNG &
TECHNIK
zeit
wissen
s 28 bis s 51
Max Rauner,
Redakteur von ZEIT
Wissen, erreichen Sie unter
max.rauner@zeit.de.
Was wichtig war Ist die Realität, also unser Universum, die Erde
samt ihren Bewohnern, nur eine simulation auf einem Supercomputer späterer Zivilisationen? Durchaus möglich, behauptete der Philosoph
Nick Bostrom von der Universität Oxford vor zehn Jahren. Mit einem
Rechner von der Größe der Erde ließe sich unsere Welt simulieren, schätzt
er. Wir wären dann intelligente avatare in einer Software-Matrix.
Kein schöner Gedanke. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft hat nun
eine Arbeit gefördert, die diese Hypothese zu widerlegen versucht. Drei
Physiker kommen darin zu dem schluss: Wenn wir wirklich eine
Simulation wären, würden kosmische Teilchen nicht gleichmäßig aus allen
Richtungen, sondern bevorzugt entlang von drei Achsen auf die Erde
einprasseln. Dieser Fehler schleicht sich ein, weil Simulationen den Raum
in winzige kleine Kästchen einteilen. Allerdings: Je besser der Computer
ist, desto schwieriger wird es für uns, den Effekt zu beobachten. Das
deutlichste Signal wäre immer noch ein Computerabsturz. Und tschüss!
Was wichtig wird Das Urteil war ein Schock: Sechs Jahre Haft
für sechs erdbebenforscher, weil sie dem Gericht zufolge mit
Schuld tragen am Tod von Bewohnern der italienischen Stadt L’Aquila, die
2009 bei einem Großbeben ums Leben kamen. Ein fragwürdiges Urteil,
zumal die Forscher ihrer Darstellung nach gar keine Entwarnung gegeben
hatten. Nun warten alle auf die Urteilsbegründung, die bis Ende
Januar vorliegen soll. Europäische Wissenschaftsakademien wollen jetzt
intensiv über die Verantwortung der Wissenschaft und gute risikokommunikation diskutieren. Das ist überfällig, der Anlass absurd.
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Das tragbare Auge
Foto Google
dieser google-angestellte steigt mit 15 Kameras im Rucksack-Gestell in
den Grand Canyon hinab. Später werden die Fotos für Google Street View zu Panoramen
verknüpft. Massenproteste sind diesmal nicht zu erwarten: Im Canyon sind um diese
Jahreszeit nur wenige deutsche Urlauber unterwegs. Außerdem werden Gesichter verpixelt.
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Forschung & Technik
text Ulf Schönert
fotos Sebastian Arlt
Rettung
vor der
Bilderflut
digitalkameras produzieren
oft unzählige schlechte Fotos,
die sich niemand anschaut. Die neue
Generation könnte das ändern.
Authentisch war
gestern. Künftig
kommt das Foto
fertig retuschiert
aus dem Chip.
Nachträglich
scharf stellen
geht auch schon.
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W
illenlos muss man sein. Sich unterwerfen. Auf die Selbstbestimmung pfeifen. Ja, moderne kleine
Digitalkameras fordern ihren Tribut: Sie überlassen nichts mehr
dem Zufall, nehmen dem Fotografen all das ab, was er womöglich falsch machen
könnte. Aber nicht nur das: Mit spektakulären neuen Funktionen wollen sie ihm seine Wünsche von den
Lippen ablesen.
Lange Zeit war das anders: Da waren die kleinen
Knipsen nur gut für Schnappschüsse. Sie waren zwar
billig, einfach zu bedienen und so klein, dass man sie
immer dabeihaben konnte. Die Fotos aber wurden
eher mittelmäßig. Und weil man das schon beim
Fotografieren ahnte, knipste man einfach dasselbe
Motiv zigfach – und müllte damit die Festplatte zu.
Gute Fotos machen, das konnten nur die großen und
teuren Spiegelreflexkameras. Dazu musste man sie
allerdings auch bedienen können. Und man musste
einiges mitschleppen: die schwere Kamera und Objektive für verschiedene Gelegenheiten.
Doch jetzt ist alles anders. Kompaktkameras
können mittlerweile Bilder machen, deren Qualität
früher hochpreisigen Großgeräten vorbehalten war.
Der Grund: eine immer bessere Software und eine
immer leistungsfähigere Elektronik. Vorbild sind dabei gerade die Geräte, die ihnen die größte Konkurrenz machen: die Smartphones.
Fortgeschrittene Fotografen dürfte das kalte
Grauen überkommen. Authentisch war gestern. Künftig kommt das Foto fertig manipuliert und retuschiert aus dem Kamerachip. Alle anderen jedoch
dürfen hoffen: dass sie selbst bessere Bilder machen.
Bestes Beispiel für die Hochrüstung der Digitalkameras ist die automatische Szenenerkennung: Vor dem
Auslösen analysiert sie blitzschnell die Situation, in
der das Foto gemacht werden soll. Wie hell ist es? Beleuchtet die Sonne oder eine Neonröhre die Szenerie?
Ist das Motiv ein Gesicht? Und wenn ja, welches?
In Sekundenbruchteilen entscheidet sich die
Kamera für ein Motivprogramm: eine gut abgestimmte Mischung verschiedener Kamera-Einstellungen wie Belichtungsdauer, Weißabgleich und
Fokussierung, die optimal auf eine Situation zugeschnitten ist. Es gibt Programme für Landschaft, Porträt oder Schnee und Dutzende weitere Situationen.
Wie gut moderne Kameras auch komplizierte
Situationen analysieren können, wird bei der automatischen Gesichtserkennung deutlich. Selbst in
schwierigen Situationen, etwa wenn Menschen nur
von der Seite zu sehen sind oder gar auf dem Kopf
stehen, erfassen moderne Kameras oftmals bis zu ein
Dutzend Gesichter gleichzeitig. Sie rechnen aus, wie
Belichtung, Schärfe und Weißabgleich darauf einzustellen sind. Manche Modelle gehen noch weiter:
Sie erkennen nicht nur, dass ein Mensch geknipst
wird, sie identifizieren die Person sogar.
Die Rechenarbeit, die dazu nötig ist, hätte in
früheren Zeiten die Leistungskraft ganzer Computer
beansprucht. Dass sie mittlerweile auch in einer Kamera geleistet wird, ist der Forschungsarbeit der Hersteller zu verdanken. Manche Prozessoren sind inzwischen so schnell, dass sie laut Herstellerangaben
bis zu 60 Serienbilder pro Sekunde verarbeiten können. Sie können Schärfe, Belichtung und Farben analysieren. Anschließend schlägt die Elektronik eine
Auswahl der mutmaßlich gelungensten Bilder vor –
was ihr erstaunlich gut gelingt. »Best Moment Capture« nennt sich diese Funktion in Nikon-Kameras.
Viele dieser Techniken haben sich die Kamerakonstrukteure von den Smartphone-Herstellern
abgeschaut. Denn es waren deren Handys, die in
den vergangenen Jahren vorgemacht haben, wie
man mithilfe von schnellen Prozessoren und gut
programmierter Software die Nachteile von kleineren Bildsensoren und schlechterer Optik kompensieren kann.
D
ie Kamera-Industrie reagiert auf die
Konkurrenz, indem sie sich an ihr
orientiert – und verstärkt auf Qualität setzt. Anstatt die Bilderflut
immer weiter ansteigen zu lassen
(allein in Deutschland werden nach
aktuellen Zahlen in jeder Sekunde etwa 2000 Fotos
geschossen), sollen die Bilder besser werden.
Wer etwa bei Feuerschein oder in der Dämmerung fotografiert und die stimmungsvolle Szenerie
nicht mit einem Blitz zerstören will, kann auf die
Hilfe der Kamera zählen – und muss nicht unzählige
Testaufnahmen machen, die allesamt verwackeln.
Eine ausgeklügelte Bildstabilisierung erkennt Bewegungen der Kamera oder des Motivs und steuert den
daraus resultierenden Verwackelungen schon während des Fotografierens entgegen.
Noch raffiniertere Tricks, um auch bei Dunkelheit verwacklungsarme Bilder aufzunehmen, nutzen
andere neue Geräte: Sie nehmen mehrere Fotos hintereinander auf, um sie dann vom eigenen Bildbearbeitungsprogramm automatisch zu einem einzigen
Bild zusammenzusetzen lassen. Solche sogenannten
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»Multishot«-Techniken ermöglichen Fotos, die es so
bislang nicht gab oder die in früheren Zeiten mühsam in Handarbeit am Computer zusammengesetzt
werden mussten. Fotos, auf denen alle Bildbereiche
gleich scharf sind, zum Beispiel.
Wie oberschlau moderne Kameras sein können, zeigen auch Funktionen wie die Lächel-Erkennung (»Smile Shutter«). Entsprechend voreingestellt, lösen Digitalkameras mit dieser Funktion
genau in dem Moment aus, wenn jemand lächelt.
Andere Kameras führen eine Blinzelprüfung durch,
die warnt, wenn der zu Fotografierende bei der Aufnahme die Augen geschlossen hat. Wieder andere
gehen mit »Beauty-Shot«-Funktionen elektronisch
gegen Hautunreinheiten vor. Und die »Klarbildzoomtechnologie« von Sony hilft, Details von extrem nah herangezoomten Objekten zu verbessern.
Dabei analysiert der Kameraprozessor die Strukturen des eingefangenen Motivs und vergleicht sie mit
Tausenden werksseitig gespeicherten Vorlagen. Anhand dieser Daten optimiert er die Details in den
Randbereichen und vermindert so Verpixelungen.
Die »Ein-Klick-Verbesserung«, das automatische
Aufhübschen, wie es früher nur Bildbearbeitungsprogramme am Rechner beherrschten, tut dann ihr
Übriges: Sie wird in vielen Geräten standardmäßig
und unbemerkt eingesetzt.
All das hat Auswirkungen auf die Art und Weise, wie fotografiert wird. Was früher wichtig war und
oft nur Vielfotografierer beherrschten, spielt in modernen Kameras kaum noch eine Rolle – Kenntnisse
über Blenden und Verschlusszeiten zum Beispiel.
Wer früher beispielsweise ein Porträt schießen wollte,
auf dem sich das Gesicht scharf vom unscharfen Hin-
Jetzt mal bitte alle still
stehen! Nein, nicht rausrennen ... zu spät, schon
abgedrückt. Also einfach
noch mal. Und noch mal ...
Schluss damit! Eine neue
Funktion lässt die Kamera
schnell hintereinander
fünf Bilder schießen und
setzt daraus ein einziges
Foto zusammen.
Forschung & Technik
Wie viele Fotos haben
wir auf der Festplatte, auf
denen der Freund einfach nur schrecklich aussieht?
Und wie schön wäre es,
wenn die Kamera nur dann
auslöst, wenn jemand
gerade lächelt? Mit den
neuen Kameras geht dieser
Wunsch in Erfüllung,
»Smile Shutter« heißt die
Funktion.
Smarte Kameras
für bessere Bilder
Nokia Lumia 920
Die Geräte der neuen
Lumia-Serie mit dem
Windows Phone 8 machen
auch bei wenig Licht
gute Fotos. Spaß bringen
vorinstallierte Apps
wie »Kreativ-Studio«.
etwa 600 Euro
Sony NEX-5R
Dass die Systemkameras der
NEX-Serie zu den besten
der Welt gehören, liegt
auch an der Software: Die
»intelligente Automatik«
liefert exzellente Ergebnisse.
Trotzdem lässt das Gerät
dem Fotografen noch viele
Freiheiten. Über WLAN
kann man die Kamera mit
Apps erweitern.
etwa 750 Euro
Samsung Galaxy Camera
Das Android-Betriebssystem macht zahlreiche
Erweiterungen möglich.
Trotzdem ist die Galaxy
Camera nicht perfekt:
Ihr Gehäuse ist relativ klobig, und der Preis ist hoch.
699 Euro
B=(,7:LVVHQBB
tergrund absetzt, musste dafür Fokus und Blende
richtig einstellen, damit wirklich nur die gewünschte
Bildebene scharf wird. Inzwischen reicht es oft, den
entsprechenden »Touchfokus«-Modus auszuwählen
und dann per Fingertipp den Teil des Bildes zu bestimmen, der auf dem Foto scharf aussehen soll.
Ähnlich einfach lassen sich Parameter wie Belichtungszeit, Helligkeit, Farbsättigung oder Tiefenschärfe einstellen. Wie das fertige Bild aussehen wird,
kann der Fotograf bei einigen Modellen schon vor
dem Auslösen auf dem Kameradisplay erkennen.
Verändert man eine Einstellung, bildet sich dort der
Effekt in Echtzeit ab. Erst wenn alles stimmt, drückt
man auf den Auslöser.
W
ie sehr Fotoapparate inzwischen
bei Handys abgucken, zeigt sich
am deutlichsten bei der neuesten
Kamera von Samsung. Die Galaxy Camera ist eine Art Zwitterwesen aus Fotoapparat und Smartphone. Sie verfügt über den zurzeit wohl stärksten
Kameraprozessor, wie man ihn auch im Smartphone
Galaxy S III findet, einen Quadcore-Chip. Ihr ungewöhnlichstes Merkmal aber ist das Betriebssystem
Android, das sonst nur in Handys zum Einsatz
kommt. Durch Android kann die Galaxy Camera
fast beliebig mit immer neuen Funktionen erweitert
werden. Man kann mit ihr im Internet surfen, Mails
checken und Apps installieren. Wichtige Funktionen
lassen sich der Galaxy Camera sogar per Spracheingabe befehlen.
Ein vorinstallierter »Photo Wizard« ermöglicht
auch anspruchsvolle Bildbearbeitung. Auf Wunsch
schlägt die Kamera Bilder vor, die so misslungen sind,
dass sie besser gelöscht werden sollten.
Die Galaxy Camera ist zwar nicht der erste Fotoapparat mit dem Android-Betriebssystem. Aber sie ist
die erste, die die Möglichkeiten der neuen Technologie ausreizt. Nicht wenige Marktbeobachter glauben
deshalb, dass sie eine Art Prototyp für den Fotoapparat der Zukunft ist. Der vereint dann alle Vorteile von
traditionellen Kameras – große Bildsensoren und
lichtstarke Zoom-Optik – mit der Rechenkraft, der
Software und den Kommunikationsmöglichkeiten
aus der Smartphone-Welt. »In wenigen Jahren wird
die Mehrzahl der Kameras mit Smartphone-Betriebssystemen laufen«, sagt Michael Schidlack vom Branchenverband Bitkom. Dafür sprächen nicht allein die
erweiterten Möglichkeiten, die die Software biete,
sondern auch die verbesserte Bedienbarkeit. »Gerade
jüngere Leute kennen das von ihren Smartphones
und erwarten es auch von den Kameras.«
Ein weiteres Plus von Android seien die vereinfachten Möglichkeiten der Vernetzung, des Herunterladens von Bildern direkt von der Kamera. Schon
jetzt werden immer mehr neue Kameras mit Funktechniken wie WLAN ausgestattet. Wie Handys
können sie damit ihre frisch geschossenen Bilder
sogleich in Online-Fotospeicher hochladen oder auf
Blogs oder bei Facebook veröffentlichen.
Tatsächlich wollen auch andere große Hersteller
Geräte mit Android oder ähnlichen Betriebssystemen
auf den Markt bringen. Für die neue Kamera
NEX-5R bietet Sony die Möglichkeit, den Funktionsumfang mit Apps nachträglich zu erweitern.
Und auch von anderer Seite her nähern sich
Smartphones und Kameras immer mehr an. Beson-
ders der abgeschlagene Handyhersteller Nokia setzt
auf bessere Fototechnik als Verkaufsargument für
seine neuen Smartphones. Das 808 Pureview mit
seinen 41 Megapixeln lässt allein von der Auflösung
her jede herkömmliche Kompaktkamera weit hinter
sich. Und auch die neuen Lumia-Modelle mit dem
Betriebssystem Windows 8 sind mit außergewöhnlich guten Optiken ausgestattet.
E
benso viel Entwicklungsenergie hat der
Hersteller in die Kamerasoftware gesteckt. Bestes Beispiel dafür ist die
»Smart-Gruppenaufnahme«. Wählt der
Fotograf diese Funktion aus, werden
zum Beispiel von einer Fußballmannschaft in schneller Folge fünf Bilder nacheinander
aufgenommen. Nun kommt die Software ins Spiel:
Algorithmen erkennen nicht nur die Gesichter
selbst, sondern analysieren zudem, auf welchem
Foto jede einzelne Person am besten aussieht – zumindest nach den ästhetischen Kriterien der Software. In einem letzten Schritt werden schließlich aus
allen geschossenen Bildern die besten Ausschnitte zu
einer einzigen Aufnahme zusammengefügt. Wer Au-
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thentizität sucht, muss von solcher Technik allerdings die Finger lassen.
Es geht aber noch mehr. So wurde kürzlich bekannt, dass Samsung einen Chip entwickelt hat, der
ähnlich wie die Kinect-Kamera der Spielkonsole Xbox
sogenannte Tiefendaten sammelt. Anders als ein herkömmlicher Bildchip registriert dieser Sensor nicht
allein das einfallende Licht, sondern auch den Abstand
des fotografierten Objekts zur Kamera. Gut möglich,
dass eine auf dieser Technologie basierende Kamera in
ein paar Jahren nicht nur 3-D-, sondern auch Lichtfeldaufnahmen liefert, bei denen die Einstellungen
nicht mehr bis zum Moment des Auslösens, sondern
auch noch danach vorgenommen werden können.
Ein ähnliches Konzept verfolgt schon jetzt die
Lichtfeld-Kamera von Lytro, die seit einiger Zeit im
Handel erhältlich ist. Auch sie erfasst alles Licht der
Umgebung und erlaubt das nachträgliche Scharfstellen an beliebigen Stellen des Bildes. Gerüchte
besagen, dass sich der verstorbene Apple-Chef Steve
Jobs für die spektakuläre Technik interessierte. Eine
Nachricht, die vielleicht auch die anderen Kamerahersteller freute: Endlich war mal wieder ein Fotoapparat Vorbild für Smartphones. ——
Canon Ixus 125 HS
Mit der »Face-ID«-Funktion kann die kleine
Kamera Gesichter nicht
nur erkennen, sondern
auch identifizieren, wenn
die Namen anfangs einmal eingegeben wurden.
Bis zu zwölf Personen
speichert die Kamera,
deren Gesichter sie auf
Gruppenbildern
bevorzugt scharf stellt.
ab etwa 120 Euro
Forschung & Technik
text Tobias Hürter
algorithmen erleichtern unseren Alltag.
Doch sie bekommen immer mehr Macht – und beginnen
unser Leben zu bestimmen.
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Foto akg / Science Photo Libary
A
m 6. Mai 2010 um 14 Uhr, 42 Minuten und 44 Sekunden Eastern Standard Time passiert das Unvorhergesehene: Die Kurse an der Wall Street
fallen plötzlich ins Bodenlose, der
Dow-Jones-Index stürzt so heftig ab
wie nie zuvor, um fast tausend Punkte. Binnen fünf
Minuten verschwinden neun Prozent des Markts im
Nichts. Händler und Aufseher starren fassungslos
auf ihre Monitore. Und sind machtlos: Die vollautomatischen Handelssysteme spielen verrückt.
»Ich habe keine Ahnung, was das verursacht
hat«, sagt der britische Finanzmathematiker Paul
Wilmott, der die Handelssysteme der Finanzmärkte
kennt wie kaum ein anderer. Inzwischen gibt es einen
Namen für die wilden Kursausschläge jener Minuten:
Flash Crash. Eine Erklärung gibt es bis heute nicht.
Nach sechseinhalb Minuten war der Spuk vorüber.
Die Kurse erholten sich fast so schnell, wie sie eingebrochen waren. Der amerikanische Wissenschaftshistoriker George Dyson kam sich vor wie der Zeuge
eines schlimmen Verkehrsunfalls: »Man glaubt, dieser
Motorradfahrer muss völlig zerschmettert sein. Und
dann steht er einfach auf und geht weg.« An jenem
Tag mussten die Broker lernen, dass sie nicht mehr
Herr im eigenen Haus sind. Die Algorithmen, von
denen sie inzwischen einen großen Teil ihrer
Geschäfte erledigen lassen, bestimmen oft das Geschehen an den Börsen. Sie tätigen bereits mehr als
70 Prozent der Transaktionen an der Wall Street.
Mit diesen Algorithmen sind die Computer
programmiert. Sie bestimmen nach festen Regeln,
wie die jeweils aktuellen Daten zu bewerten sind und
welche Aktionen das auslöst. Die Maschinen folgen
dann automatisch einer langen Reihe von Handlungsanweisungen, so komplex, dass ein Mensch
längst den Überblick verloren hätte. Binnen Mikrosekunden analysieren sie Trends und Charts,
gleichen sie mit riesigen Datenbanken ab, suchen
nach Mustern in Kursen und platzieren ihre Order.
Sie haben den Deal längst abgeschlossen, bevor die
menschlichen Händler auch nur geblinzelt haben.
Nicht nur an der Börse, überall in unserem
Leben sind inzwischen Algorithmen am Werk. Sie
bestimmen mit, welche Bücher wir lesen; sie schätzen
unsere Kreditwürdigkeit ein; sie suchen uns Freunde
und Partner aus, filtern die Nachrichten, die uns
erreichen. Hinter den Kulissen von Yahoo News, der
meistbesuchten Internet-Nachrichtenseite der Welt,
analysieren raffinierte Algorithmen die Interessen der
Besucher und setzen ihnen die Informationen vor, die
zu diesen Vorlieben passen. Das neu gegründete
Unternehmen Narrative Science in Chicago geht
noch einen Schritt weiter, es lässt die Nachrichten
gleich von Algorithmen schreiben. Die sammeln
Informationsfetzen aus dem Internet und fügen sie
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zu Geschichten zusammen. Bei Berichten von Baseballspielen klappt das schon ganz gut.
Das Wort Algorithmus ist eine Verballhornung
des Namens von Al-Chwarizmi, einem persischen
Gelehrten, der in Bagdad lebte und um 825 in seinem
Buch über das Rechnen die ersten Grundlagen für
die heutige Mathematik legte. Es bezeichnet eine
Liste klarer Anweisungen, die Menschen oder auch
Maschinen zur Lösung einer bestimmten Aufgabe
befolgen müssen. Im 20. Jahrhundert erfand der
Londoner Mathematiker Alan Turing die ComputerAlgorithmen. Vor Turing war computerr die
englische Berufsbezeichnung für Angestellte, die Berechnungen durchführten, zum Beispiel in Behörden
und Versicherungen. Das war eine ziemlich stupide
Tätigkeit mit Papier, Stift und mechanischer Rechenmaschine. Die menschlichen Rechner summierten,
multiplizierten und dividierten nach festen Regeln,
die man als »Algorithmus« bezeichnete. Turing
erkannte, dass Maschinen die besseren Rechner sind.
Er formulierte einige der grundlegenden Prinzipien
der Computerwissenschaft, baute selbst Rechner und
knackte mit ihnen die verschlüsselten Funksprüche
der deutschen U-Boote.
Der Erfinder
Alan Turing,
geboren
1912, war
ein britischer
Mathematiker
und gilt als Erfinder
der Computer-Algorithmen. Während des Zweiten
Weltkriegs war er maßgeblich beteiligt an der Entzifferung der deutschen
Funksprüche, des EnigmaCodes. Später lehrte
er Computerwissenschaften
und arbeitete an der
Software für einen der
ersten echten Computer. Er
starb 1954. Der nach
ihm benannte Turing
Award zeichnet bedeutende
Informatiker aus.
D
ie festen Regeln, nach denen die
Algorithmen ablaufen, gibt der
Mensch vor. Wenn eine Maschine
sie ausführt, muss aber nicht immer
herauskommen, was der Mensch
sich dabei gedacht hat. Eine erste
Ahnung vom Eigenleben der Algorithmen bekam
der italienisch-norwegische Mathematiker Nils
Barricelli, als er im Jahr 1953 in Princeton mit
einem Röhrencomputer namens Maniac herumspielte. Tagsüber simulierte Maniac die Detonation
von Wasserstoffbomben. Nachts probierte Barricelli
aus, was geschah, wenn Algorithmen sich paaren
und vermehren dürfen. Maniac war nach heutigen
Maßstäben ein Witz von einem Rechner, er hatte
gerade mal die Kapazität eines App-Icons auf einem
iPhone. Aber schon in diesem engen Ambiente
entwickelten sich nach wenigen Generationen
äußerst raffinierte Algorithmen. Die digitale Welt
hat also ein Eigenleben – diese Erkenntnis fand
Barricellis Chef John von Neumann so brisant,
dass er sie geheim hielt. Barricellis Ergebnisse
erschienen erst nach von Neumanns Tod 1957.
Seither haben sich Algorithmen still und heimlich in
der Welt ausgebreitet.
Auch im Auto. Die meisten Autofahrer gehen
davon aus, dass ihr Fahrzeug ihnen vollkommen
gehorcht. Tatsächlich nehmen manche neuen Automodelle die Lenkbewegungen und Pedaltritte ihrer
Fahrer nur noch als unverbindliche Hinweise, die sie
je nach ihrem Wissensstand über die Verkehrslage
Forschung & Technik
Einträge auf
der Startseite
Damit die persönlichen Startseiten nicht
überquellen, filtert Facebook die Fotos,
Nachrichten, Kommentare, Likes der
Freunde – die sogenannten Edges – mit
dem Edge-Rank-Algorithmus.
Bruder
postet
ein Foto
Edge
Bruder
Heute um 11.00 Uhr
Alte Schulfreundin
Vor 4 Stunden
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Gemeinsamer Freund
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HIGH
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u3
w3
d3
MED
Vor 12 Stunden
Firma lädt
Artikel hoch
u
Affi nität bewertet die
Nähe zum Absender.
Freunde und Firmen,
mit denen man
viel kommuniziert,
bekommen einen
höheren Wert.
w
Gewicht bemisst die
Art der Interaktion.
Kommentare etwa
zählen mehr, als nur
auf »Gefällt mir« zu
klicken. Die Werte
legt Facebook fest.
und die äußeren Bedingungen so oder so interpretieren. Über einen Sensor ermitteln sie Position und
Tempo eines vorausfahrenden Fahrzeugs, sie erkennen
Hindernisse auf der Straße oder ein Stauende und
könnten im Prinzip auch allein fahren. Aber damit
sich die Autofahrer zumindest noch in ihren Blechkisten als Chef fühlen können, erhalten die Hersteller ihnen diese Illusion.
In einem Oberklasse-Auto von heute sind
mehr als 100 Millionen Zeilen Programmcode am
Werk – mehr als in Boeings neuestem Flugzeugmodell 787 Dreamliner. Der besondere Wert eines
Mercedes oder BMW liege inzwischen in seiner Software und seinen Computern, sagt der amerikanische
Zukunftsforscher Paul Saffo und lästert: »Die Räder
sind vor allem dazu da, dass die Computer nicht über
den Boden schleifen.« Die Hersteller verschleiern mit
Wortschöpfungen wie »Adaptive Cruise Control«,
dass sie halb autonome Fahrzeuge verkaufen.
Manchmal ist es geradezu unheimlich, was die
Algorithmen vollbringen. Ein amerikanischer Vater
erfuhr aus den Werbemails des Onlinehändlers
Target, dass seine junge Tochter schwanger ist – der
Algorithmus hatte die Klicks der Tochter richtig
gedeutet und ihr Angebote für Babyausstattung
geschickt. Eine Facebook-Nutzerin fand unter den
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EdgeRank
Gemeinsamer Freund
kommentiert
ZEIT ONLINE
Freundin
hat Status
geändert
Affinität
Aus diesen Werten
ergibt sich die
Platzierung
(der EdgeRank)
Faktor Zeit misst
d Der
die Aktualität des
Eintrags. Je älter, desto
niedriger der Wert.
So sorgt Facebook für
Abwechslung auf der
Startseite.
e
u e we d e
»Personen, die du vielleicht kennst«, das Hochzeitsbild eines Mannes, den sie durchaus kannte: des
Mannes, mit dem sie verheiratet war. Ein FacebookAlgorithmus entlarvte ihn also als Bigamisten.
Die heimliche Großmeisterin der Algorithmen
ist die National Security Agency (NSA), der geheimste der amerikanischen Geheimdienste. Ihre
Aufgabe ist keine geringere als die lückenlose Überwachung des globalen Kommunikationsverkehrs.
Mit Menschenkraft ist das unmöglich. Das schaffen
nur Algorithmen. »Jeden Tag belauschen und speichern die Systeme der NSA 1,7 Milliarden E-Mails,
Telefongespräche und andere Formen von Kommunikation«, schrieb die Washington Post vor zwei Jahren. Und diese Zahlen werden bald noch übertroffen.
In ihrem neuen Datenzentrum in Bluffdale im
Bundesstaat Utah rüstet sich die NSA mit ExaflopGroßcomputern und Yottabyte-Speichern auf. Fast
jeder Mensch, der einmal mit Datentechnik in
Berührung gekommen ist, soll in Bluffdale aktenkundig werden – wie in einer automatisierten und
globalisierten Stasi. Und das mit Algorithmen, die
nicht wesentlich schlauer sind als die von Amazon.
Man könnte natürlich versuchen, sich den Algorithmen zu entziehen. Aber das ist schwierig. Wer
geht noch in die Bibliothek, um eine Wissenslücke
Infografik Ela Strickert
Auf Facebook bleibt
manches verborgen
Forschung & Technik
Wir glauben,
dass wir uns
selbstbestimmt
informieren.
Tatsächlich
entscheiden
Algorithmen
darüber, welche
Information
uns erreicht.
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zu schließen, wenn Google allzeit auf Tastendruck
bereitsteht? In dessen Herzen werkelt der vielleicht
mächtigste Algorithmus der Welt: PageRank. Er entscheidet darüber, welche Suchtreffer man zu sehen
bekommt. PageRank war ein gewaltiger Fortschritt
gegenüber den Suchmaschinen aus der Frühzeit des
Internets, die im Prinzip Zufallsergebnisse lieferten. Aber auch PageRank ist nur ein Algorithmus:
ohne einen Funken Einsicht, ziemlich leicht zu überlisten. Nichts, wovon man sich sein Weltbild prägen
lassen will.
Ein Verwandter von PageRank namens EdgeRank entscheidet auf Facebook, welche Postings
seiner Freunde man zu lesen bekommt – und ob man
selbst von den anderen gelesen wird. Beim Rumhängen auf Facebook bemerkte der amerikanische
Polit-Aktivist Eli Pariser eines Tages, dass ein Algorithmus seine Lektüre zensiert. Pariser ist das, was
man in den USA einen »Liberalen« nennt: Er hält sich
für fortschrittsorientiert und undogmatisch. Dennoch
war er auf Facebook mit einigen Konservativen befreundet, schließlich beachtet ein echter Liberaler
auch abweichende Meinungen. Eines Tages fiel
Pariser auf, dass die Konservativen aus seinem Feed
verschwunden waren. Pariser ging der Sache nach
und stellte fest, dass die Facebook-Algorithmen
darüber Buch geführt hatten, auf welche Links
Pariser klickt. Da er jene Links bevorzugt hatte, die
seine liberalen Freunde geteilt hatten, hatte Facebook
die Konservativen einfach aus dem Feed gestrichen – ohne es Pariser mitzuteilen.
Pariser, nun hellhörig, suchte nach weiteren
Hinweisen für Manipulation durch Algorithmen.
Er stellte zum Beispiel fest, dass es von der politischen
Einstellung des Benutzers abhängt, was bei einer
Google-Anfrage herauskommt. Wenn ein Umweltbewegter den Ölkonzern BP googelt, zeigt Google
ihm vorzugsweise Schadensberichte aus dem Golf
von Mexiko. Ein Konservativer bekommt Analystenkommentare zur Entwicklung der BP-Aktie.
Einst war Google einfach eine Suchmaschine:
Man tippte ein paar Begriffe ein, Google listete die
Seiten auf, die am besten dazu passten. Heute ist
Google eine Spähmaschine. Wer sein Webprotokoll
bei Google abruft, findet alle seine Suchanfragen. Die
Google-Algorithmen errechnen daraus ein Bild von
den Interessen und Neigungen des Nutzers. Google
vergisst nichts. Selbst wenn man sich dort nicht
namentlich als Benutzer einloggt und im Browser all
seine persönlichen Daten löscht, können Googles
Algorithmen sich einiges zusammenreimen. Sie verwerten den geografischen Ort, die Art der Internetverbindung, den Computertyp und den Browser und
schneiden ihre Suchergebnisse darauf zu. Im Jahr
2009 führte Google die Personalisierung ein. Seitdem
ist die Suche niemals mehr neutral.
Wir leben in einer »Filterblase«, warnt Eli Pariser
jetzt: »Die Art, wie Information durch das Internet
fließt, verändert sich. Die Veränderung ist unsichtbar. Aber wenn wir sie nicht beachten, könnte sie ein
echtes Problem werden.« Wir leben zwar in der
Illusion, dass wir uns selbstbestimmt informieren.
Tatsächlich aber sortieren und selektieren Algorithmen die Information, die uns erreicht. »Das Internet
zeigt uns das, von dem es glaubt, dass wir es sehen
wollen«, sagt Pariser, »aber nicht unbedingt das, was
wir sehen sollten.« Die Algorithmen tun alles, um zu
bestätigen, was wir sowieso glauben. Sie betonieren
unsere Vorurteile.
Gibt es ein Entrinnen aus der Filterblase? »Es
wird sehr schwierig für Leute, sich etwas anzuschauen
oder zu konsumieren, das nicht irgendwie auf sie
zugeschnitten wurde«, sagt Eric Schmidt, der bis
2011 Chef des Google-Konzerns war. Wenn jemand
glaubt, sich autonom durchs Internet zu bewegen,
werkeln im Schatten die Algorithmen mit. Die große
Freiheit, die zum Gründungsmythos des Internets
gehört, ist tatsächlich nur noch ein Mythos. Früher
waren es Menschen, die über unsere Informationsdiät wachten: Lehrer und Journalisten zum Beispiel.
Heute sind es Algorithmen. Das ist nicht unbedingt
schlimm. Aber es erfordert gesteigerte Aufmerksamkeit. Denn im Unterschied zu Menschen sind
Algorithmen unsichtbar.
W
erden die Algorithmen den Computern irgendwann zur Künstlichen Intelligenz verhelfen, wie
es Alan Turing 1950 prophezeite?
Als vor einem Jahr der von IBM
entwickelte Rechner Watson bei
Jeopardy, einer amerikanischen Spielshow, in der
man schnell auf Wissensfragen antworten muss,
zwei menschliche Champions aus dem Feld schlug,
hätte man auf den ersten Blick die von Turing
prophezeite Ära der intelligenten Algorithmen
anbrechen sehen können. Doch dann kam die Frage:
»Was essen Grashüpfer?«, und Watson antwortete:
»Koscher.« Watson kann in Nanosekunden auf eine
der größten Wissensdatenbanken der Welt zugreifen – und hat doch keine Ahnung von irgendetwas.
Eigentlich ist es ja eine gute Nachricht, dass die
Algorithmen so dumm sind. Weil sie uns Menschen
nicht verstehen können, wie wir einander verstehen,
brauchen wir keine Sorge zu haben, dass sie demnächst die Weltherrschaft übernehmen und uns alle
versklaven. Wenn wir ihre Sklaven werden, dann nur,
weil wir uns selbst dazu machen – weil wir uns ihnen
anpassen, indem wir unser soziales Leben und
ökonomisches Handeln ihren Regeln unterwerfen.
Dann wird die Dummheit der Algorithmen unsere
eigene Dummheit. ——
Forschung & Technik
text Jürgen Pander
analyse
Die Zukunft gehört den Elektroautos –
doch die werden wohl anders funktionieren
als bislang gedacht: Nicht mit Batterien,
sondern mit minikraftwerken.
B=(,7:LVVHQBB
E
Foto Annette Hauschild / Ostkreuz
Das Comeback der
Brennstoffzelle
s herrscht Einigkeit in der Autoindustrie: Autos werden in Zukunft durch
Elektromotoren angetrieben. Doch
wie soll die Energie ins Fahrzeug
kommen? Akkus wirken wenig überzeugend. Sie sind schwer, teuer und
speichern nach derzeitigem Stand der Technik nur
Strom für rund 150 Kilometer Fahrt; danach muss
der Wagen für mehrere Stunden an die Steckdose.
Seit klar ist, dass sich daran so rasch nichts
ändern wird, klingt der Hype ums Elektroauto ab.
Stattdessen hat eine alte Technik auf einmal wieder
Auftrieb, deren Durchbruch schon vor Jahrzehnten
postuliert wurde: die Brennstoffzelle. Das ist im
Prinzip ein Wandler von chemischer in elektrische
Energie. Sauerstoff und Wasserstoff reagieren miteinander und erzeugen Energie. Der große Vorteil:
Als »Abfallprodukt« entstehen lediglich Wasser und
Wärme, also Wasserdampf.
Die Brennstoffzelle wurde von mehreren Autoherstellern weiterentwickelt und ist inzwischen reif für
die Serienproduktion. »In früheren Fahrzeuggenerationen funktionierte eine Brennstoffzelle bei
Temperaturen unter null Grad nicht zuverlässig.
Mittlerweile ist ein Kaltstart sogar bis minus 25 Grad
kein Problem mehr«, sagt Christian Mohrdieck,
Leiter des Bereichs Antriebsentwicklung Brennstoffzellensystem bei Daimler. »Auch der Wirkungsgrad
hat sich wesentlich verbessert. Er ist nun etwa
doppelt so hoch wie bei einem Verbrennungsmotor,
beträgt also etwa 60 Prozent.«
Dass die Technik in der Praxis funktioniert,
zeigte Daimler im vergangenen Jahr mit einer Weltumrundung durch drei Mercedes B-Klasse F-Cell,
die je 30 000 Kilometer bei unterschiedlichsten
Bedingungen problemlos zurücklegten. Die Tanks
der B-Klasse fassen etwa vier Kilogramm Wasserstoff, sodass die Autos mit einer Tankfüllung bis zu
400 Kilometer zurücklegen können. Das entspricht
umgerechnet einem Verbrauch von 3,3 Liter Diesel
je 100 Kilometer. Doch nicht nur die Reichweite
überzeugt, sondern auch die Dauer des Tankens: In
drei Minuten ist der Tank voll.
Allerdings gibt es derzeit in Deutschland lediglich 15 Wasserstofftankstellen. In den kommenden
drei Jahren soll das Netz auf 50 solcher Stationen
erweitert werden, sodass zumindest in allen größeren
Städten eine Tankmöglichkeit besteht – es wäre ein
Anfang. Etwa eine Million Euro kostet der Bau einer
Wasserstofftankstelle, die Bundesregierung will sich
mit 20 Millionen Euro engagieren. Das ist angesichts
der Bedeutung des Themas ein Klacks: Die Summe
entspricht etwa den Kosten von eineinhalb Kilometern neuer Autobahn.
Immerhin scheint sich allmählich der HenneEi-Konflikt aufzulösen, der in der Vergangenheit das Thema Brennstoffzellenauto belastete.
Die Autoindustrie verwies stets auf die fehlende Infrastruktur, die Wasserstoffversorger verwiesen auf
fehlende Fahrzeuge. Jetzt geht es mit beidem voran,
wenn auch noch langsam. Mercedes plant, die Brennstoffzellen-B-Klasse in den nächsten Jahren auf den
Markt zu bringen. Toyota will von 2015 an eine
Limousine mit Brennstoffzellenantrieb verkaufen.
Der Wagen soll 600 Kilometer Reichweite haben und
zu einem Preis von rund 50 000 Euro angeboten
werden. An dem Kaufpreis zeigen sich die großen
Entwicklungsschübe der letzten Zeit, denn die wasserstoffbasierte Brennstoffzellentechnik galt jahrelang
als schlicht unbezahlbar für Autokäufer.
Toyota kann den Preis vor allem aus zwei
Gründen senken: Erstens ermöglicht eine neue
Konstruktion des Hightech-Tanks, der immerhin
einem Druck von 700 Bar standhalten muss, eine
sehr viel einfachere und billigere Herstellung.
Zweitens kann die Brennstoffzelle inzwischen kompakter gebaut werden – was sie billiger macht.
Die Renaissance der Brennstoffzellentechnik
wurde zuletzt beim Autosalon in Paris deutlich.
Die asiatischen Hersteller Nissan und Hyundai
trumpften mit neuen Brennstoffzellenmodellen auf.
Der Geländewagen Hyundai ix 35 FCEV soll schon
im kommenden Jahr ausgeliefert werden. Eine Tankfüllung mit 5,6 Kilogramm Wasserstoff soll für
588 Kilometer reichen.
Die Kardinalfrage ist allerdings die nach der
Herstellung des Wasserstoffs. Wird dieser per
Elektrolyse gewonnen, kostet das Energie. Und die
muss aus einer regenerativen Quelle stammen, wenn
der CO₂-Ausstoß nicht nur vom Auspuff in einen
Kraftwerksschornstein verlagert werden soll. So wäre
Mobilität dann wirklich sauber: auf Kurzstrecken
mit Akkus und auf längeren Distanzen mit Brennstoffzellen. Es braucht dafür nur noch etwas Geduld
und reichlich Pioniergeist. ——
Wasserstoff im Tank
Energie
Wasserstofftanks
Infografik Ela Strickert
Elektromotor
Brennstoffzellen
Lithium-Ionen-Akku
Brennstoffzellen erzeugen Strom aus Wasserstoff und können so ein Elektroauto antreiben. Bessere Tanks haben die
Technik wieder populär gemacht, sie speichern Wasserstoff bei 700 Bar. Dadurch passt mehr hinein, die Reichweite
steigt. Nachteil: Die Autos sind schwer. Ziemlich sicher ist, dass Autofahren mit Wasserstoff nicht billiger wird.
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Jahrelang galt die
Brennstoffzelle
als unbezahlbar
für Autokäufer.
Das ändert
sich gerade – die
Technik wird
billiger.
Glossar
Brennstoffzelle
In einer Brennstoffzelle
reagiert Sauerstoff mit
Wasserstoff, der dabei
in positiv geladene
Protonen und negativ
geladene Elektronen aufgespalten wird. Da die
Membran der Brennstoffzelle nur für Protonen
durchlässig ist, entsteht
eine Spannung – und es
fließt Strom.
Wirkungsgrad
Er bezeichnet beim Motor
das Verhältnis von abgegebener mechanischer und
zugeführter chemischer
oder elektrischer Energie.
Der Wirkungsgrad von
Verbrennungsmotoren
liegt bei circa 35 Prozent,
der einer Brennstoffzelle
bei etwa 60 Prozent,
der von Elektromotoren
bei 95 Prozent.
Elektrolyse
Durch elektrischen Strom
wird Wasser in seine
Bestandteile zerlegt: Sauerstoff und Wasserstoff.
Soll dieses Verfahren
CO₂-neutral ablaufen,
muss die dazu benötigte
Energie aus regenerativen
Quellen stammen.
Forschung & Technik
text Claudia Wüstenhagen
fotos Andre Ermolaev
Geheimnisvoller Strom Was wie ein glühender Lavastrom aussieht, ist in Wirklichkeit ein Fluss.
So eindrucksvolle Farbspiele entstehen, wenn sich Schmelzwasserflüsse von Gletschern durch eine mit Vulkanasche
bedeckte Landschaft schlängeln. Wohl nirgendwo auf der Welt kann man das so schön sehen wie in Island.
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Wenn Feuer
auf Eis trifft
Das Zusammenspiel der Elemente formt in Island
eine Landschaft von bizarrer schönheit.
Auch Vulkanforscher interessieren sich dafür.
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Forschung & Technik
Wolken im Wasser Feinste Gesteinspartikel der Gletscher schweben in den Schmelzwasserflüssen und ziehen milchige Schlieren (oben). Der See Hvítárvatn (unten) speist sich aus dem
Gletscher Langjökull. Er ist so reich an Schwebeteilchen, dass er nahezu weiß ist.
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Strom aus Watte An Viskose erinnert dieser Fluss, weil er so dichte Materie trägt. Wenn ein Vulkan unter
einem Gletscher ausbricht, hat das Magma keine Zeit zu kristallisieren. Es wird abgeschreckt und erstarrt zu
Asche, die am Gletscherboden zu feinsten Partikeln zerrieben wird und dann ins Schmelzwasser gelangt.
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Schwarzer Mäander Auf dem Weg ins Meer schlängelt sich dieser Fluss durch einen dunklen
Strand aus feinsten basaltischen Glaskörnchen: Vulkanasche. Anders als etwa Weingläser oder Fensterscheiben
enthält dieses Glas Eisen und ist deshalb nicht durchsichtig, sondern schwarz.
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Geflochtene Flüsse Durchqueren die Flüsse Torfland, bilden sich rostrote Partikel. Denn
isländischer Torf enthält Eisen, das im Schmelzwasser oxidiert (oben). Nach und nach verlieren die
Flüsse ihre schwebende Ladung. Wenn die Partikel einen Kanal verstopfen, springt der Strom in
eine benachbarte Rinne über (unten). Forscher sprechen von »geflochtenen Flüssen«.
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Das Gletschereis
macht Vulkane
gefährlicher:
Sie speien mehr
Asche und überfluten das Land.
Sigurður Reynir Gíslason
ist Geochemiker an
der University of Iceland
in Reykjavík. Als der
Eyjafjallajökull Europas
Flugverkehr lahmlegte, war
er ein gefragter Experte.
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Herr Professor Gíslason, die Flüsse Islands sind
schön wie Aquarellgemälde. Wie kommt das?
Viele speisen sich aus Gletschern und enthalten feinste Gesteinspartikel, die das Wasser milchig färben.
Bei geringer Konzentration ist das Wasser bläulich,
schweben viele Teilchen darin, ist es grau oder weiß.
Manchmal ist es sogar orange. Warum?
Das passiert, wenn Flüsse durch Torfland fließen.
Der isländische Torf ist außergewöhnlich, denn er
enthält Vulkanasche und somit Metalle. Wenn das
sauerstoffarme Torfwasser in die Flüsse mit sauerstoffreichem Schmelzwasser fließt, oxidieren die
Metalle und bilden kleine rötliche Teilchen: Rost.
Die Gletscher, aus denen sich diese Flüsse speisen,
bedecken Vulkane. Kann die Farbe eines Flusses
etwas über den Zustand des Vulkans aussagen?
Manchmal. Wir haben etwa nach dem Ausbruch des
Eyjafjallajökull in einem Fluss Verfärbungen beobachtet. Durch die Eruption gelangte Gas in das Wasser, wodurch sich im Flussbett Travertin, ein Kalkgestein, ablagerte. Das war spektakulär. Auf einer
Länge von einem Kilometer war das Flussbett strahlend weiß. Inzwischen haben sich aber Bakterien auf
dem Travertin angesiedelt und ihn grün verfärbt.
Kann man an den Flüssen auch ablesen, ob ein
Vulkanausbruch bevorsteht?
Nicht anhand der Farbe. Aber wir kontrollieren die
chemische Zusammensetzung der Flüsse, um zu
sehen, was unter dem Gletscher vor sich geht.
Chemische Veränderungen können uns zeigen, ob
magmatische Gase ins Wasser gelangen.
Fotos Andre Ermolaev / iberpress / Bulls Press; Sigurdur Reynir Gislason
Rostiger Baum Spülen die Flüsse etwa oxidierende
Eisenteilchen aus dem Boden, lässt die Strömung bizarre Muster
entstehen – manchmal fast wie gemalt.
Welche Parameter messen Sie dafür?
Vor allem die Leitfähigkeit. Sie gibt Hinweise darauf,
ob sich viele Ionen im Wasser befinden. Wenn das
Magma eines Vulkans nah an die Oberfläche dringt,
gibt es Säure und Metalle an das Schmelzwasser des
Gletschers ab. Eine hohe Leitfähigkeit des Flusses
deutet also darauf hin, dass im Innern des Vulkans
Magma aufsteigen könnte. Einen Hinweis liefert
auch die Wassermenge. Innerhalb der Gletscher gibt
es Kessel, die sich mit Schmelzwasser füllen, wenn
Hitze aufsteigt. Die Kessel entleeren sich in die Flüsse.
Wir überwachen die Menge des Wassers und seine
Leitfähigkeit, um vor Überflutungen zu warnen.
Verändern Gletscher das Verhalten der Vulkane?
Ja, sie machen sie gefährlicher. Das hat man beim
Ausbruch des Eyjafjallajökull gesehen. Normalerweise entsteht Vulkanasche nur bei bestimmten Ausbrüchen, vor allem wenn das Magma silikatreich
ist. Aber wenn Gletscher den Vulkan bedecken, entsteht bei allen Ausbrüchen explosive Asche, weil das
Magma mit Wasser in Berührung kommt.
Was genau passiert dabei?
Das Magma zerspringt. Es kühlt rapide ab und zerbirst in winzige, feine Partikel. Zwar hätte der Eyjafjallajökull so oder so anfangs Asche gespuckt, aber
ohne das Eis wäre es nicht so viel gewesen, und sie
wäre nicht so fein gewesen, dass sie tagelang über weite Strecken durch die Luft hätte schweben können.
Abgesehen von den globalen Folgen sind Vulkanausbrüche unter Gletschern so gefährlich, weil das
Schmelzwasser ganze Landstriche überfluten kann.
Kommt das häufig vor?
Ja, das geschah zu Beginn des EyjafjallajökullAusbruchs. Auch letztes Jahr hatten wir eine Überschwemmung, als Wasser aus Kesseln oberhalb des
Vulkans Katla strömte. Es spülte eine Brücke auf dem
wichtigsten Highway weg. Der Katla hat bis zu 800
Meter dickes Eis und verursacht daher starke Überflutungen. Die jüngste war aber nichts gegen die von
1918. Damals schoss tagelang Wasser in die Flüsse,
auf dem Höhepunkt 200 000 Kubikmeter pro Sekunde. Das ist etwa so viel wie der durchschnittliche
Durchfluss des Amazonas. Mein Großvater galoppierte damals auf seinem Pferd vor dieser Flut davon.
Sie haben selbst etwas erlebt, das Sie Ihren Enkeln
erzählen können: Beim Ausbruch des Eyjafjallajökull waren Sie derjenige, der mitten in die Aschewolke hineinfuhr, um Proben zu nehmen.
Es war eine einzigartige Gelegenheit. Für meine Forschung brauche ich trockene Asche. Also musste ich
so schnell wie möglich ausrücken, bevor es regnete.
Aber ich hatte große Angst, als ich in die Wolke fuhr.
Ich wusste nicht, ob es spontane Blitze geben würde
oder ich gefährliche Gase einatmete. Außerdem war
es fast völlig dunkel. Es war wohl eine der aufregendsten Sachen, die ich je gemacht habe. ——
Forschung & Technik
text Angelika Franz
illustr ation Ivo Kircheis
Der Drink
aus dem Eis
Im Basislager einer historischen Südpolexpedition stieß
man auf hundert Jahre alten whisky. Chemiker
haben sein Geheimnis gelüftet – und ihn neu aufgelegt.
Der Entdecker
Ernest Shackleton
hatte den Whisky
selbst ausgesucht.
Der Alkohol half
gegen die Kälte
– und das Essen:
Nieren, Kutteln,
Markfett.
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M
änner gesucht für gefährliche Reise.
Geringer Lohn, bittere Kälte, lange
Monate kompletter Dunkelheit,
ständige Gefahr, sichere Rückkehr
ungewiss. Ruhm und Ehre bei
Gelingen.« Mit dieser Zeitungsanzeige suchte der Entdecker Ernest Shackleton
Reisegefährten für seine geplante Südpolexpedition.
Die Männer, die er schließlich für sein Team auswählte, waren hart im Nehmen – und Trinken. So
gehörten auch 25 Kisten Whisky zum Nahrungsmittelvorrat, den sie zu Beginn des Jahres 1908 im
Basislager am Cape Royds auf Ross Island verstauten – zusammen mit zwölf Kisten Brandy und sechs
Kisten Port. Der Vorrat schwand schnell. Bei einer
mittwinterlichen »Weihnachtsparty« im Juni 1908
leerte allein der Schotte Alistair Mackay, zweiter
Chirurg des Teams, zwei Drittel einer Flasche, bevor
er ins Alkoholkoma fiel.
Einer der Männer muss Angst bekommen
haben, als er sah, wie schnell sich die Flaschen leerten.
Er zweigte fünf Kisten aus dem Vorrat ab. Zwei davon
enthielten Brandy der australischen Hunter-ValleyDestillerie in Allandale, die drei restlichen Whisky
aus der Heimat: »Rare old Highland malt whisky,
blended and bottled by Chas. Mackinlay & Co«. Er
versteckte sie unter dem Boden der Hütte. Das
damalige Basislager hat heute historischen Wert: Von
2004 an ließ der Antarctic Heritage Trust vier antarktische Sommer lang die Hütte restaurieren – und
fand dort auch die versteckten Spirituosen.
Für Whiskyliebhaber und Wissenschaftler war
dieser Fund eine Sensation: »Ein Geschenk des
Himmels!« nannte ihn Richard Paterson, Masterblender von Whyte & Mackay. Das Unternehmen
hatte vor einigen Jahren Mackinlay & Co. aufgekauft
und ist damit der rechtmäßige Nachfolger des Expeditionslieferanten. Unter strengen Auflagen bekam
Whyte & Mackay im Januar 2011 die Erlaubnis, drei
Flaschen nach Schottland zu holen. So ein rarer Tropfen durfte natürlich nicht einfach mit der Post verschickt werden. Also nahm Firmenchef Vijay Mallya
sich der Sache persönlich an. Der indische Milliardär
besitzt nicht nur Whyte & Mackay, sondern auch ein
Formel-1-Team, einige Fußballclubs, die Sandalen
und die Brille von Mahatma Gandhi – und einen
Privatjet. In dem brachte Paterson die Flaschen nach
Schottland, die roten Kühlbehälter zur Sicherheit mit
Handschellen an seine Handgelenke gekettet.
Der Zweck der Aktion: aus jeder Flasche 100
Milliliter zu entnehmen, den Whisky zu kosten, zu
analysieren und – nachzumachen. Im Permafrost
hatte er unter perfekten Lagerbedingungen ein
ganzes Jahrhundert überdauert; einmal in Flaschen
abgefüllt, altert Whisky nicht weiter. Er bot also
die Chance, das Originalgeschmacksprofil wiederzuentdecken.
Der Polarforscher Shackleton hatte die um 1900
sehr beliebte Whiskymarke angeblich persönlich für
seine Expedition ausgesucht. Es ging dabei wohl auch
darum, der Kälte zu trotzen und den Geschmack des
gewöhnungsbedürftigen Proviants hinunterzuspülen.
Die nicht verbrauchten Vorräte stehen noch heute in
den Regalen der restaurierten Hütte: getrockneter
Spinat und Pfefferminze, gekochte Nieren, irische
Sülze, Markfett, gekochte Steaks, Kutteln, Bückling.
Und Pemmikan – eine Mischung aus Dörrfleisch mit
Fett, erhältlich in zwei Varianten: eine für Hunde,
eine für Menschen.
In dieser Hütte hatten Shackleton und seine Leute
einen antarktischen Winter verbracht, bevor sie zur
Expedition aufbrachen. Die eine Gruppe sollte erstmals den magnetischen Südpol erreichen – was gelang. Die andere machte sich unter Shackletons Leitung auf den Weg zum geografischen Südpol. Doch
180 Kilometer vor dem angestrebten Ziel mussten
die Männer umkehren. Weil Robert Scott und Roald
Amundsen ihren legendären Wettlauf zum Südpol
erst drei Jahre später starteten, stellte Shackleton dennoch einen Rekord auf: Niemals zuvor war jemand
so weit gen Süden vorgedrungen. Zurück in London,
schlug ihn König Edward VII. zum Ritter.
Dass er 180 Kilometer vor dem Ziel umgekehrt
war, trug sogar positiv zu Shackletons Image bei. Er
wollte den Ruhm nicht mit dem Leben seiner
erschöpften Leute bezahlen. Die Transportschlitten
mussten sie selber ziehen, weil ihre Hunde und Ponys
längst verendet waren. Sie waren geschwächt von den
Strapazen und vom Durchfall, die Vorräte wurden
knapp. Nur mit Mühe erreichten sie ihr Schiff
Nimrod. Der Whisky blieb in der Antarktis zurück.
Wonach schmeckt ein Whisky, der ein Jahrhundert lang dort im Eis lagerte? Das Ergebnis überraschte den Masterblender Paterson: »Das Bouquet
ist weich und elegant mit delikaten Aromen von zerdrücktem Apfel, Birne und frischer Ananas. Dazu
kommt ein Hauch Marmelade und Zimt sowie eine
Prise Rauch, Ingwer und Rohrzucker«, urteilt er.
Beim Kosten fand er »einen Hauch Lagerfeuerrauch,
der sich in würzigen, reichhaltigen Toffee, Zuckerrübensirup und Pekannüsse auflöst«. Der Whisky,
den die harten Männer sich mit in die Antarktis
genommen hatten, sei alles andere als raubeinig
gewesen, sondern »elegant und leicht – wie eine
wunderschöne Frau«, urteilt der Meister.
D
iese blumigen Worte sind mehr als
nur eine rührende Liebeserklärung.
Whyte & Mackays Chefchemiker
James Pryde hatte den kostbaren
Tropfen in seine Einzelteile zerlegt.
Die Ergebnisse waren vor Kurzem
im Journal of the Institute of Brewing zu lesen. Eine
olfaktometrische Analyse ergab 77 Aromen, von denen Pryde 43 außerdem auch in einer Gas-Chromatografie, gekoppelt mit Massenspektrometer
nachweisen konnte. Für den süßlichen Rauchgeruch
beispielsweise ist Guajacol verantwortlich, das auch
in Kaffee vorkommt. Die eher florale Note stammt
vom 2-Phenylethanol.
Die chemische Analyse verriet Pryde auch ein
paar Geheimnisse des Brennmeisters, der den Whisky
einst kreierte. Kurzkettige Säuren wie Buttersäure
oder Isovaleriansäure zum Beispiel deuten darauf
hin, dass er damals den Mittellauf erst beendete, als
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der Alkoholgehalt schon relativ niedrig war – viel
später, als es heute üblich ist. Durch die Säuren bekam
der Whisky aber sowohl ein Popcorn-Aroma als auch
eine Note von Erde und verrottenden Blättern. »Die
größte Überraschung war, dass dieser Whisky aus
dem 19. Jahrhundert einen chemischen und sensorischen Fingerabdruck hat wie der beste ScotchWhisky, den wir heute produzieren«, sagt Pryde.
Dass er die Zeit in seiner vollen Eleganz und
Leichtigkeit überdauerte, verdankt der Whisky vor
allem den Lagerbedingungen unter dem Hüttenboden. Prydes chemische Analyse ergab, dass der
Gefrierpunkt dieses Whiskys bei minus 34,3 Grad
liegt. Messungen in der Hütte brachten es aber selbst
im antarktischen Winter nur auf eine Minimaltemperatur von minus 32,5 Grad. Außerhalb der Hütte
konnte das Thermometer zwar schon mal auf bis zu
minus 42,1 Grad sinken, aber selbst dann wurde der
Flascheninhalt nur zu slush, Eismatsch.
Die Konzentration von Scopoletin, zusammen
mit den Ellagsäuren und Gallussäuren des Tannins,
verrieten dem Chemiker Pryde zudem, worin
Mackinlay den Whisky lagerte: in amerikanischer
Weißeiche. Der Beitrag dieses Holzes zum Geschmack des Whiskys gefiel Pryde am besten: »Ich
mag die Komplexität und den Charakter, die dieses
qualitativ hochwertige Holz dem Whisky bei der
Reifung gegeben hat.« Er ist sich sicher: Shackletons
Whisky war kein Blend – keine Mischung aus verschiedenen Whiskys –, sondern ein Single Malt.
Wahrscheinlich wurde er in der Glen-MhorDestillerie in Inverness gebrannt. Die gehörte im
späten 19. Jahrhundert Mackinlay, ist inzwischen
aber nicht mehr in Betrieb. Das Wasser stammte
dann aus dem nächstgelegenen Gewässer – dem Loch
Ness. Den Torf zum Räuchern der Gerste dagegen
importierte Mackinlay von weit her. Pryde fand seinen
Ursprungsort. Die Phenole und Phenolverbindungen wiesen ihm den Weg: auf die Orkneyinseln.
Nun war es an Paterson, Shackletons Schatz neu
aufzulegen. Dazu buddelte er nicht etwa Torf aus
dem Boden der Orkneys und schöpfte auch kein
Wasser aus dem Loch Ness. »Dann hätten wir 25
Jahre warten müssen, um zu sehen, ob es funktioniert.« Stattdessen kreierte er einen Blend aus rund
zwei Dutzend Verwandten des alten Whiskys. Als
Basis diente der noch vorhandene Altbestand aus
Glen Mhor. Die Torfnote lieferte ein Whisky aus der
Dalmore-Destillerie. Heraus kam ein Getränk, das
Shackleton und seine Leute bei einer Blindverkostung
für ihren eigenen Whisky gehalten hätten. Mit rund
120 Euro pro Flasche ist es – auch preisbereinigt – aber
deutlich teurer als das Original. Die drei museumsreifen Flaschen hingegen liegen nun wieder in ihrem
Bett unter der restaurierten Hütte in der Antarktis – nur um jeweils 100 Milliliter leichter. ——
Washingtons Whiskey
Einen ganz anderen Charakter als der von Shackleton zeigt ein ebenfalls neu
aufgelegter historischer
Whiskey. Am zusätzlichen
»e« in der amerikanischen
Schreibweise erkennt
man, dass er aus den USA
stammt: von Mount
Vernon, dem Anwesen
George Washingtons, des
ersten Präsidenten der
Vereinigten Staaten und
damals erfolgreichsten
Whiskeybrenners Nordamerikas. Sein Whiskey
war eine clevere Resteverwertung: Auf seinem
Anwesen stand eine Mühle, und sein Plantagenmanager hatte die Idee,
das Getreide in Whiskey
umzuwandeln.
Da kein Rezept für diesen
Whiskey überliefert ist,
»haben wir uns die Mengen der unterschiedlichen
Getreidesorten angeschaut,
die an die Mühle geliefert
wurden«, erklärt Dennis
Pogue, der Vizedirektor
für Denkmalschutz auf
Mount Vernon. Das war
vor allem Roggen, und
er verlieh dem Whiskey
das würzige, fruchtige
Aroma, das so typisch ist
für Ryewhiskey.
GESUNDHEIT &
PSYCHOLOGIE
zeit
wissen
s 52 bis s 73
Claudia Wüstenhagen,
Redakteurin von ZEIT
Wissen, erreichen Sie unter
claudia.wuestenhagen@zeit.de
Was wichtig war In Deutschland sind 2010 laut OECD die
Ausgaben im Gesundheitssystem wieder einmal angestiegen: um 2,7 Prozent.
In anderen Ländern der EU hingegen sanken sie um durchschnittlich
0,6 Prozent, in irland sogar um 7,9 Prozent. Nun könnte man annehmen, dass Politiker deswegen in Jubel ausbrechen, doch das Gegenteil ist der Fall: Der EU-Kommission machen diese Zahlen Sorgen, sind
sie doch eine Folge der Wirtschaftskrise – und könnten damit Anzeichen
einer schlechteren Versorgung sein. Kann man also froh sein über die
gesteigerten Ausgaben in Deutschland? Nein. Denn das Geld wird oft
nicht im Sinne der Patienten ausgegeben. Oder, um es mit den Worten
von Jürgen Windeler, dem Chef des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen, zu sagen: »Im deutschen Gesundheitssystem gibt es Anreize für Ärzte, etwas zu tun. Es gibt aber keine Anreize
dafür, etwas zu lassen.« Und Letzteres ist oft besser für Patienten.
Was wichtig wird Weihnachten und Silvester sind gleich zwei
Ereignisse, an denen man sich mit seinen Schwächen auseinandersetzen
kann: zu viel Essen etwa oder zu wenig Bewegung. Dass gute Vorsätze
schwer einzuhalten sind, hat die Wissenschaft längst belegt. Nun gibt
sie endlich Tipps, wie es besser geht: Mit zuckerwasser zu gurgeln
(ohne es zu schlucken) erhöht die Selbstdisziplin, zeigt eine aktuelle
Studie. Dabei würden Hirnregionen aktiviert, die mit Belohnung und
Motivation in Verbindung gebracht werden, vermuten die Forscher.
Die Adventszeit eignet sich gut, um die Methode selbst auszuprobieren.
Doch gilt dann auch ohne Naschen: Zähneputzen nicht vergessen.
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Foto Robert Schlossnickel / plainpicture
Verräterischer Schweiß
wer schwitzt, sendet Signale aus: Am Schweißgeruch können andere unbewusst
erkennen, ob jemand Angst oder Ekel empfindet. Das zeigt eine Studie in den Niederlanden,
bei der männliche Probanden Angst oder Ekel auslösende Filme sahen. Als später weibliche
Probanden an den t-shirts rochen, spiegelte ihre Mimik die jeweilige Emotion wider.
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Gesundheit & Psychologie
text Julia Rudorf
fotos Kathrin Spirk
Serie, Teil 3
Besser essen
Die Welt an einem Tisch
Sushi in Deutschland, Würstchen in Thailand, Pizza überall: Die Globalisierung
der Küchen bringt zwar viel abwechslung, aber ist das auch gesund?
die serie
Besser essen
Teil 1: Wie jeder
Einzelne besser isst
Von der Kantine bis zur
Currywurstbude: Welche
versteckten Fallen beim
Mittagessen lauern – und
wie man sie überwindet.
(ZEIT Wissen 5/12)
Teil 2: Wie ein
ganzes Land besser isst
Fettsteuer und Ernährungserziehung: Kann und soll
der Staat seine Bürger vor
ungesundem Essen schützen?
(ZEIT Wissen 6/12)
Teil 3: Wie die Welt
besser isst
Sushi mit Pommes: Wie
die Globalisierung das
Essverhalten weltweit verändert – und was das für
die Gesundheit bedeutet.
B=(,7:LVVHQBB
D
ass die Basis des Familiengeschäfts
einmal roher Fisch auf kaltem Reis
sein würde, das hätte der Großvater
sicher nicht geglaubt. Für die Enkel
jedoch war die Sache gleich klar, als
sie vor fast zehn Jahren in einem kalifornischen Supermarkt standen. »Sushi – da wussten
wir sofort, das ist ein cooles Produkt. Das wird in
Deutschland funktionieren«, sagt Tom Hörnemann,
der gemeinsam mit seinem Bruder Tim Geschäftsführer von Natsu Foods in Neuss ist. Etwa eine Million Sushis produziert Natsu pro Woche, nach eigenen
Rezepten zusammengestellt und von japanischen Maschinen gerollt. Längst beliefern die Brüder auch die
Frischetheken von Real, Edeka und Rewe.
Die Hörnemanns stellen in der dritten Generation Lebensmittel her. Wie sich der Geschmack der
Deutschen verändert hat, spiegelt sich in der Familiengeschichte. »Unser Großvater hat Wurst hergestellt«, sagt Tom Hörnemann. »Und unser Vater hat
in den Achtzigern Cheeseburger für Supermärkte
produziert.« Er selbst und sein Bruder bereisten in
ihrer Jugend die ganze Welt. »Da haben wir gesehen,
was in anderen Ländern gegessen wird – und ein
Gespür dafür bekommen, was in Deutschland
ankommen könnte.« Zum Beispiel Sushi.
In Deutschland ist japanisches Essen mittlerweile genauso normal wie der örtliche Italiener,
Grieche oder Thailänder. In China wird bayerisches
Bier getrunken, in Bayern australischer Wein. In
Vietnam isst man deutsche Wurst und spült mit USSoftdrinks nach. Die ganze Welt an einem Tisch: Die
globalisierte Küche ist nahezu überall angekommen.
Was das für die Ernährungsgewohnheiten der
Weltbevölkerung bedeutet, kann man bisher nicht
genau sagen. Wenig deutet darauf hin, dass der
Mensch dank der Globalisierung weltweit gesünder
würde. Im Gegenteil: Laut Statistiken der WHO lebt
mittlerweile die Mehrzahl der Menschen in Ländern,
in denen Übergewicht ein größeres Gesundheitsproblem darstellt als Unterernährung. »Globesity« oder
»Globadipositas« hat sich in Schwellen- und Entwicklungsländern ausgebreitet. In Mexiko, Brasilien oder
Indien steigt nicht nur die Zahl der Übergewichtigen,
sondern auch die der Diabetes-2-Erkrankungen. Für
manche Epidemiologen steht fest: An der Globalisierung des Fettsuchtproblems haben die internationalen Ernährungsgewohnheiten einen großen Anteil.
Dabei habe die Welt gerade eine historisch einmalige
Chance, sagen Ernährungsmediziner und Ökologen
– nämlich so gut und gesund zu essen wie nie zuvor.
Gerade erlebten die Menschen die »dritte Welle der Globalisierung« ihrer Küchen, sagt Marin
Trenk, Professor für Ethnologie an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Er erforscht international die Esskultur und ihre Veränderungen. Vieles von
dem, was heute als typische Landesküche gilt, ist das
Produkt der ersten Globalisierungsphase.
1492 löste die Entdeckung Amerikas den bis
dahin größten kulinarischen Umbruch aus. Viele
indianische Kulturpflanzen erreichten die Alte Welt,
Haustiere und hiesige Pflanzen umgekehrt die Neue.
»Columbian exchange« taufte der amerikanische Historiker Alfred Crosby in den 1970er Jahren diesen
Austausch. »Das hat die Küchen in Europa massiv
verändert«, sagt Trenk. Erst dadurch konnte sich die
Tomate in Italien etablieren, die Paprika in Ungarn
und die Chili in Südostasien. In Europa wurde die
Kartoffel heimisch, in Afrika verdrängte Mais die
bisherige Nummer eins, die Hirse. Für die Gesundheit der Weltbevölkerung war dieser erste Globalisierungsschub ein Segen.
Den nächsten Globalisierungsschub lösten dann
die Kolonien aus. »Die Siedlerkolonien Spaniens
waren Küchenlaboratorien, mit Cross-over und
Fusion«, so Trenk. Die traditionelle Küche Mexikos
etwa verdanke ihre Vielfalt der Experimentierfreude
jener Zeit. Ähnliches gelte für Kambodscha, Vietnam
Alles Geschmackssache
Ob Bami Goreng oder
Pasta, Sushi oder Pizza:
In Deutschlands Großstädten bringt der Lieferservice längst Gerichte aus
aller Welt direkt ins Haus.
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Gesundheit & Psychologie
will? Die Suche nach der Formel für die weltbeste
Ernährung dauert schon viele Jahrzehnte. Den ersten
Versuch eines internationalen Tellervergleichs starteten Wissenschaftler in den fünfziger Jahren. Ancel
Keys, ein amerikanischer Biologe und Ernährungswissenschaftler, entdeckte eine Auffälligkeit in den
Gesundheitsstatistiken: Amerikanische Geschäftsleute, die nach damaliger Auffassung zu den besternährten Menschen weltweit zählten, litten besonders häufig an Herzerkrankungen.
Gemeinsam mit Forschern aus dem damaligen
Jugoslawien, Griechenland, Japan, Italien, Finnland
und den Niederlanden hatte Keys den Gesundheitsstatus und die verschiedenen Ernährungsgewohnheiten international verglichen. Die als SiebenLänder-Studie bekannte Arbeit war die erste
sogenannte Längsschnittstudie. die die Beziehung
zwischen Ernährung, Lebensweise und Erkrankungen wie Schlaganfall oder Herzinfarkt in verschiedenen Ländern untersuchte. Das Ergebnis: In den USA
und den nordeuropäischen Ländern starben die
Männer häufiger an koronaren Herzerkrankungen
als in Südeuropa und in Japan.
Keys erklärte das mit unterschiedlichen Ernährungsgewohnheiten. Während das fleisch- und fettreiche Essen von Amerikanern und Finnen den
Cholesterinspiegel im Blut steigen lasse und das Herz
gefährde, sei die Kost der Mittelmeerländer mit viel
Obst und Gemüse, Pasta, Brot und Olivenöl wesentlich gesünder. Ähnlich wie das japanische Essen –
Fisch, Reis, wenig Fett und viele Sojaprodukte – gilt
sie bis heute als mustergültig.
Deutsche Küche Der Wok
macht der Pfanne inzwischen harte Konkurrenz, in
vielen Familien kocht
man heute international.
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oder Laos, wo der Einfluss der französischen Küche
bis heute spürbar ist.
Die aktuelle Globalisierungswelle begann in
Deutschland bereits vor über 50 Jahren. Gastarbeiter
führten die Mittelmeerküche ein, italienische oder
griechische Restaurants brachten einen Hauch von
Exotik in Kleinstädte und auf Speisepläne. Asiatische
Küchen folgten. Allerdings veränderten sie sich durch
die Globalisierung, sagt der Ethnologe Trenk. Asiatische Gerichte würden hier dem deutschen Gaumen
angepasst: Für Fleischgerichte steht nur Filet auf der
Karte, gewürzt wird weniger scharf, dafür gibt es
Soßen mit Sahne. Trenk spricht von einer »Selbstbanalisierung« der Küche. In Asien, etwa in Thailand,
passiere Ähnliches mit der Wurst, allerdings etwas
kreativer. Dort werden zum Beispiel die zwar beliebten, aber eher geschmacksneutralen Frankfurter
Würstchen gern als Salat serviert – verfeinert mit
Limette, scharfen Gewürzen und Seafood. »Plötzlich
schmeckt auch so ein fades Würstchen spannend und
typisch thailändisch«, sagt Trenk.
Doch an welcher Küche sollte man sich orientieren, wenn man sich besonders gesund ernähren
A
uch Walter Willett, Ernährungswissenschaftler an der Harvard-Universität,
ließ sich letztlich von der mediterranen Küche inspirieren. Seine »Healthy
Eating Pyramid« empfiehlt eine Ernährung mit jeder Menge frischem
Obst und Gemüse, Brot und Pasta aus Vollkorngetreide, Olivenöl, etwas Fisch und Geflügel, Milchprodukten in Maßen und wenig rotem Fleisch,
Wurst, Butter, Weißmehlprodukten oder Kartoffeln. Willett entwickelte die Pyramide auf Basis der
Daten von zwei der größten Langzeitstudien, die je
zum Thema Essen erschienen – der Nurses’ Health
Study und der Health Professionals Follow-Up Study.
90 000 Frauen und mehr als 50 000 Männer nahmen daran teil. Vor gut zehn Jahren veröffentlichte Willett dann eine Studie, die für Aufmerksamkeit sorgte. Männer, die ihr Essen strikt
an seiner Healthy Eating Pyramid orientierten,
konnten ihr Risiko einer Herzerkrankung um
40 Prozent senken, Frauen um 30 Prozent.
Vor allem diese Studie habe die Bedeutung von
wissenschaftlicher Evidenz zurück in die Ernährungs-
Gesundheit & Psychologie
Wenn in den
Schwellenländern
der Appetit
auf westliche
Lebensmittel
zunimmt, könnte
das den Hunger
in der Welt
verschärfen.
wissenschaften gebracht, sagt Donald Hensrud. Er ist
Ernährungsmediziner, betreut seit Jahren Patienten
aus der ganzen Welt an der renommierten Mayo
Clinic in den USA – und hat den Ernährungsratgeber
The Mayo Clinic Diet herausgebracht, der über
Wochen auf den amerikanischen Bestsellerlisten
stand. Der unterscheidet sich wenig von der Leitlinie
aus Harvard – nur dass Süßes auf ein Minimum
beschränkt wird und Alkohol nicht auftaucht. Auf
der Website der Mayo Clinic sind nicht nur die hauseigene Diät, sondern auch die Grundzüge der Mittelmeerküche sowie der Küchen Asiens, Lateinamerikas
und Afrikas erklärt. Als strikte Vorschrift seien die
schematischen Darstellungen jedoch nicht gedacht:
»Sie sollen eher eine Inspiration sein und zeigen: Man
kann sich überall auf der Welt gesund ernähren. Es
gibt großartige Lebensmittel. Und jede Küche der
Welt hat dazu spannende Features zu bieten.« Dass
die Küche anderer Länder die Ernährung verbessern
kann, glaubt Volker Schudziarra vom Else-KrönerFresenius-Zentrum für Ernährungsmedizin an der
TU München ebenfalls: »Andere Küchen bringen
auch gesunde Abwechslung. Wegen MultikultiEssen haben wir in Deutschland jedenfalls kein
Ernährungsproblem.«
Das Problem könnte eher darin bestehen, dass
sich das, was auf den Teller kommt, immer mehr
ähnelt. Das musste schon Ancel Keys zugeben, als er
auf Basis seiner Daten Ende der achtziger Jahre noch
einmal eine Studie über Ernährung publizierte. Die
Unterschiede zwischen den untersuchten Ländern
seien seit den sechziger Jahren geringer geworden,
heißt es dort. Das zeigt auch die Mortalitätsstatistik
der EU: An Herzinfarkten sterben in Griechenland
heute sogar mehr Menschen als in Finnland, Deutschland oder England. Hochkalorisches Essen gibt es
jetzt überall. Snacks, Chips, Schokoriegel – auch das
ist eine Nebenwirkung der Globalisierung. Weil
Coca-Cola eines der ersten Lebensmittel war, die einen weltweiten Siegeszug antraten, sprechen nicht
nur Globalisierungsgegner, sondern auch Epidemiologen und Ökologen von »Cocacolonisation«.
H
unger und Überfluss gleichzeitig –
dieses paradoxe Phänomen beobachten Public-Health-Forscher in
Afrika schon seit einigen Jahren.
Stand der Kontinent lange ausschließlich für Mangelernährung
und Hungersnot, so warnen verschiedene Studien
nun vor einer drohenden Adipositas-Epidemie. In
Südafrika ergab der jüngste nationale Gesundheitsreport, dass mehr als die Hälfte aller Frauen übergewichtig oder adipös ist, bei den Männern ist
es rund ein Drittel. Und eine internationale Studie, publiziert vergangenes Jahr im Fachmagazin
B=(,7:LVVHQBB
The Lancet, deutet an, dass sich Übergewicht auch in
anderen afrikanischen Ländern ausbreitet.
Der Kampf gegen den Hunger gilt als wichtigstes Millenniumsziel der Vereinten Nationen. Doch
dass in vielen Schwellenländern mit wachsendem
Wohlstand auch der Appetit auf bestimmte Lebensmittel zunimmt, könnte das Hungerproblem verschärfen. Denn eine Ernährung, wie sie in der westlichen Welt normal ist, wäre für den Planeten
problematisch – vor allem der hohe Fleischkonsum.
Die Vereinten Nationen gehen davon aus, dass
die Weltbevölkerung bis 2050 auf neun Milliarden
Menschen anwachsen wird.
Eigentlich sei es kein Problem, die Welt auch in
Zukunft ausreichend und gesund zu ernähren, sagt
Karl von Koerber, Ernährungsökologe und Leiter
der Arbeitsgruppe Nachhaltige Ernährung der
TU München: »Die Ressourcen sind da – es kommt
nur darauf an, für welche Art von Ernährung man
landwirtschaftliche Flächen und Wasser einsetzt.«
Um Rindfleisch mit 1000 Kilokalorien zu produzieren, braucht die Landwirtschaft rund 30 Quadratmeter. 1000 Kilokalorien Getreide, Gemüse oder
Obst benötigen dagegen nur ein bis zwei Quadratmeter. Die Tiere können zwar Gras vom Weideland
fressen, was eine günstige Verwendung der Flächen
bedeutet. »Wenn sie aber große Mengen Kraftfutter
aus Soja oder Getreide bekommen, verbraucht das
viel Ackerfläche, auf der auch Erzeugnisse direkt für
die menschliche Ernährung angebaut werden könnten«, so von Koerber. Forscher vom Stockholm
International Water Institute haben ausgerechnet,
dass eine westliche Ernährung mit etwa 3000 Kilokalorien pro Tag und einem Fünftel aus tierischen Proteinen und Fleisch viel mehr Wasser benötigen würde, als es überhaupt gibt. Um alle satt zu bekommen,
müsste der Anteil von Fleisch in der Nahrung deshalb
auf fünf Prozent sinken. Wenn insgesamt weniger
Wiederkäuer gehalten würden – und diese auf Weideland –, wäre auch die Klimabelastung zu verkraften.
Eigentlich, sagt von Koerber, sei es mit der nachhaltigen Ernährung nicht so kompliziert. Den Sonntagsbraten könne man gern weiter essen. Aber eben
nur am Sonntag. Und lieber von einem Tier, das nicht
in Intensivhaltung aufgewachsen ist. Außerdem: viel
Gemüse und Obst, wenn möglich aus der Region;
weniger Fertigprodukte; Wasser, Tee oder verdünnte
Fruchtsäfte statt Limonaden. Praktischerweise fast
genau das, was auch Ernährungsberater empfehlen.
Bei den Kunden von Tim Hörnemann scheint
das schon angekommen zu sein: »Wir machen unser
Sushi so, wie es unsere Kunden mögen – German
style.« Die beliebtesten Sushis im Sortiment seien die
mit Garnele und mit Lachs, beides aus nachhaltiger
Zucht. Und natürlich die vegetarische Variante – mit
Gurke und Avocado. ——
Gesundheit & Psychologie
text Ina Hübener
fotos Monika Keiler
Leben mit einem
halben Gehirn
Um epileptische Anfälle zu verhindern, wurde bei
Hedwig eine hirnhälfte ausgeschaltet. Jetzt
erobert sich das Mädchen seinen Alltag zurück.
H
eute darf Hedwig zum ersten Mal
die Spielkonsole Wii ausprobieren.
Wie gebannt schaut sie auf den
Monitor an der Wand und mustert
dann die Fernbedienung in ihrer
linken Hand. Gleich wird die Achtjährige gegen einen virtuellen Gegner boxen – eine
leichte Übung für Kinder ihres Alters. Doch nicht
für Hedwig. Eine sehr seltene Krankheit, die
Rasmussen-Enzephalitis, hat Hedwigs linke Hirnhälfte unwiderruflich zerstört. Deshalb litt das
Mädchen in den vergangenen fünf Jahren immer
häufiger und stärker unter epileptischen Anfällen – bis ihre linke Gehirnhälfte vor ein paar Monaten vom restlichen Körper getrennt und damit ausgeschaltet wurde. Die radikale Operation war die
einzige Möglichkeit, die Krankheit zu stoppen. Nun
besitzt sie nur noch ein halbes Gehirn. Und muss ein
Leben lang damit zurechtkommen.
Gemeinsam mit ihrer Ergotherapeutin Claudia
Backer navigiert sich Hedwig zum ersten Boxkampf.
Ihre Augen fokussieren den virtuellen Gegner. Zaghaft
bewegt sie die linke Hand in Richtung Bildschirm
und landet den ersten sanften Treffer. Ein kurzes
Lächeln huscht über ihr Gesicht. Hedwig schlägt
etwas kräftiger. Und schließlich immer fester – doch
nur mit der linken Faust, ihr rechter Arm hängt
schlaff herunter. Er ist fast vollständig gelähmt.
Normalerweise wird die rechte Körperseite von
der linken Gehirnhälfte gesteuert. Weil die bei ihr
aber keine Funktion mehr hat, muss Hedwig einiges
neu lernen – ihr Gehirn muss neu verschaltet werden.
Im neurologischen Rehabilitationszentrum
Friedehorst in Bremen absolviert das Mädchen ein
strammes Programm: Krankengymnastik, Logopädie, Musiktherapie, Schule und Schwimmen stehen
auf dem Plan. Und Ergotherapie, wie heute früh.
Nach fünf Runden im Boxring steht es 3 : 2 für
Hedwig. Claudia Backer reißt Hedwigs rechten Arm
B=(,7:LVVHQBB
nach oben, wie bei einem echten Boxkampf. Hedwig
strahlt über das ganze Gesicht und ruft: »Ich hab
gewonnen! Noch mal! Noch mal! Noch mal!«
Schon in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts
entnahmen oder durchtrennten Neurochirurgen bei
Epileptikern einzelne Bereiche des Gehirns. Ihr Ziel
war die Heilung der Erkrankung. Studien berichteten
von guten Erfolgen. Doch es gab auch Berichte
von Patienten, die infolge der Operation unter starken Persönlichkeitsveränderungen oder Gedächtnisstörungen litten.
Heute gibt es Medikamente, die bei vielen
Formen der Epilepsie die Anfälle verhindern oder
mindern können – operiert wird nur noch selten.
Aber auch bei den Eingriffen ist man weiter: Inzwischen kann man, wie bei Hedwig, eine Gehirnhälfte
komplett vom restlichen Körper trennen. Mit
den Erkenntnissen der Hirnforschung und dank
moderner bildgebender Verfahren ist das möglich.
Manche Menschen schließen mit nur einer Gehirnhälfte die Schule ab, machen einen Universitätsabschluss und gehen ganz normal einem Beruf nach.
Ob Hedwig das einmal schaffen wird? Es gibt
keine Garantie dafür, jedes Rasmussen-Kind ist anders. Doch eines zeigt ihr Beispiel: zu welchen Leistungen unser Gehirn fähig ist.
A
ngefangen hatte alles vor fünf Jahren.
Hedwig war drei Jahre alt, als sie plötzlich nicht mehr laufen konnte: Ihr
rechtes Bein zitterte ununterbrochen –
ein epileptischer Anfall. Nach vielen
medizinischen Tests, vielen Anfällen
und Wochen der Ungewissheit stand irgendwann die
dramatische Diagnose fest: Hedwig litt an RasmussenEnzephalitis. In Deutschland erkranken drei bis vier
Kinder pro Jahr daran. Die meisten Betroffenen sind
zwischen zwei und zehn Jahre alt. Der älteste bekannte Patient erkrankte erst mit über 50 Jahren.
Manche meistern
mit nur einer
Gehirnhälfte ein
Studium und
üben später einen
anspruchsvollen
Beruf aus.
Hedwig Isensee war drei
Jahre alt, als sie an einem
Leiden erkrankte, das
schwere epileptische Anfälle
auslöst und gegen das keine
Medikamente halfen.
Nach langem Zögern ließen
ihre Eltern sie operieren.
B=(,7:LVVHQBB
Gesundheit & Psychologie
Wie die Rasmussen-Enzephalitis entsteht, weiß man
nicht genau. Mediziner vermuten, dass es sich
um eine Virus- oder eine Autoimmunerkrankung
handelt. Im Gehirn verursacht das Leiden eine chronische Entzündung, die sich meist auf eine Großhirnhälfte beschränkt. Nur äußerst selten befällt sie
auch die andere Hemisphäre. Das ist Glück im
Unglück: Sonst wäre auch die Operation, bei der die
kranke Gehirnhälfte von der gesunden getrennt
wird, nicht möglich.
»Ich habe lange nach anderen Therapien
gesucht. Doch es gab einfach keine«, sagt Karen
Isensee. Solange die Ursachen der Krankheit nicht
bekannt sind, bleibt die Operation der einzige Ausweg. Antiepileptika sind bei dieser Form der
Epilepsie nahezu wirkungslos.
Dennoch entschieden sich Hedwigs Eltern
anfangs gegen die Operation. Das halbe Gehirn der
eigenen Tochter sollte ausgeschaltet, der Krankheit
geopfert werden? Nein, das kam für sie nicht infrage.
Im Internet waren sie nur auf Horrormeldungen zu
dem Eingriff gestoßen. Es dauere Ewigkeiten, bis
die Kinder danach wieder auf den Stand von vorher kämen. Erst nach zehn Jahren würden sie vielleicht wieder laufen können. Es gebe Patienten, die
nach einer Operation am Gehirn keine Entschlüsse
mehr fassen könnten oder die unter schweren
Gedächtnisstörungen litten. Würde so etwas auch
mit Hedi passieren?
H
Ihre Schwestern Elisabeth
(Bild oben, rechts) und
Lioba helfen Hedwig auf
dem Weg in ein normales
Leben. In der Förderschule Meißen (Bild unten)
trainiert sie mit der Physiotherapeutin Katrin
Bretschneider. Von Rückschlägen lässt sich Hedwig
nicht unterkriegen.
Schließlich will sie mal
Bergsteigerin werden.
B=(,7:LVVHQBB
Für die betroffenen Familien bricht mit der Krankheit eine Welt zusammen. »Wenn man so eine
Diagnose bekommt, denkt man: Eigentlich müsste
jetzt die Welt aufhören, sich zu drehen«, sagt Karen
Isensee, Hedwigs Mutter. »Das tut sie aber nicht.
Das Leben geht weiter. Und genau das muss man
dabei lernen.«
Während Karen Isensee spricht, läuft Hedi – so
nennt ihre Mutter sie – auf dem Laufband der Physiotherapeutin. Weil sie noch etwas wackelig auf den
Beinen ist, hängt sie in einem Gurt, der an der Decke
verankert ist. Ihr linkes Bein ist ihr starkes, das rechte
schleift sie etwas hinterher. Kaum losgelaufen, fragt
sie: »Wie schnell?« – »So schnell wie gestern«, antwortet die Mutter. »Dann schneller!«, sagt Hedi
bestimmt. Nach 30 Minuten ist Schluss. Hedi ist
472 Meter gelaufen. Ein neuer Rekord.
edwigs Eltern versuchten es zunächst mit Medikamenten, einige
Jahre lang. Das klappte in der ersten
Zeit auch gut. »Dann wurden die
Anfälle ganz schlimm«, erinnert sich
Karen Isensee. »Und man merkte,
dass sich dadurch ihre Entwicklung verzögerte.«
Die vielen epileptischen Anfälle schwächen bei
Rasmussen-Kindern das gesamte Gehirn. Die kranke
Hälfte verliert kontinuierlich Funktionen, und die
gesunde lernt immer langsamer Neues hinzu. So
konnte Hedwig bald nur noch sehr kurze Strecken
laufen, irgendwann brauchte sie einen Rollstuhl.
Sie wurde immer müder und schwächer, konnte
nicht mehr gerade sitzen. Ihr Kopf kippte nach vorn.
Sie konnte sich nichts mehr merken. Ihre Sprache
wurde undeutlicher. Irgendwann fing sie an, Babysprache zu benutzen. Schwere epileptische Anfälle
suchten das Mädchen heim, zuletzt bis zu fünfzehn
am Tag. »Das hat sie so sehr angestrengt, dass sie gar
nicht mehr richtig am Leben teilhaben konnte«,
erzählt ihre Mutter. Es habe Phasen gegeben, wo sie
nur noch auf dem Sofa lag und vor sich hindämmerte. Die ganze Familie war mit den Nerven am
Ende: »Irgendwann wussten wir einfach nicht mehr
weiter.« Nichts führte an der gefürchteten OP vorbei.
Bevor es so weit war, musste Hedwig zahlreiche Tests
über sich ergehen lassen. Ganz zentral war der
Wada-Test – ein Sprach- und Erinnerungstest.
Benannt ist er nach dem japanischen Neuropsychologen Jun Wada. Der Test sollte zeigen, ob Hedwig
auch ohne ihre linke Gehirnhälfte sprechen
kann – keine Selbstverständlichkeit. Denn bei
Rechtshändern wie Hedwig ist die linke Hemisphäre
fast immer hauptverantwortlich für die Sprache.
30 bis 40 Prozent der Linkshänder haben hingegen
eine sprachdominante rechte Gehirnhälfte. Dort
befinden sich dann die beiden wichtigsten Areale der
Sprachverarbeitung: Das Wernicke-Zentrum lässt
uns Sprache verstehen, und das Broca-Areal hilft uns
bei der Bildung von Worten und Sätzen. Doch auch
andere Bereiche des Gehirns wirken an der Sprachverarbeitung mit.
Für den Wada-Test wurde Hedwigs linke
Gehirnhälfte betäubt. Dann sollte sie die Gegenstände auf verschiedenen Bildern benennen. Doch
Hedwig blieb stumm, sosehr sich der Neuropsychologe auch bemühte. Konnte sie nicht mehr
sprechen? Das wäre ein Grund gewesen, nicht zu
operieren. Als der Neuropsychologe bereits abbrechen wollte, übernahm Hedwigs Mutter die
Befragung ihrer Tochter. Sie sprach ein ernstes Wort
mit ihr und zeigte ihr die Bilder erneut. Plötzlich
konnte Hedi alle Gegenstände benennen. Am Ende
sagte sie: »Ich will jetzt endlich was zu essen.« Ein frei
formulierter Satz. Damit stand fest: Hedi kann auch
mit einer Gehirnhälfte sprechen.
Das Ergebnis des Wada-Tests, Videos von
anderen erfolgreich operierten Kindern und der
Befund, dass in Hedwigs linker Gehirnhälfte praktisch permanent epileptische Aktivität zu messen war,
gaben dann den Ausschlag. Für Karen Isensee zeigte
sich damit zum ersten Mal eine Perspektive. »Ich kam
total beflügelt und beseelt nach Hause. Aber mein
Mann wollte es lieber doch noch mal mit Medikamenten versuchen. Wir haben furchtbar gestritten.«
Am Ende trafen sie den Entschluss gemeinsam.
V
or etwa einem Jahr, am 24. Januar
2012, wurde Hedwig dann operiert.
Acht Stunden lang. Bei dieser Hemispherotomie durchtrennte der Neurochirurg den Balken, die Verbindung
zwischen der linken und rechten
Hirnhälfte. Er schnitt vorsichtig einmal um die linke
Großhirnrinde herum, sodass sie keinerlei Verbindung mehr zum Körper oder zur gesunden rechten
Hälfte hatte. Dabei musste er auch kleinere Teile des
Gehirns entfernen. Diesen Eingriff überleben
Menschen nur, weil das Gehirn aus zwei getrennten
Hälften besteht. Fällt die kranke weg, übernimmt
die übrig gebliebene deren Funktionen.
B=(,7:LVVHQBB
Gesundheit & Psychologie
fing sie wieder an zu laufen. Die Beine regenerieren
sich generell schneller als die Hände mit ihrer feineren Motorik. Sie verfügen auch über viel mehr Nervenbahnen, die aus derselben Gehirnhälfte kommen.
Einige Wochen nach der Operation hängt
Hedwigs rechter Arm immer noch schlaff herunter.
Sie kann mit der rechten Hand kaum etwas halten:
Deren Feinmotorik wird wohl nie wieder so gut funktionieren wie früher. Für Hedwig war das ein Schock,
denn sie ist Rechtshänderin. Sie ist nun gezwungen,
alles mit links zu machen. Das passt ihr gar nicht.
»Es gab eine Phase, in der sie geschimpft hat und
sagte: Ich will das nicht. Ich will lieber meine
Anfälle wiederhaben«, erinnert sich ihre Mutter.
»Insgesamt merkt man aber, dass sie jetzt viel wacher
ist, viel aufmerksamer, fitter, besser gelaunt.« In
vielen Dingen des Alltags überwiegen die Vorteile die
Nachteile – wie bei vielen Patienten nach diesem sehr
tief gehenden Eingriff.
D
In Sachsen hatten
Hedwigs Eltern bislang
einen Bauernhof gepachtet.
Nun haben sie dort
einen eigenen Hof gekauft,
der renoviert wird – die
drei Töchter gehen
immer wieder gemeinsam
auf Entdeckungstour.
B=(,7:LVVHQBB
Bei Hedwig lief die Operation perfekt. Und fast noch
wichtiger: Sie hat seither keinen einzigen Anfall
mehr gehabt. Zurückgeblieben ist nur eine große,
hufeisenförmige Narbe über ihrem linken Ohr und
der Verlust des halben Gesichtsfelds beider Augen.
Für Hedwig war es anfangs sehr gewöhnungsbedürftig, den Kopf so weit drehen zu müssen, dass
sie auch am Rand genug sehen konnte.
Kurz nach der Operation war zudem ihre rechte
Körperhälfte noch nahezu komplett gelähmt. In der
Rehabilitation trainiert sie jetzt hart, damit ihre verbliebene Gehirnhälfte lernt, zusätzlich diese Seite des
Körpers anzusteuern. Das ist möglich, weil jeder
Mensch von Geburt an Nervenbahnen besitzt, die
von der rechten Gehirnhälfte auch in die rechte
Körperhälfte führen. Im Laufe der Jahre verkümmern
sie nur. Fällt jedoch eine Gehirnhälfte weg, kann man
durch gezieltes Training die verkümmerten Bahnen
teilweise wieder aktivieren. Auch das zugehörige
Areal im Gehirn, im motorischen Kortex, wird
trainiert und dadurch größer.
Auf Hedwigs rechtes Bein wirkt sich diese Aktivierung schon spürbar aus. Noch im Krankenhaus
och wie verarbeiten diese Kinder
Emotionen und Informationen?
Haben sie etwa Schwierigkeiten,
Entscheidungen zu treffen? Werden
sie vielleicht sogar zu ganz anderen Menschen? Neuropsychologen
gehen davon aus, dass unsere rechte Gehirnhälfte
Erlebnisse und Eindrücke eher emotional verarbeitet, wohingegen die linke Gehirnhälfte bevorzugt
kognitiv und analytisch vorgeht. »Die Operation
mag sich als Nuance auswirken«, vermutet Tilman
Polster. Er ist leitender Kinderarzt am Bielefelder
Epilepsie-Zentrum Bethel, dem größten in Deutschland. Dort wurde auch Hedwig operiert. »Es könnte
zwar sein, dass jemand, dessen rechte Hemisphäre
intakt ist, etwas anders durchs Leben geht als
jemand, der nur die linke Hirnhälfte nutzen kann«,
sagt Polster, der schon viele Kinder mit RasmussenEnzephalitis vor und nach der Operation betreut
hat. Grundsätzlich aber verändere sich die Persönlichkeit nicht durch die Operation.
Und was ist mit den Erinnerungen, wenn auf
einmal eine Großhirnhälfte fehlt? Seltsamerweise ist
bei Hedwig fast nichts verloren gegangen. Die gleiche
Erfahrung hat Tilman Polster auch bei anderen
Patienten mit nur einer Gehirnhälfte gemacht. »Anscheinend sind die Gedächtnisinhalte so stabil, dass
sie auf beiden Gehirnhälften abrufbar sind«, sagt er.
Wissenschaftler gehen heute davon aus, dass
jede Erinnerung eine Gedächtnisspur im Gehirn hinterlässt, die weit über das Neuronennetz verteilt ist.
Das hat den Vorteil, dass durch eine Verletzung oder
eine so radikale OP wie bei Hedwig die Gedächtnisinhalte nicht verloren gehen.
Einen kritischen Bereich gibt es allerdings im Gehirn, die sogenannten Hippocampi. Beim Speichern
von Erinnerungen spielen sie eine entscheidende
Rolle. Sie sind die Schnittstelle zwischen Kurzzeitund Langzeitgedächtnis. Fällt wie bei Hedwig ein
Hippocampus aus, ist das oft noch kein Problem.
Fehlen jedoch beide, kommt es zu dramatischen Ausfällen, wie der Fall des Patienten Henry Gustav
Molaison eindrucksvoll zeigte. Ihm wurden vor über
50 Jahren beide Hippocampi entfernt, weil die Ärzte
damals keinen anderen Weg sahen, seine schwere
Epilepsie zu behandeln. Nach der Operation litt er
für den Rest seines Lebens unter einer anterograden
Amnesie: Er konnte sich nichts Neues mehr merken.
Zu kleineren Ausfällen kann es auch nach dem
Verlust eines halben Gehirns kommen. »Betroffene
müssen manche Worte wieder neu lernen«, sagt
Polster. Das sei der Fall, wenn – wie bei Hedwig – die
sprachtragende Seite betroffen ist. So konnte Hedwig
nach der Operation etwa bei einem bestimmten Spiel
die Farben nicht mehr benennen. Und als sie eines
Abends ihre große Schwester Elisabeth anrief, fiel ihr
sogar ihr eigener Name nicht mehr ein.
In der Reha-Station neigt sich der Tag dem
Ende. Um sechs Uhr bringt Karen Isensee ihre
Tochter zum Abendbrot. Nach dem Essen ist Hedi
immer noch fit. Sie setzt sich nicht wie sonst in den
Rollstuhl, sondern läuft halb hinkend, halb hüpfend
voran. Nichts kann sie aufhalten. Sie läuft die mehr
als 600 Meter bis zur Unterkunft auf dem RehaGelände. Das erste Mal. Und es wird noch viele
andere erste Male geben.
Früher, vor der Operation, ging es Hedwig fast
jeden Tag etwas schlechter. Mit dem Eingriff aber hat
sich das geändert: Es geht bergauf, stetig. Die
Operation war ein Neuanfang. Ihr Leben ist mit einer
Gehirnhälfte ein anderes geworden, ein besseres.
Man hat das Gefühl, die vorhandene Hälfte kann sich
nun endlich wieder entfalten.
Heute, einige Monate nach der Reha, geht es
Hedwig ausgesprochen gut. Sie hatte keinen epileptischen Anfall mehr, sie ist fröhlich und spielt viel mit
ihren beiden Schwestern. Sie füttern Pferde, schaukeln, verkleiden sich, malen und basteln. Seit Mai
geht Hedi in die Förderschule. Dort lernt sie neben
Mathe und Deutsch auch, ihren Körper immer besser
zu beherrschen. Selbst abends im Bad kennt ihr Ehrgeiz keine Grenzen. Gerade versucht sie, ihrer rechten
Hand wieder das Zähneputzen beizubringen.
Und sie schmiedet große Pläne für die Zukunft.
Der Kran auf dem Gelände der Reha-Einrichtung
hat sie dazu inspiriert. Als sie ihre Mutter fragte, wie
man denn da hochkomme, sagte diese, dass es dafür
eine Leiter gebe. »Kann ich da auch hochklettern?«,
wollte Hedi wissen. »Dafür musst du noch ein bisschen üben.« – »Dann will ich jetzt sofort üben.«
Schließlich möchte sie später einmal Kranführerin werden. Oder Bergsteigerin. ——
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Gesundheit & Psychologie
illustr ation Jan Kruse / Human Empire
So übersteht
man Weihnachten
Was tun, wenn der Baum brennt, Streit ausbricht
oder die Geschenke nicht gefallen? ZEIT Wissen hat
überlebenstipps von Fachleuten eingeholt.
Ist Weihnachten ungesund?
Das liegt nahe, wenn man an Szenarien wie die verzweifelte Suche nach den richtigen Geschenken
denkt, an überfüllte Kaufhäuser, Terminstress zum
Jahresende und unzählige Weihnachtsfeiern. Und
dann erst die Verwandtenbesuche! Kann das gesund
sein? Natürlich nicht! Oder doch? Eine Studie aus
dem Jahr 2007 zeigte Überraschendes: Zumindest
was Herzinfarkte betrifft, schadet Weihnachten
nicht der Gesundheit. Im Gegenteil, um die Festtage
herum erleiden etwa zehn Prozent weniger Menschen einen Herzinfarkt als sonst. Wie kann das
sein, wo doch zu Weihnachten der Stress zunimmt?
Darüber könne man nur spekulieren, sagt Jochen
Senges, Leiter der Studie: Stress sei nicht gleich
Stress. Es gebe guten und ungesunden. Vermutlich
stecke im Weihnachtsstress mehr die gute Sorte – die
uns vor einem Infarkt schützt.
Erste-Hilfe-Tipps bei Weihnachts-Wehwehchen
Die Festtage sind eine Zeit der Gefahr für Körper
und Seele. Das Aufstellen des Weihnachtsbaums
etwa kann den Rücken traktieren, üppige Mahlzeiten können Sodbrennen bewirken und anstrengende
Verwandtenbesuche zusammen mit dem Konsum
geistiger Getränke zu Kopfschmerzen führen. Was
nun? Gegen die Rückenschmerzen hilft eines nicht,
auch wenn man sich danach sehnen mag: Schonung.
Man sollte sich im Gegenteil bewegen. Zusätzlich kann man ein Schmerzmittel wie Ibuprofen nehmen – das gleichzeitig gegen den
Kater hilft. Bei Letzterem empfiehlt sich
zudem, viel Flüssigkeit zu sich zu nehmen – am besten Wasser, weil es dem
Körper verloren gegangene Mineralien
zuführt. Und gegen das Sodbrennen wirkt
ein Antacidum wie Magaldrat.
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Beliebte Ausreden Weihnachten feiernder Atheisten
»Konsum ist heute oberste Bürgerpflicht, und Weihnachten ist eine Konsumorgie. Da bin ich Patriot!«
»Wir machen das doch nur wegen der Kinder.«
»Wieso, wir feiern ja auch Ostern.«
»Ich gehe wegen des Posaunenchors in die Christmette, beim Credo halte ich den Mund.«
»Wer nicht Weihnachten feiert, der kann hinterher
gar nichts umtauschen gehen.«
»Hä? Was hat Weihnachten mit Gott zu tun?«
»Wann sollen wir uns denn sonst was schenken?«
»Das wird uns aufoktroyiert.«
»Eigentlich feiern wir die Wintersonnenwende,
wir warten damit nur bis zum Feiertag.«
»Kein Problem. Wir schenken den Kindern auch zu
Chanukka und Ramadan haufenweise Spielzeug.«
Wie vermeidet man Weihnachts-Streit?
Anstelle des harmonischen Beisammenseins spielt
sich an Weihnachten mitunter Hässliches ab. Da brechen Machtkämpfe aus um das Schmücken des Baumes oder die Zubereitung der Gans, da entladen sich
Frustrationen und reißen alte Wunden auf. Wenn die
Familienmitglieder samt ihren Erwartungen auf en-
Text Max Rauner, Hanna Röhling, Jan Schweitzer, Stefan Schmitt, Claudia Wüstenhagen
Streitthemen am
besten vor dem
Fest klären, rät
der Psychologe
– auf die Gefahr
hin, dass man
dann nicht mehr
zusammen feiert.
gem Raum zusammentreffen, kann einiges passieren. Der Psychologe und Konfliktforscher Philipp
Yorck Herzberg von der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg empfiehlt: »Potenzielle Streitthemen
sollte man vorher mit den betreffenden Personen besprechen – auch auf die Gefahr hin, dass man Weihnachten dann nicht mehr zusammen feiert.« Das sei
immer noch besser, als sich am Fest der Liebe zu verkrachen. Lässt sich ein Konflikt nicht vorher aus der
Welt schaffen, kann man auch für Weihnachten eine
Auszeit vereinbaren und die Sache später klären. Das
Gleiche gilt, wenn es beim Fest Streit gibt. Nicht
einfach rausplatzen oder die Wut unterdrücken,
sondern einen Termin für die Aussprache festlegen,
rät Herzberg. Man müsse auch an die Bedürfnisse
der anderen denken, gerade wenn Kinder dabei seien. Zum Frieden trage zudem eine kurze Besuchsdauer bei: »Der Volksmund trifft es ganz gut – Fisch
und Gäste fangen nach drei Tagen an zu stinken.«
Wie vermeidet man,
schlecht zu schenken?
Laut einer Umfrage im Auftrag
von eBay erwarten die Deutschen
dieses Jahr ungeliebte Geschenke
im Wert von 617 Millionen
Euro. Ein Jammer. Besser schenkt,
wer sich auf die Persönlichkeit und die
Interessen anderer einstellt und frühzeitig
aufmerksam ist, sagt der Erlanger Soziologe Holger
Schwaiger, der das Schenken erforscht. »Wichtiger
als der Wert des Geschenkes ist, dass der Beschenkte
sich wirklich darüber freut.« Wer sich mit seinen
Gaben selbst darstellen will, liegt eher daneben.
Schlimmer als ein misslungenes Geschenk findet
Schwaiger aber Geld oder Gutscheine. »Damit wird
die Idee des Schenkens auf den Kopf gestellt. Ich
signalisiere: Ich habe keine Lust, mir Gedanken zu
machen, wie ich dir eine Freude machen könnte.«
Auch von Großeltern könne man erwarten, dass sie
in Erfahrung bringen, was die Enkel mögen.
Muss man wirklich
immer etwas verschenken?
Der Geschenkekauf ist für die Deutschen der größte
Stressfaktor in der Vorweihnachtszeit. 41 Prozent
empfinden ihn laut einer Allensbach-Umfrage als
Belastung. Warum also nicht damit aufhören? Der
US-Ökonom Joel Waldfogel fordert genau dies, er
hält die ganze Schenkerei für pure Geldvernichtung.
Schenken sei ineffizient, weil – so die ökonomische
Annahme – jeder seine eigenen Wünsche am besten
kenne. Geschenke von anderen verfehlten diese
höchstwahrscheinlich. Gegen diese Sicht wehrt sich
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der Soziologe Holger Schwaiger: »Es geht ja nicht
darum, dem anderen etwas zu schenken, damit er es
sich nicht selbst kaufen muss.« Schenken sei vielmehr eine Form der Kommunikation. »Wir senden
Botschaften wie: Ich mag dich.« Anders als Worte
oder flüchtige Gesten seien Geschenke oft von Dauer. Schwaiger hält es daher für einen Fehler, nichts zu
schenken. »Man bringt sich um eine zusätzliche
Möglichkeit, seine Gefühle auszudrücken.«
Natürlich machen Schenkende auch der
Wirtschaft eine Freude – sie profitiert
vom Weihnachtsgeschäft, vor allem von
Geschenken aus heimischer Produktion.
Wie viele Geschenke für die Kinder?
In vielen deutschen Familien bedarf es eigentlich
keines besonderen Anlasses wie Weihnachten mehr,
um den Kindern etwas zu schenken – finanziell leisten können sie sich das auch so. Deswegen sollte es
an Weihnachten (oder auch bei Geburtstagen) um
mehr gehen, als nur die diversen Spielzeugwünsche
der Kinder zu erfüllen. Dieses »mehr« aber müssen
die Kinder erst schätzen lernen – sie müssen für das
richtige Schenken sozialisiert werden, wie es Soziologe Holger Schwaiger nennt. »Die Kinder sollten begreifen lernen, dass Geschenke zwar einen materiellen Wert haben, dass der aber eher nebensächlich
ist.« Was das Lego-Set, die sprechende Puppe oder
das ferngesteuerte Auto gekostet hat, sollte ihnen
nicht so wichtig sein wie das Wissen darum, dass die
Oma, die Tante oder auch die Eltern zu diesem Anlass an sie gedacht haben. Wenn die Kinder das verinnerlicht haben, ist die Anzahl der Geschenke nicht
mehr wichtig.
Was tun bei ungeliebten Geschenken?
Wer hat nicht schon mal eine geschmacklose Vase
im Schrank versteckt, einen kratzenden Schal bei
eBay verhökert? Wer ein Geschenk bekommt, das
ihm nicht gefällt, sitzt in der Zwickmühle: Soll er die
Gefühle des Schenkenden verletzen oder
Freude vortäuschen und damit weitere
Fehlgeschenke riskieren? Experten raten
zu einem zweistufigen Krisenmanagement. »Zunächst bedankt man sich
und nimmt das Geschenk symbolisch in
Besitz, das heißt, man probiert den Pullover an oder legt die Kette um«, sagt
Holger Schwaiger. Die Botschaft: Schön,
dass du dir Gedanken gemacht hast.
Dann folgt der heikle Teil. Ist man unsicher, ob das Geschenk einem gefällt, kann
man um Bedenkzeit bitten und vielleicht
am nächsten Tag sagen: Das ist leider
Gesundheit & Psychologie
nichts für mich, rät Psychologe Herzberg. Nehme
man es einfach an, könne das die Beziehung vergiften. »Man heuchelt, fühlt sich selbst unaufrichtig,
und der andere merkt das vielleicht und fragt noch
zehnmal nach. Eine unangenehme Spirale entsteht.«
Darf man den Kindern vorgaukeln,
dass es den Weihnachtsmann gibt?
Irgendwann im Leben der Eltern schlägt
die Stunde der Wahrheit. Mama, gibt es
den Weihnachtsmann wirklich? Wer jetzt
lügt, tut seinen Kindern womöglich keinen Gefallen – sagt zumindest die Kinderund Jugendtherapeutin Marguerite Dunitz-Scheer
vom Universitätsklinikum Graz: »Eltern können ihren Kindern alles plausibel machen, darunter auch
die Geschichte vom Weihnachtsmann. Diese Machtposition auszunutzen kann problematisch sein.« Der
Weihnachtsmann sei zwar eine freundliche Figur
und das Weihnachtsfest eine schöne kulturelle Tradition. Man brauche aber keinen Hokuspokus, um
die Vorfreude zu schüren. »Wenn Kinder vor lauter
Aufregung um den Weihnachtsmann nicht mehr
schlafen können, wirkt die elterliche Absicht kontraproduktiv. Wenn ihnen andere erzählen, dass es den
Weihnachtsmann gar nicht gibt, leidet mitunter sogar das Vertrauen in die Eltern.« Auch die katholische Kirche findet wenig Gefallen am Weihnachtsmann, wenn auch aus anderen Gründen: Er macht
dem heiligen Nikolaus Konkurrenz, der einst lauter
Wunder vollbrachte. Wirklich!
Wie lösche ich den brennenden Baum?
Am besten ist Vorbeugung: Ein Weihnachtsbaum
mit echten Kerzen sollte in sicherem Abstand zur
Gardine stehen. Um die Brandgefahr zu verringern,
hilft außerdem ein mit Wasser befüllbarer Ständer,
dann trocknen die Nadeln nicht so schnell aus. Die
Kerzen sollte man früh auswechseln, bevor sich flüssiges Wachs im Kerzenhalter entzünden kann. Neben
den Baum stellt man einen Wassereimer mit Handtuch. Kleine Feuer lassen sich damit schnell ersticken. Wenn das nicht hilft, kann man das
Wasser auf die brennenden Zweige schütten. Noch besser ist ein Feuerlöscher
mit Wasser (Pulver versaut die Wohnung). Aber nur einen Löschversuch
unternehmen! Wenn das Feuer um
sich greift, muss man schnell das
Zimmer verlassen und unbedingt
die Türen schließen, die Nachbarn
alarmieren und die Feuerwehr
rufen. Die empfiehlt übrigens als
Weihnachtsgeschenk: Rauchmelder.
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Wie sieht das ökologisch korrekte Fest aus?
Umweltfreunde halten Weihnachten für eine ökologische Sauerei: Viele Gänse werden importiert, das
Lametta enthält mitunter Blei, als Rohstoff für Kerzen dient Erdöl, und laut Naturschutzbund Deutschland stammen ein Drittel der 20 Millionen Weihnachtsbäume von dänischen Plantagen. Das muss
nicht sein. Bäume mit Ökosiegel sind ohne Mineraldünger und Pestizide gewachsen. Noch besser sind
Bäume aus durchforsteter Waldwirtschaft, also vom
Förster aus der Region. Die Gans kann man mit
Biosiegel kaufen oder vom Bauern nebenan – Gänse
aus Ungarn oder Polen werden oft nicht artgerecht
gehalten, kritisiert der Tierschutzbund. Oder soll man
gleich vegan kochen? Nun ja, wer das ganze Jahr
über ökologisch korrekt lebt, darf Weihnachten vielleicht mal ein bisschen die Sau rauslassen.
Was kann ich verhindern, dass der Baum nadelt?
Unsere Großeltern vertrauten nur einer bestimmten
Tannensorte oder gaben ihre
ganz eigenen Frischhaltemittel in den Christbaumständer. Was hilft wirklich? Der
Holzwissenschaftler Johannes Welling sagt: »Vor allem
braucht der Baum Wasser.« Der Käufer sollte deshalb den Stamm zu Hause frisch ansägen und an einem kühlen Ort in Wasser stellen. Zum Fest gönnt
sich die Familie am besten einen Baumständer mit
Wasserbehälter und stellt diesen fern von Heizkörpern auf. Zusätzlichen Halt könnte auch Haarspray
den Nadeln geben. Indem es deren Spaltöffnungen
verklebt, erlahmt der Austrocknungsprozess. Vorsicht: Haarspray wirkt wie Brandbeschleuniger – deshalb nur bei elektrischen Kerzen verwenden.
Wann und wie sollte ich am besten reisen?
Wer vor dem Fest viel Stress und vergeudete Zeit auf
der Autobahn oder am Bahnhof vermeiden möchte,
sollte drei Dinge berücksichtigen: das Wetter, das
Wetter und das Wetter. So lässt sich der Rat von
Jürgen Grieving vom ADAC zusammenfassen. »Das
Wetter ist die große Unbekannte, die einem einen
Strich durch die Rechnung machen kann. Da sollte
man vorher gut planen.« So sollte man sich vor der
Reise unbedingt den Wetterbericht anschauen und
die Fahrt auch mal verschieben, falls mächtiger
Schneefall vorhergesagt ist. Zwei Tage gibt es, die
Jürgen Grieving ohnehin meiden würde: den 21.
und 22. Dezember, die Hauptreisetage. »Am 23. ist
es schon besser mit dem Verkehr, direkt an Heiligabend dann ideal«, sagt er. ——
Gesundheit & Psychologie
interview Ulrich Bahnsen
»Zum Glück bin ich gesund«
Als erste Frau ließ die Genetikerin Marjolein Kriek ihr komplettes Erbgut entziffern.
Und sie musste darauf gefasst sein, dass auch gefährliche mutationen in ihren
Genen entdeckt würden. Sie würde es immer wieder tun, aber nicht jedem empfehlen.
B=(,7:LVVHQBB
der im Schaufenster. Ich sage dann: Aber wir wissen
nicht, welche Hälfte das ist. Es gibt schließlich auch
einen Vater, der den zweiten Teil zu ihrem Erbgut
beigesteuert hat.
Trotzdem hätten unangenehme Dinge herauskommen können!
Natürlich. Ich habe mir die Gedanken gemacht, die
sich jeder Mensch machen sollte, der sich auf so etwas
einlässt. Es gibt viele monogene Krankheiten, die
durch ein einziges defektes Gen ausgelöst werden.
Zum Glück bin ich gesund geboren worden und bin
jetzt, mit fast 40 Jahren, immer noch gesund. Ich
musste mir also keine großen Sorgen machen – für
mich sind höchstens genetische Veränderungen relevant, die erst später im Leben krank machen können. Mein Vater ist zum Beispiel mit 54 an Darmkrebs gestorben – also lag die Frage nahe: Habe ich
von ihm vielleicht eine Mutation geerbt, die auch
mich in Gefahr bringen könnte? Ich wollte das wissen,
denn gegen ein genetisches Darmkrebsrisiko hätte
ich etwas unternehmen können, etwa eine Darmspiegelung durchführen lassen.
Es ist faszinierend, sich die eigenen Gene anzuschauen. Waren Sie nicht auch neugierig?
Natürlich, ich bin eine klinische Genetikerin, ich
glaube an Wissen, nicht an Ignoranz. Und ich fühlte
mich natürlich geehrt.
Die Analysetechnik für Genomuntersuchungen
wird immer schneller und billiger. Sind wir schon
bereit, alle Menschen zu sequenzieren?
Umfassende Genomanalysen werden in den nächsten Jahren kommen. Ich bin überzeugt, dass sie bald
Teil der alltäglichen ärztlichen Praxis sind. Aber es
sollte seine Gene nur entschlüsseln lassen, wer eine
konkrete medizinische Frage hat: Woran leidet ein
Kranker wirklich, bekommt er die richtigen Medikamente? Einfach so die Gene von gesunden Menschen zu entziffern, würde ich nicht empfehlen. Es
ist übrigens immer noch ziemlich teuer.
»Mein Vater
ist an Darmkrebs
gestorben – also
lag die Frage
nahe: Habe ich
von ihm vielleicht
eine gefährliche
Mutation geerbt?«
Marjolein Kriek
im Medical Center der
Universität Leiden.
In Nijmegen steht ihr
zu Ehren eine Statue: Ein
stilisierter Computerausdruck ihrer DNA.
Foto Marc de Haan
Frau Doktor Kriek, Ihnen wurde bereits ein Denkmal gesetzt ...
Dabei bin ich noch nicht einmal tot. Ich habe auch
nichts Besonderes getan!
Sie sind ziemlich jung, Sie sind eine Frau – und Sie
sind die erste, deren Erbgut entziffert wurde ...
Es war die erste komplette Entschlüsselung eines
Genoms einer nicht anonymen Frau, um genau zu
sein. Mein gesamtes Erbgut ist nun öffentlich.
Also sind die Menschen in Ihrer Heimatstadt
Nijmegen stolz auf Sie?
Vielleicht. Fragen Sie die Leute zu Hause einmal.
Wissen Sie, warum ich ausgesucht wurde?
Das wollte ich gerade fragen.
Das war 2007. Ich forschte gerade in Leiden für
meine Doktorarbeit. Damals bekamen wir einen
neuen schnellen Gensequenzer – eine Maschine, mit
der man Erbgut entziffern kann. Eine vergleichbare
gab es nur noch ein einziges Mal in ganz Europa, im
Max-Planck-Institut in Berlin. Meine beiden Chefs
wollten sofort ein menschliches Genom damit entziffern. Zu dieser Zeit war bereits das Erbgut von
Jim Watson entziffert worden, also sollte es nun eine
Frau sein. Und mein Nachname – Kriek – klingt wie
Crick, wenn man ihn englisch ausspricht. Damit
waren Watson und Crick beisammen, die Entdecker
der DNA-Doppelhelix. Das Ganze haben meine
Chefs natürlich bei ein paar Drinks ersonnen – ich
war nicht einmal dabei.
Und Sie haben einfach so mitgemacht?
Nein. Ich habe erst mit meiner Familie gesprochen.
Ich war zu dieser Zeit mit unserem ersten Kind
schwanger. Deshalb war das sehr wichtig.
Wenn Sie Ihr Erbgut veröffentlichen lassen, werden automatisch auch eine Menge genetischer Informationen über Ihre Mutter, Ihren Vater und
Ihre Kinder publik. Haben Sie da nicht gezögert?
Danach wurde ich später oft gefragt. Schließlich
liegt jetzt auch die Hälfte des Genoms meiner Kin-
B=(,7:LVVHQBB
Biografie
Die niederländische Ärztin
Marjolein Kriek, geboren
im November 1973, ist
klinische Genetikerin am
University Medical Center
in Leiden. Die zweifache
Mutter untersucht dort vor
allem Kinder mit gestörter
Entwicklung und geistiger
Behinderung. An ihrer
Arbeit schätzt sie besonders
die Verbindung von
Forschung und Arztberuf.
2008 wurde Krieks Erbgut
vollständig entschlüsselt.
Es war das erste persönliche
Genom einer Frau,
das veröffentlicht wurde.
Aber es wird immer billiger. Würde sich Ihre Einstellung ändern, wenn sich jeder Hausarzt für
800 Euro einen Sequenzer in die Praxis stellen
könnte?
Damit ist es ja nicht getan. Die Allgemeinmediziner
können das Genom ihrer Patienten doch überhaupt
nicht interpretieren. Selbst wir Humangenetiker
haben große Mühe damit. Meine Zunft wird die
wichtige Aufgabe haben, Kollegen über die Vorund Nachteile einer Genomsequenzierung zu unterrichten. Wir müssen auch entscheiden, wie viel
Hausärzte in Zukunft überhaupt von Genetik verstehen sollten. Im Moment sehe ich noch keine
Notwendigkeit, weil ein Hausarzt die Ergebnisse
einer Genomanalyse kaum für eine Behandlung
nutzen kann.
Es gibt doch schon Firmen, wie 23andme, die Genomtests für jedermann im Internet anbieten. Wie
sinnvoll ist das?
Im Moment ist das im Großen und Ganzen nicht zu
empfehlen. Die Firmen erstellen genetische Profile
für Krankheitsrisiken und geben ihren Kunden dann
Empfehlungen. Doch eigentlich wissen wir noch
nicht genug über verschiedene Genkombinationen,
um das Risiko einzelner Krankheiten zuverlässig einschätzen zu können. Zum Beispiel könnte es sein,
dass wir eine Genvariante entdeckt haben, die mit
einer Erkrankung zusammenhängt. Daneben könnte es aber auch schützende Varianten geben, die wir
nur noch nicht identifiziert haben. Speziell bei komplexen Erkrankungen wie Diabetes sind die Ergebnisse deshalb schwer zu interpretieren. Das Geld für
B=(,7:LVVHQBB
eine solche Genanalyse sollte man lieber für einen
schönen Urlaub ausgeben.
Wird man jemals komplexe Volkskrankheiten wie
Diabetes oder Bluthochdruck aus dem Genom eines
Menschen vorhersagen können?
Das ist noch Zukunftsmusik. Wir verstehen noch
lange nicht, wie das Genom funktioniert. Das gilt
sogar für einfache monogene Erbkrankheiten: Nehmen wir an, wir entziffern das Genom eines Patienten und finden in seinem Erbgut nach heutigem
Stand keine pathogene Veränderung. In fünf Jahren,
wenn wir mehr wissen, könnte das schon ganz anders aussehen.
In den USA wird bereits ausprobiert, ob man das
übliche Neugeborenen-Screening durch eine routinemäßige Genomanalyse der Babys ersetzen kann.
Dabei gibt es noch viele ungelöste Fragen: Wo werden diese Daten gespeichert, wie können wir sie vor
unberechtigten Zugriffen schützen? Wie geht man
mit möglicherweise schwerwiegenden Zufallsbefunden
um? Ich glaube, für eine generelle Genomanalyse von
Neugeborenen ist die Zeit noch nicht reif.
Bei welchen Patienten ist dann zurzeit überhaupt
eine Erbgutanalyse angebracht?
Wir in Leiden bieten das vor allem für geistig behinderte Kinder an, deren Erkrankungen unerklärlich
erscheinen. Es gibt viele Syndrome mit einen genetischen Hintergrund. Ohne eine molekulargenetische
Diagnose lässt sich wenig über die Vererbung sagen.
Ein anderes Beispiel ist das Noonan-Syndrom. Es
kann von Defekten in mindestens acht verschiedenen Genen ausgelöst werden. Zur Diagnose ist es
sinnvoll, das Genom zu entziffern, weil man nach
allen möglichen Mutationen zugleich suchen kann.
Allerdings können wir mit einer Genomanalyse
noch lange nicht alle Krankheiten diagnostizieren.
Wir beginnen erst, das menschliche Erbgut zu verstehen. Tut mir leid, wenn ich Sie enttäusche.
Gibt es nach einer Diagnose per Genanalyse auch
Hoffnung auf Therapie oder gar Heilung?
Das ist natürlich immer das Ziel. Manchmal ergibt
sich eine Behandlung, für viele genetische Erkrankungen haben wir aber schlicht keine Therapie.
Doch oft hilft es Eltern, wenn wir ihnen erklären
können, warum sich ihr Kind nicht normal entwickelt – wenn sie dem Leiden einen Namen geben
können. Und wenn wir das Krankheitsrisiko für ihre
künftigen Kinder oder andere Familienmitglieder
einschätzen können.
Bei einer Genomentzifferung können viele unangenehme Informationen auftauchen. Wie bereiten
Sie einen Patienten darauf vor?
Dazu führen wir in den Niederlanden gerade eine
heiße Debatte. Welche zufälligen Befunde sollen
Patienten offenbart werden: alle? Nur die behandelbaren? Was machen wir mit Defekten wie der Hun-
Foto Philip Provily / VG Bild-Kunst, Bonn 2012
Gesundheit & Psychologie
tington-Mutation, die eine spät auftretende, unheilbare Krankheit auslöst? Bis zum Jahresende soll das
entschieden sein.
Sie können doch jetzt schon in eine schwierige Situation geraten: Sie untersuchen das Genom eines
kleinen Kindes. Sie stellen dabei zufällig fest, es hat
eine gefährliche Brustkrebsmutation von seiner
Mutter geerbt. Sagen Sie der Mutter, in welcher
Gefahr sie selbst schwebt?
Ich würde die Frau vorher beraten und ihr sagen,
dass wir solche Entdeckungen machen könnten und
dass ich es für unethisch hielte, ihr diese dann zu verschweigen. Sie müssen bedenken, die Analyse macht
am Ende ein Computer ohne Gewissen. Man kann
ihn auch anweisen, nach so brisanten Informationen
gar nicht erst zu suchen.
Als Ihr Genom entziffert war, welche Fragen wurden Ihnen beantwortet?
Die Leute glauben mir das nie, aber ich war zunächst
gar nicht in das Projekt involviert. Ich war in der
Babypause. Und das Ganze passierte 2008, damals
konnten wir das Genom kaum interpretieren. Ich
bin eine Frau – das sah man natürlich auch im Erbgut. Ich habe rote Haare – tatsächlich fand sich eine
B=(,7:LVVHQBB
Genvariante, die einen mit großer Wahrscheinlichkeit rothaarig macht. Mit meinen blauen Augen war
das schon sehr viel schwieriger, die Augenfarbe wird
sehr komplex gesteuert. Nichts davon war klinisch
relevant. Inzwischen wissen wir viel mehr. Ich habe
bedenklich aussehende Varianten in drei Genen, die
Erbkrankheiten auslösen können. Sie sind aber offenbar doch harmlos, denn ich bin ja gesund. Ich bin auch
Träger für einige Erbkrankheiten, zum Beispiel für
eine Form von Taubheit.
Finden Sie es gut, das zu wissen?
Jetzt spielt es keine große Rolle mehr. Meine Familie ist
komplett. Meine beiden Kinder sind nicht taub –
mein Mann müsste die gleiche Veranlagung haben, hat
sie aber offenbar nicht. Wenn ich aber vorher gewusst
hätte, dass ich eine häufige Erbkrankheit wie etwa
Mukoviszidose weitergeben könnte, hätte ich von meinem Partner verlangt, sich auch auf den Gendefekt
testen zu lassen, bevor wir Kinder zeugen. Wenn beide
Eltern so eine Veranlagung haben, ist es gut, das zu
wissen. Sonst könnte man ja kranke Kinder zeugen.
Mit allem, was Sie inzwischen wissen, würden Sie
sich heute auch wieder sequenzieren lassen?
Natürlich. Warum nicht? ——
»Ich hätte von
meinem Partner
verlangt, dass er
sich auf den
Gendefekt testen
lässt, bevor wir
Kinder zeugen.«
UMWELT &
GESELLSCHAFT
Niels Boeing,
ZEIT Wissen-Autor,
erreichen Sie unter
redaktion@zeit-wissen.de.
zeit
wissen
s 74 bis s 106
Was wichtig war Als Ende der siebziger Jahre der Bestseller »Wir
Kinder vom Bahnhof Zoo« die Republik schockierte, galt Cannabis als
Vorstufe zum drogentod. Vom Joint führt ein direkter Weg zum
Heroinbesteck, glaubten viele. Heute ist die Pflanze mit den hübschen
Blättern gesellschaftsfähig geworden. Die US-Bundesstaaten Colorado und
Washington wollen nun den letzten Schritt wagen: die vollständige legalisierung. Jeder soll Cannabis anbauen, konsumieren und verkaufen
dürfen. Haben die Amerikaner den Verstand verloren? Vielleicht haben
sie einfach die Studien von US-Forschern verfolgt. Die ergaben, dass
nach der Teillegalisierung in 16 Bundesstaaten – für medizinische Zwecke
– die Zahl der autounfälle um neun Prozent sank, die der alkoholbedingten Unfälle sogar um 14 Prozent. Kommt die Legalisierung durch,
könnte sie auch der Anfang vom Ende der mörderischen Drogenkartelle
in Mexiko sein, der größten Cannabis-Produzenten in Nordamerika.
Was wichtig wird Lange waren Wind- und Solarenergie Vorzeigetechnologien made in Germany. Die damit erzeugten Kilowattstunden
kosten aber viel Geld, das auf alle Stromkunden umgelegt wird. Weil nun
der strompreis steigt, dreht sich die öffentliche Meinung gegen die
Erneuerbaren. Eine Studie des Forums Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft zeigt: Das Problem sind die zu billigen CO₂-Zertifikate des EUEmissionshandels, die die Industrie zu klimafreundlichen Technologien
bewegen sollen. Wären die Zertifikate teurer, könnte die Ökostrom-Umlage
viel günstiger ausfallen. Dafür müsste die EU die Zahl der Zertifikate
senken. Das käme der Energiewende und den Verbrauchern zugute.
B=(,7:LVVHQBB
Foto Imaginechina / Corbis
So klaut man Erdgas
riesige würste schweben in letzter Zeit durch Bingzhou. Einige Bewohner der
nordchinesischen Stadt sind so arm, dass sie Gas aus einer nahe gelegenen Förderanlage
stehlen, um heizen und kochen zu können. Das Gas transportieren sie dann in großen
Ballons nach Hause. Sieht bequem aus, ist aber gefährlich – und ziemlich auffällig.
B=(,7:LVVHQBB
Umwelt & Gesellschaft
text Niels Boeing
infogr afik Helen Gruber
Nachhaltigkeit
Kompakt
Recycling, aber richtig
Kreisläufe wie in der Natur sind Vorbild für eine Welt ohne müll .
Doch können hochwertige Produkte zu 100 Prozent wiederverwertet werden?
F
ür Michael Braungart hat die Rettung
der Welt schon begonnen: in Form von
Sportschuhen, Stühlen, Teppichen oder
Klopapierrollen, die sich überall in seinem Hamburger Büro finden. »Diesen
Stoff können Sie sogar essen«, sagt er
und zeigt auf einen Stapel Textilproben. Er will mit
den Stoffquadraten nicht den Welthunger beseitigen – sie sind nur Beispiele für Cradle-to-CradleProdukte. Und das ist für Braungart »die nächste
industrielle Revolution«.
Cradle to Cradle bedeutet »von der Wiege bis
zur Wiege«, also Kreislaufwirtschaft. Die Produkte
werden aus recycelten Materialien hergestellt und
bilden, wenn sie nicht mehr genutzt werden, ihrerseits den Rohstoff für neue Produkte. Braungart
spricht lieber von »Nährstoffen« – wie bei einem
Kirschbaum. Der produziere verschwenderisch Blüten, die nach einigen Tagen auf den Boden fallen und
andere Organismen ernähren. In der Natur gebe es
keinen Abfall. »Abfall ist Nahrung« lautet Braungarts
Credo, nach dem er die Wirtschaft umbauen will.
In der deutschen Ökoszene kommt dieser Ton nicht
immer gut an.
Der Chemiker Braungart hat das Konzept gemeinsam mit dem US-Architekten Bill McDonough
Anfang der neunziger Jahre entwickelt. Damals war
längst offensichtlich, dass unser heutiges Wirtschaftssystem verschwenderisch mit Rohstoffen umgeht
und gewaltige Müllberge produziert. Während die
Umweltbewegung sich dafür starkmachte, Abfall zu
vermeiden, überlegten Braungart und McDonough,
wie man die Dinge des täglichen Bedarfs – bis hin zu
ganzen Häusern – in Anlehnung an die Kreisläufe
der Natur konstruieren könnte. Echtes Recycling
also, kein Downcycling, bei dem aus gebrauchtem
Papier schadstoffhaltiges Altpapier wird, aus gebrauchtem Kunststoff graues Plastik. Ihre Idee war,
alle Materialien grob in zwei Klassen zu unterteilen:
in »biologische« und »technische Nährstoffe«.
Biologische Nährstoffe sind organische Verbindungen wie Polymere oder Textilfasern, die am
Ende auf dem Kompost wieder in die Biosphäre
zurückkehren, so wie die Blüten des Kirschbaums
zu Humus werden. Voraussetzung: Die Materialien
dürfen keine Giftstoffe enthalten, die Organismen
schädigen. Technische Nährstoffe hingegen kehren
wieder in die »Technosphäre« zurück, wie Braungart
Müll vermeiden
war gestern.
In Zukunft sollen
ausgediente
Produkte als
Rohstoffquellen
dienen.
Recyclingquoten im Vergleich
591 kg *
Deutschland
62 %
583 kg *
Großbritannien
39 %
521 kg *
Bulgarien
0%
410 kg *
Die Recyclingquote
umfasst die Kompostierung
und das eigentliche Recycling von Abfällen. Fast
alle EU-Länder – außer
Deutschland und den
Niederlanden – deponieren Müll noch auf
Halden, Bulgarien sogar
zu 100 Prozent.
Quelle Eurostat
Österreich
70 %
* Abfallaufkommen pro Person und Jahr
B=(,7:LVVHQBB
interview
»Holz ist nicht immer
umweltverträglicher«
designer müssen das Recycling
Foto Jens Umbach
ihrer Produkte im Blick haben.
Und Käufer sollten danach fragen.
Herr Löw, was bedeutet Cradle-to-Cradle-Design
für Sie?
Den Anspruch, Produkte so zu gestalten, dass sie
möglichst umweltverträglich sind. Um diesen Anspruch kommt man als Gestalter heute nicht mehr
herum. Umweltverträglichkeit sollte auch vom
Konsumenten selbstverständlich erwartet werden.
Sie selbst haben den Think Chair entworfen, einen
Bürostuhl nach dem Cradle-to-Cradle-Ansatz. Wie
unterscheidet der sich von anderen Bürostühlen?
Er wiegt nur halb so viel wie das Vorgängermodell – das bedeutet weniger Materialverbrauch
und weniger Energieverbrauch bei der Herstellung
und beim Transport. Außerdem haben wir den Stuhl
so konstruiert, dass er sich zusammenlegen und in
kleineren Kartons verschiffen lässt. So bekommt
man mehr Stühle in einen Container. Zum Recyceln
kann man den Stuhl sortenrein in seine Bestandteile
zerlegen, wir haben also möglichst keine Verbundstoffe verwendet, in denen Materialien miteinander
verschmolzen sind. Der Stuhl lässt sich ohne Spezialwerkzeuge in ungefähr fünf Minuten zerlegen, ein
normaler Schraubenzieher genügt.
Auf welche Recyclingquote kommt der Think
Chair damit?
99 Prozent des Stuhls lassen sich recyceln, und
44 Prozent der Teile können aus zuvor recyceltem
Material bestehen. Dies sind aber theoretische Werte,
da in der Realität oft die Infrastruktur fehlt, um alle
verkauften Stühle auch tatsächlich zu recyceln.
Warum ist C2C in Deutschland nicht so populär
wie in den USA oder in den Niederlanden?
Die Sensibilität ist unter Designern vorhanden. Aber
zu einer Produktentwicklung gehören immer zwei,
und die Bereitschaft der Hersteller, sich über das
übliche Greenwashing hinaus mit dem Thema zu
beschäftigen, wird sehr stark von der Nachfrage
bestimmt. Die Verbraucher in den USA üben in
dieser Hinsicht mehr Druck auf die Hersteller aus.
B=(,7:LVVHQBB
Ist C2C-Design teurer?
Nicht unbedingt. Der Think Chair ist eher günstiger
in der Herstellung und Montage. Durch sein geringeres Gewicht wird bei der Herstellung weniger
Material und somit weniger Energie verbraucht.
Aber was hält die Hersteller dann ab?
Ein entscheidender Impuls muss von der Nachfrage
ausgehen. Die Konsumenten können den Herstellern durch ihre Kaufentscheidung signalisieren, dass
nicht C2C-zertifizierte Produkte unverkäuflich sind.
Muss man als Produktdesigner für C2C-Design
umdenken?
Der Entwicklungsprozess verändert sich nicht grundlegend, er wird nur um den Aspekt der Umweltverträglichkeit erweitert. C2C verändert auch nicht
unbedingt das Aussehen der Produkte: Die verbreitete Vorstellung, Produkte aus Hanf oder Holz
wären per se umweltverträglicher als Kunstoffprodukte, ist falsch.
Glen Oliver Löw lehrt
Produktgestaltung an der
Hochschule für bildende
Künste in Hamburg. Sein
Bürostuhl Think Chair
wurde mit dem begehrten
Designerpreis »red dot«
ausgezeichnet.
Umwelt & Gesellschaft
Nachhaltigkeit
Kompakt
die Welt der Geräte und Maschinen nennt. Metalle
etwa können sortenrein zurückgewonnen werden,
um eingeschmolzen wieder als Rohstoff zu dienen.
Technische Kunststoffe werden in ihrer chemischen
Struktur ebenfalls so designt, dass sie ohne Qualitätsverlust wieder als Ausgangsmaterial formbar sind.
Auch hier ist wichtig: Das Plastik darf keine Rückstände von Schwermetallen enthalten, die etwa in
vielen PET-Trinkflaschen stecken, zum Beispiel Spuren des Katalysators Antimon, mit dem der Kunststoff in der chemischen Industrie hergestellt wird.
Wenn es gelänge, alle Produkte als biologische
oder technische Nährstoffe anzulegen und sie
mithilfe erneuerbarer Energie herzustellen, müsste
man sich nicht einmal mehr über CO₂-Bilanzen
Gedanken machen. Braungart und McDonough
gründeten zwei Unternehmen, mit denen sie andere
beim Produktdesign nach der Cradle-to-CradlePhilosophie (C2C) beraten und Produkte zertifizieren. Über 500 haben bereits ein C2C-Label erhalten.
Nach C2C-Prinzipien zu produzieren ist eine
Herausforderung für Unternehmen, die jahrzehntelang daran gewöhnt waren, möglichst günstige Rohstoffe zu verwenden. Diese Erfahrung musste auch
Peter Kämpf machen, Entwicklungschef beim fränkischen Stifthersteller Stabilo. Nachdem die Unternehmensleitung beschlossen hatte, ein C2C-Produkt
auf den Markt zu bringen, machte sich sein Team
unter Leitung von Ivan Horvat auf die Suche nach
geeigneten Materialien für einen Filzschreiber.
Für die Hülle des Stifts experimentierten die
Entwickler zunächst mit Biopolymeren. Doch diese
waren wasserdurchlässig und hätten Tinte durchgelassen. Fündig wurde Kämpf bei einem Folien
verarbeiter. Der hatte Produktionsabfälle aus Polypropylen, das sich gut recyceln lässt.
Als schwieriger erwiesen sich die Polyesterfasern
für die Schreibspitze und den Tintenspeicher. Stabilo
hatte bis dahin Rohmaterial aus Japan gekauft.
Könnte man auch recyceltes Polyethylen nehmen?
»Die Japaner sagten erst einmal, das gehe nicht«,
erinnert sich Kämpf. Schließlich fanden sie doch eine
Lösung. »Heute zeigen sie ihre Recyclingfasern stolz
auf Messen.« Auch für den Clip am Ende des Stifts
sowie den schwarzen Kegel, in dem die Schreibspitze
steckt, konnte Kämpf recyceltes Material finden.
Blieb noch die Tinte. Biologisch unbedenklich ist
sie nur dann, wenn Mikroorganismen sie verdauen
können. Dafür durfte sie keinen Konservierungsstoff enthalten. Den mischte der Farbstofflieferant
B=(,7:LVVHQBB
aber bei, um die Tinte in flüssiger Form auszuliefern.
»Die Lösung war, die Farbstoffe in Pulverform zu
schicken und erst bei uns im Werk mit Wasser zu
verflüssigen«, sagt Kämpf, der von Braungarts
Environmental Protection Encouragement Agency
beraten wurde. Bis auf das Phenolharz, das die Fasern
der Schreibspitze verklebt, und die Farbpigmente für
die Hülle besteht der Stift jetzt komplett aus recycelten Materialien. Quote: 98 Prozent. »Greenpoint«
nennt Stabilo den Stift.
D
ie richtigen Materialien zu finden
ist eine der größten Hürden für
Produktentwickler. Mehr als eine
Million Chemikalien gibt es weltweit. Welche davon eignen sich als
biologische oder technische Nährstoffe? Das untersucht Braungart gemeinsam mit
Material Connexion, einer internationalen Beratungsfirma für nachhaltige Produktentwicklung.
»Wir haben jetzt 40 C2C-zertifizierte Materialien in
unserer Bibliothek«, sagt Karsten Bleymehl, Direktor für Materialforschung in Köln. Das ist nicht viel.
»Es muss noch sehr viel von Grund auf neu entwickelt werden.«
Zwar gibt es inzwischen rund 140 Unternehmen, die Produkte nach dem Cradle-to-CradleKonzept auf den Markt gebracht haben. Aber anders
als Braungarts Kirschbaum, der seine Inhaltsstoffe
freizügig der Natur überlässt, betrachten die meisten
Firmen ihre C2C-Materialien als Geschäftsgeheimnis. Die Entwicklung geeigneter Stoffe koste viel Zeit
und Geld, sagt Bleymehl. »Da wird beispielsweise der
Trikothersteller Trigema einem Mitbewerber kaum
offenlegen, welche biologisch abbaubaren Textilfarben er verwendet.«
Besser bekannt ist, welche Stoffe Produktentwickler nicht verwenden sollten. Zum Beispiel PVC
wegen der darin enthaltenen Weichmacher oder
Brom als Flammhemmer in den Plastikgehäusen von
Elektronikgeräten. Elektronik ist in der Liste der
C2C-designten Produkte bislang Mangelware
zwischen Textilien, Verpackungen, Büromöbeln und
Teppichen. Allerdings hat sich inzwischen auch ein
großer Elektronikhersteller an die Philosophie von
Braungart und McDonough gewagt: Philips. 2010
brachte der niederländische Konzern den Flachbildfernseher Econova auf den Markt.
Das Gehäuse besteht aus recyceltem Aluminium, die Kabelummantelungen im Inneren sind
nicht mehr aus PVC. Überhaupt hat Philips, soweit
es ging, Kunststoffe aus dem Gerät verbannt. 2011
folgte die Kaffeemaschine Senseo Viva Eco. Viele
Teile sind aus recyceltem Plastik oder Stahl hergestellt, die zum Teil aus alten Haushaltsgeräten von
Philips gewonnen wurden (siehe Grafik rechts). Die
Die Cradleto-CradleKaffeemaschine
Haushaltsgeräte wie eine
Kaffeemaschine lassen
sich zu großen Teilen aus
recycelten Materialien
herstellen. Sortenrein eingeschmolzen, könnten
Bauteile als Ausgangsstoff
für andere Produkte
dienen. Nur für Teile, die
mit Wasser und Kaffee
in Berührung kommen,
sollte man besser Neumaterial verwenden.
1 Die vordere Hälfte des
Gehäuses sowie die Teile
des Sockels lassen sich
aus Polypropylen fertigen,
das aus Kunststoffverpackungen oder Getränkeflaschen stammen kann.
2 Für den Deckel und einige Kleinteile eignet sich
das Polyacryl von ehemaligen CDs und DVDs.
3 Das Kupfer für das Kabel
lässt sich unter anderem
aus alten Kabeln gewinnen. In Deutschland
stammen bereits über
50 Prozent des jährlich
verbrauchten Kupfers aus
Recyclingfabriken.
4 Für Teile mit starker
Beanspruchung ist der besonders schlagfeste Kunststoff ABS, aus dem auch
Motorradhelme bestehen,
ein guter Werkstoff.
5 Für Stahlteile wie Sieb,
Boiler oder Wasserpumpe
eignet sich recycelter
rostfreier Stahl. Wiederverwertet könnte man
daraus eines Tages etwa
Besteck machen.
6 Teile wie das Wasserauffangbecken können auch
aus dem Polypropylen
von zuvor eingesammelten Haushaltsgeräten wie
Toastern gefertigt werden.
2
1
4
3
6
5
B=(,7:LVVHQBB
Umwelt & Gesellschaft
Nachhaltigkeit
Kompakt
LED-Lämpchen der Anzeige sind nicht verschraubt
oder verlötet, sondern gesteckt, um sie später weiterverwenden zu können. Oft heißt es, auf Nachhaltigkeit angelegte Technik sei zu teuer. Stimmt nicht: »Im
Senseo-Projekt haben wir gelernt, dass ein C2CDesign am Ende nicht mehr kosten muss«, sagt
Philips-Entwickler Mark-Olof Dirksen.
Haben Kaffeemaschinen, Computer oder
Stereoanlagen ausgedient, können Kunststoff- und
Metallteile wieder zurück in den Rohstoffkreislauf
gebracht werden. Auch aus den Elektronikbauteilen
lassen sich inzwischen viele der darin enthaltenen
Metalle herauslösen.
Die aus den Geräten entfernten Leiterplatten
aus Epoxidharz werden dafür einem Spezialrecycler
wie dem belgischen Unternehmen Umicore in
Hoboken bei Antwerpen übergeben. Dort analysiert
ein Team täglich die neuen Lieferungen – neben Elektronik auch Autokatalysatoren und andere Industrierückstände – auf die vorhandenen Elemente.
Dann entscheidet die »Küchenabteilung«, wie das
Team in der Firma genannt wird, in welcher
Mischung der Elektronikabfall in den Hochofen
kommt. Während das Epoxidharz beim Erhitzen als
Energielieferant dient, schmelzen die metallischen
Bestandteile der elektronischen Bauteile. In der heißen
Suppe bilden sich zwei Schichten: oben Schlacke,
unten eine Mischung aus Kupfer, Gold, Silber und
anderen wertvollen Metallen. Die Metallschmelze
wird aus dem Ofen in ein Wasserbad geleitet, wo sie
ein Granulat bildet, das noch einmal gemahlen wird.
Aus dem können in weiteren chemischen Verfahren
17 Metalle in hochreiner Form herausgelöst werden.
Mit der Vorstellung des Cradle-to-CradleDesigns, bei dem alles einfach zerlegbar ist, hat dieses
Verfahren nicht viel gemein. Bislang gibt es noch
keine C2C-gemäßen Leiterplatten, auch wenn einige
Firmen an Klebeverbindungen für die Elektronikbauteile arbeiten, die sich mithilfe von Enzymen
lösen lassen. »Ein C2C-Design ist wichtig, um an die
relevanten Bauteile zu gelangen, aber aus komplexen
Baugruppen lassen sich die einzelnen Metalle dann
nur metallurgisch abtrennen«, sagt Christian
Hagelüken, Recyclingexperte bei Umicore. Er hält es
für wichtiger, die Elektronik nicht an unzugänglichen
Stellen zu verbauen. In Autos etwa befinden sich
viele Leiterplatten irgendwo in der Karosserie. »Da
kommen Sie kaum ran«, sagt Hagelüken. Folge: Die
Elektronik wird mit der Karosserie geschreddert, und
wertvolle Metalle gehen verloren.
B=(,7:LVVHQBB
Nötig ist nicht nur ein besseres Design, um Geräte
einfach und gründlich zu zerlegen. Es hapert auch
an effizienten Sammelsystemen. Vom Elektronikschrott in Europa erreichen nur 30 Prozent die
Recyclinganlagen. »Es müsste viel mehr Anstrengungen geben, um zu verhindern, dass das gesammelte Material in dubiose Kanäle abfließt«, sagt
Hagelüken. Elektroschrott wird oft illegal nach
Afrika oder Asien verschifft.
Einige C2C-Unternehmen wie der niederländische Teppichhersteller Desso bauen inzwischen
eigene Systeme auf, um die Kreisläufe zu schließen.
Desso will 2015 zurückgenommene Auslegeware in
eigenen Anlagen recyceln. 75 Prozent der neu produzierten Teppiche sollen dann aus alten Teppichen
bestehen. Das mag hier funktionieren, stößt aber bei
anderen Produkten wie dem Filzschreiber von Stabilo
an Grenzen. Die Firma hatte bereits im vergangenen
Jahr mit dem Entsorgungsunternehmen Interseroh
einen Test gestartet: Sechs Monate lang konnten Verbraucher an 400 Sammelstellen alte Stabilo-Stifte
zurückgeben. Das Ergebnis war laut Peter Kämpf
»ein Desaster«. Nur ein paar Hundert Stifte waren
an Interseroh zurückgeflossen – einige davon waren
vom Konkurrenten Edding.
Der Umgang der
Deutschen mit
Müll sei von
Schuldgefühlen
geprägt, sagt
Braungart. In
China versteht
man ihn besser.
K
ritiker monieren, Michael Braungart
propagiere verschwenderischen Konsum, indem er Abfall zu Nährstoffen
etikettiere und nicht zu Müll, den es
zu vermeiden gelte. Braungart entgegnet, der Umgang der Deutschen
mit Nachhaltigkeit und Abfall sei von einem Schuldkomplex geprägt. Deutschland setze im großen Stil
Müllverbrennungsanlagen ein, um »die bösen Müllgeister« zu vernichten.
Tatsächlich geht es ihm um mehr als nur darum,
Kreisläufe zu schließen. Er will mit besseren Zutaten
auch die Qualität der Produkte und damit die Lebens
qualität erhöhen. Eines seiner Lieblingsbeispiele sind
die Teppiche von Desso. Die dünsten im Gegensatz
zu herkömmlicher Auslegeware keine giftigen Moleküle aus. Mehr noch, sie sollen sogar die Raumluft
reinigen, indem sie Schwebeteilchen binden.
In anderen Ländern, allen voran den Niederlanden, fühlt sich Braungart besser verstanden. Sogar
in China ist man auf das Cradle-to-Cradle-Konzept
aufmerksam geworden: Der Spielzeughersteller
Goodbaby fertigt seine Produkte inzwischen nach
C2C-Prinzipien. »Wir müssen China und Indien
Blaupausen liefern, die sie kopieren können«, sagt
Braungart. Die Boomländer Asiens können mit der
hiesigen Vorstellung, auf Konsum zu verzichten, um
die Welt besser zu machen, ohnehin nichts anfangen.
Vielleicht gelangt die Kirschbaum-Ökonomie dort
als Erstes zu voller Blüte. ——
Umwelt & Gesellschaft
text Andrea Rehmsmeier
fotos Bernd Jonkmanns / laif
Der Schnelle Brüter in Kalkar am Niederrhein wurde 1985 fertiggestellt, doch
wegen Sicherheitsbedenken nie in Betrieb genommen. Ein niederländischer Investor hat auf
dem Gelände einen Vergnügungspark mit Hotel errichtet: das »Wunderland Kalkar«.
B=(,7:LVVHQBB
Das Weltgifterbe
In der Hoffnung, plutonium irgendwann einmal wiederverwerten zu können, hat die
Atomindustrie tonnenweise davon angehäuft. Doch der Plan ging nicht auf, und die große
Frage ist nun: Wohin nur mit dem hochgefährlichen Stoff, der die welt bedroht?
D
ie Tauben versetzten die nordenglische Kleinstadt Seascale an der
Irischen See in Aufruhr. »Die beiden
alten Damen, die 1998 dort drüben
wohnten, haben sie gefüttert«, sagt
Martin Forwood von der örtlichen
Umweltorganisation Core Cumbria und deutet auf
eines der Reihenhäuser an der Strandpromenade. Ein
Hotelbesitzer aus der Nachbarschaft habe sich damals
über den Taubendreck geärgert und die Vögel mit
behördlicher Erlaubnis töten lassen. Doch niemand
wollte die toten Tiere wegräumen: Sie hatten ihre
Nester im drei Kilometer entfernten Sellafield. Dort
steht eine der größten Nuklearanlagen der Welt, und
auf dem Gelände gibt es viele warme Nischen. Die
Laboruntersuchung brachte Gewissheit: Die Kadaver
waren radioaktiv. Sie mussten in einem Lager für
schwach strahlenden Atommüll entsorgt werden.
»Schuld war das Plutonium«, sagt Martin Forwood,
»britisches Plutonium, japanisches Plutonium und
deutsches Plutonium. Es hat unsere Tauben in fliegenden Atommüll verwandelt.«
Auf dem Betriebsgelände der Wiederaufbereitungsanlage Sellafield lagern 112 Tonnen reines
Plutonium, es ist das größte zivile Plutoniumlager der
Welt. Ursprünglich glaubte man, mit dem aufgearbeiteten Atommüll günstig Strom erzeugen zu können, im eigens dafür konzipierten Schnellen Brüter.
Doch der Traum vom Reaktor, der seinen eigenen
Abfall verzehrt, droht zum Albtraum zu werden. Und
während Länder wie Großbritannien, Deutschland
und die USA verzweifelt nach Wegen suchen, den
Stoff loszuwerden, findet die gefährliche Utopie des
Plutoniumkreislaufs in China, Russland und Indien
neue Anhänger – allen Gefahren zum Trotz.
Immer wenn ein Atomkraftwerk Strom aus
der Kernspaltung von Uran erzeugt, entsteht dabei
Plutonium. Es ist radioaktiv und hochgiftig. Schon
wenige Mikrogramm können Krebs auslösen. Kein
B=(,7:LVVHQBB
anderer Stoff, der in so kleinen Dosen tödlich wirkt,
wurde je in so großen Mengen produziert. Und
natürlich ist Plutonium auch noch auf andere Weise
gefährlich: 1945 tötete eine Atombombe mehr als
70 000 Menschen in der japanischen Stadt Nagasaki,
Zehntausende starben an den Spätfolgen.
Wie viel Plutonium die Ingenieure und Militärs
nach Jahrzehnten des Wettrüstens und der zivilen
Atomstrom-Produktion angehäuft haben, lässt sich
nur grob schätzen: Bis zu 2000 Tonnen könnten sich
als Bestandteil von abgebranntem Kernbrennstoff
angesammelt haben, verteilt auf Abklingbecken und
Zwischenlager in aller Welt. Daraus lassen sich nicht
so einfach Atombomben bauen, weil das Plutonium
mit anderen Stoffen im Brennelement eingeschlossen
ist. 250 Tonnen reines Plutonium jedoch haben die
Atommächte für ihr nukleares Arsenal produziert, es
wird streng bewacht. Aber dann sind da noch einmal
250 Tonnen aus der Wiederaufbereitung – das Erbe
der Technikutopie vom geschlossenen Brennstoffkreislauf (siehe Infografik auf Seite 89). Genug für
Tausende Nuklearsprengköpfe des Nagasaki-Typs.
Diese Erbschaft kann man nicht einfach ausschlagen
wie die Schulden der Großtante. Das Plutonium
existiert – und es muss weg. Nur wohin?
Das Gelände der Nuklearanlage Sellafield beginnt gleich hinter dem Bahnhof. Wer sich zu nah an
den Zaun heranwagt, wird sofort von Sicherheitskräften umringt, die Maschinengewehre vor der
Brust tragen: »Could we have a look at your documents,
please?« Hinter dem Zaun Gestalten mit Schutzhelmen, die Hürden überspringen, robben, schießen:
Sicherheitskräfte beim Einsatztraining. »Irgendwann
ist ein Lageplan von Sellafield im Internet aufgetaucht«, sagt der Atomkraftgegner Martin Forwood.
»Seitdem finden hier regelmäßig Übungen zur Verhütung von Terroranschlägen statt.«
Sellafield betreibt eine von zwei Plutoniumfabriken in Europa, die andere ist die Wiederauf-
Im englischen
Sellafield lagert
tonnenweise
Plutonium. Sechs
Kilo reichten für
die Bombe aus,
die in Nagasaki
mehr als 70 000
Menschen tötete.
Plutonium
1940 beschießt der Nuklearphysiker Glen Seaborg
Uran mit Deuterium
und Neutronen und erhält
Plutonium 239. Dieses
Isotop, das bei der Kernspaltung Energie freisetzt und in der Natur
nur in geringen Mengen
vorkommt, kann nun
künstlich hergestellt
werden. 1945 lässt USPräsident Harry Truman
zwei Atombomben über
Japan abwerfen: Über
Hiroshima eine Bombe mit
Uran, über Nagasaki eine
mit Plutonium.
Umwelt & Gesellschaft
Einige Tonnen
des Plutoniums,
das in Sellafield
lagert, stammen
aus Deutschland.
Ein Teil davon
muss zurück – als
Brennstoff für
Atomkraftwerke.
Leichtwasser-Reaktor
Der Begriff fasst die weitverbreiteten Druckwasserund Siedewasser-Reaktoren
zusammen. Sie werden
mit leichtem, also normalem Wasser gekühlt.
Schwerwasser-Reaktoren
funktionieren mit angereichertem Wasser. Im Brutreaktor wiederum kühlt
flüssiges Metall wie etwa
Natrium die Brennstäbe.
Großbritannien schließlich
betreibt ausschließlich gasgekühlte Reaktoren.
B=(,7:LVVHQBB
bereitungsanlage in La Hague. In Sellafield stehen
Gewerbehallen, Schornsteine, Bürokomplexe, Kühltürme und Reaktorkuppeln inmitten von grünen
Hügeln. Da gibt es die beiden alten Plutoniumreaktoren, die früher Munition für das britische Atombombenprogramm produzierten. Sie stammen aus
den fünfziger Jahren, als Sellafield noch Windscale
hieß. Ein Brand im Jahr 1957 löste dort eine der ersten
schweren Katastrophen des Nuklearzeitalters aus.
Hier steht auch die Wiederaufbereitungsanlage
Thorp, wo abgebrannter Kernbrennstoff aus Atomkraftwerken in Salpetersäure aufgelöst wird, um
daraus Plutonium und Uran wiederzugewinnen. In
den Jahren 2004 und 2005 liefen durch ein Leck im
Rohrsystem unbemerkt 83 000 Liter radioaktive
Flüssigkeit mit 160 Kilogramm Plutonium in ein
Becken. Die Brühe wurde abgepumpt, der Betreiber
musste 500 000 Pfund Strafe zahlen.
Und schließlich gibt es die Fertigungsanlage für
Mischoxid-Brennstoff, kurz: Mox, in der Plutonium
und Uran zu neuen Brennelementen verarbeitet
werden. Wegen technischer Schwierigkeiten produzierte die Anlage bislang nur einen Bruchteil der
angekündigten 120 Tonnen Mox pro Jahr.
Ursprünglich war der Mox-Brennstoff für den
Betrieb der Schnellen Brüter gedacht. Weil diese jedoch nie gebaut wurden oder vor Inbetriebnahme als
Ruinen endeten, war bald eine andere Lösung im Gespräch: das Verbrennen in Leichtwasser-Reaktoren.
Allerdings können die britischen Atomkraftwerke
den Mox-Brennstoff nicht selbst verbrauchen, weil
sie mit Gas gekühlt werden. Die AKWs, die man mit
Mox-Brennstoff betreiben kann, stehen in Frankreich – und in Deutschland.
Tatsächlich stammen bis zu sieben Tonnen des
Sellafield-Plutoniums aus dem Recycling deutscher
Brennelemente. Die deutschen AKW-Betreiber
waren ursprünglich vertraglich verpflichtet, Sellafield
die entsprechende Menge an Mox-Brennstäben
abzunehmen. Im September und November wurden
16 davon ins AKW Grohnde geliefert, begleitet von
Protesten. Mox-Brennelemente seien unter anderem
wegen der aufwendigen Handhabung etwa 30 Prozent teurer als Brennelemente aus reinem Uran,
teilt Grohnde-Betreiber E.on mit. Trotzdem muss
Deutschland Dutzende Mox-Brennelemente abnehmen. Wie konnte es nur so weit kommen?
Der Schnelle Brüter in Kalkar, die Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf und die Mox-Kernbrennstoff-Fabrik in Hanau kosteten Milliarden,
ohne jemals in Betrieb zu gehen. Doch seit Mitte der
siebziger Jahre war die Wiederaufbereitung vorgeschrieben. Sie lieferte den AKW-Betreibern den
Nachweis der »schadlosen Verwertung« – und entschärfte so den Konflikt um das Endlager Gorleben.
Deshalb schickten die deutschen Betreiber weiter
ihren abgebrannten Kernbrennstoff zur Wiederaufbereitung nach Frankreich und Großbritannien,
obwohl in Deutschland niemand mehr an ein Atommüll-Recycling im Schnellen Brüter glaubte.
Erst 2005 gab die Bundesregierung den offiziellen Ausstieg aus der Wiederaufbereitung bekannt. Das
Plutonium aus den Altverträgen muss Deutschland
dennoch zurücknehmen. In Frankreich, Großbritannien und Belgien laufen noch Aufträge über
244 Mox-Brennelemente. Sie alle müssen irgendwie
angeliefert und verbraucht werden, bevor der letzte
deutsche Meiler heruntergefahren wird.
D
ie Kleinstadt Harwell, 25 Kilometer
südlich von Oxford und damit weit
entfernt von Sellafield, ist Sitz der
Nuclear Decommissioning Authority (NDA), der für nukleare Entsorgungsfragen zuständigen Behörde.
Adrian Simper ist hier als strategischer Leiter verantwortlich für Sellafield. Dass die britische Strategie der
Wiederaufbereitung in der Sackgasse steckt, ist spätestens seit dem Atomunglück von Fukushima offensichtlich, wo es zur Kernschmelze von Mox-Elementen kam. Im August 2011 gab Großbritannien die
Schließung der Sellafield-Mox-Fabrik bekannt, weil
die Anlage von technischen Dauerproblemen geplagt
war und mit Japan obendrein ihren letzten großen
Auslandskunden verloren hatte.
»Ja, wir sitzen auf riesigen Plutoniumbeständen
und haben jetzt keine Kernbrennstoff-Fabrik mehr«,
gibt Simper zu. »Es ist Zeit, zu überlegen, was wir mit
unserem Plutonium anfangen. Zunächst einmal
müssen wir dafür sorgen, dass es für viele Jahrzehnte
sicher gelagert wird.« Doch wie schützt man 112
Tonnen Plutonium vor Flugzeugabstürzen, Erdbeben, Überschwemmungen, Stromausfällen, Terroranschlägen? Simper schüttelt lächelnd den Kopf:
Die Informationen über die technischen Sicherheitsstandards der Lagerstätte sind geheim.
Würde man das Plutonium als Müll deklarieren,
erklärt Simper, müsste man eine schlüssige Entsorgungsstrategie vorweisen. »Unsere Regierung hat
sich kürzlich dafür ausgesprochen, Forschung und
Entwicklung weiterzuführen, um den Energiegehalt
des Plutoniums zu nutzen. Voraussichtlich wird das
Plutonium in Leichtwasser-Reaktoren eingesetzt
werden, deren Bau Großbritannien in den kommenden Jahren plant.« Dafür wäre dann aber auch der
Bau einer neuen Mox-Anlage nötig.
Für einen Teil des Plutoniums aus deutschen
Beständen gibt es eine neue Regelung: Vier der sieben
Tonnen hat jetzt die NDA in ihren Besitz genommen. Und die vereinbarte Produktion weiterer MoxKernbrennstäbe soll künftig der französische Nuklearkonzern Areva übernehmen. »So vermeiden wir teure
Die Utopie vom Plutoniumkreislauf
Plutonium
20 %
80 %
Die Mox-Fabrik
stellt Brennelemente
aus Plutonium und
Uran-238 her.
Uran
Der Schnelle Brüter erzeugt Strom
aus Brennelementen, die Plutonium
und Uran enthalten ( ). Außerdem
kann er das Uran in den Brutelementen ( ) in Plutonium umwandeln.
Die Wiederaufbereitung
löst chemisch Plutonium,
Uran-238 und hochradioaktive Stoffe aus den Brennund Brutelementen.
Infografik Ela Strickert
Atomtransporte, und Großbritannien bekommt die
Kosten für das Management des Plutoniums erstattet«, sagt Simper. »Aus Sicht der britischen Steuerzahler ist es also ein guter Deal und auch für unsere
deutschen Kunden von Vorteil.«
Die Wiederaufbereitung, die Großbritannien
einst mit Blick auf den Schnellen Brüter im großen
Stil begann, hat dem Land ein gewaltiges Sicherheitsproblem beschert. Reines Plutonium, das nach der
Wiederaufbereitung nicht mehr von dem stark strahlenden Mantel aus Atommüll umgeben ist, ist ein
Waffenstoff. Obwohl es extrem gefährlich ist, kann
man seine radioaktive Strahlung leicht abschirmen;
es ist ein sogenannter Alphastrahler. Sollten sich je
Handlanger von Terroristen oder Diktatoren Zugang
zu einer Lagerstätte verschaffen, könnten sie es ziemlich einfach heraustragen.
Für die Endlagerung ist reines Plutonium daher
nicht geeignet. Die paradoxe Lösung dieses Problems: Bevor man das mühsam separierte Plutonium
in einer Matrix aus Glas oder Keramik endlagerfähig
macht, müsste man es wieder mit anderem Atommüll
vermischen, der Gammastrahlung abgibt. Das würde
den Diebstahl erheblich erschweren. Doch solange
ein Fünkchen Hoffnung auf ein Plutoniumrecycling
besteht, lässt sich die Suche nach einem Endlager in
die ferne Zukunft verschieben, und das Plutonium
bleibt in Sellafield zwischengelagert.
A
m 20. Dezember 1951 flackerten in
der Halbwüste des Bundesstaates
Idaho im Mittleren Westen der USA
vier Glühbirnen auf. Der Strom, der
sie zum Leuchten brachte, wurde erzeugt vom ersten Atomkraftwerk der
Welt. Der Meiler war ein Reaktortyp, der später als
Schneller Brüter berühmt werden sollte. Damals in
B=(,7:LVVHQBB
Atommüll
(z. B. Cäsium)
Idaho schien die Vision vom geschlossenen Brennstoffkreislauf für einen Moment zum Greifen nah.
Schnurgerade zieht sich die Straße durch die
grasbewachsene Ebene. Das Betriebsgelände des
staatlichen Forschungszentrums Idaho National
Laboratory (INL) umfasst 2300 Quadratkilometer
Wüstenlandschaft. Insgesamt 52 Testreaktoren gab es
hier. Die meisten sind zu Industrieruinen geworden.
»Where peaceful power was born« steht auf einer
riesigen Schrifttafel über dem Eingang zu dem Reaktorgebäude, das heute ein Wissenschaftsmuseum ist.
Ein mit Plexiglas abgeschirmtes Loch im Boden gibt
den Blick nach unten frei – mitten in den Reaktorkern hinein. »Das Kühlmittel Natrium wurde von der
Hitze hier im Reaktorkern auf fast 320 Grad Celsius
erwärmt: 1300 Liter pro Minute, und das durch
Kernbrennstoff, der lediglich die Größe eines Fußballs hatte«, schwärmt Don Miley, der im INL für
die historischen Führungen zuständig ist. »Das nenne
ich Energiedichte!«
Im Jahr 1953 gelang den hiesigen Forschern der
Nachweis für den bis dahin nur theoretisch vorhergesagten »Brutprozess«: Im Schnellen Brüter wird die
nukleare Kettenreaktion mithilfe von schnellen
Neutronen am Laufen gehalten und nicht mit abgebremsten, wie im Standardmeiler. Daher dient
Natrium als Kühlmittel, denn anders als Wasser
bremst es die Neutronen kaum ab. Der Schnelle
Brüter kann mit dem Plutonium gefüttert werden,
das er während des Spaltprozesses selbst erzeugt hat.
Man müsste also nur das Plutonium aus dem abgebrannten Kernbrennstoff herausisolieren und als
Mox-Brennstoff von Neuem im Reaktor einsetzen,
und schon hätte man den Atommüll reduziert und
Rohstoff gewonnen. Das war jedenfalls die Idee.
Doch dann wurden immer neue Uranvorkommen entdeckt. Warum sollte man also aufwendig
Das Endlager
wird seit Jahrzehnten
vergeblich gesucht.
Uranvorkommen
Anders als Plutonium
ist Uran ein in der Natur
häufig vorkommendes,
schwachradioaktives
Metall. Das wichtigste
Abbaugebiet befindet sich
in Südaustralien. Große
Uranreserven gibt es auch
in Kanada, Kasachstan
und Russland. Die DDR
war früher der drittgrößte
Produzent weltweit. Heute
wird in Deutschland kein
Uran mehr abgebaut.
Umwelt & Gesellschaft
Im russischen
Obninsk setzt
man jetzt auf
Atomkraftwerke
mit schnellen
Neutronen. »Die
Welt braucht
Plutonium«, sagt
ein Sprecher.
Plutonium aus wiederaufbereitetem Atommüll
herausziehen, wenn der Standard-Kernbrennstoff
auf dem Weltmarkt günstig zu haben war?
Hinzu kamen Sicherheitsbedenken. Im Schnellen Brüter, warnten Kritiker, könne die nukleare
Kettenreaktion wegen des hochkonzentrierten Plutoniums schnell aus dem Ruder laufen. Aufwendige
Sicherheitsvorrichtungen machten die Reaktoren
immer teurer. Fast alle Schnellen Brüter, die später
weltweit ans Netz gingen, produzierten statt Strom
vor allem Störfälle und Skandale.
In den USA wurde das endgültige Ende der
Brüter-Programme von einer Plutoniumdetonation
ausgelöst: Am 18. Mai 1974 führte Indien seinen
ersten erfolgreichen Atomwaffentest durch. USPräsident Jimmy Carter fürchtete jetzt, die Plutoniumwirtschaft könne unberechenbaren Regimen
auf legalem Handelsweg Atombombenmunition in
die Hände spielen. Der Traum vom geschlossenen
Brennstoffkreislauf wurde zum Albtraum.
Heute wird in der staatlichen Nuklearanlage
Savannah River in South Carolina erstmals seit
Jimmy Carter wieder eine Fabrik für Mox-Kernbrennstoff gebaut. Denn im Jahr 2010 beschlossen
die USA und Russland die gemeinsame Abrüstung
von je 34 Tonnen Waffenplutonium. Von 2018 an
soll das Plutonium als Kernbrennstoff verwendet
und somit für Waffen untauglich gemacht werden
– allerdings nicht in einem Schnellen Brüter, sondern
in den amerikanischen Leichtwasser-AKWs.
Im Januar dieses Jahres veröffentlichte eine von
US-Präsident Barack Obama einberufene Expertenkommission namens Blue Ribbon Richtlinien zum
künftigen Umgang mit der strahlenden Altlast von
70 000 Tonnen abgebranntem US-Kernbrennstoff.
Ein Endlager sei unverzichtbar, heißt es in der Expertise. Schnelle Reaktoren (sie funktionieren wie
Schnelle Brüter, haben aber keine Brutelemente)
seien nach wie vor technisch unausgereift. Sie böten
kurzfristig keine Perspektive für die Atommüll-Entsorgung. Die Wiederaufbereitung gilt in den USA
und Europa längst als Schildbürgerstreich. In Russland, China und Indien aber träumt die Wissenschaft
bis heute vom geschlossenen Brennstoffkreislauf.
D
ort, wo es sonst nichts gibt als
Birkenwälder, Datschen und russisch-orthodoxe Klöster, 110 Kilometer südwestlich von Moskau,
liegt das Städtchen Obninsk: breite
Alleen, repräsentative Gebäudefassaden – sowie Nuklearlaboratorien und Kernforschungsinstitute in jeder Straße. Zwischen
Blumenrabatten streben Männer und Frauen mit
Laptoptaschen in Richtung der Institute. Eine Stadt
im Aufbruch. Die Krisenstimmung der neunziger
B=(,7:LVVHQBB
Jahre: verflogen. Der Exodus unterbezahlter Wissenschaftler ins Ausland: Vergangenheit. Der Überlebenskampf der Institute: gewonnen.
Am Stadtrand erstreckt sich das weitläufige
Gelände des renommierten Physikalisch-Energetischen Instituts (IPPE). Der einzige SchnelleNeutronen-Reaktor der Welt, der seit über 30 Jahren
weitgehend skandalfrei mit voller Leistung Strom
produziert, stammt aus dem Hause IPPE. Er steht
am Ural und gehört zum Atomkraftwerk Belojarsk.
Der Vorzeigereaktor läuft allerdings mit Uran.
Heute nutzt Russland vor allem DruckwasserReaktoren aus eigener Produktion. Doch schon in
wenigen Monaten will es den ersten Prototyp einer
neuen Generation Schneller Reaktoren ans Netz
bringen. Der soll, Folge des Abrüstungsabkommens
mit den USA, 34 Tonnen Waffenplutonium verbrennen. Die Plutoniumkonzentration des MoxBrennstoffs soll hier fast fünfmal so hoch sein wie
beispielsweise in Deutschland. Einer der gefährlichsten Stoffe der Welt in einem der störanfälligsten
Reaktortypen der Welt – unter dem politischen Unbedenklichkeitssiegel der Abrüstung ist das möglich.
Unbefugten ist der Zutritt zum Institutsgelände
verwehrt. Man kann den IPPE-Sprecher Wladimir
Kagramanjan nur in einem nahe gelegenen Café treffen. Er referiert über den wachsenden globalen Energiebedarf und über Rohstoffreserven, die zur Neige
gehen, und erinnert an überfüllte Zwischenlager und
Endlagerstandorte, die wieder aufgegeben wurden.
»China, Indien und die Schwellenländer entwickeln
sich rasant, sie brauchen Energie«, sagt er. »Die Welt
braucht Plutonium! Dank Indien und China wird
sich die Energiewirtschaft in Richtung Schnelle Reaktoren bewegen. Und Russland ist heute das einzige
Land, das diese Technologie beherrscht.«
26 neue Atomreaktoren will Russland in den
kommenden Jahren bauen. Ein Teil davon sollen
Schnelle-Neutronen-Reaktoren sein, die Mox-Kernbrennstoff mit einer hohen Beimischung von
Plutonium nutzen. Davon profitiert auch das Institut
für Atomenergie in Obninsk. Es ist Russlands renommierteste Kerntechnik-Kaderschmiede, hier büffeln
über 4000 Studenten Atomphysik, Reaktortechnik
und Radiologie. Danil Popowitsch etwa will sich auf
die Forschung und Entwicklung der neuen Schnellen
Brüter spezialisieren. Die Sicherheitsbedenken, die
Störfälle der Vergangenheit und die Befürchtungen,
dass dieser Reaktortyp Diktatoren und Terroristen
Bombenmaterial in die Hände spielen könnte: Das
alles quittiert der Student mit einem Schulterzucken.
»Angst behindert nur die Arbeit. Es gibt keine
Gefahr, es gibt nur Bereiche, die eine höhere Verantwortung verlangen«, sagt der angehende Nuklearingenieur. »Neue Technologien muss man souverän
angehen. Dann wird alles gut.« ——
Umwelt & Gesellschaft
text Max Rauner
infogr afik Golden Section Graphics / Jim Dick
einfach mehr verstehen
Neue Stromkabel
Die Energiewende
der streit um die Öko-Energie nimmt kein Ende. Hat
Erdkabel fallen weniger auf als
Freileitungen, sind aber zwei- bis
zehnmal so teuer und nicht
umweltschonender. Freileitungen
stoßen auf Protest, der den Bau
verzögert. Trotzdem: Bürgerbeteiligung und mehr Transparenz
beim Planen müssen sein.
Deutschland sich mit seinen ehrgeizigen Zielen übernommen?
ZEIT Wissen zeigt, wo es hakt – und wie es weitergehen muss.
Energiespeicher
Pumpspeicherkraftwerke gleichen kurzzeitige Schwankungen erneuerbarer Energien
aus (< 1 Stunde). Über ein Unterseekabel
soll Deutschland von 2018 an norwegische
Pumpspeicher anzapfen können. Doch das
reicht nicht. Eine Alternative zu Speichern:
Energieeffizienz-Maßnahmen fördern.
B=(,7:LVVHQBB
Strom zu Gas
Das Gasnetz kann Biogas aufnehmen, aber
auch Ökostrom speichern, indem Wasserstoff oder Methan durch Elektrolyse hergestellt
werden (»Power to Gas«). Wie viel Wasserstoff Gasleitungen und Gaskraftwerke vertragen, müssen Ingenieure dringend klären.
Ökostrom-Förderung
Die Vergütung von Solarstrom wird nun dreimonatlich angepasst, um Überförderung zu
vermeiden. Der Zubau von Solaranlagen und
Windrädern muss aber stärker an den Ausbau
des Stromnetzes gekoppelt werden.
Off shore-Windkraft
28 Windparks in Nord- und Ostsee sind genehmigt, doch erst
zwei sind in Betrieb. Schuld ist
vor allem der Streit um die Haftung, wenn etwas schiefgeht.
Über eine Milliarde Euro kostet
ein Windpark mit Anschluss.
Eine Lösung: Der Bund haftet –
und wird an den Erlösen beteiligt.
Die Lobbyisten
Neustart für die Strombörse
Der Stromhandel braucht Regeln, um erneuerbare Energien besser zu integrieren: Regional
unterschiedliche Strompreise könnten Engpässen vorbeugen; der Handel im Vierstundentakt statt am Vortag würde Windprognosen
besser berücksichtigen. Dann fehlt nur noch
ein Anreiz, Kraftwerke auf Stand-by zu halten.
B=(,7:LVVHQBB
Energieminister /-in gesucht
Für die verschiedenen Teilbereiche des Energiesystems sind ein halbes Dutzend Ministerien zuständig, die sich mitunter gegenseitig
ausbremsen. Nach der Bundestagswahl 2013
sollte man die Abteilungen in einem Energieministerium bündeln. Das könnte zudem ein
europäisches Energiekonzept vorantreiben.
Atomlobby war gestern, jetzt
sind die Lobbyisten für Kohle,
Gas, Stromnetze und erneuerbare
Energien am Zug. Leider hat
das Energiesparen keine Lobby.
Der Sozialwissenschaftler Harald
Welzer sieht hier eine Aufgabe
für Genossenschaften: Wer Autos,
Werkzeuge und Maschinen
gemeinsam nutzt, konsumiert
weniger – und spart Energie.
Umwelt & Gesellschaft
text Ulrike Meyer-Timpe
ZEIT Wissen Preis — Mut zur Nachhaltigkeit
Handeln
statt
klagen!
rei
Die d r ten
nie
Nomi
K a te g o
r ie
ln
H a nd e
Der neue ZEIT Wissen-Preis Mut zur
Nachhaltigkeit zeichnet verantwortungsbewusste Unternehmen und Initiativen aus.
Nun stehen die Nominierten fest.
B=(,7:LVVHQBB
Foto Kathrin Spirk
D
en Zustand der Welt zu beklagen ist das eine.
Etwas zu tun, um sie nachhaltig zu verändern,
etwas ganz anderes. In der Kategorie »Handeln«
hat die Jury drei Nominierte ausgewählt, die auf
ganz unterschiedlichen Gebieten aktiv geworden
sind. Heini Staudinger widersetzt sich mit seinen
Waldviertler-Schuhen den Zwängen der Globalisierung. »Man
darf nur so viel Holz schlagen, wie nachwächst«, lautet seine
Maxime von wirtschaftlicher Nachhaltigkeit, die den Menschen in
einer der ärmsten Regionen Österreichs langfristig Arbeitsplätze
bietet. Jakob Bilabel hat dem hohen CO₂-Ausstoß der Musikbranche den Kampf angesagt und dafür die Green Music Initiative
ins Leben gerufen. »Mit Nachhaltigkeit verbinden viele nur
Askese«, sagt er. »Wir zeigen, dass eine klimaverträgliche Welt
Spaß macht.« Und das Konzept des Netzwerks Solidarische Landwirtschaft stellt unser Leben auf ein völlig neues Fundament,
indem es die fatale Verbindung zwischen Essen und Profit
kappt – und so für eine gesunde, natur- und klimaschonende Ernährung sorgt. Netzwerker Wolfgang Stränz: »Statt einfach Altes
zu bewahren, müssen wir nach ganz neuen Wegen suchen.« ——
green music initiative
Klimaschutz mit Musik
Vier Jahre ist es her, dass
Jakob Bilabel mit Freunden aus der Musikbranche
beisammensaß. »Die Band,
die ich jetzt manage,
will klimafreundlich touren – aber wie geht das?«,
fragte einer von ihnen.
Das Einzige, was Bilabel
einfiel: »Frag doch bei
Greenpeace nach.« Doch
auch die Umweltorganisation wusste keinen Rat.
Bilabel, früher selbst im
Management von Universal
Music, ist Gründer des
»Think-do-Tanks« thema
1, der nach innovativen
Wegen zur CO₂-Minderung sucht. Das Treffen
mit den ehemaligen Kollegen gab den Anstoß, die
Green Music Initiative zu
starten: eine Plattform für
Ideen, wie die energieintensive Musikbranche klimaverträglicher werden kann.
Damals war eine Studie
der Oxford University zu
dem Ergebnis gekommen,
dass besonders die Anreise
Zehntausender Fans zu
Festivals und Großkonzerten eine Belastung für die
Umwelt darstellt. Gemeinsam mit Forschern von
der Universität Chemnitz
und der Fachhochschule
Potsdam startete Green
Music eine Befragung von
Festivalbesuchern und
stellte fest: Die klassischen
B=(,7:LVVHQBB
Antworten aus dem
Mobilitätsmanagement
funktionieren hier nicht.
Einerseits kommen die
Fans nicht allein, sondern
oft zu dritt oder viert
im Auto angereist. Andererseits sind öffentliche
Verkehrsmittel keine
Alternative, weil Festivals
meist fernab auf der
grünen Wiese stattfinden.
Das Melt!-Festival in
Sachsen-Anhalt wurde zum
Pilotprojekt. Jetzt fährt ein
Zug mit Party-Waggon
und abschließbaren Schlafwagenabteilen von Köln
bis auf das Ex-Industriegelände, wo er drei Tage lang
zum Übernachten dient.
Für andere Festivals, auf
deren Gelände keine Bahngleise liegen, hat Green
Music eine Social-MediaPlattform entwickelt.
Über Facebook und andere
Kanäle können Fans nun
diejenigen suchen, mit denen sie gern schon auf der
Hinfahrt feiern möchten.
Wenn genügend Passagiere
beisammen sind, wird automatisch ein Bus gebucht.
Falls Green Music den
mit 10 000 Euro dotierten
Nachhaltigkeitspreis gewinnt, will Bilabel Workshops für Musikveranstalter
aus Osteuropa organisieren
– dort sei man an Green
Music sehr interessiert.
Umwelt & Gesellschaft
solidarische landwirtschaft
»Bei uns verlieren die
Lebensmittel ihren
Preis – und gewinnen so
ihren Wert zurück.«
Wolfgang Stränz, Netzwerk Solidarische Landwirtschaft
Der Gemeinschaftsbauer
Ein Bauernhof? Da gibt
es Kornfelder und den
Kartoffelacker, auf den
Weiden grasen die Kühe,
und im Hof tummeln
sich Hühner und Enten.
Produziert werden gesunde
Lebensmittel. Ein allzu
romantisches Bild?
Längst ist die Landwirtschaft zur Industrie geworden. Wer als Bauer Geld
verdienen will, muss sich
spezialisieren: auf Rapsanbau für Biosprit, auf Massenzucht von Schweinen,
auf Eierproduktion in
Legebatterien. Kein Wunder, dass sich kaum noch
Nachwuchs findet. »Wir
brauchen einen Paradigmenwechsel in der Landwirtschaft«, sagt Wolfgang
Stränz. Das 2010 gegründete Netzwerk Solidarische
Landwirtschaft, dessen
Kassenwart er ist, verfolgt
ein radikal neues Konzept.
Das Prinzip: Wer sich
gesunde Lebensmittel und
eine nachhaltige Landwirtschaft wünscht, muss den
Bauern vom Druck befreien, möglichst billig möglichst viel zu produzieren.
Es begann auf dem Buschberghof nahe Hamburg.
Als der Bauer in Rente
ging, übernahm ein Verein
den Hof und stellte einen
jungen Landwirt an. Jedes
Jahr kalkuliert dieser seine
Betriebskosten. Die Mitglieder des Vereins bringen
das Geld auf und erhalten
dafür kostenlos alles, was
der Hof produziert. »Die
Lebensmittel verlieren
so ihren Preis und bekommen ihren Wert zurück«,
sagt Stränz.
Auf dem Buschberghof
beträgt das Budget jetzt
360 000 Euro pro Jahr;
davon kann man rund 300
Menschen ernähren. Im
Schnitt zahlt jeder rund
100 Euro im Monat und
erhält dafür alles, was
er braucht: Brot, Käse und
fünfzig Sorten Gemüse,
Obst, Eier, Milch von
glücklichen Kühen und
Biofleisch von Angler Sattelschweinen. Die meisten
Mitglieder leben in Hamburg und Umgebung.
Dort können sie sich in
Depots mit den Erzeugnissen des Hofs bedienen.
In Deutschland ist die
Zahl solcher Freihöfe in
den vergangenen fünf
Jahren von 8 auf 27 gestiegen; in Frankreich, wo
Stränz vor zehn Jahren das
Konzept vorstellte, gibt es
bereits 2000. Das Preisgeld
würde Stränz gern verwenden, um für das Konzept zu werben – und viele
Nachahmer zu finden.
»Wissen« und »Handeln«
lauten die Kategorien des
ZEIT Wissen-Preises Mut
zur Nachhaltigkeit. Preisträger können Bildungsund Forschungsinitiativen
sein, die sich mit Nachhaltigkeit beschäftigen,
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genauso wie Firmen, die
unseren Alltag nachhaltiger
gestalten. Verliehen wird
der Preis im Rahmen eines
Kongresses am 21. Februar
2013. Mehr Informationen unter: www.zeit.de /
mut-zur-nachhaltigkeit.
Foto Kathrin Spirk
Der Preis
waldviertler
Foto Paul Kranzler
Schuhe, die Identität stiften
Vor gut zwanzig Jahren
nahm Heini Staudinger ein
Geschenk an, das andere
energisch abgelehnt hätten:
Zum Nulltarif wurde er
Miteigentümer in einer
Schuhmanufaktur, weil er
mit seinem Schuhgeschäft
deren Hauptkunde war.
Die Werkstatt war sieben
Jahre zuvor gegründet
worden, um Arbeitsplätze
für problembeladene
Menschen zu schaffen.
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Inzwischen war sie hoch
verschuldet. Als auch noch
der Geschäftsführer ging,
machte sich Staudinger
auf ins Waldviertel, Österreichs Armenhaus nahe der
tschechischen Grenze. Er
bezog einen »garagenähnlichen Raum« in Schrems
und übernahm die Leitung
der Schuhmanufaktur.
Zwölf Mitarbeiter hatte
er 1994, heute sind
es 130 – ein Phänomen
angesichts der Konkurrenz
aus Asien. »Die Region war
vom Niedergang gekennzeichnet, hier herrschte
eine recht depressive Stimmung«, erzählt Staudinger.
»Jetzt bilden wir das Gegengewicht: Wir stellen ein
identitätsstiftendes Produkt her – und sind ein
Signal der Hoffnung und
des Stolzes.« Die hochwertigen und hochpreisigen Schuhe signalisierten:
»Waldviertler sind stark,
mit ihnen kommst du weiter.« Sie tragen den Namen
der einst als rückständig
geltenden Region in die
Metropolen. Und locken
Besucher an, die gern die
Werkstätten besichtigen
und zu Seminaren ins
Tagungshaus kommen. Inzwischen stellt Staudinger
auch ökologisch unbedenkliche Betten her. Verkauft werden die Produkte
in den Läden seiner Kette
GEA, von denen es jetzt
auch zwölf in Deutschland
gibt. Zwischen 1000 und
2000 Euro zahlt er seinen
Leuten, er selbst komme
mit noch viel weniger aus,
sagt Staudinger. Das Preisgeld würde er für Projekte
in Afrika spenden und davon außerdem alleinerziehenden Müttern in Österreich einen Urlaub mit
ihren Kindern spendieren.
DOSSIER
nachhaltige kleidung
zeit
wissen
s 98 bis s 106
Unsere
zweite Haut
Schön, wenn die Bluse nur zehn euro kostet. Nicht gut,
wenn dafür die Umwelt leidet und Arbeiter ausgebeutet werden. Es gibt
Alternativen. Höchste Zeit, denn Baumwolle wird knapp.
102 Neue Stoffe – Milch
und Bananenfasern
werden zu Textilien.
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103 Spinnenseide – was
die Zauberfäden der
Natur leisten können.
104 Gütesiegel – was uns
die Ökolabels über
Kleidung verraten.
106 Hightech-Stoffe –
das Geschäft mit den
Funktionstextilien.
text Susanne Schäfer
B
illustr ation Lisa Schweizer
eutestück Nummer zwei ist roséfarben
und glänzt. Die junge Frau hält das
Kleid in die Kamera, dreht und wendet
es, Metallic-Optik sei das und habe
5,99 Euro gekostet. Ein Hammerpreis,
sagt Funnypilgrim, wie sie sich auf
YouTube nennt. Die weiteren Eroberungen der
Shoppingtour: noch ein Kleid, ein Pulli, fünf Hosen, ein Oberteil, eine Strickjacke und ein Gürtel.
Willkommen im Polyester-Paradies.
»Haul Video« nennt sich das, was derzeit ModeMädchen von den USA bis Deutschland ins Netz
stellen – Dokumente ihrer Shoppingbeutezüge. Sie
filmen sich selbst dabei, wie sie Kleidungsstücke vorführen, die sie gerade gekauft haben. Dabei sitzen sie
in ihren Jungmädchenzimmern, pinkfarbene Wände
und Schminktischchen gehören oft zur Kulisse. Vielen
von ihnen sehen um die 100 000 Menschen zu.
Die Konsumenten, die Polyesterkleidchen für
5,99 Euro und ebenso billige Baumwoll-T-Shirts
kaufen, sind Teil des Systems Fast Fashion. Viele
tragen ihre Kleider nur ein paar Mal, dann muss
etwas Neues her – weil die Mode sich geändert hat
oder die Teile schlicht kaputt sind. Modeketten produzieren Kleidung in immer kürzerer Zeit und bringen ständig neue Stücke in die Läden. Die Billigproduktion und der schnelle Modezyklus gehen
zulasten von Arbeitern, Umwelt, Klima und der Gesundheit derjenigen, die die Kleider am Ende tragen.
Das könnte sich bald jedoch ändern: Baumwolle
wird in den kommenden Jahren voraussichtlich
knapper, und auch Erdöl – die Basis von Polyester –
ist bekanntlich nicht unbegrenzt verfügbar. Deshalb
setzen viele Anbieter auf Fasern aus nachwachsenden
Rohstoffen, Viskose etwa wird auf der Basis von Holz
hergestellt. Experten sehen voraus, dass Mode bald
nicht mehr ganz so billig sein wird. »BaumwollT-Shirts, die bei Textil-Discountern immer noch wie
Wegwerfartikel zu Billigstpreisen gehandelt werden,
gehören hoffentlich bald der Vergangenheit an«, sagt
Silvia Jungbauer vom Verband Gesamtmasche, der
einen Teil der deutschen Textilunternehmen vertritt.
Die Produktionsstrecke vom Entwurf bis zum
ausgelieferten Kleidungsstück dauert heute nur
noch wenige Wochen. Neue Kollektionen kommen
nicht mehr wie früher zweimal pro Jahr in die
Läden, es treffen kontinuierlich neue Kleider ein.
So signalisieren die Anbieter den Kunden, dass sie
ständig ihre Garderobe erneuern sollten – und
machen dies möglich, indem ein T-Shirt oft kaum
mehr kostet als ein Kaffee. Wer bei Billiganbietern
wie H & M, Zara oder der gerade expandierenden
irischen Kette Primark kauft, kann bei allen Trends
mitmachen, ohne viel Geld auszugeben. Die Kunden
spielen da gerne mit. Wegwerfen und Neukaufen
wird zum Prinzip.
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»Je mehr Kleidung hergestellt wird, desto größer
wird auch die Belastung für die Umwelt«, sagt
Kirsten Brodde, Textilexpertin von Greenpeace. Bei
der Produktion werden Hunderte verschiedener
Chemikalien eingesetzt – Farbstoffe, Färbebeschleuniger und Bleichmittel, zusätzlich Substanzen, die
dafür sorgen, dass Kleider griffiger werden, weniger knittern, mehr glänzen oder dass Leder nicht
schimmelt. Gerade in Ländern wie China, Indien
und Bangladesch, aus denen ein großer Teil unserer
Textilien kommt, sind gefährliche Stoffe verfügbar.
Greenpeace analysierte das Abwasser chinesischer
Fabriken, die auch deutsche und multinationale
Textilunternehmen beliefern, und fand langlebige
giftige Chemikalien.
Die Menschen, die in solchen Fabriken unsere
Kleidung herstellen, gefährden ihre Gesundheit. Bei
der Sandstrahl-Methode etwa – mit der neue Jeans
behandelt werden, damit sie abgetragen aussehen – atmen die Arbeiter Quarz ein, das die Lunge
angreift. Nach heftiger Kritik verpflichteten sich
H & M und das Jeanslabel Levi Strauss dazu, die
Technik nicht mehr anzuwenden. Insgesamt haben
sich die Sozialstandards jedoch kaum verbessert, obwohl die Zustände in den Fabriken lange bekannt
sind. Die Organisation »Kampagne Saubere Kleidung« kritisiert niedrige Löhne und mangelnde Sicherheit. Bei einem Brand in einer Textilfabrik in
Pakistan, die unter anderem für KiK produzierte,
starben im September mehr als 250 Arbeiter.
Statt zwei
Kollektionen pro
Jahr treffen jetzt
ständig neue
Kleider in den
Läden ein – und
animieren dazu,
die Garderobe
öfter zu erneuern.
A
uch hierzulande sorgt das Prinzip Fast
Fashion für Umweltprobleme – in
Form von Müll. Der durchschnittliche Europäer verbrauche im Jahr
20 Kilogramm Textilien, der Amerikaner sogar 35, schreibt Textil-Experte
Andreas Engelhardt in seinem Buch Schwarzbuch
Baumwolle. Der weltweite Fasermarkt umfasste nach
Angaben der Bremer Baumwollbörse 1990 ein Volumen von 38 Millionen Tonnen, im Jahr 2000 von
knapp 50 Millionen und 2012 sogar von 75 Millionen Tonnen. Etwa die Hälfte dieser Fasern wird für
Kleidung genutzt, schätzt Engelhardt.
Die vielen chemischen Zusätze in Textilien
schaden vor allem den Arbeitern, womöglich aber
auch den Käufern. Einige der Textil-Chemikalien
können Kontaktallergien auslösen, zum Beispiel
Formaldehyd. Damit werden Kleider behandelt,
damit sie weniger knittern und ihre Form behalten.
Zinnorganische Verbindungen, die Kleidung während des Transports vor Pilzbefall schützen, könnten
nach Einschätzung des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) die Fruchtbarkeit einschränken
und das Nervensystem angreifen. Sie sind in der EU
verboten. Andere Substanzen stehen im Verdacht, das
Dossier
Dossier
Nachhaltige Kleidung
Krebsrisiko zu erhöhen, zum Beispiel einige Azofarbstoffe. Nach Angaben des BfR verzichtet die deutsche
Industrie schon lange auf die gefährlichen Mittel, nur
wird ja kaum noch Kleidung in Deutschland hergestellt. »Man muss davon ausgehen, dass in einigen
importierten Textilien, insbesondere aus Nicht-EUStaaten, solche problematischen Farbstoffe enthalten
sein können«, schreibt das BfR.
Die EU hat ein Warnsystem namens Rapex
eingerichtet, um Verbraucher vor gefährlichen Stoffen
zu schützen, die bei den Herstellern in China oder
Indien eingesetzt werden. Das Kürzel steht für Rapid
Exchange of Information System. Wenn in einem
EU-Staat bei Stichproben verbotene Stoffe oder erhöhte Werte einer gefährlichen Substanz auftauchen,
informiert er die anderen EU-Mitglieder. Notfalls
kann man bedenkliche Produkte zurückrufen.
Grund zur Panik besteht aber nicht. Allergien,
die durch den Kontakt mit Kleidung entstanden
sind, kommen selten vor. Nach Informationen des
BfR wurde bei etwa ein bis zwei Prozent der
Allergiepatienten in Kliniken das Leiden durch Kleidung hervorgerufen. Die Gesundheitsgefahr durch
Textilien wächst allerdings, wenn man ständig neue
kauft, weil mögliche Schadstoffe dann noch konzentriert sein können. Nachdem man die Kleider
drei- bis zehnmal gewaschen hat, sind die Rückstände verschwunden– manche Schnäppchenjäger
tragen die Kleidung aber gar nicht länger.
Doch möglicherweise steht eine Ökowende
bei der Textilherstellung bevor. »Die Zeiten billiger Bekleidungstextilien nähern sich dem Ende«,
schreibt Andreas Engelhardt in seinem Schwarzbuch
Baumwolle. Er geht der Frage nach, wie man den
wachsenden Stoffbedarf der Welt möglichst nachhaltig decken kann. Die Anbaufläche ist begrenzt,
ähnlich wie beim Biosprit konkurrieren die Bauern
mit denen, die Nahrungspflanzen anbauen. Baumwolle wird daher knapp. Gute Chancen sieht
Engelhardt da für Stoffe aus Pflanzenfasern, zum
Beispiel aus Holz von Bäumen, die besonders schnell
wachsen. Die brauchen zwar auch Anbaufläche, aber
weniger als Baumwolle.
Zudem wächst, als Gegenbewegung zur Wegwerfmode, das Interesse an nachhaltig produzierter
Kleidung. Die breite Masse kauft zwar, ähnlich wie
bei Lebensmitteln, vor allem billig. Doch eine kleinere Gruppe hat ein Bewusstsein für biologisch und
fair hergestellte Produkte entwickelt. Ökomode ist
oft so verarbeitet, dass sie länger hält als eine Saison.
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Sie gilt in immer weiteren Kreisen als schick, Modestrecken zu Green Fashion in Frauenzeitschriften
sind inzwischen ganz normal.
Bewusst leben, ohne zu verzichten, guter Konsum ist möglich – dieser Gedanke entspricht dem
Lifestyle of Health and Sustainability, kurz Lohas,
der vor ein paar Jahren aufkam. Inzwischen hat sich
herausgestellt, dass es durchaus mit Arbeit verbunden
ist, Produkte zu finden, die das Versprechen erfüllen.
Viele Unternehmen werben mit scheinbar grünen
Produkten, in Wirklichkeit betreiben sie aber nur
Greenwashing – so umweltfreundlich sind ihre Angebote gar nicht. In ihrem Buch Ende der Märchenstunde hat die Autorin Kathrin Hartmann etliche
Beispiele dafür gefunden, auch in der Mode. Eine
gewisse Sicherheit bieten Gütesiegel, die für eine umweltfreundliche Produktion, hohe Sozialstandards
oder ein giftfreies Endprodukt stehen (siehe Seite
104). Allerdings sind erst wenige Kleidungsstücke
mit solchen Labels gekennzeichnet.
Anbauflächen
werden knapp,
Baumwolle wird
teurer – die
Wegwerf-T-Shirts
gehören daher
wohl bald der
Vergangenheit an.
D
ie Alternative zu gutem Konsum
ist weniger Konsum. Bei vielen
entsteht gerade eine neue Lust an
Dingen, die bleiben. Die Anhänger
der Werterhaltung reparieren ihre
Klamotten, statt sie wegzuwerfen.
In den Niederlanden gibt es Repair Cafés – die Veranstalter helfen den Leuten an wechselnden Orten,
ihre kaputte Kleidung oder andere Dinge in Ordnung zu bringen. Auch diejenigen, die ihre Kleider
am Leben halten wollen, nutzen YouTube-Videos –
nicht als Shoppingkanal wie die Modemädchen,
sondern um einander zu zeigen, wie man Reißverschlüsse repariert oder Knöpfe wieder annäht.
Für die Umwelt wäre es das Beste, wenn mehr
neue aus alten Kleidern entstünden. Altkleider gibt es
ja genug, weil so viele Menschen ihre Sachen nur kurz
tragen und schnell wegwerfen. Manche Textilunternehmen verwenden deshalb inzwischen auch recycelte
Fasern, wie Silvia Jungbauer vom Branchenverband
Gesamtmasche sagt. Allerdings bewege sich das bisher
»in den Grenzen des Machbaren«. In der Ökobilanz,
die die Umweltorganisation Made-by errechnet hat,
schneiden recycelte Fasern besonders gut ab. Manche
Hersteller von Sport- und Outdoorkleidung beginnen nun, Jacken und Rucksäcke aus aufbereitetem
Material wie Plastikflaschen anzubieten.
Wie das große Projekt Faser-Recycling schon
jetzt im Kleinen funktioniert und aus Müll Mode
wird, zeigen einige Designer. Die Betreiber des
Ladens Redesign im Hamburger Karoviertel schneidern aus alten Pullis Röcke, aus Jeans enge Westen,
aus den Ärmeln von getragenen Blazern Handytäschchen. Ein kleiner Teil von dem, was das System Fast
Fashion auswirft, lebt so weiter.
Wie unsere Kleidung
der Umwelt schadet
Holz wird mit Zusatzstoffen zu einem Brei aufgelöst und dann durch
eine Art Sieb gepresst.
Wegen der Chemikalien
und des Energieverbrauchs
steht Viskose in der Kritik.
Neuere Verfahren sind
umweltfreundlicher und
brauchen weniger Wasser.
Die Ökobilanz von Wolle
variiert stark, besonders je
nach Art der Weiterverarbeitung. Merinoschafe,
die vor allem in Australien
leben, werden allerdings
häufig unter tierquälerischen Bedingungen gehalten, kritisiert Greenpeace.
Leder enthält oft Chromatrückstände vom
Gerben mit Chromsalz.
Sie können allergische Reaktionen auslösen. Neue
Verfahren, Leder etwa mit
Rhabarberextrakt pflanzlich zu gerben, haben sich
noch nicht durchgesetzt.
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Synthetische Fasern herzustellen verbraucht viel
Energie, aber wenig
Wasser, etwa 200 bis 300
Liter pro Kilogramm. Als
Rohstoff dient Erdöl – das
zur Neige geht. Biokunststoff aus Mais ist eine
Alternative, aber umstritten, weil der Anbau Ackerfläche verbraucht.
Der Baumwollanbau
verbraucht mindestens
7000 Liter Wasser pro
Kilogramm Faser, viel
Ackerfläche und viel
Dünger. Polyester schneidet unter den meisten
Umweltaspekten besser ab.
Biobaumwolle ist besser
als konventionell angebaute, hat aber nur ein
Prozent Anteil am Baumwollmarkt.
Dossier
Die Stoffe der Zukunft
Weil Baumwolle knapp wird, suchen Hersteller nach neuen Materialien
und stellen Kleidung aus milch, Bananenfasern und Eukalyptus her.
Natürliche
Stoff-Lieferanten
Bananen Nach der Ernte
werden die Pflanzen zurückgeschnitten, der
Stamm wird zerkleinert,
in Salzwasser eingeweicht
und gekocht. Aus der
getrockneten Masse lösen
die Arbeiter die Fasern
heraus, die sie reinigen, zu
Garn spinnen und mit
etwas Baumwolle zu einem
Mischgewebe verarbeiten.
Eukalyptus Weil diese
Bäume schnell wachsen,
eignen sie sich besonders
gut als Rohstofflieferant.
Das Holz wird zu einem
Zellulosebrei aufgelöst und
zu Fäden gepresst, aus denen Lyocell entsteht – ein
ähnliches Verfahren wie
bei Viskose, bei dem aber
weniger chemische Hilfsmittel notwendig sind.
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G
latt und kühl fühlt sich das kleine
Gelbe an, ein bisschen wie Seide. Es
hängt zwischen anderen Kleidern an
einer Stange. Ein Zimmer weiter
steht der Rohstofflieferant für den
Stoff – kein Schaf, keine Baumwollpflanze, keine Seidenraupen. Sondern ein Becher
mit Pulver, das aussieht wie Mehl und sich zwischen
den Fingern stumpf anfühlt. Es ist Proteinpulver,
aus Milch gewonnen.
Milchseide ist einer von vielen neuen Stoffen,
die gerade auf den Markt kommen. Baumwolle wird
in den nächsten Jahren voraussichtlich knapper und
damit teurer. Deshalb suchen Textilunternehmen
und Modelabels nach Alternativen. Sie probieren
sich quer durch die Natur: Künftig sollen wir Mais,
Soja und sogar Krabbenschalen am Körper tragen.
Der Ökomode-Hersteller Hessnatur etwa bietet
schon heute einen Schal aus Bananenfasern an, das
italienische Label Loro Piana verarbeitet Fasern burmesischer Lotuspflanzen zu Anzügen.
Aus den Experimenten werden wohl auch Stoffe
entstehen, die den Fasermarkt neu strukturieren
könnten: Der Textilexperte Andreas Engelhardt,
Autor von Schwarzbuch Baumwolle, sieht eine große
Zukunft für Stoffe aus Pflanzenfasern, die neue
Viskose gewissermaßen. Seiner Einschätzung nach
werden auf Zellulose basierende Fasern die stärksten
Zunahmen erleben als Folge künftiger Engpässe bei
Baumwolle. Er beobachtet, dass viele Textilunternehmen jetzt in die Herstellung von Zellulosefasern
investieren. Der österreichische Hersteller Lenzing
etwa vertreibt bereits einen Stoff, der aus dem Holz
von Buchen und Eukalyptus entsteht.
Zwei Entwicklungen befeuern die Suche nach
neuen Materialien. Zum einen steigt die Nachfrage
nach Kleidung, weil die Weltbevölkerung wächst, in
einigen bisher armen Regionen der Wohlstand steigt
und die Modezyklen in den reichen Ländern kürzer
geworden sind. Zum anderen werden Ackerflächen
und Wasser zu begehrten Ressourcen, und gerade
Baumwolle braucht enorm viel davon.
Obwohl die Baumwollproduktion immer noch
steigt, sinkt der Anteil des Rohstoffs am weltweiten
Fasermarkt bereits. 1990 waren weltweit 19 Millionen
Tonnen verfügbar, was einem Anteil von 49 Prozent
entsprach. Im Jahr 2000 gab es zwar 20 Millionen
Tonnen Baumwolle, doch das entsprach lediglich
einem Anteil von rund 40 Prozent, weil der weltweite Markt aller Fasern gewachsen war. Derzeit hat
Baumwolle noch einen Anteil von 31 Prozent.
Der enorme Stoffbedarf weltweit lässt sich immer
weniger durch Baumwolle decken.
Ein Nachfolge-Kandidat ist Polyester. Das
Material werde immer besser darin, Naturfasern
nachzuahmen, und lasse sich besonders günstig herstellen, sagt Elke Hortmeyer von der Bremer Baumwollbörse. Dagegen prognostiziert Silvia Jungbauer
vom Verband Gesamtmasche, der deutsche Textilunternehmen vertritt, dass die Preise für Chemiefasern steigen werden, weil auch Erdöl knapp wird – die
Basis synthetischer Fasern. Außerdem akzeptierten
die Kunden Polyester nicht immer, Unterwäsche und
Nachthemden aus dem Material seien unbeliebt.
Der Verband setzt eher auf Fasern aus Naturstoffen, die nachwachsen. Dabei werden die Pflanzenfasern meist aufgelöst und zu einem Zellulosebrei
verarbeitet, aus dem dann Fäden gepresst werden.
Schon etwa seit 1900 ist dieses Verfahren aus der Herstellung von Viskose bekannt. Hier wird der Brei aus
Holz gewonnen, allerdings braucht man für das Verfahren so viele Zusätze, dass Viskose als Chemiefaser
gilt. Als zweite Generation der Zellulosefasern
bezeichnet der Autor und Textilexperte Engelhardt
das Modal, das meist aus Buchenholz gewonnen
wird. In einem verbesserten Verfahren wurden die
Fasern fester. Nun haben Hersteller zudem einen
Weg gefunden, Holz schonender zu verarbeiten. Der
Zellstoff wird mit ungiftigen Lösungsmitteln und
ohne Natronlauge aufgelöst.
Zur dritten Generation der Zellulosefasern zählt
Lyocell, ein Stoff aus Eukalyptus- oder Buchenholz.
Zwar sind auch dafür Anbauflächen nötig,
die man ebenso für Nahrungspflanzen nutzen könnte – aber weniger als für Baumwolle. Eukalyptusbäume wachsen schnell, der Ertrag pro Fläche ist also gut.
Hans-Peter Fink, Leiter des Fraunhofer Instituts für
Angewandte Polymerforschung in Potsdam, sieht in
Lyocell eine umweltfreundliche Alternative zu Viskose. Flachs, Hanf und Bambus eignen sich ebenfalls
für den Zellulosebrei, und offenbar auch Bananenpflanzen oder Soja, wie neuere Versuche zeigen.
Immer neue Rohstoffe nehmen sich die Erfinder vor.
Viele legen Wert darauf, dass ihr Ausgangsmaterial
üppig vorhanden ist. Garne aus Krabbenschalen entstehen aus Resten, die bei der Lebensmittelverarbeitung anfallen. Für die Sojaseide eignen sich Tofu-Abfälle. Für eine Art Biopolyester nutzen die Hersteller
derzeit noch Mais, den man auch essen könnte,
experimentieren aber schon mit Maisabfällen.
Die Textilunternehmen sind offen für solche
Experimente. Davon profitiert auch Anke Domaske,
die den Stoff aus Milch erfunden hat. Sie hat bereits
viele Anfragen von Unternehmen. Im Moment produziert sie noch im Faserinstitut in Bremen, nächstes
Jahr stellt sie sich ihre eigene Maschine in die Räume,
die sie in Hannover gemietet hat. Dann kann sie
größere Mengen herstellen.
Auf die Suche nach dem neuen Stoff hatte sich
die Mikrobiologin gemacht, als ihr Stiefvater an
Leukämie erkrankte. Sein Körper war so geschwächt,
dass er keine normale Kleidung mehr tragen konnte;
die Haut reagierte zu gereizt auf die Chemikalien, die
bei der Produktion eingesetzt werden. Für ihn wollte
Anke Domaske einen Stoff entwickeln, der so pur
wie möglich war. Sie fand heraus, dass schon in den
dreißiger Jahren Kleidung aus dem Milchprotein
Kasein hergestellt wurde. Damals brauchte man aber
viele chemische Zusatzstoffe bei der Herstellung. Sie
wollte es mit natürlichen Mitteln schaffen, so wie
auch die neue Generation der Zellulosefasern mit
weniger Chemie auskommt.
Domaske kaufte einen Mixer und ein Thermometer, das Hobbyköche zum Einkochen verwenden,
und begann, in der Küche zu experimentieren. Wenn
sie erzählt, wie sie zum ersten Mal einen Faden aus
der Masse herauszog, der nicht riss, klingt sie immer
noch begeistert und staunend.
Die Zutaten liefert die Molkerei. Sie lässt die
Milch sauer werden und schöpft die Proteinmasse ab.
Daraus entsteht das trockene Pulver, das Anke
Domaske in einem Becher auf dem Tisch stehen hat.
Im Faserinstitut Bremen kann sie eine Maschine
nutzen, die aus Kasein, Wasser und ein paar Geheimzutaten eine Masse knetet und Fäden presst.
Die Zusätze sorgen dafür, dass der Stoff haltbar
wird – auch wenn man ihn wäscht, löst er sich nicht
auf. Zum Beweis, dass sie wirklich nur natürliche
Zutaten verwendet, reißt die Erfinderin ein Stück
Faden ab, steckt es in den Mund, kaut – und schluckt.
Die Milch, die Anke Domaske für ihren Stoff
verwendet, ist ungenießbar. Für Rohmilch gelten
strenge Anforderungen, damit sie als Lebensmittel in
den Handel kommen darf, oft erfüllt sie diese nicht.
Jährlich entsorgten die Agrarbetriebe etwa 1,9 Millionen Tonnen davon, sagt Anke Domaske. »Wir
kurbeln also nicht die Milchproduktion an, sondern
verwerten einen Rohstoff, der unvermeidbar anfällt.«
Aus dem Faden lässt sich entweder Milchseide
pur weben, wie bei dem kleinen Gelben, oder ein
Mischgewebe mit Viskose wie bei den anderen Kleidern auf der Stange. Die fühlen sich eher wie Baumwolljersey an, ein schwerer, dehnbarer T-Shirt-Stoff.
Wie viele Chemikalien für die Weiterverarbeitung
verwendet wurden, kann Anke Domaske nicht sagen,
sie verkauft nur die Faser, den Rest machen andere.
Ihr Ziel sei aber, völlig natürliche Kleidung herzustellen, sie experimentiere schon mit Lebensmittelfarbe. Bei der nächsten Präsentation wird sie dann
womöglich ein Kleid anknabbern.
Lotuspflanzen Burmesische Arbeiter brechen die
Pflanzen einzeln auf und
ziehen mit der Hand Fäden
aus dem Stängel heraus,
die wie Spinnenfäden aussehen. Diese spinnen sie
und weben einen Stoff daraus, der an Wildseide
erinnert. Massentauglich ist
das Produkt nicht, sondern
eher etwas für Liebhaber.
Mais Die Firma Nature
Works extrahiert Zuckerstoffe aus Pflanzen wie
Mais und wandelt diese in
das sogenannte Ingeo-Biopolymer um. Daraus lassen sich nicht nur Fasern
formen, sondern auch
Flaschen, Behälter und
Folien, die Plastik ähneln.
Derzeit gibt es T-Shirts
und Socken aus der Faser.
spinnenseide
Die Zauberfäden der Natur
Die unproduktivste
Textilfabrik der Welt hat
rund 80 Angestellte und
steht auf Madagaskar.
Sie gehört einem britischen Textildesigner und
einem amerikanischen
Kleinunternehmer und hat
in acht Jahren nur zwei
Kleidungsstücke hergestellt: einen Umhang und
einen Schal.
Das weltberühmte Victoria
and Albert Museum in
London zeigte die beiden
goldschimmernden Textilien Anfang des Jahres in
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einer Sonderausstellung.
Das Besondere daran:
Der Stoff besteht aus
Spinnenseide, produziert
von mehr als zwei Millionen Seidenspinnen.
Napoleon besaß Kniestrümpfe aus Spinnenseide,
seine erste Frau einen
Schal. Heute fasziniert der
Stoff nicht nur Textildesigner, sondern auch Mediziner. Spinnenfäden sind
sehr reißfest und dehnbar,
außerdem werden sie vom
Organismus gut abgebaut.
Deshalb halten Forscher
an der Medizinischen
Hochschule Hannover
mehrere Dutzend Seidenspinnen, die zweimal pro
Woche an rotierenden
Spindeln ihre Fäden abgeben. In Versuchen mit
Schafen nähten die Mediziner einen Faden aus
Spinnenseide zwischen verletzte Nervenenden im
Hinterbein. Daran entlang
wuchsen die Nervenfasern
wieder zusammen. Bereits
nach zwei Monaten
konnten die Schafe ohne
Schwierigkeiten laufen.
Schon lange träumen
Materialforscher davon,
Spinnenseide industriell
herzustellen. Thomas
Scheibel von der Universität Bayreuth hat E.-coliBakterien gentechnisch so
verändert, dass sie das Seidenprotein der Spinne produzieren. Eine Firma
vermarktet das Produkt.
Einen Faden herzustellen,
wie es die Spinne kann, ist
aber noch nicht gelungen.
Kein Wunder: Das Tier hat
ein paar Millionen Jahre
Vorsprung.
Max Rauner
Milch Die Mikrobiologin
Anke Domaske stellt
Kleiderstoff aus Kasein
her – ein Eiweiß, das in
Milch vorkommt und sich
zu Fasern verarbeiten
lässt. Sie verwendet dazu
nur Milch, die nicht in
den Handel kommt, weil
sie zum Beispiel zu viele
Bakterien enthält.
Dossier
Die wichtigsten Gütesiegel
Auch in der Textilindustrie sorgen unterschiedliche ökolabels
für Verwirrung. Verbraucherschützer haben sie verglichen.
Global Organic Textile Standard
Das Siegel bewertet den gesamten Entstehungsprozess eines Kleidungsstücks
vom Anbau der Rohstoffe bis zum Endprodukt. Mindestens 70 Prozent der Fasern müssen
aus biologischem Anbau stammen. Es ist genau
geregelt, wie sie weiterverarbeitet werden dürfen
und welche Hilfsmittel dabei erlaubt sind. Dadurch
ist nach Einschätzung der Verbraucher Initiative
»gewährleistet, dass eine mögliche Schadstoffbelastung im Endprodukt so gering wie möglich ist«.
Auch soziale Standards für die Bauern und Arbeiter
sind garantiert. Verbraucherschützer empfehlen das
Gütesiegel. Selbst Greenpeace lobt: »Momentan
das anspruchsvollste Label für den Massenmarkt
mit ökologischen Kriterien entlang der gesamten
textilen Kette.«
Hess Natur
Das Versandhaus bewirbt seine
Textilien als frei von Gift und Schadstoffen. Die
Baumwolle stammt nahezu ausschließlich aus eigenen Anbauprojekten, in denen weitreichende Umwelt- und Sozialstandards gelten. Schafwolle kommt
zum großen Teil aus Bio-Tierhaltung. Bei der Verarbeitung werden nur Naturfarbstoffe oder gesundheitlich unbedenkliche synthetische Farbstoffe
verwendet. Umweltschädigende Chemikalien sind
verboten, soziale Standards und fairer Handel werden garantiert. Die Verbraucher Initiative empfiehlt
das Label vor allem wegen der hohen Standards und
unabhängigen Zertifizierungen durch die Fair Wear
Foundation und den Internationalen Verband der
Naturtextilwirtschaft.
Europäisches Umweltzeichen Textilien
Das EU-Siegel kennzeichnet Textilien,
deren Herstellung wenig Energie und
Wasser verbraucht und außerdem die
Luft und das Abwasser wenig belastet. Gesundheitlich bedenkliche Flammhemmstoffe und einige
Farbstoffe sind verboten. Über Sozialstandards sagt
das Label nichts aus. Die Verbraucher Initiative
stuft das Label als »empfehlenswert« ein, Greenpeace
dagegen kritisiert, dass nicht vor Ort geprüft werde,
ob die Kriterien eingehalten werden.
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Waschbär
Kleidung und andere Produkte des
Versandhauses werden bevorzugt aus nachwachsenden Rohstoffen wie Holz und Naturfasern gefertigt
und sollen besonders lange halten. Die Kleider sind
umweltfreundlich hergestellt, jeder einzelne Produktionsschritt kann nachvollzogen werden. Die Verbraucher Initiative vergibt nur das Urteil »eingeschränkt empfehlenswert«, weil die Firma zwar mit
kontrollierter Bio-Qualität werbe, aber gerade bei
Textilien viele Produkte aus konventioneller Herstellung stammten.
Manche Labels
kennzeichnen
fairen Handel,
andere stehen für
umweltschonende
Herstellung oder
wenig Schadstoffe.
Oeko-Tex Standard 100
Das Label zeichnet Produkte wie Kleidung, Bettwäsche und Matratzen aus,
bei denen Grenzwerte für gesundheitsgefährdende
Stoffe wie Formaldehyd oder zinnorganische Verbindungen eingehalten werden. Farbstoffe, die als krebserregend oder allergieauslösend gelten, dürfen nicht
enthalten sein. Die Verbraucher Initiative bescheinigt
dem Siegel, dass die gesundheitlichen Standards über
gesetzliche Vorgaben hinausgehen, bewertet es aber
nur als »eingeschränkt empfehlenswert«. Greenpeace
kritisiert, das Label stelle nur geringe Anforderungen
an die fertigen Produkte. Zudem habe es »keinerlei
Aussagekraft, was den Faseranbau und die Herstellungsbedingungen betrifft«. Zusätzlich gibt es den
Oeko-Tex Standard 1000 für umweltfreundliche Betriebsstätten sowie den Oeko-Tex Standard 100plus
für schadstoffgeprüfte Produkte, deren Bestandteile
umwelt- und sozialverträglich hergestellt wurden. Bei
diesen erweiterten Varianten erkennt Greenpeace
»zumindest geringe Anforderungen an die Textilverarbeitung«, auch die Verbraucher Initiative empfiehlt
den 100plus-Standard.
Cotton made in Africa
Das Projekt gehört zur Aid by Trade Foundation, die der Unternehmer Michael Otto
gründete. Es soll die Lebensverhältnisse
afrikanischer Baumwollbauern und den Umweltschutz in der Baumwollproduktion verbessern.
Greenpeace lobt den sozialen Ansatz und das Verbot
vieler Pestizide im Anbau, Bio-Qualität habe die
Baumwolle aber nicht.
Dossier
Teflon-Couture
Funktionstextilien sind beliebt wie nie. Sie sollen schweiss raus- und
regen nicht reinlassen. Das geht mitunter nur auf Kosten der Umwelt.
A
ls der Bergsteiger Reinhold Messner
in den siebziger Jahren die Berge des
Himalaya in Angriff nahm, gab es
hierzulande noch nicht in jeder Fußgängerzone einen Outdoorladen, und
die Menschen trugen Wolle statt
Wolfskin und Parka statt Patagonia. Messner hatte
damals auf seinen Touren ein Problem: Das Zelt wurde von innen nass, Schweiß und Atemluft kondensierten zu Tröpfchen. Da traf er einen Abgesandten
der amerikanischen Firma Gore, der damals eine
neue Membran in Europa präsentierte. Messner, so
die Legende, ließ sich sofort ein Zelt daraus anfertigen. Der Rest ist Geschichte. Gore-Tex wurde zum
Prototyp der Funktionstextilien.
Heute sind eine Vielzahl von synthetischen
Stoffen auf dem Markt, deren Hersteller mit ähnlichen Versprechen um Kunden buhlen. Sie heißen
HyVent, Sympatex, Jeantex oder Texapore, und Verkäufer halten schon mal Kurzvorträge über Osmose,
Laminierung und den Wasserdampfdurchgangswiderstand, obwohl man doch nur eine gute Regenjacke braucht. Sind die Textilien wirklich so gut,
wie die Firmen-PR glauben macht? Und welches
Wir-sind-besser-Tex kann jetzt noch kommen?
Das Prinzip von Gore-Tex und ähnlichen
Materialien ist keine Magie. Die Membran besteht
aus Teflon und hat winzige Poren. »Gerade groß genug, um den Wasserdampf aus winzigen Schweißtröpfchen von innen nach außen zu leiten, aber zu
klein, um die größeren Wassertropfen aus Regen oder
Schnee von außen hineinzulassen«, sagt Frank Gähr,
der am Institut für Textilchemie- und Chemiefasern
Denkendorf solche Membranen erforscht. Wassermoleküle aus dem Schweiß seien viel kleiner als die
Poren, Wassertropfen hingegen größer. Die Struktur
der Membran ähnelt der einer Hecke – deshalb bläst
der Wind nicht durch die Poren. Damit der Schweiß
durch die Jacke nach außen gelangt, muss es außen
kälter sein als innen, gut ist eine Temperaturdifferenz
von 15 Grad oder mehr. Wer im Sommer eine GoreTex-Jacke trägt, macht etwas falsch.
Um aus den Membranen eine Jacke herzustellen, werden sie an den Oberstoff laminiert (oder der
Stoff wird beschichtet) und dann vernäht. Und dabei
geht offenbar einiges schief. Die Stiftung Warentest
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stellte vor Kurzem eine Puppe mit Feuchtesensoren
in eine Regenkammer und testete an ihr 17 Jacken.
Nur zwei schnitten gut ab, sechs ließen schon
als Neuware Regen durch, fünf waren nicht ausreichend atmungsaktiv. Nach dem Waschen wurde es
oft noch schlimmer.
Kritik gab es kürzlich auch von Greenpeace. Die
Organisation testete Outdoorjacken auf perfluorierte
und polyfluorierte Chemikalien (PFC) – und fand
die Stoffe in allen Exemplaren. Die Substanzen dringen nicht durch die Haut, aber sie gelangen in die
Umwelt, wenn man die Jacke wäscht. Sie können sich
in der Nahrung und im Trinkwasser anreichern und
stehen im Verdacht, das Krebsrisiko zu erhöhen und
die Fruchtbarkeit zu beeinträchtigen. Greenpeace
empfiehlt Produkte aus Sympatex statt Gore-Tex –
der Hersteller verzichte auf PFC. Nach eigenen Angaben verwendet Sympatex stattdessen Wachse und
Silikone zur Imprägnierung. Die Jacke von Zimtstern, die eigens für Greenpeace mit SympatexMaterial gefertigt wurde, wies allerdings auch Spuren
von PFC auf. Diese seien wohl versehentlich durch
die Produktionsanlagen in die Jacken geraten, rechtfertigt sich die Umweltorganisation.
Soll man Funktionstextilien nun gar nicht mehr
waschen, damit die Umwelt und der Regenschutz
nicht leiden? Dann würden sie womöglich müffeln.
Aber auch dafür haben Textilforscher eine Lösung:
Silberpartikel. Silber wirkt antibakteriell. Unklar
ist allerdings, ob es die Bakterien resistent macht.
Zunächst experimentierten Entwickler mit Nanopartikeln. Weil Kritiker befürchten, dass diese in
Zellen eindringen, basieren die neuen Stoffe nun
häufig auf Silberionen.
Das Textilforschungsinstitut Hohenstein testete
die Hautverträglichkeit. 60 Personen trugen vier
Wochen täglich acht Stunden lang T-Shirts, die auf
einer Hälfte mit den antibakteriellen Fasern ausgestattet waren, während die andere Hälfte zur Kontrolle silberfrei blieb. Wöchentlich untersuchten die
Wissenschaftler die Mikroorganismen auf der Haut
und das Mikroklima zwischen Haut und T-Shirt. Sie
fanden keinen Unterschied zwischen der Hautflora
auf der silbernen und der normalen Seite. Fazit: gesundheitlich unbedenklich. Ob die Probanden gut
rochen, blieb allerdings offen. ——
Die Jacken seien
mit schädlichen
Chemikalien
beschichtet, sagt
Greenpeace.
Das eigene Modell
wies allerdings
ebenso Spuren
davon auf.
lesen
Elizabeth L. Cline:
Overdressed
Portfolio; 256 Seiten,
20,50 Euro (englisch)
Andreas Engelhardt:
Schwarzbuch Baumwolle
Deuticke; 222 Seiten,
17,90 Euro
Leserforum
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Gefangenes Gesicht
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Wie Profiler
Tätern auf die
Spur kommen
Blackout
Hat Deutschland
genug Strom
für den Winter?
Die Macht
der Worte
Wie Sprache manipuliert, wie sie uns
prägt – und was sie über uns verrät
Ihre Mimik erinnert an ein pokerface, doch nach
Kartenspielen ist den Betroffenen meist nicht zumute.
Unser Rätsel: Ein nettes Lächeln lockert ein Gespräch auf. Die Betroffenen aber können das nicht, sie werden deswegen häufig zu Unrecht für gefühlskalt oder sogar
geistig behindert gehalten. Welches Leiden suchen wir? Schicken Sie uns die Antwort per Mail an raetsel@zeit-wissen.de oder per Postkarte an ZEIT Wissen,
Stichwort: Rätsel, Buceriusstraße, Eingang Speersort 1, 20095 Hamburg.
stromausfall
Schwachsinnige Lichtorgien
ZW 06/2012: Beten gegen den Blackout
Am besten alle Kirchen und öffentlichen Gebäude nachts nicht sinnlos
anstrahlen und die schwachsinnigen
Lichtorgien der Balkone abstellen. Dann
gibt es genug Strom.
an-i, Online-Kommentar
Wäre es nicht besser für die Allgemeinheit, wenn der Staat die Versorgung
wieder in die Hand nehmen würde?
Vielleicht sollte man das einmal überlegen, statt nur zu beten.
auflösung der
vergangenen ausgabe:
Die gesuchte
Krankheit war das
Roemheld-Syndrom.
Die Preise: Wir verlosen
zwei hochwertige DINA5-Organizer aus Vollrindleder mit Kalendereinlage
für 2013 und dazu je drei
passende Notizhefte. Der
Gesamtwert eines Sets beträgt 111 Euro. Der Organizer wird in Handarbeit
und komplett in Deutschland hergestellt.
kleine
zusatzhilfe
Nein, um Karneval
geht es bei dieser
Krankheit nicht.
Illustration Anje Jager
ZEIT WISSEN DIE MACHT DER WORTE
ausgabe
Einsendeschluss ist der 11. Februar 2013.
Teilnahmeberechtigt sind alle Leserinnen und Leser ab 18 Jahren, ausgenommen Mitarbeiter des Zeitverlags und der
beteiligten Unternehmen sowie deren Angehörige. Alle richtigen Einsendungen nehmen an der Verlosung teil. Die
Gewinner werden schriftlich benachrichtigt. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen, ebenso die Barauszahlung der Gewinne.
PeterTuch, Online-Kommentar
mobilität in der stadt
Falsche Prämisse
impressum
ZW 06/2012: Modernes Leben
Das Modell unterstellt den Menschen
das Bedürfnis, in einer urbanen Umgebung leben zu wollen. Ich will am
Stadtrand wohnen. Schnell in der
Stadt sein – und schnell in der Natur.
An dieser Vorliebe wird kein Verkehrskonzept etwas ändern, das auf der Voraussetzung urbanen Wohnens beruht.
Wowman, Online-Kommentar
herausgeber
Andreas Sentker
Stefanie Hauer
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veranstaltungen
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Fotos © 2012 Twentieth Century Fox; Frida Rose
KIOSK
zeit
wissen
s 109 bis s 113
müssen
mark ist 38 und hatte noch nie Sex. Seit er als Kind an Polio erkrankte,
»The Sessions – Wenn
Worte berühren«
95 Minuten, vom
3. Januar an im Kino
ist er gelähmt und muss die meiste Zeit an einer Beatmungsmaschine
verbringen. Das hindert ihn nicht daran, als Journalist zu arbeiten,
Gedichte zu verfassen und Charme zu versprühen. Aber mit den Frauen
hat es eben noch nicht geklappt. Mark beschließt, seine Jungfräulichkeit
mit professioneller Hilfe zu verlieren, und engagiert eine Sextherapeutin
(Helen Hunt). Mit großen Erwartungen und noch größerer nervosität
nähert er sich seinem Ziel, nicht ohne den örtlichen, überraschend
toleranten Pfarrer über jeden Schritt zu informieren. Der Film basiert auf
der Geschichte des amerikanischen Journalisten Mark O’Brien, der
öffentlich über seine sexsitzungen schrieb, um auf die Bedürfnisse
Behinderter aufmerksam zu machen. Bewegend – und sehr lustig.
lassen
für die jüngeren unter uns: Es geht um diese schweren, in Leder
»Enyclopædia
Britannica 2013«
DVD-ROM, 49,90 Euro
gebundenen und mit Goldlettern geprägten Bände aus Papier, unter
denen sich die Regalbretter in Opas hausbibliothek bogen. Die
Encyclopædia Britannica war einst das berühmteste Nachschlagewerk
der Welt, laut Wikipedia erstmals publiziert im Jahr 1768, heute bedroht
durch das Internet und die Weisheit der vielen. Im März gab der Verlag
bekannt, das Werk werde nicht mehr in der gedruckten Form erscheinen. Für
die 32 Bände der Ausgabe von 2010 musste man gut 1400 Euro zahlen.
Nun also eine DVD mit 100 000 Einträgen und viel Multimedia für
49,90 Euro. Darauf finden sich auch viele schätze, aber man fragt sich
dauernd, ob das alles noch stimmt. Dann schon lieber das Online-Abo.
Die DVD kann ja Opa haben, der hat noch ein Laufwerk.
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Kiosk
Das vermüllte Paradies
reiste. Eine neue Mülldeponie bedroht die Natur. Jetzt hat er einen Film darüber gemacht.
Das türkische Bergdorf Çamburnu ist von grünen
Hügeln umgeben, seit Generationen bauen die
Menschen hier Tee an. Doch die Idylle trügt. Seit
die Regierung eine Mülldeponie oberhalb des Dorfes bauen ließ, ist das Paradies zur Hölle geworden.
Der Müll stinkt zum Himmel, bei Regen wird dreckige Brühe auf die Teeplantagen gespült, wilde
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Hunde belagern das Dorf. Als Filmemacher Fatih
Akin für seinen Film »Auf der anderen Seite« in
Çamburnu drehte, beschloss er, den Bewohnern
beizustehen. Er hat die Katastrophe und den Kampf
dagegen jahrelang dokumentiert. Sein Film zeigt
wunderschöne, aber auch verstörende Bilder. Er
macht wütend und zugleich Mut.
Müll im Garten Eden
Den Trailer zum Film
kann man auf der Website
www.muell-film.de anschauen. 98 Minuten, vom
6. Dezember an im Kino.
Foto © corazón international: Hervé Dieu
fatih akin war entsetzt, als er vor Jahren für Dreharbeiten ins Dorf seiner Großeltern
Fotos C. Bertelsmann Verlag; hr; polyband; Jorge Cham
lesen
hören
sehen
klicken
Ökonomen sind
auch nur Menschen
Unser Leben
im Netz
Wolfsgeheul im
deutschen Wald
Gezeichnete
Wissenschaft
Worum geht’s? Wie müssen
Märkte beschaffen sein, um den
Menschen Wohlstand zu bringen? Darüber brüten Ökonomen seit der Industrialisierung.
Hier werden sie vorgestellt, von
Karl Marx über Joseph Schumpeter und John Maynard Keynes bis zu Amartya Sen.
Was bringt’s? Gekonnt verwebt
Sylvia Nasar die Biografie ihrer
Protagonisten mit dem Weltgeschehen. Sie gibt ökonomischen Theorien ein Gesicht.
Wen interessiert’s? Wer die Finanzkrise verstehen will, findet
hier schon mal die historischen
Bezüge – allerdings ohne Kritik
am Primat des Wachstums.
Worum geht’s? Um Datenexhibitionisten, Cyberbullying, digitale Lernvorteile, Schwarmintelligenz und digitale Demokratie. Kurz: um das Leben im
und mit dem Internet. 23 Sendungen beleuchten die Freiheiten, die das Netz gebracht hat,
und den Preis, den es verlangt.
Was bringt’s? Einen aktuellen
Überblick über Forschung und
Debatten zur digitalen Medienkultur. Wer tiefer einsteigen will,
kann an einem Onlinekurs teilnehmen.
Wen interessiert’s? Netzaffine
und Netzscheue, die genauer
wissen wollen, was das Internet
mit den Menschen macht.
Worum geht’s? Seit etwa zehn
Jahren gibt es wieder wilde
Wölfe in Deutschland. Biologen und Dokumentarfilmer
haben die Tiere aufgespürt und
über Jahre beobachtet, um zu
zeigen, wie sie in Freiheit leben.
Was bringt’s? Einzigartige Einblicke in das Sozialleben wilder
Wolfsrudel. Die Filmreihe dokumentiert die Ansiedlung der
seltenen Tiere, erzählt von den
Bemühungen der Tierschützer
und räumt mit Vorurteilen auf.
Zu sehen gibt es tapsige Welpen, aber auch tote Schafe.
Wen interessiert’s? Alle, die die
neuen Bewohner unserer Wälder kennenlernen wollen.
Worum geht’s? Die Website
zeigt Wissenschaft von einer
anderen Seite: als Comic und
als Film (in dem dann auch
Comicelemente zur Erklärung
auftauchen). Das ist unterhaltsam, meistens interessant und
fast immer lehrreich.
Was bringt’s? Spaß beim Lernen von neuen Dingen und
manchmal eine ganz neue Sicht
auf scheinbar Bekanntes (es gibt
etwa einen Film zur »Physik des
Surfens«).
Wen interessiert’s? »Man kann
die Comics lesen, um zu prokrastinieren oder zu entspannen
– wie es sich gerade anbietet«,
meint Nature. Stimmt!
Sylvia Nasar:
»Markt und Moral«
C. Bertelsmann, 650 S., 30 Euro
»Funkkolleg Wirklichkeit 2.0«
Hessischer Rundfunk,
www.funkkolleg.de, kostenlos
»Deutschlands Wölfe«
Polyband, DVD, 178 Minuten,
rund 17 Euro
»Piled Higher and Deeper«
www.phdcomics.com,
kostenlos
Und sonst?
Und sonst?
Und sonst?
Und sonst?
Kerstin Schimandl:
»Les Fins du Monde«
Dickes Büchlein mit Dutzenden
Weltuntergangsprophezeihungen,
von 2800 v. Chr. (assyrische Tontafeln) bis 3797 (Nostradamus).
Unterhaltsam – und zeitlos.
Schmidt Hermann Verlag, 25 Euro
»Gedankenlesen durch
Schneckenstreicheln«
Absurdes aus der Tierwelt. Wissenschaft paart sich mit schwarzem Humor. Sprecher Harry Rowohlt treibt die Blödelei herrlich
auf die Spitze.
Der Hörverlag, rund 20 Euro
»Venedigs letzte Chance«
Venedig droht zu versinken, denn
der Pegel der Adria steigt. Ein
ambitioniertes Bauprojekt soll die
Stadt retten. Ein Vorbild für den
Küstenschutz in Zeiten des Klimawandels? Sunfilm, vom
17. Januar an auf DVD, 10 Euro
Simon Winchester: »Der Atlantik
– Biographie eines Ozeans«
Der Atlantik als Bühne für Krieg,
Seefahrt, Sklavenhandel. Auch
für Nordseeurlauber geeignet.
Knaus, 528 Seiten, 30 Euro
Paul Watzlawick: »Anleitung
zum Unglücklichsein«
Neuauflage des Klassikers. Köstliche Geschichten darüber, wie
man sich das Leben schwer macht.
Der Audio Verlag, rund 20 Euro
»Science Tunnel«
Interaktive Multimedia-Ausstellung über Wissenschaft, die unser
Leben verändern wird.
Bis 24. Februar im Heinz Nixdorf
Museum Paderborn
Fusionsanlage des Max-PlanckInstituts für Plasmaphysik
Willkommen zu einem Besuch
des heißesten Orts Deutschlands!
Bei einem virtuellen Rundgang
kann man die Fusionsforschungsanlage Asdex Upgrade in Garching kennenlernen und sich erklären lassen.
www.ipp.mpg.de/panorama
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»Cardiograph«
Eine App, die den Puls misst: Das
ist nicht ganz genau, aber lustig.
Für iPhone und iPad, 1,79 Euro
Kiosk
nicht k aufen
k aufen
Das ist auch nur
Natriumchlorid
Z
u viel Salz schadet der Gesundheit. Dieses aber wirke
wie Medizin, behauptet
der Autor Peter Ferreira,
der Himalayasalz hierzulande populär gemacht
hat: Es verhindere Nierenund Gallensteine und
senke den Blutdruck. Das
Bayerische Landesamt für
Gesundheit und Lebensmittelsicherheit hat das
Salz untersucht. Ergebnis:
Es habe keinerlei ernährungsphysiologische Vorteile. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung weist
darauf hin, dass Himalayasalz kein Jod enthalte.
Daher sei es sogar schlechter
für die Gesundheit als normales Salz. Gerichte haben
die Bezeichnung »Himalayasalz« inzwischen untersagt, weil es in Pakistan
fernab des Hochgebirges
abgebaut wird.
Zum Anbeißen
Keine Lust auf die alljährlichen Plätzchenherzen, Kokosmakronen
und Zimtsterne? Dann beißen Sie doch mal in ein smartphone.
Dank der neuen Ausstechform iCookie geht das ziemlich gut. Wir
iCookie, 8,95 Euro, http://shop.donkey-products.com
wünschen: guten App-etit.
iKakerlake
Lesetablett
Was waren das für Zeiten, als man die Klasse noch
mit einem Furzkissen beeindrucken konnte, das
man dem Lehrer auf den Stuhl legte! Das Pendant
der Neuzeit sind diese ferngesteuerten Insekten.
Ähnlichkeiten mit lebenden Küchenschaben sind
nicht rein zufällig.
iPhone Controlled Beetle,
etwa 30 Euro, www.ihelicopters.net
Himalayasalz
Angebliche Wirkung: senkt
den Blutdruck; Zielgruppe:
Hypertoniker mit Ambitionen auf den Mount Everest;
Preis: 3 bis 22 Euro/Kilo.
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Inzwischen muss wohl jeder große Computerkonzern
sein eigenes iPad, Entschuldigung: sein eigenes Tablet
haben. Jetzt kommt in Deutschland der Versandriese
Amazon dazu: Sein Kindle Fire HD macht einen
guten Eindruck, und das Display ist erste Klasse. Allerdings schränkt es seine Nutzer auf die Amazon-Welt ein.
Kindle Fire HD, ab 199 Euro, www.amazon.de
k aufen
Wechselwillig
Schön, dass man nun auch mit der Farbe des Lautsprechers seine Laune
zeigen kann. Ist die schlecht, wechselt man den Bezug einfach von Pink
auf Schwarz und lässt die alten Alben von The Cure laufen. Das ist dann
mal ein echtes Statement. Ach ja, der Libratone Zipp klingt dabei auch
noch gut, und er empfängt die Musik drahtlos. So kann man sich in
sein Bett verkriechen und von da aus schlechte Stimmung verbreiten.
Libratone Zipp, 449 Euro, www.libratone.com
Obst mit Charakter
Mit Essen spielt man doch! Diese
aufkleber machen Gesundes unwiderstehlich. Mit Haut und Haaren sollte
man deshalb nicht alles verschlingen,
mit Augen aber schon: Sie sind essbar.
Edible Eyes, etwa 7 Euro, www.suck.uk.com
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Das will ich wissen
»Werden
wir einmal
zeitreisen?«
funke, Kinderbuchautorin
Teilchen können es schon
»In Albert Einsteins Spezieller
Relativitätstheorie gilt: Kehrt eine
Weltraum-Rundreisende zurück
auf die Erde, ist für sie weniger
Zeit vergangen als für die Daheimgebliebenen. Sie reist dann gewissermaßen in die Zukunft. Zwar
sind heutige Raumschiffe zu langsam, als dass sich messbare Effekte
ergäben; in Teilchenbeschleunigern kann man so aber Teilchen
in die Zukunft schicken. Für
Zeitreisen in die Vergangenheit
liefert Einsteins Allgemeine Relativitätstheorie Modelle. Sieht
man genauer hin, haben die aber
immer einen Haken. Stephen
Hawking und andere Physiker
fanden Hinweise darauf, dass die
Naturgesetze Vergangenheitsreisen generell verbieten. Das würde
auch Paradoxien ausschließen:
etwa, dass eine Zeitreisende in die
Zeit vor ihrer Geburt zurückreiste
und ihren Vater erschösse.«
Virtuelle Zeitreisen
»In meiner Forschergruppe reisen
wir dauernd in der Zeit herum
– wenn auch in den virtuellen
Welten in unserem Hochleistungsrechner. Wir simulieren damit die Erde in der letzten Eiszeit
oder der Eem-Warmzeit – mitsamt Vegetation, Winden, Wolken, Meeresströmen und Eismassen. Durch den Vergleich der
Modellwelt mit Daten lernen wir
besser zu verstehen, wie äußere
Antriebsfaktoren (etwa Änderungen der Erdbahn um die Sonne)
auf das Klima wirken. Mit denselben Modellen können wir auch
die Wirkung der von uns Menschen freigesetzten Treibhausgase
auf das Klima der Zukunft simulieren. Unsere Kinder werden erleben, wie realistisch unsere Modelle sind. Es kommt aber weniger
darauf an, die Zukunft zu bereisen, als sie durch vorausschauendes Handeln klug zu gestalten!«
Gesteuerte Träume
»Natürlich! In unseren nächtlichen Träumen ist alles möglich –
auch das Zeitreisen. Das Problem
ist, dass wir meist keine Kontrolle
über das Traumgeschehen haben.
In luziden Träumen ist das anders:
Der Träumer weiß dann, dass er
gerade träumt, und kann die
Traumhandlung steuern. Wenn
sie oder er möchte, dann ist auch
die Reise in die Vergangenheit
und die Zukunft möglich. Unser
Gehirn wird eine entsprechende
Traumwelt generieren und ausgehend von unseren Erfahrungen
eine Handlung präsentieren. Man
sollte aber nicht erwarten, dass
die Lottozahlen, die man im
Traum gesehen hat, einen wirklich zum Millionär machen.
Wenn wir träumen, verstrickt uns
der Supercomputer in unserem
Kopf in grenzenlose Abenteuer in
einer perfekt simulierten Welt.
Die Betonung liegt auf simuliert.«
Markus Pössel,
Physiker und Leiter des Hauses
der Astronomie in Heidelberg
Stefan Rahmstorf,
Professor am Potsdam-Institut
für Klimafolgenforschung
Daniel Erlacher,
Autor von »Anleitung zum
Klarträumen«, Universität Bern
B=(,7:LVVHQBB
Im nächsten Heft
Das Rätsel Zeit
Wie Physiker und
Psychologen dem
Zeitsinn auf die Spur
kommen wollen.
Großes Vertrauen
Viele Internetfirmen
haben keine eigene
Infrastruktur mehr, sondern vertrauen auf die
von großen Konzernen.
Das birgt Gefahren.
Das nächste ZEIT Wissen
erscheint am 12. Februar
Foto Joerg Schwalfenberg / Dressler
fragt cornelia
Cornelia Funke illustrierte früher Kinderbücher.
Da ihr die Geschichten,
die sie bebilderte, nicht
immer gefielen, fing sie
selbst an zu schreiben.
Bekannt wurde sie unter
anderem mit der Reihe
»Die wilden Hühner« und
der Trilogie »Tintenwelt«.
Vor Kurzem ist ihr neues
Buch »Reckless – Lebendige
Schatten« erschienen, der
zweite Band der »Spiegelwelt«-Reihe.