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                    Sonderausgabe der Fachzeitschrift wwt wasserwirtschaft wassertechnik

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2024/25

WASSERBE
WUSSTE
STADT


Hören Sie auf Ihre Daten? Wie die meisten anderen Wasserwirtschaftsunternehmen haben Sie wahrscheinlich Zugang zu einer Fülle von Daten. Daten aus Ihrem Wasser- und/oder Abwassernetz sowie aus externen Quellen über die Leistung und den Netzstatus. Aber Sie wissen vielleicht nicht, wie Sie diese Daten kombinieren, analysieren und nutzen können, um Ihre tägliche Arbeit und Ihre langfristige Planung zu optimieren. Die Auswertung Ihrer Daten kann Ihnen helfen, Aufgaben zu priorisieren und effizienter zu arbeiten und letztlich erhebliche Einsparungen zu erzielen. Mit einem datengesteuerten Ansatz zur Optimierung, können Sie: 1. Leckagen schnell und effizient finden 2. Energieverschwendung reduzieren 3. Rohrbruchrate senken 4. Ursachen effektiv erkennen und ermitteln und noch vieles mehr Scannen Sie den QR-Code um unseren Leitfaden herunterzuladen. Erfahren Sie in diesem mehr über die acht Möglichkeiten, wie Sie als Wasserversorger und Abwasserentsorger Daten nutzen können, um den Betrieb und die Planung zu optimieren. Leitfaden herunterladen
Kommentar Andreas Giga, Leiter Zukunftsinitiative, Emschergenossenschaft/Lippeverband Quelle: ZI Klima.Werk / EGLV #vomRedenzumHandeln Dienstagnachmittag. Arbeitsgruppentreffen. Ich sitze an einem Tisch in einem großen Besprechungsraum. Bunte Karten hängen an den Stellwänden. Wir haben viele Meinungen und Gedanken gesammelt. Doch bei der Frage, für welchen Weg wir uns entscheiden und wer sich jetzt darum kümmert, wird es ganz still im Raum. Hier spüren wir es wieder deutlich: „Wir haben kein Wissensdefizit, wir haben ein Umsetzungsdefizit.“ Wir wissen, dass der Klimawandel da ist. Wir wissen, dass der Fachkräftemangel immer stärker anklopft. Wir wissen, dass es in vielen Bereichen bessere Technologien gibt und unsere Infrastruktursysteme in die Jahre kommen. Wir wissen, dass es an der Zeit ist, zu modernisieren und sich gleichzeitig auf die neuen Herausforderungen einzustellen. Woran liegt es dennoch, dass wir nach vielen Arbeitsstunden und viel Engagement trotzdem nicht richtig in die integrale Umsetzung kommen? Die Welt und unsere Aufgaben sind komplexer geworden und gleichzeitig halten wir an bislang bewährten Organisations- und Arbeitsstrukturen fest. Wir fordern feste Zuständigkeiten und wünschen uns festgelegte Wege zur Zielerreichung, die wir zuverlässig und sicher abarbeiten können. Doch für die „großen“ Themen können wir nicht den einen Plan oder die eine Roadmap festlegen. Sie lassen sich nicht einfach abarbeiten! Sie sind zu komplex, wir wissen die genaue Lösung nicht und richtig fertig werden wir auch nicht. Und das ist für uns und unsere gewohnten Arbeitsstrukturen Neuland. Uns ist bewusst, dass wir für eine zukunftsfähige Modernisierung ganz andere Herangehensweisen und neue Technologien brauchen. Doch mutige Entscheidungen zu treffen, füreinander und miteinander in die Verantwortung zu gehen, es als gemeinsamen Prozess zu verstehen, hört sich leichter an, als es in unserem Alltag wirklich ist. Also wie schaffen wir es, flexiblere Entscheidungs- und Arbeitsstrukturen in unser tägliches Handeln zu integrieren? Wie können wir integraler und agiler arbeiten? Und vor allem: Wie kommen wir vom Reden zum Handeln? Es gibt viele, die sich auf den Weg gemacht haben, von denen wir lernen können – Pilotprojekte, Blaupausen oder Netzwerke. Es gibt kein Pauschalrezept, aber viele Beispiele, wie es gelingen kann. Immer wenn wir an diesem Punkt stehen, sollten wir uns fragen: Wer hat es schon mal gemacht? Wer ist da, wo wir in unserem Projekt hinwollen? Wer hatte die Prise Mut und den Entdeckergeist? Wie schaffen es andere, füreinander zu arbeiten und Verantwortung gemeinsam zu tragen? Es gibt viele, die sich auf den Weg gemacht haben, von denen wir lernen können – Pilotprojekte, Blaupausen oder Netzwerke. Es gibt kein Pauschalrezept, aber viele Beispiele, wie es gelingen kann. In unserem Netzwerk der Zukunftsinitiative Klima.Werk sind wir genau so unterwegs, gestartet als kleine Arbeitsgruppe vor zehn Jahren mit einer Idee und ohne genauen Plan. Inzwischen arbeiten 17 Kommunen sowie Emschergenossenschaft/Lippeverband stadt- und fachbereichsübergreifend an der blau-grünen Transformation einer ganzen Region. Durch neue Arbeitsweisen, gemeinsame Ziele und eine Kultur, sich gegenseitig zu unterstützen, lässt sich ein klarer Trend für mehr Umsetzung erkennen. Netzwerke haben also Umsetzungskraft. Die Antwort auf die Frage ist also nicht nur „wie“ ich vom Reden zum Handeln komme, sondern auch „mit wem“. modernisierungsreport 2024/25 3
Wasserbewusste Stadt Titelbild: In der Landsberger Allee 52 in Berlin ist für das Jobcenter Friedrichshain-Kreuzberg ein zukunftsfähiges Bürogebäude mit Kita entstanden. Das abgetreppte Gebäude besitzt viele intensiv begrünte Dachterrassen und Gründächer mit Retentionsboxen zur optimalen Nutzung des Regenwassers für die Pflanzen. Das überschüssige Wasser wird auf das Nachbargrundstück des Evangelischen Friedhofs in eine Zisterne geleitet, um dort die Außenanlagen bewässern zu können. Die Freiflächen inklusive der Dachbegrünung wurden von COQUI MALACHOWSKA COQUI Städtebau Landschaftsarchitektur geplant. Quelle: CENTRUM Development GmbH Auf dem Weg zu resilienten Infrastrukturen Editorial 3 #vomRedenzumHandeln Andreas Giga 6 Die Experten im Überblick Regulatorische Herausforderungen 8 Rahmenbedingungen für die wasserbewusste Stadtentwicklung Dr. Frank Hüesker, Timo Böttger, Dr. Moritz Reese 14 Wassersensible Stadtentwicklung im Bestand umsetzen RA Henrik Fischer 17 Quelle: COQUI MALACHOWSKA COQUI Städtebau Landschaftsarchitektur 4 www.umweltwirtschaft.com Regenwasser grundstücksübergreifend bewirtschaften! Sven Hänichen, Jule Klandt, Antje Backhaus 21 Chancen und Hemmnisse auf dem Weg zur Schwammstadt Uwe Manzke 23 Modernes Wassermanagement – wie die Transformation gelingt Im Gespräch mit Peter Rummel Anpassungsstrategien 26 EU-Politik droht Anpassung an den Klimawandel zu verlieren Projekte und Technologien 28 Blau-grüne Infrastrukturen reduzieren Gewässerbelastungen Giovan Battista Cavadini, Dr. Lena Mutzner, Dr. Lauren Cook, Dr. Mayra Rodriguez, Marisa Poggioli
Inhalt Viele Bausteine müssen bei der Umsetzung des Schwammstadtkonzepts ineinandergreifen, damit die Umsetzung gelingt. Quelle: ETH/Max Maurer ab S. 8 ab S. 28 Es gibt kein Patentrezept, aber immer wieder neue, positive Beispiele von denen gelernt werden kann. Quelle: Tegel Projekt GmbH 35 Verdunstungsbeete verbessern die örtliche Wasserbilanz stark Laura Händel, Stefan Koenen 53 Kommunale Tankstellen für weiches Wasser Klaus W. König 40 56 Ökologische Trittsteine für urbane Gewässer Dr.-Ing. Christian Wolter, Ralf Steeg Ganzheitliches Schwammstadtkonzept für ein Neubaugebiet Chiyan Peng, Ralf Diekmann, Dr. Holger Pabsch, Martin Lindenberg, Oliver Seidel, Claudia Bruns, Jens Meisel 45 Ökologische Mehrwerte und mehr Platz auf dem Dach Malte Springer 48 Wasserwiederverwendung in der Hauptstadtregion als Strategie Elisa Rose, Pia Schumann Projektberichte und Firmenprofile 67 Projektberichte 82 Firmenprofile 86 Impressum 61 Gezielte Spurenstoffelimination – Stand der Technik und Ausblick Dr.-Ing. Birthe Stricker, Vera Kohlgrüber 66 Smart City: Vorteile der Daten nutzung zur Sicherstellung der Leistungsfähigkeit städtischer Wassernetze Grundfos GmbH modernisierungsreport 2024/25 5
Wasserbewusste Stadt Die Experten im Überblick Antje Backhaus Gruppe F Freiraum für alle GmbH Geschäftsführerin Professur für Grüne Technologien in der Landschaftsarchitektur an der Leibniz Universität Hannover UFZ Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung Department Systemische Umweltbiotechnologie Beitrag ab S. 17 Beitrag ab S. 8 Giovan Battista Cavadini Eawag Abteilung Siedlungswasserwirtschaft Wissenschaftlicher Mitarbeiter Dr. Lauren Cook Eawag Abteilung Siedlungswasserwirtschaft Doktorand Gruppenleiterin „Multifunktionales blau-grünes Design“ Beitrag ab S. 28 Beitrag ab S. 28 Ralf Diekmann RA Henrik Fischer Wasser Hannover GmbH Luther Rechtsanwaltsgesellschaft mbH Prokurist Rechtsanwalt Beitrag ab S. 40 Beitrag ab S. 14 Laura Händel Dipl.-Ing. Sven Hänichen TUTTAHS & MEYER Ingenieurgesellschaft mbH oikotec Ingenieur*innen GmbH und ABW oikoartec GmbH Projektingenieurin Geschäftsführer Beitrag ab S. 35 Beitrag ab S. 17 Dr. Frank Hüesker UFZ Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung Department Systemische Umweltbiotechnologie Jule Klandt Wissenschaftlicher Mitarbeiter Mitarbeiterin Beitrag ab S. 8 Beitrag ab S. 17 Dipl.-Ing. Stefan Koenen 6 Timo Böttger Gruppe F Freiraum für alle GmbH Vera Kohlgrüber TUTTAHS & MEYER Ingenieurgesellschaft mbH Kompetenzzentrum Spurenstoffe BadenWürttemberg Geschäftsführender Gesellschafter Kommissarische Leiterin des KomS Beitrag ab S. 35 Beitrag ab S. 61 www.umweltwirtschaft.com
Die Experten Dipl.-Ing. Klaus W. König Martin Lindenberg Sachverständigen- und Fachpressebüro König itwh GmbH Fachjournalist Geschäftsführer Beitrag ab S. 53 Beitrag ab S. 40 Uwe Manzke Dr. Lena Mutzner IWP Wissenschaftsredaktion für die Fachpresse Eawag Abteilung Siedlungswasserwirtschaft Fachjournalist Gruppenleiterin „Schmutzstoffe im Regenwasser“ Beitrag ab S. 21 Beitrag ab S. 28 Dr. Holger Pabsch Chiyan Peng Pabsch Ingenieure GmbH Wasser Hannover GmbH Geschäftsführer Geschäftsführer Beitrag ab S. 40 Beitrag ab S. 40 Marisa Poggioli Dr. Moritz Reese Holinger AG UFZ Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung Department Umwelt- und Planungsrecht Projektingenieurin Leiter Beitrag ab S. 28 Beitrag ab S. 8 Elisa Rose Pia Schumann Kompetenzzentrum Wasser Berlin gGmbH Kompetenzzentrum Wasser Berlin gGmbH Wissenschaftliche Mitarbeiterin Wissenschaftliche Mitarbeiterin Beitrag ab S. 48 Beitrag ab S. 48 Malte Springer Ralf Steeg Goodnews GmbH WITE Water Innovation Technology Engineering GmbH Fachjournalist Geschäftsführer Beitrag ab S. 45 Beitrag ab S. 56 Dr.-Ing. Birthe Stricker Dr.-Ing. Christian Wolter Kompetenzzentrum Spurenstoffe BadenWürttemberg IGB Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei Wissenschaftliche Mitarbeiterin Wissenschaftlicher Mitarbeiter Beitrag ab S. 61 Beitrag ab S. 56 modernisierungsreport 2024/25 7
Wasserbewusste Stadt Dr. Frank Hüesker; Timo Böttger; Dr. Moritz Reese Rahmenbedingungen für die wasserbewusste Stadtentwicklung Zahlreiche blau-grüne Technologien sind entwickelt, jedoch ist derzeit ein fehlender systematischer Ausbau bei den Infrastrukturen feststellbar. Umweltexperten des UFZ untersuchten, welche politischen, administrativen, rechtlichen und finanziellen Herausforderungen einer systematischen, breiten Entwicklung von BGI besonders im Wege stehen. Bild 1 Das Niederschlagswasser nicht mehr ableiten, sondern in der Fläche speichern, so lautet der Grundgedanke der abflusslosen Schwammstadt. In einer grünen Stadtlandschaft mit gesundem Mikroklima lässt es sich auch in Hitzeperioden aushalten. Quelle: IMAGO / Rupert Oberhäuser Der Klimawandel stellt unsere Städte unter Anpassungsdruck, und dies gilt besonders für die Wasserinfrastrukturen. Um weiter zunehmende Starkniederschläge, Trockenheit und Hitze gleichermaßen bewältigen zu können, müssen die hergebrachten Ka- 8 www.umweltwirtschaft.com nalinfrastrukturen durch blau-grüne Infrastrukturen (BGI) zur ortsnahen Versickerung, Verdunstung, Speicherung und Nutzung des Niederschlagswassers ergänzt werden. BGI halten das Wasser im lokalen Wasserkreislauf und in der Siedlungsfläche. Sie entlas- ten die Kanalisation und tragen dazu bei, Überschwemmungen und schädliche Abwassereinträge in die aufnehmenden Gewässer zu vermeiden. Zugleich können sie Erholungs- und Naturräume schaffen und dafür sorgen, dass auch in Trockenperioden
Regulatorische Herausforderungen Starkregen 41 Hitze / Kühlung / Aufenthaltsqualität Hoch Mittel 38 Niedrig Trockenheit 33 Extremwetterereignisse 6% 22 % 29 Gewässerschutz / Kanalentlastung 8 Obsoleszenz zentraler Infrastruktur 2 0 5 10 15 20 25 30 35 40 Klimaschutzstrategie/-AG/-manager 72 % 45 41 Wissenschaft 31 Grünflächenamt 23 Politiker 23 Entwässerungsplanung 18 Entwässerungsbetriebe 15 Bewohner 12 Abwasserbeseitigungskonzepte 11 Stadtplanungsamt 9 Bauamt 2 0 5 10 15 20 25 30 35 40 45 Bild 2 Bedeutung, Ursachen und Treiber wasserbewusster Stadtentwicklung Quelle: UFZ ausreichend Wasser für die urbane Vegetation verfügbar ist. BGI entsprechen den Leitbildern der Schwammstadt und wassersensiblen Stadtentwicklung, die als Antwort auf die Herausforderungen des Klimawandels postuliert werden /1, 2, 7/. BGI-Technologien sind vielfältig vorhanden und zahlreiche Modellprojekte demonstrieren, wie BGI im öffentlichen und privaten Raum gestaltet und betrieben werden können /3, 6/. Ein breiter, systematischer Ausbau von BGI findet gleichwohl noch nicht statt. Das gilt insbesondere für den Bestand, wo aber oft die größten Überschwemmungs- und Hitze-Hotspots liegen. Offenkundig fällt es den Städten schwer, einen systematischen Wandel hin zu ortsnaher Niederschlagsbewirtschaftung und BGI einzuleiten. Zwar liegt es auf der Hand, dass die Kanalinfrastruktur mit Pfadabhängigkeiten verbunden ist und die nötigen Investitionen für BGI bei knappen Kassen kein Selbstläufer sind. Ungeachtet dessen muss mit Blick auf die großen Vorteile von BGI interessieren, wo genau die Hindernisse für einen breiten, systematischen Systemwandel liegen. Im Rahmen des BMBF-geförderten Forschungsvorhabens „Leipziger BlauGrün“ sind die Autoren dieser Frage in Experteninterviews und schriftlichen Umfragen nachgegangen. In Kooperation mit dem Deutschen Städtetag wurden Ende 2022 aus ca. 100 Mitgliedsstädten die Ansprechpartner aus den Umwelt-, Grünflächen und Verkehrsämtern angeschrieben. Von Interesse waren hierbei insbesondere politische, institutionelle und finanzielle Hindernisse und Erfolgsfaktoren der blau-grünen Stadtentwicklung. Die Fragen beruhen auf Literaturanalysen und qualitativen Experteninterviews. Durch diese Voruntersuchungen wurden zunächst maßgebliche Hindernisse/ Faktoren identifiziert und vorselektiert. Die Befragung wurde im Kern darauf gerichtet, die Bedeutung dieser Hindernisse und Faktoren zu bewerten und ggf. weitere bedeutende Faktoren zu benennen, die in der Befragung nicht genannt waren. Im Folgenden werden ausgewählte Ergebnisse zu den politischen, administrativen, rechtlichen und finanziellen Herausforderungen der blau-grünen, wassersensiblen Stadtentwicklung vorgestellt. Dabei werden jeweils Wege andiskutiert, wie diese Herausforderungen überwunden werden können. Politische Herausforderungen und Treiber Mit Blick auf die politischen Rahmenbedingungen wurde erfragt, welche Bedeutung der blau-grünen und wassersensiblen Stadtentwicklung zugemessen wird. Hierbei wurde eine Unterscheidung von hoher, mittlerer und geringer Bedeutung mit folgenden Kriterien unterlegt: • HOCH: Das Thema hat bei uns ressortübergreifend eine hohe Priorität. Es gibt bereits eine offizielle Strategie und konkrete Projekte dazu oder solche werden z. Z. entwickelt und prominent diskutiert. Generalentwässerungsplanung, ggf. Abwasserbeseitigungskonzepte und Grünordnungsplanung wurden/werden unter dem Aspekt der blau-grünen Entwicklung überarbeitet. Bei Neuplanungen werden die blau-grünen Möglichkeiten stets geprüft und berücksichtigt. Das Thema wird gegenüber der Bevölkerung lebhaft kommuniziert und in lokalen Medien – ggf. auch kontrovers – diskutiert. • MITTEL: Das Thema ist bei den zuständigen Stellen präsent und auch in der Politik angekommen, Pilotvorhaben werden durchgeführt. Gesamtstädtische Konzepte dazu sind in der Entwicklung oder im Gespräch. Bei Neuplanungen werden Potenziale für BGI in der Regel geprüft und berücksichtigt. • NIEDRIG: Das Thema hat bei uns noch nicht die Bedeutung erreicht. Basierend auf diesen Kriterien haben immerhin 20 % der Antwortenden die Bedeutung in ihrer Stadt als hoch, 74 % als mittel und nur 6 % als niedrig eingestuft (Bild 2). Des Weiteren haben wir gefragt, welche Akteumodernisierungsreport 2024/25 9
Wasserbewusste Stadt re und Prozesse das Thema der blau-grünen und wassersensiblen Stadtentwicklung vorantreiben. Als wichtige Protagonisten werden hier zentrale Kümmerer bzw. Manager für die Klimaanpassung in der Stadtverwaltung genannt. Eine herausgehobene Rolle wird innerhalb der Stadtverwaltungen auch den Grünflächenämtern zugesprochen, und auch die Wissenschaft wird als wichtiger Treiber eingestuft. Interessant ist, dass den kommunalen Wasserbetrieben und der Abwasser- bzw. Entwässerungsplanung überwiegend keine führende Rolle zugesprochen wird und dies auch für die Stadtplanungsund Bauämter gilt. Vermutlich stehen diese Akteure stärker unter dem Eindruck der Pfadabhängigkeiten und Beharrungskräfte in der Infrastruktur- und Stadtentwicklung. Insgesamt ist den Antworten aber zu entnehmen, dass das Thema der blau-grünen Stadtentwicklung in den Städten grundsätzlich angekommen ist und es nicht an einem allgemeinen Problembewusstsein fehlt. Es gibt auch Protagonisten, die konkreten Handlungsbedarf formulieren und sich für die BGI-Entwicklung einsetzen. Argumente für diese blau-grüne Transformation sind zum Zeitpunkt der Befragung in erster Linie mit der Anpassung an die Folgen des Klimawandels verbunden. Administrative Herausforderungen Administrative Hürden werden in der Fachdebatte oft als wichtiges Hemmnis für den BGI-Ausbau diskutiert. Die multifunktionale, blau-grüne Gestaltung von Grünflächen, Verkehrsflächen und Gebäuden verlangt eine frühzeitige Kooperation zahlreicher Akteure des Städtebaus, die bei unterirdischer Bild 3 Administrative Herausforderungen Quelle: UFZ Ableitung nicht erforderlich war und infolgedessen auch nicht etabliert gewesen sein kann. Einem systematischen Ausbau von BGI stünden daher tradierte Zuständigkeitsgrenzen und „Silo-Denken“ z. B. der Tiefbauämter, Wasserbetriebe und der Stadtplanung entgegen – so die Erkenntnisse aus den Interviews und Modellvorhaben. Von den befragten Städten wollten wir wissen, ob diese Eindrücke geteilt und wo ggf. weitere administrative Hindernisse gesehen werden. Dementsprechend wird den „multiplen zersplitterten Zuständigkeiten“ von fast allen Antwortenden (28 von 31) eine sehr hohe oder hohe Bedeutung zugemessen. In der „fehlenden Koordinierung“ sehen 20 von 31 ein (sehr) hohes Umsetzungshindernis und nach Einschätzung von 23 Antwortenden stellen sich bei Betrieb und Unterhaltung von BGI (sehr) hohe Hürden der Koordinierung. Hierbei gehe es um die Aufgabenteilung insbesondere zwischen Grünflächenämtern und Wasserbetrieben und nicht zuletzt um die Frage, welche Kostenanteile im Gebührenhaushalt der Wasserbetriebe untergebracht werden können. Eine sehr hohe oder hohe Bedeutung wird von einem großen Teil der Befragten auch den Faktoren „Personalmangel“ (16 von 31) und „fehlende Prioritätensetzung und Unterstützung durch die politische Leitung“ (14 von 31) zugemessen. Zur politischen Unterstützung wurde u. a. erläutert, dass diese grundsätzlich vorhanden sei, dass aber keine klaren Prioritäten gesetzt und keine verbindlichen Strategien formuliert würden. Auch dies bestätigt, dass sich das wachsende Problembewusstsein noch zu wenig in konkreter Programmatik und hinreichendem Kapazitätsaufbau äußert. Multiple zersplitterte Zuständigkeiten 16 Fehlende Prioritätensetzung und Unterstützung durch die politische Leitung 7 Fehlende Koordinierung 7 Sehr hoch 10 www.umweltwirtschaft.com 0 Hoch 3 6 9 13 5 Mittel 6 8 17 3 7 16 5 2 1 11 9 6 Fehlende Möglichkeiten zur Einbindung privater Büros 1 Fehlende Kenntnisse und Wissensgrundlagen 12 11 Mangelndes Fachpersonal Verantwortungs- und Lastenteilung beim Betrieb und der Unterhaltung von BGI-Anlagen Der Blick in die Praxis zeigt allerdings auch, dass in einigen großen Städten bereits erste Schritte gegangen wurden, um Strategieprozesse zu entwickeln und eine ämterübergreifende Zusammenarbeit zur wassersensiblen Stadtentwicklung zu organisieren. Die Stadt Leipzig hat z. B. ein „Lenkungsnetzwerk wassersensible Stadtentwicklung“ eingerichtet, in dem die zuständigen Ämter der Stadt, die Leipziger Wasserwerke und der Zweckverband für Wasserversorgung und Abwasserbeseitigung Leipzig-Land kooperieren, um die blau-grüne Stadtentwicklung voranzubringen. Hamburg hat im Rahmen des Projekts „RISA“ eine eigene Leitstelle zum Thema eingerichtet (www. risa-hamburg.de) und einen BGI-Dialogprozess sowie ein Kernteam Starkregenvorsorge ins Leben gerufen, um die wassersensible Stadtentwicklung z. B. mit Fortbildungen, Website und dem Wasseratlas Hamburg fachübergreifend zu unterstützen. Außerdem hat Hamburg das Instrument eines wasserwirtschaftlichen Begleitplans zur Bebauungsplanung eingeführt, um die Erfordernisse der Niederschlagsbewirtschaftung auch über das Baugebiet hinaus frühzeitig in die Planung einbringen zu können. Solche Bemühungen der Städte belegen allerdings auch, dass die Herausforderungen der wassersensiblen Stadtentwicklung nicht ohne spezielle Zuständigkeitszuweisungen, Personalmittel und Planungsverfahren bewältigt werden können. Nach den Umfrageergebnissen ist auch kaum zu erwarten, dass die administrativen Herausforderungen überall mit der notwendigen Ausstattung, Gründlichkeit und Kontinuität angegangen werden, wenn dies weiterhin eine nur freiwillige Aufgabe der Gemeinden bleibt. 1 14 14 10 Gering 12 15 20 25 30 35
Regulatorische Herausforderungen Nach Auffassung der Autoren unterstützen die Befunde der Befragung die Forderung nach einem verbindlichen Fachplanungsinstrument zur blau-grünen, wassersensiblen Stadtentwicklung /3, 4/, die auch in der Befragung zum rechtlichen Rahmen aufgegriffen und in hohem Maße befürwortet wurde. Rechtliche Herausforderungen und Wege In der Fachdiskussion über die Schwierigkeiten der blau-grünen Stadtentwicklung wird verbreitet auf rechtliche Umsetzungsproble- me verwiesen. Eine eingehende literaturbasierte Analyse der rechtlichen Rahmenbedingungen und Hindernisse findet sich bei /3/. Daran anknüpfend wurden die Städte gefragt, wie sie die praktische Bedeutung der bei /3/ identifizierten und in Bild 4 genannten Rechtsaspekten einschätzen. Mit Blick auf die Beantwortung fällt zunächst auf, dass den rechtlichen Hürden insgesamt eine vergleichsweise große Bedeutung zugemessen wird. Höchste Bedeutung wurde dabei dem „Fehlen geeigneter rechtlicher Planungs- und Abstimmungsinstrumente“ zugemessen. 26 von 31 Antworten stuften diesen Aspekt als mindestens hoch ein und 21-mal wurde auch das „Fehlen eines geeigneten Fachplanungsinstruments zur Wasserinfrastruktur“ als sehr hoch oder hoch bedeutend eingestuft. Dies unterstreicht die Einschätzung, dass ein rechtlich verfasstes Planungsformat benötigt wird, um eine systematische Entwicklung von BGI zu gewährleisten und die o.g. administrativen Koordinierungserfordernisse zu bewältigen. Eine mindestens hohe Bedeutung wird ferner dem „Fehlen klarer Festsetzungs- und BRINGT EFFIZIENZ IN EINE NEUE DIMENSION. On-Line mit KSB: Jeden Mittwoch, 10-11 Uhr Die neue UPA S 250, eine Klasse für sich: Keine andere 10“-Brunnenpumpe hat aktuell einen niedrigeren Energieverbrauch. Korrosionsbeständig und abriebfest gefertigt, flexibel einsetzbar und mit individuell gefertigten Laufrädern erhältlich: Eine On-Line mit KSB. Melden Sie sich an. Unterwassermotorpumpe, auf die Sie sich Jahrzehnte verlassen können. Mehr auf www.ksb.de modernisierungsreport 2024/25 11
Wasserbewusste Stadt Bild 4 Rechtliche Herausforderungen Quelle: UFZ Mangelnde Planungs- und Anordnungsmöglichkeiten gegenüber Gebäudebestand 18 Fehlende rechtssichere Festsetzungsmöglichkeiten zu BGI-Maßnahmen auf dem Grundstück 13 Fehlendes formales Fachplanungsinstrument zur Wasserinfrastruktur 12 Fehlende Standards zur Wasserwiederverwendung für Bewässerungszwecke 12 Risiken der Verkehrssicherheit/Haftung in Bezug auf offene Wasser- und multifunktionale Retentionsflächen Fehlende klare Priorität und Pflicht zur Versickerung von Niederschlagswasser auf dem eigenen Grundstück 6 10 Sehr hoch Anordnungsmöglichkeiten zur dezentralen Niederschlagsbewirtschaftung und Errichtung von BGI“ zugemessen. Damit sind zum einen das Bauplanungsrecht und insbesondere die Festsetzungsmöglichkeiten des B-Plans gemäß § 9 BauGB und zum anderen die wasserrechtlichen Anordnungsmöglichkeiten zur ortsnahen Eigenbewirtschaftung des Niederschlagswassers auf dem Grundstück angesprochen. Das geltende Bauplanungsrecht ermöglicht zwar in unterschiedlicher Form die Festsetzung von Grün- und Freiflächen sowie Bepflanzungen auch zu wasserwirtschaftlichen Zwecken und kann damit auch für die blau-grüne Stadtentwicklung genutzt werden. Allerding fehlen klare Festsetzungsermächtigungen, mit denen zum Zweck der ortsnahen Niederschlagsbewirtschaftung nicht nur Flächen reserviert, sondern auch konkrete Maßnahmen bestimmt werden können /3/. Inzwischen liegt allerdings ein Regierungsentwurf zur Novellierung des BauGB vor, der die Kritik aufgreift und zu den Festsetzungsmöglichkeiten erhebliche Verbesserungen verspricht. Unter anderem soll auch in der Baunutzungsverordnung ein „Versiegelungsfaktor“ als neue Festsetzungsmöglichkeit und zusätzliche Gestaltungsmöglichkeit eingeführt werden, um versickerungsfähige Flächen auf dem Grundstück zu sichern (§ 16a BauNVO-Entwurf). Darüber hinaus soll es den Gemeinden erlaubt werden, im unbeplanten Innenbereich „ergänzende Anforderungen zu stellen, die der Klimaanpassung, insbesonwww.umweltwirtschaft.com 0 Hoch 3 dere der Vermeidung und Verringerung von erhöhter Hitzebelastung und Schäden aus Starkregenereignissen, dienen“. Außerdem sollen die Gemeinden ermächtigt werden, „durch Satzung die ergänzenden Anforderungen nach Satz 3 für das Gemeindegebiet oder Teile davon näher zu bestimmen.“ Die wasserrechtlichen Anordnungsmöglichkeiten zur Niederschlagsbewirtschaftung auf dem Grundstück sind gemäß § 56 WHG durch die Länder zu bestimmen. Alle Landeswassergesetze sehen eine solche Verpflichtungsmöglichkeit vor, allerdings zu unterschiedlichen und z. T. erschwerenden Voraussetzungen /3, 5/. Eine einheitliche und förderliche Rechtslage kann insoweit nicht attestiert werden, und darin wird in der Befragung nachvollziehbar ein bedeutendes Hindernis gesehen. Ein weiteres hoch eingestuftes rechtliches Hindernis stellen rechtliche Unsicherheiten in Bezug auf die Verkehrssicherheit von BGI dar, die vor allem die Sicherheit von offenen und insbesondere zeitweiligen Wasserflächen betrifft, die zur Retention und Zwischenspeicherung bei Starkregenereignissen dienen. Sehr hohe Sicherheits- und Haftungsmaßstäbe zum Schutz vor Ertrinkungsgefahren von Kindern führen in der Tat dazu, dass multifunktionale Nutzungen solcher Speicher- und Einstauflächen als Parks oder Sportplätze mit unwägbaren Haftungsrisiken belastet und letztlich blockiert werden /3/. Insofern wäre zu überlegen, die Sicherheitsanforderungen durch einheitliche gesetzliche Anforderungen so zu regulieren, 3 11 5 3 11 7 8 5 Mittel 6 10 9 9 3 5 8 6 8 14 10 Gering 1 9 8 8 15 1 8 7 Fehlende Standards zur Umweltverträglichkeit der Versickerung mit Blick auf Grundwasser- und Bodenschutz Fehlende technische Standards zu Überflutungssicherheit und Ausführung der BGI-Anlagen 4 9 10 Rechtliche Gestaltung und Sicherung von Betrieb und Unterhaltung von BGI-Anlagen 12 8 6 20 25 30 35 dass sie sinnvollen multifunktionalen Gestaltungen, die der Verminderung von Überflutungsrisiken dienen, nicht im Wege stehen. Eine vergleichsweise nicht ganz so hohe Bedeutung, aber dennoch gehobene Relevanz haben nach Ansicht der Befragten die Probleme aus fehlenden oder unklaren Anforderungen an die Umweltverträglichkeit und den Überflutungsschutz. Hier resultieren rechtliche Unsicherheiten aus dem Fehlen einheitlicher bundesrechtlicher Standards und dem Umstand, dass die Akteure somit auf eine disparate Mixtur aus privaten Techniknormen und Landesrecht angewiesen sind. Letzteres gilt auch in Bezug auf die Verwendung von Regenwasser zu Bewässerungszwecken. Interessant ist, dass dem Fehlen spezifischer Standards hierzu von 20 aus 31 Antwortenden eine (sehr) hohe Bedeutung zugemessen wird. Finanzielle Herausforderungen und Wege In der Finanzierung von BGI einschließlich ihres Betriebs und der Unterhaltung liegen weitere wichtige Entwicklungshürden. Aus den Voruntersuchungen und Experteninterviews haben wir auch dazu eine Reihe von Problemfaktoren identifiziert (Bild 5) und die befragten Städte um Einschätzung gebeten. Höchste Bedeutung hatte nach Auffassung der Befragten die „fehlende Berücksichtigung langfristiger und externer Kostenvorteile“ in der kommunalpolitischen Bewertung und ggf. auch Gebührenkalkulation zu Maßnahmen der ortsnahen, blau-grü-
Regulatorische Herausforderungen Bild 5 Finanzielle Hürden Quelle: UFZ Fehlende Berücksichtigung langfristiger Kostenvorteile 17 Zu geringe Investitionen aus dem Kommunalhaushalt 6 15 8 Zersplitterung und Intransparenz der öffentlichen Förderlinien 13 9 Bei BGI auf öffentlichen Grün- und Verkehrsflächen: Unklare Kostenverantwortung und Stadt als Eigentümerin/Baulastträgerin von Grün- und Verkehrsflächen 13 9 Bürokratische und unsichere Förderbedingungen 12 11 Bei BGI auf private Grund: Zu geringe Anreize aus (gesplitteter) Abwassergebühr 8 Probleme der Kostenumlegung zwischen Eigentümer und Mietern Unzureichende Fördermittel aus der Städtebauförderung Sehr hoch nen Niederschlagsbewirtschaftung. Solche Kostenvorteile können insbesondere darin liegen, dass Kanalinfrastruktur erübrigt, eine Überflutung vermieden, Hitze reduziert und die Lebensqualität verbessert wird. Die erheblichen externen Nutzen sprechen vor allem dafür, die BGI-Entwicklung stärker mit öffentlichen Haushalts- und Fördermitteln zu finanzieren und nicht allein oder in erster Linie auf Gebührenfinanzierung bzw. Gebühreneinsparanreize zu setzen. Dass insbesondere die Gebühreneinsparpotenziale nicht genügen, um Maßnahmen auf privatem Grund anzureizen, findet bei den Befragten mehrheitlich sehr hohe oder hohe Zustimmung (20 von 31). In Bezug auf die somit besonders geforderte öffentliche Finanzierung und Förderung sieht eine hohe Anzahl der Befragten eben- 0 Hoch 5 Mittel falls sehr hohe oder hohe Hindernisse, und zwar sowohl bei „zu geringen Investitionen aus den Kommunalhaushalten“ (23 von 31) als auch der „Zersplitterung und Intransparenz der Förderlinien“ (21 von 31) und „bürokratischen und unsicheren Förderbedingungen“ (23 von 31). Auch insoweit 6 3 7 20 2 4 10 15 2 6 4 16 10 Gering 1 7 11 7 3 7 12 6 5 5 3 25 30 35 bestätigt die Befragung einen erheblichen Handlungsbedarf, die Höhe der vorhandenen Fördermittel wird von weit weniger Befragten für (sehr) problematisch gehalten (nur 12 von 31). Die Experten Dr. Frank Hüesker, Timo Böttger, Dr. Moritz Reese Das diesem Bericht zugrundeliegende Vorhaben wurde mit Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung in der Fördermaßnahme „Ressourceneffiziente Stadtquartiere für die Zukunft (RES:Z)“ unter dem Förderkennzeichen 033W110AN gefördert. Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) Permoserstraße 15 D-04318 Leipzig frank.hueesker@ufz.de www.ufz.de Literatur: /1/ /2/ BMUV (2023): Nationale Wasserstrategie, beschlos- Mohr, M.; Stefan, M. (2023): Wege zum abflussfreien sen von der Bundesregierung am 15. März 2023. Stadtquartier – Potenziale, Wirkungen und Rechts- (2009): Konzept für bundeseinheitliche Anforderun- Online unter https://www.bmuv.de/download/ rahmen des ortsnahen Schmutz- und Regenwasser- gen an die Regenwasserbewirtschaftung. Online nationale-wasserstrategie-2023, zuletzt abgerufen managements. Online unter https://www.umwelt unter https://www.umweltbundesamt.de/publika am 24. Oktober 2024 bundesamt.de/publikationen/wege-abflussfreien- tionen/konzept-fuer-bundeseinheitliche-anforderun DWA e. V. (2021): DWA-Positionen – Wasserbe- stadtquartier-potentiale, zuletzt abgerufen am wusste Entwicklung unserer Städte. Online unter 24. Oktober 2024 https://de.dwa.de/files/_media/content/01_DIE_ /3/ Sieker, F.; Sieker, H.; Zweynert, U.; Schlottmann, P. gen-an, zuletzt abgerufen am 24. Oktober 2024 /7/ WBGU Wissenschaftlicher Beirat Globale Umwelt- Reese, M. (2020): Nachhaltiges urbanes Nieder- fragen (2024): Hauptgutachten – Wasser in einer DWA/Politikinformationen/Positionspapiere/Posi schlagsmanagement – Herausforderungen und aufgeheizten Zeit. Online unter tionspapier_Wasserbewusste_Entwicklung_ Rechtsinstrumente. In: Zeitschrift für Umweltrecht https://www.wbgu.de/fileadmin/user_upload/ unserer_Städte_2021_Netz.pdf, zuletzt abgerufen (ZUR) 2020, S. 40–50 wbgu/publikationen/hauptgutachten/hg2024/pdf/ Queitsch, P. (2023): Berücksichtigung des Klimawan- wbgu_hg2024_zf.pdf, zuletzt abgerufen am Müller, R.; van Afferden, M.; Reese, M.; Geyler, S.; dels in der Bauleitplanung. In: Umwelt- und 24. Oktober 2024 Hofmann, E.; Wüstneck, T.; Sahlbach, T.; Winkler, U.; Planungsrecht (UPR) 2023, S. 201–207 am 24. Oktober 2024 /4/ /6/ /5/ modernisierungsreport 2024/25 13
Wasserbewusste Stadt Henrik Fischer Wassersensible Stadtentwicklung im Bestand umsetzen Wie können Städte und ihre Abwasserunternehmen private Grundstücke bei der Umsetzung eines Schwammstadtkonzepts nutzen? Bebauungspläne und Anreize mit Gebühren werden im Gebäudebestand nicht immer die gewünschte Wirkung entfalten. Neue Ideen für Anreize, Pflichten und zur Kooperation sind erforderlich. chen (Straßen, Parks und die Freiflächen von öffentlichen Gebäuden wie Schulen) zu nutzen, doch im hochverdichteten Siedlungsbestand werden diese Flächen in der Regel nicht ausreichen. Erforderlich ist es vielmehr, auch private Flächen einzubeziehen. Niederschlagsgebühren setzen keine nennenswerten Anreize Bild 1 Für die schnelle und rechtssichere Umsetzung von Schwammstadtkonzepten im Bestand existieren bislang kaum Instrumente. Quelle: IMAGO / blickwinkel Der Umgang mit Niederschlagswasser steht in vielen Städten vor großen Veränderungen. Der größere Abfluss von Niederschlagswasser infolge weiter zunehmender Flächenversiegelung ist mit der bestehenden Kanalisation oft nicht mehr zu bewältigen. Häufigere und heftige Starkregenereignisse führen zu Überschwemmungen mit teils erheblichen Schäden. Schließlich steigen auch rechtliche Anforderungen an die Niederschlagswasserbeseitigung – das gilt vor allem für Mischwassersysteme. Viele Städte entwickeln darauf konzeptionelle und organisatorische Antworten, deren Umsetzung mit vielen Fragezeichen und bürokratischen wie rechtlichen Hürden ver- 14 www.umweltwirtschaft.com bunden ist. Im Neubau, vor allem bei der Aufstellung neuer Bebauungspläne und dem Abschluss städtebaulicher Verträge, gibt es bereits zahlreiche gelungene Beispiele für die Umsetzung von Schwammstadtkonzepten. Für die schnelle, effiziente und rechtssichere Umsetzung im Gebäudebestand gibt es hingegen kaum bewährte Instrumente. Eines der größten Probleme liegt dabei in der Flächenverfügbarkeit. Aus einer unterirdischen und damit unsichtbaren Kanalisation soll eine oberirdische, flächenintensive blau-grüne Infrastruktur entstehen. Die Städte und ihre Abwasserunternehmen versuchen zwar zunächst, kommunale Flä- Viele Städte wollen mit Niederschlagsgebühren Anreize setzen, damit Grundstückseigentümer auf ihren Grundstücken selbst und in eigener Verantwortung Niederschlagswasser sammeln bzw. versickern. Das funktioniert in der Theorie so, dass die Niederschlagsgebühr umso geringer ist, desto weniger Niederschlagswasser in die Kanalisation abgeleitet wird. Beispielsweise setzt eine Niederschlagsgebühr, die nach dem Versiegelungsmaßstab bemessen wird, einen Anreiz, Flächen zu entsiegeln, weil damit die jährliche Gebührenlast sinkt. Viele Gebührensatzungen sehen zudem Reduzierungen für Gründächer, Zisternen oder die Versickerung auf dem eigenen Grundstück vor. In der Praxis setzen Niederschlagsgebühren allerdings kaum relevante Anreize für Grundstückseigentümer. Das liegt erstens an ihrer Höhe: Ein durchschnittliches Einfamilienhaus zahlt jährlich zwischen 150 und 300 € Niederschlagsgebühr. Die Kosten, die ein Grundstückseigentümer hätte, wenn er Niederschlagswasser selbst auf dem Grundstück versickert oder sein Dach als Gründach umrüstet, sind in aller Regel höher als die ersparte Gebühr. Der Anreiz
Regulatorische Herausforderungen ist also häufig nur stark genug für sehr niederschwellige Maßnahmen wie etwa eine Flächenversickerung im eigenen Garten. Bei kostenintensiveren Maßnahmen helfen einige Städte mit eigenen Förderprogrammen. Ein zweites wesentliches Hemmnis liegt im Mietrecht. Der Wohnungsbestand in Deutschland – gerade in Großstädten mit hohem Handlungsdruck bei der Niederschlagswasserbeseitigung – ist überwiegend vermietet. Die Grundstückseigentümer legen die Niederschlagsgebühr vollständig als Betriebskosten auf die Mieter um. Die Mieter empfangen damit das ökonomische Anreizsignal der Gebühr (wenn auch in verschwindend geringer Höhe), haben aber keine Möglichkeit, über die Grundstücksnutzung und damit beispielsweise die Errichtung von Versickerungsanlagen zu entscheiden. Die Grundstückseigentümer haben ihrerseits keinen Anreiz, in solche Anlagen zu investieren. Denn die damit verbundenen Kosten können sie – anders als die Niederschlagsgebühren – nicht vollständig auf die Mieter abwälzen. Vor allem sieht das Recht keine Möglichkeit vor, Investitionskosten für die Regenwasserbewirtschaftung auf dem Grundstück im Wege einer Modernisierungsumlage auf die Kaltmiete umzulegen. Um auch im Gebäudebestand die Idee einer Schwammstadt zu realisieren, genügen bloße Anreize mit Gebühren daher nicht – es ist mehr erforderlich. Strategische Entscheidung über die zukünftige Rolle der Abwasserentsorger Der Blick wird dann häufig auf die kommunalen Abwasserunternehmen gerichtet. Sie entsorgen das Niederschlagswasser in weiten Teilen ihres Entsorgungsgebiets mit einer stadtweiten Kanalisation. Schwammstadtkonzepte erfordern aber eine kleinteilige, dezentrale Infrastruktur. Früh zu klären ist, ob diese kleinteiligen Anlagen noch öffentlich, also von der Stadt und ihrem Abwasserunternehmen, oder privat, also von den jeweiligen Grundstückseigentümern, betrieben werden sollen. Je mehr Niederschlagswasser zukünftig von den Grundstückseigentümern selbst beseitigt oder genutzt werden soll, desto mehr ändert sich der Aufgabenbestand und das Geschäftsmodell kommunaler Abwasserunternehmen. Diese Entscheidung muss sich am spezifischen landesrechtlichen Rahmen orientieren. In einigen Bundesländern ist die Niederschlagswasserbeseitigung schon kraft Gesetzes eine Aufgabe der Grundstückseigentümer. Hier werden Städte Niederschlagswasser vielfach nicht mehr im Rahmen ihrer kommunalen Pflichtaufgabe, sondern freiwillig beseitigen. Entsprechend wäre es denkbar, dass Städte oder ihr Abwasserunternehmen Niederschlagswasser – mit ausreichendem zeitlichem Vorlauf – aus den Nutzungsverhältnissen ausnehmen und die Grundstückseigentümer dann selbst für die Beseitigung sowie die Herstellung und Finanzierung entsprechender Anlagen auf ihrem Grundstück verantwortlich wären. In anderen Bundesländern eröffnet das Landeswasserrecht diese Möglichkeit nicht. HUBER Global Service – immer für Sie da! Alle Serviceleistungen für den optimalen Betrieb Ihrer Maschinen und Anlagen ‒ weltweit: ▸ Schnelle und zuverlässige Lieferung von original HUBER Ersatzteilen ▸ Know-how-transfer durch Betreiberschulungen ▸ Fachgerechte Montage und Inbetriebnahme Ihrer Maschinentechnik ▸ Höchste Betriebssicherheit mit unseren Wartungskonzepten ▸ Retrofit – Erneuerung der Steuerung ▸ Betriebsunterstützung und Anlagenoptimierung – weltweit : NTER ERREICHEN SIE IHR HUBER SERVICE-CE er.de Per E-Mail: service@hub 1-455 220 Telefonisch: +49 846 HUBER SE | Telefon: + 49 - 84 62 - 201 - 0 | info@huber.de | www.huber.de modernisierungsreport 2024/25 15
Wasserbewusste Stadt Bild 2 Die Möglichkeit der städtebaulichen Sanierungsgebiete sollte künftig stärker in den Blick genommen werden, da die rechtliche Wirkung eines Bebauungsplans im Bestand gering ist. Quelle: IMAGO / Emmanuele Contini Selbst da, wo Grundstückseigentümer im Grunde selbst für die Niederschlagswasserbeseitigung verantwortlich sind, sprechen aber gute Gründe für eine starke Rolle der kommunalen Abwasserentsorger. Einerseits kann so die Niederschlagswasserbeseitigung auf einem hohen technischen und ökologischen Niveau gewährleistet werden. Andererseits wird der Kontroll- und Überwachungsaufwand zahlloser privater Anlagen vermieden oder zumindest gering gehalten. Kommunale Anlagen auf privaten Flächen Wenn kommunale Abwasserentsorger auch in der Schwammstadt eine wichtige Rolle bei der Niederschlagswasserbeseitigung einnehmen sollen, stellt sich die Frage nach Flächen, auf denen sie ihre Anlagen errichten können. Der hohe Nutzungsdruck auf die Flächen hat in der Vergangenheit schon zu anspruchsvollen Pilotprojekten mit multifunktional genutzten kommunalen Flächen geführt. Vermehrt in den Blick genommen werden sollte aber auch die Option, dass kommunale Abwasserentsorger Flächen auf privaten Grundstücken pachten und dort kommunale Anlagen zur Niederschlagswasserbeseitigung errichten und betreiben. Erforderlich dafür wäre der Abschluss eines langfristigen Pachtvertrags zwischen Grundstückseigentümer und Abwasserentsorger; die Nutzung sollte möglichst auch durch eine Dienstbarkeit gesichert werden. Der kommunale Abwasserentsorger könnte seine Anlage dann auf der Fläche errichten sowie als Teil seiner öffentlichen Einrichtung betreiben und refi- 16 www.umweltwirtschaft.com nanzieren. Das heißt: In der Anlage könnte auch Niederschlagswasser umliegender Grundstücke oder Verkehrsflächen gesammelt oder versickert werden. Für kommunale Abwasserentsorger löst sich so nicht nur das Problem der Flächenverfügbarkeit. Sie könnten auch mit wenigen punktuellen Maßnahmen für die Umstellung der Niederschlagswasserbeseitigung in ganzen Innenhöfen oder Häuserzeilen sorgen. Auch für einzelne Grundstückseigentümer ist diese Option attraktiv, denn für sie entsteht eine zusätzliche Einnahme durch die Verpachtung der Fläche. Sie profitieren vom Schwammstadtkonzept damit auch ökonomisch. So können Grundstückseigentümer – die sonst durchaus Bremser einer wassersensiblen Stadtentwicklung sind – zu Treibern und Unterstützern werden. Sanierungsgebiete für den wassersensiblen Umbau des Bestands Eine komplexe technische Infrastruktur wie die zur Niederschlagswasserbeseitigung umzubauen, erfordert schließlich eine dezidierte Konzeption und Planung. Viele Städte verfügen heute schon über informelle oder gesetzlich vorgeschriebene Abwasserbeseitigungskonzepte, in denen sie die Weiterentwicklung ihrer Infrastruktur darlegen. Oberirdische blau-grüne Infrastrukturen erzeugen aber eine Vielzahl von Nutzungskonflikten, die im Rahmen einer reinen Infrastrukturplanung nicht vollständig erfasst und abgewogen werden kann. Solche Konflikte auszugleichen ist eine typische Auf- gabe der Bauleitplanung. So kursiert immer wieder die Idee, dass man im Wege der Überplanung eines bestehenden Quartiers Festsetzungen treffen kann, die Grundstückseigentümer dann dazu verpflichten, ein Schwammstadtkonzept umzusetzen. Ein solches Vorgehen wird in der Regel aber nicht von Erfolg gekrönt sein, weil die rechtlichen Wirkungen eines Bebauungsplans im Bestand gering sind, der Aufwand zur Aufstellung des Bebauungsplans aber hoch ist. In Zukunft sollte deshalb vermehrt die Möglichkeit der städtebaulichen Sanierungsgebiete in den Blick genommen werden, die auf die Behebung sogenannter städtebaulicher Missstände gerichtet ist. Ein solcher städtebaulicher Missstand kann sich aus der fehlenden Anpassung an die Folgen des Klimawandels u. a. mit Blick auf eine überlastete kommunale Infrastruktur zur Niederschlagswasserbeseitigung ergeben. Nach einer Bestandsanalyse des Quartiers ist eine Sanierungssatzung zu erlassen. Darin sollten städtebauliche Gesamtmaßnahmen vorgesehen werden, die – wie es Schwammstadtkonzepten immanent ist – ein gebietsbezogenes städtebauliches Problem durch ein abgestimmtes und aufeinander bezogenes Vorgehen lösen. Städte können im Zuge einer Sanierungsmaßnahme ihre Erschließungsanlagen anpassen und auf dem üblichen Wege mit Gebühren und Beiträgen refinanzieren. Der wesentliche Vorteil liegt aber darin, dass sie gleichzeitig mit den Grundstückseigentümern die Umsetzung dezentraler Maßnahmen auf deren Grundstücken vereinbaren und dafür Städtebaufördermittel in Anspruch nehmen können. Sanierungsgebiete könnten so ein passender Rahmen sein, um neue Wege der Kooperation bei der Umsetzung von Schwammstadtkonzepten vorzubereiten und zu vereinbaren. Die Experten RA Henrik Fischer Luther Rechtsanwaltsgesellschaft mbH Grimmaische Straße 25 D-04109 Leipzig henrik.fischer@luther-lawfirm.com www.luther-lawfirm.com
Regulatorische Herausforderungen Sven Hänichen; Jule Klandt; Antje Backhaus Regenwasser grundstücksübergreifend bewirtschaften! In der Bestandsbebauung können Fälle auftreten, in denen die Bewirtschaftung auf dem eigenen Grundstück nicht umsetzbar ist. Eine 2023 veröffentlichte Studie zeigt Möglichkeiten und Hemmnisse grundstücksübergreifender Regenwasserlösungen auf. Städte haben ihren eigenen Wasserkreislauf: Anstatt Niederschlagswasser vor Ort und pflanzenverfügbar zu versickern, wird es traditionell in die Kanalisation und aus der Stadt geleitet. Durch die Auswirkungen des Klimawandels wird diese Praxis mehr denn je infrage gestellt. Einerseits führen vermehrte Starkregenereignisse zu Überflutungen und zum Überlaufen des Kanalisationssystems, andererseits kommt es in Trockenzeiten zu Wassermangel. Letzterer hinterlässt sichtbare Spuren und Schäden an Bäumen, Grünflächen und Gewässern. Um diese Schäden zu minimieren und das Potenzial von Regen- wasser für die Bewässerung, Kühlung und Grundwasserneubildung zu nutzen, ist eine dezentrale Regenwasserbewirtschaftung unerlässlich. Hierbei wird das Regenwasser nicht in das zentrale Kanalnetz geleitet, sondern vor Ort zurückgehalten, verdunstet, versickert oder anderweitig genutzt. Bild 1 Untersuchungsszenarien für die dezentrale Regenwasserbewirtschaftung: Frontfallrohre bei Blockrandbebauung in Straßenbegleitgrün entwässern (1), Dachregenwasser in Grünflächen entwässern (2), Regenwasser von Freiflächen in Grünflächen entwässern (3), Regenwasser von öffentlichem Straßenland in Grünflächen entwässern (4), Abkopplung von der Regenwasserkanalisation zur Nutzung oder dezentralen Versickerung (5) Quelle: gruppe F modernisierungsreport 2024/25 17
Wasserbewusste Stadt • Prozessablauf GüL Bottom-up PHASE 0 Ziele PHASE 0 PHASE 1 Ideenentwicklung und Konzepterstellung (juristisch privat <> privat) Erfolgsfaktoren Projektpartner* innen Bei einem Vor-Ort-Termin alle Stakeholder an einen Tisch holen Partnerschaft Geberund Nehmerfläche Zeitplanung paralleler Vorhaben besprechen ! Projektpartner*innen werden in ihrem Vorhaben bestärkt Ziele PHASE 1 Vorvertrag Win-win-Situation für Geberund Nehmerfläche Projektpartnerschaft bilden Anmerkung: je anch Größe des Projekts, können Phasen auch parallel stattfinden Fragen geklärt: • Wollen wir das Projekt gemeinsam umsetzen? • Sind alle im Boot? Klärung der Zuständigkeiten Projektleitung und regelmäßige Jour-Fixe-Termine festlegen klare Zuständigkeiten Zeitplanung paralleler Vorhaben abgleichen und ggf. synchronisieren Projektsteuerung klären ! Was wollen wir? Fragen geklärt: • Wer ist verantwortlich dafür, dass es weitergeht? Absichtserklärung LOI (schriftlich oder mündlich) oder Bezirksbeschluss Klärung Art des Vorvertrags Ideenimpuls! Vertrag € Finanzierung mitdenken Finanzierung ! Wen brauchen wir wofür? Grobkonzept erstellen Bedenken hören und Lösungen finden Weitere Akteure Stakeholder und Ansprechpersonen identifizieren (v. a. Behörden) Öffentlichkeitsarbeit/ Beteiligung Regelungen und deren Umsetzbarkeit Seit 2018 gilt in Berlin für Neubauprojekte und Sanierungen im Bestand das Hinweisblatt zur „Begrenzung von Regenwassereinleitungen bei Bauvorhaben in Berlin“ (BReWa-BE). Es fordert die Bewirtschaftung des Regenwassers auf dem eigenen Grundstück anstelle der herkömmlichen Ableitung. Insbesondere in der Bestandsbebauung können jedoch Fälle auftreten, in denen die Bewirtschaftung auf dem eigenen Grundstück nicht umsetzbar ist, zum Beispiel bei hohem Bebauungs- oder Versiegelungsgrad, schlechter Versickerungsfähigkeit des Bodens (vor allem der Berliner Hochflächen) oder bei schwer zu sanierenden Altlasten. Hier bieten sich grundstücksübergreifende 18 www.umweltwirtschaft.com Fragen geklärt: • Wie soll das Projekt finanziert werden? • z.B. Wer schreibt den Förderantrag? Grobkonzept steht Ideen sammeln Bauliche Umsetzung Finanzierung Machbarkeitsstudie grundsätzliche Bereitschaft abklären, wer welche Kosten übernehmen kann Stakeholder involvieren Einbeziehen aller Stakeholder Stakeholder „sind im Boot“ und überzeugt ÖA bei Zeit- und Finanzplanung mitdenken Expert*in beauftragen Expert*in erarbeitet Konzept Anwohner*innen und ggf. Quartiersmanagement involvieren Lösungen (GüL) der Regenwasserbewirtschaftung an. Auf Nachbargrundstücken kann eine bessere Versickerungsfähigkeit oder ein größeres Platzangebot gegeben sein. Zusätzlich kann eine Win-win-Situation entstehen, wenn der hohe Bewässerungsbedarf eines Grundstücks durch das Niederschlagswasser des anderen gedeckt und so das Niederschlagswasserentgelt (Gebühr für die Einleitung des Regenwassers in die Kanalisation) eingespart werden kann. Die dezentrale grundstücksübergreifende Regenwasserbewirtschaftung kann also ein wichtiger Baustein sein, um Berlin und andere Städte und Gemeinden schneller, gezielter und mehrwertstiftender zu klimaresilienten Schwammstädten umzubauen. Nicht alles läuft flüssig Es bestehen jedoch noch viele Vorbehalte und Herausforderungen in Bezug auf die Umsetzbarkeit, Finanzierung und Haftung bei grundstücksübergreifenden Lösungen. Daher beauftragte die Senatsverwaltung für Mobilität, Verkehr, Klimaschutz und Umwelt eine Arbeitsgemeinschaft aus gruppe F | Freiraum für alle GmbH, oikotec Ingenieur*innen und Juristen der STATTBAU Stadtentwicklungsgesellschaft mbH und Rechtsanwälte SWKH GbR mit einer Studie. Hierbei sollten Möglichkeiten zur Förderung grundstücksübergreifender Regenwasserlösungen ausgelotet werden. Durch die Analyse von Praxisbeispielen und Workshops mit Stakeholdern wurde deut-
Regulatorische Herausforderungen Interview PHASE 2 PHASE 3 Ziele PHASE 2 Machbarkeits- und Entwurfsplanung Machbarkeit und Kostenrahmen durch Expert*innen (Fachplaner*innen) erarbeiten lassen Feiern und Veröffentlichung ist wichtig, damit andere vom Projekt erfahren Übergabe der funktionsfähigen n Anlage an die Auftraggeber*innen synchronisierter zeitlicher Ablauf paralleler Vorhaben regelmäßige Abstimmungen Fest regelmäßige Entscheidungen in Abstimmungen Vorvertrag Vertragsverhandlungen Vertragsabschluss Finanzierung für Umsetzung geklärt Kostenschätzung genehmigungsfähige Entwurfsplanung Machbarkeits- und Entwurfsplanung erarbeiten Expert*innen ! Fragen geklärt: • Wo sind die technischen Anlagen? • Wer kümmert sich um die Wartung? verhandeln Stakeholder involvieren € Jurist*in Eintragung Grundbuch und/ oder Baulastenverzeichnis Umgang mit Mehrkosten Ausführungsplanung erarbeiten Öffentlichkeitsarbeit erklären interner Vertrag Vertragsverhandlungen Jurist*in beauftragen Expert*innen beauftragen Abschluss Gemeinsamer Bau spart Kosten Zeitplanung paralleler Vorhaben konkretisieren € PHASE X Ziele PHASE 3 Bau- und Umsetzung Bauabschluss erklären Bauausführung Expert*innen Expert*innen verhandeln Stakeholder „sind im Boot“ und überzeugt Stakeholder involvieren Stakeholder informieren einladen Wissenstransfer ÖA und Beteiligung ÖA und Beteiligung ÖA und Beteiligung Bild 2 Prozessablaufschema GüL Quelle: gruppe F lich, wie komplex die Zusammenarbeit bei Regenwasserprojekten nach wie vor ist: Begrenztes Grundlagenwissen, unklare Zuständigkeiten sowie die notwendigen, rechtzeitigen Abstimmungen zu Verträgen, bautechnischen Aspekten, Investitionskosten und langfristiger Sicherung und Pflege sind nur einige der bestehenden Herausforderungen. Darüber hinaus besteht in Berlin bisher keine gesamtstädtische Strategie zur Umsetzung einer dezentralen Regenwasserbewirtschaftung. Wie es gelingen kann Im Rahmen dieser Studie wurden übergeordnete Empfehlungen formuliert, wie durch grundsätzliche Veränderungen in der Verwaltung, bei den Berliner Wasserbetrieben (BWB) und in Regelwerken etc. die dezentrale und grundstücksübergreifende Regenwasserbewirtschaftung erleichtert und strategisch ausgerichtet werden kann. Zudem fassen die folgenden vier „Produkte“ die grundlegenden Aspekte auf Projektebene praxisnah zusammen und bieten eine Hilfestellung für die Durchführung von neuen, grundstücksübergreifenden Regenwasserprojekten. • Prozessablaufschema: Das Prozessablaufschema soll eine Richtschnur sein, um die Prozesse vorausschauend zu lenken und wichtige Schritte nicht zu übersehen. Es zeigt schematisch den Ablauf eines GüL-Projekts und hebt Meilensteine und Er- folgsfaktoren hervor. Wesentlich sind ein starker Ideenimpuls zu Anfang mit dem Bekenntnis aller Stakeholder zum Interesse am Projekterfolg sowie klare Zuständigkeiten und Entscheidungskompetenzen im Verlauf des Projekts. Zudem braucht es zur Handhabung der Komplexität von GüL-Projekten eine Projektkoordination. • Fragenkatalog: Häufig auftretende Fragen zu rechtlichen, organisatorischen und technischen Aspekten der dezentralen Regenwasserbewirtschaftung wurden zusammengetragen und beantwortet. Dabei wurde deutlich, dass noch viele grundlegende Unsicherheiten vorliegen, welche sich nicht nur spezifisch auf grundstücksmodernisierungsreport 2024/25 19
Wasserbewusste Stadt Bild 3 Beispielhafte Umsetzung: Das Regenwasser von einem benachbarten Bürogebäude wird in einer wettervorhersagengesteuerten 200-m3-Retentionszisterne gesammelt und dem Evangelischen Georgen-Parochial-Friedhof II zu Bewässerungszwecken zur Verfügung gestellt. Quelle: oikotec Ingenieur*innen GmbH übergreifende Lösungen, sondern auf die Regenwasserbewirtschaftung allgemein beziehen. • Steckbriefe technischer Lösungen: Häufig auftretende städtebauliche Szenarien mit Potenzial für grundstücksübergreifende Lösungen der Regenwasserbewirtschaftung wurden identifiziert und ihre technische Machbarkeit wurde beschrieben. In Steckbriefen wird u. a. auf mögliche Versickerungsanlagen, die notwendigen hydrogeologischen Voraussetzungen, die einzubeziehenden Behörden und die grundlegenden technischen und rechtlichen Regelungen eingegangen. Bereits umgesetzte oder in Planung befindliche Praxisbeispiele werden zur Veranschaulichung vorgestellt. Ein Szenario ist die Entwässerung von Dachregenwasser in Grünflächen zur Bewässerung. Als Beispiel kann hier die Nutzung von Dachregenwasser eines Bürogebäudes für die Bewässerung des Evangelischen Georgen-Parochial-Friedhofs II in der Landsberger Allee in Berlin genannt werden. • Mustervertrag: Bei Verträgen zwischen sogenannten Gebergrundstücken und sogenannten Nehmergrundstücken handelt es sich in der Regel um privatrechtliche Verträge. Der Mustervertrag bietet hierfür Regelungs- und Formulierungshilfen für Grundstückseigentümer, die entweder unmittelbare Nachbarn oder nah beieinanderliegende Anrainer einer öffentlichen Straße sind. Er ist im Grundsatz 20 www.umweltwirtschaft.com auch für Behörden, deren Gebäude und Grundstücke ent- oder bewässert werden sollen, anwendbar. Besondere Fallkonstellationen liegen vor, wenn die Berliner Wasserbetriebe im Rahmen ihrer öffentlich-rechtlich ausgestalteten Abwasserbeseitigungspflicht handeln oder die Bezirke untereinander oder mit dem Land Berlin kooperieren. Diese Konstellationen werden im Rahmen der Musterverträge nicht berücksichtigt, da es sich um öffentlich-rechtliche Verträge respektive körperschaftsinterne Angelegenheiten handelt. Ein erster Schritt ist getan Mit der vorliegenden Studie hat Berlin den ersten Schritt getan, um Lösungen für die grundstücksübergreifende Regenwasserbewirtschaftung voranzubringen. Zudem kann sie anderen Orten bei der strukturierten Umsetzung entsprechender Projekte behilflich sein. Im nächsten Schritt müssen die in der Studie beschriebenen Aufgaben angegangen werden, um Berlin auf dem Kurs zur lebenswerten und klimaangepassten Schwammstadt weiterzubringen. So braucht es im Wesentlichen eine stadtweite strategische Ausrichtung zur Umsetzung des Schwammstadtideals, klare Zuständigkeiten auf Landes- und Bezirksebene und eine Neudefinition oder Erweiterung der Aufgaben der Berliner Wasserbetriebe. Nicht zuletzt müssen die handelnden Institutionen mit ausreichenden Ressourcen für die Planung und Umsetzung ausgestattet sein. Die Experten Sven Hänichen oikotec Ingenieur*innen GmbH Kiefholzstraße 19–20 D-12435 Berlin kontakt@oikotec.de www.oikotec.de Weiterführender Link Studie „Grundstücksübergreifende Lösungen der Regenwasserbewirtschaftung“ www.berlin.de/sen/uvk/umwelt/wasserund-geologie/regenwasser/regenwas serbewirtschaftung/grundstuecks uebergreifend/ Jule Klandt, Antje Backhaus gruppe F Freiraum für alle GmbH Lützowstraße 102–104 D-10785 Berlin klandt@gruppef.com www.gruppef.com
Regulatorische Herausforderungen Uwe Manzke Chancen und Hemmnisse auf dem Weg zur Schwammstadt Bis Ende 2024 koordiniert das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung GmbH das Forschungsvorhaben „Leipziger BlauGrün“. Zur UBA-Fachkonferenz „Governance und Recht zur blaugrünen Stadtentwicklung“ wurden im September Zwischenergebnisse vorgestellt. Während der zweitägigen Veranstaltung am 5. und 6. September 2024 standen Vorträge und Diskussionen zu den Perspektiven und Herausforderungen blau-grüner Infrastrukturen von Vertretern aus Politik, Verwaltung und Forschung im Vordergrund. Experten präsentierten praxisnahe Beispiele aus verschiedenen Städten zur wassersensiblen Stadtentwicklung und integrierten Klimaanpassung. Dabei zeigten die rechtlichen Rahmenbedingungen die häufig vorhandene Kluft zwischen den Ansprüchen auf dem Weg zur Schwammstadt und den innovativen technischen Möglichkeiten zur Regenwasserbehandlung auf der einen und dem in der Praxis letztlich Machbaren auf der anderen Seite auf. dabei auch auf § 55 Abs. 2 WHG ein, der einer Versickerung bis heute noch keinen Vorrang vor der Einleitung in die Trennkanalisation einräumt. Beim Schwammstadtprinzip ist jedoch die Speicherung des Wassers erforderlich, statt es schnell abzuleiten. Hier sei der Versickerung ein Vorrang zu geben. Mit der neuen Kommunalabwasserrichtlinie (KARl) könne mit der im Art. 5 festgelegten Erstellung integrierter Abwasserbewirtschaftungspläne eine weitere Verbesserung erfolgen. Die ganzheitliche Betrachtung stellt sich gewerkeübergreifend als hochkomplex dar, darunter die Umsetzung der gesetzlichen Vorgaben der technischen Entwicklung für alle Schnittstellen. Dabei sind das Wasserund Baurecht, die Flächennutzungsplanung, der Brand- und Katastrophenschutz bis hin zum Klimaanpassungsgesetz nicht nur für eine blau-grüne Quartiersentwicklung in Leipzig, sondern bundesweit eine Herausforderung. Forschen für die Schwammstadt der Zukunft Bis zum 31. Dezember 2024 koordiniert das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung GmbH (UFZ) das Forschungsvorhaben „Leipziger BlauGrün“ im Rahmen Wasserrechtlicher Rahmen ist anzupassen Vorschläge zur Verbesserung des wasserrechtlichen Rahmens für die blau-grüne Stadtentwicklung unterbreitete Dr. Juliane Albrecht vom Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung (IÖR). Welche Hebel bei den baurechtlichen Festsetzungsmöglichkeiten für blau-grüne Infrastrukturen ggf. unter Einbeziehung der Entwürfe zur Baugesetzbuch(BauGB)-Novelle angesetzt werden können, wurde von Prof. Dr. Gerd Schmidt-Eichstädt (Plan und Recht GmbH) vorgestellt. Er ging auch auf mögliche Festsetzungen zur blau-grünen Infrastruktur nach § 9 BauGB ein. Diese komplexen Themen wurden im Anschluss beim Workshop „Stärkung des urbanen Niederschlagswassermanagements durch das Wasserhaushaltsrecht“ interaktiv mit Argumenten aus der Praxis angeregt diskutiert. Dr. Juliane Albrecht ging Bild 1 Dr. Juliane Albrecht vom Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung (IÖR) unterbreitete zum Warm-up des Workshops Vorschläge zur Verbesserung des wasserrechtlichen Rahmens für die blau-grüne Stadtentwicklung. Quelle: Uwe Manzke modernisierungsreport 2024/25 21
Wasserbewusste Stadt der Fördermaßnahme „Ressourceneffizientes Stadtquartier – RES:Z“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF). Das Ziel: Es sollen zukunftsfähige Konzepte für den ressourceneffizienten Umgang mit Wasser, Flächen, Stoffströmen, Energie und Stadtgrün in urbanen Gebieten erarbeitet werden. Als Modellprojekt wird dazu auf dem ehemaligen Gelände des Eutritzscher Freiladebahnhofs entlang der Delitzscher Straße / Eutritzscher Straße bis Ende der 2020er-Jahre ein autoarmes und als Schwammstadt konzipiertes Quartier mit blau-grüner Infrastruktur entstehen. Vielfältige Mobilitätsangebote, nachhaltige Regenwasserbewirtschaftung und Energieversorgung sowie modernste Bauweise sollen das Areal „Leipzig 416“ zu einem bundesweiten Vorzeigeprojekt für den Städtebau der Zukunft machen. „Im überwiegend ingenieurwissenschaftlichen Projekt begleiten wir mit unserem Team aus dem rechtswissenschaftlichen Department die nachhaltige Entwicklung des Quartiers“, so der Leiter des Departments für Umwelt und Planungsrecht am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung GmbH, Dr. Moritz Reese. Dazu gehört insbesondere, dass • das Quartier von der zentralen Abwasserbeseitigung abgekoppelt und • das Niederschlagswasser im Quartier nachhaltig bewirtschaftet sowie • zur Grundwasseranreicherung und zur Bewässerung der Grünflächen verwendet werden soll. Dr. Moritz Reese leitete auch die Podiumsdiskussion zu blau-grünen Infrastrukturen aus Sicht der Bundespolitik und bestätigte, dass die Zielstellung und Umsetzung des Projekts zahlreiche technische Aspekte, aber auch rechtliche Fragestellungen aufkommen lässt, um deren Lösung sich das Department kümmert. Im Projekt wurden verschiedene Vorschläge zur Verbesserung des Rechtsrahmens im Wasserhaushaltsrecht und im Baurecht erarbeitet, die teilweise bereits in die anstehende Novellierung des Baurechts aufgenommen werden sollen. Für die Gemeinden sollten im Wasserhaushaltsrecht wichtige Grundsätze, Anordnungsinstrumente und Anforderungen zur dezentralen Niederschlagswasserbewirtschaftung klar verankert werden, so auch ein Vorrang für die ortsnahe Niederschlagswasserbewirtschaftung. „Im Wasserhaushaltsgesetz (WHG) gibt es bisher nur einen Vorrang der Versickerung oder 22 www.umweltwirtschaft.com Bild 2 Leipzig 416: Das städtebauliche Entwicklungsvorhaben ist als abflusslose Schwammstadt geplant. Quelle: Screenshot www.leipzig416.de getrennten Ableitung. Die ortsnahe Bewirtschaftung muss aber grundsätzlich auch vor die getrennte Ableitung gestellt werden, und dabei geht es nicht nur um Versickerung, sondern auch um Speicherung, Verdunstung und Verwendung, z. B. für Bewässerungszwecke“, ergänzte Reese. „Ein weiteres Hemmnis für die Entwicklung neuer, dezentraler Infrastrukturen sind auch die Verweise auf „allgemein anerkannte Regeln der Technik“, weil damit auf althergebrachte Technikstandards und nicht auf innovative Lösungen abgestellt wird. Konkrete Vorschläge dazu, wie das WHG für die Ziele der ortsnahen Niederschlagsbewirtschaftung und die wassersensible Stadtentwicklung ertüchtigt werden könnte, haben wir mit Praxis- und Rechtsexperten erarbeitet. Eine Novellierung des WHG steht dazu aber noch nicht auf der Agenda. Der aktuell angekündigte Entwurf für eine Hochwassernovelle wird wohl eng Weiterführende Links Leipzig 416 – das größte Leipziger städtebauliche Entwicklungsvorhaben: www.leipzig416.de Forschungsprojekt „Leipziger BlauGrün“: www.ufz.de/leipzigerblaugruen auf den Bereich des Flusshochwasserschutzes begrenzt“, so Reese. Handlungsdruck gebe es allerdings auch durch die Europäische Union. Sie hat eine Novelle zur Kommunalabwasserrichtlinie aufgelegt, die mit neuen Anforderungen an die Abwasserbehandlung auch eine Pflicht zur Abwasserbewirtschaftungsplanung verbindet. Spätestens mit der Umsetzung der Richtlinie sollte das WHG so aufgestellt werden, dass es eine klimaangepasste dezentrale Bewirtschaftung des Niederschlagswassers effektiv ermöglicht und fördert, regte Reese an. Mit den vom UFZ entwickelten Handlungsempfehlungen an die Bundespolitik zur urbanen Wasserwende vom Januar 2023 wurde die Einrichtung einer zentralen Kompetenzstelle empfohlen. Mit der geplanten Kompetenzstelle „Urbanes Wassermanagement“ solle künftig der blau-grünen Stadtentwicklung mehr Bedeutung beigemessen und Fachwissen gebündelt werden. Die Experten Umweltbundesamt Wörlitzer Platz 1 D-6844 Dessau-Roßlau presse@uba.de www.umweltbundesamt.de
Interview Im Gespräch mit Peter Rummel: Modernes Wassermanagement – wie die Transformation gelingt Die wasserbewusste Stadt bzw. Schwammstadt ist zu einer festen Zielmarke bei der Stadtentwicklung geworden. Die dafür erforderlichen Transformationsprozesse sind komplexer Natur. Wie kann es gelingen, der Ressource Wasser einen neuen Stellenwert einzuräumen? Bild 1 Peter Rummel, Director of Infrastructure Policy Advancement bei Bentley Systems Quelle: Bentley Systems Germany GmbH Vor dem Hintergrund des Klimawandels sind die grüne, blaue und graue Infrastruktur anzupassen. Niederschläge sollen ortsnah gespeichert und nicht abgeleitet werden, um den Wasserbedarf der Schwammstadt weitgehend ohne den Einsatz wertvollen Trinkwassers sicherzustellen. Bei Starkregen sollen Niederschläge nicht mehr in die Kanalisation abgeleitet werden, um Kapazitätsgrenzen im Leitungsnetz nicht zu überschreiten und die Kläranlagen hydraulisch nicht zu überlasten. Im komplexen Wassersystem der Schwammstadt gewinnen neben Speicher-, Verdunstungsund Versickerungsbausteinen auch digitale Lösungen weiter an Bedeutung. Peter Rummel behauptet, dass nachhaltiges Wasser- management nur dort gelingt, wo digitale Daten sauber fließen. Was er damit meint und wie der technologische Wandel vorangehen muss, erklärte er wwt. wwt: Herr Rummel, das Wassermanagement gewinnt bei der Stadtentwicklung zunehmend an Bedeutung. Wie würde man heutzutage an eine komplette Neuplanung herangehen? Rummel: Wenn das Wassermanagement einer Stadt frei von bestehenden Strukturen und Anlagen neu geplant würde, könnte der Fokus primär auf den zukünftigen Herausforderungen liegen. In Deutschland kann dies für Neubaugebiete ein kleinräumiges, realistisches Szenario sein. Konzepte und Komponenten im Wassermanagement haben einen Lebenszyklus von mehreren Jahrzehnten. Daher ist das für heutige Planungen zugrunde liegende Anforderungsprofil die Stadt und das Klima im Jahr 2050 – ein willkürlich gewählter Zeitpunkt, um den Anspruch einer langfristigen Ausrichtung zu unterstreichen. wwt: Was wird sich in den Städten zur Mitte des Jahrhunderts grundlegend verändern? Rummel: Der ruhende und fließende Individualverkehr hat nicht mehr die Dominanz. Grün- und Wasserflächen bestimmen das Stadtbild. Es treten häufigere und heftigere Hitzeperioden und Starkregenereignisse auf. Der Pro-Kopf-Verbrauch von Trinkwasser hat sich mehr als halbiert. Die meisten Städte und Kommunen sind klimaneutral und verfügen über ein detailliertes Monitoringsystem für alle Belange des Stadtklimas. Die Planung von modernem Wassermanagement bedient sich innovativer Methoden. Lange vor dem ersten Spatenstich für neue Anlagen in der realen Welt werden Konzepte und Szenarien an einem digitalen Abbild, dem digitalen Zwilling, getestet. Dieser liefert wertvolle Angaben über die Leistungsfähigkeit, Sicherheit und Kostenstruktur der geplanten Anlagen. Prägend für modernes Wassermanagement ist die Umstellung von linearen Prozessen und der Verbrauchslogik auf einen nachhaltigen Kreislaufgedanken. Der Klimawandel stellt speziell die beiden Hauptaspekte des Regenwassermanagements vor neue Herausforderungen. Grüne, blaue und graue Infrastruktur werden darauf ausgelegt, die Niederschläge ortsnah zu speichern, um den Wasserbedarf der Schwammstadt weitgehend ohne den Einsatz von wertvollem Trinkwasser sicherzustellen. Regenwasser wird auch bei Starkregen nicht mehr in die Kanalisation eingeleitet, um die Kapazitätsgrenzen der Abwasserrohre und Kläranlagen nicht zu überschreiten. Im kompletten Wassersystem werden digitale Zähler und Sensoren für die Steuerung basierend auf Echtzeitdaten verbaut. Nachhaltiges Wassermanagement gelingt nur dort, wo digitale Daten sauber fließen. wwt: Welche Veränderungen bringt modernes Wassermanagement für die Zusammenarbeit über den gesamten Lebenszyklus hin betrachtet? Rummel: In den vergangenen Jahrzehnten lag der Fokus primär auf der Bauphase bis hin zur Fertigstellung. Unter Berücksichtigung von Nachhaltigkeit und neuen Berichtspflichten sind heute bereits in der frühen Planungsphase auch die Umweltauswirkungen in der Betriebsphase relemodernisierungsreport 2024/25 23
Wasserbewusste Stadt Bild 2 Digitaler Zwilling des Abwassersystems und der Kläranlage Quelle: Bentley Systems Germany GmbH vant. Auch Wartung und Instandhaltung müssen berücksichtigt werden. Eine Erweiterung der Kapazitäten muss bereits technisch und planungsrechtlich vorgesehen sein. Der Fokus auf den gesamten Lebenszyklus umfasst auch den potenziellen Rückbau der Anlagen. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, bereits zu Beginn die zukünftigen Betreiber, Investoren sowie Versicherungen mit an den Tisch zu holen. So können alle Akteure einbezogen und alle Anforderungen an das Datenmodell berücksichtigt werden – eine entscheidende Voraussetzung für die verlustfreie Übergabe der Daten und Modelle zwischen den Phasen des Lebenszyklus. Herausforderungen aufgrund des Klimawandels und auch einer veränderten Bedrohungslage werden immer relevanter. Systeme müssen resilienter geplant werden, Vorgaben für die kritische Infrastruktur sind zu beachten und Konzepte für Katastrophen und die Notfallplanung abzustimmen. Verfügbarkeit, Ausfallsicherheit und auch die Zeit für die Wiederherstellung der Systeme sind wichtige Kenngrößen. Die Notwendigkeit der Digitalisierung ist erkannt und anerkannt. Oft wird im Zuge der Umstellung die Gelegenheit genutzt, Prozesse und auch Strukturen aus dem analogen Zeitalter zu hinterfragen und zukunftsfähig zu gestalten. wwt: Was unterscheidet speziell das Abwassersystem als zentralen Baustein des Wassermanagements von anderen Netzwerken? 24 www.umweltwirtschaft.com Rummel: Die Bewertung unseres Abwas- sersystems ist differenziert zu betrachten. Die Anschlussquote der privaten Haushalte und öffentlichen Einrichtungen liegt laut BMUV aktuell bei über 96 %. Für die wenigen Ausnahmen bestehen technisch und wirtschaftlich sinnvolle Lösungen. Bei der Kapazitätsplanung ist ohne Niederschläge der Bedarf auch in Zukunft gut abgedeckt. Wo Abwassersysteme durch Wiederverwendung in der Zukunft mit geringerer Auslastung rechnen dürfen, stehen Stromnetze vor erheblichen Problemen beim notwendigen Ausbau, angefangen bei Hochspannungstrassen bis hin zu Hausanschlüssen. Weniger rosig sieht es beim Alter der Anlagen aus. Das Abwassersystem ist eines der ältesten Leitungsnetze und wurde oft lange vor Strom, Gas, Fernwärme oder TK-Netzen verlegt. Noch düsterer steht es um die Lageinformation und exakte Geometrie des Abwassersystems. Schachtdeckel oder begehbare Abschnitte sind meist gut erfasst, aber bei den Leitungsabschnitten wird häufig zwischen bekannten Anschlusspunkten interpoliert bzw. spekuliert. Der 2-D-Verlauf ist dabei zumeist korrekt, doch die Verlegetiefe beruht größtenteils auf Vorgaben für entsprechende Rohre. Nur ein geringer Teil ist tatsächlich eingemessen wie verbaut. Eine umfassende Digitalisierung des Bestands und der Steuerung ist eine entscheidende Voraussetzung für zukunftsweisende Planung, Bau, Betrieb und Weiterentwicklung. Nur so kann die erforderliche Flexibilität und Resilienz erreicht werden. wwt: Welchen Einfluss werden digitale Zwillinge und der Einsatz von künstlicher Intelligenz auf das moderne Wassermanagement haben? Rummel: Bei bahnbrechenden Veränderungen ist es immer von Vorteil, den Blick über den Tellerrand zu wagen. Wie funktioniert die digitale Transformation in anderen Ländern? Welche Industrien haben bereits Bild 3 Immer häufiger übersteigen Extreme historische Marken wie zuletzt in Tschechien, Bulgarien sowie in Spanien oder sorgen für länger anhaltende Dürrephasen. Quelle: Bentley Systems Germany GmbH
Interview Bild 4 Grüne und blaue Infrastruktur Quelle: Adobe Stock / Bentley Systems Germany GmbH umfassende Erfahrungen gesammelt? Im urbanen Wassermanagement besteht aufgrund der Datenlage und Komplexität ein deutlicher Nachholbedarf. Im kommunalen Umfeld bremsen zusätzlich rechtliche Vorgaben und ineffektive Prozesse die Dynamik der Transformation. Themen, die in der Stadtplanung als Innovation gefeiert werden, sind in der Fertigung bereits gelebte Realität. Unter dem Begriff Industrie 4.0 fließen IT (Information Technology), ET (Engineering Technology) und OT (Operational Technology) zusammen. Die digitale Transformation liefert digitale, detaillierte und aktuelle Daten. In englischen Artikeln zum Change-Management kursiert der Dreiklang aus „Mindset, Skillset and Dataset“, eine stark vereinfachte Zusammenfassung der Anforderungen, wie Veränderungsprozesse gelingen können. Daten und die damit verbundene Digitalisierung und der Einsatz von KI sind für die Lösung der zukünftigen Herausforderungen erforderlich. Auf Basis dieses Konsenses und über alle Hierarchieebenen hinweg bedarf es zusätzlich der notwendigen Fähigkeiten von Mitarbeitern und Systemen sowie einer generellen Bereitschaft zu Kreativität und Innovation. wwt: Welche Synergien ergeben sich mit anderen Ver- und Entsorgungsnetzen? Rummel: Nahezu jeder Haushalt ist ans Kanalnetz angeschlossen, im Gegensatz zum Glasfasernetz. FTTH (Fiber To The Home) heißt das Zauberwort, doch der Zeit- und Kostenaufwand schreckt Anbieter in weniger lukrativen Gebieten für die Verlegung der Kabel oft ab. Eine noch viel zu wenig genutzte Lösung ist, das Abwassersystem als Leerrohr zu begreifen und die Glasfaserleitung im Kanalrohr zu verlegen. Der Wegfall aufwendiger Tiefbauarbeiten schont Ressourcen und treibt den Breitbandausbau voran. wwt: Bei der gemeinsamen Nutzung von Leitungsnetzen gibt es technische und regulatorische Grenzen, aber Synergieeffekte bei der netzübergreifenden Koordinierung von Tiefbaumaßnahmen sind möglich. Warum nicht parallel das alte Abwassersystem sanieren, wenn die neuen Rohre für das Nahwärmenetz verlegt werden? Rummel: Voraussetzung für diese Form der Abstimmung sind digitale Daten, wobei die Vision sogar noch einen Schritt weiter geht: Es müssten nicht nur alle Daten der aktuellen Netze, sondern auch relevante Informationen über geplante Erneuerungen und Erweiterungen zentral vorliegen. Mit einem neuen Denkansatz schließt sich der Kreis zum Regenwasser: Regen gehört nicht ins Abwassersystem, doch urbanes Niederschlagsmanagement benötigt umfassende Strukturen für Speicherung und Versickerung. Zukünftig könnten immer öfter Komponenten für das Niederschlagsmanagement in Tiefbaumaßnahmen für das Abwassersystem integriert werden, um Starkregen zu bewältigen und den Durst der Schwammstadt zu stillen. wwt: Welche rechtlichen und regulatorischen Aspekte bestimmen das Wassermanagement der Zukunft? Rummel: Das UN-Nachhaltigkeitsziel Nr. 6, der Zugang zu sauberem Wasser und zu Sanitärversorgung, ist ein zentrales Element. Auf europäischer Ebene wurde nach über 30 Jahren die Überarbeitung der EU-Kommunalabwasserrichtlinie verabschiedet und muss in den nächsten zweieinhalb Jahren von den Ländern in nationales Recht umgesetzt werden. KARl, die daraus abgeleitete deutsche Kommunalabwasserrichtlinie, ist die perfekte Gelegenheit, die EU-Vorgaben zu ergänzen und zu verschärfen, um eine Vorreiterrolle bzw. Vorbildfunktion einzunehmen. Durch den ganzheitlichen, langfristigen Ansatz liefert die Nationale Wasserstrategie wichtige Ansätze für das Abwassermanagement im Wasserkreislauf. Durch die kommende nationale Kreislaufwirtschaftsstrategie wird klar die generelle Forderung nach Mehrfachnutzung und Wiederverwendung gestärkt. Neu und nicht minder wichtig ist das Klimaanpassungsgesetz. Darin wird geregelt, dass Bund, Länder und Gemeinden Maßnahmen zur Anpassung an den Klimawandel vornehmen müssen, wobei Wasser und Abwasser eine zentrale Rolle spielen. Sehr zuversichtlich stimmt auch die Schaffung des Ressorts für Umwelt, Wasserresilienz und wettbewerbsfähige Kreislaufwirtschaft in der EUKommission, mit dem die Bedeutung und auch die Einflussfaktoren von Wassermanagement treffend untermauert werden. wwt: Vielen Dank für das Gespräch! Das Gespräch führte Nico Andritschke.  Bentley Systems https://de.bentley.com/ modernisierungsreport 2024/25 25
Wasserbewusste Stadt Europäischer Rechnungshof: EU-Politik droht Anpassung an den Klimawandel zu verlieren Die Häufigkeit und Schwere extremer Klimaereignisse nehmen zu und der wirtschaftliche Schaden ist enorm. Die EU-Politik hat eine solide Grundlage für den Kampf gegen Klimawandelfolgen geschaffen, doch hapere es bei der praktischen Umsetzung der Anpassungsmaßnahmen, urteilt der Europäische Rechnungshof in einem aktuellen Bericht. Ein Fazit des Rechnungshofs: Anpassungsstrategien und -pläne sowie die EU-Instrumente zur Klimaanpassung sind oftmals kaum bekannt. Quelle: IMAGO / Westend61 In den letzten zwei Jahrzehnten ist es in der Europäischen Union verstärkt zu Klimakatastrophen gekommen. Die so verursachten Schäden hätten laut Sonderbericht 15/2024 des Europäischen Rechnungshof deutlich zugenommen, wie die jüngsten Dürren, Hitzewellen und die verheerenden Überschwemmungen des Jahres 2024 gezeigt hätten. In den letzten zehn Jahren hätten sich die wirtschaftlichen Verluste durch extreme Klimaereignisse in der EU im Durchschnitt auf 26 Mrd. € jährlich belaufen. Auch Untätigkeit habe ihren Preis: 26 www.umweltwirtschaft.com Eine globale Erwärmung zwischen 1,5 °C und 3 °C über dem vorindustriellen Niveau würde nach vorsichtiger Schätzung zu wirtschaftlichen Einbußen von 42–175 Mrd. €/a führen. „Wir haben untersucht, wie die EU auf die dringende Notwendigkeit reagiert, sich an wiederholt auftretende extreme Klimaereignisse anzupassen“, so Klaus-Heiner Lehne, das für die Prüfung zuständige Mitglied des Europäischen Rechnungshofs. „Wir haben festgestellt, dass es Probleme bei der Umsetzung vor Ort gibt. Ohne eine verbesserte Umsetzung der Maßnahmen droht die EU bei der Anpassung an den Klimawandel den Anschluss zu verlieren.“ Die Anpassung an den Klimawandel ist keine einmalige Notfallaktion, sondern erfordert eine Reihe von Maßnahmen zur Vermeidung, zum Schutz und zur Vorbereitung, um sich an aktuelle oder bevorstehende Klimaereignisse und deren Auswirkungen anzupassen. Im Jahr 2013 veröffentlichte die EU ihre erste Strategie zur Anpassung an den Klimawandel und 2021 eine weitere, in der bestätigt wurde, dass die EU dem Klimawandel besonders
Anpassungsstrategien stark ausgesetzt ist. Die EU-Länder müssen sich selbst entscheiden, wie sie die Strategien konkret umsetzen. Rahmenbedingungen klar, jedoch Umsetzungsdefizit Insgesamt habe die EU solide Rahmenbedingungen geschaffen, um klimaresilient zu werden. Die Prüfer untersuchten die nationalen Anpassungsmaßnahmen in Frankreich, Estland, Österreich und Polen und stellten fest, dass diese im Allgemeinen mit der EU-Strategie übereinstimmten. Sie stellten aber auch fest, dass einige Strategiedokumente veraltete wissenschaftliche Daten verwendeten und die Kosten von Anpassungsmaßnahmen unterschätzt oder gar nicht erst bewertet wurden. Die Umsetzung von Anpassungsstrategien auf EU- sowie nationaler Ebene in lokale Vorschriften sei ein schwieriger Prozess. Zwar sei die EU der Ansicht, dass die Anpassung vor allem auf lokaler Ebene vollzogen wird, doch hätten die Prüfer bei einer Befragung von 400 Gemeinden festgestellt, dass die meisten davon die Anpassungsstrategien und -pläne nicht kannten und die EU-Instrumente zur Klimaanpassung (ClimateADAPT, Copernicus und den EU-Konvent der Bürgermeister) nicht nutzten. Mehr als die Hälfte der geprüften Projekte seien Klimarisiken aber durchaus wirksam begegnet, und die Prüfer seien auch auf einige empfehlenswerte Verfahren gesto- ßen. In einigen Fällen hätten die Ziele zur Klimaanpassung jedoch in Konkurrenz zu anderen Zielen gestanden, etwa bei der Wettbewerbsfähigkeit oder der regionalen Entwicklung. So habe es Projekte gegeben, bei denen zur Deckung eines verstärkten Bewässerungsbedarfs ein potenziell höherer Gesamtwasserverbrauch in Kauf genommen wurde. Auch seien im Risikogebiet eines Hochwasserschutzprojekts nach wie vor Genehmigungen für den Bau neuer Häuser erteilt worden. Bei zwei der untersuchten Projekte kann es den Prüfern zufolge sogar zu einer Fehlanpassung kommen, d. h., die Anfälligkeit gegenüber dem Klimawandel könne sogar zunehmen. Als Beispiele für solche Fehlanpassungen werden etwa Fälle genannt, in denen die Bewässerung wasserintensiver Pflanzen gefördert werde, anstatt auf Sorten umzustellen, die weniger Wasser brauchen, oder in denen in energiesparende künstliche Schneekanonen investiert werde, anstatt den Schwerpunkt lieber auf den Ganzjahrestourismus zu legen. Darüber hinaus würden Projekte wie die Wiederauffüllung von Stränden mit Sand nur zu einer kurzfristigen Anpassung führen. Fortschritte bei der Klimawandelanpassung schwierig zu bewerten Die Anpassung an den Klimawandel wird bereichsübergreifend finanziert, weshalb die EU-Mittel aus mehreren EU-Töpfen wie Landwirtschaft, Kohäsion oder Forschung stammen. Das erschwert die Nachverfolgung des Wegs, den die Mittel nehmen. Auch die Berichterstattung über die Anpassung müsse verbessert werden. Den Prüfern zufolge ist es momentan nicht möglich, die Fortschritte bei der Anpassung an den Klimawandel in den EU-Ländern zu bewerten, da die Berichterstattung vor allem Beschreibungen und kaum quantifizierbare Daten enthielte. Weiterführender Link Sonderbericht 15/2024 „Anpassung an den Klimawandel in der EU: Maßnahmen bleiben hinter den Ambitionen zurück“ www.eca.europa.eu/de/publications/ SR-2024-15 Die Experten Europäischer Rechnungshof Rue Alcide De Gasperi 12 LUX-1615 Luxembourg press@eca.europa.eu www.eca.europa.eu/de www.dwa.info/jobs DWA-Stellenmärkte Gesucht – Gefunden! Sie suchen Ingenieur*innen, Meister*innen oder Fachkräfte (m/w/d) aus der Wasser- und Abwasserwirtschaft? Wir bieten zielgerichtete Veröffentlichungen in den DWA-Medien: \ DWA-Online-Stellenmarkt www.dwa.info/jobs \ DWA-Online-Stellenmarkt Nachwuchskräfte www.dwa.info/jobs-nw \ NEU: Rubrik „Arbeitgebende stellen sich vor“ als Print/Online-Kombi © tomertu / AdobeStock \ Verbandszeitschrift KA Korrespondenz Abwasser, Abfall www.dwa.info/KA \ Verbandszeitschrift KW Korrespondenz Wasserwirtschaft www.dwa.info/KW Infos und Preise auf www.dwa.info/jobs-schalten 27 modernisierungsreport 2024/25 Tel.: +49 2242 872-130 · anzeigen@dwa.de
Wasserbewusste Stadt Giovan Battista Cavadini; Dr. Lena Mutzner; Dr. Lauren Cook; Dr. Mayra Rodriguez; Marisa Poggioli Blau-grüne Infrastrukturen reduzieren Gewässerbelastungen Vor dem Hintergrund der Klimawandelprognosen können blau-grüne Infrastrukturen Entlastungen und Einträge von Mikroverunreinigungen reduzieren. Besonders Versickerungsflächen senken die eingeleiteten Volumina und Frachten in Oberflächengewässer. Die Urbanisierung und Klimaanpassung von Städten erhöhen den Bedarf an blaugrünen Infrastrukturen (BGI) für ein nachhaltiges Regenwassermanagement /1/. Blau-grüne Infrastrukturen umfassen ein Netzwerk naturnaher und seminatürlicher Landschaftselemente wie Versickerungsflächen (VF), sickerfähige Beläge (SB), Gründächer (GD) und Rückhalteteiche (RT) /2/. Diese Systeme können den Oberflächenabfluss von urbanen Flächen durch Speicherung und Versickerung von Regenwasser verringern oder verzögern /3/. Somit reduzieren BGI bei Regen die Überlastung der Kanalisation, die zur Entlastung von unbehandeltem Regenabwasser (Trennsystem) und Mischabwasser (Mischsystem) in Oberflächengewässer führt /4/. Diese Entlastungen enthalten verschiedene Schadstoffe, beispielsweise Mikroverunreinigungen (MV), die bereits in tiefen Konzentrationen ökotoxikologische Effekte verursachen können /5/. Beispiele dafür sind Arzneimittel, Biozide und Reifenabrieb. Allerdings gibt es keine etablierte Methode, um systematisch mehrere BGI-Typen in umfassende Einzugsgebietsanalysen einzubeziehen und deren Auswirkungen auf die Reduktion von Regenwassereinleitungen (RWE) und Mischwasserentlastungen Bild 1 Intensivere Regenereignisse werden die städtische Infrastruktur zunehmend herausfordern. Elemente der blau-grünen Infrastruktur können Volumen abmildern und Schadstoffe zurückhalten. Quelle: IMAGO / blickwinkel 28 www.umweltwirtschaft.com
Projekte und Technologien (MWE) zu quantifizieren. Zudem sollte für eine umfassende Betrachtung zusätzlich zu den entlasteten Volumina auch die Schadstofffracht berücksichtigen werden. Es ist unklar, ob durch BGI im Einzugsgebiet die entlastete MV-Fracht und entsprechend die MV-Konzentration im Oberflächengewässer wesentlich reduziert werden kann. Darüber hinaus stellt der durch den Klimawandel prognostizierte Anstieg extremer Niederschläge ein Risiko für Entwässerungssysteme dar, da dieser Anstieg die Häufigkeit und Volumina von MWE erhöhen könnte /6, 7/. Ziel dieser Studie ist, die Auswirkungen von BGI auf die entlasteten Volumina sowie die MV-Fracht und -Konzentration zu quantifizieren. Zudem werden der Einfluss des Klimawandels auf MWE und das Minderungspotenzial von BGI untersucht. Methoden Studiengebiet und Modellierung Als Untersuchungsgebiet wurde das urbanhydrologische Feldlabor in Fehraltorf (6.578 Einwohner im Jahr 2020, 155 ha, Bild 2) /8/ in der Nähe von Zürich (Schweiz) gewählt. Von der Gesamtfläche werden 61 % in die Mischwasserkanalisation und 39 % in die Trennkanalisation entwässert. Das Entwässerungssystem umfasst sechs MWE und 14 RWE. Das urbanhydrologische Feldlabor geht auf eine Initiative der Eawag und der ETH Zürich zurück. Es umfasst ein Netzwerk von Sensoren in der Kanalisation sowie ein detailliertes Modell der Kanalisation im Stormwater Management Model (SWMM) /8, 9, 10/. SWMM ist ein hydrodynamisches Modell /11/, das das städtische Entwässerungs- und Abwassersystem simuliert und so die Menge und Qualität des Abflusses abschätzen kann. Das SWMM-Basismodell wurde anhand von Abflussdaten im Zufluss der Kläranlage kalibriert und zeigt eine gute Übereinstimmung mit den gemessenen Daten /10/. In den letzten Jahren wurde dieses SWMM-Basismodell von Joshi et al. /9/ und Rodriguez et al. /10/ weiterentwickelt sowie verbessert. Da keine Messungen der Entlastungsvolumen verfügbar sind /8/, wurde die Validierung des Kläranlagenzuflusses als Indikator für die Qualität der MWE-Vorhersagen verwendet. Das SWMM-Modell wurde verwendet und erweitert (Kapitel blau-grüne Infrastruk- Zufluss Rumlikon Zufluss Russikon Legende Einzugsgebiet Mischsystem Einzugsgebiet Trennsystem nicht berücksichtigt Oberflächen Gewässer Trennsystem Mischsystem Schmutzabwasser Mischwasserentlastung (MWE) Regenwassereinleitung (RWE) Messstandort 0 200 400 600 800 meter Bild 2 Schema vom Untersuchungsgebiet inklusive Messtandorten von Mikroverunreinigungen (MV): Die Zuflüsse von den Nachbargemeinden sowie das braun markierte Einzugsgebiet wurden über Durchflussmessungen als Zuflüsse im SWMM berücksichtigt. Quelle: /7/ turen sowie Mikroverunreinigen), um verschiedene Szenarien wie den Einfluss von BGI auf die entlasteten MWE-Volumen und die Fracht eingeleiteter MV sowie die Analyse der Auswirkungen des Klimawandels auf die bestehende Entwässerungsinfrastruktur zu testen. Die SWMM-Modellstudien wurden für Niederschlagsdaten von 1990–2019 durchgeführt, während die Klimaanalyse den Zeitraum von 2070–2099 umfasst (Kapitel Klimawandel). Die Berechnungen für die MV-Entlastungen wurden für das Jahr 2019 durchgeführt. Blau-grüne Infrastrukturen Für die Berechnungen wurde das SWMMBasismodell mit Kombinationen von BGI erweitert. Dabei wurden die folgenden BGITypen berücksichtigt: Versickerungsflächen (VF), sickerfähige Beläge (SB), Gründächer (GD) und Rückhalteteiche (RT) (Bild 3). Diese BGI-Typen stehen stellvertretend für eine Reihe von Implementationen, die auf verschiedenen urbanen Flächen (z. B. Grünflächen, Parkplätzen, Straßen, Gebäuden) eingesetzt werden können /13/. Es wurden 15 BGI-Kombinationen analysiert, die sich aus allen möglichen Kombinationen dieser vier BGI-Typen ergeben. Die Standortwahl und Flächengröße für die BGI basieren auf der Landnutzung des Einzugsgebiets, gemäß kommunalem Kataster /8/. Dabei wurde angenommen, dass VF und RT auf durchlässigen Flächen (z. B. Grünflächen wie Gärten und Verkehrsinseln), SB auf undurchlässigen Flächen (z. B. Parkplätzen und Gehwegen) und GD auf Flachdächern installiert werden. Bei gleichzeitiger Verwendung von RT und VF wurde die Fläche gleichmäßig zwischen beiden aufgeteilt. In den präsentierten Ergebnissen wird davon ausgegangen, dass BGI in 50 % der geeigneten Flächen im Einzugsgebiet gebaut werden. Eine detaillierte Beschreibung der BGI-Szenarien findet sich in /12/. VF behandelt den Abfluss von angeschlossenen durchlässigen Flächen, während RT am Ende des Einzugsgebiets den Abfluss des gesamten Gebiets behandeln. SB und GD Verwendete Abkürzungen BGI – blau-grüne Infrastruktur GD – Gründach MS – Mischsystem MV – Mikroverunreinigung MWE – Mischwasserentlastung RQ – Risikoquotient RT – Rückhalteteich RWE – Regenwassereinleitung SB – sickerfähiger Belag SWMM – Stormwater Management Model TS – Trennsystem VF – Versickerungsfläche modernisierungsreport 2024/25 29
Wasserbewusste Stadt behandeln nur den direkten Niederschlag. Wenn die BGI an der Kapazitätsgrenze sind, wurde angenommen, dass der Abfluss in das Kanalsystem eingeleitet wird. Die gewählten BGI-Parameter können aus /12/ entnommen werden, wobei typische Richtwerte basierend auf BGI-Studien aus der Literatur gewählt wurden. Es wird angenommen, dass diese Parameter konstant bleiben und keine Verschlechterung der Leistung über die Zeit stattfindet. Mikroverunreinigungen Um den Einfluss von BGI auf Einleitungen von MV aus Mischsystem und Trennsystem auf Oberflächengewässer zu beurteilen, wurde das SWMM-Basismodell mit dem Trennsystem ergänzt und weiterentwickelt /14/. Somit können MV-Stoffeinträge aus MWE und Regenwassereinleitungen (RWE) abgeschätzt und quantifiziert werden. Fünf gelöste, organische MV wurden basierend auf potenziell kritischen Konzentrationen für Oberflächengewässer für die Modellierung ausgewählt: Substanzen aus dem Reifenabrieb (N-(1,3-dimethylbutyl)-N’-phenyl-1,4-benzenediamine-quinone: 6PPD-q, 1,3-diphenylguanidine: DPG und Hexamethoxymethylmelamine: HMMM) und aus Anstrichen von Fassaden (Diuron). Zusätzlich wurde das Schmerzmittel Diclofenac als Indikator für kommunales Abwasser berücksichtigt. Die mittleren MV-Konzentrationen im Oberflächenabfluss von Straßen beziehungsweise Fassaden wurden aufgrund von Messungen im Mischsystem während der Regenereignisse berechnet. Diuron wurde an drei Standorten gemessen, während die anderen MV an einem Standort gemessen wurden /15, 16, 17/ (Bild 2). Die berechneten Einleitungen von MV wurden für den Status quo mit der Implementation verschiedener BGI-Typen auf 50 % der verfügbaren Flächen verglichen. Es wurden dieselben BGI-Typen wie für die Analyse der Entlastungsvolumen berücksichtigt (Bild 3), wobei mittlere Parameterwerte für die BGI-Typen aus Literaturstudien gewählt wurden /14/. Dazu wurden drei Szenarien analysiert: • BGI nur im Mischsystem (MS), • BGI nur im Trennsystem (TS) und • BGI im ganzen Studiengebiet (MS+TS). Zur Beurteilung der Relevanz der Einleitungen auf die aquatische Umwelt wurde der Risikoquotient (RQ) berechnet. Dieser 30 www.umweltwirtschaft.com Bild 3 Schematische Darstellung der vier analysierten BGI-Typen, einschließlich ihrer Schichten und Tiefe Quelle: /12/ leitet sich aus den kumulierten Konzentrationen im Oberflächengewässer aus den MV-Einleitungen im Vergleich zu akuten Umweltqualitätskriterien ab. Dabei wurde zur Berechnung der MV-Konzentration im Oberflächengewässer die Verdünnung durch den Abfluss im Gewässer berücksichtigt und davon ausgegangen, dass die Hintergrundkonzentration null beträgt. Die detaillierten Berechnungen und gewählten Umweltqualitätskriterien sind in /14/ ersichtlich. Klimawandel Um die Auswirkungen des Klimawandels abzuschätzen, wurde das SWMM-Modell mit zukünftigen Niederschlagsprognosen simuliert. Dabei wurden vier Klimamodelle verwendet: drei aus EURO-CORDEX /18/ und eines vom Center for Climate System Modelling (C2SM, ETH Zürich) /19/. Die vier Modelle basieren auf einem Representative Concentration Pathway (RCP) von 8.5, der von einem Anstieg der Treibhausgasemissionen ausgeht (Business-as-usual-Szenario) und erhebliche Änderungen der Niederschlagsmuster prognostiziert /20/. Da die Klimadaten nur in grober Auflösung vorliegen (12,5 km für EUROCORDEX und 2,2 km für das konvektionsauflösende Modell), wird eine Bias-Korrektur angewendet, um sicherzustellen, dass die Gitterdaten den Niederschlag auf Standortebene realistisch abbilden können /21, 22/. Diese Studie be- Bild 4 Jährlicher Median der Reduktion der MWE-Volumen aufgetragen gegen den jährlichen Median der MWE-Häufigkeit: Die Reduktion wurde im Vergleich zum Median der jährlichen MWE des Szenarios ohne BGI berechnet (schwarzer Punkt). Das Symbol und die Farbe zeigen die BGI-Kombination bestehend aus Versickerungsflächen (VF), sickerfähigen Belägen (SB), Gründächern (GD) und Rückhalteteichen (RT) – siehe dazu auch Bild 3. Quelle: Eawag
rücksichtigt nur Veränderungen des Klimas, während Landnutzung, Bevölkerung und Infrastruktur als konstant angenommen werden. Daher sind die Ergebnisse keine Vorhersagen, sondern eine isolierte Bewertung der Auswirkungen des Klimawandels auf die bestehende Infrastruktur und das Potenzial von BGI, diese abzumildern. Weitere Details zu den Niederschlagszeitreihen und der Datenverarbeitung sind aus /21/ zu entnehmen. Resultate & Diskussion Reduktion von Mischwasserentlastungen durch BGI Aus Bild 4 ist ersichtlich, dass alle BGI-Kombinationen die MWE-Volumina reduzieren, jedoch variiert die mittlere jährliche Reduktion von 8 % (GD) bis 88 % (VF+SB+RT). Die Auswahl und Kombination der BGITypen sind daher entscheidend, um eine maximale Reduktion von MWE zu erzielen. Kombinationen mit Versickerungsflächen (VF) wie VF+SB+RT oder VF+SB+GD+RT erzielen die höchsten Volumenreduktion aufgrund der Versickerung des Regens anstelle der Ableitung. Einzelne BGI-Typen ohne Kombination mit anderen BGI-Typen außer VF schneiden schlechter ab. VF kann auf einer größeren Fläche umgesetzt werden und erzielt eine hohe Versickerung und Rückhaltekapazität. GD haben die geringste Volumen-Reduktion, da GD zumeist nur eine kleine Speicherschicht besitzen. Nicht alle BGI-Szenarien verringern jedoch die Häufigkeit der MWE. Die Reduktion der Häufigkeit variiert stark je nach BGI-Kombination, von einer Reduktion um 85 % (VF und VF+SB) bis zu einem Anstieg um 35 % (RT und GD+RT). Einzelne BGI-Typen wie SB und GD haben kaum Einfluss auf die Häufigkeit, während RT die Anzahl der MWE-Tage erhöht, indem der Zufluss in das Mischkanalsystem verlängert wird. Dies führt zu mehr Tagen mit Mischwasserentlastungen, aber volumenmäßig kleineren MWE-Ereignissen. Dieses Resultat basiert auf den gewählten BGI-Parametern für RT /9, 10, 11, 23/ und eine Anpassung des RT-Designs durch Erhöhung der Rückhaltevolumen könnte zu einer größeren MWE-Reduktion führen. Die effektivsten Lösungen zur Reduktion sowohl der Volumen als auch der Häufigkeit von MWE sind VF, VF+SB, VF+RT und VF+SB+RT. Diese BGI-Szenarien erfordern unterschiedliche Kosten. Die Resultate sind eine Abschätzung des BGI-Potenzials. Es wurde nicht im Detail untersucht, ob und in welchem Maße diese BGI auch in der Realität umsetzbar sind. Mikroverunreinigungen Für das Fassaden-Biozid Diuron konnte in den Messungen eine räumliche Variabilität nachgewiesen werden. Der Messstandort im Wohngebiet weist die höchste Mediankonzentration von Diuron auf (0,05 µg L-1), gefolgt vom Stadtzentrum (0,013 µg L-1) und dem Industriegebiet (0,005 µg L-1). Diese räumlichen Unterschiede wurden im Modell berücksichtigt, indem den Landnutzungen je Einzugsgebiet unterschiedliche Diuron-Konzentrationen zugeordnet wurden. Die Konzentrationen im Straßenabwasser und im kommunalen Abwasser wurden mittels der gemessenen Konzentrationen im Mischabwasser zurückgerechnet. Diese betrugen für 6PPD-q und HMMM aus dem Reifenabrieb 0,14 μg L-1 und 1,7 μg L-1 im Oberflächenabfluss von Straßen und sind mit Angaben aus der Literatur vergleichbar /24, 25/. Die berechnete Konzentration von DPG im Straßenabfluss von 5,6 μg L-1 ist höher als in der Literatur angegeben /26/, was darauf hindeutet, dass DPG weitere urbane Quellen im beprobten Einzugsgebiet haben könnte. Die Konzentrationen für Diclofenac liegen mit 0,54 mg E-1 d-1 im Bereich der erwarteten Konzentrationen /27/. Die Resultate der Modellierung zeigen deutlich, dass für die betrachteten Substanzen, die von urbanen Flächen abgewaschen werden, die Regenwassereinleitungen (RWE) verhältnismäßig mehr zur entlasteten Gesamtfracht ins Oberflächengewässer beitragen. Für das Untersuchungsgebiet ist dies für die Substanz 6PPD-q aus Reifenabrieb in Bild 5 ersichtlich. Im Status quo ist der Anteil der Fracht, die via RWE in Oberflächengewässer gelangt, um 20 % höher als die entlastete Fracht via MWE, und dies, obwohl der Anteil der Flächen im Trennsystem nur 39 % beträgt. Entsprechend zeigen die Resultate, dass für MV aus dem Oberflächenabfluss BGI im Trennsystem ef- Rutschhemmend und leicht: innovative Granulat-Beschichtung für Schachtabdeckungen . Mit der rutschfesten Epoxidharzbeschichtung des Typs „Pebbletex“ wurde nun ein neues, in seiner Art einzigartiges Produkt ins Programm aufgenommen, das durch seine besondere Rutschfestigkeit und ein geringes Gewicht heraussticht. Durch ihre rutschhemmende Beschaffenheit ermöglicht die Beschichtung selbst bei starker Nässe ein stets sicheres Befahren der jeweiligen Abdeckung in allen Außenbereichen. Dadurch wird für alle Verkehrsteilnehmer das Unfallrisiko in erheblichem Maße reduziert und die Sicherheit entsprechend erhöht. Im Vergleich zu Abdeckungen mit Betonoberfläche überzeugt die Epoxidharzbeschichtung außerdem mit einem sehr viel geringeren Öffnungsgewicht, was für eine deutlich bessere Anwenderfreundlichkeit sorgt. Auch auf lange Sicht kann die neue Oberflächenbeschichtung punkten: Sie ist extrem langlebig und korrosionsbeständig. modernisierungsreport 2024/25 31
Wasserbewusste Stadt Bild 5 Via Mischwasserentlastungen und Regenwassereinleitungen ins Oberflächengewässer eingeleitete Jahresfracht von Diclofenac und 6PPD-q: Der Status quo (SQ) wird mit drei Szenarien zur Implementation von BGI verglichen: im Mischsystem und Trennsystem (MS + TS), im Mischsystem (MS) und im Trennsystem (TS) für die vier BGI-Typen Versickerungsflächen (VF), Gründächer (GD), sickerfähige Beläge (SB) und Rückhalteteiche (RT) – siehe auch Bild 3. Quelle: Eawag fektiver sind als BGI im Mischsystem. Dies ist beispielhaft in Bild 5 für 6PPD-q zu erkennen (Frachtreduktionen im Kasten TS ganz rechts sind größer als im zweitletzten Kasten MS). Im Gegensatz dazu sind für Substanzen, die ausschließlich über das Schmutzwasser abgeleitet werden, nur Maßnahmen im Mischsystem relevant (Beispiel Diclofenac in Bild 5). Die jährlich in die Oberflächengewässer eingeleitete MV-Fracht wird durch die Wahl des BGI-Typs beeinflusst. Während Gründächer (GD) mit maximal 8 % Reduktion eine minimale Auswirkung auf alle eingeleiteten MV-Frachten haben, sind Versickerungsflächen (VF) mit über 80 % Reduktion der eingeleiteten MV-Fracht am wirksamsten. Sickerfähige Beläge (SB) und Rückhalteteiche (RT) haben eine ähnliche Reduktion der MV-Fracht zur Folge, mit einer Reduktion von 18 % für SB und 15 % für RT implementiert im Mischsystem. Die Unterschiede zwischen den BGI-Typen ergeben sich auch aus deren unterschiedlichen hydraulischen Parametern, die für die Systeme gewählt wurden. BGI mit Versickerung haben aufgrund der Reduktion des Abflusses eine größere Reduktion der Fracht zur Folge. Noch ist in diesem Zusammenhang offen, was mit den MV in der Versickerung passiert. Dazu sind weitere Untersuchungen nötig. Unter Berücksichtigung der Verdünnung im Oberflächengewässer überschreiten die berechneten MV-Konzentrationen im Status quo die akuten Umweltqualitätskriterien 32 www.umweltwirtschaft.com für die Substanzen 6PPD-q, DPG, Diuron und Diclofenac, wobei für 6PPD-q, HMMM und DPG aktuell keine akuten Grenzwerte vorliegen und Abschätzungen aufgrund von Literaturangaben gemacht wurden. Daher ist die berechnete Überschreitung zu überprüfen, wenn verlässliche Umweltqualitätskriterien vorliegen. Im Vergleich zum Status quo reduzieren BGI den berechneten RQ im Oberflächengewässer. VF verringern den RQ für alle MV am stärksten mit einer Reduktion von 47 bis 93 % der Stunden mit einem RQ >1. Bei den MV im Oberflächenabfluss wird der RQ am stärksten reduziert, wenn BGI im ganzen Einzugsgebiet (TS + MS) angewendet werden, gefolgt von der Anwendung nur bei Flächen im Trennsystem. Der RQ von Diclofenac wird hingegen nur durch BGI im Mischsystem verbessert. Einfluss des Klimawandels Bild 6 zeigt die Reduktion der MWE-Volumina und der Häufigkeit unter zukünftigen Bild 6 Mediane Änderung der MWE-Volumen aufgetragen gegen die mediane Änderung der MWE-Häufigkeit für die vier BGI-Typen. Die Farben veranschaulichen das Klimamodell. Die prozentuale Änderung wird in Bezug auf das Szenario ohne BGI und unter historischem Klima berechnet. Quelle: /7/
Projekte und Technologien Zusammenfassend können BGI eine substanzielle Reduktion der eingeleiteten Volumen und MV-Fracht sowie der Risikoquotienten im Oberflächengewässer erzielen. Die Wirksamkeit ist dabei abhängig von den gewählten BGI-Typen. Bei den untersuchten Varianten bewirken vor allem Versickerungsflächen (VF) eine substanzielle Reduktion der Oberflächengewässerbelastung. Gründächer hingegen haben wenig Einfluss auf Einleitungen. Generell zeigt sich, dass alle BGI-Massnahmen zu einer Reduktion der MWE-Volumina führen. Allerdings könnten einige BGITypen die Dauer der Entlastungen erhöhen. Kombinationen, die Versickerungsflächen beinhalten, sind besonders effektiv, da sie sowohl die Volumina als auch die Häufigkeit von MWE reduzieren. Dies ist auf die große verfügbare Fläche, die Speicherkapazität und die Versickerung ins Grundwasser (bei VF und SB) zurückzuführen, was zu erhebli- MWE-Becken Historisches Klima MWE-Becken Klimaszenarien Historisches Klima Zukünftige Klimaszenarien 175 150 125 100 75 50 SB ) VF +R flä ch T e VF (VF) +S B+ RT VF +S B SB + VF R +G T D+ RT V VF +S F+G B+ D GD VF +RT +S B+ Rü GD ck S ha B + lte te GD ich e SB (RT +G ) D+ RT Gr ün GD+ dä ch RT er (G D) 25 ck er un gs Be läg e( Kosten zur Vermeidung von 1 m³ MWE [USD] Bei der Planung von BGI muss berücksichtigt werden, welche Kosten verschiedene BGI-Typen im Vergleich zur erzielten Reduktion von MWE verursachen. Bild 7 stellt die Kosten für die Vermeidung von 1 m³ MWE über die Lebensdauer der Infrastruktur dar /21/. Zum Vergleich sind auch die Kosten für ein MWE-Becken aufgeführt. Einige BGI-Typen werden in Zukunft kosteneffizienter als MWE-Becken sein, da sie bei gleichen Investitionskosten mehr MWE-Volumina reduzieren können. Dies liegt an der Zunahme des Gesamtregens infolge des Klimawandels. Nur wenige BGI-Kombinationen sind in zukünftigen Szenarien kosteneffizienter als ein MWE-Becken, was darauf hinweist, dass BGI-Kombinationen sorgfältig ausgewählt werden müssen. SB und VF sind die kosteneffizientesten BGI-Typen. Die präsentierten Ergebnisse basieren auf einer Implementierungsrate von 50 %, wobei die Kosten je nach Implementierungsrate variieren können. Die Bewertung betrachtet nur die Reduktion der MWE-Volumina. Berücksichtigt man jedoch die multifunktionalen Vorteile von BGI wie Hochwasserschutz, Hitzeminderung, Förderung der Biodiversität und Verbesserung des Wohlbefindens, könnten sich die Ergebnisse zugunsten von BGI-Typen ändern, die umfassendere, multifunktionale Vorteile bieten. Ve rsi Fazit Kosten von blau-grünen Infrastrukturen Sic ke rfä hig e Klimabedingungen für einzelne BGI-Typen. Der Klimawandel wird voraussichtlich erhebliche Auswirkungen auf MWE haben, da eine Zunahme der MWE-Volumina (erstes Panel in Bild 6) aufgrund der höheren Niederschlagsintensität und des Anstiegs der jährlichen Niederschlagsmenge zu erwarten ist. Das jährliche mittlere MWE-Volumen könnte je nach Klimaszenario um 32–92 % ansteigen. Die jährliche mittlere Häufigkeit von MWE könnte sich um –22 % bis +52 % verändern. Nur VF können für alle Klimamodelle sowohl die MWE-Volumina als auch die Häufigkeit reduzieren (Bild 6 – Datenpunkte im unteren linken Quadranten). Diese Resultate bestätigten die Wirksamkeit von VF auch unter zukünftigen klimatischen Bedingungen. Die Wirksamkeit der verschiedenen BGI-Typen variiert stark zwischen den Klimamodellen. RT sind wirksam bei kurzzeitigen intensiven Regenereignissen, jedoch nimmt ihre Effizienz bei längeren Regenereignissen ab, da das gespeicherte Regenwasser über einen längeren Zeitraum ins Mischsystem geleitet wird. Im Gegensatz dazu schneiden VF in allen Klimaszenarien gut ab und können den Einfluss des Klimawandels mildern. Die Resultate zeigen also auf, dass BGI auch in einem zukünftigen Klima erheblich zur Reduktion von MWE beitragen können. Bild 7 Kosten für die Vermeidung von 1 m3 MWE über die Lebensdauer der Infrastruktur: Die Kosten beinhalten Bau- und Wartungskosten, jedoch keine Kosten für das Erwerben von Grundstücken. Die Wartungskosten werden für einen Zeitraum von 30 Jahren berechnet, mit einem Diskontsatz von 2 %. Die Kosten basieren auf Literaturwerten aus Studien aus den USA und dienen als erste Vergleichsbasis zwischen verschiedenen BGI-Typen. Für das MWE-Becken wurde angenommen, dass es eine Volumenreduktion von 25 % erzielt (nicht im SWMM simuliert). Quelle: /21/ chen Reduzierungen von Entlastungen führt. Hier braucht es auf jeden Fall weitere Untersuchungen, um die Einträge von Schmutzstoffen in alle Gewässer inklusive des Eintrags ins Grundwasser zu minimieren. Der Klimawandel wird voraussichtlich starke Auswirkungen auf bestehende städtische Entwässerungssysteme haben. Die untersuchten Klimamodelle zeigen einen klaren Trend zu intensiveren Regenereignissen, die die MWE-Volumina erhöhen werden. Die Resultate machen deutlich, dass die Entsiegelung und Versickerung eine attraktive Alternative zum Ausbau von Regenbecken und anderer grauer Infrastruktur darstellt. Die präsentierten Ergebnisse basieren auf Modellstudien für ein ausgewähltes Studiengebiet, und es liegen keine Messungen zur Menge und Qualität aller MWE vor. Daher geben die Resultate Hinweise und Trends hinsichtlich des Potenzials von BGI, um die Einleitung von Stoffen ins Oberflächengewässer zu reduzieren. Die Ergebnisse basieren auf der urbanen Typologie und dem Klima von Fehraltorf. Eine einfache Verallgemeinerung ist nicht möglich. Um die lokalen Klimawandelauswirkungen besser zu erfassen, sollten weitere Fallstudien an verschiedenen Standorten durchgeführt werden. modernisierungsreport 2024/25 33
Wasserbewusste Stadt Dank Die Autoren danken der Abteilung Siedlungswasserwirtschaft der Eawag, insbesondere dem Team vom urbanhydrologischen Feldlabor (UWO), das das Sensornetzwerk aufgebaut und gewartet hat, sowie allen Forschern, die das SWMM-Modell weiterentwickelt haben. Besonderer Dank gilt Prof. Max Maurer und Dr. Christoph Ort für das wertvolle Feedback zum Artikel. Wir danken Viviane Furrer für die Bereitstellung ihrer Messdaten zu Mikroverunreinigungen. Wir möchten auch der Forschungsgruppe für Klimamodellierung an der ETH für die Bereitstellung der Klimaprojektionen sowie Patrick Stettler und Trang Nguyen für ihre Unterstützung bei der Aufbereitung der Klimadaten danken. Literatur: impact of blue-green infratructures on trace contami- /1/ Almaaitah, T. ; Appleby, M.; Rosenblat, H. et al. (2021): nants: A catchment-wide assessment. 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Projekte und Technologien Laura Händel; Stefan Koenen Verdunstungsbeete verbessern die örtliche Wasserbilanz stark In Kaskaden geschaltete Verdunstungsbeete stellen eine neue Möglichkeit zur Erhöhung der Verdunstungsrate einer als Schwammstadt konzipierten Wohnsiedlung dar. Diese wurden im Rahmen der Entwässerungsplanung des Berliner Schumacher Quartiers entwickelt. Bild 1 Schumacher Quartier auf dem ehemaligen Flugplatz Berlin-Tegel: über 5.000 Wohnungen für mehr als 10.000 Menschen werden entstehen Quelle: Imagefilm der Tegel Projekt GmbH Viele Innenstädte wurden bislang mit zu wenigen Grünflächen geplant. Priorität hatte jahrzehntelang der Wohnraum, was zu einem sehr hohen Versiegelungsgrad und einer meist zu 100 % unterirdisch an- gelegten Regenwasserableitung führte. Die Folgen dieser Prioritätensetzung sind für alle erlebbar: urbane Hitzeinseln, Sturzfluten und Überflutungen bei Starkregen und ein Abflussanteil der Wasserbilanz von fast 100 %. Dem gegenüber steht die Entwicklung von Wohnraum nach dem Schwammstadt-Prinzip. Hierbei wird Regenwasser nicht einfach in unterirdischen Kanälen abgeleitet und dem Wasserkreislauf an der modernisierungsreport 2024/25 35
Wasserbewusste Stadt Bild 2 Querschnitt eines Verdunstungsbeetes Quelle: Tuttahs & Meyer Stelle entzogen, stattdessen wird es dem Wasserkreislauf möglichst vollständig wieder zugeführt, um so die natürliche Wasserbilanz einer Fläche zu erhalten. Schwammstädte sind mittlerweile keine Neuheit mehr, in Städten wie z. B. Berlin sind sie schon länger der anzustrebende Standard. Hauptbestandteil einer Schwammstadt sind dabei Versickerungsanlagen. Diese sind mittlerweile gut erforscht und in den DWA-Arbeitsblättern dokumentiert. So geben das DWA-A 138 und das DWA-M 102-4 Hilfestellungen zur Bemessung und zur Aufstellung der Wasserbilanz bebauter Flächen. Der Abflussanteil wird dadurch drastisch verringert, der Versickerungsanteil dagegen wird stark erhöht. Der dritte Bestandteil der Wasserbilanz, die Verdunstungsrate, fällt allerdings bei oberflächigen Versickerungsanlagen (z. B. Versickerungsmulden, Flächenversickerung) sehr gering aus und ist bei unterirdischen Versickerungsanlagen (z. B. Schacht-/Rigolenversickerung) gleich Null. 60 % Verdunstung – die Natur zum Vorbild Die Grundwasseranreicherung durch Versickerungsanlagen ist sehr wichtig für den Wasserhaushalt, der größte Bestandteil der Wasserbilanz natürlicher Flächen ist mit ca. 60 % allerdings die Verdunstung. Aktuell fehlen modernen Schwammstädten noch Anlagen, die eine solche Verdunstungsrate erzielen können. Baumrigolen waren das erste neue Element zur Erhöhung der Verdunstungsrate. Diese sind mit einem unterirdischen Speicherraum ausgestattet, in dem sich das Niederschlagswasser während eines Regenereignisses sammeln und vom Baum anschließend verdunstet werden kann. Baumrigolen sind allerdings häufig mit einem 36 www.umweltwirtschaft.com Über- oder Ablauf an das Kanalnetz ausgestattet, wodurch ein Teil des Regenwassers wieder abgeleitet und dem Wasserkreislauf entzogen wird. Außerdem stellt der nach unten beschränkte Wurzelbereich für viele Bäume ein Problem dar, weil sie gerade als Straßenbegleitgrün auch in andere Richtungen meistens nur wenig Wurzelfreiheit haben. Verdunstungsbeete im Schumacher Quartier Eine neue Möglichkeit zur Planung einer Schwammstadt mit erhöhter Verdunstungsrate sind Verdunstungsbeete. Im Rahmen der Entwässerungsplanung des Schumacher Quartiers, das als Teil der Nachnutzung des ehemaligen Flughafens Berlin-Tegel geplant wird, wurden diese entwickelt und sind wesentlicher Bestandteil der Entwässerung der Verkehrsflächen. Die Gebäude werden davon unabhängig mit eigenen Versickerungsanlagen entwässert. Das Schumacher Quartier wurde als nahezu abflusslose Schwammstadt konzipiert. Selbst bei einem 100-jährigen Niederschlagsereignis verbleibt fast der komplette Niederschlag schadlos im Gebiet. Die Verdunstungsbeete werden in Anlehnung an Mulden-Rigolen-Elemente geplant. Der Zufluss von Niederschlagswasser erfolgt oberirdisch über die Oberflächenneigung in einen ausgemuldeten Bereich, der mit einer belebten Bodenzone ausgestattet ist. Durch die belebte Bodenzone versickert das Wasser in eine Kiesrigole, die über ein Drainagerohr entwässert. Darunter ist ein abflussloser Speicherraum vorgesehen, um das Wasser für die Pflanzen verfügbar zu halten. Unterhalb des Speicherraums werden die Verdunstungsbeete abgedichtet, da das Wasser sonst einer Versickerung zuge- führt würde, statt dass ein großer Teil des Wassers verdunstet. Das Kaskadensystem Verdunstungsbeete sind allein nicht leistungsstark genug, das komplette anfallende Niederschlagswasser schadlos zu verdunsten. Es würde häufig zu Überläufen der Beete und damit zu potenziellen Überflutungen der angrenzenden Bebauung kommen. Deswegen wird das Wasser im Drainagerohr stark gedrosselt (auf bis zu 1 l/s) und abgeleitet. Im Schwammstadtgedanken erfolgt die gedrosselte Ableitung in eine Versickerungsmulde. Zur Erhöhung der Verdunstungsrate können mehrere Verdunstungsbeete in einer Kaskade hintereinandergeschaltet werden. Über die Drainagerohre werden sie verbunden Bild 3 Darstellung der Verdunstungsbeetkaskade Quelle: Tuttahs & Meyer
Projekte und Technologien Bild 4 In den Straßenraum integrierte Verdunstungsbeete Quelle: Tuttahs & Meyer und leiten am Ende das gesammelte gedrosselte Wasser in eine Versickerungsmulde. Bei sinnvoller Integration in den Straßenraum führen die Verdunstungsbeetkaskaden zu einer wesentlich höheren Aufenthaltsqualität. Neben den Verkehrsflächen können auch Gebäude über dieses Konzept entwässert werden. Im Schumacher Quartier sollen alle Gebäude mit Retentionsgründächern ausgestattet werden. Die geringe Ableitung der Dächer soll teilweise in Zisternen erfolgen, aus denen das Wasser in Verdunstungsbeete gepumpt wird. Auch bei dieser Variante wird das überschüssige Wasser am Ende wieder einer Versickerungsmulde zugeführt. Wasser über ihre Blätter verdunsten. Bei der Auswahl der Pflanzen gilt es zu berücksichtigen, dass die Verdunstungsbeete zeitweise sehr trockenfallen können und deshalb teilweise über einen langen Zeitraum konstant mit Wasser zu beschicken sind. Eine gewisse Resilienz gegen zu viel und zu wenig Wasser ist damit unabdingbar. Zusätzlich sollten die Pflanzen möglichst verdunstungsfähig sein. Um die besten Pflanzen hierfür zu erforschen, wurden innerhalb eines Projekts der TU Berlin am Standort in Berlin-Tegel Versuchsbeete mit verschiedenen Pflanzenarten angelegt. Die Versuchsbeete werden über drei Jahre betrieben und untersucht. Die aus den Versuchen gewonnenen Erkenntnisse fließen anschließend in die Planung. Bäume sollten aufgrund des viel zu geringen Wurzelraums in Verdunstungsbeeten nicht vorgesehen werden. Ein konkreter Flächenbedarf kann für Verdunstungsbeete nicht benannt werden. Die „eigentliche“ Entwässerung des Gebiets wird über die Versickerungsmulden erreicht. Diese können durch die Verdunstungsbeete kleiner ausfallen, dennoch sind sie unbedingt erforderlich. Die Größe der Verdunstungsbeete ist eher von der anzu- Technische Randbedingungen Die Aufenthaltszeiten in den Verdunstungsbeeten sind aufgrund der starken Drosselung der Ableitung deutlich höher als bei Versickerungsmulden. Dadurch kommt es im Anschluss an Niederschlagsereignissen zur Verdunstung von deutlich mehr Wasser als bei Versickerungsmulden. Zusätzlich wird das Wasser aus dem Speicherraum über Transpiration verdunstet. Es wird dennoch darauf geachtet, eine Aufenthaltszeit < 48 Stunden zu gewährleisten, um Faulungsprozesse während des Einstaus zu vermeiden. Die Entleerung des Speicherraums erfolgt über die Wurzeln der Pflanzen, die das Bild 5 Entwässerungskonzept für Gebäude Quelle: Imagefilm der Tegel Projekt GmbH modernisierungsreport 2024/25 37
Wasserbewusste Stadt strebenden Verdunstungsrate abhängig. Je größer die Beete, umso höher der Verdunstungsanteil. Im geplanten Schumacher Quartier beträgt das Verhältnis von Verkehrsfläche zu Verdunstungsfläche in einer „Standard“-Straße durchschnittlich 5:1. Bemessung von Verdunstungsbeeten Die Bemessung und Nachweisführung gestaltet sich für die Verdunstungsbeete momentan noch schwierig. Im DWA-Regelwerk gibt es keine Hinweise zur Bemessung und zum Nachweis von Verdunstungsbeeten. Der Nachweis kann über eine Langzeitsimulation erfolgen. In den gängigen Programmen sind jedoch keine Bausteine für Verdunstungsbeete vorgesehen. Hier können Ersatzmodelle zur Problemlösung herangezogen werden. Beispielsweise können Verdunstungsbeete als abgedichtete Versickerungsmulden oder Versickerungsrigolen mit gedrosselter Ableitung modelliert werden. Wenn die Ergebnisse aus dem Betrieb der Versuchsbeete vorliegen, kann das Modell kalibriert werden und damit die Ergebnisse verifiziert werden. Vorteile von Verdunstungsbeeten Neben der Erhöhung der Verdunstungsrate haben Verdunstungsbeete zwei weitere große Vorteile gegenüber herkömmlichen Entwässerungssystemen. Einer dieser Vorteile gilt auch gegenüber Versickerungsanlagen. Zum einen sind Verdunstungsbeete oberflächige Mulden mit Freibord. Im Starkregenfall steht dieser Freibord zum Rückhalt eines Teils des Oberflächenabflusses zur Verfügung. Bei herkömmlichen Kanalsystemen würde dieses Wasser teilweise aus dem Kanal wieder herausdrücken (Überstau), weshalb die Niederschläge teilweise gar nicht erst über die Straßeneinläufe in die Kanalisation gelangen könnten. Es würde somit an der Oberfläche verbleiben und Sturzfluten bilden. Dieses Problem wird durch Verdunstungsbeete abgeschwächt, da das Wasser teilweise im Bereich des Freibords zurückgehalten werden kann. Zum anderen soll im Bereich von Verdunstungsbeeten keine Versickerung stattfinden. Bei durchlässigen Böden wird eine technische Abdichtung erforderlich, bei stark undurchlässigen Böden könnte der Boden an sich als Abdichtung dienen. Damit können Verdunstungsbeete unabhängig von den vor Ort anstehenden Böden als Schwammstadtelement Berücksichtigung finden. Versickerungsmulden sind nach DWA-A 138 nur bei anstehenden Böden mit Durchlässigkeiten bis 1·10-6 m/s und bei Böden ohne Belastungen umsetzbar. Verdunstungsbeete können sogar im Bereich von Altlasten vorgesehen werden, da ein Eindringen von Wasser in den Boden verhindert wird. Lediglich im Bereich der Versickerungsmulden am Ende der Kaskaden müsste dann ein Bodenaustausch vorgesehen werden. Betrieb von Verdunstungsbeeten Der Betrieb von Verdunstungsbeeten ist dem von Mulden-Rigolen-Elementen recht ähnlich. Unter anderem ist die Mächtigkeit Bild 6 Auf einer Versuchsanlage mit sechs Verdunstungsbeeten testet ein Team der TU Berlin seit August 2024 Vegetationsmischungen für die Bepflanzung von Verdunstungsbeeten. Quelle: Kevin Fuchs / TU Berlin 38 www.umweltwirtschaft.com
Projekte und Technologien der belebten Bodenzone ist regelmäßig zu überprüfen und bei Erfordernis wiederherzustellen, sind Ablagerungen zu entfernen und die Zuläufe zu inspizieren. Anders als bei Mulden-Rigolen-Elementen sollen Verdunstungsbeete nicht einfach mit Rasen, sondern mit einer geeigneten Auswahl an Pflanzen bepflanzt werden. Eine einfache Mahd der Anlagen ist nicht zu empfehlen, da die Verdunstungsleistung der Pflanzen erhalten bleiben soll. Da Verdunstungsbeete sehr oberflächennah angelegt sind, werden die Drosselschächte ebenfalls mit geringer Tiefe geplant. Ein Einstieg ist somit nicht möglich. Die Planung der Einbauten in den Drosselschächten erfolgt so, dass sie leicht von der Oberfläche aus herausgenommen werden können. Dadurch ist es außerdem möglich, kleinere Schächte als DN 1000 zu planen. Verdunstungsbeete gelten als abwassertechnische Anlagen und sollten somit von den jeweiligen Wasserbetrieben, Stadtwerken o. ä. betrieben werden. Dies stellt den Betreiber aufgrund der für Abwasseranlagen unüblichen Vegetation vor besondere Herausforderungen. Für einen effizienten Anlagenbetrieb ist es essenziell, dass die Beete in öffentlichen Flächen liegen. Bei der Aufstellung von Bebauungsplänen ist dies zu beachten. Fazit Das weit verbreitete Prinzip der vollständigen Ableitung von Niederschlagswasser ist nicht mehr zeitgemäß, weshalb sich an der Entwässerungsplanung in Deutschland etwas ändern muss. Die Erhaltung der natürlichen Wasserhaushaltsbilanz einer bebauten Fläche wird in Zeiten des Klimawandels immer wichtiger. Städte wie Berlin haben sich dieser Aufgabe angenommen und erschließen Flächen mittlerweile fast ausschließlich nach dem Schwammstadtprinzip. Neben der Erhöhung der Versickerungsrate und der damit verbundenen Grundwasseranreicherung ist aber auch die Erhöhung der Verdunstungsrate enorm wichtig. An Letzterem scheitern herkömmliche Entwässerungsanlagen einer Schwammstadt. Als „Schwammstadt-Vorreiter“ hat sich Berlin für die Nachnutzung des ehemaligen Flughafens Tegel das Ziel gesetzt, eine Verdunstungsrate im geplanten Schumacher Quartier von 60 % zu erreichen Die Experten und damit die natürliche Wasserbilanz der Fläche beizubehalten. Um dieses Ziel zu erreichen, wurden Verdunstungsbeete als neue abwassertechnische Anlage entwickelt. Durch die damit erzielten langen Aufenthaltszeiten in oberirdischen, ausgemuldeten Grünflächen kann die Verdunstungsrate der natürlichen Fläche auch im bebauten Zustand beibehalten werden. Die Klimaresilienz solcher Gebiete ist somit deutlich höher als bei „herkömmlich“ entwässerten Flächen. M. Sc. Laura Händel, Dipl.-Ing. Stefan Koenen TUTTAHS & MEYER Ingenieurgesellschaft für Wasser-, Abwasser- und Energiewirtschaft mbH Universitätsstraße 74 D-44789 Bochum l.haendel@tum-ingenieure.de www.tuttahs-meyer.de Literatur: /1/ DWA e. V. (2021): DWA-A 102-2/BWK-A 3-2: Grund- Regenwetterabflüssen zur Einleitung in Oberflächen- sätze zur Bewirtschaftung und Behandlung von gewässer – Teil 4: Wasserhaushaltsbilanz für die Regenwetterabflüssen zur Einleitung in Oberflächen- Bewirtschaftung des Niederschlagswassers gewässer – Teil 2: Emissionsbezogene Bewertungen (März 2022) und Regelungen (Oktober 2021) /2/ /3/ DWA e. V. (2020): DWA-A 138-1: Anlagen zur Versicke- DWA e. V. (2022): DWA-M 102-4/BWK-M 3-4: Grund- rung von Niederschlagswasser – Teil 1: Planung, Bau, sätze zur Bewirtschaftung und Behandlung von Betrieb (Gelbdruck, November 2020) PRIMUS LINE® FLEXIBLE REHAB PIPE Meistert unterirdische Herausforderungen. www.primusline.com modernisierungsreport 2024/25 39
Wasserbewusste Stadt Chiyan Peng; Ralf Diekmann; Dr. Holger Pabsch; Martin Lindenberg; Oliver Seidel; Claudia Bruns; Jens Meisel Ganzheitliches Schwammstadtkonzept für ein Neubaugebiet In einem Neubaugebiet in Hefei (VR China) wurde zur Sicherung von Wasserbilanz, Wasserqualität und Überflutungsschutz ein innovatives Schwammstadtkonzept umgesetzt. Das Konzept fördert den natürlichen Wasserkreislauf, schafft ökologisch gestaltete Freiflächen mit gleichzeitig hohem Naherholungswert für die Bewohner und senkt die Baukosten. Die Erschließung großflächiger Neubaugebiete stellt erhebliche Herausforderungen an die Planung, insbesondere im Bereich der Regenwasserbewirtschaftung. Solche Projekte erfordern umfassendere Planungsmaßnahmen als kleinere, homogene Erschließungen. Gleichzeitig bieten großflächige Baugebiete die Möglichkeit, innovative Wassermanagementsysteme zu integrieren, die über konventionelle Entwässerungsstrategien hinausgehen und sich nahtlos in die Landschaft einfügen. Das Beispielprojekt „Flughafenstadt“ in Hefei (Provinz Anhui, VR China) zeigt die erfolgreiche Umsetzung eines solchen umfassenden Schwammstadtkonzepts. Es verfolgt einen systematischen Ansatz zur Integration von Regen- und Grundwasserbewirtschaftung in ein städtisches Umfeld und bietet eine nachhaltige Lösung für die Verbesserung von Wasserbilanz, Wasserqualität und Hochwassersicherheit. sind von Hügeln umgeben. Das Planungsgebiet bildet das natürliche Einzugsgebiet. Zwei Flüsse südlich der Talsperren nehmen das überschüssige Wasser auf. Die Böden sind bindig und weisen eine geringe Sickerfähigkeit auf. Der städtebauliche Masterplan sieht vor, das gesamte Gebiet zu einer dichten Wohnund Gewerbesiedlung zu entwickeln, in der Gebäude direkt am Wasser stehen. Dies birgt die Gefahr, dass die Wasserqualität der Talsperren durch nicht behandeltes Re- genwasser aus der dichten Bebauung beeinträchtigt wird. Zudem stellt die Wasserbilanz der Talsperren eine Herausforderung dar, weil in den für die Region typischen langen Trockenzeiten keine Wasserzufuhr erfolgt und keine Möglichkeit besteht, anderweitig Wasser zuzuleiten. In Hefei beträgt der durchschnittliche jährliche Niederschlag etwa 1.000 mm, jedoch sind die Niederschläge ungleichmäßig über das Jahr verteilt. Durchschnittlich gibt es 89 Regentage im Jahr, während die rest- Projektbeschreibung und Fragestellung Das Projektgebiet erstreckt sich über 12 km² und ist der zentrale Bereich einer Neuansiedlung für insgesamt mehr als 250.000 Einwohner. Zuvor wurde das Gebiet für landwirtschaftliche Zwecke und Baumschulen genutzt. Die leicht hügelige Topografie neigt sich von Nord nach Süd und bildet dadurch natürliche Abflusspfade für Regenwasser (Bild 1). Die beiden Talsperren Baojiaoshi (60 ha) und Jiaohu (40 ha) befinden sich im südlichen, tieferliegenden Teil des Gebiets und 40 www.umweltwirtschaft.com Bild 1 Topografische Karte des Planungsgebiets Quelle: Wasser Hannover GmbH
Projekte und Technologien lichen ca. 280 Tage trocken sind. Diese Bedingungen machen eine intensive Wasserspeicherung und -bewirtschaftung notwendig, um den Wasserstand in den Talsperren über das gesamte Jahr hinweg stabil zu halten. Gleichzeitig ist die durch die Talsperren geleistete Hochwassersicherheit für die Unterlieger zu garantieren. Ziel: Schaffung eines ökologischen Lebensraums Das Projekt verfolgt das Ziel, nicht nur eine effiziente Entwässerung sicherzustellen, sondern auch ein integriertes urbanes Wassersystem für eine wasserresiliente Stadt zu schaffen, das ökologischen und landschaftsplanerischen Anforderungen gerecht wird. Der Schwerpunkt liegt hierbei auf Sicherstellung einer hohen Wasserqualität, einem stabilen ökologischen Zustand und einem effektiven Überflutungsschutz. Dafür werden dezentrale Schwammstadtelemente, die unterirdische Kanalisation, oberirdische Bachläufe und die Talsperren in ein einheitliches System integriert. Der sorgfältig gestaltete Landschaftsraum ist ein wesentlicher Bestandteil der ansprechenden Lebensumgebung der Flughafenstadt. Ganzheitliches Schwammstadtkonzept Die natürliche, hügelige Geländeform und die bestehenden Entwässerungsgräben wurden als Grundlage für das neue Wasser- und Landschaftssystem beibehalten. Durch den Erhalt dieser Strukturen werden unnötige Bodenbewegungen vermieden, die Baukosten reduziert und der landschaftliche Charakter des Gebiets wird bewahrt. Das Wassersystem orientiert sich an der lokalen Hydrologie und natürlichen Flussläufen. Der Lageplan zeigt vier Grünkorridore, die als Überflutungswege entlang der ursprünglichen Gräben in die vorhandene Topografie integriert wurden. Um die komplexen Anforderungen des Projekts zu erfüllen, umfasst das Schwammstadtkonzept umfassende Maßnahmenpakete. Dazu gehören dezentrale Schwammstadtelemente wie Raingarden und Gründächer innerhalb der Wohnblöcke, straßenbegleitende Mulden-Rigolen-Systeme, semizentrale Retentionsräume und Bachläufe in den öffentlichen Grünflächen, semizentrale Retentionsbodenfilter und Wetlands an den Einmündungen der Talsperren. Eine systema- Bild 2 Lageplan des städtebaulichen Entwurfs Quelle: Wasser Hannover GmbH tische Planung und Modellierung stimmt die Maßnahmen untereinander ab und gewährleistet die erforderlichen Ziele zur Wasserqualität und Entwässerungssicherheit. Semizentrale, oberflächige Speicherflächen und unterirdische Sandschichten ermöglichen eine Speicherung des Regenwassers, sodass die gedrosselten Abflusswellen gestreckt und über das Jahr verteilt werden können. Dadurch weisen die Talsperren eine ausgeglichene Wasserbilanz aus und kommen ohne eine sonst im Land übliche künstliche Wasserzufuhr aus. Grundwassermodellierungen ergaben, dass das gespeicherte Wasser erst nach fünf Tagen vollständig entleert ist. Eine geplante intelligente Talsperrsteuerung, die an Niederschlagsvorhersagen gekoppelt ist, gewährleistet einen möglichst konstanten Wasserstand. Trennung von gereinigten und unbehandelten Regenwassersystemen Ein besonderes Merkmal des Projekts ist die Planung eines Reinwassersystems, das eine Trennung von sauberem und verschmutztem Regenwasser vorsieht. Je nach Regen- Bild 3 Prinzipskizze des Projekts Quelle: Wasser Hannover GmbH modernisierungsreport 2024/25 41
Wasserbewusste Stadt Bild 4 2-D-Simulation der Wassertiefe bei 50-jährigem Regenereignis im Grünkorridor Quelle: Wasser Hannover GmbH team unter der Leitung der Wasser Hannover GmbH zusammengestellt. Das Team setzt sich aus fünf Partnerbüros zusammen, die Experten in verschiedenen Bereichen der Wasserbewirtschaftung, Limnologie und Landschaftsplanung sind. Seit über 17 Jahren arbeitet die Wasser Hannover GmbH in mehr als 15 chinesischen Städten erfolgreich an Projekten zur Gewässersanierung und Schwammstadtplanung. Der Planungsprozess wurde durch die Anwendung verschiedener Simulationsmodelle unterstützt, um die Wechselwirkungen der Maßnahmen und ihre Wirkung im Gesamtsystem zu verstehen. Modelle wie Hystem-Extran, KOSIM, HEC-RAS, Talsim und HydroAS-2D (Bild 4) sowie SIMPL wurden genutzt, um die Kanalisation zu simulieren, hydrologische Fragestellungen zu klären und die Rückhaltung von Verschmutzungen zu analysieren. Beispielsweise wurden das Talsim- und das SIMPL-Modell gemeinsam verwendet, um den Wasserfluss zu steuern und die Phosphorbelastung im See zu analysieren. Die Simulation mit KOSIM auf Basis einer langjährigen Niederschlagsreihe zeigte eine Reduktion des chemischen Sauerstoffbedarfs (COD). intensität und Verschmutzungsgrad wird das Regenwasser entweder in dezentralen Schwammstadtelementen behandelt oder direkt in den Talsperren zwischengespeichert. Das durch eine Bodenpassage generierte saubere Wasser gelangt über ein Rohrsystem mit einem Durchmesser von maximal 200 mm in die Talsperren. Außerdem trägt das System zur künstlichen Grundwasseranreicherung bei. Verschmutztes unbehandeltes Regenwasser wird in einem klassischen Kanalnetz separat gesammelt und gedrosselt in zentrale Bodenfilter zur Behandlung geleitet. Durch die Trennung der Leitungen wird nur stark verschmutztes Regenwasser in zentralen Bodenfiltern behandelt, während leicht be- lastetes Wasser lokal über semizentrale Retentionsbodenfilter gereinigt wird. Eine gezielte Drosselung der Abflüsse erfolgt durch eine Reduzierung der Kanalquerschnitte in definierten Abschnitten des Systems. Durch diese kostengünstige Art der Drosselung kann das Wasser aus der tiefen Kanalisation durch Überläufe in oberflächennahe Retentionsräume geleitet werden. Damit wird die Gestaltung der oberflächennahen Retentions- und Reinigungsanlagen erleichtert (Bild 3). Zur Umsetzung dieses umfangreichen Projekts wurde ein interdisziplinäres Planungs- Bemessung und Planung der Regenwassersysteme Das Reinwassersystem leitet das vorgereinigte Wasser aus Mulden, Raingarden und Mulden-Rigolen-Systemen ab. Da durch die Bodenpassage eine Drosselung erfolgt, genügen kleine Durchmesser bis maximal DN 200. Für stark belastetes Regenwasser wird eine Teilströmung mit einem Abfluss Bild 5 Überflutungssystem Quelle: Wasser Hannover GmbH Bild 6 Straßenbegleitende Raingarden Quelle: Wasser Hannover GmbH Bild 7 Talsperre mit naturnaher Böschung Quelle: Wasser Hannover GmbH 42 www.umweltwirtschaft.com Arbeitsweise zur Schwammstadtplanung Umsetzung des Schwammstadtkonzepts
Projekte und Technologien bis 15 l/s/ha in Retentionsbodenfilter geführt. Die Drosselung und das Überlaufsystem in die auf fünfjährige Regenereignisse ausgelegte Kanalisation lenken überschüssiges Wasser in geplante Retentionsräume. Aufgrund der komplexen hydraulischen Anforderungen waren detaillierte hydrodynamische Simulationen erforderlich. Überflutungsplanung für 50-jährige Regenereignisse Im Projekt wurde ein Überflutungssystem integriert. Straßen und die Grünzüge werden als Überflutungsweg genutzt. Die Höhenlage der Straßen wurde angepasst und detaillierte topografische Planungen im Bereich der Grünzüge sichern die Durchgängigkeit der Überflutungswege. Überläufe am Übergang der Bebauung zu den Grünkorridoren reduzieren die Überflutungswassermengen im Bereich der Straßen auch für Extremereignisse. Das System ist für 50-jährige Regenereignisse ausgelegt und durch 2-D-Simulationen modelltechnisch nachgewiesen (Bild 5). Mulden-Rigolen, Raingarden, Wetlands und Bodenfilter Erfahrungen aus vorhergehenden Projekten zeigen, dass eine 100%ige Umsetzung dezentraler Konzepte oft kostenintensiv und aus Gründen der Verhältnismäßigkeit nicht ratsam sind. Daher wurden im vorliegenden Projekt dezentrale, semizentrale und zentrale Maßnahmen eingesetzt und miteinander kombiniert. Dezentrale Maßnahmen zur Behandlung und Rückhaltung von Regenwasser am Entstehungsort wie Mulden-Rigolen-Systeme in Wohnblöcken und entlang der öffentlichen Straßen (Bild 6) bilden die erste wichtige Stufe der Planung. Die semizentralen Bodenfilter und Wetlands bieten eine zusätzliche Reinigungsstufe für Überläufe in die Talsperren bei größeren Regenereignissen. In den Grünkorridoren wurde zur Rückhaltung des Regenwassers eine Kombination aus oberirdischen und unterirdischen Speichern mit Sandschichten konzipiert. Ein Kieskörper leitet das Wasser von den oberirdischen Speichern in das unterirdische System (Bild 8). Ein zentraler Retentionsbodenfilter wird hinter der Talsperre installiert. Er nimmt ungereinigte Abflüsse auf und behandelt sie, bevor sie an den unterhalb liegenden Vorfluter eingeleitet werden. Bild 8 Überlauf aus der Kanalisation, Retentionsraum und Bachlauf im Grünkorridor Quelle: Wasser Hannover GmbH Landschaftliche Integration und multifunktionales Konzept Der vielseitig gestaltete Lebensraum ist ein zentraler Faktor für die hohe Lebensqualität in der Flughafenstadt. Die Gestaltung der Grünkorridore erfolgt in enger Abstimmung mit Landschaftsplanern und Architekten, um verschiedene Anforderungen an Flächenbedarf, Höhenlage und Funktionalität in Einklang zu bringen (Bild 8). Besonders oberirdische Retentionsräume werden multifunktional genutzt und dienen in Trockenzeiten als Naherholungs- und Sportfläche oder werden ökologisch wertvoll gestaltet. Im Bereich der Talsperren wurde die ursprünglich vorhandene Betonböschung durch eine naturnahe Böschung ersetzt, um die ökologische Konnektivität zu zu stärken und zur Vielfalt der Landschaftsgestaltung beizutragen (Bild 7). Ergebnisse der Umsetzung Verbesserung von Wasserqualität, Überflutungssicherheit und Wasserbilanz Seit dem Start des Masterplans im Januar 2019 und der Fertigstellung des dritten Korridors im Jahr 2022 zeigt die Überwachung eine deutliche Verbesserung der Wasserqualität der Seen. Die Phosphorkonzentration (TP) im See sank von 0,2 mg/l auf 0,05 mg/l. Der COD-Gehalt im sauberen Regenwasser beträgt im Durchschnitt Bild 9 Multifunktionale Nutzung der Grünkorridore Quelle: Wasser Hannover GmbH modernisierungsreport 2024/25 43
Wasserbewusste Stadt Bild 10 Vergleich der Abflüsse Schwammstadt und konventionell Quelle: Wasser Hannover GmbH Die Experten Chiyan Peng, Ralf Diekmann Wasser Hannover GmbH Berliner Allee 7 D-30175 Hannover c.peng@wasser-hannover.de www.wasser-hannover.de Dr. Holger Pabsch Pabsch Ingenieure GmbH Mittelallee 11 D-31139 Hildesheim www.pabsch-ingenieure.de 14,94 mg/l, TN 3,13 mg/l und TP 0,09 mg/l. In den letzten zwei Jahren bewältigte das System mehrere Starkregenereignisse ohne Überflutungen in kritischen Bereichen. Im Trockenjahr 2023 blieb der Wasserstand in den Talsperren stabil. Vergleich mit konventionellen Verfahren Das offene Bachsystem und die Retentionsräume reduzierten den maximalen Rohrdurchmesser auf DN 1200 statt der sonst erforderlichen Profile von 4,0 x 3,0 m in einem vergleichbaren klassischen Entwässerungssystem. Die Baukosten sanken um 20 % gegenüber konventionellen Verfahren. Bild 10 zeigt den Abflussvergleich der Schwammstadtvariante mit einem konventionellen System. Rahmenbedingungen für eine erfolgreiche Umsetzung Eine erfolgreiche Umsetzung des Schwammstadtkonzepts in einem größeren Gebiet erfordert die konsequente Einhaltung des Masterplans bei der Erschließung eines jeden Wohnblocks. Im Masterplan werden konkrete Vorgaben zu den erforderlichen Rückhaltevolumen in den einzelnen Siedlungsblöcken gemacht. Jedes Wohnquartier wird so erschlossen, dass die Regenwasseranschlüsse für das Reinwassersystem und das unbehandelte Regenwasser im öffentlichen Straßenraum zur Verfügung stehen. Dies gewährleistet, dass das Konzept auch in zukünftigen Bebauungsphasen angepasst und ausgeweitet werden kann, ohne die Gesamtheit des Systems zu beeinträchtigen. 44 www.umweltwirtschaft.com Eine integrale Planung und die Koordination mit den Straßenplanern ist dabei essenziell, insbesondere hinsichtlich der Höhenanpassungen und der Einarbeitung der Überflutungswege in das Straßennetz. Eine wesentliche Erkenntnis ist, dass die wasserwirtschaftliche Planung idealerweise vor der endgültigen Stadtentwicklungsplanung erfolgt oder zumindest parallel dazu durchgeführt werden sollte. Dies ermöglicht eine bessere Abstimmung zwischen den wasserwirtschaftlichen und städtebaulichen Anforderungen, was von entscheidender Bedeutung ist. Fazit Das präsentierte umfassende Schwammstadtkonzept stellt eine nachhaltige Lösung für die urbane Regenwasserbewirtschaftung und wasserresiliente Städte dar. Die Integration natürlicher und technischer Elemente im Rahmen des Konzepts erlaubt eine Reduzierung der Überflutungsgefahr, eine Verbesserung der Wasserqualität sowie die Schaffung wertvoller Erholungsräume, vielfältiger Biodiversität und ökologischer Lebensräume. Die Kombination aus Grünkorridoren, natürlichen Bachläufen und vielfältigen Retentions- und Reinigungsflächen hat sich in diesem Projekt bewährt und demonstriert, dass eine Trennung der Regenwasserströme je nach Verschmutzungsgrad eine präzise Steuerung der Stoffströme ermöglicht. Das Projekt kann als Modell für die nachhaltige Stadtentwicklung in wasserarmen Regionen dienen und verdeutlicht die Notwendigkeit einer ganzheitlichen Planung. Martin Lindenberg itwh GmbH Engelbosteler Damm 22 D-30167 Hannover itwh@itwh.de https://itwh.de Oliver Seidel CITYFÖRSTER architecture + urbanism Escherstraße 22 D-30159 Hannover hannover@cityfoerster.net www.cityfoerster.net Claudia Bruns aquaplaner Ingenieurgesellschaft Zur Bettfedernfabrik 1 D-30451 Hannover post@aquaplaner.de www.aquaplaner.de/ Jens Meisel Institut für angewandte Gewässerökologie GmbH Schlunkendorfer Straße 2e D-14554 Seddin info@iag-gmbh.info www.iag-gmbh.info
Projekte und Technologien Malte Springer Ökologische Mehrwerte und mehr Platz auf dem Dach Ein Gründach mit Wärmetauscher – diese Verbindung ist neu auf dem Gebiet der blau-grünen Infrastrukturen. Die Kombination soll die Flächenkonkurrenz zwischen energetischen Maßnahmen und blau-grünen Systemen verringern. Ergebnisse einer aktuellen Modellierung zeigen: Viele Synergien sind möglich, zudem ergeben sich positive Zusatzeffekte. „Blau-grün ist ein recht neuer Ansatz“, berichtet Stefan Böttger, Senior Manager beim Leipziger Dienstleister Tilia. „Er verbindet die hydrologischen Funktionen von ‚blauem‘ Wasser mit einer urbanen, ‚grünen‘ Na- tur. Mit dem Konzept wollen Planer vor allem das zentrale Abwassersystem entlasten, Energieeffizienz und Mikroklima verbessern sowie Starkregenereignisse optimal auffangen. Hierbei spielen Grünflächen, Plätze Bild 1 Solarabsorber an der Pilotanlage „Carport“ während der Montagearbeiten Quelle: UFZ Leipzig und Parks eine zentrale Rolle. Sie können sowohl vor Überschwemmungen schützen als auch beispielsweise Dürreperioden abmildern – und helfen dabei, uns an die Folgen des Klimawandels anzupassen.“ Bild 2 Oberbau des Gründachs mit den Retentionsboxen vor der Substratbefüllung Quelle: UFZ Leipzig modernisierungsreport 2024/25 45
Wasserbewusste Stadt Bild 3 Querschnitt des vertikal durchströmten Retentionskühldachs, aktiv belüftet mit Wärmeaustauscher Quelle: /1/ auf Quartiersebene besitzt. Dafür wählten die Modellierer den Eutritzscher Freiladebahnhof in Leipzig. Hier entsteht in den kommenden Jahren auf 25 ha Fläche ein abflussloses und ressourceneffizientes Stadtquartier, das künftig rund 3.500 Einwohner beherbergen wird. Die innerstädtische Entwicklungsfläche des ehemaligen Freiladebahnhofs ist Leipzigs größtes Bauprojekt und Betrachtungsgegenstand des Forschungsprojekts „Leipziger BlauGrün II“, an dem auch Tilia beteiligt ist. In der theoretischen Betrachtung wird das Quartier mit einem separaten Wärme- und Kältenetz ausgestattet sein. „Im Modell haben wir uns auf die Kühlung fokussiert“, sagt Stefan Böttger. „Bei unseren Überlegungen sind wir davon ausgegangen, dass im Sommer vor allem die Gewerbeeinheiten des neuen Viertels gekühlt werden müssten. Den Energiebedarf einer zentralen Kühlungsversorgung haben wir mit 4.360 MWh/a und ca. 600 Vollbenutzungsstunden pro Jahr angenommen. Und an dieser Stelle kommt das Kühldach ins Spiel.“ Energetisches Upgrade für das Gründach Bild 4 Wärmekreislauf auf dem Gründach Quelle: Tilia GmbH Synergien statt Konkurrenz um Flächen Neben der Anpassung an die Klimafolgen bleibt der Klimaschutz die zweite Hauptaufgabe, vor allem, indem Städte weniger Energie verbrauchen und dafür erneuerbare Energien nutzen. Das Problem: Beide Ziele stehen aufgrund rarer Flächen in einem Spannungsverhältnis. Energetische Maßnahmen können eine Fläche oder einen Raum beanspruchen, der ebenfalls durch 46 www.umweltwirtschaft.com blau-grüne Systeme genutzt werden soll. „Diese Konkurrenz macht Synergien notwendig“, so Stefan Böttger. „In unserem Ansatz kombinieren wir ein blau-grünes Konzept des Regenwassermanagements mit einer Technologie der nachhaltigen Energiebereitstellung, der sogenannten „roten Energie“ – praktisch ein Systemansatz blau-grün-rot.“ In einer Modellierung hat Tilia jetzt gezeigt, welche Potenziale dieses Konzept Beim Kühldach handelt es sich zunächst um ein Gründach mit Intensivbegrünung. Zwischen Aufwuchssubstrat und der Dachkonstruktion sind Wasser-Retentionsboxen angeordnet. Diese Retentionsboxen dienen als Speicher sowie zur Abflussverzögerung. Zusätzlich installieren die Fachleute einen Wärmetauscher. In ihm zirkuliert ein umweltverträgliches Kältemittel, das die Wärme im Sommer aus dem Gebäude in das Gründach transportiert. Dieser Rücklauf wird über das Retentionskühldach vorgekühlt und anschließend an die zentrale Kälteversorgung weitergeleitet. Die Retentionsräume beziehen ihr Wasser aus dem Grundwasserleiter – falls keine Regenwasservorräte mehr vorhanden sind. „Nach der Kühlung des Kälteversorgungsrücklaufs (Aufnahme Gebäudewärme) kann das Wasser wieder in den Grundwasserleiter zurückgeführt werden“, so Stefan Böttger. „Eine Beeinträchtigung des Grundwasserleiters durch höhere Temperatur ist praktisch nicht vorhanden – Temperaturdifferenz und Wassermengen sind zu gering. Mit dem erwärmten Grundwasser von den Gebäudedächern können beispielsweise auch Grünflächen bewässert werden, es
Projekte und Technologien muss nicht zwangsläufig wieder in den Grundwasserleiter fließen.“ Hoher ökologischer Mehrwert 75 % der Dachflächen des Quartiers „Eutritzscher Freiladebahnhof“ wären potenziell für Retention und Kühlung nutzbar. Auf Gebäudedächern sind das rund 30.100 m² und auf den Tiefgaragen 10.500 m². Für das Quartier ist die Mehrfachnutzung des geförderten Grundwassers ein großer Vorteil. Mit dem Wasser werden die Gebäude gekühlt und Gründachflächen sowie sonstige Vegetation bewässert. Die Bewässerung verbessert aufgrund der hohen Verdunstungskühlung das Mikroklima im Quartier: Die Retentionsgründächer können durch Verdunstung Kühlungsenergie in Höhe von 14.000 MWh/a bereitstellen. „Aus den Simulationen konnten wir für den Eutritzscher Freiladebahnhof ermitteln, dass 15 % des gesamten zentralen Kühlungsbedarfs von 4.360 MWh/a durch den Einsatz von Retentionsgründächern gedeckt werden kann – sofern eine dauerhafte Wasserzufuhr über Regen- oder Grundwasser gewährleistet ist“, resümiert Stefan Böttger. „Damit können wir den Energiebedarf für Kühlung deutlich reduzieren. In Verbindung mit erneuerbarem Strom aus Photovoltaikanlagen leistet das System einen Beitrag zum Klimaschutz. Und die Kombination mit einem Bewässerungskonzept verbessert die Das Forschungsprojekt „Leipziger BlauGrün II“ ist Teil der Initiative „Ressourceneffiziente Stadtquartiere für die Zukunft“ (RES:Z) sowie der „FONAStrategie“ und wird gefördert durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung. Bild 5 Einbindung des Kühldachs in das Konzept zentrale Kühlung Quelle: modifiziert nach /2/ ökologische Bilanz noch weiter – ein echter Mehrwert.“ Neben Innovationen beim Neubau setzt sich das Forschungsprojekt „Leipziger BlauGrün II“ auch für blau-grüne Ertüchtigungen im Bestand ein. Die unter anderem im Quartier Freiladebahnhof entstandenen Kommunikationsstrukturen mündeten in weitere Modellprojekte, die beispielsweise mit der Leipziger Wohnungsbaugesellschaft (LWB) im bekannten Leipziger „Kolonnadenviertel“ umgesetzt werden. Hier geht es dann um energetische Musterlösungen für WBS-70-Plattenbauten, die perspektivisch deutschlandweit angewandt werden können. Die Verstetigung des innovativen Forschungsprojekts wird außerdem durch die Unterstützung des Netzwerks zur „wassersensitiven Stadtentwicklung“ sichergestellt. Die Experten Tilia GmbH Inselstraße 31 D-04103 Leipzig info@tilia.info www.tilia.info Literatur: /1/ Online unter https://www.optigruen.de/system loesungen/retentionsdach/uebersicht-retentions dach/, zuletzt abgerufen am 24. Oktober 2024 /2/ Online unter https://nokera-planning.de/projekte/, zuletzt abgerufen am 23. Oktober 2024 /3/ Leipzig 416 GmbH: Masterplanung 2019 – Anhang 2: Planwerk. Online unter https://www.leipzig416.de/wp-content/uploads/ 2019/02/l416_masterplan_02_planwerk.pdf, zuletzt abgerufen am 24. Oktober 2024 /4/ Bettgenhäuser, K. et.al. (2011): Klimaschutz durch Reduzierung des Energiebedarfs für Gebäudekühlung. Climate Change | 10/2011. Umweltbundesamt, Bild 5 Einbindung des Kühldachs in das Konzept zentrale Kühlung Quelle: modifiziert nach /2/ 195 S. modernisierungsreport 2024/25 47
Wasserbewusste Stadt Elisa Rose; Pia Schumann Wasserwiederverwendung in der Hauptstadtregion als Strategie Wie kann die Wasserwiederverwendung in Städten effizient umgesetzt werden? Das Projekt WaterMan widmet sich dieser Frage und fördert den lokalen Kapazitätsaufbau im Ostseeraum. Am Beispiel Berlin-Brandenburg werden die Potenziale der Wiederverwendung von aufbereitetem Abwasser untersucht. Die Metropolregion Berlin-Brandenburg, in der knapp 6,4 Mio. Menschen leben, steht vor großen Herausforderungen hinsichtlich einer sicheren und klimaresilienten Wasserversorgung. Die Region ist geprägt durch weit unter dem Bundesdurchschnitt liegende Niederschläge (< 600 mm/a), Sandböden mit geringer Wasserkapazität, zunehmende Hitzewellen und wachsenden Wasserbedarf aufgrund des Klimawandels. Die Oberflächengewässer und Grundwasserspiegel sinken langfristig, auch wenn es durch vereinzelt feuchtere Jahre wie 2024 auch wieder eine leichte Entspannung des Wasserstresses geben wird. Zusätzlich führt das Ende des Braunkohletagebaus in der Lausitz künftig zu einer starken Abnahme des geführten Wasservolumens der Spree und damit der Wasserverfügbarkeit. Zum Abbau der Braunkohle wurden enorme Mengen an Grundwasser gefördert, um die Kohleflöze freizulegen. Laut einer Studie des Umweltbundesamts handelt es sich dabei um etwa die Hälfte des Wassers in der Spree bei Cottbus, das u. a. auch in Berlin künftig wegfiele – in heißen Sommern sogar bis zu 75 % /1/. Die Abnahme des Wasservolumens der Spree ist wichtig, weil sie als sogenanntes Uferfiltrat zusammen mit der Havel einen wesentlichen Anteil zur Trinkwasserversorgung in Berlin (und teilweise auch in Brandenburg) beiträgt. Die regionale Trinkwasserversorgung basiert auf Grundwasser. Das Uferfiltrat der Spree und Havel speist dieses gerade bis zu 60 % im Einzugsgebiet der Brunnen, gefolgt von Niederschlägen mit einem Anteil von 30 % und der 48 www.umweltwirtschaft.com Bild 1 Karte mit den Flusseinzugsgebieten von Spree, Neiße und Schwarzer Elster Quelle: Umweltbundesamt
Projekte und Technologien künstlichen Grundwasseranreicherung mit 10 % /2/. Neben den quantitativen Veränderungen werden auch qualitative Verschlechterungen erwartet. Das gereinigte Abwasser aus den Klärwerken wird in Zukunft weniger verdünnt, womit sämtliche Restbelastungen an Spurenstoffen, Nährstoffen und möglichen Krankheitserregern in höheren Konzentrationen in den Flüssen zu finden sein werden. Zudem wird zwar eine Abnahme der bergbaubedingten Sulfatbelastungen der Spree, dafür jedoch ein Anstieg der Eisenbelastung erwartet /1/. Der teilgeschlossene Wasserkreislauf in und um Berlin ist durch den begrenzten Wasserzufluss und -austausch sensibel gegenüber strukturellen Veränderungen und dem Klimawandel. Da ist jede alternative Wasserquelle willkommen, um die Wasserversorgung zu sichern und die natürlichen Wasserressourcen zu entlasten – auch gereinigtes Abwasser. 624.000 m3 Abwasser werden in den sechs Klärwerken in und um Berlin pro Tag bei Trockenwetter gereinigt /3/. Das entspricht knapp einem Drittel des gesamten kommunalen Abwassers in Ostdeutschland /4/. Klarwasser als alternative Wasserressource Als unerschöpfliche, ganzjährig verfügbare Ressource spielt Abwasser bei der Resilienz der Wasserversorgung eine besondere Rolle – insbesondere mit dem vermehrten bundesweiten Ausbau der vierten Reinigungsstufe im Zuge der novellierten EU-Kommunalabwasserrichtlinie. Dadurch wird das gereinigte Abwasser, auch Klarwasser genannt, in Zukunft eine immer bessere Wasserqualität erreichen – ideal zur Wiederverwendung und ganz im Sinne des Kreislaufwirtschaftsgesetzes. Insbesondere in den Sommermonaten bietet sich die Wiederverwendung von aufbereitetem Wasser an, da mit dem steigenden Wasserverbrauch bei höheren Temperaturen – etwa durch vermehrtes Duschen – auch die Menge an Abwasser und gereinigtem Wasser zunimmt. Eine weitergehende Aufbereitung, angepasst an die gewünschte Nutzung (beispielsweise für urbane oder landwirtschaftliche Bewässerung, Betriebsoder Spülwasser), kann das Wasser erneut nutzbar machen. Die Umsetzung dieses Ansatzes gestaltet sich jedoch weitaus komplexer, als es auf den ersten Blick erscheint. Eine sichere Wasserwiederverwen- dung erfordert die Berücksichtigung zahlreicher Aspekte: von der Risikobewertung und dem Risikomanagement für Mensch und Umwelt über Genehmigungsprozesse bis hin zu Haftungsfragen, Infrastrukturanforderungen und Finanzierungsmodellen. Wasserwiederverwendung in BerlinBrandenburg – wo stehen wir? Bei genauerem Hinsehen wird deutlich: In der Region bewegt sich etwas. Insbesondere in Berlin-Brandenburg sind aktuell zahlreiche weitere Forschungsaktivitäten mit dem Schwerpunkt Wasserwiederverwendung aktiv. Die landwirtschaftliche Nutzung von gereinigtem Abwasser steht im Fokus zweier Forschungsprojekte in Brandenburg. Das Fachgebiet II 3.3 „Wasseraufbereitung“ des Umweltbundesamtes ist in den nationalen Verbundprojekten „PU2R – Point-of-Use Re-Use: Dezentrale landwirtschaftliche Wiederverwendung von häuslichem Abwasser zur Verringerung von Nutzungskonkurrenzen“ und „Flexitility – Flexible Utility“ (wwt 4/23) involviert. Beide Forschungsprojekte befassen sich intensiv mit der Nutzung von gereinigtem Abwasser in der Landwirtschaft und umfassen praktische Feldversuche, z. B. in Herzberg (Elster). Diese Untersuchungen liefern Erkenntnisse für eine wissenschaftliche Grundlage zur Bewertung potenzieller Risiken für Mensch und Umwelt. Die Minimierung des Frischwasserverbrauchs in Kühlkreisläufen der Stahlindustrie und die Rückgewinnung von Wasser aus bisher unbeachteten Abwasserströmen am Standort Eisenhüttenstadt sind Ziele des WEISS-4PN-Projekts, in dem u. a. die Technische Universität Berlin aktiv ist (wwt 9/24). Auch die industrielle Perspektive spielt also in regionalen Forschungsvorhaben eine Rolle. Parallel dazu forschen u. a. die Berliner Wasserbetriebe in Berlin am innovativen SMART-Verfahren (Sequential Managed Aquifer Recharge Technology), das der weitergehenden Abwasserbehandlung bzw. der Behandlung belasteter Oberflächengewässer zur Stützung des Grundwassers als Trinkwasserressource, also der indirekten Wasserwiederverwendung, dient. Fallstudie Klärwerk Ruhleben Zurück nach Berlin: Sechs Klärwerke reinigen das Abwasser der Hauptstadt und teilweise der umliegenden Gemeinden. Das Klärwerk Ruhleben ist mit einer Kapazität von etwa 1,6 Mio. Einwohnerwerten das größte von ihnen. Es befindet sich umgeben von zahlreichen Gewerbe- und Grünflächen im Bezirk Spandau. Das Klärwerk wird um mehrere Aufbereitungsprozesse erweitert: Ab 2028 sollen eine Flockungsfiltration und eine Vollstrom-Desinfektion Bild 2 WaterMan untersucht die Machbarkeit von Wasserwiederverwendung am Standort des Berliner Klärwerks Ruhleben. Quelle: Berliner Wasserbetriebe modernisierungsreport 2024/25 49
Wasserbewusste Stadt mittels UV-Licht dazu beitragen, den Stickstoff- und Phosphoreintrag zu verringern sowie Pathogene zu eliminieren, um eine Abwasserqualität auf Badegewässerniveau zu gewährleisten /5/. In einer späteren Phase ist die Integration einer Spurenstoffelimination vorgesehen, die bis Ende 2045 für Ruhleben bzw. für alle Kläranlagen mit einer Kapazität von mehr als 150.000 EW verpflichtend wird. Einfluss auf den Vorfluter Spree Der chemische Zustand von Gewässern, die als Vorfluter für die Abwassereinleitung dienen, würde sich durch die Wiederverwendung von gereinigtem Abwasser nicht verschlechtern. Dennoch ist es wichtig, den Einfluss auf die Wassermenge sowie mögliche negative Effekte im Einzelfall sorgfältig zu prüfen. Die Spree ist ein besonders relevantes Beispiel, bei dem der Einfluss der Wasserwiederverwendung auf die Wassermenge genau analysiert werden muss. Aufgrund niedriger Pegelstände und der geringen Fließgeschwindigkeit kann es sogar passieren, dass die Spree im Sommer rückwärts fließt. Diese Situation bedeutet jedoch nicht, dass die Wasserwiederverwendung grundsätzlich ausgeschlossen ist. Das Klärwerk Ruhleben leitet bereits seit Jahren während der Sommermonate einen Teil des gereinigten Abwassers aufgrund der Nährstoff- und Keimbelastungen nicht mehr in die Spree, sondern in den 16 km entfernten Teltowkanal. Diese Maßnahme dient der Sicherung der Badegewässerqualität, insbesondere an den Badestellen der Havel und des Wannsees. Sie geht auf eine Zeit der geteilten Stadt zurück, in der der Schutz von Naherholungsgebieten und Schwimmmöglichkeiten auf der Insel Westberlin oberste Priorität hatte. Dabei wurden die hohen Investitionskosten für den Bau des Kanals von der Stadt in Kauf genommen. Der verbleibende Abwasserstrom, der weiterhin in die Spree gelangt, wird heute mittels einer Teilstromdesinfektion durch UV-Licht aufbereitet. Eine lokale Wiederverwendung des Wassers durch Gewerbe und Industrie könnte jedoch dazu beitragen, die Wasserentnahme aus der Spree oder aus dem Grundwasser an anderer Stelle zu verringern oder sogar Trinkwasser zu ersetzen. Wird das Wasser zur Bewässerung der zahlreichen Grünflächen rund 50 www.umweltwirtschaft.com um Ruhleben eingesetzt, würde es z. B. über Verdunstung lokal das Mikroklima verbessern und über Versickerung in den natürlichen Wasserkreislauf zurückgeführt werden. Industrielle Nutzung am Standort Ruhleben Das Kompetenzzentrum Wasser Berlin (KWB) untersucht gemeinsam mit den Berliner Wasserbetrieben die Machbarkeit der Wasserwiederverwendung am Standort Ruhleben im Rahmen des Projekts WaterMan. Der Fokus liegt aufgrund der städtischen Lage im Gewerbegebiet auf der industriellen und der urbanen Nutzung. Bereits in einem Umkreis von 3 km um das Klärwerk Ruhleben wurden im Rahmen eines Screenings insgesamt 189 Gewerbe- und Industriebetriebe identifiziert und 26 relevante Standorte priorisiert. Die Auswahlkriterien basierten vor allem auf der Art der Nutzung, die die Anforderungen an die Wasserqualität festlegt, und auf der Menge des Wasserverbrauchs. Zu den lokalen Großverbrauchern vor Ort zählt unter anderem Vattenfall, das erhebliche Mengen an Kühlwasser verwendet. Zurzeit deckt das Kraftwerk seinen Wasserbedarf aus der Spree. Darüber hinaus gibt es zahlreiche kleinere Gewerbebetriebe, die ebenfalls Wasser in ihrem Prozessen einsetzen, darunter Autowerkstätten, Abfallentsorgungsunternehmen und Autowaschanlagen, in denen gereinigtes Abwasser für Reinigungsprozesse eingesetzt werden könnte. Vergleichbare Umsetzungsbeispiele gibt es bereits. So wird zum Beispiel in Lettland gereinigtes Regenwasser für eine Autowaschanlage genutzt /6/. Im Rahmen der Forschungsarbeiten wird auch das vom KWB entwickelte QMRA-Tool eingesetzt (www.qmra.org). Das OpenSource-Online-Tool dient der quantitativen mikrobiellen Risikobewertung, um die Planung und Bewertung von Aufbereitungsanlagen für die Wasserwiederverwendung zu erleichtern. Um wasserbezogene Systeme zu verstehen und sicherzustellen, dass die Wasserwiederverwendung sicher ist, ist eine Risikobewertung unerlässlich. Das QMRA-Tool schätzt das Infektionsrisiko für drei Referenzpathogene (Rotavirus, Campylobacter jejuni und Cryptosporidium parvum) für mehrere Rohwässer (z. B. Rohabwasser, behandeltes Abwasser) und Aufbereitungsszenarien. Das simulierte Risiko wird dann sowohl als jährliches Infektionsrisiko als auch als disability adjusted life years (DALYs – verlorene gesunde Lebensjahre) ausgedrückt und visualisiert. Das QMRA-Tool unterstützt bei folgenden Fragestellungen: Bild 3 Kläranlage Ruhleben: Blick auf die Baustelle der Flockungsfiltration und Desinfektion Quelle: WaterMan / Jolanta Olszewska
Projekte und Technologien • Vergleich von Risikoszenarien für verschiedene Nutzungen des behandelten Wassers, • Berechnung der für ein Szenario erforderlichen logarithmischen Entfernungswerte (LRV) und • Vergleich verschiedener Systemkonfigurationen durch die Erstellung von Behandlungen mit spezifischen Konfigurationen (z. B. Desinfektion mit niedriger/ hoher UV-Dosis). Klärwerke am Stadtrand – Chancen für die landwirtschaftliche Nutzung Andere Klärwerke wie das Klärwerk Stahnsdorf befinden sich am Stadtrand und bieten Potenziale für die landwirtschaftliche Bewässerung, das derzeit mit Hilfe einer Machbarkeitsstudie näher untersucht wird. Das gereinigte Abwasser des Klärwerks in Schönerlinde wird bereits seit 2005 für die Stabilisierung des Wasserhaushalts landschaftlich genutzt. So sind aus den früheren Rieselfeldern bei Hobrechtsfelde Wald- und Feuchtgebiete entstanden, die Lebensraum für viele und seltene Arten geworden sind – ein Hotspot der Biodiversität. Im Klärwerk Schönerlinde wird seit 2021 eine Ozonungsanlage errichtet – die erste großtechnische Umsetzung dieser Art in Berlin zum Schutz der Trinkwassergewinnung um den Tegeler See. Die resultierende hohe Qualität des aufbereiteten Abwassers ermöglicht eine zusätzliche Nutzung ohne größeren (technischen) Mehraufwand, etwa zur Bewässerung von Parks, Sportplätzen, Friedhöfen oder Straßengrün. Eine weitere Aufbereitung des Wassers, beispielsweise mittels Membranverfahren, sorgt dafür, dass noch Fachveranstaltung „Wasserwiederverwendung – wie weit sind wir in Berlin-Brandenburg?“ am 6. November 2024 in Potsdam, organisiert vom Kompetenzzentrum Wasser Berlin und der Brandenburgischen Wasserakademie Quelle: WaterMan / Jolanta Olszewska weniger Schadstoffe, darunter Nährstoffe, Spurenstoffe und Mikroplastik, in unsere Gewässer und die Umwelt gelangen. Das KWB baut mit dem Projekt WaterMan umfangreiche Kapazitäten mit den Entscheidungsträgern lokal auf, zeigt konkrete Umsetzungsbeispiele auf und stößt sie an. Die Wasserwiederverwendung ist langfristig in unsere Wassermanagementstrategien zu etablieren. Die vom KWB und der Brandenburgischen Wasserakademie e. V. am 6. November 2024 durchgeführte Veranstaltung „Wasserwiederverwendung – wie weit sind wir in Berlin-Brandenburg?“ bot Gelegenheit, sich regional zu vernetzen, einzelne Projekte näher kennenzulernen und über Hürden, Chancen und nächste Schritte zu diskutieren. Wasserwiederwendung ist ein wichtiger Baustein in der künftigen Wasserversor- gung in der Region Berlin-Brandenburg. Bei der Nutzung aufbereiteten Abwassers sind die Synergien mit dem Ausbau der vierten Reinigungsstufe gemäß der neuen Kommunalen Abwasserrichtlinie enorm. Außerdem wäre eine weitere Wasserquelle verfügbar – und das saisonal unabhängig. Die Experten Elisa Rose, Pia Schumann Kompetenzzentrum Wasser Berlin gGmbH elina.rose@kompetenz-wasser.de pia.schumann@kompetenz-wasser.de www.kompetenz-wasser.de Literatur: /1/ Umweltbundesamt (2023): Prognostische Wasser- 21. Februar 2024. Online unter https://www.bundes bilanzierung für den Kohleausstieg in der Lausitz – tag.de/resource/blob/990200/4723ca5a331a5cea33 UBA stellt Ergebnisse einer Grundlagenstudie vor. a900b2af332dbb/20-16-250-D_Dr-Burgschweiger.pdf, Flockenfilter für ungetrübten Badespaß. Online unter Online unter https://www.umweltbundesamt.de/ zuletzt abgerufen am 18. Oktober 2024 https://www.bwb.de/de/28505_28881.php, zuletzt Berliner Wasserbetriebe (2024): Berliner Wasserkreis- abgerufen am 18. Oktober 2024 sites/default/files/medien/11850/publikationen/fact /2/ /3/ abgerufen am 18. Oktober 2024 /5/ Berliner Wasserbetriebe (2024): Riesensolarium und sheet_braunkohleausstieg_final_barrierefrei.pdf, lauf. Online unter https://www.bwb.de/de/wasserkreis zuletzt abgerufen am 18. Oktober 2024 lauf.php, zuletzt abgerufen am 18. Oktober 2024 vehicle washing. Online unter https://www.interreg Statistisches Bundesamt Deutschland (2022): Öffent- europe.eu/good-practices/rainwater-reuse-for-service- Berliner Wasserbetriebe: Wasser für Berlin kommt /4/ /6/ Interreg Europe (2024): Rainwater reuse for service aus der Spree. Stellungnahme der Berliner Wasser- liche Abwasserbehandlungsanlagen und Jahresabwas- vehicle-washing, zuletzt abgerufen am 18. Okto- betriebe im Rahmen der öffentlichen Anhörung des sermenge. Online unter https://www.destatis.de/DE/ ber 2024 Bundestagsausschusses für Umwelt, Naturschutz, Themen/Gesellschaft-Umwelt/Umwelt/Wasserwirt nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz am schaft/Tabellen/oeffentliche-aba-7k.html, zuletzt modernisierungsreport 2024/25 51
FIRST CALL Für Frühaufsteher: Wir läuten den Ticketverkauf zur TAUSENDWASSER 2025 ein. Bis zum 31.12. mit satten Rabatten für Schnellentschlossene. Für Messe inkl. Kongress, Guided Tours und Cool Water Party. JETZT EARLY BIRD TICKETS SICHERN LAST CALL Die Uhr tickt: Auf der TAUSENDWASSER 2025 sind nur noch wenige Messestände verfügbar. Ganz bequem buchen über den Online-Messestandkonfigurator und unseren interaktiven Hallenplan. JETZT LETZTE STAN DFLÄCHEN SICHERN Zeit, sich schlau zu machen unter: www.messe-tausendwasser.de | info@messe-tausendwasser.de 26. + 27. März 2025 STATION-Berlin MESSEMESSE | MOLECOMMUNITY FUTUREFLOW | CIRCULATIONROOM DIE DER |WASSERWIRTSCHAFT
Projekte und Technologien Klaus W. König Kommunale Tankstellen für weiches Wasser Trinkwassergebühren belasten private wie kommunale Haushalte besonders in trockenen Sommern, wenn der Bewässerungsbedarf steigt. Mit jedem heißen Jahr wächst die Zahl installierter Regenspeicher. Aber viel hilft dabei nicht immer viel, denn die Rentabilität der Investition ist auch entscheidend. Bild 1 Überlingen am Bodensee: Beete mit Stauden und Gehölzen, Pflanzquartiere, Kreisverkehrrondelle, Friedhofsflächen und Stadtbäume an besonders trockenen Standorten werden in niederschlagsarmen Sommermonaten mehrmals pro Woche mithilfe von kommunalen Tankfahrzeugen bewässert. Quelle: K. W. König Eine Anlage zur Regenwassernutzung ist Stand der Technik. Sie besteht aus Sammelleitungen mit Filter und Speicher, einem Überlauf, einem Leitungssystem zu den Entnahmestellen sowie der Pumpentechnik mit automatischer Trinkwasser- oder Brunnenwassernachspeisung, falls der Vorrat aufgebraucht ist. Für die Rentabilität der Investition ist entscheidend, wie lange der gesammelte Vorrat an Niederschlag reicht. Es geht allerdings nicht darum, die letzten Regentropfen von Starkregen in riesengroßen Zisternen zurückzuhalten, sondern eine finanziell vernünftige Speichergröße mithilfe einer DIN-gemäßen Computersimulation modernisierungsreport 2024/25 53
Wasserbewusste Stadt zu finden. Dabei wird in Kauf genommen, dass es Speicherüberläufe genauso wie Phasen des Leerstands gibt. Optimal für die Rentabilität ist in jedem Fall, wenn Ertrag und Bedarf der Wassermenge annähernd ausgeglichen sind. Den Bodensee als Regenspeicher nutzen? Ganz wenigen Kommunen ist es möglich, auf einen Speicher zuzugreifen, der nicht leer wird. Die Stadt Überlingen gehört wie alle anderen Ufer-Gemeinden des Bodensees zu diesen Privilegierten. Deshalb dürfen deren Stadtgärtnerei und Betriebshof ihre diversen Tankfahrzeuge für Bewässerung, Straßenreinigung und Kanalspülung mit Seewasser an einer eigens dafür installierten Zapfstelle, etwa 50 m vom Ufer entfernt, füllen. Das Recht dazu ist historisch verbürgt und im Landeswassergesetz Baden-Württemberg formuliert. Denn Wasserrecht in Deutschland ist Ländersache, d. h., das vom Land Baden-Württemberg erlassene Wassergesetz ist für die Regelung aller Wasserangelegenheiten, auch der Entnahme von Oberflächenwasser, anzuwenden /1/. Wenn die Umstände es erfordern, können Landkreise und Kommunen die Entnahme einschränken. Als dies im Bodenseekreis im Sommer 2023 für zwei mal vier Wochen geschah, hatte Überlingen Glück: Der Bodensee war davon ausgenommen /2/. Das Wasser des Bodensees ist wie Regenwasser von Natur aus frei von gelöstem Kalk – ein großer Vorteil für die Schläuche, Ventile, Pumpen und Behälter der Tankfahrzeuge. Denn Ablagerungen beeinträchtigen den Betrieb und erfordern von Zeit zu Zeit eine Reinigung. Wo das weiche Wasser zur Reinigung von Glasflächen oder Fahr- zeugen genutzt wird, entfallen die sonst üblichen Nacharbeiten zum Abwischen des Kalkschleiers. Von Vorteil ist ebenfalls, wenn an einer Zapfstelle das Wasser bereits unter Druck ansteht – d. h., wenn durch eine in der „Tankstelle“ integrierte Pumpe die Fahrzeugbehälter mit Vordruck gefüllt werden. Kleine Pumpen an den Fahrzeugen sind darauf ausgelegt, die Behälter zu leeren, also das Wasser aus den Fahrzeugtanks herauszubefördern. Sie können bei Bedarf aber z. B. auch aus Oberflächengewässern ansaugen, um ihren Behälter zu füllen. Pfullendorfs erste Regenwassertankstelle Die ehemals freie Reichsstadt liegt im Landkreis Sigmaringen, 20 km nördlich des Bodensees. In der Kernstadt und sieben Teilorten wohnen zusammen knapp 14.000 Einwohner. Das selbst gewählte Motto ist „Gemeinsam Zukunft schaffen“. In Sachen Stadtklima, Umwelt, Energie und Wasser entstehen vorzeigbare Projekte. Eines davon wurde im September 2024 in Betrieb genommen: die Regenwassernutzung im Betriebshof mit Wasser von Dachflächen, die komplett mit Photovoltaik-Paneelen belegt sind und, soweit vom Leitungsgefälle her machbar, in den unterirdisch installierten Regenspeicher entwässern. Ist dieser voll, stehen 60 m³ Niederschlagswasser zum Befüllen der beiden Bewässerungsanhänger mit 2.200 und 3.000 l Fassungsvermögen bereit. Sie werden von Traktoren gezogen. In trockenen Wochen sind beide Gespanne gleichzeitig im Einsatz. Dann müssen innerstädtische Grünflächen und teilweise auch die darin neu gepflanzten Gehölze bewässert werden. Allein im Jahr 2024 kamen durch Ausgleichsmaßnahmen Aktueller Anstieg der Wassergebühren Die Wassergebühren in Baden-Württemberg steigen stärker als die Inflationsrate. Wie das statistische Landesamt Baden-Württemberg Ende August 2024 mitteilte, verteuerte sich die verbrauchsbezogene Wasser- und Schmutzwassergebühr im Landesdurchschnitt um jeweils rund 6 % und die Grundgebühr für die Wasserversorgung um 10 %. Die Veränderung des Verbraucherpreisindex (Inflationsrate), zwischen Januar 2023 und Januar 2024 +3,2 %, wird damit deutlich übertroffen. Zwischen 2022 und 2023 zogen die Wasser- und Schmutzwassergebühr bereits durchschnittlich um jeweils rund 5 % und die Grundgebühr um 9 % an, blieben aber deutlich hinter der Inflationsrate zurück, die bei 8,5 % lag. Die Niederschlagsgebühr stieg in beiden Zeiträumen um rund 3 %. […] Quelle: /6/ 54 www.umweltwirtschaft.com Bild 2 Filterschacht zum unterirdischen Einbau mit einer Filterfeinheit von 0,6 mm und 30 l/s Durchfluss, geeignet für max. 1.250 m² anschließbare Dachfläche. Das große Schachtvolumen dient als Sand- und Schlammfang, aus dem die Rückstände mithilfe einer Tauchmotorpumpe periodisch entsorgt werden können. Quelle: Mall für drei ausgewiesene Baugebiete 550 Bäume dazu. „Sollte der Regenspeicher im Betriebshof leer sein, besteht die Möglichkeit, Wasser aus dem Stadtsee zu entnehmen“, sagt Reiner Hegner, Leiter der technischen Betriebe Pfullendorf. „Dort ist ein Quellzulauf mit 60–70 l/s, sodass unsere gelegentliche Entnahme ökologisch unbedenklich ist.“ Doch erste Priorität hat das von den Dachflächen gesammelte Regenwasser aus zwei Gründen: • Es hat im Zulauf zum Speicher den Filterschacht passiert und ist damit weitgehend frei von Schwimm- und Schwebstoffen, während aus dem Stadtsee allerlei organisches Material mit dem Wasser in die Tanks eingetragen wird. • Mit jedem entnommenen Kubikmeter wächst die Rückhaltekapazität im Speicher, sodass beim nächsten Niederschlag weniger oder kein Wasser von den angeschlossenen Dachflächen direkt in den Mischkanal gelangt, an den der Überlauf des Speichers mangels Alternativen angeschlossen werden musste. Fertigteilbehälter sind schnell montiert Mit einer Filterfeinheit von 0,6 mm schützt der Filterschacht den Regenspeicher vor Schmutzpartikeln, die von den Dachflächen stammen können. Der Filtereinsatz steht als zylindrischer Korb in der Mitte des Stahlbeton-Fertigteilschachts, sodass das Regenwasser von allen Seiten und auf
Projekte und Technologien Bild 3 Im Vordergrund der Filterschacht mit zwei Zulaufrohren für das Regenwasser von Dachflächen. Es wird in einer befahrbaren Mehrbehälteranlage mit insgesamt 60 m³ Wasservolumen gespeichert. Quelle: Hegner ganzer Höhe zuströmen kann. Das große Filterschachtvolumen dient als Sand- und Schlammfang, aus dem die Rückstände mithilfe einer externen Tauchmotorpumpe periodisch in den Mischkanal entsorgt werden können. Bei diesem Pumpvorgang wird auch der Filter selbst kurz rückgespült. Die Bauweise des unterirdischen Filters und Speichers mit Fertigteilen aus Stahlbeton bringt schnelle Betriebsbereitschaft bei gleichzeitig hoher Belastbarkeit /3/, denn: • die Behälter werden in Einzelteilen per Lkw vom Werk des Herstellers zur Baustelle transportiert und dort innerhalb eines Tages montiert, • die Abmessungen der verwendeten Betonfertigteile verursachen weder Überbreite noch Übergewicht, daher erfolgt die Lieferung preiswert und ohne Sondergenehmigung zum Einbauort, Bild 4 Nach Bedarf werden Reinigungsarbeiten mit Regenwasser und Hochdruckreiniger durchgeführt, wie hier am zentralen Omnibus-Bahnhof (ZOB) in Pfullendorf. Die senkrechten Glasflächen müssen nicht nachbehandelt werden, wenn kalkfreies weiches Regen- oder Oberflächenwasser verwendet wird. Quelle: K. W. König • die Statik der Konstruktion erlaubt je nach gewählter Abdeckung Pkw- oder Lkw-Belastung, sodass die Fläche über den Behältern wie im Betriebshof Pfullendorf befahren oder anderweitig genutzt werden kann. „Sämtliches Zubehör, auch der Einstieg, ist Bestandteil der Lieferung und wird durch unsere Mitarbeiter montiert“, erklärt Thorsten Zahn. Er ist technischer Verkaufsberater beim Hersteller Mall in Donaueschingen. Auch die Endmontage und Inbetriebnahme übernimmt der Anbieter. Damit ist die Gewährleistung für das komplette Bauwerk in einer Hand. Bei unterirdischen Regenspeichern sind die Folgekosten niedrig, denn der Wartungsaufwand ist gering. Details dazu, auch zu Planung, Bau und Betrieb, sind in zwei zusammengehörigen DIN-Normen zu finden /4, 5/. Der Experte Dipl.-Ing. Klaus W. König Sachverständigen- und Fachpressebüro www.klauswkoenig.de Literatur: /1/ Wasserentnahmerecht. Online unter https://www.bodensee-wasserversorgung.de/ unternehmen/rechtsgrundlagen/wasserentnahme recht.html, zuletzt abgerufen am 18. Oktober 2024 /2/ Entnahmeverbot. Online unter https://www.boden seekreis.de/aktuelles/artikel/2023/06/wasser-influessen-und-baechen-wird-knapp-generellesentnahmeverbot-fuer-oberflaechengewaesser-imbodenseekreis/, zuletzt abgerufen am 18. Oktober 2024 /3/ Planerhandbuch Regenwasserbewirtschaftung. Online unter https://www.mall.info/fileadmin/user_ upload/produkte/regenwasserbewirtschaftung/ Projektbeteiligte Regenwassertankstelle Pfullendorf Bauherrschaft: Adresse: Planung: Fertigstellung: Jahresniederschlagshöhe: Dachsammelflächen: Filterschacht, Typ/max. Durchfluss: Regenspeicher, Typ/Nutzvolumen: Technische Betriebe Stadt Pfullendorf Bannholzerweg 6, 88630 Pfullendorf Stadtbaumeister, Tiefbauamtsleiter September 2024 858 mm ca. 1.250 m² Mall FS 30/30 l/s Mall-Mehrbehälteranlage/60 m³ mit GFK-Schachtleiter inkl. Einstiegshilfe Schaltschrank/Steuerung: Mall W1S in GFK-Freiluftschrank Aufnahme des Speicherüberlaufs: Mischkanal Abdeckung der unterirdischen Behälter: befahrbar, Klasse B, für Feuerwehrzufahrt (Lkw 16) ausreichend prospekte/planerhandbuch-regenwasserbewirt schaftung.pdf, zuletzt abgerufen am 18. Oktober 2024 /4/ DIN EN 16941-1:2024-05 Vor-Ort Anlagen für Nicht-Trinkwasser – Teil 1: Anlagen für die Verwendung von Regenwasser; Deutsche Fassung EN 16941-1:2024. DIN Media GmbH; Berlin, Mai 2024. DOI https://dx.doi.org/10.31030/3529243 /5/ DIN 1989-100:2022-07 Regenwassernutzungsanlagen – Teil 100: Bestimmungen in Verbindung mit DIN EN 16941-1. DIN Media GmbH; Berlin, Juli 2022. DOI https://dx.doi.org/10.31030/3324669 /6/ EUWID 36/2024. Online unter https://www.euwidrecycling.de/e-paper/35-2024/, zuletzt abgerufen am 18. Oktober 2024 modernisierungsreport 2024/25 55
Wasserbewusste Stadt Dr.-Ing. Christian Wolter; Ralf Steeg Ökologische Trittsteine für urbane Gewässer In Städten anzutreffende Gewässer sind kaum naturnah, weder von ihren Ufern her noch hinsichtlich der anzutreffenden Biodiversität. Vertical Wetlands bieten Tieren und Pflanzen neue Lebensräume, auch wenn sie nur ein teilweiser Ersatz für natürliche Lebensräume sind. Von meterhohen Schilffeldern gesäumte innerstädtische Flüsse und Kanäle, Unterwasserhabitate, die Fischen als Versteck und Kinderstube dienen, Pflanzen, die die Umgebung kühlen, Vögel, die nach Insekten jagen, Biber und Otter, die entlang der Ufer wieder Lebensräume vorfinden: Dies sind stadtökologische und stadtplanerische Visionen, während die Realität eine ande- Bild 1 Vertical Wetlands im Berlin-Spandauer Schifffahrtskanal 14 Monate nach ihrer Montage im Juni 2024 Quelle: Wolter / Steeg 56 www.umweltwirtschaft.com
Projekte und Technologien re ist. In Innenstädten gibt es entlang der Gewässer kaum noch naturähnliche Ufer. Stattdessen trennen über viele Kilometer senkrechte, kaum besiedelbare Uferbefestigungen aus Beton, Stahl oder Mauersteinen die Wasserflächen von den unmittelbar angrenzenden urbanen Flächennutzungen. Durch das Fehlen der Flachwasserzonen und damit kompletter Lebensräume, in denen sich Pflanzen und Tiere im Uferbereich ansiedeln, wurden Flüsse und Kanäle zu monotonen, strukturlosen Korridoren, in denen sich nur wenige umwelttolerante Arten aufhalten und etablieren. Mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung lebt heute in Städten. In Industrienationen ist dieser Anteil noch deutlich höher und beträgt z. B. in Deutschland 78 %. Im Zuge der Baulandgewinnung wurden Klein- und Nebengewässer kanalisiert, verrohrt oder zugeschüttet, große Flüsse begradigt, eingeengt und deren Ufer verbaut /1/. Wohn-, Industrie-, Büro-, Verkehrs- und sonstige versiegelte Flächen rückten zunehmend dichter an die Gewässer. Flachuferzonen wurden zerstückelt oder völlig beseitigt und durch senkrechte Uferwände ersetzt. Im Ergebnis entstanden monotone, strukturarme Gewässerlebensräume mit sehr stark veränderten physikalischen Eigenschaften, artifiziellem Abfluss- und Temperaturregime sowie veränderten Fließgeschwindigkeiten und gestörten Sedimentprozessen /1/. Der hohe Versiegelungsgrad urbaner Einzugsgebiete führt zu erhöhten Oberflächenabflüssen, welche die Hydraulik des Gewässers beeinträchtigen. Dadurch werden auch Schadstoffe, z. B. Mikroplastik und Schwermetalle, Feinsedimente und organisches Material in die Gewässer eingetragen, die die Wasserqualität verschlechtern /1/. Aufgrund der hydromorphologischen und Wasserqualitätsdefizite sind urbane Gewässer Indikatorlebensräume für massive Umweltzerstörungen und zählen zu den am stärksten beeinträchtigten Naturräumen, was sich auch in deren aquatischen Lebensgemeinschaften widerspiegelt. Sie sind relativ artenarm und werden von einigen wenigen umwelttoleranten, oft auch nicht einheimischen Arten dominiert. Die Artenarmut korreliert direkt mit dem Anteil versiegelter Flächen, wobei bereits ein Versiegelungsgrad von 10–20 % zu messbaren Schäden bei Fischen und wirbellosen Bodentieren führt /2/. Darüber hinaus sind vor allem Wasser- und Uferpflanzen, aber auch andere Taxa vom Verlust der Flachwasserbereiche unmittelbar betroffen. Neben den Pflanzen sind viele wirbellose Bodentierarten, aber auch die Reproduktion der meisten Fischarten auf das Vorhandensein flacher Uferpartien angewiesen. Mit dem Fehlen besiedelbarer Sohlsubstrate fallen Pflanzenbestände auch als Strukturelemente im Gewässer als Laich- und Aufwuchshabitat für andere Arten aus. Urbanisierung führt bei allen taxonomischen Gruppen zum Verlust spezialisierter Arten, zur Verminderung von Artenzahl und Artendiversität sowie zur Zunahme umwelttoleranter und nicht einheimischer Arten, d. h. letztlich zu verarmten „Allerweltsarten“-Gemeinschaften /2/. Dabei können bereits geringe Anteile urbaner Landnutzung den ökologischen Zustand bestimmter Taxa im gesamten Flusseinzugsgebiet durch Effekte der Flächenversiegelung /3/ und verminderte Durchwanderbarkeit /4/ beeinträchtigen. So führen beispielsweise Fische als mobile Organismen regelmäßige Wanderungen nicht nur zum Ablaichen, sondern auch zur Ausbreitung zwischen Habitaten und innerhalb eines in der Größe angemessenen Lebensraums durch. Lange, monotone Kanalstrecken erwiesen sich dabei als Wanderhindernis, selbst wenn sie nicht durch physische Barrieren wie Wehre unterbrochen sind /4/. Offenbar bieten gerade im Tiefland die simplifizierten, monotonen, stehenden bis sehr schwach fließenden, kanalisierten Gewässerstrecken insbesondere typischen Flussfischarten zu wenig Anreize, um darin längere Distanzen zu wandern /4/. In drei in Berlin und im Umland untersuchten Kanälen breiteten sich einzelne Flussfischarten nur 0,5–5 km aus und typische Wanderdistanzen überstiegen selten 6–8 km /4/. Zusammenfassend ist festzustellen, dass die mit der Urbanisierung einhergehende Degradation der Gewässer zu deren Monotonisierung und strukturellen Simplifizierung führt, was diese zu Wanderbarrieren für aquatische Organismen macht und die Homogenisierung ihrer von eurytopen Arten dominierten Lebensgemeinschaften bewirkt. Die Gewässerveränderungen im innerstädtischen Raum sind nicht nur weitgehend irreversibel, sondern bieten auch sehr wenig Platz und Möglichkeiten zur ökologischen Aufwertung. Hier setzen „Vertical Wetlands“ an /5/. Was sind Vertical Wetlands? Vertical Wetlands sind kein Ersatz für ursprüngliche, natürliche Flachwasserzonen. Bild 2 Die 40 m lange Anlage nach Fertigstellung im April 2023: 76 Module wurden in nur zwei Wochen Bauzeit an der Tragschiene montiert. Quelle: Wolter / Steeg modernisierungsreport 2024/25 57
Wasserbewusste Stadt Vertical Wetlands im Berlin-Spandauer Schifffahrtskanal Bild 3 Die Montagehöhe der Module ist variabel, auch innerhalb einer Anlage sind verschiedene Höhen möglich. Quelle: Wolter / Steeg Vielmehr kommen sie dort zur Anwendung, wo fehlendes Raumentwicklungspotenzial durch intensive Nutzung und angrenzende Bebauung keine größeren Maßnahmen zulässt. Hier bieten sie auf engstem Raum eine Möglichkeit, verloren gegangene Uferund Flachwasserzonen leitbildkonform funktional zu ersetzen. Dabei werden an naturfernen, künstlichen Wasserwegen Mi- nimalhabitate geschaffen, die verschiedenen Arten der Flora und Fauna ökologische Trittsteine bieten sowie deren Aufenthalt und die Durchwanderung fördern. Vertical Wetlands sind daher in erster Linie leitbildkonforme Minimalhabitate, die als Trittsteine zur ökologischen Aufwertung beitragen und den Biotopverbund zwischen Gewässerlebensräumen fördern (Bild 1). Bild 4 Die Bauteile der Konstruktion (ohne Tragschiene): Gitterträger, Holzbox, Substrat, Schutzvlies, Bepflanzung Quelle: Wolter / Steeg 58 www.umweltwirtschaft.com Mit der Förderung aus dem Berliner Programm für Nachhaltige Entwicklung (BENE) mit Mitteln des Europäischen Fonds für Regionale Entwicklung und des Landes Berlin (Förderkennzeichen 1341-B5-O) wurde das Pilotvorhaben „Vertical Wetlands – begrünte Spundwände als ökologische Potenzialflächen an innerstädtischen Wasserwegen“ umgesetzt. Die rund 40 m lange und etwa 1 m breite Pilotanlage wurde im April 2023 fertiggestellt (Bild 2). Sie besteht aus bepflanzten Modulen, die auf Höhe der Wasseroberfläche an der Stahlspundwand installiert wurden, um hier eine Land-Wasser-Kontaktzone nachzuahmen. Die Modulbauweise bietet den Vorteil, dass die Anlagengröße skalierbar, d. h. übertragbar und variabel in Bezug auf Breite, Tiefe, Substrat und Strukturelemente, ist /6/. Der Prototyp besteht aus 76 Modulen und wurde innerhalb von 14 Tagen wasserseitig von einer schwimmenden Arbeitsplattform aus montiert. Jedes Modul verfügt über einen Rahmen aus unbehandeltem Rundstahl mit eingeschweißten Gittern als Tragkonstruktion (Bild 3). In diese Stahlkonstruktion wurde ein Kasten aus sägerauem Holz eingesetzt, mit gewässertypischem Substrat befüllt und standorttypischen Arten der Röhrichtzone und Weichholzaue bepflanzt (Bild 4). Die Holzkonstruktion hält das Substrat in der Tragkonstruktion. Sie wird nach und nach zersetzt, während die voranschreitende Durchwurzelung das Substrat stabilisiert und sich die Wurzeln mit der Rahmenkonstruktion verbinden. Unter den Modulen bildet der Wurzelvorhang ein weiteres ökologisch wirksames Strukturelement. Der Prototyp wurde mit einer Grobsandmischung befüllt, der Korngrößenverteilung in der Spree entsprechend, und mit vorgezogenem Schilf aus gebietseigener Herkunft sowie vier Weidenarten bepflanzt. Die Moduloberfläche ist leicht geneigt, analog zur natürlichen Uferneigung, um bei Montage auf der Mittelwasserlinie eine amphibische Zone nachzubilden. Aus diesem Grund war es erforderlich, dieses in der Anwachsphase bis zur Durchwurzelung des Substrats mit einem biologisch abbaubaren Vlies vor Auswaschung durch Strömung und Wellenschlag zu schützen. Weitere Einzelheiten zur Konstruktion, Planung und Umsetzung von Vertical Wetlands sind /6/ zu entnehmen.
Projekte und Technologien Bild 5 Vertical Wetlands im Juni 2024: die durchschnittliche Höhe der Schilfpflanzen liegt bei 2,5 m, einzelne Pflanzen haben die Spundwandkrone in 3 m Höhe fast erreicht. Quelle: Wolter / Steeg Ökologische Effekte Unmittelbar während der Montage der Module, zur Laichzeit der Barsche, wurden diese als Hartsubstrat zur Eiablage genutzt, was den Mangel an geeigneten Laichsubstraten für Fische in innerstädtischen Gewässern unterstreicht. Bereits kurze Zeit nach Fertigstellung wurden Nistversuche von Blässrallen, Fraßspuren semiaquatischer Säugetiere, verschiedene Libellen und Spontanansiedlungen von Wasserpflanzen beobachtet, was auf eine gute Annahme des Trittsteinhabitats hindeutet. Mit der Entwicklung des Röhrichtstreifens, der in 14 Monaten seit Fertigstellung der Anlage stark an Dichte zugenommen und bis 3 m Wuchshöhe erreicht hat (Bild 5), ist auch dessen Attraktivität für semiaquatische Arten erheblich gestiegen. Neben Beobachtungen verschiedener Insekten-, Käfer-, Spinnen- und Libellenarten zeugen erster Weidenverbiss und weitere Fraßspuren von der mindestens gelegentlichen Anwesenheit von Biber und Fischotter. Mit der Halmdichte ist auch die Qualität des Röhrichts als Schutzhabitat und Nistplatz gestiegen, wie eine erfolgreiche Stockentenbrut im Jahr 2024 belegt. Unter den Modulen reichen die Wurzelbär- te bereits bis 0,5 m ins Wasser und bilden dort attraktive Strukturen für Fische und wichtiges Siedlungssubstrat für Wirbellose und Aufwuchsorganismen (Bild 6). Die Nutzung dieser Unterwasserstrukturen wurde mittels Videomonitoring dokumentiert. Dafür wurde im Zeitraum vom 11. Mai bis 31. Juli 2024 jeweils wöchentlich eine Unterwasserkamera für mehrere Stunden an verschiedenen Stellen der Pilotanlage exponiert. Die Gesamtaufzeichnungsdauer betrug mehr als 23 Stunden. Parallel zu den Videoaufnahmen wurde auch die Nutzung der Vertical Wetlands über Wasser visuell erfasst, wohl wissend, dass dabei die für semiaquatische Säugetiere relevanten Dämmerungs- und Nachtzeiten ausgelassen und Organismengruppen wie Käfer, Spinnen und Insekten nur qualitativ erfasst wurden. Die Unterwasseraufnahmen belegen die Nutzung des Trittsteinhabitats durch bislang vier Fischarten, darunter mit dem Aland als zweithäufigste auch eine typische Flussfischart. Die häufigste Art war der Barsch mit insgesamt 743 Beobachtungen. Im Durchschnitt wurden im aufgrund der Trübung eher begrenzten Sichtfeld der Kamera 38 Fische pro Stunde beobachtet. Diese Zahl schließt ganz sicher Mehrfach- zählungen gleicher Individuen ein, was in diesem Fall unschädlich ist, weil auch eine höhere Verweilzeit der Tiere im Schutz des Trittsteinhabitats die angestrebte ökologische Wirkung belegt. Fischzählungen an Standard-Spundwänden zeigen eine vielfach geringere Sichtungsfrequenz. Nachdem das Röhricht sehr gut gewachsen und die Durchwurzelung des Substrats so weit fortgeschritten ist, dass die Vliesreste entfernt werden konnten, wird nun auch die Besiedelung des Substrats durch wirbellose Bodentiere erwartet. Schlussfolgerungen und Ausblick In räumlich stark eingeengten innerstädtischen Gewässerkorridoren sind die Möglichkeiten zur ökologischen Aufwertung erheblich eingeschränkt, obgleich Letzterer gerade für den Biotopverbund auch in diesen Gewässern eine besondere Bedeutung zukommt. Minimalhabitate als ökologische Trittsteine, wie sie die vertikale Uferbegrünung bietet, können hier Abhilfe schaffen. Ein neu entwickelter, im Berlin-Spandauer Schiffahrtskanal installierter Prototyp von Vertical Wetlands hat sich diesbezüglich bewährt. Erste Untersuchungen belegen die ökologische Funktionalität, insbesondere modernisierungsreport 2024/25 59
Wasserbewusste Stadt Bild 6 Bereits nach wenigen Wochen haben sich in das Gewässer hineinwachsende Wurzelvorhänge gebildet. Quelle: Wolter / Steeg für Fische, semiaquatische Säugetiere und Wasservögel. Auch wenn sie keinesfalls Fließgewässer-Revitalisierungen ersetzen können und sollen, stellen sie in Gewässern ohne jegliches Raumentwicklungspotenzial wichtige ökologische Trittsteine für den Biotopverbund dar. Neben der ökologischen Wirksamkeit erwies sich der Prototyp als pflegeleicht und robust gegenüber physikalischen Einwirkungen. Vermüllung mit zusätzlichem Unterhaltungsaufwand trat ebenfalls nicht auf. Die Modulbauweise erlaubt nicht nur eine zunehmend kostengünstigere Herstellung und einfache Montage, sondern ermöglicht auch die Abnahme einzelner Module für Inspektionen bzw. deren Ersatz bei Schäden. Während im Pilotprojekt aus Gründen der wissenschaftlichen Evaluierung, aber auch der Genehmigungsfähigkeit mit einheitlich bepflanzten und montierten Modulen gearbeitet wurde, sind perspektivisch verschiedenste Variationen denkbar. So können die Eintauchtiefen der Module von komplett untergetaucht bis terrestrisch variiert werden, Gleiches gilt für die Substratfüllung von fein bis sehr grob und die Bepflanzung. Wahlweise kann auf und unter den Modulen zusätzlich Totholz als Strukturelement angeboten werden und letztendlich lassen sich verschiedene Bepflanzungen, Eintauchhorizonte der Module und Füllsubstrate auch im Längsverlauf variieren, um auf begrenztem Raum strukturierte Minimalhabitate als ökologische Trittsteine zu gestalten. Literatur: /1/ Marzluff, J. M.; Shulenberger, E.; Endlicher, W.; Alberti, M.; Bradley, G.; Ryan, C.; Simon, U.; ZumBrunnen, C. (Hrsg.) (2008): Urban Ecology. An International Perspective on the Interaction Between Humans and Nature. 808 S., Springer-Verlag, New York /2/ Paul, M. J.; Meyer, J. L. (2001): Streams in the Urban Landscape. In: Annual Review of Ecology and Systematics 32, S. 333–365 /3/ Kail, J.; Wolter, C. (2013): Pressures at larger spatial scales strongly influence the ecological status of heavily modified river water bodies in Germany. In: Science of The Total Environment 454–455, S. 40–50 /4/ Wolter, C.; Vilcinskas, A. (1998): Effects of canalization on fish migrations in canals and regulated rivers. Polish Archive Hydrobiology 45, S. 91–101 /5/ Wolter, C.; Wiebe, R. (2024): Trittsteinhabitate zur ökologischen Aufwertung urbaner Gewässer. In: Die Experten Dr.-Ing. Christian Wolter Kreutz, S., Stokman, A. (Hrsg.): Transformation urbaner linearer Infrastrukturlandschaften. Wie Dipl.-Ing. (FH) Ralf Steeg Straßen und Gewässer zu attraktiven und klimaangepassten Stadträumen werden können. Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei Müggelseedamm 310 D-12587 Berlin WITE – Water Innovation Technology Engineering GmbH Eichenstraße 4 D-12435 Berlin S. 301–320, oekom-Verlag, München /6/ Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei Berlin (2024): Vertical Wetlands. Trittsteinhabitate für urbane Gewässer. IGB-Manual, Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnen- christian.wolter@igb-berlin.de www.igb-berlin.de 60 www.umweltwirtschaft.com info@wite.company www.wite.company fischerei. Online unter https://www.igb-berlin.de/ downloads, zuletzt abgerufen am 22. Oktober 2024
Projekte und Technologien Dr. Birthe Stricker; Vera Kohlgrüber Gezielte Spurenstoffelimination – Stand der Technik und Ausblick Zur gezielten Spurenstoffelimination erweisen sich oxidative Verfahren (Ozon) oder adsorptive Verfahren (Aktivkohle) als geeignet. Mit der Novellierung der EU-KARl wird eine europaweite Anforderung zur Erweiterung der kommunalen Kläranlagen > 150.000 EW um eine vierte Reinigungsstufe und risikobasiert für einige Anlagen > 10.000 EW folgen. Konventionelle mechanisch-biologische Kläranlagen sind nicht dafür ausgelegt, ein breites Spektrum an Spurenstoffen zu eliminieren. Spurenstoffe (Pharmazeutika, Pestizide, Haushaltschemikalien u. v. m.) die in geringen Konzentrationen von wenigen Nanogramm bis Mikrogramm je Liter im Abwasser vorkommen, gelangen so ins Gewässer, wo sie eine Bedrohung für Wasserlebewesen darstellen können. Ein Grund für die eingeschränkte Elimination sind die teilweise persistenten Eigenschaften einiger Spurenstoffe. Daher bedarf es spezifischer Technologien, um ein breites Spektrum dieser Stoffe im Kläranlagenprozess zu eliminieren. Geeignete Technologien zur Spurenstoffelimination sind die Adsorption an Aktivkohle, die Oxidation durch Ozon oder der physikalische Rückhalt durch Membranen. Großtechnisch als gezielte Stufe zur Spurenstoffelimination auf kommunalen Kläranlagen (auch: vierte Reinigungsstufe, Viertbehandlung) kommen die Zugabe von Pulveraktivkohle (PAK), die Adsorption an granulierter Aktivkohle (GAK), Ozonung oder eine Kombination dieser Verfahren zum Einsatz. Ein Überblick der eingesetzten Verfahren wird in Bild 2 gegeben. Während Pulveraktivkohle sowohl simultan in das Belebtschlammverfahren als auch nach- Bild 1 Mit der KARl wird eine Erweiterung der kommunalen Kläranlagen > 150.000 EW um eine vierte Reinigungsstufe und risikobasiert für einige Anlagen > 10.000 EW erforderlich. Quelle: IMAGO / Rupert Oberhäuser modernisierungsreport 2024/25 61
Wasserbewusste Stadt Bild 2 Großtechnisch umgesetzte Verfahren der gezielten Spurenstoffelimination Quelle: modifiziert nach /1/ geschaltet in einer Adsorptionsstufe oder vor einen Filter dosiert werden kann, wird granulierte Aktivkohle als nachgeschalteter GAK-Adsorber eingesetzt. Dieser kann kontinuierlich oder diskontinuierlich gespült oder als Wirbelbett umgesetzt werden. Die Ozonung als nachgeschalteter Prozess benötigt eine biologisch aktive Nachbehandlung, diese kann beispielsweise als Raumfilter oder in Kombination mit einem GAK-Adsorber als Kombinationsverfahren umgesetzt werden. Stand der Umsetzung von Anlagen zur gezielten Spurenstoffelimination Deutschland Aktuell (09/2024) gibt es in Europa noch keine geltenden rechtlichen Vorgaben für die Umsetzung der vierten Reinigungsstufe auf kommunalen Kläranlagen. Im Rahmen der aktuell laufenden Novellierung der EU-Kommunalabwasserrichtlinie (aktuelle Fassung: Richtlinie 91/271/EWG des Rates vom 21. Mai 1991 über die Behandlung von kommunalem Abwasser) sollen erstmals europaweit einheitliche und rechtlich bindende Vorgaben erfolgen. Dennoch befinden sich Stand Oktober 2023 deutschlandweit bereits 55 Anlagen zur gezielten Spurenstoffelimination in Betrieb (Bild 3). Deutschland hat damit neben der Schweiz im europäischen Raum eine Vorreiterrolle inne. Die Anlagen teilen sich in erster Linie auf die Bundesländer Nordrhein-Westfalen 62 www.umweltwirtschaft.com mit 22 Anlagen und Baden-Württemberg mit 30 Anlagen in Betrieb. Während in Nordrhein-Westfalen eine Tendenz zu Ozonverfahren besteht, überwiegt in BadenWürttemberg der Anteil der Verfahren mit Pulveraktivkohle. Teilweise wurden die bestehenden Anlagen zur gezielten Spurenstoffelimination im Rahmen von Forschungsprojekten errichtet und mit umfangreichen Begleitforschungsvorhaben im laufenden Betrieb auf ihre Wirksamkeit hin untersucht. Baden-Württemberg In Baden-Württemberg wurden bereits in den 90er-Jahren Pulveraktivkohleverfahren zur Entfärbung von Textilabwässern eingesetzt. Im Rahmen mehrerer Forschungsvorhaben wurde das Verfahren zur Elimination von organischen Spurenstoffen aus dem kommunalen Abwasser weiterentwickelt und optimiert. Aufgrund der vorherrschenden positiven Erfahrungen wurde das Verfahren anschließend auf einer Vielzahl von Kläranlagen in Baden-Württemberg umgesetzt. Über die nachfolgenden Jahre ist es zu einer Verfahrensdiversifizierung gekommen. Ein Überblick der Anzahl an Anlagen nach umgesetzten Verfahren (PAK, GAK, Ozon, Kombination) und erreichter EWAusbaugröße über die vergangenen Jahre ist aus Bild 4 ersichtlich. Im Jahr 2016 wurde die erste Anlage mit GAK-Adsorber und 2019 die erste Ozonanlage in Betrieb genommen. Seit Ende 2023 ist das erste Kombinationsverfahren aus Ozon und GAK-Adsorber in Betrieb. Die 31 Anlagen in Betrieb sind mit der jeweils umgesetzten Verfahrenstechnik in Voll-/Teilstrombetrieb auf der Baden-Württemberg-Karte in Bild 5 gezeigt (Stand September 2024). Des Weiteren sind aktuell 29 weitere Anlagen in Planung und Bau, von denen im weiteren Verlauf des Jahres 2024 ein paar in Betrieb gehen. Seit 2012 wird die Umsetzung der gezielten Spurenstoffelimination u. a. durch Beratung und in Forschungsprojekten durch das Kompetenzzentrum Spurenstoffe Baden-Württemberg (KomS) aktiv begleitet. Das KomS ist eine Zusammenarbeit zwischen dem DWA-Landesverband BadenWürttemberg, der Universität Stuttgart und Bild 3 Kläranlagen mit einer Stufe zur gezielten Spurenstoffelimination in Betrieb (Stand Oktober 2023) Quelle: /2/
2.500.000 25 2.000.000 20 1.500.000 15 1.000.000 10 500.000 5 0 0 PAK EW PAK 2013 2015 2017 GAK EW GAK 2019 Ozonung EW Ozonung 2021 2023/24 Anzahl Kläranlagen [n] EW-Ausbaugröße [E] Projekte und Technologien Ozon + GAK EW Ozon + GAK Bild 4 Erreichte EW-Ausbaugröße und Anzahl an Anlagen je Verfahren zur gezielten Spurenstoffelimination in Baden-Württemberg seit 2013 Quelle: KomS der Hochschule Biberach, gefördert durch das Umweltministerium Baden-Württemberg. Die Spurenstoffstrategie in BadenWürttemberg beruht auf zwei Säulen, dem Quellen-/anwenderbezogenen Ansatz und dem Ausbau kommunaler Kläranlagen aus Vorsorgegründen. Der Ausbau erfolgt derzeit auf konsensorientierter, freiwilliger Ba- sis und wird durch Fördermittel unterstützt. Die Auswahl der Kläranlagen und die Überwachung der Anlagen basiert auf dem Arbeitspapier „Spurenstoffelimination auf kommunalen Kläranlagen in Baden-Württemberg“ des Ministeriums für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft Baden-Württemberg /3/. Weitergehende, detaillierte Hinweise zum Betrieb geben die „Handlungsempfehlungen für die Vergleichskontrolle und den Betrieb von Verfahrenstechniken zur gezielten Spurenstoffelimination“ des KomS /1/. Spurenstoffelimination in der EU-Kommunalabwasserrichtlinie Vorgaben der KARl Nach einem langen Abstimmungsprozess wurde im Januar 2024 eine Einigung der EU-Institutionen auf die Neufassung der EU-Kommunalabwasserrichtlinie (Richtlinie: 91/271/EWG) bekannt. Die geplante Neufassung (P9 TA(2024)0222) führt im Bereich der kommunalen Abwasserbehandlung zu umfangreichen Änderungen /4/. So sollen die Anforderungen an die Nährstoffelimination verschärft werden, es wird Energieneutralität gefordert und es gibt Neuregelungen bei der Behandlung von Niederschlagsabwasser. Außerdem wird erstmals eine gezielte Spurenstoffelimination auf kommunalen Kläranlagen (Viertbehandlung, Art. 8) festgeschrieben. Die Bild 5 Kläranlagen in Baden-Württemberg mit einer gezielten Stufe zur Spurenstoffelimination in Betrieb (Stand September 2024) Quelle: KomS modernisierungsreport 2024/25 63
Wasserbewusste Stadt Finanzierung der Umsetzung dieser Viertbehandlung (Investitions- und Betriebskosten) soll teilweise über eine erweiterte Herstellerverantwortung (Art. 9) getragen werden. Die Richtlinie schreibt vor, dass alle kommunalen Kläranlagen mit einer Ausbaugröße > 150.000 EW mit einer Stufe zur Spurenstoffelimination auszustatten sind. Die Ausrüstung hat mit zeitlich gestaffelten Zielen bis 2045 zu erfolgen (20 % bis 2033 und 60 % bis 2039). Für Einleitungen aus Siedlungsgebieten mit mehr als 10.000 EW ist die gezielte Spurenstoffelimination erforderlich, wenn sie in Gebieten liegen, in denen Spurenstoffe aus kommunalen Kläranlagen ein Risiko für die Umwelt oder die menschliche Gesundheit darstellen. Diese Gebiete sind bis 31. Dezember 2030 in einer Liste zu benennen. Der Ausbau der betroffenen Kläranlagen erfolgt dann ebenfalls gestaffelt bis 2045. In Deutschland sind ca. 150 KA mit einer Ausbaugröße von > 150.000 EW betroffen. Wie viele der ca. 2.000 KA mit > 10.000 EW ausgebaut werden müssen, hängt von der Ausgestaltung der Risikobewertung ab. Derzeitige Angaben gehen von 580 bis 600 Anlagen aus /5/. Die Überwachung der Anlagen zur gezielten Spurenstoffelimination wird in Anhang I Teil C geregelt. Erforderlich ist eine 80%ige Entfernung der in Tabelle 2 genannten Stoffe bezogen auf die Zulauffracht bei Trockenwetter. Auswirkungen der KARl auf BadenWürttemberg Herausforderungen bei der Umsetzung der Neufassung der Kommunalabwasserrichtlinie in Baden-Württemberg ergeben sich insbesondere in den Bereichen Nährstoffelimination, Energieneutralität und Spurenstoffelimination. Hier ist allerdings schon gute Vorarbeit geleistet, da von den insgesamt 19 Kläranlagen mit einer Ausbaugröße > 150.000 EW bereits sieben mit einer Stufe zur gezielten Spurenstoffelimination ausgestattet sind und auf vier weiteren Kläranlagen die Stufe zur gezielten Spurenstoffentfernung in Planung oder Bau ist. 335 Kläranlagen haben eine Ausbaugröße > 10.000 EW und < 150.000 EW und werden somit in den risikobasierten Ansatz einbezogen /6/. Hiervon verfügen bereits 20 Kläranlagen über eine Stufe zur gezielten Spurenstoffelimination und bei 24 weiteren ist diese in Planung oder Bau. Derzeitige Anforderungen an die Spu- 64 www.umweltwirtschaft.com Tab. 1: Übersicht über Indikatorstoffe EU-KARl* Baden-Württemberg (Spurenstoffliste B-2017 des KomS) Amisulprid Kat. 1 Carbamazepin Kat. 1 Citalopram Kat. 1 Clarithromycin Kat. 1 Diclofenac Kat. 1 X1 Hydrochlorothiazid Kat. 1 X1 Ibuprofen Metoprolol X1 X Kat. 1 Sulfamethoxazol X1 X Venlafaxin Kat. 1 1H-Benzotriazol Kat. 2 X1 Candesartan Kat. 2 X Irbesartan Kat. 2 X1 4- und 5- Methylbenzotriazol Kat. 2 X1 Kat. 1: Kategorie 1 (Stoffe, die sehr leicht zu behandeln sind) nach EU-KARl; Kat. 2: Kategorie 2 (Stoffe, die leicht zu entfernen sind); * Anforderung an die Erfolgskontrolle: 80 % Mindestentfernung bezogen auf die Zulauffracht; die Anzahl der in die Kategorie 1 eingestuften Stoffe muss doppelt so hoch sein wie die Anzahl der Stoffe der Kategorie 2. Es sind mindestens sechs Stoffe zu berücksichtigen. /4/ 1 Substanzen, die in Baden-Württemberg für den Nachweis der Einhaltung einer ausreichenden Spurenstoffeliminationsleistung herangezogen werden renstoffelimination sind im Arbeitspapier „Spurenstoffelimination auf kommunalen Kläranlagen in Baden-Württemberg“ festgelegt /3/. Gefordert wird eine Spurenstoffeliminationsleistung von mindestens 80 % bezogen auf die in Tabelle 2 angegebenen Indikatorstoffe. Spurenstoffmessungen zeigen, dass sich vergleichbare Eliminationsleistungen ergeben, wenn die Indikatorstoffe des Arbeitspapiers und der EU-Kommunalabwasserrichtlinie vergleichend bestimmt werden. Die Einhaltung zukünftiger Vorgaben ist somit für die in Baden-Württemberg bestehenden Anlagen möglich. Aktuelle Forschungsschwerpunkte am KomS Neben der Unterstützung der an der Umsetzung der Spurenstoffelimination auf kommunalen Kläranlagen beteiligten Stakeholder (Betreiber, Behörden …) bearbeitet das KomS in der aktuell laufenden Förderperiode (04/2022 bis 03/2027) weitere Ziele und Forschungsschwerpunkte. Hier- zu zählen u. a. die Erarbeitung von Kennzahlen und die Spurenstoffemission durch Mischwasserentlastungen. Da in Baden-Württemberg langjährige Erfahrungen mit der Spurenstoffelimination auf kommunalen Kläranlagen vorliegen, ist eine Aufgabe des KomS, diese Erkenntnisse zusammenzufassen und Kennzahlen zu erarbeiten. Aktuell wird beispielsweise die „KomS-Langzeitbetrachtung zu Kosten der Pulveraktivkohlebehandlung“ /7/ mit dem Ziel aktualisiert, eine aktuelle und breite Datenbasis zu erhalten, weitere Verfahrenstechniken (Ozon, GAK) abzudecken und die Entwicklung von Betriebskosten über einen längeren Zeitraum darzustellen. Die Fertigstellung der Studie ist für Juni 2025 geplant. Untersuchung von Mischwasserentlastungen Eine weiteres Themenfeld der aktuellen Förderperiode ist die Betrachtung der Spurenstoffemissionen bei Regenwetter. Ziel ist es, die regenwasserbürtigen Stoffe und deren Eintragspfade gezielter zu erfassen. Durch
Projekte und Technologien die Mischkanalisation in Baden-Württemberg sind dabei sowohl die Auswirkungen durch Regenwasserverdünnung und erhöhte Zulaufmengen im Klärbetrieb als auch Entlastungsereignisse aus Bauten zum Regenwasserrückhalt zu berücksichtigen. In den Stufen zur gezielten Spurenstoffelimination kommt es, wie in den anderen Verfahrensabschnitten des Klärprozesses, während Regenereignissen zu geringeren Aufenthaltszeiten und damit zu einer geringeren Elimination /8/. In einer ersten Untersuchung am KomS wurden Stichproben an einer kommunalen Kläranlage bei Trocken- und bei Regenwetter genommen und die Eliminationsleistung der nachgeschalteten PAK-Adsorptionsstufe und eines GAK-Adsorbers verglichen. Für die Regenwetterprobenahmen lagen die Spurenstoffkonzentrationen im Ablauf der Biologie sowie im Ablauf der nachgeschalteten Spurenstoffelimination im Vergleich zum Trockenwetter allesamt höher und die Eliminationsrate ist deutlich gesunken /8/. Auch wenn die Beurteilung der Anlagen zur Spurenstoffelimination in Zukunft weiterhin bei Trockenwetter stattfinden wird, ist der Einfluss von Regenwetter in den Stufen zur gezielten Spurenstoffelimination weiter zu untersuchen. Dies wird am KomS im Laufe der aktuellen Förderperiode verfolgt. Bei Regenereignissen kommt es im vorgelagerten Kanalsystem (Mischsystem) zu Entlastungsereignissen, wenn die Speicherkapazität der Bauwerke zum Regenwasser- bzw. Mischwasserrückhalt nicht mehr ausreicht. Hierdurch gelangt ein Anteil an nur gering behandeltem Rohabwasser mit dem Regenwasser in die Gewässer. Eine Methode zur Beurteilung der Relevanz an Spurenstoff- und Nährstoffentlastungen ist die Beprobung von Entlastungsereignissen an Regenüberlaufbecken oder Stauraumkanälen. Bereits vorhandene Daten werden aktuell am KomS zusammengetragen und ausgewertet und neuere Probenahmen auf ein breiteres Spektrum an Spurenstoffen untersucht, um auch regenwasserbürtige Stoffe zu erfassen. Trotz einer geringen Anzahl an Datensätzen ist das Ziel, eine erste Einschätzung für die Situation in BadenWürttemberg zu erhalten. verser Technologien auf kommunalen Kläranlagen in Betrieb und einer Vielzahl weiterer in Planung und Bau hat Deutschland hinsichtlich der genannten Herausforderungen bereits einen Erfahrungs- und Wissensvorsprung, der im Rahmen innovativer Forschungsprojekte fortwährend weiter ausgebaut wird. Die strukturierte Auswertung von über zehn Jahren Betriebserfahrungen mit der Viertbehandlung in BadenWürttemberg zeigt, dass ein stabiler und wirtschaftlicher Betrieb unter Einhaltung spezifischer Vorgaben und Eliminationsziele möglich ist. Mit diesem Wissen wird die Umsetzung der zukünftigen rechtlichen Rahmenbedingungen gelingen und einen weiteren Beitrag zum Schutz der Umwelt und insbesondere der natürlichen Wasserressourcen leisten. Fazit Die Experten Durch die laufende Novellierung der EUKommunalabwasserrichtlinie gewinnt das Thema der gezielten Spurenstoffelimination in Europa zunehmend an Bedeutung. Die Nachrüstung der Kläranlagen > 150.000 EW und risikobasiert > 10.000 EW wird die Abwasserwelt vor neue Herausforderungen stellen. Diese werden in Zeiten des Fachkräftemangels und in Anbetracht weiterer Themen wie der Energieneutralität noch verstärkt. Mit 55 Verfahrensstufen di- Dr. Birthe Stricker, Vera Kohlgrüber Kompetenzzentrum Spurenstoffe Baden-Württemberg Bandtäle 2 D-70569 Stuttgart birthe.stricker@koms-bw.de www.koms-bw.de Literatur: /1/ Kompetenzzentrum Spurenstoffe Baden-Württemberg (2018): Handlungsempfehlungen für die Ver- /2/ /3/ https://udo.lubw.baden-wuerttemberg.de/public/ Europäisches Parlament (2024): P9_TA (2024)0222 processingChain?repositoryItemGlobalId=wasser. gleichskontrolle und den Betrieb von Verfahrenstech- – Behandlung von kommunalem Abwasser – Legisla- Anlagenbezogener+Gew%C3%A4sserschutz.ags%3 niken zur gezielten Spurenstoffelimination. Online tive Entschließung des Europäischen Parlaments vom Aags_z_udo_klaeranlage.sel&conditionValuesSet unter https://koms-bw.de/cms/content/media/KomS_ 10. April 2024 zu dem Vorschlag für eine Richtlinie Hash=42597FC&selector=wasser.Anlagenbezogener+ Handlungsempfehlung_Stand_07.2018_korrigiert.pdf, des Europäischen Parlaments und des Rates über die Gew%C3%A4sserschutz.ags%3Aags_z_udo_klaer zuletzt abgerufen am 1. Oktober 2024 Behandlung von kommunalem Abwasser (Neufassung) anlage.sel&sourceOrderAsc=false&offset=0&limit= DWA e. V. (2023): Kläranlagen mit einer 4. Reinigungs- (COM(2022)0541 – C9-0363/2022 –2022/0345(COD)), stufe zur gezielten Spurenstoffentfernung in Betrieb. 2024. Online unter https://www.europarl.europa.eu/ Online unter https://de.dwa.de/de/landkarte-4- RegData/seance_pleniere/textes_adoptes/definitif/ (2019): KomS-Langzeitbetrachtung zu Kosten der Pul- stufe.html, zuletzt abgerufen am 1. Oktober 2024 2024/04-10/0222/P9_TA(2024)0222_DE.pdf, zuletzt veraktivkohlebehandlung. Online unter https://koms- Ministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft abgerufen am 11. Oktober 2024 bw.de/cms/content/media/Broschuere%20Langzeitbe DWA e. V. (2024): Kommunalabwasserrichtlinie (KARl) trachtung%20Pulveraktivkohlebehandlung_Druck.pdf, Baden-Württemberg (2018): Arbeitspapier „Spuren- /4/ 1. Oktober 2024 /5/ 2147483647, zuletzt abgerufen am 11. Oktober 2024 /7/ Kreienborg, J.; Wortmann, E.; Bertzbach, F.; Launay, M. stoffelimination auf kommunalen Kläranlagen in – Meilenstein für den Gewässerschutz mit vielen offe- Baden-Württemberg“. Online unter https://um.baden- nen Fragen. Online unter https://de.dwa.de/de/kommu wuerttemberg.de/fileadmin/redaktion/m-um/intern/ nalabwasserrichtlinie-karl.html#neuerungen, zuletzt mance of Micropollutant Removal during Wet-Weather Dateien/Dokumente/3_Umwelt/Wasser/210614- abgerufen am 11. Oktober 2024 Conditions in Advanced Treatment Stages on a Full- Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg: Daten- Scale WWTP. In: Water, 2022, 14, 3281. und Kartendienst der LUBW. Online unter https://doi.org/10.3390/w14203281 Arbeitspapier-Spurenstoffelimination-kommunaleKlaeranlagen-barrierefrei.pdf, zuletzt abgerufen am /6/ zuletzt abgerufen am 11. Oktober 2024 /8/ Neef, J.; Leverenz, D.; Launay, M. A. (2022): Perfor- modernisierungsreport 2024/25 65
Wasserbewusste Stadt Grundfos GmbH: Smart City: Vorteile der Datennutzung zur Sicherstellung der Leistungsfähigkeit städtischer Wassernetze Städtische Gebiete verfügen seit Langem über Strategien, um die Kontinuität der Trinkwasserver- sorgung zu gewährleisten und gleichzeitig vorbeugende Arbeiten an Rohrleitungen zu planen. Quelle: Grundfos GmbH Es ist jedoch schwierig, einen zuverlässigen und sofortigen Überblick und eine konkrete Messe Nürnberg 14. - 16. Januar 2025 Halle 2 | Stand 302 Grundlage für die Begründung von strategischen Entscheidungen zu erhalten. Daher entscheiden sich immer mehr Städte dafür, ihre Daten in einer Analysesoftware zu zentralisieren, um die Verwaltung ihrer Wasser- und Abwassernetze zu optimieren. Diese innovativen digitalen Lösungen verbessern sowohl die Überwachung in Echtzeit als auch die langfristige Verwaltung der Anlagen. Grundfos Utility Analytics kommt ins Spiel Alarmsituationen erkennen, bevor sie entstehen. Videosicherheit ist intelligente Videoüberwachung mit IPS-Faktor. In der Softwarelösung Grundfos Utility Analytics können alle Arten verfügbarer Daten implementiert werden, die zur Berechnung der Lebensdauer von Rohrleitungen von Interesse sein könnten. Zu den üblicherweise verwendeten Daten gehören SCADA-Daten, Rechnungen, GIS (Jahr, Material, Durchmesser usw.), Historie der Arbeitsaufträge, CCTV-Inspektionsberichte (in der Kanalisation) sowie topologische und demografische Informationen oder Niederschläge. Sobald die Daten gesammelt und korrigiert wurden, erstellt Grundfos Utility Analytics einen echten „digitalen Zwilling“ des Netzes, der es ermöglicht, alle Attribute des Netzes über eine einfache und interaktive grafische Oberfläche zu visualisieren.  Grundfos GmbH www.grundfos.com/de/ campaign/wu-digital-solutions Besonders. Sicher. securiton.de/trinkwasser 66 www.umweltwirtschaft.com
PROJEKTBERICHTE 68 Win-win-Lösung für Klima und Städte Schwammstadtlösung – bei Starkregen sicher ableiten und versickern 76 CFD-Simulationen für die Wasser- und Abwasserbehandlung Brückenschlag zwischen Theorie und Praxis 70 Kläranlage Roskow mit Turboklärung 70 % weniger Energiekosten durch Umbau auf einen neuen Aufbereitungsprozess 78 Abwasserhandling auf 1.844 Hm Beherbergung und Abwasserentsorgung unter erschwerten Bedingungen 72 Rückhalt verhindert Überflutungen sicher bei Starkregen Regenwasserreinigung und -rückhaltung aus einer Hand 80 Vegapuls C 21 überzeugt in belgischem Abwasserkonzept Unkomplizierte Radarsensoren liefern zuverlässige Messwerte 74 Huber-Trommelsieb Liquid ersetzt Vorklärbecken Energetische Sanierung setzt neue Maßstäbe auf der Kläranlage Vohburg modernisierungsreport 2023/24 2024/25 67
Projektberichte Schwammstadtlösung – bei Starkregen sicher ableiten und versickern Win-win-Lösung für Klima und Städte Für eine kleine bayerische Gemeinde lohnte sich die Investition in eine Zwei-Wege-Entwässerung plus Versickerungsrigole. So gelang es, einen kritischen Überflutungshotspot zu beseitigen und einen Beitrag zu einer klimaangepassten Starkregenvorsorge zu leisten. „Wegen Überflutung gesperrt” – an Meldungen wie diese werden sich die Menschen in vielen deutschen Städten und Gemeinden künftig gewöhnen müssen. Denn mit fortschreitender Erderwärmung wird es nicht nur heißer und trockener, sondern auch die Starkregenereignisse nehmen messbar zu. Laut Berechnungen des Deutschen Wetterdienstes gab es in Deutschland seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1881 noch nie einen so niederschlagsreichen Zwölfmonatszeitraum wie von Juli 2023 bis Juni 2024. Gegenüber dem Mittelwert der Referenzperiode 1961–1990 stieg die Niederschlagsmenge um mehr als 35 % – von 789 auf 1070 l/m2 im Laufe eines Jahres. Kaum eine Region blieb in diesem Jahr von den oft unwetterartigen Regengüssen verschont. Die innerhalb kurzer Zeit anfallenden Wassermassen überfordern vielerorts die bestehenden Kanalnetze. Große Anteile des Niederschlags fließen wild oberirdisch ab, fluten Straßen, Hauseingänge und Keller – mit erheblichen Schäden für Bebauung und Infrastruktur. Schnelle Abhilfe gesucht Das Problem kennt auch Manuel Kluge, Wassermeister des technischen Bauamts von Straßlach-Dingharting, mit rund 3.300 Einwohnern die kleinste Gemeinde im oberbayerischen Landkreis München. „Wir hatten schon früher verregnete Sommer und Winter, aber seit einigen Jahren treten Wetterextreme auch bei uns im eher ländlich geprägten Raum vermehrt auf“, so Manuel Kluge. Vor allem auf einer quer durch den Ort verlaufenden Straße kam es immer öfter zu Überschwemmungen. Bei Dauerregen stauten sich die Niederschläge am Tiefpunkt einer langgezogenen Senke. Die vorhandenen Abläufe und Sickerschächte konnten das Wasser nicht fassen, sodass es tief im Verkehrsraum stand, anliegende Grundstücke überschwemmte sowie in Keller und Garagen eindrang. „Allen in der Gemeinde war klar, dass wir zeitnah etwas unternehmen müssen“, erzählt der Experte, der sich neben der Wasserversorgung auch um die Regenwasserbewirtschaftung kümmert. Doch angesichts knapper Kassen war guter Rat teuer. bordrinne, die ACO DrainBox*. Sie wurde vom WaterTech-Unternehmen ACO speziell als Lösungsansatz für das veränderte Niederschlagsgeschehen in urbanen Räumen konzipiert. „Das System bot sich für uns an, weil es sich einfach in die bestehende Infrastruktur integrieren lässt.“ Bei der hydraulischen Berechnung arbeiteten das beauftragte Ingenieurbüro und die ACO-Experten Hand in Hand. Im November 2022 war es so weit: Entlang der Senke wurden zwei DrainBoxen in Verbindung mit Versickerungsrigolen verlegt und dabei auch vorhandene, noch funktionsfähige Elemente genutzt. So fungieren die ehemaligen Sinkkästen jetzt als Sedimentationsschächte, die feine Stoffe herausfiltern und das gereinigte Wasser an die Rigole zur Versickerung abgeben. Der Einbau im räumlich begrenzten Straßenkörper funktionierte auf Anhieb. Aber würde sich das neuartige Kombisys- Alltagstauglich und kosteneffizient: die Zwei-Wege-Entwässerung Manuel Kluge sah sich in benachbarten Gemeinden und auf Messen nach praktikablen Lösungen um. Schließlich stieß er beim Besuch der IFAT auf eine Kombination aus einem Punktablauf und einer HohlBild 1 Starkregen: die Hugo-Hoffmann-Straße vor der Sanierung Quelle: ACO GmbH 68 www.umweltwirtschaft.com Bild 2 Einbau der ACO DrainBox als Sanierungslösung * ACO DrainBox – eingetragenes Markenzeichen Quelle: ACO GmbH
Anzeige Verfahrenstechnik Wofür eignet sich die ACO DrainBox? Die ACO DrainBox eignet sich sowohl für die Nachrüstung und Sanierung als auch für den Neubau. Der Vorteil: Schon mit einem minimalen baulichen Aufwand lassen sich Überschwemmungen an neuralgischen Stellen nachhaltig beseitigen. Dazu wird die Hohlbordrinne ACO KerbDrain und der Punktablauf ACO Combipoint PP einfach mit einem sogenannten Sanierungsadapter an das bestehende Kanalnetz angeschlossen. Aber auch bei der Neugestaltung von städtischen Quartieren trägt das System zu einer klimaangepassten Straßenentwässerung bei. Als innovative und praxistaugliche Lösung wurde die ACO DrainBox bereits mehrfach auszeichnet. Bild 3 ACO-Funkdeckel mit integrierter Füllstandssonde in Klasse D 400 Quelle: ACO GmbH tem auch vor Ort in der Praxis bewähren? „Wir waren gespannt, ob sich die Situation an der neuralgischen Stelle im Ernstfall wirklich entspannen würde“, erinnert sich Manuel Kluge. Mission erfüllt Der nächste Starkregen ließ nicht lange auf sich warten – und tatsächlich: Die ACO DrainBox hielt, was sie verspricht. Als es an einem Wochenende erneut zu heftigen Regenfällen kam, gelang es mithilfe der kombinierten Punkt- und Linienentwässerung, die hydraulischen Spitzen abzufangen. So wurde das anströmende Wasser größtenteils schon vor dem Straßenablauf über die seitlichen Einlauföffnungen der Hohlbordrinne aufgenommen. Dabei reichten schon ein paar Meter der ACO KerbDrain aus, um eine signifikante Leistungsverbesserung zu erzielen. Das über die DrainBox aufgenommene Wasser fließt über die Sedimentationsschächte in das Rigolensystem. Mit 40 m3 verfügt es über ausreichend Retentionsvolumen, um das Oberflächenwasser zunächst zu speichern und es dann gedrosselt an die Kiesschicht abzugeben und durch Versickerung in den Wasserkreislauf zurückzuführen. „Mit überschaubarem Arbeits- und Kostenaufwand haben wir einen kritischen Überflutungshotspot klimaschonend entschärft, sodass die Anwohner wieder ruhig schlafen können.“ Starkregenvorsorge per Funkdeckel Straßlach-Dingharting ist mittlerweile überall: In den meisten deutschen Kommunen sind die Kanalnetze in puncto Überstauhäufigkeit lediglich auf ein zwei- bis fünfjährliches Regenereignis ausgelegt. Mit dieser Bemessungsgrundlage vom Juli 2023 besteht lt. Ministerium für Umwelt, Klima und Energie- wirtschaft Baden-Württemberg zwar ein Überflutungsschutz für rund 20- bis 30-jährliche Regenereignisse, nicht jedoch für Starkregen. Neben der schnellen Entschärfung von örtlichen Überflutungspunkten kommt daher einem Niederschlagsmonitoring eine wachsende Bedeutung zu. Dazu hat ACO einen speziellen Funkdeckel der Klasse D 400 entwickelt, der in jeden DIN-Schacht einfach anstelle der herkömmlichen Schachtabdeckung eingesetzt werden kann. Mithilfe einer integrierten Sonde werden die Pegelstände in der Kanalisation kontinuierlich gemessen und über den Antennen-Funkdeckel via LoRaWAN-Netz übermittelt und auf einem Dashboard angezeigt. Durch die Nutzung der Echtzeitdaten können Betreiber eine Überlastung des Kanalsystems frühzeitig erkennen und angemessene Gegenmaßnahmen ergreifen, um Überflutungen zu verhindern. Zudem helfen die Informationen bei der richtigen Dimensionierung von Abwasserkanälen. Das Schwammstadtprinzip – praktisch umgesetzt Die DrainBox und der Funkdeckel sind Bausteine des ACO WaterCycle. Da- mit unterstützt das Büdelsdorfer WaterTech-Unternehmen das zukunftsweisende Schwammstadtprinzip. Ziel ist es, ein Zuviel an Wasser aufzunehmen, zu reinigen, wie ein Schwamm zu speichern und dann durch ⁠Verdunstung, Versickerung oder Bewässerung von Stadtgrün verzögert wieder in den urbanen Wasserkreislauf abzugeben. Das Besondere: Der ACO WaterCycle bietet eine einfach umsetzbare, pragmatische Lösung zur Realisierung der Schwammstadt. Städte und Gemeinden können schon mit einem Baustein starten und darauf aufbauend weitere Elemente ergänzen. Auf diese Weise werden Kommunen Schritt für Schritt widerstandsfähiger gegen die Auswirkungen des Klimawandels. Die Experten ACO GmbH Am Ahlmannkai 21 D-24782 Büdelsdorf kundencenter@aco.com www.aco.de modernisierungsreport 2024/25 69
Projektberichte 70 % weniger Energiekosten durch Umbau auf einen neuen Aufbereitungsprozess Kläranlage Roskow mit Turboklärung Wenn es um Zuverlässigkeit, Energieeffizienz, Wartungsfreundlichkeit und niedrige Lebenszykluskosten geht, sind Turbogebläse unschlagbar. Die Kläranlage Roskow hat den Praxistest gemacht und den Energieverbrauch in der Belebung um 330.000 kWh/a reduziert. Westlich von Berlin erstreckt sich das Havelland – eine idyllische Landschaft, der Theodor Fontane mit seinen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ einst ein literarisches Denkmal setzte. Heute ist die Gegend vor den Toren der Hauptstadt eine beliebte Ausflugs- und Urlaubsregion und erklärtes Ziel vieler Großstadtflüchtiger. Für die öffentliche Trinkwasserversorgung und Schmutzwasserbeseitigung zeichnet der Wasser- und Abwasserverband Havelland (WAH) verantwortlich, der in seinem Einzugsgebiet acht Wasserwerke und drei Kläranlagen (Roskow, Nauen, Ribbeck) betreibt. Die größte Kläranlage (KA) steht in Roskow. Sie wurde 1994 gebaut und ist inzwischen auf 49.000 EW ausgelegt. Täglich werden 4.000 m3 Schmutzwasser aus Wustermark, Brieselang, Ketzin und Beetzseeheide behandelt – 1,45 Mio. m3 auf das Jahr gerechnet. Das Ziel: Energiebedarf und CO2-Emissionen senken Um den Energiebedarf und die CO2-Emissionen zu senken, hat die KA Roskow 2021–2023 umfangreiche Baumaßnahmen realisiert. „In diesen drei Jahren hat sich bautechnisch viel verändert“, so Thomas Hantke, technischer Leiter des WAH, und erzählt: „Wir haben die Maschinentechnik, die Bautechnik sowie die EMSR- und Prozessleittechnik vollständig erneuert. Die Anlage ist jetzt energetisch auf dem neuesten Stand. Daraus resultiert eine Vielzahl an positiven Effekten hinsichtlich Energieverbrauch, CO2-Emissionen und Kosten.“ Ein zentraler Baustein war die energetische Optimierung der Belüftungstechnik von zwei Belebungsbecken. Durch den Umstieg auf die hocheffiziente Turbotechnologie von Aerzen sowie neue Belüfter konnte die KA Bild 1 Die Kläranlage Roskow im Havelland Quelle: Aerzener Maschinenfabrik GmbH 70 www.umweltwirtschaft.com Roskow ihren Energiebedarf im Jahr 2023 gegenüber 2022 um ca. 330.000 kWh senken und so 177 t CO2 einsparen. Darüber hinaus wurde in einem separaten Bauabschnitt eine Faulung inklusive der dazugehörigen BHKW-Anlage und der vorgelagerten Vorklärung installiert, die eine Jahresleistung von 660.000 kWh erbringt. Das spart weitere 354 t CO2 jährlich. Turbogebläse ersetzen alte Verdichterstation Die biologische Reinigung ist das Herzstück jeder Kläranlage, aber auch der größte Strom- und damit Kostenfresser. Bisher versorgten Drehkolbenverdichter sowie Drehkolbengebläse vom Typ Delta Blower (zwei GM 25 S) die Mikroorganismen in den Belebungsbecken 1 und 2 mit Sauerstoff. Diese wurden gegen fünf Turbogebläse ausgetauscht: ein AT 50 und ein AT 100 pro Becken sowie ein AT 150 als zentrale Reserve. „Seit jeher setzt der WAH auf seinen Kläranlagen Aerzen-Technik ein. Wir werden dort bestens betreut und fühlen uns gut aufgehoben. Die Maschinen arbeiten zuverlässig und der Service ist ausgezeichnet“, freut sich Thomas Hantke. In Bezug auf die Turbos ergänzt er: „Wir sind sehr froh, dass die Turbos so kompakt sind. Das kommt uns bei den begrenzten Aufstellkapazitäten sehr zugute. Zudem sind sie wartungsfreundlich. Ein Ölwechsel ist nicht notwendig. Das erleichtert unserem Betriebspersonal die Arbeit. Auch in Bezug auf Ersatzteilvorhaltung, Einheitlichkeit, Leittechnik, Bedienung und Wartung hat die Fabrikatstreue Vorteile.“ Energetisch unschlagbar Die Turbogebläse der Baureihe G5plus, die jetzt auf der KA Roskow in Betrieb sind,
Anzeige Verfahrenstechnik Bild 2 Die Turbogebläse der Baureihe G5plus gehören zu den kompaktesten und effizientesten Turbos ihrer Klasse. Quelle: Aerzener Maschinenfabrik GmbH gehören zu den kompaktesten und effizientesten Turbos ihrer Klasse und sind energetisch derzeit unschlagbar: Im Vergleich zu konventioneller Turbotechnologie liegt ihre Energieeffizienz um bis zu 10 % höher. Verglichen mit Verdrängermaschinen wie Drehkolbengebläsen lassen sich sogar Einsparungen von bis zu 30 % erzielen. Erreicht wird dies u. a. durch höchsteffiziente Einzelkomponenten wie den extrem leistungsfähigen und energiesparenden Permanentmagnetmotor, der den zukünftigen Anforderungen der IE5-Klassifizierung (Ultra Premium Effizienz) gerecht wird, ein besonders aerodynamisches Design von Turbolaufrad und Spiralgehäuse sowie die innovative Multilevel-Frequenzumrichtertechnologie mit bis zu 90 % weniger Verlustleistung im Motor im Vergleich zu konventioneller Umrichtertechnik. Dank der Luftlagerung mit Doppelbeschichtung bieten die Aerzen-Turbos eine verlängerte Lagerlebensdauer von bis zu 80.000 Betriebsstunden unabhängig von Start-Stopp-Zyklen und sind – bis auf einen regelmäßigen Filterwechsel – annähernd wartungsfrei. Die reduzierten Abmessungen gewährleisten einen minimalen Maschinen-Footprint – ideal bei beengten Platzverhältnissen. 50 % höherer Sauerstoffeintrag Mit der Gebläseerneuerung wurden auch die Belüftungselemente modernisiert. Statt Kerzenbelüfter sorgen nun großformatige Belüfter für den Lufteintrag ins Belebungsbecken. Gleichzeitig wurde deren Anordnung optimiert und die Fläche von 60 m2 auf 160 m2 vergrößert. Mit der gleichen Luftmenge wird so 50 % mehr Sauerstoff eingetragen, was enorme Energieeinsparungen ermöglicht. Dank der neuen Technologien – Gebläse und Belüftungselemente – sowie der Errichtung einer Vorklär- und Faulschlammanlage konnte das Beckenvolumen verringert werden: Statt drei werden nur noch zwei Belebungsbecken benötigt. Das dritte Becken dient jetzt als Pufferbecken. Durch Vorklärung und Faulturm reduziert sich die CSB-Fracht für die Biologie um ein Drittel, denn der Primärschlamm aus der Vorklärung wird zusammen mit dem Überschussschlamm dem Faulbehälter (ca. 2.500 m3) zugeführt. Dadurch ergibt sich eine Kapazitätserhöhung von 36.000 auf 49.000 EW. Ein Gasspeicher (ca. 500 m3), eine Gasfackel mit Kondensatwasserschacht sowie zwei Blockheizkraftwerke mit einer Gesamtleistung von 160 kW wurden ebenfalls errichtet. Hinzu kommt der Bau einer Rechen- und Sandfanganlage, der Umstieg von der Bandpresse auf eine moderne Zentrifuge zur Klärschlammentwässerung sowie die komplette Erneuerung der EMSR-Technik und der Prozessleittechnik (inkl. Visualisierungssystem und Möglichkeit zur Fernwartung). Damit genügend Leistung zur Verfügung steht, wurde die Kapazität der Trafostation bereits einige Jahre zuvor verdoppelt. Fördermittel sicherten Finanzierung Der Umbau der KA Roskow hat 19,5 Mio. € gekostet – eine Summe, die der WAH allein nicht stemmen konnte. Nur dank Fördergeldern ließen sich die Energieeffizienzmaßnahmen finanzierbar machen. Für die energetische Optimierung der Belüftungstechnik generierte der Verband über die Kommunalrichtlinie, ein bundesdeutsches Förderprogramm, 200.000 € als Zuwendung. Unterstützung leistete dabei e.qua, ein Netzwerk von Kommunalunternehmen der Wasserwirtschaft, das sich mit den Themen Energieeffizienz, Energie(rück)gewinnung und Ressourcenmanagement auseinandersetzt. Gemeinsam bieten Aerzen und e.qua zeitsparende Hilfe bei der Beantragung von staatlichen Subventionen. „Wir informieren über die zur Verfügung stehenden Fördermittel, stehen beratend zur Seite, übernehmen die Erstellung der Potenzialstudie sowie auf Wunsch das gesamte Fördermittelmanagement“, umreißt Philiph-Leander Rausch das Leistungsspektrum von e.qua. Bild 3 Neue Belüfter sorgen dafür, dass die von den Aerzen-Aggregaten zur Verfügung gestellte Luft optimal ins Becken gelangt. Quelle: Aerzener Maschinenfabrik GmbH Massive Kostensenkung Im Jahr 2022 bezog die KA Roskow ca. 1,4 Mio. kWh aus dem öffentlichen Stromnetz. Durch den Umbau auf den neuen Aufbereitungsprozess sank dieser Wert drastisch. 2023 benötigte die Anlage lediglich 410.000 kWh öffentlichen Strom. Das ist eine Reduzierung um 70 %. Durch die Erneuerung der Belüftungstechnik wurden 330.000 kWh eingespart, 660.000 kWh wurden dank Klärschlammfaulung selbst produziert. Auf die Belebung heruntergebrochen, ergibt sich folgendes Bild: Vor den Optimierungsmaßnahmen waren für die Belebungsbecken 1 und 2 vier Aggregate und für das Belebungsbecken 3 zwei Aggregate im Einsatz, also insgesamt sechs Maschinen (die redundanten Maschinen sind nicht eingerechnet). Nach dem Umstieg auf die Turbotechnologie und die neuen Belüfter werden im Mittel nur noch zwei Maschinen im Betrieb sein – je ein AT 50 für die Belebungsbecken 1 und 2. Das ist eine jährliche Ersparnis von 330.000 kWh – und das bei einer 36%igen Kapazitätserhöhung von 36.000 auf 49.000 EW. Die Experten Aerzener Maschinenfabrik GmbH Reherweg 28 D-31855 Aerzen info@aerzen.com www.aerzen.com modernisierungsreport 2024/25 71
Projektberichte Regenwasserreinigung und -rückhaltung aus einer Hand Rückhaltung verhindert Überflutungen sicher bei Starkregen Unter den Verkehrsflächen des Baumarkts und Baustoffhandels in Gladbeck sind drei RigoCollect-Speicher von Fränkische verbaut. Die gedichteten, DIBt-zugelassenen Anlagen aus Rigofill-inspect-Rigolenfüllkörpern entlasten die Kanalnetze bei Starkregen. Das am Niederrhein und im westlichen Ruhrgebiet ansässige Familienunternehmen ist in der Region tief verwurzelt. Zwischen 2020 und 2022 installierte die Fa. Folien Lücke, ein Partnerunternehmen von Fränkische, die gedichteten RigoCollectRückhalteanlagen auf dem ehemaligen Sportplatz in Gladbeck. Aufgrund des hohen Lehmanteils im Boden war keine Versickerungslösung umsetzbar. Der Kampfmittelräumdienst untersuchte das Areal und entschärfte bei seiner standardmäßig vorgeschriebenen Bodenuntersuchung eine Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg. Statisch sehr belastbar Bild 1 Drei RigoCollect-Regenwasserrückhalteanlagen von Fränkische mit einer Fläche von ca. 51.000 m2 sind in Gladbeck unterirdisch auf dem Gelände eines Baumarkts und Baustoffhandels verbaut. Quelle: Stewes Im nördlichen Ruhrgebiet liegt die ehemalige Kohlestadt Gladbeck. Nach Schließung der letzten Zeche in den 1970er-Jahren erinnern noch heute grüne Zechensiedlungen, die ehemalige preußische Berginspektion, Zechenmauern und begrünte Halden an die Bergbautradition. Im Nordosten der Stadt ist 2022 mit über 16.000 m2 Verkaufsfläche ein neuer Baumarkt mit Gartencenter entstanden. Der Baustoffhandel wird 2024 auf einer Gesamtfläche von 16.000 m² eröffnet. Um das Gelände vor Überschwemmungen 72 www.umweltwirtschaft.com zu schützen und das Kanalnetz zu entlasten, wurden drei unterirdische RigoCollect-Regenwasserrückhalteanlagen mit einer Fläche von ca. 51.000 m2 verbaut. Diese bestehen aus den Rigolenfüllkörpern Rigofill inspect von den Fränkischen Rohrwerken. Lehm macht Versickerung unmöglich Der Bauherr des Hagebaumarkts mit Floraland Gartencenter und Hagebau Baustoffhandel ist die Stewes Holding GmbH & Co. KG. Die größte Regenwasserrückhalteanlage mit ca. 35.000 m² Fläche befindet sich unter dem Kundenparkplatz des Baumarkts, weitere Rigolen unter der Freifläche der Warenannahme und beim Baustoffhandel unter der Freilagerfläche. Deshalb war es Stewes wichtig, dass die Rigolenfüllkörper direkt unter Verkehrsflächen verbaut werden können und Schwerlastverkehr standhalten: Rigofill inspect ist besonders stabil sowie verkehrsbelastbar bis SLW 60 / HGV 60 und ist auch bei geringer Überdeckung voll befahrbar. Gleichzeitig zeichnet sich der kompakte Speicherblock durch seine große Kapazität aus: Er fängt 95 % seines Volumens an Wasser auf – der Vollblock 401 l bei einem Höhenraster von 660 mm. „Die Rigofill-inspect-Rigolenfüllkörper sind vielseitig und flexibel einsetzbar – als Versickerungslösung, als Zisterne zur Regenwassernutzung oder zur Rückhaltung und
Anzeige Verfahrenstechnik Bild 2 Die RigoCollect-Regenwasserrückhalteanlagen aus Rigofill-inspect-Rigolenfüllkörpern lassen sich den örtlichen Gegebenheiten entsprechend modular zusammensetzen. Quelle: Stewes Bild 3 Einfacher Zugang für die Inspektions- und Spültechnik: der QuadroControl-Systemschacht lässt sich an jeder Stelle ins Blockraster integrieren. SediPipe-Reinigungsanlagen bewahren die Rigolen vor Grob- und Feinstoffen. Quelle: Stewes kontrollierten Ableitung“, erklärt Frank Tersteegen, Systemberatung NRW Mitte im Geschäftsbereich Drainage Systeme bei Fränkische. Großes Speichervolumen und viel Flexibilität Der neue Baumarkt entstand direkt neben dem alten und die Regenwasserrückhaltung musste nah am bestehenden Gebäude installiert werden. Durch unterschiedliche Geländeoberflächen entstanden Höhenunterschiede, sodass sich die Baugrube nicht so groß ausheben ließ wie geplant. „Es war ein wirklich großer Vorteil, dass wir die Rigofill-inspect-Blöcke entsprechend den örtlichen Gegebenheiten zusammensetzen konnten. Wir haben die eine Seite der Anlage etwas länger und die andere etwas kürzer gemacht, sodass es am Ende passte“, erklärt Björn Benninghoff, Prokurist der Baucentrum Stewes GmbH & Co. KG. Die grünen Speicherblöcke sind in drei Raumrichtungen anbaubar und lassen sich zu beliebig großen ein- und mehrlagigen Anlagen kombinieren. Die größte Rigole auf dem Baumarktgelände ist 23-reihig und zweilagig aufgebaut, was einem Bruttospeichervolumen von über 1.630 m³ entspricht. Leichte Blöcke mit DIBt-Zulassung Die handlichen Maße und das geringe Gewicht der Blöcke erleichterten das Handling auf der Baustelle und ermöglichten einen schnellen Baufortschritt. Dies erwies sich auf dem Areal als großer Vorteil: Durch die Lehmschichten im Boden war das komplette Baufeld bei Regen aufgeweicht, sodass die Fachkräfte nicht weiterarbeiten konnten. Rigofill inspect besitzt die bauaufsichtliche Zulassung des Deutschen Instituts für Bautechnik (DIBt) und die Anwendungsbereiche von RigoCollect – etwa zur Rückhaltung gemäß DWA-A 117 – tragen die allgemeine Bauartgenehmigung. „Wir haben schon mehrere Objekte mit den Rigofill-inspect-Blöcken umgesetzt, auch Versickerungsanlagen, und verschiedene Regenwasserreinigungssysteme eingesetzt. Wir sind sehr zufrieden und arbeiten deshalb immer wieder mit Fränkische zusammen“, so Benninghoff. Für einen absolut dichten Speicher ummantelte der Fachbetrieb Folien Lücke die Rigole in Spezialtechnik mit einer Kunststoffdichtungsbahn und prüfte alle Nähte und Schweißverbindungen auf Dichtheit. Dennoch bleibt der Speicherraum über den durchgängigen Inspektionstunnel für Kameratechnik komplett einsehbar: So lassen sich die statisch relevanten Tragelemente, der Zustand der Vliesumhüllung, die seitlichen Anschlusspunkte und der Boden kontrollieren. Den einfachen Zugang für Inspektions- und Spültechnik schafft der QuadroControl-Systemschacht, der sich an jeder beliebigen Stelle ins Blockraster integrieren lässt. Objektspezifisch bemessene und gefertigte QuadroLimit-Systemdrosselschächte mit integriertem Wirbelventil aus Edelstahl drosseln den Abfluss aus dem Wasserspeicher zeitlich verzögert. Dies entlastet Kanalnetze, Gewässer und Kläranlagen etwa bei Starkregenereignissen. Patentierte Regenwasserreinigung Den drei Rückhalteanlagen sind jeweils SediPipe-Reinigungsanlagen vorgeschaltet, um die Rigolen vor Grob- und Feinstoffen zu bewahren. Gleichzeitig halten sie Leichtflüssigkeiten von den Verkehrsflächen zurück und schützen Grundwasser oder Gewässer. Die rohrförmigen Anlagen basieren auf dem patentierten Prinzip der Flow Separation: Durch den im unteren Rohrquerschnitt angebrachten Strömungstrenner und die leichte Steigung des SediPipe-Rohrs setzen sich Partikel im strömungsberuhigten Raum unterhalb des Strömungstrenners schnell ab und werden bei Regen nicht remobilisiert. „Als Baustoffhändler führen wir auch Drainagesysteme anderer Hersteller, sind aber von Fränkische ein Stück mehr überzeugt, etwa in Bezug auf die Leistungsfähigkeit der Regenwasserbehandlung. Außerdem ist das Unternehmen bei der Planung sehr kompetent und erfahren: Wir legen großen Wert darauf, die Revisionsöffnungen auf ein Minimum zu beschränken – die geringe Anzahl haben wir bislang nur mit dem Rigofill-inspect-System umsetzen können. Darüber hinaus ist die Stabilität der Blöcke ein großes Plus, diese ist im Wettbewerbsvergleich unschlagbar“, fasst Benninghoff die Vorteile zusammen. Die Experten FRÄNKISCHE Rohrwerke Gebr. Kirchner GmbH & Co. KG Hellinger Straße 1 D-97486 Königsberg info@fraenkische.de www.fraenkische.com modernisierungsreport 2024/25 73
Projektberichte Energetische Sanierung setzt neue Maßstäbe auf der Kläranlage Vohburg Huber-Trommelsieb Liquid ersetzt Vorklärbecken Der Ersatz eines traditionellen Vorklärbeckens durch eine mechanische Siebung war bereits Gegenstand zahlreicher Veröffentlichungen. Huber SE stellte sich bereits vor einigen Jahren als erstes Unternehmen in Deutschland dieser neuen Herausforderung. Huber-Trommelsieb Liquid als Ersatz für die Vorklärung auf der KA Vohburg Quelle: Huber SE Vohburg an der Donau ist eine Stadt im oberbayerischen Landkreis Pfaffenhofen an der Ilm. Die Altstadt wird eingerahmt von den Flussläufen der Donau, der Kleinen Donau und der Paar. Am südlichen Stadtrand fließt die Ilm. Vohburg könnte somit als „Vier-Flüsse-Stadt“ bezeichnet werden. Die Gemeinde Vohburg und deren Anschlussgebiete wachsen stetig, die Kapazität der Kläranlage leider nicht. Aus diesem Zusammenhang heraus hat sich die Notwendigkeit ergeben, die Kapazität der Kläranlage Vohburg von 9.000 EW auf 14.000 EW auszubauen. Der Umfang der Sanierung beinhaltet eine grundlegende Umstellung der Prozessführung von aerober auf anaerobe Schlammstabilisierung. Ein Vorteil der anaeroben Prozessführung ist, dass bis zu 30 % Belüftungsenergie eingespart werden können. Die Kosten für die Belüftungsenergie einer aerob schlammstabilisierten Kläranlage sind mit einer der größten Posten im Gemeindehaushalt. Für Kläranlagen bedeutet dies, dass ca. 60 % der Gesamtkosten durch 74 www.umweltwirtschaft.com die Belüftungsenergie der biologischen Reinigungsstufe anfallen. Ein zusätzlicher Vorteil bei der Umstellung auf anaerobe Faulung ist, dass 50 % des Stroms von der Kläranlage zukünftig selbst produziert werden. Um dieses Vorhaben einer Prozessumstellung realisieren zu können, sind viele Faktoren von Bedeutung. Zum einen muss der Platz für ein traditionelles Vorklärbecken und zum anderen genügend Fläche vorhanden sein, um einen Faulbehälter und ein BHKW planerisch umsetzen zu können. Verfügt die Kläranlage über keine Schlammentwässerung, ist zusätzlich eine mechanische Entwässerung einzuplanen. Beim Projekt Vohburg war der technische Aufwand zum Bau eines Vorklärbeckens wirtschaftlich nicht darstellbar. Das planende Ingenieurbüro BBI Ingenieure GmbH und die Stadt Vohburg haben deshalb die Möglichkeit einer mechanischen Alternative zum Vorklärbecken genauer untersucht. Dem Einsatz des Huber-Trommelsiebes Liquid zur Entfrachtung des Abwasserstroms vor der biologischen Stufe sollte jedoch nur zugestimmt werden, wenn vorangehende Tests mit einer Vorführanlage zeigen, dass das Huber-Trommelsieb Liquid die geforderten Reduktionsleistungen erreicht. Daraufhin stellte Huber SE für 3–4 Wochen eine Versuchsanlage bereit, die von der Fachhochschule Nürnberg und einem Huber-Team betreut wurde. Das Trommelsieb Liquid musste sich hierbei mit einem Siebbandsystem eines Wettbewerbers vergleichen. Wie die Ergebnisse zeigten, konnte das Trommelsieb Liquid sowohl durch wesentlich bessere Reduktionsleistungen hinsichtlich AFS und CSB als auch durch die Betriebssicherheit des Systems überzeu- gen. Trotz der sehr geringen Konzentration hinsichtlich AFS zeigte die Huber-Lösung eine Reduktionsleistung von 70 %. Trotz des teilweise hohen Fremdwassereintrags und eines Verhältnisses von 50 % partikulär / 50 % gelöster CSB wurde immer noch eine Abscheideleistung von 29 % CSBges erreicht – ein hervorragendes Ergebnis unter diesen Bedingungen. Der maximale Zufluss der KA Vohburg beträgt 360 m³/h, worauf das dort installierte Trommelsieb Liquid ausgelegt ist. Die Lösung trägt einerseits zur Entlastung der biologischen Stufe bei und senkt andererseits die Belüftungskosten um bis zu 30 %. Zur Verarbeitung des anfallenden Schlamms aus dem Trommelsieb sind Huber-Scheibeneindicker S-DISC auf der Kläranlage installiert. Die energetische Verwertung des eingedickten Schlamms erfolgt in einem neu errichteten Faulbehälter. Der ausgefaulte Schlamm wird anschließend über eine Huber-Schneckenpresse Q-Press entwässert. Des Weiteren war es notwendig, ein BHKW zu integrieren, das den Gasertrag aus dem Faulbehälter in Strom umwandelt. Der selbst erzeugte Strom kann zur Eigennutzung verwendet oder in das öffentliche Stromnetz eingespeist werden. Die Experten Huber SE Industriepark Erasbach A1 D-92334 Berching info@huber.de www.huber.de
Anzeige Verfahrenstechnik Klare Strategie und Innovationen Georg Huber, Vorstandsvorsitzender und Gesellschafter von Huber SE Quelle: Huber SE Unter der Leitung von Georg Huber, Vorstandsvorsitzender von Huber SE, wurden seit 2010 neben dem Schwerpunkt Schlammmanagement zahlreiche neue Geschäftsfelder erschlossen. Mit seinen innovativen Lösungen ist das Unternehmen weltweit für die aktuellen und künftigen Herausforderungen der Wasserwirtschaft gerüstet. wwt: Herr Huber, angesichts einer deutschen Wirtschaft, die nicht mehr so gut dasteht wie vor ein paar Jahren: Wie zufrieden sind Sie mit der aktuellen Entwicklung Ihres Unternehmens? Huber: Trotz der aktuellen Herausforderungen in der deutschen Wirtschaft sind wir als global ausgerichtetes Unternehmen mit klarer Strategie gut aufgestellt. In vielen Regionen weltweit entwickeln sich die Märkte weiterhin positiv, was uns dabei unterstützt, unsere Jahresziele zu erreichen. Mit dem bisherigen Geschäftsverlauf sind wir daher zufrieden und sehen optimistisch in die Zukunft. wwt: Worin sehen Sie global und für Ihr Unternehmen die drei aktuell dringendsten Herausforderungen? Huber: Die drei dringendsten Herausforderungen, sowohl global als auch für unser Unternehmen, sehe ich in folgenden Bereichen: Erstens in der Gewinnung qua- lifizierter Fachkräfte, insbesondere für spezialisierte Positionen. Diese Herausforderung ist nicht nur in Deutschland präsent, sondern stellt uns weltweit vor erhebliche Aufgaben. Zweitens in der zunehmenden Deglobalisierung und dem damit verbundenen Protektionismus. Die Entflechtung der globalen Wirtschaft ist für exportorientierte Länder wie Deutschland besonders relevant und könnte das wirtschaftliche Umfeld signifikant verändern. Drittens im hohen Tempo des technologischen Wandels und der Digitalisierung. Es gilt, die notwendigen digitalen Kompetenzen zu entwickeln, in neue Technologien zu investieren und Geschäftsmodelle entsprechend an die digitale Ära anzupassen. wwt: Welchen Stellenwert haben die Aspekte Nachhaltigkeit und zirkuläres Wirtschaften im Unternehmen? Huber: Nachhaltigkeit und zirkuläres Wirtschaften sind für uns von zentraler Bedeutung – gerade angesichts des fortschreitenden Klimawandels und knapper werdender Ressourcen. Als Unternehmen im Bereich Wasseraufbereitung und Abwasserentsorgung sehen wir uns in einer besonderen Verantwortung für den Umweltschutz. Unser Ziel ist es, Nachhaltigkeit und zirkuläres Wirtschaften in allen Unternehmensbereichen zu verankern und kontinuierlich weiterzuentwickeln. Dies erfordert ein starkes Engagement der Führung, klare Zielsetzungen und messbare Kennzahlen, die unseren Fortschritt dokumentieren. Bereits 1997 haben wir das Umweltmanagementsystem ISO 14001 sowie das EMAS-System implementiert, die von unseren Mitarbeitern aktiv gelebt und kontinuierlich optimiert werden. Seit über einem Jahrzehnt veröffentlichen wir zudem freiwillig unseren Nachhaltigkeitsbericht, in dem wir das Thema ganzheitlich betrachten und ökologische, ökonomische sowie soziale Aspekte aufgreifen. Aktuell bereiten wir uns auf die Anforderungen der CSRD (Corporate Sustainability Reporting Directive) vor. wwt: Zum Fokusthema unserer diesjährigen Ausgabe des Modernisierungsreports: Welche Rolle spielen Kläranlagen für die Entwicklung wasserbewusster Städte? Huber: Die EU-Kommunalabwasserrichtlinie setzt strengere Standards für die Abwasser- behandlung, einschließlich der Entfernung von Nährstoffen und Mikroschadstoffen, und fördert die Energieeffizienz und Nachhaltigkeit von Kläranlagen. Dies bedeutet, dass Städte ihre Abwasserinfrastruktur modernisieren müssen, um den Umweltschutz zu verbessern und sich besser an den Klimawandel anzupassen. wwt: Welche spezifischen Technologien bieten sie als Maschinenbauunternehmen an, um diese Themen zu fördern? Huber: Huber SE bietet Lösungen und Technologien für die Entfernung von Mikroplastik und Phosphor sowie für die Spurenstoffelimination. Des Weiteren haben wir Maschinentechnik und Verfahren zur Optimierung der Energieeffizienz wie unsere Lösung für Energie aus Abwasser. Auch für die dezentrale Behandlung von Regenwasser sowie die Wasserwiederverwendung haben wir Lösungen. wwt: Was sind die wichtigsten Trends, die Sie in der Wasserwirtschaft beobachten? Huber: Als große Trends sehen wir die Digitalisierung, die Kreislaufwirtschaft, die Klimaanpassung, die Nachhaltigkeit und Ressourceneffizienz sowie regulatorische Entwicklungen wie die EU-Kommunalabwasserrichtlinie. Einige Lösungen, die Huber für diese Trends hat, haben wir bereits besprochen. Was an dieser Stelle noch zu erwähnen ist, sind unsere Aktivitäten im Bereich der Entwicklung von digitalen Lösungen sowie unser umfangreiches Portfolio für alle Herausforderungen, welche im Zusammenhang mit der Klärschlammbehandlung stehen. Nicht zu vergessen unsere Produkte für den Hochwasserschutz, dessen Bedeutung aufgrund der klimawandelbedingten Starkregenereignisse immer größer wird. wwt: Warum sind Sie überzeugt, dass Huber SE für die Zukunft gut gerüstet ist? Huber: Der Klimawandel sowie Mikroschadstoffe erhöhen den Handlungsdruck in unserem Markt spürbar. Dank unserer klaren Strategie, unserer innovativen Produkte und Dienstleistungen sowie unserer engagierten Belegschaft sehe ich uns gut gerüstet, auch in Zukunft einen Beitrag zur Lösung der Probleme leisten zu können. wwt: Vielen Dank für das interessante Gespräch! Das Gespräch führte Nico Andritschke. modernisierungsreport 2024/25 75
Projektberichte Brückenschlag zwischen Theorie und Praxis CFD-Simulationen für die Wasserund Abwasserbehandlung CFD revolutionierte in den letzten Jahrzehnten die Abwassertechnik, indem es präzise Simulationen von Strömungen und Prozessen ermöglicht und so zur Effizienzsteigerung beiträgt. Invent hat dieses Potenzial schon lange erkannt und nutzt es umfassend. Das Gebiet der Strömungsmechanik ist ein komplexes Netzwerk aus Physik, mathematischen Modellen und realen Anwendungen. In der Abwasserindustrie ist das Verständnis dieser Strömungsdynamik nicht nur eine wissenschaftliche Übung, sondern eine Notwendigkeit. Hier kommt Computational Fluid Dynamics (CFD) ins Spiel – ein entscheidendes Werkzeug, das die Art und Weise, wie wir reale Probleme der Strömungsmechanik angehen und lösen, revolutioniert hat. In den 1990er-Jahren leitete die Gründung der Invent durch Dr.-Ing. Marcus Höfken die rigorose Anwendung der Strömungsmechanik in der Abwasserbehandlung ein. Mit Wurzeln am Lehrstuhl für Strömungsmechanik der Universität Erlangen-Nürnberg unter der Leitung von Professor Dr. Franz Durst entstand Invent aus einer echten Leidenschaft für Strömungsmechanik, kombiniert mit einem streng wissenschaftlichen Ansatz. Schon in den Anfangsjahren erkannte man bei Invent das Potenzial der CFD-Simulationen und gründete bald darauf eine eigene CFD-Abteilung, die sich rasch ausschließlich der Komplexität der Wasser- und Abwasserbehandlung widmete. Von der Modellierung von Rührwerken mit detaillierter CAD-Geometrie bis zu Multiphasensimulationen für belüftete Becken war das Unternehmen an vorderster Stelle tätig, indem es geltende Konventionen infrage stellte und Standards anhob. matik, Physik und computergestützter Software, um Strömungen zu modellieren und zu visualisieren. Dies wird in der Abwasserbehandlung zunehmend unverzichtbar. Es gibt viele Beispiele: Belüftete Becken erfordern beispielsweise Multiphasensimulationen, die dabei helfen können, die Standard-Sauerstoffübertragungsrate (SOTR), eine entscheidende Metrik in der biologischen Abwasserbehandlung, vorherzusagen oder um die Bewegung und das Verhalten suspendierter Feststoffe und aktiven Schlamms zu verstehen. CFD hilft bei der Modellierung dieser Phänomene und bietet Einblicke in Partikelbahnen, Absetzmuster und mehr. Darüber hinaus können in gerührten Behältern oder in Pumpstationen die Effekte an der Wasseroberfläche, die oft durch turbulentes Verhalten gekennzeichnet sind und zur Bildung von Wirbeln führen, komplex sein. CFD-Simulationen unterstützen Ingenieure dabei, diese Oberflächeneffekte zu modellieren sowie Behandlungsprozesse zu entwerfen und zu optimieren. Mit zunehmender Vertiefung in die Modellierung der Abwasserbehandlung werden bestimmte Techniken unverzichtbar. Hier einige Beispiele: 1. Zeitabhängige Multiphasensimulation für Hydraulik und Wasserverteilungsprobleme: Das Management der Wasserverteilung in Kläranlagen ist eine der wichtigsten und zugleich schwierigsten Aufgaben. Durch Gerinne, Kanäle oder Rohrsysteme ist es entscheidend, dass sich die Zulaufströmungen gleichmäßig in verschiedenen Becken verteilen und die Wasserspiegel nicht über kritische Werte steigen, selbst unter kritischen Bedingungen wie Regenwetter. Zeitabhängige Multiphasensimulationen sind erforderlich, um die CFD in der Abwasserbehandlung Im Kern ist Computational Fluid Dynamics (CFD) die Verwendung angewandter Mathe- 76 www.umweltwirtschaft.com Bild 1 CFD eines Umlaufbeckens Quelle: Invent Umwelt- und Verfahrenstechnik AG
Anzeige Verfahrenstechnik 2. 3. 4. 5. Wasseroberfläche und die Strömungsverteilung unter sich verändernden Betriebskonditionen genau zu berechnen. Multiphasensimulation und Sauerstoffübertragung für Belüftung: Die Belüftung ist entscheidend für die biologischen Oxidationsprozesse der Abwasserreinigung. Das Verständnis komplexer Phänomene wie der Blasendynamik ist unerlässlich. Faktoren wie Blasenzerfall, ihre eventuelle Koaleszenz und deren Auswirkungen auf den Massentransfer sind entscheidend, um die Sauerstoffübertragungsrate zuverlässig vorherzusagen. Turbogebläse: Turbogebläse sind in Wasseraufbereitungsund Kläranlagen von entscheidender Bedeutung, insbesondere für Belüftungsprozesse. Die Effizienz dieser Gebläse beeinflusst direkt den Energieverbrauch und die Betriebskosten der Anlage. CFD ermöglicht es, das Design der Gebläseblätter und -gehäuse zu optimieren, um maximale Effizienz und Leistung zu erreichen. Unterschiedliche Betriebsbedingungen wie variable Durchflussraten oder Druckanforderungen können simuliert werden, damit das Gebläse unter allen Bedingungen optimal funktioniert. Abwasserschlamm und nichtnewtonsche Effekte: Schlammflocken oder aggregierte Partikel erfordern weitere Untersuchungen und eine sorgfältige Modellierung. Bei Multiphasensimulationen für ihren Transport kommt ein komplexer Faktor ins Spiel: das Fließverhalten. Mit zunehmender Konzentration dieser Flocken weicht das Verhalten der Flüssigkeit von der newtonschen Idee ab und übernimmt Eigenschaften nichtnewtonscher Fluide. Diese Veränderung im Flüssigkeitsverhalten, gepaart mit Flockungseffekten – bei denen Partikel zusammenkommen, um größere Flocken zu bilden –, macht den Modellierungsprozess noch komplexer. Simulation von Absetzbecken: Absetzbecken, z. B. Nachklärbecken, dienen der Trennung von Feststoffen und Wasser in Kläranlagen. CFD ermöglicht es, diese Prozesse detailliert zu modellieren, indem es die Partikelbewegung, Schlammkompression, Turbulenz und andere hydrodynamische Effekte einbezieht. Durch Simulationen können Ingenieure die Geometrie und Betriebsbedingungen Bild 2 Zeitabhängige Simulation eines Nachklärbeckens Quelle: Invent Umwelt- und Verfahrenstechnik AG der Becken optimieren, um eine effektive Schlammsedimentation zu gewährleisten und Probleme wie Kurzschlussströmungen oder Schlammauftrieb zu vermeiden. Eine bedeutende Herausforderung bleibt jedoch bestehen. Das Verhalten von biologischen Verbindungen im Abwasser kann nicht explizit innerhalb der Gleichungen der Strömungsmechanik modelliert werden. Hier spielt der numerisch-empirische Ansatz eine wesentliche Rolle. Durch die Verbindung von Theorie mit empirischen Daten werden genaue Ergebnisse sichergestellt, die auf realen Beobachtungen und Validierungen basieren. Die potenziellen Anwendungen von CFD in diesem Bereich sind vielfältig und erstrecken sich über Siebanlagen, hydraulische Dynamik, Wasserverteilung und darüber hinaus. Man denke an anoxische Tanks, Klärbecken, Oxidationsgräben und anaerobe Faulbehälter – CFD kann alles abdecken. Instrumente und Zusammenarbeit Invent ist in Sachen CFD-Technologie immer auf dem neuesten Stand. Die Software M-STAR mit ihrem Lattice-Boltzmann-Ansatz zur Lösung der Navier-Stokes-Gleichungen bietet fortschrittliche Turbulenzmodellierungstechniken wie Large Eddy Simulation (LES). Es sind zeitgenaue dynamische Simulationen möglich, die einen beispiellosen Einblick in turbulente Phänomene bieten. Turbulenz ist schließlich entscheidend für das Rühren. Je genauer Turbulenzen modelliert werden, desto besser sind die Vorhersagen im Zusammenhang mit der Vermischung, einem Eckpfeiler in den Prozessen der Abwasserbehandlung. Dennoch liegt die eigentliche Stärke der CFD-Abteilung des Unternehmens nicht nur in ihren überlegenen Software- und Hardwaretools, sondern auch in ihrem anhaltenden Bestreben nach numerischer Validierung. Durch kontinuierlichen Vergleich von Simulationsergebnissen mit experimentellen Daten entweder in Zusammenarbeit mit Hochschulen oder durch Vor-Ort-Experimente in Kläranlagen stellt Invent die Präzision ihrer CFD-Simulationen sicher. Die beste CFD ist weit mehr als eine Simulation, sie beinhaltet auch kontinuierliche experimentelle Validierungen und Kalibrierungen unter Verwendung eines numerisch-empirischen Ansatzes. In einer Welt, in der Präzision zählt, ist der Einsatz von CFD in der Abwasserbehandlung kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit. Die Branche fordert nachhaltigere und effizientere Lösungen, sodass die Brücke zwischen theoretischen Simulationen und experimentellen Validierungen noch entscheidender wird. Invent wird diesen Weg weiterhin gehen. Die Experten INVENT Umwelt- und Verfahrenstechnik AG Am Pestalozziring 21 D-91058 Erlangen invent@invent-uv.de www.invent-uv.de modernisierungsreport 2024/25 77
Projektberichte Beherbergung und Abwasserentsorgung unter erschwerten Bedingungen Abwasserhandling auf 1.844 m Modifizierte Exzenterschneckenpumpen fördern das Abwasser von der „Kemptner Hütte“ in den Allgäuer Alpen zuverlässig ins Tal. Aufgrund der gestiegenen Nachfrage und der neuen Umweltschutzvorgaben musste die 1891 erbaute DAV-Herberge 2020 saniert werden. Bild 1 Auf 1.844 m thront die Kemptner Hütte bei Oberstdorf. Als eine der größten Hütten des Deutschen Alpenvereins (DAV) in den Allgäuer Alpen bietet sie Fernwanderern sowie Bergbegeisterten, umgeben von majestätischen Gipfeln, einen Rast- und Rückzugsort. Quelle: Netzsch Pumpen & Systeme GmbH Die Kemptner Hütte, an den Grashängen der malerischen Allgäuer Alpen nahe Oberstdorf gelegen, ist eine der größten und bedeutendsten Schutzhütten des Deutschen Alpenvereins. Nach Angaben des DAV waren Sanierungsmaßnahmen dringend erforderlich, nachdem die Herberge einer gestiegenen Gästefrequentierung schon über mehrere Jahre kaum mehr standhalten konnte. Neben weiteren Lagerkapazitäten, größeren Waschräumen und einem Update der Brandschutzmaßnahmen musste auch das Abwasserhandling entsprechend den aktuellen Umweltschutzvorgaben angepasst werden. Die Hütte wurde daher über zwei Jahre aufwendig saniert. Trotzdem musste die Abwasserverwertung der auf 290 Schlafplätze ausgelegten Hütte komplett neu gedacht 78 www.umweltwirtschaft.com werden: „Es gab keine vernünftige Abwasserlösung. Die Sickergrube, die bisher unweit der Hütte betrieben wurde, wäre künftig überfordert gewesen“, beschreibt Olaf Textor, Head of Global Business Field Customer Service bei Netzsch Pumpen & Systeme, die Ausgangslage. Hinzu kommt, dass eine solche Lösung auch in Bezug auf den Umweltschutz problematisch und in diesem Umfang nicht mehr gestattet ist, da das Abwasser die umliegende Natur belasten würde. Daher entschieden sich die Hüttenbetreiber, eine neue Abwasserleitung anzulegen, die die Abwassersammelstelle an der Hütte mit der Kanalisation im Tal verbindet. Mit den hierfür notwendigen Pumpen wurden die Experten von Netzsch beauftragt, die bereits ähnliche Lösungen in Bergregionen erfolgreich realisiert haben. Für die Hüttenbetreiber sprachen neben einer prozessoptimierten Technik vor allem die Service- und Supportleistungen des Partners, der trotz der Abgeschiedenheit keine Mühen scheut, Wartungsarbeiten zügig und effizient durchzuführen. Material und Personal mit Heli „Bei solch einem Projekt sind Planung und ein umfassender Service entscheidend“, erklärt Textor. „Wir nutzen dabei unsere mehr als 70-jährige Erfahrung im Bereich maßgeschneiderter Pumpensysteme, um eine nachhaltige Lösung selbst in anspruchsvollen Umgebungen zu realisieren.“ Während der Pumpenbetrieb im Tal eher weniger durch die unmittelbare Umgebung beeinflusst wird, stellen unwegsames Ge-
Anzeige Verfahrenstechnik Bild 2 Olaf Textor, Head of Global Business Field Customer Service Quelle: Netzsch Pumpen & Systeme GmbH lände, eine schwierige Topografie und der abgelegene Charakter des Pumpenstandorts zusätzliche Herausforderungen für Planer und Techniker dar. „Für uns war es deshalb selbstverständlich, vom ersten Tag an beratend zur Seite zu stehen“, ergänzt der Head of Global Business Field Customer Service. Zur Vorbereitung der Sanierungsarbeiten mussten zunächst Baumaschinen und Material mit dem Helikopter nach oben befördert werden. Gleichzeitig verschaffte sich Netzsch ein Bild von der Situation vor Ort, um die geeignete Pumpenauslegung gemeinsam mit den Betreibern zu erarbeiten. Man entschied sich für zwei NEMO-Exzenterschneckenpumpen mit einer Förderleistung von ca. 5,40 m³/h, die Bild 3 Typische Verzopfungen an Abwasserpumpen Quelle: Netzsch Pumpen & Systeme GmbH das anfallende Abwasser mit einem Druck von bis zu 15,90 bar über eine 2 km lange Leitung ins Tal fördern. Beide Aggregate wurden zur Hütte geflogen und installiert. Da die Unterkunft bisher keinerlei Erfahrung mit dem Einsatz von Abwasserpumpen hatte, konnte auch nur schwer abgeschätzt werden, wie sehr die Zusammensetzung und Menge des Abwassers die Aggregate belasten würde. „Es ist leider keine Ausnahme, dass Gäste gerne mal Dinge über die Toilette entsorgen, die dort nicht hingehören und zu Verstopfungen führen können“, erklärt Textor. Auch Haare, die beim Duschen mit ins Abwasser geraten, können den Feststoffanteil erhöhen und zu Verzopfungen führen. „Damit dies kein dauerhaftes Aus für die Pumpen bedeutet, legten wir auch bei diesem Projekt großen Wert auf das Timing bei Wartungsmaßnahmen, sodass die Anwender keine langen Wartezeiten in Kauf nehmen müssen und wir zu jeder Zeit Original-Ersatzteile bereithalten.“ merken die Bergsteiger nichts davon, dass das Abwasser nun nicht mehr in einer Sickergrube gesammelt, sondern umweltschonend und zuverlässig ins Tal geleitet wird. Für die Hüttenwirte hätte es jedoch nicht besser laufen können: Durch die sorgfältige Planung konnte eine Pumpenlösung eingerichtet und optimiert werden, die zuverlässig läuft und sich dennoch leicht vom Hüttenpersonal betreiben, warten und von Verzopfungen befreien lässt. Gleichzeitig wissen sie, dass Netzsch den weiten Weg auf die Hütte jederzeit wieder antreten würde, sollte dies erforderlich sein. „Solch ein Einsatz hat einmal mehr bewiesen, dass Technik allein nicht ausreicht, um ein optimales Ergebnis für lange Zeit sicherzustellen. Erfahrung, enger Austausch und sinnvolle Anpassungen selbst nach Inbetriebnahme der Anlage sichern den Erfolg in solch einem schwierigen Gelände“, resümiert Textor. Pumpen laufen fehlerfrei Die Experten Pünktlich zur feierlichen Hütteneröffnung zum Saisonstart konnten sich die ersten Gäste selbst von dem geräumigeren Raumplan, den optimierten Waschmöglichkeiten und dem modernen Abwasserhandling überzeugen. Dank der Anstrengungen von Netzsch sowie der beteiligten Baufirmen Netzsch Pumpen & Systeme GmbH Geretsrieder Straße 1 D-84478 Waldkraiburg headquarters.nps@netzsch.com www.pumps-systems.netzsch.com Bild 4 Im Pumpenhaus neben der Hütte wurden zwei NEMO-Exzenterschneckenpumpen NM045 installiert, die an eine 2 km lange Leitung angeschlossen sind und das Abwasser über ein Gefälle von 150 m ins Tal befördern. Quelle: Netzsch Pumpen & Systeme GmbH modernisierungsreport 2024/25 79
Projektberichte Unkomplizierte Radarsensoren liefern zuverlässige Messwerte Vegapuls C 21 überzeugt in belgischem Abwasserkonzept Flächenmäßig ist Wallonisch-Brabant die kleinste, bevölkerungsmäßig die zweitkleinste Provinz Belgiens, zudem ist das Gebiet stark zersiedelt. Dies erfordert ein angepasstes Abwasserkonzept, in dem Vega-Sensoren eine besondere Rolle spielen. Seit Ende der 1990er-Jahre hat Wallonisch-Brabant verstärkt in die Abwasserbehandlung investiert, sei es in das Sammelsystem, die Kläranlagen oder das Kanalnetz. Heute verfügt Wallonisch-Brabant über 36 Kläranlagen mit einer Gesamtkapazität von 628.000 EW. InBW (Intercommunale du Brabant Wallon) kümmert sich um die Abwasserentsorgung der dortigen 27 Gemeinden im Auftrag der SPGE (Société Publique de Gestion de l'Eau). Vega-Sensoren sind in mehreren Kläranlagen zu finden, etwa in Nivelles, Bomal oder Tubize, und kommen dort an unterschiedlichen Stellen zum Einsatz. Unabhängig davon, ob die Füllstand- und Drucksensoren im Becken, in offenen Gerinnen, am Filter oder Rechen zum Einsatz kommen, müssen diese genau, robust und unkompliziert arbeiten. Schließlich werden über diese viele Prozesse in den Abwasseranlagen automatisch gesteuert. Sensoren müssen sich daher einfach montieren lassen und dürfen sich im Betrieb weder von Vibration, Kondensat, Staub, Schmutz und Schlamm noch von Faulgasen beeindrucken lassen. schallmessung ebenso wie Anhaftungen oder Verschmutzungen. Selbst Spinnweben können für ungenaue Messwerte sorgen, da diese die Zuverlässigkeit des Messsignals stören und die Blockdistanz erhöhen. Mit dem kompakten Radarfüllstandsensor Vegapuls C 21 fand man zum ersten Mal einen Sensor, der die Anforderungen hinsichtlich Leistung und Einfachheit bei der Anwendung erfüllte und vor allem auch kostenmäßig interessant war. Der Vegapuls C 21 misst zuverlässig den Füllstand in Anwendungen, in denen eine hohe Schutzart erforderlich ist. Neben ihrer Unabhängigkeit von Temperaturschwankungen und weiteren Umwelteinflüssen sind Radarsensoren unempfindlich gegenüber Verschmutzungen – alles Faktoren, die bei Ultraschall- Kompakter Sensor im Praxiseinsatz Der Abwasserspezialist InBW arbeitet seit zehn Jahren mit Vega zusammen. Bis vor drei Jahren setzte man bei der Füllstandmessung häufig auf das Ultraschallmessprinzip, war aber immer auf der Suche nach einer besseren Lösung. Zum einen sind Ultraschallsensoren von der Temperatur abhängig, da sich die Schalllaufzeit mit der Temperatur ändert. Zum anderen beeinflussen starker Nebel, Wind oder Regen die Ultra- 80 www.umweltwirtschaft.com Bild 1 Vegapuls C 21: Bei der Pegelüberwachung erweisen sich seine Kompaktheit und die gute Signalfokussierung als Vorteil. Quelle: Vega Grieshaber KG füllstandmessgeräten häufig zu Störungen führen. Der kompakte Radarsensor ist damit ideal für Anwendungen in der Abwassertechnik und liefert seit seiner Markteinführung vor zwei Jahren in Pumpstationen, Regenüberlaufbecken oder für die Pegelüberwachung zuverlässige Messwerte. Saubere Trennung von Mess- und Störsignal Die kompakte Vegapuls-Serie misst bei 80 GHz und besitzt dadurch eine sehr gute Signalfokussierung. Damit lassen sich Mess- und Störsignale besser trennen – die Messung wird um ein Vielfaches einfacher und genauer als bei anderen Messverfahren. Herzstück der neuen Sensorserie ist dabei ein von Vega neu entwickelter Radarmikrochip, der speziell für die Anforderungen in der Füllstandmessung optimiert wurde. Dank der kleinen Bauform sind nun sehr kompakte Sensoren möglich. Die Vegapuls-Serien C 11, C 21 und C 22 besitzen einen festen Kabelanschluss und sind in der Schutzart IP66/IP68 ausgeführt. Viele Anwender schätzen vor allem die direkte Anbindung z. B. an eine SPS, da es Ultraschallgeräte oft nur in Verbindung mit großen Steuergeräten gibt. Viele Verantwortliche aus der Abwassertechnik sind zudem von der Effizienz, der Einfachheit und der Vielseitigkeit des Sensors angetan, so auch die Betreiber von InBW. Mittlerweile kommen die Sensoren in den Gemeinden Bomal, Nivelles und Tubize zum Einsatz. Bomal ist typisch für das Szenario der Abwasseranlagen in Wallonisch-Brabant. Die Station befindet sich am
Anzeige Verfahrenstechnik Bild 2 Das Anzeigegerät Vegadis 82 ist für raue Umgebungen konzipiert. Quelle: Vega Grieshaber KG Einlauf in die Grand Gette, einen Fluss in einem Einzugsgebiet mit sehr ländlichem Charakter. Das Schmutzwasser aus dem kommunalen öffentlichen Kanalisationsnetz mündet zunächst zusammen mit dem Regenwasser in einen 7 km langen Sammler entlang der Grande Gette. Die Menge ist höchst unterschiedlich: An trockenen Tagen liegt die Wassermenge bei 92,5 m3/h, bei Gewitter kann diese aber auch schon einmal über 200 m3/h betragen. Das Abwasser gelangt anschließend über eine Druckstation in die Anlage. Mithilfe von drei frequenzgesteuerten Unterwasserpumpen wird dieses in die Vorbehandlungsrinne gehoben. Einsatz in Rechenanlagen In der mechanischen Vorreinigung werden Schwimmstoffe mit Rechen oder Sieben entfernt. Die nachfolgenden Verfahrensstufen werden so vor Ablagerung, Verstopfung oder Abrasion geschützt. Im Grobrechen werden Feststoffe mit einem Durchmesser von mehr als 25 mm ausgesiebt, in der Rechengutpresse komprimiert und anschließend entsorgt. Der Feinrechen entfernt die kleineren Reststoffe aus dem Wasser. Der Radarsensor Vegapuls C 21 zeigt die Differenz des Wasserpegels vor und hinter dem Rechen an. Über die Differenzmessung des Wasserpegels wird der Verschmutzungsgrad ermittelt und die Reinigung des Rechens initiiert. Danach gelangen die Abwässer in Reinigungsbecken. Nach der biologischen Behandlung fließt das gereinigte Wasser in Bild 3 Steuergerät und Anzeigeinstrument Vegascan 693: Bei Geräten mit digitaler Schnittstelle ist die Datenaufzeichnung von bis zu 200.000 Messwerten möglich. Bild 4 In den Vorlagebehältern muss die Klärschlammmenge permanent überwacht werden. Mit dem Vegapuls C 21 kann die optimale Zufuhr in den Verarbeitungsprozessen sichergestellt werden. Quelle: Vega Grieshaber KG Quelle: Vega Grieshaber KG die Grande Gette. Da der Sensor verschleißund wartungsfrei arbeitet, kann sich der Anwender auch über Jahre auf das Ergebnis verlassen. Ein anderer Einsatzort: Bevor der Klärschlamm in den Verarbeitungsprozess geschickt wird, wird er in großen Tanks oder Becken entwässert und eingedickt. Dadurch reduziert sich die zu behandelnde Schlammmenge und der Gehalt an Trockensubstanz wird erhöht. Die Schlammmenge im Vorlagenbehälter wird mit einer kontinuierlichen Füllstandmessung permanent überwacht, um eine optimale Zufuhr sicherzustellen. Mittlerweile messen zwölf Vegapuls C 21 die Schlammhöhen in verschiedenen Behältern. Der behandelte Schlamm wird per Lkw abtransportiert, um in der Landwirtschaft wiederverwertet zu werden. Auf diese Weise entstehen keine Verluste und das Recycling wird wirkungsvoll unterstützt. Darüber hinaus kommt noch der hydrostatische Druckmessumformer mit keramischer Messzelle Vegawell 52 zum Einsatz, um kontinuierlich den Füllstand in den Absetzbecken zu erfassen. Im Sandfang wird der Grenzschalter Vegavib 62 eingesetzt. Sein Vorteil: Die glatte Oberfläche des Schwingstabs, ohne Ecken und Kanten, verhindert ein Festsetzen oder Verklemmen von Schüttgut und ist optimal zu reinigen. Zuverlässige Anzeige im Feld Über das Vegadis 82 im Feldgehäuse, das für raue Umgebungen konzipiert wurde, lassen sich alle Messwerte sicher anzeigen. Das Steuergerät und Anzeigeinstrument Vegascan 693 erlaubt die Datenaufzeichnung von bis zu 200.000 Messwerten bei Geräten mit digitaler Schnittstelle. Damit lassen sich Messergebnisse aus Füllstand-, Pegel- und Prozessdruckmessungen auf einfache Weise zusammenführen und für Steuerungen, Visualisierungen oder die Datenfernübertragung via E-Mail und SMS verwenden. Ausblick Für den Betreiber InBW war angesichts der weiten Entfernungen zwischen den Anlagen entscheidend, dass die Sensoren sehr lange und zuverlässig funktionieren und, falls sie doch mal ausfallen sollten, schnell ausgetauscht werden können. Nur mit robusten und langlebigen Sensoren, die Wind und Wetter trotzen, ist dies möglich. Viele der Messstellen im Abwasserbereich sind sehr schlecht zugänglich. Daher schätzt man die Möglichkeit, die Geräte über Bluetooth einzustellen oder den Sensor zu kalibrieren, außerordentlich. Die Experten Vega Grieshaber KG Am Hohenstein 113 77761 Schiltach info.de@vega.com www.vega.com modernisierungsreport 2024/25 81
FIRMENPROFILE 82 www.umweltwirtschaft.com 83 ACO Tiefbau Vertrieb GmbH 85 Invent Umwelt- und Verfahrenstechnik AG 83 Aerzener Maschinenfabrik GmbH 85 Netzsch Pumpen & Systeme GmbH 84 Fränkische Rohrwerke Gebr. Kirchner GmbH & Co. KG 86 Vega Grieshaber KG 84 Huber SE
Anzeige Firmenprofile Anbieter: ACO GmbH Anbieter: Aerzener Maschinenfabrik GmbH Firmenanschrift: Am Ahlmannkai D-24782 Büdelsdorf Firmenanschrift: Reherweg 28 D-31855 Aerzen Telefon: E-Mail: Internet: +49 4331 354-700 kundencenter@aco.com www.aco.de Telefon: E-Mail: Internet: +49 5154 81-0 info@aerzen.com www.aerzen.com Gründungsjahr: 1946 Geschäftsführung: Beschäftigte: 5.200 in der ACO-Gruppe Dipl.-Ing. Klaus Peter Glöckner (Vorsitzender), Michael Andersen (CFO) Jahresumsatz: 1 Mrd. € in der ACO-Gruppe Gründungsjahr: 1864 Tochterfirmen/ Niederlassungen: Hauptsitz: 24782 Büdelsdorf Standorte: weltweit Beschäftigte: 2.500 Jahresumsatz: ca. 400 Mio. € (Aerzen-Gruppe) Kernkompetenzen: Extreme Wetterereignisse erfordern komplexe Entwässerungskonzepte. Hierfür schafft ACO Systemlösungen, die in beide Richtungen funktionieren: Sie schützen die Menschen vor dem Wasser – und umgekehrt. Jedes ACO-Produkt sichert innerhalb des ACO Watercycle den Weg des Wassers mit dem Ziel, es ökologisch und ökonomisch sinnvoll weiterverwerten zu können. Standort: Aerzen Tochterfirmen/ Niederlassungen: > 50 Tochtergesellschaften weltweit Produkt- bzw. Dienstleistungsprogramm: Schrauben- und Drehkolbenverdichter, Drehkolbengebläse , Turbogebläse, Steuerungstechnik, digitale Dienstleistungen zur Effizienzoptimierung, umfangreiches Serviceprogramm Kernkompetenzen: Verdichtung und Förderung von gasförmigen Medien Referenzobjekte: Abwasseraufbereitung, pneumatischer Transport in Prozess- und Verfahrenstechnik, Vakuumtechnik, Biogas, chemische Industrie Ihr Ansprechpartner Vertrieb/Beratung: Sebastian Meißler, Marketingreferent sebastian.meissler@aerzen.com Tel.: +49 515 4819 970 Produkte: Zertifizierungen: • • • • • • Entwässerungsrinnen Straßen- und Hofabläufe Schachtabdeckungen und Aufsätze Abscheider und Pumpstationen Sedimentations- und Filteranlagen Blockrigolen zur Versickerung und Rückhaltung • Drosselsysteme • Baumschutz • Lichtschacht- und Fenstersysteme für den Keller • DIBt-Zulassungen für Rinnensysteme, Leicht• • • • Ihr Ansprechpartner Vertrieb/Beratung: flüsskeitsabscheider, Pumpstation, Havariebehälter RAL-Gütezeichen für RAL-GZ 692 und RALGZ 693 DIN EN ISO 9001:2015 Qualitätsmanagement DIN EN ISO 14001:2015 Umweltmanagement DIN EN ISO 50001:2011 Energiemanagementsystem Ihre Ansprechpartner in Vertrieb / Projektberatung unter www.aco.de/kontakt modernisierungsreport 2024/25 83
Firmenprofile Anbieter: FRÄNKISCHE Rohrwerke Gebr. Kirchner GmbH & Co. KG Firmenanschrift: Hellinger Straße 1 D-97486 Königsberg/Bayern Telefon: E-Mail: Internet: +49 9525 88-0 info@fraenkische.de www.fraenkische.com E-Mail: Internet: Geschäftsführung: Francesco Vitale, Dr. Steffen Wetterich Geschäftsführung: Gründungsjahr: 1906 Beschäftigte: 5.800 weltweit, 1.800 davon am Hauptsitz in Königsberg Georg Huber (Vorstandsvorsitzender) Dr.-Ing. Oliver Rong (stellv. Vorstandsvorsitzender) Dr.-Ing. Johann Grienberger Rainer Köhler Gründungsjahr: 1872 Jahresumsatz: 750 Mio. € im Geschäftsjahr 2022/23 Beschäftigte: Vertriebsnetz: 19 Produktions- und Vertriebsstandorte Huber SE ca. 900, weltweit über 1.500 Mitarbeiter Produkt- bzw. Dienstleistungsprogramm: FRÄNKISCHE entwickelt, produziert und vermarktet die unterschiedlichsten Rohre, Zubehör sowie verschiedene Systemkomponenten für die Bereiche Hoch- und Tiefbau. Standort: Unternehmenssitz Berching/Erasbach Tochterfirmen/ Niederlassungen: Weltweit 25 Tochterfirmen und mehr als 60 Vertriebs- und Servicepartner Kernkompetenzen: Unsere Rohre, Schächte und Systeme sind nahezu überall zu finden. Sie helfen, den natürlichen Wasserkreislauf aufrechtzuerhalten, sichern Strom und Daten und machen das Wohnen lebenswert. Die Vielfalt unserer Produkte spiegelt sich in unseren drei Geschäftsbereichen wider: • Drainage-Systeme • Elektro-Systeme • Haustechnik Produkt- bzw. Dienstleistungsprogramm: Zertifizierungen: • ISO 9001: alle Produktionsstandorte • ISO 50001: alle Produktionsstandorte in DE Maschinen, Anlagen und Ausrüstungsteile aus Edelstahl zur Behandlung und Aufbereitung von Wasser, Abwasser, Prozesswasser, Sand und Schlamm: • Rechen- und Siebanlagen • Rechengut- und Sandbehandlung • Sandabscheidung • Feinst- und Mikrosiebanlagen • Schlammsiebung, -eindickung, -entwässerung, -trocknung • Thermische Schlammverwertung • Weitergehende Abwasserreinigung • Heizen und Kühlen mit Abwasser • Regenbecken- und Kanalausrüstung • Edelstahl-Ausrüstungsteile • Globaler Service Referenzobjekte: Mehr als 55.000 installierte Anlagen (weltweit) Ihr Ansprechpartner Vertrieb/Beratung: Huber SE: Tel.: +49 8462 201-0 E-Mail: info@huber.de 84 www.umweltwirtschaft.com Anbieter: Huber SE Firmenanschrift: Industriepark Erasbach A1 D-92334 Berching Telefon: +49 8462 201-0 +49 8462 201-810 info@huber.de www.huber.de
Anzeige Firmenprofile Anbieter: INVENT Umwelt- und Verfahrenstechnik AG Anbieter: NETZSCH Pumpen & Systeme GmbH Firmenanschrift: Am Pestalozziring 21 D-91058 Erlangen Firmenanschrift: Geretsrieder Str. 1 D-84478 Waldkraiburg Telefon: E-Mail: Internet: +49 9131 690 980 info@invent-uv.de www.invent-uv.de Telefon: E-Mail: Internet: +49 8638 63-0 info.nps@netzsch.com https://pumps-systems.netzsch.com Geschäftsführung: Dr.-Ing. Marcus Höfken Geschäftsführung: Gründungsjahr: 1995 Dipl.-Volksw. Andreas Denker Dipl.-Ökonom Jens Heidkötter Beschäftigte: 140 Gründungsjahr: 1952 Jahresumsatz: 40 Mio. € Beschäftigte: weltweit ca. 2.400 Mitarbeiter Standort: Deutschland Jahresumsatz: 417 Mio. € (2023) Tochterfirmen/ Niederlassungen: USA, Australien, Italien, Vereinigte Arabische Emirate Standort: 84478 Waldkraiburg Produkt- bzw. Dienstleistungsprogramm: Der Fokus von INVENT liegt auf Anwendungen in der kommunalen und industriellen Wasserund Abwasserreinigung. Rühr- und Mischtechnik Rührwerke für anaerobe und anoxische Becken, Fällung und Flockung, Misch- und Ausgleichsbecken, Flash-Mixing, Schlammbehandlung Belüftungstechnik Grob-, mittel-, feinblasige Belüftungssysteme, Highspeed-Turbogebläse, Sauerstoffregelsysteme Fest-Flüssig-Trennung Dekanter für Sequencing-Batch-Reaktoren, Scheibenfilter für die Abwasserfiltration Systemlösungen Sequencing-Batch-Reaktoren sowie GranularSludge-Reaktoren, Teichkläranlagen (beinhaltet jeweils Prozessdesign, Basic und Detailed Engineering, Projektmanagement, Lieferung maschinentechnischer Komponenten, Installation sowie Inbetriebsetzung der Anlage und Schulung des Anlagenpersonals) Strömungssimulation und Engineering Berechnung relevanter Prozessparameter durch hochauflösende, realitätsnahe Strömungssimulationen aller Art, dynamische Simulation von biologischen Prozessen Produkt- bzw. Dienstleistungsprogramm: Seit mehr als 70 Jahren produziert und vertreibt NETZSCH rotierende Verdrängerpumpen weltweit. Speziell für schwierige Pumpanforderungen entworfen, rangiert das Produktspektrum von kleinsten Dosierpumpen bis hin zu Großpumpen für die Industrie. Mit mehr als 2.400 Mitarbeitern weltweit und einem Service- & Schulungsprogramm ist NETZSCH immer in Kundennähe. Kernkompetenzen: Im Geschäftsfeld „Umwelt & Energie“ bietet NETZSCH rotierende Verdrängerpumpen als Fördersysteme für alle Medien in der Umwelttechnologie. Aufgrund ihrer Regelcharakteristik gewährleisten diese Pumpen einen sicheren und zuverlässigen sowie effizienten Prozessablauf. Hierbei unterscheidet NETZSCH zwischen den NEMO* Exzenterschneckenpumpen, TORNADO* Drehkolbenpumpen, NOTOS* Schraubenspindelpumpen und PERIPRO* Schlauchpumpen. Für den jeweiligen Einsatzfall wird die technisch am besten geeignete Pumpe ausgewählt. Die Kunden profitieren von einem marktgerechten, zuverlässigen und auf ihren Anwendungsfall optimal abgestimmten Fördersystem. Die Pumpen werden durch Zerkleinerungssysteme und Zubehör ergänzt. Zertifizierungen: NETZSCH legt Wert auf Beratung, Service und Qualität. Strenge Qualitätsstandards, Prüfverfahren und die Zertifizierung nach DIN EN ISO 9001 garantieren dem Kunden gleichbleibende Qualität auf höchstem Niveau. Ihr Ansprechpartner Vertrieb/Beratung: Dipl.-Ing. (FH) Michael Groth E-Mail: michael.groth@netzsch.com Kernkompetenzen: Ihr Ansprechpartner Vertrieb/Beratung: Strömungsmechanisch optimierte, energieeffiziente Produkte; prozesstechnisch aufeinander abgestimmte Produkte, Verwendung hochwertiger Materialien, langjährige Erfahrung in der Wasser- und Abwasserreinigung Christopher Nowak cnowak@invent-uv.de * NEMO, TORNADO, NOTOS, PERIPRO – eingetragene Markenzeichen modernisierungsreport 2024/25 85
Firmenprofile modernisierungs report Anbieter: VEGA Grieshaber KG Firmenanschrift: Am Hohenstein 113 77761 Schiltach, Deutschland Impressum Telefon: E-Mail: Internet: +49 7836 50-0 info.de@vega.com www.vega.com Die Sonderausgabe ist ein Titel der Geschäftsführung: Isabel Grieshaber, Markus Kniesel Gründungsjahr: 1959 Beschäftigte: 1.150 am Hauptsitz Schiltach, 2.400 weltweit Jahresumsatz: 680 Mio. € (2023) Vertriebsnetz: 27 Niederlassungen und mehr als 80 Vertriebspartner Produkt- bzw. Dienstleistungsprogramm: Zertifizierungen: Postadresse: 60264 Frankfurt am Main Hausadresse: Mainzer Landstraße 251 · 60326 Frankfurt am Main Tel.: +49 69 7595-01, Fax: +49 69 7595-2999 Geschäftsführung: Peter Esser (Sprecher), Thomas Berner, Markus Gotta Aufsichtsrat: Andreas Lorch, Catrin Lorch, Dr. Edith Baumann-Lorch, Peter Ruß Verlagsleitung: Larissa Weightman, 0 69 7595-3125 , larissa.weightman@dfv.de Herausgeberbeirat: Prof. Dr.- Ing. Matthias Barjenbruch Prof. Dr.- Ing. Oliver Christ Christian Stark Prof. Dr.- Ing. Frank R. Kolb Drucksensoren zur Prozess- und Differenzdruckmessung von Gasen, Dämpfen und Flüssigkeiten Messverfahren: Prozess- und Differenzdruck, Hydrostatik Redaktion: Nico Andritschke, +49 30 61209-406, nico.andritschke@dfv.de Instrumente und Software zur Signalverarbeitung, Geräte zur Messwertvisualisierung, Grenzwertüberwachung, Überfüllsicherung, Pumpensteuerung oder Durchflussmessung in offenen Gerinnen Kernkompetenzen: Verlag: Deutscher Fachverlag GmbH Füllstandsensoren zur kontinuierlichen Messung von Flüssigkeiten und Schüttgütern Messverfahren: Radar, geführtes Radar, Ultraschall, Kapazitiv, Radiometrie Grenzstandsensoren zur Min-/Max-Detektion, Leckageüberwachung und Überfüllsicherung von Flüssigkeiten, Schüttgütern, Pasten und Pulvern Messverfahren: Vibration, Kapazitiv, Radiometrie VEGA steht für hohe Standards und innovative Füllstand- und Druckmesstechnik. Die Messgeräte sind in Prozess- und Lagertanks, Silos, mobilen Behältern oder Rohrleitungen im Einsatz – immer perfekt auf die Bedürfnisse der Kunden und der Branchen ausgerichtet. Zu den Kernbranchen zählen die Wasser- und Abwasserbranche, die Chemie- und Pharmaindustrie, Lebensmittelindustrie, Umwelttechnik und Recycling, Energie, Petrochemie, Offshore-Anlagen, die Luftfahrt sowie der Bergbau. VEGA-Sensoren verfügen über alle gängigen Ex-Zulassungen für den Abwasserbereich nach WHG und die KTW-Zulassung für den Trinkwasserbereich. www.umweltwirtschaft.com Dr.- Ing. habil. Gerhard Bollrich Prof. Dr.- Ing. Sven-Uwe Geissen Dr.- Ing. Oliver Stoschek Dr.- Ing. Thilo Weichel Bereichsleitung Finanzen und Medienservices: Thomas Berner, +49 69 7595-1147 Leitung Produktion: Hans Dreier, +49 69 7595-2463 Leitung Logistik: Ilja Sauer, +49 69 7595-2201 Anzeigenpreisliste vom 1.1.2024 Gesamtleitung Anzeigen: Heidrun Dangl, +49 69 7595-2563, heidrun.dangl@dfv.de Aboservice: +49 69 7595-2943, technische-fachzeitschriften@abo.dfv.de Bezugshinweise: Erscheinungsweise: 1 x jährlich im November Einzelheft: Euro 25,00 (zzgl. Porto- und Versandkosten) Druck: Printec Offset Ochshäuser Straße 45 · 34123 Kassel Nutzungsrechte: Näheres hierzu unter www.dfv.de/nutzungsrechte Für die Übernahme von Artikeln in Ihren internen elektronischen Pressespiegel erhalten Sie die erforderlichen Rechte unter www.pressemonitor.de oder telefonisch unter 030 284930 bei der PMG Presse-Monitor GmbH. Für unverlangt eingesandte Beiträge wird keine Gewähr übernommen. Beiträge, die mit dem Namen des Verfassers gekennzeichnet sind, stellen nicht in jedem Fall die Meinung der Redaktion dar. Mit der Annahme zur Veröffentlichung überträgt der Autor dem Verlag das ausschließliche Verlagsrecht für die Zeit bis zum Ablauf des Urheberrechts. Diese Rechteübertragung bezieht sich insbesondere auf das Recht des Verlages, das Werk zu gewerblichen Zwecken per Kopie (Mikrofilm, Fotokopie, CD-Rom oder andere Verfahren) zu vervielfältigen und/ oder in elektronische oder andere Daten banken aufzunehmen. Im Deutschen Fachverlag erscheinen außerdem folgende technische Fachzeitschriften: CIRCULAR ECONOMY, packREPORT, packAKTUELL, C2 Magazine, OPE journal, Man-Made Fibers International, Technische Textilien/Technical Textiles, nonwovensTRENDS, MELLIAND, Wochenblatt für Papierfabrikation, Professional Papermaking. ISSN 1438-5716 86 2024/25
NACHWUCHSPREIS Deutsche Wasserwirtschaft VERLIEHEN VOM FACHMAGAZIN Du möchtest 2025 zu den Preisträgern gehören? Zeig, was Du drauf hast! Was ist das für ein wichtiger Preis? Der Nachwuchspreis Deutsche Wasserwirtschaft wird seit 2018 vom Fachmagazin wwt in Kooperation mit dem DWA-Landesverband Nord-Ost und den Berliner Wasserbetrieben vergeben. Damit werden alle zwei Jahre hervorragende Studienabschlussarbeiten und Dissertationen im Fachgebiet Wasserwirtschaft/ Wassertechnik ausgezeichnet. Warum sollte ich mich bewerben? Du hast mit Deiner wissenschaftlichen Arbeit sehr gute oder einzigartige Ergebnisse erzielt? Deine Professoren und auch Du sind von der Qualität Deiner Leistung und der Wichtigkeit des Themas vollauf überzeugt? Dann hast Du dafür einen Preis verdient. Er könnte das i-Tüpfelchen in Deiner Biografie werden. Die Jury musst Du jedoch noch überzeugen! Was bringt mir der Preis? Findet die Jury, dass Deine Leistungen top sind, dann darfst Du Deine Arbeitsergebnisse im Fachmagazin wwt veröffentlichen. Zählst Du zu den Preisträgern, dann gehört Dir die Bühne und Du kannst das Projekt im Rahmen der Preisverleihung vorstellen. Am Ende winkt Dir sogar ein Preisgeld. Nicht zu verachten, oder? Klar, ich bewerbe mich! Bewerbungsfrist: 1. Oktober 2024 – 31. Januar 2025 In Kooperation mit: Premiumpartner: Landesverband Nord-Ost https://umweltwirtschaft.com/wwt-nachwuchspreis modernisierungsreport 2024/25 87
Füllstand. Grenzstand. Druck. Messtechnik für vereinfachte Prozesssteuerung und Automatisierung Dank unserer jahrzehntelangen Erfahrung kennen wir die komplexen Anforderungen der Prozesssteuerung und -automatisierung. Die Vielfalt der Anwendungen und Prozessbedingungen verlangt nach robusten, intelligenten und dennoch einfachen Lösungen. Egal ob Schüttgüter, Flüssigkeiten oder Gase: VEGA hat den richtigen Sensor für jede Aufgabe. Zuverlässig. Bewährt in der Praxis. Einfach zu warten. www.vega.com 88 www.umweltwirtschaft.com