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                    ORIENTALISTIK

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Eva-Maria Auch (Hrsg.)

Deutsche im multikulturellen
Umfeld Südkaukasiens

https://doi.org/10.5771/9783956503375
Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43.
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Deutsche im multikulturellen Umfeld Südkaukasiens Herausgegeben von Eva-Maria Auch https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
BIBLIOTHECA ACADEMICA Reihe Orientalistik Band 27 ERGON VERLAG https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
Deutsche im multikulturellen Umfeld Südkaukasiens Herausgegeben von Eva-Maria Auch ERGON VERLAG https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
Umschlagabbildung: Familientafel der ‚jungen‘ Vohrers vor dem Ersten Weltkrieg © Familienarchiv Vohrer, Aufnahmedatum um 1914 Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. © Ergon – ein Verlag in der Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2017 Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb des Urheberrechtsgesetzes bedarf der Zustimmung des Verlages. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen jeder Art, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und für Einspeicherungen in elektronische Systeme. Gedruckt auf alterungsbeständigem Papier. Satz: Matthias Wies, Ergon-Verlag GmbH Umschlaggestaltung: Jan von Hugo www.ergon-verlag.de ISBN 978-3-95650-240-8 ISSN 1866-5071 https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
Inhalt Vorwort .................................................................................................................... 7 Teil I: Deutsche Siedlungsgeschichte im Kontext russischer Nationalitätenpolitik im 19. Jahrhundert bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts Eva-Maria Auch Zwischen Autarkie und Anpassung: Deutsche im multiethnischen Umfeld Südkaukasiens......................................... 13 Alik Dibraev Zur wirtschaftlichen Aktivität deutscher Einwanderer in Dagestan Mitte des 19. Jahrhunderts .................................................................................... 35 Tamara Tschernowa-Döke Besonderheiten im religiösen Leben und bei der Verwaltung geistlicher Angelegenheiten der deutschen Siedlergemeinden in Südkaukasien .................. 45 Alexander Schwab † Deutsche Musiker und Komponisten in Kaukasien von der Mitte des 19. bis Ende des 20. Jahrhunderts ......................................................................... 55 Gudrun Calov Das Bild der „Anderen“. Das multiethnische Umfeld Kaukasiens im Schaffen deutscher Maler und Zeichner ......................................................... 63 Teil II: Kaukasiendeutsche zwischen den Fronten von Revolutionen und Kriegen – Autonomiebestrebungen, Verfolgung und Deportation in den Jahren 1917-1941 Alfred Eisfeld Ein Vergleich der Autonomiebewegungen unter den Deutschen in Nord- und Südkaukasien 1917-1918................................................................. 95 Jusuf Agaev Die militärisch-politische Situation in und um Aserbaidschan 1917-1918 ....... 107 Mamed Džafarli Die Sowjetisierung der deutschen Kolonien und Gemeinden in Aserbaidschan.................................................................................................. 113 https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
6 INHALT Eva-Maria Auch Die Zerschlagung der genossenschaftlichen Organisation und die Deportation der deutschen Bevölkerung Aserbaidschans in den 1930-40er Jahren....................................................................................... 127 Mamed Džafarli Der Terror gegen die deutschen Bewohner Aserbaidschans durch GPU und NKVD in den 1930er Jahren .............................................................. 137 Teil III: Nachkriegsschicksale und Geschichtsaufarbeitung Viktor Krieger Russlanddeutsche in der Sowjetunion/ Russland und in der Bundesrepublik: Integration und Ausgrenzung in vergleichender Perspektive .............................................................................. 153 Janine Funke (geb. Noack) Historische und museumstheoretische Aspekte beim Aufbau eines Heimatmuseums zur Erinnerung an die Bewohner Göygöls/Helenendorfs ........................................................................................ 173 Anhang Die Einwandererfamilien und Ortsgründer von Helenendorf in Aserbaidschan – 1819...................................................................................... 193 Verzeichnis alter Maßeinheiten .......................................................................... 197 Verzeichnis der Abbildungen.............................................................................. 199 Literaturhinweise.................................................................................................. 203 Autorenverzeichnis .............................................................................................. 207 https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
Vorwort Das Schicksal der Deutschen Südkaukasiens gehört im Vergleich zu Untersuchungen über die Wolga- oder Ukrainedeutschen zu den bisher weniger berücksichtigten Themen der Forschung über die Geschichte und Kultur der Russlanddeutschen.1 Als relativ kleine Siedlungsgruppe mit ca. 20 Tausend Kolonisten im Jahre 1920 und rund 45 Tausend Deutschstämmigen bei ihrer Deportation im Jahre 1941 schrieben sie jedoch mit an der neuzeitlichen Geschichte der kaukasischen Völker und der deutsch-kaukasischen Beziehungen. Um hier zu neuen Erkenntnissen zu kommen, wurde in Zusammenarbeit mit der Gesellschaft „Wiedergeburt“, der Evangelisch-Lutherischen Gemeinde in Aserbaidschan und dem Göttinger Arbeitskreis e.V. im Oktober 1995 unter Leitung der Herausgeberin in Baku eine „Arbeitsgruppe zur Erforschung der Geschichte und Kultur der Kaukasusdeutschen“ gegründet. Im September 1997 fand mit Unterstützung des Präsidenten der Republik Aserbaidschan und des Auswärtigen Amtes der BRD eine erste internationale Konferenz in Baku und Gǝncǝ2 zum Thema „Deutsche in Kaukasien – Kaukasusdeutsche. Von der Einwanderung bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges“ statt,3 eine ethnographisch-kulturgeographische Exkursion in die Gebiete Xanlar (heute Göygöl), Şamxor (heute Şǝmkir) und Tovuz in Zusammenarbeit mit der Akademie der Wissenschaften Baku (1998) folgte ebenso, wie weitere Tagungen, die Anstöße für Qualifizierungsarbeiten aserbaidschanischer Wissenschaftler gaben. Inzwischen sind mit Hilfe des Göttinger Arbeitskreises e.V. auch mehrere Projekte mit den Historischen Archiven Aserbaidschans erfolgreich realisiert worden, um Archivbestände zur Geschichte der deutsch-aserbaidschanischen Beziehungen der Öffentlichkeit zugänglich zu machen,4 analoge Projekte mit Archiven in Georgien sind in Vorbereitung. 1 2 3 4 Ausführliche bibliographische Angaben finden sich in: Stumpp, Karl: Das Schrifttum über das Deutschtum in Rußland, Stuttgart 1980 (5. erw. Auflage), S. 64-66; Brandes, D./ M. Busch/ Ch. Pavlovič: Bibliographie zur Geschichte und Kultur der Rußlanddeutschen, Bd. I (Von der Einwanderung bis 1917), München 1994, vgl. auch die Bibliographie am Ende des Buches. Da die Beiträge unterschiedliche historische Perioden thematisieren und sich Ortsbezeichnungen vielfach änderten, wurde sowohl die wissenschaftliche Transliteration aus dem Russischen als auch – für aserbaidschanische Namen – das moderne aserbaidschanische Lateinalphabet genutzt. Ausnahmen sind geläufige eingedeutschte Formen von Ortsbezeichnungen und Namen. Abbasov, Arif/ Eva-Maria Auch (Hg.): Kavkazskie nemcy – nemcy na Kavkaze do Pervoj mirovoj vojny, Baku 2001. Auch, E.M./ A. Eisfeld (Hg.): Elenendorf v Azerbajdžane. Annotirovannye opisi fondov GIAAR i GAAR. Annotirovannyj tematičeskij perečen‘ dokumentov Gjandžinskogo uezdnogo ispol’nitel’nogo komiteta (1920-1931), Odessa 2001. S. Auch, E.M./ A. Eisfeld https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
8 VORWORT Als besonderer Erfolg der jahrelangen Bemühungen um die Geschichte und Kultur der Kaukasusdeutschen kann jedoch konstatiert werden, dass das Interesse an der deutsch-aserbaidschanischen Geschichte in den ehemaligen Siedlungen erwacht ist. Gemeinsamer politischer Wille zur Pflege dieses Erbe führte dazu, dass der Friedhof in Helenendorf geschützt, vier Hauptstraßen unter Denkmalschutz gestellten wurden und die Kirche in Helenendorf mit GIZ-Hilfe restauriert und durch eine Spendenaktion des Kultur- und Wissenschaftsverein „EuroKaukAsia e.V.“ mit einer neuen Kirchturmuhr versehen werden konnte. Anstrengungen zur Ausbildung von einheimischen Handwerkern, die zukünftig in der Lage sein werden, die Häuser zu restaurieren, zur Umwidmung des ehemaligen Wohnhauses von Viktor Klein zu einem „Schwäbischen Museum“ und Bemühungen um die Wiederherstellung eines „Heimatkundlichen Museums“ mit den ehemals berühmten Sammlungen des Jakob Hummel werden derzeit unternommen. So besteht berechtigte Hoffnung, dass „Helenendorf“ – seit 2008 „Göygöl“ – zu einer neuen Blüte gelangt, die auch andere Gemeinden (z.B. in Şǝmkir/Annenfeld) nicht nur in Aserbaidschan sondern auch in Georgien anspornt. Anlässlich des 200jährigen Jubiläums deutscher Zuwanderung nach Südkaukasien 2017/18 werden bedeutende Anstrengungen unternommen, um das architektonische Erbe in beiden Staaten zu restaurieren. Eine wichtige Voraussetzung für alle Aktivitäten ist jedoch das gemeinsame Wissen um und über die wechselhafte Geschichte der Orte und ihrer Menschen. Während es eine Vielzahl von Publikationen über die 100jährige Geschichte der südkaukasischen Kolonien bis 1917/19 gibt, besteht besonderer Nachholbedarf in Bezug auf die Zeit bis zur Deportation der deutschstämmigen Bevölkerung im Oktober 1941 und das Schicksal der Kaukasusdeutschen in den Zwangsansiedlungsgebieten.5 Viele Einzelschicksale und Details der Entwicklung sowohl in den Kolonien als auch in den Städten Südkaukasiens sind nicht oder unzureichend geklärt. Da im Unterschied zu den russischen Archiven die Bestände von GPU/NKVD der Republik Aserbaidschan ausländischen Forschern bisher verschlossen sind und georgische Archivbestände teilweise vernichtet wurden, blieb die Zwischenkriegszeit ein unvollständiges Puzzle. Im Sinne eines wichtigen Mosaiksteins in einem zu führenden Dialog über die gemeinsame Vergangenheit und Gegenwart entschied sich die Herausgeberin anlässlich des 190jährigen Jubiläums der Ortsgründung von Helenendorf/Xanlar/Göygöl die Erinnerungen des Zeitzeugen Julius Vohrer kommentiert zu veröffentlichen, der durch den mutigen Einsatz seiner Ehefrau 1935 aus den Fängen des sowjetischen Sicherheitsdienstes befreit 5 (Hg.): „Konkordija“. Proizvodstvennyj kooperativ vinogradarej i vinodelov Gjandžinskogo rajona, Odessa 2001. Für die populäre Aufarbeitung dieses Geschichtsabschnittes steht eine Vielzahl von Memoirenliteratur, die oftmals im Selbstverlag erschien oder maschinenschriftlich unter den Spätaussiedlern Verbreitung findet. Vgl. das Schriftenverzeichnis im Anhang. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
VORWORT 9 und gegen einen Kommunisten ausgetauscht werden konnte. Er war damit einer der sehr wenigen männlichen Vertreter seiner Generation, die die Zeit überlebten.6 In Aserbaidschan selbst nahm man sich seit Ende der 1990er Jahre verstärkt der Thematik an. Nach einzelnen Presseartikeln erschien 1995 eine populärwissenschaftliche Arbeit von N.A. Ibragimov über „Deutsche Seiten der Geschichte Aserbaidschans“, 1997 drehte der Regisseur Šichlinskij einen Dokumentarfilm über Spuren Deutscher und schließlich erfuhren Nachfahren der Kolonisten 1998 über eine Publikation M. Džafarlys aus dem wissenschaftlichen Informationszentrums des aserbaidschanischen Innenministeriums7 genaueres über die Umstände und Todesdaten ihrer Verwandten, die den Stalinschen Repressalien ausgeliefert waren. Inzwischen liegt eine Reihe von Qualifikationsarbeiten vor, die das Thema vor allem im Kontext von Migration behandeln. Hat die Beschäftigung mit diesem Kapitel deutsch-aserbaidschanischer Beziehungen in der Bakuer Öffentlichkeit wachsendes Interesse gefunden, wissen die heute in den ehemaligen Kolonien Xanlar/Göygöl (Helenendorf, 1819), Şǝmkir (Annenfeld, 1819), Çinarlı (Georgsfeld, 1888), Stadtgebiet Aǧstafa (Alexandersfeld/Alekseevka, 1902, Grünfeld, 1906, Elisabethtal, 1914), Irimaşlı (Eigenfeld, 1906), Tovuz (Traubenfeld, 1912) lebenden Einwohner – in großer Zahl Flüchtlinge aus Armenien und Berg-Karabach – noch immer zu wenig über die Geschichte ihrer neuen Heimatregion, halten sich hartnäckig Gerüchte und Mythen und entwickeln sich nur langsam Beziehungen zu den architektonischen, kulturellen und wirtschaftlichen Besonderheiten. Erst allmählich wird hinterfragt, warum sich der Ort so erfolgreich entfalten konnte, wie man wirtschaftete und ein funktionierendes Gemeinwesen mit Schulen, sozialen und kulturellen Einrichtungen organisierte. Der vorliegende Band versammelt nun verschiedene Facetten deutsch-südkaukasischer Beziehungsgeschichte, erhebt aber keinesfalls Anspruch auf eine umfassende Darstellung. Er beinhaltet Beiträge, die 2009 anlässlich einer Tagung zum 190jährigen Bestehen Helenendorfs/Göygöl (Aserbaidschan) gehalten wurden.8 Es ist zu erwarten, dass in Vorbereitung und Würdigung des Jubiläums der Einwanderung deutscher Siedler nach Südkaukasien vor 200 Jahren gemeinsame Projekte zur Geschichte und Kultur der Kaukasusdeutschen umgesetzt werden. Seit Februar 2017 ist unter dem Titel „Entgrenzung“ eine Wanderausstellung auf dem Weg durch Deutschland, Aserbaidschan, georgien und die Ukraine. Damit sollte dieses Kapitel deutsch-kaukasischer Beziehungen nicht nur eine größere öffentliche Aufwertung erfahren, sondern vor al6 7 8 Auch, E.M.: Deutsche Winzer im multikulturellen Umfeld Aserbaidschans. Erinnerungsbericht des Julius Vohrer (1887-1979), Berlin 2011. Džafarli, M.: Političeskij terror i sud’by azerbajdžanskich nemcev, Baku 1998. Eine deutsche Übersetzung erschien 2012 unter dem Titel „Politischer Terror und das Schicksal der aserbaidschanischen Deutschen“ in Stuttgart. Dank gilt der Landesvertretung Baden-Württemberg und der aserbaidschanischen Botschaft in Berlin, die eine Durchführung der internationalen Konferenz im Dezember 2009 ermöglichten. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
10 VORWORT lem auch Anschluss an die „Großen Fragen“ der Migrations- und Kulturgeschichte9 finden. 9 Vgl. Neutatz, D.: Wo steht die Forschung über die Russlanddeutschen. In: Eisfeld, A. (Hg.): Deutsche im Schwarzmeergebiet, auf der Krim und im Kaukasus vom 19. Jahrhundert bis 1941, Hamburg 2016. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
Teil I: Deutsche Siedlungsgeschichte im Kontext russischer Nationalitätenpolitik im 19. Jahrhundert bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
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Zwischen Autarkie und Anpassung: Deutsche im multiethnischen Umfeld Südkaukasiens Eva-Maria Auch Die konfliktreiche Situation in verschiedenen multiethnischen Regionen der ehemaligen Sowjetunion befördert nicht nur ihre Beschreibung als „ethnischreligiös“, sondern lässt Betroffene wie Betrachter für die Begründung von Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen ethnischen Gruppen auch die Geschichte nach Ursachen und Hintergründen befragen. Beeinflusst von aktuellen Entwicklungen und Wünschen nach politischer Profilierung werden – oft auch in Antwort auf die jahrzehntelang beschönigende Darstellung der „unzerbrechlichen Freundschaft der Völker der Sowjetunion“ – verstärkt Traditionen der „Feindschaft“ aufgearbeitet. Ausgehend von der Grundthese, dass es in der Geschichte des russischen und sowjetischen Vielvölkerimperiums neben einer Geschichte des „Gegeneinander“ auch stets eine des „Miteinander“ von Volksgruppen gegeben hat, soll nicht nur ein Überblick über die Geschichte der transkaukasischen Kolonistensiedlungen gegeben, sondern das Miteinander von deutschen Einwanderern und ansässigen Völkerschaften, also die Entwicklung multiethnischer, -religiöser und -kultureller Kontakte nach ihren Reibungsstellen, aber vor allem den Berührungspunkten und Austauschmöglichkeiten hinterfragt werden. Dabei geht es nicht um die Glorifizierung „deutscher Arbeit“ und „deutschen Fleißes“ in fremdem, „unkultiviertem“ Land „wilder Völker“ Kaukasiens, wie wir sie durch Reise- und spätere Erlebnisberichte1 aus deutschen Kolonistendörfern kennen, sondern viel eher sollen folgende Fragenkomplexe in die Diskussion eingebracht werden: Erstens: Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede ergeben sich im Vergleich zwischen südkaukasischen und anderen Regionen deutscher Zuwanderung, welche Formen, Inhalte und Konsequenzen hatten Kontakte zwischen ihnen? Zweitens: Wie entwickelte sich die Integration der eingewanderten Deutschen im multiethnischem Südkaukasien, wo verliefen die Grenzen zwischen Kaukasiern und Zugewanderten, welche Kriterien bestimmten neben Sprache und Abstammung eine kaukasische Identität aus der ein Recht auf Beheimatung abgeleitet werden konnte? Und drittens: Wie funktionierte das Miteinanderleben von Menschen unterschiedlicher kulturhistorischer Bindung, wie wurde dieses Miteinander erinnert, wie ging man mit dieser Andersartigkeit um, wo lagen Be1 Vgl. u.a. Auch, E.M.: Zum Muslimbild deutscher Kaukasusreisender im 19. Jahrhundert. In: Auch, E.M./ S. Förster (Hg.): „Barbaren“ und „Weiße Teufel“, Paderborn 1997, S. 83100; Dies.: Die Kaukasusmission der Basler Missionare. In: Beer, M./ D. Dahlmann (Hg.): Migration nach Ost- und Südosteuropa vom 18. bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts. Ursachen-Verlauf-Ergebnis, Tübingen 1999, S. 245-262. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
14 EVA-MARIA AUCH rührungs- und Kommunikationsebenen, Lernfelder und wo sind jene Grenzbereiche zu finden, die zu Konflikten führen konnten? Diese Fragen unter kaukasischen Bedingungen beantworten zu wollen, ist besonders schwer, da die Geschichte der Kaukasusdeutschen im Vergleich zu anderen Siedlungsgebieten der Russlanddeutschen bisher unzureichend oder recht einseitig2 wissenschaftlich untersucht wurde, wie unter anderem die noch weitestgehend unbearbeiteten Archivbestände in Tbilisi und Baku zeigen. Andererseits sollte die Erforschung von Beziehungen stets alle Beteiligten befragen, im vorliegenden Fall verfügen wir jedoch nach bisherigen Erkenntnissen bis zur Jahrhundertwende kaum über zeitgenössische Aussagen ansässiger Bevölkerungsgruppen zu diesem Thema. So konstatiert der „Urvater“ der aserbaidschanischen Historiker, Abbasqulu aǧa Bakıxanov, in seinem „Gülüstan-i irem“ (persische Fassung 1841 beendet, russische Ausgabe 1844) das Auftauchen deutscher Siedler ebenso wenig wie die Autoren des „Karabagh-name“ (1847) oder der Autor der Geschichte der Stadt Gǝncǝ, Scheich Ibrahim Nǝsix. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts sind es deshalb vor allem deutsche Reisende, Schottische und Baseler Missionare, die seit 1818 von Karass und 1821 von Şuşa aus die Kolonistenseelsorge zum Bestandteil ihrer Missionsarbeit im Kaukasus machten und über ihre Arbeit und das Umfeld berichteten. Ihre Mitteilungen wurden ergänzt durch in russischen Diensten stehende Beamte, die ihre Beobachtungen in russischen und deutschen Periodika veröffentlichten. Diese prägten die öffentliche Meinung über die deutschen Kolonistendörfer und die sie umgebenden ethnischen Gemeinschaften, noch bevor um die Jahrhundertwende unter dem Einfluss des Nationalismus von Russen – vereinzelt auch von Aserbaidschanern – das Problem der Einwanderung auf den Seiten von „Kavkaz“ und „Kaspij“ thematisiert und politisiert wurde und sich eine distanzierte Haltung zur Rolle deutscher Kolonisten in Südkaukasien durchsetzte. Durch den Mangel an ausreichend zeitgenössischen Quellen, die eine Sicht der Alteingesessenen widerspiegeln könnten, ist die Gefahr einseitiger oder unvollständiger Schlussfolgerungen sicher besonders groß. Zur Siedlungsgeschichte Bekanntlich ist die Ansiedlung Deutscher in Südkaukasien die letzte geschlossene Siedlungsaktion, die in den Traditionslinien von Katharina II. verwirklicht wurde. Hatte sich Peter der Große in seiner außenpolitischen Konzeption noch überwiegend auf den Norden konzentriert,3 verlagerten sich die russischen Interessen wäh2 3 Mandzgaladze, G.Ch.: Germaneli kolonistebi amierkawkasiashi (1818-1920), Tbilisi 1974 (Diss.), hier: Mandžgaladze, G.Ch.: Nemeckie kolonisty v Zakavkaz’e (1817-1920gg.). Avtoreferat kand. Diss., Tbilisi 1970. Ausnahmen von dieser Politik stellen die russischen Eroberungen in Südkaukasien in den Jahren 1722/23, sowie der Vertrag von Konstantinopel von 1724 dar. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
ZWISCHEN AUTARKIE UND ANPASSUNG 15 rend des 18. Jahrhunderts stetig gen Süden. Katharina unterstützte dabei nicht nur die wissenschaftliche Erforschung entlegener Landstriche im Rahmen sogenannter „Akademischer Expeditionen“, sondern ging bereits einen Schritt weiter, indem sie die Ansiedlung von Bauern in den neu gewonnenen Randzonen initiierte und den bekannten gesetzlichen Rahmen zukünftiger Kolonisation vorgab. Hatten sich die Pläne Katharinas zunächst auf die untere Wolga konzentriert, folgte in den 1780er Jahren die zweite große Kolonisationsbewegung. Mit dem erfolgreichen Abschluss der Türkenkriege unter Potëmkin fielen zunächst weite Teile des Schwarzmeergebietes in russische Hände, 1783 folgten die Krim und das Kubangebiet und schließlich wurde Russland im Frieden von Jassy 1791 auch das Steppengebiet zwischen Bug und Dnjestr im westlichen Schwarzmeerraum zugesprochen. Als diese Gebiete, die den Namen „Neurussland“ trugen, von der Zarin zur Kolonisation freigegeben wurden, siedelten hier neben schwedischen Bauern vor allem holländische und friesische Mennoniten, die 20 Jahre zuvor auf Einladung Friedrichs des Großen nach Preußen gekommen waren und mit dem Thronwechsel 1786 die Missachtung ihrer Glaubensgrundsätze – vor allem die Freiheit vom Militärdienst – befürchteten.4 Bereits im Ringen um das Schwarzmeergebiet während der russisch-osmanischen Kriege des 18. Jahrhunderts hatte sich die militärstrategische Bedeutung Südkaukasiens gezeigt. Während des 18. Jahrhunderts waren die russischen Grenzen bis in den Nordkaukasus vorgeschoben worden. Ein System miteinander verbundener Befestigungsanlagen, wie Vladikavkaz, und Kosakenstanizen, die „Kaukasische Linie“, sicherte die Grenze an Terek, Malka und Kuban’ und bildete damit wichtige Ausgangspunkte für das Vordringen gen Süden. Der Annexion des Königreichs von Georgien-Kachetien 1801 unter Pavel I. folgte unter Aleksandr I. (1777-1825) und Nikolaj I. (1796-1855)5 nicht nur das Protektorat über die Fürstentümer Westgeorgiens, sondern die Angliederung der Chanate im nördlichen Aserbaidschan. Diese territoriale Expansion vollzog sich bis 1828/29, als die Grenzziehung am Arax die vorläufig endgültige Trennung des kaukasischen Wirtschafts- und Kulturraumes vom Nahen Osten festschrieb. Neben strategischen Interessen meldeten sich auch hier bald ökonomische. Bereits seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts hatte die Petersburger Akademie die wissenschaftliche Erforschung des Kaukasus gefördert. Unter anderen waren es deutsche Gelehrte, die wichtige Informationen sammelten und diese Erkenntnisse bis nach Mitteleuropa brachten. So unternahmen im Auftrag der Petersburger Akademie 1770 bis 1772 sowie 1773 bis 1774 Samuel Gottlieb 4 5 Durch das Mennonitenedikt Friedrich Wilhelms II. von 1789 wurde die Einschränkung der persönlichen Rechte und Freiheiten der preußischen Mennoniten forciert. Beide waren verwandtschaftlich mit dem Hause Württemberg verbunden: Sophie Dorothee von Württemberg (1759-1828) war ab 1776 als Maria Fedorovna die zweite Ehefrau von Pavel I. (1754-1801). Sohn Aleksandr I. war zudem vermählt mit Prinzessin Louise (Elisabeth) von Baden (1779-1826) und Katharina von Württemberg (1788-1819) war eine geborene Romanowa. Großfürst Miachail (1798-1849) war verheiratet mit Charlotte von Württemberg. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
16 EVA-MARIA AUCH Gmelin, 1770 bis 1772 Johann Anton Güldenstädt und 1807 bis 1808 Heinrich Julius Klaproth Reisen6 durch die neu eroberten Territorien und lieferten ausführliche Informationen über die reiche Wirtschaftsgeographie der Region. Es wundert daher nicht, dass die Siedlungsunternehmungen Katharinas II. eine spezifizierte Neuauflage unter Zar Aleksandr I. erhielten. Bereits am 20. Februar 1804 hatte dieser das bis dahin gültige Manifest Katharinas durch neue Immigrationsvorschriften ersetzt, welche Bedingungen für die Einwanderung stellten und während seiner Herrschaft mehrmals ergänzt wurden: Um Musterlandwirte zu bekommen, verlangte die Regierung nun, dass Neuankömmlinge gute Bauern, Spezialisten für Weinbau, Seidengewinnung und Viehzucht, oder Dorfhandwerker sein sollten sowie einen Mindestbesitz und Frau und Kinder vorweisen mussten. Die Einwanderungszahl wurde auf 200 Familien pro Jahr begrenzt, bevor 1819 die Masseneinwanderung ganz und gar unterbunden wurde. Kolonisten sollten 60 Desjatinen7 Land und einen Ansiedlungskredit von 300 Rubeln erhalten, blieben von der Militär- und Zivildienstpflicht befreit, während ihre Steuerfreiheit auf zehn Jahre begrenzt wurde. Diesmal waren es vor allem Familien aus Baden-Württemberg, die sich zur Auswanderung entschlossen. Über die Beweggründe ihrer Auswanderung und Aufnahme trotz der Einschränkungen auf Beschluss des Ministerrates von 1809 und 1816 gibt es in den Quellen verschiedene Meinungen. Von russischer Seite werden – neben den verwandtschaftlichen Beziehungen zwischen den Herrscherfamilien und dem zwischenzeitlichen Interesse Aleksandrs für die Chiliasten – Hoffnungen auf ein zuverlässiges wirtschaftlich aktives Element im neueroberten Territorium eine Rolle gespielt haben. So können wir anhand der Akten der Archäogeographischen Kommission ersehen, dass es bereits im Jahre 1816 im Zusammenhang mit einer Analyse der landwirtschaftlichen Leistungsvermögens Südkaukasiens Empfehlungen General Ermolovs gab, deutsche Bauern anzusiedeln.8 Damit ist die Entstehung deutscher Niederlassungen in Südkaukasien von russischer Seite keiner Laune des Monarchen entsprungen, noch der Nähe des Ararat geschuldet, sondern tatsächlich als später Ausläufer der Kolonisationsbewegung Katharinas II. zur wirtschaftlichen Integration der eroberten Peripherie zu betrachten. Von Württemberger Seite9 sind die Ursachen wohl vor allem in den schwierigen politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen in den süddeutschen Ländern 6 7 8 9 Vgl. u.a. Klaproth, Julius von: Reise in den Kaukasus und nach Georgien, 2 Bd.e, Halle und Berlin 1812/1814. Auch, E.-M.: Öl und Wein am Kaukasus. Deutsche Forschungsreisende, Kolonisten und Unternehmer im Vorrevolutionären Aserbaidschan, Wiesbaden 2001. Ein altrussisches Flächenmaß, eine Desjatine entspricht ca. 1,09 Hektar Land. Akty archeogeografičeskoj komissii Kavkaza (AKAK), Bd. IV, S. 248 f., Brief an den russischen Innenminister Kosodavlev vom 31. Dezember 1816. Vgl. Becker, H.: Die Auswanderung aus Württemberg nach Südrußland 1816-1830, Tübingen 1962 (Diss.) und Leibbrandt, G.: Die Auswanderung aus Schwaben nach Rußland 1816-1823. Ein schwäbisches Zeit- und Charakterbild, Stuttgart 1928 (Diss.). https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
ZWISCHEN AUTARKIE UND ANPASSUNG 17 zur Zeit der Napoleonischen Kriege zu suchen. Ständige Kriegszüge, erhöhte Steuern sowie die vermehrte Aushebung junger Leute zum Kriegsdienst führten zu einer rapiden Verarmung der Bevölkerung. Hinzu kam die Politik des späteren Königs Friedrich II. von Württemberg – seit 1797 an der Macht –, der sowohl durch die preußische als auch die russische Militärschule gegangen war und mit entsprechend radikalen Mitteln versuchte, sein Staatswesen zu reorganisieren. Ein wichtiges Element für die Ausreisebereitschaft stellte zudem die Abschaffung der alten Gesangbücher Augsburgischer Konfession (1792), der Katechismen und Agenden (1792) und der Liturgie (1809) dar, welcher sich zahlreiche Gemeinden in Württemberg widersetzten. Während viele nach Nordamerika auswanderten, um dort der Not zu entfliehen, hatten sich andere noch in der Heimat zusammengefunden, um in sogenannten „Stunden“ religiöse Erbauung außerhalb der Kirche zu finden. Im Glauben an das baldige Auftreten des Antichristen und das Jüngste Gericht fand bei ihnen die Idee der Pietisten Bengel und Jung-Stilling, sich an einen stillen Bergungsort zu retten und mit Gott das Tausendjährige Friedensreich auf Erden zu errichten, fruchtbaren Nährboden. Ausschlaggebend scheint jedoch die Hungersnot von 1816 gewesen zu sein, in der sich die Versorgungslage in Baden-Württemberg dramatisch verschlechterte. In dieser trostlosen Situation scheint das Hauptmotiv für die Auswanderung der Masse der Bewerber eher die Hoffnung auf Rettung der nackten Existenz, als religiöse Motivation gewesen zu sein. Immerhin ist aus den Auswanderungslisten der Jahre 1817-1820 ersichtlich, dass 53,1 Prozent „Mangelnde Nahrung, Vermögenszerfall, Hoffnung auf besseres Glück“, 25,1 Prozent „religiöse Schwärmerei“, 12,4 Prozent „bessere Erwerbsaussichten“, 7,8 Prozent „Verheiratung, feste Anstellung im Ausland“ und 1,6 Prozent „Verwandtschaft mit früher Ausgewanderten“ als Beweggrund angaben.10 Mag die Motivation der Auswanderer insgesamt recht vielfältig gewesen sein, hatte das religiöse Moment wichtigen Einfluss auf die Initiierung und Organisation der Wanderungsbewegung und die spätere Geschichte ihrer Siedlungen. So rekrutierte sich die erste Gruppe Auswanderungswilliger im Dorf Schweikheim, Oberamt Waiblingen, unter jenen Christen, die seit 1812 Gebetsstunden nach altem Brauch abhielten und sich seit 1814 unter ihrem Vorstand Friedrich Fuchs vom öffentlichen Gottesdienst zurückgezogen hatten, beziehungsweise davon ausgeschlossen worden waren. Eigentumsverluste und Haftstrafen trafen führende Mitglieder der „Separatisten“. Als ihre Lage immer bedrohlicher wurde, machten sie auf Vermittlung von pietistischen Kreisen in Petersburg und Moskau 10 Diedrich, H.Ch.: Siedler, Sektierer und Stundisten. Die Entstehung des russischen Freikirchentums, Berlin 1985, S. 26-33; amtliche Auswanderungsunterlagen geben von 1800 bis Sep. 1820 in Württemberg eine Gesamtzahl von 44.424 Auswanderern an, 15.487 wählten Russland als Ziele. Diese Statistik umfasst allerdings nicht den Zeitraum von Juli 1804 bis Ende 1814, vgl. Ebd., S. 29. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
18 EVA-MARIA AUCH Gebrauch vom Angebot der Auswanderung. Nachdem sie im September 1816 in Stuttgart ihre Pässe erhalten hatten, begaben sich 40 Familien über Wien, entlang der Donau, über Ismail, Akirman und den Dnjestr auf den Weg, der schließlich 29 von ihnen am 31. Dezember 1816 nach Großliebental bei Odessa führte. Da bereits im Dezember 1816 Ermolov signalisiert hatte, dass er bereit sei, 30 Familien zur Verbesserung der Landwirtschaft aufzunehmen, erhielten 31 Familien unter dem Ältesten Gottlieb Lefler (Löffler) im späten Frühjahr 1817 die Erlaubnis, über Cherson, Taganrog, Stavropol’, Mozdok nach Tiflis weiterzuziehen, wo am 21. September 1817 148 Personen11 eintrafen und später, 35 Werst12 von der Gouverneurshauptstadt entfernt, die Kolonie Marienfeld gründeten. Im Frühjahr 1818 wurden jeder Familie 35 Desjatinen Land, also insgesamt 1085 Desjatinen, zugeteilt. Als Erstausstattung erhielten die Kolonisten auf Staatskosten unter anderem 16 Pflüge, 35 Pferde aber auch 31 Gewehre zur „Verteidigung vor niederem Volk“. Vor Ort hatte man 13 Rinder konfisziert, während von Generalmajor Ismayıl-xan Şǝkinski 30 Kühe, 27 Kälber und 200 Schafe den Kolonisten geschenkt wurden. Bereits am 1. September 1817 war zwar mit Hilfe von Soldaten der Bau von 16 Häusern begonnen worden, aber ein Jahr später – als die Lebensmittelversorgung durch die Regierung eingestellt wurde – war noch nicht ein einziges bezugsfertig, sodass die Siedler noch im Dorf Sartitschala bei der einheimischen Bevölkerung Unterkunft nahmen. War damit die erste Auswandererharmonie13 relativ glücklich in Georgien gelandet, sollte sich das Schicksal der nachfolgenden dramatisch gestalten. Dem Aufruf der Brüder Koch aus Marbach und Schluchtern zur Errichtung einer „brüderlichen Auswanderungsharmonie der Kinder Gottes“ waren von April bis August 1817 über 1.300 Familien gefolgt, die sich in 14 Abteilungen zu je 230 bis 290 Personen unter der Führung je eines gewählten Ältesten zur Reise rüsteten. Letztere agierten nicht nur als Kontaktmänner für die jeweiligen Behörden, sondern verkörperten auch die geistliche Führung der Auswanderungstrecks, die sich als Lebens- und Glaubensgemeinschaft verstanden. Von Ulm über Wien und die Donau führte der Weg nach Ismail, wo während einer 40-tägigen Quarantäne ca. 1.100 Menschen starben. Völlig erschöpft trafen die Auswanderer bei Odessa ein, wo zahlreiche Familien ihr Reiseziel aufgaben und den Wunsch zur Ansiedlung äußerten. Da der Gouverneur in Tiflis bereits vorher die völlige Überforderung der russischen Verwaltung mit dem Schutz und der Ansiedlung von Hunderten Siedlerfamilien signalisiert hatte, wurde eine Weiterreise zunächst verhindert. Eine Ab11 12 13 AKAK, Bd. IV, S. 352; 178 Pers. lt. Schrenk, M.: Geschichte der deutschen Colonien in Transkaukasien, Tiflis 1869 u. Dzjubenko, P.: Nemeckie kolonisty na Kavkaze. In: Kavkaz Nr. 313/1882, S. 3-4. Längenmaß im zaristischen Russland, eine Werst entsprach 1066,78 Metern. Eine religiöse Genossenschaft, die sich als Lebens- und Glaubensgemeinschaft verstand und in der auch die materiellen Lasten der Auswanderung und Ansiedlung gemeinsam getragen wurden; die geistliche Versorgung übernahm ein selbstgewählter Ältester, der Zufluchtsort in Russland wurde als Durchgangsstation auf dem Weg zum endgültigen Bergungsort gesehen. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
ZWISCHEN AUTARKIE UND ANPASSUNG 19 ordnung der Kolonisten (Johann Georg Frick, Johann Jakob Koch, Johannes Mayer) konnte jedoch auf Vermittlung von Graf Nesselrode in Moskau die Genehmigung des Zaren für ihre Ansiedlung in Georgien und die Erhebung in den Kolonistenstand erwirken.14 Damit erfolgte zugleich eine Reaktivierung der Kolonistenprivilegierung auf Staatskosten, wie sie 1810 und 1816 durch das Komitee der Minister aufgehoben worden war.15 Gleichzeitig wurde eine Regierungskommission eingesetzt, die für die Sicherheit und Überwachung der Ansiedlung unter Einbeziehung von Kolonistenvertretern verantwortlich gemacht wurde. Während unter Leitung von Generalleutnant Insov in Odessa die Reisevorbereitungen abgeschlossen und in Abständen zehn Trecks mit je 50 Familien unter Führung eines Regierungskommissars im Juni und Juli auf die Reise geschickt wurden, inspizierten zur gleichen Zeit die deutschen Abgeordneten Frick, Barth und Kindlieb die zur Ansiedlung vorgesehenen Ländereien, deren Besitzverhältnisse seitens der russischen Regierung jedoch ungeklärt blieben. Trotz geteilter Ansichten über die klimatischen Bedingungen und die Bodenverhältnisse und während im Hintergrund zahlreiche Unstimmigkeiten zwischen den Verantwortlichen in Moskau, Odessa und Tiflis ausgetragen wurden, betraten am 12. August 1818 die ersten deutschen Siedler der zweiten Harmonie den Boden des kaukasischen Gouvernements. Auch als am 14. September Ermolov Anweisung gab, jene Trecks, die Georgievsk noch nicht erreicht hatten, dort festzuhalten und lediglich jene aus Mozdok weiterreisen zu lassen, setzen sich die „sturen Schwaben“ durch: Ende November 1818 – 19 Monate nach der Abreise des ersten Trecks aus Württemberg – hatten auch die letzten drei Abteilungen Tiflis erreicht. Über die Gründungen der nun entstehenden Kolonistendörfer sind die Angaben noch sehr widersprüchlich: Basichin spricht von der Etablierung der Kolonien zu Beginn des Jahres 1818, einer Zeit, als diese Siedlungswelle noch gar nicht in Südkaukasien eingetroffen war.16 Leibbrandt, Schrenk, Hummel, Nikiforov, Mandžgaladze, zeitgenössische Chroniken und russische Verwaltungsquellen geben unterschiedliche Zahlen über die Neusiedler, sodass wir hier von ungefähren Werten ausgehen müssen.17 Neben der bereits erwähnten ersten Siedlung Marienfeld entstanden noch sieben weitere Kolonien. In der zweiten Niederlassung, Neu-Tiflis, das 1862 von Tiflis eingemeindet wurde, siedelten sich vor allem Handwerkerfamilien der zweiten Kolonne an. Die Gründung erfolgte auf dem ehemaligen Besitz des Fürsten Ama14 15 16 17 AKAK, a.a.O., S. 316, Schreiben Nesselrodes an Ermolov vom 20. Februar 1818. Ebd., S. 313, Schreiben Kosodavlevs an Ermolov vom 6. März 1817. Basichin, N.: Nemeckie kolonii na Kavkaze. In: Kavkazkij vestnik, 1/1900, S. 15. Leibbrandt, Georg: Die Auswanderung aus Schwaben nach Russland 1816 – 1823, Ein schwäbisches Zeit- und Charakterbild, Stuttgart 1928; Schrenk, M.: Geschichte der deutschen Colonien in Transkaukasien, Tiflis 1869; Hummel, Th.: 100 Jahre Erbhofrecht der deutschen Kolonisten in Rußland, Berlin 1936; Nikiforov, N.K.: Ekonomičeskij byt nemeckich kolonistov v Zakavkazskom krae. Materialy dlja byta gosudarstvennych krest’jan, Bd.1, St. Petersburg 1885; „Kavkazskij kalendar' na...“, Tiflis 1860/61 bis 1914/15. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
20 EVA-MARIA AUCH tuna, drei Werst von Tiflis am linken Ufer der Kura gelegen, wo ungefähr 60 Familien jeweils eine Desjatine Land für Haus, Hof und Garten zugesprochen bekamen.18 Die dritte Kolonie, Katharinenfeld, lag 60 Werst von Tiflis bei Bortschaly. Dessen Bewohner rekrutierten sich aus den Kolonnen zwei bis fünf, nach Schenk circa 135 Familien oder 350 Personen. Aufgrund auftretender tödlicher Krankheiten und Landstreitigkeiten war Ende 1918 eine Umsiedlung an den Fluss Muschawer notwendig: in „Neu-Katharinenfeld“ ließen sich schließlich 115 Familien nieder.19 Am 19. November 1818 wurde mit Elisabethtal, 35 Werst südwestlich von Tiflis gelegen, die vierte Niederlassung mit 65 Familien gegründet, im Archiv lassen sich 307 Personen nachweisen. Da das Verhältnis zu den Einheimischen lange durch Gebietsstreitigkeiten mit der Kirche und privaten Alteigentümern belastet war, übernahmen 21 Soldaten, darunter sechs Kosaken, den Schutz der Kolonisten. Mit Alexandersdorf, acht Werst nördlich von Tiflis, entstand die fünfte schwäbische Siedlung. Sie erhielt besondere Unterstützung durch den Zivilgouverneur von Stahl. Hier siedelten laut Archiv 23 Familien, nach Schenk 26 Familien oder 99 Personen. 1820 waren an 24 Familien 664 Desjatinen Land vergeben worden, es fehlten also 175 Desjatinen um die ihnen zustehende Fläche von 35 Desjatinen pro Familie zu erreichen. Die sechste Kolonie, Petersdorf, lag 12 Werst von Tiflis entfernt. Die dort angesiedelten 17 Familien mussten bald wegen Streitigkeiten mit Kirche und ansässigen Landbesitzern in das nahe liegende Marienfeld übersiedeln. Annenfeld, 25 Werst von Elizavetpol’ und 155 von Tiflis entfernt, bildete aus den Kolonnen sechs und sieben mit 84 Familien, insgesamt 600 Personen, die siebente Neugründung.20 1820 hatten mittlerweile 91 Familien hier 3.185 Desjatinen Land zugeteilt bekommen. Die letzte und mit 187 Werst am weitesten von Tiflis entfernte Siedlung war Helenendorf, im heutigen Aserbaidschan gelegen. Hier siedelten sich vor allem die aus Reutlingen stammenden Familien der Kolonnen acht bis zehn – insgesamt 120 Familien oder 501 Personen – an. Im ehemaligen Tatarendorf Xanluqlar, wo ihnen 2.600 Desjatinen Land zugeteilt wurden, nahmen sie Ostern 1819 ihre Ortsgründung vor.21 Die Entwicklung der deutschen Niederlassungen in Kaukasien Damit waren die Grundlagen für das Wachstum von zwei Zentren in Südkaukasien entstanden: während sich die erstgenannten Kolonistendörfer in enger Abhängigkeit und relativer Nähe von Tiflis entwickelten, mussten sich die beiden 18 19 20 21 Für 1820 lassen sich im Archiv 51 Familien, insgesamt 200 Personen, nachweisen: AKAK, a.a.O. AKAK: 1820: 91. Das Archiv nennt 73 Familien und insgesamt 277 Personen: AKAK, a.a.O. Siehe Central’nyi gosudarstvennyj istoričeskij archiv Azerbajdžana (CGIAA), f. 508, op. 1, Dok. 436 (Dokumente der Feierlichkeiten anlässlich des hundertjährigen Jubiläums der Ortsgründung Helenendorfs). https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
ZWISCHEN AUTARKIE UND ANPASSUNG 21 Abb. 1: Deutsche Siedlungen in Kaukasien letztgenannten, Annenfeld und Helenendorf, in relativer Isolation vom 182 Kilometer entfernten Tiflis behaupten, was letztlich zu einer stärkeren Orientierung auf Elizavetpol’ – ab 1868 Gouvernementszentrum – und schließlich Baku führte. Ein Blick auf die Karte verdeutlicht die geographischen Bedingungen der Neugründungen. Trotz der umfangreichen Unterstützung durch die russische Regierung blieb der wirtschaftliche Erfolg der deutschen Siedlungen lange Zeit aus. Der Ministerrat hatte am 7. September 1818 folgende Konditionen für die migrierten Württemberger fixiert. Erstens, umfangreiche Gebietsaustausche von Staatsbesitz und Privatländereien sollten zur Schaffung geschlossener Ansiedlungsräume führen. Zweitens, da die ausgewählten Ländereien – wie man fälschlicherweise annahm – über alle Voraussetzungen günstigen Wirtschaftens verfügten, wurden nicht 60 sondern nur 35 Desjatinen pro Kolonistenfamilie zur Verfügung gestellt, wobei jedoch zusätzlich Wälder und Weideflächen genutzt werden durften. Drittens, zur Befriedigung grundlegender Bedürfnisse, wie Lebensmittel und Tierfutter, wurden zunächst 100 Tausend dann 300 Tausend Rubel zur Verfügung gestellt, die man je nach Notsituation der einzelnen Familien ausgab. Viertens, wurde ein Kontor unter Verantwortung des Generalgouverneurs bei Mitgliedschaft von ein bis zwei Kolonistenvertretern zur Durchsetzung der in allen anderen russischen Kolonistensiedlungen üblichen Gesetze geschaffen.22 Obwohl sich die Ämterzu22 AKAK, a.a.O., S. 332 ff. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
22 EVA-MARIA AUCH ordnung während der fast hundertjährigen russischen Verwaltungszeit mehrmals veränderte, blieben bis 1903 die deutschen Kolonien direkt der Obersten Regierungsgewalt Kaukasiens unterstellt, was in nicht unerheblichem Maße das Gedeihen der Kolonien befördert haben dürfte, galten doch die deutschen Dörfer auf dem Weg nach Baku oder Persien stets als „Vorzeigeobjekte“, die sich kein Beamter oder ausländischer Reisender entgehen ließ. Bis 1824 waren für 480 Familien mit 1.966 Personen einschließlich der Kosten für den Bau einer Mühle und der Unterhaltung des Kontors 963.711 Rubel ausgegeben worden. Damit war jede Familie mit etwa 1.920 Rubel bei einer Rückzahlungsfreiheit von zehn Jahren und zwanzigjähriger Zinsfreiheit verschuldet. Ungünstige klimatische Bedingungen, Seuchen und Überfälle besonders in den Jahren 1826-28, als Katharinenfeld (heute in Georgien) und Helenendorf völlig ausgeraubt, teilweise zerstört und 142 Kolonisten in die Sklaverei verschleppt wurden, zwangen die Regierung zu weiteren Zahlungen von insgesamt 45.314 Rubel (172 Rbl. pro Kopf). Die daraus resultierende Erhöhung der Kronschuld wurde jedoch erlassen. Hilfsbedürftigkeit und damit die Abhängigkeit der deutschen Kolonien von der russischen Verwaltung prägten bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts das Kolonistendasein. In Helenendorf lebten von den 135 Einwandererfamilien bei der Landverteilung noch 118 Familien, beim Besuch von Graf Schweinitz 1909 waren insgesamt 61 Einwandererfamilien ausgestorben, 74 bildeten die „Stammfamilien“ der Helenendorfer deutschen Bevölkerung.23 Das Urteil des Generalgouverneurs aus dem Jahre 1850, die Einwanderer aus Württemberg hätten keinerlei landwirtschaftliche Kenntnisse mit ins Land gebracht und bisher durch verschiedene Ursachen die in sie gesetzten Erwartungen nicht erfüllt, wurde nur dadurch relativiert, dass er ihre Regierungstreue schätzte, zudem seien sie „gebildet, arbeitsam und bereit, Neuerungen auszuprobieren“.24 Die Abhängigkeit der deutschen Kolonien von der Hilfe der russischen Verwaltung prägte somit bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts das Leben der Siedler. Erst nach dieser Zeit ist ein wirtschaftlicher Aufschwung festzustellen, der endlich 1874 zur restlosen Tilgung der Schulden, mit Ausnahme der Beträge, die als Schadenersatz für Überfälle von der Regierung angewiesen worden waren, führte. Bis zu diesem Zeitpunkt blieb auch das spezielle Aufseheramt als Institution bestehen. Da hier nicht auf die weitere Entwicklung der einzelnen Dörfer und ihrer Tochtergründungen eingegangen werden kann, soll die nachfolgende Tabelle die wirtschaftliche und geistig-kulturelle Entwicklung der transkaukasischen Dörfer bis zum Ersten Weltkrieg verdeutlichen25: 23 24 25 Schweinitz, H.H. Graf v. : Helenendorf. Eine deutsche Kolonie im Kaukasus, Berlin 1909, S. 8-12. Kavkaz, Nr. 40 (1850), S. 160. Hummel, J.: Deutsche Kolonien in Transkaukasien, (o.O.) 1918, S. 7-9. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
ZWISCHEN AUTARKIE UND ANPASSUNG 1820 23 1914 E i n w o h n e r z a h l 1.920 Personen 12.059 Personen Grundbesitz 45.526 Desjatinen (=3,7 pro Kopf), circa 49.623 Hektar, davon: 31.020 anbaufähig (aufgeteilt auf 3.140 Weingärten, 332 Gehöfte, 81 Obstgärten); 5.686 Desjatinen Wald; nicht bewässerbares Acker- und Wiesengelände 11.180; Gemüseland 890 Desjatinen Immobilien 26.921 Desjatinen (=13,9 pro Kopf) Wert der Weingärten: 12 Millionen Rubel (1 Rubel=2,16 Mark Vorkriegskurs) Bewässerungskanäle: 332.400 Rubel, Kärise: 205.000 Rubel Brücken, Wegeanlagen: 341.000 Rubel zweiklassige Volksschule in jeder Kolonie, dreiklassige Handelsschule in Helenendorf (ab 1917 siebenklassiges Realgymnasium), Sieben Kirchen (Helenendorf, Annenfeld, Freudenthal, Alexandersdorf, Katharinenfeld, Elisabethtal, Alexandershilf) Produktionsanlagen: eine Brennerei mit einer Jahresproduktion von drei Millionen Vedro Reinsprit, vier Kognakbrennereien mit einer Produktion von 1,03 Millionen Vedro, 17 Mühlen, elektrische Kraftanlagen zur Stromversorgung in jeder Kolonie, 24 Ziegeleien, 59 Stellmachereien, 35 Wagenschmiede, eine Eisengießerei, zehn Schlossereien, 29 Böttchereien, 33 Tischlereien, 19 Schneidereien Bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges hatte Helenendorf mit seinen Tochterkolonien eine Entwicklung genommen, die sich mit folgenden Zahlen veranschaulichen lässt: Der Wert aller öffentlichen Anlagen nur Helenendorfs betrug 405 Tausend Rubel, womit die Kolonie auf dem zweiten Platz hinter Katharinenfeld lag. Seit 1822 gab es ein Bethaus, 1854-1857 wurde die St. Johannis-Kirche errichtet, bereits 1823 war eine erste Schule gebaut worden, 1917 gab es neben der Grundschule ein Realgymnasium, eine komplette Strom- und Wasserversorgung, Telefonverbindungen. Der Wert des Privatbesitzes überragte mit 9,546 Mio. Rubel (davon 5,650 Mio. Rubel Weingärten, 1,140 Mio. Rubel Fabriken und Werkstätten) Katharinenfeld (4,300 Mio. Rubel). Rechnet man die Beträge der Geschwister- und Tochtergründungen hinzu, konzentrierte sich über die Hälfte des Privatbesitzes der deutschen Kolonien Südkaukasiens im Gebiet Elizavetpol’. Setzt man die Zahl der Gesamterzeugung von Weintrauben, Wein, Weinsprit und Kognak der beiden Helenendorfer Unternehmen Vohrer und Hummel ins Verhältnis zur transkaukasischen und https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
24 EVA-MARIA AUCH russischen Gesamtproduktion kommt man auf einen prozentualen Anteil, der zwischen 3 und 15% liegen dürfte. Theodor Hummel gibt eine Berechnung an, die alle deutschen Kolonistendörfer Transkaukasiens mit einer Weinherstellung von 2,3 Mio. Vedro einschließt und verweist auf einen Anteil der deutschen Kolonien an der Weinproduktion Russlands (27 Mio. Vedro) vor dem Ersten Weltkrieg von 8,56%. Bei einem Umsatz von ca. 1 Mio. Vedro Wein trugen damit die beiden Handelshäuser fast 50% des Weinabsatzes der deutschen Kolonistendörfer oder ca. 4% des gesamtrussischen Weinhandels. Mit dieser Markposition hatten sich die beiden Firmen ein Monopol geschaffen, das allerdings auch kleinere Winzer nicht nur in den Kolonien sondern alle örtlichen Erzeuger zu spüren bekamen. Doch kehren wir zu unseren Ausgangsfragen zurück: Wo gab es Gemeinsamkeiten und Besonderheiten im Vergleich zwischen den transkaukasischen und anderen deutschen Siedlungsgebieten? Folgende Ansatzpunkte erscheinen vertiefenswert: Erstens siedelten in Südkaukasien relativ homogene ethnisch-religiöse Gruppen, wobei die schwäbische Herkunft gepaart mit einem spezifischen Verständnis der Kolonie als Lebens- und Glaubensgemeinschaft ein spezifisches Eigenverständnis beförderte, welches dem Begriff der „Separatisten“ eine mehrfache Bedeutung verlieh. Zweitens bewährte sich mit Ausnahme der Handwerkersiedlung von NeuTiflis das Erbhofrecht, dass eine systematische Festigung der Mutterkolonien und seit den 1840er Jahren die Einrichtung von Tochterkolonien zur Folge hatte. Auf der Grundlage eines spezifischen Gemeindeverständnisses wurden Grundprinzipien des Erbhofrechtes auf Wasserrechte und die Schaffung von gemeinnützigen Anlagen, wie Straßen, Brücken, Wasserleitungen, Schulen und Kirchen, ausgedehnt, was sich bei der Entwicklung der Infrastruktur deutscher Siedlungen als förderlich erwies. Drittens unterband die zerstreute Siedlung deutscher Kolonisten eine Arbeitsteilung zwischen ihnen und verzögerte eine soziale Differenzierung bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts. Die Entwicklung einer „russlanddeutschen Identität“ blieb so weitgehend aus. Nur allmählich wurden Katharienenfeld und Helenendorf neben Tiflis zu kaukasusdeutschen Zentren, während Kontakte zu den deutschen Siedlungen an der Wolga und im Nordkaukasus unwesentlich blieben und schon eher zu den Kolonien in „Neurussland“ gepflegt wurden. Viertens beruhte der wirtschaftliche Aufschwung auf zwei Grundlagen: der Einführung des vierrädrigen Wagens, durch dessen Bau vor allem während militärischer Operationen der russischen Armee freies Kapital erwirtschaftet wurde, und der Kultivierung des Weinanbaus. Die Deutschen nutzten nicht nur die religiösen Schranken des Islam, der gläubigen Muslimen die Weinherstellung und den Weinhandel untersagte, sondern lösten sich mit diesem Produkt durch Lagerung, Abfüllung und Veredlung in Schnapsbrennereien vom Problem des Absatzes für landwirtschaftliche Produkte. Der Verkauf über ein überregionales, eigenes Vertriebsnetz sicherte den Zuflus von Kapital für Investitionen. Bezüglich der Integration der Deutschen und ihrer Kontakte zu den sie umgebenden ethnischen Gemeinschaften, lässt sich festhalten, dass in den Quellen https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
ZWISCHEN AUTARKIE UND ANPASSUNG 25 anhaltend von Aufständen unter der muslimischen Bevölkerung berichtet wird, die für die Kolonisten Verwüstungen, Tod und Versklavung zur Folge hatten.26 Der Schutz vor Überfällen blieb bis in das 20. Jahrhundert hinein eine immer wiederkehrende Komponente ihres täglichen Lebens. Welche Schlussfolgerungen ergeben sich aus diesen Umständen für unsere Fragestellung, bedeuteten sie eine grundsätzliche Feindschaft zwischen Neusiedlern und Einheimischen? Die Ansiedlung der Kolonisten erfolgte zu einem Zeitpunkt, als weder die Besitzverhältnisse von Grund und Boden noch die Ranganerkennung des einheimischen Adels in Südkaukasien geklärt waren. Die Ansiedlung der Schwaben bedeutete einen Eingriff in das Gewohnheitsrecht der einheimischen armenischen, georgischen, aber vor allem „tatarischen“27 Bevölkerung und stellte eine enorme Provokation dar. Der Umgang mit den deutschen Siedlern musste sich beim Fehlen einer regulierenden Staatsgewalt auf der Grundlage des Gewohnheitsrechtes, 'ādāt, oder auch – soweit bekannt und üblich – von islamischem Recht der šarī'a gestalten, wie sich an der Ausübung der Blutrache, der Art der Raubzüge, aber auch an der Vergabe von Wasserrechten oder der Übernahme von Schutzfunktionen für die Siedler durch Tataren nachvollziehen lässt. Diese Ausübung lokalen Rechts wird in den 1830er Jahren begleitet von Hoffnungen der traditionellen Eliten auf die neue Obrigkeit, wie Bittschreiben an den Generalgouverneur Ermolov mit Klagen über die Ausbreitung der Siedler und die Bitte, Gerechtigkeit zu schaffen, belegen. Dass diese Probleme eminent das 19. Jahrhundert begleiteten, wird auch aus einem Bericht des Direktors des Kaukasischen Museums, Gustav Radde, aus dem Jahre 1890 ersichtlich, der für das Elizavetpol’er Gouvernement feststellte: „Auch hier [...] wird Eigentumsrecht [...] seitens der Krone bestritten und daraus entstehen langwierige Prozesse, die bei den höchsten Instanzen geführt werden müssen [...] wir hören überdies Klagen über die neuen Gerichtseinrichtungen, namentlich über die Dorfgemeinde-Gerichte.“28 So ist der Umstand, dass die transkaukasische Kolonie die kleinste blieb, zweifelsohne auch als Ergebnis der Reaktion Einheimischer zu sehen, auf deren Kooperation man im Unterschied zum Schwarzmeergebiet – wo eine Politik der Verdrängung der einheimischen Tataren praktiziert wurde – in Südkaukasien nicht verzichten konnte. Welche Konsequenzen hatte nun der Umstand von prinzipieller Bodenknappheit für das Zusammenleben von Einheimischen und Zugewanderten? 26 27 28 Vgl. „Der Schreckenstag von Katharinenfeld“. Grausame Erlebnisse einer deutschen Kolonie im Tartarengebiet, Basel 1866; Allmendinger, Ernst: Katharinenfeld, ein deutsches Dorf im Kaukasus, Neustadt 1989. „Tatarisch“ oder „turkotatarisch“ waren die üblichen Bezeichnungen für die muslimische Bevölkerung Transkaukasiens, bis um die Jahrhundertwende auch von a(d)serbaidschanischen Tataren gesprochen wurde. Radde, Gustav: Karabagh. Bericht über die im Sommer 1890 im russischen Karabagh von Dr. Gustav Radde und Dr. Jean Valentin ausgeführte Reise. In: Petermanns Geographische Mitteilungen, Ergänzungsband 100, Gotha 1890, S. 36. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
26 EVA-MARIA AUCH Für die Zeit bis in das letzte Drittel des 19. Jahrhunderts sind die Quellen hierzu äußerst spärlich. Die Aufnahme der Neusiedler erfolgte im Winter 1818/19 scheinbar problemlos, Einheimische boten erstes Quartier oder halfen bei den Bau- und Feldarbeiten. Dorfchroniken und Erlebnisberichte haben überliefert, dass sich die Kolonisten in Bezug auf Landwirtschaft und Unterkünfte „ganz an die Sitten und Bräuche der ansäßigen Völker halten“29 mussten. So werden zunächst jurtenähnliche Erdhütten gebaut, denen – wieder mit Hilfe Einheimischer – Steinbauten folgten, die in ihrer Gestaltung mit Veranden, Balkonen, überdachten Innenhöfen und Weinkellern eine Mischform von süddeutscher und kaukasischer Architektur darstellten. Entscheidend für das Überleben und die wirtschaftliche Entwicklung der Siedlungen war die Übernahme traditioneller orientalischer Bewässerungssysteme, von Kanälen und Kärisanlagen.30 Bis zur Jahrhundertwende nutzte man die Erfahrungen einheimischer Meister und ihrer Gehilfen, die Wasseradern aufspürten, den Verlauf nivellieren und die entsprechenden Schachtungsarbeiten ausführen konnten. Erst unter dem Zufluss fortschrittlicher technischer Kenntnisse aus Deutschland wurden moderne Methoden eingeführt und die traditionelle Bewässerung durch moderne Wasseranlagen ergänzt, die den Zukauf von Flächen für den Weinanbau erlaubten oder wie in Helenendorf 1905 die Trinkwasserversorgung übernahmen. Analog wurden einheimische Erfahrungen im Brückenbau, bei der Kreuzung von Rebsorten, der Konservierung von Früchten, wie überhaupt bei der Ernährung übernommen, wie die Zubereitung von Dolma, Plow, Fladenbrot oder Buchweizengrütze durch die Siedler zeigte. Auf der anderen Seite verbreitete sich mit Hilfe der deutschen Kolonisten die Lagerung von Wein in Fässern, welche bis dahin üblicherweise in Krügen oder Tierfellen vorgenommen wurde. Neben dem Böttchereihandwerk entwickelte sich auch die Flaschenproduktion, die den Absatz des kaukasischen Weines – 1914 immerhin mit einer Jahresproduktion von rund 285 Tausend Hektolitern allein in Helenendorf, was 14 Prozent einer Durchschnittsernte in Deutschland entsprach – bis nach Mitteleuropa ausdehnte. Miteinander zu leben hieß nicht nur in Austauschbeziehungen zu treten, sondern vor allem, miteinander zu arbeiten. Dies betraf sowohl das Handwerk als auch die Haus- und Feldarbeit. So lernten vor allem nach dem Massenbedarf an vierrädrigen Wagen als Transportmittel während des Krimkrieges 1854/55 auch Einheimische das Wagnerhandwerk, das insbesondere durch Armenier bald in die Städte Südkaukasiens getragen wurde. Allerdings blieb Helenendorf mit einer täglichen Stückzahl von zehn Wagen in guter Qualität zu 160 Rubeln führend im Gouvernement Elizavetpol’. Mit der Vergrößerung der Weinbauflächen in den Kolonistendörfern erhöhte sich auch der Bedarf an Arbeitskräften, die nicht nur aus den 29 30 Hummel, a.a.O., S.132 ff. Ein altes persisches Bewässerungssystem: stollenartige, in das ansteigende Berggelände getriebene Gänge, in denen sich die Sickerwässer sammeln und zutage geleitet werden. Sie dienen nicht nur der Landwirtschaft, sondern auch der Trinkwasserversorgung. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
ZWISCHEN AUTARKIE UND ANPASSUNG 27 benachbarten Dörfern, sondern als Saisonkräfte auch aus Persien kamen. Allein beim führenden Wein- und Kognakhersteller „Gebrüder Vohrer“ arbeiteten 1901, neben 25 qualifizierten und 185 festangestellten Beschäftigten, Saisonkräfte, die über zehntausend Arbeitsstunden ableisteten.31 Der mit diesem Beispiel nur angedeutete Aufschwung in der wirtschaftlichen Entwicklung der Kolonistendörfer und die damit verbundene Arbeitsteilung wurde zweifellos durch die Durchsetzung der Agrarreform in Südkaukasien seit den 1870er Jahren – also erst in der dritten Generation der Emigranten – ermöglicht. Die daraus resultierende Freisetzung von Arbeitskräften und der Ausbau der Transportwege, wie der besonders wichtigen Bahnlinien Tiflis-Poti 1872 und Baku-Tiflis 1883, erleichterten den Absatz von Produkten und auch die Kommunikation zwischen einzelnen Kolonistendörfern bis zum Schwarzen Meer. Zugleich vertiefte sich in diesem Prozess die soziale Differenzierung unter allen ethnischen Gruppen Südkaukasiens. Laut der Volkszählung von 1897 lebten unter den 1,16 Millionen Armeniern, 1,3 Millionen Georgiern – davon 66.000 Muslime – und 2,7 Millionen Tataren und Vertretern der Bergvölker 16.669 deutsche Muttersprachler, das waren 0,34 Prozent der Gesamtbevölkerung. Waren zu Beginn des 19. Jahrhunderts nur vereinzelt Deutsche in den Städten zu finden, lebten nun in Tiflis 2.902 – 1,82 Prozent der Einwohner der Stadt – und in Baku bereits 2.460, was einen Anteil von 2,2 Prozent an der Gesamtbevölkerung ausmachte. Städtische Lebensweise und wachsender Wohlstand in den Kolonien führten dazu, dass zu den traditionellen Hilfskräften Bedienstete traten und sich im Umfeld der Deutschen eine traditionelle Arbeitsteilung durchsetzte, die oft auch ethnisch bestimmt war.32 Während Hausgehilfinnen in der Stadt vorwiegend Russinnen waren, war es in den Kolonistendörfern nicht üblich, diese einzustellen. Dafür gingen die Mädchen der Siedlungen teilweise über Winter in die Städte, um dort Hausarbeiten zu verrichten. Muslimische Mädchen und Frauen traten grundsätzlich nicht in Dienst, da dies als Ehrverletzung des Mannes angesehen wurde. Dafür waren als Küchenhilfen auch tatarische Männer anzutreffen, die ebenso als Hofmilizen und Viehhirten geschätzt wurden. Hatten tatarische Familien Anschluss an die Kolonistenfamilie gefunden, halfen auch Frauen ihren Männern bei der Arbeit, beispielsweise beim Melken. Während es für bestimmte Tätigkeiten in Haus und Hof genaue, tradierte Vorgaben gab, wen man am besten einzustellen habe – so zum Beispiel Russen und Russinnen als Kutscher, Schmiede und Waschfrauen –, galt dies schon nicht mehr bei der Weinlese, wo massenhaft Hilfskräfte benötigt wurden und sich neben Georgiern, Armeniern, Tataren und Russen auch Perser als Saisonkräfte einfanden. Inwieweit sich unter den Kolonisten dabei auch Stereotypen verfestigt hatten, erfahren wir aus den Lebenserinnerungen des Julius Vohrer: 31 32 Vgl. Močalov, V.D.: Krest’janskoe chozjajstvo v Zakavkaz’e k koncu XIX v., Moskva 1958, S. 273. Jäckel, M.: Fremdstämmige im deutschen Hof- und Hauswesen der ehemaligen Kaukasussiedlungen. In: Deutschtum im Ausland, H. 11/12 (1942), S. 223-227. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
28 EVA-MARIA AUCH “Ein Großbetrieb wie Karajer, wo allein 200 ha Weingärten waren, benötigte sehr viele gelernte und ungelernte Arbeiter. Bis zum Ersten Weltkrieg gab es immer genügend Arbeitskräfte, die sich aus der einheimischen Bevölkerung rekrutierten: Armenier, Georgier, Perser, Tataren und zum Teil Russen. Russen gab es im Südkaukasus verhältnismäßig wenige, und wenn sich Russen zur Arbeit meldeten, so wurden dieselben nur im Notfalle angenommen. Schuld daran war ihre große Schwäche für den Alkohol, die ganz besonders beim einfachen russischen Volk bemerkbar war, obwohl auch die Intelligenz gerne ihren Schnaps trank (…). Auf dem Gut Karajer gab es Russen, die 20 Jahre lang untadelig gearbeitet hatten. Der Kellermeister war über 10 Jahre lang, bis zum Ersten Weltkriege, in Karajer. Ihm wurden die Kellereien mit über 2.000.000 Liter Wein anvertraut. Er war absolut ehrlich und tüchtig, bekam täglich seine Flasche Wein, wie jeder andere Angestellte und Arbeiter, und war auch nie betrunken. Auf dem Gut war für die Betreuung der großen Viehbestände ein Veterinär, kein Akademiker, sondern ein Tierheilkundiger, der seinerzeit beim Militär ausgebildet wurde, über 20 Jahre tätig. Der Schlosser war ebenfalls 10 Jahre lang auf dem Gut (…). Die Ackerbau- und Viehzucht treibenden Tataren, die aus der nächsten Umgebung des Hofes stammten, waren für die Arbeit im Garten, im Hof oder an einer Maschine weniger geeignet. Der Tatare ist ein orientalischer Typ: gemütlich, langsam im Handeln und Denken. Er konnte aber als berittener Feldschütze seinen Dienst ausgezeichnet verrichten. Auch als selbständiger Fuhrmann transportierte er, den Wagen mit Büffeln oder Ochsen bespannt, das ganze Jahr hindurch Weinfässer in den Vohrer’schen Zentralkeller (…), den Wagen auf und ab zu laden, das überließ er dem Kellerpersonal... Schickte man dagegen den Wein mit Georgiern oder Armeniern als Fuhrleute in den Zentralkeller, dann kam es vor, dass sich die ganze Gesellschaft unterwegs an den Wein machte und betrunken ankam. Davor war der Tatare als Muselmane gefeit, da er bekanntlich nach dem Gesetze Mohammeds keinen Wein trinken darf. Die besten Gartenarbeiter waren Georgier und Armenier. Die Armenier stammten alle aus dem Gebirge des Südkaukasus, waren ehrlich, fleißig und auch die besten Arbeiter beim Vieh als Hirten, Melker usw… (…). Die georgischen Arbeiter stammen alle aus der benachbarten Provinz Kachetien (…). Erdarbeiten wie das Schoren im Garten oder Rigolen bei Neuanlagen wurden immer von persischen Saisonarbeitern durchgeführt. Die Perser kamen immer über den Winter aus der nordpersischen Provinz Aserbaidschan und suchten Verdienstmöglichkeiten. Diese Perser (Tat genannt) sprechen dieselbe Mundart wie die einheimischen Tataren. Ihre körperliche Leistung war oft unglaublich. 30-35 Mann schorten an einem Tage eine Desjatine (1,1 ha) Weingarten 25-30 cm tief. Sie verdienten dabei 1,5 bis 2 Rubel am Tage im Akkordlohn und bekamen täglich noch vier Pfund Mehl. Das Brot buken sie selbst und auf ihre Art. Ein rundes Loch von 1 Meter Tiefe und 80 cm Durchmesser, die Seiten schön mit Backstein ausgelegt, war der ganze Backofen. In diesem Backofen (Tändir) wurden einige Büschel Reben verbrannt und die Brote in fingerdicken Fladen an die Backsteine geklebt. Weniger durch die heißen Backsteine als durch die zurückgebliebene Glut der verbrannten Rebbüschel sind die Fladen in 10 bis 15 Minuten rösch gebacken und lösen sich von selbst von den Backsteinen (…). Im Sommer verdienten die Gartenarbeiter im Akkordlohn bis zu 2 Rubel am Tag. In einer Gegend ohne Industrie war damals die Verdienstmöglichkeit auf den deutschen Gütern und in den Kolonien im Südkaukasus als sehr gut zu bezeichnen, und das führte auch dazu, dass es nie an Arbeitskräften mangelte. Der Kaufwert eines Rubels war vor dem Ersten Weltkriege verhältnismäßig groß: Für drei Rubel kaufte der Arbeiter einen https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
ZWISCHEN AUTARKIE UND ANPASSUNG Zentner gutes Weizenmehl, ein fertiges Baumwollhemd kostete zwischen 80 Kopeken und 1 Rubel, ein Pfund Fleisch kostete 10 Kopeken, Hammelfleisch 20 Kopeken, Schafskäse 10-15 Kopeken das Pfund, ein Paar Sandalen aus Rohleder 20 Kopeken. Verpflegt wurden auf dem Gut nur die ständigen Arbeiter und die Angestellten. Die Angestellten wohnten zum Teil auf dem Hof mit ihren Familien. Beim Essen hatten die deutschen Angestellten ihren besonderen Tisch. Gekocht wurde aber für alle in einem Kessel. Die Grundnahrung bestand pro Person täglich aus 200 g Fleisch, x-beliebig viel Brot, Kartoffeln, Gemüse und einer Flasche Wein. Das tägliche Menü war zum Mittagessen: eine kräftige Suppe mit 200 g Siedfleisch pro Person, als Nachtisch Obst. Das Mittagessen war im Sommer um 10, im Winter um 11 Uhr. Von 10 bis 14 Uhr wurde im Sommer nicht gearbeitet. Um 14 Uhr gab es Vesper: Schwarzen Tee mit Zucker, Käse, Gurken, Tomaten, Melonen, Rettich oder was es gerade gab, zum Nachtessen: Nudeln, Reis, Makkaroni. Zu allen Mahlzeiten gab es beliebig viel Brot, zum Frühstück gab es Tee, Käse und Brot. Die Russen sowie auch die eingeborenen Kaukasier waren alle ausgesprochene Brotesser und Brot war für sie alles. Im Durchschnitt musste man mit einem täglichen Verbrauch von 3 Pfund Brot pro Mann rechnen, soweit die Arbeiter von der Gutsküche verpflegt wurden. Die Saisonarbeiter bekamen keine Küchenverpflegung, sondern 4 Pfund Mehl bzw. 5 Pfund Brot am Tage. Geschlachtet wurde alle 8-10 Tage ein Stück Großvieh. Um das Fleisch vor dem Verderb zu schützen, wurde es in der warmen Jahreszeit immer eingesalzen. Der Arbeitsaufwand betrug bei einer Desjatine Weingarten 300 männliche Arbeitskräfte im Jahr. Auf das ganze Jahr berechnet entsprach dies einer Arbeitskraft pro Tag und Desjatine. Allein die Weingärten in Karajer beanspruchten täglich 200 Arbeiter, dazu kamen die Arbeitskräfte für den Ackerbau, Neuanlagen, Tierzucht, Neubauten, Kellerarbeiten usw. (...). Das viele Mehl kam aus der eigenen Mühle in Helenendorf (…). Abb. 2: Kurdenzelt https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig. 29
30 EVA-MARIA AUCH Erzeugte Lebensmittel, Rinder, Schafe, Eier, Hühner, übriges Getreide verkauften sie [die Arbeiter] auf dem Bazar, und mit den Erlösen konnten sie ihre Bedürfnisse an Kleidung, und was sie sonst noch brauchten, befriedigen. Ihren Nebenerwerb hatten sie auf dem Gut Karajer im Fuhrlohn, indem sie jahraus und jahrein den Wein vom Karajer in den Vohrer´schen Zentralkeller transportierten. Im Winter verkauften sie den bei ihnen angefallenen Dünger. Die Tataren sammelten sorgfältig auf den Weiden von den weidenden Tieren die Fladen. Diese wurden getrocknet, gestapelt, zum Heizen benutzt, und im Winter an die Kolonisten als Dünger verkauft. Das gegenseitige Verständnis zwischen den Tataren und den Besitzern von Karajer war gut (...). Sie brauchten Rebbüschel zum Brotbacken, Holz oder Eisen, um den Wagen zu flicken, und dann möchte doch der Schmied gleich noch ihren Pflug richten und anderes mehr. Dann kamen sie oft wegen ihren Kranken, die zur völligen Genesung Obst oder Trauben essen mussten; aus der Gutsapotheke benötigten sie beständig Arzneien für sich und ihr Vieh. Als ich mich im Jahre 1913 verheiratete, kamen auch die Tatarenfrauen auf den Hof und ließen sich von meiner Frau in ihren Krankheiten und Nöten beraten; auch die Mode hat sie interessiert und die Qualität der Stoffe, die meine Frau gerade trug. Abb. 3: Hermine und Charlotte Vohrer (rechts) mit aserbaidschanischen Mädchen aus einem Nachbardorf von Karajeri https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
ZWISCHEN AUTARKIE UND ANPASSUNG 31 Abb. 4: Der Arzt Dr. Hurr bei Patienten Für alle Gefälligkeiten, die den Tatarennachbarn erwiesen wurden, brauchten sie nichts zu zahlen. Ab und zu brachte einer zu Ostern ein Osterlämmchen oder zur Melonenzeit eine riesige Arbuse33(...)“.34 Trotz dieser Räume für Kontakte und Kommunikation blieb der Austausch von Anschauungen und Lebenswelten stets auf einen ausgewählten Personenkreis beschränkt, Deutsch blieb bis zur Jahrhundertwende in den Siedlungen Hauptverkehrssprache, circa ein Drittel der Kolonisten konnte auch Russisch verstehen, jedoch nur etwa 10 Prozent der muslimischen Bevölkerung. Wer auf einem deutschen Hof geboren worden war, wuchs auch mit der deutschen Sprache auf, aber genaue Angaben über die Deutschkenntnisse unter den Alteingesessenen fehlen uns ebenso wie Aussagen über Kenntnisse von Turksprachen unter den Siedlern. Allerdings sprechen einige in Deutschland lebende Nachfahren der Helendorfer noch Aserbaidschanisch. Als Vermittler und Dolmetscher werden in den Quellen zwar oft Armenier genannt, aber da Begriffe wie etwa Sorbet, Plow, Tamada und Dolma aus dem Alltagsleben fließend in die deutsche Umgangssprache übergingen, kann man wohl davon ausgehen, dass es eine Kommunikation zwischen den 33 34 Aus dem Russischen arbuz für Melone. Auch, E.M.: Deutsche Winzer im multikulturellen Umfeld Aserbaidschans. Erinnerungsbericht des Julius Vohrer (1887-1979), Berlin 2011, S. 105-110; 124-127. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
32 EVA-MARIA AUCH verschiedenen ethnischen Gruppen mittels einer „Umgangssprache“ gegeben haben muss.35 Will man die angedeuteten Beziehungen zwischen Eingewanderten und Einheimischen als abschließend für die Zeit bis zur Sowjetisierung Aserbaidschans und Georgiens 1920/21 beurteilen, können mehrere Punkte festgehalten werden. Kommunikationswege der diversen ethnisch-religiösen Gruppen verschiedenster Herkunft und Ansiedlungsdauer hat es über Jahrhunderte in der typischen Durchzugsregion Südkaukasien gegeben. Die Organisation des Überlebens konnte zwar unter den Bedingungen begrenzter natürlicher Ressourcen Konkurrenz in der Besitzstandwahrung hervorrufen, war aber auch der wichtigste Beweggrund für das Voneinander-Lernen: die Natur, die geographischen Gegebenheiten und das Klima bestimmten Grundwerte, die übernommen werden mussten, um zu überleben. Sie prägten die Menschen letztlich mit einer „kaukasischen Identität“, unabhängig von der Bindung zu ihrer ethnischen Herkunft. Friedliche Interaktion und Kommunikation gab es dort, wo eine allgemein anerkannte Rechtsprechung existierte, die eine Gleichbehandlung unabhängig von ethnischer oder religiöser Zugehörigkeit festschrieb, funktionierende wirtschaftliche Austauschbeziehungen bestanden und eine Administration oder Staatsgewalt herrschte, die auch in der Lage war, überall gleichermaßen Austauschprinzipien zu schützen und Recht zu wahren. Behinderungen und Konfliktfelder taten sich dort auf, wo Fremdbestimmung traditionelle Strukturen störte, wie zum Beispiel durch Eingriffe in die Besitzverhältnisse oder die Privilegierung von Einwanderern. Mit der massenhaften Ansiedlung von Europäern wurde regional ein drastischer Eingriff in bestehende Eigentumsverhältnisse vollzogen, die nicht nur Grund und Boden, sondern auch Wasserrechte berührten. Zwar waren Neuansiedler für Kaukasien kein völlig neues Problem, aber bis dato hatte sich ihre Integration oder ihre Vertreibung nach den Grundsätzen des Gewohnheitsrecht beziehungsweise der šarī'a zwischen den direkt Betroffenen vor Ort geregelt. Im Falle der deutschen, aber auch anderer Neuansiedler, wie Russen oder Armenier, musste die hinter den Massenansiedlungen stehende russische Kolonialmacht, die bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts vor allem militärisch präsent war, entsprechende militante Gegenreaktionen auslösen, die sich gegen alles Fremde – also auch gegen die Deutschen – richtete. Mit der allmählichen „Befriedung“ des Kaukasus im Laufe des 19. Jahrhunderts vollzog sich auch ein systematischer Prozess der Entmündigung und „Entrechtung“ im Sinne des Abbaus bis dato regulierender feudal-religiöser Mechanismen – wie šarī'a und 'ādāt –, während neue Rechtsgrundsätze und -institutionen bis zur Revolution 1917 kaum angenommen oder „vor Ort“ je nach Auslegung der Vertreter der Macht interpretiert wurden, wie beispielsweise 35 Vgl. Hummel, J.: a.a.O., 14 ff. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
ZWISCHEN AUTARKIE UND ANPASSUNG 33 drakonische Maßnahmen von Kosakenverbänden belegen. Diktiertes und nicht akzeptiertes, beziehungsweise nicht durchsetzbares Recht schuf einen Zustand der de-facto-Rechtlosigkeit, der bis über die Zwangsmaßnahmen der Stalinzeit hinaus zum eminenten Konfliktfaktor im Zusammenleben der Menschen Südkaukasiens wurde. Religiöse Verschiedenheit, Unkenntnis der historischen und kulturellen Traditionen, Sitten und Bräuche behinderten Kommunikation und Integration, verhinderten, wie im Falle der Kaukasusdeutschen, freundschaftliche und verwandtschaftliche Bindungen, vor allem zwischen Muslimen und Deutschen. „Sprachlosigkeit“ verstärkte Isolation und Bezug auf die Herkunfts-WirGruppe ebenso wie besondere religiöse Bindungen oder geographische Abgeschiedenheit. Reibungsflächen wurden dort zu Konfliktherden, wo sie über Presse, Vereine, Parteien oder äußere Einflussnahme instrumentalisiert wurden: sodass Miteinander-Leben und Miteinander-Sprechen in ein „Übereinander Sprechen“ und letztlich in einen politischen Machtkampf übergehen konnte, der auf Kosten von Menschenleben ausgetragen wurde. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
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Zur wirtschaftlichen Aktivität deutscher Einwanderer in Dagestan Mitte des 19. Jahrhunderts Alik Dibraev Dagestan, am Ufer des Kaspischen Meeres gelegen, ist eine Republik im Süden der Russländischen Föderation mit einer Bevölkerung von ungefähr drei Millionen Menschen. In der Republik leben Vertreter aller Religionen und 33 verschiedene Ethnien. Es erscheinen Zeitungen und Zeitschriften in elf Sprachen, die Lingua franca ist Russisch. Eine der vielen ethnischen Gemeinschaften Dagestans sind die Nachfahren deutscher Einwanderer. In der vorrevolutionären Zeit gab es in den Grenzen der heutigen Republik Dagestan, vor allem im Kreis (okrug) von Chasavjurt,1 einige deutsche Siedlungen mit insgesamt 5.250 Einwohnern. Zu diesen Kolonien gehörten: Marienfeld, Tutlar, Evgen’evka, Romanovka, Astronovka, Tatajurt, Schönfeld, Chasanaj, Kokrek, Rosenfeld, Sprengel, Neuhoffnung, Valender, Mirnyj und eine Reihe von Kolonien, die heute als L’vovskie nomera bezeichnet werden: Vanderloo, Charč’, Tal’ma, Konstantinovka, Sulak, Aleksandrovka, Mar’janovka, Rohrbach, Nikolaevka, Midel’burg, Pretorija und Ostheim. Ihre Geschichte ist noch weitestgehend unbekannt und soll hier kurz angerissen werden. Die deutschen Kolonisten begannen in den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts im Kreis von Chasavjurt auf Land zu siedeln, welches sie zuvor von Grundbesitzern erworben oder gepachtet hatten.2 Hierbei spielte die Agrarbank „Krest’janskij Pozemel’nyj“ eine Mittlerrolle. Die erworbenen Areale erwiesen sich von ihrer Bodenqualität und den klimatischen Bedingungen her als durchaus für die Landwirtschaft geeignet. Die Deutschen begannen mit der Feld- und Viehwirtschaft und zeigten dabei Initiative bei der Rationalisierung der Landwirtschaft: Innovative Methoden der Landbearbeitung, der künstlichen Bewässerung, ebenso wie neue, effektive Kulturen und Züchtungen von Qualitätsrind wurden durch sie eingeführt.3 Bis zum Jahr 1918 standen die deutschen Kolonien des Kreises von Chasavjurt auf einem annähernd gleichen sozio-ökonomischen und kulturellen Entwicklungsniveau. Wenn man den vorrevolutionären Zustand der Kolonien analysieren will, lohnt sich ein genauer Blick auf die Gruppe der L’vovskie nomera, die aus zwölf 1 2 3 Der Kreis von Chasavjurt wurde 1920 Bestandteil Dagestans, hier wird von den heutigen Grenzen der Republik Dagestan ausgegangen. Central’nyj Gosudarstvennyj Archiv Respubliki Severnaja Osetija – Alanija (CGA RSO-A), f. 3, op. 58, d. 46, l. 5; zu den Beweggründen deutscher Immigration im 18. und 19. Jh. in Gebiete des damaligen Russischen Reiches siehe der vorangehende Beitrag von Eva-Maria Auch. Central’nyj Gosudarstvennyj Archiv Respubliki Dagestan (CGA RD), f. 127-p, op. 18, d. 84, l. 3. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
36 ALIK DIBRAEV ehemaligen Kolonien bestand.4 Gemäß den Plandaten von 1914 gab es in dieser Gruppe: Nutzgärten – 60 Desjatinen, Gärten – 75 Desjatinen, agrarwirtschaftlich nutzbarer Boden – 10.016 Desjatinen, reiner Salzboden und Viehweide – 8.744 Desjatinen, Schilf – 2.836 Desjatinen. Bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges wurden in den L’vovskie nomera geräumige und bequeme landwirtschaftliche Gebäude errichtet und artesianische Brunnen5 erbaut, drei Siedlungen verfügten bereits über eine Dampfmühle. Es gab zudem eine Elektrostation und die Kolonien blieben untereinander durch eine Telefonverbindung in Kontakt.6 Landwirtschaft und Viehzucht unter schwierigen Bedingungen Nicht alle Gebiete waren jedoch vollkommen für die Landwirtschaft geeignet. Einige der gepachteten Landstriche lagen in Sumpfgebieten, Dürreregionen oder verfügten nur über Salzböden, sodass man hier auf die Errichtung eines künstlichen Bewässerungssystems angewiesen war. Die Siedler trockneten die Sümpfe aus, legten Wasserkanäle an, bauten Brunnen und wählten Kulturen aus, die an die klimatischen Verhältnisse Dagestans angepasst waren.7 Diese Phase des Landesausbaus durch deutsche Immigranten kann exemplarisch im Kreis von Chasavjurt nachgewiesen werden. Hier herrschte Wasserknappheit, sandige oder saure Böden und die häufige Hitze führten zu zahlreichen Missernten. Landwirtschaft war und ist in dieser Region nur mithilfe künstlicher Bewässerungssysteme möglich, die vom Fluss Sulak gespeist werden. In einem Dokument vom 20. Februar 1909 ist von der Verlegung solcherlei Systeme in den deutschen Siedlungen die Rede. Hierin wandten sich 15 deutsche Kolonien des Kreises von Chasavjurt mit der Bitte um die Entsendung eines Hydrotechnikers und der Nivellierung des Kanals für die künstliche Bewässerung aus dem Fluss Sulak an den Verwaltungschef der Tersker Oblast. Erst nach dem Bau des 100 Kilometer langen Kanals Tal’ma wurden aus den großen Pachtböden fruchtbare Äcker, die 50 bis 80 Zentner Getreide auf eine Desjatine produzierten.8 Wie eingangs erwähnt wurden die Methoden der Bodenbearbeitung nach dem Prinzip der größtmöglichen Rationalität ausgewählt. Für die deutsche Landwirt4 5 6 7 8 Anmerkung des Herausgebers: Laut Diesendorf besteht die Gruppe aus 17 ehemaligen Kolonien, vgl. Diesendorf, V.: Die Deutschen Russlands. Siedlungen und Siedlungsgebiete. Lexikon, Moskva 2006. Ein in einer Senke unterhalb des Grundwasserspiegels angelegter Brunnen, durch den Überdruck steigt das Wasser ohne den Einsatz von Pumpen selbstständig zur Erdoberfläche. CGA RD, f. 127-p, op. 18, d. 84, l. 7. Rukopisnyj Fond Instituta Istorii, Archeologii i Ėtnografii Dagestanskogo Naučnogo Centra (Ruk. Fond IIAĖ DNC), f. 3, op.1, d. 103; Milanov, G. I.: Pereselenčeskaja politika carisma v Dagestane v konce 19 i v načale 20 vekov, Machačkala 1963, S. 3. Agaeva, Ė. A.: Stanovlenija i dal’nejšaja sud’ba nemeckich kolonij v Terskoj oblasti. In: Nemcy na Donu, Kavkaze i Volge. Mater. ros-germ. nauč. konf., Anapa 1995, S. 124. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
ZUR WIRTSCHAFTLICHEN AKTIVITÄT DEUTSCHER EINWANDERER IN DAGESTAN 37 schaft war das Mehrfeldersystem mit einem Fruchtwechsel kennzeichnend.9 Die Neusiedler bauten Roggen, Hirse, Mais, Hafer, Reis, Kartoffeln, Gerste sowie Baumwolle und Flachs an.10 In ihrem Hausinventar existierten stets zwei bis drei Pflüge und alle weiteren für die Landwirtschaft notwendigen Gerätschaften.11 Da die Mehlproduktion eine der wichtigsten Einnahmequellen jeder zweiten deutschen Siedlung war, verfügte jede Siedlung über eine eigene Mühle. Es wurden zumeist Wassermühlen errichtet. Dort, wo dies nicht möglich war, kamen Windmühlen zum Einsatz. Später wurden moderne Dampfmühlen errichtet, die bis zu 1.000 Pud Getreide pro Tag mahlen und mehr als 2.000 Rubel im Jahr erwirtschaften konnten.12 Das hergestellte Mehl wurde zumeist in Chasavjurt verkauft, mit dem Bau der Eisenbahn auch in anderen Städten Nordkaukasiens.13 Das weitere Wachstum von Chasavjurt wurde durch die Eröffnung einer Telegraphenstation im Jahr 1874 eingeleitet, mit der eine internationale Korrespondenz auf Deutsch, Französisch oder Persisch möglich wurde.14 In Nikolaevka gab es auch eine Telegraphenstation mit Telefon, was die Verbindung zwischen deutschen Landwirten und Viehzüchtern innerhalb und außerhalb des Landes erleichterte.15 Der große Handel mit Agrarprodukten begann mit der Eröffnung der Transkaukasischen Eisenbahn 1875.16 Für die deutschen Siedlungen des Kreises Chasavjurt war der Eisenbahntransport der Produkte lukrativ, da durch die Nähe zur gleichnamigen Stadt mit ihrem Bahnhof eine Verbindung zum fernen Vladikavkaz existierte. So waren es zum Beispiel von der Kolonie Neuhoffnung bis Vladikavkaz 200 Werst mit der Eisenbahn, bis zur Eisenbahnstation in Chasavjurt waren es nur zehn Werst zu Fuß oder mit dem Pferd.17 In der Viehzucht erreichten die deutschen Siedler schnell Erfolge, war diese doch eine ihrer Haupttätigkeiten. Eine entscheidende Rolle spielte dabei die Pferdezucht, denn die meisten Arbeiten wurden mittels Pferdekraft durchgeführt. Auch hier betätigten sich die Zuwanderer als Innovatoren: Wohl wissend, dass Pferde aus dem Schwarzmeergebiet im Kaukasus kaum überlebensfähig waren, kreuzten sie die Schwarzmeerpferde mit lokalen Rassen, was eine neue, starke und zuverlässige Pferderasse ergab. In der Umgebung der Stadt Port-Petrovsk, dem heutigen Machačkala, existierten spezielle deutsche Pferdezuchtbetriebe. Ein Zentrum der Pferdezucht war zudem – mit einem Bestand von bis zu 1.664 9 10 11 12 13 14 15 16 17 Plochotnjuk, T. N.: Nemeckoe naselenie Severnogo Kavkaza: social’no-ėkonomičeskaja, političeskaja i religioznaja žizn’ (konec XVIII- seredina XX vv.), Stavropol’ 1996, S. 64. CGA RD, f. 21, op.4, d. 57, l. 25. Ebd., f. 59, op. 1, d. 274, l. 12, hier sind u.a. Eggen, Mäher und Heudrescher dokumentiert. CGA RSO-A, f. 11, op. 49, d. 120, l. 8. Ebd., f. 11, op. 49, d. 120, l. 15. Kavkazskij kalendar’ na 1882 g. Otd. Š., S. 194. CGA RSO-A, f. 11, op. 49, d. 120, l. 20. Agaeva: Stanovlenija, S. 125. CGA RSO-A, f. 11, op. 49, d. 1, l. 1. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
38 ALIK DIBRAEV Tieren – die Siedlung Nikolaevka.18 Jeder Bauer verfügte im Durchschnitt über 8 bis 25 Pferde, die er speziell zum Verkauf züchtete – der Preis von bis zu 100 Rubel für ein gutes Tier machte eine solche Tätigkeit besonders profitabel.19 Neben den Pferden verfügte jeder Haushalt über 10 bis 25 Kühe. Die von den Kolonisten eingeführte „deutsche rote Kuh“, welche durch die Kreuzung von ukrainischen Steppenrindern mit holsteinischem Zuchtvieh entstand, produzierte fetthaltige Milch in großer Menge und war an die klimatischen Bedingungen vor Ort angepasst. In vielen deutschen Siedlungen wurden Milchfabriken und Käsereien errichtet und auch im Kreis von Chasavjurt war die Milchproduktion weit verbreitet. Das Wachstum der dortigen Bevölkerung, ebenso wie in der gesamten Tersker Oblast, führte zu einer höheren Nachfrage nach Milcherzeugnissen, was die deutsche Produktion weiter steigerte. In den Siedlungen Vanderloo, Charč, Tal’ma, Konstantinovka, Sulak, Mar’janovka, Nikolaevka, L’vovka war die Milchproduktion eine der wichtigsten Wirtschaftszweige.20 Die Siedlung Neuhoffnung war sogar gänzlich auf die Produktion von Milcherzeugnissen spezialisiert. Durch die dortigen Viehzüchter wurde die „deutsche rote Kuh“ weiter vermehrt.21 Die Zucht von Schafen war zwar weit verbreitet, ihre Anzahl jedoch im Gegensatz zu Pferden und Kühen gering.22 Die Schweinezucht entwickelte sich dagegen besser, im Durchschnitt existierten in allen Kolonien über 5.000 Schweine.23 Die Tiere wurden aus der Südukraine und aus Deutschland eingeführt, ihre Zahl wuchs mit jedem Jahr.24 Gemäß der Volkszählung von 1916 verfügte jeder Bewohner der Siedlung Romanovka über ungefähr sechs Pferde, bis zu zehn Rinder sowie vier bis neun Schweine. Der Bodenbesitz betrug im Durchschnitt 25 bis 30 Desjatinen.25 Jede deutsche Siedlung verfügte insgesamt über bis zu 500 Desjatinen Land, manche Großsiedlungen über bis zu 2.000 Desjatinen. Hier wurde Heu nicht nur als Futtermittel produziert, es diente auch als wichtige Einnahmequelle für die Siedlungen. Es wurde in Sammelpunkten von den Bauern im Umland gekauft und sogar in den Südkaukasus, nach Transkaspien, auf die Krim und nach Persien exportiert.26 Den deutschen Siedlern wurde gemäß der Planvorgaben auch Boden für die Bewirtschaftung von Gärten gestellt, einem unerlässlichen Teil der ländlichen Wirtschaft. Es wurden Apfel-, Birnen-, Kirsch-, Pfirsich- und Aprikosenbäume ge18 19 20 21 22 23 24 25 26 Archiv Upravlenija Federal’noj Služby Bezopasnosti Rossijskoj Federacii po Respublike Dagestan, Čast‘ 6-ja liternogo dela 46-j po nemeckoj linii; CGA RD, f. 21, op. 4, d. 57, l. 28. Agaeva: Stanovlenija, S. 124. CGA RSO-A, f. 11, op. 52, d. 7, l. 8. Kampen, Johann/ Hans Kampen (Hg.): Heimatbuch der Deutschen aus Rußland, Stuttgart 1961. CGA RSO-A, f. 11, op. 49, d. 120, l. 23. CGA RD, f. 59, op. 1, d. 289, l. 19. Ebd., f. 21, op. 4, d. 58, l. 28. Ebd., f. 59, op. 1, d. 286, l. 10. Ebd., f. 24, op. 4, d. 57, l. 21. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
ZUR WIRTSCHAFTLICHEN AKTIVITÄT DEUTSCHER EINWANDERER IN DAGESTAN 39 pflanzt.27 Die Bewohner von Romanovka (Ljuksemburg) waren hinsichtlich des Gartenbaus gute Spezialisten – das Dorf war sprichwörtlich ein „blühender Garten“. Die dort angebauten Früchte waren sehr gefragt und der Handel mit ihnen vermehrte den Wohlstand so sehr, dass die Einwohnerzahl durch einen ständigen Zustrom neuer Siedler, die am Wachstum partizipieren wollten, rasch stieg.28 Nutzgärten, Weintraubenanbau und Weinproduktion gab es in den deutschen Kolonien des Kreises von Chasavjurt überall. Doch die Verteilung dieser Wirtschaftszweige war verschieden. Die Deutschen bauten unterschiedliche Nutzpflanzen wie Kohl, Kartoffeln, Gurken, Möhren, Salat, aber auch Melonen und Wassermelonen an.29 Kartoffeln wurden als wichtiges Grundnahrungsmittel überall gepflanzt und brachten eine Ernte von 10 bis 500 Pud ein.30 In den umliegenden Gebieten von Chasavjurt wurden erfolgreich Frühtomaten der Züchtung ,,Korol’“ angebaut, die in Vladikavkaz und in Kurorten (Mineral’nyje Vody), aber auch in Rostov-na-Donu verkauft wurden.31 Winzer und Bierbrauer Schon bei der Gründung der deutschen Siedlungen wurde auf die Anlage von Weingärten geachtet. Für viele Siedler, die aus Bessarabien oder dem Gouvernement Taurien nach Nordkaukasien kamen, war der Weinanbau ein traditionelles Gewerbe. Der Wein vom Ufer des Terek war berühmt für seine Kräftigkeit und sein Aroma. In den Archiven werden die Weintraubenanbaugebiete in den Siedlungen Vanderloo erwähnt. In Nadeždinskaja waren zehn Prozent der Bevölkerung im Weinanbau tätig, welcher dort insgesamt 65 Desjatinen Land beanspruchte, in Romanovka waren es sogar 120 Desjatinen.32 In den das Dorf Tamaza-tjube umgebenden Ortschaften betrug die Weinanbaufläche 8 Desjatinen und es wurden 1.600 Pud Weintrauben gesammelt.33 Besonders stach die Siedlung Evgen’evka hervor, deren Nutzflächen fast vollständig mit Weinreben bedeckt waren.34 Die Entwicklung der Winzerkunst in Dagestan ist untrennbar mit der Eröffnung einer Lehranstalt für Weinanbau in Kizljar im Jahre 1903 verbunden. Diese Einrichtung wurde von den drei Deutschen Winzern Bart, Bug und Vol’f gegründet. In einem Bericht an den russischen Minister für Staatseigentum hieß es, 27 28 29 30 31 32 33 34 CGA RSO-A, f. 11, op. 49, d. 120, l. 16. CGA RD, f. 24, op. 4, d. 57, l. 21. Ebd., f. 59, op. 1, d. 248, l. 20. Ebd., f. 21, op. 4, d. 57, l. 6. Gricenko, G. A.: Gorskij aul i kazač’ja stanica nakanune Velikoj Oktjabr’skoj revoljucii, Groznyj 1972, S. 143. CGA RSO-A, f. 11, op. 49, d. 120, l. 16. CGA RD, f. 24, op. 4, d. 57, l. 21. Ebd., f. 59, op. 1, d. 256, s. 30. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
40 ALIK DIBRAEV der Zweck dieser Anstalt sei, die Einwohner im Weinanbau, der Weinherstellung und der Lagerung zu unterrichten. Die russischen Ausgebildeten sollten die ausländischen Meister dann später ersetzen und schließlich selbst ausbilden. Die Lehranstalt in Kizljar wurde aufgrund des wissenschaftlich fundierten Unterrichts führend in ganz Kaukasien.35 Wie die übrigen Wirtschaftszweige wuchsen auch Weinanbau und -herstellung mit der Eröffnung der Transkaukasischen Eisenbahn. Begünstigende Faktoren für den Erfolg der deutschen Weinproduktion waren zudem die Erhöhung der Alkoholpreise und der allgemeine Anstieg der Nachfrage nach Weinprodukten im Russischen Reich.36 Neben der Weinproduktion wurde auch das Braugewerbe in Dagestan durch deutsche Siedler nachhaltig beeinflusst. Eines der größten dagestanischen Unternehmen war die Brauerei von P. Vejner in Port-Petrovsk. Diese wurde ursprünglich 1876 durch den Industriellen A. M. Kuznecov gegründet. Nachdem sie von dem Preußen A. V. Felschau gekauft und zu einer Branntweinbrennerei umgerüstet worden war, erwarb das Werk schließlich der genannte Vejner und rüstete es zu einer Bierbrauerei um. Vejner perfektionierte die Bierherstellung in der Region und hob sie auf europäisches Niveau. Die Brauerei war mit der neuesten Technologie aus Deutschland ausgerüstet und auch die Zutaten wie Hefe und Hopfen wurden von dort importiert. Die Nachfrage nach den Brauereiprodukten war groß, der Name Vejner wurde zum Symbol für dagestanisches Bier – dieses galt als das beste in der Region, vor wie nach der Revolution.37 Das Bier wurde in Astrachan’, Armavir, Stavropol’, Nal’čik, Temir-Chan-Šura, Kizljar, Chasavjurt, Pjatigorsk, Vladikavkaz sowie in zahlreichen weiteren kleinen und großen Städten des gesamten Nordkaukasus verkauft.38 Jährlich wurden in Port-Petrovsk bis zu 200.000 Eimer Bier gebraut.39 Neben seinem Werk ist Vejner auch durch die Anlage des größten Parks von Machačkala bekannt, der seinen Namen trug, jedoch Anfang der 1970er Jahre in „Park Leninskogo Komsomola“ umbenannt wurde.40 Auch in Temir-Chan-Šura gab es eine Brauerei, die 1887 im Haus der Erbin des deutschen Staatsangehörigen Gottlieb Frazik aus Berlin gegründet wurde. Hier wurden pro Jahr 130 Pud Bier im Wert von 728 Rubel gebraut.41 Auf dem Territorium der heutigen Republik Dagestan gab es auch andere aus- 35 36 37 38 39 40 41 Ramazanov, A. Ch.: Rossija i Dagestan v XIX i v načale ХХ vekov, Machačkala 2003, S. 112 f. CGA RD, f. 24, op. 4, d. 57, l. 21. Ebd., f. 219, op. 1, d. 5, l. 1. Nemeckie korni i machačkalinskaja propiska. In: Novoe Delo, 18.11.2005, Nr. 45. Asvarov, N. A.: Istorija stroitel’stva Dagestanskogo učastka Vladikavkazkoj železnoj dorogi i ego rol’ v ėkonomičeskom i social’nom razvitii Dagestana (konec XIX- načalo XX vv.). Dis. kand. ist. nauk, Machačkala 1998, S. 69. Nemeckie korni (Anmerk. 38). CGA RD, f. 2, op. 2, d. 182, l. 6. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
ZUR WIRTSCHAFTLICHEN AKTIVITÄT DEUTSCHER EINWANDERER IN DAGESTAN 41 ländische Bierbraugenossenschaften, wie die Brauerei Vena, welche sich heute im Besitz der russischen Brauerei Baltika befindet.42 Ausbau der Infrastruktur und technische Neuerungen Auch im Baugewerbe demonstrierten die Neuankömmlinge ihre Schaffenskraft. Wohnhäuser, Kontore sowie Fabrikgebäude wurden in der Regel aus rotem Ziegel von hoher Qualität errichtet.43 Besonders gefragt waren in der Region Dachziegel aus der Ziegelei von Peter Tibelius in Romanovka. Noch heute kann man in dem Dorf L’vovski-3 ein von Deutschen erbautes Gebäude besichtigen, welches als Molkerei und Mühle Verwendung fand. Die Gebäudekonstruktion ist von hoher Qualität, die neun Meter langen Balken des Daches sind aufgrund ihrer speziellen Bauweise noch immer intakt. Sie bestehen aus dicht aneinandergereihten Brettern, die der Konstruktion Stabilität verleihen. Demnach müssen die deutschen Siedler hier auch ein Sägewerk und eine Schreinerei betrieben haben. Man kann sich nur schwer vorstellen, wie schwer es gewesen sein muss, die Holzstämme für die Balkenproduktion zu transportieren, verfügte man damals doch nur über einfache Pferdegespanne und musste Wege nutzen, die häufig durch unwegsame Sümpfe unterbrochen wurden.44 Die Siedler führten im Kreis Chasavjurt spezielle Maschinen und Werkzeuge wie Eisenpflüge oder Eggen ein. Die Herstellung von landwirtschaftlichen Gerätschaften befand sich in den Händen deutscher Meister, die ihre Geschäfte in Chasavjurt, Port-Petrovsk oder Kizljar hatten.45 Auch an der Gründung verschiedener Kredithäuser in Dagestan beteiligten sich viele deutsche Immigranten. So wurden 1914 im Kreis Chasavjurt elf Kreditgenossenschaften eröffnet, davon zwei deutsche – „Nikolaevskoe“ und „Frejdenfel’skoje“.46 Diese Kreditinstitute operierten im Bereich von Investitionen und Kreditvergabe. Die Genossenschaft Frejdenfel’skoje handelte beispielsweise mit Agrarmaschinen. Kredite wurden bei einer Verzinsung von zwölf Prozent für acht bis zwölf Monate gewährt, für Einlagen bei der Bank wurden sieben Prozent Zinsen per annum gezahlt. Die Genossenschaft hatte 1915 einen Umsatz von 11.000 Rubel, der Umsatz der Nikolaevskoe-Genossenschaft lag sogar bei 19.000 Rubel. Die Umsätze der acht größten Kreditgenossenschaften des Kreises von Chasavjurt lagen 1915 bei 954.000 Rubel. Wie viele Mitglieder diese hatten, lässt sich jedoch nicht mehr feststellen. Alle Genossenschaften hatten sich in der Kreditunion „Terskij Sojuz Učreždenij Melkogo Kredita“ vereinigt. Kredite wur42 43 44 45 46 Ebd., f. 2, op. 2, d. 182, l. 289. Abigasanov, M.: Domik u dorogi. Koe-čto o nemeckoj akkuratnosti. In: Dagestanskaja Pravda, Nr. 45 (28.2.2002), S. 2. Ebd. CGA RD, f. 219, op. 1, d. 5, l. 1. Mansurov, M. Ch.: Russkie pereselency v Dagestane (2 polovina XIX- načalo XX vv.), Маchačkala 1994, S. 143. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
42 ALIK DIBRAEV de an die Genossenschaften der Union, die Staatsbank „Moskovskij Narodnyj Bank“, Organe der Zemstvo – der örtlichen Selbstverwaltung – sowie an Privatpersonen vergeben. Zur Sicherung des Bankengeschäfts mussten 1914 für 40 Prozent des Handelsvolumens Eigenmittel vorgewiesen werden, die restlichen 60 Prozent konnten als Kredite vergeben werden. Die Kapitalakkumulation beschleunigte sich und stieg pro Jahr um 15 bis 16 Prozent. Die Kreditunion von Chasavjurt wuchs dank einer soliden Kapitalbasis schnell und konnte ihren Kundenkreis durch den Aufbau eines eigenen Filialnetzes stetig erweitern.47 Die deutschen Kolonisten waren auch auf zahlreichen weiteren Gebieten tätig. Einige von ihnen erwarben sich als Apotheker Ansehen, wie beispielsweise Adolf Friedrich Beting, der in der Siedlung Tal’ma die mit 182 Quadrat-Aršin48 größte Apotheke in Dagestan betrieb.49 In der Stadt Chasavjurt bauten Deutsche zudem Stationen für den Verkauf von Holz, Lager für Agrarmaschinen sowie Wurstfabriken und Verkaufsstellen auf.50 Die Kolonisten boten nicht nur ihre Überschussproduktion feil, sie produzierten auch speziell für den Vertrieb vor Ort.51 Neben der langsamen Integration in die lokale Wirtschaft existierten aber auch weiterhin Handelsbeziehungen zum Mutterland. Von hier bezogen die Siedler hochwertige Samen sowie landwirtschaftliche Geräte.52 Nach und nach wurden die Kolonisten in ihrer neuen Heimat jedoch heimisch. Der Kontakt zur ansässigen Bevölkerung, die schon seit Jahrhunderten den dagestanischen Boden bebaute, vertiefte sich mit der Zeit weiter. Durch die Kommunikation zwischen Siedlern und Einheimischen wurden Alltags- und Wirtschaftsprobleme gelöst, obgleich sich die Lebensweise beider Bevölkerungsgruppen weiterhin erheblich unterschied. Abschließend ist zu konstatieren, dass die deutschen Siedler einen hohen Einfluss auf die Entwicklung der Landwirtschaft in Dagestan hatten. Um es mit den Worten des Kreisvorstehers von Chasavjurt zu sagen: ,,Die zugezogenen Russen und Deutschen, welche Boden in der Kumykischen Senke (Kumykskaja ploskost’) durch eigene Mittel oder die Aufnahme von Krediten erwarben, haben ihren Anteil an der Entwicklung der Region: die Anzahl der Arbeitskräfte hat sich erhöht und die bearbeiteten Felder haben sich vergrößert.“53 Trotz zahlreicher Widrigkeiten, wie der Urbarmachung der Landschaft und der zunächst negativen Einstellung der örtlichen Verwaltung sowie der autochthonen Bevölkerung, erzielten die deutschen Einwanderer bedeutende Resultate in der Landwirtschaft. Am Beispiel des Kreises von Chasavjurt sollte aufgezeigt werden, dass die 47 48 49 50 51 52 53 Ruk. Fond IIAĖ DNC, f. 3, op. 1, d. 489; Ėkonomičeskoe sostojanie Chasavjurskogo okruga v dovoennoe i nastojaščee vremja, S. 34. Altes russisches Längenmaß. 1 Aršin=71cm. CGA RSO-A, f. 11, op. 49, d. 120, l. 14. CGA RD, f. 11, op. 1, d. 5, l. 1-5. Ebd., f. 11, op. 1, d. 5, l. 1-3. Plochotnjuk: Nemeckoje naselenie, S. 77. Rossijskij Gosudarstvennyj Istoričeskij Archiv (RGIA), f. 426, op. 3, d. 512, l. 221. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
ZUR WIRTSCHAFTLICHEN AKTIVITÄT DEUTSCHER EINWANDERER IN DAGESTAN 43 Neuankömmlinge einen erheblichen Einfluss auf die Entwicklung weiter Teile Dagestans, wie auch anderer Gebiete Nordkaukasiens, hatten. Durch den Aufund Ausbau von Siedlungen, Nutzgärten, Fabriken und Geschäften, die Steigerung der landwirtschaftlichen Produktivität sowie die Etablierung innovativer Gerätschaften und Techniken konnte die Infrastruktur des Gebietes nachhaltig verbessert und auf das Niveau einer durchschnittlichen europäischen Region des Russischen Reiches angehoben werden. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
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Besonderheiten im religiösen Leben und bei der Verwaltung geistlicher Angelegenheiten der deutschen Siedlergemeinden in Südkaukasien Tamara Tschernowa-Döke Die religiöse Motivation und die Wahrung der Glaubensfreiheit bildete eine der Hauptbedingungen für die Übersiedlung von Schwaben aus dem Königreich Württemberg in das heutige Georgien und Aserbaidschan.1 Während der Jahre 1817-1819 wurden hier mit Unterstützung der Regierung Russlands acht Siedlungen gegründet. Die Geschichte dieser Siedlungen deutscher Emigranten – in zeitgenössischen Quellen als „Sektierer“ oder „Schwärmer“ bezeichnet – weist eine Reihe von Besonderheiten auf, nicht zuletzt in der Organisation und Durchführung des geistlichen Lebens. Schon der Treueeid auf den Imperator, eingefordert zur Erlangung des Status als „Kolonisten“, erfolgte auf besondere Weise. Die protestantischen Einwanderer weigerten sich aufgrund ihrer religiösen Überzeugungen, den Eid zu leisten, weshalb ihnen gestattet wurde, ihre Loyalität zum Imperator lediglich mit dem Wort „Ja“ zu bekunden. Diese Ausnahmeregelung des Ministerkomitees vom 22. November 1819 wurde am 2. Dezember von Aleksandr I. bestätigt.2 Im Konflikt mit der Kirche emigriert, machten die Häretiker von ihrem verliehenen Recht auf freie Glaubensausübung Gebrauch und duldeten von Anbeginn keinerlei Prediger. In jeder Gemeinde sorgte ein eigens gewählter Geistlicher für das Seelenheil der Siedler. Doch die Entfernungen zwischen den Gemeinden wie auch innere und äußere Auseinandersetzungen blieben im geistlichen Leben spürbar. Geistliche Organisation der Siedlergemeinden durch die Baseler Mission Von Anbeginn der Siedlungstätigkeit kann eine Einflussnahme auf die Kolonisten von zwei Seiten beobachtet werden. Sowohl die örtliche Administration als auch die Evangelische Missionsgesellschaft in Basel3 verfolgten die Absicht, die Neuankömmlinge wieder an die Kirche zu binden. Ihre Vertreter August Dittrich (1797-1855) und Graf Felician von Zaremba (1794-1874) reisten mit Zustimmung der russischen Regierung nach Kaukasien in die Stadt Şuşa, Provinz Karabach, um 1 2 3 In zeitgenössischen Quellen wurde oftmals verallgemeinernd der Begriff „Grusien” genutzt. Polnoe Sobranie Zakonov Rossijskoj Imperii (PSZ), Izd. I. SPb. 1830, t. 36, nr. 28012. Zu den Aktivitäten der Baseler Mission siehe auch: Auch, Eva-Maria: Armenier im Bereich der Basler „Kaukasusmission“. In: Höpp, Gerhard (Hg.): Fremde Erfahrungen. Asiaten und Afrikaner in Deutschland, Österreich und in der Schweiz bis 1945, Berlin 1996, S. 51-68. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
46 TAMARA TSCHERNOWA-DÖKE „Gottes Wort unter die Mohammedaner und Heiden zu tragen.“ Der Hauptverwalter und Oberkommandierende, General Aleksej P. Ermolov, von dem die Idee der Gründung einer Musterkolonie von deutschen Bauern stammte, war allerdings gegen eine Koloniegründung durch Missionare, was aus seinem Schreiben vom 8. Juni 1823 an das Ministerium des Innern hervorgeht. Er vertrat die Ansicht, dass die örtlichen Bewohner dies als „Wunsch der Regierung, sie durch Ausländer zu beschneiden und Grund und Boden zu entziehen“ werten könnten. Ermolov sprach sich dafür aus, lediglich die Einrichtung einer Lehranstalt und einer Druckerei der Missionare zuzulassen.4 Der Minister für Volksaufklärung und geistliche Angelegenheiten, Aleksandr N. Golicyn, legte den Missionaren diese Bedingungen per Brief vor, womit sie sich einverstanden erklärten. Bereits am 20. September 1822 schrieben Missionare an General Ermolov: „Insbesondere würden wir, aus seelischem Mitleid an der schlimmen Lage der Kolonisten aus Deutschland, welche sich bei Tiflis und umliegend angesiedelt haben, von ganzem Herzen froh sein, den wahren Glauben unter ihnen einzupflanzen […].“5 Im Frühjahr 1823 besuchten die Basler Missionare die Kolonien zu ersten Predigten. Die Administration fand sich damit ab, weil sie seit Beginn der deutschen Siedlungstätigkeit vom Verhalten eines Teiles der Übersiedler enttäuscht war. So bemerkte der grusinische Zivilgouverneur von Hoven: „Sie verstehen sich als Separatisten, anerkennen keinerlei Obrigkeit über sich und verkünden, dass ihr Aufenthalt in Grusien nur zeitweilig und ihre eigentliche Bestrebung nach Jerusalem sei […].“6 Auch Ermolov klagte über fehlenden Eifer sowie mangelnden Arbeitswillen der Kolonisten und charakterisierte die Sektierer unter ihnen als „ohne jegliche Sittlichkeit […], nicht enthaltsam, nicht sorgsam und untätig.“7 Jedoch beruhigte ihn die Tatsache, dass ihre täglichen Beschäftigungen mit der Auslegung der Apokalypse des Johannes erfreulicherweise ohne Einfluss auf die lokale Bevölkerung blieben. Auf seine Ersuchen an das Innenministerium um einen evangelischen Pastor für die Siedlungen wurde schließlich im Juli 1825 der 50jährige Christan F. Hahn aus Saratov gesandt, um die „Verirrten“ auf den „rechten Weg“ zurückzuführen. Die Siedler verwiesen jedoch auf ihr Privilegium der Freiheit im Gottesdienst und gaben ihm deutlich ihre Ablehnung zu verstehen.8 Seine Arbeit wurde zudem durch die Anwesenheit der Missionare erschwert. Im Frühjahr 1824 kam der Baseler Missionar Johann Bernhard Saltet (1792-1830) nach Tiflis und wurde auf Bitte der Siedler deren geistlicher Vorsteher. Ein Jahr darauf reiste dann auch Pastor Gottlieb Wöhr (1797-1830) nach Elisabethtal. In den Gemein4 5 6 7 8 Akty sobrannye Kavkazskoj Archeografičeskoj Komissiej (AKAK), Archiv glavnogo upravlenija namestnika kavkazskago, T. VI. Č. I., Tiflis 1874, dok. 633. Ebd. Ebd. Ebd., dok. 460; Zapiski Alekseja Petroviča Ermolova, Bd. 2 (1816-1827), Moskva 1868, S. 68. AKAK, t. VIII, Tiflis 1881, dok. 165. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
BESONDERHEITEN IM RELIGIÖSEN LEBEN 47 den wurden Saltet und Wöhr als „Gäste und Brüder“ empfangen und allmählich begann man auch, sich den kirchlichen Traditionen zuzuwenden. In ihrer Mehrheit neigten die Siedler zur Augsburger Konfession. Das religiöse Leben der Gemeinden war durch die Kirchenordnung bestimmt, welche unter Mitwirkung von A. Dittrich ausgearbeitet und von einer eigenen Synode, die vom 12.-22. August 1823 tagte, gebilligt wurde.9 Die Synode galt als höchstes Verwaltungsorgan, jährlich einberufen von gewählten Vertretern der Siedlergemeinden. Für die Kontrolle über die Einhaltung des Ustav (russ. für Gemeindeordnung) in den Gemeinden war ein Kirchenkonvent zuständig. Der Ustav sollte die freie Religionsausübung nach eigener Tradition bewahren helfen. In ihm wurde festgeschrieben, die völlige Unabhängigkeit zu wahren und die Gottesdienste nach der alten württembergischen Agenda durchzuführen – unter Verwendung des alten Gesangbuches von 1791. Im Detail forderte der Ustav von den Gemeindemitgliedern folgendes: Gehorsamkeit der Untertanen; ein halbasketisches, abgeschottetes und gleichförmiges Leben sowie ständige Arbeit und jeglichen Verzicht auf Vergnügungen. Untersagt waren Fahrten in die Stadt an Sonn- und Feiertagen, zum Markt um Produkte abzusetzen und Eheschließungen mit Vertretern anderer Nationalitäten und Konfessionen, damit sich „wahrhaft Gläubige“ in fremder Umgebung „nicht verlieren“. Bei der Bestätigung des Statutes hatte Zivilgouverneur R. Hoven jedoch Einwände zu diesen Punkten, die er als „zu streng“ bewertete. Überdies votierte er für die Herabsetzung des Alters bei Hochzeiten in den Gemeinden (ab 18 Jahre für junge Männer und 16 Jahre bei Mädchen).10 Widerspruch und Aufkommen neuer religiöser Gemeinschaften Die neuen Pastoren wurden längst nicht von allen angenommen, von vielen wurden sie gar verspottet. Mit der Zeit vollzog sich unter den Siedlern eine deutliche Spaltung, was auch zu den besonderen Zügen ihres religiösen Lebens zählte. Pastor Saltet war gezwungen nach Şuşa zurückzukehren, im Oktober 1825 starb zudem unerwartet Pastor Hahn. Ohne geistliche Fürsorge wandten sich in der Gemeinde Katharinenfeld 24 Familien, angeführt von Ja. Koser, von der Kirche ab. Sie negierten fortan den Ustav und mit ihm kirchliche Zeremonien wie das heilige Abendmahl, die kirchliche Eheschließung und das Taufritual. Saltets Versuch, die Gemeinde im Januar 1826 zu befrieden, schlug fehl. Selbst ein Überfall von Persern auf die Kolonie am 14. (26.) August 1826 während des RussischPersischen Krieges, welcher Verwüstungen, Flucht, Gefangennahmen und Tote – unter ihnen Pastor F. Rohrer – nach sich zog, konnte die Opponenten nicht ver9 10 Nacional’nyj Archiv Gruzii – Central’nyj Istoričeskij Archiv (NAGr-CIA). f. 1728, op. 1, d. 1, li.1-44; f. 2, op. 1, d. 2284, li.1-16. Groß, Andreas: Missionare und Kolonisten. Die Basler und die Hermannsburger Mission in Georgien am Beispiel der Kolonie Katharinenfeld 1818-1870 (Studien zur Orientalischen Kirchengeschichte, Bd. 6), Hamburg 1998, S. 34 f. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
48 TAMARA TSCHERNOWA-DÖKE söhnen. Die gefährliche Zuspitzung des Konfliktes zog die Einmischung der Administration mit Zwangsmaßnahmen nach sich. Der Anführer der Abtrünnigen Koser und ein weiterer Siedler, der sein Kind selbst taufte, wurden öffentlich ausgepeitscht. Ein Sonderkomitee, im Mai 1827 einberufen vom Militärgouverneur General Nikolaj M. Sipjagin, beschäftigte sich mit der Gefahr der Ausweitung des Sektierertums und seiner Schädlichkeit. Dabei blieb die Linie der Administration hart: vorgeschlagen wurde, die Glaubensabtrünnigen bei weiterem Beharren „unverzüglich aus den Kolonien zu entfernen und andernorts anzusiedeln.“11 Die Eigenart des Momentes lag darin, dass für die insgesamt monokonfessionelle Enklave der protestantischen Siedler eine Vielfalt religiöser Betrachtungen und Bibelauslegungen charakteristisch war. So entstanden Gruppen von Anhängern A. Böpples in Elisabethtal, Ja. Kauters in Tiflis, Alexandersdorf und Marienfeld sowie Ja. Kosers in Katharinenfeld. Letztere verhielten sich feindlich zu den Anhängern Böpples. Die kleine Gruppe von Chiliasten wollte aus dem Siedlerverband austreten und strebte nach Jerusalem.12 Der Terminus „Separatisten“ – zunächst verwendet als Bezeichnung für alle deutschen Siedler in Südkaukasien – erhielt somit eine neue Nuance. Eine derartige Situation bestand bis 1843. Die Mehrheit der Kolonisten war jedoch weiterhin den Baseler Pastoren verbunden. Sie vertrauten sich der geistlichen Fürsorge Saltets an, der auch die Billigung der örtlichen Administration besaß. Auf Bitten des „besten Teils hiesiger Kolonisten“ wurde er 1827 zum ersten „Oberpastor“ aller Gemeinden ernannt. Der Oberpastor wurde zum Mittler zwischen Gemeinden und zarischer Administration und trug die Verantwortung vor dem Departement für geistliche Angelegenheiten ausländischer Konfessionen, welches dem russischen Innenministerium unterstellt war. Der Oberpastor stellte auch die Kandidaturen von Pastoren auf. Die Gemeinden blieben jedoch außerhalb des Konsistoriums der Evangelisch-lutherischen Kirche Russlands. Dazu ist zu sagen, dass Nikolaj I. zwischenzeitlich die Berufung von ein bis zwei Pastoren aus den vom Konsistorium unabhängigen „Baselern“ befürwortet und den Bau von fünf Kirchen und Pastorenhäusern in Tiflis, Marienfeld, Katharinenfeld, Elisabethtal und Helenendorf sowie einer Schule in Tiflis mit umfangreichen 27.859 Silberrubeln unterstützt hatte.13 Eine wichtige Bedeutung für das geistliche Leben der Gemeinden besaß die am 3.-4. Januar 1828 abgehaltene Synode, auf der die überarbeitete Kirchenordnung bestätigt wurde. Am 16. Februar 1829 wurde das neue Statut „für die in Grusien angesiedelten protestantischen Separatisten“ vom Zaren gebilligt, weil es „den allgemeinen staatlichen Gesetzen und der Ordnung für die innere Verwal11 12 13 NAGr-CIA, f. 2, op. 1, d. 2072, l. 8ob, l. 21; AKAK, t. VII. č. 2, Tiflis 1878, dok. 183-184. Weiterführend zu den Sektierern siehe: Groß: Missionare und Kolonisten, S. 36-43; Smirnov, S. K.: Nemeckie sektanty za Kavkazom. In: Russkij Vestnik, Nr. 5, t. 57, 1865, S. 230257; Majsuradze, R.I.: Nemeckij religioznyj separatizm i ljuteranstvo v Gruzii, Avtoreferat. kand. ist. nauk. Tbil. Univ., Tbilisi 1990. NAGr-CIA, f. 1728, op. 1, d. 2.; f. 2, op. 1, d. 2284, li. 28ob-29. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
BESONDERHEITEN IM RELIGIÖSEN LEBEN 49 tung der Kolonien“ nicht entgegenstand.14 Die Berufung von Baseler Pastoren blieb darin als Hauptmerkmal der Verwaltung geistlicher Angelegenheiten genauso erhalten wie die Unabhängigkeit von jeglichem Konsistorium. Allerdings verpflichtete Punkt sechs des Ustav den Oberpastor dazu, „alle die Aufmerksamkeit der Regierung verdienenden Vorfälle im geistlichen Leben“ sowie in der Synode an die Hauptverwaltung in Südkaukasien und an das Innenministerium zu melden. Daraus lässt sich schlussfolgern, dass Kirche und geistliches Leben in den Siedlungen zwar vom Konsistorium unabhängig waren, sie blieben jedoch fest in der Kontrolle der örtlichen Administration und der Regierung. Nach dem Tode Saltets während der Cholera-Epidemie von 1830 wurde drei Jahre darauf A. Dittrich zum zweiten Oberpastor ernannt. Inzwischen hatte sich die Bewegung der Sektierer so sehr ausgedehnt, dass der Hauptverwalter und Oberkommandierende in Kaukasien, Baron Grigorij V. Rozen, für entschiedene Maßnahmen votierte und eine Sonderkommission unter General Dietriks einsetzte, zu deren Mitgliedern auch Pastor Georg H. Breitenbach (1802-1868) aus Helenendorf zählte. Ihre Aufgabe war die Klärung der Ursachen für die Spaltung sowie die Einleitung von Maßnahmen zu deren Überwindung. Die Kommission war jedoch erfolglos und wurde bald aufgelöst.15 Die Gründe für die weitere Vertiefung der religiösen Spaltung der Siedlergemeinden lagen unter anderem in der Verzögerung der Fertigstellung der Kirchenbauten und auch die neue Kirchenordnung „entsprach in vielem nicht dem Zustand der Kolonistengemeinschaft“. Sie verlor daher zunehmend an Bedeutung. Die Umgestaltung der religiösen Verwaltung der Siedlergemeinden nach russischem Kirchengesetz Für die Eigenheit der geistlichen Verwaltung der deutschen Auswanderer spricht ebenfalls die Tatsache, dass die Ende 1832 für alle evangelischen Gemeinden Russlands eingeführte Kirchenordnung nicht in Südkaukasien galt. Jedoch gab es auch Tendenzen, diese Sondersituation zu umgehen oder gar zu beseitigen. So ist von Oberpastor Dittrich eine Eingabe beim Innenministerium überliefert, ob es angesichts des strengen Ustav der Siedlergemeinden möglich wäre, sich bei einzelnen Fragen, wie etwa Ehescheidungen, von der gesamtrussischen Kirchenordnung leiten zu lassen. Der Entscheid des Ministerkomitees im Dokument „Über die Ausdehnung des Ustav der evangelisch-lutherischen Kirche in Russland auf die in Grusien angesiedelten Separatisten“ wurde am 12. Februar 1835 vom Zaren bestätigt.16 Damit wurde den hiesigen Kirchspielen – den Pfarrbezirken – sein Gebrauch im genannten sowie in weiteren Fällen gestattet und die 14 15 16 PSZ-II, t. IV, nr. 2659. AKAK, t. VIII, dok. 164-165. PSZ-II, t. X, otd. 1, nr. 7853. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
50 TAMARA TSCHERNOWA-DÖKE Gültigkeit des Ustav der Evangelisch-lutherischen Kirche Russlands auch sukzessive auf die südkaukasischen Gemeinden ausgedehnt. Im Jahre 1836 fasste die Synode der deutschen Siedlergemeinden dann den Beschluss, diese Kirchenordnung nach eigener Maßgabe anzuwenden, jedoch bei Wahrung der eigenen Unabhängigkeit vom Konsistorium. Die 1840 begonnene administrativ-territoriale Reform des Reiches, welche die russischen Ordnungsnormen in der Zivilverwaltung gewaltsam und ohne Rücksicht auf örtliche Traditionen durchsetzen sollte, beschleunigte sicherlich die Annahme des neuen Ustav in den deutschen Siedlungen. Es ist hervorzuheben, dass dabei einige Regeln aus dem Statut von 1829 beibehalten wurden. Als Sonderbestimmungen fanden sie sich in einem Anhang für die südkaukasischen Siedlergemeinden wieder – zur Wahrung ihrer bei der Ansiedlung zugesagten religiösen Rechte und Privilegien. Obschon die Gemeinden damit Teil der Evangelischen Kirche Russlands wurden – der Kontrolle der Administration und des Innenministeriums unterworfen –, blieben sie doch in der Zuständigkeit der Synode und des Oberpastors und somit vom Konsistorium unabhängig. Die neue Kirchenordnung wurde am 25. November 1841 offiziell von Nikolaj I. bestätigt und der alte Ustav damit hinfällig.17 So wurde das allgemeine russische Kirchengesetz – bei einer Reihe von Ausnahmen – de facto auf die südkaukasischen Siedlungen ausgeweitet. Seine Annahme in der Zeit des Umbruches lokaler Traditionen im multiethnischen und polykonfessionellen Umfeld Südkaukasiens und der Russifizierung im oben erwähnten Reformprozess war symbolisch. Um unter diesen Bedingungen eigene Privilegien und Freiheiten aufrechtzuerhalten, waren Standfestigkeit und Mut gefragt. Verdienst daran hatte die Synode unter Führung des damaligen Oberpastors Christoph Heinrich Bonwetsch (1804-1876), der bis 1845 sein Amt als Oberpastor in Tiflis ausübte. Der neue Ustav verstärkte freilich die Unruhe unter den Sektierern. Nach Bericht des Zivilgouverneurs begannen sie, die Feldarbeiten zu vernachlässigen und Hausrat, Pferde sowie Geld an die Armen zu verteilen. Zum Zentrum des Widerstandes wurde eine Gruppe in Katharinenfeld, an deren Spitze Barbara Spon stand, die sich selbst als „Braut Christi“ bezeichnete. Der religiöse Fanatismus in den Siedlungen wurde durch ihre Aufrufe an die „Gotteskinder“ zum Gang nach Jerusalem angeheizt. Es wurden zwei Deputationen von Sektierern nach Tiflis gesandt, um nach einer Genehmigung für die Ausreise zu ersuchen – in beiden Fällen ohne Erfolg. Am 4. Juni 1843 – Pfingstsonntag – wurde doch ein Versuch der Emigration von 368 Sektierern nebst ihren Kindern unternommen. Beim geplanten Auszug aus Katharinenfeld, wo sie sich aus verschiedenen Ortschaften sammelten, wurden sie durch eine Abteilung von 115 Kosaken jedoch entschie- 17 PSZ-II, t. XVI, otd. 2, nr. 15059. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
BESONDERHEITEN IM RELIGIÖSEN LEBEN 51 den am Fortgang gehindert. Diese Episode ist gut dokumentiert und war bereits mehrfach Gegenstand von Publikationen.18 Im Januar 1844 teilten die Separatisten dem Hauptverwalter General Aleksandr I. Nejdgardt offiziell ihren Beitritt zur evangelisch-lutherischen Kirche mit. Auf diese Weise trat endlich Ruhe in die Gemeinden ein. Erst im Frühjahr 1854 wurde in Katharinenfeld unter Pastor I. Eberli das imposante Kirchgebäude geweiht – von dem nur ein kleiner Teil ohne Kirchturm erhalten blieb, es steht heute in der Stadt Bolnisi in Georgien. Die Kaukasische Statthalterschaft, Russifizierungspolitik und das Ende der religiösen Eigenständigkeit Ende Dezember 1844 verfügte Nikolaj I. mit der Einführung der Kaukasischen Statthalterschaft eine weitere Ausweitung der Rechte der russischen Administration. Unter diesen Umständen verstärkte sich auch deutlich die Abhängigkeit der Synode und des Oberpastors vom russischen Statthalter, sein Einfluss auf das geistliche Leben war deutlich spürbar. In diese Richtung wirkte auch der Ukaz vom 10. August 1856, der den Willen des Imperators hinsichtlich des Einflussrahmens des Statthalters über die geistlichen Angelegenheiten ausländischer Konfessionen bestimmte. Dieser Ukaz betraf auch die lutherischen Gemeinden Südkaukasiens. Die Synode der Siedlergemeinde wurde dem Statthalter vollständig untergeordnet, nur über ihn entschieden sich alle zu regelnden Fragen.19 Der Oberpastor sowie die Pastoren wurden nun unmittelbar vom Statthalter oder nach Abstimmung mit dem Innenministerium berufen. Die Berufung der Prediger blieb immer ein spezifisches Problem im religiösen Leben der schwäbischen Siedlungen. Die Gemeinden zog es zu den Pastoren der Baseler Mission, insbesondere denen württembergischer Herkunft. Die Konditionen ihrer Berufung als protestantische Prediger für südrussische Kolonien wurden durch Entscheid des Ministerkomitees geregelt, welcher am 17. Mai 1827 vom Zaren bestätigt wurde. Danach hatte das Außenministerium streng über die Ausgewählten zu wachen und das Ministerium für Volksbildung trug die Verantwortung dafür, dass „keine Freidenker zugelassen“ wurden.20 Der Bildungsminister Aleksandr S. Šiškov akzeptierte im Schreiben an das Ministerium des Innern vom 25. August 1827 die Berufung von Pastoren aus Basel, solange eine theologische Ausbildung an der Universität von Dorpat nicht gewährleistet wer18 19 20 Weiterführend dazu: Tschernova-Deke, Tamara: Nemeckie poselenija na periferii Rossijskoj imperii. Kavkaz: vzgljad skvoz' stoletija (1818-1917), Moskva 2008, S. 94-101; Verdieva, Ch.: K voprosu o separatizme nemcev-kolonistov Zakavkaz’ja v XIX veke. In: Materialy pervoj meždunarodnoj naučnoj konferencii „Kavkazskie nemcy – nemcy na Kavkaze do Pervoj mirovoj vojny“. 22-25 sentjabrja 1997, Baku 2001, S. 307-316. PSZ-II, t. XXXI, nr. 30838. PSZ-II, t. II, nr. 1097. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
52 TAMARA TSCHERNOWA-DÖKE den konnte.21 Punkt 5 des Kirchen-Ustav von 1829 definierte die Berufung von Predigern aus Basel, nun entfiel jedoch das Einverständnis der Mission dafür. Beim Eid auf „treue Dienste am Imperator“ sollten die Pastoren einer Einflussnahme von außen entzogen sein. Und bereits in der darauffolgenden Kirchenordnung von 1841 wurde die Möglichkeit der Berufung ausländischer Pastoren komplett gestrichen. Daraus folgte die nicht einfache Situation, dass einige südkaukasische Gemeinden über zwei bis drei Jahre – in manchen Fällen sogar noch länger – ohne Pastor auskommen mussten. Es galt nunmehr die Vorgabe, dass vakante Stellen mit Absolventen aus Dorpat zu besetzen seien. Hinzuzufügen ist, dass seit März 1852 die Berufung von Predigern aus Basel offiziell untersagt war und damit eingestellt wurde. Erst am 28. November 1861 wurde diese Entscheidung durch das Kaukasische Komitee im Sinne der Siedler revidiert. Der Verdienst hierfür gebührt Pastor Chr. Roth (1802-1872, 1840–1859 in Helenendorf), der mit einer Anfrage an den kaiserlichen Statthalter Fürst Aleksandr I. Barjatinskij Bewegung in die Situation brachte. Der Entscheid des Komitees erlaubte es nun, den Predigerkandidaten im Ausland zu suchen, jedoch unter der in Punkt 2 festgehaltenen Bedingung, dass diese in einer Versammlung von Pastoren und dem Oberpastor durch ein geistliches Gespräch (Colloquium) auf ihre „Zuverlässigkeit“ geprüft wurden. Die Frage der Entlohnung und der Reisekosten wurde in Punkt 5 der Verantwortung des Statthalters überwiesen, aus Mitteln und gemäß den Möglichkeiten der Administration.22 Unter diesen günstigeren Bedingungen wurde als erster Pastor Martin Fr. Schrenk (1833-1911, 1862–1875 in Elisabethtal) – bekannt als Verfasser einer Schrift im Auftrag der Synode zur Geschichte der deutschen Kolonien in Südkaukasien aus dem Jahre 1869 – ernannt. Mit Abschaffung der Statthalterschaft im Jahre 1882 und der Einführung einer neuen Ordnung zur administrativen Verwaltung Kaukasiens wurden die Pastoren und der Oberpastor – in Abänderung der Art. 870 und 874 des Kirchengesetzes – vom Innenministerium und in Absprache mit dem Hauptzivilverwalter des Kaukasus bestimmt. Als weitere Besonderheit der religiösen Verwaltung der Siedlergemeinden gilt auch die Existenz zweier Verwaltungsbezirke. Gemäß dem Ustav der Evangelisch-Lutherischen Kirche Russlands „unterstanden ihre transkaukasische Gemeinden dem Moskauer Konsistorium, mit Ausnahme der ausländischen Siedler in den Kolonien.“ Damit koexistierten hier die Bezirke der transkaukasischen Kolonisten-Synode und des Moskauer evangelisch-lutherischen Konsistoriums, zu dem die Gemeinden Tiflis, Baku und die der Tochterkolonien Georgsthal und Petrovka, nahe der Stadt Kars23, gehörten. 21 22 23 AKAK, t. VII, č. 2, dok. 184. PSZ-II, t. XXXVI, otd. 2, nr. 37671; NAGr-CIA, f. 1592, op. 1, d. 22, l. 1. Kars kam 1877/78 zum Russischen Reich. Es erfolgten Ansiedlungen von griechischorthodoxen Pontos-Griechen, nicht-griechisch-orthodoxen Armeniern sowie Deutschen und Esten in der Gegend. Im Jahr 1891 wurden deutsche Familien aus der Kolonie Ale- https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
BESONDERHEITEN IM RELIGIÖSEN LEBEN 53 Eine weitere Besonderheit des Umgangs der russischen Behörden mit den religiösen Eigenheiten der deutschen Siedler bestand in der Bildungspolitik der Regierung. Der geistliche Faktor spielte eine dominierende Rolle bei der Gründung von Dorfschulen in den Gemeinden nach der deutschen Tradition der allgemeinen Schulpflicht. Die historisch als eine Einheit entstandene Verbindung „Gemeinde-Kirche-Schule“ forderte die ständige Fürsorge der Synode und des Oberpastors zur Unterstützung der Schulen und Lehrer – nicht zuletzt zur Wahrung der eigenen Muttersprache und Kultur. Im Verlauf der Zunahme der Russifizierung in den eroberten Gebieten erfolgte die Übergabe der protestantischen Kirchenschulen der Gemeinden an das Ministerium für Volksbildung, nach Entschluss eines staatlichen Rates, welcher für Südkaukasien am 30. März 1892 vom russischen Zaren bestätigt wurde. Die Übergabe der Verantwortung für die Gemeindebildung an das Ministerium geschah in den deutschen Siedlungen Kaukasiens später als im Zuständigkeitsbereich des Moskauer Konsistoriums (dort bereits mit Beschluss vom 22. November 1890), da das Gebiet unter Verwaltung der Synode der Siedler nicht zum Konsistorium gehörte.24 An der Schwelle des 20. Jahrhunderts machte sich jedoch ein Streben nach Einigung bemerkbar, nicht zuletzt forciert durch die Diskussionen in der Zeitung „Kaukasische Post“. Nach Auffassung ihres Redakteurs Karl A. Fischer, galt alles außerhalb des Generalkonsistoriums entweder als unpraktisch oder veraltet. Es wurden Stimmen laut zur Schaffung eines besonderen transkaukasischen Propst-Bezirkes und dessen Beitritt zum Moskauer Konsistorium. Im Vorfeld der ordentlichen Synode von 1913 wurden in der Zeitung offenkundig entstandene Probleme und Lösungsvorschläge erörtert: Veränderungen in der Reglementierung des kirchlichen Lebens, Reform der Synode, Überprüfung der Kirchenordnung und vieles weitere mehr.25 Als wesentlich galt die Bestrebung zur Annäherung der Gemeinden von städtischer und ländlicher deutscher Bevölkerung in Südkaukasien. Gemeinsame Herkunft und Konfession sollten den Nachfahren der deutschen Einwanderer ein neues Gemeinschaftsgefühl geben und deren sozial-psychologische Adaption unter den Umständen der fremdsprachigen Umgebung unterstützen. Am Vorabend des Ersten Weltkrieges kann dies vielleicht als eine Reaktion auf eine zunehmende „antideutsche“ Stimmung im Imperium gedeutet werden, die als „Echo“ auch in Kaukasien zu vernehmen war. Betrachtet man die Kirchengeschichte im Kontext der Frage nach der der Beziehungen der Deutschen zur örtlichen Bevölkerung waren zwei sich gegenseitig beeinflussende Faktoren dominierend. Einerseits hemmte von Anbeginn die Re- 24 25 xanderhilf umgesiedelt, die das Dorf Petrovka gründeten. Die Bevölkerung blieb relativ gering und bestand aus etwa 200 Personen von 1911. Zwei weitere Kolonien in der Provinz, Vladikars und Estonka entstanden zwischen 1911 und 1914. Ehemalige deutsche und estnische Siedler lebten bis in die 1960er Jahre v.a. im Kreis Arpacay, in den Dörfern Paşaçayir und Karacaören. PSZ-III, t. X, otd. 1, nr. 7211; t. XII, nr. 8476. Kaukasische Post 37 und 39 (1913). https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
54 TAMARA TSCHERNOWA-DÖKE glementierung des Lebens durch die strenge Kirchenordnung die Kontakte der Übersiedler mit ihren neuen Nachbarn und ihre Integration in die lokale Gesellschaft. Andererseits baute die positive Entwicklung der Wirtschaftsbeziehungen und des kulturellen Lebens die durch Selbstisolation oder einzelne Nachbarschaftskonflikte entstandenen Barrieren ab. Der Prozess der gegenseitigen Annäherung von Siedlern und Einheimischen verlief unter diesen Eindrücken schließlich auf friedlichem Wege und im Geiste gegenseitiger Toleranz. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
Deutsche Musiker und Komponisten in Kaukasien von der Mitte des 19. bis Ende des 20. Jahrhunderts Alexander Schwab † Im Russischen Zarenreich war es üblich, für die Teilhabe an der europäischen Musikkultur unter anderem deutsche Musiker und Komponisten als Fachkräfte einzuladen, die dann zumeist in zentralen Institutionen eingesetzt wurden. Im 16. bis 17. Jahrhundert waren das die Höfe beziehungsweise auch die Haushalte der Hochadligen – bis hin zum Zarenhof –, wo Deutsche als Hauslehrer engagiert wurden. Mit der Gründung der Akademie der Wissenschaften im neu errichteten Russischen Kaiserreich durch Peter den Großen Anfang des 18. Jahrhunderts konnten auch deutsche Wissenschaftler ihren Beitrag zur Entwicklung der Wissenschaften, aber auch der Musikkultur in Russland leisten. Als ein Land, das zum damaligen Zeitpunkt in erster Linie seine Wirtschaft und somit im Bereich der Wissenschaften vor allem die Entwicklung der Mathematik und Physik zu beschleunigen suchte, erscheint es aus heutiger Sicht verständlich, dass die Musikwissenschaft hier zunächst keine Rolle spielte. Mit dem Voranschreiten der Musikausbildung und des Konzertwesens im Lande war es jedoch nur eine Frage der Zeit, bis die Notwendigkeit der theoretischen Forschungen auf dem Gebiet der Musikkultur erkannt und auch begonnen wurde. Charakteristisch für jene Zeit war auch, dass die wichtigsten theoretischen Erkenntnisse auf dem Gebiet der langsam entstehenden Musikwissenschaft von Gelehrten anderer Fachbereiche gewonnen und veröffentlicht wurden, die keine Berufsmusiker waren. So machte sich der Schweizer Physiker und Mathematiker Leonhard Euler (1707-1783) nicht nur auf dem Gebiet der genannten Fächer, sondern auch auf dem der musikalischen Akustik1 einen Namen, der weit über die Grenzen Russlands ausstrahlte. Seine Erkenntnisse auf diesem Gebiet haben ihre Bedeutung und ihren wissenschaftlichen Wert bis heute nicht verloren und werden praktisch in der ganzen Welt studiert. Euler war gleichzeitig Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften in Berlin wie auch der Russischen Akademie der Wissenschaften in St. Petersburg. Zu den früheren Artikeln, die seine Arbeit 1 Noch vor über 2000 Jahren führte in Griechenland der philosophisch-mathematische Kreis der Pythagoreer Messungen am Klang des Monochords (einzelne aufgespannte Saite) durch und maß Längenverhältnisse zu der jeweils klingenden und zum abgeklemmten Teil der Saite aus. Dadurch konnte die Obertonreihe der ursprünglichen (ganzen) Saite beschrieben werden. Euler hielt diese Obertonreihe für die Grundlage zur Entwicklung des menschlichen Gefühls für die Tonalität und berechnete sie mathematisch. Wichtig sind auch seine Berechnungen des „geometrischen Raumes“, in dem sich die Schallwellen im Raum gleichmäßig verteilen, ohne einen störenden Nachhall zu erzeugen. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
56 ALEXANDER SCHWAB † würdigten, gehören die von Pavel Berkov, Emmi Kalla-Heger, wie auch neuere Untersuchungen von Evgenij Gercman und anderen.2 Dem Historiker, Schriftsteller und Musiktheoretiker Jakob von Staehlin (1709-1785), geboren im oberschwäbischen Memmingen und ab 1735 an der Russischen Akademie der Wissenschaften tätig, verdankt die Nachwelt wichtige Einzelheiten über das Musikleben im Russland des 17. bis 18. Jahrhunderts.3 Mitte bis Ende des 18. Jahrhunderts gab es neben anderen ausländischen Musikvereinen, Theatern und Orchestern – vor allem italienische und französische – auch viele von Deutschen gegründete und geführte Musikinstitutionen, die ihren Beitrag zum weiteren Wachstum des Musiklebens in Russland leisteten. Eine wesentliche Rolle spielten deutsche Musiker auch an den von den Gebrüdern Anton und Nikolaj Rubinštejn Mitte des 19. Jahrhunderts in Petersburg und Moskau gegründeten Konservatorien.4 In der Provinz erschienen qualifizierte ausländische und vor allem deutsche Musiker meist dann, wenn sie entweder in den Zentren nicht mehr Fuß fassen konnten oder von örtlichen Adligen – meist mit einem guten Gehalt – als Hauslehrer engagiert wurden. Das musikalische Leben in den deutschen Siedlungen des Russischen Reiches Nach Südkaukasien wie auch in andere südrussische Gebiete zogen vor allem diejenigen Deutschen, die vor Krieg und Armut aus ihren Heimatorten geflohen waren und sich in den Weiten Russlands in erster Linie Land und dadurch eine sicherere Existenzgrundlage erhofften. In den schwierigen Zeiten der Aufbauphase spielte sich das Kulturleben in den Siedlungen zumeist in der Kirche ab. 2 3 4 Berkov, Pavel Naumovič: Deutsch-russische kulturelle Beziehungen. In: Winter, Eduard (Hg.): Die deutsch-russische Begegnung und Leonhard Euler, Berlin 1958; Kalla-Heger, E.: Leonhard Euler und die Musikwissenschaft. In: Ebd.; Gercman, Evgenij: Leonard Ejler i evropejskoe muzykoznanie XVIII veka (Leonhard Euler und die europäische Musikwissenschaft im 18. Jahrhundert). In: Kongressbericht „Deutschland, Rußland und Ukraine – musikalische Beziehungen in Vergangenheit und Gegenwart“, St. Petersburg 1996, S. 69-76 (russ. mit dt. Abstract). Stählin, Jakob von: Theater, Tanz und Musik in Rußland. In: M. Johann Joseph Haigold’s Beylagen zum Neuveränderten Rußland, Riga/ Mitau 1769 (Nachdruck: Leipzig 1982); hier 1. Kap.: Zur Geschichte des Theaters in Rußland, S. 397-432; 2. Kap.: Nachrichten von der Tanzkunst und Balletten in Rußland, S. 1-36; 3. Kap. Nachrichten von der Musik in Rußland, S. 39-192. Besondere Verdienste um die russische Musikkultur erwarb Anton Rubinstein, der 1844-1848 in Berlin und Wien studierte. Nach aktiver Reise- und Gastspieltätigkeit kehrte er 1858 nach St. Petersburg zurück, wo er im selben Jahr die Singakademie gründete, 1859 entstand nach seiner Initiative die „Russische Musikgesellschaft“ und 1862 das erste Konservatorium in Russland, das er selbst bis 1867 als Direktor leitete. Sein Bruder Nikolaj war auch ein Klaviervirtuose, der 1844-1846 mit seinem älteren Bruder und seiner Mutter in Berlin lebte und hier Unterricht im Klavierspiel bekam. 1866 gründete er das „Moskauer Konservatorium“. Solche Bildungsstätten tragen in Deutschland die Bezeichnung Musikhochschulen. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
DEUTSCHE MUSIKER UND KOMPONISTEN IN KAUKASIEN 57 Um das Unterrichtswesen in Kaukasien machte sich der in Stuttgart geborene und ausgebildete Komponist und Musikpädagoge Vasilij V. Kjuner (Kühner 1840-1911)5 verdient. Von 1870 bis 1876 war er Musikdirektor in Tiflis, seit 1878 in St. Petersburg. Zu seinen Werken gehören eine Oper, zwei Sinfonien sowie Kammer- und Klaviermusik, die zum Teil unter Verwendung von kaukasischen Volksmelodien entstand. Einer aus Graubünden nach Moskau ausgewanderten Familie entstammte der Komponist Pavel (Paul) F. Juon (1872-1940), bei dem einst auch der „Vater der sowjetischen Pianistenschule“, Heinrich (Gustavovič) Neuhaus (Nejgauz), studierte. Juon selbst studierte in Moskau und Berlin. Von 1896 bis 1897 war er Kompositionslehrer am Konservatorium in Baku.6 Die wissenschaftliche Aufarbeitung des Musiklebens der Deutschen im Kaukasus ist zwar unzureichend, kann aber schon einige bedeutende Publikationen vorweisen. Dazu gehören Artikel und Abhandlungen von Viktor M. Žirmunskij, Alfred Ström u.a. über die deutschen Niederlassungen in der Ukraine und dem Kaukasus, in denen auch die Musikfolklore der deutschen Siedler beschrieben wird.7 Eine grundlegende Arbeit über die Musikkultur der Deutschen in Russland und der nachfolgenden Sowjetunion gelang Ernst Stöckl, der in seiner Untersuchung alle bedeutenden Publikationen bis 1990 einbezogen hat.8 Über das Musikleben der deutschen Auswanderer in Südkaukasien ist bei ihm zu lesen: „In jeder der sieben transkaukasischen Mutter- und der vierzehn Tochterkolonien, in denen insgesamt etwa 25.000 Deutsche wohnten, gab es seit den 1870er Jahren einen Gesangsverein. Immanuel Walter (geb. 1871), der 30 Jahre als Lehrer in Katharinenfeld tätig war, äußert die Meinung, dass es ‚nirgendwo in der Welt, auch Deutschland nicht ausgenommen, noch einen Ort gibt, wo so viel gesungen wird, wie in den transkaukasischen Kolonien‘ und dass es ‚vornehmlich dem echten deutschen Volkslied mit zu verdanken ist, dass die Kolonisten so unverfälscht deutsch geblieben sind.‘“9 Mehrere Publikationen widmen sich zudem dem Ort Helenendorf – das heutige Göygöl, einst eine der bekanntesten Siedlungsgründungen deutscher Auswanderer in Südkaukasien –, unter anderem Arbeiten von Hans Hermann Graf von Schweinitz und Oswald Zienau.10 Obwohl der Artikel von Oswald Zienau11 be- 5 6 7 8 9 10 Paul, Frank/ Wilhelm Altmann: Kurzgefaßtes Tonkünstlerlexikon, Bd. 1, Wilhelmshaven 1936 (Neudruck 1971), S. 325. Musik in Geschichte und Gegenwart (MGG), Bd. 7, Sp. 389-393. Žirmunskij, Viktor M.: Die deutschen Kolonien in der Ukraine. Geschichte, Mundarten, Volkslied, Volkskunde, Moskau 1928; Ström, Alfred: Die Entwicklung des deutschen Volksliedes in der Ukraine. In: Nachrichten der Odessaer Kommission für Landeskunde, H. 4-5 (1929), Deutsche Sektion, H. 1, S. 22-44. Stöckl, Ernst: Musikgeschichte der Rußlanddeutschen, Dülmen 1993. Ebd., S. 181 f. Schweinitz, Hans Hermann Graf von: Helenendorf. Eine deutsche Kolonie im Kaukasus, Berlin 1910; Zienau, Oswald: Orchestervereinigung Helenendorf. Eine Erinnerung an die Kaukasusdeutschen. In: Ostland. Vom geistigen Leben der Auslandsdeutschen, Jg. 5 (1930), S. 352 ff. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
58 ALEXANDER SCHWAB † reits 1930 in der Zeitschrift „Ostland“ erschien, gibt er die Musikkultur der Deutschen – vor allem der vorrevolutionären Zeit – in Südkaukasien gut wieder. Hier erinnert sich Zienau, dass er auf seiner Reise über Südkaukasien vor allem nach Helenendorf strebte, „der bedeutendsten Siedlung der Deutschen in Aserbai dshan [sic!].“12 Auf seiner Reise dorthin durchquerte er die Stadt Gǝncǝ, die „in uralten Zeiten Hauptstadt eines sagenhaften Gandshareiches“ gewesen und für ihn nun zum Sinnbild „wütenden Rassenhasses“13 geworden war: „Zur einen Seite der von der Gandshinka, einem träge fließenden Flüßchen, zweigeteilten Stadt (lebten) die muselmanischen Türken, zur anderen die christlichen Armenier: beide zu Frieden und Verständigung nur gezwungen durch die drohenden Karabinerläufe der Roten Miliz. Auf der breiten Gandshinkabrücke standen gar sechs Wachhäuschen: nach sechs Uhr abends ist Türken und Armeniern der Verkehr über diese Brücke verboten: wer gegen dieses Verbot verstoßen will, läuft Gefahr, ohne Weiteres erschossen zu werden!“.14 Seinen Zielort beschreibt Zienau wie folgt: „Helenendorf ist nicht die älteste Deutschsiedlung Transkaukasiens, aber durch einen zielbewussten Aufbau ein großzügiger, geistiger und wirtschaftlicher Mittelpunkt des gesamten Deutschtums in Trans- und Nordkaukasus geworden. Das drückt sich aus sowohl in der Ordnung und Wahrnehmung der Gemeinschaftsangelegenheiten als auch in der Lebensführung des Einzelnen.“15 Zienau bewunderte den Häuserbau, der durchweg aus Stein war und weitgehend die Architektur der schwäbischen Heimat kopierte, vor allem in den hohen Giebeldächern: „Vom Hausbau der Eingeborenen ist nur übernommen die im ganzen Orient übliche sich breit um den Oberstock herumziehende teils glasverdeckte, teils offene Holzveranda. Ein geräumiger Marktplatz mit einem schlankgetürmten Kirchlein in der Mitte des Platzes, mit Gemeinschaftshaus und Schulen, denn Helenendorf hat außer seiner Grundschule noch ein Gymnasium, das von den Kindern aller deutschen Dörfern des Trans- und auch Nordkaukasus besucht wird. Selbstverständlich schwäbelt man in Helenendorf, so dass es ganz wie in der lieben, deutschen Heimat klingt inmitten einer orientalischen Wesens- und Wunderwelt, die der schöne Bergsee Sei-Sel16 und die Bergkuppen des Kjapas offenbar werden lassen.“17 Ferner berichtet Zienau über einen gemütlichen Nachmittag, den er beim Dorfarzt „mit freundlicher Nachhilfe einer Flasche Helenendorfer Schaumweines“18 11 12 13 14 15 16 17 18 Oswald Zienau (geb. 1893) war vor 1933 Korrespondent der Kölnischen Volkszeitung in Moskau, später DPA-Korrespondent in der Schweiz. Zienau: Orchestervereinigung, S. 354. Ebd., S. 352 f. Ebd., S. 353. Ebd. Gemeint ist hier der Bergsee Göygöl. Ebd. Ebd., S. 354. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
DEUTSCHE MUSIKER UND KOMPONISTEN IN KAUKASIEN 59 verbracht habe. Irgendwann richtete sich der Gastgeber auf, griff zu seiner Trompete und entschuldigte sich beim Gast, er habe einen Orchesterabend, und lud den Gast gleichzeitig ein, das Orchester zu besuchen. In seiner Vorstellung über dieses Orchester schrieb Zienau: „Warum sollten die Helenendorfer nicht auch ihre Musik haben! Und ich dachte an die mehr gut gemeinte, aber weniger schön klingende Bauernmusik der Heimat, und begab mich in das Klubhaus.“19 Umso größer war seine Überraschung, als er Übungen zu Wagners Meistersingern hörte, die so gar nicht nach „Bauernmusik“ klangen. „Das war ein ernsthaftes Üben eines ernsthaften Orchesters“. Jede Unreinheit wurde vom Dirigenten abgeklopft und die Übung wiederholt, bis auch die schwierigsten Partien sicher saßen. Er berichtete weiter: „Als die Übung beendet war, kam ein jüngerer Mann auf mich zu [...]. Und der Herr Kapellmeister20 begrüßte mich im reinsten Wienerisch: ‚Jesses, na so was, ein Reichsdeutscher.‘ Dann kam etwas Wienerisches: zart und schmiegsam quoll der Donauwalzer aus diesem Orchester auf. Als zweites eine klassische Musik, und schließlich folgten flotte Preußenmärsche. Das alles mitten in Aserbaidshan! Gespielt mit weit mehr als laienhaftem Können von einer Kapelle, in der der Arzt die erste Trompete spielte, der Gymnasiallehrer die große Trommel schlug, der Küster die Baßtrompete blies. Ihren Kapellmeister hatten sich die Helenendorfer von der Berliner Staatlichen Hochschule für Musik geholt. Der war der europäischen Städte überdrüssig, und so zog er mit einer jungen Frau auf die abenteuerliche Fahrt nach Helenendorf in Aserbaidshan.“21 Die Musikkultur einer entlegenen, aber musikalisch hoch entwickelten deutschen Siedlung in Kaukasien beschrieb Oswald Zienau folgendermaßen: „Das Orchester spielte für alle Helenendorfer alte Walzer, klassische Musik aller Völker und Märsche aller Art. Zu besonderen Gelegenheiten wird auch noch der gemischte Chor hinzugezogen. Und die großen Werke für Orchester und gemischten Chor tönen zu den spitzgiebligen Schwabenhäusern hinauf, um die eine breite orientalische Holzveranda läuft [...].“22 19 20 21 22 Ebd. Wahrscheinlich handelte es sich dabei um Alois Melichar (geb. 1896 in Wien, verst. 1976 in München). Er studierte Musiktheorie, Klavier u. Pauke an der Staatsakademie für Musik und darstellende Kunst in Wien, Komposition an der Hochschule für Musik in Berlin und arbeitete als Musikdirektor u. Gesangslehrer an der deutschen Oberrealschule in Helenendorf (Aserbaidschan). 1926 wurde er Musikreferent der Deutschen Allgemeinen Zeitung in Berlin, 1927 Hausdirigent und musikalischer Beirat der Deutschen GrammophonGesellschaft. Kompositionen von Filmmusik. 1946-1949 Leitung des Studios für moderne Musik in Wien. Anschließend freier Komponist in München. Da Zienau bereits 1926 einen Artikel Vom heutigen Helenendorf. – In: DPO 1926. S. 169 ff. veröffentlicht hatte, scheint das Zusammentreffen der beiden hier beschrieben zu sein. (Anm. d. Herausgeberin) Ebd. Ebd. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
60 ALEXANDER SCHWAB † Deutschstämmige Berufsmusiker im Russischen Reich und der Sowjetunion Einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung der Musikkultur der in der russischen Peripherie lebenden Völker leisteten auch andere Berufsmusiker mit deutschen Wurzeln. Zu der älteren Generation gehörte Gustaw Adolf Gebethner, der 1831 in Warschau geboren wurde und seine musikalische Ausbildung hier sowie in Berlin erhielt. 1857 gründete er gemeinsam mit Robert Wolff (1832–1910) die Warschauer Verlagsbuchhandlung „Gustaw Gebethner & Społka“, später „Gebethner i Wolff“. 1860–1866 leiteten beide eine Notenstecherei. Als Verleger leisteten Gebethner und Wolff Bedeutendes für die polnische Musik, aber auch für die Stadt Vladikavkaz, wo sie eine Filiale besaßen. Sie gaben auch Handbücher zur Musikgeschichte, Musiktheorie und zur Musikpädagogik heraus. Verstorben ist Gebethner in Vladikavkas, wo er auch seine letzten Jahre verbrachte. In der Sowjetunion war die Arbeit des russischen Komponisten und Dirigenten Lev Konstantinovič Knipper von besonderer Bedeutung. Er wurde 1898 in Tiflis geboren und machte hier auch seine ersten musikalischen Erfahrungen. Seine Studien begann er bei Philipp Jarnach in Berlin und setzte sie bei Rejngol’d M. Gliėre, Nikolaj S. Žiljaev sowie Elena F. Gnesina in Moskau fort. Sein Kompositionsstil war zunächst zeitgenössisch, ab den 1930er Jahren dann populär-symphonisch; er verarbeitete zudem charakteristische Melodien asiatischer und kaukasischer Völkerschaften. Seine Sammlerleidenschaft galt der musikalischen Folklore der sowjetischen Ethnien, die ihn in die verschiedensten Regionen des Landes führte: bis 1930 hielt er sich überwiegend im Kaukasus auf, 1931-1932 in Tadschikistan und 1946 in der Mongolei. Ab 1932 leistete er musikalische Breitenarbeit bei der sowjetischen Armee: zunächst in Fernost, 1942 und 1944 dann in Persien. Knipper hinterließ ein umfangreiches Werk, seine Symphonien, Opern, Konzerte, Instrumental- und Vokalwerke erreichten ein breites Publikum. Er verstarb 1974 in Moskau. Von enormer Immanenz für das musikalische Leben des Landes war zudem das Wirken des „Vaters der sowjetischen Pianistenschule“ Heinrich Neuhaus (Genrich G. Nejgauz). Neuhaus wurde 1888 in Elisavetgrad, dem heutigen Kropivnic’kij in der Ukraine, in eine Musikerfamilie hineingeboren. Er studierte in Wien und in Tiflis an der Meisterklasse der Wiener Musikgesellschaft und entwickelte sich bald zu einem Klaviervirtuosen. 1912–1914 war er Schüler Leopold Godovskijs in Tiflis, wo er auch seine ersten Erfahrungen als Professor für Klavierunterricht sammelte. 1919-1922 lehrte er als Professor am Konservatorium in Kiew und anschließend als Professor am Konservatorium in Moskau, dessen Direktor er von 1935–1937 war. 1942 erfolgte seine Deportation und schwere Misshandlung durch die sowjetischen Behörden. Nur durch die Hilfe seiner früheren Moskauer Kollegen, wie etwa Dmitrij Šostakovič, gelang es Neuhaus 1946 an das Moskauer Konservatorium zurückzukehren, wo er dann bis zu seinem Tode 1964 eine Professur innehatte. Viele Konservatorien der Sowjetunion https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
DEUTSCHE MUSIKER UND KOMPONISTEN IN KAUKASIEN 61 schätzen sich glücklich, Heinrich Neuhaus bei Staatsprüfungen und Festakten bei sich begrüßen zu können. Oft war er auch in Tiflis, dem späteren Tbilisi, und Baku zu Gast. Als Musikpädagoge verfasste er mehrere Schriften, darunter auch ein Buch über das Klavierspiel, die von der Musikwelt bis heute hoch geschätzt werden. 1998 hielt das – 2004 leider geschlossene – Institut für deutsche Musikkultur im östlichen Europa (IME) zum 110. Geburtstag von Neuhaus eine wissenschaftliche Konferenz an der Universität und Musikhochschule Köln ab, an der seine ehemaligen Schüler teilnahmen und seine Tochter Miliza Neuhaus aus Moskau einen Vortrag hielt.23 Auch das Leben und Wirken des großen Pianisten Rudolf Kehrer (1923-2013), den Ernst Stöckl in seinem Buch „Musikgeschichte der Russlanddeutschen“ in eine Reihe mit Svjatoslav T. Richter und Ėmil’ G. Gilel’s stellte, ist mit Kaukasien verbunden.24 1923 wurde er in Tiflis geboren und mit 11 Jahren in die Kinderklasse des Konservatoriums in Tiflis aufgenommen, bereits im Alter von 15 erfolgte die Zulassung zum Hauptstudium. 1939 wurde der Vater verhaftet und starb 1943 im Gefängnis. Rudolf Kehrer selbst wurde mit Mutter und Bruder nach Südkasachstan verschleppt. 1952 schaffte er den Abschluss per Fernstudium der Mathematik und Physik in Čimkent, Südkasachstan, 1957 erlangte er den Abschluss mit Auszeichnung am Konservatorium in Taschkent. 1961 gewann er den ersten Preis beim Allunionswettbewerb in Moskau und wurde an das Tschaikowski-Konservatorium in Moskau als Dozent berufen, bald darauf erhielt er den Professorentitel. Kehrer spielte mehrere Schallplatten und CDs ein und war für zahlreiche Konzerte im In- und Ausland auf Reisen, vor allem in Staaten des Warschauer Paktes, bis er nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion erstmals westliche Staaten bereisen konnte. Ab 1990 war er als Gastprofessor in Wien tätig und siedelte 1994 in die Bundesrepublik über.25 Zu der jüngeren Generation deutschstämmiger Musiker in Kaukasien gehört der 1940 geborene Valerij Renert, ein Komponist und Konzertpianist, der bis mindestens 2000 als Dozent an der Musikfachschule Mineral’nye Vody in Nordkaukasien tätig war.26 Mit Kaukasien ist auch die Geburt und die Tätigkeit des Komponisten Anatolij Maisner verbunden. 1943 in Machačkala in der ASSR Dagestan geboren, studierte er an der Musiklehranstalt vor Ort (Abschluss 1961) und am SobinovKonservatorium in Saratov, Abschluss 1966. Von 1966–1995 arbeitete er in Nal’čik als Komponist, Dirigent und künstlerischer Leiter der Philharmonie. Seit 23 24 25 26 Niemöller, Klaus Wolfgang/ Klaus-Peter Koch (Hg.): Heinrich Neuhaus zum 110. Geburtstag, Konferenzbericht Köln 23.-26. Oktober 1998, Sinzig 2000. Stöckl: Musikgeschichte, S. 201 f.. Seine Vorfahren gehörten zu den schwäbischen Auswanderern. Vater, Richard Kehrer, war Klavierbauer und Klavierstimmer, der die kleine, von seinem Vater Hermann Kehrer aufgebaute Werkstatt übernommen hatte. Anm. der Redaktion: Rudolf Kehrer verstarb nach Fertigstellung dieses Artikels am 29. Oktober 2013. Ebd., S. 204. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
62 ALEXANDER SCHWAB † 1995 lebt er in Deutschland. Sein Werk umfasst Orchester-, Instrumental- und Vokalmusik.27 Abschließend kann festgehalten werden, dass in den deutschen Siedlungen der südrussischen Provinzen das Kultur- und Musikleben der Auswanderer ausgeprägter entwickelt war als die professionelle, berufsmäßig betriebene, Musik. Letztere, repräsentiert durch meist in St. Petersburg oder Moskau ausgebildete deutschstämmige Komponisten, Musiker und Musikpädagogen, orientierte sich in erster Linie an der Musik der verschiedenen Ethnien Russlands, beziehungsweise der Sowjetunion. Von Komponisten mit deutscher Abstammung wurden einige der ersten an europäische Musikgattungen angelegte Kompositionen, unter Verwendung der jeweiligen Volksmelodik – so wie das deutschstämmige Komponisten zuvor bereits im zentralen Russland praktizierten –, geschaffen. So entstanden unter anderem kaukasische Rhapsodien, Konzerte und Symphonien, geschrieben für aus Europa importierte Musikinstrumente. In den Niederlassungen der Auswanderer wurde vor allem die volkstümliche deutsche Musik gepflegt, die den Zusammenhalt in einer zunächst fremden Umgebung förderte und die Verbundenheit mit der alten Heimat vermitteln sollte. Die Musiktradition der Einwanderer wirkte sich aber auch auf die alteingesessenen Ethnien aus, die mit der Zeit westeuropäische Musikinstrumente und Melodien in die eigene Musikkultur inkorporierten. – Dieses Kapitel deutschkaukasischer interkultureller Beziehung ist jedoch bisher nur bruchstückhaft erforscht und verdient mehr Aufmerksamkeit. 27 Persönliche Mitteilung des Komponisten an den Autor. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
Das Bild der „Anderen“. Das multiethnische Umfeld Kaukasiens im Schaffen deutscher Maler und Zeichner Gudrun Calov Die von Katharina II. begonnene Ausdehnung des Russischen Reiches nach Süden konnte unter ihren Nachfolgern erfolgreich fortgesetzt werden. 1801 erfolgte die Annexion von Georgien und in den folgenden Jahrzehnten die des gesamten südkaukasischen Raumes. Da solche Annexionen niemals friedlich verlaufen, mussten militärische Expeditionen zur Befriedung aufständischer Völker ausgerüstet werden, die aber zugleich auch der Erforschung und kartografischen Erfassung der hinzugekommenen Länder galten. An solchen Expeditionen und Forschungsreisen waren von Anbeginn an Künstler als Zeichner und Kartografen beteiligt. Ihre Namen tauchen in den Expeditionsberichten auf, die in ihrer Mehrzahl von der kunstwissenschaftlichen Forschung kaum beachtet worden sind. An dieser Stelle soll ein kurzer Überblick über die Aktivitäten deutscher Künstler in Kaukasien gegeben werden. Neben der historischen Kontextualisierung von Vita und Werk sollen dabei verschiedene Phasen der westeuropäischen Kaukasusbegeisterung herausgearbeitet werden. Militärische Expeditionen und Forschungsreisen – Künstler als Zeichner und Kartografen: Christian Gottfried Heinrich Geißler und Heinrich Theodor Wehle Einer der bedeutenden Forschungsreisenden war der deutsche Arzt und Naturwissenschaftler Peter Simon Pallas (1741-1811).1 Von Katharina II. zum Kaiserlichen Russischen Staatsrat ernannt, stand er am russischen Kaiserhof in hohem Ansehen, diente unter drei Zaren und unterwies den jungen Thronfolger Aleksandr I. in Naturwissenschaften. Pallas bereiste im Auftrag von Katharina II. 1768-1774 das russische Asien und erbat sich von der Kaiserin die Erlaubnis zu einer weiteren Forschungsreise, die ihn in die südlichen Provinzen führen sollte. Pallas glaubte, diese Reise könne neben nützlichen Beobachtungen vor allem seiner angeschlagenen 1 Pallas, Peter Simon: Reise durch verschiedene Provinzen des Russischen Reichs, Frankfurt/ Leipzig 1776-1778; ders.: Flora Rossica seu Stirpium Imperii Rossici, St. Petersburg 1784-1788; ders.: Sammlungen historischer Nachrichten über die Mongolischen Völkerschaften, St. Petersburg 1776-1801; ders.: Auszug aus Herrn P. S. Pallas Reisen durch verschiedene Provinzen des Russischen Reichs, Teil 1, 1768 und 1769. In: Mylius, August (Verleger): Sammlungen der besten und neuesten Reisebeschreibungen, Berlin 1779, Bd. 12, 19 und 20; vgl.: Auch, Eva-Maria: Öl und Wein am Kaukasus. Deutsche Forschungsreisende, Kolonisten und Unternehmer im vorrevolutionären Aserbaidschan, Wiesbaden 2001, S. 55-59. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
64 GUDRUN CALOV Abb. 5: Ch. G. H. Geißler: Ansicht des kaukasischen Schneegebirges. Im Vordergrund rechts eine Bastion der Festung Georgievsk Gesundheit dienen. Mit den besten Empfehlungen an alle Statthalterschaften ausgestattet, konnte er in den Jahren 1793-1794 mit seiner Familie reisen. In Pallas Begleitung befand sich auch der junge Leipziger Künstler Christian Gottfried Heinrich Geißler (1770-1844). Geißler, Sohn eines Goldschmieds, hatte seine Ausbildung als Maler und Kupferstecher an der Leipziger Akademie und bei Johann Salomon Richter erhalten. Für Pallas erwies sich dieser begabte Künstler als ein Glücksfall, denn durch dessen sorgfältige Illustrationen konnte das publizierte Reisewerk mit dem Titel „Bemerkungen auf einer Reise in die südlichen Statthalterschaften des Russischen Reiches in den Jahren 1793-1794“2 ein großer Erfolg werden. Pallas schreibt im Vorwort seines Werkes: „Wenn dieses Werk mit erwünschter typographischer Schönheit an das Licht tritt, so habe ich solches dem geschickten jungen Zeichner, der mich auf meiner Reise begleitete, Herrn Christian Gottfried Heinrich Geißler aus Leipzig und dem Herrn Verleger zu verdanken. Gern hätte ich diese Vorzüge auch meinen vorigen Reisen gegönnt, damals aber haben es theils die Unvollkommenheiten der Künstler, theils meine Entfernung während des Drucks der beyden ersten Teile unmöglich gemacht.“3 In den beiden Textbänden sind zahlreiche Kupferstichvignetten von Geißler eingefügt, dazu kommt ein querformatiger Abbildungsband mit kolorierten Kupferstichen, die in sehr anschaulicher Weise Landschaften, architektonische Ansichten, naturkundliche Merkwürdigkeiten, besondere Gesteinsformationen, archäologische Besonderheiten – unter anderen griechische und heidnische Altertümer –, Sit2 3 Pallas, Peter Simon: Bemerkungen auf einer Reise in die südlichen Statthalterschaften des Russischen Reichs in den Jahren 1793-1794. Bde. 1 und 2 und querformatiger Tafelband mit color. Kupferstichen, Leipzig 1799 und 1801. Ebd., Bd. 1, Kap.: Vorerinnerung. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
65 Abb. 6: Ch. G. H. Geißler: Zwei Inguscheten, der eine mit Gewehr, Säbel und Dolch Abb. 7: Ch. G. H. Geißler: Ein vornehmer Tscherkesse in Haustracht und eine tscherkessische Fürstentochter DAS MULTIETHNISCHE UMFELD KAUKASIENS  https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
66 GUDRUN CALOV ten, Gebräuche und Trachten der verschiedenen Völker sowie Tiere und Pflanzen anführen. Auf den Landschafts- und Ortsveduten sind zur Belebung im Vordergrund häufig kleine Staffagefiguren hineingesetzt, manchmal können es Expeditionsteilnehmer oder der Zeichner selbst bei der Arbeit sein. Alle Kupferplatten sind von Geißler signiert, entweder „G. Geisler del. et fec.“ oder „nach der Natur gezeichnet von G. Geißler, gestochen von C. Schule.“ Anhand von Illustrationen und Texten lässt sich die Route der Forschungsreise genau verfolgen. Die Teilnehmer reisten von St. Petersburg über Moskau zur Wolga, dann die Wolga stromabwärts bis nach Astrachan’. Unterwegs besuchte die Reisegesellschaft auch deutsche Ansiedlungen, über drei Monate hielt man sich etwa in der Kolonie der Evangelischen Brüder in Sarepta an der Sarpa auf. Von Astrachan’ – hier verweist Pallas auf die Beschreibung der Stadt von Samuel Gottlieb Gmelin (1744-1774)4 – ging die Reise zunächst in Richtung des Kaukasus. Hier bemerkte Pallas die Veränderungen seit 1781, die Versuche Kolonisten anzusiedeln waren teilweise fehlgeschlagen, die Gegenden verwaist. In Pallas Reisebeschreibung wird die Landschaft um Georgievsk als besonders fruchtbares Land mit vortrefflichen Ackerland, Heuschlägen, Weiden, Brennholz und Wild beschrieben. Von Georgievsk wurde die Reise nach Čerkessk und zur Festung Taganrog fortgesetzt. Der zweite Band, der 1801 erschien, befasst sich mit dem weiteren Verlauf der Reise über die Halbinsel Krim. Christian Gottfried Heinrich Geißler konnte nach seiner Rückkehr nach Leipzig 1798 sehr schnell gute Beziehungen zu Leipziger Verlegern aufbauen, was die Publikation der von ihm illustrierten Reisewerke beschleunigte. Beiden Bänden war in Deutschland ein großer Erfolg beschieden, entsprachen sie doch dem neu erwachten Interesse an fremden Ländern und Kulturen. Durch diesen Erfolg angeregt, publizierte Geißler in den folgenden Jahren selbständige Bilderwerke über Russland mit erläuternden Texten.5 Während der sogenannten Franzosenzeit, insbesondere im Jahr der Völkerschlacht bei Leipzig 1813, nahmen viele deutsche Künstler das Sujet der „fremden Truppen“ auf, die exotisch anmutenden Soldaten des Russischen Reiches, 4 5 Samuel Gottlieb Gmelin, ein Neffe Johann Georg Gmelins bereiste den Kaukasus und gelangte bis in die nördlichen Provinzen Persiens, sein Werk: Reise durch Russland zur Untersuchung der drey Naturreiche (Bd. 1-4) erschien in St. Petersburg 1770-1784, den 4. Band edierte Pallas, er enthält den Bericht von Gmelins Begleiter Hablitz: „Bemerkungen auf einer Reise durch die persische Landschaft Ghitan“. Geißler, Christian Gottfried Heinrich: Abbildungen und Beschreibungen russischer Völker und Völkerstämme, Leipzig o. J.; ders.: Sitten, Gebräuche und Kleidung d. Russen in St. Petersburg von J.G. Gruber beschrieben, 8 Hefte französisch und deutsch, mit 40 illustr. Kupferstichen, Leipzig 1801; ders./ Johann Richter: Sitten, Kleidungen und Gebräuche der Russen aus den niederen Ständen. 2 Abth. mit 28 illustr. Kupferstichen, Leipzig 1805; ders: Spiele und Belustigungen der Russen aus den niederen Volksklassen beschrieben von Joh. Gf. Richter. Mit 12 Kupferstichen, Leipzig 1805; ders./ Joh. Gf. Richter: Strafen der Russen. Mit 10 Kupferstichen (franz. und deutsch) Leipzig o. J.; ders.: Hand- und Hülfsbuch für Deutsche und Russen, um sich gegenseitig verständlich zu machen, Leipzig 1813 und 1814; ders.: Die kaiserl.-russische Reiterei oder Beschreibung der Sitten und Lebensweise der donischen, uralischen Kosaken. Mit kolor. Abb., Leipzig 1813. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
DAS MULTIETHNISCHE UMFELD KAUKASIENS 67 wie Kosaken, Baschkiren, Tscherkessen oder Kalmücken waren ein beliebtes Motiv. Beispielhaft hierfür sind die Arbeiten von Johann Gottfried Schadow, Albrecht Adam, Franz Krüger, Johann Adam Klein und Johann Christoph Erhardt. Die wenigen deutschen Maler und Zeichner, die in dieser Epoche tatsächlich in die neu eroberten Provinzen in den Süden Russlands kamen, begleiteten als Zeichner und Kartographen wissenschaftliche oder militärische Expeditionen. Der Landschaftsmaler Heinrich Theodor Wehle (1778-1805) nahm 1802 als Kartograph und Zeichner an der militärischen Expedition des russischen Grafen Apollos A. Musin-Puškin nach Georgien teil. Heinrich Theodor Wehle, Sohn eines Pfarrers aus der Oberlausitz, besuchte das Görlitzer Gymnasium und Zeichenschule und ging mit 15 Jahren nach Dresden, um dort Landschaftsmalerei an der Kunstakademie zu studieren. Johann Christian Klengel und Adrian Zingg wurden seine Lehrmeister. 1799 nahm er die Stelle eines Landschaftsmalers an der 1795/96 gegründeten „Chalkographischen Gesellschaft zu Dessau“ an, die für ihre Reproduktionsstiche bedeutender Kunstwerke berühmt wurde. Der Direktor der Petersburger Kunstakademie und der kaiserlichen Bibliothek, Graf Auguste de Choiseul-Gouffier, besuchte auf seiner Deutschlandreise Dessau und lud Wehle ein, ihm nach St. Petersburg zu folgen. Den Winter 1801/02 verbrachte Wehle schon in St. Petersburg, wo er nach Werken in der Galerie des Grafen zeichnete. Zu dieser Zeit wurde unter Leitung des Generals Graf Apollos Musin-Puškin eine militärische Expedition vorbereitet, die wie Napoleons Ägyptenfeldzug auch wissenschaftliche Erkenntnisse liefern sollte. Das Ziel des mit einem Kosakenregiment von 500 Mann zu Pferde und einem Detachement Jäger mit acht Kanonen von Petersburg ziehenden Unternehmens war das 1801 vom Russischen Reich annektierte Georgien. Laut Expeditionsbericht des Grafen Musin-Puškin stand auf wissenschaftlicher Seite insbesondere die Suche nach Bodenschätzen im Fokus. Der auf der Gehaltsliste des Grafen als „Sachse Wehle“ geführte Lausitzer Landschaftsmaler diente der Expedition als Kartograf. Das von ihm gezeichnete Kartenmaterial ging in die staatlichen Archive, während Wehle selbst die reinen Landschaftszeichnungen behalten konnte. Die Route Wehles durch die Kaukasische Statthalterschaft lässt sich aufgrund der vom Hörensagen übernommenen Ortsangaben auf seinen Zeichnungen annähernd rekonstruieren. Im Frühjahr 1802 hatte die Expedition aus Richtung Rostov über Armavir kommend den Terek erreicht und in der Gegend von Ekatarinograd überschritten, um seinem Oberlauf über Vladikavkaz, zu folgen.6 Der Georgischen Heerstraße folgend, wurde der Kaukasus überwunden und schließlich Tiflis erreicht, wo man einen längeren Aufenthalt vermuten muss. Wahrscheinlich im Frühjahr 1803 erfolgte der Aufbruch in Richtung Armenien. Wehle reiste auf eigene Gefahr nach Armenien, das erst 1828 an das Kaiserreich fiel. Bemerkenswert ist das Interesse des Zeichners für die georgische und armenische Baukunst, von der man damals in Europa keinerlei Vorstellung besaß. 6 Lemper: Heinrich Theodor Wehle, vgl. Anm. 9, S. 16 f. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
68 GUDRUN CALOV Über seine Rückreise wissen wir nichts, da für diesen Zeitraum Zeichnungen fehlen. In Ottos Oberlausitzer Schriftsteller-Lexikon findet sich im 1803 erschienenen dritten Band die Information, dass sich Wehle im südlichen Russland und in Persien aufhalte und die Rückreise über Palästina, Ägypten, Italien, Marseille, England und Hamburg plane.7 Er kehrte wahrscheinlich im Herbst 1804 erschöpft und krank zurück nach Deutschland und verstarb am 1. Januar 1805 im Alter von nur 26 Jahren an Lungentuberkulose. Unter den mitgebrachten Zeichnungen unterscheidet man drei Arten: Zeichnungen mit Sepia und Tusche unmittelbar nach der Natur, Pinselzeichnungen in gleichmäßiger sorgfältiger Ausarbeitung, Zeichnungen in Bleistift und schwarzer Kreide. Neben den mitgebrachten Zeichnungen hinterließ Wehle Vorlagen zu einer Serie von Aquatintablättern. Sein früher Tod wurde in Periodika auch über die engere Heimat hinaus beklagt, wo zu diesem Zeitpunkt nur seine Arbeiten für die Chalkographische Anstalt zu Dessau bekannt waren. Sogar Goethe – der Wehles Arbeiten 1811 in Karlsbad kennen gelernt hatte, schätzte ihn. Graf Schönberg-Rothschönberg hatte Zeichnungen von Wehles Mutter erworben und diese Goethe gezeigt, wie dieser in seinen Tagebucheintragungen und in einem Brief an den Großherzog Carl August berichtete.8 Die Zeichnungen aus dem Besitz des Grafen Schönberg-Rothschönberg wurden 1858 bei R. Weigel in Leipzig versteigert. 1978, anlässlich des 200. Geburtstages Wehles, wurden die Arbeiten dieses jung verstorbenen Lausitzer Künstlers neu erschlossen und in einer Ausstellung der Städtischen Kunstsammlung Görlitz einem breitem Publikum vorgestellt.9 Weitere Ausstellungen in Görlitz und Bautzen folgten. Arbeiten Wehles befinden sich heute in der Hamburger Kunsthalle, in den Städtischen Kunstsammlungen Görlitz und im Stadtmuseum Bautzen. 7 8 9 Otto, Gottlieb Friedrich: Oberlausitzer Schriftsteller-Lexikon, Bd. 3, Görlitz 1803. Lemper: Heinrich Theodor Wehle, S. 21-23. Lemper, Ernst Heinz (Hg.): Heinrich Theodor Wehle (1778-1805). Katalog der Städtischen Kunstsammlungen Görlitz anlässlich der Wehle-Ehrung 1978, Görlitz 1978. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
DAS MULTIETHNISCHE UMFELD KAUKASIENS Abb. 8: H. Th. Wehle: Verlassene Festung der Inguscheten © bpk/ Hamburger Kunsthalle/ Christoph Irrgang Abb. 9: H. Th. Wehle: Darialschlucht, heutiges Georgien © bpk/ Hamburger Kunsthalle/ Christoph Irrgang https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig. 69
70 GUDRUN CALOV Abb. 10: H. Th. Wehle: Die Swetizchoweli-Kathedrale in Mzcheta, heutiges Georgien © bpk/ Hamburger Kunsthalle/ Christoph Irrgang Die Erforschung fremder Länder und Kulturen und die europäische „Orientliebe“: Wilhelm Kiesewetter (1811-1865) und Paul von Franken (1818-1884) Der Drang nach Bildung motivierte viele europäische Wissenschaftler und Künstler des 19. Jahrhunderts in fremde Länder zu reisen, um anschließend ihr Wissen durch Vorträge oder in Form von Literatur und Kunstwerken zu vermitteln. Als Teilnehmer an Forschungsexpeditionen forderte man von den Malern und Zeichnern eine weitestgehend objektive Berichterstattung durch naturgetreue Wiedergabe des Geschehens und Erlebten. Eine Möglichkeit, fremde Länder zu ergründen, boten die neu gewonnenen Provinzen Russlands. Schriftsteller und Künstler nahmen als Kriegsberichterstatter und Zeichner an den Kämpfen des russischen Heeres gegen aufständische kaukasische Gemeinschaften sowie an Forschungsexpeditionen teil. Sie lieferten in ihren Arbeiten sorgfältige Beschreibungen von Landschaften, Sitten und Bräuchen der dort lebenden Ethnien.10 In 10 Das umfassendste Werk ist von Dubois de Montpereux, F.: Voyage autour du Caucase, chez les Tcherkesses et les Abkazes, en Colchide, en Georgie, en Armenie et en Crime. Avec un atlas. Teil 1-4, Paris 1839-1843; Bodenstedt, Friedrich von: Die Völker des Kaukasus und ihre https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
DAS MULTIETHNISCHE UMFELD KAUKASIENS 71 ihre Darstellungen floss jedoch auch stets ein romantisierendes Bild der „orientalischen Völkerschaften“, das von Attributen wie „Wildheit“, „Exotik“ und „Freiheitsliebe“ gespeist wurde. Nach der Antikenbegeisterung des Klassizismus war nunmehr die „Orientliebe“ in Europa „en vogue“. Antike Mythen und Sagen, die in Kaukasien spielen, wie beispielsweise in Kolchis, der antiken Landschaft an der Ostküste des Schwarzen Meeres – bekannt durch die Fahrt der Argonauten und ihre Jagd nach dem Goldenen Vlies oder die Sage von Prometheus, der an einen Felsen des Kaukasus geschmiedet und der göttlichen Strafe ausgesetzt wurde –, waren Teil des europäischen Bildungskanons und erfreuten sich enormer Beliebtheit. Der von Alexander von Humboldt geförderte Berliner Genre- und Porträtmaler Wilhelm Kiesewetter (1811-1865) bereiste etwa 15 Jahre lang, von 1838 bis 1849 und von 1850 bis 1852, Skandinavien und weite Teile Russlands.11 Kiesewetter wurde 1811 in Berlin geboren und verstarb am 13. August 1865 in Gotha. In Berlin war er Schüler von Carl Röthing und beschickte ab 1830 die dortigen Akademieausstellungen. Da die Ausstellung seiner Bilder keine finanziellen Erfolge brachte, beschloss er, sein Glück in fremden Ländern zu suchen. Die Reisen finanzierte er durch Anfertigung von Porträtbildern, seine Reiseeindrücke hielt er in Ölbildern, Modellen und ethnografischen Skizzen fest. Reisewege und Aufenthaltsorte Kiesewetters lassen sich anhand seiner Tagebücher verfolgen.12 Er reiste über Schweden, Lappland und Finnland nach St. Petersburg, dann über Moskau, Tula, Rjazan’, Nižnij Novgorod, Kazan’, Penza, Voronež, Sarepta, Novočerkassk, Bachčisaraj, Tiflis, Erivan, Baku, Derbend, Astrachan’, Saratov zurück nach St. Petersburg und über die baltischen Provinzen nach Berlin. Nach seiner Rückkehr in die Heimat stellte Kiesewetter seine Gemälde und Modelle in Vorträgen und Ausstellungen in Geographischen Gesellschaften, in Kunst- und Altertumsvereinen sowie Schulen vor und bemühte sich dabei, Verständnis für andere Lebensweisen zu wecken. Dieser pädagogische Ansatz war für damalige Zeiten nicht ungewöhnlich, wohl aber die Art der Fremdbildvermittlung. Kiesewetter hinterließ mindestens 176 Ölgemälde sowie 12 Wohn- und Siedlungsmodelle fremder Lebenswelten. Die Modelle kamen in die Ethnologische Sammlung der Berliner Museen, das Kupferstichkabinett übernahm die Gemälde und übergab sie später der Nationalgalerie, die diese wiederum 1910 wegen der 11 12 Freiheitskämpfe gegen die Russen, Frankfurt a .M. 1848; ders.: Tausend und ein Tag im Orient, Bd. 2, Berlin 1849-1850). Thieme-Becker (ThB): Allgemeines Lexikon der bildenden Künstler, Bd. 20, Leipzig 1927, S. 275. Kiesewetter, Wilhelm: Kiesewetter´s ethnographische Reisebilder, Berlin 1854; ders.: Mitteilungen aus dem Tagebuch zu Kiesewetters ethnographischen Reisebildern, Berlin 1854; ders.: Kunstkabinett von einer langjährigen Wanderung in den Orient (Original in Schwedisch), Lund 1850. Dazu Tietmeyer, Elisabeth: Der Maler und Ethnograph Wilhelm Kiesewetter (1811-1865). In: Faszination Bild. Kultur, Kontakte, Europa. Ausstellungskatalog zum Pilotprojekt des Museums Europäischer Kulturen, Berlin 1999, S. 173-189 und Katalognummern S. 380 ff. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
72 GUDRUN CALOV ethnografischen Thematik dem Museum für Völkerkunde übertrug. 1934 wurde im Schloss Bellevue eine Abteilung Eurasien aufgebaut, die die Ethnografica aus Nordasien und Europa (außer Deutschland) beinhalten sollte. Im Zuge dessen wurden 28 Gemälde mit den europäischen Motiven an die Abteilung Eurasien abgegeben und verblieben damit im Museum für Völkerkunde in Berlin. Der größere Teil der Gemälde und Modelle galt seit dem Zweiten Weltkrieg als verschollen. Erst 1990 wurde ihnen wieder Beachtung geschenkt, als in der sogenannten „Leipziger Rückführung“ bis 1992 90 Bilder und Modelle Kiesewetters aus dem Museum für Völkerkunde zu Leipzig nach Berlin zurückgegeben wurden. Diese waren im Rahmen von Kunstrückgaben 1975 von Leningrad nach Leipzig überführt worden.13 Der gegenwärtige Berliner Bestand verfügt über 161 Ölgemälde sowie 10 Modelle. Erstmalig seit 130 Jahren waren diese Arbeiten in der Ausstellung „Faszination Bild“ von 1999 bis 2002 im neu gestalteten Museum Europäischer Kulturen in Berlin einem breiten Publikum zugänglich gemacht worden.14 In unserem Zusammenhang sind Kiesewetters Studien und Modelle aus der Kaukasusregion von besonderem Interesse. Die Mehrzahl seiner Werke in Öl auf Leinwand hat er selbst beschriftet und in seinen ethnografischen Reisebildern beschrieben. Einzelne Figuren finden sich als „Versatzstücke“ in weiteren seiner Gemälde wieder. Kiesewetter versuchte auch, einige einheimische Sprachen zu erlernen, teilweise kleidete er sich wie Einheimische, beispielsweise trug er krimtatarische Kleider und stellte sich auf seinen Bildern auch selbst unter der einheimischen Bevölkerung dar (u.a. „Kiesewetter malend in einer kalmückischen Jurte“, „Kiesewetter mit Hochzeitsgästen“, „der Maler aus der Hand eines Kirgisen essend“).15 Zu seinem Bild „Tiflis-Hauptstadt in Georgien oder Grusien“ Öl auf Leinwand 1847-1848 schrieb Kiesewetter: „Ich entwarf eine Partie der Stadt, welche sich von dem Ufer des Flusses terrassenförmig erhebt, und im Vordergrund die Karawansereien auf beiden Seiten der Kurabrücke, ferner armenische, griechische und muhamedanische Kirche, worin an bestimmten Tagen der Rechtgläubige den Unrechtgläubigen verflucht, und gelang bald mit meinem Pinsel zu dem Bergrücken, auf welchem sich noch Ruinen einer alten grusinischen Feste befinden.“ Während seines Aufenthalts in Baku malte er „Persische Schule in Baku“, „Persische Rasierstube in Baku“ und „Zweirädriger Karren in Baku“. Von besonderem Interesse sind die erhalten gebliebenen, detailgetreuen Holzmodelle, die eine weitere wichtige Arbeit Kiesewetters darstellen. Ihr Untergrund besteht aus Leinwand, wobei die natürlichen Gegebenheiten wie Grasflächen, Gebüsche, Wege 13 14 15 Ebd., S. 173-189. Die Objekte der Ausstellung „Faszination Bild“ sind inzwischen wieder magaziniert. Kiesewetters ethnografische Reisebilder waren 2004 im Bomann-Museum Celle und „Bilder der Krimtataren 1845-1847“ 2005 auf der Krim im Museum des Khanpalasts von Bachčisaraj ausgestellt; Wilhelm Kiesewetters „Harem eines tatarischen Kaufmanns“, 1845-1847, Öl auf Lw., 46x40 cm, www.smb.museum/smb/tools/getImage.php?image_id=12270 [Zugriff 16.10.2013]. U.a. die Bilder im Ausstellungskatalog: Faszination Bild, S. 380. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
DAS MULTIETHNISCHE UMFELD KAUKASIENS 73 Abb. 11: W. Kiesewetter: Im Harem eines tatarischen Kaufmanns © Staatlichen Museen zu Berlin, Museum Europäischer Kulturen und Zäune in Öl aufgemalt und teilweise plastisch erhoben sind, darauf befinden sich die bemalten Holzmodelle von Gebäuden. So gelangen Kiesewetter plastische Darstellungen, beispielsweise von kaukasischen Dörfern. Wie bereits dargelegt, waren es in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts nur verhältnismäßig wenige Deutsche, die als Künstler die neuen russischen Provinzen bereisen und erforschen konnten. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden Südrussland, die Krim und Kaukasien für die Kunstwelt in größerem Maße erschlossen. Der Strom der reisenden Künstler in die faszinierende Bergwelt des Kaukasus brach nun nicht mehr ab. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
74 GUDRUN CALOV Abb. 12: Paul von Franken: Ansicht von Tiflis Ein wichtiger Vertreter dieser zweiten Welle deutscher Kaukasusbegeisterung war der Genre- und Landschaftsmaler Paul von Franken (1818-1884).16 Franken erhielt seine Ausbildung an der Düsseldorfer Kunstakademie und zog 1852 mit seiner Frau, der Malerin Helene von Franken (1825-1884), nach Mitau in Kurland, dem heutigen Jelgava in Lettland. Hier beschäftigte sich Franken erstmals näher mit dem Kaukasus, dessen schier unerschöpflicher Naturreichtum und ethnische Vielfalt ihn faszinierten. Der Kampf der russischen Armee gegen den heldenmütigen Anführer der Bergstämme, Imam Schamil, beflügelten Frankens Phantasie und weckten in ihm den Wunsch, selbst den Kaukasus zu bereisen. 1853 zog er über St. Petersburg und Moskau nach Tiflis, von wo er ausgedehnte Reisen in den Kaukasus unternahm. Neben landschaftlichen Motiven interessierten ihn auch die fremdartigen Sitten und Bräuche der von der westlichen Welt noch unbeeinflussten Bewohner Kaukasiens. 1860 kehrte der Maler nach Deutschland zurück. In der Folgezeit malte er seine Bildmotive fast ausschließlich nach den in Georgien entstandenen Zeichnungen und Skizzen. Ernst te Peerdt karikierte ihn in einem satirischen Büchlein entsprechend und schrieb: „Paul von Franken war zu lang im Kaukasus, hat an Mord und Raub Genuss.“17 Eines der berühmtesten Gemälde des 16 17 Allgemeines Künstlerlexikon (AKL), Bd. 44, München/ Leipzig 2005, S. 84-85; weitere Informationen über den Maler im Projekt: „Deutsche in Georgien“, Goethe-Institut Tbilisi, www.goethe.de/ins/ge/prj/dig/deindex.htm [Zugriff 10.10.2013]. Projekt „Deutsche in Georgien“, Eintrag zum Maler Paul von Franken, www.goethe.de/ ins/ge/prj/dig/mal/fra/pfw/deindex.htm [Zugriff 10.10.2013]; im Museum für Ausländische Kunst in Riga sind von Paul von Franken folgende Bilder zu sehen: Nr. 855, „Ansicht von Tiflis“, 1859; Nr. 856, „Kasbek“, 1859 sowie Nr. 857 „Elbrus“, 1859; Lexikon der Düs- https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
DAS MULTIETHNISCHE UMFELD KAUKASIENS 75 Künstlers trägt den Titel „Die Verwüstung von Tiflis durch die Perser“. Nach seinem Tod 1884 nahm seine Frau alle Kaukasien betreffenden Werke mit nach Tiflis, wo diese später in den Besitz der weit verzweigten Nachkommenschaft der beiden Künstler übergingen. Kriegsberichterstatter, Zeichner und Schlachtenmaler: Theodor Horschelt Der Münchner Theodor Horschelt (1829-1871) war in jungen Jahren von den Pferde- und Schlachtenbildern Albrecht Adams sehr beeindruckt, durch ihn lernte er auch russische Themen kennen.18 Ebenfalls faszinierte ihn das mit kolorierten Kupferstichen ausgestattete Reisewerk des Grafen von Rechberg „Les Peuples de la Russie“ mit Darstellungen aus Russland und dem Orient. Seine ersten Ölbilder mit Szenen aus dem Kaukasuskrieg entstanden 1853 ohne Kenntnis des Landes, Horschelt war zu Bergstudien in die Alpen gefahren. Erst 1858 konnte er mit Empfehlungsschreiben des Malers Alexander von Kotzebue und des russischen Konsuls in München ausgestattet, über Odessa, Sevastopol‘ und Kerč nach Tiflis reisen. Hier nahm er an einer militärischen Expedition nach Dagestan unter Führung von General Pavel A. Vrevskij teil. Nach Horschelts eigenen Aussagen war dies „die wohl erfolgreichste Expedition gegen die Bergbewohner seit langem, wenn auch mit sehr hohen Verlusten“.19 Für seine tapfere Teilnahme an den Kämpfen um das Aul20 Kituri wurde Horschelt vom russischen Zaren der Orden des Heiligen Stanislaus verliehen. Ende 1858 ging Horschelt nach Tiflis zurück, um dort seine Skizzen zu verarbeiten. Hier entstanden unter anderem das „Porträt der Fürstin Gagarin“, für die Baronin Vrevskij „Sturm auf Kituri“ – mit der Darstellung der Verwundung ihres Gatten –, sowie für die Zarin Marija Aleksandrovna sechs große Aquarelle mit interessanten Episoden der Expedition von 1858. In den folgenden Jahren nahm Horschelt an weiteren Kriegszügen gegen die Aufständischen unter Imam Schamil teil. Sein mit Federzeichnungen illustriertes Kriegstagebuch gelangte ebenfalls in den Besitz der Zarin. Die Petersburger Kunstakademie ehrte ihn 1860 durch die Aufnahme in die Reihe der bedeutenden Mitglieder, er wurde zum „Akademiker der Schlachtenmalerei“ ernannt. 1860 nahm er noch an der Unternehmung gegen die Tscherkessen teil, machte 1861 Studien in der Bergregion der Lesgier sowie in Kituri und besuchte 1862 zusammen mit Prinz Albrecht von Preußen Baku und Erivan. Auch hier liegt umfangreiches, in der großen Prachtausgabe von 1876 teilweise abgedrucktes, 18 19 20 seldorfer Malerschule, Bd. 1, München 1997, S. 368 und Abb. 440: „Ansicht von Tiflis“, 1859 und Abb. 441: „Kasbek“, im Text findet zudem Erwähnung: „Kaukasische Landschaft“, 1882, ausgestellt in der Kunsthalle Bielefeld. ThB, Bd. 17, S. 528 und Internationale Künstlerdatenbank (IKD); Projekt Deutsche in Georgien, Eintrag zum Maler Theodor Horschelt, www.goethe.de/ins/ge/prj/dig/mal/ thm/deindex.htm [Zugriff 10.10.2013]. Horschelt, Theodor: Im Kaukasus. In: „Der Schatzgräber“ Nr. 65, München 1914, S. 112. In einigen Gebieten Kaukasiens verbreitete Bezeichnung für ein Bergdorf. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
76 GUDRUN CALOV Abb. 13: Theodor Horschelt: Junger Tscherkesse, © bpk Briefmaterial vor, dem seine schnellen doch gleichzeitig sicheren wie wirklichkeitsgetreuen Randillustrationen einen besonderen Wert verleihen. Nach Beendigung der Kämpfe malte Horschelt in Tiflis 1862 unter anderem eine große Paradedarstellung mit dem Zaren und der gesamten Generalität. 1863 kehrte er nach München zurück und bezog das Atelier seines verstorbenen Lehrers A. Adam. Hier vollendete er seine berühmtesten Werke, „Die Gefangennahme Schamils“ und „Die Erstürmung einer Verschanzung auf dem Berg Gunib“. Seine Bilder befinden sich heute in den Museen Russlands und Georgiens, sowie in Privatbesitz. Die Münchner Neue Pinakothek besitzt nur sein Gemälde „Araber zu Pferd“. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
DAS MULTIETHNISCHE UMFELD KAUKASIENS 77 Abb. 14: Theodor Horschelt: Kosake, © bpk Abb. 15: Theodor Horschelt: Imam Schamil, © bpk https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
78 GUDRUN CALOV Abb. 16: Theodor Horschelt: Die Gefangennahme Schamils © bpk Neue Bildthemen – Gebirgswelten, Panoramen und ethnographische Studien: Franz Xaver Simm, Franz Roubaud und Richard Karl Sommer Für die wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung der Kaukasusregion hatte der Bau der Transkaukasischen Eisenbahn immense Bedeutung. 1872 wurde Tiflis auf dem Schienenweg mit Poti, 1883 mit Batumi am Schwarzen Meer und Baku am Kaspischen Meer verbunden – die Maschinenbauindustrie sowie Schuh-, Möbel-, Tabak- und Baumwollfabriken siedelten sich in Kaukasien an. Die Telegrafenlinien der Gebrüder Siemens von Moskau nach Tiflis und von Tiflis nach Poti, Vladikavkaz sowie Baku begünstigten diese Entwicklung. Die Brüder Walter und Otto von Siemens, gestorben 1868 und 1871, wurden in Tiflis begraben. Die Stadt gewann als Statthalterresidenz des Zaren an Bedeutung und wurde prächtig ausgebaut, westeuropäische Künstler, darunter auch Deutsche, waren daran beteiligt. Hier residierte auch Großfürst Michail Nikolaevič Romanov, der vierte Sohn des Zaren Nikolaj I., und von 1862 bis 1882 Generalgouverneur von Südkaukasien. Dem wohlhabenden Bürgertum in Tiflis war es möglich, am kulturellen Leben teilzuhaben, es gründete u.a. die Gesellschaft der Liebhaber der kaukasischen Archäologie und die Georgische Gesellschaft für Geschichte und Völkerkunde. Eine Reihe bedeutender Publikationen zur Geschichte und Kultur Georgiens, vor allem von dem russischen Kunsthistoriker Nikodim P. Kondakov, wurden hier veröffentlicht. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
DAS MULTIETHNISCHE UMFELD KAUKASIENS 79 In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts unternahm der deutsche Kunstwissenschaftler Karl Schnaase den ersten Versuch, ein Schema für die Entwicklung der Kunst Kaukasiens als einen Teil der Weltkunstgeschichte zu erstellen. Der Autor unterschied ausdrücklich zwischen der Architektur Georgiens und Armeniens und betonte in erster Reihe die Originalität der georgischen Denkmäler. Anfang des 20. Jahrhunderts erschienen die Arbeiten des Wiener Kunsthistorikers Josef Strzygowski mit der Tendenz, den eigenständigen Beitrag der verschiedenen Kulturen an der allgemeinen christlichen Kunst zu zeigen. Strzygowski vertrat dabei die Ansicht Friedrich Dubois de Montpereux, dass die georgische Architektur der armenischen nachgefolgt sei. Das Interesse an neuen Bildthemen vom Schwarzen Meer, der Krim, dem Kaukasus und von Mittelasien war in den europäischen Kunstzentren, besonders jedoch in München, sehr groß. Im Münchner Atelier von Theodor Horschelt arbeitete ab 1870 auch der russische Maler Vasilij V. Vereščagin (1842-1904), der Kaukasus- und Mittelasienskizzen während seines Aufenthalts in der Stadt in Gemälden umsetzte. München hatte mit seinen Kunstausstellungen im Glaspalast unter den deutschen Kunststätten den ersten Rang eingenommen. In den Ausstellungskatalogen sind entsprechend zahlreiche Bildthemen von deutschen und europäischen Reisenden wie auch russischen Künstlern mit kaukasischen Sujets aufgeführt. Trotzdem ist es schwer, sich von manchen der hier aufgeführten Künstler einen Eindruck zu verschaffen, da ihre Werke in öffentlich zugänglichen Sammlungen und Museen kaum gezeigt werden. Franz Xaver Simm (1853-1918), in Wien in Österreich-Ungarn geboren, Absolvent der Wiener Akademie, erhielt 1876 unter anderem den Rompreis und unternahm 1881 von Rom aus eine Reise nach Tiflis, wo er den Auftrag erhielt, das Treppenhaus des Kaukasischen Museums mit großen mythologischen Wandbildern auszuschmücken.21 Seine Frau, die Malerin Marie Simm-Mayer (1851-1912) half ihm bei diesen Arbeiten. Nach Vollendung des Werkes blieb Simm noch einige Monate in Tiflis, um in dieser Stadt das anziehende bunte Straßenleben – es herrschte hier ein „Völkergemisch“ wie kaum an einem anderen Ort der Welt, das die Begeisterung jedes Malers hervorrufen musste – zu beobachten, zu zeichnen und zu malen. Voll von Impressionen ließ sich das Malerehepaar daraufhin dauerhaft in München nieder. In den ersten Jahren dort beschäftigte sich Simm mit dem Illustrieren und zeichnete Beiträge zu den „Fliegenden Blättern“ – eine humoristische, reich illustrierte deutsche Wochenschrift –, auch zu Kaukasusthemen. In späteren Jahren verarbeitete er in kleinformatigen Bildern seine Reiseeindrücke aus dem Kaukasus und Kleinasien. Bilder von Simm sind in der Berliner Nationalgalerie, in der Neuen Pinakothek München, im Kunsthistorischen Museum in Wien, in der Akademie in Wien und im 21 ThB, Bd. 20, S. 46-47; Gustav Radde (1831-1903) aus Danzig ist einer der Gründerväter des Kaukasischen Museums in Tiflis, das einst das modernste völkerkundliche Museum im Russischen Reich war. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
80 GUDRUN CALOV Abb. 17: Franz Xaver Simm: Das Innere eines Harem Kunstmuseum zu Weimar, zu finden, Handzeichnungen und Drucke lagern in der Graphischen Sammlung München. Große Wirkung auf die zeitgenössische Kunstwelt hinterließ die Arbeit des russischen Malers Franz Roubaud (1856-1928). Als Sohn französischer Eltern in Odessa geboren, lebte er jedoch die längste Zeit seines Lebens in München und Oberbayern, seine Bilder signierte er mit „F. Roubaud Münich“.22 1877-1878 studierte er an der Münchner Akademie bei Karl Theodor von Piloty, Otto Seitz und Wilhelm von Diez, in Tiflis fand er einen Gönner, der ihm einen Studienaufenthalt im Kaukasus finanzierte. Roubaud war begeisterter Reiter und widmete sich fortan fast ausschließlich der Darstellung kaukasischer Reiterszenen. Das Leben der Tscherkessen, Truppenzüge von Kosaken, Gefechte und Reiterspiele sowie orientalische Stadt- und Marktszenen aus Erivan, Tiflis, Baku, Buchara und Taschkent sind Themen seiner Bilder. Prinzregent Luitpold von Bayern sowie die Zaren Aleksandr III. und Nikolaj II. gehörten zu Roubauds Förderern. Prinzregent Luitpold ernannte ihn 1889 zum außerordentlichen Professor und 22 Münchner Maler des 19. Jahrhunderts, Bd. 3, München 1982, S. 396. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
DAS MULTIETHNISCHE UMFELD KAUKASIENS 81 nobilitierte ihn. Roubauds Hauptwerk besteht aus Schlachtengemälden für die Ruhmeshalle in Tiflis 1890 sowie drei gigantische Panoramen: „Die Erstürmung der Bergfeste Achulgo im Kaukasus im Jahr 1859“ (1890), „Die Verteidigung Sewastopols 1854/55“ (1903) und „Schlacht bei Borodino“ aus dem Jahre 1912 – all diese Werke entstanden in München und wurden vom Zaren aufgekauft. Bedingt durch die Arbeiten an den Panoramen entwickelte Roubaud eine extrem nahbildliche realistische Darstellungsweise, die gelegentlich zum Effekt des „Trompe-l’œil“ tendierte – bei dem durch eine perspektivische Darstellung eine dreidimensionale Räumlichkeit vortäuscht wird. Mit breitem Pinselstrich und leuchtenden Farben entwarf er seine kühnen Bewegungsbilder. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts erlangten Schlachtenpanoramen in Russland eine besondere Popularität. Roubaud beeinflusste auch viele Künstler, unter anderem waren Oskar Schmerling und Josif A. Charlemagne (1824-1870) seine Schüler. Bilder von Roubaud befinden sich in München in der Neuen Pinakothek, in der Städtischen Galerie im Lenbachhaus, im Bayerischen Armeemuseum in Ingolstadt, im Kölner Wallraf Richartz Museum sowie in Kunstmuseum Odessa. Sein Hauptwerk, „Die Schlacht bei Borodino“, ist in Moskau in einem eigenen Panoramamuseum untergebracht. Abb. 18: Franz Roubaud: Tscherkessen überqueren einen Fluss https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
82 GUDRUN CALOV Abb. 19: Franz Roubaud: Ein tscherkessischer Reiter https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
DAS MULTIETHNISCHE UMFELD KAUKASIENS 83 Abb. 20: Franz Roubaud: Die Eroberung von Gunib und die Gefangennahme von Schamil am 25. August 1859. Präsentation des gefangenen Schamil vor dem Prinzen Barjatinskij Abb. 21: Franz Roubaud: Tscherkessischer Konvoi überquert einen Fluss mit Pferdegespannen https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
84 GUDRUN CALOV Richard Karl Sommer (Richard Karlovič Zommer), 1866 in München geboren, studierte ab 1884 an der Akademie der Künste in St. Petersburg mit großem Erfolg: Seine Werke wurden mit der Kleinen und Großen Goldmedaille der Akademie ausgezeichnet.23 Im Auftrag der Archäologischen Kommission verbrachte er das letzte Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts in Mittelasien. Während dieser Jahre schuf Sommer eine Reihe von Porträts, Landschaftsbildern und grafischen Werken, von denen zwanzig Gemälde im Kunstmuseum von Taschkent in Usbekistan aufbewahrt werden. Anfang des 20. Jahrhunderts gelangte Sommer nach Georgien. Er reiste viel und durchwanderte fast den gesamten Kaukasus zu Fuß. Sein Schaffen ist in ethnographischer Hinsicht bemerkenswert, richtete er sein Augenmerk doch auf die verschiedensten Ethnien Kaukasiens und beobachtete ihre Trachten, Lebensweisen, Sitten und Bräuche, welche er in Werken wie „Swanische Frau“, „Gurische Gestalten“, „Kaukasische Gestalten“, „Verkäufer von Äpfeln“, „Flussübergang“ sowie vielen weiteren verewigte. Er malte auch kaukasische Baudenkmäler, wie die Gremier Kathedrale oder die Schah Ismail Moschee in Tiflis, sowie – immer wieder – die engen Gassen der heutigen georgischen Hauptstadt. Seine Arbeiten bezaubern durch ihre satten Farben, ihre Liebe zur Schlichtheit und Wahrhaftigkeit. Jedes von Sommers Werken ist eine ungewöhnlich gestaltete Komposition und eine kleine Erzählung. Sommer war Mitglied mehrerer Kunstgesellschaften und nahm an vielen Ausstellungen teil, so in St. Petersburg in den Jahren von 1894-1920, an den von der Gesellschaft Kaukasischer Maler organisierten Ausstellungen in Tiflis zwischen 1916 und 1920, sowie in Baku (1907) und Taschkent (1915). Der unbestechliche Realismus seiner Arbeiten beeinflusste junge georgische Künstler. Der Maler Lado Gudiaschwili war sein Schüler. Im Dezember 1926 wurden in Tiflis auf einer Ausstellung von Impressionen aus dem alten Tiflis zahlreiche Arbeiten Sommers und seines Schülers Gudiaschwili gezeigt. Wie viele Deutsche in der Sowjetunion hatte Sommer unter den Repressionen der dreißiger Jahre zu leiden, im Jahre 1939 wurde er aus Georgien vertrieben, danach verliert sich jede Spur von ihm. Die Entwicklung der Künstler in dieser Zeit zeigt nicht nur den fruchtbaren Einfluss der anderen Kulturen auf ihr Schaffen, sondern hier ist der Anfang von Realismus und Impressionismus in der Malerei, beeinflusst durch die Unmittelbarkeit der Berichterstattung vor Ort, in Naturschilderungen und Reiseskizzen, zu sehen. 23 Kaukasische Post 37 (1913); „Deutsche in Georgien“, www.kaukasische-post.com, [Zugriff 11.11.2009]. Zommer (Sommer), R.K. in: Biobibliografičeskij slovar´. Moskva, iskusstvo 1983 Bd. 4/1 S.421. – Markina, I.A.: Nemeckaja „rossika“ 18-20 veka. In: Izobrazitel´noe iskusstvo rossijskich nemcev 18-20 vekov. Moskva 1997, S. 83. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
DAS MULTIETHNISCHE UMFELD KAUKASIENS 85 Beobachtung und Satire – Der Karikaturist Oskar Schmerling In dieser Zusammenstellung darf der bereits genannte Karikaturist Oskar Schmerling (1863-1938) nicht fehlen. Er wurde zwar in Tiflis geboren, lebte aber auch einige Zeit in München.24 Sein Werk wurde vor einigen Jahren zusammen mit Karikaturen von Iosif Rotter im Deutsch-Aserbaidschanischen Kulturzentrum „Kapellhaus“ in Baku und im Goethe-Institut in Tbilisi ausgestellt. Bereits in der Schulzeit begründete er eine humoristische Zeitschrift mit dem Titel „Kogho“ [Mücke], darüber hinaus arbeitete unter anderem er für die Zeitschriften „Falanga“ [Walzenspinne] und „Molla Nasreddin“. Seine künstlerische Ausbildung erhielt er an der Akademie der Künste in St. Petersburg. Während der Studienzeit veröffentlichte er etliche Karikaturen. Seine Studien setzte er 1891-1893 in München fort, wo er ein Schüler Roubauds wurde. Nach der Rückkehr in seine Geburtsstadt gründete er im Jahre 1898 eine eigene Malschule, 1902 war er zudem Mitbegründer der Schule für Malerei, Skulptur und Baukunst der Gesellschaft der Bildenden Künste des Kaukasus, aus der im Jahre 1920 die noch heute bestehende Kunstakademie hervor ging. Schmerling schuf Illustrationen zu zahlreichen Kinder- und Jugendbüchern, die georgische Sagen und Geschichten beinhalten. Er interessierte sich für Ethnographie, Geschichte und Kultur des Landes und erforschte menschliche Charakterzüge und individuelles Verhalten – stets war er auf der Suche nach dem „individuellen Strich“ eines jeden Einzelnen. Seine Werke haben auch ethnographischen Wert, da sie Lebensweisen, Trachten und Besonderheiten der in Tiflis versammelten Ethnien wiedergeben. Auf dem Umschlag der Zeitschrift „Teufelspeitsche“ mit dem Thema „15 Jahre Karikatur in Georgien“ war 1916 eine Selbstkarikatur Schmerlings abgebildet: Ein grauhaariger gebeugter Mann mittleren Alters trägt schwer an seiner Last von Tonnen von Büchern, in beiden Händen Papierrollen und einen Federhalter. Schmerlings Karikaturen erschienen in zahlreichen Zeitschriften Georgiens, neben der „Teufelspeitsche“ in der armenischsprachigen „Chatabala“ und der „Molla Nǝsrǝddin“, welche auf Aserbaidschanisch und Russisch erschien. Schmerling schuf aber auch impressionistische Gemälde. 24 25 Projekt Deutsche in Georgien – Maler Oskar Schmerling, www.goethe.de/ins/ge/prj/dig/ mal/schmer/deindex.htm [Zugriff 10.10.2013]; Grischaschwili, Iosseb: Niemals hat der Dichter eine Schönere erblickt… mit Bildern aus dem alten Tbilissi von Oskar Schmerling. Hg. v. Leonhard Kossuth, Berlin 2007. Baku (Agitationstafel) 1927 Öl auf Leinwand 125 x 90 cm im Besitz der Nationalgalerie Berlin. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
86 GUDRUN CALOV Abb. 22: Oskar Schmerling: Zum Wohl! Abb. 23: Oskar Schmerling: Selbstkarikatur https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
DAS MULTIETHNISCHE UMFELD KAUKASIENS 87 Maler und Grafiker auf Reisen in der UdSSR: Heinrich Vogeler und Heinrich Ehmsen In den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts beschäftigten sich viele junge Künstler, Schriftsteller und Intellektuelle mit der noch jungen Sowjetunion. Allerdings war das Bild, das sie durch die ersten sowjetischen Filme, Literatur und Berichterstattung erhielten, weit entfernt von den realen Zuständen im Einparteienstaat. Nur die wenigsten erhielten die Möglichkeit, das Land persönlich kennenzulernen, denn in den zwanziger und dreißiger Jahren herrschte eine sehr restriktive Einreisepolitik. Ein Überqueren der abgeriegelten Grenzen war nur möglich, wenn man von den revolutionären Organisationen oder direkt von der Kommunistischen Partei empfohlen oder eingeladen wurde. Unter den deutschen Künstlern, die in die Sowjetunion einreisen konnten, war der sozialistische Künstler, Architekt, Schriftsteller und Pädagoge Heinrich Vogeler (1872-1942) der bekannteste. Vogeler reiste im Sommer 1923 an der Seite seiner späteren zweiten Ehefrau Sonja Marchlewska zum ersten Mal in das Land. Der Vater von Sonja, der polnische Sozialrevolutionär Julian Marchlewski, hatte Vogeler nach Moskau eingeladen, um dort an der Universität der Nationalen Minderheiten des Westens künstlerischen Zeichenunterricht zu lehren. In den folgenden Jahren unternahm Vogeler mehrere ausgedehnte Reisen durch die Sowjetunion und bereiste 1926 auch Zentralasien sowie anschließend Baku und die Kaukasusregion. 1927 kehrte er mit starken Eindrücken von diesen Reisen nach Berlin zurück. Auf Vortragsreisen zeigte er seine Lichtbilder sowie selbst entwickelten „Komplexbilder“. So nannte Vogeler selbst seine zwischen 1923 und 1936 gemalten vielszenigen, prismatischen Simultankompositionen nach ihrer Struktur. Hinsichtlich ihrer programmatischen Funktion wurden sie auch als „Agitationstafeln“ bezeichnet. Unter den erhalten gebliebenen Komplexbildern gehört „Baku“ aus dem Jahre 1927 zu den malerisch qualitätsvollsten und inhaltlich interessantesten. In der Rezeptionsgeschichte war das Bild wiederholt umstritten, denn wie auf keinem anderen seiner Kompositionen verschwinden die Individuen fast völlig hinter den Strukturen – eine der zahlreichen künstlerischen Interpretationen des kommunistischen Kollektivgedankens.25 Das Werk ist vielmehr ein in das Symbol von Hammer und Sichel komponierter Bildbericht aus mehr als 25, inmitten der dargestellten Bakuer Bohrtürme und der Meeresbucht von Abşeron zu lokalisierenden Wirklichkeitsausschnitten. Als Vogeler endgültig im Spätsommer 1931 in die Sowjetunion zog, fand er ein seit seinen letzten Reisen völlig verändertes Land vor. Der von ihm verehrte Trotzki war verbannt und Anatolij Lunačarskij entmachtet. Vogeler ging es finanziell sehr schlecht, als Künstler war er nicht mehr relevant und seine Komplexbilder nicht mehr gefragt, zudem sah er sich scharfer Kritik ausgesetzt. Vogeler reiste im Auftrag des Moskauer Museums für die Völker der UdSSR durch das Land und beschäftigte sich mit so unterschiedlichen Dingen wie Propagan- https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
88 GUDRUN CALOV Abb. 24: Heinrich Vogeler: Baku, © bpk/ Nationalgalerie, SMB/ Klaus Göken damalerei, Baumwollanbau und Weinlese, Schnittholzverladung, Betriebsberatung in einer Fabrik und dem Leben auf einer Kolchose. Auf diesen Reisen be- https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
DAS MULTIETHNISCHE UMFELD KAUKASIENS 89 Abb. 25: Heinrich Vogeler: Bäuerin im Weingarten des Karl-Marx-Kolchos, © bpk/ Nationalgalerie, SMB/ Jörg P. Anders suchte er auch deutsche Kolonien, unter anderem die Karl-Marx-Kolchose in Gnadenburg und die deutsche Kolonie Helenendorf. Hier stieß er bei den deutschen Siedlern als Vertreter der neuen Ideologie auf Misstrauen und Ablehnung und man fand wenig Verständnis für seine politischen Anschauungen, sodass er sich vereinsamt zu Zeichenstudien in die Natur zurückzog. In manchen Naturzeichnungen kehrte er noch einmal zu einem fast lyrischen Naturalismus zurück. Seine gemalten Gebirgslandschaften sind voll tiefer, einsamer Trauer. Heinrich Vogeler wurde wie die Mehrzahl der Deutschen nach dem Überfall auf die Sowjetunion durch das nationalsozialistische Deutschland 1941 nach Kasachstan deportiert und verstarb dort 1942.26 Der Maler und Grafiker Heinrich Ehmsen (1886-1964) hatte sich regelmäßig an den Ausstellungen der sozialrevolutionären Novembergruppe beteiligt. Auf der internationalen Ausstellung „Socialistische Kunst Heden“ im Stedelijk Museum Amsterdam kaufte das Staatliche Museum für Neue Westliche Kunst in 26 N. Solovjova-Volynskaja: Schicksal und Schaffen der Russlanddeutschen im 20. Jahrhundert. In: Bildende Kunst der Russlanddeutschen im 18.-20. Jahrhundert. Moskau 1997, S. 148-177; L. N. Tuzikova/ G. M. Safarova: Iskusstvo repressirovannych chudožnikovnemcev v Karagande. In: Aleksandr F. Dederer (Hg.): Kul´tura nemcev Kazachstana, Almaty 1999, S. 159-170. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
90 GUDRUN CALOV Moskau 1931 das Gemälde „Erschiessung der bayerischen Revolutionäre“. Da die sowjetische Währung nicht konvertierbar war, wurde als Äquivalent für den Kaufpreis (3000 Mark, etwa 1.500 Rubel) eine Studienreise durch die UdSSR vereinbart, die Ehmsen im Frühjahr 1932 antrat. Zudem veranstaltete das Museum im Juni 1932 eine Einzelausstellung mit 140 Exponaten. In seinen Lebenserinnerungen vermerkte Ehmsen: „Während der Ausstellung erwarben fünf Moskauer Museen Arbeiten von mir…[unter anderem das Triptychon „Erschiessung des Matrosen Eglhofer“ 1932/33, St. Petersburg, Ermitage] wir konnten mit dem Geld monatelang durch die Krim, den Kaukasus, über die Grusinische Heerstrasse zurück nach Moskau fahren.“.27 Am 30. September 1932 schreibt er aus Jalta an den Leiter des Staatlichen Museums für Neue Westliche Kunst28: „Mein hiesiger Aufenthalt gestaltet sich in denkbar bester Form. Wunderbares Wetter, herrliche Sonne, prachtvolles Meer!! Dann Land und Bewohner! Alles sehr, sehr interessant für deutsche Künstler… Spätestens am 10. Oktober fahren wir nach Batumi, Suchumi usw. Ich hoffe, den Kaukasus zu sehen! Denn wenn´s mir gelingt, möchten wir nach Baku, Samarkand und Taschkent fliegen! Na, das wird sich erst in Tiflis entscheiden.“ In Tiflis entstand 1932 das Gemälde „Georgier in Tiflis“, heute im Staatlichen Museum Schwerin zu sehen,29 welches so gar nicht der staatlich verordneten Doktrin vom Sozialistischen Realismus entsprach, sondern eher an Arbeiten Chagalls erinnert. Seinen kritischen Blick hatte Ehmsen nicht verloren, das Gemälde „Jugend zwischen den Zeiten“ hat das bittere Los verwahrloster Kinder zum Thema, die Zeichnung „Bahnhof in Tiflis“ widmete er dem Problem der allgegenwärtigen Wohnungs- und Versorgungsnot, Folge der rigorosen stalinistischen Umsiedlungspolitik.30 In zwei weiteren Zeichnungen31, auf der Fahrt von Sevastopol‘ nach Batumi auf einem Schwarzmeerdampfer entstanden, stellte er das abgehobene und bequeme Leben der Offiziere und Funktionäre auf dem Vorderdeck dar, während auf dem Achterdeck die Passagiere dicht an dicht auf den Schiffsplanken hocken, mit Säcken und Bündeln als Sitzgelegenheiten. Die Mehrzahl der Künstler, die aus Deutschland in die Sowjetunion emigrierten, durch die kaukasischen Sowjetrepubliken reisten, oder deutscher Abstammung waren, – und die vom Leben in der Sowjetunion überzeugt waren und mit ihren Arbeiten helfen wollten, den neuen Staat aufzubauen – hatten unter den 27 28 29 30 31 Ehmsen, Heinrich: Lebenserinnerungen S. 41 zit. nach: Heinrich Ehmsen. Meer, Küste und Hafen. Gemälde, Aquarelle und Zeichnungen 1928-1954. Ausstellungskatalog Heinrich Ehmsen-Stiftung Stadtgalerie im Sophienhof Kiel 1991-1992, S. 41-44. Brief von Heinrich Ehmsen, Jalta, an Direktor Ternowetz, Moskau vom 30.09.1932 zit. nach Ausstellungskatalog Heinrich Ehmsen, Berlin (DDR) 1986, S. 41. Das Staatliche Museum Schwerin erwarb das Bild 1974 von der Witwe Ehmsen. Gemälde und Zeichnungen in der Stadtgalerie Kiel, Räume der Heinrich-Ehmsen-Stiftung. Ebenfalls in Kiel zu besichtigen. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
DAS MULTIETHNISCHE UMFELD KAUKASIENS 91 Abb. 26: Heinrich Ehmsen: Georgier in Tiflis. Staatl. Museum Schwerin Inv. Nr. G 3000 Repressionen der dreißiger Jahre zu leiden. Ihre traurigen Schicksale bestanden in Zwangsvertreibung und Einweisung in Gefängnisse oder Arbeitslager. Nur wenige ihrer Arbeiten haben die Zeiten überlebt und warten auf ihre „Wiederentdeckung“ auch in deutschen Museen. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
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Teil II: Kaukasiendeutsche zwischen den Fronten von Revolutionen und Kriegen – Autonomiebestrebungen, Verfolgung und Deportation in den Jahren 1917-1941 https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
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Ein Vergleich der Autonomiebewegungen unter den Deutschen in Nord- und Südkaukasien 1917-1918 Alfred Eisfeld Die deutsche Bevölkerung Nord- und Südkaukasiens setzte sich 1917/1918 aus sehr unterschiedlichen Gruppen zusammen. Es waren zum einen die ab 1817 nach Südkaukasien eingewanderten Siedler, die ihre Siedlungen in den Gouvernements Tiflis und Elizavetpol’ gegründet hatten.1 Bis zum Untersuchungszeitraum bildeten sich aus ihren Reihen bereits kleinere Gruppen von „Stadtdeutschen“, die ihren Wohnsitz in den Städte Tiflis, Elizavetpol’ und Baku hatten und dort ihren Geschäften nachgingen. Unter den Deutschen in Tiflis und Baku fanden sich auch Unternehmer, Kaufleute, Lehrer und Geistliche, die aus den Ostseeprovinzen, aus dem Schwarzmeergebiet oder dem Deutschen Reich kamen. In Baku arbeiteten schon seit Jahren Deutsche – vor allem Wanderarbeiter aus der Wolgaregion – in der Industrie, im Handwerk und im Dienstleistungsbereich. In Nordkaukasien siedelten sich bereits 1778 die ersten Wolgadeutschen aus dem Gouvernement Samara an. Ende der 1840er Jahre existierten bereits fünf Siedlungen.2 Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts wurden Tochterkolonien in den Gebieten der Terek- und Kuban’-Kosaken gegründet. Es waren Zuwanderer aus lutherischen, katholischen und mennonitischen Kolonien Neurusslands und Bessarabiens. Während des Ersten Weltkrieges wurden bekanntlich deutsche Soldaten und Unteroffiziere der russischen Armee von der Front gegen Deutschland und Österreich-Ungarn abgezogen und an die Front gegen die Türkei verlegt. Deren Anzahl wird in der Literatur mit 17.046 angegeben.3 Aus den Siedlungen an der Wolga wurden ca. 50.000 Rekruten an die kaukasische Front geschickt.4 Darüber hinaus gab es an der kaukasischen Front und im Hinterland mennonitische Sanitäter, die zu besonderen Einheiten zusammengefasst waren und von ihren Heimatgemeinden unterhalten und betreut wurden. Bei allen Unterschieden und Sonderinteressen dieser Gruppen, gab es jedoch auch Gemeinsamkeiten, die sich als stärker erwiesen haben und die Grundlage für gemeinsame Aktionen bildeten. Allen genannten Gemeinschaften der deutschen und mennonitischen Bevölkerung war spätestens mit der Veröffentlichung der sogenannten Liquidationsgesetze vom 2. Februar 1915 ihr gemeinsames 1 2 3 4 Auch, Eva-Maria: Deutsche Kolonisten im multiethnischen Umfeld Transkaukasiens. In: dies. (Hg.): Lebens- und Konfliktraum Kaukasien. Gemeinsame Lebenswelten und politische Visionen der kaukasischen Völker in Geschichte und Gegenwart, Großbarkau 1996, S. 54-61. Plochotnjuk, T. N.: Rossijskie nemcy na Severnom Kavkaze. Moskva 2001, S. 6-7. Šul’ga, I. I.: Nemcy Povolž’ja v rossijskich vooružennych silach. Moskva 2008, S. 37. Ebd., S. 35. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
96 ALFRED EISFELD Schicksal bewusst: sie wurden von der russischen Regierung als „innerer Feind“ eingestuft – sie sollten ihrer Existenzgrundlage beraubt werden. Die Polen- und Wolhyniendeutschen hatten ihren Besitz bereits verloren und wurden aus ihren Siedlungen nach Osten deportiert.5 Den Deutschen und Mennoniten Nord- und Südkaukasiens blieb dieses Schicksal nur dank der Februarrevolution in St. Petersburg erspart.6 Eine weitere Gemeinsamkeit bestand in der Erkenntnis, dass sich keine der bestehenden politischen Parteien Russlands letztlich gegen die Liquidationsgesetze und für die Interessen der Deutschen eingesetzt hatte. Daraus wurde die Schlussfolgerung gezogen, dass es erforderlich sei, selbst für die eigenen Interessen einzutreten und dafür bestimmte Organisationsformen zu nutzen, wie sie zu dieser Zeit auf dem Gebiet des Russischen Reiches weite Verbreitung fanden. Dem kamen die Erfahrungen in der politischen und wirtschaftlichen Tätigkeit zugute. Nicht übersehen werden soll, dass während des Ersten Weltkrieges im Russischen Reich durchaus regierungskritische Veröffentlichungen möglich waren. Dazu zählten vor allem die als „Manuskript“ deklarierten Broschüren von Karl Lindeman, Professor an der Landwirtschaftlichen Akademie in Moskau, und Jakob Stach, evangelischer Pfarrer in verschiedenen deutschen Niederlassungen Russlands.7 Bei den Mennoniten gab es zudem ein übergreifendes Netzwerk in Gestalt der Allgemeinen Mennonitischen Bundeskonferenz in Russland und der Abgeordneten-Versammlung für Forsteidienst-Angelegenheiten. Der Auslöser für die Bildung von Vereinen oder Komitees, deren einzige Aufgabe die Wahrung der Rechte und des Besitzstandes der deutschen Minderheit sein sollte, waren die repressiven Maßnahmen der Regierung. So bildete sich in Saratov Mitte Februar 1917 eine Initiativgruppe, deren Ziel die Abwehr der dro5 6 7 Nikel, S.: Die Deutschen in Wolhynien. Kiew/Charkow 1935, S. 52; Deringer, Rudolf: Die Ausweisung der deutschen Kolonisten aus Wolhynien in den Jahren 1915 und 1916. In: Deutsches Leben in Russland, Jg. 7 (1929), Nr. 8-10, S. 66 ff. Nelipovič, S.: Politika okkupacionnych vlastej central’nych deržav v otnošenii nemcev Carstva Pol’skogo. 1915-1918 gg. In: Nemcy Rossii: social’no-ėkonomičeskoe i duchovnoe razvitie 1871-1941 gg. Materialy 8-j meždunarodnoj-naučnoj konferencii. Moskva, 13-16 oktjabrja 2001 g., Moskva 2002, S. 98-99; Verdieva, Ch. Ju.: Ograničitel’nye mery Kavkazskogo Namestničestva v gody Pervoj mirovoj vojny v otnošenii poddannych Četvernogo Sojuza. In: Rossijskoe gosudarstvo, obščestvo i ėtničeskie nemcy: osnovnye ėtapy i charakter vzaimootnošenij (XVIII-XXI vv.). Materialy XI meždunarodnoj naučnoj konferencii: Moskva, 1-3 nojabrja 2006 goda, Moskva 2007, S. 229; Černova-Döke, T. N.: Problema likvidacii nedvižimogo imuščestva nemeckich kolonistov v Tiflisskoj gubernii (Gruzija) v period Pervoj mirovoj vojny. In: Ėtničeskie nemcy Rossii: istoričeskij fenomen „naroda v puti“. Materialy XII meždunarodnoj konferencii. Moskva, 18-20 sentjabrja 2008 g., Moskva 2009, S. 391. Lindeman, K. Ė.: Zakony 2-go fevralja i 13-go dekabrja 1915 g. (ob ograničenii nemeckago zemlevladenija v Rossii) i ich vlijanie na ėkonomičeskoe sostojanie Južnoj Rossii, Moskva 1916; ders.: Prekraščenie zemlevladenija i zemlepol’zovanija poseljan-sobstvennikov. Ukazy 2 fevralja i 13 dekabrja 1915 goda i 10, 15 ijulja i 19 avgusta 1916 goda i ich vlijanie na ėkonomičeskoe sostojanie Južnoj Rossii; Moskva 1917; Štach, J. G.: Očerki iz istorii i sovremennoj žizni južno-russkich kolonij, Moskva 1916. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
EIN VERGLEICH DER AUTONOMIEBEWEGUNGEN 97 henden Anwendung der Liquidationsgesetze auch in den Wolgakolonien war.8 In Odessa kam es nach entsprechenden Vorarbeiten am 18. März 1917 zu einer solchen Versammlung.9 Nur wenige Tage später gab es auch in Tiflis eine Versammlung, über die Lindeman etwas später nach Saratov meldete: „In den letzten Tagen des März [1917] versammelten sich in Tiflis Delegierte der transkaukasischen deutschen Ansiedlungen und beschlossen, ein lokales Komitee zu gründen, zwecks Wahrung der Interessen dieser Ansiedler. Gleichzeitig überreichten diese Herren dem Kommissar für Transkaukasien eine Gabe von 10.000 Rubeln, mit der Bitte, diese Spende den Familien der in Petrograd gefallenen Freiheitskämpfer zukommen zu lassen“.10 Dieser Meldung können mehre Informationen entnommen werden: Es versammelten sich „Delegierte der transkaukasischen deutschen Ansiedlungen“ zur Gründung eines „lokalen Komitees“. Ziel dieses Komitees sollte die Wahrung der Interessen dieser Siedlungen sein. Die Versammlung suchte den Kontakt mit der bestehenden Verwaltung der Provisorischen Regierung und unterstützte die Familien von Opfern des Umsturzes in Petrograd finanziell. Damit stellte sich die Versammlung auf die Seite der Akteure der Februarrevolution und wandte sich von der bisherigen kaiserlichen Ordnung des bereits zur Abdankung gezwungenen Zar Nikolaj II. ab. Die wichtigste Aufgabe der eingesetzten Provisorischen Regierung bestand darin, die Wahl einer Verfassunggebenden Versammlung Russlands bei gleichem Stimmrecht aller Bürger durchzuführen. Dieser Verfassungskonvent sollte die Grundlage für ein freies, demokratisches Russland in Form einer Parlamentarischen Republik schaffen. Bei dieser Zielsetzung kam es für die deutsche Bevölkerung nun darauf an, ihre Interessen zu klären, zu artikulieren und dafür zu sorgen, dass diese in der Verfassunggebenden Versammlung auch zur Sprache kommen. Die Zielsetzung, aber auch der vorgegebene enge Zeitrahmen, erklären die dichte Abfolge von Sitzungen und Kongressen der deutschen Bevölkerung, wie auch den hohen Vernetzungsgrad der verschiedenen Vereine. Am 28. März 1917 fand in Odessa eine Sitzung des provisorischen Organisationskomitees statt, deren bedeutendster Beschluss die Gründung eines Allrussischen Verbandes der Russischen Bürger Deutscher Volkszugehörigkeit war. Es sollten lokale Komitees in den jeweiligen Siedlungen gebildet und diese in 17 regionalen (Zentral-)Komitees zusammengefasst werden. Am darauffolgenden Tag fand in der Kolonie Halbstadt (Moločans’k) die erste Sitzung einer Kommission der Mennoniten statt, welche Vorkehrungen für die Beteiligung von Mennoni8 9 10 Herdt, Victor (Hg.): Zwischen Revolution und Autonomie. Dokumente zur Geschichte der Wolgadeutschen aus den Jahren 1917 und 1918, Köln 2000. S. 26-27. Eisfeld, Alfred.: Deutsche Autonomiebewegung in der Ukraine und in Westsibirien 1917– 1918. In: ders./ Victor Herdt/ Boris Meissner † (Hg.): Deutsche in Rußland und in der Sowjetunion 1914–1941 (Geschichte. Forschung und Wissenschaft. Bd. 25), Berlin 2007, S. 128. Saratower Deutsche Zeitung, Nr. 1, v. 1. Juni 1917, S. 3-4, zit. n.: Herdt, Zwischen Revolution und Autonomie, S. 149. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
98 ALFRED EISFELD ten an den Wahlen für das Verfassungskonvent zu treffen hatte. Schon einen Tag später wurde der Entwurf einer Satzung für einen politischen Verein und am 8. April der Entwurf der politischen Ausrichtung der Organisation zur Beratung vorgelegt. Über diese und die nachfolgenden Schritte des sogenannten Molotschnaer Mennonitenvereins (MMV) wurden alle mennonitischen Siedlungen und Einrichtungen in ganz Russland, somit auch in Nord- und Südkaukasien, umgehend informiert. Ende April folgte ein Flugblatt mit dem Titel: „An unsere Mennoniten“. An der ersten Sitzung der deutschen Siedler, die auf Einladung Lindemans vom 20.-22. April 1917 in Moskau tagte, nahmen auch Persönlichkeiten aus den Gouvernements Stavropol’, Tiflis, Elizavetpol’ und Baku sowie aus den Gebieten der Kuban’- und Donkosaken teil. Soweit bekannt, handelte es sich bei den Teilnehmern um Personen, die Wahlämter bekleideten und als legitimierte Vertreter der Deutschen und Mennoniten angesehen werden konnten, wie Duma- und Semstvoabgeordnete sowie Gemeindeälteste. Karl Lindeman hatte in den Jahren 1907-1913 als Sekretär des Zentralkomitees (ZK) des „Bundes des 17. Oktober“ – der Partei der Oktobristen – an maßgeblicher Stelle die Politik der größten politischen Partei mitbestimmt und war als Agrarfachmann über die wirtschaftliche Lage der Kolonisten, aber auch des gesamten Landes bestens unterrichtet.11 Die Zielsetzung der von ihm einberufenen Sitzung ging weit über die Wahrung des Grundbesitzes der Siedler hinaus. Es sollte eine „Vereinigung der russischen Deutschen zur Wahrung ihrer Interessen und für die Wahlen in die Verfassunggebende Versammlung“12 erreicht werden. Die Beibehaltung des Privateigentums an Grund und Boden, die Aufhebung der Liquidationsgesetze und eine Agrarreform sollten das politisch-ökonomische Fundament dieser Vereinigung bilden. Unmittelbar nach dieser Sitzung in Moskau trat in Saratov vom 25.-27. April 1917 eine Versammlung der Kreisbevollmächtigten der Wolgakolonien zusammen. Das besondere an der Zusammensetzung dieser Versammlung bestand darin, dass gewählte Vertreter eines größeren Siedlungsgebietes die verwaltungsmäßige Zusammenfassung ihrer Siedlungen anstrebten. Autonomiebestrebungen deutscher Siedler in Südkaukasien In Südkaukasien wurde, nach vorliegenden Informationen, am 11. Mai 1917 von einer Versammlung der deutschen Bevölkerung der Stadt Tiflis ein örtliches Komitee gewählt. Am 14. Mai 1917 trat ebenfalls in Tiflis ein Delegiertenkongress russischer Bürger deutscher Volkszugehörigkeit Südkaukasiens zusammen. 11 12 Über die Tätigkeit Karl Lindemans siehe: Ajsfel’d [Eisfeld], A.: Karl Lindeman: političeskaja i obščestvennaja dejatel’nost’ moskovskogo učenogo, in: Nemcy Moskvy: Istoričeskij vklad v kul’turu stolicy. Meždunarodnaja naučnaja konferencija, posvjaščennaja 850-letiju Moskvy (Moskva, 5 ijunja 1997 g.). Sbornik dokladov, Moskva 1997, S. 268-291. Protokol zasedanij poseljan-sobstvennikov i zemlevladel’cev-nemcev, sostojavšagosja 20-22 aprelja 1917 g. v Moskve. In: Eženedel’nik (Odessa), Nr. 4, v. 7-13. Mai 1917, S. 5-6. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
EIN VERGLEICH DER AUTONOMIEBEWEGUNGEN 99 Anwesend waren Delegierte aus Orten mit deutscher Minder- oder Mehrheitsbevölkerung wie Tiflis, Helenendorf, Annenfeld, Georgievskoe, Asureti/ Elisabethtal, Sartačaly, Aleksandrovka/ Alexanderhilf, und Aleksandrovskoe/ Alexanderdorf. Die Abgesandten wählten ein fünfköpfiges Kreiskomitee mit dem Lehrer Erich Bernstein an der Spitze und gaben sich ein umfangreiches Arbeitsprogramm, welches von Organisations- und Finanzierungsfragen über Hilfen für die aus Wolhynien und Polen deportierten Deutschen bis zu den Wahlen in die Verfassunggebende Versammlung reichte.13 Welchen Anklang die Gründung des Verbands der russischen Bürger deutscher Nationalität bei der Bevölkerung fand, kann dem Protokoll der Sitzung des Komitees in Helenendorf vom 21. Juli 1917 entnommen werden – die gesamte Gemeinde trat dort dem Verband bei.14 Das vorrangige Interesse bestand darin, das Eigentumsrecht auf Grund und Boden zu sichern und die für eine rationale Wirtschaftsführung erforderliche Hofgröße und Wasserversorgung zu gewährleisten. Ferner wurde die Aufhebung des Weinhandelsverbots angestrebt.15 Das Kreiskomitee, auch Transkaukasisches Zentralkomitee Russischer Bürger Deutscher Volkszugehörigkeit genannt, tagte an mehreren Sitzungen von Juli bis Oktober 1917. Beraten wurden Fragen der Wiedereinrichtung der vor dem Ersten Weltkrieg noch vorhandenen höheren Schulen in Tiflis und Helenendorf, der wirtschaftlichen Belebung sowie der Hilfen für Kriegsflüchtlinge und Familien von Frontsoldaten. Zunehmend wichtiger wurde die Frage nach Schutz der Siedlungen vor bewaffneten Überfällen sowie vor dem Zugriff der benachbarten Bevölkerung auf die eigenen Ländereien. Bernstein teilte in diesem Zusammenhang mit, dass es „im Prinzip den Kolonien gestattet sei, eine eigene Miliz zu haben und Waffen zu bekommen.“16 Zu Beginn des Jahres 1918 bekam diese Frage eine entscheidende Wendung: Auf Beschluss der transkaukasischen Regierung unterlagen alle Männer im Alter von 19 bis 25 Jahren für sechs Monate dem Militärdienst. Das Transkaukasische ZK bekam nun die Möglichkeiten, ein deutsches Regiment aufzustellen, dessen einzelne Kompanien in den Kolonien einquartiert wurden. Das Regiment sollte zum Georgischen Korps gehören, von diesem ausgestattet werden, jedoch unter dem Kommando des Deutschen Nationalrates bleiben.17 Diese Maßnahme gab den Kolonien zwar mehr Sicherheit, doch führte es auch zu wiederholten Spannungen aufgrund des übermäßigen Weinkonsums der Soldaten. In der Sitzung am 15. Februar 1918 befasste sich das Transkaukasische ZK ausführlich mit dem Deutschen Regiment, dem Prozedere der Einberufung von Wehrpflichtigen zum 13 14 15 16 17 Gosudarstvennyj Istoričeskij Archiv Azerbajdžanskoj Respubliki (GIA-AR), f. 508, op. 1, d. 388, l. 1 ob. 2: Kopija protokola zasedanija kraevogo s-ezda delegatov rossijskich graždan nemeckoj nacional’nocti Zakavkaz’ja. Ebd., l. 3. Ebd., l. 4-5. GIA-AR, f. 508, op. 1, d. 388, l. 9. Ebd., l. 12 ob. – 13. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
100 ALFRED EISFELD Dienst und deren medizinischer Betreuung. Den Posten des Gehilfen des Regimentskommandeurs bot man dem Oberstleutnant von Kryth an,18 jedoch musste sich das ZK bereits am 14. März erneut mit der Frage nach einem geeigneten Regimentschef befassen. Im Protokoll der Sitzung heißt es dazu: „Infolge mangelhafter Kenntnis der deutschen Sprache seitens des Regimentschefs und seiner schwachen Betätigung, drückte die Delegiertenversammlung den Wunsch aus, der Nationalrat möchte Herrn Plötz durch einen der vorhandenen Kandidaten, H. von Kryth oder Hilbich ersetzen“.19 Besonders viel Ärger bereitete die in Georgsfeld stationierte Reservekompanie, deren Soldaten übermäßig viel Wein konsumierten und wiederholt gewalttätig wurden. In der Sitzung vom 13. bis 15. Mai 1918 wurde sogar über den Fortbestand des Regiments abgestimmt. Der Abgesandte von Georgsfeld forderte die Auflösung des Regiments, die Mehrheit der Delegierten stimmte jedoch für seinen Fortbestand.20 Die an die Türkische Front versetzten deutschen Soldaten der Zarenarmee schienen sich in der deutschen Autonomiebewegung Kaukasiens nicht engagiert zu haben. Sie strebten in ihre Dörfer zurück um bei der erwarteten Landzuteilung nicht leer auszugehen. Die Deutschen Südkaukasiens waren im russischen Vielvölkerstaat nur eine zahlenmäßig kleine Personengruppe.21 Sie konnten sich nur im Verbund mit einer anderen politischen Kraft bemerkbar machen. Auf der außerordentlichen Delegiertenversammlung am 8. Oktober wurde beschlossen, sich für die Wahl zur Verfassungsgebenden Versammlung Russlands den georgischen Menschewiki anzuschließen. Dem deutschen Kandidaten Steininger wurde ein aussichtsloser Platz auf deren Wahlliste angeboten. Erich Bernstein konnte durch Verhandlungen ein Vorziehen auf den achten Listenplatz für Steininger erreichen, doch auch dieser galt als nicht befriedigend. Daraufhin wurde eine eigene Wahlliste mit der Bezeichnung „Frontovoj spisok socialdemokratov men’ševikov voinov nemeckoj nacional’nosti“ [Frontliste sozialdemokratischer und menschewikischer Kämpfer deutscher Abstammung] und den Kandidaten Steininger und Lehmann an der Spitze aufgestellt. Da die Frist für eine Zulassung aber bereits verstrichen war, wurde diese Wahlliste nicht zugelassen.22 Weitere Informationen über die Beteiligung der deutschen Minderheit am Wahlkampf konnten durch den Autor leider nicht in Erfahrung gebracht werden. Sicher ist aber, dass kein einziger deutscher Kandidat in die Verfassunggebende Versammlung gewählt wurde. Die Provisorische Regierung der Transkaukasischen Föderation bot aber von sich aus den zahlenmäßig kleineren ethnischen Gemeinschaften, zu denen auch 18 19 20 21 22 Ebd., l. 16. Ebd., l. 20. Ebd., l. 25 ob.-26. Nach der Volkszählung von 1897 lebten 1.790.000 Deutsche in Russland, das entsprach einem Anteil an der russischen Gesamtbevölkerung von nur 1,43 Prozent: Kappeler, Andreas et al.: Die Nationalitätenfrage im Russischen Reich – Auswertung der Volkszählung von 1897, in: Historical Social Research, Jg. 16, Nr. 2 (1991), S. 175. GIA-AR, f. 508, op. 1, d. 388, l. 9-9 ob. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
EIN VERGLEICH DER AUTONOMIEBEWEGUNGEN 101 die Deutschen gehörten, an, sich zu einem Verband zusammenzuschließen. Es wurde angeboten von jedem nationalen Verband je einen Vertreter in die Regierung aufzunehmen.23 Wir werden später sehen, dass Vertreter des deutschen Verbandes tatsächlich in die Provisorische Regierung eingebunden wurden, wobei jedoch nicht sicher ist, ob dies auch auf dem oben beschriebenen Wege geschah. Die Entwicklungen in den nordkaukasischen Niederlassungen Die mennonitischen Sanitäter an der Kaukasischen Front und im Hinterland waren auf ihre Heimatgemeinden und den MMV orientiert, ihre Delegierten schickten sie nach Halbstadt. So waren am 9. Juni 1917 auf einer Sitzung des MMV-Büros in Neu-Halbstadt auch die Mennonitensiedlungen der Gebiete Kuban’ und Terek sowie die mobilisierten Mennoniten der Kaukasischen Front bei Trapezunt vertreten.24 Die Mennoniten aus Kars fielen vor allem durch die Bereitschaft auf, alle vorhandenen Kräfte für die Wahl eines eigenen Kandidaten in die Verfassunggebende Versammlung zu bündeln.25 Die nordkaukasischen, deutschen und mennonitischen Niederlassungen orientierten sich ebenfalls stark an den Muttersiedlungen im Schwarzmeergebiet. In Nikolaevka am Terek wurde nach Erhalt des Aufrufes „An unsere Mennoniten“ eine außerordentliche Versammlung der Mitglieder der Nikolaever Kreditgesellschaft durchgeführt und ein Ausschuss des Verbandes Russischer Bürger Deutscher Nationalität gewählt, wie aus einer Meldung vom 16. Mai 1917 an die MMV hervorgeht.26 Ob es sich dabei um das erste Ortskomitee gehandelt hat, ist nicht bekannt. An der ersten Allgemeinen Versammlung der Delegierten der Russischen Bürger Deutscher Nationalität und der Mennoniten des nördlichen Kaukasus in Velikoknjažesk, Kuban’-Gebiet, am 18. und 19. Juni 1917 waren schon Vertreter von 34 Ortschaften beteiligt. Die Teilnehmer wurden über die Versammlungen in Moskau, Saratov, Halbstadt und Rovnoe informiert.27 Neuigkeiten über den bereits Mitte Mai 1917 in Odessa abgehaltenen Kongress lagen ihnen offensichtlich noch nicht vor. Inhaltlich richtet sich das ZK Russischer Bürger Deutscher Nationalität und der Mennoniten des nördlichen Kaukasus nach den Beschlüssen der Moskauer Versammlung, organisatorisch ähnelte es mit seinen regionalen ZKs eher dem Kongress in Odessa. Die weitere Entwicklung des ZKs konnte bislang nicht rekapituliert werden, da entsprechendes Quellenmaterial fehlt. Bekannt ist allerdings, dass die Mennonitendörfer im Terek-Gebiet Ende 1917 und im Januar 1918 wie- 23 24 25 26 27 GIA-AR, f. 508, op. 1, d. 395, l. 6. Gosudarstvennyj Archiv Odesskoj Oblasti (GAOO), f. 89, op. 1. d. 3603, l. 71. GAOO, f. 89., op. 1, d. 3595, l. 12-12 ob. GAOO, f. 89, op. 1, d. 3602, l. 2. Ebd., l. 6. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
102 ALFRED EISFELD derholt überfallen und ausgeraubt wurden und die Einwohner schließlich Anfang Februar 1918 fluchtartig Dagestan verlassen mussten.28 Nach der Machergreifung der Bolschewiki in Petrograd und Moskau im November 1917 und der Auflösung der Verfassunggebenden Versammlung am 8. Januar 1918 brach das russische Reich zunehmend auseinander. An dieser Stelle soll nur kurz daran erinnert werden, dass in Nordkaukasien mehrere kurzlebige Sowjetrepubliken ausgerufen wurden.29 In den Jahren 1918 bis 1920 wurde die Region schließlich zum Bürgerkriegsgebiet. Einsatz für kulturelle Autonomie in Südkaukasien und den neuentstandenen Parlamenten Kaukasiens Die Lage in Südkaukasien war ähnlich dramatisch. Die inneren Konflikte zwischen den einzelnen Volksgruppen sowie die Machtbestrebungen und Gebietsansprüche der Türkei und Sowjetrusslands ließen für eine friedliche Entwicklung nur wenig Platz. Karl A. Fischer fasste diese Entwicklung kurz wie folgt zusammen: „Die Loslösung [Transkaukasien] geschah im Zeichen der demokratischen Selbstbestimmung, ein verfassunggebender Landtag wurde einberufen, der vom 11. Februar bis zum 9. April 1918 tagte: am 9. April 1918 verkündete dieser Landtag den selbständigen und unabhängigen Staat Transkaukasien. Dieses Staatswesen bestand nun keine vollen 7 Wochen, dann löste es sich in drei Teile auf: am 26. Mai erklärte sich Georgien für selbständig, Armenien und Aserbeidschan folgten unmittelbar darauf. Kaum aber waren die drei Staaten selbständig, da zwangen ihnen die geographischen Gegebenheiten und die wirtschaftlichen Notwendigkeiten und der Zusammenhang aller Verkehrswege die Einsicht auf, dass doch die Wiedervereinigung geboten sei, und kaum saß man am Verhandlungstisch, so brannte schon die alte Todfeindschaft wieder lichterloh auf, und dieses tragikomische Spiel ging so durch 3 Jahre hindurch, dazwischen gab es Krieg zwischen Georgien und Armenien im Dezember 1918, zwischen Aserbeidschan und Georgien im März 1919 und im Mai 1920, zwischen Aserbeidschan und Armenien im April 1920, und – den Krieg mit den Türken und Russen“.30 Doch auch unter diesen schwierigen Bedingungen blieben noch Raum und Zeit für Bemühungen, das Leben neu zu ordnen und eine Zukunftsperspektive zu erarbeiten, was sowohl von Seiten der instabilen Staatswesen als auch der Bevölkerung – darunter auch der deutschen – intensiviert wurde. 28 29 30 Toews, C. P.: Die Tereker Ansiedlung. Mennonitische Kolonie im Vorderkaukasus. Entstehung, Entwicklung und Untergang. 1901-1918/1925. Nach Erinnerungen, Berichten und Tagebucheintragungen von Toews (Historische Schriftenreihe; Buch 1), Rosthern 1945, S. 47-66. Von Januar bis Juli 1918 existierte eine Sowjetrepublik mit Stavropol’ als Zentrum, eine Sowjetrepublik Don mit der Hauptstadt Rostov-na-Donu vom 23. März bis 30. September 1918, eine Nordkaukasische Sowjetrepublik von Juli bis Dezember 1918 sowie von März 1918 bis Februar 1919 die Sowjetrepublik Terek. Fischer, Karl A.: Die „Kaukasische Post“. Sammlung Georg Leibbrandt, Bd. 10 (Quellen und Materialien zur Erforschung des Deutschtums in Osteuropa), Leipzig 1944, S. 185-186. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
EIN VERGLEICH DER AUTONOMIEBEWEGUNGEN 103 Am 19. November 1918 verabschiedete der Nationalrat Aserbaidschans ein Gesetz über die Gründung eines nationalen Parlaments. In diesem 120 Plätze zählenden Gremium war für die deutsche Minderheit ein Platz vorgesehen.31 Der Deutsche Nationalrat wählte den aus Helenendorf stammenden Lorenz Kuhn in das aserbaidschanische Parlament, wo er sich der Fraktion Nationale Minderheiten anschloss.32 Auch in der Demokratischen Republik Georgien, die sich am 26. Mai 1918 für Unabhängig erklärte, gab es Bestrebungen der deutschen Minderheit, eine Stimme beim nationalen Aufbauprozess zu erhalten. In der außerordentlichen Delegiertenversammlung des Transkaukasischen Deutschen Verbandes vom 13.-15. Mai 1918 berichtete Erich Bernstein darüber, dass das ZK einen Vertreter in die von der georgischen Regierung zur Ausarbeitung der Verfassung gebildete Kommission entsandt habe. Unter Berufung auf das von der Regierung proklamierte Recht auf nationale Selbstbestimmung sollte laut Bernstein dieser Vertreter dort die Belange der Deutschen in die Beratungen einbringen. Als solche wurden von ihm genannt: „1) Volle Freiheit und Selbständigkeit in der Ausübung unserer Religion, 2) Selbständigkeit auf dem Gebiet unseres Schulwesens, 3) Selbständigkeit in der Gemeindeverwaltung, 4) Eigene Ortspolizei, 5) Bewahrung des unantastbaren Gemeindebesitzes, wie solcher früher den deutschen Kolonien durch Sonderrechte garantiert war.“33 Mit der Ausarbeitung des Projekts der nationalen Selbstverwaltung wurde der Nationalrat beauftragt. Auffallend ist, dass es laut Protokoll darüber nur eine kurze Debatte gegeben habe. Aus der Wolgaregion, aus Odessa und aus NeuHalbstadt liegen zu dieser Zeit bereits sehr detaillierte Ausarbeitungen vor. Das ZK von Odessa legte dem österreichisch-ungarischen Oberkommando bereits am 23. März 1918 eine Denkschrift vor, in der u.a. die Schaffung einer nationalen Autonomie der deutschen Minderheit in Georgien gefordert wurde.34 In die Verfassunggebende Versammlung Georgiens wurden mit Erich Bernstein und Paul Bühl auch zwei Vertreter des Deutschen Nationalrates Georgiens gewählt.35 Möglich wurde dies durch die Zusammenarbeit mit den georgischen Menschewiki. Bernstein wurde seitens der neuen Regierung wohl Vertrauen entgegengebracht, denn im Mai 1918 gehörte er der georgischen Delegation bei den Verhandlungen mit der Türkei als Sekretär an.36 31 32 33 34 35 36 Volchonskij, M./ V. Muchanov: Po sledam Azerbajdžanskoj Demokratičeskoj Respubliki, Moskva 2007, S. 233-234. Džafarli, M.: Političeskij terror i sud’by azerbajdžamskich nemcev, Baku 1998, S. 21. GIA-AR, f. 508, op. 1, d. 388, l. 29 ob.-30. Hornykiewicz, Theophil: Ereignisse in der Ukraine 1914-1922, Bd. 1, Philadelphia 1966, S. 355. Fischer: Die „Kaukasische Post“, S. 191. Ebd., S. 198. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
104 ALFRED EISFELD Darüber erfährt man aus dem Vereinsorgan des Transkaukasischen Verbandes, der nach der Abdankung des Zaren wieder erscheinenden „Kaukasischen Post“. Die Zeitung spielte eine wichtige Rolle für die Unterrichtung der Deutschen in Georgien und Aserbaidschan über Vereinsangelegenheiten und die allgemeine politische Entwicklung Südkaukasiens. In den Sitzungsprotokollen des ZKs des Verbands Russischer Bürger Deutscher Nationalität in Tiflis und den Protokollen der Ortsgruppe Helenendorf findet man dagegen nur vereinzelt Informationen über die Entwicklung in Südkaukasien. Ohne die Heranziehung der „Kaukasischen Post“ und weiterer, noch aufzufindender Archivalien des Verbandes Russischer Bürger Deutscher Nationalität, seiner Ortsgruppen und insbesondere des Schriftwechsels des ZK mit georgischen, aserbaidschanischen und deutschen Regierungsstellen, wird das Bild vom politischen, gesellschaftlichen, kulturellen und wirtschaftlichen Denken und Streben der Deutschen Südkaukasiens nur fragmentarisch bleiben müssen. Immerhin erfahren wir, dass sich die Delegiertenversammlung des Transkaukasischen Verbandes Mitte Januar 1919 und dessen Helenendorfer Ortsgruppe im März 1919 erneut für ihren Fortbestand und die Fortsetzung der „Kaukasischen Post“ aussprach.37 Im Zentralkomitee war man von April bis Mai 1919 mit der Ausarbeitung eines „Projekts für kulturelle Autonomie im Zusammenhang mit dem Agrar- und Kolonistengesetz“38, aber auch mit Fragen des eigenständigen Schulunterrichts sowie von Stipendien für Studenten aus den deutschen Siedlungen befasst. Im November 1919 wurde noch immer an den allgemeinen Grundzügen des Entwurfs über die kulturelle Autonomie gearbeitet, dessen Entwurf uns leider nicht als Quelle vorliegt. Interessant ist in diesem Zusammenhang die Geschichte der Neugründung der gemeinsamen Produktions- und Handelsgenossenschaft „Konkordia“ in Helenendorf und „Union“ in Katharinenfeld, die entscheidend zur Verbesserung der wirtschaftlichen Lage, aber auch des Schulwesens und des kulturellen Lebens beitragen konnten und damit noch kurzzeitig eine relative Eigenständigkeit der deutschen Winzer in den südkaukasischen Kolonien sicherten.39 Für Nordkaukasien sind für die Zeit des Bürgerkrieges von 1918-1920 keine Anzeichen einer deutschen Autonomiebewegung bekannt. Erst im Zuge der Hungersnot von 1921 scheint ein größerer Wille und Initiative dazu nachweisbar. So wurde im Januar des Jahres in der Stadt Taganrog der „Verein Südrussischer Kolonisten und Bürger Deutscher Rasse“ [Sojuz južnorusskich kolonistov i graždan germanskoj rasy] zugelassen. Ziel dieses Vereins war es. Kredite aus dem Ausland für die Anschaffung von landwirtschaftlichen Maschinen, Saatgut u.a. Hilfen für den wirtschaftlichen Wiederaufbau zu bekommen. Bis November 37 38 39 GIA-AR, f. 508, op. 1, d. 439a, l. 4-5. Ebd., l. 21. Auch, Eva-Maria/ Alfred Eisfeld: „Konkordija“. Proizvodstvennyj kooperativ vinogradarej i vinodelov Gjandžinskogo raona, Odessa 2001. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
EIN VERGLEICH DER AUTONOMIEBEWEGUNGEN 105 1921 konnte der Verein Zweigstellen in verschiedenen Bezirken Nordkaukasiens mit insgesamt 8.306 Mitgliedern und 455 Kandidaten aufbauen.40 Mit dem Aufbau der Sowjetmacht blieb für die Vereinstätigkeit immer weniger Freiraum41, doch konnte sich diese in Notlagen immer wieder Wege bahnen. Erst mit der nahezu vollständigen Deportation der deutschen Siedler Südkaukasiens 1941 durch Stalin kam die Vereinstätigkeit und das Streben nach Autonomie – zumindest in der hier behandelten Region – zu einem endgültigen Ende. 40 41 Plochotnjuk: Rossijskie nemcy, S. 111-113. Eisfeld, Alfred: Sowjetische Nationalitätenpolitik und die Deutschen in der Sowjetunion in den 1920er Jahren. In: ders./ Victor Herdt/ Boris Meissner † (Hg.): Deutsche in Rußland und in der Sowjetunion 1914-1941, Berlin 2007, S. 189-197. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
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Die militärisch-politische Situation in und um Aserbaidschan 1917-1918 Jusuf Agaev Die Abdankung von Zar Nikolaj II. im Februar 1917 im Zuge der Februarrevolution führte zu einer Zuspitzung der sozio-ökonomischen und politischen Lage im Russischen Reich. Die Schaffung einer Interimsregierung in der Hauptstadt Petrograd – dem heutigen Sankt Petersburg – hatte die Einrichtung von Organen der lokalen Selbstverwaltung in den einzelnen Regionen des Reiches zur Folge. Für die Verwaltung Südkaukasiens wurde auf Anweisung der Interimsregierung am 9. März 1917 das Komitee der Sonderverwaltung in Tiflis geschaffen. In Baku wurde acht Tage später die Vertretung der Interimsregierung institutionalisiert – das Exekutivkomitee der Öffentlichen Organisation. Ebenfalls im März des Jahres fanden Wahlen zum Bakuer Sowjet der Arbeiter- und Bauerndeputierten statt, der die frühere Stadtduma ersetzte. In Aserbaidschan begannen sich zu diesem Zeitpunkt drei politische Richtungen herauszukristallisieren: Die Anhänger der Interimsregierung verfolgten das Ziel, das Reich in seinen alten Grenzen zu erhalten und setzten die zaristische imperiale Politik in der Peripherie fort. Ideen der – vor der Revolution noch illegalen – nationalistischen Parteien und Bewegungen zur Umgestaltung des Imperiums wurden von ihnen als separatistische Bestrebungen aufgefasst und abgelehnt. Unter diesen neuen nationalen Akteuren stach besonders die Müsavat und die Unabhängige Turkische Föderalistische Partei (Nezavisimaja tjurkskaja federalističeskaja partija) hervor. Letztere vereinigte sich später mit der Müsavat, gemeinsam setzten sie sich für eine unabhängige und demokratische aserbaidschanische Republik ein. Die Revolutionäre des Sowjets der Arbeiter und Bauern von Baku erkannten weder die Interimsregierung, noch die nationalistischen Parteien und Bewegungen an. Sie sahen die Zukunft Aserbaidschans zwar als integralen Bestandteil Russlands – jedoch ausschließlich eines sozialistischen. Unter den Revolutionären des Sowjets begannen die Bolschewiki – die Russländische Sozialdemokratische Arbeiterpartei der Bolschewiki, geleitet von Lenin – eine immer größere Rolle zu spielen. Ihre Machtbasis waren revolutionäre Soldaten und Matrosen. Gleichzeitig intensivierten auch armenische nationalistische Parteien und Bewegungen ihre Tätigkeiten, die auf die gewaltsame Schaffung eines großarmenischen Staates im Kaukasus abzielten. Mit diesem Ziel wurde im Mai 1917 in Petrograd eine armenische Militärkommission eingerichtet. Diese setzte die Entscheidungen von Aleksandr F. Kerenskij durch, der gleichzeitig Vorsitzender der Regierung und Kriegsminister war. Demnach sollten die armenischen Schützenbataillone als Bestandteil der Russländischen Streitkräfte zu Schützenregimentern und später zu Divisionen ausgebaut werden. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
108 JUSUF AGAEV Am 4. August desselben Jahres wurde von den Mitgliedern der Kommission dem Berater des Kriegsministers, V. Savinkov, ein Projekt vorgestellt, das die Schaffung des Armenischen Korps vorsah. Dieses sollte aus armenischen Soldaten bestehen, die in den russländischen Streitkräften an den verschiedenen Fronten des Ersten Weltkrieges kämpften. Insgesamt sollten mehr als 40.000 Armeeangehörige in den Kaukasus verlegt werden. Am 25. Oktober 1917 fand jedoch in Petrograd ein Umsturz statt, in dessen Folge die Interimsregierung gestürzt und die Macht von den Bolschewiki übernommen wurde. Einen Tag darauf, am 26. Oktober, trafen sich die Delegierten der Partei Müsavat unter dem Vorsitz von Mǝmmǝd Əmin Rǝsulzadǝ in Baku. Dieser erste Parteitag proklamierte die Errichtung eines unabhängigen, demokratischen, aserbaidschanischen Staates als Ziel. Vom 8. bis zum 11. November 1917 traten in Tiflis Abgesandte des Komitees der Sonderverwaltung, der Militäradministration, der nationalen Parteien und Bewegungen sowie der kommunalen und gewerkschaftlichen Organisationen Südkaukasiens zusammen. Auf dieser Konferenz wurde der Oktoberputsch verurteilt; bis zur Wahl einer Konstituierenden Versammlung (Učreditel’noje sobranie) wurde die Institutionalisierung des Transkaukasischen Kommissariats für den Südkaukasus (Zakavkazkij komissariat po upravleniju delami na Južnom Kavkaze) verkündet. Am 13. November 1917 beschloss der Sowjet der Arbeiter und Bauern von Baku die Formierung der Roten Garde (Krasnaja gvardija). Am 5. Dezember 1917 wurde zwischen dem Transkaukasischen Kommissariat und dem Osmanischen Imperium Frieden geschlossen. Auf der Basis des Übereinkommens sollten alle militärischen Handlungen gestoppt werden, aus den Einheiten der zarischen Armee sollten nationale Militäreinheiten geschaffen werden. Die russischen Soldaten sollten nach Russland zurückkehren, wobei sie vorher ihre Waffen den nationalen Einheiten abzugeben hatten. Bereits sechs Tage später wurde vom Transkaukasischen Kommissariat ein Dekret über die Einrichtung des Muslimischen Korps angenommen. Zum Kommandeur wurde General A. Şixlinski ernannt. Die Bolschewiki sahen dieser Entwicklung nicht tatenlos zu. Am 12. Dezember wurde von ihnen das MilitärRevolutionäre Komitee von Baku geschaffen (Bakinskij voenno-revoljucionnyj komitet), schon drei Tage später zog das Armenische Korps seine Einheiten in Baku zusammen. Am 16. Dezember wurde vom Sowjet der Volkskommissare der RSFSR1 (Sovet narodnych komissarov RSFSR) der Vorsitzende des Sowjets von Baku, S. Šaumjan, zum Außerordentlichen Interimskommissar für kaukasische Angele1 Anm. des Übersetzers: RSFSR steht für die Russländische Sozialistische Föderative Sowjetrepublik. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
DIE MILITÄRISCH-POLITISCHE SITUATION 109 genheiten (Črezvyčajnyj vremennyj komissar po delam Kavkaza) mit breiten Vollmachten ernannt. Bereits am 13. Januar 1918 wurde ein Dekret über die Schaffung einer armenischen Regierung von Lenin und Stalin unterzeichnet; Anfang Januar wurde beim Volkskommissariat für Nationalitätenangelegenheiten der RSFSR (Narodnyj komissariat RSFSR po delam nacional’nostej) ein armenisches Komitee eingerichtet, jedoch kein georgisches oder aserbaidschanisches, geschweige denn Komitees anderer Nationalitäten in Südkaukasien. Im Februar 1918 fand in Baku eine Parade der Streitkräfte des Sowjets von Baku statt. Am 6. Februar wurde in der Hauptstadt eine Mobilisierung der bolschewistisch-armenischen Einheiten durchgeführt, General I. Bagramjan kam in die Stadt, Anfang März folgte General A. Bagratuni. Am 24. Februar 1918 traf General X. Talışxanov mit Offizieren in Baku ein. Sie wollten das 1. Muslimische Schützenregiment aufstellen, wurden jedoch sofort am Bahnhof auf Befehl des Sowjets von Baku verhaftet und aus der Stadt verbracht. Unter dem Vorwand der Niederschlagung eines von der Müsavat-Partei geführten Putsches fanden vom 30. März bis zum 2. April 1918 Massaker an der zivilen muslimischen Bevölkerung Bakus statt, denen mehr als 12.000 Menschen zum Opfer fielen. Dieses Verbrechen wurde von den Einheiten des Sowjets von Baku zusammen mit den armenischen Truppen verübt, die Stadtteile angriffen, in denen hauptsächlich Muslime lebten. Die Massaker an der muslimischen Bevölkerung gingen landesweit weiter: Vom April bis zur Mitte des Jahres 1918 brachten die bolschewistischarmenischen Einheiten mehr als 50.000 Muslime in den Amtsbezirken (uezd) von Gubinskij, Sal’janskij, Lenkoranskij und Šemachinskij um.2 Am 20. April wurde zwischen dem Sowjet und dem Armenischen Nationalen Komitee eine Übereinkunft geschlossen, wonach die armenischen Einheiten in die Streitkräfte des Sowjets integriert werden sollten. Am 28. Mai 1918 wurde in Tiflis (sic!) die Gründung der Aserbaidschanischen Demokratischen Republik (ADR) verkündet und die Deklaration über die Unabhängigkeit Aserbaidschans angenommen. Bald darauf, am 4. Juni 1918, kamen die ADR und das Osmanische Reich darin überein, dass die Türken dem aserbaidschanischen Staat militärische und zivile Hilfe leisten würden und die sogenannte Kaukasische Islamische Armee aus muslimisch-aserbaidschanischen Militärs (v.a. aus den Reihen der ehemaligen Zarenarmee), aserbaidschanischen Freiwilligen und regulären osmanischen Streitkräften gebildet werden sollten. Die andere Seite reagierte unmittelbar: Am 6. Juni 1918 initiierten die bolschewistisch-armenischen Streitkräfte des Sowjets von Baku eine Offensive mit der Hauptschlagrichtung Hacıqabul-Gǝncǝ und dem Ziel der Eroberung ganz 2 Anm. des Übersetzers: ein uezd ist eine administrative Einheit, im Zarenreich ein Amtsbezirk. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
110 JUSUF AGAEV Aserbaidschans. Die Gegner, Teile der 5. Kaukasischen Infanterie Division der neu geschaffenen Kaukasischen Islamischen Armee, schlugen die Richtung Qazax-Gǝncǝ ein. Damit wurde das Gebiet um Gǝncǝ mit seinen deutschen Siedlungen zu einer wichtigen Kampfzone zwischen den bolschewistischen (mit dem sowjetrussischen Bündnispartner) und bürgerlich-nationalen Kräften (mit ihren deutschen und türkischen Bündnispartnern). Die Beteiligung der Deutschen aus Helenendorf im Unabhängigkeitskrieg Aserbaidschans Nach dem Zerfall des Russländischen Imperiums zerfielen auch seine Streitkräfte. Arbeiter und Bauern strömten in ihre Heimatorte, so auch die Deutschen aus der Kolonie Helenendorf und den anderen Siedlungen. Doch die unruhigen Zeiten zwangen die Bewohner, ein Bataillon für die Selbstverteidigung aufzustellen, eine Art Bürgermiliz aus lokalen Kräften. Dieses Bataillon bestand aus vier Schützen- und einer Maschinengewehreinheit, die sowohl Gewehre und Revolver, als auch vier Fabrikmaschinengewehre der Marke „Maksim“ besaßen. Die Führung der Miliz wurde von deutschen ehemaligen Offizieren der Zarenarmee aus Helenendorf übernommen. Die gestellte Hauptaufgabe war, das Leben der Bewohner zu schützen und die Sicherheit in Helenendorf zu bewahren. Am 9. Juni 1918, um 22:20 Uhr, konnten die vereinigten Streitkräfte des 9. Kaukasischen Infanterie- und des 2. Kavallerie-Regiments – unter der Sammelbezeichnung „Einheit von Gǝncǝ“ – als Teil der 5. Kaukasischen Division der Kaukasischen Islamischen Armee unter der Führung von Major Cemil Cahit Gǝncǝ kampflos einnehmen. Nun begann man, die Tätigkeit einer sogenannten ,,Fünften Kolonne“ im Rücken der Kaukasischen Islamischen Armee zu verhindern. Schließlich wollte die Kaukasische Islamische Armee nach Baku marschieren. Es galt also, die örtliche Bevölkerung zu demobilisieren und ihr die Waffen abzunehmen. So wurden auch die Helenendorfer Deutschen vor die Alternative gestellt, sich entweder entwaffnen zu lassen oder sich dem Krieg gegen die bolschewistisch-armenischen Streitkräfte anzuschließen. Die Deutschen entschieden sich für letzteres. Zum Kommandeur des Bataillons wurde ein türkischer Offizier ernannt. Dann machte man sich an die Entwaffnung der schwerbewaffneten armenischen Bevölkerung von Gǝncǝ, die die bolschewistisch-armenische Regierung in Baku unterstütze und auf den Einmarsch von bolschewistischen Truppen wartete. So bezogen die Truppen der „Einheit von Gǝncǝ“ am 10. Juni um 23:30 Uhr Positionen an den Grenzen der Stadtbezirke. Am 11. Juni, um 03:00 Uhr nachts, waren die armenischen Stadteile vollständig eingekreist. Die Aufgabe des Helenendorfer Bataillons war es, jegliche Kommunikation zwischen den armenischen Stadtteilen und den umliegenden armenischen Dörfern zu verhindern, indem das Bataillon sich auf der Linie Zurnabad-Hacıkǝnd postierte. Entgegen des Vorschlags, sich friedlich zu ergeben und die Waffen nieder zu legen, eröffneten https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
DIE MILITÄRISCH-POLITISCHE SITUATION 111 Abb. 27: Helenendorf 1918 mit türkischen Offizieren die armenischen Einheiten das Feuer auf die Unterhändler (ein türkischer Offizier, Sabahaddin Efendi, und ein aserbaidschanischer namens Sǝmǝd bey) und starteten eine Offensive, um die Isolation zu durchbrechen. Nach substantiellen Verlusten mussten sich die armenischen Einheiten auf ihre Ausgangspositionen zurückziehen. Um 08:00 Uhr morgens ging ein Deutscher aus Helenendorf als Unterhändler zu den armenischen Einheiten. Drei Stunden später erschien eine armenische Delegation, bestehend aus einem Geistlichen, einem Offizier und einem Kommissar, beim Kommandeur der aserbaidschanisch-türkischen Einheit. Sie trugen eine weiße Flagge in den Händen, es wurde Verhandlungsbereitschaft signalisiert und eine Waffenruhe vereinbart, die jedoch im Verlauf des 11. Juni nicht eingehalten wurde. Erst nach Beginn des Artilleriebeschusses am Morgen des 12. Juni willigten Teile der armenischen Militärs zögerlich ein, sich zu ergeben. Noch zwei weitere Tage hielten jedoch die militärischen Aktionen an, hunderte Menschen fielen den Gefechten zum Opfer. Die Involvierung des Deutschen Kaiserreichs in die Geschehnisse in und um Aserbaidschan im Jahr 1918 In der hier untersuchten Periode von 1917-1918 waren das Deutsche und das Osmanische Reich Verbündete im Ersten Weltkrieg. Doch das hieß keinesfalls, dass sie in Südkaukasien nicht über verschiedene Interessen verfügten, die https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
112 JUSUF AGAEV manchmal konträr zueinander standen. Das Deutsche Kaiserreich beanspruchte die alleinige Kontrolle über den Ölreichtum Aserbaidschans und leistete dem Vorrücken der Kaukasischen Islamischen Armee auf mannigfaltige Art und Weise Widerstand.3 Zu diesem Zwecke wurden sowohl diplomatische, als auch militärische Mittel eingesetzt. Auf die Führung des Osmanischen Reichs wurde hoher politischer Druck ausgeübt, den Vormarsch der türkisch-aserbaidschanischen Streitkräfte auf Baku aufzuhalten. Parallel wurde das deutsche Militärkontingent in Georgien entsprechend den Vereinbarungen des deutsch-georgischen Vertrags vom 8. Juni 1918 ausgebaut. So verlegte Feldmarschall von Ludendorff, als er von der englischen Besatzung Bakus am 4. August 1918 erfuhr, sofort über das Schwarze Meer aus der Ukraine nach Georgien eine Kavallerie- und eine Infanteriebrigade, die dem Kommando von Freiherr Kreß von Kressenstein4 untergeordnet wurden. Am 20. August 1918 bestand diese militärische Einheit aus 214 deutschen Offizieren und 5.050 Soldaten. Manche Quellen sprechen auch von 6.400 Armeeangehörigen. Welche Rolle die deutschen Truppen und Vertreter des Auswärtigen Amtes im Verhältnis zur Regierung der Aserbaidschanischen Demokratischen Republik im Jahre 1918 bis zum vollständigen Abzug der Truppen aus Georgien im Dezember spielten, bleibt weiteren Forschungen vorbehalten. Zweifellos fiel die Ankunft der deutschen Truppen in Georgien mit dem wachsenden deutsch-osmanischen Streit um Ressourcen und Einfluss in Kaukasien zusammen. Konkret ging es um die Ölquellen bei Baku am Kaspischen Meer und die Pipeline und Bahnstrecke von dort nach Batumi am Schwarzen Meer. Mangan, Kupfer und andere Rohstoffe besaßen große Priorität und die deutschen Entscheidungsträger schwankten durchaus in der Frage, wer die deutschen Interessen besser sichern könnte: die sowjetrussische Regierung in Moskau oder die osmanischen Militärs. Zwar wurde in diesem Kontext auch der Schutz des Lebens und des Eigentums der Deutschen in der Region thematisiert, aber deren Interessen blieben den Reichsinteressen auf anderen Kriegsschauplätzen sowie den Interessen der neu entstandenen Nationalstaaten untergeordnet. 3 4 Forschungsergebnisse und Dokumentenpublikationen zu dieser Frage – siehe u.a.: Bihl, Wolfdieter: ´Die Kaukasus-Politik der Mittelmächte´, Wien-Köln-Graz 1975; Zürrer, Werner: Kaukasien 1918-1921. Der Kampf der Großmächte um die Landbrücke zwischen Schwarzem und Kaspischen Meer, Düsseldorf 1978; Baumgart, Winfried: Das KaspiUnternehmen. Größenwahn Ludendorffs oder Routineplanung des deutschen Generalstabs? In: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas, 18 (1970), S. 231–278. (Anmerkung Hg.) Die Erinnerungen von Friedrich Freiherr Kreß von Kressenstein wurden unter dem Titel „Meine Mission im Kaukasus“ 2001 in deutscher Sprache in Tbilisi veröffentlicht. Die Truppenstärke betrug demzufolge 3.000 Mann. (Anm. Hg.) https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
Die Sowjetisierung der deutschen Kolonien und Gemeinden in Aserbaidschan Mamed Džafarli Der 28. Mai 1918 brachte mit der Proklamation der Unabhängigkeit der Aserbaidschanischen Demokratischen Republik (ADR) auch einige Veränderungen für die nationalen Minderheiten des neuen Staates. Gemäß dem am 19. November des Jahres angenommenen Gesetzes über das Parlament und seine Zusammensetzung wurden den Minderheiten in der Legislative Abgeordnetensitze zugesichert. Erstmals in der Geschichte der deutschen Auswanderer erhielten diese einen Sitz im Gesetzgebungsorgan des Landes, dessen Bewohner sie waren. Aufgrund der besonderen Verdienste der mehr als 6.000 deutschen Einwanderer in der Landwirtschaft nahm deren Repräsentant, der Helenendorfer Lorenc Kun (Lorenz Kuhn), an den Sitzungen der Agrarkommission teil. Dabei betätigte sich Kun auch als Mittler zwischen der Exekutive und den Sorgen und Problemen der Siedler vor Ort. Die kurze Zeitspanne, in der die ADR existierte, fiel mit dem hundertjährigen Jubiläum der ersten deutschen Siedlung auf dem Territorium Aserbaidschans zusammen. Die Führung des neuen Staates beglückwünschte die Helenendorfer zu diesem Jubiläum mit den Worten: „Das Parlament der Aserbaidschanischen Republik begrüßt die hundertjährige Existenz der Kolonie Helenendorf und wünscht dieser kleinen kulturellen Gemeinde weiterhin Wohlstand und zukünftiges Gedeihen.“1 Anlässlich des Festprogramms bemerkte Kun: „Wir schauen gelassen in unsere Zukunft, glauben, dass unter dem Schutz der demokratischen Gesetze der jungen Aserbaidschanischen Republik wir die Möglichkeit erhalten werden, unsere nationale Kultur zu bewahren.“2 Die Geschichte verlief jedoch anders. Die Okkupation der ADR durch die 11. Rote Armee im April 1920 zerstörte die staatliche Unabhängigkeit und die demokratischen Gesetze, auf denen die Hoffnungen der deutschen Siedler ruhten. Das Schicksal der deutschen Minderheit in den Jahren der Sowjetisierung Aserbaidschans ähnelte dem Los der Mehrheitsbevölkerung. Die bolschewistische Ideologie wurde auch unter ihnen mit Zwang und Gewalt durchgesetzt, Privateigentum beschlagnahmt und Grundbesitzer und Fabrikeigentümer verhaftet. Doch in dieser Zeit der allgemeinen Repression besaß die Geschichte der Deutschen auch ihre Besonderheiten. Die deutschen Dorfgemeinschaften waren zu Beginn der Sowjetisierung Aserbaidschans wirtschaftlich sehr erfolgreich – in ihnen wurde der Weinanbau perfektioniert, es entstanden Mühlen, Wein- und Limonadefabriken und es wurden 1 2 Staatsarchiv der Aserbaidschanischen Republik (ARDA), f. 894, op. 10, ed. chr. 168, s. 1. Ebd. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
114 MAMED DSCHAFARLI Werkstätten für Pferdewagen, Schmieden und andere Handwerksbetriebe unterhalten. Die Weinproduktion der Deutschen in der Region erlangte auch jenseits der Grenzen des Südkaukasus große Berühmtheit. Ihr ökonomischer Erfolg unterschied sie von vielen Bewohnern der umliegenden Siedlungen – hier hatten die Menschen Brot, Lohn und einen gewissen Wohlstand. Die deutschen Dörfer in Kaukasien funktionierten zudem als Solidargemeinschaften, auch für die ärmeren Siedlungsbewohner wurde gesorgt. Selbst die ärmsten Schichten der Bevölkerung verfügten über ein eigenes Haus, ein Pferd, ein bis zwei Kühe, ein einfaches Pferdegespann, Gehöfte, kleine Nutztiere, Pachtgut bis zu einer Größe von zwei Desjatinen sowie einen maximal eine Desjatine großen Weingarten, der nicht weniger als 300 Eimer Wein eintrug.3 Eine Analyse der sowjetischen Aufzeichnungen über Inhaftierte zeigt, dass sich unter den Deutschen viele Absolventen von mittleren und höheren Bildungsanstalten befanden, was in starkem Kontrast zu der alteingesessenen Bevölkerung Südkaukasiens stand. Aus den Aufzeichnungen geht zudem hervor, dass die Geburtenrate unter den Deutschen in Aserbaidschan in dieser Periode ihren höchsten Stand seit Beginn ihrer Siedlungszeit erreicht hatte. Trotz der negativen Einflüsse des Ersten Weltkrieges stellte die vorsowjetische Periode für die deutschen Siedlungen in Aserbaidschan also eine Zeit des Friedens, der Stabilität und Prosperität dar. Liquidierung der parlamentarischen Interessenvertretung und Schaffung der Sektionen der nationalen Minderheiten Am 28. April 1920 fiel die Staatsmacht in Baku in die Hände der Bolschewiki. Aserbaidschan wurde als Aserbaidschanische Sozialistische Sowjetrepublik (AzSSR) im Bestand der Transkaukasischen Sowjetföderation (bis 1936) ein Teil der 1922 gegründeten Sowjetunion. Für die aserbaidschanischen Deutschen brach eine schwierige Zeit an. Die Bolschewiki begannen zunächst mit der Konfiskation von Privateigentum, Unternehmensbesitz und Immobilien.4 Die Konten der großen Privateigentümer wurden eingefroren. Die neue Macht setzte auf eine vollkommen andere Nationalitätenpolitik. Die Repräsentanz der nationalen Minderheiten im Parlament wurde liquidiert und die Siedler damit der Möglichkeit beraubt, ihre Interessen auf politischer Ebene zu vertreten. Eine Besonderheit der neuen Nationalitätenpolitik war die Schaffung von nationalen Sektionen der Minderheiten bei der Unterabteilung für Agitation des ZK der Kommunistischen Partei Aserbaidschans. In diesen Strukturen 3 4 Archiv des Ministeriums für Nationale Sicherheit der Republik Aserbaidschan (MTNA), INV Nr. 673, s. 3. Die Liquidationsgesetze von 1915 wurden in Südkaukasien nicht umgesetzt, teilweise Enteignungen sind aber bereits aus den Jahren vor 1920 bekannt, teilweise wurde Eigentum an nichtdeutsche Unternehmer übertragen oder konfisziert. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
DIE SOWJETISIERUNG DER DEUTSCHEN KOLONIEN 115 wurden jedoch Bürger beschäftigt, die kaum einen guten Einblick in die Lage der nationalen Minderheiten hatten. Vielmehr sollten die neuen Strukturen der Propaganda und der Verbreitung der bolschewistischen Ideologie dienen. Dabei galten in Aserbaidschan offiziell nur Juden, Polen, Georgier und Deutsche als nationale Minderheiten, obwohl hier auch Russen, Ukrainer und Armenier lebten. Während die nationalen Minoritäten zu Zeiten der Unabhängigkeit ihre Vertreter ins Parlament der Republik wählten, baute die Sowjetmacht auf hierarchisierte Kontrolle, indem sie Vertreter ernannte, die in der jeweiligen nationalen Sektion des ZK der KP arbeiteten. Wie sah die Beschaffenheit der deutschen Sektion der nationalen Minderheiten aus und was waren ihre Aufgaben? Gegründet im Januar 1921 wurde sie beim ZK der Aserbaidschanischen Kommunistischen Partei der Bolschewiki – AKP(b) – angesiedelt. Ihre Mitarbeiter waren zwar Deutsche, doch kein einziger der dort Tätigen stammte aus den deutschen Niederlassungen Aserbaidschans. Vielmehr wurden die Aktivisten von den russländischen Kommunisten empfohlen und von Moskau nach Baku geschickt. Viele stammten aus den deutschen Wolgagebieten (Povolž’ja) oder waren ehemalige deutsche Kriegsgefangene. Dass diese nicht nur aus ideologischem Eifer und Bekehrungswillen nach Aserbaidschan kamen, sondern Hungersnöte, Armut oder Arbeitslosigkeit Motive waren, belegen unter anderem die Personalakten dieser Mitarbeiter: Einer gab beispielsweise zu Protokoll: „Meine Gesundheit wurde durch den Hungerstreik im Wolgagebiet unterminiert.“5 Bei einem anderen wurde vermerkt: „Politemigrant aus Tiflis. Hat gar keine Subsistenzmittel.“6 Einer der ersten Instruktoren in der deutschen Sektion war ein gewisser Herr Kaman. Seine Helfer in der Organisation waren „österreichisch-deutsche Kriegsgefangene.“ Die Hauptaufgabe ihrer ideologischen Arbeit war die „propagandistische Arbeit unter den Siedlern.“7 Allerdings trafen diese Versuche der ideologischen Infiltration vom ersten Tage an auf den geschlossenen Widerstand der deutschen Siedler. Zwischen den Mitarbeitern der Sektion und den Siedlern gab es nur die Gemeinsamkeiten von Abstammung und Sprache. Die ökonomisch erfolgreichen Kolonisten konnten die vermeintliche Überlegenheit der Ideologie, die die Vertreter der neuen Macht durchzusetzen versuchten, nicht verstehen. Im Februar reisten zwei Vertreter der Sektion in die Siedlungen, wo sie mit den Vorträgen „Wie Sowjetrussland zum Bauerntum steht“ und „Der unausweichliche Zusammenbruch des Kapitalismus und der Triumph des Kommunismus“ auftraten. Doch ihre Propagandatätigkeit trug keine Früchte. In ihren Rechenschaftsberichten schrieben die Abgesandten, dass sich in Helenendorf „wegen der sozialen Lage der Bewohner und der unseriösen Einstellung des Par5 6 7 Staatsarchiv der politischen Parteien und sozialen Bewegungen der Republik Aserbaidschan (GAPPOD), f. 1, op. 235, ed. chr. 102, s. 119. Ebd., s. 124. GAPPOD, f. 1, op. 235, ed. chr. 100, s. 29. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
116 MAMED DSCHAFARLI teikomitees nur 25 Menschen versammelten“.8 Dabei wurde auch erwähnt, dass zu nichtpolitischen Veranstaltungen der örtlichen Organisationen eine Großzahl der Einwohner erscheinen würde. Die deutsche Sektion versuchte ihr Ansehen unter den Dorfbewohnern daraufhin zu verbessern, indem sie Literatur, Musikinstrumente und Theaterinventar in die Siedlungen schickte. Doch die Reaktion der Bewohner fiel verhalten aus, wie aus den Rechenschaftsberichten selbst hervorgeht: „Die Noten für die Geige, Haare und Perücken, Stifte für die Maske werden von den örtlichen Bewohnern verwendet, allerdings nicht die Stücke revolutionären Charakters. Die roten Materialien mit Losungen werden zu Haushaltszwecken genutzt.“ Diese Beobachtungen zeugen nicht nur von der Abneigung der Gemeinschaften gegenüber propagandistischer Literatur und Vorträgen, sondern auch von einer gewissen Naivität der Mitarbeiter der Sektion selbst. Das erkannte auch der neue Direktor der deutschen Sektion A. Bruk, der versuchte für die Mitarbeiter eine Schule für politische Bildung zu gründen.9 Das Ausbleiben von Erfolgen zwang die zentralen Parteiorgane dazu, neue Kader in die deutsche Sektion zu entsenden. In den Massenmedien der Republik gab es mehrfach Annoncen der Abteilung für Agitation beim ZK, adressiert an deutsche Kommunisten, verbunden mit dem Aufruf, sich beim ZK zu melden. Auf diese Anzeigen reagierten jedoch nur neun Parteimitglieder und ein Kandidat.10 Im Sommer 1921 wurde aus Moskau der neue Kommissar der Abteilung Bek-Dobrovskij abkommandiert. Unter ihm arbeiteten drei Deutsche. BekDobrovskij versuchte ebenfalls, unter den Siedlern Helfer zu finden, allerdings erzielte auch er keine Erfolge. Der solidarische Widerstand der deutschen Dörfer gegen den Druck von Partei und Staatsmacht, wie ihn für Russland D. Brandes in seinem Werk „Die Verteidigung und der Widerstand der russländischen Deutschen“ („Zaščita i soprotivlenie rossijskich nemcev“) beschrieb, traf auch auf die deutschen Siedler in Aserbaidschan zu. Diese Verteidigungshaltung führte dazu, dass Bek-Dobrovskij selbst zugeben musste, dass die „Arbeit der Sektion wie eingefroren ist und sechs bis sieben Monate gar nicht stattfand.“11 Im Juli 1921 wurden von der deutschen Sektion in der AzSSR 9.966 Menschen deutscher Volkszugehörigkeit ermittelt. In Baku und Umgebung lebten davon 2.000. Diese Daten bedürfen sicherlich der Verifizierung durch weitere Quellenbelege, doch zweifelsfrei sind die Dokumente im ehemaligen Parteiarchiv (heute GAPPOD) im Hinblick auf die vorgenommene Analyse der sozialen Schichtung der deutschen Bevölkerung interessant. Die in Baku vermuteten 1.500 Deutschen wurden vor allem als „Vertreter der Intelligenz“ eigestuft. In den Vororten wurden „500 Arbeiter“ gezählt. In Helenendorf seien die Einwohner dagegen „nur Kulaken“, in Georgsfeld, Annenfeld und Traubenfeld hingegen kleine und mittlere 8 9 10 11 GAPPOD, f. 1, op. 2, d. 179, s. 4. Ebd., s. 15. Ebd., s. 1. GAPPOD, f. 1, op. 235, ed. chr. 100, S. 29. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
DIE SOWJETISIERUNG DER DEUTSCHEN KOLONIEN 117 Bauern. In Grünfeld existiere eine bäuerliche „Mittelschicht“, in Eigenfeld und Alekseevka jedoch Kleinbauern – so konstatierte der Bericht der Sektion.12 Die hauptsächliche Tätigkeit der Sektion im September bis Oktober 1921 bestand in der Hungerhilfe für die in der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik (RSFSR) an Hunger Leidenden. Der Aufruf der Bolschewiki zur Hilfe stieß bei den Siedlern auf große Zustimmung. Die deutschen Bauern stellten mehr als 5.000 Eimer Wein bereit und waren bereit, Kinder aus dem Wolgagebiet aufzunehmen, obwohl sie selbst Probleme mit der Ernte und der Brotversorgung hatten. Aus den Rechenschaftsberichten der deutschen Sektion lässt sich entnehmen, dass die aserbaidschanischen Deutschen die von Lenin 1921 ausgerufene Neue Ökonomische Politik (NEP) mit Wohlwollen begleiteten. Zum ersten Mal wurde in den Parteidokumenten eine positive Einstellung zur Politik der Staatsmacht festgestellt.13 Doch die Hauptaufgabe der Parteiorgane – die Organisation von Parteiorganisationen in den deutschen Kolonien – war anno 1921 nicht erfolgreich. Nur einmal erwähnte der Direktor der deutschen Sektion vor dem ZK der Aserbaidschanischen KP, dass es ausschließlich in Annenfeld gelungen sei, eine kommunistische Zelle aufzubauen. Dies begründete er mit dem „niedrigen Kulturniveau“ in den Dörfern.14 Die vermeintliche kommunistische Zelle stellte sich bei einer Untersuchung im Dezember des Jahres in Wirklichkeit als eine „bäuerliche Zelle“ dar, die zur AKP überhaupt keine Verbindung hatte.15 Neuausrichtung der Sektion der nationalen Minderheiten Trotz der andauernden Misserfolge hörten die Versuche der Indoktrination der Siedler durch die AKP nicht auf. So wurde am 24. Januar 1922 in Baku der Deutsche Klub (Nemeckij Klub) organisiert. Eine seiner Hauptaufgaben bestand in der Verbreitung des Atheismus unter den Deutschen. Paradoxerweise gelangte der Deutsche Klub selbst unter den Einfluss des Kirchengemeinderates. Die Bolschewiki mussten letztlich „ihren“ Klub vor dem Zugriff der Kirche „retten“.16 Ein anderes Aufgabenfeld des Klubs war der Versuch, zur Bekämpfung des Analphabetentums unter den Deutschen eine Schule einzurichten. Doch es gelang der Sektion nicht, unter der großen deutschen Gemeinschaft Bakus die dafür notwendige Anzahl von mindestens 15 Teilnehmern zu sammeln, was für eine Finanzierung der Kurse durch die Abteilung für Volksbildung der Stadt vorgegeben war. In den deutschen Dorfgemeinschaften war das Bildungswesen dagegen auf einem hohen Niveau. 12 13 14 15 16 GAPPOD, f. 1, op .2, d. 179, s. 38. Ebd., s. 79. Ebd., s. 44-45. Ebd., s. 79. GAPPOD, f. 1, op. 235, ed. chr. 100, s. 29. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
118 MAMED DSCHAFARLI Die Bolschewiki Bakus waren mit der wirkungslosen Arbeit der Sektionen für nationale Minderheiten unzufrieden. Mit der Begründung, dass es „unter den nationalen Minderheiten an Proletariern fehle“, beschlossen sie daher auf der Sitzung des Bakuer Komitees der AKP(b) vom 3. März 1923 die Liquidierung der Sektionen.17 Doch das ZK der AKP(b) war mit dieser Entscheidung nicht einverstanden. Im April 1923 wurde stattdessen ein neuer Emissär aus Moskau geschickt. War die deutsche Sektion in ihrer Arbeit in den ländlichen Siedlungen bisher erfolglos, orientierte sie sich unter der Führung des neuen Emissärs Berger um und versuchte, Sympathisanten unter der deutschen Bevölkerung der Städte zu finden. Ihre neue Arbeit bestand zunächst darin, Listen mit deutschen Arbeitern in Baku zu erstellen.18 Am 12. Mai 1923 schickte der Direktor der Abteilung für Agitation und Propaganda der Russländischen Kommunistischen Partei in Südkaukasien (Zakrajkom der RKP) eine Mitteilung an die deutsche Sektion des ZK der AKP. In diesem Schreiben drohte er: „Gemäß Erlass des ZK der RKP wird vorgeschlagen, unverzüglich, in nicht mehr als einer Woche, beim Zakrajkom der RKP, Abteilung für Agitation und Propaganda, einen ausführlichen Bericht über die Arbeit mit der deutschen Bevölkerung einzureichen – mitsamt einem Arbeitsplan für die nähere Zukunft“.19 Der ihnen daraufhin zugesandte Bericht stellte die Parteifunktionäre des ZK der RKP nicht zufrieden und so forderten sie vom ZK der Kommunistischen Partei Aserbaidschans Hilfe für die Mitarbeiter der deutschen Sektion an. Eine große Aussprache über die Arbeit der deutschen Sektion erfolgte am 23. November 1923 auf Initiative des ZK der AKP. An dem Plenum nahmen neben deutschsprachigen auch aserbaidschanische, russische, ukrainische und armenische Parteimitglieder teil. Bei der Analyse der fast dreijährigen Arbeit der deutschen Sektion sprachen ihre Funktionäre angesichts der vermeintlichen „kleinbürgerlichen Psychologie und Politikfremdheit der Kolonien“ von einer „zu schweren Arbeit“ vor Ort.20 Zudem kritisierten sie die unter den Deutschen in einer Auflage von nur 80 Exemplaren zirkulierende Moskauer Zeitung „Arbeit“. Nach Meinung der deutschen Sektion bediente diese nur die „Bedürfnisse der Bauern und kleinbourgeoisen Menschen“.21 Sie schlug daher vor, eine eigene deutschsprachige Zeitung sowie ein Journal herauszugeben. Um eine interessante Tatsache vorwegzunehmen: Der leitende Funktionär des Plenums, Ėduard Gejnc (Heinz), wurde bald nach Ende der Veranstaltung nach Helenendorf geschickt, um die „bourgeoise Psychologie“ der Siedler zu bekämpfen. 1930 wurde er dann jedoch Mitglied in der Führungsriege der deutschen Weinbaugenossenschaft Konkordija, was schließlich seinen Parteiausschluss nach sich zog. Als Parteiloser lebte und arbeitete er weiterhin in Helenendorf. 17 18 19 20 21 ARDA, f. 2, op. 22, ed. chr. 126, s. 136. GAPPOD, f. 1, op. 235, ed. chr. 100, s. 29. Ebd., s. 15. Ebd., s. 29. Ebd., s. 29. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
DIE SOWJETISIERUNG DER DEUTSCHEN KOLONIEN 119 Zunahme der repressiven Haltung gegenüber den Siedlern Es stellt sich die Frage, warum die neue Staatsmacht bei den deutschen Siedlern so unbeliebt war. Die Bolschewiki griffen radikal in die herrschende Ordnung der Dorfgemeinden ein und liquidierten vormals gültige Privilegien der Neuankömmlinge, die die jahrzehntelange Prosperität ihrer Niederlassungen begünstigt hatten. In Helenendorf, Annenfeld und Georgsfeld wurden die örtlichen Gemeindeselbstverwaltungen durch die Revolutionären Komitees (Revkomy) ersetzt. Ein besonders harter Schlag traf Grundbesitzer und Fabrikanten: das Recht auf Grundeigentum wurde ihnen genommen, vorhandene Betriebe und Ländereien im Zuge der Sowjetisierung enteignet. In einem Brief an das Kommissariat für Landwirtschaft schrieben die Vertreter der im Kaukasus für ihre Weinproduktion berühmten Familie Hummel im Juli 1920: „Seit der Sowjetisierung wurden unsere Weinanbaugebiete mitsamt den Gebäuden und dem Inventar verstaatlicht. Wir, die Brüder Hummel mit unseren zahlreichen Familienangehörigen, insgesamt 51 Menschen, haben kein Land mehr und keine Existenzmittel. Daher bitten wir darum, dass jeder einzelne von uns die Norm an Land erhält, die von der sowjetischen Regierung zugesichert wurde.“22 Doch nicht nur die Repräsentanten dieser sozialen Schicht der vermögenden Landbesitzer und Unternehmer mussten Entrechtungen hinnehmen. Die neuen Machthaber betrieben eine Politik der konsequenten Beschlagnahmung von Eigentum und nahmen dabei keine Siedler aus. Bereits drei Monate nach Beginn der kommunistischen Herrschaft über das Land informierten die Bevollmächtigten der deutschen Gemeinden den Leiter der Unterabteilung für Tierzucht des Kommissariats für Landwirtschaft der AzSSR über die negativen Folgen der Beschlagnahmung von Pferden und Vieh. Die Verfasser baten „in der Kolonie Helenendorf zwei schwere Lasten transportierende Pferde zu belassen, die durch den Revkom von Helenendorf vom Siedler Jakov Cejtler requiriert wurden.“23 Aus demselben Dokument lassen sich die Ausmaße der Beschlagnahmungen erahnen: „Für die Aufrechterhaltung der Wirtschaft in Helenendorf in einem sehr begrenzten Umfang blieben ein Pferd pro 15 Einwohner [sowie] eine Kuh pro 5 Einwohner.“24 Anlässlich dieser Zahlen baten die Dorfbewohner den Prozess der Requisition von „Arbeits-, Qualitäts- und Kleinrind“ aufzuhalten.25 Die Kolonisten, welche Weinanbau betrieben, hatten aufgrund des Wegbrechens ihrer Absatzmärkte eine massive Verschlechterung ihrer ökonomischen Situation in Kauf zu nehmen. Um zu überleben waren sie gezwungen, ihre Weinstöcke zu roden, um auf den frei gewordenen Flächen Kartoffeln oder Getreide anzubauen. Die im Rayon einquartierten Truppenteile der Roten Armee trugen ihrerseits 22 23 24 25 MTNA, PR-21044, s. 55. ARDA, f. 508, op. 1, ed. chr., 455, s. 4. Ebd., s. 4. Ebd., s. 4. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
120 MAMED DSCHAFARLI zur Misere bei, da sie „die Pferde in den Weingärten weiden [ließen] und im Winter das Holz als Brennstoff nahmen.“26 Unter den neuen Bedingungen der Zerstörung des Privateigentums und der flächendeckenden Einführung des Gemeineigentums sicherte jedoch eine gemeinsame Entscheidung der Vertreter der einflussreichsten Siedlerfamilien die Zukunft der ertragreichen Landwirtschaft in den Gemeinden. Sie verkündeten ihre Unterstützung für die Politik der Verstaatlichung und gründeten einen genossenschaftlichen Weinbetrieb, welcher wenig später unter dem Namen Konkordija berühmt wurde. Die Genossenschaft nahm für die Existenz und die Identität der Nachfahren der deutschen Einwanderer in der AzSSR eine Schlüsselfunktion ein. Einerseits war sie für die weitere ökonomische Entwicklung des Landes wichtig, andererseits diente sie aber auch der Pflege der eigenständigen Kultur und Tradition der Siedler, der Organisation ihrer Alltagswelt, der Bildung der Heranwachsenden und der medizinischen sowie sozialen Versorgung. Durch die Registrierung der Genossenschaft Konkordija wurde erreicht, dass das Inventar der Familien nicht in die Hände der Dorfsowjets und der lokalen Staatsbehörden überging. Es stand nunmehr einer Kooperative zur Verfügung, in der dieselben erfahrenen Familienmitglieder Führungspositionen innehatten wie vor der Sowjetisierung Aserbaidschans. In den zwanziger Jahren wurden zahlreiche Akte der juristischen Übergabe von Eigentum reicher Kolonisten an die Kooperative Konkordija vorgenommen. Zur Veranschaulichung soll ein Fragment aus einem solchen Vertrag dienen: „Wir, die Untenstehenden, das Präsidium des Produzierenden Landwirtschaftlichen Kooperativs ‚Konkordija‘ einerseits und die Bürger der Kolonie Helenendorf – Rozina Iosifovna Kifus, Eliza Jakovevna Virzum, Emma Jakovlevna Andris andererseits, schließen diesen Vertrag hinsichtlich des Folgenden. Rozina Iosifovna Kifus, Eliza Jakovevna Virzum, Emma Jakovlevna Andris haben dem Präsidium der Kooperative ,Konkordija‘ die ihnen gehörende Elektrostation verkauft, mitsamt allen Kabeln und Masten, die durch die gesamte Kolonie Helenendorf verlegt wurden, den Maschinen und dem Inventar wie unten aufgeführt […]“27 In den Verträgen findet man den Verkauf von Werkstätten, Agrargebäuden und ganzen Weinbetrieben, die berühmten deutschen Familien Aserbaidschans wie Gummel’ (Hummel), Forer (Vohrer), Bek (Beck), Fotteler (Votteler) und anderen gehörten. In so genannten „abtretenden Akten“ wurden auch die Häuser, Keller und Gehöfte der Kolonisten übertragen. Ein solcher Akt über den Verkauf eines Hauses durch die reiche Familie Forer lautete beispielsweise: „Wir, Christofor Christoforovič Forer und Val’ter Christoforovič Forer, mit Erlaubnis aller Hausangehörigen […] haben der ,Konkordija‘ das uns gehörende Haus mit elf Zimmern und einem Keller, dem Hof und allen Gehöften verkauft.“28 26 27 28 MTNA, PS-12226, B. 9, s. 12, Kopie aus dem Archiv der Konkordija aus den Jahren 1929-1930. Ebd., s. 15. Ebd., s. 16. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
DIE SOWJETISIERUNG DER DEUTSCHEN KOLONIEN 121 Administrativ-territoriale Umgestaltung der Gemeinden Das umfassende Scheitern des Versuchs, die deutsche Minderheit Aserbaidschans von der Überlegenheit des sowjetischen Kommunismus zu überzeugen, belegen eindrucksvoll folgende Zahlen: 1923 waren von den 13.333 Nachfahren eingewanderter Deutscher nur 94 Mitglieder der AKP(b), 42 Parteikandidaten und 40 Komsomolzen.29 In den deutschen Siedlungen selbst lebte gar nur ein einziges Mitglied der Partei – und dieser war kein Alteingesessener.30 Eine Analyse der Unterlagen der deutschen Sektion zeigt, dass die sowjetischen Organe aufgrund der zuvor gescheiterten – primär propagandistischen – Arbeit der Sektion ab der zweiten Hälfte des Jahres 1923 zu administrativen Zwangsmaßnahmen griffen. Im Wortgebrauch der Funktionäre wurden die Zuschreibungen der Siedler als „apolitisch“ und „über ein niedriges Kulturniveau verfügend“ durch die Bezeichnungen „Anhänger der Bourgeoisie“ und „antisowjetische Elemente“ ersetzt. Ende des Jahres 1923 begann die „Suche nach den gemeingefährlichen Elementen“ unter den Dorfbewohnern. Als solche wurden die Geistlichkeit und die Lehrer ausgemacht. In den Mitteilungen, die der deutschen Sektion zugeleitet wurden, ist zu lesen, dass in den auf dem Gebiet der AzSSR existenten acht deutschen Schulen der ersten und in einer Schule der zweiten Stufe 17 Prozent der Lehrer als „äußerst gemeingefährliche“ und 54 Prozent als „passive Elemente“ einzustufen seien. In den Kolonien Helenendorf, Georgsfeld und Annenfeld stelle die „materielle Abhängigkeit von den Eltern, die den Großteil des Lohns der Lehrer bezahlen, einen sehr negativen Einfluss auf die Arbeit der Lehrer dar. Die Eltern fordern von den Lehrern die Erziehung in einem antisowjetischen Geist.“31 Eine der Entscheidungen der Sowjetmacht, die von den Siedlern sehr negativ aufgefasst wurde, war der Beschluss des Sowjetischen Volkskommissariats der AzSSR vom September 1923 über die Erlangung des Stadtstatus durch das Dorf Anino – ehemals Annenfeld. Gegen diese Entscheidung wandten sich die Bevollmächtigten des Dorfsowjets von Anino (heute Şǝmkir), Ioganes Vuchrer (Johannes Wucherer) und Jakov Štif (Jakob Stief) an das ZK der AKP mit der Bitte um Revision. Im der Eingabe wurde hervorgehoben, dass es „die im Konsens gefällte Entscheidung der gesamten Einwohnerschaft von Anino ist, den Dorfstatus zu belassen.“32 Die Dorfbewohner fürchteten, dass die Vergabe des Stadtstatuts und im Weiteren die Ernennung zum Rayonzentrum von Şamxor zum Auftauchen verschiedener Partei- und Staatsorganisationen und somit zum Zufluss von Funktionären in die Gemeinde führen würde. Außerdem waren die Siedler besorgt, dass ein Weinanbaugebiet von 100 Desjatinen, das in harter vierzigjähriger Arbeit von ihnen aufgebaut worden war, der Stadt und damit ihrer sowjetischen Administration zu29 30 31 32 GAPPOD, f. 1, op. 235, ed. chr. 102, s. 1. Ebd., s. 59. Ebd., s. 57. Ebd., s. 20. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
122 MAMED DSCHAFARLI geschlagen würde. Im Schreiben selbst liest man von einer Gefährdung der Landwirtschaft.33 Die Entscheidung konnte zwar nicht revidiert werden, jedoch wurden in den lokalen Rayonsowjet vier Kolonisten gewählt und einer von ihnen zum stellvertretenden Vorsitzenden des Exekutivkomitees (Ispolkom) ernannt.34 In den Jahren der Sowjetisierung hatte die Politik der administrativ-territorialen Veränderungen einen großen Einfluss auf die deutschen Gemeinden Südkaukasiens – sowohl in der Aserbaidschanischen als auch der Georgischen SSR. Die Mehrzahl von ihnen wurde zu administrativen Zentren ernannt, was den Stadtstatus beinhaltete. Von den acht deutschen Niederlassungen in Aserbaidschan wurden vier zu Rayonzentren – Annenfeld als Zentrum des Rayons Şamxor, Helenendorf von Nǝrimanov sowie Traubenfeld, das mit dem benachbarten Turkdorf Tovuz vereinigt wurde, als Zentrum des gleichnamigen Rayons Tovuz und weitere zu Aǧstafa. Die Einwohnerzahl der ehemaligen Kolonien wuchs dank der mitsamt ihren Familien hinzuziehenden Staats- und Parteifunktionäre überproportional an. In den örtlichen Parteiapparaten wurden Instruktorenstellen für die deutsche Minderheit geschaffen, für die wiederum hinzugezogene Deutsche arbeiteten. Ende 1923 wurde von der deutschen Sektion ein umfangreicher Bericht vorbereitet: „Über die Lage der deutschen Bevölkerung Aserbaidschans und der Stand der Arbeit unter ihr“ („O položenii nemeckogo naselenija Azerbajdžana i sostojanie raboty sredi nich“). Dieser Bericht wurde dem Sekretär des ZK der AKP(b), A. Karaev, zugeleitet. Hinsichtlich der Situation in den deutschen Gemeinden erklärt der Bericht: „Die Kulaken, in Kooperation mit Geistlichen, weiten ihren Einfluss zusammen mit nationalistischen Elementen mehr und mehr auf das ökonomische und politische Leben in den Kolonien aus.“35 Das vollkommene Versagen der Parteiorgane wurde eingestanden und vorgeschlagen, mittels harter Methoden die Siedlungen zu sowjetisieren. In den Unterabschnitten des Reports lassen sich zudem Aussagen zu folgenden Themenbereichen finden: – Über die Partei: In den acht Kolonien existiere nur ein Parteimitglied. 1923 seien nur acht Deutsche als Kandidaten aufgenommen worden, jedoch könne in sie keine Hoffnung gesetzt werden. Es wird angeraten, in die örtlichen Organisationen Deutsche aus dem ZK der AKP(b) zu schicken. – Über die Errichtung des Sowjetstaates: Die Dorfsowjets stünden unter dem Einfluss der Kulaken – ihre Arbeit habe nur formalen Charakter. – Über die Kooperativen: Die mächtige Konkordija vereinige fast die gesamte deutsche Bevölkerung der Siedlungen, ihre Führung sei sehr beliebt. Es wird empfohlen, das Präsidium mit Parteileuten zu infiltrieren und durch sie die politischen Vorgaben der Partei zu implementieren.36 33 34 35 36 Ebd., s. 20. Ebd., s. 30. Ebd., s. 59. Ebd., s. 61. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
DIE SOWJETISIERUNG DER DEUTSCHEN KOLONIEN 123 Beobachtung durch die GPU Ab dem Jahre 1924 entband die KP die deutsche Sektion zunehmend von der Arbeit mit den Siedlern, für diese war nun im zunehmenden Maße ein Sonderkomitee (ČK) der sowjetischen Geheimpolizei GPU zuständig. Im Zentralapparat des Sonderkomitees wurde eine Abteilung für die Arbeit mit den nationalen Minderheiten eingerichtet, aus der 1925 eine eigene Abteilung für den Kontakt zu den Deutschen ausgegliedert wurde. Hier arbeiteten zwar auch Deutsche, jedoch stammten diese nicht aus den aserbaidschanischen Siedlungen, sondern vielmehr aus dem Wolgagebiet, der Ukraine und dem Zentrum Moskau. Die Mitarbeiter des ČK bereiteten einen umfassenden Bericht an das ZK vor, nachdem sie sich mit den Materialien bekannt gemacht hatten. Dieses sechsseitige Dokument wartete mit vollkommen neuen Bezeichnungen für die Tätigkeiten der deutschen Siedler auf. Hier ist die Rede von der vermeintlichen Spionagetätigkeit der Konkordija, die Verbindungen zu Deutschland sowie georgischen Sozialdemokraten (men’ščeviki) unterhalte und zudem die Kooperation mit den aserbaidschanischen Müsavatisten37 suche. Die Sicherheitsorgane verwiesen gegenüber den Parteiorganen auf die Notwendigkeit folgender Maßnahmen: Überprüfung der Tätigkeit der Dorfsowjets, die der Macht der Kulaken unterworfen seien; Überprüfung der Tätigkeit der Konkordija sowie eine Verschärfung der Vorgehensweise gegen „gefährliche Elemente“ unter den Kolonisten.38 Am 22. Juni 1925 stimmte das Präsidium des ZK der Aserbaidschanischen Kommunistischen Partei den Forderungen des Berichts zu und entschied, eine Revision der Konkordija durchzuführen. Die Kommission sollte durch den Stellvertreter des ČK Petrov formiert werden.39 Interessanterweise wurden die Vertreter der deutschen Sektion aus der vorgeschlagenen Mitgliederliste der Kommission herausgestrichen.40 Die deutsche Sektion konnte mit ihrer ideologischen Arbeit keine Erfolge erzielen und wurde vom ZK abgestraft – an ihre Stelle traten nun vollends die bolschewistischen Zwangsorgane. Der erste große Schlag der Sowjetmacht gegen die deutsche Bevölkerung Aserbaidschans richtete sich direkt gegen die Führung der Genossenschaft Konkordija. Ende des Jahres 1925 kam es in Baku zu einem Gerichtsprozess, der bis Anfang des nächsten Jahres dauerte. 16 Führungsfiguren der Konkordija wurden im Vorfeld festgenommen, ihr Eigentum konfisziert. Sie wurden der Durchführung konterrevolutionärer und nationalistischer Tätigkeiten, des Schutzes von „Kulaken-Kapital“ unter dem Deckmantel der Kooperative sowie der Erziehung der Jugend „im deutschen Geiste“ angeklagt. Die lokalen Staatsmedien sollten über den Prozess berichten. 37 38 39 40 Anhänger der verbotenen Müsavat-Partei, der führenden politischen Kraft zur Zeit der ADR. GAPPOD, f. 1, op. 74, ed. chr. 142, s. 256. Ebd., s. 211. Ebd., s. 211. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
124 MAMED DSCHAFARLI Die Sowjetorgane mischten sich auch zunehmend in das Wirtschaftsleben der Siedler ein. Im Februar 1927 nahm die Konkordija unter dem Druck der Parteiorgane und der Aserbaidschanischen Union der Landwirtschaftlichen Kooperation „Keybirliyi“ eine neue Satzung an. Die geheime Wahl der Führung der Kooperative wurde durch eine öffentliche ersetzt. Die Bolschewiki erhofften sich dadurch, ihre Repräsentanten leichter in die Führung aufrücken lassen zu können. Ein KP-Mitglied musste zudem der Führung angehören.41 In den Jahren 1928 bis 1929 führten die Staatsorgane eine Kampagne gegen „Kulaken“ in der Führung der Konkordija durch. Im Sommer 1928 verlangte die Staatsmacht von der Führung der Kooperative die Säuberung von „KulakenElementen“. Dazu zählten sie in erster Linie Deutsche, die Angehörige der auch außerhalb Kaukasiens bekannten Handelshäuser „Brat’ja Gummel“ (Gebrüder Hummel) und „Brat’ja Forer“ (Gebrüder Vohrer) waren. Es handelte sich um Personen, die ein hohes Organisationspotential besaßen und viel für die Entwicklung von Kultur, Bildung und Wissenschaft vor Ort taten. Aus den Mitgliedern des Kooperativs wurden die Gebrüder Christofor und Val’ter Forer wegen angeblicher „Ausbeutung im Werk von Helenendorf“ und der Verletzung der Satzung ausgeschlossen. Im Dezember 1928 wurden außerdem die Bevollmächtigten in Novosibirsk und Leningrad, Ju. F. Forer und A.G. Gummel’ aus dem Kooperativ ausgeschlossen und aus ihren Funktionen entfernt. Aus der Moskauer Vertretung wurden ebenfalls 26 Leiter von Geschäften entlassen, die ihrem sozialen Status nach ehemalige Arbeiter im Einzelhandel waren. Im Sommer 1929 wurde eine Säuberungsaktion des gesamten technischen Apparats der Führung vorgenommen, nur Instruktor-Winzer G. G. Gummel wurde auf seinem Posten gelassen. Angestellte, denen das Wahlrecht entzogen worden war, wurden entlassen. Diese Säuberungen führten dazu, dass die Konkordija praktisch alle Fachkräfte verlor. Außerdem ließ sich Ende der zwanziger Jahre eine neue Methode des Kampfes gegen die Betriebe deutscher Einwanderer beobachten – nämlich mit Hilfe der Massenmedien. Hierbei wurden nicht nur die lokalen Zeitungen eingespannt, sondern auch die Presse in anderen Gebieten der UdSSR, wo das Kooperativ Konkordija tätig war, wie Moskau, Tiflis, Kiew, Leningrad, Rostov, Samara, Saratov, Perm’, Sverdlovsk. Es existierten mehr als 160 Filialen, die Produkte der Konkordija vertrieben. In zwei Artikeln vom September 1929 der Zeitung „Bakinskij rabočij“, die zwei Jahre zuvor noch die Erfolge der Konkordija lobte,42 wurde sie nunmehr ein „Kulaken-Kooperativ“ genannt.43 Die Union der landwirtschaftlichen Kooperation sei machtlos im Kampf gegen die Konkordija. Außerdem wurde vermerkt, dass die Organisation „bisher geschickt die Arbeitsgesetzgebung umgeht“ und dass die Tätigkeit der Kooperative von „Reichen und Kulaken“ gelenkt wird. 41 42 43 GAPPOD, f. 1, op. 235, ed. chr. 102, S. 58. Bakinskij Rabočij, Nr. 104 (08.05.1927), Nr. 107 (11.05.1927), Nr. 119 (25.05.1927). Bakinskij Rabočij, 12.09.1929, 23.09.1929. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
DIE SOWJETISIERUNG DER DEUTSCHEN KOLONIEN 125 Im November 1929 wurde die Tätigkeit der Konkordija auch in der georgischen „Zarja Vostoka“ zum Thema. So liest man dort: „Eine Spezialkommission und das Regionalkomitee von Gǝncǝ der AKP(b) habe die Tätigkeit der Konkordija untersucht und herausgefunden, dass die Führungsriege aus Reichen und Kulaken eine Reihe von Gesetzesverstößen beging, weswegen sie in Gänze vor Gericht gestellt wurde.“44 Laut dem Organ des Gebietskomitees vom Ural, „Uralskij Rabočij“, stellte Konkordija ein „verdächtiges Kooperativ“ dar.“45 Selbst in den Moskauer Zeitungen wurde die Kampagne fortgesetzt.46 Aufgrund des Beschlusses der UdSSR vom 18. September 1929 wurde die Konkordija als ein Kooperativ der dörflichen Genossenschaften auf Rajonebene reorganisiert; aus den lokalen Zweigstellen wurden unabhängige Dorfgenossenschaften. In den dreißiger Jahren wurde fast die Hälfte der deutschen Siedler zwangsweise in die Kolchosen eingegliedert, der Rest war Mitglied der Konkordija. Die Bedingungen in dieser Zeit haben zu einer katastrophalen Lage der deutschen Weinproduktion im Südkaukasus geführt. Doch das Jahr 1930 war auch das Jahr, in dem die Deutschen zum ersten Mal offen gegen die Sowjetmacht opponierten. Am 17. März 1930 fand in Helenendorf einen Massendemonstration gegen die Diskriminierung von Bauern statt. An das regionale Komitee der Partei wurde die Forderung gestellt, die gewaltsame Kollektivierung zu verurteilen. Demonstrationen gegen Kolchosen fanden außerdem in Georgsfeld, Grünfeld und in Marksovka statt. Diese bäuerlichen Proteste wurden im Volk „Altweiber-Aufstand“ („Babij bunt“) genannt. Das Jahr 1930 war gleichzeitig die Grenze, ab welcher die deutschen Kolonisten mehr und mehr von der Bearbeitung der Reben abließen. Zum ersten Mal blieben mehr als 100 Hektar Land ohne Bearbeitung. Nach 1930 fand keine Konstruktion von neuen Weinbetrieben und anderen landwirtschaftlichen Gebäuden statt. Dabei wurden allein zwischen 1921 und 1924 von der Konkordija sechs Weinbetriebe in den Kolonien erbaut. Möge am Ende dieses Textes das Zitat eines deutschen Parteifunktionärs stehen, der nach seiner Rückkehr aus den Kolonien nach Baku folgendes schrieb: „Die Konkordija ist in den Kolonien so etwas wie der zweite Rat der Volkskommissare (Anm. des Übersetzers: die sowjetische Regierung).“47 Das erste Jahrzehnt nach der Machterlangung der Bolschewiki kann man mit Recht als einen Wettbewerb zwischen der Konkordija und der Sowjetmacht bezeichnen. Die Konkordija konnte diesen durch ihre hohe Produktivität und den Zusammenhalt, der sich aus ihrer Fürsorgefunktion für die Gemeinde ergab, noch für sich entscheiden. Jedoch war es auch die Periode, in der die sowjetischen Organe ihre eigene 44 45 46 47 Bakinskij Rabočij, Nr. 256 (13.11.1929). Uralskij Rabočij, Nr. 227 (03.10.1929). Izvestija, Nr. 262 (12.11.1929). GAPPOD, f. 1, op. 235, ed. chr. 102, s. 136. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
126 MAMED DSCHAFARLI Ohnmacht gegenüber den Siedlergemeinden eingestanden und zu repressiveren Methoden übergingen, um deren Unabhängigkeit zu brechen. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
Die Zerschlagung der genossenschaftlichen Organisation und die Deportation der deutschen Bevölkerung Aserbaidschans in den 1930-40er Jahren1 Eva-Maria Auch Für die in der Genossenschaft Konkordija organisierten deutschstämmigen Familien Aserbaidschans waren die zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts durch den ständigen Kampf gegen die Indoktrinations- und Kollektivierungsversuche der sowjetischen Sicherheitsorgane geprägt. Zwar konnten sie zunächst ihre Eigenständigkeit behaupten und sogar ein bescheidenes Wachstum verzeichnen, der politisch motivierte Prozess systematischer Verdrängung der deutschen Bevölkerung nahm jedoch Anfang der dreißiger Jahre noch rapide zu. So berichten die Akten des Auswärtigen Amtes vom 1. August 1933, dass die Sowjetmacht – wie 1931/32 auch in anderen transkaukasischen Kolonien – dazu übergegangen sei, ehemals wohlhabende Großbauern und ihre Familien aus der Gemeinde Helenendorf auszustoßen: „Man geht dabei […] in der Weise vor, daß man die betreffenden Bauern außerordentlich hoch besteuert und die Steuern als ‚Steuerstrafen‘ und ‚Verzugszinsen‘ in kurzen Fristen wiederholt. Wenn der betreffende Bauer nicht mehr in der Lage ist, die geforderten Geldbeträge aufzubringen, wird sein Anwesen versteigert und zu einem minimalen Betrag von einer staatlichen oder kommunalen Stelle erworben. Der Bauer muß mit seiner Familie Haus und Hof räumen [...]. Unabhängig von der Maßnahme sind im März d. J. 16 junge Deutsche, die entweder selbst im Auslande waren oder nächste Verwandte im Auslande befindlicher Deutscher sind, verhaftet worden [...]. Der Dorfrat ist in seinem alten Bestande noch am Platze, jedoch gegenüber dem verschärften Kurs, der von Baku vorgeschrieben wird, und den intensiveren Kontrollen mehr und mehr machtlos [...]. Die Überfremdung der Kolonie, die von der Sowjetregierung offenbar systematisch betrieben wird, geht unaufhaltsam weiter. Es gibt nur noch wenige Häuser [...], die nicht fremde Nationalitäten, insbesondere Tataren, Armenier, Aisoren usw. haben aufnehmen müssen. In der Gesamtzahl der Bevölkerung überwiegt heute bereits die Zahl der Nichtdeutschen in Helenendorf [...]. [Es besteht der Eindruck], dass die alten Vorrechte, die H.[elenendorf] bisher vor der übrigen deutschen Bevölkerung in Südkaukasien gehabt hat, nunmehr beseitigt werden sollen [...].“2 Für den 23. November 1933 wird in den Akten des Auswärtigen Amtes vermerkt: 1 2 Der Beitrag basiert auf Kommentaren der Autorin zu den Lebenserinnerungen des Julius Vohrer in dem Buch: Auch, Eva-Maria (Hg.): Deutsche Winzer im multikulturellen Umfeld Aserbaidschans. Erinnerungsbericht des Julius Vohrer (1887-1979) (Schriftenreihe des Kultur- und Wissenschaftsvereins EuroKaukAsia e.V.; 1), Berlin 2011. Auswärtiges Amt (AA), IV/25- 959/10, Abt. Pol. IV, Bericht des Generalkonsulats vom 11. Januar 1934, Bl. 1-3. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
128 EVA-MARIA AUCH „Die Kollektivierung der Weinwirtschaften macht weiter erhebliche Fortschritte [...] v.a. während der diesjährigen Revolutionsfeiern […]. Von den etwa 400 Wirtschaften des Dorfes sind z. Zt. 75 Wirtschaften mit 250-300 Menschen dem Kollektive angeschlossen. Die Weinernte in diesem Jahr war gut […]. Die Bauernschaft muß aber infolge neuer Anordnung […] bis auf wenige Eimer Wein [für den persönlichen Bedarf] den gesamten Ernteertrag an die Konkordija abgeben. Dies gilt sowohl für Kollektivmitglieder wie für freie Bauern. Die sogenannten ‚Austeilungen‘ werden unregelmäßig ausgeführt […], es gibt zahlreiche Familien […], die nicht über das zu ihrem Lebensunterhalt notwendige Geld verfügen […], eine nicht unerhebliche Zahl von Flüchtlingen aus dem Nordkaukasus verschlimmer[t] die Situation [, die] Einsetzung eines Hilfskomitees [für] die Unterstützung Armer ist amtlich verboten worden. Die Parole hierbei lautet: ‚Hungersnot gibt es in der SSSR nicht und für Hilfsaktionen ist kein Raum.‘“3 Über das weitere Schicksal von Verhafteten erfahren wir hier: „Von den im Februar d. J. wegen illegaler Verbindungen mit dem Auslande [Deutschland] verhafteten 25 Helenendorfer Bürgern sind inzwischen 17 nach und nach entlassen worden. Unter den Befreiten befinden sich Werner und Ernst Hummel. Weiterhin in Haft geblieben sind u.a. Koch, Strasser und Kehrer, die von Baku […] nach Taschkent weitergeschickt worden sind und von denen seit geraumer Zeit jede Nachricht fehlt; ferner Georg Frick, der wegen hohen Alters die Reise nach Taschkent nicht mitmachen brauchte und in Baku geblieben ist, und schließlich Otto Hummel.“4 Doch nicht nur die deutsche Bevölkerung des Ortes hatte unter Verfolgung und Verdrängung zu leiden. Auch die autochthone muslimische Bevölkerung, die als Zulieferer und Hilfsarbeiter für die Weinbetriebe von größter Wichtigkeit war, geriet in den Fokus der sowjetischen Ordnungspolitik: „Die Verschlechterung der Lage in Helenendorf wird nicht zuletzt darauf zurückgeführt, dass die Partei das tatarische Element, mit dem sich die Deutschen gut verstehen, mehr und mehr aus Helenendorf und seiner Umgebung herausdrängt und dafür Armenier an die Stelle setzt.“5 Nachdem vor diesem Hintergrund gegen Ende 1933 von zahlreichen Auswanderungswünschen nach Deutschland berichtet wurde, von deren Umsetzung das Generalkonsulat jedoch abriet, zumal eine Transferierung von Vermögenswerten unmöglich geworden war, wurden auch Kontakte zu deutschen Vertretungen zunehmend zur Gefahr für Ratsuchende. Im April 1934 wurde durch das Auswärtige Amt bestätigt, dass Fritz Koch, Georg Kehrer, Albert Strasser, Erich Zeiser, Willi Frick und Gustav Zeiser verschickt wurden und der Siedler Österle aufgrund einer Denunziation in Untersuchungshaft saß. Kehrer wurden seine Beziehungen zum „Verein der Kaukasusdeutschen“, insbesondere zu Theodor Hummel, zum Vorwurf gemacht. Hugo Votteler war verhaftet worden, weil er enge Beziehungen zum Reichsdeutschen Dr. Georg Leibbrandt unterhielt, der vor Jahren zu Archivstudien in Helenendorf weilte und für einen Spion gehalten wurde. 3 4 5 Ebd. Ebd. Ebd. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
DIE ZERSCHLAGUNG DER GENOSSENSCHAFTLICHEN ORGANISATION 129 Nachdem im Februar und März 1934 zahlreiche Verhaftungen unter der deutschen Bevölkerung in Tiflis gemeldet wurden, die Ermittlungen gegen sie jedoch keinerlei kriminelles Material zutage förderten, verschärften sich die gegen Deutsche gerichteten Aktionen im Juni 1934. Im Bericht des Deutschen Generalkonsulats in Tiflis vom 22. Juni 1934 wurde festgestellt: „Eine nicht unbeträchtliche Zahl von Deutschen, und zwar meistens Personen, die in staatlichen Stellungen sind, Beamte, Angestellte u. dgl. sind auf die GPU6 bestellt worden, wo man ihnen in energischer Form das Ansinnen stellte, fortlaufend Material über die Stimmung der deutschen Bevölkerung zu liefern […], man hat ihnen […] erklärt, daß sie bei fortgesetzter Weigerung in ihren Ämtern und Stellungen nicht weiter bleiben könnten, sondern demnächst mit dem Verlust ihrer Ämter zu rechnen hätten.“ Auch das Auswärtige Amt berichtete über die rapide Verschlechterung der Lage der deutschen Bewohner Kaukasiens: „Es mehren sich die Anzeichen dafür, dass der mit der Ermordung Kirovs einsetzende Terror, dessen sich auch in Südkaukasien das Innenkommissariat [GPU] mit besonderem Eifer befleißigt, hier besonders auf Kosten des deutschen Elements ausgetragen wird […]. Über die Verhaftungen deutsch-evangelischer Geistlicher, die kurz vor Weihnachten [1934] erfolgt sind, ist an anderer Stelle berichtet [worden]. Aber auch in der deutschstämmigen Bevölkerung, anscheinend aber besonders in Aserbaidschan, sind zur selben Zeit eine Reihe von Verhaftungen vorgekommen.“7 Zum Jahresende 1934 wurden auch Lehrer und andere Berufsgruppen des öffentlichen Lebens in den Siedlungen verhaftet oder mit Berufsverbot belegt. 1934 fand letztmalig in der lutherischen Kirche Helenendorfs eine Konfirmation statt, bevor sie zum Sportsaal umgewandelt wurde. Gab es zu Beginn des Schuljahres 1933/34 hier noch 46 Lehrer, die Unterricht überwiegend in deutscher Sprache erteilten, wurde der deutschsprachige Unterricht 1938 vollständig eingestellt. Durch den Einsatz einer Regierungskommission unter Beteiligung des Sicherheitsdienstes fanden von Dezember 1934 bis Februar 1935 Überprüfungen der Tätigkeit der Konkordija in allen Siedlungen statt, sie wurden begleitet von Verhaftungen ihrer Leitungskader. Betroffen war u.a. der Filialleiter der Konkordija in Georgsfeld und Eigenfeld, Otto Wucherer, gegen den wenige Tage später ein Schauprozess geführt wurde, „um die Zustände in der Konkordija als unordentlich, unsauber und verrottet darzustellen.“ Als eigentlicher Anlass für die Verhaftung diente jedoch der Vorwurf der Spekulation. Wucherer hatte für den Jahresabschluss als „Prämie“ für die Angestellten einen Warenbezug aus Baku organi6 7 Der Sicherheitsdienst in der früheren Sowjetunion wurde mehrfach umorganisiert und trug verschiedenen Bezeichnungen: 1917 VČK (Außerordentliche Allrussische Kommission zur Bekämpfung von Konterrevolution, Spekulation und Sabotage), ab 1922 GPU (Politische Hauptverwaltung innerhalb des NKVD), ab 1923 OGPU (Vereinigte staatliche politische Verwaltung), ab 1934 GUGB (Hauptverwaltung für Staatssicherheit innerhalb des NKVD), ab 1941 NKGB (Volkskommissariat für Staatssicherheit), ab 1946 MGB (Ministerium für Staatssicherheit) und ab 1954 KGB (Komitee für Staatssicherheit), welches am 6. November 1991 aufgelöst wurde. AA, IV/25- 959/10, Abt. Pol. IV, Bericht v. 11. Januar 1935. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
130 EVA-MARIA AUCH siert, welcher über einen Händler abgewickelt werden sollte. Da dieser mit seiner Entlohnung nicht zufrieden war, zeigte er Wucherer bei der GPU an. Das Gerichtsurteil lautete drei Jahre Arbeitslager. Im Ort Grünfeld wurden 15 ehemals begüterte Familien, die längst in den Kolchos aufgenommen worden waren, plötzlich so hoch besteuert, dass sie die betreffenden Summen unmöglich aufbringen konnten. Verpfändung und Beschlagnahmung waren abzusehen. Überall in aserbaidschanischen Siedlungen fanden Hausdurchsuchungen statt, um Verbindungen mit „dem Ausland“ aufzudecken: „Der Besitz von Briefen aus Deutschland soll hinreichender Verhaftungsgrund sein.“ Selbst angemeldete Radioapparate dienten als Verhaftungsgrund. Der Kontakt zum Generalkonsulat in Tiflis wurde aus diesen Gründen von nun an vollkommen gemieden. In Georgsfeld hatte man den über 70 Jahre alten Bauern Wackenhut, dessen arbeitsfähige Söhne bereits in Haft saßen und dessen Ehefrau gelähmt war, mit Steuern von 126.000 Rubel belegt. Da er schon früher verpfändet und gänzlich verarmt war, musste er Hof und Haus räumen. Die endgültige Zerschlagung der Konkordija und die Deportation der verbliebenen deutschen Bewohner Kaukasiens In Helenendorf wurde 1935 die Endphase der Konkordija eingeleitet, damit das Genossenschaftsvermögen in das staatliche Weinkontor „Azvin“ überführt werden konnte. Der gesamte Vorstand der Konkordija wurde verhaftet bzw. seines Amtes enthoben, durch von Baku entsandte Bevollmächtigte ersetzt und die ehemalige Winzergenossenschaft in eine Abteilung des aserbaidschanischen Weintrustes verwandelt. Am 9. Juli des Jahres fand vor dem Obersten Gerichtshof der AzSSR im Saal des Helenendorfer Clubs der Prozess gegen die verhafteten Winzer statt. Unter den 21 Angeklagten befanden sich: der ehemalige Vorsitzende der Konkordija, Adolf Breitmeier, der Hauptbuchhalter Johannes Stokke, Adolf Kuhn, Heinz, der Vorsitzende der Abteilung Helenendorf, E. Frick, der Buchhalter Paul Werner sowie Mitglieder des Vorstandes, wie I. Klein, E. Vohrer, E. Votteler und weitere Angestellte wie Zovjanov, Mossevič, Wuchrer, Trenkle und Emil Maurer. Die Ankläger Jarovoj und Podolski formulierten die Anklage folgendermaßen: „Kulakenbauern [hätten] in der Konkordija die leitenden Posten innegehabt, Stellen im Verwaltungsapparat der Genossenschaft mit Vertrauenspersonen besetzt und eine staatsund kolchosfeindliche Unterlassungstätigkeit betrieben, die den Charakter wirtschaftlicher Gegenrevolution gehabt und außerordentlichen Schaden [verursacht] habe.“8 8 AA, IV/25- 959/10, Abt. Pol. IV, Bericht v. 29. Juli 1935. Die Namen sind im Protokoll teilweise falsch geschrieben und konnten nur unvollständig korrigiert werden. Richtig sind die Namen der Angestellten der Zentralbuchhaltung. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
DIE ZERSCHLAGUNG DER GENOSSENSCHAFTLICHEN ORGANISATION 131 Zwecks Untergrabung der staatlichen Finanzpolitik hätten sie die Abrechnung mit den Bauern auf Grund einer besonderen „Weineinheit“ – also einer eigenen Währung – geführt. Folgende Urteile wurden verhängt: – Adolf Breitmeier (Vorsitzender der Konkordija): Todesstrafe umgewandelt in 10 Jahre Freiheitsentzug und Konfiskation des persönlichen Vermögens – Kuhn (Betriebsleiter) und J. Stokke (Hauptbuchhalter): 8 Jahre Haft sowie Konfiskation des Vermögens – G. Sovjanov (Leiter der Planungsabteilung), Mossevič (Rechtsbeistand), Wuchrer (Vorsitzender in Georgsfeld): je 4 Jahre Haft – E. Kotzenstein und A. Trinkle: je 3 Jahre Gefängnis – E. Maurer und der ehemalige Leiter der Staatsbank in Şamxor, Bagdasarov: je 2 Jahre Gefängnis – P. Werner und B. Ranke: je 1½ Jahre Haft – G. Fricke, Heinz und Schmelze: je 1 Jahr Gefängnis – Robert Kuhn, E. Frick und E. Koch: je 6 Monate Zwangsarbeit – Ja. Krause und O. Haikis wurden als einzige freigesprochen9 Am 11. Dezember 1935 vermerkte das Deutsche Generalkonsulat in Tiflis zum Schicksal der Genossenschaft und ihrer Mitglieder: „Die einst blühenden deutschen Weinbaugenossenschaften Konkordija in Helenendorf und Union in Katharinenfeld sind als deutsche Unternehmen eingegangen; sie bestehen als Filialen des transkaukasischen Weintrusts mit armenischer und russisch-georgischer Leitung10 fort […]. Die letzten deutschen Genossenschafts-Vorstände sind mit Hilfe von Schauprozessen wegen angeblicher Unwirtschaftlichkeit, Spekulation, Bestechung und ähnlicher Delikte abgesetzt und in die Verbannung geschickt. Der langjährige Vorsitzende der Union hat sich im Gefängnis selbst das Leben genommen […].“ U. Mohr beschreibt stellvertretend für die Familie Vohrer diese Schicksalsjahre folgendermaßen: „Christoph Vohrer III. konnte sogar in der NEP-Zeit – Lenin verkündete 1921 die relativ liberale Neue Ökonomische Politik –, die alte Familienbrauerei betreiben, wurde dann aber 1926 als ‚Spion‘ erneut nach Tiflis verbracht. 1928, nach wenigen Monaten der Freiheit abermals geholt, sah er sich in ein Arbeitslager in den Nordural verbannt, wo er im Jahr darauf von seinen beiden Kindern besucht werden konnte, die ihn auf abenteuerliche Weise dort ausfindig gemacht hatten. Als wie prominent der inhaftierte Geschäftsmann seinerzeit immer noch galt, mag man daraus ersehen, dass bald darauf seine Frau nebst Tochter sogar von Kalinin, dem nominellen Staatsoberhaupt der Sowjetunion, zu einer Fürsprache empfangen wurden, auch von der Frau des Dichters Maxim Gorkij sowie von Wyschinskij, dem sowjetischen Generalstaatsanwalt. Tatsächlich kehr- 9 10 AA, IV/25- 959/10, Abt. Pol. IV, Bericht v. 14. August 1935. Aus dem Besitz von Hummel und Vohrer wurden die Sowchosen „Privokzal’nyj“, „Qarabayeri“, „Şadılı“, „Qarayeri“, „Qaraax“, „Qara-Çanax“, „Alabaşlı“ geschaffen, die Besitzungen in der Nähe von Şamxor in einer Größe von 501 ha wurden im Sowchos „Azizbekov“ zusammengefasst. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
132 EVA-MARIA AUCH Abb. 28: Angestellte der Zentralbuchhaltung der Verwaltung der Konkordija (1927) te Vohrer III. 1931 nochmals aus dem Straflager zurück und arbeitete dann noch bis 1937 als landwirtschaftlicher Berater bei der Regierung von Armenien. Im Rahmen der unionsweiten Verhaftungswelle 1936-38 geriet er schließlich ein viertes Mal in die Fänge seiner Häscher, und diesmal blieb er für immer verschwunden, wie übrigens bald darauf auch alle anderen männlichen Mitglieder der Unternehmerfamilie.“11 Im Lebenslauf von Ralf Hummel findet sich der kindliche Erlebnisbericht der Repressionen: „1934 fing die Kollektivierung an und unser Vater wurde gezwungen, in den Kolchos einzutreten. Wer nicht eintrat wurde als ‚Kulak‘ (Großbauer) nach Sibirien verschickt […]. 1935 wurde eine ganze Gruppe Familien, welche nicht in den Kolchos eingetreten sind, nach Karelien verschickt. Unter ihnen auch die Familie meines Onkels Wilhelm Hummel. Unser zweistöckiges Haus, in welchem wir und Onkel Wilhelm wohnten, wurde uns abgenommen. Uns wurde eine andere Wohnung gegeben. In unserem Haus (es hatte noch mein Großvater Eduard Hummel – verst. 1924 – gebaut) befand sich von nun an die Prokuratur und das Gericht.“12 Die Spannungen sollten in den folgenden Jahren nicht geringer werden. Der Jahresbericht des Generalkonsulats in Tiflis schilderte die Ereignisse 1935 folgendermaßen: 11 12 Mohl, Ulrich: Schwäbischer Pioniergeist im Kaukasus. Die russlanddeutsche Kolonie Helenendorf. In: Schwäbische Heimat 3 (2002), online abrufbar unter http://www.ornispress.de/files/schw_bischer_pioniergeist_im_kaukasus_-_helenendorf.pdf (letzter Zugriff: 29.06.2017). Seine teilweise handschriftlichen Lebenserinnerungen hat der Autorin dankenswerterweise Herr Ralf Hummel, geb. 1923 in Helenendorf, heute wohnhaft in Ludwigsburg, zur Verfügung gestellt. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
DIE ZERSCHLAGUNG DER GENOSSENSCHAFTLICHEN ORGANISATION 133 „Das Jahr 1935 glich einem Feldzug gegen das deutsche Element. In Aserbaidschan sind aus den deutschen Kolonien Helenendorf und Annenfeld insgesamt etwa 600 Menschen, Männer, Frauen und Kinder ausgesiedelt und in zwei Transporten nach dem Norden Rußlands (Leigube in Karelien am Weißmeerkanal) verschickt worden. Es war dies die erste Massenverschickung Deutscher aus Südkaukasien überhaupt. In Georgien ist man anders vorgegangen. Man hat hier nur die männlichen Kolonisten, soweit sie unbequem waren oder verdächtig erschienen, entfernt, indem man sie unter nichtigen Vorwänden verhaftete […]. Dieses Verfahren hatte den Vorteil, die schutzlos zurückgebliebenen Frauen und Kinder zwangsweise ins Kollektiv zu stecken oder sie sonst als Staatsarbeiter nach Gutdünken verwenden zu können. Das Strafverfahren […] war in allen Fällen ziemlich einheitlich. Die Anklage lautete auf Spionage, illegale Verbindung mit dem Ausland, Propaganda für eine auswärtige Macht, Zellenbildung einer sowjetfeindlichen Partei, Verbreitung verbotener Literatur, Aussprengung falscher Gerüchte usw. [...] Gerüchte behaupten, daß bei den Voruntersuchungen auch regelrechte Folterungen Deutscher vorgekommen seien. [...] Die evangelisch-lutherischen Kirchen [...] sind durch Verhaftungen der Geistlichen, der Küster und Kirchenratsmitglieder13 ihrer ordentlichen Organe beraubt [...].“14 Wer aus den Reihen der wirtschaftlichen oder geistlich-kulturellen Elite noch nicht von diesen „Reinigungsaktionen“ betroffen war, gehörte fast ausnahmslos zu den Opfern des Großen Terrors der Jahre 1937-38, als 29.000 Vertreter der Intelligenz Aserbaidschans Repressalien zum Opfer fielen. Mit Erlass des Politbüros des ZK der Kommunistischen Partei Aserbaidschans vom 10. Juli 1937 wurde ein sogenanntes „Dreiergericht“ unter Y. Sumbatov, T. Quliyev und C. Axundzadǝ eingesetzt, welches die von Moskau befohlene Beschleunigung der „Säuberungsaktionen“15 verantworten sollte. Allein nach ersten Vorgaben waren in 13 14 15 Nach bisheriger Erkenntnis der Autorin wurden von 31 im untersuchten Zeitraum in Transkaukasien aktiven Pastoren 15 verhaftet, verbannt und/oder ermordet. AA, IV/25- 959/10, Abt. Pol. IV, Bericht v. 11. Dezember 1935. Siehe ausführlicher: Baberowski, Jörg: Der Feind ist überall. Stalinismus im Kaukasus, München 2003. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
134 EVA-MARIA AUCH Aserbaidschan 1.500 Menschen zu erschießen, 3.750 Personen in Zwangsarbeitslager einzuweisen und 150 Familien gen Osten zu deportieren. Noch im Frühjahr 1938 verschärften sich die Übergriffe nach nationalen oder ethnischen Kriterien. In den Erlassen des Politbüros des ZK der KP vom 31. Januar und 23. März 1938 wurden die Tätigkeiten von Polen, Litauern, Deutschen, Esten, Finnen, Griechen, Iranern, Chinesen und Rumänen – sowohl Ausländer als auch Sowjetbürger – in verantwortlichen Positionen und der Verteidigungsindustrie als „unnormal“ bezeichnet und eine „Säuberung“ veranlasst. Dieser fiel auch die deutsche Bevölkerung Bakus zum Opfer. Neben deutschen Fachkräften auf den Ölfeldern der Stadt wurden auch Wissenschaftler, Lehrer, Geistliche, Künstler und Studenten verfolgt und ermordet – darunter auch viele junge Helenendorfer, die sich zum Studium oder zur Arbeit in Baku aufhielten. Das Kapitel aserbaidschanischer Bürger deutscher Nationalität fand schließlich sein trauriges Ende als dem Ukaz vom 28. August 1941 über die Auflösung der Wolgarepublik im September/Oktober 1941 analoge Beschlüsse für Kaukasien folgten.16 Am 21. September 1941 kam es zunächst auf der Grundlage des Außerordentlichen Erlasses des Staatlichen Verteidigungskomitees der UdSSR Nr. 698 zur Räumung in den Gebieten Krasnodar, Ordžonikidze und Stavropol’, 129.776 Personen deutscher Abstammung mussten ihre Heimat in Richtung Mittelasien verlassen. Ihnen folgten die 2.415 Deutschen aus Nordossetien, 819 aus Tschetscheno-Inguschetien, 7.306 aus Dagestan sowie die 5.843 deutschen Einwohner Kalmykiens. Die Gesamtzahl der Deportierten deutscher Herkunft aus Nordkaukasien beläuft sich demnach auf 192.692 Männer, Frauen und Kinder. In Südkaukasien vollzog sich die Vertreibung auf Grundlage des Erlasses Nr. 744 des Staatlichen Verteidigungskomitees vom 8. Oktober 1941. Als Räumungsfrist wurde der Zeitraum vom 15. bis 30. Oktober 1941 festgesetzt. Der Erlass besagte: „Auszusiedeln sind 23.580 [Deutsche] aus Georgien, 22.741 aus Aserbaidschan, 212 aus Armenien.“17 Damit kam aus den drei südkaukasischen Sowjetrepubliken ein weiteres Kontingent von insgesamt 46.533 Deutschstämmigen hinzu, die innerhalb von wenigen Tagen ihr verbliebenes Vermögen sowie ihre Rechte als Sowjetbürger verloren. Über Baku und das Kaspische Meer und dann weiter in Viehwaggons über Krasnovodsk nach Kasachstan abtransportiert, wagten sie – soweit am Leben geblieben – einen Kampf ums Überleben in der Fremde. Hunger, Krankheiten, Zwangsarbeit für Männer und Arbeitslager für Frauen sowie zwölf Jahre Kommandantursystem prägten eine ganze Generation. Tausende bezahlten diesen Gewaltakt mit ihrem Leben, bis heute sind die Schicksale der zerrissenen Familien nicht restlos aufgeklärt oder Betroffene lei16 17 Vgl. Bugaj, N. F. (Hg.): Iosif Stalin – Lavrentij Berii: Ich nado deportirovat’. Dokumenty, fakty, kommentarii, Moskva 1992; ders.: Repressirovannye narody Rossii: čečency i inguši. Dokumenty, fakty, kommentarii, Moskva 1994. Eisfeld, Alfred/ Viktor Herdt (Hg.): Deportation, Sondersiedlung, Arbeitsarmee. Deutsche in der Sowjetunion 1941 bis 1956, Köln 1996, S.104 ff. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
DIE ZERSCHLAGUNG DER GENOSSENSCHAFTLICHEN ORGANISATION 135 den an Spätfolgen.18 Damit teilten die einstigen Einwanderer das bittere Los anderer kaukasischer Gemeinschaften, die den Exzessen von Vertreibung und Vernichtung des totalitären Regimes unter Stalin ausgesetzt waren. 18 Vgl. die literarische Verarbeitung des Schicksals einer kaukasusdeutschen Frau durch Arnold Reber in seinem noch zu wenig beachteten Roman „Die Namenlose“ (Hanau 1998). https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
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Der Terror gegen die deutschen Bewohner Aserbaidschans durch GPU und NKVD in den 1930er Jahren1 Mamed Džafarli In den 1920er Jahren bestand die Strategie des ZKs der Kommunistischen Partei Aserbaidschans, die deutschstämmige Bevölkerung des Landes von der Notwendigkeit des Kommunismus zu überzeugen, noch darin, mithilfe der deutschen Sektion propagandistisch auf die Kolonisten einzuwirken. In den dreißiger Jahren lässt sich dagegen beobachten, wie die sowjetischen Organe sukzessive zu repressiven Methoden übergingen – ein Zeichen ihrer Hilflosigkeit angesichts des Scheiterns der Strategie der ideologischen „Bearbeitung“. In dieser Zeit führten die Bolschewiki die Sowjetisierung vor Ort mit Hilfe der Sicherheitsorgane der GPU und später des NKVD durch. Der vorliegende Aufsatz soll, auf Grundlage gesichteter Direktiven aus den Archiven des Ministeriums für Nationale Sicherheit (Milli Tǝhlükəsizlik Nazirliyi) der Republik Aserbaidschan (MTNA), einen Überblick über die Aktivitäten der für Verhaftungen, Verschleppungen und Morde verantwortlichen deutschen Abteilung der Sicherheitsorgane geben. Dazu wird zunächst auf Art und Umfang der gesichteten Dokumente eingegangen. Anschließend soll ein kurzer Überblick über die Organisation und die Aktionen von GPU und NKVD in Aserbaidschan gegeben werden. Abschließend werden einzelne von den Sicherheitsorganen „bearbeitete“ Fälle näher betrachtet. Die Frage nach dem Umgang mit der deutschen Minderheit Aserbaidschans taucht in verschiedenen Schriftstücken auf, wobei zwei Dokumententypen besonders häufig vertreten sind. Zum einen gab es umfangreiche Materialsammlungen zu einzelnen deutschen Siedlungen. Dort wurden Daten über ihre Bevölkerung zusammengeführt, verschiedene vermeintlich „antisowjetische Gruppierungen“ benannt sowie die „aktivsten Konterrevolutionäre“ aufgelistet. In solchen Bänden befinden sich auch Richtlinien aus Moskau, die die Notwendigkeit einer verstärkten Arbeit unter den Deutschen betonen und Vorgehensweisen aufzeigen, sowie Direktiven der Zentrale über die Besonderheiten der Arbeit mit der deutschen Bevölkerung. Zudem existieren konkrete Strafsachen gegen Einzelpersonen. Tatsächlich ist es die am häufigsten vorzufindende Dokumentengruppe. Während der Recherche und Analyse der Dokumente traten zahlreiche Probleme auf. Dies hängt damit zusammen, dass sich alle Strafakten in einem einzigen Aktenbestand befinden – 1 Der Beitrag basiert auf den Forschungen des Autors zu seinem Buch: Političeskij terror i sud’by azerbajdžanskich nemcev, Baku 1998 (2003 auf Deutsch unter dem Titel erschienen: Politischer Terror und das Schicksal der aserbaidschanischen Deutschen). https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
138 MAMED DSCHAFARLI mit zehntausenden politisch Verfolgten darin. Eine alphabetisch geordnete Kartothek wiederum wurde in den dreißiger Jahren nur unvollständig zusammengestellt. Daher mussten aus den Akten akribisch mehrere Einzelfälle recherchiert werden. Für mein im November 1998 veröffentlichtes Buch Političeskij terror i sud’by azerbajdžanskich nemcev (Politischer Terror und das Schicksal der aserbaidschanischen Deutschen, vgl. Fußnote 1) konnte ich bereits 90 Strafsachen bearbeiten, mit denen sich das Schicksal von mehr als 500 Menschen rekonstruieren ließ. Die Anzahl der aufgedeckten Fälle hat sich seitdem fast verdoppelt. Die Strafverfahren wurden zwar offiziell mit einem Haftbefehl eröffnet, die Sicherheitsorgane konnten die Menschen aber auch einfach aus ihren Häusern verschleppen und erst danach die Arrestorder ausfüllen. In vielen Fällen finden sich Beschreibungen von Hausdurchsuchungen und der Beschlagnahmung von persönlichen Gegenständen, hauptsächlich Personalausweise, Mitgliedsbescheinigungen der Gewerkschaften, aber auch Briefe, Fotos, religiöse Literatur, Tagebücher, Uhren, Schuldverschreibungen und Geld. Nach der Beschreibung der Requisition findet sich in den durchgesehen Dokumenten ein persönlicher Fragebogen des jeweiligen Festgenommenen sowie Hinweise des Dorfsowjets zu den Familienangehörigen. Den größten Raum in den Akten nehmen jedoch die Befragungsprotokolle der Inhaftierten und der Zeugen ein. Schließlich existieren in den Beständen zahlreiche Anfragen von Verwandten aus den deutschen Siedlungen vor 1941, in denen darum gebeten wird, den Aufenthaltsort von Festgenommenen zu erfahren. Die überwiegende Mehrzahl dieser Anfragen wurde jedoch erst nach dem Ende der Stalin-Ära, insbesondere in der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre, verfasst, als es schon keine Deutschen in Aserbaidschan mehr gab. Diese Eingaben stammen von Deportierten aus verschiedenen Regionen Sibiriens und Zentralasiens, die sich nach dem Tode Stalins endlich Informationen über den Verbleib ihrer Verwandten erhofften. In den Akten wurden diese Anfragen gleich nach den Hinweisen über die Erschießungen der Inhaftierten in den dreißiger Jahren einsortiert. Organisation und Tätigkeitsbereiche der deutschen Abteilung der Sicherheitsorgane Noch in den 1920er Jahren waren die mit der Überwachung der deutschstämmigen Bevölkerung der Sowjetunion beauftragten Mitarbeiter in der für Ausländer zuständigen Abteilung der GPU organisiert. In den dreißiger Jahren wurde die Beobachtung der Deutschen aus dieser Abteilung herausgelöst. Mit ihnen beschäftigte sich ab jetzt eine Sonderabteilung, die ausschließlich für die deutschen Niederlassungen, Deutschstämmige, deutsche Staatsbürger sowie die diplomatische Vertretung des Deutschen Reiches in Tiflis zuständig war (das deutsche Konsulat in Baku war bereits 1926 geschlossen worden). https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
DER TERROR GEGEN DIE DEUTSCHEN BEWOHNER ASERBAIDSCHANS 139 Mit der aktiven Arbeit gegen die im zunehmenden Maße als Problem wahrgenommene deutsche Minderheit wurde die GPU Ende 1933 betraut. Die bisherige Politik des Versuchs der politischen Indoktrination wurde als wenig erfolgreich aufgegeben. Im Rechenschaftsbericht des NKVD für die Aserbaidschanische Sozialistische Sowjetrepublik (AzSSR) von 1935 heißt es dazu selbstkritisch: „Unsere konterrevolutionäre Arbeit in den deutschen Kolonien war schwach. Wir haben bis Ende 1933 keine ernsthafte Arbeit in den Kolonien betrieben.“2 Auf Grundlage von Direktiven aus Moskau wurde von der aserbaidschanischen Sektion der GPU nunmehr monatlich, manchmal auch nur quartalsweise, das Geheimdokument „Freies Memorandum über die deutsche Arbeit der aserbaidschanischen GPU“ (Svobodnyj memorandum po nemeckoj linii AzGPU) vorbereitet. Die historische Bedeutung dieser nach Moskau zurückgesandten Rechenschaftsberichte besteht darin, dass sich mit ihrer Hilfe die politische Situation in den deutschen Siedlungen Kaukasiens aus Sichtweise der sowjetischen Behörden nachvollziehen lässt. Außerdem werden hierin die Methoden der Sicherheitsorgane, ebenso wie die Haltung der Sowjetmacht zu bestimmten Ereignissen und Entwicklungen unter der deutschen Bevölkerung ausführlich beschrieben. In den Memoranda sind auch manche Parteidokumente überliefert, die im Archiv des MTNA nicht zu finden sind. Von 1933-1934 wurde die Arbeit der deutschen Abteilung der GPU in konkrete Themenfelder aufgeteilt, über die Moskau vierteljährlich ausführlich berichtet wurde: – „Das Generalkonsulat in Tiflis und die Beziehungen zu den Deutschen in der AzSSR“ – „Die deutsche Jugend und Emigrationsbestrebungen“ – „Personen, die ihre Ausbildung in Deutschland erhalten haben“ – „Die protestantische Geistlichkeit“ – „Die Deutschen Bakus“ – „Deutsche Staatsbürger im Land“ – „Die türkische Intelligenz Aserbaidschans mit deutscher Ausbildung“ – „Die Geheimdienstresidentur in der Kolonie Helenendorf“ Im Folgenden sollen auf Basis dieser Einteilung der GPU konkrete Operationen der Sicherheitsorgane gegen die deutsche Minderheit dargestellt werden. „Das Generalkonsulat in Tiflis und die Beziehungen zu den Deutschen in der AzSSR“ 1933 wurde an der Grenze zum Iran und der Türkei eine Operation durchgeführt, die der „Bericht der AzGPU über die Lage der Deutschen zum Stand vom 2 Archiv des Ministeriums für Nationale Sicherheit der Republik Aserbaidschan (MTNA), INV Nr. 665, s. 2. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
140 MAMED DSCHAFARLI 20.11.33“ (Doklad AzGPU o sostojanii po nemeckoj linii na 20.11.33 g.) als „Säuberung der Grenze“ bezeichnete. In diesem Zusammenhang fielen auch Deutsche aus den Siedlungen und aus Baku Repressionen zum Opfer. Dem Bericht zufolge wurden allein im März des Jahres 38 Deutsche wegen „Spionage und antisowjetischer Tätigkeit“ festgenommen, davon 16 Personen aus Baku und 22 aus den Siedlungen. Nach ihrem Verhör wurden 19 der Festgenommen verurteilt, die restlichen Personen jedoch aus Mangel an Beweisen freigesprochen.3 Die Verurteilten waren Vertreter der deutschen Intelligenz, die laut Memorandum „nationalistische Ideen propagierten und verdächtigt wurden, Beziehungen zum deutschen Konsulat in Tiflis und deutschen Organisationen zu unterhalten.“4 Das deutsche Generalkonsulat in Tiflis stand auch in den folgenden Jahren im Visier der GPU. 1934 sollten auf künstlichem Wege Kontakte zwischen einzelnen Kolonisten und dem Konsulat hergestellt werden, um diese dann als Beweise für vermeintliche subversive Tätigkeiten unter den Deutschen heranzuziehen. In einem der Rechenschaftsberichte von 1934 wird die Operation folgendermaßen beschrieben: „Durch unsere Mitarbeiter haben wir insgeheim den Kolonisten Gebel’ Rejchard gezwungen, zwei Briefe an die ‚Union der Deutschen im Ausland‘ (Sojuz nemcev za granicej) zu schreiben. Für den Versand dieser Dokumente wurde auch verdeckt die Bewohnerin der Kolonie Helenendorf Kifus Roza (Rosa Kühfuss – Anm. Hg.) verwendet, die durch das Konsulat ihrem Bruder in Deutschland – dem Emigranten Wilhelm Kifus – Abstammungsurkunden übersenden wollte.“5 Der deutsche Konsul in Tiflis, Carl Dienstman, übergab Roza Kifus 2.000 Rubel, als diese sich im Konsulat befand. Das Geld sollte der Hungerhilfe zu Gunsten der gerade aus den Wolgagebieten übergesiedelten Deutschen dienen. Bei ihrer späteren Verhaftung wurde der Kontakt und die Geldübergabe dann gegen die Kolonisten Rejchard und Kifus verwendet. Roza Kifus wurde 1937 inhaftiert und zu acht Jahren Freiheitsentzug verurteilt. Unter den Anklagepunkten fand sich auch ihr Kontakt zum Konsulat im Jahre 1934. Die Mitarbeiter des NKVD, welche den Fall untersuchten, verschwiegen dabei, dass eben diese Reise nach Tiflis von der GPU selbst provoziert worden war. In den Geheimdienstmaterialien wurde Konsul Carl Dienstman (1885-1962) als Person geführt, die von den Kolonisten „Informationen über die Lage in den Kolonien“ erhielt, was als Spionage gewertet wurde. Die gesamte Operation erhielt in den internen Dokumenten den Codenamen „Diplomaten“.6 Eine andere Operation mit der Bezeichnung „Mittler“ hatte Ebenfalls die Diskreditierung des Tifliser Konsulats und der kaukasischen Kolonistengemeinde zum Ziel. Im Jahre 1921 reiste der Helenendorfer Ėmil Ioganovič Fotteler (Votteler)7 3 4 5 6 7 MTNA, INV Nr. 652, s. 9. Ebd. Ebd., s. 12. Ebd. Ėmil Fotteler studierte in Karlsruhe Elektrotechnik und heiratete in Deutschland Meta Barth aus Tiflis, die in Freiburg, Tübingen und Berlin Zahnmedizin studierte. Beide hatten https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
DER TERROR GEGEN DIE DEUTSCHEN BEWOHNER ASERBAIDSCHANS 141 Abb. 29: Ausreisende Studierende aus Helenendorf (1920) nach Deutschland, um dort eine Lehre zu beginnen. Nach dem erfolgreichen Abschluss blieb er zum Arbeiten im Land und nahm die deutsche Staatsbürgerschaft an. Seine Mutter Elena Fotteler (Lena Votteler) geriet 1933 ins Visier der Geheimdienste, weil sie den Kontakt zu ihrem Sohn weiter pflegte. Man beschuldigte sie, mithilfe der deutschen Bürgerin Bard (Barth), die in Tiflis lebte, eine „illegale Verbindung“ über das dortige Generalkonsulat aufrechtzuerhalten. Elena Fotteler nutzte die Verbindung zu ihrem Sohn, um auch anderen Helenendorfern in Deutschland Unterstützung zu leisten, zum Beispiel indem sie Dokumente schickte, die für die Erlangung der deutschen Staatsbürgerschaft nötig waren. Im Jahr 1937 wurde sie verhaftet und als „Spionin des deutschen Geheimdienstes“ zum Tode durch Erschießen verurteilt. In den Jahren 1933-1934 wurden weitere Aktionen mit den Namen „Informanten“, „Družag“ und „Flüchtlinge“ mit ähnlichen Vorwürfen zur Anklage gebracht. Die übergroße Mehrheit der Verdächtigen wurde 1937-1938 erschossen oder zu langen Haftstrafen verurteilt. „Die deutsche Jugend und Emigrationsbestrebungen“ Auch die Ausreisebestrebungen junger Kolonisten standen im Fokus von GPU und NKVD. Ein solcher Fall wurde 1931 mit dem Titel „Die Sucher“ angelegt. In den Materialien wurden die verschiedenen Arten des illegalen Grenzübertritts deutscher Kolonisten und ihre Kontakte in Deutschland und Aserbaidschan gesammelt. In den Akten wird auch über den wachsenden Auswanderungswunsch innerhalb der deutschen Jugend berichtet. Im Jahr 1934 wurden 34 junge Kolonisten namentlich festgestellt, denen die Emigration aus der UdSSR gelungen war. Um dies in Zukunft zu unterbinden, wurden nunmehr Listen junger deutscher Kolonisten erstellt, die nach Geheimdienstinformationen Bereitschaft zeigsich über den ehemaligen Helenendorfer Arzt Dr. Wilhelm Kühfuß kennen gelernt. Nach Warnungen aus Helenendorf waren sie nicht nach Kaukasien zurückgekehrt, die Mutter bezahlte dies im Nov. 1938 mit dem Tode. – Anm. d. Hg. nach Informationen der Tochter von E. Votteler, Gisela Rasper. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
142 MAMED DSCHAFARLI ten, aus der Sowjetunion auszuwandern. Die Sicherheitsorgane versuchten auch, den Grund für diese Unzufriedenheit herauszufinden. Diesen erkannten sie in den inhumanen Bedingungen der kollektiven Arbeit, die von den heimgekehrten Kolonisten als „Sklavenarbeit“ bezeichnet wurde.8 Unter ihnen war auch Fric Gummel’ (Fritz Hummel), der 1930 verhaftet wurde. Über seine persönlichen Fluchtmotive äußerte sich Gummel bei der Vernehmung wie folgt: „Ich war fest entschlossen, mittels der Flucht der Zwangsarbeit zu entgehen. Sollte dies nicht gelingen, bin ich eher bereit ein Jahr im Gefängnis zu verbringen, als Zwangsarbeit zu verrichten.“9 In seiner Akte wurde dazu vermerkt: „Gummel Fric wird beobachtet. Wenn er versucht zu fliehen, wird er festgenommen.“10 Durch seinen Sohn konnte der Autor erfahren, dass Fric Gummel schließlich tatsächlich die Flucht gelang – er überquerte die Grenze zum Iran und konnte nach Deutschland fliehen. Ein weiter Fall mit der Bezeichnung „Sanftmut“ befasste sich mit den Auswanderungsabsichten junger Deutscher. Hier wurden Bewohner der Siedlung Annenfeld observiert und praktisch alle Beobachteten in den Jahren 1937 bis 1938 festgenommen. „Personen, die eine Ausbildung in Deutschland erhielten“ In den Materialien zur Operation „Konservative“ finden sich vor allem Hinweise auf Aktivitäten von Deutschen, die im Deutschen Reich studiert hatten und anschließend in die AzSSR zurückkehrt waren, um in den Kolonien, in Baku oder Kirovabad, dem heutigen Gǝncǝ, zu arbeiten. Insgesamt wurden 22 Personen observiert. Laut GPU ging von dieser Gruppe für die Allgemeinheit eine besondere Gefahr aus: „Die deutsche Intelligenz, welche ihre Ausbildung in Deutschland erhielt, spielt eine sehr wichtige Rolle bei der Propagierung der nationalistischen und deutschen Ideologie unter den deutschen Bauern Südkaukasiens.“11 „Die protestantische Geistlichkeit“ Dieses Sachgebiet wurde 1931 aus der Abteilung der GPU zum Kampf gegen „religiösen Vorurteile“ herausgelöst, wo bereits in den 1920er Jahren Materialien gegen die islamische Geistlichkeit gesammelt wurden. Mit Beginn der Ausgliederung wurden fünf Pfarrer unter Beobachtung gestellt, die in Baku und Umgebung arbeiteten. Gleichzeitig begann die GPU damit, „kompromittierende Materialien“ gegen sie zu sammeln. Aus diesen und anderen Geheimdienstberichten lässt sich eine gewisse Furcht vor dem Einfluss der Geistlichen auf die Gemein8 9 10 11 Ebd., s. 16. Ebd. Ebd. Ebd., s. 20. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
DER TERROR GEGEN DIE DEUTSCHEN BEWOHNER ASERBAIDSCHANS 143 Abb. 30: Letzte Kommunion 1936 (?) in Baku den ablesen: „Der Pfarrer der lutherischen Gemeinde von Baku, Gamberg Paul’, 1929 nach Baku gekommen, ist unter den Gottesdienstbesuchern populär. In letzter Zeit hat er daran gearbeitet, die Gemeinde zu aktivieren.“12 Laut den Informationen der GPU waren in der Bakuer Gemeinde über 1.757 Personen registriert. Im Jahre 1937 wurde Gamberg als „Mitglied einer Geheimdienstorganisation, die unter dem Deckmantel einer lutherischen Gemeinde operierte“ erschossen.13 Otto Vencel’ (Wenzel), Pfarrer der Gemeinde in Helenendorf, wurde erstmals 1930 verhaftet. Allerdings wurde er unter der Bedingung entlassen, dass er in der Siedlung prosowjetische Arbeit durchführt. Vencel’ war bis 1936, als er gezwungen wurde, Helenendorf zu verlassen, systematischen Verhören unterworfen. Er galt in der Gemeinde als eine Person mit hoher Autorität. Nach seiner Übersiedlung nach Baku, wo er als Deutschdozent an der Staatlichen Universität arbeitete, wurde er umfangreich von der zuständigen Abteilung des NKVD beobachtet. Der Pfarrer von Georgsfeld, Teodor Feller, wurde in den Akten der GPU ebenfalls als eine Person charakterisiert, die „Einfluss unter den Kolonisten besitzt und eine Glaubensmacht geformt hat.“14 Ähnliche Materialien wurden seit 1931 auch über den Pfarrer von Annenfeld, Ėmil’ Rejsch (Reusch), den Grünfelder Pfarrer Vil’gel’m Cimmer (Wilhelm Zimmer) und seinen Kollegen Robert Sept gesammelt. Die Dokumente von GPU und NKVD zeigen, dass 1930 und 1931 hochangesehene lutheri12 13 14 Ebd., s. 21. Džafarli: Političeskij terror, Baku 1998, S. 194. MTNA, INV Nr. 652, s. 21. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
144 MAMED DSCHAFARLI sche Geistliche in der AzSSR gezielt verhaftet wurden. Sie blieben mehrere Monate in Gewahrsam, wo mit ihnen „prophylaktische Gespräche“ geführt wurden. 1935-1937 fielen sie alle dem Terror des NKVD zum Opfer. Der letzte von ihnen war Otto Vencel’, er wurde 1941 erschossen.15 Nach 1937 galt die „Bearbeitung“ protestantischer Geistlicher für den NKVD als beendet. „Deutsche in Baku“ Für die GPU stellten die „Arbeiterviertel in den Außenbezirken von Baku mit ihren Deutschen aus dem Baltikum, aus Regionen der RSFSR und ehemaligen deutschen Staatsangehörigen“16 besondere Gefahrengebiete dar. Die GPU stellte zunächst systematisch Listen mit Deutschen auf, die in den Industriebetrieben Bakus arbeiteten. In den Notizen vom Juni 1934 heißt es: „Wir haben uns die Aufgabe gestellt, alle Deutschen in den Fabriken Bakus zu erfassen und unter ihnen energisch tätig zu werden.“17 Im gleichen Jahr begann die Observation von 1.000 Familien. Ende 1934 wurde von den Mitarbeitern der GPU eine Analyse der sozialen Zusammensetzung der deutschen Bevölkerung Bakus vorgenommen: „Die meisten neu angekommenen Deutschen arbeiten als Hilfsarbeiter. Deutsche, die intellektuelle Arbeit in den Schulen, in Krankenhäusern sowie als Ingenieure verrichten, sind autochthone Einwohner Bakus und stellen unter der deutschen Bevölkerung eine insgesamt geringe Zahl dar.“18 In den Berichten der GPU wurde in den Jahren 1932–1934 eine besondere Zunahme der deutschen Bevölkerung in und um Baku festgestellt. „Deutsche Staatsbürger“ Das Sachgebiet „deutsche Staatsangehörige“ der Sicherheitsorgane führte 1934 insgesamt nur 24 Besitzer eines deutschen Passes in der AzSSR. Allein 19 Personen lebten davon in Baku und arbeiteten hier in den Bereichen Öl, Eisenbahnwesen, Nahrungsmittelproduktion und in Kooperativen, im Gesundheits- und Bildungsministerium sowie als Hausangestellte.19 Die restlichen fünf Personen lebten in Kirovabad und den Kolonien und arbeiteten in der lokalen Verwaltung. Die Menschen, die diesem Personenkreis zugerechnet wurden, hatten meist schon vor der sowjetischen Eroberung Aserbaidschans in dem Land gelebt und die deutsche Staatsbürgerschaft in den Jahren 1920-1923 angenommen. In der vorsowjetischen Zeit waren viele von ihnen Eigentümer von Land oder Betrieben in Baku, Tiflis sowie den deutschen Siedlungen Südkaukasiens gewesen. 15 16 17 18 19 MTNA, PS 8843. MTNA, INV Nr. 652, s. 26. MTNA, INV Nr. 674, s. 1. MTNA, INV Nr. 652, s. 26. Ebd., s. 27. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
DER TERROR GEGEN DIE DEUTSCHEN BEWOHNER ASERBAIDSCHANS 145 Vielen gelang bis Mitte der 1930er Jahre die Emigration nach Deutschland, die Zurückgebliebenen fielen in den Jahren 1935-37 Repressalien zum Opfer. Ein weiteres „Objekt“ der Überwachung deutscher Staatsbürger durch die GPU waren 20 im November 1932 in Baku angekommene deutsche Matrosen. Sie hatten auf ausländischen Schiffen, die in verschiedenen sowjetischen Häfen vor Anker lagen, gestreikt und sich entschlossen, in der Sowjetunion zu bleiben. Allerdings änderte sich ihre Wahrnehmung der sowjetischen Wirklichkeit bereits nach weniger als einem Jahr Aufenthalt in Baku drastisch. In den Dokumenten der GPU ist dazu zu lesen: „Nach einem kurzem Aufenthalt der deutschen Seeleute in Baku wurde unter ihnen Unzufriedenheit mit ihrer materiellen Lage laut. Sie äußerten den Wunsch, nach Deutschland zurückkehren.“20 Weiter ist in den Dokumenten zu lesen, dass sie mit der Zeit eine offen antisowjetische Haltung entwickelt und begonnen hätten, mit Hilfe des deutschen Konsulats nach Deutschland heimzukehren. Sechs der Matrosen nahmen jedoch die sowjetische Staatsbürgerschaft an und wurden in die Reihen der Aserbaidschanischen Kommunistischen Partei aufgenommen. Sie bekamen zudem Arbeitsplätze in Fabriken, wurden jedoch weiter beobachtet. In der Folgezeit fielen einige von ihnen erneut unter den Verdacht, „antisowjetisch zu denken“, und wurden Opfer von Repressionen. „Die türkische Intelligenz Aserbaidschans mit deutscher Ausbildung“ Die Beobachtung des Teils der türkischen Intelligenz Aserbaidschans, der eine Ausbildung in Deutschland erhalten hatte, umfasste unter dem Codenamen „Orientalisten“ insgesamt 37 Personen. Alle waren in den 20er Jahren zum Studium nach Deutschland gegangen. Nach ihrer Rückkehr in die Heimat pflegten sie weiterhin ihre Kontakte nach Deutschland, manche freundeten sich auch mit Deutschen in Aserbaidschan an. Viele von ihnen, die in verschiedenen Wirtschaftsbereichen arbeiteten und zur allgemeinen ökonomischen Entwicklung beitrugen, waren seit Mitte der 1930er Jahre als „Spione Deutschlands“ und „Sowjetgegner“ Zwangsmaßnahmen unterworfen. Rekonstruierte Einzelschicksale Im letzten Abschnitt sollen einige der aus den Akten rekonstruierbaren Einzelschicksale vorgestellt werden, um die Folgen von Beobachtung, Verfolgung und Repression für Opfer und Angehörige nachvollziehbar zu machen. Im Jahre 1935 wurde von der dritten Abteilung der Leitung der Staatssicherheit des Inlandsgeheimdienstes (UGB NKVD) der AzSSR die Operation „Bucheinband“ eingeleitet. 20 Ebd., s. 30. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
146 MAMED DSCHAFARLI In den Unterlagen heißt es dazu: „Es wurde eine Gruppe von Deutschen aus dem Baltikum aufgedeckt. Sie sind untereinander verwandt, haben Kontakte zu ausländischen Unternehmen und arbeiten auch für sie.“21 Die Baltendeutschen unterhielten enge Beziehungen zum Generalkonsulat in Tiflis, um in den Besitz einer Staatsbürgerschaft Estlands oder des Deutschen Reiches zu gelangen, aber auch um den Kontakt zu Verwandten im Ausland aufrechtzuerhalten. Die meisten von ihnen waren noch vor der Sowjetisierung Aserbaidschans nach Baku übergesiedelt. Viele hatten eine Hochschulbildung und arbeiteten als hochqualifizierte Fachkräfte in verschiedenen Unternehmen, Schulen und medizinischen Einrichtungen Bakus. Fridrich Rikgof (Friedrich Rickhof) war einer von ihnen. Er wurde in Livland geboren, lebte seit 1917 in Baku und arbeitete dort als Dozent für Chemie und Mathematik am Maritimen Technikum. Später arbeitete er als Repräsentant der Gesellschaft Rustranzit im iranischen Pehlevi. Die Tschekisten charakterisierten ihr späteres Opfer als einen Menschen „mit einer hohen Allgemeinbildung und Kenntnissen in Geschichte, Chemie, Mathematik, Navigation, Schiffsbau usw. Seine Freizeitbeschäftigungen sind Philatelie und Photographie. Führt einen extensiven Briefwechsel mit Briefmarkensammlern anderer Länder.“ Ein weiterer Baltendeutscher namens Fridrich Pleger wurde als „alter Bakuer und führender Fachmann des Unternehmens Konkordija“ beobachtet. Diese Gruppe war für die Sicherheitsorgane von besonderer Bedeutung, denn sie unterhielt „Kontakte zu wissenschaftlichen Mitarbeitern und dem technisch-ingenieurwissenschaftlichen Personal“ Bakus. Mit ihrer vermeintlich „besonderen Zugeknöpftheit und äußersten Vorsicht im Gespräch“22 hoben sie sich für die Mitarbeiter des NKWD zudem zusätzlich von den anderen Deutschen ab. Die im Fall „Bucheinband“ Observierten wurden von August bis Dezember des Jahres 1937 verhaftet. Die meisten von ihnen wurden als angebliche Spione 1938 erschossen. Im gleichen Jahr wurden auch Aserbaidschaner Opfer von Repressionen, die als Dozenten und Professoren des Landwirtschaftlichen Instituts in Kirovabad Kontakte zu Deutschen hatten. Ihnen wurde antisowjetisches Verhalten und Landesverrat vorgeworfen. Die Zeit des Großen Terrors bedeutete auch für den NKVD der Aserbaidschanischen Sowjetrepublik einen Anstieg der politischen Verfolgungen und Verhaftungen. Bezüglich der Repressionen gegenüber der deutschen Minderheit des Landes sticht das Jahr 1937 besonders hervor. Im Oktober des Jahres eröffnete der NKVD den Fall „Deutsche Spionagetätigkeit im Rayon von Şamxor“. Ėdmund Ljuft (Luft), ein Lehrer der Kolchose Georgsfeld, wurde daraufhin verhaftet. Im Zuge des Verhörs wurde Ljuft gezwungen, sich der Anklage schuldig zu bekennen, er wäre vom deutschen Geheimdienst angeworben worden, um einen Aufstand der Deutschen von Georgsfeld und Annenfeld im Rayon Şamxor anzustiften. Ljuft nannte dabei acht Namen von Siedlern, die bereits früher unter Beobachtung des NKVD standen. Im November 1937 wurden sie verhaftet. Im Rechenschaftsbe21 22 Ebd., s. 3. Ebd., s. 5. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
DER TERROR GEGEN DIE DEUTSCHEN BEWOHNER ASERBAIDSCHANS 147 richt des NKVD ist in diesem Zusammenhang von der „Liquidation einer antisowjetischen Gruppierung“ zu lesen. Ljuft selbst wurde freigelassen und nach Baku in eine Behörde geschickt, um dort zu arbeiten.23 Hier knüpfte er Freundschaften mit Studenten, die aus den deutschen Siedlungen stammten und in den Hochschulen der Stadt studierten. Als Folge dieser Kontakte leitete der NKVD, der Ljuft weiter beobachtete, umgehend eine neue Untersuchung ein: die Liquidation einer angeblichen antisowjetischen Organisation deutscher Studenten. Im Oktober des Jahres beendete der NKVD in Kirovabad den Fall „Die Preußen“. Im Memorandum nach Moskau heißt es: „Durch unsere Abteilung wurde eine aufständisch-subversive Gruppe von Deutschen aufgedeckt, flüchtige ehemalige Kulaken aus Povolž’je [Wolgagebiet], die zu verschiedenen Zeitpunkten nach Aserbaidschan kamen und in Kirovabad sesshaft wurden.“24 In den Dokumenten wurden Namen der Bewohner des Dorfes Štal’ im Rayon Kukkus genannt, die 1929 nach Kirovabad gekommen waren. Aus ihren Biographien kann man erkennen, dass sie alle „Kulaken“ waren, die Eltern einiger wurden noch Ende der 1920er Jahre erschossen. Im Rechenschaftsbericht des NKVD heißt es: „Diese konterrevolutionäre Gruppe hat sich 1935 auf der Basis gemeinsamer politischer Überzeugungen formiert.“25 Ein ehemaliger Bewohner Helenendorfs, German Koejn (Herrmann Köhn), habe, als er nach Kirovabad übersiedelte, die Stimmung der aus der RSFSR Kommenden ausgenutzt und „diese flüchtigen Kulaken zu einer antisowjetischen Gruppe geformt“, so der Bericht. Im September 1937 wurden die Observierten verhaftet und verurteilt. Die Brüder Michail und Kondrat Lindergrin (Michael und Konrad Lindergrün) wurden erschossen, ebenso Iochan Klejn (Johann Klein). Die restlichen Angeklagten mussten acht bis zehn Jahre Freiheitsentzug verbüßen. Ebenfalls 1937 begann der NKVD mit Ermittlungen im Fall „Trotzkistische Emigrantengruppe“, wovon auch Deutschstämmige betroffen waren. Die Ermittlungen waren Teil eines anderen Falls, in dem gegen vermeintliche „georgische und aserbaidschanische Trotzkisten“ vorgegangen wurde. Beschuldigt wurden hierbei dutzende von Universitätsmitarbeitern der beiden Sowjetrepubliken. Einer der Anklagepunkte bestand in der Verbindung dieser Personen zu Deutschen. Der Fall wurde 1938 abgeschlossen, die Deutschen als Agenten ausländischer Mächte und die Aserbaidschaner und Georgier als Vaterlandsverräter diffamiert.26 Im Terrorjahr 1937 wurden noch dutzende anderer Fälle eröffnet. Abschließend soll an dieser Stelle nur noch eine Aktion des NKVD geschildert werden. Die Observation der deutschen Siedler in der Operation „Odessa“ begann noch in den 1920er Jahren in der heutigen Ukraine. Da die Mehrheit der Zielpersonen Anfang der dreißiger Jahre aus Odessa in die AzSSR übersiedelte, wurde der Fall 23 24 25 26 Ebd., s. 7. Ebd., s. 13. Ebd., s. 14. MTNA, INV Nr. 679, s. 24. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
148 MAMED DSCHAFARLI vom aserbaidschanischen NKVD weitergeführt.27 Ende 1937 wurden viele von ihnen verhaftet. Für die „gute Zusammenarbeit“ mit der für die Oblast Odessa zuständigen Abteilung des NKVD „revanchierten“ sich die aserbaidschanischen Tschekisten, indem sie ihnen Listen von Angehörigen von Zielpersonen schickten, die in und um Odessa lebten. In den Archiven ließ sich die russische Übersetzung eines Briefes eines der Opfer, des deutschen Lehrers Ėmanuil Petrovič Remich, (Emmanuel Remich) finden. Er wurde in der Siedlung Worms in der heutigen Ukraine geboren. Nach seiner Übersiedlung aus Odessa 1932 lebte er im aserbaidschanischen Georgsfeld. 1933 schickte er über einen Siedler als Mittelsmann einen Brief zu seinem Bruder, der als Pastor im sächsischen Frankenthal lebte. Das Schreiben wurde vom NKVD beschlagnahmt und als Beweismittel im Fall „Odessa“ verwendet. 80 Jahre danach lohnt es sich, den Brief in der deutschen Rückübersetzung erneut zu lesen. Die hier beschriebenen Geschehnisse können als exemplarisch für das Schicksal tausender deutschstämmiger Sowjetbürger bezeichnet werden: „Lieber Heinrich. Das Leben in Worms ist für mich wegen des Aufstandes von 1919 unmöglich geworden. Unsere heimische Kolonie wurde bis zur Unkenntlichkeit verunstaltet. Von den 2.400 Bewohnern blieben 1.600. In den letzten Jahren wurden 80 Familien nach Sibirien geschickt, die Mehrheit von ihnen ist tot. Auf den Straßen gehen bis zur Unkenntlichkeit abgemagerte Menschen. Die Totgeweihten wurden in Schubkarren zum Friedhof gefahren, da die noch Lebenden keine Kraft mehr hatten, diese zum Friedhof zu tragen, Pferde aber nicht gegeben wurden. Manche der Armen mussten selbst den Weg zum Friedhof gehen, in Erwartung des nahenden Todes. Zum Beispiel kann ich dir berichten, dass Jakov Mauch Martinovič verfaulte Tiere aß und eines Tages tot aufgefunden wurde, neben den Sandfelsen, in der Hand ein Stück Kadaver. Seine Kinder konnten ihn nicht auf dem Friedhof beerdigen, mussten ihn unter dem Sand vergraben. Hunde und Katzen waren ein Festmahl, deshalb findet man heute in der Ukraine keine Hunde. Unbeschreibliches haben Menschen erlebt, worüber ich dir vielleicht bei einem Treffen erzählen werde. Die Häuser unserer Bauern sind zu 50 Prozent zerstört. Die Häuser haben keine Dächer mehr, keine Fenster und Türen, bei den nach Sibirien Verbannten haben sie die Häuser einfach abgerissen, um einen sozialistischen Pferdestall zu bauen. Dieser Stall steht jetzt leer, da es kein Vieh mehr gibt. Das Vieh wurde im Zusammenhang mit der Kollektivierung vernichtet. In unserer Kolonie gab es vor dem imperialistischen Krieg [Anm. des Übersetzers: gemeint ist der Erste Weltkrieg] 3.000 Pferde, jetzt gibt es nur noch 140, von den 2.000 Kühen blieben nur 5, von den restlichen Tieren wie den Schafen und Schweinen usw. ganz zu schweigen. Die Straßen und Höfe sind mit Gras dermaßen zugewachsen, dass kaum noch Licht in die Zimmer dringt. Die obere Kolonie ist ein dichter Urwald geworden. Im Südkaukasus ist das Leben nicht besser als im Nordkaukasus, in der Ukraine oder im Wolgagebiet. Aber die Sowjetmacht ist auch hier erstarkt und spürt festen Boden unter den Füßen. Die Bauern werden aus ihren Häusern vertrieben, sie werden gezwungen in der Stadt zu siedeln. Der Terror ist dermaßen stark, dass die Menschen Angst haben, über ihre Probleme zu re- 27 MTNA, INV Nr. 670, s. 53. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
DER TERROR GEGEN DIE DEUTSCHEN BEWOHNER ASERBAIDSCHANS 149 den. Bei den Treffen hört man nur Glückwünsche. Bei Abstimmungen fragen sie, wer dagegen sei. Wenn sich solch einer findet, wird er sofort zum Verhör mitgenommen.“28 Ėmanuil Petrovič Remich wurde 1937 mit seiner Ehefrau und den Verwandten festgenommen, die in der Siedlung Annenfeld lebten. Man kann nicht abschließend sagen, wie viele Angehörige unterschiedlicher Volksgruppen genau in Lager oder in Gefängnisse geschickt oder erschossen wurden. Seit Jahren wird vom Autor und anderen nach den Opfern geforscht. Einer der Hauptgründe für die Schwierigkeiten bei der Recherche ist das oben bereits beschriebene fehlende Ordnungssystem der Kartothek der Opfer. Die Suche nach den Betroffenen wird in verschiedenen Archiven epochenweise durchgeführt, angefangen mit dem Jahr der Eroberung Aserbaidschans durch die Bolschewiki 1920. Die Repressionen erreichten in den Jahren 1937-1938 ihren Höhepunkt. Wenn man sich das Ausmaß des damaligen Großen Terrors vergegenwärtigen will, reicht es, die „Arbeit“ nur eines Tages zu betrachten, die von der Exekutionsabteilung in Baku durchgeführt wurde: Vom 28. auf den 29. Oktober 1937 wurden in der Stadt 263 Menschen erschossen. Unter ihnen waren Juden, Ukrainer, Russen, Armenier, Aserbaidschaner und Deutsche. Sie alle waren Opfer des NKVD. 28 MTNA, INV Nr. 670, S. 56. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
Teil III: Nachkriegsschicksale und Geschichtsaufarbeitung https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
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Russlanddeutsche in der Sowjetunion/ Russland und in der Bundesrepublik: Integration und Ausgrenzung in vergleichender Perspektive Viktor Krieger Die nach 1953 einsetzende allgemeine Liberalisierung in der UdSSR war durch intensivierte Bemühungen der Partei- und Staatsspitze gekennzeichnet, die deportierten ethnischen Gemeinschaften zu ihrer besseren Beeinflussung und Kontrolle stärker in das politische, soziale und kulturelle Leben der sowjetischen Gesellschaft zu integrieren. So verlangte der Beschluss des Präsidiums des ZK der KPdSU vom 29. Juni 1955 „Über Maßnahmen zur Stärkung der massenpolitischen Arbeit unter den Sondersiedlern“, das materielle und kulturelle Niveau der Sondersiedler zu heben und sie in die „aktive gesellschaftliche und politische Tätigkeit“ einzubeziehen. Dazu gehörte auch, Bestarbeiter aus ihrer Mitte auszuzeichnen, sie in die Partei aufzunehmen und Komsomolmitglieder mit politischer Arbeit zu betrauen. Die Sondersiedler durften nicht, so die Ermahnung der Moskauer Parteizentrale, als „Menschen zweiter Klasse“ behandelt werden.1 Für die deutsche Minderheit bedeutete der eingeschlagene politische Kurs eine eingeschränkte Orts- und Berufswahl, offener Zugang zur mittleren Schule und Fachausbildung sowie partielle Zulassung zum Studium an Hochschulen, vornehmlich im technischen, landwirtschaftlichen und pädagogischen Bereich. Im Gegensatz zu anderen ethnischen Gemeinschaften der Sowjetunion, wie beispielsweise den nordkaukasischen, verfügten sie jedoch nicht mehr über eine territoriale Eigenständigkeit im Sinne einer Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik (ASSR) – die 1941 aufgelöste Republik der Wolgadeutschen wurde auch nach dem Ende der repressiven Politik Stalins nicht wiederhergestellt. Eine geringfügige Berücksichtigung der kulturellen Eigenständigkeit der deutschstämmigen Bevölkerung durch die neue politische Führung äußerte sich jedoch in der Erscheinung der deutschsprachigen Zentralzeitung, der Ausstrahlung von Radiosendungen, der Einführung eines bescheidenen Muttersprachunterrichts und der Zulassung einiger Sing- und Tanzgruppen.2 Die partielle Wiedereingliederung der deutschen Minderheit erfolgte in erster Linie am Arbeitsplatz, da die sowjetischen Funktionsträger in Wirtschaft und Politik großen Wert auf die Nutzung der Arbeitskraft der Russlanddeutschen leg1 2 Artizov Andrej et al. (Hg.): Reabilitacija: kak eto bylo. Dokumenty Prezidiuma CK KPSS i drugie materialy. V 3-ch tomach. Tom 1. Mart 1953 – fevral’ 1956, Moskva 2000, S. 224227. Ausführlich hierzu im Kapitel: „Das verschwiegene Unrecht: Entstalinisierung und Teilrehabilitierung“, in: Krieger, Viktor: Vom russischen Kolonisten zum Bundesbürger: Grundlinien russlanddeutscher Geschichte (erscheint 2017). https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
154 VIKTOR KRIEGER ten. Letztere konnten durch ihre besonderen technischen und fachspezifischen Fertigkeiten, die sie während ihres harten Einsatzes in den Zwangsarbeitslagern erworben hatten, zu einem gewissen Grad die Anerkennung ihrer Arbeitskollegen gewinnen. Durch Einarbeitung, betriebliche Qualifizierung und die Möglichkeiten der Berufsschule gelang es nicht wenigen von ihnen, im Laufe der Zeit eine Fachausbildung zu erwerben. Nach der Aufhebung des Sonderregimes im Dezember 1955 waren zwar die formellen Beschränkungen weitgehend aufgehoben, aber viele unsichtbare Restriktionen blieben weiterhin wirksam. Eine anspruchsvolle berufliche Laufbahn, vor allem im geisteswissenschaftlichen und militärischen Bereich, war für Russlanddeutsche nach wie vor mit großen Hindernissen verbunden. Gleiches galt für die Besetzung von leitenden Positionen.3 Besonders nachteilig wirkte die verweigerte politische und administrativterritoriale Rehabilitierung, denn in der Sowjetunion war die politische Interessenvertretung und sprachlich-kulturelle Förderung einzelner Nationalitäten maßgeblich an das Vorhandensein einer territorialen Autonomie gebunden. Selbstverständlich konnte von einer realen Selbstverwaltung oder einer eigenständigen kulturellen Entwicklung in dem zentralistischen und planwirtschaftlich ausgerichteten Einparteienstaat der UdSSR keine Rede sein. Jedoch besaßen Angehörige einer Titularnation ungehinderten Zugang zu höheren Bildungsanstalten, berufliche Aufstiegsmöglichkeiten, muttersprachlichen Schulunterricht; sie durften die nationale Geschichte, Sprache und Kultur – wenn auch im sozialistischen Sinne – durch Eröffnung und staatliche Finanzierung von höheren Lehranstalten, wissenschaftlichen Forschungsinstituten, Theatern, Museen, Bibliotheken, Zeitungen und Zeitschriften, Verlagen und vielen weiteren Institutionen erforschen, pflegen und weiterentwickeln. Solche anerkannten Nationalitäten verfügten auch über gesicherte Repräsentanz im Partei-, Staats- und Wirtschaftsapparat auf unterschiedlichen Machtebenen, vor allem im Rahmen der eigenen Unions- beziehungsweise Autonomen Republik.4 Das Faktum der Absage der politischen und rechtlichen Rehabilitierung führte dazu, dass die deutschen Sowjetbürger nicht nur im Partei-, Staats- und Verwaltungsapparat, sondern auch in den Augen der benachbarten Völker weiterhin als Personen minderen Rechts galten, auf denen schwer der Vorwurf des Vaterlands3 4 „Über die Erfüllung seitens der Parteiorganisationen der Kasachischen Unionsrepublik des Beschlusses des ZK der KPdSU: Über die Maßnahmen gegen die Kampagne im Westen zur Lage der Bürger deutscher Nationalität in der UdSSR“, 17. Oktober 1985. In: Auman, Vladimir/ Valentina Čebotareva (Hg.): Istorija rossijskich nemcev v dokumentach (1762-1992 gg.), Moskva 1993, S. 200-211; Pörtner, Rudolf (Hg): Heimat in der Ferne. Deutsche aus Russland erinnern sich, Düsseldorf 1992, hier v.a die Erinnerungen von Anton Bosch, Otto Hertel, Nelli Kossko und Lore Schmidt. Das Standardwerk zu dieser Frage bleibt nach wie vor: Simon, Gerhard: Nationalismus und Nationalitätenpolitik in der Sowjetunion. Von der totalitären Diktatur zur nachstalinschen Gesellschaft, Baden-Baden 1986; für die Zwischenkriegszeit maßgebend: Martin, Terry: The Affirmative Action Empire: Nations and Nationalism in the Soviet Union: 1923-1939, Ithaca 2001. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
RUSSLANDDEUTSCHE IN DER SOWJETUNION UND IN DER BUNDESREPUBLIK 155 verrats lastete. Als sichtbare Vertreter derjenigen Nation, die gegen die Sowjetunion einen langjährigen, verlustreichen Krieg entfesselt hatte – der in der kollektiven Erinnerung der Sowjetbürger als „großer Vaterländischer Krieg“ eine zentrale, Identität und Gemeinschaftssinn stiftende Rolle einnahm und nach wie vor einnimmt –, fungierte diese Minderheit als bevorzugtes Ziel antideutscher Ressentiments der Nachbarn, Kollegen oder Vorgesetzten und musste daher besonders stark unter den moralischen und psychologischen Folgen leiden. Umso schwerer wog dieser Umstand, da der Dienst von Zehntausenden Russlanddeutschen in der Roten Armee vor und nach 1941, aber vor allem ihre Mobilisierung und der aufopferungsvolle Einsatz im Hinterland im Rahmen der sogenannten Trudarmija (Arbeitsarmee), in wissenschaftlichen und enzyklopädischen Werken, in musealen und künstlerischen Repräsentationen, in russischsprachigen Zeitungen und Zeitschriften oder im Fernseh- und Filmproduktionen jahrzehntelang bewusst ausgeblendet wurde. In einigen auflagestarken publizistischen und literarischen Werken kamen die „einheimischen Deutschen“ als moralisch fragwürdige, antisowjetisch eingestellte und dem russischen Volk und Staat abträgliche Personen vor.5 In der öffentlichen Wahrnehmung der poststalinistischen Gesellschaft traten die Russlanddeutschen überwiegend als Problem auf. Dies äußerte sich durch unzählige Beiträge in den Massenmedien und wissenschaftlich verbrämten Studien über das religiöse „Sektenunwesen“, dem eine große Zahl der „Sowjetbürger deutscher Nationalität“ angeblich verfallen sei. Auch warf man ihnen eine geringe gesellschaftliche Aktivität, Beziehungen zum Ausland und mangelnde sowjetpatriotische Gesinnung vor. Vor allem die Emigrationsbewegung wurde als Beweis der fehlenden Loyalität gegenüber dem sozialistischen Sowjetstaat angeführt.6 Man scheute sogar nicht davor zurück, den deutschen Baptisten, nach 5 6 Vor allem in den Berichten der Zeitzeugen wird dieser Umstand hervorgehoben, u.a. in: Mangold, Wandelin (Hg.): Die bitteren Äpfel von 1941, Alma-Ata 1991; Wolter, Gerhard: Die Zone der totalen Ruhe. Die russlanddeutschen in den Kriegs- und Nachkriegsjahren. Berichte von Augenzeugen, Augsburg 2003; siehe auch die Übersichtsdarstellung „Germanophobie im Russischen Reich und in der Sowjetunion“, in: Krieger, Viktor: Bundesbürger russlanddeutscher Herkunft: Historische Schlüsselerfahrungen und kollektives Gedächtnis, Berlin/ Münster 2013, S. 141-168. Als Beispiel sei auf eine Dissertation über das „Reaktionäre Wesen der Ideologie des gegenwärtigen Mennonitentums“ verwiesen – diese Freikirche bestand nur aus deutschen Gläubigen: Krestjaninov, Viktor: Reakcionnaja suščnost‘ ideologii sovremennogo mennonitstva, Tomsk 1964, die dann unter einem neutralen Titel in einer Massenauflage erschien: ders.: Mennonity, Moskva 1967. Den Geist der Zeit gibt eine Sammlung von Zeitungsartikeln über Ausreisebestrebungen und Religiosität der deutschen Bevölkerung in Kirgisien wider, die 1977 und 1979 mit einer Gesamtauflage von 25.000 Exemplaren erschien: Mify i dejstvitel’nost‘: stat’i, očerki, vospominanija, svidetel’stva očevidcev, Frunze 1979. Die kirchen- und deutschfeindliche Atmosphäre sowie administrative Schikanen und strafrechtliche Verfolgung sind anschaulich geschildert in Aufzeichnungen und Darstellungen der Betroffenen, vgl. Bachmann, Berta: Erinnerungen an Kasachstan. Erfahrungsbericht einer Russlanddeutschen, Gladbeck 1981 (B. Bachmann war die Frau des ev.luth. Pastors Eugen Bachmann in Akmolinsk/Zelinograd); Fast, Viktor/ Jakob Penner: https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
156 VIKTOR KRIEGER Abb. 31: Für schwere körperliche Arbeit wurden die Russlanddeutschen in den sowjetischen Medien oft gelobt. Ein Beitrag aus der Propagandazeitung „Neues Leben“ (Moskau) aus dem Jahr 1965 dem Muster der antisemitischen Ritualmordlegenden, Menschenopfer zu unterstellen.7 Dieses negative Fremdbild und das vorsätzlich erzeugte Klima der Diffamierung konnten indes regelmäßig erscheinende Berichte über erfolgreiche deutsche Kolchosvorsitzende, Traktoristen oder Schweinezüchterinnen, die beispielhafte Arbeitsleistungen vorwiesen, kaum ändern. Reaktionen auf Diskriminierung und staatliche „Eingliederungsangebote“ Nach der Aufhebung der Kommandanturaufsicht Anfang 1956 reagierten die Russlanddeutschen auf die staatliche Diskriminierungspolitik, aber auch auf unterbreitete Angebote der Parteiaufnahme, des Hochschuleintritts oder auf gewisse Karrierechancen für „Assimilationswillige“ durchaus nicht einheitlich. Idealtypisch lassen sich insgesamt vier Gruppen unterscheiden, die auf solche Systemzwänge mit bestimmten Verhaltensmustern reagieren. 7 Wasserströme in der Einöde. Die Anfangsgeschichte der Mennoniten-Brüdergemeinde Karaganda. 1956-1968, Steinhagen 2007, v.a. S. 169-240 sowie Epp, Petr: 100 let pod pokrovom Vsevyšnego. Istorija Omskich obščin EChB [evangel’skich christian-baptistov] i ich ob”edinenija. 1907-2007, Omsk/ Štejnhagen 2007, v.a. S. 329-342, 355-430. Ein konkreter Fall dieser Art geschah 1962 im Gebiet Karaganda. Die Eltern der als vermisst erklärten Lena Klassen wurden in der örtlichen Presse beschuldigt, dass sie ihre Töchter aus religiösem Fanatismus geopfert hätten. Später stellte sich heraus, dass dies die Tat eines mehrfachen Sexualmörders war, aber die Aufklärung der Bevölkerung und eine Entschuldigung bei den Eltern hinsichtlich der vorangegangenen Verleumdungen blieben aus. Zitiert nach: Fast/ Penner, Wasserströme, S. 180. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
RUSSLANDDEUTSCHE IN DER SOWJETUNION UND IN DER BUNDESREPUBLIK 157 Tab. 1: Rolle und Bedeutung einzelner Faktoren bei verschiedenen idealtypischen Gruppen der deutschen Bevölkerung Gruppen Oppositionelle Traditionalisten Integrierte Assimilierte Faktoren Enge Beziehungen zu Verwandtschaft, Gemeindemitgliedern und Landsleuten + + 0 --- Deutsche Sprache, traditionelle Kultur + + 0 --- Sowjetrussische Kultur --- 0 + + Mononationale Ehen + + 0 --- Religiosität + + --- --- Politischer Konformismus --- 0 0 + Emigration + 0 --- --- Territoriale Autonomie --- 0 + --- + hohe /positive Rolle (große Bedeutung, wird unterstützt) 0 indifferente Rolle (wenig Bedeutung, wird geduldet) --- niedrige /negative Rolle (keine Bedeutung, wird abgelehnt) Zum einen handelte es sich um die Gruppe der „Oppositionellen“. Die weitgehende Diskriminierung löste bei einem nicht unbeträchtlichen Teil der Deutschen eine Protesthaltung aus, die sich in unterschiedlichen Formen äußerte, wobei die folgenreichste sicherlich die Aussiedlungsbewegung war. Der Entschluss, das Heimatland zu verlassen, fiel den Betroffenen umso leichter, da die sowjetische Regierung durch die Enteignungs- und Verbannungspolitik seit Ende der 1920er Jahre die einst fest verwurzelten deutschen Landwirte oder Handwerker systematisch zu mittellosen Proletariern herabgesetzt hatte. Das zeichnete in erster Linie die so genannten Administrativumsiedler aus, vornehmlich Schwarzmeerdeutsche, die 1941 unter reichsdeutsche, beziehungsweise rumänische Besatzung gerieten und 1943-1944 in das völkerrechtswidrig annektierte Warthegau oder das Altreich umgesiedelt wurden. Fast allen hatte der nationalsozialistische Staat in dieser Zeit die deutsche Staatsangehörigkeit verliehen. Die Sowjetunion akzeptierte diese Sammeleinbürgerung nie und „repatriierte“ diese Menschen – insgesamt ca. 200.000 – größtenteils gegen ihren Willen. Die Bundesrepublik erkannte als Rechtsnachfolger des Deutschen Reiches diesen Personenkreis im Februar 1955 als „Deutsche im Sinne des Grundgesetzes“ an und schuf damit recht- https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
158 VIKTOR KRIEGER liche Voraussetzungen zu ihrer freiwilligen Rücksiedlung und sozialen Eingliederung.8 Nach der Befreiung aus der Zuständigkeit des Innenministeriums und der Aufhebung des Sondersiedlerstatus zogen die meisten „Repatriierten“ seit Mitte der fünfziger Jahre in die südlichen Gebiete Kasachstans und in andere zentralasiatische Unionsrepubliken, vor allem nach Kirgisien und Usbekistan. In dieser Region fanden sie ähnliche klimatische Bedingungen wie in ihren früheren Heimatorten und konnten vertrauten Beschäftigungen, wie dem Wein- oder Gemüse- und Obstanbau – zumindest im Rahmen der privaten Nebenwirtschaft – nachgehen. Selbiges taten auch viele Vertreter der anderen ethnoregionalen Gruppen, wie ehemalige südkaukasische Schwaben oder Krimdeutsche, die zu einem überwiegenden Teil ebenfalls langfristig die Ausreise anstrebten.9 Allein in Kasachstan stellten bis August 1987 laut amtlicher Angaben 79.146 erwachsene Personen mit minderjährigen Familienangehörigen einen Antrag auf Übersiedlung in die Bundesrepublik Deutschland; um die 30.000 waren es bis 1981 in Kirgisien.10 Sie standen unter besonderer Beobachtung des KGB und hatten wenig Aussicht auf ein Studium oder einen beruflichen Aufstieg. Viele von ihnen waren zudem Mitglied in kirchlichen Gemeinden, was ihnen zusätzliche Schwierigkeiten im atheistischen Sowjetstaat bereitete. Laut behördlichen Angaben stellten die Deutschen in Kirgisien in den registrierten kirchlichen Gemeinden 72 und bei nichtregistrierten 83 Prozent der Mitglieder, bei einem gerade mal dreiprozentigen Anteil an der Republikbevölkerung. In Kasachstan waren ca. 20 Prozent der insgesamt erfassten Gläubigen Nachfahren deutscher Siedler, bei einem Anteil von nur 6 Prozent an der Gesamtbevölkerung des Landes.11 In diesem Milieu verhielten sich die Menschen kritisch zur sowjetischen Gesellschaftsordnung und kommunistischen Ideologie; in den Familien und Gemeinschaften wurde zudem Wert auf den Erhalt der Muttersprache und der deutschen Alltagskultur gelegt. Quantitativ 8 9 10 11 Fleischhauer, Ingeborg: Das Dritte Reich und die Deutschen in der Sowjetunion, Stuttgart 1983; Bergmann, Wilfried/ Jürgen Korth/ Burkhardt Ziemske: Deutsches Staatsangehörigkeits- und Passrecht, 1. Bd.: Staatsangehörigkeitsrecht, Teil 1. Praxishandbuch unter Berücksichtigung der Aussiedlerfragen, Köln u.a. 1995. Vgl. hierzu einige Sammelbände mit Zeitzeugenberichte: Reitenbach, Edgar (Hg.): Vom Kaukasus nach Kasachstan: deutsche Dörfer und Schicksale in Erinnerungen und Bildern, in 3 Bänden, Dortmund 2004-2007; Reitenbach, Edgar: Vom Kaukasus auf Umwegen zum Rhein. Aus dem Leben eines Aussiedlers, Dortmund 2009. „Beratung der verantwortlichen Vertreter von Partei-, Sowjet-, Komsomol- und Administrativorganen in Kirgisien zur Frage der Überwindung der Emigrationsstimmungen unter den Sowjetbürgern deutscher Nationalität“, 30. November 1981. In: Iz istorii nemcev Kyrgyzstana: 1917-1999 gody. Sbornik dokumentov i materialov, Biškek 2000, S. 461-482, hier S. 467; Čilikova, Evgenija: K voprosu o podgotovke kadrov dlja nemeckojazyčnych sredstv massovoj informacii kak odnoj iz pričin migracionnych processov v 1986-1991 gg. (Po dokumentam Archiva Prezidenta Respubliki Kazachstan), Almaty 2001, S. 1 (unveröff. Manuskript). Iz istorii nemcev Kyrgyzstana, S. 466; Auman/ Čebotareva: Istorija rossijskich nemcev, S. 210. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
RUSSLANDDEUTSCHE IN DER SOWJETUNION UND IN DER BUNDESREPUBLIK 159 lässt sich auf Basis unterschiedlicher soziologischer und statistischer Angaben der Anteil „Oppositioneller“ an den deutschstämmigen Sowjetbürgern auf 15 bis 20 Prozent einschätzen. Bis Ende der 1980er Jahre stammten die meisten ausgereisten Russlanddeutschen aus diesem Personenkreis.12 Eine weit größere Gruppe unter der deutschen Minderheit stellten die sogenannten „Traditionalisten“ dar. Dazu gehörten in erster Linie Menschen, die sich größtenteils mit dem unabwendbaren Schicksal abgefunden und eine realistische Hoffnung auf historische Gerechtigkeit aufgegeben hatten. Sie richteten sich auf ein dauerhaftes und würdevolles Leben in Sibirien oder Kasachstan ein, verleugneten aber nicht die eigene deutsche Herkunft. Vor allem handelte es sich bei dieser Gruppe um Wolgadeutsche und Einwohner der Tochtersiedlungen in Sibirien und Nordkasachstan, die in der Regel keine direkten Verwandten in Westeuropa hatten. Gesellschaftlich betrachtet waren sie weder aktive Systemkritiker noch Regimeanhänger; sie traten in die Partei weniger aus Überzeugung als aus Pragmatismus ein, etwa wenn es eine Voraussetzung zum beruflichen Fortkommen darstellte. Nicht selten bekleideten sie untergeordnete Verwaltungsposten als Kolchosvorsitzende, Chefingenieure kleinerer Betriebe oder Abteilungsleiter. Sie versuchten, soweit möglich, eine „heimische“ – also in ihrem Sinne „deutsche“ – Atmosphäre im Familienkreis zu erhalten, träumten von der „guten alten Zeit“ in der einstigen Wolgarepublik, stellten in dieser Hinsicht aber eher selten direkte Forderungen an die staatlichen Instanzen. Gleichwohl stammten aus diesem Kreis tausende Unterstützer der Bewegung zur Wiederherstellung der Wolgarepublik der 1960er und 1970er Jahre.13 Wesentlich mehr Russlanddeutsche unterschiedlicher Altersgruppen engagierten sich 1989-1991 in der Massenbewegung „Wiedergeburt“, die bis zu 100.000 Mitglieder in diesen Jahren zählen sollte, und hofften mit der Ausrufung der nationalen Autonomie eine sichere und dauerhafte Zukunftsperspektive als gleichberechtigte Volksgruppe im sowjetischen (russländischen) Vielvölkerstaat zu bekommen.14 Resigniert von dem massiven und geschlossenen Widerstand der ortsansässigen russischen Bevölkerung, die auf dem Territorium der vormaligen 12 13 14 Eine knappe Übersicht der Aussiedlungsbewegung nach 1955 erfolgt in: Krieger: Bundesbürger russlanddeutscher Herkunft, Kapitel „Resistenz und Protest in der Nachkriegszeit“, S. 123-140, hier S. 133-140. Vgl. hierzu beispielsweise die Erinnerungen von Fuchs, Thomas: Ein Leben unter dem Roten Stern, Frankfurt a. M. 1999, v.a. S. 124-129, 138-140 sowie die Zusammenstellung von Fuks, Viktor: Rokovye dorogi povolžskich nemcev. 1763-1993 gody. Istoričeskie fakty, Dokumenty. Obraščenija k vlastjam. Pis’ma. Vospominanija lic presleduemogo naroda, Krasnojarsk 1993, S. 123-191. Siehe hierzu die Beiträge des Themenheftes „Die deutsche Minderheit in der Sowjetunion“ der Zeitschrift Osteuropa, Nr. 1 (1996). Der Archivteil beinhaltet die ins Deutsche übersetzte Gründungsresolution, das Programm und Statut der Unionsgesellschaft „Wiedergeburt“ neben einem Appell an die nichtdeutsche Bevölkerung des Wolgagebiets, S. A14A24. Aus der Perspektive eines Vorstandmitgliedes dieser Organisation: Dizendorf, Viktor: Proščal’nyj vzlet. Sud’ba rossijskich nemcev i naše nacional’noe dviženie, Moskva 1997. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
160 VIKTOR KRIEGER Abb. 32: Demonstration ausreisewilliger Russlanddeutscher am 31. März 1980 auf dem Roten Platz in Moskau. Aus der Broschüre „Aussiedler. Informationen zur politischen Bildung“ Nr. 267 (2000) von Alfred Eisfeld Abb. 33: Die Protestaktion und ihre Folgen: die mutige Teilnehmerin Alwina Fritzler durfte mit ihren Verwandten in die Bundesrepublik. Aus einem Faltblatt der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM), Dezember 1981 https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
RUSSLANDDEUTSCHE IN DER SOWJETUNION UND IN DER BUNDESREPUBLIK 161 Republik der Wolgadeutschen lebten, nahmen die „Traditionalisten“ die Auswanderung oft als „zweite Wahl“ wahr und stellten seit Anfang der 1990er Jahre das Gros der Rückwanderer. Ihnen im gewissen Sinne verwandt war die Gruppe der „Integrierten“, welche die Höchstgrenze von zehn Prozent aller Betroffenen wohl nicht überstieg. Dazu zähle ich vor allem die nationale Bildungsschicht, die praktisch die sowjetrussische Kultur verinnerlicht hatte und in ihr aufgewachsen war, aber ihre deutsche Herkunft nicht leugnete und Interesse an Sprache und historischen Überlieferungen der Volksgruppe artikulierte. Insbesondere der zahlenmäßig kleinste, aber intellektuell bedeutungsvollste Teil von ihnen, vor allem Literaten, Journalisten, Künstler, Lehrer, Wissenschaftler, Bibliothekare und Hochschullehrer, spielte in der nationalen Bewegung der Nachkriegszeit eine große Rolle. Aus ihrer Mitte kam der gewichtige Teil der Aktivisten der 1960er und späteren Jahre, die Eingaben und schließlich Delegationen nach Moskau sandten, um die Gleichberechtigung – in erster Linie die Wiederherstellung der Autonomie – zu erlangen.15 Zur Zeit der Perestroika waren die meisten „Integrierten“ aktive Befürworter der Wolgarepublik. Die Zusammensetzung des Gründungskongresses der nationalen Gesellschaft „Wiedergeburt“ im März 1989 zeigt, dass die treibende Kraft im Kampf für Gleichberechtigung die akademische Intelligenz war. Von den 135 Delegierten besaßen 84 eine Hochschulbildung, darunter waren 12 mit Doktortitel.16 Durch die Anerkennung als Titularnation einer künftigen territorialen Autonomie erhofften sie sich Chancengleichheit im harten Konkurrenzkampf um den Zugang zu den knappen gesellschaftlichen Ressourcen des Staates, wie beispielsweise Studienplätze, prestigeträchtige Posten und kulturelle Institutionen, sowie größere berufliche Aufstiegsmöglichkeiten. Enttäuscht von der Absage an eine vollständige Rehabilitierung, wanderten viele dann in den 1990er und späteren Jahren nach Deutschland aus, obwohl ihnen dort wohl die größten Probleme bei der Anerkennung ihrer Hochschulausbildung und der beruflichen Eingliederung bevorstanden. 15 16 Aufschlussreich sind Erinnerungen der Lehrer und Hochschuldozenten – Teilnehmer der ersten und zweiten Delegation der Vertreter deutscher Bevölkerung 1965, die in Moskau die Wiederherstellung der Wolgarepublik forderten: Bersch, Adolf: Zwischen Leiden und Hoffen. Das Schicksal eines Wolgadeutschen (Erinnerungen), Grünwald [1996], v.a. S. 193-214; Vormsbecher, Gugo: Protuberancy mužestva i nadežd (1-ja i 2-ja delegacii sovetskich nemcev v 1965 g.). In: Nemeckoe naselenie v poslestalinskom SSSR, v stranach SNG i Baltii (1956-2000). Materialy konferencii, Moskva 2003, S. 75-131; Warkentin, Johann: Russlanddeutsche – Woher? Wohin?, Berlin 1992, S. 102-150. Besonders wertvoll sind die seit 1959 erhalten gebliebenen und ins Deutsche übersetzten kritischen Eingaben an die zentralen Partei- und Sowjetorgane des bekannten wolgadeutschen Schriftstellers Hollmann, Dominik: Ausgewählte Prosa, Bd. II, Kamyschin 2001, S. 359-461. „Mitteilung der Mandatskommission, 31. März 1989“. In: Istorija rossijskich nemcev v dokumentach. Tom II. Obščestvenno-političeskoe dviženie za vosstanovlenie nacional’noj gosudarstvennosti (1965-1992), Moskau 1994, S. 87. Die zweitgrößte Gruppe bildeten Rentner mit 32 Personen; ferner gab es einige Arbeiter und Studenten. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
162 VIKTOR KRIEGER Abb. 34: Brief des wolgadeutschen Schriftstellers Dominik Hollmann vom 10.12.1966 an den Vorsitzenden des Ministerrats der UdSSR, Aleksej Kosygin. Aus dem Privatarchiv des Enkels des Schriftstellers Rudolf Bender, Hamburg https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
RUSSLANDDEUTSCHE IN DER SOWJETUNION UND IN DER BUNDESREPUBLIK 163 Die letzte hier vorzustellende idealtypische Gruppe möchte ich „Assimilierte“ nennen. In Anbetracht der Nachteile, denen Nachfahren eingewanderter Deutscher bis in die letzten Tage der Sowjetunion ausgesetzt waren, förderte ein Teil der Eltern – vor allem in den gemischtnationalen Ehen – die bewusste Entfremdung ihrer Kinder von der deutschen Sprache und der eigenen Herkunft. Viele in dieser Gruppe waren im kommunistischen Jugendverband Komsomol sowie in der Partei aktiv, machten Karriere, und betätigten sich als Propagandisten gegen Gläubige oder Ausreisewillige.17 Vom Staats- und Parteiapparat wurden sie als „Vorzeigedeutsche“ dargestellt. Oft ließen sie ihre Kinder im Inlandpass als Russen oder Ukrainer registrieren, um sie vor den Nachteilen einer deutschen Herkunft in der sowjetischen Gesellschaft zu schützen. Die mittlere und jüngere Generation war praktisch vollständig im russischen Milieu assimiliert. Heutzutage haben die gleichen Eltern und Großeltern umgekehrt gewaltige Probleme, ihren Kindern die Ausreise in die Bundesrepublik zu ermöglichen. Nach einigen Indizien können bis zu 15 Prozent der ehemaligen Sowjetbürger deutscher Herkunft der Kategorie „Assimilierte“ zugerechnet werden. Die Situation in der Russländischen Föderation nach 1991 Noch in Zeiten des Bestehens der UdSSR nahm der Oberste Sowjet der Russländischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik (RSFSR) am 26. April 1991, unter tatkräftiger Unterstützung des kurz danach zum ersten russländischen Präsidenten gewählten Boris El'cin das Gesetz „Über die Rehabilitierung der von Repressionen betroffenen Völker“ an. Es erklärte die während der Stalinzeit durchgeführten Deportationen, Einweisungen in Zwangsarbeitslager, Unterstellung unter die Kommandanturaufsicht – verbunden mit dem Status von Sondersiedlern als Personen minderen Rechts – sowie weitere diskriminierende Maßnahmen gegen eine Reihe ethnischer Gemeinschaften und Minderheiten, darunter auch gegen die eigenen Bürger deutscher Herkunft, für gesetzeswidrig und verbrecherisch. Die Angehörigen der betroffenen Ethnien und ihre Nachkommen wurden als Opfer des Stalinismus anerkannt und Russlands oberste Staatsgewalt versprach ihnen substanzielle Wiedergutmachung, darunter auch die Wiederherstellung der seinerzeit aufgelösten autonomen Territorien, was vor allem Deutsche und Krimtataren betraf.18 17 18 Mitglieder dieser Gruppe haben nur selten persönliche Zeugnisse verfasst, eine der wenigen Ausnahmen sind die Erinnerungen von Braun, Andrej: Moja žizn’: Avtobiografičeskie očerki, Almaty 2002. Braun war in der Nachkriegszeit der hochrangigste Parteifunktionär aus der Mitte der deutschen Minderheit, 1986-1991 bekleidete er den Posten des Ersten Sekretärs des Zelinograder Gebietsparteikomitees in Kasachstan. Seit 1998 lebt er als Aussiedler in Deutschland. Der Text in deutscher Übersetzung in: Informationsdienst „Deutsche in der Sowjetunion“, Nr. 4 (1991), S. 34-36. Vgl. auch den Artikel „Rehabilitierung“ in: Brandes, Detlef/ Holm Sundhaussen / Stefan Troebst (Hg.): Lexikon der Vertreibungen. Deportation. Zwangsaus- https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
164 VIKTOR KRIEGER Angesichts des massiven Widerstandes der russischen Einwohner, die in den Grenzen der einstiegen Wolgarepublik lebten, erteilte El'cin auf einer Kundgebung am 8. Januar 1992 im Gebiet Saratov den Autonomieplänen eine unmissverständliche Absage. Um den dadurch entstandenen negativen Eindruck im Inund Ausland zu mildern, unterzeichnete der Präsident am 21. Februar des Jahres den Ukaz „Über sofortige Maßnahmen zur Rehabilitierung der Russlanddeutschen“, in dem ein Nationalrayon im Gebiet Saratov und ein Landkreis im Gebiet Volgograd vorgesehen wurden. Allerdings existieren diese Vorhaben bis heute nur auf dem Papier. Durch die Wiederherstellung des Deutschen Nationalrayons „Halbstadt“ in der Region Altai im Juli 1991 und die Gründung des zweiten autonomen Rayons „Azovo“ in der Nähe der sibirischen Metropole Omsk im Februar 1992, versuchte die Moskauer Staatsführung die reale Wiederherstellung der Kollektivrechte dieser Opfergruppe des Stalinismus zu umgehen. Diesem Zweck dienen auch die staatlichen Bemühungen, die Lösung des russlanddeutschen „Problems“ im Zuge der national-kulturellen Autonomie und mit Hilfe zeitlich begrenzter finanzieller Sonderprogramme „vor Ort“ zu regeln. Seit 1997 sind dutzende regionale Kulturautonomien und hunderte nationale Begegnungszentren in Städten und auf dem Lande entstanden, die suggerieren sollen, dass die russlanddeutsche Bevölkerungsgruppe nunmehr umfassend rehabilitiert und somit den anderen russländischen Ethnien in allen Bereichen gleichgestellt sei.19 Allerdings sind sowohl die Kulturautonomien als auch die Nationalrayons in Sibirien mit keinen eigenen Befugnissen ausgestattet und somit nicht imstande, irgendwelche Interessen der deutschen Bevölkerung zu artikulieren oder gar durchzusetzen. Die Einwohnerschaft der beiden Rayons umfasst derzeit gerade einmal 4 Prozent aller deutschstämmigen Einwohner des Landes. Besonders für den urbanen und intellektuellen Teil der Deutschstämmigen – laut der Volkszählung von 2002 wohnten 56 Prozent von ihnen inzwischen in den Städten – bieten diese agrarisch strukturierten Landkreise keine Lebens- und Berufsperspektive.20 Vor allem die Ablehnung der territorialen Rehabilitierung, das heißt die verweigerte Wiederherstellung der 1942 gesetzwidrig liquidierten Wolgadeutschen Republik, birgt gravierende Nachteile, denn im Vielvölkerstaat Russland – wie auch in der einstigen Sowjetunion – ist die politische Interessenvertretung auf lokaler und föderativer Verwaltungsebene, die Förderung der eigenen Kultur und Sprache sowie das sozioökonomische Entwicklungspotenzial an das Vorhandensein eines „Stammterritoriums“ gebunden. Für die Vertreter der betroffenen Minoritäten bedeutet dies konkret, dass sie keine Abgeordneten in die Staatsduma 19 20 siedlung und ethnische Säuberung im Europa des 20. Jahrhunderts, Wien u.a. 2010, S. 539544. Siehe hierzu das Kapitel „Emigration, Selbstbehauptung oder Assimilation nach dem Zerfall der UdSSR“ in: Krieger: Vom russischen Kolonisten zum Bundesbürger. Auch die angestammte ländliche Bevölkerung wählte größtenteils den Weg der Übersiedlung in die Bundesrepublik: Klaube, Manfred: Der Deutsche Nationalkreis Halbstadt in Westsibirien. Probleme und Zukunftsperspektiven. In: Osteuropa, Nr. 9 (1999), S. 923-934. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
RUSSLANDDEUTSCHE IN DER SOWJETUNION UND IN DER BUNDESREPUBLIK 165 Abb. 35: Verfallene katholische Kirche in der einstigen wolgadeutschen Ansiedlung Marienberg, heute Oblast Saratov. (Quelle: www.panoramio.com/photo/ 35903328). Abb. 36: Innenansicht der ehemaligen Kirche in Marienberg, (Quelle: www.engls.ru/uploads/posts/2013-05/hramy/hram8.jpg). oder den Föderationsrat, das heißt in die beiden Kammern des russländischen Parlaments, entsenden können und somit von jedweder politischen Interessenvertretung ausgeschlossen sind. Für die Nachfahren der deutschen Einwanderer wird https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
166 VIKTOR KRIEGER also staatlicherseits kein zweisprachiger Schulunterricht aufgebaut, keine staatliche Universität unterstütz gezielt ihre akademische Bildung, es existiert weder ein staatliches Museum oder Dokumentationszentrum zur Pflege des historischen und kulturellen Erbes noch ein Forschungsinstitut zur Geschichte, Kultur und Sprache der Russlanddeutschen. Es werden keine deutschen Theater, Zeitschriften, Bibliotheken, Fernseherkanäle oder Kunstgalerien eröffnet und dauerhaft finanziert. Während solche bildungsrelevanten, kulturellen und identitätsstiftenden Einrichtungen für viele anerkannte nationale Minoritäten der Russischen Föderation Realität sind, werden sie der deutschen Minderheit bewusst vorenthalten. Folgerichtig bestätigte der 2002 durchgeführte Zensus, dass der gegenwärtige Bildungsstand der deutschen Minderheit mit 103 Akademikern auf 1.000 Personen noch weit unter dem Landesdurchschnitt von 157 liegt. Für dieses Ergebnis sind direkte Diskriminierungen in der Vergangenheit und strukturelle Benachteiligungen einer nicht autonomisierten Volksgruppe in der Gegenwart verantwortlich.21 Dass dies auch heute noch zu Protesten führt, zeigt exemplarisch ein offener Brief an Präsident Vladimir Putin, der während der Feierlichkeiten in Saratov zum 250. Jubiläum des Einladungsmanifestes der Kaiserin Katharina II. von den teilnehmenden Organisationen – unter anderem der Föderalen Nationalen Kulturautonomie der Russlanddeutschen (FNKA) – verfasst wurde. Im Schreiben wird die nicht vollständig durchgeführte Rehabilitierung der deutschen Minderheit bemängelt, auf das Scheitern der früheren Anläufe aus den Jahren 1965 und 1988-1989 hingewiesen und um einen Termin für den Empfang einer repräsentativen Delegation gebeten. Angesichts der finanziellen und vor allem politischen Abhängigkeit dieser Vereinigungen vom russländischen Staat, dessen Vertreter jegliche Diskussion um die Frage der Wiederherstellung der Wolgarepublik äußerst negativ beurteilen, ein bemerkenswerter Vorgang.22 Die bisher begangene unvollständige Rehabilitierung wirkt sich auch in anderer Hinsicht hochgradig negativ aus: bis heute gibt es in der Russländischen Föderation kein zentrales Mahnmal für die Opfer der Deportationen und Lagereinsätze, es existiert keine einzige Gedenkstätte auf dem Gelände eines ehemaligen Zwangsarbeiterlagers. In den Jahren ihrer Herrschaft sind die wechselnden russischen Präsidenten und Regierungschefs Vladimir Putin und Dmitrij Medvedev kein einziges Mal auf das Schicksal ihrer deutschen Landsleute eingegangen. Die 21 22 Errechnet nach: Vserossijskaja perepis‘ naselenija 2002 goda. Tom 4. Nacional’nyj sostav i vladenie jazykami, graždanstvo. Otdel 10. Naselenie otdel’nych nacional’nostej po vozrastnym gruppam, polu i urovnju obrazovanija (www.perepis2002.ru/index.html?id=17); siehe auch: Krieger, Viktor: Glasperlen für Eingeborene oder: Welche Ziele verfolgt das neue Föderale Zielprogramm [Entwicklung des sozial-ökonomischen und ethnokulturellen Potentials der Russlanddeutschen in den Jahren 2008–2012]? (www.ornispress.de/glasperlen-fuer-eingeborene.593.0.html, letzter Abruf am 12.12.2016). „Appell der Russlanddeutschen an den Präsidenten Vladimir Vladimirovič Putin, anlässlich des 250. Jahrestages des Manifestes der Kaiserin Katharina II.“, 19. Juli 2013 (www.russdeutsch.ru/Nachrichten/5020, letzter Abruf am 15.12.2016). https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
RUSSLANDDEUTSCHE IN DER SOWJETUNION UND IN DER BUNDESREPUBLIK 167 Abb. 37: Kundgebung in der ehemaligen Hauptstadt der Wolgadeutschen Republik, Engels, Oblast Saratov, 1991, entnommen den Beständen des Virtuellen Museums des GULag (www.gulagmuseum.org). Kremlführung meidet jede Teilnahme oder einen Ausdruck des Mitgefühls zu dem in Deutschland am 28. August, anlässlich der Unterzeichnung des Deportationserlasses durch Stalin im Jahr 1941, begangenen „Tages der Russlanddeutschen“. Das zum 70. Jahrestag der Auflösung der Wolgarepublik und der nachfolgenden Verbannung in Engels, der einstigen Hauptstadt der Republik im heutigen Oblast Saratov, errichtete Denkmal wurde ausschließlich aus privaten Mitteln finanziert. Die beiden Staats- und Regierungschefs blieben dessen Einweihung im August 2011 fern. Die ausgebliebene Wiederherstellung der deutschen Autonomie wird in der russischen Gesellschaft nicht selten als manifeste Bestätigung ihrer vermeintlichen Schuld gedeutet. Auch dieser Umstand schürt offene und unterschwellige „Germanophobie“ und führt zu Verharmlosung der an den sowjetischen Bürgern deutscher Nationalität begangenen Verbrechen. Aufnahmebedingungen und Integration in Deutschland Die Bedingungen für deutsche Bürger der Sowjetunion waren in der Bundesrepublik grundsätzlich andere als im Vielvölkerimperium. Die Maßnahmen staatlicher sowie zahlreicher religiöser und wohltätiger Organisationen richteten sich auf die Unterstützung der Bemühungen der übergesiedelten Russlanddeutschen https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
168 VIKTOR KRIEGER zu einem schnellstmöglichen Einleben in die bundesdeutsche Gesellschaft: Entschädigungszahlungen, Sprachkurse, Wohnungsbereitstellung, medizinische Versicherung, finanzielle Unterstützung von Umschulungsprogrammen, Rentenanpassung usw. Als Garantie der rechtlichen Gleichstellung wurde die Bestätigung, beziehungsweise die Verleihung der deutschen Staatsbürgerschaft angesehen. Die Ausweitung der Aussiedlungsoption faktisch auf die gesamte Minderheit war ein Zeichen der Solidarität und Wiedergutmachung für das erlittene Unrecht, da der von Deutschland begonnene Krieg einen Vorwand für die Ausgrenzung und Verfolgung dieser Menschen lieferte.23 Bei aller Wichtigkeit der formal-rechtlichen Gleichstellung hing das Tempo der realen Anpassung an die Aufnahmegesellschaft von vielen Faktoren ab. Nicht zuletzt wirken die Erfahrungen der Sozialisation im einstigen Ursprungsland für das Individuum prägend. Bis Ende der 1980er Jahre war die Frage der Integration von Aussiedlern aus der UdSSR für die deutsche Gesellschaft lediglich von untergeordneter Bedeutung. Dabei spielte eine maßgebliche Rolle, dass die meisten Rückwanderer aus der Gruppe der sogenannten „Oppositionellen“ stammten. Eine gute Beherrschung der Muttersprache, ethnische Homogenität, die Ausbildung vornehmlich in qualifizierten Arbeiterberufen, Unterstützung seitens der vollständig integrierten Verwandten, die in diesem Land seit Mitte der 1940er Jahre lebten, eine hohe Religiosität, aufgrund der weit verbreiteten Mitgliedschaft in kirchlichen Gemeinden, verbunden mit einer positiven individuellen Motivation zur Integration und einer relativ kleinen Zahl der Rücksiedler – zwischen 500 und 10.000 pro Jahr – hatten bereits der ersten Generation ermöglicht, sich in der Bundesrepublik erfolgreich einzuleben. Schon damals riefen allerdings der sichtbare familiäre Zusammenhalt und die gegenseitige Hilfe lokaler Gruppen von Russlanddeutschen vor dem Hintergrund einer zunehmenden „Atomisierung“ der bundesdeutschen Gesellschaft nicht selten Unverständnis und manchmal auch Feindseligkeit der alteingesessenen Bevölkerung hervor. Der rapide Anstieg der Zahl der russlanddeutschen „Rückkehrer“ im Zuge der Lockerung des Familienzuzugs nach 1987, als Folge der fortschreitenden Liberalisierung der sowjetischen Innen- und Außenpolitik, führte einerseits zu einem immer restriktiver werdenden Umgang der bundesdeutschen Seite mit der Zuwanderung. Die bald folgende deutsche Wiedervereinigung forderte neben den umfangreichen finanziellen Ausgaben auch enorme Anstrengungen zur Integration von Millionen Bürgern der ehemaligen DDR. Der Untergang des sozialistischen Lagers und die Öffnung der Grenzen verursachten einen Massenandrang nach Deutschland. Allein aus Kasachstan kamen jährlich 114.000 (1992) bis 122.000 (1994) Aussiedler ins Land.24 23 24 Bergner, Christoph/ Matthias Weber (Hg.): Aussiedler- und Minderheitenpolitik in Deutschland. Bilanz und Perspektiven, München 2009. Zusammenstellung der Bundeszentrale für politische Bildung: Die soziale Situation in Deutschland, Zuzug von (Spät-) Aussiedlern und ihren Familienangehörigen, nach Her- https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
RUSSLANDDEUTSCHE IN DER SOWJETUNION UND IN DER BUNDESREPUBLIK 169 Zum anderen verkomplizierte sich bei den eingewanderten Russlanddeutschen der Prozess des Einlebens in die bundesdeutsche Gesellschaft. Dies betraf vor allem die weiter oben umrissenen Gruppen der sogenannten „Traditionalisten“ und „Integrierten“, die seit den 1990er Jahren nunmehr das Gros der sogenannten „Rücksiedler“ stellten. Verschiedene Faktoren führten zu bedeutenden psychologischen, wirtschaftlichen und sozialen Problemen in der „neuen Heimat“: Ungenügende Sprachkenntnisse; Schwierigkeiten, mit in der Sowjetunion populären Berufen wie „Mechanisator“ (Agrotechniker) oder „Agronom“ Anschluss an den deutschen Arbeitsmarkt zu finden; Nichtanerkennung von Hochschuldiplomen; Absinken des sozialen und beruflichen Status; noch größere Anpassungsschwierigkeiten der andersnationalen Ehegatten; die Situation getrennter Familien; die für ehemalige Dorfbewohner ungewohnte urbane Lebensweise usw. Dank der eigenen Entschlossenheit und beharrlichen Anstrengung, die sich besonders in der starken Orientierung auf Beschäftigung, auch in der Aufnahme von niedrigqualifizierten Arbeitsstellen äußert, verbunden mit der Unterstützung der Behörden auf Bundes-, Landes- bzw. Kommunalebene und der alteingesessenen Bevölkerung, ist das Gros dieser Neubürger inzwischen zu einem integralen Teil der deutschen Gesellschaft geworden. Dies lässt sich vor allem am Verhalten der nachfolgenden Generationen beobachten: Sie haben einerseits demokratische und rechtsstaatliche Grundwerte verinnerlicht und andererseits den Freiheitsdrang und die Selbstachtung ihrer Eltern und Großeltern bewahrt.25 Seit der zweiten Hälfte der 1990er Jahre erhöhte sich die Anzahl der sogenannten „Assimilierten“ unter den aus Russland nach Deutschland Ausgesiedelten. Ihre Entscheidung für die Auswanderung wurde in erster Linie deshalb getroffen, weil sie mit der wirtschaftlichen und sozialen Lage, die nach dem Zerfall der Sowjetunion entstand, unzufrieden waren. Ihre Motivation zur Integration in die ihnen fremde deutsche Kultur scheint geringer, sie verfügen meist nur über minimale Sprachkenntnisse, können die sozialistischen Einstellungen und Ansichten nur schwer überwinden, sind von der westdeutschen Realität in der Regel stark enttäuscht und sehnen sich nach der einstigen Heimat und den „goldenen Stagnationszeiten“ der Brežnev-Ära zurück. Für die „Assimilierten“ ist eine Rückwanderungsstimmung kennzeichnend. Die Jugendlichen erhielten in ihren Familien kaum eine realistische Orientierung für das Leben in der bundesdeutschen Gesellschaft und haben deshalb große Schwierigkeiten, die neuen Gegebenheiten zu akzeptieren und zu verinnerlichen. Offensichtlich wird die erfolgreiche Akkulturation dieser sowjetisch-russischen Aussiedler erst in den nachfolgenden Generationen gelingen. 25 kunftsgebieten, in absoluten Zahlen (www.bpb.de/nachschlagen/zahlen-und-fakten/soziale -situation-in-deutschland/61643/aussiedler, letzter Abruf am 12.12.2016). Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung (Hg.): Ungenutzte Potenziale. Zur Lage der Integration in Deutschland, Berlin 2009, S. 34-55. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
170 VIKTOR KRIEGER Es lässt sich festhalten, dass im heutigen Deutschland die Leidensgeschichte der Opfer kommunistischer Gewaltherrschaft nicht selten auf öffentliches Desinteresse stößt. Dies ist zum einen dem Umstand geschuldet, dass es den Russlanddeutschen auch in der Bundesrepublik an institutionell geförderten Museen, wissenschaftlichen Instituten, Archiven und Bibliotheken fehlt. Im Umgang mit Themenfeldern wie der „Geschichte der UdSSR“ oder „totalitären Diktaturen“ könnten ihre persönlichen Erlebnisse zum besseren Verständnis des Stalinismus, der menschenverachtenden Praxis des Terrors, von Zwangsarbeit, Verfolgung und Diskriminierung im sowjetischen Staat beitragen. Ebenfalls finden die historischen Erfahrungen der überlebenden Häftlinge und Zwangsarbeiter im gesellschaftlichen Diskurs und im Schulunterricht kaum Beachtung, obwohl sich im Lande bereits zehntausende ehemalige Insassen der sowjetischen Straf- und Arbeitslager befinden. Angesichts von 2,5 Millionen russlanddeutschen Bundesbürgern verschiedener Generationen, sowie der Tatsache, dass in vielen Gemeinden der Anteil der Schüler aus ebendiesen Familien bereits im zweistelligen Bereich liegt, stößt die andauernde Ignoranz auf immer größeres Unverständnis. Mehr noch, gewisse Massenmedien und Teile des gesellschaftspolitischen Spektrums entwickelten eine äußerst selektive Wahrnehmung der Realität, in der die Aussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion und Russland für die Bundesrepublik vornehmlich als ein Problemfaktor erschienen. In den Medien finden sich bei der Berichterstattung über Russlanddeutsche häufig abwertende Urteile und Schlagzeilen wie „ethnisch privilegierte Migranten“, „Ausreise als Folge einer gezielten Werbepolitik der Bundesrepublik in den Herkunftsländern“, „selbstgewählte Isolation“, „überdurchschnittliche Kriminalität“, „soziokulturelle Fremdheit in Deutschland“, „große Teile der Spätaussiedler werden kaum integriert sein“, „Stimmvieh für die CDU“ oder „das einzige, was sie gelernt hätten, sei Geld vom Staat einzufordern, mit dem sie sich dann Häuser bauen würden.“ Auch auf Fälle des politischen Populismus kann hier nur exemplarisch verweisen werden. So schürten etwa Oskar Lafontaine, der damalige Ministerpräsident des Saarlandes und Dieter Spöri, der baden-württembergischen Spitzenkandidat der SPD im Wahljahr 1996 Ängste vor Aussiedlern aus der einstigen UdSSR, in denen sie die Hauptgefahr für den heimischen Arbeitsmarkt entdeckt zu haben glaubten und versuchten, mit dieser populistischen Behauptung den Wahlkampf zu gewinnen. 2007 sorgte der Polizeipräsident aus Hannover, Hans-Dieter Klosa, mit seinem Vorschlag für Schlagzeilen, gegen vermeintlich besonders kriminelle russlanddeutsche Bundesbürger Polizisten aus Russland einzusetzen.26 Die Russlanddeutschen brachten die Lebenserfahrungen einer multinationalen und multikulturellen Gesellschaft nach Deutschland mit. Die Berücksichtigung dieser Erfahrungen kann Politikern, Behörden, Kirchen, zahlreichen Bür26 Sonderheft „Aussiedler in Deutschland“ der Gesellschaft für bedrohte Völker: Pogrom 4, Nr. 190 (1996); Krieger, Viktor: Mut zu einer unbequemen Solidarität, in: Bedrohte Völker – Pogrom 6 (251)/2008, S. 121-122. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
RUSSLANDDEUTSCHE IN DER SOWJETUNION UND IN DER BUNDESREPUBLIK 171 gerrechtsorganisationen und wohltätigen Verbänden sowie der deutschen Öffentlichkeit insgesamt helfen, mit den Fragen des interkulturellen Dialogs und der Migrationspolitik nüchtern und rational zu verfahren. Die deutsche Gesellschaft kann in ihrem, sich manchmal hervorhebenden Streben nach Paternalismus und Betreuung nur davon profitieren, Menschen in ihre Mitte aufzunehmen, die, geprägt durch Entbehrungen, politische Verfolgung und Erfahrungen staatlicher Gewalt, mehrheitlich auf eine allseitige Integration und positive Identifizierung mit dem aufnehmenden Land bedacht sind. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
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Historische und museumstheoretische Aspekte beim Aufbau eines Heimatmuseums zur Erinnerung an die Bewohner Göygöls/ Helenendorfs Janine Funke (geb. Noack)1 „[Das Heimatmuseum] hat eine gesellschaftspolitisch integrative Funktion. [Es ist] ein Ort historischer Aufklärung, welcher mit seinen spezifischen Mitteln dazu beiträgt, dass eine Atmosphäre von Toleranz [entsteht], die im Wissen und in der Akzeptanz unterschiedlicher Lebensweisen gegründet, bessere Formen des Zusammenlebens möglich [macht].“2 Cornelia Foerster nimmt damit auf die Eigenschaften eines Heimatmuseums Bezug und betont dessen Rolle in der Darstellung von Geschichte. Besonders die Reflektion lokaler Geschichte nimmt eine wichtige Stellung in der gesamthistorischen Betrachtung eines Landes ein. Lokale Geschichte steht zwar in einer Symbiose mit den Geschehnissen in einem Staat oder einer Region, unterliegt jedoch individuellen Entwicklungen, welche oft nur auf lokaler Ebene von Bedeutung sind. Diese lokale Geschichte erzwingt jedoch eine enge Auseinandersetzung mit der eigenen sozialen Umgebung und prägt damit die Identität der lokalen Bevölkerung. Die heutige Stadt Göygöl im Nordwesten Aserbaidschans wurde 1819 als Helenendorf von deutschen Aussiedlern aus Württemberg gegründet. Im Zuge der späteren Sowjetisierung des Landes und des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion wurden bis 1941 nahezu alle deutschen Siedler nach Zentralasien deportiert. Die zurückgelassenen Häuser bewohnten fortan überwiegend umgesiedelte Armenier. Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem Beginn des BergkarabachKonfliktes mussten die Armenier den Ort verlassen. Ihre Häuser bezogen nun zum großen Teil aserbaidschanische Flüchtlinge aus Armenien und Bergkarabach. Die Geschichte dieser verschiedenen Akteure eint das Erleben von Flucht, Vertreibung und Heimatverlust. Die Gestaltung eines Heimatmuseums, welches sich der Erinnerung an die Geschichte des Ortes annimmt und diese Themen reflektiert, könnte einen wichtigen Beitrag zur differenzierten Reflektion der persönlichen Erlebnisse der Bewohner und der Geschichte des Ortes leisten und damit eine Brücke zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft bauen. Der vorliegende Beitrag soll helfen, das Konzept einer möglichen Museumsgründung im Ort zu entwickeln. In diesem Zusammenhang werden zunächst grundlegende Fragen von Erinnerungskultur und Heimatvorstellungen erörtert 1 2 Die Autorin beschäftigte sich im Rahmen ihrer Bachelorarbeit mit dem Thema. Inzwischen liegen umfassende Konzepte der Museumsentwicklung und touristischen Inwertsetzung des deutschen Erbes in Aserbaidschan vor, die von der Herausgeberin wissenschaftlich begleitet werden. Foerster, Cornelia: Das historische Museum Bielefeld. In: Maynert, Joachim/ Volker Rodekamp (Hg.): Heimatmuseum 2000. Ausgangspunkte und Perspektiven, Bielefeld 1993, S. 46. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
174 JANINE FUNKE und auf den Umgang mit Geschichte und Museen in Aserbaidschan eingegangen. Die gewonnenen Erkenntnisse sollen anschließend in die Skizzierung eines Konzeptionsentwurfes für ein Heimatmuseum in Göygöl einfließen. Göygöl und seine Geschichte Die deutsche Siedlungsgeschichte in der Stadt Göygöl bildet die Grundlage für die Projektierung eines derartigen Museums und soll an dieser Stelle kurz beleuchtet werden. Im Zuge der Napoleonischen Kriege (1799-1812) war sowohl die ökonomische als auch die politische Situation im damaligen Württemberg für viele Menschen existenzbedrohend. Hungersnöte, Armut, hohe Steuern, Plünderungen und religiöse Auseinandersetzungen veranlassten viele Menschen zur Auswanderung.3 Die Ausreisebestrebungen wurden begünstigt durch die Politik Zar Aleksandr I., welcher die Siedlungsunternehmungen von Katharina der Großen fortführte und damit günstige Bedingungen für die massenhafte Einwanderung westeuropäischer Ausreisewilliger schuf.4 3 4 Schrenk, Friedrich M.: Geschichte der deutschen Kolonien in Transkaukasien, hg. v. Emil Biedlingmeier, Neustadt an der Weinstraße 1997, S. 17; eine ausführliche Auflistung möglicher Gründe für die Auswanderung findet sich bei: Auch, Eva-Maria: Öl und Wein am Kaukasus. Deutsche Forschungsreisende, Kolonisten und Unternehmer im vorrevolutionären Aserbaidschan, Wiesbaden 2001, S. 68-69. Beispielsweise mussten die Auswanderer einen bestimmten Mindestbesitz und eine spezifische Ausbildung vorweisen, dafür wurden sie vom Kriegsdienst befreit, weiterführend dazu: Auch: Öl und Wein, S. 68. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
HISTORISCHE UND MUSEUMSTHEORETISCHE ASPEKTE 175 Nach Friedrich Schrenk erfolgte die Ortsgründung von Helenendorf Ostern 1819 im Gebiet einer verlassenen „Tatarensiedlung“5 in der Nähe der Stadt Elizavetpol’, dem heutigen Gǝncǝ.6 Helenendorf ist nur eine von zahlreichen Siedlungsgründungen, wie beispielsweise Annenfeld, Marienfeld und Katharinenfeld, die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts an zahlreichen Orten in Südkaukasien entstanden und von der russischen Regierung sowohl finanziell als auch materiell unterstützt wurden.7 In dem Erinnerungsbericht des Helenendorfers Julius Vohrer wird die Entwicklung der Stadt detailliert beschrieben.8 Eine zentrale Bedeutung für die Entwicklung der Gemeinde spielte die prosperierende Weinwirtschaft. Der Urgroßvater von Julius Vohrer, Christopher Vohrer I., legte 1846 den ersten Weingarten von rund einem Hektar an und konzentrierte sich besonders auf die Auswahl geeigneter Weinsorten, da die klimatischen Bedingungen sich erheblich von denen in Württemberg unterschieden. „Aus ständiger Knappheit von Bargeld“9 war Christopher Vohrer I. gezwungen, bis 1860 unter anderem als Schneider, Briefträger und Fuhrmann zu arbeiten. Diese persönlichen Erfahrungen der relativen Mittellosigkeit können auf einen Großteil der damaligen Bevölkerung der Siedlung übertragen werden. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts stabilisierte sich die lokale Wirtschaft jedoch und es wurden rund 118 einzelne Unternehmungen gezählt.10 Eine wichtige Voraussetzung für die positive Entwicklung des Weinbaus war die Agrarreform in Südkaukasien, welche die Modernisierung der Anlagen, Eigentumserwerb und die Bereitstellung von billigen Arbeitskräften förderte.11 Mit dem Export des Weines nach Tiflis wurden neue Absatzmärkte erschlossen.12 Christopher Vohrer I. gründete 1862 beispielsweise eine Aktiengesellschaft, vergrößerte seinen Absatzmarkt nach Baku und etablierte eine Bierbrauerei im Gebiet Elizavetpol’.13 Die Geschichte Helenendorfs steht in unmittelbaren Zusammenhang mit der Geschichte der gesamten Region. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts veränderte sich mit Ausbruch der Russischen Revolution die Politik in den russischen Provin5 6 7 8 9 10 11 12 13 Nach Eva-Maria Auch wurde der Begriff „Tatar“ von den russischen Behörden und den deutschen Siedlern als Synonym für „Aserbaidschaner“ bzw. für die turksprachigen Muslime der Region benutzt. Die Bezeichnung „Aserbaidschaner“ wurde vermehrt erst seit 1918 durchgesetzt; siehe: Auch, Eva-Maria (Hg.): Deutsche Winzer im multikulturellen Umfeld Aserbaidschans. Erinnerungsbericht des Julius Vohrer (1887-1979) (Schriftenreihe des Kultur- und Wissenschaftsvereins EuroKaukAsia e.V.; 1), Berlin 2011, S. 12. Schrenk: Geschichte der deutschen Kolonien, S. 39. Genauere Angaben zu den finanziellen und materiellen Unterstützungen sowie den Regularien der Rückzahlung bei Auch: Öl und Wein, S. 73. Auch: Deutsche Winzer. Ebd., S. 16. Schrenk: Geschichte der deutschen Kolonien in Transkaukasien, S. 56. Auch: Öl und Wein, S. 81. Ebd., S. 60. Auch: Deutsche Winzer, S. 16. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
176 JANINE FUNKE zen.14 Die außenpolitischen Entwicklungen der Sowjetunion und der Weimarer Republik hatten dabei einen entscheidenden Einfluss auf den Umgang mit den deutschen Siedlern in der neu entstandenen Aserbaidschanischen Sozialistischen Sowjetrepublik (AzSSR). Am 8. Dezember 1920 wurde im „Dekret zur Enteignung bürgerlichen Besitzes“ Land und Fabriken der ehemaligen deutschen Aussiedler verstaatlicht und in Sowchosen umgewandelt.15 Im 1925 erstellten Bericht „Über die deutsche kontrarevolutionäre Arbeit in der UdSSR“ der Abteilung für Gegenspionage der Geheimpolizei der Sowjetunion (GPU) sind aufschlussreiche Informationen über die Veränderung der Haltung der Sowjetmacht zur 1908 gegründeten Winzergenossenschaft Konkordija zu finden.16 Der Genossenschaft wurden darin Spionagetätigkeiten unterstellt und die deutschen Siedlungen bekamen die Bezeichnung „Herde und Basen für Konterrevolutionen“. Die Genossenschaft Konkordija wurde 1935 in das staatliche Weinkontor „Azvin“ zwangseingegliedert. Mit dem Vorwurf der „Unwirtschaftlichkeit, Spekulation [und] Bestechung“ wurden dessen Genossenschaftler in die Verbannung geschickt.17 Die Säuberungen der Jahre 1937 und 1938, die als Zeit des Großen Terrors bezeichnet werden, forderten auch tausende Opfer in der AzSSR, darunter zahlreiche Sowjetbürger deutscher Abstammung. 1938 wurde Helenendorf in Xanlar umbenannt. Mit dem Erlass Nr. 744 vom 8. Oktober 1941 wurden nahezu alle in den Sowjetrepubliken Georgien, Armenien und Aserbaidschan lebenden Deutschen nach Zentralasien deportiert.18 Insgesamt zählt die Statistik von September 1941 bis zum 1. Januar 1942 23.593 deportierte Deutsche aus der Aserbaidschanischen SSR.19 Ein Großteil der Deportierten wurde nach Kasachstan gebracht und lebte dort als Minderheit überwiegend bis zur Auflösung der Sowjetunion 1991. Die ehemaligen Häuser der Deportierten aus Xanlar bewohnten fortan zum großen Teil armenische Familien. Mit Ausbruch des Bergkarabach-Konfliktes wurden die armenischen Bewohner größtenteils aus der Stadt vertrieben und in ihren Häusern aserbaidschanische Flüchtlinge aus Bergkarabach und Armenien einquartiert. 2008 wurde die Stadt in Göygöl umbenannt. Nach den Aussagen des „letzten Deutschen“20 in Göygöl, Viktor Klein, wurden neben seiner eigenen nur vier weitere deutsche Familien der Stadt nicht de14 15 16 17 18 19 20 Kappeler, Andreas: Russland als Vielvölkerreich. Entstehung, Geschichte, Zerfall, München 1992, S. 268. Auch: Deutsche Winzer, S. 163. Russisches Staatsarchiv für sozio-politische Geschichte (RGASPI) Moskau, f 76, op. 3, d 31; 1. 12-20, zitiert nach Auch: Deutsche Winzer, S. 168-169. Ebd., S. 175. Eisfeld, Alfred/ Viktor Herdt: Deportation, Sondersiedlung, Arbeitsarmee. Deutsche in der Sowjetunion 1941 bis 1956, Köln 1996, S. 105. Ebd., S. 139. Der Grabstein Viktor Kleins auf dem deutschen Friedhof in Göygöl trägt die Inschrift: „Der letzte deutsche Bewohner“. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
HISTORISCHE UND MUSEUMSTHEORETISCHE ASPEKTE 177 portiert. Die Eheschließungen der Mutter mit einem Nichtdeutschen könnte die Familie gerettet haben. Der Vater Kleins war polnischer Herkunft, die Mutter deutscher. Es besteht ebenfalls die Vermutung, dass die Familie auf Grund der wichtigen Funktion des Vaters als Arzt im Ort verbleiben konnte. Viktor Klein verstarb 2007 im Alter von 71 Jahren und wurde auf dem deutschen Friedhof am Stadtrand beerdigt.21 Sein Elternhaus steht seitdem leer und ist für Besucher begehbar.22 Da es noch die originalen Einrichtungsgegenstände aus dem Beginn des 20. Jahrhunderts enthält, soll es als räumliche Grundlage für das im Folgenden zu erarbeitende Museumskonzept dienen. Verarbeitung durch Erinnerung: Das kulturelle Gedächtnis nach Jan und Aleida Assmann Mit der Beschreibung der Geschichte Göygöls wird deutlich, dass Flucht, Vertreibung und Heimatverlust ein zentrales Erlebnismoment der derzeitigen und ehemaligen Einwohner darstellt und als Hauptnarrativ für die Geschichte des Ortes Verwendung finden kann. Noch heute existieren zahlreiche historische Gebäude und Artefakte im Ort, welche von der Geschichte Göygöls berichten. Beispielsweise erinnert die Architektur der Wohnhäuser an die ehemaligen deutschen Siedler. Auf Grabsteinen des alten örtlichen Friedhofs sind neben deutschen auch armenische Inschriften sichtbar. Weiterhin existieren zahllose persönliche Erinnerungen der Einwohner, welche als mündliche Überlieferungen die Geschichte des Ortes bewahren und stetig fortschreiben. Die Kulturwissenschaftler Aleida und Jan Assmann fassen diese verschiedenen Formen der Erinnerungen in dem Konzept des kulturellen und kommunikativen Gedächtnisses zusammen. Ihren Ausführungen legen sie die Theorie des kollektiven Gedächtnisses23 des Soziologen und Philosophen Maurice Halbwachs zugrunde, halten das Konzept allerdings für überarbeitungswürdig. Nach ihnen müsse eine Differenz zwischen kommunizierter und institutionalisierter Erinnerung herausgearbeitet werden. Für diese Unterscheidung führte Assmann den Begriff des kulturellen Gedächtnisses ein. Aleida und Jan Assmann grenzen sich von Halbwachs in einigen Punkten ab und fügen hinzu, dass Erinnern „nicht nur sozial, sondern auch kulturell determiniert [ist]“.24 Aus diesem Grund unter21 22 23 24 Brinkmann, Peter: Ein Land mit viel Energie (www.european-circle.de/zukunftwissen/mel dung/datum/2011/05/23/ein-land-mit-viel-energie.html, letzter Zugriff am 28.07.2012). Der Besitz wurde unter Denkmalschutz gestellt und inventarisiert, die Räumlichkeiten sind nur noch teilweise zugänglich. (Anm. d. Hg.). Halbwachs, Maurice: La mémoire collective, Paris 1939. Assmann, Jan: Das kollektive Gedächtnis zwischen Körper und Schrift. Zur Gedächtnistheorie von Maurice Halbwachs. In: Krapoth, Hermann/ Laborde, Denis (Hg.), Erinnerung und Gesellschaft. Mémoire et Société (Jahrbuch für Soziologiegeschichte), Wiesbaden 2005, S. 65-83, hier S. 78. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
178 JANINE FUNKE scheiden sie ein kommunikatives und ein kulturelles Gedächtnis, welche als Teile des kollektiven Gedächtnisses zu bezeichnen sind. Das kommunikative Gedächtnis ist als „Generationengedächtnis“ zu verstehen. Es ist auf eine bestimmte, begrenzte Gruppe bezogen und wird durch „persönlich verbürgte und kommunizierte Erfahrung“ geprägt. Es existiert über drei bis vier Generationen. Da sich das kommunikative Gedächtnis auf Erinnerungen bezieht, die ein Akteur mit seinen Zeitgenossen teilt, „stirbt“ dieses spezifische Gedächtnis mit seinem Träger und weicht einem neuen.25 Das kulturelle Gedächtnis beschreibt die institutionalisierte Erinnerungskultur. Es wächst über Generationen unter der Weitergabe von archäologischem und schriftlichem Nachlass und ist durch Traditionen und Wiederholungen geprägt. Aleida und Jan Assmann beschreiben, dass die Vergangenheit in Form von symbolischen Figuren aufrechterhalten wird. Wenn das kommunikative Gedächtnis – also der eigene Erinnerungshorizont – schwindet, bietet das kulturelle Gedächtnis bestimmte Fixpunkte.26 Diese Ereignisse in der Vergangenheit werden durch kulturelle Formungen wie Bücher, Denkmäler oder Traditionen erhalten und prägen damit die Gegenwart. Das kulturelle Gedächtnis besitzt außerdem immer „Träger“, beispielsweise Lehrer, Priester oder auch Politiker, welche die einzelnen Schwerpunkte der Erinnerungsformung gezielt prägen. Was daraus entsteht, nennen die Assmanns einen „gemeinsamen Erfahrungs-, Erwartungsund Handlungsraum“.27 Sie beschreiben, dass die Schaffung eines individuellen Bewusstseins oder Gedächtnisses nur durch die Interaktion und Kommunikation mit anderen Individuen erfolgen kann.28 Eine zentrale Rolle nehmen dabei Medien ein, welche die Aufgabe haben, das kulturelle Gedächtnis zu fundieren, damit aber auch eine Instrumentalisierungsmöglichkeit besitzen.29 Auch ein Museum kann als „Medium der Erinnerung“ definiert werden. In der Logik von Aleida und Jan Assmann ist das Museum als feste Institution dem kulturellen Gedächtnis zuzuordnen. Das Museum ist aber nicht nur „Medium“, sondern kann in seiner Gestaltung auch als „Träger“ des kulturellen Gedächtnisses agieren. Das Museum spielt damit eine zentrale Rolle in der Formung des kollektiven Gedächtnisses eines Landes, einer Region oder eines Ortes. 25 26 27 28 29 Ders.: Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen, München 2007, S. 50. Ebd., S. 54. Ebd., S. 79. Ebd., S. 34. Assmann, Aleida: Erinnerungsräume. Formen und Wandlungen des kulturellen Gedächtnisses, München 1999, S. 20. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
HISTORISCHE UND MUSEUMSTHEORETISCHE ASPEKTE 179 Museen als Erinnerungsorte in Aserbaidschan Auf Grund der Definition von Museen als institutionalisierte Erinnerungsorte unterliegen sie allgemeingültigen Regeln. Das International Council of Museums (ICOM) definiert ein Museum allgemein als eine „gemeinnützige, ständige, der Öffentlichkeit zugängliche Einrichtung, im Dienste der Gesellschaft und ihrer Entwicklung, die zu Studien-, Bildungs- und Unterhaltungszwecken materielle Zeugnisse von Menschen und ihrer Umwelt beschafft, bewahrt, erforscht, bekanntmacht und ausstellt.“30 Der Deutsche Museumsbund fügt hinzu, dass Museen eine „fachbezogene Konzeption“ aufweisen sollten, „fachlich geleitet und wissenschaftlich ausgewertet werden können“ und eine eindeutige „Bildungsfunktion“ besitzen müssen.31 Abb. 38: „Der museologische Imperativ“ (eigene Darstellung nach Korff, S. 41). 30 31 ICOM: Code of Ethics for Museums, Artikel 2.1, Berlin/ Wien/ Zürich 2003, S. 18. Siehe auch: Standards für Museen, Kassel-Berlin 2006, S. 5. Der ICOM-Kodex wurde am 4. November 1986 auf der 15. ICOM-Vollversammlung in Buenos Aires, Argentinien, einstimmig angenommen und am 6. Juli 2001 auf der 20. ICOM-Vollversammlung in Barcelona, Spanien, ergänzt. Museumskunde, Bd. 43, H. 3 (1978). https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
180 JANINE FUNKE Um den Richtlinien zu entsprechen, folgt jedes Museum bestimmten, notwendigen Kategorien. Der sich daraus ergebende „museologische Imperativ“32 besteht aus den Indikatoren „sammeln“, „bewahren“, „erforschen“ und „vermitteln“ (Abb. 38). Diese vier Indikatoren bedingen sich gegenseitig und stehen in Interaktion miteinander. Bei der Sammlung von Ausstellungsobjekten werden beispielsweise an jedes Exponat gezielte Fragen gestellt: Kann das Exponat etwas zur Geschichte des Ortes aussagen? Welchem thematischen Feld ist das Exponat zuzuordnen? Die Antwort auf diese Fragen beeinflusst die Konstellation eines Museums erheblich. Die eingehende wissenschaftliche Analyse und spätere Präsentation der Exponate für die Bildung „einer aus allen Bevölkerungs- und Gesellschaftsschichten“ bestehenden Öffentlichkeit ist ebenso zentral wie die fachgerechte Bewahrung von Exponaten. Der Kunsthistoriker Helmut Knirim machte deutlich, dass ein Museum kein „Magazin ist, wo historische Materialien ohne Sinnzusammenhang präsentiert werden“, sondern ein Ort, an dem jedes Objekt eine historische Informations– und Bedeutungsfunktion erfüllt und dementsprechend erforscht und präsentiert werden muss.33 Die Museumslandschaft Aserbaidschans Aserbaidschan ist Mitglied der ICOM und hat sich damit verpflichtet, die allgemeine Museumsdefinition des Rats umzusetzen. Das Staatliche Statistikkomitee der Republik Aserbaidschan (AZSTAT) zählte im Jahr 2011 insgesamt 227 Museen (Abb. 39). Die Besucheranzahl lag nach Angabe des Komitees im Jahr zuvor bei 1.803.800.34 Die Zahl der Museen im Land ist besonders seit 2005 stark angestiegen – zwischen 2005 und 2011 wurden laut Statistikkomitee 63 neue Museen eröffnet. Von Beginn der Unabhängigkeit Aserbaidschans 1991 bis zum Jahr 2005 blieb die Zahl der Museen dagegen relativ konstant. Der extreme Anstieg des staatlichen Budgets für Museumsarbeit ab 2005 um 33 Prozent zog den rapiden Anstieg von Neugründungen nach sich.35 Als Ursache für das gestiegene staatliche Engagement in der Museumsarbeit ist vor allem der Tod von Heydǝr Əliyev im Dezember 2003 und die Verstärkung des Personenkults um den verstorbenen Präsidenten auszumachen. 32 33 34 35 Korff, S. 24, In: Vieregg, Hildegard K.: Studienbuch Museumswissenschaften. Impulse zu einer internationalen Beobachtung, Baltmannsweiler 2007, S. 41. Siehe auch: Heesen, Anke te /Petra Lutz (Hg.): Dingwelten. Das Museum als Erkenntnisort, Köln/Weimar/Wien 2005. Knirim, Helmut: Entwicklungsperspektiven der Heimatmuseen. In: Meyernert, Joachim/ Volker Rodekamp (Hg.): Heimatmuseum 2000. Ausgangspunkte und Perspektiven, Bielefeld 1993, S. 117. Staatliches Statistikkomitee der Republik Aserbaidschan (AZTAT), www.azstat.org/statinfo/ tourism/en/index.shtml (letzter Zugriff am 16.07.2012). Mason, Timothy: At the crossroads: The strategic development of museums in Azerbaijan (Schriftenreihe des Council of Europe, Cultural Policy and Action Department, Juli 2004), S. 8. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
181 HISTORISCHE UND MUSEUMSTHEORETISCHE ASPEKTE Abb. 39: Anzahl der Museen in Aserbaidschan, eigene Darstellung nach Daten des AZSTAT: www.azstat.org/statinfo/education/en/index.shtml# (letzter Zugriff am 17.06.2012). Nach Angaben des Staatlichen Statistikkomitees lag der Anteil von Regionalmuseen an der gesamten Museumslandschaft Aserbaidschans im Jahre 2010 bei 31 Prozent, dicht gefolgt von Geschichtsmuseen mit 30 Prozent. Gedenkstätten und Kunstmuseen machten jeweils einen Anteil von 17 Prozent an der Gesamtzahl der Museen aus. Die restlichen 5 Prozent stellten andere Museen dar, beispielsweise für Technik und Landwirtschaft.36 Wird die Museumsentwicklung über die letzten zehn Jahre betrachtet, fällt vor allem der hohe Anstieg an Geschichtsmuseen auf – von 14 im Jahr 2000 auf 67 im Jahr 2010 – (Tabelle 1). Im Gegensatz dazu stieg die Anzahl an Regionalmuseen nur unwesentlich, alle sowjetischen Regionalmuseen wurden erhalten. Der starke Anstieg von Geschichtsmuseen zwischen 2005 und 2008 kann mit dem Personenkult um Heydǝr Əliyev erklärt werden. In nahezu jedem Ort wurde ein Museum zur Erinnerung an die Regierungszeit und die Leistungen des ehemaligen Präsidenten eröffnet. Insgesamt 2000 2005 2008 2009 2010 155 163 205 223 226 Geschichtsmuseum 14 15 49 65 67 Gedenkstätten 32 34 37 37 39 Regionalmuseen 63 67 69 69 69 Kunstmuseen 37 37 39 40 39 sonstige 9 10 11 12 12 Tab. 2: Museumstypen in Aserbaidschan, eigene Darstellung nach den Daten des AZSTAT, www.azstat.org/statinfo/education/en/index.shtml# (letzter Zugriff am 17.06.2012). 36 AZSTAT, www.azstat.org/statinfo/education/en/index.shtml# (letzter Zugriff am 17.06.2012). https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
182 JANINE FUNKE Die finanzielle und organisatorische Situation der einzelnen Museen gestaltet sich sehr unterschiedlich. Im Staatshaushalt wurden für Museen und Archive im Jahr 2010 Ausgaben von 4,4 Millionen Manat37 festgeschrieben, womit nahezu kein Museum ausreichend finanzierbar ist.38 Bei der Verteilung der Gelder wird jedoch zwischen nationalen und lokalen Museen unterschieden. So werden 15 Museen von „nationaler Wichtigkeit“ über ein zentrales Budget gefördert.39 Die Museen in den ländlichen Regionen unterstehen in der Regel lokalen Kulturbeauftragten der Regierung, womit deren Existenz genauso von lokalen Politikern abhängt wie deren Organisation und Finanzierung. Die Museen, welche sich über das zentrale Budget finanzieren, verwenden in der Regel 35 Prozent der Gelder für Löhne, 57 Prozent für das Museumsgebäude und 8 Prozent für Werbung. Lokale Museen mussten 57 Prozent für Löhne, 31 Prozent für das Museumsgebäude und 12 Prozent für Werbung ausgeben. Der durchschnittliche Eintrittspreis liegt zwischen 0,20 und 1 Manat.40 Während in der Hauptstadt Baku zahlreiche Finanzierungsquellen für Renovierungen oder den Neubau von Museen – wie beispielsweise dem Teppichmuseum – zur Verfügung stehen, fehlt es den kleineren Museen in ländlicheren Regionen an den einfachsten technischen Hilfsmitteln wie Computern oder Internetzugang und es gibt Probleme bei zentralen Fragen wie der Temperatur- und Luftfeuchtigkeitskontrolle der Räume. Dies ist meist auf die seit der Unabhängigkeit des Landes 1991 ausgebliebene Renovierung der Gebäude zurückzuführen. Außerdem existiert keine zentrale Datenbank der einzelnen Museen oder der Exponate, lediglich die großen Museen Bakus verfügen über einen eigenen Internetauftritt. Das Kulturministerium selbst listet verschiedene Probleme der Museumsarbeit auf und veröffentlicht verschiedene Prioritäten für die zukünftige Museumsarbeit. Zentral hervorgehoben werden die Gründung einer Datenbank und die Nutzung des Internets in jedem Museum, die Einführung moderner Standards, die bessere Schulung von Museumsmitarbeitern und die Suche nach neuen Finanzierungsmöglichkeiten.41 Geschichtswissenschaft in Aserbaidschan Die musealen Inhalte werden stark von der jeweiligen Reflexion über die eigene Vergangenheit beeinflusst. Wie Geschichte reflektiert und verarbeitet wird, lässt sich aus der Historiografie eines Landes ableiten. Die Wissenschaftler und Wis37 38 39 40 41 Bei einem Wechselkurs zum Euro von 1:1,08 entspricht das einer Summe von 4,75 Millionen Euro (Stand: Mai 2014). Council of Europe/ERICarts – Compendium of Cultural Policies and Trends in Europe, www.culturalpolicies.net/down/azerbaijan_112011.pdf (letzter Zugriff am 25.06.2012), S. 39. Mason: At the crossroads, S. 7. Ebd., S. 8. Ebd., S. 6. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
HISTORISCHE UND MUSEUMSTHEORETISCHE ASPEKTE 183 senschaftlerinnen Zaur Gasimov, Bahodir Sidikov, Sergey Rumyantsev und Sara Winter haben die aserbaidschanische Historiografie eingehend untersucht. Einige Tendenzen sollen in dieser Stelle kurz nachgezeichnet werden. Der Historiker Zaur Gasimov beschreibt, dass die aserbaidschanische Geschichtsschreibung bis in das 20. Jahrhundert hinein vor allem als regionale Geschichtsschreibung existierte, die „sporadisch von muslimischen Intellektuellen aus Baku und Karabach angesichts äußerer Kultureinflüsse betrieben wurde.“ 42 Diese kamen vor allem aus turksprachigen und islamischen Ländern. Der Soziologe Sergey Rumyantsev datiert die ersten, islamisch geprägten Chroniken in aserbaidschanischer Sprache in das 18. Jahrhundert. Das Werk „Golestan-i Iram“ von Abbasqulu aǧa Bakıxanov (1794-1846) wird als frühes Standardwerk der aserbaidschanischen Geschichtsschreibung aufgeführt.43 Mit der Eingliederung Aserbaidschans in die UdSSR 1922 wurde die Entwicklung der Geschichtswissenschaft stark durch sowjetische Vorgaben geprägt.44 Allerdings muss ein Unterschied zwischen regionaler Geschichtsschreibung und sowjetischer, beziehungsweise offizieller nationaler Geschichtsschreibung gemacht werden.45 Ziel der sowjetischen Historiografie war es, die muslimischtürkische Identität der aserbaidschanischen Bevölkerung durch eine Identifizierung mit der Sowjetunion zu ersetzen. Spätestens seit den 1930er Jahren wurde jede Interaktion zwischen „aserbaidschanischen Staatsgebilden und sozialen Gruppen“ mit Russland positiv hervorgehoben.46 Gasimov bezeichnet den Prozess als „Russifizierung der Geschichtsschreibung.“47 Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurde die Notwenigkeit formuliert, eine eigene, aserbaidschanische Identität und damit auch eine eigene Geschichtsschreibung zu etablieren, welche sich deutlich von dem bisherigen sowjetisch-aserbaidschanischen und dem traditionell türkisch-muslimischen Ansatz 42 43 44 45 46 47 Gasimov, Zaur: Zwischen Europa, Turan und Orient. Raumkonzepte in der modernen aserbaidschanischen Geschichtsschreibung und Geschichtspolitik. In: Jahrbücher für die Geschichte Osteuropas, Bd. 59, H. 4 (2011), S. 535. Rumyantsev, Sergey: „Ethnic Territories“ Presentation Practices in Historical Textbooks in Post-Soviet Azerbaijan and Georgia. In: Internationale Schulbuchforschung Bd. 30, H. 4 (2008), S. 814; eine ausführliche Beschreibung der Entwicklung der aserbaidschanischen Geschichtswissenschaft vor Beginn der sowjetischen Ära 1920 besorgte: Adam, Volker: Umdeutung der Geschichte im Zeichen des Nationalismus seit dem Ende der Sowjetunion: Das Beispiel Aserbaidschan. In: Osmanismus, Nationalismus und der Kaukasus. Muslime und Christen, Türken und Armenier im 19. und 20. Jahrhundert, Wiesbaden 2005, S. 24-27. Zur Analyse der Geschichtsschreibung in der UdSSR siehe: Hösler, Joachim: Die Sowjetische Geschichtswissenschaft 1953 bis 1991. Studien zur Methodologie- und Organisationsgeschichte (Marburger Abhandlungen zur Geschichte und Kultur Osteuropas; 34), München 1995. Ausführliche Informationen zum Unterschied der regionalen und nationalen Geschichtsschreibung bei: Winter, Sara: „Ein alter Feind wird nicht zum Freund“: Fremd- und Selbstbild in der aserbaidschanischen Geschichtsschreibung, Berlin 2011, S. 48. Gasimov: Zwischen Europa, S. 537. Ebd., S. 538. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
184 JANINE FUNKE unterscheiden sollte.48 Die Idee des „neuen Menschen“ sowjetischer Art wurde durch die Gestaltung einer genuin aserbaidschanischen Identität ersetzt. Die Turkologin Sara Winter weist darauf hin, dass sich trotz der Verschiebung inhaltlicher Schwerpunkte in „Bezug auf Arbeitstechniken, methodische Ansätze und Theorien“ in der heutigen aserbaidschanischen Geschichtswissenschaft im Vergleich zur Sowjetzeit wenig verändert hat.49 Forschung und Lehre unterliegen politischen Vorgaben. Gasimov betont, dass Aserbaidschan ein autoritäres Land sei, in dem die Freiheit der Wissenschaft nicht garantiert werden könne und Korruption ein zentrales Problem ist.50 Die Arbeit der Historiker sei kaum von der staatlichen Kontrolle zu trennen, beschreibt der Islamwissenschaftler Bahodir Sidikov.51 Freischaffende und unabhängige Historiker oder Schulbuchautoren für das Fach Geschichte gäbe es faktisch nicht, weshalb kritische Inhalte meist keinen Eingang in Lehr- und Lernmaterialien finden.52 Gasimov betont, dass aserbaidschanische Historiker als Akteure in einem bestimmten Raum wahrgenommen werden müssen und die „persönliche, berufliche und edukative Sozialisation“ die Forschung und Lehre erheblich prägen.53 Nach Sidikov seien alle Akteure, die beispielsweise an der Ausarbeitung von Geschichtsschulbüchern beteiligt sind, in der Sowjetunion sozialisiert.54 Historiker in Aserbaidschan agieren dennoch weitestgehend selbstständig untereinander, obwohl die „Direktive“ zur Forschung vom Əliyev-Regime ausgeht. Eine kritische Debatte sei nach Gasimov also durchaus möglich, jedoch betont Sidikov, dass es an den entsprechenden Publikationen fehle.55 Er stellt weiterhin fest, dass ein Prozess der „Selbstzensur“ bei den publizierenden Historikern stattfinde, welcher es verhindert, dass auch „ketzerische“ Inhalte veröffentlicht werden. Die Kritik von außen an dieser politischen Historiographie nimmt deutlich zu.56 Viele Aserbaidschaner fordern zunehmend, dass vielmehr „europäische Werte“ in Schulbüchern transportiert werden sollten und die Geschichte des Landes nicht mehr nur als Folge von Revolutionen und Kriegen darzustellen sei, wie es in der Sowjetzeit üblich war.57 48 49 50 51 52 53 54 55 56 57 Winter: „Ein alter Feind wird nicht zum Freund“, S. 53. Ebd., S. 54. Gasimov, Zaur: A short Sketch of One Century of Azerbaijani Historical Writing. In: Caucasus Analytical Digest, Nr. 8, Juli 2009, S. 9. Sidikov, Bahodir: Zwischen Bourdieu und postkolonialer Theorie: Zur Analyse postsowjetischer Schulbücher für das Fach Geschichte (am Beispiel Aserbaidschans). In: Aghayev, Mardan/ Ruslana Suleymanova (Hg.): Jahrbuch Aserbaidschanforschung, Bd. 2, Berlin 2008, S. 240. Ebd., S. 228. Gasimov, Zwischen Europa, S. 554. Sidikov, Zwischen Bourdieu, S. 237. Gasimov, Zwischen Europa, S. 554; Sidikov, Zwischen Bourdieu, S. 226. Ebd., S. 238. Gasimov, A short Sketch, S. 837. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
HISTORISCHE UND MUSEUMSTHEORETISCHE ASPEKTE 185 Wird ein Vergleich der Tendenzen der aserbaidschanischen Historiographie und der Museumslandschaft des Landes versucht, fällt auf, dass die überwiegende Anzahl an regionalen Museen im Land während der Zeit der AzSSR entstanden und die Konzepte der inhaltlichen Präsentation noch aus ebenjener stammen. Ein Prozess der Veränderung vollzieht sich im Bereich der Museumsarbeit nur langsam und ist entscheidend mit den Entwicklungen in der Geschichtswissenschaft verknüpft. Das Heimatmuseum als alternativer Erinnerungsort Die Betrachtungen zur Museumslandschaft Aserbaidschans haben gezeigt, dass hier die historische und regionale Museumsarbeit eine zentrale Rolle einnimmt. Für die Gründung eines Museums in Göygöl, welches ganz gezielt die Motive von Flucht, Vertreibung und Heimatverlust aufgreift, sollte jedoch ein alternatives Konzept gewählt werden, welches am besten mit dem Begriff „Heimatmuseum“ beschrieben werden kann. Der Begriff „Heimat“ verlangt mit seiner hohen Bedeutungsunschärfe einer genaueren Erläuterung. „Heimat“, nur schwer in eine andere Sprache zu übersetzen, steht in Deutschland vor allem seit den 1970er Jahren im Fokus einer wissenschaftlichen Diskussion, weshalb nur wenige multiperspektivische Ansätze vorhanden sind, die das „Phänomen Heimat“ beschreiben. Eine aktuelle und umfassende Betrachtung des Heimatbegriffes stellt die Publikation „Heimat. Konturen und Konjunkturen eines umstrittenen Begriffs“ dar, welche die Grundlage der folgenden Ausführungen bildet.58 In der wissenschaftlichen Diskussion um eine ausführliche Definition des Begriffes ist der Konsens festzustellen, dass Heimat eine große „Bedeutungsvielfalt“ impliziert und von „Unschärfe und Mehrdeutigkeit“ geprägt ist, so dass eine sprachliche Eindeutigkeit nicht möglich sei.59 Der Duden definiert „Heimat“ allgemein als einen emotionalen Begriff, sie könne demnach ein „Land, Landesteil oder Ort sein, in dem man aufgewachsen ist oder sich zum ständigen Aufenthalt zu Hause fühlt.“ 60 Der Begriff leitet sich vom mittelhochdeutschen „Heim“ ab, welcher der Bedeutung von Haus oder Wohnort am nächsten kommt. Das Heim wird als Ort bezeichnet, an dem „man sich niederlässt.“61 Verschiedene Konzeptionen des Begriffes werden durch die Indikatoren „Raum“, „Zeit“ und „Identität“ geprägt, es wird folglich immer von einem „Näheverhältnis von Mensch und Raum“ ausgegangen, welches das „diffuse [...] Zugehörigkeits- und Vertrautheits58 59 60 61 Gebhard, Gunther/ Oliver Geisler / Steffen Schröter: Heimatdenken: Konjunkturen und Konturen. In: dies. (Hg.): Heimat. Konturen und Konjunkturen eines umstrittenen Konzepts, Bielefeld 2007. Ebd., S. 9. Wörterbuch der deutschen Sprache, Aufl. 25, Mannheim 2009, S. 491. Ebd. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
186 JANINE FUNKE verhältnis zu einem begrenzten Territorium“ prägt.62 Der Jurist Bernhard Schlink definiert Heimat als ein Gefühl der „Unerfülltheit“, welches in die Sehnsucht nach etwas Vergangenem oder Erwünschtem mündet.63 Der Begriff fand daher besonders in der Zeit des Nationalsozialismus Verwendung, um Utopien einer „deutschen Heimat“ Realität werden zu lassen.64 Der Literaturwissenschaftler Friedrich Kittler weist zudem darauf hin, dass es nur möglich sei über „Heimat zu schreiben“, wenn diese verloren ist.65 Diese weite Definition des Begriffes lässt sich auf die Definition des Heimatmuseums übertragen. Diese gestaltet sich umso schwieriger, da sich das Heimatmuseum in einem Zwischenbereich „mit Beziehungen zu unterschiedlichen Museumstypen“ nur schwer von Volkskundemuseen, Freilicht- und Bauernhofmuseen sowie kulturhistorischen und naturkundlichen Museen mit regionalen Bezug unterscheiden lässt.66 Der grundlegende Unterschied zwischen Heimatmuseen und anderen Museumstypen ist jedoch, dass hier nicht der Ausstellungsgegenstand selbst im Mittelpunkt steht, sondern die Beziehung, „welche dieser Stoff zur näheren und weiteren Umgebung des Museums hat.“67 Jeder Ausstellungsgegenstand steht somit in einer direkten Beziehung zu seiner lokalen Umwelt. Im Allgemeinen beeinflussen regional verankerte Museen die Erinnerungskultur eines begrenzten Raumes. Die Geschichte einer Region rückt dabei viel mehr ins Zentrum als die Geschichte eines Landes. Daraus ergibt sich eine stärkere individuelle Verbundenheit des Besuchers mit den dargestellten Inhalten. Das Regionalmuseum berührt die eigene Vergangenheit beispielsweise mit der Ausstellung von Exponaten, die im eigenen Lebensumfeld eine Rolle spielten oder mit Hinweisen auf vergangene Ereignisse, welche das persönliche Leben beeinflussten. Durch die Einbindung von Augenzeugenberichten steht besonders das Ansprechen des kommunikativen Gedächtnisses von Aleida und Jan Assmann im Fokus des Regionalmuseums. Das Heimatmuseum stellt eine Form des Regionalmuseums dar, welches die Möglichkeit bietet, speziell die emotionale Verbundenheit zu Heimat als Museumsmotiv zu verwenden. Nach den Ausführungen von Gottfried Korff sind Heimatmuseen nicht dem Zwang ausgesetzt, einem bestimmten Konzept zu folgen, vielmehr könnten unterschiedliche Menschen auf unterschiedliche Arten angesprochen werden.68 Aus diesem Grund ist auch der Themenschwerpunkt eines Heimatmuseums nicht festgelegt. Es kann nicht nur die Geschichte eines Ortes oder einer Region in den 62 63 64 65 66 67 68 Gebhard et al., Heimatdenken, S. 10. Schlink, Bernhard: Heimat als Utopie, Frankfurt a. M. 2000, S. 21. Ebd., S. 36. Kittler, Friedrich: „De Nostalgia“. In: Pott, Hans-Georg (Hg.): Literatur und Provinz. Das Konzept „Heimat“ in der neueren Literatur, Paderborn 1986, S. 153. Vieregg: Studienbuch Museumswissenschaften, S. 62. Ebd. Gößwald, Udo/ Oliver Bätz: Experiment Heimatmuseum. Zur Theorie und Praxis regionaler Museumsarbeit, Marburg 1988, S. 15. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
HISTORISCHE UND MUSEUMSTHEORETISCHE ASPEKTE 187 Mittelpunkt stellen, sondern auch Umwelt, Natur und Soziokultur. Die verhältnismäßig offene Definition von Funktion und Aufgabe eines Heimatmuseums lässt viel Interpretationsspielraum. Das Heimatmuseum existiert nicht. Die sich daraus ergebenden Gestaltungmöglichkeiten sind auch für die Konzeption eines Heimatmuseums in Göygöl dienlich. Regional- und landeskundliche Museen schließen beispielsweise die Erwartung mit ein, dass ein umfangreicher Überblick über die Geschichte und Natur einer Region gegeben wird. Ein Heimatmuseum impliziert vielmehr „Ansprüche, Erwartungen und reale Utopien“ an die Auseinandersetzung mit dem Begriff „Heimat“.69 Diese Auseinandersetzung sollte einen entscheidenden Teil des Museumskonzeptes in Göygöl ausmachen. Zusammenfassung und Chancen für die Entwicklung einer Museumskonzeption Die Entwicklung einer Museumskonzeption ist ein interdisziplinäres Projekt. Die vorangegangenen Analysen haben gezeigt, wie wichtig eine eingehende Beschäftigung mit verschiedenen wissenschaftlichen Theoremen und der Historie für die Konzeption eines Museums ist – nur so kann Geschichte reflektiert und differenziert dargestellt werden. Diese theoretische Vorarbeit kann als Grundlage für eine reale Museumskonzeption dienen, die sowohl die Realitäten in Aserbaidschan selbst berücksichtigt als auch die Bildungsfunktion erfüllt. Es sollte aufgezeigt werden, dass die bewegte Geschichte Göygöls es notwendig macht einen Ort zu schaffen, der an die Geschichte der Stadt genauso erinnert wie an spezifische gemeinsame Erfahrungen der Menschen, die hier lebten und leben. Mit der Darstellung der Geschichte verschiedener Akteure und der Betonung des gemeinsamen Schicksals kann das Museum zur Kommunikation und Interaktion der lokalen Gesellschaft beitragen und die Menschen zu einer Beschäftigung mit der eigenen Identität motivieren. Das Museum kann somit auch die Funktion eines Begegnungsortes erfüllen. Die Themen Migration, Flucht, Vertreibung und Heimatverlust sind für das kollektive Gedächtnis des Ortes zentral und stellen neben dem Reflektieren der Geschichte die zentralen Fixpunkte für das Heimatmuseum dar. Nach Aleida und Jan Assmann hat ein solches zudem die Aufgabe, als Träger des kulturellen Gedächtnisses vor Ort einen gemeinsamen Erfahrungsraum zu prägen, in dem sich die Besucher mit der Ausstellung identifizieren können. Damit kann das Heimatmuseum einen wichtigen Beitrag zum Verständnis der Geschichte Göygöls leisten und persönliche Erfahrungen und Erzählungen mit fundierten Fakten untermalen. Das Heimatmuseum hat die Aufgabe eine „Identifikation mit der Heimat und ihrer Geschichte“ zu ermöglichen.70 Die Bewohner des Ortes haben die Erfah69 70 Ebd., S. 30. Vieregg: Studienbuch Museumswissenschaften, S. 68. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
188 JANINE FUNKE rung des Zusammenbruchs des politischen Systems der Sowjetunion und die Etablierung eines aserbaidschanischen Nationalstaates geteilt. Dazu kommen oftmals persönliche, traumatische Erlebnisse im Zuge des BergkarabachKonfliktes. Das Heimatmuseum soll nicht nur die Geschichte des Ortes darstellen, sondern auch die Ereignisse der Vergangenheit ordnen und in einen Sinnzusammenhang stellen. Das persönlich Erlebte kann dann in die Geschichte eingeordnet und anschließend bewertet werden. Dieser Prozess verläuft jedoch auf individueller Ebene, das Museum kann dabei nur Anhaltspunkte bieten und Fragen an die eigene Geschichte und die des unmittelbaren Umfeldes provozieren. Das Heimatmuseum soll bewusst nur die regionale Geschichte Göygöls darstellen – ohne die Notwendigkeit der Einordnung in den gesamtaserbaidschanischen Kontext. Dieser Ansatz sollte nicht als eingeschränkte Darstellung von Geschichte bewertet werden. Vielmehr regt das Museum die Besucher an, ihre persönliche Geschichte in Zusammenhang mit regionalen und nationalen Entwicklungen zu stellen und eigene Schlüsse und Bewertungen anzustellen. Dieser Prozess könnte es auf lange Sicht ermöglichen, einige Fixpunkte des kulturellen Gedächtnisses anzupassen. Im Eingangszitat dieser Überlegungen beschreibt Cornelia Foerster, dass Heimatmuseen eine „Atmosphäre der Toleranz“ schaffen können, wenn es möglich wird, verschiedene Aspekte der Geschichte darzustellen, ohne zu werten oder zu polarisieren. Gesellschaftliche Konflikte sollen genauso thematisiert werden wie Formen des friedlichen Zusammenlebens. Für das Heimatmuseum in Göygöl bedeutet dies, dass vor allem die Darstellung der Geschichte und Vertreibung der armenischen Bevölkerung des Ortes auf die gleiche Art und Weise dargestellt wird, wie das der aserbaidschanischen und der deutschen. Diese Art der Darstellung würde sich stark von der in anderen aserbaidschanischen Museen unterscheiden, in denen vor allem das Leiden der Aserbaidschaner – beispielsweise die Thematisierung des als Genozid bezeichneten armenischen Angriffes im Zuge des Bergkarabach-Konfliktes – besonders hervorgehoben wird. Das Heimatmuseum in Göygöl hat die Aufgabe, auf lokaler Ebene Geschichte ausgewogen vorzustellen und somit den Bewertungshorizont der Besucher in Bezug auf verschiedene historische Ereignisse zu beeinflussen. Die Erinnerungsarbeit kann helfen, das persönliche Erleben von Geschichte, beispielsweise in der Wahrnehmung interner oder externer Konflikte, ins Verhältnis „zu einer vermittelten historischen Erfahrung zu setzen“71 und damit einen Prozess auszulösen, der ein tolerantes Zusammenleben unterstützt. Besonders bei der Darstellung der Elemente Flucht, Vertreibung und Heimatverlust ist eine möglichst objektive, unabhängige Beschreibung unerlässlich. Aus den Ausführungen zur aserbaidschanischen Geschichtswissenschaft kann geschlossen werden, dass in der Historiografie und somit auch in Museen kaum eine ausgewogene, objektive Darstellung von Inhalten zu finden ist. Das Heimat71 Gößwald/ Bätz: Experiment Heimatmuseum, S. 31. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
HISTORISCHE UND MUSEUMSTHEORETISCHE ASPEKTE 189 museum in Göygöl sollte in jedem Fall versuchen, ausgewogene, wissenschaftlich fundierte Darstellungen der Ereignisse zu wählen und keine Feindbilder zu konstruieren. Die Ägyptologin Olivia-Jeanette Zorn macht in ihrer Publikation „Das Museum und die Umsetzung seiner Idee“ deutlich, dass „die Ansicht der Bevölkerung nicht dadurch [verändert] wird, indem man ihr Zugeständnisse macht“, sondern nur, indem der Standpunkt des Museums behauptet wird, Vorurteile abgebaut werden und „man sich nicht um jeden Preis einem fiktiven Publikum [anpasst].“72 Zorn hebt damit hervor, dass die differenzierte Darstellung der historischen Begebenheiten auch dann ein zentraler Bestandteil des Heimatmuseums sein muss, wenn die lokale Bevölkerung das Gegenteil fordert. Es kann keine verlässliche Prognose angestellt werden, wie das Museum tatsächlich vor Ort wahrgenommen und interpretiert werden würde. Die auszustellenden Exponate unterstehen einer semiotischen Beziehung zwischen Menschen, Sachverhalten und Zeichen. Die Wahrnehmung jedes einzelnen Besuchers ist individuell. Das Museum ist in seiner Botschaft nie abgeschlossen und ständigen Wahrnehmungsveränderungen unterworfen. Die differenzierte Darstellung von Geschichte, welche zum Nachdenken anregt, ohne Stereotype und Feindbilder zu kreieren, kann zu einer Umdeutung bestimmter historischer Ereignisse motivieren. Das Museum ist damit auch ein Lernort, der zeigt, auf welche Art und Weise Geschichte interpretiert werden kann. Damit leitet das Museum einen wichtigen Bildungsauftrag in einem Land, in dem die Geschichtswissenschaft noch zu einem großen Teil von sowjetischen Mustern geprägt ist. Ein zentraler Punkt für die Entwicklung des Heimatmuseums ist jedoch die Zusammenarbeit mit der lokalen Bevölkerung. Die einzelnen Schritte der Erarbeitung einer Museumskonzeption und der Umsetzung sollten in Kooperation mit ihr stattfinden. Die Wünsche und Erwartungen der Menschen in Göygöl müssen ernst genommen werden, ohne den Anspruch auf differenzierte, reflektierte und ausgewogene Museumsarbeit zu verlieren. Dann kann die realistische Möglichkeit formuliert werden, ein Museum entstehen zu lassen, welches sowohl seiner Bildungsfunktion nachkommt als auch eine Brücke zwischen der heutigen und der damaligen Bevölkerung der Region baut. 72 Zorn, Olivia-Jeanette: Das Museum und die Umsetzung seiner Idee. Grundzüge für die Gestaltung von Ausstellungen unter besonderer Berücksichtigung ägyptischer Sammlungen, Köln/ Berlin 2003. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
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Anhang https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
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Die Einwandererfamilien und Ortsgründer von Helenendorf in Aserbaidschan – 1819 Herkunftsorte in Klammern, OA – Oberamt (alte württembergische Verwaltungseinheit), E – erloschen Adriss, Johann Jakob (Falzenau b. Lörrach, Baden) Aicheler, Johann (Lustnau, OA Tübingen) – E Aldinger, Johann Georg (Fellbach) – E Augenstein, Michael (Botzingen) – E Barth, Georg Friedrich (Altbach, OA Esslingen) – E Barth, Johann Georg (Bösingen, OA Nagold) – E Beck, Johann (Breitenholz, OA Herrenberg) Beck, Michael (Weidach, OA Stuttgart) Böckle, Johann (Schwenningen, OA Tuttlingen) – E Breisch, Jakob Friedrich (Neckartenzlingen, OA Nürtingen) Breisch, Johann Jakob (Neckartenzlingen, OA Nürtingen) Breitmeyer, Johann Ludwig (Breitenholz, OA Herrenberg) Breitmeyer, Johann Wenz (Breitenholz, OA Herrenberg) Bürkle, Christan (Neustadt, OA Waiblingen) – E Darmeyer, Matthias (Thal bei Strassburg) – E Diegel, Jakob (Betzingen, OA Reutlingen) Dietrich Gottlieb (Murrhardt) – E Dietrich, Christoph Friedrich (Preußisch-Polen, Kolonie Neu-Württemberg) – E Doab, Adam (Löchgau) – E Dutt, Johann Heinrich (Landau) Eisenbart, Felix (Hulsenberg, OA Morbach) Epp, Daniel (Reutlingen) – E Epp, Rudolf (Reutlingen) – E Erdmann, Johann (Franzfeld) – E Ferstner, Jacob Friedrich (Musberg, OA Stuttgart) – E Frei, Georg Jakob (Franzfeld, Ungarn) Freumann, Heinrich (Ungarn) – E Frey, Johann Jacob (Elly, Kanton Zürich) Frick, Gotthilf (Altbach, OA Esslingen) Frick, Johann Georg (Altbach, OA Esslingen) Frick, Lorenz (Altbach, OA Esslingen) Fuchs, Gottfried (Reutlingen) – E Fuchs, Johann (Seelbach, Baden) Fuchs, Johann Martin (Reutlingen) – E https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
194 EINWANDERERFAMILIEN UND ORTSGRÜNDER VON HELENENDORF Gähring, Georg (Sulz a. Neckar) – E Gastel, Johann (Frommern, OA Balingen) -E Grätzinger, Johann (Reutlingen) – E Gress, Georg (Ober-Seebach b. Strassburg) Gröninger, Andreas (Ilsfeld, OA Besigheim) – E Gross, Christian (Reppenheim b. Strassburg) – E Hammer, Johann Georg (Reutlingen) Hammer, Matthäus (Reutlingen) Hartenstein, Georg Heinrich (Polen) – E Hartenstein, Georg Heinrich (Rosenfeld, OA Balingen) – E Haug, Johann Georg (Mössingen, OA Rottenburg) Haug, Johann Martin (Mössingen, OA Rottenburg) – E Hering, Johann Georg (Kohlstetten, OA Münsingen) – E Hetzinger, Friedrich (Baiereck, OA Schorndorf) – E Hohloch, Johann Georg (Reutlingen) Hohloch, Ludwig (Großliebenthal, Krim) Hummel (Glaser), Johann Heinrich (Reutlingen) Hummel, Johann (Reutlingen) Hurr, Stephan (Betzingen, OA Reutlingen) Hutt, Johann (Hundsholz, OA Schorndorf) – E Hüttinger, Adolph Friedrich (Abstatt, OA Besigheim) Kabel, Johann Ludwig ((Bergdorf) – E Kehrer, Johann Georg (Betzingen, OA Reutlingen) Kies, Johann Georg (Degerloch, OA Stuttgart) Klein, Johann (Reutlingen) Knapp, Michael (Reutlingen) – E Koch, Johann Georg (Herzogenweiler) Krämer, David (Plieningen, OA Stuttgart) Krauß, Johann Jakob (Mehrstetten) Krieger, Johann Georg Jakob (Schweringen, Ungarn) Kühfuss, Johann Georg (Neckartenzlingen, OA Nörtingen) Kuhn, Conrad (Auingen, OA Münsingen) Kurz, Joseph (Reichenbach) Lägler, Friedrich (Niederredern, Elsaß) Lägler, Johann Georg (Baisingen, OA Nagold) Löffler, Johann Adam (Kressbach, OA Freudenstadt) – E Lütge, Ernst (Polen) – E Maurer, Johann Adam (Entringen) Maurer, Johann Gottfried (Dorschan, Ungarn) Mauthe, Johann (Pfäffingen) – E Mayer, Kaspar (Scherwinga, Ungarn) https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
EINWANDERERFAMILIEN UND ORTSGRÜNDER VON HELENENDORF Meeder, Johann Adam (Kressbach, OA Freudenstadt) – E Müller, Georg Michael (Hohenhaslach) – E Oesterle, Johannes (Hundsholz, OA Schondorf) Ohngemach, Johannes (Altbulach, OA Calw) Oser, Johann (Beuren, OA Nürtingen) – E Paul, Peter (Nördlingen) Reitenbach, Johannes (Kreuznach) Rethig, Johann (Beuren, OA Nürtingen) – E Reuer, Johann Michael (Plochingen, OA Esslingen) – E Riesch, Georg (Erpfingen) – E Roller, Elias (Gültlingen) – E Roth, Johann (Breitenholz, OA Herrenberg) – E Ruffner, Friedrich (Groß-Asbach) – E Ruffner, Gottlieb (Groß-Asbach) – E Rühl, Philipp (Hambach bei Strassburg) – E Rumpel, Christoph (Alt-Köllen) – E Rups, Heinrich (Ebhausen, OA Nagold) – E Schickeler, Johann (Zell, OA Esslingen) – E Schleyer, Johann Georg (Plieningen, OA Stuttgart) – E Schmälzle, Johann Jakob (Ebhausen, OA Nagold) – E Schmid, Jakob Friedrich (Endersbach, OA Waiblingen) Schmidt, Christoph (Korb, OA Waiblingen) Schneller, Christian (Erkenbrechtsweiler, OA Nürtingen) – E Schneller, Johann (Erkenbrechtsweiler, OA Nürtingen) – E Schöck, Georg Heinrich (Göppingen) Schöneck, Jakob Friedrich (Wiernsheim) Schüle, Johannes (Leutringen, OA Julingen) – E Schurr, Johannes (Rommelsbach) Schweng, Martin (Breslau) – E Seidel, Gottfried Andreas (Plieningen, OA Stuttgart) Siegle, Georg Friedrich (Kornwestheim, OA Ludwigsburg) Speck, Christian (Trossingen, OA Tuttlingen) – E Spielmann, Kaspar (Reutlingen b. Mannheim, Baden) – E Steck, Jakob (Hof) Steidinger, Johannes (Sulz a. Neckar) – E Steiger, Elias (Bodelshausen, OA Rottenburg) – E Strasser, Johann Gottfried (Rosenfeld, OA Balingen) Strobel, Jakob (Frommern, OA Balingen) Stübler, Bernhard (Musberg, OA Stuttgart) – E Sufler, Johann Ludwig (Frommern, OA Balingen) – E Teufel, Johannes (Durrweiler) – E https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig. 195
196 EINWANDERERFAMILIEN UND ORTSGRÜNDER VON HELENENDORF Vohrer, Johann Christoph (Reutlingen) Vollmer, Conrad (Reutlingen) Vollmer, Johann Christoph (Mittelstadt) Votteler, Johann Georg (Reutlingen) Votteler, Johann Philipp (Reutlingen) Votteler, Matthäus (Reutlingen) Votteler, Michael (Plieningen, OA Stuttgart) Votteler, Salomon (Reutlingen) Wackenhut, Johann Georg (Herzogenweiler) Wacker, Andreas (Neusatz, OA Herrenalb) Weber, Imanuel (Korb, OA Waiblingen) Weber, Johann (Korb, OA Waiblingen) Wenkeler, Carl August (Riet) Wenkeler, Johann Christoph (Deizisau) Wirsum, Johann Jakob (Rübgarten) Witzig, Johann (Plochingen, OA Esslingen) Wuchrer, Johann (Reutlingen) Zaiser, Georg Friedrich (Plochingen, OA Esslingen) Zeitler, Johann Georg (Großheppach) 1818 eingewandert: 135 Familien 1909 Stammfamilien: 74 Familien (61 erloschen) 15.–30. Oktober 1941 aus Aserbaidschan nach Zentralasien deportiert: 22.740 Personen https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
Verzeichnis alter Maßeinheiten Aršin – altes russisches Längenmaß, 1 Aršin entspricht etwa 0,71 Metern Desjatine – alte russische Flächeneinheit, 1 Desjatine entspricht 1,092 Hektar Eimer/Vedro (russ.) auch Wedro – ein früheres Volumenmaß, die Menge divergierte in den verschiedenen Regionen Europas stark, 1 Eimer entsprach in Russland 12,3 Liter Pud – altes russisches Gewichtsmaß, 1 Pud entspricht 16,36 Kilogramm Werst – altes russisches Längenmaß, 1 Werst entspricht 1066,78 Meter https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
Verzeichnis der Abbildungen Abb. 1: Deutsche Siedlungen in Kaukasien............................................................21 Abb. 2: Kurdenzelt...................................................................................................29 Abb. 3: Hermine und Charlotte Vohrer (rechts)mit aserbaidschanischen Mädchen aus einem Nachbardorf von Karajeri.......30 Abb. 4: Der Arzt Dr. Hurr bei Patienten ................................................................31 Abb. 5: Ch. G. H. Geißler: Ansicht des kaukasischen Schneegebirges. Im Vordergrund rechts eine Bastion der Festung Georgievsk...................64 Abb. 6: Ch. G. H. Geißler: Zwei Inguscheten, der eine mit Gewehr, Säbel und Dolch .........................................................................................65 Abb. 7: Ch. G. H. Geißler: Ein vornehmer Tscherkesse in Haustracht und eine tscherkessische Fürstentochter ....................................................65 Abb. 8: H. Th. Wehle: Verlassene Festung der Inguscheten © bpk/ Hamburger Kunsthalle/ Christoph Irrgang ..................................69 Abb. 9: H. Th. Wehle: Darialschlucht, heutiges Georgien © bpk/ Hamburger Kunsthalle/ Christoph Irrgang ..................................69 Abb. 10: H. Th. Wehle: Die Swetizchoweli-Kathedrale in Mzcheta, heutiges Georgien © bpk/ Hamburger Kunsthalle/ Christoph Irrgang .......................................................................................70 Abb. 11: W. Kiesewetter: Im Harem eines tatarischen Kaufmanns © Staatlichen Museen zu Berlin, Museum Europäischer Kulturen .........73 Abb. 12: Paul von Franken: Ansicht von Tiflis ........................................................74 Abb. 13: Theodor Horschelt: Junger Tscherkesse, © bpk........................................76 Abb. 14: Theodor Horschelt: Kosake, © bpk...........................................................77 Abb. 15: Theodor Horschelt: Imam Schamil, © bpk...............................................77 Abb. 16: Theodor Horschelt: Die Gefangennahme Schamils © bpk......................78 Abb. 17: Franz Xaver Simm: Das Innere eines Harem.............................................80 Abb. 18: Franz Roubaud: Tscherkessen überqueren einen Fluss.............................81 Abb. 19: Franz Roubaud: Ein tscherkessischer Reiter ..............................................82 https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
200 VERZEICHNIS DER ABBILDUNGEN Abb. 20: Franz Roubaud: Die Eroberung von Gunib und die Gefangennahme von Schamil am 25. August 1859. Präsentation des gefangenen Schamil vor dem Prinzen Barjatinskij.........83 Abb. 21: Franz Roubaud: Tscherkessischer Konvoi überquert einen Fluss mit Pferdegespannen...................................................................................83 Abb. 22: Oskar Schmerling: Zum Wohl!..................................................................86 Abb. 23: Oskar Schmerling: Selbstkarikatur .............................................................86 Abb. 24: Heinrich Vogeler: Baku, © bpk/ Nationalgalerie, SMB/ Klaus Göken.....................................................................................88 Abb. 25: Heinrich Vogeler: Bäuerin im Weingarten des Karl-Marx-Kolchos, © bpk/ Nationalgalerie, SMB/ Jörg P. Anders ..........................................89 Abb. 26: Heinrich Ehmsen: Georgier in Tiflis © Nachlass Heinrich Ehmsen/ bpk/ Hamburger Kunsthalle/ Christoph Irrgang ......................................91 Abb. 27: Helenendorf 1918 mit türkischen Offizieren .......................................... 111 Abb. 28: Angestellte der Zentralbuchhaltung der Verwaltung der Konkordija (1927)............................................................................... 132 Abb. 29: Ausreisende Studierende aus Helenendorf (1920)................................... 141 Abb. 30: Letzte Kommunion 1936 (?) in Baku....................................................... 143 Abb. 31: Ein Beitrag aus der deutschsprachigen Propagandazeitung „Neues Leben“ (Moskau) aus dem Jahr 1965 .......................................... 156 Abb. 32: Demonstration ausreisewilliger Russlanddeutscher am 31. März 1980 auf dem Roten Platz in Moskau. Aus der Broschüre „Aussiedler. Informationen zur politischen Bildung“ Nr. 267 (2000) von Alfred Eisfeld ............................................................ 160 Abb. 33: Die Protestaktion und ihre Folgen: die mutige Teilnehmerin Alwina Fritzler durfte mit ihren Verwandten in die Bundesrepublik. Aus einem Faltblatt der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM), Dezember 1981 .............................................. 160 Abb. 34: Brief des wolgadeutschen Schriftstellers Dominik Hollmann vom 10.12.1966 an den Vorsitzenden des Ministerrats der UdSSR, Aleksej Kosygin. Aus dem Privatarchiv des Enkels des Schriftstellers Rudolf Bender, Hamburg ......................................................................... 162 Abb. 35: Verfallene katholische Kirche in der einstigen wolgadeutschen Ansiedlung Marienberg, heute Oblast Saratov. (Quelle: www.wolgadeutsche.ru/kirche/_Marienberg.htm). ................... 165 https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
VERZEICHNIS DER ABBILDUNGEN 201 Abb. 36: Innenansicht der ehemaligen Kirche in Marienberg, (Quelle: www.engls.ru, zum Zeitpunkt der Drucklegung nicht mehr online). ..... 165 Abb. 37: Kundgebung in der ehemaligen Hauptstadt der Wolgadeutschen Republik, Engels, Oblast Saratov, 1991, entnommen den Beständen des Virtuellen Museums des GULag (www.gulagmuseum.org)............... 167 Abb. 38: „Der museologische Imperativ“ (eigene Darstellung nach Korff, S. 41). .................................................... 179 Abb. 39: Anzahl der Museen in Aserbaidschan, eigene Darstellung nach Daten des AZTAT: www.azstat.org/statinfo/education/ en/index.shtml# (letzter Zugriff am 17.06.2012). ................................... 181 https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
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Literaturhinweise Auch, Eva-Maria: Öl und Wein am Kaukasus. Deutsche Forscher, Kolonisten und Unternehmer im vorrevolutionären Aserbaidschan, Wiesbaden 2001. (Hg. mit Arif Abbasov): Materialy pervoj meždunarodnoj naučnoj konferencii „Kavkazskie nemcy – nemcy na Kavkaze do Pervoj mirovoj vojny“, Baku 2001. (Hg. mit Alfred Eisfeld): Elenendorf v Azerbajdžane. Annotirovannye opisi fondov GIAAR i GAAR. Annotirovannyj tematičeskij perečen‘ dokumentov Gjandžinskogo uezdnogo ispol’nitel’nogo komiteta (1920-1931), Odessa 2001. (Hg. mit Alfred Eisfeld): „Konkordija“. Proizvodstvennyj kooperativ vinogradarej i vinodelov Gjandžinskogo rajona, Odessa 2001. Dies.: Žizn’ i tvorčestvo Jakoba I. Gummelja i byvšij Kraevedčeskij muzej v Chanlare Respubliki Azerbajdžana (v čest’ 180 letija obrazovanija byvšej nemeckoj kolonii Elenendorfa), Greifswald 1999 (masch.schr. 40 S.). Dies.: Nemeckie kolonisty v Zakavkaz’e. In: Rossijskie nemcy na Donu, Kavkaze i Volge, Moskva 1995, S. 101-119. Dies.: Deutsche Kolonisten im multiethnischen Umfeld Transkaukasiens. In: Auch, E.M. (Hg.): Jenseits der Kriege und Konflikte. Gemeinsame Lebenswelten und politische Visionen kaukasischer Völker in Geschichte und Gegenwart, Großbarkau 1996, S. 47-79. Dies.: Zum Muslimbild deutscher Kaukasusreisender im 19. Jahrhundert. In: Auch, E.M./ S. Förster (Hg.): „Barbaren“ und „Weiße Teufel“, Paderborn 1997, S. 83-100. Dies.: Deutsche Kolonisten als Unternehmer im Kaukasus. In: Dahlmann, D./ C. Scheide (Hg.): „das einzige Land in Europa, das eine große Zukunft vor sich hat.“ Deutsche Unternehmen und Unternehmer im Russischen Reich im 19. und frühen 20. Jahrhundert, Essen 1998, S. 589-610. Dies.: Deutschsprachige Quellen zum Schicksal der Deutschen in Aserbaidschan in den 1920er/30er Jahren. In: Journal of Azerbaijani Studies, Vol.1, Nr. 3 (1999), S. 12-45. Dies.: Die Kaukasusmission der Basler Missionare. In: Beer, M./ D. Dahlmann (Hg.): Migration nach Ost- und Südosteuropa vom 18. bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts. Ursachen-Verlauf-Ergebnis, Tübingen 1999, S. 245-262. Dies.: Aserbaidschaner in den Reihen der deutschen Wehrmacht. In: Höpp, G./ B. Reinwald (Hg.): Fremdeinsätze: Afrikaner und Asiaten in europäischen Kriegen 1914-1945, Berlin 2000, S. 167-180. Dies.: Predprinimatel’skaja dejatel’nost’ nemeckich kolonistov v Azerbajdžane. In: Abbasov, A./ E.M. Auch (Hg.): Kavkazskie nemcy – nemcy na Kavkaze do Pervoj mirovoj vojny, Baku 2001. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
204 LITERATURHINWEISE (mit Eisfeld, A.): Vorwort und Einleitung. Elenendorf v Azerbajdžane. Annotirovannye opisi fondov GIAAR i GAAR. Annotirovannyj tematičeskij perečen’ dokumentov Gjandžinskogo uezdnogo ispol’nitel’nogo komiteta (1920-1931), Odessa 2001. (mit Eisfeld, A.): Vorwort und Einleitung. „Konkordija“. Proizvodstvennyj kooperativ vinogradarej i vinodelov Gjandžinskogo rajona, Odessa 2001. Dies.: Zwischen Weinreben, Kupferminen und Bohrtürmen. Deutsche Spuren in Aserbaidschan. In: Aserbaidschan. Land des Feuers. Geschichte und Kultur im Kaukasus, Berlin 2008, S. 147-172. Dies.: Deutsche Winzer im multikulturellen Umfeld Aserbaidschans. Erinnerungsbericht des Julius Vohrer (1887-1979), Berlin 2011. Dies.: Deutsche Spuren in Aserbaidschan, Baku 2014. Achundova, Turan: Nemcy-kolonisty Azerbajdžana XIX-nač XX.vv., Baku 1999. Aliev, Kemal: Nemcy na Južnom Kavkaze ili moja žizn’ v Annenfel’de, Baku 2000. Allmendinger, Ernst: Katharinenfeld, ein deutsches Dorf im Kaukasus, Neustadt 1989. Baberowski, Jörg: Der Feind ist überall. Stalinismus im Kaukasus, München 2003. Bonwetsch, Bernd (Hg.): Larissa Belkowez/Sergej Belkowez, Gescheiterte Hoffnungen, Das deutsche Konsulat in Sibirien 1923-1938, Essen 2004. Br. Forer v kolonii Elenendorf Elizavetpol’skoj gubernii. 50 let. In: Kavkazskoe chozjajstvo, Nr. 5 – 7 (1911). Brandes, D./ M. Busch/ Ch. Pavlovič: Geschichte und Kultur der Russlanddeutschen, Bd. I (von der Einwanderung bis 1917), München 1994. Černova-Deke, Tamara N.: Nemeckie poselenija na periferii Rossijskoj Imperii. Kavkaz: vzgljad skvoz‘ stoletija (1818-1917), Moskva 2008. Džafarly, Mamed: Političeskij terror i sud’by azerbajdžanskich nemcev, Baku 1998. Eisfeld, Alfred/ Viktor Herdt (Hg.): Deportation, Sondersiedlung, Arbeitsarmee. Deutsche in der Sowjetunion 1941 bis 1956, Köln 1996. Eisfeld, Alfred (Hg.): Deutsche im Schwarzmeergebiet, auf der Krim und im Kaukasus vom 19. Jahrhundert bis 1941, Hamburg 2016. Fischer, Karl August: Die Kaukasische Post, Leipzig 1944. Föll, Renate: Sehnsucht nach Jerusalem. Zur Ostwanderung schwäbischer Pietisten, Tübingen 2002. Groß, Andreas: Missionare und Kolonisten: Die Basler und die Hermannsburger Mission in Georgien am Beispiel der Kolonie Katharinenfeld 1818–1870, Hamburg 1998. Gumbatova, Tamara: Žizn’ nemcev-kolonistov za Kavkazom, Baku 2005. Haigis, Peter/ Gert Hummel: Schwäbische Spuren im Kaukasus, Metzingen 2002. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
LITERATURHINWEISE 205 Hedeler, Wladislaw/ Andrej Savin: Die Deutschen in der UdSSR eine "fünfte Kolonne"? Die sowjetisch-deutschen Beziehungen Mitte der 1920er Jahre aus der Sicht der OGPU. In: IWK, Nr. 2-3 (2006), S. 305–324. Hoffmann, Paul: Die deutschen Kolonien in Transkaukasien, Berlin 1905. Hummel, Ralf (Ludwigsburg): Lebenserinnerungen (handschriftliches Manuskript im Besitz der Herausgeberin). Hummel, Theodor: 100 Jahre Erbhofrecht der deutschen Kolonisten in Russland, Berlin 1936. Hurr, Eugen: Lebenslauf und Erinnerung eines Russland-Deutschen, Selbstverlag o.O. 1993. Jakovlev, A. N. (Hg.): Lubjanka. Stalin i Glavnoe upravlenie gosbezopasnosti NKVD. 1937-1938 gg., Moskva 2004. Jaskorskij, Aleksander/ Rudol’f Jaskorskij: Švaby Pričernomor’ja i Kavkaza, Erevan 2003. Krämer, Werner: Grünfeld, ein deutsches Dorf im Südkaukasus. o. O., o. J. Leibbrandt, Georg: Die Auswanderung aus Schwaben nach Russland 1816 – 1823, Ein schwäbisches Zeit- und Charakterbild, Stuttgart 1928. Lorenz (Wenkeler), Adeline: Immer Fremde. Familiengeschichte, Kinder- und Jugenderinnerungen einer Russlanddeutschen, Bad Krotzingen 2005. Dies.: Der Heimat beraubt, Bad Krotzingen 2007. Mensing, B./ H. Rathke (Hg.): Mitmenschlichkeit, Zivilcourage, Gottvertrauen. Evangelische Opfer von Nationalsozialismus und Stalinismus, Leipzig, 2003. Olejnikova, Sima: Prozesse gegen Deutsche in Aserbaidschan am Vorabend des großen Terrors 1937/38. In: Heimatbuch der Deutschen aus Russland 2005, Stuttgart 2005, S. 145–152. Savin, A. (Hg.): Ėtnokonfessija v sovetskom gosudarstve. Mennonity Sibiri v 1920 – 1980-e gody. Annotirovannyj perečen’ archivnych dokumentov i materialov, Novosibirsk, St. Petersburg 2006. Schöck, Georg: „Concordija“ – eine Kooperative in den NÖP-Jahren. In: Freundschaft, Nr. 163 vom 28. August 1990. Schrenk, Friedrich M.: Geschichte der deutschen Kolonien in Transkaukasien, Tiflis 1869. (2. neubarbeitete Auflage, hrsg. von Emil Biedlingmeier, Landau 1997). Schweinitz, H. Graf von: Helenendorf. Eine deutsche Kolonie im Kaukasus, Berlin 1910. Siegenthaler, Ernst: Schweizer Käser im Kaukasus. In: Burgdorfer Jahrbuch 1986, Burgdorf 1987, S. 45-118. Songhulaschwili, Awtandil: Die Deutschen in Georgien, Tbilisi 1997. Springdorn, Daphne: Deutsche in Georgien, Tbilisi 2004. Stumpp, Karl: Das Schrifttum über das Deutschtum in Russland, Stuttgart 1980 (5. erw. Auflage). https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
206 LITERATURHINWEISE Thumm, Hermann J.: Vom Kaukasus ins Barossa-Valley: Mein Lebensweg. Chateau Yaldara: Mein Beitrag zur australischen Weinkultur, Grünstadt 1999. Verdieva, Chadžar: Nemcy v Severnom Azerbajdžane, Baku 2009. Vohrer, Kurt (Hrsg.): Stammliste der Reutlinger Bürgerfamilie Vohrer, Stuttgart 1981. Winkler, Herbert: Die Schwaben im Südkaukasus. Eingewandert 1817 – verschleppt 1941. Meinen Erinnerungen bis 1989, Selbstverlag Bielefeld 1992. Zejnalova, Sudaba: Nemeckie kolonii v Azerbajdžane (1819-1941gg.), Baku 2002. Dies.: Vozroždenie nemeckoj kul’tury i religii v Azerbajdžane, In: Nemeckoe naselenie v poststalinskom SSSR, v stranach SNG i Baltii (1956-2002). Materialy meždunarodnoj naučnoi konferencii, Moskva 2003, S. 333-347. Dies.: Nemcy na Kavkaze, Baku 2008. https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
Autorenverzeichnis Eva-Maria Auch Auslandsstudium (Orientalistik, Russischen Sprache und Literatur) in Baku. 1985 Promotion im Fach Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Greifswald. 2000 Habilitation im Fach Osteuropäische Geschichte an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Bonn. Seit 2010 Inhaberin der Stiftungsprofessur für Geschichte Aserbaidschans an der Humboldt-Universität zu Berlin. Forschungen und Publikationen zur Geschichte Kaukasien und Zentralasiens (19.-21. Jh.) mit den Schwerpunkten Kolonialismus, Nationalitäten- und Religionspolitik, nationale Bewegungen und internationale Beziehungen, Fremd- und Selbstwahrnehmung, Migrations- und Konfliktforschung, Deutsche im multikulturellen Umfeld Kaukasiens. Gudrun Calov Studium der Kunstgeschichte, Archäologie, Ur- und Frühgeschichte und der Bibliothekswissenschaft in Frankfurt a. M., Köln und Bonn. Promotion 1968, danach Bibliothekarin und wissenschaftliche Mitarbeiterin im Kunsthistorischen Institut der Universität Köln. Seit 1979 Professorin für Kunst- und Bibliothekswissenschaft an der Hochschule für Bibliotheks- und Informationswesen Stuttgart, von 2000-2005 Professorin im Studiengang Bibliotheks- und Medienmanagement an der Hochschule der Medien (HdM) Stuttgart. Lehraufträge an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart. Zahlreiche Aufsätze und Beiträge zu kunstwissenschaftlichen und bibliothekswissenschaftlichen Themen in Lexika, Sammelbänden und Zeitschriften. Alik Dibraev 1990 Abschluss des Philosophiestudiums an der Universität Rostov am Don. Pädagogische Tätigkeit. 1992-1997 Studium an der Ernst-Moritz-Arndt-Universität in Greifswald. Anschließend Studienkolleg und Promotion bei Prof. Werner Stegmaier. 2009 zweites juristisches Hochschulstudium. Von April 2010 bis Februar 2011 Gastwissenschaftler an der Universität Greifswald. Seit 1998 Dozent für Philosophie und Medizinrecht an der Staatlichen Dagestanischen Universität Machačkala. Forschungsschwerpunkte sind Medizinrecht und bürgerliches Recht, Geschichte und Recht, Fragen der Zivilgesellschaft und der Bioethik. Mamed Džafarli Geboren 1960 in Baku. Studium und Promotion an der Historischen Fakultät der Staatlichen Universität Baku. Verfasser mehrerer wissenschaftlicher Publika- https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
208 AUTORENVERZEICHNIS tionen über das Leben und Wirken der Deutschen, die bis 1941 in Kaukasien siedelten. Alfred Eisfeld Geboren 1951 in der Siedlung Uva (ASSR Udmurtien). Studium der Geschichte Ost- und Südosteuropas sowie der Politik- und Zeitungswissenschaften an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn und der Ludwig-MaximiliansUniversität München. 1983 Promotion. Beschäftigt am Institut für Kultur und Geschichte der Deutschen in Nordosteuropa e. V. (IKGN e. V.) an der Universität Hamburg und Vorsitzender der Wissenschaftlichen Kommission für die Deutschen in Russland und der GUS. Forschungsschwerpunkte sind die Geschichte Russlands und der UdSSR, die Nationalitätenpolitik der UdSSR, die Geschichte und Kultur der Russlanddeutschen, die Zivilbevölkerung in der Zeit des Ersten und Zweiten Weltkrieges sowie die deutsch-sowjetischen/russischen Beziehungen. Zahlreiche Publikationen als Autor und Herausgeber, Beiträge in Sammelbänden und wissenschaftlichen Zeitschriften Deutschlands, Russlands, der Ukraine, Kasachstans und Aserbaidschans. Janine Funke (geb. Noack) B.A. Geschichte/Sozialwissenschaften an der Humboldt-Universität Berlin, MPhil Modern European History an der University of Cambridge (Betreuung der Masterarbeit von Prof. Christopher Clark). Derzeit Promotion am Zentrum für Zeithistorische Forschung zum Thema „Die Computerisierung der Bundeswehr und der NVA von den Anfängen bis in die 1980er Jahre“. Viktor Krieger Geboren 1959 im Gebiet Džambul (Kasachische SSR). Studium in Novosibirsk. Promotion an der Akademie der Wissenschaften in Alma-Ata/Kasachstan. 1991 Übersiedlung nach Deutschland und seit 1999 Teilnahme an verschiedenen Projekten im Rahmen der Forschungsstelle für Geschichte und Kultur der Deutschen in Russland am Seminar für Osteuropäische Geschichte der Universität Heidelberg. Zurzeit freiberuflicher Historiker und Lehrbeauftragter des Historischen Seminars, Universität Heidelberg. Forschungsschwerpunkte sind Geschichte, Kultur und die gegenwärtige Situation der Russlanddeutschen, Nationalitätenpolitik in der UdSSR, Formen der Germanophobie in Russland seit dem 18. Jh. sowie Fragen der Erinnerungskultur und des kollektiven Gedächtnisses. Alexander Schwab († 11. Januar 2013), Musikwissenschaftler und ehemaliger Vorsitzender des Kulturrates und der Ortsgruppe Köln der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland. Geboren 1945 in Temirtau, kasachische SSR. Studium der Musikwissenschaft am Staatlichen 208 https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
AUTORENVERZEICHNIS 209 Institut der Künste in Frunze (heute Bischkek) in der kirgisischen SSR. Abschluss mir Staatsexamen 1974. Nach der Übersiedlung in die Bundesrepublik Deutschland 1977 Studium und Promotion am Musikwissenschaftlichen Institut der Kölner Universität. Sein wissenschaftliches Lebensthema war die Erforschung der russlanddeutschen Musikkultur. Tamara Tschernowa-Döke Promotion 1973 an der Moskauer Staatlichen Universität. Hochschulforschung und -lehre. Mitglied der Internationalen Assoziation zur Erforschung von Geschichte und Kultur der Russlanddeutschen. Freie Wissenschaftlerin. Autorin einer Monographie und ca. 40 wissenschaftlicher Aufsätze über die russische imperiale Kolonisierungspolitik und die Entwicklungsgeschichte deutscher Kolonien im Kaukasus sowie die Deportation der „kaukasischen Deutschen“ im Oktober 1941. 209 https://doi.org/10.5771/9783956503375 Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.