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Автор: Auch E.-M.
Теги: geschichte geschichte deutschlands deutschland internationale beziehungen
ISBN: 978-3-95650-240-8
Год: 2017
Текст
ORIENTALISTIK
27
Eva-Maria Auch (Hrsg.)
Deutsche im multikulturellen
Umfeld Südkaukasiens
https://doi.org/10.5771/9783956503375
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Deutsche im multikulturellen Umfeld Südkaukasiens
Herausgegeben von
Eva-Maria Auch
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BIBLIOTHECA ACADEMICA
Reihe
Orientalistik
Band 27
ERGON VERLAG
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Deutsche im multikulturellen Umfeld
Südkaukasiens
Herausgegeben von
Eva-Maria Auch
ERGON VERLAG
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Umschlagabbildung:
Familientafel der ‚jungen‘ Vohrers vor dem Ersten Weltkrieg
© Familienarchiv Vohrer, Aufnahmedatum um 1914
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der
Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind
im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
© Ergon – ein Verlag in der Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2017
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und für Einspeicherungen in elektronische Systeme.
Gedruckt auf alterungsbeständigem Papier.
Satz: Matthias Wies, Ergon-Verlag GmbH
Umschlaggestaltung: Jan von Hugo
www.ergon-verlag.de
ISBN 978-3-95650-240-8
ISSN 1866-5071
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Inhalt
Vorwort .................................................................................................................... 7
Teil I: Deutsche Siedlungsgeschichte im Kontext
russischer Nationalitätenpolitik im 19. Jahrhundert
bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts
Eva-Maria Auch
Zwischen Autarkie und Anpassung:
Deutsche im multiethnischen Umfeld Südkaukasiens......................................... 13
Alik Dibraev
Zur wirtschaftlichen Aktivität deutscher Einwanderer in Dagestan
Mitte des 19. Jahrhunderts .................................................................................... 35
Tamara Tschernowa-Döke
Besonderheiten im religiösen Leben und bei der Verwaltung geistlicher
Angelegenheiten der deutschen Siedlergemeinden in Südkaukasien .................. 45
Alexander Schwab †
Deutsche Musiker und Komponisten in Kaukasien von der Mitte des
19. bis Ende des 20. Jahrhunderts ......................................................................... 55
Gudrun Calov
Das Bild der „Anderen“. Das multiethnische Umfeld Kaukasiens
im Schaffen deutscher Maler und Zeichner ......................................................... 63
Teil II: Kaukasiendeutsche zwischen den Fronten von Revolutionen
und Kriegen – Autonomiebestrebungen, Verfolgung und Deportation
in den Jahren 1917-1941
Alfred Eisfeld
Ein Vergleich der Autonomiebewegungen unter den Deutschen
in Nord- und Südkaukasien 1917-1918................................................................. 95
Jusuf Agaev
Die militärisch-politische Situation in und um Aserbaidschan 1917-1918 ....... 107
Mamed Džafarli
Die Sowjetisierung der deutschen Kolonien und Gemeinden
in Aserbaidschan.................................................................................................. 113
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INHALT
Eva-Maria Auch
Die Zerschlagung der genossenschaftlichen Organisation
und die Deportation der deutschen Bevölkerung Aserbaidschans
in den 1930-40er Jahren....................................................................................... 127
Mamed Džafarli
Der Terror gegen die deutschen Bewohner Aserbaidschans durch
GPU und NKVD in den 1930er Jahren .............................................................. 137
Teil III: Nachkriegsschicksale und Geschichtsaufarbeitung
Viktor Krieger
Russlanddeutsche in der Sowjetunion/ Russland
und in der Bundesrepublik: Integration und Ausgrenzung
in vergleichender Perspektive .............................................................................. 153
Janine Funke (geb. Noack)
Historische und museumstheoretische Aspekte beim Aufbau
eines Heimatmuseums zur Erinnerung an die Bewohner
Göygöls/Helenendorfs ........................................................................................ 173
Anhang
Die Einwandererfamilien und Ortsgründer von Helenendorf
in Aserbaidschan – 1819...................................................................................... 193
Verzeichnis alter Maßeinheiten .......................................................................... 197
Verzeichnis der Abbildungen.............................................................................. 199
Literaturhinweise.................................................................................................. 203
Autorenverzeichnis .............................................................................................. 207
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Vorwort
Das Schicksal der Deutschen Südkaukasiens gehört im Vergleich zu Untersuchungen über die Wolga- oder Ukrainedeutschen zu den bisher weniger berücksichtigten Themen der Forschung über die Geschichte und Kultur der Russlanddeutschen.1
Als relativ kleine Siedlungsgruppe mit ca. 20 Tausend Kolonisten im Jahre
1920 und rund 45 Tausend Deutschstämmigen bei ihrer Deportation im Jahre
1941 schrieben sie jedoch mit an der neuzeitlichen Geschichte der kaukasischen
Völker und der deutsch-kaukasischen Beziehungen.
Um hier zu neuen Erkenntnissen zu kommen, wurde in Zusammenarbeit mit
der Gesellschaft „Wiedergeburt“, der Evangelisch-Lutherischen Gemeinde in
Aserbaidschan und dem Göttinger Arbeitskreis e.V. im Oktober 1995 unter Leitung der Herausgeberin in Baku eine „Arbeitsgruppe zur Erforschung der Geschichte und Kultur der Kaukasusdeutschen“ gegründet.
Im September 1997 fand mit Unterstützung des Präsidenten der Republik
Aserbaidschan und des Auswärtigen Amtes der BRD eine erste internationale
Konferenz in Baku und Gǝncǝ2 zum Thema „Deutsche in Kaukasien – Kaukasusdeutsche. Von der Einwanderung bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges“
statt,3 eine ethnographisch-kulturgeographische Exkursion in die Gebiete Xanlar
(heute Göygöl), Şamxor (heute Şǝmkir) und Tovuz in Zusammenarbeit mit der
Akademie der Wissenschaften Baku (1998) folgte ebenso, wie weitere Tagungen,
die Anstöße für Qualifizierungsarbeiten aserbaidschanischer Wissenschaftler gaben. Inzwischen sind mit Hilfe des Göttinger Arbeitskreises e.V. auch mehrere
Projekte mit den Historischen Archiven Aserbaidschans erfolgreich realisiert worden, um Archivbestände zur Geschichte der deutsch-aserbaidschanischen Beziehungen der Öffentlichkeit zugänglich zu machen,4 analoge Projekte mit Archiven in Georgien sind in Vorbereitung.
1
2
3
4
Ausführliche bibliographische Angaben finden sich in: Stumpp, Karl: Das Schrifttum über
das Deutschtum in Rußland, Stuttgart 1980 (5. erw. Auflage), S. 64-66; Brandes, D./ M.
Busch/ Ch. Pavlovič: Bibliographie zur Geschichte und Kultur der Rußlanddeutschen, Bd.
I (Von der Einwanderung bis 1917), München 1994, vgl. auch die Bibliographie am Ende
des Buches.
Da die Beiträge unterschiedliche historische Perioden thematisieren und sich Ortsbezeichnungen vielfach änderten, wurde sowohl die wissenschaftliche Transliteration aus dem
Russischen als auch – für aserbaidschanische Namen – das moderne aserbaidschanische
Lateinalphabet genutzt. Ausnahmen sind geläufige eingedeutschte Formen von Ortsbezeichnungen und Namen.
Abbasov, Arif/ Eva-Maria Auch (Hg.): Kavkazskie nemcy – nemcy na Kavkaze do Pervoj
mirovoj vojny, Baku 2001.
Auch, E.M./ A. Eisfeld (Hg.): Elenendorf v Azerbajdžane. Annotirovannye opisi fondov
GIAAR i GAAR. Annotirovannyj tematičeskij perečen‘ dokumentov Gjandžinskogo uezdnogo ispol’nitel’nogo komiteta (1920-1931), Odessa 2001. S. Auch, E.M./ A. Eisfeld
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VORWORT
Als besonderer Erfolg der jahrelangen Bemühungen um die Geschichte und
Kultur der Kaukasusdeutschen kann jedoch konstatiert werden, dass das Interesse
an der deutsch-aserbaidschanischen Geschichte in den ehemaligen Siedlungen
erwacht ist. Gemeinsamer politischer Wille zur Pflege dieses Erbe führte dazu,
dass der Friedhof in Helenendorf geschützt, vier Hauptstraßen unter Denkmalschutz gestellten wurden und die Kirche in Helenendorf mit GIZ-Hilfe restauriert
und durch eine Spendenaktion des Kultur- und Wissenschaftsverein „EuroKaukAsia e.V.“ mit einer neuen Kirchturmuhr versehen werden konnte. Anstrengungen zur Ausbildung von einheimischen Handwerkern, die zukünftig in der Lage
sein werden, die Häuser zu restaurieren, zur Umwidmung des ehemaligen
Wohnhauses von Viktor Klein zu einem „Schwäbischen Museum“ und Bemühungen um die Wiederherstellung eines „Heimatkundlichen Museums“ mit den
ehemals berühmten Sammlungen des Jakob Hummel werden derzeit unternommen. So besteht berechtigte Hoffnung, dass „Helenendorf“ – seit 2008 „Göygöl“
– zu einer neuen Blüte gelangt, die auch andere Gemeinden (z.B. in Şǝmkir/Annenfeld) nicht nur in Aserbaidschan sondern auch in Georgien anspornt. Anlässlich des 200jährigen Jubiläums deutscher Zuwanderung nach Südkaukasien
2017/18 werden bedeutende Anstrengungen unternommen, um das architektonische Erbe in beiden Staaten zu restaurieren.
Eine wichtige Voraussetzung für alle Aktivitäten ist jedoch das gemeinsame
Wissen um und über die wechselhafte Geschichte der Orte und ihrer Menschen.
Während es eine Vielzahl von Publikationen über die 100jährige Geschichte der
südkaukasischen Kolonien bis 1917/19 gibt, besteht besonderer Nachholbedarf in
Bezug auf die Zeit bis zur Deportation der deutschstämmigen Bevölkerung im Oktober 1941 und das Schicksal der Kaukasusdeutschen in den Zwangsansiedlungsgebieten.5 Viele Einzelschicksale und Details der Entwicklung sowohl in den Kolonien als auch in den Städten Südkaukasiens sind nicht oder unzureichend geklärt. Da im Unterschied zu den russischen Archiven die Bestände von
GPU/NKVD der Republik Aserbaidschan ausländischen Forschern bisher verschlossen sind und georgische Archivbestände teilweise vernichtet wurden, blieb
die Zwischenkriegszeit ein unvollständiges Puzzle. Im Sinne eines wichtigen Mosaiksteins in einem zu führenden Dialog über die gemeinsame Vergangenheit und
Gegenwart entschied sich die Herausgeberin anlässlich des 190jährigen Jubiläums
der Ortsgründung von Helenendorf/Xanlar/Göygöl die Erinnerungen des Zeitzeugen Julius Vohrer kommentiert zu veröffentlichen, der durch den mutigen Einsatz
seiner Ehefrau 1935 aus den Fängen des sowjetischen Sicherheitsdienstes befreit
5
(Hg.): „Konkordija“. Proizvodstvennyj kooperativ vinogradarej i vinodelov Gjandžinskogo
rajona, Odessa 2001.
Für die populäre Aufarbeitung dieses Geschichtsabschnittes steht eine Vielzahl von Memoirenliteratur, die oftmals im Selbstverlag erschien oder maschinenschriftlich unter den
Spätaussiedlern Verbreitung findet. Vgl. das Schriftenverzeichnis im Anhang.
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VORWORT
9
und gegen einen Kommunisten ausgetauscht werden konnte. Er war damit einer
der sehr wenigen männlichen Vertreter seiner Generation, die die Zeit überlebten.6
In Aserbaidschan selbst nahm man sich seit Ende der 1990er Jahre verstärkt
der Thematik an. Nach einzelnen Presseartikeln erschien 1995 eine populärwissenschaftliche Arbeit von N.A. Ibragimov über „Deutsche Seiten der Geschichte
Aserbaidschans“, 1997 drehte der Regisseur Šichlinskij einen Dokumentarfilm
über Spuren Deutscher und schließlich erfuhren Nachfahren der Kolonisten
1998 über eine Publikation M. Džafarlys aus dem wissenschaftlichen Informationszentrums des aserbaidschanischen Innenministeriums7 genaueres über die
Umstände und Todesdaten ihrer Verwandten, die den Stalinschen Repressalien
ausgeliefert waren. Inzwischen liegt eine Reihe von Qualifikationsarbeiten vor,
die das Thema vor allem im Kontext von Migration behandeln.
Hat die Beschäftigung mit diesem Kapitel deutsch-aserbaidschanischer Beziehungen in der Bakuer Öffentlichkeit wachsendes Interesse gefunden, wissen die
heute in den ehemaligen Kolonien Xanlar/Göygöl (Helenendorf, 1819), Şǝmkir
(Annenfeld, 1819), Çinarlı (Georgsfeld, 1888), Stadtgebiet Aǧstafa (Alexandersfeld/Alekseevka, 1902, Grünfeld, 1906, Elisabethtal, 1914), Irimaşlı (Eigenfeld,
1906), Tovuz (Traubenfeld, 1912) lebenden Einwohner – in großer Zahl Flüchtlinge aus Armenien und Berg-Karabach – noch immer zu wenig über die Geschichte ihrer neuen Heimatregion, halten sich hartnäckig Gerüchte und Mythen und entwickeln sich nur langsam Beziehungen zu den architektonischen,
kulturellen und wirtschaftlichen Besonderheiten. Erst allmählich wird hinterfragt, warum sich der Ort so erfolgreich entfalten konnte, wie man wirtschaftete
und ein funktionierendes Gemeinwesen mit Schulen, sozialen und kulturellen
Einrichtungen organisierte. Der vorliegende Band versammelt nun verschiedene
Facetten deutsch-südkaukasischer Beziehungsgeschichte, erhebt aber keinesfalls
Anspruch auf eine umfassende Darstellung. Er beinhaltet Beiträge, die 2009 anlässlich einer Tagung zum 190jährigen Bestehen Helenendorfs/Göygöl (Aserbaidschan) gehalten wurden.8 Es ist zu erwarten, dass in Vorbereitung und Würdigung des Jubiläums der Einwanderung deutscher Siedler nach Südkaukasien vor
200 Jahren gemeinsame Projekte zur Geschichte und Kultur der Kaukasusdeutschen umgesetzt werden. Seit Februar 2017 ist unter dem Titel „Entgrenzung“
eine Wanderausstellung auf dem Weg durch Deutschland, Aserbaidschan, georgien und die Ukraine. Damit sollte dieses Kapitel deutsch-kaukasischer Beziehungen nicht nur eine größere öffentliche Aufwertung erfahren, sondern vor al6
7
8
Auch, E.M.: Deutsche Winzer im multikulturellen Umfeld Aserbaidschans. Erinnerungsbericht des Julius Vohrer (1887-1979), Berlin 2011.
Džafarli, M.: Političeskij terror i sud’by azerbajdžanskich nemcev, Baku 1998. Eine deutsche Übersetzung erschien 2012 unter dem Titel „Politischer Terror und das Schicksal der
aserbaidschanischen Deutschen“ in Stuttgart.
Dank gilt der Landesvertretung Baden-Württemberg und der aserbaidschanischen Botschaft in Berlin, die eine Durchführung der internationalen Konferenz im Dezember 2009
ermöglichten.
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VORWORT
lem auch Anschluss an die „Großen Fragen“ der Migrations- und Kulturgeschichte9 finden.
9
Vgl. Neutatz, D.: Wo steht die Forschung über die Russlanddeutschen. In: Eisfeld, A.
(Hg.): Deutsche im Schwarzmeergebiet, auf der Krim und im Kaukasus vom 19. Jahrhundert bis 1941, Hamburg 2016.
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Teil I:
Deutsche Siedlungsgeschichte
im Kontext russischer Nationalitätenpolitik
im 19. Jahrhundert bis zum Beginn des
20. Jahrhunderts
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Zwischen Autarkie und Anpassung:
Deutsche im multiethnischen Umfeld Südkaukasiens
Eva-Maria Auch
Die konfliktreiche Situation in verschiedenen multiethnischen Regionen der
ehemaligen Sowjetunion befördert nicht nur ihre Beschreibung als „ethnischreligiös“, sondern lässt Betroffene wie Betrachter für die Begründung von Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen ethnischen Gruppen auch die Geschichte nach Ursachen und Hintergründen befragen. Beeinflusst von aktuellen
Entwicklungen und Wünschen nach politischer Profilierung werden – oft auch
in Antwort auf die jahrzehntelang beschönigende Darstellung der „unzerbrechlichen Freundschaft der Völker der Sowjetunion“ – verstärkt Traditionen der
„Feindschaft“ aufgearbeitet. Ausgehend von der Grundthese, dass es in der Geschichte des russischen und sowjetischen Vielvölkerimperiums neben einer Geschichte des „Gegeneinander“ auch stets eine des „Miteinander“ von Volksgruppen gegeben hat, soll nicht nur ein Überblick über die Geschichte der transkaukasischen Kolonistensiedlungen gegeben, sondern das Miteinander von deutschen Einwanderern und ansässigen Völkerschaften, also die Entwicklung multiethnischer, -religiöser und -kultureller Kontakte nach ihren Reibungsstellen, aber
vor allem den Berührungspunkten und Austauschmöglichkeiten hinterfragt werden. Dabei geht es nicht um die Glorifizierung „deutscher Arbeit“ und „deutschen Fleißes“ in fremdem, „unkultiviertem“ Land „wilder Völker“ Kaukasiens,
wie wir sie durch Reise- und spätere Erlebnisberichte1 aus deutschen Kolonistendörfern kennen, sondern viel eher sollen folgende Fragenkomplexe in die Diskussion eingebracht werden:
Erstens: Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede ergeben sich im Vergleich zwischen südkaukasischen und anderen Regionen deutscher Zuwanderung, welche Formen, Inhalte und Konsequenzen hatten Kontakte zwischen ihnen? Zweitens: Wie entwickelte sich die Integration der eingewanderten Deutschen im multiethnischem Südkaukasien, wo verliefen die Grenzen zwischen
Kaukasiern und Zugewanderten, welche Kriterien bestimmten neben Sprache
und Abstammung eine kaukasische Identität aus der ein Recht auf Beheimatung
abgeleitet werden konnte? Und drittens: Wie funktionierte das Miteinanderleben
von Menschen unterschiedlicher kulturhistorischer Bindung, wie wurde dieses
Miteinander erinnert, wie ging man mit dieser Andersartigkeit um, wo lagen Be1
Vgl. u.a. Auch, E.M.: Zum Muslimbild deutscher Kaukasusreisender im 19. Jahrhundert.
In: Auch, E.M./ S. Förster (Hg.): „Barbaren“ und „Weiße Teufel“, Paderborn 1997, S. 83100; Dies.: Die Kaukasusmission der Basler Missionare. In: Beer, M./ D. Dahlmann (Hg.):
Migration nach Ost- und Südosteuropa vom 18. bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts. Ursachen-Verlauf-Ergebnis, Tübingen 1999, S. 245-262.
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EVA-MARIA AUCH
rührungs- und Kommunikationsebenen, Lernfelder und wo sind jene Grenzbereiche zu finden, die zu Konflikten führen konnten?
Diese Fragen unter kaukasischen Bedingungen beantworten zu wollen, ist besonders schwer, da die Geschichte der Kaukasusdeutschen im Vergleich zu anderen Siedlungsgebieten der Russlanddeutschen bisher unzureichend oder recht
einseitig2 wissenschaftlich untersucht wurde, wie unter anderem die noch weitestgehend unbearbeiteten Archivbestände in Tbilisi und Baku zeigen. Andererseits sollte die Erforschung von Beziehungen stets alle Beteiligten befragen, im
vorliegenden Fall verfügen wir jedoch nach bisherigen Erkenntnissen bis zur
Jahrhundertwende kaum über zeitgenössische Aussagen ansässiger Bevölkerungsgruppen zu diesem Thema. So konstatiert der „Urvater“ der aserbaidschanischen
Historiker, Abbasqulu aǧa Bakıxanov, in seinem „Gülüstan-i irem“ (persische
Fassung 1841 beendet, russische Ausgabe 1844) das Auftauchen deutscher Siedler ebenso wenig wie die Autoren des „Karabagh-name“ (1847) oder der Autor
der Geschichte der Stadt Gǝncǝ, Scheich Ibrahim Nǝsix. In der ersten Hälfte des
19. Jahrhunderts sind es deshalb vor allem deutsche Reisende, Schottische und
Baseler Missionare, die seit 1818 von Karass und 1821 von Şuşa aus die Kolonistenseelsorge zum Bestandteil ihrer Missionsarbeit im Kaukasus machten und
über ihre Arbeit und das Umfeld berichteten. Ihre Mitteilungen wurden ergänzt
durch in russischen Diensten stehende Beamte, die ihre Beobachtungen in russischen und deutschen Periodika veröffentlichten. Diese prägten die öffentliche
Meinung über die deutschen Kolonistendörfer und die sie umgebenden ethnischen Gemeinschaften, noch bevor um die Jahrhundertwende unter dem Einfluss des Nationalismus von Russen – vereinzelt auch von Aserbaidschanern –
das Problem der Einwanderung auf den Seiten von „Kavkaz“ und „Kaspij“ thematisiert und politisiert wurde und sich eine distanzierte Haltung zur Rolle deutscher Kolonisten in Südkaukasien durchsetzte. Durch den Mangel an ausreichend zeitgenössischen Quellen, die eine Sicht der Alteingesessenen widerspiegeln könnten, ist die Gefahr einseitiger oder unvollständiger Schlussfolgerungen
sicher besonders groß.
Zur Siedlungsgeschichte
Bekanntlich ist die Ansiedlung Deutscher in Südkaukasien die letzte geschlossene
Siedlungsaktion, die in den Traditionslinien von Katharina II. verwirklicht wurde.
Hatte sich Peter der Große in seiner außenpolitischen Konzeption noch überwiegend auf den Norden konzentriert,3 verlagerten sich die russischen Interessen wäh2
3
Mandzgaladze, G.Ch.: Germaneli kolonistebi amierkawkasiashi (1818-1920), Tbilisi 1974
(Diss.), hier: Mandžgaladze, G.Ch.: Nemeckie kolonisty v Zakavkaz’e (1817-1920gg.). Avtoreferat kand. Diss., Tbilisi 1970.
Ausnahmen von dieser Politik stellen die russischen Eroberungen in Südkaukasien in den
Jahren 1722/23, sowie der Vertrag von Konstantinopel von 1724 dar.
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ZWISCHEN AUTARKIE UND ANPASSUNG
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rend des 18. Jahrhunderts stetig gen Süden. Katharina unterstützte dabei nicht nur
die wissenschaftliche Erforschung entlegener Landstriche im Rahmen sogenannter
„Akademischer Expeditionen“, sondern ging bereits einen Schritt weiter, indem sie
die Ansiedlung von Bauern in den neu gewonnenen Randzonen initiierte und den
bekannten gesetzlichen Rahmen zukünftiger Kolonisation vorgab.
Hatten sich die Pläne Katharinas zunächst auf die untere Wolga konzentriert,
folgte in den 1780er Jahren die zweite große Kolonisationsbewegung. Mit dem
erfolgreichen Abschluss der Türkenkriege unter Potëmkin fielen zunächst weite
Teile des Schwarzmeergebietes in russische Hände, 1783 folgten die Krim und
das Kubangebiet und schließlich wurde Russland im Frieden von Jassy 1791
auch das Steppengebiet zwischen Bug und Dnjestr im westlichen Schwarzmeerraum zugesprochen. Als diese Gebiete, die den Namen „Neurussland“ trugen,
von der Zarin zur Kolonisation freigegeben wurden, siedelten hier neben schwedischen Bauern vor allem holländische und friesische Mennoniten, die 20 Jahre
zuvor auf Einladung Friedrichs des Großen nach Preußen gekommen waren und
mit dem Thronwechsel 1786 die Missachtung ihrer Glaubensgrundsätze – vor allem die Freiheit vom Militärdienst – befürchteten.4 Bereits im Ringen um das
Schwarzmeergebiet während der russisch-osmanischen Kriege des 18. Jahrhunderts hatte sich die militärstrategische Bedeutung Südkaukasiens gezeigt. Während des 18. Jahrhunderts waren die russischen Grenzen bis in den Nordkaukasus vorgeschoben worden. Ein System miteinander verbundener Befestigungsanlagen, wie Vladikavkaz, und Kosakenstanizen, die „Kaukasische Linie“, sicherte
die Grenze an Terek, Malka und Kuban’ und bildete damit wichtige Ausgangspunkte für das Vordringen gen Süden. Der Annexion des Königreichs von Georgien-Kachetien 1801 unter Pavel I. folgte unter Aleksandr I. (1777-1825) und Nikolaj I. (1796-1855)5 nicht nur das Protektorat über die Fürstentümer Westgeorgiens, sondern die Angliederung der Chanate im nördlichen Aserbaidschan. Diese territoriale Expansion vollzog sich bis 1828/29, als die Grenzziehung am Arax
die vorläufig endgültige Trennung des kaukasischen Wirtschafts- und Kulturraumes vom Nahen Osten festschrieb.
Neben strategischen Interessen meldeten sich auch hier bald ökonomische.
Bereits seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts hatte die Petersburger Akademie die wissenschaftliche Erforschung des Kaukasus gefördert. Unter anderen
waren es deutsche Gelehrte, die wichtige Informationen sammelten und diese
Erkenntnisse bis nach Mitteleuropa brachten. So unternahmen im Auftrag der
Petersburger Akademie 1770 bis 1772 sowie 1773 bis 1774 Samuel Gottlieb
4
5
Durch das Mennonitenedikt Friedrich Wilhelms II. von 1789 wurde die Einschränkung
der persönlichen Rechte und Freiheiten der preußischen Mennoniten forciert.
Beide waren verwandtschaftlich mit dem Hause Württemberg verbunden: Sophie Dorothee
von Württemberg (1759-1828) war ab 1776 als Maria Fedorovna die zweite Ehefrau von Pavel I. (1754-1801). Sohn Aleksandr I. war zudem vermählt mit Prinzessin Louise (Elisabeth)
von Baden (1779-1826) und Katharina von Württemberg (1788-1819) war eine geborene
Romanowa. Großfürst Miachail (1798-1849) war verheiratet mit Charlotte von Württemberg.
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EVA-MARIA AUCH
Gmelin, 1770 bis 1772 Johann Anton Güldenstädt und 1807 bis 1808 Heinrich
Julius Klaproth Reisen6 durch die neu eroberten Territorien und lieferten ausführliche Informationen über die reiche Wirtschaftsgeographie der Region.
Es wundert daher nicht, dass die Siedlungsunternehmungen Katharinas II. eine spezifizierte Neuauflage unter Zar Aleksandr I. erhielten. Bereits am 20. Februar 1804 hatte dieser das bis dahin gültige Manifest Katharinas durch neue Immigrationsvorschriften ersetzt, welche Bedingungen für die Einwanderung stellten und während seiner Herrschaft mehrmals ergänzt wurden: Um Musterlandwirte zu bekommen, verlangte die Regierung nun, dass Neuankömmlinge gute
Bauern, Spezialisten für Weinbau, Seidengewinnung und Viehzucht, oder Dorfhandwerker sein sollten sowie einen Mindestbesitz und Frau und Kinder vorweisen mussten. Die Einwanderungszahl wurde auf 200 Familien pro Jahr begrenzt,
bevor 1819 die Masseneinwanderung ganz und gar unterbunden wurde. Kolonisten sollten 60 Desjatinen7 Land und einen Ansiedlungskredit von 300 Rubeln
erhalten, blieben von der Militär- und Zivildienstpflicht befreit, während ihre
Steuerfreiheit auf zehn Jahre begrenzt wurde.
Diesmal waren es vor allem Familien aus Baden-Württemberg, die sich zur
Auswanderung entschlossen. Über die Beweggründe ihrer Auswanderung und Aufnahme trotz der Einschränkungen auf Beschluss des Ministerrates von 1809 und
1816 gibt es in den Quellen verschiedene Meinungen. Von russischer Seite werden
– neben den verwandtschaftlichen Beziehungen zwischen den Herrscherfamilien
und dem zwischenzeitlichen Interesse Aleksandrs für die Chiliasten – Hoffnungen
auf ein zuverlässiges wirtschaftlich aktives Element im neueroberten Territorium
eine Rolle gespielt haben. So können wir anhand der Akten der Archäogeographischen Kommission ersehen, dass es bereits im Jahre 1816 im Zusammenhang mit
einer Analyse der landwirtschaftlichen Leistungsvermögens Südkaukasiens Empfehlungen General Ermolovs gab, deutsche Bauern anzusiedeln.8 Damit ist die
Entstehung deutscher Niederlassungen in Südkaukasien von russischer Seite keiner
Laune des Monarchen entsprungen, noch der Nähe des Ararat geschuldet, sondern
tatsächlich als später Ausläufer der Kolonisationsbewegung Katharinas II. zur wirtschaftlichen Integration der eroberten Peripherie zu betrachten.
Von Württemberger Seite9 sind die Ursachen wohl vor allem in den schwierigen politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen in den süddeutschen Ländern
6
7
8
9
Vgl. u.a. Klaproth, Julius von: Reise in den Kaukasus und nach Georgien, 2 Bd.e, Halle
und Berlin 1812/1814. Auch, E.-M.: Öl und Wein am Kaukasus. Deutsche Forschungsreisende, Kolonisten und Unternehmer im Vorrevolutionären Aserbaidschan, Wiesbaden
2001.
Ein altrussisches Flächenmaß, eine Desjatine entspricht ca. 1,09 Hektar Land.
Akty archeogeografičeskoj komissii Kavkaza (AKAK), Bd. IV, S. 248 f., Brief an den russischen Innenminister Kosodavlev vom 31. Dezember 1816.
Vgl. Becker, H.: Die Auswanderung aus Württemberg nach Südrußland 1816-1830, Tübingen 1962 (Diss.) und Leibbrandt, G.: Die Auswanderung aus Schwaben nach Rußland
1816-1823. Ein schwäbisches Zeit- und Charakterbild, Stuttgart 1928 (Diss.).
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zur Zeit der Napoleonischen Kriege zu suchen. Ständige Kriegszüge, erhöhte
Steuern sowie die vermehrte Aushebung junger Leute zum Kriegsdienst führten
zu einer rapiden Verarmung der Bevölkerung. Hinzu kam die Politik des späteren Königs Friedrich II. von Württemberg – seit 1797 an der Macht –, der sowohl durch die preußische als auch die russische Militärschule gegangen war und
mit entsprechend radikalen Mitteln versuchte, sein Staatswesen zu reorganisieren. Ein wichtiges Element für die Ausreisebereitschaft stellte zudem die Abschaffung der alten Gesangbücher Augsburgischer Konfession (1792), der Katechismen und Agenden (1792) und der Liturgie (1809) dar, welcher sich zahlreiche Gemeinden in Württemberg widersetzten.
Während viele nach Nordamerika auswanderten, um dort der Not zu entfliehen, hatten sich andere noch in der Heimat zusammengefunden, um in sogenannten „Stunden“ religiöse Erbauung außerhalb der Kirche zu finden. Im
Glauben an das baldige Auftreten des Antichristen und das Jüngste Gericht fand
bei ihnen die Idee der Pietisten Bengel und Jung-Stilling, sich an einen stillen
Bergungsort zu retten und mit Gott das Tausendjährige Friedensreich auf Erden
zu errichten, fruchtbaren Nährboden.
Ausschlaggebend scheint jedoch die Hungersnot von 1816 gewesen zu sein, in
der sich die Versorgungslage in Baden-Württemberg dramatisch verschlechterte.
In dieser trostlosen Situation scheint das Hauptmotiv für die Auswanderung der
Masse der Bewerber eher die Hoffnung auf Rettung der nackten Existenz, als religiöse Motivation gewesen zu sein. Immerhin ist aus den Auswanderungslisten
der Jahre 1817-1820 ersichtlich, dass 53,1 Prozent „Mangelnde Nahrung, Vermögenszerfall, Hoffnung auf besseres Glück“, 25,1 Prozent „religiöse Schwärmerei“, 12,4 Prozent „bessere Erwerbsaussichten“, 7,8 Prozent „Verheiratung, feste
Anstellung im Ausland“ und 1,6 Prozent „Verwandtschaft mit früher Ausgewanderten“ als Beweggrund angaben.10
Mag die Motivation der Auswanderer insgesamt recht vielfältig gewesen sein,
hatte das religiöse Moment wichtigen Einfluss auf die Initiierung und Organisation der Wanderungsbewegung und die spätere Geschichte ihrer Siedlungen. So
rekrutierte sich die erste Gruppe Auswanderungswilliger im Dorf Schweikheim,
Oberamt Waiblingen, unter jenen Christen, die seit 1812 Gebetsstunden nach
altem Brauch abhielten und sich seit 1814 unter ihrem Vorstand Friedrich Fuchs
vom öffentlichen Gottesdienst zurückgezogen hatten, beziehungsweise davon
ausgeschlossen worden waren. Eigentumsverluste und Haftstrafen trafen führende Mitglieder der „Separatisten“. Als ihre Lage immer bedrohlicher wurde, machten sie auf Vermittlung von pietistischen Kreisen in Petersburg und Moskau
10
Diedrich, H.Ch.: Siedler, Sektierer und Stundisten. Die Entstehung des russischen Freikirchentums, Berlin 1985, S. 26-33; amtliche Auswanderungsunterlagen geben von 1800 bis
Sep. 1820 in Württemberg eine Gesamtzahl von 44.424 Auswanderern an, 15.487 wählten
Russland als Ziele. Diese Statistik umfasst allerdings nicht den Zeitraum von Juli 1804 bis
Ende 1814, vgl. Ebd., S. 29.
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Gebrauch vom Angebot der Auswanderung. Nachdem sie im September 1816 in
Stuttgart ihre Pässe erhalten hatten, begaben sich 40 Familien über Wien, entlang der Donau, über Ismail, Akirman und den Dnjestr auf den Weg, der
schließlich 29 von ihnen am 31. Dezember 1816 nach Großliebental bei Odessa
führte. Da bereits im Dezember 1816 Ermolov signalisiert hatte, dass er bereit
sei, 30 Familien zur Verbesserung der Landwirtschaft aufzunehmen, erhielten 31
Familien unter dem Ältesten Gottlieb Lefler (Löffler) im späten Frühjahr 1817
die Erlaubnis, über Cherson, Taganrog, Stavropol’, Mozdok nach Tiflis weiterzuziehen, wo am 21. September 1817 148 Personen11 eintrafen und später, 35
Werst12 von der Gouverneurshauptstadt entfernt, die Kolonie Marienfeld gründeten. Im Frühjahr 1818 wurden jeder Familie 35 Desjatinen Land, also insgesamt 1085 Desjatinen, zugeteilt. Als Erstausstattung erhielten die Kolonisten auf
Staatskosten unter anderem 16 Pflüge, 35 Pferde aber auch 31 Gewehre zur „Verteidigung vor niederem Volk“. Vor Ort hatte man 13 Rinder konfisziert, während von Generalmajor Ismayıl-xan Şǝkinski 30 Kühe, 27 Kälber und 200 Schafe
den Kolonisten geschenkt wurden. Bereits am 1. September 1817 war zwar mit
Hilfe von Soldaten der Bau von 16 Häusern begonnen worden, aber ein Jahr
später – als die Lebensmittelversorgung durch die Regierung eingestellt wurde –
war noch nicht ein einziges bezugsfertig, sodass die Siedler noch im Dorf Sartitschala bei der einheimischen Bevölkerung Unterkunft nahmen.
War damit die erste Auswandererharmonie13 relativ glücklich in Georgien gelandet, sollte sich das Schicksal der nachfolgenden dramatisch gestalten. Dem Aufruf
der Brüder Koch aus Marbach und Schluchtern zur Errichtung einer „brüderlichen
Auswanderungsharmonie der Kinder Gottes“ waren von April bis August 1817 über
1.300 Familien gefolgt, die sich in 14 Abteilungen zu je 230 bis 290 Personen unter
der Führung je eines gewählten Ältesten zur Reise rüsteten. Letztere agierten nicht
nur als Kontaktmänner für die jeweiligen Behörden, sondern verkörperten auch die
geistliche Führung der Auswanderungstrecks, die sich als Lebens- und Glaubensgemeinschaft verstanden. Von Ulm über Wien und die Donau führte der Weg nach
Ismail, wo während einer 40-tägigen Quarantäne ca. 1.100 Menschen starben. Völlig erschöpft trafen die Auswanderer bei Odessa ein, wo zahlreiche Familien ihr Reiseziel aufgaben und den Wunsch zur Ansiedlung äußerten.
Da der Gouverneur in Tiflis bereits vorher die völlige Überforderung der russischen Verwaltung mit dem Schutz und der Ansiedlung von Hunderten Siedlerfamilien signalisiert hatte, wurde eine Weiterreise zunächst verhindert. Eine Ab11
12
13
AKAK, Bd. IV, S. 352; 178 Pers. lt. Schrenk, M.: Geschichte der deutschen Colonien in
Transkaukasien, Tiflis 1869 u. Dzjubenko, P.: Nemeckie kolonisty na Kavkaze. In: Kavkaz
Nr. 313/1882, S. 3-4.
Längenmaß im zaristischen Russland, eine Werst entsprach 1066,78 Metern.
Eine religiöse Genossenschaft, die sich als Lebens- und Glaubensgemeinschaft verstand und
in der auch die materiellen Lasten der Auswanderung und Ansiedlung gemeinsam getragen
wurden; die geistliche Versorgung übernahm ein selbstgewählter Ältester, der Zufluchtsort in
Russland wurde als Durchgangsstation auf dem Weg zum endgültigen Bergungsort gesehen.
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ordnung der Kolonisten (Johann Georg Frick, Johann Jakob Koch, Johannes
Mayer) konnte jedoch auf Vermittlung von Graf Nesselrode in Moskau die Genehmigung des Zaren für ihre Ansiedlung in Georgien und die Erhebung in den
Kolonistenstand erwirken.14 Damit erfolgte zugleich eine Reaktivierung der Kolonistenprivilegierung auf Staatskosten, wie sie 1810 und 1816 durch das Komitee
der Minister aufgehoben worden war.15 Gleichzeitig wurde eine Regierungskommission eingesetzt, die für die Sicherheit und Überwachung der Ansiedlung unter
Einbeziehung von Kolonistenvertretern verantwortlich gemacht wurde. Während
unter Leitung von Generalleutnant Insov in Odessa die Reisevorbereitungen abgeschlossen und in Abständen zehn Trecks mit je 50 Familien unter Führung eines Regierungskommissars im Juni und Juli auf die Reise geschickt wurden, inspizierten zur gleichen Zeit die deutschen Abgeordneten Frick, Barth und Kindlieb
die zur Ansiedlung vorgesehenen Ländereien, deren Besitzverhältnisse seitens der
russischen Regierung jedoch ungeklärt blieben. Trotz geteilter Ansichten über die
klimatischen Bedingungen und die Bodenverhältnisse und während im Hintergrund zahlreiche Unstimmigkeiten zwischen den Verantwortlichen in Moskau,
Odessa und Tiflis ausgetragen wurden, betraten am 12. August 1818 die ersten
deutschen Siedler der zweiten Harmonie den Boden des kaukasischen Gouvernements. Auch als am 14. September Ermolov Anweisung gab, jene Trecks, die
Georgievsk noch nicht erreicht hatten, dort festzuhalten und lediglich jene aus
Mozdok weiterreisen zu lassen, setzen sich die „sturen Schwaben“ durch: Ende
November 1818 – 19 Monate nach der Abreise des ersten Trecks aus Württemberg – hatten auch die letzten drei Abteilungen Tiflis erreicht.
Über die Gründungen der nun entstehenden Kolonistendörfer sind die Angaben noch sehr widersprüchlich: Basichin spricht von der Etablierung der Kolonien zu Beginn des Jahres 1818, einer Zeit, als diese Siedlungswelle noch gar
nicht in Südkaukasien eingetroffen war.16 Leibbrandt, Schrenk, Hummel, Nikiforov, Mandžgaladze, zeitgenössische Chroniken und russische Verwaltungsquellen geben unterschiedliche Zahlen über die Neusiedler, sodass wir hier von ungefähren Werten ausgehen müssen.17
Neben der bereits erwähnten ersten Siedlung Marienfeld entstanden noch sieben weitere Kolonien. In der zweiten Niederlassung, Neu-Tiflis, das 1862 von Tiflis eingemeindet wurde, siedelten sich vor allem Handwerkerfamilien der zweiten
Kolonne an. Die Gründung erfolgte auf dem ehemaligen Besitz des Fürsten Ama14
15
16
17
AKAK, a.a.O., S. 316, Schreiben Nesselrodes an Ermolov vom 20. Februar 1818.
Ebd., S. 313, Schreiben Kosodavlevs an Ermolov vom 6. März 1817.
Basichin, N.: Nemeckie kolonii na Kavkaze. In: Kavkazkij vestnik, 1/1900, S. 15.
Leibbrandt, Georg: Die Auswanderung aus Schwaben nach Russland 1816 – 1823, Ein
schwäbisches Zeit- und Charakterbild, Stuttgart 1928; Schrenk, M.: Geschichte der deutschen Colonien in Transkaukasien, Tiflis 1869; Hummel, Th.: 100 Jahre Erbhofrecht der
deutschen Kolonisten in Rußland, Berlin 1936; Nikiforov, N.K.: Ekonomičeskij byt nemeckich kolonistov v Zakavkazskom krae. Materialy dlja byta gosudarstvennych krest’jan, Bd.1,
St. Petersburg 1885; „Kavkazskij kalendar' na...“, Tiflis 1860/61 bis 1914/15.
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tuna, drei Werst von Tiflis am linken Ufer der Kura gelegen, wo ungefähr 60 Familien jeweils eine Desjatine Land für Haus, Hof und Garten zugesprochen bekamen.18 Die dritte Kolonie, Katharinenfeld, lag 60 Werst von Tiflis bei Bortschaly.
Dessen Bewohner rekrutierten sich aus den Kolonnen zwei bis fünf, nach Schenk
circa 135 Familien oder 350 Personen. Aufgrund auftretender tödlicher Krankheiten und Landstreitigkeiten war Ende 1918 eine Umsiedlung an den Fluss Muschawer notwendig: in „Neu-Katharinenfeld“ ließen sich schließlich 115 Familien nieder.19 Am 19. November 1818 wurde mit Elisabethtal, 35 Werst südwestlich von
Tiflis gelegen, die vierte Niederlassung mit 65 Familien gegründet, im Archiv lassen sich 307 Personen nachweisen. Da das Verhältnis zu den Einheimischen lange
durch Gebietsstreitigkeiten mit der Kirche und privaten Alteigentümern belastet
war, übernahmen 21 Soldaten, darunter sechs Kosaken, den Schutz der Kolonisten. Mit Alexandersdorf, acht Werst nördlich von Tiflis, entstand die fünfte schwäbische Siedlung. Sie erhielt besondere Unterstützung durch den Zivilgouverneur
von Stahl. Hier siedelten laut Archiv 23 Familien, nach Schenk 26 Familien oder
99 Personen. 1820 waren an 24 Familien 664 Desjatinen Land vergeben worden, es
fehlten also 175 Desjatinen um die ihnen zustehende Fläche von 35 Desjatinen
pro Familie zu erreichen. Die sechste Kolonie, Petersdorf, lag 12 Werst von Tiflis
entfernt. Die dort angesiedelten 17 Familien mussten bald wegen Streitigkeiten mit
Kirche und ansässigen Landbesitzern in das nahe liegende Marienfeld übersiedeln.
Annenfeld, 25 Werst von Elizavetpol’ und 155 von Tiflis entfernt, bildete aus den
Kolonnen sechs und sieben mit 84 Familien, insgesamt 600 Personen, die siebente
Neugründung.20 1820 hatten mittlerweile 91 Familien hier 3.185 Desjatinen Land
zugeteilt bekommen. Die letzte und mit 187 Werst am weitesten von Tiflis entfernte Siedlung war Helenendorf, im heutigen Aserbaidschan gelegen. Hier siedelten sich vor allem die aus Reutlingen stammenden Familien der Kolonnen acht bis
zehn – insgesamt 120 Familien oder 501 Personen – an. Im ehemaligen Tatarendorf Xanluqlar, wo ihnen 2.600 Desjatinen Land zugeteilt wurden, nahmen sie Ostern 1819 ihre Ortsgründung vor.21
Die Entwicklung der deutschen Niederlassungen in Kaukasien
Damit waren die Grundlagen für das Wachstum von zwei Zentren in Südkaukasien entstanden: während sich die erstgenannten Kolonistendörfer in enger Abhängigkeit und relativer Nähe von Tiflis entwickelten, mussten sich die beiden
18
19
20
21
Für 1820 lassen sich im Archiv 51 Familien, insgesamt 200 Personen, nachweisen: AKAK,
a.a.O.
AKAK: 1820: 91.
Das Archiv nennt 73 Familien und insgesamt 277 Personen: AKAK, a.a.O.
Siehe Central’nyi gosudarstvennyj istoričeskij archiv Azerbajdžana (CGIAA), f. 508, op. 1,
Dok. 436 (Dokumente der Feierlichkeiten anlässlich des hundertjährigen Jubiläums der
Ortsgründung Helenendorfs).
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Abb. 1: Deutsche Siedlungen in Kaukasien
letztgenannten, Annenfeld und Helenendorf, in relativer Isolation vom 182 Kilometer entfernten Tiflis behaupten, was letztlich zu einer stärkeren Orientierung
auf Elizavetpol’ – ab 1868 Gouvernementszentrum – und schließlich Baku führte. Ein Blick auf die Karte verdeutlicht die geographischen Bedingungen der
Neugründungen.
Trotz der umfangreichen Unterstützung durch die russische Regierung blieb
der wirtschaftliche Erfolg der deutschen Siedlungen lange Zeit aus. Der Ministerrat hatte am 7. September 1818 folgende Konditionen für die migrierten Württemberger fixiert. Erstens, umfangreiche Gebietsaustausche von Staatsbesitz und
Privatländereien sollten zur Schaffung geschlossener Ansiedlungsräume führen.
Zweitens, da die ausgewählten Ländereien – wie man fälschlicherweise annahm –
über alle Voraussetzungen günstigen Wirtschaftens verfügten, wurden nicht 60
sondern nur 35 Desjatinen pro Kolonistenfamilie zur Verfügung gestellt, wobei
jedoch zusätzlich Wälder und Weideflächen genutzt werden durften. Drittens,
zur Befriedigung grundlegender Bedürfnisse, wie Lebensmittel und Tierfutter,
wurden zunächst 100 Tausend dann 300 Tausend Rubel zur Verfügung gestellt,
die man je nach Notsituation der einzelnen Familien ausgab. Viertens, wurde ein
Kontor unter Verantwortung des Generalgouverneurs bei Mitgliedschaft von ein
bis zwei Kolonistenvertretern zur Durchsetzung der in allen anderen russischen
Kolonistensiedlungen üblichen Gesetze geschaffen.22 Obwohl sich die Ämterzu22
AKAK, a.a.O., S. 332 ff.
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ordnung während der fast hundertjährigen russischen Verwaltungszeit mehrmals
veränderte, blieben bis 1903 die deutschen Kolonien direkt der Obersten Regierungsgewalt Kaukasiens unterstellt, was in nicht unerheblichem Maße das Gedeihen der Kolonien befördert haben dürfte, galten doch die deutschen Dörfer
auf dem Weg nach Baku oder Persien stets als „Vorzeigeobjekte“, die sich kein
Beamter oder ausländischer Reisender entgehen ließ.
Bis 1824 waren für 480 Familien mit 1.966 Personen einschließlich der Kosten
für den Bau einer Mühle und der Unterhaltung des Kontors 963.711 Rubel ausgegeben worden. Damit war jede Familie mit etwa 1.920 Rubel bei einer Rückzahlungsfreiheit von zehn Jahren und zwanzigjähriger Zinsfreiheit verschuldet.
Ungünstige klimatische Bedingungen, Seuchen und Überfälle besonders in den
Jahren 1826-28, als Katharinenfeld (heute in Georgien) und Helenendorf völlig
ausgeraubt, teilweise zerstört und 142 Kolonisten in die Sklaverei verschleppt
wurden, zwangen die Regierung zu weiteren Zahlungen von insgesamt 45.314
Rubel (172 Rbl. pro Kopf). Die daraus resultierende Erhöhung der Kronschuld
wurde jedoch erlassen. Hilfsbedürftigkeit und damit die Abhängigkeit der deutschen Kolonien von der russischen Verwaltung prägten bis zur Mitte des 19.
Jahrhunderts das Kolonistendasein. In Helenendorf lebten von den 135 Einwandererfamilien bei der Landverteilung noch 118 Familien, beim Besuch von Graf
Schweinitz 1909 waren insgesamt 61 Einwandererfamilien ausgestorben, 74 bildeten die „Stammfamilien“ der Helenendorfer deutschen Bevölkerung.23
Das Urteil des Generalgouverneurs aus dem Jahre 1850, die Einwanderer aus
Württemberg hätten keinerlei landwirtschaftliche Kenntnisse mit ins Land gebracht und bisher durch verschiedene Ursachen die in sie gesetzten Erwartungen
nicht erfüllt, wurde nur dadurch relativiert, dass er ihre Regierungstreue schätzte,
zudem seien sie „gebildet, arbeitsam und bereit, Neuerungen auszuprobieren“.24
Die Abhängigkeit der deutschen Kolonien von der Hilfe der russischen Verwaltung prägte somit bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts das Leben der Siedler. Erst
nach dieser Zeit ist ein wirtschaftlicher Aufschwung festzustellen, der endlich 1874
zur restlosen Tilgung der Schulden, mit Ausnahme der Beträge, die als Schadenersatz für Überfälle von der Regierung angewiesen worden waren, führte. Bis zu diesem Zeitpunkt blieb auch das spezielle Aufseheramt als Institution bestehen.
Da hier nicht auf die weitere Entwicklung der einzelnen Dörfer und ihrer
Tochtergründungen eingegangen werden kann, soll die nachfolgende Tabelle die
wirtschaftliche und geistig-kulturelle Entwicklung der transkaukasischen Dörfer
bis zum Ersten Weltkrieg verdeutlichen25:
23
24
25
Schweinitz, H.H. Graf v. : Helenendorf. Eine deutsche Kolonie im Kaukasus, Berlin 1909,
S. 8-12.
Kavkaz, Nr. 40 (1850), S. 160.
Hummel, J.: Deutsche Kolonien in Transkaukasien, (o.O.) 1918, S. 7-9.
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1820
23
1914
E i n w o h n e r z a h l 1.920 Personen
12.059 Personen
Grundbesitz
45.526 Desjatinen (=3,7 pro Kopf), circa 49.623
Hektar,
davon: 31.020 anbaufähig (aufgeteilt auf 3.140
Weingärten, 332 Gehöfte, 81 Obstgärten); 5.686
Desjatinen Wald;
nicht bewässerbares Acker- und Wiesengelände
11.180; Gemüseland 890 Desjatinen
Immobilien
26.921 Desjatinen
(=13,9 pro Kopf)
Wert der Weingärten: 12 Millionen Rubel
(1 Rubel=2,16 Mark Vorkriegskurs)
Bewässerungskanäle: 332.400 Rubel, Kärise:
205.000 Rubel
Brücken, Wegeanlagen: 341.000 Rubel
zweiklassige Volksschule in jeder Kolonie,
dreiklassige Handelsschule in Helenendorf (ab
1917 siebenklassiges Realgymnasium),
Sieben Kirchen (Helenendorf, Annenfeld, Freudenthal, Alexandersdorf, Katharinenfeld, Elisabethtal, Alexandershilf)
Produktionsanlagen: eine Brennerei mit einer
Jahresproduktion von drei Millionen Vedro
Reinsprit, vier Kognakbrennereien mit einer
Produktion von 1,03 Millionen Vedro, 17 Mühlen, elektrische Kraftanlagen zur Stromversorgung in jeder Kolonie, 24 Ziegeleien, 59 Stellmachereien, 35 Wagenschmiede, eine Eisengießerei, zehn Schlossereien, 29 Böttchereien, 33
Tischlereien, 19 Schneidereien
Bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges hatte Helenendorf mit seinen Tochterkolonien eine Entwicklung genommen, die sich mit folgenden Zahlen veranschaulichen lässt:
Der Wert aller öffentlichen Anlagen nur Helenendorfs betrug 405 Tausend Rubel, womit die Kolonie auf dem zweiten Platz hinter Katharinenfeld lag. Seit 1822
gab es ein Bethaus, 1854-1857 wurde die St. Johannis-Kirche errichtet, bereits 1823
war eine erste Schule gebaut worden, 1917 gab es neben der Grundschule ein Realgymnasium, eine komplette Strom- und Wasserversorgung, Telefonverbindungen.
Der Wert des Privatbesitzes überragte mit 9,546 Mio. Rubel (davon 5,650 Mio. Rubel Weingärten, 1,140 Mio. Rubel Fabriken und Werkstätten) Katharinenfeld
(4,300 Mio. Rubel). Rechnet man die Beträge der Geschwister- und Tochtergründungen hinzu, konzentrierte sich über die Hälfte des Privatbesitzes der deutschen
Kolonien Südkaukasiens im Gebiet Elizavetpol’. Setzt man die Zahl der Gesamterzeugung von Weintrauben, Wein, Weinsprit und Kognak der beiden Helenendorfer Unternehmen Vohrer und Hummel ins Verhältnis zur transkaukasischen und
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russischen Gesamtproduktion kommt man auf einen prozentualen Anteil, der zwischen 3 und 15% liegen dürfte. Theodor Hummel gibt eine Berechnung an, die alle
deutschen Kolonistendörfer Transkaukasiens mit einer Weinherstellung von 2,3
Mio. Vedro einschließt und verweist auf einen Anteil der deutschen Kolonien an
der Weinproduktion Russlands (27 Mio. Vedro) vor dem Ersten Weltkrieg von
8,56%. Bei einem Umsatz von ca. 1 Mio. Vedro Wein trugen damit die beiden
Handelshäuser fast 50% des Weinabsatzes der deutschen Kolonistendörfer oder ca.
4% des gesamtrussischen Weinhandels. Mit dieser Markposition hatten sich die
beiden Firmen ein Monopol geschaffen, das allerdings auch kleinere Winzer nicht
nur in den Kolonien sondern alle örtlichen Erzeuger zu spüren bekamen.
Doch kehren wir zu unseren Ausgangsfragen zurück: Wo gab es Gemeinsamkeiten
und Besonderheiten im Vergleich zwischen den transkaukasischen und anderen
deutschen Siedlungsgebieten? Folgende Ansatzpunkte erscheinen vertiefenswert:
Erstens siedelten in Südkaukasien relativ homogene ethnisch-religiöse Gruppen,
wobei die schwäbische Herkunft gepaart mit einem spezifischen Verständnis der
Kolonie als Lebens- und Glaubensgemeinschaft ein spezifisches Eigenverständnis
beförderte, welches dem Begriff der „Separatisten“ eine mehrfache Bedeutung verlieh. Zweitens bewährte sich mit Ausnahme der Handwerkersiedlung von NeuTiflis das Erbhofrecht, dass eine systematische Festigung der Mutterkolonien und
seit den 1840er Jahren die Einrichtung von Tochterkolonien zur Folge hatte. Auf
der Grundlage eines spezifischen Gemeindeverständnisses wurden Grundprinzipien des Erbhofrechtes auf Wasserrechte und die Schaffung von gemeinnützigen
Anlagen, wie Straßen, Brücken, Wasserleitungen, Schulen und Kirchen, ausgedehnt, was sich bei der Entwicklung der Infrastruktur deutscher Siedlungen als
förderlich erwies. Drittens unterband die zerstreute Siedlung deutscher Kolonisten
eine Arbeitsteilung zwischen ihnen und verzögerte eine soziale Differenzierung bis
zum Beginn des 20. Jahrhunderts. Die Entwicklung einer „russlanddeutschen Identität“ blieb so weitgehend aus. Nur allmählich wurden Katharienenfeld und Helenendorf neben Tiflis zu kaukasusdeutschen Zentren, während Kontakte zu den
deutschen Siedlungen an der Wolga und im Nordkaukasus unwesentlich blieben
und schon eher zu den Kolonien in „Neurussland“ gepflegt wurden. Viertens beruhte der wirtschaftliche Aufschwung auf zwei Grundlagen: der Einführung des
vierrädrigen Wagens, durch dessen Bau vor allem während militärischer Operationen der russischen Armee freies Kapital erwirtschaftet wurde, und der Kultivierung
des Weinanbaus. Die Deutschen nutzten nicht nur die religiösen Schranken des Islam, der gläubigen Muslimen die Weinherstellung und den Weinhandel untersagte, sondern lösten sich mit diesem Produkt durch Lagerung, Abfüllung und Veredlung in Schnapsbrennereien vom Problem des Absatzes für landwirtschaftliche
Produkte. Der Verkauf über ein überregionales, eigenes Vertriebsnetz sicherte den
Zuflus von Kapital für Investitionen.
Bezüglich der Integration der Deutschen und ihrer Kontakte zu den sie umgebenden ethnischen Gemeinschaften, lässt sich festhalten, dass in den Quellen
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anhaltend von Aufständen unter der muslimischen Bevölkerung berichtet wird,
die für die Kolonisten Verwüstungen, Tod und Versklavung zur Folge hatten.26
Der Schutz vor Überfällen blieb bis in das 20. Jahrhundert hinein eine immer
wiederkehrende Komponente ihres täglichen Lebens. Welche Schlussfolgerungen ergeben sich aus diesen Umständen für unsere Fragestellung, bedeuteten sie
eine grundsätzliche Feindschaft zwischen Neusiedlern und Einheimischen?
Die Ansiedlung der Kolonisten erfolgte zu einem Zeitpunkt, als weder die Besitzverhältnisse von Grund und Boden noch die Ranganerkennung des einheimischen Adels in Südkaukasien geklärt waren. Die Ansiedlung der Schwaben bedeutete einen Eingriff in das Gewohnheitsrecht der einheimischen armenischen, georgischen, aber vor allem „tatarischen“27 Bevölkerung und stellte eine enorme
Provokation dar. Der Umgang mit den deutschen Siedlern musste sich beim Fehlen einer regulierenden Staatsgewalt auf der Grundlage des Gewohnheitsrechtes,
'ādāt, oder auch – soweit bekannt und üblich – von islamischem Recht der šarī'a
gestalten, wie sich an der Ausübung der Blutrache, der Art der Raubzüge, aber
auch an der Vergabe von Wasserrechten oder der Übernahme von Schutzfunktionen für die Siedler durch Tataren nachvollziehen lässt. Diese Ausübung lokalen
Rechts wird in den 1830er Jahren begleitet von Hoffnungen der traditionellen Eliten auf die neue Obrigkeit, wie Bittschreiben an den Generalgouverneur Ermolov
mit Klagen über die Ausbreitung der Siedler und die Bitte, Gerechtigkeit zu schaffen, belegen. Dass diese Probleme eminent das 19. Jahrhundert begleiteten, wird
auch aus einem Bericht des Direktors des Kaukasischen Museums, Gustav Radde,
aus dem Jahre 1890 ersichtlich, der für das Elizavetpol’er Gouvernement feststellte: „Auch hier [...] wird Eigentumsrecht [...] seitens der Krone bestritten und daraus entstehen langwierige Prozesse, die bei den höchsten Instanzen geführt werden müssen [...] wir hören überdies Klagen über die neuen Gerichtseinrichtungen, namentlich über die Dorfgemeinde-Gerichte.“28 So ist der Umstand, dass die
transkaukasische Kolonie die kleinste blieb, zweifelsohne auch als Ergebnis der
Reaktion Einheimischer zu sehen, auf deren Kooperation man im Unterschied
zum Schwarzmeergebiet – wo eine Politik der Verdrängung der einheimischen
Tataren praktiziert wurde – in Südkaukasien nicht verzichten konnte. Welche
Konsequenzen hatte nun der Umstand von prinzipieller Bodenknappheit für das
Zusammenleben von Einheimischen und Zugewanderten?
26
27
28
Vgl. „Der Schreckenstag von Katharinenfeld“. Grausame Erlebnisse einer deutschen Kolonie im Tartarengebiet, Basel 1866; Allmendinger, Ernst: Katharinenfeld, ein deutsches
Dorf im Kaukasus, Neustadt 1989.
„Tatarisch“ oder „turkotatarisch“ waren die üblichen Bezeichnungen für die muslimische
Bevölkerung Transkaukasiens, bis um die Jahrhundertwende auch von a(d)serbaidschanischen Tataren gesprochen wurde.
Radde, Gustav: Karabagh. Bericht über die im Sommer 1890 im russischen Karabagh von
Dr. Gustav Radde und Dr. Jean Valentin ausgeführte Reise. In: Petermanns Geographische
Mitteilungen, Ergänzungsband 100, Gotha 1890, S. 36.
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EVA-MARIA AUCH
Für die Zeit bis in das letzte Drittel des 19. Jahrhunderts sind die Quellen hierzu äußerst spärlich. Die Aufnahme der Neusiedler erfolgte im Winter 1818/19
scheinbar problemlos, Einheimische boten erstes Quartier oder halfen bei den
Bau- und Feldarbeiten. Dorfchroniken und Erlebnisberichte haben überliefert,
dass sich die Kolonisten in Bezug auf Landwirtschaft und Unterkünfte „ganz an
die Sitten und Bräuche der ansäßigen Völker halten“29 mussten. So werden zunächst jurtenähnliche Erdhütten gebaut, denen – wieder mit Hilfe Einheimischer
– Steinbauten folgten, die in ihrer Gestaltung mit Veranden, Balkonen, überdachten Innenhöfen und Weinkellern eine Mischform von süddeutscher und kaukasischer Architektur darstellten. Entscheidend für das Überleben und die wirtschaftliche Entwicklung der Siedlungen war die Übernahme traditioneller orientalischer
Bewässerungssysteme, von Kanälen und Kärisanlagen.30 Bis zur Jahrhundertwende nutzte man die Erfahrungen einheimischer Meister und ihrer Gehilfen, die
Wasseradern aufspürten, den Verlauf nivellieren und die entsprechenden Schachtungsarbeiten ausführen konnten. Erst unter dem Zufluss fortschrittlicher technischer Kenntnisse aus Deutschland wurden moderne Methoden eingeführt und
die traditionelle Bewässerung durch moderne Wasseranlagen ergänzt, die den Zukauf von Flächen für den Weinanbau erlaubten oder wie in Helenendorf 1905 die
Trinkwasserversorgung übernahmen.
Analog wurden einheimische Erfahrungen im Brückenbau, bei der Kreuzung
von Rebsorten, der Konservierung von Früchten, wie überhaupt bei der Ernährung übernommen, wie die Zubereitung von Dolma, Plow, Fladenbrot oder Buchweizengrütze durch die Siedler zeigte. Auf der anderen Seite verbreitete sich mit
Hilfe der deutschen Kolonisten die Lagerung von Wein in Fässern, welche bis
dahin üblicherweise in Krügen oder Tierfellen vorgenommen wurde. Neben dem
Böttchereihandwerk entwickelte sich auch die Flaschenproduktion, die den Absatz des kaukasischen Weines – 1914 immerhin mit einer Jahresproduktion von
rund 285 Tausend Hektolitern allein in Helenendorf, was 14 Prozent einer
Durchschnittsernte in Deutschland entsprach – bis nach Mitteleuropa ausdehnte.
Miteinander zu leben hieß nicht nur in Austauschbeziehungen zu treten, sondern
vor allem, miteinander zu arbeiten. Dies betraf sowohl das Handwerk als auch die
Haus- und Feldarbeit. So lernten vor allem nach dem Massenbedarf an vierrädrigen Wagen als Transportmittel während des Krimkrieges 1854/55 auch Einheimische das Wagnerhandwerk, das insbesondere durch Armenier bald in die Städte
Südkaukasiens getragen wurde. Allerdings blieb Helenendorf mit einer täglichen
Stückzahl von zehn Wagen in guter Qualität zu 160 Rubeln führend im Gouvernement Elizavetpol’. Mit der Vergrößerung der Weinbauflächen in den Kolonistendörfern erhöhte sich auch der Bedarf an Arbeitskräften, die nicht nur aus den
29
30
Hummel, a.a.O., S.132 ff.
Ein altes persisches Bewässerungssystem: stollenartige, in das ansteigende Berggelände getriebene Gänge, in denen sich die Sickerwässer sammeln und zutage geleitet werden. Sie
dienen nicht nur der Landwirtschaft, sondern auch der Trinkwasserversorgung.
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ZWISCHEN AUTARKIE UND ANPASSUNG
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benachbarten Dörfern, sondern als Saisonkräfte auch aus Persien kamen. Allein
beim führenden Wein- und Kognakhersteller „Gebrüder Vohrer“ arbeiteten 1901,
neben 25 qualifizierten und 185 festangestellten Beschäftigten, Saisonkräfte, die
über zehntausend Arbeitsstunden ableisteten.31 Der mit diesem Beispiel nur angedeutete Aufschwung in der wirtschaftlichen Entwicklung der Kolonistendörfer
und die damit verbundene Arbeitsteilung wurde zweifellos durch die Durchsetzung der Agrarreform in Südkaukasien seit den 1870er Jahren – also erst in der
dritten Generation der Emigranten – ermöglicht. Die daraus resultierende Freisetzung von Arbeitskräften und der Ausbau der Transportwege, wie der besonders
wichtigen Bahnlinien Tiflis-Poti 1872 und Baku-Tiflis 1883, erleichterten den Absatz von Produkten und auch die Kommunikation zwischen einzelnen Kolonistendörfern bis zum Schwarzen Meer. Zugleich vertiefte sich in diesem Prozess die
soziale Differenzierung unter allen ethnischen Gruppen Südkaukasiens.
Laut der Volkszählung von 1897 lebten unter den 1,16 Millionen Armeniern,
1,3 Millionen Georgiern – davon 66.000 Muslime – und 2,7 Millionen Tataren
und Vertretern der Bergvölker 16.669 deutsche Muttersprachler, das waren 0,34
Prozent der Gesamtbevölkerung. Waren zu Beginn des 19. Jahrhunderts nur vereinzelt Deutsche in den Städten zu finden, lebten nun in Tiflis 2.902 – 1,82 Prozent der Einwohner der Stadt – und in Baku bereits 2.460, was einen Anteil von
2,2 Prozent an der Gesamtbevölkerung ausmachte. Städtische Lebensweise und
wachsender Wohlstand in den Kolonien führten dazu, dass zu den traditionellen
Hilfskräften Bedienstete traten und sich im Umfeld der Deutschen eine traditionelle Arbeitsteilung durchsetzte, die oft auch ethnisch bestimmt war.32 Während
Hausgehilfinnen in der Stadt vorwiegend Russinnen waren, war es in den Kolonistendörfern nicht üblich, diese einzustellen. Dafür gingen die Mädchen der
Siedlungen teilweise über Winter in die Städte, um dort Hausarbeiten zu verrichten. Muslimische Mädchen und Frauen traten grundsätzlich nicht in Dienst, da
dies als Ehrverletzung des Mannes angesehen wurde. Dafür waren als Küchenhilfen auch tatarische Männer anzutreffen, die ebenso als Hofmilizen und Viehhirten geschätzt wurden. Hatten tatarische Familien Anschluss an die Kolonistenfamilie gefunden, halfen auch Frauen ihren Männern bei der Arbeit, beispielsweise
beim Melken. Während es für bestimmte Tätigkeiten in Haus und Hof genaue,
tradierte Vorgaben gab, wen man am besten einzustellen habe – so zum Beispiel
Russen und Russinnen als Kutscher, Schmiede und Waschfrauen –, galt dies
schon nicht mehr bei der Weinlese, wo massenhaft Hilfskräfte benötigt wurden
und sich neben Georgiern, Armeniern, Tataren und Russen auch Perser als Saisonkräfte einfanden. Inwieweit sich unter den Kolonisten dabei auch Stereotypen
verfestigt hatten, erfahren wir aus den Lebenserinnerungen des Julius Vohrer:
31
32
Vgl. Močalov, V.D.: Krest’janskoe chozjajstvo v Zakavkaz’e k koncu XIX v., Moskva 1958,
S. 273.
Jäckel, M.: Fremdstämmige im deutschen Hof- und Hauswesen der ehemaligen Kaukasussiedlungen. In: Deutschtum im Ausland, H. 11/12 (1942), S. 223-227.
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EVA-MARIA AUCH
“Ein Großbetrieb wie Karajer, wo allein 200 ha Weingärten waren, benötigte sehr viele
gelernte und ungelernte Arbeiter. Bis zum Ersten Weltkrieg gab es immer genügend Arbeitskräfte, die sich aus der einheimischen Bevölkerung rekrutierten: Armenier, Georgier, Perser, Tataren und zum Teil Russen. Russen gab es im Südkaukasus verhältnismäßig wenige, und wenn sich Russen zur Arbeit meldeten, so wurden dieselben nur im
Notfalle angenommen. Schuld daran war ihre große Schwäche für den Alkohol, die
ganz besonders beim einfachen russischen Volk bemerkbar war, obwohl auch die Intelligenz gerne ihren Schnaps trank (…). Auf dem Gut Karajer gab es Russen, die 20 Jahre
lang untadelig gearbeitet hatten. Der Kellermeister war über 10 Jahre lang, bis zum Ersten Weltkriege, in Karajer. Ihm wurden die Kellereien mit über 2.000.000 Liter Wein
anvertraut. Er war absolut ehrlich und tüchtig, bekam täglich seine Flasche Wein, wie
jeder andere Angestellte und Arbeiter, und war auch nie betrunken. Auf dem Gut war
für die Betreuung der großen Viehbestände ein Veterinär, kein Akademiker, sondern ein
Tierheilkundiger, der seinerzeit beim Militär ausgebildet wurde, über 20 Jahre tätig. Der
Schlosser war ebenfalls 10 Jahre lang auf dem Gut (…).
Die Ackerbau- und Viehzucht treibenden Tataren, die aus der nächsten Umgebung des
Hofes stammten, waren für die Arbeit im Garten, im Hof oder an einer Maschine weniger geeignet. Der Tatare ist ein orientalischer Typ: gemütlich, langsam im Handeln und
Denken. Er konnte aber als berittener Feldschütze seinen Dienst ausgezeichnet verrichten. Auch als selbständiger Fuhrmann transportierte er, den Wagen mit Büffeln oder
Ochsen bespannt, das ganze Jahr hindurch Weinfässer in den Vohrer’schen Zentralkeller (…), den Wagen auf und ab zu laden, das überließ er dem Kellerpersonal... Schickte
man dagegen den Wein mit Georgiern oder Armeniern als Fuhrleute in den Zentralkeller, dann kam es vor, dass sich die ganze Gesellschaft unterwegs an den Wein machte
und betrunken ankam. Davor war der Tatare als Muselmane gefeit, da er bekanntlich
nach dem Gesetze Mohammeds keinen Wein trinken darf.
Die besten Gartenarbeiter waren Georgier und Armenier. Die Armenier stammten alle
aus dem Gebirge des Südkaukasus, waren ehrlich, fleißig und auch die besten Arbeiter
beim Vieh als Hirten, Melker usw… (…). Die georgischen Arbeiter stammen alle aus der
benachbarten Provinz Kachetien (…).
Erdarbeiten wie das Schoren im Garten oder Rigolen bei Neuanlagen wurden immer
von persischen Saisonarbeitern durchgeführt. Die Perser kamen immer über den Winter
aus der nordpersischen Provinz Aserbaidschan und suchten Verdienstmöglichkeiten.
Diese Perser (Tat genannt) sprechen dieselbe Mundart wie die einheimischen Tataren.
Ihre körperliche Leistung war oft unglaublich. 30-35 Mann schorten an einem Tage eine
Desjatine (1,1 ha) Weingarten 25-30 cm tief. Sie verdienten dabei 1,5 bis 2 Rubel am
Tage im Akkordlohn und bekamen täglich noch vier Pfund Mehl. Das Brot buken sie
selbst und auf ihre Art. Ein rundes Loch von 1 Meter Tiefe und 80 cm Durchmesser, die
Seiten schön mit Backstein ausgelegt, war der ganze Backofen. In diesem Backofen
(Tändir) wurden einige Büschel Reben verbrannt und die Brote in fingerdicken Fladen
an die Backsteine geklebt. Weniger durch die heißen Backsteine als durch die zurückgebliebene Glut der verbrannten Rebbüschel sind die Fladen in 10 bis 15 Minuten rösch
gebacken und lösen sich von selbst von den Backsteinen (…).
Im Sommer verdienten die Gartenarbeiter im Akkordlohn bis zu 2 Rubel am Tag. In einer Gegend ohne Industrie war damals die Verdienstmöglichkeit auf den deutschen Gütern und in den Kolonien im Südkaukasus als sehr gut zu bezeichnen, und das führte
auch dazu, dass es nie an Arbeitskräften mangelte. Der Kaufwert eines Rubels war vor
dem Ersten Weltkriege verhältnismäßig groß: Für drei Rubel kaufte der Arbeiter einen
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Zentner gutes Weizenmehl, ein fertiges Baumwollhemd kostete zwischen 80 Kopeken
und 1 Rubel, ein Pfund Fleisch kostete 10 Kopeken, Hammelfleisch 20 Kopeken,
Schafskäse 10-15 Kopeken das Pfund, ein Paar Sandalen aus Rohleder 20 Kopeken.
Verpflegt wurden auf dem Gut nur die ständigen Arbeiter und die Angestellten. Die
Angestellten wohnten zum Teil auf dem Hof mit ihren Familien. Beim Essen hatten die
deutschen Angestellten ihren besonderen Tisch. Gekocht wurde aber für alle in einem
Kessel. Die Grundnahrung bestand pro Person täglich aus 200 g Fleisch, x-beliebig viel
Brot, Kartoffeln, Gemüse und einer Flasche Wein.
Das tägliche Menü war zum Mittagessen: eine kräftige Suppe mit 200 g Siedfleisch pro
Person, als Nachtisch Obst. Das Mittagessen war im Sommer um 10, im Winter um 11
Uhr. Von 10 bis 14 Uhr wurde im Sommer nicht gearbeitet. Um 14 Uhr gab es Vesper:
Schwarzen Tee mit Zucker, Käse, Gurken, Tomaten, Melonen, Rettich oder was es gerade gab, zum Nachtessen: Nudeln, Reis, Makkaroni. Zu allen Mahlzeiten gab es beliebig
viel Brot, zum Frühstück gab es Tee, Käse und Brot. Die Russen sowie auch die eingeborenen Kaukasier waren alle ausgesprochene Brotesser und Brot war für sie alles. Im
Durchschnitt musste man mit einem täglichen Verbrauch von 3 Pfund Brot pro Mann
rechnen, soweit die Arbeiter von der Gutsküche verpflegt wurden. Die Saisonarbeiter
bekamen keine Küchenverpflegung, sondern 4 Pfund Mehl bzw. 5 Pfund Brot am Tage.
Geschlachtet wurde alle 8-10 Tage ein Stück Großvieh. Um das Fleisch vor dem Verderb
zu schützen, wurde es in der warmen Jahreszeit immer eingesalzen.
Der Arbeitsaufwand betrug bei einer Desjatine Weingarten 300 männliche Arbeitskräfte
im Jahr. Auf das ganze Jahr berechnet entsprach dies einer Arbeitskraft pro Tag und
Desjatine. Allein die Weingärten in Karajer beanspruchten täglich 200 Arbeiter, dazu
kamen die Arbeitskräfte für den Ackerbau, Neuanlagen, Tierzucht, Neubauten, Kellerarbeiten usw. (...). Das viele Mehl kam aus der eigenen Mühle in Helenendorf (…).
Abb. 2: Kurdenzelt
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Erzeugte Lebensmittel, Rinder, Schafe, Eier, Hühner, übriges Getreide verkauften sie
[die Arbeiter] auf dem Bazar, und mit den Erlösen konnten sie ihre Bedürfnisse an Kleidung, und was sie sonst noch brauchten, befriedigen. Ihren Nebenerwerb hatten sie auf
dem Gut Karajer im Fuhrlohn, indem sie jahraus und jahrein den Wein vom Karajer in
den Vohrer´schen Zentralkeller transportierten. Im Winter verkauften sie den bei ihnen
angefallenen Dünger. Die Tataren sammelten sorgfältig auf den Weiden von den weidenden Tieren die Fladen. Diese wurden getrocknet, gestapelt, zum Heizen benutzt,
und im Winter an die Kolonisten als Dünger verkauft.
Das gegenseitige Verständnis zwischen den Tataren und den Besitzern von Karajer war
gut (...). Sie brauchten Rebbüschel zum Brotbacken, Holz oder Eisen, um den Wagen
zu flicken, und dann möchte doch der Schmied gleich noch ihren Pflug richten und
anderes mehr. Dann kamen sie oft wegen ihren Kranken, die zur völligen Genesung
Obst oder Trauben essen mussten; aus der Gutsapotheke benötigten sie beständig Arzneien für sich und ihr Vieh. Als ich mich im Jahre 1913 verheiratete, kamen auch die
Tatarenfrauen auf den Hof und ließen sich von meiner Frau in ihren Krankheiten und
Nöten beraten; auch die Mode hat sie interessiert und die Qualität der Stoffe, die meine
Frau gerade trug.
Abb. 3: Hermine und Charlotte Vohrer (rechts) mit aserbaidschanischen Mädchen aus
einem Nachbardorf von Karajeri
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Abb. 4: Der Arzt Dr. Hurr bei Patienten
Für alle Gefälligkeiten, die den Tatarennachbarn erwiesen wurden, brauchten sie nichts
zu zahlen. Ab und zu brachte einer zu Ostern ein Osterlämmchen oder zur Melonenzeit eine riesige Arbuse33(...)“.34
Trotz dieser Räume für Kontakte und Kommunikation blieb der Austausch von
Anschauungen und Lebenswelten stets auf einen ausgewählten Personenkreis beschränkt, Deutsch blieb bis zur Jahrhundertwende in den Siedlungen Hauptverkehrssprache, circa ein Drittel der Kolonisten konnte auch Russisch verstehen, jedoch nur etwa 10 Prozent der muslimischen Bevölkerung. Wer auf einem deutschen Hof geboren worden war, wuchs auch mit der deutschen Sprache auf, aber
genaue Angaben über die Deutschkenntnisse unter den Alteingesessenen fehlen
uns ebenso wie Aussagen über Kenntnisse von Turksprachen unter den Siedlern.
Allerdings sprechen einige in Deutschland lebende Nachfahren der Helendorfer
noch Aserbaidschanisch. Als Vermittler und Dolmetscher werden in den Quellen
zwar oft Armenier genannt, aber da Begriffe wie etwa Sorbet, Plow, Tamada und
Dolma aus dem Alltagsleben fließend in die deutsche Umgangssprache übergingen, kann man wohl davon ausgehen, dass es eine Kommunikation zwischen den
33
34
Aus dem Russischen arbuz für Melone.
Auch, E.M.: Deutsche Winzer im multikulturellen Umfeld Aserbaidschans. Erinnerungsbericht des Julius Vohrer (1887-1979), Berlin 2011, S. 105-110; 124-127.
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32
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verschiedenen ethnischen Gruppen mittels einer „Umgangssprache“ gegeben haben muss.35
Will man die angedeuteten Beziehungen zwischen Eingewanderten und Einheimischen als abschließend für die Zeit bis zur Sowjetisierung Aserbaidschans
und Georgiens 1920/21 beurteilen, können mehrere Punkte festgehalten werden.
Kommunikationswege der diversen ethnisch-religiösen Gruppen verschiedenster
Herkunft und Ansiedlungsdauer hat es über Jahrhunderte in der typischen
Durchzugsregion Südkaukasien gegeben. Die Organisation des Überlebens
konnte zwar unter den Bedingungen begrenzter natürlicher Ressourcen Konkurrenz in der Besitzstandwahrung hervorrufen, war aber auch der wichtigste Beweggrund für das Voneinander-Lernen: die Natur, die geographischen Gegebenheiten und das Klima bestimmten Grundwerte, die übernommen werden mussten, um zu überleben. Sie prägten die Menschen letztlich mit einer „kaukasischen Identität“, unabhängig von der Bindung zu ihrer ethnischen Herkunft.
Friedliche Interaktion und Kommunikation gab es dort, wo eine allgemein anerkannte Rechtsprechung existierte, die eine Gleichbehandlung unabhängig von
ethnischer oder religiöser Zugehörigkeit festschrieb, funktionierende wirtschaftliche Austauschbeziehungen bestanden und eine Administration oder Staatsgewalt
herrschte, die auch in der Lage war, überall gleichermaßen Austauschprinzipien
zu schützen und Recht zu wahren.
Behinderungen und Konfliktfelder taten sich dort auf, wo Fremdbestimmung
traditionelle Strukturen störte, wie zum Beispiel durch Eingriffe in die Besitzverhältnisse oder die Privilegierung von Einwanderern. Mit der massenhaften Ansiedlung von Europäern wurde regional ein drastischer Eingriff in bestehende Eigentumsverhältnisse vollzogen, die nicht nur Grund und Boden, sondern auch
Wasserrechte berührten. Zwar waren Neuansiedler für Kaukasien kein völlig
neues Problem, aber bis dato hatte sich ihre Integration oder ihre Vertreibung
nach den Grundsätzen des Gewohnheitsrecht beziehungsweise der šarī'a zwischen den direkt Betroffenen vor Ort geregelt. Im Falle der deutschen, aber auch
anderer Neuansiedler, wie Russen oder Armenier, musste die hinter den Massenansiedlungen stehende russische Kolonialmacht, die bis in die zweite Hälfte des
19. Jahrhunderts vor allem militärisch präsent war, entsprechende militante Gegenreaktionen auslösen, die sich gegen alles Fremde – also auch gegen die Deutschen – richtete.
Mit der allmählichen „Befriedung“ des Kaukasus im Laufe des 19. Jahrhunderts vollzog sich auch ein systematischer Prozess der Entmündigung und „Entrechtung“ im Sinne des Abbaus bis dato regulierender feudal-religiöser Mechanismen – wie šarī'a und 'ādāt –, während neue Rechtsgrundsätze und
-institutionen bis zur Revolution 1917 kaum angenommen oder „vor Ort“ je
nach Auslegung der Vertreter der Macht interpretiert wurden, wie beispielsweise
35
Vgl. Hummel, J.: a.a.O., 14 ff.
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drakonische Maßnahmen von Kosakenverbänden belegen. Diktiertes und nicht
akzeptiertes, beziehungsweise nicht durchsetzbares Recht schuf einen Zustand
der de-facto-Rechtlosigkeit, der bis über die Zwangsmaßnahmen der Stalinzeit
hinaus zum eminenten Konfliktfaktor im Zusammenleben der Menschen Südkaukasiens wurde. Religiöse Verschiedenheit, Unkenntnis der historischen und
kulturellen Traditionen, Sitten und Bräuche behinderten Kommunikation und
Integration, verhinderten, wie im Falle der Kaukasusdeutschen, freundschaftliche
und verwandtschaftliche Bindungen, vor allem zwischen Muslimen und Deutschen. „Sprachlosigkeit“ verstärkte Isolation und Bezug auf die Herkunfts-WirGruppe ebenso wie besondere religiöse Bindungen oder geographische Abgeschiedenheit. Reibungsflächen wurden dort zu Konfliktherden, wo sie über Presse, Vereine, Parteien oder äußere Einflussnahme instrumentalisiert wurden: sodass Miteinander-Leben und Miteinander-Sprechen in ein „Übereinander Sprechen“ und letztlich in einen politischen Machtkampf übergehen konnte, der auf
Kosten von Menschenleben ausgetragen wurde.
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Zur wirtschaftlichen Aktivität deutscher Einwanderer
in Dagestan Mitte des 19. Jahrhunderts
Alik Dibraev
Dagestan, am Ufer des Kaspischen Meeres gelegen, ist eine Republik im Süden der
Russländischen Föderation mit einer Bevölkerung von ungefähr drei Millionen
Menschen. In der Republik leben Vertreter aller Religionen und 33 verschiedene
Ethnien. Es erscheinen Zeitungen und Zeitschriften in elf Sprachen, die Lingua
franca ist Russisch. Eine der vielen ethnischen Gemeinschaften Dagestans sind die
Nachfahren deutscher Einwanderer. In der vorrevolutionären Zeit gab es in den
Grenzen der heutigen Republik Dagestan, vor allem im Kreis (okrug) von Chasavjurt,1 einige deutsche Siedlungen mit insgesamt 5.250 Einwohnern. Zu diesen Kolonien gehörten: Marienfeld, Tutlar, Evgen’evka, Romanovka, Astronovka, Tatajurt, Schönfeld, Chasanaj, Kokrek, Rosenfeld, Sprengel, Neuhoffnung, Valender,
Mirnyj und eine Reihe von Kolonien, die heute als L’vovskie nomera bezeichnet
werden: Vanderloo, Charč’, Tal’ma, Konstantinovka, Sulak, Aleksandrovka,
Mar’janovka, Rohrbach, Nikolaevka, Midel’burg, Pretorija und Ostheim. Ihre Geschichte ist noch weitestgehend unbekannt und soll hier kurz angerissen werden.
Die deutschen Kolonisten begannen in den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts im Kreis von Chasavjurt auf Land zu siedeln, welches sie zuvor von
Grundbesitzern erworben oder gepachtet hatten.2 Hierbei spielte die Agrarbank
„Krest’janskij Pozemel’nyj“ eine Mittlerrolle. Die erworbenen Areale erwiesen
sich von ihrer Bodenqualität und den klimatischen Bedingungen her als durchaus für die Landwirtschaft geeignet. Die Deutschen begannen mit der Feld- und
Viehwirtschaft und zeigten dabei Initiative bei der Rationalisierung der Landwirtschaft: Innovative Methoden der Landbearbeitung, der künstlichen Bewässerung, ebenso wie neue, effektive Kulturen und Züchtungen von Qualitätsrind
wurden durch sie eingeführt.3 Bis zum Jahr 1918 standen die deutschen Kolonien des Kreises von Chasavjurt auf einem annähernd gleichen sozio-ökonomischen und kulturellen Entwicklungsniveau.
Wenn man den vorrevolutionären Zustand der Kolonien analysieren will,
lohnt sich ein genauer Blick auf die Gruppe der L’vovskie nomera, die aus zwölf
1
2
3
Der Kreis von Chasavjurt wurde 1920 Bestandteil Dagestans, hier wird von den heutigen
Grenzen der Republik Dagestan ausgegangen.
Central’nyj Gosudarstvennyj Archiv Respubliki Severnaja Osetija – Alanija (CGA RSO-A),
f. 3, op. 58, d. 46, l. 5; zu den Beweggründen deutscher Immigration im 18. und 19. Jh. in
Gebiete des damaligen Russischen Reiches siehe der vorangehende Beitrag von Eva-Maria
Auch.
Central’nyj Gosudarstvennyj Archiv Respubliki Dagestan (CGA RD), f. 127-p, op. 18, d.
84, l. 3.
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ALIK DIBRAEV
ehemaligen Kolonien bestand.4 Gemäß den Plandaten von 1914 gab es in dieser
Gruppe: Nutzgärten – 60 Desjatinen, Gärten – 75 Desjatinen, agrarwirtschaftlich
nutzbarer Boden – 10.016 Desjatinen, reiner Salzboden und Viehweide – 8.744
Desjatinen, Schilf – 2.836 Desjatinen. Bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges
wurden in den L’vovskie nomera geräumige und bequeme landwirtschaftliche
Gebäude errichtet und artesianische Brunnen5 erbaut, drei Siedlungen verfügten
bereits über eine Dampfmühle. Es gab zudem eine Elektrostation und die Kolonien blieben untereinander durch eine Telefonverbindung in Kontakt.6
Landwirtschaft und Viehzucht unter schwierigen Bedingungen
Nicht alle Gebiete waren jedoch vollkommen für die Landwirtschaft geeignet.
Einige der gepachteten Landstriche lagen in Sumpfgebieten, Dürreregionen oder
verfügten nur über Salzböden, sodass man hier auf die Errichtung eines künstlichen Bewässerungssystems angewiesen war. Die Siedler trockneten die Sümpfe
aus, legten Wasserkanäle an, bauten Brunnen und wählten Kulturen aus, die an
die klimatischen Verhältnisse Dagestans angepasst waren.7 Diese Phase des Landesausbaus durch deutsche Immigranten kann exemplarisch im Kreis von Chasavjurt nachgewiesen werden. Hier herrschte Wasserknappheit, sandige oder saure Böden und die häufige Hitze führten zu zahlreichen Missernten. Landwirtschaft war und ist in dieser Region nur mithilfe künstlicher Bewässerungssysteme
möglich, die vom Fluss Sulak gespeist werden. In einem Dokument vom 20.
Februar 1909 ist von der Verlegung solcherlei Systeme in den deutschen Siedlungen die Rede. Hierin wandten sich 15 deutsche Kolonien des Kreises von
Chasavjurt mit der Bitte um die Entsendung eines Hydrotechnikers und der Nivellierung des Kanals für die künstliche Bewässerung aus dem Fluss Sulak an den
Verwaltungschef der Tersker Oblast. Erst nach dem Bau des 100 Kilometer langen Kanals Tal’ma wurden aus den großen Pachtböden fruchtbare Äcker, die 50
bis 80 Zentner Getreide auf eine Desjatine produzierten.8
Wie eingangs erwähnt wurden die Methoden der Bodenbearbeitung nach dem
Prinzip der größtmöglichen Rationalität ausgewählt. Für die deutsche Landwirt4
5
6
7
8
Anmerkung des Herausgebers: Laut Diesendorf besteht die Gruppe aus 17 ehemaligen Kolonien, vgl. Diesendorf, V.: Die Deutschen Russlands. Siedlungen und Siedlungsgebiete.
Lexikon, Moskva 2006.
Ein in einer Senke unterhalb des Grundwasserspiegels angelegter Brunnen, durch den
Überdruck steigt das Wasser ohne den Einsatz von Pumpen selbstständig zur Erdoberfläche.
CGA RD, f. 127-p, op. 18, d. 84, l. 7.
Rukopisnyj Fond Instituta Istorii, Archeologii i Ėtnografii Dagestanskogo Naučnogo Centra (Ruk. Fond IIAĖ DNC), f. 3, op.1, d. 103; Milanov, G. I.: Pereselenčeskaja politika carisma v Dagestane v konce 19 i v načale 20 vekov, Machačkala 1963, S. 3.
Agaeva, Ė. A.: Stanovlenija i dal’nejšaja sud’ba nemeckich kolonij v Terskoj oblasti. In:
Nemcy na Donu, Kavkaze i Volge. Mater. ros-germ. nauč. konf., Anapa 1995, S. 124.
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ZUR WIRTSCHAFTLICHEN AKTIVITÄT DEUTSCHER EINWANDERER IN DAGESTAN
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schaft war das Mehrfeldersystem mit einem Fruchtwechsel kennzeichnend.9 Die
Neusiedler bauten Roggen, Hirse, Mais, Hafer, Reis, Kartoffeln, Gerste sowie
Baumwolle und Flachs an.10 In ihrem Hausinventar existierten stets zwei bis drei
Pflüge und alle weiteren für die Landwirtschaft notwendigen Gerätschaften.11 Da
die Mehlproduktion eine der wichtigsten Einnahmequellen jeder zweiten deutschen Siedlung war, verfügte jede Siedlung über eine eigene Mühle. Es wurden
zumeist Wassermühlen errichtet. Dort, wo dies nicht möglich war, kamen Windmühlen zum Einsatz. Später wurden moderne Dampfmühlen errichtet, die bis
zu 1.000 Pud Getreide pro Tag mahlen und mehr als 2.000 Rubel im Jahr erwirtschaften konnten.12 Das hergestellte Mehl wurde zumeist in Chasavjurt verkauft,
mit dem Bau der Eisenbahn auch in anderen Städten Nordkaukasiens.13
Das weitere Wachstum von Chasavjurt wurde durch die Eröffnung einer Telegraphenstation im Jahr 1874 eingeleitet, mit der eine internationale Korrespondenz auf Deutsch, Französisch oder Persisch möglich wurde.14 In Nikolaevka gab
es auch eine Telegraphenstation mit Telefon, was die Verbindung zwischen deutschen Landwirten und Viehzüchtern innerhalb und außerhalb des Landes erleichterte.15 Der große Handel mit Agrarprodukten begann mit der Eröffnung
der Transkaukasischen Eisenbahn 1875.16 Für die deutschen Siedlungen des Kreises Chasavjurt war der Eisenbahntransport der Produkte lukrativ, da durch die
Nähe zur gleichnamigen Stadt mit ihrem Bahnhof eine Verbindung zum fernen
Vladikavkaz existierte. So waren es zum Beispiel von der Kolonie Neuhoffnung
bis Vladikavkaz 200 Werst mit der Eisenbahn, bis zur Eisenbahnstation in Chasavjurt waren es nur zehn Werst zu Fuß oder mit dem Pferd.17
In der Viehzucht erreichten die deutschen Siedler schnell Erfolge, war diese
doch eine ihrer Haupttätigkeiten. Eine entscheidende Rolle spielte dabei die
Pferdezucht, denn die meisten Arbeiten wurden mittels Pferdekraft durchgeführt.
Auch hier betätigten sich die Zuwanderer als Innovatoren: Wohl wissend, dass
Pferde aus dem Schwarzmeergebiet im Kaukasus kaum überlebensfähig waren,
kreuzten sie die Schwarzmeerpferde mit lokalen Rassen, was eine neue, starke
und zuverlässige Pferderasse ergab. In der Umgebung der Stadt Port-Petrovsk,
dem heutigen Machačkala, existierten spezielle deutsche Pferdezuchtbetriebe.
Ein Zentrum der Pferdezucht war zudem – mit einem Bestand von bis zu 1.664
9
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16
17
Plochotnjuk, T. N.: Nemeckoe naselenie Severnogo Kavkaza: social’no-ėkonomičeskaja,
političeskaja i religioznaja žizn’ (konec XVIII- seredina XX vv.), Stavropol’ 1996, S. 64.
CGA RD, f. 21, op.4, d. 57, l. 25.
Ebd., f. 59, op. 1, d. 274, l. 12, hier sind u.a. Eggen, Mäher und Heudrescher dokumentiert.
CGA RSO-A, f. 11, op. 49, d. 120, l. 8.
Ebd., f. 11, op. 49, d. 120, l. 15.
Kavkazskij kalendar’ na 1882 g. Otd. Š., S. 194.
CGA RSO-A, f. 11, op. 49, d. 120, l. 20.
Agaeva: Stanovlenija, S. 125.
CGA RSO-A, f. 11, op. 49, d. 1, l. 1.
https://doi.org/10.5771/9783956503375
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ALIK DIBRAEV
Tieren – die Siedlung Nikolaevka.18 Jeder Bauer verfügte im Durchschnitt über 8
bis 25 Pferde, die er speziell zum Verkauf züchtete – der Preis von bis zu 100
Rubel für ein gutes Tier machte eine solche Tätigkeit besonders profitabel.19
Neben den Pferden verfügte jeder Haushalt über 10 bis 25 Kühe. Die von den
Kolonisten eingeführte „deutsche rote Kuh“, welche durch die Kreuzung von ukrainischen Steppenrindern mit holsteinischem Zuchtvieh entstand, produzierte
fetthaltige Milch in großer Menge und war an die klimatischen Bedingungen vor
Ort angepasst. In vielen deutschen Siedlungen wurden Milchfabriken und Käsereien errichtet und auch im Kreis von Chasavjurt war die Milchproduktion weit
verbreitet. Das Wachstum der dortigen Bevölkerung, ebenso wie in der gesamten
Tersker Oblast, führte zu einer höheren Nachfrage nach Milcherzeugnissen, was
die deutsche Produktion weiter steigerte. In den Siedlungen Vanderloo, Charč,
Tal’ma, Konstantinovka, Sulak, Mar’janovka, Nikolaevka, L’vovka war die Milchproduktion eine der wichtigsten Wirtschaftszweige.20 Die Siedlung Neuhoffnung
war sogar gänzlich auf die Produktion von Milcherzeugnissen spezialisiert. Durch
die dortigen Viehzüchter wurde die „deutsche rote Kuh“ weiter vermehrt.21
Die Zucht von Schafen war zwar weit verbreitet, ihre Anzahl jedoch im Gegensatz zu Pferden und Kühen gering.22 Die Schweinezucht entwickelte sich dagegen
besser, im Durchschnitt existierten in allen Kolonien über 5.000 Schweine.23 Die
Tiere wurden aus der Südukraine und aus Deutschland eingeführt, ihre Zahl wuchs
mit jedem Jahr.24 Gemäß der Volkszählung von 1916 verfügte jeder Bewohner der
Siedlung Romanovka über ungefähr sechs Pferde, bis zu zehn Rinder sowie vier bis
neun Schweine.
Der Bodenbesitz betrug im Durchschnitt 25 bis 30 Desjatinen.25 Jede deutsche
Siedlung verfügte insgesamt über bis zu 500 Desjatinen Land, manche Großsiedlungen über bis zu 2.000 Desjatinen. Hier wurde Heu nicht nur als Futtermittel
produziert, es diente auch als wichtige Einnahmequelle für die Siedlungen. Es
wurde in Sammelpunkten von den Bauern im Umland gekauft und sogar in den
Südkaukasus, nach Transkaspien, auf die Krim und nach Persien exportiert.26 Den
deutschen Siedlern wurde gemäß der Planvorgaben auch Boden für die Bewirtschaftung von Gärten gestellt, einem unerlässlichen Teil der ländlichen Wirtschaft. Es wurden Apfel-, Birnen-, Kirsch-, Pfirsich- und Aprikosenbäume ge18
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23
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25
26
Archiv Upravlenija Federal’noj Služby Bezopasnosti Rossijskoj Federacii po Respublike Dagestan, Čast‘ 6-ja liternogo dela 46-j po nemeckoj linii; CGA RD, f. 21, op. 4, d. 57, l. 28.
Agaeva: Stanovlenija, S. 124.
CGA RSO-A, f. 11, op. 52, d. 7, l. 8.
Kampen, Johann/ Hans Kampen (Hg.): Heimatbuch der Deutschen aus Rußland, Stuttgart 1961.
CGA RSO-A, f. 11, op. 49, d. 120, l. 23.
CGA RD, f. 59, op. 1, d. 289, l. 19.
Ebd., f. 21, op. 4, d. 58, l. 28.
Ebd., f. 59, op. 1, d. 286, l. 10.
Ebd., f. 24, op. 4, d. 57, l. 21.
https://doi.org/10.5771/9783956503375
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ZUR WIRTSCHAFTLICHEN AKTIVITÄT DEUTSCHER EINWANDERER IN DAGESTAN
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pflanzt.27 Die Bewohner von Romanovka (Ljuksemburg) waren hinsichtlich des
Gartenbaus gute Spezialisten – das Dorf war sprichwörtlich ein „blühender Garten“. Die dort angebauten Früchte waren sehr gefragt und der Handel mit ihnen
vermehrte den Wohlstand so sehr, dass die Einwohnerzahl durch einen ständigen
Zustrom neuer Siedler, die am Wachstum partizipieren wollten, rasch stieg.28
Nutzgärten, Weintraubenanbau und Weinproduktion gab es in den deutschen
Kolonien des Kreises von Chasavjurt überall. Doch die Verteilung dieser Wirtschaftszweige war verschieden. Die Deutschen bauten unterschiedliche Nutzpflanzen wie Kohl, Kartoffeln, Gurken, Möhren, Salat, aber auch Melonen und
Wassermelonen an.29 Kartoffeln wurden als wichtiges Grundnahrungsmittel
überall gepflanzt und brachten eine Ernte von 10 bis 500 Pud ein.30 In den umliegenden Gebieten von Chasavjurt wurden erfolgreich Frühtomaten der Züchtung ,,Korol’“ angebaut, die in Vladikavkaz und in Kurorten (Mineral’nyje Vody), aber auch in Rostov-na-Donu verkauft wurden.31
Winzer und Bierbrauer
Schon bei der Gründung der deutschen Siedlungen wurde auf die Anlage von
Weingärten geachtet. Für viele Siedler, die aus Bessarabien oder dem Gouvernement Taurien nach Nordkaukasien kamen, war der Weinanbau ein traditionelles
Gewerbe. Der Wein vom Ufer des Terek war berühmt für seine Kräftigkeit und
sein Aroma. In den Archiven werden die Weintraubenanbaugebiete in den Siedlungen Vanderloo erwähnt. In Nadeždinskaja waren zehn Prozent der Bevölkerung im Weinanbau tätig, welcher dort insgesamt 65 Desjatinen Land beanspruchte, in Romanovka waren es sogar 120 Desjatinen.32 In den das Dorf Tamaza-tjube umgebenden Ortschaften betrug die Weinanbaufläche 8 Desjatinen
und es wurden 1.600 Pud Weintrauben gesammelt.33 Besonders stach die Siedlung Evgen’evka hervor, deren Nutzflächen fast vollständig mit Weinreben bedeckt waren.34
Die Entwicklung der Winzerkunst in Dagestan ist untrennbar mit der Eröffnung einer Lehranstalt für Weinanbau in Kizljar im Jahre 1903 verbunden. Diese
Einrichtung wurde von den drei Deutschen Winzern Bart, Bug und Vol’f gegründet. In einem Bericht an den russischen Minister für Staatseigentum hieß es,
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31
32
33
34
CGA RSO-A, f. 11, op. 49, d. 120, l. 16.
CGA RD, f. 24, op. 4, d. 57, l. 21.
Ebd., f. 59, op. 1, d. 248, l. 20.
Ebd., f. 21, op. 4, d. 57, l. 6.
Gricenko, G. A.: Gorskij aul i kazač’ja stanica nakanune Velikoj Oktjabr’skoj revoljucii,
Groznyj 1972, S. 143.
CGA RSO-A, f. 11, op. 49, d. 120, l. 16.
CGA RD, f. 24, op. 4, d. 57, l. 21.
Ebd., f. 59, op. 1, d. 256, s. 30.
https://doi.org/10.5771/9783956503375
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ALIK DIBRAEV
der Zweck dieser Anstalt sei, die Einwohner im Weinanbau, der Weinherstellung
und der Lagerung zu unterrichten. Die russischen Ausgebildeten sollten die ausländischen Meister dann später ersetzen und schließlich selbst ausbilden. Die
Lehranstalt in Kizljar wurde aufgrund des wissenschaftlich fundierten Unterrichts
führend in ganz Kaukasien.35 Wie die übrigen Wirtschaftszweige wuchsen auch
Weinanbau und -herstellung mit der Eröffnung der Transkaukasischen Eisenbahn. Begünstigende Faktoren für den Erfolg der deutschen Weinproduktion
waren zudem die Erhöhung der Alkoholpreise und der allgemeine Anstieg der
Nachfrage nach Weinprodukten im Russischen Reich.36
Neben der Weinproduktion wurde auch das Braugewerbe in Dagestan durch
deutsche Siedler nachhaltig beeinflusst. Eines der größten dagestanischen Unternehmen war die Brauerei von P. Vejner in Port-Petrovsk. Diese wurde ursprünglich 1876 durch den Industriellen A. M. Kuznecov gegründet. Nachdem sie von
dem Preußen A. V. Felschau gekauft und zu einer Branntweinbrennerei umgerüstet worden war, erwarb das Werk schließlich der genannte Vejner und rüstete
es zu einer Bierbrauerei um. Vejner perfektionierte die Bierherstellung in der Region und hob sie auf europäisches Niveau. Die Brauerei war mit der neuesten
Technologie aus Deutschland ausgerüstet und auch die Zutaten wie Hefe und
Hopfen wurden von dort importiert. Die Nachfrage nach den Brauereiprodukten
war groß, der Name Vejner wurde zum Symbol für dagestanisches Bier – dieses
galt als das beste in der Region, vor wie nach der Revolution.37 Das Bier wurde
in Astrachan’, Armavir, Stavropol’, Nal’čik, Temir-Chan-Šura, Kizljar, Chasavjurt, Pjatigorsk, Vladikavkaz sowie in zahlreichen weiteren kleinen und großen
Städten des gesamten Nordkaukasus verkauft.38 Jährlich wurden in Port-Petrovsk
bis zu 200.000 Eimer Bier gebraut.39 Neben seinem Werk ist Vejner auch durch
die Anlage des größten Parks von Machačkala bekannt, der seinen Namen trug,
jedoch Anfang der 1970er Jahre in „Park Leninskogo Komsomola“ umbenannt
wurde.40 Auch in Temir-Chan-Šura gab es eine Brauerei, die 1887 im Haus der
Erbin des deutschen Staatsangehörigen Gottlieb Frazik aus Berlin gegründet
wurde. Hier wurden pro Jahr 130 Pud Bier im Wert von 728 Rubel gebraut.41
Auf dem Territorium der heutigen Republik Dagestan gab es auch andere aus-
35
36
37
38
39
40
41
Ramazanov, A. Ch.: Rossija i Dagestan v XIX i v načale ХХ vekov, Machačkala 2003, S.
112 f.
CGA RD, f. 24, op. 4, d. 57, l. 21.
Ebd., f. 219, op. 1, d. 5, l. 1.
Nemeckie korni i machačkalinskaja propiska. In: Novoe Delo, 18.11.2005, Nr. 45.
Asvarov, N. A.: Istorija stroitel’stva Dagestanskogo učastka Vladikavkazkoj železnoj dorogi
i ego rol’ v ėkonomičeskom i social’nom razvitii Dagestana (konec XIX- načalo XX vv.).
Dis. kand. ist. nauk, Machačkala 1998, S. 69.
Nemeckie korni (Anmerk. 38).
CGA RD, f. 2, op. 2, d. 182, l. 6.
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ländische Bierbraugenossenschaften, wie die Brauerei Vena, welche sich heute im
Besitz der russischen Brauerei Baltika befindet.42
Ausbau der Infrastruktur und technische Neuerungen
Auch im Baugewerbe demonstrierten die Neuankömmlinge ihre Schaffenskraft.
Wohnhäuser, Kontore sowie Fabrikgebäude wurden in der Regel aus rotem Ziegel
von hoher Qualität errichtet.43 Besonders gefragt waren in der Region Dachziegel
aus der Ziegelei von Peter Tibelius in Romanovka. Noch heute kann man in dem
Dorf L’vovski-3 ein von Deutschen erbautes Gebäude besichtigen, welches als
Molkerei und Mühle Verwendung fand. Die Gebäudekonstruktion ist von hoher
Qualität, die neun Meter langen Balken des Daches sind aufgrund ihrer speziellen
Bauweise noch immer intakt. Sie bestehen aus dicht aneinandergereihten Brettern, die der Konstruktion Stabilität verleihen. Demnach müssen die deutschen
Siedler hier auch ein Sägewerk und eine Schreinerei betrieben haben. Man kann
sich nur schwer vorstellen, wie schwer es gewesen sein muss, die Holzstämme für
die Balkenproduktion zu transportieren, verfügte man damals doch nur über einfache Pferdegespanne und musste Wege nutzen, die häufig durch unwegsame
Sümpfe unterbrochen wurden.44 Die Siedler führten im Kreis Chasavjurt spezielle
Maschinen und Werkzeuge wie Eisenpflüge oder Eggen ein. Die Herstellung von
landwirtschaftlichen Gerätschaften befand sich in den Händen deutscher Meister,
die ihre Geschäfte in Chasavjurt, Port-Petrovsk oder Kizljar hatten.45
Auch an der Gründung verschiedener Kredithäuser in Dagestan beteiligten
sich viele deutsche Immigranten. So wurden 1914 im Kreis Chasavjurt elf Kreditgenossenschaften eröffnet, davon zwei deutsche – „Nikolaevskoe“ und „Frejdenfel’skoje“.46 Diese Kreditinstitute operierten im Bereich von Investitionen
und Kreditvergabe. Die Genossenschaft Frejdenfel’skoje handelte beispielsweise
mit Agrarmaschinen. Kredite wurden bei einer Verzinsung von zwölf Prozent für
acht bis zwölf Monate gewährt, für Einlagen bei der Bank wurden sieben Prozent
Zinsen per annum gezahlt. Die Genossenschaft hatte 1915 einen Umsatz von
11.000 Rubel, der Umsatz der Nikolaevskoe-Genossenschaft lag sogar bei
19.000 Rubel. Die Umsätze der acht größten Kreditgenossenschaften des Kreises
von Chasavjurt lagen 1915 bei 954.000 Rubel. Wie viele Mitglieder diese hatten,
lässt sich jedoch nicht mehr feststellen. Alle Genossenschaften hatten sich in der
Kreditunion „Terskij Sojuz Učreždenij Melkogo Kredita“ vereinigt. Kredite wur42
43
44
45
46
Ebd., f. 2, op. 2, d. 182, l. 289.
Abigasanov, M.: Domik u dorogi. Koe-čto o nemeckoj akkuratnosti. In: Dagestanskaja
Pravda, Nr. 45 (28.2.2002), S. 2.
Ebd.
CGA RD, f. 219, op. 1, d. 5, l. 1.
Mansurov, M. Ch.: Russkie pereselency v Dagestane (2 polovina XIX- načalo XX vv.),
Маchačkala 1994, S. 143.
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ALIK DIBRAEV
de an die Genossenschaften der Union, die Staatsbank „Moskovskij Narodnyj
Bank“, Organe der Zemstvo – der örtlichen Selbstverwaltung – sowie an Privatpersonen vergeben. Zur Sicherung des Bankengeschäfts mussten 1914 für 40
Prozent des Handelsvolumens Eigenmittel vorgewiesen werden, die restlichen 60
Prozent konnten als Kredite vergeben werden. Die Kapitalakkumulation beschleunigte sich und stieg pro Jahr um 15 bis 16 Prozent. Die Kreditunion von
Chasavjurt wuchs dank einer soliden Kapitalbasis schnell und konnte ihren
Kundenkreis durch den Aufbau eines eigenen Filialnetzes stetig erweitern.47
Die deutschen Kolonisten waren auch auf zahlreichen weiteren Gebieten tätig.
Einige von ihnen erwarben sich als Apotheker Ansehen, wie beispielsweise Adolf
Friedrich Beting, der in der Siedlung Tal’ma die mit 182 Quadrat-Aršin48 größte
Apotheke in Dagestan betrieb.49 In der Stadt Chasavjurt bauten Deutsche zudem
Stationen für den Verkauf von Holz, Lager für Agrarmaschinen sowie Wurstfabriken und Verkaufsstellen auf.50 Die Kolonisten boten nicht nur ihre Überschussproduktion feil, sie produzierten auch speziell für den Vertrieb vor Ort.51
Neben der langsamen Integration in die lokale Wirtschaft existierten aber auch
weiterhin Handelsbeziehungen zum Mutterland. Von hier bezogen die Siedler
hochwertige Samen sowie landwirtschaftliche Geräte.52 Nach und nach wurden
die Kolonisten in ihrer neuen Heimat jedoch heimisch. Der Kontakt zur ansässigen Bevölkerung, die schon seit Jahrhunderten den dagestanischen Boden bebaute, vertiefte sich mit der Zeit weiter. Durch die Kommunikation zwischen
Siedlern und Einheimischen wurden Alltags- und Wirtschaftsprobleme gelöst,
obgleich sich die Lebensweise beider Bevölkerungsgruppen weiterhin erheblich
unterschied.
Abschließend ist zu konstatieren, dass die deutschen Siedler einen hohen Einfluss auf die Entwicklung der Landwirtschaft in Dagestan hatten. Um es mit den
Worten des Kreisvorstehers von Chasavjurt zu sagen: ,,Die zugezogenen Russen
und Deutschen, welche Boden in der Kumykischen Senke (Kumykskaja
ploskost’) durch eigene Mittel oder die Aufnahme von Krediten erwarben, haben
ihren Anteil an der Entwicklung der Region: die Anzahl der Arbeitskräfte hat
sich erhöht und die bearbeiteten Felder haben sich vergrößert.“53 Trotz zahlreicher Widrigkeiten, wie der Urbarmachung der Landschaft und der zunächst negativen Einstellung der örtlichen Verwaltung sowie der autochthonen Bevölkerung, erzielten die deutschen Einwanderer bedeutende Resultate in der Landwirtschaft. Am Beispiel des Kreises von Chasavjurt sollte aufgezeigt werden, dass die
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49
50
51
52
53
Ruk. Fond IIAĖ DNC, f. 3, op. 1, d. 489; Ėkonomičeskoe sostojanie Chasavjurskogo okruga v dovoennoe i nastojaščee vremja, S. 34.
Altes russisches Längenmaß. 1 Aršin=71cm.
CGA RSO-A, f. 11, op. 49, d. 120, l. 14.
CGA RD, f. 11, op. 1, d. 5, l. 1-5.
Ebd., f. 11, op. 1, d. 5, l. 1-3.
Plochotnjuk: Nemeckoje naselenie, S. 77.
Rossijskij Gosudarstvennyj Istoričeskij Archiv (RGIA), f. 426, op. 3, d. 512, l. 221.
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Neuankömmlinge einen erheblichen Einfluss auf die Entwicklung weiter Teile
Dagestans, wie auch anderer Gebiete Nordkaukasiens, hatten. Durch den Aufund Ausbau von Siedlungen, Nutzgärten, Fabriken und Geschäften, die Steigerung der landwirtschaftlichen Produktivität sowie die Etablierung innovativer
Gerätschaften und Techniken konnte die Infrastruktur des Gebietes nachhaltig
verbessert und auf das Niveau einer durchschnittlichen europäischen Region des
Russischen Reiches angehoben werden.
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Besonderheiten im religiösen Leben und bei der
Verwaltung geistlicher Angelegenheiten der deutschen Siedlergemeinden in Südkaukasien
Tamara Tschernowa-Döke
Die religiöse Motivation und die Wahrung der Glaubensfreiheit bildete eine der
Hauptbedingungen für die Übersiedlung von Schwaben aus dem Königreich
Württemberg in das heutige Georgien und Aserbaidschan.1 Während der Jahre
1817-1819 wurden hier mit Unterstützung der Regierung Russlands acht Siedlungen gegründet. Die Geschichte dieser Siedlungen deutscher Emigranten – in
zeitgenössischen Quellen als „Sektierer“ oder „Schwärmer“ bezeichnet – weist
eine Reihe von Besonderheiten auf, nicht zuletzt in der Organisation und
Durchführung des geistlichen Lebens. Schon der Treueeid auf den Imperator,
eingefordert zur Erlangung des Status als „Kolonisten“, erfolgte auf besondere
Weise. Die protestantischen Einwanderer weigerten sich aufgrund ihrer religiösen Überzeugungen, den Eid zu leisten, weshalb ihnen gestattet wurde, ihre Loyalität zum Imperator lediglich mit dem Wort „Ja“ zu bekunden. Diese Ausnahmeregelung des Ministerkomitees vom 22. November 1819 wurde am 2. Dezember von Aleksandr I. bestätigt.2
Im Konflikt mit der Kirche emigriert, machten die Häretiker von ihrem verliehenen Recht auf freie Glaubensausübung Gebrauch und duldeten von Anbeginn keinerlei Prediger. In jeder Gemeinde sorgte ein eigens gewählter Geistlicher
für das Seelenheil der Siedler. Doch die Entfernungen zwischen den Gemeinden
wie auch innere und äußere Auseinandersetzungen blieben im geistlichen Leben
spürbar.
Geistliche Organisation der Siedlergemeinden durch die Baseler Mission
Von Anbeginn der Siedlungstätigkeit kann eine Einflussnahme auf die Kolonisten
von zwei Seiten beobachtet werden. Sowohl die örtliche Administration als auch
die Evangelische Missionsgesellschaft in Basel3 verfolgten die Absicht, die Neuankömmlinge wieder an die Kirche zu binden. Ihre Vertreter August Dittrich
(1797-1855) und Graf Felician von Zaremba (1794-1874) reisten mit Zustimmung
der russischen Regierung nach Kaukasien in die Stadt Şuşa, Provinz Karabach, um
1
2
3
In zeitgenössischen Quellen wurde oftmals verallgemeinernd der Begriff „Grusien” genutzt.
Polnoe Sobranie Zakonov Rossijskoj Imperii (PSZ), Izd. I. SPb. 1830, t. 36, nr. 28012.
Zu den Aktivitäten der Baseler Mission siehe auch: Auch, Eva-Maria: Armenier im Bereich
der Basler „Kaukasusmission“. In: Höpp, Gerhard (Hg.): Fremde Erfahrungen. Asiaten und
Afrikaner in Deutschland, Österreich und in der Schweiz bis 1945, Berlin 1996, S. 51-68.
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TAMARA TSCHERNOWA-DÖKE
„Gottes Wort unter die Mohammedaner und Heiden zu tragen.“ Der Hauptverwalter und Oberkommandierende, General Aleksej P. Ermolov, von dem die Idee
der Gründung einer Musterkolonie von deutschen Bauern stammte, war allerdings gegen eine Koloniegründung durch Missionare, was aus seinem Schreiben
vom 8. Juni 1823 an das Ministerium des Innern hervorgeht. Er vertrat die Ansicht, dass die örtlichen Bewohner dies als „Wunsch der Regierung, sie durch Ausländer zu beschneiden und Grund und Boden zu entziehen“ werten könnten.
Ermolov sprach sich dafür aus, lediglich die Einrichtung einer Lehranstalt und einer Druckerei der Missionare zuzulassen.4 Der Minister für Volksaufklärung und
geistliche Angelegenheiten, Aleksandr N. Golicyn, legte den Missionaren diese
Bedingungen per Brief vor, womit sie sich einverstanden erklärten.
Bereits am 20. September 1822 schrieben Missionare an General Ermolov:
„Insbesondere würden wir, aus seelischem Mitleid an der schlimmen Lage der
Kolonisten aus Deutschland, welche sich bei Tiflis und umliegend angesiedelt
haben, von ganzem Herzen froh sein, den wahren Glauben unter ihnen einzupflanzen […].“5 Im Frühjahr 1823 besuchten die Basler Missionare die Kolonien zu ersten Predigten. Die Administration fand sich damit ab, weil sie seit Beginn der deutschen Siedlungstätigkeit vom Verhalten eines Teiles der Übersiedler
enttäuscht war. So bemerkte der grusinische Zivilgouverneur von Hoven: „Sie
verstehen sich als Separatisten, anerkennen keinerlei Obrigkeit über sich und
verkünden, dass ihr Aufenthalt in Grusien nur zeitweilig und ihre eigentliche Bestrebung nach Jerusalem sei […].“6 Auch Ermolov klagte über fehlenden Eifer
sowie mangelnden Arbeitswillen der Kolonisten und charakterisierte die Sektierer
unter ihnen als „ohne jegliche Sittlichkeit […], nicht enthaltsam, nicht sorgsam
und untätig.“7 Jedoch beruhigte ihn die Tatsache, dass ihre täglichen Beschäftigungen mit der Auslegung der Apokalypse des Johannes erfreulicherweise ohne
Einfluss auf die lokale Bevölkerung blieben.
Auf seine Ersuchen an das Innenministerium um einen evangelischen Pastor
für die Siedlungen wurde schließlich im Juli 1825 der 50jährige Christan F.
Hahn aus Saratov gesandt, um die „Verirrten“ auf den „rechten Weg“ zurückzuführen. Die Siedler verwiesen jedoch auf ihr Privilegium der Freiheit im Gottesdienst und gaben ihm deutlich ihre Ablehnung zu verstehen.8 Seine Arbeit wurde zudem durch die Anwesenheit der Missionare erschwert. Im Frühjahr 1824
kam der Baseler Missionar Johann Bernhard Saltet (1792-1830) nach Tiflis und
wurde auf Bitte der Siedler deren geistlicher Vorsteher. Ein Jahr darauf reiste
dann auch Pastor Gottlieb Wöhr (1797-1830) nach Elisabethtal. In den Gemein4
5
6
7
8
Akty sobrannye Kavkazskoj Archeografičeskoj Komissiej (AKAK), Archiv glavnogo upravlenija namestnika kavkazskago, T. VI. Č. I., Tiflis 1874, dok. 633.
Ebd.
Ebd.
Ebd., dok. 460; Zapiski Alekseja Petroviča Ermolova, Bd. 2 (1816-1827), Moskva 1868, S. 68.
AKAK, t. VIII, Tiflis 1881, dok. 165.
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BESONDERHEITEN IM RELIGIÖSEN LEBEN
47
den wurden Saltet und Wöhr als „Gäste und Brüder“ empfangen und allmählich
begann man auch, sich den kirchlichen Traditionen zuzuwenden.
In ihrer Mehrheit neigten die Siedler zur Augsburger Konfession. Das religiöse
Leben der Gemeinden war durch die Kirchenordnung bestimmt, welche unter
Mitwirkung von A. Dittrich ausgearbeitet und von einer eigenen Synode, die vom
12.-22. August 1823 tagte, gebilligt wurde.9 Die Synode galt als höchstes Verwaltungsorgan, jährlich einberufen von gewählten Vertretern der Siedlergemeinden.
Für die Kontrolle über die Einhaltung des Ustav (russ. für Gemeindeordnung) in
den Gemeinden war ein Kirchenkonvent zuständig. Der Ustav sollte die freie Religionsausübung nach eigener Tradition bewahren helfen. In ihm wurde festgeschrieben, die völlige Unabhängigkeit zu wahren und die Gottesdienste nach der
alten württembergischen Agenda durchzuführen – unter Verwendung des alten
Gesangbuches von 1791. Im Detail forderte der Ustav von den Gemeindemitgliedern folgendes: Gehorsamkeit der Untertanen; ein halbasketisches, abgeschottetes
und gleichförmiges Leben sowie ständige Arbeit und jeglichen Verzicht auf Vergnügungen. Untersagt waren Fahrten in die Stadt an Sonn- und Feiertagen, zum
Markt um Produkte abzusetzen und Eheschließungen mit Vertretern anderer Nationalitäten und Konfessionen, damit sich „wahrhaft Gläubige“ in fremder Umgebung „nicht verlieren“. Bei der Bestätigung des Statutes hatte Zivilgouverneur
R. Hoven jedoch Einwände zu diesen Punkten, die er als „zu streng“ bewertete.
Überdies votierte er für die Herabsetzung des Alters bei Hochzeiten in den Gemeinden (ab 18 Jahre für junge Männer und 16 Jahre bei Mädchen).10
Widerspruch und Aufkommen neuer religiöser Gemeinschaften
Die neuen Pastoren wurden längst nicht von allen angenommen, von vielen wurden sie gar verspottet. Mit der Zeit vollzog sich unter den Siedlern eine deutliche
Spaltung, was auch zu den besonderen Zügen ihres religiösen Lebens zählte. Pastor Saltet war gezwungen nach Şuşa zurückzukehren, im Oktober 1825 starb zudem unerwartet Pastor Hahn. Ohne geistliche Fürsorge wandten sich in der Gemeinde Katharinenfeld 24 Familien, angeführt von Ja. Koser, von der Kirche ab.
Sie negierten fortan den Ustav und mit ihm kirchliche Zeremonien wie das heilige Abendmahl, die kirchliche Eheschließung und das Taufritual. Saltets Versuch,
die Gemeinde im Januar 1826 zu befrieden, schlug fehl. Selbst ein Überfall von
Persern auf die Kolonie am 14. (26.) August 1826 während des RussischPersischen Krieges, welcher Verwüstungen, Flucht, Gefangennahmen und Tote –
unter ihnen Pastor F. Rohrer – nach sich zog, konnte die Opponenten nicht ver9
10
Nacional’nyj Archiv Gruzii – Central’nyj Istoričeskij Archiv (NAGr-CIA). f. 1728, op. 1, d.
1, li.1-44; f. 2, op. 1, d. 2284, li.1-16.
Groß, Andreas: Missionare und Kolonisten. Die Basler und die Hermannsburger Mission
in Georgien am Beispiel der Kolonie Katharinenfeld 1818-1870 (Studien zur Orientalischen Kirchengeschichte, Bd. 6), Hamburg 1998, S. 34 f.
https://doi.org/10.5771/9783956503375
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TAMARA TSCHERNOWA-DÖKE
söhnen. Die gefährliche Zuspitzung des Konfliktes zog die Einmischung der Administration mit Zwangsmaßnahmen nach sich. Der Anführer der Abtrünnigen
Koser und ein weiterer Siedler, der sein Kind selbst taufte, wurden öffentlich ausgepeitscht. Ein Sonderkomitee, im Mai 1827 einberufen vom Militärgouverneur
General Nikolaj M. Sipjagin, beschäftigte sich mit der Gefahr der Ausweitung des
Sektierertums und seiner Schädlichkeit. Dabei blieb die Linie der Administration
hart: vorgeschlagen wurde, die Glaubensabtrünnigen bei weiterem Beharren „unverzüglich aus den Kolonien zu entfernen und andernorts anzusiedeln.“11
Die Eigenart des Momentes lag darin, dass für die insgesamt monokonfessionelle Enklave der protestantischen Siedler eine Vielfalt religiöser Betrachtungen
und Bibelauslegungen charakteristisch war. So entstanden Gruppen von Anhängern A. Böpples in Elisabethtal, Ja. Kauters in Tiflis, Alexandersdorf und Marienfeld sowie Ja. Kosers in Katharinenfeld. Letztere verhielten sich feindlich zu den
Anhängern Böpples. Die kleine Gruppe von Chiliasten wollte aus dem Siedlerverband austreten und strebte nach Jerusalem.12 Der Terminus „Separatisten“
– zunächst verwendet als Bezeichnung für alle deutschen Siedler in Südkaukasien – erhielt somit eine neue Nuance. Eine derartige Situation bestand bis 1843.
Die Mehrheit der Kolonisten war jedoch weiterhin den Baseler Pastoren verbunden. Sie vertrauten sich der geistlichen Fürsorge Saltets an, der auch die Billigung der örtlichen Administration besaß. Auf Bitten des „besten Teils hiesiger
Kolonisten“ wurde er 1827 zum ersten „Oberpastor“ aller Gemeinden ernannt.
Der Oberpastor wurde zum Mittler zwischen Gemeinden und zarischer Administration und trug die Verantwortung vor dem Departement für geistliche Angelegenheiten ausländischer Konfessionen, welches dem russischen Innenministerium unterstellt war. Der Oberpastor stellte auch die Kandidaturen von Pastoren
auf. Die Gemeinden blieben jedoch außerhalb des Konsistoriums der Evangelisch-lutherischen Kirche Russlands. Dazu ist zu sagen, dass Nikolaj I. zwischenzeitlich die Berufung von ein bis zwei Pastoren aus den vom Konsistorium unabhängigen „Baselern“ befürwortet und den Bau von fünf Kirchen und Pastorenhäusern in Tiflis, Marienfeld, Katharinenfeld, Elisabethtal und Helenendorf sowie
einer Schule in Tiflis mit umfangreichen 27.859 Silberrubeln unterstützt hatte.13
Eine wichtige Bedeutung für das geistliche Leben der Gemeinden besaß die
am 3.-4. Januar 1828 abgehaltene Synode, auf der die überarbeitete Kirchenordnung bestätigt wurde. Am 16. Februar 1829 wurde das neue Statut „für die in
Grusien angesiedelten protestantischen Separatisten“ vom Zaren gebilligt, weil es
„den allgemeinen staatlichen Gesetzen und der Ordnung für die innere Verwal11
12
13
NAGr-CIA, f. 2, op. 1, d. 2072, l. 8ob, l. 21; AKAK, t. VII. č. 2, Tiflis 1878, dok. 183-184.
Weiterführend zu den Sektierern siehe: Groß: Missionare und Kolonisten, S. 36-43; Smirnov, S. K.: Nemeckie sektanty za Kavkazom. In: Russkij Vestnik, Nr. 5, t. 57, 1865, S. 230257; Majsuradze, R.I.: Nemeckij religioznyj separatizm i ljuteranstvo v Gruzii, Avtoreferat.
kand. ist. nauk. Tbil. Univ., Tbilisi 1990.
NAGr-CIA, f. 1728, op. 1, d. 2.; f. 2, op. 1, d. 2284, li. 28ob-29.
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BESONDERHEITEN IM RELIGIÖSEN LEBEN
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tung der Kolonien“ nicht entgegenstand.14 Die Berufung von Baseler Pastoren
blieb darin als Hauptmerkmal der Verwaltung geistlicher Angelegenheiten genauso erhalten wie die Unabhängigkeit von jeglichem Konsistorium. Allerdings
verpflichtete Punkt sechs des Ustav den Oberpastor dazu, „alle die Aufmerksamkeit der Regierung verdienenden Vorfälle im geistlichen Leben“ sowie in der Synode an die Hauptverwaltung in Südkaukasien und an das Innenministerium zu
melden. Daraus lässt sich schlussfolgern, dass Kirche und geistliches Leben in
den Siedlungen zwar vom Konsistorium unabhängig waren, sie blieben jedoch
fest in der Kontrolle der örtlichen Administration und der Regierung.
Nach dem Tode Saltets während der Cholera-Epidemie von 1830 wurde drei
Jahre darauf A. Dittrich zum zweiten Oberpastor ernannt. Inzwischen hatte sich
die Bewegung der Sektierer so sehr ausgedehnt, dass der Hauptverwalter und
Oberkommandierende in Kaukasien, Baron Grigorij V. Rozen, für entschiedene
Maßnahmen votierte und eine Sonderkommission unter General Dietriks einsetzte, zu deren Mitgliedern auch Pastor Georg H. Breitenbach (1802-1868) aus
Helenendorf zählte. Ihre Aufgabe war die Klärung der Ursachen für die Spaltung
sowie die Einleitung von Maßnahmen zu deren Überwindung. Die Kommission
war jedoch erfolglos und wurde bald aufgelöst.15 Die Gründe für die weitere Vertiefung der religiösen Spaltung der Siedlergemeinden lagen unter anderem in der
Verzögerung der Fertigstellung der Kirchenbauten und auch die neue Kirchenordnung „entsprach in vielem nicht dem Zustand der Kolonistengemeinschaft“.
Sie verlor daher zunehmend an Bedeutung.
Die Umgestaltung der religiösen Verwaltung der Siedlergemeinden
nach russischem Kirchengesetz
Für die Eigenheit der geistlichen Verwaltung der deutschen Auswanderer spricht
ebenfalls die Tatsache, dass die Ende 1832 für alle evangelischen Gemeinden
Russlands eingeführte Kirchenordnung nicht in Südkaukasien galt. Jedoch gab es
auch Tendenzen, diese Sondersituation zu umgehen oder gar zu beseitigen. So
ist von Oberpastor Dittrich eine Eingabe beim Innenministerium überliefert, ob
es angesichts des strengen Ustav der Siedlergemeinden möglich wäre, sich bei
einzelnen Fragen, wie etwa Ehescheidungen, von der gesamtrussischen Kirchenordnung leiten zu lassen. Der Entscheid des Ministerkomitees im Dokument
„Über die Ausdehnung des Ustav der evangelisch-lutherischen Kirche in Russland auf die in Grusien angesiedelten Separatisten“ wurde am 12. Februar 1835
vom Zaren bestätigt.16 Damit wurde den hiesigen Kirchspielen – den Pfarrbezirken – sein Gebrauch im genannten sowie in weiteren Fällen gestattet und die
14
15
16
PSZ-II, t. IV, nr. 2659.
AKAK, t. VIII, dok. 164-165.
PSZ-II, t. X, otd. 1, nr. 7853.
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Gültigkeit des Ustav der Evangelisch-lutherischen Kirche Russlands auch sukzessive auf die südkaukasischen Gemeinden ausgedehnt. Im Jahre 1836 fasste die
Synode der deutschen Siedlergemeinden dann den Beschluss, diese Kirchenordnung nach eigener Maßgabe anzuwenden, jedoch bei Wahrung der eigenen Unabhängigkeit vom Konsistorium.
Die 1840 begonnene administrativ-territoriale Reform des Reiches, welche die
russischen Ordnungsnormen in der Zivilverwaltung gewaltsam und ohne Rücksicht auf örtliche Traditionen durchsetzen sollte, beschleunigte sicherlich die
Annahme des neuen Ustav in den deutschen Siedlungen. Es ist hervorzuheben,
dass dabei einige Regeln aus dem Statut von 1829 beibehalten wurden. Als Sonderbestimmungen fanden sie sich in einem Anhang für die südkaukasischen
Siedlergemeinden wieder – zur Wahrung ihrer bei der Ansiedlung zugesagten religiösen Rechte und Privilegien. Obschon die Gemeinden damit Teil der Evangelischen Kirche Russlands wurden – der Kontrolle der Administration und des
Innenministeriums unterworfen –, blieben sie doch in der Zuständigkeit der Synode und des Oberpastors und somit vom Konsistorium unabhängig. Die neue
Kirchenordnung wurde am 25. November 1841 offiziell von Nikolaj I. bestätigt
und der alte Ustav damit hinfällig.17
So wurde das allgemeine russische Kirchengesetz – bei einer Reihe von Ausnahmen – de facto auf die südkaukasischen Siedlungen ausgeweitet. Seine Annahme in der Zeit des Umbruches lokaler Traditionen im multiethnischen und
polykonfessionellen Umfeld Südkaukasiens und der Russifizierung im oben erwähnten Reformprozess war symbolisch. Um unter diesen Bedingungen eigene
Privilegien und Freiheiten aufrechtzuerhalten, waren Standfestigkeit und Mut gefragt. Verdienst daran hatte die Synode unter Führung des damaligen Oberpastors Christoph Heinrich Bonwetsch (1804-1876), der bis 1845 sein Amt als
Oberpastor in Tiflis ausübte.
Der neue Ustav verstärkte freilich die Unruhe unter den Sektierern. Nach Bericht des Zivilgouverneurs begannen sie, die Feldarbeiten zu vernachlässigen und
Hausrat, Pferde sowie Geld an die Armen zu verteilen. Zum Zentrum des Widerstandes wurde eine Gruppe in Katharinenfeld, an deren Spitze Barbara Spon
stand, die sich selbst als „Braut Christi“ bezeichnete. Der religiöse Fanatismus in
den Siedlungen wurde durch ihre Aufrufe an die „Gotteskinder“ zum Gang nach
Jerusalem angeheizt. Es wurden zwei Deputationen von Sektierern nach Tiflis
gesandt, um nach einer Genehmigung für die Ausreise zu ersuchen – in beiden
Fällen ohne Erfolg. Am 4. Juni 1843 – Pfingstsonntag – wurde doch ein Versuch
der Emigration von 368 Sektierern nebst ihren Kindern unternommen. Beim geplanten Auszug aus Katharinenfeld, wo sie sich aus verschiedenen Ortschaften
sammelten, wurden sie durch eine Abteilung von 115 Kosaken jedoch entschie-
17
PSZ-II, t. XVI, otd. 2, nr. 15059.
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BESONDERHEITEN IM RELIGIÖSEN LEBEN
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den am Fortgang gehindert. Diese Episode ist gut dokumentiert und war bereits
mehrfach Gegenstand von Publikationen.18
Im Januar 1844 teilten die Separatisten dem Hauptverwalter General Aleksandr I. Nejdgardt offiziell ihren Beitritt zur evangelisch-lutherischen Kirche mit.
Auf diese Weise trat endlich Ruhe in die Gemeinden ein. Erst im Frühjahr 1854
wurde in Katharinenfeld unter Pastor I. Eberli das imposante Kirchgebäude geweiht – von dem nur ein kleiner Teil ohne Kirchturm erhalten blieb, es steht
heute in der Stadt Bolnisi in Georgien.
Die Kaukasische Statthalterschaft, Russifizierungspolitik und das Ende der
religiösen Eigenständigkeit
Ende Dezember 1844 verfügte Nikolaj I. mit der Einführung der Kaukasischen
Statthalterschaft eine weitere Ausweitung der Rechte der russischen Administration. Unter diesen Umständen verstärkte sich auch deutlich die Abhängigkeit der
Synode und des Oberpastors vom russischen Statthalter, sein Einfluss auf das
geistliche Leben war deutlich spürbar. In diese Richtung wirkte auch der Ukaz
vom 10. August 1856, der den Willen des Imperators hinsichtlich des Einflussrahmens des Statthalters über die geistlichen Angelegenheiten ausländischer
Konfessionen bestimmte. Dieser Ukaz betraf auch die lutherischen Gemeinden
Südkaukasiens. Die Synode der Siedlergemeinde wurde dem Statthalter vollständig untergeordnet, nur über ihn entschieden sich alle zu regelnden Fragen.19 Der
Oberpastor sowie die Pastoren wurden nun unmittelbar vom Statthalter oder
nach Abstimmung mit dem Innenministerium berufen.
Die Berufung der Prediger blieb immer ein spezifisches Problem im religiösen
Leben der schwäbischen Siedlungen. Die Gemeinden zog es zu den Pastoren der
Baseler Mission, insbesondere denen württembergischer Herkunft. Die Konditionen ihrer Berufung als protestantische Prediger für südrussische Kolonien wurden durch Entscheid des Ministerkomitees geregelt, welcher am 17. Mai 1827
vom Zaren bestätigt wurde. Danach hatte das Außenministerium streng über die
Ausgewählten zu wachen und das Ministerium für Volksbildung trug die Verantwortung dafür, dass „keine Freidenker zugelassen“ wurden.20 Der Bildungsminister Aleksandr S. Šiškov akzeptierte im Schreiben an das Ministerium des
Innern vom 25. August 1827 die Berufung von Pastoren aus Basel, solange eine
theologische Ausbildung an der Universität von Dorpat nicht gewährleistet wer18
19
20
Weiterführend dazu: Tschernova-Deke, Tamara: Nemeckie poselenija na periferii Rossijskoj imperii. Kavkaz: vzgljad skvoz' stoletija (1818-1917), Moskva 2008, S. 94-101; Verdieva, Ch.: K voprosu o separatizme nemcev-kolonistov Zakavkaz’ja v XIX veke. In: Materialy pervoj meždunarodnoj naučnoj konferencii „Kavkazskie nemcy – nemcy na Kavkaze
do Pervoj mirovoj vojny“. 22-25 sentjabrja 1997, Baku 2001, S. 307-316.
PSZ-II, t. XXXI, nr. 30838.
PSZ-II, t. II, nr. 1097.
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den konnte.21 Punkt 5 des Kirchen-Ustav von 1829 definierte die Berufung von
Predigern aus Basel, nun entfiel jedoch das Einverständnis der Mission dafür.
Beim Eid auf „treue Dienste am Imperator“ sollten die Pastoren einer Einflussnahme von außen entzogen sein. Und bereits in der darauffolgenden Kirchenordnung von 1841 wurde die Möglichkeit der Berufung ausländischer Pastoren
komplett gestrichen. Daraus folgte die nicht einfache Situation, dass einige südkaukasische Gemeinden über zwei bis drei Jahre – in manchen Fällen sogar noch
länger – ohne Pastor auskommen mussten. Es galt nunmehr die Vorgabe, dass
vakante Stellen mit Absolventen aus Dorpat zu besetzen seien.
Hinzuzufügen ist, dass seit März 1852 die Berufung von Predigern aus Basel offiziell untersagt war und damit eingestellt wurde. Erst am 28. November 1861
wurde diese Entscheidung durch das Kaukasische Komitee im Sinne der Siedler
revidiert. Der Verdienst hierfür gebührt Pastor Chr. Roth (1802-1872, 1840–1859
in Helenendorf), der mit einer Anfrage an den kaiserlichen Statthalter Fürst Aleksandr I. Barjatinskij Bewegung in die Situation brachte. Der Entscheid des Komitees erlaubte es nun, den Predigerkandidaten im Ausland zu suchen, jedoch unter
der in Punkt 2 festgehaltenen Bedingung, dass diese in einer Versammlung von Pastoren und dem Oberpastor durch ein geistliches Gespräch (Colloquium) auf ihre
„Zuverlässigkeit“ geprüft wurden. Die Frage der Entlohnung und der Reisekosten
wurde in Punkt 5 der Verantwortung des Statthalters überwiesen, aus Mitteln und
gemäß den Möglichkeiten der Administration.22 Unter diesen günstigeren Bedingungen wurde als erster Pastor Martin Fr. Schrenk (1833-1911, 1862–1875 in Elisabethtal) – bekannt als Verfasser einer Schrift im Auftrag der Synode zur Geschichte
der deutschen Kolonien in Südkaukasien aus dem Jahre 1869 – ernannt.
Mit Abschaffung der Statthalterschaft im Jahre 1882 und der Einführung einer
neuen Ordnung zur administrativen Verwaltung Kaukasiens wurden die Pastoren
und der Oberpastor – in Abänderung der Art. 870 und 874 des Kirchengesetzes
– vom Innenministerium und in Absprache mit dem Hauptzivilverwalter des
Kaukasus bestimmt.
Als weitere Besonderheit der religiösen Verwaltung der Siedlergemeinden gilt
auch die Existenz zweier Verwaltungsbezirke. Gemäß dem Ustav der Evangelisch-Lutherischen Kirche Russlands „unterstanden ihre transkaukasische Gemeinden dem Moskauer Konsistorium, mit Ausnahme der ausländischen Siedler
in den Kolonien.“ Damit koexistierten hier die Bezirke der transkaukasischen
Kolonisten-Synode und des Moskauer evangelisch-lutherischen Konsistoriums,
zu dem die Gemeinden Tiflis, Baku und die der Tochterkolonien Georgsthal
und Petrovka, nahe der Stadt Kars23, gehörten.
21
22
23
AKAK, t. VII, č. 2, dok. 184.
PSZ-II, t. XXXVI, otd. 2, nr. 37671; NAGr-CIA, f. 1592, op. 1, d. 22, l. 1.
Kars kam 1877/78 zum Russischen Reich. Es erfolgten Ansiedlungen von griechischorthodoxen Pontos-Griechen, nicht-griechisch-orthodoxen Armeniern sowie Deutschen
und Esten in der Gegend. Im Jahr 1891 wurden deutsche Familien aus der Kolonie Ale-
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Eine weitere Besonderheit des Umgangs der russischen Behörden mit den religiösen Eigenheiten der deutschen Siedler bestand in der Bildungspolitik der Regierung. Der geistliche Faktor spielte eine dominierende Rolle bei der Gründung
von Dorfschulen in den Gemeinden nach der deutschen Tradition der allgemeinen Schulpflicht. Die historisch als eine Einheit entstandene Verbindung „Gemeinde-Kirche-Schule“ forderte die ständige Fürsorge der Synode und des Oberpastors zur Unterstützung der Schulen und Lehrer – nicht zuletzt zur Wahrung
der eigenen Muttersprache und Kultur. Im Verlauf der Zunahme der Russifizierung in den eroberten Gebieten erfolgte die Übergabe der protestantischen Kirchenschulen der Gemeinden an das Ministerium für Volksbildung, nach Entschluss eines staatlichen Rates, welcher für Südkaukasien am 30. März 1892 vom
russischen Zaren bestätigt wurde. Die Übergabe der Verantwortung für die Gemeindebildung an das Ministerium geschah in den deutschen Siedlungen Kaukasiens später als im Zuständigkeitsbereich des Moskauer Konsistoriums (dort
bereits mit Beschluss vom 22. November 1890), da das Gebiet unter Verwaltung
der Synode der Siedler nicht zum Konsistorium gehörte.24
An der Schwelle des 20. Jahrhunderts machte sich jedoch ein Streben nach
Einigung bemerkbar, nicht zuletzt forciert durch die Diskussionen in der Zeitung „Kaukasische Post“. Nach Auffassung ihres Redakteurs Karl A. Fischer, galt
alles außerhalb des Generalkonsistoriums entweder als unpraktisch oder veraltet.
Es wurden Stimmen laut zur Schaffung eines besonderen transkaukasischen
Propst-Bezirkes und dessen Beitritt zum Moskauer Konsistorium. Im Vorfeld der
ordentlichen Synode von 1913 wurden in der Zeitung offenkundig entstandene
Probleme und Lösungsvorschläge erörtert: Veränderungen in der Reglementierung des kirchlichen Lebens, Reform der Synode, Überprüfung der Kirchenordnung und vieles weitere mehr.25 Als wesentlich galt die Bestrebung zur Annäherung der Gemeinden von städtischer und ländlicher deutscher Bevölkerung in
Südkaukasien. Gemeinsame Herkunft und Konfession sollten den Nachfahren
der deutschen Einwanderer ein neues Gemeinschaftsgefühl geben und deren sozial-psychologische Adaption unter den Umständen der fremdsprachigen Umgebung unterstützen. Am Vorabend des Ersten Weltkrieges kann dies vielleicht
als eine Reaktion auf eine zunehmende „antideutsche“ Stimmung im Imperium
gedeutet werden, die als „Echo“ auch in Kaukasien zu vernehmen war.
Betrachtet man die Kirchengeschichte im Kontext der Frage nach der der Beziehungen der Deutschen zur örtlichen Bevölkerung waren zwei sich gegenseitig
beeinflussende Faktoren dominierend. Einerseits hemmte von Anbeginn die Re-
24
25
xanderhilf umgesiedelt, die das Dorf Petrovka gründeten. Die Bevölkerung blieb relativ gering und bestand aus etwa 200 Personen von 1911. Zwei weitere Kolonien in der Provinz,
Vladikars und Estonka entstanden zwischen 1911 und 1914. Ehemalige deutsche und estnische Siedler lebten bis in die 1960er Jahre v.a. im Kreis Arpacay, in den Dörfern Paşaçayir und Karacaören.
PSZ-III, t. X, otd. 1, nr. 7211; t. XII, nr. 8476.
Kaukasische Post 37 und 39 (1913).
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TAMARA TSCHERNOWA-DÖKE
glementierung des Lebens durch die strenge Kirchenordnung die Kontakte der
Übersiedler mit ihren neuen Nachbarn und ihre Integration in die lokale Gesellschaft. Andererseits baute die positive Entwicklung der Wirtschaftsbeziehungen
und des kulturellen Lebens die durch Selbstisolation oder einzelne Nachbarschaftskonflikte entstandenen Barrieren ab. Der Prozess der gegenseitigen Annäherung von Siedlern und Einheimischen verlief unter diesen Eindrücken schließlich auf friedlichem Wege und im Geiste gegenseitiger Toleranz.
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Deutsche Musiker und Komponisten in Kaukasien
von der Mitte des 19. bis Ende des 20. Jahrhunderts
Alexander Schwab †
Im Russischen Zarenreich war es üblich, für die Teilhabe an der europäischen
Musikkultur unter anderem deutsche Musiker und Komponisten als Fachkräfte
einzuladen, die dann zumeist in zentralen Institutionen eingesetzt wurden. Im 16.
bis 17. Jahrhundert waren das die Höfe beziehungsweise auch die Haushalte der
Hochadligen – bis hin zum Zarenhof –, wo Deutsche als Hauslehrer engagiert
wurden. Mit der Gründung der Akademie der Wissenschaften im neu errichteten
Russischen Kaiserreich durch Peter den Großen Anfang des 18. Jahrhunderts
konnten auch deutsche Wissenschaftler ihren Beitrag zur Entwicklung der Wissenschaften, aber auch der Musikkultur in Russland leisten. Als ein Land, das
zum damaligen Zeitpunkt in erster Linie seine Wirtschaft und somit im Bereich
der Wissenschaften vor allem die Entwicklung der Mathematik und Physik zu beschleunigen suchte, erscheint es aus heutiger Sicht verständlich, dass die Musikwissenschaft hier zunächst keine Rolle spielte. Mit dem Voranschreiten der Musikausbildung und des Konzertwesens im Lande war es jedoch nur eine Frage der
Zeit, bis die Notwendigkeit der theoretischen Forschungen auf dem Gebiet der
Musikkultur erkannt und auch begonnen wurde. Charakteristisch für jene Zeit
war auch, dass die wichtigsten theoretischen Erkenntnisse auf dem Gebiet der
langsam entstehenden Musikwissenschaft von Gelehrten anderer Fachbereiche
gewonnen und veröffentlicht wurden, die keine Berufsmusiker waren.
So machte sich der Schweizer Physiker und Mathematiker Leonhard Euler
(1707-1783) nicht nur auf dem Gebiet der genannten Fächer, sondern auch auf
dem der musikalischen Akustik1 einen Namen, der weit über die Grenzen Russlands ausstrahlte. Seine Erkenntnisse auf diesem Gebiet haben ihre Bedeutung
und ihren wissenschaftlichen Wert bis heute nicht verloren und werden praktisch in der ganzen Welt studiert. Euler war gleichzeitig Mitglied der Preußischen
Akademie der Wissenschaften in Berlin wie auch der Russischen Akademie der
Wissenschaften in St. Petersburg. Zu den früheren Artikeln, die seine Arbeit
1
Noch vor über 2000 Jahren führte in Griechenland der philosophisch-mathematische
Kreis der Pythagoreer Messungen am Klang des Monochords (einzelne aufgespannte Saite)
durch und maß Längenverhältnisse zu der jeweils klingenden und zum abgeklemmten Teil
der Saite aus. Dadurch konnte die Obertonreihe der ursprünglichen (ganzen) Saite beschrieben werden. Euler hielt diese Obertonreihe für die Grundlage zur Entwicklung des
menschlichen Gefühls für die Tonalität und berechnete sie mathematisch. Wichtig sind
auch seine Berechnungen des „geometrischen Raumes“, in dem sich die Schallwellen im
Raum gleichmäßig verteilen, ohne einen störenden Nachhall zu erzeugen.
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ALEXANDER SCHWAB †
würdigten, gehören die von Pavel Berkov, Emmi Kalla-Heger, wie auch neuere
Untersuchungen von Evgenij Gercman und anderen.2
Dem Historiker, Schriftsteller und Musiktheoretiker Jakob von Staehlin
(1709-1785), geboren im oberschwäbischen Memmingen und ab 1735 an der
Russischen Akademie der Wissenschaften tätig, verdankt die Nachwelt wichtige
Einzelheiten über das Musikleben im Russland des 17. bis 18. Jahrhunderts.3
Mitte bis Ende des 18. Jahrhunderts gab es neben anderen ausländischen Musikvereinen, Theatern und Orchestern – vor allem italienische und französische –
auch viele von Deutschen gegründete und geführte Musikinstitutionen, die ihren
Beitrag zum weiteren Wachstum des Musiklebens in Russland leisteten.
Eine wesentliche Rolle spielten deutsche Musiker auch an den von den Gebrüdern Anton und Nikolaj Rubinštejn Mitte des 19. Jahrhunderts in Petersburg
und Moskau gegründeten Konservatorien.4 In der Provinz erschienen qualifizierte ausländische und vor allem deutsche Musiker meist dann, wenn sie entweder
in den Zentren nicht mehr Fuß fassen konnten oder von örtlichen Adligen –
meist mit einem guten Gehalt – als Hauslehrer engagiert wurden.
Das musikalische Leben in den deutschen Siedlungen des Russischen Reiches
Nach Südkaukasien wie auch in andere südrussische Gebiete zogen vor allem diejenigen Deutschen, die vor Krieg und Armut aus ihren Heimatorten geflohen waren
und sich in den Weiten Russlands in erster Linie Land und dadurch eine sicherere
Existenzgrundlage erhofften. In den schwierigen Zeiten der Aufbauphase spielte
sich das Kulturleben in den Siedlungen zumeist in der Kirche ab.
2
3
4
Berkov, Pavel Naumovič: Deutsch-russische kulturelle Beziehungen. In: Winter, Eduard
(Hg.): Die deutsch-russische Begegnung und Leonhard Euler, Berlin 1958; Kalla-Heger, E.:
Leonhard Euler und die Musikwissenschaft. In: Ebd.; Gercman, Evgenij: Leonard Ejler i
evropejskoe muzykoznanie XVIII veka (Leonhard Euler und die europäische Musikwissenschaft im 18. Jahrhundert). In: Kongressbericht „Deutschland, Rußland und Ukraine –
musikalische Beziehungen in Vergangenheit und Gegenwart“, St. Petersburg 1996, S. 69-76
(russ. mit dt. Abstract).
Stählin, Jakob von: Theater, Tanz und Musik in Rußland. In: M. Johann Joseph Haigold’s
Beylagen zum Neuveränderten Rußland, Riga/ Mitau 1769 (Nachdruck: Leipzig 1982);
hier 1. Kap.: Zur Geschichte des Theaters in Rußland, S. 397-432; 2. Kap.: Nachrichten
von der Tanzkunst und Balletten in Rußland, S. 1-36; 3. Kap. Nachrichten von der Musik
in Rußland, S. 39-192.
Besondere Verdienste um die russische Musikkultur erwarb Anton Rubinstein, der 1844-1848
in Berlin und Wien studierte. Nach aktiver Reise- und Gastspieltätigkeit kehrte er 1858 nach
St. Petersburg zurück, wo er im selben Jahr die Singakademie gründete, 1859 entstand nach
seiner Initiative die „Russische Musikgesellschaft“ und 1862 das erste Konservatorium in
Russland, das er selbst bis 1867 als Direktor leitete. Sein Bruder Nikolaj war auch ein Klaviervirtuose, der 1844-1846 mit seinem älteren Bruder und seiner Mutter in Berlin lebte und
hier Unterricht im Klavierspiel bekam. 1866 gründete er das „Moskauer Konservatorium“.
Solche Bildungsstätten tragen in Deutschland die Bezeichnung Musikhochschulen.
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DEUTSCHE MUSIKER UND KOMPONISTEN IN KAUKASIEN
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Um das Unterrichtswesen in Kaukasien machte sich der in Stuttgart geborene
und ausgebildete Komponist und Musikpädagoge Vasilij V. Kjuner (Kühner
1840-1911)5 verdient. Von 1870 bis 1876 war er Musikdirektor in Tiflis, seit 1878
in St. Petersburg. Zu seinen Werken gehören eine Oper, zwei Sinfonien sowie
Kammer- und Klaviermusik, die zum Teil unter Verwendung von kaukasischen
Volksmelodien entstand. Einer aus Graubünden nach Moskau ausgewanderten
Familie entstammte der Komponist Pavel (Paul) F. Juon (1872-1940), bei dem
einst auch der „Vater der sowjetischen Pianistenschule“, Heinrich (Gustavovič)
Neuhaus (Nejgauz), studierte. Juon selbst studierte in Moskau und Berlin. Von
1896 bis 1897 war er Kompositionslehrer am Konservatorium in Baku.6
Die wissenschaftliche Aufarbeitung des Musiklebens der Deutschen im Kaukasus ist zwar unzureichend, kann aber schon einige bedeutende Publikationen
vorweisen. Dazu gehören Artikel und Abhandlungen von Viktor M. Žirmunskij,
Alfred Ström u.a. über die deutschen Niederlassungen in der Ukraine und dem
Kaukasus, in denen auch die Musikfolklore der deutschen Siedler beschrieben
wird.7 Eine grundlegende Arbeit über die Musikkultur der Deutschen in Russland und der nachfolgenden Sowjetunion gelang Ernst Stöckl, der in seiner Untersuchung alle bedeutenden Publikationen bis 1990 einbezogen hat.8 Über das
Musikleben der deutschen Auswanderer in Südkaukasien ist bei ihm zu lesen:
„In jeder der sieben transkaukasischen Mutter- und der vierzehn Tochterkolonien, in
denen insgesamt etwa 25.000 Deutsche wohnten, gab es seit den 1870er Jahren einen
Gesangsverein. Immanuel Walter (geb. 1871), der 30 Jahre als Lehrer in Katharinenfeld
tätig war, äußert die Meinung, dass es ‚nirgendwo in der Welt, auch Deutschland nicht
ausgenommen, noch einen Ort gibt, wo so viel gesungen wird, wie in den transkaukasischen Kolonien‘ und dass es ‚vornehmlich dem echten deutschen Volkslied mit zu verdanken ist, dass die Kolonisten so unverfälscht deutsch geblieben sind.‘“9
Mehrere Publikationen widmen sich zudem dem Ort Helenendorf – das heutige
Göygöl, einst eine der bekanntesten Siedlungsgründungen deutscher Auswanderer in Südkaukasien –, unter anderem Arbeiten von Hans Hermann Graf von
Schweinitz und Oswald Zienau.10 Obwohl der Artikel von Oswald Zienau11 be-
5
6
7
8
9
10
Paul, Frank/ Wilhelm Altmann: Kurzgefaßtes Tonkünstlerlexikon, Bd. 1, Wilhelmshaven
1936 (Neudruck 1971), S. 325.
Musik in Geschichte und Gegenwart (MGG), Bd. 7, Sp. 389-393.
Žirmunskij, Viktor M.: Die deutschen Kolonien in der Ukraine. Geschichte, Mundarten,
Volkslied, Volkskunde, Moskau 1928; Ström, Alfred: Die Entwicklung des deutschen
Volksliedes in der Ukraine. In: Nachrichten der Odessaer Kommission für Landeskunde,
H. 4-5 (1929), Deutsche Sektion, H. 1, S. 22-44.
Stöckl, Ernst: Musikgeschichte der Rußlanddeutschen, Dülmen 1993.
Ebd., S. 181 f.
Schweinitz, Hans Hermann Graf von: Helenendorf. Eine deutsche Kolonie im Kaukasus,
Berlin 1910; Zienau, Oswald: Orchestervereinigung Helenendorf. Eine Erinnerung an die
Kaukasusdeutschen. In: Ostland. Vom geistigen Leben der Auslandsdeutschen, Jg. 5
(1930), S. 352 ff.
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ALEXANDER SCHWAB †
reits 1930 in der Zeitschrift „Ostland“ erschien, gibt er die Musikkultur der Deutschen – vor allem der vorrevolutionären Zeit – in Südkaukasien gut wieder. Hier
erinnert sich Zienau, dass er auf seiner Reise über Südkaukasien vor allem nach
Helenendorf strebte, „der bedeutendsten Siedlung der Deutschen in Aserbai
dshan [sic!].“12 Auf seiner Reise dorthin durchquerte er die Stadt Gǝncǝ, die „in
uralten Zeiten Hauptstadt eines sagenhaften Gandshareiches“ gewesen und für
ihn nun zum Sinnbild „wütenden Rassenhasses“13 geworden war:
„Zur einen Seite der von der Gandshinka, einem träge fließenden Flüßchen, zweigeteilten Stadt (lebten) die muselmanischen Türken, zur anderen die christlichen Armenier:
beide zu Frieden und Verständigung nur gezwungen durch die drohenden Karabinerläufe der Roten Miliz. Auf der breiten Gandshinkabrücke standen gar sechs Wachhäuschen: nach sechs Uhr abends ist Türken und Armeniern der Verkehr über diese Brücke
verboten: wer gegen dieses Verbot verstoßen will, läuft Gefahr, ohne Weiteres erschossen zu werden!“.14
Seinen Zielort beschreibt Zienau wie folgt:
„Helenendorf ist nicht die älteste Deutschsiedlung Transkaukasiens, aber durch einen
zielbewussten Aufbau ein großzügiger, geistiger und wirtschaftlicher Mittelpunkt des gesamten Deutschtums in Trans- und Nordkaukasus geworden. Das drückt sich aus sowohl in der Ordnung und Wahrnehmung der Gemeinschaftsangelegenheiten als auch
in der Lebensführung des Einzelnen.“15
Zienau bewunderte den Häuserbau, der durchweg aus Stein war und weitgehend
die Architektur der schwäbischen Heimat kopierte, vor allem in den hohen Giebeldächern:
„Vom Hausbau der Eingeborenen ist nur übernommen die im ganzen Orient übliche
sich breit um den Oberstock herumziehende teils glasverdeckte, teils offene Holzveranda. Ein geräumiger Marktplatz mit einem schlankgetürmten Kirchlein in der Mitte des
Platzes, mit Gemeinschaftshaus und Schulen, denn Helenendorf hat außer seiner
Grundschule noch ein Gymnasium, das von den Kindern aller deutschen Dörfern des
Trans- und auch Nordkaukasus besucht wird. Selbstverständlich schwäbelt man in Helenendorf, so dass es ganz wie in der lieben, deutschen Heimat klingt inmitten einer orientalischen Wesens- und Wunderwelt, die der schöne Bergsee Sei-Sel16 und die Bergkuppen des Kjapas offenbar werden lassen.“17
Ferner berichtet Zienau über einen gemütlichen Nachmittag, den er beim Dorfarzt „mit freundlicher Nachhilfe einer Flasche Helenendorfer Schaumweines“18
11
12
13
14
15
16
17
18
Oswald Zienau (geb. 1893) war vor 1933 Korrespondent der Kölnischen Volkszeitung in
Moskau, später DPA-Korrespondent in der Schweiz.
Zienau: Orchestervereinigung, S. 354.
Ebd., S. 352 f.
Ebd., S. 353.
Ebd.
Gemeint ist hier der Bergsee Göygöl.
Ebd.
Ebd., S. 354.
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DEUTSCHE MUSIKER UND KOMPONISTEN IN KAUKASIEN
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verbracht habe. Irgendwann richtete sich der Gastgeber auf, griff zu seiner Trompete und entschuldigte sich beim Gast, er habe einen Orchesterabend, und lud
den Gast gleichzeitig ein, das Orchester zu besuchen. In seiner Vorstellung über
dieses Orchester schrieb Zienau: „Warum sollten die Helenendorfer nicht auch
ihre Musik haben! Und ich dachte an die mehr gut gemeinte, aber weniger
schön klingende Bauernmusik der Heimat, und begab mich in das Klubhaus.“19
Umso größer war seine Überraschung, als er Übungen zu Wagners Meistersingern hörte, die so gar nicht nach „Bauernmusik“ klangen. „Das war ein ernsthaftes Üben eines ernsthaften Orchesters“. Jede Unreinheit wurde vom Dirigenten abgeklopft und die Übung wiederholt, bis auch die schwierigsten Partien sicher saßen. Er berichtete weiter:
„Als die Übung beendet war, kam ein jüngerer Mann auf mich zu [...]. Und der Herr
Kapellmeister20 begrüßte mich im reinsten Wienerisch: ‚Jesses, na so was, ein Reichsdeutscher.‘ Dann kam etwas Wienerisches: zart und schmiegsam quoll der Donauwalzer
aus diesem Orchester auf. Als zweites eine klassische Musik, und schließlich folgten flotte Preußenmärsche. Das alles mitten in Aserbaidshan! Gespielt mit weit mehr als laienhaftem Können von einer Kapelle, in der der Arzt die erste Trompete spielte, der Gymnasiallehrer die große Trommel schlug, der Küster die Baßtrompete blies. Ihren Kapellmeister hatten sich die Helenendorfer von der Berliner Staatlichen Hochschule für Musik geholt. Der war der europäischen Städte überdrüssig, und so zog er mit einer jungen
Frau auf die abenteuerliche Fahrt nach Helenendorf in Aserbaidshan.“21
Die Musikkultur einer entlegenen, aber musikalisch hoch entwickelten deutschen Siedlung in Kaukasien beschrieb Oswald Zienau folgendermaßen:
„Das Orchester spielte für alle Helenendorfer alte Walzer, klassische Musik aller Völker
und Märsche aller Art. Zu besonderen Gelegenheiten wird auch noch der gemischte
Chor hinzugezogen. Und die großen Werke für Orchester und gemischten Chor tönen
zu den spitzgiebligen Schwabenhäusern hinauf, um die eine breite orientalische Holzveranda läuft [...].“22
19
20
21
22
Ebd.
Wahrscheinlich handelte es sich dabei um Alois Melichar (geb. 1896 in Wien, verst. 1976
in München). Er studierte Musiktheorie, Klavier u. Pauke an der Staatsakademie für Musik
und darstellende Kunst in Wien, Komposition an der Hochschule für Musik in Berlin und
arbeitete als Musikdirektor u. Gesangslehrer an der deutschen Oberrealschule in Helenendorf (Aserbaidschan). 1926 wurde er Musikreferent der Deutschen Allgemeinen Zeitung in
Berlin, 1927 Hausdirigent und musikalischer Beirat der Deutschen GrammophonGesellschaft. Kompositionen von Filmmusik. 1946-1949 Leitung des Studios für moderne
Musik in Wien. Anschließend freier Komponist in München. Da Zienau bereits 1926 einen
Artikel Vom heutigen Helenendorf. – In: DPO 1926. S. 169 ff. veröffentlicht hatte, scheint das
Zusammentreffen der beiden hier beschrieben zu sein. (Anm. d. Herausgeberin)
Ebd.
Ebd.
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ALEXANDER SCHWAB †
Deutschstämmige Berufsmusiker im Russischen Reich und der Sowjetunion
Einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung der Musikkultur der in der russischen
Peripherie lebenden Völker leisteten auch andere Berufsmusiker mit deutschen
Wurzeln. Zu der älteren Generation gehörte Gustaw Adolf Gebethner, der 1831
in Warschau geboren wurde und seine musikalische Ausbildung hier sowie in
Berlin erhielt. 1857 gründete er gemeinsam mit Robert Wolff (1832–1910) die
Warschauer Verlagsbuchhandlung „Gustaw Gebethner & Społka“, später „Gebethner i Wolff“. 1860–1866 leiteten beide eine Notenstecherei. Als Verleger leisteten Gebethner und Wolff Bedeutendes für die polnische Musik, aber auch für
die Stadt Vladikavkaz, wo sie eine Filiale besaßen. Sie gaben auch Handbücher
zur Musikgeschichte, Musiktheorie und zur Musikpädagogik heraus. Verstorben
ist Gebethner in Vladikavkas, wo er auch seine letzten Jahre verbrachte.
In der Sowjetunion war die Arbeit des russischen Komponisten und Dirigenten Lev Konstantinovič Knipper von besonderer Bedeutung. Er wurde 1898 in
Tiflis geboren und machte hier auch seine ersten musikalischen Erfahrungen.
Seine Studien begann er bei Philipp Jarnach in Berlin und setzte sie bei Rejngol’d M. Gliėre, Nikolaj S. Žiljaev sowie Elena F. Gnesina in Moskau fort. Sein
Kompositionsstil war zunächst zeitgenössisch, ab den 1930er Jahren dann populär-symphonisch; er verarbeitete zudem charakteristische Melodien asiatischer
und kaukasischer Völkerschaften. Seine Sammlerleidenschaft galt der musikalischen Folklore der sowjetischen Ethnien, die ihn in die verschiedensten Regionen des Landes führte: bis 1930 hielt er sich überwiegend im Kaukasus auf,
1931-1932 in Tadschikistan und 1946 in der Mongolei. Ab 1932 leistete er musikalische Breitenarbeit bei der sowjetischen Armee: zunächst in Fernost, 1942
und 1944 dann in Persien. Knipper hinterließ ein umfangreiches Werk, seine
Symphonien, Opern, Konzerte, Instrumental- und Vokalwerke erreichten ein
breites Publikum. Er verstarb 1974 in Moskau.
Von enormer Immanenz für das musikalische Leben des Landes war zudem
das Wirken des „Vaters der sowjetischen Pianistenschule“ Heinrich Neuhaus
(Genrich G. Nejgauz). Neuhaus wurde 1888 in Elisavetgrad, dem heutigen Kropivnic’kij in der Ukraine, in eine Musikerfamilie hineingeboren. Er studierte in
Wien und in Tiflis an der Meisterklasse der Wiener Musikgesellschaft und entwickelte sich bald zu einem Klaviervirtuosen. 1912–1914 war er Schüler Leopold
Godovskijs in Tiflis, wo er auch seine ersten Erfahrungen als Professor für Klavierunterricht sammelte. 1919-1922 lehrte er als Professor am Konservatorium in
Kiew und anschließend als Professor am Konservatorium in Moskau, dessen Direktor er von 1935–1937 war. 1942 erfolgte seine Deportation und schwere
Misshandlung durch die sowjetischen Behörden. Nur durch die Hilfe seiner früheren Moskauer Kollegen, wie etwa Dmitrij Šostakovič, gelang es Neuhaus 1946
an das Moskauer Konservatorium zurückzukehren, wo er dann bis zu seinem
Tode 1964 eine Professur innehatte. Viele Konservatorien der Sowjetunion
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DEUTSCHE MUSIKER UND KOMPONISTEN IN KAUKASIEN
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schätzen sich glücklich, Heinrich Neuhaus bei Staatsprüfungen und Festakten
bei sich begrüßen zu können. Oft war er auch in Tiflis, dem späteren Tbilisi,
und Baku zu Gast. Als Musikpädagoge verfasste er mehrere Schriften, darunter
auch ein Buch über das Klavierspiel, die von der Musikwelt bis heute hoch geschätzt werden. 1998 hielt das – 2004 leider geschlossene – Institut für deutsche
Musikkultur im östlichen Europa (IME) zum 110. Geburtstag von Neuhaus eine
wissenschaftliche Konferenz an der Universität und Musikhochschule Köln ab,
an der seine ehemaligen Schüler teilnahmen und seine Tochter Miliza Neuhaus
aus Moskau einen Vortrag hielt.23
Auch das Leben und Wirken des großen Pianisten Rudolf Kehrer (1923-2013),
den Ernst Stöckl in seinem Buch „Musikgeschichte der Russlanddeutschen“ in
eine Reihe mit Svjatoslav T. Richter und Ėmil’ G. Gilel’s stellte, ist mit Kaukasien verbunden.24 1923 wurde er in Tiflis geboren und mit 11 Jahren in die Kinderklasse des Konservatoriums in Tiflis aufgenommen, bereits im Alter von 15
erfolgte die Zulassung zum Hauptstudium. 1939 wurde der Vater verhaftet und
starb 1943 im Gefängnis. Rudolf Kehrer selbst wurde mit Mutter und Bruder
nach Südkasachstan verschleppt. 1952 schaffte er den Abschluss per Fernstudium der Mathematik und Physik in Čimkent, Südkasachstan, 1957 erlangte er
den Abschluss mit Auszeichnung am Konservatorium in Taschkent. 1961 gewann er den ersten Preis beim Allunionswettbewerb in Moskau und wurde an
das Tschaikowski-Konservatorium in Moskau als Dozent berufen, bald darauf
erhielt er den Professorentitel. Kehrer spielte mehrere Schallplatten und CDs ein
und war für zahlreiche Konzerte im In- und Ausland auf Reisen, vor allem in
Staaten des Warschauer Paktes, bis er nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion erstmals westliche Staaten bereisen konnte. Ab 1990 war er als Gastprofessor
in Wien tätig und siedelte 1994 in die Bundesrepublik über.25
Zu der jüngeren Generation deutschstämmiger Musiker in Kaukasien gehört
der 1940 geborene Valerij Renert, ein Komponist und Konzertpianist, der bis
mindestens 2000 als Dozent an der Musikfachschule Mineral’nye Vody in
Nordkaukasien tätig war.26
Mit Kaukasien ist auch die Geburt und die Tätigkeit des Komponisten Anatolij Maisner verbunden. 1943 in Machačkala in der ASSR Dagestan geboren, studierte er an der Musiklehranstalt vor Ort (Abschluss 1961) und am SobinovKonservatorium in Saratov, Abschluss 1966. Von 1966–1995 arbeitete er in
Nal’čik als Komponist, Dirigent und künstlerischer Leiter der Philharmonie. Seit
23
24
25
26
Niemöller, Klaus Wolfgang/ Klaus-Peter Koch (Hg.): Heinrich Neuhaus zum 110. Geburtstag, Konferenzbericht Köln 23.-26. Oktober 1998, Sinzig 2000.
Stöckl: Musikgeschichte, S. 201 f.. Seine Vorfahren gehörten zu den schwäbischen Auswanderern. Vater, Richard Kehrer, war Klavierbauer und Klavierstimmer, der die kleine,
von seinem Vater Hermann Kehrer aufgebaute Werkstatt übernommen hatte.
Anm. der Redaktion: Rudolf Kehrer verstarb nach Fertigstellung dieses Artikels am 29.
Oktober 2013.
Ebd., S. 204.
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ALEXANDER SCHWAB †
1995 lebt er in Deutschland. Sein Werk umfasst Orchester-, Instrumental- und
Vokalmusik.27
Abschließend kann festgehalten werden, dass in den deutschen Siedlungen
der südrussischen Provinzen das Kultur- und Musikleben der Auswanderer ausgeprägter entwickelt war als die professionelle, berufsmäßig betriebene, Musik.
Letztere, repräsentiert durch meist in St. Petersburg oder Moskau ausgebildete
deutschstämmige Komponisten, Musiker und Musikpädagogen, orientierte sich
in erster Linie an der Musik der verschiedenen Ethnien Russlands, beziehungsweise der Sowjetunion. Von Komponisten mit deutscher Abstammung wurden
einige der ersten an europäische Musikgattungen angelegte Kompositionen, unter Verwendung der jeweiligen Volksmelodik – so wie das deutschstämmige
Komponisten zuvor bereits im zentralen Russland praktizierten –, geschaffen. So
entstanden unter anderem kaukasische Rhapsodien, Konzerte und Symphonien,
geschrieben für aus Europa importierte Musikinstrumente.
In den Niederlassungen der Auswanderer wurde vor allem die volkstümliche
deutsche Musik gepflegt, die den Zusammenhalt in einer zunächst fremden Umgebung förderte und die Verbundenheit mit der alten Heimat vermitteln sollte.
Die Musiktradition der Einwanderer wirkte sich aber auch auf die alteingesessenen Ethnien aus, die mit der Zeit westeuropäische Musikinstrumente und Melodien in die eigene Musikkultur inkorporierten. – Dieses Kapitel deutschkaukasischer interkultureller Beziehung ist jedoch bisher nur bruchstückhaft erforscht und verdient mehr Aufmerksamkeit.
27
Persönliche Mitteilung des Komponisten an den Autor.
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Das Bild der „Anderen“. Das multiethnische Umfeld
Kaukasiens im Schaffen deutscher Maler und Zeichner
Gudrun Calov
Die von Katharina II. begonnene Ausdehnung des Russischen Reiches nach Süden konnte unter ihren Nachfolgern erfolgreich fortgesetzt werden. 1801 erfolgte
die Annexion von Georgien und in den folgenden Jahrzehnten die des gesamten
südkaukasischen Raumes. Da solche Annexionen niemals friedlich verlaufen,
mussten militärische Expeditionen zur Befriedung aufständischer Völker ausgerüstet werden, die aber zugleich auch der Erforschung und kartografischen Erfassung der hinzugekommenen Länder galten. An solchen Expeditionen und Forschungsreisen waren von Anbeginn an Künstler als Zeichner und Kartografen beteiligt. Ihre Namen tauchen in den Expeditionsberichten auf, die in ihrer Mehrzahl von der kunstwissenschaftlichen Forschung kaum beachtet worden sind. An
dieser Stelle soll ein kurzer Überblick über die Aktivitäten deutscher Künstler in
Kaukasien gegeben werden. Neben der historischen Kontextualisierung von Vita
und Werk sollen dabei verschiedene Phasen der westeuropäischen Kaukasusbegeisterung herausgearbeitet werden.
Militärische Expeditionen und Forschungsreisen – Künstler als Zeichner
und Kartografen: Christian Gottfried Heinrich Geißler und
Heinrich Theodor Wehle
Einer der bedeutenden Forschungsreisenden war der deutsche Arzt und Naturwissenschaftler Peter Simon Pallas (1741-1811).1 Von Katharina II. zum Kaiserlichen
Russischen Staatsrat ernannt, stand er am russischen Kaiserhof in hohem Ansehen,
diente unter drei Zaren und unterwies den jungen Thronfolger Aleksandr I. in Naturwissenschaften. Pallas bereiste im Auftrag von Katharina II. 1768-1774 das russische Asien und erbat sich von der Kaiserin die Erlaubnis zu einer weiteren Forschungsreise, die ihn in die südlichen Provinzen führen sollte. Pallas glaubte, diese
Reise könne neben nützlichen Beobachtungen vor allem seiner angeschlagenen
1
Pallas, Peter Simon: Reise durch verschiedene Provinzen des Russischen Reichs, Frankfurt/
Leipzig 1776-1778; ders.: Flora Rossica seu Stirpium Imperii Rossici, St. Petersburg
1784-1788; ders.: Sammlungen historischer Nachrichten über die Mongolischen Völkerschaften, St. Petersburg 1776-1801; ders.: Auszug aus Herrn P. S. Pallas Reisen durch verschiedene Provinzen des Russischen Reichs, Teil 1, 1768 und 1769. In: Mylius, August
(Verleger): Sammlungen der besten und neuesten Reisebeschreibungen, Berlin 1779, Bd.
12, 19 und 20; vgl.: Auch, Eva-Maria: Öl und Wein am Kaukasus. Deutsche Forschungsreisende, Kolonisten und Unternehmer im vorrevolutionären Aserbaidschan, Wiesbaden
2001, S. 55-59.
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GUDRUN CALOV
Abb. 5: Ch. G. H. Geißler: Ansicht des kaukasischen Schneegebirges. Im Vordergrund rechts
eine Bastion der Festung Georgievsk
Gesundheit dienen. Mit den besten Empfehlungen an alle Statthalterschaften ausgestattet, konnte er in den Jahren 1793-1794 mit seiner Familie reisen.
In Pallas Begleitung befand sich auch der junge Leipziger Künstler Christian
Gottfried Heinrich Geißler (1770-1844). Geißler, Sohn eines Goldschmieds, hatte seine Ausbildung als Maler und Kupferstecher an der Leipziger Akademie und
bei Johann Salomon Richter erhalten. Für Pallas erwies sich dieser begabte
Künstler als ein Glücksfall, denn durch dessen sorgfältige Illustrationen konnte
das publizierte Reisewerk mit dem Titel „Bemerkungen auf einer Reise in die
südlichen Statthalterschaften des Russischen Reiches in den Jahren 1793-1794“2
ein großer Erfolg werden. Pallas schreibt im Vorwort seines Werkes:
„Wenn dieses Werk mit erwünschter typographischer Schönheit an das Licht tritt, so
habe ich solches dem geschickten jungen Zeichner, der mich auf meiner Reise begleitete, Herrn Christian Gottfried Heinrich Geißler aus Leipzig und dem Herrn Verleger zu
verdanken. Gern hätte ich diese Vorzüge auch meinen vorigen Reisen gegönnt, damals
aber haben es theils die Unvollkommenheiten der Künstler, theils meine Entfernung
während des Drucks der beyden ersten Teile unmöglich gemacht.“3
In den beiden Textbänden sind zahlreiche Kupferstichvignetten von Geißler eingefügt, dazu kommt ein querformatiger Abbildungsband mit kolorierten Kupferstichen, die in sehr anschaulicher Weise Landschaften, architektonische Ansichten,
naturkundliche Merkwürdigkeiten, besondere Gesteinsformationen, archäologische Besonderheiten – unter anderen griechische und heidnische Altertümer –, Sit2
3
Pallas, Peter Simon: Bemerkungen auf einer Reise in die südlichen Statthalterschaften des
Russischen Reichs in den Jahren 1793-1794. Bde. 1 und 2 und querformatiger Tafelband
mit color. Kupferstichen, Leipzig 1799 und 1801.
Ebd., Bd. 1, Kap.: Vorerinnerung.
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Abb. 6: Ch. G. H. Geißler: Zwei Inguscheten, der eine mit Gewehr,
Säbel und Dolch
Abb. 7: Ch. G. H. Geißler: Ein vornehmer Tscherkesse in Haustracht
und eine tscherkessische Fürstentochter
DAS MULTIETHNISCHE UMFELD KAUKASIENS
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GUDRUN CALOV
ten, Gebräuche und Trachten der verschiedenen Völker sowie Tiere und Pflanzen
anführen. Auf den Landschafts- und Ortsveduten sind zur Belebung im Vordergrund häufig kleine Staffagefiguren hineingesetzt, manchmal können es Expeditionsteilnehmer oder der Zeichner selbst bei der Arbeit sein. Alle Kupferplatten sind
von Geißler signiert, entweder „G. Geisler del. et fec.“ oder „nach der Natur gezeichnet von G. Geißler, gestochen von C. Schule.“
Anhand von Illustrationen und Texten lässt sich die Route der Forschungsreise
genau verfolgen. Die Teilnehmer reisten von St. Petersburg über Moskau zur Wolga, dann die Wolga stromabwärts bis nach Astrachan’. Unterwegs besuchte die
Reisegesellschaft auch deutsche Ansiedlungen, über drei Monate hielt man sich
etwa in der Kolonie der Evangelischen Brüder in Sarepta an der Sarpa auf. Von
Astrachan’ – hier verweist Pallas auf die Beschreibung der Stadt von Samuel Gottlieb Gmelin (1744-1774)4 – ging die Reise zunächst in Richtung des Kaukasus.
Hier bemerkte Pallas die Veränderungen seit 1781, die Versuche Kolonisten anzusiedeln waren teilweise fehlgeschlagen, die Gegenden verwaist. In Pallas Reisebeschreibung wird die Landschaft um Georgievsk als besonders fruchtbares Land mit
vortrefflichen Ackerland, Heuschlägen, Weiden, Brennholz und Wild beschrieben. Von Georgievsk wurde die Reise nach Čerkessk und zur Festung Taganrog
fortgesetzt. Der zweite Band, der 1801 erschien, befasst sich mit dem weiteren Verlauf der Reise über die Halbinsel Krim. Christian Gottfried Heinrich Geißler
konnte nach seiner Rückkehr nach Leipzig 1798 sehr schnell gute Beziehungen zu
Leipziger Verlegern aufbauen, was die Publikation der von ihm illustrierten Reisewerke beschleunigte. Beiden Bänden war in Deutschland ein großer Erfolg beschieden, entsprachen sie doch dem neu erwachten Interesse an fremden Ländern
und Kulturen. Durch diesen Erfolg angeregt, publizierte Geißler in den folgenden
Jahren selbständige Bilderwerke über Russland mit erläuternden Texten.5
Während der sogenannten Franzosenzeit, insbesondere im Jahr der Völkerschlacht bei Leipzig 1813, nahmen viele deutsche Künstler das Sujet der „fremden Truppen“ auf, die exotisch anmutenden Soldaten des Russischen Reiches,
4
5
Samuel Gottlieb Gmelin, ein Neffe Johann Georg Gmelins bereiste den Kaukasus und gelangte bis in die nördlichen Provinzen Persiens, sein Werk: Reise durch Russland zur Untersuchung der drey Naturreiche (Bd. 1-4) erschien in St. Petersburg 1770-1784, den 4.
Band edierte Pallas, er enthält den Bericht von Gmelins Begleiter Hablitz: „Bemerkungen
auf einer Reise durch die persische Landschaft Ghitan“.
Geißler, Christian Gottfried Heinrich: Abbildungen und Beschreibungen russischer Völker
und Völkerstämme, Leipzig o. J.; ders.: Sitten, Gebräuche und Kleidung d. Russen in St.
Petersburg von J.G. Gruber beschrieben, 8 Hefte französisch und deutsch, mit 40 illustr.
Kupferstichen, Leipzig 1801; ders./ Johann Richter: Sitten, Kleidungen und Gebräuche
der Russen aus den niederen Ständen. 2 Abth. mit 28 illustr. Kupferstichen, Leipzig 1805;
ders: Spiele und Belustigungen der Russen aus den niederen Volksklassen beschrieben von
Joh. Gf. Richter. Mit 12 Kupferstichen, Leipzig 1805; ders./ Joh. Gf. Richter: Strafen der
Russen. Mit 10 Kupferstichen (franz. und deutsch) Leipzig o. J.; ders.: Hand- und Hülfsbuch für Deutsche und Russen, um sich gegenseitig verständlich zu machen, Leipzig 1813
und 1814; ders.: Die kaiserl.-russische Reiterei oder Beschreibung der Sitten und Lebensweise der donischen, uralischen Kosaken. Mit kolor. Abb., Leipzig 1813.
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DAS MULTIETHNISCHE UMFELD KAUKASIENS
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wie Kosaken, Baschkiren, Tscherkessen oder Kalmücken waren ein beliebtes Motiv. Beispielhaft hierfür sind die Arbeiten von Johann Gottfried Schadow, Albrecht Adam, Franz Krüger, Johann Adam Klein und Johann Christoph Erhardt.
Die wenigen deutschen Maler und Zeichner, die in dieser Epoche tatsächlich
in die neu eroberten Provinzen in den Süden Russlands kamen, begleiteten als
Zeichner und Kartographen wissenschaftliche oder militärische Expeditionen.
Der Landschaftsmaler Heinrich Theodor Wehle (1778-1805) nahm 1802 als Kartograph und Zeichner an der militärischen Expedition des russischen Grafen
Apollos A. Musin-Puškin nach Georgien teil. Heinrich Theodor Wehle, Sohn eines Pfarrers aus der Oberlausitz, besuchte das Görlitzer Gymnasium und Zeichenschule und ging mit 15 Jahren nach Dresden, um dort Landschaftsmalerei an der
Kunstakademie zu studieren. Johann Christian Klengel und Adrian Zingg wurden
seine Lehrmeister. 1799 nahm er die Stelle eines Landschaftsmalers an der
1795/96 gegründeten „Chalkographischen Gesellschaft zu Dessau“ an, die für ihre Reproduktionsstiche bedeutender Kunstwerke berühmt wurde. Der Direktor
der Petersburger Kunstakademie und der kaiserlichen Bibliothek, Graf Auguste de
Choiseul-Gouffier, besuchte auf seiner Deutschlandreise Dessau und lud Wehle
ein, ihm nach St. Petersburg zu folgen. Den Winter 1801/02 verbrachte Wehle
schon in St. Petersburg, wo er nach Werken in der Galerie des Grafen zeichnete.
Zu dieser Zeit wurde unter Leitung des Generals Graf Apollos Musin-Puškin eine
militärische Expedition vorbereitet, die wie Napoleons Ägyptenfeldzug auch wissenschaftliche Erkenntnisse liefern sollte. Das Ziel des mit einem Kosakenregiment
von 500 Mann zu Pferde und einem Detachement Jäger mit acht Kanonen von Petersburg ziehenden Unternehmens war das 1801 vom Russischen Reich annektierte
Georgien. Laut Expeditionsbericht des Grafen Musin-Puškin stand auf wissenschaftlicher Seite insbesondere die Suche nach Bodenschätzen im Fokus. Der auf der
Gehaltsliste des Grafen als „Sachse Wehle“ geführte Lausitzer Landschaftsmaler
diente der Expedition als Kartograf. Das von ihm gezeichnete Kartenmaterial ging
in die staatlichen Archive, während Wehle selbst die reinen Landschaftszeichnungen behalten konnte. Die Route Wehles durch die Kaukasische Statthalterschaft
lässt sich aufgrund der vom Hörensagen übernommenen Ortsangaben auf seinen
Zeichnungen annähernd rekonstruieren. Im Frühjahr 1802 hatte die Expedition aus
Richtung Rostov über Armavir kommend den Terek erreicht und in der Gegend
von Ekatarinograd überschritten, um seinem Oberlauf über Vladikavkaz, zu folgen.6 Der Georgischen Heerstraße folgend, wurde der Kaukasus überwunden und
schließlich Tiflis erreicht, wo man einen längeren Aufenthalt vermuten muss.
Wahrscheinlich im Frühjahr 1803 erfolgte der Aufbruch in Richtung Armenien.
Wehle reiste auf eigene Gefahr nach Armenien, das erst 1828 an das Kaiserreich fiel.
Bemerkenswert ist das Interesse des Zeichners für die georgische und armenische
Baukunst, von der man damals in Europa keinerlei Vorstellung besaß.
6
Lemper: Heinrich Theodor Wehle, vgl. Anm. 9, S. 16 f.
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Über seine Rückreise wissen wir nichts, da für diesen Zeitraum Zeichnungen
fehlen. In Ottos Oberlausitzer Schriftsteller-Lexikon findet sich im 1803 erschienenen dritten Band die Information, dass sich Wehle im südlichen Russland und
in Persien aufhalte und die Rückreise über Palästina, Ägypten, Italien, Marseille,
England und Hamburg plane.7 Er kehrte wahrscheinlich im Herbst 1804 erschöpft und krank zurück nach Deutschland und verstarb am 1. Januar 1805 im
Alter von nur 26 Jahren an Lungentuberkulose. Unter den mitgebrachten Zeichnungen unterscheidet man drei Arten: Zeichnungen mit Sepia und Tusche unmittelbar nach der Natur, Pinselzeichnungen in gleichmäßiger sorgfältiger Ausarbeitung, Zeichnungen in Bleistift und schwarzer Kreide.
Neben den mitgebrachten Zeichnungen hinterließ Wehle Vorlagen zu einer
Serie von Aquatintablättern. Sein früher Tod wurde in Periodika auch über die
engere Heimat hinaus beklagt, wo zu diesem Zeitpunkt nur seine Arbeiten für
die Chalkographische Anstalt zu Dessau bekannt waren. Sogar Goethe – der
Wehles Arbeiten 1811 in Karlsbad kennen gelernt hatte, schätzte ihn. Graf
Schönberg-Rothschönberg hatte Zeichnungen von Wehles Mutter erworben und
diese Goethe gezeigt, wie dieser in seinen Tagebucheintragungen und in einem
Brief an den Großherzog Carl August berichtete.8 Die Zeichnungen aus dem Besitz des Grafen Schönberg-Rothschönberg wurden 1858 bei R. Weigel in Leipzig
versteigert. 1978, anlässlich des 200. Geburtstages Wehles, wurden die Arbeiten
dieses jung verstorbenen Lausitzer Künstlers neu erschlossen und in einer Ausstellung der Städtischen Kunstsammlung Görlitz einem breitem Publikum vorgestellt.9 Weitere Ausstellungen in Görlitz und Bautzen folgten. Arbeiten Wehles
befinden sich heute in der Hamburger Kunsthalle, in den Städtischen Kunstsammlungen Görlitz und im Stadtmuseum Bautzen.
7
8
9
Otto, Gottlieb Friedrich: Oberlausitzer Schriftsteller-Lexikon, Bd. 3, Görlitz 1803.
Lemper: Heinrich Theodor Wehle, S. 21-23.
Lemper, Ernst Heinz (Hg.): Heinrich Theodor Wehle (1778-1805). Katalog der Städtischen Kunstsammlungen Görlitz anlässlich der Wehle-Ehrung 1978, Görlitz 1978.
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Abb. 8: H. Th. Wehle: Verlassene Festung der Inguscheten
© bpk/ Hamburger Kunsthalle/ Christoph Irrgang
Abb. 9: H. Th. Wehle: Darialschlucht, heutiges Georgien
© bpk/ Hamburger Kunsthalle/ Christoph Irrgang
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Abb. 10: H. Th. Wehle: Die Swetizchoweli-Kathedrale in Mzcheta, heutiges Georgien © bpk/
Hamburger Kunsthalle/ Christoph Irrgang
Die Erforschung fremder Länder und Kulturen und die europäische
„Orientliebe“: Wilhelm Kiesewetter (1811-1865) und Paul von Franken
(1818-1884)
Der Drang nach Bildung motivierte viele europäische Wissenschaftler und
Künstler des 19. Jahrhunderts in fremde Länder zu reisen, um anschließend ihr
Wissen durch Vorträge oder in Form von Literatur und Kunstwerken zu vermitteln. Als Teilnehmer an Forschungsexpeditionen forderte man von den Malern
und Zeichnern eine weitestgehend objektive Berichterstattung durch naturgetreue Wiedergabe des Geschehens und Erlebten. Eine Möglichkeit, fremde Länder zu ergründen, boten die neu gewonnenen Provinzen Russlands. Schriftsteller
und Künstler nahmen als Kriegsberichterstatter und Zeichner an den Kämpfen
des russischen Heeres gegen aufständische kaukasische Gemeinschaften sowie an
Forschungsexpeditionen teil. Sie lieferten in ihren Arbeiten sorgfältige Beschreibungen von Landschaften, Sitten und Bräuchen der dort lebenden Ethnien.10 In
10
Das umfassendste Werk ist von Dubois de Montpereux, F.: Voyage autour du Caucase, chez
les Tcherkesses et les Abkazes, en Colchide, en Georgie, en Armenie et en Crime. Avec un
atlas. Teil 1-4, Paris 1839-1843; Bodenstedt, Friedrich von: Die Völker des Kaukasus und ihre
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ihre Darstellungen floss jedoch auch stets ein romantisierendes Bild der „orientalischen Völkerschaften“, das von Attributen wie „Wildheit“, „Exotik“ und „Freiheitsliebe“ gespeist wurde. Nach der Antikenbegeisterung des Klassizismus war
nunmehr die „Orientliebe“ in Europa „en vogue“. Antike Mythen und Sagen,
die in Kaukasien spielen, wie beispielsweise in Kolchis, der antiken Landschaft
an der Ostküste des Schwarzen Meeres – bekannt durch die Fahrt der Argonauten und ihre Jagd nach dem Goldenen Vlies oder die Sage von Prometheus, der
an einen Felsen des Kaukasus geschmiedet und der göttlichen Strafe ausgesetzt
wurde –, waren Teil des europäischen Bildungskanons und erfreuten sich enormer Beliebtheit.
Der von Alexander von Humboldt geförderte Berliner Genre- und Porträtmaler Wilhelm Kiesewetter (1811-1865) bereiste etwa 15 Jahre lang, von 1838 bis
1849 und von 1850 bis 1852, Skandinavien und weite Teile Russlands.11 Kiesewetter wurde 1811 in Berlin geboren und verstarb am 13. August 1865 in Gotha.
In Berlin war er Schüler von Carl Röthing und beschickte ab 1830 die dortigen
Akademieausstellungen. Da die Ausstellung seiner Bilder keine finanziellen Erfolge brachte, beschloss er, sein Glück in fremden Ländern zu suchen. Die Reisen finanzierte er durch Anfertigung von Porträtbildern, seine Reiseeindrücke
hielt er in Ölbildern, Modellen und ethnografischen Skizzen fest. Reisewege und
Aufenthaltsorte Kiesewetters lassen sich anhand seiner Tagebücher verfolgen.12
Er reiste über Schweden, Lappland und Finnland nach St. Petersburg, dann über
Moskau, Tula, Rjazan’, Nižnij Novgorod, Kazan’, Penza, Voronež, Sarepta, Novočerkassk, Bachčisaraj, Tiflis, Erivan, Baku, Derbend, Astrachan’, Saratov zurück nach St. Petersburg und über die baltischen Provinzen nach Berlin.
Nach seiner Rückkehr in die Heimat stellte Kiesewetter seine Gemälde und
Modelle in Vorträgen und Ausstellungen in Geographischen Gesellschaften, in
Kunst- und Altertumsvereinen sowie Schulen vor und bemühte sich dabei, Verständnis für andere Lebensweisen zu wecken. Dieser pädagogische Ansatz war für
damalige Zeiten nicht ungewöhnlich, wohl aber die Art der Fremdbildvermittlung.
Kiesewetter hinterließ mindestens 176 Ölgemälde sowie 12 Wohn- und Siedlungsmodelle fremder Lebenswelten. Die Modelle kamen in die Ethnologische
Sammlung der Berliner Museen, das Kupferstichkabinett übernahm die Gemälde
und übergab sie später der Nationalgalerie, die diese wiederum 1910 wegen der
11
12
Freiheitskämpfe gegen die Russen, Frankfurt a .M. 1848; ders.: Tausend und ein Tag im Orient, Bd. 2, Berlin 1849-1850).
Thieme-Becker (ThB): Allgemeines Lexikon der bildenden Künstler, Bd. 20, Leipzig 1927,
S. 275.
Kiesewetter, Wilhelm: Kiesewetter´s ethnographische Reisebilder, Berlin 1854; ders.: Mitteilungen aus dem Tagebuch zu Kiesewetters ethnographischen Reisebildern, Berlin 1854;
ders.: Kunstkabinett von einer langjährigen Wanderung in den Orient (Original in Schwedisch), Lund 1850. Dazu Tietmeyer, Elisabeth: Der Maler und Ethnograph Wilhelm Kiesewetter (1811-1865). In: Faszination Bild. Kultur, Kontakte, Europa. Ausstellungskatalog
zum Pilotprojekt des Museums Europäischer Kulturen, Berlin 1999, S. 173-189 und Katalognummern S. 380 ff.
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ethnografischen Thematik dem Museum für Völkerkunde übertrug. 1934 wurde
im Schloss Bellevue eine Abteilung Eurasien aufgebaut, die die Ethnografica aus
Nordasien und Europa (außer Deutschland) beinhalten sollte. Im Zuge dessen
wurden 28 Gemälde mit den europäischen Motiven an die Abteilung Eurasien abgegeben und verblieben damit im Museum für Völkerkunde in Berlin. Der größere
Teil der Gemälde und Modelle galt seit dem Zweiten Weltkrieg als verschollen.
Erst 1990 wurde ihnen wieder Beachtung geschenkt, als in der sogenannten „Leipziger Rückführung“ bis 1992 90 Bilder und Modelle Kiesewetters aus dem Museum für Völkerkunde zu Leipzig nach Berlin zurückgegeben wurden. Diese waren
im Rahmen von Kunstrückgaben 1975 von Leningrad nach Leipzig überführt worden.13 Der gegenwärtige Berliner Bestand verfügt über 161 Ölgemälde sowie 10
Modelle. Erstmalig seit 130 Jahren waren diese Arbeiten in der Ausstellung „Faszination Bild“ von 1999 bis 2002 im neu gestalteten Museum Europäischer Kulturen in Berlin einem breiten Publikum zugänglich gemacht worden.14
In unserem Zusammenhang sind Kiesewetters Studien und Modelle aus der
Kaukasusregion von besonderem Interesse. Die Mehrzahl seiner Werke in Öl auf
Leinwand hat er selbst beschriftet und in seinen ethnografischen Reisebildern
beschrieben. Einzelne Figuren finden sich als „Versatzstücke“ in weiteren seiner
Gemälde wieder. Kiesewetter versuchte auch, einige einheimische Sprachen zu
erlernen, teilweise kleidete er sich wie Einheimische, beispielsweise trug er krimtatarische Kleider und stellte sich auf seinen Bildern auch selbst unter der einheimischen Bevölkerung dar (u.a. „Kiesewetter malend in einer kalmückischen
Jurte“, „Kiesewetter mit Hochzeitsgästen“, „der Maler aus der Hand eines Kirgisen essend“).15 Zu seinem Bild „Tiflis-Hauptstadt in Georgien oder Grusien“ Öl
auf Leinwand 1847-1848 schrieb Kiesewetter:
„Ich entwarf eine Partie der Stadt, welche sich von dem Ufer des Flusses terrassenförmig
erhebt, und im Vordergrund die Karawansereien auf beiden Seiten der Kurabrücke, ferner
armenische, griechische und muhamedanische Kirche, worin an bestimmten Tagen der
Rechtgläubige den Unrechtgläubigen verflucht, und gelang bald mit meinem Pinsel zu
dem Bergrücken, auf welchem sich noch Ruinen einer alten grusinischen Feste befinden.“
Während seines Aufenthalts in Baku malte er „Persische Schule in Baku“, „Persische Rasierstube in Baku“ und „Zweirädriger Karren in Baku“. Von besonderem
Interesse sind die erhalten gebliebenen, detailgetreuen Holzmodelle, die eine
weitere wichtige Arbeit Kiesewetters darstellen. Ihr Untergrund besteht aus Leinwand, wobei die natürlichen Gegebenheiten wie Grasflächen, Gebüsche, Wege
13
14
15
Ebd., S. 173-189.
Die Objekte der Ausstellung „Faszination Bild“ sind inzwischen wieder magaziniert. Kiesewetters ethnografische Reisebilder waren 2004 im Bomann-Museum Celle und „Bilder
der Krimtataren 1845-1847“ 2005 auf der Krim im Museum des Khanpalasts von Bachčisaraj ausgestellt; Wilhelm Kiesewetters „Harem eines tatarischen Kaufmanns“, 1845-1847, Öl
auf Lw., 46x40 cm, www.smb.museum/smb/tools/getImage.php?image_id=12270 [Zugriff
16.10.2013].
U.a. die Bilder im Ausstellungskatalog: Faszination Bild, S. 380.
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Abb. 11: W. Kiesewetter: Im Harem eines tatarischen Kaufmanns © Staatlichen Museen zu
Berlin, Museum Europäischer Kulturen
und Zäune in Öl aufgemalt und teilweise plastisch erhoben sind, darauf befinden sich die bemalten Holzmodelle von Gebäuden. So gelangen Kiesewetter plastische Darstellungen, beispielsweise von kaukasischen Dörfern.
Wie bereits dargelegt, waren es in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts nur
verhältnismäßig wenige Deutsche, die als Künstler die neuen russischen Provinzen bereisen und erforschen konnten. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden Südrussland, die Krim und Kaukasien für die Kunstwelt in
größerem Maße erschlossen. Der Strom der reisenden Künstler in die faszinierende Bergwelt des Kaukasus brach nun nicht mehr ab.
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Abb. 12: Paul von Franken: Ansicht von Tiflis
Ein wichtiger Vertreter dieser zweiten Welle deutscher Kaukasusbegeisterung war
der Genre- und Landschaftsmaler Paul von Franken (1818-1884).16 Franken erhielt
seine Ausbildung an der Düsseldorfer Kunstakademie und zog 1852 mit seiner
Frau, der Malerin Helene von Franken (1825-1884), nach Mitau in Kurland, dem
heutigen Jelgava in Lettland. Hier beschäftigte sich Franken erstmals näher mit
dem Kaukasus, dessen schier unerschöpflicher Naturreichtum und ethnische Vielfalt ihn faszinierten. Der Kampf der russischen Armee gegen den heldenmütigen
Anführer der Bergstämme, Imam Schamil, beflügelten Frankens Phantasie und
weckten in ihm den Wunsch, selbst den Kaukasus zu bereisen. 1853 zog er über
St. Petersburg und Moskau nach Tiflis, von wo er ausgedehnte Reisen in den Kaukasus unternahm. Neben landschaftlichen Motiven interessierten ihn auch die
fremdartigen Sitten und Bräuche der von der westlichen Welt noch unbeeinflussten Bewohner Kaukasiens. 1860 kehrte der Maler nach Deutschland zurück. In der
Folgezeit malte er seine Bildmotive fast ausschließlich nach den in Georgien entstandenen Zeichnungen und Skizzen. Ernst te Peerdt karikierte ihn in einem satirischen Büchlein entsprechend und schrieb: „Paul von Franken war zu lang im Kaukasus, hat an Mord und Raub Genuss.“17 Eines der berühmtesten Gemälde des
16
17
Allgemeines Künstlerlexikon (AKL), Bd. 44, München/ Leipzig 2005, S. 84-85; weitere Informationen über den Maler im Projekt: „Deutsche in Georgien“, Goethe-Institut Tbilisi,
www.goethe.de/ins/ge/prj/dig/deindex.htm [Zugriff 10.10.2013].
Projekt „Deutsche in Georgien“, Eintrag zum Maler Paul von Franken, www.goethe.de/
ins/ge/prj/dig/mal/fra/pfw/deindex.htm [Zugriff 10.10.2013]; im Museum für Ausländische Kunst in Riga sind von Paul von Franken folgende Bilder zu sehen: Nr. 855, „Ansicht
von Tiflis“, 1859; Nr. 856, „Kasbek“, 1859 sowie Nr. 857 „Elbrus“, 1859; Lexikon der Düs-
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Künstlers trägt den Titel „Die Verwüstung von Tiflis durch die Perser“. Nach seinem Tod 1884 nahm seine Frau alle Kaukasien betreffenden Werke mit nach Tiflis, wo diese später in den Besitz der weit verzweigten Nachkommenschaft der beiden Künstler übergingen.
Kriegsberichterstatter, Zeichner und Schlachtenmaler: Theodor Horschelt
Der Münchner Theodor Horschelt (1829-1871) war in jungen Jahren von den
Pferde- und Schlachtenbildern Albrecht Adams sehr beeindruckt, durch ihn lernte er auch russische Themen kennen.18 Ebenfalls faszinierte ihn das mit kolorierten Kupferstichen ausgestattete Reisewerk des Grafen von Rechberg „Les Peuples
de la Russie“ mit Darstellungen aus Russland und dem Orient.
Seine ersten Ölbilder mit Szenen aus dem Kaukasuskrieg entstanden 1853 ohne Kenntnis des Landes, Horschelt war zu Bergstudien in die Alpen gefahren. Erst
1858 konnte er mit Empfehlungsschreiben des Malers Alexander von Kotzebue
und des russischen Konsuls in München ausgestattet, über Odessa, Sevastopol‘
und Kerč nach Tiflis reisen. Hier nahm er an einer militärischen Expedition nach
Dagestan unter Führung von General Pavel A. Vrevskij teil. Nach Horschelts eigenen Aussagen war dies „die wohl erfolgreichste Expedition gegen die Bergbewohner seit langem, wenn auch mit sehr hohen Verlusten“.19 Für seine tapfere
Teilnahme an den Kämpfen um das Aul20 Kituri wurde Horschelt vom russischen
Zaren der Orden des Heiligen Stanislaus verliehen. Ende 1858 ging Horschelt
nach Tiflis zurück, um dort seine Skizzen zu verarbeiten. Hier entstanden unter
anderem das „Porträt der Fürstin Gagarin“, für die Baronin Vrevskij „Sturm auf
Kituri“ – mit der Darstellung der Verwundung ihres Gatten –, sowie für die Zarin
Marija Aleksandrovna sechs große Aquarelle mit interessanten Episoden der Expedition von 1858. In den folgenden Jahren nahm Horschelt an weiteren Kriegszügen gegen die Aufständischen unter Imam Schamil teil. Sein mit Federzeichnungen illustriertes Kriegstagebuch gelangte ebenfalls in den Besitz der Zarin. Die
Petersburger Kunstakademie ehrte ihn 1860 durch die Aufnahme in die Reihe der
bedeutenden Mitglieder, er wurde zum „Akademiker der Schlachtenmalerei“ ernannt. 1860 nahm er noch an der Unternehmung gegen die Tscherkessen teil,
machte 1861 Studien in der Bergregion der Lesgier sowie in Kituri und besuchte
1862 zusammen mit Prinz Albrecht von Preußen Baku und Erivan. Auch hier
liegt umfangreiches, in der großen Prachtausgabe von 1876 teilweise abgedrucktes,
18
19
20
seldorfer Malerschule, Bd. 1, München 1997, S. 368 und Abb. 440: „Ansicht von Tiflis“,
1859 und Abb. 441: „Kasbek“, im Text findet zudem Erwähnung: „Kaukasische Landschaft“, 1882, ausgestellt in der Kunsthalle Bielefeld.
ThB, Bd. 17, S. 528 und Internationale Künstlerdatenbank (IKD); Projekt Deutsche in
Georgien, Eintrag zum Maler Theodor Horschelt, www.goethe.de/ins/ge/prj/dig/mal/
thm/deindex.htm [Zugriff 10.10.2013].
Horschelt, Theodor: Im Kaukasus. In: „Der Schatzgräber“ Nr. 65, München 1914, S. 112.
In einigen Gebieten Kaukasiens verbreitete Bezeichnung für ein Bergdorf.
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Abb. 13: Theodor Horschelt: Junger Tscherkesse, © bpk
Briefmaterial vor, dem seine schnellen doch gleichzeitig sicheren wie wirklichkeitsgetreuen Randillustrationen einen besonderen Wert verleihen.
Nach Beendigung der Kämpfe malte Horschelt in Tiflis 1862 unter anderem
eine große Paradedarstellung mit dem Zaren und der gesamten Generalität. 1863
kehrte er nach München zurück und bezog das Atelier seines verstorbenen Lehrers A. Adam. Hier vollendete er seine berühmtesten Werke, „Die Gefangennahme Schamils“ und „Die Erstürmung einer Verschanzung auf dem Berg Gunib“. Seine Bilder befinden sich heute in den Museen Russlands und Georgiens,
sowie in Privatbesitz. Die Münchner Neue Pinakothek besitzt nur sein Gemälde
„Araber zu Pferd“.
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Abb. 14: Theodor Horschelt: Kosake,
© bpk
Abb. 15: Theodor Horschelt: Imam Schamil, © bpk
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Abb. 16: Theodor Horschelt: Die Gefangennahme Schamils © bpk
Neue Bildthemen – Gebirgswelten, Panoramen und ethnographische
Studien: Franz Xaver Simm, Franz Roubaud und Richard Karl Sommer
Für die wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung der Kaukasusregion hatte der
Bau der Transkaukasischen Eisenbahn immense Bedeutung. 1872 wurde Tiflis
auf dem Schienenweg mit Poti, 1883 mit Batumi am Schwarzen Meer und Baku
am Kaspischen Meer verbunden – die Maschinenbauindustrie sowie Schuh-,
Möbel-, Tabak- und Baumwollfabriken siedelten sich in Kaukasien an. Die Telegrafenlinien der Gebrüder Siemens von Moskau nach Tiflis und von Tiflis nach
Poti, Vladikavkaz sowie Baku begünstigten diese Entwicklung. Die Brüder Walter
und Otto von Siemens, gestorben 1868 und 1871, wurden in Tiflis begraben.
Die Stadt gewann als Statthalterresidenz des Zaren an Bedeutung und wurde
prächtig ausgebaut, westeuropäische Künstler, darunter auch Deutsche, waren
daran beteiligt. Hier residierte auch Großfürst Michail Nikolaevič Romanov, der
vierte Sohn des Zaren Nikolaj I., und von 1862 bis 1882 Generalgouverneur von
Südkaukasien. Dem wohlhabenden Bürgertum in Tiflis war es möglich, am kulturellen Leben teilzuhaben, es gründete u.a. die Gesellschaft der Liebhaber der
kaukasischen Archäologie und die Georgische Gesellschaft für Geschichte und
Völkerkunde. Eine Reihe bedeutender Publikationen zur Geschichte und Kultur
Georgiens, vor allem von dem russischen Kunsthistoriker Nikodim P. Kondakov,
wurden hier veröffentlicht.
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In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts unternahm der deutsche Kunstwissenschaftler Karl Schnaase den ersten Versuch, ein Schema für die Entwicklung
der Kunst Kaukasiens als einen Teil der Weltkunstgeschichte zu erstellen. Der
Autor unterschied ausdrücklich zwischen der Architektur Georgiens und Armeniens und betonte in erster Reihe die Originalität der georgischen Denkmäler.
Anfang des 20. Jahrhunderts erschienen die Arbeiten des Wiener Kunsthistorikers Josef Strzygowski mit der Tendenz, den eigenständigen Beitrag der verschiedenen Kulturen an der allgemeinen christlichen Kunst zu zeigen. Strzygowski
vertrat dabei die Ansicht Friedrich Dubois de Montpereux, dass die georgische
Architektur der armenischen nachgefolgt sei. Das Interesse an neuen Bildthemen
vom Schwarzen Meer, der Krim, dem Kaukasus und von Mittelasien war in den
europäischen Kunstzentren, besonders jedoch in München, sehr groß. Im
Münchner Atelier von Theodor Horschelt arbeitete ab 1870 auch der russische
Maler Vasilij V. Vereščagin (1842-1904), der Kaukasus- und Mittelasienskizzen
während seines Aufenthalts in der Stadt in Gemälden umsetzte.
München hatte mit seinen Kunstausstellungen im Glaspalast unter den deutschen Kunststätten den ersten Rang eingenommen. In den Ausstellungskatalogen sind entsprechend zahlreiche Bildthemen von deutschen und europäischen
Reisenden wie auch russischen Künstlern mit kaukasischen Sujets aufgeführt.
Trotzdem ist es schwer, sich von manchen der hier aufgeführten Künstler einen
Eindruck zu verschaffen, da ihre Werke in öffentlich zugänglichen Sammlungen
und Museen kaum gezeigt werden.
Franz Xaver Simm (1853-1918), in Wien in Österreich-Ungarn geboren, Absolvent der Wiener Akademie, erhielt 1876 unter anderem den Rompreis und
unternahm 1881 von Rom aus eine Reise nach Tiflis, wo er den Auftrag erhielt,
das Treppenhaus des Kaukasischen Museums mit großen mythologischen
Wandbildern auszuschmücken.21 Seine Frau, die Malerin Marie Simm-Mayer
(1851-1912) half ihm bei diesen Arbeiten. Nach Vollendung des Werkes blieb
Simm noch einige Monate in Tiflis, um in dieser Stadt das anziehende bunte
Straßenleben – es herrschte hier ein „Völkergemisch“ wie kaum an einem anderen Ort der Welt, das die Begeisterung jedes Malers hervorrufen musste – zu beobachten, zu zeichnen und zu malen. Voll von Impressionen ließ sich das Malerehepaar daraufhin dauerhaft in München nieder. In den ersten Jahren dort beschäftigte sich Simm mit dem Illustrieren und zeichnete Beiträge zu den „Fliegenden Blättern“ – eine humoristische, reich illustrierte deutsche Wochenschrift
–, auch zu Kaukasusthemen. In späteren Jahren verarbeitete er in kleinformatigen Bildern seine Reiseeindrücke aus dem Kaukasus und Kleinasien. Bilder von
Simm sind in der Berliner Nationalgalerie, in der Neuen Pinakothek München,
im Kunsthistorischen Museum in Wien, in der Akademie in Wien und im
21
ThB, Bd. 20, S. 46-47; Gustav Radde (1831-1903) aus Danzig ist einer der Gründerväter
des Kaukasischen Museums in Tiflis, das einst das modernste völkerkundliche Museum im
Russischen Reich war.
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Abb. 17: Franz Xaver Simm: Das Innere eines Harem
Kunstmuseum zu Weimar, zu finden, Handzeichnungen und Drucke lagern in
der Graphischen Sammlung München.
Große Wirkung auf die zeitgenössische Kunstwelt hinterließ die Arbeit des
russischen Malers Franz Roubaud (1856-1928). Als Sohn französischer Eltern in
Odessa geboren, lebte er jedoch die längste Zeit seines Lebens in München und
Oberbayern, seine Bilder signierte er mit „F. Roubaud Münich“.22 1877-1878
studierte er an der Münchner Akademie bei Karl Theodor von Piloty, Otto Seitz
und Wilhelm von Diez, in Tiflis fand er einen Gönner, der ihm einen Studienaufenthalt im Kaukasus finanzierte. Roubaud war begeisterter Reiter und widmete sich fortan fast ausschließlich der Darstellung kaukasischer Reiterszenen. Das
Leben der Tscherkessen, Truppenzüge von Kosaken, Gefechte und Reiterspiele
sowie orientalische Stadt- und Marktszenen aus Erivan, Tiflis, Baku, Buchara
und Taschkent sind Themen seiner Bilder. Prinzregent Luitpold von Bayern sowie die Zaren Aleksandr III. und Nikolaj II. gehörten zu Roubauds Förderern.
Prinzregent Luitpold ernannte ihn 1889 zum außerordentlichen Professor und
22
Münchner Maler des 19. Jahrhunderts, Bd. 3, München 1982, S. 396.
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nobilitierte ihn. Roubauds Hauptwerk besteht aus Schlachtengemälden für die
Ruhmeshalle in Tiflis 1890 sowie drei gigantische Panoramen: „Die Erstürmung
der Bergfeste Achulgo im Kaukasus im Jahr 1859“ (1890), „Die Verteidigung Sewastopols 1854/55“ (1903) und „Schlacht bei Borodino“ aus dem Jahre 1912 –
all diese Werke entstanden in München und wurden vom Zaren aufgekauft.
Bedingt durch die Arbeiten an den Panoramen entwickelte Roubaud eine extrem nahbildliche realistische Darstellungsweise, die gelegentlich zum Effekt des
„Trompe-l’œil“ tendierte – bei dem durch eine perspektivische Darstellung eine
dreidimensionale Räumlichkeit vortäuscht wird. Mit breitem Pinselstrich und
leuchtenden Farben entwarf er seine kühnen Bewegungsbilder. Zu Beginn des
20. Jahrhunderts erlangten Schlachtenpanoramen in Russland eine besondere
Popularität. Roubaud beeinflusste auch viele Künstler, unter anderem waren Oskar Schmerling und Josif A. Charlemagne (1824-1870) seine Schüler. Bilder von
Roubaud befinden sich in München in der Neuen Pinakothek, in der Städtischen Galerie im Lenbachhaus, im Bayerischen Armeemuseum in Ingolstadt, im
Kölner Wallraf Richartz Museum sowie in Kunstmuseum Odessa. Sein Hauptwerk, „Die Schlacht bei Borodino“, ist in Moskau in einem eigenen Panoramamuseum untergebracht.
Abb. 18: Franz Roubaud: Tscherkessen überqueren einen Fluss
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Abb. 19: Franz Roubaud: Ein tscherkessischer Reiter
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Abb. 20: Franz Roubaud: Die Eroberung von Gunib und die Gefangennahme von Schamil
am 25. August 1859. Präsentation des gefangenen Schamil vor dem Prinzen Barjatinskij
Abb. 21: Franz Roubaud: Tscherkessischer Konvoi überquert einen Fluss mit Pferdegespannen
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GUDRUN CALOV
Richard Karl Sommer (Richard Karlovič Zommer), 1866 in München geboren,
studierte ab 1884 an der Akademie der Künste in St. Petersburg mit großem Erfolg: Seine Werke wurden mit der Kleinen und Großen Goldmedaille der Akademie ausgezeichnet.23 Im Auftrag der Archäologischen Kommission verbrachte
er das letzte Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts in Mittelasien. Während dieser Jahre
schuf Sommer eine Reihe von Porträts, Landschaftsbildern und grafischen Werken, von denen zwanzig Gemälde im Kunstmuseum von Taschkent in Usbekistan aufbewahrt werden. Anfang des 20. Jahrhunderts gelangte Sommer nach Georgien. Er reiste viel und durchwanderte fast den gesamten Kaukasus zu Fuß.
Sein Schaffen ist in ethnographischer Hinsicht bemerkenswert, richtete er sein
Augenmerk doch auf die verschiedensten Ethnien Kaukasiens und beobachtete
ihre Trachten, Lebensweisen, Sitten und Bräuche, welche er in Werken wie „Swanische Frau“, „Gurische Gestalten“, „Kaukasische Gestalten“, „Verkäufer von Äpfeln“, „Flussübergang“ sowie vielen weiteren verewigte. Er malte auch kaukasische Baudenkmäler, wie die Gremier Kathedrale oder die Schah Ismail Moschee
in Tiflis, sowie – immer wieder – die engen Gassen der heutigen georgischen
Hauptstadt. Seine Arbeiten bezaubern durch ihre satten Farben, ihre Liebe zur
Schlichtheit und Wahrhaftigkeit. Jedes von Sommers Werken ist eine ungewöhnlich gestaltete Komposition und eine kleine Erzählung. Sommer war Mitglied mehrerer Kunstgesellschaften und nahm an vielen Ausstellungen teil, so in
St. Petersburg in den Jahren von 1894-1920, an den von der Gesellschaft Kaukasischer Maler organisierten Ausstellungen in Tiflis zwischen 1916 und 1920, sowie in Baku (1907) und Taschkent (1915). Der unbestechliche Realismus seiner
Arbeiten beeinflusste junge georgische Künstler. Der Maler Lado Gudiaschwili
war sein Schüler. Im Dezember 1926 wurden in Tiflis auf einer Ausstellung von
Impressionen aus dem alten Tiflis zahlreiche Arbeiten Sommers und seines
Schülers Gudiaschwili gezeigt. Wie viele Deutsche in der Sowjetunion hatte
Sommer unter den Repressionen der dreißiger Jahre zu leiden, im Jahre 1939
wurde er aus Georgien vertrieben, danach verliert sich jede Spur von ihm.
Die Entwicklung der Künstler in dieser Zeit zeigt nicht nur den fruchtbaren
Einfluss der anderen Kulturen auf ihr Schaffen, sondern hier ist der Anfang von
Realismus und Impressionismus in der Malerei, beeinflusst durch die Unmittelbarkeit der Berichterstattung vor Ort, in Naturschilderungen und Reiseskizzen,
zu sehen.
23
Kaukasische Post 37 (1913); „Deutsche in Georgien“, www.kaukasische-post.com, [Zugriff
11.11.2009]. Zommer (Sommer), R.K. in: Biobibliografičeskij slovar´. Moskva, iskusstvo
1983 Bd. 4/1 S.421. – Markina, I.A.: Nemeckaja „rossika“ 18-20 veka. In: Izobrazitel´noe
iskusstvo rossijskich nemcev 18-20 vekov. Moskva 1997, S. 83.
https://doi.org/10.5771/9783956503375
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Beobachtung und Satire – Der Karikaturist Oskar Schmerling
In dieser Zusammenstellung darf der bereits genannte Karikaturist Oskar
Schmerling (1863-1938) nicht fehlen. Er wurde zwar in Tiflis geboren, lebte aber
auch einige Zeit in München.24
Sein Werk wurde vor einigen Jahren zusammen mit Karikaturen von Iosif
Rotter im Deutsch-Aserbaidschanischen Kulturzentrum „Kapellhaus“ in Baku
und im Goethe-Institut in Tbilisi ausgestellt. Bereits in der Schulzeit begründete
er eine humoristische Zeitschrift mit dem Titel „Kogho“ [Mücke], darüber hinaus arbeitete unter anderem er für die Zeitschriften „Falanga“ [Walzenspinne]
und „Molla Nasreddin“. Seine künstlerische Ausbildung erhielt er an der Akademie der Künste in St. Petersburg. Während der Studienzeit veröffentlichte er
etliche Karikaturen. Seine Studien setzte er 1891-1893 in München fort, wo er
ein Schüler Roubauds wurde. Nach der Rückkehr in seine Geburtsstadt gründete
er im Jahre 1898 eine eigene Malschule, 1902 war er zudem Mitbegründer der
Schule für Malerei, Skulptur und Baukunst der Gesellschaft der Bildenden Künste des Kaukasus, aus der im Jahre 1920 die noch heute bestehende Kunstakademie hervor ging.
Schmerling schuf Illustrationen zu zahlreichen Kinder- und Jugendbüchern,
die georgische Sagen und Geschichten beinhalten. Er interessierte sich für Ethnographie, Geschichte und Kultur des Landes und erforschte menschliche Charakterzüge und individuelles Verhalten – stets war er auf der Suche nach dem
„individuellen Strich“ eines jeden Einzelnen. Seine Werke haben auch ethnographischen Wert, da sie Lebensweisen, Trachten und Besonderheiten der in Tiflis versammelten Ethnien wiedergeben.
Auf dem Umschlag der Zeitschrift „Teufelspeitsche“ mit dem Thema „15 Jahre Karikatur in Georgien“ war 1916 eine Selbstkarikatur Schmerlings abgebildet:
Ein grauhaariger gebeugter Mann mittleren Alters trägt schwer an seiner Last von
Tonnen von Büchern, in beiden Händen Papierrollen und einen Federhalter.
Schmerlings Karikaturen erschienen in zahlreichen Zeitschriften Georgiens, neben der „Teufelspeitsche“ in der armenischsprachigen „Chatabala“ und der
„Molla Nǝsrǝddin“, welche auf Aserbaidschanisch und Russisch erschien.
Schmerling schuf aber auch impressionistische Gemälde.
24
25
Projekt Deutsche in Georgien – Maler Oskar Schmerling, www.goethe.de/ins/ge/prj/dig/
mal/schmer/deindex.htm [Zugriff 10.10.2013]; Grischaschwili, Iosseb: Niemals hat der
Dichter eine Schönere erblickt… mit Bildern aus dem alten Tbilissi von Oskar Schmerling. Hg. v. Leonhard Kossuth, Berlin 2007.
Baku (Agitationstafel) 1927 Öl auf Leinwand 125 x 90 cm im Besitz der Nationalgalerie
Berlin.
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Abb. 22: Oskar Schmerling: Zum Wohl!
Abb. 23: Oskar Schmerling: Selbstkarikatur
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Maler und Grafiker auf Reisen in der UdSSR:
Heinrich Vogeler und Heinrich Ehmsen
In den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts beschäftigten sich viele junge
Künstler, Schriftsteller und Intellektuelle mit der noch jungen Sowjetunion. Allerdings war das Bild, das sie durch die ersten sowjetischen Filme, Literatur und
Berichterstattung erhielten, weit entfernt von den realen Zuständen im Einparteienstaat. Nur die wenigsten erhielten die Möglichkeit, das Land persönlich
kennenzulernen, denn in den zwanziger und dreißiger Jahren herrschte eine sehr
restriktive Einreisepolitik. Ein Überqueren der abgeriegelten Grenzen war nur
möglich, wenn man von den revolutionären Organisationen oder direkt von der
Kommunistischen Partei empfohlen oder eingeladen wurde.
Unter den deutschen Künstlern, die in die Sowjetunion einreisen konnten,
war der sozialistische Künstler, Architekt, Schriftsteller und Pädagoge Heinrich
Vogeler (1872-1942) der bekannteste. Vogeler reiste im Sommer 1923 an der Seite seiner späteren zweiten Ehefrau Sonja Marchlewska zum ersten Mal in das
Land. Der Vater von Sonja, der polnische Sozialrevolutionär Julian Marchlewski,
hatte Vogeler nach Moskau eingeladen, um dort an der Universität der Nationalen Minderheiten des Westens künstlerischen Zeichenunterricht zu lehren. In
den folgenden Jahren unternahm Vogeler mehrere ausgedehnte Reisen durch die
Sowjetunion und bereiste 1926 auch Zentralasien sowie anschließend Baku und
die Kaukasusregion. 1927 kehrte er mit starken Eindrücken von diesen Reisen
nach Berlin zurück. Auf Vortragsreisen zeigte er seine Lichtbilder sowie selbst
entwickelten „Komplexbilder“. So nannte Vogeler selbst seine zwischen 1923
und 1936 gemalten vielszenigen, prismatischen Simultankompositionen nach ihrer Struktur. Hinsichtlich ihrer programmatischen Funktion wurden sie auch als
„Agitationstafeln“ bezeichnet. Unter den erhalten gebliebenen Komplexbildern
gehört „Baku“ aus dem Jahre 1927 zu den malerisch qualitätsvollsten und inhaltlich interessantesten. In der Rezeptionsgeschichte war das Bild wiederholt umstritten, denn wie auf keinem anderen seiner Kompositionen verschwinden die
Individuen fast völlig hinter den Strukturen – eine der zahlreichen künstlerischen Interpretationen des kommunistischen Kollektivgedankens.25 Das Werk ist
vielmehr ein in das Symbol von Hammer und Sichel komponierter Bildbericht
aus mehr als 25, inmitten der dargestellten Bakuer Bohrtürme und der Meeresbucht von Abşeron zu lokalisierenden Wirklichkeitsausschnitten.
Als Vogeler endgültig im Spätsommer 1931 in die Sowjetunion zog, fand er
ein seit seinen letzten Reisen völlig verändertes Land vor. Der von ihm verehrte
Trotzki war verbannt und Anatolij Lunačarskij entmachtet. Vogeler ging es finanziell sehr schlecht, als Künstler war er nicht mehr relevant und seine Komplexbilder nicht mehr gefragt, zudem sah er sich scharfer Kritik ausgesetzt. Vogeler reiste im Auftrag des Moskauer Museums für die Völker der UdSSR durch
das Land und beschäftigte sich mit so unterschiedlichen Dingen wie Propagan-
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Abb. 24: Heinrich Vogeler: Baku, © bpk/ Nationalgalerie, SMB/ Klaus Göken
damalerei, Baumwollanbau und Weinlese, Schnittholzverladung, Betriebsberatung in einer Fabrik und dem Leben auf einer Kolchose. Auf diesen Reisen be-
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Abb. 25: Heinrich Vogeler: Bäuerin im Weingarten des Karl-Marx-Kolchos, © bpk/ Nationalgalerie, SMB/ Jörg P. Anders
suchte er auch deutsche Kolonien, unter anderem die Karl-Marx-Kolchose in
Gnadenburg und die deutsche Kolonie Helenendorf. Hier stieß er bei den deutschen Siedlern als Vertreter der neuen Ideologie auf Misstrauen und Ablehnung
und man fand wenig Verständnis für seine politischen Anschauungen, sodass er
sich vereinsamt zu Zeichenstudien in die Natur zurückzog.
In manchen Naturzeichnungen kehrte er noch einmal zu einem fast lyrischen
Naturalismus zurück. Seine gemalten Gebirgslandschaften sind voll tiefer, einsamer Trauer. Heinrich Vogeler wurde wie die Mehrzahl der Deutschen nach
dem Überfall auf die Sowjetunion durch das nationalsozialistische Deutschland
1941 nach Kasachstan deportiert und verstarb dort 1942.26
Der Maler und Grafiker Heinrich Ehmsen (1886-1964) hatte sich regelmäßig
an den Ausstellungen der sozialrevolutionären Novembergruppe beteiligt. Auf
der internationalen Ausstellung „Socialistische Kunst Heden“ im Stedelijk Museum Amsterdam kaufte das Staatliche Museum für Neue Westliche Kunst in
26
N. Solovjova-Volynskaja: Schicksal und Schaffen der Russlanddeutschen im 20. Jahrhundert. In: Bildende Kunst der Russlanddeutschen im 18.-20. Jahrhundert. Moskau 1997, S.
148-177; L. N. Tuzikova/ G. M. Safarova: Iskusstvo repressirovannych chudožnikovnemcev v Karagande. In: Aleksandr F. Dederer (Hg.): Kul´tura nemcev Kazachstana, Almaty 1999, S. 159-170.
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Moskau 1931 das Gemälde „Erschiessung der bayerischen Revolutionäre“. Da
die sowjetische Währung nicht konvertierbar war, wurde als Äquivalent für den
Kaufpreis (3000 Mark, etwa 1.500 Rubel) eine Studienreise durch die UdSSR
vereinbart, die Ehmsen im Frühjahr 1932 antrat. Zudem veranstaltete das Museum im Juni 1932 eine Einzelausstellung mit 140 Exponaten. In seinen Lebenserinnerungen vermerkte Ehmsen:
„Während der Ausstellung erwarben fünf Moskauer Museen Arbeiten von mir…[unter
anderem das Triptychon „Erschiessung des Matrosen Eglhofer“ 1932/33, St. Petersburg,
Ermitage] wir konnten mit dem Geld monatelang durch die Krim, den Kaukasus, über
die Grusinische Heerstrasse zurück nach Moskau fahren.“.27
Am 30. September 1932 schreibt er aus Jalta an den Leiter des Staatlichen Museums für Neue Westliche Kunst28:
„Mein hiesiger Aufenthalt gestaltet sich in denkbar bester Form. Wunderbares Wetter,
herrliche Sonne, prachtvolles Meer!! Dann Land und Bewohner! Alles sehr, sehr interessant für deutsche Künstler… Spätestens am 10. Oktober fahren wir nach Batumi, Suchumi usw. Ich hoffe, den Kaukasus zu sehen! Denn wenn´s mir gelingt, möchten wir
nach Baku, Samarkand und Taschkent fliegen! Na, das wird sich erst in Tiflis entscheiden.“
In Tiflis entstand 1932 das Gemälde „Georgier in Tiflis“, heute im Staatlichen
Museum Schwerin zu sehen,29 welches so gar nicht der staatlich verordneten
Doktrin vom Sozialistischen Realismus entsprach, sondern eher an Arbeiten
Chagalls erinnert. Seinen kritischen Blick hatte Ehmsen nicht verloren, das Gemälde „Jugend zwischen den Zeiten“ hat das bittere Los verwahrloster Kinder
zum Thema, die Zeichnung „Bahnhof in Tiflis“ widmete er dem Problem der
allgegenwärtigen Wohnungs- und Versorgungsnot, Folge der rigorosen stalinistischen Umsiedlungspolitik.30 In zwei weiteren Zeichnungen31, auf der Fahrt von
Sevastopol‘ nach Batumi auf einem Schwarzmeerdampfer entstanden, stellte er
das abgehobene und bequeme Leben der Offiziere und Funktionäre auf dem
Vorderdeck dar, während auf dem Achterdeck die Passagiere dicht an dicht auf
den Schiffsplanken hocken, mit Säcken und Bündeln als Sitzgelegenheiten.
Die Mehrzahl der Künstler, die aus Deutschland in die Sowjetunion emigrierten, durch die kaukasischen Sowjetrepubliken reisten, oder deutscher Abstammung waren, – und die vom Leben in der Sowjetunion überzeugt waren und mit
ihren Arbeiten helfen wollten, den neuen Staat aufzubauen – hatten unter den
27
28
29
30
31
Ehmsen, Heinrich: Lebenserinnerungen S. 41 zit. nach: Heinrich Ehmsen. Meer, Küste
und Hafen. Gemälde, Aquarelle und Zeichnungen 1928-1954. Ausstellungskatalog Heinrich Ehmsen-Stiftung Stadtgalerie im Sophienhof Kiel 1991-1992, S. 41-44.
Brief von Heinrich Ehmsen, Jalta, an Direktor Ternowetz, Moskau vom 30.09.1932 zit.
nach Ausstellungskatalog Heinrich Ehmsen, Berlin (DDR) 1986, S. 41.
Das Staatliche Museum Schwerin erwarb das Bild 1974 von der Witwe Ehmsen.
Gemälde und Zeichnungen in der Stadtgalerie Kiel, Räume der Heinrich-Ehmsen-Stiftung.
Ebenfalls in Kiel zu besichtigen.
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Abb. 26: Heinrich Ehmsen: Georgier in Tiflis. Staatl. Museum
Schwerin Inv. Nr. G 3000
Repressionen der dreißiger Jahre zu leiden. Ihre traurigen Schicksale bestanden
in Zwangsvertreibung und Einweisung in Gefängnisse oder Arbeitslager. Nur
wenige ihrer Arbeiten haben die Zeiten überlebt und warten auf ihre „Wiederentdeckung“ auch in deutschen Museen.
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Teil II:
Kaukasiendeutsche zwischen den Fronten von Revolutionen und Kriegen – Autonomiebestrebungen,
Verfolgung und Deportation in den Jahren
1917-1941
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Ein Vergleich der Autonomiebewegungen unter den
Deutschen in Nord- und Südkaukasien 1917-1918
Alfred Eisfeld
Die deutsche Bevölkerung Nord- und Südkaukasiens setzte sich 1917/1918 aus
sehr unterschiedlichen Gruppen zusammen. Es waren zum einen die ab 1817 nach
Südkaukasien eingewanderten Siedler, die ihre Siedlungen in den Gouvernements
Tiflis und Elizavetpol’ gegründet hatten.1 Bis zum Untersuchungszeitraum bildeten sich aus ihren Reihen bereits kleinere Gruppen von „Stadtdeutschen“, die ihren Wohnsitz in den Städte Tiflis, Elizavetpol’ und Baku hatten und dort ihren
Geschäften nachgingen. Unter den Deutschen in Tiflis und Baku fanden sich auch
Unternehmer, Kaufleute, Lehrer und Geistliche, die aus den Ostseeprovinzen, aus
dem Schwarzmeergebiet oder dem Deutschen Reich kamen. In Baku arbeiteten
schon seit Jahren Deutsche – vor allem Wanderarbeiter aus der Wolgaregion – in
der Industrie, im Handwerk und im Dienstleistungsbereich. In Nordkaukasien siedelten sich bereits 1778 die ersten Wolgadeutschen aus dem Gouvernement Samara an. Ende der 1840er Jahre existierten bereits fünf Siedlungen.2 Im letzten Drittel
des 19. Jahrhunderts wurden Tochterkolonien in den Gebieten der Terek- und
Kuban’-Kosaken gegründet. Es waren Zuwanderer aus lutherischen, katholischen
und mennonitischen Kolonien Neurusslands und Bessarabiens.
Während des Ersten Weltkrieges wurden bekanntlich deutsche Soldaten und
Unteroffiziere der russischen Armee von der Front gegen Deutschland und Österreich-Ungarn abgezogen und an die Front gegen die Türkei verlegt. Deren
Anzahl wird in der Literatur mit 17.046 angegeben.3 Aus den Siedlungen an der
Wolga wurden ca. 50.000 Rekruten an die kaukasische Front geschickt.4 Darüber
hinaus gab es an der kaukasischen Front und im Hinterland mennonitische Sanitäter, die zu besonderen Einheiten zusammengefasst waren und von ihren Heimatgemeinden unterhalten und betreut wurden.
Bei allen Unterschieden und Sonderinteressen dieser Gruppen, gab es jedoch
auch Gemeinsamkeiten, die sich als stärker erwiesen haben und die Grundlage
für gemeinsame Aktionen bildeten. Allen genannten Gemeinschaften der deutschen und mennonitischen Bevölkerung war spätestens mit der Veröffentlichung
der sogenannten Liquidationsgesetze vom 2. Februar 1915 ihr gemeinsames
1
2
3
4
Auch, Eva-Maria: Deutsche Kolonisten im multiethnischen Umfeld Transkaukasiens. In:
dies. (Hg.): Lebens- und Konfliktraum Kaukasien. Gemeinsame Lebenswelten und politische Visionen der kaukasischen Völker in Geschichte und Gegenwart, Großbarkau 1996,
S. 54-61.
Plochotnjuk, T. N.: Rossijskie nemcy na Severnom Kavkaze. Moskva 2001, S. 6-7.
Šul’ga, I. I.: Nemcy Povolž’ja v rossijskich vooružennych silach. Moskva 2008, S. 37.
Ebd., S. 35.
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ALFRED EISFELD
Schicksal bewusst: sie wurden von der russischen Regierung als „innerer Feind“
eingestuft – sie sollten ihrer Existenzgrundlage beraubt werden. Die Polen- und
Wolhyniendeutschen hatten ihren Besitz bereits verloren und wurden aus ihren
Siedlungen nach Osten deportiert.5 Den Deutschen und Mennoniten Nord- und
Südkaukasiens blieb dieses Schicksal nur dank der Februarrevolution in St. Petersburg erspart.6
Eine weitere Gemeinsamkeit bestand in der Erkenntnis, dass sich keine der bestehenden politischen Parteien Russlands letztlich gegen die Liquidationsgesetze
und für die Interessen der Deutschen eingesetzt hatte. Daraus wurde die Schlussfolgerung gezogen, dass es erforderlich sei, selbst für die eigenen Interessen einzutreten und dafür bestimmte Organisationsformen zu nutzen, wie sie zu dieser
Zeit auf dem Gebiet des Russischen Reiches weite Verbreitung fanden. Dem kamen die Erfahrungen in der politischen und wirtschaftlichen Tätigkeit zugute.
Nicht übersehen werden soll, dass während des Ersten Weltkrieges im Russischen Reich durchaus regierungskritische Veröffentlichungen möglich waren.
Dazu zählten vor allem die als „Manuskript“ deklarierten Broschüren von Karl
Lindeman, Professor an der Landwirtschaftlichen Akademie in Moskau, und Jakob Stach, evangelischer Pfarrer in verschiedenen deutschen Niederlassungen
Russlands.7 Bei den Mennoniten gab es zudem ein übergreifendes Netzwerk in
Gestalt der Allgemeinen Mennonitischen Bundeskonferenz in Russland und der
Abgeordneten-Versammlung für Forsteidienst-Angelegenheiten.
Der Auslöser für die Bildung von Vereinen oder Komitees, deren einzige Aufgabe die Wahrung der Rechte und des Besitzstandes der deutschen Minderheit
sein sollte, waren die repressiven Maßnahmen der Regierung. So bildete sich in
Saratov Mitte Februar 1917 eine Initiativgruppe, deren Ziel die Abwehr der dro5
6
7
Nikel, S.: Die Deutschen in Wolhynien. Kiew/Charkow 1935, S. 52; Deringer, Rudolf:
Die Ausweisung der deutschen Kolonisten aus Wolhynien in den Jahren 1915 und 1916.
In: Deutsches Leben in Russland, Jg. 7 (1929), Nr. 8-10, S. 66 ff.
Nelipovič, S.: Politika okkupacionnych vlastej central’nych deržav v otnošenii nemcev
Carstva Pol’skogo. 1915-1918 gg. In: Nemcy Rossii: social’no-ėkonomičeskoe i duchovnoe
razvitie 1871-1941 gg. Materialy 8-j meždunarodnoj-naučnoj konferencii. Moskva, 13-16
oktjabrja 2001 g., Moskva 2002, S. 98-99; Verdieva, Ch. Ju.: Ograničitel’nye mery Kavkazskogo Namestničestva v gody Pervoj mirovoj vojny v otnošenii poddannych Četvernogo Sojuza. In: Rossijskoe gosudarstvo, obščestvo i ėtničeskie nemcy: osnovnye ėtapy i charakter vzaimootnošenij (XVIII-XXI vv.). Materialy XI meždunarodnoj naučnoj konferencii:
Moskva, 1-3 nojabrja 2006 goda, Moskva 2007, S. 229; Černova-Döke, T. N.: Problema
likvidacii nedvižimogo imuščestva nemeckich kolonistov v Tiflisskoj gubernii (Gruzija) v
period Pervoj mirovoj vojny. In: Ėtničeskie nemcy Rossii: istoričeskij fenomen „naroda v
puti“. Materialy XII meždunarodnoj konferencii. Moskva, 18-20 sentjabrja 2008 g., Moskva 2009, S. 391.
Lindeman, K. Ė.: Zakony 2-go fevralja i 13-go dekabrja 1915 g. (ob ograničenii nemeckago
zemlevladenija v Rossii) i ich vlijanie na ėkonomičeskoe sostojanie Južnoj Rossii, Moskva
1916; ders.: Prekraščenie zemlevladenija i zemlepol’zovanija poseljan-sobstvennikov. Ukazy 2 fevralja i 13 dekabrja 1915 goda i 10, 15 ijulja i 19 avgusta 1916 goda i ich vlijanie na
ėkonomičeskoe sostojanie Južnoj Rossii; Moskva 1917; Štach, J. G.: Očerki iz istorii i sovremennoj žizni južno-russkich kolonij, Moskva 1916.
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EIN VERGLEICH DER AUTONOMIEBEWEGUNGEN
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henden Anwendung der Liquidationsgesetze auch in den Wolgakolonien war.8
In Odessa kam es nach entsprechenden Vorarbeiten am 18. März 1917 zu einer
solchen Versammlung.9 Nur wenige Tage später gab es auch in Tiflis eine Versammlung, über die Lindeman etwas später nach Saratov meldete:
„In den letzten Tagen des März [1917] versammelten sich in Tiflis Delegierte der
transkaukasischen deutschen Ansiedlungen und beschlossen, ein lokales Komitee zu
gründen, zwecks Wahrung der Interessen dieser Ansiedler. Gleichzeitig überreichten
diese Herren dem Kommissar für Transkaukasien eine Gabe von 10.000 Rubeln, mit der
Bitte, diese Spende den Familien der in Petrograd gefallenen Freiheitskämpfer zukommen zu lassen“.10
Dieser Meldung können mehre Informationen entnommen werden: Es versammelten sich „Delegierte der transkaukasischen deutschen Ansiedlungen“ zur
Gründung eines „lokalen Komitees“. Ziel dieses Komitees sollte die Wahrung der
Interessen dieser Siedlungen sein. Die Versammlung suchte den Kontakt mit der
bestehenden Verwaltung der Provisorischen Regierung und unterstützte die Familien von Opfern des Umsturzes in Petrograd finanziell. Damit stellte sich die Versammlung auf die Seite der Akteure der Februarrevolution und wandte sich von
der bisherigen kaiserlichen Ordnung des bereits zur Abdankung gezwungenen Zar
Nikolaj II. ab. Die wichtigste Aufgabe der eingesetzten Provisorischen Regierung
bestand darin, die Wahl einer Verfassunggebenden Versammlung Russlands bei
gleichem Stimmrecht aller Bürger durchzuführen. Dieser Verfassungskonvent
sollte die Grundlage für ein freies, demokratisches Russland in Form einer Parlamentarischen Republik schaffen. Bei dieser Zielsetzung kam es für die deutsche
Bevölkerung nun darauf an, ihre Interessen zu klären, zu artikulieren und dafür
zu sorgen, dass diese in der Verfassunggebenden Versammlung auch zur Sprache
kommen. Die Zielsetzung, aber auch der vorgegebene enge Zeitrahmen, erklären
die dichte Abfolge von Sitzungen und Kongressen der deutschen Bevölkerung,
wie auch den hohen Vernetzungsgrad der verschiedenen Vereine.
Am 28. März 1917 fand in Odessa eine Sitzung des provisorischen Organisationskomitees statt, deren bedeutendster Beschluss die Gründung eines Allrussischen Verbandes der Russischen Bürger Deutscher Volkszugehörigkeit war. Es
sollten lokale Komitees in den jeweiligen Siedlungen gebildet und diese in 17 regionalen (Zentral-)Komitees zusammengefasst werden. Am darauffolgenden Tag
fand in der Kolonie Halbstadt (Moločans’k) die erste Sitzung einer Kommission
der Mennoniten statt, welche Vorkehrungen für die Beteiligung von Mennoni8
9
10
Herdt, Victor (Hg.): Zwischen Revolution und Autonomie. Dokumente zur Geschichte
der Wolgadeutschen aus den Jahren 1917 und 1918, Köln 2000. S. 26-27.
Eisfeld, Alfred.: Deutsche Autonomiebewegung in der Ukraine und in Westsibirien 1917–
1918. In: ders./ Victor Herdt/ Boris Meissner † (Hg.): Deutsche in Rußland und in der
Sowjetunion 1914–1941 (Geschichte. Forschung und Wissenschaft. Bd. 25), Berlin 2007,
S. 128.
Saratower Deutsche Zeitung, Nr. 1, v. 1. Juni 1917, S. 3-4, zit. n.: Herdt, Zwischen Revolution und Autonomie, S. 149.
https://doi.org/10.5771/9783956503375
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ALFRED EISFELD
ten an den Wahlen für das Verfassungskonvent zu treffen hatte. Schon einen
Tag später wurde der Entwurf einer Satzung für einen politischen Verein und am
8. April der Entwurf der politischen Ausrichtung der Organisation zur Beratung
vorgelegt. Über diese und die nachfolgenden Schritte des sogenannten Molotschnaer Mennonitenvereins (MMV) wurden alle mennonitischen Siedlungen
und Einrichtungen in ganz Russland, somit auch in Nord- und Südkaukasien,
umgehend informiert. Ende April folgte ein Flugblatt mit dem Titel: „An unsere
Mennoniten“. An der ersten Sitzung der deutschen Siedler, die auf Einladung
Lindemans vom 20.-22. April 1917 in Moskau tagte, nahmen auch Persönlichkeiten aus den Gouvernements Stavropol’, Tiflis, Elizavetpol’ und Baku sowie
aus den Gebieten der Kuban’- und Donkosaken teil. Soweit bekannt, handelte es
sich bei den Teilnehmern um Personen, die Wahlämter bekleideten und als legitimierte Vertreter der Deutschen und Mennoniten angesehen werden konnten,
wie Duma- und Semstvoabgeordnete sowie Gemeindeälteste.
Karl Lindeman hatte in den Jahren 1907-1913 als Sekretär des Zentralkomitees
(ZK) des „Bundes des 17. Oktober“ – der Partei der Oktobristen – an maßgeblicher
Stelle die Politik der größten politischen Partei mitbestimmt und war als Agrarfachmann über die wirtschaftliche Lage der Kolonisten, aber auch des gesamten
Landes bestens unterrichtet.11 Die Zielsetzung der von ihm einberufenen Sitzung
ging weit über die Wahrung des Grundbesitzes der Siedler hinaus. Es sollte eine
„Vereinigung der russischen Deutschen zur Wahrung ihrer Interessen und für die
Wahlen in die Verfassunggebende Versammlung“12 erreicht werden. Die Beibehaltung des Privateigentums an Grund und Boden, die Aufhebung der Liquidationsgesetze und eine Agrarreform sollten das politisch-ökonomische Fundament dieser
Vereinigung bilden. Unmittelbar nach dieser Sitzung in Moskau trat in Saratov
vom 25.-27. April 1917 eine Versammlung der Kreisbevollmächtigten der Wolgakolonien zusammen. Das besondere an der Zusammensetzung dieser Versammlung bestand darin, dass gewählte Vertreter eines größeren Siedlungsgebietes die
verwaltungsmäßige Zusammenfassung ihrer Siedlungen anstrebten.
Autonomiebestrebungen deutscher Siedler in Südkaukasien
In Südkaukasien wurde, nach vorliegenden Informationen, am 11. Mai 1917 von
einer Versammlung der deutschen Bevölkerung der Stadt Tiflis ein örtliches
Komitee gewählt. Am 14. Mai 1917 trat ebenfalls in Tiflis ein Delegiertenkongress russischer Bürger deutscher Volkszugehörigkeit Südkaukasiens zusammen.
11
12
Über die Tätigkeit Karl Lindemans siehe: Ajsfel’d [Eisfeld], A.: Karl Lindeman: političeskaja i obščestvennaja dejatel’nost’ moskovskogo učenogo, in: Nemcy Moskvy: Istoričeskij vklad v kul’turu stolicy. Meždunarodnaja naučnaja konferencija, posvjaščennaja
850-letiju Moskvy (Moskva, 5 ijunja 1997 g.). Sbornik dokladov, Moskva 1997, S. 268-291.
Protokol zasedanij poseljan-sobstvennikov i zemlevladel’cev-nemcev, sostojavšagosja 20-22
aprelja 1917 g. v Moskve. In: Eženedel’nik (Odessa), Nr. 4, v. 7-13. Mai 1917, S. 5-6.
https://doi.org/10.5771/9783956503375
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EIN VERGLEICH DER AUTONOMIEBEWEGUNGEN
99
Anwesend waren Delegierte aus Orten mit deutscher Minder- oder Mehrheitsbevölkerung wie Tiflis, Helenendorf, Annenfeld, Georgievskoe, Asureti/ Elisabethtal, Sartačaly, Aleksandrovka/ Alexanderhilf, und Aleksandrovskoe/ Alexanderdorf. Die Abgesandten wählten ein fünfköpfiges Kreiskomitee mit dem Lehrer Erich Bernstein an der Spitze und gaben sich ein umfangreiches Arbeitsprogramm, welches von Organisations- und Finanzierungsfragen über Hilfen für die
aus Wolhynien und Polen deportierten Deutschen bis zu den Wahlen in die
Verfassunggebende Versammlung reichte.13 Welchen Anklang die Gründung des
Verbands der russischen Bürger deutscher Nationalität bei der Bevölkerung fand,
kann dem Protokoll der Sitzung des Komitees in Helenendorf vom 21. Juli 1917
entnommen werden – die gesamte Gemeinde trat dort dem Verband bei.14 Das
vorrangige Interesse bestand darin, das Eigentumsrecht auf Grund und Boden zu
sichern und die für eine rationale Wirtschaftsführung erforderliche Hofgröße
und Wasserversorgung zu gewährleisten. Ferner wurde die Aufhebung des
Weinhandelsverbots angestrebt.15
Das Kreiskomitee, auch Transkaukasisches Zentralkomitee Russischer Bürger
Deutscher Volkszugehörigkeit genannt, tagte an mehreren Sitzungen von Juli bis
Oktober 1917. Beraten wurden Fragen der Wiedereinrichtung der vor dem Ersten Weltkrieg noch vorhandenen höheren Schulen in Tiflis und Helenendorf,
der wirtschaftlichen Belebung sowie der Hilfen für Kriegsflüchtlinge und Familien von Frontsoldaten. Zunehmend wichtiger wurde die Frage nach Schutz der
Siedlungen vor bewaffneten Überfällen sowie vor dem Zugriff der benachbarten
Bevölkerung auf die eigenen Ländereien. Bernstein teilte in diesem Zusammenhang mit, dass es „im Prinzip den Kolonien gestattet sei, eine eigene Miliz zu
haben und Waffen zu bekommen.“16
Zu Beginn des Jahres 1918 bekam diese Frage eine entscheidende Wendung:
Auf Beschluss der transkaukasischen Regierung unterlagen alle Männer im Alter
von 19 bis 25 Jahren für sechs Monate dem Militärdienst. Das Transkaukasische
ZK bekam nun die Möglichkeiten, ein deutsches Regiment aufzustellen, dessen
einzelne Kompanien in den Kolonien einquartiert wurden. Das Regiment sollte
zum Georgischen Korps gehören, von diesem ausgestattet werden, jedoch unter
dem Kommando des Deutschen Nationalrates bleiben.17 Diese Maßnahme gab
den Kolonien zwar mehr Sicherheit, doch führte es auch zu wiederholten Spannungen aufgrund des übermäßigen Weinkonsums der Soldaten. In der Sitzung
am 15. Februar 1918 befasste sich das Transkaukasische ZK ausführlich mit dem
Deutschen Regiment, dem Prozedere der Einberufung von Wehrpflichtigen zum
13
14
15
16
17
Gosudarstvennyj Istoričeskij Archiv Azerbajdžanskoj Respubliki (GIA-AR), f. 508, op. 1, d.
388, l. 1 ob. 2: Kopija protokola zasedanija kraevogo s-ezda delegatov rossijskich graždan
nemeckoj nacional’nocti Zakavkaz’ja.
Ebd., l. 3.
Ebd., l. 4-5.
GIA-AR, f. 508, op. 1, d. 388, l. 9.
Ebd., l. 12 ob. – 13.
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100
ALFRED EISFELD
Dienst und deren medizinischer Betreuung. Den Posten des Gehilfen des Regimentskommandeurs bot man dem Oberstleutnant von Kryth an,18 jedoch
musste sich das ZK bereits am 14. März erneut mit der Frage nach einem geeigneten Regimentschef befassen. Im Protokoll der Sitzung heißt es dazu: „Infolge
mangelhafter Kenntnis der deutschen Sprache seitens des Regimentschefs und
seiner schwachen Betätigung, drückte die Delegiertenversammlung den Wunsch
aus, der Nationalrat möchte Herrn Plötz durch einen der vorhandenen Kandidaten, H. von Kryth oder Hilbich ersetzen“.19 Besonders viel Ärger bereitete die in
Georgsfeld stationierte Reservekompanie, deren Soldaten übermäßig viel Wein
konsumierten und wiederholt gewalttätig wurden. In der Sitzung vom 13. bis 15.
Mai 1918 wurde sogar über den Fortbestand des Regiments abgestimmt. Der
Abgesandte von Georgsfeld forderte die Auflösung des Regiments, die Mehrheit
der Delegierten stimmte jedoch für seinen Fortbestand.20 Die an die Türkische
Front versetzten deutschen Soldaten der Zarenarmee schienen sich in der deutschen Autonomiebewegung Kaukasiens nicht engagiert zu haben. Sie strebten in
ihre Dörfer zurück um bei der erwarteten Landzuteilung nicht leer auszugehen.
Die Deutschen Südkaukasiens waren im russischen Vielvölkerstaat nur eine
zahlenmäßig kleine Personengruppe.21 Sie konnten sich nur im Verbund mit einer anderen politischen Kraft bemerkbar machen. Auf der außerordentlichen Delegiertenversammlung am 8. Oktober wurde beschlossen, sich für die Wahl zur
Verfassungsgebenden Versammlung Russlands den georgischen Menschewiki anzuschließen. Dem deutschen Kandidaten Steininger wurde ein aussichtsloser
Platz auf deren Wahlliste angeboten. Erich Bernstein konnte durch Verhandlungen ein Vorziehen auf den achten Listenplatz für Steininger erreichen, doch auch
dieser galt als nicht befriedigend. Daraufhin wurde eine eigene Wahlliste mit der
Bezeichnung „Frontovoj spisok socialdemokratov men’ševikov voinov nemeckoj
nacional’nosti“ [Frontliste sozialdemokratischer und menschewikischer Kämpfer
deutscher Abstammung] und den Kandidaten Steininger und Lehmann an der
Spitze aufgestellt. Da die Frist für eine Zulassung aber bereits verstrichen war,
wurde diese Wahlliste nicht zugelassen.22 Weitere Informationen über die Beteiligung der deutschen Minderheit am Wahlkampf konnten durch den Autor leider
nicht in Erfahrung gebracht werden. Sicher ist aber, dass kein einziger deutscher
Kandidat in die Verfassunggebende Versammlung gewählt wurde.
Die Provisorische Regierung der Transkaukasischen Föderation bot aber von
sich aus den zahlenmäßig kleineren ethnischen Gemeinschaften, zu denen auch
18
19
20
21
22
Ebd., l. 16.
Ebd., l. 20.
Ebd., l. 25 ob.-26.
Nach der Volkszählung von 1897 lebten 1.790.000 Deutsche in Russland, das entsprach
einem Anteil an der russischen Gesamtbevölkerung von nur 1,43 Prozent: Kappeler, Andreas et al.: Die Nationalitätenfrage im Russischen Reich – Auswertung der Volkszählung
von 1897, in: Historical Social Research, Jg. 16, Nr. 2 (1991), S. 175.
GIA-AR, f. 508, op. 1, d. 388, l. 9-9 ob.
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EIN VERGLEICH DER AUTONOMIEBEWEGUNGEN
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die Deutschen gehörten, an, sich zu einem Verband zusammenzuschließen. Es
wurde angeboten von jedem nationalen Verband je einen Vertreter in die Regierung aufzunehmen.23 Wir werden später sehen, dass Vertreter des deutschen Verbandes tatsächlich in die Provisorische Regierung eingebunden wurden, wobei jedoch nicht sicher ist, ob dies auch auf dem oben beschriebenen Wege geschah.
Die Entwicklungen in den nordkaukasischen Niederlassungen
Die mennonitischen Sanitäter an der Kaukasischen Front und im Hinterland waren auf ihre Heimatgemeinden und den MMV orientiert, ihre Delegierten
schickten sie nach Halbstadt. So waren am 9. Juni 1917 auf einer Sitzung des
MMV-Büros in Neu-Halbstadt auch die Mennonitensiedlungen der Gebiete Kuban’ und Terek sowie die mobilisierten Mennoniten der Kaukasischen Front bei
Trapezunt vertreten.24 Die Mennoniten aus Kars fielen vor allem durch die Bereitschaft auf, alle vorhandenen Kräfte für die Wahl eines eigenen Kandidaten in
die Verfassunggebende Versammlung zu bündeln.25
Die nordkaukasischen, deutschen und mennonitischen Niederlassungen orientierten sich ebenfalls stark an den Muttersiedlungen im Schwarzmeergebiet. In
Nikolaevka am Terek wurde nach Erhalt des Aufrufes „An unsere Mennoniten“
eine außerordentliche Versammlung der Mitglieder der Nikolaever Kreditgesellschaft durchgeführt und ein Ausschuss des Verbandes Russischer Bürger Deutscher Nationalität gewählt, wie aus einer Meldung vom 16. Mai 1917 an die
MMV hervorgeht.26 Ob es sich dabei um das erste Ortskomitee gehandelt hat, ist
nicht bekannt. An der ersten Allgemeinen Versammlung der Delegierten der
Russischen Bürger Deutscher Nationalität und der Mennoniten des nördlichen
Kaukasus in Velikoknjažesk, Kuban’-Gebiet, am 18. und 19. Juni 1917 waren
schon Vertreter von 34 Ortschaften beteiligt. Die Teilnehmer wurden über die
Versammlungen in Moskau, Saratov, Halbstadt und Rovnoe informiert.27 Neuigkeiten über den bereits Mitte Mai 1917 in Odessa abgehaltenen Kongress lagen
ihnen offensichtlich noch nicht vor.
Inhaltlich richtet sich das ZK Russischer Bürger Deutscher Nationalität und
der Mennoniten des nördlichen Kaukasus nach den Beschlüssen der Moskauer
Versammlung, organisatorisch ähnelte es mit seinen regionalen ZKs eher dem
Kongress in Odessa. Die weitere Entwicklung des ZKs konnte bislang nicht rekapituliert werden, da entsprechendes Quellenmaterial fehlt. Bekannt ist allerdings,
dass die Mennonitendörfer im Terek-Gebiet Ende 1917 und im Januar 1918 wie-
23
24
25
26
27
GIA-AR, f. 508, op. 1, d. 395, l. 6.
Gosudarstvennyj Archiv Odesskoj Oblasti (GAOO), f. 89, op. 1. d. 3603, l. 71.
GAOO, f. 89., op. 1, d. 3595, l. 12-12 ob.
GAOO, f. 89, op. 1, d. 3602, l. 2.
Ebd., l. 6.
https://doi.org/10.5771/9783956503375
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ALFRED EISFELD
derholt überfallen und ausgeraubt wurden und die Einwohner schließlich Anfang Februar 1918 fluchtartig Dagestan verlassen mussten.28
Nach der Machergreifung der Bolschewiki in Petrograd und Moskau im November 1917 und der Auflösung der Verfassunggebenden Versammlung am
8. Januar 1918 brach das russische Reich zunehmend auseinander. An dieser
Stelle soll nur kurz daran erinnert werden, dass in Nordkaukasien mehrere kurzlebige Sowjetrepubliken ausgerufen wurden.29 In den Jahren 1918 bis 1920 wurde
die Region schließlich zum Bürgerkriegsgebiet.
Einsatz für kulturelle Autonomie in Südkaukasien und den neuentstandenen Parlamenten Kaukasiens
Die Lage in Südkaukasien war ähnlich dramatisch. Die inneren Konflikte zwischen
den einzelnen Volksgruppen sowie die Machtbestrebungen und Gebietsansprüche
der Türkei und Sowjetrusslands ließen für eine friedliche Entwicklung nur wenig
Platz. Karl A. Fischer fasste diese Entwicklung kurz wie folgt zusammen:
„Die Loslösung [Transkaukasien] geschah im Zeichen der demokratischen Selbstbestimmung, ein verfassunggebender Landtag wurde einberufen, der vom 11. Februar bis
zum 9. April 1918 tagte: am 9. April 1918 verkündete dieser Landtag den selbständigen
und unabhängigen Staat Transkaukasien. Dieses Staatswesen bestand nun keine vollen 7
Wochen, dann löste es sich in drei Teile auf: am 26. Mai erklärte sich Georgien für selbständig, Armenien und Aserbeidschan folgten unmittelbar darauf. Kaum aber waren die
drei Staaten selbständig, da zwangen ihnen die geographischen Gegebenheiten und die
wirtschaftlichen Notwendigkeiten und der Zusammenhang aller Verkehrswege die Einsicht auf, dass doch die Wiedervereinigung geboten sei, und kaum saß man am Verhandlungstisch, so brannte schon die alte Todfeindschaft wieder lichterloh auf, und dieses tragikomische Spiel ging so durch 3 Jahre hindurch, dazwischen gab es Krieg zwischen Georgien und Armenien im Dezember 1918, zwischen Aserbeidschan und Georgien im März 1919 und im Mai 1920, zwischen Aserbeidschan und Armenien im April
1920, und – den Krieg mit den Türken und Russen“.30
Doch auch unter diesen schwierigen Bedingungen blieben noch Raum und Zeit
für Bemühungen, das Leben neu zu ordnen und eine Zukunftsperspektive zu erarbeiten, was sowohl von Seiten der instabilen Staatswesen als auch der Bevölkerung – darunter auch der deutschen – intensiviert wurde.
28
29
30
Toews, C. P.: Die Tereker Ansiedlung. Mennonitische Kolonie im Vorderkaukasus. Entstehung, Entwicklung und Untergang. 1901-1918/1925. Nach Erinnerungen, Berichten
und Tagebucheintragungen von Toews (Historische Schriftenreihe; Buch 1), Rosthern
1945, S. 47-66.
Von Januar bis Juli 1918 existierte eine Sowjetrepublik mit Stavropol’ als Zentrum, eine
Sowjetrepublik Don mit der Hauptstadt Rostov-na-Donu vom 23. März bis 30. September
1918, eine Nordkaukasische Sowjetrepublik von Juli bis Dezember 1918 sowie von März
1918 bis Februar 1919 die Sowjetrepublik Terek.
Fischer, Karl A.: Die „Kaukasische Post“. Sammlung Georg Leibbrandt, Bd. 10 (Quellen
und Materialien zur Erforschung des Deutschtums in Osteuropa), Leipzig 1944, S. 185-186.
https://doi.org/10.5771/9783956503375
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EIN VERGLEICH DER AUTONOMIEBEWEGUNGEN
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Am 19. November 1918 verabschiedete der Nationalrat Aserbaidschans ein
Gesetz über die Gründung eines nationalen Parlaments. In diesem 120 Plätze
zählenden Gremium war für die deutsche Minderheit ein Platz vorgesehen.31
Der Deutsche Nationalrat wählte den aus Helenendorf stammenden Lorenz
Kuhn in das aserbaidschanische Parlament, wo er sich der Fraktion Nationale
Minderheiten anschloss.32
Auch in der Demokratischen Republik Georgien, die sich am 26. Mai 1918 für
Unabhängig erklärte, gab es Bestrebungen der deutschen Minderheit, eine
Stimme beim nationalen Aufbauprozess zu erhalten. In der außerordentlichen
Delegiertenversammlung des Transkaukasischen Deutschen Verbandes vom
13.-15. Mai 1918 berichtete Erich Bernstein darüber, dass das ZK einen Vertreter
in die von der georgischen Regierung zur Ausarbeitung der Verfassung gebildete
Kommission entsandt habe. Unter Berufung auf das von der Regierung proklamierte Recht auf nationale Selbstbestimmung sollte laut Bernstein dieser Vertreter dort die Belange der Deutschen in die Beratungen einbringen. Als solche
wurden von ihm genannt:
„1) Volle Freiheit und Selbständigkeit in der Ausübung unserer Religion, 2) Selbständigkeit auf dem Gebiet unseres Schulwesens, 3) Selbständigkeit in der Gemeindeverwaltung, 4) Eigene Ortspolizei, 5) Bewahrung des unantastbaren Gemeindebesitzes, wie solcher früher den deutschen Kolonien durch Sonderrechte garantiert war.“33
Mit der Ausarbeitung des Projekts der nationalen Selbstverwaltung wurde der
Nationalrat beauftragt. Auffallend ist, dass es laut Protokoll darüber nur eine
kurze Debatte gegeben habe. Aus der Wolgaregion, aus Odessa und aus NeuHalbstadt liegen zu dieser Zeit bereits sehr detaillierte Ausarbeitungen vor. Das
ZK von Odessa legte dem österreichisch-ungarischen Oberkommando bereits am
23. März 1918 eine Denkschrift vor, in der u.a. die Schaffung einer nationalen
Autonomie der deutschen Minderheit in Georgien gefordert wurde.34 In die Verfassunggebende Versammlung Georgiens wurden mit Erich Bernstein und Paul
Bühl auch zwei Vertreter des Deutschen Nationalrates Georgiens gewählt.35
Möglich wurde dies durch die Zusammenarbeit mit den georgischen Menschewiki. Bernstein wurde seitens der neuen Regierung wohl Vertrauen entgegengebracht, denn im Mai 1918 gehörte er der georgischen Delegation bei den Verhandlungen mit der Türkei als Sekretär an.36
31
32
33
34
35
36
Volchonskij, M./ V. Muchanov: Po sledam Azerbajdžanskoj Demokratičeskoj Respubliki,
Moskva 2007, S. 233-234.
Džafarli, M.: Političeskij terror i sud’by azerbajdžamskich nemcev, Baku 1998, S. 21.
GIA-AR, f. 508, op. 1, d. 388, l. 29 ob.-30.
Hornykiewicz, Theophil: Ereignisse in der Ukraine 1914-1922, Bd. 1, Philadelphia 1966, S.
355.
Fischer: Die „Kaukasische Post“, S. 191.
Ebd., S. 198.
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ALFRED EISFELD
Darüber erfährt man aus dem Vereinsorgan des Transkaukasischen Verbandes,
der nach der Abdankung des Zaren wieder erscheinenden „Kaukasischen Post“.
Die Zeitung spielte eine wichtige Rolle für die Unterrichtung der Deutschen in
Georgien und Aserbaidschan über Vereinsangelegenheiten und die allgemeine
politische Entwicklung Südkaukasiens. In den Sitzungsprotokollen des ZKs des
Verbands Russischer Bürger Deutscher Nationalität in Tiflis und den Protokollen
der Ortsgruppe Helenendorf findet man dagegen nur vereinzelt Informationen
über die Entwicklung in Südkaukasien. Ohne die Heranziehung der „Kaukasischen Post“ und weiterer, noch aufzufindender Archivalien des Verbandes Russischer Bürger Deutscher Nationalität, seiner Ortsgruppen und insbesondere des
Schriftwechsels des ZK mit georgischen, aserbaidschanischen und deutschen Regierungsstellen, wird das Bild vom politischen, gesellschaftlichen, kulturellen
und wirtschaftlichen Denken und Streben der Deutschen Südkaukasiens nur
fragmentarisch bleiben müssen. Immerhin erfahren wir, dass sich die Delegiertenversammlung des Transkaukasischen Verbandes Mitte Januar 1919 und dessen Helenendorfer Ortsgruppe im März 1919 erneut für ihren Fortbestand und
die Fortsetzung der „Kaukasischen Post“ aussprach.37
Im Zentralkomitee war man von April bis Mai 1919 mit der Ausarbeitung eines
„Projekts für kulturelle Autonomie im Zusammenhang mit dem Agrar- und Kolonistengesetz“38, aber auch mit Fragen des eigenständigen Schulunterrichts sowie
von Stipendien für Studenten aus den deutschen Siedlungen befasst. Im November 1919 wurde noch immer an den allgemeinen Grundzügen des Entwurfs über
die kulturelle Autonomie gearbeitet, dessen Entwurf uns leider nicht als Quelle
vorliegt. Interessant ist in diesem Zusammenhang die Geschichte der Neugründung der gemeinsamen Produktions- und Handelsgenossenschaft „Konkordia“ in
Helenendorf und „Union“ in Katharinenfeld, die entscheidend zur Verbesserung
der wirtschaftlichen Lage, aber auch des Schulwesens und des kulturellen Lebens
beitragen konnten und damit noch kurzzeitig eine relative Eigenständigkeit der
deutschen Winzer in den südkaukasischen Kolonien sicherten.39
Für Nordkaukasien sind für die Zeit des Bürgerkrieges von 1918-1920 keine
Anzeichen einer deutschen Autonomiebewegung bekannt. Erst im Zuge der
Hungersnot von 1921 scheint ein größerer Wille und Initiative dazu nachweisbar. So wurde im Januar des Jahres in der Stadt Taganrog der „Verein Südrussischer Kolonisten und Bürger Deutscher Rasse“ [Sojuz južnorusskich kolonistov i
graždan germanskoj rasy] zugelassen. Ziel dieses Vereins war es. Kredite aus dem
Ausland für die Anschaffung von landwirtschaftlichen Maschinen, Saatgut u.a.
Hilfen für den wirtschaftlichen Wiederaufbau zu bekommen. Bis November
37
38
39
GIA-AR, f. 508, op. 1, d. 439a, l. 4-5.
Ebd., l. 21.
Auch, Eva-Maria/ Alfred Eisfeld: „Konkordija“. Proizvodstvennyj kooperativ vinogradarej
i vinodelov Gjandžinskogo raona, Odessa 2001.
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EIN VERGLEICH DER AUTONOMIEBEWEGUNGEN
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1921 konnte der Verein Zweigstellen in verschiedenen Bezirken Nordkaukasiens
mit insgesamt 8.306 Mitgliedern und 455 Kandidaten aufbauen.40
Mit dem Aufbau der Sowjetmacht blieb für die Vereinstätigkeit immer weniger Freiraum41, doch konnte sich diese in Notlagen immer wieder Wege bahnen.
Erst mit der nahezu vollständigen Deportation der deutschen Siedler Südkaukasiens 1941 durch Stalin kam die Vereinstätigkeit und das Streben nach Autonomie – zumindest in der hier behandelten Region – zu einem endgültigen Ende.
40
41
Plochotnjuk: Rossijskie nemcy, S. 111-113.
Eisfeld, Alfred: Sowjetische Nationalitätenpolitik und die Deutschen in der Sowjetunion
in den 1920er Jahren. In: ders./ Victor Herdt/ Boris Meissner † (Hg.): Deutsche in Rußland und in der Sowjetunion 1914-1941, Berlin 2007, S. 189-197.
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Die militärisch-politische Situation in und um
Aserbaidschan 1917-1918
Jusuf Agaev
Die Abdankung von Zar Nikolaj II. im Februar 1917 im Zuge der Februarrevolution führte zu einer Zuspitzung der sozio-ökonomischen und politischen Lage
im Russischen Reich. Die Schaffung einer Interimsregierung in der Hauptstadt
Petrograd – dem heutigen Sankt Petersburg – hatte die Einrichtung von Organen
der lokalen Selbstverwaltung in den einzelnen Regionen des Reiches zur Folge.
Für die Verwaltung Südkaukasiens wurde auf Anweisung der Interimsregierung
am 9. März 1917 das Komitee der Sonderverwaltung in Tiflis geschaffen. In Baku wurde acht Tage später die Vertretung der Interimsregierung institutionalisiert
– das Exekutivkomitee der Öffentlichen Organisation. Ebenfalls im März des
Jahres fanden Wahlen zum Bakuer Sowjet der Arbeiter- und Bauerndeputierten
statt, der die frühere Stadtduma ersetzte.
In Aserbaidschan begannen sich zu diesem Zeitpunkt drei politische Richtungen herauszukristallisieren: Die Anhänger der Interimsregierung verfolgten das
Ziel, das Reich in seinen alten Grenzen zu erhalten und setzten die zaristische imperiale Politik in der Peripherie fort. Ideen der – vor der Revolution noch illegalen
– nationalistischen Parteien und Bewegungen zur Umgestaltung des Imperiums
wurden von ihnen als separatistische Bestrebungen aufgefasst und abgelehnt. Unter diesen neuen nationalen Akteuren stach besonders die Müsavat und die Unabhängige Turkische Föderalistische Partei (Nezavisimaja tjurkskaja federalističeskaja
partija) hervor. Letztere vereinigte sich später mit der Müsavat, gemeinsam setzten
sie sich für eine unabhängige und demokratische aserbaidschanische Republik ein.
Die Revolutionäre des Sowjets der Arbeiter und Bauern von Baku erkannten weder
die Interimsregierung, noch die nationalistischen Parteien und Bewegungen an. Sie
sahen die Zukunft Aserbaidschans zwar als integralen Bestandteil Russlands – jedoch ausschließlich eines sozialistischen. Unter den Revolutionären des Sowjets
begannen die Bolschewiki – die Russländische Sozialdemokratische Arbeiterpartei
der Bolschewiki, geleitet von Lenin – eine immer größere Rolle zu spielen. Ihre
Machtbasis waren revolutionäre Soldaten und Matrosen.
Gleichzeitig intensivierten auch armenische nationalistische Parteien und Bewegungen ihre Tätigkeiten, die auf die gewaltsame Schaffung eines großarmenischen Staates im Kaukasus abzielten. Mit diesem Ziel wurde im Mai 1917 in Petrograd eine armenische Militärkommission eingerichtet. Diese setzte die Entscheidungen von Aleksandr F. Kerenskij durch, der gleichzeitig Vorsitzender der
Regierung und Kriegsminister war. Demnach sollten die armenischen Schützenbataillone als Bestandteil der Russländischen Streitkräfte zu Schützenregimentern und später zu Divisionen ausgebaut werden.
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108
JUSUF AGAEV
Am 4. August desselben Jahres wurde von den Mitgliedern der Kommission
dem Berater des Kriegsministers, V. Savinkov, ein Projekt vorgestellt, das die
Schaffung des Armenischen Korps vorsah. Dieses sollte aus armenischen Soldaten bestehen, die in den russländischen Streitkräften an den verschiedenen Fronten des Ersten Weltkrieges kämpften. Insgesamt sollten mehr als 40.000 Armeeangehörige in den Kaukasus verlegt werden.
Am 25. Oktober 1917 fand jedoch in Petrograd ein Umsturz statt, in dessen
Folge die Interimsregierung gestürzt und die Macht von den Bolschewiki übernommen wurde.
Einen Tag darauf, am 26. Oktober, trafen sich die Delegierten der Partei Müsavat unter dem Vorsitz von Mǝmmǝd Əmin Rǝsulzadǝ in Baku. Dieser erste
Parteitag proklamierte die Errichtung eines unabhängigen, demokratischen, aserbaidschanischen Staates als Ziel.
Vom 8. bis zum 11. November 1917 traten in Tiflis Abgesandte des Komitees
der Sonderverwaltung, der Militäradministration, der nationalen Parteien und
Bewegungen sowie der kommunalen und gewerkschaftlichen Organisationen
Südkaukasiens zusammen. Auf dieser Konferenz wurde der Oktoberputsch verurteilt; bis zur Wahl einer Konstituierenden Versammlung (Učreditel’noje sobranie) wurde die Institutionalisierung des Transkaukasischen Kommissariats für
den Südkaukasus (Zakavkazkij komissariat po upravleniju delami na Južnom
Kavkaze) verkündet.
Am 13. November 1917 beschloss der Sowjet der Arbeiter und Bauern von
Baku die Formierung der Roten Garde (Krasnaja gvardija).
Am 5. Dezember 1917 wurde zwischen dem Transkaukasischen Kommissariat
und dem Osmanischen Imperium Frieden geschlossen. Auf der Basis des Übereinkommens sollten alle militärischen Handlungen gestoppt werden, aus den
Einheiten der zarischen Armee sollten nationale Militäreinheiten geschaffen
werden. Die russischen Soldaten sollten nach Russland zurückkehren, wobei sie
vorher ihre Waffen den nationalen Einheiten abzugeben hatten.
Bereits sechs Tage später wurde vom Transkaukasischen Kommissariat ein Dekret über die Einrichtung des Muslimischen Korps angenommen. Zum Kommandeur wurde General A. Şixlinski ernannt. Die Bolschewiki sahen dieser Entwicklung nicht tatenlos zu. Am 12. Dezember wurde von ihnen das MilitärRevolutionäre Komitee von Baku geschaffen (Bakinskij voenno-revoljucionnyj
komitet), schon drei Tage später zog das Armenische Korps seine Einheiten in
Baku zusammen.
Am 16. Dezember wurde vom Sowjet der Volkskommissare der RSFSR1 (Sovet narodnych komissarov RSFSR) der Vorsitzende des Sowjets von Baku, S.
Šaumjan, zum Außerordentlichen Interimskommissar für kaukasische Angele1
Anm. des Übersetzers: RSFSR steht für die Russländische Sozialistische Föderative Sowjetrepublik.
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DIE MILITÄRISCH-POLITISCHE SITUATION
109
genheiten (Črezvyčajnyj vremennyj komissar po delam Kavkaza) mit breiten
Vollmachten ernannt.
Bereits am 13. Januar 1918 wurde ein Dekret über die Schaffung einer armenischen Regierung von Lenin und Stalin unterzeichnet; Anfang Januar wurde beim
Volkskommissariat für Nationalitätenangelegenheiten der RSFSR (Narodnyj komissariat RSFSR po delam nacional’nostej) ein armenisches Komitee eingerichtet, jedoch kein georgisches oder aserbaidschanisches, geschweige denn Komitees
anderer Nationalitäten in Südkaukasien.
Im Februar 1918 fand in Baku eine Parade der Streitkräfte des Sowjets von Baku statt. Am 6. Februar wurde in der Hauptstadt eine Mobilisierung der bolschewistisch-armenischen Einheiten durchgeführt, General I. Bagramjan kam in
die Stadt, Anfang März folgte General A. Bagratuni.
Am 24. Februar 1918 traf General X. Talışxanov mit Offizieren in Baku ein. Sie
wollten das 1. Muslimische Schützenregiment aufstellen, wurden jedoch sofort am
Bahnhof auf Befehl des Sowjets von Baku verhaftet und aus der Stadt verbracht.
Unter dem Vorwand der Niederschlagung eines von der Müsavat-Partei geführten Putsches fanden vom 30. März bis zum 2. April 1918 Massaker an der
zivilen muslimischen Bevölkerung Bakus statt, denen mehr als 12.000 Menschen
zum Opfer fielen. Dieses Verbrechen wurde von den Einheiten des Sowjets von
Baku zusammen mit den armenischen Truppen verübt, die Stadtteile angriffen,
in denen hauptsächlich Muslime lebten.
Die Massaker an der muslimischen Bevölkerung gingen landesweit weiter:
Vom April bis zur Mitte des Jahres 1918 brachten die bolschewistischarmenischen Einheiten mehr als 50.000 Muslime in den Amtsbezirken (uezd)
von Gubinskij, Sal’janskij, Lenkoranskij und Šemachinskij um.2 Am 20. April
wurde zwischen dem Sowjet und dem Armenischen Nationalen Komitee eine
Übereinkunft geschlossen, wonach die armenischen Einheiten in die Streitkräfte
des Sowjets integriert werden sollten.
Am 28. Mai 1918 wurde in Tiflis (sic!) die Gründung der Aserbaidschanischen
Demokratischen Republik (ADR) verkündet und die Deklaration über die Unabhängigkeit Aserbaidschans angenommen.
Bald darauf, am 4. Juni 1918, kamen die ADR und das Osmanische Reich darin überein, dass die Türken dem aserbaidschanischen Staat militärische und zivile Hilfe leisten würden und die sogenannte Kaukasische Islamische Armee aus
muslimisch-aserbaidschanischen Militärs (v.a. aus den Reihen der ehemaligen
Zarenarmee), aserbaidschanischen Freiwilligen und regulären osmanischen Streitkräften gebildet werden sollten.
Die andere Seite reagierte unmittelbar: Am 6. Juni 1918 initiierten die bolschewistisch-armenischen Streitkräfte des Sowjets von Baku eine Offensive mit
der Hauptschlagrichtung Hacıqabul-Gǝncǝ und dem Ziel der Eroberung ganz
2
Anm. des Übersetzers: ein uezd ist eine administrative Einheit, im Zarenreich ein Amtsbezirk.
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JUSUF AGAEV
Aserbaidschans. Die Gegner, Teile der 5. Kaukasischen Infanterie Division der
neu geschaffenen Kaukasischen Islamischen Armee, schlugen die Richtung Qazax-Gǝncǝ ein. Damit wurde das Gebiet um Gǝncǝ mit seinen deutschen Siedlungen zu einer wichtigen Kampfzone zwischen den bolschewistischen (mit dem
sowjetrussischen Bündnispartner) und bürgerlich-nationalen Kräften (mit ihren
deutschen und türkischen Bündnispartnern).
Die Beteiligung der Deutschen aus Helenendorf im Unabhängigkeitskrieg
Aserbaidschans
Nach dem Zerfall des Russländischen Imperiums zerfielen auch seine Streitkräfte. Arbeiter und Bauern strömten in ihre Heimatorte, so auch die Deutschen aus
der Kolonie Helenendorf und den anderen Siedlungen. Doch die unruhigen Zeiten zwangen die Bewohner, ein Bataillon für die Selbstverteidigung aufzustellen,
eine Art Bürgermiliz aus lokalen Kräften. Dieses Bataillon bestand aus vier
Schützen- und einer Maschinengewehreinheit, die sowohl Gewehre und Revolver, als auch vier Fabrikmaschinengewehre der Marke „Maksim“ besaßen. Die
Führung der Miliz wurde von deutschen ehemaligen Offizieren der Zarenarmee
aus Helenendorf übernommen. Die gestellte Hauptaufgabe war, das Leben der
Bewohner zu schützen und die Sicherheit in Helenendorf zu bewahren.
Am 9. Juni 1918, um 22:20 Uhr, konnten die vereinigten Streitkräfte des 9. Kaukasischen Infanterie- und des 2. Kavallerie-Regiments – unter der Sammelbezeichnung „Einheit von Gǝncǝ“ – als Teil der 5. Kaukasischen Division der Kaukasischen Islamischen Armee unter der Führung von Major Cemil Cahit Gǝncǝ kampflos einnehmen. Nun begann man, die Tätigkeit einer sogenannten ,,Fünften Kolonne“ im Rücken der Kaukasischen Islamischen Armee zu verhindern. Schließlich
wollte die Kaukasische Islamische Armee nach Baku marschieren. Es galt also, die
örtliche Bevölkerung zu demobilisieren und ihr die Waffen abzunehmen. So wurden auch die Helenendorfer Deutschen vor die Alternative gestellt, sich entweder
entwaffnen zu lassen oder sich dem Krieg gegen die bolschewistisch-armenischen
Streitkräfte anzuschließen. Die Deutschen entschieden sich für letzteres. Zum
Kommandeur des Bataillons wurde ein türkischer Offizier ernannt.
Dann machte man sich an die Entwaffnung der schwerbewaffneten armenischen Bevölkerung von Gǝncǝ, die die bolschewistisch-armenische Regierung in
Baku unterstütze und auf den Einmarsch von bolschewistischen Truppen wartete.
So bezogen die Truppen der „Einheit von Gǝncǝ“ am 10. Juni um 23:30 Uhr Positionen an den Grenzen der Stadtbezirke. Am 11. Juni, um 03:00 Uhr nachts, waren die armenischen Stadteile vollständig eingekreist. Die Aufgabe des Helenendorfer Bataillons war es, jegliche Kommunikation zwischen den armenischen
Stadtteilen und den umliegenden armenischen Dörfern zu verhindern, indem das
Bataillon sich auf der Linie Zurnabad-Hacıkǝnd postierte. Entgegen des Vorschlags, sich friedlich zu ergeben und die Waffen nieder zu legen, eröffneten
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DIE MILITÄRISCH-POLITISCHE SITUATION
111
Abb. 27: Helenendorf 1918 mit türkischen Offizieren
die armenischen Einheiten das Feuer auf die Unterhändler (ein türkischer Offizier,
Sabahaddin Efendi, und ein aserbaidschanischer namens Sǝmǝd bey) und starteten
eine Offensive, um die Isolation zu durchbrechen. Nach substantiellen Verlusten
mussten sich die armenischen Einheiten auf ihre Ausgangspositionen zurückziehen.
Um 08:00 Uhr morgens ging ein Deutscher aus Helenendorf als Unterhändler
zu den armenischen Einheiten. Drei Stunden später erschien eine armenische
Delegation, bestehend aus einem Geistlichen, einem Offizier und einem Kommissar, beim Kommandeur der aserbaidschanisch-türkischen Einheit. Sie trugen
eine weiße Flagge in den Händen, es wurde Verhandlungsbereitschaft signalisiert
und eine Waffenruhe vereinbart, die jedoch im Verlauf des 11. Juni nicht eingehalten wurde. Erst nach Beginn des Artilleriebeschusses am Morgen des 12.
Juni willigten Teile der armenischen Militärs zögerlich ein, sich zu ergeben.
Noch zwei weitere Tage hielten jedoch die militärischen Aktionen an, hunderte
Menschen fielen den Gefechten zum Opfer.
Die Involvierung des Deutschen Kaiserreichs in die Geschehnisse in und um
Aserbaidschan im Jahr 1918
In der hier untersuchten Periode von 1917-1918 waren das Deutsche und das
Osmanische Reich Verbündete im Ersten Weltkrieg. Doch das hieß keinesfalls,
dass sie in Südkaukasien nicht über verschiedene Interessen verfügten, die
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112
JUSUF AGAEV
manchmal konträr zueinander standen. Das Deutsche Kaiserreich beanspruchte
die alleinige Kontrolle über den Ölreichtum Aserbaidschans und leistete dem
Vorrücken der Kaukasischen Islamischen Armee auf mannigfaltige Art und Weise Widerstand.3 Zu diesem Zwecke wurden sowohl diplomatische, als auch militärische Mittel eingesetzt. Auf die Führung des Osmanischen Reichs wurde hoher politischer Druck ausgeübt, den Vormarsch der türkisch-aserbaidschanischen
Streitkräfte auf Baku aufzuhalten. Parallel wurde das deutsche Militärkontingent
in Georgien entsprechend den Vereinbarungen des deutsch-georgischen Vertrags
vom 8. Juni 1918 ausgebaut. So verlegte Feldmarschall von Ludendorff, als er
von der englischen Besatzung Bakus am 4. August 1918 erfuhr, sofort über das
Schwarze Meer aus der Ukraine nach Georgien eine Kavallerie- und eine Infanteriebrigade, die dem Kommando von Freiherr Kreß von Kressenstein4 untergeordnet wurden. Am 20. August 1918 bestand diese militärische Einheit aus 214
deutschen Offizieren und 5.050 Soldaten. Manche Quellen sprechen auch von
6.400 Armeeangehörigen. Welche Rolle die deutschen Truppen und Vertreter
des Auswärtigen Amtes im Verhältnis zur Regierung der Aserbaidschanischen
Demokratischen Republik im Jahre 1918 bis zum vollständigen Abzug der
Truppen aus Georgien im Dezember spielten, bleibt weiteren Forschungen vorbehalten. Zweifellos fiel die Ankunft der deutschen Truppen in Georgien mit
dem wachsenden deutsch-osmanischen Streit um Ressourcen und Einfluss in
Kaukasien zusammen. Konkret ging es um die Ölquellen bei Baku am Kaspischen Meer und die Pipeline und Bahnstrecke von dort nach Batumi am
Schwarzen Meer. Mangan, Kupfer und andere Rohstoffe besaßen große Priorität
und die deutschen Entscheidungsträger schwankten durchaus in der Frage, wer
die deutschen Interessen besser sichern könnte: die sowjetrussische Regierung in
Moskau oder die osmanischen Militärs. Zwar wurde in diesem Kontext auch der
Schutz des Lebens und des Eigentums der Deutschen in der Region thematisiert,
aber deren Interessen blieben den Reichsinteressen auf anderen Kriegsschauplätzen sowie den Interessen der neu entstandenen Nationalstaaten untergeordnet.
3
4
Forschungsergebnisse und Dokumentenpublikationen zu dieser Frage – siehe u.a.: Bihl,
Wolfdieter: ´Die Kaukasus-Politik der Mittelmächte´, Wien-Köln-Graz 1975; Zürrer, Werner: Kaukasien 1918-1921. Der Kampf der Großmächte um die Landbrücke zwischen
Schwarzem und Kaspischen Meer, Düsseldorf 1978; Baumgart, Winfried: Das KaspiUnternehmen. Größenwahn Ludendorffs oder Routineplanung des deutschen Generalstabs? In: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas, 18 (1970), S. 231–278. (Anmerkung Hg.)
Die Erinnerungen von Friedrich Freiherr Kreß von Kressenstein wurden unter dem Titel
„Meine Mission im Kaukasus“ 2001 in deutscher Sprache in Tbilisi veröffentlicht. Die
Truppenstärke betrug demzufolge 3.000 Mann. (Anm. Hg.)
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Die Sowjetisierung der deutschen Kolonien und
Gemeinden in Aserbaidschan
Mamed Džafarli
Der 28. Mai 1918 brachte mit der Proklamation der Unabhängigkeit der Aserbaidschanischen Demokratischen Republik (ADR) auch einige Veränderungen
für die nationalen Minderheiten des neuen Staates. Gemäß dem am 19. November des Jahres angenommenen Gesetzes über das Parlament und seine Zusammensetzung wurden den Minderheiten in der Legislative Abgeordnetensitze zugesichert. Erstmals in der Geschichte der deutschen Auswanderer erhielten diese
einen Sitz im Gesetzgebungsorgan des Landes, dessen Bewohner sie waren. Aufgrund der besonderen Verdienste der mehr als 6.000 deutschen Einwanderer in
der Landwirtschaft nahm deren Repräsentant, der Helenendorfer Lorenc Kun
(Lorenz Kuhn), an den Sitzungen der Agrarkommission teil. Dabei betätigte sich
Kun auch als Mittler zwischen der Exekutive und den Sorgen und Problemen
der Siedler vor Ort. Die kurze Zeitspanne, in der die ADR existierte, fiel mit dem
hundertjährigen Jubiläum der ersten deutschen Siedlung auf dem Territorium
Aserbaidschans zusammen. Die Führung des neuen Staates beglückwünschte die
Helenendorfer zu diesem Jubiläum mit den Worten: „Das Parlament der Aserbaidschanischen Republik begrüßt die hundertjährige Existenz der Kolonie Helenendorf und wünscht dieser kleinen kulturellen Gemeinde weiterhin
Wohlstand und zukünftiges Gedeihen.“1 Anlässlich des Festprogramms bemerkte Kun: „Wir schauen gelassen in unsere Zukunft, glauben, dass unter dem
Schutz der demokratischen Gesetze der jungen Aserbaidschanischen Republik
wir die Möglichkeit erhalten werden, unsere nationale Kultur zu bewahren.“2
Die Geschichte verlief jedoch anders. Die Okkupation der ADR durch die
11. Rote Armee im April 1920 zerstörte die staatliche Unabhängigkeit und die
demokratischen Gesetze, auf denen die Hoffnungen der deutschen Siedler ruhten. Das Schicksal der deutschen Minderheit in den Jahren der Sowjetisierung
Aserbaidschans ähnelte dem Los der Mehrheitsbevölkerung. Die bolschewistische Ideologie wurde auch unter ihnen mit Zwang und Gewalt durchgesetzt, Privateigentum beschlagnahmt und Grundbesitzer und Fabrikeigentümer verhaftet.
Doch in dieser Zeit der allgemeinen Repression besaß die Geschichte der Deutschen auch ihre Besonderheiten.
Die deutschen Dorfgemeinschaften waren zu Beginn der Sowjetisierung Aserbaidschans wirtschaftlich sehr erfolgreich – in ihnen wurde der Weinanbau perfektioniert, es entstanden Mühlen, Wein- und Limonadefabriken und es wurden
1
2
Staatsarchiv der Aserbaidschanischen Republik (ARDA), f. 894, op. 10, ed. chr. 168, s. 1.
Ebd.
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MAMED DSCHAFARLI
Werkstätten für Pferdewagen, Schmieden und andere Handwerksbetriebe unterhalten. Die Weinproduktion der Deutschen in der Region erlangte auch jenseits
der Grenzen des Südkaukasus große Berühmtheit. Ihr ökonomischer Erfolg unterschied sie von vielen Bewohnern der umliegenden Siedlungen – hier hatten
die Menschen Brot, Lohn und einen gewissen Wohlstand. Die deutschen Dörfer
in Kaukasien funktionierten zudem als Solidargemeinschaften, auch für die ärmeren Siedlungsbewohner wurde gesorgt. Selbst die ärmsten Schichten der Bevölkerung verfügten über ein eigenes Haus, ein Pferd, ein bis zwei Kühe, ein einfaches Pferdegespann, Gehöfte, kleine Nutztiere, Pachtgut bis zu einer Größe
von zwei Desjatinen sowie einen maximal eine Desjatine großen Weingarten, der
nicht weniger als 300 Eimer Wein eintrug.3
Eine Analyse der sowjetischen Aufzeichnungen über Inhaftierte zeigt, dass
sich unter den Deutschen viele Absolventen von mittleren und höheren Bildungsanstalten befanden, was in starkem Kontrast zu der alteingesessenen Bevölkerung Südkaukasiens stand. Aus den Aufzeichnungen geht zudem hervor,
dass die Geburtenrate unter den Deutschen in Aserbaidschan in dieser Periode
ihren höchsten Stand seit Beginn ihrer Siedlungszeit erreicht hatte. Trotz der negativen Einflüsse des Ersten Weltkrieges stellte die vorsowjetische Periode für die
deutschen Siedlungen in Aserbaidschan also eine Zeit des Friedens, der Stabilität
und Prosperität dar.
Liquidierung der parlamentarischen Interessenvertretung und Schaffung der
Sektionen der nationalen Minderheiten
Am 28. April 1920 fiel die Staatsmacht in Baku in die Hände der Bolschewiki.
Aserbaidschan wurde als Aserbaidschanische Sozialistische Sowjetrepublik
(AzSSR) im Bestand der Transkaukasischen Sowjetföderation (bis 1936) ein Teil
der 1922 gegründeten Sowjetunion. Für die aserbaidschanischen Deutschen
brach eine schwierige Zeit an. Die Bolschewiki begannen zunächst mit der Konfiskation von Privateigentum, Unternehmensbesitz und Immobilien.4 Die Konten der großen Privateigentümer wurden eingefroren.
Die neue Macht setzte auf eine vollkommen andere Nationalitätenpolitik. Die
Repräsentanz der nationalen Minderheiten im Parlament wurde liquidiert und
die Siedler damit der Möglichkeit beraubt, ihre Interessen auf politischer Ebene
zu vertreten. Eine Besonderheit der neuen Nationalitätenpolitik war die Schaffung von nationalen Sektionen der Minderheiten bei der Unterabteilung für Agitation des ZK der Kommunistischen Partei Aserbaidschans. In diesen Strukturen
3
4
Archiv des Ministeriums für Nationale Sicherheit der Republik Aserbaidschan (MTNA),
INV Nr. 673, s. 3.
Die Liquidationsgesetze von 1915 wurden in Südkaukasien nicht umgesetzt, teilweise Enteignungen sind aber bereits aus den Jahren vor 1920 bekannt, teilweise wurde Eigentum an
nichtdeutsche Unternehmer übertragen oder konfisziert.
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DIE SOWJETISIERUNG DER DEUTSCHEN KOLONIEN
115
wurden jedoch Bürger beschäftigt, die kaum einen guten Einblick in die Lage der
nationalen Minderheiten hatten. Vielmehr sollten die neuen Strukturen der Propaganda und der Verbreitung der bolschewistischen Ideologie dienen. Dabei galten in Aserbaidschan offiziell nur Juden, Polen, Georgier und Deutsche als nationale Minderheiten, obwohl hier auch Russen, Ukrainer und Armenier lebten.
Während die nationalen Minoritäten zu Zeiten der Unabhängigkeit ihre Vertreter ins Parlament der Republik wählten, baute die Sowjetmacht auf hierarchisierte Kontrolle, indem sie Vertreter ernannte, die in der jeweiligen nationalen Sektion des ZK der KP arbeiteten.
Wie sah die Beschaffenheit der deutschen Sektion der nationalen Minderheiten aus und was waren ihre Aufgaben? Gegründet im Januar 1921 wurde sie beim
ZK der Aserbaidschanischen Kommunistischen Partei der Bolschewiki – AKP(b)
– angesiedelt. Ihre Mitarbeiter waren zwar Deutsche, doch kein einziger der dort
Tätigen stammte aus den deutschen Niederlassungen Aserbaidschans. Vielmehr
wurden die Aktivisten von den russländischen Kommunisten empfohlen und
von Moskau nach Baku geschickt. Viele stammten aus den deutschen Wolgagebieten (Povolž’ja) oder waren ehemalige deutsche Kriegsgefangene. Dass diese
nicht nur aus ideologischem Eifer und Bekehrungswillen nach Aserbaidschan
kamen, sondern Hungersnöte, Armut oder Arbeitslosigkeit Motive waren, belegen unter anderem die Personalakten dieser Mitarbeiter: Einer gab beispielsweise
zu Protokoll: „Meine Gesundheit wurde durch den Hungerstreik im Wolgagebiet
unterminiert.“5 Bei einem anderen wurde vermerkt: „Politemigrant aus Tiflis.
Hat gar keine Subsistenzmittel.“6 Einer der ersten Instruktoren in der deutschen
Sektion war ein gewisser Herr Kaman. Seine Helfer in der Organisation waren
„österreichisch-deutsche Kriegsgefangene.“ Die Hauptaufgabe ihrer ideologischen Arbeit war die „propagandistische Arbeit unter den Siedlern.“7 Allerdings
trafen diese Versuche der ideologischen Infiltration vom ersten Tage an auf den
geschlossenen Widerstand der deutschen Siedler. Zwischen den Mitarbeitern der
Sektion und den Siedlern gab es nur die Gemeinsamkeiten von Abstammung
und Sprache. Die ökonomisch erfolgreichen Kolonisten konnten die vermeintliche Überlegenheit der Ideologie, die die Vertreter der neuen Macht durchzusetzen versuchten, nicht verstehen.
Im Februar reisten zwei Vertreter der Sektion in die Siedlungen, wo sie mit
den Vorträgen „Wie Sowjetrussland zum Bauerntum steht“ und „Der unausweichliche Zusammenbruch des Kapitalismus und der Triumph des Kommunismus“ auftraten. Doch ihre Propagandatätigkeit trug keine Früchte. In ihren
Rechenschaftsberichten schrieben die Abgesandten, dass sich in Helenendorf
„wegen der sozialen Lage der Bewohner und der unseriösen Einstellung des Par5
6
7
Staatsarchiv der politischen Parteien und sozialen Bewegungen der Republik Aserbaidschan (GAPPOD), f. 1, op. 235, ed. chr. 102, s. 119.
Ebd., s. 124.
GAPPOD, f. 1, op. 235, ed. chr. 100, s. 29.
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MAMED DSCHAFARLI
teikomitees nur 25 Menschen versammelten“.8 Dabei wurde auch erwähnt, dass
zu nichtpolitischen Veranstaltungen der örtlichen Organisationen eine Großzahl
der Einwohner erscheinen würde. Die deutsche Sektion versuchte ihr Ansehen
unter den Dorfbewohnern daraufhin zu verbessern, indem sie Literatur, Musikinstrumente und Theaterinventar in die Siedlungen schickte. Doch die Reaktion
der Bewohner fiel verhalten aus, wie aus den Rechenschaftsberichten selbst hervorgeht: „Die Noten für die Geige, Haare und Perücken, Stifte für die Maske
werden von den örtlichen Bewohnern verwendet, allerdings nicht die Stücke revolutionären Charakters. Die roten Materialien mit Losungen werden zu Haushaltszwecken genutzt.“ Diese Beobachtungen zeugen nicht nur von der Abneigung der Gemeinschaften gegenüber propagandistischer Literatur und Vorträgen,
sondern auch von einer gewissen Naivität der Mitarbeiter der Sektion selbst. Das
erkannte auch der neue Direktor der deutschen Sektion A. Bruk, der versuchte
für die Mitarbeiter eine Schule für politische Bildung zu gründen.9
Das Ausbleiben von Erfolgen zwang die zentralen Parteiorgane dazu, neue
Kader in die deutsche Sektion zu entsenden. In den Massenmedien der Republik
gab es mehrfach Annoncen der Abteilung für Agitation beim ZK, adressiert an
deutsche Kommunisten, verbunden mit dem Aufruf, sich beim ZK zu melden.
Auf diese Anzeigen reagierten jedoch nur neun Parteimitglieder und ein Kandidat.10 Im Sommer 1921 wurde aus Moskau der neue Kommissar der Abteilung
Bek-Dobrovskij abkommandiert. Unter ihm arbeiteten drei Deutsche. BekDobrovskij versuchte ebenfalls, unter den Siedlern Helfer zu finden, allerdings
erzielte auch er keine Erfolge. Der solidarische Widerstand der deutschen Dörfer
gegen den Druck von Partei und Staatsmacht, wie ihn für Russland D. Brandes
in seinem Werk „Die Verteidigung und der Widerstand der russländischen Deutschen“ („Zaščita i soprotivlenie rossijskich nemcev“) beschrieb, traf auch auf die
deutschen Siedler in Aserbaidschan zu. Diese Verteidigungshaltung führte dazu,
dass Bek-Dobrovskij selbst zugeben musste, dass die „Arbeit der Sektion wie eingefroren ist und sechs bis sieben Monate gar nicht stattfand.“11
Im Juli 1921 wurden von der deutschen Sektion in der AzSSR 9.966 Menschen
deutscher Volkszugehörigkeit ermittelt. In Baku und Umgebung lebten davon
2.000. Diese Daten bedürfen sicherlich der Verifizierung durch weitere Quellenbelege, doch zweifelsfrei sind die Dokumente im ehemaligen Parteiarchiv (heute
GAPPOD) im Hinblick auf die vorgenommene Analyse der sozialen Schichtung
der deutschen Bevölkerung interessant. Die in Baku vermuteten 1.500 Deutschen
wurden vor allem als „Vertreter der Intelligenz“ eigestuft. In den Vororten wurden
„500 Arbeiter“ gezählt. In Helenendorf seien die Einwohner dagegen „nur Kulaken“, in Georgsfeld, Annenfeld und Traubenfeld hingegen kleine und mittlere
8
9
10
11
GAPPOD, f. 1, op. 2, d. 179, s. 4.
Ebd., s. 15.
Ebd., s. 1.
GAPPOD, f. 1, op. 235, ed. chr. 100, S. 29.
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DIE SOWJETISIERUNG DER DEUTSCHEN KOLONIEN
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Bauern. In Grünfeld existiere eine bäuerliche „Mittelschicht“, in Eigenfeld und
Alekseevka jedoch Kleinbauern – so konstatierte der Bericht der Sektion.12
Die hauptsächliche Tätigkeit der Sektion im September bis Oktober 1921 bestand in der Hungerhilfe für die in der Russischen Sozialistischen Föderativen
Sowjetrepublik (RSFSR) an Hunger Leidenden. Der Aufruf der Bolschewiki zur
Hilfe stieß bei den Siedlern auf große Zustimmung. Die deutschen Bauern stellten mehr als 5.000 Eimer Wein bereit und waren bereit, Kinder aus dem Wolgagebiet aufzunehmen, obwohl sie selbst Probleme mit der Ernte und der Brotversorgung hatten. Aus den Rechenschaftsberichten der deutschen Sektion lässt sich
entnehmen, dass die aserbaidschanischen Deutschen die von Lenin 1921 ausgerufene Neue Ökonomische Politik (NEP) mit Wohlwollen begleiteten. Zum ersten Mal wurde in den Parteidokumenten eine positive Einstellung zur Politik der
Staatsmacht festgestellt.13
Doch die Hauptaufgabe der Parteiorgane – die Organisation von Parteiorganisationen in den deutschen Kolonien – war anno 1921 nicht erfolgreich. Nur einmal erwähnte der Direktor der deutschen Sektion vor dem ZK der Aserbaidschanischen KP, dass es ausschließlich in Annenfeld gelungen sei, eine kommunistische Zelle aufzubauen. Dies begründete er mit dem „niedrigen Kulturniveau“ in
den Dörfern.14 Die vermeintliche kommunistische Zelle stellte sich bei einer Untersuchung im Dezember des Jahres in Wirklichkeit als eine „bäuerliche Zelle“
dar, die zur AKP überhaupt keine Verbindung hatte.15
Neuausrichtung der Sektion der nationalen Minderheiten
Trotz der andauernden Misserfolge hörten die Versuche der Indoktrination der
Siedler durch die AKP nicht auf. So wurde am 24. Januar 1922 in Baku der Deutsche Klub (Nemeckij Klub) organisiert. Eine seiner Hauptaufgaben bestand in
der Verbreitung des Atheismus unter den Deutschen. Paradoxerweise gelangte
der Deutsche Klub selbst unter den Einfluss des Kirchengemeinderates. Die Bolschewiki mussten letztlich „ihren“ Klub vor dem Zugriff der Kirche „retten“.16
Ein anderes Aufgabenfeld des Klubs war der Versuch, zur Bekämpfung des Analphabetentums unter den Deutschen eine Schule einzurichten. Doch es gelang
der Sektion nicht, unter der großen deutschen Gemeinschaft Bakus die dafür
notwendige Anzahl von mindestens 15 Teilnehmern zu sammeln, was für eine
Finanzierung der Kurse durch die Abteilung für Volksbildung der Stadt vorgegeben war. In den deutschen Dorfgemeinschaften war das Bildungswesen dagegen
auf einem hohen Niveau.
12
13
14
15
16
GAPPOD, f. 1, op .2, d. 179, s. 38.
Ebd., s. 79.
Ebd., s. 44-45.
Ebd., s. 79.
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MAMED DSCHAFARLI
Die Bolschewiki Bakus waren mit der wirkungslosen Arbeit der Sektionen für
nationale Minderheiten unzufrieden. Mit der Begründung, dass es „unter den nationalen Minderheiten an Proletariern fehle“, beschlossen sie daher auf der Sitzung
des Bakuer Komitees der AKP(b) vom 3. März 1923 die Liquidierung der Sektionen.17 Doch das ZK der AKP(b) war mit dieser Entscheidung nicht einverstanden.
Im April 1923 wurde stattdessen ein neuer Emissär aus Moskau geschickt. War die
deutsche Sektion in ihrer Arbeit in den ländlichen Siedlungen bisher erfolglos, orientierte sie sich unter der Führung des neuen Emissärs Berger um und versuchte,
Sympathisanten unter der deutschen Bevölkerung der Städte zu finden. Ihre neue
Arbeit bestand zunächst darin, Listen mit deutschen Arbeitern in Baku zu erstellen.18 Am 12. Mai 1923 schickte der Direktor der Abteilung für Agitation und
Propaganda der Russländischen Kommunistischen Partei in Südkaukasien (Zakrajkom der RKP) eine Mitteilung an die deutsche Sektion des ZK der AKP. In diesem
Schreiben drohte er: „Gemäß Erlass des ZK der RKP wird vorgeschlagen, unverzüglich, in nicht mehr als einer Woche, beim Zakrajkom der RKP, Abteilung für
Agitation und Propaganda, einen ausführlichen Bericht über die Arbeit mit der
deutschen Bevölkerung einzureichen – mitsamt einem Arbeitsplan für die nähere
Zukunft“.19 Der ihnen daraufhin zugesandte Bericht stellte die Parteifunktionäre
des ZK der RKP nicht zufrieden und so forderten sie vom ZK der Kommunistischen Partei Aserbaidschans Hilfe für die Mitarbeiter der deutschen Sektion an.
Eine große Aussprache über die Arbeit der deutschen Sektion erfolgte am 23.
November 1923 auf Initiative des ZK der AKP. An dem Plenum nahmen neben
deutschsprachigen auch aserbaidschanische, russische, ukrainische und armenische Parteimitglieder teil. Bei der Analyse der fast dreijährigen Arbeit der deutschen Sektion sprachen ihre Funktionäre angesichts der vermeintlichen „kleinbürgerlichen Psychologie und Politikfremdheit der Kolonien“ von einer „zu
schweren Arbeit“ vor Ort.20 Zudem kritisierten sie die unter den Deutschen in
einer Auflage von nur 80 Exemplaren zirkulierende Moskauer Zeitung „Arbeit“.
Nach Meinung der deutschen Sektion bediente diese nur die „Bedürfnisse der
Bauern und kleinbourgeoisen Menschen“.21 Sie schlug daher vor, eine eigene
deutschsprachige Zeitung sowie ein Journal herauszugeben. Um eine interessante
Tatsache vorwegzunehmen: Der leitende Funktionär des Plenums, Ėduard Gejnc
(Heinz), wurde bald nach Ende der Veranstaltung nach Helenendorf geschickt,
um die „bourgeoise Psychologie“ der Siedler zu bekämpfen. 1930 wurde er dann
jedoch Mitglied in der Führungsriege der deutschen Weinbaugenossenschaft
Konkordija, was schließlich seinen Parteiausschluss nach sich zog. Als Parteiloser
lebte und arbeitete er weiterhin in Helenendorf.
17
18
19
20
21
ARDA, f. 2, op. 22, ed. chr. 126, s. 136.
GAPPOD, f. 1, op. 235, ed. chr. 100, s. 29.
Ebd., s. 15.
Ebd., s. 29.
Ebd., s. 29.
https://doi.org/10.5771/9783956503375
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DIE SOWJETISIERUNG DER DEUTSCHEN KOLONIEN
119
Zunahme der repressiven Haltung gegenüber den Siedlern
Es stellt sich die Frage, warum die neue Staatsmacht bei den deutschen Siedlern
so unbeliebt war. Die Bolschewiki griffen radikal in die herrschende Ordnung
der Dorfgemeinden ein und liquidierten vormals gültige Privilegien der Neuankömmlinge, die die jahrzehntelange Prosperität ihrer Niederlassungen begünstigt
hatten. In Helenendorf, Annenfeld und Georgsfeld wurden die örtlichen Gemeindeselbstverwaltungen durch die Revolutionären Komitees (Revkomy) ersetzt. Ein besonders harter Schlag traf Grundbesitzer und Fabrikanten: das Recht
auf Grundeigentum wurde ihnen genommen, vorhandene Betriebe und Ländereien im Zuge der Sowjetisierung enteignet. In einem Brief an das Kommissariat
für Landwirtschaft schrieben die Vertreter der im Kaukasus für ihre Weinproduktion berühmten Familie Hummel im Juli 1920:
„Seit der Sowjetisierung wurden unsere Weinanbaugebiete mitsamt den Gebäuden und
dem Inventar verstaatlicht. Wir, die Brüder Hummel mit unseren zahlreichen Familienangehörigen, insgesamt 51 Menschen, haben kein Land mehr und keine Existenzmittel.
Daher bitten wir darum, dass jeder einzelne von uns die Norm an Land erhält, die von
der sowjetischen Regierung zugesichert wurde.“22
Doch nicht nur die Repräsentanten dieser sozialen Schicht der vermögenden
Landbesitzer und Unternehmer mussten Entrechtungen hinnehmen. Die neuen
Machthaber betrieben eine Politik der konsequenten Beschlagnahmung von Eigentum und nahmen dabei keine Siedler aus. Bereits drei Monate nach Beginn
der kommunistischen Herrschaft über das Land informierten die Bevollmächtigten der deutschen Gemeinden den Leiter der Unterabteilung für Tierzucht des
Kommissariats für Landwirtschaft der AzSSR über die negativen Folgen der Beschlagnahmung von Pferden und Vieh. Die Verfasser baten „in der Kolonie Helenendorf zwei schwere Lasten transportierende Pferde zu belassen, die durch
den Revkom von Helenendorf vom Siedler Jakov Cejtler requiriert wurden.“23
Aus demselben Dokument lassen sich die Ausmaße der Beschlagnahmungen erahnen: „Für die Aufrechterhaltung der Wirtschaft in Helenendorf in einem sehr
begrenzten Umfang blieben ein Pferd pro 15 Einwohner [sowie] eine Kuh pro
5 Einwohner.“24 Anlässlich dieser Zahlen baten die Dorfbewohner den Prozess
der Requisition von „Arbeits-, Qualitäts- und Kleinrind“ aufzuhalten.25 Die Kolonisten, welche Weinanbau betrieben, hatten aufgrund des Wegbrechens ihrer
Absatzmärkte eine massive Verschlechterung ihrer ökonomischen Situation in
Kauf zu nehmen. Um zu überleben waren sie gezwungen, ihre Weinstöcke zu
roden, um auf den frei gewordenen Flächen Kartoffeln oder Getreide anzubauen. Die im Rayon einquartierten Truppenteile der Roten Armee trugen ihrerseits
22
23
24
25
MTNA, PR-21044, s. 55.
ARDA, f. 508, op. 1, ed. chr., 455, s. 4.
Ebd., s. 4.
Ebd., s. 4.
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120
MAMED DSCHAFARLI
zur Misere bei, da sie „die Pferde in den Weingärten weiden [ließen] und im
Winter das Holz als Brennstoff nahmen.“26
Unter den neuen Bedingungen der Zerstörung des Privateigentums und der
flächendeckenden Einführung des Gemeineigentums sicherte jedoch eine gemeinsame Entscheidung der Vertreter der einflussreichsten Siedlerfamilien die
Zukunft der ertragreichen Landwirtschaft in den Gemeinden. Sie verkündeten
ihre Unterstützung für die Politik der Verstaatlichung und gründeten einen genossenschaftlichen Weinbetrieb, welcher wenig später unter dem Namen Konkordija berühmt wurde. Die Genossenschaft nahm für die Existenz und die Identität der Nachfahren der deutschen Einwanderer in der AzSSR eine Schlüsselfunktion ein. Einerseits war sie für die weitere ökonomische Entwicklung des
Landes wichtig, andererseits diente sie aber auch der Pflege der eigenständigen
Kultur und Tradition der Siedler, der Organisation ihrer Alltagswelt, der Bildung
der Heranwachsenden und der medizinischen sowie sozialen Versorgung. Durch
die Registrierung der Genossenschaft Konkordija wurde erreicht, dass das Inventar der Familien nicht in die Hände der Dorfsowjets und der lokalen Staatsbehörden überging. Es stand nunmehr einer Kooperative zur Verfügung, in der
dieselben erfahrenen Familienmitglieder Führungspositionen innehatten wie vor
der Sowjetisierung Aserbaidschans.
In den zwanziger Jahren wurden zahlreiche Akte der juristischen Übergabe
von Eigentum reicher Kolonisten an die Kooperative Konkordija vorgenommen.
Zur Veranschaulichung soll ein Fragment aus einem solchen Vertrag dienen:
„Wir, die Untenstehenden, das Präsidium des Produzierenden Landwirtschaftlichen
Kooperativs ‚Konkordija‘ einerseits und die Bürger der Kolonie Helenendorf – Rozina
Iosifovna Kifus, Eliza Jakovevna Virzum, Emma Jakovlevna Andris andererseits, schließen diesen Vertrag hinsichtlich des Folgenden. Rozina Iosifovna Kifus, Eliza Jakovevna
Virzum, Emma Jakovlevna Andris haben dem Präsidium der Kooperative ,Konkordija‘
die ihnen gehörende Elektrostation verkauft, mitsamt allen Kabeln und Masten, die
durch die gesamte Kolonie Helenendorf verlegt wurden, den Maschinen und dem Inventar wie unten aufgeführt […]“27
In den Verträgen findet man den Verkauf von Werkstätten, Agrargebäuden und
ganzen Weinbetrieben, die berühmten deutschen Familien Aserbaidschans wie
Gummel’ (Hummel), Forer (Vohrer), Bek (Beck), Fotteler (Votteler) und anderen
gehörten. In so genannten „abtretenden Akten“ wurden auch die Häuser, Keller
und Gehöfte der Kolonisten übertragen. Ein solcher Akt über den Verkauf eines
Hauses durch die reiche Familie Forer lautete beispielsweise: „Wir, Christofor
Christoforovič Forer und Val’ter Christoforovič Forer, mit Erlaubnis aller Hausangehörigen […] haben der ,Konkordija‘ das uns gehörende Haus mit elf Zimmern und einem Keller, dem Hof und allen Gehöften verkauft.“28
26
27
28
MTNA, PS-12226, B. 9, s. 12, Kopie aus dem Archiv der Konkordija aus den Jahren
1929-1930.
Ebd., s. 15.
Ebd., s. 16.
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DIE SOWJETISIERUNG DER DEUTSCHEN KOLONIEN
121
Administrativ-territoriale Umgestaltung der Gemeinden
Das umfassende Scheitern des Versuchs, die deutsche Minderheit Aserbaidschans
von der Überlegenheit des sowjetischen Kommunismus zu überzeugen, belegen
eindrucksvoll folgende Zahlen: 1923 waren von den 13.333 Nachfahren eingewanderter Deutscher nur 94 Mitglieder der AKP(b), 42 Parteikandidaten und 40
Komsomolzen.29 In den deutschen Siedlungen selbst lebte gar nur ein einziges
Mitglied der Partei – und dieser war kein Alteingesessener.30 Eine Analyse der Unterlagen der deutschen Sektion zeigt, dass die sowjetischen Organe aufgrund der
zuvor gescheiterten – primär propagandistischen – Arbeit der Sektion ab der zweiten Hälfte des Jahres 1923 zu administrativen Zwangsmaßnahmen griffen. Im
Wortgebrauch der Funktionäre wurden die Zuschreibungen der Siedler als „apolitisch“ und „über ein niedriges Kulturniveau verfügend“ durch die Bezeichnungen
„Anhänger der Bourgeoisie“ und „antisowjetische Elemente“ ersetzt.
Ende des Jahres 1923 begann die „Suche nach den gemeingefährlichen Elementen“ unter den Dorfbewohnern. Als solche wurden die Geistlichkeit und die Lehrer ausgemacht. In den Mitteilungen, die der deutschen Sektion zugeleitet wurden,
ist zu lesen, dass in den auf dem Gebiet der AzSSR existenten acht deutschen
Schulen der ersten und in einer Schule der zweiten Stufe 17 Prozent der Lehrer als
„äußerst gemeingefährliche“ und 54 Prozent als „passive Elemente“ einzustufen
seien. In den Kolonien Helenendorf, Georgsfeld und Annenfeld stelle die „materielle Abhängigkeit von den Eltern, die den Großteil des Lohns der Lehrer bezahlen, einen sehr negativen Einfluss auf die Arbeit der Lehrer dar. Die Eltern fordern
von den Lehrern die Erziehung in einem antisowjetischen Geist.“31
Eine der Entscheidungen der Sowjetmacht, die von den Siedlern sehr negativ
aufgefasst wurde, war der Beschluss des Sowjetischen Volkskommissariats der
AzSSR vom September 1923 über die Erlangung des Stadtstatus durch das Dorf
Anino – ehemals Annenfeld. Gegen diese Entscheidung wandten sich die Bevollmächtigten des Dorfsowjets von Anino (heute Şǝmkir), Ioganes Vuchrer (Johannes
Wucherer) und Jakov Štif (Jakob Stief) an das ZK der AKP mit der Bitte um Revision. Im der Eingabe wurde hervorgehoben, dass es „die im Konsens gefällte Entscheidung der gesamten Einwohnerschaft von Anino ist, den Dorfstatus zu belassen.“32 Die Dorfbewohner fürchteten, dass die Vergabe des Stadtstatuts und im
Weiteren die Ernennung zum Rayonzentrum von Şamxor zum Auftauchen verschiedener Partei- und Staatsorganisationen und somit zum Zufluss von Funktionären in die Gemeinde führen würde. Außerdem waren die Siedler besorgt, dass ein
Weinanbaugebiet von 100 Desjatinen, das in harter vierzigjähriger Arbeit von ihnen
aufgebaut worden war, der Stadt und damit ihrer sowjetischen Administration zu29
30
31
32
GAPPOD, f. 1, op. 235, ed. chr. 102, s. 1.
Ebd., s. 59.
Ebd., s. 57.
Ebd., s. 20.
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MAMED DSCHAFARLI
geschlagen würde. Im Schreiben selbst liest man von einer Gefährdung der Landwirtschaft.33 Die Entscheidung konnte zwar nicht revidiert werden, jedoch wurden
in den lokalen Rayonsowjet vier Kolonisten gewählt und einer von ihnen zum
stellvertretenden Vorsitzenden des Exekutivkomitees (Ispolkom) ernannt.34
In den Jahren der Sowjetisierung hatte die Politik der administrativ-territorialen
Veränderungen einen großen Einfluss auf die deutschen Gemeinden Südkaukasiens – sowohl in der Aserbaidschanischen als auch der Georgischen SSR. Die
Mehrzahl von ihnen wurde zu administrativen Zentren ernannt, was den Stadtstatus beinhaltete. Von den acht deutschen Niederlassungen in Aserbaidschan wurden vier zu Rayonzentren – Annenfeld als Zentrum des Rayons Şamxor, Helenendorf von Nǝrimanov sowie Traubenfeld, das mit dem benachbarten Turkdorf Tovuz vereinigt wurde, als Zentrum des gleichnamigen Rayons Tovuz und weitere zu
Aǧstafa. Die Einwohnerzahl der ehemaligen Kolonien wuchs dank der mitsamt ihren Familien hinzuziehenden Staats- und Parteifunktionäre überproportional an.
In den örtlichen Parteiapparaten wurden Instruktorenstellen für die deutsche Minderheit geschaffen, für die wiederum hinzugezogene Deutsche arbeiteten.
Ende 1923 wurde von der deutschen Sektion ein umfangreicher Bericht vorbereitet: „Über die Lage der deutschen Bevölkerung Aserbaidschans und der Stand
der Arbeit unter ihr“ („O položenii nemeckogo naselenija Azerbajdžana i sostojanie raboty sredi nich“). Dieser Bericht wurde dem Sekretär des ZK der AKP(b), A.
Karaev, zugeleitet. Hinsichtlich der Situation in den deutschen Gemeinden erklärt der Bericht: „Die Kulaken, in Kooperation mit Geistlichen, weiten ihren
Einfluss zusammen mit nationalistischen Elementen mehr und mehr auf das
ökonomische und politische Leben in den Kolonien aus.“35 Das vollkommene
Versagen der Parteiorgane wurde eingestanden und vorgeschlagen, mittels harter
Methoden die Siedlungen zu sowjetisieren. In den Unterabschnitten des Reports
lassen sich zudem Aussagen zu folgenden Themenbereichen finden:
– Über die Partei: In den acht Kolonien existiere nur ein Parteimitglied. 1923
seien nur acht Deutsche als Kandidaten aufgenommen worden, jedoch könne
in sie keine Hoffnung gesetzt werden. Es wird angeraten, in die örtlichen Organisationen Deutsche aus dem ZK der AKP(b) zu schicken.
– Über die Errichtung des Sowjetstaates: Die Dorfsowjets stünden unter dem
Einfluss der Kulaken – ihre Arbeit habe nur formalen Charakter.
– Über die Kooperativen: Die mächtige Konkordija vereinige fast die gesamte
deutsche Bevölkerung der Siedlungen, ihre Führung sei sehr beliebt. Es wird
empfohlen, das Präsidium mit Parteileuten zu infiltrieren und durch sie die
politischen Vorgaben der Partei zu implementieren.36
33
34
35
36
Ebd., s. 20.
Ebd., s. 30.
Ebd., s. 59.
Ebd., s. 61.
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DIE SOWJETISIERUNG DER DEUTSCHEN KOLONIEN
123
Beobachtung durch die GPU
Ab dem Jahre 1924 entband die KP die deutsche Sektion zunehmend von der
Arbeit mit den Siedlern, für diese war nun im zunehmenden Maße ein Sonderkomitee (ČK) der sowjetischen Geheimpolizei GPU zuständig. Im Zentralapparat
des Sonderkomitees wurde eine Abteilung für die Arbeit mit den nationalen
Minderheiten eingerichtet, aus der 1925 eine eigene Abteilung für den Kontakt
zu den Deutschen ausgegliedert wurde. Hier arbeiteten zwar auch Deutsche, jedoch stammten diese nicht aus den aserbaidschanischen Siedlungen, sondern
vielmehr aus dem Wolgagebiet, der Ukraine und dem Zentrum Moskau.
Die Mitarbeiter des ČK bereiteten einen umfassenden Bericht an das ZK vor,
nachdem sie sich mit den Materialien bekannt gemacht hatten. Dieses sechsseitige
Dokument wartete mit vollkommen neuen Bezeichnungen für die Tätigkeiten der
deutschen Siedler auf. Hier ist die Rede von der vermeintlichen Spionagetätigkeit
der Konkordija, die Verbindungen zu Deutschland sowie georgischen Sozialdemokraten (men’ščeviki) unterhalte und zudem die Kooperation mit den aserbaidschanischen Müsavatisten37 suche. Die Sicherheitsorgane verwiesen gegenüber den
Parteiorganen auf die Notwendigkeit folgender Maßnahmen: Überprüfung der Tätigkeit der Dorfsowjets, die der Macht der Kulaken unterworfen seien; Überprüfung der Tätigkeit der Konkordija sowie eine Verschärfung der Vorgehensweise gegen „gefährliche Elemente“ unter den Kolonisten.38 Am 22. Juni 1925 stimmte das
Präsidium des ZK der Aserbaidschanischen Kommunistischen Partei den Forderungen des Berichts zu und entschied, eine Revision der Konkordija durchzuführen. Die Kommission sollte durch den Stellvertreter des ČK Petrov formiert werden.39 Interessanterweise wurden die Vertreter der deutschen Sektion aus der vorgeschlagenen Mitgliederliste der Kommission herausgestrichen.40 Die deutsche
Sektion konnte mit ihrer ideologischen Arbeit keine Erfolge erzielen und wurde
vom ZK abgestraft – an ihre Stelle traten nun vollends die bolschewistischen
Zwangsorgane.
Der erste große Schlag der Sowjetmacht gegen die deutsche Bevölkerung Aserbaidschans richtete sich direkt gegen die Führung der Genossenschaft Konkordija. Ende
des Jahres 1925 kam es in Baku zu einem Gerichtsprozess, der bis Anfang des nächsten Jahres dauerte. 16 Führungsfiguren der Konkordija wurden im Vorfeld festgenommen, ihr Eigentum konfisziert. Sie wurden der Durchführung konterrevolutionärer und nationalistischer Tätigkeiten, des Schutzes von „Kulaken-Kapital“ unter
dem Deckmantel der Kooperative sowie der Erziehung der Jugend „im deutschen
Geiste“ angeklagt. Die lokalen Staatsmedien sollten über den Prozess berichten.
37
38
39
40
Anhänger der verbotenen Müsavat-Partei, der führenden politischen Kraft zur Zeit der
ADR.
GAPPOD, f. 1, op. 74, ed. chr. 142, s. 256.
Ebd., s. 211.
Ebd., s. 211.
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MAMED DSCHAFARLI
Die Sowjetorgane mischten sich auch zunehmend in das Wirtschaftsleben der
Siedler ein. Im Februar 1927 nahm die Konkordija unter dem Druck der Parteiorgane und der Aserbaidschanischen Union der Landwirtschaftlichen Kooperation „Keybirliyi“ eine neue Satzung an. Die geheime Wahl der Führung der Kooperative wurde durch eine öffentliche ersetzt. Die Bolschewiki erhofften sich
dadurch, ihre Repräsentanten leichter in die Führung aufrücken lassen zu können. Ein KP-Mitglied musste zudem der Führung angehören.41
In den Jahren 1928 bis 1929 führten die Staatsorgane eine Kampagne gegen
„Kulaken“ in der Führung der Konkordija durch. Im Sommer 1928 verlangte die
Staatsmacht von der Führung der Kooperative die Säuberung von „KulakenElementen“. Dazu zählten sie in erster Linie Deutsche, die Angehörige der auch
außerhalb Kaukasiens bekannten Handelshäuser „Brat’ja Gummel“ (Gebrüder
Hummel) und „Brat’ja Forer“ (Gebrüder Vohrer) waren. Es handelte sich um Personen, die ein hohes Organisationspotential besaßen und viel für die Entwicklung
von Kultur, Bildung und Wissenschaft vor Ort taten. Aus den Mitgliedern des
Kooperativs wurden die Gebrüder Christofor und Val’ter Forer wegen angeblicher
„Ausbeutung im Werk von Helenendorf“ und der Verletzung der Satzung ausgeschlossen. Im Dezember 1928 wurden außerdem die Bevollmächtigten in Novosibirsk und Leningrad, Ju. F. Forer und A.G. Gummel’ aus dem Kooperativ ausgeschlossen und aus ihren Funktionen entfernt. Aus der Moskauer Vertretung wurden ebenfalls 26 Leiter von Geschäften entlassen, die ihrem sozialen Status nach
ehemalige Arbeiter im Einzelhandel waren. Im Sommer 1929 wurde eine Säuberungsaktion des gesamten technischen Apparats der Führung vorgenommen, nur
Instruktor-Winzer G. G. Gummel wurde auf seinem Posten gelassen. Angestellte,
denen das Wahlrecht entzogen worden war, wurden entlassen. Diese Säuberungen
führten dazu, dass die Konkordija praktisch alle Fachkräfte verlor.
Außerdem ließ sich Ende der zwanziger Jahre eine neue Methode des Kampfes gegen die Betriebe deutscher Einwanderer beobachten – nämlich mit Hilfe
der Massenmedien. Hierbei wurden nicht nur die lokalen Zeitungen eingespannt, sondern auch die Presse in anderen Gebieten der UdSSR, wo das Kooperativ Konkordija tätig war, wie Moskau, Tiflis, Kiew, Leningrad, Rostov, Samara,
Saratov, Perm’, Sverdlovsk. Es existierten mehr als 160 Filialen, die Produkte der
Konkordija vertrieben.
In zwei Artikeln vom September 1929 der Zeitung „Bakinskij rabočij“, die
zwei Jahre zuvor noch die Erfolge der Konkordija lobte,42 wurde sie nunmehr
ein „Kulaken-Kooperativ“ genannt.43 Die Union der landwirtschaftlichen Kooperation sei machtlos im Kampf gegen die Konkordija. Außerdem wurde vermerkt,
dass die Organisation „bisher geschickt die Arbeitsgesetzgebung umgeht“ und
dass die Tätigkeit der Kooperative von „Reichen und Kulaken“ gelenkt wird.
41
42
43
GAPPOD, f. 1, op. 235, ed. chr. 102, S. 58.
Bakinskij Rabočij, Nr. 104 (08.05.1927), Nr. 107 (11.05.1927), Nr. 119 (25.05.1927).
Bakinskij Rabočij, 12.09.1929, 23.09.1929.
https://doi.org/10.5771/9783956503375
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DIE SOWJETISIERUNG DER DEUTSCHEN KOLONIEN
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Im November 1929 wurde die Tätigkeit der Konkordija auch in der georgischen „Zarja Vostoka“ zum Thema. So liest man dort: „Eine Spezialkommission
und das Regionalkomitee von Gǝncǝ der AKP(b) habe die Tätigkeit der Konkordija untersucht und herausgefunden, dass die Führungsriege aus Reichen und
Kulaken eine Reihe von Gesetzesverstößen beging, weswegen sie in Gänze vor
Gericht gestellt wurde.“44 Laut dem Organ des Gebietskomitees vom Ural,
„Uralskij Rabočij“, stellte Konkordija ein „verdächtiges Kooperativ“ dar.“45 Selbst
in den Moskauer Zeitungen wurde die Kampagne fortgesetzt.46
Aufgrund des Beschlusses der UdSSR vom 18. September 1929 wurde die Konkordija als ein Kooperativ der dörflichen Genossenschaften auf Rajonebene reorganisiert; aus den lokalen Zweigstellen wurden unabhängige Dorfgenossenschaften.
In den dreißiger Jahren wurde fast die Hälfte der deutschen Siedler zwangsweise in die Kolchosen eingegliedert, der Rest war Mitglied der Konkordija. Die
Bedingungen in dieser Zeit haben zu einer katastrophalen Lage der deutschen
Weinproduktion im Südkaukasus geführt.
Doch das Jahr 1930 war auch das Jahr, in dem die Deutschen zum ersten Mal
offen gegen die Sowjetmacht opponierten. Am 17. März 1930 fand in Helenendorf einen Massendemonstration gegen die Diskriminierung von Bauern statt. An
das regionale Komitee der Partei wurde die Forderung gestellt, die gewaltsame Kollektivierung zu verurteilen. Demonstrationen gegen Kolchosen fanden außerdem
in Georgsfeld, Grünfeld und in Marksovka statt. Diese bäuerlichen Proteste wurden im Volk „Altweiber-Aufstand“ („Babij bunt“) genannt.
Das Jahr 1930 war gleichzeitig die Grenze, ab welcher die deutschen Kolonisten
mehr und mehr von der Bearbeitung der Reben abließen. Zum ersten Mal blieben
mehr als 100 Hektar Land ohne Bearbeitung. Nach 1930 fand keine Konstruktion
von neuen Weinbetrieben und anderen landwirtschaftlichen Gebäuden statt. Dabei wurden allein zwischen 1921 und 1924 von der Konkordija sechs Weinbetriebe
in den Kolonien erbaut.
Möge am Ende dieses Textes das Zitat eines deutschen Parteifunktionärs stehen, der nach seiner Rückkehr aus den Kolonien nach Baku folgendes schrieb:
„Die Konkordija ist in den Kolonien so etwas wie der zweite Rat der Volkskommissare (Anm. des Übersetzers: die sowjetische Regierung).“47 Das erste Jahrzehnt
nach der Machterlangung der Bolschewiki kann man mit Recht als einen Wettbewerb zwischen der Konkordija und der Sowjetmacht bezeichnen. Die Konkordija konnte diesen durch ihre hohe Produktivität und den Zusammenhalt, der
sich aus ihrer Fürsorgefunktion für die Gemeinde ergab, noch für sich entscheiden. Jedoch war es auch die Periode, in der die sowjetischen Organe ihre eigene
44
45
46
47
Bakinskij Rabočij, Nr. 256 (13.11.1929).
Uralskij Rabočij, Nr. 227 (03.10.1929).
Izvestija, Nr. 262 (12.11.1929).
GAPPOD, f. 1, op. 235, ed. chr. 102, s. 136.
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MAMED DSCHAFARLI
Ohnmacht gegenüber den Siedlergemeinden eingestanden und zu repressiveren
Methoden übergingen, um deren Unabhängigkeit zu brechen.
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Die Zerschlagung der genossenschaftlichen
Organisation und die Deportation der
deutschen Bevölkerung Aserbaidschans
in den 1930-40er Jahren1
Eva-Maria Auch
Für die in der Genossenschaft Konkordija organisierten deutschstämmigen Familien Aserbaidschans waren die zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts durch den
ständigen Kampf gegen die Indoktrinations- und Kollektivierungsversuche der
sowjetischen Sicherheitsorgane geprägt. Zwar konnten sie zunächst ihre Eigenständigkeit behaupten und sogar ein bescheidenes Wachstum verzeichnen, der
politisch motivierte Prozess systematischer Verdrängung der deutschen Bevölkerung nahm jedoch Anfang der dreißiger Jahre noch rapide zu.
So berichten die Akten des Auswärtigen Amtes vom 1. August 1933, dass die
Sowjetmacht – wie 1931/32 auch in anderen transkaukasischen Kolonien – dazu
übergegangen sei, ehemals wohlhabende Großbauern und ihre Familien aus der
Gemeinde Helenendorf auszustoßen:
„Man geht dabei […] in der Weise vor, daß man die betreffenden Bauern außerordentlich hoch besteuert und die Steuern als ‚Steuerstrafen‘ und ‚Verzugszinsen‘ in kurzen
Fristen wiederholt. Wenn der betreffende Bauer nicht mehr in der Lage ist, die geforderten Geldbeträge aufzubringen, wird sein Anwesen versteigert und zu einem minimalen
Betrag von einer staatlichen oder kommunalen Stelle erworben. Der Bauer muß mit seiner Familie Haus und Hof räumen [...]. Unabhängig von der Maßnahme sind im März
d. J. 16 junge Deutsche, die entweder selbst im Auslande waren oder nächste Verwandte
im Auslande befindlicher Deutscher sind, verhaftet worden [...]. Der Dorfrat ist in seinem alten Bestande noch am Platze, jedoch gegenüber dem verschärften Kurs, der von
Baku vorgeschrieben wird, und den intensiveren Kontrollen mehr und mehr machtlos
[...]. Die Überfremdung der Kolonie, die von der Sowjetregierung offenbar systematisch
betrieben wird, geht unaufhaltsam weiter. Es gibt nur noch wenige Häuser [...], die nicht
fremde Nationalitäten, insbesondere Tataren, Armenier, Aisoren usw. haben aufnehmen
müssen. In der Gesamtzahl der Bevölkerung überwiegt heute bereits die Zahl der Nichtdeutschen in Helenendorf [...]. [Es besteht der Eindruck], dass die alten Vorrechte, die
H.[elenendorf] bisher vor der übrigen deutschen Bevölkerung in Südkaukasien gehabt
hat, nunmehr beseitigt werden sollen [...].“2
Für den 23. November 1933 wird in den Akten des Auswärtigen Amtes vermerkt:
1
2
Der Beitrag basiert auf Kommentaren der Autorin zu den Lebenserinnerungen des Julius
Vohrer in dem Buch: Auch, Eva-Maria (Hg.): Deutsche Winzer im multikulturellen Umfeld Aserbaidschans. Erinnerungsbericht des Julius Vohrer (1887-1979) (Schriftenreihe des
Kultur- und Wissenschaftsvereins EuroKaukAsia e.V.; 1), Berlin 2011.
Auswärtiges Amt (AA), IV/25- 959/10, Abt. Pol. IV, Bericht des Generalkonsulats vom
11. Januar 1934, Bl. 1-3.
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128
EVA-MARIA AUCH
„Die Kollektivierung der Weinwirtschaften macht weiter erhebliche Fortschritte [...] v.a.
während der diesjährigen Revolutionsfeiern […]. Von den etwa 400 Wirtschaften des
Dorfes sind z. Zt. 75 Wirtschaften mit 250-300 Menschen dem Kollektive angeschlossen. Die Weinernte in diesem Jahr war gut […]. Die Bauernschaft muß aber infolge neuer Anordnung […] bis auf wenige Eimer Wein [für den persönlichen Bedarf] den gesamten Ernteertrag an die Konkordija abgeben. Dies gilt sowohl für Kollektivmitglieder
wie für freie Bauern. Die sogenannten ‚Austeilungen‘ werden unregelmäßig ausgeführt
[…], es gibt zahlreiche Familien […], die nicht über das zu ihrem Lebensunterhalt notwendige Geld verfügen […], eine nicht unerhebliche Zahl von Flüchtlingen aus dem
Nordkaukasus verschlimmer[t] die Situation [, die] Einsetzung eines Hilfskomitees [für]
die Unterstützung Armer ist amtlich verboten worden. Die Parole hierbei lautet: ‚Hungersnot gibt es in der SSSR nicht und für Hilfsaktionen ist kein Raum.‘“3
Über das weitere Schicksal von Verhafteten erfahren wir hier:
„Von den im Februar d. J. wegen illegaler Verbindungen mit dem Auslande [Deutschland] verhafteten 25 Helenendorfer Bürgern sind inzwischen 17 nach und nach entlassen worden. Unter den Befreiten befinden sich Werner und Ernst Hummel. Weiterhin
in Haft geblieben sind u.a. Koch, Strasser und Kehrer, die von Baku […] nach Taschkent weitergeschickt worden sind und von denen seit geraumer Zeit jede Nachricht
fehlt; ferner Georg Frick, der wegen hohen Alters die Reise nach Taschkent nicht mitmachen brauchte und in Baku geblieben ist, und schließlich Otto Hummel.“4
Doch nicht nur die deutsche Bevölkerung des Ortes hatte unter Verfolgung und
Verdrängung zu leiden. Auch die autochthone muslimische Bevölkerung, die als
Zulieferer und Hilfsarbeiter für die Weinbetriebe von größter Wichtigkeit war,
geriet in den Fokus der sowjetischen Ordnungspolitik: „Die Verschlechterung
der Lage in Helenendorf wird nicht zuletzt darauf zurückgeführt, dass die Partei
das tatarische Element, mit dem sich die Deutschen gut verstehen, mehr und
mehr aus Helenendorf und seiner Umgebung herausdrängt und dafür Armenier
an die Stelle setzt.“5
Nachdem vor diesem Hintergrund gegen Ende 1933 von zahlreichen Auswanderungswünschen nach Deutschland berichtet wurde, von deren Umsetzung das
Generalkonsulat jedoch abriet, zumal eine Transferierung von Vermögenswerten
unmöglich geworden war, wurden auch Kontakte zu deutschen Vertretungen zunehmend zur Gefahr für Ratsuchende. Im April 1934 wurde durch das Auswärtige
Amt bestätigt, dass Fritz Koch, Georg Kehrer, Albert Strasser, Erich Zeiser, Willi
Frick und Gustav Zeiser verschickt wurden und der Siedler Österle aufgrund einer
Denunziation in Untersuchungshaft saß. Kehrer wurden seine Beziehungen zum
„Verein der Kaukasusdeutschen“, insbesondere zu Theodor Hummel, zum Vorwurf gemacht. Hugo Votteler war verhaftet worden, weil er enge Beziehungen
zum Reichsdeutschen Dr. Georg Leibbrandt unterhielt, der vor Jahren zu Archivstudien in Helenendorf weilte und für einen Spion gehalten wurde.
3
4
5
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DIE ZERSCHLAGUNG DER GENOSSENSCHAFTLICHEN ORGANISATION
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Nachdem im Februar und März 1934 zahlreiche Verhaftungen unter der deutschen Bevölkerung in Tiflis gemeldet wurden, die Ermittlungen gegen sie jedoch
keinerlei kriminelles Material zutage förderten, verschärften sich die gegen Deutsche gerichteten Aktionen im Juni 1934. Im Bericht des Deutschen Generalkonsulats in Tiflis vom 22. Juni 1934 wurde festgestellt:
„Eine nicht unbeträchtliche Zahl von Deutschen, und zwar meistens Personen, die in
staatlichen Stellungen sind, Beamte, Angestellte u. dgl. sind auf die GPU6 bestellt worden, wo man ihnen in energischer Form das Ansinnen stellte, fortlaufend Material über
die Stimmung der deutschen Bevölkerung zu liefern […], man hat ihnen […] erklärt,
daß sie bei fortgesetzter Weigerung in ihren Ämtern und Stellungen nicht weiter bleiben
könnten, sondern demnächst mit dem Verlust ihrer Ämter zu rechnen hätten.“
Auch das Auswärtige Amt berichtete über die rapide Verschlechterung der Lage
der deutschen Bewohner Kaukasiens:
„Es mehren sich die Anzeichen dafür, dass der mit der Ermordung Kirovs einsetzende
Terror, dessen sich auch in Südkaukasien das Innenkommissariat [GPU] mit besonderem Eifer befleißigt, hier besonders auf Kosten des deutschen Elements ausgetragen wird
[…]. Über die Verhaftungen deutsch-evangelischer Geistlicher, die kurz vor Weihnachten [1934] erfolgt sind, ist an anderer Stelle berichtet [worden]. Aber auch in der
deutschstämmigen Bevölkerung, anscheinend aber besonders in Aserbaidschan, sind zur
selben Zeit eine Reihe von Verhaftungen vorgekommen.“7
Zum Jahresende 1934 wurden auch Lehrer und andere Berufsgruppen des öffentlichen Lebens in den Siedlungen verhaftet oder mit Berufsverbot belegt. 1934
fand letztmalig in der lutherischen Kirche Helenendorfs eine Konfirmation statt,
bevor sie zum Sportsaal umgewandelt wurde. Gab es zu Beginn des Schuljahres
1933/34 hier noch 46 Lehrer, die Unterricht überwiegend in deutscher Sprache
erteilten, wurde der deutschsprachige Unterricht 1938 vollständig eingestellt.
Durch den Einsatz einer Regierungskommission unter Beteiligung des Sicherheitsdienstes fanden von Dezember 1934 bis Februar 1935 Überprüfungen der
Tätigkeit der Konkordija in allen Siedlungen statt, sie wurden begleitet von Verhaftungen ihrer Leitungskader. Betroffen war u.a. der Filialleiter der Konkordija
in Georgsfeld und Eigenfeld, Otto Wucherer, gegen den wenige Tage später ein
Schauprozess geführt wurde, „um die Zustände in der Konkordija als unordentlich, unsauber und verrottet darzustellen.“ Als eigentlicher Anlass für die Verhaftung diente jedoch der Vorwurf der Spekulation. Wucherer hatte für den Jahresabschluss als „Prämie“ für die Angestellten einen Warenbezug aus Baku organi6
7
Der Sicherheitsdienst in der früheren Sowjetunion wurde mehrfach umorganisiert und trug
verschiedenen Bezeichnungen: 1917 VČK (Außerordentliche Allrussische Kommission zur
Bekämpfung von Konterrevolution, Spekulation und Sabotage), ab 1922 GPU (Politische
Hauptverwaltung innerhalb des NKVD), ab 1923 OGPU (Vereinigte staatliche politische
Verwaltung), ab 1934 GUGB (Hauptverwaltung für Staatssicherheit innerhalb des NKVD),
ab 1941 NKGB (Volkskommissariat für Staatssicherheit), ab 1946 MGB (Ministerium für
Staatssicherheit) und ab 1954 KGB (Komitee für Staatssicherheit), welches am 6. November
1991 aufgelöst wurde.
AA, IV/25- 959/10, Abt. Pol. IV, Bericht v. 11. Januar 1935.
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EVA-MARIA AUCH
siert, welcher über einen Händler abgewickelt werden sollte. Da dieser mit seiner
Entlohnung nicht zufrieden war, zeigte er Wucherer bei der GPU an. Das Gerichtsurteil lautete drei Jahre Arbeitslager.
Im Ort Grünfeld wurden 15 ehemals begüterte Familien, die längst in den
Kolchos aufgenommen worden waren, plötzlich so hoch besteuert, dass sie die
betreffenden Summen unmöglich aufbringen konnten. Verpfändung und Beschlagnahmung waren abzusehen. Überall in aserbaidschanischen Siedlungen
fanden Hausdurchsuchungen statt, um Verbindungen mit „dem Ausland“ aufzudecken: „Der Besitz von Briefen aus Deutschland soll hinreichender Verhaftungsgrund sein.“ Selbst angemeldete Radioapparate dienten als Verhaftungsgrund. Der Kontakt zum Generalkonsulat in Tiflis wurde aus diesen Gründen
von nun an vollkommen gemieden. In Georgsfeld hatte man den über 70 Jahre
alten Bauern Wackenhut, dessen arbeitsfähige Söhne bereits in Haft saßen und
dessen Ehefrau gelähmt war, mit Steuern von 126.000 Rubel belegt. Da er schon
früher verpfändet und gänzlich verarmt war, musste er Hof und Haus räumen.
Die endgültige Zerschlagung der Konkordija und die Deportation
der verbliebenen deutschen Bewohner Kaukasiens
In Helenendorf wurde 1935 die Endphase der Konkordija eingeleitet, damit das
Genossenschaftsvermögen in das staatliche Weinkontor „Azvin“ überführt werden
konnte. Der gesamte Vorstand der Konkordija wurde verhaftet bzw. seines Amtes
enthoben, durch von Baku entsandte Bevollmächtigte ersetzt und die ehemalige
Winzergenossenschaft in eine Abteilung des aserbaidschanischen Weintrustes verwandelt. Am 9. Juli des Jahres fand vor dem Obersten Gerichtshof der AzSSR im
Saal des Helenendorfer Clubs der Prozess gegen die verhafteten Winzer statt. Unter den 21 Angeklagten befanden sich: der ehemalige Vorsitzende der Konkordija,
Adolf Breitmeier, der Hauptbuchhalter Johannes Stokke, Adolf Kuhn, Heinz, der
Vorsitzende der Abteilung Helenendorf, E. Frick, der Buchhalter Paul Werner sowie Mitglieder des Vorstandes, wie I. Klein, E. Vohrer, E. Votteler und weitere Angestellte wie Zovjanov, Mossevič, Wuchrer, Trenkle und Emil Maurer. Die Ankläger Jarovoj und Podolski formulierten die Anklage folgendermaßen:
„Kulakenbauern [hätten] in der Konkordija die leitenden Posten innegehabt, Stellen im
Verwaltungsapparat der Genossenschaft mit Vertrauenspersonen besetzt und eine staatsund kolchosfeindliche Unterlassungstätigkeit betrieben, die den Charakter wirtschaftlicher Gegenrevolution gehabt und außerordentlichen Schaden [verursacht] habe.“8
8
AA, IV/25- 959/10, Abt. Pol. IV, Bericht v. 29. Juli 1935. Die Namen sind im Protokoll
teilweise falsch geschrieben und konnten nur unvollständig korrigiert werden. Richtig sind
die Namen der Angestellten der Zentralbuchhaltung.
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DIE ZERSCHLAGUNG DER GENOSSENSCHAFTLICHEN ORGANISATION
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Zwecks Untergrabung der staatlichen Finanzpolitik hätten sie die Abrechnung
mit den Bauern auf Grund einer besonderen „Weineinheit“ – also einer eigenen
Währung – geführt. Folgende Urteile wurden verhängt:
– Adolf Breitmeier (Vorsitzender der Konkordija): Todesstrafe umgewandelt in
10 Jahre Freiheitsentzug und Konfiskation des persönlichen Vermögens
– Kuhn (Betriebsleiter) und J. Stokke (Hauptbuchhalter): 8 Jahre Haft sowie
Konfiskation des Vermögens
– G. Sovjanov (Leiter der Planungsabteilung), Mossevič (Rechtsbeistand),
Wuchrer (Vorsitzender in Georgsfeld): je 4 Jahre Haft
– E. Kotzenstein und A. Trinkle: je 3 Jahre Gefängnis
– E. Maurer und der ehemalige Leiter der Staatsbank in Şamxor, Bagdasarov: je
2 Jahre Gefängnis
– P. Werner und B. Ranke: je 1½ Jahre Haft
– G. Fricke, Heinz und Schmelze: je 1 Jahr Gefängnis
– Robert Kuhn, E. Frick und E. Koch: je 6 Monate Zwangsarbeit
– Ja. Krause und O. Haikis wurden als einzige freigesprochen9
Am 11. Dezember 1935 vermerkte das Deutsche Generalkonsulat in Tiflis zum
Schicksal der Genossenschaft und ihrer Mitglieder:
„Die einst blühenden deutschen Weinbaugenossenschaften Konkordija in Helenendorf
und Union in Katharinenfeld sind als deutsche Unternehmen eingegangen; sie bestehen
als Filialen des transkaukasischen Weintrusts mit armenischer und russisch-georgischer
Leitung10 fort […]. Die letzten deutschen Genossenschafts-Vorstände sind mit Hilfe
von Schauprozessen wegen angeblicher Unwirtschaftlichkeit, Spekulation, Bestechung
und ähnlicher Delikte abgesetzt und in die Verbannung geschickt. Der langjährige Vorsitzende der Union hat sich im Gefängnis selbst das Leben genommen […].“
U. Mohr beschreibt stellvertretend für die Familie Vohrer diese Schicksalsjahre
folgendermaßen:
„Christoph Vohrer III. konnte sogar in der NEP-Zeit – Lenin verkündete 1921 die relativ
liberale Neue Ökonomische Politik –, die alte Familienbrauerei betreiben, wurde dann
aber 1926 als ‚Spion‘ erneut nach Tiflis verbracht. 1928, nach wenigen Monaten der
Freiheit abermals geholt, sah er sich in ein Arbeitslager in den Nordural verbannt, wo er
im Jahr darauf von seinen beiden Kindern besucht werden konnte, die ihn auf abenteuerliche Weise dort ausfindig gemacht hatten. Als wie prominent der inhaftierte Geschäftsmann seinerzeit immer noch galt, mag man daraus ersehen, dass bald darauf seine Frau nebst Tochter sogar von Kalinin, dem nominellen Staatsoberhaupt der Sowjetunion, zu einer Fürsprache empfangen wurden, auch von der Frau des Dichters Maxim
Gorkij sowie von Wyschinskij, dem sowjetischen Generalstaatsanwalt. Tatsächlich kehr-
9
10
AA, IV/25- 959/10, Abt. Pol. IV, Bericht v. 14. August 1935.
Aus dem Besitz von Hummel und Vohrer wurden die Sowchosen „Privokzal’nyj“, „Qarabayeri“, „Şadılı“, „Qarayeri“, „Qaraax“, „Qara-Çanax“, „Alabaşlı“ geschaffen, die Besitzungen in der Nähe von Şamxor in einer Größe von 501 ha wurden im Sowchos „Azizbekov“
zusammengefasst.
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Abb. 28: Angestellte der Zentralbuchhaltung der Verwaltung der Konkordija
(1927)
te Vohrer III. 1931 nochmals aus dem Straflager zurück und arbeitete dann noch bis
1937 als landwirtschaftlicher Berater bei der Regierung von Armenien. Im Rahmen der
unionsweiten Verhaftungswelle 1936-38 geriet er schließlich ein viertes Mal in die Fänge
seiner Häscher, und diesmal blieb er für immer verschwunden, wie übrigens bald darauf
auch alle anderen männlichen Mitglieder der Unternehmerfamilie.“11
Im Lebenslauf von Ralf Hummel findet sich der kindliche Erlebnisbericht der
Repressionen:
„1934 fing die Kollektivierung an und unser Vater wurde gezwungen, in den Kolchos
einzutreten. Wer nicht eintrat wurde als ‚Kulak‘ (Großbauer) nach Sibirien verschickt
[…]. 1935 wurde eine ganze Gruppe Familien, welche nicht in den Kolchos eingetreten
sind, nach Karelien verschickt. Unter ihnen auch die Familie meines Onkels Wilhelm
Hummel. Unser zweistöckiges Haus, in welchem wir und Onkel Wilhelm wohnten,
wurde uns abgenommen. Uns wurde eine andere Wohnung gegeben. In unserem Haus
(es hatte noch mein Großvater Eduard Hummel – verst. 1924 – gebaut) befand sich von
nun an die Prokuratur und das Gericht.“12
Die Spannungen sollten in den folgenden Jahren nicht geringer werden. Der Jahresbericht des Generalkonsulats in Tiflis schilderte die Ereignisse 1935 folgendermaßen:
11
12
Mohl, Ulrich: Schwäbischer Pioniergeist im Kaukasus. Die russlanddeutsche Kolonie Helenendorf. In: Schwäbische Heimat 3 (2002), online abrufbar unter http://www.ornispress.de/files/schw_bischer_pioniergeist_im_kaukasus_-_helenendorf.pdf (letzter Zugriff:
29.06.2017).
Seine teilweise handschriftlichen Lebenserinnerungen hat der Autorin dankenswerterweise
Herr Ralf Hummel, geb. 1923 in Helenendorf, heute wohnhaft in Ludwigsburg, zur Verfügung gestellt.
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DIE ZERSCHLAGUNG DER GENOSSENSCHAFTLICHEN ORGANISATION
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„Das Jahr 1935 glich einem Feldzug gegen das deutsche Element. In Aserbaidschan sind
aus den deutschen Kolonien Helenendorf und Annenfeld insgesamt etwa 600 Menschen, Männer, Frauen und Kinder ausgesiedelt und in zwei Transporten nach dem
Norden Rußlands (Leigube in Karelien am Weißmeerkanal) verschickt worden. Es war
dies die erste Massenverschickung Deutscher aus Südkaukasien überhaupt. In Georgien
ist man anders vorgegangen. Man hat hier nur die männlichen Kolonisten, soweit sie
unbequem waren oder verdächtig erschienen, entfernt, indem man sie unter nichtigen
Vorwänden verhaftete […]. Dieses Verfahren hatte den Vorteil, die schutzlos zurückgebliebenen Frauen und Kinder zwangsweise ins Kollektiv zu stecken oder sie sonst als
Staatsarbeiter nach Gutdünken verwenden zu können. Das Strafverfahren […] war in allen Fällen ziemlich einheitlich. Die Anklage lautete auf Spionage, illegale Verbindung
mit dem Ausland, Propaganda für eine auswärtige Macht, Zellenbildung einer sowjetfeindlichen Partei, Verbreitung verbotener Literatur, Aussprengung falscher Gerüchte
usw. [...] Gerüchte behaupten, daß bei den Voruntersuchungen auch regelrechte Folterungen Deutscher vorgekommen seien. [...] Die evangelisch-lutherischen Kirchen [...]
sind durch Verhaftungen der Geistlichen, der Küster und Kirchenratsmitglieder13 ihrer
ordentlichen Organe beraubt [...].“14
Wer aus den Reihen der wirtschaftlichen oder geistlich-kulturellen Elite noch
nicht von diesen „Reinigungsaktionen“ betroffen war, gehörte fast ausnahmslos
zu den Opfern des Großen Terrors der Jahre 1937-38, als 29.000 Vertreter der Intelligenz Aserbaidschans Repressalien zum Opfer fielen. Mit Erlass des Politbüros des ZK der Kommunistischen Partei Aserbaidschans vom 10. Juli 1937 wurde
ein sogenanntes „Dreiergericht“ unter Y. Sumbatov, T. Quliyev und C. Axundzadǝ eingesetzt, welches die von Moskau befohlene Beschleunigung der „Säuberungsaktionen“15 verantworten sollte. Allein nach ersten Vorgaben waren in
13
14
15
Nach bisheriger Erkenntnis der Autorin wurden von 31 im untersuchten Zeitraum in
Transkaukasien aktiven Pastoren 15 verhaftet, verbannt und/oder ermordet.
AA, IV/25- 959/10, Abt. Pol. IV, Bericht v. 11. Dezember 1935.
Siehe ausführlicher: Baberowski, Jörg: Der Feind ist überall. Stalinismus im Kaukasus,
München 2003.
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Aserbaidschan 1.500 Menschen zu erschießen, 3.750 Personen in Zwangsarbeitslager einzuweisen und 150 Familien gen Osten zu deportieren.
Noch im Frühjahr 1938 verschärften sich die Übergriffe nach nationalen oder
ethnischen Kriterien. In den Erlassen des Politbüros des ZK der KP vom 31. Januar und 23. März 1938 wurden die Tätigkeiten von Polen, Litauern, Deutschen,
Esten, Finnen, Griechen, Iranern, Chinesen und Rumänen – sowohl Ausländer
als auch Sowjetbürger – in verantwortlichen Positionen und der Verteidigungsindustrie als „unnormal“ bezeichnet und eine „Säuberung“ veranlasst. Dieser fiel
auch die deutsche Bevölkerung Bakus zum Opfer. Neben deutschen Fachkräften
auf den Ölfeldern der Stadt wurden auch Wissenschaftler, Lehrer, Geistliche,
Künstler und Studenten verfolgt und ermordet – darunter auch viele junge Helenendorfer, die sich zum Studium oder zur Arbeit in Baku aufhielten.
Das Kapitel aserbaidschanischer Bürger deutscher Nationalität fand schließlich sein trauriges Ende als dem Ukaz vom 28. August 1941 über die Auflösung
der Wolgarepublik im September/Oktober 1941 analoge Beschlüsse für Kaukasien folgten.16 Am 21. September 1941 kam es zunächst auf der Grundlage des
Außerordentlichen Erlasses des Staatlichen Verteidigungskomitees der UdSSR
Nr. 698 zur Räumung in den Gebieten Krasnodar, Ordžonikidze und Stavropol’,
129.776 Personen deutscher Abstammung mussten ihre Heimat in Richtung Mittelasien verlassen. Ihnen folgten die 2.415 Deutschen aus Nordossetien, 819 aus
Tschetscheno-Inguschetien, 7.306 aus Dagestan sowie die 5.843 deutschen Einwohner Kalmykiens. Die Gesamtzahl der Deportierten deutscher Herkunft aus
Nordkaukasien beläuft sich demnach auf 192.692 Männer, Frauen und Kinder.
In Südkaukasien vollzog sich die Vertreibung auf Grundlage des Erlasses Nr.
744 des Staatlichen Verteidigungskomitees vom 8. Oktober 1941. Als Räumungsfrist wurde der Zeitraum vom 15. bis 30. Oktober 1941 festgesetzt. Der Erlass besagte: „Auszusiedeln sind 23.580 [Deutsche] aus Georgien, 22.741 aus
Aserbaidschan, 212 aus Armenien.“17 Damit kam aus den drei südkaukasischen
Sowjetrepubliken ein weiteres Kontingent von insgesamt 46.533 Deutschstämmigen hinzu, die innerhalb von wenigen Tagen ihr verbliebenes Vermögen sowie
ihre Rechte als Sowjetbürger verloren. Über Baku und das Kaspische Meer und
dann weiter in Viehwaggons über Krasnovodsk nach Kasachstan abtransportiert,
wagten sie – soweit am Leben geblieben – einen Kampf ums Überleben in der
Fremde. Hunger, Krankheiten, Zwangsarbeit für Männer und Arbeitslager für
Frauen sowie zwölf Jahre Kommandantursystem prägten eine ganze Generation.
Tausende bezahlten diesen Gewaltakt mit ihrem Leben, bis heute sind die
Schicksale der zerrissenen Familien nicht restlos aufgeklärt oder Betroffene lei16
17
Vgl. Bugaj, N. F. (Hg.): Iosif Stalin – Lavrentij Berii: Ich nado deportirovat’. Dokumenty,
fakty, kommentarii, Moskva 1992; ders.: Repressirovannye narody Rossii: čečency i inguši.
Dokumenty, fakty, kommentarii, Moskva 1994.
Eisfeld, Alfred/ Viktor Herdt (Hg.): Deportation, Sondersiedlung, Arbeitsarmee. Deutsche
in der Sowjetunion 1941 bis 1956, Köln 1996, S.104 ff.
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DIE ZERSCHLAGUNG DER GENOSSENSCHAFTLICHEN ORGANISATION
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den an Spätfolgen.18 Damit teilten die einstigen Einwanderer das bittere Los anderer kaukasischer Gemeinschaften, die den Exzessen von Vertreibung und Vernichtung des totalitären Regimes unter Stalin ausgesetzt waren.
18
Vgl. die literarische Verarbeitung des Schicksals einer kaukasusdeutschen Frau durch Arnold Reber in seinem noch zu wenig beachteten Roman „Die Namenlose“ (Hanau 1998).
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Der Terror gegen die deutschen Bewohner
Aserbaidschans durch GPU und NKVD
in den 1930er Jahren1
Mamed Džafarli
In den 1920er Jahren bestand die Strategie des ZKs der Kommunistischen Partei
Aserbaidschans, die deutschstämmige Bevölkerung des Landes von der Notwendigkeit des Kommunismus zu überzeugen, noch darin, mithilfe der deutschen
Sektion propagandistisch auf die Kolonisten einzuwirken. In den dreißiger Jahren lässt sich dagegen beobachten, wie die sowjetischen Organe sukzessive zu repressiven Methoden übergingen – ein Zeichen ihrer Hilflosigkeit angesichts des
Scheiterns der Strategie der ideologischen „Bearbeitung“. In dieser Zeit führten
die Bolschewiki die Sowjetisierung vor Ort mit Hilfe der Sicherheitsorgane der
GPU und später des NKVD durch. Der vorliegende Aufsatz soll, auf Grundlage
gesichteter Direktiven aus den Archiven des Ministeriums für Nationale Sicherheit (Milli Tǝhlükəsizlik Nazirliyi) der Republik Aserbaidschan (MTNA), einen
Überblick über die Aktivitäten der für Verhaftungen, Verschleppungen und
Morde verantwortlichen deutschen Abteilung der Sicherheitsorgane geben. Dazu
wird zunächst auf Art und Umfang der gesichteten Dokumente eingegangen.
Anschließend soll ein kurzer Überblick über die Organisation und die Aktionen
von GPU und NKVD in Aserbaidschan gegeben werden. Abschließend werden
einzelne von den Sicherheitsorganen „bearbeitete“ Fälle näher betrachtet.
Die Frage nach dem Umgang mit der deutschen Minderheit Aserbaidschans
taucht in verschiedenen Schriftstücken auf, wobei zwei Dokumententypen besonders häufig vertreten sind. Zum einen gab es umfangreiche Materialsammlungen zu einzelnen deutschen Siedlungen. Dort wurden Daten über ihre Bevölkerung zusammengeführt, verschiedene vermeintlich „antisowjetische Gruppierungen“ benannt sowie die „aktivsten Konterrevolutionäre“ aufgelistet. In solchen Bänden befinden sich auch Richtlinien aus Moskau, die die Notwendigkeit
einer verstärkten Arbeit unter den Deutschen betonen und Vorgehensweisen aufzeigen, sowie Direktiven der Zentrale über die Besonderheiten der Arbeit mit der
deutschen Bevölkerung.
Zudem existieren konkrete Strafsachen gegen Einzelpersonen. Tatsächlich ist es
die am häufigsten vorzufindende Dokumentengruppe. Während der Recherche
und Analyse der Dokumente traten zahlreiche Probleme auf. Dies hängt damit
zusammen, dass sich alle Strafakten in einem einzigen Aktenbestand befinden –
1
Der Beitrag basiert auf den Forschungen des Autors zu seinem Buch: Političeskij terror i
sud’by azerbajdžanskich nemcev, Baku 1998 (2003 auf Deutsch unter dem Titel erschienen: Politischer Terror und das Schicksal der aserbaidschanischen Deutschen).
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MAMED DSCHAFARLI
mit zehntausenden politisch Verfolgten darin. Eine alphabetisch geordnete Kartothek wiederum wurde in den dreißiger Jahren nur unvollständig zusammengestellt. Daher mussten aus den Akten akribisch mehrere Einzelfälle recherchiert
werden. Für mein im November 1998 veröffentlichtes Buch Političeskij terror i
sud’by azerbajdžanskich nemcev (Politischer Terror und das Schicksal der aserbaidschanischen Deutschen, vgl. Fußnote 1) konnte ich bereits 90 Strafsachen bearbeiten, mit denen sich das Schicksal von mehr als 500 Menschen rekonstruieren
ließ. Die Anzahl der aufgedeckten Fälle hat sich seitdem fast verdoppelt. Die
Strafverfahren wurden zwar offiziell mit einem Haftbefehl eröffnet, die Sicherheitsorgane konnten die Menschen aber auch einfach aus ihren Häusern verschleppen und erst danach die Arrestorder ausfüllen. In vielen Fällen finden sich
Beschreibungen von Hausdurchsuchungen und der Beschlagnahmung von persönlichen Gegenständen, hauptsächlich Personalausweise, Mitgliedsbescheinigungen der Gewerkschaften, aber auch Briefe, Fotos, religiöse Literatur, Tagebücher, Uhren, Schuldverschreibungen und Geld. Nach der Beschreibung der Requisition findet sich in den durchgesehen Dokumenten ein persönlicher Fragebogen des jeweiligen Festgenommenen sowie Hinweise des Dorfsowjets zu den Familienangehörigen. Den größten Raum in den Akten nehmen jedoch die Befragungsprotokolle der Inhaftierten und der Zeugen ein.
Schließlich existieren in den Beständen zahlreiche Anfragen von Verwandten
aus den deutschen Siedlungen vor 1941, in denen darum gebeten wird, den Aufenthaltsort von Festgenommenen zu erfahren. Die überwiegende Mehrzahl dieser Anfragen wurde jedoch erst nach dem Ende der Stalin-Ära, insbesondere in
der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre, verfasst, als es schon keine Deutschen in
Aserbaidschan mehr gab. Diese Eingaben stammen von Deportierten aus verschiedenen Regionen Sibiriens und Zentralasiens, die sich nach dem Tode Stalins endlich Informationen über den Verbleib ihrer Verwandten erhofften. In
den Akten wurden diese Anfragen gleich nach den Hinweisen über die Erschießungen der Inhaftierten in den dreißiger Jahren einsortiert.
Organisation und Tätigkeitsbereiche der deutschen Abteilung
der Sicherheitsorgane
Noch in den 1920er Jahren waren die mit der Überwachung der deutschstämmigen Bevölkerung der Sowjetunion beauftragten Mitarbeiter in der für Ausländer
zuständigen Abteilung der GPU organisiert. In den dreißiger Jahren wurde die
Beobachtung der Deutschen aus dieser Abteilung herausgelöst. Mit ihnen beschäftigte sich ab jetzt eine Sonderabteilung, die ausschließlich für die deutschen
Niederlassungen, Deutschstämmige, deutsche Staatsbürger sowie die diplomatische Vertretung des Deutschen Reiches in Tiflis zuständig war (das deutsche
Konsulat in Baku war bereits 1926 geschlossen worden).
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DER TERROR GEGEN DIE DEUTSCHEN BEWOHNER ASERBAIDSCHANS
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Mit der aktiven Arbeit gegen die im zunehmenden Maße als Problem wahrgenommene deutsche Minderheit wurde die GPU Ende 1933 betraut. Die bisherige
Politik des Versuchs der politischen Indoktrination wurde als wenig erfolgreich aufgegeben. Im Rechenschaftsbericht des NKVD für die Aserbaidschanische Sozialistische Sowjetrepublik (AzSSR) von 1935 heißt es dazu selbstkritisch: „Unsere konterrevolutionäre Arbeit in den deutschen Kolonien war schwach. Wir haben bis Ende
1933 keine ernsthafte Arbeit in den Kolonien betrieben.“2 Auf Grundlage von Direktiven aus Moskau wurde von der aserbaidschanischen Sektion der GPU nunmehr monatlich, manchmal auch nur quartalsweise, das Geheimdokument „Freies
Memorandum über die deutsche Arbeit der aserbaidschanischen GPU“ (Svobodnyj
memorandum po nemeckoj linii AzGPU) vorbereitet. Die historische Bedeutung
dieser nach Moskau zurückgesandten Rechenschaftsberichte besteht darin, dass sich
mit ihrer Hilfe die politische Situation in den deutschen Siedlungen Kaukasiens aus
Sichtweise der sowjetischen Behörden nachvollziehen lässt. Außerdem werden hierin die Methoden der Sicherheitsorgane, ebenso wie die Haltung der Sowjetmacht
zu bestimmten Ereignissen und Entwicklungen unter der deutschen Bevölkerung
ausführlich beschrieben. In den Memoranda sind auch manche Parteidokumente
überliefert, die im Archiv des MTNA nicht zu finden sind.
Von 1933-1934 wurde die Arbeit der deutschen Abteilung der GPU in konkrete Themenfelder aufgeteilt, über die Moskau vierteljährlich ausführlich berichtet
wurde:
– „Das Generalkonsulat in Tiflis und die Beziehungen zu den Deutschen in der
AzSSR“
– „Die deutsche Jugend und Emigrationsbestrebungen“
– „Personen, die ihre Ausbildung in Deutschland erhalten haben“
– „Die protestantische Geistlichkeit“
– „Die Deutschen Bakus“
– „Deutsche Staatsbürger im Land“
– „Die türkische Intelligenz Aserbaidschans mit deutscher Ausbildung“
– „Die Geheimdienstresidentur in der Kolonie Helenendorf“
Im Folgenden sollen auf Basis dieser Einteilung der GPU konkrete Operationen
der Sicherheitsorgane gegen die deutsche Minderheit dargestellt werden.
„Das Generalkonsulat in Tiflis und die Beziehungen zu den
Deutschen in der AzSSR“
1933 wurde an der Grenze zum Iran und der Türkei eine Operation durchgeführt,
die der „Bericht der AzGPU über die Lage der Deutschen zum Stand vom
2
Archiv des Ministeriums für Nationale Sicherheit der Republik Aserbaidschan (MTNA),
INV Nr. 665, s. 2.
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MAMED DSCHAFARLI
20.11.33“ (Doklad AzGPU o sostojanii po nemeckoj linii na 20.11.33 g.) als „Säuberung der Grenze“ bezeichnete. In diesem Zusammenhang fielen auch Deutsche
aus den Siedlungen und aus Baku Repressionen zum Opfer. Dem Bericht zufolge
wurden allein im März des Jahres 38 Deutsche wegen „Spionage und antisowjetischer Tätigkeit“ festgenommen, davon 16 Personen aus Baku und 22 aus den Siedlungen. Nach ihrem Verhör wurden 19 der Festgenommen verurteilt, die restlichen Personen jedoch aus Mangel an Beweisen freigesprochen.3 Die Verurteilten
waren Vertreter der deutschen Intelligenz, die laut Memorandum „nationalistische
Ideen propagierten und verdächtigt wurden, Beziehungen zum deutschen Konsulat in Tiflis und deutschen Organisationen zu unterhalten.“4 Das deutsche Generalkonsulat in Tiflis stand auch in den folgenden Jahren im Visier der GPU. 1934
sollten auf künstlichem Wege Kontakte zwischen einzelnen Kolonisten und dem
Konsulat hergestellt werden, um diese dann als Beweise für vermeintliche subversive Tätigkeiten unter den Deutschen heranzuziehen. In einem der Rechenschaftsberichte von 1934 wird die Operation folgendermaßen beschrieben:
„Durch unsere Mitarbeiter haben wir insgeheim den Kolonisten Gebel’ Rejchard gezwungen, zwei Briefe an die ‚Union der Deutschen im Ausland‘ (Sojuz nemcev za granicej) zu schreiben. Für den Versand dieser Dokumente wurde auch verdeckt die Bewohnerin der Kolonie Helenendorf Kifus Roza (Rosa Kühfuss – Anm. Hg.) verwendet,
die durch das Konsulat ihrem Bruder in Deutschland – dem Emigranten Wilhelm Kifus
– Abstammungsurkunden übersenden wollte.“5
Der deutsche Konsul in Tiflis, Carl Dienstman, übergab Roza Kifus 2.000 Rubel,
als diese sich im Konsulat befand. Das Geld sollte der Hungerhilfe zu Gunsten
der gerade aus den Wolgagebieten übergesiedelten Deutschen dienen. Bei ihrer
späteren Verhaftung wurde der Kontakt und die Geldübergabe dann gegen die
Kolonisten Rejchard und Kifus verwendet. Roza Kifus wurde 1937 inhaftiert und
zu acht Jahren Freiheitsentzug verurteilt. Unter den Anklagepunkten fand sich
auch ihr Kontakt zum Konsulat im Jahre 1934. Die Mitarbeiter des NKVD, welche den Fall untersuchten, verschwiegen dabei, dass eben diese Reise nach Tiflis
von der GPU selbst provoziert worden war. In den Geheimdienstmaterialien
wurde Konsul Carl Dienstman (1885-1962) als Person geführt, die von den Kolonisten „Informationen über die Lage in den Kolonien“ erhielt, was als Spionage gewertet wurde. Die gesamte Operation erhielt in den internen Dokumenten
den Codenamen „Diplomaten“.6
Eine andere Operation mit der Bezeichnung „Mittler“ hatte Ebenfalls die Diskreditierung des Tifliser Konsulats und der kaukasischen Kolonistengemeinde zum
Ziel. Im Jahre 1921 reiste der Helenendorfer Ėmil Ioganovič Fotteler (Votteler)7
3
4
5
6
7
MTNA, INV Nr. 652, s. 9.
Ebd.
Ebd., s. 12.
Ebd.
Ėmil Fotteler studierte in Karlsruhe Elektrotechnik und heiratete in Deutschland Meta
Barth aus Tiflis, die in Freiburg, Tübingen und Berlin Zahnmedizin studierte. Beide hatten
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DER TERROR GEGEN DIE DEUTSCHEN BEWOHNER ASERBAIDSCHANS
141
Abb. 29: Ausreisende Studierende aus Helenendorf (1920)
nach Deutschland, um dort eine Lehre zu beginnen. Nach dem erfolgreichen Abschluss blieb er zum Arbeiten im Land und nahm die deutsche Staatsbürgerschaft
an. Seine Mutter Elena Fotteler (Lena Votteler) geriet 1933 ins Visier der Geheimdienste, weil sie den Kontakt zu ihrem Sohn weiter pflegte. Man beschuldigte sie, mithilfe der deutschen Bürgerin Bard (Barth), die in Tiflis lebte, eine „illegale Verbindung“ über das dortige Generalkonsulat aufrechtzuerhalten. Elena
Fotteler nutzte die Verbindung zu ihrem Sohn, um auch anderen Helenendorfern
in Deutschland Unterstützung zu leisten, zum Beispiel indem sie Dokumente
schickte, die für die Erlangung der deutschen Staatsbürgerschaft nötig waren. Im
Jahr 1937 wurde sie verhaftet und als „Spionin des deutschen Geheimdienstes“
zum Tode durch Erschießen verurteilt. In den Jahren 1933-1934 wurden weitere
Aktionen mit den Namen „Informanten“, „Družag“ und „Flüchtlinge“ mit ähnlichen Vorwürfen zur Anklage gebracht. Die übergroße Mehrheit der Verdächtigen
wurde 1937-1938 erschossen oder zu langen Haftstrafen verurteilt.
„Die deutsche Jugend und Emigrationsbestrebungen“
Auch die Ausreisebestrebungen junger Kolonisten standen im Fokus von GPU
und NKVD. Ein solcher Fall wurde 1931 mit dem Titel „Die Sucher“ angelegt. In
den Materialien wurden die verschiedenen Arten des illegalen Grenzübertritts
deutscher Kolonisten und ihre Kontakte in Deutschland und Aserbaidschan gesammelt. In den Akten wird auch über den wachsenden Auswanderungswunsch
innerhalb der deutschen Jugend berichtet. Im Jahr 1934 wurden 34 junge Kolonisten namentlich festgestellt, denen die Emigration aus der UdSSR gelungen
war. Um dies in Zukunft zu unterbinden, wurden nunmehr Listen junger deutscher Kolonisten erstellt, die nach Geheimdienstinformationen Bereitschaft zeigsich über den ehemaligen Helenendorfer Arzt Dr. Wilhelm Kühfuß kennen gelernt. Nach
Warnungen aus Helenendorf waren sie nicht nach Kaukasien zurückgekehrt, die Mutter
bezahlte dies im Nov. 1938 mit dem Tode. – Anm. d. Hg. nach Informationen der Tochter von E. Votteler, Gisela Rasper.
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MAMED DSCHAFARLI
ten, aus der Sowjetunion auszuwandern. Die Sicherheitsorgane versuchten auch,
den Grund für diese Unzufriedenheit herauszufinden. Diesen erkannten sie in den
inhumanen Bedingungen der kollektiven Arbeit, die von den heimgekehrten Kolonisten als „Sklavenarbeit“ bezeichnet wurde.8 Unter ihnen war auch Fric Gummel’ (Fritz Hummel), der 1930 verhaftet wurde. Über seine persönlichen Fluchtmotive äußerte sich Gummel bei der Vernehmung wie folgt: „Ich war fest entschlossen, mittels der Flucht der Zwangsarbeit zu entgehen. Sollte dies nicht gelingen, bin ich eher bereit ein Jahr im Gefängnis zu verbringen, als Zwangsarbeit zu
verrichten.“9 In seiner Akte wurde dazu vermerkt: „Gummel Fric wird beobachtet.
Wenn er versucht zu fliehen, wird er festgenommen.“10 Durch seinen Sohn konnte der Autor erfahren, dass Fric Gummel schließlich tatsächlich die Flucht gelang –
er überquerte die Grenze zum Iran und konnte nach Deutschland fliehen.
Ein weiter Fall mit der Bezeichnung „Sanftmut“ befasste sich mit den Auswanderungsabsichten junger Deutscher. Hier wurden Bewohner der Siedlung Annenfeld observiert und praktisch alle Beobachteten in den Jahren 1937 bis 1938 festgenommen.
„Personen, die eine Ausbildung in Deutschland erhielten“
In den Materialien zur Operation „Konservative“ finden sich vor allem Hinweise
auf Aktivitäten von Deutschen, die im Deutschen Reich studiert hatten und anschließend in die AzSSR zurückkehrt waren, um in den Kolonien, in Baku oder
Kirovabad, dem heutigen Gǝncǝ, zu arbeiten. Insgesamt wurden 22 Personen observiert. Laut GPU ging von dieser Gruppe für die Allgemeinheit eine besondere
Gefahr aus: „Die deutsche Intelligenz, welche ihre Ausbildung in Deutschland
erhielt, spielt eine sehr wichtige Rolle bei der Propagierung der nationalistischen
und deutschen Ideologie unter den deutschen Bauern Südkaukasiens.“11
„Die protestantische Geistlichkeit“
Dieses Sachgebiet wurde 1931 aus der Abteilung der GPU zum Kampf gegen „religiösen Vorurteile“ herausgelöst, wo bereits in den 1920er Jahren Materialien
gegen die islamische Geistlichkeit gesammelt wurden. Mit Beginn der Ausgliederung wurden fünf Pfarrer unter Beobachtung gestellt, die in Baku und Umgebung arbeiteten. Gleichzeitig begann die GPU damit, „kompromittierende Materialien“ gegen sie zu sammeln. Aus diesen und anderen Geheimdienstberichten
lässt sich eine gewisse Furcht vor dem Einfluss der Geistlichen auf die Gemein8
9
10
11
Ebd., s. 16.
Ebd.
Ebd.
Ebd., s. 20.
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DER TERROR GEGEN DIE DEUTSCHEN BEWOHNER ASERBAIDSCHANS
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Abb. 30: Letzte Kommunion 1936 (?) in Baku
den ablesen: „Der Pfarrer der lutherischen Gemeinde von Baku, Gamberg Paul’,
1929 nach Baku gekommen, ist unter den Gottesdienstbesuchern populär. In letzter Zeit hat er daran gearbeitet, die Gemeinde zu aktivieren.“12 Laut den Informationen der GPU waren in der Bakuer Gemeinde über 1.757 Personen registriert. Im
Jahre 1937 wurde Gamberg als „Mitglied einer Geheimdienstorganisation, die unter dem Deckmantel einer lutherischen Gemeinde operierte“ erschossen.13
Otto Vencel’ (Wenzel), Pfarrer der Gemeinde in Helenendorf, wurde erstmals
1930 verhaftet. Allerdings wurde er unter der Bedingung entlassen, dass er in der
Siedlung prosowjetische Arbeit durchführt. Vencel’ war bis 1936, als er gezwungen
wurde, Helenendorf zu verlassen, systematischen Verhören unterworfen. Er galt in
der Gemeinde als eine Person mit hoher Autorität. Nach seiner Übersiedlung nach
Baku, wo er als Deutschdozent an der Staatlichen Universität arbeitete, wurde er
umfangreich von der zuständigen Abteilung des NKVD beobachtet. Der Pfarrer
von Georgsfeld, Teodor Feller, wurde in den Akten der GPU ebenfalls als eine Person charakterisiert, die „Einfluss unter den Kolonisten besitzt und eine Glaubensmacht geformt hat.“14 Ähnliche Materialien wurden seit 1931 auch über den Pfarrer von Annenfeld, Ėmil’ Rejsch (Reusch), den Grünfelder Pfarrer Vil’gel’m Cimmer (Wilhelm Zimmer) und seinen Kollegen Robert Sept gesammelt. Die Dokumente von GPU und NKVD zeigen, dass 1930 und 1931 hochangesehene lutheri12
13
14
Ebd., s. 21.
Džafarli: Političeskij terror, Baku 1998, S. 194.
MTNA, INV Nr. 652, s. 21.
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MAMED DSCHAFARLI
sche Geistliche in der AzSSR gezielt verhaftet wurden. Sie blieben mehrere Monate in Gewahrsam, wo mit ihnen „prophylaktische Gespräche“ geführt wurden.
1935-1937 fielen sie alle dem Terror des NKVD zum Opfer. Der letzte von ihnen
war Otto Vencel’, er wurde 1941 erschossen.15 Nach 1937 galt die „Bearbeitung“
protestantischer Geistlicher für den NKVD als beendet.
„Deutsche in Baku“
Für die GPU stellten die „Arbeiterviertel in den Außenbezirken von Baku mit ihren Deutschen aus dem Baltikum, aus Regionen der RSFSR und ehemaligen
deutschen Staatsangehörigen“16 besondere Gefahrengebiete dar. Die GPU stellte
zunächst systematisch Listen mit Deutschen auf, die in den Industriebetrieben
Bakus arbeiteten. In den Notizen vom Juni 1934 heißt es: „Wir haben uns die
Aufgabe gestellt, alle Deutschen in den Fabriken Bakus zu erfassen und unter ihnen energisch tätig zu werden.“17 Im gleichen Jahr begann die Observation von
1.000 Familien. Ende 1934 wurde von den Mitarbeitern der GPU eine Analyse
der sozialen Zusammensetzung der deutschen Bevölkerung Bakus vorgenommen: „Die meisten neu angekommenen Deutschen arbeiten als Hilfsarbeiter.
Deutsche, die intellektuelle Arbeit in den Schulen, in Krankenhäusern sowie als
Ingenieure verrichten, sind autochthone Einwohner Bakus und stellen unter der
deutschen Bevölkerung eine insgesamt geringe Zahl dar.“18 In den Berichten der
GPU wurde in den Jahren 1932–1934 eine besondere Zunahme der deutschen
Bevölkerung in und um Baku festgestellt.
„Deutsche Staatsbürger“
Das Sachgebiet „deutsche Staatsangehörige“ der Sicherheitsorgane führte 1934
insgesamt nur 24 Besitzer eines deutschen Passes in der AzSSR. Allein 19 Personen lebten davon in Baku und arbeiteten hier in den Bereichen Öl, Eisenbahnwesen, Nahrungsmittelproduktion und in Kooperativen, im Gesundheits- und
Bildungsministerium sowie als Hausangestellte.19 Die restlichen fünf Personen
lebten in Kirovabad und den Kolonien und arbeiteten in der lokalen Verwaltung. Die Menschen, die diesem Personenkreis zugerechnet wurden, hatten
meist schon vor der sowjetischen Eroberung Aserbaidschans in dem Land gelebt
und die deutsche Staatsbürgerschaft in den Jahren 1920-1923 angenommen. In
der vorsowjetischen Zeit waren viele von ihnen Eigentümer von Land oder Betrieben in Baku, Tiflis sowie den deutschen Siedlungen Südkaukasiens gewesen.
15
16
17
18
19
MTNA, PS 8843.
MTNA, INV Nr. 652, s. 26.
MTNA, INV Nr. 674, s. 1.
MTNA, INV Nr. 652, s. 26.
Ebd., s. 27.
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DER TERROR GEGEN DIE DEUTSCHEN BEWOHNER ASERBAIDSCHANS
145
Vielen gelang bis Mitte der 1930er Jahre die Emigration nach Deutschland, die
Zurückgebliebenen fielen in den Jahren 1935-37 Repressalien zum Opfer.
Ein weiteres „Objekt“ der Überwachung deutscher Staatsbürger durch die
GPU waren 20 im November 1932 in Baku angekommene deutsche Matrosen.
Sie hatten auf ausländischen Schiffen, die in verschiedenen sowjetischen Häfen
vor Anker lagen, gestreikt und sich entschlossen, in der Sowjetunion zu bleiben.
Allerdings änderte sich ihre Wahrnehmung der sowjetischen Wirklichkeit bereits
nach weniger als einem Jahr Aufenthalt in Baku drastisch. In den Dokumenten
der GPU ist dazu zu lesen: „Nach einem kurzem Aufenthalt der deutschen Seeleute in Baku wurde unter ihnen Unzufriedenheit mit ihrer materiellen Lage laut.
Sie äußerten den Wunsch, nach Deutschland zurückkehren.“20 Weiter ist in den
Dokumenten zu lesen, dass sie mit der Zeit eine offen antisowjetische Haltung
entwickelt und begonnen hätten, mit Hilfe des deutschen Konsulats nach
Deutschland heimzukehren. Sechs der Matrosen nahmen jedoch die sowjetische
Staatsbürgerschaft an und wurden in die Reihen der Aserbaidschanischen Kommunistischen Partei aufgenommen. Sie bekamen zudem Arbeitsplätze in Fabriken, wurden jedoch weiter beobachtet. In der Folgezeit fielen einige von ihnen
erneut unter den Verdacht, „antisowjetisch zu denken“, und wurden Opfer von
Repressionen.
„Die türkische Intelligenz Aserbaidschans mit deutscher Ausbildung“
Die Beobachtung des Teils der türkischen Intelligenz Aserbaidschans, der eine
Ausbildung in Deutschland erhalten hatte, umfasste unter dem Codenamen „Orientalisten“ insgesamt 37 Personen. Alle waren in den 20er Jahren zum Studium
nach Deutschland gegangen. Nach ihrer Rückkehr in die Heimat pflegten sie weiterhin ihre Kontakte nach Deutschland, manche freundeten sich auch mit Deutschen in Aserbaidschan an. Viele von ihnen, die in verschiedenen Wirtschaftsbereichen arbeiteten und zur allgemeinen ökonomischen Entwicklung beitrugen,
waren seit Mitte der 1930er Jahre als „Spione Deutschlands“ und „Sowjetgegner“
Zwangsmaßnahmen unterworfen.
Rekonstruierte Einzelschicksale
Im letzten Abschnitt sollen einige der aus den Akten rekonstruierbaren Einzelschicksale vorgestellt werden, um die Folgen von Beobachtung, Verfolgung und
Repression für Opfer und Angehörige nachvollziehbar zu machen. Im Jahre 1935
wurde von der dritten Abteilung der Leitung der Staatssicherheit des Inlandsgeheimdienstes (UGB NKVD) der AzSSR die Operation „Bucheinband“ eingeleitet.
20
Ebd., s. 30.
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MAMED DSCHAFARLI
In den Unterlagen heißt es dazu: „Es wurde eine Gruppe von Deutschen aus dem
Baltikum aufgedeckt. Sie sind untereinander verwandt, haben Kontakte zu ausländischen Unternehmen und arbeiten auch für sie.“21 Die Baltendeutschen unterhielten enge Beziehungen zum Generalkonsulat in Tiflis, um in den Besitz einer
Staatsbürgerschaft Estlands oder des Deutschen Reiches zu gelangen, aber auch
um den Kontakt zu Verwandten im Ausland aufrechtzuerhalten. Die meisten von
ihnen waren noch vor der Sowjetisierung Aserbaidschans nach Baku übergesiedelt.
Viele hatten eine Hochschulbildung und arbeiteten als hochqualifizierte Fachkräfte in verschiedenen Unternehmen, Schulen und medizinischen Einrichtungen Bakus. Fridrich Rikgof (Friedrich Rickhof) war einer von ihnen. Er wurde in Livland
geboren, lebte seit 1917 in Baku und arbeitete dort als Dozent für Chemie und
Mathematik am Maritimen Technikum. Später arbeitete er als Repräsentant der
Gesellschaft Rustranzit im iranischen Pehlevi. Die Tschekisten charakterisierten ihr
späteres Opfer als einen Menschen „mit einer hohen Allgemeinbildung und
Kenntnissen in Geschichte, Chemie, Mathematik, Navigation, Schiffsbau usw.
Seine Freizeitbeschäftigungen sind Philatelie und Photographie. Führt einen extensiven Briefwechsel mit Briefmarkensammlern anderer Länder.“ Ein weiterer Baltendeutscher namens Fridrich Pleger wurde als „alter Bakuer und führender Fachmann des Unternehmens Konkordija“ beobachtet. Diese Gruppe war für die Sicherheitsorgane von besonderer Bedeutung, denn sie unterhielt „Kontakte zu wissenschaftlichen Mitarbeitern und dem technisch-ingenieurwissenschaftlichen Personal“ Bakus. Mit ihrer vermeintlich „besonderen Zugeknöpftheit und äußersten
Vorsicht im Gespräch“22 hoben sie sich für die Mitarbeiter des NKWD zudem zusätzlich von den anderen Deutschen ab. Die im Fall „Bucheinband“ Observierten
wurden von August bis Dezember des Jahres 1937 verhaftet. Die meisten von ihnen wurden als angebliche Spione 1938 erschossen. Im gleichen Jahr wurden auch
Aserbaidschaner Opfer von Repressionen, die als Dozenten und Professoren des
Landwirtschaftlichen Instituts in Kirovabad Kontakte zu Deutschen hatten. Ihnen
wurde antisowjetisches Verhalten und Landesverrat vorgeworfen.
Die Zeit des Großen Terrors bedeutete auch für den NKVD der Aserbaidschanischen Sowjetrepublik einen Anstieg der politischen Verfolgungen und Verhaftungen. Bezüglich der Repressionen gegenüber der deutschen Minderheit des Landes sticht das Jahr 1937 besonders hervor. Im Oktober des Jahres eröffnete der
NKVD den Fall „Deutsche Spionagetätigkeit im Rayon von Şamxor“. Ėdmund
Ljuft (Luft), ein Lehrer der Kolchose Georgsfeld, wurde daraufhin verhaftet. Im
Zuge des Verhörs wurde Ljuft gezwungen, sich der Anklage schuldig zu bekennen,
er wäre vom deutschen Geheimdienst angeworben worden, um einen Aufstand der
Deutschen von Georgsfeld und Annenfeld im Rayon Şamxor anzustiften. Ljuft
nannte dabei acht Namen von Siedlern, die bereits früher unter Beobachtung des
NKVD standen. Im November 1937 wurden sie verhaftet. Im Rechenschaftsbe21
22
Ebd., s. 3.
Ebd., s. 5.
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richt des NKVD ist in diesem Zusammenhang von der „Liquidation einer antisowjetischen Gruppierung“ zu lesen. Ljuft selbst wurde freigelassen und nach Baku in
eine Behörde geschickt, um dort zu arbeiten.23 Hier knüpfte er Freundschaften mit
Studenten, die aus den deutschen Siedlungen stammten und in den Hochschulen
der Stadt studierten. Als Folge dieser Kontakte leitete der NKVD, der Ljuft weiter
beobachtete, umgehend eine neue Untersuchung ein: die Liquidation einer angeblichen antisowjetischen Organisation deutscher Studenten.
Im Oktober des Jahres beendete der NKVD in Kirovabad den Fall „Die Preußen“. Im Memorandum nach Moskau heißt es: „Durch unsere Abteilung wurde
eine aufständisch-subversive Gruppe von Deutschen aufgedeckt, flüchtige ehemalige Kulaken aus Povolž’je [Wolgagebiet], die zu verschiedenen Zeitpunkten
nach Aserbaidschan kamen und in Kirovabad sesshaft wurden.“24 In den Dokumenten wurden Namen der Bewohner des Dorfes Štal’ im Rayon Kukkus genannt, die 1929 nach Kirovabad gekommen waren. Aus ihren Biographien kann
man erkennen, dass sie alle „Kulaken“ waren, die Eltern einiger wurden noch
Ende der 1920er Jahre erschossen. Im Rechenschaftsbericht des NKVD heißt es:
„Diese konterrevolutionäre Gruppe hat sich 1935 auf der Basis gemeinsamer politischer Überzeugungen formiert.“25 Ein ehemaliger Bewohner Helenendorfs,
German Koejn (Herrmann Köhn), habe, als er nach Kirovabad übersiedelte, die
Stimmung der aus der RSFSR Kommenden ausgenutzt und „diese flüchtigen Kulaken zu einer antisowjetischen Gruppe geformt“, so der Bericht. Im September
1937 wurden die Observierten verhaftet und verurteilt. Die Brüder Michail und
Kondrat Lindergrin (Michael und Konrad Lindergrün) wurden erschossen, ebenso Iochan Klejn (Johann Klein). Die restlichen Angeklagten mussten acht bis
zehn Jahre Freiheitsentzug verbüßen. Ebenfalls 1937 begann der NKVD mit Ermittlungen im Fall „Trotzkistische Emigrantengruppe“, wovon auch Deutschstämmige betroffen waren. Die Ermittlungen waren Teil eines anderen Falls, in
dem gegen vermeintliche „georgische und aserbaidschanische Trotzkisten“ vorgegangen wurde. Beschuldigt wurden hierbei dutzende von Universitätsmitarbeitern der beiden Sowjetrepubliken. Einer der Anklagepunkte bestand in der Verbindung dieser Personen zu Deutschen. Der Fall wurde 1938 abgeschlossen, die
Deutschen als Agenten ausländischer Mächte und die Aserbaidschaner und Georgier als Vaterlandsverräter diffamiert.26
Im Terrorjahr 1937 wurden noch dutzende anderer Fälle eröffnet. Abschließend soll an dieser Stelle nur noch eine Aktion des NKVD geschildert werden.
Die Observation der deutschen Siedler in der Operation „Odessa“ begann noch
in den 1920er Jahren in der heutigen Ukraine. Da die Mehrheit der Zielpersonen
Anfang der dreißiger Jahre aus Odessa in die AzSSR übersiedelte, wurde der Fall
23
24
25
26
Ebd., s. 7.
Ebd., s. 13.
Ebd., s. 14.
MTNA, INV Nr. 679, s. 24.
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MAMED DSCHAFARLI
vom aserbaidschanischen NKVD weitergeführt.27 Ende 1937 wurden viele von
ihnen verhaftet. Für die „gute Zusammenarbeit“ mit der für die Oblast Odessa
zuständigen Abteilung des NKVD „revanchierten“ sich die aserbaidschanischen
Tschekisten, indem sie ihnen Listen von Angehörigen von Zielpersonen schickten, die in und um Odessa lebten. In den Archiven ließ sich die russische Übersetzung eines Briefes eines der Opfer, des deutschen Lehrers Ėmanuil Petrovič
Remich, (Emmanuel Remich) finden. Er wurde in der Siedlung Worms in der
heutigen Ukraine geboren. Nach seiner Übersiedlung aus Odessa 1932 lebte er
im aserbaidschanischen Georgsfeld. 1933 schickte er über einen Siedler als Mittelsmann einen Brief zu seinem Bruder, der als Pastor im sächsischen Frankenthal lebte. Das Schreiben wurde vom NKVD beschlagnahmt und als Beweismittel im Fall „Odessa“ verwendet. 80 Jahre danach lohnt es sich, den Brief in der
deutschen Rückübersetzung erneut zu lesen. Die hier beschriebenen Geschehnisse können als exemplarisch für das Schicksal tausender deutschstämmiger Sowjetbürger bezeichnet werden:
„Lieber Heinrich. Das Leben in Worms ist für mich wegen des Aufstandes von 1919
unmöglich geworden. Unsere heimische Kolonie wurde bis zur Unkenntlichkeit verunstaltet. Von den 2.400 Bewohnern blieben 1.600. In den letzten Jahren wurden 80 Familien nach Sibirien geschickt, die Mehrheit von ihnen ist tot. Auf den Straßen gehen bis
zur Unkenntlichkeit abgemagerte Menschen. Die Totgeweihten wurden in Schubkarren
zum Friedhof gefahren, da die noch Lebenden keine Kraft mehr hatten, diese zum
Friedhof zu tragen, Pferde aber nicht gegeben wurden. Manche der Armen mussten
selbst den Weg zum Friedhof gehen, in Erwartung des nahenden Todes. Zum Beispiel
kann ich dir berichten, dass Jakov Mauch Martinovič verfaulte Tiere aß und eines Tages
tot aufgefunden wurde, neben den Sandfelsen, in der Hand ein Stück Kadaver. Seine
Kinder konnten ihn nicht auf dem Friedhof beerdigen, mussten ihn unter dem Sand
vergraben. Hunde und Katzen waren ein Festmahl, deshalb findet man heute in der Ukraine keine Hunde. Unbeschreibliches haben Menschen erlebt, worüber ich dir vielleicht bei einem Treffen erzählen werde. Die Häuser unserer Bauern sind zu 50 Prozent
zerstört. Die Häuser haben keine Dächer mehr, keine Fenster und Türen, bei den nach
Sibirien Verbannten haben sie die Häuser einfach abgerissen, um einen sozialistischen
Pferdestall zu bauen. Dieser Stall steht jetzt leer, da es kein Vieh mehr gibt. Das Vieh
wurde im Zusammenhang mit der Kollektivierung vernichtet. In unserer Kolonie gab es
vor dem imperialistischen Krieg [Anm. des Übersetzers: gemeint ist der Erste Weltkrieg]
3.000 Pferde, jetzt gibt es nur noch 140, von den 2.000 Kühen blieben nur 5, von den
restlichen Tieren wie den Schafen und Schweinen usw. ganz zu schweigen. Die Straßen
und Höfe sind mit Gras dermaßen zugewachsen, dass kaum noch Licht in die Zimmer
dringt. Die obere Kolonie ist ein dichter Urwald geworden. Im Südkaukasus ist das Leben nicht besser als im Nordkaukasus, in der Ukraine oder im Wolgagebiet. Aber die
Sowjetmacht ist auch hier erstarkt und spürt festen Boden unter den Füßen. Die Bauern
werden aus ihren Häusern vertrieben, sie werden gezwungen in der Stadt zu siedeln. Der
Terror ist dermaßen stark, dass die Menschen Angst haben, über ihre Probleme zu re-
27
MTNA, INV Nr. 670, s. 53.
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den. Bei den Treffen hört man nur Glückwünsche. Bei Abstimmungen fragen sie, wer
dagegen sei. Wenn sich solch einer findet, wird er sofort zum Verhör mitgenommen.“28
Ėmanuil Petrovič Remich wurde 1937 mit seiner Ehefrau und den Verwandten
festgenommen, die in der Siedlung Annenfeld lebten.
Man kann nicht abschließend sagen, wie viele Angehörige unterschiedlicher
Volksgruppen genau in Lager oder in Gefängnisse geschickt oder erschossen wurden. Seit Jahren wird vom Autor und anderen nach den Opfern geforscht. Einer
der Hauptgründe für die Schwierigkeiten bei der Recherche ist das oben bereits
beschriebene fehlende Ordnungssystem der Kartothek der Opfer. Die Suche
nach den Betroffenen wird in verschiedenen Archiven epochenweise durchgeführt, angefangen mit dem Jahr der Eroberung Aserbaidschans durch die Bolschewiki 1920. Die Repressionen erreichten in den Jahren 1937-1938 ihren Höhepunkt. Wenn man sich das Ausmaß des damaligen Großen Terrors vergegenwärtigen will, reicht es, die „Arbeit“ nur eines Tages zu betrachten, die von der
Exekutionsabteilung in Baku durchgeführt wurde: Vom 28. auf den 29. Oktober
1937 wurden in der Stadt 263 Menschen erschossen. Unter ihnen waren Juden,
Ukrainer, Russen, Armenier, Aserbaidschaner und Deutsche. Sie alle waren Opfer des NKVD.
28
MTNA, INV Nr. 670, S. 56.
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Teil III:
Nachkriegsschicksale und Geschichtsaufarbeitung
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Russlanddeutsche in der Sowjetunion/ Russland und
in der Bundesrepublik: Integration und Ausgrenzung
in vergleichender Perspektive
Viktor Krieger
Die nach 1953 einsetzende allgemeine Liberalisierung in der UdSSR war durch
intensivierte Bemühungen der Partei- und Staatsspitze gekennzeichnet, die deportierten ethnischen Gemeinschaften zu ihrer besseren Beeinflussung und Kontrolle stärker in das politische, soziale und kulturelle Leben der sowjetischen Gesellschaft zu integrieren. So verlangte der Beschluss des Präsidiums des ZK der
KPdSU vom 29. Juni 1955 „Über Maßnahmen zur Stärkung der massenpolitischen Arbeit unter den Sondersiedlern“, das materielle und kulturelle Niveau der
Sondersiedler zu heben und sie in die „aktive gesellschaftliche und politische Tätigkeit“ einzubeziehen. Dazu gehörte auch, Bestarbeiter aus ihrer Mitte auszuzeichnen, sie in die Partei aufzunehmen und Komsomolmitglieder mit politischer Arbeit zu betrauen. Die Sondersiedler durften nicht, so die Ermahnung der
Moskauer Parteizentrale, als „Menschen zweiter Klasse“ behandelt werden.1
Für die deutsche Minderheit bedeutete der eingeschlagene politische Kurs eine eingeschränkte Orts- und Berufswahl, offener Zugang zur mittleren Schule
und Fachausbildung sowie partielle Zulassung zum Studium an Hochschulen,
vornehmlich im technischen, landwirtschaftlichen und pädagogischen Bereich.
Im Gegensatz zu anderen ethnischen Gemeinschaften der Sowjetunion, wie beispielsweise den nordkaukasischen, verfügten sie jedoch nicht mehr über eine territoriale Eigenständigkeit im Sinne einer Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik (ASSR) – die 1941 aufgelöste Republik der Wolgadeutschen wurde auch
nach dem Ende der repressiven Politik Stalins nicht wiederhergestellt. Eine geringfügige Berücksichtigung der kulturellen Eigenständigkeit der deutschstämmigen Bevölkerung durch die neue politische Führung äußerte sich jedoch in der
Erscheinung der deutschsprachigen Zentralzeitung, der Ausstrahlung von Radiosendungen, der Einführung eines bescheidenen Muttersprachunterrichts und der
Zulassung einiger Sing- und Tanzgruppen.2
Die partielle Wiedereingliederung der deutschen Minderheit erfolgte in erster
Linie am Arbeitsplatz, da die sowjetischen Funktionsträger in Wirtschaft und Politik großen Wert auf die Nutzung der Arbeitskraft der Russlanddeutschen leg1
2
Artizov Andrej et al. (Hg.): Reabilitacija: kak eto bylo. Dokumenty Prezidiuma CK KPSS i
drugie materialy. V 3-ch tomach. Tom 1. Mart 1953 – fevral’ 1956, Moskva 2000, S. 224227.
Ausführlich hierzu im Kapitel: „Das verschwiegene Unrecht: Entstalinisierung und Teilrehabilitierung“, in: Krieger, Viktor: Vom russischen Kolonisten zum Bundesbürger: Grundlinien russlanddeutscher Geschichte (erscheint 2017).
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ten. Letztere konnten durch ihre besonderen technischen und fachspezifischen
Fertigkeiten, die sie während ihres harten Einsatzes in den Zwangsarbeitslagern
erworben hatten, zu einem gewissen Grad die Anerkennung ihrer Arbeitskollegen gewinnen. Durch Einarbeitung, betriebliche Qualifizierung und die Möglichkeiten der Berufsschule gelang es nicht wenigen von ihnen, im Laufe der Zeit
eine Fachausbildung zu erwerben. Nach der Aufhebung des Sonderregimes im
Dezember 1955 waren zwar die formellen Beschränkungen weitgehend aufgehoben, aber viele unsichtbare Restriktionen blieben weiterhin wirksam. Eine anspruchsvolle berufliche Laufbahn, vor allem im geisteswissenschaftlichen und
militärischen Bereich, war für Russlanddeutsche nach wie vor mit großen Hindernissen verbunden. Gleiches galt für die Besetzung von leitenden Positionen.3
Besonders nachteilig wirkte die verweigerte politische und administrativterritoriale Rehabilitierung, denn in der Sowjetunion war die politische Interessenvertretung und sprachlich-kulturelle Förderung einzelner Nationalitäten
maßgeblich an das Vorhandensein einer territorialen Autonomie gebunden.
Selbstverständlich konnte von einer realen Selbstverwaltung oder einer eigenständigen kulturellen Entwicklung in dem zentralistischen und planwirtschaftlich
ausgerichteten Einparteienstaat der UdSSR keine Rede sein. Jedoch besaßen Angehörige einer Titularnation ungehinderten Zugang zu höheren Bildungsanstalten, berufliche Aufstiegsmöglichkeiten, muttersprachlichen Schulunterricht; sie
durften die nationale Geschichte, Sprache und Kultur – wenn auch im sozialistischen Sinne – durch Eröffnung und staatliche Finanzierung von höheren Lehranstalten, wissenschaftlichen Forschungsinstituten, Theatern, Museen, Bibliotheken, Zeitungen und Zeitschriften, Verlagen und vielen weiteren Institutionen
erforschen, pflegen und weiterentwickeln. Solche anerkannten Nationalitäten
verfügten auch über gesicherte Repräsentanz im Partei-, Staats- und Wirtschaftsapparat auf unterschiedlichen Machtebenen, vor allem im Rahmen der eigenen
Unions- beziehungsweise Autonomen Republik.4
Das Faktum der Absage der politischen und rechtlichen Rehabilitierung führte
dazu, dass die deutschen Sowjetbürger nicht nur im Partei-, Staats- und Verwaltungsapparat, sondern auch in den Augen der benachbarten Völker weiterhin als
Personen minderen Rechts galten, auf denen schwer der Vorwurf des Vaterlands3
4
„Über die Erfüllung seitens der Parteiorganisationen der Kasachischen Unionsrepublik des
Beschlusses des ZK der KPdSU: Über die Maßnahmen gegen die Kampagne im Westen
zur Lage der Bürger deutscher Nationalität in der UdSSR“, 17. Oktober 1985. In: Auman,
Vladimir/ Valentina Čebotareva (Hg.): Istorija rossijskich nemcev v dokumentach
(1762-1992 gg.), Moskva 1993, S. 200-211; Pörtner, Rudolf (Hg): Heimat in der Ferne.
Deutsche aus Russland erinnern sich, Düsseldorf 1992, hier v.a die Erinnerungen von Anton Bosch, Otto Hertel, Nelli Kossko und Lore Schmidt.
Das Standardwerk zu dieser Frage bleibt nach wie vor: Simon, Gerhard: Nationalismus
und Nationalitätenpolitik in der Sowjetunion. Von der totalitären Diktatur zur nachstalinschen Gesellschaft, Baden-Baden 1986; für die Zwischenkriegszeit maßgebend: Martin,
Terry: The Affirmative Action Empire: Nations and Nationalism in the Soviet Union:
1923-1939, Ithaca 2001.
https://doi.org/10.5771/9783956503375
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RUSSLANDDEUTSCHE IN DER SOWJETUNION UND IN DER BUNDESREPUBLIK
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verrats lastete. Als sichtbare Vertreter derjenigen Nation, die gegen die Sowjetunion einen langjährigen, verlustreichen Krieg entfesselt hatte – der in der kollektiven Erinnerung der Sowjetbürger als „großer Vaterländischer Krieg“ eine
zentrale, Identität und Gemeinschaftssinn stiftende Rolle einnahm und nach wie
vor einnimmt –, fungierte diese Minderheit als bevorzugtes Ziel antideutscher
Ressentiments der Nachbarn, Kollegen oder Vorgesetzten und musste daher besonders stark unter den moralischen und psychologischen Folgen leiden. Umso
schwerer wog dieser Umstand, da der Dienst von Zehntausenden Russlanddeutschen in der Roten Armee vor und nach 1941, aber vor allem ihre Mobilisierung
und der aufopferungsvolle Einsatz im Hinterland im Rahmen der sogenannten
Trudarmija (Arbeitsarmee), in wissenschaftlichen und enzyklopädischen Werken,
in musealen und künstlerischen Repräsentationen, in russischsprachigen Zeitungen und Zeitschriften oder im Fernseh- und Filmproduktionen jahrzehntelang
bewusst ausgeblendet wurde. In einigen auflagestarken publizistischen und literarischen Werken kamen die „einheimischen Deutschen“ als moralisch fragwürdige, antisowjetisch eingestellte und dem russischen Volk und Staat abträgliche
Personen vor.5
In der öffentlichen Wahrnehmung der poststalinistischen Gesellschaft traten
die Russlanddeutschen überwiegend als Problem auf. Dies äußerte sich durch
unzählige Beiträge in den Massenmedien und wissenschaftlich verbrämten Studien über das religiöse „Sektenunwesen“, dem eine große Zahl der „Sowjetbürger
deutscher Nationalität“ angeblich verfallen sei. Auch warf man ihnen eine geringe gesellschaftliche Aktivität, Beziehungen zum Ausland und mangelnde sowjetpatriotische Gesinnung vor. Vor allem die Emigrationsbewegung wurde als Beweis der fehlenden Loyalität gegenüber dem sozialistischen Sowjetstaat angeführt.6 Man scheute sogar nicht davor zurück, den deutschen Baptisten, nach
5
6
Vor allem in den Berichten der Zeitzeugen wird dieser Umstand hervorgehoben, u.a. in:
Mangold, Wandelin (Hg.): Die bitteren Äpfel von 1941, Alma-Ata 1991; Wolter, Gerhard:
Die Zone der totalen Ruhe. Die russlanddeutschen in den Kriegs- und Nachkriegsjahren.
Berichte von Augenzeugen, Augsburg 2003; siehe auch die Übersichtsdarstellung „Germanophobie im Russischen Reich und in der Sowjetunion“, in: Krieger, Viktor: Bundesbürger russlanddeutscher Herkunft: Historische Schlüsselerfahrungen und kollektives Gedächtnis, Berlin/ Münster 2013, S. 141-168.
Als Beispiel sei auf eine Dissertation über das „Reaktionäre Wesen der Ideologie des gegenwärtigen Mennonitentums“ verwiesen – diese Freikirche bestand nur aus deutschen
Gläubigen: Krestjaninov, Viktor: Reakcionnaja suščnost‘ ideologii sovremennogo mennonitstva, Tomsk 1964, die dann unter einem neutralen Titel in einer Massenauflage erschien: ders.: Mennonity, Moskva 1967. Den Geist der Zeit gibt eine Sammlung von Zeitungsartikeln über Ausreisebestrebungen und Religiosität der deutschen Bevölkerung in
Kirgisien wider, die 1977 und 1979 mit einer Gesamtauflage von 25.000 Exemplaren erschien: Mify i dejstvitel’nost‘: stat’i, očerki, vospominanija, svidetel’stva očevidcev, Frunze
1979. Die kirchen- und deutschfeindliche Atmosphäre sowie administrative Schikanen
und strafrechtliche Verfolgung sind anschaulich geschildert in Aufzeichnungen und Darstellungen der Betroffenen, vgl. Bachmann, Berta: Erinnerungen an Kasachstan. Erfahrungsbericht einer Russlanddeutschen, Gladbeck 1981 (B. Bachmann war die Frau des ev.luth. Pastors Eugen Bachmann in Akmolinsk/Zelinograd); Fast, Viktor/ Jakob Penner:
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VIKTOR KRIEGER
Abb. 31: Für schwere körperliche Arbeit wurden die Russlanddeutschen in den sowjetischen
Medien oft gelobt. Ein Beitrag aus der Propagandazeitung „Neues Leben“ (Moskau) aus dem
Jahr 1965
dem Muster der antisemitischen Ritualmordlegenden, Menschenopfer zu unterstellen.7 Dieses negative Fremdbild und das vorsätzlich erzeugte Klima der
Diffamierung konnten indes regelmäßig erscheinende Berichte über erfolgreiche
deutsche Kolchosvorsitzende, Traktoristen oder Schweinezüchterinnen, die beispielhafte Arbeitsleistungen vorwiesen, kaum ändern.
Reaktionen auf Diskriminierung und staatliche „Eingliederungsangebote“
Nach der Aufhebung der Kommandanturaufsicht Anfang 1956 reagierten die
Russlanddeutschen auf die staatliche Diskriminierungspolitik, aber auch auf unterbreitete Angebote der Parteiaufnahme, des Hochschuleintritts oder auf gewisse
Karrierechancen für „Assimilationswillige“ durchaus nicht einheitlich. Idealtypisch lassen sich insgesamt vier Gruppen unterscheiden, die auf solche Systemzwänge mit bestimmten Verhaltensmustern reagieren.
7
Wasserströme in der Einöde. Die Anfangsgeschichte der Mennoniten-Brüdergemeinde Karaganda. 1956-1968, Steinhagen 2007, v.a. S. 169-240 sowie Epp, Petr: 100 let pod pokrovom Vsevyšnego. Istorija Omskich obščin EChB [evangel’skich christian-baptistov] i ich
ob”edinenija. 1907-2007, Omsk/ Štejnhagen 2007, v.a. S. 329-342, 355-430.
Ein konkreter Fall dieser Art geschah 1962 im Gebiet Karaganda. Die Eltern der als vermisst erklärten Lena Klassen wurden in der örtlichen Presse beschuldigt, dass sie ihre
Töchter aus religiösem Fanatismus geopfert hätten. Später stellte sich heraus, dass dies die
Tat eines mehrfachen Sexualmörders war, aber die Aufklärung der Bevölkerung und eine
Entschuldigung bei den Eltern hinsichtlich der vorangegangenen Verleumdungen blieben
aus. Zitiert nach: Fast/ Penner, Wasserströme, S. 180.
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RUSSLANDDEUTSCHE IN DER SOWJETUNION UND IN DER BUNDESREPUBLIK
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Tab. 1: Rolle und Bedeutung einzelner Faktoren bei verschiedenen idealtypischen Gruppen
der deutschen Bevölkerung
Gruppen Oppositionelle Traditionalisten
Integrierte
Assimilierte
Faktoren
Enge Beziehungen
zu Verwandtschaft,
Gemeindemitgliedern
und Landsleuten
+
+
0
---
Deutsche Sprache, traditionelle Kultur
+
+
0
---
Sowjetrussische
Kultur
---
0
+
+
Mononationale Ehen
+
+
0
---
Religiosität
+
+
---
---
Politischer
Konformismus
---
0
0
+
Emigration
+
0
---
---
Territoriale
Autonomie
---
0
+
---
+ hohe /positive Rolle (große Bedeutung, wird unterstützt)
0 indifferente Rolle (wenig Bedeutung, wird geduldet)
--- niedrige /negative Rolle (keine Bedeutung, wird abgelehnt)
Zum einen handelte es sich um die Gruppe der „Oppositionellen“. Die weitgehende Diskriminierung löste bei einem nicht unbeträchtlichen Teil der Deutschen eine Protesthaltung aus, die sich in unterschiedlichen Formen äußerte,
wobei die folgenreichste sicherlich die Aussiedlungsbewegung war. Der Entschluss, das Heimatland zu verlassen, fiel den Betroffenen umso leichter, da die
sowjetische Regierung durch die Enteignungs- und Verbannungspolitik seit Ende
der 1920er Jahre die einst fest verwurzelten deutschen Landwirte oder Handwerker systematisch zu mittellosen Proletariern herabgesetzt hatte. Das zeichnete in
erster Linie die so genannten Administrativumsiedler aus, vornehmlich Schwarzmeerdeutsche, die 1941 unter reichsdeutsche, beziehungsweise rumänische Besatzung gerieten und 1943-1944 in das völkerrechtswidrig annektierte Warthegau
oder das Altreich umgesiedelt wurden. Fast allen hatte der nationalsozialistische
Staat in dieser Zeit die deutsche Staatsangehörigkeit verliehen. Die Sowjetunion
akzeptierte diese Sammeleinbürgerung nie und „repatriierte“ diese Menschen –
insgesamt ca. 200.000 – größtenteils gegen ihren Willen. Die Bundesrepublik erkannte als Rechtsnachfolger des Deutschen Reiches diesen Personenkreis im Februar 1955 als „Deutsche im Sinne des Grundgesetzes“ an und schuf damit recht-
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VIKTOR KRIEGER
liche Voraussetzungen zu ihrer freiwilligen Rücksiedlung und sozialen Eingliederung.8
Nach der Befreiung aus der Zuständigkeit des Innenministeriums und der Aufhebung des Sondersiedlerstatus zogen die meisten „Repatriierten“ seit Mitte der
fünfziger Jahre in die südlichen Gebiete Kasachstans und in andere zentralasiatische Unionsrepubliken, vor allem nach Kirgisien und Usbekistan. In dieser Region fanden sie ähnliche klimatische Bedingungen wie in ihren früheren Heimatorten und konnten vertrauten Beschäftigungen, wie dem Wein- oder Gemüse- und
Obstanbau – zumindest im Rahmen der privaten Nebenwirtschaft – nachgehen.
Selbiges taten auch viele Vertreter der anderen ethnoregionalen Gruppen, wie
ehemalige südkaukasische Schwaben oder Krimdeutsche, die zu einem überwiegenden Teil ebenfalls langfristig die Ausreise anstrebten.9 Allein in Kasachstan
stellten bis August 1987 laut amtlicher Angaben 79.146 erwachsene Personen mit
minderjährigen Familienangehörigen einen Antrag auf Übersiedlung in die Bundesrepublik Deutschland; um die 30.000 waren es bis 1981 in Kirgisien.10 Sie
standen unter besonderer Beobachtung des KGB und hatten wenig Aussicht auf
ein Studium oder einen beruflichen Aufstieg. Viele von ihnen waren zudem Mitglied in kirchlichen Gemeinden, was ihnen zusätzliche Schwierigkeiten im atheistischen Sowjetstaat bereitete. Laut behördlichen Angaben stellten die Deutschen
in Kirgisien in den registrierten kirchlichen Gemeinden 72 und bei nichtregistrierten 83 Prozent der Mitglieder, bei einem gerade mal dreiprozentigen Anteil an
der Republikbevölkerung. In Kasachstan waren ca. 20 Prozent der insgesamt erfassten Gläubigen Nachfahren deutscher Siedler, bei einem Anteil von nur 6 Prozent an der Gesamtbevölkerung des Landes.11 In diesem Milieu verhielten sich
die Menschen kritisch zur sowjetischen Gesellschaftsordnung und kommunistischen Ideologie; in den Familien und Gemeinschaften wurde zudem Wert auf
den Erhalt der Muttersprache und der deutschen Alltagskultur gelegt. Quantitativ
8
9
10
11
Fleischhauer, Ingeborg: Das Dritte Reich und die Deutschen in der Sowjetunion, Stuttgart
1983; Bergmann, Wilfried/ Jürgen Korth/ Burkhardt Ziemske: Deutsches Staatsangehörigkeits- und Passrecht, 1. Bd.: Staatsangehörigkeitsrecht, Teil 1. Praxishandbuch unter Berücksichtigung der Aussiedlerfragen, Köln u.a. 1995.
Vgl. hierzu einige Sammelbände mit Zeitzeugenberichte: Reitenbach, Edgar (Hg.): Vom
Kaukasus nach Kasachstan: deutsche Dörfer und Schicksale in Erinnerungen und Bildern,
in 3 Bänden, Dortmund 2004-2007; Reitenbach, Edgar: Vom Kaukasus auf Umwegen
zum Rhein. Aus dem Leben eines Aussiedlers, Dortmund 2009.
„Beratung der verantwortlichen Vertreter von Partei-, Sowjet-, Komsomol- und Administrativorganen in Kirgisien zur Frage der Überwindung der Emigrationsstimmungen unter
den Sowjetbürgern deutscher Nationalität“, 30. November 1981. In: Iz istorii nemcev Kyrgyzstana: 1917-1999 gody. Sbornik dokumentov i materialov, Biškek 2000, S. 461-482,
hier S. 467; Čilikova, Evgenija: K voprosu o podgotovke kadrov dlja nemeckojazyčnych
sredstv massovoj informacii kak odnoj iz pričin migracionnych processov v 1986-1991 gg.
(Po dokumentam Archiva Prezidenta Respubliki Kazachstan), Almaty 2001, S. 1 (unveröff.
Manuskript).
Iz istorii nemcev Kyrgyzstana, S. 466; Auman/ Čebotareva: Istorija rossijskich nemcev, S.
210.
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RUSSLANDDEUTSCHE IN DER SOWJETUNION UND IN DER BUNDESREPUBLIK
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lässt sich auf Basis unterschiedlicher soziologischer und statistischer Angaben der
Anteil „Oppositioneller“ an den deutschstämmigen Sowjetbürgern auf 15 bis 20
Prozent einschätzen. Bis Ende der 1980er Jahre stammten die meisten ausgereisten Russlanddeutschen aus diesem Personenkreis.12
Eine weit größere Gruppe unter der deutschen Minderheit stellten die sogenannten „Traditionalisten“ dar. Dazu gehörten in erster Linie Menschen, die
sich größtenteils mit dem unabwendbaren Schicksal abgefunden und eine realistische Hoffnung auf historische Gerechtigkeit aufgegeben hatten. Sie richteten
sich auf ein dauerhaftes und würdevolles Leben in Sibirien oder Kasachstan ein,
verleugneten aber nicht die eigene deutsche Herkunft. Vor allem handelte es sich
bei dieser Gruppe um Wolgadeutsche und Einwohner der Tochtersiedlungen in
Sibirien und Nordkasachstan, die in der Regel keine direkten Verwandten in
Westeuropa hatten. Gesellschaftlich betrachtet waren sie weder aktive Systemkritiker noch Regimeanhänger; sie traten in die Partei weniger aus Überzeugung als
aus Pragmatismus ein, etwa wenn es eine Voraussetzung zum beruflichen Fortkommen darstellte. Nicht selten bekleideten sie untergeordnete Verwaltungsposten als Kolchosvorsitzende, Chefingenieure kleinerer Betriebe oder Abteilungsleiter. Sie versuchten, soweit möglich, eine „heimische“ – also in ihrem Sinne
„deutsche“ – Atmosphäre im Familienkreis zu erhalten, träumten von der „guten
alten Zeit“ in der einstigen Wolgarepublik, stellten in dieser Hinsicht aber eher
selten direkte Forderungen an die staatlichen Instanzen.
Gleichwohl stammten aus diesem Kreis tausende Unterstützer der Bewegung
zur Wiederherstellung der Wolgarepublik der 1960er und 1970er Jahre.13 Wesentlich mehr Russlanddeutsche unterschiedlicher Altersgruppen engagierten
sich 1989-1991 in der Massenbewegung „Wiedergeburt“, die bis zu 100.000 Mitglieder in diesen Jahren zählen sollte, und hofften mit der Ausrufung der nationalen Autonomie eine sichere und dauerhafte Zukunftsperspektive als gleichberechtigte Volksgruppe im sowjetischen (russländischen) Vielvölkerstaat zu bekommen.14 Resigniert von dem massiven und geschlossenen Widerstand der
ortsansässigen russischen Bevölkerung, die auf dem Territorium der vormaligen
12
13
14
Eine knappe Übersicht der Aussiedlungsbewegung nach 1955 erfolgt in: Krieger: Bundesbürger russlanddeutscher Herkunft, Kapitel „Resistenz und Protest in der Nachkriegszeit“,
S. 123-140, hier S. 133-140.
Vgl. hierzu beispielsweise die Erinnerungen von Fuchs, Thomas: Ein Leben unter dem Roten Stern, Frankfurt a. M. 1999, v.a. S. 124-129, 138-140 sowie die Zusammenstellung von
Fuks, Viktor: Rokovye dorogi povolžskich nemcev. 1763-1993 gody. Istoričeskie fakty,
Dokumenty. Obraščenija k vlastjam. Pis’ma. Vospominanija lic presleduemogo naroda,
Krasnojarsk 1993, S. 123-191.
Siehe hierzu die Beiträge des Themenheftes „Die deutsche Minderheit in der Sowjetunion“ der Zeitschrift Osteuropa, Nr. 1 (1996). Der Archivteil beinhaltet die ins Deutsche übersetzte Gründungsresolution, das Programm und Statut der Unionsgesellschaft „Wiedergeburt“ neben einem Appell an die nichtdeutsche Bevölkerung des Wolgagebiets, S. A14A24. Aus der Perspektive eines Vorstandmitgliedes dieser Organisation: Dizendorf, Viktor:
Proščal’nyj vzlet. Sud’ba rossijskich nemcev i naše nacional’noe dviženie, Moskva 1997.
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Abb. 32: Demonstration ausreisewilliger Russlanddeutscher am 31. März 1980 auf dem
Roten Platz in Moskau. Aus der Broschüre „Aussiedler. Informationen zur politischen Bildung“ Nr. 267 (2000) von Alfred Eisfeld
Abb. 33: Die Protestaktion und ihre Folgen: die mutige Teilnehmerin Alwina Fritzler durfte mit ihren Verwandten in die Bundesrepublik. Aus einem Faltblatt der Internationalen
Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM), Dezember 1981
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Republik der Wolgadeutschen lebten, nahmen die „Traditionalisten“ die Auswanderung oft als „zweite Wahl“ wahr und stellten seit Anfang der 1990er Jahre
das Gros der Rückwanderer.
Ihnen im gewissen Sinne verwandt war die Gruppe der „Integrierten“, welche
die Höchstgrenze von zehn Prozent aller Betroffenen wohl nicht überstieg. Dazu
zähle ich vor allem die nationale Bildungsschicht, die praktisch die sowjetrussische Kultur verinnerlicht hatte und in ihr aufgewachsen war, aber ihre deutsche
Herkunft nicht leugnete und Interesse an Sprache und historischen Überlieferungen der Volksgruppe artikulierte. Insbesondere der zahlenmäßig kleinste, aber
intellektuell bedeutungsvollste Teil von ihnen, vor allem Literaten, Journalisten,
Künstler, Lehrer, Wissenschaftler, Bibliothekare und Hochschullehrer, spielte in
der nationalen Bewegung der Nachkriegszeit eine große Rolle. Aus ihrer Mitte
kam der gewichtige Teil der Aktivisten der 1960er und späteren Jahre, die Eingaben und schließlich Delegationen nach Moskau sandten, um die Gleichberechtigung – in erster Linie die Wiederherstellung der Autonomie – zu erlangen.15
Zur Zeit der Perestroika waren die meisten „Integrierten“ aktive Befürworter
der Wolgarepublik. Die Zusammensetzung des Gründungskongresses der nationalen Gesellschaft „Wiedergeburt“ im März 1989 zeigt, dass die treibende Kraft
im Kampf für Gleichberechtigung die akademische Intelligenz war. Von den 135
Delegierten besaßen 84 eine Hochschulbildung, darunter waren 12 mit Doktortitel.16 Durch die Anerkennung als Titularnation einer künftigen territorialen Autonomie erhofften sie sich Chancengleichheit im harten Konkurrenzkampf um
den Zugang zu den knappen gesellschaftlichen Ressourcen des Staates, wie beispielsweise Studienplätze, prestigeträchtige Posten und kulturelle Institutionen,
sowie größere berufliche Aufstiegsmöglichkeiten. Enttäuscht von der Absage an
eine vollständige Rehabilitierung, wanderten viele dann in den 1990er und späteren Jahren nach Deutschland aus, obwohl ihnen dort wohl die größten Probleme
bei der Anerkennung ihrer Hochschulausbildung und der beruflichen Eingliederung bevorstanden.
15
16
Aufschlussreich sind Erinnerungen der Lehrer und Hochschuldozenten – Teilnehmer der
ersten und zweiten Delegation der Vertreter deutscher Bevölkerung 1965, die in Moskau
die Wiederherstellung der Wolgarepublik forderten: Bersch, Adolf: Zwischen Leiden und
Hoffen. Das Schicksal eines Wolgadeutschen (Erinnerungen), Grünwald [1996], v.a. S.
193-214; Vormsbecher, Gugo: Protuberancy mužestva i nadežd (1-ja i 2-ja delegacii sovetskich nemcev v 1965 g.). In: Nemeckoe naselenie v poslestalinskom SSSR, v stranach
SNG i Baltii (1956-2000). Materialy konferencii, Moskva 2003, S. 75-131; Warkentin, Johann: Russlanddeutsche – Woher? Wohin?, Berlin 1992, S. 102-150. Besonders wertvoll
sind die seit 1959 erhalten gebliebenen und ins Deutsche übersetzten kritischen Eingaben
an die zentralen Partei- und Sowjetorgane des bekannten wolgadeutschen Schriftstellers
Hollmann, Dominik: Ausgewählte Prosa, Bd. II, Kamyschin 2001, S. 359-461.
„Mitteilung der Mandatskommission, 31. März 1989“. In: Istorija rossijskich nemcev v
dokumentach. Tom II. Obščestvenno-političeskoe dviženie za vosstanovlenie nacional’noj
gosudarstvennosti (1965-1992), Moskau 1994, S. 87. Die zweitgrößte Gruppe bildeten
Rentner mit 32 Personen; ferner gab es einige Arbeiter und Studenten.
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Abb. 34: Brief des wolgadeutschen Schriftstellers Dominik Hollmann vom 10.12.1966 an den
Vorsitzenden des Ministerrats der UdSSR, Aleksej Kosygin. Aus dem Privatarchiv des Enkels
des Schriftstellers Rudolf Bender, Hamburg
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Die letzte hier vorzustellende idealtypische Gruppe möchte ich „Assimilierte“
nennen. In Anbetracht der Nachteile, denen Nachfahren eingewanderter Deutscher bis in die letzten Tage der Sowjetunion ausgesetzt waren, förderte ein Teil
der Eltern – vor allem in den gemischtnationalen Ehen – die bewusste Entfremdung ihrer Kinder von der deutschen Sprache und der eigenen Herkunft. Viele
in dieser Gruppe waren im kommunistischen Jugendverband Komsomol sowie
in der Partei aktiv, machten Karriere, und betätigten sich als Propagandisten gegen Gläubige oder Ausreisewillige.17 Vom Staats- und Parteiapparat wurden sie
als „Vorzeigedeutsche“ dargestellt. Oft ließen sie ihre Kinder im Inlandpass als
Russen oder Ukrainer registrieren, um sie vor den Nachteilen einer deutschen
Herkunft in der sowjetischen Gesellschaft zu schützen. Die mittlere und jüngere
Generation war praktisch vollständig im russischen Milieu assimiliert. Heutzutage haben die gleichen Eltern und Großeltern umgekehrt gewaltige Probleme, ihren Kindern die Ausreise in die Bundesrepublik zu ermöglichen. Nach einigen
Indizien können bis zu 15 Prozent der ehemaligen Sowjetbürger deutscher Herkunft der Kategorie „Assimilierte“ zugerechnet werden.
Die Situation in der Russländischen Föderation nach 1991
Noch in Zeiten des Bestehens der UdSSR nahm der Oberste Sowjet der Russländischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik (RSFSR) am 26. April 1991,
unter tatkräftiger Unterstützung des kurz danach zum ersten russländischen Präsidenten gewählten Boris El'cin das Gesetz „Über die Rehabilitierung der von
Repressionen betroffenen Völker“ an. Es erklärte die während der Stalinzeit
durchgeführten Deportationen, Einweisungen in Zwangsarbeitslager, Unterstellung unter die Kommandanturaufsicht – verbunden mit dem Status von Sondersiedlern als Personen minderen Rechts – sowie weitere diskriminierende Maßnahmen gegen eine Reihe ethnischer Gemeinschaften und Minderheiten, darunter auch gegen die eigenen Bürger deutscher Herkunft, für gesetzeswidrig und
verbrecherisch. Die Angehörigen der betroffenen Ethnien und ihre Nachkommen wurden als Opfer des Stalinismus anerkannt und Russlands oberste Staatsgewalt versprach ihnen substanzielle Wiedergutmachung, darunter auch die
Wiederherstellung der seinerzeit aufgelösten autonomen Territorien, was vor allem Deutsche und Krimtataren betraf.18
17
18
Mitglieder dieser Gruppe haben nur selten persönliche Zeugnisse verfasst, eine der wenigen Ausnahmen sind die Erinnerungen von Braun, Andrej: Moja žizn’: Avtobiografičeskie
očerki, Almaty 2002. Braun war in der Nachkriegszeit der hochrangigste Parteifunktionär
aus der Mitte der deutschen Minderheit, 1986-1991 bekleidete er den Posten des Ersten
Sekretärs des Zelinograder Gebietsparteikomitees in Kasachstan. Seit 1998 lebt er als Aussiedler in Deutschland.
Der Text in deutscher Übersetzung in: Informationsdienst „Deutsche in der Sowjetunion“,
Nr. 4 (1991), S. 34-36. Vgl. auch den Artikel „Rehabilitierung“ in: Brandes, Detlef/ Holm
Sundhaussen / Stefan Troebst (Hg.): Lexikon der Vertreibungen. Deportation. Zwangsaus-
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Angesichts des massiven Widerstandes der russischen Einwohner, die in den
Grenzen der einstiegen Wolgarepublik lebten, erteilte El'cin auf einer Kundgebung am 8. Januar 1992 im Gebiet Saratov den Autonomieplänen eine unmissverständliche Absage. Um den dadurch entstandenen negativen Eindruck im Inund Ausland zu mildern, unterzeichnete der Präsident am 21. Februar des Jahres
den Ukaz „Über sofortige Maßnahmen zur Rehabilitierung der Russlanddeutschen“, in dem ein Nationalrayon im Gebiet Saratov und ein Landkreis im Gebiet
Volgograd vorgesehen wurden. Allerdings existieren diese Vorhaben bis heute nur
auf dem Papier. Durch die Wiederherstellung des Deutschen Nationalrayons
„Halbstadt“ in der Region Altai im Juli 1991 und die Gründung des zweiten autonomen Rayons „Azovo“ in der Nähe der sibirischen Metropole Omsk im Februar 1992, versuchte die Moskauer Staatsführung die reale Wiederherstellung der
Kollektivrechte dieser Opfergruppe des Stalinismus zu umgehen. Diesem Zweck
dienen auch die staatlichen Bemühungen, die Lösung des russlanddeutschen
„Problems“ im Zuge der national-kulturellen Autonomie und mit Hilfe zeitlich
begrenzter finanzieller Sonderprogramme „vor Ort“ zu regeln. Seit 1997 sind
dutzende regionale Kulturautonomien und hunderte nationale Begegnungszentren in Städten und auf dem Lande entstanden, die suggerieren sollen, dass die
russlanddeutsche Bevölkerungsgruppe nunmehr umfassend rehabilitiert und somit den anderen russländischen Ethnien in allen Bereichen gleichgestellt sei.19
Allerdings sind sowohl die Kulturautonomien als auch die Nationalrayons in
Sibirien mit keinen eigenen Befugnissen ausgestattet und somit nicht imstande, irgendwelche Interessen der deutschen Bevölkerung zu artikulieren oder gar durchzusetzen. Die Einwohnerschaft der beiden Rayons umfasst derzeit gerade einmal
4 Prozent aller deutschstämmigen Einwohner des Landes. Besonders für den urbanen und intellektuellen Teil der Deutschstämmigen – laut der Volkszählung von
2002 wohnten 56 Prozent von ihnen inzwischen in den Städten – bieten diese agrarisch strukturierten Landkreise keine Lebens- und Berufsperspektive.20
Vor allem die Ablehnung der territorialen Rehabilitierung, das heißt die verweigerte Wiederherstellung der 1942 gesetzwidrig liquidierten Wolgadeutschen
Republik, birgt gravierende Nachteile, denn im Vielvölkerstaat Russland – wie
auch in der einstigen Sowjetunion – ist die politische Interessenvertretung auf
lokaler und föderativer Verwaltungsebene, die Förderung der eigenen Kultur und
Sprache sowie das sozioökonomische Entwicklungspotenzial an das Vorhandensein eines „Stammterritoriums“ gebunden. Für die Vertreter der betroffenen Minoritäten bedeutet dies konkret, dass sie keine Abgeordneten in die Staatsduma
19
20
siedlung und ethnische Säuberung im Europa des 20. Jahrhunderts, Wien u.a. 2010, S. 539544.
Siehe hierzu das Kapitel „Emigration, Selbstbehauptung oder Assimilation nach dem Zerfall der UdSSR“ in: Krieger: Vom russischen Kolonisten zum Bundesbürger.
Auch die angestammte ländliche Bevölkerung wählte größtenteils den Weg der Übersiedlung in die Bundesrepublik: Klaube, Manfred: Der Deutsche Nationalkreis Halbstadt in
Westsibirien. Probleme und Zukunftsperspektiven. In: Osteuropa, Nr. 9 (1999), S. 923-934.
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RUSSLANDDEUTSCHE IN DER SOWJETUNION UND IN DER BUNDESREPUBLIK
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Abb. 35: Verfallene katholische Kirche in der einstigen wolgadeutschen Ansiedlung Marienberg, heute Oblast Saratov. (Quelle: www.panoramio.com/photo/
35903328).
Abb. 36: Innenansicht der ehemaligen Kirche in Marienberg, (Quelle:
www.engls.ru/uploads/posts/2013-05/hramy/hram8.jpg).
oder den Föderationsrat, das heißt in die beiden Kammern des russländischen
Parlaments, entsenden können und somit von jedweder politischen Interessenvertretung ausgeschlossen sind. Für die Nachfahren der deutschen Einwanderer wird
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VIKTOR KRIEGER
also staatlicherseits kein zweisprachiger Schulunterricht aufgebaut, keine staatliche
Universität unterstütz gezielt ihre akademische Bildung, es existiert weder ein
staatliches Museum oder Dokumentationszentrum zur Pflege des historischen
und kulturellen Erbes noch ein Forschungsinstitut zur Geschichte, Kultur und
Sprache der Russlanddeutschen. Es werden keine deutschen Theater, Zeitschriften, Bibliotheken, Fernseherkanäle oder Kunstgalerien eröffnet und dauerhaft finanziert. Während solche bildungsrelevanten, kulturellen und identitätsstiftenden
Einrichtungen für viele anerkannte nationale Minoritäten der Russischen Föderation Realität sind, werden sie der deutschen Minderheit bewusst vorenthalten.
Folgerichtig bestätigte der 2002 durchgeführte Zensus, dass der gegenwärtige
Bildungsstand der deutschen Minderheit mit 103 Akademikern auf 1.000 Personen noch weit unter dem Landesdurchschnitt von 157 liegt. Für dieses Ergebnis
sind direkte Diskriminierungen in der Vergangenheit und strukturelle Benachteiligungen einer nicht autonomisierten Volksgruppe in der Gegenwart verantwortlich.21 Dass dies auch heute noch zu Protesten führt, zeigt exemplarisch ein offener Brief an Präsident Vladimir Putin, der während der Feierlichkeiten in Saratov zum 250. Jubiläum des Einladungsmanifestes der Kaiserin Katharina II. von
den teilnehmenden Organisationen – unter anderem der Föderalen Nationalen
Kulturautonomie der Russlanddeutschen (FNKA) – verfasst wurde. Im Schreiben
wird die nicht vollständig durchgeführte Rehabilitierung der deutschen Minderheit bemängelt, auf das Scheitern der früheren Anläufe aus den Jahren 1965 und
1988-1989 hingewiesen und um einen Termin für den Empfang einer repräsentativen Delegation gebeten. Angesichts der finanziellen und vor allem politischen
Abhängigkeit dieser Vereinigungen vom russländischen Staat, dessen Vertreter
jegliche Diskussion um die Frage der Wiederherstellung der Wolgarepublik äußerst negativ beurteilen, ein bemerkenswerter Vorgang.22
Die bisher begangene unvollständige Rehabilitierung wirkt sich auch in anderer Hinsicht hochgradig negativ aus: bis heute gibt es in der Russländischen Föderation kein zentrales Mahnmal für die Opfer der Deportationen und Lagereinsätze, es existiert keine einzige Gedenkstätte auf dem Gelände eines ehemaligen
Zwangsarbeiterlagers. In den Jahren ihrer Herrschaft sind die wechselnden russischen Präsidenten und Regierungschefs Vladimir Putin und Dmitrij Medvedev
kein einziges Mal auf das Schicksal ihrer deutschen Landsleute eingegangen. Die
21
22
Errechnet nach: Vserossijskaja perepis‘ naselenija 2002 goda. Tom 4. Nacional’nyj sostav i
vladenie jazykami, graždanstvo. Otdel 10. Naselenie otdel’nych nacional’nostej po vozrastnym gruppam, polu i urovnju obrazovanija (www.perepis2002.ru/index.html?id=17);
siehe auch: Krieger, Viktor: Glasperlen für Eingeborene oder: Welche Ziele verfolgt das
neue Föderale Zielprogramm [Entwicklung des sozial-ökonomischen und ethnokulturellen Potentials der Russlanddeutschen in den Jahren 2008–2012]? (www.ornispress.de/glasperlen-fuer-eingeborene.593.0.html, letzter Abruf am 12.12.2016).
„Appell der Russlanddeutschen an den Präsidenten Vladimir Vladimirovič Putin, anlässlich des 250. Jahrestages des Manifestes der Kaiserin Katharina II.“, 19. Juli 2013
(www.russdeutsch.ru/Nachrichten/5020, letzter Abruf am 15.12.2016).
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Abb. 37: Kundgebung in der ehemaligen Hauptstadt der Wolgadeutschen Republik, Engels,
Oblast Saratov, 1991, entnommen den Beständen des Virtuellen Museums des GULag
(www.gulagmuseum.org).
Kremlführung meidet jede Teilnahme oder einen Ausdruck des Mitgefühls zu
dem in Deutschland am 28. August, anlässlich der Unterzeichnung des Deportationserlasses durch Stalin im Jahr 1941, begangenen „Tages der Russlanddeutschen“. Das zum 70. Jahrestag der Auflösung der Wolgarepublik und der nachfolgenden Verbannung in Engels, der einstigen Hauptstadt der Republik im heutigen Oblast Saratov, errichtete Denkmal wurde ausschließlich aus privaten Mitteln finanziert. Die beiden Staats- und Regierungschefs blieben dessen Einweihung im August 2011 fern.
Die ausgebliebene Wiederherstellung der deutschen Autonomie wird in der
russischen Gesellschaft nicht selten als manifeste Bestätigung ihrer vermeintlichen Schuld gedeutet. Auch dieser Umstand schürt offene und unterschwellige
„Germanophobie“ und führt zu Verharmlosung der an den sowjetischen Bürgern
deutscher Nationalität begangenen Verbrechen.
Aufnahmebedingungen und Integration in Deutschland
Die Bedingungen für deutsche Bürger der Sowjetunion waren in der Bundesrepublik grundsätzlich andere als im Vielvölkerimperium. Die Maßnahmen staatlicher sowie zahlreicher religiöser und wohltätiger Organisationen richteten sich
auf die Unterstützung der Bemühungen der übergesiedelten Russlanddeutschen
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VIKTOR KRIEGER
zu einem schnellstmöglichen Einleben in die bundesdeutsche Gesellschaft: Entschädigungszahlungen, Sprachkurse, Wohnungsbereitstellung, medizinische Versicherung, finanzielle Unterstützung von Umschulungsprogrammen, Rentenanpassung usw. Als Garantie der rechtlichen Gleichstellung wurde die Bestätigung,
beziehungsweise die Verleihung der deutschen Staatsbürgerschaft angesehen. Die
Ausweitung der Aussiedlungsoption faktisch auf die gesamte Minderheit war ein
Zeichen der Solidarität und Wiedergutmachung für das erlittene Unrecht, da der
von Deutschland begonnene Krieg einen Vorwand für die Ausgrenzung und
Verfolgung dieser Menschen lieferte.23
Bei aller Wichtigkeit der formal-rechtlichen Gleichstellung hing das Tempo
der realen Anpassung an die Aufnahmegesellschaft von vielen Faktoren ab.
Nicht zuletzt wirken die Erfahrungen der Sozialisation im einstigen Ursprungsland für das Individuum prägend. Bis Ende der 1980er Jahre war die Frage der
Integration von Aussiedlern aus der UdSSR für die deutsche Gesellschaft lediglich von untergeordneter Bedeutung. Dabei spielte eine maßgebliche Rolle, dass
die meisten Rückwanderer aus der Gruppe der sogenannten „Oppositionellen“
stammten. Eine gute Beherrschung der Muttersprache, ethnische Homogenität,
die Ausbildung vornehmlich in qualifizierten Arbeiterberufen, Unterstützung
seitens der vollständig integrierten Verwandten, die in diesem Land seit Mitte
der 1940er Jahre lebten, eine hohe Religiosität, aufgrund der weit verbreiteten
Mitgliedschaft in kirchlichen Gemeinden, verbunden mit einer positiven individuellen Motivation zur Integration und einer relativ kleinen Zahl der Rücksiedler – zwischen 500 und 10.000 pro Jahr – hatten bereits der ersten Generation
ermöglicht, sich in der Bundesrepublik erfolgreich einzuleben. Schon damals riefen allerdings der sichtbare familiäre Zusammenhalt und die gegenseitige Hilfe
lokaler Gruppen von Russlanddeutschen vor dem Hintergrund einer zunehmenden „Atomisierung“ der bundesdeutschen Gesellschaft nicht selten Unverständnis und manchmal auch Feindseligkeit der alteingesessenen Bevölkerung hervor.
Der rapide Anstieg der Zahl der russlanddeutschen „Rückkehrer“ im Zuge der
Lockerung des Familienzuzugs nach 1987, als Folge der fortschreitenden Liberalisierung der sowjetischen Innen- und Außenpolitik, führte einerseits zu einem
immer restriktiver werdenden Umgang der bundesdeutschen Seite mit der Zuwanderung. Die bald folgende deutsche Wiedervereinigung forderte neben den
umfangreichen finanziellen Ausgaben auch enorme Anstrengungen zur Integration von Millionen Bürgern der ehemaligen DDR. Der Untergang des sozialistischen Lagers und die Öffnung der Grenzen verursachten einen Massenandrang
nach Deutschland. Allein aus Kasachstan kamen jährlich 114.000 (1992) bis
122.000 (1994) Aussiedler ins Land.24
23
24
Bergner, Christoph/ Matthias Weber (Hg.): Aussiedler- und Minderheitenpolitik in
Deutschland. Bilanz und Perspektiven, München 2009.
Zusammenstellung der Bundeszentrale für politische Bildung: Die soziale Situation in
Deutschland, Zuzug von (Spät-) Aussiedlern und ihren Familienangehörigen, nach Her-
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Zum anderen verkomplizierte sich bei den eingewanderten Russlanddeutschen
der Prozess des Einlebens in die bundesdeutsche Gesellschaft. Dies betraf vor allem die weiter oben umrissenen Gruppen der sogenannten „Traditionalisten“
und „Integrierten“, die seit den 1990er Jahren nunmehr das Gros der sogenannten „Rücksiedler“ stellten. Verschiedene Faktoren führten zu bedeutenden psychologischen, wirtschaftlichen und sozialen Problemen in der „neuen Heimat“:
Ungenügende Sprachkenntnisse; Schwierigkeiten, mit in der Sowjetunion populären Berufen wie „Mechanisator“ (Agrotechniker) oder „Agronom“ Anschluss
an den deutschen Arbeitsmarkt zu finden; Nichtanerkennung von Hochschuldiplomen; Absinken des sozialen und beruflichen Status; noch größere Anpassungsschwierigkeiten der andersnationalen Ehegatten; die Situation getrennter
Familien; die für ehemalige Dorfbewohner ungewohnte urbane Lebensweise
usw. Dank der eigenen Entschlossenheit und beharrlichen Anstrengung, die sich
besonders in der starken Orientierung auf Beschäftigung, auch in der Aufnahme
von niedrigqualifizierten Arbeitsstellen äußert, verbunden mit der Unterstützung
der Behörden auf Bundes-, Landes- bzw. Kommunalebene und der alteingesessenen Bevölkerung, ist das Gros dieser Neubürger inzwischen zu einem integralen Teil der deutschen Gesellschaft geworden. Dies lässt sich vor allem am Verhalten der nachfolgenden Generationen beobachten: Sie haben einerseits demokratische und rechtsstaatliche Grundwerte verinnerlicht und andererseits den
Freiheitsdrang und die Selbstachtung ihrer Eltern und Großeltern bewahrt.25
Seit der zweiten Hälfte der 1990er Jahre erhöhte sich die Anzahl der sogenannten „Assimilierten“ unter den aus Russland nach Deutschland Ausgesiedelten. Ihre Entscheidung für die Auswanderung wurde in erster Linie deshalb getroffen, weil sie mit der wirtschaftlichen und sozialen Lage, die nach dem Zerfall
der Sowjetunion entstand, unzufrieden waren. Ihre Motivation zur Integration in
die ihnen fremde deutsche Kultur scheint geringer, sie verfügen meist nur über
minimale Sprachkenntnisse, können die sozialistischen Einstellungen und Ansichten nur schwer überwinden, sind von der westdeutschen Realität in der Regel
stark enttäuscht und sehnen sich nach der einstigen Heimat und den „goldenen
Stagnationszeiten“ der Brežnev-Ära zurück. Für die „Assimilierten“ ist eine
Rückwanderungsstimmung kennzeichnend. Die Jugendlichen erhielten in ihren
Familien kaum eine realistische Orientierung für das Leben in der bundesdeutschen Gesellschaft und haben deshalb große Schwierigkeiten, die neuen Gegebenheiten zu akzeptieren und zu verinnerlichen. Offensichtlich wird die erfolgreiche Akkulturation dieser sowjetisch-russischen Aussiedler erst in den nachfolgenden Generationen gelingen.
25
kunftsgebieten, in absoluten Zahlen (www.bpb.de/nachschlagen/zahlen-und-fakten/soziale
-situation-in-deutschland/61643/aussiedler, letzter Abruf am 12.12.2016).
Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung (Hg.): Ungenutzte Potenziale. Zur Lage
der Integration in Deutschland, Berlin 2009, S. 34-55.
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VIKTOR KRIEGER
Es lässt sich festhalten, dass im heutigen Deutschland die Leidensgeschichte
der Opfer kommunistischer Gewaltherrschaft nicht selten auf öffentliches Desinteresse stößt. Dies ist zum einen dem Umstand geschuldet, dass es den Russlanddeutschen auch in der Bundesrepublik an institutionell geförderten Museen,
wissenschaftlichen Instituten, Archiven und Bibliotheken fehlt. Im Umgang mit
Themenfeldern wie der „Geschichte der UdSSR“ oder „totalitären Diktaturen“
könnten ihre persönlichen Erlebnisse zum besseren Verständnis des Stalinismus,
der menschenverachtenden Praxis des Terrors, von Zwangsarbeit, Verfolgung
und Diskriminierung im sowjetischen Staat beitragen. Ebenfalls finden die historischen Erfahrungen der überlebenden Häftlinge und Zwangsarbeiter im gesellschaftlichen Diskurs und im Schulunterricht kaum Beachtung, obwohl sich im
Lande bereits zehntausende ehemalige Insassen der sowjetischen Straf- und Arbeitslager befinden. Angesichts von 2,5 Millionen russlanddeutschen Bundesbürgern verschiedener Generationen, sowie der Tatsache, dass in vielen Gemeinden der Anteil der Schüler aus ebendiesen Familien bereits im zweistelligen Bereich liegt, stößt die andauernde Ignoranz auf immer größeres Unverständnis.
Mehr noch, gewisse Massenmedien und Teile des gesellschaftspolitischen
Spektrums entwickelten eine äußerst selektive Wahrnehmung der Realität, in der
die Aussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion und Russland für die Bundesrepublik vornehmlich als ein Problemfaktor erschienen. In den Medien finden sich
bei der Berichterstattung über Russlanddeutsche häufig abwertende Urteile und
Schlagzeilen wie „ethnisch privilegierte Migranten“, „Ausreise als Folge einer gezielten Werbepolitik der Bundesrepublik in den Herkunftsländern“, „selbstgewählte Isolation“, „überdurchschnittliche Kriminalität“, „soziokulturelle Fremdheit in Deutschland“, „große Teile der Spätaussiedler werden kaum integriert
sein“, „Stimmvieh für die CDU“ oder „das einzige, was sie gelernt hätten, sei
Geld vom Staat einzufordern, mit dem sie sich dann Häuser bauen würden.“
Auch auf Fälle des politischen Populismus kann hier nur exemplarisch verweisen werden. So schürten etwa Oskar Lafontaine, der damalige Ministerpräsident
des Saarlandes und Dieter Spöri, der baden-württembergischen Spitzenkandidat
der SPD im Wahljahr 1996 Ängste vor Aussiedlern aus der einstigen UdSSR, in
denen sie die Hauptgefahr für den heimischen Arbeitsmarkt entdeckt zu haben
glaubten und versuchten, mit dieser populistischen Behauptung den Wahlkampf
zu gewinnen. 2007 sorgte der Polizeipräsident aus Hannover, Hans-Dieter Klosa,
mit seinem Vorschlag für Schlagzeilen, gegen vermeintlich besonders kriminelle
russlanddeutsche Bundesbürger Polizisten aus Russland einzusetzen.26
Die Russlanddeutschen brachten die Lebenserfahrungen einer multinationalen und multikulturellen Gesellschaft nach Deutschland mit. Die Berücksichtigung dieser Erfahrungen kann Politikern, Behörden, Kirchen, zahlreichen Bür26
Sonderheft „Aussiedler in Deutschland“ der Gesellschaft für bedrohte Völker: Pogrom 4,
Nr. 190 (1996); Krieger, Viktor: Mut zu einer unbequemen Solidarität, in: Bedrohte Völker – Pogrom 6 (251)/2008, S. 121-122.
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gerrechtsorganisationen und wohltätigen Verbänden sowie der deutschen Öffentlichkeit insgesamt helfen, mit den Fragen des interkulturellen Dialogs und der
Migrationspolitik nüchtern und rational zu verfahren. Die deutsche Gesellschaft
kann in ihrem, sich manchmal hervorhebenden Streben nach Paternalismus und
Betreuung nur davon profitieren, Menschen in ihre Mitte aufzunehmen, die, geprägt durch Entbehrungen, politische Verfolgung und Erfahrungen staatlicher
Gewalt, mehrheitlich auf eine allseitige Integration und positive Identifizierung
mit dem aufnehmenden Land bedacht sind.
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Historische und museumstheoretische Aspekte beim
Aufbau eines Heimatmuseums zur Erinnerung an
die Bewohner Göygöls/ Helenendorfs
Janine Funke (geb. Noack)1
„[Das Heimatmuseum] hat eine gesellschaftspolitisch integrative Funktion. [Es ist] ein Ort
historischer Aufklärung, welcher mit seinen spezifischen Mitteln dazu beiträgt, dass eine
Atmosphäre von Toleranz [entsteht], die im Wissen und in der Akzeptanz unterschiedlicher Lebensweisen gegründet, bessere Formen des Zusammenlebens möglich [macht].“2
Cornelia Foerster nimmt damit auf die Eigenschaften eines Heimatmuseums Bezug und betont dessen Rolle in der Darstellung von Geschichte. Besonders die Reflektion lokaler Geschichte nimmt eine wichtige Stellung in der gesamthistorischen
Betrachtung eines Landes ein. Lokale Geschichte steht zwar in einer Symbiose mit
den Geschehnissen in einem Staat oder einer Region, unterliegt jedoch individuellen Entwicklungen, welche oft nur auf lokaler Ebene von Bedeutung sind. Diese
lokale Geschichte erzwingt jedoch eine enge Auseinandersetzung mit der eigenen
sozialen Umgebung und prägt damit die Identität der lokalen Bevölkerung.
Die heutige Stadt Göygöl im Nordwesten Aserbaidschans wurde 1819 als Helenendorf von deutschen Aussiedlern aus Württemberg gegründet. Im Zuge der späteren Sowjetisierung des Landes und des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion
wurden bis 1941 nahezu alle deutschen Siedler nach Zentralasien deportiert. Die
zurückgelassenen Häuser bewohnten fortan überwiegend umgesiedelte Armenier.
Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem Beginn des BergkarabachKonfliktes mussten die Armenier den Ort verlassen. Ihre Häuser bezogen nun zum
großen Teil aserbaidschanische Flüchtlinge aus Armenien und Bergkarabach.
Die Geschichte dieser verschiedenen Akteure eint das Erleben von Flucht,
Vertreibung und Heimatverlust. Die Gestaltung eines Heimatmuseums, welches
sich der Erinnerung an die Geschichte des Ortes annimmt und diese Themen reflektiert, könnte einen wichtigen Beitrag zur differenzierten Reflektion der persönlichen Erlebnisse der Bewohner und der Geschichte des Ortes leisten und
damit eine Brücke zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft bauen.
Der vorliegende Beitrag soll helfen, das Konzept einer möglichen Museumsgründung im Ort zu entwickeln. In diesem Zusammenhang werden zunächst
grundlegende Fragen von Erinnerungskultur und Heimatvorstellungen erörtert
1
2
Die Autorin beschäftigte sich im Rahmen ihrer Bachelorarbeit mit dem Thema. Inzwischen liegen umfassende Konzepte der Museumsentwicklung und touristischen Inwertsetzung des deutschen Erbes in Aserbaidschan vor, die von der Herausgeberin wissenschaftlich begleitet werden.
Foerster, Cornelia: Das historische Museum Bielefeld. In: Maynert, Joachim/ Volker Rodekamp (Hg.): Heimatmuseum 2000. Ausgangspunkte und Perspektiven, Bielefeld 1993, S. 46.
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JANINE FUNKE
und auf den Umgang mit Geschichte und Museen in Aserbaidschan eingegangen. Die gewonnenen Erkenntnisse sollen anschließend in die Skizzierung eines
Konzeptionsentwurfes für ein Heimatmuseum in Göygöl einfließen.
Göygöl und seine Geschichte
Die deutsche Siedlungsgeschichte in der Stadt Göygöl bildet die Grundlage für
die Projektierung eines derartigen Museums und soll an dieser Stelle kurz beleuchtet werden. Im Zuge der Napoleonischen Kriege (1799-1812) war sowohl
die ökonomische als auch die politische Situation im damaligen Württemberg
für viele Menschen existenzbedrohend. Hungersnöte, Armut, hohe Steuern,
Plünderungen und religiöse Auseinandersetzungen veranlassten viele Menschen
zur Auswanderung.3 Die Ausreisebestrebungen wurden begünstigt durch die Politik Zar Aleksandr I., welcher die Siedlungsunternehmungen von Katharina der
Großen fortführte und damit günstige Bedingungen für die massenhafte Einwanderung westeuropäischer Ausreisewilliger schuf.4
3
4
Schrenk, Friedrich M.: Geschichte der deutschen Kolonien in Transkaukasien, hg. v. Emil
Biedlingmeier, Neustadt an der Weinstraße 1997, S. 17; eine ausführliche Auflistung möglicher Gründe für die Auswanderung findet sich bei: Auch, Eva-Maria: Öl und Wein am
Kaukasus. Deutsche Forschungsreisende, Kolonisten und Unternehmer im vorrevolutionären Aserbaidschan, Wiesbaden 2001, S. 68-69.
Beispielsweise mussten die Auswanderer einen bestimmten Mindestbesitz und eine spezifische Ausbildung vorweisen, dafür wurden sie vom Kriegsdienst befreit, weiterführend dazu: Auch: Öl und Wein, S. 68.
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HISTORISCHE UND MUSEUMSTHEORETISCHE ASPEKTE
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Nach Friedrich Schrenk erfolgte die Ortsgründung von Helenendorf Ostern
1819 im Gebiet einer verlassenen „Tatarensiedlung“5 in der Nähe der Stadt Elizavetpol’, dem heutigen Gǝncǝ.6 Helenendorf ist nur eine von zahlreichen Siedlungsgründungen, wie beispielsweise Annenfeld, Marienfeld und Katharinenfeld,
die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts an zahlreichen Orten in Südkaukasien entstanden und von der russischen Regierung sowohl finanziell als auch materiell unterstützt wurden.7
In dem Erinnerungsbericht des Helenendorfers Julius Vohrer wird die Entwicklung der Stadt detailliert beschrieben.8 Eine zentrale Bedeutung für die Entwicklung der Gemeinde spielte die prosperierende Weinwirtschaft. Der Urgroßvater von Julius Vohrer, Christopher Vohrer I., legte 1846 den ersten Weingarten
von rund einem Hektar an und konzentrierte sich besonders auf die Auswahl geeigneter Weinsorten, da die klimatischen Bedingungen sich erheblich von denen
in Württemberg unterschieden. „Aus ständiger Knappheit von Bargeld“9 war
Christopher Vohrer I. gezwungen, bis 1860 unter anderem als Schneider, Briefträger und Fuhrmann zu arbeiten. Diese persönlichen Erfahrungen der relativen
Mittellosigkeit können auf einen Großteil der damaligen Bevölkerung der Siedlung übertragen werden.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts stabilisierte sich die lokale Wirtschaft
jedoch und es wurden rund 118 einzelne Unternehmungen gezählt.10 Eine wichtige Voraussetzung für die positive Entwicklung des Weinbaus war die Agrarreform
in Südkaukasien, welche die Modernisierung der Anlagen, Eigentumserwerb und
die Bereitstellung von billigen Arbeitskräften förderte.11 Mit dem Export des Weines nach Tiflis wurden neue Absatzmärkte erschlossen.12 Christopher Vohrer I.
gründete 1862 beispielsweise eine Aktiengesellschaft, vergrößerte seinen Absatzmarkt nach Baku und etablierte eine Bierbrauerei im Gebiet Elizavetpol’.13
Die Geschichte Helenendorfs steht in unmittelbaren Zusammenhang mit der
Geschichte der gesamten Region. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts veränderte sich
mit Ausbruch der Russischen Revolution die Politik in den russischen Provin5
6
7
8
9
10
11
12
13
Nach Eva-Maria Auch wurde der Begriff „Tatar“ von den russischen Behörden und den
deutschen Siedlern als Synonym für „Aserbaidschaner“ bzw. für die turksprachigen Muslime der Region benutzt. Die Bezeichnung „Aserbaidschaner“ wurde vermehrt erst seit
1918 durchgesetzt; siehe: Auch, Eva-Maria (Hg.): Deutsche Winzer im multikulturellen
Umfeld Aserbaidschans. Erinnerungsbericht des Julius Vohrer (1887-1979) (Schriftenreihe
des Kultur- und Wissenschaftsvereins EuroKaukAsia e.V.; 1), Berlin 2011, S. 12.
Schrenk: Geschichte der deutschen Kolonien, S. 39.
Genauere Angaben zu den finanziellen und materiellen Unterstützungen sowie den Regularien der Rückzahlung bei Auch: Öl und Wein, S. 73.
Auch: Deutsche Winzer.
Ebd., S. 16.
Schrenk: Geschichte der deutschen Kolonien in Transkaukasien, S. 56.
Auch: Öl und Wein, S. 81.
Ebd., S. 60.
Auch: Deutsche Winzer, S. 16.
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JANINE FUNKE
zen.14 Die außenpolitischen Entwicklungen der Sowjetunion und der Weimarer
Republik hatten dabei einen entscheidenden Einfluss auf den Umgang mit den
deutschen Siedlern in der neu entstandenen Aserbaidschanischen Sozialistischen
Sowjetrepublik (AzSSR). Am 8. Dezember 1920 wurde im „Dekret zur Enteignung bürgerlichen Besitzes“ Land und Fabriken der ehemaligen deutschen Aussiedler verstaatlicht und in Sowchosen umgewandelt.15 Im 1925 erstellten Bericht
„Über die deutsche kontrarevolutionäre Arbeit in der UdSSR“ der Abteilung für
Gegenspionage der Geheimpolizei der Sowjetunion (GPU) sind aufschlussreiche
Informationen über die Veränderung der Haltung der Sowjetmacht zur 1908 gegründeten Winzergenossenschaft Konkordija zu finden.16 Der Genossenschaft
wurden darin Spionagetätigkeiten unterstellt und die deutschen Siedlungen bekamen die Bezeichnung „Herde und Basen für Konterrevolutionen“. Die Genossenschaft Konkordija wurde 1935 in das staatliche Weinkontor „Azvin“ zwangseingegliedert. Mit dem Vorwurf der „Unwirtschaftlichkeit, Spekulation [und] Bestechung“ wurden dessen Genossenschaftler in die Verbannung geschickt.17
Die Säuberungen der Jahre 1937 und 1938, die als Zeit des Großen Terrors
bezeichnet werden, forderten auch tausende Opfer in der AzSSR, darunter zahlreiche Sowjetbürger deutscher Abstammung. 1938 wurde Helenendorf in Xanlar
umbenannt. Mit dem Erlass Nr. 744 vom 8. Oktober 1941 wurden nahezu alle
in den Sowjetrepubliken Georgien, Armenien und Aserbaidschan lebenden
Deutschen nach Zentralasien deportiert.18 Insgesamt zählt die Statistik von September 1941 bis zum 1. Januar 1942 23.593 deportierte Deutsche aus der Aserbaidschanischen SSR.19
Ein Großteil der Deportierten wurde nach Kasachstan gebracht und lebte dort
als Minderheit überwiegend bis zur Auflösung der Sowjetunion 1991. Die ehemaligen Häuser der Deportierten aus Xanlar bewohnten fortan zum großen Teil
armenische Familien. Mit Ausbruch des Bergkarabach-Konfliktes wurden die
armenischen Bewohner größtenteils aus der Stadt vertrieben und in ihren Häusern aserbaidschanische Flüchtlinge aus Bergkarabach und Armenien einquartiert. 2008 wurde die Stadt in Göygöl umbenannt.
Nach den Aussagen des „letzten Deutschen“20 in Göygöl, Viktor Klein, wurden neben seiner eigenen nur vier weitere deutsche Familien der Stadt nicht de14
15
16
17
18
19
20
Kappeler, Andreas: Russland als Vielvölkerreich. Entstehung, Geschichte, Zerfall, München 1992, S. 268.
Auch: Deutsche Winzer, S. 163.
Russisches Staatsarchiv für sozio-politische Geschichte (RGASPI) Moskau, f 76, op. 3, d
31; 1. 12-20, zitiert nach Auch: Deutsche Winzer, S. 168-169.
Ebd., S. 175.
Eisfeld, Alfred/ Viktor Herdt: Deportation, Sondersiedlung, Arbeitsarmee. Deutsche in der
Sowjetunion 1941 bis 1956, Köln 1996, S. 105.
Ebd., S. 139.
Der Grabstein Viktor Kleins auf dem deutschen Friedhof in Göygöl trägt die Inschrift:
„Der letzte deutsche Bewohner“.
https://doi.org/10.5771/9783956503375
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HISTORISCHE UND MUSEUMSTHEORETISCHE ASPEKTE
177
portiert. Die Eheschließungen der Mutter mit einem Nichtdeutschen könnte die
Familie gerettet haben. Der Vater Kleins war polnischer Herkunft, die Mutter
deutscher. Es besteht ebenfalls die Vermutung, dass die Familie auf Grund der
wichtigen Funktion des Vaters als Arzt im Ort verbleiben konnte. Viktor Klein
verstarb 2007 im Alter von 71 Jahren und wurde auf dem deutschen Friedhof am
Stadtrand beerdigt.21 Sein Elternhaus steht seitdem leer und ist für Besucher begehbar.22 Da es noch die originalen Einrichtungsgegenstände aus dem Beginn
des 20. Jahrhunderts enthält, soll es als räumliche Grundlage für das im Folgenden zu erarbeitende Museumskonzept dienen.
Verarbeitung durch Erinnerung: Das kulturelle Gedächtnis nach Jan und
Aleida Assmann
Mit der Beschreibung der Geschichte Göygöls wird deutlich, dass Flucht, Vertreibung und Heimatverlust ein zentrales Erlebnismoment der derzeitigen und
ehemaligen Einwohner darstellt und als Hauptnarrativ für die Geschichte des
Ortes Verwendung finden kann. Noch heute existieren zahlreiche historische
Gebäude und Artefakte im Ort, welche von der Geschichte Göygöls berichten.
Beispielsweise erinnert die Architektur der Wohnhäuser an die ehemaligen deutschen Siedler. Auf Grabsteinen des alten örtlichen Friedhofs sind neben deutschen auch armenische Inschriften sichtbar. Weiterhin existieren zahllose persönliche Erinnerungen der Einwohner, welche als mündliche Überlieferungen
die Geschichte des Ortes bewahren und stetig fortschreiben.
Die Kulturwissenschaftler Aleida und Jan Assmann fassen diese verschiedenen
Formen der Erinnerungen in dem Konzept des kulturellen und kommunikativen
Gedächtnisses zusammen. Ihren Ausführungen legen sie die Theorie des kollektiven Gedächtnisses23 des Soziologen und Philosophen Maurice Halbwachs zugrunde, halten das Konzept allerdings für überarbeitungswürdig. Nach ihnen
müsse eine Differenz zwischen kommunizierter und institutionalisierter Erinnerung herausgearbeitet werden. Für diese Unterscheidung führte Assmann den
Begriff des kulturellen Gedächtnisses ein. Aleida und Jan Assmann grenzen sich
von Halbwachs in einigen Punkten ab und fügen hinzu, dass Erinnern „nicht
nur sozial, sondern auch kulturell determiniert [ist]“.24 Aus diesem Grund unter21
22
23
24
Brinkmann, Peter: Ein Land mit viel Energie (www.european-circle.de/zukunftwissen/mel
dung/datum/2011/05/23/ein-land-mit-viel-energie.html, letzter Zugriff am 28.07.2012).
Der Besitz wurde unter Denkmalschutz gestellt und inventarisiert, die Räumlichkeiten
sind nur noch teilweise zugänglich. (Anm. d. Hg.).
Halbwachs, Maurice: La mémoire collective, Paris 1939.
Assmann, Jan: Das kollektive Gedächtnis zwischen Körper und Schrift. Zur Gedächtnistheorie von Maurice Halbwachs. In: Krapoth, Hermann/ Laborde, Denis (Hg.), Erinnerung und Gesellschaft. Mémoire et Société (Jahrbuch für Soziologiegeschichte), Wiesbaden 2005, S. 65-83, hier S. 78.
https://doi.org/10.5771/9783956503375
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178
JANINE FUNKE
scheiden sie ein kommunikatives und ein kulturelles Gedächtnis, welche als Teile
des kollektiven Gedächtnisses zu bezeichnen sind. Das kommunikative Gedächtnis ist als „Generationengedächtnis“ zu verstehen. Es ist auf eine bestimmte, begrenzte Gruppe bezogen und wird durch „persönlich verbürgte und kommunizierte Erfahrung“ geprägt. Es existiert über drei bis vier Generationen. Da
sich das kommunikative Gedächtnis auf Erinnerungen bezieht, die ein Akteur
mit seinen Zeitgenossen teilt, „stirbt“ dieses spezifische Gedächtnis mit seinem
Träger und weicht einem neuen.25
Das kulturelle Gedächtnis beschreibt die institutionalisierte Erinnerungskultur. Es wächst über Generationen unter der Weitergabe von archäologischem
und schriftlichem Nachlass und ist durch Traditionen und Wiederholungen geprägt. Aleida und Jan Assmann beschreiben, dass die Vergangenheit in Form von
symbolischen Figuren aufrechterhalten wird. Wenn das kommunikative Gedächtnis – also der eigene Erinnerungshorizont – schwindet, bietet das kulturelle
Gedächtnis bestimmte Fixpunkte.26 Diese Ereignisse in der Vergangenheit werden durch kulturelle Formungen wie Bücher, Denkmäler oder Traditionen erhalten und prägen damit die Gegenwart. Das kulturelle Gedächtnis besitzt außerdem immer „Träger“, beispielsweise Lehrer, Priester oder auch Politiker, welche
die einzelnen Schwerpunkte der Erinnerungsformung gezielt prägen. Was daraus
entsteht, nennen die Assmanns einen „gemeinsamen Erfahrungs-, Erwartungsund Handlungsraum“.27 Sie beschreiben, dass die Schaffung eines individuellen
Bewusstseins oder Gedächtnisses nur durch die Interaktion und Kommunikation
mit anderen Individuen erfolgen kann.28 Eine zentrale Rolle nehmen dabei Medien ein, welche die Aufgabe haben, das kulturelle Gedächtnis zu fundieren,
damit aber auch eine Instrumentalisierungsmöglichkeit besitzen.29
Auch ein Museum kann als „Medium der Erinnerung“ definiert werden. In
der Logik von Aleida und Jan Assmann ist das Museum als feste Institution dem
kulturellen Gedächtnis zuzuordnen. Das Museum ist aber nicht nur „Medium“,
sondern kann in seiner Gestaltung auch als „Träger“ des kulturellen Gedächtnisses agieren. Das Museum spielt damit eine zentrale Rolle in der Formung des
kollektiven Gedächtnisses eines Landes, einer Region oder eines Ortes.
25
26
27
28
29
Ders.: Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen
Hochkulturen, München 2007, S. 50.
Ebd., S. 54.
Ebd., S. 79.
Ebd., S. 34.
Assmann, Aleida: Erinnerungsräume. Formen und Wandlungen des kulturellen Gedächtnisses, München 1999, S. 20.
https://doi.org/10.5771/9783956503375
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HISTORISCHE UND MUSEUMSTHEORETISCHE ASPEKTE
179
Museen als Erinnerungsorte in Aserbaidschan
Auf Grund der Definition von Museen als institutionalisierte Erinnerungsorte
unterliegen sie allgemeingültigen Regeln. Das International Council of Museums
(ICOM) definiert ein Museum allgemein als eine „gemeinnützige, ständige, der
Öffentlichkeit zugängliche Einrichtung, im Dienste der Gesellschaft und ihrer
Entwicklung, die zu Studien-, Bildungs- und Unterhaltungszwecken materielle
Zeugnisse von Menschen und ihrer Umwelt beschafft, bewahrt, erforscht, bekanntmacht und ausstellt.“30 Der Deutsche Museumsbund fügt hinzu, dass Museen eine „fachbezogene Konzeption“ aufweisen sollten, „fachlich geleitet und
wissenschaftlich ausgewertet werden können“ und eine eindeutige „Bildungsfunktion“ besitzen müssen.31
Abb. 38: „Der museologische Imperativ“ (eigene Darstellung nach Korff, S. 41).
30
31
ICOM: Code of Ethics for Museums, Artikel 2.1, Berlin/ Wien/ Zürich 2003, S. 18. Siehe
auch: Standards für Museen, Kassel-Berlin 2006, S. 5. Der ICOM-Kodex wurde am 4. November 1986 auf der 15. ICOM-Vollversammlung in Buenos Aires, Argentinien, einstimmig angenommen und am 6. Juli 2001 auf der 20. ICOM-Vollversammlung in Barcelona,
Spanien, ergänzt.
Museumskunde, Bd. 43, H. 3 (1978).
https://doi.org/10.5771/9783956503375
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180
JANINE FUNKE
Um den Richtlinien zu entsprechen, folgt jedes Museum bestimmten, notwendigen Kategorien. Der sich daraus ergebende „museologische Imperativ“32 besteht
aus den Indikatoren „sammeln“, „bewahren“, „erforschen“ und „vermitteln“
(Abb. 38). Diese vier Indikatoren bedingen sich gegenseitig und stehen in Interaktion miteinander. Bei der Sammlung von Ausstellungsobjekten werden beispielsweise an jedes Exponat gezielte Fragen gestellt: Kann das Exponat etwas zur
Geschichte des Ortes aussagen? Welchem thematischen Feld ist das Exponat zuzuordnen? Die Antwort auf diese Fragen beeinflusst die Konstellation eines Museums erheblich.
Die eingehende wissenschaftliche Analyse und spätere Präsentation der Exponate für die Bildung „einer aus allen Bevölkerungs- und Gesellschaftsschichten“
bestehenden Öffentlichkeit ist ebenso zentral wie die fachgerechte Bewahrung
von Exponaten. Der Kunsthistoriker Helmut Knirim machte deutlich, dass ein
Museum kein „Magazin ist, wo historische Materialien ohne Sinnzusammenhang präsentiert werden“, sondern ein Ort, an dem jedes Objekt eine historische
Informations– und Bedeutungsfunktion erfüllt und dementsprechend erforscht
und präsentiert werden muss.33
Die Museumslandschaft Aserbaidschans
Aserbaidschan ist Mitglied der ICOM und hat sich damit verpflichtet, die allgemeine Museumsdefinition des Rats umzusetzen. Das Staatliche Statistikkomitee der Republik Aserbaidschan (AZSTAT) zählte im Jahr 2011 insgesamt 227 Museen (Abb.
39). Die Besucheranzahl lag nach Angabe des Komitees im Jahr zuvor bei
1.803.800.34 Die Zahl der Museen im Land ist besonders seit 2005 stark angestiegen
– zwischen 2005 und 2011 wurden laut Statistikkomitee 63 neue Museen eröffnet.
Von Beginn der Unabhängigkeit Aserbaidschans 1991 bis zum Jahr 2005 blieb die
Zahl der Museen dagegen relativ konstant. Der extreme Anstieg des staatlichen Budgets für Museumsarbeit ab 2005 um 33 Prozent zog den rapiden Anstieg von Neugründungen nach sich.35 Als Ursache für das gestiegene staatliche Engagement in der
Museumsarbeit ist vor allem der Tod von Heydǝr Əliyev im Dezember 2003 und die
Verstärkung des Personenkults um den verstorbenen Präsidenten auszumachen.
32
33
34
35
Korff, S. 24, In: Vieregg, Hildegard K.: Studienbuch Museumswissenschaften. Impulse zu einer internationalen Beobachtung, Baltmannsweiler 2007, S. 41. Siehe auch: Heesen, Anke te
/Petra Lutz (Hg.): Dingwelten. Das Museum als Erkenntnisort, Köln/Weimar/Wien 2005.
Knirim, Helmut: Entwicklungsperspektiven der Heimatmuseen. In: Meyernert, Joachim/
Volker Rodekamp (Hg.): Heimatmuseum 2000. Ausgangspunkte und Perspektiven, Bielefeld 1993, S. 117.
Staatliches Statistikkomitee der Republik Aserbaidschan (AZTAT), www.azstat.org/statinfo/
tourism/en/index.shtml (letzter Zugriff am 16.07.2012).
Mason, Timothy: At the crossroads: The strategic development of museums in Azerbaijan
(Schriftenreihe des Council of Europe, Cultural Policy and Action Department, Juli 2004),
S. 8.
https://doi.org/10.5771/9783956503375
Generiert durch Staatsbibliothek zu Berlin, am 01.04.2019, 17:17:43.
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181
HISTORISCHE UND MUSEUMSTHEORETISCHE ASPEKTE
Abb. 39: Anzahl der Museen in Aserbaidschan, eigene Darstellung nach Daten des AZSTAT:
www.azstat.org/statinfo/education/en/index.shtml# (letzter Zugriff am 17.06.2012).
Nach Angaben des Staatlichen Statistikkomitees lag der Anteil von Regionalmuseen an der gesamten Museumslandschaft Aserbaidschans im Jahre 2010 bei
31 Prozent, dicht gefolgt von Geschichtsmuseen mit 30 Prozent. Gedenkstätten
und Kunstmuseen machten jeweils einen Anteil von 17 Prozent an der Gesamtzahl der Museen aus. Die restlichen 5 Prozent stellten andere Museen dar, beispielsweise für Technik und Landwirtschaft.36
Wird die Museumsentwicklung über die letzten zehn Jahre betrachtet, fällt
vor allem der hohe Anstieg an Geschichtsmuseen auf – von 14 im Jahr 2000 auf
67 im Jahr 2010 – (Tabelle 1). Im Gegensatz dazu stieg die Anzahl an Regionalmuseen nur unwesentlich, alle sowjetischen Regionalmuseen wurden erhalten.
Der starke Anstieg von Geschichtsmuseen zwischen 2005 und 2008 kann mit
dem Personenkult um Heydǝr Əliyev erklärt werden. In nahezu jedem Ort wurde
ein Museum zur Erinnerung an die Regierungszeit und die Leistungen des ehemaligen Präsidenten eröffnet.
Insgesamt
2000
2005
2008
2009
2010
155
163
205
223
226
Geschichtsmuseum
14
15
49
65
67
Gedenkstätten
32
34
37
37
39
Regionalmuseen
63
67
69
69
69
Kunstmuseen
37
37
39
40
39
sonstige
9
10
11
12
12
Tab. 2: Museumstypen in Aserbaidschan, eigene Darstellung nach den Daten des AZSTAT,
www.azstat.org/statinfo/education/en/index.shtml# (letzter Zugriff am 17.06.2012).
36
AZSTAT, www.azstat.org/statinfo/education/en/index.shtml# (letzter Zugriff am 17.06.2012).
https://doi.org/10.5771/9783956503375
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182
JANINE FUNKE
Die finanzielle und organisatorische Situation der einzelnen Museen gestaltet
sich sehr unterschiedlich. Im Staatshaushalt wurden für Museen und Archive im
Jahr 2010 Ausgaben von 4,4 Millionen Manat37 festgeschrieben, womit nahezu
kein Museum ausreichend finanzierbar ist.38 Bei der Verteilung der Gelder wird
jedoch zwischen nationalen und lokalen Museen unterschieden. So werden 15
Museen von „nationaler Wichtigkeit“ über ein zentrales Budget gefördert.39 Die
Museen in den ländlichen Regionen unterstehen in der Regel lokalen Kulturbeauftragten der Regierung, womit deren Existenz genauso von lokalen Politikern
abhängt wie deren Organisation und Finanzierung. Die Museen, welche sich
über das zentrale Budget finanzieren, verwenden in der Regel 35 Prozent der
Gelder für Löhne, 57 Prozent für das Museumsgebäude und 8 Prozent für Werbung. Lokale Museen mussten 57 Prozent für Löhne, 31 Prozent für das Museumsgebäude und 12 Prozent für Werbung ausgeben. Der durchschnittliche Eintrittspreis liegt zwischen 0,20 und 1 Manat.40
Während in der Hauptstadt Baku zahlreiche Finanzierungsquellen für Renovierungen oder den Neubau von Museen – wie beispielsweise dem Teppichmuseum – zur Verfügung stehen, fehlt es den kleineren Museen in ländlicheren Regionen an den einfachsten technischen Hilfsmitteln wie Computern oder Internetzugang und es gibt Probleme bei zentralen Fragen wie der Temperatur- und
Luftfeuchtigkeitskontrolle der Räume. Dies ist meist auf die seit der Unabhängigkeit des Landes 1991 ausgebliebene Renovierung der Gebäude zurückzuführen. Außerdem existiert keine zentrale Datenbank der einzelnen Museen oder
der Exponate, lediglich die großen Museen Bakus verfügen über einen eigenen
Internetauftritt. Das Kulturministerium selbst listet verschiedene Probleme der
Museumsarbeit auf und veröffentlicht verschiedene Prioritäten für die zukünftige
Museumsarbeit. Zentral hervorgehoben werden die Gründung einer Datenbank
und die Nutzung des Internets in jedem Museum, die Einführung moderner
Standards, die bessere Schulung von Museumsmitarbeitern und die Suche nach
neuen Finanzierungsmöglichkeiten.41
Geschichtswissenschaft in Aserbaidschan
Die musealen Inhalte werden stark von der jeweiligen Reflexion über die eigene
Vergangenheit beeinflusst. Wie Geschichte reflektiert und verarbeitet wird, lässt
sich aus der Historiografie eines Landes ableiten. Die Wissenschaftler und Wis37
38
39
40
41
Bei einem Wechselkurs zum Euro von 1:1,08 entspricht das einer Summe von 4,75 Millionen Euro (Stand: Mai 2014).
Council of Europe/ERICarts – Compendium of Cultural Policies and Trends in Europe,
www.culturalpolicies.net/down/azerbaijan_112011.pdf (letzter Zugriff am 25.06.2012), S. 39.
Mason: At the crossroads, S. 7.
Ebd., S. 8.
Ebd., S. 6.
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HISTORISCHE UND MUSEUMSTHEORETISCHE ASPEKTE
183
senschaftlerinnen Zaur Gasimov, Bahodir Sidikov, Sergey Rumyantsev und Sara
Winter haben die aserbaidschanische Historiografie eingehend untersucht. Einige Tendenzen sollen in dieser Stelle kurz nachgezeichnet werden.
Der Historiker Zaur Gasimov beschreibt, dass die aserbaidschanische Geschichtsschreibung bis in das 20. Jahrhundert hinein vor allem als regionale Geschichtsschreibung existierte, die „sporadisch von muslimischen Intellektuellen
aus Baku und Karabach angesichts äußerer Kultureinflüsse betrieben wurde.“ 42
Diese kamen vor allem aus turksprachigen und islamischen Ländern. Der Soziologe Sergey Rumyantsev datiert die ersten, islamisch geprägten Chroniken in
aserbaidschanischer Sprache in das 18. Jahrhundert. Das Werk „Golestan-i Iram“
von Abbasqulu aǧa Bakıxanov (1794-1846) wird als frühes Standardwerk der aserbaidschanischen Geschichtsschreibung aufgeführt.43
Mit der Eingliederung Aserbaidschans in die UdSSR 1922 wurde die Entwicklung der Geschichtswissenschaft stark durch sowjetische Vorgaben geprägt.44 Allerdings muss ein Unterschied zwischen regionaler Geschichtsschreibung und
sowjetischer, beziehungsweise offizieller nationaler Geschichtsschreibung gemacht werden.45 Ziel der sowjetischen Historiografie war es, die muslimischtürkische Identität der aserbaidschanischen Bevölkerung durch eine Identifizierung mit der Sowjetunion zu ersetzen. Spätestens seit den 1930er Jahren wurde
jede Interaktion zwischen „aserbaidschanischen Staatsgebilden und sozialen
Gruppen“ mit Russland positiv hervorgehoben.46 Gasimov bezeichnet den Prozess als „Russifizierung der Geschichtsschreibung.“47
Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurde die Notwenigkeit formuliert, eine eigene, aserbaidschanische Identität und damit auch eine eigene Geschichtsschreibung zu etablieren, welche sich deutlich von dem bisherigen sowjetisch-aserbaidschanischen und dem traditionell türkisch-muslimischen Ansatz
42
43
44
45
46
47
Gasimov, Zaur: Zwischen Europa, Turan und Orient. Raumkonzepte in der modernen
aserbaidschanischen Geschichtsschreibung und Geschichtspolitik. In: Jahrbücher für die
Geschichte Osteuropas, Bd. 59, H. 4 (2011), S. 535.
Rumyantsev, Sergey: „Ethnic Territories“ Presentation Practices in Historical Textbooks in
Post-Soviet Azerbaijan and Georgia. In: Internationale Schulbuchforschung Bd. 30, H. 4
(2008), S. 814; eine ausführliche Beschreibung der Entwicklung der aserbaidschanischen Geschichtswissenschaft vor Beginn der sowjetischen Ära 1920 besorgte: Adam, Volker: Umdeutung der Geschichte im Zeichen des Nationalismus seit dem Ende der Sowjetunion: Das Beispiel Aserbaidschan. In: Osmanismus, Nationalismus und der Kaukasus. Muslime und Christen, Türken und Armenier im 19. und 20. Jahrhundert, Wiesbaden 2005, S. 24-27.
Zur Analyse der Geschichtsschreibung in der UdSSR siehe: Hösler, Joachim: Die Sowjetische Geschichtswissenschaft 1953 bis 1991. Studien zur Methodologie- und Organisationsgeschichte (Marburger Abhandlungen zur Geschichte und Kultur Osteuropas; 34),
München 1995.
Ausführliche Informationen zum Unterschied der regionalen und nationalen Geschichtsschreibung bei: Winter, Sara: „Ein alter Feind wird nicht zum Freund“: Fremd- und
Selbstbild in der aserbaidschanischen Geschichtsschreibung, Berlin 2011, S. 48.
Gasimov: Zwischen Europa, S. 537.
Ebd., S. 538.
https://doi.org/10.5771/9783956503375
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184
JANINE FUNKE
unterscheiden sollte.48 Die Idee des „neuen Menschen“ sowjetischer Art wurde
durch die Gestaltung einer genuin aserbaidschanischen Identität ersetzt. Die
Turkologin Sara Winter weist darauf hin, dass sich trotz der Verschiebung inhaltlicher Schwerpunkte in „Bezug auf Arbeitstechniken, methodische Ansätze und
Theorien“ in der heutigen aserbaidschanischen Geschichtswissenschaft im Vergleich zur Sowjetzeit wenig verändert hat.49 Forschung und Lehre unterliegen politischen Vorgaben. Gasimov betont, dass Aserbaidschan ein autoritäres Land sei,
in dem die Freiheit der Wissenschaft nicht garantiert werden könne und Korruption ein zentrales Problem ist.50 Die Arbeit der Historiker sei kaum von der staatlichen Kontrolle zu trennen, beschreibt der Islamwissenschaftler Bahodir Sidikov.51 Freischaffende und unabhängige Historiker oder Schulbuchautoren für
das Fach Geschichte gäbe es faktisch nicht, weshalb kritische Inhalte meist keinen Eingang in Lehr- und Lernmaterialien finden.52
Gasimov betont, dass aserbaidschanische Historiker als Akteure in einem bestimmten Raum wahrgenommen werden müssen und die „persönliche, berufliche und edukative Sozialisation“ die Forschung und Lehre erheblich prägen.53
Nach Sidikov seien alle Akteure, die beispielsweise an der Ausarbeitung von Geschichtsschulbüchern beteiligt sind, in der Sowjetunion sozialisiert.54 Historiker
in Aserbaidschan agieren dennoch weitestgehend selbstständig untereinander,
obwohl die „Direktive“ zur Forschung vom Əliyev-Regime ausgeht. Eine kritische Debatte sei nach Gasimov also durchaus möglich, jedoch betont Sidikov,
dass es an den entsprechenden Publikationen fehle.55 Er stellt weiterhin fest, dass
ein Prozess der „Selbstzensur“ bei den publizierenden Historikern stattfinde,
welcher es verhindert, dass auch „ketzerische“ Inhalte veröffentlicht werden. Die
Kritik von außen an dieser politischen Historiographie nimmt deutlich zu.56 Viele Aserbaidschaner fordern zunehmend, dass vielmehr „europäische Werte“ in
Schulbüchern transportiert werden sollten und die Geschichte des Landes nicht
mehr nur als Folge von Revolutionen und Kriegen darzustellen sei, wie es in der
Sowjetzeit üblich war.57
48
49
50
51
52
53
54
55
56
57
Winter: „Ein alter Feind wird nicht zum Freund“, S. 53.
Ebd., S. 54.
Gasimov, Zaur: A short Sketch of One Century of Azerbaijani Historical Writing. In:
Caucasus Analytical Digest, Nr. 8, Juli 2009, S. 9.
Sidikov, Bahodir: Zwischen Bourdieu und postkolonialer Theorie: Zur Analyse postsowjetischer Schulbücher für das Fach Geschichte (am Beispiel Aserbaidschans). In: Aghayev,
Mardan/ Ruslana Suleymanova (Hg.): Jahrbuch Aserbaidschanforschung, Bd. 2, Berlin
2008, S. 240.
Ebd., S. 228.
Gasimov, Zwischen Europa, S. 554.
Sidikov, Zwischen Bourdieu, S. 237.
Gasimov, Zwischen Europa, S. 554; Sidikov, Zwischen Bourdieu, S. 226.
Ebd., S. 238.
Gasimov, A short Sketch, S. 837.
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HISTORISCHE UND MUSEUMSTHEORETISCHE ASPEKTE
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Wird ein Vergleich der Tendenzen der aserbaidschanischen Historiographie
und der Museumslandschaft des Landes versucht, fällt auf, dass die überwiegende Anzahl an regionalen Museen im Land während der Zeit der AzSSR entstanden und die Konzepte der inhaltlichen Präsentation noch aus ebenjener stammen. Ein Prozess der Veränderung vollzieht sich im Bereich der Museumsarbeit
nur langsam und ist entscheidend mit den Entwicklungen in der Geschichtswissenschaft verknüpft.
Das Heimatmuseum als alternativer Erinnerungsort
Die Betrachtungen zur Museumslandschaft Aserbaidschans haben gezeigt, dass
hier die historische und regionale Museumsarbeit eine zentrale Rolle einnimmt.
Für die Gründung eines Museums in Göygöl, welches ganz gezielt die Motive
von Flucht, Vertreibung und Heimatverlust aufgreift, sollte jedoch ein alternatives Konzept gewählt werden, welches am besten mit dem Begriff „Heimatmuseum“ beschrieben werden kann.
Der Begriff „Heimat“ verlangt mit seiner hohen Bedeutungsunschärfe einer
genaueren Erläuterung. „Heimat“, nur schwer in eine andere Sprache zu übersetzen, steht in Deutschland vor allem seit den 1970er Jahren im Fokus einer wissenschaftlichen Diskussion, weshalb nur wenige multiperspektivische Ansätze
vorhanden sind, die das „Phänomen Heimat“ beschreiben. Eine aktuelle und
umfassende Betrachtung des Heimatbegriffes stellt die Publikation „Heimat.
Konturen und Konjunkturen eines umstrittenen Begriffs“ dar, welche die Grundlage der folgenden Ausführungen bildet.58
In der wissenschaftlichen Diskussion um eine ausführliche Definition des Begriffes ist der Konsens festzustellen, dass Heimat eine große „Bedeutungsvielfalt“
impliziert und von „Unschärfe und Mehrdeutigkeit“ geprägt ist, so dass eine
sprachliche Eindeutigkeit nicht möglich sei.59 Der Duden definiert „Heimat“ allgemein als einen emotionalen Begriff, sie könne demnach ein „Land, Landesteil
oder Ort sein, in dem man aufgewachsen ist oder sich zum ständigen Aufenthalt
zu Hause fühlt.“ 60 Der Begriff leitet sich vom mittelhochdeutschen „Heim“ ab,
welcher der Bedeutung von Haus oder Wohnort am nächsten kommt. Das Heim
wird als Ort bezeichnet, an dem „man sich niederlässt.“61 Verschiedene Konzeptionen des Begriffes werden durch die Indikatoren „Raum“, „Zeit“ und „Identität“ geprägt, es wird folglich immer von einem „Näheverhältnis von Mensch und
Raum“ ausgegangen, welches das „diffuse [...] Zugehörigkeits- und Vertrautheits58
59
60
61
Gebhard, Gunther/ Oliver Geisler / Steffen Schröter: Heimatdenken: Konjunkturen und
Konturen. In: dies. (Hg.): Heimat. Konturen und Konjunkturen eines umstrittenen Konzepts, Bielefeld 2007.
Ebd., S. 9.
Wörterbuch der deutschen Sprache, Aufl. 25, Mannheim 2009, S. 491.
Ebd.
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186
JANINE FUNKE
verhältnis zu einem begrenzten Territorium“ prägt.62 Der Jurist Bernhard Schlink
definiert Heimat als ein Gefühl der „Unerfülltheit“, welches in die Sehnsucht
nach etwas Vergangenem oder Erwünschtem mündet.63 Der Begriff fand daher
besonders in der Zeit des Nationalsozialismus Verwendung, um Utopien einer
„deutschen Heimat“ Realität werden zu lassen.64 Der Literaturwissenschaftler
Friedrich Kittler weist zudem darauf hin, dass es nur möglich sei über „Heimat
zu schreiben“, wenn diese verloren ist.65
Diese weite Definition des Begriffes lässt sich auf die Definition des Heimatmuseums übertragen. Diese gestaltet sich umso schwieriger, da sich das Heimatmuseum in einem Zwischenbereich „mit Beziehungen zu unterschiedlichen Museumstypen“ nur schwer von Volkskundemuseen, Freilicht- und Bauernhofmuseen sowie kulturhistorischen und naturkundlichen Museen mit regionalen Bezug unterscheiden lässt.66 Der grundlegende Unterschied zwischen Heimatmuseen und anderen Museumstypen ist jedoch, dass hier nicht der Ausstellungsgegenstand selbst im Mittelpunkt steht, sondern die Beziehung, „welche dieser
Stoff zur näheren und weiteren Umgebung des Museums hat.“67 Jeder Ausstellungsgegenstand steht somit in einer direkten Beziehung zu seiner lokalen Umwelt. Im Allgemeinen beeinflussen regional verankerte Museen die Erinnerungskultur eines begrenzten Raumes. Die Geschichte einer Region rückt dabei viel
mehr ins Zentrum als die Geschichte eines Landes. Daraus ergibt sich eine stärkere individuelle Verbundenheit des Besuchers mit den dargestellten Inhalten.
Das Regionalmuseum berührt die eigene Vergangenheit beispielsweise mit der
Ausstellung von Exponaten, die im eigenen Lebensumfeld eine Rolle spielten
oder mit Hinweisen auf vergangene Ereignisse, welche das persönliche Leben beeinflussten. Durch die Einbindung von Augenzeugenberichten steht besonders
das Ansprechen des kommunikativen Gedächtnisses von Aleida und Jan Assmann im Fokus des Regionalmuseums. Das Heimatmuseum stellt eine Form des
Regionalmuseums dar, welches die Möglichkeit bietet, speziell die emotionale
Verbundenheit zu Heimat als Museumsmotiv zu verwenden.
Nach den Ausführungen von Gottfried Korff sind Heimatmuseen nicht dem
Zwang ausgesetzt, einem bestimmten Konzept zu folgen, vielmehr könnten unterschiedliche Menschen auf unterschiedliche Arten angesprochen werden.68 Aus
diesem Grund ist auch der Themenschwerpunkt eines Heimatmuseums nicht
festgelegt. Es kann nicht nur die Geschichte eines Ortes oder einer Region in den
62
63
64
65
66
67
68
Gebhard et al., Heimatdenken, S. 10.
Schlink, Bernhard: Heimat als Utopie, Frankfurt a. M. 2000, S. 21.
Ebd., S. 36.
Kittler, Friedrich: „De Nostalgia“. In: Pott, Hans-Georg (Hg.): Literatur und Provinz. Das
Konzept „Heimat“ in der neueren Literatur, Paderborn 1986, S. 153.
Vieregg: Studienbuch Museumswissenschaften, S. 62.
Ebd.
Gößwald, Udo/ Oliver Bätz: Experiment Heimatmuseum. Zur Theorie und Praxis regionaler Museumsarbeit, Marburg 1988, S. 15.
https://doi.org/10.5771/9783956503375
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HISTORISCHE UND MUSEUMSTHEORETISCHE ASPEKTE
187
Mittelpunkt stellen, sondern auch Umwelt, Natur und Soziokultur. Die verhältnismäßig offene Definition von Funktion und Aufgabe eines Heimatmuseums
lässt viel Interpretationsspielraum. Das Heimatmuseum existiert nicht. Die sich
daraus ergebenden Gestaltungmöglichkeiten sind auch für die Konzeption eines
Heimatmuseums in Göygöl dienlich. Regional- und landeskundliche Museen
schließen beispielsweise die Erwartung mit ein, dass ein umfangreicher Überblick
über die Geschichte und Natur einer Region gegeben wird. Ein Heimatmuseum
impliziert vielmehr „Ansprüche, Erwartungen und reale Utopien“ an die Auseinandersetzung mit dem Begriff „Heimat“.69 Diese Auseinandersetzung sollte einen entscheidenden Teil des Museumskonzeptes in Göygöl ausmachen.
Zusammenfassung und Chancen für die Entwicklung
einer Museumskonzeption
Die Entwicklung einer Museumskonzeption ist ein interdisziplinäres Projekt. Die
vorangegangenen Analysen haben gezeigt, wie wichtig eine eingehende Beschäftigung mit verschiedenen wissenschaftlichen Theoremen und der Historie für die
Konzeption eines Museums ist – nur so kann Geschichte reflektiert und differenziert dargestellt werden. Diese theoretische Vorarbeit kann als Grundlage für
eine reale Museumskonzeption dienen, die sowohl die Realitäten in Aserbaidschan selbst berücksichtigt als auch die Bildungsfunktion erfüllt. Es sollte aufgezeigt werden, dass die bewegte Geschichte Göygöls es notwendig macht einen
Ort zu schaffen, der an die Geschichte der Stadt genauso erinnert wie an spezifische gemeinsame Erfahrungen der Menschen, die hier lebten und leben. Mit der
Darstellung der Geschichte verschiedener Akteure und der Betonung des gemeinsamen Schicksals kann das Museum zur Kommunikation und Interaktion
der lokalen Gesellschaft beitragen und die Menschen zu einer Beschäftigung mit
der eigenen Identität motivieren. Das Museum kann somit auch die Funktion
eines Begegnungsortes erfüllen.
Die Themen Migration, Flucht, Vertreibung und Heimatverlust sind für das
kollektive Gedächtnis des Ortes zentral und stellen neben dem Reflektieren der
Geschichte die zentralen Fixpunkte für das Heimatmuseum dar. Nach Aleida und
Jan Assmann hat ein solches zudem die Aufgabe, als Träger des kulturellen Gedächtnisses vor Ort einen gemeinsamen Erfahrungsraum zu prägen, in dem sich
die Besucher mit der Ausstellung identifizieren können. Damit kann das Heimatmuseum einen wichtigen Beitrag zum Verständnis der Geschichte Göygöls leisten
und persönliche Erfahrungen und Erzählungen mit fundierten Fakten untermalen.
Das Heimatmuseum hat die Aufgabe eine „Identifikation mit der Heimat und
ihrer Geschichte“ zu ermöglichen.70 Die Bewohner des Ortes haben die Erfah69
70
Ebd., S. 30.
Vieregg: Studienbuch Museumswissenschaften, S. 68.
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188
JANINE FUNKE
rung des Zusammenbruchs des politischen Systems der Sowjetunion und die
Etablierung eines aserbaidschanischen Nationalstaates geteilt. Dazu kommen
oftmals persönliche, traumatische Erlebnisse im Zuge des BergkarabachKonfliktes. Das Heimatmuseum soll nicht nur die Geschichte des Ortes darstellen, sondern auch die Ereignisse der Vergangenheit ordnen und in einen Sinnzusammenhang stellen. Das persönlich Erlebte kann dann in die Geschichte eingeordnet und anschließend bewertet werden. Dieser Prozess verläuft jedoch auf individueller Ebene, das Museum kann dabei nur Anhaltspunkte bieten und Fragen an die eigene Geschichte und die des unmittelbaren Umfeldes provozieren.
Das Heimatmuseum soll bewusst nur die regionale Geschichte Göygöls darstellen – ohne die Notwendigkeit der Einordnung in den gesamtaserbaidschanischen Kontext. Dieser Ansatz sollte nicht als eingeschränkte Darstellung von Geschichte bewertet werden. Vielmehr regt das Museum die Besucher an, ihre persönliche Geschichte in Zusammenhang mit regionalen und nationalen Entwicklungen zu stellen und eigene Schlüsse und Bewertungen anzustellen.
Dieser Prozess könnte es auf lange Sicht ermöglichen, einige Fixpunkte des kulturellen Gedächtnisses anzupassen. Im Eingangszitat dieser Überlegungen beschreibt Cornelia Foerster, dass Heimatmuseen eine „Atmosphäre der Toleranz“
schaffen können, wenn es möglich wird, verschiedene Aspekte der Geschichte
darzustellen, ohne zu werten oder zu polarisieren. Gesellschaftliche Konflikte sollen genauso thematisiert werden wie Formen des friedlichen Zusammenlebens.
Für das Heimatmuseum in Göygöl bedeutet dies, dass vor allem die Darstellung
der Geschichte und Vertreibung der armenischen Bevölkerung des Ortes auf die
gleiche Art und Weise dargestellt wird, wie das der aserbaidschanischen und der
deutschen. Diese Art der Darstellung würde sich stark von der in anderen aserbaidschanischen Museen unterscheiden, in denen vor allem das Leiden der Aserbaidschaner – beispielsweise die Thematisierung des als Genozid bezeichneten
armenischen Angriffes im Zuge des Bergkarabach-Konfliktes – besonders hervorgehoben wird. Das Heimatmuseum in Göygöl hat die Aufgabe, auf lokaler Ebene
Geschichte ausgewogen vorzustellen und somit den Bewertungshorizont der Besucher in Bezug auf verschiedene historische Ereignisse zu beeinflussen. Die Erinnerungsarbeit kann helfen, das persönliche Erleben von Geschichte, beispielsweise in der Wahrnehmung interner oder externer Konflikte, ins Verhältnis „zu
einer vermittelten historischen Erfahrung zu setzen“71 und damit einen Prozess
auszulösen, der ein tolerantes Zusammenleben unterstützt.
Besonders bei der Darstellung der Elemente Flucht, Vertreibung und Heimatverlust ist eine möglichst objektive, unabhängige Beschreibung unerlässlich. Aus
den Ausführungen zur aserbaidschanischen Geschichtswissenschaft kann geschlossen werden, dass in der Historiografie und somit auch in Museen kaum eine ausgewogene, objektive Darstellung von Inhalten zu finden ist. Das Heimat71
Gößwald/ Bätz: Experiment Heimatmuseum, S. 31.
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HISTORISCHE UND MUSEUMSTHEORETISCHE ASPEKTE
189
museum in Göygöl sollte in jedem Fall versuchen, ausgewogene, wissenschaftlich
fundierte Darstellungen der Ereignisse zu wählen und keine Feindbilder zu konstruieren. Die Ägyptologin Olivia-Jeanette Zorn macht in ihrer Publikation „Das
Museum und die Umsetzung seiner Idee“ deutlich, dass „die Ansicht der Bevölkerung nicht dadurch [verändert] wird, indem man ihr Zugeständnisse macht“,
sondern nur, indem der Standpunkt des Museums behauptet wird, Vorurteile
abgebaut werden und „man sich nicht um jeden Preis einem fiktiven Publikum
[anpasst].“72 Zorn hebt damit hervor, dass die differenzierte Darstellung der historischen Begebenheiten auch dann ein zentraler Bestandteil des Heimatmuseums sein muss, wenn die lokale Bevölkerung das Gegenteil fordert.
Es kann keine verlässliche Prognose angestellt werden, wie das Museum tatsächlich vor Ort wahrgenommen und interpretiert werden würde. Die auszustellenden Exponate unterstehen einer semiotischen Beziehung zwischen Menschen, Sachverhalten und Zeichen. Die Wahrnehmung jedes einzelnen Besuchers ist individuell. Das Museum ist in seiner Botschaft nie abgeschlossen und
ständigen Wahrnehmungsveränderungen unterworfen. Die differenzierte Darstellung von Geschichte, welche zum Nachdenken anregt, ohne Stereotype und
Feindbilder zu kreieren, kann zu einer Umdeutung bestimmter historischer Ereignisse motivieren. Das Museum ist damit auch ein Lernort, der zeigt, auf welche Art und Weise Geschichte interpretiert werden kann. Damit leitet das Museum einen wichtigen Bildungsauftrag in einem Land, in dem die Geschichtswissenschaft noch zu einem großen Teil von sowjetischen Mustern geprägt ist.
Ein zentraler Punkt für die Entwicklung des Heimatmuseums ist jedoch die
Zusammenarbeit mit der lokalen Bevölkerung. Die einzelnen Schritte der Erarbeitung einer Museumskonzeption und der Umsetzung sollten in Kooperation
mit ihr stattfinden. Die Wünsche und Erwartungen der Menschen in Göygöl
müssen ernst genommen werden, ohne den Anspruch auf differenzierte, reflektierte und ausgewogene Museumsarbeit zu verlieren. Dann kann die realistische
Möglichkeit formuliert werden, ein Museum entstehen zu lassen, welches sowohl seiner Bildungsfunktion nachkommt als auch eine Brücke zwischen der
heutigen und der damaligen Bevölkerung der Region baut.
72
Zorn, Olivia-Jeanette: Das Museum und die Umsetzung seiner Idee. Grundzüge für die
Gestaltung von Ausstellungen unter besonderer Berücksichtigung ägyptischer Sammlungen, Köln/ Berlin 2003.
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Anhang
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Die Einwandererfamilien und Ortsgründer von
Helenendorf in Aserbaidschan – 1819
Herkunftsorte in Klammern, OA – Oberamt (alte württembergische Verwaltungseinheit), E – erloschen
Adriss, Johann Jakob (Falzenau b. Lörrach, Baden)
Aicheler, Johann (Lustnau, OA Tübingen) – E
Aldinger, Johann Georg (Fellbach) – E
Augenstein, Michael (Botzingen) – E
Barth, Georg Friedrich (Altbach, OA Esslingen) – E
Barth, Johann Georg (Bösingen, OA Nagold) – E
Beck, Johann (Breitenholz, OA Herrenberg)
Beck, Michael (Weidach, OA Stuttgart)
Böckle, Johann (Schwenningen, OA Tuttlingen) – E
Breisch, Jakob Friedrich (Neckartenzlingen, OA Nürtingen)
Breisch, Johann Jakob (Neckartenzlingen, OA Nürtingen)
Breitmeyer, Johann Ludwig (Breitenholz, OA Herrenberg)
Breitmeyer, Johann Wenz (Breitenholz, OA Herrenberg)
Bürkle, Christan (Neustadt, OA Waiblingen) – E
Darmeyer, Matthias (Thal bei Strassburg) – E
Diegel, Jakob (Betzingen, OA Reutlingen)
Dietrich Gottlieb (Murrhardt) – E
Dietrich, Christoph Friedrich (Preußisch-Polen, Kolonie Neu-Württemberg) – E
Doab, Adam (Löchgau) – E
Dutt, Johann Heinrich (Landau)
Eisenbart, Felix (Hulsenberg, OA Morbach)
Epp, Daniel (Reutlingen) – E
Epp, Rudolf (Reutlingen) – E
Erdmann, Johann (Franzfeld) – E
Ferstner, Jacob Friedrich (Musberg, OA Stuttgart) – E
Frei, Georg Jakob (Franzfeld, Ungarn)
Freumann, Heinrich (Ungarn) – E
Frey, Johann Jacob (Elly, Kanton Zürich)
Frick, Gotthilf (Altbach, OA Esslingen)
Frick, Johann Georg (Altbach, OA Esslingen)
Frick, Lorenz (Altbach, OA Esslingen)
Fuchs, Gottfried (Reutlingen) – E
Fuchs, Johann (Seelbach, Baden)
Fuchs, Johann Martin (Reutlingen) – E
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EINWANDERERFAMILIEN UND ORTSGRÜNDER VON HELENENDORF
Gähring, Georg (Sulz a. Neckar) – E
Gastel, Johann (Frommern, OA Balingen) -E
Grätzinger, Johann (Reutlingen) – E
Gress, Georg (Ober-Seebach b. Strassburg)
Gröninger, Andreas (Ilsfeld, OA Besigheim) – E
Gross, Christian (Reppenheim b. Strassburg) – E
Hammer, Johann Georg (Reutlingen)
Hammer, Matthäus (Reutlingen)
Hartenstein, Georg Heinrich (Polen) – E
Hartenstein, Georg Heinrich (Rosenfeld, OA Balingen) – E
Haug, Johann Georg (Mössingen, OA Rottenburg)
Haug, Johann Martin (Mössingen, OA Rottenburg) – E
Hering, Johann Georg (Kohlstetten, OA Münsingen) – E
Hetzinger, Friedrich (Baiereck, OA Schorndorf) – E
Hohloch, Johann Georg (Reutlingen)
Hohloch, Ludwig (Großliebenthal, Krim)
Hummel (Glaser), Johann Heinrich (Reutlingen)
Hummel, Johann (Reutlingen)
Hurr, Stephan (Betzingen, OA Reutlingen)
Hutt, Johann (Hundsholz, OA Schorndorf) – E
Hüttinger, Adolph Friedrich (Abstatt, OA Besigheim)
Kabel, Johann Ludwig ((Bergdorf) – E
Kehrer, Johann Georg (Betzingen, OA Reutlingen)
Kies, Johann Georg (Degerloch, OA Stuttgart)
Klein, Johann (Reutlingen)
Knapp, Michael (Reutlingen) – E
Koch, Johann Georg (Herzogenweiler)
Krämer, David (Plieningen, OA Stuttgart)
Krauß, Johann Jakob (Mehrstetten)
Krieger, Johann Georg Jakob (Schweringen, Ungarn)
Kühfuss, Johann Georg (Neckartenzlingen, OA Nörtingen)
Kuhn, Conrad (Auingen, OA Münsingen)
Kurz, Joseph (Reichenbach)
Lägler, Friedrich (Niederredern, Elsaß)
Lägler, Johann Georg (Baisingen, OA Nagold)
Löffler, Johann Adam (Kressbach, OA Freudenstadt) – E
Lütge, Ernst (Polen) – E
Maurer, Johann Adam (Entringen)
Maurer, Johann Gottfried (Dorschan, Ungarn)
Mauthe, Johann (Pfäffingen) – E
Mayer, Kaspar (Scherwinga, Ungarn)
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EINWANDERERFAMILIEN UND ORTSGRÜNDER VON HELENENDORF
Meeder, Johann Adam (Kressbach, OA Freudenstadt) – E
Müller, Georg Michael (Hohenhaslach) – E
Oesterle, Johannes (Hundsholz, OA Schondorf)
Ohngemach, Johannes (Altbulach, OA Calw)
Oser, Johann (Beuren, OA Nürtingen) – E
Paul, Peter (Nördlingen)
Reitenbach, Johannes (Kreuznach)
Rethig, Johann (Beuren, OA Nürtingen) – E
Reuer, Johann Michael (Plochingen, OA Esslingen) – E
Riesch, Georg (Erpfingen) – E
Roller, Elias (Gültlingen) – E
Roth, Johann (Breitenholz, OA Herrenberg) – E
Ruffner, Friedrich (Groß-Asbach) – E
Ruffner, Gottlieb (Groß-Asbach) – E
Rühl, Philipp (Hambach bei Strassburg) – E
Rumpel, Christoph (Alt-Köllen) – E
Rups, Heinrich (Ebhausen, OA Nagold) – E
Schickeler, Johann (Zell, OA Esslingen) – E
Schleyer, Johann Georg (Plieningen, OA Stuttgart) – E
Schmälzle, Johann Jakob (Ebhausen, OA Nagold) – E
Schmid, Jakob Friedrich (Endersbach, OA Waiblingen)
Schmidt, Christoph (Korb, OA Waiblingen)
Schneller, Christian (Erkenbrechtsweiler, OA Nürtingen) – E
Schneller, Johann (Erkenbrechtsweiler, OA Nürtingen) – E
Schöck, Georg Heinrich (Göppingen)
Schöneck, Jakob Friedrich (Wiernsheim)
Schüle, Johannes (Leutringen, OA Julingen) – E
Schurr, Johannes (Rommelsbach)
Schweng, Martin (Breslau) – E
Seidel, Gottfried Andreas (Plieningen, OA Stuttgart)
Siegle, Georg Friedrich (Kornwestheim, OA Ludwigsburg)
Speck, Christian (Trossingen, OA Tuttlingen) – E
Spielmann, Kaspar (Reutlingen b. Mannheim, Baden) – E
Steck, Jakob (Hof)
Steidinger, Johannes (Sulz a. Neckar) – E
Steiger, Elias (Bodelshausen, OA Rottenburg) – E
Strasser, Johann Gottfried (Rosenfeld, OA Balingen)
Strobel, Jakob (Frommern, OA Balingen)
Stübler, Bernhard (Musberg, OA Stuttgart) – E
Sufler, Johann Ludwig (Frommern, OA Balingen) – E
Teufel, Johannes (Durrweiler) – E
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195
196
EINWANDERERFAMILIEN UND ORTSGRÜNDER VON HELENENDORF
Vohrer, Johann Christoph (Reutlingen)
Vollmer, Conrad (Reutlingen)
Vollmer, Johann Christoph (Mittelstadt)
Votteler, Johann Georg (Reutlingen)
Votteler, Johann Philipp (Reutlingen)
Votteler, Matthäus (Reutlingen)
Votteler, Michael (Plieningen, OA Stuttgart)
Votteler, Salomon (Reutlingen)
Wackenhut, Johann Georg (Herzogenweiler)
Wacker, Andreas (Neusatz, OA Herrenalb)
Weber, Imanuel (Korb, OA Waiblingen)
Weber, Johann (Korb, OA Waiblingen)
Wenkeler, Carl August (Riet)
Wenkeler, Johann Christoph (Deizisau)
Wirsum, Johann Jakob (Rübgarten)
Witzig, Johann (Plochingen, OA Esslingen)
Wuchrer, Johann (Reutlingen)
Zaiser, Georg Friedrich (Plochingen, OA Esslingen)
Zeitler, Johann Georg (Großheppach)
1818 eingewandert: 135 Familien
1909 Stammfamilien: 74 Familien (61 erloschen)
15.–30. Oktober 1941 aus Aserbaidschan nach Zentralasien deportiert:
22.740 Personen
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Verzeichnis alter Maßeinheiten
Aršin – altes russisches Längenmaß, 1 Aršin entspricht etwa 0,71 Metern
Desjatine – alte russische Flächeneinheit, 1 Desjatine entspricht 1,092 Hektar
Eimer/Vedro (russ.) auch Wedro – ein früheres Volumenmaß, die Menge divergierte in den verschiedenen Regionen Europas stark, 1 Eimer entsprach in Russland 12,3 Liter
Pud – altes russisches Gewichtsmaß, 1 Pud entspricht 16,36 Kilogramm
Werst – altes russisches Längenmaß, 1 Werst entspricht 1066,78 Meter
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Verzeichnis der Abbildungen
Abb. 1:
Deutsche Siedlungen in Kaukasien............................................................21
Abb. 2:
Kurdenzelt...................................................................................................29
Abb. 3:
Hermine und Charlotte Vohrer (rechts)mit
aserbaidschanischen Mädchen aus einem Nachbardorf von Karajeri.......30
Abb. 4:
Der Arzt Dr. Hurr bei Patienten ................................................................31
Abb. 5:
Ch. G. H. Geißler: Ansicht des kaukasischen Schneegebirges.
Im Vordergrund rechts eine Bastion der Festung Georgievsk...................64
Abb. 6:
Ch. G. H. Geißler: Zwei Inguscheten, der eine mit Gewehr,
Säbel und Dolch .........................................................................................65
Abb. 7:
Ch. G. H. Geißler: Ein vornehmer Tscherkesse in Haustracht
und eine tscherkessische Fürstentochter ....................................................65
Abb. 8:
H. Th. Wehle: Verlassene Festung der Inguscheten
© bpk/ Hamburger Kunsthalle/ Christoph Irrgang ..................................69
Abb. 9:
H. Th. Wehle: Darialschlucht, heutiges Georgien
© bpk/ Hamburger Kunsthalle/ Christoph Irrgang ..................................69
Abb. 10: H. Th. Wehle: Die Swetizchoweli-Kathedrale in Mzcheta,
heutiges Georgien © bpk/ Hamburger Kunsthalle/
Christoph Irrgang .......................................................................................70
Abb. 11: W. Kiesewetter: Im Harem eines tatarischen Kaufmanns
© Staatlichen Museen zu Berlin, Museum Europäischer Kulturen .........73
Abb. 12: Paul von Franken: Ansicht von Tiflis ........................................................74
Abb. 13: Theodor Horschelt: Junger Tscherkesse, © bpk........................................76
Abb. 14: Theodor Horschelt: Kosake, © bpk...........................................................77
Abb. 15: Theodor Horschelt: Imam Schamil, © bpk...............................................77
Abb. 16: Theodor Horschelt: Die Gefangennahme Schamils © bpk......................78
Abb. 17: Franz Xaver Simm: Das Innere eines Harem.............................................80
Abb. 18: Franz Roubaud: Tscherkessen überqueren einen Fluss.............................81
Abb. 19: Franz Roubaud: Ein tscherkessischer Reiter ..............................................82
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200
VERZEICHNIS DER ABBILDUNGEN
Abb. 20: Franz Roubaud: Die Eroberung von Gunib und die
Gefangennahme von Schamil am 25. August 1859.
Präsentation des gefangenen Schamil vor dem Prinzen Barjatinskij.........83
Abb. 21: Franz Roubaud: Tscherkessischer Konvoi überquert einen Fluss
mit Pferdegespannen...................................................................................83
Abb. 22: Oskar Schmerling: Zum Wohl!..................................................................86
Abb. 23: Oskar Schmerling: Selbstkarikatur .............................................................86
Abb. 24: Heinrich Vogeler: Baku, © bpk/ Nationalgalerie,
SMB/ Klaus Göken.....................................................................................88
Abb. 25: Heinrich Vogeler: Bäuerin im Weingarten des Karl-Marx-Kolchos,
© bpk/ Nationalgalerie, SMB/ Jörg P. Anders ..........................................89
Abb. 26: Heinrich Ehmsen: Georgier in Tiflis © Nachlass Heinrich Ehmsen/
bpk/ Hamburger Kunsthalle/ Christoph Irrgang ......................................91
Abb. 27: Helenendorf 1918 mit türkischen Offizieren .......................................... 111
Abb. 28: Angestellte der Zentralbuchhaltung der Verwaltung
der Konkordija (1927)............................................................................... 132
Abb. 29: Ausreisende Studierende aus Helenendorf (1920)................................... 141
Abb. 30: Letzte Kommunion 1936 (?) in Baku....................................................... 143
Abb. 31: Ein Beitrag aus der deutschsprachigen Propagandazeitung
„Neues Leben“ (Moskau) aus dem Jahr 1965 .......................................... 156
Abb. 32: Demonstration ausreisewilliger Russlanddeutscher am
31. März 1980 auf dem Roten Platz in Moskau. Aus der
Broschüre „Aussiedler. Informationen zur politischen Bildung“
Nr. 267 (2000) von Alfred Eisfeld ............................................................ 160
Abb. 33: Die Protestaktion und ihre Folgen: die mutige Teilnehmerin
Alwina Fritzler durfte mit ihren Verwandten in die Bundesrepublik.
Aus einem Faltblatt der Internationalen Gesellschaft für
Menschenrechte (IGFM), Dezember 1981 .............................................. 160
Abb. 34: Brief des wolgadeutschen Schriftstellers Dominik Hollmann vom
10.12.1966 an den Vorsitzenden des Ministerrats der UdSSR,
Aleksej Kosygin. Aus dem Privatarchiv des Enkels des Schriftstellers
Rudolf Bender, Hamburg ......................................................................... 162
Abb. 35: Verfallene katholische Kirche in der einstigen wolgadeutschen
Ansiedlung Marienberg, heute Oblast Saratov.
(Quelle: www.wolgadeutsche.ru/kirche/_Marienberg.htm). ................... 165
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VERZEICHNIS DER ABBILDUNGEN
201
Abb. 36: Innenansicht der ehemaligen Kirche in Marienberg, (Quelle:
www.engls.ru, zum Zeitpunkt der Drucklegung nicht mehr online). ..... 165
Abb. 37: Kundgebung in der ehemaligen Hauptstadt der Wolgadeutschen
Republik, Engels, Oblast Saratov, 1991, entnommen den Beständen
des Virtuellen Museums des GULag (www.gulagmuseum.org)............... 167
Abb. 38: „Der museologische Imperativ“
(eigene Darstellung nach Korff, S. 41). .................................................... 179
Abb. 39: Anzahl der Museen in Aserbaidschan, eigene Darstellung
nach Daten des AZTAT: www.azstat.org/statinfo/education/
en/index.shtml# (letzter Zugriff am 17.06.2012). ................................... 181
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B. Reinwald (Hg.): Fremdeinsätze: Afrikaner und Asiaten in europäischen
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In: Abbasov, A./ E.M. Auch (Hg.): Kavkazskie nemcy – nemcy na Kavkaze do
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204
LITERATURHINWEISE
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Autorenverzeichnis
Eva-Maria Auch
Auslandsstudium (Orientalistik, Russischen Sprache und Literatur) in Baku. 1985
Promotion im Fach Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Greifswald. 2000 Habilitation im Fach Osteuropäische Geschichte an der Rheinischen
Friedrich-Wilhelms-Universität zu Bonn. Seit 2010 Inhaberin der Stiftungsprofessur für Geschichte Aserbaidschans an der Humboldt-Universität zu Berlin.
Forschungen und Publikationen zur Geschichte Kaukasien und Zentralasiens
(19.-21. Jh.) mit den Schwerpunkten Kolonialismus, Nationalitäten- und Religionspolitik, nationale Bewegungen und internationale Beziehungen, Fremd- und
Selbstwahrnehmung, Migrations- und Konfliktforschung, Deutsche im multikulturellen Umfeld Kaukasiens.
Gudrun Calov
Studium der Kunstgeschichte, Archäologie, Ur- und Frühgeschichte und der Bibliothekswissenschaft in Frankfurt a. M., Köln und Bonn. Promotion 1968, danach Bibliothekarin und wissenschaftliche Mitarbeiterin im Kunsthistorischen
Institut der Universität Köln. Seit 1979 Professorin für Kunst- und Bibliothekswissenschaft an der Hochschule für Bibliotheks- und Informationswesen Stuttgart, von 2000-2005 Professorin im Studiengang Bibliotheks- und Medienmanagement an der Hochschule der Medien (HdM) Stuttgart. Lehraufträge an der
Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart. Zahlreiche Aufsätze und
Beiträge zu kunstwissenschaftlichen und bibliothekswissenschaftlichen Themen
in Lexika, Sammelbänden und Zeitschriften.
Alik Dibraev
1990 Abschluss des Philosophiestudiums an der Universität Rostov am Don. Pädagogische Tätigkeit. 1992-1997 Studium an der Ernst-Moritz-Arndt-Universität
in Greifswald. Anschließend Studienkolleg und Promotion bei Prof. Werner
Stegmaier. 2009 zweites juristisches Hochschulstudium. Von April 2010 bis Februar 2011 Gastwissenschaftler an der Universität Greifswald. Seit 1998 Dozent
für Philosophie und Medizinrecht an der Staatlichen Dagestanischen Universität
Machačkala. Forschungsschwerpunkte sind Medizinrecht und bürgerliches
Recht, Geschichte und Recht, Fragen der Zivilgesellschaft und der Bioethik.
Mamed Džafarli
Geboren 1960 in Baku. Studium und Promotion an der Historischen Fakultät
der Staatlichen Universität Baku. Verfasser mehrerer wissenschaftlicher Publika-
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AUTORENVERZEICHNIS
tionen über das Leben und Wirken der Deutschen, die bis 1941 in Kaukasien
siedelten.
Alfred Eisfeld
Geboren 1951 in der Siedlung Uva (ASSR Udmurtien). Studium der Geschichte
Ost- und Südosteuropas sowie der Politik- und Zeitungswissenschaften an der
Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn und der Ludwig-MaximiliansUniversität München. 1983 Promotion. Beschäftigt am Institut für Kultur und
Geschichte der Deutschen in Nordosteuropa e. V. (IKGN e. V.) an der Universität Hamburg und Vorsitzender der Wissenschaftlichen Kommission für die
Deutschen in Russland und der GUS. Forschungsschwerpunkte sind die Geschichte Russlands und der UdSSR, die Nationalitätenpolitik der UdSSR, die
Geschichte und Kultur der Russlanddeutschen, die Zivilbevölkerung in der Zeit
des Ersten und Zweiten Weltkrieges sowie die deutsch-sowjetischen/russischen
Beziehungen. Zahlreiche Publikationen als Autor und Herausgeber, Beiträge in
Sammelbänden und wissenschaftlichen Zeitschriften Deutschlands, Russlands,
der Ukraine, Kasachstans und Aserbaidschans.
Janine Funke (geb. Noack)
B.A. Geschichte/Sozialwissenschaften an der Humboldt-Universität Berlin,
MPhil Modern European History an der University of Cambridge (Betreuung
der Masterarbeit von Prof. Christopher Clark). Derzeit Promotion am Zentrum
für Zeithistorische Forschung zum Thema „Die Computerisierung der Bundeswehr und der NVA von den Anfängen bis in die 1980er Jahre“.
Viktor Krieger
Geboren 1959 im Gebiet Džambul (Kasachische SSR). Studium in Novosibirsk.
Promotion an der Akademie der Wissenschaften in Alma-Ata/Kasachstan. 1991
Übersiedlung nach Deutschland und seit 1999 Teilnahme an verschiedenen Projekten im Rahmen der Forschungsstelle für Geschichte und Kultur der Deutschen in Russland am Seminar für Osteuropäische Geschichte der Universität
Heidelberg. Zurzeit freiberuflicher Historiker und Lehrbeauftragter des Historischen Seminars, Universität Heidelberg. Forschungsschwerpunkte sind Geschichte, Kultur und die gegenwärtige Situation der Russlanddeutschen, Nationalitätenpolitik in der UdSSR, Formen der Germanophobie in Russland seit dem
18. Jh. sowie Fragen der Erinnerungskultur und des kollektiven Gedächtnisses.
Alexander Schwab († 11. Januar 2013),
Musikwissenschaftler und ehemaliger Vorsitzender des Kulturrates und der Ortsgruppe Köln der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland. Geboren 1945
in Temirtau, kasachische SSR. Studium der Musikwissenschaft am Staatlichen
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AUTORENVERZEICHNIS
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Institut der Künste in Frunze (heute Bischkek) in der kirgisischen SSR. Abschluss
mir Staatsexamen 1974. Nach der Übersiedlung in die Bundesrepublik Deutschland 1977 Studium und Promotion am Musikwissenschaftlichen Institut der
Kölner Universität. Sein wissenschaftliches Lebensthema war die Erforschung
der russlanddeutschen Musikkultur.
Tamara Tschernowa-Döke
Promotion 1973 an der Moskauer Staatlichen Universität. Hochschulforschung
und -lehre. Mitglied der Internationalen Assoziation zur Erforschung von Geschichte und Kultur der Russlanddeutschen. Freie Wissenschaftlerin. Autorin einer Monographie und ca. 40 wissenschaftlicher Aufsätze über die russische imperiale Kolonisierungspolitik und die Entwicklungsgeschichte deutscher Kolonien im Kaukasus sowie die Deportation der „kaukasischen Deutschen“ im Oktober 1941.
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