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Текст
Thomas Wieke
DDR für Angeber
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THOMAS WIEKE
DDR
FÜR ANGEBER
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ISBN: 978-3-641-01877-1
© 2007 by Bassermann Verlag, einem Unternehmen der
Verlagsgruppe Random House GmbH, 81673 München
Die Ver wer tung der Texte und Bilder, auch auszugsweise, ist ohne die
Zustimmung des Verlags urheber rechtswidrig und strafbar. Dies gilt auch
für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmung und für die
Verarbeitung mit elektronischen Systemen.
Projektleitung: Sven Beier
Lektorat: Anja Galić, Köln
Satz und Layout: Roland Poferl Print-Design, Köln
Illustrationen und Umschlaggestaltung: Norbert Pautner, München
Herstellung: Sonja Storz
Druck und Bindung: GGP Media, Pößneck
Printed in Germany
817263544536271
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Inhalt
Vorwort.............................................6
Einleitung...........................................7
Sachlexikon ........................................10
Personenlexikon ....................................66
Sprüche,KampagnenundParolen .....................78
Die elf unverschämtesten Sätze von DDR-Funktionären . . . . 86
DiesozialistischeMoral...............................89
DasLand,dieLeute,dasLeben.........................91
DasLandderknappenRessourcen .....................91
DasLebennachPlan.................................95
Alles,wasschmeckt ..................................99
EintrinkfestesLand.................................105
Ost-Mimen,diemanauchimWestenkennt ............107
SoklangdieDDR ..................................112
HeißeBräuteundFilmprinzessinnen ..................114
EinVolkvonMitgliedern ............................117
DieParteienundMassenorganisationen................117
Orden,Ehrentitel,Preise,Urkunden ...................121
DerWessiundderOssi ..............................127
WoranmaneinenWessierkennt ......................127
WoranmaneinenOssiimWestenerkennt ..............129
Quiz:TestenSieIhrWissen! ..........................132
Anhang
Kleine Chronik weniger bekannter Ereignisse . . . . . . . . . . . 136
Abkürzungen–undwassiebedeuten .................141
LösungenderQuizfragen ............................144
Inhalt | 5
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Vorwort
Guten Tag, meine sehr verehrten Damen und Herren, wir be-
grüßen Sie auf dem geistigen Territorium der Deutschen Demo-
kratischen Republik. Halten Sie bitte Ihre Personaldokumente
bereit und zeigen Sie sie den Geistern der Vergangenheit, die Sie
heimsuchen werden, auf Verlangen vor.
Als tägliche Lesezeit steht Ihnen die Zeit von Montag bis Freitag
zwischen 7 Uhr und 16.35 Uhr zur Verfügung. Der Samstag ist
lesefrei, es sei denn, Sie wollen die Zeit als VMI-Stunden abrech-
nen. Arbeiten Sie das Buch gewissenhaft durch. Am Ende wird
Ihre Arbeit mittels einer Leistungskontrolle überprüft.
Das Buch entstand in sozialistischer Gemeinschaftsarbeit zwi-
schen den Redakteuren des Verlags Bassermann, dem Autor und
einem Kollektiv von Erinnerungsspezialisten, die ungenannt
bleiben wollen. Es stellt weder einen Beitrag zur Aufarbeitung
der Geschichte der DDR noch eine Einmischung in die inneren
Angelegenheiten der dafür zuständigen Stellen dar.
Behandeln Sie das Buch behutsam und pfleglich; wir wissen
nicht, ob Sie angesichts der großen Nachfrage sofort ein neues
Exemplar bekommen können, sollten Sie eins benötigen. Lassen
Sie sich gegebenenfalls in eine Warteliste eintragen oder legen
Sie sich schon jetzt einen kleinen Vorrat an, wenn Sie zufällig
mehrere erwischen sollten.
Mit sozialistischem Gruß
Ihr Schöpferkollektiv
6| Vorwort
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Einleitung
»Nie war die DDR so schön wie heute«, schrieb Holger Reischok
schon 2003 in der Berliner Zeitung. In der Zwischenzeit sind
noch etliche Motto-Shows über die Mattscheibe geflimmert, ha-
ben Stars von einst als Moderatoren von heute in Medien-Erin-
nerungen gekramt wie einst Willi Schwabe in der Rumpelkam-
mer nach alten Filmschnipseln. Und schon sind wir mittendrin
in der schönsten Ostalgie – Willi Schwabes Rumpelkammer, das
war doch noch was, das war unpolitisch, das war Kultur, das war
einfach nur schön.
Nun werden die Erinnerungen an die DDR bei jedem Einzelnen
anders ausfallen. Es muss aber einen Grund dafür geben, dass
sich so viele gern an die DDR erinnern. Wahrscheinlich gibt es
mehr als einen Grund. Aber ein wichtiger, vielleicht sogar ent-
scheidender Grund wird selten genannt. Wer heute 50 ist und
gern an die Siebzigerjahre in der DDR zurückdenkt, tut das
nicht, weil diese Jahre besonders schön gewesen wären, er tut das,
weil er in dieser Zeit jung war. Seine Erinnerungen an die Sech-
zigerjahre sind davon geprägt, dass er in die Schule gegangen ist.
Und wenn er von Pioniernachmittagen schwärmt, sich an das
Fach Heimatkunde erinnert und es putzig findet, dass alle hin-
tereinandersitzenden Schüler einer Bankreihe eine sogenannte
Brigade bildeten, dann will er damit nicht ein totalitäres System
beschönigen, sondern er erinnert sich an seine Schulzeit. Jeder
hat das Recht, sich seiner Schulzeit als einer angenehmen, anre-
genden und abwechslungsreichen Zeit zu erinnern. Denn er er-
innert sich nicht in erster Linie an die Fakten, sondern an die Ge-
fühle und Empfindungen, die diese Fakten – welche es auch im-
mer gewesen sein mögen – damals in ihm auslösten. Man frage
ihn nicht, wie er als Vier- oder Fünfjähriger die Aufrichtung von
Mauer und Stacheldraht bewertet hat. Man frage ihn aber, wie
ihm im Kindergarten das lauwarme Kübelessen geschmeckt hat,
das er mit dem damals gebräuchlichen Aluminiumlöffel zu sich
nahm. Darüber wird er wahrscheinlich Auskunft geben können.
Einleitung | 7
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Die Erinnerung arbeitet in uns auf zweierlei Weise. Der eine Er-
innerungsstrang lässt das, was wir damals als völlig normalen
Alltag hingenommen haben, mit wachsendem Abstand immer
absurder aussehen. Die Erinnerung verzerrt; das tut sie immer.
Die Frage ist nur, ob sie die Wirklichkeit bis zur Unkenntlichkeit
verzerrt oder ob gerade die Verzerrung das, was war, erst wirk-
lich kenntlich macht. Der andere Erinnerungsstrang verfährt
genau umgekehrt. Was wir damals als störend, belastend, ja be-
drohlich empfunden haben, erscheint in einem milderen Licht,
je weiter der Abstand wird.
Damit wir uns einig darüber sind, woran wir uns erinnern: Wir
haben ein Land vor uns, das seine eigenstaatliche Existenz auf
der Konkursmasse eines viel größeren Landes gründete, einem
Land, das einmal das Deutsche Reich gewesen war. Auf dem Ter-
ritorium der Sowjetischen Besatzungszone dieses im Zweiten
Weltkrieg untergegangenen Reiches bestand die Deutsche De-
mokratische Republik etwas weniger als 41 Jahre, nämlich vom
7. Oktober 1949 bis zum 2. Oktober 1990. Gegründet auf Betrei-
ben Stalins, der als Vater der Völker Staaten von der Landkarte
zu tilgen und neue zu schaffen pflegte, wenn es ihm beliebte, ge-
noss der neue Staat nur eine begrenzte Souveränität und eine
begrenzte Lebenskraft. Begrenzt durch die Oder-Neiße-Grenze
(bis auf den nordöstlichen Rand, wo Stalin in Jalta das Lineal ein
wenig nach links gerückt und die Grenzlinie westlich der Oder
gezogen hatte), umfasste es 108 179 Quadratkilometer. In ihm
wohnten zu Beginn 18,36 Millionen Menschen; am Ende waren
es noch 16,35 Millionen. Das Land ging mit denkbar schlechten
Voraussetzungen an den Start: Außer Braunkohle und Kali-
salzen kaum Rohstoffe, auf dem interessantesten Rohstoff, dem
Uran, hatte die UdSSR ihre Hand; aus dem erzgebirgischen
Uran war Stalins Atombombe gemacht. Kaum Schwerindustrie.
Ein zerschlissenes Verkehrssystem (und die zweiten Gleise der
Eisenbahn als Reparation demontiert). Keine modernen Werf-
ten, keine großen Seehäfen, keine Fischereiflotte, von Luftfahrt
ganz zu schweigen. Eine Landwirtschaft, die nach einer Boden-
reform in ineffektive Kleinproduktion zurückgefallen war. Und
über allem schwebte eine Partei, die in ihren besten Tagen zwar
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2,3 Millionen Mitglieder haben würde, von denen aber nicht
wirklich viele aus vollstem Herzen und ohne jeden Vorbehalt die
Politik bejahten, die da auch in ihrem Namen betrieben wurde.
Die DDR war ein Land, das seinen Bürgern Sicherheit gab, und
davon so viel, dass es ihnen aus Sicherheitsgründen manche er-
strebenswerte Freiheit vorenthalten musste, ein Land, in dem
»arm« und »reich« keine wichtigen Begriffe mehr waren, »arm
an Beziehungen« und »einflussreich« aber schon, ein Land, das
den Weg beschritten hatte, den gravierenden Mangel an Gütern
mittels einer Planwirtschaft zu beheben, die in Wirklichkeit eine
Kommandowirtschaft war. Ein Land auch, das auf jeden schoss,
der es unerlaubt verlassen wollte, ein Land, das zerbrach, was
sich nicht fügen wollte, ein Land, das die Hoffnungen zerstörte,
die es gesät hatte, und mit den Hoffnungen den Mut und die Ge-
sundheit und die Fröhlichkeit so vieler Menschen.
Dem Grotesken, Komischen, Verdrehten des Alltags widmet sich
dieses Buch. Dem Alltag, der lächerlich war und kleinlich und
beschaulich. Oder erstaunlich. Bedenklich und bedenkenswert.
Unversehens schneit große Politik in diesen Alltag hinein, wie es
auch in der vergangenen Wirklichkeit dieses Landes war, und
was da hineinschneit, wie trivial war es doch manchmal. Aus der
Fülle der Daten puhlt es diejenigen heraus, die wenig bedeutsam
klingen und die für die Menschen dennoch wichtiger waren als
Staatsakte. Mancher wird etwas ganz Neues erfahren, mancher
wird seine Erinnerung auffrischen: »Ach, tatsächlich, siehste, das
gab es ja auch.« Stoff zum Plaudern und zum – dieses Wort muss
hier einmal fallen – Erfahrungsaustausch sollte sich allemal fin-
den. Subjektiv und eingeschränkt, wie die Erinnerungen.
Es ist doch nicht alles schlecht gewesen. Nein, dieser Satz wird in
diesem Buch nicht zu lesen sein. Gut und schlecht sind keine Ka-
tegorien der Erinnerung. Das Gedächtnis vergibt keine Zensu-
ren. Es gibt nur Signale: »Hier war etwas. Nimm es oder lass es
liegen. Wenn es wehtut, lass es. Wenn du lachen kannst, nimm
es, du hast es besiegt. Das Land ist gestorben. Du lebst. Du
kennst es noch. Es ist wirklich, wirklich vorbei. Es ist tot. Du
kannst lachen.«
Einleitung | 9
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Sachlexikon
Abkindern DDR-Jargon für eine besondere Tilgungsform des
zinslosen Ehekredits, der jungen Ehepaaren zur Verfügung
stand. Bei der Geburt des ersten Kindes wurden 1000 Mark der
Restschuld erlassen, beim zweiten Kind 1500 Mark und beim
dritten 2500 Mark.
Abschnittsbevollmächtigter ABV Angehöriger der Volkspoli-
zei mit ständigem Dienstsitz im Wohngebiet. Seine ständige An-
wesenheit sollte die Präsenz der Staatsmacht demonstrieren.
Was ein Abschnitt war und welche Vollmachten der Bevoll-
mächtigte dort besaß, wurde dem Normalbürger allerdings nie-
mals klar. Vergleichbar mit dem Kontaktbereichsbeamten bun-
desdeutscher Prägung; vergleichbar auch, weil die Berufsbe-
zeichnung ähnlich irre klingt.
Adel Neben den »imperialistischen Kriegstreibern« waren die
»Junker« so ziemlich das Schlimmste, was die SED-Propagan-
da als Feindbild aufzubauen vermochte. Junker galten als Klas-
senfeind, als Hort des Militarismus. Als gesellschaftliche Klasse
wurden sie bereits während der Bodenreform seit Herbst 1945
aus der Gesellschaft völlig verdrängt. Daneben hielt sich
Ulbricht aber einige Vorzeige-Adlige, wie den Wissenschaft-
ler Manfred von Ardenne, den Rennfahrer Manfred von
Brauchitsch und den Fernsehkommentator Karl-Eduard von
Schnitzler.
Aktendulli Bezeichnung für einen Heftstreifen aus Pappe oder
Kunststoff mit einer Metallklammer, mittels dessen Blätter nach
Art des Schnellhefters zu einem Konvolut geheftet werden, das
man seinerseits in einen Aktenordner einlegen kann. Von
Schreibwarenhändlern auch Fisch oder Aktenfisch genannt; un-
ter der Bezeichnung Akten-Dulli wurde das praktische Büro-
hilfsmitel 1939 von Carl Kohl in Chemnitz erfunden.
10 | Sachlexikon
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Amiga Schallplattenlabel, auf dem überwiegend Unterhal-
tungsmusik, Schlager, Jazz, Rock- und Popmusik veröffentlicht
wurden (Eterna). Neben Künstlern eigener Provenienz gab es
auch in begrenztem Umfang Produktionen westlicher Musik; sie
gehörten zur begehrtesten Bückware in der DDR und waren
auch Tauschobjekte für andere begehrte Artikel. Schlagersänge-
rinnen in der DDR wurden auch – wegen des typischen Stils der
Studioproduktionen – Amiga-Drosseln genannt.
Ampelmännchen Symbolische Figur auf Lichtsignalanlagen für
Fußgänger. Das DDR-Ampelmännchen – sowohl in der roten
wie in der grünen Ausführung – kann als grafisch wesentlich ge-
lungener bezeichnet werden als das in der alten Bundesrepublik
übliche Symbol. Das grüne Ampelmännchen schreitet sehr viel
dynamischer aus, und das rote Ampelmännchen signalisiert mit
ausgebreiteten Armen das Kommando Stopp!, wodurch es psy-
chologisch effektiver ist als die schüchtern dastehende Westper-
son, die sich eher übersetzen ließe mit »Wenn es Ihnen nichts
ausmacht, empfehle ich Ihnen, jetzt einmal stehen zu bleiben«.
Nach der Wiedervereinigung sollte das Ost-Ampelmännchen
abgeschafft werden, was zu einer ungeahnt hohen Protestwelle
und zu einer Publizität des Vorgangs geführt hat, die dem Am-
pelmännchen Kultstatus verschaffte. Bislang ist es jedenfalls ge-
lungen, die putzigen Kerlchen im Straßenbild zu erhalten.
Antifaschistischer Schutzwall Martialische und zugleich be-
schönigende Bezeichnung für die Sperrwerke der Berliner
Mauer. Die Bezeichnung will suggerieren, dass die Mauer ge-
gen einen äußeren Feind gerichtet ist, während doch die Sperr-
werke sich allein gegen die Bürger des eigenen Landes richteten.
Der Begriff war so wenig wirksam, dass ihn seine Erfinder
schließlich fallen ließen; seit 1977 sprach selbst Erich Hone-
cker von der Mauer.
Arbeiterschließfach DDR-Jargon für die Neubauwohnungen
der Typen P 2 und WBS 70, die in ihrem gleichförmigen äußeren
Erscheinungsbild an Schließfachanlagen der Post erinnerten.
Sachlexikon | 11
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Asche Soldatenjargon für Nationale Volksarmee (NVA).
Aufgebot Im Familienrecht der DDR abgeschafft, führte der Be-
griff Aufgebot ein zweites Leben in der politischen Propaganda.
Namentlich die FDJ versuchte mit Aufgebotskampagnen die
junge Generation für den Aufbau des Sozialismus zu begeis-
tern. So gab es 1955 ein Wilhelm-Pieck-Aufgebot, 1970 ein Le-
nin-Aufgebot, 1984/85 ein Thälmann-Aufgebot und 1989 ein
Aufgebot DDR 40 – gewissermaßen das letzte Aufgebot. Wer
hierbei militärische Assoziationen hat, liegt nicht verkehrt: Mi-
litärische Organisation und »Kampf«-Terminologie waren be-
absichtigt und wurden als besonders »revolutionär« gepflegt.
Behelfsetikett Provisorisches Etikett zur Kennzeichnung von
Waren, das verwendet wurde, wenn Papier oder Druckkapazität
oder Druckfarben oder eine andere notwendige Zutat für die
Herstellung regulärer Etiketten nicht verfügbar waren. Behelfs-
etiketten enthielten meist nicht mehr als die notwendigsten Wa-
renangaben und kamen grundsätzlich ohne grafische Gestaltung
und Abbildungen aus. Da eine große Anzahl von Warenetiketten
bereits in den Fünfzigerjahren entworfen worden war, hoben
sich die schlichten Behelfsetiketten, die in den Achtzigern häufig
anzutreffen waren, sehr angenehm von den regulären Etiketten
ab, die im Grunde niemand vermisste.
Beutelratten Abfällige Bezeichnung der Westler für DDR-Bür-
ger, die anfangs dadurch auffielen, dass sie stets und ständig ei-
nen Dederon-Einkaufsbeutel mit sich führten. Das war natür-
lich ein trainiertes Jagdverhalten, das der Dederoni auch in
der Marktwirtschaft nicht sofort ablegen konnte. In der sozialis-
tischen Planwirtschaft (Plan) musste man nämlich immer da-
rauf gefasst sein, dass es »etwas gab«. Kein Mensch konnte vor-
hersehen, was dieses »Etwas« sein würde. Vorhersehbar war
aber, dass es für dieses Etwas keine geeignete Verpackung im Ge-
schäft geben würde. Was also tun, wenn es gerade frische Pflau-
men gab? Oder Walnüsse? Jonglieren? In die Backentaschen
stopfen? Also.
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Bierpfennig Im Mittelalter und in der frühen Neuzeit war der
Bierpfennig eine Abgabe auf den Verbrauch von Bier (die es im
Übrigen heute noch gibt). Aber er bezeichnete auch eine der ku-
riosesten Abgaben in der DDR, hervorgerufen durch die übli-
chen Festpreise: Ein kleines Glas Bier (0,25 l) kostete 51 Pfennig.
Ein großes Glas Bier (0,5 l) kostete 1,03 Mark. Wer also vier klei-
ne Glas Bier trank, hatte einen Liter zu 2,04 Mark getrunken,
wer zwei große Bier trank, einen Liter zu 2,06 Mark. Der feste Li-
terpreis von 2,06 Mark ließ sich nicht durch 4 teilen. Die Min-
dereinnahme, die durch das Ausschenken des Biers in Viertelli-
tergläsern entstand, musste genau verbucht werden. Die Gast-
wirte waren angehalten, die Zahl der Viertellitergläser und die
Zahl der Halblitergläser, die sie ausgeschenkt hatten, zu regis-
trieren und den zuständigen Organen für Handel und Versor-
gung zu melden – dort wurden dann die Pfennigdifferenzen ver-
rechnet und der Bierpfennig, der durch den Ausschank von
Halbliterbieren überschoss, abgeführt.
Bilanz Bestandteil des Plans. Der Begriff meinte in der DDR,
anders als im Handelsrecht der Bundesrepublik, die zahlenför-
mige Gegenüberstellung von wirtschaftlichen Größen, die ei-
nander bedingten (zum Beispiel Bedarf und Aufkommen an
Material, Arbeitskräften, Rohstoffen, Halbfertigerzeugnissen
usw.). Die Bilanz stellten Proportionen und Relationen der ver-
schiedenen Wirtschaftskräfte dar, und oft zeigte sich, dass sich
zentral vorgegebene Plankennziffern gar nicht bilanzieren lie-
ßen, weil die dafür erforderlichen Arbeitskräfte oder Rohstoffe
nicht zur Verfügung standen.
Blaue Fliesen Bezeichnung für D-Mark, wahrscheinlich abge-
leitet vom blauen Farbton des 100-DM-Scheins. Obwohl der
100-Mark-Schein der DDR ebenfalls blau war, galt die Bezeich-
nung nur für Westgeld.
Bonbon Volkstümliche Bezeichnung für das Parteiabzeichen
der SED; die Bezeichnung hatte in der elliptischen Form des
Abzeichens ihren Ursprung (Existenzellipse).
Sachlexikon | 13
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Bonner Ultras Propagandaformel der Fünfziger- und Sechzi-
gerjahre, die gegen die Regierung der Bundesrepublik Deutsch-
land gerichtet war; sie nimmt den historischen politischen Be-
griff des Ultramontanismus (von ultramontan = jenseits des
Gebirges; das bezeichnete jene Gruppe von Katholiken, die sich
allein an Weisungen aus Rom gebunden fühlten) auf, um anzu-
deuten, dass die Bonner Regierung ausschließlich Anweisungen
von außen, sprich: aus den USA, ausführe.
Bonzenschleuder Kosename für Verkehrsmittel mit zwei Be-
deutungen: 1. die Luxuslimousinen der Partei- und Staatsfüh-
rung, in der Frühzeit sowjetischer Bauart (vor allem die Marken
Tschaika und SIL waren der obersten Führung vorbehalten),
später schwedischer Import (Volvo). 2 . Die Städteexpress-Züge,
die seit 1976 aus allen Bezirksstädten der DDR morgens nach
Berlin und am Nachmittag wieder in die Bezirksstädte zurück-
fuhren, und zwar montags bis freitags. Die Fahrpläne waren so
abgestimmt, dass Dienstreisende 10-Uhr-Termine in Berlin er-
reichten, ebenso nach dem üblichen Sitzungsschluss ihren Zug
zurück in die Bezirke. Die Schleudern waren orange-beige la-
ckiert und unterschieden sich allein dadurch auffallend vom da-
mals üblichen Reichsbahngrün. Auch innen wirkte die Ausstat-
tung gediegener und vor allem sauberer als bei gewöhnlichen
Reichsbahn-D-Zügen (Reichsbahn). Der Städteexpress wurde
als zentrales Jugendobjekt der FDJ geführt. Städteexpress-
züge waren zuschlagspflichtig. Der Zuschlag kostete für die
2. Klasse 5 Mark (in normalen D-Zügen 3 Mark). Neben dem
Transport von Funktionären und Dienstreisenden dienten die
Züge – besonders montags früh und donnerstags nachmittags –
dem Bauarbeiterverkehr von und nach Berlin.
Bückware Gängige Bezeichnung für knappe Waren, die nicht of-
fen in den Regalen zu sehen waren, sondern unterm Ladentisch
versteckt wurden, weshalb sich das Verkaufspersonal bücken
musste, um besonders gute Kunden damit zu bedienen. Wer
selbst etwas zu bieten hatte, das die Verkäuferin dringend brauch-
te, hatte die besten Chancen, an Bückware heranzukommen.
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Datsche Wochenendhaus im Grünen, nach dem russischen
Wort »datscha«, einer der wenigen Russizismen, die dauerhaft
Eingang in die Sprache der DDR gefunden haben. Datschen wa-
ren besonders von Großstadtbewohnern heiß begehrte Wo-
chenend- und Feriendomizile – das Spektrum der architektoni-
schen Vielfalt reichte dabei vom Geräteschuppen mit Sitzplatz
bis zum unterkellerten Sechs-Zimmer-Haus Marke Kanzler-
Bungalow. In den Baugenehmigungen waren Datschen gewöhn-
lich als »Wohnlaube« ausgewiesen, der (manchmal) dazugehö-
rige Swimmingpool als »Feuerlöschteich«. Manche Dörfer und
Vororte im Weichbild der Großstädte hatten mehr als 15 Feuer-
löschteiche.
Dederon Bezeichnung für die Polyamidseide, die in den USA
als Nylon, in der Bundesrepublik als Perlon und in der Schweiz
als Grilon bekannt ist. Der Handelsname sollte von vornherein
markenrechtliche Streitigkeiten, bei denen die DDR meist den
Kürzeren zog, ausschließen. Er enthielt die drei Buchstaben der
Staatsbezeichnung: DeDeRon.
Dederoni teils abfällige Bezeichnung der Westler für DDR-Bür-
ger, teils selbstironische Selbstbezichtigung; abgeleitet von der
DDR-Bezeichnung für Polyamidseide Dederon.
DEFA Staatliche Filmproduktionsfirma, gegliedert in die selbst-
ständigen Studios für Spielfilme (Potsdam-Babelsberg), das Stu-
dio für Dokumentarfilme (Berlin, Potsdam) und das Trickfilm-
studio (Dresden); außerdem gehörte noch das DEFA-Kopier-
werk zum Firmenverbund. Im Alltagsverständnis verband man
mit dem Begriff DEFA vor allem das Spielfilmstudio. Es produ-
zierte in den letzten Jahren der DDR pro Jahr 16 Kinofilme (da-
runter in der Regel zwei Kinderfilme), übernahm aber im etwa
gleichen Umfang die Produktion für große Fernsehfilme des
DDR-Fernsehens als Dienstleister. Ferner wurden in den Babels-
berger Studios in begrenztem Umfang auch internationale Pro-
duktionen realisiert. Der DEFA-Film, wie man ihn gemeinhin
kannte, war ein typischer Studiofilm, die Eigenheiten der Regis-
Sachlexikon | 15
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seure und Autoren traten hinter den Produktionsmechanismen
des ideologisierten Studiobetriebs zurück. DEFA-Filme wurden
häufig gescholten, selten gelobt. Zu den heute gelobten gehören
manche, über die man zur Zeit ihrer Entstehung bestenfalls mil-
de gelächelt hat. Daran erinnert der folgende Witz:
Ein Priesterseminarist wird von einem Bischof nach seinen
Zukunftsplänen gefragt.
»Ich will DEFA-Direktor werden«, antwortet er. »Aber wa-
rum nur das?«, fragt der Bischof irritiert. »Hochwürden,
stellen Sie sich einmal vor: Erster Mai, Demonstrationszug,
und dann verkündet der Sprecher: ›Und jetzt begrüßen wir
das Kollektiv des DEFA-Spielfilmstudios mit seinem Di-
rektor an der Spitze‹, da sagt doch alle Welt: ›Ach du lieber
Gott ...‹«
Die DEFA drehte den ersten deutschen Nachkriegsfilm: Die
Mörder sind unter uns (1946). Er setzt sich mit der nationalsozia-
listischen Vergangenheit auseinander. Der erfolgreichste DEFA-
Film aller Zeiten ist ein Märchen: Die Geschichte vom kleinen
Muck (1953, Regie: Wolfgang Staudte). Eine bemerkenswert
hohe Resonanz beim Publikum fanden die Indianerfilme der
DEFA. Die Söhne der großen Bärin (1966, Regie: Josef Mach),
Chingachgook die große Schlange (1967, Regie: Richard Gro-
schopp), Spur des Falken (1968, Regie: Gottfried Kolditz), Weiße
Wölfe (1969, Regie: Konrad Petzold), Tödlicher Irrtum (1970, Re-
gie: Konrad Petzold), Osceola (1971, Regie: Konrad Petzold), Te -
cumseh (1972, Regie: Hans Kratzert), Apachen – Blutige Rache
(1973, Regie: Gottfried Kolditz),
Ulzana (1974, Regie: Gottfried
Kolditz), Blutsbrüder (1975, Re-
gie: Werner W. Wallroth), Seve-
rino (1978, Regie: Claus Dob-
berke), Blauvogel (1979, Regie:
Ulrich Weiß), Der Scout (1983,
Regie: Dshamjangijn Buntar,
Konrad Petzold).
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Besondere Juwelen der Produktion sind – damals belächelt, heu-
te Kult – die Science-Fiction-Filme. Der schweigende Stern (1960,
Regie: Kurt Maetzig), Signale – Ein Weltraumabenteuer (1970, Re-
gie: Gottfried Kolditz), Eolomea (1972, Regie: Hermann Zscho-
che), Im Staub der Sterne (1976, Regie: Gottfried Kolditz), Besuch
bei van Gogh (1985, Regie: Horst Seemann).
Delikat Ladenkette für Nahrungs- und Genussmittel mittlerer
bis höherer Qualität; sie wurde geschaffen, um den Unmut der
Bevölkerung über die wachsende Zahl von Intershop-Läden
einzudämmen, in denen nur Westgeld-Besitzer einkaufen konn-
ten. In der Delikat-Kette wurden vorgeblich höherwertige Wa-
ren für DDR-Mark verkauft. Wirklich delikat waren vor allem
die Preise – für niedrige und mittlere Gehälter schlicht uner-
schwinglich. Häufig wurden die Delikat-Läden vor Festen und
Feiertagen aufgesucht, wenn das Geld etwas lockerer saß oder
man seinen Gästen oder Besuchern aus dem Westen etwas bie-
ten wollte. Nach und nach rutschten immer mehr normale Pro-
dukte aus dem HO- oder Konsum-Sortiment und landeten
im Delikat-Programm, selbst Dosenmakrelen in Tomatensoße
galten am Ende schon als delikat.
Diskothek Anders als im Westen war sie in der Regel kein festes
Etablissement, sondern eine mobile Einrichtung, die schnell
aufgebaut und wieder abgebaut werden konnte. Diskotheken
wurden veranstaltet von Schallplattenunterhaltern – meist in
Kulturhäusern, Jugendklubs, Sälen von Gasthöfen, aber auch in
Ferienlagern, am Ende von Schulungen, Ernteeinsätzen und
ähnlichen Gelegenheiten. Abgespielt wurde die aktuelle Musik
sowohl östlicher als auch westlicher Herkunft, wobei, solange
die Gefahr einer Überwachung bestand, das Verhältnis von 60
(DDR und Ost) zu 40 (West) Prozent bei den Musiktiteln einge-
halten werden musste. Die Schallplattenunterhalter hatten hie-
rüber entsprechende Listen zu führen und bei der AWA (Anstalt
zur Wahrung der Aufführungsrechte aus dem Gebiet der Musik)
einzureichen. Wenn keine Kontrolle drohte, wurde in der Regel
erheblich mehr Westmusik als Ostmusik gespielt, aber getreu-
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lich Ostmusik in die Listen geschrieben. So mancher DDR-Ro-
cker hat auf diese Weise Tantiemen bezogen, die nach bürgerli-
chem Recht eigentlich den Stones, Deep Purple, John Lennons
Erben oder Dieter Bohlen zugestanden hätten. Die Diskothek
war die Jugendunterhaltungsform erster Wahl spätestens seit
Beginn der Siebzigerjahre.
Dispatcher Neben dem Broiler ein weiterer Anglizismus, der
sich in der DDR offiziell durchgesetzt hatte; vom engl. Verb »to
dispatch« = etwas erledigen, abschicken. Er wurde als Fachbe-
griff für Koordinatoren im Eisenbahnwesen (hier einem Dispo-
nenten der Betriebszentrale vergleichbar), im öffentlichen Per-
sonennahverkehr (hier in der Funktion eines Verkehrsmeisters),
in der Schifffahrt und im Speditionswesen (hier einem Dispo-
nenten vergleichbar) verwendet. Wenn in der Hauptverkehrszeit
eine Oberleitung riss und in einer Großstadt der Straßenbahn-
verkehr zusammenbrach, erschienen die Dispatcher, dispatch-
ten wie verrückt, und nach ein, zwei Stunden lief ’s wieder.
Elf 99 Jugendsendung des DDR-Fernsehens, die im Titel und im
Logo die Postleitzahl des Fernsehstudios in Berlin-Adlershof
(1199) aufnahm. Erster Sendetermin war der 1. September
1989; in den Wendewochen fiel Elf 99 durch Frische, Frechheit
und kritische Berichterstattung auf. Die Sendung erreichte gro-
ße Popularität, wurde nach der Auflösung des Deutschen Fern-
sehfunks an RTL abgegeben und von dort an Vox weitergereicht,
wo das Format schließlich im März 1994 eingestellt wurde.
Erichs Lampenladen DDR-Jargon für den Palast der Repu-
blik; der Begriff kam zustande aufgrund der Vielzahl von Be-
leuchtungskörpern, mit denen das Hauptfoyer ausgestattet war.
Eterna Schallplattenlabel, auf dem klassische Musik bzw. soge-
nannte E-Musik (stand nicht für Elektronik, sondern für »erns-
te Musik«) veröffentlicht wurde. Eterna-Aufnahmen mit den
hervorragenden Solisten und Orchestern, über die die DDR ver-
fügte, genossen auch international einen ausgezeichneten Ruf.
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Eulenspiegel Satirische Zeitschrift in der DDR, die seit 1954/55
erscheint und die längste Zeit ihres Daseins im Wochenrhyth-
mus veröffentlicht wurde, nach 1990 dann als Monatsmagazin.
Die Eule erreichte eine Druckauflage von durchschnittlich
360 000 Exemplaren und war immer ausverkauft. Für Neuabon-
nenten gab es kaum Zugang; Eule-Abos wurden innerhalb der
Familie vererbt. Die satirisch-kritischen Beiträge wurden von
der Parteiführung äußerst genau geprüft, aber immerhin als
Ventil des Unmuts zugelassen. Bemerkenswert war die alle vier
Wochen auf der letzten Seite erscheinende Nonsens-Beilage
»Die Funzel«; hier durfte – einmalig für DDR-Verhältnisse – ein
Aktfoto sogar offen (und nicht verschämt im Innenteil wie beim
Magazin oder im »Foto-Kino-Magazin«) abgedruckt werden.
Existenzellipse Weniger volkstümliche Bezeichnung für das Em-
blem der SED (Bonbon). Es zeigte zwei ineinandergreifende
Hände auf hellem Grund, die von einem Schriftband (Sozialisti-
sche Einheitspartei Deutschlands) eingefasst waren. Das Hände-
symbol spielte auf die Vereinigung von KPD und SPD im April
1946 an, die mit einem Handschlag der beiden Vorsitzenden Wil-
helm Pieck und Otto Grotewohl symbolisch besiegelt worden
war.
Das Parteiabzeichen, das dieses Emblem trug, war annähernd el-
liptisch geformt. Die Parteimitglieder waren angehalten, es offen
zu tragen. Viele taten das nur mit Missvergnügen, setzte es sie
doch bei den anderen dem Verdacht aus, das eigene Fortkommen
(und damit die gesicherte materielle Existenz) mehr der politi-
schen Gesinnung als dem fachlichen Können zu verdanken.
Exquisit Ladenkette zum Verkauf von »Waren der höheren
Preisklasse für Mark der DDR«. »Es handelt sich dabei um
hochwertige eigene Erzeugnisse, Waren aus der Gestattungs-
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produktion und Importe.« (Erich Honecker 1977). Exquisit-
Läden gab es schon zu Ulbrichts Zeiten; damals hießen sie im
Volksmund »Uwubu« (Akronym für »Ulbrichts Wucherbude«).
Das Sortiment bestand überwiegend aus Konfektion, Lederwa-
ren, Schuhen, Miederwaren, Parfümerie und Kosmetikartikeln.
Das Pendant bei Nahrungs- und Genussmitteln war das Pro-
gramm Delikat.
Falten DDR-Jargon für das Verhalten am Wahltag. Da in der
DDR auf den Wahlzetteln allein die »Kandidaten der Nationa -
len Front« standen, war eine Wahl nur theoretisch möglich: Man
konnte erstens einzelne Kandidaten ausstreichen, zweitens alle
Kandidaten ausstreichen, drittens weitere Namen hinzufügen,
viertens den Wahlzettel ungültig machen. Man konnte das offen
tun oder in einer Wahlkabine – in beiden Fällen hätte man sich
als Wähler enttarnt, der nicht mit dem »Wahlvorschlag der Na-
tionalen Front« übereinstimmte. Um tatsächliches Wahlverhal-
ten zu verhindern, war kollektives Abgeben der Stimme (also im
Verband der Hausgemeinschaft oder, bei Studenten, der Se-
minargruppe) erwünscht. So gingen die meisten ins Wahllokal,
nahmen den Stimmzettel, falteten ihn, ohne noch einen Blick
auf die Namen zu verschwenden, und warfen ihn durch den
Schlitz der Wahlurne. Aus diesem Vorgang entstand die Floskel
»falten gehen«.
Familie »Die Familie ist die kleinste Zelle der Gesellschaft. Sie
beruht auf der für das Leben geschlossenen Ehe und auf den be-
sonders engen Bindungen, die sich aus den Gefühlsbeziehungen
zwischen Mann und Frau und den Beziehungen gegenseitiger
Liebe, Achtung und gegenseitigen Vertrauens zwischen allen Fa-
milienmitgliedern ergeben.« So steht es als feierlicher Vorspruch
im »Buch der Familie«, das frisch Verheiratete zusammen mit
ihrer Eheurkunde auf dem Standesamt ausgehändigt bekamen.
FDGB Freier Deutscher Gewerkschaftsbund, Einheitsgewerk-
schaft in der DDR, gegründet im Februar 1946. Im Gegensatz
zum DGB, der als Dachorganisation der Einzelgewerkschaften
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fungiert, bildeten die 16 Industriegewerkschaften und Gewerk-
schaften der DDR lediglich zentral gelenkte »Fachabteilungen«
des FDGB. Da es im Sozialismus keinen Klassengegensatz
zwischen kapitalistischen Unternehmern und Arbeitern geben
konnte, fungierten die Gewerkschaften auch nicht als Arbeit-
nehmervertretungen im klassischen Sinne, sondern definierten
sich als »Klassenorganisation der in der DDR herrschenden Ar-
beiterklasse«.
FDJ Freie Deutsche Jugend, einziger zugelassener Jugendver-
band, 1946 als Organisation gegründet, ab 1947 uniformiert
und zunehmend militarisiert, ab 1952 dem »demokratischen
Zentralismus verpflichtet«, erklärte sich die FDJ 1957 zur »so-
zialistischen Jugendorganisation der DDR«, die fortan als »zu-
verlässiger Helfer und Kampfreserve der Partei« (gemeint war
natürlich die SED, deren »führende Rolle« ausdrücklich aner-
kannt wurde) wirken wolle. Die FDJ organisierte die Messen
der Meister von morgen, betrieb zahlreiche Jugend- und Stu-
dentenklubs, organisierte eine Singebewegung, richtete Poe-
tenseminare und Wettbewerbe junger Solisten aus und war für
eine Vielzahl von Jugendobjekten verantwortlich. Die FDJ orga-
nisierte 1988 2,3 Millionen. Jugendliche (88 Prozent Organisati-
onsgrad); nach der Wende blieben um die 850 eingeschriebe-
ne Mitglieder übrig. In der Bundesrepublik war die FDJ als ver-
fassungsfeindliche Organisation seit 1951 verboten; dieses Ver-
bot gilt noch immer, wurde aber nach 1990 nicht auf das Gebiet
der neuen Bundesländer ausgedehnt.
FORUM 1. Zeitung für Studenten, die wegen kritischer Bericht-
erstattung oder Abdruck unliebsamer Texte häufig im Blick-
punkt der Funktionärskritik stand, erschien im Zwei-Wochen-
Rhythmus seit 1955 und wurde Anfang der Achtzigerjahre »we-
gen Papiermangels« eingestellt.
2. Handelsgesellschaft mbH (andere Schreibweise: forum), sie
war ein Unternehmen des Bereichs Kommerzielle Koordinie-
rung und der Hauptverwaltung II des Ministeriums für Staats-
sicherheit zugeordnet. Gegründet 1976 oblag forum die Abwick-
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lung des Intershop-Handels. DDR-Bürger durften seit dieser
Zeit im Intershop nicht mehr mit DM oder anderen frei kon-
vertierbaren Währungen bezahlen, sondern waren angehalten,
ihr Westgeld zuvor bei der Staatsbank in forum-Schecks einzu-
tauschen, die dann wie Bargeld in den Intershops angenommen
wurden. Damit war beabsichtigt, die Sparstrümpfe der DDR-
Bürger vom Westgeld zu leeren, also eine Maßnahme der Devi-
senbeschaffung im eigenen Land. In der DDR gab es den fol-
genden Witz: »›Wie lauten die beiden ersten Fragen eines
Handwerkers, bevor er überhaupt kommt?‹ – ›Forum geht’s
denn? Westhalb rufen Sie mich an?‹«
Für den Filmfreund ausgewählt Reihentitel für die Ausstrah-
lung des Montagsfilms im DDR-Fernsehen mit festem Sende-
platz um 20 Uhr nach der Aktuellen Kamera und vor dem
Schwarzen Kanal. Ausgestrahlt wurden vor allem alte Filme
aus der Zeit vor 1945, deren politische Unbedenklichkeit in der
DDR oftmals weitaus großzügiger bewertet wurde als im Wes-
ten. Mit dem Filmfreund haschte das DDR-Fernsehen nicht nur
nach Westzuschauern, sondern wusste auch ausnahmsweise mal
eine beträchtliche Zahl Ostzuschauer vor dem eigenen Kanal.
Die verschwanden natürlich augenblicklich vom Sender, sobald
Der Schwarze Kanal begann.
Gegenplan Dieser Plan war kein bisschen oppositionell, wie der
Name vielleicht vermuten lässt, sondern zeitweilig (besonders
Ende der Siebzigerjahre) Bestandteil und eine besondere Form
des sozialistischen Wettbewerbs. In der Gegenplan-Bewegung
wurden die Werktätigen und Arbeitskollektive (Kollektiv)
aufgefordert, zu den staatlichen Planauflagen eigene Vorschläge
(Gegenvorschläge) zu unterbreiten, die natürlich in nichts ande-
rem bestehen durften als in einer Überbietung der staatlichen
Planvorgaben. Das hatte zwar Methode, blieb aber dennoch
Wahnsinn, denn der Plan mit seinen ohnehin oft unrealisti-
schen Vorgaben wurde durch die gut gemeinten Gegenpläne
noch mehr durcheinandergebracht. Nach relativ kurzer Zeit
wurde diese Methode fallen gelassen, und das Wort Gegenplan
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verschwand aus der Propaganda vollständig. Jetzt hieß es: Was
neben dem Plan ist, ist gegen den Plan, und was gegen den Plan
ist, verstößt gegen das Gesetz.
Genex Geschenkdienst Handelsunternehmen, über das gegen
Valuta Waren aus dem westlichen Ausland, aber auch Produkte
aus der DDR bezogen werden konnten. So bestand die Möglich-
keit für wohlhabende Westverwandte, den armen Ostkusinen ei-
nen Wartburg, der normalerweise 20 000 Mark kostete, für
9000 DM zu besorgen – und das ganz ohne Wartezeiten. Sogar
Fertigteil-Häuser konnten über Genex bezogen werden.
Gestattungsproduktion Einladung der DDR-Regierung an west-
liche Firmen, die DDR als Billiglohnland zu benutzen. Wurde
von Firmen wie Salamander, Trumpf (Kakao) und Triumph
(Miederwaren), BAT (verschiedene Zigarettenmarken) und Bei-
ersdorf (Nivea) dankbar angenommen und von der DDR gestat-
tet (daher der Name). Ein Teil der Produkte – etwa die über die
Vertragsverpflichtungen hinaus erzielte Überproduktion – ver-
blieb im Lande und füllte das Sortiment der Exquisit- und
Delikat-Läden sowie der Intershops. Circa 120 Artikel wur-
den in der DDR via Gestattungsproduktion hergestellt.
Goldene Hausnummer Hausgemeinschaften, die besonders
tatkräftig an der Verschönerung des Wohnumfeldes mitgewirkt
hatten und die sich auch sonst durch politische Aktivität und
Einsatzbereitschaft auszeichneten (zum Beispiel indem sie einen
Gemeinschaftsraum ausbauten, gemeinsam zur Wahl gingen
oder bei Bedarf Privatquartiere für die Arbeiterfestspiele oder
andere Großveranstaltungen stellten), konnten ihr Mietshaus
mit der »Goldenen Hausnummer« schmücken.
GST Gesellschaft für Sport und Technik. 1952 gegründete, pa-
ramilitärische Wehrsportorganisation, die ihre Hauptaufgabe in
der vormilitärischen Ausbildung der 16- bis 18-Jährigen sah. Be-
stimmte Sportarten (Fallschirmspringen, Segel- und Motorflug,
Tauchsport) waren als Wehrsport eingestuft und konnten über-
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haupt nur innerhalb der GST ausgeübt werden. An den Erwei-
terten Oberschulen gehörte die vormilitärische Ausbildung
durch die GST zum Lehrplan. Die NVA sicherte sich über die
GST die frühzeitige Auswahl und Ausbildung ihres Führungs-
nachwuchses, besonders in hochspezialisierten und technischen
Waffengattungen.
Hausbuch Ein schmales Heftchen mit sensiblem Inhalt. Aufge-
führt waren mit Namen, Geburtsdatum, Beruf und Personal-
ausweisnummer alle Bewohner des Hauses. Eingetragen werden
mussten auch alle Besucher, die sich länger als 14 Tage im Haus
aufhielten. Grundsätzlich wurden alle Westbesucher eingetra-
gen und ihre Anwesenheit umgehend der zuständigen Polizei-
dienststelle gemeldet. Das Hausbuch musste der Volkspolizei
und anderen »staatlichen Organen« (wie etwa der Stasi) auf Ver-
langen vorgelegt werden; es wurde vom Hausvertrauensmann
oder einem eigens dafür Beauftragten geführt.
Hausgemeinschaft Die Bewohner eines Mehrfamilienhauses
waren per Definition eine Hausgemeinschaft, ob sie das wollten
oder nicht. Sie wählten eine Hausgemeinschaftsleitung (HGL)
und aus deren Mitte einen Vorsitzenden. Der Hausgemeinschaft
wurden von der Kommunalen Wohnungsverwaltung die Orga-
nisation von Treppen- und Hofreinigung und die Pflege der
Grünanlagen übertragen. An Wahltagen waren die Hausge-
meinschaften angehalten, gemeinsam (im DDR-Jargon: ge-
schlossen) zur Wahl zu gehen (Falten). Die Hausgemeinschaf-
ten sollten miteinander in den sozialistischen Wettbewerb tre-
ten und den Titel »Vorbildliche Hausgemeinschaft« anstreben.
Zu diesem Titel gab es eine Geldprämie, und die wurde meistens
bei einer zünftigen Party im eigens dafür eingerichteten Ge-
meinschaftsraum auf den Kopp gehauen.
Haushaltstag 1961 eingeführter zusätzlicher bezahlter freier
Tag, der zunächst alleinstehenden und vollbeschäftigten Müt-
tern einmal im Monat zustand. Die Regelung wurde 1976 auf al-
leinstehende vollbeschäftigte Frauen ohne Kinder ausgedehnt.
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Seit 1981 kamen alle berufstätigen Mütter, Ehefrauen und al-
leinstehenden Frauen über 40 Jahre in den Genuss eines bezahl-
ten Haushaltstages pro Monat.
Hausvertrauensmann Ehrenamtlich tätiges Mitglied der Haus-
gemeinschaftsleitung (Hausgemeinschaft). Hausvertrauens-
leute waren stets männlich, auch wenn sie Frauen waren, die of-
fizielle Bezeichnung lautete Hausvertrauensmann. Der Hausver-
trauensmann führte das Hausbuch und war Ansprechpartner
für die Kommunale Wohnungsverwaltung, den Abschnitts-
bevollmächtigten und andere interessierte »Organe«.
HO Abkürzung für Handelsorganisation; 1948 gegründete Han-
delskette im Volkseigentum. Zunächst wurden in den HO-Lä-
den markenfreie Waren zu überhöhten Preisen verkauft; damit
sollte der Schwarzmarkt ausgetrocknet werden. Später etablier-
te sich die HO als beherrschende Handelskette in Einzelhandel,
Warenhaus, Gastronomie und Hotellerie, der nur der Kon -
sum – allerdings mit kaum unterscheidbarem Angebot – eine
vergleichbare Struktur entgegenzusetzen hatte. In den Sechzi-
gerjahren betrieb die HO in Leipzig ein Versandhaus (der Kon-
sum das Konsument-Versandhaus Karl-Marx-Stadt).
Intelligenz In der DDR als sogenannte Schicht definiert, die im
Klassenstrukturmodell des Sozialismus zwischen (oder ne-
ben) den beiden Hauptklassen der Arbeiter und Angestellten ei-
nerseits und den Genossenschaftsbauern andererseits bestand.
Die Zugehörigkeit zu dieser Schicht war soziostrukturell nicht
genau bestimmt, vom Intelligenzgrad war sie offenbar nicht ab-
hängig, auch nicht in erster Linie von einem abgeschlossenen
Hochschulstudium. Angehörige der bewaffneten Organe und
Mitarbeiter der Staatsorgane gehörten per Definition der Arbei-
terklasse an, auch wenn sie einen Hochschulabschluss besaßen,
möglicherweise promoviert hatten und typische Schreibtischar-
beiten versahen. Ingenieure hingegen, selbst wenn ihre Tätigkeit
im Betrieb der eines qualifizierten Arbeiters weitgehend ähnel-
te, konnten zur technischen Intelligenz gezählt werden.
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Internationale Solidarität Diese wurde in allfälligen Sprech-
chören immer mit »Hoch die« eingeleitet. Im Grunde ein posi-
tiver Wert, der von der DDR-Führung allerdings zur Bemänte-
lung sehr zweifelhafter Geschäfte (unter anderem Waffenge-
schäfte) verwendet wurde. Materielle Beiträge für die Solidarität
wurden gleich mit dem FDGB-Beitrag mehr oder weniger au-
tomatisch eingezogen. Über die Verwendung dieser Mittel wur-
de bis zur Wende 1989 nie konkret Rechenschaft abgelegt.
Intershop Handelseinrichtung für den Verkauf von Waren ge-
gen Devisen. Zunächst nur an Flughäfen, Häfen und ausgewähl-
ten Hotels eher verschämt eingerichtet, machten sich Intershops
durchaus unverschämt auch im Stadtbild breit, was zu beträcht-
lichem Unmut bei der nichtdevisenbesitzenden Bevölkerung
führte. In der Folge wurden die Delikat- und Exquisit-Ge-
schäfte ausgebaut, die höherwertige Waren für DDR-Mark, aber
zu exorbitant hohen Preisen anboten.
Jahresendfigur Auch geflügelte Jahresendfigur oder Jahres-
wechselflügelpuppe genannt, stellt dieser Begriff eine der absur-
desten Handelsbezeichnungen in der DDR für einen Weih-
nachtsengel dar. Man unterschied auch »Jahreswechselpuppe
mit Flügeln« (also einen Engel) von einer Jahreswechselpuppe
ohne Flügel (zum Beispiel einem Bergmann); Engel und Berg-
mann, die Kerzen trugen, waren traditionelle Figuren der erzge-
birgischen Volkskunst, die in der Weihnachtszeit aufgestellt
wurden.
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Jahresendprämie Im Prämiensystem der DDR verankerte Gra-
tifikation, die dem heute sogenannten 13. Monatsgehalt ver-
gleichbar war.
Jugendmode Ladenkette der HO, die ein spezielles Beklei-
dungssortiment für Jugendliche anbot. Die Konfektion sollte
mehr Chic und mehr Mut zu modischen Details haben. Die
Käufer und besonders Käuferinnen waren oft dem (im engeren
Sinne) jugendlichen Alter entwachsen, hatten aber nicht genü-
gend Geld, um im teuren Exquisit einzukaufen.
Jugendweihe Weltliches Gegenstück zur evangelischen Konfir-
mation in der Tradition der Freidenker und der Jugendfeiern
der Arbeiterbewegung. Im Lauf der DDR-Geschichte wurde die
Jugendweihe immer stärker politisiert und immer deutlicher auf
ein Bekenntnis zum Sozialismus hin orientiert. Dadurch stieß
sie auf Widerspruch und Widerstand der Kirchen, die ein
Weltanschauungsmonopol der SED nicht hinnehmen wollten.
Zur Jugendweihe gehörte eine Folge von monatlichen Jugend-
stunden und die eigentliche Jugendweihe-Feier, die in der Regel
an einem Samstag im Mai stattfand und in einem politischen
Gelöbnis für Frieden und Sozialismus gipfelte (das allerdings
keine bindende Rechtskraft hatte). Nach der Jugendweihe wur-
den die Schüler grundsätzlich mit »Sie« und Vornamen ange-
sprochen. Fortgesetzt wurde die Jugendweihe-Feier nach dem
offiziellen Teil in der Regel mit einer Familienfeier, manchmal
auch mit einer Klassenparty. Großer Aufwand wurde bei der
Auswahl der Garderobe betrieben. Die größte Bedeutung für die
Geweihten selbst lag aber eindeutig bei den Geschenken. Die Ju-
gendweihe entwickelte sich zum bedeutendsten Geschenkanlass
im Leben eines Jugendlichen, der Weihnachten und Geburtstag
weit überstrahlte. Mancher (männliche) Jugendliche erlebte aus
Anlass der Familienfeier seinen ersten Vollrausch.
Kader Wer einem Kader angehörte, dem galt bezüglich seiner
beruflichen und politischen Entwicklung eine besondere Auf-
merksamkeit. Denn schon der Genosse Stalin hatte gesagt:
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»Die Kader entscheiden alles.« Man sprach den Namen des Va-
ters der Völker zwar seit den Sechzigerjahren nicht mehr so
gern aus, zitierte ihn auch nicht mehr als »Klassiker«, beherzig-
te aber durchaus seine Lehren und folgte im Parteiaufbau und
im politischen System getreulich seinen Vorstellungen. Eine be-
sondere Gruppe der Kader zum Beispiel stellten die Nomenkla-
turkader dar. In der Nomenklatura waren nach sowjetischem
Vorbild alle Personen erfasst, die maßgebliche Leitungspositio-
nen, Wahlfunktionen und hohe Ehrenämter innehatten. Die
Besetzung solcher Ämter und Funktionen war ohne die Zu-
stimmung höherer SED-Gremien (bis hin zu den Abteilungen
des Zentralkomitees) nicht möglich. Das Einrücken in eine sol-
che Nomenklatura-Position hatte aber nicht nur Vorzüge (hö-
heres Gehalt, diverse Privilegien, Einfluss), sondern kostete
auch einen Preis. Nomenklatur-Kader bekamen keinen Arbeits-
oder Anstellungsvertrag, sondern sie wurden berufen und be-
kamen eine Berufungsurkunde. Sie konnten auch nicht kündi-
gen, wenn sie ihre Position zu verlassen wünschten, sondern
mussten einen Antrag auf Abberufung stellen. Das hatte schon
etwas von feudalem Lehens- und Gefolgschaftswesen. Eine an-
dere Sondergruppe waren die »Reisekader«, ein ausgewählter
Kreis von Personen aus Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur und
Sport, die für geeignet gehalten wurden, ins westliche Ausland
reisen zu dürfen.
Kaderakte Bezeichnung für ein Konvolut an Papieren, das man
in der Bundesrepublik unter der Bezeichnung Personalakte
kennt. Eine Kaderakte wurde offiziell über jeden geführt, der ins
Arbeitsleben eintrat; vergleichbar der Kaderakte waren die Stu-
dentenakten, die an den Hochschulen und Universitäten geführt
wurden. In die Kaderakten wurden nicht nur Vermerke einge-
fügt, die mit der Berufstätigkeit zu tun hatten, sondern auch In-
formationen über das Privatleben (Abhören von Westsendern,
Westbesuche), das Verhalten im Straßenverkehr (sofern die Be-
hörden Auffälliges feststellten), über politische Aktivität oder
Inaktivität. Datenschutz war in der DDR ein unbekanntes Wort,
darum konnten sich alle interessierten »Organe« – namentlich
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natürlich das Ministerium für Staatssicherheit, aber auch die
SED oder Massenorganisationen wie FDJ oder FDGB –
Einblick verschaffen, ohne dass der betroffene Werktätige über-
haupt davon wusste. Ein einklagbares Recht des Bürgers auf Ein-
sicht in seine eigene Kaderakte gab es nicht.
Kaufhalle Einkaufseinrichtung des staatlichen (HO) und ge-
nossenschaftlichen (Konsum) Handels. Kaufhallen wurden in
allen Neubaugebieten – oft in direkter Nachbarschaft zu Klub-
gaststätten und Dienstleistungszentren (Komplexannahme-
stelle) – errichtet, zunehmend aber auch in bestehende Stadt-
strukturen eingefügt. Sie führten das Standardsortiment der
»Waren des täglichen Bedarfs« (sofern es verfügbar war) und in
begrenztem Umfang Konfektion und Industriewaren (sofern
dafür andere Einkaufsmöglichkeiten im Territorium nicht be-
standen).
Kinderkombination Hier handelt es sich nicht um ein Klei-
dungsstück oder die Jugendmannschaft einer Sportgemein-
schaft, sondern um die Bezeichnung für einen Funktionsbau,
der eine Kinderkrippe und einen Kindergarten beherbergte. In
die Kinderkrippe konnten Kleinstkinder vom Alter weniger Wo-
chen bis zum vollendeten dritten Lebensjahr aufgenommen
werden; in den Kindergarten gingen Kinder von drei Jahren an
bis zum Eintritt in die Schule. Kinderkombination war das
DDR-Gegenstück zur westlichen Kindertagesstätte, deren Be-
zeichnung auch nicht viel eleganter wirkt.
Kirche Unter diesen Begriff fielen die Evangelische Kirche, die
Katholische Kirche sowie weitere Kirchen- und Religionsge-
meinschaften. Die Verfassung sicherte den Kirchen formal die
Freiheit der Religionsausübung zu, doch sahen sich nicht nur
kirchliche Amtsträger, sondern vor allem kirchlich stark enga-
gierte Bürger von Staats und Partei wegen benachteiligt. Dabei
wechselten sich Phasen, die an den Kirchenkampf zur Bismarck-
Zeit oder an sowjetische Verfolgungskampagnen erinnerten, mit
Phasen der Verständigung und des regelrechten Kuschelkurses
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ab. Auch waren aktive und bekennende Christen in bestimmten
beruflichen Sphären stärker benachteiligt als in anderen. Man
fand unter den höheren Offizieren der NVA oder unter Staats-
bürgerkundelehrern nur wenige bekennende Christen, hinge-
gen waren sie unter Berufsmusikern in der Mehrheit aus dem
einfachen Grund, weil in christlichen, bürgerlichen Haushalten
und in der Gemeinde das Musizieren einen hohen Stellenwert
hatte und Begabungen früher erkannt und gefördert wurden.
Kittelschürze Unverzichtbares Kleidungsstück für werktätige
Frauen, meist aus Dederon oder einem Baumwollmischgewe-
be, einfarbig oder (häufiger) bunt gemustert. Die Kittelschürze
wurde nicht nur während der Arbeit im Betrieb getragen, son-
dern auch zu Hause, gewissermaßen als Hauskleid. In ländli-
chen und kleinstädtischen Gegenden bestanden auch keine Be-
denken, die Kittelschürze auf der Straße zu tragen. Frauen tru-
gen sie sowohl über ihrer gewöhnlichen Oberbekleidung als
auch anstelle derselben.
Klub der Intelligenz Einrichtung des Kulturbunds der DDR, die
als Veranstaltungsort für Intellektuelle in der DDR, die dem Kul-
turbund angehörten, diente; für die Klubs der Intelligenz wurde
aus diesem Kreis noch einmal eine besondere Auswahl getrof-
fen. Gewöhnlich waren die Klubs mit einer gastronomischen
Einrichtung von beachtlicher Qualität verbunden. Einen beson-
ders guten Ruf genoss in Berlin der Künstlerklub »Die Möwe«.
Kollektiv Hier haben wir es mit einem der wichtigsten Propa-
gandabegriffe in der DDR zu tun. Neben der konkreten Bedeu-
tung als »Arbeitskollektiv« (in der Bundesrepublik mit dem
Anglizismus »Team« bezeichnet) hatte Kollektiv auch eine über-
tragene, quasireligiöse Bedeutung. Das Kollektiv schwebte im-
mer als höhere Instanz über dem Interesse des Individuums. Der
Einzelne hatte sich dem Kollektiv unterzuordnen, sich besten-
falls darin einzuordnen. Aber die Berufung auf das Kollektiv er-
laubte es dem Einzelnen auch, sich vor persönlicher Verantwor-
tung zu drücken.
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Kombinat Eine »grundlegende Wirtschaftseinheit der materiel-
len Produktion« und eine »moderne Form der Leitung und Or-
ganisation in Industrie und Bauwesen sowie weiteren Bereichen
der Volkswirtschaft auf der Grundlage des einheitlichen staatli-
chen Volkseigentums«. Nachdem in den Sechzigerjahren mit
verschiedenen Modellen der Wirtschaftslenkung experimentiert
worden war, kehrte man unter Honecker zur strikten Zentra-
lisierung zurück, deren höchster Ausdruck die Bildung von
Kombinaten war. Die Struktur der Kombinate wurde per Ver-
ordnung des Ministerrats vom 8. November 1979 in Gesetzes-
form gegossen.
»Haste schon gehört, Mittag hat sich den Arm gebro-
chen.« – »Nee, wie issn das passiert?« – »Er hat sich zu sehr
auf die Kombinate gestützt.«
Das Kombinat bestand aus mehreren Kombinatsbetrieben oder
Betriebsteilen und wurde in der Regel über einen Stammbetrieb
geleitet; der Generaldirektor des Kombinats war zugleich Direk-
tor des Stammbetriebs. Darüber hinaus hatte das Kombinat die
»Erzeugnisgruppenarbeit als eine Form der überbetrieblichen
sozialistischen Gemeinschaftsarbeit« auch mit solchen Betrie-
ben zu organisieren, die nicht zum Kombinat gehörten, aber
»Erzeugnisse gleicher oder ähnlicher Zweckbestimmung bzw.
mit technologisch verwandtem Herstellungsprozess produzie-
ren«. Dass so etwas überhaupt funktionierte, grenzt noch heute
an ein Wunder.
Kommunale Wohnungsverwaltung (KWV) Im jeweiligen Terri-
torium der größte und maßgebliche Wohnungsverwalter. Der
KWV unterstanden nicht nur Wohnungen aus dem Staatseigen-
tum, sondern auch zahlreiche Immobilien, die formal in Privat-
besitz waren und treuhänderisch verwaltet wurden. An die
KWV wandte man sich wegen Reparaturen, Reinigung und Fra-
gen der Haustechnik. Mit der KWV schloss man den Mietver-
trag, sie besaß aber nicht, wie oft irrtümlich angenommen, das
Monopol für die Verteilung von Wohnraum. Dafür waren die
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Organe der Staatlichen Wohnraumlenkung zuständig. Bevor die
KWV einen Mietvertrag abschließen durfte, musste der künfti-
ge Mieter eine Zuweisung des örtlichen Wohnraumlenkungs-
organs vorlegen.
Komplexannahmestelle Obwohl der Begriff es nahelegt, han-
delt es sich hierbei nicht um eine Beratungsstelle für psychisch
Geschädigte. Es gehört zu den größten Geheimnissen der deut-
schen Behördensprache, wo die Schöpfer solcher Wortmonster
ihre Ausbildung genossen haben. Hier wurden jedenfalls keine
Komplexe angenommen, sondern kaputte Schuhe, schmutzige
Wäsche und Fotoarbeiten. Komplexannahmestellen waren so-
mit ein wichtiger Umschlagpunkt für Dienstleistungen, die
nicht mehr dezentral von einzelnen Handwerksbetrieben ange-
boten wurden, sondern in großen Dienstleistungskombinaten
(Kombinat). Dafür mussten in den Wohngebieten Annahme-
stellen geschaffen werden, die kaputte Schuhe, schmutzige Wä-
sche usw. annahmen, an den Dienstleister weiterleiteten, von
dem sie nach Dienst und Leistung reparierte Schuhe und saube-
re Wäsche usw. wieder entgegennahmen und an die Kunden
ausgaben. Ein aufwendiges und teures (und manchmal auch
langwieriges) Verfahren, bei dem mancher eine Macke bekam,
die man auch Komplex nennen konnte, den Dienstleistungs-
komplex. Der Name leitete sich aber nicht davon ab, sondern
von der Tatsache, dass die Annahme nicht für einzelne Gewerke
getrennt, sondern für alle Gewerke komplex (ha, jetzt haben
wir’s!) erfolgte.
Konsum 1. Kurzbezeichnung für die Handelskette der Konsum-
genossenschaft, die trotz des Namensbestandteils -genossen-
schaft keine echte Genossenschaft war, sondern als Massenorga-
nisation galt. Die Mitglieder der Konsumgenossenschaft erwar-
ben mit ihrem Eintritt keine wirklichen Anteile an der Handels-
kette, sondern lediglich das Recht, für jeden Einkauf Rabattmar-
ken zu beziehen, die gesammelt und am Jahresende vergütet
wurden. Etwas abfällig wurde im Volksmund der Name Konsum
als Akronym für »Kauft Ohne Nachzudenken Schnell Unseren
32 | Sachlexikon
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Mist« bewitzelt. Das Wort ist anders auszusprechen als das ge-
läufige Fremdwort für Verbrauch: Betont werden muss hier die
erste Silbe, das »u« der zweiten Silbe wird kurz ausgesprochen
und bleibt unbetont.
2. Verkaufsstelle der Konsumgenossenschaft; der Name wurde
übertragen auf alle Verkaufsstellen mit einem Gemischtwaren-
angebot, besonders in ländlichen Regionen. Man sprach auch
dann vom Dorfkonsum, wenn er gar nicht von Konsum betrie-
ben wurde.
3. Bezeichnung für das Ministerium für Staatssicherheit und
seine inoffiziellen Mitarbeiter. »Ich glaube, der ist auch im Kon-
sum« bedeutete, man nahm an, der Betreffende reiche Informa-
tionen an die Stasi weiter.
4. »Aus dem Konsum austreten« war eine euphemistische Um-
schreibung für gestorben, dahingegangen, den Löffel abgegeben,
über den Jordan gegangen usw.
Kriegsminister Propagandabegriff; Bezeichnung für den Vertei-
digungsminister der Bundesrepublik, namentlich in Person von
Franz Josef Strauß, der von der DDR-Propaganda grundsätzlich
als »Kriegsminister« tituliert wurde, wiewohl er natürlich auch
in der Bundesrepublik umstritten war und sich manche heftige
Kritik gefallen lassen musste.
Kulturschaffender In der Propaganda und in Verlautbarungen
ein Begriff, der dem Künstler gleichgestellt war und meist in ei-
nem Atemzug mit ihm genannt wurde (»die Künstler und Kul-
turschaffenden der DDR«). Geschaffen wurde dieser Begriff, um
das im engeren Sinne nicht künstlerisch tätige Personal, etwa
der Theater (Bühnenarbeiter, Mitarbeiter in den Werkstätten,
Beleuchter, Verwaltungsangestellte), nicht gegenüber den
Künstlern zu benachteiligen. Da der Begriff nach und nach im-
mer weiter gefasst wurde, wurde er natürlich auch immer frag-
würdiger. So wurden zum Beispiel organisiert Briefmarkensam-
melnde oder Zierfischepflegende ebenfalls zu Kulturschaffen-
den erhoben, was jedenfalls für eine beachtliche Weite des Kul-
turbegriffes spricht.
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Kundschafter Offizielle Propagandabezeichnung für einen
Spion, sofern er für einen östlichen Geheimdienst im Westen
spionierte. Kundschafter kundschafteten immer für den Frie-
den. Spione des Westens waren hingegen immer Spione oder
Agenten und sollten den Krieg vorbereiten. Kundschafter der
DDR wurden vom Ministerium für Staatssicherheit geführt.
Kundschafter im eigenen Land hießen nicht Kundschafter, son-
dern Führungsoffiziere. Sie führten »Inoffizielle Mitarbeiter«
oder waren selbst als »Offiziere im besonderen Einsatz« konspi-
rativ im Zivilleben tätig; die bekannteste Gestalt aus der letztge-
nannten Kategorie war Alexander Schalck-Golodkowski.
LPG Abkürzung für Landwirtschaftliche Produktionsgenossen-
schaft. Bei der Bodenreform im Herbst 1945 wurden absichtlich
so kleine Betriebsgrößen für die Neubauern geschaffen, dass
eine wirtschaftliche Führung der Höfe nahezu unmöglich war.
So bekam man die Neubauern relativ leicht dazu, in Produkti-
onsgenossenschaften einzutreten. Diese Genossenschaften wur-
den wirtschaftlich durch den Staat bevorzugt; das wiederum üb-
te wirtschaftlichen Druck auf die alteingesessenen Bauern aus,
ebenfalls in die Genossenschaften einzutreten. Bis zum Frühjahr
1960 war die Kollektivierung – zum Teil unter Anwendung oder
zumindest Androhung brachialer Methoden – abgeschlossen.
Magazin, Das Einziges literarisch-kulturell-erotisch-unterhalt-
sames Magazin der DDR, das darum zu Recht die Bezeichnung
Das Magazin trug; eine Zeitschrift mit diesem Namen erschien
schon von 1924 bis 1941; die 1954 in der DDR begründete Zeit-
schrift stand damit aber in keinem inhaltlichen und verlegeri-
schen Zusammenhang. Das Magazin wurde vor allem, aber
nicht nur wegen seiner künstlerischen Aktfotos geschätzt. Mit
einer Spitzenauflage von 560 000 Exemplaren im Jahr 1989 ge-
hörte es zur absoluten Bückware.
Mainelke Kultblume der Arbeiterklasse, politischste Blume der
DDR, die besten und am echtesten wirkenden wurden im
VEB Kunstblume Sebnitz hergestellt und gediehen am besten
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mit echtem Sebnitzer Kunstblumendünger; Exemplare mit An-
stecknadel wurden in Betrieben und Institutionen vor dem Ers-
ten Mai verkauft. Die Mainelke war in begrenztem Ausmaß auch
als Winkelement geeignet. Ein DDR-Bonmot bezeichnete – in
Anspielung auf die Fülle der Orden und Auszeichnungen, die es
in der DDR gab – einen Menschen, der noch nie einen Orden
bekommen hatte, als einen »Träger der roten Mainelke«.
Malimo Textilprodukt und Verfahrenstechnik auf Welthöchst-
stand, wenigstens zur Zeit seiner Entwicklung; abgeleitet vom
Namen des Erfinders und dem Ort der Erfindung (Mauersber-
ger aus Limbach-Oberfrohna). Malimo-Textilien werden nicht
gewebt, sondern in einem Nähwirkverfahren hergestellt. Der
Vorzug gegenüber Webware ist, dass nicht nur immer ein
Schussfaden nach dem anderen durch die Kette geschossen wer-
den kann, sondern mehrere Nadeln gleichzeitig (theoretisch un-
endlich viele) das Kettgut übersteppen können. Außerdem kann
man mehrere Fasern miteinander kombinieren und anstatt Fä-
den auch Vlies oder Filz als Kettgut verwenden. Für Trikotagen
und Freizeittextilien setzte sich das Verfahren nicht wie ge-
wünscht durch. Für Gebrauchs-, Deko- und Küchentextilien
wurde es aber und wird es auch heute noch – auch in den USA
– gern genutzt. Malimo war eines der wenigen technologischen
Verfahren, mit denen die DDR international Furore machte.
Mark der DDR Offizielle Bezeichnung für die Währung der
DDR seit dem 1. Januar 1968, emittiert von der Staatsbank der
DDR. Die offizielle Abkürzung war M, der IUSO-4217-Code
lautete DDM. Die Mark der DDR war eine reine Binnenwäh-
rung und trotz eines formell festgelegten Goldgehalts nicht
konvertierbar. Vom 01. 08 . 1964 bis zum 31. 12. 1967 hieß die
Währung Mark der Deutschen Notenbank (abgekürzt MDN),
emittiert von der Deutschen Notenbank, ab dem 31. 10. 1951
hatte die Währung Deutsche Mark der Deutschen Notenbank
(abgekürzt DM) geheißen. Das noch vor Gründung der DDR
während der Währungsreform Ost im Juni 1948 emittierte
Geld hieß ebenfalls Deutsche Mark. Die Scheine der 1948er-
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Serie wurden im Oktober 1957 in einer Sonntagsaktion umge-
tauscht, der nächste Geldumtausch erfolgte im Sommer 1964,
als die MDN-Geldscheine eingeführt wurden, die grafisch viel-
leicht am besten gelungene Geldschein-Kreation der DDR. Seit
1971 wurden die einzelnen Werte erneut ausgetauscht. Die
Geldscheine der Serie 1971–1975 in Stückelungen von 5, 10, 20,
50 und 100 Mark der DDR blieben bis zum Ende der DDR-
Währung am 30. Juni 1990 in Umlauf. Nach der Währungsuni-
on tauchten im Münzhandel auch Scheine zu 200 und 500
Mark auf. Sie waren 1985 angesichts der schleichenden Inflati-
on entworfen worden und nicht mehr in Umlauf gekommen.
Mauer Im engeren Sinne das am 13. August 1961 errichtete
Sperrwerk rund um die Westsektoren von Berlin, das im Laufe
der Zeit zu einer kaum überwindbaren Betonmauer ausgebaut
wurde. Im übertragenen Sinne die Gesamtheit der Grenzbefes-
tigungen, neben der Berliner Mauer also auch die Befestigung
der »Staatsgrenze West«, die mit Sperrzäunen, Drahthindernis-
sen, Selbstschussanlagen, Hundelaufanlagen und ähnlichen Per-
versitäten gesichert war.
Messe der Meister von morgen Jugendwettbewerb und Leis-
tungsschau für wissenschaftlichen und technischen Nachwuchs
in der DDR. Sie war, das ideologische Beiwerk abgerechnet, ver-
gleichbar mit dem Wettbewerb »Jugend forscht« in der Bundes-
republik.
Ministerrat Formell die Regierung der DDR, aber man musste
einen anderen Begriff von Regieren haben, wenn man sie als
vollwertige Regierung akzeptieren wollte. »Der Ministerrat ist
als Organ der Volkskammer die Regierung der Deutschen De-
mokratischen Republik«, heißt es im Gesetz über den Minister-
rat von 1972. Die Crux liegt aber im zweiten Satz, der der Ein-
gangsdefinition unmittelbar folgt: »Er arbeitet unter Führung
der Partei der Arbeiterklasse im Auftrage der Volkskammer die
Grundsätze der staatlichen Innen- und Außenpolitik aus und
leitet die einheitliche Durchführung der Staatspolitik der Deut-
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schen Demokratischen Republik.« Der Verfassung nach das Exe-
kutivorgan der Volkskammer, in der Wirklichkeit das Exekutiv-
organ des Politbüros und der regierenden ZK-Abteilungen.
Mitropa Gegründet 1916, als Catering noch nicht Catering
hieß, für den Betrieb von Speise- und Schlafwagen (das Akro-
nym bedeutet Mitteleuropäische Schlaf- und Speisewagen Ak-
tiengesellschaft). Nach 1945 blieb die Mitropa als Aktiengesell-
schaft erhalten und war für die Bewirtschaftung in Häfen, auf
Flughäfen und Bahnhöfen, der Speise- und Schlafwagen der
Deutschen Reichsbahn und der Schiffe der Weißen Flotte zu-
ständig. Berüchtigt war die Mitropa für die zweifelhafte Qualität
ihrer Speisen und Getränke; dem Mitropa-Kaffee sagte man
nach, die Tasse sei stärker gewesen als das Getränk.
Mumpelspritze Soldatenjargon für den AK 47 (Awtomat Kala-
schnikow 47), die Standardschützenwaffe in der NVA.
Nationale Front Sie wurde kurz nach dem Zweiten Weltkrieg in
der Sowjetischen Besatzungszone gegründet, um als »Bündnis
aller patriotischen Kräfte« zu wirken. Der martialische Name
sollte auch im Westen Eindruck und national und antiamerika-
nisch eingestellten Deutschen ein einheitliches Deutschland un-
ter kommunistischer Führung schmackhaft machen. Tat er aber
nicht. Der Name blieb, und keiner dachte mehr darüber nach.
Die Nationale Front war Trägerin der Wahlen auf nationaler
Ebene sowie auf den Ebenen der Bezirke, Kreise, Städte und Ge-
meinden. Sie stellte eine Kandidatenliste auf, die offiziell »Wahl-
vorschlag der Nationalen Front« hieß und im Westen Einheits-
liste genannt wurde. Auf dieser Einheitsliste waren alle Parteien
und Massenorganisationen nach einem bestimmten Proporz
vertreten. Führungsorgan der Nationalen Front war der Natio-
nalrat. Er sollte eigentlich vom Kongress gewählt werden, doch
fand der letzte reguläre »Nationalkongress« 1969 statt. Im März
1990 versuchte ein außerordentlicher Kongress, die zerfallende
Front als Nationale Bürgerbewegung neu zu formieren, doch
war es schon im April 1990 damit endgültig vorbei.
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Nationale Volksarmee Was im Westen der Bund, war im Osten
die Fahne oder auch Asche: seit 1962 Pflichtübung für alle
männlichen Jugendlichen bis zur Vollendung des 26. Lebensjah-
res – es sei denn, man hatte einen zuverlässigen und anerkann-
ten Orthopäden, der einen Morbus Scheuermann glaubhaft
nachweisen konnte. Die NVA wurde mit Gesetz vom 18. Januar
1956 gegründet, offizieller Gründungstag ist der 1. März (als Tag
der Nationalen Volksarmee alljährlich begangen). Die NVA
knüpfte in ihrem äußeren Erscheinungsbild auffällig an »natio-
nale Traditionen« an (steingraue Uniformen, Kragenspiegel und
Schulterstücke, die denen der Reichswehr und der Wehrmacht
ähnelten, die Form des Stahlhelms ist einem späten Versuchs-
modell der Wehrmacht entlehnt) und nahm stärker als offiziell
eingestanden die Hilfe von ehemaligen Offizieren und Unter-
offizieren der Wehrmacht in Anspruch. Die allgemeine Wehr-
pflicht wurde 1962 eingeführt; der Grundwehrdienst dauerte 18
Monate. Gegliedert war die NVA in die Landstreitkräfte (ca.
113 000 Mann), die Luftstreitkräfte/Luftverteidigung (ca. 38 000
Mann) und die Volksmarine (ca. 16 000 Mann). Neben den ak-
tiv Dienenden standen rund 385 000 gediente Reservisten bereit,
sodass die NVA im Verteidigungsfall etwa 560 000 Mann – nicht
gerechnet die Kontingente der Bereitschaftspolizei, der Staats-
sicherheit (11 000 Mann) und der Grenztruppen (47 000 Mann)
unter die Fahnen rufen konnte.
NAW Abkürzung für Nationales Aufbauwerk; zu Beginn des Jah-
res 1952 ins Leben gerufene Masseninitiative, um Baufreiheit für
den Neubau der Stalinallee zu schaffen. Träger des NAW war die
Nationale Front. Allein 1952 wurden 4 Millionen freiwillige
»Aufbaustunden« – hauptsächlich mit Enttrümmerungs- und
Aufräumungsarbeiten – im Umfeld der späteren Stalinallee ge-
leistet. Später wurde das Nationale Aufbauwerk auf die gesamte
DDR ausgedehnt. Typisch für NAW-Objekte waren Arbeitsein-
sätze für Gemeinschaftsbauten – etwa Sportplätze, Kulturhäuser,
Schwimmbäder. Bekanntestes NAW-Objekt ist der 1955 errich-
tete Tierpark in Berlin-Friedrichsfelde. In den Sechzigerjahren
verlagerten sich die NAW-Schwerpunkte weg von den Großob-
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jekten hin zu Garagenbauten und Wohngebiets-kosmetik, bevor
die Bewegung mangels Massenbasis sang- und klanglos (und
von der Staatsführung, die längst Ideen für neue Masseninitiati-
ven im Köcher hatte, ziemlich unbetrauert) entschlief.
Neubauern Nach der Bodenreform im Herbst 1945 auf Boden-
reformland angesiedelte Landwirte, die in vielen Fällen weder
über geeignete Maschinen, Zugtiere und Saatgut noch über hin-
reichende Erfahrung bei der Bewirtschaftung verfügten. Zahl-
reiche Umsiedler aus den abgetretenen Ostgebieten wurden als
Neubauern angesiedelt. Ihre Hofstellen wurden absichtlich so
klein gehalten, dass ein wirtschaftlicher Betrieb kaum möglich
war. Auf diese Weise hoffte man, die Neubauern schnell in Ge-
nossenschaften zu organisieren, was auch wenige Jahre später
geschah.
Neuererbewegung Ständige Form der »schöpferischen Massen-
initiative« der Werktätigen im sozialistischen Wettbewerb. Of-
fiziell standen der wissenschaftlich-technische Fortschritt, die
Weiterentwicklung der Erzeugnisqualität sowie die Einsparung
von Material, Energie und Arbeitszeit im Blickpunkt. In der Pra-
xis drehte es sich aber oft um Kleinrationalisierung an veralteten
Anlagen, um Aushilfen und Improvisationslösungen. Darin
aber waren die Arbeiter tatsächlich findig. Innerbetrieblich wur-
den sogenannte Neuerervereinbarungen abgeschlossen und ent-
sprechende Leistungen auch mit Geldprämien honoriert.
Neues Deutschland Größte Tageszeitung (abgekürzt ND) der
DDR. Was im ND stand, hatte immer einen offiziellen Anstrich.
Manchmal so offiziell, dass selbst die Offiziellen davon über-
rascht wurden. So erfuhr zum Beispiel in den späten Achtzigern
der Minister für Post- und Fernmeldewesen der DDR aus dieser
Zeitung, dass er soeben die Einfuhr der sowjetischen Zeitschrift
»Sputnik« verboten hatte, weil sie nach seiner (ihm bis dahin
unbekannten) Ansicht keinen Beitrag zur deutsch-sowjetischen
Freundschaft liefere. Dergleichen Vorgänge waren nicht unge-
wöhnlich für eine Zeitung, die eigentlich keine Zeitung war,
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sondern ein Zentralorgan, genauer gesagt das »Organ des Zen-
tralkomitees der SED«. Im ND wurden folglich die Ansichten
des obersten Führungsgremiums der SED dargestellt, und die
wurden häufig verkörpert von den Ansichten des Generalsekre-
tärs. In der Sputnik-Affäre darf man wohl auch davon ausgehen,
dass die Ansichten des Generalsekretärs zu den Vorgängen in der
Sowjetunion so stark von der sowjetischen Sicht auf diese Vor-
gänge abwichen, dass der gütige Landesvater seinem Staatsvolk
eine weitere diesbezügliche Belastung der deutsch-sowjetischen
Freundschaft ersparen wollte. Auch in allen übrigen Belangen
war das Neue Deutschland immer offiziell. Betrüblich war nicht
nur die Verlogenheit der Berichterstattung, sondern auch der
Schematismus des Stils und die Langeweile, die das Blatt regel-
recht atmete.
Neues Ökonomisches System der Planung und Leitung (NÖSPL)
Auf dem VI. Parteitag der SED (1963) beschlossene Neuorien-
tierung der Wirtschaftspolitik. Das Wirtschaftssystem sollte mo-
dernisiert und rationalisiert und im Ganzen flexibler gestaltet
werden, um den Anschluss an die wissenschaftlich-technische
Revolution nicht zu verlieren. Ansätze zur Dezentralisierung
und zur relativen Autonomie der Betriebe wurden erprobt, je-
doch nicht konsequent durchgeführt. Ab 1967 sprach man vom
»Ökonomischen System des Sozialismus«, aber nach 1970 brach
man die Entwicklung vollständig ab und kehrte zu starrer Zen-
tralisierung und Reglementierung zurück.
NSW Offizielle Abkürzung für »Nichtsozialistisches Wirt-
schaftsgebiet«, umfasste alle nichtsozialistischen Staaten ein-
schließlich der Bundesrepublik Deutschland. Durch die Formu-
lierung »Wirtschaftsgebiet« ersparte man sich die Diskussion
darüber, ob die Bundesrepublik nun im eigentlichen Sinne Aus-
land sei oder nicht.
Offenstall Auch Schuppenstall genannt, bezeichnet dieser Be-
griff eine nach sowjetischem Modell seit Anfang der Fünfziger-
jahre vorgenommene Haltungsform von Rindern, die angeblich
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Seuchen vorbeugen sollte. Zweifellos waren zahllose alte Stallan-
lagen aus tierhygienischer Sicht ungenügend. Die vorherrschen-
de Baustoffknappheit und die mutwillige Zerstörung der gro-
ßen Gutsbetriebe im Zuge der Bodenreform machten eine
schnelle Wende unmöglich – da kamen die »sowjetischen Erfah-
rungen« mit den Rinderoffenställen wie gerufen. Kritische Stim-
men, die die Offenställe schlicht als »überdachte Dungplätze«
bezeichneten, wurden unterdrückt. Wer gegen Offenställe war,
war gegen den Frieden! Die Bauern haben gelitten, als sie ihre
Rinder in den Offenstall stellen und zusehen mussten, wie die
Kühe erfroren, wenn sie im Winter bei minus 10 und minus 20
Grad in ihrem eigenen Mist standen. Aber um der Ideologie wil-
len nahm die DDR-Führung sogar eine Ernährungkatastrophe
billigend in Kauf.
Ökonomisch-kultureller Leistungsvergleich (Ökulei) Teil des
sozialistischen Wettbewerbs mit Resultaten, die manchmal so
kurios waren, wie das Akronym »Ökulei« klang. Die Initiatoren
dieser Maßnahme gingen davon aus, dass im Sozialismus
nicht nur das Materielle zählen sollte, sondern auch die Kultur,
deren Höhen bekanntlich nach Ulbrichts Aufforderung zu er-
stürmen waren. Folglich bemühten sich die Arbeitskollektive
(Kollektiv), auch kulturell etwas auf die Beine zu stellen.
Wenn es zu mehr reichte als zum jährlichen Pflichtbesuch im
Theater, konnte es durchaus passieren, dass die Grenze zum
künstlerischen Volksschaffen überschritten wurde.
Ökonomischer Hebel Nein, hier handelt es sich nicht um ein
Maschinenteil und auch nicht um das Gegenteil eines – Ach-
tung, Kalauer! – politischen Senkels, sondern um die Bezeich-
nung für ein wirtschaftliches Steuerungsinstrument im Rahmen
der zentralen Planwirtschaft. Der Hebel sollte sowohl im volks-
wie im betriebswirtschaftlichen Rahmen angesetzt werden. Da
sich die materielle Interessiertheit der Menschen durch Plan
und Propaganda allein nicht ersetzen ließ, öffneten die DDR-
Ökonomen ihren Werkzeugschrank und zogen Kosten, Preis,
Umsatz und Gewinn als produktivitätsfördernde Hebel sowie
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verschiedene Lohnformen und Prämiensysteme als schwere
Stemmeisen der Arbeiterklasse heraus. Besonders während der
wirtschaftspolitischen Reformversuche in den Sechzigerjahren
wurde kräftig mit diesen Hebeln hantiert. Seit 1971 war von Re-
formen nicht mehr die Rede; an den Hebeln wurde weiter ge-
spielt. Bald hießen sie »sozialpolitische Maßnahmen« und he-
belten die gesamte Ökonomie des Landes nach und nach aus.
Olsenbande Dänisches Gaunertrio, das außerhalb Dänemarks
nur in der DDR durchschlagenden Erfolg hatte. Warum ausge-
rechnet hier die Kinobesucher darauf abfuhren, wird ein sozio-
logisches Geheimnis bleiben. Und warum die Filmverantwort-
lichen mit besonderer Sorgfalt und mit Spitzenkräften an die
Synchronisation gingen und die für DDR-Verhältnisse doch ei-
gentlich subversive Moral der Streifen nicht bemerkten, auch.
Bewundert wurden die Improvisationsgabe der Olsenbande,
die geradlinige Unverfrorenheit, mit der sie sich mit Großen
und Mächtigen anlegte, und die Hartnäckigkeit des Stehauf-
männchens, mit der sie sich nach allen Pleiten wieder aufrichte-
te. »Was haben die FDJ und die Olsenbande gemeinsam?«,
fragte ein Witz in den späten Siebzigern. »Beide Chefs heißen
Egon«, lautete die Antwort. »Und worin liegt der Unterschied?«
– »Die Olsenbande hört auf Egon.«
Palast der Republik Zentrales Gebäude in Berlin, Grundsteinle-
gung 1973, fertiggestellt bereits 1976 (an der Stelle des früheren
Berliner Stadtschlosses); im Volksmund auch Palazzo prozzo
oder Erichs Lampenladen genannt, geschlossen 1990 wegen
Asbest-Verseuchung, wird seit Anfang 2006 schrittweise abgeris-
sen. Beliebt war der Palast wegen seiner vergleichsweise an-
spruchsvollen Gastronomie, der Kulturveranstaltungen (Sinfo-
niekonzerte, Rock-Events, große Unterhaltungsshows), die im
großen Saal stattfanden, und der Post, die auch am Sonntag ge-
öffnet hatte und von deren Telefonen aus man relativ leicht nach
dem Westen telefonieren konnte. Daneben war auch der Plenar-
saal der Volkskammer untergebracht (von der Volkskammer
nur zweimal im Jahr genutzt). Der große Saal war seit 1976 Ver-
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anstaltungsort der Parteitage der SED und anderer großer Kon-
gresse (die ja nun auch nicht so häufig stattfanden). Ansonsten
ist die offizielle Charakterisierung als »Palast des Volkes« einmal
ausnahmsweise nicht daneben gegriffen, denn er wurde tatsäch-
lich vom Volk ziemlich unbefangen und selbstverständlich ge-
nutzt.
Parteigruppenorganisator Ehrenamtlicher Funktionär auf der
untersten Ebene der Parteihierarchie, der eine Parteigruppe lei-
tete, die in den Betrieben auf unterer Strukturebene gebildet
wurde.
Personenkennzahl 1970 eingeführte, unverwechselbare Kenn-
zahl (abgekürzt PKZ) für jeden Bürger der DDR, die in den Per-
sonalausweis eingetragen wurde. Die ersten sechs Ziffern ver-
schlüsselten das Geburtsdatum (zum Beispiel 230856 = 23. Au-
gust 1956), die siebente Ziffer das Geschlecht (zum Beispiel 4 =
männlich, nach 1900 geboren; 5 = weiblich, nach 1900 geboren)
und die letzten fünf Ziffern (zum Beispiel 22812) setzten sich
zusammen aus der dreistelligen Schlüsselnummer des Meldere-
gisters, einer fortlaufenden Nummer des Geburtstages und ei-
ner Prüfziffer.
PGH Abkürzung für Produktionsgenossenschaft des Hand-
werks. Die PGHs waren ein wichtiger Wirtschaftssektor, beson-
ders für Kleinreparaturen (in der PGH »Hans Sachs« wurden –
wer hätte es gedacht – beispielsweise Schuhe repariert) und
Dienstleistungen (in der PGH »Figaro« waren die Friseure zu-
sammengefasst).
Picasso-Euter Kosename für die Tetraeder, in denen seit den
Siebzigerjahren H-Milch, Kakaotrunk, Kaffeesahne und andere
flüssige Milchprodukte angeboten wurden. Die Verpackungsart
in foliebeschichteten Kartons ging auf ein Patent der schwedi-
schen Firma Tetrapack zurück. Der Kosename spielte auf die ku-
bistische Phase im Schaffen Picassos und den Inhalt der Tetra-
eder an.
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Pioniere Sammelbezeichnung für Kinder der Altersstufe 6 bis
14 Jahre, die der »Pionierorganisation Ernst Thälmann« (einer
Gliederung der FDJ) angehörten. Die Pioniere des ersten bis
dritten Schuljahres wurden Jungpioniere genannt. Sie trugen
das blaue Halstuch. In der vierten Klasse wechselte man zu den
eigentlichen »Thälmann-Pionieren«; das Halstuch war anfangs
ebenfalls blau, nach 1973 wurde es gegen ein rotes Halstuch aus-
getauscht. Im Alter von 13 oder 14 Jahren konnte man in die FDJ
aufgenommen werden. Die Pionierorganisation pflegte Pfadfin-
derromantik (daran erinnerte die Staffage aus Wimpel, Hals-
tuch und Marschgesängen), hielt zu Altstoffsammlungen an
und bemühte sich um die sozialistische Erziehung. Reichte an-
fangs das blaue Halstuch als Erkennungsmerkmal, kam später
die Pionierbluse/das Pionierhemd dazu, dann ein Käppi und ei-
ne uniformähnliche Jacke.
Pionierrepublik Vollständige Bezeichnung: »Pionierrepublik
Wilhelm Pieck«, 1951/52 aufgebaut und am 16. Juli 1952 in An-
wesenheit des Namenspaten, des Präsidenten Wilhelm Pieck,
feierlich eröffnet. Nach dem Vorbild des sowjetischen Alluni-
ons-Pionierlagers »Artek« gestaltet, umfasste dieses größte und
bekannteste Pionierlager zahlreiche Wohn- und Funktionsge-
bäude, ein Stadion, weitere Sport- und Freizeitanlagen, ein
Strandbad und Bootsstege. 1954 wurde der zweite Teil des La-
gers übergeben und das Gelände nach und nach – bis zu einem
Umfang von 1,1 Quadratkilometern – ausgebaut. Heute ist es
die »Europäische Jugenderholungs- und Begegnungsstätte Wer-
bellinsee«; die Gebäude stehen unter Denkmalschutz.
Personenkult Verherrlichung führender Persönlichkeiten in der
Politik nach dem sowjetischen Muster der Stalin-Verehrung
(Stalin) war auch in der DDR anzutreffen. Personenkult wur-
de meist aus zwei Elementen aufgebaut: der Verehrung toter Hel-
den und der Verehrung der Nachfolger der toten Helden, wobei
die Letzteren den noch Lebenden als Legitimationsbasis dienen
mussten. In der Sowjetunion war es der Leninkult, den Stalin be-
nutzte, um seinen eigenen Kult darauf aufzubauen; Stalin erfand
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den Leninismus als den »Marxismus unserer Tage«, um sich, da-
rauf gestützt, als »Lenin der Gegenwart« feiern zu lassen. In der
DDR war es Ernst Thälmann, den die Nationalsozialisten 1944
ermordeten, was seinen Heldenstatus begründete und alle Fra-
gen nach seinem Verhalten 1933 und der charakterlichen, politi-
schen und intellektuellen Befähigung, die KPD zu führen, im
Keim erstickte. Im Lichtschein des unsterblichen Toten wuchsen
Ulbricht und die Seinen aus dem »Thälmann’schen Zentralko-
mitee« (soweit sie Stalins mörderische »Säuberungen« überlebt
hatten) empor: Sie ließen Stadien (Walter-Ulbricht-Stadion,
1951) und Fabriken (Leuna-Werke »Walter Ulbricht« 1951) nach
sich benennen, ein Pionierlager (»Pionierrepublik Wilhelm
Pieck«, 1952) und Schiffe (Segelschulschiff »Wilhelm Pieck«),
auch der ehemalige Sozialdemokrat Otto Grotewohl bekam et-
was ab (Otto-Grotewohl-Stadion Aue, 1951). Mit Honeckers
Machtübernahme hörte die Verkultung lebender Personen
schlagartig auf. Sogar Walter Ulbricht musste noch zu Lebzeiten
sein Stadion wieder hergeben. Von nun an wurden »revolutionä-
re Vorbilder«, sofern sie gestorben waren, für die Benennung von
Betrieben, Brigaden oder Straßen freigegeben, wobei ein strenges
System der Rangordnung eingehalten werden musste. Politbüro-
mitglieder und Spitzenfunktionäre waren für Hauptstraßen re-
serviert. Nebenstraßen mussten mit »einfachen« Widerstands-
kämpfern oder Schriftstellern Vorlieb nehmen.
Plan Eine der heiligen Kühe im politischen System des Sozia-
lismus in der DDR. »Der Plan ist Gesetz« hatte schon etwas von
»L’état c’est moi«. Der Begriff Plan war Ausdruck für den gesam-
ten bürokratischen Vorgang der Planung und Bilanzierung der
Volkswirtschaft. An oberster Stelle wurde der Planungsvorgang
von der staatlichen Plankommission gelenkt. Indes wurde auch
in deren Entscheidungen politisch – das heißt direkt aus dem
Politbüro – hineinregiert. Bis auf wenige Ausnahmen hatten
zentrale Planentscheidungsverfahren den Vorrang gegenüber
Formen dezentraler Planentscheidung. Die zentrale Planung
drückte sich aus in einem komplizierten System der Bilanzen
und Kennziffern.
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Platte DDR-Jargon für die Neubausiedlungen, die meist am
Rand der bestehenden Städte in Großblock- oder Tafelbauweise
gebaut wurden. Praktisch wurde der gesamte Wohnungsbau seit
1970 in dieser Bauweise durchgeführt. Typische Großsiedlun-
gen, die in den Siebzigerjahren entstanden und als Synonyme
für die Plattenbauweise genannt wurden, sind Berlin-Marzahn,
Leipzig-Grünau, Dresden-Prohlis und Rostock Lütten Klein.
Poliklinik Einrichtung des staatlichen Gesundheitswesens für
die ambulante medizinische Versorgung, etwa dem Ärtzehaus in
der Bundesrepublik vergleichbar. Vom Grundsatz ist die Zusam-
menfassung aller Allgemein- und Fachmediziner, der Zahnärz-
te, Kinderärzte und Fachabteilungen wie Radiologie, Physiothe-
rapie und Labor ökonomisch sinnvoll und kann – theoretisch –
die Wege für die Patienten verkürzen und den bürokratischen
Aufwand senken, sofern die Poliklinik über genügend Kapazität
für das Einzugsgebiet verfügt, für das sie zuständig ist. In der
Praxis erreichten nur wenige Polikliniken den Idealzustand.
Große Unternehmen und Kombinate unterhielten eigene Be-
triebspolikliniken.
Postmietbehälter Mehrfach verwendbarer Faltbehälter aus ge-
presster Hartpappe, der bei der Post gegen Entgelt entliehen
werden konnte. Postmietbehälter waren in drei Größen erhält-
lich und sollten der Verpackungsmittelknappheit aufhelfen.
practic Ratgeber-Zeitschrift, die vom FDJ-Zentralrat heraus-
gegeben wurde und einmal im Quartal erschien. Mit Tipps und
Bauanleitungen für praktische Dinge des Alltags wurde Versor-
gungsengpässen zu Leibe gerückt. Was die Industrie nicht auf
die Reihe kriegte, baute sich der gelernte DDR-Bürger halt
selbst. Beispielsweise eine Scheibenwaschanlage aus Plast-Senf-
bechern nebst diversen Fahrradersatzteilen für den Trabant
(lange bevor Sachsenring Zwickau so etwas serienmäßig anbot).
Oder eine Trockenhaube für die Haarpflege aus alten Lampen-
ständern, Föhn und Plastfolien. Oder eine zünftige Disko-Be-
leuchtung für den Partykeller der Hausgemeinschaft.
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Präsent 20 Textilprodukt, das auf Großrundstrick-
maschinen aus synthetischen Fasern gewonnen wur-
de. Das Verfahren wurde 1969 entwickelt und war
ein Geschenk der Textilindustrie an den Staat zum
20. Geburtstag oder ein Geschenk des Staates an sei-
ne Bürger – je nachdem. Präsent 20 war für Konfek-
tion nicht besonders gut geeignet, wurde aber zu An-
zügen und Kostümen verarbeitet. Man fing in dieser
Plastikkluft zwar schnell zu müffeln an, konnte aber
dafür seinen Anzug in der Waschmaschine waschen.
Was man diesen Anzügen allerdings dann ansah.
Besser eignete sich Präsent 20 für den Bezug von
Kinderwagen, die in der DDR ja doch relativ häufig
gebraucht wurden.
Protokollanstrich Besondere Art des Hausanstrichs
in Berlin, Hauptstadt der DDR. Dort wurden die
Häuser – meist Altbauten aus der Zeit vor 1940 – ent-
lang der Protokollstrecke (der Route, die die Limou-
sinen der Politbüromitglieder von Wandlitz zum
Gebäude des Zentralkomitees nahmen) nur so weit
gestrichen, wie der Farbanstrich aus den Seitenschei-
ben der Limousinen gesehen werden konnte – also in
der Regel bis zur Höhe des ersten Obergeschosses.
Protzkeule DDR-Jargon für den Berliner Fernseh-
turm, offenkundig von Berlinern erfunden und von
Berlinern verbreitet (Telespargel, Sankt Walter).
Raufutter verzehrende Großvieheinheit Offizielle
Bezeichnung (abgekürzt RVG) für eine statistische
Kuh. In der DDR-Landwirtschaft diente sie als Maß-
stab, um eine vergleichbare Größe für den Bestand
an Rau- und Saftfutter verzehrendem Vieh – Rinder,
Schafe, Pferde (auch Schweine, soweit sie Rau- und
Saftfutter erhielten) – in einem landwirtschaftlichen
Betrieb zu ermitteln.
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Reichsbahn (eigentlich: Deutsche Reichsbahn) Der Name des
Reichsunternehmens aus der Zeit der Weimarer Republik und
des Dritten Reiches wurde beibehalten, nachdem ein Befehl der
Sowjetischen Militäradministration in Deutschland (SMAD)
die Deutsche Reichsbahn damit beauftragt hatte, den geregel-
ten, schienengebundenen Güter- und Personenverkehr im Ge-
biet der Sowjetischen Besatzungszone wieder aufzunehmen
(Befehl Nr. 8 der Transportabteilung der SMAD). Der Name
blieb auch deshalb erhalten, weil Sonderrechte in den Westsek-
toren Berlins an die Deutsche Reichsbahn geknüpft waren. Für
den Personen- und Güterverkehr besaß die Reichsbahn in der
DDR, nicht zuletzt wegen des geringen Motorisierungsgrades,
eine überragende Bedeutung. Mit der Quantität – der Dichte
des Eisenbahnnetzes und der hohen Zugfrequenz auf bestimm-
ten Strecken – konnte die Qualität nicht mithalten. Zuverlässig-
keit und Pünktlichkeit waren ein Problem, das die Reichsbahn
aufgrund des überstrapazierten Schienennetzes und des veralte-
ten bis verschlissenen rollenden Materials zeit ihrer Existenz
nicht in den Griff bekam. Auch die Sauberkeit in den Zügen
und der Zustand der sanitären Anlagen – vom Service der
Mitropa ganz zu schweigen – gaben häufig Anlass zu Klagen.
Dem gegenüber stand im Personenverkehr ein überaus niedri-
ger Fahrpreis (8 Pfennig pro Kilometer in der 2. Klasse, 11,6
Pfennig in der 1. Klasse). Die Fahrt von Dresden nach Berlin im
D-Zug kostete 17,40 Mark und dauerte rund zwei Stunden.
Heute kostet die Fahrt im EuroCity 34 EUR und dauert eben-
falls rund zwei Stunden.
Rennpappe DDR-Jargon für den PKW Trabant.
Rotlichtbestrahlung DDR-Jargon für besondere politische Ver-
anstaltungen, Schulungen politischen Inhalts u. Ä .
Rote Woche Inoffizielle Bezeichnung für die sogenannte Ein-
führungswoche an Universitäten, Hoch- und Fachschulen, wäh-
rend der es hauptsächlich politische Veranstaltungen, ideologi-
sche Schulungen u. Ä . zu genießen galt.
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Rumpelkammer Willi Schwabes »Rumpelkammer« ging
zum ersten Mal am 13. Dezember 1955 auf Sendung und
brachte es bis zum Sommer 1990 auf 387 Folgen; sie dürfte da-
mit die weltweit langlebigste Sendereihe vergleichbaren For-
mats gewesen sein. Schwabe kletterte im Vorspann mit einer al-
tertümlichen Laterne eine Treppe zum Dachboden hinauf; da-
zu erklang der »Tanz der Zuckerfee« aus Tschaikowskis Ballett
»Der Nussknacker« – dadurch verbinden viele dieses Musik-
stück mehr mit der »Rumpelkammer« als mit klassischem Bal-
lett. Schwabe »kramte in alten Filmerinnerungen«: Gezeigt
wurden Filmausschnitte alter Produktionen aus der Zeit vor
1945, die Schwabe humorvoll und sachkundig kommentierte.
Anfangs stolperte er noch über Requisiten, die ihn stets zuver-
lässig an einen bestimmten Film erinnerten, später ließ er es bei
verbalen Stöbereien bewenden und nahm in einer ziemlich
aufgeräumt wirkenden Rumpelkammer Platz. Kenner meinen,
die später produzierten farbigen Rumpelkammern hätten nie
mehr den gleichen Charme besessen wie die alten, in Schwarz-
weiß aufgenommenen.
Sandmännchen Figur des DDR-Fernsehens, die den Wettlauf
gegen den West-Sandmann knapp gewann und am 22. Novem-
ber 1959 (neun Tage vor dem West-Sandmann im SFB) erst-
mals Traumsand verstreute. Das Ost-Sandmännchen – immer
beliebter als sein westliches Brüderchen – bekam 1960 seine
endgültige Form mit dem Spitzbart und brachte es im Lauf der
Jahrzehnte zu einem beachtlichen Fuhrpark, zu dem außer
Fahrzeugen aus dem DDR-Alltag (Straßenbahn, Traktor, Stra-
ßenkehrmaschine) auch märchenhafte und futuristische Ge-
fährte gehörte (Raumfahrzeuge, sogar ein Mondmobil). Der
Auftritt der Handpuppe mit dem charakteristischen Sand-
männchenlied (vielleicht das meist gespielte Lied im deutschen
Sprachraum) bildete den Rahmen für eine Gute-Nacht-Ge-
schichte, die manchmal nett, manchmal betulich, manchmal
kindgerecht und manchmal nur einfach pädagogisch peinlich
war. Sandmännchenfolgen werden heute vom RBB für die ARD
produziert.
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Sankt Walter Volkstümliche Benennung des Berliner Fernseh-
turms, die aufgrund der unmittelbaren Nähe der Marienkirche
und der eigenartigen Metallbeplankung der Turmkugel, die das
Sonnenlicht in Form eines Kreuzes zu reflektieren pflegt, zu-
stande kam. (Protzkeule, Telespargel)
Schallplattenunterhalter Dem Wortsinne nach ein Mann, der
Schallplatten unterhält, wobei dann immer noch zu fragen wä-
re, ob er für den Unterhalt der Schallplatten aufkommt oder ob
er den Schallplatten Unterhaltung im Sinne von Zerstreuung
bietet. Die Frage ist freilich müßig, denn der Schallplattenunter-
halter unterhielt mittels Schallplatten: nämlich tanzbeinschwin-
gende Jugendliche in der Diskothek. Er war ein Diskjockey,
sollte aber nicht so heißen.
Schwarze Husaren Das preußische Husarenregiment Nr. 5 trug
den Titel Schwarze Husaren vor allem wohl wegen ihrer Unifor-
mierung. In der DDR-Volkswirtschaft nahm die Farbbezeich-
nung Bezug auf eine besondere Form der Schwarzarbeit.
Schwarze Husaren waren Arbeitskräfte, die in keiner Bilanz
und in keinem Stellenplan auftauchten. Man gewann sie durch
»temporäre interne Freisetzung« – etwa wenn ein Diplominge-
nieur, der früher Schlosser war, zeitweilig eine uralte abgeschrie-
bene Maschine bediente, um am Monats- oder Quartalsende die
Planerfüllung (Plan) zu sichern. Das war möglich, weil zum
Beispiel ingenieurtechnisches Personal und Verwaltungskräfte
zeitweilig entbehrt werden konnten. Schwarze Husaren waren
gewissermaßen die »schnelle Eingreiftruppe« der Betriebslei-
tung. Sie bildeten häufig die Besatzungen für U-Boote.
Schwarze Kanal, Der Sendung von und mit Karl-Eduard von
Schnitzler, die von 1960 bis zur Absetzung am 30. Oktober 1989
lief. In der letzten Sendung verabschiedete sich von Schnitzler
von den Zuschauern mit der Drohung, er werde seine journalis-
tische Arbeit für den Sozialismus fortsetzen. Im Schwarzen
Kanal wurden Ausschnitte aus westdeutschen – vornehmlich
publizistischen – Fernsehsendungen aus dem Zusammenhang
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gerissen, in neue Zusammenhänge gestellt und vom »Klassen-
standpunkt« aus kritisch kommentiert. Von Schnitzlers Kom-
mentarstil galt als giftig, gehässig und zynisch. Der Schwarze
Kanal wurde eigentlich nur im »Tal der Ahnungslosen« in
nennenswertem Umfang gesehen und hier weniger wegen der
Kommentare des Herrn von Schnitzler als wegen der Hoffnung,
wenigstens ein paar Minuten Original-Westfernsehen auf dem
Schirm zu haben.
Sekundärrohstoffe Offizielle Bezeichnung für Altstoffe, denen
in der DRR, als einem rohstoffarmen Land, große Aufmerksam-
keit gewidmet wurde. Erich Honecker erklärte noch 1987:
»Die Wiederverwendung der Sekundärrohstoffe und industriel-
len Abprodukte im betrieblichen und volkswirtschaftlichen
Kreislauf ist noch effektiver zu gestalten. Bekanntlich sieht der
Fünfjahrplan (Plan) vor, im Jahre 1990 14 Prozent unseres Be-
darfs an wichtigen industriellen Rohstoffen aus dieser Quelle zu
decken.« Zu dieser Zeit kamen 43 Prozent des Altpapiers, 24 Pro-
zent der anfallenden Buntmetalle und 64 Prozent der Alttexti-
lien, die verarbeitet wurden, aus privaten Haushalten der DDR.
Für die Altstoffsammlungen wurden besonders die Kinder mo-
bilisiert. Dabei brach zuweilen ein regelrechtes Wettbewerbsfie-
ber aus. Außerdem waren die Ankaufpreise für Sekundärroh-
stoffe nicht zu verachten: Für ein Kilo gebündeltes Altpapier gab
es immerhin 30 Pfennig. Und eine Monatsportion abgelegtes
Neues Deutschland wog ganz schön. Für Flaschen und Gläser
gab es durchweg 5 Pfennig das Stück. Das war zwar ein höllisches
Geklapper, aber man hatte doch schneller als gedacht ein paar
Mark zusammen, die das Taschengeld aufbesserten. Später wur-
den auch Kronkorken, leere Spraydosen, Kleinschrott aller Art
(zusammengedrückte Konservendosen) und Metallfolien ange-
nommen.
Singebewegung Mitte der Sechzigerjahre entstandene Musik-
richtung, die Jugendlichen eine musikalische Selbstbetätigung
jenseits klassischer Hausmusik und kommerzieller Popmusik
ermöglichen sollte. Musikalische Hauptquelle war die amerika-
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nische Protestsong-Bewegung, in der DDR hauptsächlich ver-
mittelt über den kanadischen Sänger Perry Friedman. Der Ber-
liner Hootenanny-Club nannte sich 1967 in »Oktoberklub« um
und wurde unter der Regie der FDJ zu einem politischen wie
musikalischen Vorbild für weitere Klubs und Gruppen dieser
Art aufgebaut. Einige der damaligen Gründungsmitglieder
machten in der DDR im Partei- und Staatsapparat Karriere. Auf
Initiative des Oktoberklubs fand in Berlin von 1970 bis 1990 das
»Festival des politischen Liedes« statt, das das Flair der Interna-
tionalität verbreitete. Neben den Vorzeige-Klubs wurden Singe-
gruppen an nahezu allen Hochschulen, in Großbetrieben sowie
an Schulen aufgebaut. Die Bewegung nahm einen teils kampa-
gneartigen, teils stark durchorganisierten Charakter an. Im Kli-
ma der offiziellen Förderung gediehen aber auch eigenständige
künstlerische Leistungen, die sich rasch professionalisierten wie
die Folk-Gruppe »Wacholder« oder Gruppen wie »Karls En-
kel«, das Liedertheater »SCHICHT« und die »Brigade Feuer-
stein«.
Sozialismus Am treffendsten definiert als Methode zur Über-
windung von Problemen, die es ohne den Sozialismus gar nicht
gäbe. Der Sozialismus sollte laut Beschluss der II. Parteikonfe-
renz der SED »aufgebaut« werden. »In Übereinstimmung mit
den Vorschlägen aus der Arbeiterklasse, aus den Reihen der
werktätigen Bauern und aus anderen Kreisen der Werktätigen
hat das Zentralkomitee der Sozialistischen Einheitspartei
Deutschlands beschlossen, der II. Parteikonferenz vorzuschla-
gen, dass in der Deutschen Demokratischen Republik der Sozia-
lismus planmäßig aufgebaut wird«, verkündete Walter Ul-
bricht im Juli 1952. Elf Monate später flog den Funktionären ihr
Sozialismus um die Ohren, und die Arbeiterklasse unterbreitete
ein paar Vorschläge – freie Wahlen, Streikrecht, Wiedervereini-
gung –, die den Funktionären nicht so gut gefielen. Damit der
Sozialismus, der nach Meinung der SED in der DDR herrschte,
nicht mit einem Sozialismus verwechselt wurde, den sich die
Menschen vorstellten oder wünschten, erfanden die führenden
Ideologen in der DDR – man munkelte, es sei Kurt Hager
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selbst gewesen; nach anderen Quellen wurde dabei nur eine Be-
grifflichkeit westlicher Medien aufgegriffen – den Begriff des
»real existierenden Sozialismus«. Dieser Begriff hat einen gewis-
sen Nonsensfaktor, denn er impliziert, dass es auch einen real
nicht existierenden Sozialismus oder einen irreal existierenden
Sozialismus geben könne.
Sozialistische Wartegemeinschaft Der Begriff parodierte die
weit verbreitete Neigung der Funktionäre, die Dinge nicht beim
richtigen Namen zu nennen und stattdessen beschönigende,
verschleiernde Ausdrücke zu finden. Hier trieb es der Volks-
mund auf die Spitze: Gemeint ist die Schlange, die sich vor ei-
nem Geschäft bildete, wenn es »was gab«.
Sozialistischer Wettbewerb In vielfältigen Formen geführte po-
litische Dauerkampagne, die zu höheren Leistungen – beson-
ders in der Produktion – führen sollte. Da der Ökonomie des
Sozialismus wirtschaftliche Wettbewerbsanreize wie Markt
und Konkurrenz im Wesentlichen fehlten, mussten moralische
und politische Anreize geschaffen werden, um das starre System
in Bewegung zu halten. Der sozialistische Wettbewerb wurde
häufig »aus Anlass und zu Ehren« (eines Jahrestags, eines Partei-
tags, der Wahlen) geführt und mit wechselnden Losungen aus-
gestattet.
Spalier Am besten mit »Menschenmauer zu beiden Seiten der
Straße« umschrieben. Spalier wurde gebildet (sofern man es als
Außenstehender betrachtete), und Spalier stand man (sofern
man als Betroffener Teil der Menschenmauer war). Der Auffor-
derung, Spalier zu bilden, folgte die Bevölkerung bereitwillig,
solange es sich um die heimkehrenden Olympiahelden von 1960
handelte (Ingrid Krämer wurde im offenen Wagen durch die
Stalinallee gefahren; nur wenigen Staatsoberhäuptern wurde
diese Ehre zuteil) oder um die ersten sowjetischen Kosmonau-
ten. Als Ende der Siebzigerjahre hingegen Nikolae Ceausescu die
DDR besuchte, war es schon sehr schwer, in Dresden genügend
Leute auf die Straße zu bringen, die dem transsilvanischen Un-
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geheuer zujubelten. Schließlich behalf sich die Partei damit, dass
sie die Betriebe anwies, Arbeiter und Angestellte während der
Arbeitszeit abzustellen, doch häuften sich auch hierbei orthopä-
dische Leiden und spontane Erkrankungen des Verdauungs-
traktes so stark, dass das Spalier sehr dünn ausfiel.
Sport war das Aushängeschild der DDR. Leistungssportler wa-
ren die Ersten, die den Namen DDR im Ausland bekannt mach-
ten. In den Sechzigerjahren leisteten Sportler mehr für die Aner-
kennung der DDR als alle Diplomaten und Politiker. DDR-
Sportler leisteten Erstaunliches – auch schon zu Zeiten, als die
DDR noch zu arm zum Doping und die eigene Pharma-For-
schung noch nicht weit genug für »unterstützende Mittel« war.
Erich Honecker ließ es sich nie nehmen, persönlich Orden an die
Brust erfolgreicher Sportler – und noch lieber Sportlerinnen –
zu heften. Der Sport war fast das einzige Feld, auf dem die DDR
dauerhaft den Weltstand mitbestimmte. Davon profitierte auch
der Breitensport, in dem eine sehr gut ausgebaute Leistungs-
und Auswahlpyramide gründete. Nur auf dem Fußballfeld –
Fußball war auch der Ostdeutschen liebste Sportart – klappte es
nie so recht, bis auf jene 78. Minute im Hamburger Volkspark-
stadion vielleicht ... Dafür hatten die DDR-Fußballvereine Na-
men, von denen der westdeutsche Ballsportler nur träumen
konnte.
Zehn der abgefahrensten Vereinsnamen
BSG Veritas Wittenberge
BSG Landbau Bad Langensalza
BSG Glückauf Sondershausen
BSG Kali Werra Tiefenort
BSG Lok/Armaturen Prenzlau
BSG Robotron Sömmerda
BSG Empor Tabak Dresden
BSG Hydraulik Nord Parchim
BSG Motor Warnowwerft Warnemünde
BSG Motor Ascota Karl-Marx-Stadt
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Sputnik 1. Serie künstlicher Erdtrabanten der UdSSR; aus dem
Russischen = Begleiter, Weggefährte: Sputnik 1 (Oktober 1957),
Sputnik 2 (November 1957, mit Hündin Laika), Sputnik 3 (Feb-
ruar 1958); löste in der DDR eine ehrlich gemeinte Raumfahrt-
Euphorie aus, was wiederum zu einem bedeutenden Auf-
schwung der Science-Fiction-Literatur führte.
2. Offizieller Kosename für die Zugverbindungen auf dem Ber-
liner Außenring, die geschaffen werden mussten, um Städte wie
Potsdam oder Henningsdorf mit Berlin, Hauptstadt der DDR,
zu verbinden, als in der Nacht vom 12. auf den 13. August 1961
die durch Westberlin führenden S-Bahn- und Eisenbahnverbin-
dungen unterbrochen bzw. für Bürger der DDR nicht mehr zu
benutzen waren.
3. Name einer Zeitschrift, herausgegeben von der sowjetischen
Nachrichtenagentur Nowosti in verschiedenen Sprachen, Digest
der sowjetischen Presse, die seit Gorbatschows Amtsantritt im-
mer kritischer wurde. Zu kritisch für die DDR, sodass Hone-
cker ab Dezember 1988 die deutschsprachige Ausgabe des Sput-
nik in der DDR nicht mehr zuließ.
Staatsrat Als Organ der Volkskammer kollektives Staatsober-
haupt der DDR, 1960 nach dem Tod des Präsidenten Wilhelm
Pieck von Walter Ulbricht geschaffen, der sich auch zum Vor-
sitzenden des Staatsrats wählen ließ. Die Verfassung von 1968
formulierte die überragende staatsrechtliche Stellung des Staats-
rats gegenüber allen anderen Verfassungsorganen. Ihm oblagen
zeitweise sowohl legislative als auch exekutive Aufgaben sowie
die Funktionen eines Verfassungsgerichts. Der Sturz Ulbrichts
aus den Parteiämtern hatte auch eine weitgehende Entmachtung
des Staatsrats zur Folge. Sie kam im Gesetz über den Minister-
rat (1972) und in der Verfassungsänderung von 1974 zum Aus-
druck. Vorsitzende des Staatsrats waren Walter Ulbricht (1960–
1973), Willi Stoph (1973–1976), Erich Honecker (1976–1989)
und anschließend für ein paar Tage Egon Krenz; nach dessen
Rücktritt stand Manfred Gerlach (LDPD) als amtierender Vorsit-
zender dem Staatsrat vor, der praktisch keine Bedeutung mehr
hatte und im März 1990 seine Tätigkeit einstellte.
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Staatssicherheit Offiziell Ministerium für Staatssicherheit, ge-
gründet 1950; Inlands- und Auslandsgeheimdienst der DDR;
nach dem 17. Juni 1953 zeitweilig (bis 1955) zum Staatssekreta-
riat heruntergestuft. Trotz offizieller Einbindung in den Mi-
nisterrat war der Minister für Staatssicherheit (Erich Mielke,
von 1957 bis 1989) nur einem engen Kreis höchster Funktionä-
re (letztlich nur dem SED-Generalsekretär) rechenschaftspflich-
tig. Im Volksmund hieß die gefürchtete Behörde »die Stasi«.
Subbotnik Aus dem Russischen übernommene Bezeichnung
für einen freiwilligen Arbeitseinsatz am an sich arbeitsfreien
Samstag (russ. subbota).
Tal der Ahnungslosen Im DDR-Jargon Bezeichnung für das
Elbtal bei Dresden – nahezu die einzige Gegend, in der ein Emp-
fang westdeutscher oder von Westberlin abstrahlender Fernseh-
sender nicht möglich war.
Tausend Tele-Tips Werbesendung des DDR-Fernsehens, als es
noch Deutscher Fernsehfunk hieß. Neben Produktwerbung
wurden auch Verbraucherinformationen ausgestrahlt – etwa für
die pflegliche Behandlung von Autoreifen durch angemessenes
Fahrverhalten (»Pneumant-Reifen sind deine treuen Freunde.
Behandle sie auch so!«) oder die richtige Benutzung der Nacht-
tankboxen an Minol-Tankstellen (»Stets dienstbereit zu Ihrem
Wohl, ist immer der Minol-Pirol«). Leider ist von den TV-Spots
kaum etwas erhalten; die damaligen Speichermedien ließen eine
langfristige Konservierung wohl nicht zu. Man ist auf die Erin-
nerung angewiesen, auf Bilder und Slogans, die sich festgesetzt
haben (wie der eigenartige Vogel namens Minol-Pirol). »Baden
mit Badusan« und »Beine brauchen Beline« oder »aka electric –
in jedem Haus zu Hause« gehören ebenfalls dazu. War Werbung
in einer Planwirtschaft ohnehin schon absurd, so wurde sie in
einer Mangelwirtschaft pervers: Die beworbenen Produkte wa-
ren oft gar nicht mehr zu haben, wenn sie beworben wurden,
oder die Produktionszeiten der Werbespots waren so lang, dass
die Produktinnovation (auch so etwas gab es in der DDR) den
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Spot überholt hatte, bevor er ausgestrahlt wurde. Oder die Pro-
dukte waren so schlecht, lieblos verpackt oder einfach unbeliebt,
dass sie mit Werbung genauso unverkäuflich in den Regalen vor
sich hin gammelten wie ohne Werbung. So wurde den Tausend
Tele-Tips 1975 offiziell das Licht ausgedreht.
Te l e f o n Eines der begehrtesten Güter im Sozialismus, aber fast
so schwer, wenn nicht noch schwerer, zu bekommen als ein Au-
to. Konnte man sich beim Auto noch mit einem sündhaft über-
teuerten Gebrauchtwagen behelfen, schied diese Möglichkeit
beim Telefon aus. Wer einen Telefonanschluss beantragte, be-
sorgte sich zunächst eine Dringlichkeitsbescheinigung der Kom-
binatsleitung, des Industriezweig-Ministeriums oder des Be-
zirkskrankenhauses, praktisch jedem Telefonantrag lag eine
Dringlichkeitsbescheinigung bei. Auch dann dauerte es Jahre,
oft Jahrzehnte, bis die Deutsche Post einen Anschluss legte. Seit
den Siebzigerjahren behalf man sich damit, mehrere Endgeräte
auf einen Anschluss zu legen. Wenn der Nachbar telefonierte,
war der eigene Anschluss tot, und wenn man selber telefonierte,
hatte der Nachbar das Nachhören. Man arrangierte sich, das
stärkte die Hausgemeinschaft. DDR-Telefone besaßen bis auf
Ausnahmen die klassische Wählscheibe und funktionierten
nach dem Impulswahlverfahren. Der Gleichstromunterbrecher
erzeugte das bekannte Knacken. Wenn es einmal öfter und hef-
tiger knackte als üblich, dann war es nicht
der Gleichstromunterbrecher und
nicht der Nachbar, sondern der Gro-
ße Bruder. Das Fernmeldegeheimnis
wurde zwar in Artikel 31 der Verfas-
sung garantiert, der Artikel schränk-
te es aber ein, »wenn es die Sicher-
heit des sozialistischen Staates« (also
die Staatssicherheit) erforderte.
Telespargel Offiziell geprägter Spitzname für den Berliner Fern-
sehturm, der sich gegenüber der volksläufigen Protzkeule aber
nicht durchsetzen konnte (Sankt Walter).
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Trabant Weit verbreiteter Fahrzeugtyp und das eigentliche Sym-
bol der Massenmotorisierung Made in GDR. Der Streit begann
freilich schon allein darüber, ob es sich beim Trabant um ein Au-
to oder um eine Gehhilfe handelte. Technisch basierte die Ent-
wicklung von 1957 auf den Erfahrungen der Auto-Union mit
Zweitaktmotoren. Der neue Drehschiebermotor machte beson-
ders Tuning-Spezialisten Spaß. Die Karosserie war mit Duroplast
beplankt. Technisch überarbeitet und mit neuer Karosserie blieb
der Trabant von 1964 bis 1989 im Wesentlichen unverändert,
sieht man von so ungeheuren Innovationen wie einer Kraftstoff-
anzeige ab, die bereits in den Achtzigerjahren den Kunststoff-
messstab ablöste. Insgesamt wurden über drei Millionen Fahr-
zeuge gebaut; die letzten waren mit einem
1,1-Liter-VW-Motor ausgerüstet, dadurch
wurde der Trabant 1.1 zu einer
Mumie mit Herzschrittma-
cher. Für den Trabant waren
außer der Koseform Trabi
noch die Spitznamen Asphalt-
blase sowie Rennpappe oder
kurz Pappe gebräuchlich.
Trasse Sogenannte Drushba-Trasse (ab 1974) und Erdgastrasse
(ab 1982); Erdgasleitung vom Ural zur Westgrenze der UdSSR.
Da die DDR an sowjetischen Gaslieferungen partizipieren woll-
te, musste sie wie die anderen »Bruderländer« im Gegenzug mit
Bauleistungen für die Pipeline in Vorleistung treten. Alle teil-
nehmenden Länder mussten, neben der Pipeline und den Ver-
dichterstationen in ihrem Bauabschnitt (DDR: von Krement-
schug am Dnepr bis Bar in der Westukraine) auch Wohnungen,
Kindergärten, Kaufhallen und andere Gesellschaftsbauten er-
richten. Diese Bauten waren für das Bedienungspersonal der
Verdichterstationen gedacht. Das Projekt war 1979 abgeschlos-
sen. 1982 wurde die Erdgastrasse nach Westeuropa in Angriff
genommen. Die DDR bekam nun, nachdem sie sich bei der
Drushba-Trasse gut bewährt hatte, an der viermal längeren Lei-
tung zwischen Urengoi und Ushgorod zwei Bauabschnitte zuge-
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teilt: einen in der Ukraine und einen südlich von Moskau; 1984
kam ein dritter Bauabschnitt im Ural dazu. Wieder waren neben
der Leitung und den Verdichterstationen Wohnungen, Kran-
kenhäuser, Kindergärten und kommunale Gebäude zu errichten
und entsprechende Straßen anzulegen.Wieder wurde das Pro-
jekt zum Jugendobjekt der FDJ erhoben. Die Trassenarbeiter
verpflichteten sich zunächst für zwei Jahre, viele verlängerten
aber ihren Vertrag. An den einzelnen Standorten waren ständig
zwischen 800 bis 2000 Arbeiter beschäftigt. Insgesamt wurden
zwischen 12 000 und 15 000 Arbeiter am Zentralen Jugendob-
jekt Erdgastrasse eingesetzt – neben den eigentlichen »harten«
Gewerken natürlich auch Köche, Krankenschwestern u. Ä .
U-Boote besaß die Volksmarine der NVA nicht. Als U-Boote
bezeichnete man – inoffiziell natürlich – abgeschriebene Grund-
mittel, die nicht mehr in den Grundmittelfonds der Betriebe bi-
lanziert waren, kurz: Maschinen und Anlagen, die es eigentlich
gar nicht mehr gab (und auch nicht hätte geben dürfen, wäre bei
der Erfüllung des Schrottplans alles mit rechten Dingen zuge-
gangen). Diese U-Boote wurden aktiviert, wenn es ans Quartals-
oder Monatsende ging und die Planerfüllung (Plan) gefährdet
war, ohne in der Bilanz »aufzutauchen« (daher der Name).
Dann konnte zusätzliche Warenproduktion erwirtschaftet wer-
den, die bei der Berechnung der Fondsintensität auf die offiziell
vorhandenen Grundmittel bezogen wurde. U-Boote wurden
meist mit Schwarzen Husaren besetzt.
unverbrüchlich Dieses eigenartige Wort war in der Propaganda
ausschließlich positiv besetzt. Unverbrüchlich war die »Freund-
schaft zur Sowjetunion«, unverbrüchlich war auch die Treue zur
Partei. Zu unverbrüchlich gibt es kein sinnvolles Antonym (ver-
brüchlich?) und kein Substantiv (Unverbruch?).
VEB Abkürzung für Volkseigener Betrieb; übergreifende Be-
zeichnung für Wirtschaftsunternehmen, die sich im sogenann-
ten Volkseigentum befanden. Das Volkseigentum ist dabei eine
besondere Form des Staatseigentums. Offizieller Eigentümer
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waren dabei alle Menschen – das Volk. Das Volk als Eigentümer
wurde aber ausschließlich durch den Staat vertreten. Das bilde-
te den Nebensinn des Worts Volksvertretung. Viele Bürger hat-
ten eine etwas andere Auffassung vom Volkseigentum. Sie
meinten, wenn sie schon Eigentümer wären, könnten sie auch
dieses oder jenes, was zum Bau einer Datsche sinnvoller ein-
zusetzen wäre als im Volkseigenen Betrieb, dezent auf die Seite
bringen. Die Gerichte sahen das anders und ahndeten solche
Materialbeschaffung als Verbrechen gegen das sozialistische Ei-
gentum. Sozialistisches Eigentum als Rechtsbegriff umfasste
neben dem Volkseigentum auch das genossenschaftliche Eigen-
tum und das Eigentum gesellschaftlicher Organisationen. So
waren zahlreiche Druckereien und Verlage in der DDR nicht –
wie von vielen dort Arbeitenden vermutet – Volkseigentum,
sondern das Eigentum der SED oder anderer Parteien und Or-
ganisationen.
VBE Abkürzung für Vollbeschäftigten-Einheit; übliche Berech-
nungseinheit für den Arbeitskräftebedarf und -einsatz. Nicht zu
verwechseln mit einer Planstelle. Im Stellenplan wurden die
strukturellen Erfordernisse beschrieben. Auch in der DDR gab
es – familienbedingt und aufgrund spezieller Arbeitsaufgaben –
Teilzeitbeschäftigung; zwei Halbtagskräfte hatten möglicherwei-
se zwei Planstellen, bildeten aber zusammen eine VBE. So war
die Zahl der Planstellen in einem Betrieb in der Regel größer als
die Zahl der Vollbeschäftigten-Einheiten.
Vitamin B Übliche und nicht nur DDR-spezifische Umschrei-
bung der förderlichen Wirkung guter Beziehungen. In einer Ge-
sellschaft, in der der Markt nicht richtig funktionierte, war ein
Geflecht von Beziehungen allerdings unerlässlich, um sich mit
knappen oder schwer beschaffbaren Gütern zu versorgen.
VMI Abkürzung für Volkswirtschaftliche Masseninitiative, was
kein Mensch vernünftig aussprechen konnte, weswegen es meist
beim Kürzel VMI blieb. Unter diesem Begriff wurden freiwillige
Arbeitseinsätze zusammengefasst, die beispielsweise von den
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Hausgemeinschaften zur Verschönerung der Wohnumgebung
oder von Studenten zur Renovierung ihrer Wohnheime geleistet
wurden. Oft wurden Sportanlagen oder Wanderwege mittels
solcher VMI-Einsätze geschaffen.
Volkskammer Der Verfassung nach höchstes staatliches Macht-
organ. Die Volkskammer entstand aus der (kommunistisch ori-
entierten, aber noch gesamtdeutschen) Bewegung des Deut-
schen Volkskongresses, dessen 3. Tagung im Mai 1949 einen so-
genannten Deutschen Volksrat wählte, der sich am 7. Oktober
1949 zunächst als Provisorische Volkskammer konstituierte; die
ersten regulären Wahlen fanden 1950 und von da an im Vierjah-
resrhythmus statt. Seit 1963 waren die Volkskammerwahlen mit
den SED-Parteitagen synchronisiert; seit 1971 fanden sie alle
fünf Jahre statt. Die letzte Volkskammer (Wahlen am 18. März
1990) war zugleich die erste frei gewählte; ihr oblag die Kon-
kursverwaltung und Liquidation des Staatsgebildes, dem sie
vorstand, und dessen ordnungsgemäße Überführung in den
Staatsverband der Bundesrepublik Deutschland.
Volkspolizei Bis 1970 lautete die offizielle Bezeichnung Deut-
sche Volkspolizei, danach trug sie zwar immer noch diesen Na-
men, wurde aber in der offiziellen Umgangssprache ohne Nati-
on genannt. Sie wurde am 1. Juli 1945 von der sowjetischen Be-
satzungsmacht als Länderpolizei gegründet und stellte das
Machtorgan der herrschenden Klasse dar, mit dem der Normal-
bürger am häufigsten konfrontiert war. Sie unterstand dem Mi-
nister des Innern, der sich seit 1963 auch »Chef der Deutschen
Volkspolizei« nannte. Die SED hielt es lange nicht für nötig, die
Befugnisse der Volkspolizei und die Rechte der Bürger gesetzlich
zu regeln; man nutzte einfach das preußische Polizeigesetz aus
der Zeit vor 1933 stillschweigend weiter; erst 1968 gab es ein ei-
genes Volkspolizeigesetz.
Volkssolidarität Im Osten Deutschlands bereits im Oktober
1945 gegründete Hilfsorganisation, die sich der Linderung der
dringendsten Nachkriegsnot widmete. In der DDR entwickelte
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sie sich zu einer Massenorganisation, die sich vor allem die Be-
treuung der Rentner zum Ziel gesetzt hatte. Berühmt und ge-
liebt wurde sie für ihre Kaffeefahrten und Seniorenausflüge, bei
denen noch keine Rheumadecken und Lammfelljacken verkauft
wurden. An diesem Ziel hält sie auch heute fest, da sie im Pari-
tätischen Wohlfahrtsverband mit 330 000 Mitgliedern zu den
größten Organisationen gehört.
Wandlitz 1. Ort in der Mark Brandenburg; 2. Waldsiedlung in
der Nähe des Ortes Wandlitz, die 1961 als Wohnsitz für das SED-
Politbüro eingerichtet wurde.
Wa r t b u r g Frontgetriebener PKW mit Dreizylinder-Zweitakt-
motor, produziert im VEB Automobilwerke Eisenach von
1956 bis 1991. Der Wartburg entstand auf der Basis des F 9, der
auf eine Vorkriegsentwicklung von DKW zurückging, die
kriegsbedingt nicht in Serie gegangen, aber etwa zeitgleich mit
dem F 9 in der Bundesrepublik als DKW-Modell »Meister-
klasse« gebaut worden war. Der Wartburg erfuhr 1965/66 eine
grundsätzliche Karosserie- und Fahrwerksüberarbeitung, wur-
de jedoch sonst nahezu unverändert bis 1988 gebaut. Wart-
burgfahrer galten zuweilen als neurotisch, man sagte ihnen
nach, sie kämen schwer damit klar, ein hochgezüchtetes Moped
in Form einer Limousine zu fahren. Dann aber verordnete
Günter Mittag dem Wartburg einen VW-Viertaktmotor, der
in Lizenz gebaut werden sollte. Mit diesem Motor und dem
stolzen Preis von 30 000 Mark der DDR tuckerte der Wart-
burg durch die Wende. Spätestens Mitte 1990 begann der
Motor der Eisenacher zu stottern, der Absatz des einst begehr-
ten Vehikels tendierte gegen null, und 1991 wurde die Produk-
tion eingestellt.
Wehrsportgruppe Hoffmann Nachdem in der Bundesrepublik
eine paramilitärisch bewaffnete Neonazi-Formation unter die-
sem Namen aufgetreten war, kursierte in der DDR, wo der Ver-
teidigungsminister bis 1985 Heinz Hoffmann hieß, für die
NVA der Spitzname »Wehrsportgruppe Hoffmann«.
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We n d e Bezeichnung für die Zeit zwischen dem 7. Oktober 1989,
als der Widerstand gegen das SED-Regime eskalierte, und dem
3. Dezember, als sich das Politbüro auflöste und die Herrschaft
der SED faktisch aufhörte zu bestehen.
Wendehals In Anspielung auf die Vogelart gleichen Namens ge-
brauchte Bezeichnung für einen Funktionär, der sich von einem
vorbehaltlosen Befürworter der bisherigen SED-Politik zu ei-
nem besonders eifrigen Neu-Demokraten gewendet hatte. Man
muss allerdings sagen, dass SED-Funktionäre seit Mitte Oktober
1989 keine Chance mehr hatten, sich »richtig« zu verhalten. Sie
galten entweder als Wendehälse, wenn sie ihre frühere starre Po-
sition aufgaben, oder sie galten als Betonköpfe, wenn sie das
nicht taten. Sie wurden einfach nicht mehr akzeptiert, ganz
gleich wie sie sich verhielten.
Wertzuwachs Täuschungsmanöver aus der Trickkiste Günter
Mittags. Als die wirtschaftliche Situation Ende der Siebzigerjah-
re sehr schwierig wurde und sich die geplanten Steigerungsraten
nicht erreichen ließen, kam Mittag auf die Idee, durch vorge-
täuschte Qualitäts- und Gebrauchswerterhöhung bestimmte
Konsumgüter »attraktiver« zu machen und damit Preiserhö-
hungen zu rechtfertigen. Ein simples Kinderfahrrad, das vorher
350 Mark kosten sollte, wurde auf 750 Mark verteuert. Bettwä-
sche lag plötzlich mit 133 Mark pro Garnitur in den Regalen –
Bettwäsche war der Aufreger des Jahres 1979 –, und für ein
simples Handtuch »mit erhöhten Gebrauchswerteigenschaften«
sollte der DDR-Bürger auf einmal 33 Mark hinlegen. Zum Ver-
gleich: Das monatliche »Bruttoarbeitseinkommen der vollbe-
schäftigten Arbeiter und Angestellten der sozialistischen Wirt-
schaft« lag zu diesem Zeitpunkt bei 1006 Mark, und brutto war
auch in der DDR nicht gleich netto. Mittag hoffte, dass sich die
höheren Preise in einer wertmäßigen Erhöhung der Kennziffer
Warenproduktion niederschlagen würden. Er gab den Indus-
trieministerien Ziele für den »Wertzuwachs« in Höhe von zehn
Milliarden Mark vor, die aber von den verantwortlichen Prakti-
kern auch bei größter Fantasie und krimineller Energie nicht in
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materialisierbare Vorschläge umgesetzt werden konnten. Im
Grunde war es eine Aufforderung zum Volksbetrug im nationa-
len Ausmaß – und genauso wurde es auch empfunden. In man-
chen Fällen überklebten Verkaufsstellenleiter, die den Schwindel
nicht billigten, die alten Preisschilder schluderhaft mit den neu-
en oder strichen die alten Preise aus und schrieben die neuen
drüber, sodass der Kunde gut verfolgen konnte, was mit ihm ge-
spielt wurde. Sie wurden gemaßregelt und zu den eigentlich
Schuldigen gemacht. Nicht die waren für den Unmut der Bevöl-
kerung verantwortlich, die den Betrug veranlasst hatten, son-
dern diejenigen, die ihn nicht ordentlich genug ausführten, so-
dass er offenkundig wurde. Eine verkehrte Welt.
Winkelement Massenhaft ausgegebene Papierfähnchen, mit de-
nen die Bevölkerung an Feiertagen der Partei- und Staatsfüh-
rung oder hohen Ehrengästen begeistert zuwinken musste. Statt
Fähnchen konnten auch Friedenstauben oder andere winkbare
Objekte als Winkelement dienen.
Wurst am Stengel Chruschtschow, der den Maisanbau in der
Sowjetunion förderte, hatte in seiner lebhaft-bildhaften Sprache
verkündet, Mais sei die Wurst am Stengel, weil sich mit dem
Mais die Viehbestände füttern ließen, aus denen dann wieder
köstliche Wurst gemacht werde. Zu dieser Zeit pflegte man noch
alles nachzuplappern und allem nachzueifern, was in der UdSSR
verzapft wurde; folglich wurde auch in der DDR Mais angebaut,
von dem es hieß, er sei die Wurst am Stengel. Stengel wurde da-
mals mit »e« geschrieben, und ausnahmsweise lassen wir es ein-
mal dabei.
Zentrale Erntetechnik Hier handelt es sich um ein Jugendob-
jekt, dessen Ziel es war, die unterschiedlichen klimatischen Be-
dingungen zwischen dem Norden und dem Süden der Republik
zu nutzen und aufgrund der unterschiedlichen Erntetermine
Schwerpunkte für die Erntetechnik zu bilden. Das Jugendobjekt
wurde am 20. Juni 1966 offiziell an 13 Jugendkomplexbrigaden
übergeben, doch was militärisch vernünftig gedacht war, war
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wirtschaftlicher Wahnsinn – hier rächte sich die Überbetonung
des Kampf-Gedankens, der den Funktionären mittlerweile in
Fleisch und Blut übergegangen war. Kolonnen von Mähdre-
schern und Kartoffelerntemaschinen wurden mit Beginn der
Erntezeit über die ohnehin stark belasteten Landstraßen von
Süd nach Nord und von Nord nach Süd verschoben. Kilometer-
lange Staus waren die Folge, die Straßen gingen noch schneller
kaputt als sonst, und allein für die Fahrten zum Einsatzort –
Mähdrescher sind nun mal keine Straßenfahrzeuge – wurden
Hunderttausende Tonnen Diesel verbraucht. Nach dem großen
Medienrummel in den frühen Siebzigern wurde dem Jugendob-
jekt spätestens mit der Brennstoffverknappung am Ende dieses
Jahrzehnts der stille Garaus gemacht. Heute findet man kaum
noch Informationen über dieses Jugendobjekt.
Zivilgesetzbuch Das »BGB« der DDR; die Textausgabe mit Ein-
führungsgesetz und Sachregister umfasste ganze 141 Drucksei-
ten. In nur 480 Paragrafen war alles geregelt, was in der DDR zi-
vilrechtlich geregelt werden musste. Und, fast unerhört, die Pa-
ragrafen waren auch noch so formuliert, dass jedermann sie ver-
stehen konnte.
Zuweisung Unscheinbarer Zettel im Format A5, gewöhnlich auf
schlechtem Papier gedruckt, aber das wertvollste Dokument, das
man auf der Wohnungssuche erjagen konnte. »Zur Gewährleis-
tung des Grundrechts der Bürger auf Wohnraum und zur Siche-
rung einer gerechten Verteilung unterliegt der gesamte Wohn-
raum der staatlichen Lenkung«, hieß es in Paragraf 96 des Zi-
vilgesetzbuches der DDR. Rechtsgrundlage für diese staatliche
Lenkung war die »Wohnraumlenkungsverordnung« von 1967.
»Voraussetzung für die Begründung eines Mietverhältnisses ist
die Zuweisung des Wohnraums durch das zuständige Organ.
Auf der Grundlage der Zuweisung sind Vermieter und Mieter
verpflichtet, einen Mietvertrag abzuschließen«, sagte das Zivil-
gesetzbuch in Paragraf 99. Mit anderen Worten: Wenn man die
Zuweisung in der Hand hatte, hatte man praktisch schon die
Wohnung; der Rest war mehr oder weniger Formsache.
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Personenlexikon
Adenauer, Konrad (1876–1967), kein Bürger der DDR, sondern
erster Kanzler (»Ur-Kanzler«) der Bundesrepublik Deutschland;
für die DDR-Propaganda als Bundeskanzler die bevorzugte Fi-
gur für das Feindbild vom bösen Kapitalismus. Selbst Otto Gro-
tewohl, der sich sonst eher in intellektueller Pose gefiel, verlor
bei Adenauer die Beherrschung und sprach von »schmutzigen
Machenschaften der Bonner Landesverräter«, die Bundesrepu-
blik werde »durch die Adenauer-Politik ein Hort des deutschen
Militarismus und Faschismus«, weil das »Adenauer-Regime die
reaktionären und faschistischen Kräfte auf allen Gebieten wie-
derbelebt«. Die »Terrorwelle Adenauers« habe »einen neuen
Höhepunkt erreicht«. Das auf kaum einer halben Druckseite.
Und nicht bei einer Biertisch-Diskussion, sondern in einer Rede
vor der Volkskammer.
Ardenne, Manfred von (1907–1997), Physiker, Techniker, Insti-
tutsleiter und Wissenschaftsunternehmer, genannt: der Rote Ba-
ron vom Weißen Hirsch. Der standesbewusste Baron erwarb im
Laufe seines Lebens über 600 Patente. Er hatte in den Dreißiger-
jahren großen Anteil an der Entwicklung des Fernsehens, arbei-
tete schon im Dritten Reich in der Atomforschung, ging 1945
mit seinen engsten Mitarbeitern in die Sowjetunion und kehrte,
mit dem Stalin-Preis geehrt, 1955 in die DDR zurück. In Dres-
den gründete er ein – in dieser Art einzigartiges – privates For-
schungsinstitut, das sich Problemen der Teilchenphysik, der
Werkstoffkunde und schließlich der Medizintechnik zuwandte.
Ardenne war Ulbrichts Vorzeigeadliger (Adel), von dem er
hoffte, er werde, wenn die große UdSSR das Raumfahrtproblem
löse, für die kleine DDR das Krebsproblem lösen.
Axen, Hermann (1916–1992), Parteifunktionär der DDR, Se-
kretär des Zentralkomitees der SED und seit 1970 Mitglied des
Politbüros, zuständig für internationale Beziehungen und seit
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dieser Zeit der eigentliche Architekt der Außenpolitik der DDR;
die außenpolitische Anerkennung Honeckers war im Wesent-
lichen sein Verdienst; er verfügte bis zum Ende der SED-Herr-
schaft über ausgezeichnete Kontakte nach dem Westen, beson-
ders zu maßgeblichen Kreisen der SPD.
Biermann, Wolf (geboren 1936), Liedermacher, Lyriker, Kom-
munist, siedelte als Siebzehnjähriger in die DDR über, studierte
Ökonomie, Philosophie und Mathematik und begann um 1960,
auf Veranlassung Hanns Eislers, der ihn förderte, Lieder und
Gedichte zu schreiben. Seit 1965 trat Biermann in den Kabarett-
programmen von Wolfgang Neuss auf. Seine kritischen Lieder
waren für die SED-Funktionäre Anlass, ein Auftrittsverbot in
der DDR über ihn zu verhängen. Biermann behauptete stand-
haft seine Ansicht vom Kommunismus, die sich von derjenigen
der Vertreter des real existierenden Sozialismus unterschied.
Seine Arbeit wurde in der DDR bis 1976 nur von kleinen Zirkeln
Intellektueller wahrgenommen. Im November bürgerte ihn die
DDR nach einem Konzert in Köln für die IG Metall aus. Dieser
hoheitliche Akt gegen einen kritischen Künstler markierte einen
einschneidenden Bruch zwischen Partei und Kunstszene in der
DDR. In der Folge verließen viele prominente Künstler – Filme-
macher, Schauspieler, Schriftsteller, Komponisten – das Land.
Brecht, Bertolt (1898–1956), Schriftsteller, Dichter, Dramati-
ker, Theaterleiter, kehrte über die Schweiz nach Deutschland zu-
rück und nahm seinen Wohnsitz in Berlin/DDR. Er brachte
Weltruhm und Welterfahrung mit; den Ruhm nutzte die DDR
gern propagandistisch aus, während sie mit der Welterfahrung
wenig anzufangen wusste. Brecht stellte – als der Parteidichter
Kuba (Kurt Barthel) nach dem 17. Juni 1953 behauptet hatte,
das Volk habe das Vertrauen der Regierung verloren und müsse
sich nun eifrig mühen, es zurückzugewinnen – die Frage, ob es
nicht einfacher wäre, die Regierung löse das Volk auf und wähle
ein neues. Dieser Vorschlag muss den Parteioberen in die falsche
Gehirnwindung geraten sein, jedenfalls bemühten sie sich seit-
her nach Kräften, das für die jeweilige Gelegenheit passende
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Volk auszuwählen. Am Ende stellte sich heraus, dass das Volk,
das sie davonjagte, ein ganz anderes Volk war als das, von dem
sie sich am 1. Mai huldigen ließen. Und doch waren es die glei-
chen Menschen.
Buchwitz, Otto (1879–1964), sozialdemokratischer Parteifunk-
tionär, von den Nazis verfolgt und inhaftiert, nach 1945 einer
der Aktivisten der Vereinigung von KPD und SPD zur SED, die
im Landesverband Sachsen schon im Februar 1946 vollzogen
wurde. Danach hatte Buchwitz seine Schuldigkeit getan; persön-
lich integer und Demokrat aus Überzeugung, gehörte er dem
Parteivorstand und dem ZK der SED bis zu seinem Tod an, war
völlig einflusslos, aber hochgeehrt. Nach seinem Tod wurden
Betriebe und Straßen nach ihm benannt; fast alle diese Benen-
nungen wurden seit 1990 wieder beseitigt.
Dallmann, Fritz (geboren 1923), Bauer, Agraringenieur, machte
als LPG-Vorsitzender (Landwirtschaftliche Produktionsge-
nossenschaft) der LPG Priborn den Ort zu einem Muster- und
Vorzeigeort, Mitglied des Zentralkomitees der SED seit 1964,
1982 bis 1990 Vorsitzender der VdgB (Vereinigung der gegensei-
tigen Bauernhilfe); spielte 1968 in dem Fernsehfilm We g e ü b e r s
Land einen Dorfschmied.
Dathe, Heinrich (1910–1991), Zoologe, Tierparkdirektor, durch
Sendungen in Rundfunk und Fernsehen außerordentlich popu-
lär. Hinreißend waren seine in breitem Sächsisch vorgetragenen
Vogelstimmen-Imitationen.
Eisler, Hanns (1898–1962), Komponist, vor allem bekannt als
Komponist der Nationalhymne der DDR, doch geschieht die
Reduzierung darauf zu Unrecht. Eisler war Schüler Schönbergs,
wandte sich um 1927 der Arbeiterbewegung und den Kommu-
nisten zu, ohne je Mitglied der KPD zu werden. In seinem Schaf-
fen verband er avancierte musikalische Techniken mit politi-
schem Engagement. Zeit seines Schaffens suchte er nach einer
neuen Musikästhetik jenseits des bürgerlichen Konzertbetriebes
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und kämpfte gegen die Dummheit in der Musik. Dumme Mu-
sik pflegte er »Misuk« zu nennen. Der Ruhm der Nationalhym-
ne schützte ihn nicht vor harscher und unberechtigter Kritik der
SED-Funktionäre, etwa als Ulbricht ihn wegen seiner Faust-
Oper verunglimpfte. Eisler blieb immer Österreicher und wur-
de nie SED-Mitglied. Er ist eine der schillerndsten Gestalten der
Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts. Als sein Freund Brecht
in den Dreißigerjahren einmal auf dem Broadway aus einer
Theaterprobe geworfen wurde und Hausverbot erhielt, be-
schwerte er sich bei Eisler: »Dabei habe ich den Herren nur mei-
ne Meinung gesagt!« Eisler, der Mann mit dem feinen Gehör,
fragte zurück: »Aber wie laut, mein lieber Brecht, wie laut?«
Ewald, Manfred (1926–2002), der Turnvater der DDR, einfluss-
reichster Sportfunktionär, 1961 bis 1988 Präsident des DTSB
(Deutscher Turn- und Sportbund), 1973 bis 1990 Präsident des
NOK der DDR. Unter seiner Verantwortung wurde der Spitzen-
sport der DDR als Spritzensport ausgebaut; seine maßgebliche
Beteiligung am systematischen Doping von Sportlern, das zum
Teil ohne deren Wissen geschah, ist gerichtsnotorisch.
Geggel, Heinz (1921–2000), Journalist, Abteilungsleiter Agitati-
on beim ZK der SED, leitete seit 1973 die berüchtigten »Argus«,
zu denen alle Chefredakteure jeden Donnerstag um 10 Uhr ein-
bestellt wurden. Hier wurde bis in die Einzelheiten der Seitenge-
staltung festgelegt, worüber wie zu berichten ist und welche For-
mulierungen zu unterlassen sind. Promoviert und daher hinter
vorgehaltener Hand auch »Dr. Geggels« genannt.
Grotewohl, Otto (1894–1964), sozialdemokratischer Politiker,
Mitbegründer der SED, erster Ministerpräsident der DDR. Der
Braunschweiger war einer der wenigen Wessis in den obersten
Führungspositionen. Viele Parteimitglieder hofften, er würde
sozialdemokratische Traditionen in der SED bewahren helfen,
doch ordnete er sich der stalinistischen Linie vollständig unter.
Als die Arbeiter am 17. Juni 1953 skandiertem »Spitzbart, Bauch
und Brille sind nicht Volkes Wille«, war mit »Brille« er gemeint.
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Hager, Kurt (1912–1998), Parteifunktionär der SED, nach ei-
nem Dozentenlehrgang an der Parteihochschule wurde er 1949
sofort ordentlicher Professor für Philosophie an der Humboldt-
Universität; seit 1955 Sekretär des Zentralkomitees der SED und
verantwortlich für Wissenschaft, Kultur und Bildung. Hager galt
als Chefideologe der SED, war bei Künstlern und Wissenschaft-
lern gefürchtet und bei niemandem beliebt. »Was macht die
Kunst?«, fragt ein Schriftsteller den anderen. »Hager, hager«,
antwortet der. Berüchtigt ist seine arrogante Äußerung gegen-
über der Perestroika in der Sowjetunion, wenn der Nachbar ta-
peziere, müsse man selbst seine Wohnung nicht auch tapezieren.
Hockauf, Frieda (1903–1974), Maschinenweberin aus Zittau,
die durch die nach ihr benannte Frieda-Hockauf-Methode (das
zeitversetzte Bedienen mehrerer Webstühle) sowie durch die Lo-
sung »Wie wir heute arbeiten, werden wir morgen leben« be-
kannt wurde.
Hoffmann, Heinz (1910–1985), Spanienkämpfer, Kommunist,
Armeegeneral, Verteidigungsminister der DDR von 1960 bis
1985. In dieser Funktion und als Politbüromitglied (seit 1973)
trug er die Verantwortung für das Grenzregime an der »Staats-
grenze West« und den sogenannten Schießbefehl.
Honecker, Erich (1912–1994), saarlän-
discher Dialektsprecher, Parteifunktio-
när und Vorsitzender des Staatsrats
(1976–1989). Wurde im Alter von 34
Jahren Mitbegründer und erster Vor-
sitzender der FDJ, wodurch er den
Stand der Berufsjugendlichen begründe-
te. Stürzte 1971 Ulbricht mithilfe mos-
kautreuer Frondeure. Erreichte als
Partei- und Staatschef die außenpo-
litische Anerkennung der DDR,
führte das Land aber in den wirt-
schaftlichen Ruin.
70 | Personenlexikon
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Jähn, Sigmund (geboren 1937), Militärflieger, Kosmonaut; ein-
ziger Träger des Titels »Fliegerkosmonaut der DDR«. »Der erste
Deutsche im All – ein Bürger der DDR« titelte die Sonderausga-
be des ND (Neues Deutschland). Das war, einem Witz zufol-
ge, der Grund, warum Jähn und nicht sein Double Eberhard
Köllner geflogen war. Die Zeile hätte sonst lauten müssen: »Der
erste Deutsche im All ist Köllner«. Der Rummel, der nach dem
Flug um Jähn gemacht wurde, war beträchtlich. Er hat ihn mit
soldatischer Disziplin ertragen, ohne seine persönliche Beschei-
denheit aufzugeben. Der Himmel wurde vom DDR-Witz umbe-
nannt: »Jähnseits«. Der brutalste Jähn-Witz: »Was wäre gewe-
sen, wenn die Sojus-Kapsel beim Wiedereintritt verglüht wäre?
–
Dann hätte die DDR endlich mal einen glühenden Patrioten
gehabt.« Kein Witz: 2001 wurde der Planetoid 1998 BF 14 nach
ihm benannt.
Krenz, Egon (geboren 1937), letzter Generalsekretär der SED,
letzter Staatsratsvorsitzender (Staatsrat) der DDR – im
Grunde derjenige, dem es bestimmt war, das Licht auszuma-
chen, was er denn auch tat, indem er den Hauptschalter umleg-
te und am 9. November 1989 die Mauer öffnete. Krenz mach-
te nach Lehrerstudium und freiwilligem Armeedienst in der
FDJ Karriere, war von 1971 bis 1974 oberster Thälmann-Pio-
nier, danach bis 1983 Erster Sekretär des Zentralrats der FDJ.
Vom Amt des ersten Berufsjugendlichen wurde er mit 46 Jahren
erlöst, als Benjamin ins Politbüro befördert und nach Wand-
litz umgesiedelt. Als Vollmitglied des Politbüros seit 1983 galt er
als Kronprinz Honeckers, doch scheint der gewittert zu ha-
ben, dass Krenz an einer Fronde gegen ihn beteiligt war, und
machte, als er erkrankte, nicht Krenz, sondern Mittag zu sei-
nem Stellvertreter. Am 18. Oktober 1989 gelang einer Palastre-
volte unter Krenz der Sturz Honeckers, doch war die Oppositi-
onsbewegung in der DDR bereits zu stark und zu selbstbewusst
geworden, um sich von einem Generalsekretär, der gerade erst
aus dem Schatten Honeckers getreten war, ruhigstellen zu las-
sen. Die Demonstration am 4. November 1989 auf dem Alexan-
derplatz in Berlin erteilte Krenz eine eindeutige Absage. Krenz
Personenlexikon | 71
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warf am 3. Dezember 1989 das Handtuch als Generalsekretär
und drei Tage später auch als Staatsratsvorsitzender (Staats-
rat) und schrieb seine Memoiren.
Matthes, Roland (geboren 1950), Schwimmer der Weltklasse;
seine Paradedisziplin war das Rückenschwimmen. Hier errang
er 19 Weltrekorde und blieb von 1966 bis 1973 ungeschlagen.
Auch auf den Lagen- und Schmetterlingsstrecken mussten sei-
ne Konkurrenten ihn fürchten. Zum besonderen Vergnügen der
DDR-Oberen durchbrach er die Dominanz der USA-Schwim-
mer. Nicht zuletzt ihm ist es zu verdanken, dass es im Sport drei
Supermächte mit »U« gab: die USA, die UdSSR und Unsere
Deutsche Demokratische Republik.
Mielke, Erich (1907–2000), mutmaßlicher Polizistenmörder
und späterer Minister für Staatssicherheit im Rang eines Ge-
nerals. Richtete bereits in Spanien von 1936 bis 1939 im Auftrag
Stalins viel Unheil an, setzte sein Wirken dann in der DDR
fort, »zum Wohle des Volkes«, dessen Überwachung und Ein-
schüchterung er organisieren ließ. Die gefürchtetste Figur des
Politbüros war zugleich die lächerlichste: Unvergessen bleibt sei-
ne gestammelte Liebeserklärung vor der Volkskammer im
Herbst 1989 (»Ich liebe doch, ich liebe doch alle Menschen«),
mit dem er unfreiwillig, aber folgerichtig sein Ministerium dem
»Ministerium der Liebe« in Orwells »1984« gleichstellte.
Mittag, Günter (1926–1994), Wirtschaftsexperte im Politbüro,
dem er von 1966 bis 1989 angehörte. Für viele war er der
Hauptschuldige an der Wirtschaftsmisere der DDR. Fuhr zu-
nächst unter Ulbricht das NÖSPL (Neues Ökonomisches
System der Planung und Leitung) gegen die Wand, schwenkte
dann auf den Honecker-Kurs um und machte sich dem neuen
Generalsekretär unentbehrlich. Er galt neben Mielke als der
Einzige, der uneingeschränkt zu Honecker Zugang hatte. Sein
Führungsstil war gefürchtet und nicht gerade von Menschlich-
keit und Warmherzigkeit geprägt. Kein Sozialist aus dem Bil-
derbuch. Eher ein real existierender Sozialist.
72 | Personenlexikon
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Naumann, Konrad (1928–1992), Parteifunktionär, nach typi-
scher FDJ-Karriere über Hochschule des Komsomol, Sekreta-
riatsfunktionen im Zentralrat zum Politbüromitglied und 1. Se-
kretär der SED-Bezirksleitung Berlin aufgestiegen. Bekannt und
berüchtigt für seine Trinkfestigkeit und seine nicht ganz astrei-
nen Umgangsformen. Fiel im November 1985 für viele überra-
schend in Ungnade – angeblich wegen einer fünf Wochen zuvor
gehaltenen Rede vor der Akademie für Gesellschaftswissen-
schaften –, und zwar so gründlich, dass er aus sämtlichen Äm-
tern flog und sich als Archivar im Staatsarchiv Potsdam wieder-
fand. Wanderte 1991 nach Ecuador aus.
Pieck, Wilhelm (1876–1960), kommunistischer Politiker, Mit-
begründer der SED, erster Präsident der DDR. Als er 1949 zum
Präsidenten gewählt wurde, kamen Spaßvögel auf die Idee, ihn
Wilhelm III. zu nennen. Doch von imperialer Prächtigkeit war
sein Regierungsstil weit entfernt. Persönlich bescheiden und
gutmütig würdevoll – so wurde er von den meisten gesehen.
Sein politisch einflussloses Amt wurde, obwohl in der Verfas-
sung der DDR verankert, nach seinem Tod von Walter Ulbricht
umgehend abgeschafft.
Quandt, Bernhard (1903–1999), kommunistischer Funktionär,
Widerstandskämpfer, Landrat in Mecklenburg, später Mitglied
des Zentralkomitees, Protagonist der sogenannten Demokrati-
schen Bodenreform, später Mitglied des ZK der SED; führte zu-
letzt ein Leben als Parteiveteran, fiel im Dezember 1989 dadurch
auf, dass er vor dem Zentralkomitee die Wiedereinführung der
Todesstrafe und die standrechtliche Erschießung der »Verbre-
cherbande« des alten Politbüros forderte.
Schabowski, Günter (geboren 1929), SED-Parteifunktionär,
Politiker, war als Politbüromitglied und 1. Sekretär der Bezirks-
leitung Berlin maßgeblich an der Entmachtung Honeckers
beteiligt. Dank der Fernsehübertragung einer Pressekonferenz
am Rande der ZK-Tagung vom 8. bis 10. November wurde er
weltberühmt; er verkündete dort faktisch die Öffnung der
Personenlexikon | 73
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Mauer. Nach der vollständigen Entmachtung der SED aus der
Partei ausgeschlossen. Als einziges ehemaliges Mitglied des
SED-Politbüros flüchtete er sich nicht in Selbstmitleid und
Rechtfertigungsphrasen, sondern analysierte mit sehr weitge-
hender Selbstkritik seine eigene Rolle im Machtsystem des real
existierenden Sozialismus und vollzog einen grundlegenden
Bruch mit der Ideologie der Vergangenheit. Als Einziger der in
den Mauerschützenprozessen Angeklagten akzeptierte er seine
moralische Verantwortung für die Opfer des Grenzregimes.
Schalck-Golodkowski, Alexander (geboren 1932), Staatssekre-
tär und Oberst der Staatssicherheit mit dem Gehalt eines Ge-
neralleutnants; gilt als wichtigster Devisenbeschaffer der DDR,
half der DDR-Führung aus mancher Klemme, nicht nur weil er
deren Sonderversorgungssysteme mit Westwaren beschickte,
sondern weil er auf offizieller Ebene Kreditverhandlungen ein-
fädelte und auf inoffizieller Ebene durch ein unüberschaubares
Geflecht von Firmen im Westen gefragte Güter und Hochtech-
nologie, die auf der westlichen Embargo-Liste bestanden, zu be-
schaffen wusste. Seine Hausmacht war der Bereich »Kommer-
zielle Koordinierung«. Dieses Unternehmen betrieb mit größter
Energie und Fantasie die Ausplünderung der DDR, und zwar
wurde alles geplündert, was sich in Devisen umsetzen ließ: von
privaten Kunstsammlungen und Museumsbeständen angefan-
gen über Massen alter Klaviere und Flügel bis zu historischem
Straßenpflaster aus den Innenstädten der DDR. Als seine Tar-
nung in der DDR aufflog, floh er mit seiner Frau in den Westen.
Beim Bundesnachrichtendienst machte er unter dem Deckna-
men »Schneewittchen« weitgehende Aussagen; spätere Ermitt-
lungen gegen ihn verliefen extrem schleppend und endeten mit
Bewährungsstrafen. Ein Schalck, wer Golodkowski dabei denkt.
Schnitzler, Karl-Eduard von (1918–2001), Fernsehkommenta-
tor, nach 1945 zunächst mit britischer Protektion beim NWDR,
dort wegen seiner kommunistischen Gesinnung entlassen,
machte er im Osten und später in der DDR schnell Karriere, zu-
nächst beim Berliner Rundfunk, später beim Fernsehen. Seine
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berüchtigte Sendung Der Schwarze Kanal lief von März 1960
bis 30. Oktober 1989 immer montags nach dem alten Film. Von
Schnitzler stellte Ausschnitte westdeutscher Fernsehpublizistik
in die ihm genehmen Zusammenhänge und kommentierte sie
gehässig. Im Volksmund hieß er Sudel-Ede, was aber, von
Schnitzler zufolge, gar nicht Volksmund, sondern eine Erfindung
des RIAS gewesen sein soll. Wenn dem so war: Bravo, RIAS! Ein
Dresdner Entertainer hat den Chefkommentator einmal mit
dem Bonmot verulkt: »Wenn meine Frau böse mit mir ist, sagt
sie immer Karl-Eduard zu mir«, und, in das Gelächter des Publi-
kums hinein: »Oh, bitte verzeihen Sie diesen Schnitzler!«
Schöbel, Frank (geboren 1942), Schlagersänger und Sterndeu-
ter; erreichte mit »Wie ein Stern in einer Sommernacht« (1971)
eine überdurchschnittliche Publikumsresonanz, bildete zeitwei-
lig mit seiner zeitweiligen Ehefrau Chris Doerk das »Traumpaar
des DDR-Schlagers« – für manche Hörer eher ein traumatisie-
rendes Paar. Zum Kaputtlachen sind heute die Musikfilme, an
denen er mitwirkte: Heißer Sommer (1968), Nicht schummeln,
Liebling (1972).
Schwabe, Willi (1915–1991), Schauspieler und Moderator, von
1949 bis 1990 am Berliner Ensemble; sein eigentlicher Ruhm
gründet sich aber auf die Sendereihe »Rumpelkammer«, die
er seit 1955 moderierte.
Sindermann, Horst (1915–1990), Journalist, Parteifunktionär,
Politiker; begann seine Laufbahn als Parteijournalist in Dresden
und Halle und war von 1963 bis 1971 Erster Sekretär der Be-
zirksleitung Halle. Aus dieser für den Chemiebezirk sehr wichti-
gen Zeit des Aufschwungs stammte sein Ruf, ein Mann zu sein,
mit dem man reden kann. Dieser Ruf und sein Hang zu einer ge-
wissen Liberalität wurden ihm zum Verhängnis, als er für drei
Jahre (1973–1976) Ministerpräsident war. Honecker ließ ihn
ablösen und auf das bedeutungs- und einflusslose Amt des
Volkskammerpräsidenten (Volkskammer) versetzen, in dem
er bis zum November 1989 ausharrte.
Personenlexikon | 75
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Stalin, Josef Wissarionowitsch (1878–1953), kein Bürger der
DDR, aber als Vater der Völker natürlich auch der Vater der
DDR, die ohne seinen persönlichen Segen nicht hätte aus der
Taufe gehoben werden können. Voller Dankbarkeit widmeten
ihm die DDR-Dichterfürsten Erich Weinert, Johannes R. Becher
und Louis Fürnberg Oden und Hymnen, und auf den Parteiver-
sammlungen landauf, landab wurde ihm an jedem Montag am
Präsidiumstisch ein Stuhl frei gehalten, weil doch der Genosse
Stalin ehrenhalber in jedes Präsidium gewählt wurde, und wenn
er denn nun einmal erschienen wäre, hätte er sich landauf, land-
ab zwischen alle Stühle setzen können. Später hatten viele Men-
schen sehr große Erinnerungslücken und konnten sich unter
Stalin gar nichts Rechtes mehr vorstellen. Die Dichter ließen ih-
re Hymnen auf den Vater der Völker fortan ungedruckt, manche
änderten den Text und einer – Louis Fürnberg – dichtete das
Lied »An die Partei« sogar Jahre nach seinem eigenen Tod noch
um. »Wächst« die Partei in der Originalausgabe von 1951 noch
»von Stalin geschweißt«, so gedeiht sie in der Neuauflage von
1961 »von Lenin geschweißt«; Fürnberg starb übrigens 1957,
vier Jahre bevor er sein Gedicht änderte. Stalin – das erweist sich
auch daran – tat eben allerorten und zu allen Zeiten Wunder.
Ulbricht, Walter (1893–1973), sächsi-
scher Dialektsprecher, Parteifunk-
tionär und Vorsitzender des
Staatsrats (1960–1973). Wurde
sofort nach Ende des Zweiten
Weltkriegs mit maßgeblicher Un-
terstützung Moskaus als starker
Mann in der sowjetischen Zone und
späteren DDR etabliert. Ließ 1961
die Mauer bauen. Scheiterte, als er
seine These vom Sozialismus als
relativ selbstständiger Gesell-
schaftsformation in die Tat umset-
zen wollte, am Einspruch Moskaus.
Von Honecker 1971 gestürzt.
76 | Personenlexikon
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Vogel, Wolfgang (geboren 1925), Rechtsanwalt, war als Bevoll-
mächtigter der DDR für humanitäre Fragen tätig. Vogel war seit
1954 in Berlin (DDR) und seit 1957 auch an Westberliner Ge-
richten zugelassen. 1962 fädelte er den ersten Agentenaustausch
auf der Glienicker Brücke ein, bei dem der abgeschossene U2-
Pilot Powers gegen den KGB-Agenten Rudolf Abel ausgetauscht
wurde. Als »Persönlicher Beauftragter des Staatsratsvorsitzen-
den für die Lösung humanitärer Probleme« organisierte er den
Freikauf und die Ausreise politischer Häftlinge (die es nach of-
fizieller Lesart gar nicht gab, aber nach offizieller Lesart hätte es
auch gar keine humanitären Probleme geben dürfen, die eines
Persönlichen Beauftragten bedurften) aus der DDR. Nach dem
Ende der DDR gab es Ermittlungen gegen ihn, Vorwürfe der Er-
pressung und Bereicherung ließen sich vor Gericht nicht halten.
Dass seine Handlungen im weitesten Sinne »undurchsichtig«
waren, lag in der Natur der Sache. In diesem Sinne bekam er
namhafte Unterstützung von Helmut Schmidt und Hans-Die-
trich Genscher.
Witt, Katarina (geboren 1965), Eiskunstläuferin, Schmuckge-
stalterin, Talkshowgast. Das Time-Magazine fand, sie sei »das
schönste Gesicht des Sozialismus«. Und das, nachdem sie bei
den Olympiaden 1984 und 1988 die Amerikanerinnen besiegt
hatte. In der Folge zeigte sie, dass sie amerikanischer sein konn-
te als die Amis und lief bei »Holiday on Ice« show. Keine DDR-
Gedächtnis-Fernsehunterhaltungsshow kommt ohne ihre An-
wesenheit und ihren süß säuselnden Chemnitzer Dialekt aus.
Personenlexikon | 77
DDR_lektoriert.qxd 13.04.2007 12:48 Uhr Seite 77
Sprüche, Kampagnen und Parolen
Altstoffe sind wichtige Rohstoffe
Wenn irgendetwas in der DDR gut organisiert war, dann war es
die Erfassung von Altstoffen. Mit der Losung sollten Altstoffe
dem Stoffkreislauf wieder zugeführt werden – an sich ein ganz
vernünftiger Gedanke. Anscheinend aber lässt er sich, wie ein
Vergleich zwischen der DDR und der Bundesrepublik nahelegt,
nur durchsetzen, wenn akuter Rohstoffmangel herrscht. Leider
wurde später das Wort Altstoffe durch Sekundärrohstoffe er-
setzt; das sind nicht nur drei Silben mehr, das spricht sich auch
schlecht, besonders in Wortverbindungen: Bei einer Altstoff-
sammlung wusste jeder, wozu er gebeten war, was es mit der Se-
kundärrohstoffgewinnung auf sich hat, musste man erst erklären.
Arbeite mit! Plane mit! Regiere mit!
Eine Parole aus der späten Ulbricht-Zeit, die eigentlich ganz
gut klingt, oder? Sie hatte aber einen Haken. Und der Haken war
das kleine Wörtchen »mit«. Arbeite! Plane! Regiere! Das wäre ja
noch schöner. Da könnte ja jeder kommen und regieren wollen.
Und die, die da die Arbeit verteilten, die Wirtschaft und die ge-
samte Gesellschaft durchplanten und das Volk regierten, wären
am Ende überflüssig? Ulbricht bewahre! Durch das »mit« rück-
te alles schön an seinen Platz. Oben die, die regierten, unten die,
die mitregieren durften – als freiwillige Helfer der Volkspoli-
zei, als Hausvertrauensleute oder Parteigruppenorganisato-
ren. Oben die, die planten, unten die, die sich dann darüber Ge-
danken machen durften, wie man die oft lebensfremden Pläne
halbwegs vernünftig in die Praxis umsetzen konnte.
Aus jeder Mark, jeder Stunde Arbeitszeit und jedem Gramm
Material einen höheren Nutzeffekt
Mit dieser Losung eröffneten 1978 die Werktätigen des VEB
Oberlausitzer Textilbetrieb den sozialistischen Wettbewerb zum
30. Jahrestag der DDR. Zunächst verpflichteten sich die Arbeiter
78 | Sprüche, Kampagnen und Parolen
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ganz harmlos, »die Produktion hochwertiger, modischer Textil-
erzeugnisse zur stabilen und bedarfsgerechten Versorgung der
Bevölkerung und für den Export« zu steigern. Dann aber nahm
der Wettbewerb unter dieser Losung den Charakter einer typi-
schen Propaganda-Kampagne an.
Bassow-Methode
Kampagne nach sowjetischem Vorbild, in den Siebzigerjahren
eingeführt. Sie besagte schlicht, dass Ordnung, Sauberkeit und
Sicherheit am Arbeitsplatz die Häufigkeit von Arbeitsunfällen
vermindern können. In den Siebzigerjahren arbeitete faktisch
jedes Kollektiv, das ein Kollektiv der sozialistischen Arbeit
werden (und die entsprechende Prämie abfassen) wollte, nach
der Bassow-Methode. Auch der Zwölf-Quadratmeter-Laden na-
mens Flacon in unserer Nachbarschaft. Allerdings wusste keine
der beiden Parfümverkäuferinnen, worum es sich dabei handel-
te. Später kam das Gerücht auf, selbst der sowjetische Genosse
Juri Bassow, der angebliche Schöpfer dieser Methode, habe nicht
gewusst, worum es sich dabei handelte.
Da Ordnung und Sauberkeit das spontane Überführen von Bau-
material und anderer Bückware aus der sozialistischen Pro-
duktion in die private Konsumtion behinderten, war die Metho-
de bei den Werktätigen nicht sonderlich beliebt. Im sächsischen
Sprachraum wurde sie entsprechend umgedeutet: »Bass off, dass
geener gommt« oder »Bass off, dassdn Feierobnd ni vorbasst«.
Bitterfelder Weg
Parteigesteuerte Kampagne, die angeblich dem besseren gegen-
seitigen Verständnis von Künstlern und Arbeitern dienen sollte.
Den Namen hat die Kampagne von den Bitterfelder Konferenzen
(1959, 1964), ursprünglich Autorenkonferenzen des Mitteldeut-
schen Verlages mit Arbeitern des Chemiekombinats Bitterfeld.
Chemie gibt Brot, Wohlstand, Schönheit
Auf der Chemiekonferenz 1958 ausgegebene Losung. Die Pro-
duktion von Chemiefasern, Kunststofferzeugnissen und chemi-
schen Dünge- und Pflanzenschutzmitteln sollte forciert entwi-
Sprüche, Kampagnen und Parolen | 79
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ckelt werden. Die Losung sollte dem schlechten Ruf (vor allem
dem schlechten Geruch) entgegenwirken, den die Chemie-
industrie bei der Bevölkerung hatte.
Der Sozialismus siegt!
Eine Behauptung, für die die Schöpfer dieser Losung – sie
prangte an allen möglichen und unmöglichen Stellen als Plakat
oder als Leuchtschrift – den Beweis schuldig bleiben mussten.
An Rilke geschulte Schöngeister erwiderten auf diese Losung:
»Wer spricht von Siegen, überstehn ist alles.« In Sachsen sprach
man die Losung breit, aber wahrheitsgetreu so aus: »Drr Sozia-
lismus siecht!«
Die Ostsee soll ein Meer des Friedens werden
Losung anlässlich der Rostocker Ostseewoche 1958. Sie war
propagandistisch gegen die NATO, namentlich aber gegen die
Bundesrepublik gerichtet, der man reflexartig aggressive Ab-
sichten unterstellte. Ferner sollten die nichtpaktgebundenen
Ostsee-Anrainer (Finnland und Schweden) auf die Seite des
»Friedens und des Sozialismus« gezogen werden. Abgesehen da-
von, dass man sich für die Ostsee nichts Besseres wünschen
konnte als Frieden, erzielte die Losung immer dann komische
Wirkungen, wenn sie völlig zusammenhangslos in völlig küs-
tenfernen Situationen gebraucht wurde: Ging es in einem Büro
drunter und drüber, glättete vielleicht einer die Wogen mit dem
Spruch: »Aus all dem muss ein Meer des Friedens werden.« Reg-
te sich ein Meister über die Ausschussproduktion auf, erwider-
te der Arbeiter, so er Sinn für Unsinn hatte: »Die Werkbank soll
ein Meer des ...«
Greif zur Feder, Kumpel, die sozialistische deutsche National-
kultur braucht dich!
Auf Veranlassung Walter Ulbrichts ins Leben gerufene Kam-
pagne zur Förderung des künstlerischen Volksschaffens. Sie fand
ihren Ausdruck in zahlreichen Zirkeln schreibender Arbeiter,
und zwar im Schreiben von Betriebschroniken und Brigadetage-
büchern. Die SED erhoffte sich von dieser Bewegung schriftstel-
80 | Sprüche, Kampagnen und Parolen
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lerischen Nachwuchs, der ihren Vorstellungen von Klassen und
Schichten in der DDR entsprach. Die Kampagne erreichte ihr
Ziel nicht.
Freitag ab eins macht jeder seins
In der DDR galt, bei einer Fünftagearbeitswoche, eine wöchent-
liche Arbeitszeit von 43 Stunden und 45 Minuten. Schichtarbei-
ter und nach und nach weitere Beschäftigte kamen in den Ge-
nuss der 40-Stunden-Woche. Die tägliche Büroarbeitszeit dau-
erte offiziell bis 16 Uhr 45. Offiziell auch am Freitag. Aber am
Freitag war mancherorts manches anders. Am Freitag waren Be-
sorgungen zu machen, war für das Wochenende einzukaufen,
waren Schuhe zur Reparatur oder Mäntel zur Reinigung zu
bringen. Das schaffte man nicht mehr vom Büroschluss bis zum
Ladenschluss, der in Berlin um 19 Uhr war, im größten Teil des
Landes aber bereits um 18 Uhr. Also gingen die Werktätigen von
sich aus zur 40-Stunden-Woche über und verschwanden frei-
tags, sobald es irgendwie möglich war. Freitags ab eins macht je-
der seins ist außerdem ein trefflicher Ausdruck für den Vorrang
des Privaten vor dem Gesellschaftlichen. Der Spruch hat längst
gesamtdeutsche Dimensionen, und es ist nicht mehr klar auszu-
machen, ob er eher im Westen oder eher im Osten in Umlauf
kam. Heute wird er ergänzt durch den Zusatz: Freitag ab zehn
soll’s auch schon gehn.
Ich leiste was – ich leiste mir was
Losung aus den Siebzigerjahren. Sie war, wegen des unverhohlen
ausgesprochenen Konsumgedankens, auch in der SED zunächst
umstritten. Sie wurde dann doch auf Plakate gedruckt, und zwar
im Zusammenhang mit einem noch viel schlimmeren Spruch,
der dem Anschein nach direkt aus der Hausväterliteratur des 18.
Jahrhunderts herangekrochen kam: »Fleiß ist des Glückes Vater:
Ich leiste was – ich leiste mir was.« Unfassbar, bis heute unfassbar.
Jeder jeden Tag mit guter Bilanz
Losung, die die Initiativen »aus Anlass und zu Ehren« des X. Par-
teitags der SED 1981 bündeln sollte.
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Jeder liefert jedem Qualität
Wettbewerbslosung von 1977; Erika Steinführer, Wicklerin im
VEB Berliner Glühlampenwerk NARVA, war auserkoren wor-
den als Urheberin der Aufforderung »Jeder liefert jedem Quali-
tät – ein Anspruch an uns alle« aufzutreten. In der Folge wurde
Frau Steinführer von Erich Honecker zum Empfang anläss-
lich des Nationalfeiertags eingeladen und von Akademiemit-
glied Walter Womacka in Öl gemalt.
Jeder Mann an jedem Ort, einmal in der Woche Sport
Vo n Walter Ulbricht, der sich gern als Sportsmann – auf
Skiern und beim Volleyball – präsentierte, sehr geschätzte und
angeblich 1958 von ihm selbst ausgegebene Losung. Wurde spä-
ter modifiziert in »... mehrmals in der Woche Sport«.
Junkerland in Bauernhand
Unter dieser Losung startete im Herbst 1945 die größte Enteig-
nungskampagne der deutschen Agrargeschichte.
Klug gespart ist Arbeiterart
Losung vom Dezember 1977. Der Porzellangießer H. Steinbach
aus dem VEB Vereinigte Porzellanwerke Kahla musste als Autor
dieser Losung herhalten. Mit ihr wurde dazu aufgerufen, täglich
ein Prozent Material- und Energiekosten einzusparen.
Max braucht Wasser
Unter dieser Losung entfaltete die FDJ 1948 eine Initiative
zum Bau einer Wasserleitung für die Maxhütte Unterwellen-
born – es entstand eines der bekanntesten Jugendobjekte in der
DDR; die Wasserleitung konnte am 1. April 1949 in Betrieb ge-
nommen werden.
Mein Arbeitsplatz – ein Kampfplatz für den Frieden
Da immer irgendwie um irgendetwas gekämpft werden musste,
damit einen die Funktionäre in Ruhe arbeiten ließen, stellten die
Verkäuferinnen kleine rote Mini-Transparente mit dieser Lo-
sung ins Schaufenster. Die Losung wurde besonders in der Zeit
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des NATO-Doppelbeschlusses gepflegt und sollte wohl eher
Kampfbereitschaft als Friedensbereitschaft fördern.
Meine Hand für mein Produkt
Diese Losung wurde in den Zusammenhang zum Parteiabzei-
chen der SED gestellt; die beiden symbolischen Hände wurden
zu abgehackten Händen umgedeutet, weil jemand die Losung
allzu wörtlich genommen hatte. Eine etwas makabre, aber
durchaus verständliche Deutung, denn die Probleme mit der
Produktqualität waren während der gesamten Existenz der DDR
Diskussionsstoff.
Nimm ein Ei mehr!
Aus den Sechzigerjahren. Kam immer dann auf, wenn es eine
Überproduktion an Eiern gab oder die Qualität der Kühlhausei-
er so miserabel war, dass das Kaufinteresse deutlich nachließ. Die
Frage des Cholesterinspiegels spielte damals noch keine Rolle.
Privat geht vor Katastrophe
Reaktion der DDR-Bürger auf das ständige Bombardement mit
Aufrufen, Initiativen und Kampagnen. Der »Rückzug aufs Pri-
vate«, von Ost- wie Westlinken naserümpfend kritisiert, war vor
allem das Insistieren auf dem Recht, einen privaten Raum zu be-
haupten. Aus der Gesinnung, die hinter diesem Spruch steckte,
sprach also weniger ein Rückzug als ein Angriff – ein Angriff,
der sich in Verweigerung äußerte –, der der politischen Ideolo-
gie des real existierenden Sozialismus an die Wurzel ging. So
wurde diese Haltung vom Staat und seinen Funktionären auch
verstanden.
Robotron schlägt IBM
Slogan aus den späten Sechzigerjahren. Es ist nicht mehr zu er-
mitteln, wer so geistesschwach gewesen war, ihn in Verkehr zu
bringen. Und im Himmel ist Jahrmarkt. Der legendäre robotron
r 300 mag für DDR-Verhältnisse ein erfreuliches und brauchba-
res Instrument gewesen sein; zu IBM verhielt sich das Kombi-
nat Robotron aber wie ein Hansa-Keks zu einer Sachertorte.
Sprüche, Kampagnen und Parolen | 83
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Schöner unsere Städte und Gemeinden. Mach mit!
Masseninitiative in der Nachfolge des Nationalen Aufbauwerks
(NAW), mit der seit den Siebzigerjahren zur Verschönerung
öffentlicher Anlagen, der Wohnumgebung und des Ortsbildes
aufgerufen wurde.
So wie wir heute arbeiten, werden wir morgen leben
Losung aus der Nachkriegs- und Aufbauzeit, die im November
1953 eingeführt wurde, um die Wettbewerbsbewegung in den so-
zialistischen Betrieben, die man nach dem 17. Juni eingestellt hat-
te, kurzfristig wieder anzukurbeln. Die Urheberschaft an dieser
Losung schrieb die SED-Propaganda einer Lausitzer Weberin mit
dem bemerkenswerten Namen Frieda Hockauf zu. Wie rea-
gierten die Arbeiter, wenn ihnen Stoßbrigaden und Normbrecher
vor die Nase gesetzt wurden, um den »Sozialistischen Wettbe-
werb« anzuheizen? »Bleib ruhig, Kalle, und setz dir erst mal. Und
merk dir: Wie die heute arbeiten, werden wir morgen leben.«
Sozialistisch arbeiten, lernen und leben
Diese 1959 entstandene Losung blieb der Leitsatz für den Wett-
bewerb um den Titel »Kollektiv der sozialistischen Arbeit«. Sie
wurde auch auf der Verleihungsurkunde abgedruckt. Zuerst
nachweisbar, als die Jugendkomplexbrigade »Nikolai Mamai«
des VEB Elektrochemisches Kombinat Bitterfeld am 3. Januar
1959 beschloss, um den Titel »Brigade der sozialistischen Ar-
beit« zu kämpfen.
Stürmt die Höhen der Kultur!
Losung, die auf eine Forderung Walter Ulbrichts auf dem
V. Parteitag der SED zurückging. Wörtlich führte Ulbrich aus:
»In Staat und Wirtschaft ist die Arbeiterklasse bereits der Herr.
Jetzt muss sie auch die Höhen der Kultur stürmen und von ihnen
Besitz ergreifen.« Offenbar musste die Kultur wohl der Arbeiter-
klasse besonders hartnäckigen Widerstand entgegengesetzt ha-
ben; auf dem Parteitag wurden ihre Höhen sturmreif geschossen
und zum Sturm geblasen. Anders als kriegerisch und in Form
blutiger Gemetzel konnten sich die Klassenkampfneurotiker an
84 | Sprüche, Kampagnen und Parolen
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der Spitze der Parteihierarchie den Fortschritt gar nicht mehr
vorstellen. Auch der Arbeiterklasse ging es gehörig auf den Zei-
ger, ständig zum Sturm auf irgendetwas gerufen zu werden. Die
Leidtragenden waren die Künstler und »Kulturschaffenden«.
Überholen ohne einzuholen
Parole aus den späten Sechzigerjahren. Aber wie sollte das ge-
hen? Gemeint war ungefähr Folgendes: Wenn der Klassenfeind
im sterbenden faulenden parasitären (man muss das wie ein
Wort aussprechen) Kapitalismus einen technologischen Vor-
sprung vor dem Sozialismus hat, soll man nicht versuchen,
ihn einzuholen, weil man das sowieso nicht schafft (richtig!),
sondern eine Abkürzung nehmen (wie bitte?), einen anderen
Weg finden, den der Kapitalismus nicht kennt, noch besser ei-
nen, den er nicht betreten kann, damit er nicht auf die Idee
kommt, den vorauseilenden Sozialismus einzuholen. Auf die-
sem gedanklichen Mist wuchsen kürbisgroße Erkenntnisse wie
die des sowjetischen Polit-Ökonomen Pokrytan, der Kapitalis-
mus könne, weil er an das Marx’sche Wertgesetz gebunden sei,
die komplexe Automatisierung nicht verwirklichen. Leider
konnte man den sterbenden faulenden parasitären Kapitalismus
nicht davon überzeugen, sich daran zu halten. Der kampagnen-
geplagte Sozialist verballhornte die Losung folgerichtig zu
»Überstürzen ohne einzustürzen«.
Wählt die Kandidaten der Nationalen Front
Ja, welche denn sonst?
Weniger produzieren mehr
Mit dieser Losung von 1978 ist die viel genannte Schwedter Ini-
tiative verknüpft. Acht Schichtkollektive (Kollektiv) der Sal-
peter- und Kalkammonsalpeterproduktion der Schwedter Dün-
gemittelfabrik des VEB Petrolchemisches Kombinat Schwedt
werden als Urheber dieser Initiative genannt. 2400 Arbeitskräfte
sollten freigesetzt und für andere Aufgaben vorbereitet werden.
Mit dieser Kampagne hoffte die DDR-Führung, den Arbeits-
kräftemangel in den Griff zu bekommen.
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Die elf unverschämtesten Sätze von
DDR-Funktionären
Viele Äußerungen einst führender DDR-Politiker bewarben sich
um Aufnahme in diese Sammlung. Es fiel schwer zu entschei-
den, welche Sätze ausgewählt werden sollten. Aufgenommen
wurden schließlich die Äußerungen mit der größten Verlogen-
heit und dem höchsten Peinlichkeitsfaktor.
Wilhelm Pieck am 16. Dezember 1949 zum 70. Geburtstag Stalins:
»Stalin ist der Lenin von heute. Wie Lenin die russischen Arbei-
ter und Bauern zum Sieg über die Herrschaft des Zarismus führ-
te, so führt Stalin die ganze unterdrückte Menschheit zum Sieg
über die finsteren Kräfte des Krieges und der Reaktion.«
Otto Grotewohl am 20. März 1953 vor der Volkskammer:
»Das deutsche Volk betrachtet die schmutzigen Machenschaften
der Bonner Landesverräter mit tiefer Verachtung und steigen-
dem Kampfeswillen, weil die westdeutsche Bundesrepublik
durch die Adenauer-Politik ein Hort des deutschen Militaris-
mus und Faschismus und der revanchelüsternen deutschen Mo-
nopolherren geworden ist.«
Walter Ulbricht am 27. Mai 1953 zu Angehörigen der Intelligenz:
»In der Deutschen Demokratischen Republik sind alle Bedin-
gungen für eine wirklich freundschaftliche Zusammenarbeit der
Arbeiterklasse mit der Intelligenz gegeben: Ein gesichertes Le-
ben der Angehörigen der Intelligenz und ihr ungehindertes
Schaffen wird gewährleistet, damit sie große wissenschaftliche
Leistungen vollbringen können.«
Otto Grotewohl am 18. September 1958 auf der 2. Tagung des
Zentralkomitees der SED über Wahlen in der DDR:
»Unsere Wahlen sind wahrhaft demokratische Wahlen, weil die
ökonomische Ordnung der Deutschen Demokratischen Repu-
blik eine wahrhaft demokratische Ordnung ist, weil das Volk die
Herrschaft unmittelbar ausübt.«
86 | Sprüche, Kampagnen und Parolen
DDR_lektoriert.qxd 13.04.2007 12:48 Uhr Seite 86
Karl-Eduard von Schnitzler am 21. März 1960 anlässlich der
ersten Sendung des Schwarzen Kanals:
»Der Schwarze Kanal, den wir meinen, meine lieben Damen und
Herren, führt Unflat und Abwässer; aber statt auf Rieselfelder zu
fließen, wie es eigentlich sein müsste, ergießt er sich Tag für Tag
in Hunderttausende westdeutsche und Westberliner Haushalte.
Es ist der Kanal, auf dem das westdeutsche Fernsehen sein Pro-
gramm ausstrahlt: der Schwarze Kanal. Und ihm werden wir uns
von heute an jeden Montag zu dieser Stunde widmen, als Klär-
anlage gewissermaßen.«
Walter Ulbricht am 15. Juni 1961 auf die Frage einer westdeut-
schen Journalistin, ob er meine, dass am Brandenburger Tor eine
Staatsgrenze verlaufen solle:
»Ich verstehe Ihre Frage so, dass es in Westdeutschland Men-
schen gibt, die wünschen, dass wir die Bauarbeiter der Haupt-
stadt der DDR dazu mobilisieren, eine Mauer aufzurichten. Mir
ist nicht bekannt, dass eine solche Absicht besteht. Die Bauar-
beiter unserer Hauptstadt beschäftigen sich hauptsächlich mit
Wohnungsbau, und ihre Arbeitskraft wird dafür voll eingesetzt.
Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten!«
Walter Ulbricht am 18. August 1961 in einer Fernsehansprache
zu den Folgen des Mauerbaus:
»Es wird nun noch eine Weile in der Hauptstadt der Deutschen
Demokratischen Republik und ihrer näheren Umgebung Leute
geben, die sich durch den Westberliner Frontstadtsumpf haben
beeinflussen lassen – und sprechen wir es ganz offen aus: haben
verderben lassen. Manche Jugendliche haben die ehrliche Arbeit
verlernt. Manche Leute haben seit Jahren keine ehrliche Arbeit
mehr angefasst. Diesen Menschen muss man helfen, wieder ehr-
lich zu werden und sich an geregelte Arbeit zu gewöhnen.«
Erich Honecker am 12. Juni 1986 auf der 2. Tagung des ZK:
»In unserer Deutschen Demokratischen Republik ist ein für alle
Mal der für alle Ausbeuterordnungen typische Gegensatz zwi-
schen Staat und Bürger beseitigt.«
Die elf unverschämtesten Sätze | 87
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Erich Honecker am 19. Juni 1986 gegenüber schwedischen
Journalisten zur radioaktiven Kontamination nach dem
Reaktorunfall in Tschernobyl:
»Wir hatten rund um die Uhr die Messwerte kontrolliert, um
Schäden festzustellen, aber es gab keine Gefahren. Unser Gemü-
se und Salat konnte verkauft werden, und das wird ja immer ge-
waschen. Gemüse und Salat müssen gut gewaschen werden. Zu
Hause waren wir sechs Kinder, und unsere Mutter hat immer
den Salat gewaschen.«
Kurt Hager 1987 in einem Stern-Interview zu Glasnost und
Perestroika in der UdSSR:
»Würden Sie, wenn Ihr Nachbar seine Wohnung neu tapeziert,
sich verpflichtet fühlen, Ihre Wohnung ebenfalls neu zu tapezie-
ren?«
Erich Honecker am 9. Oktober 1987 vor belgischen Journalisten
über Pressefreiheit in der DDR:
»Freiheit der Meinungsäußerung und der Presse sind verfas-
sungsmäßig garantiert und als elementare Menschenrechte an-
erkannt. Wir erachten die Mannigfaltigkeit der Meinungen und
Ideen, eine rege geistige Kommunikation sowohl in unseren ei-
genen Reihen als auch mit Andersdenkenden als lebensnotwen-
dig, weil nur so alle Potenzen unseres Volkes freigesetzt und er-
schlossen werden können.«
Ende 1986 bereiste Erich Honecker die Mongolei, China
und Nordkorea. Was hat er dort gelernt?
In der Mongolei, dass ein Volk durchaus auch in Zelten
und Jurten leben kann, in China, dass man die Mauer
noch viel höher bauen kann, und in Nordkorea, wie
man den Staatschef mit einer goldenen Kolossalstatue
angemessen ehrt.
88 | Sprüche, Kampagnen und Parolen
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Die sozialistische Moral
Der sozialistische Moralkodex, der für den »neuen Menschen«,
wie er der SED vorschwebte, verbindlich sein sollte, wurde von
Walter Ulbricht auf dem V. Parteitag der SED 1958 verkündet.
Das moralische Gesicht des sozialistischen Menschen, der sich im
edlen Kampf um den Sieg des Sozialismus entwickelt, wird be-
stimmt durch die Einhaltung der grundlegenden Moralgesetze:
01. Du sollst Dich stets für die internationale Solidarität
der Arbeiterklasse und aller Werktätigen sowie für die
unverbrüchliche Verbundenheit aller sozialistischen
Länder einsetzen.
02. Du sollst Dein Vaterland lieben und stets bereit sein,
Deine ganze Kraft und Fähigkeit für die Verteidigung
der Arbeiter-und-Bauern-Macht einzusetzen.
03. Du sollst helfen, die Ausbeutung des Menschen durch
den Menschen zu beseitigen.
04. Du sollst gute Taten für den Sozialismus vollbringen,
denn der Sozialismus führt zu einem besseren Leben
für alle Werktätigen.
05. Du sollst beim Aufbau des Sozialismus im Geiste der
gegenseitigen Hilfe und der kameradschaftlichen
Zusammenarbeit handeln, das Kollektiv achten und
seine Kritik beherzigen.
06. Du sollst das Volkseigentum schützen und mehren.
07. Du sollst stets nach Verbesserungen Deiner Leistungen
streben, sparsam sein und die sozialistische Arbeits-
disziplin festigen.
08. Du sollst Deine Kinder im Geiste des Friedens und des
Sozialismus zu allseitig gebildeten, charakterfesten und
körperlich gestählten Menschen erziehen.
09. Du sollst sauber und anständig leben und Deine
Familie achten.
10. Du sollst Solidarität mit den um ihre nationale
Befreiung kämpfenden Völkern üben.
Die sozialistische Moral | 89
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Früh wurde sozialistisches Verhalten eingeübt. Schon die Jung-
pioniere (Pioniere) bekamen, wenn sie am 13. Dezember ih-
res ersten Schuljahres in die Pionierorganisation aufgenom-
men wurden, auf ihrer Mitgliedskarte die folgenden zehn Ge-
bote mit; sie wurden im Laufe der Jahre mehrfach geringfügig
ergänzt.
Die Gebote der Jungpioniere (Fassung von 1962)
Wir Jungpioniere lieben unsere Deutsche Demokra-
tische Republik.
Wir Jungpioniere helfen mit, den Frieden zu schützen.
Wir Jungpioniere lieben unsere Eltern.
Wir Jungpioniere halten Freundschaft mit den Kindern
aller Länder.
Wir Jungpioniere lernen immer fleißig, treiben Sport
und halten unseren Körper sauber.
Wir Jungpioniere sagen die Wahrheit.
Wir Jungpioniere helfen überall tüchtig mit.
Wir Jungpioniere sind gute Freunde und helfen
einander.
Wir Jungpioniere singen und tanzen und spielen gern.
Wir Jungpioniere tragen mit Stolz unser blaues
Halstuch.
90 | Sprüche, Kampagnen und Parolen
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Das Land, die Leute, das Leben
War alles grau in grau? Liefen alle Muddis in Kittelschürzen
herum? Waren alle in der SED? War die Wirtschaft marode? Gibt
es irgendein Vorurteil, das bislang noch nicht bedient wurde?
Grau war eine vorherrschende Farbe in der DDR, das fiel auf im
Vergleich mit dem Westen, wo zwar nicht alles bunt, aber man-
ches weiß war. Kittelschürzen waren ein beliebtes Kleidungs-
stück (und sind es noch heute); sie passten zu einer arbeitsdo-
minierten Lebensweise und waren ungeheuer praktisch. Die
SED hatte vor dem Zusammenbruch des Systems über 2,3 Mil-
lionen Mitglieder. Sie war darum aber kein Sammelbecken der
Karrieristen – die gab es auch, und die liefen als Erste mit lautem
Wehgeschrei aus der Partei wieder fort –, wie die Übelmeinen-
den glaubten, denn wie hätten solche Karrieren von rund einem
Viertel der erwerbstätigen Bevölkerung aussehen sollen? Sie war
auch kein »Kampfbund der Arbeiterklasse« keine »Avantgarde«,
keine Armee »aktiver Kämpfer an der ideologischen Front« und
was sonst noch an propagandistischem Zinnober von den füh-
renden Funktionären über sie verbreitet wurde. Das bewies ihr
stilles Dahinscheiden in den Herbsttagen 1989. Sie war eher so
etwas wie eine »staatstragende Vereinigung«. Partei und Staat
waren so eng miteinander verflochten, dass das Schicksal des ei-
nen besiegelt war, wenn der andere unterging – und umgekehrt.
Das Land der knappen Ressourcen
In der DDR gab es von allem – na ja, von fast allem – zu wenig.
Und das Wenige wurde auf sagenhafte Weise verschwendet. Der
Satz, mit dem jeder Dederoni den Mitleidbonus einzufahren
trachtet, lautet (ausgesprochen in sächsischer Mundart): »Mir
hadden ja nüschd.«
Knapp waren Rohstoffe, Energie und Arbeitskräfte, Wohnraum,
Ferienplätze und Konsumgüter und noch vieles andere mehr,
Das Land der knappen Ressourcen | 91
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was sich gar nicht im Einzelnen aufzählen lässt. Es gab buchstäb-
lich nichts – na ja, fast nichts –, was es nicht irgendwann einmal
nicht gab. In der Frühzeit der Republik konnte man Anlauf-
schwierigkeiten und den bösartigen aggressiven Klassenfeind
dafür verantwortlich machen. Im Herbst 1952 erklärte Minis-
terpräsident Otto Grotewohl beschwörend: »Die Klagen über
die Versorgung mit Zucker kommen im Wesentlichen einerseits
daher, dass Zucker heute eine der beliebtesten Schieber- und
Spekulationswaren ist und dass andererseits Zucker wegen sei-
nes hohen Nährwertes ein beliebtes Ausweichmittel gegen Fett
ist. Ein Zuckermangel ist bei uns nicht vorhanden ... Die Zu-
ckerversorgung für unsere Bevölkerung ist völlig gesichert. Zu-
cker und Süßigkeiten wird es zu Weihnachen geben. Es besteht
keinerlei Grund zur Beunruhigung.« Dieses Muster sollte sich
später immer mal wiederholen. Der Effekt war meistens: Sagte
die Regierung, es bestehe kein Grund zur Beunruhigung, schrill-
ten beim Volk alle Alarmglocken.
Den Erklärungen, es gebe von allem genug, folgten Erklärungen,
warum das, wovon es genug gab, nicht ausgereicht hatte. Gab es
zum Bespiel genug Babybekleidung, die indes in den Geschäften
nicht zu haben war, folgte als Erklärung allen Ernstes, mehr Ba-
bys als geplant seien im letzten Jahr geboren worden. Und merk-
würdigerweise wurden immer genau im Hochsommer, wenn
der Durst am größten war, die Abfüllanlagen der Getränkekom-
binate (Kombinat) rekonstruiert. Und die Anlagen, die gerade
nicht rekonstruiert wurden, erlitten pünktlich zum Ferienbe-
ginn im Juli die schwersten und nur langfristig behebbaren Ha-
varien. Jedenfalls wurde dem durstenden DDR-Bürger Jahr für
Jahr das Ausbleiben ausreichender Getränkemengen in den
Kaufhallen so erklärt.
Den Erklärungen folgte der Aufruf zum Sparen. Sparen sollten
92 | Das Land, die Leute, das Leben
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wir mit jedem Gramm Material, jeder Stunde Arbeitszeit und je-
der Kilowattstunde Energie. Mit dem Aufruf allein war es nicht
getan; die Verwaltung wurde in Bewegung gesetzt, um die Ein-
sparung in geregelte Bahnen zu überführen. Und da man der
Verwaltung allein nicht trauen darf (wie richtig, wie richtig! Das
gilt – systemübergreifend – noch immer!), setzten sich gleich
noch die politischen Organisationen in Marsch. Zum Beispiel
die FDJ an den Hochschulen. Da sollte auch Arbeitszeit einge-
spart werden, weil ja überall Arbeitszeit eingespart werden soll-
te. Wie sollte das gehen? Der FDJ-Sekretär der Hochschule hat-
te das entsprechende Formular einfach weggeschmissen, weil er
es für komplett blödsinnig hielt. Aber so ging das natürlich
nicht! Der junge Mann wurde umgehend zu einer Anleitung in
die Bezirksleitung bestellt, wo sich folgender Dialog zur Frage
der Arbeitszeiteinsparung entspann:
Hochschulsekretär: »Wie soll ich denn an einer Hochschu-
le Arbeitszeit einsparen? Soll ich die Vorlesungszeiten ver-
kürzen lassen?«
Bezirkssekretär: »Sieh es doch mal anders. Ihr habt doch
bestimmt keine Reinigungskräfte ...«
Hochschulsekretär: »Aber natürlich haben wir keine Reini-
gungskräfte, hatten wir noch nie, soweit ich mich erinne-
re.«
Bezirkssekretär: »So, so. Und wer macht bei euch die Semi-
narräume sauber?«
Hochschulsekretär: »Das machen die Studenten selber. Da
gibt es seit Jahren einen Reinigungsplan und eine Vereinba-
rung mit dem Direktor für Studienangelegenheiten.«
Bezirkssekretär: »Siehste: Da habt ihr also Reinigungskräf-
te eingespart.«
Hochschulsekretär: »Aber wir hatten doch nie ...«
Bezirkssekretär: »Wie lange dauert denn die Reinigung ei-
nes Seminarraums?«
Hochschulsekretär: »Halbe Stunde.«
Bezirkssekretär: »Runden wir auf: eine Stunde. Nimmste
Das Land der knappen Ressourcen | 93
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jetzt einfach die Zahl der Seminargruppen, haste die Zahl
der eingesparten Stunden Arbeitszeit.«
Hochschulsekretär: »Aber wir haben doch gar keine ... ich
meine, nie ... das ist doch Schwindel.«
Bezirkssekretär: »Also ich muss doch bitten! Putzen eure
Studenten die Seminarräume?«
Hochschulsekretär: »Ja, aber ...«
Bezirkssekretär: »Erspart euch die Vereinbarung mit dem
Direktor für Studienangelegenheiten die Arbeitskraft von,
sagen wir, zwei Reinigungskräften?«
Hochschulsekretär: »Schon, aber ...«
Bezirkssekretär: »Kein Aber! Schreib’s hin. Wir melden’s
weiter, und ihr habt die Auflagen erfüllt.«
Auf diese oder ähnliche Weise kamen landesweit und in allen
Branchen die seltsamen Statistiken zustande, die allwöchentlich
zur Volksbelustigung beitrugen, jene Mitteilungen im Neuen
Deutschland über die Steigerung der Arbeitsproduktivität, ver-
bunden mit der Einsparung an Material und Arbeitszeit.
Sparen, sparen, nochmals sparen – koste es, was es wolle! Nach
diesem Motto schienen die Kampagnen der Material- und Ener-
gieökonomie alle zu laufen. Doch allen Sparaufrufen zum Trotz
wurde verschwendet, was das Zeug hielt. Wo funktionierende
Thermostate nicht zu haben waren, regulierte man die Raum-
temperatur mit dem Fensterflügel. Energiewirtschaftlich kata-
strophal – aber wie denn anders? Wenn das Benzinkontingent
für den Kleintransporter Marke Barkas aufgebraucht war, wur-
den die vier Personen, die sonst im Barkas fuhren, mit einem
Ikarus-Bus transportiert. Der war zwar für 50 Personen zugelas-
sen, aber er fuhr mit Diesel, und das Diesel-Kontingent war
noch nicht erschöpft. Klar war das Verschwendung, aber wie
sollte es anders gehen?
Einen der letzten Inlandflüge der Interflug nutzte eine Mitarbei-
terin des VEB Deutsche Schallplatten, um im August 1978 ei-
nen brandeiligen Coverentwurf für eine Schallplattentasche von
der Zentrale in Berlin in die Druckerei nach Gotha zu bringen.
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Die AN-24 der Interflug hatte 52 Sitzplätze. Die junge Frau flog
allein in Begleitung zweier Stewardessen mit den Druckunterla-
gen im Handgepäck von Berlin nach Erfurt, dort wartete ein
Wagen, der sie nach Gotha brachte. Der Rückweg erfolgte nach
dem gleichen Prozedere. Und das alles nur, weil Sigmund Jähn
gerade der erste Deutsche im All war und eine Sonderprodukti-
on zu diesem Anlass keinen Aufschub duldete.
Politik hatte immer Vorrang und schob ökonomische Erwägun-
gen beiseite. Sogar den geheiligten Plan, wenn es sein musste.
Das hatte Methode, aber es blieb dennoch Wahnsinn.
Das Leben nach Plan
Das Dilemma eines Wirtschaftssystems, das der Wirklichkeit
mit Plänen beikommen will, lässt sich in dem Satz des verirrten
Wanderers zusammenfassen, der mitten im Wald von seiner
Karte aufschaut und sagt: »Die Karte ist auf jeden Fall richtig;
die Gegend muss falsch sein.«
Die Planwirtschaft begegnete uns nicht erst in der Wirtschaft,
der Plan umgab uns von Anfang an. Ich will nicht behaupten,
dass die DDR tatsächlich das Land mit den meisten Plänen war,
aber sie hätte verdient, es zu sein.
Dass Schüler einen Stundenplan haben, ist an sich nichts Unge-
wöhnliches. Auch dass sie angehalten werden, diesem Stunden-
plan pünktlich zu folgen, unterscheidet sie noch nicht von Schü-
lern in der Bundesrepublik heute. Aber dass der Schüler den
Stundenplan nicht einmal dann abschütteln konnte, wenn er die
Schule verließ und eine Hochschule oder Universität bezog,
wirkt nicht nur heute befremdlich. Das war es damals schon.
Und wurde knurrend oder schulterzuckend hingenommen. Ge-
handhabt wurden die Studien-Stundenpläne durchaus restrik-
tiv. Zweimaliges unentschuldigtes Fehlen in den Fächern des
»marxistisch-leninistischen Grundlagenstudiums« zog unange-
nehme Fragen nach sich. Und unangenehme Fragen dieser Art
beantwortete man besser nicht allzu offenherzig, wollte man sei-
nen Hochschulabschluss nicht gefährden. Hielt zur gleichen Zeit
Das Leben nach Plan | 95
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ein Professor eine spannende Vorlesung, während das Fach »Po-
litische Ökonomie« auf dem eigenen Stundenplan stand, hatte
man denkbar schlechte Karten.
Aber nicht nur nach der Schule schlug der Plan zu. Auch vor der
Schule griff er schon nach den Kleinsten. Zum Beispiel in den
Kinderkrippen. Man mag ja für oder gegen diese Kindereinrich-
tungen votieren. Es gab sie, und Hunderttausende Kinder durch-
liefen sie, und Hunderttausende Elternpaare und Alleinerzie-
hende waren dankbar, dass es sie gab. Aber ob wirklich alles nach
so strengen Plänen verlaufen musste? Der »Tagesablaufplan
2. Lebensjahr« ist jedenfalls authentisch und unbearbeitet:
Tagesablaufplan 2. Lebensjahr
06:00–7:300 Annahme der Kinder
07:30–7:500 Frühstück
07:50–8:050 Ausziehen, Topfen
08:05–9:350 Schlaf
09:35–9:50 0Anziehen, Topfen
09:50–10:00 Beschäftigung
10:00–10:25 Spiel
10:25–10:40 Anziehen
10:40–11:40 Freiluftaufenthalt
11:40–11:55 Ausziehen
11:55–12:15 Mittagessen
12:15–12:30 Ausziehen, Topfen
12:30–14:30 Schlaf
14:30–14:45 Anziehen, Topfen
14:45–15:05 Vesper
15:05–18:00 Spiel im Freien oder Gruppenraum
bis 18:00 Abholen der Kinder
Planvoll ging es vor allem in den Betrieben zu. Und das nicht
nur in der Produktion (wobei die Produktionspläne ein Kapitel
für sich verdient hätten). Wer etwas werden wollte, wurde flugs
zum Objekt eines Kaderentwicklungsplans (Kader). Einen
Kultur- und Bildungsplan gab es und einen Plan Wissenschaft
und Technik. Aber über allem stand der Plan. So stand es jeden-
96 | Das Land, die Leute, das Leben
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falls im Plan. Der Plan hatte nämlich das Problem, dass er aus
vielen Einzelplänen auf unterschiedlichen Strukturebenen be-
stand. »So gab es zu keinem Zeitpunkt eine Übereinstimmung
zwischen den zentralen Plangrößen und der Summe der Be-
triebspläne«, schildert ein Wirtschaftsfunktionär aus Mittags
Umgebung die Situation. »Auch die im Plan quantifizierten In-
teressen von Zentrale und Bezirken waren nicht in Deckung zu
bringen. Die Planwirtschaft beherrschte das Wechselverhältnis
zwischen quantitativen und qualitativen Faktoren nicht.« Am
schlimmsten war es, wenn die Zahlungsunfähigkeit der DDR
vor der Tür stand; dann mussten Devisen aufgetrieben werden.
Was sich irgendwie versilbern ließ, floss in den Westen, auch
wenn damit Warenproduktion (eine heilige Kuh unter den Plan-
positionen) verloren ging. Die Autorität des Plans, der schon bei
seiner Aufstellung utopisch war und folglich, um überhaupt er-
füllt werden zu können, nach unten korrigiert wurde, litt darun-
ter noch mehr.
Wenn nichts mehr ging, rief die Partei danach, Reserven zu mo-
bilisieren. Das klingt, wie es sich für eine Kommandowirtschaft
gehört, sehr militärisch. Nur versteht das Militär unter Reserven
etwas vollkommen anderes, als die Wirtschaftsfunktionäre aus
dem Dunstkreis Günter Mittags darunter verstanden. Für das
Militär sind Reserven verfügbare frische Kräfte, Material und
Mannschaften, die bei entsprechender Notwendigkeit an einem
Schwerpunkt eingesetzt werden und oft die Entscheidung brin-
gen können; Reserven sind also das, was man in der Hinterhand
hat. Für Mittag und die Seinen waren Reserven etwas, was man
nicht hatte, etwas, das aus dem Nichts erschaffen werden muss-
te. Maschinen, die länger liefen (obwohl es keinen Treibstoff für
sie gab), Mitarbeiter, die intensiver arbeiteten (obwohl es an Ma-
terial fehlte, mit dem sie hätten arbeiten können), Anlagen, die
weit über ihre normative Nutzungsdauer hinaus betrieben wur-
den (obwohl ihnen dringend benötigte Ersatzteile fehlten). Wie
sollten sonst diese »Reserven« erschlossen werden?
Ende der Siebzigerjahre gab es die sogenannte Gegenplanbewe-
gung (Gegenplan). Die Kollektive sollten sich verpflichten,
ein Prozent mehr Warenproduktion zu erzeugen. Da sich ein
Das Leben nach Plan | 97
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Prozent aber propagandistisch nur schwer ausschlachten lässt,
wurde es übersetzt in: drei Tage Planvorsprung. Das war etwas
Konkretes, darunter konnten sich viele etwas vorstellen, mit
dem Jahresplan drei Tage früher fertig zu sein. Was sie sich nicht
vorstellen konnten, war, wie das gehen sollte. Denn hier schlug
sich die Planwirtschaft mit ihren Kennziffern und Bilanzierun-
gen selbst: Wo sollte das Material für drei Tage zusätzliche Pro-
duktion herkommen? Wie waren Zulieferer zu überzeugen, be-
nötigte Halbfabrikate in größerer Zahl und auch noch eher zu
liefern? Und wenn es tatsächlich gelungen war, mehr zu produ-
zieren, wohin dann mit dem Zeug? Oft wurde der Plan, dessen
Bestandteile ohnehin schon kaum miteinander harmonierten,
durch solche verordneten Initiativen noch mehr durcheinan-
dergebracht. Sie hatten nur geringen oder gar keinen volkswirt-
schaftlichen Effekt, aber sie verstimmten und verärgerten selbst
die Gutwilligsten.
Wenn es einem Betriebsleiter nicht gelang, mit Schwarzen
Husaren die U-Boote zu besetzen, war er auf die Kreativität
des Berichtswesens angewiesen oder darauf, dass der Plan nach
unten korrigiert wurde. Wer sich bestimmte Zeitungen und
Broschüren lange genug aufhob, um am Ende einer Planungspe-
riode die gemeldeten Ergebnisse mit den ursprünglichen Plan-
Auf dem Neujahrsempfang des Diplomatische Korps er-
läutert Erich Honecker aufgeräumt die Bedeutung der ver-
schiedenen Städte in der DDR.
»Berlin ist natürlich unsere Hauptstadt«, plaudert er. »Ros-
tock ist unsere größte Hafenstadt, Leipzig unsere Messe-
stadt, Magdeburg die Stadt des Schwermaschinenbaus, Er-
furt ist wegen der IGA als Blumenstadt bekannt, und Dres-
den ist unsere Heldenstadt.«
»Ja, wieso?«, fragt der französische Botschafter, »ist Dres-
den nicht die Stadt der Künste? Wieso ’eldenstadt?«
»Seit 40 Jahren von der Versorgung abgeschnitten«, meint
Honecker, »und die Leute leben immer noch und wählen
mich mit 99,9 Prozent.«
98 | Das Land, die Leute, das Leben
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vorgaben zu vergleichen, konnte manche Überraschung erle-
ben. Wenn man dann noch einen bestimmten Prozentsatz »nor-
male« Schönfärberei abzog, weil grundsätzlich nur solche Wirt-
schaftszahlen veröffentlicht wurden, die Günter Mittag abgeseg-
net hatte, konnte man sich ein Bild machen, warum es mit der
Wirtschaft ständig bergab ging.
Erich Honecker hat zum 40. Jahrestag der DDR eine illus-
trierte Neuausgabe des Kapital von Karl Marx veranlasst.
Mit Radierungen von Günter Mittag.
Das Erstaunliche ist, dass es so lange gut ging. Und es ging, weil
die Mehrzahl der Menschen einfach nur gute Arbeit machen
wollte. Weil viele sich Mühe gaben und versuchten, das Beste aus
der Misere zu machen, trotz Günter Mittags Chaos-Wirtschaft.
Alles, was schmeckt
Kulinarische Erinnerungen gehören zu den schönsten Erinne-
rungen. »Schmeckt wie bei Muttern« steht sprichwörtlich für
»unbeschreiblich, unübertrefflich, unwiederholbar«. Manches
in der DDR verdiente (vielleicht) dieses Prädikat, manches be-
stimmt nicht. Dennoch hat sich die Geschmackserinnerung
festgesetzt. Manches hat die Wende überstanden und ist mitt-
lerweile zu Kultstatus gelangt, anderes ist verschwunden. Viel-
leicht schade drum. Vielleicht auch nicht. Hier eine Auswahl.
Broiler Einer der wenigen Anglizismen, die fest im offiziellen
Sprachgebrauch der DDR verankert waren. Broiler ist ein anglo-
amerikanischer Begriff, der in der Fachsprache der Geflügelzüch-
ter ein Hähnchen bezeichnet, das zur Mast bestimmt ist. In der
Umgangssprache der DDR war Broiler ein Brathähnchen. Der
Begriff kam wahrscheinlich nicht auf direktem Wege aus dem
Englischen, sondern auf dem Umweg über Bulgarien. Dort hat-
ten Geflügelzüchter ein Mastverfahren entwickelt, mit dem sie
Hähnchen innerhalb von zehn Wochen zu schlachtreifen 1,5 Ki-
Alles, was schmeckt | 99
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logramm aufpäppelten. Zur Unterscheidung von anderen Hüh-
nern nannten die Bulgaren ihre Masthähnchen – nach dem eng-
lischen Begriff – Broileri. Die DDR, die Ende der Sechzigerjahre
den Fleischbedarf der Bevölkerung nicht decken konnte, über-
nahm das bulgarische Schnellmastverfahren und den Namen. In
den Siebzigerjahren entstanden in der DDR zahlreiche Broiler-
gaststätten (ähnlich den Restaurants der Wienerwald-Kette), wo
sich die Broiler in Goldbroiler verwandelten. Laut Mitteldeut-
schem Rundfunk soll Horst Zimmermann, der in den Sechziger-
jahren persönlicher Referent des DDR-Landwirtschaftsministers
war, die ministerielle Vorlage geschrieben haben, die den Begriff
Broiler im Sprachgebrauch der DDR offiziell einführte.
Cabinet Zigarettenmarke zu 3,20 Mark pro 20er-Päckchen; ne-
ben der F 6 die beliebteste Marke in diesem Preissegment,
wird mittlerweile von Reemtsma hergestellt und in den neuen
Ländern weiterhin verkauft.
Club-Cola Pepsi-, Coca-, Afri-Cola – alles steckt in Club-Cola;
als Handelsmarke von mehreren Getränkekombinaten produ-
ziert. Sehr süß, sehr klebrig, sehr kultig und noch heute zu ha-
ben. Mit einem ordentlich Schuss Wodka drin als Partydrink der
Bretterknaller schlechthin. (Vita-Cola).
Dresdner Stollen Das Kultgebäck für die Weihnachtszeit – mit
einer Tradition, die bis ins Mittelalter zurückreicht. Nach einer
Reihe von Prozessen, die nach 1990 geführt werden mussten,
wurde klargestellt, dass nur Bäcker und Backwarenbetriebe aus
Dresden und Umgebung »Dresdner Christstollen« backen dür-
fen. Die anderen können es auch gar nicht. Nachahmer scheiter-
ten kläglich oder versuchten, die Verbraucher mit marzipanver-
seuchten Fälschungen zu narren. Das Reinheitsgebot für Dresd-
ner Stollen verbietet aber die Verwendung von Marzipan.
Erichs Krönung DDR-Jargon für das Produkt »Kaffee Mix« (in
Anspielung auf »Jakobs Krönung«), das im Herbst 1977 in die
Geschäfte, Gaststätten und Kantinen kam. Die Ursache hatte
100 | Das Land, die Leute, das Leben
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Erich Honecker mitgeteilt: »Ich möchte nur noch einmal er-
wähnen, dass uns allein der Import von Rohkaffee im Jahr rund
300 Millionen Dollar kostet.« Und er kündigte gleichzeitig an:
»Unsere Berechnungen gehen davon aus, angesichts der von uns
nicht zu beeinflussenden Weltmarktpreise für Rohkaffee die
beste Lösung für den Verbraucher zu finden.« Die beste Lösung
sah einen Mix aus 50 % Kaffee und 50 % »hochwertigen Kaffee-
surrogaten« (allein bei diesem Wort dreht sich einem der Magen
um) vor. Die 125-Gramm-Tüte kostete anfangs 6 Mark und nie-
mand kaufte sie; später wurde der Preis auf 4 Mark reduziert,
aber das Zeug wollte trotzdem niemand. In Gaststätten und
Kantinen verstopften die Eiweißbestandteile der gemahlenen
Erbsen (»hochwertiges Kaffeesurrogat«) die Druckdüsen der
Kaffeeautomaten. Die DDR-Bürger verweigerten den Kauf und
den Konsum einheitlich, konsequent und dauerhaft – ein ein-
maliger marktwirtschaftlicher Vorgang in der DDR. Nach rela-
tiv kurzer Zeit – manche meinen, nachdem Honecker selbst von
der Plörre gekostet hatte – wurde das Produkt möglichst ge-
räuschlos aus dem Angebot genommen. Weitere lebensmittel-
chemische Experimente dieser Art unterblieben.
F6 1. Bezeichnung für die Fernverkehrsstraße Nr. 6, die den Sü-
den der Republik in ost-nordwestlicher Richtung durchquerte
(heute Bundesstraße 6).
2. Beliebte Zigarettenmarke in der DDR zum Preis von 3,20
Mark pro 20er-Päckchen – mehrfach vom Aussterben bedroht,
als die Marken Cabinet und Semper ihr im gleichen Preisseg-
ment Konkurrenz machten. Geschmacklich ein Virginia-Klas-
siker mit leicht beißendem Abgang. Überlebte nicht nur die
DDR-Konkurrenz, sondern auch Wende und Wiedervereini-
gung und wird in Dresden (nun unter der Regie von Philip
Morris) immer noch hergestellt und in den neuen Ländern in
einer Verpackung verkauft, die so aussieht wie vor 40 Jahren.
Halberstädter Die erste deutsche Konservenfabrik, die es fertig-
brachte, Würstchen in Blechdosen zu konservieren, stand in
Halberstadt. In dieser Tradition produzierte die Fabrik auch in
Alles, was schmeckt | 101
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der DDR-Zeit Qualitätsware, die zur begehrten Bückware
wurde. Halberstädter Würstchen werden heute nach strengen
Qualitätskriterien hergestellt; die Fertigung kann in einer »glä-
sernen Fabrik« besichtigt werden.
Hallorenkugeln Eine Leckerei aus dem VEB Halloren Scho-
koladenfabrik Halle (übrigens die älteste heute noch produzie-
rende Schokoladenfabrik Deutschlands). Gefüllte Praline, beste-
hend aus einem hellen (Sahne) und einem dunklen (Kakao)
Teil. Bekanntlich gibt es in Halle Hallenser, Halloren und Halun-
ken. Bei Hallorenkugeln fällt einem aber nur »Halleluja!« ein.
Juwel 1. Bezeichnung für zwei Zigarettensorten, die verschiede-
ner nicht sein könnten. Die eigentliche (oder sogenannte Alte
Juwel) stammte aus DDR-Produktion, war kurz, stark und bei-
ßend. Die Marke Juwel 72, die sogenannte Neue Juwel, war par-
fümiert, im King-Size-Format und stammte aus Bulgarien. Bei-
de Juwel-Sorten kosteten 2,50 Mark pro 20er-Päckchen. Wenn
Juwel 72 geraucht wurde, erschnupperte man das bereits von
Weitem an den heftig gesoßten Tabaken. Alte oder Neue Juwel –
das war so eine Art Glaubensbekenntnis. Wichen Raucher im
3,20-Mark-Preissegment auch schon mal auf eine andere Marke
aus, wenn ihre Lieblingsmarke gerade mal nicht zu haben war
(was, wen wundert’s, relativ häufig vorkam), so war das im 2,50-
Mark-Segment nur äußerst selten der Fall; der Geschmack der
beiden Edelsteinchen war einfach zu verschieden.
2. Klarer Weizenbrand aus Cottbus mit 32 Vol. % Alkohol zum
Preis von 14,50 Mark pro 0,7-Liter-Flasche; wie andere Klare
auch beliebt bei Soldaten der NVA, weil er sich in Seltersfla-
schen umfüllen ließ und den Jungs die Illusion gab, dass sie so
ihre Vorgesetzten hinters Licht führen könnten.
Karo Zigarettenmarke, kurz, rund und filterlos, stank wie die
Pest, verpackt in einer Pappschachtel mit Karomuster – auch ge-
nannt der »Schnelltod in der schwarz-weißen Geschenkpa-
ckung«. Auffallend heftige Kentucky-Note; wird noch heute
produziert und in den neuen Bundesländern vertrieben.
102 | Das Land, die Leute, das Leben
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Radeberger Biersorte, nach der Traditions-Brauerei in Rade-
berg bei Dresden benannt, die neben mulchigem Vollbier für
den heimischen Bedarf das allseits beliebte (und noch heute ver-
triebene) Export-Pils braute. Radeberger bekam man selten; es
war in Interhotels vorrätig, wurde über Delikat vertrieben –
oder man musste Beziehungen haben.
Rotkäppchen Sektmarke aus dem Weinanbaugebiet Saale/Un-
strut. Die Marke hatte einmal ausnahmsweise nichts mit der po-
litischen Gesinnung zu tun, sondern war ein Traditionsname für
einen Sekt, der hier schon seit 1856 abgefüllt wurde. Noch heu-
te im Handel und als eine der wenigen überlebenden Handels-
marken der DDR überaus erfolgreich.
Schlager-Süßtafel Schokoladenersatz; Ende der Siebzigerjahre
entwickelt, als die DDR die steigenden Kosten für Rohkakao
nicht mehr aufbringen konnte und Süßwaren mit geringem Ka-
kaoanteil hergestellt werden mussten. Man experimentierte ei-
nerseits mit verschiedenen Füllungen und versuchte anderer-
seits, Kakaobestandteile durch Fettgemische, Farbstoffe und Ge-
schmacksverstärker zu ersetzen. Die Schlager-Süßtafel war so
ein Geschmacks-Hit, der nicht unbedingt an klassische Schoko-
lade erinnert, aber heutzutage wieder hergestellt wird und Kult-
status besitzt.
Soljanka Russisch-ukrainischer Import, der sich in der Gastro-
nomie der DDR großflächig durchsetzte und behauptete; dick-
flüssige, würzige und säuerliche Suppe. Eine Soljanka schmeck-
te an jedem Ort anders – und war dennoch immer eine Soljan-
ka. Wie viel Gurkenlake hineinkam, welche Fleischsorten ver-
wendet wurden, wie lange der Kohl blanchiert worden war, ob
die Zwiebeln glasig angeschwitzt oder schon hellbraun waren,
das alles beeinflusste den Geschmack und entzog sich der in-
dustriellen Normierung. Mathematisch Gebildete sagten über
die Soljanka, sie sei in vielen Lokalen eine Integralsuppe über
die gesamte Speisekarte. Mag sein; aber geschmeckt hat sie
trotzdem.
Alles, was schmeckt | 103
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Spreewälder Gurken Traditionelles landwirtschaftliches Pro-
dukt aus dem Spreewald (Lausitz); mittlerweile eine geschützte
geografische Angabe gemäß Verordnung der Europäischen
Kommission. In der DDR ausgesprochene Bückware, wurde
auf Vorrat angeschafft, wenn man »herankam«,
um zu besonderen Feierlichkeiten ein Glas zu
öffnen. Findige bezogen Spreewälder Gurken
aus dem »Russen-Magazin«, den Einlaufsläden
für die sowjetischen Garnisonen auf dem
Gebiet der DDR. Kultstatus erhielten
die Spreewälder Gurken dank des
Films Goodbye Lenin, in dem sie eine
wichtige Rolle spielen.
Vita-Cola Älteste Cola-Marke der DDR, am 14. Oktober 1954
als Patent angemeldet und seit 1957/58 als »Brauselimonade mit
Frucht- und Kräutergeschmack« produziert. Die Produktion
wurde nach der Wende vorübergehend eingestellt, Marke und
Rezept aber 1994 wieder reaktiviert. Vita-Cola unterscheidet
sich im Geschmack deutlich von anderen Cola-Sorten, vor allem
aufgrund des Anteils an Zitronensäure und natürlicher Zitrus-
Öle. Heute ist das Getränk in Thüringen mit 44 Prozent Markt-
führer vor allen anderen Braunlimonaden.
Würzfleisch Neben der Soljanka eines der typischen DDR-Ge-
richte, deren voller Genuss nur einem in der DDR kulinarisch
sozialisierten Menschen möglich ist. Würzfleisch ist eine preis-
werte Abart des Ragout fin, für das jedoch nicht Kalbfleisch,
sondern Geflügelfleisch verwendet wurde. Würzfleisch wurde
mit Worcester-Sauce vom VEB Excellent Dresden (im Westen
auch weitgehend unbekannt) gereicht; dazu gab’s eine Scheibe
Zitrone und eine halbe Scheibe Toastbrot. Würzfleisch eignete
sich fantastisch als sättigende Zwischenmahlzeit, als sogenann-
ter Ohnmachtshappen.
104 | Das Land, die Leute, das Leben
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Ein trinkfestes Land
Getrunken wird immer. Nur allzu oft heißt »getrunken« aber
»gesoffen«. Wenn es in der Mangelwirtschaft DDR an einem kei-
nen Mangel gab, dann waren es, neben überflüssigen Broschü-
ren mit Parteibeschlüssen, Spirituosen aller Art. Das Bier war
manchmal alle, der Schnaps nie. Getrunken wurde nicht nur
immer, sondern auch überall. Alkohol war eine anerkannte
»Kulturdroge«, er war Stimmungsmacher und Tröster, Munter-
macher und Schlaftrunk – und nicht zuletzt Betäubungsmittel
psychotischer Funktionäre und überforderter Kader.
»Edel macht den Menschen hilfreich und gut«, sagte man in An-
lehnung an ein Klassikerzitat, bevor man sich den Braunen hin-
ter die Binde kippte. Der »Weinbrand Edel« gehörte zu den ge-
hobeneren Marken der DDR-Eigenproduktion – die Flasche
kostete immerhin 27 Mark. Man konnte ihn zu offiziellen Anläs-
sen reichen, ohne sich zu blamieren. Man hatte auch gar keine
Scheu, bei solchen Anlässen ein paar Klare und Braune zu kip-
pen. Eher wurde man scheel angesehen, wenn man nicht trank.
1842 wurde in dem kleinen Städtchen Wilthen in der Oberlau-
sitz eine Weinbrennerei gegründet. Dieses Unternehmen mach-
te den Ort, der sich in seiner Vergangenheit eifrig bemüht hatte,
Stadt zu werden, und doch immer nur Marktflecken blieb, zu ei-
nem weithin bekannten Markennamen. Ausgesprochen kreativ
waren die Schnapsbrenner bei der Namensschöpfung für ihre
Produkte: Goldkrone und Goldbrand sollten das Gesöff wenigs-
tens vom Namen her veredeln, Blauer Bison hatte doch Tempe-
rament, oder? Ein beliebter Kräuterschnaps hieß Wilde Sau –
das war irgendwie ehrlicher –, und der mit Abstand längste Na-
me eines Magenbitters war Stichpimpulibockforcelorum. Ein
Traditionsname, den man spätestens nach dem dritten Glas
nicht mehr aussprechen konnte.
Für die 27 Mark, die eine Flasche Edel kostete, hätte man auch
13 Liter Bier trinken können, aber mit Weinbrand kriegte man
den Vollrausch schneller (und gewissermaßen auch trockener)
hin. Bier war oft von so minderer Qualität, dass es schon im Ge-
schäft schlierig wurde. Das lag an den vielen Zuschlagsstoffen,
Ein trinkfestes Land | 105
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die nach deutschem Reinheitsgebot verboten, für DDR-Vollbier
aber erlaubt waren. Die typische Einkaufsbewegung des Bier
trinkenden Mannes: Flasche aus der Kiste nehmen, umstürzen
und gegens Licht halten. Wenn da der Bodensatz in Schlieren
waberte, Flasche wegstellen und nächste Flasche nehmen.
Wein war in der DDR immer ein Nischenprodukt. Wenn man
nicht Glück und Beziehungen hatte und an das kleine Sortiment
der einheimischen Lagen an Elbe, Saale und Unstrut herankam,
war man auf Importe aus Freundesland angewiesen – oft nach-
gesüßte Produkte oder abenteuerliche Verschnitte mit Namen
wie Goldener Nektar, Natalie oder Feuertanz. Schmeckte unge-
fähr so, wie es sich anhörte: billig.
In einer der Nischen lauerte auch Gotano, ein Wermut, der nach
altem italienischen Vorkriegsrezept in Gotha hergestellt wurde
und der jedenfalls deutlich besser war als die anderen Wermut-
Experimente, die mit diversen Ersatzstoffen von anderen Kelle-
reien und Brennereien unternommen wurden.
Mischgetränke und Liköre abenteuerlichster Art erfreuten sich
großer Beliebtheit: Timm’s Sauerer war darunter und Serschins
Apricot-Brandy. Aber Alternative blieb immer der Schnaps.
Gesoffen wurde – was man wahrscheinlich als gut proletarische
Tradition verstand – bis in die höchsten Funktionärskreise. Die
Statistiker haben hochgerechnet: 1955 schluckte der DDR-
Durchschnittsbürger 4,4 Liter Weinbrand, Klaren und Likör, im
letzten Jahr der DDR schon über 16 Liter – oder 23 Flaschen pro
Kopf! Nur: Kinder, Abstinenzler, Wein- und Gelegenheitstrinker
einmal abgerechnet, wird aus dem statistischen »Pro«-Kopf der
reale Kopf eines Trinkers, der sich mindestens einmal die Woche
einen Vollrausch zufügte. Im Jahr 1988 nahm der statistische
DDR-Bürger 11 Liter reinen Alkohol zu sich.
Pro-Kopf-Verbrauch in der DDR (1988):
Bier: 143 l
Spirituosen: 16,1 l
Wein und Sekt: 12,1 l
Alkoholfreie Getränke: 103,3 l
106 | Das Land, die Leute, das Leben
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Ost-Mimen, die man auch im Westen kennt
Eine Reihe von Schauspielerinnen und Schauspielern, die in
der DDR bereits eine große Karriere hinter sich hatten, muss-
ten um 1990 die Erfahrung machen, dass sie im Westen keiner
kannte. Nicht nur den Zuschauern waren sie unbekannt (man
kann den Westlern ja nicht übelnehmen, dass sie es sich ver-
kniffen, regelmäßig DDR-Fernsehen zu gucken), sondern auch
den meisten Produzenten, Redakteuren und Regisseuren (von
denen man allerdings hätte erwarten können, dass sie die Leis-
tungen ihrer Kollegen im Osten wenigstens zur Kenntnis ge-
nommen hätten). So mussten sich Künstler, die 30 oder 50
Hauptrollen in ihrer Filmografie aufweisen konnten, wieder
wie Anfänger bewerben und die Regisseure davon überzeugen,
dass sie ihr Handwerk beherrschten. Einige verkrafteten das
nicht und zerbrachen daran, wie der große Brecht-Schau-
spieler und Charakterdarsteller Wolf Kaiser. Andere die in der
DDR gerade erst an den Start gegangen waren, hatten jetzt ihre
eigentliche Chance und legten nun richtig los. Viele, sehr viele
schafften es, eine zweite Karriere zu machen; sie waren eben
doch zu gut, als dass das deutsche Fernsehen, der deutsche Film
auf sie hätte verzichten können.
Karin Düwel (geboren 1954) war Sabine Wulff (1978) und die
Cornelia in Blonder Tango (1986). Nach der Wende war sie ei-
ne Weile selten zu sehen, bis sie schließlich im Ta t o r t , im Land-
arzt und am Bülowbogen wieder auftauchte – und in mehreren
sympathischen Werbespots.
Winfried Glatzeder (geboren 1945) war der Christian in Zeit
der Störche (1971), Der Mann, der nach der Oma kam (1971) und
vor allem und für immer der Paul aus der Legende von Paul und
Paula (1973). Er verließ, nachdem er mehrmals vergeblich ei-
nen Ausreiseantrag gestellt hatte, 1982 die DDR und spielte u. a .
1986 den Paul Levi in von Trottas Rosa Luxemburg und ist seit-
dem beständig auf dem Bildschirm, der Leinwand und der
Bühne präsent.
Ost-Mimen, die man auch im Westen kennt | 107
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Michael Gwisdek (geboren 1942) tauchte schon in den frühen
Indianerfilmen der DEFA auf, spielte 1983 in Olle Henry einen
Boxer; im Westen kennt man ihn spätestens seit Goodbye Lenin
(2003) und wird sich bei dieser Gelegenheit erinnert haben, dass
man dieses Gesicht schon viele Male im Fernsehen sah.
Corinna Harfouch (geboren 1954), eine großartige Lady
Macbeth in Heiner Müllers Macbeth an der Berliner Volksbühne,
schaffte den Durchbruch im Film mit der Titelrolle in Die Schau-
spielerin (1988). Im Westen bekannt durch Charlie & Louise
(1994), Das Versprechen (1995), Vera Brühne (2001), Der Unter-
gang (2004), Das Parfüm (2006) und Eva Blond.
Jürgen Heinrich (geboren 1945) sprang in Zum Beispiel Josef
(1974) brillant durch die Scheibe. Seit 1985 im Westen, wurde er
besonders durch Wolffs Revier bekannt.
Daniela Hoffmann (geboren 1963) wurde schon als Schauspiel-
schülerin für Zille und ick (1983) entdeckt, war eine hinreißende
Fahrschülerin in Bernhard Stefans Fahrschule (1988); spielte
nach dem Ende der DDR in Serien wie Elbflorenz, Polizeiruf 110,
Dr. Sommerfeld – Neues vom Bülowbogen und Der Landarzt.
Rolf Hoppe (geboren 1930), war im DDR-Indianerfilm der
Lieblingsbösewicht der Zuschauer. Er wurde 1981 im Westen
durch Szabos Mephisto-Verfilmung bekannt (Hoppe spielte den
General) und spielte 1983 in Frühlingssinfonie mit Nastassja
Kinski und Herbert Grönemeyer (Hoppe verkörperte Friedrich
Wieck).
Henry Hübchen (geboren 1947), spielte in der DDR u. a. in Ja-
kob der Lügner (1974), Sonjas Rapport (1982); im Westen bekannt
durch Der König von St. Pauli (1988), Sonnenallee (1999) und Al-
les auf Zucker (2004).
Anja Kling (geboren 1970) startete ganz jung mit Grüne Hoch-
zeit und als Moderatorin in Elf99; heute gehört sie zu den
108 | Das Land, die Leute, das Leben
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meist besetzten jungen Frauen, u. a. in Verschollen in Thailand
(1997), (T)raumschiff Surprise (2004), Es ist ein Elch entsprungen
(2005). Schwester von Gerit Kling.
Gerit Kling (geboren 1965) startete schon in der DDR mit Grü-
ne Hochzeit und Zwei schräge Vögel (1989). Im Westen auf dem
Traumschiff und Unter weißen Segeln gern eingesetzt. Schwester
von Anja Kling.
Herbert Köfer (geboren 1921) war von der ersten Sendeminu-
te des DDR-Fernsehens bis zur letzten auf den Bildschirmen
präsent, daneben in vielen wichtigen Filmen wie Nackt unter
Wölfen (1963) oder Kleiner Mann – was nun? (1967) sowie als
Moderator von Unterhaltungs- und Informationssendungen.
Nach der Wende spielte er viel Boulevardtheater und tauchte
auch wieder in TV-Serien (Elbflorenz, 1994) und in Fernsehfil-
men auf.
Renate Krößner (1945), von Konrad Wolf in Solo-Sunny (1980)
besetzt, vielleicht die Rolle ihres Lebens. Im Westen in TV-Pro-
duktionen wie Bruder Esel oder Stubbe – Von Fall zu Fall bekannt
geworden.
Manfred Krug (geboren 1937) hatte in der DDR schon eine be-
achtliche Karriere hinter sich, nicht nur als Schauspieler (als der
er Spanienkämpfer, Arbeiterhelden, Genossenschaftsbauern
und verrückte Typen in Mantel-und-Degen-Filmen spielte),
sondern auch als Pop-Sänger mit vier LPs (zusammen mit Gün-
ther Fischer). Ging nach der Biermann-Affäre in den Westen,
war hier Tatort-Kommissar, Trucker und Anwalt Liebling.
Gisela May (geboren 1924) war in der DDR die Interpretin von
Brecht-Songs schlechthin und wird als Schauspielerin oft un-
terschätzt. Im Westen kennt man die begnadete Komödiantin
vor allem als Rosa Müller-Graf-Kleditsch, die etwas zerstreute
»Muddi« von Evelyn Hamann aus der Filmreihe Adelheid und ih-
re Mörder.
Ost-Mimen, die man auch im Westen kennt | 109
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Armin Mueller-Stahl (geboren 1930) machte in DDR-Produk-
tionen seinem zweiten Namensbestandteil alle Ehre (als Spa-
nienkämpfer in Fünf Patronenhülsen, im Abenteuerfilm Flucht
aus der Hölle und als Kundschafter Achim Deetjen in Das unsicht-
bare Visier), ging nach der Biermann-Ausbürgerung in den
Westen, spielte u. a . in Oberst Redl (1985), Bittere Ernte (1986),
Momo (1986) und den Thomas Mann in Die Manns (2001). Ein
Multitalent, das auch malt, Geige spielt und Bücher schreibt.
Ulrich Mühe (geboren 1953) war ein begnadeter Hölderlin in
Hälfte des Lebens (1984), spielte die Hauptrolle in Das Leben der
anderen (2006, Oscar 2007) und schneidet ansonsten in der TV-
Serie Der letzte Zeuge Leichen auf.
Tom Pauls (geboren 1959), Schauspieler aus Dresden und Co-
median; der vielleicht beste Honecker-Imitator, von dem die
Westler lernen können, dass Honecker kein Sachse war.
Walter Plathe (geboren 1950) hatte schon ein Leben vor dem
Landarzt, in der DDR spielte er in Märkische Chronik und in Se-
rien wie Treffpunkt Flughafen.
Katrin Saß (geboren 1956) spielte in Bis dass der Tod euch schei-
det und Bürgschaft für ein Jahr, im Westen kennt man sie als Tat-
ort-Hauptkommissarin Steiner und aus Goodbye Lenin.
Walfriede Schmitt (geboren 1943) filmte in der DDR seit 1974
(am bekanntesten Das Schilfrohr, 1974); im Westen vor allem im
weißen Kittel (Auf alle Fälle Stefanie, Stefanie – eine Frau startet
durch, St. Angela) bekannt geworden.
Jaecki Schwarz (geboren 1946) brillierte schon 1968 in Ich war
neunzehn von Konrad Wolf; spielte viel, wurde aber im Westen
vor allem als Polizeiruf-Kommissar Schmücke bekannt.
Wolfgang Stumph (geboren 1946) begann in Dresden an der
Herkuleskeule als Kabarettist und machte in Gunther Emmer-
110 | Das Land, die Leute, das Leben
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lichs »Showkolade« als Stumpi den Beutel aus Dederon bun-
desweit bekannt. Durchbruch im Westen mit Go Trabi go, danach
in Salto postale und Salto kommunale zu sehen. Seit 1995 ermittelt
er als Kommissar Stubbe für das ZDF.
Katharina Thalbach (geboren 1954), Tochter der Schauspiele-
rin Sabine Thalbach und Mutter der Schauspielerin Anna Thal-
bach, spielte in Lotte in Weimar (1974) eine Nebenrolle, aber in
den Leiden des jungen Werthers (1976) die Lotte. Ging nach der
Biermann-Ausbürgerung in den Westen und wurde hier als
Schauspielerin und Regisseurin auf der Bühne und im Film be-
kannt.
Hilmar Thate (geboren 1931), Schauspieler am BE und am DT,
große Fernseh- und Filmrollen in der DDR, ging nach der
Biermann-Affäre in den Westen, spielte unter Faßbinder und
We d e l ( Der König von St. Pauli, 1998).
Kathrin Waligura (geboren 1962) begann ihre Karriere als Cha-
rakterdarstellerin mit einem Kritikerpreis auf der Berlinale
(1986 für Die Frau und der Fremde); richtig bekannt wurde sie im
Westen aber als Schwester Stefanie.
Honecker ist gestorben, meldet sich an der Himmels-
pforte, wird erwartungsgemäß abgewiesen und landet
in der Hölle.
Nach zwei Wochen erscheinen zwei arme Teufel vor der
Himmelspforte.
»Ihr seid hier aber ganz falsch«, meint Petrus.
»Was heißt hier falsch«, erwidern die Teufelchen. »Wir
sind die ersten Flüchtlinge!«
Ost-Mimen, die man auch im Westen kennt | 111
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So klang die DDR
Mit Musik ist es schwieriger als mit Literatur und Film; die Resul-
tate sind flüchtiger und stärker der Mode unterworfen. Manches
Pionierlied taucht in der Erinnerung auf. Dass wir die Titelzeile
subversiv umdichteten und beim morgendlichen Singen »Blaue
Windeln im Sommerwind, hängen auf der Leine, bis sie trocken
sind« sangen, war kein Akt des Widerstandes. Hör ich auf den
kleinen Mann im Ohr, singt er mir heute diese Lieder vor:
Auf, auf zum Kampf Worte und Weise: mündlich überliefert
Blaue Wimpel im Sommerwind Worte: Manfred Streubel/Wei-
se: Gerd Natschinski
Brüder zur Sonne, zur Freiheit Worte: Radin/Weise: russisches
Studentenlied
Dem Morgenrot entgegen Worte: Heinrich Eildermann/Weise:
»Zu Mantua in Banden«
Heimatland reck deine Glieder (Thälmann-Lied) – Worte: Ku-
ba/Weise und Satz: Eberhard Schmidt
Internationale Worte: Eugène Pottier/Weise: Pierre Degeyter
Fritz der Traktorist – Worte: Walter Stranka/Weise: Eberhard
Schmidt
Jugend erwach (Bau auf, bau auf ...) – Worte und Musik: Rein-
hold Limberg
Vorwärts, Freie Deutsche Jugend Worte: Karl-Heinz Thiele/
Weise: Erwin Thiele
Wann wir schreiten Seit an Seit Worte: Hermann Claudius/Wei-
se: Michael Englert
112 | Das Land, die Leute, das Leben
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Spätestens seit dem Ende der Sechzigerjahre war es mit dem
FDJ-Gesinge und dem fröhlichem Ringelreihen zu Ende. Der
Klassenfeind in Form der Rockmusik (oder Beat-Musik »mit ih-
rem andauernden yeah, yeah, yeah«, wie Walter Ulbricht so
treffend bemerkte) drang endgültig in die DDR-Jugendkultur
vor. Nach einer Zeit des erbitterten Widerstandes, der unter an-
derem so seltsame Blüten trieb wie die Erfindung des überaus
albernen Tanzes »Lipsi«, gaben die Funktionäre auf und ent-
schlossen sich zur Adaption der neuen Kultur, um gegebenen-
falls »feindliche Tendenzen« in der Umarmung zu ersticken.
Bekannte Kultbands und Interpreten von Rang waren:
Klaus Renft Combo (genannt: Renft) – gegründet 1958, verbo-
ten 1975
Stern-Combo Meißen (bekannt als: Stern Meißen) – gegründet
1964 (die heute älteste ununterbrochen aktive Rockband
Deutschlands)
Modern Soul Band – gegründet 1968
electra – gegründet 1969
Puhdys – gegründet 1969, vielleicht populärste Band der DDR
Panta Rhei (mit Veronika Fischer) – gegründet 1971, aufgelöst
1975
City – gegründet 1972, größter Hit mit »Am Fenster«
Lift – gegründet 1973, existiert noch heute
Veronika Fischer & Band – gegründet 1974, bestand bis zum
Weggang Veronika Fischers in den Westen 1981
Karat – 1975 aus Panta Rhei hervorgegangen, größter Hit mit
»Über sieben Brücken«
So klang die DDR | 113
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Silly – gegründet 1977 mit Frontfrau Tamara Danz (†1996),
jetzt mit Anna Loos als Sängerin
Pankow – gegründet 1981, wurde bekannt mit dem Rock-Musi-
cal »Paule Panke«, bestand bis 1998
Heiße Bräute und Filmprinzessinnen
So richtige Stars wie in Hollywood gab’s ja eigentlich in der DDR
nicht. Nicht dass das Land dafür zu klein gewesen wäre; aber
zum Star gehört nun mal ein Kult, und dem stemmte sich die
kollektivistische Ideologie lange Zeit mit großer Kraft entgegen.
Der Kinofilm der DDR war alles andere als Starkino – im posi-
tiven Fall gut gemachter Studio-Film, der deutlicher die Spuren
seiner Produktionsprozesse als die Handschrift des Regisseurs
erkennen ließ. Aber auch hier gab es Ausnahmen: Wenn ein Aus-
nahme-Regisseur auf ein ausnahmsweise gutes Buch stieß, an
dem die DEFA-Dramaturgen ausnahmsweise einmal nicht so
lange herumgebessert hatten, bis es nichts mehr taugte, wenn
Ausnahme-Schauspieler sich zusammenfanden und die Abnah-
meverantwortlichen der Studioleitung, der Hauptverwaltung
Film und gegebenenfalls der Parteizentrale ausnahmsweise ei-
nen schwachen Moment hatten und den Film passieren ließen.
Dennoch gab es ein paar »heiße Bräute« auch im DDR-Kino.
Wie bei jeder Auswahl wird der Leser finden, dass die eine, die er
über alles verehrte, fehlt und dass diese oder jene, die ausgewählt
wurde, hier nicht reingehört. Wie auch immer, die folgenden
Schauspielerinnen, die eigentlich einen Oscar verdient hätten,
sollen ersatzweise zumindest mit der Ehrenspange zur Roten
Mainelke in Farbe und Cinemascope geehrt werden.
Marijam Agischewa (geboren 1958) tauchte – wie aus dem
Nichts – zwanzigjährig als neues Gesicht in Marta Marta auf, fas-
zinierend anders, berückend schön, wenn man sie ließ und sie
nicht als uniformierte Stewardess in Treffpunkt Flughafen um die
halbe Welt jetten und steife Dialoge abliefern musste.
114 | Das Land, die Leute, das Leben
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Renate Blume (geboren 1944), unvergessen ihre Augen in Der
geteilte Himmel, das konnten auch die Sieben Affären der Dona Jua-
nita nicht auslöschen und nicht die Indianersquaws und nicht
das Archiv des Todes.
Christel Bodenstein (geboren 1938) wurde 1960 vom Jugend-
magazin Neues Leben zur beliebtesten Schauspielerin gewählt;
und da lagen die Franziska in Minna von Barnhelm und die Vio-
la in Was ihr wollt noch vor ihr. Und die Filmrolle der Grit in Be-
schreibung eines Sommers an der Seite Manfred Krugs.
Annekathrin Bürger (geboren 1937) begann als Uschi in der
Berliner Romanze (1956) und als Traudel in Spur in die Nacht
(1957), in He Du und Hostess war sie wirklich eine heiße Braut –
jedenfalls für DDR-Kino-Verhältnisse.
Angelica Domröse (geboren 1941) wird, was sie auch gespielt
hat und noch spielen wird, für immer und ewig unsere Paula
bleiben.
Jenny Gröllmann (1947–2006) war die Susette Gontard in Die
Hälfte des Lebens und wurde später auch dem westdeutschen Pu-
blikum als Anwältin Isa Isenthal an der Seite Manfred Krugs in
Liebling Kreuzberg ein Begriff.
Eva-Maria Hagen (geboren 1934), die Erste des Hagen-Clans
(nach ihr Tochter Nina und Enkelin Cosma Shiva) erschien
1957 mit Vergesst mir meine Traudel nicht und galt als die BB des
Ostens.
Jutta Hoffmann (geboren 1941), die Junge Frau von 1914 (1970),
zeigte in Zeit zu leben, Der Dritte, Geschlossene Gesellschaft – ei-
gentlich immer, wenn sie auftrat –, dass sie Klasse hat, Weltklas-
se, die außerhalb der DDR leider niemand bemerkt hat.
Traudl Kulikowsky (geboren 1943) lag neben Gunter Schoß auf
der Wiese und träumte von Liebe – das war in Egon und das ach-
Heiße Bräute und Filmprinzessinnen | 115
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te Weltwunder (1964), drei Jahre später tanzte sie mit Frank
Schöbel in der Hochzeitsnacht im Regen.
Simone Thomalla (geboren 1965) war das Objekt der Begierde
in Dietmar Hochmuths Film In einem Atem (1988) und umflat-
terte Zwei schräge Vögel (1989), bevor die DDR am Ende war
und Simone Thomalla damit am Beginn ihrer eigentlichen Kar-
riere.
Karin Ugowski (geboren 1943) spielte die Goldmarie in Frau
Holle (1963), die Prinzessin in Die goldene Gans (1964) und die
Prinzessin in König Drosselbart (1965, an der Seite Manfred
Krugs); gegen diese frühe Prägung war später schwer anzukom-
men.
Angelika Waller (geboren 1944), die rotblonde Schöne, der man
versuchte, den Film Rotfuchs (1973) gewissermaßen auf den
Haarschopf zu schreiben. Ihr erster Film Das Kaninchen bin ich
wurde verboten, mit dem zweiten, Schwarze Panther, wurde sie
Publikumsliebling.
Heidemarie Wenzel (geboren 1945) war die Fanny in der Be-
cher-Verfilmung Abschied und träumte sich, so blond, so blond,
in Zeit der Störche in eine große Liebe. Wurde 1986 nach einem
Ausreiseantrag kaltgestellt und 1988 ausgebürgert.
Monika Woytowicz (geboren 1944) war die Gundel in der Noll-
Verfilmung Die Abenteuer des Werner Holt, spielte in zahlreichen
Kino- und Fernsehfilmen in der DDR, übersiedelte 1983 in die
Bundesrepublik.
Simone von Zglinicki (geboren 1951) spielte in einem Jahr in
zwei Kinofilmen, die sie auf einen Schlag berühmt machten: Für
die Liebe noch zu mager und Liebe mit 16 – die Schauspielerin war
allerdings 23, damit niemand Böses dabei denkt.
116 | Das Land, die Leute, das Leben
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Ein Volk von Mitgliedern
Die Parteien und Massenorganisationen
Nach dem Gesellschaftsverständnis der SED dienten die Partei-
en und Massenorganisationen als Stätten der politischen Aktivi-
tät und des gesellschaftlichen Engagements. Gesellschaftliche
Arbeit war sehr hoch angesehen, wenn man beruflich voran-
kommen wollte, ihr Stellenwert war der fachlichen Qualifikati-
on und beruflichen Leistungsfähigkeit in vielen Fällen gleich-
wertig, in ideologisch sensiblen Bereichen sogar überlegen.
Daraus resultierte der sagenhafte Organisationsgrad der Bürger
der DDR, und der wiederum führte zu einem Grundirrtum bei
der Staats- und Parteiführung. Oben glaubte man nämlich, der
hohe Organisationsgrad spreche für ein hohes gesellschaftliches
Engagement und für eine breite Zustimmung zur offiziellen Po-
litik. Unten sah man es anders. Man trat in Parteien und Orga-
nisationen ein, nicht um sich zu engagieren, sondern um in Ru-
he gelassen zu werden.
Alles zu tun, um in Ruhe gelassen zu werden, ist ein wahrschein-
lich instinktgesteuertes, beinahe reflexhaftes Verhalten fast aller
Menschen gegenüber ihrer politischen Führung oder der staat-
lichen Verwaltung. Unabhängig vom politischen System. Da-
mals richtete sich das Verhalten gegen die SED-Funktionäre,
heute gegen das Finanzamt.
In der DDR war es aber nun einmal so, dass man nicht in Ru-
he gelassen wurde, wenn man nicht dazugehören wollte. Ge-
treu dem Motto »Und willst du nicht mein Bruder sein, dann
schlag ich dir den Schädel ein«. Also trat man irgendwo ein, in
die Gesellschaft für Deutsch-sowjetische Freundschaft, in die
Gewerkschaft sowieso, oder, als nicht berufstätige Hausfrau (ja,
die gab es vereinzelt auch) in den DFD (Demokratischer Frau-
enbund Deutschlands). Da hatte man nicht viel zu tun, mal ei-
nen Vortrag besuchen, vielleicht mal eine Zeitlang Beiträge
kassieren, man gehörte dazu – und wurde in Ruhe gelassen.
Die Parteien und Massenorganisationen | 117
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Mancher entschied sich für eine Blockpartei, wenn sein Berufs-
stand von SED-Genossen überlaufen war, und fuhr ganz gut
damit, denn die offizielle Blockpolitik sicherte in einem be-
stimmten Proporz auch den Mitgliedern dieser Parteien füh-
rende Positionen.
Das System der Parteien und Massenorganisationen war ein ge-
schlossenes System. Neue Organisationen mussten »von oben«
geschaffen werden, wie der Freidenkerverband, der in den letz-
ten Monaten der DDR nur noch ein Schattendasein führte. Or-
ganisationen, die »unten« entstanden, wurden entschieden be-
kämpft, wie zuletzt noch das Neue Forum. Die folgende Über-
sicht zeigt die wichtigsten Parteien und Massenorganisationen
der DDR.
SED Sozialistische Einheitspartei Deutschlands, hervorgegan-
gen aus der Vereinigung von KPD und SPD am 21. April 1946.
Ihre »führende Rolle« wurde in der Verfassung sowie in allen
grundlegenden Gesetzestexten (z. B. Gesetz über den Minis-
terrat) verankert, im Mai 1989 2 260 979 Mitglieder und 64 016
Kandidaten. Die Partei brach nach dem Sturz Honeckers
rasch zusammen und war seit Anfang Dezember 1989 faktisch
führerlos; der Sonderparteitag im Dezember sprach sich gegen
die Selbstauflösung aus; die Partei wurde in die PDS (seit Febru-
ar 1990) überführt und hatte am Ende dieses Prozesses noch
300 000 Mitglieder.
CDU Christlich Demokratische Union; gegründet am 26. 6 .
1945 in Berlin, behauptete bis 1948 eine relative politische
Selbstständigkeit, wurde dann in den »Demokratischen Block«
eingegliedert und bekannte sich seit 1952 zum Sozialismus.
1987 etwa 140 000 Mitglieder. Im Februar ging die CDU ein
Wahlbündnis mit den neu gegründeten Parteien »Demokrati-
scher Aufbruch« und »Deutsche Soziale Union« ein und gewann
die Wahlen vom 18. März 1990. Nachdem die DBD und der
»Demokratische Aufbruch« der CDU beigetreten waren, glie-
derte sich die Ost-CDU am 1. 10 . 1990 der Schwesterpartei im
Westen an.
118 | Ein Volk von Mitgliedern
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DBD Demokratische Bauernpartei Deutschlands; nach Grün-
dungsaufruf vom 25. 04. 1948 gegründet und von Anfang an, als
Vertreterin der Bauernschaft, in den »Demokratischen Block«
einbezogen. Die Spitzenfunktionäre wurden aus der SED dele-
giert. 1963 erklärte die DBD das SED-Programm zu ihrer eige-
nen programmatischen Grundlage. 1987 etwa 117 000 Mitglie-
der. Im September 1990 vollzog die Partei den Anschluss an die
CDU-Ost, mit der ihre Reste in die gesamtdeutsche CDU über-
gingen.
DFD Demokratischer Frauenbund Deutschlands, im März
1947 gegründet und aus den antifaschistischen Frauenausschüs-
sen hervorgegangen; kümmerte sich seit 1964 verstärkt um
Frauen, die nicht berufstätig oder nicht anderweitig organisiert
waren. Mit eigenen Fraktionen in den Parlamenten vertreten.
1989 etwa 1,5 Millionen Mitglieder. Seit November 1989 Umbau
zum »Demokratischen Frauenbund e. V.«, als der er noch heute
existiert.
DSF Gesellschaft für Deutsch-sowjetische Freundschaft; im Juni
1947 als »Gesellschaft zum Studium der Kultur der Sowjetuni-
on« gegründet. Als einzige Freundschaftsgesellschaft zur Mas-
senorganisation ausgebaut. 1989 etwa 6,3 Millionen Mitglieder.
Nach Rücktritt des Zentralvorstandes im November 1989 zu ei-
nem Verbund regionaler Verbände umgebaut. 1994 wurde als
Nachfolgeorganisation die Gesellschaft für West-Östliche Begeg-
nungen gegründet. Sie hat heute etwa 20 000 Mitglieder.
FDGB Sachlexikon S. 20.
FDJ Sachlexikon S. 21.
KB Kulturbund der DDR (zuvor bis 1972 Deutscher Kultur-
bund – DKB), gegründet 1945 als Kulturbund zur demokrati-
schen Erneuerung Deutschlands; war als Organisation der
Wissenschaftler, Künstler und Intellektuellen gedacht, wurde
darüber hinaus zu einem Sammelbecken vielseitiger Freizeitin-
Die Parteien und Massenorganisationen | 119
DDR_lektoriert.qxd 13.04.2007 12:48 Uhr Seite 119
teressen (von Aquarianern bis Winzern). Mit eigenen Fraktio-
nen in den Parlamenten. 1987 etwa 237 000 Mitglieder. 1990
Umwandlung in einen gemeinnützigen Verein.
LDPD Liberal-Demokratische Partei Deutschlands: Am 05. 07.
1945 gegründet und seit 1948 in den »Demokratischen Block«
einbezogen, galt sie als eine Partei, die besonders die Interessen
der Handwerker und Gewerbetreibenden vertrat. 1987 etwa
106 000 Mitglieder. 1990 formierte sich die Partei in einen
»Bund Freier Demokraten – Die Liberalen« um, dem die NDPD
korporativ beitrat. Im August ging dieser Bund neben weiteren
neu gegründeten Parteien in der nun gesamtdeutschen F.D.P.
auf.
NDPD National-Demokratische Partei Deutschlands; am
12. 06 . 1948 gegründet, sollte sie als Partei der Mittelschichten,
unbelasteter ehemaliger NSDAP-Mitglieder und früherer Be-
rufssoldaten dienen. Von Anfang an in den »Demokratischen
Block« einbezogen. Mitgliederstand 1987 etwa 110 000. Anfang
1990 kam es zu schweren Richtungskämpfen innerhalb der Par-
tei, in denen sich auch rechtsextreme Tendenzen zeigten. Die
Mehrheit der Funktionäre beschloss den Beitritt zum Bund
Freier Demokraten, mit diesem gingen die Reste der Partei im
August 1990 in der gesamtdeutschen F.D.P. auf.
VdgB Vereinigung der gegenseitigen Bauernhilfe, im Herbst
1945 auf örtlicher Ebene entstanden und im Mai 1946 auf dem
gesamten Gebiet der späteren DDR in Landesausschüssen orga-
nisiert. Die VdgB stellte Abgeordnete in den Gemeindevertre-
tungen, Kreis- und Bezirkstagen und in der Volkskammer
(1963 bis 1986 in der Volkskammer und in den Bezirkstagen
nicht vertreten). 1988 etwa 646 000 Mitglieder. Im März 1990
wurde als Nachfolgeorganisation der Bauernverband der DDR
e. V. gegründet.
Volkssolidarität Sachlexikon S. 61.
120 | Ein Volk von Mitgliedern
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Orden, Ehrentitel, Preise, Urkunden
Weil so viele schöne Dinge fehlten, die die Bürger gern besessen
hätten, hatte sich die weise Führung einen Ersatz ausgedacht,
der sich schon in der großen Sowjetunion – wie man meinte –
glänzend bewährt hatte. Der Mensch lebt schließlich nicht vom
Brot allein, er braucht auch Dank und Anerkennung für sein un-
ermüdliches Voranschreiten auf dem Weg zum Sozialismus.
Und wenn das Brot knapp wird, hart ist oder den Leuten einfach
nicht mehr schmecken will, dann müssen Dank und Anerken-
nung auf besonders appetitliche Weise serviert werden. Also
wurden Orden, Ehrenzeichen, Medaillen, Preise und Ehrentitel
gestiftet, geprägt, ausgelobt und verteilt – und das in einem Aus-
maß, dass einem schwindlig werden kann, wenn man die Über-
sicht über diesen Ordenskosmos gewinnen will.
Da gab es Ehrentitel, die begannen mit »Hervorragender ...«
und eine noch viel größere Anzahl von Ehrentiteln, die began-
nen mit »Verdienter ...« und reichten durch alle Berufsgruppen
von »Verdienter Arzt« bis »Verdienter Züchter«. Dann gab es
fünf verschiedene »Medaillen für ausgezeichnete Leistungen«
und fünfzehn verschiedene »Medaillen für hervorragende Leis-
tungen« und eine »Medaille für sehr gute Leistungen im Berufs-
wettbewerb« und eine »Medaille für selbstlosen Einsatz bei der
Bekämpfung von Katastrophen«, zwölf verschiedene »Medail-
len für treue Dienste« in allen möglichen Einrichtungen, in de-
nen man dienen konnte, und eine »Medaille für treue Pflichter-
füllung«, sieben »Medaillen für Verdienste« und elf »Verdienst-
medaillen« (neben der »Verdienstmedaille der DDR«).
Auch Titel wie »Meisterbauer« gab es, verbunden mit einer Me-
daille, und »Meisterbauer der genossenschaftlichen Produkti-
on«. Denn nicht nur der Staat, der Vater aller Dinge, namentlich
in Gestalt seines höchsten Repräsentanten, vergab Orden und
Preise, sondern auch der Ministerrat hatte ein eigenes Schatz-
kästlein dafür; schließlich beteiligten sich die Ministerien, Mas-
senorganisationen und Kammern an dem Spiel mit dem klin-
gelnden Blech und den geprägten Urkunden, und am Ende
schütteten die Betriebe unmittelbar das Füllhorn segnenden
Orden, Ehrentitel und Urkunden | 121
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Dankes sowie materieller und ideeller Anerkennung über den
Werktätigen aus. Jeder Sportverein und jedes Betriebsferienlager
vergab am Ende Urkunden als Dank und Anerkennung; war
wohl manches knapp in der DDR, gab es davon doch immer ge-
nug.
Die Verleihung und das Prozedere, das der Verleihung voraus-
ging, waren ritualisiert wie viele andere Dinge auch im gesell-
schaftlichen Leben – man nahm es als Alltag hin.
Hier die wichtigsten Orden der DDR nebst einiger bedeutender
Ehrentitel und hochdotierter Preise:
Der Karl-Marx-Orden galt als höchste und als ehrenvollste
staatliche Auszeichnung der DDR und wurde »für hervorragen-
de Verdienste«
in der Arbeiterbewegung,
bei der schöpferischen Anwendung des Marxismus-
Leninismus,
bei der Gestaltung des Sozialismus,
in Wissenschaft und Technik,
in Kunst, Kultur, Bildung und Erziehung,
im Kampf um die Sicherung des Friedens,
in der Pflege und Förderung der Freundschaft zur Sowjet-
union, zu den anderen sozialistischen Staaten und allen
friedliebenden Völkern der Welt
verliehen. Der Orden wurde 1953 (zum 135. Geburtstag von
Karl Marx) gestiftet. Als Dotation wurden zuletzt 20 000 Mark
ausgereicht.
Der Vaterländische Verdienstorden wurde 1954 gestiftet. Ausge-
zeichnet wurden Personen und Institutionen, die sich besonders
um die Einheit Deutschlands (solange das noch im politischen
Kalkül der DDR lag) verdient gemacht oder hervorragende Leis-
tungen auf allen Gebieten des gesellschaftlichen Lebens erbracht
hatten. Verliehen wurden die Stufen Bronze, Silber, Gold sowie
die Ehrenspange in Gold, und zwar immer nur einmalig in der-
selben Stufe. Mit Ausnahme der Träger der Ehrenspange erhiel-
ten alle Preisträger Geldzuwendungen.
122 | Ein Volk von Mitgliedern
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Der Orden Stern der Völkerfreundschaft wurde in »Würdigung
außerordentlicher Verdienste um die Deutsche Demokratische
Republik, um die Verständigung und die Freundschaft der Völ-
ker und um die Erhaltung des Friedens« verliehen. Er wurde in
drei Klassen verliehen: 1. Großer Stern der Völkerfreundschaft
in Gold, 2. Stern der Völkerfreundschaft in Gold, 3. Stern der
Völkerfreundschaft in Silber. Der Orden wurde sehr häufig an
ausländische Persönlichkeiten vergeben.
Der Orden Banner der Arbeit wurde für »hervorragende und
langjährige Leistungen bei der Stärkung und Festigung der
DDR, insbesondere für hohe Arbeitsergebnisse in der Volkswirt-
schaft« verliehen. Seit 1974 gab es den Orden in drei Klassen, die
mit entsprechenden Prämien verbunden waren: Stufe III: 500
Mark, Stufe II: 750 Mark, Stufe I: 1000 Mark.
Die Verdienstmedaille der DDR wurde 1959 vom Ministerrat
gestiftet und von seinem Vorsitzenden verliehen. Die Medaille
wurde für langjährige Verdienste, einschließlich umfassender
gesellschaftlicher Aktivität, um die »Stärkung und Festigung der
DDR« sowie für »Verdienste in der internationalen Zusammen-
arbeit mit der DDR« verliehen. Die Verleihung der Verdienstme-
daille ging in der Regel einer Verleihung des Vaterländischen
Verdienstordens voraus.
Der Blücher-Orden für Tapferkeit war ein militärischer Tapfer-
keitsorden, er wurde 1968 gestiftet. Es gab diesen Orden in den
Stufen Gold, Silber und Bronze. Bis zum Ende der SED-Herr-
schaft war die Existenz des Ordens kaum bekannt. Er war für
den Verteidigungsfall vorgesehen.
Der Ehrentitel Held der DDR wurde 1975 gestiftet und an Men-
schen verliehen, die »durch ihre außerordentlichen Leistungen
und Verdienste Heldentaten für die DDR, für ihre Entwicklung
und allseitige Stärkung, für die internationale Anerkennung
und Autorität sowie für ihren sicheren militärischen Schutz
vollbracht haben«. Eine Jahresquote von zehn Titelvergaben war
Orden, Ehrentitel und Urkunden | 123
DDR_lektoriert.qxd 13.04.2007 12:48 Uhr Seite 123
vorgesehen. Seit 1978 wurde der Titel zusammen mit dem Karl-
Marx-Orden verliehen. Der Ehrentitel konnte, wie der Titel
»Held der Sowjetunion«, der als Vorbild gedient hatte, mehrfach
vergeben werden.
Der Ehrentitel Held der Arbeit wurde 1950 gestiftet und war mit
einer Prämie von bis zu 10 000 Mark dotiert. Mit ihm wurden
Werktätige ausgezeichnet, die »durch ihre besonders hervorra-
gende, bahnbrechende Tätigkeit, insbesondere in der Industrie,
der Landwirtschaft, dem Verkehr oder dem Handel oder durch
wissenschaftliche Entdeckungen oder technische Erfindungen
sich besondere Verdienste um den Aufbau und den Sieg des So-
zialismus erworben haben und durch diese Tätigkeit die Volks-
wirtschaft und damit das Wachstum und das Ansehen der DDR
förderten«.
Der Nationalpreis der DDR war eine seit 1949 verliehene Aus-
zeichnung für »hervorragende schöpferische Arbeiten auf den
Gebieten der Wissenschaft und Technik, bedeutende mathema-
tisch-naturwissenschaftliche Entdeckungen und technische Er-
findungen, die Einführung neuer Arbeits- und Produktionsme-
thoden« sowie für »hervorragende Werke und Leistungen auf
den Gebieten der Kunst und Literatur«. Er existierte in drei
Klassen. Bei herausragenden wissenschaftlichen Leistungen
oder bei künstlerischen Kollektivleistungen (zum Beispiel Fil-
men) wurden meist ganze Kollektive anstelle von Einzelperso-
nen ausgezeichnet. Der Nationalpreis wurde jedes Jahr am
7. Oktober verliehen. Die drei Klassen waren mit unterschied-
lich hohen Geldpreisen verknüpft: III. Klasse: 25 000 Mark,
II. Klasse: 50 000 Mark, I. Klasse: 100 000 Mark.
Der Kunstpreis der DDR wurde 1959 vom Ministerrat gestif-
tet und jährlich im Oktober vom Minister für Kultur vergeben.
Mit ihm wurden künstlerische Einzelleistungen, die als rich-
tungsweisend für die Entwicklung der Kultur eingeschätzt wur-
den, gewürdigt. Man verlieh ihn insbesondere an Persönlichkei-
ten, die sich auf den Gebieten Musik, Bildende Kunst, Ange-
124 | Ein Volk von Mitgliedern
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wandte Kunst, Film, Fernsehen, Rundfunk und Unterhaltungs-
kunst Verdienste erworben hatten. Der Preis konnte an Einzel-
personen und Kollektive verliehen werden, aber stets nur ein-
mal. Eine Prämie von 6000 Mark für Einzelpersonen und bis zu
20 000 Mark für Kollektive war mit dem Preis verbunden.
Der Lessing-Preis der DDR war ein angesehener Literaturpreis.
Er wurde 1955 gestiftet und vom Ministerium für Kultur jähr-
lich (bis 1977; danach alle zwei Jahre) jeweils am Geburtstag
Lessings am 22. Januar verliehen. Mit ihm sollten »hervorragen-
de Werke auf dem Gebiet der Bühnendichtung sowie auf dem
Gebiet der Kunsttheorie und Kunstkritik, die im Geiste für die
Entwicklung der Kunst bedeutungsvoll sind«, gewürdigt wer-
den. Die Auszeichnung konnte an Einzelpersonen oder Kol -
lektive von bis zu sechs Personen vergeben werden. Der Preis
war mit einer Geldzuwendung in Höhe von 10 000 Mark ver-
bunden.
Der Heinrich-Mann-Preis ist ein renommierter Literaturpreis,
der seit 1953 von der Akademie der Künste der DDR jährlich
verliehen wurde. Der Preis wird zu Ehren von Heinrich Mann
verliehen (jetzt von der Akademie der Künste Berlin). Er ist heu-
te mit 8000 Euro dotiert.
Mit dem Heinrich-Greif-Preis, der 1951 gestiftet wurde, sollten
hervorragende Leistungen auf dem Gebiet des Films ausge-
zeichnet werden; er wurde zum Gedenken an den antifaschisti-
schen Filmkünstler Heinrich Greif verliehen. Er wurde zunächst
für hervorragende kollektive Leistungen, seit 1959 auch für her-
vorragende Einzelleistungen in drei Klassen verliehen. Die ein-
zelnen Klassen waren von 3500 bis 20 000 Mark dotiert.
Orden, Ehrentitel und Urkunden | 125
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Hier noch eine Sammlung bemerkenswerter Leistungen, für die
man eine Urkunde bekommen konnte:
Für 20 freiwillige Aufbaustunden im Nationalen Auf-
bauwerk wird ... Dank und Anerkennung ausgespro-
chen und die Nadel des NAW verliehen.
... hat erfolgreich an der 25. ABC-Mathematik-Olym-
piade teilgenommen und gehört zu den Besten der
Klassenstufe. Es gratuliert die Redaktion der ABC-
Zeitung.
Für hervorragende schöpferische Leistungen in der
Bewegung der »Messe der Meister von Morgen« wird
... anlässlich der Bezirksmesse diese Urkunde verliehen.
Für vorbildliche Arbeit bei der Entwicklung der Kraft-
fahrzeuginstandhaltung: »Bester Facharbeiter der
Verwaltung«.
Für sehr gute Leistungen im Wettbewerb des künst-
lerischen Volksschaffens zu den Festen der Freundschaft
1982.
Für vorbildliche Ergebnisse bei der Erfüllung des
Ferienspiels »Meine Heimat DDR« im Feriensommer
1984 (verliehen vom Leiter eines Pionierhauses).
Dem Kollektiv ... wird für hervorragende Leistungen
beim Aufbau des Sozialismus und bei der Festigung und
Stärkung der Deutschen Demokratischen Republik der
Ehrentitel »Kollektiv der sozialistischen Arbeit« ver-
liehen.
126 | Ein Volk von Mitgliedern
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Der Wessi und der Ossi
Begriffsverwirrung, babylonische! Wie war das doch vor der
Wiedervereinigung? Wessi hier der nach Westberlin zugereiste
Westdeutsche, ein Provinzler, der sich in die Weltstadt verirrt
hatte. Der Ossi, wie wir ihn heute kennen, hieß noch Zoni (nach
der sowjetisch besetzten Zone) – auch der standesbewusste Ost-
berliner fuhr, wenn er die Stadtgrenze ins DDR-Umland über-
querte, in die »Zone«. Nach Wende und Wiedervereinigung
wurde der Westdeutsche aus der alten Bundesrepublik (vorher
Bundi) genannt) zum Wessi und der Zoni zum Ossi, sofern er
sich nicht in einer Aufwallung konstruktiver Selbstbezichtigung
Dederoni nannte. Da der Wessi alles besser wusste und dem Os-
si erklären musste, hieß er bei ihm bald Besserwessi. Und da der
Ossi mit manchem Wandel nicht so schnell klarkam und sich
darüber beklagte, hieß er beim Wessi Jammerossi. Das Schöne
an Klischees ist, dass sie einen wahren Kern haben, darum sind
sie ja so haltbar wie ein Zwieback. Und so delikat. Der Ossi im
Westen wird überrascht feststellen, dass der Wessi weit heftiger
zu jammern versteht als er und meist über Nichtigeres als den
Abbruch eines kompletten Landes. Und der Wessi im Osten darf
sich mal das Steuer- und Rentensystem erklären lassen: vom Os-
si, der hat’s ja gerade frisch gelernt.
»Wessi« als typisches DDR-Wort wird immer in der grammati-
kalisch maskulinen Form verwendet, unabhängig davon, wel-
chen Geschlechts die Person ist, die mit diesem Begriff bezeich-
net werden soll. Mit dem »Ossi« verhält es sich genauso; Versu-
che, mittels der westlich-feministischen »Ossa« die Sprachfront
aufzuweichen, werden hiermit für gescheitert erklärt.
Woran man einen Wessi erkennt
1. Er hält das Wort Plaste für einen Singular. Ein Plasteeimer ist
aber aus Plast (Singular), nicht aus Plaste (Plural).
Woran man einen Wessi erkennt | 127
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2. Er benutzt die Abkürzung Vopo, wenn er sich besonders kompe-
tent über die bewaffneten Organe der DDR äußern will. Meint
man die Volkspolizei als Organ, heißt die VP und wird Vaupeh
gesprochen, meint man die Polizisten als Individuen, waren sie
Polizisten, Bullen oder Büttel, je nach Gemütslage und dem
Grad der Wut, die man im Bauch hatte.
3. Er hält Angehörige der Grenztruppen oder der Zollverwaltung für
Vopos, was der terminologische Supergau ist, denn erstens hat-
ten die Grenztruppen nichts mit der Volkspolizei zu tun, ebenso
wenig wie die Zollverwaltung, und zweitens gab es Vopos im
DDR-Sprachgebrauch überhaupt nicht (siehe 2.) .
4. Er hält die Sorben für eine ethnische Gruppe in der früheren Sozia-
listischen Föderativen Republik Jugoslawien. Dass in der Lausitz
(wat is dat denn?) eine nationale Minderheit mit dem Namen
Sorben wohnt, ist im bislang unbekannt gewesen.
5. Ihm unterläuft der Lapsus, »der Stasi« anstelle von »die Stasi« zu
sagen. Das Maskulinum Stasi war die Spezialität eines Journalis-
ten des Senders Freies Berlin, das sich als Abkürzung aus dem
(männlichen) »Staatssicherheitsdienst« herleitete. Die Stasi war
aber weder ein »Dienst« im westlichen Sinne noch wurde sie in
der DDR jemals als Maskulinum im Munde geführt.
6. Er nennt Margot Honecker Ministerin für Volksbildung. Wahr-
scheinlich ist der Wessi in diesem Falle eine Frau oder ein von fe-
ministischer Grammatik angegammelter Mann. Das grammati-
sche Femininum für die Bezeichnungen von Dienststellungen
war in der DDR nicht nur unüblich, sondern sogar regelrecht
falsch. Margot Honecker war die »Genossin Minister« für Volks-
bildung.
7. Er erzählt einen Honecker-Witz und gibt de Worte Honeckers dabei
in sächsischer Mundart wieder. Honecker hatte aber nicht den lei-
sesten Anflug sächsischen Dialekts; er war unüberhörbar Saar-
länder.
128 | Der Wessi und der Ossi
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8. Er erzählt einen NVA-Witz und nennt dabei einen Vorgesetzten
»Herr Oberleutnant«. Die richtige Anrede war in der NVA wie in
allen bewaffneten Organen natürlich »Genosse Oberleutnant«,
unabhängig davon, ob der Oberleutnant selbst oder derjenige,
der ihn dienstlich ansprach, Mitglied der SED waren.
9. Er schreibt den Trabi mit Doppel-b, also »Trabbi«, weil er nicht
weiß, dass Trabi die Abkürzung von Trabant ist. Tritt der Wessi
in dieser speziellen Form auf, weiß er meistens auch gar nicht,
dass außer dem Trabi (für ihn: Trabbi) in der DDR auch noch
andere Fahrzeuge gebaut wurden.
10. Er schimpft auf die Ostrentner und verkündet am Biertisch, der
Ossi habe im Gegensatz zu ihm ja nix eingezahlt. Er meint damit die
gesetzliche Rentenversicherung, aus der, wie er meint, der Ost-
rentner ungerechtfertigt hohe Renten beziehe. Es ist typisch für
den Wessi, dass er sein eigenes Rentensystem nicht versteht. Er
glaubt wirklich daran, dass er in einen Topf etwas einzahlt, aus
dem er im Alter seine Rente bekommt.
Woran man einen Ossi im Westen erkennt
1. Er sucht im Büro einen Aktendulli. Nachdem seine Kollegen ihn
völlig entgeistert angeschaut haben, fällt ihm auf, dass er besser
nach einem Heftstreifen hätte fragen sollen. Und zwar einem
Heftstreifen aus Pappe oder Kunststoff, mittels dessen sich Blät-
ter, die gleichartige Vorgänge betreffen, nach Art des Schnellhef-
ters zusammenheften lassen, wonach man das so geheftete Kon-
volut seinerseits in einen Ringordner einhängen kann. Nach die-
ser umständlichen Erklärung kommt es den Westkollegen so
vor, als wäre Aktendulli doch das praktischere Wort gewesen.
2. Er wünscht am Brathähnchenstand einen Broiler zu essen. We n n
man ihn nicht versteht, wird er sich dem türkischen oder irani-
schen Verkäufer mittels Zeichensprache oder durch Zeigen auf
das entsprechende Geflügelteil verständlich machen.
Woran man einen Ossi im Westen erkennt | 129
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3. Er lässt sich am Packtisch des Kaufhauses alles in eine Plastetüte pa-
cken. Die Damen am Packtisch werfen einander einen verständ-
nisinnigen Blick zu, der sagen will: Wieder so einer von der Fir-
ma Plaste und Elaste!
4. Er erkundigt sich in einem Geschäft, ob ein bestimmter Artikel im
Angebot sei. Irritiert reagiert er auf die Antwort »Nein«, weil er
den gesuchten Artikel soeben in einem Regal entdeckt hat – da
sei er doch. Nun, das schon, wird vielleicht der Verkäufer erwi-
dern, im Regal ja, aber nicht im Angebot. Den Kunden erschüt-
tert ein erstes nervöses Zucken. Ob der Artikel denn nicht zu
kaufen sei. Doch, schon, aber er sei eben nicht im Angebot. Wo-
rauf der Kunde – nun völlig desorientiert – mit irrem Kichern
das Geschäft verlässt. Läuft dieses Szenario ab, traf der westliche
Verkäufer auf einen klassischen Dederoni, der unter Angebot
Sortiment versteht, während der Westler darunter ein Sonder-
angebot, also preisgesenkte Ware, versteht. Hätte der Ossi da-
nach fragen wollen, hätte er wissen wollen, ob der Artikel »ver-
günstigt« ist; das wiederum konnte der westliche Verkäufer
nicht wissen usw.
5. Er fragt einen Makler, ob er ihm helfen könne, seine Wohnung zu
tauschen. Der Makler bricht daraufhin das Gespräch sofort ab.
6. Zwei Busse hintereinander sind ausgefallen. Er fragt nach dem
Dispatcher, um sich zu beschweren und sich zu erkundigen, wel-
che Ersatzverbindung eventuell besteht. Keiner versteht, dass er
nach einem Kraftverkehrsmeister gefragt hat.
7. Er bekommt bei Erwähnung von »Hallorenkugeln« feuchte Augen.
Er ist bereit, eine größere Summe Geldes karitativen Zwecken
zuzuwenden oder sich in einer Fernsehshow vor aller Welt zum
Affen zu machen, nur um sich in den Besitz dieser erlesenen
Köstlichkeit zu bringen.
8. Er bezahlt seine Rechnung sofort – oder gar nicht; Letztes nur,
wenn er wirklich komplett pleite ist, was leider immer häufiger
130 | Der Wessi und der Ossi
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vorkommt. Er lebt nicht so selbstverständlich mit offenen Rech-
nungen nach dem Motto: Die werden mich schon mahnen,
wenn ihnen was an mir liegt.
9. Er kauft in der Kaufhalle ein, obwohl er natürlich weiß, dass es
ein »Supermarkt« ist. Da aber der westliche Supermarkt eigent-
lich auch nichts anderes ist als die östliche Kaufhalle, nur so als
wäre Weihnachten, Ostern, Geburtstag und der Besuch der
Westverwandtschaft an einem Tag, hat er gar keinen Anlass, sich
von der Kaufhalle zu verabschieden, mit der er aufgewachsen ist.
10. Er fragt in einem Geschäft »Haben Sie ... ?« Zwar hat man auch
schon gehört, dass Wessis diese Frage stellen, aber dann klingt sie
so, dass der Verkäufer sich gefälligst schämen soll, wenn er nicht
hat, denn dann trifft ihn die geballte Verachtung des Fragenden.
Beim Ossi hingegen stößt man in der Art, wie er diese einfache
Frage ausspricht, auf die Sedimente von jahrzehntelangem
DDR-Alltag und es schwingt eine ganze Skala von Empfindun-
gen mit, die von der Angst, etwas Begehrtes nicht zu bekommen,
über das Aufflackern von Hoffnung bis zu Resignation reichen.
Achten Sie also vor allem auf den Ton, in dem diese Frage ausge-
sprochen wird.
Woran man einen Ossi im Westen erkennt | 131
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Quiz: Testen Sie Ihr Wissen!
Testen Sie Ihr Wissen. Oder testen Sie das Wissen Ihrer Gäste und
Gesprächspartner. Wenn Sie das Buch durchgearbeitet haben,
können Sie die Fragen mit Sicherheit (pardon, das war ein Lap-
sus Linguae, streichen Sie »mit Sicherheit«, wir kommen inzwi-
schen ohne dieses »Ministerium der Liebe« aus) – beantworten.
01. Welche der vier Sportgemeinschaften gab es in
Wirklichkeit nicht?
a. BSG Empor Tabak Dresden
b. BSG Umformtechnik Erfurt
c. BSG Schrottannahme Neubrandenburg
d. BSG Lok/Armaturen Prenzlau
02. Wie hoch war das Durchschnittseinkommen in der DDR im
Jahr 1960?
a. 495 Mark
b. 558 Mark
c. 612 Mark
d. 798 Mark
03. Welcher der folgenden vier Produktnamen gehört zu einem
Traktor?
a. Famulus 36
b.RG28
c. LO3000
d.MKF6
0
4. Zum we gehörte die Personenkennzahl 281207430153?
a. Erich Honecker
b. Erich Wendt
c. Erich Mielke
d. Erich Correns
05. Was ist ein Kombinat?
a. eine Vollerntemaschine b. eine Kindertagesstätte
c. eine Dienstleistungseinrichtung für Reparaturen und
Reinigung
d. eine Wirtschaftseinheit der Industrie und des Bauwesens
132 | Der Wessi und der Ossi
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06. Was bedeutet Zentralorgan?
a. ein in der Körpermitte gelegenes Organ
b. Führungsstelle aller bewaffneten Organe
c. wichtigste Parteizeitung der SED
d. die zentrale Parteileitung der SED
07. Was sind Schwarze Husaren?
a. unbilanzierte Arbeitskräfte in Volkseigenen Betrieben
b. ein Traditionsverband der NVA
c. die Reiterstaffel der Deutschen Volkspolizei
d. Osterreiter in der katholischen Oberlausitz
08. Was ist die Wurst am Stengel?
a. DDR-spezifische Bezeichnung für Hotdog
b. Bezeichnung für Thüringer Bratwürste an einem
Holzspieß
c. eine Art Schaschlikspieß aus verschiedenen Fleisch-
und Wurstsorten
d. Bezeichnung für Futtermais
09. Was sind Lausitzer Sorben?
a. eine nationale Minderheit im Südosten Deutschlands
b. eine vom Aussterben bedrohte Vogelart, die nur noch
in der Lausitz vorkommt
c. kleine Gewürzgürkchen aus dem Spreewald in der
Niederlausitz
d. eine spezielle Webtechnik aus der Oberlausitz
10. Welchen Gegenstand bezeichnete man als Picasso-Euter?
a. ein Kunstobjekt, ähnlich der Fettecke von Josef Beuys,
das auf der IX. Kunstausstellung der DDR gezeigt wurde
b. eine tetraederförmige Getränkeverpackung, die vor-
nehmlich für Milch und Milchprodukte benutzt wurde
c. eine stark abstrahierte Darstellung von Picassos
berühmter Friedenskuh
d. künstliches Kuh-Euter für die Melker-Ausbildung
Quiz | 133
DDR_lektoriert.qxd 13.04.2007 12:48 Uhr Seite 133
11. Was ist ein Protokollanstrich?
a. der Fassadenanstrich entlang der Protokollstrecke für
die höchsten Repräsentanten der Partei- und Staats-
führung der DDR
b. der erneuerte Außenanstrich des Ministeriums für
Auswärtige Angelegenheiten
c. eine farbige Markierung auf dem Straßenbelag, die bei
Besuchen ausländischer Staatsgäste die Einhaltung des
diplomatischen Protokolls erleichtert
d. Hervorhebung in einem Protokoll oder Bericht mittels
eines Längsstriches am Textrand
12. Von welchem jungen Mann welchen Berufsstandes handelt
ein seinerzeit sehr bekanntes DDR-Lied?
a. Sigmund der Kosmonaut
b. Michael der Mechaniker
c. Paul der Panzersoldat
d. Fritz der Traktorist
13. Was bezeichnet der Name Minol?
a. ein Flüssigwaschmittel
b. ein Mineralölunternehmen
c. ein Moped
d. ein Pflanzenschutzmittel
14. Welches Bier wurde nicht in der DDR gebraut und
abgefüllt?
a. Pilsner Urquell
b. Radeberger Pilsner
c. Wernesgrüner Pilsner
d. Dessower Pilsner
15. Was war laut SED-Propaganda der Arbeitsplatz?
a. das erkämpfte Menschenrecht
b. ein Ort der Selbstverwirklichung
c. Garant für Qualitätsarbeit
d. ein Kampfplatz für den Frieden
134 | Der Wessi und der Ossi
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16. Wie hieß das sozialistische Gegenstück zum Bürgerlichen
Gesetzbuch (BGB) in der Bundesrepublik Deutschland?
a. Sozialistisches Gesetzbuch
b. Gesetz über den Ministerrat
c. Zivilgesetzbuch
d. so etwas gab es gar nicht
17. Was war die Bassow-Methode
a. eine Kampagne für mehr Ordnung, Sauberkeit und
Sicherheit am Arbeitsplatz
b. eine Technologie der Bassow-Brauerei zur Umgehung
des Reinheitsgebots
c. sowjetische Erfahrungen bei der Metallbearbeitung
mittels Drehen und Fräsen
d. eine vom Institut Manfred von Ardenne entwickelte
Methode zur Bedampfung von Flachglas
18. Welcher der vier genannten Politiker war niemals Vorsitzen-
der des Staatsrats der DDR?
a. Wilhelm Pieck
b. Walter Ulbricht
c. Willi Stoph
d. Erich Honecker
19. Wer war Heinrich Mauersberger?
a. Kreuzkantor in Dresden
b. Thomaskantor in Leipzig
c. Politbüromitglied und ZK-Sekretär für Wirtschafts-
fragen
d. Erfinder eines Nähwirkverfahrens für Textilien
20. Welches Unternehmen betrieb die Schlaf- und Speisewagen
der Deutschen Reichsbahn?
a. dieHO
b. die MITROPA
c. die KONSUM-Genossenschaften
d. die FORUM-Handelsgesellschaft
Quiz | 135
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Anhang
Kleine Chronik weniger bekannter Ereignisse
1949 1. 12 .: Die FDJ verleiht erstmalig das »Abzeichen für gutes
Wissen«. 21 . 12 .: Umbenennung der Frankfurter Allee in Berlin
in Stalinallee.
1950 4. 4 .: Das Ministerium für Volksbildung verbietet das öf-
fentliche Abspielen US-amerikanischer Tanzmusik. 15. 5 .: Das
Walter-Ulbricht-Stadion in Berlin wird fertig gestellt. 14. 7 .: Das
Denkmal Friedrichs des Großen unter den Linden wird abge-
baut und nach Potsdam verbracht. 7 . 9 .: Der Abriss des Berliner
Schlosses beginnt.
1951 2. 1.: Baubeginn für das erste Edelstahlwerk der DDR in
Döhlen bei Freital. 14. 1 .: Einweihung der Gedenkstätte der So-
zialisten in Berlin-Friedrichsfelde durch Wilhelm Pieck. 25. 3 .:
Das erste Straßenradrennen für Frauen wird in der DDR ausge-
tragen. 26. 5.: Stapellauf des Segelschulschiffs »Wilhelm Pieck«.
26. 8 .: Schloss Albrechtsberg in Dresden wird als »Pionierpalast«
eröffnet. 19. 9 .: Im Eisenhüttenkombinat Ost wird der Hoch-
ofen I in Betrieb genommen.
1952 2. 7.: Übergabe der Betriebspoliklinik auf der Volkswerft
Stralsund. 21 . 7 .: Gründung der ersten PGH durch acht Berliner
Stukkateure. 22 . 7 .: Das erste Statut einer LPG wird angenom-
men. 11 . 11 .: Eröffnung der Musikhochschule Dresden. 21 . 12 .:
Die ersten 1148 Wohnungen in der Berliner Stalinallee werden
feierlich übergeben.
1953 9. 4 .: Die Rationierung von Schuhen wird aufgehoben.
15. 5.: Die Rechtsanwälte der DDR werden in Kollegien zusam-
mengefasst. 25. 6 .: Die erste Nummer der Frösi (»Fröhlich sein
und singen«) erscheint. 7 . 10 .: Wilhelm Pieck wird als Präsident
wiedergewählt. 19. 11 .: Neue KfZ-Kennzeichnung, nach Bezir-
ken gegliedert, wird eingeführt.
1954 25. 3 .: Die UdSSR gesteht der DDR die volle staatliche Sou-
veränität zu. 3 . 9 .: Eine allgemeine Preissenkung für Lebensmit-
136 | Anhang
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tel und Gebrauchsgüter wird durchgeführt. 1 . 11 .: Die Volkspo-
lizei erhält anstelle der dunkelblauen jetzt grüne Uniformen.
1955 25. 1 .: Die UdSSR erklärt den Kriegszustand mit Deutsch-
land für beendet. 17. 3 .: Der erste P-70 rollt in Zwickau vom
Band. 27. 3.: Erste Jugendweihe in Berlin. 26. 9.: Die Volkskam-
mer verabschiedet das Gesetz über Staatsflagge und Staatswap-
pen der DDR.
1956 1. 1 .: Gründung des Kernforschungszentrums Rossendorf
bei Dresden. 19. 7 .: Der Bezirk Cottbus beschließt ein Spree-
wald-Sonderprogramm. 23 . 10 .: Gründung des Büros für Urhe-
berrechte in Berlin. 13. 12.: Die HO eröffnet in Berlin die erste
Selbstbedienungsverkaufsstelle für Lebensmittel.
1957 15. 2.: Die erste Nummer der Kinderzeitschrift »Bummi«
erscheint. 1 . 8 .: Ho Chi Minh besucht die Volkswerft Stralsund.
13. 10 .: Umtausch der seit 1948 in Umlauf befindlichen Bankno-
ten. 26 . 10 .: Erster Spatenstich zum Bau des neuen Überseeha-
fens Rostock. 7 . 11 .: Der erste Trabant rollt in Zwickau vom
Band. 13 . 11 .: Aufnahme des Rundflugdienstes der Deutschen
Lufthansa der DDR.
1958 28. 5 .: Die Lebensmittelkarten werden abgeschafft. 8 . 12 .:
Die Volkskammer beschließt die Auflösung der Länderkammer.
1959 1. 5 .: Das Braunkohlekombinat Schwarze Pumpe produ-
ziert die ersten Briketts. 1 . 10 .: Die Staatsflagge wird geändert
und zeigt jetzt das Staatswappen auf Schwarz-Rot-Gold.
1960 1. 1 .: Der Zentralzirkus der DDR (bestehend aus »Busch«,
»Aeros« und »Berolina«) wird gegründet. 21 . 3 .: Erste Ausstrah-
lung des »Schwarzen Kanals«. 12 . 9 .: Das Amt des Staatspräsi-
denten wird abgeschafft und durch den Staatsrat ersetzt.
1961 28. 2 .: Eröffnung des Armeemuseums im Marmorpalais zu
Potsdam. 1 . 5 .: Jungfernfahrt des FDGB-Urlauberschiffes »Fritz
Heckert«. 15. 6 .: Walter Ulbricht bestreitet auf einer Pressekon-
ferenz Absichten zum Mauerbau. 14. 11 .: In Nacht- und Nebel-
aktionen werden Stalindenkmäler demontiert und Stalinstra-
ßen umbenannt.
1962 3. 4 .: Ruhrepidemie in Berlin. 17. 10 .: Gründung der Cho-
pin-Gesellschaft in Leipzig. 15. 11 .: Eröffnung der wieder aufge-
bauten historischen Gaststätte »Zur letzten Instanz«.
Chronik | 137
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1963 24. 6.: Das »Neue ökonomische System der Planung und
Leitung« wird beschlossen. 27. 8 .: Der Wiederaufbau des
Dresdner Zwingers wird abgeschlossen. 5 . 10 .: Wolf Biermann
eröffnet das Berliner Arbeiter- und Studenten-Theater (BAT).
14. 11 .: Margot Honecker wird Volksbildungsminister.
1964 2. 1 .: Neue Personalausweise werden ausgegeben, die als
Staatsangehörigkeit »DDR« ausweisen. 15. 7 .: Grundsteinlegung
für Halle-Neustadt. 1 . 8 .: Neue Banknoten mit der Währungsbe-
zeichnung »Mark der Deutschen Notenbank« werden ausgege-
ben. 1 . 10 .: Postleitzahlen werden in der DDR eingeführt.
1965 21. 12 .: Gleichstellung von ehelichen und nichtehelichen
Kindern und Aufhebung des Schuldprinzips bei Ehescheidun-
gen. 22 . 12 .: Beschluss über den Arbeitsfreien Samstag in jeder
zweiten Woche.
1966 31. 1 .: Produktionsbeginn in der ersten Ausbaustufe von
Leuna II. 1 . 4 .: Das Familiengesetzbuch tritt in Kraft. 16 . 4 .: Die
Frauenhandballmannschaft des SC Leipzig gewinnt den Euro-
pacup. 9 . 5 .: Das erste Atomkraftwerk der DDR in Rheinsberg
geht ans Netz. 24. 7 .: Die 12. Kinder- und Jugendspartakiade der
Sommersportarten wird eröffnet.
1967 21. 1 .: Erstes Tischtennis-Turnier der Tausende (TTT) in
Berlin. 3 . 5 .: Ministerrat beschließt Einführung der 5-Tage-Wo-
che (bei 43 Wochenstunden). 31 . 5 .: In Potsdam wird der
Grundstein für den Bau des Interhotels gelegt. 3 . 10 .: Richtfest
auf der Baustelle des Berliner Fernsehturms. 8 . 10 .: Erste Lauf-
dich-gesund-Veranstaltung in Zwickau.
1968 30. 5 .: Die Leipziger Universitätskirche wird gesprengt.
10. 6.: Die Volkskammer verabschiedet das Polizeigesetz.
1969 3. 10 .: Das 2. Programm des Deutschen Fernsehfunks be-
ginnt zu senden, und der Berliner Fernsehturm nimmt den Sen-
debetrieb auf. 19. 11 .: Die Puhdys geben ihr erstes Konzert.
1970 1. 1 .: Einführung der Personenkennzahl. 1 . 7 .: Anstelle des
»Made in Gemany« wird »Made in GDR« als Warenkennzeich-
nung eingeführt.
1971 27. 3 .: Baubeginn am ersten Atlantik-Supertrawler in der
Volkswerft Stralsund. 27. 6 .: Erste Folge des »Polizeiruf 110«
läuft im DDR-Fernsehen. 1 . 7 .: Gründung des Plastmaschinen-
138 | Anhang
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werks Schwerin. 15. 11 .: Der Deutschlandsender wird in »Stim-
me der DDR« umbenannt.
1972 29. 1 .: Erster »Kessel Buntes« wird ausgestrahlt. 9 . 3 .:
Volkskammer schafft gesetzliche Regelung für die Unterbre-
chung der Schwangerschaft. 24. 6 .: Erstmals Selbstwählfernver-
kehr zwischen Westberlin und 32 Ortsnetzen in der DDR.
1973 2. 3 .: In Berlin wird das erste Parkhaus in der Nähe des Ale-
xanderplatzes eröffnet. 21 . 5 .: Die ersten fünfgeschossigen Häu-
ser der WBS 70 werden in Berlin-Lichtenberg montiert. 9 . 9.:
Die DDR übernimmt gegen Devisen Westberliner Müll in die
Deponie Groß-Ziethen. 19. 12 .: DDR-Bürgern wird der Einkauf
mit westlichen Währungen im Intershop erlaubt.
1974 1. 1 .: Das Länderkennzeichen »D« bei Kraftfahrzeugen
wird durch das Kennzeichen »DDR« ersetzt. 22 . 6 .: Jürgen Spar-
wasser schießt das 1 : 0 im WM-Spiel der DDR gegen die Bun-
desrepublik.
1975 1. 1.: Alle DDR-Zeitungen stellen ihre Sonntagsausgabe
ein. 23 . 5 .: In Berlin-Lichtenberg wird die erste Müllverbren-
nungsanlage der DDR in Betrieb genommen. 22 . 9 .: »Renft«
(Klaus-Renft-Combo) wird verboten.
1976 25. 4 .: Der Palast der Republik wird der Öffentlichkeit
übergeben. 30 . 7 .: Der Mindestlohn wird von 350 auf 400 Mark
angehoben. 17. 11 .: Ausbürgerung Wolf Biermanns aus der
DDR.
1977 6. 3 .: Erste erfolgreiche Lebertransplantation der DDR in
Dresden durchgeführt. 20 . 6 .: Manfred Krug verlässt die DDR.
30. 11.: Die DDR bestellt bei VW 10 000 PKW Golf.
1978 26. 8 .: Sigmund Jähn startet als erster Deutscher ins Welt-
all.
1979 16. 4.: DDR-Bürger dürfen im Intershop nicht mehr mit
Westgeld bezahlen, sondern müssen zuvor ihre Devisen in Fo-
rum-Schecks umtauschen. 6 . 6 .: Das Palast-Hotel in Berlin wird
eröffnet. 3 . 10 .: Der Pionierpalast in der Berliner Wuhlheide
wird eröffnet.
1980 1. 2 .: Erich Mielke wird zum Armeegeneral befördert.
30. 10 .: Der visafreie Reiseverkehr mit Polen wird ausgesetzt.
1981 26. 6 .: Letztes Todesurteil in der DDR vollstreckt. 8 . 10 .:
Chronik | 139
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Das neue Gewandhaus in Leipzig wird eröffnet. 13 . 12 .: Besuch
Helmut Schmidts in Güstrow.
1982 8. 1 .: Erste Veranstaltung der Reihe »Rock für den Frieden«
im Palast der Republik. 14. 6 .: Der Charité-Neubau wird einge-
weiht. 28 . 7 .: Erster Ro-Ro-Frachter von der Matthias-Thesen-
Werft Wismar ausgeliefert.
1983 25. 10 .: Udo Lindenberg gibt ein Konzert im Palast der Re-
publik.
1984 27. 4 .: Der neue Friedrichstadtpalast wird eröffnet. 10 .5 .:
Das NOK der DDR erklärt den Olympiaboykott der DDR in Los
Angeles. 19. 5 .: Der BFC Dynamo wird zum sechsten Mal in Fol-
ge Fußballmeister.
1985 2. 6 .: Die Elektrifizierung des Berliner Außenrings der Ei-
senbahn ist abgeschlossen.
1986 7. 3 .: Jugendstudio DT-64 wird in Jugendradio DT-64 um-
benannt und ein eigenständiger Sender. 2 . 10 .: Eisenbahnfähr-
verkehr zwischen Mukran (Rügen) und Klaipeda wird aufge-
nommen.
1987 9. 4 .: Im »Stern« erscheint Kurt Hagers »Tapeten-Ver-
gleich«. 17. 6 .: Die Todesstrafe wird offiziell abgeschafft. 15. 12 .:
Der Berliner Ostbahnhof wird in Hauptbahnhof umbenannt.
1988 31. 3.: Westberlin und die DDR vereinbaren Gebietsaus-
tausch. 18 . 1 .: Der sowjetische Digest »Sputnik« wird in der
DDR nicht mehr ausgeliefert. 21 . 11 .: Fünf sowjetische Filme
antistalinistischen Inhalts werden in der DDR verboten.
1989 19. 1 .: Erich Honecker kündigt an, dass die Mauer noch 50
oder auch 100 Jahre stehen werde. 3 . 4 .: Der Schießbefehl an der
Grenze zu Westberlin und zur Bundesrepublik wird ausgesetzt.
7. 5 .: Die Ergebnisse der Kommunalwahl werden massiv mani-
puliert. 7. 12.: Erich Mielke wird verhaftet. 13. 12.: Die Stadtver-
ordnetenversammlung von Berlin erkennt Erich Honecker die
Ehrenbürgerrechte ab.
1990 11. 1 .: Die Waffenkammern der Staatssicherheit werden
geräumt. 20 . 1 .: Der Verkauf von Mauerteilen beginnt. 12 . 3 .:
Der Runde Tisch verabschiedet einen Verfassungsentwurf für
die DDR. 23 . 5 .: An den Hochschulen und Universitäten werden
alle Lehrstühle für Marxismus-Leninismus abgeschafft.
140 | Anhang
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Abkürzungen – und was sie bedeuten
Abkürzungen waren kein Monopol der DDR. Bürokraten in al-
ler Welt neigen zu umständlichen Bezeichnungen, die abgekürzt
werden müssen. Das Wort »Ampel« ist nicht sachgerecht; es
muss »Lichtzeichenanlage« heißen, das wird dann LZA abge-
kürzt. In der DDR wurden Abkürzungen häufiger und selbstver-
ständlicher anstelle der ausgeschriebenen Wörter benutzt, der
ABV der VP hatte zum Beispiel den Abschnittsbevollmächtigten
der Volkspolizei ganz verdrängt. In der Propaganda hieß der
westliche Nachbarstaat grundsätzlich BRD, so vermied man das
in der ausgeschriebenen »Bundesrepublik Deutschland« enthal-
tene Wort, das nicht genannt werden durfte.
Abkürzungen | 141
ABF Arbeiter- und Bauern-
Fakultät
ABI Arbeiter- und Bauern-
Inspektion
ABM Artur-Becker-Medaille (Aus-
zeichnung der FDJ).
ABV Abschnitts-Be vollmächtigter
(der Polizei)
ACZ Agrochemisches Zentrum
AFüSt Ausweichführungsstelle
(meist ein Bunker)
ASK Armeesportklub
ASMW Amt für Standardisierung,
Messwesen und Warenprüfung
AWA Anstalt zur Wahrung der
Aufführungsrechte auf dem
Gebiet der Musik
AWG Arbeiterwohnungsbau-
genossenschaft
AZE Arbeitszeiteinsparung
BdVP Bezirksver waltung der
Deutschen Volkspolizei
BGL Bet riebsgewerkschaftsleitung
BHG Bäuerliche Handelsgenossen-
schaft
BPS Bezirksparteischule der SED
BRD Bundesrepublik Deutschland
BSG Bet riebssportgemeinschaft
DFD Demokratischer Fr auenbund
Deutschlands
DFF Deutscher Fernsehfunk
DHfK Deutsche Hochschule für
Körperkultur und Sport Leipzig
DIAMAT Dialektischer Materia-
lismus
DMH Dringliche Medizinische
Hilfe
DSF Gesellschaft für Deutsch-
sowjetische Freundschaft
DTSB Deutscher Turn- und Sport-
bund
DWT Dampfwirbelschicht-
trocknung
EKO Eisenhüttenkombinat Ost
EKZ Einkaufszentrum
EOS Erweiterte Oberschule
ESER Einheitliches System der
elektronischen Rechentechnik
der sozialistischen Länder
EVP Einzelhandelsverkaufspreis
FDGB Freier Deutscher Gewerk-
schaftsbund
FDJ Freie Deutsche Jugend
FKK Freikörperkultur
FSU Friedrich-Schiller-Universität
Jena
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142 | Anhang
FZR Freiwillige Zusatzrenten-
versicher ung
GAP Großhandelsabgabepreis
GAV Gesellschaftliches Arbeitsver-
mögen
Gewi Gesellschaftswissenschaften
GGG Gesetz über die Gesellschaft-
lichen Gerichte
GHG Großhandelsgesellschaft
GOL Grundorganisationsleitung
GSOR Große Sozialistische
Oktoberrevolution
GSSD Gruppe der Sowjetischen
Streitkräfte in Deutschland
GST Gesellschaft für Sport und
Technik
GÜSt Grenzübergangsstelle
GUvD Gehilfe des Unteroffiziers
vom Dienst
HISTMAT Historischer Materialis-
mus
HO Handelsorganisation
HOG HO-Gaststätte
HSA Hochschulabsolvent
HSG Hochschulsportgemeinschaft
HWG Häufig wechselnder
Geschlechtsverkehr
IAP Industrie-Abgabepreis (öko-
nomische Kennziffer)
IFA Industrieverwaltung Fahrzeug-
und Automobilbau
IGA Internationale Gartenbauaus-
stellung
IHS Ingenieurhochschule
ISPER Infor mationsspeicherungs-
und Informationsgew innungs-
system für eine einheitliche
Personendatenbank
KAP Kooperative Abteilung Pflan-
zenproduktion
KdT Kammer der Technik
(Ingenieurorganisation)
KGD Konzert- und Gastspiel-
direktion
KIM 1. Kombinat Industrielle Mast;
2. Klinik für Innere Medizin
KJS Kinder- und Jugendsport-
schule
KMO Karl-Marx-Orden
KMU Karl-Marx-Universität
Leipzig
KWO Kabelwerk Oberspree
KWV Kommunale Wohnungs-
ver waltung
LPG Landwirtschaftliche Produk-
tionsgenossenschaft
LVZ Leipziger Volkszeitung
MAS Maschinenausleihstation
MEGA Mar x/Engels Gesamt-
ausgabe
MEW Marx/Engels Werke
MfS Ministerium für Staats-
sicherheit
MHO Militärische Handelsorgani-
sation
ML Marxismus-Leninismus
MLG marxistisch-leninistisches
Grundlagenstudium
MLU Martin-Luther-Universität
Halle-Wittenberg
MMM Messe der Meister von
Morge n
MTS Maschinen-Traktoren-Station
NAW Nationales Aufbauwerk
NfD Nur für den Dienstgebrauch
NÖSPL Neues Ökonomisches
System der Planung und Leitung
NSW Nichtsozialistisches Wirt-
schaftsgebiet
NVA Nationale Volksarmee
OGS Obst Gemüse Speisekartof-
feln (Großhandelsgesellschaft)
OibE Offizier im besonderen Ein-
satz
Ökulei Ökonomisch-kultureller
Leistungsvergleich
OWG Gesetz zur Bekämpfung von
Ordnungsw idrigkeiten
PGH Produktionsgenossenschaft
des Handwerks
DDR_lektoriert.qxd 13.04.2007 12:48 Uhr Seite 142
Abkürzungen | 143
PKZ Personenkennzahl
PolÖk Politische Ökonomie
POS Polytechnische Oberschule
PwF Produktionsgenossenschaft
werktätiger Fischer
PwP Produktionsgenossenschaft
werktätiger Pelztierzüchter
PWT Plan Wissenschaft und
Technik
PZV Postzeitungsver trieb
RAK Reise- und Auslandskader
RAW Reichsbahnausbesserungs-
werk
RFT Industrieverband Rundfunk
und Fernmeldetechnik
RGV Raufutter verzehrende Groß-
vieheinheit
RGW Rat für gegenseitige Wirt-
schaftshilfe
RKV Rahmenkollektivvertrag
ROA Reserveoffiziersanwärter
SDAG Sowjetisch-deutsche
Aktiengesellschaft
SED Sozialistische Einheitspartei
Deutschlands
SMAD Sowjetische Militäradmi-
nistration in Deutschland
SMD Sportmedizinischer Dienst
SPK Staatliche Plankommission
SPU Schallplattenunterhalter
(Diskjockey)
Stabü Staatsbürgerkunde (Unter-
richtsfach)
StGAO Anordnung zum Schutz
von Staatsgeheimnissen
SWE Sozialistische Wehrerziehung
TAKRAF Tagebauausrüstungen,
Krane und Förderanlagen
(Warenzeichenver band)
TBK Tiefbaukombinat
Trapo Transportpolizei
ÜLV Überbetrieblicher
Leistungsvergleich
UTP Unter richtstag in der
Produktion
UvD Unteroffizier vom Dienst
VBE Vollbeschäftigten-Einheit
VEAB Volkseigener Erfassungs-
und Aufkaufbetrieb
VEB Volkseigener Bet rieb
VEG Volkseigenes Gut
VKE Verkaufseinrichtung
VMI Volkswirtschaftliche
Masseninitiative
VOB Vereinigung organisations-
eigener Betriebe
VPKA Volkspolizei-Kreisamt
VVB Vereinigung Volkseigener
Betriebe
VVO Vaterländischer Verdienst-
orden
VVS Vertrauliche Verschlusssache
WBA Wohnbezirksausschuss (der
Nationalen Front)
WBK 1. Wohnungsbaukombinat;
2. Wehrbezirkskommando
WiKo Wissenschaftlicher
Kommunismus
WKK Wehrkreiskommando
WtB Waren des täglichen Bedarfs
WTR Wissenschaftlich-technische
Revo lution
WTZ Wissenschaftlich-technisches
Zentrum
ZBE Zwischenbetriebliche Einrich-
tung
Zentr ag Zentrale Druckerei-, Ein-
kaufs- und Revisionsgesellschaft
(Dachgesellschaft der SED-
eigenen Betriebe)
ZFT Zent rum für Forschung und
Technologie
ZKD Zentraler Kurierdienst
ZPKK Zentrale Parteikontroll-
kommission (in der SED Partei-
behörde, die das statutenge-
rechte Verhalten der Mitglieder
kontrollierte)
ZWK Zent rales Warenkontor
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Lösungen der Quizfragen:
Folgende Antworten sind richtig:
1c, 2b, 3a, 4c, 5d, 6c, 7a, 8d, 9a, 10b, 11a, 12d, 13b, 14a, 15d, 16c,
17a, 18a, 19d, 20b
Das bedeuten Ihre Punkte:
20 Treffer: Sie bekommen eine unbefristete Aufenthalts-
genehmigung für die neuen Bundesländer.
18–19 Treffer: Man kann nicht alles wissen.
15–17 Treffer: Jeder hat mal einen Aussetzer.
10–14 Treffer: Das ist guter Durchschnitt.
6–9 Treffer: Das ist schlechter Durchschnitt.
3–5 Treffer: Wo haben Sie denn gelebt?
Weniger als
3 Treffer: Das soll mir aber nicht wieder vorkommen!
144 | Anhang
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