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MARX/ENGELS
GESAMTAUS GABE
GLIEDERUNG:
ERSTE ABTEILUNG: SÄMTLICHE WERKE UND SCHRIFTEN
MIT AUSNAHME DES «KAPITAL»
ZWEITE ABTEILUNG: DAS «KAPITAL» MIT VORARBEITEN
DRITTE ABTEILUNG: BRIEFWECHSEL
VIERTE ABTEILUNG: GENERALREGISTER
MARX/ENGELS
GESAMTAUSGABE
DRITTE ABTEILUNG
BAND 1
DER BRIEFWECHSEL ZWISCHEN MARX UND ENGELS
1844—1853
KARL MARX
FRIEDRICH ENGELS
HISTORISCH-KRITISCHE GESAMTAUSGABE
WERKE Z SCHRIFTEN /. BRIEFE
IM AUFTRAGE DES
MARX-ENGELS-INSTITUTS
MOSKAU
HERAUSGEGEBEN
VON
D. RJAZANOV
MARX-ENGELS-VERLAGG. M. B. H.
BERLIN
KARL MARX
FRIEDRICH ENGELS
BRIEFWECHSEL
MARX/ENGELS
GESAMTAUSGABE
DRITTE ABTEILUNG
B A N D 1
DER BRIEFWECHSEL
ZWISCHEN MARX UND ENGELS 1844—1853
MARX-ENGELS-VERL AG G. M. B. H.
BERLIN 1 929
Druck
J. B. Hirschfeld (Arno Pries), Leipzig
Einband :
Carl Einbrodt, Großbuchbinderei G. m. b. H., Leipzig
EINLEITUNG ZUM ERSTEN BAND DES
BRIEFWECHSELS ZWISCHEN MARX UND ENGELS
EINLEITUNG
Mit diesem Bande eröffnen wir die dritte Abteilung der historisch-kri¬
tischen Gesamtausgabe der Werke, Schriften und Briefe von Karl Marx
und Friedrich Engels.
Diese dritte Abteilung ist auf zehn Bände berechnet und soll die ganze
noch erhalten gebliebene Korrespondenz von Marx und Engels umfassen,
dazu zahlreiche Briefe, die von dritten Personen an sie gerichtet waren.
Den Briefwechsel zwischen Marx und Engels selbst stellen wir an die
Spitze. Dies bedeutet allerdings ein gewisses Abweichen von der chrono¬
logischen Ordnung des Ganzen. Wohl hätte die Gesamtheit der Briefmate¬
rialien in solcher Zusammenstellung vorgelegt werden können, daß für
jeden einzelnen Zeitabschnitt alle brieflichen Äußerungen über die gerade
wichtigen Fragen und Ereignisse vereinigt gewesen wären; für den Ge¬
schichtsschreiber des Werks von Marx und Engels, für ihren Biographen
insbesondere, hätte eine solche durchweg chronologische Komposition
unstreitig einige Vorteile gehabt. Gegen dieses Verfahren sprach jedoch
ein gewichtiger Grund: wir wären gezwungen gewesen, die Veröffent¬
lichung des Briefwechsels zwischen Marx und Engels — also gerade die¬
ses bedeutsamsten Teils der ganzen Korrespondenz, eines historischen
Dokumentenmaterials von erstem Range — um ein beträchtliches zu ver¬
zögern.
Seit dem Jahre 1913 liegt nun dieser Briefwechsel zwischen Marx und
Engels in der von A. Bebel und E. Bernstein gezeichneten großen Aus¬
gabe vor1). Aber diese Ausgabe ist so tendenziös gekürzt und so
lückenhaft, daß es höchste Zeit ist, sie durch eine vollständige und exakte
Reproduktion aller erhalten gebliebenen Brieftexte zu ersetzen.
Die Entstehungsgeschichte dieser ersten Ausgabe des Briefwechsels
zwischen Marx und Engels ist ein Blatt aus der Geschichte des Marxismus.
Dieser Umstand rechtfertigt es, wenn wir auf diese Entstehungsgeschichte
*) Der Briefwechsel zwischen Friedrich Enreh und
Karl Marx. Herausgegeben von A. Bebel und Ed. Bernstein. Bd. I—IV. Stutt¬
gart, J. H. W. Dietz, 1913.
X
Einleitung
etwas näher eingehen und zugleich damit das bei der ersten Edition be¬
folgte Verfahren kritisch analysieren.
I
Friedrich Engels hatte Bebel und Bernstein zu Erben der zwischen ihm
und Karl Marx gewechselten Briefe eingesetzt1). Den Zeitpunkt der Ver¬
öffentlichung zu bestimmen, überließ er den beiden2).
Friedrich Engels starb 1895. Um 1900 begann die deutsche Sozial¬
demokratie größere Editionen der Werke von Marx und Engels in Angriff
zu nehmen. 1902 erschien die Mehringsche Nachlaß-Aus¬
gab e , 1904 die von Kautsky besorgte Publikation der „Theorien
über den Mehrwert“, 1906 der sogenannte Sorge-Brief¬
wechsel. Nun war die Reihe an Bebel und Bernstein, denen der wissen¬
schaftliche wie der briefliche Nachlaß von Marx und Engels testamenta¬
risch anvertraut worden war. Da nun dem in der vordersten Front der
politischen Tageskämpfe stehenden, übrigens schon schwerkranken Bebel
selbst eine eigentliche Herausgebertätigkeit nicht zugemutet werden
konnte, erwartete man, daß namentlich Bernstein mit einer größeren
Publikation auf den Plan treten werde.
Bis dahin hatte Bernstein von den vielen bei ihm aufbewahrten Engels-
Manuskripten außer kleineren Stücken nur eine einzigte größere Arbeit —
einen Teil des „Sankt-Max“ — in zwei Jahrgängen der von ihm heraus-
gegebenen „Dokumente des Sozialismus“ in Fortsetzungen zum Abdruck
gebracht. An eine vollständige Veröffentlichung der in seinem Besitz be¬
findlichen „Deutschen Ideologie“ oder der „Naturdialektik“ dachte er
nicht. Die erstere schien ihm als überwiegend polemische Schrift un¬
genießbar, die letztere hielt er für wissenschaftlich völlig veraltet.
Im Frühling 1910 schlug er mit Bebels Einverständnis dem Leiter
des Stuttgarter Parteiverlags, Heinrich Dietz, die Herausgabe des
Marx-Engels-Briefwechsels vor. Dietz fand den Vorschlag annehm¬
bar, hielt es aber für notwendig, daß die Zustimmung von Laura
Lafargue, der Tochter Marxens, erbeten werde. Diese kannte zwar
den Briefwechsel selbst noch nicht, wohl aber die Bedeutung, die ihm zu¬
komme; oft genug hatte sich Paul Lafargue, ihr Gatte, in Gesprächen und
Briefen über die außerordentliche Bedeutung der Schätze geäußert, die
in der Korrespondenz Marxens und Engels’ verborgen lägen. Laura La¬
0 Vgl. auch E. Bernstein, Friedrich Engels’ Testament. Der Abend. Spuai^-
gabe des Vorwärts. 18. Sent. 1929. Beilage
2) Vgl. F. Mehring, Engels und Marx. Grünbergs ,Archiv für die Geschichte
des Sozialismus und der Arbeiterbewegung“, Jg. 5 (1915), S. 1
Einleitung
XI
fargue nahm daher die Idee freudig auf. Unter der Bedingung, daß man
ihr die Texte zur vorherigen Durchsicht übergebe, erteilte sie im Juli 1910
die erbetene Zustimmung, worauf Dietz alsbald einige Bogen setzen ließ
und ihr zur Bestätigung übersandte. Bei der Durchsicht dieser Bogen
kam sie zu der Überzeugung, daß sie selbst der ihr gestellten Aufgabe —
der wissenschaftlichen und politischen Prüfung des Publikationswerks —
nicht gewachsen sei. Sie entschloß sich, Franz Mehring mit ihrer Vertre¬
tung zu betrauen. So war Mehring seit Oktober 1910 der „Vertrauens¬
mann“ von Laura Lafargue.
Allein für ihn, der die Briefe — wenigstens zum Teil — schon für
die Nachlaß-Ausgabe benutzt hatte, war die Frage, ob für eine Veröffent¬
lichung des Briefwechsels der rechte Zeitpunkt schon gekommen sei, da¬
mals noch gar nicht entschieden. Er befürchtete, diese Veröffentlichung
könnte sowohl dem Andenken von Marx und Engels, als auch den Inter¬
essen der Partei Abbruch tun. Wenn er die Rolle des Vertrauensmannes
auch angenommen hatte, so trachtete er doch eine positive Entscheidung
zu verschieben. Er beriet sich mit einigen einflußreichen Führern der
Partei, denen er seine schweren Bedenken mitteilte. Die Dietz’schen Probe¬
bogen hatten keine ermunternde Wirkung gehabt. In dem engsten Kreis
der Eingeweihten kam sogar die Idee auf: man solle Bernstein den Brief¬
wechsel abkaufen, statt der Veröffentlichung genügten einige Abzüge für
etliche führende Parteigenossen, die sie als Material für die Marxforschung
benützen könnten. Bernstein hatte aber einen guten Bundesgenossen in
der Person von Dietz, dem der Gedanke, daß er so fast einen ganzen ersten
Band umsonst hätte setzen lassen, ganz unerträglich war. Dietz appellierte
an Bebels Entscheidung. Zugleich veranlaßte er Bernstein zu beträcht¬
lichen Streichungen. Aber auch dieses Verfahren vermochte Mehring mit
dem Ausgabeplan nicht zu versöhnen. Weitere Beratungen fanden dar¬
über statt: wie man der großen „Belastungsprobe“ entgehen, oder wie
man sie wenigstens mildern könne. Man erwog die Ersetzung der Publi¬
kation durch eine Reihe von historisch-biographischen Untersuchungen,
für welche der Briefwechsel in erster Linie zu benutzen wäre.
Inzwischen war der ganze erste Band gesetzt. Doch vergingen noch
einige weitere Monate, bis ein endgültiger Beschluß gefaßt wurde. Wäh¬
rend Mehring und einige andere von den Eingeweihten noch immer für
einen Aufschub bis 1930 oder wenigstens bis 1920 waren, gelang es
schließlich Dietz, Bebel zu einer positiven Entscheidung zu veranlassen.
Mehring erzählt darüber1): er selbst sei der Meinung gewesen, „daß die
Herausgabe noch eine guteWeile anstehen könne“, da dieVeröffentlichung
Ebendort, S. 1
Xll
Einleitung
möglicherweise „eher verwirrend als fördernd auf den Emanzipations-
kampf der Arbeiterklasse wirken“ würde. „Bebel hat den entscheiden¬
den Anstoß . . . gegeben.“ Man hätte noch länger gezögert, „wenn nicht
Bebel unter den mahnenden Vorzeichen des eigenen Todes den ebenso
begreiflichen wie dringenden Wunsch gehegt hätte, noch selbst die Ehren¬
pflicht zu erfüllen, die ihm der Wille seines verstorbenen Freundes und
Meisters auferlegt hatte.“
So verdanken wir das Zustandekommen der Ausgabe von 1913 neben
dem eigentlichen Herausgeber Bernstein vor allem Bebel, der auch als
Mitherausgeber die Publikation mit seinem Namen deckte. Er nahm an
der Editionsarbeit im eigentlichen Sinne gar keinen Anteil. Die politische
Kontrolle wähnte er bei Mehring in guten Händen. Dieser aber, der den
Bemsteinschen „Säuberungs“prinzipien und dem ganzen Verfahren, so
wie er es im ersten Bande angewandt sah, ohne Vorbehalt zugestimmt
hatte, ließ Bernstein bei der Bearbeitung des Ganzen völlig freie Hand;
er übertrug auf Bernstein das Vertrauensamt, das ihm selbst von Laura La¬
fargue und August Bebel verliehen worden war. Gleich nach dem Er¬
scheinen der vier Bände des Briefwechsels erklärte er sich auch öffent¬
lich1) mit Bernsteins Prinzipien und mit den — ihm noch in den Korrek¬
turen mitgeteilten — „Vorbemerkungen“ völlig solidarisch.
Meine Mitarbeit, für die Bebel und Bernstein im Vorwort ihren Dank
aussprachen, hatte sich im allgemeinen darauf beschränkt, daß ich die
Korrekturfahnen zu lesen bekam und bei der Feststellung von Namen und
Daten, wie auch bei der Entzifferung mancher schwer leserlichen Stellen
behilflich war.
Das Publikationswerk lag am 23. September 1913 fertig vor und konnte
ausgeliefert werden. Die Veranstalter hatten ihre schwere Bedenken wegen
der möglicherweise eintretenden schädlichen Wirkungen einer solchen
Veröffentlichung noch immer nicht aufgegeben. Dies ist der Grund,
warum Dietz — der übrigens viel aktiver als Mehring an den Einzelheiten
der Herausgeberarbeit teilnahm — nur eine Subskriptionsauflage von
einigen hundert Exemplaren zu einem sehr hohen Preis veranstaltete; die
Verlagsankündigung gab zu verstehen, daß die Publikation nicht für
einen breiten Leserkreis bestimmt sei: „Als Abnehmer dürften vorzugs¬
weise Biliotheken und Zeitungsredaktionen in Betracht kommen“, „Rezen-
sions- und Freiexemplare werden nicht abgegeben . . .“
Bernstein war, wie wir gesehen haben, durch Mehring zum Vertrauens¬
mann nicht nur Bebels, sondern auch Laura Lafargues geworden, — er
verfuhr mit dem Briefwechsel nach seinem eigenen Gutdünken. Wenn
0 „Der Briefwechsel zwischen Engels und Marx.“ Leipziger Volk&zeitung.
Nr. 225 \om 27. Sept. ]()’3
Einleitung XIII
wir diese Tatsache notieren, so kann das durchaus nicht heißen, daß etwa
bei einer aktiveren Beteiligung Mehrings die Ausgabe weniger Lücken
aufgewiesen haben würde. Im Gegenteil. Von Mehring wäre eher eine
noch strengere „Säuberung“ zu erwarten gewesen, als selbst Bernstein sie
vornahm. In dem erwähnten, sofort nach Erscheinen der Bände in der
Leipziger Volkszeitung veröffentlichten Artikel meinte Mehring geradezu,
es ließe sich gegen die Ausgabe in der Bernsteinschen Redaktion „eher der
Vorwurf des Zuviel als dés Zu wenig . . . begründen“. Das Unbehagen,
das ihm die „äußerste Behutsamkeit“ der Bernsteinschen Zensur verur¬
sachte, kam dann auch in dem größeren Aufsatz, den er in Grünbergs Ar¬
chiv veröffentlichte, nicht minder deutlich zum Vorschein. Hier hieß es:
„Wer auch nur flüchtig in die vier starken Bände hineinblickt, wird sich
sofort überzeugen, daß hier nichts vertuscht worden ist, und wird eher
über ein Zuviel stöhnen, als über ein Zuwenig jammern“1).
II
Niemand wird dem Herausgeber eines historischen Dokuments das
Recht bestreiten, die Grundsätze, die er bei der Edition zu befolgen für
gut findet, selbst zu bestimmen. Handelt es sich um eine Ausgabe, die für
wissenschaftlich interessierte Leser bestimmt ist — und wir haben ge¬
sehen: der „Briefwechsel“ wurde der Öffentlichkeit als eine wissenschaft¬
liche Edition übergeben — und soll in einer solchen Publikation das be¬
treffende Quellenmaterial nicht vollständig reproduziert werden, so kann
billigerweise nicht mehr gefordert werden, als daß die bei Auslassung
und Kürzung tatsächlich befolgten Grundsätze mit vollkommener Klar¬
heit und Genauigkeit angegeben werden, daß also andere als diese an¬
gegebenen Grundsätze keine Rolle gespielt haben.
Unter diesem Gesichtswinkel gesehen, kann die „Briefwechsel“-Aus-
gabe von 1913 nicht als befriedigend bezeichnet werden.
Bernstein gab nicht vor, daß er eine lückenlose Ausgabe bieten werde.
Aber die Grundsätze, die ihn bei seinen Streichungen leiteten, lassen jene
geforderte Klarheit sehr vermissen.
In dem von Bebel und Bernstein gezeichneten Vorwort wird gesagt:
„Er [der Briefwechsel] wird in den vorliegenden Bänden bis auf Un¬
wesentliches und Intimitäten, die für weitere Kreise kein Interesse haben,
unverkürzt zum Abdruck gebracht“
Ausführlicher äußert sich Bernstein über seine Editionsprinzipien in
den „Anmerkungen“, die er dem ersten Band voranstellte“2). „Die
1) Ebendort, S. 3
a) Siehe die Bernsteinsche Ausgabe des Briefwechsels, Bd. I, S. VI—VII
XIV
Einleitung
Briefe — sagt er hier — sind nur mit geringen Kürzungen zum Abdruck
gebracht worden. Nur, wo besonders intime Verhältnisse behandelt wur¬
den, an die sich kein allgemeineres Interesse irgendwelcher Art knüpft,
wo gleichgültige Dinge über ganz und gar gleichgültige Personen erwähnt
werden, schienen Streichungen gerechtfertigt. Fortgelassen sind auch hier
und dort mißfällige Bemerkungen über dritte Personen, doch betrifft dies
nur solche Äußerungen, die kein politisches oder wissenschaftliches Ur¬
teil inbegriffen, das nicht schon in vorhergegangenen Briefen deutlich aus¬
gesprochen ist.“
Der Abdruck sei also nur mit „geringen Kürzungen“ vor¬
genommen worden, — und das Fortgelassene reduziere sich einmal auf
„Intimitäte n“, des ferneren auf „gleichgültigeDinge über
gleichgültige Personen“, endlich auf gewisse „m ißfälligeBemer-
k u n g e n“.
Was nun die quantitative Seite betrifft, so scheint uns der Ausdruck
„geringe Kürzungen“ dem faktischen Umfang dieser Kürzungen nicht
adäquat, daher irreführend zu sein. Die von Bernstein vorgelegten vier
Bände umfassen rund 120 Druckbogen. Die Briefe und Briefstellen, die
er aus den ihm vorliegenden Originalen fortließ, nehmen den Raum von
mehr als 20 Bogen ein. Die Streichung von mehr als einem Sechstel des
Textes kann nach unserer Meinung nicht als eine „geringe Kürzung“ be¬
zeichnet werden. Die Bemsteinschen „geringen Kürzungen“ verteilen
sich über die vier Bände nicht ganz gleichmäßig. Im ersten Bande machen
sie gute sechs Bogen, fast ein Fünftel aus. Sollte man dies „gering“ nen¬
nen können? — Wir denken: die Kürzung eines Textes um ein Fünftel
seines Umfangs sollte eine beträchtliche Kürzung heißen; eine
Dokumentenpublikation, die hierin gerade noch einen Schritt weiter ginge,
könnte jedenfalls den Titel einer „vollständigen Ausgabe“ nicht mehr be¬
anspruchen und müßte als Auswahl- Ausgabe gelten.
Daß wir bei der Feststellung des Umfangs der Bemsteinschen Kürzun¬
gen auch die vollständig fortgel assen en Briefe mit eingerechnet
haben, versteht sich von selbst. Niemand wird annehmen wollen, Bebel
und Bernstein hätten jene Bezeichnung „geringe Kürzungen“ etwa durch
eine reservatio mentalis zu rechtfertigen gedacht, derart nämlich, daß nur
von Kürzungen innerhalb einzelner Briefe, nicht innerhalb des gesamten
Briefwechsels, die Rede sei. Das „Vorwort“ spricht zudem ausdrücklich
von einem „bis auf Unwesentliches und Intimitäten unverkürzten Abdruck“
des „Briefwechsel s“. Wir würden diese Präzisierung der Begriffe
für gänzlich überflüssig halten, hätte nicht Bernstein — im Unterschied
zu den genannten „Anmerkungen“, in denen er nur von „Kürzungen“
Einleitung XV
spricht — in einem Feuilletonartikel der Frankfurter Zeitung1) eines
„sehr kleinen Teils gleichgültiger Briefe“ noch besonders Erwähnung
getan, die er gänzlich ausgeschlossen habe.
Übrigens ist auch hier das Wort von dem „sehr kleinen Teil“ eine
allzu gelinde Bezeichnung. Vergleichen wir nur den vorliegenden ersten
Band mit dem entsprechenden Band der Bernsteinschen Ausgabe. Statt
der von Bernstein veröffentlichten 261 Briefe geben wir — für den glei¬
chen Zeitabschnitt — 286 Briefe. Aber selbst wenn man von dieser Zahl
einige Briefe von Bernays, Pieper und Frau Marx abziehen will2), —
Briefe, die, im Auftrage von Marx oder Engels geschrieben, mit dem
Briefwechsel Marx-Engels aufs engste verbunden sind (Bernstein selbst
druckte mehrere Briefe von Frau Marx ab), von Bernstein aber von der
Publikation ausgeschlossen wurden, — so beläuft sich sogar in diesem
Falle die Zahl der von Marx oder Engels selbst stammenden, von Bern¬
stein gestrichenen, angeblich „gleichgültigen Briefe“ immer noch auf
neunzehn.
Daß die bei den Streichungen und Fortlassungen angewandten Grund¬
sätze in der Bernsteinschen Darstellung unklar sind und einer wissen¬
schaftlichen Kritik nicht standhalten, habe ich schon kurz nach dem Er¬
scheinen des „Briefwechsels“4 in einem in der Neuen Zeit veröffentlichten
Aufsatz ausgeführt3). Ich anerkannte, daß es „ein kühner Gedanke“ war,
die intimen Briefe von Marx und Engels schon damals herauszugeben,
„kaum dreißig Jahre nach dem Ableben des ersteren und keine zwanzig
nach dem Tode des zweiten, in einer Zeit, wo noch viele Leute, die in
ihrem Briefwechsel erwähnt sind, leben“, wo noch um ihre Namen „ein
erbitterter politischer Kampf tobt“. Doch wandte ich mich — milde zwar
in der Form, aber sachlich scharf genug — gegen die Editionsprinzipien,
wie sie Bernstein vertrat. „Die alte Tradition — führte ich aus —, Briefe
O Ed. Bernstein, Der Briefwechsel zwischen Karl Marx und Friedrich Engels.
Frankfurter Zeitung, Nr. 304 vom 2. Nov. 1913, Erstes Morgenblatt
2) Vier Briefe von Frau Marx, zwei von Pieper, ein Brief von Bernays. Wir führen
die Nummern aller ausgelassenen Briefe an: 6,15 (von Bernays), 38, 50 (von Frau Marx),
55, 56 (von Frau Marx), 57 (von Marx und Pieper), 69 (nur der von Pieper geschriebene
Teil), 79 (ebenso), 89, 139 (Engels an Frau Marx), 162, 173, 178, 179 (Marx an
seine Frau), 180, 189, 209, 211, 212, 216, 228, 243, 251, 260, 267, 271 (von Frau
Marx), 283 (von Frau Marx). — Hier sei noch bemerkt, daß das auch von Bernstein
abgedruckte Bruchstück Nr. 7 (S. 24—26) offenbar kein Brief an Marx ist. Es han¬
delt sich da um eine Art von Gutachten, das Engels über ein von Hess am 28. Juli
1846 an Marx mitgeteiltes Verlagsprojekt abgibt. Dieses Projekt hatte Marx in
Ostende erhalten, wo er von ca. 28. Juli bis 10. August weilte, und zwar zusammen
mit Engels, der einige Tage vor ihm in Ostende eingetroffen war. Das vorliegende
Bruchstück ist wohl ein Teil der Erwiderung, die Engels mit Marx besprach und
dann niederschrieb. Ob das Schreiben an Hess oder an D’Ester, der im Zentrum des
Planes stand, in Reinschrift abgesandt wurde, oder ob nicht und warum nicht —,
können wir nicht entscheiden.
3) ,,Der Briefwechsel zwischen Marx und Engels.“ Neue Zeit, Jg. 32, Bd. II,
Nr. 13 vom 26. Juni 1914 (S. 564ff.)
XVI
Einleitung
erst fünfzig Jahre nach dem Tode des Schreibers zu veröffentlichen, hat
eine Rechtfertigung: man will die noch lebenden Persönlichkeiten mög¬
lichst schonen, über die sich der Schreiber unter dem Drange einer momen¬
tanen Stimmung etwas derb ausdrückt. Sie hat aber einen großen Mangel :
sie verschließt allen Beteiligten, die über diesen oder jenen Fall Aufklä¬
rung geben könnten, jede Möglichkeit, das zu tun. Wir hätten es daher
vorgezogen, daß, wenn schon einmal mit der üblichen Tradition gebro¬
chen wurde, man den Briefwechsel ganz unverkürzt zum Abdruck
brachte.“
Besonders scharf sprach ich mich schon damals gegen den Grundsatz
aus, wonach solche Stellen fortzu lassen seien, an welchen „gleichgültige
Dinge über ganz und gar gleichgültige Personen erwähnt werden“. Die
Existenz ganz belangloser Bemerkungen, wie sie sich in jedem historischen
Dokument finden können, bezweifelte ich nicht. „Eine andere Sache
aber — schrieb ich — sind Tatsachen, die in den Briefen mitgeteilt
werden. Das, was für den einen Forscher oder Leser ein gleichgültiges
Ding4 oder eine ,ganz und gar gleichgültige Person4 erscheint, gibt einem
anderen Forscher oder Leser eine neue Spur, eine neue Angabe, eine neue
Aussage. Man kann die neue Spur weiter verfolgen, man kann die neue
Angabe auf Grund der alten prüfen, man kann aus der neuen Aussage
eine neue Beleuchtung eines anscheinend festgestellten Vorfalles bekom¬
men. Und von diesem Standpunkt aus ist nichts wichtiger als die unver¬
kürzte Veröffentlichung eines Dokumentes, so wie es ist.“
Die Grundsätze, denen Bernstein als Herausgeber gefolgt war und mit
denen sich Mehring ja von vornherein einverstanden erklärt hatte, waren
nach Mehrings öffentlich ausgesprochener Ansicht „durchweg anzu¬
erkennen“. Er konstruierte bei dieser Gelegenheit sogar einen spezifischen
Unterschied zwischen bürgerlicher und sozialistischer Historiographie,
— einen Gegensatz der Methoden nämlich, welche gerade bei der Publi¬
kation von historischen Dokumenten die eine und die andere anwende.
„Die kleinkrämerisch-schulmeisterliche Art — schrieb er in dem schon
zitierten Artikel in der Leipziger Volkszeitung —, womit die bürgerliche
Geschichtsschreibung jedem Papierfetzen nachjagt, den einmal eine her¬
vorragende Persönlichkeit beschrieben hat, um daran ihre Herausgeber¬
weisheit leuchten zu lassen . . ., ist für die sozialistische Geschichts¬
forschung ein- für allemal ausgeschlossen. Sie unterscheidet von vorn¬
herein das Wesentliche von dem Unwesentlichen, wobei Irrtümer unter¬
laufen können, aber bei gebührender Gewissenhaftigkeit der Herausgeber
doch selten unterlaufen . . .“
Dagegen berief ich mich nun gerade auf jene Engels-Briefe aus den
Jahren 1844 und 1845, die Mehring in seiner Nachlaß-Ausgabe verwertet,
Einleitung
XVII
zum Teil sogar wörtlich abgedruckt hatte. „Erst jetzt — schrieb ich —,
wo wir sie mit allen den gleichgültigen Dingen4 und ,ganz und gar gleich¬
gültigen Personen4, die Mehring als solche erachtete . . ., vor uns haben,
sehen wir, wie vorsichtig man mit solchen historischen Dokumenten sein
muß. Besser die Gefahr laufen, ein Dutzend angeblich belangloser Stellen
hineinzunehmen, als eine wirklich bedeutende Spur zu verwischen. Und
oft . .. gibt eine derartige gleichgültige4 Stelle den besten Stützpunkt, um
auch spätere Aussagen von Marx und Engels kritisch zu zergliedern. Denn
auch für die Gründer der materialistischen Geschichtsauffassung muß man
stets unterscheiden zwischen der wirklichen Bewegung, wie sie vor sich
ging, und den Denkformen, in denen sie sich in ihrem Gehirn nach
dreißig oder zwanzig Jahren widerspiegelte. Sonst laufen wir Gefahr,
kritiklos nicht nur ihre Urteile über geschichtliche Ereignisse und Per¬
sonen zu wiederholen, sondern auch ganze Abschnitte der Geschichte der
Arbeiterbewegung in ihrer Schilderung schief darzustellen, insbesondere
dann, wenn es sich um für uns gleichgültige Dinge4 oder ,ganz und gar
gleichgültige Personen4 handelt.44
In ähnlichem Sinne äußerte sich über die Bemsteinschen Streichungen
auch Gustav Mayer in einem Aufsatz über die „Briefwechsel44-Ausgabe.
„Was aber die Vollständigkeit des Textes betrifft — schrieb er —, so
wurde politischen und persönlichen Wünschen in ungleich größerem
Umfange Rechnung getragen, als dem Forscher lieb sein mußte.“ x)
Mehring verweist nun ferner darauf, daß ja die Fehler, die einem
Herausgeber bei der Vornahme von Kürzungen unterlaufen mögen, „bei
archivarischer Aufbewahrung der Urkunden selbst jederzeit berichtigt
werden können“. Dagegen läßt sich prinzipiell nichts einwenden. Macht
man aber von dieser Methode der Verweisung auf die Originalurkunden
Gebrauch, so muß auch dann der Historiker, sei er ein bürgerlicher oder
ein sozialistischer, jedenfalls die elementaren Regeln der Editionsarbeit
einhalten. Jede Auslassung muß durch ein besonderes Zeichen kenntlich
gemacht werden. Sonst wäre der wissenschaftliche Leser zu der kolossalen
Arbeit verurteilt, den gesamten Text mit dem Original zu vergleichen. In
dem genannten Aufsatz schrieb Gustav Mayer zu diesem Punkt: „Immer¬
hin bleibt zu rügen, daß die Stellen, an denen Auslassungen vorgenommen
wurden, im Druck nicht immer kenntlich gemacht sind, was un¬
bedingt zu fordern gewesen wäre.“ 2) Wozu noch bemerkt werden kann,
daß der Ausdruck „nicht immer“ gar zu blaß ist. Faktisch sind Auslas-
D G. Mayer, Marx und Engels in ihrem Briefwechsel. Zeitschrift für Politik.
Berlin 1914. Bd. VII, S. 428ff.
2) Ebendort, S. 428 (Sperrung von uns)
II
XVIII
Einleitung
sungen nur in ganz seltenen Fällen, in der ganzen Ausgabe
kaum einige dutzendmal, durch Punkte oder Striche kenntlich gemacht.
Soviel „im allgemeinen“ über die Bemstein-Mehringsche Editions¬
methode. Das bisher Gesagtfe konnte schon damals — ohne Kenntnis der
Originale — zu den von dem Herausgeber selbst angegebenen Grund¬
sätzen vorgebracht werden. Heute, da ich die Anwendung jener Grund¬
sätze inzwischen an Hand der Originaltexte habe prüfen können, muß ich
sagen: diese Anwendung erfolgte in so „elastischer“ Weise, daß der
Rahmen der eingestandenen Editionsprinzipien — besser gesagt: Nicht-
Editions-Prinzipien — faktisch gesprengt wurde. Der größte Teil der
Auslassungen kann beim besten Willen weder unter die Kategorie der
„Intimitäten“, noch unter die des „Unwesentlichen“ oder „Gleichgültigen“
gebracht werden. Bei näherer Betrachtung gewinnt man — ganz im
Gegenteil — den Eindruck, daß ein beträchtlicher Teil der Auslassungen
gerade deshalb erfolgte, weil die betreffenden Stellen „Wesentliches“,
„ganz und gar“ nicht „Gleichgültiges“ enthalten. „Mißfällige Be¬
merkungen über dritte Personen“ sind weiterhin nicht nur „hier und dort“
fortgelassen, sondern in Verfolgung ganz bestimmter, klar hervortreten¬
der „politischer und persönlicher Wünsche“1) und Rücksichten, — und
dies in solchem Umfange, daß der Herausgeber-Bericht über diesen Punkt
unbedingt hätte Rechenschaft ablegen müssen.
III
In den folgenden Beispielen beschränken wir uns auf Fälle, die im
vorliegenden ersten Band vorkommen.
Es geht nach unserer Ansicht zu weit, wenn nahezu alle Stellen, an
denen sich Engels über sein Verhältnis zu seinem
Vater äußert, unter dem Titel der „Intimität“ oder unter dem Vor¬
wande der „mißfälligen Bemerkungen“ einfach ausgemerzt wurden 2>.
Der hartnäckige Kampf des „unehrerbietigen“ Sohnes gegen die Schein¬
heiligkeit und Knickrigkeit des Vaters ist ein so wesentliches Element im
Leben von Friedrich Engels, daß die Verwischung der Spuren dieses
Kampfes nur aus dem nicht eingestandenen „Grundsatz“ geschehen
konnte: Engels in einem wesentlich „günstigeren“ Lichte erscheinen zu
lassen, als es der Wirklichkeit entsprach.
Von besonderer Kühnheit war die Fortlassung eines großen Absatzes
(aus dem Engels-Brief vom 17. März 1845), der die ganze Unhaltbarkeit
D So Gustav Mayer in dem erwähnten Aufsatz
2) Vgl. in diesem Bande S. 20, 213, 258, 348, 368, 451. (Wo nicht anders ver¬
merkt, beziehen sich im folgenden die Seitenangaben auf den vorliegenden Band.)
Einleitung
XIX
der Lage, in der sich Engels im Elternhause befand, höchst anschaulich
schildert und zum Verständnis der Psychologie des jungen Stürmers, der
sich in verzweifelter Anstrengung gegen die Fesseln des Philistertums
empört, geradezu den Schlüssel gibt. Die Stelle lautet:
„Bekomm’ ich einen Brief, so wird er von allen Seiten beschnüffelt,
eh ich ihn erhalte. Da man weiß, daß es all Kommunistenbriefe sind, so
wird dabei jedesmal ein gottseliges Jammergesicht aufgesetzt, daß man
meint verrückt zu werden. Geh ich aus, dasselbe Gesicht. Sitz ich auf
meiner Stube und arbeite, natürlich Kommunismus, das weiß man — das¬
selbe Gesicht. Ich kann nicht essen, trinken, schlafen, keinen Furz lassen
oder dasselbe vermaledeite Kindergottesgesicht steht mir vor der Nase.
Ich mag ausgehen oder zuhause bleiben, Stillschweigen oder sprechen,
lesen oder schreiben, lachen oder nicht, ich mag tun was ich will, gleich
setzt mein Alter diese infame Fratze auf. Dazu ist mein Alter so dumm,
daß er Kommunismus und Liberalismus als revolutionär4 in einen Kasten
schmeißt und mich z. B. trotz aller Gegenreden für die Infamien der eng¬
lischen Bourgeoisie im Parlament fortwährend verantwortlich
macht! Und jetzt ist ohnehin die fromme Saison hier im Hause. Heut
vor acht Tagen sind zwei Geschwister von mir konfirmiert, heute trollt
die ganze Sippschaft zum Abendmahl — der Leib des Herm hat seine
Wirkung getan, die Jammergesichter von heut morgen übertrafen alles.
Pour comble de malheur war ich gestern abend mit Hess in Elberfeld, wo
wir bis zwei Uhr Kommunismus dozierten. Natürlich heute lange Ge¬
sichter über mein spätes Ausbleiben, Andeutungen, ich möchte wohl im
Kasten gewesen sein. Endlich faßt man Courage zu fragen, wo ich ge¬
wesen sei. — Bei Hess. — ,Bei Hess! Großer Gott!4 Pause, Steige¬
rung der christlichen Verzweiflung im Gesicht — — ,Was für eine Um¬
gebung hast Du Dir gewählt!4 — Seufzen usw. Es ist rein zum Toll¬
werden. Von der Malice dieser christlichen Hetzjagd nach meiner ,Seele4
hast Du keine Ahnung. Dazu braucht mein Alter nur zu entdecken, daß
die ,kritische Kritik4 existiert und er ist imstande, mich vor die Türe zu
setzen. Und dabei der fortwährende Ärger, zu sehen, daß bei diesen
Leuten auch gar nichts hilft, daß sie sich platterdings mit ihren Höllen¬
phantasien schinden und quälen w o 1 len, daß man ihnen nicht einmal
die ledernsten Prinzipien der Billigkeit beibringen kann.44 D
Hätte Mehring, dem der ganze Brief schon lange vor Erscheinen der
„Briefwechser4-Ausgabe zur Verfügung gestanden hatte, diese Stelle für
seine Kommentare zum ersten Band der Nach laß-Ausgabe benutzt, so hätte
Bernstein sie nicht auslassen können; dann wäre sie auch in Gustav
Mayers großer Engels-Biographie nicht un verwertet geblieben.
O Siehe S. 20
II*
XX
Einleitung
Engels hatte wahrlich weder damals noch später Anlaß, sich über
seinen Vater freundlich zu äußern. Als er den Vorschlag des Vaters,
nach Kalkutta zu gehen und also dem Schauplatz der europäischen Politik
femzubleiben, endgültig abgelehnt und dann eingewilligt hatte, im
Kontor der Spinnerei von Ermen und Engels in Manchester zu ar¬
beiten, setzte ihm der Vater ein sehr geringes Monatsgehalt aus. Und
eifersüchtig wachte er darüber, daß der Sohn das festgesetzte Budget
nicht überschreite. Im Jahre 1851 erhielt Engels in der Regel nicht mehr
als 3 englische Pfund im Monat Der Vater, der in dieser Beziehung in
seinem Kompagnon Ermen einen treuen Verbündeten hatte, traf alle
Maßregeln, damit der Sohn ja kein Geld für revolutionäre Zwecke aus¬
geben könne. Wenn sich der Historiker nicht das Recht anmaßt, dem
Vater Engels deswegen moralische Vorwürfe zu machen, so hatte jeden¬
falls der Editor Bernstein nicht das Privileg, durch Tilgung „mißfälliger
Bemerkungen“ in Briefen, die nun einmal historische Dokumente sind,
richtend den Stab zu brechen über Friedrich Engels. Hielt Bernstein die
Anwendung einer moralischen Kosmetik dennoch für notwendig, so
mußte er wenigstens im Herausgeber-Bericht klare Rechenschaft darüber
geben. —
Ähnliche materielle Konflikte ergaben sich zwischen Karl Marx und
seiner Mutter. Bernstein strich die darauf bezüglichen zwei Stellen gleich¬
falls1), um das — Familiengefühl des Lesers keiner harten Probe aus¬
zusetzen.
Bitterste Not hatte das ganze Leben von Karl Marx überschattet. Sollte
man da nicht den verzweifelten, aufreibenden Kampf, den das Genie um
das tägliche Brot, um eine Existenzgrundlage für seine politische Tätig¬
keit und für sein wissenschaftliches Werk ständig zu führen hatte, —
sollte man diesen grausamen Kampf nicht in allen, auch in den „unlieb¬
samsten“ Einzelheiten offen der Welt vor Augen führen! — Bernstein
streicht eine große Anzahl von Briefstellen, in denen hiervon die Rede
ist2), darunter auch solche, die über gewisse „Manöver“ be¬
richten, welche nur die behäbigste Spießbürgermoral anders als harmlos
bezeichnen kann. So verschwand eine wichtige, längere Stelle über die
elenden Geldschwierigkeiten, die Marx im Frühling 1847 bedrückten und
ihm die Teilnahme an dem ersten Londoner Kommun isten-Kongreß un¬
möglich machten 3).
Als Marx im Sommer 1849 sich darüber klar wird, daß er in Frank¬
reich nicht werde bleiben können, schreibt er darüber im Brief vom
i) Siehe S. 168.178
=) Siehe S. 71, 178. 224. 285. 287/88, 308. 310, 315, 443
3) Siehe S. 71
Einleitung
XXI
17. August an Engels nach der Schweiz; aus diesem Brief streicht Bern¬
stein folgende Zeilen: „Maintenant, mon cher, que faire de notre part?
Il faut nous lancer dans une entreprise littéraire et mercantile. J’attends
tes propositions.“1* Aus dem nächsten Briefe — vom 23. August —,
worin Marx seinen Entschluß, nach London zu übersiedeln und dort ein
deutsches Journal zu stiften, Engels mitteilt, streicht der Editor den
Satz: „In London werden wir Geschäfte machen.“ — Es handelt sich hier
um nichts anderes als um die Vorgeschichte der von Marx und Engels
1850 in London herausgegebenen „Revue“ der „Neuen Rheinischen Zei-
tung“. Das war auch Bernstein bekannt. Warum mußten die beiden
Stellen getilgt werden? Hatte Marx etwa einen „unanständigen“ Vor¬
schlag gemacht?
Unter den Herausgeber-Grundsätzen, die Bernstein vermerkte, figuriert
nicht die Rücksichtnahme auf die nationale Empfindlichkeit
der deutschen Leserschaft. Und doch spielt auch diese Rücksicht bei
manchen Streichungen eine Rolle.
In dem Briefe vom 20. Januar 1845 weist Engels auf ein Moment
hin, das die Auflösung des „deutschen Nationaldrecks“ charakterisiere.
Bernstein streicht das Wort „deutsch“2*. Wohl demselben Motiv ist die
Streichung eines wichtigen Absatzes in dem Marx-Briefe vom 7. Juni 1849
zu verdanken, in welchem Marx, die Pfälzische Provisorische Regierung
kritisierend, sich darüber beklagt, daß diese „eine Masse lausiger Deut¬
schen“ mit allerhand belanglosen Missionen nach Paris sende3*. Im An¬
schluß an eine Mitteilung über die kriminelle Vergangenheit eines
Emigranten in London schreibt Marx: „Ein neuer Beitrag zur Aufklärung
über unsere deutschen Revolutionshelden.“4* Diese „mißfällige Be¬
merkung“ über die deutschen Revolutionshelden wurde von Bernstein
durch Weglassung des Wörtchens „deutsch“ sozusagen internationalisiert.
Marx erzählt am 25. August 1851 unter anderm, Ruge habe Sigel als „Ober¬
general der teutschen Revolutionsarmee“ Ledru-Rollin vorgestellt 5)
Bernstein druckt statt „teutsch“ — „deutsch“, weil mit dem deutschen
Namen nicht Schindluder getrieben werden darf und Marx daran ver¬
hindert werden muß, die deutsche Sozialdemokratie in den Augen der
national-teutschen Bürger zu kompromittieren. Aber hieß das nicht die
Bemühungen der Guillaume und Cemov fördern, die Marx in einen deut¬
schen Chauvinisten verwandeln?
Wenn jemand mit ernster Miene sich daran machen wollte, Karl Marx
0
Siehe S. 112
2)
Siehe S. 11
3)
Siehe S. 107
«)
Siehe S. 205
5)
Siehe S. 247
XXII
Einleitung
oder Friedrich Engels gegen den Vorwurf der Feindselig¬
keit gegen das Proletariat in Schutz zu nehmen, so würde
jedermann dieses Unterfangen als ein groteskes Unding bezeichnen. Aber
Bernstein ist auch zu diesem Unsinn fähig. Einige seiner Streichungen
lassen sich nämlich nur aus der Absicht erklären, Marx und Engels
gegen eben diesen Vorwurf zu verteidigen. (Denn wer entschuldigt, der
klagt an.) Nun sind, bekanntlich die Arbeiter keine Engel, — so wenig wie
andererseits die Begründer der modernen Arbeiterbewegung, Marx und
Engels, ihren Briefstil dem Lord Chesterton abgeguckt haben. Durch
irgendeinen Vorfall aufgebracht — ob mit Recht oder Unrecht, bleibt
gleichgültig — lassen Marx oder Engels in ihrem Briefwechsel wohl auch
ein oder das andere Mal ein unfreundliches Wort über die Arbeiter fallen
— und flugs ist Bernstein dabei, die höchst „mißfällige Bemerkung“ zu
streichen: er muß die Reputation wahren, Marxens und Engels’ Repu¬
tation vor den Arbeitern!
Marx äußert etwa seine Entrüstung darüber, daß Paul Stumpf, altes
Mitglied des Kommunistenbundes, einer der Mitstreiter vor und während
der Revolution 1848/49, in London nicht ihn auf gesucht hat, sondern
mit der Gegenfraktion in Verbindung getreten ist, und bemerkt dazu : „die
Straubinger sind capables de tout“, — womit Marx die Arbeiter beleidigt
hat und Bernstein also in die Notwendigkeit versetzt ist, diesen Ausdruck
samt dem ganzen Fall vor dem Publikum zu verstecken 1).
Einer der Angeklagten im Kölner Kommunisten-Prozeß, Reiff, hatte
laut dem Anklageakt förmlich denunzierende Aussagen gemacht. Der
empörte Marx läßt sich zu folgenden sehr „mißfälligen Bemerkungen“
hinreißen:
„Komplettere Esel, als diese deutschen Arbeiter gibt es wohl nicht. . .
Man sieht, was für eine gefährliche Sache es ist, mit Arbeitern in Ver¬
bindungen sich einzulassen, die geheim bleiben sollen.“ 2) Bernstein ver¬
dammt die ganze Briefstelle über Reiff zur Tilgung.
Demselben nicht erbetenen Advokatenmanöver fiel eine höchst wich¬
tige ausführliche Stelle aus einem Engels-Brief von Ende Dezember 1846
zum Opfer3). Die Ausführungen, um die es sich dabei handelt, werfen
helles Licht auf das Verhältnis Marxens und Engels’ und des von ihnen
gegründeten Brüsseler Kommunistischen Komitees zu der damals stärk¬
sten deutschen Kommunisten-Zelle, die in London unter der Leitung von
Karl Schapper bestand. Engels macht hier mit eingehender Begründung
gewisse Vorschläge über die Taktik, die gegenüber den Londoner „Strau¬
O Siehe S. 269
’) Siehe S. 382
3) Siehe S. 59/60
Einleitung
XXIII
bingem“ angewandt werden müsse. Er beleuchtet dabei auch das Ver¬
hältnis zu dem radikalen Chartistenführer Harney, der mit den Londoner
deutschen Kommunisten gemeinsame Sache machte, und äußert sich über
den Grad der politischen Bedeutung, welche die öffentliche Meinung in
Deutschland den Londoner deutschen Kommunisten beimesse. Die ganze
Stelle ist ein sehr wichtiges Dokument zur Vorgeschichte des Kommu¬
nistenbundes. Weil aber Engels dabei über die politische Unbeholfen¬
heit und über die kleinliche Eifersüchtelei dieser relativ „besten“, aber
zu einer „ordentlichen Bewegung“ unfähigen „Straubinger“ sich etwas
unsanft geäußert hat, nach des Editors Meinung also wohl gar der Ver¬
dacht entstehen könnte, Engels habe dem Proletariat gegenüber feind¬
selige oder verächtliche Gefühle gehegt, — mußte das corpus delicti im
„wohlverstandenen“ Interesse der Engelsschen Reputation dem Zensur¬
stift Bernsteins zum Opfer fallen.
Noch zahlreiche ähnliche Streichungen, Abschwächungen und dgl. er¬
laubte sich Bernstein, besonders dem jüngeren Engels gegenüber, der sich
über das „Volk“ oder die „Arbeiter“ viel öfter als Marx „anstößig“ oder
„unehrerbietig“ äußert. Alle diese Kürzungen oder Änderungen sind
dazu angetan, das Charakterbild von Friedrich Engels in bedeutendem
Maße zu verfälschen. Systematisch werden Details vernichtet oder ver¬
wischt, die in ihrer Gesamtheit verschiedene Eigentümlichkeiten von
Engels in ein schärferes Licht setzen, — Eigenschaften, die aus ihm einen
vorzüglichen Mentor der Führer der Arbeiterbewegung, wenn auch
nicht einen immer erfolgreichen Organisator und Leiter der Arbeiter
selbst gemacht haben. Gewisse Gewohnheiten, die Engels aus dem
Eltemhause und aus dem kommerziellen Milieu von Barmen und Bremen
mitbekommen hatte, Gewohnheiten, gegen die er ständig ankämpfte; ferner
der Zwang, ein doppeltes Leben zu führen, und dies nicht nur in seiner
Jugend, sondern auch später; die Notwendigkeit, viele Jahre hindurch
den „verfluchten“, den „hündischen“ Kommerz mit dem theoretischen,
revolutionär-publizistischen, organisatorischen Wirken zu verbinden, —
dies alles hat im Charakter Friedrich Engels’ tiefe Spuren hinterlassen.
Und wenn solche Spuren in seinen Briefen sichtbar werden, so hat keiner
das Recht, sie aus kleinlicher Ängstlichkeit zu verwischen.
IV
Die meisten und wohl auch die bedeutsamsten Streichungen Bernsteins
fallen unter die Kategorie der „mißfälligen Bemerkungen
über dritte Personen“. Von vornherein kombiniert er diesen
Rechtfertigungstitel für sein Verfahren mit dem Grundsatz der Ausschlie¬
XXIV
Einleitung
ßung des „Unwesentlichen“ und „Gleichgültigen“: er be¬
schränkt seine Absicht darauf, nur solche „mißfälligen Bemerkungen“ zu
tilgen, „die kein politisches oder wissenschaftliches Urteil einbegriffen,
das nicht schon in vorhergegangenen Briefen deutlich ausgesprochen
ist“ O.
Die Unhaltbarkeit und Hilflosigkeit dieser Formel springt in die
Augen. Ihrem buchstäblichen Sinne nach hätte Bernstein sich erlaubt,
alle „politischen oder wissenschaftlichen Urteile“ von Marx und Engels
zu streichen, die zugleich den Charakter „mißfälliger Bemerkungen“ hät¬
ten, mit Ausnahme derjenigen Fälle, wo solch ein Anstoß erregendes
Urteil zum ersten Male ausdrücklich vorkomme. Die Bernsteinsche For¬
mel impliziert zugleich, daß zwei aus verschiedenen Anlässen, in
verschiedenen konkreten Materien gefällte Urteile zwei gleiche Ur¬
teile sein könnten, — als wäre es für den Historiker, den Biographen
oder den Theoretiker gleichgültig und irrelevant, wie sich ein besonderes
Urteil über eine Person, ein Ereignis, oder ein Problem im einzelnen
historisch-konkret gestaltet habe! Und hatte sich Bernstein die Fertigkeit
zugemutet, zu verschiedenen Zeitpunkten und aus verschiedenen Anlässen
gefällte Urteile gleichzusetzen, um dann auf Grund solcher Identifizie¬
rung die in die „mißfällige“ Form gekleideten Urteile in der angegebenen
Weise auszuschalten: warum strich er nicht alle angeblichen Wieder¬
holungen, auch wo sie ihm nicht mit „mißfälligen Bemerkungen“ zu¬
sammenfielen?
Wie dem nun sei, — der Bernsteinsche Grundsatz in der Bernstein¬
schen Fassung, diese Zensurformel von den „mißfälligen Bemerkungen“,
kann alles andere eher als klar und exakt genannt werden. Wollte man
diesem Bernsteinschen Prinzip eine einigermaßen sinnvolle Fassung
geben, so müßte man es auf die einfachere Formel bringen: Tilgung aller
„mißfälligen Bemerkungen“, soweit sie nur „Unwesentliches“ oder
„Gleichgültiges“ enthielten.
Faktisch entsprechen nun die gestrichenen ..mißfälligen Bemer¬
kungen“ weder dem Kriterium des „Unwesentlichen“ oder „Gleichgülti¬
gen“, noch dem des „vorher schon deutlich Ausgesprochenen“. Bei
näherer Prüfung erweisen sich diese eingestandenen Grundsätze als reine
Vorwände für eine willkürliche, subjektive, oft von bestimmten politi¬
schen Rücksichten geleitete Kritik Bernsteins an Karl Marx und Friedrich
Engels. In den allermeisten Fällen, in denen Bernstein solche ..mi߬
fälligen Bemerkungen“ strich, läßt sich sein Verfahren nur daraus restlos
erklären, daß er das Marxsche oder Engelssche Urteil, das er von der
Veröffentlichung ausschloß, für unglaubwürdig, unrichtig, ungerecht,
O Siehe die Bernsteinsche Ausgabe des Briefwechsels, Bd. I, S. VI—VII
Einleitung
XXV
böswillig hielt; daß er dem Andenken von Marx und Engels und den
Interessen einer sich zu Marx und Engels bekennenden Partei einen guten
Dienst zu leisten wähnte, wenn er solche in seinen Augen unrichtige,
ungerechte, böswillige, verleumderische Urteile der Öffentlichkeit vor-
enthielt; daß seine Herausgeber-Bemühung von dem eigentümlich „wohl¬
wollenden“ Wunsche beseelt war, weder dem Renommé der beiden Be¬
gründer des wissenschaftlichen Sozialismus, noch der Reputation der
sozialdemokratischen Partei einen Schaden zuzufügen.
Faktisch enthalten die Bernsteinschen Streichungen in ihrer To¬
talität eine Kritik an Karl Marx und Friedrich
Engels, — eine Bemsteinsche „Revision“ von besonderer Art. Er
revidiert hier Marx und Engels nicht als Theoretiker, sondern als Per¬
sönlichkeiten und in nicht geringem Maße als Politiker.
Indem er Urteile von Marx und Engels tilgt, verurteilt er diese Urteile.
Weil er sein eigenes Urteil nicht in kritischer Auseinandersetzung dar¬
stellt, sondern in der Form der Kürzung und Tilgung vorbringt, ver¬
fälscht er die historische Gestalt der „beiden Männer“, von deren
„Werdegang, Fühlen und Denken“, von deren „Charakter, Lebensauffas¬
sung und Lebensführung“ ein „unverfälschtes Bild“, ein „naturtreues
Bild“ vor Augen zu führen er in jenem „Vorwort“ und in jenen „An¬
merkungen“ versprochen hat.
Es ist nicht nötig, an dieser Stelle viele Beispiele anzuführen. Der
Leser hat die Möglichkeit, an Hand der in unserer Ausgabe fortlaufend
gegebenen Notierung der Bernsteinschen Streichungen unser Urteil nach¬
zuprüfen. Nur einige besonders charakteristische Fälle, oder Gruppen
von solchen Fällen, seien hervorgehoben. —
Die ersten Jahre des Londoner Exils — also die Jahre, aus denen die
überwiegende Mehrzahl der im vorliegenden Bande vereinigten Briefe
stammt — bedeuteten in der Auffassung von Marx und Engels eine kurze
geschichtliche Pause zwischen zwei Revolutionen. Im Hinblick auf die
kommende Revolution, die im Gefolge der erwarteten Krise wieder aus¬
brechen werde, führten sie beide, vor allem aber Marx, einen erbitterten
Kampf mit den zahlreichen ins Ausland verschlagenen kleinbürgerlichen
und nationalen Revolutionären. Gleichzeitig rangen sie um den bestim¬
menden Einfluß auf die ebenfalls zahlreichen proletarischen
Flüchtlinge, um das politische Übergewicht in der Londoner deutschen
Kommunistengruppe, wie überhaupt in den — noch eine Zeitlang, bis
1851 fortexistierenden — geheimen und öffentlichen Organisationen des
Kommunistenbundes. Kämpfe gegen die Phraseurs der kleinbürgerlichen
Demokratie; Kämpfe gegen die Putschisten, gegen die — wenn man sich
so ausdrücken darf — „Ultralinken“ innerhalb der proletarischen Orga¬
XXVI
Einleitung
nisationen; Kämpfe um die Schaffung einer selbständigen „marxistischen“
proletarischen Partei, die in der nächsten Revolution als Vortrupp der
Arbeiterklasse die Bewegung bis zur Phase der proletarischen Diktatur
vorwärtszutreiben wirklich fähig sein werde, — diese Kämpfe füllen die
ersten Jahre des Londoner Exils von Karl Marx aus, und Friedrich Engels
steht ihm in diesen Kämpfen zunächst in London als Mitstreiter, dann in
Manchester als Helfer und Berater bei. Es entwickeln sich unter der
Londoner Flüchtlingsschaft erbitterte Partei- und Fraktionskämpfe; in¬
nerhalb der proletarischen und kommunistischen Organisationen nicht
minder als im gesamten Lager der Emigration. Mögen diese Kämpfe selbst
die unerquicklichsten Formen angenommen haben, mögen sie selbst
in persönliche oder materielle Streitigkeiten, in böse „Intriguen“ aus¬
geartet sein: Marx vertrat in allen diesen Kämpfen die Sache des wissen¬
schaftlichen Kommunismus, das Prinzip der proletarischen Diktatur.
Darum können die Einzelheiten dieses Ringens nicht als gewöhnliche
„Flüchtlingsstreitigkeiten“ abgetan werden, als ob es sich um bloße
Fragen der persönlichen Eitelkeit oder der persönlichen Existenz ge¬
handelt habe; und deshalb dürfen auch die „mißfälligen“ Bemerkungen,
die in diesen Kämpfen fielen, nicht als häßlich, unerquicklich, „unwesent¬
lich“ oder „gleichgültig“ ausgetilgt werden. Auch diese Bemerkungen
gehören zum Ganzen der in dem Briefwechsel Marx—Engels enthaltenen
Kritik der kleinbürgerlichen Demokratie und der proletarischen Sekten¬
bewegung, der Konspirations- und Revolutions-Spielerei. Sie sind histo¬
risch und biographisch von hohem Interesse; sie sind Beiträge zur Ge¬
schichte des Marxismus in der Praxis einer bestimmten Epoche und zu¬
gleich biographische Zeugnisse für jenen intransigent-revolutionären
Geist, der auch in allen Beziehungen zu Personen, mit denen er in poli¬
tischem Kontakt oder Konflikt stand, für Marx charakteristisch ist.
Eduard Bernstein hatte wenig Verständnis für die historische Bedeu¬
tung dieser erbitterten „Flüchtlingsstreitigkeiten“, dieser zugespitzten
„Fraktionskämpfe“. Die rücksichtslose Schärfe, womit Marx und Engels
als Parteimänner in diesen Kämpfen ihre Prinzipien vertraten,
war wesensfremd einer Ideologie, die zwar als marxistisch gelten wollte,
aber sowohl in der Theorie wie in der Praxis die weitestgehenden Ab¬
weichungen vom Marxismus zuließ. Und so wurde es möglich, daß in
dem „Briefwechsel“ diejenigen Briefe und Briefstellen einer sehr weit¬
gehenden Zensur verfallen konnten, die Marx und Engels in die heißesten
Partei- und Fraktionskäimpfe verwickelt, als praktische Parteimänner
zeigen: wo Marx und Engels nämlich in Intriguen verwickelt erscheinen
und wo sie mit kleinlichen Geldaffären zu tun haben ; wo sie die reklame¬
süchtigen Phrasenhelden der kleinbürgerlichen Demokratie mit unbarm¬
Einleitung
XXVII
herzigem Hohn überschütten; wo sie sich mit höchster Empörung über
Gesinnungsgenossen äußern, die zum Gegner, zum Parteifeind, über¬
laufen; über Proletarier, Kommunisten, die sich in die Gefolgschaft der
kleinbürgerlichen Demokratie locken lassen; über Freunde, die sich nicht
genug standhaft zeigen, die das Parteiinteresse über den Privatinteressen
vergessen zu haben scheinen, die der Partei — und wenn auch tausend¬
mal „in guter Absicht“ oder unfreiwillig — durch ihre Fehlgriffe Schaden
zufügen.
Diese Stellen des „Briefwechsels“ ließen sich, es ist nicht zu leugnen,
zwanglos in die Rubrik der „mißfälligen Bemerkungen“ einordnen.
Dutzende von langen Briefstellen und ganzen Briefen fielen so der Bern¬
steinschen Zensur zum Opfer1) und eine Unzahl von kleineren Stellen,
Bemerkungen oder Attributen, die — gleichgültig ob treffend oder un¬
richtig, ob gerecht oder übereilt, ob entsprechend oder übertrieben —
ebenfalls den politischen Kampf dokumentieren, den Marx und Engels
gegen eine Welt von Feinden und nicht minder auch gegen unsichere,
schwankende Freunde und Genossen geführt haben.
Durch die Streichung so vieler dokumentarischer Stellen hatte Bern¬
stein die erwähnten Partei- und Fraktionskämpfe nicht völlig aus seiner
Ausgabe verbannt. Soweit ging er nicht, soweit konnte er nicht gehen.
Denn schon Marx selbst hatte in mehreren Schriften vielerlei über diese
Kämpfe an die Öffentlichkeit gebracht („Enthüllungen über den Kommu¬
nistenprozeß zu Köln“, „Der Ritter vom edelmütigen Bewußtsein“, „Herr
Vogt“). Aber alles in allem genommen, sind durch die beträchtlichen
Kürzungen Bernsteins jedenfalls viele mehr oder minder wichtige Einzel¬
heiten aus der Geschichte der internationalen Emigration nach 1848/49,
aus der Geschichte des Kommunistenbundes, aus der Geschichte des von
Marx und Engels gegen die kleinbürgerliche Demokratie geführten Kamp¬
fes der historischen Forschung entzogen worden. Außerdem mußte so —
und dies ist nicht minder wichtig —das Gesamtbild dieser Parteikämpfe
im allgemeinen und das historische Antlitz des Parteimannes Marx im
besonderen, an Schärfe und Anschaulichkeit sehr verlieren.
Haben Marx und Engels durch diese Bernsteinsche Retouchierung des
Briefwechsels „gewonnen“? Und werden sie durch unsere lücken¬
lose Ausgabe „verlieren“? Wir lassen die Frage dahingestellt. Daß
aber die Kinkel, Ruge, Heinzen, Louis Blanc, K o s -
suth, daß die Willich und Schapper, die Schramm,
Dronke, Harney — dadurch „gewonnen“ haben, das scheint uns
sicher zu sein.
O Siehe z. B. die Briefe Nr. 46. 50. 55. 56, 57, 65, 69. 105, 115, 121, 127, 149,
188, 190, 192
XXVIII
Einleitung
Möglich, daß Bernstein in manchem Falle gemeint hat, er lasse beiden
Seiten Gerechtigkeit widerfahren und seine Streichungen seien eine Scho¬
nung sowohl des „allzu“ strengen Kritikers Marx, wie seiner „allzu“ hart
getroffenen Opfer. Er hatte nun einmal kein Verständnis für die histo¬
rische und prinzipielle Bedeutung jener äußerst verschärften Gegensätze
innerhalb des Lagers der oppositionellen und der revolutionären Ele¬
mente, und so hielt er es für seine Parteipflicht, diese Gegensätze und die
ihnen entspringenden einzelnen Konflikte dadurch zu vertuschen oder
wenigstens in milderem Lichte erscheinen zu lassen, daß er die Marxsche
Kampfesweise „verschönerte“ und die Äußerungen seiner leidenschaft¬
lichen Parteinahme und Parteilichkeit „abschwächte“.
Im großen und ganzen können wir uns nicht des Eindrucks erwehren, daß
er Karl Marx für „schonungsbedürftiger“ erachtete als die Gegner von
Karl Marx.
Sicherlich leitete ihn gerade diese Vorstellung, als er alle die ziem¬
lich zahlreichen Stellen strich, die Marxens Beziehungen zu
Johann Bangya betreffen, zu jenem ungarischen Journalisten und
Honvéd-Offizier, der in der Emigration als Kossuths Polizeichef fungierte.
Bangya war es gelungen, von Marx das Manuskript eines die Führer der
demokratischen Emigration verhöhnenden Pamphlets in die Hände zu be¬
kommen, er hatte dieses Manuskript einer deutschen Regierung ausge¬
liefert. Die Sorgfalt, mit welcher Bernstein sämtliche Stellen ausmerzte,
die sich auch nur im entferntesten auf diese Affäre beziehen, mit dem
Erfolg, daß sich davon in der Bernsteinschen Ausgabe wirklich auch
nicht die geringste Spur mehr vorfindet D, — diese bewundernswerte
Sorgfalt zeigt, daß sich Bernstein von dem Motiv leiten ließ: er müsse
hier etwas für Karl Marx im höchsten Grade Kompromittierendes ver¬
bergen.
Marx war sich selbst gegenüber weniger „diskret“. Im „Herrn Vogt“
( 1861 ) erzählt er über den Vorfall folgendes:
„Ich selbst hatte Banya2) mit seinem damaligen Freunde, dem jetzigen
General Türr, 1850 in London kennen gelernt. Den Verdacht, den mir
seine Mogeleien mit allen möglichen Parteien, Orleanisten, Bonapartisten
usw. und sein Umgang mit Polizisten jeder ,Nationalität einflößten, schlug
er einfach nieder durch Vorzeigung eines ihm von Kossuth eigenhändig
ausgefertigten Patents, worin er, früher schon provisorischer Polizeipräsi¬
dent zu Komorn unter Klapka, zum Polizeipräsidenten in partibus be¬
stallt war. Geheimer Polizeichef im Dienste der Revolution, mußte er
D Vgl. S. 318, 345. 347, 349f.. 351, 355—358, 362-364. 4O6f., 430, 432. 440.
450 usw.
-) Marx schreibt hier, wie in seinen Briefen an Engels, immer irrtümlich ..Banya“.
Einleitung XXIX
sich natürlich die Zugänge zur Polizei im Dienste der Regierungen .offen4
halten. Im Laufe des Sommers 1852 entdeckte ich, daß er ein Manuskript,
das ich ihm zur Besorgung an einen Buchhändler in Berlin anvertraut,
unterschlagen und einer deutschen Regierung in die Hände gespielt hatte.
Nachdem ich über diesen Vorfall und andere mir längst auffällige Eigen¬
tümlichkeiten des Mannes an einen Ungarn zu Paris geschrieben, und
durch die Intervention einer dritten genau unterrichteten Person das
Mysterium Banya völlig gelöst worden war, sandte ich eine öffentliche
Denunziation, unterzeichnet mit meinem Namen, Anfang 1853 der New
Yorker Criminalzeitung zu. Banya, in einem noch in meinem Besitz be¬
findlichen Rechtfertigungsschreiben, hob hervor, wie ich am wenigsten
Grund hätte, ihn für einen Spion zu halten, da er stets (und dies war
richtig) vermieden habe, mit mir über meine eignen Parteiangelegen¬
heiten zu sprechen. Obgleich Kossuth und seine Anhänger damals den
Banya nicht fallen ließen, erschwerte ihm dennoch meine Enthüllung in
der Criminalzeitung fernere Operationen in London und ergriff er um so
williger die Gelegenheit, die ihm die orientalische Wirre zur Verwertung
seiner Talente auf einem andern Theater bot.44
Auch Mehring wußte von diesem Vorfall. Im vierten Bande seiner
Nachlaß-Ausgabe O zitiert er die Stelle aus dem „Herrn Vogt“ und
spricht die Vermutung aus, es handle sich wohl um eine Broschüre gegen
Ruge und Kinkel. Der volle Wortlaut der Briefwechsel-Stellen gibt nun
über den Inhalt des Manuskriptes hinlänglichen Aufschluß. Es handelt
sich um ein gegen die Führer der demokratischen Emigration gerichtetes
Pamphlet, das Marx unter Mithilfe von Engels verfaßt und „Die großen
Männer des Exils“ oder „Charakterskizzen aus der Emigration“ betitelt
hatte. Wenn es bisher nicht gelungen ist, von diesem Manuskript in deut¬
schen Staatsarchiven irgendwelche Spuren zu finden, so hatten wir doch
immerhin das Glück, das Impurum des Pamphlets unter den Papieren
von Marx und Engels selbst zu entdecken, und zwar in jenem Teil des
literarischen Nachlasses, der — zusammen mit der „Deutschen Ideologie“,
der „Naturdialektik“ und anderen, kleineren Arbeiten — bis Ende 1924
von der Hauptmasse getrennt, bei keinem andern als Eduard Bernstein
separat aufbewahrt lag und erst auf unsere direkte Veranlassung in das
Archiv der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands abgeliefert wurde.
Im siebenten Bande der „Gesamtausgabe“, in dem diese Streitschrift
gegen die „großen Männer des Exils“ zum Abdruck gelangen soll, werden
wir ausführlich berichten, wie Marx und Engels den Gedanken faßten,
dieses Pamphlet gegen die Kinkel, Ruge, Struve, Willich usw. niederzu¬
schreiben. Hier sei nur gesagt: wenn die bis zum heutigen Tag noch un-
O 1902. S. 60.
XXX
Einleitung
bekannt gebliebenen Auftraggeber des Bangya in diesem Pamphlet irgend¬
welche neuen Daten zu finden gehofft hatten, die als Handhabe für poli¬
zeiliche Unternehmungen gegen die Mitglieder der Emigration hätten
dienen können, so haben sich diese Auftraggeber gründlich geirrt Bangya
lieferte ihnen eine völlig unbrauchbare Ware. Marx und Engels hatten
für ihre sarkastischen „Charakterskizzen“ zum Teil allgemein zugäng¬
liche, im Druck erschienene literarische Erzeugnisse ihrer Helden ver¬
arbeitet, zum andern Teil auch nur solche Tatsachen, die der internatio¬
nalen Polizei aus der zeitgenössischen Presse längst bekannt waren. —
Engels äußert sich darüber am 10. Juni 1888 in einem Brief an Hermann
Schlüter folgendermaßen:
„Bangya hatte sich als Vertreter eines in Berlin angeblich neu sich
etablierenden Buchhändlers, Eisenmann oder so sollte der Kerl heißen,
hingestellt und sich anheischig gemacht, daß dieser das Manuskript
drucken würde. Letzteres ist von Marx und mir und das Original liegt
hier bei mir. Der eigentliche Käufer der Abschrift war aber Stieber, der
dumm genug war zu glauben, in einem von uns für den Druck
bestimmten Manuskript würde die preußische Polizei geheime
Enthüllungen finden, und nicht bloße Verhöhnung der großen Männer
der Emigration, denn weiter war natürlich nichts drin. Wir waren um die
Veröffentlichung geprellt, aber der eigentliche Geprellte blieb
die preußische Polizei, die sich auch wohl gehütet hat, je damit zu renom¬
mieren, und nebenbei Herr Kossuth, der erst durch diesen Vorgang auf¬
geklärt wurde, welchen säubern Vogel er protegierte, obwohl er ihn auch
dann noch zu halten suchte.“
Die Technik des Streichens, — genauer gesprochen, das Bestreben,
verräterische Spuren dieses Streichens zu vermeiden, hatte natürlich noch
zur Folge, daß wegen der Affäre Bangya auch manche bedeutsamen Stellen
wegfallen mußten, die mit dem Pamphlet in keinem eigentlichen Zu¬
sammenhang stehen. So wurde z. B. aus Marxens Brief vom 4. Februar 1852
eine Stelle gestrichen, die wichtig ist für die Beurteilung der Stellung¬
nahme Marxens zu den Fraktionskämpfen innerhalb der ungarischen
Emigration. Trotz des prinzipiellen Gegensatzes zu Kossuth und trotz der
intimen Beziehungen mit Szemere meinte er damals: „Wir wollen mit
keiner Koterie uns identifizieren.“1) Wie gesagt, diese Stelle fehlt
bei Bernstein. Wegen des Bangya wird uns auch die nicht uninteressante
Tatsache vorenthalten, daß Marx das 1853 erschienene Buch B. Szemeres
über Batthyanyi, Kossuth und Görgei stilistisch überprüft hatte2). Mehrere
Einzelheiten über die Beziehungen des Spitzels Cherval. der im Kölner
i) Siehe S. 318
-) Siehe S.349f.
Einleitung
XXXI
Kommunistenprozeß eine so große Rolle spielte, fielen aus demselben
nichtigen Grunde aus1).
Wie mißtrauisch Bernstein Marx und Engels gegenüber sein konnte
und wie mißtrauisch der Forscher gegen Bernsteins Mißtrauen sein muß,
das heißt wie wenig dieser dazu berufen war, die „Reputation“ von Marx
und Engels zu beschützen, zeigt sehr kraß die Streichung einer „mi߬
fälligen Bemerkung“ über Weitling. Engels schreibt am 19. August
1846 aus Paris an Marx:
„Wie die Arbeiter hier allgemein glauben, hat Weitling die Garantien
nicht allein gemacht. Außer S. Schmidt, Becker etc. sollen ihm
einige Franzosen Material gegeben haben und besonders hatte er Manu¬
skripte eines gewissen Ahrens aus Riga, Arbeiter in Paris, jetzt in Amerika,
der auch die Hauptsache von ,der Menschheit wie sie ist und sein soll4
gemacht hat. Die Hiesigen schrieben ihm das einmal nach London,
worauf er sich sehr erboste und bloß antwortete, das seien Ver¬
leumdungen.“ 2>
Sogar wenn Weitling im Recht gewesen wäre mit der Behauptung, daß
nur „Verleumdung“ ihm die alleinige Verfasserschaft der „Garan¬
tien“ absprechen könne, so würde die zitierte Mitteilung auch dann ihre
Bedeutung nicht verlieren, und sei es nur wegen der Quelle, auf die sich
Engels berief. Engels machte damals unter den Pariser Arbeitern Propa¬
ganda; es liegt auf der Hand, daß die „verleumderischen“ Behauptungen
von solchen Arbeitern herrührten, die Weitling in Paris oder in der
Schweiz persönlich gekannt, die mit ihm im Bunde der Gerechten zu¬
sammengearbeitet hatten. Bernstein kümmert sich um diesen wichtigen
Umstand nicht, er faßt die Briefstelle als „üble Nachrede“ auf, die getilgt
zu werden verdiene. Es finden sich jedoch bei Weitling selbst — in seinen
„Garantien“ — Äußerungen, die einerseits das Pariser „Gerücht“ unter¬
stützen, andererseits dadurch erst recht verständlich werden. Im „Vor¬
wort“ zu den „Garantien“ schreibt Weitling, nachdem er den Beistand
seiner zahlreichen Kameraden gerühmt hat:
„Vorliegendes Werk ist also nicht mein Werk, sondern unser Werk;
denn ohne den Beistand der andern hätte ich nichts zustande gebracht.
Die gesammelten materiellen und geistigen Kräfte meiner Brüder habe ich
in diesem Werke vereinigt.“
Über Ahrens schreibt er in der dritten Ausgabe der „Garantien“ (Ham¬
burg 1849):
„Für die Verbreitung des kommunistischen Prinzips wirkten ... in
Paris unter den bekannten Deutschen, Mäurer und Ahrends. Dieser
’) Siehe S. 362-364
2) Siehe S. 32
XXXII Einleitung
deutsche Russe macht es sich seit Jahren zur Aufgabe, durch sein Talent
und seinen Eifer für die Sache, in bescheidener Anspruchslosigkeit seiner
eigenen Verdienste, nur das Wirken Anderer zu unterstützen, solcher,
welche er dazu für fähig und für würdig hält“
Zum richtigen Verständnis dieser Stelle sei noch bemerkt, daß der mit
Ahrens hier in einem Atem genannte Mäurer bekanntlich auch in der
Technik der Schriftstellerei ein Lehrer Weitlings in dessen Pariser Jahren
gewesen ist.
Brauchten Marx und Engels vor dem Verdacht geschützt zu werden,
daß sie der historischen und geistigen Bedeutung Weitlings nicht hätten
gerecht werden können? Marx, der in den „Garantien“ das „brillante
literarische Debüt der deutschen Arbeiter“, die „riesenhaften Kinder¬
schuhe des Proletariats“ erblickte! Oder Engels, der diese Worte noch
im Jahre 1885 „unterschreibt“ und der Weitling den großen französischen
Utopisten an die Seite stellt! In seinem Eifer, die „mißfälligen Be¬
merkungen“ Marxens und Engels’ über Genossen und Gleichgesinnte zu
mildern oder zu tilgen, vergaß Bernstein, daß er es mit verschiede¬
nen Phasen in dem Verhältnis von Marx und Engels zu ein und
derselben Person zu tun hatte; er glaubte mit völlig verständnislosen
Lesern rechnen zu müssen, die nicht zu begreifen imstande wären, daß
Marx und Engels — wie das ja überhaupt bei temperamentvollen Men¬
schen sehr häufig der Fall ist — im allgemeinen viel anspruchsvoller
und in Konfliktsfällen viel heftiger waren gegenüber Menschen, die ihnen
nahe standen und ihre Achtung genossen, als gegen solche, zu denen sie
sich gleichgültig oder als Gegner verhielten.
Ist es nötig, Karl Marx vor der Möglichkeit des Vorwurfs zu be¬
wahren, daß er über kleinen und kleinlichen Differenzen die Freund¬
schaft Wilhelm Wolffs nicht richtig einzuschätzen und dem
Charakter des Mannes nicht gerecht zu werden gewußt habe, dem er das
Hauptwerk seines Lebens gewidmet, den er als den „kühnen, treuen, edlen
Vorkämpfer des Proletariats“ gerühmt hat? Bernstein fühlte sich auch
dazu verpflichtet. Aus den Briefen des Jahres 1853 strich er die Stellen,
die sich auf ein vorübergehendes Zerwürfnis zwischen Marx und Wolff
beziehen 2L Sogar aus den Briefen, in denen Marx selbst über den Vor¬
fall berichtet, geht hervor, wie tiefe Wurzeln die Freundschaft hatte,
welche die beiden Männer verband, und wie qualvoll Marx den aus so
nichtigem Anlaß entstandenen Konflikt empfand. In diesem Falle ver¬
wischte Bernstein nicht restlos alle Spuren des Ereignisses, er deutete an
O In seiner Vorrede zu den Marxschen ..Enthüllungen über den Kommunisten-
prozeß zu Köln“
2) Siehe S. 494, 500-502. 504. 508. 510 f.
Einleitung
XXXIII
zwei Stellen durch Punkte und Striche die vorgenommene Auslassung so¬
gar an1). An der ersten dieser beiden Stellen ergibt sich bei Bernstein
nun folgendes. Er druckt aus dem Marxschen Bericht über den Vorfall
die einleitenden und die Schlußworte ab. Der Leser erfährt, daß Marx
mit Wolff „eine Szene hatte, die unglaublich ist“. Unmittelbar darauf
folgen die schweren und bitteren Worte, womit Marx seine Erzählung ab¬
schließt: „Man kann das Privilegium des alten Polterers in Anspruch
nehmen, aber man muß es nicht mißbrauchen. Ich liege auch nicht auf
Rosen, und so ist mir sein bürgerlicher Dreck gar kein excuse.“ 2> Da¬
zwischen stehen drei Punkte zur Andeutung der Fortlassung. Der Leser
hat unwillkürlich den Eindruck, daß sich hier etwas ereignet haben müsse,
was in Marxens oder in Wolffs Interesse unbedingt zu verbergen sei. Daß
dies nicht der Fall gewesen ist, wird nun ein jeder beurteilen können. Die
Episode mit der verlorenen spanischen Grammatik ist nicht im geringsten
dazu angetan, die Tiefe und den Ernst des Freundschaftsverhältnisses
zwischen Marx und Wolff zu beeinträchtigen, ist jedoch gleichfalls ein
dokumentarischer Beitrag zur Charakteristik der unerhört qualvollen
Lage, in der sich die beiden Exilierten damals befunden haben.
V
Über Motive läßt sich schwer disputieren. Es ist nicht ausgeschlossen,
daß wir bei der Hervorhebung und Deutung einer Reihe von Streichungen
nicht immer den Herausgeber-„Grundsatz“ richtig erraten haben, von dem
sich Bernstein bei der Tilgung dieser Stellen leiten ließ. So ist es wohl
möglich, daß Bernstein in einigen Fällen, in denen wir das Walten des
Paragraphen über „Intimitäten“ vermuten, sich auf den Paragraphen über
„mißfällige Bemerkungen“ zu stützen für berechtigt hielt, — oder auch
umgekehrt. Els gibt aber eine Anzahl von Bernsteinschen Kürzungen,
deren „juristische Grundlage“ ganz einwandfrei festzustellen ist. Es sind
dies die Stellen, an denen man beim besten Willen weder „Intimitäten“
noch „mißfällige Bemerkungen“ entdecken kann, die daher eindeutig
unter die Bernsteinsche Kategorie des „Unwesentlichen“ oder
„Gleichgültigen“ fallen müssen. Natürlich gibt es — wie wir
schon früher gesagt haben — im Briefwechsel auch Stellen, die relativ
belanglos sind. Aber Bernstein ging entschieden zu weit in der Proskrip¬
tion von „Unwesentlichem“. Manche seiner Streichungen erwecken ein¬
fach den Eindruck der Willkür, des Übermuts oder der Zufälligkeit. Da
O Siehe im ersten Band der Bernsteinschen Ausgabe S. 434, 437
2) Bernstein „verschönert4* auch diesen Satz; er druckt: „und es ist mir seine
bürgerliche Klemme gar keine Entschuldigung44.
III
XXXIV
Einleitung
wir nun nicht annehmen wollen, daß Bernstein nach dem Beispiel man¬
cher Zeitungsredakteure nur gekürzt habe, um zu zeigen, daß er das
Privileg des Kürzens besitze, so sind wir eher geneigt, einige Ausmerzun¬
gen auf den Mangel an richtigem Verständnis für das Wesentliche und
Unwesentliche zurückzuführen. Hierzu nur einige Beispiele.
Der vollständig ausgelassene Engels-Brief vom 27. Juli 1846 J) ist
zunächst einmal biographisch von Wert; die Kritik des preußischen Bank¬
projekts hinwiederum ist politisch wichtig, da sie zeigt, daß Engels schon
Mitte 1846 darauf rechnete, daß Preußen aus der wachsenden Finanznot
keinen Ausweg werde finden können.
Aus dem Engels-Briefe vom 27. November 1851 entfiel eine längere
Stelle, an der Engels wegen eines Verlags für das von Marx damals ge¬
plante ökonomische Werk verschiedene Ratschläge gibt2). Die Stelle
ist vielleicht „langweilig“, sie ist aber ein — wenn auch noch so kleiner —
Beitrag zur qualvollen Entstehungsgeschichte des „Kapital“.
Im Briefe vom 7. Mai 1852 schreibt Engels seine Eindrücke über das
Buch des Generals Willisen „Theorie des großen Krieges“. Aus diesem
Urteil sind bei Bernstein folgende Zeilen fortgelassen:
„Was soll man zu einer Kriegswissenschaft sagen, die mit dem Be¬
griff der Kunst en général anfängt, dann nachweist, daß auch die Koch¬
kunst eine Kunst ist, über das Verhältnis von Kunst und Wissenschaft
sich des breiteren ausläßt und schließlich alle Regeln, Verhältnisse, Mög¬
lichkeiten usw. der Kriegskunst in dem einen absoluten Satz aufgehen
läßt, daß der Stärkere immer den Schwächeren schlagen muß!“3)
Die gestrichenen Zeilen sind nicht um ein Haar „mißfälliger“ als die
vorangehenden Sätze des Gutachtens, die Bernstein nicht strich. Es wäre
ganz interessant, zu erfahren, warum sie „uninteressant“ waren.
Ähnlich verfuhr Bernstein mit Engels’ ausführlichem „Gutachten“
über Urquhart im Briefe vom 4. März 1853 4). Auch in diesem Falle druckt
Bernstein das sachlich ganz ernste, nur in ironischem Tone gehaltene
Engelssche Résumé des Hauptgedankens von Urquhart zunächst ein Stück
weit ab, plötzlich aber wird ihm dieses Résumé langweilig oder „un¬
wesentlich“ oder gleichgültig, — kurz, er streicht folgende Stelle:
„Die Berührung mit Europäern, die Zivilisationsversuche, haben die
Türken nur entnervt und desorganisiert. Die türkische Verfassung in
ihrer ,Reinheit4 ist die schönste, die es gibt, und steht fast über der eng¬
lischen. Der Türke hat Selfgovernment durch tausendjährige Sitten und
den Koran. Der Sultan, statt ,Despot4, ist beschränkter als die most gra-
0 Siehe S. 22—24
’) Siehe S. 288
a) Siehe S. 352
4) Siche S. 452 f.
Einleitung
XXXV
cious queen. Religionsfreiheit existiert nur in der Türkei. Klassenunter¬
schiede, Klassenkämpfe, politische Parteien gibt es in diesem Paradiese
keine und kann es keine geben, denn alle sind in innerer Politik einer Mei¬
nung. Nirgends weniger Zentralisation als in der Türkei. Kurz, nur der
Türk ist ein gentleman, und nur in der Türkei existiert Freiheit.“
Die Nachschrift des Marx-Briefes vom 30. April 18521) wurde fort¬
gelassen. Sie enthält ein Zitat, das Marx einem in der New York Tribune
erschienenen Artikel von Bruno Bauer entnommen hatte. Bernstein meinte
wohl, ein von Marx nur abgeschriebener Text sei jedenfalls etwas „Un¬
wesentliches“. Tatsächlich ist schon die Angabe, daß Bruno Bauer für
die Tribune schrieb, nicht gleichgültig. Das persönliche und theoretische
Verhältnis Marxens zu Bruno Bauer ist so bedeutsam, daß jeder kleinste
dokumentarische Beitrag zu dieser Frage festgehalten zu werden ver¬
diente, auch wenn es sich nur darum handelte, daß Marx die literarische
Tätigkeit Bauers mit Interesse verfolgte. Mit diesem Zitat — das, neben¬
bei gesagt, gar nicht so leicht auf gefunden werden konnte2) — war je¬
doch auch das kurz und bündig gefaßte, aber darum, doch sicher nicht
„gleichgültige“ Marxsche Urteil über den „unverbesserlichen alten Theo¬
logen“ weggefallen.
Sogar da, wo der Briefwechsel zwischen Marx und Engels ununter¬
brochen fortgeht und die Briefe ohne Lücke vorliegen, bleibt nicht selten
eine Äußerung des einen oder des anderen aus irgendwelchem Grunde
ohne Antwort Umso sorgfältiger hätte Bernstein gerade auf solche Stel¬
len achten müssen, die eine Rückäußerung auf irgendeinen Punkt dar¬
stellen.
Bernstein läßt diese Sorgfalt vermissen. Er druckt z. B. die Marxsche
Äußerung über die Niederlage Russells im Unterhaus in dem Briefe vom
23. Februar 1852 ab:
„Russell ist auf possierliche Weise gestürzt. Ich wünsche nichts mehr,
als daß Derby ans Ruder kömmt. Du hast während dieser kurzen Ses¬
sion gesehn, wie elend die Manchestermänner sind, wenn die force des
choses sie nicht treibt. Ich verdenke es den Burschen nicht. Jede weitere
demokratische Eroberung, wie z. B. die Ballot, ist eine Konzession, die
sie den Arbeitern natürlich nur en cas d’urgence machen.“3)
Dazu äußert Engels am 18. März 1852:
„Ich glaube nicht, daß Derby eine Majorität bekommen wird, obwohl
hier, wo alles einstimmig ist, wenn es an die Korngesetze geht, ein
schlechter point d’observation ist. Ich wollte übrigens, er bekäme
M Siehe S. 346
2 ) Von der New York Tribune existiert in Europa nur ein einziges Exemplar,
nämlich im British Museum, — und dieses Exemplar ist zudem ziemlich lückenhaft.
3) Siehe S. 323
III *
XXXVI
Einleitung
sie, es müßte gehn wie Du sagst. Er ist übrigens ein Narr, daß er
nicht gleich auflöst. Je länger er trainiert, desto eher riskiert er, die Wahl
in eine Handelskrise zu bringen, und dann kriegt er fanatische Tories, die
für ihn selbst zu toll sind, und dezidierte, profitwütige, bankrottbedrohte
Manchester Men ins Parlament, letztere wahrscheinlich in der Majorität,
dann entscheidendes Element.“1)
Bernstein bringt diese Antwort oder Rückäußerung nicht. Doch gewiß
nicht, weil Engels unehrerbietige Worte über einen Minister fallen ließ!
Also gehört — eine andere Annahme bleibt nicht übrig — auch eine Ana¬
lyse der Parteiverhältnisse und Wahl aussichten in England zu den „un¬
wesentlichen“ Dingen!
Weiter. Man braucht nicht Marxist und nicht Marx-Forscher zu sein,
um die Entwicklung der Ansichten von Marx und Engels über die
Krisen für wichtig genug anzusehen, daß jeder Beitrag dazu festgehal¬
ten werden müßte. Die Veranstalter der „Briefwechsel“-Ausgabe von
1913 waren anderer Meinung. Aus Engels’ Brief vom 23. September
1851 2) ließ man lange Notizen und Berechnungen über den internationa¬
len Baumwollmarkt fort, um die Leser nicht mit so „uninteressanten“
Zahlen zu langweilen. Tabellen, die Engels aus Büchern oder gar aus
Zeitungen ausschrieb oder zusammenstellte, sollen keinen Anspruch auf
Interesse haben können! Möchte Bernstein eine ähnliche Prozedur viel¬
leicht auch auf das „Kapital“ angewandt wissen?
Die Krisen werden von Bernstein noch mehrere Male so stiefmütter¬
lich behandelt. Zu Anfang der 50er Jahre waren Marx und Engels der
Auffassung, daß die industrielle Krise sich in Zwischenräumen von 5 bis
7 Jahren wiederhole. So erwartete Marx schon im Jahre 1852 den Ein¬
tritt der neuen Krise. Man wird darum verstehen, daß er alle Situations¬
berichte und Schätzungen begierig entgegennahm und analysierte, die
ihm Engels aus Manchester, dem Hauptzentrum der damaligen „Schlüssel¬
industrie“, zukommen ließ. Für Bernstein sind manche dieser Engelsschen
Berichte uninteressant. Aus dem Briefe vom 20. April 1852, der vorwie¬
gend dem Problem der erwarteten Krise gilt, streicht er plötzlich fol¬
gende Stelle:
„Die Baumwollindustrie floriert jetzt so, daß, trotz dieser, die
1848/1849er Ernte um 300 000 Ballen übersteigenden Saison, die Preise
von Baumwolle sowohl in Amerika wie hier steigen, daß die amerikani¬
schen Fabrikanten schon über 250 000 Ballen mehr gekauft haben als
voriges Jahr (wo sie im ganzen nur 418 000 Ballen gebrauchten) und daß
die hiesigen schon zu behaupten anfangen, selbst eine Ernte von drei
O Siehe S. 332
9) Siehe S. 264f.
Einleitung
XXXVII
Millionen Ballen würde für ihren Verbrauch nicht hinreichen. Bis jetzt
sind nach England 174 (MX) Ballen, nach Frankreich 56 000 Ballen, nach
dem übrigen Kontinent 27 000 Ballen mehr von Amerika exportiert als
voriges Jahr. (Dies ist vom 1. September bis 7. April jedes Jahr.) Und
bei einer solchen Prosperität ist es allerdings leicht zu erklären, wie
Louis Napoleon so gemütlich sein bas-empire präparieren kann; der Über¬
schuß der direkten Baumwolleinfuhr nach Frankreich zwischen 1850 und
1852 beträgt bis jetzt 110 000 Ballen (302 000 gegen 192 000), also über
33 %.“1)
Aus demselben Briefe sind weiter unten wieder einige Zeilen getilgt,
und zwar so „geschickt“, daß man ein ganz falsches Bild von Engels’ Auf¬
fassung bekommt. Anschließend an die eben zitierte Stelle sagt Engels:
„Nach allen Regeln muß die Krisis in diesem Jahre kommen, und
wahrscheinlich wird sie es auch; wenn man aber die gegenwärtige ganz
unerwartete Elastizität des ostindischen Marktes und die durch Kalifor¬
nien und Australien hineingekommene Konfusion sowie die Wohlfeilheit
der meisten Rohprodukte, die die Industrieerzeugnisse ebenfalls wohlfeil
hält, und die Abwesenheit aller großen Spekulation betrachtet, so kommt
man fast in Versuchung, der gegenwärtigen Prosperitätsperiode eine
außerordentlich verlängerte Dauer zu prophezeien.“
Diese Stelle ist bei Bernstein noch wiedergegeben, mit ihr endet bei
ihm der Gedankengang Engels’. Man muß also annehmen, daß Engels,
der im September 1851 deutliche Anzeichen der sich nähernden Krise
konstatiert und ihren Ausbruch für das Frühjahr 1852 erwartet hatte,
nun im April 1852 bereit gewesen sei, die alte Regel zu revidieren. In
Wirklichkeit verhält sich die Sache anders. Unmittelbar nach dem eben
angeführten Satz liest man im Briefe noch das folgende:
„Jedenfalls ist es möglich, daß die Geschichte bis ins Frühjahr dauert.
Aber schließlich ist es doch am sichersten within six months or less sich
an der alten Regel zu halten.“
Allerdings, diese Stelle kann nicht wegen ihrer „Gleichgültigkeit“ aus¬
gefallen sein: hier griff offenbar die „bessernde“ Hand Bernsteins ein,
der um das Jahr 1910 konstatiert hatte, daß die Krisen seit 1847 nicht
ganz genau nach der „alten Regel“ von Marx und Engels verlaufen seien !
Wir vermerken noch die Weglassung des inhaltsreichen Engels-Briefes
vom 12. März 18532\ der Angaben über Engels’ Beschäftigung mit Urqu¬
hart, über Marxens Beziehungen zur New York Tribune und über das
Schicksal der ..Enthüllungen“ bringt und eine kritische Umschau über die
Parteifreunde — namentlich Cluss und Lassalle —, Gedanken über die
x) Siehe S. 339
-) Siehe S. 458 f.
XXXVIII
Einleitung
Rekrutierung des Nachwuchses et de quibusdam aliis enthält. In diesem
Falle sind wir geneigt, das Fehlen des Briefes zufälligen, etwa rein tech¬
nischen Gründen zuzuschreiben, denn besondere Absichten oder Erwägun¬
gen des Herausgebers können wir uns hier überhaupt nicht vorstellen.
Von den ganz ausgelassenen Briefen erwähnen wir noch den zwei Zei¬
len langen Brief vom 14. April 1852worin Marx den am selben Tage
erfolgten Tod seiner Tochter Franziska dem Freunde anzeigt. Warum
eigentlich der biographisch wie psychologisch wichtige Brief verbannt
werden mußte, ob deshalb, weil sein Inhalt „gleichgültig“ schien, oder
ob umgekehrt) deshalb, weil Bernstein der Ton dieser Todesnachricht ein
„gleichgültiger“ Ton zu sein schien, — können wir nicht entscheiden.
VI
Man wird nunmehr verstehen, warum es uns notwendig schien, die
Herausgeber-Grundsätze Bernsteins und Mehrings mit einiger Ausführ¬
lichkeit zu analysieren. Es geschah nicht allein — und nicht in erster
Linie — aus philologischen Gründen. Wir haben bei dieser Gelegenheit
einige politisch und biographisch wichtige Momente hervorheben und
auf manche damit verknüpften bedeutenden Probleme hinweisen können,
die in den neuen, d. h. hier zum ersten Male abgedruckten Briefen und
Brief stellen hervortreten.
Wir resümieren. Die von Bernstein vorgenommenen Streichungen
sprengen in ihrer Gesamtheit vollständig den Rahmen der von ihm ein¬
gestandenen Editionsprinzipien und offenbaren deutlich die Absicht einer
bestimmten Interpretation der Persönlichkeit und der politischen
Tätigkeit von Karl Marx und Friedrich Engels. Unsere Darstellung hat
gezeigt, mit welcher Ängstlichkeit die Veranstalter der Ausgabe der Wir¬
kung dieser Publikation entgegensahen. Vor allem Mehring, der in sei¬
nem mehrfach zitierten Artikel in der Leipziger Volkszeitung geradezu
von einer „schweren Belastungsprobe“ sprach, welche ebenso
Marx und Engels wie die für die Publikation verantwortliche Partei zu
bestehen hätten, und der um Berücksichtigung aller „mildernden Um¬
stände“ bat. Diese Ansicht der Dinge beeinflußte sehr weitgehend die Her-
ausgebertätigkeit selbst. Die „Belastungsprobe“ wollte man möglichst er¬
leichtern. Ein beträchtlicher Teil der so umfangreichen Streichungen
diente offenbar dieser — vor der Öffentlichkeit auch nicht im leisesten an¬
gedeuteten — Absicht.
Dieselbe spezifische Interpretation, die in den Streichungen zum Aus-
O Siehe S. 337
Einleitung XXXIX
druck kam, kennzeichnet die an verschiedenen Stellen der vier Bände pla¬
zierten „Vorbemerkungen“ Bernsteins. Mehring, der sie in den Korrektur¬
abzügen überprüft hatte, erklärte sich mit ihnen, trotz ihres kraß eklek¬
tischen Charakters, völlig solidarisch und stellte ihnen das Zeugnis aus,
daß sie „ganz und gar im Geiste von Marx und Engels“ gehalten seien.
Lenins Urteil lautete ganz anders. Er erklärte von den Bernsteinschen
„Vorbemerkungen“: sie seien „teils inhaltslos, teils direkt falsch“.
Trotz all der kritischen Einwände, die wir in der bisherigen Darstel¬
lung erhoben haben, anerkennen wir doch, daß die Bernsteinsche Aus¬
gabe des Briefwechsels, von einem einzigen Herausgeber ins Werk gesetzt,
eine große Editoren-Leistung war. Die Ausgabe brachte ihre Texte mit ver¬
hältnismäßig wenig Entzifferungsfeh lern So wie sie war, bei allem
Walten der Interpretationsabsicht, bedeutete sie eines der wichtigsten Er¬
eignisse in der Geschichte der Marx-Engels-Forschung.
Ich habe keinen Grund, mein 1914 ausgesprochenes Urteil zu revidi-
ren. In dem oben schon genannten Aufsatz schrieb ich:
„Aber auch in der Form, in der der Briefwechsel uns geboten ist, bil¬
det er eine unerschöpfliche Quelle neuer Erkenntnis. Er wirft nicht nur
neues Licht auf die gegenseitigen Beziehungen beider Freunde, er führt
uns in die Werkstätte ihrer gewaltigen Gedankenarbeit. Wir sehen, wie
aus den Konflikten ihres inneren Lebens, aus der Berührung mit neuen
Tatsachen bei ihnen neue Ideen erwachsen, wie sich aus den Resultaten,
zu denen sie unter ersten Eindrücken kommen, durch Ergebnisse und
Schlußfolgerungen, die später neuer Kritik entspringen, allmählich klare
und feste Linien einer neuen wissenschaftlichen Auffassung kristallisie¬
ren. Der Gesichtskreis beider Freunde ist universal, und neben einem
Spiegel aller wichtigsten Ereignisse der laufenden Geschichte finden sich
interessante Exkurse in alle Gebiete des theoretischen Denkens.“
Doch glauben wir, daß dieser Briefwechsel in der nunmehr begonne¬
nen unverkürzten Publikation als historisch-biographische Quelle an Be¬
deutung nicht unwesentlich gewinnt. Wir reproduzieren die Briefe —ab¬
gesehen von vorsichtig eingreifender Behandlung der Orthographie, wor¬
über unten das Nähere — ohne die geringste Streichung oder Änderung.
Auch das inhaltlich Neue, das die nun zum ersten Male abgedruckten
Briefe und Briefstellen bieten, ist nicht gering. Viel wichtiger aber ist,
daß diese vollkommen getreue Reproduktion des Briefwechsels — mit
0 Wir geben nur einige Beispiele: S. 5 der Bernsteinschen Ausgabe (Bd. I)
heißt es statt „Opposition“ — „Religion“; S. 136 fehlt nach „Imports abnehmen“ —
„die Exports zunehmen“; S. 142 heißt es statt „Gesindel“ — „Geistern“; S. 142
statt „Stimme“ — „Stimmung“; S. 248 statt „Gewandtheit“ — „Gesundheit“; S. 336
statt „Mittwoch“ — „Montag“; S. 402 statt „Hauptursache“ — „Hauptsache“; S. 446
statt „reinen“ — „einen“; usw. usw.
XL
Einleitung
allen seinen stilistischen Eigentümlichkeiten, in seiner ursprünglichen
„brutalen“ Sprache, mit allen „Intimitäten“ und „mißfälligen Bemerkun¬
gen“, mit allem „Gleichgültigen“ und „Unwesentlichen“ — der Aufgabe,
die Bebel und Bernstein ihrer Publikation gestellt hatten, erst wirklich
gerecht wird, der Aufgabe nämlich: „von dem Werdegang, dem Fühlen
und Denken“ der beiden Begründer des wissenschaftlichen Sozialismus
„ein unverfälschtes Bild“ zu geben.
Stellt unsere vollständige Ausgabe eine „Belastungsprobe“ für das
Andenken von Karl Marx und Friedrich Engels dar? — Es sei mir ge¬
stattet, auf diese Frage mit den Worten zu erwidern, die ich seinerzeit
beim Erscheinen der Bernsteinschen Ausgabe geschrieben habe:
„Marx und Engels waren keine Engel und brauchen nicht als solche
frisiert zu werden. Sie bedürfen auch keiner Schonung. In ihrem Falle
gilt noch mehr das Wort, das Herzen in seinen Memoiren über Mazzini
sagt: ,Solche Leute braucht man nicht zu schonen4. Sie vertragen die
nackteste Wahrheit, die schonungsloseste Kritik. Aussprechen, was ist,
gilt auch für die Wissenschaft . . .
Der Leser, der hofft, in diesem Briefwechsel irgendwelche Spuren
einer Selbstbespiegelung oder Seelenergüsse zu finden, wird enttäuscht
werden. Im Jahre 1844, in dem der Briefwechsel beginnt, haben beide
Freunde schon längst die romantische Periode der unbestimmten Wünsche
und Hoffnungen hinter sich. Trotz des Unterschieds der Temperamente
und — bei aller Ähnlichkeit der Weltanschauung — der theoretischen
Neigungen, waren beide schon frei von allen Zweifeln an sich selbst, an
ihren Kräften. Sobald sie einmal der gleichen Sache ihr Leben gewidmet,
stellten sie alle ihre Kräfte in den Dienst dieser Lebensaufgabe. Daher
keine Grübeleien, keine ,Selbstanalyse4 und äußerst selten rein persönliche
Stimmungsbilder. Um so stärker aber wirken die Briefe, in denen durch
die anscheinende Kälte, durch einen angenommenen ,Zynismus4, die
Seelenschmerzen durchblicken — sowohl bei dem mitteilsameren Engels
wie bei dem zurückhaltenderen, aber dabei doch ungestümeren Marx.
Zum erstenmal wird vor uns der Vorhang zurückgezogen, der bis jetzt
nicht nur für die Feinde, sondern auch für die Freunde das persönliche
Leben von Marx verhüllte. Alles, was Marx so eifrig verschwieg, was er
auch seinen nächsten Ideengenossen verheimlichte: lange Jahre bitterer
Not, politischer Isoliertheit, hingebungsvoller Arbeit, das qualvolle Mär¬
tyrertum der unerbittlichen kleinen Schicksalsschläge, das ganze Milieu,
in dem eines der höchsten Produkte des menschlichen Genies geschaffen
wurde — dies tragische Bild wird nun erst vor dem staunenden Auge des
Lesers entrollt.
Zwar wußten wir — aus dem Vorwort von Eleanor Marx zu der eng¬
Einleitung
XLI
lischen Ausgabe der ,Revolution und Konterrevolution4, aus den Briefen
an Kugelmann, aus den Briefen an Weydemeyer, die Mehring veröffent¬
lichte — , was für einen schrecklichen Kampf Marx mit der materiellen
Not zu führen gezwungen war. Aber erst jetzt können wir diesen unbeug¬
samen, echt prometheischen Stolz, den unerschütterlichen Willen, die un¬
geheure titanische Arbeitskraft bewundern, die Marx gestatteten, dieses
schreckliche Elend zu überwinden“ . . .
Über die historische Bedeutung des Briefwechsels führe ich noch
Lenins Urteil an, und zwar aus dem ersten und einzigen Kapitel einer
Artikelserie über den „Briefwechsel“, die er im Jahre 1913 begonnen, lei¬
der aber nicht zu Ende geführt hat. Lenin schrieb:
„Ihr [der Briefe] wissenschaftlicher und politischer Wert ist außer¬
ordentlich groß. Nicht nur, daß hier Marx und Engels in ganzer Lebens¬
größe dem Leser besonders plastisch vor Augen treten. Auch der ganze
Reichtum des theoretischen Inhalts des Marxismus wird hier im höchsten
Grade anschaulich entwickelt, denn Marx und Engels kommen in ihren
Briefen häufig auf die verschiedenartigsten Seiten ihrer Lehre zurück,
indem sie das Neueste (im Verhältnis zu ihren früheren Anschauungen),
das Wichtigste und das Schwierigste hervorheben und erklären, zuweilen
gemeinsam beratschlagen und einander überzeugen. Vor dem Leser zieht
mit erstaunlicher Lebendigkeit die Geschichte der Arbeiterbewegung der
ganzen Welt in ihren wichtigsten Momenten und in ihren wesentlichsten
Punkten vorüber. Noch wertvoller ist die Geschichte der Politik der
Arbeiterklasse. Bei den unterschiedlichsten Gelegenheiten behandeln Marx
und Engels das, was in den verschiedenen Ländern der alten und der
neuen Welt in verschiedenen historischen Momenten bei po 1 i t i s c h c r
Stellung der Fragen im Hinblick auf die Aufgaben der Arbeiterklasse
jeweils das Prinzipiellste ist. Der Zeitraum, über den sich der Briefwech¬
sel erstreckt, ist nun gerade die Epoche, während welcher sich die Arbei¬
terklasse von der bürgerlichen Demokratie loslöst, — die Epoche, in der
eine selbständige Arbeiterbewegung entsteht, — die Epoche, in der die
Grundlagen der proletarischen Taktik und Politik ausgearbeitet werden.
Je häufiger man in unserer Zeit zusehen muß, wie die Arbeiterbewegung
in den verschiedenen Ländern am Opportunismus leidet, infolge der Stag¬
nation und Zersetzung der Bourgeoisie, infolge des gänzlichen Aufgehens
der Arbeiterführer im Kleinkram des Alltags etc.. — um so wertvoller ist
das reiche Material des Briefwechsels, der uns die tiefste Auffassung der
radikal umwälzenden Ziele des Proletariats vor Augen führt und eine
außerordentlich elastische Bestimmung der jeweils gestellten taktischen
Aufgaben, vom Standpunkt dieser revolutionären Ziele und ohne die ge¬
ringsten Konzessionen an den Opportunismus oder an die revolutionäre
XLII
Einleitung
Phrase. Versucht man mit einem einzigen Worte sozusagen den Brenn¬
punkt des ganzen Briefwechsels zu bestimmen, — jenen zentralen Punkt,
in welchem das ganze Netz der geäußerten und betrachteten Ideen zusam¬
menläuft, so wird dieses Wort heißen : die Dialektik. Die Anwen¬
dung der materialistischen Dialektik zur Neubearbeitung der ganzen poli¬
tischen Ökonomie, und zwar von Grund auf, — ihre Anwendung auf die
Geschichte, die Naturwissenschaft, die Philosophie, die Politik und Tak¬
tik der Arbeiterklasse: dies ist es, was Marx und Engels vor allem andern
interessiert; hierin liegt das Wesentlichste und Neueste, das sie bringen,
und hierin besteht der geniale Fortschritt, den die Geschichte des revolu¬
tionären Denkens ihnen verdankt.“ —
Hinzugefügt sei noch, daß der Briefwechsel zwischen Marx und Engels
nicht nur theoretische Bedeutung hat, daß er nicht nur eine Quelle ersten
Rangs für die Biographie der beiden Brief Schreiber und für die Geschichte
der Arbeiterbewegung darstellt, sondern daß er außerdem für die Ge¬
schichte der Außenpolitik und der internationalen Beziehungen eine sehr
wichtige Quelle ist.
Einige Historiker von Fach, die dem Marxismus ablehnend gegen¬
überstehen, halten den Briefwechsel Marx-Engels gerade von diesem Ge¬
sichtspunkt aus für eine sehr wertvolle Sammlung von Materialien und
Urteilen über die Hauptprobleme der Außenpolitik von 1850 bis 1870.
So Hermann 0 n c k e n , der in seiner ausführlichen Besprechung des
Briefwechsels mit Staunen hervorhebt, welch großen Raum darin die Be¬
schäftigung mit der auswärtigen Politik einnehme, wie hoch Marx und
Engels „den Einfluß der auswärtigen Politik veranschlagen und bis zu
welchem Grade sie in universalen Kategorien denken.“1) So Gustav
0 H. Oncken, Marx und Engels. Preußische Jahrbücher. Februar 1914. Bd. 155,
Heft II, S. 228f. — „Unübersehbar — schreibt Oncken u. a. —. von verwirrender
Buntheit und nur in letzter Synthese einheitlich, ist der stoffliche Inhalt dieses Brief¬
wechsels. Menschliches. Allzumenschliches und trotzdem zwei Lebensläufe, die ganz
in der Arbeit an den allgemeinsten Strebungen der Menschheit aufgehen; von den
intimsten Kreisen des Hauses wird man unaufhörlich in den weitest gespannten Rahmen
der Weltpolitik und Weltwirtschaft versetzt, Klatsch und Zank des Tages wechseln
mit den Tiefen philosophischer Spekulation und ökonomischer Einsicht. Diplomatie
und Krieg aller Völker, die Interna der englischen Politik, in einer gewissen Entfer¬
nung der leidenschaftlich verfolgte Gang unserer deutschen Entwicklung in den
Jahrzehnten der Einigung; Parteibildung und Spaltung in unaufhörlichen Kämp¬
fen, von den vormärzlichen Ansätzen kommunistischer Gruppenbildung bis zur Be¬
gründung der Internationale im Jahre 1864, Presse, Broschüren, Resolutionen, Blau¬
bücher und parlamentarische Reports, ein Kleinkampf von aufreibender Kleinlich¬
keit, aber immer über alle Völker, von Rußland bis nach Amerika sich spannend:
was zieht nicht an Menschen, an Namen und Namenlosen hier vorüber. Den Hinter¬
grund aber bildet die unabsehbare geistige Arbeit von Marx; Adam Smith und
Ricardo, Carey und Proudhon, Lassalle und Dühring lösen sich ab; die ganze Werk¬
statt, aus der das ,Kapital' entstanden ist, öffnet sich vor uns; aber weit über
Nationalökonomie im weitesten Sinne dehnt sich die Aufnahmefähigkeit dieses
Mannes. Engels hat von dem ersten Besuch, zu dem er Marx in das Britische
Museum führte, einmal einem Freunde erzählt: ,Er stopfte sich voll mit der Leiden-
Einleitung
XLIII
Mayer, der den Briefwechsel als Quellenwerk mit Bismarcks „Gedan¬
ken und Erinnerungen“ vergleicht.1)
Ein ausführlicher Kommentar zu den Briefen Marxens und Engels’
wäre gleichzeitig eine Geschichte der internationalen Beziehungen für
diese Zeit.
Endlich ist der Briefwechsel zwischen Marx und Engels auch ein not¬
wendiger Kommentar und eine Ergänzung zu ihren wissenschaftlichen
und publizistischen Arbeiten. Im folgenden werfen wir einen Blick auf
die Werke und Pläne, die in diesem ersten Bande des Briefwechsels be¬
rührt werden.
Das „literarische und kaufmännische Unternehmen“, über das Marx
von Paris aus im August 1849 an Engels schrieb, als er ihm vorschlug,
nach London zu kommen, war die Fortsetzung der Neuen
Rheinischen Zeitung als „politisch-ökonomische
Revu e“. Marx und Engels konnten von dieser „Revue“ 1850 nur fünf
Hefte herausbringen, davon war das letzte eine Doppelnummer, die im
November erschien. Von größeren Arbeiten Marxens und Engels’ erschie¬
nen in der „Revue“ die „Klassenkämpfe in Frankreich“ von Marx, „Die
Reichsverfassungskampagne“ und „Der deutsche Bauernkrieg“ von En¬
gels. Außerdem schrieben beide eine Reihe von zeitgeschichtlichen
Übersichten und Rezensionen.
Bereits am 15. September 1850 war die Spaltung des Kommunisten¬
bundes erfolgt. Anfang November übersiedelte Engels nach Manchester.
Marx blieb in London und setzte hier den Kampf mit seinen früheren
Gesinnungsgenossen, mit der Fraktion Willich-Schapper, und mit ande¬
ren, demokratisch-revolutionären Gruppen fort. In den Marxschen Brie¬
fen finden sich, wie gesagt, viele Spuren von diesen hartnäckigen Frak¬
tionskämpfen. Gleichzeitig arbeitete Marx an der Fertigstellung seiner
großen ökonomischen Arbeit, für die er vergeblich in Deutsch¬
land einen Verleger suchte. Welche Illusionen er über die Fertigstellung
dieses Werkes hegte, geht aus seinem Brief vom 2. April 1851 hervor:
„Ich bin so weit, daß ich in fünf Wochen mit der ganzen ökonomischen
schäft einer unersättlichen Schlange*. Jetzt sehen wir die Riesenschlange an jener
unvergleichlichen wissenschaftlichen Arbeitsstätte jahrzehntelang in Tätigkeit, und
wenn Marx einmal über einige Wochen ernster Erkrankung schreibt: ,in dieser Zeit,
wo ich ganz arbeitsunfähig, gelesen: Carpenters Physiology, Lord ditto, Kölliker.
Gewebelehre, Spurzheim, Anatomie des Hirns und Nervensystems, Schwann und
Schleiden über die Zellenschmiere*, so mag man danach den geistigen Umsatz in nor¬
malen Zeiten ermessen .. .**
O Zeitschrift für Politik. 1914. Bd. 7, S. 428ff. — Mayer schreibt: „In deut¬
scher Sprache erschien seit Bismarcks ,Gedanken und Erinnerungen* kein histori¬
sches Quellenwerk über das vielbewegte neunzehnte Jahrhundert, das sich hinsicht¬
lich der Bedeutsamkeit und Wirkungsweite der redenden Personen und der Zeu¬
gungskraft der von ihnen geformten Gedanken und Ideale mit dem Briefwechsel der
beiden Verfasser des Kommunistischen Manifestes vergleichen ließe.“
XLIV
Einleitung
Scheiße fertig bin. Et cela fait, werde ich zu Haus die Ökonomie aus¬
arbeiten und im Museum mich auf eine andre Wissenschaft werfen. Ça
commence à m’ennuyer. Au fond hat diese Wissenschaft seit A. Smith
und D. Ricardo keine Fortschritte mehr gemacht, soviel auch in einzelnen
Untersuchungen, oft supradelikaten, geschehn ist.“1)
„Ich bin froh — antwortet ihm Engels am 3. April 1851 —, daß Du
mit der Ökonomie endlich fertig bist. Das Ding zog sich wirklich zu sehr
in die Länge, und so lange Du noch ein für wichtig gehaltnes Buch un¬
gelesen vor Dir hast, so lange kommst Du doch nicht zum Schreiben.“ *)
Es sollte ein Werk von etwa 60 Bogen Umfang werden. Aber auch so
konnte ein Verleger nicht gefunden werden. Es vergingen noch acht Jahre,
bis Marx nach gründlicher Umarbeitung seine „Ökonomie“, die erste
Lieferung, 1859 veröffentlichen konnte, und acht weitere Jahre, bis es
ihm nach einer neuen, noch gründlicheren Umarbeitung 1867 gelang, den
ersten Band des „Kapital“ erscheinen zu lassen.
Hermann Beckers Versuch, die wichtigeren Marxschen Aufsätze
gesammelt in einzelnen Lieferungen herauszu geben,
endete mit „Schrecken“. Kaum war die erste, 5 Bogen starke Lieferung
Anfang Mai 1851 erschienen, als im Zusammenhang mit der Verhaftung
Nothjungs noch mehrere Mitglieder des Kommunistenbundes, darunter
auch Becker, der deutschen Polizei in die Hände fielen3). Marx, dessen
materielle Lage damals schrecklich war, mußte nun zu der fieberhaft be¬
triebenen Arbeit an der Politischen Ökonomie noch die Verteidigung sei¬
ner Genossen gegen Geheimpolizei und Staatsanwaltschaft — die einen
Sensationsprozeß planten — auf sich nehmen, d. h. durch Sammlung und
Vorbereitung des Materials ins Werk setzen.
Im August 1851 erhielt Marx völlig unerwartet einen Auftragder
N e w Y or k Tr i b u n e , einige Artikel für dieses Blatt zu schreiben. Er
wandte sich sofort an Engels mit der Bitte, er möge für ihn einen Artikel
über die deutschen Angelegenheiten abfassen. So entstanden die von
Engels herrührenden Aufsätze über die „Revolution und Konterrevo¬
lution in Deutschland“, die vom 25. Oktober 1851 bis zum 23. Oktober
1852 in der New York Tribune erschienen.
Durch Proudhons neuestes Werk „Idée générale de la Révolution au
XIXe siècle“ wurde Marx zu einer kritischen Entgegnung angeregt. Er
wollte sie mit Engels zusammen verfassen. Aus diesem Plan einer
Kritik an Proudhon wurde aber nichts.
Im Oktober 1851 traf Weydemeyer in New York ein. Im Dezember
0 Siehe S. 180
2) Siehe S. 184
3) Vgl. dazu unser Vorwort zur Marx-Engels-Gesamtausgabe, Bd. 1/1. S. X—XI
Einleitung
XLV
will er bereits eine Wochenzeitung herausgeben und bittet Marx und
Engels, ihm einen Artikel einzusenden. Engels macht dem Freunde den
Vorschlag, den soeben vollzogenen Staatsstreich Louis Napoléons zum
Gegenstand des Aufsatzes zu nehmen. An Stelle einer Zeitung gibt Weyde¬
meyer dann die Zeitschrift „Revolution“ heraus. Ein Heft dieser Zeit¬
schrift ist vollständig mit der Marxschen Arbeit ausgefüllt, die später als
das Buch „D er 18. Brumaire des Louis Bonaparte“ heraus¬
gegeben wurde. Marx arbeitete daran bis zum Februar 1852.
Im Juni 1852 schrieben Marx und Engels das schon erwähnte Pam¬
phlet „Die großen Männerdes Exil s“. Bald danach gaben die
für Juli 1852 in England bevorstehenden Wahlen Marx den Anlaß, mit
einer Artikelreihe über die englischen Parteien seine
eigene Mitarbeit an der New York Tribune zu beginnen. Der erste dieser
von ihm selbst geschriebenen Artikel erschien am 21. August.
Als der Kölner Kommunistenprozeß zu Ende war, schrieb Marx im
November 1850 die große Broschüre „Enthüllungen über den
Kommunistenprozeß zu Köl n“. Sie erschien im Februar 1853.
Die eingetretene Verschärfung der Lage im nahen Osten stellte die
Orientfrage auf die Tagesordnung. Bald darauf kam es zum russisch-tür¬
kischen Krieg. Marx und Engels wandten sich nun energisch der Mit¬
arbeit an der New York Tribune zu. Marxens materielle Lage besserte
sich, — richtiger gesagt, sein Hungerleben verwandelte sich in ein halbes
Hungerleben. Im November 1853 schrieb Marx ein Pamphlet gegen Wil¬
lich unter dem Titel : „D er Ri 11 e r vo m Edel mü t i gen B e w u ß t -
sein“. Den Anlaß dazu hatte Willichs Antwort auf die „Enthüllungen
über den Kommunistenprozeß zu Köln“ gegeben. Die Broschüre erschien
noch Ende 1853.
VII
Wir haben schließlich noch über die Richtlinien, nach denen der Text
des Briefwechsels hergestellt wurde, und überhaupt über die technische
Seite unserer Edition Rechenschaft zu geben.
Der Text wurde durchweg nach den im Marx-Engels-Institut vorhan¬
denen Photokopien der Originale wieder gegeben. Stillschweigend aus¬
gelassen wurden nur manche unbedacht zweimal geschriebene Worte.
Offenbare Schreibfehler wurden berichtigt. Die in den Originalen ent¬
haltenen Korrekturen und Streichungen vermerkten wir in Fußnoten, wo
sie eine Ergänzung zum Texte boten oder eine wenn auch nur stilistische
Variante darstellten. Wo jedoch Streichung und Korrektur lediglich von
Marx oder Engels selbst bemerkte Schreibf ehler betraf, oder der durch -
gestrichene Wortlaut kurz darauf an einer anderen Stelle genau wieder¬
XLV1
Einleitung
kehrte, was bei den meisten Streichungen der Fall ist, nahmen wir von
einem besonderen Vermerk Abstand.
Alle fremdsprachigen Worte wurden unübersetzt und in der Ortho¬
graphie der fremden Sprache wiedergegeben, auch da, wo sie heute in der
deutschen Sprache schon als eingebürgerte Fremdworte gelten (z. B.
misère, distribution, capital).
Alle mundartlichen Ausdrücke, ebenso gewisse grammatikalisch-sti¬
listische Eigentümlichkeiten, wie z. B. die häufige Weglassung des Hilfs¬
zeitwortes, wurden selbstverständlich beibehalten.
Die vielen Decknamen, Spitznamen oder Kosenamen wurden dort, wo
sie nicht ohne Schwierigkeit aus dem vorangehenden Text verständlich
sind, in Fußnoten erklärt. Um die Zahl der Fußnoten nicht zu stark an¬
wachsen zu lassen, faßten wir die häufiger wiederkehrenden Spottnamen
usw. in einem besonderen alphabetischen Verzeichnis zusammen, das dem
Namenregister am Schlüsse des Bandes vorangestellt ist
In vielen Fällen hielten wir es für angebracht, im Text nur umschrie¬
bene Titel von Zeitungen und Büchern in Fußnoten besonders anzugeben.
Die Zitate aus Zeitungen, Büchern, Briefen usw. wurden im Text nach
der Handschrift wiedergegeben, mit Ausnahme von offenbaren Flüchtig¬
keitsfehlern. Doch wurden sämtliche Zitate mit den Quellen verglichen,
und alle, auch die geringsten inhaltlichen Abweichungen — auch Um¬
stellungen und Unterstreichungen — in Fußnoten besonders vermerkt
Wo das Manuskript beschädigt und dadurch im Text eine Lücke ent¬
standen war, deuteten wir durch drei zwischen eckige Klammern gesetzte
Punkte [. . .] das Vorhandensein einer solchen Lücke an und vermerkten
in einer Fußnote: „Papier beschädigt“. Wo die Lücke eindeutig ausgefüllt
werden konnte, gaben wir die Lösung im Text, aber ebenfalls zwischen
eckigen Klammem und mit derselben Note.
Die Abkürzungen wurden in der Regel stillschweigend aufgelöst, so
auch die besonders häufig vorkommenden Abkürzungen von geographi¬
schen Namen und Namen von Monaten und Wochentagen. Aufgelöst wur¬
den auch die Namen von Personen, Zeitungen und Zeitschriften, doch setz¬
ten wir bei diesen die Ergänzung zwischen eckige Klammem, mit Aus¬
nahme der allzu häufig vorkommenden „Neuen Rheinischen Zeitung“, die
Marx und Engels fast immer „N. Rh. Z.“ schreiben.
Allgemein gebräuchliche Abkürzungen, wie: z. B., u. a., i. e., q. e. d.,
drgl., ca., etc., usw., Dr., auch solche, die heute nicht mehr üblich
sind — wie rtl. (Reichstaler), Sgr. (Silbergroschen) — behielten wir in
der Schreibweise der Handschrift bei.
Sehr inkonsequent ist bei Marx und Engels die Schreibweise vieler
Familiennamen. Häufig wird der Name zum ersten Male oder anfangs
Einleitung
XLVII
in mehreren Fällen falsch, später dann schon richtig geschrieben (z. B.
Cherwaldt,Cherwald,Cherval; Reinhard,Reinhart, Reinhardt; Siegel, Sigi,
Sigel). Wir geben im Texte die richtige Schreibweise, vermerken
aber, wenn der Name nur in einigen Fällen falsch geschrieben ist, die
Schreibweise der Handschrift in der Fußnote. Bei folgenden häufig
wiederkehrenden und zumeist oder durchweg falsch geschriebenen Namen
wurde die Richtigstellung — zur Vermeidung von allzu vielen Fu߬
noten — stillschweigend vorgenommen: Bangya (bei Marx und Engels:
Banya), Borchardt (Borchard), Brünning (Brüningk); Dietz (Diez,
Dietze, Dieze) ; Gehrke (Gerke); Gerstenberg (Gerstenbergh, Gerstenber¬
ger) ; Haug (Haugh) ; Heise (Heyse) ; Hentze (Henze) ; Jacobi (Jacoby) ;
Maynz (Mainz); Reinhardt (Reinhard, Reinhart); Schabelitz (Schab-
litz) ; Schärttner (Schärtner, Schertner) ; Sigel (Siegel, Sigi).
Wo Marx oder Engels einen Namen mit offenbarer Absicht falsch
schrieben, um ihm einen drolligen oder spöttischen Klang zu geben, wo
also durch die falsche Schreibweise eine Art Spitzname geschaffen wurde,
änderten wir natürlich nicht. So blieben z. B.: Schnapper (statt Schap-
per), Schimmelpfenningk (statt Schimmelpfennig).
In einigen wenigen Fällen konnte ein Name nicht mit absoluter Sicher¬
heit entziffert werden. Hier setzten wir ein Fragezeichen zwischen eckigen
Klammem bei; z. B. S. 259: Lüssel [?].
Die häufig gekürzte Jahreszahl (52 statt 1852; 48 statt 1848) ergänzten
wir stillschweigend. Alle Ordnungszahlen, ziffernmäßigen Aufzählungen,
Zahlentabellen und Bezeichnungen von Geldsummen gaben wir, wenn sie
bei Marx oder Engels nicht mit Buchstaben geschrieben sind, in Ziffern
wieder. In allen übrigen Fällen (z. B. 3mal, 2 Wochen, 4—6 Tage) gaben
wir die Zahlen bis einschließlich 20 in Buchstaben, die weiteren in
Ziffern.
Für die Behandlung der Rechtschreibung galt derselbe Grundsatz, den
wir für sämtliche Bände der Gesamtausgabe festgesetzt haben : sie
wurde bis zu einem bestimmten Grade der heute üblichen angeglichen; wo
auch die heutige Rechtschreibung schwankt und noch Abweichungen,
ältere Formen usw. zuläßt, hielten wir uns noch enger an die Handschrift
(so besonders in der Wiedergabe der großen Anfangsbuchstaben).
In der Interpunktion hielten wir uns im allgemeinen an das Original.
Die Satzgliederungen durch Punkt, Semikolon, Gedankenstrich wurden
konsequent beibehalten ; nur der Gebrauch des Komma wurde — in relativ
wenigen Fällen — modernisiert: es wurde dort eingefügt oder weg¬
gelassen, wo sein Fehlen oder Vorhandensein entschieden störend wirken
würde, ja zu Mißverständnissen Anlaß geben könnte.
O Vgl, Vorwort zur Gesamtausgabe, Bd. 1/1, S. XXVII
XLVI11
Einleitung
Jeder Brief wurde mit einem „Kopf“ versehen, der folgende Bestand¬
teile enthält: laufende Nummer, Briefschreiber, Adressat und dessen
Aufenthaltsort, Datum. London als Wohnort von Marx, Manchester als
Adresse von Engels wurden nicht verzeichnet. Bei nicht datierten Briefen
wurde das von uns ermittelte Datum nur an dieser Stelle — zwischen
eckigen Klammern — angegeben. Die in vielen Briefen fehlende Orts¬
angabe wurde im „Briefkopf“ nur dann zwischen eckige Klammern ge¬
setzt, wenn der Aufenthaltsort nicht vollkommen einwandfrei festgestellt
werden konnte.
Es schien uns nötig und nützlich, diejenigen Briefe und Briefstellen,
die in der Bernsteinschen Ausgabe fehlen, besonders zu vermerken. Ein¬
mal weil es Brauch ist, das Neue, das eine kritische Ausgabe im Vergleich
mit den ihr vorhergegangenen Editionen darbietet, genau auszuweisen.
Vor allem aber deshalb, weil in unserem Falle — wie im Vorhergehenden
ausführlich dargelegt — die Lücken der alten Ausgabe in ihrer über¬
wiegenden Mehrheit nicht auf Grund philologischer Erwägungen oder
aus technischen Gründen entstanden, sondern Produkt einer spezifischen,
historisch-politischen Haltung waren, — die alte, übrigens sehr stark ver¬
breitete Ausgabe daher gerade wegen des eigentümlichen Charakters
dieser Lücken und Mängel noch lange ein historisches Interesse wird be¬
anspruchen können. Da nun die Vergleichung der neuen mit der alten
Ausgabe zum Zwecke der Auffindung dieser Lücken eine mühevolle und
zeitraubende Prozedur ist, schien es angebracht, die in der alten Ausgabe
weggefallenen Briefe und Briefstellen in unserer vollständigen Publika¬
tion durch unauffällige Notierung nachzuweisen. Am unteren Rande der
Seiten, außerhalb des eigentlichen Satzspiegels wurden also die in der
Bernsteinschen Ausgabe fehlenden Textzeilen („Z“) durch Ziffern be¬
zeichnet. Natürlich beginnt und endet die von Bernstein ausgelassene
Stelle nicht immer genau am Anfang bzw. am Ende einer Zeile. Deshalb
wurde in dieser Notierung jedesmal da, wo der Anfang der Auslassung
nicht mit dem Zeilenanfang oder mit dem Beginn eines Satzes zusammen¬
fiel, das Anfangswort der Auslassung zwischen runden Klammem hinter
der ersten Zeilenziffer wiederholt. Der Abschluß der ausgelassenen Stelle
konnte in den allermeisten Fällen durch Wiederholung des die Stelle ab¬
schließenden Satzzeichens (Punkt, Semikolon, Komma) hinter der zweiten
Zeilenziffer deutlich gemacht werden; wo aber die ausgelassene Stelle
ohne Satzzeichen endet oder sonst irgend Mißverständnisse entstehen
konnten (z. B. wenn in einer und derselben Zeile das betreffende Satz¬
zeichen mehr als einmal vorkam), wiederholten wir das letzte Wort der
Auslassung zwischen runden Klammem hinter der zweiten Zeilenziffer.
Ein Strich nach der zweiten Ziffer bedeutet, daß die Auslassung auf der
Einleitung
IL
betreffenden Seite noch nicht zu Ende ist, ein Strich vor der ersten
Ziffer gibt entsprechend an, daß die Stelle schon auf der vorhergehenden
Seite beginnt. Briefe, die bei Bernstein ganz fehlen, wurden nicht durch
Zeilenziffern, sondern durch Anführung der laufenden Brief-Nummer
bezeichnet.
Dem Leser und dem Forscher ist so eine Handhabe geboten, das Neue
in unserer Ausgabe, mit anderen Worten: die durch Bernstein exilierten
Briefe und Briefstellen leicht aufzufinden. Damit sind jedoch bei weitem
nicht alle Abweichungen der alten Ausgabe vom Originaltext (und also
von der vorliegenden Edition) gekennzeichnet. Bernstein strich nämlich
nicht nur, er unterwarf — von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen —
überhaupt sämtliche Briefe einer „gewissen sprachlichen
Redaktion“. Er berichtet darüber — allerdings nicht genau — in
den „Anmerkungen“, die er dem ersten Bande voranstellte1). Er gab öfters
die aus fremden Sprachen stammenden Ausdrücke nicht in „Übersetzungs¬
noten“, sondern im Texte selbst in deutscher Übersetzung wieder. Außer¬
dem ersetzte er alle mehr oder minder „drastischen“ oder „derben“ Aus¬
drücke des Originaltextes durch „andere“, nämlich feinere und mildere.
In den genannten „Anmerkungen“ berichtet er zwar, daß er „Worte, die
der deutsche Druck nun einmal nicht verträgt“, durch andere ersetzt habe;
in Wirklichkeit ging er viel weiter. In sehr vielen Briefen finden sich
Ausdrücke, bei denen er eine Abschwächung für nötig hielt, weil er den
Ton des Briefwechsels „anständiger“, „gebildeter“, „salonfähiger“ zu
machen trachtete; in den meisten Fällen handelt es sich dabei gar nicht
um „drastische“ Ausdrücke, sondern um „mißfällige Bemerkungen über
dritte Personen“, um grimmige Bemerkungen, die tatsächlich dadurch,
daß sie in e i n Schimpfwort kondensiert sind, an „Mißfälligkeit“ nichts
zu wünschen übriglassen. Bernstein ließ nun die unhöflichen Attribute
entweder einfach fort oder ersetzte sie durch gemütlichere. In echt schul¬
meisterlicher Weise druckt er statt „Schweinerei“ — „Lumperei“, statt
..lausig“ — „elend“, statt „besoffen“ — „betrunken“, statt „Dreck“ —
„Klemme“, statt „Hund“ — „Biedermann“, usw.
Obgleich aber diese intensive „sprachliche Redaktion“ der Bemstein-
schen Ausgabe — diese „Politur“, die geschmackloser ist, als der derbste
Ausdruck des Originals es sein könnte — im ganzen Stil und Ton der
Briefe eine nicht unwesentliche Verschiebung verursachte, glaubten wir
dies doch im einzelnen nicht bemerkbar machen zu müssen; das hätte zu
weit geführt und wäre eine zu starke, dabei unergiebige edititionstech-
nische Belastung gewesen; wir begnügen uns mit dem hier gegebenen
allgemeinen Hinweis.
D Siehe dort S. VII
IV
L
Einleitung
Dem Schlußbande unserer Briefwechsel-Publikation werden wir ein
ausführlicheres Namen- und Sachregister beigeben, ferner ein Verzeichnis
der zitierten Zeitungen, Zeitschriften und Bücher. Bis dahin wird jeder
Band ein knappes Namenregister — ohne biographische Annotationen —
enthalten.
An der Herstellung der Texte für den vorliegenden Band waren
mehrere Mitarbeiter des Marx-Engels-Instituts tätig. In der Hauptsache
wurde die Arbeit von F. P. Schiller geleistet; EL Czobel stand
ihm mit seiner Erfahrung allzeit tätig bei. Die erste Entzifferung wurde
von den Archivistinnen A. A r se n e v a und S. S en i 1 o va besorgt
Von Wert war die Hilfe von Frau G. B i e h a h n und K. Schmückle.
D. Rjazanov
1844
1. Engels an Marx in Paris; [Barmen 1844 Ok¬
tober ca. 8—10].
Lieber Marx,
Du wirst Dich wundem, daß ich nicht früher schon Nachricht
von mir gab, und Du hast ein Recht dazu; indes kann ich Dir auch
jetzt noch nichts wegen meiner Rückkehr dorthin sagen. Ich sitze
jetzt hier seit drei Wochen in Barmen und amüsiere mich so gut es
geht mit wenig Freunden und viel Familie, unter der sich glück-
licherweise ein halb Dutzend liebenswürdiger Weiber befinden.
An Arbeiten ist hier nicht zu denken, um so weniger, als meine
Schwester sich mit dem Londoner Kommunisten Emil Blank, den
Ewerbeck kennt, verlobt hat und jetzt natürlich ein verfluchtes
Rennen und Laufen im Hause ist. Übrigens sehe ich wohl, daß
i* meiner Rückkehr nach Paris noch bedeutende Schwierigkeiten
werden in den Weg gelegt werden, und daß ich wohl werde auf
ein halbes oder ganzes Jahr mich in Deutschland herumtreiben
müssen; ich werde natürlich alles auf bieten, um dies zu ver¬
meiden, aber Du glaubst nicht, was für kleinliche Rücksichten
2o und abergläubische Befürchtungen mir entgegengestellt werden.
Ich war in Köln drei Tage und erstaunte über die ungeheure
Propaganda, die wir dort gemacht haben. Die Leute sind sehr
tätig, aber der Mangel an einem gehörigen Rückhalt ist doch sehr
fühlbar. Solange nicht die Prinzipien logisch und historisch aus
25 der bisherigen Anschauungsweise und der bisherigen Geschichte
und als die notwendige Fortsetzung derselben in ein paar Schriften
entwickelt sind, solange ist es doch alles noch halbes Dösen und bei
den meisten blindes Umhertappen. Später war ich in Düsseldorf,
wo wir auch einige tüchtige Kerls haben. Am besten gefallen mir
3o übrigens noch meine Elberfelder, bei denen die menschliche An¬
schauungsweise wirklich in Fleisch und Blut übergegangen ist;
diese Kerls haben wirklich angefangen, ihre Familienwirtschaft
zu revolutionieren und lesen ihren Alten jedesmal den Text, wenn
sie sich unterfangen, die Dienstboten oder Arbeiter aristokratisch
35 zu behandeln — und so was ist schon viel in dem patriarchalischen
Elberfeld. Außer dieser einen Clique existiert aber auch noch eine
zweite in Elberfeld, die auch sehr gut, aber etwas konfuser ist. In
Barmen ist der Polizeikommissär Kommunist. Vorgestern war
1
2
(1) 1844 Okt. ca. 8-10
ein alter Schulkamerad und Gymnasiallehrer bei mir, der auch
stark angesteckt ist, ohne daß er irgendwie mit Kommunisten in
Berührung gekommen wäre. Könnten wir unmittelbar aufs Volk
wirken, so wären wir bald obendrauf, aber das ist so gut wie un¬
möglich, besonders da wir Schreibenden uns still halten müssen, 5
um nicht gefaßt zu werden. Im übrigen ist es hier sehr sicher, man
kümmert sich wenig um uns, solange wir still sind, und ich glaube,
Hieß] mit seinen Befürchtungen sieht etwas Gespenster. Ich bin
hier noch nicht im allergeringsten molestiert worden, und bloß der
Oberprokurator hat sich einmal bei einem unsrer Leute angelegent- io
lieh nach mir erkundigt, das ist alles, was mir bis jetzt zu Ohren
gekommen ist.
Hier hat in der Zeitung gestanden, der Bernays sei dort von der
hiesigen Regierung belangt worden und vor Gericht gewesen.
Schreib mir doch, ob das wahr ist, und auch was die Broschüre15
macht, sie wird jetzt doch wohl fertig sein. Von den Bauers hört
man hier nichts, kein Mensch weiß was von ihnen. Dagegen um
die Jahrbücher2) reißt man sich noch bis auf die heutige Stunde.
Mein Artikel über Carlyle hat mir bei der „Masse66 ein enormes
Renommee verschafft, lächerlicherweise, während den über Öko- 20
nomie nur sehr wenige gelesen haben. Das ist natürlich.
Auch in Elberfeld haben die Herren Pastores, wenigstens der
Krummacher, gegen uns gepredigt; vorläufig bloß gegen den
Atheismus der jungen Leute, indes hoffe ich, daß bald auch eine
Philippika gegen den Kommunismus folgen werde. Vorigen Som- 25
mer sprach ganz Elberfeld bloß von diesen gottlosen Kerls. Über¬
haupt ist hier eine merkwürdige Bewegung. Seit ich fort war, hat
das Wuppertal einen größeren Fortschritt in jeder Beziehung ge¬
macht als in den letzten fünfzig Jahren. Der soziale Ton ist zivili¬
sierter geworden, die Teilnahme an der Politik, die Oppositions- 30
macherei ist allgemein, die Industrie hat rasende Fortschritte
gemacht, neue Stadtviertel sind gebaut, ganze Wälder ausgerottet
worden, und das ganze Ding steht jetzt doch eher über als unter
dem Niveau der deutschen Zivilisation, während es noch vor vier
Jahren tief darunter stand — kurz, hier bereitet sich ein präch- 35
tiger Boden für unser Prinzip vor, und wenn wir erst unsre wil¬
den, heißblütigen Färber und Bleicher in Bewegung setzen können,
so sollst Du Dich über das Wuppertal noch wundern. Die Arbeiter
sind so schon seit ein paar Jahren auf der letzten Stufe der alten
Zivilisation angekommen, sie protestieren durch eine reißende Zu- 40
nähme von Verbrechen, Räubereien und Morden gegen die alte
soziale Organisation. Die Straßen sind bei Abend sehr unsicher,
die Bourgeoisie wird geprügelt und mit Messern gestochen und be-
O „Die Heilige Familie"
2) „Deutsch-Französische Jahrbücher"
Z. 7 (und) -8. 22 (wenigstens)—23,
(1) 1844 Okt. ca. 8—10
3
raubt; und wenn die hiesigen Proletarier sich nach denselben Ge¬
setzen entwickeln wie die englischen, so werden sie bald einsehen,
daß diese Manier, als Individuen und gewaltsam gegen die
soziale Ordnung zu protestieren, nutzlos ist, und als Menschen
5 in ihrer allgemeinen Kapazität durch den Kommunismus pro¬
testieren. Wenn man den Kerls nur den Weg zeigen könnte! Aber
das ist unmöglich.
Mein Bruder ist jetzt Soldat in Köln und wird, solange er un¬
verdächtig bleibt, eine gute Adresse sein, um Briefe für H[eß] etc.
io einzuschicken. Einstweilen weiß ich indes seine Adresse selbst
noch nicht genau und kann sie Dir also auch nicht angeben.
Seit ich das Vorhergehende schrieb, war ich in Elberfeld und
bin wieder auf ein paar mir früher total unbekannte Kommu¬
nisten gestoßen. Man mag sich hindrehen und hinwenden, wohin
15 man will, man stolpert über Kommunisten. Ein sehr wütender
Kommunist, Karikaturen- und angehender Geschichtsmaler, namens
Seel, geht in zwei Monaten nach Paris, ich werde ihn an Euch
adressieren, der Kerl wird Euch durch sein enthusiastischesWesen,
seine Malerei und Musikliebhaberei gefallen und ist sehr gut zu
2o gebrauchen als Karikaturenmacher. Vielleicht bin ich dann selbst
schon da, das ist aber noch sehr zweifelhaft.
Das Vorwärts kommt in ein paar Exemplaren her, ich habe
dafür gesorgt, daß andre bestellen werden; laß die Expedition
Probeexemplare schicken: nach Elberfeld: an Richard Roth, Wil-
25 heim Blank-Hauptmann j un i o r, J. W. Strücker, bayerisch Bier¬
wirt Meyer in der Funkenstraße (kommunistische Kneipe), und
zwar alle durch den kommunistischen Buchhändler Bädeker da¬
selbst und kuvertiert. Wenn die Kerls erst sehen, daß Exemplare
herüberkommen, so werden sie auch bestellen. Nach Düsseldorf
3o an W. Müller, Dr. med.; nach Köln meinetwegen an Dr. med.
D’Ester, Bierwirt Lölgen1}, an Deinen Schwager2) etc. Alles natür¬
lich per Buchhandel und kuvertiert.
Nun sorge dafür, daß die Materialien, die Du gesammelt hast,
bald in die Welt hinausgeschleudert werden. Es ist verflucht hohe
35 Zeit. Ich werde mich auch tüchtig an die Arbeit setzen und gleich
heute wieder anfangen. Die Germanen sind alle noch sehr im un¬
klaren wegen der praktischen Ausführbarkeit des Kommunismus;
um diese Lumperei zu beseitigen, werd’ ich eine kleine Broschüre
schreiben, daß die Sache schon ausgeführt ist, und die in England
40 und Amerika bestehende Praxis des Kommunismus populär schil¬
dern. Das Dings kostet mich drei Tage oder so und muß die Kerls
sehr aufklären. Das hab ich schon in meinen Gesprächen mit den
Hiesigen gesehen.
*) Im Orig. Löllchen
2) Edgar v. Westphalen
1*
4
(1) 1844 Okt. ca. 8—10
Also tüchtig gearbeitet und rasch gedruckt! Grüße E werbeck,
Bakunin, Guerrier und die andern, und Deine Frau nicht zu
vergessen, und schreibe mir recht bald über alles. Schreibe, falls
dieser Brief richtig und uneröffnet ankommt, unter Kuvert an
„J. W. Strücker und Comp., Elberfeld“, mit möglichst kaufmän- $
nischer Handschrift auf der Adresse, sonst an irgend eine andre
Adresse, von denen, die ich Ewerbeck gab. Ich bin begierig, ob
die Posthunde sich durch das damenhafte Aussehen dieses Briefes
täuschen lassen werden.
Nun lebe wohl, lieber Kerl, und schreibe recht bald. Ich bin
seitdem doch nicht wieder so heiter und menschlich gestimmt ge¬
wesen, als ich die zehn Tage war, die ich bei Dir zuhrachte. Wegen
des zu etablierenden Etablissements hatte ich noch keine rechte
Gelegenheit, Schritte zu tun.
2. Engels an Marx in Paris; Barmen 1844 No-^
vember 19.
No. 2.
Lieber M.,
Ich habe vor etwa vierzehn Tagen ein paar Zeilen von Dir und
B[emays] erhalten, datiert 8. Oktober, und mit Poststempel Briis- u
sei, 27. Oktober. Ungefähr um dieselbe Zeit, als Du das Billett
schriebst, schickte ich einen Brief für Dich, adressiert an Deine
Frau, ab und hoffe, daß Du ihn erhalten hast. Um in Zukunft
sicher zu sein, daß mit unsren Briefen kein Unterschleif getrieben
wird, wollen wir sie numerieren; mein jetziger ist also No. 2, und 25
wenn Du schreibst, so zeig eben an, bis zu welcher Nummer Du
erhalten hast und ob einer in der Reihenfolge fehlt.
Ich war vor ein paar Tagen in Köln und Bonn. In Köln geht
alles gut. Grün wird Dir von der Tätigkeit der Leute erzählt haben.
Heß gedenkt in vierzehn Tagen bis drei Wochen auch dort hinzu-30
kommen, wenn er die gehörigen Gelder dazu bekommt. Den Bür¬
gers habt Ihr ja jetzt auch da, und damit ein gehöriges Konzilium.
Um so weniger werdet Ihr mich nötig haben, und um so nötiger bin
ich hier. Daß ich jetzt noch nicht kommen kann, ist klar, weil ich
mich sonst mit meiner ganzen Familie Überwerfen müßte. Zudem m
hab’ ich eine Liebesgeschichte, die ich auch erst ins reine bringen
muß. Und einer von uns muß jetzt doch hier sein, weil die Leute
alle nötig haben, gestachelt zu werden, um in der gehörigen Tätig¬
keit zu bleiben und nicht auf allerhand Flausen und Abwege zu
geraten. So ist z. B. Jung und eine Menge andrer nicht zu über-
reden, daß zwischen uns und Ruge ein prinzipieller Unterschied
(2) 1844 Nov. 19
5
obwaltet, und noch immer der Meinung, es sei lediglich persön¬
licher Skandal. Wenn man ihnen sagt, [Ruge] sei kein Kommu¬
nist, so glauben sie das nicht recht und meinen, es sei immer
schade, daß eine solche „literarische Autorität64 wie R[uge]
unbedachtsam weggeworfen sei! Was soll man da sagen? Man
muß warten, bis Rluge] sich einmal wieder mit einer kolossalen
Dummheit losläßt, damit es den Leuten ad oculos demonstriert
werden kann. Ich weiß nicht, es ist mit dem J[ung] doch nichts
Rechtes, der Kerl hat nicht Entschiedenheit genug.
io Wir haben jetzt überall öffentliche Versammlungen, um Vereine
zur Hebung der Arbeiter zu stiften; das bringt famos Bewegung
unter die Germanen und lenkt die Aufmerksamkeit des Philiste-
riums auf soziale Fragen. Man beruft diese Versammlungen ohne
weiteres, ohne die Polizei zu befragen. In Köln haben wir die
15 Hälfte des Komitees zur Statutenentwerfung mit Unsrigen besetzt,
in Elberfeld war wenigstens einer drin, und mit Hülfe der Ratio¬
nalisten brachten wir in zwei Versammlungen den Frommen eine
famose Schlappe bei; mit ungeheurer Majorität wurde alles Christ¬
liche aus den Statuten verbannt. Ich hatte meinen Spaß dran, wie
20 gründlich lächerlich sich diese Rationalisten mit ihrem theore¬
tischen Christentum und praktischen Atheismus machten. Im Prin¬
zip gaben sie der christlichen Opposition vollkommen recht, in der
Praxis aber sollte das Christentum, das nach ihrer eignen Aus¬
sage doch die Basis des Vereins bilde, auch mit keinem Wort in
25 den Statuten erwähnt werden; die Statuten sollten alles enthalten,
nur nicht das Lebensprinzip des Vereins! Die Kerls hielten sich
aber so steif auf dieser lächerlichen Position, daß ich gar nicht
nötig hatte, ein Wort zu sagen, und wir doch solche Statuten be¬
kamen, wie sie bei den bestehenden Verhältnissen nur zu wünschen
3o sind. Nächsten Sonntag ist wieder Versammlung, ich kann aber
nicht beiwohnen, weil ich morgen nach Westfalen gehe.
Ich sitze bis über die Ohren in englischen Zeitungen und
Büchern vergraben, aus denen ich mein Buch über die Lage der
englischen Proletarier zusammenstelle. Bis Mitte oder Ende Ja-
J5 nuar denk’ ich fertig zu sein, da ich durch die schwierigste Arbeit,
die Anordnung des Materials, seit acht bis vierzehn Tagen durch
bin. Ich werde den Engländern ein schönes Sündenregister zu¬
sammenstellen; ich klage die englische Bourgeoisie vor aller Welt
des Mordes, Raubes und aller übrigen Verbrechen in Masse an und
<o schreibe eine englische Vorrede dazu, die ich apart abziehen lassen
und an die englischen Parteichefs, Literaten und Parlaments¬
mitglieder einschicken werde. Die Kerls sollen an mich denken.
Übrigens versteht es sich, daß ich den Sack schlage und den Esel
meine, nämlich die deutsche Bourgeoisie, der ich deutlich genug
* sage, sie sei ebenso schlimm wie die englische, nur nicht so coura¬
6
(2) 1844 Nov. 19
giert, so konsequent und so geschickt in der Schinderei. Sobald ich
damit fertig bin, geht’s an die soziale Entwicklungsgeschichte der
Engländer, die mir noch weniger Mühe kosten wird, weil ich das
Material dazu fertig und im Kopfe geordnet habe und weil mir
die Sache ganz klar ist. In der Zwischenzeit schreib ich wohl einige 3
Broschüren, namentlich gegen List, sobald ich Zeit habe.
Du wirst von dem Stimerschen Buche „Der Einzige und sein
Eigentum66 gehört haben, wenn es noch nicht da ist. Wigand
schickte mir die Aushängebogen, die ich mit nach Köln nahm und
bei Heß ließ. Das Prinzip des edlen Stimer — Du kennst den 10
Berliner Schmidt, der in der Buhlschen Sammlung über die
mystères schrieb — ist der Egoismus Benthams, nur nach der
einen Seite hin konsequenter, nach der andern weniger konsequent
durchgeführt. Konsequenter, weil St[irner] den einzelnen als
Atheist auch über Gott stellt oder vielmehr als Allerletztes hinstellt,
während Bentham den Gott noch in nebliger Feme darüber be¬
stehen läßt, kurz, weil St firner] auf den Schultern des deutschen
Idealismus steht, in Materialismus und Empirismus umgeschla¬
gener Idealist, wo Bentham einfacher Empiriker ist. Weniger kon¬
sequent ist Stfimer], weil er die Rekonstruierung der in Atome 20
aufgelösten Gesellschaft, die Bfentham] bewerkstelligt, vermeiden
möchte, aber es doch nicht kann. Dieser Egoismus ist nur das zum
Bewußtsein gebrachte Wesen der jetzigen Gesellschaft und des
jetzigen Menschen, das letzte, was die jetzige Gesellschaft gegen
uns sagen kann, die Spitze aller Theorie innerhalb der bestehenden 25
Dummheit. Darum ist das Ding aber wichtig, wichtiger als Heß
z. B. es dafür ansieht. Wir müssen es nicht beiseit werfen, sondern
eben als vollkommenen Ausdruck der bestehenden Tollheit aus¬
beuten und, indem wir es umkehren, darauf fortbauen.
Dieser Egoismus ist so auf die Spitze getrieben, so toll und zu- 30
gleich so selbstbewußt, daß er in seiner Einseitigkeit sich nicht
einen Augenblick halten kann, sondern gleich in Kommunismus
-umschlagen muß. Erstens ist es Kleinigkeit, dem Stfimer] zu be¬
weisen, daß seine egoistischen Menschen notwendig aus lauter
Egoismus Kommunisten werden müssen. Das muß dem Kerl er- 35
widert werden. Zweitens muß ihm gesagt werden, daß das mensch¬
liche Herz schon von vornherein, unmittelbar, in seinem Egoismus
uneigennützig und aufopfernd ist, und er also doch wieder auf das
hinauskommt, wogegen er ankämpft. Mit diesen paar Trivialitäten
kann man die Einseitigkeit zurückweisen. Aber was an 40
dem Prinzip wahr ist, müssen wir auch aufnehmen. Und wahr ist
daran allerdings das, daß wir erst eine Sache zu unsrer eignen,
egoistischen Sache machen müssen, ehe wir etwas dafür tun
können — daß wir also in diesem Sinne, auch abgesehen von
etwaigen materiellen Hoffnungen, auch aus Egoismus Kom-
(2) 1844 Not. 19
7
munisten sind, aus Egoismus Menschen sein wollen, nicht
bloße Individuen. Oder um mich' anders auszudrücken: St[imer]
hat recht, wenn er „den Menschen“ Feuerbachs, wenigstens des
Wesens des Christentums verwirft; der F[euerbach]sche „Mensch“
j ist von Gott abgeleitet, Fteuerbach] ist von Gott auf den „Men¬
schen“ gekommen, und so ist „der Mensch“ allerdings noch mit
einem theologischen Heiligenschein der Abstraktion bekränzt.
Der wahre Weg, zum „Menschen“ zu kommen, ist der umgekehrte.
Wir müssen vom Ich, vom empirischen, leibhaftigen Individuum
io ausgehen, um nicht, wie Stirner, drin stecken zu bleiben, sondern
uns von da aus zu „dem Menschen“ zu erheben. „Der Mensch“
ist immer eine Spukgestalt, solange er nicht an dem empirischen
Menschen seine Basis hat. Kurz, wir müssen vom Empirismus und
Materialismus ausgehen, wenn unsre Gedanken und namentlich
15 unser „Mensch“ etwas Wahres sein sollen; wir müssen das Allge¬
meine vom Einzelnen ableiten, nicht aus sich selbst oder aus der
Luft à la Hegel. Das sind alles Trivialitäten, die sich von selbst
verstehen und die von Feuerbach schon einzeln gesagt sind und
die ich nicht wiederholen würde, wenn Heß nicht—wie mir scheint,
2o aus alter idealistischer Anhänglichkeit—den Empirismus, nament¬
lich Feuerbach und jetzt Stirner, so scheußlich heruntermachte.
Heß hat in vielem, was er über Feuerbach sagt, recht, aber auf der
andern Seite scheint er noch einige idealistische Flausen zu haben
— wenn er auf theoretische Dinge zu sprechen kommt, geht es
25 immer in Kategorien voran, und daher kann er auch nicht populär
schreiben, weil er viel zu abstrakt ist. Daher haßt er auch allen
und jeden Egoismus, und predigt Menschenliebe usw., was wieder
auf die christliche Aufopferung herauskommt. Wenn aber das
leibhaftige Individuum die wahre Basis, der wahre Ausgangs-
3o punkt ist für unsren „Menschen“, so ist auch selbstredend der
Egoismus — natürlich nicht der Stimersche Verstandesegoismus
allein, sondern auch der Egoismus des Herzens —
Ausgangspunkt für unsre Menschenliebe, sonst schwebt sie in der
Luft. Da Heß jetzt bald herüberkommt, so wirst Du selbst mit ihm
35 darüber sprechen können. Übrigens langweilt mich all dies theo¬
retische Geträtsch alle Tage mehr, und jedes Wort, das man noch
über „den Menschen“ verlieren, jede Zeile, die man gegen die
Theologie und Abstraktion wie gegen den krassen Materialismus
schreiben oder lesen muß, ärgert mich. Es ist doch etwas ganz
*0 anderes, wenn man sich statt all dieser Luftgebilde — denn selbst
der noch nicht realisierte Mensch bleibt bis zu seiner Realisierung
ein solches — mit wirklichen, lebendigen Dingen, mit historischen
Entwicklungen und Resultaten beschäftigt. Das ist wenigstens das
Beste, solange wir noch allein auf den Gebrauch der Schreibfeder
45 angewiesen sind und unsre Gedanken nicht unmittelbar mit den
8
(2) 1844 Nov. 19
Händen oder, wenn es sein muß, mit den Fäusten realisieren
können.
Das Stimersche Buch zeigt aber wieder, wie tief die Abstrak¬
tion in dem Berliner Wesen steckt. St[imer] hat offenbar von den
Freien am meisten Talent, Selbständigkeit und Fleiß, aber bei 0
alledem purzelt er aus der idealistischen in die materialistische
Abstraktion und kommt zu nichts. Wir hören von Fortschritten
des Sozialismus in allen Teilen Deutschlands, aber von Berlin
keine Spur. Diese superklugen Berliner werden sich noch eine
Démocratie pacifique auf der Hasenheide etablieren, wenn ganz 10
Deutschland das Eigentum abschafft — weiter bringen die Kerle
es gewiß nicht. Gib acht, nächstens steht in der Uckermark ein
neuer Messias auf, der Fourier nach Hegel zurechtschustert, das
Phalanster aus den ewigen Kategorien konstruiert und es als ein
ewiges Gesetz der zu sich kommenden Idee hinstellt, daß Kapital,
Talent und Arbeit zu bestimmten Teilen am Ertrage partizipieren.
Das wird das Neue Testament der Hegelei werden, der alte Hegel
wird Altes Testament, der „Staat“, das Gesetz wird ein „Zucht¬
meister auf Christum“, und das Phalanster, in dem die Abtritte
nach1) logischer Notwendigkeit placiert2) werden, das wird der 20
„neue Himmel“ und die „neue Erde“, das neue Jerusalem, das
herabfährt vom Himmel, geschmückt wie eine Braut, wie das alles
des breiteren in der neuen Apokalypse zu lesen sein wird. Und
wenn das alles vollendet sein wird, dann kommt die Kritische
Kritik, erklärt, daß sie alles in allem ist, daß sie Kapital, Talent 25
und Arbeit in ihrem Kopfe vereinigt, daß alles, was produziert
sei, durch sie sei und nicht durch die ohnmächtige Masse —
und nimmt alles für sich in Beschlag. Das wird das Ende der
Berliner Hegelschen [fried]liehen3) Demokratie sein.
Wenn die Kritische Kritik fertig ist, so schick mir ein paar^
Exemplare kuvertiert und versiegelt auf dem Wege des Buch¬
handels zu — sie mö[ . ? . ] 3) konfisziert werden. Für den Fall,
daß Du meinen letzten Brief nicht erhalten haben solltest, setz
ich nochmals her, daß Du mir entweder [ . ? . ] 3) für E. j u n i o r,
Barmen, oder per Kuvert an F. W. Strücker und Co., Elber-*5
feld, schreiben kannst. Dieser Brief geht Dir auf einem Um¬
wege zu.
Nun schreib aber bald — es sind über zwei Monate, daß ich
nichts von Dir höre — was macht das Vorwärts? Grüß die Leute
alle. 10
Dein F. E.
Barmen, den 19. November 1844.
1) Korr, aus auf
2) Korr, aus beruhen
*) Papier beschädigt.
1845
3. Engels an Marx in Paris; [Barmen 1845 Ja¬
nuar 20].
Lieber Marx,
6 Wenn ich Dir nicht früher geantwortet habe, so liegt das haupt¬
sächlich daran, daß ich auf das von Dir versprochene Vorwärts
wartete. Da das Ding indes bis jetzt noch nicht hier ist, so hab
ich das Warten aufgegeben und ebenso das Warten auf die Kri¬
tische Kritik, von der ich weiter gar nichts höre. Was den Stimer
io betrifft, so bin ich durchaus mit Dir einverstanden. Als ich Dir
schrieb, war ich noch zu sehr unter dem unmittelbaren Eindruck
des Buchs befangen, seitdem ich es hab liegen lassen und mehr
durchdenken können, find ich dasselbe, was Du findest. Heß, der
noch immer hier ist und den ich vor vierzehn Tagen in Bonn sprach,
15 ist nach einigen Meinungsschwankungen ebendahin gekommen wie
Du; er las mir einen Artikel^ über das Buch vor, den er bald
drucken lassen wird, worin er, ohne Deinen Brief gelesen zu haben,
dasselbe sagt. Ich hab ihm Deinen Brief dagelassen, weil er noch
einiges benutzen wollte, und muß ihn daher aus dem Gedächtnis
2o beantworten. Was mein Herüberkommen betrifft, so ist daran kein
Zweifel, daß ich in etwa zwei Jahren dort sein werde, auch bin ich
darüber im reinen, daß ich um jeden Preis nächsten Herbst auf
vier bis sechs Wochen herüberkomme. Wenn die Polizei mir mein
Wesen hier legt, so komme ich ohnehin, und wie die Sachen hier
25 stehen, kann es dem Gesindel alle Tage einfallen, unsereins zu
molestieren. Wir werden an Püttmanns Bürgerbuch sehen, wie weit
man etwa gehen darf, ohne gefaßt oder geschaßt zu werden. —
Meine Liebesgeschichte hat ein Ende mit Schrecken genommen.
Erlaß mir die langweilige Auseinandersetzung, es kann doch nichts
30 mehr helfen, und ich hab so schon genug mit der Sache durch¬
gemacht. Ich bin froh, daß ich wenigstens wieder arbeiten kann,
und wenn ich Dir den ganzen Bettel erzählte, wär ich für den
Abend verdorben.
Das Neuste ist, daß Heß und ich vom 1. April an bei Thieme
35 &Butz inHagen eine Monatsschrift: „Gesellschaftsspiegel“ heraus¬
geben und darin die soziale Misère und das Bourgeoisie-Regime
schildern werden. Prospektus etc. nächstens. Einstweilen wird es
gut sein, wenn sich der poetische „Ein Handwerker“ die Mühe
9 Erschien als Broschüre: Die letzten Philosophen, Darmstadt, Leske, 1845.
10
(3) 1845 Jan. 20
geben will, uns aus der dortigen Misère Material zuzuschicken.
Besonders einzelne Fälle, das klappt für den auf den Kommunis¬
mus vorzubereitenden Philister. Das Ding kann mit wenig Mühe
redigiert werden, für Material, um monatlich vier Bogen zu füllen,
werden sich Mitarbeiter genug finden — wir haben wenig Arbeit 5
dabei und können viel wirken. Außerdem wird Püttmann bei
Leske eine Vierteljahrsschrift: Rheinische Jahrbücher überzensur¬
groß erscheinen lassen, worin lauter Kommunismus erscheinen
soll. Du kannst Dich wohl auch dabei beteiligen. Es schadet ohne¬
hin nichts, wenn wir einen Teil unsrer Arbeiten zweimal — erst io
in einer Zeitschrift und dann apart und im Zusammenhänge —
drucken lassen; die verbotenen Bücher zirkulieren doch weniger
frei, und wir haben so doppelte Chance zu wirken. Du siehst, wir
haben hier in Deutschland genug zu tun, um alle diese Geschichten
mit Stoff zu versehen und dabei doch größere Sachen auszu- is
arbeiten — aber wir müssen doch klotzen, wenn wir was zustande
bringen wollen, und da ist’s gut, wenn’s einem etwas auf den Fin¬
gern brennt. Mein Buch über die englischen Arbeiter wird in vier¬
zehn Tagen à drei Wochen fertig, dann nehm ich mir vier Wochen
Zeit für kleinere Sachen, und dann geh ich an die historische Ent- 20
wicklung Englands und des englischen Sozialismus.
Was mir einen aparten Spaß macht, ist diese Einbürgerung der
kommunistischen Literatur in Deutschland, die jetzt ein fait ac¬
compli ist. Vor einem Jahr fing sie an, sich außer Deutschland in
Paris einzubürgern, eigentlich erst zu entstehen, und jetzt sitzt sie
dem deutschen Michel schon auf dem Nacken. Zeitungen, Wochen¬
blätter, Monats- und Vierteljahrsschriften und eine heranrückende
Reserve von schwerem Geschütz ist alles in bester Ordnung. Es ist
doch verflucht rasch gegangen! Die Propaganda unterderhand war
auch nicht ohne Früchte — jedesmal wenn ich nach Köln, jedes- 30
mal wenn ich hier in eine Kneipe komme, neue Fortschritte, neue
Proselyten. Die Kölner Versammlung hat Wunder getan — man
entdeckt allmählich einzelne kommunistische Cliquen, die sich
ganz im stillen und ohne unser direktes Zutun entwickelt haben. —
Auch das „Gemeinnützige Wochenblatt“, das früher mit der Rhei-33
nischen Zeitung zusammen ausgegeben, ist jetzt in unsern Händen,
D’Ester hat es übernommen und wird sehen, was zu machen ist.
Was uns jetzt aber vor allem not tut, sind ein paar größere Werke,
um den vielen Halbwissenden, die gern wollen, aber nicht allein
fertig werden können, einen gehörigen Anhaltspunkt zu geben. 40
Mach, daß Du mit Deinem nationalökonomischen Buch fertig
wirst, wenn Du selbst auch mit vielem unzufrieden bleiben solltest,
es ist einerlei, die Gemüter sind reif, und wir müssen das Eisen
schmieden, weil es warm ist. Meine englischen Sachen werden zwar
auch ihre Wirkung nicht verfehlen, die Tatsachen sind zu schla-
(3) 1845 Jan. 20 U
gend, aber trotzdem wollt’ ich, daß ich die Hände freier hätte, um
manches auszuführen, was für den jetzigen Augenblick und die
deutsche Bourgeoisie schlagender und wirksamer wäre. Wir theo¬
retischen Deutschen — [es]ist lächerlich, aber ein Zeichen der
5 Zeit und der Auflösung des deutschen Nationaldrecks — können
[noch] gar nicht zur Entwicklung unsrer Theorie kommen, wir
haben noch nicht einmal die Kritik des Unsinns2) publizieren
können. Jetzt ist aber hohe Zeit. Darum mach, daß Du vor
April fertig wirst, mach’s wie ich, setz Dir eine Zeit, bis wohin Du
io positiv fertig sein willst, und sorge für einen baldigen
Druck. Kannst Du es da nicht drucken lassen, so laß in Mannheim,
Darmstadt oder so drucken. Aber heraus muß es bald.
Daß Du die Kritische Kritik bis auf zwanzig Bogen ausgedehnt,
ist mir allerdings verwunderlich genug gewesen. Es ist aber ganz
15 gut, es kommt so vieles schon jetzt an den Mann, was sonst wer
weiß wie lang noch in Deinem Sekretär gelegen hätte. Wenn Du
aber meinen Namen auf dem Titel hast stehen lassen, so wird das
sich kurios ausnehmen, wo ich kaum anderthalb Bogen geschrieben
habe. Wie gesagt, hab ich von dem Löwenberg3) noch nichts ge-
2o hört, auch nichts vom Erscheinen des Buchs, auf das ich natürlich
sehr begierig bin. — Gestern bekam ich das Vorwärts, von dem
ich seit meiner Abreise nichts gesehen. Einige Witze von Bernays
haben mich köstlich amüsiert, der Kerl kann einem so ein recht
gründliches Lachen abgewinnen, was mir sonst beim Lesen selten
25 passiert. Sonst ist es freilich schlecht und nicht interessant und
belehrend genug, als daß viele Deutsche es sich auf die Dauer
halten sollten. Wie steht es jetzt äußerlich, und ist es wahr, was
ich in Köln höre, daß es in eine Monatsschrift verwandelt werden
soll? Wir sind hier so fürchterlich mit Arbeit überladen, daß von
so hier aus nur gelegentlich Beiträge kommen können. Ihr müßt
Euch dort auch angreifen. Schreib doch alle vier bis sechsWochen
einen Artikel dafür, laß Dich nicht von Deiner Stimmung „maß-
regeln“. Warum schreibt Bakunin nichts, und warum ist der
Ewerbeck nicht dazu zu kriegen, daß er wenigstens trivial schreibt?
35 Der arme Bernays wird jetzt wohl im Brummstall sitzen, grüß ihn
von mir und laß ihn sich den Dreck nicht zu sehr zu Herzen nehmen,
zwei Monat gehen auch herum, obwohl es scheußlich genug ist. Was
machen überhaupt die Bengels? Du schreibst gar nichts darüber.
Ist Guerrier wieder dort, schreibt Bakunin französisch? Was
4o treibt die ganze Bande, die im August jeden Abend den Quai Vol¬
taire frequentierte? Und was fängst Du eigentlich an? Wie geht’s
mit Deiner Stellung dort? Wohnt Fouine*) noch unter Deinen
O Papier beschädigt.
2) „Die heilige Familie“
3) Richtig Löwenthal •) Arnold Ruge
Z. 5 (deutschen)
12
(3) 1845 Jan. 20
Füßen? Fouine hat sich ja neulich wieder im Telegraphen losgelas¬
sen. Wie sich von selbst versteht, über den Patriotismus. Es ist groß,
wie er den zu Tode reitet, wie ihm alles wurst ist, wenn es ihm nur
gelingt, den Patriotismus zu vernichten. Wahrscheinlich war das
des Pudels Kern, den er Fröbeln nicht geben wollte. Die deutschen *
Zeitungen ließen neulich Fouine nach Deutschland zurückkehren
wollen. Wenn’s wahr ist, so gratuliere ich, aber es kann nicht wahr
sein, er müßte sich ja zum zweitenmal zur Anschaffung eines
Omnibus mit Abtritt verstehen, und das geht doch nicht.
Ich sprach neulich einen, der von Berlin kam. Die Auflösung io
des caput mortuum der Freien scheint vollständig zu sein. Außer
den Bauers scheint auch Stimer keinen Umgang mehr mit ihnen zu
haben. Der kleine Rest, Meyen, Rutenberg und Konsorten, lassen
sich durch nichts stören, gehen wie vor sechs Jahren täglich zwei
Uhr nachmittags zu Stehely und klugscheißen über die Zeitungen. 2-5
Jetzt sind sie aber doch schon bei der „Organisation der Arbeit“
angelangt, und dabei wird’s bleiben. Auch Herr Nauwerck scheint
diesen Schritt gewagt zu haben, denn er eifert ja in Volksversamm¬
lungen. Ich sagte Dir ja, die Leute werden all Démocrates paci¬
fiques. Dabei haben sie aber die Klarheit usw. unsrer Artikel in 20
den Jahrbüchern sehr „anerkannt“. Wenn mich nächstens mal
wieder der Teufel reitet, so setz ich mich mit dem kleinen Meyen
in Korrespondenz, man kann möglicherweise Spaß von den
Kerls haben, wenn auch keinen Spaß an ihnen. Ohnehin fehlt
einem hier alle Gelegenheit, seinen Übermut von Zeit zu Zeit aus-
zulassen, denn ich führe Dir hier ein Leben, wie es der glänzendste
Philister nur verlangen kann, ein stilles und geruhiges Leben in
aller Gottseligkeit und Ehrbarkeit, sitze auf meinem Zimmer und
arbeite, geh fast gar nicht aus, bin solide wie ein Deutscher; wenn
das so fortgeht, so fürcht’ ich gar, daß der Herrgott mir meine m
Schriften übersieht und mich in den Himmel läßt. Ich versichre
Dich, ich fange an, hier in Barmen in guten Ruf zu kommen. Ich
bin’s aber auch leid, ich will Ostern weg von hier, wahrschein¬
lich nach Bonn. Ich hatte mich durch die Zureden meines Schwa¬
gers und die trübseligen Gesichter meiner beiden Alten noch ein- 35
mal zu einem Versuch mit dem Schacher bestimmen lassen und seit
[vierzehn]Tagen etwas auf dem Comptoir gearbeitet, auch die
Aussicht wegen der Liebesgeschichte veranlaßte mich mit dazu
— aber ich war es leid, eh ich anfing zu arbeiten, der Schacher
ist zu scheußlich, Barmen ist zu scheußlich, die Zeitverschwendung 40
ist zu scheußlich, und besonders ist es zu scheußlich, nicht nur
Bourgeois, sondern sogar Fabrikant, aktiv gegen das Proletariat
auftretender Bourgeois zu bleiben. Ein paar Tage auf der Fabrik
*) Papier beschädigt.
(3) 1845 Jan. 20
13
meines Alten haben mich dazu gebracht, diese Scheußlichkeit, die
ich etwas übersehen hatte, mir wieder vor die Augen zu stellen.
Ich hatte natürlich darauf gerechnet, nur so lange im Schacher zu
bleiben, als mir paßte, und dann irgend etwas Polizeiwidriges zu
5 schreiben, um mich mit guter Manier über die Grenze drücken zu
können, aber selbst bis dahin halt ich’s nicht aus. Wenn ich nicht
täglich die scheußlichsten Geschichten aus der englischen Gesell¬
schaft hätte in mein Buch registrieren müssen, ich glaube, ich
wäre schon etwas versauert, aber das hat wenigstens meine Wut
io im Kochen erhalten. Und man kann wohl als Kommunist der
äußeren Lage nach Bourgeois und Schachervieh sein, wenn man
nicht schreibt, aber kommunistische Propaganda im großen
und zugleich Schacher und Industrie treiben, das geht nicht. Ge¬
nug, Ostern geh ich hier fort. Dazu das erschlaffende Leben in
a einer ganz radikalchristlichpreußischen Familie — es geht nicht
mehr, ich würde auf die Dauer ein deutscher Philister werden
können und dasPhilisterium in den Kommunismus hineintragen.—
Nun laß mich nicht so lange auf einen Brief von Dir warten,
wie ich Dich diesmal, grüß Deine Frau unbekannterweise und wer
20 es sonst wert ist. Einstweilen schreib noch hieher, man wird, falls
ich schon fort sein sollte, mir Deine Briefe nachschicken.
Dein F. E.
[Postst ] Barmen, 20. Januar.
4. Engels an Marx in Brüssel; Barmen 1845 Fe-
bruar22 — März 7.
Barmen, 22. Februar 1845.
Lieber Marx,
Soeben erhalte ich nach langem Hin- und Herschreiben von
Köln aus endlich Deine Adresse und setze mich gleich hin, an
30 Dich zu schreiben. Sowie die Nachricht von der Expulsion herkam,
hielt ich es für nötig, gleich eine Subskription zu eröffnen, um die
Dir dadurch verursachten Extrakosten auf uns alle kommunistisch
zu repartieren. Das Ding hatte guten Fortgang, und vor drei
Wochen schickte ich 50 und einige Taler an Jung, forderte auch
35 die Düsseldorfer auf, die ebensoviel zusammengebracht haben,
und habe auch in Westfalen die deshalb nötige Agitation durch
Heß anstiften lassen. Hier ist die Zeichnung indes noch nicht ge¬
schlossen, der Maler Köttgen hat indes die Sache verschleppt, und
so bin ich noch nicht im Besitz aller zu erwartenden Gelder. In-
40 des wird in ein paar Tagen alles hoffentlich einkommen, und
dann werde ich Dir einen Wechsel auf Brüssel schicken. Da ich
14
(4) 1845 Febr. 22—März 7
übrigens nicht weiß, ob das genügen wird, um Dir Deine Ein¬
richtung in Brüssel zustande zu bringen, so versteht es sich von
selbst, daß mein Honorar für das erste englische Ding, was ich
hoffentlich bald wenigstens teilweise ausbezahlt bekomme und für
den Augenblick entbehren kann, da mein Alter mir pumpen muß, 5
Dir mit dem größten Vergnügen zur Disposition steht. Die Hunde
sollen wenigstens das Pläsier nicht haben, Dich durch ihre Infamie
in pekuniäre Verlegenheit zu bringen. Daß man Dich gezwungen
hat, die Hausmiete für die Zukunft noch zu bezahlen, ist doch die
Krone der Scheußlichkeit. Ich fürchte aber, man wird Dich am 10
Ende in Belgien auch molestieren, so daß Dir zuletzt nur England
übrig bleibt.
Doch kein Wort weiter von der ganzen niederträchtigen Ge¬
schichte. Kriege wird bei Ankunft dieses schon bei Dir sein. Der
Kerl ist ein famoser Agitator. Er wird Dir von Feuerbach viel er- is
zählen, — den Tag nach seiner Abreise von hier traf ein Brief
von F[euerbach] an mich ein, wir hatten dem Kerl nämlich ge¬
schrieben. F[euerbach] sagt, er müsse erst den religiösen Dreck
gründlich vernichtet haben, eh’ er sich so mit dem Kommunismus
beschäftigen könne, daß er ihn schriftstellerisch vertrete. Auch sei 20
er in Bayern zu sehr von dem ganzen Leben abgeschlossen, als daß
er dazu kommen könne. Übrigens sei er Kommunist, und es handle
sich für ihn nur um das Wie der Ausführung. Womöglich kommt
er diesen Sommer an den Rhein, und dann soll er auch nach Brüs¬
sel, das wollen wir ihm schon beibringen. 25
Hier in Elberfeld geschehen Wunderdinge. Wir haben gestern
im größten Saale und ersten Gasthof der Stadt unsre dritte kom¬
munistische Versammlung abgehalten. Die erste 40, die zweite
130, die dritte wenigstens 200 Menschen stark. Ganz Elberfeld
und Barmen, von der Geldaristokratie bis zur épicerie, nur das w
Proletariat ausgeschlossen, war vertreten. Heß hielt einen Vor¬
trag. Gedichte von Müller, Püttmann und Stücke aus Shelley wurden
gelesen, ebenso die Artikel über die bestehenden Kommunisten¬
kolonien im Bürgerbuch. Nachher diskutiert bis ein Uhr. Das Ding
zieht ungeheuer. Man spricht von nichts als vom Kommunismus, 35
und jeden Tag fallen uns neue Anhänger zu. Der Wuppertaler
Kommunismus ist une vérité, ja beinahe schon eine Macht. Was
das für ein günstiger Boden hier ist, davon hast Du keine Vorstel¬
lung. Das dümmste, indolenteste, philisterhafteste Volk, das sich
für nichts in der Welt interessiert hat, fängt an, beinahe zu schwär-
men für den Kommunismus. Wie lang man dem Ding noch so zu¬
sehen wird, weiß ich nicht, aber die Polizei ist jedenfalls in der
höchsten Verlegenheit, sie weiß selbst nicht, woran sie ist, und der
Hauptschweinhund, der Landrat, ist grade in Berlin. Aber wenn
man’s auch verbietet, so umgehen wir das, und geht das auch nicht,
(4) 1845 Febr. 22—März 7
15
so haben wir jedenfalls so ungeheuer angeregt, daß alles, was in
unsrem Interesse erscheint, hier furchtbar gelesen wird. Da ich
nun Ostern Weggehenwerde, so ist es um so besser, daß Heß
sich hier ansiedelt und zugleich bei Bädeker in Elberfeld eine Mo-
5 natsschrift herausgibt, wovon Kriege, glaub’ ich, einen Prospektus
hat. Ich gehe, wie ich Dir wohl schon schrieb, jedenfalls^ nach
Bonn. Meine projektierte Reise nach Paris wird nun zu Wasser,
da ich dort nichts mehr zu suchen habe, dafür aber komm’ ich
jedenfalls nach Brüssel, um so eher, als meine Mutter und meine
10 beiden Schwestern im Sommer nach Ostende gehen werden. Ich
muß außerdem noch mal nach Bielefeld unter die dortigen Kom¬
munisten, und wenn Feuerbach nicht kommt, so geh ich zu ihm,
und dann, wenn ich Geld und Zeit habe, auch noch einmal nach
England. Du siehst, ich hab’s gut vor. Bergenroth erzählte mir
15 ebenfalls, er werde wahrscheinlich in einigen Wochen oder so
nach Brüssel kommen. Er war, nebst einigen Düsseldorfern, bei
unsrer zweiten Versammlung anwesend und hat mitgesprochen.
Es ist übrigens doch ein ganz anderes Ding, da vor den wirklichen
leibhaftigen Menschen zu stehen und ihnen direkt, sinnlich, un-
20 verhohlen zu predigen, als dies verfluchte abstrakte Schreibertum
mit seinem abstrakten Publikum vor den „Augen des Geistes“ zu
treiben.
Ich soll Dich nochmals in Heß’ Namen—auch in dem meinigen
tu ich es — auffordem, dem Püttmann was für seine Viertel-
25 jahrsschrift zu schicken. Wir müssen durchaus gleich im ersten
Hefte alle erscheinen, damit das Ding Charakter bekommt. Ohne¬
hin kommt es ohne uns gar nicht einmal zustande.
25. Februar. Gestern abend kam die Nachricht an, daß unsre
nächste Versammlung mit Gendarmen gesprengt und die Redner
so verhaftet werden sollen3). — 26. Februar. Gestern morgen unter¬
sagte der Oberbürgermeister der Frau Obermeyer, in ihrem Lokal
solche Zusammenkünfte zu gestatten, und mir wurde gesteckt, daß,
wenn trotzdem die Versammlung gehalten würde, eine Verhaf¬
tung und Klage folgen würde. Wir haben’s jetzt natürlich dran-
33 gegeben und müssen erwarten, ob man uns einklagen wird, was
aber kaum zu erwarten steht, da wir schlau genug waren, keine
Handhabe zu bieten, und der ganze Dreck nur in einer großartigen
Blamage der Regierung endigen könnte. Ohnehin waren die Staats¬
anwälte und das ganze Landgericht gegenwärtig, und der Ober-
40 prokurator hat selbst mitdiskutiert.
7. März. Ich bin, seitdem ich das Vorstehende schrieb, eine
Woche in Bonn und Köln gewesen. Die Kölner dürfen ihre Ver¬
sammlung wegen des Vereins jetzt halten. In unsrer hiesigen An-
O Gestrichen wohl
2) Korr, aus wahrscheinlich
3) Im Orig, irrtümlich sollten
16
(4) 1845 Febr. 22—Mära 7
gelegenheit ist ein Reskript der Regierung zu Düsseldorf einge¬
troffen, wodurch fernere Versammlungen verboten werden. Heß
und Köttgen haben protestiert. Nutzt natürlich nichts, aber die
Leute werden aus der Haltung des Protests ersehen, daß sie uns
nichts anhaben können. Heß ist wieder ungeheuer sanguinisch, 5
weil alles sonst so famos abläuft und unsre Fortschritte wirklich
ungeheuer sind, der gute Kerl macht sich nur immer Illusionen. —
Unser Gesellschaftsspiegel wird prächtig, der erste Bogen ist schon
zensiert und alles durch. Beiträge in Masse. H[eß] wohnt in
Barmen in der „Stadt London“. Bergenroth wird wahr- io
scheinlich doch sobald nicht dorthin kommen, dagegen ein andrer,
den ich nicht nenne, weil dieser Brief doch wohl erbrochen wird.
Wenn es irgend geht, komm ich auch noch einmal im April her¬
über. Der Geldpunkt ist jetzt die Hauptsache für mich, da ich
infolge der Versammlung Familientuck gehabt habe, wonach mein is
Alter resolviert ist, mich nur für meine „Studia“, nicht aber
für kommunistische Zwecke irgend einer Art zu unterstützen.
Ich würde Dir noch eine Masse Zeugs schreiben, wenn ich eine
sichre Adresse nach Brüssel wüßte, die Du mir jedenfalls ver¬
schaffen mußt. Viele Sachen, die hier vorgefallen, könnten vielen 20
schaden, wenn sie in einem cabinet noir gelesen würden. Ich bleibe
nun noch vier Wochen hier und gehe anfangs April nach Bonn.
Schreibe mir jedenfalls nochmals vorher, damit man weiß, wie
Dir’s geht. Die Gelder sind so ziemlich zusammen, ich habe noch
nicht erfahren, wieviel es ist, es soll unverzüglich abgehen. Mein 25
Manuskript geht dieser Tage ab. — Die Kritische Kritik ist noch
immer nicht hier! Der neue Titel: Die heilige Fa¬
milie wird mich wohl in Familienhäkeleien mit meinem from¬
men, ohnehin jetzt höchst gereizten Alten bringen, das konntest Du
natürlich nicht wissen. Wie aus der Ankündigung hervorgeht, hast so
Du meinen Namen zuerst gesetzt, warum? Ich hab ja fast nichts
[daran]gemacht, und [Dein] enStil kennt doch jeder heraus.
Schreibe mir nun umgehend, ob Du noch Geld nötig hast.
Wigand muß mir in ca. vierzehn Tagen was schicken, und dann
hast Du nur zu disponieren. Ich fürchte, die Rückstände der Sub- so
skription werden nicht über 120—150 Franken betragen.
Apropos! Wir haben hier vor, den Fourier zu übersetzen und
überhaupt womöglich eine „Bibliothek der vorzüglichsten sozia¬
listischen Schriftsteller des Auslandes“ zu geben. Fourier wäre der
beste, um anzufangen. Leute zum Übersetzen sind gefunden. Heß &
erzählt mir soeben von einem in Frankreich herausgekommenen
Wörterbuch zu Fourier, von einem beliebigen Fourieristen. Du
wirst davon wissen. Gib mir doch auch hierüber sogleich Auskunft
*) Papier beschädigt.
Tafel I
Das Haus in Brüssel, in dein Marx von Mai 1845 bis Mai 1846 gewohnt hat
(5 — 7, rue d’Alliance)
(4) 1845 Febr.22—März 7
17
und womöglich schick ein Exemplar per Post an mich. Empfiehl
zu gleicher Zeit die Sachen der Franzosen, von denen Du glaubst,
daß sie sich zum Übersetzen in der Bibliothek eignen. Aber rasch,
die Sache hat Eile, da wir schon mit einem Verleger am Unter-
i handeln sind. Wie weit bist Du mit Deinem Buch? Ich muß jetzt
an mein Manuskript. Darum leb einstweilen wohl und schreib
über die erwähnten Punkte sogleich.
Dein F. E.
Grüß Kriege und Bürgers. Ist Bernays da?
io Barmen, 7. März 1845.
5. Engels an Marx in Brüssel; Barmen 1845
März 17.
Lieber Marx,
Gestern gab mir Heß Deinen Brief. Was die Übersetzungen be-
15 trifft, so ist das Ganze noch gar nicht organisiert. In Bonn wollte
ich den Fourier von einigen dortigen Leuten unter meinen Augen
und meiner Leitung übersetzen lassen, natürlich den kosmogoni-
schen Unsinn weglassen, und wenn der Verleger einverstanden
wäre, das Ding als erste Sektion einer solchen Bibliothek heraus-
2o geben. Ich sprach gelegentlich mit B[ädeker], dem Verleger des
Gesellschaftsspiegels, darüber, und er schien nicht übel Lust dazu
zu haben, obgleich er zu einer größern Bibliothek nicht die
Fonds hat. Geben wir aber das Ding in dieser Gestalt, so wird es
allerdings besser sein, es Leske oder sonst jemand zu geben, der
n auch was dranwenden kann. Die Sachen selbst zu übersetzen,
hab’ ich für den Sommer durchaus keine Zeit, da ich die englischen
Sachen abschließen muß. Das ersteDing ist diese Woche anWigand
abgegangen, und da ich mit ihm stipuliert habe, daß er mir 100 Ta¬
ler bei Empfang des Manuskripts auszahlen soll, so denk’ ich in
?o acht bis zwölf Tagen Geld zu bekommen und Dir schicken zu
können. Einstweilen liegen fr. 122.22 c. per 26.März auf Brüssel0.
Hierbei den Rest der Subskriptionen; wenn die Sache nicht
durch die Elberfelder so scheußlich verschleppt worden wäre, die
von ihren amis-bourgeois noch wenigstens zwanzig Taler hätten
15 zusammentreiben können, so wäre es eher und mehr gekommen.
Um auf die Bibliothek zurückzukommen, so weiß ich nicht,
ob die historische Reihenfolge der Sachen die beste sein
würde. Da Franzosen und Engländer doch abwechseln müßten, so
würde der Zusammenhang der Entwicklung doch fortwährend
0 Von fr. ab von S. A. Naut eingefügt.
2
18
(5) 1845 März 17
unterbrochen werden. Ohnehin glaub ich, daß es besser wäre,
hierbei das theoretische Interesse der praktischen Wirksam¬
keit aufzuopfem und mit den Sachen anzufangen, die den Deut¬
schen am meisten Stoff geben und unsren Prinzipien am nächsten
stehen; also die besten Sachen von Fourier, Owen, den Saint- 5
Simonisten1) etc. — Morelly könnte auch ziemlich vornhin kom¬
men. Die historische Entwicklung könnte man ganz kurz in der
Einleitung zum Ganzen geben, und so würde sich auch bei einer
solchen Anordnung jeder leicht zurechtfinden. Die Einleitung
könnten wir zusammen machen — Du Frankreich, ich England jo
nehmen —, vielleicht ginge das schon, wenn ich, wie ich vorhabe,
in drei Wochen herüberkomme — wenigstens könnten wir das
Ding besprechen —, jedenfalls scheint mir aber durchaus nötig,
gleich von vornherein mit Sachen anzufangen, die von prak¬
tischer, einschlagender Wirkung auf die Deutschen sind und uns 25
ersparen, das noch einmal zu sagen, was andre vor uns gesagt
haben. Wenn wir eine Quellensammlung zur Geschichte des So¬
zialismus oder vielmehr die Geschichte in und durch die Quellen
geben wollten, so würden wir mit dem Ding, fürcht ich, in langer
Zeit nicht fertig und obendrein langweilig werden. Deshalb bin 20
ich dafür, daß wir nur solche Sachen geben, deren positiver
Inhalt wenigstens zum größten Teil heut noch zu brauchen
ist. Godwins Political Justice würde, als Kritik der Politik vom
politischen und bürgerlich-gesellschaftlichen Standpunkte, trotz
der vielen famosen Sachen, in denen Gfodwin] an den Kfommunis- 25
mus] anstreift, wegfallen, da Du doch die vollständige
Kritik der Politik geben wirst. Um so eher, als Gfodwin] am
Ende seiner Schrift zum Resultate kommt, der Mensch habe sich
möglichst von der Gesellschaft zu emanzipieren und sie nur als
einen Luxusartikel zu gebrauchen (P[olitical] J [ustice], II, Buch 8, 30
Anhang zu Kapitel 8) und überhaupt in seinen Resultaten so ent¬
schieden anti sozial ist. Ich habe übrigens das Buch vor sehr
langer Zeit, wo ich noch arg im unklaren war, exzerpiert und muß
es jedenfalls noch einmal durchnehmen, deswegen ist es leicht
möglich, daß mehr in dem Ding steckt, als ich damals darin fand. 35
Nehmen wir aber Godwin, so dürfen wir sein Supplement Bentham
auch nicht fehlen lassen, obwohl der Kerl arg langweilig und
theoretisch ist. — Schreib mir hierüber, und dann wollen wir
weiter sehen, was zu machen ist. Da diese Idee uns beiden ge¬
kommen ist, so muß sie jedenfalls durchgeführt werden — ich 40
meine die Bibliothek. Heß wird sich gewiß mit Vergnügen dabei
beteiligen und ich desgleichen, sobald ich irgendwie Zeit habe —
Heß hat sie, da er augenblicklich außer der Redaktion des Glesell-
9 Hier von Naut ein Fragezeichen eingefügt.
(5) 1845 März 17
19
schafts] s [piegels] nichts im Schilde führt. — Sind wir über die
Grundlage einverstanden, so können wir bei meiner Dorthinkunft,
die ich wegen dieser Sache noch mehr betreiben werde, die Sache
vollständig ins reine bringen und gleich ans Werk gehen. —
5 Die Kritische Kritik — ich glaube, ich schrieb Dir schon, daß
sie angekommen ist—ist ganz famos. Deine Auseinandersetzungen
über Judenfrage, Geschichte des Materialismus und mystères sind
prächtig und werden von ausgezeichneter Wirkung sein. Aber bei
alledem ist das Ding zu groß. Die souveräne Verachtung, mit der
/owir beide gegen die Lit[eratur]-Z[eitung] auftreten, bildet einen
argen Gegensatz gegen die 22 Bogen, die wir ihr dedizieren. Dazu
wird doch das meiste von der Kritik der Spekulation und des ab¬
strakten Wesens überhaupt dem größeren Publikum unverständlich
bleiben und auch nicht allgemein interessieren. Sonst aber ist
n das ganze Buch prächtig geschrieben und zum Kranklachen. Die
Blauer]s werden kein Wort sagen können. Bürgers kann übrigens,
wenn er’s im Püttmannschen ersten Heft anzeigt, gelegentlich den
Grund erwähnen, aus welchem ich nur wenig und nur das, was
ohne tieferes Eingehen auf die Sache geschrieben werden konnte,
2o bearbeitet habe — meine zehntägige kurze Anwesenheit in Paris.
Es sieht ohnehin komisch aus, daß ich vielleicht anderthalb Bogen
und Du über zwanzig drin hast. Das über die „Hurenverhältnisse“
hättest Du besser gestrichen. Es ist zu wenig und zu total unbe¬
deutend.
25 Es ist merkwürdig, wie ich außer mit der Bibliothek noch in
einem andern Plan mit Dir zusammengekommen bin. Auch ich
wollte für Püttmann eine Kritik Lists schreiben — glücklicher¬
weise erfuhr ich durch P[üttmann] Deine Absicht früh genug. Da
ich den List übrigens praktisch fassen wollte, die prak-
3o tischen Folgen seines Systems entwickeln, so werde ich eine
meiner Elberfelder Reden (die Verhandlungen werden im P [ütt-
mann]sehen Ding gedruckt), worin ich dies unter anderm in kur¬
zem tat, etwas weiter ausarbeiten — ich vermute ohnehin nach dem
Bürgersschen Brief an Heß und nach Deiner Persönlichkeit, daß
35 Du Dich mehr auf seine Voraussetzungen als auf seine
Konsequenzen einlassen wirst.
Ich lebe Dir jetzt ein wahres Hundeleben. Durch die Versamm¬
lungsgeschichten und die „Liederlichkeit“ mehrerer unsrer hie¬
sigen Kommunisten, mit denen ich natürlich umgehe, ist der ganze
4o religiöse Fanatismus meines Alten wieder erweckt, durch meine
Erklärung, den Schacher definitiv dranzugeben, gesteigert — und
durch mein offnes Auftreten als Kommunist hat sich nebenbei
noch ein glänzender Bourgeoisfanatismus in ihm entwickelt. Jetzt
denk Dir meine Stellung. Ich mag, da ich in vierzehn Tagen oder
45 so weggehe, keinen Krakeel anfangen; ich lasse alles über mich
2*
20
(5) 1845 März 17
ergehen, das sind sie nicht gewohnt, und so wächst ihnen der Mut.
Bekomm’ ich einen Brief, so wird er von allen Seiten beschnüffelt,
eh ich ihn erhalte. Da man weiß, daß es all Kommunistenbriefe
sind, so wird dabei jedesmal ein gottseliges Jammergesicht auf¬
gesetzt, daß man meint verrückt zu werden. Geh ich aus, dasselbe <>
Gesicht. Sitz ich auf meiner Stube und arbeite, natürlich Kom¬
munismus, das weiß man — dasselbe Gesicht. Ich kann nicht
essen, trinken, schlafen, keinen Furz lassen oder dasselbe vermale¬
deite Kindergottesgesicht steht mir vor der Nase. Ich mag ausgehen
oder zuhause bleiben, Stillschweigen oder sprechen, lesen oder io
schreiben, lachen oder nicht, ich mag tun was ich will, gleich setzt
mein Alter diese infame Fratze auf. Dazu ist mein Alter so dumm,
daß er Kommunismus und Liberalismus als „revolutionär“ in einen
Kasten schmeißt und mich z. B. trotz aller Gegenreden für die
Infamien der englischen Bourgeoisie im Parlament fort- is
während verantwortlich macht! Und jetzt ist ohnehin die fromme
Saison hier im Hause. Heut vor acht Tagen sind zwei Geschwi¬
ster von mir konfirmiert, heute trollt die ganze Sippschaft zum
Abendmahl — der Leib des Herm hat seine Wirkung getan, die
Jammergesichter von heut morgen übertrafen alles. Pour comble 20
de malheur war ich gestern abend mit Heß in Elberfeld, wo wir
bis zwei Uhr Kommunismus dozierten. Natürlich heute lange Ge¬
sichter über mein spätes Ausbleiben, Andeutungen, ich möchte
wohl im Kasten gewesen sein. Endlich faßt man Courage zu
fragen, wo ich gewesen sei. — Bei Heß. — „Bei Heß! Großer 25
Gott!“ Pause, Steigerung der christlichen Verzweiflung im
Gesicht „Was für eine Umgebung hast Du Dir gewählt!“ —
Seufzen usw. Es ist rein zum Tollwerden. Von der Malice dieser
christlichen Hetzjagd nach meiner „Seele“ hast Du keine Ahnung.
Dazu braucht mein Alter nur zu entdecken, daß die „kritische Kri- 39
tik“ existiert und er ist imstande, mich vor die Türe zu setzen. Und
dabei der fortwährende Ärger, zu sehen, daß bei diesen Leuten
auch gar nichts hilft, daß sie sich platterdings mit ihren Höllen¬
phantasien schinden^ und quälen wollen, daß man ihnen nicht
einmal die ledernsten Prinzipien der Billigkeit beibringen kann. 35
Wär’s nicht um meiner Mutter willen, die einen schönen mensch¬
lichen Fonds und nur meinem Vater gegenüber gar keine Selb¬
ständigkeit hat und die ich wirklich liebe, so würde es mir keinen
Augenblick einfallen, meinem fanatischen und despotischen Alten
auch nur die elendeste Konzession zu machen. Aber so grämt sich
meine Mutter ohnehin jeden Augenblick krank und hat gleich
jedesmal, wenn sie sich speziell über mich ärgert, acht Tage
Kopfschmerzen — es ist nicht mehr auszuhalten, ich muß fort
O Korr, aus tot
Z. 2-3S.
(5) 11845 März 17
21
und weiß kaum, wie ich die paar Wochen, die ich hier bin, noch
aushalten soll. Doch das wird auch schon gehen.
Im übrigen ist hier nichts Neues. Die Bourgeoisie politisiert
und geht in die Kirche, das Proletariat tut, wir wissen nicht was,
s und können’s kaum wissen. Die Adresse, an die Euer letzter Brief
abging, ist einstweilen noch sicher. Heute abend hoff ich das
Geld zu bekommen — eben versichert mich Köttgen, daß er, so¬
bald er etwas mehr Zeit hat — in ein paar Tagen — noch etwas
wird auftreiben können. Ich trau dem Ding aber nicht recht, der
io K[öttgen] ist bei der Hand, wo er sich hervortun kann, aber sonst
taugt er und tut er nichts. Adios. Dein E.
Barmen, 17. März 1845.
184Ö
6. Engels an Marx in Brüssel; Ostende 1846
Juli 27.
Lieber Marx,
Ich bin diverse Tage herumgelaufen und hab mich nach «
Quartieren für Dich umgesehen, aber wenig gefunden. Entweder
zu groß oder zu klein. Selten zwei bewohnbare Zimmer zu¬
sammen, die Schlafstuben meist erbärmlich eng. Enfin gestern
hab ich zwei Quartiere auf getan au choix: 1. zwei große Zimmer,
eine und zwei Treppen hoch, resp.; in jedem ein Bett, für 95 fr. io
monatlich, für das dritte Bett 30 fr. extra, Frühstück % fr. täg¬
lich pro Kopf oder Magen. 2. ein kleines Haus, das demselben
propriétaire gehört, ein Wohnzimmer unten, oben zwei ineinander
gehende Schlafzimmer, von denen eins erträglich groß, und ein
Kabinet à 150 fr. monatlich, Frühstück même prix. Wer das Haus is
nimmt, bekommt eine Magd hereingetan zur Aufwartung. Die
obigen beiden Zimmer sind in einem restaurant, au duc de Bra¬
bant, rue du lait battu, wo also zur Not auch Essen zu bekommen
wäre. Ihr seid aber ganz unabhängig in dieser Beziehung dort.
Jedenfalls würdest Du gut tun, wenn Du auf eins dieser Quartiere 20
reflektierst, im duc de Brabant abzusteigen, es ist wohlfeiler als
im Hotel, und gefallen Dir die Zimmer nicht, so kannst Du Dir von
der Frau dort das Haus zeigen lassen, es liegt rue des sœurs blan¬
ches No. 5, und wenn das auch nicht konveniert, so findest Du wohl
ein andres. Die Quartiere sind übrigens scheußlich verteuert 20
gegen voriges Jahr wie alles, oder vielmehr „und so in allem“.
Diner wirst Du für fr. 5 bestreiten können für die ganze Familie,
beefsteaks 1 fr., côtelettes idem, Wein 2—3 fr. Bier schlecht,
Zigarren schlecht und teuer, tust gut, Dir ein paar 100 von
Brüssel mitzubringen; wenn Du das tust, kannst Du folgenden-0
Kostenanschlag als richtig annehmen:
Nr. 6.
(6) 1846 Juli 27
23
Wohnung fr.125-fr. 150
Déjeuner „ 45— 45
(Wenn Du zuweilen am
Diner „ 150 „ 175 Meer ißt)
p. Monat
Souper2—3Beef steaks „ 60— „ 90 (Man frißt hier viel)
Café nachmittags am
Strand, sehr nötig
2 Tassen „ 18— „ 18
Wäsche ist sehr teuer,
mindestens „ 20— ,, 30 Dazu Baden à fr. 1,30-
fr. 1,50,
fr.418—fr.508 ca.40fr.
Außerdem wären aber noch fr. 100 für incidental expences
wünschenswert, weil man sich ohne die hier sehr langweilt. Mehr
als einen Monat brauchst Du nicht hier zu bleiben. Bloß, wer
kreuzlahm und inwendig und auswendig an allen Gliedern ge-
15 schlagen ist, bleibt länger. Du mußt aber so mieten, daß Du die
etwa über den Monat dazu bleibende Zeit à tant par jour
bezahlst, sonst rechnen sie Dir den vollen halben Monat an, wenn
Du zwei Tage länger bleibst.
Im übrigen lebt sich’s hier sehr schluffig. Ein langweiliger
2o Barmer Philister, la bête des bêtes, war die ersten Tage außer der
Familie mein einziger, mir durch diese auf gedrängter Umgang.
Gestern kam Blank von London (den Du kennst), dann machte
ich endlich vermittelst dieses die Bekanntschaft eines Franzosen
qui a beaucoup d’esprit und der überhaupt ein tüchtiger Kerl ist,
25 obwohl er fünfzehn Jahr in Elberfeld war und par conséquent
deutsch spricht.
„Schließlich erwähne ich noch“ die Geschichte mit der Frau
Heß. Es ist schlimm, aber man kann sie unmöglich die Dumm¬
heiten des pp. Heß entgelten lassen. Ich werd sie also über die
30 Grenze zu schmuggeln suchen, d. h. wenn ich von meinem Alten
das zur Reise nach Paris nötige Geld kriege, was noch nicht sicher
ist. Einliegendes Wischli schick dem teuren Mann Gottes nach
Köln, damit er sich tröstet. Die Frau ist also schon in Brüxel.
An großen Männern ist nichts hier. Die kommen erst im August.
35 Es verlautet noch nichts über die Namen der großen Deutschen, die
herkommen werden. Einstweilen muß ich mich also mit dem preu¬
ßischen Bankprojekt begnügen. Es ist gottvoll, daß die Herren
sich einbilden, darauf viel Geld zu kriegen. So ein paar große
Bankiers, die „Meistbeteiligte“ werden wollen und ihre geheimen
40 Verträge mit den Bureaukraten schließen, z. B. daß ihre Aktien
nicht rückzahlbar sind, daß sie in den Zentralausschuß geschmug¬
gelt werden etc. etc., sind vielleicht dazu zu bringen. Aber sonst
niemand. Kostbar, „daß sowohl die Zeichner, wie die ge¬
Nr. 6.
24
(6) 1846 Juli 27
zeichneten Beiträge nicht bekannt werden sollen“. Man
erwartet also verdammt wenig Geld und will sich vor der Blamage
etwas sicherer stellen; echt bureaukratisch.
Schreibe mir bald, ob Du kommst und wann.
Dein
E. ;
Ostende, 11, rue St. Thomas,
27. Juli 1846.
Diese Bilder waren gestern in der See zu besichtigen, für männ¬
liches und weibliches Publikum.
7. Engels über den Gründungsplan einer Kom-w
munistischen Verlags-Aktiengesellschaft; [Ost¬
ende 1846 An f ang August]. Fragment.
... 7. Sollten sie die Paragraphen wegen Dividendenteilung in
Paragraphen wegen Schadenteilung verwandeln, denn wenn
alles das nicht wäre, so machen sie schon wegen des m
famosen Prinzips bankrott, den Schaden ganz zu tragen, aber den
Profit zu teilen. Sie müßten also doppelt so gute Geschäfte machen
wie jeder andre Buchhändler, um sich zu halten — es ist
aber ein Faktum, daß alle bisherigen ausschließlich oder nur
vorzugsweise mit verbotnen Schriften handelnden Buchhändler 20
— Fröbel, Wigand, Leske — sich auf die Dauer ruiniert
haben; 1. durch Konfiskation, 2. durch Ausschließung von Märk¬
ten, die mehr oder weniger doch immer stattfindet, 3. durch Be-
scheißung von Seiten der Kommissionäre und Sortimentshändler,
4. durch Polizeidrohungen, Prozesse usw., 5. durch die Konkur- 20
renz der Buchhändler, die nur von Zeit zu Zeit etwas Anrüchiges
drucken lassen, bei denen die Polizei also seltner einspricht, und
die dabei doch mehr Chance haben, Manuskripte zu bekommen,
Nr. 6.
(7) 1846 Anfang Aug.
25
welche ziehen, während jenen stereotypen der Schund und die nicht
ziehenden Bücher blieben. Der buchhändlerische Kampf mit der
Polizei kann nur mit Profit geführt werden, wenn viele Verleger
sich darin beteiligen, es ist essentiellement ein Guerillakrieg, und
5 man verdient nur, wenn man s e 11 e n so etwas riskiert. Der Markt
ist nicht groß genug, um eine spécialité aus dem Artikel zu
machen.
Es ist übrigens wurst, ob die Gesellschaft sich ruiniert, sie
ruiniert sich doch, mag sie’s anfangen wie sie will; aber bei der
io Garantie ruiniert sie sich zu rasch, das gibt ein hitziges Fieber mit
drei Krisen, von denen die dritte gewiß tödlich ist. Für die zu er¬
wartende Zufuhr von Manuskript, die nicht übergroß sein wird,
wäre eine gelinde Schwindsucht passender. Es ist nur schlimm,
daß ihr Kapital zu sehr angegriffen wird, wenn sie selbst druckt.
15 Sie müßte so viel haben, daß sie ca. anderthalb Jahr drucken
könnte. Denn gesetzt, das Kapital sei gleich 3000 Taler, das sie
imerstenjahr verwendet; die Ostermessen-Abrechnung bringt
ihr bei erträglichen Geschäften ca. zwei Drittel, also 2000 Taler
mindestens. Sie muß also noch wenigstens 1000 Taler fürs zweite
2o Jahr über jene 3000 Taler haben. So bleibt stets ca. Vs bis V< des
Kapitals engagiert, in Krebsen, schlechten Zahlern usw. Viel¬
leicht ließe sich dies unter Vorwand von allmählich abzahlbarem
Vorschuß extra von den Aktionären aufbringen. Es ist übrigens
nötig, sich vorher mit einem Buchhändler zu benehmen, um genau
25 zu wissen, wieviel vom angelegten Kapital am Ende des ersten
Jahrs stecken bleibt, oder in wieviel Zeit man sein Gesamtkapital
einmal umschlagen kann. Ich weiß das so genau nicht, ich habe
aber Gründe, zu glauben, daß ich in den obigen Rechnungen eher
zuwenig als zuviel stets engagiertes Kapital angenommen.
30 Der Herr Gerant mit seinen 20% vom Gewinn wird reich wer¬
den. Wenn in den Reservefonds auch 10% vom etwaigen Schaden
kommen, so gibt das ein hübsches Minus.
Was die Garantie für die Schriftsteller für Folgen hat,
davon will ich gar nicht sprechen. Ich bin der Meinung, daß man
35 sie abschlagen muß, wenn sie für größre Werke offeriert
wird. Einmal die Gesellschaft auf dieser Basis etabliert, können
wir keinem andren Buchhändler mehr etwas antragen, ohne daß
er glaubt, die Gesellschaft habe es refüsiert. Davon abge¬
sehen, daß dieselben Gründe, aus denen wir sie den Westfalen
40 abschlugen, auch hier existieren. Weder unsre Ehre noch unser
Interesse raten uns, darauf einzugehen.
Im einzelnen: Sieben im Tendenzkomitee sind zuviel. Drei,
höchstens fünf, sind genug. Man bekommt sonst Esel hinein oder
gar Intriganten. DasTendenzkomitee muß doch mehr oder weniger
45 in Brüssel wohnen. Wo ist da bei sieben Mitgliedern eine Wahl
26
(7) 1846 Anfang Aug.
möglich? Ist auch gar kein Grund, daß so viele sein sollen. Wir
werden doch die Arbeit tun müssen, und ich bin dabei für mein
Teil, was sollen uns also all die Beisitzer? Übrigens, wenn es den
Gutachten des Tendenzkomitees geht wie denen der Provinzial¬
landtage, wie dann? Es wird eine Heidenarbeit werden, all diese 5
schriftlichen Gutachten, indessen daß wir uns dem entziehen,
daran ist kein Gedanke. Wie gesagt, ich bin dabei für mein Teil.
— Query : Wenn die Bourgeois einen wahrhaft - sozialistischen
Aufsichtsrat ernennen, der unsre Gutachten outrepassiert, wie
dann? io
8. Engels an Marx in Brüssel; Paris 1846
August 19.
Cercle Valois, Palais Royal, 19. August 1846.
Lieber Marx,
Samstag abend nach einer strapaziösen Reise und viel Lange- 15
weile hier endlich angekommen. Ew[erbeck] gleich getroffen. Der
Junge ist sehr fidel, vollständig traktabel, empfänglicher wie je,
kurz, ich hoffe mit ihm in allen Dingen — mit einiger Geduld —
ganz gut herumzukommen. Von Jammer über Parteistreitigkeiten
ist keine Rede mehr — aus dem einfachen Grunde, weil er selbst in 20
die Notwendigkeit versetzt ist, hier einige Weitlingianer heraus¬
zubugsieren. Was er mit Grün eigentlich gehabt hat, wodurch der
Bruch mit ihm eintrat, darüber ist bis jetzt wenig verlautet; gewiß
ist, daß ihn Grün durch ein abwechselnd kriechendes, abwechselnd
hochfahrendes Betragen in einer gewissen respektvollen Zuneigung 25
erhielt. Ew[erbeck] ist über Heß vollständig im klaren, il n’a pas la
moindre sympathie pour cet homme-là! Er hatte ohnehin noch so
einen alten Privathaß gegen ihn von der Zeit her, da sie zusammen¬
wohnten. Wegen der Westfalen habe ich ihn gehörig gerüffelt.
Weydemeyer, dieser Lump, hatte einen westfälisch tränenvollen 30
Brief an B[emay]s geschrieben, worin die Edlen M[eyer] und
Rtempel] als Märtyrer der guten Sache dargestellt, die gern ihr
Alles geopfert, die wir aber mit Verachtung zurückgestoßen hätten
usw.; und die beiden leichtgläubigen Germanen, Ew[erbeck] und
B[emay]s, setzen sich zusammen hin, jammern über unsre Hart- 33
herzigkeit und Krakeelerei und glauben dem Leutnant aufs Wort.
Man hält dergleichen Aberglauben kaum für möglich. — Grün
hat die Arbeiter um ca. 300 fr. beschissen, unter dem Vorwande,
eine Broschüre von — anderthalb Bogen in der Schweiz
dafür drucken zu lassen. Jetzt kommen die Gelder dafür ein, 40
aber die Arbeiter erhalten keinen Heller davon. Sie fangen jetzt
Z. 29-41 -
(8) 1846 Aug. 19
27
an, ihm deswegen auf die Kneipe zu steigen. Ew[erbeck] sieht
jetzt ein, was er für Unsinn gemacht hat, diesen Gr[ün] unter die
Handwerker zu bringen. Er fürchtet jetzt eine öffentliche Anklage
Grüns vor diesen, weil er ihn für kapabel hält, alles der Polizei zu
5 denimzieren. Was der Kerl, der E [werbeck], aber leichgläubig ist!
Der pfiffige Grün hatte dem Ew [erbeck] selbst alle seine Lumpe¬
reien erzählt — aber natürlich als reine Heldentaten des Dé¬
vouements, und Ew [erbeck] glaubt ihm das alles aufs Wort. Von
den früheren Schweinereien dieses Kerls wußte er so nichts, als
io was der Delinquent selbst darüber zu erzählen für gut befunden.
Ew[erbeck] hat übrigens den Proudhon vor Griün] gewarnt.
Gr[iin] ist wieder hier, wohnt hinten auf dem Ménilmontant und
schmiert die scheußlichsten Artikel in die Triersche. Mäurer hat
dem Cabet die bezüglichen Stellen aus dem Grünschen Buche über-
15 setzt, Du kannst Dir Cabets Wut denken. Auch beim National ist
er außer allem Kredit.
Bei Cabet war ich. Der alte Knabe war recht kordial, ich ging
auf all seinen Kram ein, erzählte ihm von Gott und dem Teufel
usw. Ich werde öfter hingehen. Aber mit der Korrespondenz müs-
20 sen wir ihm vom Halse bleiben. Er hat erstens genug zu tun und
ist zweitens zu mißtrauisch. Il y verrait un piège, um seinen Namen
zu mißbrauchen.
Ich habe in den Epigonen „Das Wesen der Religion“ von Feuer¬
bach etwas durchgeblättert. Abgeséhen von einigen netten Aperçus
25 ist das Ding ganz im alten Stiefel. Anfangs, wo er sich rein auf die
Naturreligion beschränkt, ist er schon gezwungen, sich mehr auf
empirischem Boden zu verhalten, aber später wird’s kunterbunt.
Wieder lauter Wesen, Mensch usw. Ich werde es genau lesen
und Dir in kürzester Frist die Hauptstellen, wenn sie interessant
30 sind, exzerpieren, damit Du es für den Feuerbach noch ge¬
brauchen kannst. Einstweilen nur zwei Sätze. Das Ganze — ca.
sechzig Seiten — beginnt mit folgender vom menschlichen Wesen
unterschiedenen Definition der Natur: „Das vom menschlichen
Wesen oder Gott9 (!!)a), dessen Darstellung das ,Wesen des
35 Christentums* ist, unterschiedne und unabhängige Wesen (l)a),
das Wesen ohne1) menschliches Wesen (2)’), menschliche
Eigenschaften (3)a), menschliche Individualität (4)a), ist in
Wahrheit nichts andres als —s) die Natur4).“ Dies ist
doch das Meisterstück einer mit Donnerton ausposaunten Tauto-
40 logie. Dazu kommt aber noch, daß er das religiöse, vorgestellte
Phantom der Natur an diesem Satz vollständig hinten und vom
mit der wirklichen Natur identifiziert. Comme toujours. — Ferner,
H l nterstreichung von E.
2) Einfügung von E.
Gedankenstrich von E.
•) Natur von E. unterstrichen.
7. - 1-10
28
(8) 1846 Aug. 19
etwas weiter. „Religion ist die Beherzigung und Bekennung des¬
sen, was ich bin ( ! ) ^. . . Die Abhängigkeit von der Natur sich zum
Bewußtsein erheben, sie sich vorstellen, beherzigen, bekennen,
heißt sich zur Religion erheben^.“
Der Minister Dumon wurde dieser Tage im Hemde bei der Frau s
eines Präsidenten ertappt. Der Corsaire-Satan erzählt: Eine Dame,
die bei Guizot suppliziert hatte, sagte, — es ist schade — daß ein
so ausgezeichneter Mann wie Guizot, est toujours si sévère et
boutonné jusqu’au cou. DieFrau eines employé der travaux publics
sagt: On ne peut pas dire cela de M. Dumon, on trouve générale- io
ment qu’il est un peu trop déboutonné pour un ministre. —
Quelques heures après, nachdem ich dem Weilchen3) zu Ge¬
fallen umsonst ins Café Cardinal geloffen — das Weilchen ist
etwas knurrig, weil ihm die Démocratie pacifique seine Honorare,
ca. 1000 fr., nicht zahlt; es scheint eine Art great crisis and stop- is
ping of cash payments bei ihr eingetreten zu sein, und Weilchen ist
zu sehr Jude, um sich mit Banknoten auf das erste Phalanstère der
Zukunft abfertigen zu lassen. Übrigens werden die Herren Fourie¬
risten alle Tage langweiliger. Die Phalange enthält nichts als Un¬
sinn. Die Mitteilungen aus Fouriers Nachlaß beschränken sich 20
alle auf das mouvement aromal und die Begattung der Planeten,
die plus ou moins von hinten zu geschehen scheint. Aus der Be¬
gattung des Saturn und Uranus entstehen die Mistkäfer, welche
jedenfalls die Fourieristen selber sind — der Hauptmistkäfer aber
ist der Herr Hugh Doherty, der Irländer, der eigentlich noch 20
nicht einmal Mistkäfer, sondern erst Mistengerling, Mistlarve ist
— das arme Tier wälzt sich schon zum zehnten Male (10m® article)
in der question réligieuse herum und hat noch immer nicht heraus,
wie er mit Anstand sein exit machen kann.
Bernays hab ich noch nicht gesehen. Wie Ewterbeck] aber sagt, 30
ist es so gar arg mit ihm nicht und sein größtes Leiden die Lange¬
weile. Der Mann soll sehr robust und gesund geworden sein, seine
Hauptbeschäftigung, die Gärtnerei, scheint in Beziehung auf seinen
Kadaverzustand den Sieg über seinen Kummer davongetragen zu
haben. Auch hält er, dit-on, die Ziegen bei den Hörnern, wenn 30
seine— ? Gattin?—.die nur zwischen zwei Fragezeichen zu den¬
ken ist, sie melkt. Der arme Teufel fühlt sich in seiner Umgebung
natürlich unbehaglich, er sieht außer Ewerbeck, der wöchentlich
hinauskommt, keine Seele, läuft in einer Bauerjacke herum, geht
nie aus dem Sarcelles, das das elendeste Dorf der Welt ist und
nicht einmal ein cabaret hat. heraus, kurz, er ennuyiert sich zum
Sterben. Wir müssen sehen, daß wir ihn wieder nach Paris kriegen,
O Einfügung von E.
2) Unterstreichung von E.
’) Alexander Weill
(8) 1846 Aug. 19 29
dann ist er in vier Wochen wieder der alte. Da der Bornstein in
seiner Qualität als Mouchard nicht wissen soll, daß ich hier bin, so
haben wir dem B [emay] s erst geschrieben wegen eines Rendezvous
in Montmorency oder sonst in der Nähe, nachher schleifen wir ihn
5 nach Paris und wenden ein paar Franken dran, ihn einmal tüchtig
aufzuheitem. Dann wird er schon anders werden. Übrigens laß ihn
nicht merken, daß ich Dir so über ihn geschrieben habe, in seiner
überspannten romantischen Stimmung könnte der gute Junge sich
moralisch verletzt fühlen.
io Das Schönste ist, in dem Haus in Sarcelles sind zwei Weiber,
zwei Männer, mehrere Kinder, worunter ein zweifelhaftes, und
trotz alledem on n’y tire pas un coup. Nicht einmal Knaben¬
schänderei wird darin getrieben. C’est un roman allemand.
Madame Heß cherche un mari. Elle se fiche de Heß. S’il se
15 trouverait quelque chose de convenable, s’adresser à Madame Gsell,
Faubourg St. Antoine. Eile ist nicht nötig, da die Konkurrenz
nicht groß ist. Antworte bald. Dein E.
Adresse: 11, rue de 1’Arbre sec.
Es versteht sich, daß, was ich Dir hier und später über Ew[er-
wbeck], B[emay]s und andre Bekannte schreibe, strikt konfiden-
tiell ist.
Ich frankiere nicht, da ich knapp bei Gelde bin und vor dem
1. Oktober nichts zu erwarten habe. An selbigem Tage werde ich
aber einen Wechsel schicken, um meinen Anteil an den Porto-
25 auslagen zu decken.
ö. Engels an das Kommunistische Korrespon¬
denz-Komitee in Brüssel; Paris 1846 August 19.
Komiteebrief Nr. 1.
Komitee.
3o Carissimi — Unsre Geschichte wird hier sehr gut gehen.
Ewterbeck] ist ganz voll davon und wünscht nur, daß die offizielle
Organisation eines Komitees nicht übereilt werde, weil eine Spal¬
tung bevorsteht. Der Rest der Weitlingianer, eine kleine Schneider¬
clique, steht nämlich im Begriff, hier herausgeschmissen zu wer-
35 den, und Ewterbeck] hält es für besser, daß dies erst abgemacht
wird. Ewterbeck] glaubt indes nicht, daß mehr als vier bis fünf
der Hiesigen zur Korrespondenz zugezogen werden können, was
auch vollständig hinreichend ist. In meinem Nächsten hoffe ich die
Konstituierung anzeigen zu können.
Z. 10-17 (ist)
30
(9) 1846 Aug. 19
Diese Schneider sind wirklich gottvolle Kerls. Neulich haben
sie über Messer und Gabeln, ob die nicht besser an die Kette zu
legen seien, ganz ernsthaft diskutiert. Es sind ihrer aber nicht
viele. — Weitling selbst hat auf den letzten, durch uns ihm besorg¬
ten, sehr groben Brief der Pariser nicht geantwortet. Er hatte *
300 fr. für seine Erfindung zu praktischen Experimenten verlangt,
ihnen aber zugleich geschrieben, das Geld sei wahrscheinlich in
den Dreck geschmissen. Ihr könnt Euch denken, wie sie ihm ant¬
worteten.
Die Schreiner und Gerber dagegen sollen famose Kerls sein. io
Ich habe sie noch nicht gesehen, Ew[erbeck] betreibt das alles mit
bekannter Bedächtigkeit.
Ich will Euch jetzt einiges aus französischen Blättern mitteilen,
versteht sich aus solchen, die nicht nach Brüssel kommen.
Das Monatsblatt von P. Leroux wird fast ganz mit Artikeln I5
über St.-Simon und Fourier von P. L[eroux] selbst gefüllt. Er er¬
hebt darin St.-S[imon] in die Wolken und sucht Fourier möglichst
schlecht zu machen und als verfälschenden und verschlechternden
Nachtreter von St.-Simon darzustellen. So plagt er sich ab, zu be¬
weisen, daß die Quatre Mouvements nur ein verma terialistisiertes 20
Plagiat der — Lettres d’un habitant de Genève seien. Der Kerl ist
rein verrückt. Weil es dort einmal heißt, ein System, das alle
Wissenschaft enzyklopädisch zusammenfasse, ließe sich am besten
durch^ die Zurückführung aller Erscheinungen usw. auf die
pesanteur universelle durchführen, so muß Fourier daraus seine 25
ganze Lehre von der Attraktion genommen haben. Natürlich sind
alle Beweise, Zitate usw. nicht einmal hinreichend, zu beweisen,
daß F[ourier] die Lettres auch nur gelesen hatte, als er die
Quatre Mouvements schrieb. Dagegen wird die ganze Richtung
Enfantin als in die Schule hereingeschmuggelter Fourierismus be- 30
zeichnet. Das Blatt heißt Revue Sociale ou solution pacifique du
problème du prolétariat.
Das Atelier erzählt nachträglich über den reformistischen
Joumalkongreß: Es sei nicht dort gewesen und daher sehr er¬
staunt, sich auf der Liste der dort repräsentierten Journale zu 36
finden. Man habe le peuple de la presse so lange ausge¬
schlossen, bis die Basen der Reform festgestellt waren, und als
man dann den Ouvrierjoumalen die Türen zum Jasagen geöffnet,
habe es es unter seiner Würde gehalten, hinzugehen. Das Atelier
erzählt ferner, daß 150 Ouvriers, wahrscheinlich Buchezisten — 40
welche Partei nach Versicherung von Franzosen ca. 1000 Mann
stark sein soll —, am 29. Juli die Julitage ohne Erlaubnis der
Polizei durch ein Bankett feierten. Die Polizei mischte sich ein,
1) Korr, aus durch die Ideen
(9) 1846 Aug. 19
31
und weil sie sich nicht verpflichten wollten, keine politischen Reden
zu führen und keine Bérangerschen Lieder zu singen, wurden sie
aufgelöst.
„Die Epigonen“ des Herm Wigand sind hier. Herr Wtigand]
5 wirft sich hier mit furchtbarem Gepolter in die aufgeblähte Brust.
„An A. Ruge.“ Er hält diesem ihre beiderseitigen Pechheiten vor^
die sie seit vier Jahren ausgestanden. R[uge] konnte — in Paris
— „mit dem fanatischen Kommunismus1) nicht Hand
in Hand gehen“. Der Kommunismus ist ein Zustand „im eignen
io dünkelvollen Hirn ausgeheckt, eine beschränkte und dün¬
kelvolle Barbarei1), die der Menschheit gewaltsam auf¬
gedrängt werden soll. Schließlich renommiert er, was er nicht
alles tun will, „solange es noch Blei zu Lettern in der Welt gibt“.
Ihr seht, der candidat de la potence hat die Hoffnung noch nicht
15 aufgegeben, es bis zum candidat de la lanterne zu bringen.
Ich mache Euch aufmerksam auf den Artikel im heutigen Na¬
tional (mercredi 19) über die Abnahme der Wähler in Paris von
über 20000 auf 17 000 seit 1844.
11, rue de l’Arbre sec, 19. August 1846.
2o Euer E.
Paris ist tief gesunken; Danton verkauft Holz am Boulevard
Bourdon, Barbaroux hat einen Kattunladen Rue St. Honore, die
Réforme hat nicht die Kraft mehr, den Rhein zu verlangen, die
Opposition sucht die Kapazitäten und findet sie nicht, die Herren
25 Bourgeois legen sich so früh schlafen, daß um zwölf Uhr alles zu
sein muß, und la jeune France läßt sich das ruhig gefallen. Die
Polizei hätte das gewiß nicht durchgesetzt, aber die frühen Comp¬
toirstunden der Herren Prinzipale, die nach dem Sprichwort leben:
Morgenstunde hat usw. . . . Herm Grüns auf Kosten der Arbeiter
30 gedruckte Broschüre ist dieselbe, die ich einmal bei Seiler gesehen
habe: „Die preußischen Landtagsabschiede, ein Wort zur Zeit“
(anonym), enthält hauptsächlich Plagiate aus Marx’ Aufsätzen
(Deutsch-französische Jahrbücher) und kolossalen Unsinn. „Na¬
tionalökonomische“ und „sozialistische“ Fragen sind ihm iden-
35 tisch. Folgende Entwicklung der absoluten Monarchie: „Der
Fürst machte sich eine abstrakte1) Domäne1)2), und diese
geistige Domäne hieß der Staat8). Der Staat ward die Domäne der
Domänen; als Ideal der Domäne hebt er die einzelne Domäne
ebensowohl auf, als er sie stehen läßt, er hebt sie immer dann
40 auf, wenn sie absolut selbständig4) werden will usw.“ Diese
*) Unterstreichung von E.
’) Bei G. abstrakte, geistige Domäne
3) Bei G. der — Staat
•) Bei G. absolut, selbständig
32
(9) 1846 Aug. 19
„geistige“ Domäne „Preußen“ verwandelt sich gleich darauf in
eine Domäne, „auf der gebetet wird, eine geistliche Do¬
mäne“!! Resultat des Ganzen: Der Liberalismus ist in Preußen
theoretisch bereits überwunden, daher werden sich
die Reichsstände gar nicht mehr mit Bourgeoisfragen, sondern 5
directement mit der sozialen Frage beschäftigen. „Die Schlacht-
und Mahlsteuer ist die wahre Verräterin vom Wesen
der S t e u e r1}, sie verrät nämlich, daßjede2) Steuer eine
Kopfsteuer ist1}. Wer aber eine Kopfsteuererhebt,
der sagt^: Eure Köpfe und Leiber sind mein eigen, ihr seid io
köpf- und leibeigen3) . . . Die Schlacht- und Mahlsteuer
entspricht so sehr dem Absolutismus^ usw.“ Der
Esel hat zwei Jahre lang Oktroi bezahlt und weiß es noch nicht, er
glaubt, so was existiere nur in Preußen. Schließlich ist das Bro-
schürli, einige Plagiate und Phrasen abgerechnet, durch und n
durch liberal, und zwar deutsch-liberal.
Wie die Arbeiter hier allgemein glauben, hat Weitling die
Garantien nicht allein gemacht. Außer S. Schmidt, Becker
etc. sollen ihm einige Franzosen Material gegeben haben und be¬
sonders hatte er Manuskripte eines gewissen Ahrens aus Riga, Ar- 20
heiter in Paris, jetzt in Amerika, der auch die Hauptsache von
„der Menschheit wie sie ist und sein soll“ gemacht hat. Die Hie¬
sigen schrieben ihm das einmal nach London, worauf er sich sehr
erboste und bloß antwortete, das seien Verleumdungen.
[Auf der Adreßteile]
Monsieur Charles Marx. 19, plaine St. Gudule. Bruxelles.
FPostst ] Paris, 21. août 1846.
10. Engels an das Kommunistische Korrespon¬
denz-Komitee in Brüssel; Paris 1846 September 16.
Komiteebrief Nr. 2.
Komitee Nr. 2.
Liebe Freunde,
Eure Nachrichten über Belgien, London und Breslau waren
mir sehr interessant. Ich habe an Ew Terbeek] und B[emay]s da¬
von mitgeteilt, was sie interessierte. Haltet mich zugleich etwas w
au fait über den Sukzeß unsres Unternehmens und die plus ou
moins eifrige Teilnahme der verschiedenen Lokalitäten, damit ich
mich hier den Arbeitern gegenüber, soweit es politisch, auslassen
kann. Was machen die Kölner? — Von hier aus ist allerlei:
0 Unterstreichung von E.
’) Bei G. alle
’) Bei G. köpf- und leib eigen
Z. 17-24.
(10) 1846 Sept. 16
33
1. Mit den hiesigen Arbeitern bin ich mehrere Male zusammen
gewesen, d. h. mit den Hauptleuten der Schreiner aus dem Fau¬
bourg St. Antoine. Die Leute sind eigentümlich organisiert. Außer
ihrer — durch eine große Dissension mit den Weitlingschen
5 Schneidern — sehr in Konfusion geratenen Vereinsgeschichte
kommen diese Kerls, d. h. ca. zwölf bis zwanzig von ihnen, jede
Woche einmal zusammen, wo sie bisher diskutierten; da ihnen
aber der Stoff ausging, wie das gar nicht anders möglich, so war
E [werbeck] genötigt, ihnen Vorträge über deutsche Geschichte —
io ab ovo — und eine höchst verworrene Nationalökonomie — ver-
menschentümlichte Deutsch-französische Jahrbücher — zu halten.
Dazwischen kam ich. Zweimal hab ich, um mich mit ihnen in
Konnex zu setzen, die deutschen Verhältnisse seit der franzö¬
sischen Revolution, von den ökonomischen Verhältnissen aus-
15 gehend, auseinandergesetzt. Was sie nun in diesen Wochen¬
versammlungen loskriegen, wird Sonntags in den Barriere¬
versammlungen, wo Krethi und Plethi hinkommt, Weib und Kind,
durchgepaukt. Hier wird — abstraction faite de toute espèce de
politique — so etwas „soziale Fragen“ diskutiert. Das Ding ist
20 gut, um neue Leute hinzuzuziehen, denn es ist ganz öffentlich, vor
vierzehn Tagen war die Polizei da, wollte Veto einlegen, ließ sich
aber beruhigen und hat nichts weiter getan. Oft sind über
200 Leute zusammen. — Wie diese Geschichte jetzt ist, kann sie
unmöglich bleiben. Es ist eine gewisse Schläfrigkeit unter den
25 Kerls eingerissen, die aus ihrer Langeweile über sich selbst her¬
vorgeht. Was sie nämlich dem Schneiderkommunismus entgegen¬
setzen, ist weiter nichts als Grünsche menschentümliche Phrasen
und vergrünter Proudhon, den ihnen teils Herr Grün höchstselbst,
teils ein alter aufgeblasener Schreinermeister und Knecht Grüns,
30 Papa Eisermann, teils aber auch Amicus E [werbeck] mit Mühe
und Not eingebleut hat. Das ist ihnen natürlich bald alle gewor¬
den, eine ewige Repetition trat ein, und um sie vor dem Ein¬
schlafen (buchstäblich, dies riß furchtbar in den Sitzungen
ein) zu bewahren, quält sie E[werbeck] mit spitzfindigen Disquisi-
35 tionen über den „wahren Wert“ (den ich teilweise auf dem Ge¬
wissen habe) und ennuyiert sie mit den germanischen Urwäldern,
Hermann dem Cherusker und den scheußlichsten altdeutschen
Etymologien nach — Adelung, die alle falsch sind. Übrigens ist
nicht E [werbeck] der eigentliche Chef dieserLeute, sondern J [unge],
der in Brüssel war; der Kerl sieht sehr gut ein, was geändert
werden muß, und könnte sehr viel tun, denn er hat sie all in der
Tasche und zehnmal mehr Verstand wie die ganze Clique, aber er
ist zu wackelhaft und macht immer neue Projekte. Daß ich ihn
seit beinah drei Wochen nicht gesehen — er kam nie und ist nir-
45 gend zu finden —, ist die Ursache, daß noch so wenig ausgerichtet
3
34
(10) 1846 Sept. 16
ist. Ohne ihn sind die meisten schlapp und schwankend. Man muß
aber mit den Kerls Geduld haben; zuerst muß der Grün ausge¬
trieben werden, der wirklich direkt und indirekt einen schauder¬
haft erschlaffenden Einfluß ausgeiibt hat, und dann, wenn man
ihnen diese Phrasen aus dem Kopf gebracht, hoff’ ich, mit den 5
Kerls zu etwas zu kommen, denn sie haben alle einen großen Drang
nach ökonomischer Belehrung. Da ich E [werbeck], der bei be¬
kannter, jetzt im höchsten Grade blühender Konfusion den besten
Willen von der Welt hat, ganz in der Tasche habe, und Jtunge]
auch vollständig auf meiner Seite ist, so wird sich das bald 10
machen. Wegen der Korrespondenz habe ich mit sechsen beraten,
der Plan fand, besonders bei Jtunge], sehr großen Anklang und
wird von hier aus ausgeführt werden. Solange aber nicht durch
Zerstörung des persönlichen Einflusses des Grtün] und Aus¬
rottung seiner Phrasen wieder Energie unter die Leute gebracht 15
ist, so lange ist bei großen materiellen Hindernissen (besonders
Engagement fast aller Abende) nichts zu machen. Ich hab’ ihnen
offeriert, dem Grün in ihrer Gegenwart seine persönlichen Schuf¬
tereien ins Gesicht zu sagen, und B[emay]s will auch kommen —
E [werbeck] hat auch ein Hühnchen mit ihm zu pflücken. Dies 20
wird geschehen, sobald sie ihre eignen Sachen mit Gtriin] abge¬
macht, d. h. Garantie für das zum Druck der G[rün]schen Land¬
tagsscheiße vorgeschossene Geld bekommen haben. Da der J [unge]
aber nicht kam und die übrigen sich mehr oder weniger wie Kin¬
der benahmen gegenüber dem Gtriin], so ist auch das noch nicht 25
in Ordnung, obwohl bei einiger Energie das Ding in fünf Minu¬
ten abgemacht wäre. Das Pech ist, die meisten dieser Kerls sind
Schwaben.
2. Jetzt etwas Ergötzliches. Proudhon hat in dem neuen, noch
ungedruckten Buch, was Grün verdolmetscht, einen großen Plan, w
Geld aus nichts zu machen und allen Arbeitern das Himmelreich
nahezurücken. Niemand wußte, was das war. Gtriin] hielt sehr hin¬
ter dem Berge, renommierte aber sehr mit seinem Stein der Weisen.
Allgemeine Spannung. Endlich vorige Woche war Papa Eiser¬
mann bei den Schreinern, ich auch, und allmählich rückt der alte
Zierbengel höchst naiv-geheimnisvoll heraus. Herr Gtriin] hat ihm
den ganzen Plan vertraut. Jetzt hört dieGröße dieses Welterlösungs¬
plans: ni plus ni moins als die in England längst dagewesenen und
zehnmal bankrottierten labour-bazars oder labour-markets, Asso¬
ziationen aller Handwerker aller Zweige, großes Depot, alle von 40
den Associés eingelieferten Arbeiten genau nach den Kosten des
Rohprodukts plus der Arbeit taxiert und in andern Assoziations¬
produkten bezahlt, die ebenso taxiert werden. Was mehr gelie¬
fert, als in der Assoziation verbraucht wird, soll auf dem Welt¬
markt verkauft werden, der Ertrag den Produzenten ausbezahlt./j
(10) 1846 Sept. 16
35
Auf diese Weise, spekuliert der pfiffige Proudhon, umgeht er und
seine Mitassociés den Profit des Zwischenhändlers. Daß er dabei
auch den Profit auf sein Assoziationskapital umgeht,
daß dies Kapital und dieser Profit genausogroß sein müssen
5 wie das Kapital und der Profit der umgangnen Zwischenhändler,
daß er also mit der Rechten wegwirft, was die Linke bekommt,
daran hat der feine Kopf nicht gedacht. Daß seine Arbeiter nie das
nötige Kapital aufbringen können, weil sie sich sonst ebensogut
separat etablieren könnten, daß die etwaige aus der Assoziation
io hervorgehende Kostenersparnis durch das enorme Risiko mehr als
aufgewogen wird, daß die ganze Geschichte darauf hinausläuft,
den Profit aus der jetzigen Welt herauszueskamotieren und alle
Produzenten des Profits stehen zu lassen, daß sie eine wahre Strau¬
bingeridylle ist, die von vornherein alle große Industrie, Bauhand-
15 werke, Ackerbau usw. ausschließt, daß sie nur die Verluste der
Bourgeois zu tragen haben, ohne ihre Gewinne zu teilen, alles das
und hundert andre auf platter Hand liegende Einwände vergißt er
über dem Glück seiner plausiblen Illusion. Die Geschichte ist zum
Totschießen. Familienvater Grün glaubt natürlich an die neue
2o Erlösung und sieht sich schon im Geist an der Spitze einer Asso¬
ziation von 20000 Ouvriers (man will gleich groß anfangen),
wobei natürlich seine ganze Familie kostenfrei gespeist, gekleidet
und logiert wird. Der Proudhon aber blamiert sich und alle fran¬
zösischen Sozialisten und Kommunisten auf ewig, wenn er damit
26 herausrückt, vor den Bourgeoisökonomen. Daher jene Tränen,
jenes Polemisieren gegen die Revolution, weil er ein friedliches
Heilmittel in petto hatte. Der Pr[oudhon] ist grade wie der John
Watts. Dieser setzt seinen Beruf drin, trotz seines disrespektablen
Atheismus und Sozialismus bei den Bourgeois respektabel zu wer-
30 den;Pr[oudhon] bietet alles auf, um trotz seiner Polemik gegen die
Ökonomen ein großer anerkannter Ökonom zu werden. So sind
die Sektierer. Dabei noch so eine alte Geschichte!
3. Jetzt wieder eine höchst kuriose Geschichte. — Augsburger
Allgemeine Zeitung vom 21. Juli, Paris 16. Juli. Artikel über die
^russische Gesandtschaft. . . . „Das ist die offizielle Gesandt¬
schaft — aber ganz außerhalb oder vielmehr über derselben
steht ein gewisser Herr von Tolstoi, der keinen Titel hat, übri¬
gens als,VertrauterdesHofs‘ bezeichnet wird. Früher im
Unterrichtsministerium beschäftigt, kam er mit einer literari-
4o sehen Mission nach Paris, schrieb hier einige Mémoires für
sein Ministerium, lieferte einige Übersichten der französischen
Tagespresse. Dann schrieb er nichts mehr, tat aber desto mehr.
Er macht ein glänzendes Haus, geht zu aller Welt, empfängt
alle Welt, beschäftigt sich mit allem, weiß alles und arran-
4.5 giert vieles. Er scheint mir der eigentliche russische
3*
36
(10) 1846 Sept. 16
Botschafter in Paris, . . . seine Verwendung bewirkt Wun¬
der“ (— alle Polen, die begnadigt sein wollen, adressierten sich
an ihn —) „— auf der Gesandtschaft beugt sich alles vor
ihm und in Petersburg erfreut er sich großer
Rücksichten.“ — Dieser Tolstoi ist niemand anders als unser 5
Tolstoi, der Edle, der uns vorlog, in Rußland seine Güter ver¬
kaufen zu wollen. DerMann hatte außer seiner einen Wohnung, wo
er uns hinführte, noch ein glänzendes Hotel in der Rue Mathurin,
wo er die Diplomatie empfing. Die Polen und viele Franzosen
haben das längst gewußt, nur die deutschen Radikalen nicht, bei io
denen er es für besser hielt, sich als Radikalen zu insinuieren. Der
obige Artikel ist von einem Polen geschrieben, den Bernays kennt,
und sogleich in den Corsaire-Satan und den National
übergegangen. Tolstoi hat, als er den Artikel las, weiter nichts be¬
merkt, als sehr gelacht und Witze darüber gerissen, daß er endlich is
ausgefunden sei. Er ist jetzt in London und wird, da seine Rolle
hier ausgespielt ist, dort sein Glück versuchen. Es ist schade, daß
er nicht wiederkommt, ich würde sonst einige Witze mit ihm ver¬
sucht haben und schließlich in der Rue Mathurin meine Karte ab¬
gegeben. Daß nach diesem der von ihm empfohlene Annenkow 20
ebenfalls ein russischer Mouchard ist, c’est clair. Selbst Bakunin,
der die ganze Geschichte wissen mußte, da die andern Rus¬
sen sie gewußt haben, ist sehr verdächtig. Ich werde mir gegen ihn
natürlich nichts merken lassen, sondern Revanche an den Russen
nehmen. So ungefährlich diese Spione für uns sind, so darf man 25
ihnen das doch nicht passieren lassen. Sie sind gute Sujets, um an
ihnen Intrigenexperimente in corpore vili zu machen. Dazu sind
sie sonst so übel gar nicht.
4. Vater Heß. Nachdem ich dessen auf selbigen fluchende und
schimpfende Gattin hier glücklich der Vergessenheit, d. i. dem^
äußersten Ende des Faubourg Saint-Antoine, wo da ist Heulen und
Zähnklappen (Grün und Gsell), überliefert habe, erhalte ich vor
einiger Zeit vermittelst eines gewissen Reinhardt ein ferneres
Wiederanknüpfungsschreiben des Kommunistenpapas. Das Ding
ist zum Totlachen. Natürlich als ob nichts vorgefallen wäre, ganz 35
in dulci jubilo, und dazu ganz der alte Heß. Nachdem er konsta¬
tiert hat, daß er mit „der Partei“ wieder einigermaßen ausgesöhnt
(das Judde-Gränzchen scheint falliert zu haben) — „auch wieder
Lust am Arbeiten hat“ (welches Ereignis mit Glocken eingeläutet
werden sollte), folgende historische Notiz (de dato 19. August):^
„Hier in Köln wär’s vor einigen Wochen auf ein Haar zu
einer blutigen Erneute gekommen, es waren schon sehr
viele bewaffnet (wozu Moses gewiß nicht gehörte). Das Ding
kam nicht zum Ausbruch, weil die Soldaten sich nicht zeig¬
ten (enormer Triumph des Kölner Schöppchesphilisters) usw.^
Z. 29 (auf)—30 (schimpfende)
(10) 1846 Sept. 16
37
usw.usw.“ ... Dann von den Bürgerversammlungen, wo „wir“, id
est „die Partei“ und Herr Moses, qua Kommunisten „so voll¬
ständig siegten, daß wir usw. Wir haben zuerst die Geld¬
aristokraten ... und dann die kleinen Bourgeois mit Glanz (da
5 sie keine Talente unter sich haben) ausdemFeldegeschla-
g e n. Wir hätten (!) in den Versammlungen zuletzt alles
durchsetzen können (z. B. den Moses zum Oberbürger¬
meister machen); ein Programm, worauf die Versammlung ihre
Kandidaten verpflichtete, ging durch, welches (hört, hört) von
io den englischen und französischen Kommunisten
nicht radikaler hätte abgefaßt (und von niemandem
unsinniger als von Mose aufgefaßt) werden können (!!!) ...
Sehe (sic) Dich zuweilen nach meiner [Frau]1* um (es wird bei¬
derseits gewünscht, daß ich die weibliche Seite für meine Rech-
16 nung und Gefahr übernehmen möchte, j’en ai les preuves) . . .
und teile dem Ewerbeck zurHerzensstärkung dieses mit.“
Gesegn’ Euch Gott diese „Herzensstärkung“, dies Manna aus der
Wüste. Ich ignoriere das Vieh natürlich komplett — jetzt hat er
auch an E [werbeck] geschrieben (und zwar bloß, um seiner weib-
2o liehen Seite einen Brief auf dessen Kosten zukommen zu lassen)
und droht, in zwei Monaten herzukommen. Wenn er mich besucht,
denk’ ich ihm auch etwas „zur Herzensstärkung“ mitteilen zu
können.
Da ich einmal im Zuge bin, so will ich Euch schließlich noch
*6 mitteilen, daß Heine wieder hier ist und ich vorgestern mit
E [werbeck] bei ihm war. Der arme Teufel ist scheußlich auf dem
Hund. Er ist mager geworden wie ein Gerippe. Die Gehirn¬
erweichung dehnt sich aus, die Lähmung des Gesichts desgleichen.
E [werbeck] sagt, er könne sehr leicht einmal an einer Lungen-
m lähmung oder an irgend einem plötzlichen Kopf zufall sterben,
aber auch noch drei bis vier Jahre abwechselnd besser oder
schlechter sich durchschleppen. Er ist natürlich etwas deprimiert,
wehmütig, und was am bezeichnendsten ist, äußerst wohlwollend
(und zwar ernsthaft) in seinen Urteilen — nur über Mäurer reißt
35 er fortwährend Witze. Sonst bei voller geistiger Energie, aber sein
Aussehen, durch einen ergrauenden Bart noch kurioser gemacht
(er kann sich um den Mund nicht mehr rasieren lassen), reicht
hin, um jeden, der ihn sieht, höchst trauerklötig zu stimmen. Es
macht einen höchst fatalen Eindruck, so einen famosen Kerl so
ic Stück für Stück absterben zu sehen.
Auch den großen Mäurer hab ich gesehen. „Männlein, Männ¬
lein, was wiegen Sie so leicht!“ Der Mann ist wirklich sehenswert,
9 Papier beschädigt.
Z. 13 (es)—15 (preuves)
38 HO) 1316 Sept. 16
hätte ein sanftes Gesicht.
Mittwoch,
16. September 1846.
ich hab ihm die größten Grobheiten gemacht, zum Dank nimmt
mich der Esel in seine besondre Affektion und sagt mir nach, ich
Er sieht freilich aus wie Karl
Moor sechs Wochen nach sei¬
nem Tode. Antwortet bald! &
Euer E.
Amüsiert Euch an folgendem: Journal des Economistes, August
d. J. enthält in einem Artikel über die Biedermännischen Artikel
[über]den Kommunismus folgendes: Erst Heß’ ganzer Unsinn
komisch französiert, dann heißt es, der nächste ist M. Marx, io
„M. Marx est un cordonnier, comme un autre Communiste
allemand, Weitling, est un tailleur. Le premier (Marx) n’a pas
une grande estime pour le communisme français (!) qu’il a été
assez heureux d’étudier sur les lieux. M. ne sort du reste point
non plus (erkennst Du an dieser Elsässer Phrase nicht Herm Fix? ) n
des formules abstraites et il se garde bien d’aborder aucune que¬
stion véritablement pratique. Selon lui (gib acht auf den Unsinn)
l’émancipation du peuple allemand sera le signal de l’émanci¬
pation du genre humain; la tête de cette émancipation serait la
philosophie et son coeur le prolétariat. Lorsque tout sera préparé, 20
le coq gaulois sonnera la résurrection germanique... Marx dit
qu’il faut créer en Allemagne un prolétariat universel ( ! ! )
afin de réaliser la pensée philosophique du communisme.“ Signé
T. F. (mort depuis). Das war sein letztes Werk. Der vorherige
Band brachte eine gleich komische Kritik meines Buchs. Das w
Septemberheft enthält eine Kritik über Julium^, die ich noch
nicht gelesen.
In der Fraternité ist großer Streit zwischen Materialisten und
Spiritualisten gewesen. Die Materialisten, mit 23/22 überstimmt,
sind ausgetreten. Das hindert aber die Fraternité nicht, einen sehr jo
hübschen Artikel über die verschiednen Zivilisationsstufen und
ihre Fähigkeit, sich zum Kommunismus fortzuentwickeln, zu
bringen.
Schreibt mir bald, da ich in vierzehn Tagen von hier aus
[ . ? . ] ^ so einer Geschichte ein Brief leicht liegen [ . ? . ]oder a
refüsiert wird im alten Lokal.
[Auf der Adreßseite]
Monsieur Charles Marx au Bois Sauvage, Plaine Ste. Gudule.
Bruxelles. [Postst] . . . beau . . . 19. Septembre
O Papier beschädigt.
2) Gustav Julius
Z. 34-36.
(11) 1846 Sept. 18
39
11. Engels an Marx in Brüssel; Paris 1846 Sep¬
tember 18.
Lieber Marx,
Eine Masse Sachen, die ich Dir privatim schreiben wollte, sind
ô mir in den Geschäftsbrief hereingeraten, weil ich den zuerst
schrieb. Diesmal macht es nichts, daß die andern den Dreck mit¬
lesen. — Die Auszüge aus Fteuerbach] zu machen, habe ich mich
aus einem gewissen Grauen bisher nicht entschließen können. Hier
in Paris kommt einem das Zeug vollends laff vor. Ich hab das
io Buch aber jetzt im Hause und setze mich ehestens dran. Der süße
Kohl Weydemeyers ist rührend. Der Kerl erklärt erst ein Mani¬
fest abfassen zu wollen, worin er uns für Lumpen erklärt, und
wünscht dann, das möge keine persönlichen Differenzen absetzen.
Sowas ist selbst in Deutschland nur an der hannöversch-preußi-
iö sehen Grenze möglich. Daß Dein Geldpech noch immer anhält,
ist schändlich. Ich weiß für unsre Manuskripte keinen Verleger
außer Leske, den man während der Unterhandlung über die
Kritik seines Verlags in Unwissenheit halten müßte. Löwenthfal]
nimmt’s gewiß nicht, er hat dem Blemayls eine sehr gute
20 Spekulation (Das Leben des hiesigen Alten, in zwei Bänden, den
ersten gleich zu drucken und mit dem Tode des Alten sofort zu
expedieren, den zweiten dann gleich folgen zu lassen) unter aller¬
lei lausigen Vorwänden abgeschlagen. Er ist auch feig, er sagt,
er könne aus Frankfurt geschaßt werden. B[emay]s hat Aussicht,
25 bei Brockhaus unterzukommen, der natürlich glaubt, das Buch
werde bourgeoismäßig abgefaßt. — Haben die Westfalen die
Manuskripte an D[aniel]s geschickt? — Hast Du von dem Kölner
Projekte etwas Näheres gehört? wovon Heß schrieb, Du weißt. —
Gottvoll ist aber vor allem der Lüningsche Kohl. Man sieht den
,?öKerl leibhaftig vor sich, wie er einen biedermännischen Schiß in
die Hosen riskiert. Wenn wir ihre ganze Lumperei kritisieren, so
erklärt der Edle das für eine „Selbstkritik“. Es wird diesen
Kerls aber bald widerfahren, was geschrieben steht: „Und wenn
er keinen Hintern hat, wo will der Edle sitzen?“ Und Westfalen
35 scheint allmählich zu merken, daß es keinen Hintern hat, oder,
um mit Mose zu sprechen, keine „materielle Basis“ für seinen
Kommunismus.
Der Püttmann hat, was mich angeht, so unrecht nicht gehabt,
zu sagen, die Brüsseler arbeiteten mit am Prometheus. Höre, wie
io fein das Schindluder das angefangen hat. Da ich auch Geld
brauchte, schrieb ich ihm, er solle endlich mit dem mir seit Jahr
und Tag schuldigen Honorar herausrücken. Der Kerl antwortet,
was das Honorar für den einen Aufsatz angehe, den er im Bürger¬
buch abgedruckt, so habe er Leske beauftragt, mir das zu zahlen
Z. 10-15. 29 (Man)-31. 38-44 -
40
(11) 1846 Sept. 18
(ist natürlich noch nicht da), was aber das für den andern Auf¬
satz, in dem 2. Rheinischen Jahrbuch betreffe, so habe Er
das zwar schon vom Verleger erhalten, aber da die deutschen
soi-disant Kommunisten Ihn, den großen P, mit seinem andern
großen P, dem Prometheus, aufs schändlichste im Stich gelassen 5
hätten, so sei Er, P. No. 1, genötigt gewesen, die Honorare
(worunter auch welches für E [werbec] k etc.) zum Druck von P
No. 2 zu verwenden, und werde uns selbiges erst nach x Wochen
gezahlt werden können! ! Schöne Kerls, wenn man ihnen kein Ma¬
nuskript gibt, so machen sie main basse aufs Geld. So wird man io
Mitarbeiter und Aktionär am Prometheus.
Die Londoner Adresse hab ich gestern abend hier bei den
Arbeitern bereits gedruckt gelesen. Schund. Adressieren sich an
das „Volk“, d.h. die vorausgesetzten Proletarier in Schleswig-Hol¬
stein, wo nichts wie plattdeutsche Bauerlümmel und zünftige is
Straubinger herumstrolchen. Haben von den Engländern gerade
den Unsinn, die totale Ignorierung aller wirklich vorliegenden
Verhältnisse, Unfähigkeit, eine historische Entwicklung aufzu¬
fassen, gelernt. Statt die Frage zu beantworten, wollen sie, daß
das in ihrem Sinn gar nicht dort existierende „Volk“ sie igno- 20
rieren, sich friedlich, passiv verhalten soll; sie denken nicht dran,
daß die Bourgeois doch tun, was sie wollen. Mit Abzug der
ziemlich überflüssigen und gar nicht mit ihren Schlußresultaten
im Zusammenhang stehenden Schimpfereien auf die Bourgeois
(die ebensogut durch free-trade-Phrasen ersetzt werden könnten) 25
könnte die free-trade-press von London, die Schleswig-Holstein
nicht im Zollverein sehen will, das Ding erlassen haben. —
Daß der Julius im preußischen Solde steht und für Rother
schreibt, stand schon in deutschen Zeitungen angedeutet. Bour¬
geois 1}, der ja so entzückt von seinen edlen Werken war, wie 30
D’E[ster] erzählte, wird sich freuen, wenn er das hört. — Apro¬
pos Schleswig-Holstein; der Kutscher hat vorgestern in drei Zeilen
dem E [werbec] k geschrieben, man möge sich mit Briefen jetzt
in acht nehmen, die Dänen erbrächen alles. Er meint, es könne
doch wohl zu den Waffen kommen. Dubito, aber es ist schön, daß x
der alte Däne die Schleswig-Holsteiner so derb zusammenfuchst.
Hast Du übrigens das berühmte Gedicht „Schleswig-Holstein
meerumschlungen“ im Rheinischen Beobachter gelesen? Es
macht etwa folgenden Eindruck, die Worte hab ich unmöglich
behalten können : 40
Schleswig-Holstein, meerumschlungen, Schleswig-Holstein,
stammverwandt,
Schleswig-Holstein, deutscher Zungen, — Schleswig-Holstein,
deutscher Strand!
1 ) Heinrich Bürgers
Z - 1-11. 28-44 -
(11) 1846 Sept. 18
41
Schleswig-Holstein, brunstdurchdrungen, Schleswig-
Holstein, glutentbrannt,
Schleswig-Holstein, ernst gerungen, Schleswig-Holstein,
halte Stand !
s Schleswig-Holstein, frisch gesungen: „Schleswig-Holstein!
Dän’scher Tand!“
Schleswig-Holstein, bis erklungen: „Schleswig-Holstein“,
all durchs Land !
Schleswig-Holstein, starke Lungen, — Schleswig-Holstein,
io schwache Hand,
Schleswig-Holstein, dumme Jungen, — Schleswig-Holstein,
Affenschand.
Schleswig-Holstein, stammverwandt, Bleibe treu, mein Vater¬
land, schließt dann der Dreck. Es ist ein schauderhaftes Lied,
!5 wert von Dithmarschen g e sungen zu werden, die wieder wert sind,
von Püttmann b e sungen worden zu sein.
Die Kölner Bourgeois rüffeln sich. Sie haben einen Protest
gegen die Herren Minister erlassen, der für deutsche Bürger das
Mögliche ist. Der arme Berliner Kanzelredner1}! Mit allen Stadt-
2o raten seines Reichs liegt er in den Haaren; erst die Berliner
theologische Disputation, dann die Breslauer item, jetzt die Kölner
Geschichte. Der Bengel gleicht übrigens auf ein Haar dem Jakob
dem Ersten von England, den er sich wirklich zum Muster ge¬
nommen zu haben scheint. Nächstens wird er wohl, wie dieser,
auch noch Hexen verbrennen lassen.
Dem Proudhon hab’ ich im Geschäftsbrief wirklich himmel¬
schreiendes Unrecht getan. Da in diesem letzteren Brief kein Platz
ist, so muß ich’s hier redressieren. Ich habe nämlich geglaubt, er
habe einen kleinen Unsinn, einen Unsinn innerhalb der Grenzen
30 des Sinns gemacht. Gestern kam die Sache nochmals und ausführ¬
lich zur Diskussion, und da erfuhr ich, daß dieser neue Unsinn
wirklich ein ganzunbegrenzterUnsinn ist. Stelle Dir vor:
Proletarier sollen kleine Aktien sparen. Davon wird (unter
10—20 000 Arbeitern fängt man natürlich gar nicht an) zuerst
33 ein oder mehrere Ateliers in einem oder mehreren Handwerken
errichtet, ein Teil der Aktionäre dort beschäftigt und die Pro¬
dukte 1. zum Preis des Rohmaterials plus der Arbeit an die Aktio¬
näre (die so keinen Profit zu zahlen haben) und 2. der etwaige
Überschuß zum laufenden Preise im Weltmarkt verkauft. Sowie
4o sich das Kapital der Gesellschaft durch Neuhinzutretende oder
durch neue Ersparnisse der alten Aktionäre vermehrt, wird es zur
Anlage neuer Ateliers und Fabriken verwandt usf. usf., bis —
alle Proletarier beschäftigt, alle im Lande befindlichen Pro-
O Friedrich Wilhelm IV.
Z. - 1-16. 27-28 (so)
42
(in 1846 Sept. 18
duktivkräfte auf gekauft und dadurch die in den Händen der Bour¬
geois befindlichen Kapitalien die Macht verloren haben, Arbeit zu
kommandieren und Profit zu bringen! So hebt man dann das Ka¬
pital auf, indem man „eine Instanz findet, wo das Kapital, d. h.
das Zinswesen“ (Vergrünung des einigermaßen näher ans Tages- 5
licht gerückten droit d’aubaine von ehedem) „sozusagen verschwin¬
det“. Du wirst in diesem von Papa Eisermann zahllose Male wie¬
derholten, also von Grün auswendig gelernten Satze die ursprüng¬
lichen Proudhonschen Floskeln noch deutlich durchschimmem
sehen. Die Leute haben nichts mehr und nichts weniger im Sinn, io
als einstweilen ganz Frankreich, später vielleicht auch die
übrige Welt, vermöge proletarischer Ersparnisse und unter Ver-
zichtung auf den Profit und die Zinsen ihres Kapitals a u f z u -
kaufen. Ist so ein famoser Plan je erdacht worden, und ist es
nicht ein viel kürzerer Weg, wenn man einmal einen tour de force is
machen will, lieber gleich aus dem Silber—schein des Mondes
Fünffrankentaler zu prägen. Und die dummen Jungens von Arbei¬
tern hier, die Deutschen mein’ ich, glauben an den Dreck; sie,
die nicht sechs Sous in der Tasche behalten können, um am Abend
ihrer Zusammenkünfte zu einem marchand de vin zu gehen, wol- 20
len mit ihren Ersparnissen toute la belle France aufkaufen. Roth¬
schild und Konsorten sind wahre Stümper neben diesen kolossalen
Akkapareurs. Es ist um die Schwerenot zu kriegen. Der Grün hat
die Kerls so versaut, daß die unsinnigste Phrase für sie mehr
Sinn hat, als die einfachste, zum ökonomischen Argument ver- 25
nutzte Tatsache. Daß man gegen solchen barbarischen Unsinn
noch pauken muß, ist doch niederträchtig. Aber man muß Geduld
haben, und ich lass’ die Kerls nicht laufen, bis ich den Grün aus
dem Felde geschlagen und ihnen die verduselten Schädel geöffnet
hab. Der einzige klare Kerl, der auch den ganzen Unsinn ein- 30
sieht, ist unser J[unge], der in Brüssel war. Der E [werbec] k hat
den Kerls auch den Kopf voll des tollsten Zeugs gesetzt. Der Kerl
ist dir jetzt in einer Konfusion zum Schwanzausreißen, er grenzt
von Zeit zu Zeit an Wahnsinn und kann, was er gestern mit seinen
eignen Augen gesehen, Dir heute nicht wiedererzählen. Ge- 3i
schweige was er gehört. Wie sehr der Kerl aber unter der Fuchtel
des Grün gestanden, davon nur dies: als der Trierer Walthr
vorigen Winter über die Zensur nach allen Seiten hin jammerte,
stellte Grün ihn als einen Märtyrer der Zensur dar, der den edel¬
sten und tapfersten Kampf führe usw., und exploitierte E[werbec]k 40
und die Arbeiter dazu, daß sie eine höchst pomphafte Adresse an
diesen Esel von Walthr auf setzten und unterzeichneten und ihm
Dank sagten für seinen Heldenmut im Kampfe für die Freiheit
des Wortes!!!! Der E[werbeck] schämt sich wie ein Mops und
ärgert sich wütend über sich selbst; aber der Unsinn ist geschehen, r
Z. 23 (Der)-24,
(11) 1846 Sept. 18
43
und jetzt hat man ihm und den Arbeitern die paar Worte wieder
auszupauken, die er sich selbst mit saurem Schweiß in den Kopf
hineingestiert und den Arbeitern dann mit ebenso‘saurem Schweiß
eingebleut hat. Denn er versteht nichts, bis er’s nicht auswendig
j gelernt hat, und dann versteht er’s meist noch falsch. Wenn er
nicht den enormen guten Willen hätte und dabei sonst ein so
liebenswürdiger Kerl wäre, was er jetzt mehr als je ist, so wäre
gar nicht mit ihm fertig zu werden. Es soll mich wundern, wie es
mir mit ihm gerät; zuweilen macht er ganz nette Bemerkungen,
io gleich drauf aber wieder den größten Unsinn — so seine jetzt in
Gott ruhenden deutschen Geschichtsvorträge, bei denen man sich
wegen der in jedem Wort befindlichen Schnitzer und Tollheiten
kaum das Lachen verbeißen konnte. Aber, wie gesagt, enormer
Eifer und Eingehen auf alles, mit merkwürdiger Bereitwilligkeit,
15 und ein unverwüstlicher guter Humor und Selbstironie. Ich mag
den Kerl, trotz seines Unsinns, besser leiden als je. — Von
B[emay]s ist nicht viel zu sagen. Ich war mehrmals draußen, er
einmal hier. Kommt wahrscheinlich Winter her, fehlt nur an
Geld. Westfalen hat ihm fr. 200 geschickt, ihn zu bestechen;
2o er nimmt das Geld, läßt sie im übrigen natürlich laufen. Weyde¬
meyer hatte ihm das Geld vorher angeboten, er schreibt, er müsse
fr. 2000 haben, sonst könne ihm’s nicht nützen, ich sagte
ihm, was die Westfalen antworten würden, sie könnten nichts
liquid machen etc. etc. — traf wörtlich ein. Zum Dank behält
25 er die fr. 200. Er lebt ganz fidel, aus seiner ganzen tragischen
Geschichte macht er gegen niemand ein Geheimnis, steht sich ganz
fidel mit den Leuten, lebt wie ein Bauer, arbeitet im Garten, frißt
gut; ich hab ihn im Verdacht, ein Bauermädel zu beschlafen, und
hat auch auf gehört, mit seinen Leiden Etalage zu machen. Ist
M auch dahin gekommen, über die Parteistreitigkeiten klarere und
verständigere Ansichten zu hegen, obwohl er selbst jedesmal, wenn
so etwas vorfällt, etwas Camille-Desmoulins spielen möchte und
überhaupt zum Parteimann nicht taugt; wegen seiner Meinungen
über das Recht ist ihm jetzt nicht gut beizukommen, weil er mit
35 dem Einwurf: Ökonomie, Industrie usw. sei nicht sein Fach, jedes¬
mal abzubrechen sucht und bei den seltnen Zusammenkünften
keine ordentliche Diskussion zustande kommt; ich glaube indes
schon etwas Bresche geschossen zu haben, und wenn er herkommt,
werd’ ich ihm sein Mißverständnis wohl schließlich nehmen kön-
w nen. — Was machen die Leute dort?
Dein E.
11, rue etc., 18. September 1846.
Query : Ist die Geschichte mit dem Tolstoi, die vollständig
richtig ist, nicht den Londonern mitzuteilen? Die Deutschen
Z. 19-29. 31 (obwohl)—33 ;
44
(11) 1846 Sept. 18
könnten, falls er bei ihnen seine Rolle fortspielte, einmal ein paar
Polen scheußlich kompromittieren. Wenn sich der Kerl auf
Dich beriefe?
Bernays hat eine Broschüre in der Rothschildschen Polemik ge¬
schrieben; kommt in der Schweiz deutsch und in einigen Tagen 5
hier französisch heraus.
12. Engels an Marx in Brüssel; [Paris 1846
Mitte Oktober].
Lieber M.,
Ich habe mich endlich nach langem Widerstreben drangemacht, 10
den Dreck von Feuerbach durchzulesen, und finde, daß wir in
unsrer Kritik1) darauf nicht eingehen können. Weshalb, wirst Du
sehen, nachdem ich Dir den Hauptinhalt mitgeteilt.
Das Wesen der Religion, Epigonen, Bd. I, p. 117—178. —
„Das Abhängigkeitsgefühl2-* des Menschen ist der 15
Grund8) der Religion“, p. 117. Da der Mensch zuerst von der
Naturs) abhängig, so „ist die Natur der erste ursprüngliche Gegen¬
stand der Religion4)“, p. 118. („Natur ist nur ein allgemeines8)
Wort8) zur Bezeichnung der Wesen, Dinge usw. usw., die der
Mensch von sich und seinen Produkten2) unterscheidet.“) 20
Die ersten religiösen Äußerungen sind Feste, in denen Natur¬
prozesse, Wechsel der Jahreszeiten usw. usw. dargestellt. Die spe¬
ziellen Naturverhältnisse und Produkte, in deren Umgebung ein
Stamm oder Volk lebt, gehen in seine Religion über. — Der Mensch
wurde in seiner Entwicklung von andern Wesen unterstützt, die 25
aber nicht Wesen höherer Art, Engel waren, sondern Wesen
niederer Art, Tiere. Daher Tierkultus (folgt eine Apologie der
Heiden gegen die Angriffe der Juden und Christen, trivial). Die
Natur bleibt fortwährend, auch bei den Christen, der verborgne
Hintergrund der Religion. Die den Unterschied Gottes vom Men- 30
sehen begründenden Eigenschaften sind Eigenschaften der Natur
(ursprünglich, der Grundlage nach). So Allmacht, Ewigkeit, Uni¬
versalität usw. usw. Der wirkliche Inhalt Gottes ist nur die Natur:
das heißt insofern Gott nur als Urheber der Natur, nicht als poli¬
tischer und moralischer Gesetzgeber vorgestellt wird. — Polemik 3;
gegen die Schöpfung der Natur durch ein verständiges Wesen,
gegen die Schöpfung aus Nichts usw. — meist „vermenschlichter“,
das heißt in gemütliches, Bürgerherzen-ergreifendes Deutsch
0 „Die Deutsche Ideologie“
2) V nter Streichung von E.
3) Bei F, gesperrt.
•) erste ursprüngliche Gegenstand der Religion bei F. gesperrt.
(12) 1846 Mitte Okt.
45
übersetzter materialismus vulgaris. — Die Natur in der Natur¬
religion ist nicht Gegenstand als Natur, sondern „als persönliches,
lebendiges, empfindendes Wesen ... als Gemütswesen1}, d. i.
subjektives, menschliches2) Wesen“, p. 138. Daher betet man sie
ö an, sucht sie durch menschliche Beweggründe usw. usw. zu be¬
stimmen. Dies kommt hauptsächlich daher, daß die Natur ver¬
änderlich ist. „Das Gefühl der Abhängigkeit von der Natur in
Verbindung mit der Vorstellung der Natur als eines willkürlich
tätigen, persönlichen Wesens ist der Grund des Opfers1), des
jo wesentlichsten Aktes der Naturreligion3)“, p. 140. Da aber der
Zweck des Opfers ein selbstsüchtiger ist, so ist der Mensch
doch das Endziel der Religion, die Gottheit des Menschen ihr
Endzweck. — Folgen triviale Glossen und feierliche Auseinander¬
setzungen darüber, daß rohes Volk, das noch Naturreligion hat,
15 auch Dinge zu Göttern macht, die ihm unangenehm sind, Pest,
Fieber usw. „So wie der Mensch aus einem nur physikalischen
Wesen ein politisches4), überhaupt ein sich von der Natur un¬
terscheidendes und auf sich selbst konzentrierendes Wesen ( ! ! !)5)
wird, so wird auch sein Gott zu einem politischen, von der Natur
20 unterschiedenen Wesenfl). „Daher4)“ kommt „der Mensch zur
Unterscheidung seines Wesens von der Natur und folglich zu einem
von der Natur unterschiednen Gott zunächst nur durch seine Ver¬
einigung mit andern Menschen zu einem Gemeinwesen, wo
ihm von der Natur unterschiedene, nur im Gedanken oder in der
26 Vorstellung existierende Mächte (!!!) die Macht des Gesetzes,
der Meinung, der Ehre, der Tugend Gegenstand seines Abhängig¬
keitsgefühles . . . wird7).“ (Dieser scheußlich stilisierte Satz steht
p. 149.) Die Naturmacht, die Macht über Leben und Tod, wird
herabgesetzt zu einem Attribut und Werkzeug der politischen und
io moralischen Macht. Intermezzo p. 151 über Orientalen-Konser-
vative und Okzidentalen-Progressisten. „Im Orient vergißt4)
der Mensch nicht4) über dem Menschen die Natur . . . Der König
selbstB) ist mit ihm nicht als ein irdisches8), sondern als ein himm¬
1 ) Bei F. gesperrt.
a) Bei F. subjektives, d. i. menschliches Wesen
3) Bei F. Naturreligionen
*) Unterstreichung von E.
®) Einfügung von E.
6) Bei F. aus einem nur physikalischen Wesen ein politisches, von der
Natur unterschiedenes Wesen.
7) Bei F. Zur Unterscheidung seines Wesens von der Natur und folglich zu einem
von der Natur unterschiedenen Gott kommt daher der Mensch zunächst nur durch
seine Vereinigung mit andern Menschen zu einem Gemeinwesen, wo ihm von
den Naturmächten unterschiedene, nur im Gedanken oder in der Vorstellung existie¬
rende Mächte, politische, moralische, abstrakte Mächte, die Macht des Gesetzes, der
Meinung, der Ehre, der Tugend Gegenstand seines Bewußtseins und Abhängig¬
keitsgefühls . . . wird.
8) Bei F. irdisches, menschliches
46
(12) 1846 Mitte Okt.
lisches, göttliches Wesen Gegenstand. Neben einem Gotte aber
verschwindet der Mensch, erst wo die Erde sich entgöttert . . .
erst da haben die Menschen Raum und Platz für sich.“ (Schöne
Erklärung, weshalb die Orientalen stabil. Wegen der vielen Götzen¬
bilder, die den Raum wegnehmen.) Der Orientale verhält sich zum «5
Okzidentalen wie der Landmann zum Städter, jener ist abhängig
von der Natur, dieser vom Menschen usw. usw., „nur die
Städter machen darum Geschichte“ (hier der einzige leise, aber
etwas übelriechende Anhauch von Materialismus). „Nur wer die
Macht der Natur1} der Macht der Meinung0, sein Leben 0
seinem Namen0, seine Existenz im Leibe1) seiner Existenz
im Munde und Sinne der Nachwelt aufzuopfem vermag, nur der
ist fähig zu geschichtlichen Taten.“ Voilà. Alles, was nicht Natur
ist, ist Vorstellung, Meinung, Flause. Daher ist auch „nur die
menschliche ,Eitelkeit1)6 das Prinzip der Geschichte“! —k
p. 152: „Sowie der Mensch zum Bewußtsein kommt, daß . . .
Laster und Torheit . . . Unglück usw. usw., Tugend und Weisheit
dagegen . . . Glück zur Folge haben, folglich die das Schick¬
sal der Menschen bestimmenden M ä ch te2) Verstand
und Wille sind ... so ist ihm auch die Natur ein von Verstand 20
und Wille abhängiges Wesen3).“ (Übergang zum Monotheismus
— F[euerbach] teilt das obige illusorische „Bewußtsein“ von der
Macht des Verstandes und Willens.) Mit der Herrschaft von Ver¬
stand und Willen über die Welt kommt dann der Supematuralis-
mus, die Schöpfung aus Nichts, und der Monotheismus, der noch 25
speziell aus der „Einheit des menschlichen Bewußtseins“ erklärt
wird. Daß der Eine Gott ohne den Einen König nie zustande
gekommen wäre, die Einheit des die vielen Naturerscheinungen
kontrollierenden, die widerstreitenden Naturkräfte zusammen¬
haltenden Gottes nur das Abbild des Einen, die widerstreitenden, w
in ihren Interessen kollidierenden Individuen scheinbar oder wirk¬
lich zusammenhaltenden orientalischen Despoten ist, hat F[euer-
bach] für überflüssig gehalten zu sagen. — Langer Kohl gegen die
Teleologie, Kopie der alten Materialisten. Dabei begeht Fteuer-
bach] denselben Schnitzer gegenüber der wirklichen Welt, den er 33
den Theologen vorwirft, gegen die Natur zu begehen. Er reißt
schlechte Witze darüber, daß die Theologen behaupten, ohne Gott
müsse sich die Natur in Anarchie auflösen (d. h. ohne den Glauben
an Gott fiele sie in Fetzen), Gottes Wi 11 e, Verstand, Mei¬
nung sei das Band der Welt; und er selbst glaubt ja, die M e i - u
nung, die Furcht vor der öffentlichen Meinung, vor Ge¬
setzen und andern Ideen hielte jetzt die Welt zusammen.—
O Unterstreichung ion E.
2) Von das Schicksal bis Mächte von E. unterstrichen.
3) Bei F. die Natur, die Welt ein von Verstand und Wille ab¬
hängiges. bestimmtes Wesen.
(12) 1846 Mitte Okt. 47
Bei einem Argument gegen die Teleologie tritt F[euerbach] ganz
als laudator temporis praesentis auf : die enorme Sterblichkeit der
Kinder in den ersten Lebensjahren kommt daher, weil „die
N a t u rbei ihrem Reichtum ohne Bedenken Tausende der ein-
jzelnen Glieder auf opfert“; . . . „es ist eine2) Folge natürlicher
Ursachen, daß . . . z. B. im ersten Jahre ein Kind von drei bis
vier, im fünften eins von fünfundzwanzig usw. usw. stirbt“.
Mit Ausnahme der wenigen, hier spezifizierten Sätze ist nichts
zu bemerken. Über die geschichtliche Entwicklung der verschie-
io denen Religionen erfährt man nichts. Höchstens werden Beispiele
aus ihnen zu[ge-]geben, um die obigen Trivialitäten zu beweisen.
Die Hauptmasse des Artikels besteht aus Polemik gegen Gott und
die Christen, ganz in der Weise, wie er’s bisher gemacht, nur daß
jetzt, wo er sich erschöpft hat, trotz aller Wiederholungen des alten
i5 Kohls die Abhängigkeit von den Materialisten viel frecher her¬
vortritt. Wenn man über die Trivialitäten über Naturreligion,
Polytheismus, Monotheismus etwas sagen wollte, müßte man die
wirkliche Entwicklung dieser Religionsformen dagegenstellen,
wozu man sie erst studieren müßte. Das geht uns aber für unsre
2o Arbeit ebensowenig an, wie seine Erklärung des Christentums.
Für F[euerbach]s positiv-philosophischen Standpunkt gibt der
Aufsatz nichts Neues, die paar zu kritisierenden Sätze, die ich oben
exzerpiert habe, bestätigen nur, was wir schon gesagt haben. Sieh
doch, wenn Dich der Kerl weiter interessiert, daß Du von Kießling
?,5 direkt oder indirekt den ersten Band seiner gesammelten Werke
einmal in die Finger bekommst, da hat er noch eine Art Vorwort
geschrieben, worin noch was sein könnte. Ich habe Auszüge ge¬
sehen, wo F[euerbachl von „Übeln des Kopfes“ und „Übeln des
Magens“ spricht, so eine schwache Art Apologie, warum er nicht
jo sich um wirkliche Interessen bekümmert. Gerade wie er mir vor
anderthalb Jahren schrieb. —
Eben erhalt ich Deinen Brief, der wegen meines Wohnungs¬
wechsels ein paar Tage in der alten Wohnung liegen blieb. Die
Versuche mit den Schweizer Buchhändlern werde ich machen. Ich
■k glaube aber schwerlich, daß ich unterkomme. Die Kerls haben
alle kein Geld, um 50 Bogen zu drucken. Ich bin der Ansicht,
daß wir nichts gedruckt kriegen, wenn wir die Sachen nicht
trennen und die Bände einzeln unterzubringen suchen, zuerst
die philosophische Geschichte, die pressiert am meisten, und dann
to das andre. 50 Bogen auf einmal ist so gefährlich groß, daß
viele Buchhändler es schon deswegen nicht nehmen, weil sie es
nicht können. — Da war ja auch noch der Bremer Küttmanns) oder
O Unterstreichung von E.
- t Korr, aus ein Gesetz der Natur
] .H.Chr.Kühtmann (Inhaber der Buchhandlung Carl Schünemann in Bremen)
48
(12) 1846 Mitte Okt.
wie er hieß, den uns Moses und Weitling abspenstig machten; der
Kerl wollte verbietenswürdige Bücher drucken, aber nicht viel be¬
zahlen; wir können uns mit diesem Manuskript an ihn wen¬
den, ganz gut. Was meinst Du, wenn man die Geschichte teilte,
und dem einen den ersten, dem andern den zweiten Band anböte? s
Der Vogler weiß die Adresse des Kfüttmann] in Bremen. Der
List ist so gut wie fertig.
Die Geschichten im Volkstribunen hab ich gesehen, vor unge¬
fähr drei Wochen. Mir ist so was lächerlich Dummes noch nicht
vorgekommen. Die Infamie des Bruder Weitling erreicht ihre io
Spitze in diesem Brief an Kriege. Was übrigens das Detail an¬
geht, so ist es mir nicht mehr erinnerlich genug, um darüber etwas
sagen zu können. Ich bin aber ebenfalls der Meinung, daß man so¬
wohl auf Krieges wie der Straubinger Proklamation repliziert, sie
mit der Nase drauf stößt, wie sie leugnen gesagt zu haben, was wir is
ihnen vorwerfen, während sie zugleich dieselben geleugneten
Dummheiten wieder in ihrer Antwort proklamieren; und daß
namentlich der Kriege mit seinem hochmoralischen Pathos und
seiner Entrüstung über unsren Spott gehörig was aufs Dach kriegt.
Da die Nummern eben jetzt unter den hiesigen Straubingern zirku- 20
lieren, so kann ich sie mir nicht verschaffen, ohne vier bis fünf
Tage warten zu müssen.
Die hiesigen Straubinger bellen fürchterlich gegen mich. Na¬
mentlich drei bis vier „gebildete“ Arbeiter, die E [werbec] k und
Grün in die Geheimnisse des wahren Menschentums eingeweiht. 25
Aber ich bin vermöge einiger Geduld und etwas Terrorismus durch¬
gedrungen, die große Menge geht mit mir. Der Grün hat sich vom
Kommunismus losgesagt, und diese „Gebildeten“ hatten große
Lust, mitzugehen. Da hab ich grade durchgehauen, den alten
Eisermann so eingeschüchtert, daß er nicht mehr kommt, und den 30
Kommunismus oder Nicht-Kommunismus kontradik¬
torisch diskutieren lassen. Heut abend wird abgestimmt, ob die
Versammlung kommunistisch ist oder, wie die Gebildeten sagen,
„für das Wohl der Menschheit“. Die Majorität ist mir sicher. Ich
hab erklärt, wenn sie nicht Kommunisten wären, könnten sie 35
mir gestohlen werden, da käm ich nicht mehr. Heut abend werden
die Schüler Grüns definitiv gestürzt, und dann werd ich ganz aus
dem Rohen anzufangen haben. — Von den Forderungen, die diese
jebildeten Straubinger an mich machten, hast Du gar keine Vor¬
stellung. „Milde“, „Sanftmut“, „warme Brüderlichkeit“. Ich hab 40
sie aber gehörig gerüffelt, jeden Abend bracht ich ihre ganze
Opposition von fünf, sechs, sieben Kerls (denn im Anfang hatt
ich die ganze Butike gegen mich) zum Schweigen. Nächstens mehr
über diese ganze Historie, die allerlei Lichter auf Herrn Grün
wirft. — 40
(12) 1846 Mitte Okt
49
Proudhon soll in vierzehn Tagen herkommen. Das wird schön
werden.
Hier ist so was im Werke von einer Zeitschrift.^ Das Zigarren¬
männlein Mäurer behauptet, Geld dazu bekommen zu können.
5 Ich glaub dem Kerl aber nicht, bis das Geld da ist. Wird was
draus, so ist schon alles so eingerichtet, daß das Ding uns ganz
in die Hände kommt. Mäurern, dem ostensiblen Redakteur, hab
ich das Recht gelassen, seinen eignen Unsinn drin zu drucken,
das ging nicht anders. Alles übrige geht durch meine Hände, ich
io hab absolutes Veto. Was ich schreibe, natürlich pseudonym oder
anonym. Jedenfalls wird das Ding, wenn es zustande kommt,
weder dem Heß, noch dem Grün, noch sonst einer wüsten Richtung
in die Hände geraten. Es wäre ganz gut, um etwas zu fegen.
Sprich aber niemanden davon, eh es zustande ist, es muß sich
15 noch diese Woche entscheiden.
Leb wohl und schreib bald. E.
23, rue de Lille,
Faubourg St. Germain.
13 Engels an das Kommunistische Korrespon¬
denz-Komitee in Brüssel; Paris 1846 Oktober 23.
Komiteebrief Nr. 3.
Komiteebrief (No. 3.) —
Über die hiesigen Straubingergeschichten ist wenig zu sagen.
Die Hauptsache ist, daß die verschiedenen Streitpunkte, die ich
25 bisher mit den Jungens auszufechten hatte, jetzt entschieden sind:
der Hauptanhänger und Schüler Grüns, Papa Eisermann, ist her¬
ausgeschmissen, die übrigen sind in ihrem Einfluß auf die Masse
vollständig gestürzt, und ich habe einen Beschluß einstimmig
gegen sie durchgesetzt.
so Der kurze Verlauf ist der:
Über den Proudhonschen Assoziationsplan wurde drei Abende
diskutiert. Anfangs hatte ich beinah die ganze Clique, zuletzt nur
noch Eisermann und die übrigen drei Griinianer gegen mich. Die
Hauptsache dabei war, die Notwendigkeit der gewaltsamen Revo-
35 lution zurückzuweisen2) und überhaupt den Grünschen wahren So¬
zialismus, der in der Proudhonschen Panacee neue Lebenskräfte
gefunden, als antiproletarisch, kleinbürgerlich, straubingerisch
nachzuweisen 3). Zuletzt würd’ ich wütend über die ewige Wieder¬
holung derselben Argumente von Seiten meiner Gegner und attak-
40 kierte die Straubinger geradezu, was bei den Grünianem große
*) „Pariser Horen“ *) JTohl verschrieben für nachzuweisen
3) JTohl verschrieben für zurückzuweisen.
4
50
(13) 1846 Okt. 23
Entrüstung erregte, wodurch ich aber dem edlen Eisermann einen
offnen Angriff auf den Kommunismus entlockte. Darauf
deckelte ich ihn so rücksichtslos, daß er gar nicht wiederkam.
Jetzt knüpfte ich an die mir vom Eisermann gegebne Hand¬
habe — die Attacke gegen den Kommunismus — an, um so mehr, a
als Grün in einem fort intrigierte, auf den Ateliers herumlief,
Sonntags die Leute zu sich zitierte usw. usw., und den Sonntag nach
der obigen Sitzung selbst die grenzenlose Dummheit beging,
vor acht bis zehn Straubingern den Kommunismus zu attackieren.
Ich erklärte also, ehe ich mich auf weitere Diskussion einließe, io
müsse abgestimmt werden, ob wir hier qua Kommunisten zu¬
sammenkämen oder nicht. Im ersten Falle müsse Sorge getragen
werden, daß Angriffe auf den Kommunismus, wie die von Eis [er¬
mann], nicht mehr vorkämen, im andern Fall, wenn sie bloß be¬
liebige Individuen seien, die hier über dies und jenes beliebige dis- 15
kutierten, könnten sie mir gestohlen werden und würde ich nicht
wiederkommen. Dies erregte großes Entsetzen bei den Grünianem,
sie seien hier „für das Wohl der Menschheit“ zusammen, um sich
aufzuklären, Männer des Fortschritts und nicht einseitig, System¬
fänger usw. usw., und solche Biedermänner könne man doch un- 20
möglich „beliebige Menschen“ nennen. Übrigens müßten sie
erst wissen, was Kommunismus eigentlich sei (diese Hunde,
die sich seit Jahren Kommunisten genannt haben und bloß durch
die Furcht vor Grün und Eisermann abspenstig wurden, nachdem
diese sich unter dem Vorwande des Kommunismus bei ihnen ein- 25
geschlichen hatten!). Ich ließ mich natürlich nicht durch ihre
liebevolle Bitte fangen, ihnen, den Unwissenden, in zwei bis drei
Worten zu sagen, was Kommunismus sei. Ich gab ihnen eine höchst
simple Definition, die gerade so weit [ging]wie die vorliegen¬
den streitigen Punkte, die die Friedlichkeit, die Zartheit und 30
Rücksicht gegen die Bourgeois resp. das Straubingertum und
endlich die Proudhonsche Aktiengesellschaft nebst beibehal¬
tenem individuellem Besitz, und was sich daran knüpft, durch
Behauptung der Gütergemeinschaft ausschloß und im übrigen
nichts enthielt, was Anlaß zu Abschweifungen und zur Umgehung 35
der vorgeschlagenen Abstimmung geben könnte. Ich definierte
also die Absichten der Kommunisten dahin: 1. die Interessen
der Proletarier im Gegensatz zu denen der Bourgeois durch¬
zusetzen; 2. dies durch Aufhebung des Privateigentums und Er¬
setzung desselben durch die Gütergemeinschaft zu tun; 3. kein 40
andres Mittel zur Durchführung dieser Absichten anzuerkennen
als die gewaltsame, demokratische Revolution. — Hierüber zwei
Abende diskutiert. Am zweiten ging der beste der drei Grünianer,
die Stimmung der Majorität merkend, vollständig zu mir über.
9 Papier beschädigt.
(13) 1846 Okt. 23.
51
Die andern beiden widersprachen sich fortwährend einer dem
andern, ohne es zu merken. Mehrere Kerls, die noch nie ge¬
sprochen, taten auf einmal das Maul auf und erklärten sich
ganz entschieden für mich. Bisher hatte dies nur Junge getan,
ô Einige dieser homines novi sprachen, obwohl zitternd vor Todes¬
angst, stecken zu bleiben, ganz nett und scheinen überhaupt ganz
gesunden Verstand zu haben. Kurz, als es zur Abstimmung kam,
wurde die Versammlung für eine kommunistische im Sinne der
obigen Definition erklärt von dreizehn Stimmen gegen die beiden
io der zwei treu gebliebnen Griinianer, — von denen einer auch nach¬
träglich erklärt hat, daß er die größte Begierde habe, sich zu
bekehren.
Hiermit ist endlich einmal tabula rasa gemacht, und man kann
jetzt anfangen, etwas aus den Kerls zu machen, soweit dies geht.
15 Grün, der sich aus seiner Geldgeschichte leicht herausreißen
konnte, weil die Hauptgläubiger ebenselbige Griinianer waren,
seine Hauptanhänger, ist jetzt bei der Majorität und einem Teil
seiner Anhänger selbst sehr herunter und trotz aller Intrigen und
Experimente (z. B. in der Mütze auf die Barriereversammlungen
2o gehen usw. usw.) mit seiner Proudhonschen Sozietät glänzend
durchgefallen. Wär ich nicht da gewesen, so hätte unser Freund
E [werbec] k allerdings tête baissée dahinein gegeben. —
Was der Grün für ein schönes Stratagem hatte! An der Intelli¬
genz seiner Kerls verzweifelnd, repetiert er ihnen seine Geschichten
25 so oft vor, bis sie sie auswendig können. Nach jeder Sitzung — es
war natürlich nichts leichter, als so eine Opposition zum Schweigen
zu bringen — lief die ganze geschlagne Bande zu Grün, erzählten,
was ich gesagt hatte — natürlich alles entstellt —, und ließen sich
wieder wappnen. Wenn sie dann das Maul auftaten und zwei
30 Worte gesagt, so wußte man jedesmal den ganzen Satz vorher. Na¬
türlich nahm ich mich bei dieser Zwischenträgerei sehr in acht,
den Kerls irgend etwas Allgemeines zu sagen, was Herrn Grün zu
neuen Ausschmückungen seines wahren Sozialismus dienen
könnte; dennoch aber hat der Hund in der Kölner [Zeitung] mit
35 diversen Entstellungen bei Gelegenheit der Genfer Revolution
Sachen exploitiert, die ich den Straubingern sagte, während er
ihnen hier das Gegenteil einpaukte. Er treibt jetzt National¬
ökonomie, der Brave.
Das Buch von Proudhon werdet Ihr angezeigt gesehen haben.
40 Ich werde es dieser Tage bekommen; es kostet 15 fr., man kann
es nicht kaufen, das ist zu teuer.
Das obige Publikum, vor dem die Geschichte aufgeführt wor¬
den, besteht aus ca. zwanzig Schreinern, die sonst nur auf der
Barriere noch mit allerlei Volks sich versammeln, außer einem
45 Sängerklub keine eigentlich geschlossene Verbindung haben, sonst
4*
52
(13) 1846 Okt. 23
aber teilweise Rudera des Bundes der Gerechtigkeit sind. Könnte
man sich öffentlich versammeln, so würden wir bald über 100
Kerls aus den Schreinern allein haben. Von den Schneidern kenn
ich nur einige, die auch in die Schreinerversammlung kommen.
Von Schmieden und Gerbern ist in ganz Paris nichts zu erfahren. 5
Kein Mensch weiß was von ihnen.
Kriege hat dieser Tage seinen Bericht als Mann der Gerechtig¬
keit an die „Halle“ (Zentralverwaltung) abgestattet. Natürlich
hab ich das Sendschreiben gelesen; da dies aber Eidesverletzung
war, worauf Todesstrafe, Dolch, Strang und Gift stehen, so müßt io
Ihr das nirgends hinschreiben. Der Brief beweist, gerade wie
seine Replik auf unsren Angriff, daß dieser Angriff ihm sehr
genützt hat und er sich jetzt doch mehr um die Dinge dieser Welt
kümmert. Er gab eine lange Erzählung ihrer Schwierigkeiten. Der
erste Abschnitt dieser amerikanischen Straubingergeschichte ent- is
hielt ihr Pech — offenbar stand Kriege an der Spitze und betrieb
die Geldgeschichten vom Standpunkt des weltumfassenden Her¬
zens aus, der Tribun^ wurde verschenkt, nicht verkauft, Liebes¬
gaben bildeten den Fonds, kurz, man wollte Kapitel III—VI der
Apostelgeschichte wieder aufführen, Ananias und Sapphira fehl- 20
ten auch nicht, und zum Schluß fand man sich voller Schulden.
Die zweite Periode, wo Kriege zum bloßen „Registrator“ wird und
andre Kerle an die Verwaltung der Geldgeschäfte getreten zu
sein scheinen, die des Aufkommens. Statt an die volle Brust der
Menschen zu appellieren, wurde jetzt an ihre tanzlustigen Beine 25
und überhaupt an die mehr oder weniger unkommunistischen
Seiten appelliert, und man fand zu seinem Erstaunen, daß durch
Bälle, Landpartien usw. das nötige Geld vollständig aufzubringen
sei und daß auch die Schlechtigkeit der Menschen für den Kom¬
munismus exploitiert werden könne2). Jetzt seien sie vollständige
pekuniär auf dem Strumpf. Unter den „Hindernissen“, die sie zu
überwinden hatten, zählt der tapfre Tecklenburger auch die all-
seitigen Verleumdungen und Verdächtigungen auf, die sie, u. a.
„zuletzt noch von den ,kommunistischen6 Philosophen in Brüssel“,
zu erdulden hätten. Im übrigen schwatzt er einiges triviale Zeug 35
gegen die Kolonien, empfiehlt ihnen (d. h. seinen entschiedensten
Feinden) den „Bruder Weitling“, hält sich aber im ganzen ziem¬
lich irdisch, wenn auch etwas gesalbt, und nur von Zeit zu Zeit so
etwas Gestöhn von Brüderlichkeit usw.
Habt Ihr dort die Réforme? Wenn Ihr sie nicht lest, schreibt &
es mir, ich werd Euch dann berichten, wenn was besondres drin
steht. Seit vier Tagen reitet sie auf dem National herum wegen
seines refus, einer Petition, die wegen Wahlreform hier zirkuliert,
seine unbedingte Adhäsion zu geben. Dies geschehe, behauptet
x) „Der Volkstribun“. New York ’) Korr, aus müsse
(13) 1846 Okt. 23.
53
sie, aus bloßer Hinneigung für Thiers. Vor einiger Zeit zirku¬
lierte hier, Bastide und Thomas seien vom National ausgetreten,
Marrast sei allein geblieben, und dieser habe mit Thiers Allianz
gemacht. Der National widerrief. Veränderungen in seiner Re-
5 daktion sind allerdings vorgegangen, Genaueres weiß ich nicht;
daß er seit einem Jahre besonders günstig für Thiers ist, ist be¬
kannt; die Réforme setzt ihm nun auseinander, wie sehr er sich
durch diese Hinneigung in Blamagen verritten hat. — Übrigens hat
der National aus bloßer Opposition gegen die Réforme in der
io letzten Zeit einige Dummheiten gemacht, so die von der Réforme
zuerst erzählte portugiesische Konterrevolution aus bloßer Malice
geleugnet, bis er nicht mehr konnte usw. Die Réforme plagt sich
jetzt, eine ebenso brillante Polemik zu führen wie der National,
aber es geht nicht. —
15 Nachdem ich bis hieher geschrieben, ging ich noch zu den Strau¬
bingern, wo sich folgendes herausstellte: Der Grün, zu ohnmäch¬
tig, mir irgendwie Schaden anzutun, läßt mich jetzt auf der
Barriere denunzieren. Der Eisermann attackiert in der öffent¬
lichen und von Mouchards besuchten Barriereversammlung den
2o Kommunismus, wo ihm natürlich keiner antworten kann, ohne
sich der Gefahr des Geschaßtwerdens auszusetzen; der Junge hat
ihm sehr wütend geantwortet, ist aber von uns gestern verwarnt.
Darauf hat der Eisermann den J[unge] für das Sprachrohr eines
Dritten erklärt (der natürlich ich bin), und der plötzlich wie eine
25 Bombe unter die Leute gefahren sei, und er wisse wohl, wie da die
Leute zu den Barrierediskussionen eingepaukt würden usw. usw.
Kurz, er schwatzte da Dinge aus, die einer vollständigen
Denunziation bei der Polizei gleichkommen; denn der Wirt,
wobei die Geschichte sich zutrug, sagte noch vor vier Wochen: il
3o y a toujours des mouchards parmi vous, und der Polizeikommissär
war zu jener Zeit auch einmal da. Den J [unge] griff er geradezu als
„Revolutionär“ an. Herr Grün war während der ganzen Zeit gegen¬
wärtig und paukte dem E[isermann] ein, was er zu sagen habe.
Diese Gemeinheit übersteigt doch alles. Der Grün ist mir, wie ich
35 die Sachen kenne, vollständig verantwortlich für alles, was der
Eisermann sagt. Dagegen ist nun platterdings nichts zu machen.
Der Schafskopf Eisermann kann auf der Barriere nicht attackiert
werden, weil man da die Wochenversammlung nochmals denun¬
zieren würde, der Grün ist zu feige, in eignem Namen selbst
io etwas zu tun. Das einzige, was man tun kann, ist, auf der Barriere
die Leute erklären zu lassen, über Kommunismus diskutierten sie
nicht, weil das die ganze Versammlung bei der Polizei gefährden
könne.
Schreibt endlich einmal. Euer E.
45 Paris, 23. Oktober 1846.
54
(14) 1846 Okt. ca. 23
14. Engels an Marx in Brüssel; [Paris 1846 Ok¬
tober ca. 23].
Lieber M.,
Die Geschichte gegen Krliege] erhalten. Ist ganz gut. Krliege]
wird nun zwar, da Du allein unterzeichnet, den absprechenden 5
Ton des ersten Dokuments auf meine Privatrechnung schreiben
und gegen dies zweite zu Kreuz kriechen, aber das ist mir wurst.
Er kann mich in seiner Privatmalice den amerikanischen Strau¬
bingern so schwarz wie möglich schildern, wenn ihm das Pläsier
macht. to
Aus dem Komiteebrief wirst Du sehen, wie ich hier bei den
Straubingern durchgedrungen. Ich hab sie, hol mich der Teufel,
nicht geschont, ich hab ihre ärgsten Vorurteile, sie selbst als gar
keine Proletarier attackiert. Aber der Grün arbeitete mir auch zu
schön in die Hände. is
Frankieren tut um Gottes willen nicht an mich. Wenn mich der
verdammte Leske, der mir endlich wegen der dem P[üttmann]
geschickten alten Drecke einen nichtsnutzigen Wechsel zuschicken
ließ, den ich retournieren mußte — wenn mich der Hund nicht im
Stich ließe, schickt’ ich Euch sogleich 25 fr. für die Komiteekasse.20
Einstweilen aber übernehm ich die Kosten wenigstens der Korre¬
spondenz mit m i r. Wenn ich den vorigen Brief nicht frankierte,
so geschah dies, weil es zu spät war und ich ihn nur noch durch
Hereinschmeißen in den Briefkasten wegbekam. Sowie der
L[eske] mir das Geld schickt, erhaltet ihr ein Quotum. 25
Keiner der Straubinger kriegt die Antwort an Krliege] zu
sehen. Sonst wäre sie vor Grlün] nicht sicher. Wir müssen na¬
mentlich dem Kerl alles vom Halse halten, bis seine Bearbeitung
des Proudhonschen Buchs, nebst Noten von K. Grün, fertig ist.
Dann ist er gefangen. Er revoziert darin vollständig eine Masset
früher gesagter Geschichten und überliefert sich mit Leib und
Seele dem Proudhonschen Erlösungssystem. Nachher hat [es]1)
dann mit dem Exploitieren ein Ende, wenn er nicht wieder tour-
nieren will. — Ist der Weitling noch in Brüssel?
Mit den Straubingern hier denk ich durchzukommen. Die 35
Kerle sind freilich gräßlich unwissend und durch ihre Lebenslage
gar nicht präpariert, Konkurrenz unter ihnen gibt es gar nicht,
der Lohn pißt sich immer auf einem und demselben Niveau fort,
der Kampf mit dem Meister dreht sich gar nicht um Lohn, son¬
dern um den „Gesellenhochmut“ usw. Bei den Schneidern wirken 40
jetzt die fertigen Kleiderläden revolutionierend. Wenn’s nur nicht
so ein faules Handwerk wär.
O Papier beschädigt.
(14) 1846 Okt. ca. 23
55
Der Grün hat scheußlich geschadet. Er hat bei den Kerls alles
Bestimmte in bloße Duselei, Menschheitsstreben usw. verwandelt.
Unter dem Scheine, den Weitlingschen und sonstigen System¬
kommunismus anzugreifen, hat er ihnen den Kopf voll unbe-
stimmter Belletristen- und Kleinbürgerphrasen gesetzt und alles
andre für Systemreiterei ausgegeben. Selbst die Schreiner, die
n i e Weitlingianer gewesen — oder doch nur einzelne — haben
eine abergläubische Gespensterfurcht vor dem „Löffelkommunis¬
mus“ und schließen sich — wenigstens vor dem durchgesetzten
w Beschluß — lieber der größten Duselei, friedlichen Beglückungs¬
plänen usw. an, als diesem „Löffelkommunismus“. Es herrscht
eine grenzenlose Konfusion hier vor. — An Harney hab ich
dieser Tage einen leisen Angriff gegen die Friedlichkeit der Fra-
temal Democrats geschickt, ihm übrigens geschrieben, daß er mit
^5 Euch in Korrespondenz bleiben soll. Dein E.
15. Bernays und Engels an Marx in Brüssel;
Paris [1846] November 2.
[Von Bernays]
Lieber Marx,
:o Endlich nach langem Zögern und den widerwärtigsten Selbst¬
quälereien bin ich wieder in Paris eingezogen. Bereits vor vier
Wochen einmal war ich mit einer ganzen Tasche voll Geld und dem
festen Entschlusse hierhergekommen, nicht mehr nach Sarcelles
zurückzukehren. Der Entschluß war aber so wenig reif; der Kopf
folgte noch so sehr dem Herzen, und das Herz sehnte sich so sehr
nach den idyllischen und elegischen Freuden und Schmerzen von
Sarcelles, daß die Beine eben wieder hinaus den Weg nahmen. Ich
gestehe Dir offen, daß ich trotz der möglichst prosaischen An¬
schauung der Sache, zu der mir Engels treulich den Weg gebahnt,
30 immer noch einen Zug nach diesem qualvollen Aufenthalte habe
— doch wird es bei diesem sein Bewenden haben, und ich werde
wahrscheinlich nie wieder einen Fuß über die Schwelle dieser
Leute setzen. Am verflossenen Dienstag morgens um sechs Uhr
sprang ich ohne einen Pfennig Geld in Sarcelles zum Fenster hin-
>5 aus, nahm meinen Schlafrock auf den Arm und ging zu Fuß durch
den dicksten Kot nach Paris zu Engels. Er nahm mich, wie ich es
erwartete, aufs freundschaftlichste auf, und wir sind bis zur
Stunde beisammen. Ohne ihn, wer weiß, was geschehen wäre! In
ganz Paris ist nicht ein einziger Mensch, mit dem ich dergleichen
<o Sachen wie mit ihm hätte verhandeln können, — wahrscheinlich
wäre ich armer Teufel wieder zurück in die Höhle gekrochen, um
für alle Zeit dort vergraben zu bleiben. Von dieser Furcht bin ich
nun frei, und alles wird gut gehen. Morgen ziehe ich in mein neues
Z. 19-43-
56
(15) 1846 Nov. 2
Logis Rue Jacob 41, werde fleißig studieren und wenig schreiben
— denn ich fürchte, es braucht eine Zeit, bis ich wieder klar und
geordnet denken kann.
Das war’s, was mich wie mit Geißelhieben aus Sarcelles weg-
trieb: ich bemerkte, daß ich verworren zu denken begann, daß 5
allerlei schurkische Gedanken in meinem Kopfe hausten, daß
meine Gemütsstimmungen sich beständig widersprachen und in
Verwirrung gerieten — ich fürchtete das fürchterlichste: die Toll¬
heit! Laß mich davon zu reden aufhören: es sei alles vergessen,
wenn mich nur gar nichts daran erinnerte. io
Stelle Dir vor, man sollte es nicht glauben — heute sind’s acht
Tage, daß ich hier bin, und schon habe ich eine Menge Abenteuer
erlebt. So komisch sie alle sind, so soll sie doch der Teufel holen
— ich sehne mich nach Ruhe und Arbeit. Aber eins muß ich Dir
erzählen: Ich bekomme aus Deutschland einen Wechsel von n
130 frcs. geschickt auf einen ganz gemeinen Juden und Bankier
oder umgekehrt. Er war à quatorze jours de vue! Als ich in seine
Boutique trat, fragte er mich: Ke foulez fous? „Je désire toucher
le montant d’un petit billet.“ Doucher de l’argent? frug er; ich
gab ihm das Billett, „es ist à quinze jours de vie, aber ich wills 20
Ihne gleich ausbezahle. Sie sind doch e Daitscher? Do brauche se
mer nicht noch emal herzekomme.“ Es begann nun ein Gemauschel
zwischen ihm und seinem Kommis über das, was während der Zeit,
da er auf der Börse war, geschah, wie ich’s in meinem Leben nicht
gehört habe. Siwe Dausend Frank vun Ganneven — e Wechsel vun 25
S. D. Oppenheim in Frankfort? Werd nit akzeptiert — weider
nix? des klane Hummelche vun Straßborg hat geschriwe, mer
werren die fufzick Franke verliere — Krie er des Unglück . . .
Ai Ai Ai, ich hab dem Herre sein Geld noch nit geewe, — verzeihe
se, dou schreibe Se gitickst her wie se haße und aach wou se 30
wohne — Ich schreibe, und statt 130 Franks sehe ich, daß er mir
mehr Geld gibt als er sollte. Ich zähle es nicht, stecke es in die
Tasche: J’ai l’honneur de vous saluer — und rannte spornstreichs
aus der Zauberhöhle hinaus zu Engels auf die Straße. Stelle Dir
unser Gelächter vor, der Gauner hatte mir richtig 20 frcs. mehr 33
gegeben, die wir dann natürlich auch behielten. Genug für heute,
ich hab zu starke Kopfschmerzen und laß Engels den übrigen
Raum. Aber nur noch den Spaß: Weydemeyer schrieb mir vor
ein paar Tagen: „Kennen Sie vielleicht die Mémoires de René
Levasseur (de la Sarthe) Exconventionnel 4 volumes Paris, Ra- 40
pilly 1766 Passage du Panorama? Wenn Sie’s auftreiben können,
schicken Sie mir’s doch!“
Gut Nacht, grüße Deine Frau herzlich und schreibe mir bald.
Dein Bernays.
Z. — 1-44
(15) 1846 Nov. 2
57
[Von Engels]
Wo bleibt denn der lange versprochene weitläuftige Brief?
Schick doch dem Bernays das Manuskript, er
braucht nur das, was Du hast, das Gedruckte hat er noch. Nach
s Amerika hat er nichts geschickt, was dort gedruckt ist, ist ohne sein
Willen und Wissen. Es sind aber viele Exemplare gefdrudkt1*
worden, von denen Leske nach allen Weltgegenden verschenkt
haben kann. Wir werden dem Dings nachspüren. Vielleicht durch
Grün oder Bornstein. Nach der Schweiz habe ich wegen des Manu-
10 skripts geschrieben, aber es scheint, der Hund läßt mich ohne Ant¬
wort. Außer diesem bleibt nur noch Jenny; mit dem hab ich einen
Witz gemacht und wünsche nicht an ihn zu schreiben, schlag mir
in Dein Nächstes ein paar Zeilen für den Kerl bei, ich will’s ab¬
schicken, aber es ist nur pro forma, der Kerl nimmt’s gewiß
15 nicht. Der erste, an den ich schrieb, ist der Verleger einer kleinen
Broschüre von Bernays, aber wenn er auch akzeptiert, so ist er
doch bankrott, à ce qu’écrit Püttmann. Voilà. Ich verzweifle an
der Schweiz. Guter Rat ist teuer. Wir werden in [der]jetzigen
Schwulität gewiß keine zwei Bände zusammen los werden; höch-
2o stens zwei Bände bei zwei ganz verschiednen Verlegern. Schreib
hierüber auch. Dein E.
23, rue de Lille, 2. November.
Erst jetzt les ich, was der Kleine da oben über seine Flucht aus
der Einsamkeit geschrieben. Es ist gut, daß wir ihn hier haben, er
25 wird allmählich wieder fidel. Grüß die ganze Butike.
16« Engels an Marx in Brüssel; [Paris 1846
Ende Dezember].
Lieber Marx,
Mein neulicher kurzer Brief an Gigot hatte folgende Gründe.
3o Bei der Untersuchung über die Unruhen im Faubourg St. Antoine
im Oktober wurden auch eine Masse verhafteter Deutscher inqui-
riert, der ganze zweite Schub bestand aus Straubingern. Einige
dieser, jetzt über die Grenze spedierten Schafsköpfe müssen großen
Unsinn über den E[werbec]k und über mich ausgesagt haben; in
35 fact, es war bei der Lumpigkeit der Straubinger gar nicht anders
zu erwarten, als daß sie Heidenangst bekamen und verrieten, was
sie wußten und mehr. Dazu kam, daß die Straubinger meiner Be¬
kanntschaft, so geheimnisvoll sie mit ihren eigenen Lumpereien
sind, über meine Zusammenkünfte mit ihnen schändlich Lärm ge¬
x) Papier beschädigt.
58
(16) 1846 Ende Dez.
schlagen hatten. So sind diese Jungens. An der Barriere war vom
edlen Eisermann, wie ich Euch wohl schon schrieb, ein kompletter
avis aux mouchards gegen mich losgelassen worden. J[unge] be¬
ging auch einige grobe Unklugheiten, der Kerl hat etwas die Gro߬
mannsucht, er will auf Kosten der französischen Regierung nach 5
Calais und London spediert werden. Genug, Monsieur Delessert
schickte mir und E[werbeck], dem längst verdächtigen und unter
einem bloß suspendierten Ausweisungsbefehl stehenden, Mou¬
chards über Mouchards auf den Hals, denen es gelang, uns bis an
den marchand de vins zu verfolgen, wo wir zuweilen mit den Fau- 10
bourger Bären zusammenkamen. Damit war bewiesen, daß wir die
Chefs einer gefährlichen Clique seien, und bald darauf erfuhr ich,
daß Monsieur Delessert bei Monsieur Tannequy Duchätel um
einen Ausweisungsbefehl gegen mich und E [werbeck] eingekom¬
men sei und daß in dieser Sache ein famoser Aktenstoß auf der 10
Präfektur liege, dicht neben dem Lokal, wo die medizinische
Untersuchung der Huren stattfindet. Natürlich hatte ich keine
Lust, mich wegen Straubingers schassen zu lassen. Ich hatte dergl.
Geschichten schon kommen sehen, als ich merkte, mit welcher Non¬
chalance die Straubinger in der ganzen Welt herumposaunten und 20
überall diskutierten, wer recht habe, Grün oder ich. Ich war den
Dreck leid, zu bessern waren die Jungens doch nicht, nicht einmal
gerade heraus kamen sie in der Diskussion, gerade wie die Lon¬
doner, und meinen Hauptzweck, den Triumph über Grün, hatte
ich erreicht. Die Gelegenheit war sehr schön, die Straubinger mit 25
Ehren loszuwerden, so ärgerlich die Geschichte sonst auch war.
Ich ließ ihnen also erklären, jetzt könne ich nicht mehr bei ihnen
schulmeistern, im übrigen sollten sie sich in acht nehmen. E[wer¬
beck] entschloß sich gleich zu einer Reise und scheint auch gleich
abgegangen zu sein, wenigstens hab ich ihn nicht mehr gesehen. 30
Wohin er ist, weiß ich auch nicht. Nach dem Kleinen (Bfernays])
hatte sich die Polizei auch umgesehen, aber der war wegen allerlei
Abenteuer (es ist merkwürdig, was der für tolle Affären hat, so
wie er den Fuß in die zivilisierte Welt setzt) wieder in sein altes
Lokal abgezogen. Wann er wieder nach Paris kommt, weiß ich 35
nicht, keinesfalls aber zieht er in das Quartier, wohin er ziehen
wollte ; die Dir deshalb gegebne Adresse taugt also
nichts. Sein Manuskript hat er glücklich erhalten. Inzwischen
bin ich der edlen Polizei dankbar dafür, daß sie mich aus der
Straubingerei gerissen und mir die Genüsse dieses Lebens in Er- 40
innerung gebracht hat. Wenn die verdächtigen Individuen, die
mich seit vierzehn Tagen verfolgen, wirklich Mouchards sind, wie
ich es von einigen sicher weiß, so hat die Präfektur in der letzten
Zeit viel Entreebilletts für die bals Montesquieu, Valentino, Prado
usw. usw. ausgegeben. Ich verdanke Herrn Delessert ganz hübsche 45
Z. 16 (dicht)-17.
(16) 1846 Ende Dez.
59
Grisettenbekanntschaften und viel Pläsier, car j’ai voulu profiter
des journées et des nuits qui pouvaient être mes dernières à Paris.
Enfin, da man mich sonst bis jetzt in Ruh gelassen hat, scheint
alles sich gelegt zu haben. Adressiert aber in Zukunft alle Briefe
5 an Monsieur A. F. Körner, artiste-peintre, 29, Rue neuve Bréda,
Paris. Drinnen ein Kuvert mit meinen Initialen so, daß es nicht
durchscheint.
Daß ich unter diesen Umständen den Wfilhelm] Wleitling]
hier ganz laufen lassen mußte, siehst Du ein. Ich habe keinen von
w den Leuten gesehen und weiß gar nicht, ob er hier gewesen oder
noch hier ist. Es ist auch ganz gleich. Die Weitlingianer kenne ich
gar nicht, und bei denen, die ich kenne, würde er schön an¬
kommen; sie haben eben wegen der ewigen Keilereien mit seinen
Schneiderfreunden eine furchtbare Malice auf ihn.
15 Die Geschichte mit den Londonern ist ärgerlich eben wegen Har¬
ney, und weil sie von allen Straubingern die einzigen waren, mit
denen man gerade heraus, ohne arrière-pensée, einen Anknüpfungs¬
versuch machen konnte. Wollen die Kerls aber nicht, eh bien,
mögen sie laufen! Man ist ohnehin nie sicher, daß sie nicht wieder
20 so miserable Adressen wie an Herrn Ronge oder die Schleswig-
Holsteiner erlassen. Dazu die ewige Eifersucht gegen uns als „Ge¬
lehrte“. Übrigens haben wir zwei Methoden, uns ihrer, wenn sie
rebeilen, zu entledigen: entweder offen zu brechen oder bloß die
Korrespondenz einschlafen zu lassen. Ich wäre für letzteres, wenn
25 ihr letzter Brief eine Antwort zuläßt, die, ohne ihnen zu derb vor
den Kopf zu stoßen, lau genug ist, um ihnen die Lust zum schnel¬
len Antworten zu nehmen. Dann lange mit der Antwort gewartet
— und bei ihrer Korrespondenz-Schlafmützigkeit ist mit zwei bis
drei Briefen alles im Herrn entschlafen. Nämlich wie und wo-
30 zu sollen wir die Kerls verhöhnen? Ein Organ haben wir nicht,
und wenn wir’s hätten, so sind sie keine Schriftsteller, sondern er¬
lassen bloß von Zeit zu Zeit Proklame, die kein Mensch zu sehen
bekommt und wonach kein Hahn kräht. Verhöhnen wir die Strau¬
binger überhaupt, so können wir ihre schönen Dokumente
35 immer mitnehmen; ist die Korrespondenz einmal eingeschlafen,
so geht das ganz gut; der Bruch kommt allmählich und macht
keinen Eclat. Wir machen in der Zwischenzeit mit Harney das
Nötige ruhig ab, sorgen dafür, daß sie uns den letzten Brief
schuldig bleiben (was sie schon tun, wenn man sie einmal sechs
io bis zehn Wochen auf Antwort hat warten lassen) und lassen sie
nachher schreien. Ein direkter Bruch mit den Kerls bringt uns
keinen Gewinn und keine gloire ein. Theoretische Differenzen
sind mit den Kerls kaum möglich, da sie keine Theorie haben und,
sauf ihre stillen etwaigen Bedenken, von uns belehrt sein wollen:
15 formulieren können sie ihre Bedenken auch nicht, daher ist
Z. 8-45 -
60
(16) 1846 Ende Dez.
keine Diskussion mit ihnen möglich, außer etwa mündlich. Bei
einem offnen Bruch würden sie diesen allgemeinen lernbegierigen
kommunistischen Dusel gegen uns geltend machen: wir haben
von den gelehrten Herren gerne lernen wollen, wenn sie was
Ordentliches hatten usw. Praktische Parteidifferenzen würden 5
sich — da ihrer im Komitee wenige, unser auch nur wenige sind,
bald auf bloße Persönlichkeiten und Krakeelereien reduzieren
oder so aussehen. Gegen Literaten können wir als Partei auf¬
treten, gegen Straubinger nicht. Schließlich sind die Leute immer
ein paar 100 Mann stark, durch Hfarney] bei den Engländern io
akkreditiert, durch den Rheinischen Beobachter usw. in Deutsch¬
land als wütende und keineswegs ohnmächtige Kommunistische
Gesellschaft ausposaunt; dazu immer noch die erträglichsten der
Straubinger und gewiß das beste, was sich, solange in Deutsch¬
land keine Veränderung, aus Straubingern machen läßt. Wir 15
haben eben aus dieser Geschichte gelernt, daß mit den Strau¬
bingern, solange nicht in Deutschland eine ordentliche Bewegung
existiert, nichts anzufangen ist, selbst mit den besten nicht. Es ist
immer besser, sie nun ruhig laufen zu lassen, sie nur in Masse,
en bloc anzugreifen, als einen Streit hervorzurufen, bei dem wir 20
uns nur schmutzige Stiefel holen können. Uns gegenüber er¬
klären sich diese Jungens für „das Volk“, „die Proletarier“, und
wir können nur an ein kommunistisches Proletariat appellieren,
das sich in Deutschland erst bilden soll. Dazu kommt nächstens
die preußische Konstitution, und vielleicht wären die Kerls dann 25
zu Unterschriften usw. zu brauchen. — Übrigens werd’ ich wahr¬
scheinlich mit meiner Weisheit zu spät kommen und Ihr schon
einen Beschluß in dieser Sache gefaßt und ausgeführt haben. Ich
hätte übrigens eher geschrieben, aber ich wartete erst den Verlauf
der Polizeigeschichte ab. 30
Eben erhalte ich Antwort von dem Schweizer Verleger.0 Der
Brief, der inliegend erfolgt, beweist mir erst recht, daß der Kerl
ein Schuft. So freundschaftlich akzeptiert kein ordinärer Ver¬
leger, nachdem er x Wochen hat warten lassen. Wir können jetzt
sehen, was der Bremer2) schreibt, und dann auch noch immer tun, 30
was wir wollen. Da ist auch noch der Kerl in Bellevue bei Kon¬
stanz,’0 vielleicht ist mit dem was aufzustellen; wenn der Bremer
nicht will, kann ich’s bei dem nochmal versuchen. Inzwischen will
ich mich nochmal nach der Herisau erkundigen — hätten wir nur
einen ordentlichen Kerl in der Schweiz, dem man das Manuskript 40
mit Ordre, es nur gegen bar Geld auszuliefern, schicken könnte.
Aber da ist nur der durstige Kindervater Püttmann!
O M. Schlaepfer, Buchhändler in Herisau.
2) Buchhändler Kühtmann
’) Verlags-Buchhandlung
Z. - 1-30.
(16) 1846 Ende Dez.
61
Als unschuldiges Nebenvergnügen hab ich in der letzten
schlechten Zeit außer den Mädeln noch einigen Umgang mit
Dänemark und dem übrigen Norden getrieben. Das ist Dir eine
Sauerei. Lieber der kleinste Deutsche als der größte Däne! So
5 ein Klimax von Moralitäts-, Zunft- und Ständemisere existiert nir¬
gends mehr. Der Däne hält Deutschland für ein Land, wohin man
geht, um „sich Maitressen zu halten und sein Vermögen mit ihnen
durchzubringen“ (imedens at han reiste i Tydskland, havde han
en Maitresse, som fortärede ham den bedste del af hans Midler,
jo heißt es in einem dänischen Schulbuch!) — er nennt den Deut¬
schen einen tydsk Windbeutel und hält sich für den echten Reprä¬
sentanten des germanischen Wesens — der Schwede verachtet wie¬
der den Dänen als „verdeutscht“ und ausgeartet, schwatzhaft und
verweichlicht — der Norweger sieht auf den verfranzösierten
15 Schweden und seinen Adel herab und freut sich, daß bei ihm in
Norge noch grade dieselbe stupide Bauernwirtschaft herrscht wie
zur Zeit des edlen Kanut, und dafür wird e r wieder vom Isländer
en canaille behandelt, der noch ganz dieselbe Sprache spricht wie
die schmierigen Wikinger von Anno 900, Tran säuft, in einer Erd-
20 hütte wohnt und in jeder Atmosphäre kaputt geht, die nicht nach
faulen Fischen riecht. Ich bin mehrere Male in Versuchung ge¬
wesen, stolz darauf zu werden, daß ich wenigstens kein Däne oder
gar Isländer, sondern nur ein Deutscher bin. Der Redakteur des
avanciertesten schwedischen Blatts, des Aftonblad, ist hier zwei-
25 mal in Paris gewesen, um über die Organisation der Arbeit ins
klare zu kommen, hat sich jahrelang den Bon Sens und die Dé¬
mocratie pacifique gehalten, mit Louis Blanc und Considérant
feierlich unterhalten, aber er hat’s nicht kapieren können und ist
so klug zurückgekommen, wie er wegging. Jetzt paukt er nach wie
so vor für die freie Konkurrenz, oder, wie das auf schwedisch heißt,
Nahrungsfreiheit oder auch själfförsörjningsfrihet, Selbst¬
versorgungsfreiheit (Das ist doch noch schöner als Gewerb-
freiheit). Natürlich, die sitzen noch im Zunftdreck bis über die
Ohren, und auf den Reichstagen sind grade die Bürger die
35 wütendsten Konservativen. Im ganzen Land nur zwei ordentliche
Städte à 80000 und 40000 Einwohner resp., die dritte, Norr-
köping, hat nur 12 000, alles übrige so 1000, 2000, 3000. Alle
Poststationen wohnt ein Mehsch. In Dänemark ist’s kaum besser,
da haben sie nur eine einzige Stadt, wo die gottvollsten Zünft¬
ig prozesse vorfallen, toller als in Basel oder Bremen, und wo man
nicht ohne Einlaßkarte auf die Promenade gehen darf. Das ein¬
zige, wozu diese Länder gut sind, ist, daß man an ihnen sehen
kann, was die Deutschen tun würden, wenn sie Preßfreiheit hätten,
nämlich wie die Dänen wirklich getan haben, sogleich eine „Ge-
45 Seilschaft für den wahren Gebrauch der freien Presse“ stiften und
62
(16) 1846 Ende Dez.
christlich-wohlmeinende Kalender drucken lassen. Das schwe¬
dische Aftonblad ist so zahm wie die Kölner Zeitung, hält sich
aber für „demokratisch im wahren Sinne des Worts66. Dafür
haben die Schweden die Romane von Fröken Bremer und die
Dänen Herm Etatsraad Öhlenschläger, Commandör af Danne- j
brogsordenen. Auch gibt es schrecklich viel Hegelianer dort, und
die Sprache, in der jedes dritte Wort aus dem Deutschen gestohlen
ist, paßt famos für die Spekulation.
Ein Bericht ist seit lange angefangen und folgt dieser Tage.
Schreib mir, ob Ihr Proudhons Buch habt. io
Wenn Du von dem Proudhonschen Buch, welches schlecht ist,
für Dein Buch profitieren willst, so will ich Dir meine sehr aus¬
führlichen Exzerpte schicken. Es ist nicht die 15 Franken wert,
die es kostet.
1847
17. Engels an Marx in Brüssel; Paris 1847 Ja¬
nuar 15.
Lieber Marx,
5 Ich hätte Dir schon eher geschrieben, wenn nicht BfernayJs
mich bis jetzt hätte sitzen lassen. Der verfluchte Bornstein, bei
dem ich mich nämlich unter anderm auch wegen Deines Herkom¬
mens erkundigte, war nie zu treffen, und so übertrug ich die Sache
dem BternayJs, der mir schon Montag einen Brief für Dich
io in die Stadt bringen wollte. Statt dessen erhalt ich gestern abend
spät den inliegenden Wisch, den der faule Kerl vorgestern abend
in Sarcelles gesudelt, und die darin enthaltenen Aufklärungen
sind wahrhaftig nicht derart, daß sie ein fünf- bis sechstägiges
Studium erfordert hätten. Aber so ist der Kerl. Ich werde übri-
15 gens den Bornstein selbst sprechen, denn mir genügt diese Auf¬
klärung keineswegs, und, aufrichtig gesagt, ich glaube keinem
Menschen weniger aufs Wort als dem Biernay] s. Der Mensch
brüllt mir seit nunmehr sechs Monaten die Ohren voll, Du könn¬
test jeden Tag mit Sack und Pack kommen, und wenn’s zum Klap-
2o pen kommt, macht er eine lange Historie von einem Paß. Als ob Du
einen Paß brauchtest! An der Grenze fragt kein Mensch danach,
auch Moses ist, ohne gefragt zu werden, hergekommen, ebensogut
wie ich, und wenn Du bei mir wohnst, so möcht ich doch wissen,
wer danach fragen sollte. Höchstens ein belgischer Passeport pour
25 l’Intérieur zur etwaigen Legitimierung, oder das bekannte Send¬
schreiben Herrn Leopolds: Cabinet du Roi — das ist für alle Fälle
hinreichend. Heine ist ganz derselben Meinung, und sowie ich den
Bornstein attrappieren kann, werd ich ihn deshalb befragen. —
Der B[ernay]s hatte auch die Geschichte mit dem Tolstoi aus-
3o spekuliert oder sich vielmehr von Bornstein aufbinden lassen,
denn der Bornstein bindet ihm auf, was er will. Alle die
verschiedentlichen Nachrichten, die der Bfemayls uns früher
schrieb, sind aus derselben Quelle, und nachdem ich unterschied¬
liche Male Zeuge davon gewesen, mit welcher Unfehlbarkeit Böm-
33 stein seine Suppositionen, Klatschgeschichten und eignen Erfin¬
dungen dem B[ernay]s vororakelt und B[emay]s sie für die barste
Münze nimmt, glaub ich von all den wichtigen Nachrichten, die
z. 81-37 -
64
(17) 1847 Jan. 15
er vorzeitlich]1) „aus bester Quelle66 schrieb, kein einziges
Wort.
[Ich]1} hab es selbst mit angesehn, wie der Bornstein bloß
durch affektierte Allwissenheit dem B[ernay]s glauben machte
(und Du weißt, mit welcher Begeisterung B[ernay]s glaubt, 5
wenn er einmal glaubt), der National sei Haut und Haar, Leib
und Seele an Thiers verkauft, argent plus ou moins comptant. Der
Kleine hätte sich drauf totschießen lassen. Er ist hierin unver¬
besserlich wie in seiner himmelhochjauchzend, zum Tode betrüb¬
ten Stimmung. Pendant le cours de la dernière quinzaine il a été io
seize fois au bord du désespoir.
Cela entre nous. Wegen Deines Herkommens also werd ich
den Bornstein nochmals fragen; Heine, wie gesagt, behauptet, Du
könntest dreist kommen. Oder willst Du zum französischen Ge¬
sandten gehen und Dir auf Grund Deines preußischen^
Auswandrungsscheins einen Paß fordern?
Es war mir sehr lieb, daß Du mir Mosen ankündigtest. Der Edle
kam zu mir, traf mich nicht, ich schrieb ihm, er solle mir ein
Rendezvous geben. Gestern fand solches statt. Der Mann hat sich
sehr verändert. Jugendliche Locken umwallen sein Haupt, ein zier- se
liches Bärtchen gibt dem scharfen Kinn einige Grazie, eine jung¬
fräuliche Röte überflog seine Wangen, aber la grandeur déchue
se peignait dans ses beaux yeux, und eine befremdliche Beschei¬
denheit war über ihn gekommen. Ich habe mir hier in Paris einen
sehr unverschämten Ton angewöhnt, denn Klimpern gehört zum 25
Handwerk, und man richtet mit selbigem manches bei Frauen¬
zimmern aus. Aber dies genotzüchtigte Exterieur des ehemals so
welterschüttemden Überfliegers Heß hätte mich fast entwaffnet.
Die Heldentaten der wahren Sozialisten, seiner Jünger aber (wo¬
von unten) und sein eigner unveränderter Kern gaben mir aberao
wieder Mut. Genug, er ist von mir so kalt und spöttisch behandelt
worden, daß er keine Lust haben wird wiederzukommen. Das
einzige, was ich für ihn tat, war einiger guter Rat für den Tripper,
den er aus Deutschland mitgebracht hat. Auch bei einigen deut¬
schen Malern, die er teilweise von früher kannte, hat er komplette
Fiasko gemacht. Nur Gustav Adolf Köttgen ist ihm treu geblieben.
Der Bremer2) ist jedenfalls dem Schweizer3) vorzuziehn. Ich
kann dem Schweizer nicht schreiben, 1. weil ich seine Adresse ver¬
gessen habe, 2. weil ich dem Kerl kein niedrigeres Honorar pro
Bogen Vorschlägen]1) will, als Du dem Bremer vorschlägst. <0
[ . ? . ]1} also Deine Vorschläge für den Bremer und zugleich die
Adresse des Kerls. Er hat dem B[emay]s seine schlechte Roth¬
schild-Broschüre gut bezahlt, aber den Püttmann geprellt, für ihn
x) Papier beschädigt. 2) Buchhändler Kühtmann
s) M. Schlaepfer, Buchhändler in Herisau
Z. - 1-12. 32-36 (geblieben).
(17) 1847 Jan. 15
65
gedruckt, aber unter dem Vorwand, seine Fonds engagiert zu
haben, die Zahlung des Honorars ins Unendliche hinausgeschoben.
Sehr schön, daß Du französisch gegen Proudhon schreibst. Die
Broschüre ist hoffentlich schon fertig geschrieben bei Ankunft
<5 dieses. Daß Du meinetwegen aus unsrer Publikation anti¬
zipieren kannst, was Du willst, versteht sich von selbst. Daß
Pr|.oudhon]s Assoziation auf Brays Plan herausläuft, glaub ich
ebenfalls. Ich hatte den guten Bray ganz vergessen.
Du hast vielleicht in der Trierschen Zeitung von der neuen
io Leipziger sozialistischen Zeitschrift gelesen, betitelt „Veilchen46,
Blätter für die harmlose moderne Kritik! !, worin Herr Semmig
als Sarastro brüllt: In diesen heilgen Hallen kennt man die Rache
nicht, in diesen heilgen Mauern darf kein Verräter lauem, dann
wandelt er an Freu-eu-eu-eu-eundeshand, vergnügt und froh ins
15 bessre Land — aber er hat leider keinen Baß dazu, wie weiland
Reichel. Sarastro-Semmig opfert hier den drei Gottheiten:
1. Heß — 2. Stirner — 3. Ruge — alles in einem Atem. Erstere
beide haben die Tiefen der Wissenschaft [ . ? . det. Dies Blätt¬
chen oder Veilchen ist das Tollste, was ich je gelesen habe. Eine
20 solche stille und zugleich unverschämte Verrücktheit ist nur in
Sachsen möglich. Könnten wir doch das Kapitel über den wahren
Sozialismus noch einmal machen, jetzt, wo sie sich nach allen
Seiten entwickelt haben, wo sich die westfälische Schule, die säch¬
sische Schule, die Berliner Schule usw. usw. nebst den einsamen
Sternen Püttmann usw. besonders konstituiert haben. Man könnte
sie nach den Sternbildern des Himmels einteilen. Püttmann der
große und Semmig der kleine Bär, oder Püttmann der Stier, und
die Plejaden seine acht Kinder. Hörner verdient er, wenn er sie
nicht hat, ohnehin. Grün, der Wassermann usw. Apropos Grün
30 — ich werde den Artikel über Grüns Goethe umarbeiten, auf
einen halben bis drei Viertel Bogen reduzieren und ihn für unsre
Publikation zurechtmachen, wenn’s Dir recht ist, worüber Du
mir bald schreiben sollst. Das Buch ist zu charakteristisch, Gr[ün]
preist alle Philistereien Goethes als menschlich, er
35 macht den Frankfurter und Beamten Goethe zum „wahren
Menschen66, während er alles Kolossale und Geniale übergeht oder
gar bespuckt. Dergestalt, daß dies Buch den glänzendsten Beweis
liefert, daß der Mensch = der deutsche Kleinbürger.
Dies hatte ich nur angedeutet, könnte es aber ausführen und den
4o Rest des Artikels ziemlich streichen, da er für unser Ding nicht
paßt. Was meinst Du?
Dein Engels.
Freitag, 15. Januar 1847.2)
9 Papier beschädigt.
2) Im Orig, irrtümlich 1845
66
(17) 1847 Jan. 15
[Auf der Adreßseite]
Monsieur Charles Marx. 42, rue d’Orléans. Faubg. de Namur
Bruxelles. [Postst.] Paris, 15. janvier 1847.
18. Engels anMarx in Brüssel; Paris [ 1847] M ä r z9.
Lieber Marx, 5
Das inliegende Broschürli wurde mir heut morgen von Junge
überbracht; Ew[erbeck] habe es vor einigen Tagen zu ihnen ge¬
bracht. Ich sah mir das Ding an und erklärte, es sei von Mosi, und
setzte dem J[unge] dies Punkt für Punkt auseinander. Heut
abend sah ich Ew[erbeck], er gestand, es gebracht zu haben, und 10
nachdem ich das Ding gehörig heruntergerissen, kommt heraus,
daß er selbst, E[werbeck], der Verfasser des säubern Machwerks
ist. Er hat es, wie er behauptet, in den ersten Monaten meiner
Anwesenheit hier verfaßt. Der erste Rausch, in den ihn die von
mir mitgeteilten Neuigkeiten versetzten, hat ihn dazu begeistert. 13
So sind diese Jungens. Während er den Heß auslachte, der sich
mit fremden Federn schmückt, die ihm nicht stehen, und den
Straubingern verbot, dem Grün zuzustecken, was ich ihnen vor¬
trug, damit der es nicht ebenso mache, setzt er sich hin und treibt
es — in der besten Absicht von der Welt, wie immer — um kein 20
Haar besser. Moses und Grün hätten die Sachen nicht mehr ver¬
hunzt als dieser volkstümliche Tripperdoktor. Ich hab ihn natür¬
lich erst etwas verhöhnt und ihm schließlich verboten, je wieder
solches Zeug zu laxieren. Aber das sitzt dem Volk in den Knochen.
Die vorige Woche setz’ ich mich hin und schreibe, teils aus Unsinn, 25
teils weil ich platterdings Geld haben muß, ein anonym heraus¬
zugebendes, von Zoten wimmelndes Danksagungsschreiben an die
Lola Montés. Samstag les’ ich ihm einiges draus vor, und heut
abend erzählt er mir mit gewöhnlicher Bonhommie, daß ihn dies
zu einer ähnlichen Produktion inspiriert habe, die er bereits den 30
nächsten Tag über denselben Gegenstand gemacht und dem Mäurer
für seine Inkognito-Zeitschrift0 (sie erscheint wirklich ganz im
geheimen und nur für die Redaktion unter Zensur von Madame
Mäurer, die bereits ein Gedicht von Heine gestrichen) eingehän¬
digt. Er teile mir dies jetzt schon mit, um seine Ehrlichkeit zu 35
salvieren und um kein Plagiat zu begehen! Dies neue Meister¬
stück dieses erpichten und verpichten Schriftstellers wird natür¬
lich reine Übersetzung meines Witzes in solenn-überschwenglichen
Stilum sein. Dies letztere Probestück kurzen Gedärms ist zwar im
übrigen wurst, zeigt aber doch, wie dringend nötig es ist, daß ent- 40
O „Pariser Horen**
Z. 25 (teils) —28.
(18) 1847 März 9
67
weder Dein Buch oder unsre Manuskripte so rasch wie möglich
erscheinen. Die Kerle tragen sich alle mit dem Kummer, daß so
famose Ideen dem Volk solange verborgen bleiben, und wissen
am Ende kein andres Mittel, sich diesen Stein vom Herzen zu
5 wälzen, als daß sie selbst so viel davon ausscheißen, als sie pas¬
sablement verdaut zu haben meinen. Laß den Bremer also nicht
fahren. Wenn er nicht antwortet, schreib nochmals. Akzeptiere
das möglichst Geringe, im Notfall. Diese Manuskripte verlieren
mit jedem Monat, den sie auf Lager zubringen, 5—10 fr. pro
io Bogen an exchangeable value. Noch ein paar Monate, la diète
prussienne en discussion, la querelle bien entamée à Berlin, und
der Bauer und Stirner sind nicht mehr zu 10 fr. pro Bogen ver¬
käuflich. Bei einer solchen Gelegenheitsschrift kommt man all¬
mählich auf einen Punkt, wo hohes Honorar als Forderung des
15 schriftstellerischen point d’honneur ganz beiseite gesetzt werden
muß.
Ich war ca. acht Tage bei dem Bfernays] in Sarcelles. Der
macht auch Dummheiten. Schreibt in die Berliner Zeitungshalle
und freut sich wie ein Kind, daß seine soi-disant kommunistischen
2o Expektorationen gegen die Bourgeois dort gedruckt werden. Na¬
türlich läßt die Redaktion und Zensur stehen, was bloß gegen die
Bourgeois, und streicht die wenigen Andeutungen, die auch ihnen
unangenehm sein könnten. Schimpft über Jury, „bürgerliche
Preßfreiheit66, Repräsentativsystem usw. Ich setze ihm ausein-
2ä ander, daß das buchstäblich pour le roi de Prusse und indirekt
gegen unsre Partei arbeiten heißt — bekannte Aufwallung des
warmen Herzens, Unmöglichkeit etwas auszurichten; ich erkläre,
daß die Zeitungshalle von der Regierung bezahlt wird, hart¬
näckiges Leugnen, Berufen auf Symptome, die für alle Welt, nur
co für die gefühlvolle Einwohnerschaft von Sarcelles nicht, gerade
für meine Behauptung sprechen. Resultat: Die biedere Begeiste¬
rung, das warme Herz kann nicht gegen seine Überzeugung schrei¬
ben, kann keine Politik begreifen, die die Leute schont, die es
bisher immer bis auf den Tod gehaßt hat. „Is nit mei Genre!66
3ö ewige ultima ratio. Ich habe x dieser aus Paris datierten Artikel
gelesen ; sie sind on ne peut plus im Interesse der Regierung und
im Stil des wahren Sozialismus. Ich gebe den B[ernay]s ziemlich
auf und mische mich nicht mehr in den hochherzig-widerlichen
Familienjammer, in dem er den Heros des Dévouements, der un-
4o endlichen Hingebung spielt. Il faut avoir vu cela. Das riecht wie
fünftausend ungelüftete Federbetten, vermehrt durch die — von
der östreichisch-vegetabilischen Küche herrührenden — zahl¬
losen Fürze, die dort verführt werden. Und wenn sich der Kerl
noch zehnmal von der Bagage losrisse und nach Paris käme, er
43 liefe zehnmal wieder zurück. Du kannst Dir denken, was ihm das
Z. 17-45 -
68
(18) 1847 März 9
alles für Moralitätsflausen in den Kopf setzt. Die Familie mode
composé, in der er lebt, macht ihn zum kompletten, engen Philister.
Er kriegt mich auch nie wieder auf seine Boutique und wird auch
sobald kein Verlangen nach mir gefühllosem Individuo tragen.
Die Konstitutionsbroschüre bekommst Du baldmöglichst. Ich 5
werde sie auf einzelne Blätter schreiben, damit Du einlegen und
weglassen kannst. Wenn Aussicht da ist, daß Vogler einiges zahlt,
so frag ihn, ob er den Lola-Montès-Witz — ca. anderthalb bis
zwei Bogen — nehmen will, brauchst aber nicht zu sagen, daß das
Ding von mir herrührt. Antworte mir umgehend darüber, sonst io
versuch ich in Bellevue. Du wirst in Débats oder Constitutionnel
gelesen haben, daß Schufterie Schlaepfer^ in Herisau vom großen
Rat wegen württembergischer Klagen außerstand gesetzt ist, weiter
revolutionäres Zeug zu drucken, er selbst hat es in Briefen hieher
bestätigt und sich alle Zusendungen verbeten. Also Grund 15
mehr, an dem Bremer zu halten. Ist es gar nichts mit dem, so
bleibt nur die „Verlagsbuchhandlung44 in Bellevue bei Konstanz.
Au reste, wenn das Unterbringen unsrer Manuskripte mit dem
Unterbringen Deines Buchs kollidiert, so foutiere in’s Teufels
Namen die Manuskripte in eine Ecke, denn es ist viel wichtiger, 20
daß Dein Buch erscheint. Wir beide beißen doch bei unsern
Arbeiten darin nicht viel heraus.
Du hast vielleicht in der gestrigen (Montags) Kölner Zeitung
einen biedermännischen Artikel über Martin du Nords Skandal¬
geschichte gelesen. Dieser Artikel ist von B[ernay]s — er macht 25
von Zeit zu Zeit die Bömsteinsche Korrespondenz.
Die hiesige Polizei ist jetzt sehr bösartig. Es scheint, sie wollen
mit aller Gewalt eine Erneute oder eine massenhafte Konspiration
gelegentlich der Hungersnot herausbeißen. Erst streuen sie aller¬
lei Druckschriften aus und heften placats incendiaires an, und 30
jetzt haben sie gar Brandstiftungsmaschinen gemacht und ausge¬
streut, die aber nicht an gesteckt waren, damit der Epi¬
cier die ganze Größe der teuflischen Bosheit erkennen könne.
Dazu haben sie die schöne Geschichte mit den communistes maté¬
rialistes angefangen, eine Masse Kerls verhaftet, von denen A 30
den B, B den C, C den D kennt usw., und nun auf Grund dieser
Bekanntschaft und einiger Zeugenbehauptungen die ganze Masse
unter sich meist unbekannter Kerle in eine „Bande64 verwandelt.
Der Prozeß dieser „Bande66 wird bald vorkommen, und wenn zu
diesem neuen System die alte complicité morale hinzukommt, so 40
kann man jedes beliebige Individuum mit der größten Leichtigkeit
verurteilen. Cela sent son Hébert. Auf diese Art ist nichts leichter,
als auch den père Cabet ohne weiteres zu verdonnern.
l) Im Orig. Schlepfer
Z. - 1—4.
(18) 1847 März 9
69
Komm doch, wenn es irgend möglich, im April einmal hieher.
Bis zum 7. April zieh ich aus — ich weiß noch nicht, wohin —,
und habe um dieselbe Zeit auch einiges Geld. Wir könnten dann
einige Zeit höchst fidel zusammen verkneipen. Da die Polizei jetzt
5 allerdings eklig ist (außer dem Sachsen, von dem ich schrieb, war
auch mein alter Gegner Eisermann geschaßt, beide sind hier ge¬
blieben, vergl. K. Grün in der Kölner Zeitung), so ist’s aller¬
dings am besten, daß man den Rat des Bornstein befolgt. Versuch
beim französischen Gesandten, auf Deine Auswanderung
io einen Paß zu kriegen; wenn das nicht geht, dann wollen wir sehen,
was hier auszurichten ist — es gibt wohl noch einen konservativen
Deputierten, der sich durch die sechste Hand rühren läßt. Du mußt
platterdings mal wieder aus dem ennuyanten Brüssel weg und
nach Paris, und das Verlangen, etwas mit Dir zu kneipen, ist auch
M meinerseits sehr groß. Entweder mauvais sujet oder Schulmeister,
das ist alles, was man hier sein kann; mauvais sujet unter lieder¬
lichen Stricken, und cela vous va fort mal quand vous n’avez pas
d’argent, oder Schulmeister von Ewferbeck], B[emay]s und Kon¬
sorten. Oder sich von den Chefs der französischen Radikalen
2o weise Ratschläge geben lassen, die man nachher noch gegen die
andern Esel verteidigen muß, damit sie nicht gar zu stolz in ihrer
schwammigen Deutschheit sich brüsten. Hätt ich 5000 fr. Ren¬
ten, ich tät nichts als arbeiten und mich mit den Weibern amü¬
sieren, bis ich kaputt wär. Wenn die Französinnen nicht wären,
25 wär das Leben überhaupt nicht der Mühe wert. Mais tant qu’il y
a des grisettes, va! Cela n’empêche pas, daß man nicht gern ein¬
mal über einen ordentlichen Gegenstand spricht oder das Leben
etwas mit Raffinement genießt, und beides ist mit der ganzen
Bande meiner Bekannten nicht möglich. Du mußt herkommen.
3o Hast Du L. Blancs Revolution gesehen? Ein tolles Gemisch
richtiger Ahnungen und grenzenloser Verrücktheiten. Ich hab erst
die Hälfte des ersten Bandes in Sarcelles gelesen. Ça fait un drôle
d’effet. Kaum hat er einen durch eine nette Anschauung über¬
rascht. so poltert er einem gleich den furchtbarsten Wahnsinn
55 über den Kopf. Aber der L. Bl[anc] hat eine ganz gute Nase
und ist auf gar keiner üblen Spur, trotz allem Wahnsinn. Er
bringt’s aber doch nicht weiter, als er jetzt schon ist, „ein Zauber
bleit ihn nieder“, die Ideologie.
Kennst Du Achille de Vaulabelle, Chute de l’Empire, Histoire
40 des deux Restaurations? Voriges Jahr erschienen, Republikaner
vom National und in der Art der Geschichtschreibung der alten
Schule — vor Thierry, Mignet usw. — angehörend. Grenzenloser
Mangel an Einsicht in die ordinärsten Verhältnisse — selbst der
Capefigue in seinen „Cent Jours“ ist darin unendlich besser —,
os aber interessant wegen der bourbonischen und allierten Schmutze¬
Z. 25-29.
70
(18) 1847 März 9
reien, die er alle zusammenzählt, und wegen ziemlich genauer
Darstellung und Kritik der facta, solange seine nationalen und
politischen Interessen ihn nicht stören. Im ganzen jedoch lang¬
weilig geschrieben, eben wegen Mangel alles Überblicks. Der Na¬
tional ist ein schlechter Historiker, und Vaulabelle soll Marrasts 5
amicus sein.
Moses ist ganz verschollen. Bei den „Ouvriers“, mit denen ich
nicht „umgehe“, verspricht er Vorlesungen zu halten, gibt
sich für Grüns Gegner und meinen Intimus aus! Gott weiß und
Moses desgleichen, daß ich ihn bei unsrer zweiten und letzten io
Entrevue am Passage Vivienne mit offnem Maule stehen ließ, um
mit dem Maler K[örner] zwei Mädel abseiten zu führen, die die¬
ser auf gegabelt! Seitdem ist er mir nur noch am mardi gras be¬
gegnet, wo er sein lebensmüdes Ich durch den fürchterlichsten
Regen und die ödeste Langeweile nach der Börse zu schleifte. Wir w
erkannten uns nicht einmal.
Den Brief an Bakunin werde ich besorgen, sobald ich seiner
Adresse sicher bin — bis jetzt ist es noch chanceux.
Apropos: schreibe doch an den Ew[erbeck| wegen des Brc
schürlis und verhöhne ihn etwas, er hält demütigst ambas posa- 20
deras dar und wünscht Hiebe drauf zu besehen — Du kennst das.
Also schreib bald und besorge das, daß Du herkommst.
Dein F. E.
Dienstag, 9. März.
19. Marx an Engels in Paris, mit Nachschrift
von Marxens Vetter Lion Philips; Brüssel [1847]
Mai 15.
Lieber Engels,
Du weißt, daß Vogler seit Anfang Mai in Aachen arretiert ist.
Das hat für einstweilen den Druck der von Dir hergeschickten 30
Broschüre unmöglich gemacht. Das erste Drittel derselben hat mir
sehr gut gefallen. An den zwei andern muß jedenfalls geändert
werden. Mehr speziell das nächstemal über diesen Punkt.
Einlege ich den Abdruck Deiner Karikatur. Ich hatte sie der
Brüssler Zeitung zugeschickt. 35
Was den wirklich ekelhaften Artikel des Grün oder Konsorten
in der Trierschen Zeitung angeht, so ist es zwar jetzt zu spät; ur¬
sprünglich aber hättest Du gut getan, in zwei Zeilen eine Gegen¬
erklärung in demselben Schundblatt zu erlassen.
Nach London kann ich nicht. Die Geldmittel gestatten es nicht. 40
Wolff werden wir aber hoffentlich hinbringen. Und dann wird’s
genügen, daß ihr beide da seid.
Z. 11 (um) —13 !
(19) 1847 Mai 15
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Voce Geld:
Du erinnerst Dich, daß Heß mir und meinem Schwager Edgar
Geld vom Gesellschaftsspiegel her schuldet. Ich ziehe daher auf
ihn einen Wechsel von hier, 30 Tage auf Sicht. Der Ber-
5 nays schuldet mir ebenso vom Mai vorigen Jahres 150 fr. Er
erhält also ebenfalls einen Wechsel präsentiert.
Ich ersuche Dich also zu folgendem:
1. Schreib mir erstens die Adresse der beiden;
2. Teile beiden das Faktum mit und sage den Eseln
10 3. daß, wenn sie nicht glauben, bis zum 15. Juni die respek-
tiven Gelder zahlen zu können, sie dennoch den Wechsel akzep¬
tieren sollen. Ich werde dann für Deckung in Paris sorgen.
Natürlich eröffnest Du den Eseln letztres nur, wenn’s durch¬
aus nicht anders geht.
n Ich bin in solchem Geldpech momentan, daß ich zu diesem
Wechselziehn Zuflucht nehmen mußte, und am Ende, den beiden
Eseln soll nichts geschenkt werden. Falls die Esel bloß zum
Schein die Wechsel akzeptieren wollen, muß ich das natürlich
gleich wissen.
20 Da die Sache sehr pressiert, erwarte ich von Dir, daß
Du keinen Tag versäumst, um alles in Ordnung zu bringen und
mich zu benachrichtigen.
Hier in Brüssel ist ein Escompteur auf getrieben.
Ich kann Dir nicht mehr schreiben. Vor ungefähr zwölf Tagen
ließ mir der Breyer zu Ader, aber statt an dem linken, am
rechten Arm. Da ich fortarbeitete, als sei nichts vorgefallen,
eiterte die Wunde, statt zu vernarben. Die Sache hätte gefährlich
werden und mir den Arm kosten können. Jetzt ist’s so gut wie ge¬
heilt. Aber der Arm noch schwach. Darf nicht angestrengt werden.
3» Dein Marx.
[Nachschrift von Lion Philips]
Mein liebes Fritzchen,
Ich bin eben im Begriff, Deine Broschüre zu durchlesen — bis
jetzt habe ich daran viel Spaß gehabt — und fühle mich ganz
35 glücklich, kein Deutscher nicht zu sein. Gott oder Vernunft
oder Gattung bewahre uns vor der Kleinbürgerei! !
Avec laquelle j’ai l’honneur d’être
Yours most truly Philips.
P. S. Schreibe mir doch mal un demi mot.
Z. 1-23. 32-39.
72
(20) 1847 Sept. 28—30
20. Engels an MarxinHolland; Brüssel 1847 Sep¬
tember 28—30.
Dienstag, 28. September 1847.
Lieber Marx,
Es ist hier dieser Tage eine höchst kuriose Geschichte vorge- ö
kommen. Sämtliche mit uns und unsrem Auftreten unzufriedenen
Elemente unter den hiesigen Deutschen haben nämlich eine
Koalition gebildet, um Dich, mich und überhaupt die Kommu¬
nisten zu stürzen und dem Arbeiterverein eine Konkurrenz zu
machen. Bornstedt ist im höchsten Grade malkontent ; die von io
Otterberg ausgegangene, von Sandkuhl überbrachte und bestärkte,
von Crüger und Moras benutzte Redensart, wir benutzten ihn,
B[ornstedt], bloß, hat ihn gegen uns alle wütend gemacht; Moras
und Crüger, die da herumjammem, sie würden von uns von
oben herab behandelt, haben ihn noch mehr aufgehetzt. Seiler u
ist ärgerlich wegen der ihm widerfahrnen unverzeihlichen Ver¬
nachlässigung bei Gründung des Arbeitervereins und wegen des
guten Fortgangs des Vereins, der allen seinen Prophezeiungen
widerspricht. Heilberg sucht für die ihm zuteil gewordenen
und noch täglich werdenden Grobheiten eine eklatante, wenn auch 20
unblutige Rache. Bornstedt schäumt ebenfalls, daß er sich ver¬
mittelst der geschenkten Bücher und Karten nicht die Stellung
eines einflußreichenDemokraten, die Ehrenmitgliedschaft und
Aufstellung seiner Büste im Verein erkaufen konnte, sondern
daß im Gegenteil sein Setzer morgen abend über ihn wie über einen 25
ganz gewöhnlichen Menschen abstimmen lassen wird. Es ärgert
ihn auch, daß er, der aristokratische homme d’esprit, bei den
Arbeitern viel weniger Gelegenheit sich zu mokieren findet, als
er sich versprochen hatte. Dann ist Moras ärgerlich, daß er die
Brüsseler Zeitung nicht für Heinzen gewonnen. Enfin, alle diese 30
heterogenen Elemente vereinigten sich zu einem Coup, der uns
sämtlich zu einer sekundären Rolle gegenüber Imbert und den
belgischen Demokraten herabdrücken und eine viel großartigere,
universellere Gesellschaft ins Leben rufen sollte als unsren lum¬
pigen Arbeiterverein. Sämtliche Herren brannten danach, auch 35
einmal in irgend etwas die Initiative zu haben, und die feigen
Canaillen hatten dazu den Moment Deiner Abwesenheit für aus¬
gezeichnet passend gefunden. Sie hatten sich aber schändlich
verrechnet.
Sie beschlossen also ganz im stillen, ein kosmopolitisch-demo- 40
kratisches Souper zu arrangieren und dort ganz unvorbereitet eine
Gesellschaft à la Fratemal Democrats nebst Arbeitermeetings
Korr, aus bedeut
(20) 1847 Sept. 28—30
73
usw. usw. zu proponieren. Sie bildeten eine Art Komitee, wozu sie
pro forma den ihnen ganz unschädlichen Imbert zuzogen. Nach
allerlei vagen Gerüchten erfuhr ich erst Sonntag abend im Verein
von B[ornstedt] etwas Positives darüber, und Montag war schon
s das Essen. Details waren aus Bornstedt nicht herauszuziehen,
außer daß Jottrand, General Mellinet, Adolf Bartels, Kats usw.
usw. hinkommen würden, Polen, Italiener usw. Obwohl ich von
der ganzen Koalition nichts ahnte (erst Montag morgen erfuhr ich,
daß Bornstedt etwas pikiert sei und Moras und Crüger jammerten
io und intrigierten; von Seiler und Heilberg ahnte ich nichts), so
kam mir die Sache doch verdächtig vor. Hingehen mußte man aber
wegen der Belgier und um in dem kleinen Brüssel nichts Demo¬
kratisches geschehen zu lassen, wobei wir nicht beteiligt seien.
Aber für eine Partei mußte gesorgt werden. Wallau und ich
/.5 brachten also die Sache vor, unterstützten sie stark, und gleich
fanden sich an die dreißig, die hingehen wollten. Am Montag
morgen sagte mir Lupus, außer dem président d’honneur, dem
alten Mellinet, und dem wirklichen Präsidenten Jottrand müßten
sie zwei Vizepräsidenten haben, von denen einer Imbert, der andre
20 ein Deutscher, womöglich ein Arbeiter. Wallau sei leider unmög¬
lich, weil er kein Französisch spreche. So habe ihm Bornstedt ge¬
sagt. Er, Lupus, habe geantwortet, dann müsse ich es werden. Ich
sagte dem Lupus nun, er solle es sein, aber er wollte absolut nicht.
Ich wollte es auch nicht, weil ich so schrecklich jung aussehe, aber
25 am Ende dacht’ ich, es sei doch für alle Vorkommenheiten am
besten, wenn ich es akzeptierte.
Wir kommen abends hin. Bornstedt tat sehr unwissend, als ob
noch nichts arrangiert, bloß die Beamten (toujours à l’exception
de l’Allemand) und einige inskribierte Redner, von denen ich
so außer Crüger und Moras keine Namen erfahren konnte; er
drückte sich jeden Augenblick wegen Arrangierung des Lokals,
lief zu diesem und jenem, mogelte, intrigierte, fuchsschwänzelte
aus Leibeskräften. Ich sah indes noch kein Symptom von beson¬
drer Intrige, das stellte sich erst später heraus. Wir waren im
35 Estaminet Liégeois, Place du Palais de justice. Als es zur Beamten¬
wahl kam, schlug Bornstedt gegen alle Absprache Wallau vor. Die¬
ser ließ sich durch Wolff (Lupus) reküsieren und mich vorschlagen,
was auch mit Glanz durchging. Hiermit war die ganze Intrige
auseinandergefallen und vereitelt. Jetzt verloren sie mehr oder
4o weniger die Besinnung und verrieten sich. Nach Imbert, der die
martyrs de la liberté leben ließ, brachte ich einen französischen
Toast au souvenir de la Révolution de 1792 und nachträgliches
anniversaire du Ier vendémiaire an I de la République aus. Nach
mir Crüger eine lächerliche Rede, in der er stecken blieb und sein
46 Manuskript hervorziehen mußte. Dann Moras, der eine Pauke ab-
74
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las, in der es sich fast nur von seiner Wenigkeit handelte. Beide
deutsch. Ihre Toaste waren so konfus, daß ich sie gar nicht mehr
weiß. Dann Pelleringflämisch, Advokat Spilthoorn von Gent
französisch au peuple anglais, dann zu meinem größten Erstaunen
die pucklige Spinne Heilberg mit einer langen schulmeisterlichen 5
abgeschmackten französischen Rede, worin er 1. sich als Redak¬
teur des Atelier Démocratique in die Brust warf ; 2. erklärte,
Er, Maximus Heilberg, verfolge seit mehreren Monaten — mais
cela doit se dire en français: L’association des ouvriers belges,
voilà le but que Je poursuis depuis quelques mois (c. à d. depuis ic
le moment où J’ai daigné prendre connaissance du dernier cha¬
pitre de la Misère de la philosophie). Also Er, und nicht Kats
und die andern Belgier. „Nous entrerons dans la carrière quand
nos aînés n’y seront plus“ usw. usw. Er wird das vollbringen,
was Kats und Jottrand nicht konnten. 3. vorschlug, eine fratemal r>
democracy zu stiften und die Meetings zu reorganisieren; 4. das
erwählte Bureau mit der Organisation beider zu beauftragen. —
Also welche Konfusion! Erstens die kosmopolitische Geschichte
mit belgischen Meetings über belgische Angelegenheiten zusam¬
menzuwerfen, und zweitens diesen Vorschlag, statt ihn ganz fallen 20
zu lassen, weil ihnen doch alles verbrockt, dem bestehenden
Bureau zu übertragen! Und wenn er dachte, ich ginge weg, mußte
er nicht wissen, daß gar nicht daran zu denken war, irgend je¬
mand anders ins Bureau zu bringen als Dich? Aber der Schafs¬
kopf hatte seine Rede mal fertig und geschrieben, und seine Eitel- 25
keit erlaubte ihm nicht, etwas fallen zu lassen, wobei er die Initia¬
tive in irgend etwas ergreifen konnte. Die Geschichte ging natür¬
lich durch, und bei dem zwar sehr factice gewordenen, aber doch
lauten Enthusiasmus war nicht daran zu denken, den konfusen
Vorschlag besser zu arrangieren. Dann sprach A. Bartels (Jules 30
war nicht da), und dann verlangte Wallau das Wort. Wie groß
aber war mein Erstaunen, als plötzlich Bornstedt vorsprang und
mit großem Eifer das Wort für Seiler als früher schon einge¬
schriebnen Redner verlangte. Steiler] erhielt es und hielt eine
unendlich lange, schwatzhafte, alberne, lächerlich abgeschmackte, 35
wirklich blamable Rede (französisch), worin er von den pou¬
voirs législatif, administratif et exécutif schauderhaften Unsinn
sprach, den Demokraten allerhand weise Ratschläge gab (wie
auch Heilberg, der von instruction^ et question de l’enseigne¬
ment die wunderbarsten Dinge gefabelt), worin Steiler] ferner^
sich en grand homme posierte, von demokratischen Gesellschaften
sprach, auxquelles j’ai participé et que j’ai peut-être
même dirigées (littéralement), und schließlich auch richtig
1 ) Im Orig. Pellerin
2) Korr, aus éducation
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sein edles Bureau mit den dernières nouvelles arrivées de Paris
usw. hereinbrachte. Kurz, es war scheußlich. Nachher sprachen
noch mehrere, ein schwyzer Esel, Pellering1}, Kats (sehr gut)
usw. usw., und um zehn Uhr schloß Jottrand (der sich zu Tode
5 schämte für die Deutschen) die Sitzung. Plötzlich reklamierte
Heilberg Schweigen und annoncierte: Die Rede von Weerth auf
dem free trade congress erscheine morgen in einem Supplement
des Atelier, qui se vendra séparément!!! Auch hat der
Zalewski noch etwas gegreint sur l’union de cette malheureuse
io Pologne et de cette grande, noble et poétique Allemagne — enfin,
alle gingen sehr ruhig, aber sehr malkontent nach Hause. —
Donnerstag, 30. September. Seit obiges geschrieben, ist
allerlei Neues vorgefallen und mancherlei entschieden. Am Diens¬
tag morgen, wo mir die ganze Intrige klar war, lief ich herum und
15 konterkarrierte; noch in der Nacht um zwei Uhr lief ich zu Lupus
aufs Bureau: ob Bornstedt nicht im Arbeiterverein auszuballo-
tieren sei? Mittwoch überall herumgelaufen, aber alle meinten,
wir setzten es nicht durch. Ich kam Mittwoch abend in den Ver¬
ein, Bornstedt war schon da, er war zweideutig; endlich brachte
20 Thomis die neue Zeitung, mein Artikel gegen Heinzen, den ich
Montag schon zu ihm und, als er (mittags zwei Uhr) nicht da
war, in die Druckerei gebracht, stand nicht drin. Ich frug
ihn, er sagte, es sei kein Platz gewesen. Ich erinnerte, an was Du
mit ihm abgesprochen. Er leugnete das; ich wertete, bis Wallau
25 da war, der mir sagte, Platz genug sei dagewesen, aber am Diens¬
tag habe Bornstedt den Artikel aus der Druckerei holen lassen
und nicht wieder geschickt. Ich ging zu Bornstedt und erzählte
ihm das sehr grob. Er suchte sich herauszulügen. Ich kam wieder
auf die Absprache, die er, bis auf ganz allgemeines Geschwätz,
3o wieder leugnete. Ich sagte ihm einige Grobheiten — Crüger,
Gigot, Imbert usw. usw. saßen dabei — und frug2): Wollen Sie
den Artikel am Sonntag geben, oui ou non? — Darüber müssen
wir erst sprechen. — Ich spreche mit Ihnen darüber gar nicht.
— Damit ließ ich ihn sitzen. Die Sitzung begann. Bornstedt stützte
35 seinen Kopf auf seinen Ellenbogen und sah mich mit merk¬
würdiger Siegsgewißheit an. Ich sah ihn wieder an und wartete.
Auf trat Herr Thomis, der, wie Du weißt, das Wort verlangt hatte.
Er zog eine geschriebne Rede aus der Tasche und las eine Reihe
' der sonderbarsten Ausfälle gegen unser Scheingefecht ab. Eine
io Zeitlang ging das fort, aber als cela ne finissait pas, entstand
allgemeines Murren, eine Masse verlangten das Wort, und Wal¬
lau rief Thfomis] zur Ordnung. Dieser, Th[omis], las dann sechs
O Im Orig. Pellerin
2) Korr, aus ließ ihn alle
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verrückte Worte über die Frage und trat ab. Dann trat Heß
auf und verteidigte uns ganz gut. Dann Junge. Dann der Pariser
Wolff, der zwar dreimal stecken blieb, aber sehr applaudiert
wurde. Dann noch mehrere. Wolff hatte verraten, daß wir bloß
pro forma opponiert. Ich mußte also auftreten. Ich sprach — à la 5
grande déconfiture de Bornstedt, der geglaubt hatte, ich wäre zu
sehr mit persönlichem Krakeel beschäftigt — ich sprach also über
die revolutionäre Seite des Schutzsystems, den pp. Thomis natür¬
lich gänzlich ignorierend, und schlug eine neue Frage vor. An¬
genommen. — Pause. — Bornstedt, durch meine Heftigkeit ihm io
gegenüber, durch Thomis’ gänzliches Abfallen (il y avait du
Bornstedt dans son discours) und durch die Heftigkeit, mit der
ich schließlich noch gesprochen, sehr erschüttert, Bornstedt kam zu
mir: Aber liebes Kind, Sie sind aber schrecklich leidenschaftlich
usw. Kurz, ich sollte den Artikel unterschreiben. — Nein. — Dann
sollten wir uns wenigstens über eine kurze Redaktionseinleitung
verständigen. — Bien, à demain à onze heures au Café Suisse.
— Dann kam die Aufnahme von Bornstedt, Crüger, Wolff. Heß
stand zuerst auf und richtete zwei Fragen an Bornstedt wegen der
Montagsversammlung. Bornstedt log sich heraus, und Heß war 20
schwach genug, sich für satisfait zu erklären. Junge packte Born¬
stedt persönlich, wegen seines Auftretens in der Gesellschaft und
weil er den Sandkuhl unter falschem Namen eingeführt. Fischer
trat sehr energisch gegen Bornstedt auf, ohne alle Verabredung,
aber sehr gut. So noch mehrere. Kurz, der siegestrunkne Herr 25
von Bornstedt mußte förmlich zwischen den Arbeitern Spießruten
laufen. Er wurde schändlich mißhandelt und war so foudroyiert
— er, der natürlich durch seine Büchergeschenke komplett einge¬
kauft zu sein glaubte —, daß er nur evasiv, schwach, konzedierend
antworten konnte — trotzdem daß Wallau fanatisch für ihn war, 30
miserabel präsidierte und ihn jeden Augenblick die Redner unter¬
brechen ließ. Noch stand alles zweifelhaft, als Wallau die Vor-
geschlagnen abtreten ließ und zur Abstimmung brachte. Crü¬
ger, von mir als höchst unschuldiger Mensch vorge¬
schlagen, der der Gesellschaft nicht schaden kann,jj
und von Wolff purement et simplement unterstützt, ging durch.
Bei Bornstedt trat Wallau in einer langen heftigen Rede für ihn
auf. Jetzt trat ich auf, setzte die ganze Intrige, soweit die Gesell¬
schaft dabei beteiligt, auseinander, vernichtete die Evasionen
des Bornstedt eine durch die andre und erklärte schließlich: Der 40
Bfornstedt] hat gegen uns intrigiert, uns Konkurrenz machen
wollen, aber wir haben gesiegt, und darum können wir ihn jetzt
in der Gesellschaft zulassen. Während der Rede — es war die
beste, die ich je gehalten — wurde ich sehr häufig durch Applaus
unterbrochen; namentlich als ich sagte: diese Herren glaubten 45
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noch alles gewonnen zu haben, weil ich, ihr Vizepräsident, weg¬
gehe, aber sie dachten nicht daran, daß einer unter uns ist, dem
der Platz von Rechts wegen gebührt, einer, der allein die deutschen
Demokraten hier in Brüssel vertreten kann, und das ist Marx — da
5 wurde fürchterlich applaudiert. Genug, nach mir sprach keiner
mehr, und so wurde dem Bornstedt nicht die Ehre angetan, ihn
herauszuschmeißen. Er stand vor der Türe und hörte alles an. Ich
hätte es lieber gesagt, wo er noch im Saal gegenwärtig war, mais
il n’y avait pas moyen, weil ich mich für den letzten Coup auf-
io sparen mußte und Wallau die Diskussion abbrach. Aber er,
wie Wolff und Crüger, hat jedes Wort gehört. Ihm gegenüber
wurde Wolff fast glänzend adoptiert. — Genug, in der gestrigen
Sitzung hat Bornstedt, Crüger usw. einen solchen Schimpf erlitten,
daß sie honorigerweise gar nicht in die Gesellschaft kommen
15 können und für lange Zeit genug haben. Aber sie werden doch
kommen; der unverschämte Bornstedt ist durch unsre noch größre
Frechheit, durch das gänzliche Fehlschlägen aller seiner Kalku¬
lationen, durch unsre Leidenschaftlichkeit so kaduk geworden,
daß er nichts mehr kann als — in Brüssel herumlaufen und
2o seine Schande überall herumjammern — le dernier degré de
l’abaissement. Er kam wütend in den Saal zurück, aber ohn¬
mächtig, und als ich nun von der Gesellschaft Abschied nahm und
mit allen nur möglichen Ehren entlassen wurde, ging er schäumend
weg. Während der Diskussion über ihn war Bürgers gegenwärtig,
25 der seit vorgestern abend hier ist. — Unsre Arbeiter haben sich
bei der ganzen Sache ganz famos benommen; die geschenkten
26 Bücher und 27 Landkarten wurden mit keinem Worte erwähnt,
Bornstedt wurde von ihnen mit der größten Kälte und Rücksichts¬
losigkeit behandelt, und als ich sprach und zur Konklusion kam,
30 hatte ich es in meiner Hand, ihn mit enormer Majorität durch¬
fallen zu lassen. Das gibt selbst Wallau zu. Aber wir haben ihn
schlimmer behandelt, wir haben ihn mit Schimpf und Schande auf¬
genommen. Auf die Gesellschaft hat die Sache einen ausgezeich¬
neten Eindruck gemacht; zum erstenmal haben sie eine Rolle ge-
35 spielt, ein Meeting, trotz aller Intrigen, beherrscht und einen Kerl,
der sich ihnen gegenüber eine Position machen wollte, in seine
Schranken zurückgewiesen. Nur einige Kommis usw. sind malkon¬
tent, die Masse ist enthusiastisch für uns. Sie haben gefühlt, was
sie sind, wenn sie assoziiert sind.
4o Heut morgen ging ich aufs Café Suisse, und wer nicht kam, war
Bornstedt. — Aber Weerth und Seiler begegneten mir, sie hatten
den Bornstedt eben gesprochen, und Seiler war die Unterwürfig¬
keit und Insinuation selbst. Ich ließ ihn natürlich links liegen. Die
gestrige Sitzung war übrigens so dramatisch, sie arrangierte und
45 steigerte sich so famos, daß der Pariser Wolff aus reinem ästhe¬
78
(20) 1847 Sept. 28-30
tischen Gefühl darüber momentan zum Parteimann geworden ist.
Heut w ar ich auch bei A. Bartels und erklärte ihm, daß die deutsche
Gesellschaft für nichts verantwortlich sei, was am Montag vor¬
gefallen, daß Crüger, Bornstedt, Moras, Seiler, Heilberg usw.
nicht einmal Mitglieder waren und daß die ganze à l’insu der j
deutschen Gesellschaft veranstaltete Geschichte vielmehr die Er¬
richtung einer Konkurrenz gegen sie bezweckte. Ein Brief gleichen
Inhalts, von allen Komiteemitgliedern unterzeichnet, geht morgen
ebenfalls an Jottrand ab. Zu Imbert geh’ ich morgen mit Lupus.
Ferner hab ich folgendes an Jottrand wegen der durch meine Ab- w
reise leer werdenden Stelle im Organisationskomitee der Brüs¬
seler Fraternal Democrats geschrieben:
„Monsieur! Obligé de quitter Bruxelles pour quelques mois,
je me trouve dans l’impossibilité de remplir les fonctions dont la
réunion du 27 de ce mois a bien voulu m’investir. — Je vous prie u
donc d’appeler un démocrate allemand résidant à Bruxelles à as¬
sister aux travaux de la commission chargée d’organiser une
société démocratique universelle. — Je me permettrai de vous pro¬
poser celui parmi les démocrates allemands de Bruxelles, qui la
réunion, s’il avait pu y assister, aurait nommé à la charge qu’en 20
son absence on m’a fait l’honneur de me conférer. Je parle de
Mr. Marx qui dans mon intime conviction a le droit le plus fondé
de représenter à la commission la démocratie allemande. Ce ne
serait donc pas Mr. Marx qui m’y remplacerait, c’était plutôt moi
qui à la réunion ai remplacé Mr. Marx. Agréez etc.“ 25
Ich hatte nämlich vorher schon mit Jottrand abgesprochen, daß
ich ihm meine Abreise schriftlich anzeigen und Dich in die Kom¬
mission Vorschlägen würde. Jottrand ist auch verreist und kommt
in vierzehn Tagen wieder. Wird nichts aus der ganzen Geschichte,
was ich glaube, so ist es Heilbergs Vorschlag, der durchfällt; wird 30
was draus, so sind wir es, die die Sache zustande gebracht haben.
Jedenfalls haben wir das gewonnen, daß Du, und nach Dir ich, als
Repräsentanten der deutschen Demokraten in Brüssel anerkannt
sind und sonst die ganze Intrige schrecklich in den Dreck ge¬
fallen ist. 33
Heut abend war Gemeindesitzung. Ich präsidierte. Mit Aus¬
nahme Wallaus, der sich übrigens bekehren ließ und dessen
gestriges Auftreten allerdings diverse Entschuldigungsgründe fin¬
det, die ich ihm auch zugute kommen ließ, mit dieser Ausnahme
also war der Enthusiasmus über die Geschichte mit Bornstedt ein- w
stimmig. Die Kerls fangen an sich zu fühlen. Sie sind endlich
einmal als Gesellschaft, als Macht gegenüber andern Leuten auf¬
getreten, und daß alles so famos flott ging, daß sie so komplett
gesiegt haben, macht sie ungeheuer stolz. Junge schwimmt im
siebenten Himmel, Riedel weiß sich vor Freude nicht zu lassen, 40
(20) 1847 Sept. 28—30
79
selbst der kleine Ohnemans^ triumphiert wie ein fighting cock.
Übrigens wiederhole ich, daß diese Geschichte der Gesellschaft
nach innen und nach außen einen famosen Aufschwung gegeben
hat und ferner geben wird. Kerle, die sonst das Maul nicht auftun,
5 haben den Bornstedt attackiert. Und selbst die Intrige hat uns
geholfen: erstens hat Bornstedt überall verbreitet, die deutsche
demokratische Arbeitergesellschaft habe das Meeting gemacht,
und zweitens haben wir das alles desavouiert, und durch beides ist
die Gesellschaft bei den belgischen Demokraten überall ins Ge-
io spräch gekommen und gilt als eine höchst bedeutende, plus ou
moins mysteriöse Macht. La démocratie allemande devient très
forte à Bruxelles, sagte Bartels heut morgen.
Übrigens kommst Du auch in den Brief des Komitees an Jott-
rand. Gigot wird zeichnen: Sekretär während der Abwesenheit
u von Marx.
Mach nun Deine Geldgeschichten so rasch wie möglich ab und
komm wieder her. Mir brennt’s unter den Füßen, ich möchte fort
und muß erst den Verlauf dieser Intrigen abwarten. Ich kann jetzt
absolut nicht fort. Je eher Du also kommst, desto besser. Nur regle
2o zuerst Deine Geldgeschichten. Ich bleibe jedenfalls so lange auf
meinem Posten wie irgend möglich; si c’est possible, bis Du
kommst. Aber eben deswegen ist’s wünschenswert, daß Du bald
kommst.
Dein Engels.
21. Engels an Marx in Brüssel; Paris 1847 O k t o -
her 25—26.
Lieber Bartholomäus,
Ich kann Dir erst heute schreiben, weil ich erst heute den
kleinen Louis Blanc — nach erschrecklichen Kämpfen mit der
30 Portière — zu sehen bekam. Das Resultat meiner langen Unter¬
redung mit ihm ist, daß der kleine Mann zu allem bereit ist. Er
war die Höflichkeit und Freundschaftlichkeit selbst und scheint
nichts dringender zu wünschen, als mit uns in die engste Verbindung
zu treten. Auch das französisch-nationale Protektionswesen hat er
35 gar nicht an sich. Ich hatte ihm geschrieben, ich käme mit mandat
formel der Londoner, Brüsseler und Rheinischen Demokratie zu
ihm, ebenso als chartist agent. Er erkundigte sich genau nach
allem; ich schilderte ihm den Stand unsrer Partei als äußerst
brillant, sprach von der Schweiz, Jacoby, den Badensern als Al-
40 liierten usw. — Du seist der Chef : vous pouvez regarder M. Marx
') Im Orig. Ohnemus
80
(21) 1847 Okt. 25-26
comme le chef de notre parti (i. e. de la fraction la plus avancée
de la démocratie allemande, que je représentais vis-à-vis de lui)
et son récent livre contre M. Proudhon comme notre programme.
Dies nahm er sich sehr ad notam. Dann versprach er mir schlie߬
lich, sich über Dein Buch in der Réforme zu prononcieren.
Er erzählte mir eine Masse Zeugs über das mouvement souterrain,
das jetzt bei den Arbeitern vor sich gehe; die Arbeiter hätten
seine Organisation du travail in 3000 Exemplaren wohlfeil
gedruckt und nach vierzehn Tagen sei eine neue Auflage von
3000 Exemplaren nötig geworden — er sagte, die Arbeiter seien io
revolutionärer als je, aber hätten gelernt ihre Zeit abwarten, keine
Erneuten, nur große Schläge mit gewissem Erfolg zu machen
usw. Übrigens scheint er sich auch in Beziehung auf die Arbeiter
das Protegieren abgewöhnt zu haben. Quand je vois des choses
comme ce nouveau programme de M. de Lamartine, cela me fait u
rire! Pour bien juger de l’état actuel de la société française, il
faut être dans une position qui vous permet de voir un peu de tout,
d’aller le matin chez un ministre, l’après-diner chez un négociant,
et le soir chez un ouvrier. Die kommende Revolution werde ganz
anders und viel durchgreifender sein als alle früheren, und es sei w
reine bêtise, fortwährend bloß gegen Könige usw. zu brüllen.
Schließlich war er sehr artig und ganz kordial. Du siehst, mit dem
Mann ist all right, il a les meilleures dispositions du monde. Von
Dir sprach er mit großer Teilnahme; es tat ihm leid, daß Ihr etwas
froidement voneinander gegangen seid usw. Eine besondre Vor- 2)
liebe hat er noch immer für eine in Paris herauszugebende deutsche
und französische Revue. Vielleicht später zu benutzen. — Über
Ruge, nach dem er frug, setzte ich ihm einen Floh ins Ohr; il s’est
fait le panégyriste de la Diète prussienne, et cela même après
que la diète s’était séparée sans résultat. — Donc il a fait un 30
pas en arrière? Jawohl. —
Mit père Flocon bin ich ebenfalls im besten Zuge. Bei diesem
bin ich erst alsEngländer aufgetreten und frug im NamenHameys,
warum er den Star so ignoriere. Ja, sagte er, es täte ihm leid, er
spräche gar zu gern davon, nur sei kein Mensch auf der Redak- 3^
tion, der englisch verstehe! Ich bot mich an, ihm wöchentlich einen
Artikel zu machen, akzeptiert de grand coeur. Als ich ihm sagte,
ich sei Korrespondent des Star, wurde er ganz gerührt. Wenn das
so fortgeht, so haben wir in vier Wochen diese ganze Richtung ge¬
wonnen. Flocon will von mir einen Aufsatz über den Chartismus 40
für Privatgebrauch haben, er weiß nicht die blasseste Laus davon.
Ich werde gleich zu ihm gehen und ihn weiter in unsre Netze ver¬
stricken. Ich werde ihm sagen, das Atelier mache mir Avancen
(was wahr ist, ich geh noch heut’ abend hin), und ich werde sie
ausschlagen, wenn er sich anständig benehme. Das wird sein bie- 45
(21) 1847 Okt. 25—26
81
dres Herz rühren. — Bin ich erst hier etwas weiter und im Fran¬
zösisch-Schreiben etwas geübter, so geht’s auf die Revue Indé¬
pendante los.
Ich vergaß ganz, den L. Blanc zu fragen, warum er Deinen
5 Artikel vom Kongreß nicht aufgenommen. Ich werd ihm das
nächstens vorrücken, wenn er zu mir kommt. Übrigens zweifle ich,
ob er Dein Buch überhaupt erhalten hat. Er wußte sich
das heute gar nicht zu besinnen. Auch vor meiner Abreise sprach
er sehr unbestimmt davon. Ich erfahre das in ein paar
io Tagen. Hat er’s nicht, so geb ich ihm mein Exemplar. —
Denk Dir, der kleine Bernays, der hier herumläuft und den
„Märtyrer66 spielt, den von aller Welt Verratenen, „der aller Welt
geholfen hat, mit Geld oder gutem Rat66 (littéralement), diese
Bestie hat a horse and gig, ein Schimmelchen und e Kabriolett!
15 Natürlich Bornstein hat’s, aber das ist wurst. Derselbe Kerl, der
heute sich als gedrückten, geldlosen Märtyrer hinstellt, renommiert
morgen damit, daß er der einzige sei, der Geld zu ver¬
dienen wisse. Er hat 21 Bogen! über die Affäre Praslin
gekaut, die in der Schweiz erscheinen. Der Kem der Sache
2o ist der, daß nicht la duchesse, sondern le duc der Märtyrer
ist!! Auf seine Renommagen mit dem Märtyrertum hab ich
ihm durch eine Mahnung wegen alter mir schuldiger 60 frcs.
antworten lassen. Er wird vollständig Industrieller und prahlt
damit. Übrigens ist er wahnsinnig. — Ewerbeck selbst schäumt
zuwider ihn. —
Cabet hab ich noch nicht gesehen. Er freut sich, wie es scheint,
daß er wegkommt. Er merkt, daß die Sachen hier anfangen bröck¬
lig und mürb zu werden. Flocon will losschlagen, Louis Blanc
nicht, das ist ganz richtig, obwohl L. Bltanc] auch in allerlei Ge-
30 schichten trempiert und sich im voraus freut über die plötzliche
Aufschüttelung der Bourgeoisie aus ihrer Sicherheit bei der plötz¬
lich hereinbrechenden Revolution.
Ich bin bei père Flocon gewesen. Der brave Mann war die
Kordialität selbst, und meine biedermännische Ehrlichkeit, mit
35 der ich ihm meine Geschichte mit dem Atelier erzählte, trieb ihm
fast die Tränen in die Augen. Ich kam vom Atelier auf den Na¬
tional zu sprechen: Lorsque à Bruxelles nous discutions la question
à quelle fraction de la démocratie française on s’adresserait, nous
étions unanimement d’accord que dès le premier abord on se
40 mettrait en rapport avec la Réforme; car à l’étranger il existe de
fortes et de bien fondées préventions contre le National. D’abord
les préjugés nationaux de cette feuille empêchent tout rapproche¬
ment — oui oui, c’est vrai, sagte Flocon, et ceci était même la
raison pour laquelle la Réforme fut fondée; nous avons déclaré
4s dès le premier jour que nous ne voulons pas de conquêtes — et
6
82
(21) 1847 Okt. 25—26
puis, fuhr ich fort, si je peux en croire mes prédécesseurs, car moi
je n’ai jamais été au National, ces messieurs se donnent toujours
l’air de vouloir protéger les étrangers, ce qui au reste est parfaite¬
ment d’accord avec leurs préjugés nationaux; et nous autres, nous
n’avons pas besoin de leur protection, nous ne voulons pas de pro- 5
tecteurs, nous voulons des alliés. — Ah oui, mais c’est tout à fait
différent avec nous, nous n’y pensons pas. — C’est vrai, aussi
n’ai-je qu’à me louer des procédés des Messieurs de la Réforme.
Aber wie das geholfen hat, daß ich dem kleinen Blanc unsre Ge¬
schichten ins Gedächtnis zurückgerufen. Deine Kongreßrede hatte 10
er, à ce qu’il paraît, ganz verschmissen gehabt; heute hat er sie
gleich hervorgesucht und an Flocon geschickt mit einem sehr drin¬
genden Billett, sie gleich abzudrucken. Ich explizierte dem Flocon
das Ding; der Mensch begriff das cur, quomodo, quando nicht,
weil der Bl[anc] sie ihm ohne alle weitere Erklärung geschickt. 15
Fl[ocon] bedauerte sehr, daß die Sache schon so alt geworden sei;
er sei parfaitement d’accord damit, aber jetzt sei es zu spät. Doch
wolle er sehen, ob er’s nicht in einem Artikel unterbringen könne.
Er wolle sein möglichstes tun.
Der Artikel über Lamartines fromme Wünsche in der Réforme 20
ist von L. Bl[anc], wie Du gesehen haben wirst. Er ist nicht übel,
in jeder Beziehung tausendmal besser als der ewige Flocon. Er
würde den Lamartine gewiß sehr derb angreifen, wenn er nicht
jetzt gerade sein Konkurrent wäre.
Du siehst, die Leute sind so gut disponiert, wie man nur wün- 25
sehen kann. Ich stehe mit ihnen schon jetzt zehnmal besser, als
Ewerbeck je mit ihnen stand. Diesem werde ich jetzt gänzlich ver¬
bieten, zu schreiben für die Réforme. Er mag sich an den National
pissen und dort Venedey & Co. Konkurrenz machen; da ist er un¬
schädlich und bekommt doch nichts gedruckt. 30
Nachher war ich noch auf dem Atelier. Ich habe eine Berich¬
tigung wegen eines Artikels der vorigen Nummer über englische
Arbeiter hingebracht, die auch hereinkommt. Die Kerls waren sehr
artig; ich erzählte ihnen un tas d’anecdotes über englische Ar¬
beiter usw. Sie forderten mich dringend auf, mitzuarbeiten, was 35
ich aber nur im Notfall tun werde. Denk Dir, der rédacteur en
chef meinte, es wäre wohl gut, wenn die englischen Arbeiter eine
Adresse an die französischen erließen, sie auffordemd, der libre-
échange-Bewegung entgegenzutreten und den travail national auf¬
zustecken! Quel héroïque dévouement! Damit fiel er aber selbst 40
bei seinen eignen Leuten durch.
Übrigens hab ich den Leuten gegenüber gar keine Konzessionen
zu machen brauchen. Dem L. Blanc sagte ich, que nous étions
d’accord avec eux sur toutes les questions pratiques et d’actualité, et
que dans les questions purement théoriques nous marchions vers le
(21) 1847 Okt. 25—26
83
même but; que les principes énoncés dans son premier volume
s’accordaient sous beaucoup de rapports avec les nôtres, et que
pour le reste il en trouverait de plus amples développements dans
ton livre. Quant à la question religieuse, nous la considérions
5 comme tout-à-fait subordonnée, comme une question qui jamais ne
devrait former le prétexte d’une querelle entre les hommes du
même parti. Bei alledem sei eine freundschaftliche Diskussion
der theoretischen Fragen ganz gut möglich und sogar wünschens¬
wert, womit er parfaitement d’accord war.
w Der Lupus hatte mit seiner Vermutung, ich würde die Direktion
sehr bald treffen, ganz recht. Kaum drei Tage hier, laufe ich auf
dem Boulevard des Italiens dem Seiler in die Arme. Ihr werdet
längst wissen, daß er komplett durchgebrannt ist und nicht daran
denkt zurückzukommen. Er läuft bei allerlei französischen Kor-
15 respondenzbureaus herum und sucht unterzukommen. Ich hab ihn
seitdem stets verfehlt und weiß nicht, wie seine Affären stehen.
Mischt er sich bei der Réforme ein, so wird man ihn desavouieren
müssen.
Sage doch dem verfluchten Bornstedt, was das heißen soll, daß
20 er mir seine Zeitung nicht schickt. Ich kann nicht immer bei den
Straubingern herumlaufen danach. Wenn er vorgibt, meine Adresse
nicht zu wissen, gib sie ihm, 5, Rue Neuve Saint-Martin. Ich schicke
ihm einige Artikel, sobald es irgend möglich. —
Bei den Straubingern höllische Konfusion. In den letzten Tagen
25 vor meiner Ankunft waren die letzten Grünianer herausgeworfen,
eine ganze Gemeinde, von denen aber die Hälfte wiederkommen
wird. Wir sind jetzt nur 30 Mann stark. Ich hab gleich eine Pro¬
pagandagemeinde eingerichtet und laufe fürchterlich herum und
pauke. In den Kreis bin ich gleich gewählt und hab die Korrespon-
3o denz bekommen. An 20—30 Kandidaten zur Aufnahme sind
vorgeschlagen. Wir werden bald wieder stärker sein. Dem Mosi
hab ich, ganz unter uns, einen höllischen Streich gespielt.
Er hatte richtig ein gottvoll verbessertes Glaubensbekenntnis durch¬
gesetzt. Vorigen Freitag nun nahm ich dies im Kreise vor, Frage
35 für Frage, und war noch nicht an der Hälfte angekommen, als die
Leute sich für satisfaits erklärten. Ohne alle Opposition
ließ ich mich beauftragen, ein neues zu entwerfen, was nun
nächsten Freitag im Kreis wird diskutiert und hinter dem
Rücken der Gemeinden nach London geschickt werden.
40 Das darf aber natürlich kein Teufel merken, sonst werden wir
alle abgesetzt, und es gibt einen Mordskandal. — Der Born wird
bei Euch in Brüssel eintreffen, er geht nach London. Vielleicht ist
er schon vor diesem Briefe da. Er reist, verwegen genug, den Rhein
herunter durch Preußen, wenn sie ihn nur nicht abfassen. Pauke
45 ihn noch etwas ein, wenn er hinkommt, der Kerl ist von allen für
6*
84
(21) 1847 Okt. 25—26
unsre Sachen am zugänglichsten und wird auch in London gute
Dienste leisten, wenn er noch etwas präpariert wird.
Ach, mein Gott, da hätt ich ja bald ganz die Drecklawine ver¬
gessen, die der große Heinzen von den Höhen der Alpen über mich
losgelassen hat. Es ist ein wahres Glück, daß das in einer Num- ;
mer dicht hintereinander steht; kein Mensch arbeitet sich durch,
ich selbst habe mehrmals pausieren müssen. Solch ein Rind¬
vieh! Hab ich erst behauptet, er könnte nicht schreiben, so muß
ich jetzt hinzufügen, daß er auch nicht lesen kann, und in den vier
Spezies scheint er auch nicht fest zu sein. Der Esel sollte doch den io
Brief von F. O’Connor im letzten Star an die radikalen Blätter
lesen, der anfängt: You ruffians und schließt you ruffians, da kann
er sehn, was er für ein elender Stümper im Schimpfen ist. Nun,
Du wirst diesem gemeinen dummen Rüpel gehörig aufs Dach
steigen. Es ist sehr gut, daß Du ganz kurz antworten wirst. I c h m
könnte auf so einen Angriff gar nicht antworten, das ginge absolut
nicht — höchstens durch Ohrfeigen.
Dienstag. Mein Artikel steht in der Réforme. Sonderbarer¬
weise hat Flocon keine Silbe dran verändert, was mich sehr
wundert. 20
Bei père Heine bin ich noch nicht gewesen. Du kannst leicht
denken, daß ich mit all diesen Geschichten höllisch viel zu tun
habe und furchtbar laufen und schreiben muß. — Nach Elberfeld
hab ich geschrieben wegen der free trade-Schutzzoll Geschichte
und erwarte täglich Antwort. Schreib bald wieder. Grüß Deine 25
Frau und Kinder.
Dein Engels.
Paris, 26. Oktober 1847.
Lies doch ja den Artikel O’Connors im letzten Star gegen die
sechs radikalen Blätter, es ist ein Meisterstück genialer Schimp- so
ferei, oft besser als Cobbett und an Shakespeare grenzend.
Quelle mouche a donc piqué ce pauvre Moses qu’il ne cesse pas
d’exposer dans le journal ses fantaisies sur les suites d’une révo¬
lution du prolétariat?
22. Engels an Marx in Brüssel; Paris 1847 No¬
vember 14—15.
Lieber Marx,
Gestern erfahre ich plötzlich und endlich, nachdem ich den
pp. Reinhardt mehrere Male wegen Deines Buchs zu Frank ge¬
schickt, daß der Hund von Frank im Anfang mehrere der Frei- 40
exemplare an Franzosen geschickt, überall 15 Sous Kosten gefor-
(22) 1847 Nov. 14—15
85
dert und überall die Exemplare zurückbekommen. Darauf habe
er sowohl die zurückbekommnen wie die andern, noch gar nicht
abgeschickten, ruhig bei sich liegen lassen und sie
erst jetzt, vor ein paar Tagen, an die Adressaten ge-
5 schickt, ohne 15 Sous zu verlangen. Die conspiration de silence
war also von Seiten des Herm Frank! Ich lief gleich zu L. Blanc,
den ich ein paar Tage vorher wieder nicht getroffen, weil er
en garde war (le petit bonhomme en bonnet à poil!) ; diesmal traf
ich ihn, und das Exemplar war noch nicht ange-
^kommen! Mein eignes Exemplar habe ich endlich zurück, das
kann im Notfall helfen. Heut Sonntag ist nichts zu machen.
Dem Reinhardt habe ich morgen Rendezvous gegeben, er soll
gleich mit mir zu Frank, was schon früher geschehen sollte, aber
nur durch Nachlässigkeit dieses Reinhardt nicht geschehen. Er
iS muß mich bei dem Fr[ank] introduzieren, weil ich sonst gar keine
Legitimation bei dem Kerl habe. Ich werde mir das Exemplar
für L. BUanc] geben lassen und es gleich hinbringen. Aber
was der Flocon für ein Esel ist! Der L. Blïanc] sagte mir gestern,
Fl[ocon] habe gegen Deinen libre échange Artikel einzuwenden
20 gehabt qu’il était un peu confus!!!! Dies konfuse Tier! Ich
sprach natürlich dagegen, oh, sagte der Kleine, ce n’est pas moi
qui ai trouvé cela, tout au contraire, l’article m’a beaucoup plu,
et en effet, je ne sais pas ce que M. Flocon . . . mais enfin (mit
etwas zweideutiger Grimasse für Flocon) c’est ce qu’il m’a dit.
25 Überhaupt ist die Redaktion der Réforme tout ce qu’il y a de
plus lausig komponiert. Der Artikel über die englische Krisis
und alle ökonomischen Sachen en général werden von einem un¬
glücklichen würdigen penny-a-liner fabriziert, der seine Studien
bei den Börsenartikeln eines Korrespondenzbureaus gemacht zu
30 haben scheint und alles mit den Augen eines Pariser Kommis
dritten Ranges bei einem Bankier vierten Ranges ansieht und
mit der Unfehlbarkeit so eines „empiric“, wie die Engländer
sagen, aburteilt. Flocon versteht nichts davon und kommt mir alle
Tage bornierter vor. C’est tout au plus un homme de bonne volonté.
35 L. Blanc verachtet ihn auch sichtbarlich.
Montag. Den verfluchten Reinhardt habe ich nicht getroffen. Ich
geh heut abend noch einmal hin. Bis morgen muß ich diese ganze
Geschichte ins reine gebracht haben, mag gehen wie’s will. Wenn
ich Dir nicht gleich wieder schreibe, ist alles in Ordnung. —
40 Gestern abend war Deputiertenwahl. Nach einer höchst konfusen
Sitzung wurde ich mit zwei Drittel gewählt. Ich hatte diesmal gar
nicht intrigiert, war auch wenig Gelegenheit dazu. Die Opposition
war bloß scheinbar; ein Arbeiter wurde zum Schein vorgeschla¬
gen, aber die ihn vorschlugen, stimmten für mich. — Das Geld
45 kommt zusammen. Schreib nun, ob Du und Tedesco hingeht. Wenn
Z. 17-18 ! 33 (und)—34 (vor). 35.
86
(22) 1847 Nov. 14—15
das nicht möglich wäre, so kann ich doch nicht allein hin und
kongressieren, das wär ja Unsinn. Könnt ihr beide nicht, so fällt
die Geschichte ins Wasser und muß ein paar Monate aufgeschoben
werden. Schreib also in diesem Fall nach London, daß noch zur
rechten Zeit dies überall hin angezeigt wird. — 5
Der Flocon hatte dem L. Bl[anc] auch gesagt, man werde an
Deinem Artikel, um ihn aufzunehmen, eine Kleinigkeit ändern
müssen, eben um ihn „klarer46 zu machen. L. Blfanc] bat mich,
den Fl[ocon] de sa part an den Artikel nochmals zu erinnern; unter
diesen Umständen aber halte ich es für viel besser, die Sache fallen jo
zu lassen. Flocon den Artikel klarer machen, das fehlte noch! Ich
begreife diese vernagelte Borniertheit gar nicht, und, wie gesagt,
der Bltanc] schämte sich plus ou moins mir gegenüber seines
Herrn Kollegen. Aber was soll man da machen! Ich werde den
Flfocon] tun lassen, was er will, ihm wenig zusprechen und mich 13
hauptsächlich mit dem L. Bl[anc] einlassen, der ist doch der ver¬
nünftigste von allen. Beim National ist vollends nichts zu machen,
der wird täglich bornierter und alliiert sich mehr und mehr mit
Barrot und Thiers, witness the Lille Banquet.
Der Seiler wird Dir geschrieben haben, Dein Buch ginge sehr 20
schlecht hier. Das ist nicht wahr. Der Frank hat dem Reinhardt
gesagt, er sei mit dem Verkauf ziemlich gut zufrieden. Trotz seines
abgeschmackten Benehmens hat er, glaub’ ich, ca. 40 Exemplare
abgesetzt. Nächstens Genaueres darüber. Der Seiler behauptet — er
war neulich bei mir, wo er sehr kühle anlief, auch nicht wieder 25
kam—, er habe Bett und Mobiliar und Papier usw. dort gelassen,
hinreichend, um Wolff und Heilberg zu decken. Sieh, si cela est,
daß der Lupus dabei wenigstens nicht noch von Heilberg be¬
schissen wird. Aber das werden auch Renommagen sein.
Rothschild hat bei dem neuen Anlehen 10 Millionen Franken 30
verdient — 4% netto.
Auf meiner Reise nach London werde ich nicht über Brüssel
kommen können, die Gelder sind zu knapp. Wir werden uns in Ost¬
ende Rendezvous geben müssen — am 27. (Samstag) abends, und
Sonntag herüberfahren, damit wir Montag anfangen können. Viel- 35
leicht ist Montag den 29. Polenanniversaire, irgend etwas frater-
nally Demokratisches los, wo wir dann werden hin müssen. Das
wäre ganz gut. Du hältst in London eine französische Rede, die
setzen wir dann in die Réforme. Die Deutschen müssen absolut
irgend etwas tun, um bei den Franzosen auftreten zu können. 40
Eine einzige Rede wird mehr helfen als zehn Artikel und hundert
Besuche.
Du wirst im Nforthern] Star, 2. Oktober, die Aufforderung
Harneys und der fratemals zu einem demokratischen Kongreß ge¬
lesen haben. Unterstütze das. Ich werde es bei den Franzosen a
Z. 11 (Ich) —14 (Kollegen) .
(22) 1847 Nov. 14—15
87
unterstützen. Man kann ihn womöglich nächstes Jahr in London
abzuhalten versuchen, vielleicht gleichzeitig mit dem unsrigen.
Kommt’s zustande, so wird das auf die Franzosen einen sehr heil¬
samen Effekt ausüben und sie etwas demütigen. Kommt’s nicht zu-
5 sammen, so scheitert’s an den Franzosen, und sie werden wenig¬
stens gezwungen sich zu erklären. Wenn’s in Brüssel ginge, wär’s
noch besser; in London könnte Feargus1} doch einigen Unsinn
anrichten.
Sonst nichts Neues. Gib Inliegendes an Bornstedt und schreib
io mir bald, ob Du nach London gehst. Dein E.
15. November 1847.
Schreib an die Adresse des Malers, wenn Du sie noch hast. Es
ist besser.
Heine läßt grüßen. Ist äußerst schwach und etwas matt. Wer
is hat Deinen Artikel eigentlich an L. Bl[anc] geschickt? Er sagt,
es hätte unter dem Brief ein wildfremder Name gestanden. Das
war auch wohl der Grund, warum er die Geschichte liegen ließ.
[Auf der Adrcßseite]
Monsieur Charles Marx. 42, rue d’Orléans. Faubourg d’Ixelles.
2o Bruxelles. [Postst ] Paris 16. Nov. 1847.
23. Engels an Marx in Brüssel; [Paris 1847 No¬
vember 23—24].
Lieber Marx,
Erst heut abend hat sich’s entschieden, daß ich komme. Also
25 Samstag abend in Ostende, Hôtel de la Couronne, gleich der Eisen¬
bahnstation gegenüber am Bassin, and Sunday Morning across the
water. Wenn Ihr mit dem Zuge kommt, der zwischen vier und fünf
fährt, werdet Ihr ungefähr zu gleicher Zeit mit mir ankommen.
Sollte Sonntags wider Erwarten kein Postdampfschiff nach
30 Dover fahren, so schreib mir’s umgehend. D.h., da Du diesen Brief
Donnerstag morgen bekommst, mußt Du Dich gleich erkundigen
und, falls zu schreiben ist, den Brief noch denselben Abend —
ich glaube vor fünf Uhr — auf die große Post besorgen. Hast
Du also an dem Rendezvous etwas zu ändern, so ist noch Zeit.
33 Habe ich Freitag morgen keinen Brief, so rechne ich darauf, Dich
und Tedesco Samstag abend in der Couronne zu treffen. Es bleibt
uns dann Zeit genug uns zu besprechen; dieser Kongreß muß ent¬
scheidend sein, as this time we shall have it all our
own way.
*) O'Connor
88
(23) 1847 Nov. 23-24
Ich habe schon lange absolut nicht begreifen können, warum Du
dem Moses seinen Klatsch nicht untersagt hast. Hier richtet mir
das eine Teufelskonfusion und die langwierigsten Gegenreden bei
den Arbeitern an. Ganze Kreissitzungen sind darüber verloren ge¬
gangen, und in den Gemeinden ist nicht einmal gegen diesen 5
„flauen66 Kohl durchzugreifen möglich, namentlich vor der Wahl
war daran nicht zu denken.
Den L. Blanc denk ich morgen noch zu treffen. Wo nicht, seh
ich ihn übermorgen jedenfalls. Kann ich nicht schon am Fuß
etwas mitteilen, so hörst Du das weitere Samstag. io
Übrigens hatte der Reinhardt mir dummes Zeug gesagt über die
Anzahl der verkauften Exemplare — nicht 37, sondern 96 waren
heut vor acht Tagen verkauft. An demselben Tage noch hab ich
dem L. Blanc Dein Buch selbst hingebracht. Alle Exemplare
waren besorgt, nur Lamartine (nicht hier), L. Bl [and und Vidal 13
nicht, dessen Adresse nicht zu finden. Ich hab’s auf die Presse
bringen lassen. — Übrigens ist die Besorgung bei dem Frank
wirklich schauderhaft gewesen.
Sorge wenigstens, daß Moses während unsrer Abwesenheit
keinen Unsinn macht! Also au revoir! 20
Dein E.
Dienstag abends.
Überleg Dir doch das Glaubensbekenntnis etwas. Ich glaube,
wir tun am besten, wir lassen die Katechismusform weg und titu¬
lieren das Ding: Kommunistisches Manifest. Da darin mehr 25
oder weniger Geschichte erzählt werden muß, paßt die bisherige
Form gar nicht. Ich bringe das hiesige mit, das ich gemacht habe,
es ist einfach erzählend, aber miserabel redigiert, in fürchterlicher
Eile. Ich fange an: Was ist der Kommunismus? und dann gleich
das Proletariat—Entstehungsgeschichte, Unterschied von früheren 30
Arbeitern, Entwicklung des Gegensatzes des Proletariats und der
Bourgeoisie, Krisen, Folgerungen. Dazwischen allerlei Neben¬
sachen und schließlich die Parteipolitik der Kommunisten, soweit
sie vors Publikum gehört. Das hiesige ist noch nicht ganz zur Be¬
stätigung vorgelegt, aber ich denke, bis auf einige ganz kleine Klei- 33
nigkeiten, es so durchzusetzen, daß wenigstens nichts gegen unsre
Ansichten drin steht.
Mittwoch morgen. Soeben erhalte ich Deinen in obigem beant¬
worteten Brief. Bei L. Bl [anc] war ich. Mit dem hab ich merk¬
würdiges Pech — il est en voyage, il reviendra peut-être^
aujourd’hui. Morgen und nötigenfalls übermorgen geh ich wieder
hin. — Freitag abend kann ich noch nicht in Ostende sein, weil
das Geld erst bis Freitag zusammenkommt.
Dein Vetter Philips war heute morgen bei mir.
Die Stelle über das Kommunistische Manifest aus dem Briefe von Engels
an Marx vom 24. November 1847
(s. S. 88)
(23) 1847 Nov. 23—24
89
Der Born wird die Rede ganz gut machen, wenn Du ihn etwas
einpaukst. Es ist gut, daß die Deutschen durch einen Arbeiter re¬
präsentiert sind. Aber dem Lupus muß die übertriebne Beschei¬
denheit absolut ausgetrieben werden. Der brave Kerl ist einer der
s wenigen, die man in den Vordergrund poussieren muß.
Weerth um Gottes willen nicht als Repräsentanten! Einer, der im¬
mer zu faul war, bis ihn der KongreB-succès d’un jour hinein¬
lancierte! Und der obendrein noch an independent member sein
will. Il faut le retenir dans sa sphère.
24. Engels an Marx in Brüssel; [Paris 1847 No¬
vember 26].
Lieber Marx,
Endlich bin ich des L. Blancs habhaft geworden und zugleich
des Grundes, weshalb ich ihn nie fassen konnte. Ecoute plutôt —
15 ce petit grand-seigneur littéraire ne reçoit que les jeudis! et encore
l’aprèsmidi seulement! Was er mir nie zu wissen getan hatte, weder
direkt noch durch seinen Portier. Natürlich waren eine Masse
Esel bei ihm, u. a. Ramon de la Sagra, der mir eine Broschüre
gab, welche beifolgt. Ich hab sie noch nicht gelesen. Schließlich
20 könnt’ ich indes noch ein paar Minuten mit ihm über unsre An¬
gelegenheit sprechen. Er gestand zögernd, er habe noch nicht die
Zeit gehabt, Dein Buch zu lesen ... Je l’ai feuilleté et j’ai vu que
M. Proudhon y est assez vivement attaqué ... Eh bien, frug ich,
alors serez vous en mesure de faire l’article pour la Réforme que
25 vous m’aviez promis? — Un article, ah mon Dieu, non, je suis si
obsédé par mes éditeurs — mais voilà ce qu’il faut faire: faites
l’article vous-même et je le ferai passer à la Réforme. Das wurde
denn abgemacht. Au fond verlierst Du nichts dabei. Wenigstens
werd’ ich unsre Ansichten richtiger darstellen, als er es getan
3o haben würde. Ich werde sie direkt mit den seinigen in Parallele
stellen — das ist alles, was durchzubringen ist, die Konklusion
gegen die Réforme kann man natürlich nicht in der Réforme
selbst ziehen. Ich mach ihn gleich.
Warum hast Du dem Bornstedt nicht gesagt, er soll nicht
35 an die Réforme wegen Deiner Geschichte schreiben? Mein Artikel
war fertig, als dem Bornstedt seiner in der Réforme zugleich mit
den Chartistengeschichten erschien, auf deren Abdruck ich ge¬
wartet hatte, um ihn hinzubringen. Er war bedeutend länger als
die kurze Notiz, wo noch dazu Dein Name entstellt. Ich hab’s dem
io FUocon] gesagt, er soll den Druckfehler ändern, gestern hat er’s
nicht getan, und heute hab ich die Réforme nicht gesehen. Das
macht auch wenig. Wenn Deine Rede erscheint, schick mir gleich
90
(24) 1847 Nov. 26
vier bis fünf Exemplare für die Réforme, L. Bl[anc], de la Sagra
(für die Démocratie pacifique), usw.; ich kann jetzt einen längren
Artikel daraus machen, da die Notiz so schimpflich kurz.
Was den L. Bllanc] angeht, so verdient der gezüchtigt zu wer¬
den. Schreib eine Kritik seiner Revolution für die Deutsche] 5
Btriisseler] Zeitung und weis ihm praktisch nach, wie sehr wir
über ihm stehen; freundschaftlich in der Form, aber unsre
Superiorität entschieden festhaltend im Inhalt. On lui fera parve¬
nir cela. Man muß dem kleinen Sultan etwas bange machen. Die
theoretische Seite ist leider Gottes einstweilen unsre einzige force, io
aber das gilt bei diesen Lanzenbrechern von der science sociale,
von der loi de la production suffisante usw. viel. Gottvoll mit ihrem
Jagen nach dieser unbekannten loi sind die Kerls. Sie wollen ein
Gesetz finden, womit sie die Produktion verzehnfachen. Sie suchen,
wie der Fuhrmann der Fabel, den Herkules, der ihnen den sozialen 15
Karren aus dem Dreck holen soll. Der Herkules liegt in ihren
eignen Armen. Die loi de la production suffisante besteht darin,
daß man suffisamment produziert. Können sie das nicht, hilft
ihnen kein Zauberspruch. Die brevet nehfmenlden^ Erfinder
tun mehr für die production suffisante als der ganze L. Blanc mit 20
seinem tiefsinnigen, überfliegenden Trachten nach la science.
Dem Bfemayls hatte ich auf sein Letztes einen sehr ironischen
Brief geschrieben und bedauert, daß seine Unparteilichkeit mir
den letzten Trost raube — den, eine verkannte schöne Seele ZU
sein — à la Praslin. Mit schmerzlichem Blick nach oben schickt >0
er mir dies Billett zurück und bemerkt, hiermit habe unsre Korre¬
spondenz ihr Ende erreicht. Sela.
Sonst nichts Neues. Schreib bald.
Dein E.
Paris, Freitag abend. so
*) Papier beschädigt.
1848
25. Engels an Marx in Brüssel; Paris 1848 Ja¬
nuar 14.
Lieber Marx,
5 Wenn ich Dir nicht geschrieben habe, so lag das daran, daß ich
bis heute den verfluchten Louis Blanc noch immer nicht zu fassen
kriegen konnte. Décidément il y met de la mauvaise volonté. Aber
ich packe ihn doch — ich gehe alle Tage hin oder laure ihm im
Café auf. Mit père Flocon dagegen ist was zu machen. Er ist
io entzückt über die Manier, wie die B[rüsseler] Zeitung und der
N[orthern] Star die Réforme gegen den National verteidigt haben.
Selbst die blâme gegen L. Blfanc] und Ledru[-Rollin] haben ihn
nicht irre gemacht; ebensowenig meine Erklärung, wir hätten uns
jetzt in London entschieden, öffentlich als Kommunisten aufzu-
15 treten. Er machte natürlich schöne Sachen geltend: Vous tendez
au despotisme, vous tuerez la révolution en France, nous avons
onze millions de petits paysans^ qui sont en même temps les
propriétaires les plus enragés etc., obwohl er auch auf die Bauern
schimpfte, — aber enfin, dit-il, nos principes sont trop rapprochés
2o les uns des autres pour que nous ne devions pas marcher ensemble;
quant à nous nous vous appuyerons autant que sera dans notre
pouvoir etc.
Die Geschichte mit Mosi hat mich ungeheuer amüsiert, obwohl
es mir ärgerlich war, daß sie auskam. In Brüssel wußten es außer
w Dir nur Gigot und Lupus — und Born, dem ich’s mal in Paris in
der Besoffenheit erzählt hatte. Enfin c’est égal. Moses mit Pistolen
drohend, in ganz Brüssel seine Hörner affichierend, und noch dazu
bei Bornstedt!! muß kostbar gewesen sein. Die Erfindung des Fer¬
dinand Wolff mit dem Protokoll m’a fait crever de rire — und der
30 Moses glaubt das! Wenn übrigens der Esel auf seiner abge¬
schmackten Lüge von der Notzucht beharren sollte, so kann ich
ihm mit früheren, gleichzeitigen und späteren Détails aufwarten,
darüber ihm Hören und Sehen vergehen soll. Hat mir doch diese
Bileams Eselin noch verflossenen Juli hier in Paris eine mit Re-
35 signation vermischte Liebeserklärung in optima forma gemacht
und mir die allernächtlichsten Geheimnisse ihrer Menage anver¬
traut! Ihre Wut auf mich ist pure verschmähte Liebe. Übrigens
dachte ich in Valenciennes an Moses nur in zweiter Instanz, in
1) Korr, aus propriétaires
Z. 23-38 -
92
(25) 1848 Jan. 14
erster hab ich mich rächen wollen für die Gemeinheiten, die sie
gegenüber der Mary begangen.
Der schwere Wein reduziert sich auf ein Drittel Flasche
Bordeaux. Es ist nur schade, daß der gehörnte Siegfried seinen
unglücklichen Zustand nicht im Arbeiterverein öffentlich zu Pro- 5
tokoll gegeben hat. Es steht ihm übrigens frei, an allen meinen
gegenwärtigen, vergangnen und zukünftigen Maitressen seine
Revanche zu nehmen, und empfehle ich ihm hierzu 1. die
flamändische Riesin, welche in meiner ehemaligen Wohnung
87 chaussée d’Ixelles au premier wohnt und Mademoiselle José- io
phine heißt, und 2. eine Französin Mademoiselle Félicie, welche
Sonntag, 23. d. Mts., mit dem ersten Zuge von Köln in Brüssel
ankommt, um nach Paris zu reisen. Es wäre Pech, wenn er bei
keiner von beiden reüssierte. Teile ihm diese Renseignements ge¬
fälligst mit, damit er meine Aufrichtigkeit erkennt. I will give 15
him fair play.
Heine ist am Kaputtgehen. Vor vierzehn Tagen war ich bei ihm,
da lag er im Bett und hatte einen Nervenanfall gehabt. Gestern
war er auf, aber höchst elend. Er kann keine drei Schritt mehr
gehen, er schleicht, an den Mauern sich stützend, vom Fauteuil bis 20
ans Bett und vice versa. Dazu Lärm in seinem Hause, der ihn ver¬
rückt macht, Schreinern, Hämmern usw. Geistig ist er auch etwas
ermattet. Heinzen wollte zu ihm, wurde aber nicht vorgelassen.
Bei Herwegh war ich auch gestern. Hat nebst Familie die
Grippe und viel Besuch von alten Weibern. Er sagte mir, daß der 23
zweite Band von L. Blanc ganz verdunkelt werde durch den
enormen Sukzeß von Michelets zweitem Band. Ich habe beide noch
nicht gelesen, weil ich wegen Geldmangel mich nicht im Lese¬
kabinett abonnieren konnte. Übrigens ist der Micheletsche Sukzeß
nur durch seine Suspension und seine Bürgerlichkeit zu erklären. 30
Mit dem B[und| geht’s hier miserabel. Solche Schlafmützigkeit
und kleinliche Eifersucht der Kerls untereinander ist mir nie vor¬
gekommen. Die Weitlingerei und Proudhonisterei sind wirklich
der kompletteste Ausdruck der Lebensverhältnisse dieser Esel, und
daher ist nichts zu machen. Die einen sind echte Straubinger, 35
alternde Knoten, die andern angehende Kleinbürger. Eine Klasse,
die davon lebt, daß sie wie Irländer den Franzosen den Lohn
drückt, ist total unbrauchbar. Ich mache jetzt noch einen letzten
Versuch, si cela ne réussit pas, je me retire de cette espèce de pro¬
pagande. Hoffentlich kommen die Londoner Papiere bald und 40
werden die Geschichte wieder etwas beleben; ich werde dann den
Moment benutzen. Da die Kerle bis jetzt gar kein Resultat des Kon¬
gresses sehen, werden sie natürlich vollends schlapp. Ich bin mit
einigen neuen Arbeitern, die mir Stumpf und Neubeck zugeführt,
in Verbindung, es ist aber nicht zu sagen, was daraus zu machen ist. 45
z. - 1—16.
(25) 1848 Jan. 14
93
Sag dem Bornstedt: 1. Er soll mit seinen Abonnements bei den
hiesigen Arbeitern nicht mit so geschäftsmäßiger Strenge auftreten,
sonst verliert er sie alle; 2. der Agent, den ihm der Moses ver¬
schafft, ist ein lamentierender Schlappschwanz und sehr eitel, aber
ô der einzige, der sich noch damit befassen will und kann, er soll
ihn also nicht froissieren; der Kerl hat sich auch geplagt, aber er
kann kein Geld zusetzen, was er übrigens schon getan hat.
Er muß aus dem Geld, was ihm einkommt, doch die Kosten
decken, die ihm die Korrespondenz usw. [macht];0 3. wenn er
io einzelne Nummern herschickt, nie mehr als zehn bis fünfzehn
[von]0 einer Nummer höchstens, und zwar durch Gelegen¬
heit. Die Pakete [passieren]0 das Ministerium Duchätel, wo sie
mit Zeitverlust geholt [werden]0 müssen und wo das Ministerium
einen furchtbaren Portoaufschlag erhebt, um diesen Commerce zu
a ruinieren. So ein Paket kostet 6—8 Franken, und was ist da zu
machen, wenn es gefordert wird? Esselens0 in Lüttich wollte einen
garde de convoi stellen, der das besorgte; schreib doch nach Lüt¬
tich, daß das eingerichtet wird. 4. Die Nummern, die noch hier
waren, sind durch Gelegenheit nach Süddeutschland geschickt.
20 Wenn sich Gelegenheit bietet, so soll B[ornstedt] noch einige neue
Nummern herschicken, um Propaganda in Cafés usw. zu machen.
5. Wird Bfornstedt] dieser Tage einen Artikel und die Geschichte
über die preußischen Finanzen erhalten. Du mußt aber das wegen
der Ausschüsse von 1843 nochmals durchsehen und das Nötige än-
& dem, da es aus sehr wüster Erinnerung auf geschrieben ist.
Wenn die Geschichte mit Mosi dahin führt, daß Du ihn in der
Br[üsseler] Zleitung] attackierst, so soll sie mich sehr freuen.
Wie der Kerl noch in Brüssel bleibt, ist mir unbegreiflich. En voilà
encore une occasion pour l’exiler à Verviers. Das mit der Réforme
so soll besorgt werden. Dein E.
Paris, 14. Januar 1848.
26. Engels an Marx in Paris; Brüssel [1848]
März 8—9.
Lieber Marx,
Ich hoffe morgen einen Brief von Dir zu haben.
35 Hier ist alles ruhig. Sonntag abend hat Jottrand die Geschichte
mit Dir und Deiner Frau in der Association Démocratique erzählt.
Ich kam zu spät, um sie anzuhören, und hörte bloß noch einige
wütende flämische Bemerkungen von Pellering. Auch Gigot sprach
und kam darauf zurück. In die Emancipation brachte Lubliner
40 einen Artikel deswegen. Die Advokaten hier sind wütend, Maynz
O Papier beschädigt.
’) Im Orig. Esselenz
94
(26) 1818 März 8-9
will, man soll die Sache gerichtlich verfolgen und Du sollst Dich
als partie civile konstituieren, wegen der Domizilverletzung usw.
Auch Gigot soll klagen. Es wäre sehr gut, wenn man’s täte, obwohl
die Regierung hat sagen lassen, man würde den Kerl absetzen.
Castiau ist gestern von Maynz mit den nötigen Akten versehen 5
worden, um deswegen zu interpellieren, ich denke morgen oder
übermorgen kommt’s vor. Die Sache hat große Sensation gemacht
und sehr geholfen, den Deutschenhaß zu besänftigen.
Lupus ist vorigen Sonntag elf Uhr morgens auf die Eisenbahn
gebracht und nach Valenciennes besorgt, von wo aus er geschrieben 10
und wo er noch sein wird. Er war vor keinem Tribunal. Man hat ihn
nicht einmal zuhause vorgeführt, um seine Sachen zu nehmen!
Mir hat man nichts getan. Nach Redensarten, die die Kerls
haben fallen lassen, scheuen sie sich, mich auszuweisen, weil sie
mir damals einen Paß gegeben haben, was man gegen sie geltend 15
machen könnte.
Die Geschichte in Köln ist unangenehm. Die drei besten Leute
sitzen. Ich hab’ einen aktiven Teilnehmer an der Geschichte ge¬
sprochen. Sie wollten losschlagen, aber statt sich mit Waffen zu
versehen, die leicht zu haben waren, gingen sie vors Rathaus, un- 20
bewaffnet, und ließen sich zernieren. Es wird behauptet, daß der
größte Teil der Truppen für sie war. Die Sache war unvernünftig
dumm angefangen; wenn die Berichte des Kerls richtig sind, so
hätten sie ruhig losschlagen können und wären in zwei Stunden
fertig gewesen. Aber schrecklich dumm war alles angelegt. £4
Unsre alten Freunde in Köln scheinen sich sehr zurückge¬
halten zu haben, obwohl sie mit beschlossen hatten loszubrechen.
Der kleine D’E[ster], Dfaniels], Bfürgers], waren einen Augen¬
blick da, gingen aber gleich wieder fort, obwohl der kleine Dr.0
im Stadtrat gerade nötig war. 30
Die Nachrichten aus Deutschland sind sonst famos. In Nassau
eine vollendete Revolution, in München die Studenten, Maler und
Arbeiter in voller Insurrektion, in Kassel die Revolution vor der
Tür, in Berlin grenzenlose Angst und Zaudern, in ganz West¬
deutschland Preßfreiheit und Nationalgarde proklamiert; vorder- 33
hand ist das genug.
Wenn doch der Ffriedrich] Wfilhelm] IV. sich starrköpfig
hielt! Dann ist alles gewonnen, und wir haben in ein paar Monaten
die deutsche Revolution. Wenn er nur an seinen feudalen Formen
hielte! Aber der Teufel weiß, was dies launige und verrückte In- 40
dividuum tun wird.
In Köln ist die ganze kleine Bourgeoisie für Anschluß an die
französische Republik; die 1797er Erinnerungen herrschen augen¬
blicklich vor.
9 D'Ester
(26) 1848 März 8—9
95
Tedesco sitzt noch immer. Ich weiß nicht, wann er vor Gericht
kommen wird.
Wegen Deiner Geschichte ist ein fulminanter Artikel an den
Nlorthern] S[tar] abgegangen.
5 Sonntag abend in der Sitzung der demokratischen Gesellschaft
merkwürdige Ruhe. Eine Petition an die Kammern beschlossen
wegen sofortiger Auflösung und neuer Wahlen nach dem neuen
Zensus. Die Regierung will nicht auflösen, aber sie wird müssen.
Morgen abend wird die Petition angenommen und séance tenante
io gezeichnet werden. Die Jottrand-Petition an den Bürgermeister
und Stadtrat hat eine sehr höflich ablehnende Antwort erhalten.
Von der Ruhe, die hier herrscht, hast Du keinen Begriff. Gestern
abend Karneval, ganz wie sonst; von der französischen Republik
ist kaum noch die Rede. Die französischen Blätter erhält man in
15 den Cafés fast ohne Schwierigkeiten und Warten. Wenn man nicht
wüßte, daß sie müssen, tant bien que mal, so sollte man glau¬
ben, hier sei alles aus.
Jottrand hat Sonntag — in seinerWut über Deine Verfolgung —
eine recht gute Rede gehalten; die sévices des Rogier haben ihn da-
20 hin gebracht, den Klassengegensatz anzuerkennen. Er schimpfte
sehr auf die großen Bourgeois und ließ sich in — allerdings ziem¬
lich platte und illusorische, aber doch ökonomische Detail
[ein]0, um der kleinen Bourgeoisie zu beweisen, daß [eine]0
wohlbezahlte und viel konsumierende Arbeiterklasse in einer Re-
25 publik bessere Kunden für sie seien als ein Hof und eine wenig
zahlreiche Aristokratie. Ganz à la O’Connor.
Die Zeit ist vorbei, diesen Brief auf die Post zu geben — ich
schließe morgen.
Donnerstag. Nichts Neues — Deinen Artikel hab’ ich in der
30 Réforme gesehen — in England ist ja auch Krawall, tant mieux.
Wenn Du bei Ankunft dieses noch nicht geschrieben haben soll¬
test, so schreib mir doch gleich.
Eben kommt aus lauter Ironie meine Bagage von Paris an —
kostet mich 50 fr.! mit Zoll usw.
35 Adieu Dein Engels.
13, rue Neuve Chaussée de Louvain, 9. März.
Der Polizeikommissar-Adjoint, der zu Dir kam, soll schon
abgesetzt sein. Die Geschichte hat hier bei den Kleinbürgern große
Entrüstung gesetzt.
40 [Auf der Adreßseite]
Monsieur Charles Marx aux soins de Madame Gsell. 75, Boule¬
vard Beaumarchais, Paris. [Postst.] Bruxelles, 9. mars.
9 Papier beschädigt.
96
(27) 1848 März ca. 12
27. Marx an Engels in Brüssel; Paris [1848
März ca. 12].
Paris, 10,Rue neuve Menilmontant (Boulevard Beaumarchais).
Lieber Engels,
Laß Dir von Breyer die 100 francs zahlen, die er mir 5
hoch und teuer versprach, in einer Woche wiederzugeben, von
Gigot 30, von Heß 1 0. Ich hoffe, daß B[reyer] in diesem Augen¬
blick sein Versprechen halten wird.
Maynz wird den Wechsel bei Cassel von 114 fr. einlösen und
Dir auszahlen. Diese verschiednen Summen nimm zusammen und 10
verbrauche sie. Auf der Réforme sprach man freundlich von Dir.
Flocon ist krank, ich hab’ ihn noch nicht gesehn. Das von Seiler
ausgebreitete Gerücht ist unter den Deutschen allgemein zirku¬
lierend. Allard ist bis jetzt noch nicht von der Revolution beiseite
geschoben. Ich rate Dir herzukommen. 15
Zentralbehörde ist hier konstituiert worden, da Jones, Harney,
Schapper, Bauer, Moll sich hier befinden. Man hat mich zum Prä¬
sidenten und Schapper zum Sekretär ernannt. Mitglieder sind:
Wallau, lupus, Moll, Bauer und Engels.
Jones ist gestern nach England abgereist; Harney ist krank. 20
Salut. Dein K. M.
28. MarxanEngelsinBrüssel;Paris 1848 M ä rz 16.
16. März 1848.
Lieber Engels,
Ich habe in diesen Tagen keinen Augenblick Zeit, um ausfiihr- 25
licher zu schreiben. Ich beschränke mich auf das Nötige.
Flocon ist sehr gut gegen Dich gesinnt.
Die hiesigen Straubinger widmen Dir alle mehr oder minder
Wut. (Prügelei mit Schlerzer] u. s. w.)
Was meine Sachen angeht, nimm sie mit bis Valenciennes und 30
laß sie dort plombieren. Ich werde alles frei bekommen. Was das
Silber angeht, so hat es schon hier in Paris den Stempel er¬
halten. In Valenciennes mußt Du aber jedenfalls zu dem Mann
gehn, der auf einliegender Adresse steht. Meine Frau hat ihm auf
Voglers Rat die Schlüssel der Koffer (die in Brüssel sind) zu- 35
geschickt, aber ohne Begleitbrief. Diese Schlüssel mußt Du bei
ihm abholen, da man uns sonst alles auf der hiesigen Douane
aufbricht.
Was die Gelder angeht, so erkläre dem Cassel, er solle Dir
den Wechsel herausgeben, wenn er ihn nicht zahlen will. Bail- 40
lut wird ihn dann vielleicht zahlen.
(28) 1848 März 16
97
Laß den Gigot abrechnen und wenigstens den Rest geben.
Was den Br[eyer] angeht, so mußt Du noch einmal zu ihm und
ihm die Gemeinheit vorstellen, die darin liegt, wenn er mein
Pech benutzt, um nicht zu zahlen. Wenigstens einen Teil muß er
5 Dir schaffen. Die Revolution hat ihm keinen sou gekostet.
Hier wird die Bourgeoisie wieder gräßlich frech und reaktio¬
när, mais elle verra.
Bornstedt und Herwegh benehmen sich als Lumpen. Sie haben
hier einen schwarzrotgoldnen Verein contre nous gestiftet. Erstrer
io wird heut aus dem Bund ausgestoßen.
Dein M.
Die Feuille de Route find ich in diesem Moment nicht, und
dieser Brief muß fort.
Setz G[igot] ab, wenn er nicht Tätigkeit entwickelt. Der Kerl
15 sollte in diesem Moment energischer sein. Grüß Maynz herzlich
von mir, ebenso Jottrand. Letzteren Débat social habe ich emp¬
fangen. Auch einen Gruß an Vogler.
Maynz und Jottrand werde ich ausführlich schreiben. Leb
wohl.
29. Engels an Marx in Paris; [Brüssel 1848
März 18].
Lieber Marx,
Ich werd Deine Sachen besorgen.
Schreib ein paar Zeilen an M. Victor Faider, avocat, entweder
25 direkt oder durch Einlage an Bloß: wodurch Du ihm dankst für
die Schritte, die er in Deinem und Deiner Frau Interesse getan hat,
und ihn autorisierst, fernere Schritte zu tun. Faider, der sich plötz¬
lich als eifriger Republikaner herausgebissen hat, hat sich nämlich
zu Deinem Verteidiger konstituiert und wird dem Moniteur Beige
30 als solcher antworten und die Sache betreiben. Er hofft, Du wer¬
dest ihn nicht desavouieren, und damit er entschieden auf treten
kann, ist es gut, daß er das Blättchen von Dir bekommt. Es ist
besser, daß ein Belgier die Sache betreibt, als wenn Maynz es tut,
und da er sich dazu angeboten, so wird er seine Sache auch wohl
35 ordentlich machen.
Die Feuille de Route schicke doch ja. Das Ding ist sehr wün¬
schenswert; Maynz fragt mich alle Tage danach.
Tedesco ist frei und gleich nach Lüttich fort, ohne einen Men¬
schen zu sehen. Esselenswar einige Tage hier, aber er hatte ihn
io nicht gesehen.
‘ ) Im Orig. Esselenz
7
98
(29) 1848 März 18
Hier herrscht eine Finanz-, Börsen-, Industrie- und Handels¬
krisis ohnegleichen. Der Commerce jammert arbeitslos auf dem
Café Suisse herum, die Herren Kauwerz, Lauffs und Konsorten
schleichen umher wie bepißte Pudel, die Arbeiter haben Ras¬
semblements gemacht und petitioniert, große Brotnot allgemein, ;
Bares Geld nirgends zu haben, und dabei ein emprunt forcé
von 60 Millionen! Sie kriegen hier die Republik durch die Börse
auf gedrängt.
Lüning findet bei seiner Rückkehr hieher die Nachricht vor,
daß in Preußen auf ihn gefahndet wird; er wird seine Frau her- io
kommen lassen und nach Paris kommen.
Der Dronke war vor seiner Flucht durch Willich und Kon¬
sorten in den Bund aufgenommen worden. Ich hab ihn hier einem
neuen Examen unterworfen, ihm unsre Ansichten vorgetragen,
und da er sich einverstanden erklärte, ihn bestätigt. Man hätte 15
nichts andres tun können, selbst wenn mehr oder weniger Be¬
denken dagewesen wären. Indes ist der Kerl sehr bescheiden, sehr
jung und scheint sehr zugänglich, so daß ich glaube, daß er mit
einiger Aufsicht und einigem Studium gut werden wird. Er revo-
zierte mir gegenüber alle seine früheren Schriften. Er wohnt leider 20
bei Moses, der ihn einstweilen also bearbeiten wird, aber das hat
bekanntlich nichts zu sagen. Bei Lüning, an den er sich schrecklich
angekittet hatte, bedurfte es zweier Worte, um ihn aus dem Sattel
zu heben.
Moses ist übrigens freundschaftlicher denn je — den Kerl be- «
greif’ einer!
Bei Cassel kann i c h nichts tun, da Maynz, nicht ich, Order
hat. Breyer beruft sich auf die Finanzkrisis, auf die Unmöglich¬
keit, seine alten Wechselschulden jetzt prolongieren zu lassen, auf
die Zahlungsweigerung seiner gesamten Klientel. Er erklärt sogar, w
sein einziges Roß verkaufen zu wollen. Ich werde indes sehen, was
zu kriegen ist, denn mit dem Geld von Maynz komm ich kaum
aus, und das von Heß, der zuerst gezahlt, ist bereits den Weg alles
Fleisches. Gigot ist auch in Schwulitäten. Ich werd noch heut mal
zu Breyer gehen. jj
In den Débat social kommt morgen eine ausführliche Wider¬
legung, mot pour mot, des Moniteurs.
Dem Faider füge noch hinzu: wenn er eine spezielle Vollmacht
haben müsse, so werdest Du sie ihm schicken.
Schreib auch ein paar Zeilen an M. Bricourt, membre de la w
Chambre des Représentants, der sehr gut für Dich in der Kam¬
mer aufgetreten ist und den Minister auf Maynz’ Ansuchen scharf
Interpelliert und die enquête wegen der Geschichte durchgesetzt
hat. Er ist Repräsentant für Charleroi und nach Castiau der Beste.
Castiau war grade in Paris. 15
Z. 40-45.
(29) 1848 März 18 99
Sieh den inliegenden Wisch durch und schick ihn an die Ré¬
forme. Die hiesigen Kerls müssen fortwährend geärgert werden.
Si c’est possible, so reise ich Montag ab. Aber die Geldwirtschaft
kommt mir immer in die Quere.
5 Von England hör ich durchaus nichts, weder durch Briefe
noch Stars.
In Deutschland geht die Sache wahrhaftig sehr schön, überall
Erneuten, und die Preußen geben nicht nach. Tant mieux. Wir
werden hoffentlich nicht lange in Paris zu bleiben haben.
io Daß Ihr den Bornstedt hinauswerft, ist sehr gut. Der Kerl hat
sich so unzuverlässig bewiesen, daß man ihn wirklich beseitigen
muß aus dem Bund. Er und Weerth sind jetzt all [ . ? . und
Weerth läuft als wütender Republik [aner]^ hier herum.
Der Lamartine wird jeden T[ag] [liederlicher1). Dieser
15 Mensch wendet sich ja in allen seinen Reden nur an die Bourgeois
und sucht sie zu beruhigen. Auch die Wahlproklamation der Pro¬
visorischen Regierung ist ja ganz an die Bourgeois gerichtet, um
sie zu rassurieren. Kein Wunder, daß die Kerls dabei frech werden.
Adios, au revoir. F. E.
2o Alle Briefe hieher unter der angegebnen Adresse; Blfoß] wird
sie en mon absence an Gi [got] geben.
Samstag.
30. Marx an Engels in Barmen; [Köln 1848 April
ca. 24].
25 Köln, Apostelnstr. Nr. 7.
Lieber Engels,
Es ist hier schon ziemlich viel gezeichnet, und wir werden
wohl bald anfangen können. Jetzt ist es aber nötig, daß Du
Deinem Alten gegenüber Forderungen stellst und überhaupt de-
M f i n i t i v erklärst, was in Barmen und Elberfeld zu machen ist.
An Hecker in Elberfeld hat man von hier einen Prospekt (von
Bürgers geschrieben) etc. hingeschickt.
Hast Du keine Adresse für Dronke? Dem muß sofort ge¬
schrieben werden.
35 Antworte umgehend. Ich würde einmal da herüberkommen,
sähe es nicht zu ängstlich bei Euch aus.
Dein M.
31. EngelsanMarxinKöln;Barmen 1848 April 25.
Lieber Marx,
40 Den Prospekt erhalte ich soeben nebst Deinem Brief. Auf
Aktien von hier ist verdammt wenig zu rechnen. Der Blank, an den
O Papier beschädigt.
100
(31) 1848 April 25
ich schon früher deswegen geschrieben und der noch der beste von
allen ist, ist in Praxi ein Bourgeois geworden; die andern noch
mehr, seit sie etabliert sind und mit den Arbeitern in Kollisionen
gekommen. Die Leute scheuen sich alle wie die Pest vor der Dis¬
kussion der gesellschaftlichen Fragen; das nennen sie Aufwiegelei. <5
Ich habe die schönsten Redensarten verschwendet, alle mögliche
Diplomatie aufgeboten, aber immer schwankende Antworten. Ich
mache jetzt noch einen letzten Versuch, scheitert der, so ist alles
am Ende. In zwei bis drei Tagen hast Du positive Nachricht, wie er
ausgefallen. Die Sache ist au fond die, daß auch diese radikalen io
Bourgeois hier in uns ihre zukünftigen Hauptfeinde sehen und
daß sie uns keine Waffen in die Hand geben wollen, die wir sehr
bald gegen sie selbst kehren würden.
Aus meinem Alten ist vollends nichts herauszubeißen. Für den
ist schon die Kölner Zeitung ein Ausbund von Wühlerei, und statt is
1000 Talern schickt er uns lieber 1000 Kartätschkugeln auf den
Hals.
Die avanciertesten hiesigen Bourgeois finden ihre Partei zu ihrer
ziemlichen Zufriedenheit durch die Kölnfische] Zeitung vertreten.
Que veux-tu qu’on fasse, alors? 20
Moses’ Agent, Schnake, war vorige Woche hier, scheint auch
gegen uns verleumdet zu haben.
Von Dronke hab ich keine andre Adresse als etwa die: Kauf¬
mann Adolf Dominicus in Koblenz (sein Onkel). Sein Alter
existiert in Fulda, ich glaub als Gymnasialdirektor. Das Nest ist 2;
klein. Dr. E. DfronkeJ junior in Fulda würde ihn wohl treffen,
wenn er da ist. Es ist aber abgeschmackt, daß er nicht wenigstens
schreibt, wo er ist.
Von Ewerbfeck] hatte ich einen Brief, er fragt, ob wir einen an¬
geblich wichtigen nach Mainz unter bekannter Adresse abgeschick- 31
ten Brief von ihm erhalten? Hast Du ihn nicht, so schreib des¬
wegen nach Mainz (Schullehrerkandidat Philipp Neubeck, Renten¬
gasse (Heiliger Geist) Mainz).
Ewferbeck] läßt in Paris das Manifest ins Italienische und
Spanische übersetzen und will zu diesem Behuf 60 fr. eingesandt 3.
haben, die er sich zu zahlen verpflichtet. Das ist wieder so eine
seiner Geschichten. Die Übersetzungen werden schön sein.
Ich bin an der englischen Übersetzung, die mehr Schwierigkeiten
macht, als ich glaubte. Über die Hälfte ist indes fertig, und bald
wird das Ganze fertig sein.
Wenn ein einziges Exemplar unsrer siebzehn Punkte hier ver¬
breitet würde, so wär hier alles verloren für uns. Die Stimmung bei
den Bourgeois ist wirklich niederträchtig. Die Arbeiter fangen an,
sich etwas zu regen, noch sehr roh, aber massenhaft. Sie haben
sofort Koalitionen gemacht. Das aber ist uns gerade im Wege. Der K
(31) 184Ö April 25
101
Elberfelder politische Klub erläßt Adressen an die Italiener,
spricht sich für direkte Wahl aus, aber weist jede Debatte sozialer
Fragen entschieden ab, obwohl unter vier Augen die Herren ge¬
stehen, diese Fragen kämen jetzt an die Tagesordnung, und
a dabei bemerken, wir dürften darin der Zeit nicht vorgreifen!
Adios. Laß bald Näheres hören. Ist der Brief nach Paris ab¬
gegangen, und hat er Resultate gehabt?
Dein E.
Bannen, 25. 4. 1848.
32. Engels an Marx in Köln; Barmen 1848 Mai 9.
Lieber Marx,
Hierbei:
1. Die Liste der bis jetzt gezeichneten Aktien, vierzehn an
der Zahl.
iö 2. Eine Vollmacht für Dich.
3. Eine für D’Ester (der B[ohnstedt] ist ein Bekannter
von ihm).
4. Eine für Bürgers.
Es ließ sich nicht vermeiden, daß Bohnstedt und Hecker ihre
2o Vollmacht an persönlich Bekannte gaben. —
Hühnerbein wird, für sich und zwei hiesige, selbst dort er*
scheinen.
Die Liste ist noch nicht geschlossen. Den Laverrière und Blank
habe ich trotz xmaligem Besuche nicht getroffen. Zulauff hat den
25 ersteren übernommen.
Zwei andre, bei denen ich nichts ausrichtete, wird Hecker be¬
arbeiten.
Heute geht Zullauff] nach Ronsdorf, wo er gute Aussichten hat.
Die beiden Sorten Leute, die am meisten Schwierigkeiten
30 machen, sind erstens die jungen républicains en gants jaunes, die
für ihr Vermögen fürchten und Kommunismus wittern, und zwei¬
tens die Lokalgrößen, die uns für Konkurrenten halten. Weder
Nohl noch Bracht waren zu bewegen. Von den Juristen ist Bohn¬
stedt der einzige, mit dem was zu machen. Überhaupt haben wir
35 vergebliche Gänge genug gehabt.
Morgen geh ich auf zwei Tage nach Engelskirchen. Laßt mich
sogleich die Resultate der Aktionärversammlung wissen. — Zu
einer Bundesgemeinde ist ebenfalls der Anfang gemacht.
Dein Engels.
<o 9. Mai 1848.
102
(33) 1848 Okt. ca. 26
33. Marx an Engels in Genf, mit Nachschriftvon
Louis Schulz; [Köln 1848 Oktober ca. 26].
Lieber Engels,
Da Dein Brief erst jetzt abends ankömmt, ist es keine Zeit mehr,
nach Wechseln sich umzutun. Es ist selbst nicht mehr Zeit, nach 5
meinem Hause zu gehn. Ich schicke Dir Einliegendes, was grade
vorrätig ist und zudem eine Anweisung von 50 Taler von Schulz
auf einen Bürger in Genf, wo Du auch sonstige Hülfe finden kannst.
Ich habe schon vor langer Zeit an Dich und Dronke nach Paris
50 Taler und zugleich nach Brüssel an Gigot Deinen Paß geschickt. 10
Die Zeitung erscheint seit dem 11. September^ wieder, tale
quäle. Näheres Dir darüber zu schreiben, jetzt nicht der Moment,
da Eile nötig. Sobald Du irgend kannst, schreib’ Korresponden¬
zen und längere Artikel. Ich bin jetzt, da alle außer Weerth fort
und Freiligrath erst seit einigen Tagen eingetreten, bis über dien
Ohren beschäftigt, komme gar nicht zu ausführlichem Arbeiten,
und zudem tut das Parkett alles, um mir Zeit zu stehlen.
Übrigens hat Dein Alter an Gigot geschrieben, wo Du seist. Ei
will Dir, wie er sagt, Geld schicken. Ich habe ihm Deine Adresse
geschickt. Dein K. Marx. 20
Schreib’ umgehend. Soll ich Deine Wäsche usw.
schicken? Plasmann sofort dazu bereit. Dein Vater hat ihn
übrigens bezahlt.
[Nachschrift von Louis Schulz]
P. S. Einliegenden Brief an J. Köhler am See oder Rue du25
Rhone dort wollen Sie gefälligst öffnen und denselben abgeben,
worauf Ihnen derselbe Frs. 250 für meine Rechnung gegen Tratte
nach S[icht] auf mich auszahlen wird. Freundschaftlichen Gruß
Louis Schulz.
34. Marx an Engels in Lausanne; [Köln 1848
November ca. 10].
Lieber Engels,
Ich bin wahrhaft überrascht, daß Du noch kein Geld von mir
erhalten hast. Ich (nicht die Expedition) habe Dir seit undenk¬
licher Zeit 61 Taler, 11 in Papier, 50 in Wechsel, nach Genf ge-30
schickt, eingeschlagen in die angegebne Adresse. Also erkundige
Dich und schreib sogleich. Ich habe einen Postzettel und kann
das Geld reklamieren.
Ich hatte ferner an Gigot 20 und später an Dronke 50 Taler für
Euch geschickt, immer aus meiner Kasse. Summa — 130 Taler a
ungefähr.
1) Verschrieben für Oktober
(34) 1848 Nov. ca. 10
103
Ich werde Dir morgen wieder einiges schicken. Aber erkundige
Dich nach dem Gelde. Es war in dem Wechsel zugleich eine Emp¬
fehlung Deiner an einen Lausanner Geldphilister.
Ich bin mit dem Geld beschränkt. 1850 Taler hatte ich von der
5 Reise mitgebracht; 1950 bekam ich von den Polen, 100 brauchte
ich noch auf der Reise, 1000 Taler habe ich der Zeitung (mit dem
Dir und andern Flüchtlingen) vorgeschossen, 500 in dieser Woche
noch zu zahlen für die Maschine; bleibt 350. Und dabei habe ich
noch keinen Cent von der Zeitung erhalten.
io Was Eure Redakteurschaft angeht, so habe ich 1. in der ersten
Nummer gleich angezeigt, daß das Komitee dasselbe bleibt, 2. den
blödsinnigen reaktionären Aktionären erklärt, daß es ihnen frei¬
stünde, euch als nicht mehr zum Redaktionspersonal gehörig zu
betrachten, daß es mir aber freistehe, so hohe Honorare
15 auszuzahlen, als ich will, und daß sie daher pekuniär
nichts gewinnen werden.
Die große Summe für die Zeitung hätte ich rationellerweise
nicht vorgeschossen, da ich drei bis vier Preßprozesse auf dem
Halse haben, jeden Tag eingesperrt werden und dann nach Geld
so wie der Hirsch nach frischem Wasser schreien kann. Aber es galt,
unter allen Umständen dies Fort zu behaupten und die politische
Stellung nicht aufzugeben.
Das beste — nachdem Du die Geldangelegenheiten in Lausanne
geordnet — ist, nach Bern zu gehn und Deinen angegebnen Plan
25 auszuführen. Du kannst außerdem schreiben, wofür Du willst.
Deine Briefe kommen immer zeitig genug.
Daß ich einen Augenblick Dich im Stich hätte lassen können,
ist reine Phantasie. Du verbleibst stets mein Intimus, wie ich hof¬
fentlich der Deine. K. Marx.
3o Dein Alter ist ein Schweinhund, dem wir einen hundsgroben
Brief schreiben werden.
35. Marx an Engels in Bern; Köln 1848 Novem¬
ber 29.
Köln, 29. November 1848.
35 Lieber Engels,
Die Zeitungen sind Dir geschickt. Wenn es nicht früher geschah,
so liegt die Schuld rein an dem Esel Korff, der bei meiner Über¬
beschäftigung, die noch durch beständige Erscheinungsbefehle ver¬
mehrt wird, bisher meine Orders nicht ausgeführt hatte. Einst-
40 weilen bleib’ in Bem. Sobald Du kommen kannst, schreib ich Dir.
Siegle Deine Briefe besser zu. Einer war aufgebrochen, wie ich
in der Zeitung (natürlich Dich nicht nennend) angezeigt.
Z 30-31.
104
(35) 1848 Nov. 29
Schreib ausführlich über Proudhon, und da Du guter
Geograph bist, über die ungarische Scheiße (den Völkerbienen¬
schwarm). Vergiß mich bei Proudhon nicht, da unsre Artikel jetzt
in sehr viele französische Blätter übergehn.
Schreib auch gegen die Föderativrepublik, wozu die Schweiz <5
beste Gelegenheit bietet.
K. Heinzen hat seinen alten Schund gegen uns veröffentlicht.
Unser Blatt bewegt sich immer auf dem Stand der Erneute, um¬
schifft aber trotz allen Erscheinungsbefehlen den code pénal. Es
ist jetzt sehr en vogue. Wir erlassen auch täglich Plakate. La révo- io
lution marche. Schreib fleißig.
Ich habe einen sichern Plan entworfen, Deinem Alten Geld
auszupressen, da wir jetzt keins haben. Schreib einen Geldbrief
(möglichst kraß an mich), worin Du Deine bisherigen Fata er¬
zählst, aber so, daß ich ihn Deiner Mutter mitteilen kann. Der v
Alte fängt an, Furcht zu bekommen.
Ich hoffe Dich bald wiederzusehn.
Dein Marx.
36. Engels an Marx in Köln; Bern [1848] De¬
zember 28. 20
Lieber Marx,
Wie ist’s? Kann ich jetzt, nach G[ottschalks] und A[nneke]s
Freisprechung, noch nicht bald zurück? Die preußischen Hunde
müssen jetzt doch bald die Lust verlieren, sich mit den Ge-
schwomen einzulassen. Wie gesagt, wenn genügender Grund vor- 25
handen, daß kein Untersuchungsarrest zu befürchten, komm’ ich
sofort. Nachher können sie meinetwegen mich vor 10000 Jurys
stellen, aber im Untersuchungsarrest kann man nicht rauchen, und
da geh’ ich nicht hinein.
Die ganze Septembergeschichte zerfällt ja ohnehin in Nichts. 3c
Einer nach dem andern kommt wieder. Also schreib.
Apropos, gegen Mitte Januar wäre mir einiges Geld sehr er¬
wünscht. Bis dahin kommt Euch ja eine Masse ein.
Dein E.
Bem, 28. Dezember. 30
z. 12-16.
1849
37. Engels an Marx in Köln; Bern 1849 Ja¬
nuar 7—8.
Lieber Marx,
5 Nachdem ich mich jetzt während mehrerer Wochen sündhaften
Lebenswandels von meinen Strapazen und Aventüren erholt habe,
fühle ich erstens das Bedürfnis, wieder zu arbeiten (wovon der
beiliegende magyaro-slawische Artikel ein schlagender Beweis),
und zweitens das Bedürfnis nach Geld. Letzteres ist das drin-
io gendste, und wenn Ihr bei Ankunft dieses mir noch nichts geschickt
haben solltet, so tut es doch gleich, denn ich bin seit mehreren
Tagen sans le sou, und Pump ist in dieser lausigen Stadt keiner.
Wenn in dieser lausigen Schweiz nur irgend etwas vorfiele, um
drüber schreiben zu können. Aber lauter Lokaldreck der lausigsten
13 Art. Ein paar allgemeine Artikel drüber schick ich indes bald.
Wenn ich noch lang im Ausland bleiben muß, so geh ich nach
Lugano, besonders wenn in Italien etwas losgeht, wie es den An¬
schein hat.
Aber ich denke immer, ich kann bald zurück. Dies faule Hocken
2o im Ausland, wo man doch nichts Ordentliches tun kann und ganz
außer der Bewegung steht, ist scheußlich unerträglich. Ich komme
bald zu der Einsicht, daß es selbst im Untersuchungsarrest in Köln
besser ist als in der freien Schweiz. Schreib mir doch, ob denn
gar keine Chance vorhanden, daß ich ebenso günstig behandelt
25 werd wie Bürgers, Becker usw.
Raveaux hat recht: selbst in dem oktroyierten Preußen ist man
freier als in der freien Schweiz. Jeder Spießbürger ist hier zu¬
gleich Mouchard und Assommeur. Davon hab ich in der Neujahrs¬
nacht ein Exempel gesehen.
w Wer Teufel hat neulich den langweiligen sittlich-religiösen Ar¬
tikel aus Heidelberg über den Märzverein in die Zeitung gesetzt?
Daß Henricus^ von Zeit zu Zeit einen Artikel aushaucht, hab ich
ebenfalls mit Vergnügen bemerkt an dem Seufzer über das Laden-
bergsche Zirkular, der sich durch zwei Nummern hinzieht.
35 Unsre Zeitung wird jetzt in der Schweiz sehr häufig zitiert; die
Berner Zeitung nimmt viel und die National] zeitung, und dann
geht das die Runde durch alle Blätter. Auch in den Schweizer fran-
Heinrich Bürgers
106
(37) 1849 Jan. 7—8
zösischen Blättern wird sie, nach dem National usw., viel zitiert,
mehr als die Kölnische.
Die Annonce werdet ihr auf genommen haben. Beiliegend ein
Abdruck der unsrigen in der Berner Zeitung. Grüß die ganze Ge¬
sellschaft. 5
Dein E.
Bem, 7. Januar 1849.
Gestern zu spät zur Post. Heute also noch die Bemerkung, daß
die Neue Rheinische Zeitung seit dem 1. Januar hier nicht
mehr eingetroffen ist. Sieh doch nach, ob sie regelmäßig io
abgeschickt. Ich hab mich erkundigt, mit dem Abonnieren ist’s
nichts. Ich müßte auf ein halbes Jahr abonnieren, so lange
bleib ich nicht und hab auch kein Geld. Wie gesagt, es ist wichtig,
daß sie herkommt, nicht bloß meinetwegen, sondern auch haupt¬
sächlich, weil die uns günstige, von einem Kommunisten redigierte 15
Berner Zeitung alles tut, um sie hier en vogue zu bringen.
38. Marx an Engels in Köln; [1849 März].
Lieber Engels,
Laß den Artikel über B. Dietz heraus, bis das Faktum kon¬
statiert ist. Wir wollen selbst nach Brüssel deshalb schreiben. 2o
Übrigens suche den Namen des Setzerlehrlings herauszubekom¬
men, der an Dietz die Sache, ohne Auftrag zu haben, berichtet hat.
Dein Marx.
39. Marx an Engels in Köln; Hamburg [1849]
April 23. 25
Hamburg, 23. April.
Adresse: Kaufmann Rohde, Bleichenbrücke.
(Unter Kuvert.)
Lieber Engels,
Dein Brief hat mich erst heute getroffen, da ich Bremen schon 30
Mittwoch morgen verließ. In Bremen nichts. Rösing hat vor einem
Jahre bankrott gemacht und lebt nur noch von den Zinsen des
seiner Frau verbliebnen Kapitals. Also nichts.
Dagegen werde ich hier sicher loseisen.
Was die Unterschrift betrifift, kann Werres nicht unter-
zeichnen?
Was die einstweiligen Geldmittel betrifft, solange ich abwesend
bin, so ist folgendes zu bemerken: Plasmann^ hat mir vor meiner
O Im Orig. Plassmann
Nr. 38
(39) 1849 April 23 107
Abreise in die Hand versprochen, jeden nötigen Vorschuß zu
machen. Möglich, daß St. Naut aus Gewissenhaftigkeit keine Zu¬
flucht zu dieser Quelle nimmt. Wenn es nötig ist, tue es selbst.
Die Zeitung ist diese Woche durch sehr mager, was mit meiner
s jetzigen Mission schlecht klappt.
Grüß meine Frau herzlich von mir und die andern.
Schreib jedenfalls umgehend und laßt den Kopf nicht sinken.
Les choses marcheront.
Dein K. Marx.
40. Marx an Engels in Kaiserslautern; Paris
[1849] Juni 7.
Schreibe mir unter der Adresse: M. Ramboz, 45, Rue de Lille.
Paris, 7. Juni, 45, Rue de Lille.
Lieber Engels,
lö Ich schreibe Dir in diesem Briefe wenig ausführlich. Erst sollst
Du mir antworten, ob er unversehrt angekommen ist. Ich
glaube, daß die Briefe wieder con amore erbrochen werden.
Es herrscht hier eine royalistische Reaktion, schamloser als
unter Guizot, bloß vergleichbar mit der nach 1815. Paris ist mome.
so Dazu die Cholera, die außerordentlich wütet. Trotzdem stand ein
kolossaler Ausbruch des Revolutionskraters nie näher bevor als
jetzt zu Paris. Die Details darüber später. Ich komme mit der
ganzen revolutionären Partei zusammen und werde in einigen
Tagen sämtliche Revolutionsjournale zu meiner Verfügung
25 haben.
Was die hiesigen pfälzisch-badischen Gesandten betrifft, so ist
Blind, von einem wirklichen oder vermeintlichen Choleraanfall
erschreckt, einige Stunden von Paris aufs Land gezogen.
Quant à Schütz, ist folgendes zu bemerken:
so 1. Setzt ihn die provisorische Regierung in eine falsche Po¬
sition, indem sie ihm keine Berichte schickt. Die Franzosen ver¬
langen des faits, und wo soll er sie hemehmen, wenn ihm kein
Teufel schreibt? Es müssen ihm möglichst oft Depeschen zukom¬
men. Es ist klar, daß er in diesem Augenblick nichts ausrichten
35 kann. Das einzig Erreichbare ist, der preußischen] Regierung
Wind in die Augen zu streuen, indem man ihm möglich macht,
häufig mit den Chefs der Montagnards zusammenzukommen.
2. Ein zweiter unverzeihlicher Fehler des gouvernement pro¬
visoire du Palatinat ist, daß man hinter dem Rücken des offiziellen
40 Gesandten eine Masse lausiger Deutschen mit dieser oder jener
Mission beauftragt. Das muß ein für allemal aufhören, wenn
Z. 38—41 -
108
(40) 1849 Juni 7
Schütz den Montagnards gegenüber wenigstens die Honneurs
seiner Position behaupten soll, und das ist in diesem Augenblicke
— Preußen gegenüber — doch wohl der ganze Inhalt seiner
Mission.
Daß er im übrigen wenig erfährt, versteht sich von selbst, da j
er nur mit einigen offiziellen Montagnards zusammenkommt.
Ich werde ihn übrigens immer au courant halten.
Meinerseits muß ich verlangen, daß Du mir wenigstens zweimal
die Woche regelmäßig und jedesmal, so oft etwas Wichtiges vor¬
fällt, sofort schreibst. io
In dem Feuilleton der Kölnischen Zeitung über die Pfälzer Be¬
wegung de d. Dürkheim a.d. Hardt, heißt es unter anderm:
„Auf Herm Marx, den Redakteur der [Neuen] Rheinischen
Zeitung, ist man nicht gut zu sprechen. Derselbe soll der proviso¬
rischen Regierung erklärt haben, seine Zeit sei noch nicht ge- 15
kommen, er werde sich vorläufig zurückziehn.“ Wie hängt das zu¬
sammen? Die elenden Deutschen hier, mit denen ich jedes Zu¬
sammentreffen übrigens vermeide, werden das breit durch Paris
zu schlagen suchen. Ich halte es deshalb für gut, wenn Ihr in der
Karlsruher oder Mannheimer Abendzeitung gradezu erzähltin 20
einem Korrespondenzartikel, ich sei als Repräsentant des demo¬
kratischen Zentralkomitees zu Paris. Ich halte dies
auch deshalb für nützlich, weil einstweilen, wo augenblicklich, un¬
mittelbar noch kein Resultat hier zu erreichen ist, man die Preu¬
ßen glauben machen muß, daß furchtbare Intrigen hier gespielt 20
werden. Il faut faire peur aux Aristocrates.
Ruge ist hier gleich Null.
Was macht Dronke?
Du mußt übrigens sehn, daß Du irgendwo Geld für
mich auftreibst. Du weißt, daß ich die letzten eingehenden 30
Summen, pour faire honneur aux obligations de la Nouvelle
G[azette] Rhén[ane] verausgabt habe, und in den jetzigen circon¬
stances kann ich weder ganz eingezogen wohnen und leben, noch
weniger in Geldverlegenheiten geraten.
Wenn es Dir irgend möglich ist, so schicke mir einen franzö- 35
sischen Artikel, worin Du die ganze ungarische Affäre resümierst.
Teile diesen Brief D’Ester mit. Grüße ihn bestens. Soll ich
miter einer andern Adresse schreiben, so gebt sie an. M.
[Auf der Adreßscite]
Herrn Fr. Engels, zu erfragen bei Dr. D’Ester
O Korr, aus erklärt
(41) 1849 Juli 25
109
41. Engels an Frau Jenny Marx in Paris; Vevey
1849 Juli 25.
Liebe Frau Marx,
Sie sowohl wie Marx werden verwundert sein, daß ich so lange
j nichts habe von mir hören lassen. En voici les causes: Denselben
Tag, wo ich an Marx schrieb (von Kaiserslautern aus), kam die
Nachricht, daß Homburg von den Preußen besetzt und somit die
Kommunikation mit Paris abgeschnitten war. Ich konnte nun den
Brief nicht mehr abschicken und ging zu Willich. In Kaiserslautern
io hatte ich mich von aller Befassung mit der soi-disant Revolution
ferngehalten; als aber die Preußen kamen, konnte ich der Lust
nicht widerstehn, den Krieg mitzumachen. Willich war der ein¬
zige Offizier, der etwas taugte, und so ging ich zu ihm und wurde
sein Adjutant. Ich war in vier Gefechten, wovon zwei ziemlich be-
15 deutend, namentlich das bei Rastatt, und habe gefunden, daß der
vielgeriihmte Mut des Dreinschlagens die allerordinärste Eigen¬
schaft ist, die man haben kann. Das Kugelpfeifen ist eine ganz ge¬
ringfügige Geschichte, und während des ganzen Feldzugs hab’ ich
trotz vieler Feigheit kein Dutzend Leute gesehn, die sich i m G e-
jofecht feig benahmen. Desto mehr aber „tapfre Dummheit“.
Enfin, ich bin überall glücklich durchgekommen, und au bout
du compte ist es gut, daß einer von der Neuen Rheinischen
Zeitung dabei war, weil alles demokratische Lumpenpack in
Baden und der Pfalz war und nun mit nicht getanen Heldentaten
15 renommiert. Es würde wieder geheißen haben: die Herren der
Neuen Rheinischen Zeitung seien zu feig, sich zu schlagen. Von
allen den Herren Demokraten aber hat sich niemand geschlagen,
außer mir und Kinkel. Letzterer hat sich bei unserm Korps als
Musketier gestellt und sich ganz gut gemacht; im ersten Gefecht,
30 das er mitmachte, bekam er den Streifschuß an den Kopf und
wurde gefangen.
Nachdem unser Korps den Rückzug der badischen Armee ge¬
deckt, gingen wir, 24 Stunden später als alle andern, in die
Schweiz und sind gestern hier in Vevey angekommen. Während
35 des Feldzugs und des Marsches durch die Schweiz war es mir
absolut unmöglich, auch nur eine Zeile zu schreiben. Jetzt aber
beeile ich mich, Nachricht zu geben und um so schleuniger an Sie
zu schreiben, als ich — irgendwo in Baden — gehört habe, Marx
sei verhaftet in Paris. Wir bekamen nie Zeitungen zu sehn, er-
io fuhren also nichts. Ob es wahr ist oder nicht, hab’ ich nie erfahren
können. Sie begreifen die ängstliche Spannung, in der ich mich
daher befinde, und ich bitte Sie aufs dringendste, mich von meiner
Unruhe zu befreien und mir Gewißheit über Marx’ Schicksal zu
verschaffen. Da ich keine Bestätigung dieses Gerüchts von Marx’
110
(41) 1849 Juli 25
Verhaftung gehört, so hoffe ich immer noch, daß es falsch ist. Daß
aber Dronke und Schapper sitzen, daran kann ich kaum zweifeln.
Genug, wenn Marx noch frei ist, so schicken Sie ihm doch diesen
Brief zu, mit der Bitte, mir gleich zu schreiben. Sollte er sich in
Paris nicht sicher fühlen, so ist er hier im Waadtland vollständig
sicher. Die Regierung selbst nennt sich rot und partisane de la
révolution permanente. In Genf ist es ebenso. Dort ist Schily aus
Trier, der im Mainzer0 Korps ein Kommando führte.
Wenn ich von Hause einiges Geld bekomme, so geh ich wahr¬
scheinlich nach Lausanne oder Genf und seh, was ich anfange, io
Unsre Kolonne, die sich brav geschlagen hat, ennuyiert mich, und
hier kann man nichts machen. Willich ist im Gefecht brav, kalt¬
blütig, geschickt und von raschem, richtigem Überblick, außer dem
Gefecht aber plus ou moins langweiliger Ideologe und wahrer
Sozialist. Die meisten Leute vom Korps, mit denen man sprechen m
kann, sind anderswohin dirigiert.
Wenn ich nur erst die Gewißheit hätte, daß Marx frei ist! Ich
habe oft daran gedacht, daß ich mitten unter den preußischen
Kugeln an einem weit weniger gefährlichen Posten war als die an¬
dern in Deutschland und namentlich Marx in Paris. Also befreien 20
Sie mich bald von dieser Ungewißheit. Tout à vous!
Engels.
Vevey, Canton de Vaud, 25. Juli 1849.
Adresse: F. Engels, réfugié allemand, Vevey, Suisse.
(Womöglich per Kuvert bis Thionville oder Metz.)
42. Marx an Engels in Vevey; [Paris 1849
August ca. 1].
Lieber Engels,
Ich habe sehr viele Unruhe für Dich ausgestanden und war
wirklich erfreut, gestern einen Brief von Deiner Hand zu emp¬
fangen. Ich hatte Dronke (der hier ist) an Deinen Schwager
schreiben lassen, um Auskunft zu erhalten. Der wußte natürlich
nichts.
Meine ganze Familie ist hier, die Regierung hat mich nach
Morbihan, den Pontinischen Sümpfen der Bretagne, ausweisen
wollen. Bisher habe ich die Exekution verhindert. Soll ich Dir
aber näher sowohl über meine Verhältnisse hier als über die allge¬
meinen schreiben, so mußt Du mir eine sicherere Adresse schicken,
denn hier ist’s sehr ungeheuer.
O Korr, aus hessischen
(42) 1849 Aug. ca. 1
111
Du hast jetzt die schönste Gelegenheit, eine Geschichte oder ein
Pamphlet über die badisch-pfälzische Revolution zu schreiben.
Ohne Deine Teilnahme an dem Krieg selbst hätten wir mit unsern
Ansichten über diesen Ulk nicht hervortreten können. Du kannst
5 dabei die Stellung der Neuen Rheinischen Zeitung zur Demokra¬
tischen Partei überhaupt glänzend herausbeißen. Ich bin über¬
zeugt, daß die Sache ziehn und Dir Geld einbringen wird.
Ich habe Unterhandlungen eingeleitet, um eine politisch-ökono¬
mische Zeit (Monats-) schrift zu Berlin zustande zu bringen, die
io hauptsächlich von uns beiden geschrieben werden müßte.
Lupus ist auch in der Schweiz, ich glaube in Bem. Weerth war
gestern hier, er etabliert eine Agentur zu Liverpool. Der rote Wolff
wohnt hier bei mir. Die finanziellen Verhältnisse sind natürlich
sehr zerrüttet.
U Freiligrath ist nach wie vor in Köln. Wäre meine Frau nicht in
einem état par trop intéressant, so würde ich Paris gern, sobald es
pekuniär möglich, verlassen.
Leb wohl. Grüß W [illic] h bestens und schreib umgehend unter
der Adresse: M. Ramboz, Rue de Lille 45.
2° Dein K. M.
43. Marx an Engels in Vevey; Paris [1849]
August 17.
Paris, 17. August.
Lieber Engels,
25 Ich weiß nicht, ob Du meinen ersten Brief — Antwort auf
Deinen ersten, meiner Frau zugeschickten Brief — richtig erhal¬
ten, da Deine Adresse sehr unbestimmt war. Ich hätte Dir auch
auf den zweiten schon geantwortet, wenn nicht meine ganze hier
anwesende Familie krank und ich so behindert gewesen wäre. Ich
so wiederhole Dir noch einmal, welche Angst ich und meine Frau
Deinetwegen ausgestanden und wie freudig wir überrascht waren,
sichre Nachricht von Dir zu erhalten.
Aus dem Datum ersiehst Du, daß das Ministerium des Innern
auf meine Reklamation mich einstweilen ungeschoren in Paris
35 gelassen. Das Departement Morbihan, das man mir angewiesen,
ist in dieser Jahreszeit tödlich — die Pontinischen Sümpfe der
Bretagne. Über die Affäre vom 13. Juni Schriftliches mitzuteilen,
wäre in diesem Augenblicke unvorsichtig. Ich glaube nicht, ich
weiß wenigstens nicht, ob das Briefgeheimnis respektiert wird.
io Den allgemeinen Zustand hier kann ich Dir mit zwei Worten
schildern: Dekomposition der Majorität in ihre ursprünglichen,
einander feindseligen Elemente, Bonapartismus für immer kom-
112
(43) 1849 Aug. 17
promittiert, Malice unter den Bauern wegen der Beibehaltung der
75 Centimes, die Weinbauern wütend über die angedrohte Bei¬
behaltung der Getränkesteuer, in der öffentlichen Meinung der
Windzug schon wieder antireaktionär, in der prorogierten Kam¬
mer und im Ministerium die Reaktion ausschließlich werdend und û
mit der Beseitigung der Barrot-Dufaureschen Clique aus dem Ka¬
binett beschäftigt. Sobald dies Faktum eintritt, kannst Du auf
eine baldige revolutionäre Resurrektion hoffen.
Ich weiß nicht, ob Du in der Schweiz Gelegenheit hast, die eng¬
lische Bewegung zu verfolgen. Die Engländer haben sie genau bei io
dem Punkte wieder aufgenommen, wo sie durch die Februar¬
revolution unterbrochen wurde. Die Friedenspartei ist, wie Du
weißt, nichts anders als eine neue Verkleidung der Freetrade-
partei. Aber diesmal agiert die industrielle Bourgeoisie noch revo¬
lutionärer wie in der Anti-Cornleagueagitation. Zweierlei: 1. Die n
im Innern durch die Abschaffung der Korngesetze und der Navi¬
gationsakte an der Wurzel gefaßte Aristokratie soll auch in ihrer
auswärtigen Politik, in ihrer europäischen Verzweigung, ruiniert
werden. Umkehrung der Politik Pitts. Antirussisch-östreichisch-
preußisch, mit einem Worte für Italien und Ungarn. Cobden 20
hat förmlich mit dem Banne die Bankiers bedroht, die Rußland
pumpen würden, einen wahren Feldzug gegen die russischen
Finanzen eröffnet. 2. Allgemeines-Stimmrechts-Agitation, um die
Tenants ganz von dem Grundadel politisch zu trennen, den Städten
absolute Majorität zu geben im Parlament, das Oberhaus zu nulli- 23
fizieren. Finanzreform, um Kirche und politische Revenue des
Adels abzuschneiden.
In beiden Agitationen Chartisten und Freetrader vereinigt.
Harney und Palmerston scheinbar befreundet. In dem letzten in
London gehaltnen Meeting O’Connor und Colonel Thompson eine 30
Seele.
Dieser ökonomische Feldzug gegen Feudalismus und heilige
Allianz von unberechenbaren Folgen.
Ungarn famos. Aber dies lausige Preußen? Qu’en dis-tu? Die
blassen Canaillen werden jetzt fettgefüttert in Sachsen, Baden, 35
der Pfalz. Wenn sie den Östreichem eine Armee zur Hilfe
schicken, geschieht es so, daß sie selbst in Böhmen bleiben und sich
da auffüttem lassen. Aber das elende Preußen — ich fürchte nur,
daß es zu feig ist — perdu, sobald es an der ungarischen Affäre,
die jedenfalls in einen guerre universelle aufgeht, sich beteiligt. 40
Maintenant, mon cher, que faire de notre part? Il faut nous
lancer dans une entreprise littéraire et mercantile. J’attends tes
propositions.
Roter Lupus hier im selben Hause mit mir; Dronke auch in
Paris, mais c’est un tout petit homme de l’école de E.Meyen. Lupus
Z. 41-45 -
(43) 1849 Aug. 17
113
ist zu Zürich, Adresse: Dr. Lüning. Du brauchst nicht besonders
an M. Ramboz zu schreiben. C’est mon pseudonyme.
Also Adresse einfach diese:
Monsieur Ramboz, 45, Rue de Lille.
Salut! Ch. M.
44. Marx an Engels in Lausanne; [Paris 1849]
August 23.
23. August.
Lieber Engels,
io Ich bin nach dem Departement Morbihan verwiesen, den Pon¬
tinischen Sümpfen der Bretagne. Du begreifst, daß ich auf diesen
verkleideten Mordversuch nicht eingehe. Ich verlasse also Frank¬
reich.
Nach der Schweiz gibt man mir keinen Paß, ich muß also nach
15 London, und zwar morgen. Die Schweiz wird ohnehin bald her¬
metisch verschlossen sein, und die Mäuse mit einem Schlag wür¬
den gefangen sein.
Außerdem: In London habe ich positive Aussicht, ein deut¬
sches Journal zu stiften. Ein Teil der Gelder ist mir sicher.
20 Du also mußt sofort nach London. Zudem erheischt es Deine
Sicherheit. Die Preußen würden Dich doppelt erschießen: 1. wegen
Baden, 2. wegen Elberfeld. Und was sollst Du in der Schweiz,
wo Du nichts tun kannst? Du hast keine Schwierigkeit, nach Lon¬
don zu kommen, sei es unter dem Namen Engels, sei es unter dem
25 Namen Mayer. Sobald Du erklärst, nach England zu wollen, er¬
hältst Du einen Zwangspaß bis London von der französischen Ge¬
sandtschaft.
Ich rechne positiv darauf. Du kannst nicht in der
Schweiz bleiben. In London werden wir Geschäfte machen.
30 Meine Frau bleibt einstweilen hier. Du schreibst an sie immer
unter derselben Adresse: 45, Rue de Lille, M. Ramboz.
Aber noch einmal, ich rechne sicher darauf, daß Du mich nicht
im Stich lassen wirst.
Dein K. M.
35 Lupus ist bei Dr. Lüning, Zürich. Schreib ihm auch von meinem
Plan.
Z. - 1-3 :
29
32-33. 35-36.
1S50
45. Marx an Engels in Manchester; London 1850
November 19.
19. November 1850.
Lieber Engels,
Ich schreibe Dir nur zwei Zeilen. Heute morgen um zehn Uhr ist
unser kleiner Pulververschwörer Föxchen^ gestorben. Plötz¬
lich, durch einen der Krämpfe, die er oft gehabt hatte. Einige Mi¬
nuten vorher lachte und schäkerte er noch. Die Sache kam ganz
unverhofft. Du kannst Dir denken, wie es hier aussieht. Durch io
Deine Abwesenheit sind wir grade in diesem Moment sehr ver¬
einsamt.
In meinem nächsten Briefe werde ich Dir einiges über Harney
schreiben, woraus Du sehn wirst, in welcher fatalen Lage er sich
befindet. is
Dein K. Marx.
Wenn Du gerade in der Stimmung bist, schreib einige Zeilen an
meine Frau. Sie ist ganz außer sich.
46. Marx an Engels; 1850 November 23.
London, 23. November 1850. 20
Lieber Engels,
Dein Brief hat meiner Frau sehr wohlgetan. Sie befindet sich
in einer wirklich gefährlichen Aufgeregtheit und Angegriffenheit.
Sie hatte das Kind selbst gestillt und unter den schwierigsten Ver¬
hältnissen mit den größten Opfern sich seine Existenz erkauft. Da- 25
zu der Gedanke, daß das arme Kind ein Opfer der bürgerlichen
Misère gewesen ist, obgleich es ihm speziell an keiner Pflege ge¬
fehlt hat.
Herr Schramm ist ganz verseilert2) und befindet sich in einer
seiner ekelhaftesten Epochen. Zwei Tage, d. h. am 19. und 20. No- 30
vember ließ er sich gar nicht bei uns sehn, kam dann eine Minute
und verschwand sofort wieder nach einigen albernen Redensarten.
Am Begräbnistage hatte er sich zum Mitfahren gemeldet, kömmt
O Marxens Sohn Guido
*) Anspielung auf Sebastian Seiler.
Z. 21 (obgleich) -33 -
(46) 1850 Nov. 23
115
einen Augenblick vor der anberaumten Stunde, spricht kein Wort
von dem Begräbnis, sondern erzählt meiner Frau, daß er sich
eilen müsse fortzugehn, um nicht zu spät bei seinem Bruder zum
Essen zu kommen. Du begreifst, wie bei dem jetzigen irritabeln
ô Zustand meiner Frau das Benehmen dieses Menschen, der so viel
Freundschaft in unserm Hause genossen, beleidigen muß.
Jones hat mir die eigentliche Lage Harneys auseinandergesetzt.
Er ist sous le coup de la justice. Sein Blatt9 mußte dem ganzen
Inhalt nach gestempelt sein. Die Regierung wartet nur eine größere
io Verbreitung ab, um ihn zu fassen. Der Prozeß gegen Dickens ist
bloß als Präzedenz gegen ihn eingeleitet. Wird er dann gefaßt, so
kann er außer der eigentlichen Strafe zwanzig Jahre sitzen für
die Unmöglichkeit, die securities aufzubringen.
Bauer und Pfänder haben ihren Prozeß gewonnen. Roberts war
15 ihr Advokat.
Dein K. M.
47. En gel s an M a r x ; 1850 November 25.
Lieber Marx,
Ich schreibe Dir heute bloß, um Dir anzuzeigen, daß es mir
20 leider heute noch unmöglich ist, Dir die in meinem Letzten auf
heute versprochenen £ 2 zu schicken. Ermen ist auf ein paar
Tage verreist, und da kein Prokurist beim Bankier beglaubigt ist,
so können wir keine Anweisungen ausstellen und müssen uns mit
den paar kleinen Einzahlungen begnügen, die gelegentlich ein-
25 kommen. Es sind im ganzen nur ca. £ 4 in der Kasse, und Du
begreifst daher, daß ich etwas warten muß. Sobald E[rmen]
zurückkommt, werde ich Dir das Geld sogleich schicken. Die erste
Anweisung ist hoffentlich richtig eingegangen.
Das Benehmen von Schr[amm] ist wirklich kommun.
so Die Geschichte mit Harney ist allerdings höchst fatal. Wenn
sie ihn einmal fassen wollen, hilft auch das Namenändern des
Blatts nicht. Ganz aufgeben kann er’s auch nicht, und wenn dies
Blatt unter die Kategorie der stempelpflichtigen fällt, so weiß ich
nicht, wie es überhaupt möglich ist, ein ungestempeltes politisches
35 Wochenblatt herauszugeben. Allerdings täte er besser, seinen La¬
bour Record von der achten Seite wegzulassen, das ist News und
unzweifelhaft stempelpflichtig. Aber nach dem, was Du schreibst,
scheint auch der Inhalt seiner räsonnierenden Artikel, in Jones’
Meinung, dem Stempel zu verfallen. Und da hört alles auf.
io Der indignierte Schramm scheint also, was auch aus dem Tret¬
brief des Herm Seiler hervorging, wieder mit seinem Bruder auf
9 „The Red Republican“
8*
Z. - 1-6. 14—15. 29. 40-41 -
116(47) 1850 Nov. 25
dem besten Fuß zu stehn und sogar égards gegen ihn zu beob¬
achten!
Hoffentlich geht es Deiner Frau besser. Grüß sie und Deine
ganze Familie herzlich von Deinem F. E.
25. November 1850. ;
Im Lauf der Woche werd ich Deiner Frau eine Sendung von
Cotton thread zugehn lassen, von der ich hoffe, daß sie ihr ge¬
fallen wird.
48. Marx an Engels, mit Nachschrift von Frau
Jenny Marx; [1850] Dezember 2.
2. Dezember. 69, Deanstreet, Soho, London.
Lieber Engels,
Ich war einige Tage ernstlich unwohl, und so erhältst Du diesen
Brief nebst Anzeige von dem Empfang der beiden Post Office
Ordres später, als mein Wunsch war. Dem Seiler habe ich die u
7^2 sh. zukommen lassen. Was die Indépendance betrifft, so schul¬
den wir beide ihm einstweilen nichts, da er, zu gelegner Zeit, sich
von seinem Wirte hat herauswerfen lassen und ihm als Kompen¬
sation für die 10 £ die er ihm schuldet, nichts hinterlassen hat
als die unbezahlte Indépendance, für 18 Pence Mobiliareigentum 20
und zwei oder drei Bücher, die er von mir und andern geborgt hat.
Er besitzt wirklich in a high degree das Talent, auf amerikanische
Weise den Überschuß seiner Ausgaben über seine Einnahmen zu
liquidieren.
Der große H e i 1 b e r g ist mit einer soi-disant jungen Frau hier 25
angekommen. Ich habe noch nicht die Ehre gehabt, den Märchen-
Tuck zu sehn, der natürlich sehr vergrößert über den Ozean zu¬
rückgeworfen ist — ein gefährlicher Konkurrent für Seiler. Er
hat den Bamberger ganz mit Beschlag belegt, nennt ihn „Brüder¬
chen“ und die alte Amschel „Tantchen“. 30
Von unsrer Revue habe ich noch nichts gesehn und gehört.
Ich stehe mit Köln in Unterhandlung wegen Herausgabe der
Quartalschrift.
Teils aus Unwohlsein, teils aus Absicht komme ich in den Pul-
teney stores mit den andren nur noch an den offiziellen Tagen 33
zusammen. Da die Herm so viel debattiert haben, ob diese Ge¬
sellschaft ennuyant ist oder nicht, überlasse ich es natürlich ihnen
selbst, über die Comforts ihrer Unterhaltung sich wechselseitig
zu verständigen. Mich aber mache ich rar. Wir haben beide die
Erfahrung gemacht, daß man bei diesen Leuten in demselben
Maß im Wert sinkt, als man sich ihnen liberal zuführt. Zudem
Z. - 1-2 ! 25-30.
(43) 1850 Dez. 2
117
bin ich sie müde und will meine Zeit möglichst produktiv aus¬
nutzen. Freund Schramm, der seit mehren Wochen den Malkon¬
tenten spielte und sich endlich überzeugt hat, wie man durchaus
nicht geneigt ist, dem natürlichen Lauf seiner Gemütsstimmungen
5 Hindernisse in den Weg zu legen, eignet sich nach und nach den
mit dem Model-Lodginghouse verträglichen Humor wieder an.
In der Great Windmill herrscht großer Ärger über den Ver¬
lust der 16 durch gerichtlichen Spruch. Lehmann namentlich
schäumt. Sein Zorn will sich nicht legen, bis Bauer und Pfänder
io in allen Zeitungen Europas öffentlich als Diebe und Missetäter ge-
brandmarkt. Der kleine Bauer behauptet jetzt natürlich mit ver-
bißnem sittlichem Grimm, daß die Herauszahlung jeden Pfen¬
nigs, sei es an die Great Windmill, sei es an eine öffentliche Armen¬
box, eine unverzeihliche Beleidigung gegen die englischen Gerichte
is und eine „Anerkennung der Bourgeoisie“ sein würde.
Unterdessen haben die großen Männer der Great Windmill-
street einen Triumph erlebt, wie folgt:
„Aux démocrates de toutes les nations“
Citoyens! Proscrits Réfugiés en Angleterre et mieux placés
2o par cela même pour juger des mouvements politiques du
Continent, nous (merk wohl! In dieser einzigen Phrase, die sie
über Subjekt, Kopula und Prädikat hinaus gewagt haben, direkter
Sprachschnitzer, müßte jedenfalls heißen: et ainsi mieux placés
que vous autres pour) avons pu suivre et surveiller activement
25 toutes les combinaisons des Puissances coalisées se préparant à
une nouvelle invasion de la France, où (sehr scheen!) les
Cosaques du Nord sont attendus par leurs complices, pour (noch
einmal attendus pour) éteindre dans son foyer même (die Ge¬
burtsstätte von Barthélemy und Pottier) le volcan de la Révolution
30 Universelle. — Les Rois et les aristocrates de l’Europe ont compris
qu’il était temps d’élever des digues pour arrêter la marée popu¬
laire (hieße besser: le marasme populaire) qui menace d’engloutir
leurs trônes ébranlés. — Des troupes nombreuses levées en Russie,
en Autriche, en Prusse, en Bavière, dans le Hanovre, dans le Wür-
35 temberg, en Saxe et enfin dans tous les états de l’Allemagne, sont
déjà réunies. (Des troupes . . . sont déjà réunies!) En Italie
130000 hommes menacent la frontière suisse. Le Vorarlberg e.4
occupé par 80 000 hommes. Le Haut Rhin est couvert par 80 000
hommes, Würtembergeois, Badois et Prussiens. Le Main est gardé
4o par 80000 Bavarois et Autrichiens. Tandis que 370000 hommes
occupent les points que nous venons d’indiquer, la Prusse a mobi¬
lisé 200000 soldats qu’elle tient disponible (sic) pour être lancés
sur les frontières de la Belgique et de la France: la Hollande et
la Belgique, contraintes par les coalitions, soutiendront le mouve-
ï^ment d’invasion avec une armée forte de 150000 hommes. En
Z. 7—15. 21 (merk) —24 (pour)
] 18
(48) 1850 Dez. 2
Bohême 150000 hommes se tiennent prêts et n attendent qu’un
ordre pour se réunir à l’armée du Main, qui serait alors forte de
230 000 hommes. Autour de Vienne sont concentrés 80 000 hom¬
mes. 300000 Russes campent en Pologne, et 80000 dans les en¬
virons de St. Petersbourg: ces armées réunies composent une force ;
d’un million trois cents trente mille combattants, qui n’attendent
que le signal de l’attaque. Derrière ces troupes se tiennent aussi ( ! )
prêts 180000 Autrichiens, 200000 Prussiens, 100 000 hommes
fournis par les principautés de l’Allemagne, et 220 000 Russes.
Ces armées forment ensemble, comme troupes de réserve 700000 io
hommes; sans compter les hordes inombrables (sic) de Barbares
que l’Attila Moscovite ferait surgir du fond de l’Asie, pour lancer,
comme autrefois (!) sur la civilisation Européenne. Des journaux
allemands^ (wird nämlich in einer Note ein Lausesatz aus der
„Neuen Deutschen Zeitung“ zitiert, um Lüning günstig zu stim- i>
men) et nos renseignements particuliers nous font
connaître les secrètes intentions des Puissances
dont les Plénipotentiaires se sont réunis à Varsovie le 25 Oc¬
tobre dernier. Ilaétédécidé, dans la ( ! ) conférence, qu’une
guerre feinte, (Teufel was für Diplomatie!) entre la Prusse et 20
l’Autriche, servirait de prétexte au mouvement des soldats que la
volonté du Czar transforme en instruments aveugles et en si-
caires féroces contre les défenseurs de la liberté (Bravo!). En
présence de ces faits, il n’est plus possible de douter: on organise
en ce moment le massacre, déjà commencé ( !!), de tous les Répu- 25
blicains. Les journées de Juin 1848 avec leurs exécutions sanglan¬
tes et les proscriptions qui les ont suivies — la Hongrie dévastée
et asservie par l’Autriche — l’Italie livrée au Pape et aux Jésuites,
après l’égorgement de la République Romaine par les soldats du
Gouvernement de la France n’ont point assouvi la rage de nos 30
ennemis: ils rêvent l’asservissement de tous les peuples qui
combattent pour le triomphe de la liberté commune. Si la démo¬
cratie n’y prend garde, la Pologne, la Hongrie, l’Allemagne, l’Italie
et la France seront bientôt encore vouées aux fureurs de la solda¬
tesque sauvage de Nicolas qui, pour exciter les Barbares au combat 35
leur promet la dévastation et le pillage de l’Europe. — Devant
ce danger qui nous menace, debout! Debout . . . Républi¬
cains Français, Allemands, Italiens, Polonais, et Hongrois, sor¬
tons de cet engourdissement (Pott Schapper und Willich!) qui
énerve nos forces et prépare une victoire facile à nos oppresseurs. 40
Debout! . . . Aux jours de repos et de honte du présent, faisons
succéder les jours de fatigue et de gloire, que nous prépare la
guerre sainte de la liberté! En examinant ces dangers que nous
vous signalons, vous comprendrez, comme nous, qu’il y aurait folie
d’attendre plus longtemps l’attaque de l’ennemi commun; nous 45
(48) 1850 Dez. 2
119
devons tout préparer et aller au devant du péril qui nous envi¬
ronne. (Geht einmal au devant d’une chose qui vous envi¬
ronne!) Citoyens Démocrates Socialistes, notre salut n’est qu’en
nous mêmes: nous ne devons compter que sur nos propres efforts;
5; et éclairés des exemples du passé, nous devons nous prémunir
contre les trahisons de l’avenir. Evitons, évitons surtout le piège
qui nous est tendu par les serpens (!) de la diplomatie. Les
émules des Metternich et des Talleyrand méditent en ce moment
d’éteindre le flambeau de la Révolution, en suscitant à la France,
uo par l’invasion qu’ils préparent, une guerre nationale dans laquelle
les peuples s’égorgeraient au profit des ennemis de leur affran¬
chissement. Non, Citoyens! plus de guerre nationale! Les bar¬
rières que les despotes avaient élevées entre les nations qu’ils
s’étaient partagées, sont désormais tombées pour nous, et les
peuples confondus (wirklich: confondus) n’ont plus qu’un
drapeau, sur lequel nous avons écrit avec le sang fécond de nos
martyrs: République Universelle Démocratique
et Sociale“. Pour Leurs Sociétés: „Les membres du co¬
mité de la société des proscrits Démocrates Socialistes Français à
jo Londres: Adam (Combreur), Barthélemy (Emil), Caperon
(Paulin), Favon, Goûté, Thierry, Vidil (Jules); les délégués de
la commission permanente de la section de la démocratie polonaise
à Londres: Sawaszkiewicz, Warskiroski; les membres du comité
démocrate socialiste des réfugiés allemands et de la société ouv-
25 rière allemande: Dietz (Oswald), Gebert (A.), Mayer (Adolphe),
Schärttner (A.), Schapper (Charles), Willich (Auguste). Les
délégués de la société démocratique hongroise à Londres: Moli-
nary, Simonyi. Londres le 16 Novembre 1850.
Wenn das nicht gut für die Wandläus ist, dann weiß ich nicht,
jo was besser ist. Als ich das Manifest [Ledru-] Rollin, Mazzini,
Ruge etc. an die Deutschen gelesen hatte, worin man sie auf¬
fordert, das Bardit zu singen und sie erinnert, daß ihre Vorfahren
„Franken“ hießen, und worin der König von Preußen schon ab¬
gemacht hatte, sich von Ostreich klopfen zu lassen, glaubte ich,
35 etwas Dümmeres sei unmöglich. Mais non! Kommt das Manifest
Ganon Caperon Goûté, wie die „Patrie“ es nennt, der dii minorum
gentium, mit demselben Inhalt, wie sie richtig bemerkt, aber ohne
Chic, ohne Stil, mit den armseligsten Rednerblumen von serpents
und sicaires und égorgements! Die Indépendance erzählt, indem
4o sie einige Sätze aus diesem Meisterwerk mitteilt, es sei von den
soldats les plus obscurs de la Démocratie abgefaßt, und
diese armen Teufels hätten es ihrem Korrespondenten in London
zugeschickt, obgleich sie konservativ sei. So sehr sehnten sie sich
nach dem Druck. Sie nennt zur Strafe keinen Namen, wie
45 die Patrie nur die obigen drei nennt. Zur Erfüllung der Misère
Z. 29- 30.
120
(43) 1850 Dez. 2
geben sie von hier einem Straubinger (selbiges Subjekt hat
die klägliche Geschichte gestern dem Pfänder erzählt) 50 Exem¬
plare nach Frankreich mit. Kurz vor Boulogne schmeißt er 49 Stück
ins Meer, in Boulogne wird Bruder Straubinger wegen mangelnden
Passes zurückgeschickt nach London und erzählt, „daß er jetzt t
nach Boston gehe“.
Leb wohl und schreib umgehend.
Dein K. Marx.
Apropos! Schreib doch einmal dem würdigen Dronke, daß er
in Bundesangelegenheiten antwortet und nicht nur im Falle von io
Tretbriefen schreibt. Die Herren Kölner haben noch nichts hören
lassen. Weydemeyer nennt „Haudé“, der sein ganzes Fell in
Deutschland eingebüßt hat und wieder hier ist, einen „sonst
wackren Burschen“.
Du mußt ernsthaft nachdenken, worüber Du schreiben willst, is
England geht nicht, da schon zwei Themata darüber, vielleicht drei
mit Eccarius. Über Frankreich ist auch nicht viel zu sagen. Könn¬
test Du nicht vielleicht, an Mazzinis neuste Sachen anknüpfend,
die lausigen Italiener samt ihrer Revolution einmal packen? (Sein
„Republik und Monarchie etc.“ nebst seiner Religion, der Papst 20
etc.)
[Nachschrift von Frau Marx]
Lieber Herr Engels,
Ihre freundliche Teilnahme an dem Schicksal, das uns in dem
Verlust unsres kleinen Lieblings, meines armen kleinen Schmer- 25
zenkindes, so schwer getroffen, hat mir sehr wohlgetan, um so
mehr, als ich mich in den letzten schmerzlichen Tagen recht bitter
über unsern Freund Sfchramm] zu beklagen hatte. Mein Mann
und wir alle haben Sie recht sehr vermißt und uns oft nach Ihnen
gesehnt. Dennoch freue ich mich sehr, daß Sie hier fort und auf 30
dem besten Wege sind, ein großer Cotton-lord zu werden. Keilen
Sie sich nur recht fest ein zwischen die zwei feindseligen Brüder;
dieser Kampf bringt Sie notwendig Ihrem verehrten Herrn Papa
gegenüber in die Position der Unentbehrlichkeit, und ich sehe Sie
schon im Geist als Friedrich Engels junior und Associé des senior 35
figurieren. Das Beste dabei ist natürlich, daß Sie trotz Cottontrade
und alledem der alte Fritze bleiben und sich, um mit den drei Erz¬
demokraten Friedrich Wilhelm, dem Ersten, Kinkel und Mazzini
zu reden, „der heiligen Sache der Freiheit nicht ent¬
fremden“ werden. Karl hat Ihnen über die hiesige Schmiere einiges p
geschrieben; ich füge noch einige nova hinzu. Der feiste Knote
Haude0 hat auf seiner Verleumdungstour durch Deutschlands
Gauen all’ sein Fett verloren und stolpert über seine eignen Beine,
9 Im Orig. Haute
Z. 40-43 -
(43) 1850 Dez. 2
121
wenn er einen sieht. Beim Diktator Hippopotamus0 soll ein klei¬
ner Hippopotamus zweifelhaften Ursprung angekommen sein, und
der Great Windmill-Ritter Hohenzoller Willich hat seine Nobel¬
garde um einige qualifizierte Strauchdiebe und Lumpazi vermehrt.
5 Unsere eignen Leute bummeln so von einem Tage zum andern wei¬
ter mitHilfe einiger erpumpterPence. Rings verdient heute einiges
als Claqueur beim Herzog von Braunschweig, der wieder vor Ge¬
richt eine Pauke hält.
Auf dem letzten Polenfest, wo sich die französischen, deutschen,
io ungarischen und polnischen Crapauds (Willich, Fieschi, Adam
etc.) vereinigt hatten, ist es bis zur Keilerei gekommen. Sonst
haben wir nichts von der Bande gehört. Gestern abend waren wir
in der ersten Vorlesung von Ernest Jones über die päpstliche Ge¬
schichte. Sein Vortrag war wunderschön und für die Engländer
15 avanciert, für uns Deutsche, die wir durch Hegel, Feuerbach etc.
Spießruten gelaufen sind, nicht ganz à la hauteur. Der arme Har¬
ney war lebensgefährlich krank an einem Geschwür an der Luft¬
röhre. Er darf noch nicht sprechen. Ein englischer Arzt hat zwei¬
mal geschnitten und die wehe Stelle nicht getroffen. Sein Red
20 [Republican] ist umgewandelt in den Friend of the People. Doch
nun für heute genug. Die Kinder plaudern sehr viel vom Onkel
Angels und der kleine Till singt ganz famos nach Ihrer verehrten
Instruktion, lieber Herr Engels, das Lied vom „Knotenpelz und
von dem flotten Besen“.
25 Weihnachten sehen wir Sie hoffentlich.
Ihre Jenny Marx.
49. Engels an Marx; 1850 Dezember 17.
Lieber Marx,
Ich bin die letzte Zeit ausnahmsweise sehr beschäftigt gewesen
3o und habe andre Störungen gehabt, die mich aus meinem gewöhn¬
lichen Lebenssystem herausrissen und mich am Schreiben verhin¬
derten. Daher meine späte Antwort.
Das Manifest Ganon Caperon Goûté ist wirklich ein Meister¬
stück nach Inhalt und Form. Die cränerie hat ihren vollendeten
35 Ausdruck erreicht, und Monsieur Barthélemy hat der Welt endlich
einmal ein Exempel davon gegeben, ce que c’est que de parler
carrément. Die militärische Aufstellung des homme de marbre ist
ebenso heiter; der bonhomme hat die meisten Corps der öst-
reichischen Armee zweimal gezählt, wie die oberflächlichste refe-
40 rence zu den Zeitungen beweist. Übrigens geht die Unverschämt-
x) Karl Schapper
Z. - 1-12.
122
(49) 1850 Dez. 17
heit doch zu weit, nach all den Blamagen seit 1848 und bei der
gegenwärtigen gemütlichen Stimmung aller Nationen, obenan der
crapauds, von einer marée populaire zu sprechen, qui menace
d’engloutir des trônes. Die Versammlung von Namen, die drunter
steht, ist freilich die schönste feature des Ganzen. Solch ein euro- 5
päischer Kongreß ist noch nie gesehn worden. Ledru-R[ollin],
Mazzini und Co. erhalten ordentlich eine gewisse Wichtigkeit
durch diese Kinderei. Übrigens möchte ich wissen, worin sich der
Waschlappen Sawaszkiewicz, der drunter steht, von dem Polacken
des Ledru [-Rollin], Darasz, unterscheidet und inwiefern die bei- ig
den Ungarn, die darunter stehn, dem Mazzini vorzuziehen sind.
Schapper und Ruge stehn sich freilich ziemlich gleich, und falls
nicht Kakerlak Dietz ein schweres Gewicht zugunsten des neuen
europäischen Komitees in die Wagschale legt, so werden die
Herren die Konkurrenz mit ihrem Original schwerlich bestehen 15
können.
Neulich war ich bei John Watts, der Kerl scheint gut zu mogeln,
er hat jetzt einen viel größeren shop in Deansgate, etwas höher
hinauf. Er ist vollständiger radikaler Spießbürger geworden,
kümmert sich um nichts als das educational movement, schwärmt 20
für moral force und hat Herm Proudhon zu seinem Herrn und
Meister akzeptiert. Er hat die Contradictions économiques und
andres Zeug übersetzt und viel Geld daran verloren, da die eng¬
lischen Arbeiter noch nicht „Erziehung“ genug haben, um diese
famosen Sachen zu verstehn. Er erzählte mir verschiedne Exem- 25
pel, aus denen hervorgeht, daß er sehr gut versteht, seinen
Schneidercommerce vermittels Affichierung seines bürgerlichen
Liberalismus zu poussieren. In den Educational Committees
sitzt er mit seinen ehemaligen wütenden Gegnern, den Dissenter¬
pfaffen, brüderlich zusammen und läßt sich von Zeit zu Zeit Dank- 30
Voten von ihnen geben for the very able address he delivered on
that evening. Der Kerl scheint mir in dieser Metamorphose allen
Witz verloren zu haben; ich bin seitdem noch nicht wieder bei ihm
gewesen. Für Leute, die derartige Wandlungen in die bürgerliche
Solidität durchmachen, ist natürlich Proudhon hierzulande ein ge- 36
funden Fressen; scheinbar am weitsten gehend, weiter als Owen,
ist er doch fully respectable.
Ich habe nichts dagegen, über Herrn Mazzini und die ita¬
lienische Geschichte zu schreiben. Mir fehlen nur — außer dem
Ding im Red [Republican], alle Mazzinischen Schriften. Vor 40
Weihnacht komme ich indes doch zu nichts, da ich in acht Tagen
doch in London bin. Ich werde mir dann das Nötige mitnehmen.
Vielleicht fällt uns bis dahin auch sonst noch was ein.
Deiner Frau meinen besten Dank für ihre freundlichen Zeilen.
Mit dem Cotton-lord ist’s so arg nicht, mein Herr Alter scheint gar
(49) 1850 Dez. 17 123
nicht so geneigt zu sein, mich länger hier zu halten, als absolut
nötig ist. Cependant nous verrons. Peter Ermen läuft hier herum
wie ein Fuchs, dem sein Schwanz im Eisen hangen geblieben ist,
und sucht mich fortzuchikanieren — der dumme Teufel glaubt,
j er könnte mich ärgern!
An Dronke ist geschrieben.
Grüß Deine Frau und Kinder.
Dein F. E.
Manchester, 17. Dezember 1850.
50. Frau Jenny Marx an Engels; [1850] Dezem¬
ber 19.
London, den 19. Dezember.
Lieber Herr Engels,
Ich sende Ihnen hier im Auftrage Karls sechs Exemplare der
K Neuen Rheinischen Zeitung. Harney, der etwas besser ist, wünscht,
Sie möchten eins an Helen Macfarlane^ schicken. Denken Sie, der
Schurke Schuberth will dem Eisen die 300 Exemplare nur gegen
bar abgeben, und der Esel Naut ist nun ganz aus dem Häuschen.
Karl hat daher eine Masse Briefe zu schreiben und Sie wissen was
20 das für ihn heißt. Die Kölner Bannbulle gegen Willich und Kon¬
sorten ist gestern cingerückt, nebst neuen Statuten, Rundschreiben
etc. Die Kölner waren diesmal ausnahmsweise energisch und tätig
und traten ganz entschieden gegen die gemeine Bande auf. Denken
Sie sich, der Willich hatte mit der ersten blamage des Ganon-Cape-
25 ronschen2) Manifestes nicht genug, die Riesenmänner haben noch
eine zweite Epistel erlassen, und Willich ist so weit gegangen, dem
roten Becker drei Dekrete zur Übergabe an die Kölner Landwehr
zu senden, worin er ihnen von hier aus befiehlt, sich zu empören,
in jeder Kompagnie eine provisorische Regierung zu ernennen und
3o sämtliche Zivil- und Militärbehörden abzusetzen und nötigenfalls
erschießen zu lassen. Und dabei die Kölner Landwehr, die jetzt
schon ganz gemütlich wieder in der väterlichen Burg an des Rhei¬
nes kühlem Strande kneipen und kannegießern. Wenn der W[il-
lich] nicht reif fürs Narrenhaus ist, dann weiß ich nicht wer. Schap-
35 per hat sich einen Paß von Hamburg besorgt, um jetzt selbst das
Haudésche3) Emissär-Geschäft zu übernehmen. Glück auf, Hip-
popotamus!
Dronke hat auch geschrieben. Die Mosin hat ihrem Mann wie¬
der beigebracht, daß er das Haub der Gommunisten ist. Doch Sie
O Im Orig. Hellen Macplierlan
2) Im Orig. Canneronschen
3) Im Orig. Haute’sche
Z. 2 (Peter)-5 ! Nr. 50.
124
(50) 1850 Dez. 19
werden ja bald hier sein und alles hören, sehen, was sich hier
ereignet hat. Die Caperonisten haben den roten Wolff nachts über¬
fallen, geschlagen, und der Rote hat den Wengler in Charge ge¬
geben. Willich hat ihn am andern Morgen, nachdem er verdonnert
war, mit 20 Schillingen losgekauft.
Wir freuen uns alle, Sie bald hier zu sehn.
Ihre Jenny Marx.
[Auf der Adreßseite]
Frédéric Engels, Esquire. 70, Great Ducie Street.
Nr. 50.
1851
51. Marx an Engels; [1851] Januar 6.
6. Januar.
Lieber Engels,
5 Du wirst mich sehr verpflichten, s’il est possible, das Geld um¬
gehend zu schicken. Meine Wirtin ist very poor; sie ist jetzt die
zweite Woche nicht bezahlt und tritt mit schrecklicher Energie.
Gestern in der Kreissitzung erschien Wolff; nicht aber Lieb¬
knecht und Schramm. Die neuen Statuten angenommen, habe ich
io die Scheiße aufs unbestimmte vertagt.
Dein K. M.
Unsre Revue wird wahrscheinlich in der Schweiz neu er¬
scheinen. Arbeite also something, damit ich das Manuskript im
Notfall ready habe.
52. Marx an Engels; 1851 Januar 7.
London, 7. Januar 1851.
Lieber Engels,
Ich schreibe Dir heute, um Dir eine questiuncula theoretica vor¬
zulegen, natürlich naturae politico-economicae.
2o Du weißt, um ab ovo zu beginnen, daß nach der Ricardoschen
Theorie der Rente sie nichts anders ist, als der Unterschied zwi¬
schen den Produktionskosten und dem Preis des Bodenproduktes,
oder wie er das auch ausdrückt, der Unterschied des Preises, wozu
das schlechteste Land verkaufen muß, um seine Kosten heraus-
25 zubringen (immer den Profit und Zinsen des Pächters eingerechnet
in die Kosten), und wozu das beste Land verkaufen kann.
Das Steigen der Rente beweist nach ihm, wie er selbst seine
Theorie auslegt:
1. Es wird zu immer schlechteren Erdarten Zuflucht genommen,
30 oder dasselbe Quantum Kapital, sukzessive auf denselben Boden
angewandt, bringt nicht dasselbe Produkt. Mit einem Worte: die
Erde verschlechtert sich in demselben Maß, als die Bevölkerung
ihr mehr abverlangen muß. Sie wird relativ unfruchtbarer. Worin
dann Malthus den realen Boden seiner Populationstheorie gefun-
35 den hat und worin seine Schüler jetzt ihren letzten Notanker suchen.
126
(52) 1851 Jan. 7
2. Die Rente kann nur steigen, wenn der Getreidepreis steigt
(wenigstens ökonomisch legal); sie muß fallen, wenn er
fällt.
3. Wenn das Rental eines ganzen Landes steigt, so
ist dies nur erklärlich dadurch, daß eine sehr große Masse relativ 5
schlechteren Bodens in Bebauung gesetzt worden ist.
Diesen drei Propositions widerspricht nun überall die Ge¬
schichte.
1. Kein Zweifel, daß immer schlechtere Erdarten in Bebauung
gesetzt werden mit dem Fortschritt der Zivilisation. Aber ebenso- 10
wenig Zweifel, daß diese schlechteren Erdarten relativ gut sind
gegen die früher guten, infolge des Fortschritts der Wissenschaft
und Industrie.
2. Seit 1815 ist der Getreidepreis von 90 auf 50 sh. gefallen
und drunter vor der Abschaffung der Korngesetze, unregelmäßig i5
aber beständig. Die Rente ist beständig gestiegen. So in England.
Mutatis mutandis überall auf dem Kontinent.
3. In allen Ländern finden wir, wie schon Petty bemerkte, daß,
wenn der Preis des Getreides abnahm, das Gesamtrental des Lan¬
des stieg. tu
Die Hauptsache bei alledem bleibt, das Gesetz der Rente mit
dem Fortschritt der Fruchtbarkeit der Agrikultur im allgemeinen
auszugleichen, wodurch einmal die historischen Tatsachen allein
erklärt werden können, anderseits die Malthussche Verschlech¬
terungstheorie nicht nur der Hände, sondern auch der Erde allein 25
beseitigt wird.
Ich glaube, daß die Sache einfach zu erklären ist wie folgt.
Gesetzt, in einem gegebnen Zustand der Agrikultur sei der
Preis des Quarter Weizens 7 sh. und ein Acre Land der besten
Qualität, das eine Rente von 10 sh. zahlt, produziere 20 Bushel. 30
Der Ertrag des Acre also = 20 X 7 oder = 140 sh.. Die Produk¬
tionskosten betragen in diesem Falle 130 sh. 130 sh. ist als[oj der
Preis des Produkts des schlechtesten in Bebauung gesetzten Landes.
Gesetzt, es trete nun eine allgemeine Verbesserung der Agri¬
kultur ein. Setzen wir diese voraus, so nehmen wir an, gleichzeitig, 35
daß Wissenschaft, Industrie und Bevölkerung im Zunehmen be¬
griffen sind. Eine durch Verbesserung allgemein vermehrte Frucht¬
barkeit des Bodens setzt diese Bedingungen voraus, im Unter¬
schied der bloß vom Zufall einer günstigen Jahreszeit hervor¬
gebrachten Fruchtbarkeit. 40
Der Weizenpreis falle von 7 auf 5 sh. per Quarter. DasbesteLand,
Nr. 1, das früher 20 Bushel hervorbrachte, bringe nun 30 Bushel
hervor. Bringt also jetzt ein, statt 20 X 7 oder 140 sh. — 30 X5
oder 150 sh. D. h. eine Rente von 20 sh. statt früher von 10. Der
schlechteste Boden, der keine Rente trägt, muß produzieren
(52) 1851 Jan. 7
127
26 Bushel, denn nach unsrer obigen Annahme ist der notwendige
Preis desselben 130 sh. und 26 X 5 = 130. Ist die Verbesserung
nicht so allgemein, d. h. der allgemeine Fortschritt der Wissen¬
schaft, der mit dem Gesamtfortschritt der Gesellschaft, Popu-
5 lation usw. Hand in Hand geht, daß der schlechtste Boden, der in
Bebauung gesetzt werden muß, 26 Bushel hervorbringen kann, so
kann der Getreidepreis nicht auf 5 sh. per Quarter fallen.
Die 20 sh. Rente drücken nach wie vor den Unterschied zwi¬
schen den Produktionskosten und dem Getreidepreis auf dem
io besten Boden oder zwischen den Produktionskosten des schlecht¬
sten und denen des besten Bodens aus. Relativ bleibt das eine
Land immer ebenso unfruchtbar gegen das andre wie vorher.
Aber die allgemeine Fruchtbarkeit hat sich gehoben.
Vorausgesetzt wird nur, daß, wenn der Getreidepreis von 7 auf
5 sh. fällt, die Konsumtion in demselben Maße zunimmt, die
Nachfrage, oder daß die Produktivität nicht die Nachfrage über¬
steigt, die zu dem Preis von 5 sh. erwartet werden kann. So sehr
diese Voraussetzung falsch wäre, wenn der Preis von 7 auf 5 ge¬
fallen wäre durch einen ausnahmsweis üppigen Herbst, so not-
2o wendig ist sie bei einer graduellen und durch die Produzenten
selbst bewirkten Steigerung der Fruchtbarkeit. In allen Fällen
handelt es sich hier nur um die ökonomische Möglichkeit dieser
Hypothese.
Es folgt hieraus:
25 1. Die Rente kann steigen, obgleich der Preis des Bodenprodukts
fällt, und doch bleibt R[icardo]s Gesetz richtig.
2. Das Gesetz der Rente, wie Rficardo] es in einfachster
These, abgesehn von seiner Ausführung, hinstellt, setzt nicht die
abnehmende Fruchtbarkeit des Bodens voraus, sondern nur,
trotz der mit der Entwicklung der Gesellschaft
allgemein zunehmenden Fruchtbarkeit des Bo¬
dens, verschiedne Fruchtbarkeit der Ländereien oder ver-
schiednes Resultat des sukzessiv auf demselben Boden angewand¬
ten Kapitals.
35 3. Je allgemeiner die Verbesserung des Bodens ist, desto mehr
Sorten von Ländereien wird sie umfassen, und das Rental des
ganzen Landes kami steigen, obgleich der Getreidepreis im allge¬
meinen sinkt. Gesetzt z. B. das obige Beispiel, so kömmt es nur
darauf an, wie groß die Anzahl der Ländereien ist, die mehr als
40 26 Bushel zu 5 sh. produziert, ohne grade deren 30 produ¬
zieren zu müssen, d.h. um wie mannigfaltiger die Qualität des
Landes ist, das zwischen dem besten und dem schlechtsten liegt.
Es geht dies die ratio der Rente des besten Landes nichts an. Es
geht überhaupt die ratio der Rente nicht direkt an.
128
(52) 1851 Jan. 7
Du weißt, daß der Hauptwitz bei der Rente der ist, daß sie er¬
zeugt ist durch die Ausgleichung des Preises für die Resultate ver-
schiedner Produktionskosten, daß aber dies Gesetz des Markt¬
preises nichts als ein Gesetz der bürgerlichen Konkurrenz. Indessen
bliebe, selbst nach Abschaffung der bürgerlichen Produktion, der s
Haken, daß die Erde relativ unfruchtbarer würde, daß mit der¬
selben Arbeit weniger sukzessiv geschaffen würde, obgleich nicht
mehr, wie im bürgerlichen Regime, der beste Boden so teures Pro¬
dukt lieferte wie der schlechtste. Dies Bedenken fiele mit dem
obigen fort. io
Ich bitte Dich um Deine Ansicht über die Sache.
Weil ich Dich mit dieser Scheiße gelangweilt, schicke ich Dir
zur Erheiterung folgendes Pack Briefe von Dr. Magnus Groß
(doppelt großer Groß! Allergrößter Groß!) aus Cincinnati. Du
wirst finden, daß, wenn Monsieur Groß nicht grand, er jedenfalls is
gros ist. Tellering II. in nuce. Gleichen sich doch alle Koblenzer.
Schick’ mir die Sache zurück, und wenn Du willst und Zeit und
Lust hast, mit einer Zeile für Dronke.
Dein K. M.
53. Engels an Marx; 1851 Januar 8.
Lieber Marx,
Inliegend Post Office Ordre für £ 1, die Particulars wie
früher. Mein Käufer — unser Kommis — scheint in der letzten
Zeit viel ausgegeben zu haben und nicht zu viel Geld auf einmal
von der Firma nehmen zu wollen. Er will nicht recht eingehn — &
ich presse ihn nicht zu viel, cela se conçoit. Ich selbst bin durch
meine Londoner Reiseexpensen sehr stark in Auslagen geraten,
sonst würde ich Dir mit Vergnügen den ganzen Betrag schicken;
so muß ich mich für heute darauf beschränken, die Pflicht
eines gewöhnlichen consignée zu erfüllen und Dir ein Halb des #
Werts auf Abschlag zu schicken. Die andre Hälfte erfolgt — spä¬
testens — in den ersten Tagen des Februar, vielleicht früher, so¬
bald nämlich ein Brief der Firma an meinen Alten, der die an
mich gemachten Zahlungen enthält, abgegangen sein wird.
Jones war hier und trat seinen Feinden in public meeting in
ihrem eignen Lokal entgegen. Leach und Donovan opponierten
ihm. Die Debatte war nicht ganz, was ich erwartete. Kleine
Kriegslisten auf beiden Seiten, viel chronique scandaleuse, die
über manche Londoner Annehmlichkeiten tröstete. Auf Jones’
(53) 1851 Jan. 8 129
Seite die Überlegenheit des deklamatorischen Talents. Leach da¬
gegen enorm imperturbabel, aber stellenweise greulich absurd.
Donovan eine kommune intrigierende Lokalgröße. Jones war
übrigens durch die Neue Rheinische Zeitung und meine An-
5 Wesenheit gezwungen, sich als red republican und Anhänger der
nationalization of landed property zu erklären, wogegen Leach als
vollständiger Vertreter der cooperative societies auftrat, und zwar
auch insofern sie die politische Agitation repudiieren. Diese Ge¬
sellschaften scheinen übrigens jetzt in Lancashire sehr zahlreich zu
io sein, und Jones und seine Freunde fürchten, daß sie bei irgend
einer Allianz zwischen ihnen und den Chartisten das Chartist Mo-
vement in ihre Hände bekommen würden. Dieser Umstand erklärt
manche der Konzessionen, die Harney ihnen zu machen für gut
hielt.
15 Der Erfolg von Jones’ Auftreten hier war alles, was zu erwarten
stand; er schlug als Punkt der Entscheidung zwischen ihm und
dem Manchester Chartist Council die Frage der Anerkennung der
Exekutive in London vor, die Stimmen waren gleich geteilt, obwohl
Leach und Co. ca. drei Stunden Zeit gehabt hatten, ihre Leute ins
2o Meeting zu bringen und eine gehörige Masse gekommen war. Am
Anfang, wo die Gesellschaft eine rein zufällige war (Leach hatte
kalkuliert, daß J[ones] nicht vor neun Uhr da sein könne, er war
aber schon um acht da, was L[each] ihm sehr übelnahm), wurde
J Tones] enthusiastisch empfangen.
25 Jones in Gesellschaft von Chartisten, die er gewinnen oder sich
mehr attachieren will, ist keineswegs so naiv, als wenn er unter
uns ist. He is very wide awake. Vielleicht etwas zu sehr — unser¬
eins wenigstens „merkt die Absicht“.
Von H[amey]s Freunden hier ist der eine ein langweiliger
30 Schotte mit unendlichen Gefühlen und daher endlosen Reden, der
zweite ein kleiner, resoluter und auffahrender Bursche, über des¬
sen intellektuelle Kapazitäten ich noch nicht im klaren bin; ein
dritter, von dem Harney mir nicht sprach, Robertson, scheint mir
bei weitem der Verständigste zu sein. Ich werde sehn, daß ich
35 mit den Kerls einen kleinen Klub oder regelmäßige Zusammen¬
kunft organisiere und mit ihnen das Manifest diskutiere. Harney
und Jones haben hier eine Masse Freunde, und O’C[onnor] eine
Masse versteckter Feinde, aber eh er nicht einen Akt großartiger
öffentlicher Blamage begangen hat, wird er — offiziell — hier
40 nicht zu stürzen sein. J Tones] sprach übrigens von ihm und Rey¬
nolds im Meeting mit möglichst wenig Respekt.
Eine gute Nachricht, die mich betrifft, teilte mir mein Schwager
dieser Tage mit: mein proponierter amerikanischer Associé war in
London, und nach einer Unterhaltung zwischen beiden stellte sich
heraus, daß ich nicht der Mann bin, der in seinem Geschäft brauch-
9
130
(53) 1851 Jan. 8
bar ist. Amerika ist also auf unbestimmte Zeit vertagt, da sich
jetzt ohne meine Einwilligung kein neues Projekt formieren kann.
Grüß Deine Frau und Kinder bestens.
Dein F. E.
Manchester, 8. Januar 1851. 5
54. Marx an Engels; 1851 Januar 22.
22. Januar 1851.
Lieber Engels,
Du bist taciturne comme la mort. Ich schicke Dir einliegend
1. eine Erklärung des Oswald Dietz gegen Pfänder und Bauer io
in der Basler Nationalzeitung, 2. einen Klatschartikel, den Herr
A. Ruge, mit Struve und Willich, gegen uns zusammengebraut
hat. Du mußt mir in höchstens zwei Tagen den Dreck zuriick-
schicken und mir sagen, was wir tun sollen gegen Nr. 2. Wenn Du
eine Art Erklärung aufsetzen willst, so schick’ sie mir auch.
Der K. Schramm wird selbst eine Erklärung erlassen.
Was sagst Du zu diesem coup de maître des Atta Trollund
des hinter ihm verschanzten „hervorragenden, entschiednen
Mannes Struve“, wie des „wackem Willich“. C’est un peu fort.
Die Zeitung ist mir zufällig bei Bamberger in die Hand gefallen. 20
Wer liest und wer kennt sonst die Bremer Tageschronik, Organ der
Demokratie?
Bauer und Pfänder werden natürlich nicht antworten, und für
sie scheint in diesem Augenblick das Schweigen allerdings das
Ratsamste. 25
Ich habe noch keine Nachricht, weder von Schabelitz, der die
Fortsetzung unsrer Revue übernehmen wollte, noch von Becker,
der die Herausgabe meiner Aufsätze besorgen wollte. Bei Herrn
Schuberth haben alle meine Schritte bisher nichts genützt. Wenn
Haupt einen Advokaten finden kann, der die Sache übernimmt, so 30
wird er prozessualisch gegen ihn verfahren.
Was macht Mary und Lizzy? Und vor allem, was machst Du?
Harney war einen Abend hier bei mir mit Pieper, Eccarius etc.
und sehr fidel, bis seine „teure Gattin“ ihn halb gewaltsam, halb
zog sie ihn, halb sank er hin, von hier wegbrachte. 35
Dein K. M.
55. Engels an Marx; [1851 Januar 25].
Lieber Marx,
Je te trouve joli en me disant que je suis taciturne comme la
mort, will indes von Retourkutschen abstenieren. 40
*) Ruge
Z. 9 (Ich)-25. Nr. 55.
(55) 1851 Jan. 25
131
Die klobige Perfidie des Pommern Ruge geht wirklich ins
Aschgraue. Es wäre am einfachsten, wenn Du eine Erklärung auf¬
setztest, die wir zusammen unterschrieben. Einzelne persönliche
Bemerkungen, wenn allenfalls nötig, könnten in Gestalt von Noten
5 angehangen und von jedem von uns separat unterzeichnet werden.
Ich weiß nicht, ob es nötig ist, daß ich privatim noch etwas hinzu¬
setze, es sei denn, daß ich in meiner kommerziellen Stellung meine
volle Unabhängigkeit bewahrt habe und so stehe, daß ich mir von
meinen „Prinzipalen“, wie Herr Ruge von seinem Vorgesetzten
io Mazzini, trotz aller früheren atheistischen Renommagen, nicht die
Unterschrift zu rührenden Appellen an den bon Dieu komman¬
dieren zu lassen; und daß ich diese line eingeschlagen habe, um
nicht in die Notwendigkeit zu kommen, in der andre von Herm
R[uge] gegen uns hervorgehobne Biedermänner sich behaglich
15 befinden, nämlich von demokratischer Bettelei zu leben — oder
so ähnlich. Sag mir, ob Du meinst, daß das nötig ist.
Der Artikel mit seiner sittlichen Entrüstung und den kolossalen
Lügen gibt übrigens famosen Stoff zur Verhöhnung. Er leitet zu¬
gleich auf die Spur der Rugeschen Intrigen. Daß Herr R[uge]
20 und das Mazz[inische] Europäische Komitee dem braven Reverend
Dulon1) sehr in die Nase steigen mußten und daß unter diesen
nordgermanischen niedersächsischen Heuldemokraten mit bre-
misch-wassermäulig-belletristischer Sauce sich der einzig passende
Boden für die erhabnen Mazzinischen Manifeste in Deutschland
25 finden konnte, ist sehr natürlich. Die Lichtfreundschaft dieser
Herren mußte in Ronge-Mazzini und dem zu Gott zurückgekehr¬
ten Ruge erwünschte Bundesgenossen finden und die Ehre, mit
den größten Männern der europäischen biedern Demokratie als
„deutsches Komitee“ in offizieller Korrespondenz zu stehn, mußte
so den breiweichen Pfaffen Dulon1} natürlich empfänglich machen
für die Duldung der größten Gemeinheiten gegen die „frivolen“
und gottlosen Leute der Neuen Rheinischen Zeitung. R[uge] hat
auch die Courage erst, seit er sich einbildet, die Revue sei tot. Ich
denke aber, er täuscht sich und wird binnen kurzem ein hübsches
35 Donnerwetter über seinem possierlichen Schädel erleben.
Wäre es nicht gut — da wir doch unmöglich wegen dieses
Artikels großen Lärm schlagen und anders als in der Tages¬
chronik antworten können — unterderhand den pp. Dulon
durch seinen Freund, den roten Becker2), bearbeiten zu lassen?
*o Wir sind, nach diesen Gemeinheiten, sonst nicht einmal der Auf¬
nahme unsrer Antwort gewiß.
Daß aber die alberne Manier von Schramm und seine unüber¬
legten Renommagen, die er, nach diesem Artikel zu urteilen, bei
Im Orig. Dülon 2) Hermann Becker
9*
Nr. 55.
132
(55) 1851 Jan. 25
seinem Bruder gemacht hat, erst diesen Eseln Mut gemacht
haben, gegen uns, die „Alleinstehenden, von allen Verlassenen“
so kommun herauszuplatzen, ist sonnenklar. Der Mensch wird
jetzt selbst einsehn, von welcher Gemeinheit er das Werkzeug ge¬
worden ist, und er muß auch einsehn, daß er sich durch seine 5
Dummheit mehr schadet als andern. Der große R[uge] courtisiert
ihn nicht einmal, was er doch dem Tellering halb und halb antut.
„K. Schr[amm], nicht zu verwechseln!“ Was macht der Kerl jetzt?
Cette affaire est de peu d’importance. Erlogener und mißver-
standnerKlatsch, schwerfällige und unverständliche Insinuationen io
und moralische Aufspreizung — nous avons soutenu, Dieu merci,
de bien autres charges! Unangenehm ist nur, daß das Ding Deine
Frau sehr aufregen wird, und das ist bei den momentanen Zu¬
ständen nicht zu wünschen.
Das Europäische Komitee werde ich nächste Woche im F[rien]d ^5
of the P[eo]ple gehörig hemehmen; ich hab’ H[amey] schon an¬
gezeigt. Ich muß jetzt schließen, es ist Comptoirschluß und bald
darauf Postzeit. Nächstens mehr.
Dein F. E.
Samstag. 20
56. Frau Jenny Marx an Engels; [1851] Januar
c a 2 5].
Januar 1851°
Lieber Herr Engels,
Ich sende Ihnen hier im Auftrag meines Mannes einen Brief 25
an Weerth. Sie wollten ihn ja mit dem Ihrigen besorgen. Der rote
Wolff hat ein paar neue Schuh mit Maschinen gemacht, Bürger
Liebknecht wird täglich emschter und tugendhafter, Schramm bläst
Trübsal auf den Noten und ward nicht mehr gesehn. Die Kinder
lassen den Engels grüßen und mein Mann ist auf der Bibliothek *°
und schlägt da seine Zeit tot.
Ich grüße Sie herzlich.
Jenny Marx.
57. Marx an Engels, mit Nachschrift von Wil¬
helm Pieper; 1851 Januar 27.
27. Januar 1851.
Lieber Engels,
Du erhältst anliegend die Erklärung zum Unterschreiben. An
Dulon2) kann sie gar nicht geschickt werden, denn
Ruge hat sich zum Miteigentümer der Bremer Chronik ge-
*) Das Datum nachträglich von Engels geschrieben.
2) Im Orig. Dülon
Nr. 55. Nr. 56. Nr. 57.
(57) 1851 Jan. 27
133
macht. An das konservative Blatt muß sie geschickt werden, an
die Weserzeitung zu Bremen. Schreib dieser Redaktion,
wenn Du die Erklärung hinschickst; sag ihr, sie solle uns zwei Ko¬
pien nach London an meine Adresse 28, Deanstreet, schicken und
ö gleichzeitig wissen lassen, was das Inserat kostet und wie es zu
zahlen ist. Vergiß indes nicht, den Brief frei zu machen.
Nun, da die Post drängt, noch folgendes:
1. Hast du den Brief an Weerth besorgt, den meine Frau
mit einigen Zeilen an Dich geschickt hat?
io 2. Mein Brief, worin ich Dir die Schmiere von Dr.
Magnus Groß, etc. zugeschickt und worauf ich Deine Ant¬
wort zu wissen wünschte, hast Du ihn erhalten? Im Fall Du ihn
nicht erhalten hättest, bitte ich sofort bei der Post zu
reklamieren. Ich schickte Dir diesen Brief den Tag, n ach-
15 dem ich Deinen erhalten hatte, also vor etwa vier¬
zehn Tagen.
Antworte bald und ob die Erklärung Dir recht ist.
Dein K. M.
Besondre Noten zu der Erklärung halte ich für überflüssig.
20 P. S.
Vergiß auch nicht, der Bremer Redaktion, d.h. der Redaktion
der „Weserzeitung“, zu schreiben, daß sie die richtige Reihen¬
folge beobachtet und Schramms Erklärung hinter die unsre,
nicht vor dieselbe stellt. Apropos! Wenn Du wirklich die zwei
25 Briefe nicht erhalten, so schreib mir, nachdem Du selbst Dich in
Manchester erkundigt, englisch, wie ich an den Generalpost¬
meister schreiben kann. Ich hatte Dir in dem Brief vor vierzehn
Tagen eine neue Ansicht über die Grundrente mitgeteilt, über die
ich Deine Ansicht wissen muß.
30 Dein K. M.
[Nachschrift von Wilhelm Pieper]
Lieber Engels, ich muß Dir in Eile mitteilen, daß M[ar]x
höchst entrüstet ist über Dein gänzliches Stillschweigen zu seiner
neuen Theorie der Grundrente, welche er Dir neulich geschrieben.
35 M[ar]x lebt sehr zurückgezogen, seine einzigen Freunde sind John
Stuart Millx), Loyd2), und wenn man zu ihm kommt, wird man
statt mit Komplimenten, mit ökonomischen Kategorien empfangen.
On ne peut pas vivre qu’avec toi, après tout, und wenn man
unökonomisch zu leben wünscht, wie ich es liebe, muß ich, da hier
^jjetzt niemand mehr umgänglich ist, mich einer stillen Extravaganz
ergeben. Ich suche nebenbei etwas zu kopieren, teilweise treibe ich
sogar eigne Stilübungen, ob ich es aber zu etwas Solidem bringe,
O Im Orig. Mills
’) Im Orig. Lloyd
Nr. 57.
134
(57) 1851 Jan. 27
zweifle ich noch sehr. Ich freue mich zu hören, daß Du munter
bist und werde mir nächstens die Zeit nehmen, Dir etwas zusam¬
menhängender zu schreiben.
Herzlich grüßt Dich W. Pieper.
58. Engels an Marx; [1851] Januar 29. 5
Lieber Marx,
Dein Schweigen und Dein Verwundern über mein Schweigen
wird mir allerdings plötzlich erklärlich, nachdem meine alte Hexe
von Hauswirtin mir heute, after some sharp cross examination,
aus einem Haufen Bücher in meinem Zimmer Deinen Brief vom 10
7. ds. herausgesucht hat, wo er seit dem 8. Januar ruhig schlum¬
merte. Ich war nämlich die Nacht nicht zu Hause gewesen, und
die Person hatte den Brief einfach auf die Bücher gelegt; nachher
beim Aufräumen legte sie in der Eile ein andres Buch obendrauf,
und da dieser Haufen Bücher die ganze Zeit unangerührt blieb, so 15
hätte ohne Deine Anzeige der Brief dort bis zum jüngsten Tage
schlummern können. Hätte ich in diesem Monat statt Physiologie
Russisch getrieben, so wäre das nicht vorgekommen.
Jedenfalls ist Deine neue Geschichte mit der Grundrente voll¬
ständig richtig. Die mit der Bevölkerung immer steigende Un- 20
fruchtbarkeit des Bodens bei Ricardo hat mir nie einleuchten
wollen, und auch für seinen immer steigenden Getreidepreis hab
ich nie die Belege finden können, aber bei meiner bekannten
Trägheit en fait de théorie hab ich mich bei dem inneren Knurren
meines besseren Ich beruhigt und bin der Sache nie auf den 25
Grund gegangen. Es ist außer Zweifel, daß Deine Lösung die
richtige ist, und Du hast Dir so einen neuen Titel auf den Titel des
Ökonomen der Grundrente erworben. Gäbe es noch Recht und Ge¬
rechtigkeit auf Erden, so würde die Gesamtgrundrente wenigstens
für ein Jahr jetzt Dir gehören, und das wär noch das wenigste, 30
worauf Du Anspruch machen könntest.
Es hat mir nie in den Kopf gewollt, daß Ricardo in seinem ein¬
fachen Satz die Grundrente als Differenz der Produktivität der
verschiednen Bodengattungen hinstellt und im Beweis dieses
Satzes 1. kein andres Moment kennt als die Hereinbringung stets 35
schlechterer Erdarten, 2. die Fortschritte der Agrikultur vollstän¬
dig ignoriert und 3. die Hereinbringung der schlechteren Erdarten
schließlich fast ganz fallen läßt und dafür stets mit der Behaup¬
tung operiert, daß das Kapital, das sukzessive auf ein bestimmtes
Feld verwandt wird, immer weniger zur Vermehrung des Ertrags 40
beitrage. So einleuchtend der zu beweisende Satz war, so fremd
waren die im Beweis angeführten Motive diesem selben Satze, und
Nr. 57.
(58) 1851 Jan. 29
135
Du wirst Dich erinnern, daß ich schon in den Deutsch-Fran¬
zösischen Jahrbüchern gegenüber der Theorie der steigenden
Unfruchtbarkeit auf die Fortschritte der wissenschaftlichen Agri¬
kultur provozierte — natürlich sehr crude und ohne alle zusam-
5 menhängende Durchführung. Du hast jetzt die Sache ins Reine ge¬
bracht, und das ist ein Grund mehr, weshalb Du eilen solltest mit
der Vollendung und Publizierung der Ökonomie. Wenn man einen
Artikel von Dir über die Grundrente übersetzt in eine englische
Review bringen könnte, das würde enormes Auf sehn machen. Denk
io drüber nach, je me charge de la traduction.
Inliegend Herr Groß-Groß zurück. Ich werde Dir nächstens ein
paar Zeilen für den süßen Dronke schicken, heut abend bin ich
zu schläfrig, noch weitere Arbeiten zu übernehmen. Eine schöne
Bande Lumpazi, Groß, Wilhelmi und der Fortschrittspamphletär
io von Cincinnati1}! Die Kerle müssen wirklich glauben, man pfiffe
physisch, moralisch und intellektuell auf dem letzten Loch, um
einem solche Zumutungen zu machen. C’est amusant, cependant,
und ich hab redlich gelacht über diese hinterwäldlerischen Ge¬
sellschaftsretter und ihre Anerbietungen, mit Honorar für Dronke.
2o Das „spitz und gesalzen66 des Dr. Siegfried Weiß ist outdone durch
das „rot, pikant, sarkastisch und mehrseitig66 des „Adonis einer
längst vergeßnen Schönen66. Que Dieu le bénisse!
Die Erklärungen werden morgen nebst den nötigen Instruk¬
tionen nach Bremen abgehn. Herr Schramm hätte die seinige wohl
25 abschreiben können, es wird durch das liederliche Schreiben wahr¬
scheinlich Konfusion entstehn.
Die hiesige O’Connor-Konferenz ist auf reinen Humbug hin¬
ausgelaufen. Sie besteht, die angebliche Repräsentation des ge¬
samten englischen Chartismus, aus acht Mann, die vier Städte
3o repräsentieren: Manchester, Bradford, Warrington und Sowerby.
Davon sind Warrington und Bradford in der Opposition und mit
der Exekutive einverstanden. Mantle, der Warrington repräsen¬
tiert, treibt den größten Spott mit der Majorität, eröffnete die pro-
ceedings mit der Motion, daß die Konferenz, seeing their utter
35 insignificance and contemptibility, beschließen solle, sofort nach
Hause zu gehn, und wird ihnen morgen ein Vertrauensvotum für
die Exekutive, also für Harney und Jones, abnötigen, für das
O’Connor auch stimmen muß. Bei der Frage, ob man sich den
financial reformers anschließen solle, stimmten drei für und zwei
4o gegen, drei enthielten sich, unter ihnen O’Connor, den Mantle
durch freches Auftreten leider intimidiert hatte; der Kerl hätte
sonst dafür gestimmt und sich kolossal und unrettbar blamiert.
Die Majorität der Konferenz sind O’C[onnor], Leach, MacGrath,
Clark und ein gewisser Hurst. Herr Thomas Clark brachte bei
i) L. A. Hine
Z. 23-26.
136
(58) 1851 Jan. 29
einem für O’Cfonnor] am Montag gegebnen Dinner folgenden
Toast aus: The queen: her rights and no more; the people: their
rights and no less. Mantle, ein petillanter, undiplomatischer Hitz¬
kopf, verhinderte auch hier O’C[onnor], für den Toast aufzustehn
und ihn zu trinken. 5
Der Brief an Weerth ist fort und wird in ein paar Tagen in
seinen Händen sein müssen, wenn er nicht gar zu tief in Marokko
sitzt.
„Ohne Mehreres für heute.“
Dein F. E. w
Mittwoch abend, 29. Januar.
59. Marx an Engels; 1851 Februar 3.
3. Februar 1851.
Lieber Engels,
Studierst Du Physiologie an der Mary oder anderswo? Im 13
ersten Fall begreife ich, daß dies n’est pas de l’hébreux, so¬
gar nicht einmal russisch.
Einstweilen hat mir meine neue Renttheorie nur das brave
Bewußtsein eingebracht, wonach jeder Biedermann notwendig
strebt. Indes bin ich jedenfalls zufrieden, daß Du damit zufrieden 20
bist. Das umgekehrte Verhältnis der Fruchtbarkeit der Erde zu
der menschlichen Fruchtbarkeit mußte einen lendenstarken Fami¬
lienvater wie mich tief affizieren, um so mehr, da mon mariage
est plus productif que mon industrie.
Jetzt lege ich Dir nur eine Illustration zur Currencytheorie vor, 25
deren Studium bei mir von Hegelianern als Studium des „Anders¬
seins“, des „Fremden“, kurz des „Heiligen“ charakterisiert wer¬
den dürfte.
Die Theorie des Herrn Loyd und tutti frutti von Ricardo an
besteht in folgendem: 30
Gesetzt, wir hätten eine rein metallische currency. Wäre sie
zu voll hier, so würden die Preise steigen, also der Export von
Waren abnehmen. Ihr Import vom Ausland hierhin würde zu¬
nehmen. Die imports über die exports würden so steigen. Also
ungünstige Handelsbilanz. Ungünstiger Wechselkurs. Klingende 35
Münze würde ausgeführt werden, die currency würde sich zu-
sammenziehn, die Preise der Waren würden fallen, die imports
abnehmen, die exports zunehmen, Geld wieder herfließen, kurz,
die situation in das alte Gleichgewicht kommen.
Beim umgekehrten Fall ebenso, mutatis mutandis. 40
Moral davon: Da das Papiergeld die Bewegung der metallic
currency nachahmen muß, da hier eine künstliche Regulation an
Z. 15 Om)—17.
(59) 1851 Febr. 3
137
die Stelle dessen treten muß, was im andren Fall natürliches Ge¬
setz ist, muß die Bank of England ihre Papierausgaben ver¬
mehren, wenn das bullion einströmt (z. B. durch Ankauf von go-
vemment securities, Exchequer bills etc.), und vermindern, wenn
5 das bullion abnimmt, durch Vermindrung ihrer Diskontos oder
Verkauf von Regierungspapieren. Ich behaupte nun, daß die
Bank umgekehrt handeln muß, ihre Diskonts vermehren,
wenn das bullion abnimmt, und sie ihren gewöhnlichen Gang
gehn lassen, wenn es zunimmt. Unter Strafe, die Handelskrise, die
io im Anzug ist, unnötig zu intensieren. Indes darüber une autre fois.
Was ich hier auseinandersetzen will, geht auf die Elementar¬
grundlagen der Sache. Ich behaupte nämlich: Auch unter
einer rein metallischen currency hat das Quan¬
tum derselben, ihre Extension und Kontraktion
unichtszutunmit dem Aus -und Einfluß deredien
Metalle, mit der günstigen oder ungünstigen
Handelsbilanz, mit dem günstigen oder ungün¬
stigen Wechselkurs, außer in äußersten Fällen, die prak¬
tisch nie eintreten, aber theoretisch bestimmbar sind. Tooke stellt
2o dieselbe Behauptung auf; ich habe aber keinen Beweis gefunden
in seiner histoire of prices für 1843—1847.
Du siehst, die Sache ist wichtig. Erstens wird die ganze Zir¬
kulationstheorie in ihrer Grundlage geleugnet. Zweitens wird ge¬
zeigt, wie der Verlauf der Krisen, so sehr das Kreditsystem
25 eine Bedingung derselben ist, mit der currency nur insofern
zu schaffen hat, als verrückte Einmischungen der Staatsgewalt in
ihre Reglung die vorhandne Krise erschweren können wie 1847.
Bei der folgenden Illustration zu bemerken, daß hier angenom¬
men: Der Einfluß von bullion hängt zusammen mit flottem
3o Geschäft, noch nicht hohen, sondern steigenden Preisen, Überfluß
von Kapital, Überschuß der exports über die imports. Der Aus¬
fluß von Gold vice versa, mutatis mutandis. Nun, diese Voraus¬
setzung haben die Leute, gegen die die Polemik gerichtet ist.
Sie können nichts dagegen sagen. In der Wirklichkeit können
35 1001 Fälle eintreten, wo Gold ausfließt, obgleich in dem Land,
das es ausführt, die Preise der übrigen Waren weit niedriger
stehn als in denen, wohin es Gold führt. Z. B. dies der Fall für
England 1809 bis 1811 und 1812 etc. etc. Indes die allge¬
meine Voraussetzung erstens in abstracto richtig, zwei-
40 tens von den currency-Kerls angenommen. Also hier einstweilen
nicht zu debattieren.
Vorausgesetzt also, es herrsche rein metallische cur¬
rency in England. Damit aber nicht vorausgesetzt, daß das
Kreditsystem aufgehört hat. Die Bank of England würde
46 sich vielmehr in eine Deposit- und Leihbank zugleich ver¬
138
(59) 1851 Febr. 3
wandeln. Nur würden ihre Ausleihen bloß in barem Geld bestehn.
Wollte man diese Voraussetzung nicht, so würde, was hier als
deposit der Bank of England erscheint, als h o a r d s
der Privaten erscheinen, und was als Ausleihe derselben, als
Ausleihe der Privaten. Was hier also von den deposits 5
der Bank of England gesagt wird, nur Eine Abkür¬
zung, um den Prozeß nicht zersplittert, sondern
auf Einen focus zusammengefaßt darzustellen.
Fall I. Influxvonbullion. Hier die Sache sehr einfach.
Viel unbeschäftigtes Kapital, also Zunehmen der Deposita. Um io
sie zu verwenden, würde die Bank ihren Zinsfuß herabsetzen.
Also Ausdehnung des Geschäfts im Lande. Die Zirkulation
würde nur steigen, wenn das Geschäft so stiege, um vermehrte
currency zu seiner Führung nötig zu machen. Sonst würde die
überflüssig ausgegebne currency wieder in die Bank zurück- u
strömen durch den Verfall der Wechsel usw. als deposit etc. Die
currency wirkt hier also nicht als Ursache. Ihre Vermeh¬
rung schließlich Folge des größeren in Aktion gesetzten Kapi¬
tals, nicht umgekehrt. (In dem angegebnen Fall würde also die
nächste Folge Wachsen der deposits, d. h. des unbe- 20
schäftigten Kapitals sein, nicht der Zirkulation.)
Fall II. Hier fängt eigentlich die Sache an. Export von
b u 11 i o n wird vorausgesetzt. Anfang einer Periode der pressure.
Wechselkurs ungünstig. Dabei mache schlechte Ernte etc. (oder0
auch Verteurung der Rohmaterialien der Industrie) beständig 25
größere Wareneinfuhr nötig. Gesetzt, die Rechnung der Bank of
England stehe beim Beginn einer solchen Periode wie folgt:
a) Capital
Rest . .
Deposits .
14 500 000 £
3500 000 £
12 000 000 £
30 000 000 £
Government securities 10 000 000 £
Bills of Exchange . . 12 000 000 £
Bullion or coin. . . 8 000 000 £ 30
30 000 000 £
Die Bank schuldet, da unter der Voraussetzung keine
Noten existieren, nur 12 Millionen deposits. Nach ihrem
Prinzip (das deposits- und Zirkulationsbanken gemein, nur den
dritten Teil ihrer liabilities in cash haben zu müssen) ist ihr 35
bullion von 8 Millionen um die Hälfte zu groß. Um mehr Gewinn
zu machen, setzt sie den Zinsfuß herab und steigert ihre
discounts z. B. um 4 Millionen, die für Korn etc. ausgeführt wer¬
den. Die Rechnung der Bank steht dann so:
b) Capital
Rest . . .
Deposits .
14 500 000 £
3 500 000 £
12 000 000 £
30 000 000 £
Government securities 10 000 000 £ 40
Bills of Exchange . . 16 000 000 £
Bullion or coin. . . 4 000 000 £
30 000 000 £
x) Gestrichen beständig große Einfuhr
(59) 1851 Febr. 3
139
Aus dieser figure folgt:
Die Kaufleute agieren zuerst auf die bullion reserve
der Bank, sobald sie Gold ausführen müssen. Dies expor¬
tierte Gold vermindert ihre reserve (die der Bank), ohne
5 im mindesten auf die currency zu wirken. Ob die 4 Millionen
in ihren Kellern oder in einem Schiff nach Hamburg liegen, ist
dasselbe für die currency. Es zeigt sich endlich, daß ein be¬
deutender drain von bullion, hier von 4 Millionen £ Ster¬
ling, stattfinden kann, der nicht im geringsten weder die currency
io noch das Geschäft des Landes im allgemeinen affiziert. Nämlich
während der ganzen Periode, wo die bullion reserve, die
zu groß gegen die liabilities war, nur auf ihre due pro¬
portion zu denselben reduziert wird.
c. Nehmen wir aber an, daß die Umstände, die den drain der
15 4 Millionen nötig gemacht, fortdauem, Kommangel, Steigen des
Preises der Rohbaumwolle etc. Die Bank wird besorgt für ihre
Sicherheit. Sie erhöht den Zinsfuß und limitiert ihre
discounts. Daher pressure in der Handelswelt. Wie wirkt diese
pressure? Es wird auf die deposits der Bank gezogen, ihr
2o bullion sinkt verhältnismäßig. Sinken die deposits auf 9 Mil¬
lionen, d. h. vermindern sie sich um 3 Millionen, so müßten dann
3 abgehn von der bullion reserve der Bank. Diese würden also
fallen (4 Millionen minus 3 Millionen) auf 1 Million gegen de¬
posits von 9 Millionen, Verhältnis, das gefährlich für die Bank
25 würde. Will sie also ihre bullion reserve auf dem dritten Teil der
deposits halten, so wird sie ihre discounts um 2 Millionen ver¬
ringern.
Die Rechnung wird dann so stehn :
Capital 14500 000 £
30 Rest 3 500 000 £
Deposits 9 000 000 £
27 000 000 £
Governmentsecurities 10 000 000 £
Bills under discount . 14 000 000 £
Bullion or coin . . 3 000 000 £
27 000 000 £
Folgt hieraus: Sobald der drain so groß wird, daß die bullion
reserve ihre due proportion gegen die deposits erreicht hat, er-
35 höht die Bank den Zinsfuß und vermindert den discount. Aber
dann beginnt die Wirkung auf die deposits, und in¬
folge ihrer Verminderung vermindert sich die reserve von bul¬
lion, aber in größerem Verhältnis der discount von bills. Die
currency wird nicht im geringsten affiziert. Ein Teil der ent-
i0 zogenen bullion und deposits füllt das Vakuum, das die Kon¬
traktion der Bankakkomodation in der inländischen Zirkulation
erzeugt, ein andrer wandert ins Ausland.
d. Gesetzt der Import von Korn etc. daure fort, die deposits
sänken auf 4 500000, so würde die Bank, um die nötige reserve
140
(59) 1851 Febr. 3
gegen ihre liabilities zu behalten, ihre discounts um 3 Millionen
noch reduzieren, und die Rechnung stünde wie folgt:
Capital 14 500 000 £
Rest 3 500 000 £
Deposits 4 500 000 £
22 500 000 £
Governmentsecurities 10 000 000 £
Bills under discount . 11000 000 £
Bullion or coin . . 1 500 000 £
22 500 000 £
Die Bank hätte unter dieser Voraussetzung ihre discounts von
16 auf 11 Millionen, also um 5 Millionen reduziert. Der nötige
Bedarf der Zirkulation ersetzt durch die weggenommenen depo-
sits. Aber gleichzeitig Mangel an Kapital, hoher Preis der Roh- 10
materialien, Abnahme der Nachfrage, also des Geschäfts, also
schließlich der Zirkulation, der nötigen currency. Der
überflüssige Teil derselben würde als bullion ins Ausland zur
Zahlung des Imports geschickt. Die currency wird zuletzt be¬
rührt, und sie würde erst über ihre notwendige Quantität hinaus is
vermindert, wenn die bullion reserve vermindert über das
notwendigste Verhältnis zu den deposits hinaus.
Zu dem obigen noch zu bemerken:
1. Statt ihre discounts zu vermindern, könnte die Bank ihre
public securities verklopfen, was unter der Voraussetzung un- 20
profitlich wäre. Indes Resultat dasselbe. Statt ihre eigne reserve
und discounts würde sie die von Privatpersonen, die ihr Geld in
die public securities stecken, vermindern.
2. Ich habe hier einen drain auf die Bank von 6500000
vorausgesetzt. 1839 fand einer von 9—10 Millionen statt. 25
3. Der vorausgesetzte Prozeß bei einer rein metallic currency
kann wie beim Papier zum Schließen der Kasse fortgehn, wie dies
zweimal im Hamburg im achtzehnten Jahrhundert geschehn.
Schreib bald.
Dein K. M.30
60. EngelsanMarx; 1851 F e b r u a r 5.
Lieber Marx,
Inliegend das Testierende £ 1 von dem Atlas, das ich Dir
leider nicht früher schicken konnte.
Sage Harney, wenn Du ihn siehst, daß er Ende dieser Woche &
von mir mindestens die erste Hälfte einer Reihe von Artikeln über
Continental Democracy bekommt — die Artikel so eingeteilt, daß
jeder einzelne nicht mehr als zwei bis zweieinhalb Kolumnen in
seinem F [rien] d of the People ausmacht. Ich werde unter dem
obigen Vorwand die gesamte offizielle Demokratie heruntermachen
und sie beim englischen Proletariat dadurch verdächtigen, daß ich
sie, incl. Mazzini, L[edru]-Rollin usw., mit den financial reformers
(60) 1851 Febr. 5
141
auf dieselbe Stufe stelle. Das Europäische Komitee will catch it
nicely. Die Herren werden einzeln durchgenommen werden. Maz-
z[inis] Schriften, L[edru] -Rollins famose Heldentaten vomFebruar
bis Juni 1848, Herm Ruge natürlich nicht zu vergessen. Den Ita-
5 lienem, Polen und Ungarn werde ich deutlich genug sagen, daß
sie in allen modernen Fragen das Maul zu halten haben. Das Ding
mit dem humbug, den H[amey] mit den Bettelbriefen des Maz-
[zini] & Co. treibt, wird zu arg, und da er sonst nicht zu bessern
ist, so wepde ich genötigt sein, die Albernheit und Gemeinheit
io dieser Kerls in seinem eignen Blatt aufzudecken und den eng¬
lischen Chartisten die Mysterien der kontinentalen Demokratie zu
enthüllen. Ein ausführlicher polemischer Artikel hilft bei H[ar-
ney] immer mehr als alles Debattieren. Leider hab’ ich hier ver¬
flucht wenig Material.
15 Ich hab jetzt hier Sarrans jeune, Lafayette et la révolution de
Juillet. Wüßte ich noch ein paar andre Quellen aufzutreiben, so
könnte ich für unsre Revue einen Artikel über die Julirevolution
nebst Fortspielung bis zur Februarrevolution machen und dabei
die histoire des dix ans einer freundschaftlichen Kritik unter-
20 werfen. Diese dix ans stehen noch immer von den Weitergehen¬
den unangegriffen da und bilden in Deutschland wie in Frank¬
reich ein sehr bedeutendes Bildungselement in der ganzen revolu¬
tionären Partei. Ich glaube, es könnte gar nicht schaden, den Ein¬
fluß dieses Buchs auf die gebührenden Grenzen zurückzuführen ;
25 bis jetzt ist es unattackierte Autorität.
Herr Russell, der feige Hund, hat sich wieder einmal glänzend
blamiert. Erst speit er Feuer und Flammen gegen die papal ag¬
gression, dann sieht er, daß die Manchester men sich absolut
nicht in die Schmiere mischen wollen und accouchiert nun mit
Jöseiner heroischen Maßregel, den katholischen Bischöfen das Tra¬
gen englischer Titel verbieten zu wollen. Und dann die schöne
Andeutung, die er durch Herrn Peto machen läßt, es sei zwar sehr
wünschenswert gewesen, in dieser Session schon das Stimmrecht
auszudehnen, aber da die law-reform diesmal vorkomme, so
35 müsse man das Stimmrecht bis nächstes Jahr verschieben. Echte
Whig-Musterlogik. Übrigens sind die members sehr krittlich und
unsicher, die Wahlen rücken heran, sie müssen liberale oder pro¬
tektionistische flourishes machen, und wenn die exhibition nicht
grade in die belebteste Zeit der sessionalen grande politique fiele,
40 so könnte es dem kleinen Männchen schlecht gehn. Und auch so
— qui sait!
Das tägliche politische Brot wird überhaupt immer trockner.
Die schöne Position, in der sich la belle France jetzt wohlgefällt,
ist auch erbaulich. Es läßt sich übrigens nicht leugnen, daß die
45 Herren Burggrafen mehr und mehr aufhören, die Repräsentanten
142
(60) 1851 Febr. 5
der Bourgeoisfraktionen zu sein, oder besser, daß die Bourgeois
sich von ihren alten legitimistischen und orleanistischen Chefs
mehr und mehr trennen. Erstens die bedeutende Minorität für
Baroche in der Sitzung, wo die Koalition ihn stürzte, und die auch
aus sehr vielen Nichtbonapartisten, ehemaligen Orleanisten usw. 5
bestand; dann die offenbare Stimmung der konservativen Bour¬
geoisie en masse, die weit günstiger für den Napoleon ist wie
früher. Die Masse dieser Kerls will jetzt unbedingt weder orlea-
nistische noch legitimistische Restaurationsintrigen; les solutions
les embêtent, und was sie wollen, ist der Schlendrian der präsi- io
dentiellen Gegenwart. Die Kerls sind weder royalistisch, noch re¬
publikanisch, noch imperialistisch, sondern präsidentiell ; das
schönste aber dabei ist, daß diese süße Unbestimmtheit nur mög¬
lich ist bei der Masse selbst und daß jeder, der sich als offizieller
Repräsentant dieser Richtung geltend machen wollte, doch binnen is
sechs Monaten wieder aus der Neutralität und in eine bestimmte
royalistische oder imperialistische Fraktion getrieben würde.
Übrigens hab ich hier von französischen Blättern nur die Débats
und den Charivari, der einem indes hier leider Gottes wieder
witzig vorzukommen anfängt, grâce à l’esprit exquis du peuple 20
dans ces parages.
Von einem stupiden ungarischen Flüchtling, der mir hier die¬
ser Tage zwischen die Beine lief, hörte ich, daß diese edle Sorte
wieder von Mordkonspirationen und Erneuten bei Gelegenheit der
great Exhibition faselt. Mir schien es fast, als vernähme ich aus 25
diesem Gepolter die heroische Stimme der Stürmer von London,
Willich und Barthélemy. Man entrinnt übrigens dem Gesindel
nicht: neulich redet mich ein Kerl auf der Straße an, und siehe, es
war ein Greatwindmillstreet-Flüchtling, der in Liverpool eine
Stelle hat. „Und nähme ich Flügel der Morgenröte und flöge ans 30
äußerste Meer“, so würde ich der Bande nicht entrinnen.
Die hiesigen freetrader benutzen die Prosperität oder Halb¬
prosperität, um das Proletariat zu kaufen, und John Watts ist der
Makler dabei. Du kennst den neuen Cobdenschen Plan: eine Na¬
tional Free School Association, um eine bill durchzusetzen, wo- 35
durch die townships bevollmächtigt werden sollen, sich Lokal-
steuem aufzulegen zur Errichtung von Schulen. Das Ding wird
famos poussiert. In Salford ist außerdem schon eine Free Library
und Museum eingerichtet — Leihbibliothek und Lesezimmer gra¬
tis. In Manchester ist die Hall of Science — und hier war Watts, 40
wie der Herr Mayor von Manchester gnädigst anerkannte, wirk¬
lich der Makler — von einem Komitee aus dem Ertrage öffent¬
licher Sammlungen (ca. 7000 ^ sind zusammen) aufgekauft und
wird ebenfalls in Free Library verwandelt. Ende Juli soll die
Geschichte — mit 14 000 Bänden to begin with — eröffnet wer- 45
(60) 1851 Febr. 5
143
den. Alle Meetings und Versammlungen zu diesen Zwecken er¬
schallen vom Lobe der Arbeiter, und speziell von dem des braven,
bescheidnen, nützlichen Watts, der mit dem Bischof von Man¬
chester jetzt auf dem besten Fuß steht. Ich freue mich schon auf
5 den Ausbruch der Entrüstung über den Undank der Arbeiter, der
beim ersten shock von allen Seiten losplatzen wird.
Mein Herr Alter hat mir dieser Tage einen angenehmen Brief
geschrieben, worin er den Wunsch ausspricht, daß ich auf unbe¬
stimmte Zeit, d. h. solange der Tuck mit den Ermens dauert (und
io das kann bis 1854 sein), hier bleibe. Mir natürlich sehr ange¬
nehm, s’il me paie bien mon ennui. Ich laß mir das natürlich
nicht merken, bringe dem „Geschäft66 dies „Opfer66 und erkläre
mich bereit, „die Entwicklung der Verhältnisse hier vorderhand
abzuwarten*6. Nächsten Sommer kommt er her, und ich werde ihm
x dann mich so unentbehrlich zu machen suchen, daß er auf alles
eingehen muß.
Grüß Deine Frau und Kinder herzlich.
Manchester, 5. Februar 1851. Dein F. E.
Particulars bei der Post Office Ordre wie früher.
61. Marxan Engels; 1851 Februar 10.
10. Februar 1851.
28, Deanstreet, Soho.
Lieber Engels,
Als Du schriebst, es sei bald Zeit, den Louis Blanc anzugreifen,
25 warst Du mindestens ein clairvoyant.
Nun horche auf folgende Geschichtserzählung:
Vor einigen Tagen, ungefähr einer Woche, begegnet mir Lan-
dolphe, und ich merkte an der verlegnen Art, worin er mich und
meine Frau grüßte, daß etwas „faul66 war im Zustande unseres
30 ami chevaleresque, unsres Bayard von der Montagne. Eh bien!
Landolphe und Louis Blanc haben sich mit dem Ko¬
mitee Willich-Schapper vereint, aus dem Herr Adam aus¬
getreten ist! Und vierzehn Tage vorher schimpfte Landolphe noch
weidlich über Barthélemy und erzählte ich ihm die Affäre der
35 Herm W[illich] und S[chapper]. Qu’en dis-tu? Mit keinem Wort
haben die Biedermänner mich präveniert.
Die Sache hängt so zusammen.
Die Churchstreet gibt ein Bankett am 24. Februar, wozu sie
Blanc und Ledru-Rollin und unter anderm auch Landolphe ein-
40 geladen hat. Louis Blanc, um dem L[edru] - R[ollin] zu zeigen,
daß er auch ein kosmopolitisches Komitee hinter sich hat und um
die Churchstreet zu bestrafen, daß sie ihn und Ledru als „gleich¬
Z. 37-42 -
144
(61) 1851 Febr. Il
wichtig“ behandelt, ralliiert seine Armeen aus der Great Wind
millstreet und aus der Kneipe der heruntergebummelten Polen.
Encore un coup! Qu’en dis tu?
Vor einigen Tagen erhielt die Churchstreet ein gedrucktes Ein
ladungszirkular (zugleich Manifest) für ein Monstrebanket -5
zum 24. Februar, unterzeichnet primo Landolphe und dicht hinte'
Schapper: L. Blanc. Große Entrüstung in der Churchstreet! Gro
ßes Entzücken in der Great Windmillstreet!
Louis Blanc in dem Zirkularmanifest spricht nicht im Namei
einer Nation, sondern im Namen und Auftrag der ewigen Formel io
Liberté, égalité, fraternité! Das einzig Unangenehme ist mir, dal
ich dem Landolphe noch 1% St. schulde, die man ihm docl
jetzt umgehend durch Wolff zuschicken müßte.
Du stellst Dir leicht vor, wie Willich und Schapper in ihre'
Vorstellung gewachsen sind und wie sie uns geschlagen wähnen! is
Aber wir werden sie anders schlagen. Wir sind auf dem kür¬
zesten Weg, den Unteroffizier und Zimmermann Willich ver
rückt, literaliter verrückt zu machen.
Du erinnerst Dich des Briefs, den Schramm im Namen voi
Becker an Willich schrieb, worin er ihm die Militärdiktatur anbot, 20
die Presse abschaffte und leichte Schlagschatten auf Schappen
Moralität warf.
Eh bien! Willich, der ungebildete, der viermal gehörnte Esel
ist in die Falle gegangen. Er hat Becker bombardiert mit Briefen
er hat auch schon einen Emissär zur Absendung bereit, er be 25
handelt den Schapper de haut en bas, intrigiert, ignoriert, inju
riert auf jede Weise den Biedermann, hat sich ganz schon da>
herrische Wesen eines Cromwell II angeeignet, ist auffahrend ge¬
worden, duldet keinen Widerspruch mehr und hat dem Becke'
den Auftrag gegeben, eine Revolution in Köln zu machen, wonacl 30
er sich bereit erklärt, die oberste Leitung zu übernehmen.
Vor einiger Zeit sprang er mitten in der Gesellschaft auf, schrie
daß seine Briefe aus Paris und Köln noch nicht eingetroffen, — e;
war bei Gelegenheit der letzten französischen Ministerkrise —,
klagte, daß sein (Ochsen)köpf wirr, wirr, wirr sei, stürzte nacl 35
Bondstreet und ließ sich einen Eimer Wasser über den Kop
gießen. Ich habe jetzt ein Tuschbad für ihn bereit, das in ent
gegengesetzter Weise wirken möchte. Ich werde von Becker ii
einigen Tagen die Briefe von Willich erhalten und dann die
Minen springen lassen. — Hier ganzer Schwarm von neuem demo 40
kratischen Gesindel, aus Brüssel vertriebne Franzosen, Heise au>
Kassel, Oppenheim aus Brüssel, Günther aus Frankfurt etc. Voi
letztren jedoch hab ich glücklicherweise keinen gesehn.
Du hast doch meinen letzten Brief erhalten?
Dein K. M 43
Z. -1-13. 25(er)—27, 32-38.
(62) 1851 Febr. 11
145
62. Marx an Engels; 1851 Februar 11.
11. Februar 1851.
Lieber Engels,
Iterum Crispinus!
5 Soeben erfahre ich, daß heute abend ein Meeting stattfand in
Tottenham Court Road für den Tod Bems. Auf der Tribüne
saßen Präsident : Schapper usw., Louis Blanc und die übrigen
Mitglieder des neuen Völkerbundkomitees. Unter den vordersten
Reihen des Auditoriums saß Harney mit Frau. Das Hauptgros
10 desselben bildete die Great Windmillstreet. Schapper hielt mit
Beifall, in englischer Sprache, seine unvermeidliche Rede: war
to the knife! Louis Blanc sprach nicht besser. Vive la guerre!
Tausenau auch zugegen, sprach über Bem. Harney hielt
eine lange und, wie man sagt, gute Pauke, worin er schließlich
15 Blanqui, Barbés und zu guter Letzt Louis Blanc als den sozialisti¬
schen1 ) Messias leben ließ.
Qu’en dis-tu?
Wenn Du in einem Meeting, präsidiert von Th. C1 a r k2) Esq.,
aufträtest und durch Deine Gegenwart und Deine Reden das Ge-
wicht des Meetings eigentlich erst machtest, würde Freund
Harney das für loyal halten?
Es genügt also nicht, daß er in seinem Friend of the People
den Ruge poussiert, er muß indirekt auch noch die Schapper-
Willich poussieren.
25 Er hatte mich vorigen Sonntag rufen lassen. Der Zweck war,
Jones zur Annahme des Titels „Friend of the People46 zu bewegen.
Ich bin nicht gegangen. Er mag sich zu diesem Zweck an L. Blanc,
Landolphe, Schapper oder Willich wenden. Ich bin fatigué von
diesem öffentlichen Weihrauch, womit Harney nicht müde wird
3o les petits grands hommes einzuräuchem.
Äbgesehn von diesem Incidenz, daß auch tu Brute (Harney),
wenn nicht Partei gegen uns nimmst, wenigstens den Unpartei¬
ischen spielst, während Engels für Dich in Manchester wirkt,
Eccarius an Deinem Blatt schreibt und ich gelegentlich den Jones
35 für Dich bearbeite — äbgesehn davon, gefällt mir sehr die öffent¬
liche, authentische Isolation, worin wir zwei, Du und ich, uns jetzt
befinden. Sie entspricht ganz unsrer Stellung und unsern Prin¬
zipien. Das System wechselseitiger Konzessionen, aus Anstand
geduldeter Halbheiten, und die Pflicht, vor dem Publikum seinen
io Teil Lächerlichkeit in der Partei mit all diesen Eseln zu nehmen,
das hat jetzt auf gehört.
1 ) Korr, aus christlichen
Im Orig. Clarke
10
146
(62) 1851 Febr. 11
Nun, auch auf diese Zeilen bitte ich Dich, bald zu antworten.
Ich komme hier fast nur mit Pieper zusammen und lebe ganz
zurückgezogen. Du begreifst also, wie ich Dich um so mehr hier
vermisse und das Bedürfnis habe, mich mit Dir auszusprechen.
Du wirst morgen aus den Zeitungen ersehn, daß die Dotation *
mit 104 Stimmen Majorität verworfen worden ist.
Dein K. M.
63. Engels an Marx; [1851 Februar 12].
Lieber Marx,
Ich finde eben Deinen Brief zu Hause und benutze gleich die io
heutige Post, Dir anzuzeigen, daß ich es Ende dieser oder spä¬
testens Anfang nächster Woche möglich machen werde, Dir die
^1.10 für Landolphe zu schicken, damit diese jetzt nicht länger
fortzuziehende Geschichte aus der Welt kommt. Notre ami Lan¬
dolphe hat sich abermals als ein altes Weib bewiesen, und die 75
alberne Zwergseitelkeit des superklugen L. Blfanc] entwickelt sich
in einer Weise, die den erhabenen Knirps wirklich zum reinen
Narren stempelt. C’est bien. Man sieht mehr und mehr ein, daß
die Emigration ein Institut ist, worin jeder notwendig ein Narr,
ein Esel und ein gemeiner Schurke wird, der sich nicht ganz von 20
ihr zurückzieht und dem die Stellung des unabhängigen Schrift¬
stellers, der auch nach der sogenannten revolutionären Partei den
Teufel fragt, nicht genügt. Es ist eine reine school of scandai and
of meanness, worin der letzte Esel zum ersten Vaterlandsretter
wird. Jedenfalls soll der kleine Popularitätsjäger dafür büßen, 25
sowie wir wieder ein Organ haben. Du weißt, daß ich hier ohne
alle meine Papiere bin, gib mir also noch ein paar Quellen über
die französische Geschichte von 1830 bis 1848 an, die Du grade
kennst, und ich werde dem Herm Prätendenten wenigstens litera¬
risch einige brennende Kohlen unter den Hintern zu bringen s(
suchen. In meinen Artikeln im F [rien] d of the People werde ich ihn
ohnehin — wenn Du nichts dagegen hast, da er Dir die Geschichte
erzählte — auf fordern, die Mitteilungen zu veröffentlichen, die
Herr Mazzini ihm über den Charakter des Europäischen Zentral¬
komitees und seine Stellung gegenüber den Sozialisten und Kom- 31
munisten machte und die nötige Anspielung machen, damit das
verstanden wird. Pourquoi nous gênerions-nous?
Harney kriegt heute drei Artikel, einleitungsweise, etwas weit¬
läufig, hie und da mit einer gelinden Andeutung besäet. Was bei
der Sache fatal ist, ist dies, daß man für die englischen Proletarier 40
und das Publikum Harneys schwerlich den Ledru- [Rollin] und
Co. angreifen kann, ohne sich mit der Clique Willich-Barth [élemy]
Z. 5-6. 25-37 ?
(63) 1851 Febr. 12
147
wenigstens zum Teil zu identifizieren. Es wird nichts übrigbleiben,
als dieser Clique schließlich einige besondre Artikel zu widmen.
Diese ersten drei Artikel enthalten noch nichts, sie sind mehr
geschrieben um Harneys willen, to put him in the right track, als
-5 zu irgend einem andern Zweck. Von Nr. 4 bis 9 kommt aber Schlag
auf Schlag die Attacke auf Ledru, Maz[zini], Ruge usw., und so
direkt und persönlich wie möglich.
Die Geschichte mit Willich ist impayable. Sorg nur, daß
Du die Briefe erhältst. Ich möchte die sittliche Ent-
io rüstung sehn, wenn die Bombe platzt. Ihr scheint seit einiger
Zeit wieder gute Spione in der Gr[eat] W[indmill] Street zu
haben, cela ne fait pas de mal und verschafft wenigstens Erheite¬
rung. Ich gestehe, ich hätte den Kerl kaum für so dumm gehalten.
Er wird übrigens jetzt erst rechtin hellen Flammen sein, seit die
15 preußischen Ministerialblätter den Krieg gegen die Schweiz in
Aussicht stellen und die Gardereserven, wie ihnen auf der Parade
mitgeteilt, grade deswegen unter den Waffen erhalten werden. Die
Regierungen der heiligen Allianz arbeiten wirklich diesen phan¬
tastischen Eseln in unverantwortlicher Weise in die Hände, und
2o wenn Palmerston nicht wäre, so könnte die nächste „Emanzipation
der allgemeinen Dummheit66 wirklich sechs Monate2) zu früh zur
Welt kommen.
Deine neueste ökonomische Entdeckung unterliegt gegenwärtig
meiner emstlichsten Eiwägung. Ich habe heut keine Zeit, mich
25 weiter darauf einzulassen, die Sache scheint mir aber ganz richtig
zu sein. Aber mit Zahlen ist nicht zu spaßen und deshalb über¬
leg ich das Ding genau.
Quelle bête que ce Louis Napoléon! Verkauft seine Wahl¬
gesetzzweifel an dieVersammlung und sich selbst anMontalembert
so für 1800 000 Fr., die er schließlich doch nicht kriegt. Mit so
einem Abenteurer ist doch gar nichts anzufangen. Läßt er sich
vier Wochen von gescheiten Intriganten dirigieren, so muß er
ganz gewiß in der fünften Woche alles Durchgesetzte auf die
albernste Weise wieder zuschanden machen. Aut Caesar aut
35 Clichy!
Neulich stifteten wir hier eine neue Chartist Locality. Diese
Engländer sind innerhalb der demokratischen Formen viel ge¬
wissenloser als wir redlichen timiden Deutschen. Unser waren
dreizehn, und es wurde sogleich beschlossen, einen council zu
to wählen aus dreizehn Mitgliedern, nämlich den Anwesenden.
Darauf schlug jeder einen der Anwesenden vor, und da ich natür¬
lich dankte, jemand an meiner Stelle einen Abwesenden, und in
weniger als fünf Minuten hatten sich die private gentlemen in
’) erst recht korr. aus wieder
2) Korr, aus Wochen
10*
Z. 5-7
148 (63) 1851 Febr. 12
einen council verwandelt, und doch war jeder gewählt, und dies
ergötzliche proceeding passed off very seriously and as a matter
of course. Was aus der Geschichte wird, werd ich nächstens sehn.
Für heute prosit
Dein F. E. 5
Mittwoch.
64. EngelsanMarx; 1851 Februar 13.
Lieber Marx,
Ich erwartete diese Geschichte wegen Harney ziemlich sicher.
Ich fand die Anzeige des Bem-Meetings im F [rien] d of the People, 10
worin eshieß,daß sich die Deutschen, Franzosen, Polen undUngarn,
sowie die Frat[emal] Dem[ocrats] dabei beteiligen würden, und
daß dies die Wfindmill] Street & Co. sein mußte, war klar. Ich
vergaß, Dich früher auf diese Annonce aufmerksam zu machen.
Es ist mir heute nicht möglich, etwas Weiteres in der Sache zu 15
tun. Morgen aber schreib ich einen Brief an Harney, der ihm
anzeigt, daß er das Manuskript, das ich ihm geschickt habe,
nicht drucken soll, da ich es nicht fortsetzen werde, und worin
ich ihm zu gleicher Zeit die ganze Geschichte ausführlich aus¬
einandersetze. Wenn dieser Brief nicht hilft, so muß man die 2t
ganze Sauce fallen lassen, bis Herr Harney von selbst wieder¬
kommt, was sehr bald geschehen wird. Ich vermute sehr stark, daß
er in kurzem herkommen wird, wo ich ihn gehörig zwischen
nehmen werde. Er soll endlich merken, daß man auch mit ihm
Emst macht. Jedenfalls, um Zeit und doppeltes Schreiben zu er- 2:
sparen, werde ich Dir den Brief schicken, und wenn Du ihn gelesen
hast, laß ihn ihm so rasch wie möglich zukommen.
Persönlich ärgert mich diese Albernheit und Taktlosigkeit
von Harney mehr als irgend etwas andres. Au fond kommt auch
darauf nichts an. 3t
Wir haben jetzt endlich wieder einmal — seit langer Zeit zum
erstenmal — Gelegenheit, zu zeigen, daß wir keine Popularität,
keinen support von irgend einer Partei irgend welches Landes
brauchen und daß unsre Position von dergleichen Lumpereien
total unabhängig ist. Wir sind von jetzt an nur noch für uns 3.
selbst verantwortlich, und wenn der Moment kommt, wo die
Herren uns nötig haben, sind wir in der Lage, unsre eignen Be¬
dingungen diktieren zu können. Bis dahin haben wir wenigstens
Ruhe. Freilich auch eine gewisse Einsamkeit — mon Dieu, die
hab ich hier in Manchester seit drei Monaten bereits genossen und 4
mich dran gewöhnt, und dazu als reiner bachelor, was jedenfalls
hier sehr langweilig ist. Wir können uns übrigens im Grund nicht
(64) 1851 Febr. 13
149
einmal sehr beklagen, daß die petits grands hommes uns scheuen;
haben wir nicht seit soundsoviel Jahren getan, als wären Krethi
Plethi unsre Partei, wo wir gar keine Partei hatten und wo die
Leute, die wir als zu unsrer Partei gehörig rechneten, wenig-
5 stens offiziell, sous réserve de les appeler des bêtes incorrigibles
entre nous, auch nicht die Anfangsgründe unsrer Sachen verstan-,
den? Wie passen Leute wie wir, die offizielle Stellungen fliehen wie
die Pest, in eine „Partei“? Was soll uns, die wir auf die Popula¬
rität spucken, die wir an uns selbst irre werden, wenn wir populär
io zu werden anfangen, eine „Partei“, d. h. eine Bande von Eseln,
die auf uns schwört, weil sie uns für ihresgleichen hält? Wahr¬
haftig, es ist kein Verlust, wenn wir nicht mehr für den „richtigen
und adäquaten Ausdruck“ der bornierten Hunde gelten, mit denen
uns die letzten Jahre zusammengeworfen hatten.
n Eine Revolution ist ein reines Naturphänomen, das mehr nach
physikalischen Gesetzen geleitet wird, als nach den Regeln, die in
ordinären Zeiten die Entwicklung der Gesellschaft bestimmen.
Oder vielmehr, diese Regeln nehmen in der Revolution einen viel
physikalischeren Charakter an, die materielle Gewalt der Notwen-
20 digkeit tritt heftiger hervor. Und sowie man als der Repräsentant
einer Partei auftritt, wird man in diesen Strudel der unaufhalt¬
samen Naturnotwendigkeit hereingerissen. Bloß dadurch, daß man
sich independent hält, indem man der Sache nach revolutionärer
ist als die andern, kann man wenigstens eine Zeitlang seine Selb-
25 ständigkeit gegenüber diesem Strudel behalten, schließlich wird
man freilich auch hineingerissen.
Diese Stellung können und müssen wir bei der nächsten Ge¬
schichte einnehmen. Nicht nur keine offizielle Staatsstellung,
auch solange wie möglich keine offizielle P a r t e i Stellung, kein
so Sitz in Komitees usw., keine Verantwortlichkeit für Esel, unbarm¬
herzige Kritik für alle, und dazu jene Heiterkeit, die sämtliche
Konspirationen von Schafsköpfen uns doch nicht nehmen werden.
Und das können wir. Wir können der Sache nach immer revolu¬
tionärer sein als die Phrasenmacher, weil wir etwas gelernt haben,
35 und sie nicht, weil wir wissen, was wir wollen, und sie nicht, und
because, after what we hâve seen for the last three years, we shall
take it a great deal more coolly than any one who has an interest
in the business.
Die Hauptsache für den Moment ist: die Möglichkeit, unsre
40 Sachen zum Druck zu bringen; entweder in einer Vierteljahrs¬
schrift, wo wir direkt attackieren und uns den Personen gegen¬
über unsre Position sichern; oder in dicken Büchern, wo wir das¬
selbe tun, ohne nötig zu haben, irgend eine dieser Spinnen auch nur
zu erwähnen. Mir ist beides recht; auf die Dauer und bei der zu-
4i nehmenden Reaktion scheint mir die Möglichkeit für ersteres ab¬
Z. 5 (soub)— 6, 10 (d. h.)-ll ?
150
(64) 1851 Febr. 13
zunehmen und letzteres mehr und mehr unsre Ressource zu wer¬
den, worauf wir uns werfen müssen. Was wird aus allem Klatsch
und Tratsch, den der gesamte Emigrationspöbel auf Deine Rech¬
nung machen kann, wenn Du mit der Ökonomie darauf antwortest?
Morgen den Brief für Harney. En attendant salut.
Dein F. E.
13. Februar 1851. (Donnerstag.)
65. Marx an Engels; 1851 Februar 23.
London, 23. Februar 1851.
Lieber Engels, 10
Du hast seit einer Woche keine Nachricht von mir erhalten, ein¬
mal, weil ich die Dokumente von Köln erwartete und sie Dir mit¬
teilen wollte, dann weil ich nähere Details über unsern ,,exf riend“
abwarten mußte. Die erstem sind noch nicht gekommen. Über
letztem bin ich jetzt näher instruiert. 73
Harney hat Deinen Brief richtig erhalten.
Wie mir Tessier de Mothe, der jetzt hier ist, erzählt, hängt die
Geschichte mit Louis Blanc ursprünglich zusammen wie folgt:
Die Gesellschaft in der Churchstreet gab sich aus für eine
philanthropische Gesellschaft zur Unterstützung der französi- so
sehen politischen Réfugiés. Ledru-Rollin, L. Blanc, Adam, kurz
alles nahm unter diesem Vorwand teil an derselben. Die Politik
war statutengemäß ausgeschlossen. Nun kam die Aussicht auf
den 24. Februar heran. Du weißt, daß eine solche Gelegenheit,
sich wichtig zu machen, von den Franzosen ebenso lange vorher 25
und ebenso feierlich behandelt wird wie die eventuelle Nieder¬
kunft von einer schwangren Frau. Wenn die Gesellschaft auch
nur eine philanthropische sei, hieß es, so müßten doch die Mit¬
glieder derselben in ihrer Qualität als Franzosen den 24. Februar
feiern. Ein bestimmter Abend wurde für die Debatte dieser gro- 30
ßen Angelegenheit festgesetzt. Ledru [-Rollin] und Blanc waren
beide an diesem Abend gegenwärtig. Letztrer hielt eine lang vor¬
bereitete, künstlich gesetzte, jesuitische Rede, worin er nachzu¬
weisen suchte, ein politisches Bankett widerspreche den Statuten
der Gesellschaft, es werde Frankreich nur ihre Zerwürfnisse zeigen 33
usw. Und unter vielem Gestöhn über die fraternité machte der
korsische Alraun seinem Ärger, daß Ledru [-Rollin] und Mazzini
ihn nicht in die provisorische Regierung aufgenommen, Wind. Es
wurde ihm geantwortet. Es wurde trotz seiner Rede, die er selbst
am aufrichtigsten bewunderte, die Abhaltung des Banketts be- 40
schlossen.
Z. 17-41 -
(65) 1851 Febr. 23
151
Was tut nun la blanche Louise? Sie schreibt, die Gesellschaft
habe sich durch diesen Beschluß aufgelöst, jedem seine individuelle
Freiheit wiedergegeben und er werde Gebrauch von dieser Re¬
stitution seines „freien Willens“ machen und ein Bankett organi-
5 sieren, ohne Fraktionsgeist, reine fraternité und andre schöne
Sächelchen.
Er warf sein Auge natürlich auf Barthélemy, da er wußte,
daß Deutsche, Polen usw. mit diesem zusammen eine kompakte
Masse bildeten. Andrerseits wurde Landolphe, le bel homme, be-
io auftragt, des Dear Harney sich zu bemächtigen. L. Blanc war so¬
gar so gnädig, den Harney, um den er und Landolphe seit einem
halben Jahr sich den Teufel geschert hatten, zum Essen einzu¬
laden. Welche Großmut!
Andrerseits entwarf L. Blanc ein Manifest, das, wie unser
15 Dear sagen würde, out and out ist. Du wirst es im Friend of the
People gelesen haben. Es verwirft sogar die „Aristokratie
des Geistes“, womit einerseits seine Herablassung zu den dii
minorum gentium motiviert werden soll, anderseits den Schapper
et Co. die heitre Aussicht auf eine „Aristokratie der
2o Dummheit“ in nahe Aussicht gerückt wird. Dies Manifest —
alberne Phrasen natürlich — hielt L. B[lanc] aber für das „Aller¬
weiseste“, wozu die menschliche Natur unter den most happy
circumstances sich versteigen könne. Es sollte nicht nur ganz
Europa in Erstaunen setzen, sondern ganz speziell auch dem
25 Ledru-Rollin ins Gesicht schlagen und bei den Blanquisten in
Frankreich den Schein hervorrufen, daß der incorruptible little
man aus reinem Prinzipientodesmut sich getrennt von der Church¬
street.
So hat also der brave Harney sich zum Werkzeug einer ordi-
30 nären Intrige gemacht, und zwar einer Intrige gegen Ledru-Rollin,
zu dem er gleichzeitig läuft und dessen Bankett er ebenfalls mor¬
gen mit seiner Gegenwart beehren wird. Um diesem trotz seiner
qualités très aimables und respectables sehr impressionier-
lichen Plebejer, — impressionable namentlich gegen be-
35 kannte Namen, von deren Schatten er sich geehrt und gerührt
fühlt — noch mehr die moutarde au nez steigen zu machen und
gleichzeitig den Ledru-Mazzini zu zeigen, daß man nicht un¬
gestraft den Napoleon des Sozialismus kontrekarriert, läßt sich
der Kleine felizitieren von den Pariser Arbeitern. Diese „Pariser
40 Arbeiter“, deren Erscheinung in der Perspektive unsrem Dear
das Blut in den Kopf treiben mußte, sind natürlich niemand an¬
ders als die berüchtigten 25 délégués des Luxemburg, die nie von
irgend jemand delegiert worden und in ganz Paris teils dem Haß,
teils der risée der andren Arbeiter unterliegen, Kerls, die dieselbe
45 Wichtigkeit haben als die Mitglieder des Vorparlaments und der
Z - 1-45 -
152
(65) 1851 Febr. 23
Fünfzigerkommission in Deutschland. Sie haben das Bedürfnis
nach einem petit bon dieu quelconque, einem Fetisch, und der
Kleine hat etwas Monstruoses in seiner Erscheinung, was von je¬
her zum Gegenstand des Kultus sich eignete. Er seinerseits ver¬
sichert sie, daß sie die größten Männer und die wahrsten Sozia- ;
listen von der Welt sind. Und hatte er sie nicht schon zu Pairs
der künftigen Arbeiterrepublik konstituiert? So oft er also mit
dem Finger winkt, felizitieren sie, und so oft sie felizitieren,
spricht er ihnen öffentlich seinen gerührten Dank aus. Und dies¬
mal hat er gewinkt mit dem Finger. Harney sieht natürlich in io
diesen Gratulanten von Fach Paris, ganz Paris.
Ehe ich mich von dem Alraun trenne, noch zwei Notizen, die
ich von Tessier erfahren und die beide sehr charakteristisch für
diese fausse pleureuse sind.
Louise spricht nie aus Improvisation. Er schreibt seine Reden 13
Wort für Wort nieder und lernt sie auswendig vor dem Spie¬
gel. Ledru[-Rollin] seinerseits improvisiert stets und macht sich
bei wichtigen Fällen nur einige matter of fact Notizen. Ganz ab-
gesehn von dem Unterschied der äußeren Erscheinung ist Louise
deshalb durchaus unfähig, neben Ledru [-Rollin] den geringsten 20
Effekt hervorzubringen. Kam ihm also nicht jeder Vorwand will¬
kommen, der ihm erlaubte, sich der Vergleichung mit diesem
gefährlichen Rivalen zu entziehn!
Was seine geschichtlichen Arbeiten angeht, so macht er sie wie
A. Dumas seine Feuilletons. Er studiert immer nur das Material 23
für das nächste Kapitel. Auf diese Weise kommen Bücher wie
die histoire des dix ans heraus. Einerseits gibt das seinen Dar¬
stellungen eine gewisse Frische. Denn was er mitteilt, ist ihm min¬
destens so neu wie dem Leser und andrerseits ist das Ganze
schwach.
So viel von L. Blanc. Nun zu unserm Dear!
Er hat sich keineswegs begnügt, am Meeting der Leute teilzu¬
nehmen. Nein. Er hat ihr Bankett vom 24. Februar, was ohne ihn
vollständig in den Dreck gefallen wäre, zu einem Londoner
Ereignis gemacht. Es sind schon tausend Karten verkauft zu 23
dem Bankett, das in der City stattfindet. Harney hat den grö߬
ten Teil der Karten vertrieben, wie Jones mir vorgestern
sagte. O’Connor, Reynolds, Hunderte von Chartisten nehmen teil.
Harney hat sie zusammengetrieben. Er ist den ganzen Tag en
route, um die Orders von L. Blanc auszuführen, wie Jones mir 40
ebenfalls sagte.
Er hat sogar eine kleine Perfidie gegen Jones begangen, in¬
dem er ihn das Manifest von L. Blanc et Co. übersetzen ließ und
ihn dann fragte, ob er etwas dagegen habe, daß er als Übersetzer
genannt werde? Es war dies am Mittwoch. Er hatte also schon 43
7.. - 1-31 (Blanc).
(65) 1851 Febr. 23
153
Deinen Brief, von dem er kein Wort gegen Jones fallen ließ. Jones
sah in seiner Frage also bloß einen Appell an seine eigne „sozia¬
listische“ Gesinnung — und sagte natürlich, er habe nichts da¬
gegen.
5 Jones erklärte mir, auf meine Erörterungen hin werde er wahr¬
scheinlich, er könne es nicht gewiß sagen, sich von dem Bankett ent¬
halten. Was seine Entscheidung schwankend machte, ist sehr ratio¬
nell. Kömmt er nicht, so verliert er an Popularität, da, dank dem
Dear, dies Bankett zu einer Chartistenangelegenheit geworden ist.
wEr fürchtet zugleich, Reynolds möge hinter seinem Rücken intri¬
gieren.
Jones mißbilligt das Betragen des Dear, den ich nicht „wieder-
gesehn“. Er suchte es damit zu entschuldigen, daß die Char¬
tisten, wenn sie an keinem der beiden Banketts teilnehmen, der
politischen Apathie oder Antipathie gegen die ausländischen Re¬
volutionäre beschuldigt würden. Ich habe ihm geantwortet: so
hätte Harney usw. ein Chartistenmeeting zur Feier des lausigen
24. Februar abhalten sollen, statt sich zum Piédestal für einen
Zwerg zu machen und für ein Halbdutzend Kamele, einen Zwerg,
20 der den Harney nie anders als „brave garçon“ tituliert, und der,
wenn morgen eine Bewegung in London ausbricht, oder nach
einem Jahr oder nach zwanzig Jahren aktenstücklich beweisen
wird, daß er diese pauvres Anglais dans la route du progrès ge¬
worfen hat, und dies liegt zwischen 1688 und dem 24. Februar
25 1851, wo Louis Blanc ganz London ebenso nach sich rufen hörte,
wie damals die 50000 Arbeiter im Hofe der Réforme, der nicht
50 Mann faßt. Und wieviel falsche Tränen wird er zu Papier
bringen über dies noch nie dagewesne Ereignis!
Harney hat sich in diese Geschichte hineingeritten einmal aus
30 dem Bewundrungstrieb für offizielle große Männer, den wir
schon früher oft verlacht haben. Dann liebt er die theatralischen
Effektstücke. Er ist unbedingt gefallsüchtig, ich will nicht sagen
vaniteux. Er ist selbst unstreitig tief von der Phrase beherrscht
und entwickelt sehr reichhaltige pathetische Gase. Steht tiefer in
35 demokratischem Dreck, als er Wort haben will. Er hat einen dop¬
pelten spirit, einen, den ihm Friedrich Engels gemacht hat, und
einen, der ihm leibeigen ist. Der erstre ist eine Art Zwangsjacke
für ihn. Der letztre ist er selbst in puris naturalibus. Aber es
kömmt noch ein dritter, ein spiritus familiaris hinzu, und das ist
io seine würdige Gattin. Sie hat große Vorliebe für die gants jaunes
à la Landolphe und Louis Blanc. Sie haßt mich z. B. als einen
Frivolen, der gefährlich werden könnte für ihr „property to be
watched upon“. Ich habe unzweideutige Beweise, daß dies Weib
hier im Spiel ihre zwei langen Plebejerhände eingemischt hat.
45 Wie sehr Harney von diesem spiritus familiaris besessen und wie
Z. 38 (Aber)—45 -
154
(65) 1851 Febr. 23
kleinschottisch durchtrieben sie in ihren Intrigen ist, kannst Du
aus folgendem ersehn: Du erinnerst Dich, wie sie am Neujahrs¬
abend die Macfarlane in Gegenwart meiner Frau insultierte.
Später erzählt sie meiner Frau mit lächelndem Munde, Harney
habe die M[acfarlane] jenen ganzen Abend nicht gesehn. Später s
habe sie ihm erzählt, sie habe deren Bekanntschaft declined, weil
die ganze Gesellschaft und speziell auch meine Frau über den
gespaltnen Dragoner sich entsetzt und gelacht habe. Und Harney
war Esel und feig genug, der Macfarlane keine Revanche für
den Insult zu geben und so in der unwürdigsten Weise mit dem io
einzigen Mitarbeiter an seinem spoutsblättchen zu brechen, der
wirklich Ideen hatte. Rara avis in seinem Blättchen.
Was diesem Meeting noch besondres Gewicht gibt, ist die Auf¬
regung, die in London herrscht infolge des Abtritts des little
JohnnyA) und des avènement von Stanley-d’Israeli.
Die Frenchmen fürchten nichts mehr als eine allgemeine Am¬
nestie. Sie würde sämtlichen hiesigen Bretterhelden den Nimbus
rauben.
A. Ruge hat versucht, mit Struve, Kinkel, Schramm, Bucher
usw. einen „Volksfreund“ oder, wie unser Gustav2) wollte, einen 20
„Deutschen Zuschauer“ zustande zu bringen. In den Dreck ge¬
fallen. Teils wollten die andren das Protektorat Winkelrieds3)
nicht, teils, wie der „gemütliche“ Kinkel, verlangten sie bare
Zahlung, ce qui ne fait pas le compte de Mr. Ruge. Sein Haupt¬
zweck war, der, Du kennst sie, Lesegesellschaft Geld auszuziehn. 25
Julius hat dies hintertrieben, da er auch ein Blatt hier heraus¬
geben will.
K. Heinzen ist Redacteur en chef der bankrotten New Yorker
Schnellpost und hat eine schaurige Polemik mit Weitling eröffnet.
Du wirst sehr wohltun, einmal und bald an den Roten Becker4) 30
in New York zu schreiben und ihn sur l’état actuel des choses zu
unterrichten.
Einliegend ein Brief von Dronke. Schick ihn mir umgehend
zurück; wenn Du selbst dazu schreiben willst, tant mieux.
Durch Deine Sendung hast Du mir einen großen Dienst getan, 35
da ich unmöglich dem bel homme einen farthing länger schulden
konnte.
Einiges über die französische Literatur von 1830 bis 1848 in
meinem nächsten Brief.
Schreib mir auch, ob meine Rechnung richtig ist. 4Q
Dein K. M.
*) John Russell
*) Struve
•) Ruge
*) Max Joseph Becker
Z. - 1—12. 24-27. 36-37.
(65) 1851 Febr. 23
155
Übrigens muß man jetzt — denn der Dear wird wiederzukom¬
men suchen, sobald er die Haupt- und Staatsaktion hinter sich
hat — ihn sehr vornehm traktieren und ihn fühlen lassen, daß er
„verloren“ hat.
Apropos! Harney hat sich in eine Chartistendeputation nach der
Churchstreet wählen lassen, wo er zuerst sein Entree machen wird,
um dann nach der City zu gehn, wo er sich häuslich niederlassen
wird.
Daß er übrigens die Sache nicht aus Naivität getan, geht schon
io daraus hervor, daß er alles hinter meinem Rücken mit
dem „bei“ homme betrieb und D i r ebenfalls nichts mitgeteilt.
66. Marx an Engels; 1851 Februar 24.
24. Februar 1851. 28, Deanstreet, Soho.
Lieber Engels,
15 Es ist jetzt ein Uhr nachts. Vor einer Stunde ungefähr stürzt
Pieper hier herein, ohne Hut, zerzaust, zerrissen. Die Sache ver¬
hält sich wie folgt.
Heut abend fand das Meeting oder Bankett in der City statt.
Willich präsidierte. Jones war seinem Versprechen gemäß
20 nicht hingegangen. Unser Dear trug ein rotes Bändchen. Anwesend
an 700 Mann, 150 Franzosen ungefähr, 250 Deutsche, 200 Char¬
tisten und der Rest Polen und Ungarn. Blanc las die ihm von
seinen Jebrüdern aus Paris zugekommnen Adressen ab. Willich
eine aus La Chaux de Fonds. Aus Deutschland hatten sie keine.
25 Außerdem wurde eine Adresse von Polen aus Paris verlesen.
Die Reden sollen spottschlecht gewesen sein, überhaupt trotz
aller fraternité der Tau der Langweile auf den Gesichtem und an
den Zungen geklebt haben.
Schramm und Pieper hatten Karten gelöst, um sich den Ulk
30 anzusehn. Sie wurden von vornherein molestiert. Schramm ging
zu einem der Ordnungshalter, dem braven chevaleresken Lan¬
dolphe, und ersuchte ihn, ihnen für ihr Geld wenigstens Ruhe zu
verschaffen. Der Brave erwiderte, es sei nicht der Ort, hier auf
Auseinandersetzungen einzugehn.
35 By und by dauerte es den Great Windmillstreetern zu lang. Sie
riefen: „spy, spy“, Haynau, Haynau, und nun wurden Schramm
und Pieper aus dem Saal herausgeprügelt, ihre Hüte zerrissen
und vor dem Saal im Hofe mit Füßen getreten, gestampft, geohr-
feigt, beinahe in Stücke zerrissen, Haarbüschel ihnen ausgerissen
40 usw. Barthélemy kömmt hinzu und sagt von Schramm: C’est un
infâme! Il faut l’écraser. Schramm erwidert: Vous êtes un forçat
libéré.
156
(66) 1851 Febr. 24
An der Keilerei nahmen an 200 Subjekte teil, Deutsche, Fran¬
zosen und die Herrn fraternals nicht minder „tapfer“ gegen zwei
Unbewaffnete.
Post festum läßt sich der Dear sehn, und statt energisch auf¬
zutreten, wie es sich gebührte, stottert er, daß er die Leute kennt 5
und will sich auf lange Expositionen einlassen. Natürlich schönes
Mittel in solchem Moment.
Die beiden haben sich löwenmütig verteidigt.
Die Windmiller schrien: Der hat unsrer Kasse 19 sh. gestohlen.
Soviel für heute. Qu’en dis-tu, mon cher? Wenn morgen eine 10
Revolution in London ausbricht, wird Willich-Barthélemy un¬
fehlbar zur Herrschaft kommen.
Dein K. M.
67- Engels an Marx; [18511 Februar 25.
Lieber Marx,
Gestern vor acht Tagen schickte ich Dir einen Brief für Harney
und habe seitdem keine Antwort von Dir, was mich einigermaßen
in Verlegenheit setzen könnte, wenn ein Brief von Hfamey], der
jeden Tag ankommen kann, rasche Beantwortung erfordern sollte,
oder wenn die Unterhandlungen der hiesigen neuen ClidHisten- 20
clique, wegen eines Besuchs Harneys hier, zum Ziele führten und
er mir eines schönen Morgens auf die Kneipe gerückt käme. Ich
hoffe, daß Du alles richtig erhalten hast und daß es nicht Unwohl¬
sein ist, was Dich vom Schreiben abhält. Vielleicht sagt Dir der
Brief nicht zu oder die Manier, mit der ich ohne weitere Beratung 23
mit Dir sofort auf eigne Faust handelte. Aber gerade deswegen
schickte ich ihn Dir ja, und hattest Du etwas auszusetzen, so war
nichts einfacher, als dem Harney einfach sagen zu lassen, er solle
vorderhand meine Artikel nicht drucken lassen, und mir den Brief
zurückzuschicken nebst Glossen, which you know would have had 20
all due attention.
Jedenfalls bin ich Dir noch seit längerer Zeit die Antwort auf
die currency-Geschichte schuldig. Die Sache selbst ist meiner An¬
sicht nach ganz richtig und wird sehr dazu beitragen, die verrückte
Zirkulationstheorie auf einfache und klare fundamental facts zu 33
reduzieren. Über die Ausführung in Deinem Brief finde ich nur
folgendes zu bemerken:
1. Gesetzt, im Anfang der period of pressure stände die Rech¬
nung der Bank of England, wie Du sagst, mit £ 12,000,000
deposits und 8 Millionen bullion oder coin. Um die überflüssigen 40
£ 4 Millionen bullion loszuwerden, läßt Du sie den Diskontosatz
(67) 1851 Febr. 25
157
herabsetzen. Ich glaube, daß sie das nicht zu tun brauchte, und
soviel ich mich erinnere, ist die Herabsetzung des Diskontosatzes
im Anfang der pressure bisher nie vorgekommen. Meiner Ansicht
nach würde die pressure sofort auf die deposits wirken und sehr
.5 bald nicht nur das Gleichgewicht zwischen bullion und deposits
herstellen, sondern die Bank zwingen, den Diskontosatz zu er¬
höhen, damit das bullion nicht unter ein Drittel der deposits
sinkt. In demselben Maß, wie die pressure zunimmt, stockt auch
die Zirkulation des Kapitals, der Umsatz der Waren. Die einmal
io trassierten Wechsel verfallen aber und wollen bezahlt sein. Daher
muß das Reservekapital — die deposits — in Bewegung gesetzt
werden — Du verstehst, nicht qua currency, sondern qua capital,
und so wird der einfache drain of bullion nebst der pressure von
selbst hinreichen, die Bank von ihrem überflüssigen bullion zu be-
freien. Dazu ist nicht nötig, daß die Bank ihren Zinsfuß unter
Verhältnissen herabsetzt, die den allgemeinen Zinsfuß im
ganzen Lande gleichzeitig steigern.
2. In einer Periode der wachsenden pressure würde, wie ich
glaube, die Bank in demselben Maß das Verhältnis des bullion
2o zu den deposits steigern müssen (um nicht in Verlegenheit zu
kommen), in welchem die pressure zunimmt. Die vier über¬
zähligen Millionen würden ihr ein gefunden Fressen sein, und sie
würde sie so langsam ausgeben wie nur möglich. Bei steigender
pressure würde, unter Deinen Voraussetzungen, ein Verhältnis des
25 bullion zu den deposits wie % : 1, ¥2 : 1 und selbst % : 1 durch¬
aus nicht übertrieben sein, und um so leichter durchzuführen, als
mit der Abnahme der deposits auch die bullion reserve absolut ab¬
nehmen, wenn auch relativ zunehmen würde. Der run auf die Bank
ist hier ebenso möglich wie beim Papiergeld und kann durch ganz
30 gewöhnliche Handelsverhältnisse herbeigeführt werden, ohne daß
der Kredit der Bank erschüttert wäre.
3. „Die currency wird zuletzt berührt“, sagst Du. Deine
eignen Voraussetzungen, daß sie infolge des stockenden Geschäfts
berührt wird und dann natürlich weniger currency nötig ist, füh-
35 ren zu dem Schluß, daß die currency sich gleichzeitig mit der
Aktivität des commerces vermindert und ein Teil derselben über¬
flüssig wird in dem Maß, wie die pressure steigt. Fühlbar
wird sie freilich erst am Ende, bei hoher pressure, vermindert;
aber im ganzen geht doch dieser Prozeß vom Beginn der pressure
40 an vor sich, wenn er sich auch nicht tatsächlich im einzelnen nach¬
weisen läßt. Aber insofern, als dies superseding eines Teils der
currency Folge der übrigen kommerziellen Verhältnisse, der
von der currency unabhängigen pressure ist, und alle andren
Waren und Handelsverhältnisse vor ihr davon betroffen werden,
45 und ebenfalls insofern diese Abnahme bei der currency zuletzt
158
(67) 1851 Febr. 25
praktisch fühlbar wird, insofern wird sie allerdings zuletzt von
der Krise berührt.
Diese Glossen, wie Du siehst, beschränken sich rein auf Deinen
modus illustrandi; die Sache selbst ist vollständig in Ordnung.
Dein F. E. 5
Dienstag, 25. Februar.
68. Engels an Marx; [1851] Februar 26.
Lieber Marx,
Dein Brief vom 23., gestempelt 25., kam mir heute morgen zu.
Adressiere in Zukunft immer an mich, care of Messrs. Ermen 10
& Engels, Manchester. Die Briefe kommen mir sichrer zu und
rascher, da ich oft unregelmäßig nach Haus komme und die Post¬
beamten ohnehin zuweilen die nach meiner Wohnung adressierten
Briefe mir ins Comptoir zuschicken, wo ich jedenfalls einmal per
Tag bin. Benutze womöglich die erste Londoner Abendpost — 15
bis sechs von Charing Cross, oder bis einhalb sechs in den kleinen
Bureaus, die Briefe sind dann sicher den nächsten Morgen um
zehn auf dem Comptoir.
Den Brief von Dronke hast Du vergessen beizuschließen.
Schick’ ihn mir bald, ich möchte ihm schreiben, speziell um die 20
Korrespondenz mit Lupus wieder anzuknüpfen, von dem ich gar
nicht weiß, wo er ist, da ich auf alle meine Briefe keine Antwort
erhalte. Wenn Du vorziehen solltest, das Porto für auswärtige
Briefe sowie die Frankatur nicht zu tragen, so schick sie mir zu
oder laß sie an mich adressieren, ich werde es der Firma zu- 25
schieben.
Der Constitutionnel sagt, D’Ester sei aus der Schweiz ausgewie¬
sen und habe sie bereits verlassen — en sais-tu quelque chose?
Dein Atlas ist gerettet. Ich hab mich schließlich geweigert, ihn
zu verkaufen, und behalte ihn einstweilen hier, da ich ihn sehr 30
brauche, ich lese jetzt die Geschichte des consulat und empire in
französischen und englischen Historikern, speziell militärisch. Das
beste, was ich bis jetzt in dieser line gefunden habe, ist W. P. Na¬
pier (jetzt General), History of the War in the Peninsula. Der Kerl
hat seine Marotten wie alle Napiers, aber daneben enorm viel j.5
common sense und, was mehr ist, einen sehr richtigen Blick in
Beurteilung des militärischen und administrativen Genies Napo¬
leons. Ein Franzose wäre rein inkapabel, so ein Buch zu schreiben.
Der Thiers steht, was historische Zuverlässigkeit und selbst rich¬
tige Beurteilung angeht, nicht die Laus höher als der elende Tory
Southey, poet lauréate selig, der auch eine Schimpf- und Rodo-
montiergeschichte des spanischen Kriegs geschrieben hat. Napier
(68) 1851 Febr. 26
159
streicht nur seinen Obergeneral Wellington zu sehr heraus, doch
bin ich noch nicht weit genug in seiner Darstellung avanciert, um
definitiv darüber urteilen zu können.
Die Mitteilungen über die citoyens Blanc und Harney werde
5 ich mir ad notam nehmen. Von letzterem hab ich noch nichts ge¬
hört. Daß sein spiritus familiaris bei dieser Geschichte im Spiel
war, habe ich mir gedacht. Sie hat eine grenzenlose Verehrung
für die großen Männer und ist überhaupt mehr und mehr un¬
angenehm geworden. Er muß es übrigens jedenfalls zu fühlen
io bekommen, wenn er sich wieder meldet. Was den kleinen Blanc
angeht, so könnte es nicht schaden, wenn wir bei nächster Gelegen¬
heit einmal seine œuvres complètes vornähmen — Du die organi¬
sation du travail und die histoire de la révolution, ich die dix ans,
sauf à critiquer ensemble l’association du travail mise en pratique
a après février, et les „Pages d’histoire66. Ostern komm’ ich nach
London, und da ließe sich schon einiges machen. Die Sachen selbst
wären in belgischem Nachdruck hier wohlfeil zu haben. Da mir
meine Intrige mit meinem Alten vollständig gelungen ist, wenig¬
stens bis jetzt, so kann ich mich hier definitiv häuslich niederlassen
20 und werde mir ohnehin von Brüssel meine Bücher kommen lassen.
Wenn Du Dir vielleicht von Köln einiges kommen zu lassen hast, so
laß mich’s wissen, ich schreib dieser Tage an Daniels wegen
meiner Sachen, und wir können es dann in einem Paket machen
lassen. NB. Alles, nur keine englischen, auf dem Kontinent nach-
25 gedruckten Bücher. Die Entwicklung der Geschichte mit meinem
Alten und die neue Intrige, die ich anspinnen mußte, einerseits,
um meine Unentbehrlichkeit hier zu verlängern, und zweitens, um
mich vor zu großer Überbeschäftigung auf dem Comptoir zu
schützen, erzähl ich Dir mündlich, in sechs Wochen ist ohnehin
so Ostern, und die Sache ist umständlich. So viel ist gewiß, daß mein
Alter mir das alles schwer in bar bezahlen soll, besonders wenn er
erst hier gewesen ist und ich ihn noch mehr hereingeritten habe.
Die Schwierigkeit ist die: eine offizielle Stellung als Repräsentant
meines Alten den E[rmensl gegenüber zu bekommen und doch
35 innerhalb der hiesigen Firma keine offizielle Stellung mit Ver¬
pflichtung zum Arbeiten und mit Salär von der Firma zu haben.
Ich hoffe es aber durchzuführen, meine Geschäftsbriefe haben
meinen Alten enchantiert, und er rechnet mir mein Hierbleiben als
ein großes Opfer an. Ceci me vaut, ou me vaudra sous peu, £ 5
40 additionnelles par mois, sauf additions futures.
Dein F. E.
Vergiß nicht, mir zur Ergötzung in meiner Einsamkeit die
Kölner Witze zu schicken, sobald Du sie hast und gelesen hast.
Mittwoch, 26. Februar.
z. 6-9.
160
(69) 1851 Febr. 26
69. Wilhelm Pieper und Marx an Engels; 1851
Februar 26.
[Von Pieper]
Lieber Engels,
Wie Du wissen wirst, sollten am 24. hier zwei Feste zur 5
Feier des emanzipierten Spießbürger- und Straubingertums statt¬
finden. Von dem ersteren, wo Wolff und Liebknecht gewesen, will
ich Marx berichten lassen; auf dem zweiten, wohin ich mit
Schramm gegangen bin, sind Dinge vorgefallen, die ich Dir not¬
wendig mitteilen muß. Die Verbindung Harneys mit den deutsch- 10
französischen Galeeren- und Kasernenlümmeln wird Dir Marx
schon geschrieben haben; ich verliere daher kein Wort über
die Art und die Umstände, unter denen diese Verbrüderung
stattgefunden hat; ich will nur als meine Meinung geben, daß
Harney sich hauptsächlich durch Blanc unter Vermittlung Lan- 15
dolphes^ dazu hat verleiten lassen. Landolphes^ bekannte gut¬
mütig fraternelle Zudringlichkeit und honnête Bayard-Tournüre
hat Harney zum Esel gemacht, die Freundschaft kannte keine
Grenzen, natürlich ging sie bis zum Verrat älterer bewährter
Parteigenossen, die nicht jene angenehmeren Qualitäten besitzen. 20
Die Allianz datiert seit dem Meeting in Sachen Bem, und Harney
selbst ist am unermüdlichsten gewesen, das Bankett zustande zu
bringen. Wir hielten es für angemessen, Harney auf dem Bankett
zu überwachen, und verschafften uns Karten dazu, von wem? durch
Schramm von Harney, der sich zum Hauptkolporteur der Herren 23
Straubinger gemacht hatte. Im Vorbeigehn erwähne ich, daß
Harney seit dem Bem-Meeting Marx sorgfältig vermieden und
Schramms Erscheinen bei ihm ihn soweit in Konsternation ver¬
setzte, daß er kirschrot im Gesicht geworden. Kurz und gut,
Schramm und ich verfügten uns nach dem Bankett, was in Isling- 30
ton abgehalten wurde. Wir kamen etwas spät und wurden sogleich
beim Eintritt bemerkt. Nachdem wir uns einen Platz verschafft,
waren wir Zeugen dessen, was folgt. 700 Personen, Saal dekoriert
mit den üblichen Fahnen und einer ansehnlichen Auslese von
Namen, wo Moll zwischen Kossuth und Garibaldi, Jakoby zwi- 33
sehen Blanqui und Cabet, Robert Blum neben Barbés und Robes¬
pierre paradierten. Willich Präsident, alles möglichst rot, es war
wie der Magnus Groß sagt, das Einweihungsfest der rötesten aller
roten Republiken. Wir machten uns zunächst das Vergnügen, der
Spinne Frau Harney den Abend zu verderben, der wir unsre An- 40
Wesenheit bemerklich machten. Verlesene Adressen: 1. durch
Louis Blanc vom 12. Arrondissement, d. h. von seinen alten
ouvriers maçon Delegierten des Luxemburg, 2. durch Vidil sonst-
O Im Orig. Landolfs
Z. 4-43 -
(69) 1851 Febr. 26
161
woher, 3. durch Landolphe^ sonstwoher, 4. durch Schapper aus
der Schweiz, 5. durch Sawaszkiewicz2) von den Polen etc. Keine
aus Deutschland — warum, man hatte keine.
Toaste: die Intelligenz basiert auf das sentiment de l’égalité
s von ami Landolphe^, dto. Intelligenz von Gebert, Sozialismus
von Galérien etc. Endlich erschien Harney, der zuvor auch auf
dem Bankett der Churchstreet gewesen war. Schapper introdu-
zierte ihn mit Emphase als our friend citizen G. J. Harney. Der
citizen verlas die Adresse der Fraternal Democrats, schloß sich
w dem Schapperschen war to the knife an und feierte vermutlich,
nach der blinden Sucht und Erpichtheit auf dies Bankett zu schlie¬
ßen, einen der schönsten Triumphe seines Lebens, einen Triumph,
dessen Illusionen er sich beeilte gegen Deine und Marx’ Freund¬
schaft und Verbindung einzutauschen. Bei unserm Eintritt von
15 Haude empfangen und bemerkt, dauerte es nicht lange, bis das
tapfere Willichsche Korps sich zum Angriff um uns postierte, und
seit einer halben Stunde waren wir den feigsten, infamsten Inju¬
rien von Seiten der Herren Wengler, Prochasky3), Covend und
zehn andrer ausgesetzt. Es wäre unmöglich gewesen, daß wir uns
20 ruhig hätten zurückziehen können; wir sahen eine Katastrophe
vor Augen und bereiteten uns darauf vor, sie möglichst zum
Vorteil unsrer Partei ausfallen zu machen. Noch waren wir je¬
doch nicht eklatant genug attackiert, um die Tribüne zu verlangen
und Skandal zu schlagen, obgleich der Lazzaroni-Chef und Prä-
25 sident unsre Lage mit innerer Satisfaktion bemerkte. Wenige
Minuten und die Aufmerksamkeit des Saales wurde durch die
immer lauter werdenden Verletzungen im genügenden Grade auf
uns gelenkt; jetzt ging Schramm zur Tribüne und forderte Lan¬
dolphe auf, die Ordnung in jenem Teile des Saales aufrecht zu
3o halten, den Straubingern Contre-Ordre zu geben (denn Willichs
wenn auch stillschweigende Ordre war da), sonst sei ein Eklat
unvermeidlich. Qu’est ce que répond le noble, le beau, le brave
et généreux Landolphe^? Ce n’est pas ici le lieu d’arranger des
querelles que vous avez avec d’autres. Natürlich war Schramms
35 vergebliches Verlangen das sofortige Signal; on nous livra. Gerade
sollte die Marseillaise beginnen, einige Stimmen riefen Chapeau
bas, gleichzeitig sprangen unsre Angreifer auf und suchten uns
die Hüte abzureißen; nicht zufrieden damit erhoben sie das Ge¬
schrei: des espions, a spy, zwanzig Fäuste erhoben sich vor uns,
40 und wir wurden unter möglichster Gegenwehr mit Faustschlägen
aus dem Saale gestoßen. Von der nun folgenden Infamie kannst
Du nur dann den nötigen Begriff Dir machen, wenn Du an die
1) Im Orig, Landolf
2) Im Orig. Sawaskewitsch
8) Im Orig. Prochawsky
11
Z. - 1-42 -
162
(69) 1851 Febr. 26
Zusammensetzung der Versammlung denkst. Der Ruf „a spy“
genügte nicht, die Lynchgelüste mußten noch besser encouragiert
werden, man hetzte durch den Ruf Haynau; das Präsidium tat
nichts, kein order, keine Glocke, kein Versuch, dem feigen Atten¬
tat von hundert gegen zwei einzelne Einhalt zu tun. Auf dem Hofe 5
(das Bankett war in einem Gartensaale) Wiederholung und Fort¬
setzung der Pöbelhaftigkeit, Schapper, Barthélemy, Gebert, die
ganze Windmill um und über uns. Endlich erschien Landolphe^,
um uns zu sagen, daß wir wohl selbst einsähen, wie gut es sei, uns
nun auch vollends auf die Straße setzen zu lassen. Hunde, die wir io
nie gekannt, taten sich durch renommierende Schmähungen und
Schläge, gegen die wir uns fortwährend möglichst wehrten, her¬
vor, vermutlich um sich bei Willich zu poussieren. Zuletzt ließ
sich Harney sehen, um in schüchterner Weise zu bezeugen, daß
wir keine Spione seien; zu feig, uns als Freunde in Schutz zu is
nehmen, unsre Sache zur seinigen zu machen, war es ihm an
einem feigen Vermittlungsversuche genug, und wie wir hören, ist
er in denselben Saal zurückgekehrt, um ruhig dem Ende des
Meeting of the fraternal socialists and communists Euro¬
pas beizuwohnen. Während dieses vorfiel, hatte Herr Louis Blanc 20
das Malheur, seinen discours sur la fraternité etwas in seiner
Tasche kalt werden zu sehen, ce qui pourtant ne l’a pas empêché
de le tenir après ce déplorable accident.
Über unsre Absicht, wie wir Revanche zu nehmen gedenken,
schreibe ich Dir morgen abend; es ist zuvor nötig, mit Jones zu 25
konferieren, der sich von beiden Meetings femgehalten und vor¬
aussichtlich unsre Partei zu nehmen, et plus chaleureusement que
notre ami du peuple.
Freundschaftlich grüßt W. Pieper.
London, den 26. Februar 1851. 30
[Von Marx]
Lieber Engels,
Ich habe Dir in den Briefen von Pieper und Schramm die Tat¬
sachen von den Beteiligten selbst erzählen lassen. Du wirst Dir so
am besten ein eignes Urteil bilden. Unbegreifliche lâcheté von #
Seiten der 200 fraternal murderers, die ihren revolutionären
Tatendrang an zwei einzelnen auslassen, unbegreifliche lâcheté des
Dear, des Landolphe, des Louis Blanc usw., ruhig zuzusehn und
ihre fratemellen Phrasen zu memorieren.
Eins noch aus der Unterredung Schramms mit Harney: H[ar- w
ney] hob hervor, daß Schapper ein „langjähriger Bekannter“ von
9 Im Orig. Landolf
Z. - 1-30.
(69) 1851 Febr. 26
163
ihm sei und, während wir in Brüssel gewesen, in sehr intimen Ver¬
hältnissen mit ihm gestanden.
Apropos ! Den ganzen Rapport über das Meeting hatten
die Herren L. Blanc und Konsorten schon den Tag vor-
<5 h e r an ein Pariser Blatt abgeschickt.
Die gerichtliche Prozedur würde L. Blanc ruinieren. Du
denkst Dir, welches Fressen für die Times, namentlich da Bar¬
thélemy, der galérien, der meurtrier usw., als Angeklagter und
provocateur à 1 assassinat erscheinen würde. Barthélemy sagte
io nämlich mitten in der Keilszene, auf Schramm zeigend: „C’est un
infâme, il faut l’écraser.“
Das Gerichtliche hat nur den schlimmen Effekt: Harneys und
Jones’projektiertes Blatt istKlatsch, Harney und dieFratemals sind
Klatsch, die Times wird jubilieren, Pieper wird seine Stelle ver-
lö lieren (er ist nobel genug, nichts danach zu fragen) und Schramm
usw. werden schließlich doch die gesamten Chartisten auf den
Hals brechen. Que faire? Ich werde morgen mit Jones darüber
sprechen. Freund Harney scheint sich mit Schapper darauf zu
verlassen, daß die Sache ruhig vorübergeht. Er hat es daher nicht
so der Mühe wert gehalten, die nötigen Steps uns gegenüber zu tun
und die nötigen Konzessionen zu machen. Der Esel erschwert so
die Situation. Ungerochen kann man diesen Dreck doch nicht
vorübergehn lassen.
Wenn Harney Dir schreibt, nimm Dich nur vor einem in acht.
25 Du hast in Deinem Brief zu sehr verweilt auf der theoretischen
Kritik Ledru-fRollin]s und Blancs. Hfamey] macht jetzt, als ver¬
langten wir, daß er unsre queue bilden solle. Es ist ihm also vor
allem vorzuhalten:
1. daß es sich ganz allein handelt um sein Verhältnis zu
30 Schapper und Willich, indem er unsern direkten persönlichen
hundskommunen Feinden sich als Anhang konstituiert hat und,
so viel Gewicht er hat, für sie gegen uns in die Wagschale vor
Deutschland geworfen. Und hatte er nicht mit uns schrift¬
lich die Verbindung mit Vidil, mit Barthélemy und mit Willich
35 abgebrochen? Und wie konnte er sie aufnehmen ohne uns, hinter
unsrem Rücken und wider unsern Willen! Wenn das fair ist,
so begreif ich es nicht.
2. Er hat uns verleugnet, indem er nach dem Vorfall
mit Schramm und Pieper nicht sofort öffentlich in dem Meeting
eine Revanche gab und dann sich sofort zurückzog. Statt dessen tut
er bei seinen Freunden alles, um die Sache als irrelevant darzu¬
stellen.
Einliegend den Brief von Dronke. Du mußt ihm ausführlich
die ganze Schmiere, das Neuste eingeschlossen, schreiben. Ich
habe eine Masse nach Köln, Hamburg usw. zu schreiben.
11*
164
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Wenn heute der Brief nicht frankiert ist, mußt du entschul¬
digen. Es ist zu spät, nach stamps auszugehn, und es ist notwendig,
daß der Brief noch heut abend auf die Post kömmt.
Dein K. Marx.
70. Engels an Marx; [1851 Februar 26].
Lieber Marx,
Soeben find ich Deinen zweiten Brief vor. Ich habe sofort
einen zweiten an Hfamey] geschrieben; wenn Du ihn billigst, laß
ihn ihm gleich zukommen. Diese Schweinerei ist zu arg, und er
muß es fühlen. Wenn er sich mit den andern assoziiert, tant pis io
pour lui, I care the devil.
Inliegend ein Brief, der mir sehr komisch aussieht. Wie hängt
die Geschichte zusammen? Ich weiß nicht, inwiefern der rote
Wolff dabei sein eigner Herr ist. Es ist dabei soviel Wahnsinn
in dem Brief, daß ich nicht ohne weitere Renseignements antworten in
kann. Laß mich also gleich wissen, was das für ein dodge ist und
schick mir den Bettel zurück. Nachts ein Uhr. Mittwoch.
Dein F. E.
Ich habe keine stamps, und da ich den Brief jetzt noch zur
Post trage, kann ich ihn nicht mehr frankieren. 20
71. Engels an Marx; 1851 Februar 27.
Lieber Marx,
Gestern abend zwölf Uhr, als ich nach Hause kam und Deinen
Brief mit der Erzählung der Infamie gegen Schr[amm] und P[ie-
per] vorfand, schickte ich Dir sofort einen Brief für Htarney]. 25
Du wirst diesem Brief, der unsichern Handschrift, der patheti¬
schen Entrüstung, dem polternden und stolpernden Gedankengang
und der nicht sehr großen Harmonie des Ganzen angesehn haben,
daß er unter dem Einflüsse einiger Gläser starken Rumpunsches
abgefaßt war, die ich den Abend ausnahmsweise zu mir genommen 30
hatte, und ihn daher nicht abgeschickt haben. In fact, ich war so
wütend, daß ich nicht hätte zu Bett gehn können, ohne ihn abzu¬
schicken, und so rannte ich, mehr um mich selbst zu beruhigen,
als in der Absicht, dem Htarney] meine Meinung schleunigst zU-
kommen zu lassen, noch um ein Uhr auf die Post. Du wirst den 35
Brief heute gegen Mittag bekommen haben, und da heute vor
Abend keine Post ist, so war es mir unmöglich, einen zweiten Brief
vor dem gegenwärtigen abzuschicken. Ich schließe Dir nun einen
Z. 12—17 (zurück)
(71) 1851 Febr. 27
165
verbesserten Brief an Htamey] bei, den Du ihm zustellen willst,
wenn Du, wie ich hoffe, den ersten noch nicht spediert hast.
Briefe adressiere mir zukünftig wie folgt:
1. Alle Briefe, die Du vor sechs Uhr abends auf das Charing
5 Cross Office, oder vor einhalb sechs auf die Nebenbureaus be¬
sorgst, aufs Comptoir (E[nnen] & E[ngels]). Ich habe sie den
Morgen um zehn.
2. Alle Briefe, die Du nach sechs Uhr abends noch auf gibst,
nach Great Duciestreet. Ich habe sie den nächsten Abend um
io sechs Uhr, während ich sie auf dem Comptoir erst den nächsten
Morgen haben würde.
Hühnerbtein] schrieb mir dieser Tage. Mirbach ist glücklich
durchgebrannt und geht von Paris seiner Frau nach nach Athen.
Dein F. E.
15 Donnerstag, 27. Februar 1851.
72. Engels an Marx; [1851 Februar 28].
Lieber Marx,
Heut morgen erst kam Dein Brief von vorgestern an. Hätte ich
diese Details alle schon gestern gehabt, ich hätte dem dear H[ar-
2o ney] noch ganz anders geschrieben. Aber er wird mir schon kom¬
men, und da werd ich’s ihm geben.
Eine gerichtliche Verfolgung dieser Geschichte ernstlich ein¬
zuleiten, könnte, glaube ich, nicht viel nutzen. Abgesehn von Har¬
ney und Jones und den Chartisten, würde die Geschichte auf gegen-
25 seitige Rekriminationen und Anschuldigungen hinauslaufen. Mit
Hilfe des ersten besten Advokaten würden die andern dem
Schr[amm] und Pfieper] die unverschämtesten Fragen vorlegen
lassen, z. B., ob Schr[amm] nicht Kassengelder der Gr[eat]
Wfindmillstreet] gestohlen usw., die hinreichen würden, um allen
so Effekt zu verderben, so energisch sie auch zurückgewiesen würden.
Die Gegenzeugen würden schwören, Schrfamm] habe das und
das gesagt, sie würden auf einige Great Windmillstreetszenen
Schr[amm]s zurückkommen und diese ins Kolossale übertreiben,
um Schr[amm] als einen disturber of public meetings darzustellen
35 usw., und der magistrate, zu glücklich, die démagogues sich
gegenseitig als Schufte traktieren zu sehn, würde alles zulassen,
was auf beide Parteien kompromittierenden Schein werfen könnte.
Dagegen als Drohung muß Schrtamm] es gebrauchen.
Er gilt ohnehin for a care-the-devil, reckless sort of character,
*o und ihm trauen sie es zu, daß er es bis dahin treibt. Dem Lan¬
dolphe sollte er Ohrfeigen geben und sich einschießen; der Kerl
Z. 38-41 -
166
(72) 1851 Febr. 28
gerät doch immer in dergleiche Geschichten, und ihm ist das
Schießen nötiger als jedem andern.
Der Prozeß würde schließlich mit einer sehr groben Abferti¬
gung des magistrate an beide Parteien endigen, und weiter nichts
— besonders da er oben in Islington geführt würde, wo Gott weiß *
was für alte Esel magistrales sind. Und wenn Landolphe, Re¬
présentant du peuple, erklärt, Sehr lamm] könne nur in der
Absicht hingekommen sein, um Skandal zu erregen usw., glaubst
Du nicht, daß das schließlich doch auch beim Publikum mehr zieht
als Schr[amm]s und P[ieper]s Erklärung? Man könnte mit der io
Geschichte großen Skandal machen, aber Sehr lamm] wäre dem
ausgesetzt, daß ein Teil des Skandals auf dem Wege der Insinua¬
tion auf ihn zurückfiele.
Und dann wäre die sichre Folge eines solchen Skandals die
Einführung einer neuen Fremdenbill, zum Schutz der honetten is
Reaktionäre, die vom Kontinent für die exhibition kommen.
Warum zum Teufel ging aber Schrlamm], als Landolphe ihn
abwies, nicht gleich zu Harney, pour le mettre en cause?
Grade Postzeit. Adieu Dein F. E.
Freitag.
73. Marx an Engels; 1851 März 1.
Samstag, 1. März 1851.
Lieber Engels,
Du mußt ganz absonderliche Postgäule besitzen, da alle meine
Briefe zu spät kommen.
Du weißt sehr wohl, wenn Du die erhaltnen Briefe ordentlich
gelesen hast, daß alles, was Du rätst, schon geschehn ist, mit Aus¬
nahme der Ohrfeige an Landolphe, die ich nicht probat finde.
Soll einer injuriert werden, so muß es der kleine Hiphiphip-
hurrah Schotte George Julian Harney sein und kein andrer, und so
dann muß Harney sich einschießen.
Ich hatte Deine beiden Briefe an Harney vor mir; ich habe den
ersten abgeschickt, weil er meiner Ansicht nach besser geschrie¬
ben und passender war als die zweite verbesserte Auflage.
Gedroht ist hinreichend dem Harney wie dem Landolphe mit 35
gerichtlicher Prozedur. Deine Befürchtung, daß Landolphe gegen
Schramm zeugt, unbegründet. Er wird vielmehr schwören, daß
Schramm ihn, Komiteemitglied, vor dem Skandal angegangen, um
Ordnung unter der Rotte zu halten.
Da also die „Drohung“ mit der gerichtlichen Prozedur vergeb- 40
lieh, que faire, wenn nicht anders Prügel, Spion und Schapper
Willich Triumph ruhig einstecken!
Z. - 1-13. 17-18 ? 26-42 !
(73) 1851 März 1
167
Deine sämtlichen Befürchtungen wegen Skandal richtig. Aber
man wird einen sharpen Advokaten auch seinerseits haben. Etwas
mehr oder weniger Verruf kann dem Schramm ganz gleichgültig
sein. Läßt er aber die Sache auf sich beruhn, jetzt, nachdem die
5 Franzosen der Churchstreet sich darin eingemischt, so ist er perdu,
wenn er nicht entweder seine öffentliche Satisfaktion von den
Chartisten erhält oder wenn er die Sache nicht vor Gericht bringt.
Eins von beiden.
Jones, wie ich Dir geschrieben, war nicht auf dem Meeting von
io Montag. Ich hatte mit ihm eine Zusammenkunft in meinem Haus
verabredet, stürzte aber schon Dienstag hin, traf ihn nicht, ließ
ihm ein Billett zurück, doch ja Mittwoch zu kommen. Kam nicht.
Ging Donnerstag hin. Wurde abgewiesen. Ließ ein Billett zu¬
rück, worin ich ihn einlud. Kam nicht. Donnerstag abend schrieb
15 ich ihm einen ausführlichen Brief, worin ruhig, einfach, klar die
ganze Scheiße von Anfang an entwickelt, ihm die eklige Folge in
der Perspektive gezeigt, öffentliche Satisfaktion verlangt und er
schließlich auf gefordert wird, mich zu besuchen zur Besprechung.
Kömmt nicht, obgleich er in der Stadt war, auch kein Antworts-
20 schreiben von ihm. Jones ist also offenbar von dem kleinen schot¬
tischen Intriganten bearbeitet, der fürchtet, ihn mit mir zusammen¬
zulassen. Du siehst also: von Seiten der Chartisten keine Aussicht
auf öffentliche Satisfaktion. Bleibt nur die gerichtliche Prozedur.
Adviendra qui pourra. Unangenehm nur, weil Pieper seine Stelle
25 dabei verliert und wir vielleicht plus ou moins den chartistischen
Mob auf den Hals bekommen.
Die Einführung der Fremdenbill wäre das ange¬
nehmste Ereignis für uns. Was sind jene Esel ohne tägliche
öffentliche Demonstration?
30 Es ist nur noch Ein Mittel, die Sache zu arrangieren, ohne es
zum äußersten Skandal zu treiben, und das ist, wenn Du un¬
mittelbar, aber ohne Verzug, herkömmst. Du könntest bei
mir absteigen, da ich jetzt zwei Zimmer zugemietet. Andres Mittel,
erkläre ich Dir definitiv, gibt es nicht. Briefe verwirren, ver-
35 schleppen, richten nichts aus. Dein K M.
74. Marx an Engels; 1851 März 8.
8. Februar1851
Lieber Engels,
<o Heut nur ein paar matter of fact Zeilen.
Du hast gesehn, die Times hat die Scheiße nicht aufgenommen.
Mais ça ne nous regarde plus.
9 Bei M. verschrieben für März
Z. 27-29 ?
168
(74) 1851 März 8
Harney hatte schon vorgestern morgen an Schramm geschrieben.
Der Esel von Bummler ging um neun Uhr morgens aus und kam
um ein Uhr abend nach Haus. So fand er den Brief erst gestern.
Harney nimmt seine Erklärung auf. Hat ein genügendes Vor¬
wort dazu geschrieben. Schreibt dem Schramm „dear Schramm“ 5
und erinnert ihn, daß er nun auch seine Verpflichtung halte und
sich nicht an das police court wende — dies Dokument vis-a-vis
der Franzosen.
Gestern brachte die Patrie (heute der Constitutionnel) eine
Erklärung der Herrn Blanc, Barthélemy, Schapper, Willich und io
des ganzen übrigen Komitees, worin die Herrn sagen, Blanqui
habe den Toast an kein Mitglied des Komitees geschickt. Die Patrie
bemerkt dazu: sie habe das nicht aufnehmen wollen, ohne vorher
Erkundigungen einzuziehn. Und da habe ihr denn Herr Antoine
— Blanquis Schwager — folgendes zugeschickt: Der Toast sei is
dem mitunterzeichneten Barthelemy zugesandt und der Empfang
desselben von ihm bescheinigt worden. Du begreifst, welches
Wehrufen in diesem Lager herrscht!
Mais ce n’est pas tout.
Wolff schickte also gestern morgen Wdloff mit einem Original- 20
engländer zu Landolphe. Der Kerl hat sich als déconcertierter
Grec benommen, erst geheult, deklamiert, phrasiert, jouiert, mit
Armen und Beinen auseinandergeschlagen und fiel dann zurück
in sein Nichts durchbohrendes Gefühl der Feigheit. Wird heute
abend vor den elenden Crapauds der Churchstreet protokolliert 25
werden.
Schließlich: Schlechte Nachrichten von meiner Alten. Sie
macht alles von Bommel abhängig. Ich werde wahrscheinlich den
coup de désespoir riskieren müssen.
Dein K. Marx. 30
Ich habe von Becker Willichs Briefe erhalten. Du bekömmst
sie Dienstag.
75. Engelsan Marx; 1851 März 10.
L. M.,
Heute morgen kommt inliegender Brief von Weerth an, den 35
ich Dir gleich schicke. Die Geschichte zwischen Schrfamm] und
Harney ist also jetzt gesettled. Wenn Du den Bummler dahin
kriegen kannst, laß ihn jetzt dem H[amey] eine Kopie der
Übersetzung des Blanqui-Toasts zuschicken, cela fera son effet.
Es wird überhaupt gut sein, wenn er, der ja jetzt mit H[amey] wie- <o
der auf dem besten Fuß steht, die Verbindung mit ihm aufrecht
erhält — Harney hat immer ein Blatt. Eine Kopie des Artikels, der
Z. 27-29.
(75) 1851 März 10
169
an die Times geschickt war, könnte ebenfalls an Blanqui nach
Belleisle geschickt werden. Schrtamm] sollte in dieser Angelegen¬
heit nicht zu nachlässig sein — er deckt sich dadurch den Rücken
nach verschiednen Seiten hin. Morgen Geld.
5 Dein F. E.
Montag, 10. März 1851.
Barthélemy ist schön blamiert — das ist ein Trost.
Laß Schr[amm] die ganze Historie dem Harney schriftlich mit¬
teilen. Dann haben wir given notice, und das ist immer ein Punkt,
io der später von Gewicht sein kann.
76. Engels an Marx; 1851 März 17.
Lieber Marx,
Ich habe einen höchst ennuyanten Anfall von Grippe gehabt,
der mich zu allem Vernünftigen und Unvernünftigen unfähig
15 machte, daher mein Schweigen. Ich konnte Dir bloß die Post
Office Ordre vorige Woche schicken — Du wirst sie erhalten
haben. Die 5 Schilling gehören Lenchen, die grade abwesend
war, als ich mein Exit aus Deinem Hause machte. Wenn es irgend
angeht, schicke ich Dir diese oder spätestens nächste Woche die
20 2 £ für Hiphiphurra1), Schramm kann sie ihm hinbringen. Da
ich bisher auch von Dir — seit ich Dir Weerths Brief schickte —
nichts zu sehen bekommen habe, so weiß ich natürlich von nichts
weiter und warte auch noch immer auf die edlen Willichschen
Briefe. Den Fr[iend] of the P[eople] mit Schrfammls Erklärung
25 hab’ ich nicht gesehn, dies Ding kommt hier sehr unregelmäßig
an; laß mir doch von Schrfamm] ein Exemplar sous bande zu¬
schicken, er wird sich gewiß leicht eins verschaffen können, wenn
er keins disponibel haben sollte. Daß der Landolphe sich schlie߬
lich als reiner poltron herausgestellt hat, ist sehr angenehm zu
3o erfahren, auf den berühmten Brief von ihm warte ich noch immer.
Ich ärgere mich hier scheußlich über die dummen Einrichtun¬
gen, die mir ein regelmäßiges und suiviertes Ochsen fast ganz
unmöglich machen. An die eine Bibliothek kann ich nicht kom¬
men, die andre, öffentliche, enthält die Sachen, die mich jetzt zu-
35 nächst interessieren, nur sporadisch, und die Stunden konvenieren
mir nicht; so daß mir nichts bleibt als das elende Athenäum, wo
man nie etwas bekommen kann und wo die Bibliothek sich in der
scheußlichsten Unordnung befindet. Dem Napier laufe ich z. B.
wieder vergeblich nach, und es dauert immer zwei bis drei Wochen,
*0 bis man einen folgenden Band auftreiben kann. Aus Verzweiflung
x) G. J. Harney
170
(76) 1851 März 17
hab ich mir Ciceros Briefe genommen und studiere darin das
règne de Louis Philippe und die Korruption des Direktoriums.
Eine höchst heitere chronique scandaleuse. Der Cicero ist wirk¬
lich unbezahlbar; Professor Krug und Sebastian Seiler in einer
Person. Eine gemeinere Canaille wie diesen Kerl haben die Reihen 5
der Biedermänner seit Anbeginn der Welt nicht aufzuweisen. Ich
werde mir dies anmutige Büchlein gehörig exzerpieren. Ohne
Mehreres für heute.
Dein F. Engels.
17. März 1851 io
77. Marx an Engels; 1851 März 17.
London, 17. März 1851.
Lieber Engels,
Ich habe eine Woche nicht geschrieben. Einmal hatte ich selbst
die Grippe zur Wahlverwandtschaft, und dann criblé de petites is
misères, die alle in dieser verhängnisvollen Woche zum Ausbruch
kommen.
Einliegend erhältst Du die heitern Briefe des Ritters von
Willich.
In dem Heinzenschen Saublattsteht eine angebliche Korre- 20
spondenz aus Paris, hier in London fabriziert, worin, wie §ich
von selbst versteht, erstens wir beide angegriffen werden, dann
Rudolf Schramm, der Deputierte, „weil er ohne Anstand das
Geld seiner Frau verzehrt“, und die „Halbmenschen Tausenau,
Julius und Bucher“; schließlich und sehr bitter der große Kin - 23
k el. Heinzen verzeiht ihm die Konkurrenz im Bettel nie und nim¬
mermehr. Gelobt wird nur der große Ruge und Struve. Ruge läßt
in diesem Brief aus Paris schreiben, daß er von Brighton nach
London eine eintägige Ausflucht gemacht hat. Dieser Klatschartikel
ist dadurch entstanden, daß Heinzen Klatsch aus einem Privatbrief 30
von Ruge und einem Privatbrief von Bamberger, also ganz ent¬
gegenstehende Anschuldigungen, zusammengeworfen und ediert
hat.
Bei dem großen Bankett, wo Ruge als der „Unendliche Dumme“
auf trat — Wolff und Liebknecht waren Ohrenzeugen —, fand sich 33
kein Berliner oder Frankfurter Deputierter ein. Sie wollen keine
Hegemonie Ruge-Struve. Die Clique R. Schramm, Graf Reichen¬
bach (der Frankfurter, nicht der Bart der Partei, und Oppenheim,
Bucher), endlich Julius auf eigne Faust, intrigieren alle wieder
gegen die Dummheitsgötter. Natürlich auch aus erhabnen Grün- 40
*) „Deutsche Schnellpost“, New-York
(77) 1851 März 17
171
den. Je vous dis, de la merde, la merde tout pure, toute cette
canaille-là.
Kinkel, der die Infamien gegen uns drucken läßt, sprach in
seiner rotsaffianledernen Weise auf dem Bankett ein Wort der weh-
.5 mütigen Versöhnung „von dem einfachen Verfassungskämpfer an
bis zum roten Republikaner44.
Alle die Esel, während sie für Republik, und Kinkel sogar ge¬
legentlich für rote Republik, ächzten, krochen der englischen Kon¬
stitution servilstens in den Arsch, ein Widerspruch, worauf sie so-
io gar das unschuldige Morning Chronicle als Mangel an Logik auf¬
merksam zu machen geruhte.
Von Landolphe nichts weiter. Er trägt das Bewußtsein des ent¬
hüllten Grec gelassen als „homme d’honneur44 mit sich herum.
Die Blanqui-Komödie war noch nicht beendet. Der ancien capi-
15 taine Vidil schickte eine Erklärung in die Patrie, worin er erzählt,
sein Ehrgefühl und Wahrheitsinstinkt dringe ihm die Erklärung
ab, daß L. Blanc, alle andren und er selbst gelogen habe in der
ursprünglichen Erklärung. Das Komitee habe aus dreizehn, nicht
aus sechs Personen bestanden. Ihnen allen sei der Toast Blanqui
2o vorgelegt, von ihnen allen sei er diskutiert worden. Er habe sich
unter den sechs befunden. Der noble Barthélemy, der diesen
Brief nicht gelesen, schickt einige Tage später ebenfalls eine Er¬
klärung an die Patrie, e r habe den Toast erhalten, den andren
nicht mitgeteilt, konstituiert sich so als dreifachen Lügner. Die
25 Patrie, indem sie diesen Brief mitteilt und am Schluß erklärt, sie
werde nichts mehr von diesen Eseln nehmen, macht folgende Vor¬
bemerkung:
„Nous noussommes demandés souvent — et la question est
difficile à résoudre — qui l’emportait chez les démagogues, de la
30 vantardise ou de la stupidité? Une quatrième lettre de Londres
augmente encore notre perplexité à cet égard. Ils sont là nous ne
savons combien de pauvres diables, tourmentés à tel point de la
rage d’écrire et de voir leurs noms cités dans les journaux réac¬
tionnaires, qu’ils ne reculent pas même devant la perspective
35 d’une confusion et d’une dépréciation sans borne. Peu leur im¬
porte la risée et l’indignation publiques: le Journal des Débats,
l’Assemblée nationale et la Patrie, inséreront leur prose; pour
obtenir ce bonheur, rien ne coûte à la Démocratie cosmopolite etc.
Nous accueillons donc au nom de la commisération litté-
40 raire, la lettre suivante du citoyen Barthélemy2) . . . C’est une
nouvelle, et nous l’espérons bien, une dernière preuve à l’appui
du trop célèbre toast Blanqui, qu’ils ont tous nié d’abord, et pour
l’affirmation duquel ils se prennent maintenant aux cheveux.44
O Davor gestrichen avons publié, dans notre Numéro du 6 mars
2) Korr. aus Blanqui
172
(77) 1851 März 17
Ist das nicht superb?
Ich habe Deine Post Office Ordre erhalten. Wenn Du solche
Zinsen in Deinem commerce zahlst, müssen entweder Deine Pro¬
fite oder Deine Verluste enorm sein.
Vergiß nicht an Dronke zu schreiben. Galeer ist tot. Also ein- s
gelegt an Th. Schuster in Frankfurt.
Dein K. Marx.
78. Engels an Marx; 1851 März 19.
Lieber Marx,
Die Geschichte mit dem Toast Blanqui entwickelt sich wirklich 10
über die Maßen schön. Die Erklärung Vidil ist gegenüber Louis
Blanc unbezahlbar — der Kerl vor Frankreich und England als
gemeiner Lügner hingestellt. Der Barthélemy hat sich wunderbar
hineingeritten. — Eine Stelle Deines Briefs versteh’ ich nicht:
Vidil erklärt: „Das Komitee habe aus dreizehn, nicht aus sechs #
Personen bestanden ... Er habe sich unter den sechs befunden.“
Wer sind die sechs? Die Unterzeichner der ersten Erklärung
oder etwa die Fraktion, die für Vorbringung des Toast Blanqui
stimmte?
Der Klatsch unter den Deutschen ist auch angenehm. Ich sah 20
den Report des Banketts in der Daily News — da das Ding respek¬
tabel war, so hat sich diesmal ja auch Herr Mazzini nicht geniert
hinzugehn. „Der General Haug in the chair !“ Dieser Kerl ver¬
spricht eine Karikatur des Général Dubourg von 1830 zu werden.
Nach der Annonce in der Times zu urteilen, ist Göhringers Golden 25
Star Tavem jetzt sehr respectable. Da ich doch den Klatsch all zu¬
sammen haben muß, so wär es nicht übel, einmal eine Patrouille
dort rekognoszieren zu lassen — il s’en trouvera bien un qui
voudra mettre son nez dans cette merde-là, même au risque
d’être mis à la porte. 3g
Last — but not least — haben die Willichiana sehr zur Er¬
heiterung meines heutigen Frühstücks beigetragen. Dieser Schafs¬
kopf! Wie der den Sehr [amm] sehen Brief als Antwort auf seinen
ersten ansehn konnte, ist mir wirklich kaum begreiflich. Aber
die Chance der Militärdiktatur in der Rheinprovinz, ohne Presse, &
die ihn schikanieren könnte, sapristi, das mußte diesem vernagel¬
ten Rindvieh den Kopf natürlich verdrehen. Reiner capitaine
d’armes und Feldwebel! Die soziale Revolution vermittelst der
Pauperverpflegung der Familien der Landwehr; die Statistik redu¬
ziert auf ein Register der „Vorräte, Viehe, Transportmittel und 40
Mannschaften“! Dieser Revolutionsplan schlägt den früheren, mit
5000 Mann Deutschland zu erobern, gänzlich platt. Wenn der
(78) 1851 März 19
173
Landwehr das nicht einleuchtet, so müßte man ja an der Mensch¬
heit verzweifeln. „Ich würde einige Männer mitbringen, andre
berufen66 — weißt Du, was der Kerl vorhatte? „Der Bürger
Karl Marx ist berufen, binnen 48 Stunden in Köln sich zu stellen
5 und die Leitung des Finanzwesens und der gesellschaftlichen Re¬
formen unter Aufsicht und Kontrolle des Bürgers Gebert zu über¬
nehmen. Ungehorsam gegen diesen Befehl und jede Widersetz¬
lichkeit oder Räsonnieren, sowie unziemliche Witze werden mit
dem Tode bestraft. Der Bürger Marx wird zur Bewachung einen
io Unteroffizier und sechs Mann erhalten.66 — Und wie spricht der
Kerl von Schapper! „Nous ne voulons plus de jouisseurs!66 Also
selbst der spartanische pot half and half und das widerstandslose
Trückelschen des dicken Schweins gelten dem gratis saufenden
und sich selbst genügenden Feldwebel schon für Sybaritismus.
15 Freilich, wer weiß, ob das dicke Schwein bei einer etwaigen Be¬
lagerung Kölns nicht gemacht haben würde wie der edle Palafox
in Saragossa, der während der ganzen zweiten (der eigentlichen)
Belagerung von Zaragoza nicht zum Vorschein kam, weil er mit
drei bis vier liederlichen Kerls und einer Masse Huren in einem
20 bombenfesten Klosterkeller unter den Weinfässern herumwirt-
schaftete und sich erst sehen ließ, als er die Kapitulation ab¬
schließen sollte.
Aber worauf antwortet Willich in dem dritten, jubelnden, sieges¬
gewissen, nur am Geld hapcrnden Brief? Hat ihm Schrtamm]
25 einen zweiten geschickt oder hatte Becker auf W[illich]s zweiten
Brief geantwortet? Explique moi cela, und sage, ob Du die Sachen
jetzt zurück haben mußt; ich behielte sie gern einstweilen noch
hier, um gelegentlich die nötigen Notizen zu machen.
Die Eisenbahnspekulation wird wieder brillant — seit dem
& 1. Januar die Aktien meist 40% gestiegen, und die schlechtsten
am meisten. Ça promet!
Dein F. Engels.
Mittwoch, 19. März 1851.
79. Wilhelm Pieper und Marx an Engels; 1851
März 22. [Von pieper]
London, 22. März 1851.
Cher ami,
Voici le dernier des manifestes, qui aient paru:
An die Deutschen!
Bürger und Freunde im Vaterlande! Wir, die Unterzeichneten,
bilden gegenwärtig und bis Ihr ein weiteres beschließt, den Aus¬
schuß für die deutschen Angelegenheiten.
Z. 12 (widerstandslose) —22. 37—42 —
174
(79) 1851 März 22
Das Zentral-Komitee der Europäischen Demokratie hat uns Ar¬
nold Ruge, die Badische Revolution Gustav Struve, die Wiener
Revolution Emst Haug, die religiöse Bewegung Johannes Ronge,
das Gefängnis hat uns Gottfried Kinkel gesendet; wir haben die
sozialdemokratischen Arbeiter ersucht, einen Vertreter in unsre «5
Mitte zu senden.
Deutsche Brüder! Die Ereignisse haben Euch der Freiheit be¬
raubt und uns, weil wir sie verteidigt, aus dem Vaterlande ver¬
trieben. Unsre Gegner sind zum Bruch aller Gesetze und Ver¬
träge, zur zügellosen Willkür und zur nackten Gewalt gelangt; der io
edle Aufschwung von 1848 wird offen verhöhnt und beschimpft,
das Volk ist wieder eine willenlose Masse, Deutschland ist wieder
das alte Chaos und der Wille des fremden Barbaren beherrscht es.
Wir müssen die Demokratie und ihre Gesetze, das Vaterland und
die Freiheit wieder erobern.
Wir wissen, daß Ihr nicht fähig seid, Eure Freiheit für immer
verloren zu geben, und wir selbst haben nichts unter¬
lassen, um ihre Wiedereroberung zu beschleu¬
nigen. Die öffentliche Meinung des Kontinents ist gegen die
Knute, von der sie unterdrückt wird, und wir, die Verbannten, 20
deren Stimme und deren Handlungen frei sind, wir haben es für
unsre Pflichten gehalten, Euren Gefühlen unsre Worte zu leihen
und im Namen des Volkes und des Gesetzes zu handeln.
Als wir das Europäische Zentral-Komitee bilden halfen und der
Mazzinischen Anleihe unsre Unterstützung und unsre Garantie 25
gewährten, als wir die Sache aller unterdrückten Nationen des
Kontinents für eine und dieselbe erklärten, als wir mit den pol¬
nischen, ungarischen, italienischen und französischen Demokraten
die heilige Allianz der Völker gegen die unheilige Ver¬
schwörung ihrer Unterdrücker einleiteten, taten wir nur —30
wir wissen es — was ihr von ganzer Seele getan zu sehn
wünschtet.
Unterdessen hat unsre gemeinsame Lage bedeutende Verände¬
rungen erfahren. Der große Prozeß der Freiheit gegen die
Tyrannen ist vor dem Weltgerichte der Menschheit anhängig. Jeder 35
Tag, jede Stunde stellt die Schuldigen in ein brennenderes Licht.
Die Entscheidung steht nahe bevor.
Ihr wißt, zu welcher Erniedrigung, zu welcher Ehrlosigkeit, zu
welcher Verzweiflung Eure eignen Zustände gediehen sind. Der
Russe kommandiert Euch, der Östreicher saugt Euch aus, der
Preuße hat sich und Euch verraten und verkauft. Es gibt in
Deutschland kein Recht des Volkes, keine Sicherheit des Freien,
keine Ehre der Nation, und das Elend bricht herein, wo der Fuß
des Barbaren seine Spuren hinterläßt. Die Zustände Ostreichs,
Badens, Hessens und Schleswig-Holsteins — Brand, Mord, Ver- 43
(79) 1851 März 22
175
wiistung, Hunger und Bankrott — werden in kurzem eine allge¬
meine deutsche Errungenschaft sein.
Von Euch seht nach Frankreich — der Ingrimm durchglüht sein
Inneres — es ist einiger als je sich zu befreien — seht nach
5 Ungarn — selbst die Kroaten sind bekehrt — und glaubt uns —
denn wir wissen es — Polen ist unsterblich.
So bricht unaufhaltsam die allgemeine Europäische Empörung
gegen den unmöglichen Zustand der nackten Gewalt herein. Die
Gewalt gegen die Gewalt — das ist die Justiz — sie bereitet
io sich vor.
Und wir wollen nichts unterlassen, um ein wirksameres Provi¬
sorium, als das Vorparlament, und eine mächtigere Volksgewalt,
als die Nationalversammlung herbeizu führen. Wir, die De¬
mokraten, werden das ins Werk richten, dessen bloße Vorstellung
15 die Liberalen schon erzittern machte — das Gericht und das Re¬
giment des souveränen Volks.
Unsre Entwürfe über die Finanzen und die Presse werden wir
Euch besonders vorlegen. Sie haben ein mehr geschäftliches Inter¬
esse. Nur so viel für die Öffentlichkeit, daß jeder Ankauf der ita-
20 lienischen Anleihe unmittelbar unsrem Ausschüsse und unsrer
deutschen Sache zugutekommt und daß Ihr für den Augenblick
vorzüglich durch den reichlichen Zufluß der Geldmittel praktisch
wirken könnt. Das Geld werden wir dann in öffentliche
Meinung und in öffentliche Gewalt zu übersetzen wis-
25 sen. Erinnert Euch der Engländer: sie sagten „Erst zeichnet
100 000 Pfund, dann nehmen wir Euch die Komzölle ab!66 Und
beides geschah. Wir sagen zu den unterdrückten Völkern: „Zeich¬
net zehn Millionen Franken und wir befreien den Kontinent!“
Deutsche, erinnert Euch daran, daß Ihr nicht hinter den an-
3o dern Völkern Zurückbleiben dürft. Leiht Euren Gedanken, Eure
Börse und Euren Arm! Wir erwarten, daß sich Euer Eifer mit
Eurer Unterdrückung steigert und daß der Ausschuß für die
Stunde der Entscheidung durch Eure gegenwärtige Mitwirkung
hinlänglich gestärkt wird.
35 Alle Demokraten in Deutschland sind mit der Bekanntmachung
unsres Aufrufs beauftragt.
Der Ausschuß für die deutschen Angelegenheiten in London.
Arnold Ruge. Gustav Struve. Emst Haug.
Johannes Ronge. Gottfried Kinkel.
io London, den 13. März 1851.
Ich verschone Dich mit allen Bemerkungen über das „Doku¬
ment“ und überlasse es Deinem Geschmack, Dir selbst diejenigen
Stellen aufzusuchen, die einer gewissen appetitmachenden Lach¬
z. - 1-43 -
176
(79) 1851 März 22
lust beim Frühstück am gelegensten zu Hülfe kommen. Glaube
nur beileibe nicht, daß das Dokument etwa von uns gemacht
sei (so gut hätten wir es beim besten Willen nicht fertig gebracht)
so à la façon des dodges, der mit Willich gemacht ist. Von diesem
muß ich Dir beiläufig das ergötzliche Ende mitteilen. Gestern 5
schickten die Kölner den Blanquischen Toast, den sie elender
Weise aus Marx’ wieder in Bürgers’ Deutsch übersetzt haben.
Wir nahmen also ein Exemplar und schickten es dem Feldwebel0
zu mit folgendem Begleitschreiben:
Bürger! io
Kommt durch denselben Kaufmann!
Fatales Ereignis!
Unmöglich eher zu schreiben!
Zu allem bereit! des Erfolgs gewiß! Wird nichts Vereinzeltes
bleiben! Vorsicht! is
Vorsicht! Vorsicht!
Handschlag und Brudergruß!
Ich umarme Sie!
Der Ihre!
Nachschrift. 20
Aus der Schweiz erhalten!
Infame Intrige!
Wird nichts Vereinzeltes bleiben!
Apropos! Auf die sechs Mann mit Unteroffizier spekulieren die
Herrn Ruge und Kinkel nicht minder. Glaubt Ihr Eure öko- 20
nomischen Studien seien Euch geschenkt? (Wolfsschlucht nie
Freischütz). Und wenn Ihr sie nicht auf den Altar des Vaterlands
legen wollt, so seid Ihr Verräter — und dann Freikugeln für
Euch! Remarquez bien encore, daß:
Willich die Hypotheken etc. später regulieren wird und m
daß Ruge seine Entwürfe für die Finanzen später vorzulegen
gedenkt.
Beide lassen die Frage offen für Euch und dann: Unteroffizier
mit sechs Mann, vorwärts Marsch.
Gutenacht mon cher!
Dein W. P.
[Von Marx]
Lieber Engels,
Ich habe Dir durch Pieper oben das famose Aktenstück ab¬
schreiben lassen. Unter dem Vorwand, die Mazzinische Anleihe «
M Willich
Z. - 1-36.
(79) 1851 März 22
177
garantiert zu haben, verlangt Ruge Geld, um es in „öffentliche
Meinung66 umzusetzen. Unter den „Preußen66 hier, Bucher, Els¬
ner, Zimmermann usw., herrscht große Entrüstung über dies
„starke Provisorium66.
s Was die „sechs66 angeht, die Dir solchen trouble machten, so
waren diese sechs Landolphe und Blanc, Willich und Schapper,
Barthelemy und Vidil, kurz die sechs Matadore; Ungarn, Polen
usw. nicht zugezogner Mob figurierten nicht.
In dem dritten Brief antwortet Willich auf nichts als seinen
io eignen Gedankensprecher. N’a reçu ni lettre ni rien de la part
des Becker et des Schramm. Heute wird der Bursche einen ange¬
nehmen Tag haben. Vor zwei Wochen zirka traf ihn Wolff um
zwei Uhr nachts in einem Hurenkaffeehaus und schrie laut: Ah!
der tugendhafte Willich hier! worauf sich der tugendhafte fort-
15 pißte.
Der eigentliche contriver des deutschen Centraldodge ist der
unermüdliche, lederartige Hühneraugenoperateur und
Grasfresser Struve. Der Kerl treibt nur sein altes Handwerk, mit
Kranioskopie, Moral und dergleichen Allotriis die Aufmerksam-
20 keit auf sich zu lenken. Marktschreier, noch dazu mit einer heisern
Kehlkopfstimme. Der Esel hat während der letzten 25 Jahre ein
„demokratisches Staatslexikon66 geschrieben und eine „demokra¬
tische Weltgeschichte66, beides nichts als das eine der ins Struve-
sche übersetzte Welcker-Rotteck, das andere der demokratisch
25 paraphrasierte Rotteck. Und Ruge ist so tief gesunken, daß er
am Druck dieses Blödsinns in Deutschland nur durch eine mit¬
leidige Polizei aufgehalten worden ist.
Der dumme Kinkel hat es los, den Philistern die Illusionen
zu vertreiben. Kein bessres Mittel zur Entpuppung dieses Esels,
3o als sein Geraten in die Hände solcher alterfahrnen Har¬
lekins als Struve und Ruge. Jedenfalls läßt er die Löwenhaut
in dieser
Jones war vor ein paar Tagen bei mir und gratuliert sich na-
35 mentlich nach den neusten Enthüllungen, daß ich ihn vor der Teil¬
nahme an dem Bankett gerettet habe.
80. Marx an Engels; 1851 März 31.
31. März 1851.
28, Deanstreet, Soho.
4o Lieber Engels,
Während Du Kriegsgeschichte treibst, führe ich einen kleinen
Krieg, in dem ich by and by zu unterliegen drohe, und woraus
12
Kompagnie.
K. Marx.
Dein
Z. 11-15. 28-32.
178
(80) 1851 März 31
weder Napoleon noch selbst Willich — der kommunistische Crom¬
well — einen Ausweg gefunden haben würden.
Du weißt, daß ich am 23. März 31 £ 10 sh. an den alten Bam¬
berger und am 16. 10^ an den Juden Stiebel zu zahlen hatte, alles
auf kursierende Wechsel. Ich hatte erst bei meiner Schwieger- 5
mutter durch Jenny direkt anfragen lassen. Die Antwort darauf
war, daß Herr Edgar mit dem Rest von Jennys Geld wieder
nach Mexiko expediert worden ist und ich keinen Centime
herauspressen konnte.
Dann schrieb ich an meine Mutter, drohte ihr, Wechsel auf io
sie zu ziehn und im Nichtzahlungsfall nach Preußen zu gehn und
mich einsperren zu lassen. Letzteres hatte ich wirklich vor für
den eventuellen Fall, aber diese Resource hörte natürlich von
dem Augenblick an auf, wo die Esel in den Zeitungen über den
Abfall der Arbeiter von mir, den Verfall meiner Popularität i*
und dergleichen zu heulen begannen. Die Sache hätte sonst wie
ein politischer Theatercoup ausgesehn, als eine mehr oder min¬
der überlegte Nachahmung von Jesus-Christus-Kinkel. Ich hatte
meiner Alten den 20. März als Termin bekanntgemacht.
Am 10. März schrieb sie mir, sie wollen den Verwandten 20
schreiben; am 18. März schreibt sie, die Verwandten hätten
nicht geschrieben, was heißen sollte: die Sache sei abgemacht.
Ich antwortete ihr sofort: es bleibe bei meinem ersten Briefe.
Dem Stiebel zahlte ich am 16. März seine 10 £ durch Hilfe
von Pieper. Am 23. März, nachdem ich eine Anzahl fruchtlosere
Schritte getan, mußte natürlich der Wechsel für den alten Bam¬
berger protestiert werden. Ich hatte eine scheußliche Szene mit
dem Alten, der außerdem bei dem würdigen Seiler scheußlich
über mich geschimpft hat. Der Esel hatte durch seinen banker in
Trier über mich bei dem Bankier Lautz Auskunft verlangt. Dieser w
Kerl, der Bfankier] meiner Alten und mein persönlicher Feind,
schrieb natürlich die größten Sottisen über mich hierhin und fa¬
natisierte noch dazu meine Alte gegen mich.
Dem alten Bamberger gegenüber blieb mir nichts übrig, als
ihm zwei Wechsel auszustellen, einen auf ihn für London, vier &
Wochen nach dem 24. März, den andern auf drei Wochen nach
Trier auf meine Alte, um den ersten zu decken. Ich machte der
Alten sofort Anzeige. Heute erhalte ich gleichzeitig mit Deinem
Brief einen von meiner Alten, worin sie mir höchst imperti¬
nent und dabei voller moralischer Entrüstung gegenübertritt 10
und positivement erklärt, daß sie jeden von mir auf sie gezognen
Wechsel protestiert.
So habe ich also für den 21. April das Äußerste von dem
wütend gewordenen alten Simon Bamberger zu gewärtigen.
Gleichzeitig ist meine Frau niedergekommen am 28. März. Die tu
Z. 10-23. 25-33. 37- 42.
Tafel III
Marx an Engels, 2. April 1851
(s. S. 179)
(80) 1851 März 31
179
Entbindung war leicht, dagegen liegt sie jetzt sehr krank da, mehr
aus bürgerlichen als physischen Gründen. Dabei habe ich verba¬
lement keinen farthing im Haus, um so mehr Rechnungen dagegen
von dem kleinen commerce, Metzger, Bäcker and so forth.
5 Aus Schottland das Testament werde ich in sieben bis acht
Tagen in Kopie hierhaben. Wenn irgend etwas damit zu machen
ist, wird der kleine Bamberger es tun, im eignen Interesse. Ver¬
lassen kann ich mich nicht darauf.
Du wirst zugeben, daß diese Gesamtscheiße passablement an-
io genehm ist und daß ich bis an die Wirbelspitze meines Schädels
im kleinbürgerlichen Dreck stecke. Und dabei hat man noch die
Arbeiter exploitiert! und strebt nach der Diktatur! Quelle horreur.
Mais ce n’est pas tout. Der Fabrikant, der mir in Brüssel Geld
lieh von Trier aus, tritt mich und verlangt es zurück, weil seine
25 Eisenhütte schlecht gehe. Tant pis pour lui. Dem kann ich nicht
gerecht werden.
Aber endlich, um der Sache eine tragikomische Spitze zu geben,
kommt noch ein mystère hinzu, das ich Dir jetzt en très peu de
mots enthüllen werde. Doch eben werde ich gestört und muß zu
20 meiner Frau zur Krankenleistung. Also das andre, worin Du
auch eine Rolle spielst, das nächste Mal.
Dein K. M.
Apropos! Wie berechnen Kaufleute, fabricants usw. den
Teil ihres Einkommens, den sie selbst verzehren? Wird dies
25 Geld auch vom banker geholt oder wie wird es damit gehalten?
Darüber erbitte ich Antwort.
81. Marx an Engels; 1851 April 2.
2. März0 1851.
Lieber Engels,
3o Du erhältst einliegend die Adresse des Briefes, den ich heute
von Dir empfangen habe, zurück. Sollte Pitt Ermen Deinen Brief
erbrochen haben? Du mußt diese Sache éclaircir.
Dein Postordreoffice kam mir sehr gelegen. Und diesmal hat
die Geschwindigkeit das Kapital verzehnfacht, wie die Eisenbahn-
35 revenuen du Signore Proudhon.
Du kannst Dir denken, daß ich nicht müßig bin. Und mit den
avances, die Du machst, hoffe ich das Fehlende aus verschiednen
Weltgegenden zusammenzubringen.
Über das mystère schreibe ich Dir nicht, da ich, coûte que
40 coûte, Ende April jedenfalls zu Dir komme. Ich muß auf acht
Tage hier heraus.
1) Irrtümlich für April.
12*
Z. 5-8.
180
(81) 1851 April 2
Das schlimmste ist, daß ich jetzt plötzlich in meinen Bibliothek¬
studien gehemmt bin. Ich bin so weit, daß ich in fünf Wochen mit
der ganzen ökonomischen Scheiße fertig bin. Et cela fait, werde
ich zu Haus die Ökonomie ausarbeiten und im Museum mich auf
eine andre Wissenschaft werfen. Ça commence à m’ennuyer. Au $
fond hat diese Wissenschaft seit A. Smith und D. Ricardo keine
Fortschritte mehr gemacht, so viel auch in einzelnen Untersuchun¬
gen, oft supradelikaten, geschehn ist.
Antworte mir auf die Frage, die ich Dir in meinem letzten
Brief gestellt. io
Da Du jetzt Kriegswissenschaft treibst, könntest Du nicht die
ungarischen Feldzüge, mit Hilfe der Neuen Rheinischen Zeitung,
des blue book von Palmerston etc. die Sache von neuem be¬
arbeiten? Ça serait très utile. In kürzerer oder längerer Zeit
werde ich zwei Bände zu 60 Bogen herausgeben, und da wäre das 75
famos am Platz. Wenn Du einzelnes wissen willst über Intrigen,
Schlachten, Persönlichkeit, so brauchst Du mir bloß die Briefe
zu schicken — offen — mit der Adresse: An Frau Baronin
von Beck. Ich habe mit ihr angebunden. Sie war Kossuths Spionin.
Und ist eine wahre Chronik für den ungarischen Dreck. Il faut 20
l’exploiter. Sie ist zu dumm, um die Wahrheit verbergen zu kön¬
nen. Ich habe Experimente in dieser Beziehung gemacht.
Meine Frau ist leider von einem Mädchen und nicht von einem
garçon entbunden. Was noch schlimmer ist, sie ist selii an¬
gegriffen. 25
Einliegend ein Brief von Daniels, dem ich ausführlich über
seine Physiologie geschrieben. Was halbvemünftig in seinem
Brief, ist das Echo des meinigen. Jedenfalls schick mir den Wisch
zurück und schreib mir, was Du davon meinst.
Dein K. M. 30
Du verpflichtest mich übrigens, wenn Du dans les circonstances
actuelles so oft wie möglich schreibst. Du weißt, daß mein Um¬
gang hier plus ou moins auf dumme Jungen beschränkt ist.
82. Engelsan Marx; [1851] April 3.
Lieber Marx, 35
Die Geschichte mit meinem geöffneten Brief ist sehr sonder¬
bar. Auf dem Comptoir kann er nur von unserm Kommis ge¬
öffnet worden sein, und dem trau ich die Courage dazu nicht zu;
außerdem könnte er es nur während der Abwesenheit des alten
Hill getan haben, und ich glaube nicht, daß der einen Moment ^0
das Comptoir verließ. Von den Ermens war keiner in der Stadt.
Z. 16-25. 27-28. 31-33.
(82) 1851 April 3
181
Die Sache ist natürlich nicht zu ergründen, da eine bedeutende
Chance vorhanden ist — vu die Interpellationen im Parlament
wegen der Flüchtlinge —, daß es auf der Post selbst geschehn.
Daß ich dem Kommis, der mehr in Ermen Brothers’ als in
5 E[rmen] and Etngels’] Diensten steht, in der letzten Zeit etwas
verdächtig geworden bin, fiel mir schon früher auf ; aber von da
bis zum Brief erb rechen il y a loin encore. Jedenfalls werd’ ich
dem Ding in Zukunft vorzubeugen wissen. Wenn der Narr den
Brief auch gelesen hätte, so läge daran nicht einmal viel; denn
io wollte der Kerl jemals, z. B. wenn mein Alter herkäme, von der
information Gebrauch machen, so wäre er so kompromittiert, daß
er sofort geschaßt würde. Indes, wie gesagt, ich trau ihm die
Courage nicht zu.
Was die Frage angeht, die Du in Deinem vorletzten Brief
15 stellst, so ist sie nicht ganz klar. Indes wird, denk ich, folgendes
genügen.
Der Kaufmann als Firma, als Profitmacher, und derselbe Kauf¬
mann als Konsument sind im Commerce zwei ganz verschiedne
Personen, die sich feindlich gegenüberstehn. Der Kaufmann als
2o Firma heißt Kapitalkonto, respektive Gewinn- und Verlustkonto.
Der Kaufmann als Fresser, Säufer, Wohner und Kindermacher
heißt Haushaltungsunkostenkonto. Kapitalkonto debitiert also
dem Haushaltungsunkostenkonto jeden Centime, der aus der kom¬
merziellen in die Privattasche wandert, und da Haushaltungsun-
25 kostenkonto nur ein Debet, aber kein Kredit hat, also einer der
schlechtesten Schuldner der Firma ist, so ist am Ende des Jahrs
die ganze Debetsumme von Haushaltungsunkostenkonto purer
Verlust und wird vom Profit abgeschrieben. Bei der Bilanz und
der Berechnung des Profits-Prozent wird indes gewöhnlich die
3o Summe, die für die Haushaltung verbraucht wird, als noch vor¬
handen, als Teil des Profits angesehn; z. B. bei 100000 Taler
Kapital sind 10000 Taler verdient, aber 5000 verjubelt worden,
so rechnet man, 10% Profit gemacht zu haben, und nachdem alles
richtig gebucht worden, figuriert Kapitalkonto im nächsten Jahr
35 mit einem Debet von 105 000 Taler. Die Prozedur selbst ist etwas
verwickelter, als ich sie hier darstelle, indem Kapitalkonto und
Haushaltungsunkostenkonto selten oder nur beim Jahresabschluß
in Berührung kommen, und Haushaltungsunkostenkonto gewöhn¬
lich als Debitor von Kassakonto figuriert, das den Makler macht;
io aber es kommt schließlich auf dies hinaus.
Bei mehreren Associés ist die Sache sehr einfach. Z. B. A hat
50000 Taler im Geschäft und B ebenfalls 50000; sie machen
10000 Taler Profit und verbrauchen jeder 2500 Taler. Die Kon¬
tos stellen sich am Ende des Jahrs — bei einfacher Buchhaltung,
45 ohne die imaginären Kontos:
182
(82) 1851 April 3
A Kredit bei A & B — Kapitaleinschuß .... 50000 Taler
A „ „ „ —Profitanteil 5000 „
55000 Taler
Debet bei A & B — für Bar 2500 „
A Kredit fürs nächste Jahr 52 500 Taler 6
Ebenso B. Dabei rechnet das Geschäft aber immer, 10% Profit
gemacht zu haben. In einem Wort: die Kaufleute bei der Berech¬
nung der Profitprozente ignorieren die Existenzkosten der Asso¬
ciés, dagegen bei Berechnung der Kapitalvermehrung durch den
Profit bringen sie sie in Anschlag. io
Über die ungarische Kampagne — oder noch besser, wenn’s
ginge, über sämtliche Kampagnen von 1848/50 zu schreiben, wär’
mir schon recht, wenn nur die Quellen alle beizuschaffen wären.
Die Neue Rheinische Zeitung könnte mir zu nichts dienen als zur
Vergleichung der östreichischen Bulletins, und wie lückenhaft u
die sind, weißt Du. Ich müßte wenigstens zehn bis zwölf Werke
über diese Kampagne allein haben, und selbst dann fehlte mir
noch die Hauptsache: der Kossuthsche Közlöny (Moniteur). Bei
nichts blamiert man sich so leicht wie bei der Kriegsgeschichte,
wenn man räsonnieren will, ohne die sämtlichen Data über Stärke, st
Verproviantierung und Munitionierung usw. zu haben. Alles das
geht für eine Zeitung, wo alle Blätter gleich schlecht unterrichtet
sind und wo es darauf ankommt, aus den paar Daten, die man
hat, die richtigen Schlüsse zu ziehn. Aber um post festum sagen
zu können in allen entscheidenden Fällen: hier hätte so und so 25
gehandelt werden müssen, und hier wurde richtig gehandelt, ob¬
wohl der Erfolg dagegen zu sprechen scheint, dazu sind, glaub’
ich, die Materialien für den ungarischen Krieg noch nicht genug
vor dem Publikum. Z. B. wer schafft mir die Etats der östreichi¬
schen und ungarischen Armeen und der verschiedenen Korps am 30
Vorabend jeder Schlacht und jeder wichtigen Bewegung? Kossuths
und Görgeys Memoiren müßten erst heraus sein, und die von
Dembinski vorgelegten Schlacht- und Kampagnenpläne in authen¬
tischer Gestalt vorliegen. Indes selbst mit dem existierenden Ma¬
terial ließe sich schon manches aufklären und vielleicht ein ganz 30
interessanter Artikel machen. So viel ist jetzt schon klar: die
ungarische Insurrektion, wie die polnische von 1830, wie das rus¬
sische Reich 1812, ist Anfang 1849 nur gerettet worden durch
den Winter. Ungarn, Polen und Rußland sind die einzigen Länder
Europas, wo eine Invasion im Winter unmöglich ist. Es ist aber
schon immer fatal, wenn eine Insurrektion nur durch den Dreck
gerettet wird, der sie in unergründlicher Tiefe umgibt. Wäre die
Geschichte zwischen Ostreich und Ungarn im Mai statt im Dezem¬
ber zum Eklat gekommen, so wäre nie eine ungarische Armee
(82) 1851 April 3
183
organisiert worden und der ganze Quark endigte wie Baden, ni
plus ni moins. Je mehr ich Krieg ochse, desto stärker wird meine
Verachtung gegen den Heldenmut — eine abgeschmackte Phrase
dieser Heldenmut, die ein ordentlicher Soldat nie in den Mund
a nimmt. Napoleon, wo er keine Proklamationen und Tiraden macht,
sondern coolly spricht, spricht nie von glorieux, courage indomp¬
table usw., sondern sagt höchstens: il s’est bien battu.
Wenn übrigens im nächsten Jahr eine Revolution in Frank¬
reich ausbricht, so ist gar kein Zweifel, daß die heilige Allianz
io w e n i g s t e n s bis vor Paris kommt. Und bei den merkwürdigen
Kenntnissen und der raren Energie unsrer französischen Revolu¬
tionäre ist noch sehr die Frage, ob die Forts und die Enceinte von
Paris auch nur bewaffnet und approviantiert sind. Sind aber zwei
Forts genommen, z. B. St. Denis und das nächste nach Osten zu,
is so ist Paris und die Revolution jusqu’à nouvel ordre im Arsch.
Ich werde Dir das nächstens einmal genau militärisch ausein¬
andersetzen und zugleich die einzige Maßregel, die dagegen ge¬
troffen .werden kann, um wenigstens die Invasion zu schwächen:
die Okkupation der belgischen Festungen durch die Franzosen
2o und der rheinischen durch einen sehr zweifelhaften insurrektio¬
neilen coup de main.
Folgender Spaß zur Charakteristik des preußischen Kama-
schenrittertums und zur Erklärung der späteren Niederlage bei
Jena usw. wird Dich erfreuen: die scheinbar kühnen, au fond aber
25 überaus sichern Coups Napoleons in der Kampagne von Marengo
brachten den preußischen General Bülow, aus der Schule des
alten Fritz, Vater oder Onkel des späteren Bülow von 1813,
zu folgender Einsicht: 1. ein Kriegssystem basiert auf das Absurde
aufzustellen, damit man den Gegner stets durch neue Verrückt-
30 heiten „in Verlegenheit setze“, und 2. anstatt des Bajonetts der
Infanterie — Lanzen zu geben wie im Dreißigjährigen Krieg! Um
Napoleon zu schlagen, das Pulver abzuschaffen, qu’en dis-tu?
Daß Du trotz alledem Ende des Monats herkommst, freut mich
sehr. Du mußt mir aber bei der Gelegenheit das vollst [ändige]
35 Exemplar der Neuen Rheinischen Zeitung mitbringen — ich werde
daraus über sämtliche deutschen demokratischen Esel und des¬
gleichen über französische Dossiers anlegen, eine Arbeit, die jeden¬
falls geschehen muß, ehe wir wieder in irgend einen Dreck hinein¬
geschleudert werden. Es wäre gut, wenn zu diesem Zweck der
40 würdige Liebknecht, qui est assez bon pour cela, aufs Museum
ginge und dort die Abstimmungen der Berliner, Frankfurter und
Wiener Versammlungen, die gewiß dort sind (in den stenographi¬
schen Berichten), nachläse und für die gesamten Linken exzer¬
pierte.
184
(82) 1851 April 3
Du weißt, ich habe den Schluß von Daniels nicht gelesen. Daß
sich der Kerl auf die „Begriffe66 als das Vermittelnde zwischen
den Menschen etc. steift, ist erklärlich; Du wirst das einem über
Physiologie Schreibenden nicht ausreden. Er rettet sich immer
schließlich mit dem Argument, daß jede faktische Tatsache, die s
auf die Menschen einwirkt, Begriffe in ihnen provoziert, und daß
die Reaktion gegen diese Tatsache also zwar in zweiter Instanz
eine Folge der Tatsache, in erster aber eine Folge der Begriffe ist.
Gegen diese formelle Logik ist freilich nichts zu sagen, und es
kommt dabei ganz auf die Art seiner Darstellung im Manuskript io
an, die ich nicht kenne. Ich meine, es wäre am besten, ihm zu
schreiben, er wisse jetzt, welchen Mißdeutungen diese und jene
Partien ausgesetzt seien, und solle sie also so ändern, daß die
„wahre66 Ansicht deutlich hervortrete. Das ist alles, was Du tim
kannst, oder Du müßtest das Manuskript selbst umschreiben an is
den fraglichen Stellen, was doch auch nicht geht.
Laß mich wissen, wie’s Deiner Frau geht, und grüß sie herz¬
lich von mir.
Ich bin froh, daß Du mit der Ökonomie endlich fertig bist.
Das Ding zog sich wirklich zu sehr in die Länge, und solange Du 20
noch ein für wichtig gehaltnes Buch ungelesen vor Dir hast, so¬
lange kommst Du doch nicht zum Schreiben.
Wie sieht’s mit einem Verleger für Deine beabsichtigten zwei
Bände in 60 Bogen aus? Wenn das all right wäre, so könnte man
den Kerl schon dazu kriegen, daß er die nötigen Sachen für den 25
ungarischen Artikel — ich würde sie schon angeben — bei¬
schaffte, au besoin gegen spätere Verrechnung beim Honorar. Not¬
wendig wäre dann noch eine sehr gute Spezialkarte von Un¬
garn und Siebenbürgen, womöglich Schlachtpläne, die, soviel ich
weiß, in den bisherigen Werken nicht enthalten sind — und die 30
Karte allein könnte auf ca. 15—20 Taler zu stehn kommen.
Ich würde diese durch Weydemeyer aussuchen lassen. Apropos,
hast Du seine Adresse? Ich möchte ihn wegen der militärischen
ABC-Bücher überOrganisation und Taktik befragen, grade diesen
Dreck kann ich hier nicht bekommen. Sieh auch, was allenfalls 35
von der Beck für Bücher über Ungarn aufzutreiben wären oder
durch sie. Den Decker, der noch bei Dir ist, muß ich auch haben.
83. Engels an Marx; 1851 April 11. 40
Lieber Marx,
Ich dachte, ich wär’ heut endlich mit meiner großartigen stra¬
tegischen Abhandlung fertig geworden. Teils abgehalten, teils
Z. 35—37 (sie).
(83) 1851 April 11
185
zum Nachschlagen über Details genötigt, teils weil das Ding länger
wird als ich dachte, werd’ ich’s schwerlich heut abend spät fertig
bekommen. Es ist übrigens total unfit zum Druck, nur für private
information und eine Art Übung für mich.
s Über den Wellington fange ich allmählich auch an klar zu
werden. Eigensinniger, zäher, obstinater Engländer, mit dem
vollen Bonsens und dem vollen Talent der Ressourcenbenutzung
seiner Nation; langsam in seinen Überlegungen, vorsichtig, trotz
des kolossalsten Glücks nie auf einen glücklichen Zufall rech-
io nend ; er würde ein génie sein, wenn nicht der common sense
incapabel wäre, sich bis zum Genie emporzugipfeln. Alle seine
Sachen sind musterhaft, keine einzige meisterhaft. Ein Gene¬
ral wie er, ist für die englische Armee, in der jeder Soldat, jeder
Unterleutnant ein kleiner Wellington in seiner Sphäre ist, wie ge-
15 schaffen. Und er kennt seine Armee, ihre eigensinnige defensive
doggedness, die jeder Engländer vom Boxring mitbringt, und die
sie in den Stand setzt, nach achtstündiger angestrengter Defensive,
die jede andre Armee zusammenbrechen würde, noch eine impo¬
sante Attacke zu machen, in der die ermangelnde Lebhaftigkeit
w durch die Gleichförmigkeit und Stetigkeit aufgewogen wird. Die
Defensive von Waterloo, bis die Preußen kamen, hätte keine
Armee ohne einen Kem von 35 000 Engländern ausgehalten.
Übrigens hatte Wellington im spanischen Kriege mehr Einsicht
in die napoleonische Kriegskunst als die Nationen, denen Napo-
25 leon die Überlegenheit dieser Kriegskunst auf den Rücken schrieb.
Während die Östreicher rein konfus wurden, und die Preußen,
weil ihr Verstand n’y voyait que du feu, den Blödsinn und die
Genialität für identisch erklärten, wußte Wellington sich ganz
geschickt zu benehmen und sich vor den Schnitzern zu hüten,
30 die die Östreicher und Preußen machten. Er machte keine napo¬
leonischen Manöver nach, aber er machte es den Franzosen un¬
endlich schwer, ihre Manöver bei ihm zu applizieren. Er machte
keinen einzigen Fehler, wenn er nicht aus politischen Rücksichten
mußte; dafür aber hab’ ich auch noch nicht das geringste ent-
35 deckt, wo er nur einen Funken von Genie bewies. Napier selbst
weist ihm Gelegenheiten nach, wo er geniale Coups von entschei¬
dender Wirkung tun konnte und nicht daran dachte. Er hat —
soweit meine Erfahrung geht — nie eine solche Gelegenheit zu be¬
nutzen verstanden. Er ist groß in seiner Art, nämlich so groß, wie
40 man es sein kann, ohne aufzuhören, mittelmäßig zu sein. Er hat alle
Eigenschaften des Soldaten, sie sind alle gleichmäßig und merk¬
würdig harmonisch ausgebildet; aber eben diese Harmonie ver¬
hindert jede einzelne dieser Eigenschaften an wirklich genialer
Entfaltung. Tel soldat, tel politique. Sein politischer Busenfreund
45 Peel ist gewissermaßen sein Abklatsch. Beide repräsentieren den
186
(83) 1851 April 11
Toryism, der bon sens genug hat, mit Anstand eine Position nach
der andern aufzugeben und sich in die Bourgeoisie aufzulösen.
Es ist der Rückzug nach Torres Vedras. Voilà Wellington.
Dein F. E.
11. April 1851.
84. Marx an Engels; 1851 April 15.
15. April 1851.
Lieber Engels,
Du hast keinen Brief erhalten und erhältst auch jetzt nur diese
Zeilen, weil ich from day to day Deinen Brief — den angekün- ic
digten — abwarte. Einliegend ein Brief von lupus. Ich habe ihm
schon geschrieben vor vier Tagen, aber nicht geantwortet auf die
an Dich gestellten Fragen.
Ein Brief von einem mir unbekannten Fischer aus Amerika.
Ich habe einstweilen den Liebknecht an ihn schreiben lassen. i:
Einen Brief von Rothacker schicke ich Dir das nächste Mal.
Auch der Esel ist Redakteur in Amerika. Aus seinem Briefe geht
so viel hervor, daß vom äußersten far West bis zum Osten überall
gegen uns geheult, geschimpft und geschrieben wird. Weitling
brachte in seinem Blättcheneinen Axtikel aus Paris (angeblich, 2l
in Wahrheit von Willich) gegen mich und Dich. Andrerseits hat
Schnauffer den großen Willich angegriffen.
Struve ließ sofort, nachdem er sich für die 10 Millionen ver¬
bürgt, einen Zettel in der City zirkulieren, um Geld zur Auswand¬
rung nach Amerika, mit Amalia, zu betteln. Ist ihm gelungen. 2,
Vorigen Freitag ist er abgekratzt, immer mit Amalien.
Willich soll sich arg dem trucker [?] ergeben, unter Anleitung
Göhringers. Er hatte übrigens vierzehn Tage das Gallenfieber
nach Erhalten der letzten Antwort von dem Pseudobecker und des
inliegenden Toastes. Verließ vierzehn Tage die Kapelle i. e. die
Kaserne nicht. Und bei seiner Rückkehr in die Windmill brachte
er den Toast und die Vorbemerkung zur Diskussion, wahrschein¬
lich um sich ein testimonium paupertatis ausstellen zu lassen.
Schapper hat eine Konstitution für England ausgearbeitet, da
sie in derselben Windmill, nach reiflicher Überlegung und weit- 3
läufiger Diskussion, beschlossen haben, England habe keine ge-
schriebne Konstitution und müsse daher eine erhalten. Und
Schapper-Gebert werden ihm diese Konstitution geben. Geschrie¬
ben ist sie schon.
Der Schimmelpfenninck ist in Deutschland herumgereist und hat
da überall sehr gegen uns intrigiert, im gemeinsamen Interesse
9 ,,Die Republik der Arbeiter“
Z. 23-33.
(84) 1851 April 15
187
von Willich-Schapper, Ruge-Kinkel, Becker-Sigel. Besonders an
den Sitzen der Kinkelbegeistrung und ganz speziell in Westfalen,
Osnabrück, Bielefeld usw., wo die Kerls uns nie grün waren, ist
der Klatsch unendlich.
Dein K. M.
85. Engels an Marx; 1851 Mail.
Lieber Marx,
In ein paar Tagen, längstens acht, erhältst Du weitere £ 5,
ich würde sie Dir schon heute schicken, hätte ich nicht soeben
io £ 10 auf einem Brett auszahlen müssen.
Ich habe seit ein paar Tagen den Brief von Lupus und den von
Dronke vergeblich gesucht. Du mußt sie beide mitgenommen
haben. Wenn Du sie findest, schick sie mir umgehend, ich schreibe
dann gleich. Auch den Brief von Fischer aus New Orleans finde
13 ich nicht.
Ne nous plaignons pas trop de la mauvaise queue. Ich hab
grade Savarys Memoiren zu Haus. Napoleon hatte die seinige
— und welche! Dieser Savary ist ein famoses Exemplar davon.
Etwas Mittelmäßigeres als diesen Kerl gibt es nicht. Wenn gewisse
2o Leute glauben up to the mark zu sein und nicht einmal das Kom¬
munistische Manifest verstehn, so bildet sich dieser Savary ein,
Napoleon in der Tasche zu haben, einer der wenigen Auserwählten
zu sein, die die ganze Größe des Kerls begreifen, und dabei hat er
nicht einen einzigen Feldzugs- oder Schlachtplan begriffen. Als
er diese Memoiren schrieb, war kaum eine einzige ordentliche Dar¬
stellung dieser Kampagnen geschrieben, er hätte also, da das Ding
apologetisch sowohl für Napoleon wie für ihn selbst ist, gewiß
nicht unterlassen, sein Bestes in dieser Beziehung zu tim; statt
dessen überall nur ein paar allgemeine Phrasen und unzusammen-
hängende verworrene Details eines untergeordneten Augenzeugen.
Von Austerlitz weiß der Kerl z. B. nur, daß der Feind in
einem Flankenmarsch überrascht und in so viel Stücke zersplittert
wurde, wie französische Kolonnen anrückten — wörtliche Kopie
aus Napoleons Bulletin. Wie das aber geschah, davon weiß er
nichts. Im übrigen enorm viel Klatsch aus der Kaiserzeit und dem
Konsulat; ein wahrer Mustercrapaud, renommierend, verlogen,
servil, und sich mit wahrer Wollust in der edlen Tätigkeit des Po¬
lizisten ergehend, sowohl was den Genuß der Autorität bei Ver¬
haftungen als was die Freude am Mouchardieren angeht; dabei
w brauchbar zu allerhand Allotriis und Intrigen, aber doch überall
so mittelmäßig, diensteifrig und beschränkten Horizonts, daß er
überall kurzgehalten und mit positiven Ordres versehen werden
188
(85) 1851 Mai 1
mußte. Enfin, durchaus kein präsentables Subjekt, au fond nicht
besser und nicht schlechter, nicht brauchbarer und nicht kompro-
mittierlicher als gewisse amici, und doch machte Napoleon mit der
Zeit eine passable Maschine, einen Herzog von Rovigo und einen
Hofmann aus ihm, der ihn beim Kaiser von Rußland nicht bla- 5
mierte. Aber freilich, solche Kerls muß man sich kaufen können,
und dazu gehört vor allem Geld und Macht.
Übrigens hat der edle Thiers den Savary, dessen Memoiren doch
in Frankreich bekannt genug waren, mit einer Unverschämtheit
abgeschrieben, die der der englischen Ökonomen im Plagiieren io
nichts nachgibt, und das nicht bloß im Klatsch. Auch in Sachen
über Verwaltung usw. ist hier und da Herr Savary Hauptquelle.
Nach der Times zu urteilen, muß es jetzt in London fürchter¬
lich aussehn, da die Tataren, Franzosen, Russen und sonstige
Barbaren ganz Besitz davon genommen haben sollen. Dazu die x
Aussicht, Mouchardsbrigaden von allen Weltteilen und sogar preu¬
ßische Gendarmen hinzubekommen, ungerechnet die deutschen
demokratischen Freunde à la Otterberg, die im Juni kommen
werden, um die große Exhibition und die großen Männer zu sehn;
das wird schön werden. Gib Acht, man wird Dir Leute mit Emp- 20
fehlungsbriefen, oder auch ohne dergleichen, auf den Hals
schicken, die von Dir verlangen, daß Du ihnen Ledru, Mazzini,
L. Blanc und Caussidière zeigen sollst, und die in Deutsch¬
land furchtbar nachher raisonnieren werden, weil Du ihnen nicht
eine Einladung zum Mittagessen von Feargus O’Connor verschafft 23
hast. Es werden Leute kommen, die sagen: Herr Marx? — freut
mich sehr — Sie werden mich kennen, ich bin Neuhaus, der Chef
der thüringischen Bewegung!
Den Krawall unter dem Stadtrat in Köln wegen der Rede des
Beigeordneten Schenk an den Prinz von Preußen wirst Du ge- 30
lesen haben, sowie die unverschämte Rede dieses letzteren. „Die
Presse ist schlecht, die Kölnische Presse muß sich bessern!“ Ce
pauvre Brüggemann — er benutzt natürlich die Gelegenheit zu
einer Seichbeutelei, wie man sie unter der Zensur zu schreiben
bescheidenst und wohlmeinendst sich die große Freiheit nahm. 33
Dafür ist aber jetzt auch „unser Stupp“ Bürgermeister und der
größte Mann in Köln, und Dein Schwager konfisziert Bücher
mit lobenswertem Eifer. Ich fürchte nur, er wird nächstens en
Brutus prussobureaucrate sich auch an Deinen Sachen vergreifen,
und das wird die Honorarzahlungen unangenehm stoppen können. 40
Der andre Schwager dieses Edlen, der pp. Florencourt, ist ja, wie
deutsche Blätter melden, tambour battant et mèche allumée in
den Schoß der katholischen Kirche übergegangen. Deine Familie
ist doch wenigstens interessant, in der meinigen muß ich allein
die affenteuerlichen Geschichten machen. 45
Z. 13-28 !
(85) 1851 Mai 1
189
Apropos! Du würdest mir einen sehr großen Gefallen tun, wenn
Du mir von Daniels oder von wem Du sonst in Köln dafür passend
hältst, möglichst bald einen Brief (direkt hieher, also mit Kölner
Poststempel) verschaffen wolltest, worin er mir den Empfang von
5 zwei Fünfpfundnoten, so wie von einer früher gesandten, also
zusammen £ 15, anzeigt und beifügt, daß er dies Geld nach
meiner Instruktion an die einzelnen Leute ausgezahlt habe und
meine Rechnung mit den verschiednen Leuten in Köln hier¬
durch vollständig erledigt sei. Er kann noch ein paar gleich-
10 gültige Dinge, Grüße etc. hinzufügen, damit der Brief nicht ge¬
macht aussieht. Ich muß nämlich, da ich eine Unterhaltung über
die erhobenen Gelder voraussehe, irgend ein Papier haben, wo¬
mit ich im Notfall beweisen kann, daß ich Schulden in Köln
bezahlt habe. Je eher ich den Brief habe, desto besser. Wie
15 Du die Sache einleiten willst', überlaß ich Dir gänzlich, und es
ist mir lieber, daß Du mir das Dokument verschaffst, da es nie¬
mand etwas angeht, was wir zwei für Geschäfte machen. Du kannst
meinetwegen schreiben, ich hätte mich durch Frauenzimmer in
Schulden geritten oder hätte mich früher für Bundeszwecke für die
2o Summe verbürgt und müßte sie jetzt zahlen oder was Du sonst
willst — n’importe. Der Brief soll übrigens im Monat Juni sofort
an den Schreiber zurückgestellt werden. Der Poststempel von
Köln mit dem Datum aus der ersten Hälfte des Mai ist die Haupt¬
sache.
25 Wie geht’s in Deinem Hause? Grüß Deine Frau und Kinder
und schreib bald.
Dein F. E.
l.Mai 1851.
Soeben find’ ich die Briefe von Lupus und Fischer — den von
so Dronke kann ich aber nicht finden. An Lupus schreib ich noch
heute. Wenn Du nach Köln schreibst, wär’ es gut, wenn Du sie
wegen des Reisegelds für Lupus trätst — Du kennst ja die Kölner.
86. Marxan Engels; 1851 Mai 3.
3. Mai 1851.
35 Lieber Engels,
Lupus hat von Köln, wie er mir selbst schreibt, einen englischen
Paß und Reisegeld für sich und Dronke erhalten. Dronke hat den
Kölnern auch einen Aufsatz über die italienische Revolution zu¬
geschickt.
io Mais ce qu’il y a de drôle, Dronkes Unterschrift steht positiv
— abgedruckt in Louis Blanc — unter der Adresse an das da¬
malige Komitee zur Feier der Februarrevolution. Nous lui de-
Z. 1-24.
190
(86) 1851 Mai 3
manderons des éclaircissements sur ce fait étrange. Dans le meil¬
leur cas, ce n’est pas un trait d’ésprit de la part de ce gnome.
Becker hat seine Setzerei und Druckerei nach Verviers verlegt,
und es scheint nicht, daß die Regierungsverfolgungen ihm Schaden
tun. Ein Heft von meinem Dreck ist hierher gelangt, aber nur ein >
Exemplar.
Das hiesige zentraldemokratische deutsche Komitee hat sich hier
aufgelöst zur selben Zeit, wo der große Karl Heinzen ihm „mili¬
tärischen Gehorsam“ ankündigt. Der süße Kinkel, wegen seiner
dramatischen Vorlesungen für respektable Cityleute — zwölf Vor- io
lesungen für 1 Guinea: der Süße schickt diese Billetts durch ein
Komitee (worin Oppenheim von Berlin) an Gott und die Welt, hat
ungefähr 300 Zuhörer — darf sich natürlich nicht kompromit¬
tieren und hat sich zurückgezogen. Ebenso Haug sich über¬
worfen. Ruge, dessen Finanzen sehr zerrüttet scheinen, hatte vor,
sich eine Daguerreotypanstalt zu kaufen und als Daguerreotypist
das Land zu durchziehn.
Weerth schreibt mir heute im höchsten Maße malkontent: die
langen Nasen und das Rauchfleisch ennuyieren ihn. Außerdem,
sagt er, drohe ihm „eine glänzende Lage“ — Heirat? Aber er sei 20
zu alt, um Philister zu werden. Du kennst unsren Freund Weerth.
Er ennuyiert sich rasch und am schnellsten, wenn er sich bürger¬
lich behaglich findet. Sein Freund Campe sagte ihm, verdrießlich
auf die Makulatur zeigend: „Alles zieht, aber nichts schlägt
durch.“ Und das sei der allgemeine Zustand in Teutschland. 25
Hier wimmelt’s von people aller Art. Ich glaube nicht, daß es
mich belästigen wird in any way. Denn was von den Industriellen
liberal, radikal oder auch nur neugierig ist, das wird [mit
großer]1) Aufmerksamkeit eingefangen bei Göhringer oder von
der Kinkelclique und dann gleich mit Skandal über uns beide ge- 30
füttert. Tant mieux pour nous!
Diese ganze Woche ist die Bibliothek geschlossen gewesen. Von
dem roten Narren erfährt man nichts mehr.
Daniels schreibt mir, daß sie nirgends besser repräsentiert sind
als in Berlin und dort zwei „Talente“ und „Gentlemen“ zur Dis- 33
position haben, die sehr tätig seien.
Tupman leidet an sehr starkem Tripper. Nach einer heftigen
Szene mit Madame la Baronesse2) ist die Sache wieder halb bei¬
gelegt, aber seine Stellung ist subalterner durch seinen Leichtsinn
geworden. 10
Das Foucaultsche Experiment mit dem Pendel wird hier im
polytechnischen Institut gezeigt.
O Papier beschädigt.
’) Rothschild
Z. 37-40.
(86) 1851 Mai 3
191
Den gesagten Brief an Daniels werde ich morgen besorgen.
Schramm hat es mirabile dictu zu einem season ticket ge¬
bracht.
Heinzen hat in seinem Saublatt0 mich wieder mit seinem „na-
5 tive“ Dreck geworfen, der malheureux. Der Kerl ist so dumm,
daß Schramm für bares Geld unter dem Namen „Müller“ bei ihm
korrespondiert und lauter unpassende Allotria, wie den Bianqui¬
toast etc., in seinen Zeitungskram einschmuggelt.
Willich begegnete vor einigen Tagen dem Bamberger, den er
io früher einmal gesehn hatte. Kam auf ihn zu. Drückte ihm die
Hand: „Ich war drei Wochen sehr krank. Konnte das Haus nicht
verlassen. Die Revolution marschiert famos. Namentlich hier in
London sind wir sehr tätig. Zwei neue Filialvereine gestiftet.
Schapper wirkt ungeheuer.“
15 Ein andermal mehr. Nächste Woche werde ich mich auf der
Bibliothek ernsthaft für Deine Quellen zu L. Blanc umsehn.
Dein K. M.
Meine Frau [läßt bestens grüßen.]0 Sie war wütend, daß der
Pifeper uns so zudring]lieh° gleich auf den Hals kam.
2o Übrigens schenkst Du der Post immer einen stamp. One will do.
Lieber Engels
87. Marx an Engels; [1851] Mai 5.
5. Mai.
Ich schicke Dir hier nachfolgend eine Kopie des Artikels über
die Anwendung der Elektrizität auf die Agrikultur, wörtlich eng¬
lisch. Du bist so gut und schreibst mir umgehend,
1. was Du von der Sache hältst.
2. Erkläre mir die Geschichte, da ich nicht ganz klug draus
werde, in plain German.
A
G
D
North E
Yards
F South
Seventy six
Yards
o
B
H
c
9 „Deutsche Schnellpost“, Neic-York
2) Papier beschädigt.
192
(87) 1851 Mai 5
A field is divided into oblong squares, 76 yards long and
40 yards wide, and containing therefore, just one acre each. Das
Obenstehende ist der Plan eines solchen square.
An jedem der Punkte A. B. C. und D pegs are driven into the
ground; the extemal lines represent strong iron wires, extending
from and fastened to each of the 4 pegs, and communicating with
each other so as to form a square of wire, sank 3 inches below the
surface; at the Points E and F Pôles are fixed in the ground 15 feet
high; a wire is connected with the cross wire beneath the surface
at the Point E, — carried up the pôle and along the centre of the io
square to the top of the pôle at F, down which it is conducted and
fixed to the cross wire beneath the surface at that point. We must
here remark that the square must be so formed, to run from North
to South, so that the wire passing from E to F shall be at right
angles with the Equator. It is well known that a considérable body #
of electricity is generated in the atmosphère, and constantly tra¬
velling from east to west with the motion of the earth. This elec¬
tricity is attracted by the wire suspended from E to F, and com-
municated to the wires forming the square under the surface of the
ground, from the points A, B, C and D any quantity of 20
electricity could be generated, that might be required, by placing
under the ground at the point G, a bag of charcoal, and plates of
Zink at the Point H, et to connect the two by a wire passing over
two pôles similar to thosc at E and F and Crossing the longitudinal
wire passing from those points. The cost at which this application 25
can be made is computed at one pound per acre, and it is reckoned
to last 10—15 years, the wires being carefully taken up and
replaced each year.
Die pôles werden aus dry wood gemacht. As the area increases
the cost diminishes The mode in which the plat is laid out 30
is as follows. With a mariners’ compass and measured lengths of
common string, lay out the places for the wooden pins, to which
the buried wire is attached (by passing through a small
staple). Care must be taken to lay the length of the buried wire
due north and south by compass, and the breadth due east and 3;
west. This wire must be placed from two to three inches degrees in
the soil. The lines of the buried wire are then completed. The
suspended wire must be attached and in contact with the
buried wires at both of its ends. A wooden pin with a staple must
therefore be driven in, and the two pôles (one 14 feet and the other 40
15 feet) being placed by the compass due north and south, the
wire is placed over them, and fastened to the wooden stäke, but
touching likewise at this point the buried wire. The suspended
wire must be drawn too tight, otherwise the wind will break it.
Voilà l’affaire.
(87) 1851 Mai 5
193
Die deutschen Zentralmänner haben sich zum xtenmal wieder
vereint, und so erscheint eine Annonce von General Haug, die
für den 10. Mai die Erscheinung seines „Kosmos'4 ankündigt,
unter Mitarbeit der Herrn Ruge, Kinkel, Ronge etc. Das wird
<5 schön werden.
Eben bringt Tupman einen Brief von Miquel, woraus hervor¬
geht, daß die deutschen Demokraten — auch einige Kommu¬
nisten — an der Spitze das Bremer Scheißblatt9 von Ruge, un¬
ermüdlich in ihren Verleumdungen gegen mich sind, und der-
10 artiges frißt natürlich bei dem deutschen Philister und Straubinger
reißend um sich. Die Kerls müssen doch eine Heidenangst vor mir
haben, daß sie jetzt schon alle Mittel aufbieten, um mir den
Aufenthalt in Deutschland unmöglich zu machen.
Dein K. M.
15 Jones hielt gestern eine wirklich famose Vorlesung gegen das
cooperative movement, worin er de front sein eignes Publikum
attackierte. Er sagte mir, daß aus dem Blatt mit Harney wohl
nichts werden wird, da mit dessen Frau kein Geschäft abzu¬
schließen ist. Er wird einstweilen auf seine Faust ein Magazin
20 herausgeben.
88. Engels an Marx; [1851 Mai 6].
Lieber Marx,
Morgen oder übermorgen erhältst Du die Post Office Ordre.
Unser Buchhalter hat heute wieder keine cash.
w Seit wann gebrauchst Du zu Deinen Briefen das inliegende
schöne Siegel — oder ist was damit passiert?
Il parait donc, daß die ganze Neue Rheinische Zeitung diesen
Sommer in London zusammensitzen wird, moins vielleicht
Freiligrath und den honorarius Bürgers. Daß Lupus definitiv
m kommt, freut mich sehr. Ich weiß übrigens jetzt positiv, daß die
Geschichte mit den Alien-Offices an der Grenze hier jetzt noch
weit weniger streng ist als früher und daß daher der ganze Skandal
wegen des Verbots, Flüchtlinge hieher zu schicken, der purste
humbug ist.
3i5 Die Unterschrift des Alrauns zu der Genfer Adresse ist höchst
sonderbar — une bévue inconcevable —, neuer Beweis, daß
man a sharp look-out after these young men haben muß und
daß sie kurz gehalten werden müssen. Es kann nur eine bévue
sein, die Briefe des Kerlchens waren übereifrig, und vielleicht hat
m er geglaubt, einen famosen Geniestreich zu machen. Man muß ihn
J) „Bremer Tageschronik"
13
194
(88) 1851 Mai 6
scharf inquirieren, rüffeln und ihm empfehlen: surtout pas de
zèle!
Nächstens werde ich Dir eine ökonomische Abhandlung von
Wellington aus dem Jahre 1811 mitteilen, über free trade und Mo¬
nopol im Kolonialhandel. Das Ding ist kurios, und da es die spa- 5
nischen Kolonien betrifft und nicht die englischen, so kann er den
freetrader spielen, obwohl er gleich im Anfang mit einem aristo¬
kratisch-militärischen Fanatismus über die Kaufleute schimpft. Er
dachte nicht, daß er diese Prinzipien nachher auf die englischen
Kolonien anwenden helfen müßte. Aber das ist der Witz. Dafür, io
daß der alte Irländer unverdienterweise Napoleon besiegte, hat er
später vor Cobden erliegen müssen und en économie politique
durch das kaudinische Joch des free trade passieren. Die Welt¬
geschichte gibt doch zu sehr vielen angenehmen Betrachtungen
Anlaß!
Die Auflösung der Londoner demokratischen provisorischen
Regierung für Deutschland hat mich mit Kummer erfüllt. So eine
schöne Gelegenheit für die Esel, sich vor dem öffentlichen Ge¬
lächter zu erhalten, findet sich sobald nicht wieder. Dafür eröffnet
der große Franz Raveaux in der Kölnischen Zeitung wieder seine 20
Klüngelpolemik mit Herm Paul Franck und andern Eseln. Er
ist wieder reif, in irgend ein Nationalnarrenhaus gewählt zu wer¬
den und zu sagen: „Meine Herren, hück hat die Stadt Köllen ener
jroßer Dag erlebt!“ Das Vieh sitzt in Brüssel. Unser Freund, der
Kommandant Engels, ist General und erster Kommandant gewor- 25
den, und die Philister haben ihm ein Essen gegeben, worauf „unser
Stupp“ seine Gesundheit ausgebracht hat. Du siehst, daß man
noch zu etwas kommen kann, auch wenn man Engels heißt. Und
das alte dicke Schwein, früher Leutnant unter Napoleon, freut sich
in seiner Danksagung über den spezifisch preußischen Geist des 30
Festes und der Stadt Köln.
Ich bin übrigens moralisch überzeugt, daß der Willich und
Co. über einem großartigen Plan zur Revolutionierung Eng¬
lands während der Exhibition brüten, obwohl es ebenso sicher ist,
daß sie keinen Finger rühren werden. Wird nichts Vereinzeltes 35
bleiben !
Der zweite stamp auf meinen Briefen ist für spätere Aufgabe.
Ich kann für diesen stamp anderthalb Stunden nach Schluß der
gewöhnlichen Post den Brief noch mit demselben Zuge fortbekom¬
men. Übrigens zahlt das die Firma. 10
Dein F. E.
Z. 24 (Das)—31.
(89) 1851 Mai 8
195
89. Engels an Marx; [1851] Mai 8.
Lieber Marx,
Mit der heutigen ersten Post habe ich Dir eine Post Office
Ordre für £ 5 geschickt, die Du hoffentlich erhalten hast.
3 Mit der englischen Post ist décidément etwas los. Erst der
Brief, der Dir offen zukam. Dann vorgestern Dein Brief an mich
mit ausgewischtem Siegel, das ich Dir zurückschickte. Jetzt kommt
mir heute, Donnerstag, den 8., abends sieben Uhr, Dein Brief vom
5., also Montag, der mit der Elektrizitätsgeschichte, zu. Der Brief
io hat drei Londoner Poststempel vom 6. (Dienstag), von denen
zwei beweisen, daß er am Dienstag morgen vor zehn Uhr schon
aufgegeben war. Dann einen Manchester Stempel vom 7.
(gestern), und endlich zwei desgleichen von heute. Dazu ein ver¬
wischtes, schlechtgeflicktes, mir fremdes Siegel, das Du inliegend
15 zur Prüfung zurückerhältst. Ich schicke noch heute die Envelope
an den hiesigen Postmeister und verlange Erklärung, weshalb der
Brief statt gestern morgen, erst heute abend abgegeben. Schreib
mir umgehend genau, wann er aufgegeben und ob das Siegel in
Ordnung ist. Wir wollen diesen Hunden einen Skandal machen,
so daß sie daran denken sollen. Daß die Kerls Gemeinheiten machen,
geht aus der heutigen Daily News hervor, die direkt erklärt, Pal¬
merston habe in Wien und Berlin Spione zur Bewachung der
Flüchtlinge verlangt, und die Herren Stieber und Goldheim von
Berlin dem englischen Publikum gehörig beschreibt. Es wäre
25 famos, wenn wir den Grey ebenso nageln könnten, wie früher
Mazzini den Graham angenagelt hat.
Daß mit dem Brief etwas Apartes vorgefallen, beweist auch
ein Zeichen, das sie darauf gemacht haben. Das Wort Manchester
auf der Adresse ist vorn und hinten bekreuzt, so:
so X Manchester X
noch stärker, als ich es nachmache.
Hebe die Siegel, die ich Dir zurückschicke, auf; wir werden
sie vielleicht brauchen können.
Ich schreibe Dir morgen über die andern angeregten Punkte;
35 ich gehe jetzt gleich diesen und den Brief an den Postmeister
aufgeben. Grüß Deine Frau bestens.
Dein F. E.
Donnerstag, 8. Juni1) 10 Uhr abends.
Der Brief ist so ungeschickt aufgemacht, daß man noch den
4o Rand des ursprünglichen, größeren Siegels deutlich sieht. Alles
Siegellack hilft nichts, solange keine Oblate drunter ist, die alle
*) Irrtümlich für Mai
13*
Nr. 89.
196
(89) 1851 Mai 8
vier Seiten der Envelope faßt. Ich habe grade keines hier, und da
ich wünsche, daß dieser Brief Dir uneröffnet zukommt, so kann
ich nichts andres tun, als ihn an Schr[ammj schicken, der Dir
näher wohnt als Pieper, und durch den Du wenigstens Chance
hast, ihn rasch zu bekommen. 5
Le tout considéré, ist es doch besser, ihn per Pieper zu schicken,
was ich auch tue.
90. Engels an Marx; 1851 Mai 9.
Lieber Marx,
Ich schickte Dir gestern zwei Briefe, den einen ohne andern io
Inhalt als eine Post Office Ordre, den andern durch Tupman. Du
hast beide hoffentlich erhalten.
Die elektrische Geschichte ist einfach, was die Konstruktion an¬
betrifft. An den vier Ecken ABC und D — ich setze voraus, daß
Du die Zeichnung dort hast — werden Pflöcke in die Erde ge- n
schlagen und ein starker Draht, drei Zoll unter der Erdoberfläche,
von einem dieser Pflöcke zum andern gezogen, so daß er unter der
Erde das ganze Feld umspannt. Bei E und F, Norden und Süden,
werden zwei Pfähle in die Erde geschlagen, deren Spitzen 15 Fuß
über der Erde ebenfalls durch einen Draht verbunden werden. 20
Die beiden Enden dieses Drahts laufen den Pfahl hinab und
werden unter der Erde mit dem verdeckten Draht A B C D ver¬
bunden. Ebenso ein Querdraht von G bis H auf zwei Pfählen, der
in der Mitte den Draht E F kreuzt. Was der Sack Holzkohle und
die Zinkplatten sollen, ist mir nicht ganz klar, da ich die elek-u
trische Beschaffenheit der Holzkohle vergessen habe — ich ver¬
mute, durch diese Holzkohle bei G und den Zink bei H, die beide
ebenfalls vergraben und mit dem großen vergrabnen Draht in
Verbindung stehn, will der Kerl die Elektrizität polarisieren,
einen positiven (Zink) und negativen (Kohle) Pol herstellen. 30
Der Rest bezieht sich auf technische Geschichten, Isolierung
der Drähte usw.
Da Du mir weiter nichts schreibst, so vermute ich, daß sich
die Geschichte auf irgend ein Experiment bezieht, ich glaube, Du
sprachst mir davon, daß im Economist oder so etwas davon gestan- jo¬
den. Mir ist der Erfolg der Sache etwas zweifelhaft, doch mag
was damit zu machen sein, wenn man das Ding ausdehnt und ver¬
bessert. Es fragt sich nur 1. wieviel Elektrizität sich in der Weise
aus der Luft abfassen läßt, und 2. wie diese Elektrizität auf
Wachstum und Keimen der Pflanzen wirkt. Laß mich jedenfalls io
wissen, ob das Experiment schon gemacht ist und mit welchem Er¬
folg, und wo der Bericht darüber steht.
Nr. 89.
(90) 1851 Mai 9
197
Zwei Haken hat die Sache jedenfalls:
1. Will der Kerl den Draht, der die Elektrizität abfassen soll,
genau Nord und Süd gelegt haben, und schreibt doch den farmers
vor, ihn nach dem Kompaß zu legen. Von der Deklination des
5 Kompasses, die hier in England ca. 20—23 Grad beträgt, spricht
er gar nicht, und er müßte jedenfalls sagen, ob er sie in Anschlag
gebracht hat. Die farmers wissen jedenfalls von Deklination
nichts und würden den Draht nach der Magnetnadel legen, wo er
dann nicht von Nord nach Süd, sondern von Nord-Nord-West nach
io Süd-Süd-Ost zeigen würde.
2. Wenn die Elektrizität eine befördernde Wirkung auf das
Keimen und Wachsen der Pflanzen hat, so wird sie im Frühjahr
die Pflanzen zu früh keimen machen und sie Nachtfrösten usw.
aussetzen. Dies müßte jedenfalls sich zeigen, und dem wäre nur
15 abzuhelfen, indem man während des Winters die Kommunikation
der schwebenden und der vergrabnen Drähte unterbräche. Auch
davon spricht der Mann nicht. Entweder aber ist die so abgefaßte
Elektrizität ohne alle befördernde Wirkung oder sie hat die des
Zufrühtreibens. Auch das muß aufgeklärt werden.
20 Die Sache läßt sich übrigens nicht beurteilen, bis sie probiert
ist und Resultate da sind, und deswegen sag mir, wo ich das
Weitere über diesen Gegenstand finden kann.
Ich danke dem Schöpfer in der Höh’, daß die Zentralesel sich
wiedergefunden haben, und selbst ihren Kosmos gönne ich ihnen.
25 Wir werden doch bald wieder ein Organ haben, soweit wir’s
brauchen, und wo wir alle Angriffe zurückweisen können, ohne
daß es scheint, als ginge dies von uns aus. Das ist ein Vorzug der
beabsichtigten Kölner Monatsschrift vor unsrer Revue. Wir
schieben das alles dem bonhomme Bürgers in die Schuh, etwas
30 muß er doch für seinen Tiefsinn haben.
Daß die Schimpfereien in Deutschland nicht weniger Fortgang
finden als in Amerika und London, ist nicht anders zu erwarten.
Du hast jetzt die stolze Position, von zwei Welten zugleich attak-
kiert zu werden, was dem Napoleon nie passiert ist. Übrigens sind
33 unsre Freunde in Deutschland Esel. Daß sie von bloßen Schimpfe¬
reien keine Notiz nehmen, als alle Vierteljahr zwei Worte über
den Stand dieses säubern trade zu geben, ist ganz in der Ordnung.
Aber wenn es zu Verleumdungen kommt, wenn sich der demo¬
kratische Philister nicht mehr mit der einfachen Überzeugung
4o begnügt, daß man das schwärzeste Ungeheuer ist, sondern wenn
er anfängt, mit erlognen und entstellten Tatsachen um sich zu
werfen, dann wär’ es wahrhaftig nicht zu viel, wenn einem die
Herren das Dokument einschickten, damit man seine Maßregeln
treffen kann. Aber der Deutsche glaubt genug getan zu haben,
Z. 28-30
198
(90) 1851 Mai 9
wenn er dergleichen Unsinn simplement nicht glaubt. Laß den
Tupman deswegen an M[iquel] schreiben; es ist nicht einmal
nötig, daß man gleich antwortet, sondern wenn man des Zeugs ein
paar Dutzend Stück hat, kann man einmal tüchtig losfahren und
die Wanzen d’un seul coup de pied ekrasieren. Was das angeht, 5
daß sie uns den Aufenthalt in Deutschland unmöglich machen
wollen — laissons-leur ce plaisir! Sie können die Neue Rhei¬
nische Zeitung, das Manifest und tutte quante nicht aus der Ge¬
schichte herausstreichen, und all ihr Heulen hilft ihnen nichts.
Die einzigen Leute, die uns in Deutschland gefährlich werden io
könnten, wären Meuchelmörder, und seit der Gottschalk tot ist,
hat keiner in Deutschland die Courage, uns dergleichen Leute
auf den Hals zu schicken. Et puis, haben wir uns nicht auch
1848 in Köln unsre Stellung erst erobern müssen, und lieben
wird uns der demokratische, rote oder selbst kommunistische is
Mob doch nie.
Ich freue mich, daß Du Ruhe hast bis jetzt vor den Ausstellungs¬
leuten. Ich krieg sie schon auf den Hals. Gestern waren zwei
Kaufleute aus Lecco hier, der eine ein alter Bekannter von 1841.
Die Östreicher wirtschaften schön in der Lombardei. Nach all 20
den Kontributionen, wiederholten Zwangsanleihen, dreimal im
Jahre immer wieder eingeforderten Steuern, kommt endlich Regel¬
mäßigkeit hinein. Die mittleren Kaufleute in Lecco müssen
10000—24000 Zwanziger (350—700^) jährlich zahlen — an
direkten regelmäßigen Steuern, alles hard cash. Da mit dem 25
nächsten Jahr die östreichischen Banknoten dort auch eingeführt
werden sollen, will die Regierung vorher alles Metallgeld heraus¬
ziehen. Dabei wird der hohe Adel — i gran ricchi — und die
Bauern verhältnismäßig sehr geschont — il medio liberale,
die liberale Mittelklasse der Städte muß alles zahlen. Du siehst so
die Politik der Kerls. Daß bei diesem Druck — in Lecco haben
sie eine Erklärung unterzeichnet und an die Regierung geschickt,
daß sie nicht mehr zahlen, daß man sie meinetwegen pfänden
solle, daß sie aber, wenn dies System nicht aufhöre, alle aus-
wandem würden, und mehrere sind bereits gepfändet —, daß S5
dabei die Kerls auf Mazzini warten und erklären, es müsse
losgehn, weil sie es nicht länger aushalten könnten, perché rovi-
nati siamo e rovinati saremo in ogni caso — das begreift sich. Dies
erklärt manches in der Wut der Italiener, loszuschlagen. Diese
Kerls hier sind alle Republikaner, und zwar lauter angesehene 40
Bourgeois — der eine ist der erste Kaufmann in Lecco und zahlt
2000 Zwanziger monatlich Steuern. Er wollte platterdings wissen,
wann es losgehe, sie hatten es unter sich in Lecco — dem ein¬
zigen Ort, wo ich populär bin — ausgemacht, daß ich das aufs
Haar wissen müßte. is
(90) 1851 Mai 9
199
Morgen den Wellington, an dem mich diese Kerls gehindert
haben.
Dein F. E.
Dieser Brief ist mit Siegellack und unserm Firmasiegel E. & E.
s gesiegelt. Du wirst also sehn, ob er erbrochen.
91. Marx an Engels; 1851 Mai 16.
London, 16. Mai 1851.
Lieber Engels,
Deinen Brief, der vorgestern ankam, erhielt ich zu spät, um ihn
io noch zu beantworten. Ich war nämlich schon auf dem Museum,
eh’ der postman erschien, und kehrte erst um sieben Uhr abends
nach Hause zurück. Gestern aber konnte ich Dir mit dem besten
Willen nicht schreiben, da ich solche Unterleibsschwierigkeiten
hatte, daß mir fast der Kopf sprang, wie dem Freiligrathschen
1* Neger die Trommel.
Die vorige Konfusion kommt einfach daher, daß ich einem der
beiden Bummler (Stchramm] ) sofort auf Deinen ersten Brief ein
Schreiben an Dich zur Besorgung an Dich auf die Post gab. Er
hatte es verbummelt, und die paar Zeilen befanden sich noch
2o gestern in seinem Portefeuille.
Was die electricity angeht, so findet sich die Notiz darüber in
dem Economiste von 1845. Er enthält übrigens nichts, als was ich
Dir mitgeteilt, mit der Erzählung, daß der Versuch mit dem grö߬
ten Erfolg in Schottland gemacht. Er nennt sogar den farmer.
w Freiligrath kommt in diesen Tagen her.
Nun zu den Postgeschichten. Ich glaube, die Post ist unschul¬
dig. Wenigstens bin ich allein für die schlechte Form der Siegel
verantwortlich. Das einzige, was mir ganz alienum est, ist das:
X Manchester X.
30 Hast Du gesehn in der Kölnischen Zeitung, wie der unver¬
schämte Kinkel durch seine Frau jede Teilnahme an dem Mani¬
fest des starken „Provisorium“ ableugnet? und wie er „eine
schwere Krankheit“ sich an den Hals lügt, um das Interesse des
deutschen Philisters zu steigern?
35 Durch die Intervention meines würdigen Schwager-Ministers
ist wieder der Druck meiner Sachen, wie der Revue, ins Stocken
geraten. Es scheint, daß Becker auf Schwierigkeiten in Verviers
gestoßen ist.
In Frankreich scheint Cavaignac reißend um sich zu grei-
to fen. Seine Wahl wäre die rationelle Lösung, würde aber die Re-
Im Orig. Oekonomist
200
(91) 1851 Mai 16
volution um Jahre auf schieben. Der Kongreß von Nikolaus, Fried¬
rich Wilhelm und Habsburg hat ungefähr dieselbe Bedeutung
wie der von General Haug, Ruge und Ronge. Die Einkommen¬
steuer war übrigens für den Augenblick das Klügste, was die
Preußen tun konnten. 5
Nun einen Blick auf die hiesige Emigration.
Unter einem Kerl (Deutschen), dessen Namen ich nicht weiß,
oder vielmehr mit diesem Kerl, engagierten sich der unsterbliche
Faucher, der unvermeidliche E. Meyen, der nun auch hier ist usw.
bei den London (Daily) Illustrated News als Redaktion des deut- 10
sehen Artikels. Da keiner der Kerls englisch weiß, so erbaten sie
sich eine Oberredaktion, einen Deutsch-Engländer. Vorgesetzt
wurde ihnen eine alte Frau, die vor zwanzig Jahren in Deutsch¬
land war und gebrochen deutsch spricht. Sie strich wie der alte
Dolleschall, namentlich dem E. Meyen seine tiefsinnigen Artikel is
über „Skulptur“. Dieser Idiot reproduzierte nämlich hier in Lon¬
don seine schon vor zehn Jahren in dem Berliner literarischen
Klatschblatt hingesudelten Kunsteseleien. Auch Faucher wurde
unbarmherzig zensiert. Und vor einigen Tagen läßt der Editor
diese Bengel, die zwar widerstrebend aber doch unterwürfig die 20
Herrschaft der alten Frau ertragen, vor sich zitieren, erklärt diesen
Herm, er könne ihre Eigenmachwerke nicht brauchen, sie sollten
sich auf Übersetzung englischer Artikel beschränken. Da die Un¬
glücklichen nun kein Englisch verstehn, so war dies ein Abschied
in bester Form. Und sie nahmen ihren Abschied. Und Meyen wird 23
wieder ein Dezennium warten und harren müssen, um seine
„Skulptur“ an den Mann zu bringen.
Noch mehr. Die „Kölnische Zeitung“ hat Herm Faucher schon
seit Wochen ohne alle Umstände herausgeworfen mit der Ver-
merkung, seine Artikel ennuyierten das Publikum. &
Was sagst Du von der portugiesischen Revolution?
Herr A. Gögg ist hier, wurde von Willich et Co. sofort ab¬
gefangen und hielt Vorlesungen in der Windmill. Glückauf!
Maintenant, mon cher, leb wohl. Von jetzt an wird die Korre¬
spondenz wieder ordentlich ins Gleis kommen. 3C
Dein K. M.
92. E ngels an M a r x ; 1851 Mai 19.
Lieber Marx,
Ich bin froh, daß mit den Briefen nichts vorgefallen ist, es ist
immer besser so. Der hiesige Postmeister hat mir ebenfalls eine 40
hinreichende Erklärung für den zu spät gekommenen Brief ge-
Z. 6-30.
(92) 1851 Mai 19
201
geben. Schreib in Zukunft auf der Adresse die Straße und Num¬
mer über der Stadt, so daß Manchester ganz unten steht, die
Postschreiber sind daran gewöhnt und haben, weil die Straße unten
stand, in dem einen Brief das „Manchester“ übersehn und ihn
5 als Londoner Stadtbrief nach London zurückgeschickt.
Das Neueste ist, daß Du vollständig enfonciert bist. Du glaubst,
die richtige Theorie der Grundrente entdeckt zu haben. Du glaubst,
der erste zu sein, der dieRicardoscheTheorie umwirft. Malheureux
que tu es, Du bist überflügelt, vernichtet, geschlagen, assommiert,
io die ganze Grundlage Deines monumentum aere perennius ist zu¬
sammengebrochen. Höre: Herr Rodbertus hat soeben den dritten
Band seiner „Sozialen Briefe an v. Kirchmann“ veröffentlicht —
18 Bogen. Dieser Band enthält eine „vollständige Widerlegung
der Ricardoschen Lehre von der Grundrente und die Darlegung
15 einer neuen Rententheorie“. Leipziger Illustrierte Zeitung von
voriger Woche. Jetzt hast Du Dein Fett.
Die Bemühungen des großen Kinkel, aus der unrespektabeln
Gesellschaft, genannt Europäisches Komitee, herauszukommen,
ohne Gestank zu hinterlassen, sind sehr heiter. Du wirst im Sams-
20 tags-Sun gesehn haben, daß einige Heuldemokraten bei Elberfeld
eine Versammlung und kleine riots zustande gebracht haben und
dabei diese Proklamationen verteilt. Das ist zustande gebracht
durch deutschkatholische Verbindungen von Ronge. Weder Kinkel
noch sonst jemand vom Chor hätte dort etwas ausgerichtet.
25 Die Geschichte mit Cavaignac ist in jeder Beziehung fatal;
wenn Girard in von ihm sagt, daß er die meiste Chance hat,
so muß es wahr sein. Außerdem sehen die Kerle immer mehr ein,
daß die Revision unmöglich ist — auf legale Weise. Und die
illegale ist ein Staatsstreich, und wer zuerst Staatsstreiche anfängt,
so der wird ekrasiert, sagt das Débats. Napoleon fängt an, horrible¬
ment verschlissen zu werden. Changarnier ist vernichtet, vollstän¬
dig pensioniert, die Fusion führt zu nichts unmittelbar Prakti¬
schem, so hübsch sie ist, il n’y a que Cavaignac. Ob der Kerl die
Revolution auf schöbe, wär’ am Ende so gefährlich nicht; einige
35 Jahre resoluter industrieller Entwicklung, die Überdauerung einer
Krise und einer neuen Prosperitätsperiode könnte durchaus nicht
schaden, besonders wenn sie von bürgerlichen Reformen in
Frankreich usw. begleitet wäre. Aber Cavaignac und die bürger¬
liche Reform, das ist in Frankreich die Zollreform und die eng-
40 lische Allianz, und bei erster Gelegenheit der Krieg gegen die
heilige Allianz, mit Englands Hilfe, mit gehöriger Zeit zu Rü¬
stungen, mit einer lang vorbereiteten Invasion gegen Deutsch¬
land, und das könnte uns die Rheingrenze kosten, die ohnehin das
beste Mittel ist, den Crapaudsozialismus mit einer Abschlags-
45 Zahlung von gloire zur Ruhe zu bringen.
202
(92) 1851 Mai 19
Das Débats ist übrigens so herunter, daß es nur noch in der
Aufrechthaltung des neuen Wahlgesetzes die Rettung der Ge¬
sellschaft sieht.
Die Geschichte mit Faucher und Meyen ist wunderschön. Da
ich von der Deutschen I [llustrated] Lfondon] News nur die erste 5
Seite der ersten Nummer an einem Shopfenster sah, war ich rather
neugierig, wer die „ersten deutschen Schriftsteller“ seien, die
diesen hochtrabenden Blödsinn schrieben.
Das Frankfurter Journal läßt sich aus Köln schreiben, den
Flüchtlingen in London gehe es jetzt leidlich, mit Ausnahme derer io
in der Kaserne, unter denen auch Willich sei. Die Augsburger All¬
gemeine glaubt wirklich, die Alienbill sei noch in Kraft, und sieht
die Flüchtlinge — diese ewigen Juden des 19. Jahrhunderts —
mit der blassen Furcht vor dieser Bill in London zitternd herum¬
schleichen. 15
Von der portugiesischen Revolution sag ich gar nichts. Be¬
merkenswert ist bloß, daß Saldanha als reiner persönlicher
Insurgent, als ôte toi de là, Costa Cabral, que je m’y mette, absolut
nichts ausrichtete, daß aber von dem Moment, wo er gezwungen
war, sich an die liberalen Bürger von Oporto anzuschließen und 20
in der Person des José Passos einen allmächtigen Repräsentanten
dieser bürgerlichen Gewalt bei sich aufzunehmen, daß da die
ganze Armee ihm zufiel. Die Stellung, die Passos erhält, und die
nächste Entwicklung wird zeigen, ob Saldanha und die Königin
die Bürger nicht gleich wieder zu prellen suchen. Lissabon ist 25
nichts, Oporto ist das Zentrum der konstitutionellen Bürger, der
Manchesterschool von Portugal.
Sei froh, daß Herr Gögg nicht zu Dir gekommen ist. Le diable
emporte toutes ces médiocrités gonflées.
Dein F. E. 30
Manchester, Montag 19. Mai 1851.
93. Marx an Engels; 1851 M a i 21.
London, 21. Mai ISSl.^
Lieber Engels,
Freiligrath ist hier und läßt Dich grüßen. Er ist hier, um sich 35
nach einer Stelle umzusehn. Wenn er keine findet, will er nach
Amerika.
Er hat ganz gute Nachrichten aus Deutschland mitgebracht.
Die Kölner sind sehr tätig. Ihre Agenten reisen seit September.
Sie haben in Berlin zwei ganz gute Repräsentanten, und da die De- 40
mokraten beständig in Köln sich Rats erholen kommen, so paraly-
1) Brie/papier mit der Abbildung des ,.Pa!ace for the Great Indust liai Exihibb
tion 1851“.
Z. 4-8.
(93) 1851 Mai 21
203
sieren sie die andern Herm beständig. So waren die Braun¬
schweiger drauf und dran, dem Schimmelpfennig 2000 Taler für
das Londoner Komitee (Soziales) zu geben. Vorher aber schickten
sie Dr. Lucius nach Köln, und so fiel die Sache ins Wasser.
Kinkel ist sehr diskreditiert in der Rheinprovinz, speziell in
Bonn. Das dortige Komitee hatte der Johanna 200 £ geschickt,
aber schon nach zwei Wochen verlangte sie Fortsetzung. Das mi߬
fiel sehr den Spießbürgern.
Die Kölner werden in einigen Wochen einen kommunistischen
io Kongreß abhalten.
Sigel, der Obergeneral, ist hier und in die Windmillstreet ein¬
getreten.
Auch eine Nummer des Kosmos ist erschienen von General
Haug. Enthält Reklamen für Willich, Kinkel und Göhringer.
15 Die verschiednen Banden fallen immer mehr zusammen. Ich habe
eine aufgedunsenere und selbstgefälligere Abgeschmacktheit
weder gesehn noch gehört. Unter anderm ist eine Hanswurstiade
des Arnold Winkelried Ruge drein. Dieses Vieh simuliert, sich
einen Brief von einem deutschen „Gastfreund“ schreiben zu las-
io sen, worin dieser sich wundert über alles, was er von „englischer
Gastfreundschaft“ in den Zeitungen liest, fürchtet, Ruges „Über¬
häufung mit Staatsgeschäften“ möge ihn hindern, in diesem „Sy-
baritismus der Gastfreundschaft“ seine gehörigen Prozente mitzu¬
nehmen und ihn fragt: „Nicht der Verräter Radowitz, sondern
25 Mazzini, Ledru-Rollin, Bürger Willich, Kinkel und Sie selbst
waren wohl nach Windsor eingeladen?“ Ruge belehrt dann seinen
Freund eines Bessern und vertröstet ihn, daß die englische Gast¬
freundschaft sie nicht hindern wird, nach Deutschland fackel¬
schwingend zurückzukehren. L’imbécile!
so Das Ganze ist belletristisch ^-quartaner-idiotisch geschrieben
und mit einer selbstgefälligen Dummheit, die ihresgleichen in den
Annalen der Weltgeschichte sucht. Dazu mit einem Mangel an
allem Talent, der unerhört ist. Doch ich muß suchen, Dir ein
Exemplar von diesem Bettel aufzutreiben.
35 Die Wanze Meyen läuft hier sehr geschäftig umher und teilt
jedem, der es hören will, das Geheimnis mit, daß Marx und
Engels allen Anhang und allen Einfluß in Deutschland verloren
haben. Fürchterlicher Meyen!
Um Dir übrigens ein Beispiel von der schamlosen Zudringlich-
40 keit dieser Lumpen, von ihrem schäbigen Bettlertum zu geben:
Vorigen Sonntag war ich in Johnstreet, wo der alte Owen an
seinem 80. Geburtstag eine Vorlesung hielt. Trotz seiner fixen
Ideen war der Alte ironisch und liebenswürdig. Einer der Tra¬
banten des Kosmos, nachdem der alte Herr geendet hatte, drängt
O Korr. aus aesthetisch
Z. 17-29 !
204
(93) 1851 Mai 21
sich an ihn heran und drückt ihm den Kosmos in die Hand mit der
Erklärung, das Blatt enthalte seine Prinzipien. Und der Alte emp¬
fiehlt es wirklich dem Publikum. C’est par trop drôle!
Ich konnte den Abend übrigens nicht vermeiden, wieder mit
Harney zu sprechen, der halb angerissen und sehr zutunlich auf 6
mich zukam und sich nach Dir erkundigte.
Willichs Bettelgeschäfte gehn ganz gut. Er hat, als die schles-
wig-holsteinschen Flüchtlinge herkamen, über 200 £ von den city-
merchants „für diese“ (!) erbettelt.
Girardin sagt zwar, Cavaignac sei jetzt der einzig ernsthafte io
Kandidat der parti de l’ordre, der Bourgeoismasse. Er selbst aber
greift ihn und Changarnier wütend an, und seine Polemik erinnert
wieder an die besten Zeiten seines Kampfes gegen den National.
Dieser Kerl macht größre Agitation in Frankreich als die ganze
Bande der Montagnards und Roten zusammengenommen. Bona- m
parte scheint hors de question. Indes, wenn die royalistische Ma¬
jorität der Nationalversammlung die Konstitution wieder verletzt
und mit einfacher Majorität die Revision der Verfassung be¬
schließt, wird sie doch am Ende gezwungen sein — da sie dann
allen legalen Halt verliert —, mit Bonaparte als dem Inhaber der 20
exekutiven Gewalt einen Kompromiß abzuschließen. Es könnte in
diesem Fall vielleicht zu ernstlichen Kollisionen kommen, da
Cavaignac schwerlich die Gelegenheit sich noch einmal vor dem
Maule wegfischen lassen wird.
Bald wird die ganze Neue Rheinische Zeitung hier sein. Ich 25
wundre mich über das Ausbleiben von lupus. Wenn ihm nur kein
Pech arriviert ist.
Ich sitze jetzt immer von morgens zehn bis abends sieben auf
der Bibliothek und verspare die Industrieausstellung bis auf Deine
Ankunft. &
Hast Du die falsche und die echte Epistel Mazzinis im Débats
gelesen?
Dein K. M.
Musch grüßt den „Friedrich Engels“.
Apropos! Willich und Schimm fei] pfennig haben an „Ihre w
Brüder in der preußischen Armee“ den unvermeidlichen Aufruf
erlassen.
94. Engels an Marx ; 1851 Ma i 23.
Lieber Marx,
Ich habe mit Vergnügen aus den Blättern ersehn, daß die 40
Neue Rheinische Zeitung in Deiner Person auch auf dem Soyer-
schen Allerweltspreß-Symposium vertreten war. Mögen Dir die
homards à la Washington und der champagne frappé geschmeckt
(94) 1851 Mai 23
205
haben. Wie aber M. Soyer Deine Adresse aufgefunden hat, ist
mir ein Geheimnis.
Weißt Du, was aus dem versoffenen Laroche aus der Great
Windmillstreet geworden ist? Derselbe ist, wie deutsche Blätter
5 melden, abgefangen und in Berlin zum Tode durch den Strang
verurteilt worden. Es stellt sich heraus, daß dieser angebliche ehe¬
malige preußische Husarenleutnant niemand anders ist als der
Schuhmacher August Friedrich Gottlieb Lehmann aus Triebel bei
Sorau in der oberschlesischen Wasserpolackei, Wehrmann ersten
io Aufgebots, durch Urteil vom 23. März 1842 wegen Desertion in
Friedenszeit, Fälschung und unerlaubten Schuldenmachens zu
den militärischen Ehrenstrafen und sechzehnmonatiger Einstel¬
lung in eine Strafsektion verurteilt. Ein neuer Beitrag zur Auf¬
klärung über unsre deutschen Revolutionshelden.
15 Daß die großen Krieger, Willich, Schimmelpfennig und Sigel,
sich mehr und mehr zusammenfinden, ist ganz gut. Dies Soldaten¬
pack hat einen unbegreiflich schmutzigen Esprit de corps. Sie
hassen sich untereinander à mort, beneiden sich gegenseitig wie
Schuljungen die kleinste Auszeichnung, aber gegen Leute vom
2o „Zivil“ sind sie alle einig. Akkurat, nur in zwerghaft karikiertem
Maßstab, wie in den ersten französischen Armeen von 1792/93.
Die Windmillstreet-Gesellschaft sehen sie alle für ein Bataillon
an, das fix und fertig und geschlossen herübermarschieren wird;
es ist das einzig übrige, seit die in der Schweiz gesprengt und fort-
25 spediert sind. Kein Wunder, daß sie sich alle an dies edle Korps
anhängen. Es ist sehr gut, daß man schon jetzt auf diesen Offizier¬
korpsgeist aus der alten Kaserne und von der Offizierstafel her
aufmerksam gemacht wird, und daß man schon jetzt sieht,
wie diese Cliquenwirtschaft unter dem emigrierten Offiziers-
30 material ebensosehr herrscht wie im herrlichen Kriegsheer. Wir
wollen diesen Herren seinerzeit schon zeigen, was „d a s Zivil“ zu
bedeuten hat. Alle dergleichen Geschichten zeigen mir, daß ich
gar nichts Besseres tun kann, als meine militärischen Studien fort¬
zusetzen, damit wenigstens Einer vom „Zivil“ ihnen theoretisch
35 die Stange halten kann. Jedenfalls will ich’s dahin bringen, daß
solche Esel mich nicht niederschwatzen sollen. Daß sie übrigens
um 2000 Taler geprellt worden sind, ist sehr erfreulich. Die Nach¬
richten aus Köln sind sehr angenehm, die Leute dort mögen sich
nur in acht nehmen.
40 Die edle Johanna schlägt im Bettel doch wirklich alles platt,
was bisher dagewesen. Heinzen kann sich hängen, zu der Un¬
verschämtheit wie diese Frau, die obendrein noch häßlich sein
soll wie die Nacht, hat er’s nie gebracht.
Daß Girardin den Cavaignac nicht unterstützt, ging schon aus
den englischen Blättern hervor. Aber daß er das Faktum kon-
Z. 40-43.
206
(94) 1851 Mai 23
statiert, daß Cavtaignacs] Chancen so flott stehn, reicht hin, um
die Situation zu charakterisieren. Wenn die Chance sich reali¬
sieren sollte, von der Du sprichst, daß die Majorität und Bonaparte
einen Vertrag schlössen und die illegale Revision durchzuführen
versuchten, so geht’s schief, glaub ich. Das setzen sie nie durch, 5
solange Thiers, Changarnier und das Débats nebst ihren respek-
tiven Schwänzen dagegen sind. Die Chance für Cavaignac wäre
zu schön; und in diesem Fall, glaub ich, könnte er auf die Armee
rechnen.
Gibt es Krawall im nächsten Jahr, so ist Deutschland in einer io
verfluchten Lage. Frankreich, Italien und Polen sind bei seiner
Zerstückelung interessiert. Mazzini hat sogar, wie Du gesehn hast,
den Tschechen Rehabilitierung versprochen. Außer Ungarn hätte
Deutschland nur einen möglichen Bundesgenossen, Rußland —
vorausgesetzt, daß dort eine Bauernrevolution durchgeführt wor- u
den ist. Sonst kriegen wir eine guerre à mort mit unsern edlen
Freunden nach allen vier Winden hin, und es ist sehr fraglich, wie
diese Geschichte enden wird.
Je mehr ich über die Geschichte nachdenke, desto klarer wird
es mir, daß die Polen une nation foutue sind, die nur so lange als 20
Mittel zu brauchen sind, bis Rußland selbst in die agrar ische Re¬
volution hineingerissen ist. Von dem Moment an hat Polen absolut
keine raison d’être mehr. Die Polen haben nie etwas andres in
der Geschichte getan, als tapfre krakeelsüchtige Dumjhheit ge¬
spielt. Auch nicht ein einziger Moment ist anzugeben, wo Polen, 2b
selbst nur gegen Rußland, den Fortschritt mit Erfolg repräsen¬
tierte oder irgend etwas von historischer Bedeutung tat. Rußland
dagegen ist wirklich progressiv gegen den Osten. Die russische Herr¬
schaft mit all ihrer Gemeinheit, all ihrem slawischen Schmutz ist
zivilisierend für das Schwarze und Kaspische Meer und Zentral- 30
asien, für Baschkiren und Tataren, und Rußland hat viel mehr
Bildungselemente und besonders industrielle Elemente auf genom¬
men, als das seiner ganzen Natur nach chevaleresk-bärenhäuternde
Polen. Schon daß der russische Adel fabriziert, schachert, prellt,
sich korrumpieren läßt und alle möglichen christlichen und jüdi- 3b
sehen Geschäfte macht, vom Kaiser und Fürst Demidoff bis herab
zum lausigsten Bojaren vierzehnter Klasse, der nur blaharodno,
wohlgeboren, ist, schon das ist ein Vorzug. Polen hat nie fremde
Elemente nationalisieren können. Die Deutschen der Städte sind
und bleiben Deutsche. Wie Rußland Deutsche und Juden zu russi- 40
fizieren versteht, davon ist jeder Deutschrusse aus zweiter Genera¬
tion ein sprechendes Exempel. Selbst die Juden bekommen dort
slawische Backenknochen.
Von der „Unsterblichkeit“ Polens liefern Napoleons Kriege
1807 und 1812 schlagende Exempel. Unsterblich war bei den 4b
(94) 1851 Mai 23
207
Polen bloß ihre Krakeelerei ohne allen Gegenstand. Dazu kommt,
daß der größte Teil von Polen, das sogenannte Westrußland, d. h.
Bjelostock, Grodno, Wilna, Smolensk, Minsk, Mohilew, Wolhynien
und Podolien sich mit geringen Ausnahmen seit 1772 ruhig hat
5 von den Russen beherrschen lassen, ils n’ont pas bougé, mit Aus¬
nahme von ein paar Bürgern und Edelleuten hier und da. Ein
Viertel von Polen spricht Litauisch, ein Viertel Ruthenisch, ein
kleiner Teil Halbrussisch, und der eigentliche polnische Teil ist
zu voll einem Drittel germanisiert.
io Glücklicherweise haben wir in der Neuen Rheinischen Zeitung
keine positiven Verpflichtungen gegen die Polen übernommen, als
die unvermeidliche der Wiederherstellung mit suitabler Grenze —
und auch die noch unter der Bedingung der agrarischen Revolu¬
tion. Ich bin sicher, daß diese Revolution in Rußland eher voll-
15 ständig zustande kommt als in Polen, wegen des Nationalcharak¬
ters und wegen der entwickelteren Bourgeoiselemente in Rußland.
Was ist Warschau und Krakau gegen Petersburg, Moskau,
Odessa usw.!
Resultat: Den Polen im Westen abnehmen, was man kann, ihre
so Festungen unter dem Vorwand des Schutzes mit Deutschen okku¬
pieren, besonders Posen, sie wirtschaften lassen, sie ins Feuer
schicken, ihr Land ausfressen, sie mit der Aussicht auf Riga und
Odessa abspeisen, und im Fall die Russen in Bewegung zu brin¬
gen sind, sich mit diesen alliieren und die Polen zwingen nachzu-
25 geben. Jeder Zoll, den wir an der Grenze von Memel bis Krakau
den Polen nachgeben, ruiniert diese ohnehin schon miserabel
schwache Grenze militärisch vollständig und legt die ganze Ostsee¬
küste bis nach Stettin bloß.
Ich bin übrigens überzeugt, daß bei dem nächsten Krawall die
so ganze polnische Insurrektion sich auf Posener und galizische
Adlige nebst einigen Zuläufern aus dem Königreich beschränken
wird, da dies so scheußlich ausgesogen ist, daß es nichts mehr
kann, und daß die Prätensionen dieser Ritter, wenn sie nicht von
Franzosen, Italienern, Skandinaviern usw. unterstützt und durch
35 tschechoslawische Krawalle verstärkt werden, an der Erbärmlich¬
keit ihrer Leistungen scheitern werden. Eine Nation, die 20000—
30000 Mann höchstens stellt, hat nicht mitzusprechen. Und viel
mehr stellt Polen gewiß nicht.
Grüße Freiligrath, wenn Du ihn siehst, und Deine Familie, den
io Bürger Musch nicht zu vergessen. Ich komme ca. acht Tage später
nach London als ich dachte; die Geschichte hängt von vielen klei¬
nen Lumpereien ab.
Apropos, von Köln noch keine Zeile. Hast Du geschrieben?
Wenn ich den Brief nicht bald erhalte, nützt er mir nichts. Ich
45 wüßte nicht, warum D[aniels] mir nicht den Gefallen tun sollte.
Z. 32 (da)-33 (kann) , 43-45 -
208
(94) 1851 Mai 23
Kannst Du nicht noch einmal schreiben, der Dtaniels] kann ja
rasch umgehend ein paar Zeilen hinschmieren und mir schicken.
Ich könnte sonst in höllische Verlegenheit kommen.
Dein F. E.
Manchester, 23. Mai 1851.
95. Marx an Engels; 1851 M a i 28.
28. Mai 1851.
Lieber Engels,
Das Nichtantworten von Daniels (dem ich übrigens morgen
wieder einen Brief zukommen lasse, wenn ich nicht noch heute io
einen erhalte) hat sehr verdrießliche Gründe. Nothjung ist in
Leipzig am Bahnhofe verhaftet worden. Was man an Papieren ge¬
funden hat, weiß ich natürlich nicht. Darauf wurden (oder auch
gleichzeitig, ich weiß das nicht) Becker und Röser in Köln ver¬
haftet und gehaussucht, ebenso letztres bei Bürgers. Dieser ist in w
Berlin, steckbrieflich verfolgt und wird wohl bald hier eintreffen.
Diese Maßregeln der Polizei gegen die Emissäre usw. ver¬
danken wir ganz und gar dem elenden Geschrei der Esel in Lon¬
don. Diese Blasebälge wissen, daß sie weder konspirieren, noch
einen wirklichen Zweck verfolgen, noch eine Organisation in 20
Deutschland hinter sich haben. Sie wollen nichts als gefährlich
scheinen und die Zeitungstretmühle in Rotation setzen. So
hindern und gefährden die Canaillen die wirkliche Bewegung und
setzen die Polizei auf das Qui vive. Hat je eine solche Partei
existiert, deren eingestandner Zweck die reine Renommisterei ist? 25
Freiligrath ist instinktmäßig zur rechten Zeit abgereist, um
nicht gefaßt zu werden. Kaum hier, so wurden ihm Schlingen von
allen Emigrationscliquen, philanthropischen Kinkelf reunden,
ästhetelnden Howitts usf. gelegt, um ihn für die Koterie einzu¬
fangen. Er hat allen solchen Versuchen sehr grob geantwortet, daß 30
er zur Rheinischen Zeitung gehöre und mit der kosmopolitischen
Brühe nichts zu tun habe und nur mit dem „Dr. Marx und seinen
intimsten Freunden“ verkehre.
Gleich werde ich Dir über den „Kosmos“ sprechen. Vorher
noch un mot über den Zustand in Frankreich. 33
Ich überzeuge mich de plus en plus, daß trotz alledem und alle¬
dem die Chancen Napoleons von allen Kandidaten einstweilen
noch die besten sind. Man wird en principe die Revision beschlie¬
ßen, aber en pratique sich mit der Revision des auf den Präsiden¬
ten bezüglichen Artikels beschließen^. Sollte die Minorität zu viel
Lärm machen, so faßt man einen einfachen Majoritätsbeschluß]2),
O ITohl Schreibfehler für beschränken.
-) Tintenfleck
7. - 1-3.
34.
(95) 1851 Mai 28
209
wodurch man die Auflösung der Nationalversammlung und die
Einberufung einer neuen beschließt, die dann unter auspiciis
Faucheri und des Telegraphen und des Gesetzes vom 31. Mai vor
sich gehn wird. Die Bürger würden Cavaignac vorziehn; aber
5 die Gefahr, mit dem status quo durch eine radikale Neuwahl zu
brechen, ist ihnen zu bedenklich. Schon jetzt haben eine Masse Fa¬
brikanten ihre hands gezwungen, Petitionen für Revision der Ver¬
fassung und Verlängerung der Präsidentengewalt zu unterhauen.
En tout cas muß die Sache sich bald entscheiden, und nous verrons!
io „Der Kosmos“ also hat mit Glanz Fiasko gemacht.
Unter dem Titel „Kinkels Vorlesungen“, unterzeichnet
„Ein Arbeiter“, liest sich Folgendes:
„Bei Döblers Nebelbildern überraschte mich einmal der
drollige Gedanke, ob man solche chaotische Schöpfungen mit
15 dem „Worte“ hervorbringen, ob man Nebelbilder ersprechen
könne. Es ist zwar unangenehm, als Kritiker gleich von vornherein
gestehn zu müssen, daß in diesem Falle die kritische Selbständig¬
keit an den galvanisierten Nerven einer angeregten Reminiszenz
vibriert, wie der verhallende Ton einer ersterbenden Note auf
2o Saiten nachbebet. Dennoch verzichte ich lieber auf die perücken¬
fähige, langweilige Analyse gelehrter Unempfindlichkeit, als jenen
Ton zu verleugnen, welchen die reizende Muse des deutschen
Flüchtlings in dem Ideenspiel meiner Empfänglichkeit resonierte.
Dieser Grundton des Kinkelschen Gemälde, diese Resonanz
25 seiner Akkorde ist das sonore, schöpferische, bildende, allmächtig
gestaltende „Wort“ — der moderne Gedanke! Das
menschliche „Urteil“ dieses Gedankens entführt die Wahrheit
aus dem Chaos lügenvoller Traditionen und stellt sie als unantast¬
bares Eigentum der Gesamtheit unter den Schutz der geistbegabten,
20 logischen Minoritäten, welche sie aus gläubiger Unwissenheit zu
ungläubiger Wissenschaft erziehen. Der Wissenschaft des Un¬
glaubens kommt es zu, den Mystizismus des frommen Betrugs zu
profanieren, den Absolutismus des verdummten Herkommens zu
unterwühlen; durch die Skepsis, diese rastlos arbeitende Guillo-
35 tine der Philosophie, die Autoritäten zu köpfen und die Völker aus
dem Wolkengeschiebe der Theokratie mittelst der Revolution auf
das blühende Gefilde der Demokratie (des Unsinns) zu geleiten.
Die beharrliche, zähe Forschung in den Jahrbüchern des Men¬
schentums, wie die Erklärung des Menschen selbst ist die große
40 Aufgabe aller Männer des Umsturzes, und dies erkannte jener
geächtete Dichterrebell, welcher an den Abenden der jüngst ver-
flossnen drei Montage vor einem bourgeoisen Publikum bei der
Geschichte des modernen Theaters seine „dissolving views“ aus¬
sprach.“
45 „Ein Arbeiter“
14
Z. 11-45 -
210
(95) 1851 Mai 28
Wenn das nicht gut für die Wanzläus ist,
Dann weiß ich nicht, was besser ist.
Vale faveque!
Dein K. M.
96. EngelsanMarx; [1851. J un i 3].
L. M.,
Am Samstag komme ich nach London, wenn nichts dazwischen
kommt.
Meine Befürchtungen wegen der Kölner haben sich, scheint es,
nur zu rasch realisiert; die Verhaftung des roten B[ecker] und io
Rösers wegen Hochverrat und Versuch zum Umsturz der Verfas¬
sung sowie der Versuch zur Verhaftung des stillen Heinrich sind
offenbar nicht ohne Beziehung auf die B[unde]sgeschichte. Glück¬
licherweise hat man, wie das Frankfurter Journal sagt, absolut
keine Papiere bei den zwei Verhafteten gefunden — ob bei Bür- is
gers, wird nicht gesagt. Heinrich wird nun wohl auch zur Kom¬
plettierung der Neuen Rheinischen Zeitung nach London kommen.
Die Geschichte kann unangenehm werden, wenn die Kerle sich
dumm benommen haben.
Dein F. E. 20
Dienstag.
97. Marx an Engels; 1851 Juni 16.
16. Juni 1851,
28, Deanstreet, Soho.
Lieber Engels, 25
Bei Daniels ist Haussuchung gehalten und er verhaftet worden.
Ich glaube nicht, daß man irgend etwas bei ihm gefunden hat.
Heute morgen erhielt ich einen Brief, offenbar von Daniels’
Handschrift, aber ohne Namensunterschrift, worin man mir das
obige Faktum mitteilt und mich zugleich auffordert, alle Briefe 30
beiseite zu bringen, da man aus „sichrer“ (im Original so)
Quelle wisse, daß auch hier in England Haussuchungen stattfinden
würden.
Ob das gesetzlich möglich ist, weiß ich nicht. Jedenfalls werde
ich alles beiseite bringen. Auch Du wirst gut tun, wenn Du sämt- 35
liehe Briefe — die irrelevanten verbrennst und die andern, die
irgend Data und dergleichen enthalten, bei der Mary oder eurem
Kommis versiegelt plazierst.
z. -1-2.
(97) 1851 Juni 16
211
Bei dem Jacobi hat man wahrscheinlich eine Empfehlung von
Daniels gefunden.
Ich habe heute gleichzeitig durch einen Kaufmann einen Brief
von Weydemeyer erhalten, der sich bei Frankfurt versteckt hält.
Ich lege Dir diesen Brief bei. Weißt Du vielleicht die exakte
Zahl, die W[eydemeyer] wissen will, zwischen dem Verhältnis des
innem und auswärtigen Handels Englands? Die Sache hat sich
in der letzten Zeit bedeutend verändert. Salut!
Dein K. Marx.
98. Engels an Marx; 1851 Juni 27.
Lieber Marx,
Es ist sehr bonasse von der braven sächsischen Polizei, daß sie
uns allerhöchst selbst von dem unterrichtet, was wir bisher nicht
wußten oder erfahren konnten. Bürgers’ didaktisch-würdevolles
is Rundschreiben mit dem bekannten clair-obscur des Räsonnements
muß ihnen viel fruchtloses Kopf brechens gekostet haben; sie
haben auch grade nur die unrechten Stellen groß drucken lassen.
Heiter nimmt es sich aus, daß die großen Windmiller jetzt vor
der ganzen Welt herausgeschmissen aus der eignen Partei da-
20 stehn, der große Willich gepaart mit Haude, Gebert und anderm
unbekannten Pack, einem gewissen „Schopper661) (von „Schop¬
pen66 abgeleitet), dessen seltne Verdienste so wenig bekannt sind,
daß selbst in K ö 1 n sein Name nicht einmal richtig gedruckt wird!
So far all right. Aber der erste Artikel der Statuten ist schlimm
25 für die Verhafteten: „Alle Mittel der revolutionären Tätigkeit66,
oder wie es dort heißt. Das führt die Sache aus dem Gebiet der
bloßen verbotnen Verbindung heraus auf das des Hochverrats.
Übrigens, nach einer Andeutung der Kölnischen Zeitung zu
schließen, scheint meine Vermutung richtig zu sein, daß man
30 vorhat, die ganze Gesellschaft vor den für diese grandiose Ge¬
legenheit eigens ins Leben zu rufenden Berliner Staatsgerichtshof
zu stellen.
Ein gutes Zeichen für die Stimmung der Bourgeois ist, daß die
Regierung mit ihrem Versuch, die große Dresdner Entdeckung als
35 Schreckschuß zu exploitieren, so komplett durchgefallen ist. Der
Bürger fürchtet sich so wenig mehr vor dem roten Gespenst, daß
er vom großen Kommunistenkomplott nichts hören will und schon
fürchtet, daß das Haussuchungssystem nächstens auch auf ihn aus¬
gedehnt werde.
m Kein einziges Blatt will anbeißen, und die Verzweiflungs-
9 Gemeint ist Karl Schapper.
14*
212 (98) 1851 Juni 27
expérimente der Regierung, bei Turnvereinen, freien Gemeinden
und demokratisierenden Schneidermeistern weitere Umtriebe zu
entdecken, beweisen einerseits, wie sehr sie sich über die Gleich¬
gültigkeit der Bürger ärgert und die Neugier derselben zu kitzeln
sucht, und andrerseits, zu wie wenig weitem Entdeckungen die «
Statuten und das Rundschreiben geführt haben. Bei Miquel scheint
auch fruchtlos gehaussucht zu sein.
Qu’y a-t-il de nouveau à Londres?
Dein F. E.
27. Juni 1851. 10
99. Engels an Marx; [1851 Juli ca. 6].
Lieber Marx,
Nachdem ich meinen Alten hier acht Tage herumgeschleift,
hab ich ihn glücklich wieder fortexpediert und kann Dir heute
endlich inliegend Post Office Ordre für 5 Pfund schicken. Im #
ganzen kann ich mit dem Resultat meiner Entrevue mit dem
Alten zufrieden sein. Er hat mich auf wenigstens drei Jahre hier
nötig, und Verpflichtungen für die Dauer, nicht einmal auf die
drei Jahre, hab ich keine eingegangen, sind auch weiter nicht
verlangt worden; weder in Beziehung auf Schriftstellerei noch auf 20
Hierbleiben im Fall einer Revolution.
An diese scheint er gar nicht zu denken, so sicher ist dä§ Volk
jetzt! Dagegen habe ich mir Repräsentations- und Tafelgelder
gleich im Anfang ausgemacht — ca. £ 200 jährlich, was auch
ohne große Schwierigkeiten bewilligt wurde. Mit einem solchen
Salär geht die Sache schon, und wenn’s bis zur nächsten Bilanz
ruhig bleibt und das hiesige Geschäft gut geht, wird er noch ganz
anders bluten müssen — ich komme schon in diesem Jahr weit
über die zweihundert Pfund. Dabei hat er mich in seine ganzen
Geschäftsverhältnisse sowohl hier wie drüben blicken lassen, und «
da er sehr gute Geschäfte gemacht und seit 1837 sein Vermögen
mehr als verdoppelt hat, so versteht es sich, daß ich mich nicht
mehr geniere als nötig ist.
Der Alte ist übrigens auch verschlagen genug. Sein Plan, der
aber nur sehr langsam und schwierig durchzuführen und wegen 3t
der Tuckereien mit den Ermens schwerlich je durchgeht, ist der,
den Peter E[rmen] nach Liverpool ziehen zu lassen, was dieser
selbst wünscht, und mir dann die ganze Leitung des hiesigen Comp¬
toirs — wo G. Ermen dann die Fabrik führen würde — in die
Hände zu spielen. Damit wär’ ich dann gebunden. Natürlich er- «
klärte ich, daß mir das doch über die Kräfte ginge, und spielte
den Bescheidenen. Wäre mein Alter indes noch ein paar Tage
(99) 1851 Juli ca. 6
213
hier geblieben, wir wären uns in die Haare geraten, der Kerl kann
das Glück nicht vertragen, wird übermütig, fällt in die alte Schul¬
meisterei und wird provozierend, dabei ist er so dumm und takt¬
los, daß er z. B. die Gegenwart eines der Ermens, wo er mir das
Maul gebunden glaubt und sich auf mein Anstandsgefühl verläßt,
noch am letzten Tage seiner Anwesenheit benutzen wollte, um
sich mir gegenüber die Satisfaktion zu geben, einen Dithyrambus
auf die Institutionen Preußens zu singen. Natürlich reichten
ein paar Worte und ein wütender Blick hin, ihn in seine Grenzen
10 zurückzuführen, aber das war auch grade genug, um uns plötzlich
wieder auf einen kälteren Fuß zu setzen—grade beim Abschied —,
und ich erwarte sicher, daß er auf die eine oder die andre
Weise sich für diesen check zu revanchieren suchen wird. Nous
allons voir. Hat die Sache keine direkten praktischen Nachteile,
15 d. h. auf meine Geldstellung, so ist mir das kühle Geschäfts¬
verhältnis natürlich lieber als aller Gemütshumbug.
CeCi entre nous.
Die Kölner Zeitung ist seit Anfang Juli hier nicht mehr zu
sehn, wahrscheinlich wegen vergessener Abonnementsemeuerung.
so Ich weiß also nicht, ob weiter noch etwas vorgefallen ist. Wenn
Du Neues weißt, so laß mich’s ja wissen. Ich werde endlich
wieder anfangen können ordentlich zu arbeiten, da die Exhibi¬
tionsstörungen jetzt so ziemlich vorüber sind und der Athenäums¬
katalog endlich fertig ist. Auch hab ich vor, bald aufs Land zu
25 ziehn, damit ich ganz ungestört bin. Da ich binnen eines Jahrs
meinen Alten nicht wieder herbekomme, kann ich mich ganz nach
Konvenienz einrichten und die Repräsentationsgelder zum großen
Teil anders verwenden.
Grüß Deine Frau und schreib bald.
so Dein F. E.
100. MarxanEngels; 1851 Juli 13.
13. July 1851.
28, Deanstreet, Soho.
Lieber Engels,
35 Ich habe meinen Brief von Tag zu Tag auf geschoben, um Dir
vollständig die Dokumente zu geben, die unten mitgeteilt werden.
Da die Vollständigkeit aber erst in einigen Tagen möglich wird,
schreib ich heute, um nicht noch länger Dich auf Antwort warten
zu lassen.
40 D’Abord. Scheint mir aus Deinem Briefe hervorzugehn, daß
Du während der Anwesenheit des Alten in Manchester nicht er¬
fahren hast, daß ein zweites Aktenstück in der Kölnischen Zeitung
abgedruckt war, unter der Überschrift: „Der Bund der Kommu¬
Z. 1 (der)—16.
214
(100) 1851 Juli 13
nisten“. Es war dies die von uns beiden verfaßte Ansprache an
den Bund — au fond nichts als ein Kriegsplan gegen die Demokra¬
tie. Nach einer Seite hin war die Veröffentlichung desselben gut,
im Gegensatz zu dem der Form nach plus ou moins absurden und
dem Inhalt nach wenig tröstlichen Aktenstück des Bürgers. An- s
drerseits erschweren einige Stellen die Situation der jetzt Ge¬
fangnen.
Wie ich durch Louis Schüler0 aus Köln erfahre, schreibt
Bürgers sehr trübselig aus Dresden. Dagegen glaubt man in Köln
allgemein an die Freigebung Daniels, gegen den nichts vorliegt io
und für den die ganze Heulerei in der heiligen Stadt heult. Sie
hält ihn natürlich für unfähig solcher „Narreteien“.
Miquel hat aus Göttingen geschrieben. Mehrmalige Haus¬
suchung bei ihm. Man fand nichts. Ist nicht eingesperrt worden.
Es sind von Göttingen aus fünf neue Emissäre — Gentlemen — is
nach Berlin etc. ausgegangen. Die Judenverfolgung erhöht natür¬
lich den Eifer und das Interesse.
Das drolligste ist, daß die alberne „Afugsburger] Allgemeine
Zeitung“ das von uns verfaßte Aktenstück zu einem Kind der
Herm Mazzini-Ruge macht, sich ein über das andre mal an die 20
Brust schlägt und ihre Begriffserschüttrung über das Ungeheure
nicht besser zu formulieren weiß, als indem sie verschiedentlich
Wahnsinn! schreit. Wahnsinn! Wahnsinn!
Die Triersche Zeitung hat sich natürlich — i. e. K. Grün —
aufs hohe Pferd gesetzt und aus dem ersten Aktenstück die mate- 25
rielle, aus dem zweiten jedoch die „geistige“ Ohnmacht der Partei
bewiesen. Die lichtfreundlichen und am weitestgehenden „anar¬
chischen“ Phrasen fehlen natürlich nicht. Alles von oben machen!
Polizeistaat! Andersdenkende förmlich in Bann tun und aus¬
schließen. Mon Dieu! Da hört am Ende alles auf ! 30
Nun zu den hiesigen Stürmen, die in einem Regentropfen sich
zu ereignen gewohnt sind.
Erstens. Vater Willich ist aus der Kaserne — deren Auflösung,
wie es scheint, beschlossen war — ausgekniffen und in tiefen
Krakeel mit den meisten seiner Leibgarde geraten. &
Zweitens. Der große Fickler arrivierte hier. Lupus war einige
Tage vor seiner Ankunft in England mit ihm in Straßburg zu¬
sammengewesen. Liebknecht ist seit alter Zeit mit ihm vertraut.
Beide begaben sich also zu ihm am 5. July. Er schwatzte sehr
freundlich, sprach von der Notwendigkeit der Aussöhnung der
Parteien etc. Da kam auch der große A. Gögg hinzu. Er nannte
Willich einen „bloßen Phantasten“, Schapper ein „ekelhaftes
Subjekt“ — nachdem er den Kerl einigemal in der Windmill
poltern gehört, habe er sich von ihm getrennt und sei nicht mehr
O Wahrscheinlich Schreibfehler für Schulz
(100) 1851 Juli 13
215
in die Herberge gegangen. Fickler und Gögg zogen beide be¬
sonders stark über den großen Kinkel los, der hier rein den glück¬
lichen Parvenü spielt und sich dabei den Ärger der andern
großen Männer zugezogen hat. Ruge wurde dagegen als eine Art
5 von lumen betrachtet.
Fickler fragte nach meiner Adresse, und Lupus und Liebknecht
entfernten sich, düpiert von den nach „Eintracht“ ringenden Bie¬
dermännern.
Einige Tage nachher schickte mir Freiligrath folgenden Brief
io zu, der ihm zugegangen war:
4, Brunswickplace, North Brighton,
4. July 1851.
Lieber Freiligrath,
Wir projektieren eine Art Klub oder Verein, der das Privat-
u wesen aufhebt und niemand von der revolutionären sozialdemo¬
kratischen Partei ausschließt, als den, der exklusiv sein will oder
der sich durch Charakter und Antezedentien selbst unmöglich ge¬
macht hat.
Fickler, Goegg, Sigel, Ronge, Ruge betreiben die Sache, und ich
2o habe es übernommen, Dich zu unterrichten und Dich einzuladen,
wenn Du Dich, wie ich vermute, interessierst, an einem Meeting zu
dem Zweck am 14. July (Montag acht Tage) elf Uhr morgens in
Ficklers Wohnung, 26 Yorkbuildings, die einen Teil von New
Road bilden, unterhalb Bakerstreet, teilzunehmen. Wir haben etwa
25 24 Leute eingeladen, die wir als zuverlässig und treugeblieben
kennen. Mehr wüßten wir für den Augenblick nicht.
Ich hätte Dich gern gesprochen. Wenn wir reüssieren mit dem
Projekt, so wird dergleichen sofort in allen Fällen möglich. Wenn
Du auch nicht in London bleibst, sollst Du doch hinkommen.
5o Mit Gruß und mit Händedruck
Dein A. Ruge.
Qu’en dis-tu?
Freiligrath hat nun den großen Fehler begangen, seine Antwort
erst gestern, 12. July, abzuschicken, so daß Ruge sie1} nicht
35 einmal vor seiner Abreise aus Brighton nach London erhalten
wird. Überhaupt nahm Flreiligrath] die Sache etwas zu pomadig.
Mais enfin, chacun a sa manière d’agir. Lupus, dem ich den Brief
mitteilte, schrieb sofort an Fickler:
10. July 1851.
io Bürger Fickler,
Am 5. dieses Monats war ich mit Liebknecht bei Ihnen auf Be¬
such. Aus der Art und Weise, wie Sie sich gegen uns aussprachen,
9 Im Orig, irrtümlich ihn
216
(100) 1851 Juli 13
konnte ich durchaus nicht schließen, daß schon tags zuvor nach¬
stehender Brief an Freiligrath abgesandt worden war. (Folgt
obenstehender Brief.) Hätte ich am 5. dieses Monats entfernt
ahnen können, daß Sie mit A. Ruge, diesem albern-schamlosen
Lumpenhunde, in derartiger Verbindung stehn, ich würde Ihre ;
Wohnung gewiß nicht betreten haben.
Da Sie nun aber, wie ich aus vorstehendem ersah, mit einem
Menschen zusammengehen, „der sich durch Charakter
und Antezedentien“ (z. B. durch sein feiges Davonlaufen
aus Berlin^ etc.) für jede wahrhaft revolutionäre Partei „selbst v
unmöglich gemacht hat“ und der bereits von der ganzen
kommunistischen Partei in Deutschland in Verschiß getan ist: so
soll durch diese Zeilen konstatiert werden, daß ich mit Leuten,
die sich so intim in der Sphäre eines Individuums wie Ruge be¬
wegen, nichts zu schaffen haben will und kann.
W. Wolff.
3, Broadstreet Golden Square.
P. S. Sie können von diesen Zeilen jeden beliebigen Gebrauch
machen. Ich für meinen Teil werde sie meinen Parteigenossen
zur Kenntnis bringen.
Der Obige.
Lupus erhielt darauf folgende Antwort:
London, 11. July 1851.
Lieber Bürger Wolff,
Mein Ahnungsvermögen ist in der Tat so schwach, daß es mich 25
auch nicht entfernt den Verlust Ihres Wohlwollens und Ihres Be¬
suchs befürchten ließ, wenn ich mit dem „Lumpenhund“ Ruge
im Umgang mich befinde. Ja, ich wußte nicht einmal, daß ich in
solcher Hinsicht schon unter der Vormundschaft einer Parteiab¬
teilung und unter der Polizeiherrschaft der Männer der Zukunft 30
stehe. Dieser Stumpfsinnigkeit, sowie der Erfahrung, welche ich
in zwanzigjährigem politischen Wirken dahin machte: daß es nicht
eine politische Partei gebe, die vermeiden könne, mit Lumpen¬
hunden zusammenzuwirken, verdanke ich den Entschluß: jedem
befähigten Manne die Hand zu bieten, der gemeinsam mit mir die 35
revolutionäre Bahn wandeln will; — ob derselbe bloß halbwegs
zum Ziele gehe, welches ich mir vorgesteckt; — ob er mich bis
dahin begleite oder ob er darüber hinausschreite.
Politische wie religiöse Achtserklärungen sind Anachronismen,
selbst wenn sie vom Kaiser und Papst ausgehn; um wieviel lâcher- 40
0 Im Originalbriefe Wolffs folgt noch: nachdem er in der Reform das Volk
aufgehetzt etc.)
(100) 1851 Juli 13 217
licher erscheinen dieselben, wenn die Königlein undPäpstlein einer
Partei sie ausschleudem, welche nach offenkundig gewordnen
Bekenntnissen so zerfahren ist wie die Ihrige, und welche heute
aus ihrer eigenen Mitte diejenigen zu „Lumpenhunden66 umformt,
s welchen sie gestern noch fast göttliche Ehre erwiesen!
Auf meinem Lebenswege habe ich ungleich mehr „Lumpen¬
hunde66 als ehrliche Leute gefunden und bin von den erstem un¬
gleich weniger betrogen worden als von den letztem. Deshalb
verliere ich keine Zeit mit Sonderung dieser Sorten und sehe
ho hauptsächlich auf Befähigung, deren man in der verschiedensten
Weise bedarf.
Wollen Sie daher mit Marx und Liebknecht — um deren Ver¬
ständigung ich Sie bitte — an dem erwähnten „Meeting66 teil¬
nehmen, so lade ich Sie dazu mit dem Bemerken ein: daß es sich
us lediglich um eine Vorberatung handelt und die Hauptunannehm¬
lichkeit für Sie wie für die Hälfte der Gesellschaft überhaupt
darin bestehn dürfte, für die unedlem Körperteile der Sitze zu
entbehren, was aber wesentlich zur Beschleunigung der Beratung
beitragen wird.
&o Mit freundlichem Gruß
Ihr Fickler etc.
Das komischste an der ganzen Sache ist und bleibt die unend¬
liche Anstrengung des Ruge und seiner Clique, sich mit stets neuen
Kombinationen dem Publikum aufzudrängen. Geht es nicht als
w ABCDEF, so geht es sicher als FEDCBA. Rechne einmal aus, wie¬
viel Variationen und Permutationen der Art noch möglich sind.
Hat es je eine ohnmächtig lächerlich-anspruchsvollere Clique von
Steineseln gegeben?
Dein K. M.
m Apropos, die 5 Pfund erhalten. Sie kamen wie ein deus ex
machina, denn die circumstances sind „öklich“ und schwer zu
sehen wie herauszukommen. Schreib direkt an den Klose
(6, Upper Ruppertstreet, near Princesstreet, Soho), da der Esel
sonst glaubt, sein an Dich gerichteter Brief, Du erinnerst Dich
35 wegen der £ 10, sei nicht an Dich gelangt.
101. Engel s an M a rx ; 1851 Juli 17.
Manchester, 17. Juli 1851.
Lieber Marx,
Dem Klose wird heute noch geschrieben — es ist gut, daß Du
seine Adresse beifügst, da ich sie nicht hatte. — Daß Du arg in der
218
(101) 1851 Juli 17
Klemme bist, glaub ich gern, und um so ärgerlicher ist es mir,
daß ich bis Anfang nächsten Monats über keinen Centime mehr
zu disponieren habe. Wenn Du bis dahin nicht warten kannst, wäre
es nicht einzurichten, daß Weerth Dir bis dahin einiges pumpte?
Ich kann am 1. August £ 5 und am 1. September wieder £ 5^
zurückzahlen, und das ist so sicher wie bar Geld.
Die Zeitungsabonnements sind hier endlich wieder in Ordnung,
und so hab ich denn endlich unser altes Aktenstück in der Kfölni-
schen] Z[eitung] zu Gesicht bekommen. Die Augsbturger] erzählt
übrigens in einem sonst anscheinend gut unterrichteten Artikel io
Dresden, man habe den Nothjung endlich durch schikanöse Verhöre
breitgeschlagen, und dieser habe die umfassendsten Geständnisse
gemacht. Ich halte es allerdings für leicht möglich, daß geschickte
Inquirenten ihn bald in die Enge treiben und in die tollsten Wider¬
sprüche verwickeln können. Ein preußischer Beamter soll hinge- is
gangen sein, um noch mehr aus ihm herauszuquetschen. Der König
von Hannover soll sich geweigert haben, die Verfolgungen in
seinen Staaten zu betreiben, wenigstens in der kruden Weise, wie
dies in Preußen, Hamburg usw. geschieht. Der Brief Miquels
scheint dies zu bestätigen. Daß Martens in Hamburg verhaftet ist, 20
weißt Du. Die Dummheit der Preußen geht übrigens aus nichts
mehr hervor als aus der Haussuchung bei „Karl am Rhein66, den
man ebenfalls im Verdacht hatte, im kommunistischen Bund zu
sein, und bei dem man nur Briefe von Raveaux fand!
Das alte Aktenstück kann nur durch die eine Stelle übef die 25
„Exzesse66 den Verhafteten schädlich sein, alle übrigen Stellen
gehn gegen die Demokraten und würden nur in dem Fall ihre
Position erschweren, wenn sie vor eine halbdemokratische Jury
kämen; wie es aber den Anschein hat, wird man sie vor eine
exquisite Spezial- oder Bundesjury stellen, wenn man sie über- 30
haupt davor stellt. Und selbst diese Sachen waren schon in dem
Bürgersschen Dokument, das gleich anfangs gefaßt war, großen¬
teils wieder verarbeitet. Dagegen ist es in jeder andern Beziehung
von enormem Vorteil, daß das Ding publiziert und durch alle
Blätter gegangen ist. Die einzelnen stillen Cliquen von angehen- &
den Kommunisten, die man gar nicht kennt und die nach den bis¬
herigen Erfahrungen in allen Teilen Deutschlands sitzen müssen,
werden daran einen famosen Halt bekommen, und selbst dem
Artikel der Augsburger sieht man an, daß das Ding sie ganz
anders affiziert hat als die ersten Entdeckungen. Ihre Zusammen-
Stellung des Inhalts zeigt, daß sie den „Wahnsinn66 nur zu gut
verstanden hat — en effet il n’y avait pas moyen de s’y méprendre.
Dabei galoppiert die feudale Reaktion so toll und blindlings
drauf los, daß der ganze Schreckschuß bei der Bourgeoisie nicht
den mindesten Effekt macht. Es ist zu heiter, zu sehn, wie die Köl-
(101) 1851 Juli 17
219
nische Zeitung jetzt täglich das il faut passer par la mer rouge
predigt und alle Fehler der Konstitutionellen von 1848 eingesteht.
Aber freilich, wenn man einen Kleist-Retzow zum Oberpräsiden¬
ten nach Koblenz bekommt, und wenn die unverschämte Kreuz-
5 zeitung in ihren platten Possen und Knittelversen immer injuriöser
wird, was soll da die gebildete und gesetzte konstitutionelle
Opposition anfangen! Es ist schade, daß wir die Kreuzzeitung
nicht hier haben. Ich sehe allerlei Auszüge draus. Von dieser
hundsordinären, gassenbubenhaften, stinkenddummpreußischen
io Manier, mit der das Blättchen jetzt über die anständigen, wohl¬
habenden und respektablen konstitutionellen Größen herfällt, hat
man keine Vorstellung. Wenn man Kerlen wie Beckerath und Kon¬
sorten noch ein bißchen Selbstgefühl und Widerstandsfähigkeit
zutrauen könnte, sie müßten die Mißhandlungen und Schimpfe-
u reien eines Père Duchesne in Rheinschürgermanier und die ganze
terreur rouge einer Behandlung vorziehn, wie sie sie jetzt von
den Junkern und der Kreuzzeitung täglich zu genießen haben.
„Und weiter sprach der Esel:
Da ist auch der Gemeinderat von Wesel.
20 Wenn ich nicht wär ein Eselein,
So möcht’ ich wohl Gemeinderat von Wesel sein“ —
In solchen witzigen Reimen bepißt die Kreuzzeitung jetzt der
Reihe nach sämtliche konstitutionelle Koryphäen, und die Kerle
lassen sich das ruhig gefallen. Es ist aber den Hunden recht, die
25 die besten Artikel der Neuen Rheinischen Zeitung als „gemeine
Schimpfereien“ verschrien, daß sie jetzt auf ihrem eignen feigen
Puckel den Unterschied eingefuchtelt bekommen. Sie werden sich
zurücksehnen nach den hiergegen unendlich attischen Verhöh¬
nungen der Neuen Rheinischen Zeitung.
zo Die Geschichte mit Willich ist Trost in trüben Stunden. Der
„populärste Mann“ ist also auch am Ziel seiner Popularität ange¬
langt und kann jetzt als verkannter Menschheitsretter sich mit
einem Pot Bier und Schappers Freundschaft über den Undank
der Welt trösten. Ich kann mir seinen Kummer denken, da jetzt
35 die Armee der Zukunft, der „Kem“ vernichtet ist, um den sich
ganz Europa sammeln sollte. Wo wird der Edle neue „Männer
von Prinzip“ finden!
Aus der Geschichte mit Fickler werde ich nicht recht klug.
Warum lief Lupus auch gleich zu Fickler hin und ließ nicht erst
io den Liebknecht sondieren, puisque celui-ce n’aurait compromis
que lui-même. Es sieht aus, als habe man Fickler keilen wollen.
Und dann, nachdem er dagewesen, war der Brief von Lupus zu
sackgrob. Entweder war der Fickler überhaupt nicht der Mühe
wert, oder — nachdem in der Unterhaltung selbst von Fickler und
Z. 30-37 !
220
(101) 1851 Juli 17
Gögg Ruge als eine Art lumen schon hingestellt war, reichte es hin,
daß man mit ihm abbrach, ohne grade ganz und grob mit ihm zu
brechen. Es war ein gemeiner Streich von Fickler, c’est clair, indes
mußte man nicht dergleichen von süddeutschen Biedermännern
von vornherein als möglich voraussetzen? Und er hatte ja aus <5
seinem Respekt vor Ruge kein Geheimnis gemacht. Die Zudring¬
lichkeit des Ruge ist freilich namenlos. Aber grade diese ewig
neuen Variationen sind Beweis genug, daß keine auch nur im
geringsten ziehen will, und daß das „comité allemand“, an das
Mazzini seine Römerbriefe schreibt, noch immer nur im Kopf von io
Ruge existiert.
Sorg ja dafür, daß Weerth hieherkommt, und schreib bald
wieder.
Dein F. E.
102. Marx an Engels; [1851 Juli ca. 17].
28, Deanstreet, Soho.
Lieber Engels,
Sei so gut und lege den einliegenden Brief an Schulz sofort auf
die Post in Manchester.
Du erhältst einliegend den Brief Freiligraths an Ruge, den ich 20
zurückzuschicken bitte, und den Brief von Bermbach an Hiicli.
Auch einen Brief von Miquel.
Ein gewisser „Ulmer“, Schuster, war bei den letzten Haus¬
suchungen aus Köln entflohen. Er gab einem Straubinger bei
„Schärtner“ einen Brief an seine Verwandten mit. Dieser Strau- 25
binger wurde sofort mit dem Briefe an der holländischen Grenze
abgefaßt. Kompromittiert sind dadurch nur die Leute, die ihn be¬
freit haben. So gut ist die Polizei im Schärtnerschen Lokale orga¬
nisiert.
Weydemeyer hat sich über die Grenze gemacht. Wir erwarten 30
ihn hier.
Die elenden Heinzen-Ruge lassen sich allerlei dummen Klatsch
über die Kölner Vorfälle, angeblich aus Deutschland, schreiben.
Der ganz falsche Inhalt zeigt, daß sie ihre eignen Korrespon¬
denten sind. 35
Laß bald von Dir hören.
Dein K. M.
P. S. Es fällt mir eben ein, daß es besser ist, wenn Du selbst den
Brief an Bermbach schickst. Nämlich auswendig: Louis Schulz,
2, Schildergasse, Köln. Inwendig den verschlossnen Brief an /o
(102) 1851 Juli ca. 17
221
Bermbach. Du richtest es natürlich so ein, daß man keine inwen¬
dige Adresse sieht, und machst den Brief kaufmännisch zu.
103. Engels an M a r x ; [1851 Ju 1 i ca. 20].
Lieber Marx,
5 Inliegend die Dokumente zurück. Der Brief von Miquel gefällt
mir. Der Kerl denkt wenigstens und würde gewiß sehr gut werden,
wenn er einige Zeit ins Ausland käme. Seine Befürchtungen wegen
der nachteiligen Einwirkung unsres jetzt publizierten Akten¬
stücks auf die Demokraten sind für seine Gegend gewiß sehr rich-
20 tig; diese niedersächsische, naturwüchsige Mittelbauerndemokra¬
tie, der die Kölnische Zeitung neulich in den Arsch kroch und ihr
die Allianz anbot, ist aber auch danach und steht weit unter der
spießbürgerlichen Demokratie der größeren Städte, von der sie
doch beherrscht wird. Und diese kleinbürgerliche Normaldemo-
15 kratie, obwohl schwer pikiert offenbar durch dies Aktenstück, ist
selbst viel zu geklemmt und gedrückt, als daß sie nicht, mit der
großen Bourgeoisie, viel eher auf die Notwendigkeit des passer
par la mer rouge käme. Die Kerle werden sich mehr und mehr
in die Notwendigkeit einer momentanen terroristischen Herrschaft
so des Proletariats ergeben — das kann ja doch nicht von langer
Dauer sein, denn der positive Inhalt des Aktenstücks ist ja so un¬
sinnig, daß von permanenter Herrschaft solcher Leute und end¬
licher Durchführung solcher Prinzipien keine Rede sein kann!
Dagegen der hannoverische große und Mittelbauer, der nichts hat
25 als seinen Boden, dessen Haus, Hof, Scheune usw. bei dem voraus¬
zusehenden Ruin aller Assekuranzkompanien allen Gefahren aus¬
gesetzt sind, der ohnehin seit Emst August alle Süßigkeiten des
gesetzlichen Widerstands durchgekostet hat — dieser deutsche
sturdy yeoman wird sich hüten, eher als er muß ins rote Meer zu
ja sehn-
Nach B[ermbach]s Brief wäre Haupt der Verräter — was ich
nicht glauben kann. Die Geschichte müßte übrigens jedenfalls er¬
gründet werden. Verdächtig kann allerdings scheinen, daß, soviel
ich weiß, Haupt noch auf freien Füßen ist. An eine Reise nach
35 Hamburg von Göttingen oder Köln aus wird nicht zu denken sein.
Was und wann man aus den Prozeßakten oder Verhandlungen
darüber Aufklärung erhält, ist nicht zu sagen. S’il y a trahison,
darf man’s nicht vergessen, und ein Exempel bei passender Ge¬
legenheit wäre sehr gut.
4o Ich hoffe, Daniels wird bald freigelassen, après tout c’est la
seule tête politique, qu’il y ait dans Cologne, und er würde trotz
222
(103) 1851 Juli ca. 20
aller polizeilichen Überwachung doch imstande sein, die Ge¬
schichte im rechten Gleis zu erhalten.
Um noch einmal auf den Effekt unsres Aktenstücks auf die
Demokraten zurückzukommen: Mliquel] sollte doch bedenken,
daß wir die Herren fortwährend und ununterbrochen in Schriften 5
verfolgt haben, die mehr oder weniger doch Parteimanifeste waren.
Woher also nun das Geschrei über ein Programm, das bloß das
schon längst Gedruckte in sehr ruhiger und besonders ganz un¬
persönlicher Weise resümiert? Hatten uns unsre kontinentalen
Jünger denn verleugnet, hatten sie sich tiefer als die Parteipolitik io
und Parteiehre zuließen, mit den Demokraten eingelassen? Wenn
die Demokraten eben aus Gegensatzlosigkeit so revolutionär
schrien, wer machte sie gegensatzlos, doch nicht wir, sondern höch¬
stens die deutschen Kommunisten in Deutschland. Da scheint
allerdings der Haken zu liegen. Jeder irgendwie intelligente u
Demokrat mußte von vornherein wissen, was er von unsrer Par¬
tei zu erwarten hatte — das Aktenstück konnte ihm nicht viel
Neues bringen. Alliierten sie sich pro tempore mit den Kommu¬
nisten, so waren sie über Bedingungen und Dauer der Allianz voll¬
ständig instruiert, und es kann bloß hannoverischen Mittelbauern 20
und Advokaten eingefallen sein zu glauben, die Kommunisten
hätten sich seit 1850 von den Prinzipien und der Politik der
Neuen Rheinischen Zeitung bekehrt. Waldeck und Jacoby haben
sich das gewiß nie träumen lassen. In jedem Fall werden alle
derartigen Veröffentlichungen auf die Dauer weder gegen „die 25
Natur der Dinge“ noch gegen „den Begriff des Verhältnisses“,
um mit Stimer zu sprechen, etwas ausrichten, und die demokra¬
tische Schreierei und Wühlhuberei wird bald wieder in voller
Blüte stehn und mit den Kommunisten Hand in Hand gehn. Und
daß uns die Kerle den lendemain der Bewegung doch schlechte 30
Streiche spielen werden, wissen wir längst und wird durch keine
Diplomatie verhindert.
Dagegen, daß sich überall, wie ich voraussetzte, kleine kommu¬
nistische Cliquen auf Grundlage des Manifests bilden, hat mich
sehr gefreut. Das fehlte uns grade bei der Schwachheit des bis- 30
herigen Generalstabs. Die Soldaten finden sich von selbst, wenn
die Verhältnisse so weit sind, aber die Aussicht auf einen General¬
stab, der nicht aus Straubingerelementen besteht und größere Aus¬
wahl zuläßt als der bisherige von 25 Mann, die irgendwelche Bil¬
dung besitzen, ist sehr angenehm. Gut wäre eine allgemeine Emp- 40
fehlung, überall unter den Kommis Propaganda zu machen. Für
den Fall, daß man eine Verwaltung organisieren müßte, sind
die Kerls unentbehrlich — sie sind ans Schanzen und an über¬
sichtliche Buchführung gewöhnt, und der Commerce ist die einzig
praktische Schule für brauchbare Bureauschreiber. Unsre Ju- 43
(103) 1851 Juli ca. 20
223
risten usw. taugen dazu nicht. Kommis für die Buchführung und
Komptabilität, talentvolle Studierte für Redaktion von Depeschen,
Briefen, Aktenstücken, voilà ce qu’il faut. Mit sechs Kommis orga¬
nisier’ ich einen Verwaltungszweig tausendmal einfacher, über-
5 sichtlicher und praktischer als mit 60 Regierungsräten und Kame¬
ralisten. Diese letzteren können ja nicht einmal leserlich schreiben
und versauen einem alle Bücher, so daß kein Teufel draus klug
wird. Da man doch mehr und mehr gezwungen wird, auf diese
Eventualität sich einzurichten, so wär’ die Sache nicht ohne Wich-
io tigkeit. Ohnehin sind diese Kommis an anhaltende mechanische
Tätigkeit gewöhnt, weniger anspruchsvoll, leichter vom Bummeln
abzubekommen und bei Unbrauchbarkeit leichter zu beseitigen.
Der Brief nach Köln ist fort — sehr schön besorgt; wenn der
nicht richtig ankommt, weiß ich’s nicht. Sonst ist die Adresse von
K Schulz nicht sehr empfehlenswert — Ex-Cogerant!
104. Engels an Marx; 1851 Juli 30.
Lieber Marx,
Ich wundre mich, seit vierzehn Tagen nichts von Dir gehört
zu haben.
20 Unsre Voraussetzung in der letzten Revue wegen der enormen
Ausdehnung der ozeanischen Dampf Schiffahrt hat sich schon jetzt
bestätigt. Äbgesehn von einzelnen kleinen Linien gehn jetzt
schon zwei höchst wichtige neue große Linien: 1. die Schrauben¬
schiffe von Liverpool nach Philadelphia, alle vierzehn Tage vier
25 Schiffe auf der Linie; 2. die Dampfer zwischen Liverpool, Rio de
Janeiro und Valparaiso usw., alle sieben Wochen vier Schiffe auf
der Linie. Dazu kommen in ein bis zwei Monaten die regelmäßigen
Überlandfahrten nach Kalifornien — New York, nach San Juan,
von dort per Steamer nach dem Nicaraguasee, über Land nach
3o Leon, von da direkt nach San Francisco — in Gang, die Reise nach
Kalifornien wenigstens acht Tage abgekürzt.
Nächsten Monat kommt ein Zug in Gang zwischen London und
Aberdeen, 550 englische Meilen oder 8 Breitegrade, in einem Tage.
Von Leeds nach London und zurück fährt man jetzt für fünf
35 Schillinge auf einer, für vier Schillinge und sechs Pence auf einer
andern Eisenbahn. Nächsten Samstag sollen auch hier die Fahrten
herabgesetzt werden. Wenn sie ebenso niedrig kommen, geh ich
wenigstens alle vierzehn Tage einmal nach London.
Wenn in den nächsten sechs Wochen nichts Besondres passiert,
w so wird die Baumwollernte dies Jahr 3 000000 Ballen oder
1200 Millionen Pfund bis 1350 Millionen Pfund stark. Jamais on
n’a vu la plante aussi florissante. Dazu Symptome eines abnehmen¬
224 (104) 1851 Juli 30
den Geschäfts: Ostindien ist überladen und schreit nach stoppage
der Einfuhr von Baumwollwaren, der hiesige Markt für Gam und
Gewebe noch immer derangiert durch die schwankenden Baum¬
wollpreise — wenn der crash im Markt mit einer solchen Riesen¬
ernte zusammentrifft, so wird er heiter. Peter Ermen scheißt schon &
jetzt in die Hosen, wenn er daran denkt, und der kleine Laubfrosch
ist ein ganz gutes Barometer.
Voilà ein industrielles Potpourri für heute. Dein F. E.
30. Juli 1851.
105. Marx an Engels; 1851 Juli 31.
31. July 1851.
28, Soho, Deanstreet.
Lieber Engels,
Soeben bekomme ich Deinen Brief, der sehr angenehme Aus¬
sichten zur Handelskrise eröffnet. it
Ich habe seit ungefähr vierzehn Tagen nichts geschrieben, weil
ich die Zeit, die ich nicht auf der Bibliothek zubringe, wie ein
Hund gehetzt war, und so trotz des besten Willens immer wieder
vom Schreiben abkam.
Nachdem mich die beiden Bamberger, Vater und Sohn, von 20
Woche zu Woche — erst von Monat zu Monat — hingezogen mit
dem Versprechen, mir einen Wechsel zu diskontieren, nachdem ich
endlich zu diesem Zweck verflossnen Montag in die Judenbude be¬
stellt war und schon das stamped paper mitgebracht, eröffnet mir
der Junge, daß der Alte, der auch da war, nicht könne etc. etc. 25
Daß ich diesen beiden Juden für dies infame Hinhalten, Zeit¬
verderben und mich Dritten gegenüber in fausse position bringen,
nicht um die Ohren schlagen konnte, war höchst bedauerlich.
Übrigens verdanke ich, wenn nicht die Tatsache, doch das
Prinzip dieses wirklich à la Sancho erst seit Monaten und 30
dann wieder seit den letzten sechs Wochen Geprelltwerdens, dem
Herrn Konrad Schramm.
Du weißt, daß dies Subjekt seit vier bis fünf Wochen nach Paris
auf gebrochen ist. Wie immer, von unsern edlen hiesigen Freunden,
erfährt man erst jetzt von ihnen, z. B. von dem Tölpel Hain, was 30
sie längst über den Lumpen wußten. Ich verbiete ihnen aber jetzt
das „Schreien“, da es nur noch schaden kann, nichts mehr nützen.
Also — ich weiß nicht, ob ich Dir das schon geschrieben habe —
ich erfahre von Herm Schramm eines Abends, daß er in zweimal
vierundzwanzig Stunden abreisen wolle. Ich beschließ also, die 40
Z. 26-40 -
(105) 1851 Juli 31
225
nötigen Maßregeln wegen der Bundes- und sonstigen Papiere zu
ergreifen, in deren Besitz Herr Konrad sich noch befand. Den¬
selben Abend erfahre ich durch Liebknecht, daß Herr Konrad
diese Papiere nicht herausgeben will, sondern sie versiegelt Herm
5 Louis Bamberger übergeben hat. Und was rasches Verfahren noch
nötiger machte: als ich den folgenden Tag aus dem Museum
komme, ergibt sich, daß Herr Lumpazius nicht in zweimal vier¬
undzwanzig Stunden, sondern schon in den ersten vierundzwanzig
Stunden, d. h. eben um zwei Uhr nachts des laufenden Tags ab-
io reisen wird. Der edle Konrad hatte mich für den Abend um ein
Privatrendezvous gebeten, was ich ihm aber vereitelte und lupus,
Liebknecht, Pieper mitnahm. Kaum waren wir in einer insulated
Kneipe gesettled, als ich den Herrn Konrad über sein Treiben mit
den Papieren Aufklärung zu geben ersuchte etc. Wie immer, wenn
15 er einen faux pas gemacht, wird der Kerl fuchswild, erklärt, die
Papiere nicht herausgeben zu wollen, da e r sie zu seiner Recht¬
fertigung brauche und andre Albernheiten. Er sei der Bund so
gut wie ich und Du, auch er könne rettende Taten vollbringen. Er
wisse gar nicht, ob ich Vorsteher des Kreises in London sei. Dann
2o Stimeriana über seine Einzigkeit in der Partei. Andere, besonders
lupus, brausten auf, er drohte aufzubrechen, schreit, tobt — alles
connu. Ich schlug den Tumult wieder nieder, und da ich weiß wie
der Bursche zu behandeln ist, da aller Skandal nicht nützte, son¬
dern es sich darum handelte, die Papiere zu haben, namentlich in
25 diesem Augenblicke — so brachte ich Herrn Konrad durch
Drohung und glatte Worte dahin, daß er mir einen Zettel an Bam¬
berger ausstellte und diesen beauftragte, mir das versiegelte Paket
abzuliefem.
Das erhielt ich auch am folgenden Tag. Darin befand sich alles.
3o Unter andrem sogar Deine und meine Erklärung gegen A. Ruge,
die der edle Konrad also nicht in die Staatszeitung abgeschickt
hatte, wahrscheinlich weil er so viel bei seinem Bruder gelogen,
daß er jede Aufklärung — öffentliche — fürchtete.
Dieser Lump also hat zugleich — er glaubte dadurch seine Ge-
35 schäfte besser machen [zu] können — die Bamberger vor mir
gewarnt, ihnen gesagt, ich hätte meinen letzten Kredit erschöpft,
um den letzten Wechsel zu zahlen etc. etc. Überhaupt hat er in
jeder, der hundsföttischsten Weise gegen uns intrigiert, gelogen
usw.
4o Jetzt — da dies alles fait accompli — muß man nicht, wie die
hiesigen Tölpel wollten und taten, schreien und sich bieder-
männisch entrüsten, sondern den Lumpazius einstweilen an sein
Verhältnis mit uns fortglauben lassen, bis man die Macht und den
Moment hat, den Kerl aus dem Wege zu schaffen, d’une manière
4> ou de l’autre. In diesem Moment könnte der Bursche unsern deut-
15
Z. 1-45 -
226
(105) 1851 Juli 31
sehen Genossen durchaus gefährlich werden, wenn man ihm irgend¬
wie als Kenner seiner ehrlosen Lumperei gegenüberträte.
Übrigens glaubst Du mir ohne weitre Beteurung, daß ich meiner
Situation verdammt müd bin. Ich habe nach Amerika geschrieben,
ob es möglich ist, von hier aus eine Korrespondenz zusammen mit 5
Lupus für ein paar Dutzend Journale zu machen, denn es ist im¬
possible so fortzuleben.
Was die Verhandlungen mit Ebner in Frankfurt angeht, so
schreibt er, daß Cotta wahrscheinlich meine Ökonomie — deren
Plan ich hingeschickt — nehmen wird, und daß, wenn nicht, er io
einen andern Buchhändler auf treiben wird. Ich wäre längst auf
der Bibliothek fertig. Aber die Unterbrechungen und Störungen
sind zu groß, und zu Haus, wo alles immer im Belagerungszustand
sitzt und Tränenbäche mich ganze Nächte durch ennuyieren und
wütend machen, kann ich natürlich nicht viel tun. Meine Frau tut is
mir leid. Auf sie fällt der Hauptdruck, und au fond hat sie recht.
Il faut que l’industrie soit plus productive que le mariage. Trotz
alledem erinnerst Du Dich, daß ich von Natur très peu endurant
bin und sogar quelque peu dur, so daß von Zeit zu Zeit mein
Gleichmut verloren geht. 20
Julius ist vor einer Woche ungefähr begraben worden. Ich
war bei der Bestattung zugegen. Der edle Kinkel hielt einen Seich
über das Grab. Julius war der einzige in der Emigration, der
studierte und mehr und mehr vom Idealismus auf unser Gebiet
herübertrat. 25
Der edle Dulon befindet sich hier.
Heinzen und Ruge fahren fort, in der New Yorker Schnellpost
gegen die Kommunisten und uns speziell zu poltern. Das Zeug ist
aber so kreuzdumm, daß es unmöglich ist, anders drauf einzu¬
gehn, als bei gelegner Zeit einmal aus Ruges Machwerken das w
Komischste zusammenzustellen und den Deutschen zu offenbaren,
von wem sie jetzt, malgré eux regiert werden.
Hast Du vielleicht die neueste Schrift von Proudhon gelesen?
Weydemeyer hat mir von Zürich aus geschrieben. Karstens
sitzt in Mainz. Er hatte einen vergeblichen Fluchtversuch gemacht, m
Vale faveque.
Dein K. M.
Du wirst übrigens sehr wohltun, wenn Du womöglich mit
Namensunterschrift einen Aufsatz für Jones machst. Er geht fort
in seinem Blatte, er lernt. Ce n’est pas un Harney. Die Notes to the 40
People kommen daher auf, während der Friend of the People
kaputt geht.
i) Friedrich Lessner
Z. - 1-2.
(106) 1851 Aug. ca. 2
227
106. Engels an Marx; [1851 August ca. 2].
Lieber Marx,
Inliegend die zweite Hälfte der Fünfpfundnote.
Daß Schr[amm] nach Paris gesegelt, wußte ich nicht, Du hattest
5 mir nichts darüber geschrieben. Ich las daher mit dem größten
Erstaunen in der Kölner Zeitung, daß er versoffen sei — leider
wird das nicht wahr sein. Der Hund ist sehr störend — man hat
ihn zu dicht herankommen lassen, und er ist ein gemeiner Kerl
durch und durch. Du hast indes recht, das Schreien und Ulk-
io schlagen hilft nichts, man muß den Kerl ruhig seiner Wege gehn
lassen, bis man Macht über ihn hat. Wie gesagt, es wäre ganz gut,
wenn er wirklich im Kanal ersoffen wäre; wahrscheinlich aber hat
er das Gerücht selbst verbreitet — c’est une manière comme une
autre de faire parler de soi.
75 Weydemeyer will also nach Amerika und sehn, daß er die
New Yorker Arbeiterzeitung, die Fenner v. Fenneberg jetzt hat, in
seine Hände bekommt. Kann er sich in New York halten, so ist er
uns dort jedenfalls nützlicher als in London, wo der embarras nur
vermehrt würde. Ein solider Bursche wie er hat uns in New York
so gerade gefehlt, und am Ende ist New York auch nicht aus der
Welt und bei Wteydemeyer] ist man sicher, daß er le cas échéant
doch gleich bei der Hand ist.
Der Plan mit der lithographischen Korrespondenz ist ganz gut.
Nur müßt Ihr das Dings ganz geheim halten— der kleine Bam-
25 berger und andre, einmal die Idee gegeben, würden Euch sofort
das Prävenire spielen. Ich würde an Deiner Stelle das Ding, so¬
bald die ersten Einrichtungen getroffen, in den deutsch-amerika¬
nischen Blättern annoncieren lassen, und zwar selbst als Direktor
mit unterzeichnen, um das Ding ziehen zu machen. Geht das Ding
3o so auf Deine Verantwortlichkeit und glaubst Du, daß es irgendwie
nützlich sei, mich als Mitarbeiter zu nennen, so steht Dir das natür¬
lich frei. Willst Du Deinen Namen indes aus derGeschichte heraus¬
halten, wofür ich die Notwendigkeit durchaus nicht einsehe, car
enfin, warum solltest Du nicht auch das Recht haben, eine indu-
35 strielle Firma zu bilden und die Neue Rheinische Zeitung litho¬
graphiert fortzusetzen — so müßte Lupus die Firma bilden.
Weydemeyer könnte Euch hierfür in New York vom größten
Nutzen sein, besonders bei Eintreibung der Gelder, was die Haupt¬
sache ist. Ich bin überzeugt, das Ding wird enorm ziehen, und die
40 vielen amerikanischen Korrespondenten in London usw. werden
es sehr bald fühlen.
Nennst Du Dich als Direktor, so ist keine Frage, daß das Ding
besser zieht, namentlich gleich von vornherein; läßt Du bloß
Lupus sich nennen, so fällt die moralische Verantwortlichkeit weg
15*
6. 4-14. 42-44 -
228
(106) 1851 Aug. ca. 2
und man kann seinem schlesischen Gepolter à la Luther, das
für die Deutschamerikaner sehr gut paßt, besser als Dein Stil,
wobei sie denken müssen, ungehindert freien Lauf lassen. In
jedem Falle müßtest Du es Dir zur Regel machen, so schlecht und
décousu wie möglich zu schreiben, sonst verdirbst Du es bald mit 5
diesem Publikum.
Was ist das für eine neue Schrift von Proudhon, von der Du
sprichst?
Ich werde dem Jones einen Artikel mit meiner Unterschrift
machen, ich wollte nur, Jones schickte mir ein möglichst voll- m
ständiges Exemplar seiner Notes, das hier nicht aufzutreiben ist.
Wie ist seine Adresse, ich hab sie vergessen.
Auch von Amerika lauten die Berichte über das Baumwoll¬
warengeschäft schlecht. Die Märkte sind overstocked, und die
Yankees selbst fabrizieren für den jetzigen Stand des Markts zu is
viel.
Schreib bald wieder, ich ennuyiere mich hier tödlich.
Dein F. E.
NB. Halt Deine Papiere nur immer gut aus dem Haus, ich
werde seit einiger Zeit hier sehr scharf beobachtet und kann keinen 20
Schritt tun, ohne zwei bis drei informers an den Fersen zu haben.
Herr Bunsen wird die Gelegenheit nicht haben unbenutzt passieren
lassen, um der englischen Regierung neue und wichtige Auf¬
schlüsse über unsre Gefährlichkeit zu geben.
107. Marx an Engels; 1851 August 8.
8. August 1851.
28, Deanstreet, Soho.
Lieber Engels,
Du entschuldigst, daß ich nicht früher geschrieben und Dir
gleichzeitig den Empfang der 5^ angezeigt. Die pressure from 30
without war diese Woche so stark, daß ich nicht zum Schreiben
kam. Vor dem Herauswerfen aus dem Haus habe ich mich einst¬
weilen durch Zeichnung einer bill an den landlord gesichert.
Ich schicke Dir mit diesem Brief eine Nummer der Schnell¬
post, wo Du das infamalbeme Treiben und Klatschen der Vettel 35
Ruge et Co. sehn kannst. Sobald Du den Dreck gelesen, schick ihn
zurück. Um Dir den einen Brief, aus dem Rüpel Heinzen Auszüge
gibt — herrührend jedenfalls von Fickler —, zu erklären, kurz
dies: Schon seit zwei bis drei Wochen halten die Esel — die
Emigration — Versammlungen, Meetings, um sich „auszu- i0
gleichen“, sich zu einem vollen „Dutzend“ zu konstituieren und
z. — 1 - 6 34-41 -
(107) 1851 Aug. 8
229
sich wechselseitig als die großen Männer der Zukunft zu „organi¬
sieren“. Heute war ihre definitive Sitzung. Ich werde das Resultat
hören und Dir mitteilen. Der Same der Zwietracht wuchert aber
schon so reichlich, daß Herr Sigel mir durch Schabelitz, der jetzt
5 zur Exhibition hier ist, einen Besuch ankündigen ließ.
Die New York Tribune hat mich und Freiligrath gegen Honorar
zum Mitarbeiten aufgefordert. Sie ist das verbreitetste Journal in
Nordamerika. Wenn es Dir möglich ist, mir einen englisch ge-
schriebnen Artikel über die deutschen Verhältnisse bis F r e i -
io tag morgen (15. August) zu liefern, so wäre das ein famoser
Anfang.
Von Schramm wissen wir, daß er mit seinem Bruder in fort¬
laufender Korrespondenz steht. Er hat Bamberger geschrieben,
uns seine Adresse nicht mitzuteilen. Täglich gehn neue Berichte
15 über sein hiesiges infames Treiben ein.
Der rote Wolff ist wieder „Irländer“ geworden.
Nun zur „Idee générale de la Révolution au XIX siècle par
P. J. Proudhon“. Als ich Dir das erste Mal über das Buch schrieb,
hatte ich bloß Auszüge — oft noch verfälscht — daraus gelesen.
2o Jetzt kann ich Dir das axe^erov schicken. Vorläufig. Das Buch
enthält gut geschriebne Ausfälle gegen Rousseau, Robespierre,
Montagne etc. Die Macht des wahren Verlaufs, um mit dem un¬
sterblichen Ruge zu reden, produziert sich wie folgt:
I. Etude. Die Reaktion hat die Revolution erst zur Entwick-
25 lung gebracht.
IL Etude. Y-a-t-il raison suffisante de la Ré¬
volution au XIX siècle?
Die Revolution von 1789 hat das alte Regime gestürzt. Sie hat
aber vergessen, die neue Gesellschaft oder die Gesellschaft neu zu
so machen. Sie dachte nur an die politique, statt an die économie po¬
litique. Gegenwärtig herrscht „Anarchie des forces économiques“,
daher „Tendence de la société à la misère“. Dies zeigt sich in der
Teilung der Arbeit, Maschinerie, Konkurrenz, Kreditwesen.
Wachstum von Pauperismus und Verbrechen. Ferner: der Staat
35 (l’état) ist immer mehr grand, mit allen Attributen des Absoluten
versehn worden, immer gewachsen an Selbständigkeit und Macht.
Wachsen der Staatsschuld. Der Staat verteidigt den Reichtum
gegen das Elend. Korruption. Der Staat unterjocht die Gesell¬
schaft. Es existiert Notwendigkeit für die neue Revolution. Die
40 Aufgabe der Revolution besteht darin, à changer, à redresser la
mauvaise tendance de la société. An der Gesellschaft selbst darf
man nicht rühren. Von reconstitution arbitraire kann bei ihr nicht
die Rede sein.
III. Etude. Du Principe d’Association.
45 Die Assoziation ist ein dogme, aber keine force économique. Die
Z. - 1-5. 12-15.
230
(107) 1851 Aug. 8
Assoziation ist nichts Organisches und Produktives wie die Teilung
der Arbeit, Handel, Austausch etc. Man muß die association nicht
verwechseln mit der force collective. La force collective est un
acte impersonnel, l’association un engagement volontaire. L’asso¬
ciation est de sa nature stérile, nuisible même, car elle est une 5
entrave à la liberté du travailleur. Man hat dem contrat de
société eine Kraft zugeschrieben, die nur der Teilung der Ar¬
beit, dem Austausch, der force collective gehört. Wenn man Asso¬
ziationen stiftet, um große Werke auszuführen, so verdankt man
diese nicht dem principe der Assoziation, sondern ihren Mit- 10
teln. Man unterwirft sich der Assoziation nur, wenn man une
indemnité suffisante darin findet. Nur für den associé faible oder
paresseux ist die association productive d’utilité. Sie ist solidarité,
responsabilité commune Dritten gegenüber. Die Assoziation ist
überhaupt nur anwendbar dans des conditions spéciales, dépendan-
tes de ses moyens. L’association, formée en vue du lien de famille
et de la loi du dévouement, et en dehors de toute considération
économique extérieure — l’association pour elle même, est un acte
de pure réligion, un lien surnaturel, sans valeur positive, un
mythe. Man muß die association nicht verwechseln mit den rap- 20
ports nouveaux que se propose de développer la réciprocité entre
les producteurs et les consommateurs. L’association met de niveau
les contractants, subordonne leur liberté au devoir social, les
dépersonnalise.
IV. Etude. Du Principe d’Autorité. 25
Die idée gouvernementale naquit des moeurs de famille et de
l’expérience domestique. Die démocratie ist der dernier terme der
évolution gouvernementale. Der Idee des gouvernement stellt sich
die des contrat entgegen. Das wahre revolutionäre Motto ist: plus
de gouvernement! Die autorité absolue ist bald gezwun- 30
gen, sich selbst zu negieren und zu beschränken in den lois und
institutions. Unzählig, wie die Interessen, nun die Gesetz¬
gebung, die sie äußerlich bestimmt. Sie verläuft sich in die
schlechte Unendlichkeit. Das Gesetz eine Fessel, die man mir von
außen aufdrängt. Konstitutionelle Monarchie. Zwitter- 35
unsinn. Suffrage universel. Die intuition divinatoire de la
multitude ist Unsinn. Qu’ai je besoin de mandataires, pas plus que
de répresentants! Wahl, vote, selbst einstimmig, entscheiden
nichts. Nach dem suffrage universel wäre Bonaparte der wahre
Mann etc. La démocratie pure ou le gouvernements
direct — Erfindung von Rittinghausen °, Considérant, Ledru-
Rollin — aboutit à l’impossible et à l’absurde. In dieser auf die
Spitze getriebnen Staatsidee tritt ihr nonsense hervor.
1) Bei M. Ritinghausen
(107) 1851 Aug. 8
231
V. Etude. Liquidation sociale.
1. Banque nationale. Die Liquidation der Bank von
Frankreich wird dekretiert. Sie wird nicht zur Staatsbank erklärt,
nein, zum „établissement d’utilité publique“. Der Zins wird redu-
3 ziert auf V2 oder *4 %.
2. Staatsschuld. Durch die erste Maßregel ist den capi¬
taux particuliers die industrie de l’escompte genommen, sie strö¬
men auf die Börse, der Staat zahlt nur mehr ¥2 oder ¥ %, und
damit hört das Interesse am Interesse auf. Statt Zins zahlt der
10 Staat annuités, d. h. er remboursiert in jährlichen Quoten das ihm
gepumpte Kapital. Oder mit andren Worten: Dekret, daß die
Zinsen, die der Staat für die Schuld zahlt, ihnen gerechnet werden
en déduction du principal,.à titre d’annuités.
3. Dettes hypothécaires. Obligations simples.
„Les intérêts de toutes créances, hypothécaires, chirographaires,
actions de commandite, sont fixés à ¥4 oder ¥2 %. Les rembour¬
sements ne pourront être exigés que par annuités. L’annuité, pour
toutes les sommes au-dessous de 2000 frs. sera de 10% ; pour
les sommes au-dessus de 2000 frcs., 5%. Pour faciliter le rem-
20 boursement des créanes et suppléer à la fonction des anciens
prêteurs, une division des bureaux de la Banque nationale d’es¬
compte deviendra Banque foncière: le maximum de ses avances
sera, par année, de 500 millions.“
4. Propriété immobilière: Bâtiments.
23 Dekret: „Tout payement fait à titre de loyer sera porté en à
compte de la propriété,^ celli-ci estimée au vingtuple du
prix de location. Tout acquittement de terme vaudra au locataire
part proportionelle et indivise dans la maison par lui habitée, et
dans la totalité des constructions exploitées à loyer, et servant
30 à la demeure des citoyens. La propriété ainsi remboursée passera
à fur et mésure au droit de l’administration communale, qui,
par le fait du remboursement, prendra hypothèque et privilège de
premier ordre, au nom de la masse des locataires et leur garan¬
tira à tous, à perpétuité, le domicile, au prix de revient du bâti-
35 ment. Les communes pourront traiter de gré à gré avec les proprié¬
taires, pour la liquidation et le remboursement immédiat des pro¬
priétés louées. Dans ce cas, et afin de faire jouir la génération
présente de la réduction des prix de loyer, les dites communes
pourront opérer immédiatement une diminution sur le loyer des
40 maisons pour lesquelles elles auront traité, de manière que l’amor¬
tissement en soit opéré seulement en trente ans. Pour les répara¬
tions, l’agencement et l’entretien des édifices, comme pour les con¬
structions nouvelles, les communes traiteront avec les Compagnies
x) Von M. unterstrichen.
232 (107) 1851 Aug. 8
maçonnes1) ou associations d’ouvriers en bâtiment, d’après les
prinzipes et les règles du nouveau contrat social. Les propriétaires,
occupant seuls leurs propres maisons, en conserveront la propriété
aussi longtemps qu’ils le jugeront utile à leurs intérêts.“
5. Propriété foncière. <5
„Tout payement de redevance pour l’exploitation d’un im¬
meuble acquerra au fermier une part de propriété dans l’im¬
meuble, et lui vaudra hypothèque. La propriété, intégralement
remboursée, relèvera immédiatement de la commune, laquelle
succédera à l’ancien propriétaire et partagera avec le fermier la 10
nue-propriété et le produit net. Les communes pourront traiter de
gré à gré avec les propriétaires qui le désireront, pour le rachat
des rentes et le remboursement immédiat des propriétés. Dans ce
cas il sera pourvu, à la diligence des communes, à l’installation des
cultivateurs et à la délimitation des possessions, en ayant soin de is
compenser autant que possible l’étendue superficiaire avec la
qualité du fonds, et de proportionner la redevance au produit.
Aussitôt que la propriété foncière aura été intégralement rem¬
boursée, toutes les communes de la République devront s’entendre
pour égaliser entre elles les différences de qualité des terrains, 20
ainsi que les accidents de la culture. La part de redevance à la¬
quelle elles ont droit sur les fractions de leurs territoires respec¬
tifs, servira à cette compensation et assurance générale. A partir
de la même époque, les anciens propriétaires qui, faisant valoir
par eux-mêmes leurs propriétés, auront conservé leur titre, §eront 25
assimilés aux nouveaux, soumis à la même redevance et investis
des mêmes droits, de manière que le hasard des localités et des
successions ne favorise personne, et que les conditions de culture
soient pour tous égales. L’impôt foncier sera aboli. La police
agricole est dévolue aux conseils municipaux.“ 30
VI. Etude. Organisation des forces économi¬
ques.
1. Crédit. Die oben angeführte banque nationale mit ihren
Sukkursalen. Entziehung nach und nach von Gold und Silber aus
der Zirkulation. Substitution von Papier. Quant au crédit per -35
son el, c’est dans les compagnies ouvrières et les sociétés agri¬
coles et industrielles qu’il doit trouver son exercise.
2. Propriété. Lies in dem oben zitierten „propriété fon¬
cière“. Unter den obigen Bedingungen kann man, sans la moindre
inquiétude, permettre au propriétaire de vendre, transmettre. 40
aliéner, faire circuler à volonté la propriété . . . Avec les facilités
du remboursement par annuités,2) la valeur de l’immeuble peut
être indéfiniment partagée, échangée, subir toutes les mutations
O Compagnies maçonnes bei Proudhon gesperrt.
5) annuités bei Proudhon gesperrt.
(107) 1851 Aug. 8
233
imaginables, sans que l’immeuble soit entamé jamais. Le travail
agricole repousse la forme sociétaire.
3. Division du travail, forces collectives, ma¬
chines. Compagnies ouvrières.
5 Toute industrie, exploitation ou entreprise, (jui par sa nature
exige l’emploi combiné d’un grand nombre d ouvriers de spé¬
cialités différentes, est destinée à devenir le foyer d’une so¬
ciété ou compagnie de travailleurs . . . Mais là ou le produit
peut s’obtenir sans un concours de facultés spéciales, par
10 l’action d’un individu ou d’une famille, il n’y a pas lieu
à l’association. Also keine associations in den kleinen Ateliers,
beim Handwerk, Schusterei, Schneiderei etc., Marchands etc.
Assoziation in der großen Industrie. Hier also die com¬
pagnies ouvrières. Tout individu employé dans l’associa-
15 tion ... a un droit indivis dans la propriété de la compagnie; il
a le droit d’en remplir successivement toutes les fonctions; . . . son
éducation, son instruction et son apprentissage, doivent . . . être
dirigés de telle sorte, qu’en lui faisant supporter sa part des corvées
répugnantes et pénibles, ils lui fassent parcourir une série de tra-
20 vaux et de connaissances, et lui assurent, à l’époque de la maturité,
une aptitude encyclopédique et un revenu suffisant; les fonctions
sont électives et les règlements soumis à l’adoption des associés;
le salaire est proportionné à la nature de la fonction, à l’importance
du talent, à l’étendue de la responsabilité; tout associé participe
23 aux bénéfices comme aux charges de la compagnie, dans la pro¬
portion de ses services; chacun est libre de quitter à volonté l’asso¬
ciation, ... de faire régler son compte et liquider ses droits, et réci¬
proquement la compagnie maîtresse de s’adjoindre toujours de
nouveaux membres. Dies die Lösung des deux problèmes: Celui
30 de la force collective,1) et celui de la division du travail.’) . . .
In der Übergangsperiode sind die Fabrikanten etc. die Leiter
dieser Ateliers.
4. Constitution de la valeur: organisation du
bon marché. Abzuhelfen der cherté de la marchandise und
35 dem arbitraire du prix. Der juste prix représente avec exac¬
titude: a) le montant des frais de production, d’après la moyenne
officielle des libres producteurs; b) le salaire du commerçant, ou
l’indemnité de l’avantage dont le vendeur se prive en se dessaisis¬
sant de la chose. Um den marchand hierzu zu bewegen, muß ihm
40 nun Garantie gegeben werden. Sie kann exister de plusieures
manières: soit que les consommateurs qui veulent jouir du juste
prix, et qui sont en même temps producteurs, s’obligent à leur
tour envers le marchand à lui livrer, à des conditions égales, leurs
O force collective und division du travail bei Proudhon gesperrt.
234
(107) 1851 Aug. f
propres produits, comme cela se pratique entre les différentes as¬
sociations ouvrières x) parisiennes; — soit que les dits consomma
teurs se contentent. . . d’assurer au débitant une prime ... ou bien
encore une vente assez considérable pour lui assurer un revenu . . .
Z. B. der Staat, au nom des intérêts que provisoirement il repré- 5
sente, les départements et communes, au nom de leurs habitants
respectifs, voulant assurer à tous le juste prix et la bonne qualité
des produits et services, . . . offrent de garantir aux entrepreneurs
qui offriront les conditions les plus avantageuses, soit un intérêt
pour les capitaux et le matériel engagé dans leurs entreprises, 10
soit un traitement fixe, soit, s’il y a lieu, une masse suffisante de
commandes. Les soumissionnaires s’obligeront, en retour, à four¬
nir les produits et services pour lesquels ils s’engagent, à toute
réquisition des consommateurs. — Toute latitude réservée, du
reste, à la concurrence. Ils devront indiquer les éléments de leurs 15
prix, le mode des livraisons, la durée de leurs engagements, leurs
moyens d’exécution. Les soumissions déposées, sous cachet, dans
les délais prescrits, seront ensuite ouvertes et publiées, huit jours,
quinze jours, un mois, trois mois, selon l’importance des traités,
avant l’adjudication. A l’expiration de chaque engagement, iho
sera procédé à de nouvelles enchères.
5. Commerce extérieur. Sobald der Zins sinkt, muß
man abaisser les tarifs, und wenn er unterdrückt ist oder auf *4 bis
V2 % steht, die Douanen abschaffen.
VIL Etude. Dissolution du gouvernement dan ^5
l’organisme économique.
La société sans l’autorité. Elimination des cultes, Justice, Ad¬
ministration, police, Instruction publique, Guerre, Marine etc.,
alles mit respektiven Stirnerschen Phrasen.
Schreib mir ausführlicher, was Du von diesem Rezept denkst. 30
Salut.
Dein K. Marx.
108. Engels an Marx; [1851 August ca. 10].
Lieber Marx,
Die Schnellpost hat mich sehr ergötzt. Seit langer Zeit hatte ich >5
keine so perfekte Salbaderei gelesen wie „A. Ruge an K. Heinzen“.
Ich hätte nicht geglaubt, daß selbst zwei Esel wie R[uge] und
H[einzen] aus dem dreijährigen Revolutionsstrudel so ganz un¬
verändert und mit allen alten Phrasen, lächerlichen Manieren,
x) ouvrières von M. einge/ügt.
(108) 1851 Aug. ca. 10
235
Wendungen usw. behaftet, auf tauchen könnten wie diese zwei.
Es ist der Clown der Kunstreitergesellschaft, der nach den hals-
brechendsten Sprüngen aufs neue seinen Diener macht und sagt:
here we are again! und dann die ganze alte Leier seiner alt-
5 bekannten Schnurren mit der größten Unbarmherzigkeit aber¬
mals ableiert. Ich sehe den literarischen Laxiermichel Ruge leib¬
haftig vor mir, wie er ernsthaft erklärt, daß „die gründliche
Antwort auf die Tyrannei, die Anarchie und den Hochverrat . . .
eben der Kernschiß ist, auf den es ankommt“, und dann diesen
io Kernschiß selbst tut, indem er entdeckt, daß der moderne Klassen¬
kampf die secessio plebis ist, woran sich ungezwungen anknüpfen
jener römische Schulmeister, dessen Namen ich vergessen, seine
Fabel vom Magen und den Händen und andre dergleichen an¬
mutige Tertianer- und Konrektorerinnerungen mehr. Impayable
15 ist der Kerl, wo er einmal auf die „Verhältnisse“ zu sprechen
kommt und dann gleich begütigend hinzusetzt: „Du weißt,... daß
ich unter den Verhältnissen nichts andres verstehe als die Gedan¬
ken, welche jetzt die Köpfe der Menschen beherrschen!“ Die lah¬
men Versuche, geistreich-maliziöse Anspielungen zu machen, schei¬
nt? terten vollständig. Der Kerl ist so geschickt, daß jeder merkt, er
hat malice auf jemand, aber auf wen und weshalb, und das son¬
stige Wie und Warum, das kriegt keiner heraus. Wenn der große
Ruge als reiner Hanswurst sich herauswickelt, so ist der große
Heinzen nicht weniger brillant in seiner in Permanenz erklärten
25 Rüpelhaftigkeit. Die Manier, mit der der Kerl in seiner Note
seinen alten Blödsinn über Kommunismus am 23. Juli 1851 dem
Publikum mit genau denselben Worten wieder aufzudrängen sucht,
wie im Sommer 1847 in der Deutschen] Br[üsseler] Zeitung, ist
von einer namenlosen Unverschämtheit.
3o Et pourtant — die Kerle sind gezwungen, die Überlegenheit
unsrer Sachen durch ihre fortwährende Beschäftigung mit ihnen
und noch mehr durch den Einfluß anzuerkennen, den diese Sachen
trotz aller Hartnäckigkeit und Wut unbemerkt auf sie ausüben. Wo
ist eine Phrase in der ganzen Schmiere, die nicht ein Plagiat, eine
35 mißverstandne Entstellung unsrer Sachen, eine durch sie hervor-
gerufne Anregung enthält!
Über den Londoner Ausgleichungsversuch hat Herr Meyen
oder Faucher in die halboffiziell-manteuffelsche „Lithographische
Korrespondenz“ in Berlin einen albernen Artikel setzen lassen —
io bloß wir zwei hielten noch zusammen usw., die andern seien all
einig und gegen uns. Von Freiligrath oder Wolff ist keine Rede.
Der große Willich scheint sich nach der Auflösung der Armee der
Zukunft wieder veranlaßt zu sehn, sich bei den großen Männern
aller Parteien „als Charakter“ Anerkennung zu verschaffen — er
t5 soll ja bei ihren Versammlungen gewesen sein. A quoi tous ces
236
(108) 1851 Aug. ca. 10
coups de désespoir ont-ils abouti? Und ist der große Sigel bei Dir
gewesen?
Die Herren haben, wie ein von Julius mir zuadressierter deut¬
scher Sozialesel aus Dessau mich eben versichert, dort verbreitet,
Du schriebst in die N[eue] Preußische] Z[eitung], nach eignem 5
Geständnis; Du habest das Herrn Louis Drucker (!) selbst gesagt.
En voilà une bonne!
Was den Proudhon angeht, so scheint der Mann ja Fortschritte
zu machen. Die Phasen, durch die sich sein Unsinn entwickelt,
nehmen jedenfalls erträglichere Gestalt an, und Herr Louis Blanc io
mag sich an diesen „hérésies“ die Zähne ausbeißen. Au bout du
compte kommt also Herr Proudhon jetzt auch dahin, daß der wahre
Sinn des Eigentumsrechts in der verkleideten Konfiskation alles
Eigentums durch einen mehr oder weniger verkleideten Staat be¬
steht, und daß der wahre Sinn der Abschaffung des Staats die ver- is
stärkte Staatszentralisation ist. Oder was sind toutes les communes
de la république qui s’entendent pour égaliser entre elles les diffé¬
rences de qualité des terrains ainsi que les accidents de la culture,
mit ihren notwendigen Zubehören und Konsequenzen anders?
Wenn ich morgen Zeit habe, weiteres über diesen Sonderling. 20
Den Artikel für Freitag kann ich diese Woche unmöglich liefern.
Schreib mir aber, und bald, in welcher Art er sein soll — ob ein
einzelner beliebiger Artikel, oder ob Du eine Reihe haben willst,
und zweitens, wie das Zeugs zu halten ist, denn ich kenne die poli-
tics der Nfew] Y[ork] Trfibune] durchaus nicht näher, als daß 25
sie amerikanische Whigs sind. Und was Du sonst noch in dieser
Beziehung mir mitteilen kannst, um mir auf die Beine zu helfen.
Dein F. E.
109. Engels an Marx; [1851 August ca. 11].
Lieber Marx, w
Gestern in meinen Glossen über Prfoudhon] gestört, fahre ich
heute fort. Ich abstrahiere einstweilen von den vielen Lücken des
Rezepts, z. B., wie man nicht sieht, in welcher Weise die Fabriken
aus den Händen der Fabrikanten in die der compagnies ouvrières
übergehn sollen, da zwar der Zins und die Grundrente, aber nicht 35
der Profit abgeschafft wird (die Konkurrenz bleibt ja bestehn);
ferner, was aus den großen Grundbesitzen werden soll, die ihr
Land durch Lohnarbeiter exploitieren lassen, und andre der¬
gleichen Mängel. Um über das Ganze als theoretisches ensemble
urteilen zu können, müßte man das Buch selbst hier haben. Ich v
kann also nur insofern eine Meinung aussprechen, als ich die ein¬
zelnen Maßregeln in ihrer Praktikabilität, le cas échéant betrachte
(109) 1851 Aug. ca. 11
237
und zugleich untersuche, inwiefern sie zur Zentralisation der ge¬
samten Produktivkräfte geeignet sind. Und auch hierzu müßte
man eigentlich das Buch selbst haben, um alle développements
zu sehn.
Daß Herr Proudhon endlich zur Einsicht der Notwendigkeit der
mehr oder minder versteckten Konfiskation gekommen ist, ist, wie
schon gesagt, ein Fortschritt. Es fragt sich nur, ob sein Konfis¬
kationsvorwand praktikabel ist; denn wie bei allen diesen bornier¬
ten Kerls, die sich selbst vorlügen, dergleichen Gewaltmaßregeln
io seien keine Konfiskation, ist eben dieser Vorwand der Pivot des
Ganzen. „Der Zins wird auf ¥2 oder % % erniedrigt.“ Wie,
davon sagen Deine Auszüge bloß, daß der Staat oder die unter
der Hand und unter anderm Namen mit dem Staat verschmolzene
Bank 500 Millionen fr. jährlich auf Hypothek zu diesem Zins
15 auspumpen soll. Ich schließe zudem, daß diese Herabsetzung
graduell geschehen soll. Ist der Zins einmal so niedrig, so wäre
die jährliche Abtragung aller Schulden usw. mit 5 à 10% per
annum natürlich leicht. Aber den Weg, um dahin zu kommen, gibt
Herr P[roudhon] nicht an. Hierbei fällt mir unsre neuliche
20 Debatte über Herabsetzung des Zinsfußes durch Deinen Plan ein,
eine ausschließlich privilegierte Nationalbank mit Monopol der
Papiercurrency und Ausschluß des Goldes und Silbers von der
Zirkulation zu etablieren. Ich glaube, daß jeder Versuch, den Zins¬
fuß rasch und stetig herunterzudrücken, scheitern muß an der in
25 jeder Revolution und Geschäftsstockung steigernden Notwendig¬
keit des Wuchers, des Kreditgebens an momentan geklemmte, in
Verlegenheit schwebende, also momentan unsolide Leute. Wenn
auch der Teil des Zinsfußes, der für wirkliche Remuneration des
Leihens gilt, durch Masse von Kapital zu drücken ist, so bleibt der
30 Teil, der die Assekuranz der Rückzahlung repräsentiert, und der
grade in der Krisis enorm steigt. In der Revolution sind die
Kaufleute der Regierung dankbar, die ihnen, nicht zu ¥ oder
¥2%, sondern zu 5% pumpt. Vergleiche 1848, Darlehns-
kassen usw. Der Staat und jede große zentralisierte Staatsbank
35 kann aber, solange sie ihre Zweigbanken nicht bis in die kleinsten
Nester organisiert und ihren Beamten lange kommerzielle Praxis
gegeben hat, nur dem großen Commerce pumpen — sie pumpte
sonst ins Blaue hinein. Und der kleine Commerce kann seine
Waren ihr nicht verpfänden wie der große. Donc, erstes Resultat
10 jeder Herabsetzung des Zinses für die Regierungsvorschüsse=Ver¬
größerung des Profits der großen commerçants und allgemeine
Hebung dieser Klasse.
Der kleine Commerce würde nach wie vor gezwungen sein, sich
an Zwischenhändler zu wenden, denen die Regierung zu ¥2 % vor-
45 schösse, damit sie zu 5—10% wieder ausleihen könnten. Das
238
(109) 1851 Aug. ca. 11
ist unvermeidlich — der kleine Commerce bietet keine Garantie,
kann kein Pfand stellen. Also auch nach dieser Seite Hebung der
großen Bourgeoisie — indirekte Herstellung einer großen Wucher¬
klasse, Bankiers auf untergeordneter Stufe.
Die ganze ewige Dringerei der Sozialisten und Proudhons auf *
Herabsetzung des Zinses ist meiner Ansicht nach ein verklärter
frommer Bourgeois- und Kleinbürgerwunsch. Solange Zins und
Profit in umgekehrtem Verhältnis stehn, so lange kann sie nur zur
Steigerung des Profits führen. Und solange es unsolide, garantie¬
lose und grade deswegen erst recht geldbedürftige Leute gibt, so io
lange kann die Staatspumperei die Privatpumperei nicht aufheben,
also nicht den Zinsfuß herabsetzen für alle Transaktionen. Der
Staat, der zu ¥2 % pumpt, würde grade so dastehn gegenüber dem
Wucherer, den er mit Geld versorgt, wie die französische Re¬
gierung von 1795, die 500 Millionen Steuern in Assignaten ein- n
nahm und sie für 3 Millionen wieder ausgab und, bloß um ihren
„Kredit“, der schon klatsch war, zu erhalten, die Assignaten in den
Steuerzahlungen für voll, für das 200fache ihres wirklichen
Werts annahm — wie diese Regierung gegenüber den Güter¬
spekulanten und agioteurs von damals. 20
Proudhon ist zu naiv. Der crédit personnel trouve oder doit
trouver son exercise dans les compagnies ouvrières. D. h. das
Dilemma entweder der Direktion und schließlich Administration
und Reglementierung dieser Kompanien durch den Staat, was
Pr[oudhon] doch nicht will, oder die Organisation des famo§ö§ten 25
Assoziationsschwindels, des Schwindels von 1825 und 1845, repro¬
duziert auf der Stufe des Proletariats, Lumpenproletariats und
Kleinbürgertums.
Die allmähliche Herabsetzung des Zinsfußes durch kommer¬
zielle und Zwangsmaßregeln so zur Hauptsache machen zu wollen, 30
daß durch Verwandlung der Zinszahlung in Rückzahlung alle
Schulden usw. liquidiert und alles reelle Vermögen in den Händen
des Staats oder der Kommunen zentralisiert wird, scheint mir voll¬
ständig impraktikabel 1. aus den angeführten Gründen; 2. weil es
viel zu lange dauert; 3. weil das einzige Resultat, bei fortdauern- 35
dem Kredit des Staatspapiers, die Verschuldung des Landes an
Ausländer werden müßte, da alles rückgezahlte Geld ins Ausland
wandern würde; 4. weil es, selbst die Möglichkeit der Sache im
Prinzip zugegeben, Unsinn wäre, zu glauben, Frankreich, la
République, könne dies gegen England und Amerika durchführen; 40
5. weil der auswärtige Krieg und die pressure of the moment im
allgemeinen dergleichen systematische langsame, auf 20—30Jahre
verteilte Maßregeln und vollends Geldzahlungen rein unsinnig
macht.
Praktisch scheint mir die Geschichte nur die Bedeutung zu ha- 45
(109) 1851 Aug. ca. 11
239
ben, daß man in einem gewissen Moment der revolutionären Ent¬
wicklung mit Hilfe einer Monopol-Staatsbank allerdings dahin
kommen kann, zu dekretieren: Artikel 1: der Zins ist auf gehoben
oder auf % beschränkt; Artikel 2: die Zinsraten werden
5 wie bisher fortbezahlt und gelten als Rückzahlung; Artikel 3: der
Staat hat das Recht, alle Immobilien usw. zum kuranten Taxwert
zu kaufen und mit 5% in 20 Jahren abzuzahlen. Dergleichen
kann vielleicht als direkter letzter Vorläufer der unverhohlenen
Konfiskation einmal brauchbar werden; aber das ist reine Speku-
io lation, darüber zu grübeln, wann, wie und wo.
Jedenfalls ist dies Pr[oudhon]sche Buch, wie es scheint, viel
irdischer als seine früheren — auch die constitution de la valeur
nimmt eine fleischlichere Gestalt an: die des juste prix des bouti¬
quiers. Quatre francs, Monsieur, c’est le plus juste prix! Was die
15 Aufhebung der Douane und die des Zinses miteinander zu tun
haben, ist nicht klar. Daß Prtoudhon] seit 1847 den Übergang von
Hegel zu Stimer so vollständig gemacht hat, ist auch ein Fort¬
schritt. Sage noch, daß er die deutsche Philosophie nicht versteht,
wenn er sie bis auf die letzte Verfaulungsphase an seinem Kadaver
2o durchmacht!
Schreib bald und sag, was Du von Obigem hältst.
Dein F. E.
110. Marx an Engels; 1851 August 14.
14. August 1851.
28, Deanstreet, Soho.
Lieber Engels,
Ich schicke Dir in ein oder zwei Tagen den Proudhon selbst, den
Du mir aber, sobald gelesen, zurückschickst. Ich will nämlich
— von wegen des Geldes — zwei bis drei Bogen über das Buch
3o drucken lassen. Du teilst mir deswegen Deine Ansichten ausführ¬
licher mit, als Du sonst im Raschschreiben pflegst.
Der Proudhonsche Witz — und das Ganze ist vor allem eine
Polemik gegen den Kommunismus, so viel er auch davon stiehlt
und so sehr er ihm in Cabet-Blancscher Verklärung erscheint —
resümiert sich meiner Ansicht nach auf folgendes Räsonnement:
Der eigentliche Feind, der zu bekämpfen, ist das Kapital. Die
reine ökonomische Affirmation des Kapitals ist der Zins. Der so¬
genannte Profit ist nichts anders als eine besondre Form des Salärs.
Den Zins heben wir auf, indem wir ihn in eine annuité i. e. jähr-
40 liehe Abschlagszahlung des Kapitals verwandeln. So wird der Ar¬
beiterklasse — lies industriellen Klasse — auf immer das
Prä gesichert und die eigentliche Kapitalistenklasse zu einer stets
240 (HO) 1851 Aug. 14
verschwindenden Existenz verurteilt. Die verschiednen Formen des
Zinses sind Geldzins, Mietzins, Pachtzins. So wird die bürger¬
liche Gesellschaft beibehalten, gerechtfertigt und nur ihrer mau¬
vaise tendance beraubt.
Die liquidation sociale ist bloß das Mittel, um die „gesunde“ 5
bürgerliche Gesellschaft von vom anfangen zu können. Rasch oder
langsam, peu nous importe. Über die Widersprüche, Unentschie¬
denheiten und Unklarheiten dieser liquidation selbst will ich erst
Dein Urteil hören. Aber der wahrhaft heilende Balsam der von
vom angefangnen Gesellschaft besteht in der Abschaffung des io
Zinses, d. h. in der perennierenden Verwandlung des Zinses in eine
annuité. Dies nicht als Mittel, sondern als ökonomisches
Gesetz der reformierten bürgerlichen Gesellschaft auf gestellt,
resultiert natürlich zweierlei:
1. Verwandlung der kleinen nichtindustriellen in industrielle w
Kapitalisten. 2. Verewigung der großen Kapitalistenklasse, denn
au fond, wenn man die Sache im Durchschnitt nimmt, zahlt die Ge¬
sellschaft im großen und ganzen — den industriellen Profit
abgerechnet — nie etwas andres als die annuité. Wäre das Gegen¬
teil wahr, so würde die Zins-von-Zinsenrechnung des Dr. Price 20
eine Realität sein und der ganze Globus nicht hinreichen, das
kleinste von Christo herrührende Kapital zu verzinsen. In
der Tat aber ist mit Sicherheit zu behaupten, daß das z. B. in
England — also dem ruhigstbürgerlichsten Lande — seit 50 oder
100 Jahren, sei es in Grund und Boden oder sonst angelegte Käpi- 25
tal sich — wenigstens dem Preis nach, worauf es hier ankömint —
noch nie verzinst hat. Man nehme z. B. die höchste Schätzung des
Nationalreichtums von England, z. B. 5 Milliarden. Also England
produziert jährlich 500 Millionen. Der ganze Reichtum Englands
also nur = der jährlichen Arbeit Englands multipliziert mit 10. 30
Also nicht nur, daß das Kapital sich nicht verzinst, es reprodu¬
ziert sich nicht einmal, dem Werte nach. Und aus dem einfachen
Gesetz. Der Wert ursprünglich bestimmt durch die ursprünglichen
Produktionskosten, der Arbeitszeit nach, die ursprünglich nötig
war, um die Sache herzustellen. Aber einmal produziert, wird der 35
Preis des Produkts bestimmt durch die Kosten, die nötig sind, um
es zu reproduzieren. Und die Kosten der Reproduktion
sinken beständig und so rascher, je industrieller das Zeitalter.
Also Gesetz der fortwährenden Entwertung des Kapitalwertes
selbst, wodurch das sonst ins Absurde führende Gesetz des Rentes 40
und des Zinses gecheckt wird. Es ist das auch die Erklärung des
von Dir aufgestellten Satzes, daß keine Fabrik ihre Produktions¬
kosten deckt. Proudhon kann die Gesellschaft also nicht neu ge¬
stalten durch die Einführung eines Gesetzes, das sie au fond jetzt
ohne seinen Rat befolgt. 43
(HO) 1851 Aug. 14 241
Das Mittel, womit Proudhon alles bewirkt, ist die Bank. Il y a
ici un qui pro quo. Das Bankgeschäft ist in zwei Teile aufzulösen:
1. Die Versilberung des Kapitals. Hier gebe ich bloß Geld
für Kapital, und das kann allerdings zu den bloßen Produk-
tionskosten geschehn, also zu x/2 oder % %. 2. V o r s c h i e ß e n
vonKapitalin der Form von Geld, und hier wird sich der Zins
nach der Quantität des Kapitals richten. Was der Kredit hier tun
kann, ist nur, vorhandenen, aber unproduktiven Reichtum durch
Konzentration usw. usw. in wirkliches aktives Kapital zu ver-
10 wandeln. Proudhon hält Nr. 2 für so leicht wie Nr. 1, und er wird,
au bout du compte, finden, daß, indem er eine illusorische Masse
von Kapital in der Form von Geld anweist, er nur im besten Fall
den Zins des Kapitals reduziert hat, um seinen Preis in dem¬
selben Verhältnis zu erhöhn. Womit nichts gewonnen ist als der
15 Mißkredit seines Papiers.
Den Zusammenhang der Douane mit dem Zins überlasse ich Dir
im Original zu genießen. Die Sache war zu köstlich, um sie durch
Verstümmlung zu verderben. Herr Ptroudhon] erklärt sich weder
genau, wie es mit dem Anteil der Kommune an Häusern und
20 Land sich verhält — und grade das hätte er den Kommunisten
gegenüber tun müssen —, noch wie die Arbeiter in den Besitz der
Fabriken kommen. Jedenfalls will er „des compagnies ouvrières
puissantes66, hat aber doch solche Angst vor diesen industriellen
„Zünften66, daß er, zwar nicht dem Staat, wohl aber der société
25 das Recht vorbehält, sie a u f z u 1 ö s e n. Als echter Franzose be¬
schränkt er die association auf die Fabrik, weil er weder einen
Moses and son kennt, noch a midlothian farmer. Der französische
Bauer und der französische Schuster, Schneider, merchant erschei¬
nen ihm als des données étemelles et qu’il faut accepter. Je mehr
30 ich aber den Dreck treibe, um so mehr überzeuge ich mich, daß die
Reform der Agrikultur, also auch der darauf basierten Eigentums¬
scheiße, das A und 0 der kommenden Umwälzung ist. Ohne das
behält Vater Malthus recht.
Dem Louis Blanc etc. gegenüber ist die Schrift kostbar, nament-
35 lieh durch die frechen Ergießungen über Rousseau, Robespierre.
Gott, die fraternité und ähnlichen Salbader.
Was nun die New York Tribune betrifft, so mußt Du mir jetzt,
wo ich mit der Ökonomie die Hände voll habe, helfen. Schreibe
eine Reihe von Artikeln über Germanien, von 1848 an. Jeistreich
40 und ungeniert. Die Herren sind sehr frech im ausländischen
Departement.
In ein paar Tagen schick ich Dir zwei Bände Römisches. Näm¬
lich „Economie Politique des Romains. Par Dureau de la Malle.66
Ich habe das Buch (grundgelehrt) von Paris kommen lassen. Es
45 werden Dir da Lichter aufgehn auch über den ökonomischen
16
242
(110) 1851 Aug. 14
Hinterhalt der römischen Kriegsführung, der nichts anders war
als das — Cadaster. Wie schicke ich Dir die Sache am wohl¬
feilsten? Die zwei Bände sind dick. — Den Artikel der Lithogra¬
phischen] Korrespondenz] mußt Du schießen oder in Abschrift
zu erhalten suchen. Sobald Weydemeyer da ist, muß man die Esel $
Spießruten laufen lassen in New York. Dazu gehören alle Akten¬
stücke. Faucher ist Korrespondent der N[euen] Pr[eußischen]
Z[eitung]. Sigel hat sich noch nicht sehn lassen. Willich ist na¬
türlich vereinendes Mitglied der Verbrüderung der Emi¬
gration. Freitag hatten sie ihre erste Generalversammlung. Wir io
hatten einen Spion da. Die Sitzung wurde eröffnet mit Verlesung
(durch General Haug) des Artikels gegen uns in der Llitho¬
graphischen] K[orrespondenz]. Denn um uns leben, weben und
sind sie. Dann noch allerlei mißliebige Katzbalgereivorträge be¬
schlossen. Meldete sich für Preußen Herr Meyen, für England is
Oppenheim, für Frankreich Ruge, Kinkel für Amerika — und die
Zukunft. Ich freue mich übrigens sehr, Dein Urteil über das Ge-
samtliche zu hören.
111. Engels an Marx ; 1851 August 21.
Lieber Marx, 20
Du erhältst hierbei einen beliebigen Artikel. Verseh iedne Um¬
stände haben konspiriert, das Ding schlecht zu machen. Erstens war
ich seit Samstag zur Abwechslung einmal unwohl. Dann fehlte
alles Material — reine Ärmelschüttelei und Aushelferei mit dem
bloßen Gedächtnis. Dann die kurze Zeit und Arbeit auf Bestellung. 25
fast totale Unkenntnis des Blattes und seines Leserkreises, also
kein ordentlicher Plan möglich. Endlich die Unmöglichkeit, das
Manuskript der ganzen Reihe zum Vergleichen zusammenzuhalten,
also Notwendigkeit eines plus ou moins pedantisch-systematischen
Anfangs, um Wiederholungen in den folgenden Artikeln zu ver- 30
meiden. Alles das, und meine ohnehin ganz aus der Übung gekom¬
mene Schreiberei dazu, haben das Ding sehr trocken gemacht, und
wenn es sich durch etwas empfiehlt, so ist es durch kulanteres Eng¬
lisch, das ich der Gewohnheit, seit acht Monaten fast nur Englisch
zu sprechen und zu lesen, verdanke. Enfin, tu en feras ce que tu 35
voudras.
Den PrOudhon] hab ich zur Hälfte durch und finde Deine An¬
sicht vollkommen bestätigt. Sein Appell an die Bourgeoisie, sein
Zurückgehn auf Saint-Simon und hundert andre Geschichten,
schon im kritischen Teil, bestätigen, daß er die industrielle Klasse. 40
Bourgeoisie und Proletariat, als eigentlich identisch und nur durch
die Nichtvollendung der Revolution in Gegensatz gebracht ansieht.
(111) 1851 Aug. 21
243
Die pseudo-philosophische Geschichtskonstruktion liegt ganz klar
auf der Hand : vor der Revolution industrielle Klasse im Ansich-
sein, 1789—1848 im Gegensatz, Negation; Proudhonsche Syn¬
these to wind up the whole with a flourish. Mir kommt das Ganze als
5 ein letzter Versuch vor, die Bourgeoisie theoretisch zu halten; unsre
Prämissen über entscheidende historische Initiative der materiellen
Produktion, Klassenkampf usw. größtenteils adoptiert, meist ver¬
dreht und hierauf das Experiment gegründet, vermittelst pseudo¬
hegelscher Eskamotage das Proletariat scheinbar in die Bourgeoisie
io zurückzunehmen. Den synthetischen Teil hab ich noch nicht ge¬
lesen. In den Angriffen gegen L. Blanc, Robespierre, Rousseau
sind hier und da nette Sachen, aber im ganzen kann man nichts
Prätentiös-Flacheres lesen als seine Kritik der Politik, z. B. bei
der Demokratie, wo er wie die N[eue] Preußische] Z[eitung] und
*5 die ganze alte historische0 Schule mit der Kopfzahl herankommt,
und wo er sich nicht schämt, mit kleinen praktischen Bedenken,
die eines Schuljungen würdig sind, Systeme aufzubauen. Und
welche große Idee, daß pouvoir und liberté unvereinbare Gegen¬
sätze sind, und daß keine Regierungsform ihm einen genügenden
2o moralischen Grund angeben kann, weswegen e r ihr gehorchen
sollte! Par dieu, wozu brauchte man denn ein pouvoir?
Übrigens bin ich überzeugt, daß Herr Ewerbeck ihm seine Über¬
setzung des Manifests und vielleicht auch unter der Hand Über¬
setzungen aus Deinen Artikeln in der Revue hat zukommen lassen.
2o Eine Anzahl Pointen sind unbedingt daraus gestohlen — z. B.
daß das gouvernement nichts ist als die Macht einer Klasse
zur Niederhaltung der andern und mit dem Verschwinden des
Klassengegensatzes ebenfalls verschwindet. Dann viele Pointen
über die französische Bewegung seit 1848. Ich glaube nicht, daß
30 er das alles in Deinem Buch gegen ihn gefunden hat.
Ich schreibe dieser Tage ausführlicher über das Ding, sowie ich
das Ganze gelesen habe. Inzwischen erwarte ich dieser Tage
Weerth hier, der wie gewöhnlich auf einmal in Bradford auf¬
taucht, und ich werde deshalb vielleicht genötigt sein, den Pr[ou-
35 dhon] zwei oder drei Tage länger hier zu behalten.
Sage Lupus, daß ich mit Watts gesprochen habe und dieser
sich alle Mühe geben wird, und mit aller Aussicht auf Erfolg, ihm
hier eine Stelle zu verschaffen. Watts glaubt, daß seine Qualität
als Exreichstagsmann hier vollständig hinreicht. Er kennt die
4o ganze Sorte von Schulmeistern und Pfaffen der liberalen Couleur,
und wenn er sich einmal in Bewegung setzt, wird er gewiß etwas
ausrichten können. Ich werde ihn deshalb warm halten; sowie ich
etwas weiteres höre, werde ich es ihn wissen lassen. Übrigens ist
der Watts trotz alledem doch noch ebenso erträglich als die übrige
x) Korr, aus Restaurations
16*
244
(111) 1851 Aug. 21
Sorte von Philistern. Da der Mann als Engländer, Sozialist, Dok¬
tor und Familienvater lebt, so muß man ihm zugut halten, daß er
seit sieben Jahren Teetotaler ist — und sogar Gelüste verspürt,
Struvescher Grasfresser zu werden. Seine Frau säuft und frißt
dafür für ihn mit. Es ist schlimm, aber es ist ein Faktum, hier in
Manchester ist durchschnittlich der ordinäre Spießbürger der um¬
gänglichste Mensch; er säuft, er reißt Zoten, er ist Rebblkaner
(wie Martens) und man kann über ihn lachen.
Was hörst Du Neues aus Deutschland? In Hamburg sind drei
entlassen, einer neu verhaftet. Die Geständnisse des Schneider- io
gesellen Nothjung laufen also darauf hinaus, daß er Emissär
einer propagandistischen geheimen Verbindung sei — quelle dé¬
couverte!
Dein F. E.
Manchester, 21. August 1851. is
112. Marx an Engels; 1851 August 25.
25. August 1851.
28, Deanstreet, Soho.
Lieber Engels,
D’abord mes remercîments pour ton article. Trotz allem Bösen, 20
was Du ihm nachgesagt hast, war er famos und ist unverändert
nach New York gesegelt. Du hast ganz den Ton für die Tribune
getroffen. Sobald wir ihre erste Nummer erhalten, schicke ich sie
Dir zu, und von da an regelmäßig.
Maintenant habe ich eine ganze Ladung Emigrationsmist an 25
Dich zu expedieren, und wenn Du einen farmer in der Umgegend
kennst, der den Guano dieser saubren Vögel zum Dünger braucht,
so kannst Du ein Geschäft machen.
Also, wie Dir schon bekannt, am Freitag, 8. August, fand die
erste offizielle Versammlung der verbrüderten Emigration 30
statt, worin besonders leuchteten: Der „Damm“, der präsidierte,
Schurz Sekretär, Gögg, zwei Sigel, Fickler, Tausenau, Frank (der
Östreicher-Biedermann), Willich, Borkheim, Schimmelpfennig,
Johannes Ronge, Meyen, Graf Reichenbach, Oppenheim, Bauer-
Stolpe, der Hanebuch Lüders, Haug, A. Ruge, Techow, Schmölze 35
(bayerischer Leutnant), Petzler, Böhler, Gehrke, Schärtner, Göh-
ringer usw., Kinkel und Strodtmann natürlich nicht zu vergessen.
Also die Hauptcliquen: 1. Ruge-Fickler, 2. Kinkel, 3. Tausenau.
Die andern independenten literarischen Bummler und Vereinbarer
dazwischen. Der eigentliche Knotenpunkt, um den es sich bei dieser 40
großen Haupt- und Staatsaktion handelte, folgender: Ruge-Fickler-
Tausenau-Goegg-Sigel-Haug etc. wollten die Erwählung eines
z. 4-5
(112) 1851 Aug. 25
245
offiziellen Komitees teils zur Denunziation der Missetaten der
Reaktion, teils zur Repräsentation der Emigration, teils zur
„A k t i o n“-Agitation Teutschland gegenüber. Der Idiot Ruge
hatte dabei noch den Haken, daß er Ledru-Mazzini gegenüber als
5 bevollmächtigt anerkannt und außer seinem Namen nun auch wirk¬
lich das Korpus der teutschen Flüchtlingsschaft als Armee ihnen
zu Gebot stellen könne. Herr Kinkel (mit ihm, außer seinem Retter
Schurz und seinem Biographen Furz0, besonders Willich, Techow,
Schmölze, Schimmelpfennig) dagegen wollte kein öffentliches In-
10 stitut der Art, teils um seine Stellung der Bourgeoisie hier zu Lon¬
don gegenüber nicht zu gefährden — denn die Gulden sind ma߬
gebend —, teils um den Ruge nicht mehr oder minder den Mazzini-
Ledru gegenüber anerkennen zu müssen. Von vornherein war die
Clique Ruge-Fickler entrüstet, als sie den Versammlungssaal über
15 die Gebühr voll sah. Man war in geheimer Sitzung überein ge¬
kommen, nur die Notabilitäten zu berufen. Die Clique Kinkel aber
hatte le menu peuple mitgebracht, um sich die Stimmenzahl zu
sichern. —
Die Sitzung wurde eröffnet mit dem Vorlesen des Schmier-
20 artikels der Lithographischen] Korrespondenz] durch General
Haug, der gleichzeitig erklärte, es müßten Spione in der Gesell¬
schaft sein, das Aktenstück könne mißbraucht werden etc. Willich
unterstützte dies mit damals noch ungebrochnem Pathos und for¬
derte die Verbrecher auf, sich lieber zu nennen. Erhob sich darauf
25 Bauer-Stolpe (den ich übrigens für einen regulären Spion halte)
und erklärte, er begreife Willichs tugendhaftes Entsetzen nicht,
da er in der ersten vorbereitenden Sitzung Herm Scheidler als
Redakteur der Lithographischen] K[orrespondenz] ohne Wider¬
spruch eingeführt habe. Diesen Inzident erledigt, stellte Tausenau
3o unter vielem pathetisch-gemütlichen Ächzen und Krächzen, er
glaubte sich vor einem Wiener Publikum zu befinden, seinen
Antrag auf die Kommissionsemennung. Herr Meyen antwortete
ihm, daß er keine Taten wolle, aber freiwillige Vorträge. Melden
sich abgekarteterweise sofort Kinkel für Amerika und seine
35 Zukunft, Oppenheim für England, Schurz für Frankreich, Meyen
für Preußen. Tausenaus Antrag fällt mit Glanz durch, und er
erkärt gerührt, daß er trotz seines Durchfallens seinen gerech¬
ten Zorn auf dem Altar des Vaterlandes opfern und im Schoße
der Verbrüderten bleiben werde. — Aber sofort nahm die Clique
io Fickler-Ruge die drohende und gereizte Haltung geprellter schöner
Seelen an.
Am Schluß der Sitzung kommt Kinkel auf Schabelitz zu (der
hier durchaus als unser Agent tätig war und als ein sehr nützlicher
Agent, da er das Vertrauen sämtlicher Biedermänner besaß), er-
O Adolj Strodtmann
Z. 10 (teils) —12 (teils)
246
(112) 1851 Aug. 25
klärt ihn für einen braven Demokraten, erklärt die Basler Natio-
nal-Zeitung für ein ausgezeichnetes demokratisches Blatt und er¬
kundigt sich u. a. nach den Finanzen desselben. Schabelitz:
Schlecht. Kinkel: Aber tun die Arbeiter denn nichts? Schabe¬
litz : Alles, was wir von ihnen verlangen, sie lesen das Blatt. 5
Kinkel : Die Arbeiter müßten mehr tun. Sie unterstützen auch
uns nicht, wie sie sollten. Und Sie wissen, wir tun doch so viel
für die Arbeiter. Wir tun alles, um sie zu „respektablen66, Sie
verstehn mich wohl, um sie zu „ehrbaren Bürgern66 zu machen.
En voilà une bonne. io
Die Sitzung der Vereinbarer vom 15. war wenig besucht und,
wie die Engländer sagen, indifferent.
Unterdessen hatten sich große Dinge ereignet — am 17. — und
der wahre Verlauf der Sache verlief sich, wie unser großer A. Ruge
sagen würde, wie folgt: 15
Herr Kinkel berief Willich, Techow, Gögg, Sigel und noch
einige zu sich und eröffnete ihnen, daß er 160 St. durch Fischer
aus New Orleans erhalten und beauftragt sei, diese Gelder zu
verwenden unter Zuziehung der obenbenannten Männer und des
Herm „Fr. Engels66. Statt des letztem hatte er Fickler ein- 20
geladen, der aber erklärt hatte, er habe mit den „Lumpen66 nichts
zu schaffen. Herr Kinkel war gezwungen, den Brief vorzuzeigen,
und da zeigte sich denn, daß diese Gelder sich schon seit drei
Wochen anonym und inkognito in seiner Wohnung befanden, un¬
schlüssig, ob sie ihr großes Herz der profanen Welt erschließen 25
sollten oder nicht. Obgleich Kinkel mit Engelszungen sprach, so
half das nichts. Die Clique Fickler sah ein, daß die Clique Kinkel
bedeutend im stillen angelt und die Gesamtemigrations-Klatsch¬
krise nur benutzen würde, um die Goldfische unter der Hand zu
ködern. Und so hatte der große Heinzen umsonst so liebeschmach- 30
tend und so redebieder mit den in New Orleans gesammelten Pfun¬
den geäugelt! Gögg und Sigel verließen das Konklave. Es fand
eine Separatsitzung der Clique Fickler-Ruge-Tausenau statt. Die
Süddeutschen hatten nämlich unter der Hand gefunden, daß
A. Ruge ein Imbécil ist. Sie brauchen ihn, weil er der Kanal zu 05
Ledru-Mazzini ist und diese Protektion den Süddeutschen sehr
wichtig ist. Tausenau scheint ihnen den Star gestochen zu haben,
und er ist jetzt neben Fickler ihr eigentlicher Leader. Tausenau
ist überhaupt ein mit kleinjüdischer Kalkulationsgabe ausgestatte¬
ter, diplomatisierender und sehr klugtuender Intrigant, der an das
Herannahn der Revolution glaubt. Daher er jetzt in diesem Bunde.
Ruge in tiefem Grimme über die verlornen 160 St. eröffnete nun
den Freunden, daß vor mehr als zwölf Monaten Willich-Kinkel den
Schimmelpfennig zu Mazzini geschickt, ihn als Emissär vor¬
gestellt und [Mazzini] zu einer Agitationsreise nach Deutschland 4;
Z 27-32
35-41
(112) 1851 Aug. 25
247
um Geld angegangen hatten. Mazzini gab ihm 1000 fr. bar und
5000 fr. in seinen italienischen Scheinen unter der Bedingung,
nach zwölf Monaten ihm die 1000 fr. und zwei Drittel der unter¬
gebrachten italienischen Scheine zurückzuerstatten. Davon reiste
Schimmelpfennig durch Frankreich und Deutschland. Die zwölf
Monate waren vergangen, aber Kinkel - Schimmelpfennig, die
1000 fr. und die italienischen Scheine ließen nichts mehr von sich
hören. Jetzt, nachdem das Geld aus New Orleans angekommen,
hatte Kinkel seine Abgesandten an Mazzini wieder geschickt, nicht
io um zu zahlen, sondern um zu renommieren und in eine Allianz mit
ihm zu treten. Mazzini war zu delikat, sie an ihre Schuld zu mah¬
nen, erklärte ihnen aber, er habe seine Verbindungen in Deutsch¬
land, könne daher keine neuen eingehn. Die Herren hatten sich
auch, erzählte A. Ruge weiter, zu Ledru-Rollin begeben. Hier aber
15 war Ruge zuvorgekommen, und da Ledru-Rollin sich schon als
Präsidenten der französischen Republik betrachtet und entschlossen
ist, sofort den Krieg nach außen zu führen, ihm Sigel als Ober¬
general der teutschen Revolutionsarmee vorgestellt, mit dem Le¬
dru-Rollin sich dann auch in strategische Gespräche eingelassen.
2o Hier fuhr also Kinkel-Willich abermals ab. Nach diesen Ent¬
hüllungen Ruges lag also die Verworfenheit der Clique Ktinkel]-
W[illich] offen vor den Augen der betörten schönen Seelen. Nun
mußte eine Tat vollbracht werden, und welche andre Taten kennt
Ruge als neue Kombinationen und Permutationen seines verschim-
23 melten alten Zentralkomitees? Es wurde also die Bildung eines
Agitationsklubs beschlossen, der kein diskutierender, son¬
dern „wesentlich arbeitender46 sein, nicht words, sondern
works liefern und vor allem die Gesinnungsgenossen auffordem
solle, Geldbeiträge zu liefern. Zusammensetzung : Fickler, Tau-
so senau, Frank, Goegg, Sigel, Hordle, J. Ronge, Haug, Ruge. Du
erkennst sofort die Reformation bei Ruge-Ronge-Haug. Aber bei
näherer Ansicht zeigt sich, daß der wesentliche Bestandteil des
Klubs 1. die westsüddeutschen Biedermänner Fickler, Goegg, Sigel,
Hordle, 2. die ostsüddeutschen Tausenau, Haug und Frank sind,
35 daß der Klub also wesentlich als süddeutscher sich den
„Preußen“ gegenüber gebildet hat und Ruge nur die Nabel¬
schnur ist, die die Verbindung mit dem Europäischen Zentral¬
komitee aufrecht erhält. Auch nennen sie jetzt die andern Vereine
schlechtweg „die Preußen“. Dieser Agitationsklub ernannte
40 Tausenau zu seiner Exekutivgewalt und gleichzeitig zu seinem
Minister des Auswärtigen. Es war dies also eine vollständige
Absetzung des Zentral-Ruge. Um ihm aber die Pille zu ver¬
süßen, wurde ihm als douceur gegeben die Anerkennung, daß man
seine Stellung beim Zentralkomitee anerkennt, seine bisherige
43 Tätigkeit und seine Vertretung des teutschen Volks im Sinne des
248 (112) 1851 Aug. 25
teutschen Volks. Dieses testimonium paupertatis wirst Du gedruckt
gelesen haben in der in fast alle englische Blätter gebrachten
Notiz, worin der Agitationsverein seine Geburt dem europäischen
Publikum allerergebenst anzeigt und um gute Kundschaft bittet.
Selbst diese douceur wurde dem unglücklichen Ruge verbittert, □
indem die Bauer-Fickler die unerträgliche conditio sine qua non
stellten, daß Ruge aufhöre, „sein dummes Zeug in die Welt zu
schreiben46.
Ehe ich weiter erzähle, muß ich bemerken, daß in dem gesamt¬
demokratischen Verein wir ohne Wissen der andern 20
durch einen zu unserm Bunde, aus Köln geflüchteten Arbeiter
namens Ulmer vertreten sind, ein Mensch, der bei uns sehr ruhig
und schweigsam ist und von dem wir nie geglaubt hätten, daß er
die Gesamtdemokratie im Schach halten würde. Aber indignatio
facit poetam, und der stille Ulmer hat, wie er mir sagte, das 15
„Genie66, daß er leicht wütend wird, am ganzen Körper zittert und
dann wie ein Berserker losfährt. Trotz seiner schmächtigen
Schneiderfigur hat er zudem als bester Turner von Mainz ein be¬
deutendes Bewußtsein physischer Kraft und Gewandtheit. Außer¬
dem den Kommunistenstolz der Unfehlbarkeit. 20
Am 22. August fand also die dritte Sitzung statt. Versammlung
sehr zahlreich, da großer Skandal von wegen des hochverräteri¬
schen Agitationsvereins zu erwarten stand. Präsident: Meyen.
Auch zugegen: R. Schramm und Bucher. Die Clique Kinkel
stellte den Antrag auf Bildung eines Flüchtlingskomitees. Nämlich 25
Herr Kinkel will doch nicht als öffentlicher Mann von der Bühne
treten. Er will auch nicht sich bei den ästhetisch-liberalen Bürgern
Englands kompromittieren. Ein Flüchtlingskomitee ist politisch¬
philanthropisch, stellt außerdem Geldmittel zur Verfügung, ver¬
einigt also alle wünschenswerten Bedingungen. Dagegen wurde 30
von einem gewissen Hollinger und von Ulmer der Antrag gestellt,
das Flüchtlingskomitee in einer allgemeinen Generalversammlung
der Flüchtlinge zu wählen, worauf die Kinkelclique immer hinwies
auf die Gefahr des Skandals, den die Leute hinter dem Rücken der
Versammlung (nämlich wir Anonymi) machen würden. Aber sie 35
hatten auch Feinde vor sich. Von dem Agitationsklub waren nur
zugegen Goegg, Sigel und sein Bruder. Gögg wurde in das Flücht¬
lingskomitee gewählt; das gab eine Gelegenheit, 1. den Austritt
Tausenaus zu erklären, 2. die Erklärung des Agitationsvereins ab¬
zulehnen, 3. schließlich nach Verlauf der Debatte ihren Gesamt- 40
austritt anzuzeigen. Großer Sturm. Tech ow und Schramm^
hunzten den A. Ruge schrecklich ab. Es wurde über¬
haupt sehr geschimpft. Gögg antwortete den andern über-
*) Rudolf Schramm
(112) 1851 Aug. 25
249
legen, griff den zweideutigen Kinkel bitter an, der nur seine Tra¬
banten antworten ließ, sich als Großmogul den Bart strich und
durch den stets um ihn wedelnden Schurz Zettel schrieb, die er,
wie die Vereinbarer in Berlin, unter seinen Getreuen zirkulieren
5 ließ und nach der Zirkulation sein Schlußvotum niederschrieb.
Nur als Gögg sagte, daß der Agitationsverein seine Erklärung in
den englischen Blättern publizieren werde, antwortete Kinkel
majestätisch, daß er jetzt schon die ganze ame¬
rikanische Presse beherrsche, und daß schon die
io Anstalten getroffen seien, in kürzester Frist
auch die französische Presse seiner Herrschaft
zu unterwerfen. —
Außer diesem skandalschwangren Thema liefen noch andre
durch, die im Schoße der verbrüderten Demokraten selbst den ge-
15 wattigsten Sturm erregten, so daß es zu Faustdrohungen kam,
furchtbares Toben und Geschrei, bis um zwei Uhr Mitternacht der
Wirt durch Auslöschen der Lampen die Vereinbarungslustigen in
undurchdringliche Nacht versenkte. Die zwei Pivots des Skan¬
dals Schramm und Ulmer. Schramm nämlich in seiner Diatribe
2o gegen Ruge machte gleichzeitig seinem Grimm gegen die Kom¬
munisten Luft, was vielen Anklang fand, griff den Willich aufs
gehässigste an und erklärte die Arbeiter für feig. Ulmer ant¬
wortete hierauf ; verlangte aber seinerseits mit Hollinger — Freund
von Sigel — Berufung einer allgemeinen Flüchtlingsversammlung
25 zur Wahl eines Unterstützungskomitees. Er schuldigte Willich etc.
direkt der Verschweigung und Verschwendung der Flüchtlings¬
gelder an. Unaussprechlicher Tumult. Der Kakerlak Dietz springt
vor, erklärt, er sei Kassierer des Flüchtlingskomitees der Great
Windmillstreet, und verlangt Widerruf. Ulmer erklärt, wenn die
so Herm es verlangten, werde er Beweise bringen. Er widerrufe
nichts. Willich in seiner bekannten Manier sucht ihn zu beschwich¬
tigen und ladet ihn zu einer Privatauseinandersetzung auf seinem
Zimmer ein. Aber Cato Ulmer bleibt unerschütterlich und sprach
nicht ohne Anhang. Nebenbei bemerkt, hatte Schimmelpfennig,
35 hinter Ulmer sitzend, während der Rede Göggs fortwährend ge¬
grunzt und Lärm gemacht, als auf einmal Ulmer von seinem
„Genie“ ergriffen wird, sich mit ausgestreckter Faust umwendet
und dem Schimmelpfennig] zubrüllt: „Wenn Sie, elender
Pfennigfuchser, nicht endlich das Maul halten, schmeiße ich Sie
4o zum Fenster hinaus.“ Schimmelpfennig] wurde blaß wie
Kreide, aber, mit seiner preußischen Offizierscourage zu Rat
gehend, entfernte er sich in den äußersten Winkel.
Willich war [in] dieser denkwürdigen séance zu verschiednen
Malen und von allen Seiten, Gögg, Schramm, Hollinger, Ulmer
45 etc., so derb gepackt worden, daß er sechsmal erklärte, er müsse
250
(112) 1851 Aug. 25
austreten, wenn man seine würdige Persönlichkeit nicht außer
Spiel ließe.
Nun aber neues Element des Skandals, von uns eigens zu¬
bereitet. Nämlich die Herm, die „hohem Flüchtlinge66, wie sie
sich nennen, hatten die „niedre Emigration66 ganz außer acht ge- 5
lassen. Dieser „niedern Emigration66, der es sehr schlecht geht,
ließen wir durch Ulmer, Rumpf, Liebknecht mit aufregender
Zubereitung das Faktum wissen, daß das Flüchtlingskomitee der
Great Windmillstreet 800 Gulden aus Württemberg erhalten und
daß sie schönstens geprellt werden. Gestern also, in der Sitzung io
des Great Windmillstreet-Komitee, praesidio Schapperi, Skandal¬
szene. Die Flüchtlinge verlangen die Briefe einzusehn, Rech¬
nungen etc. Willich, der uns gegenüber diese Ansprüche der Esel
aufgebracht, erklärt ihnen barsch, er und Co. seien nur der Ar¬
beitergesellschaft verantwortlich. Einem Flüchtling, der ihm zu #
nah auf den Leib rückt, sagt er, er solle fembleiben, damit er
ihm nicht Läuse zuführe. Dieser nennt ihn einen „hohlen Stroh¬
kopf66. Schapper wird um Rechtfertigung seines Hippopotamus-
bauchs ersucht und „Schnapper66 angeredet. Willich ruft den Wirt
und will einen der Flüchtlinge herauswerfen lassen. Dieser sagt, so
er wolle gehn, wenn man einen Policeman rufe. Die Herm seien
alle Spitzbuben. Dabei bleibt’s. Willich und Schapper erklären,
unter diesen Umständen würden sie abtreten.
Dieser „niedren Emigration66 haben nun Rumpf und Ulmer
erklärt, nächsten Freitag kämen ihre Interessen vor in dem all- 25
gemeinen Emigrationsverein. Sie werden sich sämtlich, mit Knüp¬
peln bewaffnet, dahin begeben, um ihre Ansprüche durchzusetzen.
Ich habe sie nun durch Ulmer wissen lassen, Kinkel habe 160 St.
für sie erhalten, die er wochenlang verheimlicht, und die er nun
mit Willich zu teilen gedenke. Sie würden überhaupt — et c’est 30
vrai — nur als Firma benutzt, um die Finanzen dieser Staats¬
männer auf den Strumpf zu bringen. Ulmer wird der Redner sein,
und da Schramm usw. nichts von dieser Ovandoladung wissen,
wird der Skandal erbaulich werden von allen Seiten.
Du darfst erst einen — später aber notwendigen — Brief an &
Kinkel schreiben, sobald ich Dir über die Freitagssitzung berichtet.
Was Du aber gleich tun mußt, ist, an Fischer nach New Orleans
zu schreiben, ihm den ganzen Dreck klarzumachen und ihn wissen
zu lassen, daß er nur noch unter der Firma „Freiligrath66,
die ganz populär ist, Geld sammelt. Unsre Partei braucht es not- 44
wendig. Sie ist die einzig aktiv, die einzig direkt mit Bundestag
und Gott und Teufel im Kampf stehende, und es fehlt uns alles
Geld zur Agitation. Andrerseits muß Geld geschafft werden für
unsre Eingekerkerten, die zum großen Teil durchaus ohne Mittel
sind. Diese zwei Gesichtspunkte scheinen mir leicht dem Mann 4»
Z. 6-23.
(112) 1851 Aug. 25 251
klar zu machen. Wenn er kann, soll er übrigens die Sammlungen
geheim machen, da unsre Wirksamkeit nur gestört wird durch
jeden Zeitungsklatsch.
Vale faveque.
5 Dein K. Marx.
Bemerken muß ich noch, daß der orthodoxe Stier Schapper
durchaus nicht mit den „Ungläubigen“ sich einläßt, vielmehr Wil¬
lich erklärt hat, sie könnten ihm eher den Kopf einreißen, als daß
er zu „den Hunden“ gehe.
io Wenn manchmal jetzt meine Briefe um ein paar Tage aus¬
bleiben, so geschieht’s, um vollständiger zu berichten.
113. MarxanEngels; [1851 August ca. 27].
Lieber Engels,
Du liest zuerst wohl den Proudhon, da ich den zurück haben
15 muß. Den Dureau hab ich ausgezogen, soweit ich ihn brauche.
Apropos! Schreibe doch endlich an den Fischer
in New Orleans. (Liebknecht ist jetzt sein stehender Korre¬
spondent.) Es ist dies um so wichtiger, als grade aus New Orleans
die Kinkels, Ruges etc. Subsidien zu ziehn bedenken. Vergiß
2o also nicht an den Mann zu schreiben, der sich in einem Brief an
Liebknecht über Dein Schweigen beklagt.
Dein K. M.
114. Engels an Marx; [1851 August ca. 27].
Lieber Marx,
25 Die homerischen Kämpfe der großen Männer im Streben nach
Einheit haben mich wunderlich erheitert. Welche Iliade!
An Fischer ist geschrieben. Es ist aber doch positiv, daß ich
in dem Brief an Kinkel mit genannt bin, damit ich mich bei
F[ischer] nicht blamiere? Die Idee mit Freiligrath ist famos, das
so hat gewiß Deine Frau erfunden. Den F[ischer] aufzufordem,
direkt für unsre Parteizwecke Geld aufzutreiben, geht durch¬
aus nicht; kommt aber noch etwas — was ich nach diesen Erfah¬
rungen der Amerikaner bezweifle —, so denk ich, wird mein
Brief hinreichen, es in Fr[eiligrath]s Hände zu spielen, et cela
35 Suffit.
Schreib mir nun gleich über den Ausfall der Freitagsszene, da¬
mit ich dann gegen K[inkel] das Nötige tun kann. Ich kann zu¬
Z. 36-37 -
252
(114) 1851 Aug. ca. 27
nächst nichts als Auskunft und Einsendung der Akten verlangen
und dann nach deren Empfang oder Nichtempfang das Weitere
tun. Aber weißt Du K[inkel]s Adresse?
Freiligraths Adresse hättest Du gut getan mir auch zu
schicken, damit man sie dem Fischer gleich mitteilen konnte. Jetzt
ist’s zu spät für diesen Steamer und bis Antwort von ihm da ist,
vergehen vier Wochen, in denen man ihn nicht zu sehr mit Briefen
bombardieren darf.
Dem Kinkel und Willich hab’ ich durch meinen Brief da drü¬
ben ein Beinchen gestellt, woran sie denken werden. io
Über Proudhon morgen oder übermorgen. Weerths Anwesen¬
heit und dann diese Schmiere, verbunden mit Comptoirdreck,
haben mich verhindert, das Ding ernsthaft anzufassen. Jedenfalls
ist die Scharlatanerie großartig drin. Der zweite Teil, von der Li¬
quidation an, ist bewundernswert durch die Verschmelzung der w
Girardinschen Reklame und der Stirnerschen Renommage. Dazu
ist manches grammatisch und logisch reiner Galimatias, von dem
er selbst weiß, daß es absolut keinen Sinn hat. Dieser zweite Teil
ist wirklich gar nicht ernsthaft zu behandeln, man kann’s beim
besten Willen nicht. 20
Für die Tribune hab ich natürlich auch nichts machen können
— nächste Woche Fortsetzung. Eiligst
Dein F. E.
115. MarxanEngels; 1851 August 31.
31. August 1851. 25
28, Deanstreet, Soho.
Lieber Engels,
Man verrechnet sich immer sehr, wenn man auf entscheidende
Krisen unter den demokratischen Heroen rechnet. Ein Skandal,
wie der vor vierzehn Tagen, erheischt mehrwöchentliche Er- 30
holung für diese performers. Und so kam es denn vorgestern, Frei¬
tag den 29., zu nichts Bedeutendem.
D’abord. Am Montag, 25. August, wie ich Dir schon mit¬
geteilt, drohten Willich und Schapper mit ihrem Abtritt aus dem
Flüchtlingskomitee der Great Windmill. Am folgenden Dienstag 35
traten sie wirklich in offizieller Sitzung ab und löste sich das Ko¬
mitee überhaupt in Wohlgefallen auf. Bei dieser Gelegenheit kam
es dann zu bittem Worten. Willich moralisierte und sitten¬
predigte, worauf ihm seine Laster entgegengehalten wurden. Der
Hauptanklagepunkt gegen ihn aber war der, daß diesmal, wie 40
schon bei einer frühem Gelegenheit, wo Rechenschaft abgelegt
z. - 1-10
(115) 1851 Aug. 31
253
werden sollte über die Zwanzige von Pfunden, die in die Bürsten¬
macherei gesteckt sind, dafür gesorgt worden, daß Herr Lüs-
sel [?], verantwortlicher Garant derselben, durchgebrannt war.
Freitag hatte sich General Sigel in der allgemeinen Sitzung der
s Vereinbarungslustigen eingefunden. Er hatte auf das Erscheinen
der „niedem Emigration“ gerechnet, für die er einige gewaltige
Lanzen mit Willich brach, der seiner Entrüstung über die sitten¬
lose, früher von ihm uns gegenüber apotheosierte Lumpenherde
freien Lauf ließ. Wer aber nicht erschien, war das Lumpen-
io prolétariat. Diejenigen, die sich vor den Türen des Areopag ein¬
gefunden, waren zu wenig zahlreich, um auf Erfolg rechnen zu
können und zogen sich deshalb zurück. Du weißt, daß es feige
Canaillen sind, und jeder der Lumpenhunde hat ein zu schlechtes
Gewissen, um isoliert vor einer größern Versammlung als öffent-
15 licher Ankläger aufzutreten.
In das Flüchtlingskomitee der „Gesamtdemokratie“ waren
einige Rugianer, wie Ronge, gewählt worden, vier an der Zahl.
Diese erklärten ihren Austritt. Das Komitee war also aufgelöst.
Es wurde ein neues provisorisches gewählt, bestehend aus
20 den Herm Kinkel, Graf Reichenbach, Bucher und dem Sachsen
Semper.
Du siehst hieraus, daß man in eine neue Phase getreten ist. Man
hat sich in die Arme der respektabeln „hommes d’état“ geworfen,
da die bisherigen „Führer“ als bürgerliche Lumpen kompromit-
25 tiert sind. Die „hommes d’état“ — ihr Kem — sind die „wackem
Volksmänner“ Bucher (Berliner Vereinbarer), Graf Rei¬
chenbach (Ritter vom Geist und Frankfurter Reichskompromit¬
tierter, nicht der Berliner Bart der Partei) und der wichtige Stot¬
terer „Rudolf Schramm“ (connu).
30 Lupus, der, aus alter Freundschaft zur Gräfin Reichenbach und
ihrem ebenfalls hier anwesenden Bruder, von Zeit zu Zeit das Haus
des Reichenbach frequentiert, fand gestern daselbst Herrn Techow,
den er von der Schweiz her kennt. Kurz nachher erschien Willich
in eigner Person und in Gesellschaft des tiefsinnigen Eduard
35 Meyen. Lupus ging fort, als diese Größen Platz griffen.
Voilà tout ce que j’ai à rapporter pour le moment. Mit den
160 amerikanischen Pfunden hat Kinkel offenbar teils direkt, teils
durch seine Anhänger den „Respektablen“ und „hommes d’état“
eine gewaltige Meinung von seiner Macht und seinen Verbin-
40 düngen beizubringen gewußt. Der edle Willich aber hat durch
Auflösung des Windmillkomitees das solideste Band zerrissen, das
ihn mit der „Canaille“ verklitterte.
Maintenant, was Dich anbetrifft, so ist es positiv, daß Fischer
Dich ausdrücklich genannt unter den Paten der 160^ . General
45 Sigel und Goegg teilten das angeblich au secret ihrem Freund
Z. 13 (und) -29.
254
(115) 1851 Aug. 31
Schabelitz mit, in der Tat aber, wie ich glaube, um es Dir zukom¬
men zu lassen. Nach meiner Ansicht hast Du nichts zu tun, als
Herrn Kinkel zu schreiben, Du habest aus New Orleans die Nach¬
richt über die Geldsendung und Deine Mitzurateziehung bei Ver¬
wendung desselben erhalten. Du fragtest ihn simplement, was mit j
dem Geld geschehn oder beabsichtigt sei. Die Adresse Kinkels
ist „Dr. phil. (so schreibt er sich auf seinen Visitenkarten) Kinkel,
1 Henstridge Villas, St. Johns Wood/6 Ich werde Dir zum Spaß
einmal eine solche Visitenkarte zuschicken, die ganz Inhalt und
Form einer Londoner Reklame für Heilung von Krähenaugen and io
so forth hat.
Damit ich das große Ereignis nicht vergesse. In der Nummer
vom 13. August kündet der unglückliche Heinzen an, daß Otto
seine Kapitalien zurückgezogen und so er allein mit seinem geisti¬
gen Kapital zurückbleibe, womit in dem industriellen Amerika ein u
Blatt nicht marschieren könne. Er schreibt also eine Elegie über
den Fall Hektors vor der Zeit. Und in derselben Nummer fordern
Hoff und Kapp zu Aktienzeichnungen für eine neue Zeitung auf,
die an die Stelle der Schnellpost treten solle. Und wie das Schick¬
sal wunderliche Naulen hat, macht gleichzeitig die Staatszeitung 20
dem edlen Heinzen — unter Enthüllung vieler seiner Geldgemein¬
heiten — einen Prozeß wegen Verleumdung, der ihn, wie er vor¬
hersieht, in ein „Sittenverbesserungshaus66 bringen wird. Le
pauvre Heinzen! Auch ist dieser große Mann jetzt moralisch ent¬
rüstet über Amerika und die „gemütsarmen Yankees66 und die 25
„Deutsch-Amerikaner66, die ihnen nachschlagen, statt an der „Hu¬
manisierung der Gesellschaft66 zu arbeiten und für die großen
politisch-sozialen Enthüllungen A. Ruges sich zu begeistern.
So heißt es z. B. in besagter Nummer:
„Jener freie deutsche Geist, der die Welt erfüllen soll. . . jener 30
Born, der nun fast zwei Jahrtausende und immer geistigreicher
über die Erdteile fließt.66
„Wozu gibt es denn Deutsche in der Welt? Wozu ein deutsches
Herz, wozu die deutsche Sprache? Wozu z. B. dieses Mittel, das
der deutsche Gutenberg erfand, den Geist zu bilden und aufzu- 35
klären? Alles dieses ist da und selbst der Boden, worauf es sich
begibt, oder begeben sollte, dieses Amerika von Einem Deutschen
entdeckt.66
„Die freien Gemeinden, die gesund-kräftige deutsche Philo¬
sophie, die glänzende deutsche Literatur, herübergeleitet, und mit 40
dem, was das Land und seine Bewohner Treffliches, Haltbares be¬
sitzen, in geitige Wechselwirkung gesetzt — muß aus solchen
Faktoren ein Amerikanertum von weltgeschicht¬
licher Bedeutung entstehn, eine allgewaltighumane, gei¬
stige und moralische Größe, deren Herz das fort und fort influie- 43
Z. 29-45 -
(115) 1851 Aug. 31 255
rende Teutschtum, deren Kopf das veredelte Yankeetum und deren
Arm beide in Verein in Bewegung setzen.“
„In der Tat, ich behaupte, daß das teutsche Volk reifer zu
einer demokratischen Republik ist als das amerikanische . . .
5 Wahrhaftig wäre Deutschland seiner Blutsauger und seiner Fes¬
seln ledig, es hat eher das Zeug, eine rein demokratische Republik
zu „fixen“, wie der Amerikaner sagt, und erfolgreicher durch¬
zuführen, als die Yankees, denn sowie selbst der politisch ge¬
bildetste Teil der Amerikaner noch so befangen im Aberglauben,
io so unfrei in geistiger Hinsicht ist und so fern von jeder humanen
Bildung steht, wie kann sich der Endzweck der Demokratie, die
wahre Humanität, die harmonische Ausbildung der Menschheit,
in politischer, sozialer und moralischer oder geistiger Beziehung,
verwirklichen?“
is Dies schreibt der teutsche Hahnebug oder läßt sich schreiben
grade zur Zeit, wo die Amerikaner glücklich den Weg über den
Isthmus gemacht haben. Der Rüpel läßt sich in derselben Num¬
mer schreiben:
„Sie geißeln die amerikanischen Zustände so treffend, nament-
2o lieh das deutsche Amerikanertum, daß jeder Urteilsfähige und
Unparteiische Ihnen beistimmen muß. Es wäre wirklich ein rühm¬
liches Werk, wenn Sie durch Ihr Blatt die Veredlung und Bildung
der Deutschen in Amerika könnten sichern helfen, und sollte auch
Ihre Stimme für die rohe Masse verloren gehn, so ist schon genug
27 getan, wenn Sie einzelne Deutsche von der affenartigen und ver¬
derblichen Sucht, den Amerikanern nachzuahmen, befreien.“
Und dahinter brüllt dann der Flegel seine ungewaschnen geld¬
katzenjämmerlichen Jeremiasorgellieder.
Du hast sicher schon längst aus den Journalen ersehn, daß
so Girardin sich mit Ledru-Rollin liiert. Der glaubte auch schon der
künftige französische Großmogul zu sein. Nun hat sich aber in
Paris ein Gegenkomitee Lamennais-Michel (de Bourges )-Schöl-
cher gebildet, das die „Vereinigten Staaten von Europa“ durch die
romanischen Völker — Franzosen, Spanier, Italiener — be-
35 wirken will, worum sich dann die Deutschen etc. anzukristalli¬
sieren. Also, die Spanier! sollen uns zivilisieren! Mon Dieu,
das übertrifft noch den K. Heinzen, der die Feuerbach und
A. Ruge unter die Yankee zur „Humanisierung“ einführen will.
Der „Proscrit“ von Ledru [-Rollin] attackierte bitter das rivalisie-
4o rende Komitee. Sie antworteten ihm mit gleicher Münze. Was aber
noch bittrer für den Großmogul in partibus ist: In Paris fand ein
Konklave der ganzen Presse statt. Der Proscrit war auch durch
einen Deputierten vertreten. Zweck: Einigung über einen gemein¬
schaftlichen Präsidenten. Der Proscrit fiel mit all seinen Anträgen
45 durch, und es wurde rein herausgesagt, die Herm in London hätten
Z. - 1-28.
256
(115) 1851 Aug. 31
gut schwatzen; aus Frankreich selbst müsse das Erforderliche für
Frankreich geschehn, Ledru [-Rollin] schneide sich sehr, wenn er
sich für „die wichtige Person66 halte, wofür ihn Mazzini ausgibt.
Übrigens trennte sich das Konklave unter Skandal und ohne
Resultat. Die einheitssüchtige Demokratie gleicht sich überall wie 5
ein Ei dem andern.
Ade
Dein K. M.
116. Engels an Marx; [1851] September 1.
Lieber Marx,
Du mußt mich abermals entschuldigen.
Erstens habe ich mit dem Proudhon noch weiter nichts anfangen
können, weil ich seit vier Tagen mit den scheußlichsten Zahn¬
schmerzen geplagt gewesen bin, die mich total unfähig machten,
irgend etwas zu tun. Dazu kommt nun noch heut abend mein Bru- u
der (den Du kennst) von London und wird mich, ich weiß nicht
wie lange, am Arbeiten hindern. Que le diable emporte l’ex¬
position!
Zweitens kann ich Dir die für heute versprochnen £ 5 erst
morgen schicken, da absolut kein Geld in der Geschäftskasse ist 20
und ich sie also erst morgen bekommen kann.
Der Triumpfartikel der Lith[ographischen] Korrespondenz
über die endlich erreichte Einheit der honetten Emigration ist ja
bereits durch ein neues Lamento und Ausfälle der „Preußen66
gegen die „Süddeutschen66 und den „Pommer66 Ruge in derselben 25
Lithographischen] Korrespondenz] widerrufen. Sic transit glo-
ria — die Freude hat nicht lange gedauert. Es ist gut, daß wir in
jedem der neuen zwei Vereine so viel Freunde haben, daß keiner
von beiden uns behelligen wird.
Hast Du in der heutigen Daily News den erbaulichen Artikel 30
über die wirkliche Hure und angebliche Baronin Beck gelesen, die
in den Händen der englischen Polizei in Birmingham inmitten
ihrer Prellereien Todes verblichen ist? Die Sache ist sehr schön,
und um so schöner, als sie den zudringlichen Bettler „Dr.“ Heine¬
mann ebenfalls als direkten Spion, im Solde des „neulich errich- 35
teten auswärtigen Departments der englischen Polizei66 nachweist.
Du erinnerst Dich, wie verdächtig uns dies gemeine Subjekt von
jeher war. Die Aushändigung von Dokumenten „über eine in Lon¬
don bestehende deutsche kommunistische Assoziation66 erklärt
auch die Polizeichikanen des vorigen Sommers, und ich möchte
wissen, für wieviel Herr Christian Joseph Esser bei dieser Ge-
Z. 30-41 -
(116) 1851 Sept. 1
257
schichte beteiligt ist. Kennst Du den „Baron Soden“, der diese
Geschichten bezeugt und sich erbietet, Beweise beizubringen? Es
wäre gut, wenn man diesen Mann unter der Hand ausforschen
lassen könnte. Die Veranlassung dazu wäre leicht zu finden, und
5 es wäre da Manches über die Lumpazi der Emigration heraus¬
zukriegen, das später von Nutzen werden könnte. Ich werde mir
die Nummer der Daily News verschaffen und aufheben, man kann
das Dokument gelegentlich gebrauchen.
Die Falliten haben in Liverpool und London ja schon angefan-
io gen, und der Economist trotz seiner Beweise, daß der trade des
Landes äußerst gesund, d. h., daß das meiste Surpluskapital in
der soliden Produktion angelegt ist, muß doch gestehn, daß Ost¬
indien wieder überführt ist und im ostindischen Handel die alten
Konsignations- und Vorschußgeschichten mit unveränderlicher
15 Regelmäßigkeit wieder eingerissen sind. Nächste Woche will er
uns lehren, wie man das Konsignationsgeschäft auf soliden Grund¬
lagen betreiben kann — ich bin begierig darauf. Inzwischen ver¬
dienen die Spinner und Weber hier enorm — die meisten sind bis
Neujahr engagiert, und auf dem Lande wird allgemein wenigstens
2o bis acht Uhr abends, also 12—12 ¥2 Stunden gearbeitet, oft länger.
Aus Baumwolle zu 3%—4^2 Pence pro Pfund spinnen sie Garn
zu 7—8 Pence das Pfund; die Spinnkosten bei diesen groben
Nummern kaum 1¥—2 Pence das Pfund, also bei einer wöchent¬
lichen Produktion von 12 Millionen Pfund (bei 600000000 Pfund
25 Einfuhr roher Baumwolle) verdient die Gesamtmasse der Spin¬
ner, wenn die groben Nummern als Norm gelten, in England
wöchentlich 75,000, jährlich 33/i Millionen netto. Dasselbe
ist richtig, wenn statt Nr. 6—12 die Durchschnittsnummem des
Garns, 18—24, angenommen werden, und manche, die bei guten
30 Maschinen schlechtere Baumwolle anwenden können, verdienen
am Pfund Garn nicht IV2 Pence, sondern 2 ¥2 Pence. Alles das
datiert vom April und Mai, vom Fall der Baumwollpreise, und wer
verhältnismäßig am meistenTwist kauft, sind die Deutschen. Wenn
der Tanz losbricht — und dieser trade dauert gewiß nicht länger
35 bis in den März — und zu gleicher Zeit in Frankreich ein Ulk los¬
geht, so werden die Deutschen es schön fühlen mit all dem unver¬
käuflichen Garn auf dem Hals, und das Land wird auch so gut
präpariert werden.
Weihen wir eine stille Träne den Manen Brüggemanns! Unver-
40 dienteres Unglück hat wohl nie einen Biedermann getroffen — sit
illi terra levis.
Dein F. E.
Montag, 1. September.
17
z. - 1-8.
258
(117) 1851 Sept. 8
117. Engels an Marx; [1851] September 8.
Lieber Marx,
Morgen geht mein Bruder fort, und ich werde dann endlich
wieder zur Ruhe kommen. Ich bin die ganze Zeit über keinen
Augenblick allein gewesen, und es war mir rein unmöglich, Dir die
Banknote früher zu schicken als Samstag, und zwar beide Stücke
mit derselben Post, da Sonntags nur eine delivery ist. Da hierbei
Gefahr des Entwendens ist, so gebe ich Dir particulars der Note —
sie war numeriert E/X 01780, und datiert Leeds, 15. July 1850.
Sollte sie Dir also nicht zugekommen sein, so geh gleich auf die ;
Bank und stop payment, was noch frühzeitig genug sein wird. Es
war eine Fünfpfundnote.
Freitag abend erhalte ich plötzlich einen Brief von meinem
Alten, worin er mir erklärt, ich verbrauche viel zu viel Geld und
müsse mit £ 150 auskommen. Ich werde mir diese lächerliche ;
Zumutung natürlich nicht gefallen lassen, um so weniger, als sie
mit der Drohung begleitet ist, nötigenfalls die Ermens anzuweisen,
mir nicht mehr als diese Summe auszuzahlen. Ich schreibe ihm
natürlich gleich, daß ich keinen Schritt mehr aufs Comptoir gehe,
sondern sofort wieder nach London aufpacke, sobald er versuchen ÿ
sollte, diese Gemeinheit ins Werk zu setzen. Der Mensch ist wirk¬
lich verrückt. Die ganze Sache ist umso lächerlichem und abge¬
schmackter, als dieser Punkt hier zwischen uns mündlich längst
abgemacht war und ich ihm absolut keinen Vorwand dazu gegeben
hatte. Ich denke mit Hilfe meines Bruders und meiner Alten die 5
Sache in Ordnung zu bringen, werde mich aber doch zunächst
etwas einschränken müssen, da ich Summa Summarum hier schon
^230 vermöbelt habe und bis zum November, wo ich ein Jahr hier
bin, diese Summe nicht zu sehr steigern darf. Jedenfalls ist dieser
neue Trick wieder sehr unangenehm und ärgert mich bedeutend, 3
namentlich die gemeine Manier, die mein Alter dabei anschlägt.
Es ist richtig, er verdient hier dies Jahr lange nicht so viel wie das
vorige, aber das liegt einzig in dem schlechten management seiner
Associés, über die ich keine Kontrolle habe.
Was ist das für ein neuer Tuck in Paris? Diesmal scheint die ;
Clique Hippopotamus *) ins Pech geraten zu sein; was ich von den
deutschen verhafteten Namen kenne, sind lauter alte Weitlingianer
aus der Epoche von 1847 und früher. Es scheinen da mehrere Mo¬
geleien durcheinander zu laufen. Der schwäbische Heiland scheint
sich auch unter den Glücklichen zu befinden. Tant mieux pour lui. v
Was Du erfährst, teil mir mit.
0 Karl Schapper
Z. 18—25. 31 (gemeine)
(117) 1851 Sept. 8 259
Wie deutsche Blätter melden, sollen die Kölner nicht vor die
nächsten — Oktober — Assisen kommen.
Morgen oder übermorgen mehr.
Dein F. E.
5 Montag, 8. September.
118. Engels an Marx; [1851] September 11.
Lieber Marx,
Ich hatte gehofft, Dir heute einen Artikel für Amerika fertig
machen zu können. Es fehlen mir noch ca. drei bis vier Seiten
io daran. Ich muß also auf die morgige Post verzichten, wenn ich
aber nicht irre, geht Mittwoch ein Collins Steamer, und damit
kann der Artikel gehn und dann Freitag der dritte nachfolgen. Ich
werde mich danach erkundigen. Ich halte in the present moment
dies amerikanische Geschäft, das ja positiv Geld einbringt, für
is pressanter als den Proudhon, von dem ich nicht weiß, ob er es
ebenso sicher und rasch einbringt, daher hab ich dies zuerst vor¬
genommen. Solltest Du andrer Meinung sein, so schreib.
Meinen Brief von Montag wirst Du erhalten haben.
En attendant tes nouvelles.
2o Dein F. E.
Donnerstag, 11. September.
119. Marx an Engels; 1851 September 13.
Samstag, 13. September 1851.
28, Deanstreet, Soho.
25 Lieber Engels,
Du hast doch meinen Brief während der Anwesenheit Deines
Bruders erhalten? Ich frage, da Du ihn nicht erwähnst, nicht
wegen seines Inhalts. Er enthielt nur Klatsch, obgleich es gut ist,
daß auch dieser archiviert wird. Aber in fremde Hände möchte
3o ich ihn doch nicht geraten wissen.
Deine verschiednen Briefe, eingeschlossen der fünfpfundige,
sind hier richtig angekommen.
Kinkel macht jetzt seine Rundreise durch Nordengland. War er
noch nicht in Manchester?
35 Nach dem in meinem letzten Schreiben Erwähnten hat sich
wenig hier zugetragen. Gestern (Freitag) vor acht Tagen erklärte
Graf Reichenbach seinen Austritt aus dem allgemeinen Flücht¬
lingsverband. Auch Du, Brutus? Sigel etc., die noch nicht defini-
17*
260
(119) 1851 Sept. 13
tiv ausgetreten waren, sind es jetzt. Willich aber macht einen Feld¬
zug gegen das „Lumpenproletariat“ unter den Flüchtlingen. Über
die gestern abend gehaltne Sitzung hab’ ich noch keinen Bericht
erhalten.
Auch das italienische Komitee hat sich gespalten. Eine bedeu- 5
tende Minorität ist ausgetreten. Mazzini erzählt mit Kummer dies
Ereignis in der Voix du Peuple. Hauptanlässe sollen sein: D’Abord
Dio. Ils ne veulent pas de dieu. Ensuite, et c’est plus grave, ils
reprochent à Maître Mazzini de travailler dans l’intérêt autrichien
en prêchant l’insurrection, d. h. en la précipitant. Enfin: ils insi- io
stent sur un appel direct aux intérêts matériels des paysans italiens,
ce qui ne peut se faire sans attaquer de l’autre côté les intérêts
matériels des bourgeois et de la noblesse libérale, qui forme la
grande phalange mazzinienne. Diese letztre Sache ist durchaus
wichtig. Wenn Mazzini oder wer sonst an die Spitze der italieni- u
sehen Agitation sich stellt, diesmal nicht franchement und immé¬
diatement die Bauern aus métaires in freie Grundeigentümer ver¬
wandelt — die Lage der italienischen Bauern ist scheußlich, ich
habe die Scheiße jetzt gründlich durchgeochst —, so wird die
östreichische Regierung im Fall der Revolution zu galizischen 20
Mitteln ihre Zuflucht nehmen. Schon hat sie im Lloyd gedroht mit
„gänzlicher Umwandlung des Besitzstandes“ und „Vernichtung
des unruhigen Adels“. Wenn dem Mazzini noch nicht die Augen
aufgehn, so ist er ein Rind. Allerdings kommen die Agitations¬
interessen hinein. Wo die 10 Millionen fr. hemehmen, wenn er die 25
Bourgeois vor den Kopf stößt? Wie den Adel in seinen Diensten
behalten, wenn ihm ankündigen, daß es sich zunächst um seine
expropriation handelt? Das sind Schwierigkeiten für solchen De¬
magogen aus der alten Schule.
Unter den Verhafteten in Paris befindet sich leider auch Lum-30
pazius Schramm0. Vorgestern kam ein Brief von dem Schlingel
an Liebknecht, und wir haben die erfreuliche Aussicht, dies disso-
lute Subjekt wieder unter uns zu sehn. Er soll sich aber wundern.
Ce Monsieur là! Du wirst mich sehr verpflichten, wenn Du mir bis
Dienstag morgen den Aufsatz für Dana schickst. 35
Anbei Brief von Dronke. Übrigens, wenn man ihm schreibt, muß
es unter seiner direkten Adresse geschehn. Die von Schuster ist
durchaus unsicher. Ich schicke Dir in ein paar Tagen ein Billett
für ihn, und dann schreibst Du auch noch einiges hinzu und expe¬
dierst die Sache an den Knirps.
O Konrad Schramm
(120) 1851 Sept. 19
261
120. Engels an Marx; [1851] September 19.
Lieber Marx,
Ich wurde gestern in der höchsten Eile noch mit dem amerika¬
nischen Artikel fertig — tel quel, oft unterbrochen, seit drei
5 Wochen, und zuletzt in der Eile noch den Rest zusammengeschmiert.
Tu en feras ce que tu pourras. In jedem Fall wirst Du ihn mit der
ersten Post heute erhalten haben.
Der einzige Brief, der seit der Ankunft meines Bruders hier an¬
kam, war Deiner vom 31. August, den ich erst 2. September er-
io hielt, worin Du die Heinzenschen Stellen mitteiltest (aus der
Schnellpost über Veredlung des Yankeetums).
Meine Faulheit erklärt sich:
1. aus einer Geschäftsreise nach Bradford,
2. aus der Abreise unsres Kommis nach London, von wo er
15 erst Montag zurückkommt,
3. aus der plötzlichen Entlassung unsres Warehouseman und
Gehülfen, so daß ich jetzt alle Hände voll zu tun habe.
Morgen oder Montag gebe ich mich an den dritten amerika¬
nischen Artikel, der positiv zum nächsten Steamer in Deinen Hän-
2o den ist — wenn Mittwoch einer geht, bis Dienstag, sonst bis Frei¬
tag. Morgen mehr, das Comptoir wird zugeschlossen, und Gas
haben wir noch keins, so daß ich dies fast im Dunkeln schreibe.
Dein F. E.
Freitag, 19. September.
25 Das Dokument Willich im Débats ist wunderschön!
121. Engels an Marx; [1851] September 23.
Lieber Marx,
Endlich denke ich wieder so weit zu sein, daß ich nach allen
fatalen Störungen wieder regelmäßig ans Arbeiten komme. Der
Artikel Nr. 3 für Amerika wird heut abend fertig gemacht und
Dir gleich zugeschickt, und dann werd’ ich den Proudhon sofort
vornehmen.
Von Kinkels Rundreise hab ich weiter noch nichts vernommen.
Die Spaltung unter den Italienern ist wunderschön. Es ist vor-
35 trefflich, daß dem geriebenen Schwärmer Mazzini endlich die
materiellen Interessen auch einmal in die Quere kommen, und das
in seinem eignen Lande. Dazu ist die italienische Revolution gut
gewesen, daß sie die abgeschlossensten Klassen auch dort in die
Bewegung gerissen hat, und daß sich jetzt der altmazzinistischen
io Emigration gegenüber eine neue radikalere Partei bildet und Herrn
262
(121) 1851 Sept. 23
Mazzini allmählich verdrängt. Auch nach Zeitungsberichten scheint
il Mazzinismo selbst bei Leuten, die weder konstitutionell noch
reaktionär sind, in Verschiß zu kommen, und die Reste piemonte-
sischer Preßfreiheit von diesen zu Angriffen gegen Mazzini, deren
portée die Regierung nicht begreift, benutzt zu werden. Im übrigen 5
überragt sonst die italienische Revolution die deutsche bei weitem
an Ideenarmut und Phrasenreichtum. Es ist ein Glück, daß das
Land, wo es statt Proletariern fast nur Lazzaroni gibt, wenigstens
metayers besitzt. Auch die andern Gründe der italienischen Dissi¬
denten sind erfreulich, und schließlich ist es sehr schön, daß die 10
einzige bisher wenigstens öffentlich ungespaltene Emigration jetzt
auch sich in den Haaren liegt.
Der Bericht des Kleinen hat mir viel Spaß gemacht. Wichtig¬
tuender Klatsch, ein Duell, ein in Hamburg einzukassierendes
Stück Geld, piemontesische Pläne — dodge, dodge und aber
dodge! Man begreift bei dem Männchen nie zweierlei Dinge,
erstens was er treibt, und zweitens wovon er lebt. Inliegend erfolgt
der Brief zurück, schick mir die Antwort und ich werde sie ihm
portofrei befördern. Seine direkte Adresse ist notiert — die von
Schuster wäre sehr schön, seit er gehaussucht worden! 20
Daß der edle Schramm einer der ersten sein würde, der Pariser
Polizei in die Klauen zu fallen, war zu erwarten. Er wird gehörig
in Cafés gebrüllt haben und dafür gefaßt worden sein, da er aber
mit dem Komplott Willich-Schapper nicht zusammenhängt, werdet
Ihr ihn bis jetzt wohl wieder in London haben. Die Auszüge aus 25
dem Dokument Willich in der Kfölnischen] Zeitung sind viel
schöner als in den französischen Blättern, da der deutsche Origi¬
naltext kopiert ist und die kraftvollen Entwicklungen des großen
Universalmannes hier in ihrer ganzen Reinheit hervortreten. Z. B.
wo es heißt, daß „der Bund66 und „der vierte Stand66 (ja nicht zu 30
verwechseln mit dem verfälschten Artikel, der unter der Etiquette
„Proletariat66 aus der Fabrik von Marx und Engels an den Markt
gebracht wird) in der nächsten Revolution „die historischen Ent¬
wicklungen der ökonomischen Frage zum schließlichen Abschluß
bringen sollen66!! Die schlechte französische Polizeiübersetzung 35
hat alles an diesem unbezahlbaren Dokument verdorben. Die alten
fixen Ideen des verrückten Kommisknoten, die uralte Albernheit
mit der sozialen Revolution von der Gemeinde aus, die schlau kal¬
kulierten Plänchen, die schon vorigen November die Welt ver¬
mittelst der rheinischen Landwehr auf den Kopf stellen sollten, 40
alles das schimmert nur gelinde durch. Am ärgerlichsten ist es
aber, daß diese schlechte Übersetzung einem das Vergnügen fast
ganz nimmt, zu sehn, wie in diesem verbogenen Schädel sich all¬
mählich die von uns eingetrichterten Ideen nach zwölfmonatlicher
selbständiger Verarbeitung schließlich in hochtrabenden Unsinn 43
z. 21-45 -
(121) 1851 Sept. 23
263
verwandelt haben. Man sieht aus der Übersetzung die Abhängig¬
keit überall durch, aber gerade das Original-Verrückte, was sich
daran gehangen, die Verzerrung, ist nicht klar. Und wird uns
nicht der Genuß genommen, endlich einmal ein rein Willichsches
5 Aktenstück, woran der Edle gewiß lange gekaut hat, in der Ur¬
sprache zu lesen? Man sieht nur die erschrecklichste Gedanken¬
armut und den Versuch, sie durch einen gewaltigen Haufen revo¬
lutionärer guter Ratschläge, wie sie Herr Willich und Herr Bar¬
thélémy in trüben Abenden hinter dem Kamin ausbrüten, zu ver-
decken. Unübertrefflich sind auch die Finanzmaßregeln: erstens
macht man Papiergeld, n’importe combien, und zweitens wird
konfisziert, drittens wird requiriert. Dann die sozialen, die ebenso
einfach sind: erstens wird organisiert, tellement quellement, zwei¬
tens wird gefressen, sehr viel gefressen, bis man drittens da an-
u kommt, wo nichts mehr zu fressen ist, und das ist ein Glück, denn
dann kommen wir auf den Punkt, wo wir viertens ganz wieder von
Vomen anfangen, da die radikalste tabula rasa jedenfalls darin
besteht, daß alle Tische leergefressen sind, und dann ist die Zeit
gekommen, wo sich erfüllt das Wort des Propheten Willich: „Wir
2o müssen nach Deutschland hineinmarschieren wie in ein wüstes
Land, das wir zu kolonisieren und urbar zu machen haben.66 Der
Kerl hat von jeher keine andre Idee gehabt, als mit „5000 Mann66
auserwählter Männer vom „Volk des Herm66 das kommunistische
Kanaan unter Ausrottung der Ureinwohner von außen her,zu er-
25 obem. Moses und Josua in einer Person, leider sind die Kinder
Israels bereits in der ägyptischen Verbannung auseinanderge¬
laufen.
Die australische Goldscheiße wird hoffentlich die Handelskrise
nicht aufhalten. Jedenfalls kreiert sie momentan einen neuen,
3o großenteils fiktiven Markt und treibt die Wolle in die Höhe, da die
Schafherden vernachlässigt werden. Sonst ist die Geschichte famos.
Der Steam um die Welt wird in sechs Monaten in vollem Gange
sein, und unsre Prophezeiungen über die Suprematie des Stillen
Ozeans realisieren sich noch rascher als wir erwarten konnten.
35 Bei dieser Gelegenheit werden auch die Engländer herausfliegen
und die Vereinigten Staaten der deportierten Mörder, Hausbrecher,
Notzüchter und Taschendiebe der Welt ein erstaunliches Exempel
geben von dem, was ein Staat von unverhohlenen Schuften für Wun¬
der verrichten kann. They will beat California hollow. Während
4o in Kalifornien doch noch die Schufte gelyncht werden, wird man
in Australien die honnêtes gens lynchen, und Carlyle wird seine
aristocracy of rogues in voller Glorie etabliert sehn.
Die vielen Beteuerungen der Blätter bei Gelegenheit der letzten
Falliten und der u. a. in Liverpool herrschenden Depression, daß
45 trotzdem der trade des Landes nie gesunder gewesen sei, sind sehr
Z. - 1-27.
264
(121) 1851 Sept. 23
verdächtig. Positiv ist, daß Ostindien overstocked ist und seit
Monaten dort mit Verlust verkauft wird. Wohin die Massen Zeug
gehn, die jetzt hier in Manchester und Gegend fabriziert werden,
ist mir nicht klar; es muß viel, sehr viel Spekulation dabei sein,
da sobald die Baumwolle im Juli den niedrigsten Punkt er- «
reicht hatte und die Spinner sich mit rohem Material zu versehen
anfingen, sofort alle Spinner und Weber auf lange Zeit in Kontrakt
genommen wurden von hiesigen Kommissionshäusern, die lange
nicht auf alle die Ware Bestellung hatten, die sie beim Fabrikanten
bestellten. Bei den ostindischen Häusern ist offenbar das alte Vor- w
schußsystem wieder im vollen Zuge, bei ein paar ist es schon ans
Tageslicht gekommen, bei andern wird’s früher oder später einen
heitern crash geben. Da die Fabrikanten hier auf Mord und Brand
arbeiten, und seit 1847 die hiesige Produktionskraft, besonders
5—20 Meilen um Manchester, sich wenigstens um 30% vermehrt15
hat (sie war 1842 30000, 1845 40000, jetzt gewiß 55000—
60000 Pferdekraft für Lancashire), so braucht dies flotte Arbei¬
ten nur noch bis März oder April fortzugehn, und wir haben eine
Überproduktion, die Dir Freude machen wird.
Folgende Notizen, von der Liverpooler Cottonmakler-Corpo- 20
ration festgestellt, sind Dir vielleicht in dieser Genauigkeit noch
nicht aufgestoßen. Die Baumwollernte jedes Jahrs, bemerke ich
vorher, ist bis zum 1. September des folgenden Jahrs vollständig
in den Häfen abgeliefert, so daß das Cotton-Jahr vom 1. September
bis zum 1. September geht. Es versteht sich daher, daß, was hier 25
z. B. als Ernte von 1851 angegeben ist, das im Sommer 1850 ge¬
wachsene und im Herbst 1850 geerntete zwischen September 1850
und September 1851 in die Häfen Gebrachte umfaßt. Die jetzt
reifende Ernte, die übrigens schlechter wird infolge von Trocken¬
heit und Stürmen und ca. 2*s Millionen erreichen wird, würde 30
also als die von 1852 figurieren.
Baumwollernte im Jahr: Verbrauch in Amerika selbst
1846 .
. 2110 537
Ballen
nicht angegeben.
1847 .
. 1778651
99
427967 Ballen
1848 .
. 2 347634
99
531772 „
1849 .
. 2 728596
99
518039 „
1850 .
. 2096706
99
487 769 „
1851 .
. 2 355257
99
404108 „
Die Amerikaner haben also zwischen ein Fünftel und ein Viertel
ihrer ganzen Ernte selbst verbraucht. Über die Exporte und Im- w
porte andrer Baumwollsorten als aus den Vereinigten Staaten
fehlen mir die Notizen noch. Der Export der Vereinigten Staaten
nach England betrug ca. 55—60% der Ernte, der nach Frank¬
reich ein Achtel. Beide Länder aber exportieren wieder ziemlich
Z. 20-44 -
(121) 1851 Sept. 23
265
stark, England nach Frankreich, Deutschland und Rußland,
Frankreich nach der Schweiz.
Die Russen beziehn in diesem Moment fast kein Pfund Twist
mehr von England, sehr wenig fertige Baumwollwaren, sehr viel
3 rohe Baumwolle — 2000—3000 Ballen pro Woche, und trotzdem
daß der Zoll von 7 Pence auf 5 Pence pro Pfund für Gam herab¬
gesetzt ist, entstehn noch täglich neue Spinnereien. Nikolas scheint
endlich Angst vor dieser Industrie zu bekommen und will den Zoll
noch mehr heruntersetzen. Da aber all sein reicher Adel und alle
w Bourgeois in diesem Geschäft interessiert sind, so kann diese
Geschichte ernstlich werden, wenn er drauf besteht.
Dein F. E.
Manchester, 23. September 1851.
122. Marxan Engels; [1851] September 23.
is 23. September 1851.
28, Deanstreet, Soho.
Lieber Engels,
Mit dem Pariser Dokument, das ist sehr dumm. Die Deutsche
Zeitung, Kölnische und Augsburger schieben’s uns, wie sich von
20 diesen kritiklosen Hunden erwarten läßt, in den Hals. Andrerseits
verbreitet der elende Willich et Co., wir hätten den Dreck in Paris
durch Bekannte von uns denunzieren lassen. Qu’en dis-tu?
K. Schramm ist auch eingesteckt. Habeat sibi. Das nächste
Mal — nach Einziehungen noch einiger Nachrichten — schreib
25 ich Dir weiter über den hiesigen Dreck. Für heute wirst Du rega-
liert mit folgendem Resümee eines mehrspaltigen Manifests des
Bürgers Techow in der New Yorker Staatszeitung, benamset: „Um¬
risse des kommenden Kriegs. London, 3. August.“
(Schlecht, doktrinär geschrieben, allerlei Reminiszenzen aus uns-
3o rer Revue und scheinbar verständig entwickelt, aber Inhalt platt,
keine Bewegung in der Form, nichts Schlagendes.) Ich schenk
Dir, was Techow zunächst über die Revolution von 1849 rezitiert.
Er zieht sich daraus zunächst folgende allgemeine Nutzanwen¬
dungen:
35 1. Gegen die Gewalt gibt es keinen andern Widerstand als die
Gewalt.
2. Die Revolution kann nur dann siegen, wenn sie allgemein
wird, d. h. wenn sie in den großen Zentren der Bewegung zündet
(Bayer-Pfalz, Baden) und wenn sie ferner nicht der Ausdruck
meiner einzelnen Oppositionsfraktion ist. (Beispiel:
Juni-Insurrektion von 1848.)
Z. - 1—2.
266
(122) 1851 Sept. 23
3. Die Nationalkämpfe können zu keiner Entscheidung führen,
weil sie vereinzeln.
4. Die Barrikadenkämpfe haben keine andre Bedeutung, als
den Widerstand einer Bevölkerung zu signalisieren, diesem Wider¬
stand gegenüber die Gewalt der Regierungen, d. h. die Gesin- 5
nungen der Truppen auf die Probe zu stellen. Wie diese Probe auch
ausfallen möge, Organisation für den Krieg, Aufstellung diszipli¬
nierter Armeen bleibt immer die erste und wichtigste Maßregel
der Revolution. Denn nur durch diese ist die Offensive möglich
und nur in der Offensive liegt der Sieg. 10
5. Konstituierende Landesversammlungen sind nicht imstande,
für den Krieg zu organisieren. Sie verlieren ihre Zeit
stets an Fragen der inneren Politik, für deren L ö -
sungdieZeit erst nach dem Siege gekommen ist.
6. Um für den Krieg organisieren zu können, muß die Revo- 15
lution Raum und Zeit gewinnen. Sie muß daher politisch angrei¬
fen, d. h. soviel wie möglich Länderstrecken in ihren Bereich
ziehen, weil sie militärisch im Anfang stets auf die Defensive be¬
schränkt ist.
7. Die Organisation für den Krieg kann in dem republika- 20
nischen Lager so gut wie in dem royalistischen nur basiert sein auf
Zwang. Mit politischer Begeistrung und mit phantastisch auf¬
geputzten Freischaren ist gegen Disziplin und gut geführte Sol¬
daten noch nie eine offne Feldschlacht gewonnen worden. Die
militärische Begeistrung stellt sich erst nach einer Reihe Völl Er- 25
folgen ein. — Für diese Erfolge gibt es im Anfang keine bessre
Grundlage als eiserne Strenge der Disziplin. Mehr noch als in der
innern Organisation des Landes können demokratische Grund¬
sätze in den Armeen erst nach dem Siege der Revolution zur An¬
wendung kommen. 30
8. Der kommende Krieg ist seiner Natur nach ein Vernichtungs¬
krieg — Völker oder Fürschten. Folgt daraus die Anerkennung der
politischen und militärischen Solidarität aller Völker, d. h. der
Intervention.
9. Das Gebiet der kommenden Revolution liegt räumlich in den- 35
selben Grenzen wie das der besiegten: Frankreich, Deutschland,
Italien, Ungarn, Polen.
Folgt aus allem: Die Frage der kommehden Revolution ist
gleichbedeutend mit der eines europäischen Kriegs. Gegenstand
des Kriegs: Ob Europa kosakisch oder republikanisch. Schau- 40
platz des Kriegs — die alten: Oberitalien und Deutschland.
Herr Techow zählt nun auf: 1. Die Streitkräfte der Konter¬
revolution; 2. die Streitkräfte der Revolution.
I. Streitkräfte der Konterrevolution.
1. Rußland. Gesetzt, es könne seine Streitkraft auf 300000
(122) 1851 Sept. 23
267
bringen, das wäre sehr viel. In welcher Zeit und wie stark kann es
dann am Rhein oder in Italien erscheinen? Im besten Fall in zwei
Monaten. Mindestens ein Drittel Abgang für Kranke und Be¬
setzung der Etappenstraßen. Bleiben 200000 Mann, die zwei
Monate nach Ausbruch der Bewegung auf den entscheidenden
Punkten des Kriegsschauplatzes erscheinen.
2. Ostreich. Berechnet den Stand seiner Armee auf 600 000
Mann. Brauchte 1848 und 49 in Italien 150 000 Mann. Diese Zahl
verlangt Radetzky auch jetzt in Friedenszeiten. In Ungarn braucht
io es jetzt im Frieden 90 000 Mann. Im letzten Krieg reichten
200000 nicht aus. Ein Drittel dieser Armee besteht aus Ungarn
und Italienern, die abfallen werden. Im besten Fall, wenn der
Auf stand in Ungarn und Italien nicht gleichzeitig ausbricht, kann
es — durch allerlei Barrikadenkämpfe auf gehalten — in sechs
15 Wochen mit 50000 Mann am Rhein erscheinen.
3. Preußen. Zählt 500 000 Mann, inklusive der Ersatz¬
bataillons und der Landwehr des ersten Aufgebots, die nicht mit
ins Feld rücken. Für die Operation im Felde 300000 Mann: halb
Linie, halb Landwehr. Mobilisierung: vierzehn Tage bis drei
2o Wochen. Das Offizierskorps in der preußischen Armee aristokra¬
tisch, die Unteroffiziere bureaukratisch, die Masse „durchaus de¬
mokratisch66. Fernere Chance hat die Revolution in der Mobilisie¬
rung der Landwehr. Desorganisation des preußischen Heers
durch die Revolution, deren der König nur unter Schutz der russi-
25 sehen Armee so weit Herr wird, um mit den Russen die Trümmer
seines Heers gegen die Rebellen zu führen. Rheinprovinz, West¬
falen, Sachsen für ihn verloren, so die wichtigsten Festungslinien
und mindestens ein Drittel seiner Armee. Ein Drittel braucht er
gegen die Auf stände in Berlin, Breslau, Provinz Posen und West-
5o preußen. Bleibt höchstens 100000, die nicht früher als die Rus¬
sen selbst auf dem Kampfplatz erscheinen können.
4. Die deutsche Bundesarmee. Das badische, schles-
wig-holsteinsche, das kurhessische und die pfälzischen Regimenter
gehören der Revolution. Nur Trümmer der deutschen Bundes-
35 armee werden, dem Flehen der Fürsten folgend, die Heere der
Reaktion verstärken. Ohne militärische Bedeutung.
5. Italien. Die einzige militärische Macht von Italien, das
sardinische Heer, gehört der Revolution.
Also Summa Summarum:
40 Kriegsschauplatz in Deutschland:
150000 Russen
100000 Preußen
50 000 Östreicher = 300 000 Mann
268
(122) 1851 Sept. 23
Kriegsschauplatz in Italien:
150 000 Östreicher
50 000 Russen = 200000 Mann
Fazit: 500000 Mann
II. Streitkräfte der Revolution. 3
1. Frankreich. 500000 Mann schon in dem ersten Mo¬
ment der Revolution zur Verfügung. Davon 200000 am Rhein,
100000 in Italien (Ober-) sichern der Revolution in Italien und
Deutschland Raum und Zeit zu ihrer Organisation.
2. P r e u ß e n. 50 000 1 nämlich die Hälfte der abgefall- 10
3. Ostreich. 100 000 J nen Armeen organisiert.
4. Kleine deutsche Armeen: 100000.
Macht dann folgende Rechnung:
Aktive französische Armee. . . . 300 000 Mann
DeutschesRevolutionsheer. . . . 150000 „ 15
ItalienundUngarn 200 000 „
650000 Mann
Also: Revolution führt 650 000 Mann gegen 500 000 Mann des
Absolutismus.
Er schließt damit: 20
„Welche nationalen, welche prinzipiellen Verschiedenheiten die
große Partei der Revolution immerhin spalten mögen — wir alle
haben gelernt, daß zur Bekämpfung dieser verschiednen An¬
sichten untereinander die Stunde erst nach dem Siege gekommen
ist66 etc. etc. -5
Was meinst Du von dieser Berechnung? Techow setzt voraus,
daß die Desorganisation auf Seite der regulären Armeen und die
Organisation auf Seite der revolutionären Streitkräfte sich befin¬
den wird. Das bildet die Basis seiner Rechnung. Doch Du wirst
besser über diese Statistik urteilen können als ich. 30
Was aber die eigentlich politische Tendenz des Aufsatzes ist,
die in der Ausführung noch klarer durchblickt, so ist sie die: Es
bricht gar keine Revolution aus, d. h. kein Parteikampf, kein
Bürgerkrieg, kein Klassenzwist, bis nach Beendigung des
Kriegs und dem Sturz Rußlands. Um aber diese Armeen für 35
diesen Krieg zu organisieren, da bedarf es der Gewalt. Und wo¬
her soll die Gewalt kommen? Vom General Cavaignac oder
einem ähnlichen militärischen Diktator in Frankreich, der seine Ge¬
nerale in Deutschland und Oberitalien hat. Voilà la solution, die
nicht sehr weit von Willichs Ideen abliegt. Der Weltkrieg, d. h. 40
*) Im Orig, irrtümlich 110 000
(122) 1851 Sept. 23 269
im Sinne der revolutionären preußischen Leutnants, die Herr¬
schaft, wenigstens provisorisch, des Militärs über das Zivil. Wie
aber ein General quelconque, und stände der alte Napoleon selbst
aus dem Grab, nicht nur die Mittel, sondern auch diesen Einfluß
s erhalten soll, ohne vorhergehende und gleichzeitige innere
Kämpfe, ohne die verdammte „innere Politik“, darüber schweigt
das Orakel. Wenigstens „der fromme Wunsch“ der künftigen
Weltkriegler, der seinen angemessnen politischen Ausdruck exakt
findet in den klassenlosen Politikern und Demokraten als solchen,
io ist rein herausgesagt.
Leb wohl.
Dein K. M.
Soeben hab ich Deinen Brief erhalten, was ich hier noch an¬
zeige.
is NB. Du weißt doch, daß der Stechahn1) oder Steckhahn1) in
Hannover verhaftet war und, eh’ er in unsre Verbindung trat, mit
dem Komitee Schapper etc. in Korrespondenz stand. Nun sind zwei
Briefe, die er an den Sekretär Dietz dieses Komitees schrieb — an
den Kakerlak — und die dieser erhalten hatte, jetzt befindlich auf
dem Bureau des Polizeiinspektors in Hannover. Ulmer war nun
von uns beauftragt, Herrn Dietz et Co. darüber zu interpellieren
nächsten Freitag in der öffentlichen Sitzung des „Flüchtlings- oder
Emigrationsvereins“. Wir haben wieder Konterorder gegeben.
Stechan ist durchgebrannt, also auf dem Weg nach London oder
25 schon hier. Und wer bürgt uns dafür, daß Stfechan] nicht zu
unsern Feinden geht, statt zu uns?
Die Straubinger sind capables de tout. Neuer Beweis: Herr
Paul Stumpf, der auf seinem kurzen Besuch hier in London sich
weder bei mir noch Lupus sehn ließ, sondern ausschließlich mit
3o den Lumpen verkehrte.
Deine Handelsnachrichten haben mich äußerst interessiert.
Was den K. Schramm angeht, so hatte er von mir ein kurzes
Legitimationsschreiben, eingetragen in seine Brieftasche. Diese
Zeilen könnten zum Uriasbrief an ihm geworden sein. Sie wurden
35 ihm damals gegeben, um ihm scheinbar Vertrauen zu zeigen und
ihn sicherzustellen, da der Kerl uns bedeutend schaden konnte.
Gleichzeitig aber wurde Reinhardt geschrieben, sich vor ihm
— falls er ihm sich präsentieren sollte mit dem allgemein ge¬
haltenen Schreiben — in acht zu nehmen. Das Fatale ist, daß mein
to Name darunter steht. Dem Schramm kann es sechs Monate ein¬
bringen.
Addio!
M Richtig Stechan
Z 27-30. 34-41.
270
(123) 1851 Sept. 25
123. Engels an Marx; 1851 September 25.
Lieber Marx,
Dein Brief ist eingetroffen. Über Techows Gelehrsamkeit mor¬
gen. Kinkels Bettelbrief nach N[ew] O[rleans] ist sehr reizend,
leider hab ich ihn auch bloß französisch zu Gesicht bekommen. s
Herr Stechan muß auch jetzt in London sein, es ist sehr recht, daß
Du den Kerl laufen läßt, wenn er sich nicht meldet, und wartest,
was geschieht, eh’ Du jemand seine Partei nehmen läßt. Unter den
in Paris Freigelassenen, von denen die heutigen Blätter sprachen,
wird sich wohl auch Herr Konrad befinden. Die Dummheit der 10
deutschen Zeitungen, uns das alberne W[illich]sche Aktenstück
in die Schuhe zu schieben, hat mich ebenfalls sehr geärgert. Es
wird sich indes sehr bald herausstellen, daß wir mit dieser elen¬
den Schmiere nichts zu tun haben. Par dieu, nous en avons assez
sur les bras mit den Aktenstücken andrer Leute, nach Stil und 15
Inhalt. Inliegend Artikel Nr. 3 für New York, jedenfalls etwas
weniger Schund als Nr. 2. Nr. 4 wird bald in Angriff genommen.
Du könntest mir von Zeit zu Zeit amerikanische Blätter sous
bande zuschicken, man sieht den Dreck stellenweise gern einmal
in natura. Ich werde Dir ad hoc nächstens wieder ein Lot stamps 20
schicken.
Adieu!
Dein F. E.
[25]° September 1851.
124. Engels an Marx; [1851 September 26].
Lieber Marx,
Was die Techowsche Kriegsgeschichte angeht, so ist sie auch
militärisch ungeheuer flach und stellenweise direkt falsch. Abge¬
sehen von den tiefen Wahrheiten, daß gegen die Gewalt nur die
Gewalt hilft, von den abgeschmackten Entdeckungen, daß die Re- 30
volution nur dann siegen kann, wenn sie allgemein ist (also wört¬
lich, wenn sie gar keinen Widerstand findet, und dem Sinne nach,
wenn sie eine Bourgeoisrevolution ist), abgesehn von der wohl¬
meinenden Absicht, die fatale „innere Politik“, die eigentliche
Revolution also, durch einen bis jetzt, trotz Cavaignac und Wil- 35
lieh, noch nicht entdeckten Militärdiktator zu erdrücken, und ab¬
gesehn von dieser sehr bezeichnenden politischen Formulierung
der Ansicht dieser Herren über die Revolution, ist militärisch zu
bemerken :
9 Papier beschädigt.
(124) 1851 Sept. 26
271
1. Die eiserne Disziplin, die allein den Sieg verschaffen kann,
ist genau die Kehrseite der „Vertagung der innem Politik46 und
der Militärdiktatur. Wo soll diese Disziplin herkommen? Die
Herren sollten doch in Baden und der Pfalz einige Erfahrungen
5 gemacht haben. Es ist eine evidente Tatsache, daß die Desorgani¬
sation der Armeen und die gänzliche Lösung der Disziplin sowohl
Bedingung wie Resultat jeder bisher siegreichen Revolution war.
Frankreich brauchte von 1789—1792, um nur eine Armee von
ca. 60000—80000 Mann — die Dumouriezsche — wieder zu
io organisieren, und selbst die zerfiel wieder, und es gab sozusagen
keine organisierte Armee in Frankreich bis Ende 1793. Ungarn
brauchte von März 1848 bis Mitte 1849, eh’ es eine ordentlich
organisierte Armee hatte. Und wer brachte in der ersten franzö¬
sischen Revolution die Disziplin in die Armee? Nicht die Generäle,
15 die erst nach einigen Siegen in einer Revolution, bei improvisierten
Armeen Einfluß und Autorität bekommen, sondern die terreur der
innern Politik, der Zivilgewalt.
Streitkräfte der Koalition: 1. Rußland. Die Annahme von
300000 Mann Effektivtruppen, von denen 200000 unter Gewehr
2o auf dem Kriegsschauplatz, ist hoch. Passe encore. Aber in zwei
Monaten können sie weder am Rhein (allenfalls die Avantgarde
am Niederrhein, bei Köln) noch in Oberitalien sein. Um gleich¬
zeitig agieren zu können, sich mit Preußen, Ostreich usw. gehörig
zu dislozieren, gehn drei Monate hin — eine russische Armee
25 marschiert nicht über zwei bis zweieinhalb deutsche Meilen den
Tag und ruht jeden dritten. Es dauerte fast zwei Monate, bis sie
in Ungarn auf dem Kriegsschauplatz erschienen.
2. Preußen. Mobilisierung: mindestens vier bis sechs Wochen.
Die Spekulationen auf Abfallen, Aufstände usw. sehr riskiert.
so Kann im besten Falle doch 150000 Mann, im schlechtesten aber
vielleicht nicht 50 000 disponibel machen. Da mit ein Drittel und
ein Viertel zu rechnen, ist reiner humbug, es kommt alles auf Zu¬
fälligkeiten an.
3. Ostreich. Ebenso chanceux, noch vertuckter. Wahrschein-
35 lichkeitsrechnung à la Techow hier außer aller Möglichkeit. Im
besten Fall stellt es, wie T[echow] angibt, vielleicht 200000
Mann gegen Frankreich, im schlechtesten kommt es nicht dazu,
einen Mann zu detachieren, und kann den Franzosen vielleicht
100000 Mann höchstens bei Triest entgegenstellen.
4o 4. Bundesarmee — die bayerische geht gewiß zu zwei Dritteln
gegen die Revolution, und hie und da auch noch ein Stück. Mit
drei Monat Zeit läßt sich allenfalls ein Korps von 30000—50000
Mann daraus bilden, und gegen Revolutionssoldaten sind sie im
Anfang gut genug.
5. Dänemark stellt gleich 40000—50 000 Mann gute Soldaten
272
(124) 1851 Sept. 26
ins Feld, und wie 1813 werden die Schweden und auch die Nor¬
wegen mit müssen auf den großen Kreuzzug. T[echow] denkt
daran nicht, auch nicht an Belgien und Holland.
Streitkräfte der Revolution. 1. Frankreich. Hat 430000 Mann
unter den Waffen. Davon 100 000 in Algier. 90 000 nicht présent *
sous les armes — ein Viertel des Rests. Bleiben 240000 — von
denen in vier bis sechs Wochen, trotz der jetzt bedeutend vervoll¬
ständigten Eisenbahnen, nicht über 100000 Mann an der bel¬
gisch-deutschen und 80000 Mann an der savoyisch-piemontesi-
schen Grenze erscheinen können. Sardinien wird diesmal ver-
suchen, wie Belgien 1848, den Fels im Meere zu spielen; ob da¬
her das piemontesische Heer, ohnehin voll sardinischer bigotter
Bauernjungen — wenigstens in seiner jetzigen Gestalt mit aristo¬
kratischen Offizieren —, der Revolution so sicher ist, als Techow
sich einbildet, ist sehr die Frage. Viktor Emanuel hat sich Leopold is
zum Muster genommen, c’est dangereux.
2. Preußen —? 3. Ostreich —?, d. h. was regelmäßige, orga¬
nisierte Soldaten angeht. Was Freischaren angeht, so werden
sich ihrer Legion melden, natürlich zu nichts zu brauchen. Wenn
in den ersten Monaten aus den abgefallnen Truppen 50000— 20
60000 brauchbare Soldaten zu machen sind, so ist das viel. Wo
sollen in so kurzer Zeit die Offiziere herkommen?
Nach alledem ist es wahrscheinlicher, da gerade das was Na¬
poleon die rasche Formierung riesiger Armeen möglich machte,
gute Kadres nämlich, in jeder Revolution notwendig fehlen (selbst 25
in Frankreich), daß die Revolution, wenn sie im nächsten Jahre
zustande kommt, vor der Hand entweder auf der Defensive bleiben
oder sich auf hohle Proklamation von Paris aus und sehr unge¬
nügende, blamable und schädliche Risquons-tout-Expeditionen in
größerem Maßstab beschränken muß. Es sei denn, daß die Rhein- 30
festungen im ersten Sturm übergehn und daß das piemontesische
Heer dem Aufruf des Bürgers Techow folgt; oder daß die Des¬
organisation der preußischen und östreichischen Truppen sofort
Berlin und Wien zu Zentren erhält, und dadurch Rußland auf die
Defensive versetzt; oder daß sonst Geschichten passieren, die sich 35
nicht vorhersehn lassen. Und darauf à la Techow zu spekulieren
und wahrscheinlichkeitszurechnen ist müßig und willkürlich, wie
ich das in meinen eignen Experimenten hinlänglich gesehn habe.
Es läßt sich da bloß sagen, daß von der Rheinprovinz enorm viel
abhängt. **
(125) 1851 Okt. 13
273
125. Marx an Engels; 1851 Oktober 13.
13. Oktober 1851.
28, Deanstreet, Soho.
Lieber Engels,
s Du wirst aus der ,,K[ölnischen] Z[eitung]“ ersehn haben, daß
ich eine Erklärung gegen den Klatsch der A[ugsburger] A[llge-
meinen] Zfeitung] gemacht habe. Das Geschwätz wurde zu toll.
Was die Lümmel mit den letzten fortgesetzten Attacken, die sie
in alle deutsche Zeitungen brachten, bezweckten, war, wie ich
io sicher weiß, mich in ein Dilemma einzuzwängen. Ich sollte ent¬
weder die Konspiration öffentlich desavouieren und so unsre
Parteifreunde, oder sie offen anerkennen, und damit einen „juristi¬
schen66 Verrat begehn. Diese Herrn sind indes zu plump, um uns
zu fangen.
15 Weydemeyer ist am 29. September von Havre nach New York
abgesegelt. Er traf daselbst Reich, der auch über See ging nach
den Atlanticis. Reich war mit Schramm verhaftet worden und be¬
richtet, daß die Polizei bei Schramm eine Kopie des Protokolls
fand, worin sich die Verhandlungen befinden, die sein Duell mit
20 Willich veranlaßten, das Protokoll desselben Abends, wo er Wil-
lich insultierte und aus der Sitzung lief. Die Sache ist von seiner
Hand geschrieben und ohne Unterschrift. Die Polizei fand so her¬
aus, daß er Slchramm] heißt und nicht „Bamberger66, auf dessen
Paß er sich in Paris aufhielt. Andrerseits hat das Protokoll zur
26 Verwirrung des Herm Stadthauptmann Weiß u. Co. beigetragen,
indem unsre Namen so in den Dreck verwickelt wurden. Da
Schramm einmal diese Dummheit begangen, ist es wenigstens er¬
freulich, daß der Ehrenmann direkt dafür gezüchtigt wird.
Kinkel hat also die von Amerika gesandten 160 St. dazu ver-
30 wandt, um mit seinem Retter Schurz persönlich nach Amerika kol-
lektieren zu gehn. Ob er grade in diesem Augenblick der pressure
on the american money-market zur rechten Zeit kömmt, scheint
zweifelhaft. Er wählte den Moment so, daß er v o r Kossuth ein¬
traf, und schmeichelt sich, letztem bei irgend einer Gelegenheit
35 in dem Land der Zukunft öffentlich zu umarmen und in allen
Zeitungen gedruckt zu lesen: Kossuth und Kinkel!
Herr Heinzen hat, durch seine Sklavenemanzipationsheulereien
unterstützt, eine neue Aktiengesellschaft in New York zustande ge¬
bracht und führt sein Blatt unter etwas verändertem Titel fort.
40 Stechan1) — traue keinem Straubinger nicht — befindet sich
seit mehren Wochen hier im Gefolge von Willich-Schapper.
Während das Faktum besteht, daß seine an den Kakerlak Dietz
*) Im Orig. Stechahn
18
Z. 5-14.
274
(125) 1851 Okt. 13
geschriebnen Briefe zu Hannover auf der Polizei liegen, schreibt
St[echan] eine Korrespondenz in die Norddeutsche Z[eitung],
worin er meldet, Herrn Dietz sei das Pult erbrochen (quelle
bêtise!) und so die Briefe entwendet worden. Der Spion sei, wie
jetzt konstatiert, der seit lange im Dienste der Polizei befindliche 5
Haupt aus Hamburg. Welch Glück, daß ich vor einigen Wochen
jeden öffentlichen Schritt in der Angelegenheit Dietz-Stechan ver¬
hindert habe. Was den Haupt betrifft, so habe ich nichts mehr von
ihm gehört und sinne vergebens auf ein Mittel, einen Brief in seine
Hand zu spedieren, denn Hlaupt] muß sich erklären. Mit Weerth io
hab ich’s schon einmal versucht, aber die Hausleute H[aupt]s
haben ihn immer abgewiesen unter dem Vorwand, er sei abwesend.
Que penses-tu de Haupt? Ich bin überzeugt, daß er weder Spion
ist, noch jemals Spion war.
Edgar Bauer soll auch hier sein. Ich habe ihn noch nicht ge- 15
sehn. Vor einer Woche traf Blind hier mit Gattin (Madame
Cohen) vor acht Tagen ein zum Besuch der Exhibition, ist ver¬
gangnen Sonntag wieder abgereist. Ich habe ihn seit Montag nicht
wiedergesehn, und zwar durch folgenden abgeschmackten Vor¬
fall, der Dir beweist, wie sehr der Unglückliche unter dem Pan- 20
toffel steht. Heute erhielt ich einen Stadtbrief, worin er mir seine
Abreise anzeigt. Am vergangnen Montag nämlich war er bei mir
mit Gattin. Außerdem anwesend Freiligrath, roter Wolff (der sich
nebenbei bemerkt ganz stille wieder herangeschlichen und zudem
noch mit einem englischen Blaustrumpf verheiratet hat),#
Liebknecht und der unglückliche Pieper. Die Frau ist eine lebhafte
Jüdin und wir lachten und schwatzten ganz lustiglich, als der Vater
aller Lügen die Sprache auf Religion brachte. Sie renommierte mit
Atheismus, Feuerbach etc. Ich griff F[euerbach]um an, aber na¬
türlich sehr manierlich und freundlichst. Im Anfang schien mir 30
die Jüdin Spaß an der Diskussion zu haben, und das war natürlich
der einzige Grund, warum ich mich auf dies mir ennuyante Thema
einließ. Dazwischen orakelte mein doktrinär-naseweises Echo,
Herr Pieper, allerdings nicht grade sehr taktvoll. Plötzlich seh’
ich, daß die Frau in Tränen schwimmt. Blind wirft mir melancho- 35
lisch ausdrucksvolle Blicke zu, sie bricht auf — und ward nicht
mehr gesehn, ni lui non plus. Solch Abenteuer habe ich in meiner
langen Praxis noch nicht erlebt.
Pieper ist abgesegelt mit dem Haus Rothschild nach Frank¬
furt a. M. Er hat sich die sehr unangenehme Manier angewöhnt,
wenn ich mit jemandem diskutiere, sich in sehr albern schul¬
meisterlichem Tone einzumischen. Was sie eben gelernt, das wollen
sie heute schon lehren. Ach, was haben die Herrn doch für ein
kurzes Gedärm.
Der Ehren-Göhringer hat mir einen summons auf den 22. die- 45
Z. 42-44.
(125) 1851 Okt. 13
275
ses Monats zugeschickt wegen der alten Forderung. Gleichzeitig
ist der große Mann nach Southampton gereist, um Kossuth zu
empfangen. Es scheint, daß ich die Empfangsfeierlichkeiten zah¬
len soll.
ö Ich habe aus Paris zwei Briefe erhalten, einen von Ewerbeck
und einen von Sassonoff. Herr Ewerbeck gibt ein unsterbliches
Werk heraus: L’Allemagne et les Allemands. Erstreckt sich von
Arminius dem Cherusker (so schreibt er mir wörtlich) bis auf das
Jahr des Herm 1850. Er verlangt von mir biographisch-literar-
io historische Notizen über die drei Männer: F. Engels, K. Marx
und B. Bauer. Die Scheiße hat schon begonnen mit dem Druck.
Que faire! Ich fürchte, wenn man dem Kerl gar nicht antwortet,
bringt er den größten Unsinn über uns in die Welt. Schreib mir,
was Du davon denkst.
it An Sassonoffs Brief ist jedenfalls das Interessanteste das
Datum „Paris64. Wie kommt S[assonoff] in diesem diffizilen
Augenblick nach Paris? Ich werde ihn um Aufschluß über dies
mystère bitten. Er räsonniert seinerseits sehr über Dronke, der ein
fainéant sei und sich von einigen Bourgeois „enjoler“ lasse. Er
20 habe die Hälfte des Manifests übersetzt. Dfronke] habe sich zur
Übersetzung der andern Hälfte verpflichtet. Durch seine gewöhn¬
liche Nachlässigkeit und Faulheit sei aus dem Ganzen nichts ge¬
worden. Letztre Sache sieht unsrem Dlronke] allerdings ähnlich
wie ein Ei dem andern.
Nachdem Herr Campe meine Anerbietung zu der Broschüre
gegen Proudhon, Herr Cotta und später Löwenthal die (durch
Ebner in Frankfurt vermittelte) wegen meiner Ökonomie ausge¬
schlagen, scheint sich endlich für letztere eine Aussicht zu eröffnen.
In einer Woche werde ich wissen, ob sie sich realisiert. Es ist ein
m Buchhändler in Dessau, auch durch Ebner vermittelt. Dieser Ebner
ist ein Freund von Freiligrath.
Von der Tribune habe ich noch keinen Brief erhalten, sie auch
noch nicht zu Gesicht bekommen, zweifle aber nicht, daß die Sache
ihren Fortgang hat. Jedenfalls muß sich das in einigen Tagen auf-
<*5 klären.
Du mußt mir übrigens endlich Deine vues über Proudhon, wenn
noch so kurz, mitteilen. Sie interessieren mich um so mehr, als ich
jetzt in der Ausarbeitung der Ökonomie begriffen bin. Ich habe
übrigens in der letzten Zeit auf der Bibliothek, die ich fortbesuche,
^hauptsächlich Technologie, die Geschichte derselben, und Agro¬
nomie geochst, um wenigstens eine Art Anschauung von dem Dreck
zu bekommen.
Qu est ce que fait la crise commerciale? Der Economist ent¬
hält die Tröstungen, Beteuerungen und Ansprachen, die den Krisen
45 regelmäßig vorausgehn. Man fühlt indessen seine Furcht, wäh-
18*
276
(125) 1851 Okt. 13
rend er den andern die Furcht auszuschwatzen sucht. Wenn Dir
folgendes Buch in die Hand fällt: „Johnston, Notes on North Ame¬
rica, 2 vol. 1851“, so wirst Du allerlei interessante Notizen darin
finden. Dieser Jlohnston] ist nämlich der englische Liebig. Ein
Atlas für physische Geographie von „Johnson“, nicht mit dem 5
obigen zu verwechseln, ist vielleicht in einer der Leihbibliotheken
Manchesters zu haben. Er enthält die Zusammenstellung sämtlicher
neueren und älteren Forschungen in diesem Gebiet. Kostet 10 Gui¬
neen. Also nicht für Private berechnet. Von dem dear Harney ver¬
lautet nichts. Er scheint noch immer in Schottland zu hausen. 10
Die Engländer geben zu, daß die Amerikaner den Preis in der
Industrieausstellung davongetragen und sie in allem besiegt haben.
1. Guttapercha. Neuer Stoff und neue Produktionen. 2. Waffen.
Revolvers. 3. Maschinen. Mäh-, Säe- und Nähmaschinen. 4. Da-
guerreotyps zum erstenmal im großen angewandt. 5. Schiffahrt 10
mit ihrer Jacht. Endlich, um zu zeigen, daß sie auch Luxusartikel
liefern können, haben sie einen kolossalen Klumpen kalifornisches
Golderz ausgestellt und daneben ein goldnes service von virgin
Gold.
Salut. 20
Dein K. Marx.
126. Engels an Marx; 1851 Oktober 15.
Lieber Marx,
Inliegend Post Office Ordre für zwei Pfund. Particulars wie
früher. Die Geschichte mit Göhringer^ ist sehr fatal. Du wirst 25
zahlen müssen; die Gentlemen vom County Court machen kurzen
Prozeß, und die Handschrift ist da. Ich würde an Deiner Stelle
so rasch wie möglich das Geld nebst Summonskosten auf treiben
und dem Kerl zuschicken, il n’y à rien à faire, und in den Ge¬
richtshof zu gehn und sich verdonnern lassen, macht nur noch 30
mehr Kosten und ist nicht zu angenehm. Wieviel beträgt die
Summe, und was kannst Du auftreiben? Schreib mir möglichst
genau darüber, ich tu’ gewiß mein möglichstes, um Dir die bro¬
kers aus dem Haus zu halten, so knapp ich jetzt selbst bin.
Die Geschichte mit dem Schr[amml ist nicht sehr angenehm, 35
es wäre besser gewesen, wenn wir aus dieser Sauerei ganz heraus¬
gehalten worden wären. Das Protokoll mit den erbaulichen Zän¬
kereien wegen der Trustengelder von Bfauer] und Pfländer] ist
gar nicht angenehm in den Händen dieser Herren, und Schrfamm]
verdient den Hintern ausgehauen dafür, daß er solche Sachen mit 40
0 Im Orig. Göringer
Z. 35-40 -
(126) 1851 Okt. 15
277
sich herumschleppt. Jedenfalls ist es ihm recht, daß er proviso¬
risch dafür brummen muß und sechs Monate wegen falschen
Passes bekommen wird.
Was den Haupt angeht, so werd ich ihn nicht eher für einen
5 Spion halten, bis ich die Beweise davon in der Hand habe. Der
Kerl mag im Cachot Bevuen gemacht haben, und verdächtig ist
allerdings die Geschichte mit Daniels, der auf seine Denunziation
hin verhaftet sein soll. Aber dies Knotengeschwätz aus der Wind-
millstreet ist um so alberner, als es zu gleicher Zeit mit der Er-
io brechung des Dietzschen Pults laut wird. Wahrscheinlich hat
Haupt auch von Hamburg aus dem Kakerlaken das Pult aufge¬
brochen. Warum klagt denn der edle Dietz nicht bei der eng¬
lischen Polizei? Übrigens wäre es allerdings sehr gut, wenn es
ginge, den Haupt zu einer Erklärung zu bringen. Wenn Du einen
a Brief an Weerth für ihn schickst, so sollte ich meinen, daß
Wteerth] doch binnen vierzehn Tagen Gelegenheit finden müßte,
ihn ihm selbst zu überliefern und im Notfall ihm selbst aufs
Comptoir zu rücken. Einen Kaufmann kann man immer finden.
Die Geschichte mit Bl [indl und Gattin ist allerdings noch nie
2o dagewesen. Tränen zu vergießen und durchzubrennen, weil Mon¬
sieur Pieper1) den Feuerbach schlecht macht, c’est fort.
Gebrauchst Du das Wort „verheiratet66 vom roten Wolff im
englischen, solid bürgerlichen Sinn? Ich muß es fast glauben, da
Du es unterstreichst. Das wäre doch über alle Bäume erhaben.
2s M. Wolff bon époux, peut-être même bon père de famille!
Ich glaube, Du tust am besten, den Ewerbeck mit einigen
magern Notizen abzuspeisen und ihn passablen Humors zu hal¬
ten, es kann zu nichts nützen, daß der Kerl in Frankreich gar zu
großen Blödsinn über uns verbreitet. Der Mensch hat übrigens eine
30 Zähigkeit in seinen Experimenten, ein großer Mann zu werden, die
unbegreiflich ist, da sie sogar seinen Geiz überwindet; denn das
neue „Unsterbliche66 geht doch unzweifelhaft wieder auf eigne
Kosten, mit Aussicht auf Absatz von 50 Exemplaren.
Von Sassonoff laß mich weiteres hören, wenn Du von ihm
hörst. Dies Abenteuer ist pikant, und Mr. Sassonoff wird äußerst
verdächtig.
Ich bin grade dran, mir aus Proudhon die nötigen Zusammen¬
stellungen zu machen. Warte bis Ende dieser Woche, und Du er¬
hältst ihn mit Glossen zurück. Die Rechnungen des Kerls sind wie-
40 der kapital. Wo eine Zahl ist, da ist auch ein Schnitzer.
Wie es hier mit der Krise gehn wird, ist noch nicht zu sagen.
Vorige Woche ist nichts gemacht worden wegen der Königin. Diese
Woche auch noch nicht viel. Der Markt hat aber eine downward
*) Im Orig, Piper
Z. - 1-3. 10-18.
278
(126) 1851 Okt. 15
tendency bei noch festen Preisen des Rohmaterials. In einigen
Wochen wird beides bedeutend heruntergehn, und wahrschein¬
lich, nach der jetzigen Aussicht, das Industrieprodukt verhältnis¬
mäßig mehr als das Rohmaterial, der Spinner, Weber, Drucker
also wird mit geringerem Nutzen arbeiten müssen. Das ist schon 0
sehr verdächtig. Aber der amerikanische Markt droht auszugehn,
aus Deutschland sind die Berichte nicht übermäßig günstig, und
wenn das so fortgeht mit dem Absterben der Märkte, so können wir
den Anfang des Endes in ein paar Wochen erleben. In Amerika ist
schwer zu sagen, ob die pressure und die Bankrotte (zusammen 10
16Millionen Dollars Passiva) schon wirklicher Anfang sind oder
bloße Sturmvögel. Jedenfalls sind hier schon sehr bedeutende
Sturmvögel in Gang. Der iron trade ist ganz paralysiert, und zwei
der ihn besonders mit Geld versehenden Banken — die in New¬
port — sind kaputt; außer den neulichen failures in London is
und Liverpool jetzt ein Talgspekulant in Glasgow, und an der Lon¬
doner Stockexchange Herr Thomas Alsopp, Freund von O’Connor
und Harney. Ich hab heute die Berichte aus den Woll-, Seiden-
und Metallwarendistrikten nicht gesehn, cela ne sera pas trop
brillant non plus. Jedenfalls sind die Anzeichen jetzt gar nicht 20
mehr zu verkennen, und die Aussicht, ja fast die Gewißheit ist vor¬
handen, daß die kontinentalen Krämpfe des nächsten Frühjahrs
mit einer ganz hübschen Krise zusammenfallen. Selbst Australien
scheint wenig tun zu können, das Goldfinden ist seit Kalifornien
alt und die Welt darüber blasiert ; es fängt an, ein regulär trade 25
zu werden, und die umliegenden Märkte sind selbst so überführt,
daß sie. ohne ihrem eignen glut besondern Abbruch zu tun, unter
den 150000 Neusüdwalesern einen extra glut zustande bringen
können.
Enfin also hat Herr Louis Napoleon sich entschlossen, Herm w
Faucher den Abschied zu geben. Es war zu erwarten, daß er die
Prérogative diesmal nicht vorübergehn lassen konnte, ohne den
vorigjährigen Coup mit Changarnier zu wiederholen — ob mit
demselben Erfolg, wird sich zeigen. Er ist, um den Jägerausdruck
zu gebrauchen, endlich von den Royalisten brought to bay, kehrt &
um und zeigt die Hörner. Wann er indes wieder den Schwanz
zwischen die Beine nehmen wird, werden wir sehn. Der elende
Abenteurer ist jedenfalls so herunter, daß er machen kann, was
er will; il est foutu; aber interessant fängt die Geschichte jetzt
an zu werden. In einer Beziehung ist es schade, daß die famose *
Repression Fancher-Carlier, der progressive Belagerungszustand,
die Gendarmentyrannei etc. so früh unterbrochen zu werden droht,
und wenn der feige Napoleon wirklich die Courage hat, das Wahl¬
gesetz ernsthaft zu attackieren, so kann er seine Abschaffung
schon durchsetzen, was auch schade wäre, indem es den legalen
Z. 30-45 -
(126) 1851 Okt. 15
279
Fortschrittseseln vom 13. Juni wieder ihren gesetzlichen Boden
gäbe — aber wer weiß, was bei diesen Franzosen gut und was
schlimm ist? Was hältst Du von dem Dreck? Du siehst dort mehr
Blätter.
5 Dein F. E.
Mittwoch, 15. Oktober 1851.
Jones schickt mir ein Zirkular zu, er müsse noch 600 Sub¬
skribenten haben oder kaputt gehn, mais que puis-je faire?
127. Marx an Engels; 1851 Oktober 19.
io 19. Oktober 1851.
28, Deanstreet, Soho.
Lieber Engels,
Vor einigen Tagen erhielt ich einen Brief von Dronke, worin
dieser — von wegen Ausweisung angeblich — seine Ankunft in
U London für den 23. oder 24. dieses Monats ankündigt. Die
Existenzfrage wird ihm hier näher denn je auf den Leib rücken.
Eine noch fatalere Nachricht ist die: Ich führte seit letzter Zeit
die Korrespondenz mit Köln so, daß die Briefe an mich durch den
Eisenbahnkonduktor Schmidt nach Lüttich besorgt, ich andrer¬
em seits, unter einem Kuvert, ihm einen Brief nach Lüttich durch eine
dritte Person zuschickte. Dieser Slchmidt] ist nun verhaftet wor¬
den, dann freigegeben, aber die Untersuchung dauert fort. In
dieser Sache scheint direkter Verrat im Spiel zu sein. Der Ver¬
abredung gemäß müßte Pieper übrigens längst Nachricht aus Köln,
25 wo Rothschilds sich einen Tag aufhielten, und aus Frankfurt ge¬
schickt haben. Statt dessen ersehe ich aus einem Briefe Ebners
(aus Flrankfurt]) an Freiligrath, daß er, obgleich schon acht
Tage in Frankfurt, noch nicht bei Ebner war, dem er einen Brief
von mir zu überbringen hatte. Unser großes Pech ist, daß unsre
3o Agenten höchst nachlässig die Sache immer betreiben, und stets
als Nebensache. Die andren sind unstreitig besser bedient.
In New York hat Kinkel, da ihm der Boden durch den Gro-
bianus Heinzen unterwühlt schien und er überhaupt nur aufzu¬
treten weiß, wo er unbestritten als Heiland gilt, kein Meeting ge-
35 halten und keine „verzinslichen Schuldscheine66 auf die zukünf¬
tige deutsche Republik untergebracht. Dagegen in Philadelphia,
wie er an den Emigrationsklub schreibt, deren für 4000 Dollars.
In Pennsylvanien überhaupt findet er die gehörige Masse licht¬
freundlicher Deutschkatholiken vor. Kinkel hat nichts getan, als
4o die Erbschaft von Johannes Ronge angetreten. Dieser war der
Johannes. Er ist der Christ.
Mit Göhringer werde ich heute abend zusammenkommen. Die
Z - 1- 1 32-42 -
280
(127) 1851 Okt. 19
Sache geht direkt aus von Willich et Co. Diesen Lumpen hat er
nämlich angeblich das ihm von mir geschuldete Geld geschenkt,
auf deren dringendes Anliegen. Ich werde ihm einen Wechsel auf
vier Wochen ausstellen. Ich glaube, daß er darauf eingehn wird.
Wenn nicht, so mag er vor Gericht gehn. Ich habe alle Aussicht, s
in dieser Zeit den Kontrakt mit dem Dessauer abgeschlossen zu
haben, der natürlich eine Summe pränumerando zahlen muß.
Weerth ist wieder in Bradford. Il importe, daß Du ihm
schreibst, ob er nicht einen Brief an Haupt persönlich be¬
sorgen könne. Die ganze Verleumdung scheint mir von zwei
Quellen auszugehn, einerseits Stechan-Dietz, andrerseits der
Bettelvogt Willich, der zuerst hier den Haupt als Spion bei Schärtt-
ners Publikum verdächtigte. Willich stand nämlich fortwährend
in Zusammenhang mit dem expreußischen Unteroffizier Berthold.
Haupt hatte dieses Vieh in Hamburg bei einem Kaufmann unter- is
gebracht. Bferthold] den Kaufmann bestohlen, wurde dann poli¬
zeilich verfolgt. Haupt zeugte natürlich gegen den Spitzbuben, der
vielleicht den Ertrag mit seinem Freund Willich teilte. Und nun
schrie letztrer über den Verrat an „einem armen flüchtigen Patrio¬
ten66. Wenn man diese Geschichte ins Publikum bringt, wird der 20
„edle66 Willich Augen machen. Nun wäre es wichtig, nicht nur
den Haupt aufzufordern, uns aufzuklären über die geheimen und
öffentlichen Verdächtigungen gegen ihn; sondern, wenn er un¬
schuldig ist. muß er eine öffentliche Erklärung machen, erzählen,
die ganze Geschichte beruhe auf der Verleumdung von Willich,25
und gleichzeitig dessen Zusammenhang, vielleicht als Partner,
mit dem Spitzbuben Berthold andeuten. Haupt weiß nämlich von
dieser Wfillich^sehen Gemeinheit, der Urquelle der Verdächti¬
gungen gegen ihn, noch nicht. Ist Weerth bereit, so könntest Du
ihm einen in diesem Sinn abgefaßten Brief an Haupt mitgeben. 30
La chose presse. Auch auf den „Dietz66 und seine zweideutige
Pulteröffnuns: müßte Haupt in seiner Erklärung hinweisen.
Was nun den Ewerbeck betrifft, so mußt Du mir wenigstens bis
zum Jahre 1845 die Dich betreffenden Notizen in etwelchen Zei¬
len niederschreiben. 35
Die plötzliche Schwenkung des Herrn Louis Bonaparte, welche
Konsequenzen sie auch haben mag, ist ein Meisterstreich Girardins.
Du weißt, daß dieser Herr sich in London mit Ledru-Rollin ver¬
bunden hatte, und sein Blatt wurde eine Zeitlang auch wirklich
so dumm, wie es von einem Verbündeten Ledru-[Rollinls und 40
Mazzinis zu erwarten steht. Unerwartet machte er den Zug mit dem
suffrage universel, wozu er mittelst seiner Artikel, des Dr. Veron
und persönlicher entrevues den Bonaparte bestimmt hat. Die roy¬
alistische Konspiration ist so gebrochen. Die Wut des sonst so diplo¬
matischen Journal des Débats beweist dies am klarsten. Alles
Z. - 1-32.
(127) 1851 Okt. 19.
281
stand unter einer Decke, Faucher, Carlier, Changarnier und selbst
die edlen Berryer und Broglie, die scheinbar sich mit Bonaparte
ralliiert hatten. Jedenfalls ist jetzt die „Revolution“ — in dem
Sinn des Losgehns — eskamotiert. Mit dem suffrage universel
5 ist nicht daran zu denken. Herr Girardin aber liebt die revolutio¬
näre Inszenesetzung nicht. Er hat die Royalisten und die Revolu¬
tionäre von Fach gleichmäßig düpiert und es ist sogar noch die
Frage, ob er den Louis Bonaparte nicht auch absichtlich düpiert.
Denn das suffrage universel wieder eingesetzt, wer bürgt dem
Bonaparte für die Revision, und die Revision erreicht, wer bürgt
ihm dafür, daß sie in seinem Sinne ausfallen wird? Dennoch, bei
der naturwüchsigen Dummheit der französischen Bauern fragt es
sich, ob der Elu du suffrage universel als Restaurator dieses
suffrage nicht wieder gewählt wird aus Dankbarkeit, namentlich
15 wenn er by and by liberale Minister ernennt und durch geschickte
Pamphlets alles Unheil auf die konspirierenden Royalisten
schiebt, die ihn gefangen gehalten während drei Jahren. Es wird
von seiner Geschicklichkeit abhängen. Bonaparte weiß jetzt jeden¬
falls, daß ihm von der parti de l’ordre kein Weizen blüht.
20 Eines der komischsten Intermezzos in diesem Intrigenspiel ist
die melancholische Gebarung des National und des Siècle, die
beide bekanntlich seit geraumer Zeit für das suffrage universel
geheult haben. Jetzt, wo Frankreich in Gefahr steht, es wieder
geschenkt zu erhalten, vermögen sie ihr Ressentiment nicht zu
25 verbergen. Wie nämlich die Royalisten mit dem suffrage restreint
auf Changarniers. hatten sie mit demselben auf Cavaignacs Wahl
gerechnet. Girardin sagt ihnen gradezu, er wisse, daß sie unter
dem republikanischen Abscheu vor der Revision — die dem
Bonaparte Aussicht auf Wiederwahl eröffne — nur ihren Haß
so gegen das suffrage universel verbergen, das ihren Cavaignac
und ihre ganze Koterie unmöglich mache. Der arme National
s’était déjà consolé du départ du suffrage universel.
Soviel ist sicher. Mit diesem Coup ist die Erneute für den
Mai 1852 vereitelt. Höchstens könnte sie jetzt früher ausbrechen,
35 wenn eine von den herrschenden Koterien einen coup d’état ver¬
suchte. Dein K. M.
128. Marx an Engels; 1851 Oktober 25.
25. Oktober 1851.
Lieber Engels,
40 Du hast doch meinen Brief vom vorigen Montag erhalten? Bei
Deiner großen Exaktheit im Schreiben beunruhigt mich Dein Still¬
schweigen.
282
(128) 1851 Okt. 25
Von Pieper1) habe ich bis auf diesen Moment noch nichts ge¬
hört. Wenn ihm nichts passiert ist, ist er unverzeihlich leicht¬
sinnig. Dronke ist noch nicht angekommen. Von Köln nichts
gehört.
Einliegend ein Brief von Fischer, der als rechter demokrati- $
scher Philister schreibt. Einstweilen, il faut le laisser faire, da
nichts mehr zu ändern ist. Wenn er nur keine Dummheiten dem
Kinkel gegenüber begeht. Sein Brief scheint darauf hinzudeuten.
Also, wie wir jetzt erfahren, Kinkel hatte es folgendermaßen
angelegt. Von den 160 ^St. wurde Schurz auf geheime Mission io
geschickt nach Belgien, Frankreich und der Schweiz. Er hat dort
sämtliche großen Männer, bis auf die Reichsversammler (den late
Raveaux nicht ausgenommen), den K[inkel] bevollmächtigen und
sie zugleich die auf die künftige deutsche Republik zu kontra¬
hierende Schuld garantieren lassen. Die große Masse ist jetzt also x
vereinigt, und E. Meyen konnte in der New Yorker Staatszeitung
das große Geheimnis promulgieren, daß jetzt der Sinn der künf¬
tigen Bewegung in Deutschland auf gefunden sei, nämlich das
Prinzip des Volkstums. So dumm, wie dieser Mensch jetzt schreibt,
schrieb er selbst in seinen blühendsten Zeiten nicht. Die Kerls sind 20
geistig völlig bankrott. Addio!
Dein K. M.
Mit Göhringer habe ich die Geschichte einstweilen aufge¬
schoben. Leider reist der Esel ab am 1. November nach Spanien,
indem er seine hiesige Wirtschaft verkauft hat. Indes hab’ ich 25
keine feindlichen Schritte mehr von ihm zu fürchten.
129. Marx an Engels; [1851] Oktober 26.
26. Oktober.
Lieber Engels,
Weerth wird morgen früh, also gleichzeitig mit diesem Wisch, 30
unter der Adresse Steinthai einen Brief von mir vorfinden, darin
ein andrer an Schneider II liegt, den Ihr sofort besorgen
müßt. Die Sache ist von der äußersten Wichtigkeit und keinen
Augenblick aufzuschieben. Ich ersuche Euch daher, nicht an
Euer gewöhnliches Tagewerk zu gehn, bis Ihr die Sache gelesen 30
und expediert habt.
Dein K. M.
O Im Orig. Piper
Z. 23— 26.
(130) 1851 Okt. ca. 27
283
130. Engels an Marx; [1851 Oktober ca. 27].
Lieber Marx,
Wenn ich Dir nicht gleich auf Deinen Brief vom 19. cour,
antwortete, geschah es, weil ich Weerth in einigen Tagen hier er-
«5 wartete und wegen Haupt die Sachen abmachen wollte; und weil
ich die Pr[oudhon] schmiere ebenfalls abschließen wollte. Letz¬
teres wird heute und morgen abend geschehn, und Weerth war
Samstag und Sonntag hier; er wird noch einige Zeit in Bradford
bleiben, kann also selbst keinen Brief hinnehmen und weigerte
sich auch, eventuell es zu tun, da die Verhältnisse in Deutschland
jetzt so brillant seien, daß man ohne weiteres bei der geringsten
Veranlassung abgefaßt werde und er keine Lust hat, in diese
Bundesgeschichte irgendwie verwickelt zu werden. Dies ist ihm au
fond nicht übelzunehmen. Er will mir indes einen Brief sicher an
15 H[aupt] besorgen und verlangt nur, daß er ganz aus der Sache
herausgelassen werde. Außerdem erzählte er, daß er dem H[aupt]
in der letzten Zeit mehrmals begegnet und auf ihn zugegangen
sei, daß dieser ihm aber jedesmal mit großer Verlegenheit plötz¬
lich ausgewichen und durchgebrannt sei. Möglich wär’s, daß
2o Hfaupt] von seiner Familie usw. im Cachot etwas breitgeschlagen
wäre und einige Geständnisse gemacht hätte, die ihm jetzt schwer
auf dem Herzen liegen. Sonst meint Wfeerth] auch, daß diese
andern Willich-Stechanschen Geschichten reine Verleumdungen
seien, da Hfaupt] gar keinen Grund haben könne, sich zu ver-
25 kaufen.
Ich werde dem Hfaupt] nun schreiben, da er meine Hand¬
schrift kennt, anonym, und Weerth das Besorgen des Briefs über¬
lassen. Ich werde ihn auffordern, sich öffentlich zu erklären, und
ihm die Geschichte mit Berthold als wahrscheinlichen Grund des
3o ganzen Geredes unter den Fuß geben. Den Zusatz, daß Willich
möglicherweise mit Bferthold] geteilt habe, werd’ ich indes fort¬
lassen, denn erstens wird Haupt sich hüten, dergleichen Insinua¬
tionen mit seinem Namen zu unterschreiben, zweitens ist die Ge¬
schichte zu unwahrscheinlich, da Herr Bferthold] nicht der Mann
35 ist, mit entfernten Freunden und speziell mit Wfillich], den er
au fond haßte, zu teilen, und drittens würde acht Tage nachher
dies in allen Zeitungen als eine neue Verleumdung, die Herr
Marx in die Welt geschickt, von den andern geschildert und an
das Gefühl der Philister für den verleumdeten Biedermann Wil-
4o lieh appelliert werden. Der Kerl ist Schuft genug, ohne daß man
ihn größer macht oder ihm Lügen nachsagt, von denen er sich
reinwaschen kann.
Der Fischersche Brief ist allerdings das Dümmste, was mir seit
langer Zeit vorgekommen ist. Ich erwartete aber so etwas und
Z. 26-42.
284
(130) 1851 Okt. ca. 27
glaube auch, daß es bei seinen Geld Versprechungen sein
Bewenden haben wird. Es ist von demokratischen Eseln nicht zu
verlangen, daß sie uns Geld schicken sollen, wenn ihre eignen
Leute persönlich bei ihnen betteln, und das Höchste, wozu sie zu
kriegen sind, ist, wie Flischer] selbst sagt, daß sie uns eine 5
Stimme in der Verwendung der Gelder geben wollen, wenn wir uns
dazu verstehn wollen, mit dergleichen Pack in einem Konklave
zu sitzen und noch dazu in einer Minorität. Der Pumpplan à la
Mazzini mit Reichsgarantie (das Deutsche Reich garantiert die
Republik!) ist gar so übel nicht und hat jedenfalls die Gesamt- 10
tätigkeit sämtlicher Musterbettler zu seiner Erzeugung nötig ge¬
habt. Seitdem diese Erfindung zustande gebracht, wird unsrer
Partei nichts übrig bleiben, als sich vom demokratischen Geld¬
markt völlig zurückzuziehn. This impudence beats us hollow. Die
Gelder, die wir überhaupt von den Demokraten für politische 15
Zwecke erhalten haben, sind uns ohnehin bloß per abusum zu¬
gekommen, und seit die großen Männer selbst als joint stock com¬
pany am Markt erschienen sind, hört diese Illusion vollständig auf.
Alle unsre Aufforderungen würden uns bloß refus und Blamagen
zuziehn, es sei denn, daß es Weydemeyer gelingt, in New York 20
etwas auszurichten, und auch das würde bloß unter den Arbeitern
sein.
Weerth wird Dir dieser Tage schreiben. Er ist sehr unschlüssig,
was er anfangen soll. Er hat famose Offerten, aber sie konvenieren
ihm alle nicht recht. 25
Herr Kossuth ist wie der Apostel Paulus, alles für alle. In Mar¬
seille schreit er Vive la République, in Southampton God save the
Queen. Welche merkwürdige, hyperkonstitutionelle Moderation
paradiert der Kerl jetzt! Es ist aber den Herrn Pettie und der
Clique Harney recht, daß er ihr Bankett gar nicht besuchen will. 30
Selbst Herr Mazzini würde sehr kühl empfangen werden — wenig¬
stens vor dem Publikum. Wieder einer, in dem man sich nicht ge¬
täuscht hat. Wie lange wird’s übrigens dauern, wenn’s nächstes
Jahr keine secousses geben sollte, so sinkt Herr Kossuth auch auf
die Mazzinische ordinäre Brülldemagogie herab. 35
Morgen oder übermorgen den Proudhon. Ich werde Fischer wo¬
möglich die Revue schicken, habe aber nur vom letzten Heft
mehrere Exemplare. Kannst Du mir Nr. 1—4 noch verschaffen?
Dein F. E.
(131) 1851 Nov. 24
285
131. Marx an Engels; 1851 November 24.
24. November 1851.
Lieber Frédéric,
Du begreifst, daß ich bei sehr brouilliertem Familywesen erst
5 jetzt einige Zeilen an Dich richte.
Du erinnerst Dich, daß der Pieper in seinem letzten Briefe
schrieb, der Kontrakt über meinen Anti-Proudhon sei dem Abschluß
nah. Aus seinem einliegenden Briefe wirst Du ersehn, daß die¬
ses Manuskript gar nicht mehr erwähnt wird. Das ist die-
io selbe Weise, worin unsre lieben Getreuen mich seit sechs Monaten
hinhalten. Andrerseits hat Ebner mir geschrieben, Löwenthal
wolle den Versuch mit Einem Bande machen, erwähnte aber nicht,
daß ich mit der „Geschichte der Ökonomie66 anfangen solle.
Dies wäre ein Umwerfen meines ganzen Plans. Ferner schrieb
15 Ebner, daß Löwenthal nur „niedrig66 zahlen könne. Dies lasse ich
mir gefallen, wenn er das herausgibt, was ich zunächst herausgeben
will. Zwingt er mich aber, meinen ganzen Plan zu verderben, so
muß er mir auch so zahlen, als wenn ich direkt in seinem Auf¬
trage schriebe. Indes, ich lasse einstweilen den Ebner gewähren.
2o Er hat mir mitgeteilt, daß er nicht abschließen wird ohne meine
Genehmigung. Qu’en penses-tu?
Gut ist es, daß unsre Leute in Köln endlich vor die Assisen
kommen, und zwar, wie mir der Buchhändler Schüller aus Düssel¬
dorf gestern versicherte, noch im Dezember, wo außerordentliche
25 Assise ist.
Apropos! Vergiß nicht, umgehend mir die New Yorker
Schnellpost zurückzuschicken. Bamberger tritt, und es ist das
einzige Mittel, die folgenden Nummern, die allerlei Curiosa ent¬
halten sollen, ihm abzupressen.
30 Ich weiß, daß Du jetzt selbst in der Klemme sitzst und daß
mein Überfall und Razzia in Manchester Dich noch tiefer, wenig¬
stens für diesen Monat, hereingeritten hat. Dennoch muß Dich
fragen, ob Du im Notfall noch 2^ auftreiben kannst. Ich habe
nämlich vor meiner Abreise von London 2 £ gepumpt und zu-
35 gleich schriftlich erklärt, sie vor Dezember zurückzu¬
zahlen. Jedenfalls bitt’ ich Dich, mir umgehend zu schreiben, ob
es geht oder nicht.
Eccarius’ Bruder ist hier angekommen. Er und sämtliche übrige
in Hamburg inhaftierte Straubinger sind mit einem Lauf paß frei-
40 gegeben worden. Daß Haupt ursprünglich nicht die Absicht hatte
zu verraten, geht aus folgendem hervor: Bürgers’ Brief an ihn fiel
in die Hände seines Alten, der ihn darüber zur Rede stellte und
ihn der Polizei ausliefem wollte. Letztres verhinderte er, zerriß
Z. 22-37.
286
(131) 1851 Nov. 24
ihn und brachte nachher die Stücke dem Eccarius etc., um sie
erst zusammenzusetzen und zu lesen und dann in deren Gegenwart
zu verbrennen. Dies Faktum ist wichtig. Der Familiendruck hat
den unglücklichen Kerl ruiniert.
Vor einigen Tagen las ich in der Bibliothek Herm Proudhons 5
Elukubrationen über die gratuité du crédit gegen Bastiat. Dies
übertrifft an Charlatanerie, Poltronnerie, Tapagerie und Schwäche
alles, was der Mann geleistet hat. Exempli gratia: Die Franzosen
glauben, im Durchschnitt 5—6% Zinsen zu zahlen. Sie zahlen
160%. Comment donc? Nämlich so. Die Zinsen auf die Hypo- io
thekar-, chirographische, Staats- etc. Schuld beträgt 1600 Mil¬
lionen. Nun existiert aber in Frankreich nur eine Milliarde Kapi¬
tal, i. e. Gold und Silber. Also q. e. d. Andres Beispiel: Als die
Banque de France errichtet wurde, betrug ihr Kapital 90 Millio¬
nen. Damals, auf diese Summe, gestattete ihr das Gesetz, 5% zu 15
nehmen. Sie operiert jetzt (Depositen etc. eingerechnet) auf ein
Kapital von 450—460 Millionen, wovon drei Viertel nicht ihr,
sondern dem public gehören. Wenn also die Bank (90 :450
= 1:5) statt 5 nur 1 % nimmt, so erhält sie den legitimen Profit.
Und weil die Banque de France im Notfall (2) mit 1% sich be- 20
gnügen könnte (d. h. die Aktionäre), darum kann der Zins¬
fuß für Frankreich auf 1% herabgesetzt werden. Und 1%
c’est la presque gratuité du crédit.
Dabei solltest Du sehn, wie der Kerl dem Bastiat gegenüber
mit der dialectique hégélienne renommiert. 25
Ich habe hier Deine Kritik noch einmal durchgelesen. Es ist
schade, qu’il n’y a pas moyen, sie drucken zu lassen. Wenn ich
noch meinen Seich hinzugetan, könnte sie sonst unter unsrem Dop¬
pelnamen erscheinen, vorausgesetzt, daß dies Deiner Handelsfirma
kein Ärgernis gäbe. 30
Kossuth reiste, wie Du weißt, am 20. ab, aber, was Du nicht
weißt, begleitet von Lola Montez und caballero Göhringer.
Schramm, mit einer zudringlichen Zähigkeit sans pareil, sucht
sich wieder bei mir einzubürgern. Il n’y parviendra pas.
Was machen die „Pottfahrten66 von K. Schnapper? v
Dein K. M.
132. Engels an Marx; 1851 November 27.
Lieber Marx,
Meine paar Zeilen von vorgestern wirst Du erhalten haben.
Wenn Weerth das Nötige nicht gleich auf treiben kann, so will ich w
sehn, daß ich übermorgen oder spätestens Montag die Sache ins
Z. 33-35.
(132) 1851 Nov. 27
287
reine bringe. Im Notfall wirst Du jedenfalls die Geschichte bis
Dienstag hinhalten können.
Inliegend den Brief von Meister Pieper zurück. Der Heine
scheint ihm sehr gelegen zu kommen, um die anstandsgemäßen vier
5 Seiten voll zu machen. Ich hoffe, Du wirst ihm wegen des Pr[ou-
dhon] einen zur Tatkraft anspomenden Brief geschrieben haben,
denn wenn er erst wieder hier ist, so hörst und siehst Du vom
Manuskript für die erste Zeit kein Wort mehr. Wegen Löwen¬
thal widersprechen sich Ptieper] und Ebner sehr, jedenfalls ist
io aber dem letzteren mehr zu trauen. Ich glaube, was das Anfängen
mit der Geschichte der Ökonomie betrifft, wovon Ptieper] spricht,
daß, wenn Llöwenthal] dies wirklich vor hat, Ebner ihm am
besten Schwierigkeiten macht, es ginge nicht, Deinen ganzen Plan
umzuwerfen, Du habest schon angefangen, die Kritik auszuarbei-
15 ten etc. Sollte es aber nicht anders gehn, so müßte Ltöwenthal]
aber sich für zwei Bände verpflichten, und Du würdest diesen
Raum auch nötig haben, teils wegen des zü antizipierenden Kriti¬
schen, teils um die Geschichte bei dem am Ende doch keinenfalls
für Londoner Kostenpreise berechneten Honorar für Dich einiger-
2o maßen rentabel zu machen. Dann kämen als dritter Band die So¬
zialisten und als vierter die Kritik — ce qu’il en resterait — und
das vielberühmte „Positive“, das, was Du „eigentlich“ willst. Die
Sache hat in dieser Form ihre Schwierigkeiten, aber sie hat den
Vorzug, daß man das vielverlangte Geheimnis erst ganz am
25 Schluß sagt, und erst nachdem die Neugier des Bürgers durch
drei Bände hindurch im Atem gehalten worden, ihm enthüllt, daß
man keine Morrisonpillen fabriziert. Für Leute von einigem Ver¬
stand werden die Andeutungen der ersten Bände, der Anti-
proudhon, das Manifest genügen, um sie auf die richtige Fährte
30 zu leiten; der Kauf- und Lesemob wird sich für die Geschichte etc.
nicht mehr interessieren, wenn er das große Mysterium schon im
ersten Band enthüllt bekommen hat; er hat, wie Hegel in der
Phänomenologie sagt, „die Vorrede“ gelesen, und da steht ja das
Allgemeine drin.
35 Du tust gewiß am besten, mit Anstand, aber bei irgend akzep¬
tablen Bedingungen jedenfalls mit L [öwenthal] abzuschließen und
das Eisen zu schmieden, weil es warm ist. Dabei verfährst Du am
besten umgekehrt wie die Sybille. Für jeden Louis d’or, den er Dir
am Bogen abzieht, zwingst Du ihm soviel Bogen mehr auf, daß dies
<o doch wieder herauskommt und füllst diese Extrabogen mit Zitaten
etc., die Dich nichts kosten. 20 Bogen à 3^ oder 30 Bogen à 2^
machen immer 60^', und 10 Bogen kostenfrei und ohne Zeit¬
verlust zusammenzubringen aus Petty, Stewart, Culpeper^ und
9 Im Orig. Colepepper
Z 37-43 -
288
(132) 1851 Nov. 27
andern Kerlen, das ist doch wahrhaftig leicht, und Dein Buch wird
um soviel „belehrender“ . . .
Die Hauptsache ist, daß Du erst wieder mit einem dicken Buch
vor dem Publikum debütierst, und am besten mit dem unver¬
fänglichsten, der Historia. Die mittelmäßigen und lausigen Lite- 5
raten Deutschlands wissen sehr gut, daß sie ruiniert wären, wenn
sie nicht zwei- bis dreimal des Jahrs mit irgend einem Schund
vor dem Publikum erschienen. Ihre Zähigkeit hilft ihnen durch;
obwohl ihre Bücher wenig oder nur mittelmäßig ziehen, glauben
schließlich doch die Buchhändler, sie müßten große Männer sein, io
weil sie in jedem Meßkatalog ein paarmal vorkommen. Dann ist
es auch platterdings nötig, daß der Bann gebrochen wird, der
durch Deine lange Abwesenheit vom deutschen Büchermarkt und
durch den späteren Schiß der Buchhändler entstanden ist. Ist ein¬
mal erst ein oder zwei Bände lehrreicher, gelehrter, gründlicher is
und zugleich interessanter Sachen von Dir erschienen, alors c’est
tout autre chose, und Du pfeifst den Buchhändlern was, wenn sie
niedrig bieten.
Es kommt noch das dazu, daß Du diese Geschichte nur in
London machen kannst, während Du Sozialisten und Kritik über- so
all machen kannst. Es wäre also gut, wenn Du die Gelegenheit
jetzt noch benutztest, ehe die Crapauds irgend einen Blödsinn
machen und uns wieder auf das theatrum mundi versetzen.
Die New Yorker Schnellpost kommt morgen.
Den Löwenthal, wie gesagt, halte unter allen irgend angehen- «
den Umständen fest. Ist’s mit ihm nichts, so sind, wie Ptieper]
schreibt, Ebners Ressourcen erschöpft. Mit Löwenthal ist ohne¬
hin später immer mehr als mit andern auszurichten, weil man
den Ebner hat, der ihm in Frankfurt auf dem Nacken sitzt.
Bringt er mit dem L[öwenthal], den er tagtäglich persönliche
treten kann, nichts fertig, so ist die Sache mit andern nicht in
Frankfurt befindlichen Kerlen noch viel problematischer. Du soll¬
test dem Ebner so schreiben, daß er weite Vollmachten von Dir
hat und sofort abschließen kann; je länger die Sache trainiert
wird, desto eher wird der L[öwenthal] es leid, und kommen poli- $
tische Ängste wegen 1852 dazwischen. Bricht in Paris das ge¬
ringste Vorspielchen los, so ist alle Aussicht auf Buchhändler
klatsch, und macht der Bundestag Preßgesetze, ehe schwarz auf
weiß kontrahiert ist, so bist Du auch am Ende. Du mußt mit der
Wurst nach dem Schinken werfen, oder — te résigner, ce qui n’est a
pas trop agréable.
Je mehr ich mir die Sache überlege, desto praktischer erscheint
mir das Anfängen mit dem Historischen. Sois donc un peu com¬
merçant, cette fois!
Was meine Proudhon-Glossen angeht, so sind sie zu unbedeu-
Z. - 1-2. 25—41.
(132) 1851 Nov. 27
289
tend, als daß damit viel anzufangen wäre. Es würde wieder gehn
wie bei der Kritischen Kritik, wo ich auch ein paar Bogen schrieb,
weil auf eine Broschüre gerechnet wurde, und Du ein gründliches
Buch von zwanzig Bogen draus machtest, worin meine Wenigkeit
s sich sehr komisch ausnahm. Du würdest doch wieder so viel dazu
tun, daß mein Anteil, ohnehin nicht der Rede wert, ganz vor
Deiner schweren Artillerie verschwände. Sonst hätte ich nichts da¬
gegen, als daß Deine Historie mit Löwenthal viel wichtiger und
dringender ist.
io Dein F. E.
27. November 1851.
133. Marx an Engels; 1851 Dezember 1.
1. Dezember 1851.
28, Deanstreet, Soho.
15 Lieber Engels,
Ich lege Dir hier ein: 1. Auszug des Briefes von Cluß (aus
Washington) an Wolff; 2. Brief von Pieper aus Brüssel.
A d N r. 1 hat Lupus vergessen, zwei Data noch auszuziehn,
die Dir nicht uninteressant sein werden. Erstens: Der Artikel
20 „Revolution und Konterrevolution in Deutschland“ ist deutsch
in der New Yorker Abendzeitung erschienen, in verschiedne Blät¬
ter übergegangen und hat Furore gemacht. Cluß schreibt nicht, ob
dies Übersetzung aus der Tribune ist oder nicht. Ich habe des¬
wegen direkt an Dana geschrieben. Zweitens: Herr Wiß, das
25 Hauptinstrument Kinkels, hat öffentlich erklärt, daß er „ökono¬
misch“ unsre Ansichten teile. Du siehst, wie die Hunde operieren.
Was Herm Tupman betrifft, so erwähnt er weder unsren Brief
aus Manchester, noch einen spätem Brief, den ich ihm von hier
aus durch meine Frau schreiben ließ.
30 Was aber nun die Kölner betrifft, so ist es System der ge¬
meinen Emigrationsschweine, die ihre Rüssel in der ganzen Pre߬
kloake haben, gegen diese Sache la conspiration du silence zu
beobachten, um nur ja ihrer eignen Wichtigkeit keinen Abbruch
zu tun. Dem muß jetzt entgegengewirkt werden. Ich habe Briefe
35 heute nach Paris geschickt gegen die preußische Justiz, um die
Sache in die dortige Presse zu bringen. Lupus hat die Artikel für
Amerika und Schweiz übernommen. Maintenant mußt Du mir eine
englische Geschichte schmieden, nebst einem Privatbrief an den
Editor der Times, wohin die Sache versuchsweis geschickt wer-
den muß. Wenn die Times, die jetzt ihre Popularität wieder auf-
19
290
(133) 1851 Dez. 1
zufrischen sucht und sich sicher geschmeichelt findet, wenn sie als
einzig einflußreiches Journal auf dem Kontinent behandelt wird,
die ohnehin preußenfeindlich ist, wenn die Times sich der Sache
annähme, könnte man nach Deutschland hin wirken. Hervor¬
zuheben wäre die Lage des Justizwesens überhaupt in Preußen. 5
Gelingt dieser Versuch nicht, der auf keinen Fall schadet, so
schreibst Du von Manchester direkt an den Sun. Erhielte er die
Sache vor der Times, so würde diese sie auf keinen Fall mehr
nehmen. —
Du wirst schwerlich wissen, daß fast von allen Städten Eng- io
lands Adressen an O’Connor angelangt und in Northern Star
und Reynolds Paper veröffentlicht sind, worin Thornton Hunt für
„infamous“ erklärt und die Szene von Kopenhagenfields höch¬
lichst blamiert wird. Außerdem hat eine Versammlung sämtlicher
Chartistensektionen Londons stattgefunden, worin Th. Hunt, der u
zugegen war, mit Schmähungen überladen wurde. Bei der Er¬
neuerung des Exekutivkomitees, die bevorsteht, wird er positiv
herausgeschmissen. In seiner Verzweiflung erklärt sich dieser
Allié des großen Ruge nun offen für einen „Kommunisten“.
E. Jones hat Kossuth — mit Benutzung meines Briefes — sans 2t
miséricorde angegriffen. „I tell him, that the révolutions of Europe
mean the crusade of labour against capital, und I tell him they are
not to be eut down to the intellectual and social standard of an
obscure semibarbarous people, like the Magyars, still ständig in
the halfcivilisation of the 16th Century, who actually présumé to -
dictate to the great enlightenment of Germany and France, and to
gain a false won cheer from the gullibility of England.“
Du siehst, daß Kinkel tout bonnement hier sich nach dem
Beispiel der provisorischen Regierung in Frankreich einrichten
wird. Ich für meinen Teil hielte es für gut, wenn Du, sobald wir 3t
wissen, daß Weydemeyer Redakteur der Abendzeitung ist, zu¬
nächst feuilletonweise Bruchstücke von K. Schnapper, dessen
erste Geständnisse ich mit Sehnsucht erwarte, mitteilst. (Sieh con¬
tinuation hinter Piepers Brief.)0
Apropos! Ich hätte bald ein Wichtiges in der chronique scan- 3.
daleuse vergessen. Stechan, Hirsch, Gümpel etc., kurz, die aus
Deutschland gekommnen Arbeiter haben sich bei mir ansagen
lassen. Ich werde sie heute empfangen. Sie haben sich schon be¬
deutend mit Schapper und Willich überworfen. Stechan hat offen
den Dietz als Spion denunziert vor dem Arbeiterverein, und ob- «
gleich einige Stimmen schrieen, er sei Agent von Marx, dennoch
die Niedersetzung einer Kommission bewirkt, worin aber die
Freunde und Protektoren des Dietz-Schapper und Willich die
Hauptrolle spielen. Mit diesen Straubingern werde ich jedenfalls
Z. 8-18. 27-33.
(133) 1851 Dez. 1
291
neue Krisen in der elenden Schneider- und Bummlerherberge her¬
vorrufen.
Gleichzeitig zeige ich Dir den Empfang der drei £ an.
Salut.
Dein K. M.
134. Engels an Marx; 1851 Dezember 3.
„Représentants de la France, délibérez en paix!“ Und wo soll¬
ten die Herren ruhiger deliberieren können als in der Kaserne
d’Orsay, gehütet von einem Bataillon chasseurs de Vincennes!
io Die Geschichte Frankreichs ist in das Stadium der vollendet¬
sten Komik eingetreten. Kann man sich etwas Heitreres denken
als diese mitten im Frieden mit malkontenten Soldaten vom
unbedeutendsten Menschen der ganzen Welt ohne allen Wider¬
stand, soweit man bis jetzt urteilen kann, durchgeführte Travestie
13 des 18. Brumaire. Und wie schön alle die alten Esel abgefangen
sind! Der schlaueste Fuchs von ganz Frankreich, der alte Thiers,
der geriebenste Advokat des Barreaus, Herr Dupin, gefangen in
der Falle, die ihnen der notorischste Ochs des Jahrhunderts gestellt
hat, gefangen ebenso leicht wie die stiere republikanische Tugend
2o des Herm Cavaignac und wie der Maulheld Changarnier! Und um
das Tableau zu vollenden, ein Rumpfparlament mit Odilon Barrot
als „Löwe von Calbe“, und dieser selbe Odilon verlangt, angesichts
solchen Verfassungsbruchs verhaftet zu werden, und kann es nicht
dahin bringen, daß man ihn nach Vincennes schleppt! Die ganze
25 Sache ist expreß für den roten Wolff erfunden worden; der allein
kann von jetzt an die Geschichte von Frankreich schreiben. Ist je¬
mals in der Welt ein Coup mit alberneren Proklamationen gemacht
worden als dieser? Und der lächerliche napoleonische Apparat,
der Jahrestag der Krönung und von Austerlitz, die Provokation
jo auf die konsularische Verfassung und so weiter — daß so etwas
auch nur für einen Tag gelingen konnte, degradiert die Herren
Franzosen doch wahrhaftig auf ein Niveau der Kinderei, das
ohnegleichen ist.
Wunderschön ist das Abfassen der großen Ordnungsmäuler,
35 des kleinen Thiers ganz vorzüglich, und des tapfern Changarnier.
Wunderschön ist die Rumpfparlamentssitzung im 10. Arrondisse¬
ment mit Herm Berryer, der zum Fenster hinausschreit: Vive la
République, bis endlich das ganze Lot abgefaßt und zwischen
Soldaten in einen Kasernenhof gesperrt wird. Und dann der
<o dumme Napoleon, der sofort aufpackt, um in die Tuilerien zu
ziehn. Hätte man sich ein ganzes Jahr lang geplagt, man hätte
keine schönere Komödie erfinden können.
19*
292 (134) 1851 Dez. 3
Und am Abend, als der dumme Napoleon sich endlich in das
langersehnte Bett in den Tuilerien geworfen hatte, da muß der
Schafskopf erst recht nicht gewußt haben, woran er ist. Le con¬
sulat sans le premier consul! Keine Schwierigkeiten im Innern
größer als überhaupt seit drei Jahren, keine außergewöhnliche 5
Finanzklemme, selbst nicht einmal in seinem eignen Beutel,
keine Koalition an den Grenzen, kein Sankt Bernhard zu passieren,
kein Marengo zu gewinnen ! Es ist wirklich zum Verzweifeln. Und
nun nicht einmal eine Nationalversammlung mehr, die die großen
Pläne des Verkannten vereitelt; nein, für heute wenigstens ist der
Esel so frei, so ungebunden, so absolut wie der Alte am Abend des
18. Brumaire, so vollständig ungeniert, daß er gar nicht umhin
kann, den Esel nach allen Richtungen hin herauszukehren. Schreck¬
liche Perspektive der Gegensatzlosigkeit!
Mais le peuple, le peuple! — Le peuple se fiche pas mal de 15
toute cette boutique, freut sich seines oktroyierten Stimmrechts
wie ein Kind und wird es wahrscheinlich auch gebrauchen wie ein
Kind. Was kann aus diesen lächerlichen Wahlen von Sonntag
über acht Tage hervorgehn, wenn es überhaupt dazu kommt!
Keine Presse, keine Meetings, Belagerungszustand die Hülle und
Fülle und dazu Befehl, binnen vierzehn Tagen einen Deputierten
zu stellen.
Was soll aber aus dem ganzen Kram werden? „Stellen wir
uns auf den welthistorischen Standpunkt“, so bietet sich uns ein
famoses Thema zur Deklamation dar. So z. B.: es muß sich zei-
gen, ob das Prätorianerregiment der römischen Kaiserzeit, das
einen durchaus militärisch organisierten, ausgedehnten Staat, ein
entvölkertes Italien und die Abwesenheit eines modernen Proleta¬
riats zur Voraussetzung hatte, möglich ist in einem geographisch
konzentrierten, dicht bevölkerten Land wie Frankreich, das ein #
zahlreiches industrielles Proletariat hat. Oder: Louis Napoleon
hat keine eigne Partei; er hat die Orleanisten und Legitimisten
mit Füßen getreten, er muß jetzt eine Wendung nach links machen.
Eine Wendung nach links impliziert eine Amnestie, eine Amnestie
impliziert eine Kollision usw. Oder aber: Das allgemeine Stimm- #
recht ist die Grundlage der Macht von Louis Napoleon, er kann es
nicht angreifen, und das allgemeine Stimmrecht ist jetzt mit
einem Louis Napoleon unverträglich. Und andre dergleichen spe¬
kulative Themata, die sich famos ausspinnen ließen. Nach dem
aber, was wir gestern gesehn haben, ist auf den peuple gar nichts
zu geben, und es scheint wirklich, als ob der alte Hegel in seinem
Grabe die Geschichte als Weltgeist leitete und mit der größten
Gewissenhaftigkeit alles sich zweimal abspinnen ließe, einmal als
große Tragödie, und das zweite Mal als lausige Farce, Caussidière
für Danton, L. Blanc für Robespierre, Barthelemy für Saint- *
(134) 1851 Dez. 3
293
Just, Flocon für Camot, und das Mondkalb mit dem ersten besten
Dutzend schuldenbeladener Leutnants für den kleinen Korporal
und seine Tafelrunde von Marschällen. Beim 18. Brumaire also
wären wir schon angekommen.
5 Kindisch dumm hat sich das Pariser Volk benommen. Cela ne
nous regarde pas; que le président et l’assemblée s’entretuent, peu
nous importe! Aber daß die Armee sich anmaßt, Frankreich eine
Regierung, und noch dazu welche, zu oktroyieren, das geht es doch
wohl an, und der Mob wird sich wundem, was das für ein allge-
10 meines, „freies“ Stimmrecht ist, das sie nun „seit 1804 zum ersten¬
mal“ ausüben sollen!
Wie weit der offenbar über die Menschheit sehr verdrießliche
Weltgeist diese Farce noch fortführen wird, ob wir binnen einem
Jahr Konsulat, Empire, Restauration etc. vorüberspazieren sehn
15 werden, ob die napoleonische Dynastie auch erst in den Straßen
von Paris geklopft werden muß, ehe sie in Frankreich unmöglich
wird, das soll der Teufel wissen. Mir kommt es aber vor, als ob
das Ding eine merkwürdig verrückte Wendung nähme, und als
ob die Crapauds einer wunderlichen Erniedrigung entgegengingen.
2o Gesetzt auch, der Louis Napoleon konsolidiere sich momentan,
so kann doch solch dummes Zeug nicht dauern, selbst bei der tief¬
sten möglichen Versunkenheit der Franzosen. Aber was dann? Es
sieht verflucht wenig rot aus, das ist ziemlich klar, und wenn Herr
Blanc und Ledru-[Rollin] gestern mittag ihre Bagage packten, so
25 mögen sie heut nur wieder auspacken. La voix tonnante du peuple
ne les rappelle pas encore.
Hier und in Liverpool hat die Geschichte den Commerce plötz¬
lich gestoppt, aber in Liverpool sind sie heute schon frisch wieder
am Spekulieren. Und die französischen Fonds sind nur 2% ge-
30 fallen.
Unter diesen Umständen wird mit den Versuchen, für die Köl¬
ner in der englischen Presse aufzutreten, natürlich gewartet wer¬
den müssen.
Wegen der Artikel für die Tribune, die offenbar darin er-
35 schienen sind, schreib englisch an den Editor der Tribune,
Dana ist vielleicht abwesend, und ein business letter wird gewiß
beantwortet. Teil him that he must distinctly state per next return-
ing steamer what has become of these papers, and in case they
hâve been made use of, he is requested to send by the same oppor-
4o tunity copies of the Tribune containing them, as no copy has been
kept here and without having the articles already sent, again
before our eyes, we cannot, after such a lapse of time, undertake
to go on with the following numbers of the séries.
Der Effekt der französischen Nachrichten auf den europäischen
294
(134) 1851 Dez. 3
Emigrationsmob muß heiter gewesen sein. Ich möchte das ange-
sehn haben.
En attendant tes nouvelles
Dein F. E.
3. Dezember 1851. 5
135. Marx an Engels; 1851 Dezember 9.
9. Dezember 1851.
28, Deanstreet, Soho.
Dear Frédéric,
Ich habe Dich auf Antwort warten lassen, quite bewildered von 10
diesen tragikomischen Ereignissen in Paris. Ich konnte nicht wie
Willich sagen: Sonderbar, man hat uns keinen Avis von Paris ge¬
geben! Auch nicht, wie Schapper, mit dem Bierpott mich in Per¬
manenz bei Schärttner erklären. Zur Rettung des Vaterlands schlief
Slchapper] mit einigen Trabanten, unter dem Vorgeben zu wachen, 15
zwei Nächte bei Schärttner. Diese Herm, wie Löwe von Calbe et
Co., hatten ihre malles gepackt, aber da die Vorsicht der bessre
Teil der Tapferkeit ist, beschlossen sie erst hiniiberzustiefeln, so¬
bald die Sache sich „entschieden“ habe.
Hast Du Louis Blancs Miserere gelesen? Den andren Tag pro- 20
testierte Bernard le Clubiste dagegen, dies Lamento mitunterzeich¬
net zu haben.
Einliegend erhältst Du einen Brief von Reinhardt aus Paris und
die „Pötte“, von denen ich Dir bei meiner Anwesenheit in Man¬
chester sprach. 23
Pieper ist wieder hier, sehr von sich selbst entzückt. Er tritt von
Rothschilds aus, fährt aber fort, dort im Hause deutsche Stunde
zu geben. Madame hat ihm den permanenten Hauslehrer gekün¬
digt. In meiner Proudhonangelegenheit hat er seit seinem letzten
Briefe nichts getan, nichts gehört noch gesehn. Es scheint mir, 30
daß er die Übersetzung als sein Machwerk behandelt hat, ce
qui n’est pas.
Maintenant, was soll ich Dir über die Situation schreiben? So
viel ist klar, das Proletariat hat seine Kräfte geschont. Bonaparte
hat einstweilen gesiegt, weil er während der Nacht das öffentliche ss
Stimmrecht in geheimes verwandelte. Mit der, trotz allen post¬
humen Erklärungen von d’Argoutx), der Bank entwendeten Mil¬
lion St. hat er die Armee gekauft. Wird ihm der Coup noch
einmal gelingen, wenn die Wahl gegen ihn ausfiele? Wird die
Majorität überhaupt wählen? Die Orleans sind nach Frankreich to
1 ) Im Orig. d’Algout
Z 23 (und)—25. 28-32.
(135) 1851 Dez. 9
295
abgereist. Es ist schwer, ja unmöglich, ein Prognostiken zu stellen
in einem Drama, dessen Heros Crapulinski ist. Jedenfalls scheint
mir die Situation eher verbessert als verschlechtert durch den
coup d’état. Mit Bonaparte ist leichter fertig zu werden, als es
3 mit der Nationalversammlung und ihren Generälen möglich ge¬
wesen wäre. Und die Diktatur der Nationalversammlung stand vor
der Türe.
Kostbar ist die Enttäuschung von Techow et Co., die ohne wei¬
teres in der französischen Armee les apôtres de la trinité démo-
cratique, de la liberté, de l’égalité, de la fraternité sahen. Les
pauvres hommes! Und die Herrn Mazzini und Ledru[-Rollin]
können sich nun auch ruhig schlafen legen. Die Katastrophe war
der downfall der Emigration. Es hat sich gezeigt, daß sie pour
rien in der Revolution ist. Die Herrn hatten nämlich b e s ch 1 o s -
i'» se n, die Weltgeschichte zu suspendieren bis nach Kossuths Rück¬
kehr. Apropos! Die Pennysubscription für letztem hat exakt in
London 100 d., sage Pence, abgeworfen.
Salut.
Dein K. M.
2o Apropos! Habe ich Dir nicht einen französisch geschrieb-
nen Brief Piepers an mich zugeschickt? Ist dies der Fall, so schick
ihn mir umgehend zurück.
136. Engels an Marx; 1851 Dezember 10.
Lieber Marx,
25 Was machen die großen Männer in dieser eventful crisis?
Man sagt, L. Blanc sei in Frankreich arretiert, das wird leider
aber nicht wahr sein, nous connaissons notre petit bonhomme.
Übrigens seit aus der Pariser Insurrektion nichts geworden ist, bin
ich froh, daß der erste Sturm vorüber ist. Tout blasé qu’on est,
30 wird man bei solchen Gelegenheiten doch immer einigermaßen
vom alten politischen Fieber gepackt und ist doch immer einiger¬
maßen selbst beim Ausgang einer solchen Geschichte interessiert.
Jetzt kann ich wenigstens wieder Menschenrassen studieren, mit
deren Untersuchung ich mich beim Ausbruch dieses großen Coups
36 beschäftigte.
Trotz alledem will übrigens weder hier noch in Liverpool die
Confiance wiederkehren, und bloß P. Ermen ist ebenso übermütig
und napoleonsgläubig, wie er vor vier Tagen dejected und chap-
fallen war. Die hiesigen Bourgeois sind im ganzen doch zu ge-
4o scheit, um an eine mehr als ephemere Existenz dieser napoleoni¬
schen Farce zu glauben. Aber was soll aus all dem Dreck werden?
Gewählt wird derNapoleon, das ist keine Frage, die Bourgeoisie hat
296
(136) 1851 Dez. 10
keine Wahl, und wer will die Stimmzettel verifizieren? Additions¬
fehler zugunsten des Abenteurers sind gar zu verlockend, und die
ganze Gemeinheit der französischen besitzenden Klasse, die ser¬
vile Unterwürfigkeit nach dem kleinsten Sukzeß, die Kriecherei
vor einem pouvoir quelconque sind diesmal glänzender als je ans $
Licht getreten. Aber wie will der Esel regieren? Er bekommt
weniger Stimmen als 1848, c’est clair, vielleicht 3 à 3^ Millionen
im ganzen; das ist schon eine für den Kredit gefährliche Nieder¬
lage. Jede finanzielle und Steuerreform ist unmöglich 1. aus Geld¬
mangel, 2. weil ein militärischer Diktator sie nur bei erfolgreichen io
auswärtigen Kriegen, où la guerre paie la guerre, durchführen
kann, im Frieden aber nicht nur jedes Surplus, sondern noch viel
mehr in die Taschen der Armee wandern muß, 3. weil der Napo¬
leon zu dumm ist. Was bleibt ihm da? La guerre? Gegen wen,
gegen England etwa? Oder der einfache Militärdespotismus, der h
im Frieden notwendig zu neuer Militärrevolution führen, die Par¬
teien der Nationalversammlung in der Armee selbst hervorrufen
muß? Es ist kein Ausweg da, die Farce muß in sich selbst zu¬
sammenbrechen. Und erst wenn eine Handelskrisis kommt!
Daß Louis Napoleon mit etwas „Großem“ schwanger geht, 20
daran zweifle ich keinen Augenblick. Was das aber für ein Un¬
sinn sein wird, darauf bin ich begierig. Das Développement der
napoleonischen Ideen wird einen sehr hohen Flug nehmen und,
an den ordinärsten Hindernissen scheiternd, platt auf den Bauch
fallen. 25
Was bei der ganzen Transaktion ziemlich klar heraustritt, ist,
daß die Roten abgedankt haben, vollständig abgedankt. Jetzt von
Entschuldigungen sprechen wollen, warum sie sich nicht in Masse
wehrten, wäre Unsinn. Die nächsten Monate werden lehren, ob die
Erschlaffung derart in Frankreich ist, daß es mehrerer Jahre
Ruhe bedürfte, um den Roten ein neues Achtundvierzig möglich
zu machen. Aber woher soll diese Ruhe auf der andern Seite
kommen?
Ich sehe nur zwei Auswege aus dieser Sauerei:
Entweder treten jetzt die Faktionen der Ordnungspartei, in der 35
Armee abgespiegelt, an die Stelle der „Anarchisten“, id est richten
eine solche Anarchie her, daß schließlich die Roten und Ledru
[-Rollin] als solche Erlöser erscheinen wie jetzt Louis Napoleon;
oder Louis Napoleon schafft die Getränkesteuer ab und läßt
sich verleiten, einige bürgerliche Reformen zu machen — woher u
aber Geld und Macht dazu hemehmen, ist schwer zu sagen. In
diesem sehr unwahrscheinlichen Falle könnte er sich halten.
Qu’en penses-tu?
Dein F. E.
Manchester, 10. Dezember 1851.
(137) 1851 Dez. 11 297
137. Engels an Marx; 1851 Dezember 11.
Manchester, 11. Dezember 1851.
Lieber Marx,
Inliegend der Brief von R[einhar]dt zurück sowie der von
5 P[iepe]r, den ich wegen der Kölner Geschichten einstweilen
zurückgehalten hatte.
An der von den Zeitungen ausposaunten großen Expedition
der 700 Vagabunden nach Paris scheint nichts zu sein, und
auch der kleine L. Blanc ist nach seinem heutigen erneuerten
w Schmerzgeächze in der Daily News einstweilen, wenn auch angeb¬
lich nicht in London, doch in Sicherheit. Das erste Wehklagen war
noch göttlich gegen das heutige. Peuple français — noble fierte —
courage indomptable — éternel amour de la liberté — honneur
au courage malheureux — und damit macht der kleine Kerl einen
w demi-tour à droite und predigt Vertrauen und Vereinigung des
Volks und der Bourgeoisie. Vide Proudhon: Appel à la Bour¬
geoisie, pagina 2. Und dies Räsonnement! Wenn die Insurgenten
geschlagen worden, so kommt das daher, daß sie nicht das vrai
peuple waren; das vrai peuple kann nicht geschlagen werden;
20 und wenn sich das vrai peuple nicht geschlagen hat, so kommt das
daher, daß es sich nicht für die Nationalversammlung schla¬
gen wollte; es ist da freilich einzuwenden, daß das vrai peuple,
einmal siegreich, selbst Diktator gewesen wäre, aber daran hat es
in der Überraschung nicht denken können, und dann ist es ja so
25 oft geprellt worden !
Das ist diese alte ordinäre Demokratenlogik, die noch bei jeder
Niederlage der revolutionären Partei sich breit gemacht hat. Le
fait est, meiner Ansicht nach, daß, wenn sich das Proletariat dies¬
mal nicht in Masse geschlagen hat, es sich vollständig seiner
30 eignen Erschlaffung und Ohnmacht bewußt war und mit fatalisti¬
scher Resignation sich so lange in den erneuerten Kreislauf von
Republik, Empire, Restauration und neuer Revolution ergab, bis
es eben wieder durch ein paar Jahre misère unter der Herrschaft
möglichst großer Ordnung neue Kräfte gesammelt hat. Ich sage
35 nicht, daß dies so kommen wird, aber das scheint mir die instink¬
tive Grundanschauung gewesen zu sein, die am Dienstag und Mitt¬
woch und nach der Herstellung der geheimen Abstimmung und
der darauf folgenden Retirade der Bourgeoisie am Freitag beim
Pariser Volk vorgeherrscht hat. Es ist Unsinn zu sagen, daß dies
4o keine Gelegenheit fürs Volk war. Wenn das Proletariat warten
will, bis ihm von der Regierung seine eigne Frage gestellt
wird, bis eine Kollision eintritt, die den Konflikt schärfer und be¬
stimmter ausspricht als im Juni 1848, da kann es lange warten.
298(137) 1851 Dez. 11
Die letzte Gelegenheit, wo die Frage zwischen Proletariat und
Bourgeoisie ziemlich distinkt gestellt war, war beim Wahlgesetz
1850, und da zog das Volk es vor, sich nicht zu schlagen. Das und
das ewige Hinweisen auf 1852 war schon ein Beweis von Schlaff¬
heit, der, ausgenommen im Fall einer Handelskrise, für uns hin- j
reichte, ein ziemlich schlechtes Prognostikon auch für 1852 zu
stellen. Seit der Abschaffung des allgemeinen Stimmrechts, seit
der Verdrängung des Proletariats von der offiziellen Bühne ist es
doch etwas zu viel verlangt, den offiziellen Parteien zuzumuten,
die Frage so zu stellen, daß sie dem Proletariat konveniert. Und w
wie stand dann die Frage im Februar? Damals war das Volk
grade so hors de cause wie jetzt. Und es ist gar nicht zu leugnen,
daß, wenn die revolutionäre Partei in einer revolutionären Ent¬
wicklung anfängt, entscheidende Wendepunkte passieren zu las¬
sen, ohne ein Wort dreinzusprechen oder, wenn sie sich einmischt, ir,
ohne zu siegen, sie mit ziemlicher Sicherheit als für einige Zeit ka¬
putt angesehen werden kann. Witness die Insurrektionen nach dem
Thermidor und nach 1830, und die Herren, die jetzt so laut sagen,
daß das vrai peuple seine Gelegenheit abwarte, kommen in Ge¬
fahr, allmählich in denselben Train mit den ohnmächtigen Jako- 20
binem von 1795—1799 und den Republikanern von 1831—1839
zu geraten und sich sehr zu blamieren.
Auch ist nicht zu leugnen, daß der Effekt der Herstellung der
geheimen Abstimmung auf die Bourgeoisie, Kleinbürgerschaft
und au bout du compte auch auf viele Prolßtarier (das 25
geht aus allen Berichten hervor) ein merkwürdiges Licht auf die
Courage und Einsicht der Pariser wirft. Viele haben offenbar gar
nicht daran gedacht, wie albern die von Louis Napoleon ge¬
stellte Frage ist, und wo denn Garantien für die richtige Registrie¬
rung der Stimmen sind; die meisten aber müssen den humbug 30
durchschaut und trotzdem sich vorgeschwatzt haben, jetzt sei all
right, bloß damit sie einen Vorwand hätten, sich
nicht zu schlagen.
Nach dem Brief von R[einhar]dt, nach den täglichen neuen
Enthüllungen über die Infamien der Soldaten und über ihre spe- 35
ziellen Exzesse auf den Boulevards gegen jeden pékin quelconque,
Arbeiter oder Bourgeois, Roter oder Bonapartist, n’importe —
nach den sich häufenden Nachrichten von lokalen Insurrektionen
selbst in den entlegensten Winkeln, wo kein Mensch Widerstand
vermutete, nach dem Brief des französischen Exdeputierten und 41
Commerçant in der gestrigen Daily News, scheint allerdings der
Appel au peuple eine unangenehme Wendung für Bonaparte neh¬
men zu wollen. Die Masse der Bourgeoisie in Paris scheint doch
dies neue Regime mit seinen oktroyierten Transportationsgesetzen
nicht sehr zu relishen. Der militärische Terrorismus entwickelt 41
(137) 1851 Dez. 11
299
sich zu schnell und zu unverschämt. Zwei Drittel von Frankreich
sind in Belagerungszustand. Ich glaube, daß nach all diesem die
Masse der Bourgeoisie gar nicht stimmen wird, daß die ganze
Stimmposse auf nichts hinauslaufen wird, denn die Gendarmen
5 werden an allen zweifelhaften Orten, wo die Gegner Louis Na¬
poleons in Massen stimmen, Krakeel mit den Wählern anfangen
und dann der ganze Wahlprozeß dort kassiert werden. Dann er¬
klärt Louis Napoleon Frankreich en état d’aliénation mentale
und proklamiert die Armee zur einzigen Retterin der Gesellschaft,
io und dann ist die Scheiße vollständig klar und Louis Napoleon
mitten drin. Aber eben bei dieser Wahlgeschichte könnte die Sache
sehr unangenehm werden, wenn dann überhaupt noch ernsthafter
Widerstand gegen eine etablierte Regierung zu erwarten wäre. —
Eine Million Stimmen hat der Kerl sicher an den Beamten und
is Soldaten. Eine halbe Million Bonapartisten, vielleicht mehr, sind
auch im Lande. Eine halbe Million, vielleicht mehr, zaghafter
Bürger stimmen für ihn. Eine halbe Million dummer Bauern, eine
Million Additionsfehler — das sind schon 3% Millionen, und
mehr hatte der alte Napoleon nicht in einem Empire, das das ganze
2o linke Rheinufer und Belgien einschloß, also gewiß 32 Millionen
Einwohner hatte. Warum sollte ihm das vorderhand nicht ge¬
nügen? Und bekäme er die, mit vielleicht 1 Million gegen ihn, so
würden die Bourgeois ihm bald zufallen. Aber vielleicht bekommt
er die 2^2 Millionen nicht, und vielleicht, obwohl es der Ehrlich-
25 keit der französischen Beamten viel zugemutet wäre, bringt er
es nicht fertig, die Additionsfehler bis zu 1 Million kreditieren
zu lassen. Jedenfalls hängt sehr viel ab von den Maßregeln, die
er gezwungen ist inzwischen zu treffen. Übrigens, wer hindert die
Beamten, eh’ das Abstimmen anfängt, in die Wahlurnen ein paar
& hundert oui zu werfen? Il n’y a plus de presse — niemand kann’s
verifizieren.
Jedenfalls ist es schlimm für Krapulinski, daß die Fonds wie¬
der am Fallen sind, und für L. Blanc, daß er jetzt England als
freies Land anerkennen muß.
35 In ein paar Monaten müssen die Roten wieder eine Gelegenheit
bekommen, wo sie sich zeigen können, vielleicht schon bei der Ab¬
stimmung; wenn sie dann aber wieder abwarten, dann geb ich sie
auf, und dann bringen sie es auch bei der schönsten Handelskrise
zu nichts als zu einer sie definitiv für ein paar Jahre beseitigenden
to Tracht Prügel. Was ist denn noch an dem Gesindel, wenn es ver¬
lernt sich zu schlagen?
Ist Pieper wieder in London? Ich hab ihm einen Auftrag
wegen Büchern nach Frankfurt zu geben und weiß nicht, ob er
noch in Brighton ist.
Das schlimmste ist, daß Du jetzt mit Löwenthal auf Schwierig¬
300
(137) 1851 Dez. 11
keiten stoßen wirst. Es wär’ am besten, wenn der Kontrakt schon
abgeschlossen wäre.
Liverpool Market — quiet at yesterdays prices; Manchester
Market — firm. Some overtrading going on to the Levant. Ger¬
man buyers continue keeping out of the Market. 5
Dein F. E.
138. Engels an Marx; 1851 Dezember 16.
Lieber Marx,
Inliegend ein Brief von Weydemeyer, der mir heute mittag zu¬
kam. Die Nachrichten soweit ganz gut, Heinzens Blatt am Krepie- io
ren und Wfeydemeyer] schon jetzt imstande, mit einer Wochen¬
zeitung aufzutreten. Aber die Forderung, ihm bis Freitag abend
einen Artikel zuzuschicken, ist etwas stark — besonders unter den
jetzigen Umständen. Und doch schmachten die Leute grade jetzt
dort nach Räsonnements und Anhaltspunkten über die französische
Geschichte, und wenn man etwas Eklatantes über die Situation
sagen könnte, so wäre damit der Sukzeß des Unternehmens in der
ersten Nummer zu machen. Aber das ist grade der Haken, und
wie gewöhnlich überlasse ich Dir wieder die Schwierigkeit und
was ich auch schreiben mag, jedenfalls ist’s nicht über den Coup 20
de tête von Krapulinski. Du kannst ihm darüber jedenfalls einen
diplomatisch-rückenfreihaltend-epochemachenden Artikel schrei¬
ben. Was ich tue, weiß ich noch nicht, jedenfalls versuch’ ich
irgend etwas. Den Schnapper kann ich nicht schicken, erstens ist
das erste Kapitel matt, und zweitens ließ ich das Ding ganz sein, 25
seitdem die Geschichte anfängt, komische Romane zu schreiben
— eine etwas zu gefährliche Konkurrenz. Ich werde indes einige
komische Szenen mehr in den Plan aufnehmen und dann das Ding
wieder anfangen — das aber paßt durchaus nicht für dort, und
ohnehin will Wfeydemeyer] Sachen haben, worunter unser Name 30
steht. Schreib mir umgehend, was Du zu tun gedenkst, le temps
presse; der Samstagssteamer kann nicht vor Neujahr in New York
eintreffen, und das ist schlimm, noch schlimmer ist die uns ge¬
lassene kurze Galgenfrist.
Wfeydemeyer] soll nur seine Finger so lange aus den amerika- 35
nischen Geschichten herauslassen, bis er die Namen dort richtig
schreiben kann. Es ist schade, daß er nicht erst Zeit hat, sich
zu orientieren und etwas Englisch zu lernen. Die „Abolutionisten“
würden für Heinzen ein famoses Fressen sein. Was Weerth angeht,
so seh ich den morgen oder übermorgen hier und werde sehn. 40
was er leisten kann. Nächste Woche, vielleicht schon Samstag
(138) 1851 Dez. 16
301
abend, bin ich in London, und wir können dann das Weitere ab¬
sprechen; inzwischen ist bloß die Frage, was für die erste Nummer
zu tun ist, damit kann nicht gewartet werden, und schreib mir also
umgehend, was Du zu tun gedenkst.
s Weydtemeyer] scheint in kommerzieller Beziehung, wie nach
diesem Brief zu schließen, allerdings noch etwas „grün“ zu sein,
ich werde ihm darüber die nötigen Andeutungen geben. Er kennt
sein Publikum noch gar nicht.
Lupus kann auch sich gleich in Bewegung setzen, um zu sehn,
io was er für die erste Nummer zustande bringt, W[eydemeyer] wird
um Material sehr verlegen sein.
Was sagst Du zu den französischen Fonds, die gestern 101,50 c.
standen — P/2% über Pari —, das keilt dem Louis Napoleon
Stimmen die Menge, besser als alle bezahlten Zeitungslügen. Auch
n die Exzesse der Bauern im Süden und Zentrum helfen ihm. Ein
Teil davon ist gewiß richtig und kann von dieser Barbarenrasse
gar nicht anders erwartet werden. Die Kerls kümmern sich um
die Regierung usw. den Teufel, aber ihr erstes ist, dem Steuer¬
einnehmer und Notar das Haus zu demolieren und die Frau zu
2o notzüchtigen und ihn selbst totzuschlagen, wenn sie ihn fassen.
Die Sache hat an sich au fond wenig zu bedeuten und geschieht den
Herren ganz recht, aber dem Napoleon jagt sie alles zu, was irgend
etwas zu verlieren hat. In der Tat, die Invasion der einheimischen
Barbaren, wenn sie einmal kommt, verspricht ein erheiterndes
25 Schauspiel werden zu wollen und wohl denen, unter deren Regie¬
rung dergleichen angenehme Geschichten vorfallen. Das Steigen
der Fonds jetzt ist gewiß nicht mehr Regierungsmanöver, son¬
dern Ausdruck der in Vertrauen auf Louis Napoleon übersetzten
Angst der haute finance vor dem Lebendiggeschundenwerden, das
io der wahrhaftige Constitutionnel in so lebhaften Farben schildert.
Also schreib mir gleich wegen Wfeydemeyer].
Dein F. E.
16. Dezember 1851.
139. Engels an Frau Jenny Marx; [1851 Dezem-
35 ber 18].
Liebe Frau Marx,
Ich habe Ihre beiden Briefe erhalten und beeile mich in Ant¬
wort darauf gleich mitzuteilen, daß es sich von selbst versteht, daß
jeder seine Artikel separat abschickt, da sonst alle Aussicht vor-
40 handen ist, daß Keiner den Steamer erreicht. Die Briefe müssen
in London bis Freitag abend fünf oder sechs Uhr auf der Post sein.
Nr 139
302
(139) 1851 Dez. 18
Ich werde sehn, was ich fertig bringe — das Vaterland hat mich
nur seit längerer Zeit so greulich ennuyiert, daß ich von nichts
mehr weiß. Jedenfalls schicke ich etwas fort. Das englische
Manifest, sowie die noch hier befindlichen New Yorker Schnell¬
posten bringe ich mit. Sagen Sie doch Marx, daß er ja nicht ver- 5
gißt, dem Weydtemeyer] zu schreiben, daß er sich von Dana sofort
die betreffenden Nummern der Tribune geben läßt und herschickt,
damit ich fortfahren kann.
Wann ich werde abreisen können — vielleicht erst Samstag
morgen — weiß ich noch nicht genau. Ich denke aber spätestens io
Samstag abend um 6 Uhr, vielleicht schon um 11 Uhr morgens,
einzutreffen. Bis dahin herzliche Grüße an Sie und Ihre ganze
Familie von Ihrem
F. Engels.
Donnerstag abend. «
Nr. 139.
140. Engels an Marx; 1852 Januar 6.
Lieber Marx,
Hoffentlich wirst Du by this time von Deinen Leiden vollkom-
<5 men hergestellt sein, und ebenso hoffe ich, daß Deine Frau mir
nicht länger wegen des coup d état zürnen wird, der Dich für zwei
Tage in so tiefe Melancholie versenkte. Jedenfalls bitte ich, sie
und Deine Kinder bestens von mir zu grüßen.
Ich werde für nächsten Freitagssteamer einen Artikel für
io Weydemeyer zurecht machen, und hoffe von Dir irgendeine actua¬
lité für die Tribune zu erhalten, die ich sofort übersetzen werde.
Bei dem Blatt hat man sich wahrhaftig nicht anzustrengen. Bar¬
num stolziert in seinen Spalten in Lebensgröße herum, und das
Englisch ist grauenhaft — sonst hat es indes auch einige gute
15 Eigenschaften, die unsre line übrigens nichts angehn. Kannst
Du es mir bis Donnerstag — selbst mit der zweiten Post — her¬
besorgen, so hast Du die Übersetzung in London zeitig für Sams¬
tagssteamer, i. e. mit der zweiten, am Freitag dort ankommenden
Post. Nächste Woche werden dann die Artikel über Deutschland
2o auf genommen und sollen rasch vollendet werden.
Die Plattheit, mit der die Östreicher den Louis Napoleon
nachmachen und sofort ihre Konstitution auch abschaffen, ist doch
sehr arg. Jetzt wird es einen schönen Tanz in Preußen setzen — es
ist kein Zweifel, daß Preußen von Ostreich verraten und verkauft
25 ist, und wenn es nicht auch die Konstitution abschafft, sehr leicht
von einer russisch-östreichisch-französischen Allianz ekrasiert
werden kann.
1851 hat die englische Baumwollindustrie wöchentlich 32000
Ballen konsumiert, gegen 29 000 Ballen 1850. Das ganze Surplus,
so und bedeutend mehr, ist nach Ostindien und China gegangen; die
Überführung dieser zwei Märkte und der Home Trade nähren jetzt
Manchester fast allein, da nach dem Kontinent sehr wenig geht.
Das kann nicht lange mehr dauern. Die Sache treibt sich hier sehr
auf die Spitze, und, z. B., daß die Baumwollpreise angesichts
35 einer unerhört großen Ernte in vollem Steigen begriffen sind,
bloß in Erwartung eines noch größeren Konsums, ist doch schon
bezeichnend genug.
304
(140) 1852 Jan. 6
Von Weerth hatte ich heute ein paar Zeilen aus Bradford — er
erkundigt sich wegen des Hanebucher Lüders, der an ihn ge¬
schrieben hat. Kannst Du mir etwas mitteilen, ob und wiefern
dieser alte Esel sich bei den dortigen Intrigen beteiligt hat, so
soll’s mir angenehm sein und wird vielleicht nützlich werden. s
Sonst hier nichts Neues, business with us slack, Nebel und Rauch
die Masse.
Dein F. E.
6. Januar 1852.
141. Frau Jenny Marx an Engels; [1852 Ja¬
nuar ca. 8].
Lieber Herr Engels,
Wie können Sie glauben, daß ich Ihnen wegen der kleinen
Kneiperei gezürnt hätte — es tat mir sehr leid, Sie vor Ihrer Ab¬
reise nicht mehr zu sehn, wo Sie sich dann selbst am besten über- 15
zeugt hätten, daß ich nur mit meinem hohen Herm etwas schmollte.
Übrigens haben solche Extraszenen oft ganz heilsame Folgen; dies¬
mal muß sich aber der père Marx bei seiner nächtlichen philo¬
sophischen Wanderung mit dem Neffen des Erzbischoffs sehr stark
erkältet haben, denn er wurde ernsthaft krank und liegt bis jetzt 20
noch ruhig danieder. Vielleicht wird es ihm heute möglich werden,
etwas aufzustehen und sich an die Artikel für Amerika zu machen.
Ich glaube aber, daß er noch nicht so weit hergestellt ist, wie er
meint. Er phantasierte während drei Nächten und war sehr
schlimm. Er läßt Sie bitten, Weerth zu grüßen, ihm zu sagen, daß 20
er recht ärgerlich über ihn wäre, daß er bei Übersendung von
Reinhardts Brief aus Paris nur zwei Worte mitgeschrieben, und
daß er vor allem seine Pflichten als alter Redakteur der Neuen
Rheinischen erfüllen-und irgendeine Ware auf Lager nach Ame¬
rika spedieren solle. Was den Hanebuch betrifft, so sagt jetzt der 30
père Marx wörtlich was folgt:
„Stets kanonenvoll, mit seinem insinuanten Wesen gegen
Damen renommierend, meinend, damit die Fußtritte von bar-Besen
erhalten habend; von Anfang an auf das geräuschvollste auf
Straßen und Gassen, Parlours, Omnibus, Halfpenny-Steamboats 3t
das englische Publikum provozierend, sich an den großen Debat¬
ten zwischen Kinkel und Ruge zu beteiligen; jeden Deutschen
bei den Ohren hinschleppend nach Cranbourne Hotel, einer der
wichtigtuendsten Schreier des Emigrationsklubs, also auch seinen
Bärengeifer über die kleine Winkelkirche der Neuen Rheinischen 4t
Zeitung ausfatzend; Weerth soll ihm antworten, wenn er dessen
Protektion verlangt, er möge suchen, in einem der sieben von
Z. 19 (mit . . . Erzbischoffs)
(141) 1852 Jan. ca 8
305
Kinkel zu errichtenden Ministerien einen Posten zu finden, was
ihm bei seinen großen Verdiensten um die große einige Revo¬
lutionspartei und bei seinem Einfluß auf die beiden Kinkelschen
Hof schriftsteller Meyen und Oppenheim nicht schwer fallen
5 dürfte. Überhaupt soll Weerth, wenn jetzt einer der Lumpen sich
an ihn wendet, ihnen merken lassen, daß er auch zu der ,kleinen
unverbesserlichen Sonderkirche6 der Neuen Rheinischen Zeitung
gehört, wie Meyen nach Amerika hingeschrieben/6 So weit mein
hoher Patient Knackrügge.
io Gestern kam ein sehr netter Brief von Cluß aus Washington,
woraus die bodenlose Gemeinheit Kinkels von neuem hervorgeht.
Leider kann ich ihn hier nicht beilegen, da Freiligrath ihn gestern
mitgenommen. Morgen werden wir ihn schicken. Teilen Sie ihn
auch Weerth stellenweise mit.
15 Von Kinkels Kriecherei bei den hiesigen demokratischen
Korinthenkrämern erzählt Freiligrath eine neue Anekdote, die ich
Ihnen eben noch mit zum Besten geben will. Fr[eiligrathJ wendet
sich an einen hiesigen blinden demokratischen deutschen
Kaufmann um eine Stelle. Er teilt ihm seine kaufmännischen
2o Zeugnisse mit und da erzählt ihm denn der scheele Käskrämer:
„Ich habe die Ehre gehabt, mit Herm Professor Kinkel in Ver¬
bindung zu kommen; ich wohnte einer seiner Vorlesungen bei und
darauf besuchten mich der Herr Professor und boten sich mir so¬
fort an, mir abends die besten deutschen poetischen Erzeugnisse
25 gratis vorzulesen. Ich lehnte natürlich dies außerordentliche An¬
erbieten ab, da ich nicht imstande bin, einen Mann wie Herrn
Professor Kfinkel] für solche Dienste genügend zu belohnen.
Außerdem hätten der Herr ja auch noch die Omnibusauslagen ge¬
habt, da er weit ab wohnt. Dessenungeachtet kamen der Herr Pro-
3o fessor und lasen mir aus deutschen Dichtern vor. — Unter andern
auch von Ihnen einige Kleinigkeiten, Herr Freiligrath — da¬
bei erzählte er mir, daß Sie eigentlich Kaufmann seien und schon
in Kondition gewesen etc. etc. Auch Frau Professorin besuchten
mich und boten sich an, mir vorzuspielen und vorzusingen.“ —
3.5 Frau Professorin hätte sich sicher auch zum Tanz und zu poses
plastiques verstanden, hätte sie es nicht mit einem blinden Kunst¬
kenner zu tun gehabt.
Der künftige Präsident der deutschen Republik, der den hie¬
sigen Krämern nach jagt, um seine jöttlichen Gedichte vorzulesen
io und gelegentlich einen Abendfraß zu erschnappen, ist fast noch
großartiger als der französische Crapulinski.
Es wird Sie auch noch interessieren zu hören, daß Ihr ehe¬
maliger Chef, General Willich, von der niedrigen Flüchtling¬
schaft eine Tracht Prügel bezogen, da diese den Unterschied zwi-
45 sehen sich und den hohem Flüchtlingen nicht begreifen können
20
Z. 15-41
306
(141) 1852 Anfang Jan.
und die Art der Verwaltung der großen Revolutionsgelder im
Interesse der großen Männer nicht gutheißen. Aus Cluß’ Brief
geht noch hervor, daß Kinkel die Mystifikation Willichs und den
Brief Schramms benutzt hat, um ihre Verbindungen mit Köln in
Amerika zu beweisen. Es wird bald Zeit, mit der wirklichen Ge- j
schichte hervorzurücken. Der Kinkel scheint auch in Amerika ver¬
breitet zu haben, daß Marx’ Partei Lasterpreise aussetzet, um nicht
Moralhelden zu werden. Der Musch läßt Frédéric herzlich grüßen.
Die Mädchen sind schon in die Schule. Sie erinnern sich vielleicht,
daß Pieper dem Jungen seine hübsche Reisetasche zum Geschenk m
gemacht hatte. Gestern drohte er, sie ihm wieder abzunehmen und
ihm an der Stelle etwas andres zu kaufen. Heute morgen versteckt
der Junge die Tasche und sagt eben: „Mohr, jetzt hab ich sie gut
versteckelt und wenn der Pieper sie haben will, dann sag ich, ich
hab sie einem armen Mann geschenkt.“ Der Filou! ns
Adieu!
Herzliche Grüße Jenny Marx.
Anfang Januar 1852.
142» Engels an Frau Jenny Marx; 1852 Januar 14.
Liebe Frau Marx, 20
Ich hätte Ihren angenehmen Brief längst beantwortet, wenn ich
nicht durch eine Masse Geschichten daran total verhindert worden
wäre — namentlich durch die Anwesenheit meines Schwagers, den
ich während einer Woche zu amüsieren hatte, was hier in Man¬
chester gewiß keine Kleinigkeit ist. An Arbeiten war während die- 25
ser Zeit natürlich nicht zu denken, und erst jetzt kann ich anfangen
mich zu besinnen, was bis zum nächsten Freitagssteamer geleistet
werden kann. Heute oder morgen abend wird jedenfalls etwas für
die Tribune fertig gemacht, und auch Vater Weydemeyer wird
nicht leer ausgehn. Inzwischen höre und sehe ich von diesem 30
nichts — hoffentlich ist bei Ihnen heute ein Brief von ihm ein¬
gesprungen, der uns die Aussichten fürs neue Jahr meldet, da die
mit gestrigem Steamer eingetroffnen Briefe grade bis zum 1. Ja¬
nuar gehn.
Ich hoffe, daß der pater familias sich inzwischen von seinem 35
Straf- und Schmerzenslager erhoben haben wird, und wünsche
nur, daß er über der Bibliothek nicht ganz die Tribune vergißt.
Die Nachrichten über Ehren-Lüders sind Weerth sofort mitgeteilt
worden, sowie das Nötige über den edlen Kinkel.
x) Das Datum von Engels nachträglich hinzugefügt.
(142) 1852 Jan. 14
307
Die Keile, die der große Willich bezogen hat, sind sehr an¬
genehm für uns und eröffnen ihm eine glänzende Aussicht auf
häufige Wiederholung. Ist der Zauber der Unantastbarkeit und
Unbesiegbarkeit, in den sich der große Krieger einhüllte, einmal
5 durch eine bonne volée gebrochen, so wird jeder Emigrationslump
bis herab zum letzten Konrad nicht ruhen, bis er das Experiment
wiederholt und sich für seine private grievances fühlbare Rache
an dem Edlen verschafft hat. Der courage malheureux des großen
Mannes mag sich dann damit trösten, daß es lauter „Männer von
io Prinzip64 waren, die ihn geprügelt haben. Er hat zwar Prügel be¬
zogen, aber es waren doch „prinzipielle Prügel66.
Inliegend den Brief von Cluß zurück. Der Kerl ist ein unbezahl¬
barer Agent. Wenn die Geschichte mit der Willichschen Mysti¬
fikation auskommt, das wird ein heitres Hallo setzen. Die Bieder-
i5 männer werden gar nicht mehr wagen, Briefe zu schreiben, aus
Furcht, daß sie uns in die Hände geliefert würden. Welche infame
Heuchelei von dem Kinkel, zu behaupten, er habe nach London
geschrieben, man solle sich mit uns in Verbindung setzen! Dies
Faktum beweist nur, daß er in Beziehung auf uns in Amerika sehr
2o häufig und sehr unangenehm interpelliert worden ist, und daß wir
unter dem dortigen Demokratenmob auch einen set von Anhängern
haben, die auf uns schwören, wie die andern auf Kinkel oder
Heinzen oder Hecker, keiner weiß warum ; es werden das Anhänger
sein à la Magnus Groß, Wilhelmi etc., Leute, die nur eines kur-
25 zen Zusammenseins mit uns bedürften, um über uns und sich eines
Bessern aufgeklärt zu werden und in den allgemeinen Schaf stall
zurückzukehren, wohin sie gehören.
Der Louis Napoleon wird doch täglich amüsanter. Während
noch immer nicht eine einzige jener großen Maßregeln zur Ver-
30 nichtung des Pauperismus etc. das Tageslicht erblicken kann,
bringt das Männchen es fertig, das ganze Philisterium der Welt
durch Maßregeln aufzuhetzen, die bloß die momentane Konsoli¬
dierung seiner Autorität sichern sollen. Kein nichtfranzösisches
Blatt wagt mehr für ihn aufzutreten, selbst der Sun und die Köl-
35 nische schweigen, und nur der Lumpaziuskorrespondent des Globe
deponiert noch täglich seine Gemeinheiten in dem ihm dazu be¬
willigten Winkel. Dazu hat Louis Napoleon schon alle Welt
argwöhnisch gemacht, ganz Europa hallt wider von Krieg und
Kriegsgeschrei, und selbst die friedfertige Daily News muß nolens
40 volens in den Ruf nach national defences einstimmen. Der Kerl
fängt nachgerade an, neben der einen, seit dem 2. Dezember zu¬
meist hervorgetretenen Seite seines Charakters, dem gambler, auch
die zweite zu entwickeln, die des verrückten Prätendenten, der sich
für einen prädestinierten Welterlöser hält und auf seinen Stern
45 schwört. Und als die Zeit erfüllet war, da sandte Gott den Neffen,
20*
Z. 1-11. 14-18 !
308
(142) 1852 Jan. 14
auf daß er erlöse alle Welt aus der Knechtschaft des Teufels und
aus der Hölle des Sozialismus. Glücklicherweise kommt das Par¬
lament bald zusammen, und das gibt immer etwas Abwechslung
im politischen Humbug.
Viele Grüße an Marx und die Kleinen
von Ihrem F. Engels.
Manchester, 14. Januar 1852.
143. Marx an Engels; 1852 Januar 20.
20. Januar 1852.
28, Deanstreet, Soho.
Lieber Engels,
Seit gestern bin ich erst wieder auf gestanden und seit heute
schreib ich erst wieder.
Pieper, mit dem Enthusiasmus, den er immer in den ersten
zehn Minuten hat, hatte mir, da ich nicht ausgehn und nicht is
meinem Plan gemäß zu Chapman gehn konnte, sich angeboten,
den Wechsel zu diskontieren. Den andern Abend bringt er mir das
Geld, erklärt dann aber, er werde Dir den Wechsel schicken, um
ihn in Manchester diskontieren zu lassen. Ich, nebst Gattin, er¬
klärte ihm, daß ich wisse, daß Du das nicht könnest. Er hatte aber 2c
schon seinen Brief fertig und, da er mir nicht undeutlich zeigte,
daß ich ihm aus nicht gestehbaren Motiven die Schwierigkeiten in
den Weg zu legen schien, ließ ich ihn in des Teufels Namen ge¬
währen, sicher, daß Du ihm den Wisch zurückschicken wirst. Jetzt,
wo er mir dies fait mitteilt, zeigt sich denn auch, daß er gar nicht *
so pressierte, sondern sich nur wichtig machen wollte. Mir war die
Sache fatal, da Du an eine Indiskretion meinerseits glauben
konntest.
In Frankreich les choses vont à merveille. Und ich hoffe, daß
lä belle France diese Schule nicht zu oberflächlich durchmachen 3(
wird, sondern eine längere Klasse bestehn muß. Krieg, einige
months früher oder später, scheint mir unvermeidlich. Nous avons
eu le Napoleon de la paix. Louis kann den Louis Philippe by no
means nachmachen. Et alors?
Du weißt, daß die Kölner nicht vor die Assisen gestellt sind, 3.
unter dem Vorwand, die Sache sei so schwierig, daß die Unter¬
suchung von neuem beginnen müsse.
Madier war eben hier und beweist mir de la manière la plus
crapaude, daß die Frenchmen zum Frühstück London nehmen und
in fünf Stunden alle Küsten von England überfallen können. Man
Z. 14-28.
(143) 1852 Jan. 20
309
hat zu viel pitié mit den armen Teufeln, um nicht zu schweigen,
quand ils déraisonnent.
Schreib bald.
Dein K. M.
5 Was macht le commerce?
144. Engels an Marx; 1852 Januar 22.
Lieber Marx,
Inliegend der siebente Artikel für die Tribune. Der achte etc.
wird morgen abend gemacht werden, heute werd’ ich etwas für
io Weydemeyer fertig machen. Ich behalte mir für Wfeydemeyer] zu¬
nächst England vor, da ich mich nicht entschließen kann, deutsche
Zeitungen zu lesen und etwas über Deutschland zu machen. Könn¬
test Du Lupus, der hoffentlich auch wieder flott auf den Beinen
ist, nicht bewegen, etwas „aus dem Reich“ zu liefern? — Weerth
K wird nächste Woche etwas für Wfeydemeyer] schaffen, diese
Woche kann er nicht. Übermorgen hoffe ich ihn hier zu sehen,
und vielleicht kommt er in acht à vierzehn Tagen nach London,
da es ihm wieder vor lauter Ungeduld wie heiße Kohlen unterm
Hintern brennt.
20 Da gestern der Pacific von New York eingesprungen ist, so
könnte es sein, daß ich morgen die versprochenen Nummern von
Wfeydemeyer] erhielte — doch rechne ich nicht darauf, da er
vielleicht den regelmäßigen englischen Mailsteamer abgewartet
hat. Er muß übrigens weniger schicken, 50 Nummern ist zu viel
25 und wird wahrscheinlich ein Heidengeld kosten; und wem sollten
wir die alle schicken! Ich will sehn, was die Kosten sind, und im
Notfall, wenn er nicht durch Paketversendungsagenturen die Sache
wohlfeiler einrichten kann, so reichen 10 Exemplare vollkommen
aus; denn auf Abonnenten in Europa kann er doch nicht
rechnen. Vielleicht ein paar in London, sonst doch nur etwa in
Hamburg. Dazu gehörte auch eine Agentur, und die würde sich
nicht bezahlen.
Hoffentlich schickst Du mir jetzt auch bald einen Artikel für
die Tribune zum Übersetzen.
5i Jones schrieb an mich und verlangt Beiträge. Ich werde mein
Bestes tun und hab’s ihm versprochen. Bei alledem geht mir ein
Stück freie Zeit zum Ochsen nach dem andern fort, und das ist
schlimm. Ich muß sehn, wie ich mich einrichte und das Comptoir
prelle. Jfones] schrieb von einer Gemeinheit von Hfamey] gegen
41 ihn, und £ 15, um die er geprellt sei, worüber Du mir Näheres
310
(144) 1852 Jan. 22
sagen könntest — was ist das? Er war natürlich very busy und
schrieb sehr in abgebrochnen Sätzen und Ausrufungszeichen.
Was den Pieperschen Wechseldodge angeht, so war mir na¬
türlich die ganze Spekulation sehr klar, und Monsieur le bei
homme wird gemerkt haben, daß er mir schärfer kommen muß, 5
wenn er mir acht Pfund aus der Tasche locken will. Da ich seine
Banknotenzustände vom 2. Januar sehr gut kannte, machte ich
mich über seine prätendierte Geldnot lustig, wrarnte ihn vor be¬
trügerischen und unsoliden Wechselagenten in London, erklärte,
der Wechsel müsse aber doch so rasch wie möglich fort und riet 10
ihm schließlich, ihn durch Weydemeyer einkassieren zu lassen —
wo er wieder durch Deine Hand gehn und bei Ankunft der Retour¬
fracht, die natürlich wieder an Dich oder mich käme, sich ganz
ungezwungen Veranlassung zu einem neuen Diskontogeschäft mit
diesem jungen Handelshause bieten würde. Ich bin ihm zwei 45
Pfund schuldig, die er auch haben wollte, und auch diese habe
ich ihm erst Anfang Februar zugesagt.
Daß der brave LouisNapoleon Krieg anfangen muß, ist sonnen¬
klar, und wenn er sich mit Rußland verständigen kann, so wird
er wohl mit England anbinden. Es hätte das seine guten und seine 20
schlimmen Seiten. Die Einbildung der Franzosen, sie könnten in
fünf Stunden London und England erobern, ist sehr ungefährlich.
Was sie jetzt allerdings können, sind plötzliche Piratenüberfälle
mit 20000, höchstens 30000 Mann, die aber nirgend viel aus¬
richten könnten. Brighton ist die einzige ernstlich bedrohte Stadt; 25
Southampton etc. sind mehr als durch alle Befestigungen durch
ihre Lage in tiefen Buchten, die nur zur Flutzeit und nur mit
lokalen Lotsen zu befahren sind, sichergestellt. Der höchste Effort,
den eine französische Landung zustande bringen könnte, wäre die
Zerstörung von Woolwich; aber selbst dann müßten sie sich ver- 30
dämmt hüten, nach London zu gehn. Für jede ernsthafte Invasion
müßte der ganze Kontinent zusammen den Engländern wenigstens
a years notice geben, und sechs Monate reichen hin, um England
in Verteidigungszustand gegen jeden Angriff zu setzen. Der gegen¬
wärtige Alarm ist absichtlich übertrieben, und die Whigs helfen
bestens dazu. Laß die Engländer ein Dutzend Linienschiffe und
Steamer zurückrufen, ein zweites Dutzend von jeder Sorte, die
halbfertig in den Häfen liegen, ausrüsten, 25000 Mann mehr
Truppen halten, freiwillige Jägerbataillons mit Miniéschen Büch¬
sen organisieren und dazu etwas Miliz und etwas Exerzitium für 40
die yeomanry, und sie sind vorderhand sicher. Der Alarm ist aber
sehr gut, die Regierung hatte die Geschichte wirklich famos ver¬
kommen lassen, und das wird aufhören; und dann, wenn es zu
etwas kommt, sind sie so gerüstet, daß sie jeden Landungsversuch
zurückweisen und sofort Revanche nehmen können. 49
(144) 1852 Jan. 22
311
Sonst sch ich nur zwei Chancen für Louis Napoleon, wie
er Krieg anfangen will: 1. gegen Ostreich, d.h. gegen die ganze
heilige Allianz, oder 2. gegen Preußen, wenn dies von Rußland
und Ostreich fallen gelassen wird. Indes dies letztere ist sehr
5 zweifelhaft, und ob er mit der heiligen Allianz anbindet, fragt
sich sehr. Piemont, die Schweiz und Belgien werden ihm, sei es
von England, sei es von der heiligen Allianz, nicht überlassen.
Die Sache wird so schön vertuckt, daß schließlich der pure Zufall
entscheiden muß.
10 Und à l’intérieur, welche famose Entwicklung! Die Mord¬
versuche werden schon ganz alltäglich und die Maßregeln immer
schöner. Flöge doch endlich der Herr de Momy, der noch etwas
den Tugendhelden spielt, und konfiszierte der Edle doch das Ver¬
mögen der Orleans!
15 Man kann einem gouvernement Blanqui nicht besser vorarbei¬
ten, wie dieser Esel tut.
Dein F. E.
22. Januar 1852.
145. Marx an Engels; 1852 Januar 24.
24. Januar 1852.
28, Deanstreet, Soho.
Lieber Frédéric,
Ich schreibe nur einige Zeilen, da eben ein Brief von Berm¬
bach aus Köln ankömmt, von dem ich wünschte, daß Du ihn noch
25 morgen erhieltest. Es ist unumgänglich, daß Du erstens über die
Kölnische Angelegenheit einen Brief to the editor of the Times
mir schickst, nebst ein paar Zeilen, die ich vorherschicke dem
corpus delicti. Zweitens daß Du in Deinem eignen Namen an die
Daily News dasselbe tust, obgleich natürlich das eigentliche cor-
20 pus delicti, i.e. die Insertion selbst, mit „a Prussian“ oder der¬
gleichen unterschrieben wird. Ich glaube, daß an die „Times“
der „Doktor“ und an die Daily News der Manchester „Merchant“
besser tun, i. e. mehr Chancen der Aufnahme finden wird. Nenne
die Leute bei ihren Titeln: Dr. Becker, Dr. (!) Bürgers, Dr. Da-
# niels, Dr. Klein, Dr. Jacobi, Otto (ein in Deutschland wissen¬
schaftlich renommierter Chemiker), Röser und Nothjung. Die¬
ser kölnische Anklagesenat ist das nec plus ultra von Feigheit.
Übrigens sind die Richter nach dem neuen Disziplinargesetz auch
nicht mehr „unabsetzbar“, wenigstens nur nominell.
Dein Artikel für Dana ist famos.
0 Im Orig. Röse
312
(145) 1852 Jan. 24
Ich habe poor Weydemeyer natürlich seit Deiner Anwesenheit
nur noch einen Artikel schicken können. Die Hämorrhoiden haben
mich diesmal mehr angegriffen als die französische Revolution.
Ich will sehn, was ich die nächste Woche fertig bringe. Auf die
Bibliothek zu gehn, erlauben die hintem Verhältnisse noch nicht. *
Die Konfiskation der orleanischen gestohlnen und erbettelten
Güter! Abtritt Foulds! Persigny! Bravo! Ça marche.
Merkwürdig ist es, wie army, navy, colonies, fortifications and
the whole administration verfault ist unter diesem sonderbaren
aristokratischen Cliquenregime, das die englischen Bourgeois seit io
1688 an der Spitze der Exekutivgewalt traditionell mitgeschleppt
haben. Nach dem englischen Überheben und liberalen Geheul
unter Kossuths Ägide, nach den kosmopolitisch-philanthropisch¬
kommerziellen Friedenshymnen während der Exhibition, kurz
nach dieser Periode der bürgerlichen Selbstüberhebung, ist es er- 15
quicklich, wenn die Canaillen jetzt finden, daß nicht etwas, son¬
dern alles im Staate Dänemark faul ist. Und dann sehn die Herm
auch gar zu bequem den kontinentalen Kämpfen zu.
Salut.
Dein K. M. 20
Die zwei einliegenden Briefe, wenigstens den von Cluß, schick
umgehend zurück.
146. Engels an Marx; 1852 Januar 28.
Lieber Marx,
Inliegend das Ding für die Times. Du schreibst dabei ganz ein- -
fach: Sir, I believe the publication of the scandalous facts con-
tained in the annexed letter will contribute to throw some lights
upon the state of things on the Continent. — The correctness of
these facts I guarantee, usw. Namen und Adresse.
Meins an die Daily News geht heut abend mit der zweiten Post 3t
ab; besorgst Du die Sache also gleich, so kommen beide Briefe fast
gleichzeitig in den respektiven Offices an und können in der Frei¬
tagsnummer stehn. Gib aber den Brief in Charing Cross
auf ; bei den Nebenoffices ist zu viel Verzug.
Die beiden Briefe von Cluß und B[erm]bach inliegend zurück. 3.
An Deinem Brief vom Samstag wieder das Siegel in miserablem
Zustand; es erfolgt inliegend. Wie verhält es sich damit?
Ich unterzeichne in den D[aily] N[ews] einfach: A German
Merchant.
Schreib bald. 41
Dein F. E.
Manchester, 28. Januar 1852.
(146) 1852 Jan. 28
313
[Auf der Rückseite folgender Brief in Engels’ Handschrift]
To the Editor of the „Times“.
Sir,
The destruction of the last remnants of an independent press
5 on the Continent has made it the honourable duty of the English
press to record every act of illegality and oppression in that quar-
ter of Europe. Allow me, therefore, trough your columns, to lay
before the public a fact, which shows that the judges in Prussia
are quite on a level with the political menials of Louis Napoleon.
io You know what a valuable moyen de gouvernement
a well got-up conspiracy may tum out, if brought forward at the
proper moment. The Prussian government, in order to render their
parliament pliable, wanted such a plot in the beginning of last
year. Accordingly, numbers of persons were arrested, and the
15 police was set to work all over Germany. But nothing was made
out, and after all, but a few individuals were ultimately retained
in prison at Cologne, under the pretext of being the chiefs of a
widespread revolutionary Organization. The principal of them
are Dr. Becker and Dr. Bürgers, two gentlemen connected with the
2o press, Dr. Daniels, Dr. Jacobi and Dr. Klein, medical practitioners
two of whom had honorably filled the arduous duties of a phy-
sician to the administration of the poor, and M. Otto, director
of extensive Chemical works, and well known in his country by his
attainments in chemical science. There being, however, no evidence
25 against them, their release was expected every day. But while
they were in prison, the „Disciplinary Law“ was promulgated,
enabling the government, by a very short and easy proceeding, to
rid themselves of any abnoxious judicial functionary. The effect
of this enactment upon the hitherto slow and languishing procee-
m dings against the above-named gentlemen was almost instan-
taneous. Not only were they placed au secret, denied every
communication with each other or their friends, even by letter,
and deprived of books and writing materials, (allowed, in Prus¬
sia, to the meanest filou before conviction) ; but the judicial
35 proceedings took a quite different tum. The Chambre du
Conseil (you know we are judged, in Cologne, by the Code Na¬
poleon) was at once found ready to make out a case against them,
and the matter went before the Senate of accusation, a body of
judges fulfilling the functions of an English Grand Jury. It is to
the unparallelled judgment of this body that I beg particularly to
draw your attention. In this judgment there occurs, literally trans-
lated, the following extraordinary passage:
„Considering, that no reliable evidence has been brought for¬
ward, that therefore, no case having been made out, there
314
(146) 1852 Jan. 28
exists no reason for maintaining the indictment“
— (the prisoners are ordered to be set at liberty, you suppose, is
the necessary conclusion? Not it indeed) — „the whole of the
minutes and documents is to be retumed to the juge d’in¬
struction for a fresh investigation66. ö
This means, then, that after a détention of ten months, during
which time neither the activity of the police nor the acumen of
the counsel for the Crown hâve been able to make out the shadow
of a case — the whole proceeding is to begin again from the be-
ginning, in order, perhaps, after another years investigation, to
be handed over a third time to the juge d’instruction!
The explanation of such a glaring tread of the law is this: the
govemment are just now preparing the organization of a High
Court of Justice to be made up of the most subservient materials.
As a defeat before a jury would be certain, the government must is
delay the final trial of this affair until it may go before this new
Court, which of course, will give every guarantee to the crown and
noue to the prisoners.
Would it not be far more honourable for the Prussian govern¬
ment to pass sentence at once, by Royal Decree, upon the prisoners, 20
in the way M. Louis Bonaparte has done?
I am, Sir, your most obedient servant.
A Prussian.1)
London, 29. January 1852.
147. Engels an Marx; 1852 Januar 29.
Lieber Marx,
Es ist ärgerlich, daß man sich auf das Geschehen von Nichts
verlassen kann, was man nicht selbst tut. Durch die Dummheit
unsres Ausläufers ist mein Brief an die Daily News gestern nicht
abgegangen; jetzt ist es zu spät. Ich kann ihn also nur zurück- 30
halten, bis ich sehe, ob die morgende oder Samstags-Times den
Deinigen hat. Wo nicht, geht er sofort ab. In der Zwischenzeit eine
Konsideration: wäre Freiligrath nicht der wahre Mann für
die Daily News? Ich könnte, wenn er dorthin schriebe, die Weekly
Press und den Sun versuchen. Wir zwei sind schon einmal bei der 3
Dlaily] N[ews] abgefahren.
Inliegend ein weiterer Artikel für Dana. Vielleicht läßt er sich,
nach dem Ende der polnischen Geschichten, halbieren — besser
indes wär’s, er bliebe zusammen. Teilst Du ihn, so kannst Du
x) Die Unterschrift „A Prussian“ von Marx.
(147) 1852 Jan. 29
315
beide Hälften doch mit demselben Steamer schicken, da vor mor¬
gen über acht Tage kein weiterer Steamer ist. Ich will sehn, daß
ich jetzt ziemlich rasch vorgehe, say zwei Artikel pro Woche, um
das subject zu Ende zu bringen. Es wird doch 15—16 Artikel
5 werden, im ganzen.
Von Weydemeyer keine Nummern erhalten. Auch keinen Brief.
Das wundert mich. Ich werd’ ihm heut abend wieder einen Ar¬
tikel zurechtmachen.
Die Franzosen sind wahre Esel. Madier wendet sich an mich
to wegen einer industriellen Geschichte, und da mein Schwager
grade hier war, der den dodge kennt, gab ich ihm sehr nützliche
Andeutungen und Ratschläge. Jetzt schreibt das Vieh, daß infolge
von albernem Geschwätz eines Crapaud, der nichts von der Sache
kennt, er vorhat, es anders und most unbusinesslike anzufangen,
5 und ich soll nicht ihm, sondern seinem Associé, einem Menschen,
den ich nie gesehen habe, Empfehlungsbriefe von meinem Schwa¬
ger (der glücklicherweise auf dem Kontinent ist) verschaffen!
Du erinnerst Dich, Mtadier] stellte uns einen Kattundrucker vor,
der nach Manchester ging. Der Kerl besucht mich, ich gebe mir
w die größte Mühe, ihm behilflich zu sein, tue was ich kann, be¬
handle ihn höchst honorig, und zum Lohn verschwindet das Vieh
auf einmal, ohne daß ich erfahren kann, was aus ihm geworden
ist. Schöne Rasse!
Dein F. E.
« Manchester, 29. Januar 1852.
148. Engels an Marx; 1852 Februar 2.
Lieber Marx,
Erinnerst Du Dich eines Flüchtlings Richter aus Torgau
(preußisch Sachsen), Sattler und Tapezierer — der früher in
zo London war? Dieser Mensch, den ich mich erinnere in London ge¬
sehen zu haben — groß, blond, Flüchtlingsmanieren —, kommt
plötzlich hier zu mir, angeblich von Barmen zurückkehrend, wo
er eine Zeitlang ohne Papiere gearbeitet haben will, und bringt
Grüße von Hühnerbein usw. Ich kann mich absolut nicht auf ihn
w besinnen, außer daß ich ihn gesehn habe. Unsre Flüchtlingsregister
und Pfänders oder Rings gutes Gedächtnis werden jedenfalls
etwas Näheres über ihn besagen. Ich hab eine gewisse Ahnung,
daß der Kerl einer von der Willichschen Clique ist — in dem Fall
schmeiß ich ihn sofort heraus. Der Mensch hat hier bereits Arbeit
«a gefunden.
z. 9-23. 39-40
316
(148) 1852 Febr. 2
Wegen der Geschichte der Kölner kann ich bis jetzt in der
Times nichts entdecken. Ich warte nur Antwort von Dir ab, um
sofort, s’il y a lieu, an die Daily News zu schreiben. Der amerika¬
nische Steamer ist herein, aber zu meiner großen Verwunderung
kein Brief von Weydemeyer, auch keine Nummern, wenigstens bis 5
jetzt. Möglich indes, daß dies auch morgen noch kommt.
Dein
F. E
2. Februar 1852.
Sage Pieper, ich würde ihm seine £ 2 dieser Tage schicken,
da der neue Monat angebrochen ist.
149. Marx an Engels; 1852 Februar 4.
4. Februar 1851.°
28, Deanstreet, Soho.
Lieber Engels,
Weerth ist heute morgen nach Holland abgereist. Wohin er sich it
von da begeben wird? Ich weiß es nicht, und Weerth vielleicht
auch nicht. Er war, wie immer, höchst zerfallen mit seinem Schick¬
sal, und was das unsre angeht, so schien ihm nur das eine unbe¬
quem daran, daß wir in London sitzen mußten statt in Cadix, in
Saragossa oder an einem andern verwünschten spanischen Platze. *
Denn seit Weerth wieder in Yorkshire gelebt hat, erklärt er, daß
er in Spanien seine schönste Zeit erlebt hat. Er behauptet, daß er
das englische Klima nicht vertragen kann und wird das hollän¬
dische daher wohl sehr comfortable finden. Wünschen wir ihm
le bon voyage und attendons, ob er sein Wort halten und an Weyde- *
meyer denken wird.
Ich hatte der „Times“ vorigen Donnerstag, il y a donc presque
une semaine, den „letter to the Editor“ zugeschickt. Es scheint,
daß dieses Blatt jetzt, wo es aus der Polemik gegen Bonaparte ein
Metier macht, Preußen zu schonen für nötig hält. Du mußt Dich 3t
also an die Daily News wenden. Mißlingt auch das, was ich nicht
glaube, so bleibt der Spectator. Il est presque sûr.
Gestern schickt mir G. J. Harney die erste Nummer seines
wiedererstandnen und etwas vergrößerten „Friend of the people“
zu. Wenn er sich darum acht Monate aus der Welt zurückgezogen 3
und in dem tiefsinnigen Schottland vergraben hatte — doch un
seul passage suffira pour te faire goûter cette fruit délicieuse:
O Irrtümlich für 1852
(149) 1852 Febr. 4
317
„Justice — Immuable, Universal —Eternal
proclaims the sublime principle which will be, at once, our guiding
star, the rule of our conduct, and the test etc.“ En voilà assez!
Den Bonaparte aber hat er hinlänglich gestraft, indem er ihn
j „Louis the Base“ nennt.
Ich weiß nicht, ob der Exdear mir das Blättchen zugeschickt
hat, um uns Mitleid abzunötigen, oder ob er aus Malice gegen
uns noch platter demokratisch geworden ist, als wir es für mög¬
lich gehalten hätten. Übrigens neben der Plattheit und der Justice
jo immuable finden sich die schamlosen Kunststücke des trading
démagogue. Gegen Jones — durch den spirit of freedom, den
spouter Massey, Sekretär der Schneiderassoziation von Castle¬
street, Speichellecker der Pfaffen, die diesen shop halten, Herold
à tort et à travers des petits grands hommes, die der Kontinent
J5 ausgespien hat, Verleumder von Jones, Ehemann einer saltim¬
banque, die ihm weisgemacht hat, daß sie clairvoyante ist, durch
diesen Massey läßt er eine Apologie der Assoziationen im allge¬
meinen und der Amalgamated Society im besondern bringen, die
sich durch viele Nummern abzuspinnen droht. Und Rhadamantus
2o Harney hat Jones selbst gesagt, daß er au fond seiner Ansicht
über die Assoziationen ist. Gleichzeitig zeigt er an: „Kossuths Ré¬
ception and Progress in America“, obgleich er in einem Briefe an
Jones KLossuthl als Humbug bezeichnet hat. So sind die Herrn
von dem „sublime principle“. Je ne sais que c’est que des prin-
« cipes, sinon des règles qu’on prescrit aux autres pour soi. Harney
hat sich eine Zeitlang zurückgezogen, den Jones mit seinem tem¬
pérament fougueux in die Suppe der Popularität spucken lassen,
um sie selbst zu essen. Aber, wenn er vielleicht dem J[ones]
schadet, er selbst wird zu nichts kommen. Der Kerl ist vollständig
gebrochen als Schriftsteller, und wie mir Lupus sagt, der ihn in
Jonesstreet speechmachen hörte, auch als Redner, vor allem aber
als homme. Der Teufel soll diese Volksbewegungen holen und
gar, wenn sie pacifiques sind. In dieser Chartistenagitation ist
O’Connor verrückt geworden (hast Du seine jüngste Szene vor
3; Gericht gelesen?), Harney abgeschmackt und Jones bankrott.
Voilà le dernier but de la vie dans tous les mouvements populaires.
Gestern war „Colonel Bangya“ bei mir. Er erzählte u. a.:
„Kossuth hielt folgende Ansprache an die in London bei ihm ver¬
sammelten ungarischen Flüchtlinge: Ich werde für Euch alle sor-
gen, aber ich verlange, daß Ihr mir alle treu, ergeben und anhäng¬
lich seid. Ich bin nicht Narr genug, um Leute zu füttern, die mit
meinen Gegnern intrigieren. Ich verlange, daß jeder sich unbe¬
dingt erkläre.“ So sprach dieser humble Kossuth hinter den Gar¬
dinen. Weiter erfuhr ich von Bfangya], daß Szemere, Kasimir
jöBatthyänyi und Perczel (le général) nach London kommen und
Z. 13 (Speichellecker)-17 (Maeeey) 32-33. 37-45 -
318
(149) 1852 Febr. 4
ein Antikomitee gegen Kossuth errichten werden. Endlich: Der
Leiter des ganzen dodge ist signore Mazzini. Er benutzt Klossuth]
als Maulstück und dünkt sich selbst in seinem Kabinett ein Stück
Macchiavelli. Er hält die Fäden in der Hand. Nur weiß der Herr
nicht, daß die Puppen, die er springen läßt, nur in seiner eignen s
Einbildung und in sonst keiner, Helden vorstellen. So hat er an
Kossuth geschrieben, sich in intime Verhältnisse mit Kinkel ein¬
zulassen. Er persönlich habe dies nicht gekonnt, da er die andre
Portion wichtiger deutscher Männer sur le bras habe, und Kossuth
soll nun wirklich mit Kinkel in freundschaftlichem Verkehr stehn, io
und Kinkel in jedem seiner Briefe von seinem würdigen, seinem
eminenten, seinem „ebenbürtigen“ Freunde Kossuth schreiben.
Kossuth seinerseits aber bildet sich ein, einerseits auf den Dik¬
tator Deutschlands, Kinkel, andrerseits auf den Diktator Italiens,
Mazzini, sich zu stützen und im Rücken den alliierten Diktator is
Frankreichs, Ledru-[Rollin], sicher zu haben. Der arme Teufel
ist tief gesunken.
Ein Franzose namens Massol hat mich besucht. Kurze Zeit
Mitarbeiter an der Réforme unter Lamennais. Früher unter den
civilisateurs, die sich Mehemed Ali aus Gallien verschrieben hatte. 20
Er ist einer von den wenigen hommes d’esprit, die man unter den
Franzosen noch findet. Nach ihm ist Sassonoffs Aufenthalt in
Paris (den dieser jetzt übrigens verlassen muß) durchaus erklärt
durch einen sehr soliden falschen Paß und durch Verbindungen
mit einigen femmes galantes, die in den höchsten Kreisen influence 25
haben. Massol wird Dir gefallen.
Außerdem habe ich les citoyens Vallières (alten Barbésist und
Barrikadenoffizier), Bianchi und Sabatier gesehn. Letztrer sehr
fein, aber en général nicht über dem Durchschnittsniveau.
Dronke ist, wie ich höre, in Savoyen. 30
Bangya hat mir Mitarbeiten von Szemere und Perczel für
Weydemeyer angeboten. Über welche Punkte in der ungarischen
Geschichte (Kriegs- oder sonst) soll man hauptsächlich Aufklä¬
rung von diesen Herrn verlangen? Es versteht sich, daß sie nicht
unter ihrem Namen schreiben dürfen, denn wir wollen mit ji
keiner Koterie uns identifizieren. Aber Perczel ist du moins
bon républicain und weiß allerlei.
Sei so gut — vergiß es aber nicht —, mir die Tribunes zu
schicken. Johnson, der Freund Freiligraths, wünscht die Artikel
über Germany zu lesen. Lupus will gegen Kossuth schreiben für 10
Wleydemeyerl.
Was die Handelsgeschichte angeht, so werde ich nicht mehr
klug daraus. Bald scheint die Krise vor der Tür zu stehn, die City
niedergeschlagen, bald alles wieder obenauf. Ich weiß, daß das
alles der Katastrophe keinen Eintrag tut. Aber um die aktuelle n
z. - 1-17. 31-37. 40-41.
(149) 1852 Febr. 4
319
Bewegung zu verfolgen, dazu ist London in diesem Augenblick
nicht der Ort.
Salut.
Dein K. M.
Mit dem Siegel, das ist sehr verdächtig. Schick mir das
jetzige, das ich genau in Augenschein genommen, zurück.
150. Marx an Engels; 1852 Februar 6.
Freitag, 6. Februar 1852.
28, Deanstreet, Soho.
io Lieber Engels,
Soeben erhalte ich Deinen Aufsatz.
Ich schreibe Dir nur drei Zeilen, da die Zeit drängt wegen des
Abgangs der Post nach Amerika und ich erst später ausgehn kann,
um mich über den „Richter“ zu erkundigen.
15 Es ist mir allerdings lieb, wenn Du die 2 £ mir einstweilen
durch Postordre zuschickst. Ich erhalte die nächste Woche some
money und werde dann dem P[ieper] die 2 £ in Deinem Namen
zustellen. Mir ist es aber wichtig, sie anfangs der Woche zu
haben, was ihm gleichgültig sein kann, da er einstweilen noch
2o wohlversorgt ist.
Dein K. M.
151. Engels an Marx; 1852 Februar 17.
Lieber Marx,
Du wirst wütend über mich sein, daß ich so kurz angebunden
25 bin, aber der Teufel soll mich holen, wenn ich vor lauter Arbeit
und Commerce weiß, wo mir der Kopf steht. Voici les faits:
1. Charles ist nach Deutschland und hat mir nicht nur seinen
ganzen Stock Arbeit, sondern noch ein hübsches Restchen der mit
dem Jahresschluß verknüpften Restantarbeiten hinterlassen; 2. die
30 Bilanz vom vorigen Jahr bringt meinem Alten positivenVer-
1 u s t, was ihm zwar sehr gesund ist, was aber mir dafür eine heil¬
lose Masse Geschichten, Kalkulationen, Arbeiten etc. an den Hals
bringt; 3. einer der Ermens hat den Kontrakt gekündigt, und die
Intrigen und Korrespondenzen, die sich daran knüpfen, kannst
35 Du Dir denken. Genug: Heut abend sitz ich bis acht Uhr auf dem
Comptoir, und statt Dir ausführlicher schreiben zu können, muß
ich noch einen Brief nachher an meinen Alten schreiben und ihn
320 (151) 1852 Febr. 17
vor zwölf Uhr nachts aufs Postoffice tragen; morgen abend muß ich
für Jones etwas machen, und übermorgen will ich sehn, daß ich
für die Tribune einen Artikel fertig bringe. An freie Zeit vor
sieben bis acht Uhr abends ist jetzt vorderhand nicht zu denken,
und das schlimmste ist, daß ich jetzt für einige Zeit dem Scheiß- 3
handel meine ganze Aufmerksamkeit widmen muß, sonst geht hier
alles schief und mein Alter stoppt mir die supplies.
Die £ 2 wirst Du erhalten haben. Laß bald von Dir hören,
selbst wenn ich nicht die Muße finden sollte, Deinen letzten Brief
ausführlich zu beantworten. io
Nach der heutigen Daily News wird Louis Napoleon ja Kaspar
Hauser exhumieren und sich vermittelst seiner Tante Stephanie
als Thronerben von Baden melden. Voilà de grandes nouvelles
pour le citoyen Seiler dont l’étoile va se lever incessamment.
Könnt ihr den großen Historiker des Ktaspar] Htauser] nicht da- js
hin bringen, daß er an Louis Napoleon schreibt und ihm seine
wichtigen Quellen in dieser Geschichte anbietet? Il y a là de quoi
faire un grand coup.
Dein F. E.
17. Februar 1852. 20
Wie kommt’s nur, daß Weydemeyer nichts von sich hören läßt?
Bringt morgen früh der Arctickeinen Brief, so geb ich’s auf,
es muß was los sein. Seit 5. Januar hat er, soviel ich weiß, nicht
geschrieben, wenigstens hab ich nichts gehört.
152. Marx an Engels; [1852] Februar 18.
18. February.
28, Deanstreet, Soho.
Ich werde Dir Sonnabend ausführlich schreiben. Heute
nur wenige Zeilen.
Ich habe das Geld, das mir von Haus versprochen ist, noch 30
nicht erhalten, also deine 2 £ dem Pieper noch nicht zustellen
können, ihm aber gesagt, ich hätte einige Zeilen von Dir erhalten,
worin Du mir anzeigtest, daß ich Geld für ihn von Dir zugeschickt
bekommen würde. Hoffentlich kann ich diese Woche noch zahlen.
Wenn Deine Zeit so sehr in Anspruch genommen ist, tust Du 33
sicher besser, für Dana als für Jones zu schreiben. Aus dem ein¬
liegenden Briefe von Weydemeyer siehst Du noch mehr, wie
nötig es ist, diese Artikel nicht zu unterbrechen. Jetzt gilt es, die
Angriffe auf die Frankfurter Linke zu verdoppeln in der Tribune,
1) Dampfer
(152) 1852 Febr. 18
321
speziell wenn Du auf den „Märzverein66 kommst. Ich schicke Dir
heute zur Aushilfe Bauers^ Buch, worin sich wenigstens einige
Fakta finden.
Ich ersuche Dich wiederholt, mir die Nummern
ider Tribune umgehend zu schicken, da Johnson der
einzige Engländer ist, an den ich mich in extremis — und ich
schwebe immer am Rande — wenden kann. Vergiß dies diesmal«
nicht.
Wie kömmt es, daß Wteydemeyer] keinen Deiner Artikel
io empfangen hat? Du mußt eine Untersuchung darüber anstellen.
Dein K. M.
153. EngelsanMarx; 1852 Februar 19.
Lieber Marx,
Trotz der größten Mühe bin ich — da ich Deinen Brief erst
15 heut morgen erhielt — bis jetzt elf Uhr abends — nicht mit dem
Artikel für Dana fertig geworden. Den Bauer hab ich erhalten —
kommt sehr zu gut. Du wirst dafür, mag die Geschichte gehn wie
sie will, für nächsten Dienstagssteamer zwei Artikel für D[anal
erhalten. Tu mir nur den Gefallen und schließ, da Deine Briefe
20 an W[eydemeyer] kommen und meine nicht, sofort den inliegen¬
den Zettel an Wteydemeyer] ein und spedier ihn. Es ist das eine
kuriose Geschichte. Auch zwei Briefe oder drei an meinen Alten
scheinen nicht angekommen zu sein. Cela n’est pas clair.
Sage Jones, daß ich ihm für nächste Woche etwas besorgen
2s werde, oder schreib ihm ein Billett des Inhalts. Der Teufel weiß,
woher mir jetzt auf einmal alle Abhaltungen auf den Hals kom¬
men, daß ich nichts anfangen kann. Aber Samstag und Sonntag
werde ich mich einschließen, und dann hoff’ ich etwas fertigzu¬
bringen.
so Warum schickt der verfluchte Weydemeyer nicht den Simon-
schen2) Artikel mit, damit wir selbst zusehn können? Wir würden
mit einem bissigen Gegenartikel dem Dana schon beweisen, daß
nichts dabei herauskommt, wenn er Sachen gegen uns nimmt.
Dein F. E.
35 Manchester, 19. Februar 1852.
Schreib mir doch einmal genau die Adresse, unter der D u an
Weydemeyer geschrieben hast.
*) Bruno Bauer, Der Untergang des Frankfurter Parlaments. Berlin 1849.
*) Ludwig Simon
21
322
(154) 1852 Febr. 23
154. MarxanEngels; [1852] Februar 23.
23. Februar.
Dear Frédéric,
Ich muß Dich noch einmal um die Tribune treten, da ich
täglich von Johnson getreten werde. Was Du an Papieren etwa «
von Weydemeyer erhalten, bitte ich mir auch zuzusenden. Deine
Adresse an W[eydemeyer] war vollständig richtig.
Apropos! Der Straubinger Richter ist nach Pfänders Aussage
eine Kreatur von Willich.
E. Jones hat Deine Korrespondenz, natürlich ohne Dich zu io
nennen, furchtbar reklamenhaft angekündigt. Durch die Konkur¬
renz Harneys, der, der Teufel weiß woher, Geld aufgetrieben hat
und große Annoncenwagen durch die City spazieren läßt
mit der Aufschrift: „Read the Friend of the People66, dessen Blatt
in allen Sozialistenshops ausgehangen und angeboten wird — ist is
er zu dieser Marktschreierei gezwungen.
Ich werde die Nummer der Tribune, worin Herr Simon renom¬
miert, auftreiben und Dir verschaffen. Dieser stümperhafte Schul¬
bube! Er unterhaut immer noch „Simon von Trier66. Der Kerl
kann sich nicht entschließen, auf den parlamentarischen Adelsstand 20
zu verzichten. Seiler hat die Staatszeitung gelesen, worin die
Scheiße übersetzt ist. Du weißt, daß man aus seinem Bericht nie
klug werden kann. Was ich daraus schließe, ist folgendes: Ludwig
Simon von Trier, im Namen der Schweizer Emigration, behandelt
die große Frage zwischen „Agitation66 (Namen, worunter Ruge et 25
Co. ihr dumpfes Stilleben verstecken) und „Emigration66 mit un¬
geheurer Wichtigkeit, als die question brülante Europas und von
der „Höhe der Alpen66 herab. Bei dieser Gelegenheit — wo auch
Willich als ein Mann von der äußersten Wichtigkeit zitiert wird
und allerlei breite Reflexionen über die Acquisition dieses Heroen so
angestellt werden — kömmt er auf die dritte gefährliche Partei in
London, „die Partei der Oktroy ierung“, deren Chefs
Engels und Marx sind. Wir wollen nämlich „die Freiheit66 gewalt¬
sam den Völkern oktroyieren. Wir sind schlimmere Tyrannen als
der Kaiser von Rußland. Wir waren die ersten, die mit „Hohn 33
und Verachtung66 das „allgemeine Wahlrecht66 etc. behandelt
haben. Wir haben schon bisher alles verdorben durch unsre „Ok-
troyierungsgelüste“. Le pauvre garçon! Haben wir den preußi¬
schen Kaiser, die Märzvereine und den Reichsregenten Vogt den
Deutschen oktroyiert? Ihm werden wir einen coup de pied oktro- 40
vieren. Bonaparte hat umsonst für diese Esel gelebt. Sie glauben
immer noch an das „allgemeine Wahlrecht66 und sind bloß mit
dem armseligen Kalkül beschäftigt, wie sie ihre lausigen Perso-
Z. 18—41 (oktroyieren).
(154) 1852 Febr. 23
323
nalitäten abermals dem deutschen Volke oktroyieren sollen. Man
traut seinen Ohren nicht, wenn man die Kerls unverdrossen die
alte Leier wieder abheulen hört. Es sind wahre Rinder, eisernes
Rindvieh. Wie der kleine eitle Bube in die Tribune geraten, ist
ô mir sehr erklärlich. Le citoyen Fröbel aura été l’homme inter¬
médiaire. Er hängt seit lange mit Dana zusammen.
Einliegend ein Brief von Reinhardt, worin hübsche Cancans.
Russell ist auf possierliche Weise gestürzt. Ich wünsche nichts
mehr, als daß Derby ans Ruder kömmt. Du hast während dieser
jo kurzen Session gesehn, wie elend die Manchestermänner sind,
wenn die force des choses sie nicht treibt. Ich verdenke es den
Burschen nicht. Jede weitere demokratische Eroberung, wie z. B.
die Ballot, ist eine Konzession, die sie den Arbeitern natürlich nur
en cas d’urgence machen.
J5 Gesteni sprach ich einen französischen merchant, der eben von
Paris ankam. Das Geschäft miserabel. Und weißt Du, was der
Esel sagt? Bonaparte fait pire que la république. Les affaires al¬
laient mieux. Es ist ein wahres Glück, daß die französischen Bour¬
geois stets ihr Gouvernement für die Handelskrisen verantwortlich
2omachen. Bfonaparte] ist wahrscheinlich auch an der Arbeitslosig¬
keit in New York und an den Bankrotten in London schuld.
Noch ein sehr interessantes (tu sens ici l’influence de l’illustre
Seiler) Datum über Bonaparte. Bangya, wie ich Dir schrieb, hängt
mit Szemere und Batthyänyi zusammen. Er ist ein Agent von Bat-
2^ thyänyi. Er vertraute mir an, daß Batthyänyi und Czartoryski^
mit Bonaparte mogeln und ihn fast täglich sehn. Er will sich hin¬
ter dem Rücken Rußlands und Ostreichs Alliierte in der aristo¬
kratischen Emigration und Einfließen Polens und Ungarns
sichern, hat ihnen zudem definitiv erklärt, daß er trotz Nikolaus
3» und alledem in Belgien und vielleicht auch in Baden einfallen
wird, und zwar nächstens.
Ewerbeck hat mir 12 Exemplare seines dickleibigen Werkes:
„L’Allemagne et les Allemands“ geschickt. Eins für Dich. So
etwas ist noch nie gesehn und gehört worden. Der historische Teil,
* der ab ovo anfängt, ist eine Kopie veralteter Schulkompendien.
Seine Leistungen in der neuem Zeit magst Du aus folgenden Daten
beurteilen: F. List hat die Lehre vom Freihandel und Ruge die
soziale Wissenschaft in Deutschland eingeführt. Hegel hat sich
unsterblich gemacht, indem er die Deutschen über die Kategorien
41 der Qualität, Quantität etc. (wörtlich) aufklärte und Feuerbach
hat nachgewiesen, daß die Menschen in ihrem Wissen nicht über
den Horizont des menschlichen Verstandes hinaus können. Pedre
Dusard (der Bruder der Struwina) ist einer der größten deutschen
!) Im Orig. Czatoriski
21*
Z. 1—4. 22-31. 36-43 -
324
(154) 1852 Febr. 23
Freiheitsmänner und Freiligrath hat sich als collaborateur an der
Neuen Rheinischen Zeitung bekannt gemacht. Dazu ein Stil à
pouffer de rire. Z. B.: wie aus den Drachenzähnen Jasons Krieger
erwuchsen, so — liegen sich die deutschen Stämme beständig in
den Haaren. Romulus Augustulus était un jeune homme doux et
agréable, und die Deutschen sind seit drei Jahrhunderten gewohnt,
sich von ihren Nachbarn des bêtes genannt zu hören.
Hast Du die albern-infame Rede Mazzinis gelesen?
Dein K. M.
155. Marx an Engels; 1852 Februar 27.
27. Februar 1852.
28, Deanstreet, Soho.
Lieber Engels,
Ich sehe, daß ich das vorige Mal den Brief von Reinhardt ver¬
gessen habe. Der Artikel an Dana geschickt, von dem ich noch 15
keine Antwort habe auf meine Forderung, mir in London ein Haus
anzuweisen. Meine Alte hat trotz ihres Versprechens noch nichts
von sich hören lassen. Auf Briefe an Bekannte in Deutschland habe
ich bisher ebensowenig eine Antwort erhalten. Seit einer Woche
habe ich den angenehmen Punkt erreicht, wo ich aus Mangel an 20
den im Pfandhaus untergebrachten Röcken nicht mehr ausgehe
und aus Mangel an Kredit kein Fleisch mehr essen kann. Das alles
ist eine Scheiße, aber ich fürchte, daß der Dreck einmal mit Skan¬
dal endet. Die einzig gute Nachricht haben wir von meiner
ministeriellen Schwägerinerhalten, die Nachricht von der 25
Krankheit des unverwüstlichen Onkels meiner Frau. Stirbt der
Hund jetzt, so bin ich aus der Patsche heraus.
Ich schreibe heute nicht ausführlich, da ich mit dem Diktieren
eines Artikels für Wfeydemeyer] und der Expedition und Kor¬
rektur der übrigen Beiträge für ihn beschäftigt bin. 30
In der Augsburger Zeitung habe ich gesehn (durch Seilers
Handlangerdienst), daß Herr Stimer eine „Geschichte der Konter¬
revolution“2) herausgegeben hat. Er wird beweisen, daß die Revo¬
lution unterging, weil sie „die Heilige“ war, und die Konterrevolu¬
tion siegte, weil sie „egoistisch“ sich verhielt. x
Den 25. Februar feierten die Franzosen ein Februarbankett oder
vielmehr ein trocknes Meeting mit Zubehör von Tee und Sand-
M Louise Mathilde Chassot v. Florencourt, Frau des Ministers Ferdinand v.
Westphalen, Halbbruder von Frau Marx.
s) Richtig: Geschichte der Reaktion
Z. - 1—2. 22-27.
Tafel IV
Das Haus in London, in dem Marx von 1850 bis 1856 gewohnt hat
( 28, Dean Street. Soho )
(155) 1852 Febr. 27
325
wiches. Ich und Frau waren eingeladen. Das übrige Publikum
hatte Zutritt für einen franc. Da ich weder hingehn konnte noch
wollte, schickte ich meine Frau mit einem frenchman hin. Ledru-
[Rollin], Pyat, Thore, Martin Bernard etc., kurz, die ganze rolli-
5 nistische Clique, von der die Sache ausgegangen war, erschien
nicht, weil das Entree zum Besten der Flüchtlinge ihr zu gemein
war. L. Blanc hatte auch abgeschrieben. Es war nur die unterste
Hefe der Emigration da, die sich zum großen Teile blanquistisch
nennt. Nachdem aber der kleine, falsche Korse1*, der sich in
io irgend einem Parlour in der Nähe aufhielt, nachdem ihm seine
Spione die Abwesenheit Ledru [-Rollin] s et Co. versichert, er¬
schien, und bei dem gänzlichen Mangel an Talent und Autorität,
wurde der kokette stahlblaue Frack mit rapturous applause auf-
genommen. Seine Rede, nach deren Abhaltung er sich sofort ent-
fernte, brachte seine Feinde zum Entzücken. Riß sie hin. Besiegte
sie. Und was sagte that little man, dieser Johnny Russell des So¬
zialismus? Man wundre sich hier im Auslande über die sonder¬
baren Ereignisse in Frankreich, er glaube fester als je an den Stern
de la patrie. Und warum? Je veux, sagte er, vous expliquer le
20 mouvement historique etc. Nämlich im Leben aller großen Mili¬
tärs z. B. von Frédéric le Grand, von Napoléon le Grand, finden
sich des grandes victoires et des grands revers. Eh bien! la France
est une nation militaire. Sie hat ihre élans und ihre cata¬
strophes. Quod erat demonstrandum. Was es wollte, hat es noch
23 immer fertig gebracht, 1789 die Feudalität, 1830 die Könige ver¬
jagt. Wen wollte es 1848 stürzen? Du meinst vielleicht die Bour¬
geoisie. Beileibe nicht. La misère, la hideuse misère. Folgt nun ein
sozialistischer Tränenstrom über die misère. La misère, ce n’est
pas quelque chose de fixe, quelque chose de saisissable, aber den-
30 noch wird die französische Nation in der neuen Revolution die
misère besiegen und dann la mère ne détruira plus de ses propres
mains le fruit de ses entrailles, la petite fille de sept ans ne se
..groupera44 plus sous la machine, und was dergleichen Eseleien
mehr sind. Dabei verschwendete er in seiner Rede drei ganze Witze.
™ Er nannte Bonaparte 1. un aventurier, 2. un bâtard und 3. le singe
de son oncle. Die letztre Neuigkeit versetzte die Anwesenden in
wahre St. Veitstänze. Qu’en dis-tu? Es ist, um an den crapauds
zu verzweifeln. Ihre Geschichte im großen ist epigrammatisch,
ein wahres dramatisches Kunstwerk, aber die Kerls! Mon dieu!
4o Herm Blancs Einfall erinnert mich an einen Witz, den mir Massol
mitteilte. Bonaparte ist nach zwölf abends regelmäßig besoffen,
in der Gesellschaft der mâles und der femelettes, die er in seinen
Orgien um sich versammelt. Er flucht und schwört dann. Eine
') Louis Blanc
326
(155) 1852 Febr. 27
der Damen seiner Bekanntschaft entschuldigt ihn mit den Worten :
Mais c’est un militaire!!
Addio!
Dein K. Marx.
156. Engels an Marx; 1852 März 2.
Lieber Marx,
Die £ 5, die ich gestern zur Hälfte an Dich direkt, zur Hälfte
unter Kuvert an Lupus schickte, wirst Du erhalten haben. Zu
der Nachricht von der Krankheit des alten Braunschweiger Erb¬
schaftsverhinderers gratuliere ich und hoffe, daß die Katastrophe 10
endlich eintreten wird.
Stirners Geschichte der Reaktion ist, nach der Atugsburger]
A[llgemeinen] Z[eitung], eine miserable Kompilation oder viel¬
mehr Zusammenstellung von Lesefrüchten und gedruckten und
ungedruckten Stirnerschen Zeitungsartikeln — „verschmähte Blät- 1J
ter und Blüten“ über alles in der Welt und noch einiges andere —,
zwei Bände, die mit der Drohung schließen, daß der dritte „die
Grundlage und das Lehrgebäude“ enthalten werde. Weit entfernt,
sich zum Heiligen zu versteigen, sind seine eignen Glossen viel¬
mehr für höhere Töchterschulen bestimmt. &
Der kleine Simon von Trier muß sich doch bei Dana schreck¬
lich blamieren, wenn er uns so lächerlichen Blödsinn unterschiebt
und Dana dabei unsre Artikel liest, die doch anything but that
enthalten. Es ist abgeschmackt, daß Dana uns weder die Tribune
noch Dir das Geld schickt, ich glaube, es wäre am besten, ihm
Weydemeyer auf den Hals zu schicken, der uns wenigstens die
Tribune schicken könnte und gleichzeitig mündlich die Geld¬
geschichte regeln. Ob er Dir ein Haus in London angibt oder einen
Wechsel schickt, ist gleich. Mein Artikel für den Southampton
Steamer hat diesen verfehlt, da ich mich um einen Tag wegen
dessen Abfahrt verrechnet hatte; Du erhältst ihn nun Freitag mit
noch einem zweiten, der die Sache bis Ende 1848 bringen wird.
Dann kommen die preußischen Kammern, die Reichsverfassungs¬
kampagne und schließlich die preußisch-östreichischen Wirren
von 1850/51, endlich Konklusion — zusammen wird das Ganze
vielleicht noch sechs bis acht Artikel machen, Summa Summarum
17—20 Artikel. — In vierzehn Tagen wird Charles wieder hier
sein, und dann hab ich mehr Zeit. Jones muß sich bis dahin ge¬
dulden. —
Herr Derby also erklärt gradeheraus, daß er à la Sir J. Graham
etwaige zukünftige Bandieras wieder den Östreichem und Kon-
Z. 9-11. 24-29.
(156) 1852 März 2
327
Sorten in die Hände spielen wird. Also wieder Brieferbrechungen
en masse. Wer hauptsächlich hierunter leiden wird, ist Mazzini
und die Ungarn. Uns wird das wenig genieren.
Die Unverschämtheit des Derby ist aber groß. „Ich erkläre
5 euch hiermit, daß ich bei passender Gelegenheit einen Zoll auf
Korn legen werde. Wann, darüber habe ich allein zu urteilen.
Wenn ihr, die Majorität des Unterhauses, aber nicht des factieux
sein wollt, so müßt ihr mich in Ruhe lassen, bis ich mich so weit
konsolidiert und das Land so weit toryfiziert habe, daß ich in aller
io Gemütsruhe den ganzen Fortschritt der letzten zwanzig Jahre wie¬
der umwerfen kann.66 Das arme house of commons! Anstatt eines
Ministeriums, das sich in relativer Minorität befand, erhält es
jetzt eins, das in der absoluten und permanenten Minorität ist;
und es soll ihm nicht einmal Opposition machen dürfen. Den
is schlappschwänzigen Freetraders aber geschieht ganz recht. Die
Kerls hatten eine Schlacht gewonnen, eine neue strategische Linie
erobert und vernachlässigen, sie zu besetzen und zu befestigen, ja
vernachlässigen, vom Siege zu profitieren und selbst bloß den
Feind zu verfolgen. Jetzt haben sie die Schlacht noch einmal auf
2o demselben Terrain zu liefern. Dies Tory-Avènement hat den Kerls
die Fragen aber plötzlich enorm klar gemacht. Die Parlaments¬
reform, und zwar bis zu einem Grade, der wenigstens die unver-
mischtenTories und Whigs auf ewig von der Herrschaft ausschließt
und eine Majorität von Industriellen im Kabinett und im Par-
25 lament sicherstellt, ist jetzt Lebensfrage für die Fabrikanten. Hier
sind diese Gentlemen wieder sehr aktiv. In diesem Augenblick ist
die Anti-CormLaw-League versammelt und berät, ob sie sich wie¬
der organisieren soll. Cobden, Bright, M[ilner] Gibson etc. sind
hier. Wahrscheinlich werden sie das Gerippe der Organisation
30 wenigstens wieder zusammenstoppeln. Aber erst wenn es zur Auf¬
lösung kommt, wird der rechte Tanz losgehn. Die Auflösung muß
aber bald kommen, die Kollisionen können trotz der sanften
Worte und f riedlich-versöhnenden Absichten des Derby nicht aus¬
bleiben.
35 Leider ist wenig Aussicht da, daß die Handelskrise mit der Auf¬
lösung gleichzeitig eintritt. Der Commerce geht hier fortwährend
brillant. Die Nachrichten von Amerika sind äußerst günstig. Was
die Krise hinausschiebt und noch etwas hinausschieben kann, ist
1. Kalifornien, sowohl der trade dahin, wie die Massen Gold, die
40 in Verkehr kommen, und die Auswanderung dahin, kurz, der
ganze Stimulus, den Kalifornien auf die ganzen Vereinigten Staa¬
ten ausübt; 2. der Zügel, den die hohen Baumwollpreise von
1849 und 1850 der Baumwollindustrie anlegten, die sich erst seit
Frühjahr 1851 flott entwickelt hat; 3. der enorme Fall in den
43 Baumwollpreisen — fast 50% — seit 1% Jahren. In New Orleans
328
(156) 1852 März 2
kostete Baumwolle (Middling, die Durchschnittssorte) am 1. Sep¬
tember 1850 — 13V2 Cents = 7% Pence in Liverpool; jetzt
kostet Middling in New Orleans 75/8 Cents = 47A Pence in Liver¬
pool und stand eine Zeitlang auf 7 Cents. Das muß den Konsum
natürlich bedeutend vermehren. Im vorigen Jahr — Januar und *
Februar — wurden hier im Baumwollbezirk wöchentlich 29000
Ballen konsumiert, dies Jahr 33000, und das ist bloß amerika¬
nische, dazu noch Surat, ägyptische, etc. — Wenn das so fortgeht,
konsumiert England dies Jahr 800—850 Millionen Pfund Baum¬
wolle; 4. die allgemeine Scheu vor der Spekulation, die nicht ein- it
mal auf Goldminen und Dampfschiffe sich mit Ausdauer werfen
will. Nach allem, was ich sehe, sollte ich meinen, daß noch sechs
Monate so forcierter Produktion wie jetzt hinreichen müßten, um
die ganze Welt zu überführen; dazu noch ca. vier Monate für die
Zeit, bis die Waren am Bestimmungsort ankommen und die Nach- n
richten von der definitiven Überführung wieder her, sowie für die
Zwischenzeit, wo die Leute sich besinnen, bis sie vom panic erfaßt
werden — so wäre die Zeit vom November 1852 bis Februar 1853
wohl die wahrscheinlichste für den Ausbruch der Krise. Das ist
aber alles guess-work, und wir können sie ebensogut schon im Sep- »
tember haben. Sie wird aber schön werden, denn solche Massen
Waren aller Art sind noch nie auf den Markt geschleudert worden,
und solche kolossale Produktionsmittel sind noch nie dagewesen.
Der dumme strike der engineers hält sie gewiß für einen Monat
wenigstens auf ; Maschinen werden jetzt so gut wie gar keine ge- 2.
macht und sehr viele verlangt. Hibbert, Platt & Son haben Hun¬
derte von Ordres sowohl für hier wie fürs Ausland und können
natürlich nicht eine einzige ausführen. Wenn dies kommerzielle
Ungewitter übrigens dem Herm Derby über den Hals kommt, so
wird’s ihm schlecht gehn! *
Meinem Alten ist die letzte Bilanz, bei der er, trotz der allge¬
meinen Prosperität, Geld verloren hat, höllisch in die Beine ge¬
fahren, und er wird wahrscheinlich kündigen (d. h. seinen Gesell¬
schaftsvertrag mit den Ermens). Dann wird das hiesige Geschäft
wohl schon im nächsten Jahr sich auflösen. Der Wirrwarr in 3
diesen Geschichten hier ist jetzt auf die Spitze getrieben, und trägt
dazu bei, mir eine Masse zu tun zu geben.
Das Buch von Ewerbeck schick mir ja nicht. Es ist die 6 Pence
nicht wert, die das Porto kosten würde.
Grüß Deine Frau und Kinder bestens.
Dein F. E.
Manchester, 2. März 1852.
Z. 31-37.
(157) 1852 März 3
329
157. Marx an Engels; [1852] März 3.
London, 3. März.
28, Dean Street, Soho.
Lieber Engels,
6 Ich habe Montag die 5 «x erhalten, obgleich Lupus 3 und nicht
4 Broadstreet wohnt. Ebenso heute den sehr gelungnen Artikel
an Dana.
Deine Sendung der „Revolution“ und „Tribune“ war er¬
brochen. Man hatte sich nicht einmal die Mühe genommen, sie wie-
10 der zuzumachen.
Aus dem einliegenden Briefe siehst Du, wie wir mit der Polizei
stehn. Die Fakta sind falsch, mit Ausnahme, daß Lupus statt
meiner am 5. Februar präsidiert hat und daß der Denunziant un¬
sern Brief an die „Times“ mit einem Antwortschreiben an Frau
Daniels verwechselt hat. Der Spion ist „Hirsch“ aus Hamburg,
den wir schon vor vierzehn Tagen aus dem Bund herausgeworfen
hatten. Er war in Deutschland aufgenommen, und da ich ihm nie
ganz traute, brachte ich in seiner Gegenwart nie das mindeste Ver¬
fängliche vor. Jones hat mit Bezug auf W[eydemeyer]s Artikel
2o gegen Heinzen ihm einen mit heutiger Post abgehenden offiziellen
Brief zugeschickt, worin er Heinzen avec un dédain suprême be¬
handelt und ihn über den „war of classes“ belehrt. Vorgestern
hielt die National-Reformleague ein großes Meeting, wenigstens
2000 Zuhörer. Jones hat Herrn Hume, Walmesley et Co. gehörig
gedeckelt und einen wahren Triumph davongetragen. London und
Manchester scheinen sich jetzt so in die Arbeit zu teilen, daß dort
die Bourgeois mehr ihre politische und hier mehr ihre kommer¬
zielle Attacke führen.
Es ist mir vor einigen Tagen ein italienisch abgefaßtes
Manifest von Signore Mazzini in die Hand gefallen. Er ist der
heilige Bourgeois quand même und schimpft über die „pro¬
fanen“ französischen Bourgeois. Er überträgt die Initiative von
Paris nach Rom. „II materialismo“ und „il egoismo“ haben
Frankreich ruiniert. Die Arbeiter haben von den Bourgeois beide
Laster geerbt. Seit 1815 hat Frankreich aufgehört, das Land der
Initiative zu sein. Italien und Ungarn sind jetzt die auserwählten
Länder.
Während „Signore Mazzini“ als Peter der Eremit die laster¬
haften Franzosen abkanzelt, kriecht er den englischen Freetraders
40 in den Arsch, die wohl „le dévouement“ und „la foi“ inkorporie¬
ren. L’imbécile!
Den einliegenden Brief bitte zurückzuschicken. Heute nur so
wenig, weil ich mit der Expedition nach Amerika die Hände voll
habe. Dein K. Marx.
z. 11-19.
330
(158) 1852 März 18
158. Engels an Marx; 1852 März 18.
18. März 1852.
Lieber Marx,
Inliegend der Brief von Wichtelmännchen^ zurück. Ich bin
pour le moment entièrement dépourvu und würde die £2 — in j
diesem Monat wenigstens — nicht auf treiben können; außerdem
ist sein Brief vom 5. datiert, und man weiß gar nicht, ob ihn das
Geld noch träfe. Dann ist es auch immer mißlich, an Ewerbeck
Geld zu schicken, der Kerl ist imstande, verjährte Reklamationen
für Gott weiß was für alte Porto-Auslagen zu machen und das i*
Ganze oder den größten Teil zu konfiszieren. Aus allen diesen
Gründen kann ich Aleräunchen für den Moment nicht helfen, so
sehr ich bezweifle, ob er aus Monsieur Ewerbeck mehr als fünf
Sous auf einmal herausschlagen wird. Indessen, ist der piccolo von
Genf nach Paris gekommen, so wird er auch wohl nach London *
kommen, wenn auch mit einigen „Mühsalen“; und dann wissen
wir ja, was seine Tretbriefe zu bedeuten haben.
Wenn der Kleine ankommt, wirst Du einige Mühe haben, sein
durch die „langen Mühsale“ gewiß sehr gesteigertes pugnazioses
Temperament in Schranken zu halten; Keilereien und Paukereien »
kosten hierzulande zu viel Geld, als daß man ihm dergleichen ge¬
statten könnte. Es wird am besten sein, wenn Du ihn an Pieper
überantwortest, damit dieser ihm in der politischen Ökonomie
Unterricht geben kann. Die Geschichte mit Massol ist sehr inter¬
essant, und wenn er dort bleibt, so bin ich begierig, ihn kennen zu 2
lernen.
Was Du mir von Jones schreibst, freut mich sehr — ich habe
nur jetzt verflucht wenig Zeit, sonst würde ich ihm mehr Artikel
schicken. Aber der Charles ist noch nicht von Deutschland zurück,
und dann außer dem Artikel für die Tribune und einem wöchent- 9
liehen Bericht an meinen Alten noch regelmäßig wöchentlich für
ihn respektive Weydemeyer zu schreiben, ist etwas zu stark, wenn
man den ganzen Tag auf dem Comptoir geschanzt hat. Zudem muß
ich endlich mit meinen slawischen Geschichten ins reine kommen.
Auf die bisherige dilettantische Weise bin ich in einem ganzen 5
Jahre zu nichts gekommen, und da ich doch einmal angefangen
habe und zu weit bin, um die Geschichte fallen zu lassen, so muß
ich jetzt einmal einige Zeit regelmäßig daran wenden. Ich habe
seit vierzehn Tagen tüchtig Russisch geochst und bin mit der Gram¬
matik jetzt so ziemlich im reinen, zwei bis drei Monate mehr '
werden mir auch den nötigen Wortreichtum verschaffen, und dann
kann ich was anders anfangen. Mit den slawischen Sprachen muß
*) E. Dronke
Z. R—]7
(158) 1852 März 18
331
ich dies Jahr fertig werden, und au fond sind sie gar nicht so
schwer. Außer dem linguistischen Interesse, was die Sache für
mich hat, ist es auch eine Konsideration, daß wenigstens einer von
uns bei der nächsten Haupt- und Staatsaktion die Sprachen, die
3 Geschichte, die Literatur und die Details der sozialen Institutionen
gerade derjenigen Nationen kennt, mit denen man sofort in Kon¬
flikt kommt. Bakunin ist eigentlich bloß dadurch etwas geworden,
daß kein Mensch Russisch konnte. Und der alte panslawistische
dodge, das altslawische Gemeindeeigentum in Kommunismus zu
io verwandeln und die russischen Bauern als geborne Kommunisten
darzustellen, wird wieder sehr breit getreten werden.
Jones hat übrigens sehr recht, jetzt, nach des alten O’Connor
definitivem Verrücktwerden, alle Saiten anzuspannen. Jetzt ist die
Chance für ihn, und wenn der citizen Hipphipphurra noch dazu ab-
15 fällt, so ist er seiner Sache sicher. Nach allem was ich sehe, sind
die Chartisten so komplett aufgelöst und zerfahren und haben zu
gleicher Zeit einen solchen Mangel an brauchbaren Leuten, daß
sie entweder ganz auseinandergehn und in Cliquen zerfallen, also
praktisch reiner Schwanz der financials werden müssen oder aber
2o auf einer ganz neuen Basis von einem tüchtigen Kerl rekonstruiert.
Jones ist ganz im richtigen Zuge, und wir können wohl sagen, daß
er ohne unsre Doktrin nicht auf den richtigen Weg geraten wäre
und nie gefunden hätte, wie man einerseits die einzig mögliche
Basis zur Rekonstruktion der Chartistenpartei, den instinktiven
25 Klassenhaß der Arbeiter gegen die industriellen Bourgeois, nicht
nur beibehalten, sondern noch erweitern, entwickeln und der auf¬
klärenden Propaganda zugrunde legen kann — und andrerseits
doch progressiv sein, den reaktionären Gelüsten der Arbeiter
und ihren Vorurteilen entgegen treten. Master Harney wird sich
3o übrigens wundem, wenn er so fortfährt; die Clique von Schwär¬
mern, die ihn hält, wird ihm sehr bald einen Tritt geben und selbst
die Porträts [von] Kosciuszko und andern „patriots“, die er auf
seine Arschwischchen setzt, werden ihn nicht retten.
Quoad Napoleonem, hat der Mann nicht zu L. Blanc gesagt, als
35 er nach Frankreich ging: Quand je serai président, je mettrai en
pratique vos idées? Übrigens sieht man, wie die Finanznot selbst
einen wahren Sozialisten wie Louis Napoleon zu finanziell-bürger¬
lichen Mustermaßregeln treiben kann, wie die Rentenkonversion.
Der Shopkeeper und kleine Industrielle verzeiht für diese Eine
40 Ersparnis von 18 Millionen zwanzig sozialistische Sprünge, und
die Daily News bewundert die Maßregel. Dümmer und gemeiner
wie das Débats kann man übrigens über diese Geschichte nicht
sprechen. Ganz die alte Geschichte: Postreform = Sozialismus!
Rentenkonversion = Sozialismus! Freetrade = Sozialismus! Ich
45 fürchte nur, daß Mynheer Napoleon, der trotz alledem in seinen
Z. 29-33.
332
(158) 1852 März 18
eigentlich sozialistischen Geschichten sehr schüchtern auftritt und
in der Hypothekengeschichte auch nicht über die bürgerlich-preu¬
ßischen Kreditinstitute hinausgeht, schließlich, durch den Drang
der Verhältnisse gezwungen, alle seine sozialistischen Veileitäten
in einfache bürgerliche Reformen umwandelt, und dann kann uns 5
nur die unvermeidliche Finanznot retten. Die Daily News hat
recht, die Rentenkonversion ist eine mesure éminemment paci¬
fique und zudem ein sehr fatales Anzeichen, daß Louis Napoleon
mehr in die Bahnen des bürgerlichen common sense gerät. Aber
freilich, wann hat man jemals Frankreich mit common sense regie- io
ren können, und welch eine Verwicklung von Umständen gehört
dazu, einen Louis Napoleon zum common sense zu bringen! Jeden¬
falls sieht mir die kontinentale Atmosphäre nicht sehr revolutionär
aus, obwohl Alräunchen ganz andre Nachrichten mitbringen wird.
Ich glaube nicht, daß Derby eine Majorität bekommen wird, is
obwohl hier, wo alles einstimmig ist, wenn es an die Komgesetze
geht, ein schlechter point d’observation ist. Ich wollte übrigens, er
bekäme sie, es müßte gehn wie Du sagst. Er ist übrigens ein Narr,
daß er nicht gleich auf löst. Je länger er trainiert, desto eher ris¬
kiert er, die Wahl in eine Handelskrise zu bringen, und dann kriegt 20
er fanatische Tories, die für ihn selbst zu toll sind und dezidierte,
{>rofitwütige, bankrottbedrohte Manchester men ins Parlament,
etztere wahrscheinlich in der Majorität, dann entscheidendes
Element.
Unser concem hier geht wahrscheinlich noch in diesem Jahre 25
auseinander. Ist dies der Fall, so werde ich zunächst, bei Be¬
sorgung der Liquidation, eine bedeutend freiere Stellung erhalten
und weniger an Comptoirarbeiten regelmäßig gebunden sein. Spä¬
ter, schreibt mir mein Alter, würde sich für mich wohl eine bes¬
sere Stellung finden — ich vermute, daß er auf meinen alten 30
Plan eingehn wird, wonach ich mich nach Liverpool setzen und
Baumwolle für ihn einkaufen würde. Das wäre famos, und Du
müßtest in diesem Fall, wenn Du mit den Vorarbeiten zur Ökono¬
mie fertig bist, mit Deiner ganzen Familie auf sechs Monate her¬
überkommen — wir würden in New Brighton an der See wohnen, 35
und Du würdest noch Geld dazu sparen. Jedenfalls nehme ich mir
Zulage, das ist klar. — Leider hab ich heute nicht Ruhe, den
Artikel für die Tribune zu machen; aber da nächsten Mittwoch ein
amerikanischer Steamer geht, so bekommst Du ihn bis Montag
oder Dienstag, und ich mache dann für den Freitagssteamer wie- to
der einen.
Viele Grüße. Dein F E
Diesmal war das Siegel Deines Briefs zum erstenmal voll¬
kommen und unverletzt.
Z. 15-24.
(159) 1852 März 30
333
159. Marx an Engels; 1852 März 30.
London, 30. März 1852.
28, Deanstreet, Soho.
Lieber Frédéric,
s Soeben Deinen Artikel erhalten. Du bekömmst einliegend ein
ganzes Pack von amerikanischen Neuigkeiten, die Dir schon
früher zugekommen, wenn nicht Abschrift und bündliche Mit¬
teilung von einem Teile der Sachen nötig gewesen wäre.
Hier allerlei Neues. Gottfried Christus Kinkel schickt oder hat
io vielmehr ausgeschickt studiosum Schurz und Schimmelpfennig,
um für Mitte April in London von der Schweiz, Paris, Deutsch¬
land, Belgien aus einen Kongreß zusammenzutrommeln, zur Ga¬
rantie der Revolutionsanleihe und zur definitiven Regulierung der
Verwaltung dieses Schatzes und der demokratischen Regierung in
is partibus. Du mußt mir aber bis Sonnabend den Dreck zurück¬
schicken.
Kossuth, durch Szemere in Amerika bloßgestellt und ganz mit
seinem zurückgelassnen Londoner Komitee zerfallen, wird sich
wundern zu erfahren, welche Spaltungen unterdessen unter der
2o demokratischen Klerisei eingerissen sind.
Herr Mazzini nämlich, seit zwei Jahren der Papst der demo¬
kratischen Kirche in partibus, hielt es endlich an der Zeit, seinem
Gifte gegen den Sozialismus und Frankreich in französischer
Sprache Luft zu machen, nämlich in der Brüssler Nation, die er
25 mit 10000 fr. von dem italienischen Gelde, im Einverständnisse
mit Ledru[-Rollin], an sich gekauft hatte. Dort schiebt er den
2. Dezember, die Einnahme Roms, kurz die ganze Konterrevolu¬
tion, den Sozialisten in die Schuhe und poltert in seiner hoch¬
trabenden Dominikanermanier gegen die Ketzer, die Sekten, den
jo Materialismus, den Skeptizismus, das welsche Babel ganz ebenso
entschieden, wie er in London den englischen liberalen Bour¬
geois in den Arsch kriecht. Frankreich habe die revolutionäre
Initiative verloren. Das peuple-roi existiere nicht mehr. Jetzt
sei die Reihe an den andern Völkern etc. Kurz, eine förmliche
35 Bannbulle, die die Ehren der Aufnahme in die Patrie und im Con¬
stitutionnel genossen hat. Das war den Franzosen zu toll. Der
kleine L. Blanc, der hier zugleich eine Gelegenheit sah, sich wieder
zu rehabilitieren und vorzudrängen, trommelte Cabet, Pierre Le¬
roux, Bianchi, Nadaud und Vasbender (Proudhonien) zusammen.
io Im „Moming Advertiser“ haben sie Herm Mazzini aufs gröbste
angegriffen. Der theoretische Teil ihrer Replik fast so schwach
wie der Angriff Mazzinis. Der persönliche, wozu Massol dem Le¬
roux das Material gab, vernichtet den arroganten Theopompos.
Ledru[-Rollin] seinerseits, um nicht allen Einfluß zu verlieren.
Z. 15-10.
334
(159) 1852 März 30
sah sich gezwungen, aus dem europäischen Zentralkomitee aus¬
zuscheiden. Auch er hat in der Nation auf den Angriff gegen
Frankreich geantwortet. Elend. Artikel ohne Hand und Fuß.
Behauptet „die revolutionäre Initiative Frankreichs66, aber wie!
C’est pour faire pitié! Ledru[-Rollin] soll jetzt nach den Vereinig- 5
ten Staaten gehn wollen.
So verliert einerseits der Idiot Ruge sein europäisches Zentral¬
komitee. Andrerseits sieht Kinkel, der sich in Amerika servil wie
ein Hund gegen seinen Konkurrenten Kossuth gebahrt hat, die all¬
gemeine „Konfusion66 zerrinnen, d. h. die Fusion, die alle demo- jo
kratischen Prätendenten unter dem Banner der seit 1848 fad ge-
wordnen Phrasen von „demokratischer Republik66, „allgemeinem
Stimmrecht66 etc. Der brave Willich kömmt so auch als „Kommu¬
nist66 in Konflikt.
Unterdes schafft die englische Regierung auf Staatskosten jede it
Woche den Mob der französischen Emigration haufenweise nach
Amerika. Der elende little Blanc will die zufällige Gesamtdemon¬
stration gegen Mazzini benutzen, um sich als das sichtbare Haupt
der ecclesia pressa zu konstituieren. Zur Hintertreibung seiner
kleinen Intrigen werde ich Massol hinter Pierre Leroux hetzen. 20
Endlich, um die Konfusion voll zu machen, kommt Proudhon her.
Wie tief die offiziellen Größen sinken, siehst Du daraus, daß
der süße Felix Pyat — cet homme artiste, unter welchem Kunst¬
ausdruck die Franzosen alle Schwäche, alle Charakter- und Ver-
standlosigkeit eines Individuums beschönigen — die Dezember- 23
tage zu einem melodramatischen Spektakelstück verarbeitet hat.
Er hat einen englischen Unternehmer dafür gefunden, und mit ihm
wird er den Dreck in New York etc. auf führen, die Mordszenen,
Expulsionen, Deportationen etc. etc. Kann man hundsgemeiner
auf das Pech seines Landes spekulieren? Und der Esel hält diese 30
Prostitution der französischen misère für einen patriotischen Akt.
Wie die Tripotage das innerste Geheimnis der Staats- und
Hauptaktionen der hiesigen Emigrationspolitiker ist, so hat Sieg¬
wart Kinkel eine Kuppelei zwischen studiosum Schurz und der
Schwester der Frau Ronge, die reich sein soll, vermittelt.
Fatal ist nur, daß diese Esel mit ihren renommistischen Um¬
trieben stets von neuem der Polizei Material liefern und die Lage
unsrer Freunde in Deutschland verschlechtern.
Dein K. M.
160. Engels an Marx; 1852 April 1.
Lieber Marx,
Deinen Brief heut morgen erhalten, und zwar unversehrt. Die
neue Adresse scheint gut zu tim.
z. 7-14. 30-38.
(160) 1852 April 1 335
Die erheiternden Emigrationsaktenstücke werden morgen zu¬
rückerfolgen — ich werde mir einige Notizen daraus machen.
Der kleine Dronke scheint sich richtig in Paris haben fassen zu
lassen — sonst hörte man wohl von ihm. Sollten sich im Café D.^
5 wirklich, wie die K[ölnische] Zeitung sagt, einige Leute „der
Marxschen Sekte“ zusammengefunden haben? Ich wüßte nicht,
wo diese Trümmer herkommen sollten. Jedenfalls wäre es von
Drtonke] unverzeihlich gewesen, wenn er sich so publiquement
unter diese Leute ins Café begeben hätte. Wäre er aber noch frei
io und eine Möglichkeit vorhanden, mit ihm zu korrespondieren, so
müßte man jetzt allerdings alles aufbieten, um ihn nach London
zu schaffen — er ist ausgewiesen und die Kerle sind imstande, ihn
wegen rupture de Ban nach Algier zu schicken. Wenn es also mög¬
lich ist, Näheres zu erfahren, so will ich sehn, daß ich die zwei
15 Pfund auftreibe; in Sicherheit muß das Kerlchen doch kommen.
Schreibe mir, was Du über ihn erfährst.
Ich gehe jetzt nach Hause, um noch einen Artikel für Dana fer¬
tig zu machen, der, wenn er fertig wird, Dir mit der zweiten Post
zugeht. Vorige Woche war ich scheußlich erkältet und bin es noch,
2o so daß ich mehrere Abende absolut zu nichts kapabel war. Sonst
wäre schon mehr fertig.
Sage Jones, daß er nächste Woche etwas von mir erhält —
meine Artikel für ihn sind leider alle miserabel, da ich bei der
Kleinheit jedes einzelnen und des geringen benutzbaren Raums
25 regelmäßig vergesse, was ich die Woche vorher geschrieben —
dazu muß ich rasch und flüchtig arbeiten und habe gar keine Zeit,
mir über die letzten französischen Geschichten Material zu sam¬
meln und zu ordnen. Das ewige Schütteln aus dem Ärmel demo¬
ralisiert.
30 Sollte ich heute abend mit dem Artikel für Dana nicht fertig
werden, so liegt das besonders daran, daß ich noch ein gut Teil
Neue Rheinische Zeitung April und März 1849 durchzugehen
habe, denn die Frankfurter müssen bei dieser Gelegenheit
gründlich gedeckelt werden. Der Bauer reicht da nicht aus.
35 Dein F. E.
1. April 1852.
x) Café de Danemarc, rue St. Honore.
336
(161) 1852 April 5
161. Marx an Engels; 1852 April 5.
London, 5. April 1852.
28, Deanstreet, Soho.
Lieber Frédéric,
Einliegend eine Sendung von Cluß, die ich bis Mittwoch (Bun¬
dessitzungsabend) zurück haben muß.
Dronke hatte gleich den andern Tag, nachdem Du mir sein
erstes Schreiben zurückgeschickt, aus dem Gefängnis geschrieben
an Freiligrath, was ich Dir mitzuteilen vergaß. F[reiligrath]
schickte sofort den Brief an Lassalle, damit dieser ihm Geld nach 10
Paris spediere, was wahrscheinlich um so rascher expediert wer¬
den konnte, als Hassalle] mit jenem Briefe alle liberalen Bour¬
geois von Düsseldorf angehn konnte. Leider sagt die Patrie, es
seien kompromittierende Briefe bei Dronke gefunden. Sollte er
dumm genug gewesen sein, von seinem abgeschmackten Lyoneser^
und sonstigen Verbindungen die testimonia mit sich herumzu¬
tragen?
Louis Blanc, wie ich voraussah, sucht die gemeinsame Erklä¬
rung gegen Mazzini zu benutzen, um ein neues „réseau d’action44
zu bilden und sich als Chef der revolutionären Partei vorzudrän- 2o
gen. Er hat sogar mich zu seiner Fusion aller „französischen“ So¬
zialisten zuziehn wollen und zu einer Zusammenkunft einladen
lassen. Ich habe natürlich ihn nicht einmal einer Antwort gewür¬
digt, sondern dem intermédiaire bloß mein Erstaunen über diese
Zudringlichkeit zu erkennen gegeben. Da Proudhon herkömmt, 25
wäre dem Kleinen2) eine Allianz mit mir jetzt sehr gelegen.
Dana hat endlich geschrieben und 9 die Zahl der ge¬
druckten Artikel, gezahlt. Er hat mich zugleich gebeten, da die
Präsidentenwahl alle Spalten des Blattes in diesem Intervall in
Anspruch nehme, den Rest in fünf bis sechs Artikeln zu konden-
sieren und im letzten namentlich die prospects of revolutionary
Germany darzustellen. Es gäbe dies famosen Anlaß zur Geißlung
der Emigration, und werde ich Dir in einem spätem Briefe aus¬
führlich meine Ansichten darüber schreiben.
Szemere schickt mir nun in drei bis vier Lieferungen sein (deut-
sches) Manuskript über „Kossuth, Görgei und Louis Batthyä¬
nyi“. Weydemeyer hat es in Amerika zu verlegen, was für ihn
ein famoses Geschäft ist, zumal da hinzukömmt, daß er wahr¬
scheinlich von dieser Seite 500Dollars für sein Blatt erhalten wird.
Aber ehe die Sache deutsch nach Amerika geht, soll sie hier in
England englisch übersetzt werden, um hier, nachdem sie in Ame¬
rika deutsch erschienen, als Broschüre für das hiesige Publikum
0 Moses Hess
2) Louis Blanc
(161) 1852 April 5
337
herausgegeben zu werden. Du wirst schwerlich Zeit zu diesem
Geschäft haben, selbst wenn Du den Dana eine Zeitlang liegen
läßt. In diesem Falle müßte ich Jones die Sache geben. Es wird
1 £ per Bogen Übersetzung gezahlt.
û Ich habe hier Oberst Szerelmey^ kennen gelernt, der sehr ge¬
bildet ist. Er hat vierzehn Schlachten in Ungarn mitgemacht. Da
er zugleich famoser Maler ist, so gibt er jetzt ein Prachtwerk her¬
aus, die Schlachtberichte im Text und die Schlachtzeichnungen. Er
hat die Skizzen selbst gemacht, die ersten französischen Maler die
io Ausführung. Er hat mir ein Exemplar zugesagt. Stück wird 10 £
kosten. Da erhältst Du also einen Beitrag für Deine Kriegs¬
bibliothek.
Dein K. M.
Du siehst, daß Kinkel noch in ganz andrer Weise oktroyiert hat
j5 als Louis Bonaparte. Erst ernennt er die Mitglieder seiner Depu¬
tiertenkammer, den Garantenkongreß. Dann fürchtet er sich vor
seiner eignen Schöpfung, hält weder anberaumten Tag noch Ort
ein, sondern schreibt die Versammlung in Zeit und Ort aus, wo
nur sieben Leute teilnehmen können. Sechs von diesen sieben geben
20 ihm ein Vertrauensvotum. Mit ihnen entwirft er seine Verfassung.
Von ihnen läßt er sich zum Repräsentanten Amerikas ernennen
und ihnen macht er das von ihm gebildete Komitee verantwortlich.
162. Marx an Engels; 1852 April 14.
London, 14. April 1852.
25 28, Deanstreet, Soho.
Lieber Frédéric,
Ich schreibe Dir nur diese zwei Zeilen, um anzuzeigen, daß das
kleine Kind2) heute % nach 1 Uhr gestorben ist.
Dein K. M.
163. Engels an Marx; 1852 April 20.
Lieber Marx,
Ich habe mit Bedauern gesehn, daß sich meine Befürchtungen
wegen Deines kleinen Mädchens nur zu schnell bestätigt haben.
Wenn es nur irgend ein Mittel gebe, daß Du mit Deiner Familie
35 in eine gesündere Gegend und geräumigere Gegends) ziehen
könntest!
J) Im Orig. Szeremy
2) Die kaum einjährige Franziska.
8) Offenbar irrtümlich für Wohnung.
22
Z. 14-22. Nr. 162.
338
(163) 1852 April 20
Gem hätte ich Dir einiges Geld geschickt, aber ich habe in
London so viel mehr ausgegeben, als worauf ich gerechnet bin1^
daß ich selbst hier bis Ende dieses Monats krumm liegen muß, und
im nächsten Monat hab ich an Rechnungen und für in Deutschland
bestellte Bücher gleich £ 12 zu zahlen. Doch will ich sehn, wenn ;
es irgend angeht, daß ich Dir gleich anfangs Mai etwas besorge.
Ich wollte, ich hätte vorher gewußt, wie die Sachen in London
ständen, ich hätte dann die au fond ganz überflüssige Reise nach
London unterlassen und dadurch etwas freie Hand bekommen.
Pindar ist hier, da er in Liverpool kein Unterkommen gefunden w
hat. Er sucht eine Stelle oder Privatstunden, und ich werde mich
natürlich für ihn verwenden. Um ihm einen Beweis meiner guten
Dispositionen zu geben, hab ich russische Stunde bei ihm ge¬
nommen. Um ihn aber hier empfehlen zu können, muß ich etwas
mehr über ihn wissen, und da man ihm dergleichen nur mit is
der größten Mühe herauszerrt, so wäre es mir lieb, wenn Du mir
schriebst, was Du von ihm und seinen Verhältnissen weißt, woher
Du ihn kennst usw. Bei seiner stummen Manier sieht er mir
übrigens nicht danach aus, als ob er hier sein Glück machen
werde.
Bei den jetzigen kommerziellen Aspekten besonders in bezug
auf Ostindien ist ein Punkt nicht außer acht zu lassen. Trotz der
seit drei Jahren fortwährend steigenden kolossalen Einfuhr eng¬
lischer Industrieprodukte nach Ostindien kommen seit einiger Zeit
wieder ziemlich gute Nachrichten von dort; die Vorräte verkaufen x
sich allmählich und werden dort besser bezahlt. Dies kann nur
darin seinen Grund haben, daß in den zuletzt von den Engländern
eroberten Provinzen, in Scinde, dem Pendjab usw., wo sich die
einheimische Handarbeit bisher noch fast ausschließlich gehalten
hatte, diese jetzt endlich von der englischen Konkurrenz erdrückt
wird, sei es, daß die hiesigen Fabrikanten erst neuerdings dahin
gekommen sind, die für diese Märkte passenden Zeuge anzufer¬
tigen, sei es, daß die natives ihren Geschmack an den einheimi¬
schen Geweben endlich dem wohlfeileren Preis der englischen, ge¬
wöhnlich nach Indien exportierten Zeuge geopfert haben. Die J
letzte indische Krisis 1847 und die damit zusammenhängende
große Depreziation der englischen Produkte in Indien mag dazu
sehr viel beigetragen haben; und schon aus dem alten Gülich geht
hervor, daß selbst das zu seiner Zeit von den Engländern eroberte
Indien noch lange nicht vollständig seine eigne alte Manufaktur *
aufgegeben hatte. Nur hieraus ist es zu erklären, daß nicht längst
in Kalkutta und Bombay die 1847er Geschichte sich in verstärkter
Form wiederholt hat. Wenn aber erst die 3000000 Ballen Baum-
0 Offenbar irrtümlich für hatte.
(163) 1852 April 20
339
wolle der letzten Ernte in den Markt gekommen und verarbeitet
und als fertige Waren dem größten Teil nach nach Ostindien spe¬
diert sind, wird sich das schon ändern. Die Baumwollindustrie
floriert jetzt so, daß trotz dieser die 1848/1849er Ernte um
* 300 000 Ballen übersteigenden Saison, die Preise von Baumwolle
sowohl in Amerika wie hier steigen, daß die amerikanischen Fabri¬
kanten schon über 250 000 Ballen mehr gekauft haben als voriges
Jahr (wo sie im Ganzen nur 418000 Ballen gebrauchten) und
daß die hiesigen schon zu behaupten anfangen, selbst eine Ernte
io von drei Millionen Ballen würde für ihren Verbrauch nicht hin¬
reichen. Bis jetzt sind nach England 174000 Ballen, nach Frank¬
reich 56000 Ballen, nach dem übrigen Kontinent 27000 Ballen
mehr von Amerika exportiert als voriges Jahr. (Dies ist vom
1. September bis 7. April jedes Jahr.) Und bei einer solchen
Prosperität ist es allerdings leicht zu erklären, wie Louis Napoleon
so gemütlich sein bas-empire präparieren kann; der Überschuß
der direkten Baumwolleinfuhr nach Frankreich zwischen 1850 und
1852 beträgt bis jetzt 110000 Ballen (302 000 gegen 192 000),
also über 33 %.
20 Nach allen Regeln muß die Krisis in diesem Jahre kommen,
und wahrscheinlich wird sie es auch; wenn man aber die gegen¬
wärtige ganz unerwartete Elastizität des ostindischen Marktes und
die durch Kalifornien und Australien hineingekommene Kon¬
fusion sowie die Wohlfeilheit der meisten Rohprodukte, die die
25 Industrieerzeugnisse ebenfalls wohlfeil hält, und die Abwesenheit
aller großen Spekulation betrachtet, so kommt man fast in Ver¬
suchung, der gegenwärtigen Prosperitätsperiode eine außerordent¬
lich verlängerte Dauer zu prophezeien. Jedenfalls ist es möglich,
daß die Geschichte bis ins Frühjahr dauert. Aber schließlich ist
& es doch am sichersten within six months more or less sich an der
alten Regel zu halten.
Grüße Deine Frau vielmals und schreibe bald.
Dein F. E.
20. April 1852.
164. Marx an Engels; 1852 April 24.
London, 24. April 1852.
28, Deanstreet, Soho.
Lieber Frédéric,
Ich habe die vergangne Woche eine Scheiße durchgemacht,
40 von der Du Dir keine Vorstellung machen kannst. Am Tage des
Begräbnisses blieben die versprochnen Gelder von allen Seiten
22*
Z. 3-19. 28-31.
340
(164) 1852 April 24
aus, so daß ich schließlich gezwungen war, zu benachbarten Fran¬
zosen zu laufen, um die englischen Totenhunde zu zahlen. Und
unglücklicherweise kam noch der Brief von Weydemeyer, wonach
auch in Amerika alle Aussichten gescheitert scheinen. Cluß, dessen
Brief Du nächste Woche erhältst, gibt jetzt beßre Aussichten. 5
Quoique de dure complexion, griff mich diesmal die Scheiße be¬
deutend an.
Einliegend ein Brief von dem Hund Ewerbeck, der nie fran¬
kiert und immer die letzten zehn Pence einem wegstiehlt. Dann
einen Artikel von B. Bauer in der Daily New York-Tribune. Dein no
Artikel hat alles Aas dahingezogen. Du wirst lachen über die
B[auer] sehen Entdeckungen über „die Armeen“. Wenn Du mir
jetzt Artikel für Dana schickst, so kannst Du warten, bis es mehre
sind, die ich dann gleichzeitig abschicke.
Herr Tellering gibt eine Monats- oder Wochenschrift in New &
York heraus, wovon der Hund selbst mir die erste Nummer —
reinen quartanerhaften Blödsinn — zugeschickt.
Heise (von der Hornisse), jetzt Willichs Intimus, teilen ein
Bett. Was ist an dem Kerl? Sie renommieren wieder mit einem
beabsichtigten Putsch in Deutschland. so
Dronke ist ein wahrer imbécile. Die 4 Pfund, die wir ihm
vom Rhein verschafften, schmeckten nach mehr, und so ging er
nach Koblenz, um Gelder zu pressen. Der Esel bedachte nicht, daß
er neuen Vorwand gegen die Kölner liefert. Der Kerl beträgt sich
wirklich zu blamabel. ss
Apropos! Vergiß nicht immédiatement folgende zwei
Wische nach London zu senden: 1. eine Vollmacht für Lieb¬
knecht, das Pfund Sterling bei H a i n zu heben ; 2. einen kleinen
Wisch schreibe selbst an Hain, worin Du dem „lieben Freund“ in
zwei Zeilen mitteilst, da du gehört, daß es ihm gut gehe, habest so
Du Liebknecht an ihn angewiesen wegen des Sterling. Man muß
nämlich verhüten, daß keine Feindschaft nicht entsteht.
Nämlich gestern, da einer unsrer Bekannten, der bisher bei
Liebknecht Nachtlager fand, von dessen Wirtsleuten heraus¬
geschmissen wurde und keiner von uns einen Penny dem armen s*
Teufel geben konnte, schrieb ich Liebknecht ein Billett, worin ich
ihm sagte, Du habest ihn auf Hain wegen des einen angewiesen.
Herr Hain schien etwas ungläubig und verlangte von Liebknecht
erst Deine Handschrift zu sehn.
Schicke mir einige stamps, da ich Dir eine Masse Zeug zu- w
senden muß.
Dein K. M.
Z. 15-17. 21-25.
(165) 1852 April 25
341
165. Engels an Marx; 1852 April 25.
Lieber Marx,
Von Hain erhielt ich gestern abend ein Billett, was ich Dir
nebst Antwort darauf gestern zurückschickte. Ich denke, hiernach
- wird Herr Hain schon zahlen.
Inliegend die stamps, denen bald mehr folgen sollen. Auch
die Geschichten zurück. Der Brief von Ewerbeck ist ein würdiger
Pendant zu seinem Buch. „Helft mir doch gegen Ribbentrop! Ich
werde ihn der Demokratie als hypocrite und débaucheur denun-
io zieren !“ Der Mensch ist vollends verkindischt.
Auch Freund Bruno hat nicht zugenommen an Weisheit und
Erkenntnis Gottes. Il valait bien la peine, von Berlin aus die ame¬
rikanische Presse in Bewegung zu setzen, um auf diesem weiten
Umwege der erstaunten Welt zu verkünden, daß die kontinentalen
Armeen zur Aufrechterhaltung der innem Ruhe da sind. Herr
Bruno repräsentiert noch immer die Hegelsche Dialektik auf der
Stufe ihrer tiefsten Versumpfung. Die ganze Tiefe der Geschichts¬
auffassung beschränkt sich in diesem Entwicklungsstadium darauf,
die banalsten Gemeinplätze mit einem hinreichenden Aufwand
2o von Pathos und scheinbarer Entwicklung umständlich zu beweisen
und sie dann als ein ganz neu entdecktes Resultat des Forscher¬
fleißes hinzustellen. Alles das ist erträglich bei längst vergangnen
Historien, aber wenn einem die unmittelbare Gegenwart auf diese
Weise vermystizisiert wird, so ist das zu arg, und jeder Esel muß
25 merken, daß nichts dahinter steckt. Und die tiefe Wahrheit: die
Regierungen haben recht gegen die Revolutionen, weil diese noch
unreif sind, aber die Revolutionen haben auch recht gegen die
Regierungen, weil sie die Ideen der Zukunft zwar embryonisch
und unreif, aber doch substantiell repräsentieren — alter Hegel-
3o scher Witz, der gewiß selbst in Amerika nicht mehr neu ist! Und
immer und ewig die „Verstimmung“, die „Verdrießlichkeit“, die
„gründliche Gleichgültigkeit“ des „Bürgers“. „In einigen Län¬
dern kämpfen Klassen gegen Klassen, in andern Nationen gegen
Nationen.“ Genau genommen ist dieser ungeheuer gescheite Satz
33 das Ganze, was Bruno aus der Revolution gelernt hat.
Herr Tellering ist offenbar aus Frankreich fortgeschaßt worden
als heimatlos vagabundierendes Mitglied des Lumpenproletariats
und nicht einmal in der société du 10 Décembre brauchbar.
Wenn Du nicht positiv weißt, daß Drtonke] freiwillig nach
40 Deutschland gegangen ist, so scheint mir die Sache wahrschein¬
licher so, daß er, als früher schon aus Frankreich ausgewiesen,
diesmal nicht nach einer beliebigen, sondern nach der deut¬
schen Grenze transportiert worden ist. Der alberne Narr hatte
sich indes glücklich nach Nassau durchgeschlagen — warum geht
Z. 43-44 -
342
(165) 1852 April 25
er nach Koblenz, wo er viel besser getan hätte, nach Hamburg zu
gehn und von da, wo ihn niemand kennt, und wo er Weerth und
Strohn getroffen hätte, also auch Geld, nach England! Aber vom
Nassauschen, wo er so nahe war, zog ihn offenbar die Hoffnung auf
Geld nach Koblenz, und wäre er da durchgekommen, so wäre er s
gewiß nach Köln gegangen. Für die Kölner ist es indessen gut,
daß sie schon durch den Anklagesenat passiert sind, sonst gäbe
Dr[onke]s Arretierung Anlaß zu neuen sechsmonatlichen Unter¬
suchungen. Man wird ihn sehr bald nach Köln transportieren
und vielleicht vor den Assisen versuchen, als Zeuge auf treten zu w
lassen. Ihm selbst geschieht diesmal ganz recht. Das Geld, was er
etwa brauchte, konnte er in Frankfurt gewiß auf treiben oder sich
von Lassalle irgendwo hinschicken lassen, aber nein, das Kerlchen
muß absolut nach Koblenz, wo ihn jeder Gendarm und jeder Hund
auf der Straße kennt. En attendant il est sûrement logé. ;;
Dein F. E.
Manchester, 25. April 1852.
166. Engels an Marx; 1852 April 27.
Lieber Marx,
Inliegend Neuestes von Weydemeyer, das etwas besser lautet 0
Deinen Artikel behalte ich einstweilen hier, 1. um ihn zu lesen und
2. um ihn später eventuell ins Englische zu übersetzen, was mit
Weglassung einiger nur Deutschen verständlichen Redeblumen
sehr gut geht.
Voilà donc Moses Heß in der Klölnischen] Zleitung] steck- $
brieflich wegen Hochverrats verfolgt. Ich will mich hängen lassen,
wenn das nicht infolge von bei Vater Dronke gefundenen blöd¬
sinnigen Papieren über ihre wichtigen Genfer Geschichten ge¬
schehen ist. Cela valait bien la peine! Inzwischen ist Moses wieder
Märtyrer, was sein otium cum dignitate sehr verschönern wird:
vielleicht wird man ihn bald nach London spedieren — est-ce que
nous n’échapperons jamais à cet imbécile! Jedenfalls kann alles
das für die armen Teufel in Köln wieder sehr fatal werden und
neuen Grund zu Verschleppungen ihres Prozesses geben; wären
sie wirklich schon vor die Assisen verwiesen, so hätten wir das j
doch gehört.
Freiligrath schreibt mir wegen einer Introduktion an meinen
Schwager — ich schicke sie ihm heute, er will also doch sich mi:
Gewalt nach einer Stelle umsehn.
Meine besten Grüße an Deine Frau und Kinder *
Dein F. E
Manchester, 27. April 1852.
z. - 1-9.
(166) 1852 April 27
343
Famose Abstimmung gestern abend über die Militia Bill. Gott
gebe noch ein paar solche, und die neue Wahl schleppt sich bis in
den September oder Oktober hinaus. Serves the Whigs right and
the financials too! Ich sehe, Jones will sein Paper doch gleich
5 herausbringen — der Streich von Harney wegen des Star ist
hundsgemein, aber es ist gut, daß Jones nicht dies diskreditierte
alte verkommene untergehende Blatt bekommen hat. Harney mag
es und sich begraben lassen.
167. Engels an Marx; 1852 April 29.
10 Lieber Marx,
Hierbei wieder ein Brief von Weydemeyer. Die Zeitungen habe
ich nicht erhalten, indes ist heut morgen der Atlantic telegraphiert
worden, und sie werden wohl morgen früh ankommen. Weyde¬
meyer scheint ein paar Andeutungen, die ich ihm wegen der prak-
15 tischeren Verpackung und Versendung seiner Sachen gab, so daß
sie nicht unnütz hohes Porto machen, falsch verstanden zu haben,
ich habe ihm seinen Irrtum jedoch bereits berichtigt.
Die Koblenzer Geschichte wegen des piccolo war also doch eine
reine Fabel, und wenn der Kölner Zeitung zu trauen ist, wird Vater
so Dronke jetzt wohl schon in London sein und seine Abenteuer so
ein Ziel erreicht haben. Tant mieux pour lui. Die Geschichte mit
Moses’ Steckbrief wird mir aber dadurch erst recht unerklärlich.
Jedenfalls scheint sie neue Schikanen gegen die Kölner anzu¬
deuten. Gott weiß, welcher alte Wisch wieder in die Hände der
sö Polizei geraten sein mag. Pauvre Moses, so egregiously post festum
noch zum Märtyrer in partibus infidelium zu werden!
Nächste Woche werde ich einige Artikel für Dana hinterein¬
ander machen und sehn, daß ich die Geschichte bis zum Schluß
der Reichsverfassungskampagne bringe. Damit wir dann gleich
w schließen können, wäre es gut, wenn Du für die letzten Artikel, die
revolutionary prospects of Germany und die Stellung unsrer Par¬
tei während und nach der Revolution, mir ein kurzes Memorandum
machtest. Gerade diese Schlußsachen sind zu wichtig, und dann
wird ein solches Memorandum mich in den Stand setzen, die Ar-
33 tikel nicht nur besser, sondern auch bei weitem rascher zu machen.
Auf diese Weise würde es mit einiger Anstrengung von meiner
Seite gelingen, die ganzen rückständigen fünf bis sechs Artikel
heute über vierzehn Tage fertig zu haben, und inzwischen könntest
Du schon mit Dana wegen einer neuen Serie, über einen Gegen-
« stand von mehr actualité, in Korrespondenz treten, soit la France,
soit l’Angleterre. Da Weydemeyers Broschüre nun wohl bald er¬
Z. 1-8. 1-17.
344
(167) 1852 April 29
scheint, so wird der 18. Brumaire, es sei denn unter veränderter
Gestalt, dem Dana nicht mehr zu verkaufen sein; er kann ihn dann
for nothing haben und selbst übersetzen. Du könntest aber immer
bei D[ana] anfragen, ob er eine für das anglo-amerikanische Pu¬
blikum berechnete Veränderung und Übersetzung haben will, man 5
würde dann die Vorgeschichte bis zum 2. Dezember 1851 bedeutend
zusammenstreichen und schließlich die Sache in die unmittelbare
actualité verlaufen lassen müssen, so daß fortlaufende wöchent¬
liche oder vierzehntägige Berichte über Frankreich sich daran
schließen könnten. 10
Dein F. E.
Manchester, 29. April 1852.
168. Marx an Engels; 1852 April 30.
London, 30. April 1852.
28, Deanstreet, Soho. 25
Lieber Frédéric,
Gleichzeitig mit diesem Briefe erhältst Du eine kolossale Sen-
dung von Amerika. Ich habe heute auch einen Brief von Cluß er¬
halten, von dem ich Dir unten Auszüge gebe, den ich aber bis
nächste Woche noch brauche. 20
Dronke ist saint et sauf hier eingetroffen. Er gefällt mir besser,
als ich gefürchtet hatte. Er ist gewachsen und auch in die Breite
gegangen. Dadurch hat er an Aplomb gewonnen. Einstweilen
kneipt er bei Anschütz, der ihn mit offenen Armen empfangen hat.
Er wird hier ein kleines Geschäft anfangen, da er von Paris den 25
Auftrag hat, hier Zigarren- und moneytaschen zu verkaufen.
10 % Gebühren. Und durch Anschütz kommt er gleich in die
nötigen Verbindungen für diesen trade.
Von ihm habe ich erfahren, daß der „brave“ Techow eine Cha¬
rakteristik über uns in die Schweiz geschickt, worin er weidlich 30
schimpfte, speziell über Dich. Die Militärs haben einen Konkur¬
renzneid gegen Dich. Et je pense, daß Du eines Tags leurs pres¬
sentiments rechtfertigen wirst. Außerdem: Schily verlangte von
Genf, die Herm sollten sich mit uns ausgleichen. Darauf erfolgte
ein Gutachten, gezeichnet: Willich, Techow, Schapper, Schimmel- 35
pfennig, worin es u. a. hieß: 1. habe man vollständig mit dieser
ganz machtlosen Partei gebrochen; 2. seien Polizeispione unter
uns, die alles der preußischen Regierung anzeigten.
Ich weiß nicht, ob ich Dir schon geschrieben oder ob Du noch
bei Deiner Anwesenheit hier gehört, daß alles in allem die 40
Herm Kinkel et Co. nur 3000 Dollars bar besitzen, daß alle
Z. 39-41 -
(168) 1852 April 30
345
Respektabeln, wie Löwe von Calbe, sich zurückgezogen, daß Wil¬
lich mit Kinkel und Reichenbach sehr gespannt und die ganze
Scheiße im Zergehn begriffen ist.
Das Memorandum über Teutschland wirst Du erhalten.
* Gestern hatten die Hunde hier Garantensitzung. Sie erwählten
ein definitives Komitee. Herr Ruge schrieb einen Brief, worin er
protestierte. Willich war nicht anwesend. Reichenbach lehnte von
vornherein jede weitere Beteiligung an dem Dreck ab. Das Ko¬
mitee wird bezahlt. Gewählt sind: Kinkel, Willich (zweifelhaft,
jo ob er’s annimmt), Löwe von Calbe (schlägt jedenfalls ab), Fickler,
Ronge, Schütz von Mainz und noch einer. Sie ergänzen sich aus
sich selbst. Ruge in seinem Schreiben greift Kinkel an als Agenten
des Prinzen von Preußen und Freimaurer.
Aus dem Clußschen Briefe folgendes:
js Huzel (zu unterscheiden von Huzzelwitt, Freund von Cluß,
bei dem Kinkelkongreß in Cincinnati als [Garant anwesend]1})
schreibt an Cluß u. a.: „Kinkel wollte mich durch Gemeinheiten
gegen Marx und Engels niederschmettem. Was ich wollte, ist mir
gelungen; ich brachte ihn so in die Enge, daß ich ihn auf lange im
?o Sack habe. Er wollte sich sicherstellen dadurch, daß er mich um
mein Ehrenwort bat, über den Vorfall zu schweigen und ihm ,keine
Stänkereien6 durch eine Publikation zu bereiten. Ein gewisser Tel¬
lering schimpft wie ein Rohrspatz in einem Brief an Anneke . . .“
Weiter schreibt Cluß selbst: „In New York, in der kostbaren
ss Versammlung, deren Rapport ich in meinem letzten Briefe sandte,
haben sich die sehr zahlreichen Turnvereine separat konstituiert
und sich für meinen Protest und Weydemeyers Artikel gegen das
Memorial von Kinkel erklärt/6
Apropos! Ich hatte dem Bangya, für Szemere, einige Feder-
& skizzen der großen deutschen Männer in London gegeben. Dieser
Brief ist, ich weiß nicht wie, einem deutschen Buchhändler vor¬
gelesen worden, ohne daß man ihm meinen Namen genannt hätte.
Er verlangt jetzt „Charakterbilder66 dieser Herren und soll, wie
B [angya] sagt, parat sein, 25 St. für einigeDruckbogen zu geben.
^5 Natürlich anonym oder pseudonym. Nun, qu’en penses tu? Eigent¬
lich müßten wir eine solche Humoreske zusammen machen. Ich
habe einige Bedenklichkeiten. Glaubst Du, daß ich auf die Scheiße
eingehn soll, so mußt Du aus meinen Briefen eine Kollektion
machen und aus den Sachen, die Du sonst hast, worin sich Frag-
mente zur Charakteristik der Hunde finden. Jedenfalls müßtest Du
mir einige Glossen über Willich „in Aktion66 und „in der
Schweiz66 schicken.
Unter den Sachen, die ich Dir zuschicke, findest Du den Ent¬
wurf einer Reklame für sein Bilder- und Schlachtenberichtwerk
’) Papier beschädigt.
Z. 1-3. 5-13. 29-42.
346
(168) 1852 April 30
vom alten Szerelmey. Er wünscht es etwas ausgepatscht und ins
Englische als Reklame verarbeitet, wofür er jedem von uns ein
Exemplar des Werks zusagt. Je crois que ça vaut la peine de
faire un petit Puff.
Daß Herr Carey ein ökonomisches Buch über die „Harmony of s
Interests66 publizieren würde, sah ich voraus, als ich seine erste
Druckschrift von ihm zu Gesicht bekam.
Mais que dis-tu, mon cher, daß Ruge in dem Dir überschickten
Janus sich den Kommunismus als jüngstes Produkt seines „huma¬
nistischen Denkens66 anzueignen sucht, und wie! Mon Dieu! io
Hast Du den Hahnenkampf zwischen Harney und Jones ge¬
lesen? Sonst schick3 ich Dir ihre wechselseitigen Philippiken.
Beide, der eine freiwillig, der andre gezwungen, steigen hier auf
den Standpunkt der deutschen Emigrationspolemik herab.
Dein K. M. is
Hast Du jemals einen größern Blödsinn gelesen, als den
B. Bauer-Artikel in der „Tribune66: „Der Verfall Englands66. Am
charakteristischsten für den unverbesserlichen alten Theologen ist
folgende Stelle: „Während das englische Parlament bisher die
römische Politik verfolgte, und die Lebenstriebe des Volkes, den 20
Untemehmungsdrang der Nation zur Gründung seiner Weltherr¬
schaft benutzte, während es gleichfalls in altrömischem Geiste
die innern britischen Differenzen, wie zum Beispiel
die Differenz der Hochkirche, des schottischen
Presbyterianismus und des irischen Katholizis-25
mus, zur Ausbildung und Entwicklung seiner aristokratischen
Kunst der Herrschaft benutzte, ist es jetzt im kontinentalen
Kampf zwischen den Völkern und Regierungen zur Partei gewor¬
den und tritt es in demselben Augenblick für den Konstitutionalis-
mus als Partei auf, wo derselbe seinem unleugbaren Verfall ent- 30
gegengeht.66 Wenn das nicht gut für die Wanzläus ist, so weiß ich
nicht, was besser ist.
169. Engels an Marx; 1852 Mail.
Lieber Marx,
Inliegend 30 sh. Post Office Ordre, alles, was ich für den Mo- 35
ment entbehren kann. Du wirst das Ding zwar morgen des Sonn¬
tags wegen nicht einkassieren können, aber wenigstens weißt Du,
daß Du’s hast. Sollte es mir im Laufe des Monats möglich sein,
eine zweite derartige Sendung abzustoßen, so weißt Du, daß es
jedenfalls geschieht, aber bis jetzt kann ich das noch nicht be- u
urteilen.
Z. 5-7. 16-32.
(169) 1852 Mai 1
347
Daß der Kleine eingesprungen ist und sich herausgemacht hat,
ist sehr schön, und daß er an Anschütz vorderhand a friend in
need, a friend indeed gefunden, ist auch etwas wert. Im Lauf
des Sommers muß er mich mal besuchen, wenn ich erst meinen
□ Alten hier gehabt habe.
Was die fraglichen biographischen Skizzen der großen Männer
anbetrifft, so ist es komisch, daß mir seit einiger Zeit die Idee im
Kopf herumging, in ähnlicher Weise eine alphabetisch geordnete
Kollektion derartiger Biographien anzulegen, die man immer
io weiter fortführen könnte und parat halten für den großen Moment
des „Losgehens“, wo sie dann plötzlich in die Welt zu schleudern
wäre. Was die buchhändlerische Offerte angeht, so sind £ 25
schon etwas wert, aber es ist zu bedenken, daß trotz aller Ano- und
Pseudonymität, doch jeder merkt de quel côté ces flèches viennent
15 und die Responsabilität auf uns zwei fallen wird. Die Sache
würde, in Deutschland unter dem jetzigen Regime gedruckt, als
Unterstützung der Reaktion erscheinen, und alle gesinnungs¬
tüchtigen Vorreden der Welt würden das nicht verhindern. Und
das ist immer fatal. Wenn man die Historie auf nur einige,
so meinetwegen ein Dutzend der namhaftesten Esel beschränkte —
Kinkel, Hecker, Struve, Willich, Vogt und dergleichen, ginge es
schon eher, die Auslassung unsrer eignen Namen würde dann nicht
viel machen und die Sache könnte als direkt von der Reaktion aus¬
gehend gefaßt werden. Jedenfalls müßten wir womöglich das Ding
^zusammen machen. Sieh nun, was Du meinst, das am besten zu
tun ist, und nous verrons. £ 25 valent bien un peu de scandale.
Den Brief von Cluß nächste Woche zurück. Die Geschichte für
Szerelmey werde ich machen. Die Americana sind bis heute mittag
nicht eingetroffen, doch liegen sie vielleicht jetzt an meinem
30 Hause.
Dein F. E.
Manchester, 1. Mai 1852.
170. Engels an Marx ; 1852 Ma i 4.
Lieber Marx,
35 Deine amerikanische dicke Sendung ist noch nicht angekom¬
men. Ich habe bei Pickfords anfragen lassen, da in meiner Straße
die Häuser neu numeriert werden, wodurch Konfusion entsteht;
aber bei P[ickford]s ist kein Paket für mich. Entweder hast Du
die Geschichte also nicht abgeschickt, oder, wenn per Post, viel-
leicht nicht in der vorgeschriebenen Form, oder es ist sonst etwas
damit vorgefallen. Zieh’ also Erkundigungen ein, was aus der
Sache geworden ist.
Z. 6-26. 28-30. 35-42 -
348
(170) 1852 Mai 4
Ich werde diese Woche meinen Herm Alten hier besichtigen, wo
dann die ganze Geschäftsscheiße ihre Erledigung finden und auch
meine Position sich weiter regulieren wird. Entweder wird das
Geschäft hier durch Kontraktserneuerung weiter fortgeführt, was
aber nicht sehr wahrscheinlich ist, oder ich werde durchzusetzen 3
suchen, daß mein Alter hier spätestens Ende des Jahres, vielleicht
schon Ende Juni des Jahrs, austritt. Dann gibt’s eine Liquidation
vom Teufel, die indes in sechs à acht Monaten so ziemlich beendigt
sein wird, wonach ich dann etwas anders anfangen werde, entweder
nach Liverpool gehn oder Gott weiß was. In vierzehn Tagen wird io
das wohl entschieden sein. Es ist mir lieb, daß mein Alter jetzt
schon kommt, damit der unvermeidliche Dreck hier sobald als
möglich abgemacht wird und ich weiß, woran ich bin.
Inliegend auch der Clußsche Brief zurück. Die Jonesschen Ar¬
tikel hab’ ich hier, dagegen nicht die von Harney, die Du mir ge- is
legentlich schicken kannst, damit man beide Seiten kennen lernt
und Vater Harney in seiner neuen Rolle sieht. Der fleißige Jones
wird diesen trägen Hund sehr bald aus dem Feld schlagen, wenn
es ihm nur gelingt, eine Zeitlang auszuhalten. Und eine Zirkulation
von 4000 wöchentlich, die schon Profit bringt (3600 decken die 20
Kosten), wird er doch aufzubringen imstande sein.
Das Herkommen meines Alten schiebt meine Danaschen Pläne
natürlich um acht à vierzehn Tage auf. Dagegen könntest Du in¬
zwischen durch Szemere die Unterhandlung mit dem Buchhändler
wegen der Skizzen fortführen, in betreff der zu schildernden 25
Heroen Deine Korrespondenz und die Neue Rheinische Zeitung
(besonders Nationalversammlungs-Vota und Reden) durchsehn,
und wenn die Sache zum Abschluß gediehen, kämst Du auf eine
Woche her und wir machten das Ding. Ich denke doch, es wird sich
so machen lassen, daß man die paternité des Dings nicht entdeckt, #
und selbst wenn dies geschehe, der Sache nichts anhaben kann.
Wie mir Ebner schreibt, steht er wegen Deiner Ökonomie noch
immer mit Löwenthal in Unterhandlung, der sich in Brüssel
etablieren will und einstweilen noch Associé im Frankfurter Ge¬
schäft bleibt.
Wie kommt Freiligrath mit meinem Schwager voran? Antworte
mir wegen Pindar, c’est une bête ennuyeuse et tssez confuse. Ist
er im B[un]d?
Die von Weydemeyer angezeigten Tumzeitungen sind noch
immer nicht angekommen, er muß irgendein Versehen damit ge- 4»
macht haben.
Schreib bald.
Manchester, 4. Mai 1852. Dein F. E.
Bei Paketen, die nicht durch die Post gehn, schreibst Du besser *
Z. - 1-13. 17-21. 23-31. 39-41.
(170) 1852 Mai 4
349
statt der alten Nr. 70 beide, die alte und neue Nummer auf die
Adresse, so: Nr. 44/70, Great Ducie Street, Strangeways, Man¬
chester.
Die Geschichte für Szerelmey womöglich morgen.
171. Marx an Engels; 1852 M a i 6.
London, 6. Mai 1852.
28, Deanstreet, Soho.
Lieber Frédéric,
Das Paket an Dich ist nicht abgegangen, weil Pickford 2Yz sh.
io meiner Frau abverlangte. Und so viel ist der ganze Dreck nicht
wert.
Der einliegende sonderbare Zettel, den Du erhältst, ist eine
rasch genommene Kopie von einem Rundzettel, den die Herm
Kinkel-Willich an ihre Affiliierten erlassen haben. Das Komischste
h ist, daß einer ihrer Sektionschefs diese Wische jedesmal zum preu¬
ßischen Generalkonsul Hebeler1) bringt, der dafür zahlt. Die preu¬
ßische Regierung hat natürlich ebensogut den Schlüssel zu diesen
wichtigtuenden Mysterien wie Kinkel-Willich. Willich nämlich,
trotz aller prinzipiellen Bedenken, hat doch den Posten im defini-
2o tiven Komitee angenommen. Wer Geld hat, hat auch Willich.
So viel ist sicher, daß ein Putsch quelconque beabsichtigt wird.
General Klapka ist bereits nach Malta abgereist, in seiner Tasche
eine Bestallung, gezeichnet Kossuth-Mazzini, die ihn zum Ober¬
general der ungarisch-italischen Armee ernennt. Ich glaube, in
25 Sizilien soll begonnen werden. Wenn die Herm nicht jedes Jahr
zweimal Niederlagen erleben und Schläge bekommen, fühlen sie
sich unbehaglich. Daß die Weltgeschichte ohne ihr Zutun sich ent¬
wickle, ohne ihre Intervention, und zwar offizielle Intervention,
können sie nicht zugeben. Geht die Sache schief, wie sicher, so hat
30 Herr Mazzini von neuem Gelegenheit, sich in entrüsteten Briefen
an einen Graham quelconque wichtig zu machen. Seine Verdauung
wird dadurch nicht gestört werden.
Ich korrigiere dem Bangya jetzt seine Übersetzung von Sze-
meres magyarisch geschriebnen Charakterbildern. Das Original,
35 das mühsam aus der schofelen und oft fast unverständlichen,
beständig mit der Grammatik und der consecutio temporum in den
Haaren liegenden Übersetzung wiederherzustellen ist, muß famos
sein. So viel geht klar hervor: Die Absetzung der östreichischen
Dynastie, die in dem Augenblicke ihrer Proklamation unpolitisch
40 und schädlich war, veranstaltete Herr Lajos Kossuth, um sich den
Gouvemeurposten zu sichern, den er später, wenn er zögere, wider¬
O Im Orig. Hebler
Z. 18-20. 31-41 -
350
(171) 1852 Mai 6
standslos dem siegreichen Görgei anheimfallen zu sehn fürchtete.
Der Fehler, Ofen zu bestürmen, statt auf Wien zu marschieren,
ebenfalls von Lajos veranlaßt, den es juckte, mit Familie siegreich
als Triumphator in der Hauptstadt seinen Einzug zu feiern.
Apropos! Eben erhalte ich Brief von Bangya. Der Buchhändler 5
in Berlin hat jetzt also den definitiven Vorschlag gemacht:
25 Pfund für 5—6 Bogen Charakterbilder, 24 Freiexemplare. Ich
erhalte von B[angya] das Geld, sobald ich ihm das Manuskript
ablief re. Aber der Mann verlangt Eile.
Mein Plan ist: Einstweilen mache ich mit Dronke, wodurch io
mein Stil plous ou moins verschwindet, das Brouillon. Nach vier¬
zehn Tagen ist es dann vielleicht möglich, mit mir1) die Sache
ready zu machen. Jedenfalls mußt Du mir über Willich (während
des Feldzugs und in der Schweiz) noch einiges schreiben in
Deinen current letters. jö
Einliegend Brief von Cluß.
Ich war gestern mit Freiligrath bei Buchhändler Trübner. Er
glaubt, eine Anzahl der „Revolution“ hier in London unterbringen
zu können und einen andern Teil in Deutschland durch Campe
vertreiben lassen zu können. Sobald also die Wfeydemeyer]sehen 20
Exemplare kommen, expediere hierher. Die Tumzeitung scheint
sich verlaufen zu haben.
Dein K. Marx.
172. Engels an Marx; 1852 Mai 7.
Lieber Marx, 25
Inliegend den Brief von Cluß zurück. Es fällt mir dabei ein,
daß jetzt, wo Herr Dana sich mit B. Bauer und Simon von Trier
in Verbindung gesetzt und zugleich Dir wegen der Präsidenten¬
wahl den Raum beschränkt hat, es gewiß am Platze wäre, gegen
Herm Dana einige Yankeeschritte zu tun. Cluß und einige andre 30
sollten von verschiedenen Seiten an Herm Dana schreiben, wie das
käme, daß diese inkomparablen Artikel so selten und unterbrochen
erschienen, und daß dies hoffentlich nicht an der Redaktion
läge, die dies vielmehr, wie man erwarte, abzustellen und
häufiger Artikel von K. M. zu bringen imstande sein werde 35
usw. Weydemeyer könnte dies sehr leicht organisieren; man
brauchte ihm als Grund dafür nur anzugeben, daß D[ana] Dir den
Raum beschränken wolle und deswegen eine derartige Demon¬
stration am Platze sei, um uns dies Organ offen zu halten. A Bar¬
num, Barnum et demi. Wenn es Dir recht ist, kann ich dies per &
nächsten Steamer bei Weydemeyer einleiten.
>) Wahrscheinlich Schreibfehler für Dir
Z. - 1-16. 30-39.
(172) 1852 Mai 7
351
Das Zirkular des Konvents an die Sektionen ist heiter. Ich will
mich hängen lassen, wenn die Sektionen St. Petersburg, Warschau,
Berlin, Rom usw. weiter als vier Meilen von Charing Cross entfernt
domiziliert sind. Dies karbonarisch - wichtigtuend - energisch aus-
5 sehend tagesbefehlmäßige Auftreten verrät, wie sehr die Herren
sich wieder selbst über ihre angeblich organisierten Kräfte täu¬
schen. Jetzt einen Putsch zu beabsichtigen, ist eine bêtise und eine
Gemeinheit. Aber freilich, „es muß doch was geschehn! es muß
doch was getrieben werden!66 Es wäre den Chefs, die das Ding
io leiten sollen, zu wünschen, daß sie sämtlich gefangen und füsilliert
würden; aber freilich, die großen Männer werden sich hüten, und
der Heros Willich wird ruhig in London bleiben, solange noch
Geld in der Kasse, Kredit bei Schärttner und freie Röcke und
Stiefel ad libitum in der „Schneiderei und Schusterei66 zu haben
io ist. So versteht Herr Willich die Verpflegung der Armeen!
Die Sache wegen der Charakterbilder ist soweit gut. In vier
Wochen kann das Ding fertig sein. Sorge nur für jemand Zuver¬
lässigen, der die Sache ins Reine schreibt, damit eine ganz unbe¬
kannte Handschrift in die Welt geht. Wenn Du herkommst, bring
2o die Americana, die komplette Neue Rheinische Zeitung und die
nötigen schriftlichen Dokumente mit. Mein Alter kommt morgen
und wird schwerlich länger als acht bis zehn Tage hier bleiben
können.
Ich habe endlich meine kriegswissenschaftlichen Sachen aus
« Deutschland erhalten. Was ich bis jetzt davon gelesen, ist nur
wenig. Herr Gustav von Hofstetter, der Vielgerühmte, erscheint
mir nicht gerade als Napoleon, sondern bis jetzt nur als recht
brauchbarer Chef eines Bataillons oder so im kleinen Gefecht.
Doch hab ich sein Ding noch nicht ausgelesen. Ein ganz hübsches
« Ding dagegen ist eine Broschüre über die neuen Fortifikationen im
großen, von einem preußischen Ingenieurhauptmann Küntzel^ —
historischer und materialistischer als irgend etwas, was ich bisher
in militaribus gelesen. — Was nun den Herm Willisen angeht, so
ist hier zu sagen, daß bei Idstedt nicht die Dänen über die Schles-
wig-Holsteiner, sondern die gewöhnliche Taktik des gesunden
Menschenverstandes über die Hegelsche Spekulation gesiegt hat.
Das Willisensche Buch sollte eigentlich heißen : Philosophie
des großen Kriegs. Es versteht sich damit von selbst, daß in dem
Ding mehr Philosophiererei als Kriegswissenschaft enthalten ist,
daß die sich am meisten von selbst verstehenden Sachen mit der
weitläufigsten und tiefsten Gründlichkeit a priori konstruiert wer¬
den, und daß dazwischen die schulgerechtesten Abhandlungen über
Einfachheit und Mannigfaltigkeit und dergleichen Gegensätze vor¬
*) Im Orig. Künzel
Z. 9-23.
352
(172) 1852 Mai 7
kommen. Was soll man zu einer Kriegswissenschaft sagen, die mit
dem Begriff der Kunst en général anfängt, dann nachweist, daß
auch die Kochkunst eine Kunst ist, über das Verhältnis von Kunst
und Wissenschaft sich des breiteren ausläßt und schließlich alle
Regeln, Verhältnisse, Möglichkeiten usw. der Kriegskunst in dem j
einen absoluten Satz auf gehen läßt, daß der Stärkere immer den
Schwächeren schlagen muß ! Hier und da sind nette Aperçus und
brauchbare Reduktionen auf einfache Grundregeln; es wäre auch
schlimm, wenn das nicht der Fall wäre. Auf seine Anwendung auf
die Praxis bin ich noch nicht gekommen; aber es spricht nicht sehr io
für Willisen, daß Napoleons größte Erfolge jedesmal durch Mi߬
achtung der Willisenschen ersten Regeln erlangt wurden, ein Re¬
sultat, das sich ein bibelfester Hegelianer freilich sehr gut erklären
kann, ohne daß die Regeln im geringsten zu leiden brauchen.
Wie ich sehe, sind Görgeis Memoiren soeben erschienen — sie 15
kosten aber 6 Taler, und ich werde sie mir daher jetzt noch nicht
anschaffen können. Mit ihnen kann man das Material über das
Militärische des ungarischen Kriegs als vorderhand abge¬
schlossen betrachten. Über den ungarischen Krieg mache ich
jedenfalls etwas, vielleicht über alle 1848/49er Kriege. Sowie ich 20
etwas mit der früheren Kriegsgeschichte im reinen bin, werde ich
mich nach einem Verleger umsehn, der dann auch den größten
Teil der Kosten für die Quellen tragen kann.
Die Dir vorigen Samstag geschickten 30 sh. wirst Du erhalten
haben. #
Dein F. E.
Manchester, 7. Mai 1852.
173. Marx an Engels; [1852] Mai 13.
13. Mai.
28, Deanstreet, Soho, m
Lieber Engels,
Ich schreib Dir heut nur ein paar Zeilen. Der alte Szerelmey.
dessen erstes Heft fertig ist, tritt mich täglich wegen der Reklame
seines Schlachtwerks. Wenn es Dir jetzt unmöglich ist, so schick
mir wenigstens umgehend sein Brouillon zurück.
Dein K. M.
174. Engels an Marx; 1852 Mai 19.
Lieber Marx,
Les affaires vont bien. Morgen oder übermorgen reist meii
Alter wieder ab, sehr zufrieden mit seinen Geschäften. Das hiesige 0
Z. 1-7 !
Nr. 173.
(174) 1852 Mai 19
353
Geschäft wird vollständig reorganisiert und auf neuen Grundlagen
fortgeführt. Die Zulage ist glücklich erobert, und sobald die Kon¬
trakte unterzeichnet sind und mein Alter verschwindet, wird die
erwähnte Banknote bei Dir ihre Erscheinung machen. Das schönste
j dabei ist, daß i c h gar nichts unterschreibe, mein Alter hat die
Weisheit, mir in politischer Beziehung doch nicht ganz zu trauen
und sich daher wohl zu hüten, daß er nicht später durch mich in
neue Unannehmlichkeiten kommt. Auch kann ich es eintretenden¬
falls bei Beobachtung einiger Anstandsformen dahin bringen, daß
io ich von einem meiner Brüder ersetzt werde, so daß bei meinem
Fortgehn mein Alter nichts verliert als allenfalls einige Illusionen,
und ich derjenige bin, der ein Opfer bringt, nicht er. Schreibe mir
nun umgehend, wie es mit Deinen Charakterskizzen steht. Da ich
nämlich durch alle diese Veränderungen für den Augenblick einen
15 tüchtigen Haufen Arbeit auf den Hals bekommen werde, so kann
ich in den nächsten Tagen schwerlich an viel Zusammenarbeiten
mit Dir denken, und doch wäre es mir lieb, Dich sobald wie mög¬
lich hier zu sehen. Könntest Du also mit Dronke diese Sachen
soweit wie möglich fertig machen, damit wir hier in ein paar
2o Abenden sie vollständig abmachen könnten, so wäre das gut, ich
würde dann vor Deiner Herkunft aus den hier befindlichen Doku¬
menten die nötigen Auszüge über die Betreffenden (die Du mir
namentlich angeben müßtest) machen, damit wir rasch vorangehn
könnten. Es fällt mir grade ein, daß es am besten wäre, Du
25 kämst Pfingsten, i. e. den Freitag vorher — übermorgen über
acht Tage —, wo hier die allgemeinen holidays sind. Bei schönem
Wetter gingen wir dann auf die Insel Man oder sonst wohin und
bei schlechtem arbeiteten wir. Sieh aber, daß Du allein kommst,
Dronkius soll mir später sehr willkommen sein, aber zunächst kann
50 ich ihn noch nicht gebrauchen und beim Arbeiten würde er doch
stören.
Die Hauptsache ist übrigens bei dem neuen Arrangement, daß
vom 1. Juli an mein Geld nicht nur sich vermehrt, sondern auch
vollständig mein ist, so daß kein Mensch mehr mich zu fragen
55 hat, wozu ich es gebrauche. Das Nähere mündlich.
Dein F. E.
Manchester, 19. Mai 1852.
175. Engels an Marx; 1852 M a i 21.
Lieber Marx,
4o Mein Alter ist fort. All is right. Inliegend die erste Hälfte der
Zehnpfundnote. Ende nächster Woche hoffe ich, Dich hier zu
sehn. Vermutlich liegt in diesem Augenblick ein Brief von Dir an
23
Z. 12-13. 18-24. 28-31.
354
(175) 1852 Mai 21
meinem Hause, ich habe aber nicht die Zeit hinzugehn. Die zweite
Hälfte der Note erfolgt entweder heut mit der zweiten Post oder
morgen.
Dein F. E.
Manchester, 21. Mai 1852. *
176. Engels an Marx; 1852 Mai 22.
Lieber Marx,
Ich schreibe Dir heute bloß, um für alle Fälle anzuzeigen, daß
ich Dir gestern per erste Post direkt eine halbe £ 10 Banknote
geschickt, und daß die zweite Hälfte gleichzeitig an Lupus zur io
Abgabe an Dich kuvertiert wurde, was Du hoffentlich richtig er¬
halten hast.
Hier ist jetzt große electioneering activity — zwei von den
Tories aufgestellte Whigfreetrader sollen Bright und Gibson
hinauswerfen, und es wird nichts getan als gekanvaßt und ge- u
soffen. Natürlich haben die Kerls keine Chance, es wird sie aber
ein schönes Geld kosten.
Vor drei Wochen trat, wie ich erwartet, ein Anlauf zur Speku¬
lation im Baumwollenmarkt ein; da aber die Chancen noch nicht
prononciert genug sind und die hiesigen Spinner und Kaufleute 20
dagegen operierten, fiel die Geschichte momentan wieder ins Was¬
ser. Sie wird indes sehr bald wieder anfangen, sobald die ganze
Masse der Ernte in Amerika abgeliefert ist. Auch Wolle — wegen
des plötzlichen Ruins der australischen Schafzucht — läßt sich
famos zu einem Spekulationsartikel an, und es ist überhaupt alle u
Aussicht da, daß zum Herbst die Spekulation in schönster Blüte
stehen wird. Die Eisenbahn- usw. Aktien fangen auch wieder an
zu steigen — die besseren rentieren immer mehr als die 1 à IV2 %,
die jetzt noch für Depositenkapitale von den Banken zu erhalten
sind. In Amerika ist die Spekulation in Baumwolle schon seit sechs w
Wochen im besten Zuge, und die vielfachen kuriosen neuen Aktien¬
gesellschaften, die jetzt überall annonciert werden, beweisen, wie
sehr in allen großen Geldmärkten das Kapital nach Débouchés
herumtastet. Après tout zeigen sich die Sturmvögel jetzt doch schon
etwas bestimmter und in größerer Menge. Cela sera beau. m
Hoffentlich erhalte ich spätestens bis morgen früh einen Brief
von Dir.
Dein F. E.
Manchester, 22. Mai 1852.
Z. 23-34.
(177) 1852 Mai 22
355
177. Marx an Engels; [1852] Mai 22.
22. Mai.
28, Deanstreet, Soho.
Lieber Frédéric,
Heute morgen ist die erste Hälfte der Zehnpfundnote einge-
sprungen.
Ich denke Freitag von hier abzureisen, und zwar zu Schiff nach
Liverpool, von da nach Manchester.
Apropos! Bürger Schramm^ reist nach Amerika über Liverpool.
io Nun hat der Kerl vor, wie er uns vertraut, Dich Mittwoch oder
Donnerstag heimzusuchen. Du mußt sehn, wie Du ihm entgehn
kannst.
Willich hat ein ganz hübsches Abenteuer erlebt. Frau von Brü¬
ning, bei der er freie Tafel hatte, gefiel sich darin, mit diesem alten
is Bock, wie mit den übrigen Exlieutenants zu kokettieren. Eines
Tags stürzt das Blut unsrem Asketen in den Kopf, er macht einen
tierisch-brutalen Angriff auf Madame und wird mit Glanz zum
Hause hinausgeschmissen. Verlorne Liebe! Verlorne Tafel! Nous
ne voulons plus de jouisseurs.
2o Cherval, von dessen Heldentaten vor den Pariser Assisen, in
dem Complot allemand-français, Du gelesen, ist, wie Du vielleicht
auch in den englischen Blättern (Moming Advertiser) gesehn,
auf fabelhaft kühne Weise den Häschern entsprungen. Nachträg¬
lich stellt sich heraus, mit Einwilligung der Polizei, der er alles,
25 was er wußte, verraten. Die Great Windmillers selbst waren ge¬
zwungen, den Helden, mit dem sie in London herumparadierten,
auszustoßen.
Die Kölner sind von dem Anklagesenat endlich vor die Assisen
verwiesen. Wenn keine Extraassisen angesetzt werden, kommen
3o sie erst Juli vor.
Dronke grüßt.
Dein K. M.
178. Engels an Marx; [1852] Mai 24.
Lieber Marx,
35 Wenn Du am Freitag erst von dort per Liverpool zur See ab¬
gehn willst, so bist Du vor Montag abend nicht hier, vielleicht erst
Dienstag morgen. Willst Du absolut zur See kommen, so richte
Dich so ein, daß Du per Hull kommen kannst — drei- bis viermal
O Konrad Schramm
23*
Z. 13-19.
Nr. 178.
356
(178) 1852 Mai 24
die Woche geht ein Boot von der City morgens 8 Uhr ab, und die
Fahrt dauert nicht so lange — etwa Mittwoch morgen, spätestens
Donnerstag morgen müßtest Du abreisen, fare 6 sh. 6 pence
— nach Hull — von Hull hieher third dass ca. 7—8 sh. Du
mußt Freitag nachmittag hier sein, damit wir denselben J
Abend gegen 6 Uhr noch nach Liverpool fahren können. Der
Parlament Train direkt von London geht zu spät ab, als daß Du
ihn noch am Freitag benutzen könntest. Den Weg via Liverpool
zur See kannst Du auf der Rückreise benutzen.
Also: quoi que tu fasses, il faudra que tu sois ici le vendredi io
à quatre heures de l’aprèsmidi.
Näheres erwartend,
Dein F. E.
Manchester, 24. Mai.
Die Geschichte mit Willich ist sehr heiter. Das Schicksal hat
den Edlen, Reinen also doch erreicht!
179. Marx an seine Frau in London, mit Nach¬
schrift von Engels; Manchester 1852 Juni 18.
18. Juni 1852.
70, Great Ducie Street, Manchester.
Liebes Herz,
Dein Brief hat mich sehr gefreut. Du brauchst Dich übrigens
gar nicht zu genieren, mir immer alles mitzuteilen. Wenn Du,
armes Teufelchen, die bittre Realität durchmachst, ist es nichts
weniger als billig, als daß ich wenigstens ideal die Qual mitdurch-
lebe. Ich weiß übrigens, wie unendlich elastisch Du bist und wie
das geringste Günstige Dich wieder neubelebt. Hoffentlich hast Du
diese Woche noch oder höchstens bis Montag andre 5<^.
Allerdings habe ich die Schnellpost mit eingepackt. Aber die
alten Nummern, worin Ruge seinen Hauptkack ablagert, fehlen, o
Wir lachen Tränen bei der Einmarinierung dieser Stockfische.
Mit dem Oswaldschen Paket ist wenig anzufangen, doch immer
etwas. Unser lieber A. R[uge] kann keine drei Zeilen schreiben,
ohne sich zu kompromittieren. „Monte“ ist schon von mir korri¬
giert, wenn ich nicht irre.
Der Drucker in der City scheint ein kleines lumen zu sein, der
sicher unendlich viel Zeit für einen Bogen braucht, da er keinen
Überfluß an Handlangem besitzt. Sein Papier ist dreimal schlech¬
ter als das amerikanische und seine Typen ebenfalls. Sie sind
offenbar ganz verschlissen. Dein Geschäft aber hast Du famos ab- o
gemacht.
Nr. 178. Nr. 179.
(179) 1852 Juni 18
357
Die Broschüre von Harro0 ist durch die Naivität der Dummheit
wahrhaft rührend. Sei so gut und schneide Engels’ Artikel
über Heinzen aus der Brüssler Zeitung0 und schick ihn uns, aber
bald. Wenn der Kosmos nicht kommt, so schadet das auch nicht,
j Wir haben die Hauptsache hier in einem Briefe von mir vorliegen.
Küß und grüß meine Männerchen von mir.
Dein K. M.
Engels hat auch die Bemerkung gemacht: während ich in der
ganzen Broschüre immer absichtlich „Louis Bonaparte“ setze,
20 setzt Herr Wteydemeyer] auf seinen Titel „Louis Napoleon“.
P. S.
Liebe Jenny, sei so gut und sag dem Eccarius, daß er ein kleines
Nachwort zu seinem Mechanics’ Strike macht, da Wteydemeyer]
es doch drucken zu lassen „gedenkt“. Schon des Cluß wegen muß
15 man darauf eingehn.
Liebes Herz, die zwei einliegenden Zettel „Chevalier Hulse-
man’s Farewell“ und „John Barney and the French Minister“
nebst dem kleinen Ausschnitt über „Cayenne“ schick Jones, am
besten, wenn er nicht zu Dir kömmt, durch Post. Ich ersuche Dich,
2o Herm Pieper nicht mit dergleichen Aufträgen zu belästigen. Bei
ihm ist alles Gegenstand der Rodomontade und ich will nicht, daß
Jones, der ihn übrigens so üppig gemacht hat, ihn als mein alter
ego betrachtet. Da P[ieper] glaubt, die Briefe seien für „die
Partei“ geschrieben, soll er sobald keine mehr zu Gesicht bekom-
2i men.
[Nachschrift von Engels]
Prego il Signor Colonello Musch di gradire le mie migliori
e piu cordiali felicitazioni.
F. Engels.
180. Engels an Marx; 1852 Juni 30.
Lieber Marx,
Entweder müßt Ihr dort furchtbar fleißig am Kopieren des
Manuskripts sein oder es ist was Unangenehmes vorgefallen, sonst
hätte ich wohl schon von Dir gehört. En attendant, inliegend ein
35 Brief nebst Ausschnitten von Weydemeyer.
Dein kleines Brieftäschchen mit dem Kölner Brief hat sich ge-
O Harro Harring
2) „Deutsch Brüsseler Zeitung“
Nr. 179. Nr. 180.
358
(180) 1852 Juni 30
funden — ich hab ihn heute nicht eingesteckt, sonst würd’ ich
ihn schon beilegen.
Beste Grüße — eilig
Dein F. E.
Manchester, 30. Juni 1852. 5
181. Marx an Engels; 1852 Juli 3.
3. Juli 1852.
28, Deanstreet, Soho.
Lieber Engels,
Ich komme spät, aber ich komme. Den Aufschub wirst Du aus w
folgender Geschichtserzählung Dir erklären:
In London wurde sofort das Manuskript abgeschrieben. Mon¬
tag mittag war es fix und fertig. Ich diktierte abwechselnd meiner
Frau und Dronke. Mittwoch mittag erhielt ich das Geld. Bangya
zog die Dir bewußten 7 -St. ab. Außerdem das Debet an Dronke >
für seine Mitarbeit. So blieb eine Summe übrig, die nicht einmal
für das Haus hinreichte. Strohn war nicht in zahlbaren circum-
stances. Nun kam noch spezielles Pech hinzu.
Kloses Frau, lang kränkelnd, auszehrend, im Hospital, wird
von dem Hundepack entlassen grade im Moment der letzten Krise, o
stirbt vorvorgestern in seinem Hause. Nun kein Centime da, Be¬
gräbniskosten etc. Freiligrath konnte nichts tun, da er eben alle
seine Bekanntschaften erschöpft hatte, um Heilbergs Frau und
Kind nach Breslau zurückzufördem, ihn selbst am Leben zu halten
und schließlich ins Hospital zu fördern. So fiel die Sache auf j
mich und machte unsägliche Laufereien, bis sie ins reine gebracht
war. Maintenant ist wieder Ruhe.
Die „Bande“ zerbricht sich den Kopf über unsre Broschüre.
Namentlich Meyenkäfer^ schwitzt Todesangst. Er „weiß sich
gar nicht zu erinnern, daß er je das Geringste gegen uns gefrevelt“, #
Willich hat bei mir anklopfen lassen, ob auch die Brüning¬
geschichte vorkommt. Das macht ihm viele Skrupel.
„Der wahre Verlauf“ dieser absonderlichen Begebenheit ent¬
wickelt sich nun wie folgt:
Erst, wie Du weißt, leugnete Willich direkt. Seine zweite Aus¬
gabe war: „Die Brüning habe ihn politisch korrumpieren wollen.
— Herr von Willich links und rechts und andre Korruptionsmittel
angewandt.“ Aus „moralischer Absicht“ machte er also die Di¬
version nach ihren Geschlechtsteilen.
Jetzt aber hat sich unser Partisanenchef den Kasus wieder an-w
O Eduard Meyen
Nr. 180. Z. 12-18. 28-40 -
(181) 1852 Juli 3
359
ders konstruiert. „Die Brüning (dies hat ihm Imandt früher er¬
zählt) ist russische Spionin. Sie sucht junge Flüchtlinge zu fangen.
Der alte Willich war ihr im Wege. Daher jene Anekdote, um ihn
bei der Flüchtlingschaft zu ruinieren. Wie politisch absichtlich-
ô diabolisch diese erfundne ,Anekdote6, folge schon daraus, daß
der eigne Mann der Brüning ihre Schande kolportiere, bloß um
Willich zu blamieren.“
Aber die Sache ist nicht am Ende. Der ritterliche Schimmel¬
pfennig erklärt, Willich habe das Spionengerücht erfunden, um
io die Revolte seines „Cazzo“ zu maskieren. Jetzt steht die Sache so,
daß zwischen diesen zwei Edlen die Geschichte schwebt und Wil¬
lich, von einer Lüge zur andern getrieben, sich erst recht kom¬
promittiert.
Bei dem Hahnrei Brüning fällt mir ein schöner Witz ein, den
u ich vor ein paar Tagen in der Comedia Machiavellis gelesen:
Picca (Hahnrei): Chi è san Cuccü?
Liguero: Eil piu onorato santo ehe sia in Francia.
Willich und Kinkel in großen Ängsten, wie sie die Revolution
mit den 1200 machen sollen. Schurz, Schimmelpfennig, Strodt-
20 mann etc. ziehen sich mehr und mehr von Kinkel zurück.—Willich
wäre mit hundert Pferdekraft nicht von dem coffre fort zu trennen.
Vor acht Tagen erscheint Kinkel bei Imandt, von dem er weiß, daß
er mit mir zusammenkömmt, und sagt: „Es sei schade, daß meine
Ökonomie noch nicht erscheine, damit man endlich eine positive
2o Grundlage bekomme.“ I[mandt] fragt ihn nach Freiligraths Ge¬
dicht. „Solche Sachen lese er nicht“, repliziert Godofredus.
Das Komischste ist, nachdem die Hunde nun seit Jahren bloß
von Schimpfen gegen uns gelebt, erklären sie jetzt, es sei unter
„unsrer Würde“ und „Stellung“, solchen Klaklaklatsch zu schrei-
w ben. Les drôles!
Indes hat sich den trostlosen Willich-Kinkel, die die Revolution
machen sollen, eine neue Aussicht eröffnet. Die Herm Rodbertus,
Kirchmann und andre ambitiöse Ministerkandidaten haben einen
Legaten nach London geschickt. Die Herm wollen nämlich, in
36 Nachahmung der Franzosen, von dem Vogt, eine deutsche Karbo-
narigesellschaft bilden. Verbindungen auch mit den extremsten
Parteien. In Deutschland soll für die Kosten Papiergeld aus¬
gegeben werden. Da sie nun ihre Haut möglichst zu salvieren
suchen, sollen Emigrationsmänner dies Papier unterhauen, und
« zwar von „allen“ Parteien.
Schapper hat mir durch Imandt reuige Bekenntnisse machen
lassen und anklopfen. Erwidert: Erst solle er öffentlich mit
Willich brechen, das Spätere würde sich finden. Das sei die con¬
ditio sine qua.
Du wirst von neuen Verhaftungen in Paris gelesen haben. Die
z. - 1—44.
360
(181) 1852 Juli 3
Tölpel (diesmal Ruge-Clique) mußten natürlich eine Schein¬
konspiration wieder von neuem auf die Tapete bringen. Ihr Kor¬
respondent in Paris, wie mir schon vor geraumer Zeit mitgeteilt
war, Engländer, notorischer Polizeiagent (in Paris), depo¬
niert natürlich jeden ihrer Briefe sofort im Office. Nicht zu- 5
frieden damit, schickt die französische Polizei Simon Deutsch her,
um dem Panzerum die Würmer aus der Nase zu ziehn. Louis
Napoleon bedarf unter allen Umständen einer Konspiration.
Aber er hat eine auf dem Hals, von der er noch nichts zu wissen
scheint. Die der family d’Orleans, deren Agent Herr Bangya in
(aber im Einverständnis mit den ungarischen „Radikalen“) jetzt
ist. Plan: B[onaparte] soll eines Abends bei seiner Winkelhure, zu
der er hinter dem Rücken der Engländerin schleicht, abgefangen
werden. Ein Hauptagent der Polizei ist bestochen. Zwei Generale
sollen gewonnen sein. Nemours war selbst vor vierzehn Tagen in 115
Paris. Große Summe zur Verbreitung von Pamphleten gegen
Louis Napoleon verausgabt.
Was meinst Du. Wenn noch einmal einer der d’Orleans nach
Paris reist und man erführe etwa das Datum, sollte man dem „vrai
prince“ nicht den „faux prince“ denimzieren, d’une manière ou
d’une autre. Sag mir Deine Ansicht drüber.
Der Hund Cherval hat den Preußen auch den Pfänderschen
Brief an ihn ausgeliefert.
Au revoir.
Dein K. M. w
Von dem gottvollen Weydemeyer keine Spur. Bonaparte wird
wohl eher in Amerika sein als meine Broschüre über ihn in
Europa. Wenn möglich, schick mir bald einen Artikel für Dana.
Von Pietro Aretino, dem Vorvater (nur mit mehr Witz) der
Cassagnacs teile ich Dir folgenden Eingang seiner „Dubbi amo- 30
rosi“ mit:
Prefazione. Magnifico utriusque Ser Agnello,
Voi qui scribere scitis quare, quia,
Espeile, volte fatte col’ cervello,
Di Bartolo et Baldo notomia,
E le leggi passate col castello,
Nella vostra bizarra fantasia,
Questi dubbii, di grazia, mi chiarite
Ch’oggi in Bordello han mosso un gran lite.
Vi sono genti fottenti, e fottute;
E di potte e di cazzi notomie.
E nei culi molt’ anime perdute etc.
Z. 9—14 (werden). 18-21. 29-42.
(182) 1852 Juli 6
361
182. Engels an Marx; 1852 J u 1 i 6.
Lieber Marx,
Es ist gut, daß das Manuskript fort ist. Hoffentlich kommen
die Exemplare nun in drei bis vier Wochen an. Du mußt wieder
5 durch eine schöne Sauce Dich haben durcharbeiten müssen, daß
Du als Gegengift die porcherie des Pietro Aretino zu Dir genom¬
men hast. Cazzo di Dio, queste sono forti.
Ich sitze hier bis über die Ohren in der Arbeit. Vor mir liegen
jetzt noch elf Geschäftsbriefe, die ich heut noch schreiben muß,
io und es ist gleich sieben Uhr. Ich will indes womöglich noch heute,
spätestens aber morgen abend einen Artikel für Dana machen.
Ich habe grade den Herm Görgei vor. Wir haben damals
aus den östreichischen Berichten den Gang des ungari¬
schen Kriegs in der Neuen Rheinischen Zeitung famos richtig
16 geraten und glänzend, aber auch vorsichtig, richtig prophe¬
zeit. Das Buch von Görgei ist hundsgemein, so etwas klein Nei¬
disches, infam mesquin Borniertes existiert nicht mehr. Das Mili¬
tärische ist gut, Görgei, wie er leibt und lebt, der talentvolle Ex¬
leutnant, der sofort General wird und dem der Kompagniedienst
und das elementartaktische Detail noch als Eierschale überall an¬
klebt. Die Ungarn, die behaupten, Gtörgei] hätte das nicht schrei¬
ben können, sind Esel. Das echt Görgeische und das öst-
reichische Element sind im Buch so leicht zu unterscheiden, wie
im Chenu die beiden heterogenen Elemente. Als Quelle ist das
Buch — mit Vorsicht — aber sonst sehr gut zu gebrauchen. Die
boshafte Borniertheit des Kerls geht so weit, daß sie ihn dazu
treibt, sich selbst zu blamieren, wie durch die Geschichte von der
Waitzener Proklamation, worin er Kossuth vorwirft, in der Wirk¬
lichkeit gescheiter gewesen zu sein als in seinen bombastischen
30 Reden, und durch die ganze unbeholfene Darstellung, die den Ver¬
fasser sich immer wider Willen kompromittieren läßt. Diese Bor¬
niertheit läßt G[örgei] nie zu einer wirklichen Charakterisierung
irgend eines Kerls kommen, doch sind nette Züge und einzelne
Glossen drin über Kossuth und die meisten andern. Trotz dieser
3 Borniertheit der Boshaftigkeit war G[örgei] — man sieht es über¬
all — doch allen überlegen — was sind also die andern erst für
Kerle!
Über den ungarischen Krieg schreib ich jedenfalls.
Das Pariser Komplott scheint — nach den Tatsachen zu ur-
teilen — eher von unseren carrément und crânement finstern Bar¬
th [élemy] etc. auszugehen — in der abenteuerlichen Artillerie¬
anfertigung ist etwas qui sent son Willich de vingt lieues. Daß Ruge
etc. auch darin gepantscht haben, ist sehr möglich, aber diese Ka¬
Z. 3-7
39-43 -
362
(182) 1852 Juli 6
nonen aus Gasröhren, mit Teerleinwand überzogen, sind hohen-
zollemschen Ursprungs.
Dein F. E.
Manchester, 6. Juli 1852.
Wegen der Orléans? Pourquoi pas? Den braven Joinville oder j
so einen à la duc d’Enghien behandeln zu lassen, wäre doch schön
und pourquoi le neveu ne ferait-il pas fusiller aussi son Bourbon?
183. Marx an Engels; 1852 Juli 13.
13. July 1852.
Lieber Engels, 10
Da kein Brief von Dir hier ist, schließe ich, daß der würdige
Weydemeyer, trotz alledem und allederti, bei seinem „System“ ver¬
harrt. Die Sache fängt wirklich an, unbegreiflich zu werden und
macht mich, abgesehn von dem grade jetzt sehr empfindlichen
Geldverlust, obendrein noch zum Gespött der Emigrationsläuse
und der Buchhändler, an die ich mich in dieser unglücklichen An¬
gelegenheit gewandt hatte.
Einen Artikel über die Wahlen habe ich nicht geschrieben, weil
nach meiner Ansicht erst das Gesamtresultat abgewartet werden
muß. Es scheint mir nach dem, was ich bisher gesehn, daß auf 0
fünf bis sechs Stimmen, zum Vorteil der Whigs, das alte Parlament
mit Haut und Haar wieder auferstehn wird. Die Kerls sind in
einem cercle vicieux, wo sie nicht herauskommen. Die einzigen,
die bis jetzt bedeutend verloren haben, sind die Peeliten. Der
„Moming Chronicle“ erklärt indes in einer Apologie Grahams,
es sei nur noch ein Ausweg übrig. Whigs seien ebenso unfähig
wie Tories. Die einzig kapablen Leute, außer Graham und seinem
Anhang, seien Cobden, Bright et Co. Und diese müßten zusammen
regieren. Sonderbarerweise brachte die „Times“, wie Du vielleicht
gesehn hast, tags darauf einen Artikel, worin Graham ebenfalls 0
apologisiert wird.
Der große Techow nebst Madame Schmidt-Stimer wandern
nächste Woche nach Australien. Aber was Dich tiefer kränken
wird, „der“ Damm wirft sich nicht minder auf australian gold-
digging. Noch einige Monate Frieden, und unsre Weltumwühler ;
wühlen alle im australischen Dreck nach dem Drecke. Nur Wil¬
lich, festgeschmiedet durch den coffre fort, bleibt bei seinem
Wahlspruch, zu leben, aber by no means zu arbeiten.
Bangya ist jetzt sehr intim mit dem orleanistischen Intriganten
„de Rémusat“. Ein Ungar quelconque warnt ihn vor dem Manne, •
der in dem Komplott allemand-français die Deutschen „verraten“
Z. - 1-2. 4-7?
11-17. 24—31.
36 - H -
(183) 1852 Juli 13
363
habe. Rémusat hat Agenten mitten auf der Präfektur zu Paris.
Er schreibt ihnen also, sans mot dire à M. Bangya, ihm über diesen
Herm zu berichten. Antwort, die mir mitgeteilt wurde, Bangya sei
durchaus unverdächtig. Er habe sich zur rechten Zeit aus
5 dem Staub gemacht, sonst würde man auch ihn gefaßt haben. Der
Verräter sei „un certain Cherval, nommé Frank, mais dont le
véritable nom est Crämer46.
Dieser Cherval habe von Anfang an die Sache im Verständ¬
nisse mit der Polizei geführt. Noch mehr. Rémusat erhält Original-
/obriefe, die CthervalT an die preußische Gesandtschaft schrieb,
worin er ihr erklärt, nach den Versprechungen, die sie ihm in
Mazas gemacht, und nachdem er sich zum „principe66 der ordre be¬
kannt, sei es „bei devoir66 ihm die nötigen „moyens66 zu geben.
Die preußische Gesandtschaft aber erklärt: da er von franzö-
15 sischer Seite als Spion bezahlt werde und double emploi nicht
gehe, könne er preußischer Seite nichts beanspruchen. Er ist also
nach London geschickt, um die deutschen Flüchtlinge zu kontrol¬
lieren und außerdem „ein Auge auf Claremont66 zu halten. In
letztrer Eigenschaft kam er zu Rémusat und bot sich ihm als
so Agenten an. R[émusat], von Paris aus instruiert, geht schein¬
bar auf ihn ein und weist ihm einen Kammerdiener in Claremont
als Unterhändler an, der nun die Aufgabe hat, durch ihn der fran¬
zösischen Polizei Windeier in ihr Nest zu legen. — Die orleani-
stische Agitation ist so gut organisiert, daß die Kerls förmliche
26 reguläre Schmugglerposten besitzen, wodurch man seine Briefe,
Pakete, Broschüren so sicher nach Frankreich senden kann, wie
bei unverdächtigen Sachen durch die Post.
Das Wichtige für mich an der Sache war, zu bewirken, daß ich
einen der Originalbriefe des Cherval, bezüglich seiner Verbin-
3o düngen mit der preußischen Gesandtschaft erhalte. Eine solche
pièce kann das ganze Gebäude des Anklageakts umwerfen.
Ich habe mit Bangya abgemacht, daß, sobald noch eine Kopie
fertig ist. Du im Manuskript die Broschüre von Szemere erhältst.
Es ist ein Dokument, das Du für Deine Arbeit nicht entbehren
36 kannst, da es Briefe von Görgei, Kossuth etc. enthält, die nirgends
veröffentlicht sind.
Meine Frau ist sehr leidend, magert ab und hustet. Indes er¬
klärt der Doktor die Sache für nicht gefährlich und hat ihr außer
Medizin verordnet, viel Porter zu trinken.
*o Wenn es Dir möglich ist, bis Freitag noch einen Artikel zu
schicken, werde ich versuchen, die an Dana dann zu fordernden
5^ bei Johnson zu eskomptieren.
Apropos! Der „Orlando Innamorato66 riformato von Domenichi
ist eine Umarbeitung. Das Original ist sehr selten und nur
auf großen Bibliotheken, wie hier, zu haben. Selbst die Ausgabe
Z. - 1-36. 43-45 -
364
(183) 1852 Juli 13
von Domenichi ist rar. Der gangbare ist der Orlando fiffato von
Berni.
Dein K. M.
184. Engels an Marx; 1852 Juli 15.
Manchester, 15. Juli 1852.
Lieber Marx,
Wegen Weydemeyer hast Du richtig geschlossen. Keine Zeile
von ihm eingesprungen. Seit wir ihm ausführlich geschrieben, wie
er die Sachen herzuschicken hat, scheint er sich für verpflichtet zu
halten, gar nicht mehr von sich hören zu lassen. Übrigens wird es
ihm schlecht genug gehn, und am Ende läuft er seinen Nahrungs¬
sorgen nach.
Hast Du vor zwei bis drei Tagen den Artikel im Moming Herald
über die verschiednen Parteichefs der Opposition gelesen? Er
kann nur von Disraeli selbst geschrieben sein. Das: And now
stand forth, thou man of „unadomed éloquence66, Richard Cobden,
ist famos. Master John Bright wurde darin ganz richtig als der ein¬
zig gefährliche Kerl erkannt, obwohl die Herren sich über den
Graham auch Illusionen machen. Dieser gewissenlose alte ambi¬
tieux ist gerade jetzt den Herren Tories sehr gefährlich.
Bon voyage den patriotischen Goldgräbern! So bekommt der
Name „Wühler“ doch endlich seine wahre Bedeutung und seinen
Inhalt.
Die neue Verbindung mit Herm Rémusat ist sehr schön. Ein
Brief von Cherval an die preußische Gesandtschaft wäre ein kapi- 25
taies Aktenstück in diesem Prozeß. Versäume nichts, ihn zu bekom¬
men. Was wird unser alter Freund, le jeune Saedt, der richtig auf¬
tritt, für ein Gesicht schneiden, wenn seine durch die Afugsburger]
A[llgemeine] Z[eitung] der Welt schon angezeigten fünfzig Bogen
Anklageakt durch so etwas zu Spreu zerdroschen werden! Hat^
der Rfémusat] diese Briefe schon? Übrigens geht aus den Zeitungs¬
nachrichten hervor, nicht nur daß Herr Manteuffel den Kölner Pro¬
zeß zu einer großartigen Staatsaktion benutzen will, hinter der
irgend ein coup stecken muß, andrerseits aber auch, daß absolut
nichts vorliegt und die Ohnmacht der Anklage sich hinter massen- 3b
haften Polizeiklatsch und Spionenlügen verstecken muß. Hast Du
von Blangya] weiter noch nichts gehört? Ich lege Dir den bisher
vergessenen Brief dieses Edlen wieder bei.
Wenn Du aber den Chervalschen Brief erhältst, gibt es Mittel,
ihn so zu beglaubigen, daß die Authentizität konstatiert wird? u
Sonst ist so ein Präsident imstande, selbst die Verlesung des Akten¬
stücks zu verweigern.
Z. - 1-2. 7-12. 24—42.
(184) 1852 Juli 15
365
Gerade jetzt, da, wie ich höre, der Prozeß am 28. vorkommt, ist
es wichtig, mehrere sichere Verbindungen mit Köln zu haben.
Wüßten wir nur, wie weit man sich auf B [ermbachs] Tätigkeit ver¬
lassen kann. Die Briefe könnte man ihm via Bradford schon sicher
5 zuspedieren. Wüßten wir, daß Weerth in Hamburg, so wäre die
Sache gemacht. Ich schreibe deshalb noch heute an Strohn. Zu
gleicher Zeit ist im Notfall sogar Naut zu benutzen. Dieser näm¬
lich, von Emanuels abgegangen, Agent für ein kleines Bradforder
Judenhaus, hat mir einige militärische Sachen bei einem Kölner
io Antiquar gegen alle Erwartung äußerst prompt besorgt;
das Rätsel löst sich aber, wenn Du hörst, daß er Agent für Efrmen]
& E[ngels] werden will und mich außerdem ersucht hat, ihm für
ein hiesiges Twisthaus die Agentur zu verschaffen. Ich verspreche
ihm alles und empfehle ihn meinem Alten. So kann man sich,
15 für die Dauer dieser Unterhandlungen, auf seine Exaktitude
verlassen.
Die mir von Naut besorgten Militaria — offenbar die Bibliothek
eines abgedankten Artillerieoffiziers — kommen mir sehr gelegen,
und zwar besonders, weil sie sich hauptsächlich auf die niedere
20 Militärwissenschaft beziehen, den eigentlichen Dienst usw. Das
fehlte mir grade. Dazu famose Sachen über Fortifikation usw. Ich
werde bald so weit sein, daß ich auch vor dem Publikum riskieren
darf, ein independentes militärisches Urteil zu haben.
Die Szemere-Geschichte wird sehr willkommen sein;
25 doch kann ich noch nicht an Ausarbeiten denken.
Inliegend der Artikel für Dana. Ich werde jetzt rasch zum
Schluß arbeiten; mach aber auch etwas über England. Schlagen
wir £ 3 pro Woche aus dem Kerl heraus, so müßte es mit den?
Teufel zugehn, wenn wir es nicht dahin brächten, daß Deine Frau
36 noch vor Ende dieses Sommers einige Zeit aufs Land geht — das
wird ihr besser helfen als aller Porter. Jedenfalls freue ich mich
zu hören, daß ihr Unwohlsein nicht gefährlich ist.
Laß mich nur noch ein Jahr Militaria ochsen, und die Demo-
kraten-Leutnants sollen sich doch höllisch wundem.
Grüße Deine Frau und Kinder und Dronke und Lupus von
Deinem F. E.
185. Marx an Engels; 1852 August 2.
2. August 1852.
Lieber Engels,
40 Einliegend eine Scheiße für Dana. Es ist um so nötiger, den
Kerl von allen Ecken zu bestürmen, weil A. Ruge, der alte Far-
Z. 24-25. 40-41 -
366
(185) 1852 Aug. 2
ceur, in einer der letzten Nummern auch einen seiner stilistischen
Durchfälle abgelagert hat.
Die Kölner Geschichte von dem Gericht wieder auf drei Monate
vertagt, auf Anträgen des Staatsprokurators. Ihm sind nämlich die
Hauptzeugen durchgegangen, Haupt nach Brasilien und ein
Schneidergesell nach irgendeinem lieu inconnu.
Glaubst Du, daß Dana etwa Abstand nehmen wird wegen der
Namensverwandtschaft der englischen und amerikani¬
schen Whigs?
Morgen wahrscheinlich eine ausführliche Depesche. <0
Dein K. M.
186. Marx an Engels; 1852 August 5.
5. August 1852.
28, Deanstreet, Soho.
Lieber Engels, is
Vergiß ja nicht, bis Dienstag mir den Rest der Sache
zu schicken. Der Abschnitt von den Tories allein ist zu klein. Aus
doppeltem Grund muß diesmal nicht in zu kargen Portionen dem
Dana geschickt werden. 1. Der Lump Heinzen ist in Cincinnati für
die Whigs gegen die Demokraten auf getreten, weil er mit Recht
diese electioneering time für die rechte hält, um gekauft werden
zu können. Greeley hat seine dortige Rede in der „Tribune“
mitgeteilt und Heinzen gelobt. Also droht m i r ein Ungewitter
von dieser Seite. 2. Da ich seit Wochen, namentlich aber seit den
letzten vierzehn Tagen, täglich sechs Stunden laufen muß, um 20
6 Pence für das Fressen aufzutreiben und zudem noch von der
landlady von neuem gequält werde, so blieb mir nichts übrig, als
gestern an Johnson zu schreiben und bei ihm anzufragen, ob er
mir einen Wechsel auf die Tribune diskontieren will. Sollte der
Mann so verständig sein hierauf einzugehn, was noch in dubio, m
so muß ich also dem Dana das schreiben, und erhält er kleine Ar¬
tikel, so betrachtet er die Sache als Schneiderei und wirft mich
zum Tempel hinaus, da er jetzt so reichlichen supply von Heinzen,
Ruge und B. Bauer hat. Zum größren Pech sah ich heut noch
aus der Times, daß die „Daily Tribune“ protektionistisch ist. Also 35
das alles ist very ominous. Man muß so rasch an den Kerl schicken
als möglich, ehe Konterorder kommt. Meine Depesche kann ich
noch nicht fortschicken, da ich scheußliche Kopfschmerzen habe,
wenn auch nicht infolge von pale aie.
Es ist schlimm, daß Dronke Sonnabend nicht hier ist. An diesem io
Tage allgemeine Flüchtlingsversammlung von Gögg berufen,
Z. - 1-2. 40-41 -
(186) 1852 Aug. 5
367
wo der Kleine sehr nötig wäre. Denn Pieper ist nicht derjenige,
welcher. Jedenfalls muß D[ronke] machen, daß er hier ist, wenn
die Scheiße aus Berlin kommt, da ich nicht ganz allein mit den
Lumpenhunden mich placken kann.
s Ich habe allerlei Zeug von Cluß auch an Dich zu schicken, die
Du erhältst, sobald Du einige stamps einlegst, da der Dreck Dir
sonst das Doppelte kostet, und ich pour le moment keinen Penny
zu entsenden habe.
Salut.
Dein K. M.
187. Engels an Marx; 1852 August 6.
Lieber Marx,
Die erste Hälfte des Artikels wirst Du gestern nachmittag
Englisch und Deutsch zurückerhalten haben. Die zweite hast Du
15 Dienstag morgen. Was das Herauswerfen aus der Tribune angeht,
so mache Dir keine Sorgen. Wir sitzen da zu fest. Dabei ist dies
Europäische Politisieren bei den Yankees ja doch Dilettantismus,
wo der siegt, der am besten schreibt und am meisten Esprit hat.
Heinzen schadet uns nicht; kaufen ihn die Whigs, so ist’s, daß
2o er ihnen gehorcht, nicht daß er ihnen befiehlt. Ruge, Bauer etc.
sichern der Tribune neben uns ihre „Allseitigkeit“. Was die
Schutzzöllnerei angeht, so schadet das nichts. Die amerikanischen
Whigs sind alle industrielle Schutzzöllner, aber darum noch lange
keine grundaristokratischen Derby-Protektionisten. So dumm sind
25 sie auch nicht, daß sie nicht ebensogut wie List wüßten, daß für
die englische Industrie der freetrade am konvenabelsten ist.
Übrigens kann ich im Notfall bei den freetraders hie und da ein
Wort deshalb einschieben, was Du ja wieder ausstreichen kannst,
wenn es Dir nicht gefällt. Es ist aber nicht einmal nötig.
3o Ich dachte, Du hättest das Diskontogeschäft mit Johnson seit
lange gemacht, und hoffe sehr, daß es zustande kommt. Was mich
betrifft, so reite ich mich täglich tiefer in Geldsachen fest. Vater
Dronkes Besuch ist mir zwar sehr angenehm, da aber abends nicht
gearbeitet werden kann, so wird ziemlich Geld verbummelt, und
35 dazu die laufenden disbursements, nebst 20 Schulden im Haus,
das setzt einen fest. Nächste Woche (Anfang) will Dronke zurück,
und dann werde ich eine Zeitlang tüchtig arbeiten, Stoff genug
hab ich hier, und dann auch bis Ende September wieder einiges
Geld disponibel bekommen — ein paar Pfund im Dezember^
4o gewiß. Zum äußersten Pech hat mich in einer bösen Stunde auch
noch Herr Pindar angepumpt, der noch immer auf drei Stunden
x) Verschrieben für September.
Z. - 1-4. 15-21.
368
(187) 1852 Aug. 6
herumreitet und sich rührend verliebt zu haben scheint — pauvre
garçon, il faut l’avoir vu sous l’empire de l’émotion plus ou moins
vierge. — Dazu hab ich in den letzten Tagen des Juni aus allerlei
Umständen nicht dazu kommen können, meinem Herrn Alten noch
einige Extras auf Rechnung zu bringen, die jetzt auf meine Rech- *
nung kommen. Indessen sind wir jetzt an der Bilanz; sie geht mich
zwar noch nichts an, aber sie wird mir doch einen Maßstab geben,
wie weit ich gehen kann. Fällt sie gut aus — was ich in ca. vier
bis sechs Wochen wissen werde, dann kann ich schon was riskieren
und dann erhältst Du gleich einiges Geld. Nur in diesem Monat io
sitz ich wegen der £ 20 oder 25, die ich im Hause schuldig bin,
total fest.
Ich weiß nicht, wie ich’s anstellen soll, daß ich einen Artikel
Germany für Dana hinter Dr[onke]s Rücken mache, der die Sache
nicht kennt; auf dem Comptoir hab ich jetzt alle Hände voll bis 25
nach sieben Uhr abends, da kann ich’s also nicht. Cependant je
verrai.
Grüß Deine Frau und Kinder bestens von
Freitag, 6. August 1852. Deinem F. E. 20
Inliegend für 9 sh. und einige Pence stamps.
Dr[onke] trägt mir auf, Dir zu schreiben, daß er Anfang
nächster Woche wahrscheinlich kommt.
188. Marx an Engels; 1852 August 6.
6. August 1852. 23
28, Deanstreet. Soho.
Lieber Engels,
D’abord also die Abenteuer mit Johann Gottfried Kinkel.
Du siehst aus einem der einliegenden Briefe von Cluß, daß
Herr Kinkel in Cincinnati geäußert hatte in einem Bourgeois- 30
cercle, „Marx und Engels seien keine Revolutionäre, wohl aber
zwei Lumpen, die in London von den Arbeitern aus den Wirts¬
häusern herausgeworfen wurden“. Da ich meinen Gottfried kenne,
so schickte ich ihm zunächst folgendes Billett, worin ich mich an¬
stellte, als sei ich über das Faktum nicht ganz versichert, um ihm 33
Anlaß zu neuen Zweideutigkeiten zu geben.
„5, Suttonstreet, Soho, Office of the People’s Paper. 22. Juli 1852.
Herrn Dr. Johann Gottfried Kinkel.
Sie sollen, wie mir berichtet wird, zu Cincinnati vor Anneke
oder andern Deutschen folgende Äußerung riskiert haben.“ (folgt 40
Z. 3-12. 22 -23. 28-40 -
(188) 1852 Aug. 6
369
der Passus.) „Ich erwarte umgehend Ihre Erklärung. Stillschwei¬
gen wird als Eingeständnis betrachtet. Dr. K. Marx.“
Kinkel sandte umgehend folgendes Billett:
„Herm Dr. Karl Marx.
5 Seit dem Artikel über mich, der unter Ihren Auspizien während
meiner Gefangenschaft publiziert worden ist, habe ich mit Ihnen
nichts mehr zu schaffen. Glauben Sie durch Annekes und andrer
Ehrenmänner Zeugnis, nicht durch anonyme Insinuation, den Be¬
weis führen zu können, daß ich etwas Ihre oder Herm Engels
io Ehre Verletzendes mit Unwahrheit gesagt oder veröffentlicht
habe, so muß ich Sie wie jeden, mit dem ich weder persönlich noch
im politischen Leben mich berühre, auf den gewöhnlichen Weg
verweisen, den gegen Injurie oder Libell allen das Gesetz öffnet.
Außer diesem Wege werde ich mit Ihnen ferner nichts verhandeln.
i^ Gottfried Kinkel.“
Da ich aus diesem Wische sah, daß Herr Gottfried weder Briefe
mit dem Poststamp Soho akzeptieren, noch Boten vorlassen werde,
ließ ich ein Schreiben an ihn durch Lupus zu Windsor auf die
Post werfen, auf einem Papier im Format eines Billetdoux, darauf
2o farbig gedruckt ein Sträußchen von Rosen und Vergißmeinnicht
und folgenden Inhalts:
„Herrn Dr. Johann h. Kinkel.
Zusammcngcstellt
mit einer vor mir liegenden schriftlichen Aussage Ihres Ga-
ssranten Huzel, dem Sie feiger Weise in Cincinnati das Ehren¬
wort abnahmen, über Ihren dortigen erlognen Klatsch zu schwei¬
gen, ein Versprechen, das indes nur konditionell von Huzel ge¬
geben wurde;
mit einem einige Zeit vorher von Herm Gottfried Kinkel
^eigenhändig an seinen Exgaranten Cluß gerichteten und
mir ebenfalls vorliegenden Schreiben, worin selbiger Kinkel
mit politischen Verbindungen renommiert, die er mit mir
anknüpfen wollte;
liefert Ihr Brief — und eben zu diesem Behufe war er provo-
35 ziert — einen neuen schlagenden Beweis, daß besagter Kinkel ein
ebenso gemeiner wie feiger Pfaffe ist. Dr. K. Marx.“
Letzteres hat sich Herr Johann h. stillschweigend zu Gemüt ge¬
nommen und sorglichst vermieden, weiteres von sich hören zu
lassen.
40 Das geheime Sendschreiben von Kossuth, wovon Cluß in seinem
letzten Briefe spricht, findest Du englisch in dem morgen erschei¬
nenden Paper1) von Jones. Es ist daher nicht beigelegt.
O „People*s Paper**
24
Z - 1-39
370
(188) 1852 Aug. 6
Dienstag, am 3. August, fand Kinkelsche Garantenversamm¬
lung statt. Die Hauptsache war die: Reichenbach hütet wie ein
Cerberus den Schatz. 200 £ St., die Kinkel und Willich bisher
verausgabt, haben sie auf genommen bei Gerstenberg etc. auf
die Revolutionsdepositen. Statutenmäßig können sie bloß verfügen, 5
sobald drei Mann wenigstens von den Garanten ernannt sind. Und
Reichenbach besteht auf Erfüllung dieser Formalität. Um dem
Übelstand abzuhelfen, hatten Kinkel und Willich beschlossen,
Techow als Dritten ernennen zu lassen. Techow reist zwar in drei
Wochen nach Australien. Aber nach den Anleihestatuten konnte io
das Komitee, sobald es volle drei zählte, zwei neue aus eigner
Machtvollkommenheit vorschieben. Techow sollte also nur dazu
dienen, damit 1. Reichenbach den Schatz übergebe, 2. sie später
zwei Strohmänner an Techows Platz zuziehen könnten. Die Ver¬
sammlung entschied sich aber sofort gegen Techow, da er nur is
vorgeschoben werde und nach Australien abreise. Kinkel und
Willich wurde erklärt, daß man mit ihrer Amtsführung unzu¬
frieden sei, kein Vertrauen in sie besitze, daß sie detaillierten
Bericht über die verausgabten 200 £ St. ablegen sollten, ehe
man sie ratifizieren könne. Letztres und die weitem Beschlüsse
sollen denn heute, Freitag, den 6., in einer abermaligen Garanten¬
versammlung gesettled werden.
In der Sitzung vom 3. schlug Reichenbach vor, die 1000 £ St.
in der Bank of England zu deponieren und nicht anzurühren, bis
die Revolution ausbreche. Löwe (alliiert mit Ruge) schlug vor, w
das Geld dem Revolutionsbunde in Amerika auszuhändigen. —
Kinkel, obgleich er in dem beiliegenden Schreiben an Huzel selbst
erklärt, daß Ruge ihn als Agent des Prinzen von Preußen ver¬
dächtige, obgleich er daraufhin in der Garantenversammlung
vom verfloßnen Mai sein Ehrenwort gab, nie mit Ruge in so
einem Komitee zusammensitzen zu wollen, Gottfried also, der
Sache zulieb, erklärt sich jetzt für bereit, mit Goegg, Ruge etc.,
gemeinsam zu gehn und gemeinsam das Geld zu verwalten,
damit er überhaupt ans Verwalten kommt. Willich aber, der sich
nun überzeugt, daß die 1000 £ nicht wie die verausgabten 200
weitere Abfälle für ihn geben werden, soll beschlossen haben, nach
Amerika zu wandern, wohin ihm schon die getreuen Gebert und
Dietz vorgeeilt.
Vater Gögg hat vergangne Woche seinen Agitationsverein
wieder einberufen. Bei genauer Zählung fand sich, daß er genaue
aus acht Mann bestand, nämlich an der Stelle der verschwun¬
denen Sigel und Fickler die neu eingetretnen Oswald^ und Dralle.
Außerdem fand sich, daß Gögg unterdes als Bedienter Kossuths
O Im Orig, irrtümlich Oscar
Z. 6-25. 27 (obgleich)-32 (zulieb), 34—15 -
(188) 1852 Aug. 6
371
zwar sehr berühmt geworden und als Agitator des Revolutions¬
bundes „Gediegenes66 geleistet, aber im übrigen nicht einmal
Geldstücke genug heimgebracht hatte, um die zum Behufe der
Reisekosten transigierten Schulden decken zu können. Unter
5 diesen bedenklichen Umständen fanden sich die Agitatoren ver¬
anlaßt, eine Allianz mit Kinkel zu versuchen, um an die 1000
mit Anstand heranzukommen. Kinkel sieht hierin ebenfalls die
letzte Aussicht, einer definitiven Ehescheidung von den £ 1000
vorzubeugen. Mit dem geheimen Zweck, dies Vorhaben zu fördern,
io hat Gögg für morgen, den 7., eine allgemeine Flüchtlings¬
versammlung bei Schärttner zusammenberufen. Angeblich um über
seine grands oeuvres zu rapportieren. In der Tat um durch Akkla¬
mation in einen Bund mit Kinkel und die £ 1000 hineingedrängt
zu werden. Dieses möchte nun nicht erreicht werden.
15 Aber nun tut sich eine dritte Scheiße auf, deren nächstes Re¬
sultat zwar Kinkel und Goegg, beide Seiten, von dem „Schatz“
femzuhalten. Nämlich einerseits agitiert unser
Eduard Meyen dafür, das Geld für die Aus¬
gabe eines großen London weekly paper zu
^verwenden. Andrerseits hörte der „kritische66 Edgar Bauer
kaum von der Verlegenheit, worin sich die 1000 £ befänden, als
er auch hervorkroch, sich hinter Schily, Imandt, Schimmel¬
pfennig etc. steckt, um auch seinerseits zu einer Zeitung zu solli-
zitieren. Imandt etc. betrachten dies als den einzigen Weg, das
25 Geld vor Kinkel und Goegg zu retten. Edgar Bauer gibt sich diesen
Leuten gegenüber den Schein eines „harmlosen Humoristen66.
Über die heutige Sitzung werde ich genauen Bericht erhalten,
da Imandt jetzt B.M.G.^ ist. Von der vom 3. noch folgendes nach¬
zunehmen: Nachdem die hohe Politik erledigt, erhob sich der
3o ritterliche Schimmelpfennig: einige Menschen hätten die Brüning
als Spionin verdächtigt, er erkläre sie für gemeine Verleumder.
Kinkel: Er seinerseits habe nie eine derartige Äußerung getan.
(Er hatte sie allerdings an den Hurenkamm2) aus Bonn getan, als
der hier durchpassierte.) Willich, auf den sich alle Blicke richten,
35 bleibt stumm sitzen. T e c h o w : Noch gemeiner aber sei es, wenn
solche Verdächtigungen von Leuten kolportiert würden, die ein
Jahr lang die Gastfreundschaft der Brüning genossen. Diese hätten
vielmehr die Pflicht, derlei Reden, wo sie davon hörten, zu wider¬
legen. — Alle Blicke richten sich auf Willich. Willich rührt sich
40 nicht, soll aber während dieser ganzen Sitzung, wo so viele
„goldne“ Träume zerronnen, als klassischer Ausdruck des „un¬
glücklichen Bewußtseins“ present gewesen sein.
Nun genug für heute von der Scheiße.
l) Bundesmitglied
2) Friedrich Kamm
24*
Z. - 1-12. 18-22. 23-24. 26-41.
372
(188) 1852 Aug. 6
Eben erhalte ich den einliegenden Brief von Freiligrath, woraus
folgt, daß der Hund von Johnson sich auf nichts cinläßt. Ich weiß
mir also absolut nicht mehr zu helfen, und die Position wird
scheußlich.
Also der brave Goegg ladet den Freiligrath ein. Auf den können
sie immer noch nicht verzichten, werden’s schließlich aber doch
müssen.
Gruß an Alraun. Dein K M
Von Deinem Briefe scheint heut nichts einzutreffen, denn es io
ist jetzt schon zwei Uhr nachmittag.
Einliegend Briefe von Cluß:
1. 20. Juni.
2. 4. Juli.
3. 8. Juli nebst Zirkular von Kinkel. u
4. Zirkular von Kinkel vom 2. August.
5. Cincinnati, 6. April, Brief von Kinkel an Huzel.
6. Brief von Hillgärtner an Huzel.
7. Brief von Cluß vom 22. Juli.
189. Engels an Marx; [1852 August 9].
Lieber Marx,
Ich hab eine Dummheit gemacht. Die Daily News in ihrer
Mail Table gibt keinen amerikanischen Steamer für Mittwoch an
— ich lasse mich also zu der einem Commerçant so natürlichen
Sonntagsfaulheit verführen — und heut seh’ ich aus einem kom- 25
merziellen Zirkular, daß übermorgen allerdings ein Steamer geht.
Ich hab angefangen zu arbeiten, aber nichts ist fertig. Heut abend
hab ich Pindar bei mir, und schickte ich ihn auch fort, so zweifle
ich, ob ich etwas in den paar Stunden bis Postschluß fertig brächte.
Donc bin ich und Du angeführt. Es soll mir aber nicht wieder 30
passieren, dem Organ der Bourgeoisie und seinen kommerziellen
Nachrichten zu glauben.
Montag abend. Dein p p
190. Marx an Engels; 1852 August 10.
London, 10. August 1852.
28, Deanstreet, Soho.
Lieber Engels,
Erstens einliegend der Originaltext von Kossuths secret cir¬
cular. 40
Z 8-9. Nr. 189.
(190) 1852 Aug. 10 373
Nun der Bericht erstens über die Garantensitzung vom 6. August,
zweitens über die Göggsche Versammlung vom 7. August.
Ad 1. Zugegen: Kinkel, Willich, Reichenbach, Löwe von
Calbe, Meyen, Schurz (Techow diesmal nicht), Schimmelpfennig,
<5 Imandt, von andern weiß ich nicht. Schärtner nicht zu vergessen.
In Amerika und der Schweiz hatte Kinkel den unvermeidlichen
Dritten im Bunde (Techow) wählen lassen. Es blieb noch die Be¬
teiligung an der Wahl von Seite der 12—15 Londoner Garanten.
Hier fiel, wie ich Dir gemeldet, die Wahl von Techow durch, der
io dann auch erklärte, er könne nicht annehmen, da er nach Amerika
reise.
Kinkel schlägt vor, von neuem die Wahl des Dritten vorzu¬
nehmen. Fällt abermals durch.
Löwe von Calbe: Erstens: „Die deutsche Anleihe ist
13 mißglückt, da die politische Konstellation (Mai 1852), in bezug
worauf sie unternommen wurde, nicht mehr vorhanden, und die
vorausgesetzte Summe von 20000 Dollars nicht aufgebracht wor¬
den ist.“ Zweitens: „Die Gelder den amerikanischen Komiteen
zurückzuschicken.“
2o Der erste Teil dieses Antrags geht durch, der zweite verworfen.
Imandt: „Das vorhandne Geld soll, wenn die übrigen Ga¬
ranten der Majorität noch derselben Ansicht, zur Herausgabe
einer deutschen Zeitung in London verwandt werden.“ „Reichen¬
bach bleibt Trustee des Geldes!“ „Es soll ein Komitee gewählt
23 werden von Reichenbach, Löwe und Schimmelpfennig, dem die
Listen der Garanten in Amerika und Schweiz von Kinkel und Wil¬
lich ausgeliefert würden; das bisherige Komitee hat nichts mehr
mit der Sache zu schaffen; das neue Komitee wird die aus¬
wärtigen Garanten von den befaßten Beschlüssen unterrichten und
3o ihre Meinung einholen.“ Reichenbach unterstützt Imandts An¬
träge, gehn sämtlich durch. Kinkel und Willich protestieren, weil
die Verfügung über die Gelder nicht lediglich dem Garanten¬
körper zustehe. Nur die Geber des Geldes, respektive die in
Amerika aufgestellten Finanzkomitees könnten das Verfügungs-
35 recht ausüben. — Sic transit gloria. Willich ist fester als je ent¬
schlossen, nach Amerika zu reisen, wenn er das Reisegeld auf¬
treiben kann.
Ad 2. Versammlung des aus Amerika ohne Finanzen zurück-
gekehrten Finanzministers Gögg.
io Zugegen: Präsident: Der „Damm“. (Noch nicht nach
Australien abgerutscht. ) Gögg. Ronge. Dr. Strauss.
Sigel der andre. Frank (aus Wien). Oswald. Dralle.
(Diese alle „Agitatoren“). Kinkel. Schurz. Meyen. Wil¬
lich. Imandt. Schily. Becker. Ein Kellner von
Z. 2. 6.-13. 35-45 -
374 (190) 1852 Aug. 10
Schärttner. Der versoffne Lumpenproletarier Her wegaus
Neuss. Ein Königsberger Kandidat Hentze. Garthe. Ein
Jüngling (unbekannt) aus Wien.
Gögg eröffnet die Sitzung, schildert seine Tätigkeit in Ame¬
rika, durch die ein Revolutionsbund erzeugt, ein Akt, infolge- s
dessen die amerikanische Republik umgefickt und damit die
deutsch-badische erzeugt werden solle — den amerikanischen De¬
mokraten der Sieg über die Whigs verschafft werde etc. Übrigens
meinte der bescheidne junge Mann (und das bezeugte ihm der
jüngst angekommne candid. phil. Hentze), die Deutschen aller io
Gauen ständen mit nach London gerichteten Blicken da, um in
dem wichtigen Augenblick, wo die in der Versammlung Anwesen¬
den sich in die Arme sänken, ein dauerndes Hurra zu rufen, das
tausend und tausendstimmig über den Ozean widerhallen werde.
Darum verlange er, daß die Versammlung sich als Zweig des Re- is
volutionsbundes konstituiere und die armen Landsleute nicht fer¬
ner in jener erwartenden Stellung schmachten lassen solle.
Imandt — Dankt Gögg für seinen Unterricht in amerikani¬
schen Verhältnissen. Schlägt übrigens vor, die Versammlung auf¬
zulösen, da nur eine allgemein und öffentlich zusammenberufne 20
Flüchtlingsversammlung beschließen könne.
Damm entzieht ihm das Wort.
Kinkel: (Der gefühlvolle Dichtermartyr hatte schon wäh¬
rend Göggs beredten Worten durch Augenverdrehn seinen un¬
widerruflichen Beschluß kundgetan, die Arme der Versöhnung 2,;
auszubreiten.) Auch er wisse, daß Deutschland auf sie schaue. Er.
sei in der Situation, in die versöhnende Hand einzuschlagen. Er
bringe der Sache das Opfer, die ihm angetane schwere Unbill zu
vergessen. Auch er wisse, daß nicht nur die Befreiung Deutsch¬
lands, sondern die Umwälzung Amerikas in ihren Händen liege. 30
Am größten, sagte er, wer sich selbst bezwang, anspielend auf
Ruges „Agenten des Prinzen von Preußen“. Er verlange jedoch
seinerseits, daß der Revolutionsbund nun auch seine Anleihe ga¬
rantiere. Auch mit dem „ehrlichen“ Willich disharmoniere er
politisch, dennoch hätten sie beide, wie er glaube, vereint, Großes 33
geleistet.
Imandt: Er achte Kinkels christliche Demut, der vergessen
habe, daß Ruge ihn Agenten des Prinzen von Preußen gescholten,
der aus purer Liebe zur Revolution die Empörung niedergedrückt
in seiner glühenden Brust, die ihm vor zwei Monaten in Gegenwart 40
der Garanten (Mai) die feierliche Erklärung diktierte: „als guter
Republikaner müsse er die Zumutung, mit Ruge, seinem bösen
Verleumder, zusammenzugehn, als Ehrenkränkung betrachten^
O Gottfried Herweg. Bei Marx Herwegh
2) Korr, aus abweisen
Z. - 1—44 -
(190) 1852 Aug. 10
375
und wolle sich lieber von aller politischen Tätigkeit zurückziehn,
als mit dem bösen Ruge versöhnen.“ Aus christlicher Demut habe
Kinkel den bittem Kelch geleert, den ihm Fickler durch seine
entsetzlich beleidigenden Briefe präpariert. (In einem dieser
5 Briefe nannte ihn Fickler „einen auf einem Misthaufen sich
spreizenden Truthahn“); er sei einfältigen Herzens geworden,
wie die Freunde Göggs behaupteten, daß er immer gewesen,
wenn er es über sich bringe, seinen amerikanischen Rivalen in
die Arme zu sinken. Es sei eine schöne Sache um die „Union“
io zwischen den Herm Kinkel und Gögg, denn obwohl sie eigentlich
nichts anders bezwecke, als daß der erstere sich mit Hülfe des
letztem in der Verwaltung der Anleihgelder zu behaupten suche,
und der letztere sich mit Hülfe des erstem in diese Verwaltung
hineinbringen wolle, so werde es durch den Friedensbund zweier
15 so großer Männer doch erreicht, daß sich die politischen Parteien
der ganzen Welt auch versöhnten, daß der Konstitutionelle dem
Republikaner die Hand reiche und der Sozialist dem Republikaner,
und die Proletarier hinfür nicht mehr vom Bourgeois ausgebeutet
würden und kurz alles sich umhalsen und Hurra rufen werde.
so Denn daß Kinkel in Amerika gesagt, er betrachte die Proletarier
als Kanonenfutter (wie er einst in Bonn und Köln für Cavaignac
geschwärmt), trotz seines Bundes mit dem „ehrlichen“ Willich,
das mache zur Sache nichts. Höchstens sei eine Kleinigkeit zu
besorgen, daß man dem Kinkel, wie all’ den Leuten, welche, statt
25 den Unterschied und die Interessen der einzelnen Parteien zu stu¬
dieren und zu vertreten, in konfuser Tollheit von der Vereinigung
der entgegengesetzten Elemente faseln, eine totale Prinzipienlosig¬
keit vorwerfen könne etc. Übrigens mache er Kinkel aufmerksam,
daß er höchstens für seine Person, nicht aber für den Garanten-
3o körper Verträge abschließen könne. Endlich beantragte Imandt,
man möge den Revolutionsbund in Amerika auf sich beruhn las¬
sen und nach Haus gehn. Darauf ging Imandt.
Inzidenzen. Damm unterbricht jeden Augenblick I [mandt]
und will ihm das Wort entziehn. Der versoffne Herweg als
35 Rheinländer glaubt, so lang I [mandt] gegenwärtig, sich verpflichtet,
ihm seinen Beifall zu erkennen zu geben und lorgnettiert mit seiner
Pfeife die Anwesenden, während I [mandt] von „großen Männern“
spricht. Maler Frank bei der Stelle mit den Proletariern, er¬
hob sich entrüstet und sprach: „Ich kann es nicht mehr aushalten.
*o Ich grunze.“ I [mandt] antwortete, er habe das mit andern Tieren
gemein, worauf F [rank] sich aus dem Staub machte. Kinkel leug¬
nete das „Kanonenfutter“. I [mandt] erzählte die ganze Geschichte
mit Schnauffer und dem Wecker, worauf K[inkel] schwieg. Ferner
unterbrach er ihn bei Cavaignac: „Bürger Imandt, wann ist die
45 Bonner Zeitung erschienen?“ I[mandt]: „Das sei ihm wurst. ob
Z. - 1—45 -
376
(190) 1852 Aug. 10
vor oder nach der Juniinsurrektion. Er habe die Sache eigenäugig
gelesen/'
Schluß. Sitzung dauert zwei Stunden fort. Gögg bat flehent¬
lich, wenigstens provisorisch dem Revolutionsbund beizutreten.
Der oben angedeutete Jüngling aus Wien erklärte jeden für einen a
„Vaterlandsverräter", der seinen Beitritt auch nur um eine Stunde
verzögre. Dennoch ging die Gesellschaft nach Hause, nachdem
die Majorität jeden, aber auch jeden Antrag verworfen,
ohne einen Zweig des amerikanisch-europäisch-australischen Revo¬
lutionsbundes gegründet zu haben. io
Dein K. M.
191. Engels an Marx; 1852 August 16.
Lieber Marx,
Heute abend sind mir £ 2 zugesagt, die ich vor einiger Zeit
verpumpt hatte; bekomme ich sie, so schick ich sie Dir gleich n
morgen in einer Post Office Ordre und schreibe Dir auch aus¬
führlicher.
Da wir von Weydemeyer gar nichts mehr hören, und nach den
Briefen von Cluß die Sachen doch schließlich abgegangen zu
sein scheinen, so ist es vielleicht gut, wenn wir einmal bei Ed- 20
wards Sanford und Co. in Liverpool anfragen, ob sie kein Paket
erhalten haben. Wenn Du weiter nichts hörst (der Steamer war
gestern abend noch nicht da), so könnte ich das jedenfalls tun.
Aus Deinem Bericht scheint hervorzugehn, daß dem Herrn
Kinkel durch die Beschlüsse vom 3. vorderhand das Geld aus den u
Fingern gerissen ist.
Herr Imandt macht sich ja ganz gut in seiner Art. C’est drôle,
quand un Schapper nous échappe, un Imandt est toujours sûr de
revenir à nous. Jedenfalls aber ein Deus minimorum gentium,
canis domesticus communismi germanici und als solcher brauch- 30
bar, da wir dergleichen Leutchen doch jetzt kurz zu halten gelernt
haben.
Die Zerrissenheit in der Brust des edlen Willich muß groß
sein, nachdem durch die Trennung vom coffre fort der Emigra¬
tion der letzte Reifen gesprungen ist, der sein edelmütiges Bewußt- 35
sein noch zusammenhielt. Er hat übrigens offenbar längst den Ge¬
treuen drüben seine Ankunft angezeigt, da diese auf einen wich¬
tigen Brief Willichs hin ja bereits große außerordentliche General¬
versammlungen berufen haben. Herr Willich wird dort Chef der
loafers und rowdies werden und solchergestalt seltsame Gelegen- 40
heit finden sich auszuzeichnen. Übrigens findet er seinen Stamm¬
feind Schramm ja auch dort, das wird schöne Skandäler setzen.
Daß Herr Kossuth wirklich bereits Kompagnien hat einexerzieren
z. - 1-8
16-21. 25-42 -
(191) 1852 Aug. 16
377
lassen und Napoleon Sigel den Rekruten-Einpauker spielt, ist
wirklich schön. Dieser K[ossuth] ist doch ein namenloser Schwind¬
ler; daß Cluß ihn aus Amerika vertrieben, ist einer der famosesten
Coups, die er gemacht hat.
5 Übrigens mache ich den ungarischen Feldzug jetzt baldigst und
schreibe noch diese Woche direkt an Brockhaus. Ich werde sehn,
daß ich ihm, wenn er meinen militärischen Kapazitäten nicht traut,
vorher ein paar einschlagende Artikel für die „Gegenwart“ mache,
wo er dann sehn kann, was daran ist. Dronkes Verbindung mit
io Brockhaus ist sehr gut und muß benutzt werden, der Brfockhaus]
ist am Ende noch einer der traktabelsten Buchhändler. Nous
allons voir.
Den Artikel für Dana vorigen Donnerstag schreibend, wurde
ich unterbrochen, ich werde dafür diese Woche womöglich zwei
is machen. Auch über England erwarte ich von Dir wieder etwas.
Vorige Woche war noch an Arbeit wenig zu denken, ich hatte wäh¬
rend D[ronke]s Anwesenheit manches vernachlässigt, was mich
beschäftigte, jetzt komm’ ich allmählich wieder in Train.
Grüße Deine Frau und Kinder.
20 Dein F. E.
16. August 1852.
192. Marx an Engels; 1852 August 19.
London, 19. August 1852.
28, Deanstreet, Soho.
26 Lieber Engels,
Von Dronke 10 sh. überreicht erhalten. Gestern per Post 2
Sterling. So sehr willkommen das Geld kam, so ennuyant ist es
mir, daß Du Dich für mich auspressest und in einem moment
gar, wo Du selbst plus ou moins festgesessen.
Für den ungarischen Krieg wirst Du wahrscheinlich wohltim,
noch anzusehn:
„The fortress of Komarom (Comom) during the war of Inde-
pendence in Hungary. By Colonel Sigismund Thaly.
Translated (vom Deutschen) by William Rushton. James Mad-
den, Leadenheadstreet“ [1852].
Von Schriften über das Kriegswesen, da Du einmal gründlich
die ganze line durchmachen willst, zitiere ich noch folgendes, im
Falle Dir das eine oder andre vielleicht anschaffenswert scheint:
Carion Nisas: Essai sur l’histoire générale de l’art mili-
40 taire etc. Paris 1824.
K a u s 1 e r : Kriegsgeschichte aller Völker. Ulm 1825. Wör¬
terbuch und Atlas der Schlachten. 1825 und 1831. (Die beiden
einzigen allgemeinen Kriegsgeschichten. Sollen mager sein.)
Z. - 1-3. 8-9, 15-17.
378
(192) 1852 Aug. 19
G u e r a r d : Enzyklopädie der Kriegskunst. 2. Auflage. Wien
1833.
Handbibliothek für Offiziere über das Ganze
der Kriegslehre für Eingeweihte und Laien. Von einer Ge¬
sellschaft preußischer Offiziere. Berlin 1828. 3
A. J. M-r. (Millerbacher)Das Kriegswesen der Römer, nach
antiken Denkmalen geordnet von Ottenberger. Prag 1824.
Löhr: Das Kriegswesen der Griechen und Römer. Zweite Auf¬
lage. Würzburg 1830.
Blesson: Geschichte des Belagerungskriegs. Berlin 1821. 10
Hoyer: Geschichte der Kriegskunst. Göttingen 1797.
Chambray: Über die2) Veränderungen in der Kriegskunst
seit3) 1700 bis 1815. Deutsch. Berlin 1830.
Stenzel : Geschichte der Kriegsverfassung Deutschlands, vor¬
züglich 4) im Mittelalter. Berlin 1820.
Barthold : George v. Frundsberg. Hamburg 1833.
Von Cluß heute Briefe angekommen, die ich Dir schicke, so¬
bald sie Lupus und dem Bündchen mitgeteilt.
Was Weydemeyer angeht, so schreibt Cluß wie folgt:
„W[eydemeyer] hat mir unlängst auf mein Betreiben geschrie- 20
ben, er müsse ernstlich hinter Korff rücken, der die 50 Brumaires
abgesandt haben solle. Wteydemeyer] hat, glaube ich, kleine For¬
derungen an Korff und wird deswegen wohl ihm die Absendung,
respektive Bezahlung des Portos, aufgetragen haben. — Die übri¬
gen 300 Brumaires . . . noch nicht abgesandt ... Er behauptet, 25
500 Exemplare seien noch im Versatz bei dem Drucker; er habe
sie noch nicht auslösen können etc. . . . Mit Geld kann ich
zum Teil augenblicks unter keinen Umständen eingreifen, zum
Teil will ich es auch nicht, wenn ich könnte. Denn immer wurde
mir gesagt, so und so viel hilft allem ab, und immer hat so und 30
so viel, wenn es beigeschaffen war, nicht geholfen . . . Als die „Re¬
volution“ begonnen wurde, hieß es Vertrauen! und schleunige
Einsendung von Pränumerationsgeldern. Ich schicke sogleich
10 Dollar Abonnentengelder, die natürlich ich hernach ver¬
lor. . . . Später hieß es, der Zeitschrift würde aufgeholfen, und
ich hätte 20 Dollars dafür anzuschaffen; sogleich waren 15 Dol¬
lars von mir persönlich und 3 Dollars Abonnentengelder = 18 Dol¬
lar, bei der Hand. Die verwendete man, statt zum Fort¬
betrieb, zur Bezahlung der alten dummen Streiche, i. e. der
zwei ersten Nummern, die in den blauen Nebel hinausgesandt 49
worden. Der Brumaire kam, W[eydemeyer] verzweifelte, ich sagte.
1 ) Bei M.: J. A. M. (Mitterbacher)
-) Bei M.: Die Veränderungen . . .
3) Bei M.: von . . .
♦) Bei M.: besonders
Z. 25 (Er) -42 -
(192) 1852 Aug. 19
379
ich gebe sogleich 25—30 Dollars, wenn damit geholfen werden
kann, andrenfalls schicke mir das Manuskript. Er sagt, schicke
25 Dollars; ich tue es. Nach einer Weile kommt heraus, daß mit
dem vorhandnen Geld bloß 500 Exemplare gedruckt werden
5 können; ich sage, das geht nicht, was ist der Nachbetrag, wenn
1000 Stück gedruckt werden. 20 Dollar ist die Antwort, und an¬
dren Tags ist das Geld schon unterwegs. — Jetzt kommen die Ge¬
dichte; d i e sollen gedruckt werden in New York; als ich darauf
dringe, daß mit dem Humbug geendet und mit dem Druck be-
io gönnen werde, erhalte ich die Gedichte zugesandt, da sie leider in
New York noch nicht gedruckt werden können. Ich lasse sie so¬
gleich drucken und binden für ca. 15 Dollars (400 Stück) und
schicke in aller Eile die Geschichte fort, um bei dem eben stattfin¬
denden Sängerfest in New York sie an den Mann zu bringen. Allein
it ein einziger Kolporteur trug sie herum und soll 60 (!)
Stück davon wirklich losgeworden sein. Der Druck des zweiten
Tausends (ich hatte den Satz stehen lassen), zu dem mir W[eyde-
meyer] das Geld anzuschaffen versprach, und es mir bereits annon¬
ciert gehabt hatte, unterblieb so natürlich; wie auch der ganze
h Kram, scheint es, seitdem stabil und eingefroren in seinen Händen
blieb. — Ich werde W[eydemeyer] schreiben, daß, soweit ich mit
Geld bei der Geschichte beteiligt bin, ich wünsche, daß Ihr es in
Europa zu weiteren Publikationen im Parteiinteresse oder auf
irgendwelche Dir gutdünkende Weise verwendet, also was meinen
sa Anteil an allem betrifft, nichts nach Amerika an Geld schickt. Bei
den Gedichten bin ich allein beteiligt, kann also auch allein und
definitiv darüber mitsprechen. — Der Absendung also will ich an
den Kragen gehn.“
Ist das nicht vollständig die zweite Auflage unserer Brüssel-
3o Westfälischen Aventure? Ich habe vorige Woche wegen Abdruck
des Brumaire an F. Streit in Koburg geschrieben, der in ähnlichen
Artikeln handelt.
Apropos! Nr. 15 stand in der Tribune. — Heinzen figuriert
jetzt in St. Louis zur Abwechslung als „Geistesaristokrat“ (wört-
35 lieh), verhahnebugtes Hörensagenwiederkäuen von Feuerbach-
Stimer, und da der Revolutionsbund in die Brüche geht, beab¬
sichtigt der „Geistesaristokrat“ eine „humanistische“ Union.
Nachträglich habe ich noch zu berichten:
Am 3. allerdings fand förmliche Ehescheidung statt zwischen
40 Kinkel und dem coffre fort. Reichenbach hat in seinem Namen
das Geld auf der Bank of England deponiert.
Kinkel stellte sich in dieser Sitzung, als wisse er von dem von
Gögg ausgeschriebnen Meeting nichts, und forderte daher Imandt
öffentlich auf, die Einladung, die er erhalten, öffentlich vorzulesen.
45 Aber am 6. sagte Gögg, sich an K[inkel] wendend, ..nach der Ver-
Z. - 1-30 ? 33 (Heinzen)—37. 42-45 -
330
(192) 1852 Aug. 19
abredung, die ich in Ihrem Hause mit Ihnen getroffen“. Willich
war nicht anwesend.
Kandidat Hentze unterstützte alles, was er sagte, mit der
Äußerung: „das muß ich als Dr. Phil, wissen“. — Gögg setzte
auseinander, wie sein Revolutionsbund 1. für die Deutschen in <5
Amerika einen Halt bilde, 2. durch Einwirkung auf die Wahlen
die amerikanische Politik influenzieren und die United States zur
Politik der Intervention sollizitieren könne. Auch für das Ma¬
terielle sei der Anfang gemacht. Wochenbeiträge von einem Cent.
Boxes in allen Wirtshäusern. Gottfried erklärte sich mit allem io
einverstanden. Nur meinte er, Dollarbeiträge seien besser als
Centbeiträge, da in Amerika niemand patriotische Aufopferung
genug besitze, die Cents zusammenzuzählen. Auch erklärte er sich
gegen die Boxes.
Auf Imandt starr hinsehend, sagte der große Kinkel: „Trotz is
aller Verleumdungen, die man gegen mich ausbreitet, kann ich
mit glatter Stirn hintreten und erklären, daß ich keinem, auch
keinem der exilierten Mitbürger je Böses nachgesagt.“
Resultat: Da Kinkel kein Geld, sondern nur seine werte
Person als Mitgift zu bringen hatte, hat man letztere, trotz aller 20
Kriecherei und Demütigung, auch verschmäht. Die acht Stamm¬
halter haben sich auf eigne Faust als Revolutionsbund organisiert,
ohne Kinkel zuzuziehn. Der malheureux!
Schmölze, von Haus aus Maler, soll eine ganz hübsche Reihe
von Karikaturen gemacht haben, Kinkel als König Lear und Wil- 25
lieh als Narr. Außerdem eine Karikatur, wo Willich als Faultier
auf einem Fruchtbaum sitzt und Frau Schärttner unten zerrt, um
das Faultier^ herunterzuschütteln.
Willich hat die Dummheit gehabt, seinen Ostrazismus auch
gegen den ehrlichen ältlichen Herm „Schily“ auszuüben und w
wegen allerlei illusorischer Verbrechen ihn aus seinem Bündchen
auszustoßen. Sch[ily] hat an eine Generalversammlung appel¬
liert. Heute findet das Gottesurteil statt. Sch [ily] klagt seinerseits
Wfillich] eines „unverkennbaren Wahnsinns“ an und
wird heute abend zum Beweise davon auch einen Brief von Heise, 35
Willichs angeblichem Freunde, von Liverpool verlesen, worin
H[ e i se] den W[i Ilic h] für hirnkrank erklärt.
Freund Jones war die vorige Woche ein Haar breit am Unter¬
gehn seines Blattes.2) Wöchentliches Defizit. Überworfen mit dem
Committee und den zwei Bürgern, die ihm das Geld bis jetzt vor-40
schossen. Plötzliche Rettung. M’Gowan hat den Druck übernom¬
men, schießt das wöchentliche Defizit vor, und Jones haust jetzt
im Office des alten Northern Star. M’Gowan hat den Harney heraus¬
*) Im Orig, irrtümlich Maultier
2) ,.People's Paper“
7. - 1-37.
( 192 ) 1852 Aug. 19
381
geschmissen, und der Esel hatte ihm für 40 den alten Star ab¬
gekauft.
In Frankreich nach der „Gazette Agricole“ ein Defizit der näch¬
sten Ernte von einem Drittel below the average, was nach J. B. Say
5 in Frankreich gleich famine. In Deutschland mittlere Ernte. In
England schon Abflüsse von Gold von der Bank für Getreide¬
einkäufe. Dabei tolle Spekulation in der City. Vorige Woche
Bankrotte auf der Stock Exchange. Endlich in Nordamerika, wie
ich aus dem New York Herald sehe, die allertollste Spekulation in
io railways, banks, Häuserbauen, unerhörte expansion des Kredit¬
systems etc. Ist das nicht approaching crisis? Die Revolution
könnte früher kommen als uns erwünscht. Nichts schlimmer, als
wenn die Revolutionäre für Brot sorgen sollen.
Dein K. M.
193. Marx an Engels; 1852 August 20.
20. August 1852.
28, Deanstreet, Soho, London.
Lieber Engels,
Dronke wird Dir das zwar miserabel konfuse Manuskript über
20 Görgei mitbringen, ebenso den Neveu de Rameau und Jacques
le fataliste im Original.
Von Köln gestern Brief von Bermbach erhalten. Darin haupt¬
sächlich folgendes:
„In letzter Zeit hat man verschiedner Orten bei allerhand
25 Leuten nach Korrespondenzen von Ihnen gesucht, welche absolut
durch jener Personen Vermittlung in die rheinische Demokratie
gelangen sollten. Ihre Freunde in Köln wurden endlich vor die
Assisen gestellt. Der Anklageakt, ein sehr kompendiöses Werk,
ist zugestellt, der Termin zur öffentlichen Verhandlung der Sache
30 auf den 28. dieses Monats bestimmt und die üblichen Prälimina¬
rien sind vom Stapel gelaufen. Sie werden nach dem Code pénal
beurteilt, da ihr Vergehn noch vor die Zeiten des neuen Preußi¬
schen Gesetzbuchs fällt. Soweit ich die Sache überschauen kann,
steht sie juristisch äußerst gut, aber man weiß, daß vor Ge-
35 schwomen der moralische Standpunkt überwiegt, und nach dieser
Seite läßt sich Gefahr für einzelne der Angeklagten nicht wegleug¬
nen. Die Hauptangeklagten: Röser, Bürgers, Nothjung und Reiff °,
haben nämlich viel zu viel eingeräumt: eine Verbindung mit be¬
stimmten Tendenzen und von einer bestimmten Dauer zugegeben;
O Im Orig. Reif
382
(193) 1852 Aug. 20
von der Aufnahme neuer Mitglieder mit gewissen Förmlichkeiten
und Verpflichtungen gesprochen und dergleichen mehr, was an
und für sich kein Verbrechen qualifiziert, wohl aber nach Um¬
ständen unangenehm auf Geschwome, die meist aus dem Bauern¬
stand erlesen sind, einwirken kann, zumal wenn eine so geringe
Ehrfurcht vor dem Herrgott und Grundeigentum durchleuchtet.
Wegen der Verteidigung werden sich auch bedeutende Schwierig¬
keiten erheben; die Herm Advokaten verstehn nichts von solchen
Sachen, sind meist prinzipielle Gegner und denken mit Schau¬
dern an die zehntägige Sitzung, die für die Sache anberaumt ist. w
Freiligrath wird in contumaciam geköpft werden. — Ich habe
eben den Anklageakt gelesen, der nicht weniger als etliche 65—70
Seiten enthält. Die Leute haben es lediglich ihren eignen Aus¬
sagen zu verdanken, wenn sie hängen bleiben. Komplettere Esel
als diese deutschen Arbeiter gibt es wohl nicht; Reiff hat form- it
lieh denunziatorische Aussagen gemacht und ebenso tappig haben
sich verschiedne andre benommen. Man sieht, was für eine ge¬
fährliche Sache es ist, mit Arbeitern in Verbindungen sich einzu¬
lassen, die geheim bleiben sollen. Es ist nun nicht zu verwundern,
daß man die Leute so gepeinigt hat; je länger sie allein gehalten 20
wurden, desto schönere Aussagen machten sie. Vom Faktum ist
sonst gar keine Rede, und wenn die Angeklagten nicht recht hübsch
selbst größtenteils ausgesagt hätten, läge nichts vor. Der Anklage¬
akt enthält nebenbei allerhand Spezialia, woraus hervorgeht, daß
gewisse Verhältnisse und Personen ihnen durch aufgefangne 25
Briefe und Spionage ziemlich genau bekannt sind.“
Soweit Bermbach.
Willich hat seine Aussage über die B[rüning] Schimmelpfennig
gegenüber revoziert. S[chimmelpfennig] hat jetzt verbreitet, daß
er durch Magnetisieren die Tugend der B[rüning] zu Falle 30
zu bringen suchte. Le vertueux Willich.
Ein gewisser Coeurderoi (d’ailleurs très bon républicain), der
schon ein kleines Pamphlet gegen Mazzini, Ledru [-Rollin],
L. Blanc, Cabet etc. veröffentlicht hat, gibt jetzt ein förmliches
Buch über die ganze französische Emigration heraus.
Proudhon veröffentlicht ein neues Werk. Da Religion, Staat
etc. unmöglich geworden, bleiben nur noch die „Individuen“
übrig. Diese Entdeckung hat er Stirner nachgemacht.
Durch das unverzeihliche Zaudern von Esel W[eydemeyer] bin
ich so im Gedränge, daß ich heute selbst die stamp für diesen Brief /o
nicht beibringen kann.
Dein K. M.
Z. 14-19. 28-31.
(194) 1852 Aug. 21
383
194. Engels an Marx; [1852 August 21].
Lieber Marx,
Heute abend wird der Schluß Deines Artikels übersetzt,
morgen oder Donnerstag der Artikel Germany gemacht. Charles
5 ist auf einige Tage verreist und ich hab viel auf dem Comptoir
zu tun, so daß ich oft abends ganz wirr im Kopf bin.
Für die kriegsgeschichtlichen Sachen meinen Dank. Kannst Du
vielleicht gelegentlich auf dem British Museum nachsehn, ob dort
1. die östreichische militärische Zeitschrift seit 1848, 2. das
io preußische Militär-Wochenblatt, die Berliner „Wehrzeitung“,
3. noch sonstige militärische Zeitschriften, besonders Revuen
— auch französische — seit 1848 an, sich befinden? — Auch eine
Kollektion der Augsburger Allgemeinen Zeitung besonders seit
1850. Diese Sachen sind mir sehr nötig, und wenn es irgend an-
15 geht, würde ich Zeit zu finden suchen, sie dort durchzuochsen,
wenn ich so weit bin.
Der Auszug aus dem Clußschen Brief zeigt uns den père Weyde¬
meyer noch in einem westfälischeren Lichte, als wir das je er¬
wartet. Bielefeld tout pur. Das übersteigt alles.
2o Das Ende Johann Gottfrieds ist sehr angenehm. Dem Edlen
bleibt nur noch das trostlose Bewußtsein, seine Pflicht getan
zu haben und den stock of bullion in der englischen Bank zu
schwellen. Dazu ist dann auch noch das Morning Chronicle Akten¬
stück unecht, worauf er ja sein neues Datum der Weltbefreiung,
25 nicht auf ungewisse Handelskrisen, sondern auf ein sichres, un¬
vermeidliches Faktum, gebaut hatte!
Die Posse Willich-Schily muß heiter abgelaufen sein. Pauvre
Willich, wie oft wird er sich unter den ihn hetzenden Bieder¬
männern in die Gesellschaft des roten Wolff zurückwünschen!
Harneys Gestirn der Freiheit ist also Todes verblichen?
Die Krisis scheint allerdings kommen zu wollen, wenn auch die
neulichen Falliten nur Vorläufer waren. Leider scheint die Ernte
in Nordostdeutschland, Polen und Rußland passabel, stellenweise
gut zu werden. Hier hat auch das letzte gute Wetter gefruchtet.
35 Aber Frankreich bleibt in der Sauce, und das ist schon viel. —
Der kleine panic im Geldmarkt scheint vorüber, die Konsols und
Railwayshares steigen wieder flott, money is easier, die Speku¬
lation noch immer sehr verteilt auf Korn, Cotton, Steamboats,
Miningoperations usw. Doch wird sie in Cotton schon sehr riskiert,
to angesichts einer bis jetzt ausgezeichnet stehenden Ernte steigen
die Preise fortwährend, rein infolge des großen Konsums und der
Möglichkeit, daß eine kurze Zeit des Baumwollmangels vor dem
Eintreffen der neuen Zufuhren eintreten kann. Daß übrigens eine
Z. 17—26. 32—34 (gefruchtet). 39—43.
384
(191) 1852 Aug. 21
ausgebildete Spekulations w u t diesmal der Krise vorhergeht,
glaub ich nicht, und wenn sonst die Umstände günstig sind, wer¬
den ein paar schlechte ostindische Posten, ein panic in New York
etc. sehr bald beweisen, daß mancher tugendhafte Bürger ganz im
stillen allerhand Schwindel angestellt hat. Und diese entscheiden-
den schlechten Nachrichten aus überfüllten Märkten müssen doch
bald kommen. Nach China und Ostindien wird in einem fort mas¬
senhaft geschickt, und doch sind die Nachrichten nicht besonders,
ja Kalkutta ist decidedly overstocked, und hie und da fallieren
native dealers. An eine längere prosperity als Oktober oder No- io
vember glaub ich nicht — selbst Peter Ermen wird besorgt.
Übrigens hängt es doch sehr von der Intensität der Krise ab, ob
sie sofort eine Revolution erzeugt — sofort, d. h. in sechs bis acht
Monaten. Die schlechte Ernte in Frankreich hat das air, als sollte
es dort zu etwas kommen; aber wird die Krise chronisch und die
Ernte schließlich doch etwas besser als erwartet, so kann’s immer
noch bis 1854 dauern. Ich gestehe, ich wollte, mir blieb’ noch ein
Jahr Zeit zum Ochsen, ich hab noch manches durchzumachen.
Australien schadet auch. Erstens direkt durch das Gold und
das Aufhören aller seiner andern Exporte, sowie durch die da- 20
mit bedingte stärkere Einfuhr aller Commodities, dann durch den
Abzug der hiesigen surplus population, at the rate of 5000 a week.
Kalifornien und Australien sind zwei Fälle, die im Manifest nicht
vorgesehn waren: Schöpfung großer neuer Märkte aus nichts.
Sie müssen noch herein. 2:
Dein F. E.
195. Engels an Marx; 1852 August22.
Lieber Marx,
Inliegend der Artikel für Dana. Die Mitteilungen von Berm¬
bach sind unangenehm; wenn nur diejenigen loskommen, die 30
nicht geschwatzt haben! Übrigens ist der Prozeß autant gegen
uns gerichtet wie gegen die Kölner; wir werden auch unser Fett
abbekommen, und besonders da le jeune Sädt jetzt denkt, seine
Revanche ungezüchtigt nehmen zu können.
Kannst Du mir die Sachen von Coeurderoi nicht verschaffen 35
— d. h., wenn sie der Mühe wert sind und mehr enthalten als pure
Deklamationen.
Unser Worzell war, wie ich aus Smitt erfahre, wirklich Graf
und Hauptbeteiligter bei der Wolhynischen Insurrektion, wo er
sich dadurch auszeichnete, daß er versprengt wurde und ca. drei 40
bis vier Wochen in den Wäldern eine Art Räuberbande anführte,
bis ihn Rozycki nach Polen brachte; unser Sznayde hat einige Ka-
(195) 1852 Aug. 22
385
vallerie — soviel ich bis jetzt weiß — ohne Auszeichnung kom¬
mandiert. Ein 1847 in Berlin erschienenes Werk von Mieroslawski
über den polnischen Feldzug wird von Smitt sehr gerühmt. Dieser
Mieroslawski ist doch der bedeutendste aller Polacken und wird
5 noch eine Karriere machen.
Vergiß mir den englischen Artikel nicht!
Den Drunkel erwarte ich nebst der Bagage von Büchern heute
abend. Besonders die Neue Rheinische Zeitung ist mir jetzt nötig;
ich hoffe, er bringt sie.
io Beste Grüße an Deine Frau und Kinder.
Dein F. E.
Manchester, 22. Juli^ 1852.
196. Marx an Engels; 1852 August 24.
24. August 1852.
is 28, Deanstreet, Soho.
Lieber Frédéric,
Du erhältst hier eingeschlossen:
1. Brief von Massol an mich. Der Mann, auf den er Einfluß
übt, ist Proudhon, und das Buch, das er als glückliche (!) Frucht
20 dieses Einflusses betrachtet, dessen jüngstes Buch über Louis Bo¬
naparte. Darüber werde ich in einem nächsten Briefe berichten.
2. Den Brief von Cluß, aus dem Du schon Auszug erhalten.
3. Den höchst interessanten Brief von Jakob Huzel über Godo-
fredum.
25 4. Einen Wisch von Gögg in der Schweizer Nationalzeitung.
5. und 6. „Entwurf eines Unionvertrages“ zwischen Kinkel,
Willich und Goegg. Ein Sendschreiben der erstgenannten Herren
an ihre amerikanischen Komitees und Garanten.
Das Ganze ist ein Notschrei von Kinkel-Willich. Sie wollen:
so 1. Den unbeugsamen Reichenbach von dem heiligen Gral ent¬
fernen, um „schleunigst“ die Geldmittel zu verwenden.
2. Da Kinkel keine Armee mehr hinter sich, will er mit 1000^
hinter sich in den sogenannten Revolutionsbund treten, von dem
er erwartet, daß er ihn aus Dankbarkeit in sein oberstes Komitee
35 wählt.
3. Willich, dessen Stellung unhaltbar ist, dem es auf den Nägeln
brennt, will nach Amerika, nachdem er, wie er sagt, „noch eine
Aufgabe gelöst“. Die Aufgabe ist, durch Ausliefern der 1000
Irrtümlich für August
25
Z. 3-5. 7-9.
386
(196) 1852 Aug. 24
an den Revolutionsbund und durch Eintritt in denselben sich das
schmarotzende Rittertum in Amerika „vorzubereiten“.
Nächstens mehr. Salut!
Dein K. M.
197. Marx an Engels; 1852 August 30.
30. August 1852.
28, Deanstreet, Soho, London.
Lieber Engels,
Aus den Aktenstücken, die ich Dir gesandt habe, hast Du ge¬
sehn, wie Kinkel-Willich manövrieren. Sie ignorieren ihre Ab- w
Setzung durch die Garanten in ihrer unmittelbaren Umgebung und
suchen die Stimmen einzeln zu erschleichen, weswegen auch
Schurz gleich nach dem 12. nach Amerika gereist ist. (Er hat
noch den weitem Zweck, lichtfreundliche Kindergärten daselbst
anzulegen.) Es handelt sich für die Herren darum, endlich wirk- iï
lieh an die Verwaltung der Gelder zu kommen, von der
sie abzutreten drohen, wenn man ihnen nicht willfahre. Der point
urgent ist der. Die Kerls haben 200 Sterling verausgabt, die
ihnen hier schwerlich ratifiziert würden. Daher der Versuch, sich
direkt und „schleunigst“ aus Amerika zu Geldausgaben bevoll- 20
mächtigen zu lassen oder zur Zuziehung eines dritten Kollegen,
damit sie als konstituiert handeln können. Sie haben die Sache in
ihrer Weise pfiffig angegriffen. Erst die Dokumente nach Ame¬
rika und der Schweiz geschickt, hinter dem Rücken der Lon¬
doner Garanten. Dann diesen die Schriften am 26. zugestellt (ob- 26
gleich vom 11. und 12. datiert), mit der Bemerkung, Stillschwei¬
gen als Einverständnis zu betrachten.
Da aber möglicherweise die Stimmen der Garanten auch in
Amerika und der Schweiz, der Majorität nach gegen diese Herrn
ausfallen könnten, haben sie ganz im stillen in Antwerpen für w
den 14. oder 15. September eine Versammlung Kinkelfreundlicher
Garanten berufen, um sich so gegen alle Eventualitäten durch
einen angeblichen Kongreßbeschluß sicherzustellen.
Welcher Art aber die „starken“ Organisationen in Deutschland
sind, womit sie renommieren, wirst Du aus folgendem ersehn. w
Du weißt, daß Gebert angeblich nach Amerika gereist ist.
Tout le monde le croit. Aber die Sache verhält sich wie folgt.
Kinkel-Willich haben Anfang dieses Monats einen Emissär
nach Deutschland abgesandt, i. e. Gebert, den versoffnen
Schneidergesellen. In Magdeburg hat er eine sogenannte Kom-^
munistengemeinde versammelt; drei Tage nacheinander wurden
Beratungen gehalten, 26—30 Mitglieder nahmen teil; das Präsi-
Z. 10-15. 28-33. 37 (Tout . . . croit).
(197) 1852 Aug. 30 387
dium führte ein gewisser Hammel; gegen Marx und Engels
wurde mit großer Erbitterung debattiert, — nebst mehren Ad¬
ministrations- und Organisationsfragen kam man auf die Frage:
wie und auf welche Art eine Druckerei zu schaffen wäre? Es fand
5 sich ein armer Buchdrucker, der in oder um Magdeburg herum
etabliert ist; mit ihm wurde ein Vertrag geschlossen. Er stellt seine
Office der Propaganda zur Verfügung, die alte Firma wird bei¬
behalten. Dafür wurden ihm sofort 100 Taler ausgezahlt und ein
Schuldschein für 350 Taler am Ende des Jahres, von jetzt ge-
io rechnet.
Die Polizei wußte alles von Geberts Abreise an. Sie läßt ihn
beständig begleiten. Sie hatte ihren Berichterstatter in der Magde¬
burger Knotenversammlung. Sie will ihn erst einstecken, sobald er
seine Mission erfüllt und möglichst viele ins Pech geritten hat.
15 Die Sache ist sehr fatal für unsre Kölner Gefangnen. Wird Gebert
gesteckt etc., so halte ich es an der Zeit, öffentlich die Kerls zu
denunzieren und vor ihnen zu warnen, die zur Scheinagitation und
um sich wichtig zu machen, vom sichern Versteck aus den deut¬
schen Regierungen, speziell der preußischen, in die Hände arbei-
20 ten. Ich habe sofort nach Köln berichtet. Wie ich die Sache er¬
fahren habe, kann ich Dir nur mündlich mitteilen. Das Post¬
geheimnis ist hier auch ein problematisches Ding.
Willich verlumpt ganz. Kein Mensch pumpt ihm mehr
darauf, daß „Es“ losgehn soll. Sein Freund Schärttner hat ihm
25 vor einigen Tagen coram publico erklärt, daß nun das „f reie“
Fressen und Saufen aufhören müsse. Er wurde rot wie ein Puter
und der unerbittliche Schärttner nötigte ihn, die Theorie sofort in
Praxis setzend, die eben genossnen Potts bar zu zahlen. Einigen
aber nicht zureichenden Halt findet Willich noch im Vögeln der
so alten Hausphilisterin, bei der er wohnt. Auch das ist notorisch
geworden. Niemand glaubt mehr an dieses Sancho Pansa Aske-
tik. Wenn er mit Johann h.^ schreibt, „die Zeit der Feder ist vor¬
bei, die Zeit des Schwerts gekommen“, so heißt letzterer Passus in
plain German: „Die Zeit des Fechtens ist gekommen.“
35 Der Revolutionsgeneral Techow reist erst in einigen Tagen
nach Australien mit Madame Stimer und seiner Braut. Er wohnte
nämlich, wie Du weißt, seit geraumer Zeit, hier bei der Stimer.
Nun kömmt aber seine Braut, eine vermögende Person an. Als die
Schmidt dies gewahr wird, erklärt sie, sie trete zurück. Aber nun,
40 nachdem die Braut erfahren, Techow habe mit der Schmidt gelebt,
erklärt sie, ihn nicht mehr zu wollen und läßt ihren even¬
tuellen Bräutigam, einen ostpreußischen farmer, herkommen.
Nichtsdestoweniger wohnt er bei ihr im Hause und der Bräutigam
(der andre) eine Stunde vor London. Armer Buridan-Techow!
J) Kinkel
25*
Z. 23 (Willich)-14 !
388
(197) 1852 Aug. 30
Vor einigen Tagen berief Pyat (Felix) die mit ihm zu¬
sammenhaltenden Franzosen zu einer Reunion und legte ihnen ein
Programm vor, das nun gedruckt werden soll. „Gott66 spukte
natürlich dadrein. Einer der Anwesenden protestierte dagegen,
„Gott66 in einem Revolutionsprogramm zu beherbergen. Pyat, dem 5
gouvernement direct gemäß, läßt abstimmen. „Gott66 passiert
mit sieben Stimmen Majorität. L’être suprême est sauvé encore une
fois. Früher hieß es: Gott verläßt die Seinen nicht. Jetzt heißt es:
Die Seinen verlassen Gott nicht. Eine Hand wäscht die andre.
General Vetter war auf längre Zeit aus London verschwunden. 10
Niemand wußte wohin. Das mystère hat sich aufgeklärt. Vetter
reiste mit einem amerikanischen Passe, worin er als Maler figu¬
rierte, mit seiner Mätresse, einer Sängerin, namens Ferenczi1^ Er
passierte als Künstler. Sie gab an allen bedeutenden Orten Kon¬
zerte, und so ist er von Genua und Mailand bis Rom, Neapel, Pa- 15
lermo gekommen. Er hatte die passwords und Empfehlungen von
Mazzini-Kossuth. So waren ihm die geheimen italischen Zirkel
zugänglich, während sein ostensibler trade ihn in die höheren
cercles brachte. Er ist seit einiger Zeit hierher zurückgekehrt
und hat Bericht bei dem „Europäischen66 Zentralkomitee abge- 20
stattet. (Notabene: Darasz ist gestorben und vorige Woche be¬
graben worden.) Das Resümee davon, zum großen Kummer des
„frommen66 Mazzini: L’Italie s’est tout à fait matérialisée. On n’y
parle que commerce, affaires, soies, huiles et autres misères mon¬
daines. Les bourgeois calculent d’une manière terriblement posi- 25
tive les pertes, que la révolution de Mars les a fait subir et ne
pensent qu’à se reprendre sur le présent. Quant à l’initiative in¬
surrectionnelle ils sont heureux de la laisser aux Français, à ce
peuple frivole et sensualiste. La seule chose, dont ils ont peur,
c’est que les Français ne se hâtent trop. 30
Tu penses bien, mon cher, quel coup de foudre pour l’archange
Mazzini. Le général Vetter, nommé déjà comme commandant su¬
périeur des forces Mazzini-Kossuthiennes leur a déclaré, que les
choses étant ainsi, il ne saurait mieux faire que de passer avec sa
maitresse en Amérique. Au bout du compte le malheureux Maz- 35
zini est convenu avec Kossuth de vouloir bien laisser aux Français
l’initiative insurrectionelle.
Aber nicht der vile multitude, sondern dem Bonaparte.
Aus Paris schreibt man mir darüber u. a.:
„Kiss, Abgesandter von Kossuth, ist hier nicht nur mit den 40
Orleanisten in Verbindung getreten, sondern mit den Bonapar-
tisten. Kiss ist in Bekanntschaft mit Jeromes Söhnen. Auf diese
konventionelle Bekanntschaft gestützt, wußte er Kossuth den Kopf
voll zu machen, eine Verbindung mit der französischen Regierung
9 Im Orig. Ferenzi
(197) 1852 Aug. 30
389
zugunsten Ungarns einzugehn. Der phantastische Agitator ging
in die Schlinge und sandte zu diesem Behufe Kiss mit Gülden
versehn hierher nach Paris. Kiss amüsiert sich in Kaffeehäusern
und andern Häusern, antichambriert hin und wieder bei
s Pierre Bonaparte, macht diesem einen blauen Dunst vor, schreibt
prachtvolle Berichte an Kossuth, und ist [an] Ungarns Befreiung
kein Zweifel mehr. Diese Revolutionäre par excellence senden
Agenten, um mit dem „Tyrannen“ einen Bund auf Leben und
Tod zu schließen.“
io Mais ce n’est pas tout.
Aus sichrer Quelle weiß ich, daß im Namen der polnischen
„Zentralisation“ der alte Narr Lelewel und Thaddäus Gorzowski
hier waren. Sie haben den Kossuth-Mazzini einen Insurrektions¬
plan vorgelegt, dessen pivot die Mitwirkung Bonapartes ist. Diese
is alten Esel von Konspirateurs rennen sich jeden Tag von neuem
hinein. Als Agenten hier haben und hatten sie einen gewissen
Graf Lanckoronsky1) oder ähnlich. Dieser Bursche (wohnt 7 Har¬
ringtonstreet, Hampstead Road) ist russischer Agent, und
i h r Insurrektionsplan hatte die Ehre, vorher in Petersburg kor-
20 rigiert zu werden.
Dein K. M.
198. Marx an Engels; 1852 September 2.
2. September 1852.
28, Deanstreet, Soho.
25 Lieber Engels,
Aus dem einliegenden bettpisserigen Briefe des großen Weyde¬
meyer ersiehst Du, wie die Sachen stehn. Hierhin hat das Vieh
zehn Exemplare geschickt.
Von Herm F. Streit habe ich noch keine Antwort, ce qui est de
3o très mauvais augure. Ich habe nun einige, wenn auch wenige
Aussicht, daß ein Londoner Buchhändler die Sache2) englisch
herausgeben will. Als Probe soll ich ihm vorläufig das erste Ka¬
pitel geben. Ich habe es daher durch Pieper übersetzen lassen. Die
Übersetzung wimmelt von Fehlern und Auslassungen. Indes wirst
35 Du doch durch die Korrektur nicht so in Anspruch genommen als
durch die langweilige Übersetzungsarbeit. Du müßtest mir dazu
ein englisches Vorwort von höchstens zehn Zeilen schreiben. Diese
Schrift sei ursprünglich in der Form von Zeitungsartikeln, von
Ende Dezember bis Anfang Februar, erschienen, am 1. Mai in
40 New York als Broschüre herausgekommen, werde jetzt in zweiter
O Im Orig. Lanckronsky
2) Der 78. Brumaire des Louis Bonaparte.
Z. 26-28.
390
(198) 1852 Sept. 2
Auflage in Deutschland erscheinen, sei die älteste der gegen
Bionaparte] erschienenen Schriften. Einige antiquierte Einzel¬
heiten darin seien aus dem Datum ihrer Entstehung zu erklären.
E. Jones ist ein durch und durch egoistischer Bengel. Er hat
mich zwei Monate mit der Versprechung seiner Übersetzung (für 5
sein Journal) an der Nase herumgezogen. Meinerseits hat er nur
Gefälligkeiten erhalten. Trotz meines eignen Geldpechs bin ich
tagelang mit ihm in seinen Zeitungsgeldangelegenheiten bei Pon¬
tius und Pilatus herumgezogen. Alle ausländischen Mitteilungen,
die sein pauvres Blättchen0 eigens hatte, kommen von mir. Wenn w
er irgend sich in die Patsche mit seinen Komitees, Gegnern etc.
geritten, stürzte er zu mir und hat mein Rat ihn immer wieder
herausgepatscht. — Endlich habe ich, da sein Journal zu miserabel
wurde, einige Wochen ihm éditorial support gegeben, und wirklich
wuchs die Scheiße um einige hundert Abonnenten in London. 15
Er seinerseits erweist nicht einmal die konventionellen Auf¬
merksamkeiten. Wenn Du heute mit ihm sein Journal fabriziert
hast, wird er vergessen, morgen Dir ein Exemplar zuzuschicken,
aber dies Vergessen ereignet sich jede Woche einmal, da sein
Blatt nicht zweimal die Woche erscheint. 20
Ich habe ihm gesagt, es sei ganz gut, daß er Egoist sei, aber
er solle es in zivilisierter Weise sein und nicht so albern.
Da das Blatt indes das einzige Chartistenorgan, so werde ich
nicht brechen, aber einige Wochen let ship him for himself.
Dein K. M. 25
199. Engels an Marx; 1852 September?.
Lieber Marx,
Die Übersetzung von Pieper macht mir viel Mühe. Der Anfang
ist grade sehr schwer zu übersetzen und l’aimable candidat P[ie-
perj hat seinem scharmanten Leichtsinn die Zügel vollständig 30
schießen lassen. Womöglich erhältst Du sie Donnerstag.
Hier ist mit Pindar ein Roman vorgegangen. Neulich komm
ich in sein Haus, ich weiß nicht, ob ich’s Dir schrieb, und finde
dort seine Mutter, a very respectable old English lady, und eine
junge Dame, die sehr unenglisch aussah und die ich also für eine 30
Russin hielt. Vorigen Freitag frug ich Pindar, ob diese Krasnä-
vitza° (beauté) seine Frau oder seine Schwester sei: — ni l’un
ni l’autre, war die Antwort. Am Montag kommt seine Mutter nach
meinem Hause: ihr geliebter Edward sei fort, verschwunden. Ich
O People's Paper.
2) Richtig Krasaviza
Z. 10-13. 16-20. 32 (Neulich)—39 -
(199) 1852 Sept. 7
391
war nicht da, hörte es aber und ging gleich hin. Je trouve la
digne mère en pleurs und erfahre folgendes: Pindar hat sich in
Petersburg in eine Schwedin (oder Finnländerin) verschossen und
scheint mit ihr durchgebrannt zu sein, nachdem sein Vater tot war.
ô Er hat sie in England geheiratet — es ist die obige Krasnavitza1 *.
In London lernt er eine Französin kennen, wie die Alte, die sie
natürlich sehr schlecht macht, behauptet, ehemalige Pariser Hüre
und Maitresse eines englischen Komödienfabrikanten namens
Taylor. Er gibt ihr Stunden, und der stille Kandidat läßt sich mit
20 ihr in ein Liebesverhältnis ein. Seine Frau entdeckt die Geschichte
(die Alte war inzwischen von Kronstadt herübergekommen, hatte
Geld gebracht und sich mit der Schwedin versöhnt), und um den
P[indar] von der Französin abzubringen, geht die ganze Familie
nach Liverpool. Auch dort läßt er die Lorette hinkommen, und
die Schwedin, die sehr viel Geduld und Zähigkeit zu haben scheint,
entdeckt es wieder. Neue Auswanderung nach Manchester, wo die
Alte sich endlich möbliert und selbst zwei Häuser kauft (sie lebt
von den Ruinen des im Timber and Biscuit Trade gemachten, in
ihren Händen verbummelten, altpindarschen Vermögens). Aber
Ptindar] läßt seine Französin auch hieher kommen — sie ist gewiß
dreimal hier gewesen, das weiß ich daher, daß er mich dann regel¬
mäßig anpumpte und nachher sehr regelmäßig wieder zahlte. Um
aber der Sache ein Ende zu machen, brennt er vorigen Samstag
mit ihr durch, wie seine Mutter behauptet, nach Australien, wie
25 mir wahrscheinlicher scheint, entweder nach New York oder bloß
nach Paris. Er hat 190 die ihm gehörten, aus den Funds ge¬
nommen und hat sie mitgenommen, im Omnibus aber gleich
£ 20 verloren (der Kellner im Hotel, wo die Französin logierte,
meint, sie hätte es ihm geschossen). Der Kerl hatte Geld genug,
30 seine Mutter hielt ihn in allem, und er hatte 100 ^Taschengeld.
Die Schwedin ist ihm nach Liverpool gestern nachgereist, ich
bin begierig, was daraus wird.
Der arme Teufel wird schrecklich und lebenslang verfolgt von
seiner albernen Jugendheirat mit dem schwedischen Ideal — voilà
35 ce qui a toujours pesé sur lui. Bei etwas mehr Praxis und Geschick
hätte er aus seinen^ 100 sich die Französin sehr schön hier entre-
tenieren können, aber wo soll ein Kerl Praxis herkriegen, der sich
im 21. Jahr in eine Schwedin verschießt, mit ihr durchbrennt und
sie bürgerlich ehelicht! Hätte der dumme Bengel mir nur die Ge-
to schichte erzählt, es war eine Kleinigkeit das einzurichten. Abei
sich mit einer Französin à l’étranger in eine zweite, plus ou moins
lebenslängliche und jedenfalls seriöse Geschichte einlassen, mit
ihr durchbrennen, quelle bêtise! Elle lui en fera voir, ma foi!
O Richtig Krasaviza
Z. _ 1-43 -
392
(199) 1852 Sept. 7
besonders wenn er wirklich nach Australien gegangen. Und dabei
ist seine Alte eine schrecklich gutmütige und schwache Person, mit
der er Gott weiß was hätte auf stellen können. Aber wie Kinkel
im Verloben, so scheint Pindar im Durchbrennen das wahre Wesen
jedes Liebeshandels zu sehen. 5
Deine Nachricht über Vetter etc. und die Londoner sind famos.
Deri Brief von Massol schicke ich Dir zurück, auch den von Weyde¬
meyer — die Clußschen halte ich hier jusqu’à nouvel ordre. Wie
ist’s mit Artikeln für Dana? Pindars Abwesenheit gibt mir mehr
Zeit, ich treibe das Russische jetzt mehr con amore sine ira et io
studio, und kann schon etwas. Militaria sind augenblicklich at a
discount. Comptoirarbeiten sehr belebt.
Sobald ich irgend kann, d.h. in ein paar Tagen, schick ich Dir
zwei Pfund, das ist alles, was ich für den Moment loseisen kann.
Dein F. E. is
Dienstag, 7. September 1852.
200. Marx an Engels; 1852 September 8.
8. September 1852.
28, Deanstreet, Soho, London.
Lieber Engels, 20
Dein Brief heute kam in eine sehr aufgeregte Atmosphäre.
Meine Frau ist krank, Jennychen ist krank, Lenchen hat eine
Art Nervenfieber. Den Doktor kann und konnte ich nicht rufen,
weil ich kein Geld für Medizin habe. Seit acht bis zehn Tagen habe
ich die family mit Brot und Kartoffeln durchgefüttert, von denen 21
es noch fraglich ist, ob ich sie heute auftreiben kann. Diese Diät
war natürlich nicht förderlich bei den jetzigen klimatischen Ver¬
hältnissen.
Artikel für Dana schrieb ich nicht, weil ich nicht den Penny
hatte, um Zeitungen lesen zu gehn. Sobald Du übrigens Nr. XIX 30
geschickt hast, werde ich in einem Briefe meine Ansicht über XX,
die Zusammenfassung der Jetztscheiße, schreiben.
Als ich bei Dir war und Du mir gesagt hattest, mir bis Ende
August eine etwas größre Summe beschaffen zu können, schrieb
ich das meiner Frau zur Beruhigung. Dein Brief von vor drei bis 35
vier Wochen deutete an, daß nicht viele Aussicht sei, ließ indes
noch einige. So hatte ich bis Anfang September alle Gläubiger,
denen, wie Du weißt, immer nur kleine Fragmente abgezahlt wer¬
den, hingeschoben. Jetzt ist der Sturm allgemein.
Ich habe alles versucht, aber umsonst. Erst prellt mich der 40
Hund von Weydemeyer um 15 Ich schreibe nach Deutschland
z. - 1-9
(200) 1852 Sept. 8
393
an Streit (weil der in der Schweiz an Dronke geschrieben hatte).
Das Vieh antwortet nicht einmal. Ich wende mich an Brockhaus
und biete ihm Artikel für die Gegenwart von unverfänglichem In¬
halt. Er schlägt in einem sehr höflichen Briefe ab. Endlich laufe
-5 ich in der letzten Woche den ganzen Tag mit einem Engländer^
herum, der mir den Diskonto für die Wechsel auf Dana verschaffen
wollte. Pour le roi de Prusse.
Das Beste und Wünschenswerteste, was passieren könnte, wäre,
wenn mich die landlady zum Haus hinauswürfe. Ich wäre dann
io wenigstens die Summe von 22 £ St. quitt. Aber so viel Gefällig¬
keit ist ihr kaum zuzutrauen. Dazu Bäcker, Milchmann, Teekerl,
greengrocer, alte Metzgerschuld noch. Wie soll ich mit all dem
Teufelsdreck fertig werden? Endlich, in den letzten acht bis zehn
Tagen, habe ich einige Schilling und Pence, was mir das Fatalste
15 ist, aber es war nötig, um nicht zu verrecken, von Knoten gepumpt.
Du wirst aus meinen Briefen ersehn haben, daß ich die Scheiße
wie gewöhnlich, wenn ich selbst darin stecke und nur nicht von
weitem davon höre, mit großer Indifferenz durchwate. Indes que
faire? Mein Haus ist ein Lazarett, und die Kfrise] wird so störend,
2o daß sie mich zwingt, ihr meine allerhöchste Aufmerksamkeit zu
schenken. Que faire?
Unterdes ist Herr Gögg wieder auf der Lustfahrt nach Ame¬
rika, steamer first dass. Herr Proudhon hat einige 100000 fr. für
seinen Anti-Napoleon eingesteckt und Vater Massol ist so groß-
25 mütig, mir das miner, fouiller etc. zu überlassen. Je le remercie
bien.
Dein K. M.
201. Marx an Engels; 1852 September 9.
9. September 1852.
28, Deanstreet, Soho.
30 Lieber Engels,
Die 4 £ Sperlinge erhalten.
Ich habe an meine Alte wieder geschrieben und denke, daß das
wenigstens etwas helfen wird.
Außerdem habe ich heute noch einen Versuch gemacht, von
35 dem ich hoffe, daß er endlich doch glücken wird, um das Geld auf
Dana zu erhalten, denn es ist mir brennend auf den Nägeln, et je
n’ai pas à perdre du temps.
Eben war der Doktor da und hat für die ganze family, excepté
moi, Rezepte verschrieben. Mit meiner Frau geht es besser, am
40 schlechtesten mit Laurachen.
Denk Dir, welch’ alberner Esel der Pieper ist.
x) Poenisch
Z. 42 -
394
(201) 1852 Sept. 9
Jeden Tag fragt er mich, ob Du die Sache schon zurück¬
geschickt und was Du geschrieben über seine vorzüglichen
Leistungen. Ich konnte ihm das natürlich nicht mitteilen, und nun
bildet sich der Hanswurst ein, ich enthalte ihm aus Mißgunst das
übermäßig von Dir gespendete Lob vor. 5
Heut, wie ich den Doktor rufen ging, begegnet mir der Hum¬
bug. „Hat Engels geschrieben und die Übersetzung geschickt?“
Ich antwortete: Noch nicht. „Aber er wird es tun, denn ich
selbst habe ihm geschrieben“, bemerkt Pieper. Solltest Du ihm
antworten, so schreib ihm, daß er nicht nötig hat, in meinen 10
Angelegenheiten bei D i r sein Wort einzulegen.
Anliegend ein Mémoire von Paris, das dort einem Freund von
mir in die Hand gefallen, der mir es abschriftlich zugeschickt und
das ich wieder für das Manchester Archiv abgeschrieben.
Dein K. M.
202. Engels an Marx; 1852 September 14.
Lieber Marx,
Der Pieper hat mir geschrieben und umgehende Rück¬
sendung der korrigierten Übersetzung gewünscht. Cela me con¬
venait bien, ich hatte Leibschmerzen und war zu aller Arbeit un- 20
tauglich. Sag ihm, wenn er auf seine Briefe Antwort von mir
haben will, so soll er wenigstens seine Adresse dabei schreiben;
Pieper, Esq., ist in London so bekannt nicht, selbst seitdem er
Kommis à 25 sh. die Woche ist. Im übrigen soll er nur mit der
Übersetzung fortfahren, sich aber etwas mehr Mühe geben oder, 25
wenn das nicht geht, wenigstens bei schweren Stellen Platz lassen,
ich will sie dann ausfüllen, das ist immer besser, als Blödsinn aus
Leichtsinn machen. Er schrieb mir übrigens bloß unter dem Vor¬
wand, nicht zu wissen, ob ich ihn überhaupt für kapabel halte, das
Ding zu machen. Er soll ein ausführliches Register über die Haupt- 30
fehler mit Glossen haben. — Heut und morgen abend denk ich das
Ding fertig zu machen, da ich besser bin.
Im übrigen schrieb er mir getreulichst als Echo alles, was er an
Deinem Hause gehört hatte, und was ich natürlich schon wußte.
Pindar ist wohl bei Dir gewesen? Er schrieb mir von London 35
aus und ist nach Paris, ich schreib ihm heut abend. Seine Schwe¬
din oder Finnländerin hab ich auch kennen gelernt, c’est une oie,
petite bourgeoise au plus haut degré, qui paraît s’ être bientôt
consolé du départ de son époux. Er hat Recht getan, diesem Tier
aus dem Weg zu gehn. Ich werde anstandshalber noch ein paar 40
Mal zu seiner Alten hingehn und dann die Sache droppen, c’est
Z. - 1-11. 35 (Pindar)—41 -
(202) 1842 Sept. 14
395
embêtant diese fischblütige kleine Hexe zu hören, wie sie ihren
Herrn Gemahl schlecht macht.
Hoffentlich ist Dir die Diskontierungsgeschichte endlich ge¬
lungen und geht es in Deinem Hause etwas besser. Ich sinne jetzt
5 auf einen neuen Plan, einige Pfunde zu sparen; wenn er gelingt,
denk ich bis Anfang nächsten Monats — also in ca. 14—16 Tagen
— Dir wieder etwas schicken zu können. Es hängt teilweise davon
ab, ob mein Schwager hierherkommt und wann.
Inliegend zwei Wische von Weydemeyer, Du kannst mir das
io Lithographierte gelegentlich fürs Archiv zurückschicken. Das
Mémoire von Häfner ist interessant, aber offenbar für uns ge¬
schrieben — c’est une pétition.
Grüß Deine Frau und Kinder bestens.
Dein F. E.
15 14. September 1852.
Du wirst mit Vergnügen sehn, daß Heinzen auf dem letzten
Loche pfeift.
203. Marx an Engels; 1852 September 18.
18. September 1852.
20 28, Deanstreet, Soho, London.
Lieber Engels,
Wenn Du noch einige Tage mit dem Rücksenden der Über¬
setzung zögerst, so ist die Möglichkeit, sie unterzubringen, aber
auch total klatsch. Die Beschäftigung mit Bonaparte hatte wieder
25 ihren Klimax und fängt jetzt, wie alles in London, an, von neuen
Thematen verdrängt zu werden.
Das Diskontogeschäft, nach dem mich ein Citylümmel, nommé
Poenisch, acht Tage an der Nase herumgezogen, ist nichts. Ich
habe daher gestern an Dana geschrieben. Ich habe ihm zugleich
3o gesagt, daß on Germany nur noch zwei Artikel kommen, 19 und 20.
Sobald Du mir 19 geschickt, werde ich meine Ansichten über 20,
den Schluß eines weitern schreiben. In ein paar Tagen wird auch
die Zollvereinsgeschichte entschieden sein, ohne die 20 nicht ab¬
zuschließen ist.
35 Meine Frau ist körperlich mehr herunter als je, d. h. reine
Schwäche. Seit drei Tagen trinkt sie auf Befehl des Doktors alle
Stunden einen Löffel Brandy. Übrigens ist es insoweit besser, als
sie seit heute wenigstens wieder auf ist. Sie lag acht Tage.
Laurachen ist rekonvalescent, die andern all right. Ausführlich
io schreiben kann ich erst nächste Woche. Diese ist mit verfehlten
z. - 1-2.
396
(203) 1852 Sept. 18
Geschäftslaufereien und sehr eklichem Krakeel cum creditoribus
hingegangen.
Dein K. M.
Mit meinem Brief nächste Woche schick ich auch die Akten¬
stücke zurück. Schick mir den Brief Massol wieder. 5
204. Engels an Marx; 1852 September 20.
20. September 1852.
Lieber Marx,
Ich wußte nicht, daß Du mit der Übersetzung so pressiert bist,
ich ließ die Sache etwas hingehn, weil ich, wie gesagt, nicht wohl 20
war und dann, weil P[ieper so sehr zudrängte, um ihn etwas zu
ärgern. Ich gab mich indes gleich gestern dran, und wäre auch fer¬
tig geworden, wäre nicht gegen zwei Uhr mittags der ältliche Herr
Schily in mein Zimmer getreten, der in Liverpool mit einem an¬
geblichen Sodapatent eine Fabrik anlegen will, die 400—500 Pro- 15
zent reinen Gewinn bringen soll und je nach Umständen 41/2 Mil¬
lionen Taler pro Jahr abwerfen kann. Diesen abenteuerlichen
Plan wollte er mit mir durchsprechen— er war drauf und dran,
sich mit einigen Tausend Talern, die ihm sein Bruder verschaffen
will, in diesen Schwindel einzulassen. Herr Heise ist auch mit 20
drin, schießt aber nichts ein als seine Talente. Aller Wahrschein¬
lichkeit wird der edle Schily, nach dem hier erhaltenen, kalt¬
blütigen Rat, wohl seine Finger davon lassen und eine sich ihm
eröffnende Gelegenheit benutzen, Seelen Verkäufer-Agent für einen
Havrer Auswanderungspreller in Liverpool zu werden. Herr Heise 23
hatte einmal das saubre Plänchen, die Gelder der National-
Anleihe zu diesem Sodaschwindel zu verwenden, wobei dann de¬
mokratisch gearbeitet und aus den zu umschlingenden Millionen
Europa befreit werden sollte. Es ist schade, daß aus diesem Projekt
nichts wurde, die Sache scheint hauptsächlich daran gescheitert zu 30
sein, daß sich nicht dreißig Flüchtlinge auftreiben ließen, die
schweigen konnten.
Ich hatte natürlich die Verpflichtung, den edlen Schily bekneipt
zu machen — il n’y avait pas moyen à y échapper. Seit langer
Zeit ist mir ein so harmloses Rindvieh nicht mehr vorgekommen. 30
Die Dummheit und Ignoranz und Sorglosigkeit so eines Gesin¬
nungsmanns geht doch über alles. Als er etwas bekneipt wurde
und ich mit einem dritten Deutschen, Vetter von Charles, debat¬
tierte, schrie er in einem fort, obwohl sehr gutmütig: Glauben Sie
das ja nicht, der Engels glaubt an nix, an gar nix glaubt der tu
E[ngels], die Kerls von der Neuen Rheinischen Zeitung glauben
Z. 20-32. 34-37.
(204) 1842 Sept. 20
397
alle nix, kein Mensch kann aus ihnen klug werden. Gar nix glaubt
der E[ngels] ! Ich sagte ihm natürlich, die Kerls von der Neuen
Rheinischen Zeitung fänden dagegen nicht die geringste Schwie¬
rigkeit, aus seinesgleichen sofort klug zu werden. Heut morgen
ist der Brave unter biederm Händedruck wieder nach Liverpool
gesegelt, und heut abend wird die Übersetzung fertig gemacht. Die
Sache hält mich aber furchtbar auf, da ich alle etwas schwierigen
Stellen ohne Ausnahme neu übersetzen muß — Plieper] hilft sich
da jedesmal durch buchstäbliche Übersetzung, wobei reiner Un-
sinn entsteht. Einzelne Stellen sind übrigens fast unmöglich zu
übersetzen.
Ich will indes alles aufbieten, heut abend fertig zu werden, so
daß Du sie morgen erhältst.
Dein F. E.
w Wenn irgend möglich, schicke ich Dir dieser Tage noch ein
Pfund.
205. Engels an Marx; [1852 September 23].
Lieber Marx,
Vorgestern schickte ich Dir die Übersetzung und Post Office
2o Ordre für ein Pfund. Anfang Oktober folgen noch ein paar Pfunde
— also in neun bis zehn Tagen. Ich schickte Dir gern mehr auf
einen Haufen, weil das, selbst bei gleicher Summe im ganzen, doch
den Vorteil hat, daß Du für die Verwendung planmäßiger ver¬
fahren kannst; aber meine Geldzustände sind momentan selbst in
25 Konfusion, so daß ich nie genau weiß, wieviel ich im Monat
brauchen werde, und daher die Pfunde einzeln flott werden, wo
dann nichts Besseres zu tun ist, als sie Dir gleich zu schicken. Im
nächsten Monat werd ich mir das Ding kaufmännisch ordnen
und dann bald imstande sein, Überschläge zu machen.
30 Aus beiliegendem Memorandum wirst Du sehen, daß P[ieper]
manche ziemlich grobe Schnitzer gemacht hat — die Grammati-
kalia und Donatschnitzer hab’ ich natürlich nicht auf gezählt, cela
n’aurait jamais fini. Du kannst es ihm geben, wenn Du es für nütz¬
lich hältst, sonst, wenn es ihn zum Auf geben der Übersetzung ver-
35 anlassen könnte, ist’s besser, daß Du es behältst. Sollte er über
einzelne Korrekturen knurren, so kannst Du es ja immer benutzen,
um ihm seine Unvollkommenheiten nachzuweisen.
Einzelne Stellen sind übrigens fast unübersetzbar. Übrigens
wäre es gut, wenn der Buchhändler grade das letzte Kapitel
4o auch sähe, das wird ihm bedeutend mehr imponieren; wie wär’s,
wenn Plieper] das übersetzte und Du es mir gleich schicktest; ich
Z. 33-37.
398
(205) 1852 Sept. 23
hab’s mir darauf angesehn und bin schon etwas präpariert, so daß
es rasch gehn würde. Sollte die Sache sich jetzt nicht drucken
lassen, so muß die Übersetzung doch fertig gemacht werden; der
Kerl wird bald Kaiser und dann ist wieder eine famose Zeit, wo
dann ein Postskriptum gemacht werden könnte. 5
Ich gehe sogleich nach Hause und mache den Artikel für die
Tribune fertig, so daß er mit der zweiten Post abgeht und Du ihn
noch per morgenden Steamer abschicken kannst. Wie sieht’s mit
einem neuen englischen Artikel für Dana aus?
Hoffentlich hat der Brandy Deine Frau wieder auf die Beine w
gebracht — grüß sie und Deine Kinder sowie Dronke und Lupus
bestens.
Dein F. E.
Der Brief von Massol mit dem Artikel für Dana per zweite Post
— ich hab ihn nicht hier.
206. Marx an Engels; 1852 September 23.
23. September 1852.
28, Deanstreet, Soho.
Lieber Engels,
Erhalten 1 St. und die verbesserte Übersetzung. Mit letztrer so
hast Du Dir zu viel Mühe gegeben. Wenn die Sache geht (der Er¬
folg wird von dieser Nr. 5 abhängen), so mußt Du es leichter
nehmen: ich meine, Redeblumen und Geschichten, die nicht nötig
sind, laufen lassen, wenn sie schwierig zu übersetzen.
Weerth ist hier seit Sonntag. Er wird Sonnabend nach Man- 2b
ehester abgehn und dort drei bis vier Wochen bleiben, dann nach
Westindien usw. verschwinden.
Einliegend:
1. Ein Brief von der Handschrift von Schurz, gefunden in der
Tasche einer Weste, die Kinkel einem uns bekannten Flüchtling w
geschenkt.
2. Brief von Cluß.
3. Zwei Auszüge aus den von der Karlsruher Zeitung zuerst
publizierten, dann von der A[ugsburger] Atllgemeinen] Z|eitung]
etc. abgedruckten Enthüllungen über die Emigration, für den Fall. 35
daß Du nicht selbst die Sachen gesehn hast.
Dr. Piali^ (in Paris) schreibt mir u. a.:
„Kossuth will im Oktober losschlagen. Kiss hat Kossuth von hier
aus allerlei Zusicherungen gemacht, die vielleicht in das Fabel-
O Gustav Zer ff i
Z. 29-31.
(206) 1852 Sept. 23
399
reich gehören, doch bei der Fabelhaftigkeit der hiesigen Zustände
auch möglich sind. Kossuth soll von Bonaparte ein eigen¬
händiges Schreiben erhalten haben, nach Paris zu
kommen. Dies Schreiben soll in wortgetreuer Kopie in allen un-
5 garischen Komitaten zirkulieren. Alles ist in Ungarn auf einen
Generalschlag von Kossuth vorbereitet. Selbst k. k. Beamte sind
mit in dem großen Komplott....“
„Gräfin Kinski, geborene Zichy, Kindsmords halber arretiert.
Der Kindermacher ist Dr. Chaisie“ (unser berühmter Schaißes),
10 „polnischer Jud etc. Madame Beckmann (Frau des Polizeiagenten
und Zeitungskorrespondenten) wird als Dame de compagnie in
dem Prozesse vor den Assisen figurieren.“
Was die Kossuthgeschichte angeht, so ist es wohl möglich, daß
Bonaparte ihm Fallen stellt, um sich bei Ostreich beliebt zu
15 machen. ~ {
Piali hat Häfner eine Korrespondenz mit Ruge-Tausenau er¬
öffnen lassen, so daß es jetzt ebenso ist, als korrespondierten wir
direkt mit Herm Arnold. Wir werden so die mystères des grands
hommes aus erster Quelle erfahren.
2o Der acht Mann starke Volksverein (aus dem Ruge nach
dem Wleydemeyer] sehen Brief an Dich mit bekannter Virtuosität
drei Ausschüsse gebildet hat) zieht jetzt (u. a. Ronge und Dralle)
in der City herum, unter dem Vorwand, zugleich eine „freie Ge¬
meinde“ zu stiften. Was Teufel hat der Deutsch-Katholik Ronge
25 mit „freien Gemeinden66 zu schaffen? Einige deutschkatholische
und speziell jüdische Kaufleute haben sich auf der Liste einge¬
schrieben, wenn auch nur die Anfangsbuchstaben ihrer Namen
und worauf es eigentlich äbgesehn, einige Pfunde beigesteuert.
Willich seinerseits sammelt jetzt jeden Sonnabend öffentlich
so in dem Great Windmillverein angeblich für Korrespondenzaus¬
gaben.
Was sagst Du zu den Ovationen, die Btonaparte] in den Pro¬
vinzen erhält? Die Franzosen blamieren sich doch schmählich. —
Der Zollverein scheint mir seinem sichern Untergang nah zu sein.
35 Das östreichische Bankrott weiß immer noch fertig zu werden mit
der preußischen Prosperität.
Dana hat, wie ich gesehn, den Artikel genommen. Die Staats¬
zeitung (New York) bringt schon einen deutschen Auszug dar¬
aus. —
40 Der Tod des alten Wellington kam rechtzeitig. Der alte Bulle
hätte im Moment einer Krise immer noch über eine traditionell
gewordne Autorität zu kommandieren. Mit ihm und Peel ist der
common sense of Old England duly begraben.
Den 4. Oktober sollen also jetzt unsre „Leut66 vorkommen.
45 Bürgers gesteht alles, wenigstens soweit es ihn betrifft. Seinem Be¬
Z. 8-12. 16-19. 25-31. 40-43.
400
(206) 1852 Sept. 23
ruf gemäß wird er sich „prinzipiell66 verteidigen. Während
der Untersuchung hat er ein 30 Bogen langes Memorandum über
das „Wesen des Kommunismus66 zu Protokoll gegeben. Rony soit
qui mal y pense. Daniels soll sich ziemlich wohl befinden. Der An¬
kläger wird beginnen von den St.-Simonisten an; Advokat Schnei- 5
der, um ihn to beat, beginnt von Babeuf. Man wird von Glück sagen
können, wenn keiner zurückgeht auf die Inkas oder Lykurg. —
Pindar, dessen „mystères66 mich sehr erheitert haben, hat sich
nicht bei mir sehn lassen. Deine adventures with old Schily sind
allerliebst. io
Ad vocem Jones. Obgleich ich mich persönlich seiner nicht zu
beloben habe, habe ich — er überrannte mich wieder, da il y avait
crise — ihm beigestanden, wie unser ganzes Korps in der letzten
Woche. Die andern Kerls hatten zwei bis drei Meetings zusammen¬
berufen, wo beschlossen werden sollte „that this meeting is of is
opinion, that no confidence can be placed in the success of any
démocratie movement which Mr. Ernest Jones is connected there-
with“. Sie have been beaten, und das gehörig. Die Esel suchten
ihn erst durch Geldscheißen zu blamieren. Damit mißglückten sie.
Dann griffen sie ihn an, weswegen wir ihn halten, weil er „un- 20
friendly feelings amongst the different classes66
herauf agitiere. Nämlich Hamey-Holyoake, Hunt vom Lea¬
der, Newton (der coopérâting) et tutti quanti haben sich verbündet
zur Stiftung einer „national party“. Diese national party will
general suffrage, but not Chartism. Alter Witz. Aber vor Eröff- 25
nung ihres Feldzugs sollte Jones be crushed. Sie haben sich rather
verrechnet. Er hat sein Blattum 1 Penny erhöht, ohne einen
Abonnenten zu verlieren.
Dein K. M.
207. Engels an Marx; 1852 September 24.
Lieber Marx,
Inliegend das Kuvert Deines heute erhaltnen Briefs zurück, mit
dem ein, übrigens mißlungner Erbrechungsversuch gemacht wor¬
den zu sein scheint.
Die Übersetzung und der Massolsche Brief gingen gestern abend 35
per zweite Post ab.
Sehr nett ist die Schilderung von Cluß über den Empfang
Kinkels etc. bei den Deutsch-Yankees, die Kerls sind in den Alle-
ghanies akkurat dieselben wie im Schwarzwald und im Taunus.
Die Enthüllung in den deutschen Blättern hatte ich nicht ge- 40
lesen — ich sah erst gestern wieder einmal ein deutsches Blatt.
*) „People's Paper“
Z. 8-10. 40-41.
(207) 1852 Sept. 24
401
Die Crapauds machen sich gut. Die Arbeiter scheinen après
tout über der momentanen prosperity und der Aussicht auf die
gloire de l’empire rein verbürgerlicht zu sein. Es wird eine harte
Züchtigung durch Krisen bedürfen, wenn sie bald wieder zu
5 etwas kapabel werden sollen. Wird die nächste Krise gelind, so
kann Bonaparte sich durchschiffen. Aber sie sieht aus, als wollte
sie verflucht ernsthaft werden. Keine Krise schlimmer, als wo
die Überspekulation sich in der Produktion langsam entwickelt
und daher soviel Jahre zur Entwicklung ihrer Resultate gebraucht,
io wie im Produkten- und Effektenhandel Monate. Und mit dem
alten Wellington ist nicht nur der common sense von Altengland,
Old England selbst in seinem einzigen überlebenden Repräsen¬
tanten begraben. Was bleibt, sind sporting characters ohne suite
wie Derby und jüdische Schwindler wie Disraeli — die grade
15 solche Karikaturen der alten Tories sind, wie Monsieur Bona¬
parte von seinem Onkel. Es wird hier schön werden, wenn die
Krise kommt, und es ist nur zu wünschen, daß sie sich noch etwas
hinzieht, um ein ebenso chronischer Zustand mit akuten Episoden
zu werden wie 1837/42. In einer Erneute übrigens war der alte
2o Wellington, nach allem, was man von ihm weiß, ein ganz for¬
midabler Militärchef — der Kerl ochste alles, studierte alle mili¬
tärischen Schriften mit großem Eifer und kannte die Sache ganz
gut. Er hätte auch nicht vor extremen Mitteln geschaudert.
Der Kölner Prozeß wird schrecklich ennuyant werden nach
25 Deinen Mitteilungen. Der unglückliche Heinrich mit seiner prin¬
zipiellen Verteidigung! Er wird dieVerlesung seiner dreißig Bogen
verlangen, und wenn sie ihm bewilligt wird, ist er perdu. Die
Jury verzeiht ihm nie, daß er sie so gelangweilt. Übrigens hat das
öffentliche Ministerium Pech. Haupt ist also nach Brasilien, der
3o anonyme Schneidergesell war damals auch verschwunden und
wird schwerlich wieder erschienen sein, und jetzt muß ihm gar der
Polizeirat verrecken^, wegen dessen Krankheit im Juli die Ge¬
schichte vertagt wurde. Aber was wird so viel Glück wert sein,
wenn Heinrich die Sache vom philosophischen Standpunkt aus
35 beleuchtet!
Der edle Schurz also raisonniert über Kossuths Predigen des
Evangeliums vom Losgehn, nachdem er und Kompagnie jahre¬
lang von diesem selben Evangelium ihr Leben gefristet! It is all
very well dem Kossuth in die Suppe zu spucken, weil er ihnen das
4o Fett abgeschöpft, aber es ist doch sehr dumm, so was zu schreiben,
wo die ganze Welt das besser weiß.
Daß Kossuth Blödsinn machen wird, ist sehr wahrscheinlich,
hat er doch, le malheureux, seine verschlissenen Sättel, seine aus-
9 Polizeidirektor Schulz
26
Z. 36-43 -
402
(207) 1852 Sept. 24
rangierten Musketen, seine von Sigel einexerzierten Kompagnien,
Klapka und Garibaldi (letzterer kommandiert die italienisch¬
ungarische Flotte im Stillen Ozean in Gestalt eines Kauffartei-
schiffs, das unter peruvianischer Flagge zwischen Lima und Kan¬
ton fährt). .5
Dein F. E.
24. September 1852.
208. Marx an Engels; 1852 September 28.
28. September 1852.
28, Deanstreet, Soho, London, io
Lieber Engels,
Du hast längere Zeit keinen Brief von mir erhalten. Haupt¬
ursache Weerth, der die Abende, die ich sonst mit Schreiben zu¬
bringe, plus ou moins mit Beschlag belegt. Und zwar zu meiner
nicht übergroßen Freude. Du weißt, daß ich Weerth sehr gern ;;
habe, mais es ist peinlich, wenn man bis an den Hals im Dreck
sitzt, sich einen so feinen Gentleman gegenüber zu haben, auquel
il faut cacher les parties trops honteuses. Solch ein Verhältnis
bringt doppelte gêne hervor, und ich hoffe, daß er morgen nach
Manchester abreist und mich, wenn er wiederkömmt, in Verhält- 2o
nissen findet, wo ich wieder franchement mit ihm verkehren kann.
Ich denke übrigens, daß er, abgesehn den leidenden Zustand
meiner Frau, mir nicht tiefer in die Karten gesehn hat.
Ich habe ihm ein großes Paket zur Besorgung an Dich gegeben.
Es enthält Aktenstücke, die ins Archiv gehören, die Du zum Teil, 25
wenn auch nicht zum größern, schon kennst.
Einliegend der Auszug eines Briefes von Barthélemy an Wil¬
lich. B[arthélemy] hat diesen Brief einem Franzosen, namens
Durand, zur Besorgung an W[illich] mitgegeben. Durand, der die
Unterschrift nicht lesen konnte, fragte Dronke, ob er das Schrei- 30
ben an W[illich] besorgen könne. D[ronke] akzeptiert natürlich,
kömmt dann zu mir, und Lupus, ein großer Künstler in diesem
Fach, eröffnet den Brief meisterhaft. D[ronke] hat das Wichtigste
— es war sonst nichts als Schund drein — abgeschrieben. Que
penses-tu de ce brave Barthélemy, „auquel il est impossible de se 30
résigner à laisser Bonaparte jouir paisiblement de son triomphe“.
Zittre Byzantium! Was den angeblichen Brief von Blanqui be¬
trifft, so scheint mir dieses eine melodramatische Lüge des düstem
Barthélemy. Denn was meldet er von Blanqui? Daß die Lage der
prisonniers de Belle Isle est bien triste. Wenn Blanqui ihm u
weiter nichts zu enthüllen hatte, tat er jedenfalls besser, seine libri
Z. - 1-5. 24-26. 29—34.
(208) 1852 Sept. 28
403
tristium für sich zu halten. Übrigens geht aus dem ganzen Brief
des B [arthélemy] hervor, daß er vollständig von der französischen
Emigration und von den französischen Gesellschaften in Frank¬
reich getrennt ist.
5 Damit Du Dich auch „bißche uf den welthistorische Stand¬
punkt stelle“ kannst, schicke ich Dir einliegenden Alugsburger]
Allgemeinen] Artikel von dem Spion A. Mayr, der hier in Lon¬
don sogar von den Busenfreunden Willich und Schapper zum
„Haus hinausgeschmissen“ wurde.
io Ich habe Dir doch schon geschrieben, daß Herzen hier ist und
gegen Herwegh mémoires umhersendet, der ihm nicht nur Hörner
aufgesetzt, sondern auch 80000 fr. abgepreßt hat.
An einem Artikel oder selbst bloß zum Entwurf für den deut¬
schen Schlußartikel konnte ich noch nicht arbeiten. Das Hin- und
io Herschreiben in der Familienscheiße absorbiert mich so sehr, daß
ich seit drei Wochen nicht auf der Bibliothek war, was ich zugleich
tat, um meine Frau während dieser ihr so fatalen Zeit aufrecht zu
halten.
Apropos!
2o Es ist positiv, daß die Konspiration der Orleanisten täg¬
lich an Aktivität, Umfang und Chancen zunimmt. Die Herrn
haben sich koalisiert mit Cavaignac, Charras, Lamoricière, Be¬
deau. Unter den aides de camp de L. Bonaparte sind drei gekauft,
d. h. bedeutende Summen für sie sind deponiert auf der Bank
25 of England. Mit den reinen Republikanern ist folgender Kontrakt
geschlossen. Erstens: Bildung einer provisorischen Regierung,
nur aus Generalen bestehend. Zweitens: Cavaignacerhält
Marseille, Lamoricière Lyon, Charras Paris, Bedeau Straßburg
als Garantie. Drittens: Das Volk wird aufgefordert von der
30 provisorischen Regierung, in seinen Urwahlen zu entscheiden, ob
es die Konstitution von 1830 will mit der Dynastie Orleans oder
die Konstitution von 1848 mit einem Präsidenten. Im letztren
Fall wird sich Joinville als Kandidat präsentieren. Jud Fould
steht fortwährend mit den Orleans in Verbindung. Monat März ist
35 provisorisch bestimmt zur Ausführung des Unternehmens, wobei
Bfonaparte] im Notfall ermordet werden soll von seinen aides de
camp. Man will aber, daß B[onaparte] erst Kaiser sei und sich
noch weiter abgenutzt habe.
Ich selbst habe den orleanistischen Agenten gesprochen, der
4o frei zwischen Paris und London hin und herreist. Er war vor¬
gestern mit Bangya bei dem duc d’Aumale.
Aus einem Briefe Pialis ersehe ich, daß der Lord Palmerston
einer italienischen flüchtigen Aristokratin^ in einer Privataudienz
A) Gräfin Visconti
26*
Z. 11 (der)-12. 39-41.
404
(208) 1852 Sept. 28
in London allerlei Tröstliches über Italien gesagt hat und ebenso
sich selbst die „tröstliche“ Perspektive stellt, in weniger als Jahres¬
frist englischer „Premierminister“ zu sein. Was alte Leute doch
dem Lügen ergeben sind und der vanité! Übrigens sprach sich
Herr P[almerston] wenigstens in einem Punkt rund aus. Lom- *
bardei-Venedig müsse sich sofort im Fall einer Insurrektion an
Piemont anschließen. Die Duselei mit einer „italienischen Repu¬
blik“ müsse man „der Zukunft“ überlassen.
Dronke, Bewohner des model lodging house, läßt sich entschul¬
digen, daß er noch nicht geschrieben. „Er hat Grund.“
Dein K. M.
An dem vorigen Briefkuvert, das Du mir zurückgeschickt, war
allerdings der Versuch gemacht, ihn zu erbrechen. Offenbar aber
ungeschickt und resultatlos.
209. Engels an Marx; [1852 Oktober ca. 1].
Lieber Marx,
Von Weerth noch nichts gesehn und gehört. Was Teufel ge¬
nierst Du Dich vor dem Kerl? Außerdem weiß er doch, daß Du
seit Jahren im Pech sitzest, und weiß auch schon daran, daß Du
noch in dieser alten Wohnung sitzest, was die Glocke geschlagen 20
hat.
Ich bin ausgezogen worden, d.h. meine alte Wirtin ist ausge¬
zogen und hat mich sans façon mit hinübertransportiert. Es ist
zwei Türen weiter, also statt Nr. 70 adressiere in Zukunft nach
Nr. 48 (neue Numerierung). 25
Eilig
Dein F. E.
210. Engels an Marx; 1852 Oktober 4.
Lieber Marx,
4. Oktober 1852.
30
Inliegend £ 2.10. Die 10 sh. gib dem Dronke, der ein sehr
wertvolles slawisches Buch für mich aufgetrieben hat — was er
dem Kerl vom Preis abdingt, ist seine Kommission für die Ent¬
deckung; puisqu’il est commerçant, il faut le traiter selon les
principes du commerce. Laß ihn aber gleich hingehn und das 35
Buch per Post in einfacher Bande, wie eine Zeitung, mit 6 stamps,
wenn unter, mit 12 stamps, wenn über 1 Pfund Gewicht, an mich
Z. 7-8.
Nr. 209.
(210) 1852 Okt. 4
405
abschicken. Notabene, wenn es ein Band ist; sonst für jeden Band
6 stamps, und dann geht es besser per Pickford & Co. oder Car¬
ver & Co. unfrankiert ab, in einem Paket. Könnt ihr Carver &
Co.’s Bureau auftreiben (sie heißen dort, glaub ich, Chaplin,
5 Horne & Carver oder Chaplin, Home & Co.), so geht’s am besten
mit denen, an F[riedrich] Efngels] care of Efrmen] & Efngels]
— sie sind unsre carriers. Es ist dies auch immer der beste Weg,
mir Pakete zukommen zu lassen.
Sobald ich meinen Weg für diesen Monat etwas klarer vor mir
10 sehe, erhältst Du mehr. Einige Schulden müssen bezahlt werden,
ich weiß noch nicht, wie viele. Davon hängt der Betrag ab, den
ich noch schicken kann.
Weerth ist in Bradford. Er kommt erst in acht Tagen.
Le roman Pindar prend une tournure tout à fait bourgeoise.
jj Der arme Junge bekommt schon Katzenjammer. Weil ich ihm
seit dem fünfzehnten September keine Nachrichten von
Gattin und Mutter gegeben habe, bombardiert er mich mit Briefen
und droht — direkt an sie um Nachrichten zu schreiben! Der Kerl
scheint sich einzubilden, ich läge den ganzen Tag dort, als ob die
20 finnischen Gesichtszüge und das skandinavisch-germanische Herz
seiner fischblütigen Ehehälfte auf mich denselben Zauber ausübten
als weiland und noch immer auf ihn. Der Master Pindar hatte sich
durch seine Evasion in meinen Augen wieder etwas gehoben, aber
diese Briefe drücken ihn wieder tief hinab. Er ist durch und durch
25 Slawe, sentimental in der Frivolität und sogar in der Schweinerei,
kriecherisch und hochmütig; und hat vom Engländer nur die
outrierte — als Russe muß er sie outrieren — Schweigsamkeit. In
der letzten Zeit war der Kerl etwas gesprächiger, und als sich die
langverhaltnen Schleusen endlich öffneten, kam nichts als Fadaise
30 heraus. Dabei hat der verliebte Pindar höchst übelriechende Ge¬
lüste und unterhält sich von nichts lieber als von widernatürlichen
Entdeckungen. Es ist ein ganz ungebildeter und dabei pedantischer
Kerl, er weiß absolut nichts, als seine paar Sprachen, en matière
de science, selbst die ordinärste Mathematik, Physik und sonstige
35 Schulkenntnisse, und besonders in der elementarsten Geschichte
ist er purer Ignorant. Ce n’est que son silence acharné qui ait pu
faire croire qu’il soit profond. Er ist ni plus ni moins als ein
kleiner russischer Bürger mit den Gelüsten des russischen Adels,
faul, dilettantisch, weichherzig, blasiert tuend und dabei zum
io Unglück gebomer Schulmeister. Ich habe solange wie möglich
versucht, von dem Kerl eine gute Meinung zu behalten, aber es ist
unmöglich. Was soll man von einem Männchen sagen, das, wenn
es zum erstenmal einen Roman von Balzac liest (und noch dazu
das Cabinet des antiques und den Père Goriot), darüber unendlich
45 erhaben ist und mit der größten Verachtung davon als etwas All¬
Z. 10-12. 14-45 -
406
(210) 1852 Okt. 4
täglichem und längst Dagewesenem spricht, während er acht Tage
nach seinem Durchbrennen, von London aus, seiner abandonnier-
ten Gattin, die nach allen Anzeichen vollkommen ernsthaft ge¬
meinte Phrase schreibt: my dearest Ida, appearances are against
me, but believe me, my heart is still entirely yours! Da hast Du 5
den ganzen Kerl. Sein Herz gehört der Schwedin, und das be¬
weisen auch seine Briefe an mich, aber seinen Schwanz will er
nur der Französin präsentieren. Diese Kollision, dieser slawisch-
sentimental-kommune Widerspruch, das ist eben der Reiz für ihn
bei der ganzen Geschichte. Die Schwedin ist aber viel gescheiter, w
sie sagt es jedem, der es hören will, daß er mit seinem Herzen
machen kann, was er will, wenn er nur nichts Fleischliches aus
dem Hause trägt. Der Kerl hat übrigens einen Mangel an Welt¬
kenntnis und Anschauung, der mit den spirituellen Prätensionen,
die er als Russe hat, im lächerlichsten Widerspruch steht. Er hat 13
weder das Manifest noch den Balzac verstanden; das hat er mir
oft genug bewiesen. Daß er kein Deutsch kann, ist positiv, er ver¬
steht die einfachsten Sachen nicht. Ob er französisch kann, ist mir
auch sehr zweifelhaft. Das mystère einmal fort, in dem er sich
interessant erhielt, bleibt nichts als une existence manquée. Dabei 20
sucht der Kerl in seinen Briefen dies längst enthüllte mystère noch
immer fortzuspinnen, es ist lächerlich. Du sollst sehn, binnen
drei Monaten ist gospodin Pindar wieder hier und wird bon fils,
bon époux, bon bourgeois, plus taciturne que jamais und bringt
den Rest seines mütterlichen Vermögens nach wie vor durch, ohne 25
den geringsten Versuch zu machen, auch nur irgend etwas anzu¬
fangen oder etwas zu ochsen. Und so ein Kerl mit einer abge¬
riebenen Pariserin durchzubrennen — die wird ihm die Augen
übergehn machen.
Die neue Lügengeschichte von dem wahrhaftigen Willich ist 30
sehr schön.
Damit mir das Buch nicht zum Teufel geht, schreib ich gleich¬
zeitig an Dronke.
Dein F. E.
48, Great Ducie Street.
211. Engels an Marx; 1852 Oktober 10.
Sonntag, 10. Oktober 1852.
Lieber Marx,
Ich bin das ewige Hinschleppen mit der Broschüre^ jetzt leid.
Von Monat zu Monat sollte sie erscheinen, und nie kommt sie. Ein
*) Gegen die ..großen Männer“ der Emigration.
Z. - 1-31. Nr. 211.
(211) 1852 Okt. 10
407
Vorwand nach dem andern wird aufgetrieben und wieder fallen
gelassen. Endlich heißt’s: Michaelismesse kommt sie ganz positiv.
„La Trinité se passe, Malborough ne revient pas.“ Im Gegenteil
heißt es, d e r Mann sei tot und Bangya wisse nicht, was aus dem
j Manuskript geworden. Das ist zu toll. Wir müssen endlich reinen
Wein eingeschenkt erhalten. Die Geschichte wird täglich verdäch¬
tiger. Ich will nicht, und Du gewiß auch nicht, daß unsre gemein¬
schaftliche Arbeit in falsche Hände gerate. Wir haben für’s
Publikum geschrieben und nicht für das Privatvergnügen der Ber¬
io liner oder sonst einer Polizei, und wenn mit Bangya nichts anzu¬
fangen ist, so werd’ ich auf eigne Faust in der Sache Schritte tun.
Unser Kommis Charles, den Du kennst, geht nächste Woche über
Hamburg und Berlin nach dem Kontinent. Ich habe ihn beauftragt,
sich in Berlin genau nach der Sache zu erkundigen, und wenn die
is Woche, die er dort zubringt, nicht ausreicht, soll er unsern dor¬
tigen Agenten ins Geschirr spannen. Aber ich wette, so werden wir
den faulen Fischen auf den Grund kommen. Was soll denn das alles
heißen mit dem Buchhändler Eisermann oder Eisenmann, der gar
nicht im Buchhändlerkatalog aufzutreiben ist! Aber „der Heraus-
20 geber der ehemaligen konstitutionellen Zeitung“, der ist schon
aufzutreiben. Wenn die Sache nicht in Ordnung ist, so ist es un¬
bedingt nötig, daß wir eine öffentliche Erklärung er¬
lassen, damit man uns nicht einen Streich spielt wie mit der pièce
Taschereau dem Blanqui, und zwar in allen gelesensten deutschen
25 Blättern. Was die Geheimniskrämerei des Bangya angeht, so ist
die hier mindestens sehr übel angebracht, und ich bin der Tergi-
versationen für meinen Teil satt und werde jetzt selbst tun, was
ich für angemessen halte.
Vater Kinkel kommt her, deutsche Vorlesungen halten, unter
so der Aegide poetischer Juden dritten und vierten Ranges. Cela
sera beau. Der Sekretär des Athenäums wollte mich auch zum
Zeichnen werben mit der Bemerkung: wherever there was some-
thing like a chequered life, were it only an escape from a ship-
wreck or so, there was always a natural and fair ground for sym-
35 pathy. Voilà les arguments qu’on emploie pour lui mendier un
auditoire.
Sonst nichts Neues. Schreib, was Du über die Broschüren¬
geschichte weiter hörst, aber auf meinen Entschluß wegen Charles
wird das schwerlich einwirken. Grüß Deine Frau und Kinder
io bestens.
Dein F. E.
Nr. 211.
408
(212) 1852 Okt. 12
212. Marx an Engels; [1852] Oktober 12.
12. Oktober.
28, Deanstreet, Soho.
Lieber Frédéric,
Wegen Deinem Brief später Näheres. 5
Einliegend :
1. Ein von Ruge-Ronge in den „Advertiser“ geschmuggeltes
Aktenstück „The German Loan Star Society“.
2. Aus Weydemeyers Lithographischer] Korrespondenz] aus-
geschnittne Notizen über das Wirken dieser gefährlichen „society“ 10
auf ihrem Bundeskongreß zu Wheeling.
3. Ein Artikel für Dana. Er muß aber ganz fort, da ich für das
nächste Mal eine Masse politischen Zeugs habe. Ich habe das Zeug
mit großem Kopfweh geschmiert. Genier Dich also nicht bei der
Übersetzung freely umzuspringen. is
Du hast vielleicht den infamen Artikel der „Times“ gestern
gelesen, Korrespondenz d.d. Berlin. Dieser Hund hat nichts ge¬
tan, als die „Nleue] Preußische] Zteitung]“ übersetzt (den Köl¬
ner Prozeß) und aus eignem Stock nur einige hundsgemeine
Glossen zugefügt. 20
Dein K. Marx.
213. Engels an Marx; [1852 Oktober 14].
Lieber Marx,
Es ist physisch unmöglich, Dir den ganzen Artikel zu über¬
setzen. Heut morgen erhielt ich ihn. Den ganzen Tag auf dem 25
Comptoir beschäftigt, daß ich nicht wußte, wo mir der Kopf stand.
Heut abend von sieben bis acht Tee getrunken und das Ding eben
durchgelesen. Dann ans Übersetzen. Jetzt — halb zwölf Uhr —
soweit wie ich’s Dir schicke, bis zum natürlichen Absatz des Ar¬
tikels. Um zwölf Uhr muß er auf der Post sein. Du siehst, Du be- 30
kommst, was irgend geleistet werden kann.
Der Rest wird sofort übersetzt — nächste Woche schickst Du
ihn entweder via Southampton oder am Freitag. Mach inzwischen
Deinen weiteren Artikel nur fertig, ein Teil kann vielleicht schon
Freitag gehn, wo nicht, den folgenden Dienstag, wo wieder ein 35
Yankeesteamer ist. Also das hat nichts zu sagen. Sorg nur, daß
ich das Manuskript früh erhalte, ich erwarte Weerth jeden Tag
Nr. 212.
(213) 1852 Okt. 14
409
und muß dann doch suchen, mich mit der Zeit einzurichten, denn
am Tage bin ich im Commerce mehr wie vollauf beschäftigt.
Grüß Deine Frau und Kinder, Dronke, Lupus, Freiligrath.
Dein F. E.
5 Gib acht, die Kölner kommen doch nicht los, der Präsident ist
ein Hund, wie hat er den Bürgers schikaniert.
214. Engels an Marx; [1852 Oktober 16].
Lieber Marx,
Wie die Sache jetzt eingeleitet ist, kann’s gar nicht fehlen. Der
io Brief von Stieber ist eine Entdeckung, die mehr wert ist als alle
australischen Goldgruben. Welches Glück, daß der malheureux
Nothjung diese alten Neue Rheinische Zeitungspapiere aufge¬
hoben und damals nach London geschickt hat! Ich hoffe nur, das
Ding kommt an, denn so etwas zu unterschlagen, würde selbst der
is Oberprokurator für kein Verbrechen halten. Du hättest diesen
Brief besser nicht0 mit dem Auftrag des registems geschickt,
sondern sonstwie. Zwischen Frankfurt und Köln kann immer noch
ein Pech passieren, und wenn auch die Kopie schon viel beweist,
so ist das Original doch zu wichtig. Jemand mußte es selbst oder
so per Expreß nach Köln bringen. Indes ich hoffe, es geht gut.
Auch die andern Dokumente sind sehr schön, und wir werden
jetzt einen Hallo schlagen, der kolossal ist.
Der Sicherheit halber schickte ich gestern einen Brief an
v. Hontheim, der in Amsterdam auf die Post gelegt wird, und
25 worin ich ihm in Auszug den Inhalt Deines für Schn[eiderl be¬
stimmten Briefs und die Nichtankunft des von Schneider an
Dronke adressierten Briefs mitteilte. Also vier Abschriften und
ein Auszug.
Auf einem andern Wege werde ich heute noch eine Kopie des
w Stieberschen Briefs nach Köln befördern, ebenso Ausschnitte, ent¬
haltend den Artikel im Freitags-Advertiser, und die Erklärung
im Samstags-Advertiser nach der Rheinprovinz befördern, über¬
haupt Notizen über die Polizeiverbrechen unter die Bourgeois
schleudern.
« Nun folgende Vorschläge:
1. Bei dem höchst zweideutigen und stellenweise von uns jetzt
zu erweisenden unzweideutigen Charakter der einzigen gravieren¬
den Zeugnisse ist Dein Zeugnis und das von Lupus, Pieper usw.,
wenn es eidlich abgelegt und beglaubigt wird, sehr wich-
9 Nach nicht gestrichen Ebner.
410
(214) 1852 Okt. 16
tig. Das öffentliche Ministerium mag sagen, was es will, das
schadet nichts — die Geschwornen halten uns und die Angeklag¬
ten doch für gentlemen. Nun ist aber nichts einfacher, als daß
zwei oder drei von Euch sich zum Windham begeben und dort die¬
jenigen auf London Bezug habenden Sachen beschwört, die 5
Ihr alle wißt. Also z. B.
a. daß gar kein H. Liebknecht existiert, sondern nur ein
W. Lliebknecht,] soweit Ihr wißt, und Ihr nie einen H. L[ieb-
knecht] gekannt habt;
b. daß die Frau Daniels Dir nie geschrieben; 10
c. daß Ihr außer den Mittwochzusammenkünften nicht auch
etwa in einem andern Lokal an einem Donnerstag andre Zusam¬
menkünfte gehabt und
d. daß Ihr die in den Protokollen von Hirsch enthaltenen Aus¬
sagen von Reden, Vorträgen usw., die Ihr gehalten haben sollt, für 15
utterly untrue erklärt ;
e. daß der Zettel, der bei dem roten Katechismus beigelegen,
und den das öffentliche Ministerium als in Deiner Handschrift ab¬
gefaßt ansieht, nicht von Dir herrührt
— und was sonst noch aus den letzten Verhandlungen und ersten 20
Aussagen Stiebers als unwahr und der Widerlegung wert erscheint.
Dies alles, vor Windham beschworen, wird dieser als gewöhn¬
liches Affidavit ausfertigen — Ihr könnt’s gleich englisch im Kon¬
zept mitbringen — und Ihr bittet ihn, es einem Policemann zu
geben, der mit Euch zum preußischen Konsul Hebeler in der City 23
geht, dieser muß die Unterschrift von Windham legalisieren,
sonst verliert er sein Exequatur. Dies in zwei Kopien
so ausgefertigt, kann dann nach Köln gehn und wird seinen Effekt
nicht verfehlen. Ich halte dies für höchst wichtig, da damit alle
legalen Formen befolgt sind und das Ding ein gerichtlicher Akt ist. 30
Sollte Hebeler trotzdem die Unterschrift weigern, so geht Ihr zum
ersten besten Notary public, der legalisieren wird (letzteres ist ein
Weg, der in einem ähnlichen Fall meinem Alten von der Behörde
in Preußen angegeben worden).
2. Gestern erhielt ich von Dr[onke] eine lange Abhandlung 30
über Bangya. Ich muß Dir sagen, daß nach den elenden Lügereien
mit unserem Manuskript, nach dem Briefe von Duncker, den
Weerth Dir am Dienstag geschickt, und wenn es wahr ist, daß
er den vorletzten Brief an Kothes adressiert, mir kaum die Mög¬
lichkeit eines Zweifels bleibt, daß er preußischer Spion ist. Daß 40
er sich bei den Ungarn hält, ist kein Beweis für das Gegenteil,
beruft er sich bei uns auf die Ungarn, so beruft er sich bei den
Ungarn auf uns. Diese Sache muß unbedingt und schleunigst unter¬
sucht werden, und wenn Herr Bangya nicht dans les vingt quatre
heures genügende Auskunft über den Verbleib des Manuskripts, 43
Z. 35-45 -
(214) 1852 Okt. 16
411
die ehemalige Adresse des angeblichen Eisermann, Straße und
Nummer, und seine höchst problematischen Existenzquellen gibt,
so bin ich sehr dafür, daß die Kölner Advokaten direkt den Herm
Stieber befragen, was er über einen gewissen Colonel Bangya
weiß. Nach den bis dahin vorgekommenen Enthüllungen wird Herr
Stieber nicht mehr wagen, falsch zu zeugen, da er nicht wissen
kann, was kommen wird; gleichzeitig müßte man Schn leider]
die Geschichte mit dem Manuskript mitteilen, damit er in der
Sitzung die Sache erzählt, wonach man dann keine weitere Erklä-
io rung vorderhand zu erlassen braucht.
3. Einige Leute aus dem Stechanschen Arbeiterverein, Komitee¬
mitglieder usw., könnten ebenfalls, nicht mit kleinen Zettelchen,
sondern mit ganzen Seiten oder möglichst großen Stücken der
Hirschschen Handschrift vor den Magistrat gehn und b e s c h w ö -
is r en, daß dies die Handschrift des Hirsch ist. Cela vaut infiniment
mieux als bloße unbeglaubigte Ausschnitte.
Wir werden Euch Montag wieder einiges Geld zugehn lassen,
damit Ihr deswegen nicht in Verlegenheit kommt. Dein eidliches
Zeugnis könnte erst ganz zuletzt abgehn — das hat seine guten
to Seiten; nur muß man sorgen, daß alles hinkommt, ehe die Zeugen¬
verhöre geschlossen sind.
Vergiß nicht, mir sobald wie möglich einige sichere Adressen
zukommen zu lassen.
Die Aussage von Stechan wegen der Fälschung muß ebenfalls
25 vor einem Magistrat beschworen werden. Cela pourra avoir de
brillants résultats.
Kinkel schlich heute, vom rabble der hiesigen deutschen Juden
herumgeführt, auf der hiesigen Börse herum. Wir haben indes den
Leuten schon allerlei Flöhe in die Ohren gesetzt, und Weerth wird
3o ihm sein Dasein sowohl hier wie in Bradford etwas versalzen.
Könntet Ihr Euch nicht direkte Beweise der Kinkelschen Escro¬
querie von Reichenbach durch Imandt oder so verschaffen und
diese in Kopie an den hiesigen Examiner und Times, Guardian
oder Courier, und an Bradforder Blätter schicken? Natürlich so
35 direkte Beweise, daß die Kerle keinen libel Prozeß zu fürchten
haben. Auch an Dr. J. W. Hudson, Sekretär des Manchester Athe¬
näums, könntet Ihr’s schicken.
Str lohn] ist wieder in Bradford, etwas krank, und kommt Mitt¬
woch oder Donnerstag her. Ich schreibe ihm heute und instruiere
jo ihn so weit, daß Du, wenn Du ihm Sachen schickst, auf geschickte,
nicht mit meinen Wegen kollidierende Besorgung rechnen
kannst. Die Hauptsache ist, daß alle kaufmännischen Adressen
jede nur einmal benutzt wird.
Wir müssen es dahin bringen, daß man künftig nicht mehr von
45 Diebereien, sondern von Stiebereien spricht.
Z. - 1-10. 27-37.
412
(214) 1852 Okt. 16
Da ist ja auch der Advokatanwalt Schürmann unter den Ver¬
teidigern. Auch dessen Adresse kann für Einlagen benutzt werden.
Schneider ist wirklich zu gefährlich.
Die Geschichte mit Bangya ist auch deshalb wichtig: Gesetzt,
das Original-Protokollbuch wäre nicht in Hirschs Handschrift, 5
sondern kopiert? Was dann? Stieber hat ohnehin geschworen, er
kenne den Hirsch gar nicht.
Werden die Kölner, was ich aber für fast unmöglich halte,
wenn wir fortfahren, alle Mittel aufzubieten, um alle informa¬
tions und Aktenstücke herüberzubefördem, doch verdonnert, so w
müssen wir unbedingt etwas schreiben. Wo nicht, glaub ich, würde
es den Effekt der Regierungsniederlage nur abschwächen. Indes
kommt’s auch dann noch darauf an. Vor allen Dingen muß von
allen Aktenstücken, Affidavits etc. genaue Kopie behalten werden,
mit allen Legalisationen usw., denn diese Dinge machen dann is
eine famose Reihe pièces justificatives.
Dronke hat mich um 10 sh. gebeten, da er krank und im Pech
ist. Wenn das nächste Geld ankommt, also Dienstag, gib sie ihm
oder etwas mehr.
Die Adressen schickst Du mir am besten per Piokford oder 20
Carver.
Grüß alle und schreib bald.
Dein F. E.
Wir führen hier genau Register über alle abgehenden Doku¬
mente, Datum, Beförderungsweg etc. 25
215. Engels an Marx; 1852 Oktober 18.
Lieber Marx,
Hierbei der Rest des neulichen Artikels. Gestern auch den fol¬
genden erhalten. Das heute gesandte Stück kannst Du gleich via
Liverpool per United States Mail Steamer abschicken, am Mitt- 30
woch morgen segelt der Pacific. Am Freitag wirst Du wieder etwas
erhalten.
Mach doch die Artikel nicht mehr so lang. Mehr als 1—1%
Spalten kann Dana gar nicht wünschen, es wird zu viel für
eine Nummer. Diesen neuen Artikel werde ich wieder spalten 35
müssen, doch geht es sehr schwer, und ich weiß noch nicht wo.
Fünf bis sieben Seiten von der Handschrift Deiner Frau sind
vollkommen genug, und gibst Du mehr in einem Artikel,
so wird Dana Dir nicht einmal dafür dankbar sein.
Bürgers, Röser und vielleicht Otto, sowie Nothjung scheinen
mir so ziemlich geliefert. Gegen Daniels, Becker, Jacobi scheint
z. 4-7.
(215) 1852 Okt. 18
413
gar nichts vorzuliegen, und so hoffe ich, daß diese wenigstens frei¬
kommen. Becker hat sich mit großer Unverschämtheit heraus¬
gearbeitet. Je mehr diese aber diskulpiert werden, mit desto grö¬
ßerem Eifer, glaub ich, wird sich Gerichtshof und Jury auf die
5 Kompromittierteren werfen, die beleidigte Bourgeoisie und der
beleidigte Staat wollen ihre Opfer haben.
An den Siegeln aller Briefe, die ich von Dir erhalte, ist mit
heißem Eisen herumgearbeitet, doch, soweit ich beurteilen kann,
pour le roi de Prusse. Das an der Enveloppe sitzende Gummi
io verhindert das Eindringen.
Weerth ist hier, hat mir das Paket gebracht und läßt Euch alle
grüßen. Das Szemeresche Manuskript über Kossuth ist weit besser
als das über Görgei — dem K[ossuth] ist er gewachsen. Die
P[ieper]sche Übersetzung habe ich noch nicht ansehn können, ich
is bin zu sehr auf dem Comptoir beschäftigt und abends manchmal
matt wie ein Hund.
Beste Grüße an Deine Frau.
Dein F. E.
Manchester, 18. Oktober 1852.
216. Marx an Engels; 1852 Oktober 20.
20. Oktober 1852.
28, Deanstreet, Soho, London.
Lieber Engels,
Ich empfehle Dir bestens den Überbringer dieser Zeilen, Oberst
25 Pleyel. Ich kenne ihn zwar nicht persönlich, aber er wird „aufs
beste“ empfohlen durch Oberst Bangya, den Du ja kennst.
Dein K. Marx.
217. Engels an Marx; [1852 Oktober 22].
Lieber Marx,
3o Wenn Du in Zukunft präzis auf Zusendung der Artikel für
Dana rechnen willst, so mußt Du Dich hüten, mir grade auf den
speziellen Donnerstag Abend ungarische Colonels zuzuschicken.
Der Kerl hat mir gestern den ganzen Abend gekostet und will
heute wiederkommen — er ist nicht ohne allerlei Bildung, auch
35 militärische, und der interessanteste Ungar, den ich noch gesehn,
er ist aber auch ein deutsch-östreichischer Aristokrat.
Wir sind also jetzt von Staats und sogar Polizei wegen als
„intelligente“ Leute anerkannt, teste Stieber. Eine schöne Ge¬
Nr. 216. Z. 33-36.
414
(217) 1852 Okt. 22
schichte. Wie der dumme Stieber die Kerls für seinen eignen
Mouchard Cherval verantwortlich zu machen sucht. Weißt Du
etwas über die Gründe der Verhaftung von Kothes und B[erm]-
bach? Grade diese beiden — das ist ominös. Den Haupt werden
wir aber züchtigen. Weerth wird erfahren, wo er in Südamerika ist, 5
und wenn er hinkommt, ihn demaskieren. Dazu ist es nötig, daß
man sich die K[ölnische] Zeitung oder ein andres Blatt verschafft,
worin seine Aussagen stehn. Könnt Ihr das nicht besorgen? Bietet
alles auf ; es wäre zu schön, dem Schuft die Macht der Neuen Rhei¬
nischen Zeitung bis nach Brasilien fühlen zu lassen. w
Dieser Tage mehr, sowie auch Übersetzungen.
Dein F. E.
218. Marx an Engels; 1852 Oktober 25.
25. Oktober 1852.
28, Deanstreet, Soho. 13
Lieber Engels,
Wegen unsrer Korrespondenz müssen wir andre Maßregeln
treffen. Es ist positiv, daß wir einen Mitleser im Ministerium
Derby haben. Zudem stellt sich, wenigstens versuchsweise, wieder
eine Schutzwache (abends) vor mein Haus. Ich kann Dir also 20
absolut nichts schreiben, wovon ich nicht ratsam halte, daß es die
preußische Regierung in diesem Augenblick erfährt.
Dana benimmt sich sehr kommun gegen mich. Ich habe ihm
vor ungefähr sechs Wochen geschrieben und ihm genau gesagt,
wie es bei mir steht, und daß ich das Geld für die abgesandten Ar- 25
tikel umgehend haben muß. Er hat die Artikel regelmäßig
abgedruckt, aber das Geld noch nicht geschickt. Ich muß natür¬
lich demungeachtet exakt fortfahren. Sonst bin ich doch am Ende
wieder der Bestrafte.
Nun hatte ich schon vor fünf Wochen den landlord mit dieser 30
Aussicht auf Amerika beschwichtigt. Heute kommt der Kerl her
und machte der housekeeperin und mir einen scheußlichen Skan¬
dal. Er zog sich heute — da ich zuletzt zur ultima ratio, nämlich
zur Grobheit meine Zuflucht nahm — mit der Drohung zurück,
wenn ich ihm diese Woche nicht Geld schaffe, werde er mich auf 35
die Straße werfen, vorher aber noch einen broker mir in das
Zimmer setzen.
Von Cluß sind vor vier bis fünf Tagen 130 Exemplare des
Brumaire angekommen. Ich konnte sie aber nicht von der Douane
nehmen bis jetzt, da ich 10 sh. 9 d. bei dieser Gelegenheit ent- 40
richten muß. Sobald die Scheiße heraus ist, schicke ich sie an den
z. 41 -
(218) 1852 Okt. 25
415
bewußten Ort und ziehe gleich einen Wechsel darauf. Ich habe
jetzt mit dieser Geschichte und der Danaschen über 30 £ zu fordern
und muß wegen eines Schillings oft den ganzen Tag verlieren.
Ich versichre Dir, wenn ich die Leiden meiner Frau und meine
5 eigne Ohnmacht ansehe, so möchte ich dem Teufel in den Rachen
laufen.
Kothes und Bermbach sind verhaftet worden, weil ich letztrem
durch erstem eine zur Verteidigung nötige Arbeit, die etwas volu¬
minös war (trotz dünnem Papier und kleiner Perlschrift), zuge-
schickt hatte. Die Regierung glaubte einen famosen Fang getan
zu haben. Aber jeune Sädt, bei näherer Ansicht, beschwor sicher
Himmel und Hölle, um die Sache niederzuschlagen, denn das
Aktenstück enthielt sonderbare strictures über das Talent etc. des
jeune Sädt und konnte, den Juries mitgeteilt, nur zur Freisprechung
*5 der accusés beitragen.
In der „N[euenJ Preußischen] Z[eitung]“ ist „G. Weerth“ als
Mitglied der Zentralbehörde in Köln angeführt, und zwar wird
dies zitiert aus dem Anklageakt.
Sage Weerth, daß ich nichts von Dunckergehört.
io Dein K. M.
Sobald der Prozeß vorüber ist, er mag nun ausfallen, wie er
will, müssen wir beide einen oder zwei Druckbogen: „An das
Publikum zur Aufklärung“ drucken lassen. Ein günstigerer
Moment, zur nation en large zu sprechen, kömmt nicht wieder.
23 Zudem dürfen wir den Schein des Ridicule nicht dulden, den
selbst die moralische Würde und szientifische Tiefe des sanften
Heinrich unfähig sind zu zerstreuen.
Cherval hat selbst an den Londoner Deutschen Arbeiterverein
geschrieben: „er sei Spion, aber im edlen Sinn des „Cooper-
30 sehen Spions“. Ich habe auf sicherm Wege einem der Advokaten
die nötigen Aufklärungen zukommen lassen.
Wegen der oben angeregten Publikation über den „Kölner
Prozeß“ muß sich jetzt schon umgesehn werden. Mir schiene das
beste, wenn Du an Campe schriebst, er solle Dir einen soliden
35 Kommissionär nennen, im Falle er selbst zu ängstlich sei.
Da Du ein zahlungsfähiger Mann bist, kann dem Kommissionär
gesagt werden, er erhalte das Geld z. B. in drei Monaten (auf
Wechsel), wenn er in der Zwischenzeit sich nicht (was sicher)
schon aus dem Verkauf bezahlt gemacht. Übrigens können die
io Druckkosten für eine solche Scheiße höchstens auf 25 Taler
kommen.
Vale! und überlege die Sache. Schweigen können wir nicht, und
wenn wir nicht zur Zeit für die Druckgelegenheit sorgen, kommen
9 Im Orig. Dunker
Z. - 1-6. 19.
416
(218) 1852 Okt. 25
wir wieder nicht im rechten Augenblick. Man müßte natürlich dar¬
auf sehn, daß der Kommissionär nicht ein reiner Bescheißer ist,
denn die Sache wird selbst „kommerziellen“ Wert haben.
219. Engels an Marx; 1852 Oktober 27.
Manchester, 27. Oktober 1852. 5
Lieber Marx,
Ich hatte, als ich gestern schrieb, die Stiebersche Aussage nur
sehr flüchtig gelesen, und daher war ich heute sehr heiter über¬
rascht, als Dein Aktenstück der Sache eine Wendung gab, die
mich jetzt nicht mehr an der Freisprechung aller Angeklag- io
ten verzweifeln läßt. En effet, die Blamage des Stieber ist kom¬
plett. Die Sache ist hier nochmals von mir abgeschrieben und auf
zwei verschiedenen, sehr guten Wegen nach Köln abgegangen;
auch habe ich, was schon in London hätte geschehn sollen, die
zwei Zettel mit Hirschs Handschrift an das Original angesiegelt 10
und dabei diesen Umstand mit meiner Unterschrift dokumentiert,
so daß sie im schlimmsten Fall nicht ohne Unterschlagung des
Ganzen unterschlagen werden können. Ich habe nun noch einige
Wege zur Verbindung mit Köln entdeckt, und obwohl diese ersten
beiden (die aber nicht wiederholt werden können) eine Wahr- 20
scheinlichkeit von 99% bieten, daß die Sachen richtig und den¬
selben Tag bei Schneider eintreffen, so wäre es doch gut, wenn
ich noch ein drittes, von Dir beglaubigtes Exemplar mit
neuen Hirschschen Handschriftproben erhielte, um dies noch
auf andrem Wege hinzubefördern. Übrigens können die Pr[eu- 25
ßen] dies Ding nicht unterschlagen, das hätte Kriminal folgen für
die Beteiligten.
Dein Brief heut an mich war erbrochen, da die vier Zipfel
der Enveloppe nicht alle vom Siegel gut gefaßt waren. Ob der
an Stfrohn] auch, ist schwer zu sagen, da die Firma das äußere 30
Kuvert erbrochen. Doch war dies Aufbrechen so leicht vor sich
gegangen, daß ich fast schließen muß, auch hier sei man schon
früher dran gewesen. Also taugt auch die Steinthai-Adresse nichts
mehr. Schreibe an unsern alten James Belfield, Golden Lion,
Deansgate, Manchester, inwendig Kuvert „F. E.“, weiter nichts.
Bei sehr wichtigen und gefährlichen Sachen mach es wie ich jetzt:
ein Paket beliebigen Inhalts, worin Dein Brief liegt, per Pick¬
ford & Co. an mein Haus, und abwechselnd per Chaplin,
Home & Carver an mich, Adresse Ermen & E[ngels] unfrankiert.
Das ist ganz sicher. Laß aber die Adressen namentlich per Post
abwechselnd mit verschiedenen Handschriften schreiben und laß
die Pakete per Spediteur nicht immer durch denselben und von
z. 1-3.
(219) 1852 Okt. 27
417
demselben Ort ins Office tragen. Dann ist letzterer Weg ganz
sicher. Gib mir dann entweder eine sichre Adresse nach London
auf diesem Wege an oder laß irgend jemand, dessen Hauswirt
nicht argwöhnisch, einen falschen Namen annehmen à la Wil-
5 liams, oder sage mir, ob Lupus noch 4 Broadstreet, Dr[onke] noch
im Model Lodging House und wo sonst unsre zuverlässigen Leute
wohnen, damit ich die Adresse wechseln kann.
Alle diese Mittel abwechselnd in Tätigkeit gesetzt, werden uns
genügende Sicherheit verschaffen. Dazu schreib, damit’s nicht
io auffällt, gleichgültige Briefe per Post direkt, wie ich auch tun
werde.
Das Kopieren des Aktenstücks hat mich so in Anspruch genom¬
men, daß ich wirklich nicht weiß, ob ich wegen Dana und Freitags¬
steamers mein Wort in vollem Sinn halten kann. Etwas
13 kommt jedenfalls. Bedenke, daß ein längere Zeit fortgesetzter
ziemlich keuscher Lebenswandel mir wieder an gewisser Stelle die
schönsten Knospen treibt und mich stellenweise am Sitzen ver¬
hindert; il faut que cela finisse.
Die Erklärung des alten Justizrats Müller wird dem Stieber
2o schon den Hintern mit Grundeis gehen machen wegen seiner Ori¬
ginalprotokolle. Aus ihr geht auch hervor, daß die Juristen dort
überhaupt sehr wütend sein müssen wegen der Polizeiinfamien,
die der Stieber mit ganz altpreußischer Unkenntnis des rheini¬
schen Gesetzes, Gerichtsverfahrens und der rheinischen öffent-
25 liehen Meinung so unverschämt, und wie ein Kind über seine
Pfiffigkeit sich freuend, an die große Glocke hängt. C’est de bon
augure.
Es ist schön: die Polizei stiehlt, fälscht, erbricht Pulte, schwört
falsche Eide, zeugt falsch, und zu allem dem behauptet sie das
3o Privilegium zu haben gegenüber den Kommunisten, die hors la
société stehn! Dies und die Manier, wie die Polizei, in ihrer
schuftigsten Gestalt, alle Funktionen des öffentlichen Ministeriums
übernimmt, den Sädt in den Hintergrund drängt, unbeglaubigte
Zettel, bloße Gerüchte, Rapporte, Hörensagen als wirkliche ge-
33 richtlich erwiesene Sachen, als Beweise vorbringt — c’est trop
fort! Das muß doch wirken. Dein F. E.
220. Marx an Engels; 1852 Oktober 27.
27. Oktober 1852.
28, Deanstreet, Soho, London.
4Ü Lieber Engels,
Ich hatte Dir geschrieben, daß ich ein „Lithographiertes]
Zirkulär]“ über den „Kölner Prozeß“ abfassen würde. Aus dem
27
Z. 15 (ein) —16 (Lebenswandel).
418
(220) 1852 Okt. 27
„Lithographierten] Zirkulär]“ ist jetzt ein Pamphlet von unge¬
fähr drei Druckbogen geworden. Die Sache jetzt noch zu lithogra¬
phieren, geht aus doppelten Gründen nicht: Erstens kömmt eine
so umfassende Lithographie sehr teuer zu stehn, während sie
nichts einbringt, denn anstandshalber kann man solche litho-
graphierten Rundschreiben nicht verkaufen. Zweitens liest kein
Mensch, und ist es auch nicht zu verlangen, eine Lithographie,
die den Inhalt von drei Druckbogen bringt.
Es bleibt also nichts übrig, als die Sache drucken zu lassen. In
Deutschland impossible. London ist der einzig mögliche Ort. Es io
wird auch möglich sein, K r e d i t zu erhalten, wenn ich nur im Be¬
stände bin, einen Teil vorauszuzahlen. Ich ersuche Dich, hierüber
mit Weerth und Strohn zu konsultieren. Es ist aber kein Tag zu
verlieren. Wenn die Sache nicht jetzt kommt, hat sie kein Interesse
mehr. Meine Broschüre ist keine Prinzipienrettung, sondern eine is
auf Darstellung der Tatsachen und des Verlaufs gegründete
Brandmarkung der preußischen Regierung. Ich selbst bin natür¬
lich incapable, auch nur einen Centime für die Sache beizutreiben.
Ich habe gestern den von Liverpool her datierenden Rock versetzt,
um Schreibpapier zu kaufen. 20
Das Empire marschiert famos. Bonaparte versteht es wie kein
andrer drauf hinzuarbeiten, daß diesmal die Handelskrise Frank¬
reich noch grausamer trifft als England.
Dein K. M.
221. Marx an Engels; 1852 Oktober 28.
28. Oktober 1852.
28, Deanstreet, Soho.
Das Geld erhalten und heute das Paket mit dem Brief. In
meinem letzten Schreiben an Dich und Weerth hatte ich absichtlich
nichts erzählt, was im Fall des Erbrechens der Briefe die preu- 30
ßische Regierung weiter aufklären könnte über die gegen sie er¬
griffnen Schritte. Heute berichte ich im Detail. Ich denke, wir
haben eine Kontermine gelegt, die den ganzen Regierungshumbug
in die Luft sprengt. Die Herrn Preußen sollen sehn, qu’ils ont
à faire à plus fort. 33
Montag erhielt Schneider II über Düsseldorf (an einen Kauf¬
mann 1}, Freiligraths Bekannten, adressiert) einen Brief von mir,
dessen Inhalt in kurzem folgender: 1. 1847, während ich in
Brüssel war, wurde Cherval zu London durch Herm Schapper
*) A. Wetter
(221) 1852 Okt. 28
419
und auf Vorschlag Schappers in den Bund auf genommen, also
nicht 1848 von mir zu Köln. 2. Von Ende Frühling 1848—Som¬
mer 1850 wohnte Cherval fortwährend zu London, wie durch seine
housekeepers bewiesen werden kann. Er hauste also nicht während
5 dieser Zeit als Propagandist in Paris. 3. Erst Sommer 1850 begab
er sich nach Paris. Die bei ihm abgefangnen Papiere und seine
Aussagen vor den Pariser Assisen beweisen, daß er Schapper-Wil-
lichs Agent war und unser Feind. Daß Cherval Polizeispion,
durch folgendes bewiesen: 1. Wunderbare Flucht*(nebst Gippe-
20 rieh) gleich nach der Verurteilung aus dem Pariser Gefängnis.
2. Ungestörter Aufenthalt in London, obgleich gemeiner Ver¬
brecher. 3. Herr von Rémusat (ich habe Schneider ermächtigt, ihn
im Notfall zu nennen) erzählte mir, Ch[erval] habe sich ihm als
Agenten für den Prinzen von Orleans angeboten. Er habe darauf
25 nach Paris geschrieben und folgende (mir in der Kopie vorge¬
zeigte) Dokumente erhalten (für einige Stunden zur Kopie), wo¬
raus folgt, daß Chferval] erst preußischer Polizeiagent war, jetzt
bonapartistischer ist. Die preußische Polizei schlägt ihm eine Geld¬
forderung ab, weil dies „double emploi66 sei und er von franzö-
2o sischer Seite bezahlt werde. — Endlich habe ich Schneider einige
einfache theoretische Auseinandersetzungen gemacht, wodurch er
die Sch[apper]-Willichschen Dokumente von den unsrigen unter¬
scheiden und die Differenz nachweisen kann.
Nebst dem Brief an Schneider II, den Du besorgt, ging das-
25 selbe Aktenstück über Frankfurt a. M. (wo der alte Ebner ihn auf
die Post legt und Reçu nimmt) an Advokat von Hontheim ab, und
zwar Dienstag. Dasselbe Paket enthält: 1. einen Brief von Becker
an mich mit Poststempel von London und Köln versehn, woraus
folgt, daß unser Verkehr vor allem buchhändlerischer Natur war;
3o 2. zwei Einlagen von Daniels an mich in dem Beckerschen Briefe,
worin er bloß von seinem Manuskript spricht; 3. zwei Ausschnitte
aus den Protokollen von Hirsch; 4. ein Ausschnitt aus dem
„People’s Paper66, worin Cherval glücklicherweise selbst seine Re¬
sidenz anzeigt; 5. auf Seite 3 dieses Briefs befindlichen Briefe
35 (eigenhändige) des Herm Stieber an mich, während der „Neuen
Rheinischen Zeitung66 Zeit.
Dienstag abend kam durch Gelegenheit ein Brief von Schnei¬
der, woraus hervorgeht, daß sein erster durch die Post gesandter
unterschlagen ist. Dagegen hatte er einen von hier registrierten
w Brief erhalten, den ich ihm durch Dronke schreiben ließ, und wo¬
rin ihm angezeigt worden, daß Hentze hier vor sechs bis acht
Wochen bei Willich war, daß Willich von ihm unterhalten worden
ist, daß Willich selbst hier damit renommiert hat, er habe dem
Hfentzel Instruktionen gegeben, wie er gegen uns aufzutreten.
45 Schneider schreibt, daß sämtliche Advokaten von der Unechtheit
27*
420
(221) 1852 Okt. 28
der Dokumente überzeugt, bittet dringend um Beweise, namentlich
auch, daß Frau Daniels nie an mich geschrieben.
Mittwoch hätte aus Geldmangel nichts geschehn können,
wären nicht glücklicherweise Deine 2 eingesprungen. Ich
habe also vor dem Police Court, Marlboroughstreet (before Mr. j
Wingham, magistrale of the Metropolitan District, der sich die
Sache erzählen ließ und sich furieusement für uns und gegen
die preußische Regierung erklärte), zweierlei authentifizieren
lassen:
1. Handschrift von Rings und Liebknecht, die, wie Schneider II io
schreibt, fast alle Protokolle des Hirsch unterzeichnet haben.
Du weißt, daß Rings kaum schreiben kann, also famos von Hirsch
zum Protokollführer bestimmt ist.
2. Habe ich von dem Wirt unsres Zusammenkunftslokals be¬
zeugen lassen, daß seit März die „Society of Dr. Marx“ (der Kerl 15
kennt nur mich), ungefähr 16—18 Mann, regelmäßig und nur
einmal die Woche, nämlich am Mittwoch, zusammenkommt, und
daß er und seine waiter uns nie eine Zeile haben schreiben sehn.
Die Scheiße wegen des Mittwochs hat noch einer seiner Nachbarn,
ein deutscher Bäckermeister und Hausbesitzer bezeugt. 20
Beide Aktenstücke mit dem Siegel des Police Court sind im
Duplikat abgefaßt. Das erste Exemplar derselben schickte ich
via l. . ? .. ] an G. Jung, der mir glücklicherweise vor drei Tagen
geschrieben, er wohne in Frankfurt a. M. und Adresse gegeben.
Jung wird selbst nach Köln die Sachen bringen oder einen Exprès- 25
sen hinschicken. Der Brief, den er erhalten, ist an Schneider II
gerichtet und enthält außer den angegebnen polizeilich-gerichtlich
beglaubigten Dokumenten: a. Eine Kopie des ers.ten Briefs an
Schneider nebst zwei abermaligen Ausschnitten aus Hirschs Pro¬
tokollen. b. Ausschnitt aus einem Brief von Becker an mich, wo 3)
glücklicherweise auf der Rückseite Londoner und Kölner Post¬
stempel. Becker schreibt darin wörtlich wie folgt (weiter enthält
das von mir hingesandte Stück nichts) : „Der Willich schickt mir
die lustigsten Briefe: ich antworte nicht, er läßt sich aber nicht ab¬
halten, mir seine neuen Revolutionspläne auseinanderzusetzen. Er #
hat mich bestimmt, die Kölner Besatzung zu revolutionieren!!!
Wir haben neulich uns den Bauch gehalten vor Lachen. Er wird
mit seinen Dummheiten noch x Menschen ins Pech bringen, denn
ein einziger Brief könnte hundert Demagogenrichtern drei Jahre
lang das Gehalt sichern. Wenn ich die Kölner Revolution fertig 4/
hätte, so wäre er nicht abgeneigt, die Leitung der weitern Opera¬
tionen zu übernehmen. Gar zu freundlich. Brudergruß. Dein
Becker.“ c. Drei Briefe von Bermbach an mich, woraus die Natur
O Papier beschädigt.
Z. 34 (ich)—43.“
(221) 1852 Okt. 28
421
unseres Briefwechsels hervorgeht, und wovon der eine (vom März)
zugleich die Antwort enthält auf mein Schreiben von wegen des
Hirsch und der Denunziation der Frau Daniels und der bei ihr er¬
folgten Haussuchung. Dieser Brief beweist, daß sie nicht mit mir
in Korrespondenz stand, d. Abschrift des Briefes von Stieber,
e. Instruktion an Schneider, worin ich ihm u. a. auch mitteile, daß
die beglaubigten Dokumente (oder Duplikat) Don¬
nerstag (28. Oktober), in einem registrierten Brief von London an
ihn direkt unter seiner Adresse abgehn werden und gleichzeitig
io er über Düsseldorf von Kaufmann W[etter] den Registra-
tionsschein erhalten wird. Unterschlägt die Regierung also
diesmals, so ertappen wir sie nachweislich au flagrant délit, ohne
daß es ihr gelingt, der Verteidigung etwas andres zu entziehn als
ein Duplikat.
13 Im Advertiser von künftigem Sonnabend (30. Oktober) wirst
Du eine kurze Erklärung über die infamen Artikel der „Times“
und „Daily News“ finden. Sie ist gezeichnet: „F. Engels, F. Frei¬
ligrath, K. Marx, W. Wolff.“ Dasselbe in mehren Wochenblättern.
Ich denke, die preußische Regierung wird diesmal in einer
2o Weise blamiert werden, wie es selbst ihr noch nicht vorgekommen
ist, und sich überzeugen, daß sie nicht mit den Tölpeln von De¬
mokraten zu tun hat. Sie hat die Leute gerettet durch die Da¬
zwischenkunft des Stieber. Selbst die Verhaftung des Bermbach
ist ein Glück. Ohne das konnten seine Briefe nicht hinübergesandt
25 werden. Er hätte sich dagegen gesträubt, um nicht provisorisch
gesetzt zu werden. Jetzt, wo er sitzt, ist alles all right.
Vater Barthélemy, zum Bagno geboren, wird diesmal zur Ab¬
wechslung Vandiemensland kennen lernen. Eine Gemeinheit des
Burschen ist, daß er sich hartnäckig weigert, den Tatbestand zuzu-
30 geben und so den Sekundanten noch tiefer hineinreitet. Indes zwei
haben schon erklärt, daß sie Sekundanten des Coumet^ waren.
Der dritte wird wohl, sobald die Aussicht auf den Galgen näher
rückt, dem Dévouement ein Ende machen und sich auch als Se¬
kundant zu erkennen geben.
35 Vor einigen Tagen Garantensitzung bei Reichenbach, alle zu¬
sammen außer den mehr oder minder ausgestoßnen Kinkel und
Willich, Reichenbach, Löwe von Calbe, Imandt, Schimmelpfennig,
Meyen, Oppenheim. Reichenbach und mit ihm die andern be¬
schlossen, das Geld an die Geber zurückzuschicken. Reichenbach
40 erklärte als Hauptgrund folgenden: „Willich und Kinkel treiben
direkte Escroquerie. Es zirkulierten noch Tausende von Scheinen
mit seiner (Reichenbachs) Signatur in Amerika, die sie zu einem
Diskont losschlagen ließen durch ihre Agenten, direkt einkassier¬
ten und zu Privatzwecken verwendeten.“ Bloß die Auflösung der
45 1) Im Orig. Corondet
Z. 27-45 -
422
(221) 1852 Okt. 28
ganzen Scheiße gebe ihm den nötigen Vorwand, öffentlich diese
Escroquerie, die auf seinen Namen getrieben werde, zu enthüllen
und weitern Beutelschneidereien zuvorzukommen. Du siehst, wo¬
hin die Biedermänner Willich und Kinkel gekommen sind, des
escrocs . . voilà le dernier mot. 5
Besten Gruß an Weerth.
Dein K. M.
Über sichre Adressen hierhin das nächste Mal.
[Frau Marx’ Handschrift]
In Nr. 177 der Neuen Rheinischen Zeitung befindet sich eine io
Korrespondenznachricht aus Frankfurt a. M. vom 21. Dezember,
welche die niederträchtige Lüge enthält, daß ich als Polizeispion
nach Frankfurt gegangen sei, um1} die Mörder des Fürsten Lich-
nowskys und des Generals Auerswald zu ermitteln. Ich bin aller¬
dings am 21. in Frankfurt gewesen, habe mich dort aber nur einen is
Tag aufgehalten und habe dort, wie Sie aus beiliegender Beschei¬
nigung ersehn werden, nur eine Privatangelegenheit der hiesigen
Frau von Schwezler zu regulieren gehabt, ich bin längst nach Ber¬
lin zurückgekehrt, wo ich meine Tätigkeit als Defensor längst wie¬
der begonnen habe. Ich verweise Sie überdies2) auf die bereits in so
dieser Angelegenheit ergangene offizielle Berichtigung zu Nr. 338
der Frankfurter Oberpostamtszeitung vom 21. Dezember und
Nr. 248 der hiesigen Nationalzeitung. Ich glaube von Ihrer Wahr¬
heitsliebe erwarten zu dürfen, daß Sie sofort die anliegende Be¬
richtigung in Ihr Blatt aufnehmen und mir den Einsender der v
lügenhaften Nachricht, der Ihnen gesetzlich obliegenden Ver¬
pflichtung gemäß, nennen werden, da ich eine solche Verleumdung
unmöglich ungerügt lassen kann und ich sonst zu meinem Bedauern
genötigt sein würde, gegen Eine Wohllöbliche Redaktion selbst
Schritte zu unternehmen.
Ich glaube, daß die Demokratie in neuester Zeit niemandem
mehr Dank schuldig ist, als grade mir. Ich bin es gewesen, der
Hunderte angeklagter Demokraten aus den Netzen der Kriminal¬
justiz gerissen hat. Ich bin es gewesen, der noch im hiesigen Be¬
lagerungszustand, als die feigen, erbärmlichen Kerle (sogenannte 45
Demokraten) längst das Feld geräumt hatten, unerschrocken und
emsig den Behörden entgegengetreten ist und der es noch heute tut.
Wenn demokratische Organe in solcher Weise mit uns umgehn, so
ist das wenig Aufmunterung zu ferneren Bestrebungen.
Das beste der Sache aber ist im vorliegenden Falle die Plump-
heit der demokratischen Organe. Das Gerücht, ich ginge als Po¬
lizeiagent nach Frankfurt, ist zuerst von der hiesigen Neuen
In dem in den „Enthüllungen über den Kommunistenprozeß in Köln1 teröQent¬
lieht en Texte folgt hier: unter dem Schein demokratischer Gesinnung
2) In den „Enthüllungen“ übrigens
Z. 1-4. 9-41 -
(221) 1852 OkL 28
423
Preußischen] Zeitung, diesem berüchtigten Organ der Reaktion,
ausgesprengt worden, um meine ihr störende Tätigkeit als Defen¬
sor zu untergraben. Die andern Berliner Blätter haben dies längst
berichtigt. Die demokratischen Organe sind aber so ungeschickt,
5 um solche1) dumme Lüge nachzubeten. Wollte ich als Spion nach
Frankfurt gehen, so würde es gewiß nicht vorher in allen Blättern
stehen, wie sollte auch wohl Preußen einen Polizeibeamten nach
Frankfurt schicken, wo amtskundige Beamte genug sind. Die
Dummheit war stets ein Fehler der Demokratie, und ihre Gegner
io siegten durch Schlauheit. Ebenso ist es eine niederträchtige Lüge,
daß ich vor Jahren in Schlesien als Polizeispion gewesen sei. Ich
war damals öffentlich angestellter Polizeibeamter und habe als
solcher meine Schuldigkeit getan. Es sind niederträchtige Lügen
über mich verbreitet worden. Ein Mensch soll auftreten und mir
is beweisen, daß ich mich bei ihm eingeschlichen hätte, lügen und
behaupten kann jeder.
Ich erwarte also von Ihnen, den ich für einen ehrlichen, an¬
ständigen Mann halte, umstehend2) befriedigende Antwort. Die
demokratischen Zeitungen sind bei uns durch ihre vielen Lügen
2o verrufen geworden, mögen Sie nicht gleiches Ziel verfolgen.
Ergeben st
Stieber, Doktor der Rechte usw.,
Berlin, Ritterstraße 65.
Berlin, 26. Dezember 1848.
25 Dem Herm Doktor Stieber bescheinige ich hiermit, daß der¬
selbe in voriger Woche in meinem Auftrage nach Frankfurt und
Wiesbaden gereist ist, um dort eine Privatprozeßsache zu regu¬
lieren.
Die verwitwete Präsidentin von Schwezler von Leeton,
30 Dame des Luisenordens.
Siegel
[Handschrift von Marx]
Ich ersuche Dich nun, auf dem dritten, in Deinem Brief ange¬
deuteten Wege nach Köln folgende Zeilen an Schneider zu schrei-
35 ben und sie ihm umgehend zukommen zu lassen.
„Stieber hat allerdings die 14—16 der Willich-Schapperschen
Clique zugehörigen Dokumente gekauft, aber er hat sie zu¬
gleich gestohlen. Er hat nämlich einen gewissen Reuter für
bares Geld zum Diebstahl sollizitiert. Reuter war seit lange nicht
4o grade „Polizeibeamter“, wohl aber occasionally à la tâche bezahl¬
ter spy der preußischen Gesandtschaft. Er hat nie einer Kommu¬
M In den Enthüllungen“ eine solche
2) In den Enthüllungen“ umgehende
Z. - 1-31.
424
(221) 1852 Okt. 28
nistengesellschaft angehört, nicht einmal den öffentlichen deut¬
schen Arbeitervereinen in London. Reuter wohnte in demselben
Hause wie Dietz, der Sekretär und Archivar der Willich-Schapper-
schen Zentralbehörde. Reuter erbrach das Schreibpult von Dietz
und gab irgendeinem, Stieber oder Schultze, die Papiere. Die 5
Sache war längst herausgekommen vor den Kölner Assisenverhand-
lungen. Stechan erhielt nämlich während seiner Haft in Hannover
mehre von ihm an Dietz, als an den Sekretär des von Schapper
präsidierten Fliichtlingskomitees gerichtete Briefe von dem Unter¬
suchungsrichter vorgelegt. Stechan brannte bekanntlich durch aus w
dem Gefängnis. In London angekommen, schrieb er nach Hanno¬
ver, um jene Briefe herauszuverlangen, damit er den Reuter
vor den englischen Gerichten verfolgen könne:
1. Wegen Diebstahl mit Effraktion.
2. Wegen F a 1 s u m s. Er behauptet nämlich, in seinem — den is
Kölner Juries jetzt auch von Stieber vorgelegten — Brief sei das
„530 Taler, 500 für die Führer“ interpoliert, von der Po¬
lizei hineingeschrieben. Er habe nur 30 Taler damals nach London
geschickt und kein Wort von Führern gesprochen.
Das Hannoversche Gericht ging natürlich nicht auf Stechans 20
Verlangen ein. Derselbe Reuter hat die sämtlichen Dokumente
durch Effraktion des Dietzschen Pultes gestohlen. Dietz und die
Schappersche Clique entdeckten die Sache erst, als Stechan hier
ankam.“
Soeben, lieber Engels, erhalte ich Euer Paket. Es ist also 25
nicht nötig, daß Du Vorliegendes abschreibst.
Ich werde es selbst direkt schicken unter einem der mir zuge-
kommnen Kuverts.
Sage Weerth, daß er sich jetzt eine der „Minister“stellen, die
Stieber zu meiner Disposition gestellt, für immer gesichert hat, w
wenn er den ihm zugedachten Gesandtschaftsposten in Paris nicht
vorzieht.
Dein K. M.
Wenn Du mir wichtige Sachen zu schreiben hast, so tu es
unter der Adresse: A. Johnson, Esq., (Bullion Office, Bank of 35
England).
222. Engels an Marx; 1852 Oktober 28.
Manchester, 28. Oktober 1852.
Lieber Marx,
Gestern schickte ich Dir einen Band Dureau de la Malle und 40
einen Brief per Carver & Co. Hiermit erhältst Du verschiedne
(222) 1852 Okt. 28
425
kaufmännisch zugerichtete Kuverts mit inliegenden Enveloppen
für Hontheim und Esser I, die weniger bei Bürgern Verdacht er¬
regend sind als Schneider. Hältst Du es für passend, so kannst Du
inliegend immer noch ein versiegeltes Kuvert für Schneider
5 machen. Ich sehe indes nicht ein, warum Du nicht auch von Zeit
zu Zeit die andern Verteidiger durch ein paar Zeilen von ihrer
Wichtigkeit überzeugen solltest. Auch wird ein kaufmännisches
Petschaft beigelegt, dein altes Weydemeyersches Wappen und
das plumpe S sind nichts wert. Wende auch nach Manchester
io irgend ein andres six penny-Petschaft an.
Schicke von Zeit zu Zeit weniger wichtige registrierte Briefe an
Schneider, um die Kerls irre zu leiten und glauben zu machen,
daß man den geheimen Weg drangegeben habe aus Mangel an
Adressen.
iS Daß die Bürger, deren Adressen Du hier erhältst, die Briefe
richtig besorgen, daran kann wohl kein Zweifel sein.
Mach doch die Advokaten auf die offenbaren crimes und délits
aufmerksam, die die Polizei begeht, und sieh, daß sie auf Ver¬
haftung des Stieber wegen falschen Eides und Zeugnisses antragen,
2o der Kerl hat ja mit Deinem Kothesbrief effektiv Perjury begangen.
Per Post heut abend mehr über gleichgültigere Sachen.
Dein F. E.
223. Engels an Marx; 1852 Oktober 28.
Lieber Marx,
25 Hierbei ein Artikel für Dana — die Sache war nicht anders
abzubrechen. Gelingt es mir, heut abend noch das Ganze fertigzu¬
bringen, so bring ich’s später noch auf die Post. Einstweilen geht
dies, damit Du doch wenigstens etwas zur Zeit erhältst. Übrigens
kann D[ana] zur Abwechslung auch einmal mit % à % Druckspal-
3o ten zufrieden sein, besonders wenn er so langsam zahlt.
Ich würde mich gar nicht wundem, wenn der Kölner Prozeß
noch einen Monat dauert. Am Montag scheint keine Sitzung ge¬
halten worden zu sein — vielleicht war ein Angeklagter oder ein
paar Geschwome krank, oder alle bedurften zwei Rasttage hinter-
35 einander. Namentlich bei den famosen Zeugen, die alle nichts aus¬
zusagen wissen. Dem Herm Hentze ist schön auf die Kappe ge¬
stiegen worden; Weerth traf diesen Edlen in Hamburg, wo er
fürchterlich auf Dich schimpfte — cela t’acquitte de toute obliga¬
tion envers lui. Er gestand auch ganz qffen das bürgerliche Motiv
io seiner Wut. — Schreib doch direkt — registered letter — an
426
(223) 1852 Okt. 28
einen der Advokaten und mach sie darauf aufmerksam, daß die
Anklage ganz aus den Händen des Herrn Sädt in die des Mouchard
Stieber übergegangen, der unter stillschweigendem Konsens des
öffentlichen Ministeriums ganz neue juristische Theorien auf stellt:
1. daß es ein Verbrechen ist, wenn ein moralisch beim Prozeß 5
Beteiligter vom Ausland den Advokaten Akten und sonstige Mit¬
teilungen im Interesse der Angeklagten macht und die Polizei¬
lügen eines Stieber als Lügen aufdeckt; daß es ebenfalls ein Ver¬
brechen ist, dergleichen Briefe zu empfangen;
2. daß die Polizei dagegen das Recht hat, sich alle möglichen io
Verbrechen zu erlauben und sogar damit vor dem Gericht und dem
Publikum öffentlich zu renommieren:
a. Diebstahl mit Einbruch — die Erbrechung des
Pults von Dietz und die Entwendung der Aktenstücke daraus;
b. Verleitung dazu, eingestandenermaßen durch Geld-
angebote; ebenso Bestechung;
c. Diebstahl von Akten, die der Verteidigung gehören,
indem man von Deinem Mémoire für die Advokaten ein Stück ab¬
schneidet und zurückbehält; von der Brieferbrechung will ich nicht
einmal sprechen, weil die Kerle da nachher wenigstens legale For-so
men vorzuschieben suchen ;
d. falsches Zeugnis und Meineid, indem Herr Stie¬
ber absichtlich die Kölner als Beteiligte und Genossen von Cherval
etc. hinstellt, was er selbst besser weiß und nachher auch zugibt;
indem er namentlich schwört, daß ein Brief erst am 19. Oktober 25
mit der Post in Köln angekommen sei, der schon am 15. da war,
indem er seine ganze Lüge vom außerordentlichen Kurier er¬
findet usw. ;
e. Fälschung, indem das angebliche Protokoll direkt von
der Polizei geschmiedet und als echt vorgelegt wird, während uns 30
alle Mittel abgeschnitten werden, den Gegenbeweis in die Hände
der Verteidiger zu liefern.
Und so weiter.
Wenn die Advokaten sich brav und geschickt benehmen, so kann
die Sache nicht mit der Verurteilung der Kölner, sondern mit der
Arretierung des Herm Stieber wegen Meineids und sonstiger preu¬
ßischer Verbrechen gegen den gottlosen französischen Code pénal
endigen.
Ich wollte Dir noch über was anders schreiben, aber ich hab’s
total vergessen, da ich mit Weerth, der eben nach Hause kommt #
geplaudert habe.
Eben höre ich von ihm, daß Frau Daniels auch als Schutzzeugin
zitiert ist — tant mieux. Die Protokolle werden ein schönes Ende
nehmen. Und ce pauvre Bermbach scheint gleich ohne weiteres
(223) 1852 Okt. 28
427
mit aufs Angeklagtenbänkchen gewandert zu sein. Was sie nur
diesem unschuldigen armen Teufel wollen mögen!
Dein F. E.
Manchester, 28. Oktober 1852.
per zweite Post.
224. Marx an Engels; 1852 November 2.
2. November 1852.
28, Deanstreet, Soho, London.
Lieber Frédéric,
io Deinen Brief nebst ^*5 erhalten. 10 sh. an Dronke gegeben.
Die Zeit ist jetzt vorbei, wo wir uns zu genieren haben, offen
zu schreiben unter unsern direkten Adressen. Sonnabend (30. Ok¬
tober) erhielten die Advokaten die Masse der Dokumente, Sonn¬
tag den zweiten Brief von Frankfurt, gestern meinen letzten Brief
is mit der déclaration vor dem Magistrat. Heute habe ich die im
heutigen Moming Advertiser erschienene Deklaration an Schnei¬
der II direkt registriert geschickt, weniger, weil dies jetzt noch
nötig ist, als damit die preußische Regierung sieht, daß wir Mittel
haben, die Ehrlichkeit ihrer Post zu forcieren und im Gegenfall
2o sie vor dem Londoner Publikum bloßzustellen.
Die Advokaten haben alles Nötige rechtzeitig erhalten, nämlich
vor Schluß der Anklage. Gegenwärtig bin ich der Meinung,
daß, sollte nicht ein neuer Inzident den Prozeß verlängern und
eine neue Intervention unsrerseits nötig machen, nichts mehr
25 nach Köln abgeht.
Beiliegend einen Brief von Imandt an Cluß, der Näheres über
Kinkel-Willichs Escroquerie enthält. Ich hatte bis jetzt keine Zeit,
den Brief zu lesen und mich darauf beschränkt, ihn durch Pieper
für Dich kopieren zu lassen. Vergangnen Freitag ist er nach
so Washington abgegangen.
Kaufmann Fleury in der City erklärt, daß er bezeugen kann,
daß ihm und andern Kaufleuten Anleihescheine zum Kauf von
Willich-Kinkel angeboten worden sind.
In diesem Augenblick lebt Industrieritter Willich auf die
35 Tasche des Russen Herzen.
Kinkel, vor seiner Abreise nach Manchester ist, wie Freiligrath
mir gestern mitteilte, als Bettler und Schönredner und Stunden¬
geber einer Masse Cityaldermen, Kaufleuten, etc. wieder in den
Arsch gekrochen mit erneutem Feuereifer.
40 Was den mir fälschlich zugeschobnen Wisch betrifft, so fehlt
mir nur noch die Adresse von Moses Heß, der in Lüttich
Z. 26-39.
428
(224) 1852 Nov. 2
haust. Ich werde ihm nämlich schreiben: „Erkläre mir, wem Du
die Katechismen gegeben und wer sie kolportiert hat in Deutsch¬
land. Sonst erkläre ich Dich in der „Independence“ für einen
forger.“ Moses wird schon herausrücken, und sollte es diesmal
nicht die Polizei sein, die meine Handschrift nachgemacht, sondern j
Kinkel-Willich, so werde ich sie wegen Nachmachen fremderHand-
schrift vor ein hiesiges Gericht zitieren.
Vergiß nicht, mir den Schluß für Dana zu schicken. Donners¬
tag kommt das Parlament zusammen. Der Artikel ist schon etwas
antiquiert. Nach Freitag aber hätte er gar keinen Wert mehr. io
Beste Grüße an Weerth und Strohn.
Dein K. M.
Kaufmann Fleury bezeugt ferner, daß Willich von ihm und
seinen englischen Freunden fast jede Woche Pfunde er¬
preßt hat, unter dem Vorwand, sie für Flüchtlinge zu brauchen.
Es kann nun bewiesen werden, daß Willich-Kinkel alle Flücht¬
linge barsch abweisen mit dem Bemerken, sie hätten keinen cen¬
time für solche Zwecke. Willich sagt ihnen, er habe selbst nicht
sein tägliches Brot, Kinkel zeigt ihnen gerührt seine Kinder und
schenkt ihnen im besten Fall abgelegte Westen des Julius selig, 20
des abgereisten Schurz oder seiner eignen feierlichen Persön¬
lichkeit.
225. Marx an Engels; 1852 November 4.°
London, den 4. November 1852 (?).
Lieber Engels,
Ich muß die paar Zeilen an Dich heute diktieren, da die per¬
fiden Preußischen mich am Sitzen hindern.
Einliegend Brief von Schneider, der gestern abend ankam, und
ein Brief von Collmann an Bangya, den ich zurückbitte.
Du siehst, daß Szemere sein Manuskript zurück haben will.
Vehse erzählte mir gestern, Weerth habe ihn zu einem falschen
Termin nach London bestellt, worüber ich ihm die gehörigen Auf¬
klärungen gab.
Dein K. M.
Viele Grüße vom Sekretär, der Ehefrau Marx. &
Kossuth ist wütend über Marx, daß er seinen dodge mit Bona¬
parte, Vetter etc. dem Dana mitgeteilt, der aus diesen Notizen
einen fulminanten Artikel gemacht hat.
1) Von Frau Marx nach Diktat nieder geschrieben. Nur 1852 (nachträglich bei¬
gefügt) und die Unterschrift K. M. ist in der Handschrift von Marx.
Z. 4 (und)-7. 13-22. 28 (und)-29.
(226) 1852 Nov. 5—6 429
226. Engels an Marx; [1852 November 5—6].
Freitag.
Lieber Marx,
Es ist mir angenehm zu erfahren, daß ich nicht allein leide.
5 Vorgestern und gestern war Strohn hier, es wurde natürlich
schwer getrunken, er verließ mich diesen Morgen um drei Uhr
und wird hoffentlich heute abgesegelt sein. Das hat mir den
Gnadenstoß gegeben und ich bin für heute ganz kaput. Dies ist
auch der Grund, warum keine Übersetzung heute bei Dir ein-
io springt, es tut übrigens nichts, da irgend ein Southampton Steamer
ist, mit dem das Ding gehen kann und vor dem 11. im Parlament
doch nicht einmal eine Thronrede vorkommt.
Die Aktenstücke sind also glücklich angekommen, auch der
Brief Stiebers im Original. Jetzt wird die Sache heiter, sobald der
w edle öffentliche Ankläger geendigt haben wird. Etwas Alberneres,
als was der Seckendorf sagt, ist doch selbst bei angestrengter saurer
Arbeit des Gedankens nicht ans Licht zu fördern. Weil der Engels
hat drucken lassen, daß die besten Kommunisten die couragier¬
testen Soldaten waren, deswegen muß Bürgers wegen Komplott
2o verdonnert werden. Die Fragestellung schließe in sich, ob der An¬
geklagte den Willen gehabt habe — suspect de suspicion d’inci¬
visme—, und daher sei es auch ganz gleichgültig, ob der
Angeklagte Mitglied des Bundes sei oder nicht — also Herr
Seckendorf in seinerVerzweiflung an der Verurteilung von Daniels
25 und Co. fordert die Geschwornen direkt auf, auch den Bürgers
und Röser freizusprechen! Der Kerl muß wenigstens acht Nächte
durch stark brandy and water gesoffen haben, ehe es ihm so wüst
und wirr im Kopf werden konnte. In der ganzen Schmiere ist
doch auch nicht ein Wort to the purpose. Übrigens habe ich an der
x Freisprechung auch von Bürgers etc. keinen Moment mehr gezwei¬
felt, seit der Präsident die Fragestellung bekannt gemacht. Es ist
unmöglich, Bürgers’ Jammermanifest und seine Rundreisen in ein
„Unternehmen“ zu verwandeln, das den Zweck hatte, die Staats¬
verfassung etc. Oder soll es in den Annalen der Geschichte heißen:
Im Mai des Jahres 1851, während in London der Glaspalast er¬
öffnet wurde, reiste der Schneider Nothjung von Berlin nach Leip¬
zig, um die preußische Staatsverfassung umzustoßen und den Bür¬
gerkrieg zu beginnen. Zudem ist das Protokollbuch fallen ge¬
lassen, und, wie Strohn behauptet, sind unter den Geschwornen
v. Rath, v. Bianco, Leven, Leiden, Herstatt und noch einer ganz
gut.
Ich glaube, wie sich die Sache jetzt entwickelt, auch, daß wir
unter allen Umständen etwas publizieren müssen. Es wäre nur
Z. 4-12.
430
(226) 1852 Nov. 5—6
gut und sogar nötig, daß nach dem Prozeß Schneider und einer
der Angeklagten nach London kämen — ich würde sehen, daß ich
dann auf einen Samstag und Sonntag nach London käme, und
wenn alles abgesprochen, könntest Du mit hierher gehn, und das
Manuskript würde in einigen Tagen fertig sein. Inzwischen schreib s
an den alten Ebner, ob er dies Broschürli nicht bei Löwenthal an¬
bringen kann — meinetwegen auf halbe Rechte, für Gewinn wie
Verlust, zwischen ihm und uns.
Was Bangya angeht, so fällt der dringendste Verdacht gegen
ihn von selbst, sobald es feststeht, daß er nicht den vorletzten Brief io
an Kothes adressiert. Diese Nachricht, die mir Dr[onke] schrieb,
daß Bfangya] den vorletzten, also den letzten richtig ange¬
kommenen Brief adressiert habe, machte mich enorm stutzig. Wie
kommt aber der fiévreuse Kleine dazu, dergleichen Histörchen zu
erfinden? Die Geschichte mit dem Collmann ist aber auch faul, x
Dieser C[ollmann]sche Brief ist genau von derselben
Handschrift wie die früheren Eisermannschen; ich werde
ihn Dir morgen zurückschicken, aber ich bin der Ansicht, daß man
ihn behalten muß. Il y a là un faux. Wir werden nun durch
Weerth bald erfahren, was an dem Collmann ist; indessen laß Dir 20
doch von Bangya Aufklärung geben, wie denn Herr Clollmannl
dazu kommt, unter einer falschen Firma zu unterzeichnen etc. und
warum „der Mann“, und welcher Mann, gestorben sei, und wie es
komme, daß er jetzt auf einmal wieder lebe. Laß Dir auch von
Herrn B[angya] den „Kommissionär“ in London nennen, den er 25
nach dem einen Brief „kennt“. Laß Dronke, damit er was zu tun
kriegt, bei einem deutschen Buchhändler sich nach dem Collmann
erkundigen.
Es ist sehr kurios, all die Briefe kommen per Gelegenheit, da
ist nie ein Poststempel drauf, sie sind alle in einem so lieder- 30
liehen, nonchalanten Ton geschrieben, daß die Geschichte höchst
verdächtig aussieht. Dieser ist auch wieder „in einem Gasthofe bei
einem Freund“ geschrieben. Das sieht alles nicht businesslike aus.
Auch die alberne Ausrede, es sei seine Sache, wann das Ma¬
nuskript zu drucken sei. Genug, wenn Btangya] auch dabei so ehr- 35
lieh ist, wie es einem verlogenen Slawen möglich ist, so scheint mir
sein Freund in Berlin doch ein Hauptschurke zu sein. Indes jetzt
muß sich die Sache aufklären, da Herr C[ollmann] hier direkt als
Eigentümer des Manuskripts und als Verleger auf tritt. Existiert
kein Buchhändler des Namens, so ist die Geschichte fertig. 40
Die Theorie, daß ein Verleger ein Manuskript jahrelang in
seinem Pult liegen lassen kann, ist übrigens neu, und sieht auch
nicht sehr buchhändlerisch aus. Das mit den Kinderschriften halte
ich auch für dodge, in England kommt zu Weihnachten dergleichen
Scheiße ja gar nicht heraus, es ist auch so lose und unbestimmt ge- 45
z. 9-45 -
(226) 1852 Nov. 5—6
431
halten, daß der B[angya] daraus gar keinen positiven Auftrag ent¬
nehmen kann. In einem Gasthof schreibt man auch nicht auf
solches Saupapier, das einem preußischen Bureau viel ähnlicher
sieht. Enfin, nous verrons.
5 Übrigens, i c h kann hier an B[angya] gar nicht schreiben, denn
ich weiß ja gar keine Details über das, was zwischen Dir und ihm
vorgegangen ist, was er Dir gesagt hat, was er Dir sonst für Briefe
etwa gezeigt hat usw. Indessen, wir haben ihn jetzt.
Den 6. November. Ich kam gestern aus physischen Gründen
io nicht zur Absendung des Obigen. Seitdem wieder eine Stieberiade
in der Klölnischen] Z[eitung] gelesen. Also das Originalproto¬
kollbuch ist fallen gelassen, dagegen H. Liebknecht in Gestalt einer
Geldquittung von den Toten erstanden. Monsieur Hirsch und Kon¬
sorten — denn es müssen ihrer mehrere sein — scheinen die dum-
15 men preußischen Polizisten gehörig um Geld beschwindelt zu
haben. Il valait bien la peine, einen Polizeileutnant nach London
zu schicken, um diesen Bären angebunden zu erhalten, und dazu
die Nachricht von der ganz geheimen Sitzung bei Dir.
Was ist das aber eine Geschichte mit dem Fleury, Dronkes
2o Freund, der hier direkt und offen als Polizeiagent bezeichnet wird?
Das wird die Wut des Kleinen gegen B[angya] wohl etwas ab¬
lenken. Auch scheint jemand wegen des Stieberschen Briefs ge¬
plaudert zu haben, das schadet aber nichts, die Art, wie St[ieber]
selbst die Aufmerksamkeit auf dies Aktenstück lenkt und von „in-
25 famen Verleumdungen“ spricht, wird den Effekt nur noch ver¬
größern.
Weerth ist in Liverpool, kommt erst in einigen Stunden wieder,
so daß ich die Briefe von Schneider und Bangya bis morgen be¬
halten muß.
3o „Bürgers ist geständig, Mitarbeiter der Neuen Rheinischen
Zeitung gewesen zu sein!“ Das ist natürlich hinreichend, ihn zum
Galgen verurteilen zu lassen. So was ist mir doch noch nicht vor¬
gekommen.
Heut abend wird die K[ölnische] Zleitung] nun wohl die ersten
35 Nachrichten darüber bringen, daß sich das Blättchen gewendet hat.
Die Advokaten haben sehr richtig agiert, daß sie alles zurück¬
hielten, wenn sie nur jetzt gehörig ins Geschirr gehn.
Dein F. E.
Samstag.
Z. - 1-8. 21-29.
432
(227) 1852 Nov. 10
227. Marx an Engels; 1852 November 10.
28, Deanstreet, Soho.
10. November 1852.
Lieber Engels,
Einliegend Bericht meiner Frau über das gestrige Robert Blum- j
Meeting. Sie war in der Galerie der Freemasonstavern, wo es
stattfand, mit Imandt.
Was Bfangya] angeht, so halte nur den Brief von Collmann.
Wenn er mich danach fragt, werde ich fortwährend vergessen
haben, Dich um Rücksendung zu bitten. Läge ein absichtlicher iu
Betrug von B[angya]s Seite vor, so würde er selbst uns die Über¬
führungsstücke gegen ihn in die Hand geliefert haben. So viel ist
klar. Bfangya] war ursprünglich beschuldet, das Pariser Komplott
verraten, später in der Kölner Angelegenheit gemogelt zu haben.
Von beidem hat sich das Gegenteil herausgestellt. Die Adresse u
von Kothes scheint nach Schneiders Brief von einem Bekannten
des Kothes selbst verraten worden zu sein. Was endlich unsre
Broschüre betrifft, so wird Weerth wohl jetzt schon mit Collmanns
Adresse operiert haben und die Sache muß ins Klare kommen.
Ich habe Bfangya] einen Brief an Collmann gegeben, worin ich 20
ihm in bezug darauf, daß sein Termin für die Veröffentlichung
der Broschüre kontraktlich abgemacht ist, erkläre, es sei auch nicht
kontraktlich abgemacht, daß wir das Originalmanuskript, in des¬
sen Besitz wir noch seien, nicht in Brüssel oder New York, wenn
es uns beliebt, drucken lassen. Ebensowenig sei kontraktlich abge- 26
macht, daß nicht in vierzehn Tagen der zweite Teil, der fertig sei
und ein für sich abgeschlossnes Ganzes bilde, bei einem andern
Buchhändler, unter besondrem Titel, erscheine etc.
Nun zu der Kölner Angelegenheit.
Ich in Bürgers’ etc. Stelle würde Herrn Becker keinenfalls er- 31
laubt haben, auf Kosten aller andern sich so unverschämt als den
homme supérieur hinzupflanzen und zum Triumphe der Demokra¬
ten den Charakter des ganzen Prozesses so sehr herabzu¬
drücken. Sich verteidigen und sich eine Apologie auf fremde
Kosten halten, sind zweierlei. Becker ist einer der Epigonen der 3.
Revolution, der viel Schlauheit, aber wenig Verstand besitzt und
genau kalkuliert, wie er sich zum großen Mann heraufzuschwin¬
deln hat. Seine Talente sind alles die Talente d’un infiniment petit.
Die Regierung in ihrer Verzweiflung hatte, wie Du schon weißt,
in dem nachträglichen Bericht des Goldheim, zu heroischen Mit- 41
teln ihre Zuflucht genommen, aber sich nur von neuem in die Falle
geritten.
Die Aussage des Goldheim gab zwei Daten an die Hand:
„Greiff“ und „Fleury“.
Z. 8-28. 36 (besitzt)—38.
(227) 1852 Nov. 10
433
Ich stellte also Nachforschungen an (mietete zu diesem
Zweck selbst einen preußischen Mouchard)
über Greiff. Ich erhielt so seine Adresse und fand, daß er 17, Vic¬
toria Road, Kensington, wohne. Dies ist aber das Haus des Herm
.5 Fleury. Es war also konstatiert, daß Greiff bei Fleury wohnt.
Ferner stellte sich heraus, daß GLreiff 1 hier offiziell nicht als ..Po¬
lizeileutnant“, sondern als Attaché der preußischen Gesandtschaft
figuriert. Endlich, daß er Sonnabend den 6. November von hier
abgereist ist für einige Wochen. Wahrscheinlich nach Köln. Er
io selbst erklärte, er reise aus Furcht vor den Marxianern ab, Fleury
habe ihn geprellt etc.
Es war nun also klar: Greiff der Vorgesetzte von Fleury, Fleury
der Vorgesetzte von Hirsch. So hat sich die Sache auch heraus¬
gestellt.
iö Andrerseits begaben sich Freitag den 5. November Imandt
und Dronke zu Fleury, mit der Kölnischen Zeitung in der Hand.
Er spielte natürlich den Überraschten, behauptete, keinen Greiff
zu kennen, erklärte sich zu allen Erklärungen vor dem Magistrat
bereit, wollte aber vorher seinen Advokat sprechen, gab zwei Ren-
2o dezvous für Sonnabend den 6. November, eins für zwei, das
andre für vier Uhr, hütete sich aber wohl, zu erscheinen und
machte, daß die Polizei so einen neuen Tag gewann, an dem wir
nicht operieren konnten, einige vorläufige Briefe nach Köln ab¬
gerechnet. Sonntag den 7. November endlich preßten ihm Dronke
25 und Imandt eine Erklärung ab, die Du in der „Kölnischen“ lesen
wirst. Ich schicke Dir Kopie davon, die ich in diesem Augenblick
nicht finde. Nachdem sie die Erklärung in der Tasche, erklärten
sie ihm, er sei Spion, Greiff wohne bei ihm, wir hätten alles das
gewußt und mit der Polizei gespielt, während sie mit uns zu spie-
so len glaubte. Er fuhr natürlich fort, seine Unschuld zu beteuern.
Endlich sandte ich Kerle herum (u. a. den versoffnen General
Herweg^), um Hirschs Wohnung aufzutreiben. Es fand sich, daß
er nicht weit von Fleury, ebenfalls in Kensington wohne.
Ehe ich nun weiter erzähle, noch eins. Die ganze Aussage
35 des Goldheim wird Dir sehr klar, wenn Du erwägst: 1. daß
am 30. Oktober (Sonnabend) Goldheim hier war und mit
dem preußischen Gesandtschaftssekretär Albert[s] sich zu Greiff
und Fleury begab; 2. da ß am Morgen desselben 30. Ok¬
tober unsre Erklärung über die bevorstehenden Enthüllungen
in fünf englischen Blättern erschien; 3. daß für denselben
30. Oktober Fleury dem Imandt und Dronke ein Rendezvous
gegeben, weil Dronke statt dem Imandt die französische Stunde
für ihn übernehmen solle. 4. Daß aber, bevor Stieber seine
zweite Vernehmung mit den Enthüllungen über London gab, ich
9 Im Orig. Herwegh
28
434
(227) 1852 Nov. 10
gleich nach seiner ersten Vernehmung über Cherval etc. eine
Erklärung in die „Kölnische Zeitung“, „Frankfurter Journal“
und „Nationalzeitung“ schickte, worin schon dem Stieber mit
seinem Briefe an mich gedroht wurde. Diese Erklärung er¬
schien zwar in keiner der Zeitungen. Post und Polizei hatten aber s
unstreitbar Notiz davon genommen.
So klärt sich die „Hellseherei“ Stiebers und die Allwissenheit
seiner Polizeiagenten in London höchst prosaisch auf. Alles, was
Goldheim sonst gesagt, waren fabulae. Nach Köln habe ich auf
verschiednen Wegen die nötige Aufklärung über diese Dinge 2a
gelangen lassen neben Fleurys Erklärung.
Aber nun kömmt ein Hauptwitz.
Es war natürlich meine Absicht, einen warrant gegen denHirsch
zu nehmen, wozu ich eben seine Wohnung ausgeforscht hatte. Ich
erhielt die Adresse aber erst Sonnabend. Hatte ich den warrant 15
gegen Hirsch, so war ich sicher, daß dieser den Fleury und Fleury
den Greiff hereinreiten würde.
Was geschieht? Willich, ganz im geheimen, begibt sich am
Freitag mit Hirsch in Gegenwart Schärttners auf die Magistratur
in Bowstreet, läßt Hirsch angeblich in einem dreimal gefertigten 20
Dokument gestehn, daß er und Fleury seit einem hal¬
ben Jahr ungefähr die falschen Protokolle
fabriziert, schickt diese drei Dokumente 1. an Göbel, den
Assisenpräsidenten, 2. an Schneider, 3. an die Kölnische Zeitung
— und gibt dem Hirsch das Geld zum Entrinnen, ja, läßt ihn 25
selbst auf den Dampfer bringen, angeblich, damit er selbst in Köln
gestehe.
Wir alle erfuhren dies erst durch die Nachforschungen, die wir
nach Hirsch angestellt, und zum Teil in Bowstreet, wo wir warrant
herausnehmen wollten. Schapper erzählt selbst dem Liebknecht, 30
daß Willich ihm kein Wort von dem allen mitgeteilt. So hat
Herr Willich uns die Handhabe der Prozedur, die wir in London
selbst anstellen wollten, aus der Hand eskamotiert! Zu welchem
Zweck? Dies ist sehr einfach, wenn erwogen wird, daß er seit
einem Jahr der homme entretenu des Kaufmann Fleury 35
war, jedenfalls also sehr kompromittierliche
Sachen herauskämen, wenn wir den Fleury
fassen ließen.
Wie hoch dieser Fleury übrigens (ich habe ihn nie gesehn)
bei den Demokraten angesehn — Techow bei seiner Ab -40
reise nach Australien schrieb ihm noch vom
Schiff einen Brief, worin er ihm bezeugt, daß
Kopf und Herz ihm auf dem rechten Fleck sitzt.
Das Geld, das Willich dem Hirsch zur Abreise gegeben, hat er
sicher selbst von Fleury zu diesem Behuf erhalten. 45
Z. 32-37. 43-44.
(227) 1852 Nov. 10
435
Hirsch hat gestanden, er habe Liebknechts Handschrift nach¬
zumachen versucht und unter der Leitung des Kaufmann Fleury
(dieser Hund ist dabei vermögend und in eine sehr respec¬
table englische Quäkerfamilie hineingeheiratet) gearbeitet, wie
5 Fleury selbst unter Greiffs Leitung stand. So bestätigt sich voll¬
kommen alles, was ich gleich aus dem von der „K [Ölnischen] Z[ei-
tung]“ gegebenen Inhalt und Daten des Originalprotokollbuchs
herausdeduziert hatte und was von den Advokaten bis jetzt keiner
gehörig exploitiert hat.
io Daß die Kölner Angeklagten freikommen, alle ohne Aus¬
nahme, unterliegt nach meiner Ansicht keinem Zweifel.
Es ist mir lieb, wenn Du dem Strohn schreibst, er verpflichte
mich sehr, wenn er gleich einige Pfunde mir schicke. Von den
4^ 10 sh., die ich durch Dich erhalten, sind beinahe 3^ für die
is Laufereien, Mouchards etc. draufgegangen. Es benutzten natür¬
lich auch unsre armen Bundesfreunde die vielen Laufereien, Ren¬
dezvous etc., um eine ganz erträgliche Summe von faux frais de
production für Bier, Zigarren, Omnibus etc. herauszubeißen, die
ich natürlich liquidieren mußte.
2o Die Gedichte von Freiligrath erhältst Du.
Apropos ! Reichenbach hat eine „Lithographierte Er¬
klärung“ an alle amerikanischen Journale erlassen, worin den
Willich-Kinkel übel mitgespielt. Es geht daraus hervor, daß Kin¬
kel sich u. a. allein für seine Reise 200-^ St. liquidiert hat. Ich
25 werde das Dokument schaffen und ins Archiv liefern.
Dein K. M.
Gruß [an Weerth.] Vehse gestern abgereist. Nach Frankfurt
schon wegen unsrer Broschüre geschrieben. Schreiben wir nicht,
so bemächtigt sich Becker ad majorem gloriam Beckeri
so der ganzen Geschichten.
228. Engels an Marx; [1852 November ca. 12].
Vergiß nicht, mir die Exemplare der Gedichte von Freiligrath
wegen Kinkel umgehend zu schicken. In Bradford haben wir
schon Leute, die ihn auffordern wollen es vorzulesen.
35 Hirsch muß noch hier sein, wenigstens war er positive¬
ment vorige Woche hier, wo ich ihn im Athenäum sah. Ein
anderer Kerl, der ihm aufs Haar ähnlich sieht, war auch hier
und machte mich zuerst irre. Ob er hier eine Stelle hat oder sucht?
Übrigens, als Du zuletzt hier warst, begegnete uns einmal ein Kerl
40 in Broughton und rief: Guten Morgen, Marx! Wir konnten uns
nicht darauf besinnen, wer es war: es war der Hirsch. Der Kerl
Tintenfleck.
28*
Z. 20-24.
Nr. 228.
436
(228) 1852 Nov. ca. 12
macht also Kunstreisen. Sobald der Prozeß vorüber ist, muß man
den Kerl doch durchprügeln lassen.
229. Marx an Engels; 1852 November 16.
28, Deanstreet, Soho, London.
16. November 1852. ;
Lieber Engels,
Wenn es Dir möglich ist, so mache für Freitag einen Tribune-
artikel über die Kölner Affäre. Du kennst jetzt alles Material
ebensogut wie ich, und ich habe seit vier bis fünf Wochen meine
Hausscheiße so sehr vernachlässigt über dem public business, daß io
ich diese Woche noch, auch beim besten Willen, nicht zum Arbei¬
ten komme.
Du hast mir nicht angezeigt, ob Du das vorige Woche an Dich
abgeschickte Reichenbachsche Zirkular erhalten?
Eine Erklärung für die englische Presse über die Kölner An- is
gelegenheit wird heute abend konsultiert. Es wird kaum Zeit
bleiben, sie Dir noch vorher zur Ansicht zuzuschicken. Machst Du
aber eine solche, die bis Donnerstag morgen noch hier ist,
so ist es mir lieber.
Dein K. M. 20
Gruß an Weerth.
Kossuth-Mazzini ließen sich am 9. bei dem Rugemeeting krank
melden. Dafür erschienen sie am 10. bei den „Friends of Italy“.
Ledru [-Rollin] entschuldigte sich gar nicht.
230. Marx an Engels; 1852 November 19.° 25
28, Deanstreet, Soho, London.
19. November 1852.
Lieber Engels,
Der Bund hat sich vergangenen Mittwoch auf meinen Antrag
hin aufgelöst und die Fortdauer des Bundes auch auf dem 30
Kontinent für nicht mehr zeitgemäß erklärt. Auf dem
Kontinent hatte er übrigens ja seit der Verhaftung von Bürgers,
Röser faktisch schon aufgehört. Einliegend eine Erklärung für
die englischen Blätter usw. Außerdem mache ich noch eine litho¬
graphische Korrespondenz ausführlich über die Polizei- 35
Schweinereien und für Amerika eine Aufforderung zu Geld
für die Gefangenen und ihre Familien. Freiligrath Kassierer. Ge¬
zeichnet von allen unseren Leuten.
Dein K. M.
x) Von diesem Brief fehlt die Handschrift.
Nr. 228.
Z. 13-14.
(231) 1852 Nov. 27
437
231. Engels an Marx; 1852 November 27.
Lieber Marx,
Wenn ich Dir viel schaffen kann für den Druck der Broschüre,
so wird es 2 bis 3 höchstens sein — ich bin augenblicklich selbst
5 fest. Aber drei Druckbogen, das gibt zwischen 10 und 12 -^ Kosten,
mit Broschieren usw. noch mehr. Wenn die Sache nicht auf dem
Kontinent und für Rechnung, wenigstens unter Beteiligung, eines
Buchhändlers gedruckt wird, so kommt sie gar nicht herum. In
Preußen usw. wird sie, wenn sie hinkommt, konfisziert, und die
io Buchhändler prellen uns.. Wir werden also das Geld als der Ge¬
schichte geopfert ansehn müssen, denn heraus kommt in s., d.
gewiß nichts dabei. Es fragt sich nun, ob wir diesen Betrag jetzt
daran setzen können; ob es nicht wenigstens besser wäre, die Ge¬
schichte auf ein bis anderthalb Bogen zusammenzudrängen, da-
is mit die Kosten unsern Kräften etwas angemessener werden? De¬
zember und Januar sind meine zwei schwersten Monate im ganzen
Jahr; vor Februar kann ich schwerlich an weitere Zahlungen für
die Kosten denken. Lassen wir auf Kredit drucken, so hält uns der
Drucker am Ende, wie dem Weydemeyer, die Exemplare zurück,
to bis er bezahlt ist. Und unter allen Umständen müssen wir doch
vorher sehen, welche Möglichkeit der Verbreitung da ist; bis jetzt
seh’ ich aber so gut wie gar keine.
Weerth wird morgen nach London kommen, er segelt am 2. De¬
zember von Southampton ab. Sein outfit ist ihm sehr teuer zu
25 stehn gekommen. Strohn reist auch dieser Tage nach London und
von da nach dem Kontinent. Bei den vielen Reisespesen, die sein
Etablissement (noch dazu, wie ich höre, mit fremdem Kapital)
ihm macht, wird auch von ihm nichts zu erpressen sein. So sind
wir alle fest.
30 Meine Meinung ist, wenn Du nicht ganz gute buchhändlerische
Wege zur Verbreitung hast, so wird die Geschichte gar nicht ein¬
mal bekannt und geht vorüber, wie alle in der Emigration ge¬
druckte Literatur, ohne daß man in Deutschland die Geschichte
zu sehen bekommt. Und das ist sehr schlimm, in mancher Be-
35 ziehung sogar schlimmer, als wenn gar nichts geschähe. Denn es
bewiese öffentlich, daß wir auf die ausländischen deutschen
Winkelpressen angewiesen sind und gar nichts ausrichten können.
Von der mit dem Bürgersschen Rundschreiben verknüpften Bla¬
mage haben wir uns in unsre mysteriöse literarische Position
4o zurückziehn können, aber auch diese kann durch ein solches Ge¬
ständnis unsrer literarischen Ohnmacht kompromittiert werden.
Die preußische Regierung würde sich freuen, zu sehn, daß wir
auf die Mittel der Publizität reduziert sind, die den Demagogen
von 1831 im Exil zu Gebote stehn und fast gleich Null sind. Es
438
(231) 1852 Nov. 27
ist schlimm, daß es so ist, aber ich glaube, wir tun besser, wenn
w i r dies wenigstens nicht an die große Glocke hängen. Und nach
der Rheinprovinz, wohin doch der Hauptabsatz wäre, bringen wir
kein Exemplar, ohne hundert Leute zu kompromittieren, seitdem
das neue Verbrechen der hochverräterischen Korrespondenz 5
[..?..] ° von der Jury anerkannt ist.
Ich werde Dir das Geld am 1. oder 2. Dezember schicken, über¬
leg Dir die Sache noch einmal, und wenn Du glaubst, doch die
Broschüre besser auf diesem Wege als gar nicht zu drucken, so
suche wenigstens solche Arrangements zu treffen, daß wir mit dem io
Zahlen nicht in Verlegenheit kommen, wie gesagt, vor Februar
kann ich mich zu nichts verpflichten.
Weerth wird Dir vielleicht schon geschrieben haben, daß Herr
Chr. Collmann in der angegebnen Adresse 58 oder 59 Neue
Königsstraße und überhaupt in Berlin nicht aufzutreiben is
ist, wie auch niemand einen Buchhändler dieses Namens kennt.
Après tout, il paraît pourtant qu’on a voulu nous jouer. Herr Ban¬
gya erhält jetzt vorderhand nichts von mir zurück. Am Ende war
der „Handlungsreisende“ Schulz und der verstorbene Polizei¬
schulze eine und dieselbe Person. 20
Grüß Deine Frau und Kinder bestens. In etwas über zwei
Wochen bin ich in London.
Dein F. E.
Samstag, 27. November 1852.
232. Engels an Marx; 1852 November 29.
Lieber Marx,
Es ist mir über beiliegendem Artikel ein Uhr nachts geworden,
aber morgen früh neun geht noch eine Post. Ich will das Experi¬
ment versuchen, ob Du ihn noch zur Zeit für den Steamer erhältst
(Dienstag abend per ersten Mail nach Liverpool), wo nicht, mußt 30
Du ihn per Freitagssteamer senden.
Morgen muß ich aus der Stadt, komm’ ich früh genug wieder,
so schick ich Dir Geld.
Erhalte ich bald einen Artikel über England für die Tribune?
Ich kann jetzt wieder arbeiten. 35
Cobden scheint in seinen Ministerhoffnungen von Graham und
Russell etwas enttäuscht worden zu sein, diese scheinen ihn kühl
abfahren zu lassen, sonst kann ich mir seine Wut am Freitag nicht
erklären. Seit 1844 hat der Kerl nicht so ingrimmig gesprochen.
He is a disappointed2) démagogue again, solange wie es dauert.
O Papier beschädigt.
2) Korr, aus discontented
Z. 13-20.
(232) 1852 Nov. 29
439
Übrigens ist es gut, daß die Tories in der Majorität waren, nun
kriegen wir doch Disraelis Budget zu hören. Hätte der Kerl mehr
Kenntnisse und Verstand und weniger Schlauheit und Diebs¬
gelüst, so wäre nichts leichter, als den freetradem ein freetrade-
<5 budget zurecht zu machen, wobei ihnen grün und rot vor den
Augen wird. Wenn sich die Kerle nur halten, bis die Krise kommt!
Wir sind décidément im excitement, obgleich auch dies noch sehr
pian piano geht. Aber einerlei, die sechs Seiten joint-stock-
Annoncen der heutigen Daily News, woraufhin sie schon die Times
io auszustechen glaubt, und dazu die ca. 50 bis 80 ausländischen
Eisenbahn-, Goldminen-, Dampfschiffs- usw. Gesellschaften wer¬
den ihre unvermeidliche Wirkung nicht verfehlen. Der Geschmack
„nach mehr“ bleibt nicht aus. Glücklicherweise ist der einzige Um¬
stand, der die Baumwollindustrieüberproduktion frühzeitig unter-
15 brechen konnte, beseitigt; die neue Ernte wird weitüber drei
Millionen Ballen, die größte also, die je da war, und
Baumwolle geht wieder herunter; an Rohstoff wird’s also nicht
fehlen. Jetzt nächstes Jahr eine Mißernte in Korn, und wir werden
einen schönen Tanz erleben. Ohne eine solche ist bei den anormalen
2o Verhältnissen, den wie Pilze wachsenden australischen und kali¬
fornischen Märkten, wo ein Individuum ca. viermal soviel kon¬
sumiert als anderswo, weil fast keine Weiber und Kinder da sind
und viel Gold in den Städten verludert wird, bei dem neuen Markt,
den die Kalkuttaer Häuser jetzt schon in Birma exploitieren, bei
25 der Ausdehnung des Handels von Bombay und Kurrachee mit dem
Nordosten von Indien und den Grenzländern (diese speziell ist
sehr groß) usw., schwerlich zu sagen, ob es im nächsten Jahr
schon zu etwas Dezisivem kommt.
Dein F. E.
so Manchester, Montag, 29. November 1852.
233. Marx an Engels; 1852 Dezember 3.
3. Dezember 1852.
28, Deanstreet, Soho, London.
Lieber Frédéric,
35 Du würdest schon lang Antwort auf den Brief (mit der Einlage
des Aufsatzes für Dana) erhalten haben, wenn ich nicht doppelt
oeschäftigt und abgehalten gewesen wäre durch das Diktieren
meiner Broschüre in Reinschrift und dann durch Besuche von
Weerth, Strohn, Damm etc.
40 Die Broschüre wird aller Wahrscheinlichkeit nach in der
Schweiz gedruckt bei Schabelitz junior, der sich von seinem Alten
440
(233) 1852 Dez. 3
separiert und eine eigne Buchhandlung etabliert hat. Außerdem
kann Cluß, wenn er die Produktionskosten damit herauszuschlagen
meint, die Sache in Washington drucken lassen. Gedruckt muß
die Sache werden, schon um als öffentliches Dokument nach Aus¬
bruch der Revolution vorhanden zu sein. Ich habe noch neue, sehr 5
interessante Entdeckungen über das Komplott Cherval etc. ge¬
macht, die Du hoffentlich gedruckt lesen wirst.
Weerth kam Sonntag abend, fand mich sehr beschäftigt und
nicht ganz rosig gelaunt. Er fragte mich, „was ich denn eigentlich
über die Kölner Geschichte schreiben wolle?“ — und dies zwar in io
etwas vornehm näselndem Ton. Ich fragte ihn, „was er in West¬
indien wolle?“, und nach Zeit von einer Viertelstunde verschwand
er. Dienstag abend kam er wieder und sagte mir, er hätte eigent¬
lich nicht wieder kommen wollen, habe aber dem Andringen Frei¬
ligraths nachgegeben. Ich habe ihm nämlich Sonntag sehr be- u
schäftigt und verdrießlich geschienen. Ich nahm mir die Freiheit,
Herm Weerth darauf aufmerksam zu machen, daß er neun Zehntel
der Zeit, die ich ihn kenne, immer verdrießlich und malcontent
war, was er von mir nicht behaupten werde. Nachdem ich ihm den
Kopf etwas gewaschen, fand er sich wieder zurecht und wurde — &
wieder der alte Weerth. Ich finde, daß er verdammt verbürgert ist
und seine Karriere zu sehr „au sérieux“ nimmt. Strohn ist wenig¬
stens immer der alte und pas trop fin.
Herr Bangya hat heut von mir folgenden Brief erhalten:
„Ich erhalte heute einen Brief von Engels mit höchst kuriosen 25
Mitteilungen.
Engels hat nicht unter der von Ihnen angegebnen Adresse ge¬
schrieben, denn, bemerkt er, was beweist selbst ein Antwort¬
schreiben auf einen Brief, der nicht unter direkter Adresse, son¬
dern erst durch Vermittlung einer zweiten Adresse poste restante so
geschrieben ist?
Engels hat dagegen Geschäftsfreunde in Berlin beauftragt, Er¬
kundigungen einzuziehn. Sie berichten ihm nun nach den sorg¬
fältigsten Nachforschungen:
1. existiere keine Firma Collmann. 30
2. existiere kein Individuum Ctollmann] unter der ange¬
gebnen Adresse 58 oder 59 Neue Königsstraße.
3. sei Collmann überhaupt nicht in Berlin aufzutreiben.
Engels macht mich ferner darauf aufmerksam, daß die beiden
Briefe, gezeichnet Eisermann und der Brief gezeichnet Collmann. 10
von derselben Hand herrühren, daß alle drei die sonderbare Eigen¬
schaft besitzen, lose Zettel ohne Poststempel zu sein, daß in den
zwei ersten Eisermann, in dem letzten Collmann als Verleger direkt
auftritt etc. und daß die Sache in den siebenten Monat verschleppt
ist unter Vorwänden, die sich wechselseitig widersprechen. 45
Z. 24-45 -
(233) 1852 Dez. 3
441
Ich frage Sie selbst, nachdem Collmann sich ebensosehr als
Mystifikation ausgewiesen hat, wie früher der nicht existiert¬
habende Verleger der ,Konstitutionellen] Zeitung6 Eisermann,
in welcher rationellen Weise alle diese Widersprüche, Un-
5 Wahrscheinlichkeiten, Mysterien in einer so einfachen Sache, wie
der Verlag einer Broschüre ist, erklären?
Durch ,Vertrauen6 lassen sich Tatsachen nicht weghexen, und
Leute, die sich achten, muten sich wechselseitig keinen blinden
Glauben zu.
io Ich gestehe Ihnen, daß ich beim besten Willen immer wieder
gezwungen bin, je mehr ich diese Geschichte hin und herwende,
sie verdammt unklar zu finden und daß ich ohne meine persön¬
liche Freundschaft für Sie ohne weiteres in den Schluß von Engels’
Brief einstimmen würde: ,Après tout, il paraît pourtant qu’on a
15 voulu nous jouer.6 Ihr etc. Marx.
P. S. Engels macht mich schließlich noch aufmerksam, daß
selbst absolut nichts bewiesen und nichts gefördert wäre, wenn
auch das fragliche Manuskript für ein paar Tage in London wie¬
dererschiene. Was könnte dies auch beweisen außer die Existenz
20 und die Identität des Manuskripts, die niemand bezweifelt.66
Morgen werden wir sehn, was Herr B[angya] antwortet.
Bonapartes Kaiserreichhonigmonate sind prächtig. Der Kerl
hat immer auf Pump gelebt. Machen wir die Pumpanstalten in
Frankreich so allgemein und allen Klassen der Franzosen so zu-
25 gänglich als möglich — und alle Welt wird glauben, daß das Mil¬
lennium herangekommen ist. Dazu direkt eine eigne Bank für
stockjobbery und railwayhumbug. Der Kerl bleibt sich immer
gleich. Der Industrieritter und der Prätendent verleugnen keinen
Augenblick einer den anderen. Wenn er nicht Krieg macht und
io bald macht, so geht er an den Finanzen kaputt. Gut ist’s, daß
Proudhons Erlösungspläne sich in der einzigen Form realisieren,
in der sie praktikabel sind — als Kreditschwindel und mehr oder
minder direkte Prellerei.
Ich freue mich sehr auf Deine Ankunft hierher.
Dein K. Marx.
234. Marx an Engels; 1852 Dezember 14.
14. Dezember 1852.
28, Deanstreet, Soho, London.
Lieber Engels,
io Ich habe Dich während der ganzen Zeit mit Hämorrhoiden
akkompagniert. Nur bleiben sie bei mir diesmal, da sie glück¬
licherweise in die magre Kuhzeit fielen, ohne die „perfide66 Ent¬
z. - 1-21.
442
(234) 1852 Dez. 14
wicklung. Im Notfall mußt Du Blutigel anwenden. C’est le grand
moyen.
Das Geld gestern vor acht Tagen erhalten.
Aus der folgenden Kopie eines Briefes von Schabelitz jr. siehst
Du, wie es mit den „Enthüllungen über den Kölner Kommunisten- 5
prozeß“ steht:
Basel, 11. Dezember 1852.
„Lieber Marx! Das Manuskript ist vorgestern unversehrt in
meine Hände gekommen und heute lese ich bereits den ersten Kor¬
rekturbogen. Die Broschüre wird aus ganz neuer Schrift splendid w
gesetzt und in 16° gedruckt. Die Korrektur werden wir bestmög¬
lichst besorgen. Das Ganze wird 70 bis 80 Seiten im Drucke geben,
und ich glaube, wir dürfen den Preis pro Exemplar auf 10 Silber¬
groschen festsetzen, da jedenfalls ein Teil der Auflage (2000
Exemplare) konfisziert werden dürfte. Die Hauptsendung werden
wir in die Rheinprovinz machen. Ich bin überzeugt, daß die Bro¬
schüre ungeheures Auf sehn machen wird, denn sie ist ein Meister¬
werk. Wir waren vier Personen, als wir das Manuskript dusch-
lasen, und darunter zwei sehr kompetente, urteilsfähige Männer;
(ob Schfabelitz] sich wohl selbst unter diese „Kompetenten“ 20
zählt?) und wir waren alle einstimmig in unsrem Lobe. Aller¬
dings ist der preußischen Regierung ein ,Denkmal6 dadurch ge¬
setzt. — Mit herzlichen Grüssen an die Partei Marx.
Ihr J. Schabclitz.“
Letztrer Witz bezieht sich darauf, daß ich einigermaßen fürch- 23
tete, Sch[abelitz] werde Anstoß nehmen an der rüden Behandlung
der Partei Willich-Sch [apper], zu der er selbst plus ou moins ge¬
hörte.
Da Geheimhaltung die Hauptsache ist, damit die Sache nicht
gleich an der deutschen Grenze konfisziert wird, habe ich hier all- 30
gemein verbreitet, es erscheine eine Broschüre über die Kölner
Angelegenheit in Amerika.
Um Dich in Deinem Hämorrhoidal-Zustand nicht zu belästigen,
habe ich eine für Dana bestimmte Kritik des Budget Disraeli
durch Pieper tant bien que mal übersetzen lassen und vorigen 35
Freitag nach Amerika geschickt.
Entschuldige, wenn ich diesmal nicht mehr schreibe. Ich habe
ein Kopfweh von allen zehn Teufeln.
Dein K. Marx.
Z. 20-21 (zählt?)
1853
235. Engels an Marx; 1853 Januar 11.
Lieber Marx,
Ich hoffte gestern noch auf meinem Wege zur Eisenbahn bei
5 Dir vorkommen zu können, denn infolge eines über meine ver¬
längerte Abwesenheit und die hier sich häufende Arbeit sich etwas
unangenehm aussprechenden Briefs war ich genötigt, plötzlich
aufzupacken und dem Comptoir zuzueilen. Meine Citygeschäfte
hatte ich schändlich vernachlässigt und mußte sie also gestern im
io letzten Moment abmachen. Dadurch wurde ich so aufgehalten,
daß mir nichts übrig blieb, als recta via abzusegeln, wenn ich
heute, was notwendig war, at a decent hour im Comptoir erschei¬
nen wollte; ohnehin wäre ich bei Dir sonst zu einer Abendstunde
eingesprungen, wo sich die gesamte Jüngerschaft einzufinden
15 pflegt, und in diesem Falle hätte ich nicht für die Folgen resp.
Pötte bei Göhringer, Zimmermann, Wood und andern Nachtknei¬
pen gestanden.
Es wird am besten sein, wenn Du die Briefe von Cluß etc.,
amerikanische Zeitungen und sonstige Geschichten in ein parcel
2o packst und sie per Pickford & Co. oder Chaplin, Home & Co.
hieher, an mich, Adresse Efrmen] und E[ngels] schickst, damit
der Concem das Porto trägt.
Hier finde ich einen Brief, in passablem Englisch, von Madier
wegen seines Patents, das etwas in unsre Industrie schlägt. Er
25 hat, die Sache mag gut sein oder nicht, wieder den Kopf voll Ro¬
sinen, doch werde ich sehn, was ich tun kann. Ist die Erfindung
gut, so kann er gehörig dran verdienen, da der Absatz fast gren¬
zenlos ist. Wenn Du ihn sehen solltest, so sag ihm, ich würde ihm
dieser Tage schreiben, aber ich habe wieder alle Hände voll zu tun.
3o Ich wollte, einige unsrer Jungens in London kämen wirklich zu
einem plus ou moins soliden Erwerb, denn die Bummelei wird
arg, und gerät man einmal unter sie, so ist zehn gegen eins zu
wetten, daß man unter 36 Stunden nicht aus der Bekneiptheit
herauskommt, wie mir solches zweimal passiert ist, zur großen
35 Verwunderung meiner Schwester.
Im Frühjahr oder Anfang Sommer komm ich wieder nach
London.
Ist die Geschichte von Schabelitz noch nicht da?
Z. 18-29.
444
(235) 1852 Jan. 11
Herzliche Grüße an Deine Frau und Kinder, grüß auch die
bekneipte Bande.
Dein F. E.
Manchester, 11. Januar 1853.
236. Marx an Engels; 1853 Januar 21.
21. Januar 1853.
Lieber Engels,
Wenn es Dir irgend möglich ist, so übersetze den ganzen
beigefügten patch und schicke ihn direkt von Manchester
(indem Du meinen Namen unterzeichnest) über Liver- io
pool oderSouthampton, je nachdem der steamer geht, an „A.Dana,
One of the Editors of the New York Tribune, New York.66
Die Sache steht nämlich so:
Da das Pech hier die climax erreicht, habe ich für zehn Artikel
(den beiliegenden eingerechnet) 20 St. auf Greeley
gezogen und ihm geschrieben, der Abschreiber sei nicht ganz mit
dem Abschreiben des Artikels (der daher auch von Freitag datiert
werden muß) fertig geworden; er würde ihn Dienstag
abgeschickt erhalten. Ich habe ihm die Artikel zu 2 £ S t.
berechnet, was Dana in seinem Briefe vom 16. Dezember 1851 20
versprochen, bisher aber nicht gehalten hat (für current letters).
Jüdchen Bamberger hat mir bisher noch keinen centime ge¬
geben, aber versprochen, und ich werde ihm nach und nach
auf den Wechsel wenigstens 15 £ (bis er kömmt) abpressen.
Der vorliegende Artikel muß wegen der Berechnung 23
zu 2 £ ganz abgeschickt werden. Das Thema mit der Herzogin
von Sutherland wird in Amerika Lärm machen.
Apropos! Blind hat mich schon zweimal wegen des Buchs von
Herzen getreten. Du mußt es mir daher zurückschicken.
Es ist zwei Uhr Nacht. Ich kann daher den Brief nicht mehr 30
Stampen lassen und muß ihn unfrankiert abschicken.
Dein K. M.
237. Marx an Engels; 1853 Januar 29.
29. Januar 1853.
28, Deanstreet, Soho, London. 35
Lieber Engels,
Die £ 3 erhalten und das rückgesandte Manuskript.
Du mußt mich entschuldigen, daß ich so lang nicht geschrie¬
ben. Die pressure from without erklärt Dir das.
Z. 1 (grüß)-2. 22-24.
(237) 1853 Jan. 29
445
Willich ist vor ungefähr vierzehn Tagen als Kinkels Agent nach
Amerika abgeschoben.
Frau von Brüning ist vor ein paar Tagen begraben worden.
Durch ungeschickte Manœuvres der Parlamentler Reichenbach
j und Löwe und Nachlässigkeit von Imandt sind die £ 1000 in die
Hände des Herm Kinkel zurückgefallen, und zwar so, daß das
Geld auf seinen Namen in der Bank of England deponiert ist
und Reichenbach den Depositschein ihm im Mai überliefern soll,
wenn die Garanten nicht anders beschließen. Beschlüsse, die jetzt
io natürlich keinen Wert mehr haben.
Herr Bangya ist seit drei Wochen in Paris. Liebknecht hat eine
sehr gute Stelle bei dem Juden Oppenheim bekommen. Die andre
Bevölkerung, excepte Imandt, noch flottierend.
Die Broschüre bei Schabelitz wurde erst fertig 11. Januar.
15 Sechs Bogen ungefähr. Er scheint aber nichts nach London schicken
zu wollen, bis er die Sache glücklich nach allen Punkten in Deutsch¬
land spediert und Avis erhalten hat.
Die Herrn Kölner, namentlich Daniels, verharren in ihrem
würdigen Schweigen. Antwort darauf, daß man vier bis fünf
2o Wochen alle Geschäfte ihrer Angelegenheit hintansetzte.
Aus einliegendem Ausschnitt der Arbeiterrepublik0 (Redak¬
teur Weitling) siehst Du das Gift dieses Schneiderkönigs und Dik¬
tators der Kolonie „Communia“ über den Kölner Kommunisten¬
prozeß und die Partei Marx et Co.
25 Gestern habe ich zum erstenmal riskiert, selbst einen Artikel
englisch zu schreiben für Dana. Pieper spielte den Korrektor,
und wenn ich nur erst eine ordentliche Grammatik angeschafft und
beherzt drauflosschreibe, wird’s passablement gehn.
Zwei Apropos:
3o D’abord: Blind tritt mich fortwährend wegen des Buchs von
Herzen.
Zweitens: Vergiß nicht, in Deinem nächsten Brief das Rund¬
schreiben und die Rechnungsablage von Reichenbach herzuschik-
ken. Dronke braucht’s für Eröffnung einer neuen Korrespondenz.
35 Bei dem Stand der Winterernte bin ich überzeugt, daß die Kri¬
sis nun will become due. Solange der staplearticle, food, erträg¬
lich abundant und wohlfeil blieb, zusammen mit Australien etc.,
konnte die Sache sich immer noch in die Länge ziehn. Jetzt wird
dem ein stop gesetzt werden. Übrigens, klingt es nicht sonderbar,
40 wenn z. B. der Economist apologetisch von der jüngsten
discountregulation der Bank of England schreibt, ihr Zweck
sei „to prevent the exportation of capital“. Wir wissen
recht gut, was dies soll. Aber könnte man sein freetrader-Gewissen
9 „Republik der Arbeiter“
7. 4 11 18 20. 29 34
446
(237) 1853 Jan. 29
nicht beunruhigen durch die Frage: Willst Du die „exportation
of capital“ in der Form von cottons, yarns etc. ebenfalls prevent?
Warum denn in der Form of gold? Ist das Ende der freetrade
economy, daß sie zum mercantilism pur zurückkebrt und den
efflux and influx of gold als den nervus rerum betrachtet? 5
In der City glaubt man allgemein an Krieg seit der letzten Rede
Bonapartes. Ich habe auch einen Brief des alten Ebner aus Frank¬
furt erhalten, worin er von dem Schrecken spricht, den Bonapar¬
tes Hochzeitsrede auf die Seidenpuppen in Deutschland, speziell
die Diplomaten in Frankfurt a. M., hervorgebracht hat. Welche 10
Tölpel unsre Vaterländler sind, sah ich gestern u. a. aus dem
„Frankfurter Journal“, wo d. d. Heidelberg geschrieben wird:
Man bedaure höheren Orts jetzt sicher schon die Verfolgung des
großen Gervinus, seit Bonaparte sich „der Demokratie“ in die
Arme geworfen und eirrPropagandakrieg vor der Türe stehe. Ich 15
fürchte, Krapulinsky wird von den deutschen Bauern und Spie߬
bürgern als „Retter und Freund“ empfangen. Diese burleske
Figur scheint zur völligen Verkehrung und Ridikülisierung aller
traditionellen Stellungen und Parteien berufen zu sein.
Welchen Einfluß übt ein schlechter Herbst auf einen begin - 20
n end en Krieg?
Schreib’ mir auch, wie es im manufacturing department, spe¬
ziell in der Baumwolle steht.
Jones’ Blatt ist wieder en ascendant.
Cobdens Broschüre, wie auch die peace Conference in Man- 25
ehester, halte ich für reinen Blödsinn im gegenwärtigen Augen¬
blick. Da seht ihr’s, sagt Palmerstons Journal, die „Moming Post‘\
diese bürgerlichen Parvenüs sind total incapables, ein Land zu re¬
gieren. Das kann nur die Aristokratie. Der „Morning Herald“ ver¬
öffentlicht einen Brief, an ihn selbst gerichtet und, wie er be - 30
h a u p t e t, unter dem Diktat Bonapartes selbst geschrieben, wom
dieser sagt, er würde bloß nach England kommen, wenn die queen
200 000 seiner Ordnungshelden gegen die gefährlich wachsende
Demokratie brauche. Diese Demokratie, sagt der Herald, sind
Sie, Herr Cobden, Sie et Co. 35
Über die „Time s“ habe ich folgende ganz zuverlässige Details
erhalten, die Dich vielleicht interessieren:
Mr. W a 11 e r, M. P. for Nottingham, ist noch immer ihr kon¬
stitutioneller König, immer noch der principal shareholder des
paper. Mr. Mowbray Morris ist der Lord of Exchequer der 40
„Times“, ihr financial und political manager, — ein sehr aben¬
teuerlicher und „reckless“ fellow. M. Delane junior (Fremd
Disraelis) ist secretary for the Home Office. Sein Vater ist d<r
9 „People's Paper“
(237) 1853 Jan. 29
447
éditer des Morning Chronicle. Mr. D a s o n ist der secretary of
foreign affairs. Außerdem hat die Times a sort of privy council.
Der bedeutendste darunter, Mr. Lo we, M. P. für Kidderminster,
ein Albino mit roten Augen und weißen Haaren, soll viel Talent
5 und besondre Kenntnis von Finanzgeschichten haben. Neben ihm
Mr. Henry Reeve, der einen kleinen Posten im Statistical de-
partment des Board of trade hat, Bewundrer der Orleansstaats¬
männer. Mr. L a m p o n schreibt den money article, sonst ohne
Einfluß auf die Leitung des Ganzen.
io Nach einem Brief von Zerffi glaubt man allgemein in Paris,
daß Bonaparte mit dem Sultan in der Montenegroaffare gegen
Ostreich und Rußland mogelt.
Vale faveque.^
K. Marx.
238. Engels an Marx; 1853 Februar 11.
11. Februar 1853.
Lieber Marx,
Da haben wir also die grande affaire der Herren Kossuth und
Mazzini. Unsre Nachrichten hier sind sehr unvollkommen, aber
2o meiner Ansicht nach müssen wir morgen oder Montag hören, daß
alles am Ende ist. Mailand ist ein sehr schönes Terrain zum
Straßenkampf, wenig grade Straßen, und diese ohne alle Verbin¬
dung, fast überall enge, krumme Gassen mit hohen, massiven stei¬
nernen Häusern, jedes eine Festung für sich, die Mauern oft drei
25 bis fünf Fuß und mehr dick, an Durchbrechen kaum zu denken,
die Fenster des rez-de-chaussée mit Eisengittern wie hier und da
in Köln versehn (fast allgemein). Aber was hilft das alles, sie
haben keine Chance. Nach 1849 hat Radetzky die Befestigungen
der alten Zitadelle wieder herstellen lassen, und wenn die fertig
3o sind, und dazu war Zeit genug, so gehört Mailand den Östreichern,
solange sie die für Insurgenten ohne Militärinsurrektion unein¬
nehmbare Zitadelle besitzen. Daß von Bellinzona, wo die Tessiner
von jeher zugunsten jeder italienischen Bewegung Massen von Lügen
in die Welt schickten, keine weiteren Nachrichten da sind, spricht
35 sehr gegen eine Ausbreitung der Insurrektion in der Umgegend.
Ich halte die ganze Geschichte für sehr mal à propos, da ihr
einziger Anlehnungspunkt, außer der Tyrannei der Östreicher
in general, doch nur die Montenegroscheiße ist, wo après tout auch
die türkische „Ordnung“ über die zemogorzische homerische Bar-
Dem Briefe liegt die Reproduktion eines Frauenbildnisses bei; darunter
schreibt Marx: „Welcher italienischen Stadt gehört obiges Frauenzimmer an?“
448
(238) 1853 Febr. 11
barei siegen muß. Diese großen Diktatoren lassen sich also ganz
à la Seiler durch ordinäre diplomatische Staatsaktionen herein¬
reiten und schwören auf die welthistorische Wichtigkeit der „orien¬
talischen Frage“! Daß sie dabei auf irgendeinen windfall von
Seiten Louis Napoleons rechnen, ist klar, der wird sie aber, wenn ;
nicht alles gegen die Erwartung geht, schön in der Patsche sitzen
lassen und als Anarchisten behandeln. Außerdem ist zu vermuten,
daß der Moment des Ausbruchs wie bei allen präorganisierten
Aufständen weit mehr durch die lumpigsten Lokalzufälligkeiten
bestimmt wurde als durch entscheidende Ereignisse. io
Mazzini scheint wenigstens auf dem Fleck zu sein ; es ging auch
nicht anders. So dumm seine bombastische Proklamation auch ist,
so mag sie bei den schwülstigen Italienern doch etwas ziehen. Da¬
gegen der Mann der unbegrenzten Tätigkeit, Kossuth! Celui-là est
absolument mort, après cela. Solche lächerliche Prätensionen is
affichiert man Anno 1853 doch nicht ungestraft. So abgeschmackt
auch die abstrakte Insurrektionswut des Mazzini hier erscheint, so
glänzend steht er noch da gegen den braven Kossuth, der seine
Rolle von Widdin wieder aufnimmt und aus sichrem Hinterhalt
die Befreiung des Vaterlandes aus nichts von nichts zu nichts 20
dekretierte. Der Kerl ist wirklich ein lâche und ein misérable.
Jetzt wollen wir sehn, was die italienischen Bauern machen;
selbst im Fall unerhörter unglaublicher Glückszufälle könnte
Vater Mazzini und seine Bürger und Adligen da sehr unangenehme
Dinge erleben; und wenn die Östreicher Gelegenheit finden, diese 25
Bauern auf den Adel loszulassen, tim sie es gewiß.
Die Östreicher müssen noch 120000 Mann in Italien haben;
wie dagegen zu insurgieren ist, ohne Auf stände unter den Truppen
selbst, kann ich nicht absehn. Und an Honvedaufstände in Ita¬
lien, selbst auf Kossuths Kommando hin, glaub ich nicht; dazu 30
gehören doch größere Ereignisse und mit Hilfe der drei Jahre
Disziplin und Ruhe haben die Östreicher auch manchen harten
Honvedhintern weich geprügelt.
Wichtig scheint mir die ganze Geschichte nur als Symptom; die
Reaktion gegen den gepreßten Zustand seit 1849 beginnt, und 35
natürlich am wundesten Fleck. Die Sache macht hier viel Effekt,
und die Philister fangen an, darin übereinzustimmen, daß dies
Jahr nicht ruhig vorübergeht. Jetzt eine Mißernte in Corn and
Cotton, Geldklemme und Zubehör, und nous verrons!
Hast Du die £ 3 erhalten, die ich Dir vorige Woche schickte — 40
Donnerstag oder Freitag?
Dein F. E.
(239) 1853 Febr. 23
449
239. Marx an Engels; 1853 Februar 23.
23. Februar 1853.
Lieber Engels,
Ich war sérieusement unwohl; namentlich erlaubten mir dje
5 „perfiden Preußischen“ weder zu stehn, noch zu sitzen, noch zu
liegen. Daher mein langes Stillschweigen und selbst die Versäujn-
nis, das Geld anzuzeigen.
Du hast gesehn, daß Kossuth durch einen amerikanischen Fli¬
bustier, den Captain Mayne Reid, seine angebliche Mailänder
io Proklamation desavouiert. Nun schreibt mir gestern Szemere aus
Paris, er wisse positiv, daß die Proklamation authentisch
sei. Übrigens war das schon aus dem Inhalt zu ersehn. Der
„Leader“ (mazzinistisch) „deems it his duty to caution his
readers, that this affair lies entirely between Mr. Kossuth and Mr.
is Mazzini and that the latter is absent from England“. Die direkt
gegen Agostini indirekt auch gegen Kossuth gerichtete Erklä¬
rung Della Roccas in der „Daily News“ wirst Du selbst gelesen
haben. Das par nobile fratrum scheint entzweit. Kossuth ist ebenso
falsch als feig.
2o Du hast Mazzini zu hoch angeschlagen, wenn Du an seine per¬
sönliche Gegenwart in Mailand glaubtest. Er reist in solchen kri¬
tischen Momenten von England weg, um sich dem Verdacht aus¬
zusetzen, er sei auf dem Kriegstheater gegenwärtig.
So elend die Mailänder Geschichte ist als Finale von Mazzinis
26 ewiger Konspiration und so sehr ich glaube, daß er sich persön¬
lich geschadet hat, so sicher scheint mir, daß das Ereignis der
revolutionären Bewegung im ganzen günstig ist. Nämlich durch
die brutale Art, wie die Ostreicher [ . ? . ]2) ausbeuten. Wäre Ra¬
detzky dem Vorgang Strassoldos8) gefolgt, hätte er die Mailänder
3o Bürgerschaft belobt wegen ihrer „ordentlichen Aufführung“, das
Ganze als den miserablen Putsch einiger „miscreants“ bezeichnet
und als Zeichen seines Vertrauens die Zügel scheinbar schlapper
hängen lassen, so war die revolutionäre Partei vor Gott und der
Welt blamiert. So aber, da er ein vollständiges Plünderungssystem
3L einführt, macht er Italien zu dem „revolutionären Krater“, den
Mazzini durch seine Deklamationen nicht herbeihexen konnte.
Und noch eins. Hätte einer von uns allen geglaubt, daß die
Reaktion nach ihren vierjährigen Siegen, Zurüstungen, Renom¬
magen sich so unendlich schwach fühle, daß sie einen wahren
Angstschrei bei dem ersten Putsch ausstößt? Der Glaube der Kerls
M Im Orig. Angostini
’) Papier beschädigt.
’) Im Orig. Strasoldos
29
Z. 20-23.
450
(239) 1853 Febr. 23
an die Revolution ist unerschütterlich. Sie haben jetzt wieder vor
aller Welt Zeugnis ihrer Unsicherheit abgelegt. Während die
„Emigration“ realiter total bankrott ist und keinen Hund vom
Ofen locken kann, posaunen sie durch alle Regierungsblätter deren
Macht aus und bereiten den Glauben, daß ein Netz von Verschwö- 5
rungen sich allseitig um die braven Bürger schlingt.
Ad vocem Bangya. Hält sich jetzt in Paris auf. Ich habe nun die
Beweise in Hand, daß der Edle Agent der östreichischen Regie¬
rung ist. Seine Rückkehr in Frankreich hat er sich erkauft, indem
er einen geheimen Posten bei dem französischen Polizeiministe- 10
rium angenommen hat. Gleichzeitig ist er in Paris als offizieller
Agent von Kossuth, der Geld von Bonaparte haben will. Der Kerl
hat sich übrigens in Paris in ein Netz verstrickt, in dem er sich
selbst fangen wird. Was unser Manuskript betrifft, so hat er es
dem Greiff verkauft, der als „Schulz“ reiste. Übrigens haben
beide wieder die Regierung belogen, als hätten sie dies „Doku¬
ment“ aus dem Archiv einer „geheimen Gesellschaft“ sich zu
„verschaffen gewußt“. Das ist ja der Kunstausdruck.
Von Schabelitz noch immer nichts gehört, außer daß die Sache
in Deutschland zirkuliert. Er wagt noch nichts herzuschicken, aus 20
Furcht, daß die französische Polizei das Paket erbrechen und die
Geschichte der preußischen denunzieren möchte.
Ich weiß aus sichrer Quelle, daß Ledru[-Rollin], mais c’est
un secret (Napoleon weiß es wahrscheinlich so gut wie ich), in
drei bis vier Wochen in Paris losschlagen will. Ein Augenzeuge^
hat mir erzählt, daß große Aufregung in Paris herrschte bei der
ersten Nachricht von dem Mailänder Aufstand. Straßenzusam¬
menläufe etc., nicht um zu rebellieren, sondern um die Köpfe zu¬
sammenzustecken. Im ganzen sind die hiesigen frenchmen sehr zu¬
frieden, daß Herr Mazzini sich mit seiner „action“ blamiert hat.^
Es ist eine revanche für sie.
Unser — aus sechs Zeilen bestehender — Aufruf zur Unter¬
stützung für die Kölner ist durch Cluß’ Vermittlung in allen ame¬
rikanischen Blättern erschienen, überall unter Bevorwortung der
respektiven Turnvereine. Nous verrons. Die lieben Bekannten in^
Köln selbst haben noch nichts von sich hören lassen. Wenn das
nicht Vorsicht ist! Einer der Ihren, Exleutnant Steffen, der als
Schutzzeuge in dem Kölner Prozesse figurierte, ist hier und hat so¬
gleich eine Lehrerstelle in der Anstalt von Friedländer gefunden.
Blind tritt mich täglich wegen des „Herzen“ ; ebenso Dronke wegen
des Zirkulars von Reichenbach. Für D[ronke] ist es wichtig, um
unter fremdem Namen eine Korrespondenz mit der „Volkshalle“
in Köln anzuknüpfen.
Was sagst Du zu der lebhaften Teilnahme der Pfaffen der
Staatskirche an der unglücklichen Zehnstundenbewegung? Immeri5
Z. 7-18.
(239) 1853 Febr. 23
451
wieder das alte Spiel. Samstag schick ich Dir ein Paket mit allen
rückständigen Zeitungen und Briefen von Cluß.
Von allen performances des little Finality-John^ war die letzte
doch wohl die klassischste. Selbst die „Times46 mußte gestehn, daß
5 Johnny excites „mightily little enthusiasm“.
Frau Harney ist gestorben. Ebenso Frau von Brüning. Ich hatte
in letzterer Zeit einen Briefwechsel mit letzterm2), worin alles auf
Kinkel und Willich fiel. Ich habe Dir schon geschrieben, daß Wil¬
lich seit vier Wochen nach Amerika abgesegelt.
io Salut.
Dein K. M.
240. Engels an Marx; [1853 März ca. 4].
Lieber Marx,
Gestern schickte ich Dir eine halbe Fünfemote, die andre
15 Hälfte gleichzeitig per Kuvert an Dronke. Ich bin tief in der
Klemme, im Februar habe ich wegen Schuldenzahlung usw.
ca 50 £ ausgeben müssen, und noch ca. £ 30 zu decken in
diesem und dem nächsten Monat. Sonst hätte ich Dir mehr ge¬
schickt. Eine Reform meiner personal expenses wird dringend,
2o und ich werde in acht bis vierzehn Tagen ausziehen und in wohl¬
feilere lodgings gehn, auch zu leichteren Getränken greifen, da¬
mit ich für den großen Moment, wenn die Bilanz abgeschlossen
wird, gerüstet bin. Im vorigen Jahr hab ich Gott sei Dank meinem
Alten die Hälfte seines Profits im hiesigen Geschäft auf gefressen.
25 Sobald die Ankunft meines Alten herannaht, wird sich dann in
feine lodgings gezogen, feine Zigarren und Weine angeschafft etc.,
damit wir imponieren können. Voilà la vie.
Unter den Hiesigen, Deutschen wie Engländern, hat sich Mon¬
sieur Kossuth durch seine Erklärungen total ruiniert; Mazzini
3o desgleichen durch die Insurrektion selbst und die lausige Manier,
Krawall durch Meuchelmord von einzelnen Soldaten anzufangen,
was speziell den Engländern widerlich ist. Etwas Feigeres und
Lumpigeres als diese Kossuthschen zwei Briefe ist doch nicht zu
ersinnen, und dabei immer die Prätension: I am a plain, honest
33 man. Die Herren mögen sich übrigens in acht nehmen, finden sich
Beweise, so ist ce cher Aberdeen ganz der Mann, sie ohne weiteres
einstecken und verfolgen zu lassen, und ob sie nach diesem so
sicher sind, freigesprochen zu werden, weiß ich nicht.
Das Ministry of all the talents tums out a complété humbug.
49 Johnny verschrumpfter als je, der große Gladstone ein selbstgefäl-
*) John Russell
’) Marx stand in Briefivechsel mit dem Baron A. von Brüning.
29*
Z. 23—27 (können).
452
(240) 1853 März ca. 4
liger Klugscheißer à la Mevissen, Aberdeen voll diplomatisch-
torystischer Reminiszenzen und purer Hofmann, der Apostel
Johannes des seligen Messias Peel, Sidney Herbert, ein total inka-
pabler Kriegsminister, es ist ein schönes Lot. Dabei fühlen sich
alle nicht an ihrem Platz, ausgenommen der alte unverschämte
Palmerston, der überall zu Hause ist, und wie die Mazzinidebatte
beider Häuser beweist, so mutinous ist wie je. Er ist doch de facto
seit der griechischen Debatte, der Milizbill und der Adreßdebatte
der leader of the House of Commons, und es ist bittre Ironie,
dem armen Johnny diesen Posten pro forma zu geben. Die Scham- w
losigkeit aber geht ins Weite, für Johnny in dieser Kapazität noch
ein Salär zu verlangen, aber ein neuer Posten ist natürlich beiden
Parteien ein gefunden Fressen. Ich bin begierig auf Master Glad¬
stones Budget, seine Äußerung bei den Estimâtes und HumesTarif-
motion lassen erwarten, daß er alles so ziemlich beim alten lassen xs
wird, und das ist auch wohl das einzige, was bei diesem patrioti¬
schen Koalitionsministerium herauskommen wird. Unterdes sind
die Korruptionsgeschichten von der letzten Wahl her wunderschön
und werden doch in der nächsten Session eine Art Reformbill nötig
machen. Wenn bis dahin der trade schlecht wird und der Kon- 20
tinent sich regt, können wir schöne Geschichten erleben.
Ich habe jetzt den Urquhart zu Hause, den verrückten M. P.,
der den Palmerston für von Rußland bezahlt angibt. Die Sache er¬
klärt sich einfach: der Kerl ist ein keltischer Schotte mit sächsisch-
schottischer Bildung, der Tendenz nach Romantiker, der Bildung 25
nach freetrader. Dieser Kerl ging als Philhellene nach Griechen¬
land, und nachdem er sich drei Jahre mit den Türken herum¬
geschlagen, ging er in die Türkei und begeisterte sich für eben¬
dieselben Türken. Er schwärmt für den Islam, und sein Prinzip
ist: wenn ich nicht Kalvinist wäre, so könnte ich nur Mohammeda- 30
ner sein. Die Türken, die der Blütezeit des osmanischen Reichs
ganz besonders, sind die vollkommenste Nation der Erde, in allem
ohne Ausnahme. Die türkische Sprache ist die vollkommenste und
wohlklingendste der Welt. All das alberne Gerede von Barbarei,
Grausamkeit, lächerlichem Barbarenhochmut rührt bloß von der 35
Unwissenheit der Europäer in bezug auf die Türkei und von den
interessierten Verleumdungen der griechischen Dragomans her.
Wenn ein Europäer in der Türkei schlecht behandelt wird, so ist
das seine eigne Schuld; der Türk haßt nicht die Religion und
den Charakter, sondern nur die engen Hosen des Franken. Tür-
kische Architektur, Etikette usw. wird dringend zur Nachahmung
empfohlen. Der Verfasser selbst ist mehrmals von Türken mit
Arschtritten traktiert worden, hat aber nachher eingesehn, daß
daran nur er selbst schuld war. Die Berührung mit Europäern,
die Zivilisationsversuche, haben die Türken nur entnervt und *0
Z. 42-45 -
(240) 1853 März ca. 4
453
desorganisiert. Die türkische Verfassung in ihrer „Reinheit“ ist
die schönste, die es gibt und steht fast über der englischen. Der
Türk hat Selfgovernment durch tausendjährige Sitten und den
Koran. Der Sultan, statt „Despot“, ist beschränkter als die most
5 gracious queen. Religionsfreiheit existiert nur in der Türkei.
Klassenunterschiede, Klassenkämpfe, politische Parteien gibt es
in diesem Paradies keine und kann es keine geben, denn alle sind
in innerer Politik einer Meinung. Nirgends weniger Zentralisation
als in der Türkei. Kurz, nur der Türk ist ein gentleman, und nur
io in der Türkei existiert Freiheit.
Gegen dies glückliche Land intrigiert nun der Zar vermittelst
der griechischen Pfaffen und England hat sich von diesem fort¬
während an der Nase herumführen lassen. England muß dieTürkei
stützen usw. usw., eben so alte wie platte Gemeinplätze. Im ganzen
is ist dies Buch höchst amüsant. Das beste aber ist, daß sich hierauf
die ganze Politik der englischen palmerstonfeindlichen Liberalen
stützt, z. B. sind alle Artikel in der Daily News über die türkische
Schmiere reine Paraphrasen aus Urquhart, der qua freetrader un¬
bedingt Kredit genießt, obgleich er den Engländern vorwirft, sie
2o zerstörten durch ihre Importe die thessalische Industrie — aber
bei einem highlander kommt das nicht so genau.
Es hat eine sehr gute Seite, daß die Times, wenn auch zunächst
im russischen Interesse, endlich einmal die alte Philisterdummheit
von der Integrität der Türkei angreift. Die dumme Daily News,
25 die in ihrer Bürgerborniertheit nicht weiter sieht, als ihre Nase
reicht, schreit über Verrat und weiß nichts andres entgegenzu¬
setzen, als eben diese alte Diplomatenscheiße. Zieht sich der Tanz
noch etwas hin, so werden die Herren doch bald zu andern Argu¬
menten greifen müssen und zu der Einsicht kommen, daß nur eine
3o kontinentale Revolution dem Dreck ein Ende machen kann. Das
müssen doch mit der Zeit auch die ärgsten Philister einsehn, daß
ohne diese gar nichts gelöst werden kann.
Die östreichisch-preußische Zollgeschichte ist der einzige Fort¬
schritt, zu dem man es in Deutschland gebracht hat — et
35 encore! Das Ding ist so mit Haken verklausuliert, und so viel
Hauptsachen sind späteren Kommissionen überlassen, während die
wirklichen Zollnachlässe so klein sind, daß wenig dabei hcraus-
kommt. Geht die große industrielle Krisis los, so wird der ganze
Handelsvertrag verschwinden vor dem allgemeinen débâcle.
40 Hier wird nur noch gestohlen, Knochen zerschmettert auf den
Eisenbahnen und in die Luft geflogen. Das hiesige Philisterium
ist ganz konsterniert von den absonderlichen Ereignissen der letz¬
ten acht Tage. Glücklicherweise geht Baumwolle herunter, wes¬
halb an der Börse nichts los ist und man sich nach Herzenslust mit
46 diesen großen Begebenheiten beschäftigen kann. Die Spinnereien
z. - 1-10.
454
(240) 1853 März ca. 4
und meisten Webereien sind noch voll beschäftigt, aber in groben
Kalikos (domestics) ist vollständige Stagnation, und
von Montag an wird in dieser Branche nur drei Tage per Woche
in allen Fabriken gearbeitet werden.
Grüß Deine Frau und Kinder — Dronke hat die Reise-Ge- j
schichte bekommen.
Dein F. E.
Der Herzen wird dieser Tage besorgt, es ist ein Haken dabei,
der mich hindert, jetzt an meinen Schwager zu schreiben.
241. Marx an Engels; 1853 März 10.
10. März 1853.
Lieber Engels,
Die £ 5 erhalten.
Ich war diese Woche ein Haar nah am Krepieren. Nämlich
eine Leberentzündung oder wenigstens dicht dran vorbeistreifend, as
Dies ist erblich in meiner Familie. Mein Alter ist dran gestorben.
Seit den vier Jahren, wo ich in England bin, hatte sich die Sache
nicht wieder gezeigt und war wie verschwunden. Doch die Krise
ist nun überstanden und, was das beste ist, sans médecin. Doch
noch etwas matt. 20
Gestern erhielt ich folgendes „angenehme“ Schreiben von
Basel:
Basel, 7. März 1853, morgens neun Uhr.
„Lieber Marx! Soeben vernehme ich, daß die ganze Sendung
der ,Enthüllungen6, die aus 2000 Exemplaren bestand und schon 20
seit sechs Wochen jenseit der Grenze in einem Dorfe lag, gestern
beim Weitertransport abgefaßt wurde. Was nun geschieht, weiß
ich nicht; in erster Linie Reklamationen der badischen Regierung
beim Bundesrate, dann wahrscheinlich meine Abfassung oder
wenigstens Inanklagezustandsversetzung usw. In jedem Falle ein 30
großartiger Lärm! Das in Kürze Ihnen zur Nachricht; weitere
Mitteilungen sollen, wenn ich daran verhindert werden sollte
durch eine dritte Person erfolgen. Wenn Sie an mich schreiben, so
benutzen Sie auf dem Kuvert die Adresse: ,Mad. Brenner-Gué-
niard, magasin de modes, Basie6 und schreiben auf die für mich j;
bestimmte versiegelte Inlage bloß: ,Für Jacques6. Das Manuskript
über den Staatsstreich werde ich an sicherem Ort deponieren.
Adieu, hoffentlich bald mehr, als ich jetzt noch weiß. Geben Sie
O Bei Schabelitz: wenn ich daran verhindert sein sollte
Z. 5 (Dronke)-6. 8-9.
(241) 1853 März 10
455
eine sichre Adresse an; Ihre und die Bambergers sind wohl be¬
kannt?
Ihr Jacques.1)66
Nun, quen pensez-vous, mon cher maître renard? Hat der
j „suisse“ für bar Geld mich an die preußische Regierung ver¬
kauft? Sechs Wochen jenseits der Grenze in einem Dorfe, die
affektierte Ängstlichkeit, kein Wort über die in der Schweiz ge-
bliebnen Exemplare, trotz meinem Dringen kein Exemplar hier¬
hergeschickt!
io Soll einem unter solchen Umständen nicht die Lust zum Schrei¬
ben vergehn? Immer zu arbeiten pour le roi de Prusse!
Que faire? Denn so darf der „suisse“ nicht durchschlüpfen.
Quant à Dana, so hat er meinen Wechsel honoriert. Der
„brave“ Bamberger gab mir ursprünglich 5 drauf, ließ mich
is dann vierzehn Tage hin und her nach der City rennen, zahlte end¬
lich erst diese Woche, nachdem meine Wirtin seit Wochen sich
dem „Heulen“ (wörtlich) ergeben hatte. Seit der Zeit habe ich
wieder sieben Artikel an die Tribune geschickt. Morgen schick
ich wieder einen. Ich würde mich jetzt herausarbeiten, wenn ich
2o nicht die verfluchte dette consolidée auf dem Pelz hätte. Auch
diese wäre zu einem bedeutenden Teil abgetragen worden, hätte
der elende Schweizer mich nicht wieder ins néant gestürzt.
Ich muß nun notwendig, um den Dana warm zu halten, einen
längren Artikel über haute politique schreiben. Also die détestable
25 question orientale, womit mir ein miserabler Yankee von hier in
der Tribune Konkurrenz zu machen sucht.2) Aber diese question ist
vor allem militärisch und geographisch, also nicht von meinem
département. Du mußt Dich also noch einmal exécuter. Was aus
dem türkischen Reich werden soll, ist mir „spanisch“. Ich kann
so also keinen allgemeinen Gesichtspunkt geben.
Nur für einen Zeitungsartikel — wo es übrigens nötig wäre,
durch militärisch-geographisch-historische Draperie möglichst an
der eigentlichen question vorbeizuschlüpfen — scheinen mir fol¬
gende Anhaltspunkte, direkt von Montenegro ausgehend, nötig:
1. Trotz aller Schikanen und Zeitungskannegießerei wird die
question orientale nie der Anlaß zu einem europäischen Kriege
werden. Sie wird immer wieder diplomatisch zugetuscht werden,
bis das allgemeine Hallo auch hier dem Zutuschen ein Ende macht.
2. Encroachments of Russia in der Türkei. Gelüste von Ostreich.
40 Ambition von Frankreich. Interessen von England. Kommerzielle
und militärische Wichtigkeit dieses Streitapfels.
3. Im Falle des allgemeinen Hallos wird die Türkei England
1) Jacques Schabelitz
2) Franz Pulszky. der unter dem Korrespondenzzeichen A.P.C. schrieb.
456
(241) 1853 März 10
zwingen, auf die revolutionäre Seite zu treten, denn hier notwendig
seine Kollision mit Rußland.
4. Notwendige Auflösung des muselmännischen Reichs. D’une
manière ou de l’autre wird in die Hände der europäischen Zivili¬
sation geraten. s
Es wäre für den Moment noch speziell bei der Montenegro¬
geschichte zu verweilen, bei der miserablen Rolle, die England
jetzt offiziell spielt. Sultan nur nachgegeben, weil Frankreich und
England ihre Hilfe nicht zugesichert. Beide Länder haben in die¬
ser Frage, unter der Maske der entente cordiale, gegeneinander io
kokettiert mit der heiligen Allianz. Darauf hinzuweisen, daß die
herrschende Oligarchie in England auch schon deswegen stürzen
muß, weil sie unfähig geworden, ihre alte Rolle nach außen zu
spielen, die englische Nation dem Kontinent gegenüber an der
Spitze zu behaupten. is
Tout ça est très pauvre, mais enfin, il me faut un ou deux articles
sur cette question pour tuer mon concurrent.^
Dein K. M.
Deine Übersetzung meines Sutherland article ist famos. Ich
selbst scheine mir einiges Talent fürs Englischschreiben zu haben, »
hätte ich nur den Flügel#), und eine Grammatik und einen bessren
Korrektor als Mr. Pieper.
Ich schreibe heute noch einmal nach dem Kontinent. Gelingt es
mir, so viel Geld zusammenzubekommen, da es jetzt mit Schabelitz
nichts ist, daß meine Frau wenigstens ruhig abwarten kann, bis »
ein zweiter Wechsel auf Dana, den ich diesmal auf 30 ^zu treiben
denke, gezogen und zurück sein kann, so komme ich vielleicht im
April einige Tage zu Dir, pour restituer mes forces und um ein¬
mal ungestört mit Dir über die jetzigen Verhältnisse zu kohlen, die
nach meiner Ansicht bald zu einem earthquake führen müssen. &
Die „Moming Post“ behauptet, in Lancashire beschäftigten die
Fabrikanten ihre Arbeiter nur mehr short time, die prosperity
gehe ihrem Ende zu etc. Wie verhält es sich damit?
Dein K. M.
Bis zu diesem Augenblick — und es ist elf einhalb Uhr — hat s
Dronke Nr. 2 noch nicht gebracht. Der Junge liegt wahrscheinlich
noch zu Bett. Diese Kerls sind wahre Waschlappen. Bei ihrer
Faulheit, Widerstandsunfähigkeit und Zusammenklappen bei je¬
der pressure from without ist Hopfen und Malz verloren. Wir
müssen durchaus unsre Partei neu rekrutieren. Cluß ist gut. Rein- *
hardt in Paris ist fleißig. Lassalle, trotz der vielen „abers“, ist dur
Franz Pulszky
2) Englisch-deutsches Wörterbuch
Z. 37 (Diese)—39.
(241) 1853 März 10
457
und energisch. Pieper wäre nicht unbrauchbar, wenn er weniger
kindische vanité und mehr esprit de suite hätte. Imandt und Lieb¬
knecht sind zäh und jeder in seiner Art nutzbar. Aber alles das
ist keine Partei. Der Exleutnant Steffen, Exzeuge beim Kölner
5 Prozeß, jetzt Schulmeister in einer Anstalt bei London, scheint
mir tüchtig. Lupus grows from day to day older and becomes more
crotchety. Dronke ist und bleibt ein „angenehmer Müßiggänger“.
242. Engels an Marx; [1853 März 11]. Fragment.
Hast Du die Statistik des Factory Inspektor Homer über die
io Zunahme der Baumwollindustrie in der gestrigen Times oder vor¬
gestrigen Daily News gesehn?
Oktober 1850 bis Oktober 1851 —
2300 Pferdekräfte in neu errichteten Fabriken
1400 „ in Vergrößerung alter Fabriken
15 3700 Pferdekräfte Zuwachs im Manchester Distrikt
und der Baumwollindustrie allein. Die folgende Aufzählung
ergibt, daß damals auch noch Fabriken im Bau waren, die ca.
4000 Pferdekräfte brauchen und die jetzt fertig sein werden.
Seitdem gewiß noch für 3000—4000 Pferdekräfte Fabriken zu
2o bauen angefangen, die bis Ende des Jahres zur größeren Hälfte
fertig sein können; wenn von Januar 1848 bis Oktober 1850,
2% Jahre, der Zuwachs nur auf 4000 Pferdekräfte angenommen
wird, so wird die Dampfkraft der Lancashire Baumwollindustrie
seit 1848 bis Ende 1852 gestiegen sein um 3700 + 4000 + 1500
25 + 4000 = 13200 Pferdekräfte. — Die ganze Dampfkraft der
Baumwollindustrie in Lancashire betrug 1842 30000 und 1845
(Ende) 40000 Pferdekräfte; 1846/47 ist wenig angelegt, also
wird jetzt fast 55000 Pferdekräfte, beinahe das Doppelte von
1842, in Tätigkeit sein.
so Dazu die Wasserkraft — ca. 10000 Pferdekräfte (1842), die
sich wenig vermehrt hat, da die Wasserkräfte schon länger ziem¬
lich gut exploitiert wurden. Da sieht man, wo das additioneile Ka¬
pital der Prosperität bleibt. Die Krisis kann übrigens nicht lange
mehr ausbleiben, obwohl hier fast nur in Omnibussen über-
spekuliert wird.
z. 1-2.
458
(243) 1853 März 12
243. Engels an Marx; [1853 März 12].
Lieber Marx,
Die Artikel sollst Du in ein paar Tagen haben; ich sehe, ich
habe den Urquhart zur gelegenen Zeit in considération genommen.
Leider ist’s zu spät für den morgenden steamer, da ich vor acht 3
Uhr schwerlich auf dem Comptoir fertig werde und ich doch noch
einiger Präparation bedarf. Daß Vater Dana jetzt £ 2 zahlt
und Wechsel prompt honoriert, ist famos, avec ça werden wir doch
endlich auf den Damm kommen. Ich hätte übrigens nie geglaubt,
daß Du schon sieben englische Artikel abgeschickt hast in der kur-
zen Zeit; wenn Du herkommst, worauf ich mich sehr freue, sollst
Du in acht Tagen mehr Englisch lernen, als bei Mr. Pieper in sechs
Wochen.
Was Monsieur Jacquesangeht, so ist es sehr möglich, daß
der Kleine den Streich des Herrn Jenny (dem er sehr ähnlich 75
sieht) mit der badischen Regierung nachmachen will, nämlich
einen Teil der Auflage an die deutsche Regierung verkaufen und
nachher mit dem andern ein desto besseres Geschäft machen. Ich
halte ihn nicht für so schlecht, daß er das Ganze direkt verkauft
habe. Die Angst mag bei dem Baseler etablierten Buchhändler 20
doch richtig sein, die Baseler Regierung versteht keinen Spaß und
hält gute Nachbarschaft mit Baden. Vor allen Dingen bestehe
darauf, daß er Dir jetzt unverzüglich wenigstens einige Exemplare
in einem Paket per Messagerie schickt, d. h. per Eisenbahn,
adressiert direkt nach London oder meinetwegen an mich, care of 25
Efrmen] and E[ngels] Manchester. Kein Mensch denkt daran,
ein solches Paket zu öffnen, und selbst wenn es geschähe, so ist
doch die Geschichte jetzt einmal heraus. Verdächtig ist, daß er
keinExemplar bisher hat aus den Händen geben wollen. Kennt
er denn keinen Baseler Fabrikanten, der Bänder etc. nach London
verschickt und dem er beipacken könnte?
An der Lancashire Geschichte der M[oming] Post ist nichts,
außer was ich Dir gestern schrieb. Die beiden ersten Feinspinner
von England, Hontdsworth und Murray, antworteten uns gestern
auf eine Anfrage wegen Preisen, es sei unnütz, uns Preise anzu- #
geben, da sie auf lange hin engagiert seien und keinen einzigen
neuen Auftrag annehmen könnten. Diese zwei haben zusammen
ca. 150 bis 200000 Mulespindeln im Gang. In grobem Watertwist
dagegen, Nr. 6/16, ist es sehr flau, eben wegen der Geschichte mit
den Domestics, die nicht nur hier, sondern auch in Amerika und 0
Deutschland stocken.
Den konkurrierenden Yankee müssen wir mit großem show von
1) Schabelitz
Nr. 243.
(243) 1853 März 12
459
Allwissenheit vernichten. Ich werde mir noch ein paar Bücher
über die Türkei ansehn, es ist ein ganzes lot im Athenäum.
Der décliné unsrer Freunde ist nicht sehr angenehm zu ver¬
nehmen. Die „Besseren“ werden sich im entscheidenden Moment
j schon wieder besinnen, es ist aber nicht angenehm, wenn diese
citoyens genau so klug und nicht klüger in die nächste Affäre
hineingehn, als sie aus der letzten herausgegangen sind. Lassalle
ist, nächst Cluß, bei weitem der brauchbarste von allen, besonders
von dem Augenblick an où les biens du comte Hatzfeld seront
io irrévocablement réunis au domaine public. Er hat seine Mucken,
aber er hat auch esprit de parti et ambition, und die kleinen Neben¬
gelüste und Privathistorien, denen er unter öffentlichen Vorwänden
immer nachgehn wird, kennt man einmal. Mit dem Rekrutieren
ist das so eine Sache, ich glaube, wir werden, sobald wir nach
15 Deutschland zurück sind, junge Kerle von Talent genug finden, die
in dieser Zwischenzeit die verbotenen Früchte nicht ohne Erfolg
genossen haben. Hätten wir die Mittel gehabt, in der Art wie vor
1848, zwei bis drei Jahre wissenschaftlicher und gesetzter Propa¬
ganda zu machen, mit Büchern über n’importe quoi, so wären wir
20 bedeutend besser dran. Aber das ging nicht, und jetzt ist das
Donnerwetter schon am Brauen. Du solltest Deine Ökonomie fertig
machen, wir könnten sie nachher, sobald wir eine Zeitung haben,
in weekly numbers drucken, und was der populus nicht versteht,
würden die discipuli tant bien que mal mais cependant non sans
2ô effet, exponieren. Damit wäre für alle unsre alsdann retablierten
Vereine ein Anhaltspunkt der Debatte gegeben.
Daß Dana ohne Murren die ^ 2 per Artikel gezahlt hat, ist der
beste Beweis, wie fest Du in der Tribune sitzest. Es hat doch sein
Gutes, daß wir von allen Parteien der europäischen Revolution die
30 einzige sind, die ihre Sachen vor dem englisch - amerikanischen
Publikum exponiert hat. Von den andern wissen die Yankees
doch rein gar nichts, denn Kossuths Gekohl hatte ja nur den Inhalt:
Geld und Intervention für den großen Mann Kossuth. Auf den
nächsten Wechsel wird Monsieur Bamberger wohl mehr vor-
schießen, da der erste so flott bezahlt worden ist.
Dein F. E.
244. Marx an Engels; 1853 März 22—23.
22. März 1853.
Lieber Engels,
40 Dein Artikel über die Türkei famos. Abgeschickt.
Ich weiß nicht, ob Du folgende Notizen in einem der letzten
„Economists“ über die „value of Turkey“ gelesen hast:
Nr. 243.
460
(244) 1853 März 22—23
„While our commerce with Austria and Russia is either sta-
tionary or on the décliné, with Turkey it is rapidly increasing. We
are not able to state what proportion of our exports may find their
way to Austria through Germany, but we believe it only small.
Our direct trade with Austria is absolutely insignificant. Our ex- 5
ports of british products to her Adriatic ports (the only ones she
has) were not given separately from those to the rest of Italy
till 1846, when they reached 721 981 £. In 1850 they had fallen
to 607 755 and in 1851 had risen to 812 942 £. Our exports to
Russia were on the average of 1840 and 1841: 1605000 £ in io
1846 and 1847, 1 785000 £\ and in 1850 and 1851, 1 372000.“
„Our exports to the Turkish dominions, including Egypt, Syria,
Palestina, Moldavia and Walachia, hâve progressed as follows:
y’
£
£
1840
1440592
1844
3 271333
1848
3 626241
1841
1885840
1845
3 134 789
1849
3 569023
1842
2068842
1846
2 707 571
1850
3 762480
1843
2 548321
1847
3 530589
1851
3 548 591
Our exports are therefore
threefold
those to Russia and
nearly double those to Russia and Austria together.“ So weit t h e 20
Economist.
In dem englischen Ministerium selbst muß großer Krakeel sein
über die „Turkish question“, denn Palmerstons Journal, die „Mor-
ning Post“, pfeift direkt aus dem entgegengesetzten Loch wie die
„Time s“. 25
Disraeli ist seiner leadership der „great conservative party“
glücklich entsetzt, and Sir John Pakington, a moumful man other-
wise, an seine Stelle getreten. Das ist das erstemal seit 1828, daß
die Torypartei einen „leader“ besitzt, der ebenso borniert ist wie
ihr Gros. 30
Du hast gesehn, daß in der letzten Abstimmung über die clergy
reserve bill, wo der würdige Russell von den drei clauses, die
er vorgeschlagen, eigenhändig the omission of the third clause
proposed, das Ministerium den Sieg nur durch die Stimmen der
konservativen Minorität davontrug. Ein schlechtes Zeichen das. 35
Mazzini ist hier seit einigen Tagen, aber einstweilen noch
inkognito.
Daß „good Aberdeen“ sehr geneigt ist, den Flüchtlingen was
am Zeug zu flicken, magst Du daraus sehn, daß vorige Woche die
englische Polizei eine Art Flüchtlingsstatistik aufnahm. Zwei bis 40
drei detektives, in plain clothes, begaben sich von square zu square
und von Straße zu Straße und nahmen Notizen zu Papier, in den
meisten Fällen bei den Nachbarn oder nahegelegnen Bierwirten.
Ausnahmsweise aber — z. B. bei dem Hause Pulszkys — der
(244) 1853 März 22—23
461
Lump selbst ist jetzt in Amerika — drangen sie unter dem Vor¬
wand, es sei ein Diebstahl etc. begangen worden, in die Domizile
der Flüchtlinge selbst und durchmusterten ihre Papiere.
Der ehrenwerte Barthelemy ist mit zwei Monaten Gefängnis da-
5 vongekommen. Dem Ledru-Rollin ließ der unverschämte Kerl
sagen, er werde ihn wie einen Hund niederschießen. Ledru [-Rol¬
lin] ließ ihm antworten, er werde sich nie mit einem solchen Men¬
schen schießen. B[arthélemy] repostierte seinerseits, wenn er
einen Menschen zum Schießen bringen wolle, so wisse er schon
io wie — öffentliche Ohrfeigen, ins Gesicht spucken und dergleichen
seien probate Mittel. Darauf ließ ihm Ledru [-Rollin] eröffnen,
daß Bfarthélemy] in einem solchen Falle Bekanntschaft mit sei¬
nem Stock und dem englischen magistrate machen würde. Dieser
B[arthélemy] will durchaus der Rinaldo Rinaldini der Emigration
io werden. Auch ein Ehrgeiz.
Vater Willich ist in New York gelandet. Freund Weitling ver¬
anstaltete ihm ein Bankett von dreihundert Personen, wo Willich
mit einer gewaltigen roten Schärpe erschien, eine lange Rede hielt,
des Inhalts, daß Brot mehr wert sei als Freiheit, und von Weitling
so ein Schwert überreicht erhielt. Dann trat Weitling auf und be¬
wies, daß Jesus Christus der erste Kommunist war und daß sein
Nachfolger niemand anders ist als der bekannte Wilhelm Weit¬
ling.
Ich habe einen Brief von Schabelitz erhalten, den ich einlege.
26 Es geht daraus hervor, 1. daß er zwar nicht politisch verraten,
aber unendlich albern verfahren hat; 2. daß er mich wenigstens
kommerziell bemogeln wollte und noch will. Ursprünglich und
kontraktlich sollte er nur 2000 Exemplare abziehen. Aus seinem
Brief folgt, daß er mehr abgezogen hat. Wie viel? sagt er auch
3o jetzt noch nicht. Zugleich hat Doktor Feddersen dem Dronke
geantwortet, der ihm über die Angelegenheit geschrieben hatte.
Er bestätigt Sch[abelitz]’ Brief, teilt aber zugleich mit, daß seiner
Ansicht nach der gerichtlichen Untersuchung gegen Sch[abelitz]
keine weitere Folge gegeben werde. Es fragt sich, was nun tun?
36 Die preußische Regierung wünscht die Sache vollständig zu bur-
ken, so sehr, daß der Minister des Auswärtigen gegen eine „Theo¬
rie des Kommunismus“ fahndet, die ich in Basel publiziert haben
solle. Also sogar der Titel soll dem Publikum verheimlicht blei¬
ben. Que faire?
4u Sch[abelitz] hat mir zwei Exemplare geschickt, eins direkt an
mich, eins an Freiligrath, wofür ich zusammen 15 sh. zu zahlen
hatte. Schöne E innahme. Bisher war es mir noch nicht möglich,
der Clique die Exemplare zu entreißen. Bis Mittwoch (morgen)
denke ich aber im Besitz von einem derselben zu sein, zugleich
46 mit dem Paket, das schon lange für Dich parat liegt.
Z. 4-15. 26 (2.)—30
462
(244) 1853 März 22—23
Zerffi ist hier. Er flüchtete von Paris bei der Razzia auf die frem¬
den Korrespondenten. Glaubt, daß Freund Bangya (dem es übri¬
gens, en passant, schlecht gehn soll und der Mai wieder her will)
ihn als Verfasser einiger für die „Blonde Souveraine“ kompromit-
tierlichen Artikel in der „Kfölnischen] Z[eitung]“ denunziert hat. 5
Zerffi ist ein Schwätzer, hat aber über die ungarischen Verhältnisse
selbständigere und richtigere Ansichten, als ich sonst noch von
Flüchtlingen von daher gehört habe. Dies mag darin seinen Grund
haben, daß er von Haus aus kein Magyar ist, sondern ein
„Schwab’“ und nicht nur ein Schwab, sondern der Sohn eines
Juden aus Hannover, der wahrscheinlich Cerf hieß und sich in
Zerffi magyarisierte.
Unsre Leute in Deutschland sind doch miserabel schlaffe
Hunde. Nicht ein Wort von den Kerls ist hergedrungen. Sie haben
nun in den Zeitungen gesehn, daß eine Broschüre über ihre An-
gelegenheit erschienen. Aber sie erkundigen sich nicht einmal. Es
ist keine Reaktion, kein Schwung in den Kerls. Alte Weiber —
voilà tout.
Eine komische Nachricht der „N a t i o n“ ist Dir schwerlich zu
Gesicht gekommen in Manchester. Der Engel Monti jo leidet näm- 20
lieh an einem höchst undelikaten Übel. Sie ist dem Furzen
leidenschaftlich ergeben und unfähig, selbst in Gesellschaft es zu
unterdrücken. Früher wandte sie als Mittel dagegen das Reiten
an. Jetzt, wo ihr Bon [aparte] das untersagt hat, macht sie sich
„Luft“. Ce n’est qu’un bruit, un petit murmure, un rien, mais 20
enfin, vous savez, que les Français ont le nez au plus petit vent.
Hat man in Manchester noch nichts von Weerth gehört?
Dein K. M.
23. März. Gestern ist auf unsern Aufruf, bestehend aus drei
Zeilen mit unsern sämtlichen Namen, Sendung von £ 20 sh. 17 für 30
die Kölner vom Turnverein von Washington beim Kassierer Frei¬
ligrath angelangt.
Schimmelpfennig hat 1000 £ St. von der Brüning geerbt.
245. Engels an Marx; [1853] April 10.
Lieber Marx, 35
Hierbei der Brief von Cluß zurück. Die Sache wird wohl auf
sich beruhen müssen, bis wir das ganze Hirschsche Aktenstück
nebst seiner von Weydemeyer zurückgehaltenen ersten Erklärung
(weißt Du was Näheres über diese?) vor Augen haben. Die Ge¬
schichte mit Bangya ist nicht angenehm, indessen au bout du 40
compte ist es besser, sie jetzt abzumachen, als später. Wie Du
Z. 2-5. 13-27. 39 (weißt)-41 -
(245) 1853 April 10
463
mir schriebst, hast Du jetzt ja volle Beweise gegen Bangya in der
Hand, auch ist der Zerffi ja da, um die Geschichte mit Greiff zu be¬
zeugen. Da wir jetzt wissen, was kommt, haben wir Zeit, unsre
Antwort gehörig zurecht zu machen. Ich werde B[angya]s und
5 des falschen Collmann Briefe heraussuchen. Die Broschüre kann
meinetwegen in Amerika gedruckt werden.
In Hirschs Aussage sind manche Sachen ganz richtig, z. B. mit
dem Brief von Dir aus Manchester. Dabei lügt und verschweigt er
aber natürlich gehörig. So vergißt er zu erzählen, daß er, offenbar
jo nicht ohne Absicht, Dir nach Manchester nachreiste und uns eines
Sonntags auf dem Bury New Road mit einem andern Bummler be¬
gegnete und im Vorbeigehn ganz laut schrie: „Guten Tag, Marx!“
Du erinnerst Dich, wir wunderten uns, wer es gewesen sei, ce fut
notre cher Hirsch. Ebenso die Geschichte mit dem Brief der Frau
J5 Daniels und der Haussuchung.
Es ist komisch, wieviele Coopersche Spione jetzt auftauchen.
Chenu, Cherval, Hirsch. Gut ist es, daß der Hirsch bezeugt, B[an-
gya] habe nie etwas über Dich rapportieren können als Privat¬
klatsch.
io Die angegebenen Personen müßten erforscht werden. Der
Lanckoronski ist offenbar derselbe, den Du als „Graf L.“ in dem
Kossuth-Bonaparte-Artikel als russischen Agenten denunziert hast.
Was Bangya angeht, so sind wir vollständig gedeckt durch Kos¬
suth und Szemere, und da er Manuskript von Szemere in Händen
25 hatte, warum nicht auch von uns? Es ist sehr gut, daß wir immer
alles behalten haben, was wir in die Finger bekamen.
Apropos! Der Dronke schimpfte neulich so schrecklich, daß er
von mir das Reichenb [ach] sehe Zirkular nicht at a moment’s
notice erhalten konnte, und jetzt find’ ich’s in dem Paket amerika-
30 nischer Zeitungen wenigstens zehnmal gedruckt. Konnte der Fau¬
lenzer es sich nicht selbst heraussuchen?
Pour revenir. Ich glaube nicht, daß vorderhand, d. h. bis nach
vollständiger Einsicht der Akten, etwas öffentlich geschehen kann;
bloß vorbereitende Schritte, u. a. auch Nachspürung, woher das
35 Dokument kommt und wo der Hirsch jetzt ist, was er treibt; im
Notfall eine Konfrontation des Kerls, um eine weitere schriftliche
Erklärung von ihm auszupressen. Der Fleury-Geschichte wegen
des Diebstahls werde ich auch sofort weiter nachforschen, leider
ist mein Informant, der ihn persönlich kennt, krank. Besorge mir
40 nur gleich das verlangte Signalement usw.
Die mir zugeschickten amerikanischen Zeitungen hab ich heute
größtenteils durchgestöbert. Manches ist sehr amüsant, aber es
ist, so in einem Haufen, doch eine angreifende Arbeit, die einen
sehr dumm macht. Sehr nett sind dagegen Cluß’ Briefe. Wie ich
45 sehe, stehn die Enthüllungen schon in der N [eu] -Engi [and] -
Z. - 1—6. 17-19. 23-31.
464
(245) 1853 April 10
Zeitung; es ist doch arg, daß Weydemeyer sie nicht in die Krimi¬
nal-Zeitung gebracht hat. Er wird wenigstens jetzt den Hauptinhalt
nachholen müssen — gib ihm doch per nächsten steamer einen
groben Wink deshalb mit dem Scheunentor, sonst denkt er am
Ende gar nicht dran. 5
Den Haufen „Demokraten“ (New Yorker), worin Weyde¬
meyer seine Artikel anbringt, hab ich noch nicht gelesen, das
wird für heut Abend auf gespart.
Unter uns gesagt, ist es mir jetzt so gut wie ausgemacht, daß
Monsieur Bangya doch die Kothessche Adresse verraten hat. Gut, 10
daß kein Mensch es weiß.
Wird die Geschichte mit Hirsch und Bangya verwickelter, so
finden wir am Ende eine neue Arbeit für uns, wenn Du herkommst.
Wie sieht es mit Deiner Reise aus? Ich denke doch, Dich spä¬
testens im Mai hier zu sehen. 15
Meinen Brief vom Freitag mit £ 3 wirst Du erhalten haben.
Beste Grüße an Deine Frau.
Dein F. E.
Sonntag, 10. April.
246. Marx an Engels; 1853 April 23.
23. April 1853.
28, Deanstreet, Soho.
Lieber Engels,
Die Geschichte mitPiéper ist wahr. Bangya ist wieder hier, auch
Stieber und Goldheim. Den einliegenden Bleistift- 20
zettel schick unmittelbar zurück. Qu’en dis-tu?
Ich habe jetzt wieder 30 £ St. auf New York zu ziehn. Bam¬
berger geht nicht heran, aber ich habe andre Aussicht. Wenn sie
sich erfüllt, komm ich vom 1. bis 7. Mai zu Dir, supposé, daß ich
Dich nicht geniere. 30
Wenn Deine Zeit es erlaubt, wäre es mir sehr lieb, bis Freitag
einen Artikel über die Schweiz zu haben. Du hast die Sache
xmal behandelt, während ich die Persönlichkeiten etc. nicht kenne;
doch dürfte der Artikel keine Fortsetzung haben. Ein Artikel
über die Schweiz ist genug für die Größe des Landes. 3*
Dein K. M.
Z. 6-13. 24 (Bangya)-25.
(247) 1853 April 26
465
247. Marx an Engels; 1853 April 26.
26. April 1853.
Dear Frédéric,
Ich fürchte, daß aus der vorgehabten Reise nichts wird. Bam-
<5 berger kann mir den Wechsel nicht diskontieren, und Friedländer,
der halb versprochen hatte, will définitivement nicht. Ich habe des¬
wegen an Strohn geschrieben, halte es aber für eine bloße Forma¬
lität, die ich pour acquit de conscience und meiner Frau zulieb
erfüllt, ohne an ein Resultat zu glauben.
io Bei Gelegenheit einer Korrespondenz, worin ich der „Tribune66
Mazzinis Hiersein — jetzt wieder von seinen Freunden geleugnet,
ich denke aber, auf seinen Befehl — anzeige (dieselbe Korrespon¬
denz enthält den ersten Türkenartikel), macht sie einen kleinen
Leader über M[azzini]s glückliches Durchschlüpfen und bemerkt
15 bei der Gelegenheit:
„In this connection we may properly pay a tribute to the remar¬
kable ability of the correspondent by whom this interesting piece
of intelligence is fumished. Mr. Marx has very decided opinions
of his own, with some of which we are far from agreeing, but those
so who do not read his letters neglect one of the most instructive sour¬
ces of information on the great questions of current European poli-
tics.“ Du siehst, ich sitze hier fest. Ich habe außerdem einen sehr
interessanten Brief von Cluß mit zwei Nummern von Hirschs Be¬
kenntnissen (noch nicht geschlossen) erhalten. Ich schicke die Ge-
26 schichte noch nicht, da vielleicht noch ein Zufall mich befähigt,
selbst zu kommen und die Sachen zu bringen. Wenn ich komme,
erhältst Du jedenfalls vorher die Anzeige. Wann rückt Dein Alter
ein, mit dem ich nicht karambolieren will?
Wenn der Dana mir hier nur, worum ich ihn schon dreimal
3o gebeten, ein Haus anzeigte, so wäre ich wenigstens über das Dickste
weg.
Ad vocem Hirsch: Ich war ursprünglich Deiner Ansicht, aber
doch verhält sich die Sache anders. Stieber und Goldheim sind
positiv hier, um die Kossuthsche Pulververschwörung mit Berlin
k zu „vermitteln66. Derselbe Kerl, der mir den anonymen Wisch
schrieb, schrieb an demselben Tag wörtlich folgendes an Schärtt-
ner und Göhringer:
„London, den 21. April 1853.
40
Bekanntmachung.
Seit kurzer Zeit hier angekommen: Polizeirat Stieber und der
Jude Goldheim, Polizeileutnant, beide von Berlin.
30
466
(247) 1853 April 26
Signalement
des Stieber:
Mittlere Statur (ca. fünf Fuß).
Haare: schwarz, kurz.
Schnurrbart: dto., dto.
Gesichtsfarbe: gelb und abge¬
lebt.
Trägt enge, dunkle Hosen, einen
blauen Sack, einen Zeughut,
welchen man zusammenklap¬
pen kann, und eine Brille.
des Juden Goldheim:
ca. sechs Fuß.
schwarz, kurz.
dto., dto. ,5
gelb, aufgedunsenes Gesicht.
Trägt schwarze Hosen, einen
weißgelben Sack, schwarzen
Hut. io
NB. Beide gehn regelmäßig zusammen und sind begleitet von
Hirsch, Handlungsdiener aus Hamburg, Künig, Postexpedien¬
ten, aus dem Geburtsort Willichs. Heute hatte Stieber und Gold¬
heim eine Konferenz mit Bangya. S[tieber] und Gtoldheim] gehn
regelmäßig alle Tage zwischen elf und drei Uhr auf die preu¬
ßische Gesandtschaft.“
Ich glaube, der Verfasser ist Henry de l’Aspée, Freund und
Landsmann von 0. Dietz, derselbe gekränkte Polizist, der, wie Du
Dich erinnern wirst, zu weitern Enthüllungen^ mit uns bei Deiner 20
Ankunft hier haben sollte. Du siehst, wie „Hirsch“ voranarbeitet.
Nichts konnte dem Willich-Kinkel ungelegner kommen.
Farewell.
Dein K. M.
Was das Pfund angeht, so werde ich jedem 10 sh. geben, da 25
Pieper, soviel ich weiß, Aussicht hat, sein Geld jetzt ohne Prozeß
zu erhalten. Der arme Teufel ist verdammt syphilitisch und dabei
in schlechten circümstances und zu leichtsinnig, sich zu halten.
248. Engels an Marx; 1853 April 26.
Lieber Marx,
30
Inliegend Artikel und Pfund Sterling. Wer immer von den
beiden claimants auch leiden möge, tröste ihn mit der nächsten
Woche.
Je eher Du selbst kommst, desto besser. Das Schlafzimmer in
meinem Hause ist fertig. 35
In Frankreich scheint der commerce schon am Abfallen zu
sein. Besonders abgenommen haben die direkten Importe von
*) Fehlt wahrscheinlich eine Zusammenkunft
Z. 14-15. 27-28
(248) 1853 April 26 467
Baumwolle aus Amerika. Die amerikanischen Exporte stellen sich
wie folgt: vom 1. September bis 6. April jedes Jahres.
1853.
1852.
1851.
1850.
Nach England .
1100 000
930 000
757 000
592 000
j „ Frankreich
257 000
302 000
246 000
192 000
Alle andern Länder
204 000
189 000
163 000
105 000
So daß Frankreich das einzige Land ist, das trotz der kolos¬
salen amerikanischen Ernte weniger bezogen hat als voriges
Jahr und kaum mehr als im Jahr der politischen Trübsal 1851,
jo où l’ordre et la société allaient s’engloutir dans le gouffre socialiste.
Die Importe von 1852 zeigen den momentan magischen Effekt des
Staatsstreichs, 1853 zeigt den Revers. Etwas ist immer von Liver¬
pool nach Havre gegangen, doch nicht so viel mehr als früher.
Auch sonst scheint in Frankreich die Industrie nicht eben zu
15 florieren. Diesmal scheint die Sache wirklich ernsthaft zu sein und
speziell auf der Verdrängung französischer Artikel aus den aus¬
wärtigen Märkten durch einheimisches Fabrikat zu beruhen. Die
kolossalen Exilierungen von Arbeitern 1851/52 fangen an, ihre
Früchte zu tragen; ich bin überzeugt, daß sie ganz speziell zur Aus-
2o dehnung und Verbesserung der englischen und amerikanischen Fa¬
briken von Pariser Artikeln, Bronzesachen usw. beigetragen haben.
Heutzutage noch tausendmal weniger als früher jagt die Ordnung
ungestraft das Proletariat über die Grenze. Selbst im tiefsten
Frieden müßte die französische Industrie bei dieser fortwähren-
25 den Exploitation des Komplotts als moyen de gouvernement und
ewig sich erneuernden Proletarierverbannung zum Teufel gehn;
die Engländer und Yankees wissen wahrhaftig den brauchbaren
Teil darunter zu benutzen!
Also wann kommst Du?
3o Dein F. E.
26. April 1853.
249. Frau Jenny Marx an Engels; [1853 April 27].
Lieber Herr Engels,
Es ist mir furchtbar unangenehm, in Geldsachen an Sie schrei-
35 ben zu müssen. Sie haben uns nur schon zu oft geholfen. Aber
dieses Mal weiß ich keine Rettung, keinen Ausweg. Ich habe an
Hagen in Bonn, an Georg Jung, an Cluß, an meine Schwieger¬
mutter, meine Schwester in Berlin geschrieben. Schreckliche
Briefe! Und von allen, allen bis heute keine Antwort. So bleibt
io uns kein Mittel mehr übrig. Ausmalen, wie es hier aussieht, kann
ich nicht. Mein Mann ist in die City zu Gerstenberg. Sie können
30*
z. 1-6.
468
(249) 1853 April 27
denken, welch ein Gang das für ihn ist. Während der Zeit schreibe
ich diese Zeilen. Können Sie etwas uns schicken? Für Freitag hat
der Bäcker das Brot gekündigt. Gestern hat der Musch ihn noch ab¬
gewehrt, indem er dem Bäcker auf seine Frage: „Is Mr. Marx at
home?“ antwortete: „No, he a’nt upstairs!“ und dann mit seinen ;
drei Broten unter dem Arm pfeilschnell davonlief und seinem
Mohr erzählte.
Leben Sie wohl.
Jenny Marx.
250. Marx an Engels; 1853 April 27.
27. April 1853.
28, Deanstreet, Soho.
Lieber Engels,
Ich war soeben mit Freiligrath bei Gerstenberg, und es ist Aus¬
sicht, daß ich bis Freitag, wenn auch nicht den Wechsel diskontiert, u
doch einen Vorschuß darauf erhalte. Mit Strohn war es, of course,
nichts. Also immer noch möglich — was ich sehr wünsche —, daß
ich zu Dir komme.
Sei so gut und beantworte umgehend nachfolgende Frage,
die der kleine Bamberger durch mich stellt — (der Kerl kann 20
doch heute oder morgen einmal nützlich sein) —:
„Madapolams für den italienischen Markt 1 Gute Häuser zum
Gedruckte Kalikos ditto Einkauf
Strohmachende Häuser .... ditto ’ in Manchester
Den Artikel und das 1 für Pieper und Dr[onke] erhalten. 25
Ich weiß nun sicher, daß ich recht berichtet war mit der An¬
wesenheit Mazzinis in London.
Hirsch war vorgestern beim russischen Konsul, an demselben
Tage im Hause Fleurys zusammen mit Stieber und Goldheim.
Dein K. M.
251. Engels an Marx; 11853 April 27].
Lieber Marx,
Wenn Du sonst mit dem Wechsel nichts Besseres anzufangen
weißt, so schick ihn mir umgehend (in Zeit für die Freitags ameri¬
kanische Post). Ich kann ihn, denk ich, durch einen Yankee ein- j;
kassieren lassen und Dir doch eine zehn darauf vorschießen, bis
der Rest kommt — d. h. nicht vor dem 1. Mai kannst Du das Geld
erhalten, aber am 2. M a i hast Du die £ 10 sicher dort.
Z. 19-24. Nr. 251.
(251) 1853 April 27
469
Schreib, ob Du unter solchen Umständen kommen kannst, und,
wo möglich, komm, so kannst Du das Geld Deiner Frau selbst
schicken.
Jedenfalls halte mich avertiert, damit ich bei Deiner Ankunft
5 not out of the way bin.
Die alte Bibliothek von P. Ermen steht uns auch wieder zur
Disposition.
Dein F. E.
Mittwoch.
252. Marx an Engels; 1853 April 28.
28. April 1853.
28, Deanstreet, Soho.
Lieber Engels,
Heute war ich mit Freiligrath wieder bei Gerstenberg. Er gab
15 mir einen „verschlossnen“ Empfehlungsbrief an Spielmann in
Lombardstreet. Abschlag. Dem Gerstenberg — als Haupt-
kinkelianer — war es natürlich nicht Emst mit der Sache.
Nun schick’ ich Dir den Wechsel, der mit dem morgen ab¬
gehenden Briefe 32 St. beträgt.
20 Bamberger will mir 2 £ St. pumpen, damit ich ein paar Schil¬
linge meiner Frau lassen und mit dem andern zu Dir reisen kann.
Ich reise Sonnabend morgen fort. Morgen ist es un¬
möglich.
Dein K. Marx.
253. Engels an Marx; [1853 Mai ca. 18].
Lieber Marx,
Die Bombe wird also endlich platzen, wie Du aus inliegendem
Korrekturwisch und Weydemeyers Brief ersiehst. Wunderbarlich
ist diese Manier von Willich, sich aus der Sache zu ziehen, jeden-
30 falls; Du wirst Dich gewiß kostbar amüsieren über diese lahmen
Zirkumlokutionen und die verlegene Holprigkeit der Schreibart.
Der Kerl ist schwer getroffen. Vater Schramm aber scheint ihn in
Cincinnati schwer gekränkt zu haben; immer zu etwas gut. Soviel
ist sicher: auf diese Erklärung kann nur noch eine größere
35 Blamage von Seiten des Ritterlichen folgen.
Also weil die N[ew] Ylorker] Kriminalzeitung! ! ! ! ! ! Angriffe
auf Willich gebracht hat, deswegen sieht der Edle sich ge¬
zwungen, sein heroisches Schweigen zu brechen.
Nr. 251.
Z. 36-38 -
470
(253) 1853 Mai ca. 18
„Im höchsten Fall“! Bei Willich fallen die Körper nicht
nach unten, sondern nach oben. Adieu Schwerkraft. Der Kerl
ist total verrückt. Auch wieder die Geschichte mit dem Meuchel¬
mord! Wir werden jetzt auch sofort den pp. Schramm in die
Schranken springen sehn mit einer Erklärung. 5
Zur Beruhigung kann ich Dir mitteilen, daß die Neu-England-
Zeitung mir heute den Versand von 420 Exemplaren „Enthül¬
lungen“ an meine Adresse anzeigt, ich sie also wohl morgen
oder spätestens in acht Tagen erhalten werde, wenn das Paket nicht
mit dem letzten steamer abgegangen sein sollte. Die Kerle haben 10
die Unverschämtheit, mich in einem halbanonymen „Office der
N[eu-]E[ngland-]Z[eitung]“ unterzeichneten Briefe zum Mitarbei¬
ter aufzufordern — das fehlte noch!
Gut ist es auf alle Fälle, daß wir jetzt doch in der Reform ein
Organ haben, worin man, selbst wenn alle Stricke reißen, Sachen 15
in der Polemik gegen Willich und Konsorten unterbringen kann.
Der Krawall reitet den Kellner immer tiefer hinein.
Der Druckfehler von Weydemeyer darf Dich nicht wundem.
Du weißt ja, daß Weydemeyer statt „Rühmliches“ immer auch
nur „Ähnliches“ leistet. 20
Der Kleine wird nächsten Sonntag herkommen. Ich bin be¬
gierig, wie er sich in B[rad]ford als Kommis entwickelt. Jeden¬
falls scheint der brave Buckup ihn gehörig schanzen zu lassen.
Gestern hab ich das Buch über die arabischen Inschriften ge¬
lesen, wovon ich Dir sprach. Das Ding ist nicht uninteressant, so 25
eklig der Pfaff und Bibelapologet überall durchblickt. Sein höch¬
ster Triumph ist, dem Gibbon einige Schnitzer in der alten
Geographie nachweisen zu können und davon auch auf die Ver¬
werflichkeit der Gibbonschen Theologie zu schließen. Das Ding
heißt: The historical Geography of Arabia by the Reverend Char- 30
les Forster. Das Beste, was dabei herauskommt, ist:
1. Die in der Genesis gegebne angebliche Genealogie von Noah,
Abraham usw. ist eine ziemlich exakte Aufzählung der damali¬
gen Beduinenstämme je nach ihrer größeren oder geringeren Dia¬
lektverwandtschaft usw. Die Beduinenstämme nennen sich be- 35
kanntlich bis heute immer Beni Saled, Beni Jussuff usw., d.h. die
Söhne von dem und dem. Diese Benennung, aus der altpatriar¬
chalischen Existenzweise hervorgehend, führt schließlich auf
diese Art Genealogie. Die Aufzählung der Genesis wird plus ou
moins bestätigt durch die alten Geographen, und die neueren Rei- 40
senden beweisen, daß die alten Namen, dialektisch verändert,
meistens noch existieren. Dabei kommt aber heraus, daß die Ju¬
den selbst weiter nichts sind als ein kleiner Beduinenstamm wie
die andern, den Lokalverhältnisse, Agrikultur usw., in Gegensatz
zu den andern Beduinen brachten. 4»
z. - 1-5.
(253) 1853 Mai ca. 18
471
2. In Beziehung auf die große arabische Invasion, von der wir
früher sprachen: daß die Beduinen grade wie die Mongolen
periodische Invasionen gemacht haben, daß das assyrische Reich
und das babylonische durch Beduinenstämme gegründet sind, auf
5 demselben Fleck, wo später das Kalifat von Bagdad. Die Gründer
des babylonischen Reichs, die Chaldäer, existieren noch unter
demselben Namen, Beni Chaled, in derselben Lokalität. Die rasche
Herstellung großer Städte, Ninive und Babylon, ist genau so ge¬
schehen wie noch vor 300 Jahren die Schöpfung von ähnlichen
io Riesenstädten, Agra, Delhi, Lahore, Muttan, in Ostindien durch
die afghanische resp. tatarische Invasion. Damit verliert die mo¬
hammedanische Invasion viel von ihrem distinktiven Charakter.
3. Die Araber scheinen, wo sie ansässig waren, im Südwesten,
ein ebenso zivilisiertes Volk gewesen zu sein wie die Ägypter,
is Assyrer usw., ihre Bauwerke beweisen das. Auch das erklärt man¬
ches in der mohammedanischen Invasion. Was den Religions¬
schwindel angeht, so scheint aus den alten Inschriften im Süden,
in denen die altnational-arabische Tradition des Monotheismus
(wie bei den amerikanischen Indianern) noch vorherrscht, und
2o von der die hebräische nur ein kleiner Teil ist, hervorzu¬
gehn, daß Mohammeds religiöse Revolution, wie jede religiöse
Bewegung, formell eine Reaktion war, vorgebliche Rück¬
kehr zum Alten, Einfachen.
Daß die jüdische sogenannte heilige Schrift weiter nichts ist
25 als die Aufzeichnung der altarabischen religiösen und Stamm¬
tradition, modifiziert durch die frühe Separation der Juden von
ihren stammverwandten, aber nomadischen Nachbarn, ist mir jetzt
vollständig klar. Der Umstand, daß Palästina nach der arabischen
Seite zu von lauter Wüste, Beduinenland, umgeben, erklärt die
3o separate Entwicklung. Aber die altarabischen Inschriften, Tradi¬
tionen und der Koran, sowie die Leichtigkeit, mit der sich nun alle
Genealogien usw. auflösen lassen, beweisen, daß der Hauptinhalt
arabisch oder vielmehr allgemein semitisch war, wie noch bei uns
die Edda und die deutsche Heldensage.
35 Dein F. E.
254- Engels an Marx; 1853 Mai 20.
Lieber Marx,
Hierbei das Neueste aus Amerika. Ich habe noch mehrere Ko¬
pien der Kriminalzeitung mit Weydemeyers und Deiner Erklärung
filier, die ich im Anfang der nächsten Woche schicken werde, da¬
mit Ihr sie verwenden könnt; ein Exemplar halte ich hier für
Dronke und das Archiv.
472
(254) 1853 Mai 20
Die £ 25, welche beiliegen, ist Freiligrath wohl so gut, dem
Weydemeyer oder Lièvre anzuzeigen, für heute ist es zu spät für
mich, an Weydemeyer zu schreiben. Wie die Kerle indes es fertig
bringen, $ 125 in £ 25 umzuwechseln, ist mir nicht klar, nach
dem letzten New Yorker Kurs vom 4. Mai steht Sterling 54 pence ;
= 109% cts., also selbst zu 110 cts. $ 125 = ^25.11.4, also auf
jeden Dollar 3/2 Pence am Kurs verloren.
Mein Alter hat mir endlich geschrieben. Wie ich erwartete:
um Gottes willen nur keinen Skandal schlagen, warten bis er her¬
kommt, und dann mich an die Börse bringen. Das Geschäft geht io
zu gut, als daß man sich auf großen Krakeel einlasse’n könnte. Ist
mir soweit ganz recht, wenn mein Herr Papa nichts dawider hat,
was mach ich mir aus dem Dreck?
Dein F. E.
Freitag, 20. Mai 1853. in
255. Marx an Engels; 1853 Mai 21.
21. Mai 1853.
28, Deanstreet, Soho.
Lieber Engels,
Heute noch wird der Wechsel von 25-^ St. an Freiligrath ab- 20
gehn, der ihn gleich dem Lièvre anzeigen soll.
Einliegend die Adresse von Wolff, der noch immer brummt.
Ich habe mich übrigens jetzt, wo manches erst herausgesprochen
wird, überzeugt, daß Dronke eine sehr miserable Klatsch-cancan-
und Lügenrolle auf meine Kosten gespielt hat. Allerdings die ein- «
zige Tätigkeit, wozu der wichtigtuende Miniatur — und wouldbe
Blanqui fähig war. Bei seinem vielen Cancanieren wurde er so
verlogen von Kopf bis Fuß, daß er selbst nicht mehr wußte, was er
sagte oder gesagt hatte.
Um Gottes willen schick mir keine Exemplare mehr von 39
W[eydemeyer]s oder meiner Erklärung. Hier allein liegen vier¬
zehn Stück von beiden, die ich vorgestern erhielt. Es wäre wichti¬
ger, wenn Wteydemeyer] wenigstens zwei oder drei Exemplare
der „Hirschschen“ Enthüllungen geschickt hätte. Z. B. in der
Schweiz könnte Schabelitz eins brauchen, im Fall sein Prozeß 3>
weitergeht. Der unvermeidliche W [eydemeyer] sehe Druckfehler,
wo Bangya „Ähnliches“ statt „Rühmliches“ leistet, ist gut.
Sonst nichts Neues hier. Hast Du dem Blind, den ich noch nicht
gesehn, seinen Herzen geschickt?
Das People’s Paper steigt und ist einstweilen pekuniär sicher- 4/
gestellt. Jones ruft Massenmeetings zusammen für den 19. Juni
Z. 23-29. 36-37.
(255) 1853 Mai 21
473
sqq. auf Blackstone Edge, Skurcoat Moor, Mount Sorrell, Notting¬
ham Forest.
Apropos! Dem Pieper konnte ich nur 10 sh. geben, da ich
durch Strohns falschen railwayguide den parliamentary train ver-
5 säumte und daher mit dass I reisen mußte.
Laß bald von Dir hören.
Dein K. M.
256. Engels an Marx; 1853 Mai 31.
Manchester, 31. Mai 1853.
io Lieber Marx,
Der Wechsel auf Dana ist bezahlt, morgen erhalten wir das
Geld, das wir Dir gleich schicken; Charles verfehlte den Kerl heute
zweimal. Es wird zwar auf den Kurs etwas verloren, ich denke
aber doch weniger als bei Negoziierung in London.
15 Das Paket mit den Broschüren ist ebenfalls hier, es geht mor¬
gen ab, ich werde acht bis zehn hier behalten. Es ist ziemlich
schwer und kostete £ 1.16, die Du auf den Verkaufspreis
schlagen kannst. Duty allein 18 sh., so daß es unter allen Um¬
ständen gut ist, daß es an mich adressiert wurde.
2o Der Kleine war Samstag hier, er scheint sich besser zu machen,
als zu erwarten war, B[uckup] sagte Strohn, er sei ganz zufrieden
mit ihm, und er arbeite sich rasch ein. Ich hab’ ihm wieder etwas
• Pünktlichkeit eingepredigt, übrigens sind die Verhältnisse auf
dem Buckupschen Comptoir so günstig für ihn, wie er sie nur
25 wünschen kann. Er führt bereits Bücher, und wenn er sich drei
bis vier Monate gut hält, so ist er geborgen. Str[ohn] ist wieder
fort nach dem Kontinent, er reiste Samstag ab, es war gut, daß er
die ersten vierzehn Tage dort war.
Von Amerika diese Woche mir nichts Neues zugekommen.
30 Dein F. E.
257. Engels an Marx; [1853 Juni 1].
Lieber Marx,
Inliegend die Hälfte von ^20 — P/E 90138. Die andre
Hälfte per zweite Post, da ich keine andre Adresse weiß.
35 Der Kerl, der den Wechsel einkassiert hat, ist auf ein paar
Tage verreist, und wir können also das Geld nicht kriegen. Damit
Du aber nicht zu warten brauchst, hab ich mir diese 20 ver¬
schafft. Die Abrechnung über den Wechsel erfolgt also Anfang
nächster Woche.
Z. 25-28.
474
(257) 1853 Jimi 1
Der verdammte Hund zieht uns ca. 18 £ ab für Zigarren und
Wein, die teils Charles auf Spekulation, teils ich für Konsumtion
von ihm gekauft, sodaß man dabei noch zum Schuldenzahlen
kommt.
In einer alten Tribune von Anfang April las ich gestern Deinen «
Artikel über die Times und die Flüchtlinge (mit dem Dantezitat).
Je t’en fais mon compliment. Das Englisch ist nicht nur gut, es ist
brillant. Hier und da sind ein paar Stichwörter nicht coulant ge¬
nug eingeflochten, das ist aber auch das Schlimmste, was man von
dem Artikel sagen kann. Pieper ist fast gar nicht drin zu ent- io
decken, und ich begreife nicht, wozu Du den noch brauchst.
Dein F. E.
258. Marx an Engels; 1853 Juni 2.
2. June 1853.
28, Deanstreet, Soho. 15
Dear Frédéric,
Die erste Hälfte der 20^-Note eingesprungen. Ich schreibe Dir
vor meinem Gang ins Museum, also noch sehr früh zu Tag.
Einliegende Erklärung des großen Willich an die Neu-England-
Zeitung hätte ich Dir längst geschickt, wenn ich nicht voraus- 20
gesetzt, daß Weydemeyer Dir die Sache zugesandt. Das Kon¬
zept dieser zweiten Erklärung ist genuine, echter Willich. Die
andern schreiben „Aufsätze“, er schreibt „Tatsachen“, und man *
muß „in persönlicher Beziehung“ zu ihm gestanden haben, damit
die Verleumdung ihren Stachel verliert. Dies das kleine Parti- 26
sanenmanöver. Er antwortet nicht auf seinen eignen Hirsch. Er
setzt dem Publikum vielmehr die „Motive“ auseinander, warum
Marx seinen Hirsch nicht widerlegt. Und nun hat er das Terrain
gefunden, wo er sich mit einiger Virtuosität herumtreiben kann.
Und der edle Mann übergibt „ungern“ der „Öffentlichkeit“ die jo
Tatsachen. Natürlich, er zog es vor, sie geheim hinter der Bier¬
bank den Philistern vorzuraunen und sie durch zwei Erdteile auf
„contrabandweg“ seit drei Jahren zu kolportieren, juvante Kin-
kelio. Dann das Manöver, das Publikum gespannt zu halten. Es
vergißt die Tatsachen, unter denen er sich windet. Es ist gespitzt 35
auf die Tatsachen, die die „kritischen Schriftsteller“ vernichten
sollen. Dabei ist der edle Mann auch „vornehm“, wie es einem
„öffentlichen“ Charakter geziemt. Wenn er antwortet, geschieht es
nicht auf die rohen „Agenten“ von Marx, sondern auf die „ge¬
schickten“ Federfuchser. Schließlich gibt er dem Publikum zu 40
verstehn, daß seine Gegner nur so keck auftreten, weil sie an
seinen „Entschluß“ glaubten, sich zurückzuziehn, und der wich-
Z. 23 (man)-29. 34 (Dann)-42 -
(258) 1853 Juni 2
475
tige Mann kündet mit Trommelschlag an, daß er seinen Entschluß
„geändert44 hat.
Tout ça n’est pas trop mal pour un vieux souslieutenant. Was
aber den Stil der Erklärung Nr. 2 angeht — so schlecht er ist, er
5 ist dennoch apokryph. Es sind andre Hände drüber gefahren,
wahrscheinlich die von Madame Anneke. Jedenfalls wird jetzt das
nötige Supplement zu Tellerings Broschüre von Herm Willich
herausgegeben werden, und da die Scheiße einmal vors Publi¬
kum gebracht ist, il faut aller jusqu’au bout. Wenn Weydemeyer,
io Cluß et Co. geschickt operieren, so müßten sie jetzt dem Willich
in die Parade fahren und im voraus den Überraschungen, die er
dem Publikum vorbehält, die Pointe und die Neuheit abbrechen.
Nous verrons.
Das Lob, das Du meinem „jungen44 Englisch erteilst, hat sehr
is aufmuntemd auf mich gewirkt. Was mir hauptsächlich fehlt, ist
einmal grammatische Sicherheit und zweitens die Gewandtheit in
gewissen sekundären Wendungen, ohne die alles schlagfertige
Schreiben unmöglich ist. Herr „Tribune44 hat zu meinem zweiten
Artikel über Gladstones Budget eine Bemerkung an die Spitze
2o ihres Blatts gesetzt, worin sie das Publikum auf die „masterly
exposition44 aufmerksam macht und erklärt, sie habe nowhere „a
more able criticism44 gesehn und tue „not expect to see one44. Das
ist nun all right. Aber in dem folgenden Artikel blamiert sie mich
wieder, indem sie einen ganz unbedeutend und unbedeutend sein
25 sollenden Kopf von mir unter meinem Namen druckt, während
sie sich Deinen „Schweizer44 aneignet. Ich werde Dana schreiben,
es sei mir sehr „schmeichelhaft44, wenn sie die Sachen manchmal
als leader benutzen. Nur sollten sie dann gefällig meinen Namen
nicht unter unbedeutende Notizen setzen. Ich habe den Eseln jetzt
u. a. zwei Artikel über „China44 in Beziehung auf England ge¬
schickt. Wenn Deine Zeit Dir erlaubt und Du grade Lust hast zu
schreiben über irgend etwas, Schweiz, Orient, Frankreich, Eng¬
land oder cotton oder Dänemark, so tu es von Zeit zu Zeit,
da ich jetzt gewaltsam auf den Beutel der Kerle losarbeite, um
35 den Ausfall von drei weeks zu decken. Wenn Du mir von Zeit zu
Zeit so was schickst — de omnibus rebus —, so kann ich’s immer
unterbringen, denn Du weißt, daß ich das „Mädchen für alles44
bei den Kerls bin, und es ist immer leicht, alles an alles, an jeden
Tag anzuknüpfen, navra èv navra.
4o In bezug auf die Hebräer und Araber war Dein Brief mir sehr
interessant. Es lassen sich übrigens 1. allgemeines Verhält¬
nis nachweisen bei allen orientalischen Stämmen, zwischen dem
Settlement des einen Teils derselben und der Fortdauer im No¬
madisieren bei den andern, seit die Geschichte geschieht. 2. Zur
<5 Zeit Mohammeds hatte sich der Handelsweg von Europa nach
z. - 1—2.
5-6.
476
(258) 1853 Juni 2
Asien bedeutend modifiziert, und die Städte Arabiens, die am
Handel nach Indien etc. großen Anteil nahmen, befanden sich
kommerziell im Verfall, was jedenfalls mit Anstoß gab. 3. Was
die Religion angeht, so wird sich die Frage in die allgemeine und
darum leicht beantwortbare auf lösen: Warum erscheint die 5
Geschichte des Orients als eine Geschichte der Religionen?
Über die orientalische Städtebildung kann man nichts Bril¬
lanteres, Anschaulicheres und Schlagenderes lesen als den alten
François Bernier (neun Jahre Arzt von Aureng-Zebe) : „Voyages
contenant la description des états du Grand Mogol etc.“ Auch io
setzt er das Militärwesen, die Art, wie diese großen Armeen sich
ernährten etc., schön auseinander. Über beides bemerkt er u. a.:
„Die Kavallerie bildet den Hauptteil, die Infanterie nicht so
groß, als das Gerücht geht, si ce n’est qu’avec les véritables gens
de guerre, ils ne confondent tous ces gens de service et de bazars h
ou marchéz qui suivent l’armée; car, en ce cas-là, je croirois bien
qu’ils auroient raison de mettre les 200000 et 300000 hommes
dans l’armée seule qui est avec le roi, et quelquefois^ encore
d’avantage, comme quand on est assuré qu’il sera longtemps absent
de la ville capitale; ce qui ne semblera pas si fort étonnant à qui 20
saura l’étrange embarras de tentes, de cuisines, de hardes, de
meubles et de femmes même assez souvent, et par conséquent
d’éléphans, de chameaux, de bœufs, de chevaux, de portefaix, de
fourageurs, vivandiers, marchands de toutes sortes et de serviteurs
qui traînent après soi ces armées, et à qui saura l’état et gouver- 25
nement particulier du pays, à savoir que le roi est le seul et
unique propriétaire de toutes les terresa) du
royaume, d’où vient par une certaine suite nécessaire que toute
une ville capitale2) comme Delhi ou Agra ne vit presque
que de la milice, et est par conséquent obligée de suivre le roi 30
quand il va en campagne pour quelque temps; ces villes-là n’étant
ni ne pouvant être rien moins qu’un Paris; mais n’étant pro¬
prement qu’un camp d’armée2) un peu mieux et plus
commodément placée qu’en rase campagne.44
Bei Gelegenheit des Marschs des Großmoguls nach Cachemire, 35
mit 400000 Mann etc. Armee, sagt er: „La difficulté est de savoir
d’où et comment peut subsister une si grande armée en campagne,
une si grande quantité d’hommes et d’animaux. Il ne faut pour
cela que supposer, ce qui est très vrai, que les Indiens sont fort
sobres et fort simples dans leur manger, et que de tout ce grand 40
nombre de cavaliers, il n’y a pas la dixième, ni même la ving¬
tième partie, qui, dans la marche, mange de la viande; pourvu
qu’ils aient leur kicheri ou mélange de ris et d’autres légumes, sur
M Bei Bernier quelquefois même
2) Unterstreichung von Marx.
(258) 1853 Juni 2
477
lesquels ils versent du beurre roux quand ils sont cuits, ils sont
contents.^ Il faut encore savoir que les chamaux résistent extrê¬
mement au travail, à la faim et à la soif, vivent de peu et mangent
de tout, et qu’aussitôt que l’armée arrivée, les chameliers les
5 mènent brouter à la campagne, où ils mangent tout ce qu’ils
attrapent; de plus que les mêmes marchands qui entretiennent
les bazars dans Delhi, sont obligés de les entretenir dans les cam¬
pagnes, ebenso die petits marchands etc. . . . enfin au regard du
fourrage, tous ces pauvres gens s’en vont rôdans de tous les côtés
io dans les villages pour en acheter et y gagner quelque chose, et
que leur grand et ordinaire refuge est de râper, avec une espèce
de truelle, les campagnes entières, battre ou laver cette petite
herbe qu’ils ont râpée, et l’apporter vendre à l’armée. . .
Bernier findet mit Recht die Grundform für sämtliche Erschei-
15 nungen des Orients — er spricht vonTürkei, Persien, Hindostan —
darin, daß kein Privatgrun deigentum2) existierte. Dies
ist der wirkliche clef selbst zum orientalischen Himmel.
Da es mit Borchardt nichts zu sein scheint, glaube ich doch,
daß der Kerl bereit sein wird, von Steinthai etc. dem Lupus Emp-
2o fehlungen an Londoner Kaufleute auszuwirken. Das kannst Du
ihm wenigstens abzwingen und das wäre für Lupus sehr wichtig.
Was sagst Du zum failure des “financial scheme for reducing
the national debt“ des hudibrasiac Rodolpho Gladstone?
Das „Journal des Débats“ hat vorgestern das wahre Geheimnis
25 ausgesprochen, warum Rußland so frech ist. Entweder, sagt es,
muß der Kontinent seine Unabhängigkeit russischer Gefahr aus¬
setzen oder er muß dem Krieg sich aussetzen, und das ist „la
révolution social e“. Nur vergißt das elende Débats, daß Ru߬
land sich ebensosehr vor der Revolution fürchtet wie Mr. Bertin,
5o und daß der ganze Witz jetzt darin liegt, wer sich den meisten
Schein der „Nichtfurcht“ zu geben weiß. Aber England und France
— die offiziellen — sind so miserabel, daß, wenn Nicholas steif¬
hält, er alles ausrichten kann.
Vale faveque.
55 C. M.
An Lassalle ist geschrieben, und er wird wohl ready sein, ein
paar 100 Exemplare der Broschüre in Empfang zu nehmen und
in Deutschland zu vertreiben. Nun fragt es sich, wie hinüber-
4o bringen? Charles meinte, als ich in Manchester war, es ließe sich
tun durch Verpackung mit Kaufmannsgütem? Frag ihn jetzt ein¬
mal darüber.
P. S. Die Abschickung des Briefes hat sich verspätet, und so
O Bei Bernier les voilà contents
2) Korr, aus Privatgrund besitz
Z. 18-21.
478
(258) 1853 Juni 2
kann ich Dir noch nachträglich Ankunft des Bücherpakets und der
zweiten Hälfte der Note anzeigen.
259. Engels an Marx; [1853] Juni 6.
Manchester, 6. Juni, abends.
Lieber Marx, 5
Ich wollte Dir heute per erste Post schreiben, wurde aber bis
acht Uhr durch Comptoirarbeiten aufgehalten. Die beiden Erklä¬
rungen Weydemeyers und Cluß’ in der Kriminal-Zeitung gegen
Willich wirst Du erhalten haben, d. h. von Amerika direkt,
wo nicht, so schreib mir gleich. Vater Weydemeyer ist wie ge- 10
wohnlich zu breit, weiß die Pointe nur stellenweise zu finden,
stumpft sie auch dann durch seinen Stil ab und entwickelt seinen
bekannten Mangel an verve mit seltner Gelassenheit. Trotzdem
hat der Mann sein Möglichstes getan, die Geschichte mit dem
„Waffengefährten“ Hentze und der von andern inspirierten 15
Schreibart des Hirsch richtig gedreht, sein hahnebüchner Stil und
seine Gelassenheit, die dort für Impassibilität gilt, wird dem Phi-
listerium zusagen, und im ganzen kann man mit seiner Leistung
zufrieden sein. Die Erklärung von Cluß dagegen gefällt mir aus¬
gezeichnet. Der homme supérieur, der seiner Überlegenheit durch 20
die „persönliche Berührung“ mit Willich sich sozusagen physisch
bewußt geworden, lacht aus jeder Zeile hervor. An Leichtigkeit des
Stils ist das Ding das beste, was Cluß je geschrieben, auch nicht
eine holprige Wendung drin, keine Spur von gêne oder Ver¬
legenheit. Wie gut steht ihm der fingierte Biedermann mit der 25
Miene des bonhomme, der aber doch überall den Teufel durch¬
blicken läßt, der ihm im Nacken sitzt. Wie famos ist die Wendung
mit dem „Schwindel, wie Revolutionsagenturen sind“, von denen
er lebe, wie Willich behaupten soll. Der Ritterliche wird sich ge¬
wundert haben, unter den rohen „Agenten“ einen Kerl zu finden, 30
der so flott, so geschickt, so von Natur offensiv und zu gleicher
Zeit so unprätentiös nobel auftritt und der ihm so fein, viel feiner
und gewandter als er selbst, seine eignen Finten a tempo stößt.
Wenn der Willich nur Geschmack genug hat, das herauszufinden,
aber ich hoffe, der Ärger und das notwendige Spintisieren werden 35
ihm schon ein gewisses Verständnis eröffnen.
Daß man diese Scheiße bis auf den Grund ausfressen muß, ist
klar. Je resoluter man dran geht, desto besser. Übrigens wirst Du
sehn, daß sie gar so arg nicht wird. Der Ritterliche hat xmal
mehr versprochen als er halten kann. Wir werden von Mord- &
versuchen etc. hören, die Schrammsche Geschichte wird feenhaft
Z. 37-41 -
(259) 1853 Juni 6 479
ausgeschmückt werden, es werden Phantastereien]1) Vorkommen,
bei denen wir uns verwundert ansehn werden, weil wir uns absolut
nicht erklären können, wovon der Mann eigentlich spricht, und im
schlimmsten Fall erzählt er die Geschichte, wie M[arx] und
5 Elngels] eines Abends besoffen in die Great Windmillstreet kamen
(vide Kinkel in Cincinnati, coram Huzelio). Kommt es dahin, so
erzähl ich dem skandalliebenden amerikanischen Publikum, wo¬
von sich die Kompagnie Besançon zu unterhalten pflegte, wenn
Willich und formosus pastor Corydon Rau abwesend waren. Au
io bout du compte, was kann denn solch ein Vieh uns nachsagen?
Gib acht, es wird ebenso pauvre, wie die Telleringsche Schmiere.
Den Borchardt werde ich dieser Tage wieder sehn. Wenn
Empfehlungen zu haben sind, beiß ich sie heraus. Doch glaub ich
nicht, daß Steinthai etc. derartige Verbindungen in London haben.
15 Es liegt fast ganz außer ihrem Geschäftsbereich. Außerdem wird
der Kerl schon der minderen Blamage halber die hiesige Ge¬
schichte in die Länge zu ziehen suchen. Wäre es nicht wegen
Lupus, so könnte der Kerl mich hinten etc. Er ist mir unaussteh¬
lich, dies gesalbte, wichtigtuende, prahlhansige, verlogene Char-
20 latansgesicht.
Wenn Lassalle Dir eine gute, gleichgültige Adresse in Düssel¬
dorf gegeben hat, so kannst Du mir 100 Exemplare schicken.
Wir werden sie in Twistballen durch hiesige Häuser verpacken
lassen; aber sie dürfen nicht an Lfassalle] selbst adressiert sein,
25 da die Pakete nach Gladbach, Elberfeld oder so gehn und von
da, als postpflichtig, per Post nach Düsseldorf gehn
müssen. Ein Paket an Lassalle oder die Hatzfeldt können wir
aber keinem hiesigen Hause geben, denn 1. ist in jedem dieser
Häuser hier mindestens ein Rheinländer, der den Tratsch kennt,
so oder 2. wenn das gut geht, so wissen die Empfänger des Ballens
drüben Bescheid, oder 3. im günstigsten Fall sieht sich die Post
die Sachen an, eh sie sie abgibt. In Köln haben wir eine gute
Adresse, kennen aber leider die Leute nicht besonders, die hier
die Haupteinkäufer für das Kölner Haus sind, und können ihnen
35 daher keinen Schmuggel zumuten. Wir sagen hier den Leuten
nämlich, die Pakete enthielten Präsente für Damen.
Du wirst hieraus sehen, daß ich mich mit Charles wieder auf
einen gangbaren Fuß gesetzt habe. Wie sich erst eine passende
Gelegenheit fand, machte sich die Sache sehr rasch. Trotzdem be-
4o greifst Du, daß der Narr immer noch eine gewisse Freude dran
hat, mir durch den Neid des Herrn G [ottfried] E[rmen] gegen
meinen Alten wenigstens in einer lausigen Beziehung voraus¬
poussiert worden zu sein. Habeat sibi. Er hat jedenfalls gemerkt,
9 Papier beschädigt.
Z. - 1-20. 37-43 -
480
(259) 1853 Juni 6
daß, wenn es mir darauf ankäme, ich binnen 48 Stunden immer
wieder maître de la situation sein kann, und das ist genug.
Die Abwesenheit des Grundeigentums ist in der Tat der Schlüs¬
sel zum ganzen Orient. Darin liegt die politische und religiöse
Geschichte. Aber woher kommt es, daß die Orientalen nicht zum 5
Grundeigentum kommen, nicht einmal zum feudalen? Ich glaube,
es liegt hauptsächlich im Klima, verbunden mit den Bodenverhält¬
nissen, speziell mit den großen Wüstenstrichen, die sich von der
Sahara quer durch Arabien, Persien, Indien und die Tatarei bis
ans höchste asiatische Hochland durchziehn. Die künstliche Be- io
Wässerung ist hier erste Bedingung des Ackerbaus, und diese
ist Sache entweder der Kommunen, Provinzen oder der Zentral¬
regierung. Die Regierung im Orient hatte immer auch nur drei
Departements: Finanzen (Plünderung des Inlands), Krieg (Plün¬
derung des Inlands und des Auslands) und travaux publics.
Sorge für die Reproduktion. Die britische Regierung in Indien
hat Nr. 1 und 2 etwas philiströser geregelt und Nr. 3 ganz beiseite
geworfen, und der indische Ackerbau geht zugrunde. Die freie
Konkurrenz blamiert sich dort vollständig. Diese künstliche Frucht¬
barmachung des Bodens, die sofort aufhörte, wenn die Wasser- 20
leitungen in Verfall kamen, erklärt die sonst kuriose Tatsache, daß
jetzt ganze Striche wüst und öde sind, die früher brillant bebaut
waren (Palmyra, Petra, die Ruinen in Yemen, x Lokalitäten in
Ägypten, Persien und Hindustan); sie erklärt die Tatsache, daß
ein einziger Verwüstungskrieg ein Land für Jahrhunderte ent- 25
Völkern und seiner ganzen Zivilisation entkleiden konnte. Dahin
gehört, glaub’ ich, auch die Vernichtung des südarabischen Han¬
dels vor Mohammed, die Du sehr richtig als ein Hauptmoment der
mohammedanischen Revolution ansiehst. Ich kenne die Handels¬
geschichte der sechs ersten christlichen Jahrhunderte nicht genau 30
genug, um urteilen zu können, inwieweit allgemeine materielleWelt-
verhältnisse den Handelsweg durch Persien nach dem Schwarzen
Meer und durch den Persischen Meerbusen nach Syrien und Klein¬
asien dem übers Rote Meer vorziehen ließen. Aber jedenfalls war
nicht ohne bedeutende Wirkung die relative Sicherheit der Kara- 35
wanen im persischen, geregelten Sassanidenreich, während Yemen
von den Abessiniern von Anno 200 bis 600 fast fortwährend unter¬
jocht, invasiert und geplündert wurde. Die zur Römerzeit noch
blühenden Städte des südlichen Arabien waren im siebten Jahr¬
hundert wahre Wüsten von Ruinen; die benachbarten Beduinen 40
hatten in 500 Jahren rein mythische, fabelhafte Traditionen über
ihren Ursprung sich angeeignet (s. den Koran und den arabi¬
schen Geschichtsschreiber Novaïri), und das Alphabet, in dem
die dortigen Inschriften geschrieben, war fast total unbekannt, ob¬
wohl kein andres da war, so daß sogar de facto das 45
z. - 1-2.
(259) 1853 Juni 6
481
Schreiben in Vergessenheit geraten. Dergleichen Sachen setzen
neben einem durch etwaige allgemeine Handelsverhältnisse ver¬
anlaßten superseding auch noch eine ganz direkte gewaltsame Zer¬
störung voraus, wie sie nur durch die äthiopische Invasion zu er-
5 klären ist. Die Vertreibung der Abessinier geschah um 40 Jahre
vor Mohammed und war offenbar der erste Akt des erwachenden
arabischen Nationalgefühls, das außerdem durch persische In¬
vasionen von Norden her, die fast bis nach Mekka drangen, ge¬
stachelt war. Ich werde die Geschichte Mohammeds selbst erst
io dieser Tage vornehmen ; bis jetzt scheint sie mir aber den Charakter
einer beduinischen Reaktion gegen die ansässigen, aber verkom¬
menden Fellahs der Städte zu tragen, die damals auch religiös sehr
zerfallen waren und mit einem verkommenen Naturkultus ein ver¬
kommenes Judentum und Christentum vermischten.
is Die Sachen vom alten Bernier sind wirklich sehr schön. Man
freut sich ordentlich, einmal wieder etwas von einem alten nüch¬
ternen, klaren Franzosen zu lesen, der überall den Nagel auf den
Kopf trifft sans avoir l’air de s’en apercevoir.
Da ich nun doch einmal auf ein paar Wochen in der orienta-
2o lischen Schmiere festsitze, so habe ich die Gelegenheit benutzt, um
Persisch zu lernen. Von dem Arabischen schreckt mich einerseits
mein eingeborner Haß gegen die semitischen Sprachen zurück,
andrerseits die Unmöglichkeit, in einer so weitläuftigen Sprache,
die 4000 Wurzeln hat und sich über 2000 bis 3000 Jahre erstreckt,
25 ohne viel Zeitverlust es zu etwas zu bringen. Persisch dagegen ist
ein wahres Kinderspiel von einer Sprache. Wäre es nicht wegen
des verfluchten arabischen Alphabets, worin immer je sechs Buch¬
staben sich gleich sehn und wo man die Vokale nicht schreibt, so
würde ich mich anheischig machen, die ganze Grammatik binnen
30 48 Stunden zu lernen. Dies zum Trost für Pieper, wenn er etwa
Lust haben sollte, mir diesen schlechten Witz nachzumachen. Ich
habe mir drei Wochen als Maximum für das Persische angesetzt,
wenn er also zwei Monate dran riskiert, so schlägt er mich jeden¬
falls. Für Weitling ist es ein Pech, daß er kein Persisch kann, er
3s würde seine langue universelle toute trouvée haben, da es meines
Wissens die einzige Sprache ist, wo kein Krakeel zwischen Mir
und Mich entsteht, da der Dativ und der Akkusativ sich immer
gleich sind.
Übrigens ist es ganz angenehm, den liederlichen alten Hafis in
io der Ursprache zu lesen, die ganz passabel klingt, und der alte Sir
William Jones gebraucht mit Vorliebe persische Zoten als Bei¬
spiele in seiner Grammatik, die er dann nachher in seinen Com-
mentariis poeseos asiaticae in griechische Verse übersetzt, da ihm
das doch im Lateinischen selbst noch zu unflätig vorkommt. Diese
^Kommentare: Jones’ Works, Band II, de poesi erotica, werden
31
482 (259) 1853 Juni 6
Dich amüsieren. Dagegen ist die persische Prosa zum Totschießen.
Z. B. der Ranzât-us-safâ des edlen Mirkhond, der die persische
Heldensage in sehr bilderreicher, aber inhaltsloser Sprache er¬
zählt. Hier heißt es von Alexander dem Großen: Der Name
Iskander heißt in der jonischen Sprache Akschid Rüs (verstüm- 5
melt, wie Iskander, aus Alexandros), das bedeutet soviel wie
Filusüf, welches herkommt von fila, Liebe, und sufa, Weisheit, so
daß Iskander dasselbe ist wie ein Freund der Weisheit. — Von
einem retired König heißt es: Er schlug die Trommel der Ab¬
dankung mit dem „Trommelstock des Sichzurückziehens“, wie io
père Willich dies tun wird, wenn er sich etwas weiter in den litera¬
rischen Kampf lanciert. Demselben Willich wird es auch ergehn
wie dem König Afrasiat von Turän, als seine Truppen ausrissen,
und von dem Mirkhond sagt: „Er biß sich die Nägel des Entsetzens
mit den Zähnen der Verzweiflung, bis das Blut des geschlagenen is
Bewußtseins ihm aus den Fingerspitzen der Scham quoll.“ —
Morgen mehr.
260. Engels an Marx; 1853 Juni 9.
Manchester, 9. Juni 1853.
Lieber Marx, 20
Damit Pieper sieht, daß man ihn nicht vergißt, teile ihm folgen¬
des mit. Im Manchester Guardian von gestern wird eine Stelle als
Corresponding Clerk and Bookkeeper angeboten, vielleicht sind
£ 180 per Jahr herauszuschlagen, wie ich höre, sie ist nämlich
vom hiesigen Juden Leo Schuster. Pfieper] soll nun gleich einen 20
Brief schreiben, adressiert:
Box B 47. Post Office Manchester
und inwendig: Monsieur, usw. — Der Brief ist am besten fran¬
zösisch, da französisch und deutsch verlangt werden. Er soll sagen,
er glaube die Stelle ausfüllen zu können, er sei aus Hannover, so 30
und so alt und habe zuletzt bei so und so in London gearbeitet,
bei welchem man sich über seinen Charakter und Leistungen
erkundigen könne. Korrespondenz führe er deutsch, französisch
und englisch, auch im Notfall italienisch, mit Buchführung (wenn
dies nämlich der Fall ist) habe er weniger zu tun gehabt; er muß 35
sagen, er habe die Stelle verloren, wreil der Sohn des Associés ein¬
getreten sei etc., dann welcher Art das Geschäft war, daß er sich
aber in jedes Warengeschäft im Manchester trade gewiß schnell
hineinarbeiten werde. Le tout sans phrase, aussi simplement ra¬
conté que possible.
Nr. 260.
(260) 1853 Juni 9
483
„J ai 1 honneur de me souscrire
oder so, Mr., votre très dévoué etc.
Weiter nichts. Wird auf ihn reflektiert, so wird man ihn wohl auf
Schusters Haus in London bestellen, wo er sich dann bestens
5 herausbeißen muß. Aber er muß gleich morgen schreiben
per erste Post.
Inliegend der Saldo der 32^ mit £ 1.18.6, der Kerl hat nur
18 Pence für Inkassospesen abgezogen, dafür aber alle meine und
Charles’ Schulden.
io Den Wechsel von Amerika vorgestern wirst Du erhalten haben.
Ob Ptieper] sich auf Rothschild] beziehen kann, müßt Ihr dort
besser wissen; vielleicht schadet’s nichts, wenn es angeht, denn
daß P[ieper] kein bred clerk ist, wird man schon bei der ersten
Besprechung herausbekommen, wenn man fragt, wo er früher
is gearbeitet. Aber er muß sicher sein, was Rothschild] sagt und
vielleicht ihn vorher sehen.
Dein F. E.
[Nachschrift mit Bleistift]
Copie d’Annonce.
so Wanted in a Shipping House a Bookkeeper and Corresponding
Clerk. A knowledge of German and French absolutely required.
Address Box B 47. P. Off. Manchester.
Auf mich sich zu beziehen, könnte absolut zu Nichts
helfen, respektive schaden. P[ieper] darf natürlich nicht mer-
25 ken lassen, daß er weiß, wer die Annonce hat einrücken lassen,
er muß sich auf sie, als die Veranlassung seines Gesuches beziehn.
261. Marx an Engels; 1853 Juni 14.
14. Juni 1853.
28, Deanstreet, Soho, London.
30 Lieber Frédéric,
Ich komme — durch allerlei Geschäftliches und Häusliches ver¬
hindert — erst jetzt dazu, Dir auf Deine beiden Briefe zu ant¬
worten und Dir den Empfang des amerikanischen Geldes (an Frei¬
ligrath abgeliefert) wie des Restes der amerikanischen Tribune-
35 gelder anzuzeigen. Wenn Du und Charles in solchen Geschäftsver¬
bindungen mit dem „Vermittler“ standest, so hast Du mir zulieb
Dir jedenfalls einen Streich gespielt. Da aber nicht der Kerl, son¬
dern Du das Geld auf den Wechsel vorgeschossen, so hättet Ihr ihn
31*
Nr. 260. Z. 37-38 -
484 (261) 1853 Juni 14
auch ohne den Kerl nach Amerika expedieren können. Wenigstens
bilde ich mir das ein.
Dem Pieper habe ich Deine Nachricht nicht mitgeteilt aus
folgendem Grunde: Seit ungefähr acht bis zehn Tagen wurde P[ie-
per] immer mehr Ruine, so daß ich ihn endlich ernstlich zur Rede 5
stellte über seinen Gesundheitszustand. Es kam dann heraus, daß
seine Krankheit de pis en pis ging, unter der Hand seines eng¬
lischen Quacksalbers. Ich forderte ihn also auf, direkt mit mir
nach dem Bartholomäus hospital zu gehn —, der Klinik von
London, wo die ersten und berühmtesten Ärzte öffentlich und io
gratis fungieren. Er folgt. Ein alter Hippokrates, nach Besich¬
tigung des corpus delicti, sagte ihm: „You hâve been a fool“, nach¬
dem er ihn über das bisherige treatment examiniert hatte, und er¬
öffnete ihm zugleich, daß er in drei Monaten „down“ sein werde,
wenn er ihm nun nicht exakt, Wort für Wort, folge. Die neue Be- is
handlung erwies gleich ihre Trefflichkeit, und in zwei Wochen ist
der Mann sain et sauf. Der Casus war zu ernsthaft, um Störung
in die Geschichte hereinzubringen. Übrigens hat Freiligrath eine
Stelle für P[ieper] in Aussicht. Wird das zu Wasser, so werde ich
es Dir berichten. 20
Rumpf, unser fideler Schneider, sitzt jetzt im Narren¬
haus. Vor ungefähr fünf Monaten heiratete le malheureux, um
sich aus bürgerlicher Klemme herauszuziehn, eine alte Frau,
wurde übertrieben solid, entsagte allen Spirituosis und arbeitete
wie ein Pferd. Vor einer Woche ungefähr gab er sich wieder ans 25
Trinken, ließ mich vor ein paar Tagen rufen, eröffnete mir, daß er
ein Mittel gefunden habe, die ganze Welt glücklich zu machen, ich
solle sein Minister sein etc. etc. Seit gestern befindet er sich im
asylum. Es ist schade um den Kerl.
Ruge läßt im „Leader“, der übrigens ein reines Bürgerblatt 30
geworden ist, ankündigen, daß er Vorlesungen über deutsche
Philosophie in London halten wird. Zugleich läßt er sich natürlich
ausposaunen. Z. B.: „Was den Stil angehe, so setze das deutsche
Volk nur Einen Mann neben ihn — Lessing.“ In demselben
Leader läßt der Russe Herzen seine sämtlichen Werke an- 35
zeigen, mit dem Bemerken, daß er in Verbindung mit dem polni¬
schen Komitee eine russisch-polnische Propagandadruckerei hier
in London errichten wird.
Aus einem der einliegenden Briefe von Cluß ersiehst Du,
welcher Art der Hauptschlag ist, womit Herr Willich droht. Er be- 10
zieht sich auf die 20 die ich vom Flüchtlingskomitee lieh zur
Zeit, wo ich gepfändet wurde, weil meine Wirtin in Chelsea ihrem
landlord nicht gezahlt, obgleich ich sie gezahlt hatte, und die ich
in den nötigen instalments bis auf den letzten Farthing zurück¬
gezahlt habe. Du mußt mir nun sagen, welche Taktik zu be- u
z - 1-2
(261) 1853 Juni 14
485
folgen. Wenn der brave Willich mich damit zu töten meint, ist er
zu sehr „bonhomme“.
Carey, der amerikanische Nationalökonom, hat ein neues
Buch herausgegeben: „Slavery at home and abroad“. Unter „Sia-
6 very“ hier alle Formen der Knechtschaft, wagesslavery etc. ver¬
standen. Er hat mir sein Buch zugeschickt und mich wiederholt
(aus der „Tribune“) zitiert, bald als „a recent english writer“, bald
als „Correspondence of the New York Tribune“. Ich habe Dir
früher gesagt, daß in den bisher erschienenen Werken dieses Man-
io nes die „Harmonie“ der ökonomischen Grundlagen des Bürger¬
tums entwickelt und alles mischief aus überflüssiger Einmischung
des Staats hergeleitet war. Der Staat war seine bête noire. Jetzt
pfeift er aus einem andern Loch. An allem Bösen ist schuld
die zentralisierende Wirkung der großen Industrie. Aber an die-
15 ser zentralisierenden Wirkung ist wieder England schuld, das sich
zum workshop der Welt macht und alle andern Ländern auf bru¬
tale und von der Manufaktur losgerißne Agrikultur zurückwirft.
Für die Sünden Englands ist dann wieder verantwortlich die
Theorie von Ricardo-Malthus und speziell Ricardos Theorie von
2o der Grundrente. Die notwendige Konsequenz sowohl der Ricardo-
schen Theorie wie der industriellen Zentralisation würde der Kom¬
munismus sein. Und um allem diesem zu entgehn, der Zentrali¬
sation die Lokalisation und die auf dem ganzen Lande zerstreute
Union von Fabrik und Agrikultur gegenüberzustellen, wird schließ-
25 lieh empfohlen von unserm Ultrafreetrader — Schutzzölle. Um
den Wirkungen der bürgerlichen Industrie, für die er England ver¬
antwortlich macht, zu entgehn, nimmt er als echter Yankee dazu
seine Zuflucht, diese Entwicklung in Amerika selbst künstlich zu
beschleunigen. Im übrigen wirft ihn sein Gegensatz gegen Eng-
so land in sismondisches Lob der Kleinbürgerei in Schweiz,
Deutschland, China etc. hinein. Derselbe Kerl, der früher Frank¬
reichwegen seiner Ähnlichkeit mit China zu verhöhnen gewohntwar.
Das einzig positiv Interessante in dem Buch ist die Vergleichung
der früheren englischen Negersklaverei in Jamaika etc. und der
35 Negersklaverei der United States. Er zeigt nach, wie die
Hauptstärke der Neger in Jamaika usw. immer aus frisch impor¬
tierten barbarians bestand, da unter der englischen Behandlung
die Neger nicht nur ihre Population nicht aufrechterhalten, son¬
dern auch der jährliche Import zu zwei Dritteln immer weggefres-
io sen wurde, während die jetzige Negergeneration in Amerika ein¬
heimisches Produkt, mehr oder minder yankisiert, Englisch spre¬
chend etc. und darum emanzipationsfähig wird.
Die „Tribune“ posaunt natürlich Careys Buch mit vollen
Backen aus. Beide haben allerdings das Gemeinsame, daß sie
45 unter der Form von sismondisch-philanthropisch-sozialistischem
486
(261) 1853 Juni 14
Antiindustrialismus die schutzzöllnerische, d. h. die industrielle
Bourgeoisie in Amerika vertreten. Das ist auch das Geheimnis,
warum die „Tribune66, trotz aller ihrer ,isms6 und sozialistischen
Flausen, „leadihg Journal66 in den United States sein kann.
Dein Artikel über die Schweiz war natürlich ein direkter Sack- j
schlag auf die „Leader66 der „Tribune66 (gegen Zentralisation etc.)
und ihren Carey. Ich habe diesen versteckten Krieg fortgesetzt
in einem ersten Artikel über Indien, worin die Vernichtung der
heimischen Industrie durch England als revolutionär dar¬
gestellt wird. Das wird ihnen sehr shocking sein. Übrigens war jo
die Gesamtwirtschaft der Briten in Indien säuisch und ist’s bis
auf diesen Tag.
Was den stationären Charakter dieses Teils von Asien trotz
aller zwecklosen Bewegung in der politischen Oberfläche voll¬
ständig erklärt, sind die zwei sich wechselseitig unterstützenden io
Umstände: 1. Die public works Sache der Zentralregierung;
2. neben derselben das ganze Reich, die paar größeren Städte ab¬
gerechnet, aufgelöst in villages, die eine vollständig diskrete
Organisation besaßen und eine kleine Welt für sich bildeten. In
einem Parlamentreport sind diese villages geschildert wie folgt: 20
„A village, geographically considered, is a tract of country
comprising some 100 or 1000 acres of arable and waste lands:
politically viewed, it resembles a corporation or township. Every
village is, and appears always to have been, in fact, a separate
community or republic. Officiais: 1. the Pot a il, Gond, Mundil 25
etc. as he is termed in different languages, is the head inhabitant,
who has generally the superintendence of the affairs of the village,
settles the disputes of the inhabitants, attends to the police, and per-
forms the duty of collecting the revenue within the village. . . .
2. The C u r n u m, Shanboag, or Putwaree, is the register. 3. The 30
Taliary or Sthulwar and 4. the T o t i e, are severally the
watchmen of the village and of the crops. 5. the Neerguntee
distributes the water of the streams or réservoirs in just proportion
to the several fields. 6. The J o sh e e, or astrologer, announces the
seedtimes and harvests, and the lucky or unlucky days or hours &
for ail the operations of farming. 7. the smith, and 8. the
carpenter, frame the rude instruments of husbandry, and the
ruder dwelling of the farmer. 9. the potter fabricates the only
Utensils of the village. 10. Der washerman keeps clean the few
garments . . . 11. The barber, 12. the silversmith, der /?
oft auch zugleich der poet und schoolmaster des Dorfes in
einer Person. Dann der Brahm in für worship. Under this
simple form of municipal government, the inhabitants of the coun¬
try have lived from time immémorial. The boundaries of the vil¬
lages have been but seldom altered ; and although the villages
(261) 1853 Juni 14
487
themselves, have been sometimes injured, and even desolated, by
war, famine and disease; the same name, the same limits, the same
interests, and even the same families, habe continued for ages. The
inhabitants give themselves no trouble about the breaking up and
j division of kingdoms: while the village remains entire, they care
not to what power it is transferred, or to what sovereign it devolves;
its internal economy remains unchanged.“
Der Potail meist erblich. In einigen dieser communities die
lands des village cultivated in common, in der Mehrzahl each oc-
io cupant tills its own field. Innerhalb derselben Sklaverei und
Kastenwesen. Die waste lands for common pasture. Hausweberei
und -Spinnerei durch Frauen und Töchter. Diese idyllischen Re¬
publiken, die bloß die Grenzen ihrer village eifersüchtig
gegen das benachbarte village bewachen, existieren noch ziemlich
75 perfect in den erst kürzlich den Engländern zugekommnen north-
western parts of India. Ich glaube, daß man sich keine solidre
Grundlage für asiatischen Despotismus in Stagnation denken
kann. Und so sehr die Engländer das Land irlandisiert haben, das
Aufbrechen dieser stereotypen Urformen war die conditio sine
20 qua non für Europäisierung. Der taxgatherer allein war nicht der
Mann, das fertigzubringen. Die Vernichtung der uralten Industrie
gehörte dazu, die diesen villages den selfsupporting charakter
raubte.
In Bali, Insel an der Ostküste von Java, noch vollständig, neben
23 Hindureligion, auch diese Hinduorganisation, deren Spuren, wie
die von Hindueinfluß, auf ganz Java übrigens zu entdecken.
Was die Eigentumsfrage betrifft, so bildet sie eine große
Streitfrage bei den englischen Schriftstellern über Indien.
In den kupierten Gebirgsterrains südlich von Crishna scheint
3o allerdings Eigentum an Grund und Boden existiert zu haben. In
Java dagegen, bemerkt Sir Stamford Raff les, der ehemalige
englische Governor von Java, in seiner „History of Java“, auf
der ganzen Oberfläche des Landes, „where rent to any considérable
amount was attainable, der sovereign absoluter landlord.“ Jeden-
35 falls scheinen in ganz Asien die Mahometans die „Eigentums¬
losigkeit in Land“ erst prinzipiell festgestellt zu haben.
Über die oben zitierten villages bemerke ich noch, daß sie
schon bei Menu figurieren und die ganze Organisation bei ihm
darauf ruht: 10 stehn unter einem hohem collecter, 100 dann,
4o und dann 1000.
Schreib mir bald.
Dein K. M.
Z. - 1—12
488
(262) 1853 Juni 29
262. Marx an Engels; 1853 Juni 29.
29. Juni 1853.
28, Deanstreet, Soho.
Lieber Engels,
Ich bin plötzlich überfallen worden von meiner Schwester^ und 5
ihrem neu Vermählten2), der als general dealer nach dem Kap der
guten Hoffnung von hier absegelt. Dies, zusammen mit der Korre¬
spondenz für die „Tribune“ und einigem Unrat, der in Amerika zu
adjustieren war, nahm meine Zeit sehr in Anspruch. Morgen, denke
ich, segelt das Ehepaar ab. Wie ich von Imandt höre, wird Deine io
Mutter in London erwartet, woraus der Schluß zu ziehn, daß Du
ebenfalls bald einspringen wirst.
Einliegend Lassalles Anweisung für die Versendung der Exem¬
plare nach Deutschland. Meine Frau wird die Expedition nach
Manchester vornehmen. Ich hoffe, daß Ihr dann die Sache in Man- is
ehester besorgen werdet. Hast Du nichts von Jones gesehn, der in
Eurer Gegend spukt und in Halifax ein Monstermeeting zustande
gebracht haben soll?
Zu meinem Erstaunen bekam ich vorigen Mittwoch einen sehr
verdrießlichen Brief von Cluß, worin er mir mitteilt, daß ihm ge- 20
schrieben worden, Pieper habe ihn bei Schläger — ihn und Ar¬
nold — als „untergeordnete Agenten“ hingestellt, sich dagegen als
den Mann, der die Nachrichten „aus erster Quelle“ bringe etc. etc.
Zum Glück ist an der ganzen Sache kein wahres Wort,
sondern bloßer Versuch der Partei Willich, Anneke, Weitling et 25
Co., Zwietracht in unsern eignen Reihen zu säen und speziell
„den sehr unangenehmen Cluß“ neutral zu machen. Die nötigen
Aufklärungen sind natürlich sofort übers Wasser besorgt worden.
Ich finde den ersten Brief von Cluß nicht, lege aber den zweiten
bei. 30
Als ich nach Manchester abreiste, pumpte ich 2 ^bei dem Jüd-
chen Bamberger. Der Kerl schickt mir grobe Mahnzettel, sogar
Drohungen. Mais nous verrons. Bis Freitag habe ich für 20^St.
auf New York zu ziehn. Fragt sich aber, wie.
Einliegend das Nec plus ultra der Heinzenschen blutrünstig ge- 35
wordnen Feigheit und Abneigung gegen die „gewöhnliche Kriegs¬
führung“.
Mit dem „Schweizer Artikel“ war ein Irrtum meinerseits, da
Dana die Sendung in zwei Teile gespalten, aber beide unter
meinem Namen drucken ließ. 40
Nun für das nächste Mal. Eben kommen Frau Schwester und
O Luise
2) J. C. Juta
(262) 1853 Juni 29
489
Herr Schwager. Meine Schwester ist sehr korpulent, und die Pas¬
sage durch den Äquator wird ihr verdammt Schweiß kommen.
Dein K. M.
[Auf der Adreßseite]
5 Friedrich Engels.
48, Great Duciestreet
Manchester.
263. Marx an Engels; 1853 Juli 8.
8. Juli 1853.
io 28, Deanstreet, Soho.
Lieber Engels,
Überbringer dieser Zeilen, Dr. Jacobi, einer von dem „Kölner
Kommunistenprozeß“.
Ich weiß nicht, ob Du krank bist, oder bös, oder überbeschäf-
15 tigt, oder was sonst, da Du kein Lebenszeichen von Dir gibst.
Ich habe gestern 24 £ auf den Dana gezogen bei Spielmann in
Lombardstreet, der mich in fünf Wochen, sobald Wechsel zurück,
zahlen wird. In der Zwischenzeit habe ich wieder sehr schlimme
Periode durchzumachen, um so mehr, als verschiedne wertvolle
2o Sachen im Pfandhaus erneuert werden müßten, wenn sie nicht ver¬
fallen sollen, und dies natürlich nicht möglich ist dans un moment,
wo selbst die Mittel pour les choses les plus nécessaires fehlen. In¬
des, ich bin jetzt an den Dreck gewöhnt und an die Verhältnisse,
die er mit sich bringt.
25 Jedenfalls wirst Du mir schreiben, warum Du nicht schreibst.
Ich hoffe, at all events, daß Du nicht krank bist.
Dein K. M.
264. Engels an Marx; [1853] Juli 9.
Manchester, Samstag 9. Juli.
so Lieber Marx,
Letzte Nacht um vier Uhr weckt mich die alte Hausfrau aus
dem Schlaf, es sei ein gentleman da, der mich sprechen wolle.
Ich rapple mich empor und finde an der Tür ein Männchen mit
einem cab, einem kolossalen Koffer und Reisesack, der mir sagt,
35 sein Name sei Jacobi und Du und Pieper hättet ihn mir zugeschickt.
Marx und Pieper! dacht ich, wer zum Henker ist dieser Jacobi,
490 ( 264) 1853 Juli 9
ist er ein unehelicher Sohn vom Königsberger oder was, und end¬
lich zieht das Männchen Deinen Brief aus der Tasche, ziemlich
verdutzt, nicht gleich mit offnen Armen unbekanntei’weise aufge¬
nommen zu sein — worüber mir dann einfällt, was Dein Brief be¬
stätigte, daß es der Kommunistenprozeß-Jacobi sei, an den mein 5
Herz nicht dachte, da ich ihn in preußischen Kaschotten längst gut
untergebracht glaubte. Que faire? Ich nahm ihn nebst Zubehör
also herein, plauderte schlaftrunken eine halbe Stunde mit ihm
und ließ ihn sich dann auf mein Sofa legen, denn das Haus ist
crammed full von Leuten. Glücklicherweise ist mein Alter bis io
morgen aus der Stadt, und so nahm ich mir den Herm Partei¬
märtyrer gleich heut morgen beim Kragen, mietete ihm eine Woh¬
nung und verbot ihm, sich bei mir sehen zu lassen, bis die Abreise
meines Alten das Interdikt aufhebe.
Dies kriegisch-westfälische Verfahren, die Tölpelei, nach acht- is
tägigem Aufenthalt in London einen Zug zu wählen, der mitten in
der Nacht ankommt, und unter dem Vorwand, nicht Bescheid zu
wissen, einem das Haus zu revoltieren und sich zu oktroyieren,
alles das nahm mich ebensowenig für den Mann ein, wie die gleich
anfangs gestellte diskrete Frage: wie ich denn mit meinem Alten 20
stände. Weitere Verhandlungen haben den Mann in meinen Augen
etwas, aber nicht sehr, gehoben. Er will sich bei Borchardt mit
Briefen von Dir und Kinkel (beinahe so gut wie Marx und
Pieper) präsentieren, dem kleinen Heckscher ohne weiteres und
ohne Introduktion auf die Bude stürzen, wo er dann erwartet, daß 25
dieser ihm gleich alle Aufschlüsse über seinen trade geben und
aus Freude über den neuen „wissenschaftlichen66 Umgang seinem
neuen Konkurrenten die halbe Praxis abtreten wird — und was
dergl. Biedermannsgedanken mehr sind. Die Dummheit, zu Kin¬
kel zu gehn, schadet ihm mehr als sie ihm nützt. K[inkel] gibt ihm 30
Briefe — nicht an Herm, sondern an F r a u Schunck, eine Unver¬
schämtheit und ein direkter grober Bruch der englischen Etikette,
und dann, wenn Herr Kinkel, der für seine Possenreißereien über
deutsche Literatur bar bezahlt und gefüttert wurde, wenn Monsieur
Gottfried glaubt, er könne d’égal à égal an diese Kaufleute Emp- 35
fehlungen (andre als Bettelcertificati) schicken, so schneidet er
sich verdammt. Außerdem ist Monsieur Jacobi, à ce qu’il me
paraît, nicht der Mann, sein Glück hier zu machen.
Sobald mein Herr Alter fort ist, schick ich Dir einiges Geld.
Früher kann ich nicht gut etwas nehmen, da ich jeden Tag riskiere, &
daß er einmal mein Konto nachsieht, was allein schon heitre Er¬
örterungen geben wird, die ich lieber schriftlich abmache.
Die Idee, ich schriebe nicht, weil ich „bös66 sei, hat mich lachen
gemacht. De quoi donc?
Grüße Deine Frau und Kinder und halte den Dreck wenigstens v
Z. 17 (und) —19 (das)
19 (wie)—21.
33 (und)— 37.
(264) 1853 Juli 9
491
aus, bis ich wieder freie Hand habe — hoffentlich binnen acht
Tagen.
Dein F. E.
265. Marx an Engels; 1853 Juli 18.
5 28, Deanstreet, Soho.
18. Juli 1853.
Lieber Engels,
Ich erhielt vorgestern Brief von Lassalle, der nun im ungewis¬
sen ist, an Unterschlagung von Briefen etc. glaubt. Es wäre gut
io gewesen, wenn Du mir angezeigt, ob das Paket an ihn abgegangen
oder nicht. Lassalle ist noch der einzige, der mit London zu korre¬
spondieren wagt, und so muß verhütet werden, ihm die Sache zu
verleiden. Ich bitte Dich also, mir anzuzeigen, wie es mit dem
Paket steht. Die Epoche der Versendung desselben hat noch die
15 zweite Wichtigkeit für mich, daß die Epoche der returns da¬
von abhängt.
Meine Frau hat mit letzter Post einen sehr freundlichen und
coulanten Brief von A. Dana erhalten, worin er anzeigt, daß es ihm
unmöglich, ein Haus in London anzugeben. At all instances
2o werden die von mir gezognen Wechsel prompt honoriert werden.
Er schreibt, daß meine Artikel „higly valued by the proprietors of
the Tribune and the public“, und schreibt keine Grenze vor für
das Quantum der Sendungen.
In der Debatte über die advertisement duty — ich glaube vor
25 ungefähr zwei Wochen — hielt Herr Bright eine große Eloge auf
die „New York Tribune“ und gab eine Analyse von einer Num¬
mer derselben, worin grade mein Artikel über das Budget stand.
Darüber sagte er: „From Great Britain there is an elaborate dis-
quisition on the Right Honorable Gentleman’s budget, doing him
so justice in some parts, but not in others, and doing certainly, as
far as the Manchesterschool was concemed, no justice whatever.“
Mit Jacobi mußt Du Dich nicht abschrecken lassen durch die
Unbeholfenheit und Weltunkenntnis eines 23jährigen Jünglings
aus dem Regierungsbezirk Minden, der zwei Jahre im Käfig saß.
35 Es ist tüchtiger fond hinter ihm. Ich habe seine Doktordissertation
gelesen und war „much pleased with it“.
Dein K. M.
Jones hat sehr bedeutende Meetings gehalten, die selbst die
Aufmerksamkeit der Bourgeoisblätter erregen.
492
(266) 1853 Aug. 18
266. Marx an Engels; 1853 August 18.
18. August 1853.
28, Deanstreet, Soho.
Lieber Engels,
Lupus wird wahrscheinlich eine gute Stelle in Liverpool s
bekommen. In diesem Fall wird er über Manchester reisen. Die
Schwierigkeit besteht darin, daß er sein Gehalt erst am Ende des
Vierteljahrs ausgezahlt erhielte. Er erwartet dann allerdings einige
Gesamthilfe von Dir und Strohn. Ist letztrer retourniert?
Der Stänker Dronke schreibt natürlich sehr wichtigtuende Briefe io
in alle Welt, z. B. an Imandt, „daß e r Anstalten getroffen zur
Übersiedlung Lupi nach Amerika“. Entre nous,es scheint mir,
daß der kleine Ladenhüter, um sich in wohlfeiler Weise wichtig
zu machen, dem Lupus zu verstehn gegeben hat, daß e r, statt
Deiner, die Sache in die Hand genommen hat. Wenigstens glaubte u
ich, on the part of Wolff eine gewisse Spannung gegen Manchester
wahrzunehmen. Daß Dronke ein lebendiger cancan ist, no doubt
about that. Experte crede etc.
Pieper mußt Du durchaus umgehend wenigstens so viel
schicken, daß er sich Rock und Hose schaffen kann. Wie er jetzt 20
abgerissen ist, ist es ihm unmöglich, selbst günstige Chancen, die
[sich ihm]x) bieten, zu benutzen. Er ist unpräsentabel geworden.
Zudem hast Du ihm die Sache bei [Deiner]Abreise versprochen.
Er hält sich brav in seinem Pech. Indes hat alles eine Grenze.
[Ich habe]besonders Unglück in Geldnegoziationen. Ich habe 25
jetzt für 42 St. — zwei [Wechjsel^ — auf Amerika laufen und
kann dabei nicht über 42 farthing kommandieren, obgleich ich
nicht [nur]für mich, sondern auch für den Pieper die Sub¬
sistenzmittel schaffen muß. Den ersten Wechsel von 24«^ St. gab
ich Herrn Spielmann, er sagte, ich solle in fünf Wochen wieder- 30
kommen. Jetzt sind es schon sieben. Dabei verliere ich durch die¬
ses elende Laufen nach der City immer grade Montag und Don¬
nerstag, d. h. die beiden Tage, wo ich die Korrespondenz für
Dienstag und Freitag vorbereiten müßte. Spielmann schickt mich
immer zurück mit der jüdisch-genäselten Bemerkung: „Kaine Noo- 35
tiz da.“ Wegen solcher „kleinen“ Summen schrieben seine Korre¬
spondenten nur gelegentlich. Wenn ich das Geld gleich gebraucht
hätte, so hätte ich ihm im voraus sagen müssen, daß ich das Porto
für einen besondern Brief zahlen wollte etc. etc. Dadurch bin ich
nun nicht nur in täglichem Dreck, sondern meine Frau, die auf das 40
exakte Eintreffen gerechnet, hatte den verschiednen Gläubigem
Termine angesetzt, und nun stürmen die Hunde das Haus. Ich
O Papier beschädigt.
(266) 1853 Aug. 18 493
schreibe unterdes wie der Teufel drauf los. Es wäre sehr gut, wenn
Du mir irgend einen Artikel dazwischen schicktest oder zwei, da¬
mit ich Zeit erhielte, wieder etwas Besseres auszuarbeiten. Drei¬
viertel der Zeit geht mit den Pennylaufereien fort.
5 Heise ist jetzt hier, persönlich gar kein übler Kerl. Herr Kos¬
suth macht sich jetzt lächerlich als Korrespondent der „Daily New
York Time s“. Vier Briefe von D. Urquhart über die orientalische
Frage im Advertiser enthielten trotz seiner Marotten manches In¬
teressante. Gegen Jones „we strike“ seit zwei Wochen.
io Dein K. M.
267. Engels an Marx; 1853 August 24.
Lieber Marx,
Morgen, wenn irgend möglich, schick ich Geld. Dein
Brief kam Samstag zu spät, um noch etwas zu machen, diese Woche
is hatte ich allerlei Historien, morgen geht’s besser denk ich, und der
alte Buchhalter ist avertiert.
Der Kleine war am Samstag hier. Daß er geklatscht hatte, war
mir klar von dem Moment, wo er an Borchardt schrieb. Er hatte
diesem den höchst blamablen Brief Lupi geschickt, worin
so dieser sich direkt und sehr ernsthaft an die „mildtätige Hand66 der
Bradforder Juden wendet. C’était une lettre à la brûler de suite
und Borchardt schickte sofort großmütigst ein Pfund Almosen
für L[upus], übrigens in sehr anständiger Form, which he could
very well afford, da dies ihn von allen seinen Verpflichtungen ent-
25 band. Ich muß gestehn, dieser Brief von Lupus hat mich sehr
fatal berührt, noch fataler aber die Taktlosigkeit des Kleinen,
ihn dem B[orchardt] in die Finger zu geben. Ich wusch ihm
übrigens gehörig den Kopf darüber.
Enfin c’est fait. Laß Lupus, wenn er nach Liverpool] geht,
3o nur ja direkt hierher kommen, womöglich auf einen Freitag, ich
werde dann ein Rendezvous mit dem Kleinen veranstalten. Wenn
Lupus, wie Drfonke] vorhatte, erst nach Bradford kommt, so ent¬
wickelt sich der cancan nur noch mehr.
Daß Jacobi nach Amerika will, weißt Du. Der Kerl ist doch
35 trop mou und macht selbst auf die Philister den Eindruck eines
hilflosen Menschen. Ich glaub nicht, daß er je Praxis kriegt, so
sehr er danach schmachtet. Dabei muß man immer lachen, wenn
man bedenkt, daß der Kerl noch Jungfer ist.
Dein F. E.
4o Mittwoch, 24. August 1853.
Nr. 267.
494
(268) 1853 Aug. 28
268. Marx an Engels; 1853 August 28.
28. August 1853.
28, Deanstreet, Soho.
Lieber Engels,
Einliegend ein Brief von Weydemeyer, einige von Cluß, eine 5
Erklärung des Herrn Willich, ein Brief von Mazzini an Mr. Mott
(Abolitionist) in Amerika.
Deinen Aufsatz habe ich in zwei Partien benutzt und umge¬
schrieben in zwei Aufsätze, die ich nach New York geschickt, in¬
dem meine Frau den Sekretär abgab. io
Pieper ist der Hals ausgebrannt worden im deutschen
Hospital. Vor seinem Bette hängt ein Täfelchen mit der verhängnis¬
vollen Inschrift: W. P. syphilis secundaris. Er wird,
was ihm zuträglich, in strenger Disziplin gehalten.
W. Wolff hat an seinen Vertrauten Rings geschrieben. Er werde
bis Ende Oktober in Manchester versuchen. Wenn sich bis dahin
nichts finde, abreisen. Er lebe einstweilen auf „fremde Tasche“,
Great Ducie Street, Nummer so und so. Dich nennt er gar
nicht, woraus Du die verbißne Kleinlichkeit des old chap ent¬
nehmen kannst. Er schämt sich natürlich, nach seinem Knurren 20
gegen Dich, wissen zu lassen, daß Du ihn verpflichtest. Quant à
nous autres, so weiß ich nicht, was er dem Rings geschrieben, da
dieser darüber schweigt.
Ich wünschte, über die Sache mit Herrn Dronke ins klare zu
kommen. Ich habe jetzt erfahren, daß er Piepers Ricardo ver- 25
klopft hat, ebenso eine dem Arbeiter Lochner gehörige deutsche
Geschichte der Nationalökonomie etc. etc. Dies vermehrt natürlich
meine strong suspicions gegen ihn.
Vor seiner Abreise hat Herr Wolff dem Imandt noch — und
zwar in sehr entstellender Weise und biedermännischer Auf- 30
gebrachtheit — seine Impertinenz gegen mich erzählt. Was mich
ennuyiert, ist die übertriebne Rücksichtsvollheit, mit der ich den
Polterer immer behandelt habe, statt ihm die Zähne zu weisen.
Les choses marchent merveilleusement. In Frankreich wird das
einen entsetzlichen Krach geben, wenn die ganze finanzielle Schwin- 35
delei zusammenbricht.
Jacobi hat einen melancholisch stilisierten Artikel über den
Untergang der Erde in der Reform.
Laß diese Zeilen nicht in falsche Hände fallen.
Dein K. M. 40
Apropos! Vorgestern erhielt ich ein paar Zeilen von Blind. Er
wird von seiner demokratischen Vornehmheit sich wieder be¬
quemen müssen, auf die Messer- und Gabelfrage herabzusteigen.
Z. 11-14. 18-23. 25-33.
(268) 1853 Aug. 28 495
Er hat seinen Prozeß verloren, und einstweilen ist das ganze Ver¬
mögen seiner Frau in Beschlag belegt. So hören die Subsidien auf.
Es tut mir leid für ihn, trotz der abgeschmackten Manieren, die er
zu adoptieren für gut hielt.
5 Hast Du die Geschichte im Mforning] Advertiser von wegen
Bakunins verfolgt? Urquhart brachte, daran anbindend, einen Ar¬
tikel, worin er B|akunin] verdächtigt, 1. weil er a Russian, und 2.,
weil er „a Revolutionist“ sei; die Behauptung auf stellt, es gebe
keine ehrlichen Revolutionäre unter den Russen, ihre demokra-
io tisch sein sollende Schriftstellerei (Hieb auf Herzen und den
polisson Golowine) beweise gar nichts; und schließlich den kon¬
tinentalen Revolutionären erklärt, sie seien ebensolche Verräter
wie die Regierungen, wenn sie Russen in ihr Vertrauen zuließen.
Die Russen, scheint es, schicken dann den Englishman (Ri-
15 chards) ins Feuer, der eine Pique gegen Urquhart hat, weil
dieser, von wegen Anciennitätsansprüchen, ihm das Thema „T i -
me s“ und „Tu rke y“ im Moming Advertiser abgenommen hat.
Richards erklärt, es sei ebenso preposterous, den Btakunin] für
einen spy zu erklären, als den Palmerston to impeach for being
2o bribed by Russia; bezieht sich auf das testimonium von Ruge, mir,
lobt Herzens idées révolutionnaires etc. Gestern tritt dann wieder
ein Trabant von Urquhart, A. B., auf ; erklärt, er kenne sämtliche
Schriften der „jeune Russie“, sie bewiesen die Richtigkeit von
U[rquhart]s Ansicht, Panslawismus etc.
25 Jedenfalls werden les intrigants russes merken, daß es nicht so
leicht ist, hier — wie bei der pauvren französischen Demokratie —-
sich mausig zu machen, influence zu gewinnen und als eine Art
Aristokratie in der revolutionären Emigration sich zu gebaren.
Hier setzt es harte Püffe. Was haben die Esel nun dem Bakunin
so genützt? Daß er ernsthaft öffentlich angeklagt wird und daß sie
selbst eins aufs Maul erhalten.
269. Marx an Engels; 1853 September 2.
2. September 1853.
28, Demanstreet, Soho.
j5 Lieber Engels,
Ich habe Dir lang nicht geschrieben, selbst nicht den Empfang
der 5^ St. (wovon 2,10 an Pieper und 1,10 an Lupus ausgezahlt),
weil ich in einer unbeschreibbaren Scheiße my time and my
energies konsumieren muß. Am 7. Juli hatte ich dem Spielmann
4o meinen Wechsel gegeben. Am 31. September^ erklärt mir der
x) V er schrieben für August
496
(269) 1853 Sept. 2
Bursche — nachdem ich siebenmal zu ihm gelaufen war — daß
der Wechsel verloren gegangen sei, daß ich ihm eine Sekunda
ausstellen müsse etc. Ich hatte mich also wochenlang durchge¬
schleppt, indem ich bis auf das letzte Stück versetzt habe,
und hatte alle Gläubiger auf den 31. September0 wiederbestellt, 5
seitdem ich sie von Juli an hingehalten. Da ich keine Ressourcen
habe außer der Einnahme von der „Tribune“, begreifst Du meine
Situation, und wie ich weder Zeit noch Lust zum Korrespondieren
haben kann.
Dem Jacobi, wenn er noch da ist, sage, daß ich seinetwegen io
an Weydemeyer etc. geschrieben habe.
Weswegen ich Dir heute schreibe, ist folgendes:
Du liest, soviel ich weiß, den „Morning Advertiser“ nicht. Die¬
ses Blatt der „united victuallers“ brachte von einem „foreign cor¬
respondent“ (Herr Golowine, denke ich) eine Apologie auf is
Bakunin. Ein Anonymus, F. M., verdächtigt darauf in demselben
„Mlorning] A [dvertiser] “ den Bakunin als russischen Spion,
sagt, daß es ihm jetzt sehr gut gehe etc. etc. Antwort darauf von
Golowine und Herzen, die dabei bemerken, daß schon ein¬
mal in einem „German paper“ 1848 dieselbe Verleumdung vor- 20
gebracht worden sei und daß das paper „had even ventured to
appeal to the testimony of George Sand“.
Vorvorgestern kommt Dr. Arnold Ruge und sagt, dieses deutsche
Blatt sei die „New Rhen[ish] Gazette“, deren Editor, „Dr. Marx“,
ebenso überzeugt gewesen sei von der Unwahrheit dieser Verleum- 25
düngen als jeder andre Demokrat“.
In dem ,,M[oming] A[dvertiser]“ von gestern mache ich eine
Erklärung folgenden Inhalts:
Mssrs. Golowine and Herzen hätten chosen to connect the „New
Rhfenish] G[azette]“ edited by me in 1848 and 1849 mit ihrer 30
Polemik mit F. M. über B[akunin] etc. Now, I care nothing about
the insinuations of Mssrs. Herzen and Golowine. Aber etc. etc.
„permit me to state the facts of the case“. Folgt dann die Auf¬
zählung der Facta:
„daß wir am 5. Juli 1848 Pariser Briefe erhielten, einen vom 36
Havas-Bureau, den andren von einem polish refugee (so nenne
ich den Ewerbeck), beide stating, daß George Sand Briefe besitzt,
die den Bakunin kompromittieren, as being lately entered into
relations with the Russian Government;“
„daß wir am 6. Juli diesen Brief, nicht des Havas-Bureau, son- 40
dem unsres Pariser Korrespondenten abdruckten;“
„daß Bakunin in der Neuen Oder-Zeitung antwortete, vor
unsrer Korrespondenz seien ähnliche Gerüchte in Breslau zirku-
9 Verschrieben für August
(269) 1853 Sept. 2 497
liert worden; sie gingen aus von den russischen Gesandtschaften
und daß er sie nicht besser widerlegen könne als durch einen
Appell an George Sand;“
„daß am 3. August Koscielski der Rheinischen Zeitung den
5 Brief von George Sand an ihren Editor brachte, der am selben
Tage gedruckt wurde mit den folgenden einleitenden Worten:
(folgen die Worte der Neuen Rheinischen Zeitung) ;“
„daß ich Ende August durch Berlin passierte, Bakunin sah
und meine alte Freundschaft mit ihm erneuerte;“
10 „daß 15. (oder so) Oktober die Rheinische Zeitung Bakunin
verteidigte gegen das preußische Ministerium, das ihn auswies;“
„daß im Februar (1849) die Rheinische Zeitung einen leading
Artikel über Bakunin brachte, beginnend mit den Worten: ,B[a-
kunin] ist unser Freund!6 etc.;“
15 „daß ich in der N[ew] Y[ork] Tribune Bakunin paid the tri-
bute due to him for his participation in our movements etc. etc.“
Meine Erklärung schließt mit den Worten:
„As to F. M. proceeding as he does from the fixed idea that con¬
tinental révolutions are fostering the secret plans of Russia, he
so must, if he pretend to anything like consistency, condemn not only
Bakunin but every continental Revolutionist, as a russian agent. In
his eyes Revolution itself is a russian agent. Why not B[akunin] ?“
Nun in der heutigen Nummer wagt sich der Lump Golowine
nicht zu nennen, sondern unter dem Titel „from a foreign Corre-
25 spondent“ bringt der ,,M[orning] Atdvertiser]“ das folgende von
ihm:
[Handschrift von W. Pieper]
How to write History.
(From a foreign Correspondent.)
3o Bakunin is a Russian agent — Bakunin is not a Russian agent.
Bakunin died in the prison of Schluesselburg, after having endu-
red much ill-treatment — Bakunin is not dead: he still lives. He is
made a soldier, and sent to the Caucasus — no, he is not made a
soldier: he remains detained in the citadel of St. Peter and St. Paul.
35 Such are the contradictory news which the press has given in tum,
conceming Michael Bakunin. In these days of extensive Publicity
we only arrive at the true by affirming the false; but, has it at least
been proved that Bakunin has not been in the military pay of
Russia?
w There are people who do no know that humanity makes men
mutually responsible — that in extricating Germany from the in¬
fluence which Russia exercises over it, we r e - a c t upon the latter
country, and plunge it anew into its despotism, until it becomes
32
498
(269) 1853 Sept. 2
vulnerable to révolution. Such people it would be idle to attempt
to persuade that Bakunin is one of the purest and most generous
représentatives of progressive cosmopolitism.
„Calumniate, calumniate“, says a French proverb, and „some-
thing will always remain“. The calumny against Bakunin, coun- s
tenanced in 1848 by one of his friends, has been reproduced in
1853 by an unknown person. ”One is never betrayed but by one’s
own connexion“ says another proverb; ”and it is better to deal
with a wise enemy than with a stupid friend.“ The Conservative
joumals hâve not become the organ of the calumny insinuated 10
against Bakunin. A friendly journal undertook that care.
Revolutionary feeling must be but slightly developed when it can
be forgotten, as M. Marx has forgotten, that Bakunin is not of the
stuff of which police-spies are made. Why, at least, did he not, as
is the custom of the English papers, why did he not simply publish is
the letter of the polish refugee which denounced Bakunin? He
would hâve retained the regret of seeing his name associated whit
a false accusation. —
[Handschrift von Marx]
Ich denke dem Kerl folgendes (s. unten) zu antworten, was 20
Du mir umgehend (bis Montag, wenn möglich) stilisiert zu-
riickschicken mußt.
Zugleich fragt es sich, ob nicht auch Du und Dronke eine Er¬
klärung machen wollt als Editors der N[ew] Rhtenish] G[azette],
Clique gegen Clique. Auf der andern Seite stehn nur Ruge, Her- 25
zen, Golowine. Letztren nannte Bakunin selbst „un polisson“. 1843
und 1844 einer der eifrigsten Bewundrer von Nicolas, wurde er
Demokrat, weil er glaubte, verdächtig geworden zu sein, und
nicht nach Rußland zurückzukehren wagte. In letztrem besteht
sein ganzer Heroismus. w
Ich für meinen Teil würde also der Substanz nach folgende
Erklärung Vorschlägen :
„It is better to deal with a wise enemy, than with a stupid friend“
Bakunin would have exclaimed if he was ever to read the letter of
the ,foreign‘ Sancho Pansa who, in your Saturday’s paper, in- 35
dulges in his proverbialcommonplaces.
Is he not a ,stupid friend6 who reproaches me with not having
done by what doing I would have according to himself ,r e t a i n e d
the regret of seeing my name associated with a false accusation6?
Is he not a ,stupid friend6 who is astonished of what every 40
schoolboy knows that truth is established by controversy and that
historical facts are to be extricated from contradictory Statements?
When the N[ew] Rh[enish] G[azette] brought the Paris letter
Bakimin was at liberty. If he was right to be satisfied with the
9 Korr, aus habituai proverbe
(269) 1853 Sept. 2
499
public explanations of the New Rhenish Gazette in 1848, is it
not a ,stupid friend6 who prétends to find fault with them in
1853? If he was wrong in renewing his intimate relations with
the Editor of the N[ew] Rh[enish] G[azette], is it not ,stupid6 on
5 the part of a pretended friend to reveal his weakness to the public?
Is he not a ,stupid friend6 who thinks necessary to ,plunge Rus¬
sia anew in its despotism6 as if she had ever emerged from it?
Is he not a ,stupid friend6 who calls the latin proverb ,calum-
niare audacter6 a french proverb?
io Is he not a ,stupid friend6 who cannot understand why the
,conservative joumals did not liketo publish the calomnies
which6 were secretly spread against Bakunin throughout Ger¬
many while the most revolutionary paper of Germany was obli-
geda) to publish them?
is Is he not a ,stupid friend6 who ignores that ,revolutionary feel-
ing6 at its highest pitch made the ,lois des suspects6 and beheaded
the Dantons and the Desmoulins and the Anacharsis Cloots?
Is he not a ,stupid friend6 who dared not accuse the ,Morning
Advertiser6 for having inserted the letter of F. M. while Bakunin
2o is incarcerated at St. Petersburg at3) the same time accusing the
N[ew] Rh[enish] G[azette] for having inserted a similar letter in
1848 when Bakunin was free and not yet reduced to the misery
of being defended by a ,stupid friend6?
Is he not a ,stupid friend6 who makes the name of Bakunin a
25 pretext for calumniating the friends of Bakunin while he is cau-
tiously withholding his own name?66
Also bald Antwort. Die Sache pressiert.
Dein K. M.
270. Marx an Engels; 1853 September 7.
Dear Frédéric,
7. September 1853.
28, Deanstreet, Soho.
Allerdings kam Dein Brief zu spät. Ich hatte die Scheiße kon¬
densiert, mit Entfernung von unnötigem Pathos und mehr zurecht-
35 gefeilt, dem liebenswürdigen Organ der vereinigten „licensed vic-
tuallers“ zugesandt am Montag. Nicht inseriert. Zugleich aber
brachte dies höchst konsequente Blatt einen kurzen letter „From a
Korr, aus did prefer . . . were interested
a) Korr, aus interested
8) Korr, aus while
32*
500 (270) 1853 Sept. 7
native Correspondent4’ (soll D. Urquhart sein) in die Montags-
nummer, worin sein eigner Foreign Correspondent ziemlich klar
als „Russian Agent44 abgedeckelt und Bakunin selbst nicht grade
heilig gesprochen wird. Der ,,M[oming] A [dvertiser] “ schlug
meine Replik wahrscheinlich ab, weil sie nicht so konfus geschrie-
ben war als die des „Native4’. Jetzt erscheint die Sache im
„People’s Paper44.
Es war ein reiner lapsus linguae — alte Gewohnheit —, wenn
ich Herm Dronke im Brief an Dich erwähnte. Ich glaube nicht,
daß das Wort des „kleinen44 Blanqui von irgend einem Belang ist w
oder daß wir gewinnen durch den Appendix.
Der brave Kleine hat so wacker gestänkert, daß 1. Lupus mir
nie, obgleich ich längst durch Dich instruiert, ein Wort von seiner
Abreise sprach; 2. daß derselbe Lupus immer mit großem Hinter¬
halt von Dir spricht; 3. daß ich gestern abend eine Szene hatte, m
die unglaublich ist.
Ich saß am Arbeiten. Frau und Kinder im Zimmer. Herein tritt
Lupus mit sehr gewichtigem Schritt — ich vermute, um endlich
Abschied zu nehmen, da er nie in meinem Hause ein Wort hatte
fallen lassen über die bevorstehende Abreise. 20
Ich hatte eine kleine spanische Grammatik von ihm geliehn,
vor einem Jahre, von Françeson, vielleicht 120 Seiten. Diese
Scheiße habe ich ihm, soviel ich mich erinnere, vor fünf Monaten
zurückgegeben. Wenn nicht, hat Dronke sie geschossen.
Der alte Herr hatte schon an zwei verschiednen Tagen meine 23
Frau und Lenchen nach dem Wisch gefragt, die ihm antworteten,
man wolle danach suchen.
Gestern abend also — der Kerl trat gleich knurrend herein —
sage ich ihm, in möglichst besänftigendem Tone, ich könne den
Dreck nicht finden, ich habe überall danach gesucht, ich glaube 30
ihm denselben zurückerstattet zu haben etc. etc. Antwortet der
Bursche in bäurisch-tölpelhaft-unverschämtem Ton: „Du hast es
verklopft.“ (Nämlich eine Scheiße, für die ich jedem einen
Sovereign gebe, wenn er in ganz London 2 farthing dafür er¬
hält.) Ich springe natürlich auf, folgt Wortwechsel, er verharrt 35
wie ein störrisches Pferd auf seinem Blödsinn, injuriert mich also
„au sein de ma famille44. Du weißt, daß ich idiotisch gewordnen
alten Männern, die als Parteitradition venerabel sind, viel nach¬
sehe. Indes hat das seine Grenzen. Ich glaube, der alte Narr hat
sich gewundert, daß ich ihm endlich die Zähne wies. 40
Dies alles ist das Resultat Dronkescher Intrigen, eines zu kon¬
stanten Genusses von Gin und einer Vertrocknung der Hirnsäfte.
Vielleicht wird die Seeluft wohltätig auf sein Denkorgan ein¬
wirken. Man kann das Privilegium des „alten Polterers44 in An¬
spruch nehmen, aber man muß es nicht mißbrauchen. Ich liege 45
Z. 9-11. 17-44.
(270) 1853 Sept. 7
501
auch nicht [auf] Rosen, und so ist mir sein bürgerlicher Dreck gar
keine excuse.
Die elenden Russen, in der „Tribune“ sowohl als im London
„Advertiser“ (obgleich versehiedne Persönlichkeit und in ver-
5 schiedner Form), reiten jetzt auf dem Steckenpferd herum, daß
das russische Volk durch und durch demokratisch ist, das offi¬
zielle Rußland (Kaiser und Bureaukratie) nur Deutsche sind und
der Adel ebenfalls deutsch ist.
Also Deutschland in Rußland, nicht Rußland in Deutschland
10 ist zu bekämpfen.
Du kennst mehr von Rußland als ich, und wenn Du Zeit ge¬
winnst, gegen diesen Blödsinn aufzutreten (ganz wie die teuto¬
nischen Esel den Despotismus Friedrichs II. etc. auf die Franzosen
wälzen, als wenn zurückgebliebne Knechte nicht immer zivili-
15 sierte Knechte brauchten, um dressiert zu werden ), so verpflichtest
Du mich sehr. Natürlich in der „Tribune“.
Dein K. M.
Schreib mir ausführlicher über den Stand des Geschäfts
und gleich englisch.
2o Auf einliegenden Brief von Klein, den ich sorgsam aufzuheben
bitte, habe ich diplomatisch geantwortet. Von London sei keine
Korrespondenz möglich. Die Fabrikarbeiter sollten sich exklu-
s i v unter sich halten und nicht mit Spießbürgern oder Knoten in
Köln, Düsseldorf etc. in Verbindung treten. Wenn sie einmal im
25 Jahr einen herzuschicken wünschten, guten Rats halber, so hätten
wir nichts dagegen.
271. Frau Jenny Marx an Engels; [1853 Sep¬
tember 9].
Lieber Herr Engels,
so Eben war Imandt hier und erzählt uns, Dronke habe Spanisch
studiert und er glaube, bei ihm die kleine „verkloppte“ Gram¬
matik gesehn zu haben. Es wäre Karl sehr lieb, wenn Sie, lieber
Heir Engels, den Dronke gleich nach Empfang dieser Zeilen um
das elende Büchlein befragten; so könnte sich die Sache noch vor
•x> des Isegrims Abreise zu dessen eigner Beschämung aufklären. Es
kommt Ihnen sicher komisch vor, daß wir aus der dummen Ge¬
schichte irgend ein Wesen machen, aber man muß das Ganze mit¬
erlebt haben um es zu begreifen; dieser bäuerische rohe Ton,
dieses flegelhafte Auftreten, dies brutale Schreien, dieser I . ? . ]
N. 271.
502
(271) 1853 Sept. 9
und diese Empörung in meiner und der Kinder Gegenwart. Es
wäre gottvoll, wenn sich das verkloppte Buch in des Busen¬
freunds Händen befände. Nennen Sie aber Imandt nicht. Es
ist schon sehr spät; damit diese Zeilen morgen in Ihre Hände
gelangen, adressiere ich an Ihr Haus. Noch eine Annehmlich- 5
keit. Der Bamberger droht mit Verklagen wegen der Schweizer
Geschichte. Er hat den Auftrag von Schabelitz, meinen Mann
hier zu verklagen wegen einer Stelle in einem Briefe, worin
Karl die Hälfte der Kosten zu übernehmen verspricht im Fall die
Geschichte gezogen habe. Schicken Sie doch den einen Brief, den io
Sie noch in der Sache haben. Ebenso bettelt Karl noch einmal um
die Notizen über die russische und türkische Truppenaufstellung.
Da die Geschichte noch nicht gesettelt ist, muß er immer wieder
drüber schreiben, da die Amerikaner toll mit der eastem question
sind. in
Karl hat heute wieder einen langen ökonomischen Artikel sich
herausgequält, er ist sehr müde und hat mir deshalb heute abend
die Feder überlassen.
Leben Sie wohl und seien Sie herzlich von uns allen gegrüßt.
Jenny Marx. 20
Lupus reist morgen früh ab, wie wir gehört haben. Er hat keinen
Abschied von mir und den Kindern genommen.
272. Marx an Engels; 1853 September 17.
17. September 1853.
28, Deanstreet, Soho. 25
Dear Frédéric,
Du wirst verdammt schweigsam.
Da ich gestern your article erwartete, hatte ich nur die neusten
Nachrichten als Kopf zusammengestellt, und da der Brief nicht
kam, ging eine Korrespondenz flöten. 30
In den mit heute beginnenden vierzehn Tagen muß ich durch¬
aus Deine Mitarbeit in Anspruch nehmen. Pieper geht nämlich
heute für vierzehn Tage oder drei Wochen — zwar nicht ins
Kloster, wohl aber ins deutsche Hospital, eine Art sanitäres Ge¬
fängnis, wo man ihn von den Folgen und Nachwehn der Fleisches- «
lust gründlich kurieren wird. Da nun ohnehin durch meine Laufe¬
reien zu dem Lausespielmann drei bis vier Artikel ausgefallen
sind, so muß ich jetzt jeden Dienstag und Freitag schreiben, damit
der nächstzuziehende Wechsel nicht gar zu schmal ausfällt. Es sind
Aussichten vorhanden, daß Freiligrath mir einen regulär diskon-
tierenden Handelsfreund verschafft.
Nr. 271. Z- 35 (wo)
(272) 1853 Sept. 17 503
Wenn Du einiges dazwischen machst, schicke ich das andre
an Dich zur Durchsicht, wo Du dann nur die neusten Nachrichten,
die Du etwa im Débats oder sonst über Turkey siehst, oder wenn
telegraphische Depesche von besondrer Wichtigkeit, zu- oder vor-
setzen mußt und dann die Sch— nach Liverpool expedieren.
Für Dienstag erwarte ich einen Artikel von Dir.
Es wäre wichtig, etwas über die Stellung der Armeen etc. zu
sagen. In den englischen Zeitungen steht viel Unsinn, z. B. Omer
Pasha soll über die Danube gehn etc.
io Zwei Artikel über die Handelskrise habe ich schon abgeschickt,
einen am Freitag vor acht Tagen über die Bank of England, ihren
discount und das Wirken des Peelacts oder sein Wollenwirken
vielmehr, einen am letzten Dienstag über die Getreidepreise,
Zeichen of overproduction etc.
is Es wäre wichtig, etwas Näheres über die manufacturing districts
zu haben.
Einliegend noch einiges von dem „Tribunemann“, und
„über“ ihn von den Editors der Tribune. Er scheint übrigens, after
all, kein Russe, sondern a German zu sein.
20 Durch das Aufheben der Annoncensteuer hat Jones jetzt 3 £ St.
wöchentliche Annoncen — das paper is arriving to the paying
point. Dann wird auch für Pieper ein Ressource erstehn.
Schreib mir auch über die Fahrten Lupi, der, wie ich später
hörte, erst am vergangenen Sonnabend von hier abgeschoben ist.
25 Farewell.
Dein K. M.
Anliegend noch ein Ausschnitt aus der braven „Neu-England-
Zeitung“.
273. Engels an Marx; 1853 September 19.
so Manchester, 19. September 1853.
Lieber Marx,
Was mich bisher am Arbeiten und am Schreiben verhindert,
war die Gegenwart des „alten Herm“2), der einstweilen bei mir
kampiert. Auf seinem screwsteamer war kein Platz zu bekommen,
35 auch war Borchardt sehr dafür, daß er erst hier versuchen sollte,
Stunden zu bekommen, dazu hatte er noch Aussichten in Liverpool.
Genug, er will sein Glück hier probieren, und ich mag ihm nicht
gern merken lassen, wie die Tribüne-Korrespondenzen manchmal
O „People s Paper“
2) Wilhelm Wolff
504
(273) 1853 Sept. 18
entstehen, nachdem er sich in London so läppisch gegen Dich be¬
nommen hat. Es bieten sich hier einige Aussichten, und nachdem
Borchardt und ich gestern mit ihm darüber gekohlt, ist er heute in
Bewegung gesetzt worden, um sich umzusehn, so daß ich den
Abend für mich haben werde und Dir also einen Artikel über den s
Stand des Geschäfts hier herum zusammenfabrizieren kann, der
per zweite Post abgeht. Der russische folgt sobald wie möglich —
ich halte den Verfasser für einen Ostseedeutschen oder halben
Polacken, der Kerl hat offenbar viel Material, man muß also vor¬
sichtig sein, aber er ist doch sehr gut zu fassen. Oder sollte es gar io
der in der D[eutschen] Londoner Zeitung an Nesselrode ge¬
schrieben habende Loewe sein? Die Seichbeutelei hie und da ist
groß genug dazu, und der Klatsch.
Die Reform kommt mir sehr unregelmäßig zu, hast Du was von
Cluß gehört? is
NB. Da Lupus, wie ich heute aus Deinem Brief sehe, sogar
ohne allen Abschied fortgelaufen ist, so bekommt er natürlich
nichts davon zu sehn, was Du mir schickst — il reste parfaitement
en dehors de tout, und wenn es nicht wegen Borchardt wäre, der
£ 10 für seine Reise aufgetrieben hat und sich sonst gut für ihn 20
benimmt, so würde ich Monsieur Lupo gegenüber etwas kühler
auftreten. Besonders da der Kerl zwar die Störrigkeit behalten,
aber den Stoizismus verloren hat und sehr von den Leuten abhängig
wird, von denen er Vorteil zielt. Il est même devenu un peu flatteur,
aber wie! 25
Indessen, wir wollen sehn, ob eine verbesserte Position, wenn
sie sich hier finden läßt, den alten Herm nicht bald wieder herum¬
bringt, und dann muß er auch gegen Dich Abbitte tun.
Ich geh jetzt nach Haus, um zu arbeiten.
Dein F. E. so
274. Engels an Marx; 1853 September 29.
Lieber Marx,
Inliegend der Artikel über die türkischen Armeen. Wenn Du
mir schreibst, was Du morgen über die strikes in Lancashire
und über den state of trade hinschickst, so werde ich daran an- 35
knüpfen können und bis Dienstag Dir einen ferneren Report
über diese Sachen machen. Hier geben sich die manufacturers und
merchants alle Mühe, sich gegenseitig vorzureden, die Geschichte
sei nicht so schlimm, und der Guardian tut sein Bestes, aber es
ist all sham and humbug. Seit voriger Woche sind ordinäre Garne 40
V« d. bis 7s d. pro Pfund herunter, bei 9 d. also 3 bis 472%, bei
8 d. 3 bis 6%, bei 7 d. 4 bis 7% Fall im Wert, cotton ist ca. ein
Z. 12—13. 19 (und)—25.
(274) 1853 Sept. 29
505
Achtel gefallen in derselben Zeit. Die stocks häufen sich, der
demand auch im home trade nimmt ab. Nach Australien ist so
fürchterlich überspekuliert, daß 80000 barreis amerikanisches
Mehl von dort zur Fracht von 8 sh. pro barrel hi eh er weiter-
s geschickt werden. Der australische crash wird wohl in vier Wochen
in der Blüte sein. Die „guten Nachrichten“ von Ostindien beschrän¬
ken sich darauf, daß das Steigen der Preise dort und das Fallen
der Preise hier zusammenaddiert immer noch einen Verlust lassen
auf Exporte dahin. Nichts floriert, als der trade mit Amerika und
io die Komspekulation. In Upbridge sind schon 80 sh. pro Quarter
für prima Qualität Weizen bezahlt worden. Corn looking up, yarn
looking down, und die türkische Scheiße in the fairest possible way
of boring our merchants all winter over.
Manufactured goods fallen auch mit Glanz, und bei denen sind
is die stocks noch viel fataler als beim Gam. Die Resolution der
Fabrikanten zu stoppen, schlägt ihnen also zwei Fliegen auf ein¬
mal: 1. sie entwaffnet die Arbeiter; 2. sie verringert die Produk¬
tion. Die Prestoner erhalten gewiß ein allgemeines Dankvotum,
wo nicht Entschädigung. In Ashton, Stalybridge und Glossop den-
20 ken die Fabrikanten auch an Stoppen, hier auch einige. Indes hat
das seinen Haken, da es bloß denen von Vorteil ist, die nicht
stoppen, und den Stoppenden bloß Schaden bringt.
Lupus hat Aussicht, eine Korrespondentenstelle zu bekommen,
wenn man Borchardt trauen darf. Der alte Herr studiert Russisch
25 und dergleichen und schwärmt nach wie vor für die türkische
Frage, wobei ich ihn gern lasse.
Grüß Deine Frau und Kinder.
Dein F. E.
29. September 1853.
3o Was sagst Du zu Jacobis melancholischen und tugendhaften
Aussichten über den Untergang der Erde?
275. Marx an Engels; 1853 September 30.
30. September 1853.
28, Deanstreet, Soho.
35 Lieber Frédéric,
Die Kriegsgeschichte famos. Ich selbst hatte bedeutende mis-
givings über das westliche Vorrücken der Russian forces, wagte
aber natürlich nicht, to trust to my judgment in solchen Sachen. Ich
habe eine große Reihe strike Artikel schon gebracht, in Intervallen,
w seit den sechs Monaten, wo die Sache dauert. Jetzt allerdings ein
neuer tum eingetreten. In dem Artikel, worin ich Deine strike
.Z. 30-31.
506
(275) 1853 Sept. 30
generalities benutzte, habe ich eine Masse Namen von strike
localities genannt, auch die Preston- und Wigangeschichte. Über
Manchester konnte ich keine Details auftreiben. Das Preston ma¬
noeuvre habe ich dargestellt (sehr kurz notabene) 1. als Versuch
der Fabrikanten, ihren Rückzug vom Überproduzieren durch 5
die Arbeiter zu d e c k e n, die sie zwingen durch ihre Forderungen,
die mills zu schließen; 2. als Versuch to starve the operatives into
submission.
Du siehst, daß ich mit meiner history of strikes nur bis ver¬
gangnen Dienstag gehe und ohne Manchester zu berühren. io
Die Notizen über Game und cotton Preise, womöglich auch über
die Preise von goods könntest Du vielleicht noch etwas ausdehnen,
so daß es wenigstens einen Paragraphen in einem Brief gibt.
Ich muß natürlich in jedem Brief, außer dem eigentlichen
Thema, Schritt vor Schritt den russischen Noten und der englischen
Foreign Policy (und brav! ist sie) folgen, da die Esel in New
York dies für die Hauptsache halten und, after all, nichts leichter
zu behandeln ist als diese high Politik.
Bis nächsten Dienstag über acht Tage werde ich einen Ar¬
tikel über die „Oriental Church“ fertig haben und bis n ä ch s t en 20
Freitag über acht Tage den ersten von drei Artikeln über
Dänemark, wo die verschiednen Ständeversammlungen wieder
nächsten Monat auf die Bühne treten.
Wenn irgend ein militärisches movement vorfällt, so verlasse
ich mich auf sofortige Instruktion aus dem Kriegsministerium zu 25
Manchester und ebenso in bezug auf cottons und yarns, worüber
die Berichte in den hiesigen Zeitungen miserabel.
Vor allem will ich die Kerls totschreiben, da der Moment gün¬
stig ist, und wenn ich von Dir gleichzeitig Zufuhr erhalte, so kann
ich die Themata über längere Zeiträume verteilen. Es kömmt hin- 30
zu, daß ich ohne meinen Sekretär etwas ängstlich mit dem Eng¬
lischen bin.
Keinen Gruß an Lupus.
Dein K. M.
276. Marx an Engels; 1853 Oktober 8.
8. Oktober 1853.
28, Deanstreet, Soho, London.
Lieber Engels,
D’abord muß ich Dich bitten — womöglich — mir umgehend
wenigstens ein Minimum Geld zu schicken. Vor zwei Wochen 4u
zahlte Spielmann endlich mit einem Abzug von beinahe 2 St.
In der Zwischenzeit war natürlich die Schuldenlast so gestiegen,
Z. 39-42 -
(276) 1853 Okt. 8 507
das Nötigste so komplett ins Pfandhaus gewandert, und die Fa¬
milie so abgerissen, daß schon seit zehn Tagen kein sou mehr
im Haus. Daß Spielmann mich betrogen hat, davon habe ich jetzt
die Beweise in der Hand, aber à quoi bon? Die New Yorker Firma
5 hat nämlich auf mein Verlangen den Wechsel nebst einem Schreiben
mir zurückgeschickt, woraus hervorgeht, daß sie schon am
22. Juli gezahlt, während ich das Geld erst Ende September
erhielt. Ich habe nun wieder 24 £ St. zu ziehn. (Seit Piepers Ein¬
kerkerung habe ich sechs Artikel eingeschickt, darunter einen ful-
io minanten acte d’accusation gegen Palmerston, worin ich seine
Karriere von 1808 bis 1832 verfolge. Die Fortsetzung werde ich
schwerlich bis Dienstag liefern können, da viele blue books und
hansards nachzuschlagen sind und Freitag und heute nur mit Geld¬
laufereien zum Teufel gegangen sind. Den Freitagsartikel habe
a ich in der Nacht geschrieben; dann von sieben Uhr morgens bis
elf meiner Frau diktiert und dann mich auf die Beine nach der
City gemacht.) Freiligrath verspricht — und wird alles dafür ins
Werk setzen, als eignes Endossement seinerseits etc. —, mir den
Wechsel bei Bischofsheim zu diskontieren, kann die Sache aber
2o vor acht bis zehn Tagen nicht bewerkstelligen. Das ist der Casus
belli. Ich muß sehn, wie ich mich diese Tage über durchschlage.
Kredit ist für Lebensmittel (außer warmen Getränken und Zu¬
behör) nicht vorhanden. Außerdem kömmt mir wahrscheinlich
Pieper morgen aus dem Spital heraus — peut-être. Sobald ich
23 mein Geld bekam, schickte ich ihm £ 3, aber der Esel vertraute
sie dem Liebknecht zum Aufbewahren und wird jetzt keinen far-
thing vorfinden.
Von den vielen Annehmlichkeiten, die ich seit Jahren hier
durchmache, sind mir die größten regelmäßig durch sogenannte
3o Parteifreunde — roten Wolff, Lupus, Dronke etc. — bereitet wor¬
den. Heute erzählt mir Freiligrath, daß Franz Joseph Daniels in
London und mit dem roten Wolff bei ihm war. Zu mir, erklärte
er, nicht zu gehn, weil ich seinen Bruder durch Bangya zur Haft
gebracht habe, die sonst nicht stattgefunden hätte. Bangya kam
35 Februar 1852 zuerst zu mir und Daniels wurde Mai 1851 ge¬
sperrt! Also sehr retrospektive Wirkung. Dieser ganz infame
Klatsch (der Lohn für meine Bemühungen und Zeitverluste und
sonstigen angenehmen Resultate, durch den Prozeß verursacht)
wird natürlich begierig ergriffen, um die eigne Jämmerlichkeit
io mir gegenüber und das feige Zurückziehn zu decken. Veranlaßt
aber ist die Schweinerei rein durch das hier- und dorthin kolpor¬
tierte Knurren der Herm Dronke-W. Wolff, die sich die bequeme
Portion von der Sache vorbehielten — den Kaviar, sonst aber sehr
willig waren, mir die Arbeit zu überlassen.
45 Wenn ich bequem, wenigstens sorglos, lebte, würde ich natür-
Z. 1-2 .(daß) 20-27.
508
(276) 1853 Okt. 8
lieh pfeifen auf diese Gemeinheiten. Aber den bürgerlichen Dreck
jahrelang noch mit diesem und ähnlichem Dreck gewürzt zu
bekommen, c’est un peu fort. Ich habe bei der nächsten Gelegen¬
heit vor, öffentlich zu erklären, daß ichmitkeinerPartei
etwas zu tim habe. Unter dem Parteivorwand bin ich nicht länger 5
geneigt, mich insultieren zu lassen von jedem Parteiesel.
Du siehst, wie nötig es ist, meine Broschüre nach Deutschland
zu bringen. Da Du es nicht kannst, schick mir die Adresse von
Strohn, mit dem ich mich über die Sache benehmen will.
Auch wünsche ich sehr, endlich die Erklärung des Herm io
Dronke wegen des Buchs zu hören. Was den Herrn lupus angeht,
so scheint er seine Servilität gegen die ihn protegierenden Bürger
durch seine infame Insolenz gegen mich gutmachen zu wollen. Ich
kann ihm versichern, daß diese Sache keineswegs damit abge¬
macht ist, daß er bei Imandt renommiert hat, unter dem Vorwand, is
Abschied zu nehmen, sein Philistergift an mir ausgespritzt zu
haben.
Einliegend Brief von Cluß. In seinem Aufsatze gegen die „Neu-
England-Zeitung66 hat er, wie ich glaube passend, allerlei Pas¬
sagen aus meinen Briefen über Carey etc. zusammengestellt. 20
Dein K. M.
277. Marx an Engels; 1853 Oktober 12.
12. Oktober 1853.
Lieber Engels,
2 erhalten. Sie kamen um so gelegner, als Oxford, Freilig- 25
raths Prinzipal, noch nicht von seiner Reise zurückgekehrt ist und
die Sache sich so verschleppt.
Was die „Tribune66 angeht, so werde ich für Freitag Artikel 2
über Palmerston ready haben. Artikel 3 und ultimus, der die Pe¬
riode von 1848 bis 1853 umfaßt, erheischt so viele blue books und 30
parliamentary debates, daß ich, Sonntag falling out as far as the
British Museum is concemed, ihn unmöglich bis Dienstag liefern
kann. Es wäre mir also vom höchsten Nutzen, auch für Zeitgewinn,
wenn ich für Dienstag durch Dich suppliert würde. Aber was? Ich
weiß es wahrhaftig nicht. Vielleicht Tagespolitik, wo ich bloß das 35
Allerneuste hinzusetze. Vielleicht, wenn Du den Gegenstand so
weit verfolgt hast — sehr viel ist not wanted for Mssrs. Greeley
and MacElrath —, Einfluß der bevorstehenden Krise auf doing
away with the Bonaparte régime. Ich glaube, daß es hohe Zeit ist,
die Aufmerksamkeit auf Frankreich zu lenken, wo die Katastrophe
doch eklatieren wird. Der Getreideausfall und der Weinausfall.
Z. 10—IT. 37 (sehr)-88 ( Elrath)
(277) 1853 Okt. 12 509
Durch den wohlfeilem Brotpreis Paris anlockend die Arbeiter aus
ganz Frankreich und so das Revolutionsheer rekrutierend, wäh¬
rend diese neu einwandernden die ohnehin sinkenden wagesder
Pariser drücken. Brotriots in Elsaß-Lothringen, Champagne.
5 Knurren der Bauern über die Bevorzugung von Paris, der Arbeiter
über die kostspieligen Huldigungen an die Armee, der Bourgeois
über die gewaltsame Einmischung in die ökonomischen Gesetze zu¬
gunsten der Arbeiter. Fallende Nachfrage vor allem nach Luxus¬
artikeln. Beginnendes closing von workshops. Im Gegensatz zu
io der ganzen misère die lavish expenditure und Börsenschwinde¬
leien der Familie Bonaparte. Hollowness des ganzen Kredit¬
systems, in reines kolossales Schwindelinstitut verwandelt unter
der Leitung des Lumpenproletarierkaisers und des Juden Fould.
Börse, Bank, Eisenbahnen, Hypothekenbanken und was der
is Schwindelinstitute mehr sind. Das Regime Louis Philippe in den
letzten Tagen reproduziert, aber kombiniert mit allen Schweine¬
reien und nichts von den redeeming features des empire und der
Restauration.
Pressure der Regierung auf die Bank. Steuerexekutor rigoroser
2o eintreibend auf dem Land als je. Enorme Differenz zwischen dem
voraus veranschlagten und dem wirklichen Budget. Alle städti¬
schen Administrationen — weil der prosperity unter die Arme ge¬
griffen werden sollte — scheußlich verschuldet. Dann der Einfluß
der Oriental question auf die funds, und gefährliche Exploitation
25 der Schwankungen der Papiere durch den Hof selbst. Demorali¬
sation der Armee. Es wäre noch besonders hervorzuheben, wie die
Manifeste, Aufrufe etc. der Gesinnungsmänner Ledru[-Rollin],
L. Blanc und von allen Farben nicht die Laus gemoved haben, wie
aber die soziale oder ökonomische Krise die ganze Schmiere in
so Bewegung bringt etc. etc. Ich weiß natürlich nicht, ob Dir das
Thema zusagt. Jedenfalls laß mich wissen, ob ich bis Dienstag
articulum zu erwarten habe oder nicht, da ich mich danach richten
muß.
Dein K. M.
35 a) Im Economist — letzte Woche (Sonnabend, also eigent¬
lich von dieser Woche) steht allerlei Material in seiner Pariser
Korrespondenz.
9 Korr, aus Preise
2) Mit Bleistift zugefügt.
Z. 20 (aM —21 (wirklichen) 35- 37.
510
(278) 1853 Okt. 28
278. Marx an Engels; 1853 Oktober 28.
28. Oktober 1853.
28, Deanstreet, Soho.
Dear Frédéric,
Mes remerciments pour les deux articles. Ich fürchte, Du bist 5
etwas zu sehr von Herrn Smitt0 für Rußlands militärische Lei¬
stungen eingenommen. D’abord, was den Feldzug von 1828 bis
1829 betrifft, war er miserabel nach dem Urteil der meisten con¬
temporains, u. a. beziehe ich mich auf den report des Adju¬
tanten des Duke of Wellington an letztem, veröffentlicht im Port- io
folio. Die Festungen wurden mehr noch gekauft als gestürmt.
Überhaupt spielte die bribery eine Hauptrolle in dem Feldzug.
Nachdem er den Balkan passiert, war Diebitsch nicht sicher, ob
er komme um zu siegen oder elendiglich gefangen und abgeschnit¬
ten zu werden. Was ihn rettete, war wieder bribery eins der kom- 15
mandierenden Pashas und die utter dissolution der turkish army.
Rußland fing den Krieg an, nachdem die Flotte bei Navarin ver¬
nichtet, die alte Organisation der türkischen Armee durch Mah¬
moud vernichtet und noch keine neue geschaffen war. Die Um¬
stände sind jetzt jedenfalls anders. 20
Das Débats der letzten zwei Wochen hat Artikel über die
Feldzüge von 1828 bis 1829 veröffentlicht, die ich indes nicht
gelesen. Über das weitere Material werde ich auf der Bibliothek
nach sehn.
Pieper ist seit einer Woche heraus — und doppelt engagiert, 25
1. durch Cluß’ Vermittlung als Korrespondent der „Washington
Union“ und 2. als clerk (von neun bis fünf Uhr) bei einem cra¬
paud in der City für 25 sh. a week. Für mich also nicht mehr
brauchbar. Tant mieux für ihn. Ich freue mich, daß er aus dem
Dreck heraus ist. 30
Ich schicke Dir die Fortsetzung des Palmerston. Jones hat um
die weitere Fortsetzung mir geschrieben. Ich habe ihm noch den
einen Artikel geschickt, aber mit dem Bemerken, daß er nichts
mehr bekömmt, wenn die Sauerei mit den Druckfehlern (diesmal
kraß und sinnentstellend) nicht aufhört. Das Manuskript war sehr 33
schön geschrieben.
Rings hatte einen Anfall von Verrücktheit, war einige
Tage im workhouse, und ist noch bedenklichen Zustands. Schuld
Soff, quorum magna pars der feierliche Lupus, der ihn, after he
had shut up his shop, debauchierte zu Gin. Dabei ist der Mann zu 40
1) Im Orig. Schmitt
Z. 25—30. 37-40 -
(278) 1853 OkL 28
511
vollblütig, um nichts zu tun, und hat einstweilen nichts Neues auf-
getrieben. Verdammt, daß die Kerle uns alle verrückt werden.
Einliegend Heinzens Hochtaten.
Dein K. M.
279. Marx an Engels; 1853 November 2.
2. November 1853.
28, Deanstreet, Soho.
Lieber Engels,
Du mußt mir bis übermorgen, wenn auch nur ein oder zwei
io Seiten (im Fall Du keine Zeit hast) schreiben über das Crossing
der Danube von Seiten der Türken bei ihrem Nehmen von Kalafat.
Ich habe die Nachricht gestern als very doubtful gegeben. Sie
scheint sich aber zu bestätigen und jedenfalls weißt Du aus den
morgigen Zeitungen, wie es mit der Sache steht. Ich kann nun
is weder schweigen darüber, noch als „gesunder Menschenverstand“
darüber sprechen, seitdem die wissenschaftliche Beurteilung ein¬
mal angefangen ist. Nach den Nachrichten der französischen Blät¬
ter hätte S c h a m y 1 die Russen bedeutend geklopft, bedroht selbst
Tiflis und hätte General Woronzoff an seine Regierung geschrie-
2o ben, daß er Georgien — sobald er von zwei Seiten bedroht werde
— nicht halten könne ohne bedeutende Verstärkungen.
Die „Tribun e“ macht in der letzten Zeit bedeutenden Ge¬
brauch von der Annexationspolitik. Erstens ist Dein erster militä¬
rischer Artikel als Leader annexiert worden und zweitens mein
25 Palmerston, dessen Fortsetzungen nun von vornherein annexiert
sind1). Kurios, wie es Dir erscheinen mag, ich bin durch das ge¬
naue Nachgehn in den Fußstapfen des noblen Viscount seit zwan¬
zig Jahren auf denselben Schluß gekommen, wie monoman Ur¬
quhart, — daß Palmerston seit mehren Dezennien an Rußland
30 verkauft ist. Sobald Du die Fortsetzungen meines Artikels (spe¬
ziell die Sachen über den syro-türkischen Konflikt) gelesen hast,
erwarte ich Deine Ansicht über die Sache. Es ist mir lieb, daß ich
durch den Zufall dazu gekommen bin, die auswärtige Politik —
die diplomatische — seit zwanzig Jahren mir in der Nähe anzu-
35 sehn. Wir hatten diesen Punkt zu sehr vernachlässigt; und man
muß wissen, mit wem man es zu tun hat.
Die ganze Diplomatie reproduziert im großen Stieber, Bangya
et Co.
Der „New York Enquirer“, redigiert von General Webb —
40 (ich habe den Artikel nicht selbst gelesen) — hat auf den Dir ge¬
schuldeten Leader der „Tribune“ einen Angriff gemacht. Die
*) Im Orig, ist
Z. - 1-2
512
(279) 1853 Nov. 2
Sache sei wissenschaftlich richtig, aber ein Türkenkrieg werde
nach andern Prinzipien geführt. Die Türken würden unter allen
Umständen drauf losgehn etc.
Wie steht’s mit dem Fabrik-Pro—le—ta—ri—at?
Dein K. M.
280. Marx an Engels; [1853] November 6.
6. November.
28, Deanstreet, Soho.
Lieber Engels,
Einliegend Schimpferei des großen Karl Heinzen in seinem io
„Herold des Westens“ über mich und Kommunismus.
Zugleich Brief von Cluß. Du ersiehst daraus, daß Willichs
Brandrakete mit der nächsten Post anlangen wird. Das Schlimme
ist, daß die Kerls ihre Schmiere durch ganz Deutschland kolpor¬
tieren werden, während mein Pamphlet ruhig in Manchester und is
London schläft — und daß sie in Heinzen wieder ein breitmäuliges
Echo besitzen, während einige Monate früher — außer der „Kri¬
minalzeitung“ — kein Organ dem Wtillich] zu Gebot stand.
Wenn die Scheiße kommt, schicke ich sie Dir sofort, damit Du mir
schreibst, was Deiner Ansicht nach zu tun. 20
Du ersiehst aus Cluß’ Brief, wie es mit der „Reform“ steht.
Fordre den „alten Mann“1} und Dronke auf, für sie zu schreiben.
Sie haben ja waste time die Menge. Ob es gut ist, wenn wir zwei
direkt schreiben, weiß ich nicht.
Weerths Brief horriblement fad, trotz alles Haschens nach 25
„Jeist“.
Dein K. M.
281. Marx an Engels; 1853 November 21.
21. November 1853.
28, Deanstreet, Soho, London. 30
Lieber Engels,
Einliegend 2 Postanweisung für Lupus, die ich von Cluß für
ihn erhalten habe, notabene auf eine Aufforderung meinerseits.
Zugleich Willichs höchst traurige Schmiere.
Du und Dronke müssen mir auf die auf mich bezüglichen 35
Stellen bis Freitag spätestens Erklärungen zuschicken,
die in meine general answer aufgenommen werden — in der Form
1 ) Wilhelm Wolff
(281) 1853 Nov. 21
513
von Erklärungen. Wir müssen ebenso schlagfertig in unsrer Ant¬
wort erscheinen, als der edle Willich seinerseits gezögert hat. Halte
Dich nur sehr humoristisch in Deiner Erklärung.
Dank für den Türkenartikel. Als der letzte eintraf, hatte ich
5 schon die Nachricht von dem Rückzug der Türken und habe die
Sache dem angemessen gedreht. Schreib einmal, denn auf keinen
meiner Briefe antwortest Du seit vier Wochen, sondern schreibst
nur sechs Zeilen.
Dein K. M.
io Willst Du nicht Weihnachten herkommen und bei mir ab¬
steigen? Ich habe jetzt ein kleines Zimmer für Dich. Vielleicht
kannst Du den alten Mannbei der Gelegenheit abschütteln.
282. Marx an Engels; 1853 November 23.
23. November 1853.
15 28, Deanstreet, Soho.
Lieber Engels,
Das „People’s Paper“ war vergessen worden. Folgt an¬
bei. Die bisher erschienenen fünf Artikel im Jones sind nur drei
in der „Tribune“.
2o So sehr Deine Zeit auch in Anspruch genommen, muß ich Dich
doch bitten, mir für Freitag wenigstens — (mehr ist nicht
nötig) — zwei Seiten (Deiner gewöhnlichen) zu schicken und eng¬
lisch, damit nicht noch Zeit mir für das Übersetzen verloren geht.
Mir scheint der Feldzug für den Winter beendet, und jedenfalls ist
25 seine erste Periode abgeschlossen und daher mit einigen allge¬
meinen Zügen abzumachen. Also auf zwei Seiten wenigstens ver¬
laß ich mich.
Bei der Willichschen Scheiße ist — eben im Gegensatz zu
seinem halbjährigen Zaudern — Raschheit nötig.
so Dein K. M.
Der „alte Mann“ hat die Postnote von 2^ St. erhalten?
283. Frau Jenny Marx an Engels; [1853 Novem¬
ber 24].
Lieber Herr Engels,
35 Ich habe die post ordre auf William Wolff ausgestellt und den
Absender mit Charles Marx angegeben.
*) Wilhelm Wolff
33
Z. 11 (Vielleicht) —12. 17-W. 28-». 31. Nr. 283.
514
(283) 1853 Nov. 24
Die Erklärungen gegen die Willich-Schmiere können morgen
schwerlich absegeln, da Miskowsky °, „der verschollene russische
Offizier“, bis heute noch nicht aufzutreiben war. Er wohnt irgend¬
wo in Whitechapel, und seine Adresse war abhanden gekommen.
Auch Kossuth, an den man sich auf Umwegen wendete, hatte seine a
Adresse nicht. Jetzt eben ist ein Bote nach Whitechapel abge¬
gangen. Zum Unglück für den braven Willich ist der Mann seit
ein paar Monaten wieder hier, hat seine Beglaubigung als ungari¬
scher Mitkämpfer von Kossuth unterzeichnet in Händen und kann
nun selbst über das Duell berichten. io
Der père ist busy mit der Fortsetzung des Palmerston-Artikel
und hofft für heute morgen auf einen kleinen Sukkurs.
Mit herzlichen Grüßen Jenny Marx.
284. Marx an Engels; 1853 Dezember 2.
2. Dezember 1853. m
28, Deanstreet, Soho, London.
Lieber Frédéric,
Mes remerciements pour le beautiful article. Herr Dana wird
seinen Ruf als Feldmarschall in Amerika gründen.
Daß Du herkömmst, um wieder hauptsächlich bei den Phi- 20
listem zu hausen, gefällt mir keineswegs.
Herr Dronke benimmt sich als ein elender kleiner Stänker.
Dem Strohn sagt er, er habe Dir seine Erklärung geschickt und
die Zeitung. Dich läßt er in dem Glauben, mir sei beides —
keins von beiden — zugekommen. Laß Dir wenigstens die 25
Zeitungen von dem little man zurückschicken. Ich habe mein
Exemplar hier. Aber in Bradford ist keins nötig. Zufällig, da
die Scheiße von Dtronke] nicht kam, wühlte ich unter den alten
Briefen und fand das corpus delicti, mit der verbrecherischen
Stelle, die ich wörtlich zitiere. Der Brief war an Dich adres- 30
siert. Sollte nun die Beize der Adjektive die Exaktheit der Tat¬
sachen auslöschen, so wird Herr Dronke sich selbst zuzuschreiben,
wenn ich zum Beleg, daß ich du moins exact bin, seinen Brief
nach New York schicke. Es kommen darin sonderbare, ihm
jetzt sicher unangenehme Stellen vor, z. B. über den „fanatischen 35
Knoten Imandt“, maintenant sein intimus, dem er jede Woche
zweimal schreibt. Die Sucht des Kleinen, für sich hinter dem
Rücken von uns zu stänkern, ist bekannt.
Ich habe meine Erwiderung Dienstag abgeschickt. „D e r R i t -
ter vom edelmütigen Bewußtsein.“ Er wird sich wun- 40
1 ) im Orig. Mychowski
Nr. 283. Z. 22-38.
(284) 1853 Dez. 2 515
dern. Dein Brief und andre Briefe von Steffen, Miskowsky (nebst
Zeugnis von Kossuth) etc. als integrante Bestandteile, natürlich
mit Eurer Unterschrift, in das Ganze aufgenommen.
Schreib bald.
z; Jones wird vom „Economist64 attackiert und bekömmt Ruf.
Apropos! Dienstag Polenmeeting. Mazzini und Kossuth kamen
nicht. Blödsinniges Geschwätz von Worzel, Ruge und Ledrul-Rol-
lin] zeigten sich des Umgangs würdig. Meine Frau war da. Ebenso
auf dem Meeting Montag, gehalten von den Polen demokratischen
io Schlags. Harney war als Präsident angezeigt. Furchtbare Revolte
der gegenwärtigen 50 oder 60 englischen Arbeiter. Zischen, „Trai-
tor“, „drybones“ (wie er den Chartism genannt), renegate.
Furchtbare Keilerei. Harney wagte nicht, den Chair zu besteigen,
wurde schrecklich zerzaust, gekeilt, beschimpft, und kam trotz
io sechsmaligen Versuchs nicht zum Sprechen. Die dummen Wasch-
lapskis verstanden natürlich die Sache nicht und sehen in dem
Ganzen „Reaktion“. Dies die Nemesis für Vater George Julian
Harney.
Dein K. M.
2o Aus dem einliegenden Brief siehst Du, daß Cluß leider schon
geantwortet. Da aber meine Geschichte fertig, mußte sie fort. U m -
sonst darf man nicht für Willich arbeiten.
285. Marx an Engels; [1853 Dezember ca. 12].
Lieber Engels,
25 Aus der telegraphischen Depesche, die ich heute morgen von
Dir erhalten, kann ich natürlich nicht ersehn:
1. Ob Dir von New York aus Cluß’ etc. Antworten und die auf
Willich bezüglichen Nummern der Reform zugegangen. Das
Gegenteil wäre möglich, da Herr Lupus durch einen abge-
3o schmackten Brief an Cluß seine Faulheit durch Gepolter gegen
Weydemeyer zu decken sucht.
2. Hat Dronke die bezüglichen Nummern der Kriminalzeitung
zurückgeschickt? Ich habe Steffen in Chester beauftragt, sie sich
von Dir einschicken zu lassen, da ich das einzige hier befindliche
35 Exemplar nicht missen kann. Als ich — diesmal durch Dich
veranlaßt — in meinem letzten Briefe auf die kuriose Geschichte
von der Erklärung des „bekannten Herrn Dr. Dronke“ zu sprechen
kam, schwante mir, daß das nächste Resultat sein würde, daß ich
keinen Privatbrief von Dir erhalten würde bis nach einer Periode
4o (von ein bis zwei Wochen), wo Gras über die Sache gewachsen
unterstellt werden kann. Wenigstens ist das die Methode, die Du,
33*
Z. 17-18. 20-22.
516
(285) 1853 Dez. ca. 12
seit Ankunft des Herrn Lupus in Manchester, seltsam konsequent
in allen mich persönlich und die beiden Herrn betreffenden Ange¬
legenheiten beobachtet hast. Es ist also besser, um unsren Brief¬
wechsel nicht rein auf Telegraphie zu reduzieren, künftig von
beiden Seiten alle Anspielungen auf Deine dortigen Freunde und 5
Schützlinge wegzulassen.
Salut.
Dein K. M.
286. Marx an Engels; 1853 Dezember 14.
14. Dezember 1853. io
Lieber Frédéric,
Du weißt, daß jeder momentan seine Nucken hat und nihil
humani etc. Von „Konspirieren“ und solchem Unsinn war natür¬
lich nie die Rede. Some jealousy bist Du gewohnt, und au fond
ärgert mich nur, daß wir jetzt nicht zusammen sein und zusammen is
arbeiten und lachen können, während die „Schützlinge“ Dich be¬
quem in der Nähe haben.
Einliegend die eine Kopie des „Ritters“. Die andre ist heute
oder gestern in Washington eingetroffen. Ich habe die Sache dem
Cluß zugeschickt, damit keine Kollision zwischen den zwei Er- 20
klärungen stattfinde und damit er streicht, was schon einmal da
war. In der fortgeschickten Kopie sind noch einige kleine stilisti¬
sche Änderungen gemacht. Die letzte Seite fehlt in der Dir zuge¬
schickten; ist verbummelt worden, enthält nur ein paar Schlu߬
phrasen heitren Inhalts. 25
Obgleich man nichts von ihm hört, muß Willich jetzt wieder in
London sein. Hast Du in der „Reform“ das schöne Sitzungsproto¬
koll gelesen, Fr. Anneke, wo keine Stimme sich dafür erklärt,
„unter Willichs militärischer Leitung“ als „Revolutionskämpfer“
nach Deutschland zurückkehren zu wollen? 30
Quant à Palmerston, so könnte ich bloß auf eine „deutsche“
Schrift eingehn, wenn ich sicher wäre, daß ein Buchhändler später
die Arbeit nähme. Deutsches Manuskript habe ich nämlich nicht,
da ich von vornherein, seit ich selbst die Sch— englisch schrei¬
ben muß, den Dreck immer gleich im Original angelsachse. Für die 33
„Tribune“ denke ich zu schließen mit den treaties of 1840 and
1841, wofür ich sehr dicke blue books zur Verfügung hatte, be-
sides^ dem Hansard und dem Moniteur. Die Umtriebe P[almer-
stons] in Greece, Afghanistan, Persien und Serbien als minder
wichtig beiseite gelassen. Allerdings bliebe nun noch die Révolu- jo
9 Im Orig, beseits
Z 23-30 ?
(286) 1853 Dez. 14
517
tionsepoche, wofür wieder die blue books — obgleich bedeutend
verstümmelt — bedeutendes Material liefern, auch über unsern
„vaterländischen“ Krieg etc. in Schleswig-Holstein.
Was Deinen Bonaparte als Artilleriehauptmann und -schrift-
5 Steller betrifft, so fände ich es besser, wenn Du in Deinem Namen
solchen Aufsatz zuschickst entweder der 1. Daily News; 2. Exa¬
miner; oder 3. der Westminster Review. Das erste wäre vielleicht
das beste. Du könntest durch einen solchen Artikel plötzlich
— par coup d’état — Dich so in der Londoner Presse stellen, daß
jo Du sie „pressen“ kannst und Dir zugleich die Chance eröffnest,
Dein Buch über den ungarischen Feldzug englisch, in London, er¬
scheinen zu lassen, was jedenfalls einträglicher und effektvoller
als in poor Leipzig.
Die „Tribune“ renommiert natürlich gehörig mit Deinen Ar-
15 tikeln, als deren Verfasser wohl poor Dana gilt. Da sie gleichzeitig
den Plalmerston] sich angeeignet, so ist seit acht Wochen Marx-
Engels die eigentliche „Redaktion“, der éditorial staff der „T[ri-
bune].“
Es ist mir lieb, wenn Du neben den größern Ausführungen,
20 welche sie als Leader sich aneignen und die ja doch nur bei ge¬
wissen bedeutendem events oder Abschnitten, wie der Anfang,
dann die Schlacht bei Oltenitza etc. möglich sind, — (wenn es Dir
Deine Zeit erlaubt) — in den unbedeutendem Zwischenräumen
die facta mir immer kurz, z. B. ein bis zwei Seiten anglisierst.
25 Ich habe mit dieser kleinen Schmiere viel mehr Schwierigkeit,
auch sprachlich, als mit profunden (!) Entwicklungen und
besonders mit Material, womit ich durch englische Lektüre seit
Jahren in englischem Verhältnis. Natürlich brauche ich dies
bloß, wenn die „großen“ événements fehlen. Die Hauptsache ist
3o die Ängstlichkeit meines kritischen Bewußtseins in Sachen, worin
ich mich nicht à la hauteur fühle. Mein Konkurrent^ schreibt sehr
einfach die facts (oder vielmehr was die Londoner Presse für facts
ausgibt) ab.
Was hältst Du von dem einliegenden Vorschlag meines
35 Schwagers Juta, monatlich für den Zuid-African (Kapstadt) zu
schreiben? So schlecht Juta französisch stilisiert, ein so braver und
verständiger Kerl ist er. Hätten wir beide — Du und ich — zur
rechten Zeit in London das englische Korrespondenzgeschäft
angefangen, so säßest Du nicht in Manchester, Comptoirgequält,
40 und ich nicht Schuldengequält. Ich glaube übrigens, daß, wenn Du
jetzt militärische Artikel an die Londoner Presse schickst, Du in
ein paar Wochen eine fixe Stellung erhalten kannst, die Dir soviel
abwirft wie das Manchestergeschäft und mehr freie Zeit läßt. Die
demand for military writers ist jetzt größer als die Zufuhr.
Franz Pulszky
518(286) 1853 Dez. 14
Es wäre selbst die Frage, ob die Times selbst nicht sehr glück¬
lich wäre, einen military collaborator zu angeln, da sie in diesem
Punkt miserabel beschlagen ist. Es gälte einen Versuch. Man steht
jetzt natürlich auf dem Punkt, wo man jede englische Zeitung als
bloßes Magazin betrachtet, und es ist wurst, in welchem dieser û
Magazine man seine „Artikel“ ausstellt, supposé, daß sie nicht
adulteriert werden.
Dein K. M.
NAMENREGISTER
Die häufiger vorkommenden
Alraun, Alräunchen — Ernst Dronke
der korsische Alraun — Louis Blanc
Arnold — Arnold Ruge
der rote Becker — Hermann Becker
Charles — Charles Rösgen
Crapulinski — Louis Napoleon
Dear — George Julian Harney
Edgar — Edgar von Westphalen
Feargus — Feargus O’Connor
Godofredus — Gottfried Kinkel
Great Windmillritter, Windmillritter —
August Willich
Hanebug, Hanebuch — Lüders aus Ham¬
burg
der stille, der sanfte Heinrich — Hein¬
rich Bürgers
le bei Homme — Landolphe
Johann Gottfried — Gottfried Kinkel
Johanna — Johanna Mockel, Kinkels
Frau
Spott-, Deck- und Kosenamen
Kakerlak — Oswald Dietz
der Kleine — Ernst Dronke
der Kleine — F. C. Bernays
Konrad — Konrad Schramm
Lenchen — Helene Demuth
Lupus — Wilhelm Wolff
little man — Emst Dronke
der alte Mann — Wilhelm Wolff
Mary — Mary Bruns
Moses — Moses Hess
Musch — Edgar, Sohn von Marx
piccolo — Ernst Dronke
der Ritterliche, Ritter Hohenzoller —
August Willich
der Sanfte — Heinrich Bürgers
Schnapper — Karl Schapper
Tupmann — Wilhelm Pieper
der rote Wolff — Ferdinand Wolff
Aberdeen 452 460
Abraham 470
Adam 119 121 143 150
Adelung 33
Afrasiat 482
Agostini 449
Ahrens 32
Alberts 433
Alexander der Große 482
Allard 96
Alsopp 278
Ananias 52
Anneke, Fritz 104 345 368 369 488 516
Anneke, Mathilde Franziska 475
Annenkov 36
Anschütz 344 347
Antoine 168
Aretino 360 361
d’Argout, comte 294
Arminius [Hermann], der Cherusker 33
275
Aspée, L’, Henri de 466
Attila 118
Auerswald 422
Aumale, duc d’403
Babeuf 400
Baedeker 3 15 17
Baillut 96
Bakunin 4 11 36 70 331 495 496 497 498
499 500
Balzac 405 406
Bamberger, Ludwig 170
Bamberger, Simon und Louis (Vater und
Sohn) 116 130 178 179 191 224 225
227 229 273 285 444 455 459 465 469
488
Bangya 317 318 323 345 350 358 360 362
363 364 403 407 410 411 412 413 428
430 431 432 438 440 441 445 450 462
463 464 472 507 511
Barbaroux 31
Barbés 145 160 318
Barney, John 357
Barnum 350
Baroche 142
Barrot, Odillon 86 112 291
Bartels 73 74 78
Barthelemy 117 119 121 142 143 146 151
155 156 162 163 168 169 171 172 177
263 292 361 402 403 421 461
Barthold 378
Bastiat 286
Bastide 53
Batthyanyi, Kasimir, Graf 317 323
Batthyanyi, Ludwig, Graf 336
Bauer (aus Stolpe) 244 245
Bauer, Bruno 2 12 19 67 275 321 335 340
341 346 350 366 367
Bauer, Edgar 2 12 19 274 371
Bauer, Heinrich 96 115 117 130 248 276
Bayard 143 160
Beck, Wilhelmine 180 184 256
Becker 373
Becker, August 32
Becker, Hermann 105 123 131 144 168
173 177 190 199 208 210 311 313 412
413 419 420 432 435
Becker, Johann Philipp 187
Becker, Max Joseph 154
Beckerath 219
Beckmann, Frau 399
Bedeau 403
Belfield, James 416
Bem 145 160
Bentham 6 18
Béranger 31
Bergenroth 15 16
Bermbach 220 221 311 312 365 381 382
384 414 415 420 421 426
Bernard, Martin 294 325
Bernays 2 4 11 17 26 28 29 32 34 36 39 43
44 57 58 63 64 67 68 69 71 81 90
Berni 364
Bernier 476 477 481
Berryer 281 291
Berthold 280 283
Bertin 477
Bianchi 318 333
Bianco 429
Bischofsheim 507
Blanc, Louis 61 69 79 81 82 85 86 87 88
89 90 91 92 143 144 145 146 150 151
152 153 155 159 160 162 163 168 171
172 177 188 189 191 241 243 292 293
294 295 297 299 325 331 333 334 336
382 509
Blank, Karl Emil 1 23 99 101
Blank, Wilhelm 3
Blanqui, Auguste 145 160 168 169 171
172 176 191 311 402 407 472 500
Blesson 378
Blind 107 274 277 444 445 450 472 494
Bloss 97 99
Blum, Robert 160 432
Böhler 244
Bornstein 29 57 63 64 68 69 81
Bohnstedt 101
Bonaparte, Jerome 388
Bonaparte, Pierre 389
522
Namenregister
Borchardt 477 479 490 493 504 505
Borkheim 244
Born 83 89 91
Bornstedt 72 73 74 75 76 77 78 79 83 87
89 91 93 97 99
Bracht (aus Barmen) 101
Bray, John Francis 65
Bremer, Fredericke 62
Brenner-Guéniard 454
Breyer 71 96 97 98
Bricourt 98
Bright 327 362 364 491
Brockhaus 39 377 393
Broglie 281
Brüggemann 188 257
Brüning, Frau von 355 358 359 371 382
445 451 462
Biüning, A. Baron von 451
Brutus 145 188
Bucher 170 177 248 253
Bûchez 30
Buckup, John 470 473
Bülow, Christoph Karl 183
Bülow, Friedrich Wilhelm 183
Bürgers, Heinrich 4 17 19 40 77 94 99
101 105 176 193 197 208 210 211 214
218 285 311 313 381 399 401 409 412
415 429 431 432 436 437
Buhl, Ludwig 6
Bunsen 228
Burns, Lizzy 130
Burns, Mary 92 130 136 210
Butz s. Thieme und Butz
Cabet 27 68 81 160 239 333 382
C&cs&r
Campe 190 275 350 415
Capefigue 69
Caperon 119 121 123 124
Carey 346 485 486 508
Carlier 278 281
Carlyle 2 263
Carnot 293
Carrion Nisas 377
Carver & Co. 405 412 416 424
Cassel 96 98
Cassagnac s. Granier de Cassagnac
Castiau 94 98
Causssidière 188 292
Cavaignac 199 201 204 205 206 209 263
270 281 291 375 403
Chaisie 399
Chambray 378
Changarnier 201 204 206 281 291
Chaplin & Co. 405 416 443
Chapman 308
Charras 403
Chenu 361 463
Cherval 355 360 363 364 414 415 418 419
426 433 440 463
Cicero 170
Clark, Thomas 135 145
Cloots, Anacharsis 499
Clues, Adolph 289 305 306 307 312 336
340 344 345 347 348 350 357 367 368
369 372 376 377 378 383 385 392 398
400 414 427 440 443 451 456 459 462
467 475 478 484 488 494 504 508 510
512 515 516
Cobbett 84
Cobden 112 142 194 327 362 364 438 446
Coeurderoi 382 384
Cohen-Blind, Frau 274
Collins 259
Collmann 428 430 432 438 440 441 463
Considérant 230
Cooper 463
Costa Cabral 202
Cotta 226 275
Cournet 421
Covend 161
Crämer s. Cherval
Cromwell 144 178
Crüger 72 73 75 76 77 78
Culpeper 287
Czartoryski 323
Damm 244 362 373 374 375 439
Dana 260 289 293 302 311 314 320 321
323 324 326 329 335 336 337 340 343
344 348 350 360 361 363 365 366 368
377 384 392 393 395 398 399 408 412
413 414 415 417 425 428 439 442 444
445 455 456 458 459 465 473 475 488
489 491 514
Daniels, Amalie 329 410 420 421 426 463
Daniels, Franz Joseph 507
Daniels, Roland 39 94 159 180 184 189
190 191 207 208 210 211 214 221 277
311 313 400 412 419 429 445 507
Dante 474
Danton 31 292 499
Darasz 122 388
Dason 447
Decker 184
Delane, John Tadeus (junior) 446
Delane, U. F. A 446
Delessert 58
Della Rocca 449
Dembinski 182
Demidow 206
Demuth, Helene (Lenchen) 169 392
Derby 323 326 327 328 332 367 414
Desmoulins 43 499
Dessauer 280
Deutsch, Simon 360
Dickens 115
Diebitsch 510
Dietz, Bernhard 106
Dietz, Oswald 119 122 130 249 269 273
274 277 280 290 370 424 426 466
Disraeli 364 401 439 442 446 460
Döbler 209
Doherty, Hugh 28
Namenregister
523
Dolleschall 200
Domenichi 363 364
Dominicus, Adolf 100
Dralle 370 373 399
Dronke (Alraun; der Kleine) 98 99 100
102 108 110 112 120 123 128 135 158
163 172 187 189 193 260 262 275 279
282 318 330 332 335 336 340 341 342
343 344 350 353 355 358 365 366 367
368 372 377 381 385 393 398 402 404
406 409 412 417 419 427 430 431 433
445 450 451 454 456 457 461 463 468
471 472 492 493 494 498 500 501 507
508 512 514 515
Drucker, Louis 236
Drunkel s. Dronke
Dubourg 172
Duchatel s. Tanneguy-Duchatel
Dufaure 112
Dulon 131 226
Dumas, père 152
Dumon 28
Dumouriez 271
Duncker 410 415
Dupin 291
Durand 402
Dureau de la Malle 241 251 424
Dusard, Pierre 323
Ebner, Hermann 226 275 279 285 287
288 348 419 430 446
Eccarius, Hermann 285 286
Eccarius, J. George 120 130 145 357
Eisen 123
Eisermann 407 411 430 440 441
Eisermann (Tischler in Paris) 33 34 42
48 49 50 53 58 69
Elsner 177
Emmanuel & Sohn 365
Enfantin 30
Engels, Stadtkommandant von Köln 194
Engels, Friedrich (Vater von Engels) 12
16 20 99 100 102 103 104 212 213 258
320 348 368 451
Enghien, Herzog von 362
Engländer 360
Ermen, Gottfried 143 158 159 180 181 212
213 258 319 328 405 479
Ermen, Peter 115 123 143 159 179 180
181 212 213 224 258 295 319 328 384
469
Ermen u. Engels 165 181 365 416 443 458
Ernst August 221
Esselens 93 97
Esser I, Advokat 425
Esser, Christian Joseph 256
d’Ester 3 10 40 94 101 108 158
E werbeck 1 4 11 26 27 28 29 30 32 33 34
37 40 42 48 57 58 66 69 70 81 82 100
243 275 277 280 323 328 330 340 341
496
F. M. (Marx, Francis Joseph Peter) 496
497
Faider, Victor 97 98
Faucher, Julius 200 202 209 235 242
Faucher, Leon 278 281
Favon 119
Feddersen 461
Félicie, M-lle 92
Fenner von Fennebcrg 227
Ferenczi 388
Feuerbach 7 14 15 27 39 44 46 47 121
255 274 277 323 379
Fickler 214 215 217 219 220 228 244 245
246 247 248 345 370 375
Fieschi 121
Fischer (in New Orleans) 186 187 189
246 250 251 252 253 282 283 284
Fischer (in Brüssel) 76
Fix 38
Fleury 427 428 431 432 433 434 435 463
468
Flocon 80 81 82 84 85 86 89 91 96 293
Florencourt 188
Flügel 456
Forster, Charles 470
Foucault 190
Fould 312 403 509
Fourier 8 16 17 18 28 30
Franceson 500
Franck, Paul 194
Frank 244 247 373 375
Frank (Pariser Verleger) 84 85 86 88
Frank s. Cherval
Franz Joseph 200
Freiligrath 102 111 193 199 202 207 208
215 216 220 229 235 250 252 274 275
279 305 314 318 324 336 342 348 350
358 359 371 372 382 409 418 421 427
435 436 440 461 462 468 469 472 484
507 508
Friedländer 450 465
Friedrich II. 325 501
Friedrich Wilhelm IV. 41 94 120 200
Fröbel 12 24 323
Frundsberg, Georg 378
Galeer 172
Ganon 119 121 123
Garibaldi 160 402
Garthe 374
Gebert 119 161 162 173 186 211 370 386
387
Gehrke 244
Gerstenberg 370 467 468 469
Gervinus 446
Gibbon 470
Gibson 327
Gigot, Philipp 57 75 79 91 93 94 96 97
98 99 102
Gipperich 419
Girardin 201 204 205 252 255 280 281
Gladstone 451 452 477
524
Namenregister
Godwin 18
Göbel 434
Goegg, Amand 200 202 214 215 220 244
246 247 248 249 253 366 370 371 372
373 374 375 376 379 380 385 393
Göhringer 172 190 203 244 274 276 279
282 286 443 465
Görgey 182 336 350 352 363 381 413
Goethe 65
Goldheim 195 432 433 434 464 465 466
468
Golowine 495 496 497 498
Gorzowski, Thaddäus 389
Gottschalk 104 198
Goûté 119 121
Graham 195 326 349 362 364 438
Granier de Cassagnac 360
Greeley 366 444 508
Greiff 432 433 434 435 450 463
Grey 195
Gross, Magnus 128 133 135 160 307
Grün 4 26 27 31 33 34 35 36 42 48 49 50
51 53 54 55 57 58 65 66 69 70 83 214
Gsell, M-me 29 36
Gülich 338
Gümpel 290
Günther 144
Guérard 378
Guerrier 4 11
Guizot 28 107
Gutenberg 254
Häfner 395 399
Hafis 481
Hagen 467
Hain 224 340 341
Hammel 387
Harney 55 59 60 80 86 96 112 114 115 121
123 129 130 132 135 140 141 145 146
147 148 150 151 152 153 154 155 156
159 160 161 162 163 164 165 166 168
169 193 204 226 276 278 284 309 316
317 322 343 346 348 380 383 400 515
Harney, Frau 160 451
Harring, Harro 357
Hatzfeldt, Graf 459
Hatzfeldt. Sophie 479
Haude 120 123 161 211
Haug 172 174 175 190 193 200 242 244
245 247
Haupt 130 221 274 277 280 283 285 366
401
Hauser, Kaspar 320
Haynau 155 162
Hebeler 349 410
Hebert 68
Hecker 99 101 307 347
Heckscher 490
Hegel 7 8 62 121 239 292 323 341 351
352
Heilberg, Louis 72 73 74 75 78 86 116 358
Heine 37 63 64 66 84 87 92 287
Heinemann 256
Heinzen 72 75 84 92 104 170 190 191 205
220 226 228 234 235 246 254 255 261
273 279 300 307 329 357 366 367 379
395 488 511 512
Heise 144 340 380 396 493
Hektor 254
Hentze 374 380 419 425 478
Herbert, Sidney 452
Herkules 90
Hermann der Cherusker s. Arminius
Herstatt 429
Herweg, Gottfried, Flüchtling 373 375
433
Herwegh 92 97 403
Herzen 403 427 444 445 450 454 472 484
495 496 498
Hess 2 3 4 6 7 9 13 14 15 16 17 18 19
20 23 26 29 36 37 38 39 48 49 63
64 65 66 70 71 76 83 84 88 91 93
96 98 100 336 342 343 427 428
Hess, Sibylle 23 29 123 287
Hibbert 328
Hill 180
Hillgärtner 372
Hine, L. A. 135
Hippokrates 484
Hirsch, Wilhelm 290 329 410 411 412 416
419 420 421 431 433 434 435 462 463
464 465 466 468 472 474 478
Hoff 254
Hofstetter, Gustav von 351
Hollinger 248 249
Holyoake 400
Hontheim 409 419 425
Hontdsworth 458
Hordle 247
Horne & Co. 405 416 443
Horner 457
Howitt 208
Hoyer 378
Hudson 411
Hühnerbein 101 165 315
Hülsemann 357
Hume 329 452
Hummel 56
Hunt 290 400
Hurst 135
Huzel 345 369 370 372 385 479
Huzzelwitt 345
Imandt 359 371 373 374 375 376 379 380
411 421 427 432 433 445 457 488 492
494 501 508 514
Imbert 72 73 75 78
Jacobi 79 160 211 222 311 313 412 489
490 491 493 494 496 505
Jakob I. 41
Jason 324
Jenny 57 458
Jesus Christus 240 279 461
Namenregister
525
Johannes-Apostel 279 452
Johnson 318 322 363 366 367 371 424
Johnston, Alexander Kight 276
Johnston, James-Finley Were 276
Joinville 362 403
Jones, Ernest 96 115 121 128 129 135
145 152 153 155 162 163 165 167 177
193 226 228 279 290 309 317 320 321
322 326 329 330 331 335 337 343 346
348 357 369 380 390 400 446 472 488
491 493 510 513 515
Jones, William 481
Joséphine, M-elle 92
Josua 263
Jottrand 73 74 75 78 79 93 95 97
Julius 38 40 170 226 236 428
Jung 4 5 13 420 467
Junge 33 34 42 51 53 58 66 76 78
Juta 517
Kamm, Friedrich 371
Kanut, der Grosse 61
Kapp 254
Karstens s. Lessner
Kats 73 74 75
Kausler 377
Kauwerz 98
Kiessling 47
Kinkel 109 120 170 171 174 175 176 177
178 187 190 193 199 201 203 208 209
226 242 244 245 246 247 248 249 250
251 252 253 254 259 261 270 273 279
282 289 290 304 305 306 307 318 333
334 337 344 345 347 349 359 368 369
370 371 372 373 374 375 376 379 380
383 385 386 387 392 398 400 407 411
421 422 427 428 435 445 451 466 474
479 490
Kinkel (Mockel), Johanna 203 205
Kinski (geb Zichy) 399
Kirchmann 201 359
Kiss 388 389 398
Klapka 349 402
Klein 311 313 501
Kleist-Retzow 219
Klose 217 358
Köhler, J. 102
Körner, A. F. 59 70
Köttgen 13 16 21 64
Korff 103 378
Koscielski 497
Kosciuszko 331
Kossuth 160 180 182 273 275 284 286 290
295 312 317 318 333 334 336 349 350
361 363 369 370 372 376 377 388 389
398 399 401 413 428 436 447 448 449
450 451 459 463 493 514 515
Kothes 410 414 415 425 430 432 464
Kriege (der Tecklenburger) 14 15 17 48
52 54
Krug 170
Krummacher 2
König 466
Küntzel 351
Kühtmann 47 48 60 64 67 68
„Kutscher“ s. Weber, Georg
Ladenberg 105
Lafayette 141
Lamartine 80 82 88 99
Lamennais 255 318
Lamoricière 403
Lampon 447
Landolphe 143 144 145 146 151 153 155
160 161 162 165 166 168 169 171 177
Lanckoronski 389 463
Laroche s. Lehmann, A. F. G.
Lassalle 336 456 459 477 479 488 491
Lauff 98
Lautz 178
Laverrière 101
Leach 128 135
Ledru-Rollin 91 119 122 140 141 143 146
147 150 151 152 163 188 203 230 245
246 247 255 256 280 293 295 296 318
325 333 334 382 436 450 461 515
Lehmann, August Friedrich Gottlieb
(Laroche) 117 205
Leiden 429
Lelewel 389
Leopold I. 63 272
Leroux 30 333 334
Leske, C. W. 10 17 24 39 54 57
Lessing 484
Lessner, Friedrich (Karstens) 226
Levasseur, René [de la Sarthe] 56
Leven 429
Lichnowski 422
Liebig 276
Liebknecht 125 132 160 170 183 186 214
215 217 219 225 250 251 260 274 340
410 420 431 434 445 457 507
Lièvre 472
List 6 19 323 367
Lizzy — s. Burns, Lizzy
Lochner 494
Löhr 378
Lölgen (Löllchen) 3
Loewe 504
Löwe (von Calbe) 291 294 345 370 373
421 445
Löwenthal 11 39 275 285 287 288 289 299
348 430
Lowe 447
Loyd (Lloyd) 133 136
Louis Philippe 170 308
Lubliner 93
Lucius, Dr. 203
Lüders 244 304 306
Lüning 39 98 113 118
Lüssel [?] 253
Luther 228
Lykurg 400
526
Namenregister
Macchiavelli 318 359
Mac Elrath 508
Macfarlane, Helen 123 151
Mac-Gowan 380
Mac Grath 135
Madden, James 377
Madier 308 315 443
Mahmoud 510
Malthus 125 126 241 485
Manteuffel 235 364
Mantle 135 136
Marrast 53 70
Martens 218 244
Martin du Nord 68
Marx, Edgar (Musch, Till) 121 204 207
306 357 468
Marx, Guido (Föxchen) 114
Marx, Henriette (Mutter) 168 178 393
Marx, Jenny (Frau von Marx) 109 120
121 123 124 132 178 306 357 392 393
395
Marx, Jenny (Tochter von Marx) 392
Marx, Laura 393 395
Mary s. Burns
Massey 317
Massol 318 325 330 333 334 385 392 393
396 398 400
Mäurer, German 27 37 49 66
Mäurer, Frau 66
Mayer 113
Mayer, Adolphe 119
Mayne-Reyd 449
Maynz 93 94 96 97 98
Mayr, A. 403
Mazzini 119 120 122 131 140 141 146 147
150 151 172 174 176 188 195 198 203
204 206 214 220 245 246 247 256 260
261 262 280 284 295 318 324 327 329
333 334 336 349 382 388 389 436 447
448 449 450 451 452 460 465 468 494
515
Mehemed-Ali 318
Mellinet 73
Menu (Manu) 487
Metternich 119
Mevissen 452
Meyen 12 112 200 202 203 235 242 244
245 248 253 282 305 358 371 373 421
Meyer (Bierwirt) 3
Meyer, Julius 26
Michel de Bourges 255
Michelet 92
Mieroslawski 385
Mignet 69
Mill 133
Millerbacher 378
Minié 310
Miquel 193 198 212 214 218 220 221 222
Mirbach 165
Mirkhond 482
Miskowsky 514 515
Mockel s. Kinkel, Johanna
Mohammed 471 475 480 481
Molinari 119
Moll, Joseph 96 160
Montalembert 147
Montesquieu 58
Montez, Lola 66 68 286
Montijo, Eugenie 462
Moor, Karl 38
Moras 72 73 78
Morelly 18
Morny 311
Morris, Mowbray 446
Moses 263
Mott, James 494
Müller (Justizrat) 417
Müller, Wolfgang von Königswinter 3 14
Murray 458
Musch (Till) s. Marx, Edgar
Nadaud, Martin 333
Napier, William Patrick 158 169 185
Napoleon I. 158 183 185 187 188 194
197 206 269 272 325 351
Napoléon III. 142 147 151 201 204 206
208 230 278 280 281 291 292 293 294
295 296 298 299 300 301 303 305 307
308 310 311 313 314 316 317 320 322
325 331 332 337 352 357 360 376 385
388 389 390 393 395 399 401 402 403
418 428 441 446 447 448 450 462 463
508 517
Naut, S. A. 107 123 365
Nauwerck 12
Nemours 360
Nesselrode 504
Neubeck 92 100
Neuhaus 188
Newton 400
Nikolaus I. 200 265 323 498
Noah 470
Nohl 101
Nothjung, Peter 208 218 244 311 381 409
412 429
Novairi 480
Obermeyer. Frau 15
O’Connor 84 87 95 112 129 135 136 152
188 278 290 317 331
O’Donovan Rossa 128
Öhlenschläger 62
Ohnemans 79
Omer-Pasha 503
Oppenheim 56 144 170 242 244 245 305
445
Orleans (Dynastie) 294 311 360 362 403
Orléans, prince d* 419
Oswald 356 373
Ottenberger 378
Otterberg 72 188
Otto 254 311 313 412
Owen 18 122 203
Oxford, Joseph 508
Namenregister
527
Pakington. John 460
Palafox 173
Palmerston (Pam) 112 147 180 195 403
404 446 452 460 495 507 508 510 511
514 516 517
Passos, José 202
Paulus (Apostel) 284
Peel 185 399 452
Pellering 74 75 93
Perczel 317 318
Persigny 312
Peter von Amiens 329
Peto 141
Pettie 284
Petty 126 287
Petzler 244
Pfänder 115 117 120 130 276 315 322 360
Philips 88
Piali s. Zerffi
Pickford & Co. 347 349 405 412 416 443
Pieper, Wilhelm (Tupman) 130 132 134
146 155 162 163 165 166 167 176 190
191 193 196 198 225 274 279 282 285
287 288 289 290 294 295 297 299 306
308 310 316 319 320 330 357 367 389
390 393 394 396 397 409 413 427 442
445 456 457 458 464 466 468 473 474
481 482 483 484 488 489 490 492 494
495 507 510
Pindar, Edward 338 348 367 372 390 391
392 394 400 405 406
Pitt 112
Plasmann 102 106
Platt & Son 328
Pleyel 413
Pönisch 395
Pottier 117
Praslin 81 90
Price 240
Prochasky (Prochawsky) 161
Proudhon 27 33 34 35 41 42 49 50 51 54
62 65 80 89 92 104 122 179 226 228
229 236 237 238 239 240 241 242 243
251 252 256 259 261 275 277 283 284
286 287 288 294 297 333 334 336 382
385 441
Pulszky, Franz 460
Püttmann 9 10 14 15 19 39 40 41 54 57
60 65
Pyat 325 334 388
Radetzky 267 447 449
Radowitz 203
Raffles, Stamford 487
Ramboz 107 111 113
Rath 429
Rau 479
Raveaux 105 194 218 282
Reeve, Henry 447
Reich 273
Reichel 65
Reichenbach, Gräfin 253
Reichenbach 170 244 253 259 345 370 373
379 385 411 421 435 436 445 450 463
Reiff 381 382
Reinhardt 36 84 85 86 88 269 294 297
298 304 323 324 456
Rempel 26
Remusat 362 363 364 419
Reuter 423 424
Reynolds 129 152 153 290
Ribbentrop 341
Ricardo 125 127 134 136 180 201 485 494
Richards 495
Richter 315 319 322
Riedel 78
Rinaldo Rinaldini 461
Rings 121 315 420 494 510
Rittinghausen 230
Roberts 115
Robertson 129
Robespierre 160 229 241 243 292
Rodbertus 201 359
Rohde 106
Röser 208 210 311 381 412 429 436
Roesgen, Charles 319 326 330 383 396
407 473 474 477 479 483
Rösing 106
Rogier 95
Romulus Augustulus 324
Ronge 59 131 174 175 193 200 201 215
244 247 253 279 345 373 399 408
Ronge, Frau 334
Roth, Richard 3
Rothacker 186
Rother 40
Rothschild 42 44 64 86 274 279 294 483
Rothschild 190 294
Rotteck 177
Rousseau 229 241 243
Rozycki 384
Ruge (Winkelried) 4 5 11 12 31 65 80
108 119 122 131 132 145 147 170 174
175 176 177 187 190 193 200 203 214
215 216 217 220 225 226 228 229 234
235 242 244 245 246 247 248 249 251
254 255 256 290 304 323 334 345 346
356 360 361 365 366 367 370 374 399
408 484 488 495 496 498 515
Rumpf 250 484
Rushton, William 377
Russell, John 141 154 323 325 438 451
452 460
Rutenberg 12
Sabatier 318
Sädt 364 384 415 426
Sagra. Ramon de la 89 90
Saint Just 293
Saint Simon 18 30 242
Saldanha 202
Sancho Pansa 224 387 498
Sand, George 496 497
Sandkuhl 72 76
528
Namenregister
Sanford, Edwards u. Comp. 376
Sapphira 52
Sarastro 65
Sarrans 141
Sassonoff 275 277 318
Savary 187 188
Sawaszkiewicz 119 122 161
Say 381
Schabelitz, Jacques 130 229 245 246 253
439 442 443 445 450 454 455 456 458
461 472
Schärttner 119 220 244 280 294 351 371
373 380 387 434 465
Schamyl 511
Schapper 96 110 118 119 121 122 123
143 144 145 151 161 162 163 166 168
173 177 186 187 191 211 214 219 250
251 252 258 262 269 273 286 290 294
300 344 359 376 403 418 419 423 424
434 442
Scheidler 245
Schenk 188
Scherzer 96
Schily, Viktor HO 344 371 373 380 383
396 400
Schimmelpfennig 186 203 204 205 244
245 249 333 344 359 371 373 382 421
462
Schläger 488
Schläpfer 60 64 68
Schmidt 279
Schmidt, Simon 32
Schmidt-Stirner, Frau 362 387
Schmölze 244 245 380
Schnake 100
Schnauffer 186 375
Schneider II, Karl 282 400 409 411 412
416 418 419 420 421 423 425 427 428
430 431 432 434
Schölcher 255
Schramm, Konrad 114 115 117 120 125 130
131 132 133 135 144 155 160 161 162
163 164 165 166 167 168 169 172 173
177 191 196 199 224 225 227 229 260
262 265 269 270 273 276 286 306 355
376 469 470 478
Schramm, Rudolf 115 170 229 248 249
250 253
Schubert, Julius 123 130
Schüler, Louis 214
Schüller 285
Schütz 107 108 345
Schulz (Schultze) 424 438
Schulz, Louis 102 220 223
Schunck, Frau 490
Schurmann 412
Schurz 244 245 249 273 282 333 334 359
373 386 398 401 428
Schuster, Leo 482 483
Schuster, Theodor 172 260 262
Schwezler 422 423
Seckendorff 429
Seel 3
Seiler, Sebastian 31 72 74 77 78 83 36 96
115 116 170 178 320 322 323 324 448
Semmig 65
Semper 253
Shakespeare 84
Shelley 14
Siegfried 92
Sigel 187 203 205 215 229 242 244 246
247 248 249 253 259 370 373 376 402
Simon, Ludwig 321 322 326 350
Simonyi 119
Sismondi 485
Smith 180
Smitt 384 385 510
Soden 257
Southey 158
Soyer 204 205
Spielmann 469 489 492 495 506 507
Spilthoorn 74
Stanley 154
Stechan 269 270 273 274 280 283 290 411
424
Steffen 450 457 515
Stehely 12
Steinthai 282 416 477 479
Stenzel 378
Stewart 287
Stiebel 178
Stieber 195 409 410 411 413 414 416 417
419 421 423 424 425 426 429 431 433
434 464 465 466 468 511
Stirner, Max (Caspar Schmidt) 6 7 8 9
12 65 67 222 225 234 239 252 324 326
362 379 382 387
Strassoldo 449
Strauss 373
Streit, F. 379 389 393
Strodtmann 244 245 359
Strohn 342 358 365 411 416 418 428 429
435 437 439 440 465 468 473 492 508
514
Strücker 3 4 8
Struve, Amalie 186 323
Struve, Gustav 130 154 170 174 175 177
186 244 347
Stumpf, Paul 92 269
Stupp 188 194
Sutherland 444 456
Szemere 317 318 323 333 336 345 348
349 363 365 413 428 449 463
Szerelmey 337 346 347 349 352
Sznayde 384
Tachereau, Jules-Antoine 407
Talleyrand 119
Tanneguy-Duchatel 58 93
Tausenau 145 170 244 245 246 247 248
399
Taylor 391
Namenregister
529
Techo w 244 245 246 248 253 265 266 268
270 271 272 295 344 362 370 373 387
434.
Tedesco 85 87 95 97
Tellering (Miiller-Tellering) 128 132 340
341 345 475 479
Tessier de Mothe 150 152
Thaly 377
Thieme u. Butz 9
Thiers 53 64 86 158 188 206 291
Thierry 119
Thierry, Augustin 69
Thomas 53
Thomis 75 76
Thompson 112
Thore 325
Tolstoi 35 36 43 63
Tooke 137
Trübner, W. 350
Ulmer 220 248 249 250 269
Urquhart 452 453 458 493 495 500 511
Valentino 58
Vallières 318
Vasbender 333
Vaulabelle, Achille de 69 70
Vehse 428
Venedey 82
Véron 280
Vetter 388 392 428
Vidal 88
Vidil 119 160 163 171 172 177
Viktor Emmanuel III. 272
Visconti 403
Vogler 48 68 70 96 97
Vogt 322 347 359
Waldeck 222
Wallau 73 74 75 76 77 78 96
Walmesley 329
Walter 446
Walthr 42
Warskiroski 119
Watts, John 35 122 142 143 243
Wdloff 168
Webb 511
Weber, Georg (Kutscher) 40
Weerth 75 77 89 99 102 111 132 133
136 168 169 190 218 220 243 252 274
277 280 282 283 284 286 300 304 305
306 309 316 342 365 398 402 404 405
408 410 411 413 414 415 418 422 424
425 426 428 430 431 435 436 437 438
439 440 462 512
Weill, Alexander 28
Weiss, Stadthauptmann 273
Weiss, Siegfried 135
Weitling 26 29 30 32 33 38 48 52 54 55
59 92 186 258 461 481 488
Welcker 177
Wellington 159 185 186 194 199 399 401
510
Wengler 124 161
Werres 106
Westphalen, Edgar 3 71 178
Wetter 421
Weydemeyer 26 39 43 56 120 184 211
220 226 227 242 273 284 290 300 301
302 303 306 309 310 312 315 316 318
320 321 322 324 326 329 330 336 340
342 343 345 348 350 357 360 362 364
376 378 379 382 383 389 392 395 399
408 425 437 462 464 469 470 471 472
474 475 478 494 496 515
Wigand 6 16 17 31
Wilhelmi 135 307
Willich 98 109 110 111 118 119 121
123 124 130 142 143 144 145 146 147
155 156 161 162 163 166 168 169 170
172 173 176 177 178 186 187 194 200
202 203 204 205 211 214 219 235 242
244 245 246 247 249 250 251 252 253
260 261 262 263 265 268 270 273 280
283 290 294 305 306 307 315 322 334
340 344 345 347 349 350 351 355 356
358 359 361 362 370 371 373 374 375
376 380 382 383 385 386 387 399 402
403 406 419 420 421 422 423 424 427
428 434 435 442 445 451 461 466 469
470 474 475 478 479 482 484 485 488
494 512 513 514 515 516
Williams (Deckname von Marx) 417
Willisen 351 352
Wingham 420
Wiss 289
Wolff, Ferdinand (der Rote) 76 77 91
111 112 124 125 132 144 164 168 170
229 274 277 291 383 507
Wolff, Wilhelm (Lupus, der alte Mann)
70 73 78 83 86 89 91 96 111 112 113
158 160 177 186 187 189 193 204 214
215 216 219 225 226 227 235 243 253
269 289 301 309 317 318 326 329 365
369 378 398 402 409 417 421 457 472
477 479 492 493 494 495 500 501 504
505 506 507 508 510 512 513 515 516
Wood 443
Woronzoff 511
Worzell, Stanislaw, Graf 384 515
^^fll esTvk i 75
Zerffi, Gustav (Piali) 398 399 403 447
462 463
Zimmermann 177 443
Zulauff 101
34
INHALT
Inhalt
Seite
Einleitung zum ersten Bande des Briefwechsels zwischen Marx
und Engels. Vom Herausgeber IX
1 844 - 1 853
1. Engels an Marx in Paris; [Barmen 1844 Oktober ca. 8—10] 1
2. Engels an Marx in Paris; Barmen 1844 November 19 . . . 4
3. Engels an Marx in Paris; [Barmen 1845 Januar 20] ... 9
4. Engels an Marx in Brüssel; Barmen 1845 Februar 22—März 7 13
5. Engels an Marx in Brüssel; Barmen 1845 März 17 ... 17
6. Engels an Marx in Brüssel; Ostende 1846 Juli 27 ... . 22
7. Engels über den Gründungsplan einer Kommunistischen Ver¬
lags-Aktiengesellschaft ; [Ostende 1846 Anfang August].
Fragment 24
8. Engels an Marx in Brüssel; Paris 1846 August 19 ... . 26
9. Engels an das Kommunistische Korrespondenz-Komitee in Brüs¬
sel; Paris 1846 August 19. Komiteebrief Nr. 1 29
10. Engels an das Kommunistische Korrespondenz-Komitee in
Brüssel; Paris 1846 September 16. Komiteebrief Nr. 2 . . 32
11. Engels an Marx in Brüssel; Paris 1846 September 18 . . . 39
12. Engels an Marx in Brüssel; [Paris 1846 Mitte Oktober] ... 44
13. Engels an das Kommunistische Korrespondenz-Komitee in
Brüssel; Paris 1846 Oktober 23. Komiteebrief Nr. 3 49
14. Engels an Marx in Brüssel; [Paris 1846 Oktober ca. 23] . . 54
15. Bernays und Engels an Marx in Brüssel; Paris [1846] No¬
vember 2 55
16. Engels an Marx in Brüssel; [Paris 1846 Ende Dezember] . 57
17. Engels an Marx in Brüssel; Paris 1847 Januar 15 ... . 63
18. Engels an Marx in Brüssel; Paris [1847] März 9 . . . . 66
19. Marx an Engels in Paris, mit Nachschrift von Marxens Vetter
Lion Philips; Brüssel [1847] Mai 15 70
20. Engels an Marx in Holland; Brüssel 1847 September 28—30 72
21. Engels an Marx in Brüssel; Paris 1847 Oktober 25—26 79
22. Engels an Marx in Brüssel; Paris 1847 November 14—15 . . 84
23. Engels an Marx in Brüssel; [Paris 1847 November 23 —24] 87
24. Engels an Marx in Brüssel: [Paris 1847 November 26] . . 89
25. Engels an Marx in Brüssel; Paris 1848 Januar 14 ... . 91
26. Engels an Marx in Paris; Brüssel [1848] März 8—9 ... 93
27. Marx an Engels in Brüssel; Paris [1848 März ca. 12] . . 96
28. Marx an Engels in Brüssel ; Paris 1848 März 16 96
29. Engels an Marx in Paris; [Brüssel 1848 März 18] .... 97
30. Marx an Engels in Barmen ; [Köln 1848 April ca. 24] ... 99
31. Engels an Marx in Köln; Barmen 1848 April 25 ... . 99
534
Inhalt
Seite
32. Engels an Marx in Köln; Barmen 1848 Mai 9 101
33. Marx an Engels in Genf, mit Nachschrift von Louis Schulz;
[Köln 1848 Oktober ca. 26] 102
34. Marx an Engels in Lausanne; [Köln 1848 November ca. 10J 102
35. Marx an Engels in Bern; Köln 1848 November 29 ... . 103
36. Engels an Marx in Köln; Bem [1848] Dezember 28 . . . 104
37. Engels an Marx in Köln; Bem 1849 Januar 7—8 .... 105
38. Marx an Engels in Köln; [1849 März] 106
39. Marx an Engels in Köln; Hamburg [1849] April 23 . . . 106
40. Marx an Engels in Kaiserslautern; Paris [1849] Juni 7 . . 107
41. Engels an Frau Jenny Marx in Paris; Vevey 1849 Juli 25 109
42. Marx an Engels in Vevey; [Paris 1849 August ca. 1] . . . 110
43. Marx an Engels in Vevey; Paris [1849] August 17 ... . 111
44. Marx an Engels in Lausanne; [Paris 1849] August 23 . . . 113
45. Marx an Engels in Manchester; London 1850 November 19 . 114
46. Marx an Engels; 1850 November 23 114
47. Engels an Marx; 1850 November 25 115
48. Marx an Engels, mit Nachschrift von Frau Jenny Marx; [1850]
Dezember 2 116
49. Engels an Marx; 1850 Dezember 17 121
50. Frau Jenny Marx an Engels; [1850] Dezember 19 ... . 123
51. Marx an Engels; [1851] Januar 6 125
52. Marx an Engels; 1851 Januar 7 125
53. Engels an Marx; 1851 Januar 8 128
54. Marx an Engels; 1851 Januar 22 130
55. Engels an Marx; [1851 Januar 25] 130
56. Frau Jenny Marx an Engels; [1851] Januar ca. 25 . . . . 132
57. Marx an Engels, mit Nachschrift von Wilhelm Pieper; 1851
Januar 27 132
58. Engels an Marx; [1851] Januar 29 134
59. Marx an Engels; 1851 Februar 3 136
60. Engels an Marx; 1851 Februar 5 140
61. Marx an Engels; 1851 Februar 10 143
62. Marx an Engels; 1851 Februar 11 145
63. Engels an Marx; [1851 Februar 12] 146
64. Engels an Marx; 1851 Februar 13 148
65. Marx an Engels; 1851 Februar 23 150
66. Marx an Engels; 1851 Februar 24 155
67. Engels an Marx; [1851] Februar 25 . . 156
68. Engels an Marx; [1851] Februar 26 158
69. Wilhelm Pieper und Marx an Engels; 1851 Februar 26 . . 160
70. Engels an Marx; [1851 Februar 26] 164
71. Engels an Marx; 1851 Februar 27 164
72. Engels an Marx; [1851 Februar 28] 165
73. Marx an Engels; 1851 März 1 166
Inhalt 535
Seite
74. Marx an Engels; 1851 März 8 167
75. Engels an Marx; 1851 März 10 168
76. Engels an Marx; 1851 März 17 169
77. Marx an Engels; 1851 März 17 170
78. Engels an Marx; 1851 März 19 172
79. Wilhelm Pieper und Marx an Engels; 1851 März 22 . . . 173
80. Marx an Engels; 1851 März 31 177
81. Marx an Engels; 1851 April 2 179
82. Engels an Marx; [18511 April 3 180
83. Engels an Marx; 1851 April 11 184
84. Marx an Engels: 1851 April 15 186
85. Engels an Marx; 1851 Mai 1 187
86. Marx an Engels; 1851 Mai 3 189
87. Marx an Engels; [1851] Mai 5 191
88. Engels an Marx; [1851 Mai 6] 193
89. Engels an Marx; [1851] Mai 8 195
90. Engels an Marx; 1851 Mai 9 196
91. Marx an Engels; 1851 Mai 16 199
92. Engels an Marx; 1851 Mai 19 200
93. Marx an Engels; 1851 Mai 21 202
94. Engels an Marx; 1851 Mai 23 204
95. Marx an Engels; 1851 Mai 28 208
96. Engels an Marx; [1851 Juni 3] 210
97. Marx an Engels; 1851 Juni 16 210
98. Engels an Marx; 1851 Juni 27 211
99. Engels an Marx; [1851 Juli ca. 6] 212
100. Marx an Engels; 1851 Juli 13 213
101. Engels an Marx; 1851 Juli 17 217
102. Marx an Engels; [1851 Juli ca. 17] 220
103. Engels an Marx; [1851 Juli ca. 20] 221
104. Engels an Marx; 1851 Juli 30 223
105. Marx an Engels; 1851 Juli 31 224
106. Engels an Marx; [1851 August ca. 2] 227
107. Marx an Engels; 1851 August 8 228
108. Engels an Marx; [1851 August ca. 10] 234
109. Engels an Marx; [1851 August ca. 11] 236
110. Marx an Engels; 1851 August 14 239
111. Engels an Marx; 1851 August 21 242
112. Marx an Engels; 1851 August 25 244
113. Marx an Engels; [1851 August ca. 27] 251
114. Engels an Marx; [1851 August ca. 27] 251
115. Marx an Engels; 1851 August 31 252
116. Engels an Marx; [1851] September 1 256
117. Engels an Marx; [1851] September 8 258
118. Engels an Marx; [1851] September 11 259
119. Marx an Engels; 1851 September 13 259
120. Engels an Marx; [1851] September 19 261
121. Engels an Marx; [1851] September 23 261
536
Inhalt
Seite
122. Marx an Engels: [1851] September 23 265
123. Engels an Marx; 1851 September 25 270
124. Engels an Marx; [1851 September 26] 270
125. Marx an Engels; 1851 Oktober 13 273
126. Engels an Marx; 1851 Oktober 15 276
127. Marx an Engels; 1851 Oktober 19 279
128. Marx an Engels; 1851 Oktober 25 281
129. Marx an Engels; [1851] Oktober 26 282
130. Engels an Marx; [1851 Oktober ca. 27] 283
131. Marx an Engels; 1851 November 24 285
132. Engels an Marx; 1851 November 27 286
133. Marx an Engels; 1851 Dezember 1 289
134. Engels an Marx; 1851 Dezember 3 291
135. Marx an Engels; 1851 Dezember 9 294
136. Engels an Marx; 1851 Dezember 10 295
137. Engels an Marx; 1851 Dezember 11 297
138. Engels an Marx; 1851 Dezember 16 300
139. Engels an Frau Jenny Marx; [1851 Dezember 18] . . . 301
140. Engels an Marx; 1852 Januar 6 303
141. Frau Jenny Marx an Engels; [1852 Januar ca. 8] ... 304
142. Engels an Frau Jenny Marx; 1852 Januar 14 306
143. Marx an Engels; 1852 Januar 20 308
144. Engels an Marx; 1852 Januar 22 309
145. Marx an Engels; 1852 Januar 24 311
146. Engels an Marx; 1852 Januar 28 312
147. Engels an Marx; 1852 Januar 29 314
148. Engels an Marx; 1852 Februar 2 315
149. Marx an Engels; 1852 Februar 4 316
150. Marx an Engels; 1852 Februar 6 319
151. Engels an Marx; 1852 Februar 17 319
152. Marx an Engels; [1852] Februar 18 320
153. Engels an Marx; 1852 Februar 19 321
154. Marx an Engels; [1852] Februar 23 322
155. Marx an Engels; 1852 Februar 27 324
156. Engels an Marx; 1852 März 2 326
157. Marx an Engels; [1852] März 3 329
158. Engels an Marx; 1852 März 18 330
159. Marx an Engels; 1852 März 30 333
160. Engels an Marx; 1852 April 1 334
161. Marx an Engels; 1852 April 5 336
162. Marx an Engels; 1852 April 14 337
163. Engels an Marx; 1852 April 20 337
164. Marx an Engels; 1852 April 24 339
165. Engels an Marx; 1852 April 25 341
166. Engels an Marx; 1852 April 27 342
167. Engels an Marx; 1852 April 29 343
168. Marx an Engels; 1852 April 30 344
Inhalt 537
Seite
169. Engels an Marx; 1852 Mai 1 346
170. Engels an Marx; 1852 Mai 4 347
171. Marx an Engels; 1852 Mai 6 349
172. Engels an Marx; 1852 Mai 7 350
173. Marx an Engels; [1852] Mai 13 352
174. Engels an Marx; 1852 Mai 19 352
175. Engels an Marx; 1852 Mai 21 353
176. Engels an Marx; 1852 Mai 22 354
177. Marx an Engels; [1852] Mai 22 355
178. Engels an Marx; [1852] Mai 24 355
179. Marx an seine Frau in London, mit Nachschrift von Engels;
Manchester 1852 Juni 18 356
180. Engels an Marx; 1852 Juni 30 357
181. Marx an Engels: 1852 Juli 3 358
182. Engels an Marx; 1852 Juli 6 361
183. Marx an Engels; 1852 Juli 13 362
184. Engels an Marx; 1852 Juli 15 364
185. Marx an Engels; 1852 August 2 365
186. Marx an Engels; 1852 August 5 366
187. Engels an Marx; 1852 August 6 367
188. Marx an Engels; 1852 August 6 368
189. Engels an Marx; [1852 August 9] 372
190. Marx an Engels; 1852 August 10 372
191. Engels an Marx; 1852 August 16 376
192. Marx an Engels; 1852 August 19 377
193. Marx an Engels; 1852 August 20 381
194. Engels an Marx; [1852 August 21] 383
195. Engels an Marx; 1852 August 22 384
196. Marx an Engels; 1852 August 24 385
197. Marx an Engels; 1852 August 30 386
198. Marx an Engels; 1852 September 2 389
199. Engels an Marx; 1852 September 7 390
200. Marx an Engels; 1852 September 8 392
201. Marx an Engels; 1852 September 9 393
202. Engels an Marx; 1852 September 14 394
203. Marx an Engels; 1852 September 18 395
204. Engels an Marx; 1852 September 20 396
205. Engels an Marx; [1852 September 23] 397
206. Marx an Engels; 1852 September 23 398
207. Engels an Marx; 1852 September 24 400
208. Marx an Engels; 1852 September 28 402
209. Engels an Marx; [1852 Oktober ca. 1] 404
210. Engels an Marx; 1852 Oktober 4 404
211. Engels an Marx; 1852 Oktober 10 406
212. Marx an Engels; [1852] Oktober 12 408
213. Engelsi an Marx; [1852 Oktober 14] ... 408
214. Engels an Marx; [1852 Oktober 16] 409
215. Engels an Marx; 1852 Oktober 18 412
538
Inhalt
Seite
216. Marx an Engels; 1852 Oktober 20 413
217. Engels an Marx; [1852 Oktober 22] 413
218. Marx an Engels; 1852 Oktober 25 414
219. Engels an Marx; 1852 Oktober 27 416
220. Marx an Engels; 1852 Oktober 27 417
221. Marx an Engels; 1852 Oktober 28 418
222. Engels an Marx; 1852 Oktober 28 424
223. Engels an Marx; 1852 Oktober 28 425
224. Marx an Engels; 1852 November 2 427
225. Marx an Engels; 1852 November 4 428
226. Engels an Marx; [1852 November 5—6j 429
227. Marx an Engels; 1852 November 10 432
228. Engels an Marx; [1852 November ca. 12] 435
229. Marx an Engels; 1852 November 16 436
230. Marx an Engels; 1852 November 19 436
231. Engels an Marx; 1852 November 27 437
232. Engels an Marx; 1852 November 29 438
233. Marx an Engels; 1852 Dezember 3 439
234. Marx an Engels: 1852 Dezember 14 441
235. Engels an Marx; 1853 Januar 11 443
236. Marx an Engels; 1853 Januar 21 444
237. Marx an Engels; 1853 Januar 29 444
238. Engels an Marx; 1853 Februar 11 447
239. Marx an Engels; 1853 Februar 23 449
240. Engels an Marx; [1853 März ca. 4] 451
241. Marx an Engels; 1853 März 10 454
242. Engels an Marx; [1853 März 11]. Fragment 457
243. Engels an Marx; [1853 März 12] 458
244. Marx an Engels; 1853 März 22—23 459
245. Engels an Marx; [1853] April 10 462
246. Marx an Engels; 1853 April 23 464
247. Marx an Engels; 1853 April 26 465
248. Engels an Marx; 1853 April 26 466
249. Frau Jenny Marx an Engels; [1853 April 27] 467
250. Marx an Engels; 1853 April 27 468
251. Engels an Marx; [1853 April 27] 468
252. Marx an Engels; 1853 April 28 469
253. Engels an Marx; [1853 Mai ca. 18] 469
254. Engels an Marx; 1853 Mai 20 471
255. Marx an Engels; 1853 Mai 21 472
256. Engels an Marx; 1853 Mai 31 473
257. Engels an Marx; [1853 Juni 1] 473
258. Marx an Engels; 1853 Juni 2 474
259. Engels an Marx; [1853] Juni 6 478
260. Engels an Marx; 1853 Juni 9 482
261. Marx an Engels; 1853 Juni 14 483
262. Marx an Engels; 1853 Juni 29 488
Inhalt 539
Seite
263. Marx an Engels; 1853 Juli 8 489
264. Engels an Marx; [1853] Juli 9 489
265. Marx an Engels; 1853 Juli 18 491
266. Marx an Engels; 1853 August 18 492
267. Engels an Marx; 1853 August 24 493
268. Marx an Engels; 1853 August 28 494
269. Marx an Engels; 1853 September 2 495
270. Marx an Engels; 1853 September 7 499
271. Frau Jenny Marx an Engels; [1853 September 9] . . . . 501
272. Marx an Engels; 1853 September 17 502
273. Engels an Marx; 1853 September 19 503
274. Engels an Marx; 1853 September 29 504
275. Marx an Engels; 1853 September 30 505
276. Marx an Engels; 1853 Oktober 8 506
277. Marx an Engels; 1853 Oktober 12 508
278. Marx an Engels; 1853 Oktober 28 ... 510
279. Marx an Engels; 1853 November 2 511
280. Marx an Engels; [1853] November 6 512
281. Marx an Engels; 1853 November 21 512
282. Marx an Engels; 1853 November 23 513
283. Frau Jenny Marx an Engels; [1853 November 24] . . . 513
284s Marx an Engels; 1853 Dezember 2 514
285. Marx an Engels; [1853 Dezember ca. 12] . ... 515
286. Marx an Engels; 1853 Dezember 14 516
Namenregister 519
Beilagen
Tafel I. Das Haus in Brüssel, in dem Marx von Mai 1845
bis Mai 1846 gewohnt hat (5—7, rue d’Alliance) ... vor S. 17
Tafel II. Die Stelle über das Kommunistische Manifest aus
dem Briefe von Engels an Marx vom 24. November 1847 vor S. 89
Tafel III. Marx an Engels, 2. April 1851, über seine ökono¬
mischen Studien s. 179
Tafel IV. Das Haus in London, in dem Marx von 1850 bis
1856 gewohnt hat (28, Dean Street, Soho) vor S. 325