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                    RATGEBER®
verbraucherzentrale
Jürgen Brand/Claudia Künkele
Mein Anspruch auf
Sozialleistungen
Von ALG II bis Wohngeld
Das Erste®

ARD-Ratgeber Recht Herausgeber Karl-Dieter Möller Thomas Nell
WDR Ml M Fernsehen SWR»® Eine Produktion des Westdeutschen Rundfunks Köln und des Südwestrundfunks in Zusammenarbeit mit den Verbraucherzentralen verbraucherzentrale Das Sozialrecht ist ein Dschungel, durch den jedermann einer kompetenten Füh- rung bedarf. Dieser Ratgeber ist ein zuverlässiger und - trotz der schwierigen Materie - leicht verständlicher Wegweiser durch das Dickicht der zahlreichen Vorschriften, die Sie beachten müssen, wenn Sie Ihre Ansprüche gegenüber Be- hörden durchsetzen wollen. Dr. Jürgen Brand ist Präsident und Vorsitzender des 1. Senats des Landes- sozialgerichts sowie Verfassungsrichter in Nordrhein-Westfalen. Als Autor zahlreicher Lehrbücher und Kommentare zum Sozialversicherungsrecht ist er auch im Rahmen der Anwaltfortbildung tätig. Kapitel 5 Leistungen bei Arbeitslosigkeit Kapitel 6 Leistungen bei drohender oder bevorstehender Arbeitslosigkeit Kapitel 7 Leistungen bei Krankheit Kapitel 8 Leistungen bei Behinderung Kapitel 9 Leistungen bei Kriegseinwirkung bzw. für Opfer einer Gewalttat o. Ä. Kapitel 15 Was tun, wenn Leistungen verweigert werden? Dr. Claudia Künkele war zunächst Beraterin bei McKinsey&Company und ist jetzt Richterin am Sozialgericht in Gelsenkirchen. Sie führt dort eine Kammer, die Streitverfahren vor allem aus dem Gebiet der Renten- und Pflegeversiche- rung sowie des Eltemgelds entscheidet. Kapitel 1 Leistungen im Zusammenhang mit den Wohnkosten Kapitel 2 Leistungen bei Schwangerschaft und Geburt Kapitel 3 Leistungen für Eltern Kapitel 4 Leistungen vor Eintritt ins Berufsleben Kapitel 10 Leistungen bei Verlust der Erwerbsfähigkeit Kapitel 11 Leistungen bei Pflegebedürftigkeit Kapitel 12 Leistungen nach dem Ausscheiden aus dem Berufsleben Kapitel 13 Leistungen für Hinterbliebene Kapitel 14 Leistungen bei Arbeitsunfällen
Jürgen Brand / Claudia Künkele Mein Anspruch auf Sozialleistungen verbraucherzentrale
Ratschlag Tipp Wichtig Checkliste Musterbrief Vorsicht, Risiko Bibliografische Information Der Deutschen Bibliothek Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar. Diese Publikation erscheint im Rahmen der Verlagsgemeinschaft Stiftung Warentest und Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen e.V. 2. Auflage, aktualisiert und überarbeitet © 2008 Verbraucherzentrale NRW, Düsseldorf Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung, vorbehalten. Kein Teil des Werks darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie. Mikrofilm oder ein anderes Verfah- ren) ohne schriftliche Genehmigung des Rechteinhabers reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden. Printed in Germany. Internet: www.vz-nrw.de ISBN: 978-3-938174-50-0
Vorwort Dieses Buch versteht sich als Wegweiser durch das fast un- durchschaubare Dickicht der Sozialansprüche des Bürgers gegen den Staat oder die Sozialbehörden. Denn wer weiß schon, wie viele unterschiedliche Rentenarten es gibt und welche Voraussetzungen man erfüllen muss, um eine Ren- te z.B. wegen Erwerbsminderung, wegen eines Arbeitsun- falls, wegen Alters oder weil man Opfer einer Gewalttat ge- worden ist, zu erhalten? Welche Renten können mit einem Einmalbetrag abgefunden werden? Welche Anträge müssen gestellt werden, wenn man arbeitslos ist? Wie viel Geld er- hält man dann von der Arbeitsagentur bzw. den Arbeitsge- meinschaften? Was darf man nebenbei verdienen? Welche Ansprüche auf Weiterbildung oder auf sonstige Förderung gibt es noch? Kann man zusätzlich zum BAföG auch noch Arbeitslosengeld beziehen? Was muss man tun, um Geld für den Aufbau einer selbständigen Existenz zu bekommen? Muss man sich mit den Behandlungsmethoden zufrieden- geben, die die Krankenkasse vorschreibt, oder kann man auch sogenannte »neue« Behandlungsmethoden beanpru- chen? Was ist ein »GdB«? Welche Rolle spielt dieser für die Schwerbehinderung? Welche Vorteile hat ein Schwerbehin- dertenausweis? Gibt es neben dem stärkeren Kündigungs- schutz und Steuervorteilen noch weitere Vergünstigungen? Wie gehe ich mit dem neuen Elterngeld um? Was tun im Pflegefall? Fragen über Fragen! Das Buch stellt all diese unterschied- lichen Ansprüche systematisch und gut verständlich mit vielen Beispielen dar. Es geht von den unterschiedlichen Lebenssituationen aus, beginnend mit Schwangerschaft, Geburt, Elternschaft, Schul- und Studienzeit, Berufsleben, Arbeitslosigkeit bis zu Krankheit, Arbeitsunfall, Verlust des Arbeitsplatzes wegen Verlustes oder Einschränkung der Erwerbsfähigkeit, Aufgabe des Arbeitsplatzes wegen Errei- chen der Altersgrenze, Eintritt einer Schwerbehinderung usw. Es informiert über die unterschiedlichen Ansprüche, aber auch über Pflichten und Fallstricke, die es im Zusam-
6 menhang mit einem Anspruch gibt. Es bietet Tipps und An- regungen, wie sich der Einzelne in einer schwierigen Situa- tion verhalten sollte. Die sozialen Leistungen gehen jeden Bürger und jede Bür- gerin an. Im letzten Jahr sind etwa 690 Milliarden Euro in den Sozialbereich geflossen, eine unvorstellbare Summe. Und hiervon bleibt am Ende wenig übrig, fast alles wird verteilt. Das Buch zeigt Ihnen Wege auf, wie Sie an der Ver- teilung teilnehmen können. Denn nur derjenige, der seine Rechte und Ansprüche kennt, kann sie auch durchsetzen! Die vorliegende aktualisierte 2. Auflage des Ratgebers be- rücksichtigt die im Februar 2008 geltende Rechtslage. Essen, Februar 2008 Jürgen Brand Claudia Künkele
7 Inhalt Kapitel 1 Leistungen im Zusammenhang mit den Wohnkosten 1. Wohngeldberechtigte...................................... 15 2. Die Höhe des Wohngeldes.................................. 16 3. Wohngeldantrag .......................................... 19 4. Wohngeld und andere Sozialleistungen .................... 19 Kapitel 2 Leistungen bei Schwangerschaft und Geburt 1. Medizinische Leistungen...................................20 2. Mutterschaftsgeld.........................................21 3. Schwangerschaftsbedingter Mehrbedarf .....................23 4. Erstausstattung für Bekleidung und Wohnung................23 Kapitel 3 Leistungen für Eltern 1. Kindergeld ...............................................24 1.1 Berechtigte ..............................................25 1.2 Kinder im Sinne des Gesetzes..............................27 1.3 Die Höhe des Kindergeldes ................................29 1.4 Kindergeldantrag......................................... 30 1.5 Kindergeld und andere Sozialleistungen....................30 1.6 Mitwirkungspflichten......................................30 2. Elterngeld................................................31 2.1 Berechtigte ..............................................31 2.2 Kinder im Sinne des Gesetzes..............................32 2.3 Höhe des Elterngeldes ....................................32 2.4 Bezugsdauer des Elterngeldes .............................34 2.5 Elterngeldantrag .........................................34 2.6 Elterngeld und andere Sozialleistungen ..................35 3. Unterhaltsvorschuss.......................................35 3.1 Berechtigte ..............................................35
8 Inhalt 3.2 Kinder im Sinne des Gesetzes...............................35 3.3 Die Höhe des Unterhaltsvorschusses.........................36 3.4 Bezugsdauer................................................36 3.5 Unterhaltsvorschussantrag..................................37 3.6 Unterhaltsvorschuss und andere Sozialleistungen............37 Kapitel 4 Leistungen vor Eintritt ins Berufsleben 1. BAföG .....................................................38 1.1 Berechtigte ...............................................38 1.2 Förderfähige Ausbildung....................................40 1.3 Bezugsdauer................................................42 1.4 BAföG-Antrag ..............................................43 1.5 Zuschuss, Staatsdarlehen oder Bankdarlehen ................44 1.6 Die Höhe des BAföG ........................................45 1.7 Rückzahlung................................................52 2. Berufsausbildungsbeihilfe (BAB)............................53 2.1 Förderungsfähige Ausbildung (BAB) .........................54 2.2 Berechtigte ...............................................54 2.3 Bezugsdauer................................................55 2.4 Die Höhe der Berufsausbildungsbeihilfe.....................55 2.5 Antrag auf Berufsausbildungsbeihilfe ......................56 3. »Meister-BAfög« ...........................................56 3.1 Berechtigte ...............................................56 3.2 Förderungsfähige Fortbildungsmaßnahmen ....................57 3.3 Zuschuss oder Bankdarlehen.................................58 3.4 Die Höhe der Aufstiegsförderung ...........................58 3.5 Rückzahlung................................................60 3.6 Aufstiegsförderungsantrag..................................60 3.7 Aufstiegsförderung und andere Ausbildungsförderung ........60 Kapitel 5 Leistungen bei Arbeitslosigkeit 1. Allgemeines ...............................................61 2. Leistungen der aktiven Arbeitsförderung ...................62
Inhalt 9 2.1 Berufsberatung, Ausbildungs- und Arbeitsvermittlung und Unterstützungsleistungen ...................................62 2.2 Beihilfen ..................................................63 2.3 Gründungszuschuss für Selbständige .........................64 2.4 Berufsausbildungsbeihilfe ..................................64 2.5 Weiterbildungskosten (Arbeitslosengeld bei Weiterbildung)...65 2.6 Leistungen an behinderte Arbeitslose........................66 3. Leistungen der passiven Arbeitsförderung ...................68 3.1 Arbeitslosengeld bei Arbeitslosigkeit ......................68 3.2 Teilarbeitslosengeld........................................79 3.3 Insolvenzgeld ..............................................81 4. Übergangsleistungen ........................................82 4.1 Vermittlungsgutscheine .....................................82 4.2 Entgeltsicherung für ältere Arbeitnehmer....................82 5. Arbeitslosengeld II und andere Grundsicherungsleistungen....84 5.1 Allgemeines.................................................84 5.2 Voraussetzungen ............................................85 5.3 Die Höhe des Arbeitslosengeldes II .........................91 5.4 Besonderheiten in der Bedarfsgemeinschaft...................92 5.5 Kosten der Unterkunft und Heizung ..........................95 5.6 Leistungen für Mehrbedarfe beim Lebensunterhalt.............98 5.7 Einmalleistungen ...........................................99 5.8 Der befristete Zuschlag....................................100 5.9 Zuschuss zu Versicherungsbeiträgen ....................... 101 5.10 Sozialgeld ................................................101 5.11 Einstiegsgeld............................................. 102 5.12 Mehraufwandsentschädigung (1-Euro-Jobs)....................103 6. Eingliederungsleistungen ..................................104 6.1 Allgemeines................................................104 6.2 Allgemeine Leistungen zur Eingliederung in den Arbeitsmarkt 105 6.3 Besondere Leistungen zur Eingliederung in den Arbeitsmarkt.. 106 6.4 Eingliederungsleistungen für 15- bis 25-Jährige ...........108
10 Inhalt Kapitel 6 Leistungen bei drohender oder bevorstehender Arbeitslosigkeit 1. Allgemeines .............................................109 2. Allgemeine Leistungen bei drohender Arbeitslosigkeit ....109 3. Besondere Leistungen bei drohender Arbeitslosigkeit..... 112 3.1 Kurzarbeitergeld ....................................... 112 3.2 Transfer-Kurzarbeitergeld............................... 114 3.3 Teilnahme an Transfermaßnahmen ......................... 117 3.4 Saison-Kurzarbeitergeld für Arbeitnehmer witterungsabhängiger Branchen .......................... 117 3.5 Ergänzende Leistungen................................... 118 4. Weitere Leistungen ..................................... 119 4.1 Vermittlungsgutschein .................................. 119 4.2 Entgeltsicherung für ältere Arbeitnehmer................ 119 4.3 Ältere Arbeitnehmer und Eingliederungszuschuss ......... 119 Kapitel 7 Leistungen bei Krankheit 1. Allgemeines ............................................ 120 2. Leistungen der Krankenversicherung...................... 121 2.1 Krankenbehandlung ...................................... 121 2.2 Krankengeld .............................................125 Kapitel 8 Leistungen bei Behinderung 1. Allgemeines ............................................ 135 2. Die Behinderung ........................................ 135 3. Der Grad der Behinderung (GdB) ......................... 138 3.1 Die Bewertung nach den Anhaltspunkten .................. 138 3.2 Beispiele für den GdB einzelner Krankheiten ............ 140 3.3 Die Feststellung des GdB ............................... 142 3.4 Einzel- und Gesamt-Grad der Behinderung ................ 143 4. Die Schwerbehinderung .................................. 145
Inhalt 11 5. Vorteile bzw. Nachteilsausgleiche bei Behinderung und Schwerbehinderung .......................................... 146 5.1 ... bei der Steuer ..................................... 146 5.2 ... im gesetzlichen Sozialleistungsrecht.................148 5.3 ... nach Eintragungen im Schwerbehindertenausweis........ 150 5.4 ... am Arbeitsplatz .....................................157 5.5 Rehabilitationsleistungen .............................. 157 Kapitel 9 Leistungen nach Kriegseinwirkungen bzw. für Opfer einer Gewalttat o.Ä. 1. Allgemeines .............................................160 2. Leistungen nach einer Wehrdienstbeschädigung eines Soldaten......................................... 161 3. Leistungen bei gesundheitlichen Schäden von Zivildienstleistenden ................................. 161 4. Leistungen nach dem Häftlingshilfegesetz................ 161 5. Entschädigungsleistungen für Opfer von Gewalttaten ..... 162 5.1 Allgemeines............................................. 162 5.2 Voraussetzungen ........................................ 162 6. Leistungen bei Impfschäden.............................. 165 7. Die Versorgungsleistungen .............................. 166 7.1 Allgemeines............................................. 166 7.2 Heil- und Krankenbehandlung............................. 166 7.3 Beschädigtenrente ...................................... 166 7.4 Pflegezulage............................................ 169 7.5 Bestattungsgeld und Sterbegeld.......................... 169 7.6 Ersatz für Sachschäden ................................. 170 7.7 Hinterbliebenenrenten .................................. 170 7.8 Kapitalabfindung ....................................... 170 Kapitel 10 Leistungen bei Verlust der Erwerbsfähigkeit 1. Erwerbsminderungsrente aus der Rentenversicherung .... 171 1.1 Versicherter Personenkreis ............................. 171 —1.2 Erwerbsminderung ....................................... 172
12 Inhalt 1.4 Antrag auf Erwerbsminderungsrente........................ 176 1.5 Bezugsdauer.............................................. 176 1.6 Erwerbsminderungsrente und weiteres Einkommen ........... 176 1.7 Auswege aus der Erwerbsminderung ........................ 178 2. Verletztenrente.......................................... 187 2.1 Versicherter Personenkreis .............................. 187 2.2 Minderung der Erwerbsfähigkeit (MdE) .................... 187 2.3 Mitteilung durch Arbeitgeber............................. 188 2.4 Die Höhe der Verletztenrente .............................188 2.5 Bezugsdauer...............................................189 2.6 Verletztenrente und weiteres Einkommen .................. 189 2.7 Auswege aus der Verletztenrente...........................189 3. Grundsicherung bei Erwerbsminderung ......................190 3.1 Berechtigte ............................................. 190 3.2 Höhe der Grundsicherung bei Erwerbsminderung............. 192 3.3 Bezugsdauer.............................................. 192 3.4 Antrag auf Grundsicherung ............................... 193 Kapitel 11 Leistungen bei Pflegebedürftigkeit 1. Fortlaufende Leistungen.................................. 194 1.1 Leistungen zu Hause ..................................... 195 1.2 Leistungen im Pflegeheim................................. 197 1.3 Zusätzliche Betreuungsleistungen .........................198 2. Höhe der Leistungen (»Pflegestufe«) ..................... 198 3. Pflegehilfsmittel und technische Hilfen...................203 4. Zuschüsse zu Umbaumaßnahmen ..............................203 5. Rentenbeiträge für die Pflegeperson ......................204 6. Verfahren der Leistungsbewilligung........................204 7. Private Pflegeversicherung ...............................205 8. Leistungen außerhalb des SGB XI...........................205
Inhalt 13 Kapitel 12 Leistungen nach dem Ausscheiden aus dem Berufsleben 1. Leistungen der Rentenversicherung ........................207 1.1 Regelaltersrente..........................................208 12 Altersrente für besonders langjährig Versicherte..........209 1.3 Altersrente für langjährig Versicherte ...................209 1.4 Altersrente für Schwerbehinderte Menschen ................210 1.5 Altersrente wegen Arbeitslosigkeit oder nach Altersteilzeit. 211 1.6 Altersrente für Frauen....................................212 1.7 Hinzuverdienstgrenzen ................................... 213 1.8 Antrag auf Altersrente .................................. 213 2. Grundsicherung für Menschen, die das 65. Lebensjahr vollendet haben ...............................................214 Kapitel 13 Leistungen für Hinterbliebene 1. Hinterbliebenenleistungen der Rentenversicherung ........ 215 1.1 Witwen- und Witwerrenten..................................215 1.2 Erziehungsrente ..........................................220 1.3 Waisenrente ..............................................221 2. Hinterbliebenenleistungen der Unfallversicherung .........223 2.1 Sterbegeld ...............................................223 2.2 Überführungskosten .......................................224 2.3 Hinterbliebenrenten.......................................224 3. Hinterbliebenenleistungen aus der Altersicherung für Landwirte ...........................................227 4. Kriegsopferversorgung ....................................227 5. Lastenausgleich...........................................227
14 Inhalt Kapitel 14 Leistungen bei Arbeitsunfällen 1. Arbeitsunfall ..........................................229 2. Berufskrankheit........................................ 229 3. Meldung durch den Arbeitgeber 229 Kapitel 15 Was tun, wenn Leistungen verweigert werden? Wie wehre ich mich gegen vermeintliches Unrecht der Behörde? 1. Widerspruch.............................................230 2. Klageverfahren .........................................234 3. Einstweiliger Rechtsschutz .............................236 Stichwortverzeichnis.........................................237
15 Kapitel 1 Leistungen im Zusammenhang mit den Wohnkosten Das Wohngeld wird Ihnen als staatlicher Zuschuss zu Ih- Wohngeld ren Wohnkosten gezahlt. Wohngeld gibt es zum einen • als Mietzuschuss für Mieter einer Wohnung oder für Bewohner eines Heimes oder • als Lastenzuschuss für Eigentümer eines Eigenheimes oder einer Eigentumswohnung. Durch die Hartz-IV-Reform hat sich allerdings der Kreis der Anspruchsberechtigten verkleinert. Empfänger von Arbeitslosengeld II, Sozialgeld, Sozialhilfe und Grundsi- cherung im Alter und bei Erwerbsminderung bekommen die Unterstützung für ihre Wohnkosten zusammen mit ih- ren anderen Leistungen als Mietzuschuss direkt von der Agentur für Arbeit oder dem Sozialamt. 1. Wohngeldberechtigte Einen Mietzuschuss können Sie beantragen, wenn Sie Mietzuschuss • Mieter einer Wohnung oder eines Zimmers, Inhaber einer Genossenschafts- oder Stiftswohnung, • Bewohner eines Heims, • mietähnlicher Nutzungsberechtigter (insbesondere In- haber eines mietähnlichen Dauerwohnrechts), • Eigentümer eines Mehrfamilienhauses (mit drei oder mehr Wohnungen), eines Geschäftshauses oder eines Gewerbebetriebes, sofern Sie in diesem Haus wohnen, • Eigentümer eines Ein- oder Zweifamilienhauses, in dem Sic wohnen, das jedoch auch Geschäftsräume in einem solchen Umfang enthält, dass es nicht mehr als Eigenheim gesehen werden kann, oder • Inhaber einer landwirtschaftlichen Vollerwerbsstelle, deren Wohnteil nicht vom Wirtschaftsteil getrennt ist, sind.
16 Leistungen im Zusammenhang mit den Wohnkosten Lasten- zuschuss Maßgebliche Faktoren Beispiel Ein Anspruch für einen Lastenzuschuss kann für Sie be- stehen, sofern Sie • Eigentümer eines Eigenheimes oder einer Eigentums- wohnung, • Eigentümer einer Kleinsiedlung, • Eigentümer einer landwirtschaftlichen Nebenerwerbs- stelle, • Eigentümer einer landwirtschaftlichen Vollerwerbs- stelle, falls Wohn- und Wirtschaftsteil voneinander ge- trennt sind und für den Wohnteil eine Wohngeldlasten- berechnung aufgestellt werden kann, • Inhaber eines eigentumsähnlichen Dauerwohnrechts, • Erbbauberechtigter sind und • wenn Sie Anspruch auf Übereignung des Gebäudes oder der Wohnung bzw. auf Übertragung oder Einräu- mung des Erbbaurechts haben. Voraussetzung für den Anspruch auf Lastenzuschuss ist aber immer, dass Sie den Wohnraum selbst bewohnen und auch die Belastungen dafür auf bringen! 2. Die Höhe des Wohngeldes Die Höhe des Wohngeldes hängt von der Haushaltsgrö- ße (also der Anzahl der Personen, die in Ihrem Haushalt leben), Ihrem Haushaltseinkommen und der ortsüblichen Miete für vergleichbare Wohnungen ab. Zu Ihrem Haus- halt können alle Familienmitglieder gehören, also Ehe- gatten, Kinder und Eltern, aber auch Ihre Geschwister und Ihre Onkel oder Tanten. Sie müssen eine Wohn- und Wirtschaftsgemeinschaft sein, d.h. Sie müssen gemeinsam wohnen und sich ganz oder teilweise gemeinsam mit dem täglichen Lebensbedarf versorgen. Bei der Wohngeldberechnung werden nur die Haushalts- mitglieder berücksichtigt, die auch Anspruch auf die Lei- stung haben! Gerda Müller ist erwerbstätig und lebt mit ihrer Mutter zusammen, die Arbeitslosengeld 11 bezieht. In diesem Fall
Die Höhe des Wohngeldes 17 kann nur Gerda Müller bei der Wohngeldberechnung be- rücksichtigt werden, weil für den Mietanteil ihrer Mutter bereits die Agentur für Arbeit auf kommt. Ausgangspunkt für die Wohngeldberechnung ist Ihr anre- chenbares jährliches Haushaltseinkommen. Das Haushalts- einkommen besteht aus sämtlichen Einkünften, die alle Haushaltsmitglieder innerhalb eines Jahres erwirtschaf- ten. Von diesen Einkünften werden dann die steuerlichen Werbungskosten (beispielsweise für den Arbeitsweg) ab- gezogen. Als Jahreseinkommen wird das Einkommen zu Grunde gelegt, von dem man zum Zeitpunkt der Antrag- stellung erwarten kann, dass es vermutlich erwirtschaftet werden wird. Um dieses Einkommen zu ermitteln, kann auch von dem Einkommen ausgegangen werden, das in- nerhalb der letzten zwölf Monate vor der Antragstellung erzielt worden ist. Ist eine Prognose nicht möglich, wird das Einkommen der letzten zwölf Monate unverändert zu Grunde gelegt. Die Verrechnung von Einkünften mit steuerlichen Ver- lusten ist nicht möglich! Übrigens: Das Kindergeld wird bei der Einkommenser- mittlung nicht berücksichtigt! Von jedem einzelnen Einkommen ist dann eine Pauschale zwischen 6 bis 30 Prozent abzuziehen. Die Höhe der Pau- schale richtet sich danach, um was für Einkünfte es sich handelt. Die Grundpauschale in Höhe von 6 Prozent gilt z.B. für Personen, die ausschließlich Arbeitslosengeld 1 beziehen. Die höchste Pauschale können Haushaltsmit- glieder abziehen, deren Einkommen voll steuer- und sozi- alversicherungspflichtig ist. Zusätzlich können Sie auch noch folgende Freibeträge vom Haushaltseinkommen abziehen: £ • 125 Euro monatlich für jeden Schwerbehinderten Men- schen mit einem GdB von 100 oder von mindestens 80, wenn er häuslich pflegebedürftig im Sinn des § 14 SGB XI ist, Anrechen- bares Haus- haltseinkom- men Abzugsfähige Freibeträge
18 Leistungen im Zusammenhang mit den Wohnkosten • 100 Euro monatlich für jeden Schwerbehinderten Men- schen mit einem GdB von unter 80, wenn er häuslich pflegebedürftig im Sinne des § 14 SGB XI ist, • 50 Euro monatlich für jedes Kind unter 12 Jahren, wenn Sie als Antragsteller allein mit Ihrem Kind/lhren Kindern zusammenwohnen und wegen Erwerbstätig- keit oder Ausbildung nicht nur kurzfristig vom Haus- halt abwesend sind, • bis zu 50 Euro monatlich für jedes Kind mit eigenem Einkommen vom vollendeten 16. bis vor vollendetem 25. Lebensjahr und • einen Freibetrag in Höhe der Aufwendungen zur Erfül- lung gesetzlicher Unterhaltsverpflichtungen bis zu dem in einer notariell beurkundeten Unterhaltsvereinbarung festgelegten oder in einem Unterhaltstitel oder Bescheid festgestellten Betrag, ansonsten die im Wohngeldgesetz genannten Pauschalbeträge. Sechs Die Höhe des Wohngeldes hängt auch davon ab, welche Mietstufen der insgesamt sechs Mietstufen für Sie maßgebend ist: Bundesweit sind alle Städte und Gemeinden in sechs Mietstufen eingeteilt. Die Stufe I steht für Gemeinden mit dem relativ niedrigsten Mietniveau und die Stufe VI für die teuersten Wohnorte. In welche Mietstufe Ihre Wohn- gemeinde fällt, können Sie in der Anlage zur Wohngeld- verordnung nachlesen. So fällt zum Beispiel Düsseldorf in die Mietstufe VI, Essen in die Mietstufe IV und Gelsen- kirchen in die Mietstufe III. Wohngeld- Wenn Haushaltsgröße, Haushaltseinkommen und Miet- tabelle stufe der Wohnortgemeinde festgestellt worden sind, kann aus der Wohngeldtabelle abgelesen werden, wie hoch Ihr Miet- oder Lastenzuschuss ist. In der Wohngeldtabelle sind die monatlichen Haushaltseinkommen und die be- rücksichtigungsfähigen Mieten gegenübergestellt. Liegt Ihr Einkommen über der für Ihre Mietstufe geltenden Ein- kommensgrenze, können Sic kein Wohngeld bekommen. Bei Wohnungen in der Mietstufe VI liegt die Einkom- mensgrenze für einen Vier-Personen-Haushalt beispiels- weise bei 1.830 Euro.
Wohngeld und andere Sozialleistungen 19 Auch die Höhe Ihrer Miete bzw. Ihrer monatlichen Bela- stung spielt bei der Wohngeldberechnung eine Rolle. Da Sie Wohngeld nur für angemessen hohe Wohnkosten be- kommen können, kann Ihre Miete bzw. Ihre Belastung nur bis zu einem bestimmten Höchstbetrag bezuschusst wer- den. Der Höchstbetrag für die zuschussfähige monatliche Miete beträgt für einen Vier-Personen-Haushalt in einer Gemeinde der Mietstufe VI beispielsweise 630 Euro. Übersichten zu den Mietstufen, Tabellen zu den Einkom- mensgrenzen, den Höchstbeträgen für die zuschussfähigen monatlichen Mieten und die Wohngeldtabelle finden Sie beispielsweise auf der Homepage des Bundesministeriums für Verkehr, Bau und Straßenentwicklung (http://www. bmvbs.de). 3. Wohngeldantrag Sie müssen das Wohngeld schriftlich bei der örtlichen Wohngeldstelle beantragen. In der Regel wird Ihnen das Wohngeld dann für zwölf Monate gewährt. Danach müs- sen Sie einen neuen Antrag stellen. Grundsätzlich wird das Wohngeld erst vom Beginn des Monats gezahlt, in dem der Antrag bei der Wohngeldstelle gestellt wurde. 4. Wohngeld und andere Sozialleistungen Wenn Sie Arbeitslosengeld II, Sozialgeld, Sozialhilfe oder Leistungen der Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung beziehen, haben Sie keinen Anspruch auf Wohngeld. Auch wenn Sie und alle anderen Personen, die in Ihrem Haushalt wohnen, Leistungen nach dem BA- föG oder Berufsausbildungsbeihilfe nach dem SGB III beziehen, können Sie kein Wohngeld bekommen. Ihre Un- terkunftskosten werden im Rahmen der jeweiligen Trans- ferleistung berücksichtigt, so dass sich der Ausschluss von Wohngeld nicht nachteilig auswirkt. Wohngeld- stelle
20 Leistungen der gesetz- lichen Kranken- versicherung Kapitel 2 Leistungen bei Schwangerschaft und Geburt Zu Beginn des Lebens kann im übertragenen und im wört- lichen Sinne noch niemand alleine auf den eigenen Bei- nen stehen. Der Staat unterstützt daher Eltern und Kinder. Dabei stehen manche Leistungen den Eltern und manche Leistungen den Kindern zu. 1. Medizinische Leistungen Wenn Sie schwanger und bei einer gesetzlichen Kranken- versicherung versichert sind, bekommen Sic die medizi- nische Versorgung während der Schwangerschaft und bei der Entbindung von Ihrer Krankenkasse bezahlt. Die Leistungen der gesetzlichen Krankenversicherung bein- halten: • die ärztliche Betreuung einschließlich der Vorsorgeun- tersuchungen während der Schwangerschaft, • die Gesundheitsvorsorge, • die Hebammenhilfe, • die Versorgung mit Arznei-, Verbands- und Heilmit- teln, • die Übernahme der Kosten für die stationäre Entbin- dung, • die häusliche Pflege in Form der häuslichen Kranken- pflege und • die Haushaltshilfe. Sind Sie nicht versichert, kommt beim Vorliegen der finanziellen Voraussetzungen das Sozialamt für diese Leistungen auf.
Mutterschaftsgeld 21 2. Mutterschaftsgeld Sind Sie erwerbstätig und in einer gesetzlichen Kran- kenkasse versichert, dann haben Sie Anspruch auf Mut- terschaftsgeld. Es wird Ihnen während der Schutzfristen vor und nach der Entbindung sowie für den Entbindungs- tag gezahlt (also im Normalfall ab sechs Wochen vor der Entbindung bis acht Wochen nach der Entbindung). Sie können das Mutterschaftsgeld frühestens sieben Wochen vor dem mutmaßlichen Entbindungstermin beantragen. In welcher Höhe Sie das Mutterschaftsgeld bekommen, richtet sich nach dem um die gesetzlichen Abzüge ver- minderten Arbeitsentgelt der letzten drei abgerechneten Kalendermonate. Es beträgt jedoch höchstens 13 Euro pro Kalendertag (den Rest, also den Unterschied zwischen den 13 Euro und Ihrem letzten Einkommen, bezahlt Ihr Ar- beitgeber). Frau Maier hat vor Beginn der Schutzfrist in den letzten Beispiel drei Monaten jeweils 950 Euro netto verdient. Umgerech- net auf einen Kalendertag sind das 31,67 Euro (950 Euro x 3 = 2.850 Euro, geteilt durch 90 Tage). Sie erhält nun 13 Euro pro Kalendertag von ihrer Krankenkasse und wei- tere 18,67 Euro von ihrem Arbeitgeber als sogenannten Arbeitgeberzuschuss. Wenn Sie Mitglied einer gesetzlichen Krankenversiche- rung sind, eine geringfügige Beschäftigung ausüben, also bis 400 Euro pro Monat verdienen und keinen Anspruch auf Krankengeld haben (beispielsweise als Studentin), können Sie in der Regel bis 13 Euro Mutterschaftsgeld von Ihrer Krankenkasse bekommen. Frau Schulz: Sie hat vor Beginn der Schutzfrist ein Durch- Beispiel schnittsnettogehalt von 360 Euro monatlich erhalten und so pro Kalendertag ein Nettogehalt von 12 Euro bekom- men. Sie bekommt nun von ihrer Krankenkasse 12 Euro pro Tag Mutterschaftsgeld. Der Arbeitgeber zahlt keinen Zuschuss. Hausfrauen, Beamtinnen und Selbständige, die nicht bei einer gesetzlichen Krankenversicherung mit Anspruch auf
22 Leistungen bei Schwangerschaft und Geburt Mutter- schaftsgeld von der Krankenkasse Krankengeld versichert sind, haben grundsätzlich keinen Anspruch auf Mutterschaftsgeld. Für Beamtinnen gelten gesonderte beamtenrechtliche Bestimmungen. Wenn Sie zu Beginn der Schutzfrist in einer gesetzlichen Krankenversicherung mit Anspruch auf Krankengeld ver- sichert, aber gleichzeitig nicht abhängig beschäftigt sind - beispielsweise als Selbständige erhalten Sie Mutter- schaftsgeld in Höhe des Krankengeldes. Sind Sie bei Beginn der Schutzfrist arbeitslos und als Be- zieherin von Arbeitslosengeld bei Arbeitslosigkeit oder bei beruflicher Weiterbildung nach dem SGB III gesetzlich krankenversichert, erhalten Sie Mutterschaftsgeld durch die gesetzliche Krankenkasse. Sie bekommen das Mutter- schaftsgeld dann in der Höhe des Betrages Ihres Arbeits- losengeldes oder bei beruflicher Weiterbildung nach dem SGB III. Wenn Sie in der gesetzlichen Krankenversicherung fami- lienversichert sind und eine geringfügige Beschäftigung ausüben oder wenn Sie in der privaten Krankenversiche- rung versichert oder überhaupt nicht krankenversichert sind und zu Beginn der sechswöchigen Schutzfrist vor der Entbindung erwerbstätig sind, haben Sie Anspruch auf einmalig höchstens 210 Euro Mutterschaftsgeld durch das Bundesversicherungsamt (Mutterschaftsgeldstelle), Fried- rich-Ebert-Allee 38, 53113 Bonn. Auch wenn Sie privat krankenversichert sind, haben Sie zusätzlich Anspruch auf den Arbeitgeberzuschuss in Höhe der Differenz zwischen 13 Euro und Ihrem durchschnitt- lichen Nettoarbeitsentgelt! Die Zahlung des Mutterschaftsgeldes muss bei Ihrer Kran- kenkasse bzw. beim Bundesversicherungssamt beantragt werden.
Erstausstattung für Bekleidung und Wohnung 23 3. Schwangerschaftsbedingter Mehrbedarf Wenn Sie Anspruch auf Grundsicherung für Arbeitssu- chende oder Anspruch auf Sozialhilfe haben, erhalten Sie ab der 13. Schwangerschaftswoche einen Mehrbedarfszu- schlag in Höhe von 17 Prozent der Regelleistung. Erhalten Sie Leistungen nach dem Bundesausbildungs- BAföG förderungsgesetz (BAföG) oder nach den Regelungen zur Berufsausbildungsbeihilfe, haben Sie ebenfalls Anspruch auf den schwangerschaftsbedingten Mehrbedarf. 4. Erstausstattung für Bekleidung und Wohnung Beim Vorliegen der finanziellen Voraussetzungen (siehe im Einzelnen dazu S. 88) können Sie auch einen Anspruch auf die notwendige Erstausstattung für Bekleidung und Wohnung haben. Diese Leistungen können Sie auch beanspruchen, wenn Sie Leistungen nach dem Bundesausbildungsförderungs- gesetz (BAföG) nach den Regelungen zur BerufsausbiL dungsbeihilfe oder nach SGB II bzw. XII bekommen.
24 Kapitel 3 Leistungen für Eltern 1. Kindergeld Die wohl bekannteste Sozialleistung des Staates ist das Kindergeld. Das Kindergeld ist in vielen Fällen ein Aus- gleich dafür, dass dadurch, dass das Einkommen der El- tern besteuert wird, auch das Existenzminimum des Kin- des besteuert wird. Da dies nach der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts unzulässig ist, zahlt Ihnen der Staat Kindergeld, um das Existenzminimum Ihres Kindes steuerfrei zu stellen. Vereinfacht kann man sagen, dass das Kindergeld eine Vorauszahlung auf eine Steuererstattung ist. Anstelle des Kindergeldes können Sie auch einen Kin- Steuer- derfreibetrag in Anspruch nehmen und gegebenenfalls auf freibetrag der Steuerkarte eintragen lassen. Dieser Steuerfreibetrag beträgt 152 Euro pro Monat und Elternteil, bei zusam- men veranlagten Ehegatten also 304 Euro. Im Regelfall ist der Steuerfreibetrag allerdings nur dann für Sie inte- ressant, wenn Sie ein sehr hohes Einkommen beziehen. Denn nur dann ist die steuerliche Entlastung durch den Freibetrag höher als das Kindergeld. Nur soweit cs über den Betrag hinausgeht, den die Eltern als Steuern zu viel gezahlt haben, ist das Kindergeld eine staatliche Förde- rung der Familien. Aus diesem Grund ist das Kindergeld für alle Steuerpflichtigen auch in den §§ 31,62 f. Einkom- mensteuergesetz (EStG) geregelt. Das Finanzamt prüft bei der Einkommensteuerveranlagung nachträglich, ob durch den Anspruch auf Zahlung des Kindergeldes die Steuer- freistellung auch tatsächlich erreicht worden ist oder ob es für Sie günstiger gewesen wäre, wenn Ihr Einkommen in Höhe des Existenzminimums des Kindes nicht besteuert worden wäre. Wäre die Beachtung der Stcuerfreibeträge für Sie besser gewesen, werden die steuerlichen Freibeträ- ge abgezogen und das Kindergeld mit Ihrer Steuerschuld verrechnet. Der Kinderfreibetrag beträgt jährlich 3.684
Kindergeld 25 Euro für Ehepaare und 1.824 Euro für Alleinstehende. Außerdem gibt es einen Freibetrag für den Betreuungs- und Erziehungs- oder Ausbildungsbedarf eines Kindes in Höhe von 2.160 Euro für Verheiratete und 1.080 Euro für Alleinstehende. Nur für die nicht steuerpflichtigen Anspruchsberechtigten und für Vollwaisen, die das Kindergeld selbst erhalten, sind statt des Einkommensteuergesetzes die Regelungen des Bundeskindergeldgesetzes (BKGG) anzuwenden. 1.1 Berechtigte Grundsätzlich wird das Kindergeld nicht an das Kind selbst, sondern an den Kindergeldberechtigten (meistens die Eltern) ausgezahlt. Der Anspruchsinhaber und damit Kindergeldsberechtigter sind daher grundsätzlich die El- tern. An das Kind selbst wird das Kindergeld nur dann ausgezahlt, wenn das Kind Vollwaise ist oder den Aufent- halt seiner Eltern nicht kennt und kein anderer für dieses Kind schon Kindergeld erhält. Darüber hinaus kann das für ein Kind festgesetzte Kindergeld auch dann an das Kind selbst ausgezahlt werden, wenn der Kindergeldbe- rechtigte ihm gegenüber seiner gesetzlichen Unterhalts- pflicht nicht nachkommt. Anspruch auf Kindergeld haben Sie, wenn Sie im Inland Ihren Wohnsitz oder Ihren gewöhnlichen Aufenthalt ha- ben oder im Ausland wohnen, aber in Deutschland unbe- schränkt einkommensteuerpflichtig sind oder als unbe- schränkt einkommensteuerpflichtig behandelt werden. Auch wenn Sie nicht deutscher Staatsbürger sind, können Sie Kindergeld erhalten. Voraussetzung dafür ist, dass Sie einen Aufenthaltstitel haben, der Ihnen einen längerfris- tigen Aufenthalt ermöglicht. Sie müssen im Besitz einer gültigen Niederlassungserlaubnis oder Aufenthaltserlaub- nis zum Zwecke der Erwerbstätigkeit, des Familiennach- zuges oder aus humanitären Gründen sein, oder für Sie muss ein zwischenstaatliches Abkommen gelten. Das gilt Bundes- kindergeld- gesetz Nicht deut- sche Staats- bürger
26 Leistungen für Eitern Ausnahme- fälle »Obhuts- prinzip« jedoch dann nicht, wenn Sie nur zur vorübergehenden Dienstleistung nach Deutschland entsandt worden sind. In Ausnahmefällen können Sie nach dem Bundeskinder- geldgesetz auch dann einen Anspruch auf Kindergeld ha- ben, wenn Sie zwar im Ausland wohnen und auch nicht in der Bundesrepublik Deutschland uneingeschränkt steuer- pflichtig sind, aber • als Arbeitnehmer eine Beschäftigung ausüben, die der Beitragspflicht zur Bundesagentur für Arbeit unterliegt, oder • Entwicklungshelfer sind, die Unterhaltsleistungen nach dem Entwicklungshilfegesetz erhalten, oder als Mis- sionar bestimmter christlicher Missionsgesellschaften tätig sind oder • Rente nach deutschen Rechtsvorschriften beziehen. Staatsangehöriger eines Mitgliedstaates der Europä- ischen Union sind und in einem Mitgliedstaat der Euro- päischen Union leben. Für ein und dasselbe Kind kann immer nur eine Person Kindergeld erhalten. Grundsätzlich bekommt immer der- jenige das Kindergeld, in dessen Haushalt das Kind über- wiegend lebt (sog. »Obhutsprinzip«). Lebt das Kind nicht im Haushalt eines Elternteils, ist der Elternteil kindergeld- berechtigt, der dem Kind laufend den höheren Unterhalt in Geld zahlt. Lebt das Kind mit beiden Ekern zusammen, können diese untereinander durch eine Berechtigtenbe- stimmung festlegen, wer das Kindergeld erhält. Ist ein Kind in den gemeinsamen Haushalt von Ekern, einem Ekernteil und dessen Ehegatten. Pflegeekern oder Groß- eltern aufgenommen worden, so bestimmen diese unter- einander den Berechtigten. Wird eine Bestimmung nicht getroffen, so bestimmt das Vormundschaftsgericht auf Antrag den Berechtigten. Lebt ein Kind im gemeinsamen Haushalt von Eltern und Großeltern, so wird das Kinder- geld vorrangig einem Ekernteil ausgezahlt. Ist das Kind nicht in den Haushalt eines Berechtigten aufgenommen,
Kindergeld 27 so erhält das Kindergeld derjenige, der dem Kind eine Un- terhaltsrente zahlt. 1.2 Kinder im Sinne des Gesetzes Kindergeld können Sie bekommen • für Kinder, die mit Ihnen im ersten Grad verwandt sind (also Ihre ehelichen, für ehelich erklärten, nicht eheli- chen oder adoptierten Kinder), und • für Kinder Ihres Ehegatten (also Ihre Stiefkinder), En- kel und Pflegekinder. In diesen Fällen müssen Sie die Kinder in Ihren Haushalt aufgenommen haben. Pflegekinder dürfen Sie dabei nicht zu Erwerbszwecken in Ihren Haushalt aufgenommen haben und ein Obhuts- oder Pflegeverhältnis zu den leiblichen Eltern darf nicht mehr bestehen. Für das Kindergeld kommt es nicht darauf an, welche Staatsangehörigkeit das Kind hat. Kindergeld wird grund- sätzlich für alle Kinder gezahlt, die in Deutschland woh- nen oder sich für gewöhnlich in Deutschland aufhalten. Dasselbe gilt, wenn die Kinder in einem Mitgliedstaat der Europäischen Union oder des Europäischen Wirtschafts- raums leben. Besteht der Kindergeldanspruch, obwohl der Kindergeldberechtigte (s.o.) im Ausland lebt, werden die Kinder auch dann berücksichtigt, wenn sic im auslän- dischen Haushalt des Berechtigten leben. Grundsätzlich wird das Kindergeld bis zur Vollendung des 18. Lebensjahres des Kindes gezahlt. Darüber hinaus wird es gezahlt für Kinder • in der Ausbildung, - bis zum 25. Lebensjahr und - über das 25. Lebensjahr hinaus, wenn das Kind den gesetzlichen Grundwehrdienst oder Zivildienst ge- leistet hat, sich freiwillig für nicht mehr als drei Jah- re zum Wehrdienst verpflichtet hat oder eine vom Grundwehr- bzw. Zivildienst befreiende Tätigkeit als Entwicklungshelfer ausgeübt hat. In diesen Fäl- Dauer der Zahlung
28 Leistungen für Eltern Beispiel Erwachsene Kinder Verheiratete Kinder len verlängert sich der mögliche Zahlungszcitraum um die Dauer der Dienstzeit; • ohne Arbeitsplatz bis zum 21. Lebensjahr oder bis zur Vollendung des 25. Lebensjahres, wenn das Kind eine Berufsausbildung wegen fehlenden Ausbildungsplatzes nicht beginnen oder fortsetzen kann, • - zeitlich unbegrenzt wenn sie wegen Behinderung außerstande sind, sich selbst zu unterhalten. Allerdings muss die Behinderung bereits vor dem 25. Lebensjahr eingetreten sein, wenn das Kind ab 2007 erstmals Kin- dergeld ohne Altersgrenze beziehen will. Ist die Behin- derung vor dem 01.01.2007 und in der Zeit zwischen Vollendung des 25. und 27. Lebensjahres eingetreten, ist das für den Anspruch auf Kindergeld ausreichend. Eine Sonderregelung gilt für Kinder, die bis einschließlich 31.12.1982 geboren sind. Sie erhalten Kindergeld bis zum vollendeten 26. Lebensjahr. Clara Mayer ist am 16.09.1982 geboren. Sie studiert und bekommt für dieses Studium Unterhalt von ihren Eltern gezahlt. Ihre Eltern erhalten für Clara das Kindergeld bis einschließlich September 2008. Anders für ihren jüngeren Bruder Markus, der erst im März 1984 geboren ist. Eür ihn bekommen die Eltern Mayer nur bis einschließlich März 2009 Kindergeld. Für ein erwachsenes Kind erhalten Sie jedoch nur dann Kindergeld, wenn die Einkünfte des Kindes jährlich unter 7.680 Euro liegen. Als Einkünfte gelten die steuerpflichti- gen Einnahmen abzüglich der Werbungs- bzw. Betriebs- ausgaben. Zu den Einkünften zählen auch (abzüglich einer Pauschale) BAföG-Zahlungen. Das BAföG-Darlehen wird nicht mit einberechnet. Für verheiratete Kinder besteht Anspruch auf Kindergeld nur noch dann, wenn der Ehepartner für den Unterhalt des Kindes nicht aufkommen kann. Kindergeld können Sie jedoch nicht bekommen, wenn das Kind Anspruch auf Kinderzulagcn aus der gesetzlichen Unfallversicherung oder Kinderzuschüsse aus den ge-
Kindergeld 29 setzlichen Rentenversicherungen hat oder es im Ausland Leistungen des dortigen Staates oder Leistungen von ei- ner zwischen- oder überstaatlichen Einrichtung erhält, die dem Kindergeld vergleichbar sind. 1.3 Die Höhe des Kindergeldes Für die ersten drei Kinder erhalten Sie monatlich Kin- dergeld in Höhe von 154 Euro, für das vierte und jedes weitere Kind 179 Euro monatlich. Kinder, für die kein Kindergeldanspruch mehr besteht, werden dabei nicht be- rücksichtigt. Familie Schulz hat vier Kinder. Sie bekommt 641 Euro Kindergeld (3 x 154 Euro für die Kinder 1 bis 3 und 179 Euro für das vierte Kind). Wenn für das erste Kind nun der Anspruch auf Kindergeld beispielsweise wegen Voll- endung des 25. Lebensjahres wegfällt, bekommt die Fa- milie für die Kinder nur noch 462 Euro (3 x 154 Euro) Kindergeld gezahlt. Der monatliche Anspruch verringert sich damit um 179 Euro. Der Fall wäre anders zu lösen, wenn für das vierte Kind grundsätzlich noch Kindergeld gezahlt wird, das Kinder- geld aber jemand anderes erhält. Das älteste Kind der Familie Schulz lebt bei seinem leib- lichen Vater, der für das Kind auch Kindergeld erhält. Bei Frau Schulz zählt dieses Kind aber als sogenanntes Zählkind mit, so dass sie für Kind 2 bis 3 Anspruch auf je 154 Euro Kindergeld und für das vierte Kind auf 179 Euro Kindergeld hat. Sie hat insgesamt also Anspruch auf 487 Euro Kindergeld. Das gilt nur, wenn das Ehepaar Schulz Frau Schulz als Kindergeldberechtigte bestimmt. Herr Schulz hat nur drei Kinder und kann daher nur Anspruch auf 462 Euro Kin- dergeld (3 x 154 Euro) geltend machen. Kindergeldzuschlag gibt es auch für Arbeitsuchende nach SGB II. Einzelheiten dazu finden Sie auf Seite 100. Beispiel Beispiel
30 Leistungen für Eltern Notwendige Unterlagen Antrags- formulare 1.4 Kindergeldantrag Sie müssen das Kindergeld bei der Familienkasse der zu- ständigen Agentur für Arbeit schriftlich beantragen. Sind Sie Angehöriger des öffentlichen Dienstes, dann müssen Sie den Antrag bei der Besoldungs-/Vergütungsstelle stel- len. Die Kinder müssen beim Antrag durch amtliche Un- terlagen nachgewiesen werden. Sie benötigen dazu • die Geburtsurkunde (wenn Sie sie innerhalb von sechs Monaten nach der Geburt des Kindes vorlegen und da- rin der Eltern-Wohnort angegeben ist), • die Haushaltsbescheinigung für Kinder, die in Ihrem Haushalt leben, • Lebensbescheinigungen für die Kinder, die außerhalb Ihres Haushalts leben, • für Kinder über 18 Jahren auch eine Bescheinigung der Schule, Hochschule oder des Ausbildungsbetriebes, aus der Art und Dauer der Ausbildung hervorgehen, außer- dem müssen Sie die Einkünfte des Kindes belegen und • für ein Kind über 25 Jahren auch Dienstbescheini- gungen. 1.5 Kindergeld und andere Sozialleistungen Beim Bezug von Sozialhilfe wird das Kindergeld als Ein- kommen angerechnet und von der Sozialhilfe abgezogen. Auch beim Bezug von Arbeitslosengeld II und von Sozi- algeld wird das Kindergeld als Einkommen des Kindes angerechnet und von dessen Anspruch abgezogen. 1.6 Mitwirkungspflichten Wer Kindergeld bezieht, darf auf keinen Fall vergessen, Änderungen in den Verhältnissen, die für die Leistung er- heblich sind oder über die im Zusammenhang mit der Lei- stung Erklärungen abgegeben worden sind, unverzüglich der zuständigen Familienkasse mitzuteilen. Weitergehende Informationen sowie Antragsformulare und Vordrucke für Änderungsmitteilungen finden Sie im Internet unter www.familienkasse.de.
Elterngeld 31 2. Elterngeld Ab 01.01.2007 wurde das bisherige Erziehungsgeld durch das neue Elterngeld abgelöst. Der Gesetzgeber will Sie da- mit in der Frühphase Ihrer Elternschaft unterstützen und dazu beitragen, dass Sie sich in diesem Zeitraum selbst um die Betreuung Ihrer Kinder kümmern können. Wenn Sie Ihre Erwerbstätigkeit unterbrechen oder reduzieren, erhal- ten Sie einen an Ihrem individuellen Einkommen orien- tierten Ausgleich dafür, dass Sie im ersten Lebensjahr des Kindes nicht mehr (voll) arbeiten. Rechtsgrundlage ist das Gesetz zum Elterngeld und zur Elternzeit (Bundeseltern- geld- und Elternzeitgesetz - BEEG). 2.1 Berechtigte Sie haben Anspruch auf Elterngeld, wenn Sie Ihren Wohn- sitz oder Ihren gewöhnlichen Aufenthalt in Deutschland haben, mit Ihrem Kind in einem Haushalt leben, dieses Kind selbst betreuen und erziehen und keine oder keine volle Erwerbstätigkeit ausüben. In Ausnahmefällen kön- nen Sie auch dann Elterngeld bekommen, wenn Sie aus beruflichen Gründen im Ausland leben, jedoch nach deutschem Recht sozialversicherungspflichtig beschäftigt sind bzw. im Rahmen eines in Deutschland bestehenden öffentlich-rechtlichen Dienst- oder Amtsverhältnisses im Ausland oder bei zwischen- oder überstaatlichen Einrich- tungen oder als Entwicklungshelfer oder Missionar tätig sind. Einschränkungen gibt es für nicht freizügigkeitsbe- rechtigte Ausländer und Ausländerinnen. Nicht voll erwerbstätig im Sinne des BEEG sind Sie, wenn Sie nicht länger als 30 Stunden pro Woche arbeiten, eine Beschäftigung zur Berufsausbildung ausüben oder als sog. Tagesmutter nicht mehr als fünf Kinder in Tagespflege be- treuen. Das bedeutet, dass die Belastung von Schülern und Studenten nicht als Vollzeitbcschäftigung angesehen wird und Schüler und Studenten deswegen neben ihrer Ausbil- dung Elterngeld beziehen können! BEEG Anspruchs- vorausset- zungen
32 Leistungen für Eltern Wenn beide Elternteile die Anspruchsvoraussetzungen er- füllen, bestimmen sie selbst, wer von ihnen das Elterngeld in Anspruch nimmt. Können die Eltern wegen schwerer Krankheit, Schwerbehinderung oder Tod ihr Kind nicht betreuen, können auch die Großeltern oder Tanten und Onkel und deren Ehegatten bzw. Lebenspartner Anspruch auf Elterngeld haben. 2.2 Kinder im Sinne des Gesetzes Elterngeld gibt es nicht nur für leibliche Kinder: Voraus- gesetzt, das Kind lebt mit Ihnen in einem Haushalt, haben Sie einen Anspruch auf Elterngeld auch dann, wenn Sie das Kind adoptieren wollen oder wenn Sie das Kind Ihres Ehegatten, Ihrer Ehegattin, Ihres Lebenspartners oder Ih- rer Lebenspartnerin aufgenommen haben oder wenn Sie die Vaterschaft anerkennen wollen. Elterngeld können Sie nur für Kinder bekommen, die nach dem 01.01.2007 geboren sind! Für alle früher geborenen Kinder gibt es wie bisher Erziehungsgeld! 2.3 Höhe des Elterngeldes Das Elterngeld beträgt 67 Prozent Ihres in den zwölf Ka- lendermonaten vor dem Monat der Geburt des Kindes durchschnittlich erzielten monatlichen Nettoeinkommens. Betrug das durchschnittliche Monatseinkommen weniger als 1.000 Euro, erhöht sich der Prozentsatz von 67 Pro- zent um 0,1 Prozentpunkte für je zwei Euro, um die das maßgebliche Einkommen den Betrag von 1.000 Euro un- terschreitet. Unabhängig vom Einkommen wird das Elterngeld minde- stens in Höhe von 300 Euro gezahlt, z.B. wenn jemand nicht erwerbstätig ist. Beispiel Katja Klupsch hat vor der Geburt ihrer Tochter 900 Euro pro Monat verdient. Ihr Anspruch auf Elterngeld erhöht sich damit von 67 Prozent auf 72 Prozent, also insgesamt 648 Euro (1.000 Euro — 900 Euro = 100 Euro; davon je-
Elterngeld 33 der zweiter Euro bedeutet 100 Euro / 2 = 50 Euro, also: 50 x 0,1 =5 Prozentpunkte). Arbeitet der das Elterngcld beziehende Elternteil weiter, wird die Rechnung noch etwas komplizierter: In diesem Fall muss ausgerechnet werden, wieviel Euro pro Monat das Einkommen jetzt geringer ist. Davon gibt es dann 67 Prozent als Elterngeld. Also auch in diesem Fall werden 67 Prozent des wegfallenden Einkommens gezahlt. Sven Kirchner hat vor der Geburt seines Sohnes als Jour- nalist 2.400 Euro verdient. Nun arbeitet er nur noch 25 Stunden pro Woche und erhält daher nur noch 1.800 Euro. Er bekommt also 402 Euro Elterngeld (2.400 Euro - 1.800 Euro = 600 Euro; also 600 Euro x 0,67 = 402 Euro). Es werden grundsätzlich für das Ausgangsgehalt vor der Geburt höchstens 2.700 Euro berücksichtigt! Das bedeutet in unserem Fall: Hätte Sven Kirchner vor der Geburt beispielsweise 3.500 Euro verdient, bekäme er jetzt 603 Euro (2.700 Euro entspricht der Ober grenze - 1.800 Euro = 900 Euro x 0,67 = 603 Euro). Würde er bei seiner Teilzeittätigkeil mehr als 2.700 Euro verdienen, so bekäme er überhaupt kein Elterngeld ausgezahlt! Leben in Ihrem Haushalt zwei Kinder, die das dritte Le- bensjahr noch nicht vollendet haben, oder mindestens drei Kinder, die das sechste Lebensjahr noch nicht vollendet haben, dann erhöht sich das Elterngeld um 10 Prozent, mindestens jedoch um 75 Euro (»Geschwisterbonus«). Auch Kinder, die älter als drei bzw. sechs Jahre sind, wer- den berücksichtigt, wenn sie im Sinne von § 2 Abs. 1 Satz 1 SGB IX behindert sind (also ein sog. Grad der Behinde- rung, »GdB«, festgestellt ist). Bei der Ermittlung Ihres Einkommens bleiben die Monate unberücksichtigt, in denen Sie vor der Geburt des Kindes bereits Elterngeld bezogen haben. Das gilt auch für die Monate, in denen Sie Mutterschaftsgeld bezogen haben oder in denen Ihr Einkommen aus Erwerbstätigkeit wäh- rend der Schwangerschaft wegen einer maßgeblich auf die Beispiel Ermittlung des Einkommens
34 Leistungen für Eltern Zwölf Monate Schriftlicher Antrag erforderlich Schwangerschaft zurückzuführenden Erkrankung ganz oder teilweise weggefallen ist. Bei Selbständigen beträgt das Elterngeld 67 Prozent des wegen der Kinderbetreuung ausfallenden Gewinns. Bei Mehrlingsgeburten erhöht sich das Elterngeld um 300 Euro pro Kind. Das Elterngeld ist steuerfrei. Es unterliegt aber dem Pro- gressionsvorbehalt. 2.4 Bezugsdauer des Elterngeldes Das Elterngeld wird Ihnen grundsätzlich zwölf Monate lang gezahlt. Es besteht auch die Möglichkeit, den Be- trag des Elterngeldes auf 24 Monate zu strecken, indem Sie sich das halbe Elterngeld über den doppelten Zeitraum auszahlen lassen. Es kommen noch zwei weitere Monate dazu, wenn auch Ihr Partner/Ihre Partnerin in dieser Zeit die Berufstätigkeit unterbricht (»Vaterbonus«). Ausnahmsweise können Sie auch allein 14 Monate lang Elterngeld in Anspruch nehmen, wenn • die Betreuung durch den anderen Elternteil unmöglich ist oder • wenn damit eine Gefährdung des Kindswohls verbun- den wäre oder • Ihnen die elterliche Sorge oder zumindest das Aufent- haltsbestimmungsrecht allein zusteht. Das Elterngeld kann in der Zeit vom Tag der Geburt bis zur Vollendung des 14. Lebensmonats in Anspruch ge- nommen werden. 2.5 Elterngeldantrag Sie müssen das Elterngeld schriftlich beantragen. Der An- trag kann bis zu drei Monate rückwirkend gestellt wer- den. Sie können in dem Antrag selbst bestimmen, wer für welchen Zeitraum das Elterngeld in Anspruch nimmt. Die im Antrag getroffene Entscheidung ist grundsätzlich bin- dend.
Unterhaltsvorschuss 35 2.6 Elterngeld und andere Sozialleistungen Das Elterngeld wird bei Beziehern von Arbeitslosengeld II, Sozialhilfe, Unterhalt, Wohngeld oder Kindzuschlag nicht als Einkommen berücksichtigt und bleibt also bis 300 Euro anrechnungsfrei. 3. Unterhaltsvorschuss Der Unterhaltsvorschuss soll Ihnen bzw. Ihrem Kind hel- fen, wenn die Unterhaltsleistungen des anderen Elternteils ausfallen. Er wird im Unterhaltsvorschussgesetz geregelt. Der Unterhaltsvorschuss ist zeitlich begrenzt: Er soll eben nicht als staatliche Unterhaltsgarantie für Kinder bis zu deren wirtschaftlicher Selbständigkeit dienen, sondern nur in besonders schwierigen Lebens- und Erziehungssituati- onen helfen. Und: Der unterhaltspflichtige Elternteil bleibt trotzdem in der Pflicht! Die Unterhaltsansprüche des Kin- des gehen in Höhe des Unterhaltsvorschusses auf das Land über, das diese Ansprüche geltend macht und gegebenen- falls vor dem Familiengericht einklagt und vollstreckt. * 3.1 Berechtigte Anspruch auf Unterhaltsvorschuss haben Sie, wenn Sie alleinerziehend sind und vom anderen Elternteil Ihres Kindes nicht regelmäßig wenigstens den Regelbetrag als Unterhalt bekommen. Alleinerziehend sind Sie, wenn Sie ledig, verwitwet oder geschieden sind oder von Ihrem Ehegatten dauernd getrennt leben. Ist der andere Elternteil verstorben, kommt es darauf an, ob das Kind Waisenbezü- ge in Höhe des Regelbetrags bezieht. 3.2 Kinder im Sinne des Gesetzes Unterhaltsleistungen nach dem Unterhaltsvorschussgesetz können Sie grundsätzlich für Kinder erhalten, die das 12. Lebensjahr noch nicht vollendet haben und in Deutschland leben.
36 Leistungen für Eltern Ausländische Kinder Festgelegte Regelbeträge Bei ausländischen Kindern kommt als weitere Vorausset- zung hinzu, dass entweder das Kind oder Sie im Besitz einer Niedcrlassungserlaubnis oder Aufenthakerlaubnis zum Zwecke der Erwerbstätigkeit, des Familiennachzugs oder aus humanitären Gründen sind. Kein Unterhaltsvor- schuss wird an Kindern von Alleinerziehenden gezahlt, die nur im Besitz einer Aufenthaltsbefugnis (z.B. bei Bür- gerkriegsflüchtlingen) oder einer Aufenthaltsbewilligung (bei Aufenthalt zu Studienzwecken) sind. Sind Sie von einem im Ausland ansässigen Arbeitgeber für eine vor- übergehende Tätigkeit nach Deutschland gesandt worden, so besteht ebenfalls kein Anspruch auf einen Unterhalts- vorschuss. Der Unterhaltsvorschuss ist ausgeschlossen, wenn Sie sich weigern, die für die Durchführung des Gesetzes - insbe- sondere für den Rückgriff - notwendigen Auskünfte zu erteilen oder bei der Feststellung der Vaterschaft oder des Aufenthaltes des anderen Elternteiles mitzuwirken. 3.3 Die Höhe des Unterhaltsvorschusses Die Höhe des Unterhaltsvorschusses richtet sich nach den für die betreffende Altersgruppe festgelegten Regelbeträ- gen entsprechend der Regelsatzverordnung. Von diesem Betrag wird die Hälfte des für ein erstes Kind zu zah- lenden Kindergelds abgezogen. Für Kinder unter sechs Jahren beträgt der Unterhaltsvorschuss damit 125 Euro, für Kinder unter zwölf Jahren 168 Euro. Von diesen Beträgen werden Unterhaltszahlungen des an- deren Elternteils oder Waisenbezüge abgezogen. Sonstige Einkünfte des Kindes und das Einkommen des alleiner- ziehenden Elternteils werden nicht abgezogen. 3.4 Bezugsdauer Leistungen nach dem Unterhaltsvorschussgesetz werden höchstens für 72 Monate (also sechs Jahre) lang gezahlt.
U nterhaltsvorschuss 37 3.5 Unterhaltsvorschussantrag Den Unterhaltsvorschuss müssen Sie schriftlich bei der zuständigen Unterhaltsvorschussstelle - in der Regel das örtlich zuständige Jugendamt - beantragen. Der Vorschuss wird grundsätzlich ab Antragstellung gezahlt. Aber auch eine rückwirkende Zahlung für den Monat vor Eingang des Antrages ist möglich, wenn Sie alles getan haben, was möglich war, um den unterhaltspflichtigen anderen Eltern- teil dazu zu bringen, den Unterhalt zu zahlen. 3.6 Unterhaltsvorschuss und andere Sozialleistungen Der Unterhaltsvorschuss gehört zu den Zahlungen, die den Lebensunterhalt Ihres Kindes decken sollen. Er wird des- halb als vorrangige Sozialleistung auf die Leistungen des Kindes zur Sicherung des Lebensunterhaltes nach dem SGB II oder SGB XII (also Sozialgeld oder Sozialhilfe) angerechnet. Ist der notwendige Lebensunterhalt durch den Unterhaltsvorschuss nicht vollständig gedeckt, kann dane- ben ein Anspruch auf Sozialgeld oder Sozialhilfe bestehen. Zum Thema »Unterhaltsvorschuss« erhalten Sie beim Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Ju- gend eine kostenlose Informationsbroschüre. Deckung des Lebensunter- halts des Kindes
38 Kapitel 4 Leistungen vor Eintritt ins Berufsleben 1. BAföG Die Berufsausbildungsbeihilfe - allgemein als BAföG be- kannt - ist im Bundesausbildungsförderungsgesetz (BA- föG) geregelt. Sie soll es jedem jungen Menschen ermög- lichen, eine qualifizierte Ausbildung zu absolvieren, die seinen Fähigkeiten und Interessen entspricht - unabhängig von seinen finanziellen Mitteln, denen seiner Eltern oder seines Ehegatten. Gefördert werden grundsätzlich Schüler und Studenten. Ausländische Auszu- bildende Eignung 1.1 Berechtigte Anspruch auf Leistungen zur Ausbildungsförderung ha- ben Sie grundsätzlich dann, wenn Sie deutscher Staatsan- gehöriger sind, für die jeweilige Ausbildung geeignet sind und Ihr 30. Lebensjahr noch nicht vollendet haben. Auch wenn Sie nicht deutscher Staatsbürger sind, können Sie Leistungen erhalten, wenn ein Elternteil bzw. Ihr Ehe- gatte Deutscher ist oder wenn Sie als Angehöriger eines Staates der Europäischen Gemeinschaft Freizügigkeit oder ein Verbleiberecht genießen. Einen Anspruch haben Sie auch als ausländischer Auszubildender grundsätzlich immer dann, wenn Sie eine Bleibeperspektive in Deutsch- land haben und bereits gesellschaftlich integriert sind. Die genauen Voraussetzungen sind in § 8 BAföG geregelt. Ob Sie bei Ihnen vorliegen, können Sie bei dem für Sie zustän- digen Amt für Ausbildungsförderung klären lassen. Die Eignung für die angestrebte Ausbildung liegt vor, wenn Ihre Leistungen erwarten lassen, dass Sie das ange- strebte Ziel erreichen werden. Davon wird grundsätzlich dann ausgegangen, wenn Sie die Ausbildungsstätte regel- mäßig besuchen oder am Praktikum teilnehmen und Ihr
BAföG 39 Besuch einer Höheren Fachschule, Akademie oder Hoch- schule die jeweils verlangten Studienfortschritte erkennen lässt. Sind Sie Studierender an einer Höheren Fachschule, Akademie oder Hochschule, ist es erforderlich, dass Sie mit Beginn des fünften Fachsemesters Eignungsnachweise vorlegen. Sind in der Ausbildungs- oder Prüfungsordnung Zwischenprüfungen vor dem dritten Semester vorgesehen, ist die Förderung auch im dritten und vierten Semester von der Vorlage entsprechender Nachweise abhängig. In der Regel können Sie die Ausbildungsbeihilfe nicht be- kommen, wenn Sie bei Beginn des Ausbildungsabschnittes, für den Sie die Ausbildungsförderung beantragen, das 30. Lebensjahr vollendet haben. Wenn Sie also nach Ihrem 30. Geburtstag eine Ausbildung beginnen, erhalten Sie nur in besonderen Ausnahmefällen eine Ausbildungsförderung. Ausnahmeregelungen gelten beispielsweise für • Absolventen des zweiten Bildungsweges, • Berufstätige ohne formelle Hochschulzugangsberechti- gung, die aufgrund ihrer beruflichen Qualifikation an einer Hochschule eingeschrieben sind, • Personen, die aus persönlichen (z.B. Krankheit) oder familiären (z.B. ein noch keine zehn Jahre altes Kind) Gründen gehindert waren, die Ausbildung vor Vollen- dung des 30. Lebensjahres zu beginnen, und • Auszubildende, die infolge einer einschneidenden Ver- änderung ihrer persönlicher Verhältnisse bedürftig geworden sind und noch keine Ausbildung, die nach diesem Gesetz gefördert werden kann, abgeschlossen haben. Auf diese Ausnahmeregelungen können Sie sich nur beru- fen, wenn Sie die Ausbildung unverzüglich nach Erreichen der Zugangsvoraussetzung (z.B. der Hochschulzugangs- berechtigung), dem Wegfall der Hinderungsgründe oder dem Eintritt einer Bedürftigkeit infolge einschneidender Veränderungen der persönlichen Verhältnisse aufnehmen. Ob eine Ausnahme von der Altergrenze möglich ist, kön- nen Sie durch einen Antrag auf Vorabentscheidung (nach Ausnahme- regelungen <7
40 Leistungen vor Eintritt ins Berufsleben Auswärtige Unter- bringung § 46 Abs. 5 Satz I Nr. 4 BAföG) schon vor der Aufnahme der Ausbildung klären lassen. Zuständig für die Voraben- tscheidung ist das Amt, das nach Aufnahme der Ausbil- dung über den Antrag auf Ausbildungsförderung zu ent- scheiden hat. 1.2 Förderfähige Ausbildung Sind Sie Schüler und wohnen nicht bei Ihren Eltern und ist Ihre auswärtige Unterbringung notwendig, dann bekom- men Sie Ausbildungsförderung für den Besuch von • weiterführenden allgemeinbildenden Schulen (z.B. Haupt-, Real- und Gesamtschulen, Gymnasien) ab Klasse 10, • Berufsfachschulen, einschließlich der Klassen aller Formen der beruflichen Grundbildung (z.B. Berufsvor- bereitungsjahr) ab Klasse 10, sofern in einem zumindest zweijährigen Bildungsgang ein berufsqualifizierender Abschluss erreicht wird, und • Fach- und Fachoberschulklassen, deren Besuch eine abgeschlossene Berufsausbildung nicht voraussetzt. Ihre auswärtige Unterbringung ist notwendig, wenn • von der Wohnung Ihrer Eltern aus eine entsprechende zumutbare Ausbildungsstätte nicht erreichbar ist oder • Sie einen eigenen Haushalt führen und verheiratet sind oder waren oder • Sie einen eigenen Haushalt führen und mit mindestens einem Kind Zusammenleben. Wenn Ihre auswärtige Unterbringung nicht notwendig ist, können Sie trotzdem eine Ausbildungsförderung bekom- men für den Besuch von • Berufsfachschulklassen und Fachschulklassen, deren Besuch eine abgeschlossene Berufsausbildung nicht voraussetzt, sofern sie in einem zumindest zweijäh- rigen Bildungsgang einen berufsqualifizierenden Ab- schluss vermitteln,
BAföG 41 • Fach- und Fachoberschulklassen, deren Besuch eine abgeschlossene Berufsausbildung voraussetzt, • Abendhauptschulen, Berufsaufbauschulen, Abendreal- schulen, Abendgymnasien und Kollegs, • Höhere Fachschulen und Akademien und • Hochschulen. Eine Ausbildung im dualen System (also betriebliche oder überbetriebliche Ausbildungen) sowie der Besuch von Be- rufsschulen kann nicht mit dem BAföG gefördert werde. Hier kommen eventuell eine Berufsausbildungsbeihilfe (BAB) oder das sog. »Meister-BAfög« in Betracht. Auch eine Ausbildung im Ausland kann grundsätzlich gefördert werden, sofern Sie ausreichende Kenntnisse der Unterrichts- und Landessprache haben, der Auslandsauf- enthalt der Ausbildung förderlich ist und zumindest ein Teil dieser Ausbildung auf die vorgesehene Ausbildungs- zeit angerechnet werden kann. Für eine Ausbildung an ei- ner Ausbildungsstätte in einem Mitgliedsstaat der Europä- ischen Union oder in der Schweiz genügt es bereits, wenn ausreichende Sprachkenntnisse vorhanden sind. Auch Auslandaufenthalte im Rahmen einer grenzüber- schreitenden Zusammenarbeit zwischen einer inlän- dischen und ausländischen Ausbildungsstätte können ge- fördert werden. Auslandsausbildungen außerhalb der Europäischen Union sind für die Dauer von einem Jahr bzw. bei Vorliegen be- sonderer Gründe für maximal zwei Jahre förderungsfähig. Der Auslandsaufenthalt muss mindestens sechs Monate oder ein Semester bzw. zwölf Wochen (im Falle der grenz- überschreitenden Zusammenarbeit) dauern. Vollständig im Ausland durchgeführte Ausbildungen kön- nen nur gefördert werden für deutsche Auszubildende und Auszubildende aus EU-Mitgliedstaaten, die täglich von ihrem ständigen Wohnsitz im Inland eine im Ausland gelegene Ausbildungsstätte besuchen, und für deutsche Auszubildende mit ständigem Wohnsitz im Ausland (Aus- ländsdeutsche), denen ausnahmsweise nicht zugemutet Ausbildung im Ausland Außerhalb der EU
42 Leistungen vor Eintritt ins Berufsleben Überschreiten der Förde- rungshöchst- dauer werden kann, ihre Ausbildung in Deutschland durchzu- führen (z.B. minderjährige Schülerinnen oder Schüler). Grundsätzlich wird nur eine Ausbildung (die sog. Erstaus- bildung) gefördert. Ausnahmsweise können auch weitere Ausbildungen gefördert werden, wenn die gesetzlichen Voraussetzungen des § 7 BAföG vorliegen. Haben Sie die Fachrichtung gewechselt oder eine frühere Ausbildung abgebrochen, ist eine weitere Ausbildungsför- derung nur dann möglich, wenn Sie die frühere Ausbildung aus wichtigem oder unabweisbarem Grund abgebrochen haben. Das kann beispielsweise eine mangelnde intellektu- elle, psychische oder körperliche Eignung oder ein schwer- wiegender und grundsätzlicher Neigungswechsel sein. 1.3 Bezugsdauer Die Ausbildungsförderung bekommen Sie grundsätzlich für die gesamte Dauer Ihrer Ausbildung. Bei Studiengän- gen können Sie die Ausbildungsförderung jedoch nur bis zur sog. Förderungshöchstdauer beanspruchen. Die Förde- rungshöchstdauer bei Studiengängen ist abhängig von der gewählten Fachrichtung. Die jeweilige Förderungsdaucr der gewählten Fachrichtung ergibt sich aus der jeweiligen Regelstudienzeit oder, falls eine Regelstudienzeit nicht festgesetzt ist, aus § 15 a BAföG. Nach Überschreiten der Förderungshöchstdauer können Sie Anspruch auf Hilfe zum Studienabschluss haben, wenn Sie innerhalb von vier Semestern nach Überschreiten der Förderungshöchstdauer zur Prüfung zugelassen werden und Ihre Ausbildungsstätte Ihnen bescheinigt, dass Sie Ihre Ausbildung innerhalb der Abschlusshilfedauer ab- schließen können. Die Hilfe zum Studienabschluss wird in Form eines Bankdarlehens gewährt. Über die Förderungsdauer hinaus wird für eine angemes- sene Zeit Ausbildungsförderung geleistet, wenn Sie • aus schwerwiegenden Gründen oder • infolge einer Mitwirkung in der Hochschulverwaltung . oder
BAföG 43 • wegen erstmaligen Nichtbestehens der Abschlussprü- fung oder • auf Grund einer Behinderung oder • infolge einer Schwangerschaft oder • wegen der Pflege und Erziehung eines Kindes bis zu zehn Jahren die Förderungszeit überschritten haben. Die angemessene Zeit, für die die Ausbildungsförderung weiter geleistet wird, ist meist die Zeit, die der verlorenen Zeit entspricht. Wenn Sic infolge von Krankheit oder Schwangerschaft ge- hindert sind, Ihre Ausbildung durchzuführen, wird Ihnen die Ausbildungsförderung trotzdem bis zu drei Monaten weiter gezahlt. 1.4 BAföG-Antrag Die Ausbildungsbeihilfe müssen Sie schriftlich auf dem dafür vorgesehenen Formblatt beim zuständigen Amt für Ausbildungsförderung beantragen. Die Formblätter be- kommen Sie bei allen Ämtern für Ausbildungsförderung oder Sie können sich diese über das Internet unter der Adresse www.bafoeg.bmbf.de ausdrucken. Sind Sie Stu- dierender. ist das zuständige Amt für Ausbildungsförde- rung in der Regel das Studentenwerk der Hochschule, an der Sie immatrikuliert sind. Sind Sie Auszubildender an einem Abendgymnasium, ist das Amt für Ausbildungsför- derung zuständig, in dessen Bezirk sich das Abendgymna- sium befindet. Ansonsten ist das Amt für Ausbildungsför- derung der Gemeinde am Wohnort Ihrer Eltern zuständig. Die Leistungen werden frühestens von dem Monat an er- bracht, in dem der Antrag gestellt wurde. Über die Bewil- ligung wird in der Regel für ein Jahr entschieden. In den Fällen, in denen die Ausbildungsförderung durch ein Bankdarlehen erbracht wird, kommt der Darlehens- vertrag wie folgt zustande: Sie erhalten zusammen mit dem Bewilligungsbescheid ein von der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) gezeichnetes Vertragsangebot. Mit diesem können Sie dann mit der KfW einen privatrecht- Amt für Ausbildungs- förderung Darlehens- vertrag
44 Leistungen vor Eintritt ins Berufsleben Abhängig von der Ausbil- dung Festverzins- liches Bank- darlehen liehen Darlehensvertrag abschließen. Ausgezahlt werden die Darlehen von der KfW. 1.5 Zuschuss, Staatsdarlehen oder Bankdarlehen Die Ausbildungsförderung wird Ihnen entweder als Zu- schuss, als (bei pünktlicher Rückzahlung grundsätzlich zinsfreies) Staatsdarlehen oder Bankdarlehen geleistet. In welcher Form Ihnen die Ausbildungsbeihilfe gezahlt wird, hängt davon ab, für welche Ausbildung Sie die För- derung beanspruchen wollen: Sind Sie Schüler, erhalten Sie die Förderung in Form eines Zuschusses und müssen daher nichts zurückzahlen. Wenn Sie eine Höhere Fachschule, eine Akademie oder eine Hochschule besuchen, bekommen Sie die Förderung nur zur Hälfte als Zuschuss. Die andere Hälfte bekom- men Sie als unverzinsliches Staatsdarlehen, das Sie bis zu einem Gesamtbetrag von höchstens 10.000 Euro zurück- zahlen müssen. Ausnahmsweise werden aber auch die Zuschläge, die Sie etwa für nachweisbar notwendige Studiengebühren, für eine Ausbildung oder ein Praktikum im Ausland bekom- men, und die Ausbildungsbeihilfe, die Sie wegen einer Behinderung, einer Schwangerschaft oder der Pflege und Erziehung eines Kindes bis zu zehn Jahren über die För- derungshöchstdauer hinaus bekommen, in voller Höhe als Zuschuss gezahlt. Als verzinsliches Bankdarlehen bekommen Sie die Aus- bildungsförderung dann, • wenn ausnahmsweise eine weitere Ausbildung geför- dert wird, • wenn sich die Studiendauer durch einen Fachrichtungs- wechsel verlängert hat und • in den Fällen der Hilfe zum Studienabschluss.
BAföG 45 1.6 Die Höhe des BAföG Die Ausbildungsförderung wird Ihnen für Ihren Lebens- unterhalt (Ernährung, Unterkunft, Bekleidung) und Ihre Ausbildung (Lehrbücher, Fahrtkosten) bezahlt. Beides zu- sammen wird als Ihr Bedarf bezeichnet. Das BAföG sieht für Ihren monatlichen Bedarf Pauschal- beträge vor, die je nach Art der Ausbildungsstätte und der Unterbringung unterschiedlich hoch sind: Pauschal- beträge Sie besuchen Sie wohnen bei Ihren Eltern Sie haben eine eigene Wohnung Eine weiterführende allgemeinbildende Schule, Berufsfachschule oder Fach- und Fachoberschule (ohne abgeschlossene Berufsausbildung) keine Förderung 348 Euro (383 Euro)* Eine Berufsfachschul- und Fachschulklasse, die in einem zumindest zweijäh- rigen Bildungsgang einen berufsqualifizierenden Abschluss vermittelt (ohne abgeschlossene Berufsaus- bildung) 192 Euro (212 Euro)* 348 Euro (383 Euro)* Eine Abendhaupt- und Abendrealschule, Be- rufsaufbauschule oder Fachoberschule (mit abgeschlossener Berufs- ausbildung) 348 Euro (383 Euro)* 417 Euro (459 Euro)* Eine Fachschule (mit abge- schlossener Berufsausbil- dung), ein Abendgymna- sium oderein Kolleg 354 Euro (389 Euro)* 443 Euro (487 Euro)* Diese Beträge gelten erst ab Oktober 2008
46 Leistungen vor Eintritt ins Berufsleben Eine höhere Fachschule, Akademie oder Hoch- schule 377 Euro (414 Euro)* 466 Euro (512 Euro)* Beitrags- pflichten in der Kranken- versicherung Ausbildung im Ausland Schüler und Studenten, die nicht bei den Eltern wohnen können und besonders hohe Mictbelastungen haben, er- halten weitere 64 Euro (72 Euro)*, soweit die Miet- und Nebenkosten einen Betrag von 52 Euro (57 Euro)* (bei Schülerinnen und Schülern) bzw. 133 Euro (bei Studieren- den) übersteigen. Wenn Sie beitragspflichtig in der gesetzlichen Kranken- versicherung oder einer privaten Krankenversicherung versichert sind, erhöht sich Ihr Bedarfssatz um 47 Euro (50 Euro)* im Monat. Bei einer privaten Teil Versicherung erhöht sich Ihr Bedarfssatz nur in Höhe der nachgewie- senen Kosten. Müssen Sie Beiträge für die Pflegeversiche- rung bezahlen, erhöht sich Ihr Bedarf um weitere 8 Euro (9 Euro)* monatlich. Absolvieren Sie Ihre Ausbildung im Ausland, bekommen Sie zusätzlich als Zuschuss • die notwendigen Studiengebühren (höchstens 4.600 Euro je Studienjahr), • Reisekosten, • ggf. einen Zusatzbetrag für die Kosten der Kranken- versicherung, • für Ausbildungen außerhalb der Europäischen Union einen länderabhängigen Auslandszuschlag (60 bis 450 Euro monatlich) und ♦ für Auszubildende außerhalb der Europäischen Union einen Länder abhängigen Auslandszuschlag (60 bis 450 Euro monatlich). Wenn ein eigenes Kind von Ihnen, das das zehnte Lebens- jahr noch nicht vollendet hat. in Ihrem Haushalt lebt, er- höht sich seit dem 01.12.2007 Ihr Bedarf um monatlich 113 Euro für das erste und 85 Euro für jedes weitere Kind (sog. Kinderbetreuungszuschlag). Diesen Zuschlag kann ♦ Diese Beträge gelten erst ab Oktober 2008
BAföG 47 jedoch immer nur ein Elternteil bekommen. Falls auch der andere Elternteil BAföG-berechtigt ist und gemeinsam mit Ihnen und dem Kind im Haushalt lebt, können Sie selbst entscheiden, wer von ihnen den Zuschlag erhält. Aber nicht nur Ihr Bedarf bestimmt die Höhe der ausge- zahlten Ausbildungsförderung. Die Ausbildungsförderung können Sie nur bekommen, wenn Sie oder Ihre Ihnen un- terhaltspflichtigen Familienmitglieder Ihren Bedarf nicht- aus eigenen Mitteln aufbringen können. Auf Ihren Bedarf wird daher Ihr Einkommen und Vermögen sowie das Ein- kommen Ihres Ehegatten und Ihrer Eltern angerechnet. In folgenden Fällen bleibt das Einkommen Ihrer Eltern je- doch außen vor (sogenanntes elternunabhängiges BAföG): • Der Aufenthaltsort Ihrer Eltern ist nicht bekannt. • Ihre Eltern sind rechtlich oder tatsächlich gehindert, im Inland Unterhalt zu leisten. • Sie besuchen ein Abendgymnasium oder ein Kolleg. • Sie haben den Ausbildungsabschnitt erst nach Vollen- dung des 30. Lebensjahres begonnen. • Sie waren vor Beginn des Ausbildungsabschnittes nach Vollendung des 18. Lebensjahres fünf Jahre erwerbs- tätig. • Sie waren bei Beginn des Ausbildungsabschnitts nach Abschluss einer vorhergehenden, zumindest dreijäh- rigen berufsqualifizierenden Ausbildung weitere drei Jahre oder im Falle einer kürzeren Ausbildung entspre- chend länger erwerbstätig. In den letzten beiden Fällen müssen Sie in den Jahren Ih- rer Erwerbstätigkeit in der Lage gewesen sein, sich aus dem Einkommen aus Ihrer Erwerbstätigkeit selbst zu un- terhalten! Aber auch wenn das Einkommen angerechnet wird, wird es nicht uneingeschränkt und vollständig angerechnet. Zunächst gilt als Einkommen die Summe der positiven Einkünfte im Sinne des § 2 Abs. 1 und 2 des Einkommen- steuergesetzes. Dabei ist ein Ausgleich mit Verlusten aus Elternun- abhängiges BAföG *
48 Leistungen vor Eintritt ins Berufsleben Aktuelles Einkommen entscheidend Freibeträge anderen Einkunftsarten und mit Verlusten des zusammen veranlagten Ehegatten nicht möglich! Für Ihr Einkommen kommt es auf das aktuelle, also das im Bewilligungszeitraum erzielte Einkommen an. Bei Ihren Eltern und Ihrem Ehepartner ist grundsätzlich das Einkommen im vorletzten Jahr vor Beginn des Bewilli- gungszeitraums maßgebend. Allerdings kann auf Ihren Antrag auch bei Ihren Eltern und Ihrem Ehepartner das aktuelle Einkommen zu Grunde gelegt werden, wenn es voraussichtlich wesentlich niedriger ist als das im vorletz- ten Jahr vor Beginn des Bewilligungszeitraumes. Der Ausbildungszuschuss muss zurückgezahlt werden, wenn sich nachträglich bei der endgültigen Leistungsbe- rechnung ergibt, dass das Einkommen höher war, als in der Einkommensprognose angenommen. Von diesen positiven Einkünften werden abgezogen: • Einkommens- und Kirchensteuer, • pauschal festgesetzte Beträge für die soziale Sicherung (das sind Pflichtbeiträge zur gesetzlichen Kranken-, Pfle- ge-, Arbeitslosen- und Rentenversicherung und in ange- messenem Umfang für eine private Kranken-, Pflege-, Unfall- oder Lebensversicherung), • der Altersentlastungsbetrag nach § 24 a des Einkom- mensteuergesetzes, • die Beträge, die für ein selbst genutztes Einfamilien- haus oder eine selbst genutzte Eigentumswohnung als Sonderausgaben nach dem Einkommensteuergesetz be- rücksichtigt werden können. Auf dieses Einkommen werden weitere Freibeträge ge- währt. Im Hinblick auf Ihre Eltern gelten dabei folgende Freibe- träge: 1.400 Euro (1.555 Euro)* monatlich für verheirate- te und zusammenlebendc Eltern. 960 Euro (1.040 Euro)* für alleinstehende Elternteile, 480 Euro (520 Euro)* für Stiefelternteile und 435 Euro (470 Euro)* für Kinder und * Diese Beträge gelten erst ab Oktober 2008
BAföG 49 sonstige Unterhaltsberechtigte, die nicht in einer förde- rungsfähigen Ausbildung sind. Die Freibeträge für den Stiefelternteil, Kinder und son- stige Unterhaltsberechtigte werden jedoch um den Betrag gekürzt, den diese selbst als eigenes Einkommen haben. Von dem verbleibenden Betrag bleiben für Ihre Eltern weitere 5 Prozent anrechnungsfrei. Der anrechnungsfreie Betrag erhöht sich für jedes weitere Kind Ihrer Eltern, dem ein Freibetrag gewährt wird, um weitere 5 Prozent. Der so errechnete Betrag ist der Anrechnungsbetrag, den Ihre Eltern nach dem BAföG für die Finanzierung Ihrer Ausbildung aufbringen müssen. Haben Sie Geschwister, die auch Ansprüche nach dem BAföG oder auf Berufs- ausbildungsbeihilfe (nach § 59 SGB III) haben, wird der Anrechnungsbetrag zu gleichen Teilen unter Ihnen aufge- teilt. Geschwister, die ihren Unterhalt selbst decken (z.B. als Studierende an Bundeswehruniversitäten oder Ver- waltungsfachhochschulen), werden bei dieser Aufteilung nicht berücksichtigt. Ein Anspruch auf Ausbildungsförderung besteht auch dann, wenn Ihre Eltern grundsätzlich Ihren Bedarf aus ih- rem Anrechnungsbetrag voll decken könnten, die Zahlung an Sie jedoch verweigern. In diesen Fällen können Sie die Ausbildungsförderung auf Antrag als Vorausleistung be- kommen. Dadurch werden Ihre Eltern aber nicht aus Ihrer Pflicht zur Unterhaltszahlung entlassen! Ihr Unterhaltsan- spruch gegen Ihre Eltern geht bis zur Höhe der vorausgelei- steten Aufwendungen auf das jeweilige Bundesland über, das dann Ihre Eltern auf Zahlung in Anspruch nimmt. Sind Sie verheiratet, hat Ihr Ehegatte einen Freibetrag von monatlich 960 Euro (1.040 Euro)*. Für jedes Kind und sonstige Unterhaltsberechtigte, die nicht in einer förde- rungsfähigen Ausbildung stehen, erhöht sich der anrech- nungsfreie Betrag um 435 Euro (470 Euro)*. Erhöhung des anrechnungs- freien Betrags Ausbildungs- förderung als Voraus- leistung Diese Beträge gelten erst ab Oktober 2008
50 Leistungen vor Eintritt ins Berufsleben Anrechnungs- freier Hinzu- verdienst Beziehen Sie selbst Einkommen, gelten auch für Sie ei- gene Freibeträge. Sie betragen je nach Ausbildungsstätte monatlich zwischen 112 Euro (z.B. weiterführende allge- meinbildende Schulen) und 215 Euro (z.B. Hochschulen) - ab Oktober 2008 wird der Freibetrag einheitlich 255 Euro betragen Für Ihren Ehegatten bleiben 480 Euro (520 Euro)* und für jedes Ihrer Kinder 435 Euro (470 Euro)* anrechnungsfrei. Auch hier darf weder der Ehegatte noch das Kind in einer Ausbildung stehen, die nach dem BAföG oder nach § 59 Abs. 3 SGB III gefördert wird. Ebenso werden die Freibeträge durch eigenes Einkommen Ihres Ehegatten oder Ihrer Kinder gemindert. Bei Waisenrenten und Waisengeld bleiben für Schülerinnen und Schüler von Berufsfachschulen und Fachschulklassen, deren Besuch eine abgeschlossene Berufsausbildung nicht voraussetzt, monatlich 153 Euro (165 Euro)*, für andere Auszubildende 112 Euro (120 Euro)* anrechnungsfrei. Ohne Freibetrag müssen Sie sich • Einkommen aus einem Praktikanten- oder Ausbil- dungsverhältnis, • Ausbildungsbeihilfe und gleichartige Leistungen aus öffentlichen Mitteln oder von Förderungseinrichtungen, die hierfür öffentliche Mittel erhalten, und • Unterhaltsleistungen des dauernd getrennt lebenden oder geschiedenen Ehegatten voll an rechnen lassen. Was bedeutet das jetzt für Sie? Alle Freibeträge und Ab- zugsmöglichkeiten ausgeschöpft, können Sie also folgende Bruttobeträge im Monat anrechnungsfrei hinzuverdienen: • Als Auszubildender an Hochschulen, Akademien, Hö- heren Fachschulen, Kollegs, Abendgymnasien oder sol- chen Fachschulklassen, deren Besuch eine abgeschlos- sene Berufsausbildung voraussetzt: 350 Euro • Als Auszubildender in Fachoberschulklassen, deren Besuch eine abgeschlossene Berufsausbildung voraus- * Diese Beträge gelten erst ab Oktober 2008
BAföG 51 setzt, an Abendrealschulen, Berufsaufbauschulen und Abendhauptschulen: 271 Euro • Als Auszubildender in Fach- und Fachoberschulklas- sen, deren Besuch eine abgeschlossene Berufsaus- bildung nicht voraussetzt, sowie an weiterführenden allgemeinbildenden Schulen und Berufsfachschulen: 219 Euro Nicht vergessen: Sind Sie verheiratet oder haben Sie Kin- der, dann erhöhen sich diese Freibeträge! Und ab Okto- ber 2008 ändern sich diese Beträge. Sie können dann 400 Euro anrechnungsfrei dazu verdienen. Als Auszubildender wird neben Ihrem Einkommen auch Ihr Vermögen angerechnet. Zum Vermögen zählen alle beweglichen und unbeweglichen Sachen, Forderungen und sonstige Rechte. Ausgenommen ist alles, was Sie aus recht- lichen Gründen nicht verkaufen dürfen. Darüber hinaus gelten nicht als Vermögen Rechte auf Versorgungsbezüge, auf Renten und andere wiederkehrende Leistungen, be- stimmte Übergangsbeihilfen und Wiedereingliederungs- beihilfen, Nießbrauchrechte und Haushaltsgegenstände. Der Wert der jeweiligen Vermögensgegenstände bestimmt sich bei Wertpapieren nach der Höhe des Kurswerts und ist bei sonstigen Gegenständen der Zeitwert. Vom Vermö- gen abzuziehen sind die im Zeitpunkt der Antragstellung bestehenden Schulden und Lasten. Auch beim Vermögen gibt es anrechnungsfreie Beträge: • 5.200 Euro für Sie selbst, • 1.800 Euro für Ihren Ehegatten und • für jedes Ihrer Kinder weitere 1.800 Euro. Der die Freigrenze übersteigende Vermögensbetrag wird durch die Zahl der Kalendermonate des Bewilligungszeit- raums geteilt und dann auf den monatlichen Bedarf ange- rechnet. I Einkommen und Vermögen Anrechnungs- freie Beträge
52 Leistungen vor Eintritt ins Berufsleben Fünf Jahre nach Ende der Förderungs- höchstdauer Vorzeitige Rückzahlung 1.7 Rückzahlung Zunächst einmal müssen Sie nur den Teil der Ausbildungs- förderung zurückzahlen, den Sie als Staats- oder Bankdar- lehen bekommen haben. Dafür haben Sie jedoch Zeit: Mit der Rückzahlung des Staatsdarlehens müssen Sie erst fünf Jahre nach dem Ende der Förderungshöchstdauer oder bei Ausbildungen an Akademien fünf Jahre nach dem Ende der in der Ausbildungs- und Prüfungsordnung vorgesehenen Ausbildungszeit beginnen. Das Staatsdarlc- hen muss dann in Mindestraten von 105 Euro innerhalb von höchstens zehn Jahren zurückgezahlt werden. Wer weniger als 960 Euro (l .040 Euro)* im Monat verdient, kann auf Antrag von der Rückzahlungsverpflichtung frei- gestellt werden. Müssen Sie Ihren Ehegatten oder Kinder unterhalten, dann erhöht sich diese Einkommensgrenze um 480 Euro bzw. 520 Euro* (Ehegatte) und 435 Euro bzw. 470 Euro* (Kind). Sie können das Darlehen auch vorzeitig zurückzahlen. In diesem Fall können Sie auf Antrag einen Nachlass auf Ihre Darlehensschuld bekommen. Im Falle Ihres Todes müssen Ihre Erben das Darlehen grundsätzlich nicht zurückzah- len. Wenn Sie Ihre Ausbildung erst nach dem 28.02.2001 be- gonnen haben, müssen Sie für das Staatsdarlehen übrigens höchstens 10.000 Euro zurückzahlen’ Auf Antrag wird Ihnen auch ein Teil des Darlehens erlas- sen, wenn • Sie in Ihrem Examensjahrgang zu den 30 Prozent be- sten Prüfungsabsolventen gehören und die Abschlus- sprüfung im Inland abgelegt haben, • Sic die Ausbildung vier Monate (2.560 Euro) bzw. zwei Monate (1.025 Euro) vor dem Ende der Förderungs- höchstdauer mit dem Bestehen der Abschlussprüfung abschlossen haben, * Diese Beträge gelten erst ab Oktober 2008
Berufsausbildungsbeihilfe (BAB) 53 • Sie das Darlehen ganz oder teilweise vor Fälligkeit (also vor Ablauf der fünf Jahre) tilgen oder • Sie nicht oder nur in geringfügigem Maße erwerbstätig sind, ein Kind bis zu zehn Jahren pflegen und erziehen oder ein behindertes Kind betreuen. Zuständig für die Rückzahlung ist das Bundesverwal- tungsamt in 50728 Köln. Es schickt jedem Empfänger eines BAföG-Staatsdarlehens ungefähr ein halbes Jahr vor Beginn der Rückzahlungspflicht einen »Feststellungs- und Rückzahlungsbescheid«. In diesem Bescheid werden die Höhe des Darlehens insgesamt und die Höhe der Rück- zahlungsrate verbindlich festgestellt. Außerdem wird mit- geteilt, wann die erste Rate zurückgezahlt werden muss. Teilen Sie dem Bundesverwaltungsamt auch vor Beginn der Rückzahlungspflicht mit, wenn sich Ihre Adresse än- dert! Sie vermeiden so Schwierigkeiten bei der Zustellung des Bescheids oder eine für Sie kostenpflichtige Anschrif- tenermittlung! Mit der Rückzahlung des verzinslichen Bankdarlehens muss in Mindestraten von 105 Euro monatlich sechs Mo- nate nach Ende der Förderungszeit begonnen werden. Müssen Sie sowohl ein Staats- als auch ein Bankdarlehen zurückzahlen, so müssen Sie zuerst das Bankdarlehen und dann das Staatsdarlehen tilgen. Die Rückzahlungsfrist verlängert sich in diesem Fall auf 22 Jahre. 2. Berufsausbildungsbeihilfe (BAB) Die Berufsausbildungsbeihilfe ist eine Förderung für Aus- zubildende in einer Berufsausbildung mit einem Ausbil- dungsvertrag in einem anerkannten betrieblichen Ausbil- dungsberuf. Sie ist im SGB III geregelt und wird von der Agentur für Arbeit gezahlt. Zuständig für die Rück- zahlung I
54 Leistungen vor Eintritt ins Berufsleben Berufs- vorbereitende Maßnahmen 2.1 Förderungsfähige Ausbildung (BAB) Berufsausbildungsbeihilfe können Sie bekommen, wenn Sie eine gesetzlich anerkannte Berufsausbildung machen, die betrieblich oder außerbetrieblich durchgeführt wird, und Sie den dafür vorgeschriebenen Ausbildungsvertrag abgeschlossen haben. Sie können die Berufsausbildungs- beihilfe grundsätzlich nur für Ihre erste Berufsausbildung erhalten. Daneben sind auch berufsvorbreitende Bildungsmaß- nahmen förderungsfähig, wenn sie auf eine Ausbildung vorbereiten, der beruflichen Eingliederung dienen und nicht den Schulgesetzen der Länder unterliegen. In Ausnahmefällen wird auch eine im Ausland durchge- führte Ausbildung oder berufsvorbereitende Maßnahme gefördert. 2.2 Berechtigte Die Berufsausbildungsbeihilfe können Sie grundsätzlich nur bekommen, wenn Sie nicht bei Ihren Eltern wohnen können, weil der Ausbildungsbetrieb zu weit vom Wohn- ort Ihrer Eltern entfernt ist. Ausnahmen gibt es nur für den Fall, dass Sie über 18 Jahre alt oder verheiratet sind (oder waren), mindestens ein Kind haben oder aus schwer- wiegenden sozialen Gründen - zum Beispiel wenn Sie schwanger sind - nicht auf die Wohnung der Eltern oder eines Elternteils verwiesen werden können. Anders, wenn Sie statt einer Berufsausbildung eine be- rufsvorbereitende Maßnahme absolvieren. Dann können Sie auch eine Förderung bekommen, wenn Sie bei Ihren Eltern wohnen. Allerdings setzt die Förderung einer be- rufsvorbereitenden Maßnahme voraus, dass die Maßnah- me zur Vorbereitung auf eine Berufsausbildung oder zur beruflichen Eingliederung erforderlich ist und Ihre Fähig- keiten erwarten lassen, dass Sie das Ziel der Maßnahme erreichen. Außerdem müssen Sie deutscher Staatsangehöriger sein, damit Sie die Berufsausbildungsbeihilfe bekommen kön-
Berufsausbildungsbeihilfe (BAB) 55 nen. Aber auch wenn Sie nicht deutscher Staatsangehöriger sind, können Sie Leistungen erhalten, wenn ein Elternteil bzw. Ihr Ehegatte Deutscher ist oder wenn Sie als An- gehöriger eines Staates der Europäischen Gemeinschaft Freizügigkeit oder ein Verbleiberecht genießen. Einen An- spruch haben Sie auch als ausländischer Auszubildender, wenn Sie als Asylberechtigter anerkannt sind, aufgenom- mener Flüchtling oder Heimatloser sind. Ansonsten wird Ihnen, wenn Sie nicht deutscher Staatsangehöriger sind, dann Ausbildungsförderung geleistet, wenn • Sie sich selbst insgesamt fünf Jahre vor Beginn der Ausbildung im Inland aufgehalten haben und rechtmä- ßig erwerbstätig waren oder • sich zumindest ein Elternteil in den letzten sechs Jah- ren vor Beginn der Ausbildungsabschnitts drei Jahre in der Bundesrepublik Deutschland rechtmäßig aufgehal- ten hat und erwerbstätig war. 2.3 Bezugsdauer Der Anspruch auf Berufsausbildungsbeihilfe besteht wäh- rend der gesamten Dauer Ihrer Ausbildung bzw. der be- rufsvorbereitenden Bildungsmaßnahme. 2.4 Die Höhe der Berufsausbildungsbeihilfe In welcher Höhe Ihnen die Berufsausbildungsbeihilfe ge- zahlt wird, hängt davon ab, wie Sie untergebracht sind. Die Bedarfssätze des BAföG gelten entsprechend auch hier. Außerdem werden Fahrtkosten und Pauschalen für Gebühren für die Teilnahme an einem Fernunterricht be- rücksichtigt. Bei berufsvorbereitenden Maßnahmen gibt es weiterhin Pauschalen für Lernmittel, Arbeitskleidung und Betreuung der aufsichtsbedürftigen Kinder sowie im Bedarfsfall Unterstützung bei der Kranken- und Pflege- versicherung und den sonstigen Kosten, soweit sie durch die Ausbildung oder Teilnahme an der berufsvorbereiten- den Maßnahme unvermeidbar entstehen. Ausländer Unterbrin- gung ist maßgebend
56 Leistungen vor Eintritt ins Berufsleben Auch bei der Berufsausbildungsbeihilfe wird Ihr eigenes Einkommen, das Einkommen Ihrer Eltern und das Ein- kommen Ihres nicht dauernd getrennt lebenden Ehegat- ten angerechnet, soweit es die Freibeträge übersteigt. Die Vorschriften sind mit den Anrechnungsvorschriften des BAföG im Wesentlichen vergleichbar. Ähnlich wie beim BAföG haben Sie jedoch dann unab- hängig von der Leistungsfähigkeit Ihrer Eltern Anspruch auf Berufsausbildungsbeihilfe, wenn Ihre Eltern die Zah- lung verweigern oder Ihnen notwendige Auskünfte nicht geben. 2.5 Antrag auf Berufsausbildungsbeihilfe |~ Sie müssen die Bcrufsausbildungsbeihilfe bei Ihrer Agen- • tur für Arbeit vor Ort beantragen. Sie wird ab dem Monat gezahlt, ab dem Sie sie beantragt haben. 3. »Meister-BAfög« Das sog. »Meister-BAföG« ist im Aufstiegsfortbildungs- förderungsgesetz (AFBG) geregelt. Es soll Teilnehmer- innen und Teilnehmer an Maßnahmen der beruflichen Aufstiegsfortbildung finanziell unterstützen. 3.1 Berechtigte Gefördert werden können Sie, wenn Sie • bereits übereine nach dem Berufsbildungsgesetz (BBiG) oder der Handwerksordnung (HwO) anerkannte, abge- schlossene Erstausbildung oder einen vergleichbaren Berufsabschluss verfügen und • noch keine berufliche Qualifikation haben, die dem angestrebten Fortbildungsabschluss zumindest gleich- wertig ist und • Deutscher bzw. Staatsangehöriger der Europäischen Union sind. Unter bestimmten weiteren Vorausset- zungen können Sie aber auch dann gefördert werden, wenn Sie weder deutscher Staatsangehöriger noch
»Meister-BAföG 57 Staatsangehöriger der Europäischen Union sind. Diese Voraussetzungen sind beispielsweise dann erfüllt, wenn Sie sich bereits drei Jahre rechtmäßig in Deutschland aufgehalten haben und erwerbstätig sind. Eine Altersgrenze besteht im Gegensatz zur Förderung nach dem BAföG nicht! 3.2 Förderungsfähige Fortbildungsmaßnahmen Damit eine Fortbildungsmaßnahme gefördert werden kann, muss sie folgende Voraussetzungen erfüllen: • Der angestrebte Fortbildungsabschluss muss eine abge- schlossene Erstausbildung in einem nach dem Berufs- bildungsgesetz, der Handwerksordnung oder bundes- oder landesrechtlich anerkannten Beruf voraussetzen, • die Fortbildungsmaßnahme muss gezielt auf eine öffent- lich-rechtliche Fortbildungsprüfung nach dem Berufs- bildungsgesetz, der Handwerksordnung oder bundes- oder landesrechtlich anerkannten Beruf vorbereiten und • die angestrebte Fortbildungsprüfung muss über dem Niveau einer Facharbeiter-, Gesellen-, Gehilfenprüfung oder eines Berufsfachschulabschlusses liegen. Darüber hinaus muss die Maßnahme insgesamt minde- stens 400 Unterrichtsstunden umfassen, wobei bei Voll- zeitmaßnahmen an vier Werktagen Lehrveranstaltungen mit mindestens 25 Unterrichtsstunden stattfinden müssen. Bei Teilzeitmaßnahmen müssen innerhalb von acht Mo- naten mindestens 150 Unterrichtsstunden stattfinden. Die Teilzeitmaßnahme darf nicht länger als vier Jahre dauern. Auch Fernlehrgänge und mediengestützte Lehrgänge sind grundsätzlich förderungsfähig. Ganz oder teilweise im Ausland stattfindende Fortbil- dungsmaßnahmen werden gefördert, wenn sie auf Grund von Kooperationsvereinbarungen zwischen den in den jeweiligen Mitgliedstaaien zuständigen Stellen durchge- führt werden. Voraus- setzungen Dauer der Maßnahme Fernlehrgänge
58 Leistungen vor Eintritt ins Berufsleben Nicht gefördert werden Fortbildungsabschlüsse, die ober- halb der Meisterebene liegen (z.B. Hochschulabschlüsse). 3.3 Zuschuss oder Bankdarlehen Die Ausbildungsförderung bekommen Sie teilweise als Zuschuss und teilweise als Bankdarlehen. Das Bankdarlehen ist während der Fortbildung und den darauf folgenden zwei Jahren zinsfrei. Danach wird es mit einem günstigen Zinssatz verzinst. Einzelheiten zum sogenannten Bildungsdarlehen finden Sie in dem Ratgeber der Verbraucherzentralen »Clever studieren mit der richtigen Finanzierung«. 3.4 Die Höhe der Aufstiegsförderung Die Aufstiegsförderung setzt sich zusammen aus einem Un- terhaltsbeitrag, der Finanzierung der Lehrgangs- und Prü- fungsgebühren (höchstens 10.226 Euro, davon 30,5 Prozent als Zuschuss) und den notwendigen Kosten der Anfertigung des Prüfungsstückes bis zur Hälfte der Kosten (höchstens 5.434 Euro, zu 100 Prozent als Darlehen). Höchstsätze Der Unterhaltsbetrag wird bis zu folgenden Höchstsätzen gewährt: Familien- situation Unterhalts- betrag insgesamt davon als Zuschuss Alleinstehende ohne Kind 614 Euro 202 Euro Alleinstehende mit Kind 793 Euro 202 Euro Verheiratete 829 Euro 202 Euro Verheiratete mit einem Kind 1.008 Euro 202 Euro Verheiratete mit zwei Kindern 1.187 Euro 202 Euro
Meister-BAföG 59 Für jedes weitere Kind erhöht sich der Darlehensanteil um 179 Euro. Wenn Sie alleinerziehend sind, können Sie da- rüber hinaus einen monatlichen Zuschuss zu den notwen- digen Kosten für die Kinderbetreuung in Höhe von 113 Euro erhalten. Der Erhöhungsbetrag für ein Kind wird nur gezahlt, wenn für das Kind ein Anspruch auf Kindergeld besteht. Die Unterhaltsbeiträge für Kinder und Ehegatten sind einkom- mens- und vermögensabhängig und reduzieren sich daher um etwaiges anrechenbares Einkommen und Vermögen. Sowohl Ihr Einkommen als auch das Einkommen Ihres Ehegatten wird bei Vollzeitmaßnahmen auf den Unter- haltsbetrag angerechnet. Bei Ihnen selbst wird darüber hinaus auch Ihr Vermögen angerechnet. Anders als bei Leistungen nach dem BAföG bleiben Einkommen und Vermögen der Eltern dagegen immer außen vor. Bei Ihnen selbst sind Ihre aktuellen Einkommensverhältnisse maß- gebend, bei Ihrem Ehegatten die des vorletzten Kalender- jahres. Die Einkommens- und Vermögensfreibeträge betragen bei Einkommen, das Sie selbst beziehen, für Sie 215 Euro, 480 Euro für Ihren Ehegatten und 435 Euro für jedes Kind. Bei Einkommen, das Ihr Ehegatte bezieht, 960 Euro für Ihren Ehegatten und 435 Euro für jedes Kind. Von Ihrem Vermögen bleibt für Sie selbst ein Freibetrag in Höhe von 35.791 Euro anrechnungsfrei. Für Ihren Ehe- gatten und für jedes Kind gibt es einen Freibetrag in Höhe von 1.790 Euro. Zur Vermeidung unbilliger Härten kön- nen darüber hinaus weitere Vermögenswerte wie z.B. ein selbst genutztes Einfamilienhaus oder Bausparverträge anrechnungsfrei bleiben. Die Förderung zur Finanzierung der Lehrgangs- und Prü- fungsgebühren erfolgt unabhängig von Einkommen und Vermögen! Erhöhungs- betrag für ein Kind Einkom- mens- und Vermögens- freibeträge
60 Leistungen vor Eintritt ins Berufsleben Schriftform erforderlich Zustande- kommen 3.5 Rückzahlung Nach Ablauf einer Karenzzeit von höchstens sechs Jahren müssen Sie das Darlehen in monatlichen Raten von min- destens 128 Euro zurückzahlen. Sie können für die Rück- zahlungsdauer zwischen einem variablen und einem festen Zinssatz wählen. In Teilbeträgen von 500 Euro kann das Darlehen auch vorzeitig zurückgezahlt werden. Unter bestimmten Voraussetzungen kann das Darlehen wegen Kindererziehung oder auch im Falle einer Exi- stenzgründung gestundet oder erlassen werden. 3.6 Aufstiegsförderungsantrag Die Aufstiegsförderung müssen Sie schriftlich bei der nach dem Landesrecht zuständigen Behörde beantragen. Zuständige Behörde ist in der Regel das kommunale Amt für Ausbildungsförderung bei den Kreisen und kreisfreien Städten an Ihrem Wohnort. Die Förderung in Form der Unterhaltsbeiträge kann frühe- stens ab dem Antragsmonat erfolgen. Die Maßnah mebei- träge können auch bis zum Ende der Maßnahme beantragt werden. Der Darlehensvertrag kommt folgendermaßen zustande: Mit dem Bewilligungsbescheid bekommen Sie einen Ver- tragsentwurf des Darlehensvertrags übersandt. Mit diesem können Sie dann mit der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) einen privatrechtlichen Darlehensvertrag abschlie- ßen. Ausgezahlt werden die Darlehen von der KfW, sobald mit ihr darüber ein gesonderter Darlehenvertrag abge- schossen wurde. 3.7 Aufstiegsförderung und andere Ausbildungs- förderung Eine Aufstiegsförderung ist ausgeschlossen, wenn Sie schon Leistungen nach dem BAföG, Unterhaltsgeld oder Arbeitslosengeld bei beruflicher Weiterbildung nach dem SGB III beziehen oder Leistungen zur Rehabilitation be- kommen.
61 Kapitel 5 Leistungen bei Arbeitslosigkeit 1. Allgemeines »Wer arbeitslos ist, bekommt Arbeitslosengeld.« Diesen Satz hört man häufig. Er ist aber zum einen ungenau, weil es mindestens drei Arten von Arbeitslosengeld gibt (Ar- beitslosengeld I bei Arbeitslosigkeit, Arbeitslosengeld I bei beruflicher Weiterbildung und Arbeitslosengeld II). Er ist aber auch unvollständig, denn nicht jeder Arbeitslose erhält Arbeitslosengeld und für manche Arbeitslosen ste- hen andere Leistungen als Arbeitslosengeld zur Verbesse- rung ihrer Situation zur Verfügung. Claudia Pohl hat gerade die Realschule abgeschlossen und ist völlig verzweifelt. Sie findet keine Lehrstelle. Auf ihre Bewerbungen bekommt sie immer nur Absagen. Soll sie mit 17 schon Arbeitslosengeld beziehen? Es gilt der Grundsatz, dass zunächst andere Leistungen als Arbeits- losengeld von der Arbeitsagentur erbracht werden sollen (§ 5 SGB III). Der Bezug von Arbeitslosengeld soll erst dann stattfinden, wenn alle anderen Leistungen die Ar- beitslosigkeit nicht beenden können. Hierzu zählen vor allem die Leistungen der sog. »aktiven« Arbeitsförderung. Das sind alle Leistungen mit Ausnahme des Arbeitslosen- geldes bei Arbeitslosigkeit, des Teilarbeitslosengeldes und des Insolvenzgeldes. Zunächst also zu den Leistungen, die dem Arbeitslosen- geld vorgehen. Drei Arten von Arbeitslo- sengeld Beispiel
62 Leistungen bei Arbeitslosigkeit 2. Leistungen der aktiven Arbeitsförderung 2.1 Berufsberatung, Ausbildungs- und Arbeits- vermittlung und Unterstützungsleistungen Beratung Die Agenturen für Arbeit müssen Jugendlichen und Er- wachsenen, die am Arbeitsleben teilnehmen oder teilneh- men wollen, Berufsberatung anbieten. Die Berufsberatung umfasst die Erteilung von Auskunft und Rat zur Berufs- wahl, zur beruflichen Entwicklung und zum Berufswech- sel, zur Lage und Entwicklung des Arbeitsmarktes und der Berufe, zu den Möglichkeiten der beruflichen Bildung, zur Ausbildungs- und Arbeitsplatzsuche sowie zu den Leistungen der Arbeitsförderung. Hierzu gehört auch das Angebot der Arbeitsagenturen, über Arbeitsmarktlage und Berufe zu informieren. Vermittlung Neben der Beratung müssen die Arbeitsagenturen auch Vermittlung anbieten. Darunter sind alle Tätigkeiten zu verstehen, die darauf gerichtet sind, Arbeitsuchende, aber auch Ausbildungssuchende mit Arbeitgebern zusammen- zuführen mit dem Ziel, ein Ausbildungs- oder Arbeits- verhältnis zu begründen. Ist unklar, in welche berufliche Tätigkeit, aber auch in welche berufliche Ausbildung ver- mittelt werden kann, soll die Arbeitsagentur eine Teilnah- me des Arbeit- oder Ausbildungssuchenden an einer Maß- nahme der Eignungsfeststellung vorsehen. Dabei werden vor allem Kenntnisse und Fähigkeiten, das Leistungsver- mögen und die beruflichen Entwicklungsmöglichkeiten des Arbeitslosen ermittelt. Trainings- Daneben gibt es Trainingsmaßnahmen, insbesondere Be- maßnahmen Werbungstraining, durch die die Selbstsuche des Arbeits- losen gefördert und weitere Kenntnisse und Fähigkeiten, die für eine erfolgreiche Vermittlung notwendig sind, bei- gebracht werden Die Kosten für derlei Maßnahmen kön- nen von der Arbeitsagentur übernommen werden. Darun- ter fallen die Lehrgangskosten und Prüfungsgebühren, die Fahrkosten für die tägliche Hin- und Rückfahrt zwischen Wohnung und dem Ort, an dem die Trainingsmaßnahme stattfindet, sowie die Kosten für die Betreuung eines auf-
Leistungen der aktiven Arbeitsförderung 63 sichtsbedürftigen Kindes des Arbeitslosen in Höhe von 130 Euro monatlich je Kind. Daneben können Bewerbungskosten (bis zu einem Betrag von 260 Euro jährlich) und Reisekosten im Zusammen- hang mit Fahrten zur Berufsberatung, Vermittlung, Eig- nungsfeststellung und zu Vorstellungsgesprächen über- nommen werden. Hier ist jedoch ein Antrag zu stellen, bevor die Kosten entstehen. Ob die Kosten von der Arbeitsagentur übernommen wer- den, steht in deren Ermessen. Der Einzelne hat keinen un- bedingten Anspruch auf Übernahme der Kosten, sondern nur auf pflichtgemäße Ermessensausübung. 2.2 Beihilfen Bietet sich für den Arbeitslosen die Chance, eine Arbeit anzunehmen, können Mobilitätshilfen (§53 SGB III) bezahlt werden, wenn dies zur Aufnahme der Beschäf- tigung notwendig ist. Zu den Mobilitätshilfen gehören Leistungen für den Lebensunterhalt bis zur ersten Ar- beitsentgeltzahlung (Übergangsbeihilfen), Leistungen für Arbeitskleidung und Arbeitsgerät (Ausrüstungsbeihilfen), die Übernahme der Kosten für die Fahrt zum Antritt ei- ner Arbeitsstelle (Reisekostenbeihilfe), die Übernahme der Kosten für die tägliche Fahrt zwischen Wohnung und Arbeitsstelle (Fahrkostenbeihilfe), die Übernahme der Kosten für eine getrennte Haushaltsführung (Trennungs- kostenbeihilfe) sowie die Übernahme der Kosten für einen Umzug (Umzugskostenbeihilfe). Die Kosten für die einzelnen Beihilfen sind unterschied- lich gestaffelt: Als Übergangsbeihilfe kann ein zinsloses Darlehen in Höhe von bis zu 1.000 Euro gezahlt werden, als Ausrüstungsbeihilfe können Kosten bis zur Höhe von 260 Euro übernommen werden, Reisekostenbeihilfe gibt es bis zu 300 Euro und Trennungskostenbeihilfe kann für die ersten sechs Monate der Beschäftigung bis zu einem Betrag von monatlich 2ö0 Euro gewährt werden usw. Mobilitäts- hilfen Kosten
64 Leistungen bei Arbeitslosigkeit 2.3 Gründungszuschuss für Selbständige Will der Arbeitslose seine Arbeitslosigkeit dadurch been- den, dass er eine selbständige Tätigkeit aufnimmt, kann er hierfür Leistungen von der Arbeitsagentur erhalten. § 57 SGB III sieht seit dem 1.8.2006 die Zahlung eines Grün- dungszuschusses vor. Dieser Gründungszuschuss wird für die Dauer von neun Monaten geleistet. Der Arbeitslose kann das bisher bezogene Arbeitslosengeld weiter beziehen, zzgl. monatlich 300 Euro. Nach den neun Monaten wird kein Ar- beitslosengeld mehr gezahlt; es können lediglich für weitere sechs Monate 300 Euro gewährt werden. Voraus- Voraussetzung für den Erhalt des Gründungszuschusses Setzung ist, dass der Arbeitslose eine selbständige hauptberufliche Tätigkeit ausüben will und keinen Beruf, der aufgrund eines Arbeitsvertrages ausgeübt wird. Den Gründungszu- schuss können nur Arbeitslose erhalten, die im Zeitpunkt der Aufnahme der selbständigen Tätigkeit noch einen An- spruch auf Arbeitslosengeld (gemeint ist das Arbeitslosen- geld I nach dem SGB III und nicht das Arbeitslosengeld II nach dem SGB II!) von mindestens 90 Tagen haben! Au- ßerdem muss der Arbeitslose der Arbeitsagentur die Trag- fähigkeit der Existenzgründung nachweisen. Das kann er am besten durch eine Stellungnahme der IHK, der Hand- werkskammer, einer Sparkasse, von Fachverbänden usw. Es muss sich um eine sog. fachkundige Stelle handeln. Schließlich - und das ist selbstverständlich - muss er die zur Ausübung der selbständigen Tätigkeit erforderlichen Kenntnisse und Fähigkeiten haben. 2.4 Berufsausbildungsbeihiife Während einer beruflichen Ausbildung können Auszubil- dende von der Arbeitsagentur Berufsausbildungsbeihilfe beziehen (§ 59 SGB III). Hierdurch werden der Lebensun- terhalt gedeckt, die Fahrtkosten, sonstige Aufwendungen und die Lehrgangskosten übernommen, soweit dem Aus- zubildenden diese Mittel nicht anderweitig zur Verfügung stehen. Allerdings muss die berufliche Ausbildung - aber auch eine berufsvorbereitende Bildungsmaßnahme - nach
Leistungen der aktiven Arbeitsförderung 65 Ansicht der Arbeitsagentur förderungsfähig sein und der Auszubildende zum förderungsfähigen Personenkreis gehören. Als Bedarf für den Lebensunterhalt werden die Sätze nach dem Bundesausbildungsförderungsgesetz zu Grunde gelegt (siehe Seite 45 f.). 2.5 Weiterbildungskosten (Arbeitslosengeld bei Weiterbildung) Lässt sich der Arbeitslose qualifizieren, d.h. ist er in einer beruflichen Weiterbildungsmaßnahme, kann die Arbeits- agentur die Weiterbildungskosten übernehmen, wenn die Weiterbildung notwendig ist, um den Arbeitslosen beruf- lich wieder einzugliedern. Außerdem muss vor Beginn der Qualifizierungsmaßnahme eine Beratung durch die Agen- tur für Arbeit erfolgt sein und die Qualifizierungsmaß- nahme sowie der Träger der Maßnahme für die Förderung ausdrücklich zugelassen sein. An Weiterbildungskosten werden die Lehrgangskosten sowie die Kosten für die Eignungsfeststellung, die Fahr- kosten, die Kosten für auswärtige Unterbringung und Ver- pflegung sowie die Kosten für die Betreuung von Kindern übernommen (§ 79 SGB III). Daneben kann der Arbeitslose auch weiterhin Arbeits- losengeld beziehen! Seit dem 01.01.2005 gibt es nämlich ein besonderes Arbeitslosengeld bei beruflicher Weiterbil- dung. Dies ist in § 124 a SGB III geregelt. Voraussetzung ist, dass der Arbeitslose die Voraussetzungen für einen Anspruch auf Arbeitslosengeld bei Arbeitslosigkeit (siehe Seite 68) nur deswegen nicht erfüllt, weil er sich in einer von der Arbeitsagentur geförderten beruflichen Weiterbil- dungsmaßnahme befindet. Die Höhe ist genauso wie beim Arbeitslosengeld bei Arbeitslosigkeit (siehe Seite 76 f.). Berufliche Wiederein- gliederung Arbeitslosen- geld
66 Leistungen bei Arbeitslosigkeit Behindert im Sinne von § 2 SGB IX Gleiche Ansprüche wie nicht behinderte Personen 2.6 Leistungen an behinderte Arbeitslose Ist der Arbeitslose behindert, hat er Anspruch auf eine Vielzahl von Leistungen, die über die normale Förderung eines Arbeitslosen hinausgehen. Behindert ist ein Ar- beitsloser, wenn seine körperlichen Funktionen, geistigen Fähigkeiten oder seine seelische Gesundheit mit hoher Wahrscheinlichkeit länger als sechs Monate von dem für sein Lebensalter typischen Zustand abweichen und er des- wegen nicht mehr am Leben der Gesellschaft in gleichem Maße wie Gleichaltrige teilnehmen kann (§ 2 SGB IX). Behinderte Menschen haben zunächst die gleichen An- sprüche wie nicht behinderte. Dazu gehören der Anspruch auf Beratung und Vermittlung, auf Maßnahmen zur Ver- besserung der Aussichten auf Teilhabe am Arbcitsleben. die Förderung der Aufnahme einer Beschäftigung, die Förderung der Aufnahme einer selbständigen Tätigkeit, die Förderung der Berufsausbildung sowie die Förderung der beruflichen Weiterbildung. Behinderte Menschen er- halten in diesem Rahmen keine zusätzlichen Leistungen. In vielen Fällen sind aber die Voraussetzungen, unter de- nen die Leistungen gewährt werden können, einfacher zu erfüllen. So besteht zum Beispiel der Anspruch auf eine Berufsausbildungsbeihilfe auch dann, wenn der behin- derte Mensch während der beruflichen Ausbildung im Haushalt der Eltern oder eines Elternteils wohnt. In diesen Fällen beträgt der allgemeine Bedarf 282 Euro monatlich. Bei Verheirateten, 21-Jährigen und Älteren sowie Behin- derten, die in einer Lebenspartnerschaft sind, beträgt der Bedarf 353 Euro. Auch wird eine Ausbildung über das vorgesehene Ausbildungsendc hinaus gefördert, wenn Art oder Schwere der Behinderung eine Wiederholung der Ausbildung ganz oder in Teilen sowie eine erneute beruf- liche Ausbildung oder die Verlängerung der Ausbildung es erfordern. Behinderte Menschen erhalten während der Zeit ihrer Be- rufsausbildung, der Berufsvorbercitung einschließlich ei- ner erforderlichen Grundausbildung bzw. der beruflichen Weiterbildung, für die besondere Leistungen erbracht
Leistungen der aktiven Arbeitsförderung 67 werden, Übergangsgeld (§ 160 SGB III). Voraussetzung ist allerdings, dass der behinderte Mensch innerhalb der letzten drei Jahre vor Beginn der Teilnahme mindestens zwölf Monate sozialversicherungspflichtig beschäftigt gewesen ist oder Krankengeld, Versorgungskrankengeld, Verletztengeld oder Krankentagegeld von einem privaten Krankenversicherungsunternehmen bezogen hat und un- mittelbar vor Beginn dieser Leistungen eine versiche- rungspflichtige Beschäftigung (keine geringfügige!) aus- geübt hat (Versicherungspflichtverhältnis). Dies sind nur einige von vielen Möglichkeiten, wann be- hinderte Menschen Übergangsgeld beziehen können. Das gilt z.B. auch für Personen, die ein Kind erziehen, das das 3. Lebensjahr noch nicht vollendet hat, wenn sie unmit- telbar vor der Kindererziehung versicherungspflichtig wa- ren, Arbeitslosengeld oder eine ähnliche Leistung bezogen oder eine als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme geförderte Beschäftigung ausgeübt haben. Die Einzelheiten sind so kompliziert, dass es ratsam ist, im konkreten Fall mit der Arbeitsagentur Kontakt aufzunehmen. Auch wenn diese Voraussetzungen nicht erfüllt sind, können behinderte Menschen unter Umständen Über- gangsgeld erhalten, wenn sie z.B. innerhalb des letzten Jahres vor Beginn der Qualifizierungsmaßnahme einen Berufsausbildungsabschluss erworben haben oder ihr Prüfungszeugnis dem Zeugnis über das Bestehen der Ab- schlussprüfung nach dem Berufsbildungsgesetz oder der Handwerksordnung gleichgestellt worden ist. Die Höhe des Übergangsgeldes ergibt sich nicht aus dem SGB III. Hier muss man in das SGB IX schauen (siehe § 46). Das Übergangsgeld beträgt 75 Prozent von 80 Pro- zent des regelmäßig erzielten Arbeitsentgelts bzw. Netto- entgelts, wenn der arbeitslose Behinderte mindestens ein Kind hat. In den übrigen Fällen beträgt das Übergangsgeld 68 Prozent. Übergangs- geld: Voraus- setzung Kinder- erziehung Höhe
68 Leistungen bei Arbeitslosigkeit Anspruchs- voraus- setzungen Arbeitslos im Sinne von §119 SGB III Wegen der komplizierten Voraussetzungen, insbesondere bei der Berechnung des Übergangsgeldes sollte auf jeden Fall der Kontakt zur Arbeitsagentur gesucht werden! 3. Leistungen der passiven Arbeitsförderung 3.1 Arbeitslosengeld bei Arbeitslosigkeit Claudia Pohl (vgl. Seite 61) geht zusammen mit ihrem Va- ter, der zehn Jahre als Schlosser gearbeitet hat, und nun arbeitslos ist, zur Arbeitsagentur. Beide beantragen Ar- bietslosengeld. Mit Erfolg? a) Voraussetzungen für den Bezug von Arbeitslosengeld Nach § 118 SGB III hat Anspruch auf Arbeitslosengeld bei Arbeitslosigkeit jede Person, die 1. arbeitslos ist, 2. sich bei der Arbeitsagentur arbeitslos gemeldet hat 3. eine Anwartschaftszeit erfüllt hat. 4. noch keine 65 Jahre alt ist und 5. einen Antrag auf Arbeitslosengeld gestellt hat. Ein besonderer Antrag muss nicht gestellt werden, es sei denn, der Arbeitslose will beispielsweise das Arbeitslo- sengeld erst später erhalten (siehe Seite 74). Erste Voraussetzung: Arbeitslosigkeit Eigentlich weiß jeder, dass man arbeitslos ist, wenn man keine Arbeit hat oder nach einer Stelle sucht. Das Gesetz formuliert diesen Begriff aber (in § 119 SGB III) anders: Danach ist ein Arbeitnehmer arbeitslos, wenn er I. nicht in einem Beschäftigungsverhältnis steht, d.h. be- schäftigungslos ist, 2. sich bemüht, seine Beschäftigungslosigkeit zu beenden, d.h., Eigenbemühungen unternimmt, und 3. den Vermittlungsbemühungen der Agentur für Arbeit zur Verfügung steht, d.h. verfügbar ist.
Leistungen der passiven Arbeitsförderung 69 Die Arbeitsagentur (und auch alle anderen Beitragszahler) erwarten von dem Arbeitslosen, dass er alle Möglichkeiten zur beruflichen Eingliederung in den Arbeitsmarkt nutzt und dazu insbesondere die Selbstinformationseinrich- tungen der Agentur für Arbeit in Anspruch nimmt, sich nicht nur durch die Arbeitsagentur, sondern auch durch Dritte vermitteln lässt und bestimmte Verpflichtungen aus einer Eingliederungsvereinbarung, die er mit der Arbeits- agentur geschlossen hat, wahrnimmt. In der sogenannten Eingliederungsvereinbarung, die re- gelmäßig zwischen einem Arbeitslosen und der Arbeits- agentur abgeschlossen wird, muss sich der Arbeitslose häufig verpflichten, innerhalb einer bestimmten Zeit (z.B. innerhalb von zwei Monaten) mehrere Bewerbungen (z.B. 20 bis 30) bei bestimmten Arbeitgebern zu starten. Je nachdem wie clever und erfahren der Arbeitslose ist, muss ihn die Arbeitsagentur auch konkret beraten, wie und bei wem er sich zu bewerben hat. Der gesetzliche Begriff der Arbeitslosigkeit umfasst auch die sogenannte Verfügbarkeit. Die Verfügbarkeit ist nur dann gegeben, wenn der Arbeitslose eine versiche- rungspflichtige, mindestens 15 Stunden wöchentlich um- fassende zumutbare Beschäftigung unter den üblichen Bedingungen des für ihn in Betracht kommenden Arbeits- marktes ausüben kann und darf. Unter den üblichen Bedingungen des Arbeitsmarktes ver- steht man vor allem die üblichen Arbeitszeiten, d.h. von morgens 8.00 bis nachmittags um 16.00 Uhr. Gegenüber der Zeit vor dem 01.01.2005 braucht sich heute ein Ar- beitsloser nicht mehr grundsätzlich immer vollschichtig, d.h. 35 bis 40 Wochenstunden zur Verfügung stellen. Er kann seine Verfügbarkeit auch zeitlich einschränken, z.B. auf 18, 20 oder 30 Stunden. Er erhält dann allerdings auch nur entsprechend gekürztes Arbeitslosengeld. Unter 15 Stunden darf er allerdings seine Verfügbarkeit nicht ein- schränken. Dann ist er nicht mehr verfügbar im Sinne des Gesetzes und damit nicht mehr arbeitslos und erhält überhaupt kein Arbeitslosengeld. Er kann seine Arbeits- Eingliede- rungsverein- barung Übliche Arbeitszeiten
70 Leistungen bei Arbeitslosigkeit zeit, für die er vermittelt werden will, auch in ihrer Lage bestimmen, d.h. er kann sagen, dass er nur von 8 bis 12 Uhr täglich oder von 13 bis 18 Uhr arbeiten möchte. Die Lage muss nur so sein, dass sie nicht völlig unüblich ist. Das Gesetz spricht davon, dass die Lage der Arbeitszeit den üblichen Bedingungen des Arbeitsmarktes entspre- chen muss. Zumutbarkeit Und die entsprechenden Stellen müssen für ihn zumutbar sein. Zumutbar sind alle Stellen, die nicht gegen gesetz- liche, tarifliche oder in Betriebsvereinbarungen festge- legte Bestimmungen über Arbeitsbedingungen oder gegen Bestimmungen des Arbeitsschutzes verstoßen. Darüber hinaus braucht der Arbeitslose eine Stelle, die ihm von der Arbeitsagentur angeboten wird, nicht annehmen, wenn das daraus erzielbare Nettoeinkommen niedriger ist als das Arbeitslosengeld. Dies gilt allerdings erst vom siebten Monat der Arbeitslosigkeit an. Vorher muss er lediglich Abschläge von 20 Prozent seines vorherigen Arbeitsent- gelts für die ersten drei Monate und 30 Prozent für die fol- genden drei Monate der Arbeitslosigkeit hinnehmen. Beispiel Thorsten Pohl, Vater von Claudia Pohl, hatte hei einem Bruttoeinkommen von 3.000 Euro nach Abzug von Sozi- alabgaben und Steuern ein Nettoeinkommen von 2.160 Euro. Er könnte Arbeitslosengeld in Höhe von 1.300 Euro im Monat erhalten. Angenommen, ihm würde eine Stelle in einer anderen Stadt bei einem großen Unternehmen an- geboten, bei der er 2.000 Euro brutto und nach Abzug von Sozialabgaben sowie Steuern l .440 Euro netto verdienen würde. Um zu seiner Arbeitsstelle zu gelangen, müsste er sich eine Monatskarte der Deutschen Bahn kaufen, die 140 Euro kostet. Sein Nettoarbeitsentgelt aus der neuen Stelle (1.440 Euro) abzgl. der Werbungskosten in Zusammenhang mit dieser Stelle (140 Euro) würde also nicht niedriger als das Ar- beitslosengeld von 1.300 Euro sein. Daher müsste er die- se Stelle annehmen.
Leistungen der passiven Arbeitsförderung 71 Das gilt auch, wenn er täglich 2 V2 Stunden (hin und zu- rück) unterwegs wäre, um seine Arbeitsstelle zu erreichen bzw. von der Arbeitsstelle nach Hause zu kommen. Ar- beitslosen wird eine Pendelzeit von 2 V2 Stunden bei einer vollschichtigen Tätigkeit (mehr als 6 Stunden) und eine Pendelzeit von mehr als 2 Stunden bei einer Arbeitszeit von 6 Stunden und weniger zugemutet. Der Arbeitslose darf eine ihm angebotene Stelle nicht schon deswegen ablehnen, weil sie befristet ist, vorüberge- hend eine getrennte Haushaltsführung erfordert oder nicht zu dem Kreis der Beschäftigungen gehört, für die er aus- gebildet ist oder die er bisher ausgeübt hat. Um Arbeitslosengeld zu erhalten, muss der Arbeitslose außerdem für die Arbeitsagentur erreichbar sein. Das ist er nur, wenn er täglich unter seiner Postanschrift persön- lich erreicht werden kann. Allerdings mutet man dem Ar- beitslosen nicht zu, dass er den ganzen Tag wartet, ob die Arbeitsagentur sich meldet und ein Stellenangebot macht oder ihn zu einer Vorstellung einlädt. Einmal am Tag (au- ßer an Sonn- und Feiertagen!) muss er sich allerdings in seiner Wohnung aufhalten und in den Briefkasten schau- en, ob Post von der Arbeitsagentur angekommen ist. Arbeitslosengeld kann ein Arbeitsloser also nicht erhalten, wenn er sich nicht unter seiner Adresse aufhält. Will er sich im Nahbereich der Arbeitsagentur aufhalten (z.B. in einer benachbarten Stadt oder in allen Städten, die an den Bezirk der Arbeitsagentur angrenzen und von denen aus er die Arbeitsagentur in etwa l bis 1 ‘4 Stunden erreichen kann), muss er dies der Arbeitsagentur sofort mitteilen, wenn sein Aufenthalt länger als einen Tag dauern sollte. Will der Arbeitslose den Nahbereich verlassen, kann er dies ohne Probleme. Er muss dies allerdings der Arbeits- agentur mitteilen und einen Antrag auf »Urlaub« stellen. Nach dem Gesetz stehen ihm auf jeden Fall drei Wochen »Urlaub« pro Jahr zu. Erreichbarkeit I Mitteilungs- pflicht bei Aufenthalt im Nahbereich
72 Leistungen bei Arbeitslosigkeit Der Arbeitslose (Ausnahme für 58-Jährige!) darf nicht ei- nen Nachsendeauftrag bei der Post stellen oder jemanden beauftragen, nach seiner Post zu schauen. Außerdem muss der Arbeitslose bereit sein, jede Beschäf- tigung, aber auch jede Eingliederungsmaßnahme in das Erwerbsleben anzunehmen. Das gilt nicht im gleichen Umfang für Arbeitnehmer, die älter als 58 Jahre sind. Diese können der Arbeitsagentur erklären, nicht mehr jede zumutbare Beschäftigung anneh- men zu wollen. Sie werden dann von der Arbeitsagentur nicht mehr mit Stellenangeboten »belästigt«. Sie können sich auch bis zu 17 Wochen im Jahr von ihrer Wohnung entfernen, ohne ihren Anspruch auf Arbeitslosengeld zu gefährden. Allerdings müssen sie dies der Arbeitsagentur vorher an zeigen. Zuständige Arbeits- agentur <7 Zweite Voraussetzung: die Meldung Der Arbeitslose muss sich bei der Arbeitsagentur melden, damit er Arbeitslosengeld bekommt. Nach § 122 SGB III hat sich der Arbeitslose persönlich bei der zuständigen Agentur für Arbeit arbeitslos zu melden. Zuständig ist die Arbeitsagentur, in deren Bezirk der Arbeitnehmer bei Ein- tritt der Arbeitslosigkeit seinen Wohnsitz oder gewöhn- lichen Aufenthalt hat. Wenn der Arbeitnehmer von dem Eintritt der Arbeitslosigkeit überrascht wird und sich nicht an seinem Wohnort aufhält, kann er sich auch bei jeder anderen Arbeitsagentur melden, damit er keinen Tag des Arbeitslosengeldes verliert. Die nicht zuständige Arbeits- agentur wird seinen Antrag an die zuständige Arbeits- agentur übermitteln. Am nächsten Tag muss er sich dann allerdings bei der zuständigen Arbeitsagentur melden. Der Arbeitslose braucht - wenn er vom Eintritt seiner Ar- beitslosigkeit schon vorher erfahren hat - nicht zu warten, bis die Arbeitslosigkeit eingetreten ist. Er kann seine Ar- bcitslosmeldung auch schon drei Monate vor ihrem Ein- tritt der Arbeitsagentur melden. Nimmt der Arbeitslose irgendeine Beschäftigung auf, und sei es nur, dass er in der Familie mithilft, erlischt die Wir-
Leistungen der passiven Arbeitsförderung 73 kung der Meldung, wenn er die Aufnahme der Beschäfti- gung oder Tätigkeit der Arbeitsagentur nicht unverzüglich mitteilt. Das bedeutet, dass er ab dem gleichen Zeitpunkt eine »Schwarzarbeit« verrichtet und keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld mehr hat. Möglicherweise muss er das gesamte Arbeitslosengeld, das er nach der Aufnahme der »Schwarzarbeit« erhält, später zurückzahlen. Dritte Voraussetzung: die Erfüllung der Anwartschaftszeit Das Gesetz bestimmt, dass nicht jeder sofort Arbeitslosen- geld erhalten darf. Vielmehr muss er vorher bereits eine gewisse Zeit als Arbeitnehmer beschäftigt gewesen sein. Es ist nicht erforderlich, dass Beiträge zur Sozialversi- cherung entrichtet worden sind! Durch die Beschäftigung oder einen anderen Umstand (siehe Seite 67) kann man eine sog. Anwartschaft auf das Arbeitslosengeld erwer- ben. Voraussetzung dafür ist, dass man innerhalb von zwei Jahren - gerechnet ab dem Zeitpunkt der Arbeitslosigkeit bzw. der Erfüllung aller sonstigen Voraussetzungen für den Anspruch auf Arbeitslosengeld - mindestens zwölf Monate gearbeitet oder in einem sonstigen Versicherungs- pflichtverhältnis (siehe Seite 67) gestanden hat. Anstelle einer Beschäftigung kann man die erforderlichen zwölf Monate auch durch den Bezug von Krankengeld, Ver- letztengeld, Übergangsgeld, Krankentagegeld oder einer Rente wegen voller Erwerbsminderung erfüllen, sofern unmittelbar vorher Versicherungspflicht, z.B. wegen Be- rufstätigkeit bestand oder Arbeitslosengeld bezogen wur- de. Das Gleiche gilt für Arbeitslose, die ein Kind bis zum 3. Lebensjahr erzogen haben. In unserem Fall würde Claudia Pohl die Anwartschafts- zeit nicht erfüllen, da sie direkt von der Schule in die Ar- beitslosigkeit geschickt wurde. Für Vater Thorsten Pohl dagegen gibt es keine Schwierigkeiten. Wenn er z.B. am 01.01.2006 arbeitslos geworden ist, wird überprüft, ob er in der Anwartschaftszeit vom 01.01.2004 bis 31.12.2005 (zwei Jahre) mindestens zwölf Monate in einem Versiche- Beschäftigung als Arbeit- nehmer Beispiel
74 Leistungen bei Arbeitslosigkeit <7 Beispiel rungspflichtverhältnis gestanden hat. Da er im Wesent- lichen fortlaufend gearbeitet hat, fällt es ihm nicht schwer, diese Voraussetzung zu erfüllen. Die Zwei-Jahres-Frist (Rahmenfrist) kann aber auch kür- zer sein. Dies ist immer dann gegeben, wenn sie in eine sonstige Rahmenfrist hineinreichen würde, in der der Ar- beitslose eine Anwartschaftszeit erfüllt hatte. Wenn Thorsten Pohl am 01.01.2002 arbeitslos geworden ist, und für acht Monate Arbeitslosengeld bezogen hat. am 01.09.2002 wieder eine Arbeit aufgenommen hat und diese bis zum 31.08.2003 verrichten konnte, reicht die An- wartschaftszeit nur bis zum 01.01.2002! Bei seiner Zeit der ersten Arbeitslosigkeit (ab 01.01.2002) wird die Rahmenfrist von zwei Jahren berechnet vom 01.01.2000 bis 31.12.2001. In der zweiten Zeit der Arbeits- losigkeit würde die Rahmenfrist vom 31.08.2003 bis zum 31.08.2001 reichen. Da aber die Zeit vom 31.08.2001 bis 31.12.2001 bereits in der vorhergehenden Rahmenfrist enthalten war, darf diese Zeit nicht noch mal gerechnet werden. In diesen Fällen ist zu prüfen, ob der Arbeitslose die Voraussetzungen (zwölf Monate in einem Versiche- rungspflichtverhältnis) auch in der kürzeren Rahmenfrist von nur 20 Monaten erfüllt hatte. Da Thorsten Pohl vom 01.09.2002 bis 31.08.2003 gearbeitet hat, hat er diese Voraussetzung erfüllt. Vierte Voraussetzung: Der Arbeitnehmer darf das 65. Lebensjahr noch nicht vollendet haben. Fünfte Voraussetzung: Antrag Persönliche Grundsätzlich muss der Arbeitslose keinen besonderen An- Meldung trag auf Arbeitslosengeld stellen, wenn er sich persönlich ar- beitslos meldet. In manchen Fällen kann es aber sinnvoll sein, sich zwar persönlich arbeitslos zu melden, gleichzeitig aber zu erklären, dass Arbeitslosengeld noch nicht beantragt wird. Dies ist z.B. in allen Fällen zweckmäßig, in denen der Ar- beitslose kurz vor der Vollendung des 55. Lebensjahres steht.
Leistungen der passiven Arbeitsförderung 75 Wenn Thorsten Pohl nach vielen Jahrzehnten Arbeit etwa einen Monat vor Vollendung des 55. Lebensjahres zur Ar- beitsagentur geht und einen Antrag auf Arbeitslosengeld stellt, würde er höchstens für 15 Monate Arbeitslosengeld beziehen. Kann er den einen Monat bis zur Vollendung des 55. Lebensjahres anderweitig finanziell überbrücken, stünde ihm drei Monate länger, d.h. 18 Monate Arbeits- losengeld zu. b) Die Dauer des Arbeitslosengeldes Seit dem 01.01.2006 ist der Anspruch auf Arbeitslosengeld hinsichtlich der Dauer erheblich eingeschränkt, seit dem 01.01.2008 etwas erweitert worden. Betrug die Höchstanspruchsdauer vorher 32 Monate, ist sie nun auf 24 Monate beschränkt. 50-jährige können Ar- beitslosengeld für 15 Monate, 55-jährige für 18 Monate erhalten. Ab dem 58. Lebensjahr beträgt die Höchstan- spruchsdauer 24 Monate. Die Dauer des Anspruchs auf Arbeitslosengeld hängt davon ab, wie viele Monate der Arbeitslose vorher gearbeitet hat (50-jährige müssen min- destens 30 Monate, 55-jährige mindestens 36 Monate und 58-jährige mindestens 48 Monate gearbeitet haben oder in einem anerkannten »Versicherungspflichtverhältnis« (sie- he Seite 67) gestanden haben. Die grundsätzliche Höchstbezugsdauer beträgt also nur zwölf Monate. Dies setzt eine mindestens 24-monatige Beschäftigung voraus. Die höheren Bezugsdauern von 15, 18 und 24 Monaten setzen neben einer höheren Dauer des Versicherungspflichtverhältnisses auch die Vollendung des 50., 55. und 58. Lebensjahres voraus. Thorsten Pohl (38 Jahre) hat 170 Monate gearbeitet bzw. Krankengeld im unmittelbaren Zusammenhang mit seiner Arbeit bezogen. Als er arbeitslos wird, hat er Anspruch auf Arbeitslosengeld für die Dauer von zwölf Monaten. Wäre er 55 Jahre alt, könnte er 18 Monate lang Arbeits- losengeld beziehen. Erweite- rung seit 01.01.2008 Höchst- bezugsdauer Beispiel
76 Leistungen bei Arbeitslosigkeit Beispiel Pauschalierte Abzüge Es gelten Besonderheiten, wenn der Arbeitslose bereits einmal Arbeitslosengeld bezogen hat, dieser Arbeitslo- sengeldanspruch aber wegen Entstehung eines neuen An- spruchs erloschen ist. In diesen Fällen kann er - wenn nach der Entstehung des erloschenen Anspruchs noch keine vier Jahre verstrichen sind - länger Arbeitslosengeld beziehen. Thorsten Pohl war am 01.01.2002 nach zwölf Jahren Arbeit arbeitslos geworden. Er ist acht Monate lang ar- beitslos und bezieht entsprechend Arbeitslosengeld. Da- nach findet er eine neue Arbeitsstelle, auf der er bis zum 31.12.2003 tätig ist. Danach wird er wieder arbeitslos. Durch die neue Arbeit hat Thorsten Pohl einen neuen Anspruch auf Arbeitslosengeld für die Dauer von sechs Monaten erhalten. Der Anspruch von sechs Monaten aus der neuen Tätigkeit wird allerdings verlängert um die vier- Monate, die ihm aus dem alten Arbeitslosengeldanspruch noch zustehen. Daher kann Thorsten Pohl nunmehr zehn Monate lang Arbeitslosengeld beziehen. Hätte Thorsten Pohl im Januar 2002 nur zwei Monate Arbeitslosengeld bezogen, wären noch zehn Monate Ar- beitslosengeldbezug möglich gewesen. Diesen kann er nun nicht mehr vollständig in Anspruch nehmen, weil sich hierdurch eine Dauer des Anspruchs auf Arbeitslosengeld von 16 Monaten ergäbe. Ein Anspruch auf 16 Monate Arbeitslosengeld steht aber nur dem Arbeitslosen zu, der mindestens 30 Monate gearbeitet hat (trifft auf Thorsten Pohl zu) und 55 Jahre bzw. älter ist (Thorsten Pohl ist erst 38). Das Gesetz sieht nämlich vor, dass sich die Dauer des Anspruchs höchstens bis zu der dem Lebensalter des Ar- beitslosen zugeordneten Höchstdauer verlängert. Dies sind bei Thorsten Pohl nur zwölf Monate! c) Höhe des Arbeitslosengeldes Die Höhe des Arbeitslosengeldes hängt maßgeblich vom Familienstand des Arbeitslosen, von seiner Steuerklas- se und seinem vorher bezogenen Arbeitsentgelt ab. Es wird ein bestimmter Prozentsatz des Nettoarbeitsentgelts
Leistungen der passiven Arbeitsförderung 77 (67 Prozent für Arbeitslose mit Kind, 60 Prozent für Ar- beitslose ohne Kind) ermittelt. Dazu wird das Bruttoar- beitsentgelt um pauschalierte Abzüge verringert; individu- elle Abzüge des Arbeitslosen werden nicht berücksichtigt. 67 Prozent erhalten Arbeitslose, die mindestens ein Kind haben bzw. Arbeitslose, deren Ehegatte oder Lebenspart- ner mindestens ein Kind hat. Für die übrigen Arbeitslosen errechnet sich das Arbeitslosengeld aus 60 Prozent des pauschalierten Nettoentgelts. Vom Bruttoentgelt werden 21 Prozent Sozialversiche- rungspauschale, die Lohnsteuer nach der Lohnsteuertabel- le sowie der Solidaritätszuschlag abgezogen. Freibeträge und Pauschalen, die nicht jedem Arbeitnehmer zustehen, werden nicht berücksichtigt. Die Feststellung der Lohnsteuer richtet sich nach der Lohnsteuerklasse, die zu Beginn des Jahres, in dem der Anspruch entstanden ist, auf der Lohnsteuerkarte des Ar- beitslosen eingetragen war. Zu Grunde gelegt wird das im letzten Jahr vor Eintritt der Arbeitslosigkeit verdiente Entgelt. Allerdings bleiben außer Betracht Arbeitsentgelte, die der Arbeitslose wegen der Be- endigung des Arbeitsverhältnisses erhält oder die im Hin- blick auf die Arbeitslosigkeit vereinbart worden sind (Abfin- dungen) sowie Arbeitsentgelte, die als Wertguthaben nach dem Altersteilzeitgesetz nicht gemäß einer Vereinbarung über flexible Arbeitszeitregelungen verwendet werden. Thorsten Müller hat 2.000 Euro im Monat brutto verdient. Nach Abzug von Sozialbeiträgen und Steuern ergibt dies ein wöchentliches Leistungsentgelt in der Steuerklasse 1 und IV von 295 Euro, in der Steuerklasse 11 von 303 Euro, in der Steuerklasse III von 354 Euro, in der Steuerklasse V von 216 Euro und in der Steuerklasse VI von 207 Euro. Dies ergibt nach dem erhöhten Leistungssatz (67 Prozent) in der Steuerklasse 1 bzw. IV ein Arbeitslosengeld von 197 Euro, in der Steuerklasse II von 203 Euro, in der Steuer- klasse III von 237 Euro, in der Steuerklasse V von 144 Euro und in der Steuerklasse VI von 139 Euro wöchentlich. Lohnsteuer- klasse Beispiel
78 Leistungen bei Arbeitslosigkeit <7 Abfindung/ Entschädi- gung Bei dem allgemeinen Leistungssatz (ohne Kind 60 Pro- zent) ergibt sich ein Arbeitslosengeld nach der Steuerklas- se 1/IV von 177 Euro, in der Steuerklasse II von 181 Euro, der Steuerklasse III von 212 Euro, der Steuerklasse V von 129 Euro und der Steuerklasse VI von 124 Euro. Würde Thorsten Müller 3.000 Euro im Monat verdienen, ergäben sich folgende Beträge: Erhöhter Leistungssatz (mit Kind 67 Prozent) 264 Euro nach Steuerklasse I/IV, 271 Euro nach der Steuerklasse II, 318 Euro nach der Steuer- klasse III, 188 Euro nach der Steuerklasse V und 182 Euro nach der Steuerklasse VI. Beim allgemeinen Leistungssatz (ohne Kind 60 Prozent): 236 Euro in der Steuerklasse 1/ IV, 242 Euro in der Steuerklasse II, 285 Euro in der Steu- erklasse III, 168 Euro in der Steuerklasse V und 163 Euro in der Steuerklasse VI. Kein Arbeitslosengeld wird gezahlt, wenn der Arbeitslose eine Beschäftigung von 15 Stunden wöchentlich und mehr ausübt. Betragen die Stunden der Nebenbeschäftigung je- doch weniger als 15 Stunden und seien es nur 14,5 Stun- den, so bekommt der Arbeitslose Arbeitslosengeld, muss sich aber einen Teil seines Verdienstes auf das Arbeitslo- sengeld anrechnen lassen. Bezieht der Arbeitslose Krankengeld, Versorgungskran- kengeld, Verletztengeld, Mutterschaftsgeld oder Über- gangsgeld sowie Berufsausbildungsbeihilfe für Arbeitslo- se . Rente wegen vol 1er Erwerbsm i nderung oder AItersrente aus der gesetzlichen Rentenversicherung o.Ä., dann ruht der Anspruch auf Arbeitslosengeld, d.h. es wird kein Ar- beitslosengeld gezahlt. Das Gleiche gilt, wenn er Arbeitsentgelt erhält oder be- anspruchen kann. Auch wenn der Arbeitslose wegen Be- endigung des Arbeitsverhältnisses eine Urlaubsabgeltung erhält oder zu beanspruchen hat, ruht der Anspruch auf Arbeitslosengeld, d.h. er bekommt kein Arbeitslosengeld. Die gleichen Auswirkungen hat die Zahlung einer Abfin- dung. Entschädigung oder einer ähnlichen Leistung für den Arbeitslosen. In diesen Fällen bekommt er kein Ar-
Leistungen der passiven Arbeitsförderung 79 bcitslosengeld, vorausgesetzt, das Arbeitsverhältnis wurde ohne Einhaltung einer der ordentlichen Kündigungsfrist des Arbeitgebers entsprechenden Frist beendet und der Arbeitslose hat gerade wegen der Beendigung des Ar- beitsverhältnisses eine solche Abfindung, Entschädigung o.ä. Leistung erhalten. Der Anspruch auf Arbeitslosengeld ruht dann für eine be- stimmte Zeit. Die Berechnungsvorschriften sind aber der- art kompliziert, dass es in diesen Fällen ratsam ist, sich mit der Arbeitsagentur in Verbindung zu setzen. Auch der Arbeitslose, der sich als Arbeitnehmer versiche- rungswidrig verhalten hat, ohne hierfür einen wichtigen Grund zu haben, erhält kein Arbeitslosengeld. In diesen Fällen wird häufig eine Sperrzeit von zwölf Wochen wegen Arbeitsaufgabe festsetzt. Dies setzt allerdings voraus, dass der Arbeitslose das Beschäftigungsverhältnis selbst gelöst oder durch ein arbeitsvertragswidriges Verhalten Anlass zur Lösung des Beschäftigungsverhältnisses gegeben hat bzw. dass er mit dem Arbeitgeber einvernehmlich einen Aufhebungsvertrag für die Lösung des Beschäftigungsver- hältnisses geschlossen hat und hierdurch vorsätzlich oder grob fahrlässig die Arbeitslosigkeit herbeigeführt worden ist, ohne hierfür einen wichtigen Grund zu haben. Für den Fachmann: Eine Sperrzeit wird nur durch eine verhaltensbedingtc Kündigung, nie dagegen durch eine personenbedingte oder betriebsbedingte Kündigung aus- gelöst! 3.2 Teilarbeitslosengeld Seit einigen Jahren kann ein Arbeitsloser, der mehrere versicherungspflichtige Beschäftigungen, d.h. mehr als geringfügig (über 400 Euro) nebeneinander ausgeübt hat und eine (oder mehrere hiervon) verliert, aber trotzdem weiterhin in mindestens einer Beschäftigung versiche- rungspflichtig beschäftigt ist, für eine begrenzte Zeit Ar- beitslosengeld, und zwar Teilarbeitslosengeld, wegen der eingetretenen »Teilarbeitslosigkeit« beziehen. Die Voraus- Sperrzeit
80 Leistungen bei Arbeitslosigkeit Setzungen für die Gewährung von Teilarbeitslosengeld sind denen für das Arbeitslosengeld nachgebildet (siehe Seite 68 ff.). Dieser Arbeitnehmer muss (teil-)arbeitslos sein, sich per- sönlich bei der Arbeitsagentur gemeldet haben und die Anwartschaftszeit erfüllt haben. Des Weiteren muss er eine versicherungspflichtige Beschäftigung verloren ha- ben. die er vorher neben einer oder mehreren anderen ver- sicherungspflichtigen Beschäftigungen ausgeübt hat, und er muss eine entsprechende neue Beschäftigung suchen. Beispiel Melanie Schmidt arbeitet bei drei Arbeitgebern. Bei dem ersten Arbeitgeber ist sie 16 Stunden in der Woche tätig und erhält 600 Euro, bei dem zweiten Arbeitgeber arbeitet sie zehn Stunden und erhält 400 Euro und bei dem dritten Arbeitgeber erhält sie 800 Euro für 20 Stunden Arbeit in der Woche. Die Arbeit beim ersten Arbeitgeber fällt weg. Anspruch auf das »normale« Arbeitslosengeld hat sie nicht, weil sie immer noch beim dritten Arbeitgeber 20 Stunden in der Woche arbeitet und ein Arbeitslosengeldanspruch ausgeschlossen ist, wenn jemand 15 Stunden und mehr in der Woche arbeitet. Wenn die übrigen Voraussetzungen gegeben sind, könnte Melanie Schmidt aber einen Anspruch auf Teilarbeitslo- sengeld haben. Sie hat mehrere versicherungspflichtige Beschäftigungen nebeneinander ausgeübt. Hierzu zählt allerdings nicht die Beschäftigung bei dem zweiten Ar- beitgeber für zehn Stunden in der Woche, da sie nur 400 Euro erhält und es sich damit um eine geringfügige, nicht versicherungspflichtige Beschäftigung handelt. Die Arbeit beim ersten Arbeitgeber (16 Stunden) hat sie aber neben der Arbeit beim dritten Arbeitgeber ausgeübt. Damit ist eine entscheidende Voraussetzung für die Gewährung von Teilarbeitslosengeld gegeben. / Die Dauer des Anspruchs auf Teilarbeitslosengeld beträgt lediglich sechs Monate. Die Höhe des Teilarbeitslosengeldes wird - allerdings nur bezogen auf die Nebentätigkeit - dadurch berechnet, dass
Leistungen der passiven Arbeitsförderung 81 bei der Feststellung der Lohnsteuer die Lohnsteuerklasse maßgeblich ist, die auf der Lohnsteuerkarte für das Be- schäftigungsverhältnis, das den Anspruch auf Teilarbeits- losengeld begründet (d.h., das der Antragsteller verloren hat), zuletzt eingetragen war. 3.3 Insolvenzgeld a) Voraussetzungen Wenn ein Arbeitgeber insolvent geworden ist (früher »Kon- kurs gemacht hat«), haben seine Arbeitnehmer Anspruch auf Insolvenzgeld von der Arbeitsagentur, wenn ihnen für die vorausgehenden drei Monate des Arbeitsverhältnisses noch Ansprüche auf Arbeitsentgelt zustehen. Allerdings muss dazu das Insolvenzverfahren über das Vermögen des Arbeitgebers eröffnet (Beschluss des Amtsgerichts) oder der Antrag auf Eröffnung des Insolvenzverfahrens muss mangels Masse vom Amtsgericht abgewiesen wor- den sein. Das Gleiche gilt, wenn die Betriebstätigkeit im Inland vollständig beendet und ein Antrag auf Eröffnung des Insolvenzverfahrens nicht gestellt worden ist und ein Insolvenzverfahren offensichtlich mangels Masse nicht in Betracht kommt. Die Arbeitnehmer können die noch ausstehenden Löhne für die vorausgehenden drei Monate des Arbeitsverhält- nisses allerdings auch geltend machen, wenn das Arbeits- verhältnis zum Zeitpunkt der Eröffnung des Insolvenz- verfahrens bzw. der Abweisung des Antrages oder der vollständigen Beendigung der Betriebstätigkeit schon längst beendet worden war! Klaus Müller hat aus einem am 01.06.2003 beendeten Arbeitsverhältnis mit der Schneider-KG noch fünf Mo- nate Arbeitslohn zu bekommen. Am 01.04.2004 wird der Antrag auf Eröffnung des Insolvenzverfahrens vom Amts- gericht abgewiesen. Für die Monate März bis Mai 2003 kann Klaus Müller Insolvenzgeld beantragen. Arbeitsentgelt der vorange- gangenen drei Monate Beispiel
82 Leistungen bei Arbeitslosigkeit b) Höhe des Insolvenzgeldes Das Insolvenzgeld wird in der Höhe des Nettoarbeitsent- gelts geleistet, das sich ergibt, wenn das auf die monatliche Beitragsbemessungsgrenze (2008: 5.300 Euro in den alten und 4.500 Euro in den neuen Bundesländern) begrenzte Bruttoarbeitsentgelt um die gesetzlichen Abzüge vermin- dert wird. Dies hat für den Arbeitnehmer keine Lohnein- buße zur Folge, es sei denn, er verdient mehr, als die Bei- tragsbemessungsgrenze in der Arbeitslosenversicherung beträgt. 4. Übergangsleistungen 4.1 Vermittlungsgutscheine Anspruch Hat ein Arbeitnehmer Anspruch auf Arbeitslosengeld (siehe Seite 68 ff.) und ist er nach einer Arbeitslosigkeit von sechs Wochen innerhalb einer Frist von drei Monaten noch nicht vermittelt worden, so besitzt er (nach § 421 g SGB III) Anspruch auf einen Vermittlungsgutschein Das Gleiche gilt für Arbeitnehmer in einer Arbeitsbeschaf- fungsmaßnahme bzw. Strukturanpassungsmaßnahme, die von der Arbeitsagentur gefördert worden ist. Mit dem Vermittlungsgutschein verpflichtet sich die Ar- beitsagentur, einen vom Arbeitnehmer eingeschalteten Vermittler, der den Arbeitnehmer in eine sozialversiche- rungspflichtige Beschäftigung mit einer Arbeitszeit von mindestens 15 Stunden wöchentlich vermittelt hat, zu ent- lohnen. 2.000 Euro Der Vermittlungsgutschein wird über 2.000 Euro ausge- stellt. Die Vergütung wird in Höhe von l.OOO Euro nach einer sechswöchigen und der Rest nach einer sechsmona- tigen Dauer des Beschäftigungsverhältnisses gezahlt. 4.2 Entgeltsicherung für ältere Arbeitnehmer a) Voraussetzungen Einen Anspruch auf Leistungen der Entgeltsicherung ha- ben Arbeitnehmer, die
Übergangsleistungen 83 1. das 50. Lebensjahr vollendet haben und 2. ihre Arbeitslosigkeit durch Aufnahme einer versiche- rungspflichtigen Beschäftigung beenden, wenn sie 3. einen Anspruch auf Arbeitslosengeld bei Aufnahme der Beschäftigung von mindestens 180 Tagen haben und 4. ein Arbeitsentgelt in der neuen Beschäftigung bean- spruchen können, das den tariflichen oder - sofern eine tarifliche Regelung nicht besteht - den ortsüblichen Be- dingungen entspricht. b) Die Höhe der Leistung Als Entgeltsicherungsleistung werden ein Zuschuss zum Arbeitsentgelt sowie ein zusätzlicher Beitrag zur gesetz- lichen Rentenversicherung geleistet. Der Zuschuss zum Arbeitsentgelt beträgt 50 Prozent der monatlichen Nettoentgeltdifferenz. Das ist der Unter- schiedsbetrag zwischen dem pauschalierten Nettoentgelt aus der früheren Beschäftigung, aus dem das Arbeitslo- sengeld berechnet wird, und dem pauschalierten Nettoent- gelt der neuen Beschäftigung. Karl Schneider hat bis zum 31.12.2005 gearbeitet. Da- nach ist er arbeitslos geworden. Er bezieht Arbeitslo- sengeld. Im April 2006 erhält er das Angebot der Klein- GmbH, die ihn für 2.000 Euro brutto einstellen will. Da Schneider vorher 3.000 Euro verdient hat, erscheint ihm dies sehr wenig. Zunächst ist das vorherige Bruttoentgelt um die Sozial- versicherungspauschale von 21 Prozent, die Lohnsteuer und den Solidaritätszuschlag zu vermindern. Dies ergibt den Nettobetrag. Das Gleiche ist beim neuen Arbeitsent- gelt vorzunehmen. Geht man davon aus, dass sich durch diese Berechnung ein Nettoentgelt aus der früheren Be- schäftigung in Höhe von 1.900 Euro und aus der neuen Beschäftigung von 1.440 Euro ergäbe, liegt eine Differenz von 460 Euro vor. 50 Prozent dieser Differenz, also 230 Euro steuert die Arbeitsagentur bei, auf dem Rest bleibt der Arbeitslose »sitzen«. Zusätzlich wird ein Beitrag zur Anspruchs- voraus- setzungen Beispiel
84 Leistungen bei Arbeitslosigkeit Hilfe- bedürftiger muss nicht gearbeitet haben Beispiele gesetzlichen Rentenversicherung gezahlt, der auf dem Unterschiedsbetrag zwischen dem Arbeitsentgelt aus der neuen Beschäftigung und 90 Prozent des Nettoentgelts aus der früheren Beschäftigung beruht. 5. Arbeitslosengeld II und andere Grundsicherungsleistungen 5.1 Allgemeines Arbeitslosengeld II wird - anders als das Arbeitslosen- geld l - auch dann gezahlt, wenn der Betroffene noch nie gearbeitet hat. Grundsätzlich wird Arbeitslosengeld II nicht durch die Arbeitsagentur, sondern durch eine soge- nannte Arbeitsgemeinschaft (ARGE), die aus Mitarbeitern der Arbeitsagentur und der Gemeindeverwaltung (im All- gemeinen aus dem Sozialamt) gebildet wurde, in einzelnen Städten und Gemeinden auch durch die Stadtverwaltungen selbst gezahlt. Durch Arbeitslosengeld II sollen alle dieje- nigen unterstützt werden, die ihr Existenzminimum nicht sichern können. Arbeitslosengeld II kann in ganz verschie- denen Fällen gewährt werden. Claudia (17) hat bisher die Schule besucht und fin- det weder eine Ausbildungs- noch eine Arbeitsstelle. Wenn sie noch bei ihren Eltern wohnt und die zu we- nig verdienen, uni sie und sich unterhalten zu kön- nen, bilden die drei eine Bedarfsgemeinschaft, in der die Eltern bis zu je 312 Euro und Claudia 278 Euro von der Arbeitsgemeinschaft bzw. Gemeinde erhalten. Dazu kommen noch die Kosten für Miete und Heizung. Wenn Claudia allein lebt, erhält sie 347 Euro zzgl. Unter- kunfts- und Heizungskosten. Voraussetzung ist allerdings, dass Claudia nicht ohne wichtigen Grund bei ihren Eltern aus gezogen ist! Matthias (30) hat nach der Schule fünf Jahre lang gearbei- tet. Dann wurde er arbeitslos und hat Arbeitslosengeld I bezogen. Danach hat er - als der Anspruch auf Arbeits- losengeld 1 erloschen war - gejobbt, aber keine längere Anstellung gefunden. Die Arbeitsagentur zahlt nicht, weil
Arbeitslosengeld II und andere Grundsicherungsleistungen 85 sie die Auffassung vertritt, seinfrührer Anspruch auf Ar- beitslosengeld sei erloschen und einen neuen Anspruch habe er nicht erworben. Dazu hätte er mindestens zwölf Monate arbeiten müssen, und zwar in den letzten zwei Jahren vor seiner jetzigen Antragstellung. Auch in diesem Fall kann Arbeitslosengeld // gezahlt werden. Matthias würde 347 Euro und zusätzlich die Kosten für Miete und Heizung erhalten. Wenn Matthias zwar noch Arbeitslosengeld I bezieht, dies aber so gering ist, dass er davon seinen Lebensun- terhalt nicht bestreiten kann, kann er das sog. »ergän- zende« oder »aufstockende« Arbeitslosengeld II erhalten. Das gilt auch für Renten und »normale« Einkommen. Viele Menschen können mit ihrem Einkommen weder sich noch ihre Familie unterhalten. Auch in diesen Fällen wird Arbeitslosengeld II gezahlt, bis das Existenzminimum ge- sichert ist. Gero (49) hat 30 Jahre bei demselben Unternehmen gear- beitet. Als die Firma Insolvenz (Konkurs) anmelden muss, verliert er seine Arbeit. Nachdem der »Höchst«-Anspruch von zwölf Monaten Arbeitslosengeld I verbraucht ist, bleibt ihm nur der Antrag auf Arbeitslosengeld II, wenn ihm keine anderen Geldmittel oder gar Vermögen zur Verfügung stehen. Die Bandbreite für den Bezug von Arbeitslosengeld II ist also groß. Im Folgenden werden die Voraussetzungen erläutert, unter denen man Arbeitslosengeld II beziehen kann. 5.2 Voraussetzungen Arbeitslosengeld II können nur Personen erhalten, die • das 15., aber noch nicht das 65. Lebensjahr vollendet haben, • erwerbsfähig sind, • hilfebedürftig sind und • ihren gewöhnlichen Aufenthalt in der Bundesrepublik Deutschland haben. Erwerbsfähige Hilfe- bedürftige
86 Leistungen-bei Arbeitslosigkeit Diese Personen nennt der Gesetzgeber erwerbsfähige Hil- febedürftige. Antrag Außerdem müssen die Betreffenden einen Antrag stellen. Die Leistungen nach dem Zweiten Buch Sozialgesetzbuch (SGB II) werden grundsätzlich nur auf Antrag erbracht. Zu den einzelnen Voraussetzungen: a) Zwischen 15 und 65 Jahre Leistungen nach SGB II, das heißt vor allem Arbeitslosen- geld II, erhalten nur Personen zwischen dem 15. und dem 65. Lebensjahr. b) Erwerbsfähigkeit Zur Erwerbs- tätigkeit außer Stande Die Personen, die Arbeitslosengeld II oder eine andere Lei- stung nach dem SGB II erhalten wollen, müssen erwerbs- fähig sein. Nach 18 SGB 11 ist erwerbsfähig, wer nicht I wegen Krankheit oder Behinderung auf absehbare Zeit I (darunter versteht man im Allgemeinen einen Zeitraum von sechs Monaten und mehr) außer Stande ist, unter den üblichen Bedingungen des allgemeinen Arbeitsmarktes mindestens drei Stunden täglich erwerbstätig zu sein. c) Hilfebedürftigkeit In der Praxis am umstrittensten ist der Begriff der Hilfebe- dürftigkeit. Arbeitslosengeld II bekommt nämlich nur, wer hilfebedürftig ist, d.h. wer seinen Lebensunterhalt, seine Eingliederung in Arbeit und den Lebensunterhalt der mit ihm in einer Bedarfsgemeinschaft lebenden Personen nicht oder nicht ausreichend aus eigenen Kräften und Mitteln, vor allem nicht durch Aufnahme einer zumutbaren Arbeit oder aus Einkommen oder Vermögen sichern kann. Arbeitsaufnahme Grundsätzlich muss der Antragsteller also eine Arbeit auf- nehmen, wenn er sie bekommen kann. Er muss jede Arbeit nehmen, zu der er körperlich, geistig oder seelisch in der Lage ist. Allerdings darf die jetzt angebotene Arbeit ihm die künftige Ausübung seines bisherigen Berufs nicht we-
Arbeitslosengeld II und andere Grundsicherungsleistungen 87 sentlich erschweren. Das wäre z.B. der Fall, wenn einem Geiger eine Tätigkeit als Gartenarbeiter angeboten würde, bei der die Hände stark in Mitleidenschaft gezogen wer- den. Ausnahmsweise kann eine Arbeit auch dann abge- lehnt werden, wenn sie die Erziehung seines Kindes oder das Kind seines Partners gefährden würde. Eine angebote- ne Arbeit braucht man auch dann nicht anzunehmen, wenn diese mit der Pflege eines Angehörigen nicht vereinbar wäre und die Pflege nicht auf andere Weise sichergestellt werden kann. Allerdings darf eine Arbeit nicht allein deshalb abgelehnt werden, weil sie nicht auf der gleichen Qualifikationsstu- fe wie die frühere berufliche Tätigkeit steht, für die der Hilfebedürftige ausgebildet ist oder die er ausgeübt hat. Das Gleiche gilt, wenn der Beschäftigungsort vom Wohn- ort des erwerbsfähigen Hilfebedürftigen weiter entfernt ist als ein früherer Beschäftigungs- oder Ausbildungsort oder die Arbeitsbedingungen ungünstiger sind als bei den bis- herigen Beschäftigungen. Einkommen Hilfebedürftig ist niemand, der seine Existenz bzw. die Alle Ein- seiner Familie durch eigenes Einkommen sichern kann, nahmen Dabei sind als Einkommen alle Einnahmen zu berück- sichtigen, mit Ausnahme der Leistungen nach dem SGB II (Arbeitslosengeld II, befristeter Zuschlag, Sozialgeld usw.), der Grundrente nach dem Bundesversorgungsgesetz und nach den Gesetzen, die eine entsprechende Anwendung des Bundesversorgungsgesetzes vorsehen, und der Renten oder Beihilfen, die nach dem Bundesentschädigungsgesetz für Schäden an Leben sowie an Körper oder Gesundheit erbracht werden, bis zur Höhe der vergleichbaren Grund- rente nach dem Bundesversorgungsgesetz. Das Gleiche gilt für das Kindergeld, es sei denn, das Kindergeld wird nicht für den Lebensunterhalt des Kindes benötigt. Allerdings sind vom Bruttoeinkommen - sofern man ein solches erhält -
88 Leistungen bei Arbeitslosigkeit Anrechnungs- freie Beträge Versiche- rungen Werbungsko- sten • Steuern, • Sozialversicherungsabgaben, • Beiträge zu öffentlichen oder privaten Versicherungen. • geförderte Altersvorsorgebeiträge. Werbungskosten im Sinne des Steuerrechts, • Aufwendungen zur Erfüllung gesetzlicher Unterhalts- verpflichtungen sowie • ein Anrechnungsbetrag von mindestens 100 Euro mo- natlich sowie 20 Prozent des Betrages zwischen 100 und 800 Euro (140 Euro) und von 800 bis 1.200 (bzw. 1.500 Euro, wenn der Hilfebedürftige ein Kind hat) in Höhe von 10 Prozent (40 bzw. 70 Euro) anrechnungsfrei. Bei den öffentlichen und privaten Versicherungen ist zu unterscheiden: • Die notwendigen Aufwendungen für eine gesetzlich vorgeschriebene Versicherung sind in voller Höhe ab- zusetzen. • Für die Beiträge zu privaten Versicherungen, die dem Grunde und der Höhe nach angemessen sind, ist pau- schal ein Betrag von 30 Euro abzusetzen von dem Ein- kommen volljähriger Hilfebedürftiger sowie bei min- derjährigen Hilfebedürftigen, wenn der erwerbsfähige Hilfebedürftige nicht höhere Aufwendungen nachweist, die notwendig sind. Die Werbungskosten werden nicht genauso wie im Steu- errecht berücksichtigt. Vielmehr unterscheidet das SGB 11 bzw. die Arbeitslosengeld-Il-Verordnung zwischen Ein- künften aus unselbständiger Tätigkeit (z.B. als Arbeiter oder Angestellter) und Einkünften aus selbständiger Tä- tigkeit: • Bei den Einkünften aus unselbständiger Tätigkeit ist nur 1/60 der steuerrechtlichen Werbungskostenpauschale (etwa 17 Euro) zuzüglich (sofern Kfz-Fahrkosten an- fallen) 0,20 Euro für jeden Entfernungskilometer (pro Tag) zwischen Wohnung und Arbeitsstätte anzusetzen.
Arbeitslosengeld II und andere Grundsicherungsleistungen 89 • Bei Einkünften aus selbständiger Tätigkeit sind die Betriebsausgaben, d.h. die im Bewilligungszeitraum tatsächlich geleisteten notwendigen Ausgaben, ohne Rücksicht auf steuerrechtliche Vorschriften abzuset- zen. Benutzt der Hilfebedürftige einen privaten Pkw für ausschließlich betriebliche Fahrten, kann er 0,10 Euro für jeden gefahrenen Kilometer absetzen. Tatsächliche Ausgaben sollen allerdings nicht abgesetzt werden, soweit diese ganz oder teilweise vermeidbar sind oder offensichtlich nicht den Lebensumständen eines Hilfebedürftigen, der Arbeitslosengeld II bezieht, entsprechen. Hier bietet sich für die Arbeitsgemein- schaften ein breites Feld, Ermessen auszuüben. Seit dem 01.10.2005 wird bei erwerbstätigen Hilfebedürf- tigen anstelle der Einzel-Pauschalen für Versicherungs- beiträge, Altersvorsorgebeiträge und Werbungskosten ein einheitlicher Pauschalsatz von insgesamt 100 Euro ab- gesetzt. Verdient der Hilfebedürftige aber mehr als 400 Euro, kann er stattdessen nachweisen, dass die Summe der Beträge für die o.g. Rechnungsposten höher ist, und sie in der angemessenen Höhe vom Bruttoeinkommen absetzen. Matthias bezieht Arbeitslosengeld II, nebenbei arbeitet er aushilfsweise und verdient monatlich 900 Euro. Hier- von sind Steuern (wenn sie denn gezahlt werden müssen), Sozialversicherungsbeiträge (etwa 180 Euro), evtl. Wer- bungskosten für die Fahrt zur Arbeitsstelle, Versiche- rungsbeiträge usw. (siehe vorigen Abschnitt) abzuziehen. Des Weiteren kann er den Grundbetrag von 100 Euro, abziehen. Von den verdienten 900 Euro kann er weitere 140 Euro für das monatliche Einkommen, das 100 Euro übersteigt und nicht mehr als 800 Euro beträgt, sowie 10 Euro für den Betrag zwischen 800 und 900 Euro, den er verdient, abziehen. Er kann somit weitere 250 Euro vom Einkommen absetzen bzw. dieser Betrag bleibt anrech- nungsfrei. Nur den dann noch übrig bleibenden Betrag muss sich Matthias auf das Arbeitslosengeld 11 anrechnen lassen. $ Einheitlicher Pauschalsatz Beispiel
90 Leistungen bei Arbeitslosigkeit §12 SGB II Alters- vorsorge- beträge Vermögen Selbstverständlich erhält niemand Arbeitslosengeld II. der über ein größeres Vermögen verfügt. Was ein größe- res Vermögen ist, definiert § 12 SGB II. Die Regelung ist erheblich großzügiger als nach dem alten Bundessozial- hilfegesetz: Danach können vom Vermögen zunächst ein Grundfreibetrag in Höhe von 150 Euro je vollendetem Lebensjahr des volljährigen Hilfebedürftigen und seines Partners abgesetzt werden. Der 50-jährige Gero hätte also einen Grundfreibetrag in Höhe von 7.500 Euro. Wenn er verheiratet ist oder in einer Partnerschaft lebt und seine Partnerin gleichaltrig ist, kämen noch einmal 7.500 Euro Freibetrag dazu. Für ein Kind besteht ein weiterer Grund- freibetrag in Höhe von 3.100 Euro, sofern es hilfebedürftig und minderjährig ist. Hinzugerechnet werden auch die Altersvorsorgebeträge in Höhe des nach Bundesrecht ausdrücklich als Altersvorsor- ge geförderten Vermögens (Riester-Rente) sowie geldwerte Ansprüche, die der Alters vorsorge dienen. Dies setzt aber voraus, dass der Inhaber dieser Ansprüche (z.B. bei einer Lebensversicherung) sie vor dem Eintritt in den Ruhestand (65. bzw. 60.. in Ausnahmefällen auch ein geringeres Le- bensalter) aufgrund vertraglicher Vereinbarung nicht ver- werten kann und der Wert der geldwerten Ansprüche 250 Euro je vollendetem Lebensjahr nicht übersteigt. Das würde für Gero bedeuten, dass er 12.500 Euro aus der allgemeinen Altersvorsorge (falls er nicht zusätzlich eine Riester-Rente besitzt) anrechnungsfrei besitzen darf und dass sein Partner bzw. seine Partnerin ebenfalls 12.500 Euro. d.h. sie zusammen 25.000 Euro anrechnungsfrei ha- ben dürfen. Schließlich kommt dazu noch ein Freibetrag für notwendige Anschaffungen in Höhe von 750 Euro für jeden in der Bedarfsgemeinschaft lebenden Hilfebedürf- tigen. Würde Gero also mit seiner Frau und einem Sohn leben, könnte er (unabhängig von der gesondert zu berechnenden Riester-Rente) einen Grundfreibetrag in Höhe von 15.000
Arbeitslosengeld II und andere Grundsicherungsleistungen 91 Euro, den Grundfreibetrag für das Kind in Höhe von 3.100 Euro, die Altersvorsorgebeträge in Höhe von zusammen 25.000 Euro sowie den Freibetrag für notwendige An- schaffungen für drei Personen in Höhe von 2.250 Euro an- rechnungsfrei geltend machen, das sind insgesamt 45.350 Euro. Daneben darf Gero auch bestimmte Vermögensgegen- stände, die sich in seinem Besitz befinden, behalten: Dazu gehören der angemessene Hausrat, ein angemes- senes Kraftfahrzeug im Wert von 7.500 Euro, ein selbst genutztes Hausgrundstück in angemessener Größe oder eine entsprechende Eigentumswohnung. Angemessen ist eine Eigentumswohnung oder ein Haus dann, wenn die Wohnfläche z.B. bei vier Personen 120 qm bzw. für zwei Personen 80 qm (das gilt auch für eine Person) nicht überschreitet. Die großzügigere Praxis der Verwaltung ist von der Rechtsprechung nicht übernommen worden. Viel- leicht handhaben es manche Behörden aber noch so wie früher, dass sie bei einer Wohnung oder einem Haus mit bis zu 120 qm Wohnfläche nicht danach fragen, wie viel Personen im Haushalt leben. Auch Vermögen, das nach- weislich zur baldigen Beschaffung oder Erhaltung eines Hausgrundstücks von etwa 120 qm bestimmt ist, kann er behalten, wenn dieses zu Wohnzwecken behinderter oder pflegebedürftiger Menschen dient oder dienen soll. Man wird dem Gesetzgeber jedenfalls in diesem Bereich eine gewisse Großzügigkeit nicht absprechen können. In anderen Bereichen fehlt diese allerdings gänzlich (z.B. Dauer des Anspruchs auf Arbeitslosengeld I)’ 5.3 Die Höhe des Arbeitslosengeldes II • Der erwerbsfähige Hilfebedürftige, der allein lebt, er- hält 347 Euro, • der Erwerbsfähige, der mit einem volljährigen Part- ner zusammenlebt, erhält - genauso wie der Partner - 90 Prozent des Regelsatzes, das sind je 312 Euro. Besitz von Vermögens- gegenständen
92 Leistungen-bei Arbeitslosigkeit Wer gehört dazu? Einstands- gemeinschaft • Ist der Partner eines Erwerbsfähigen minderjährig, werden für diesen nur 80 Prozent des Regelsatzes, das sind 278 Euro, gezahlt. • Kinder bis zum 14. Lebensjahr erhalten 60 Prozent des Regelsatzes, das sind 207 Euro, und Kinder vom 15. bis 25. Lebensjahr 80 Prozent, das sind 278 Euro. • Das gilt auch für die unter 25-Jährigen, die ohne Zu- stimmung des Sozialamtes umziehen. • 80 Prozent des Regelsatzes erhalten auch die sonstigen erwerbsfähigen Angehörigen der Bedarfsgemein- schaft. 5.4 Besonderheiten in der Bedarfsgemeinschaft Besondere Regeln gelten in einer Bedarfsgemeinschaft. • Zur Bedarfsgemeinschaft gehören neben dem erwerbs- fähigen Hilfebedürftigen die im Haushalt lebenden El- tern bzw. der Elternteil eines unverheirateten erwerbs- fähigen Kindes, das das 25. Lebensjahr noch nicht vollendet hat, und der im Haushalt lebende Partner dieses Elternteils. • Ais Partner der erwerbsfähigen Hilfebedürftigen gel- ten sein Ehegatte, Lebenspartner oder Lebensgefährte. Unter einem Lebensgefährten versteht man eine Per- son, die mit dem erwerbsfähigen Hilfebedürftigen in einem gemeinsamen Haushalt zusammenlebt, und zwar derart, dass anzunehmen ist, dass sie wie in einer Ehe Verantwortung füreinander tragen und füreinander ein- stehen wollen. • Außerdem gehören zur Bedarfsgemeinschaft die dem Haushalt angehörenden und verheirateten Kinder der vorgenannten Personen, wenn sie das 25. Lebensjahr noch nicht vollendet haben, soweit sie die Leistungen zur Sicherung ihres Lebensunterhalts nicht aus eige- nem Einkommen oder Vermögen beschaffen können. Besondere Schwierigkeiten bereitet die Feststellung, ob je- mand mit einem Lebensgefährten in einer sog. Einstands- gemeinschaft zusammenlebt. Lebensgefährten sind einan-
Arbeitslosengeld II und andere Grundsicherungsleistungen 93 der einstandspflichtig, d.h. Einkommen und Vermögen des einen werden zum Teil dem anderen angerechnet. Das führt häufig dazu, dass der eigentlich Bedürftige kein Ar- beitslosengeld II bekommt. Eine solche Einstandsgemein- schaft ist nach dem Gesetz dann zu vermuten, wenn die Partner länger als ein Jahr oder mit einem gemeinsamen Kind Zusammenleben oder Kinder oder Angehörige im Haushalt versorgen oder befugt sind, über Einkommen oder Vermögen des anderen zu verfügen. Auch andere Umstände können bei der Prüfung, ob es sich um eine Einstandsgemeinschaft handelt, herangezogen werden. So z.B. gemeinsame Umzüge, Bezeichnung des anderen als Partner usw. Wenn das Gesetz von einer »Vermutung« spricht, heißt das nicht, dass davon auch tatsächlich ausgegangen wer- den muss. Vielmehr kann eine Vermutung auch widerlegt werden. Gero und Anke wohnen seit Jahren zusammen. Sie haben aber getrennte Kassen und gehen auch sonst häufig ge- trennte Wege, d.h. sie haben unterschiedliche Bekannte usw. In diesem Fall ist die vom Gesetz aufgestellte Ver- mutung erschüttert und führt nicht zur Zahlungspflicht füreinander. Eine Voraussage darüber, wie die Behörde bzw. später das Sozialgericht die einzelnen Umstände werten wird, ist schwierig, da die einzelnen genannten Umstände nicht den gleichen Wert besitzen, sondern unterschiedlich gewich- tet werden können. Es kommt ganz auf den Einzelfall an. Wenn Behörde oder Sozialgericht nach den Ermittlungen nicht wissen, ob eine Einstandsgemeinschaft vorliegt oder nicht, geht das zu Lasten des Antragstellers, da er die so- genannte Beweislast trägt. Deshalb ist es, wenn man davon ausgeht, dass man nicht in einer Einstandsgemeinschaft lebt, ratsam, die Umstände, unter denen man lebt, so aus- führlich wie möglich darzulegen. Nicht immer wird der volle Betrag gezahlt! Personen, die das 25. Lebensjahr noch nicht vollendet haben und in eine Beispiel
94 Leistungen bei Arbeitslosigkeit Zustimmung der Gemeinde Beispiel andere Wohnung ziehen, ohne dafür die Genehmigung der zuständigen Gemeinde zu haben, erhalten nur 80 Prozent (278 Euro) der vollen Regelleistung in Höhe von 347 Euro! Bei fehlender Genehmigung bzw. Zusicherung der Ge- meinde erhalten diese Personen nach ihrem Umzug keine Leistungen für Unterkunft und Heizung. Die Leistungen werden erst wieder erbracht, wenn der Betreffende das 25. Lebensjahr vollendet. Grundsätzlich muss ein Kind, das in der Bedarfsgemein- schaft mit seinen Eltern lebt, die Gemeinde um Zustim- mung ersuchen, wenn es aus deren Wohnung ausziehen will. Die Gemeinde ist zur Genehmigung bzw. Zusicherung nur verpflichtet, wenn der Betreffende schwerwiegende soziale Gründe hat und deswegen nicht auf die Wohnung der Eltern oder eines Elternteils verwiesen werden kann oder der Bezug der Unterkunft zur Eingliederung in den Arbeitsmarkt erforderlich ist bzw. ein ähnlicher schwer- wiegender Grund vorliegt. Sabine wohnt im Haushalt ihrer Eltern. Die Familie er- hält Arbeitslosengeld 11 bzw. Sozialgeld. Als Sabine Thor- sten kennenlernt, kommt es zwischen ihr und ihren Eltern häufiger zum Streit. Die Eltern meinen, Sabine solle sich nicht an Thorsten hängen, weil dieser seine Lehre abge- brochen habe. Sabine ist diese Vorhaltungen leid und will von der Gemeinde die Genehmigung, aus dem Haushalt auszuziehen und in eine neue Wohnung einzuziehen. Die Gemeinde verweigert die Zusicherung. Das Verhalten der Gemeinde ist verständlich. Nur aus schwerwiegenden sozialen Gründen ist sie verpflichtet, die Zusicherung zu erteilen. Der »übliche« Streit zwi- schen Eltern und Kindern gehört sicherlich nicht zu den vom Gesetzgeber gemeinten »schwerwiegenden« sozialen Gründen. Würde Sabine trotzdem ausziehen, wäre die Gemeinde nicht verpflichtet, ihr die Leistungen für Unter- kunft und Heizung zu zahlen. Auch die Regelleistung, die sie bisher erhalten hat, würde nur in Höhe von 4/5 (80 Pro- zent) gezahlt.
Arbeitslosengeld II und andere Grundsicherungsleistungen 95 Die Situation würde sich anders darstellen, wenn Sabine von ihren Eltern geschlagen würde oder einem ähnlichen Druck ausgesetzt wäre. Das Gleiche gilt auch, wenn Sabi- ne jetzt von Thorsten schwanger würde. In diesen Fällen muss die Gemeinde die Zusicherung erteilen. Das bedeu- tet, dass für Sabine die volle Regelleistung und auch die angemessenen Kosten für Unterkunft und Heizung gezahlt werden müssten! 5.5 Kosten der Unterkunft und Heizung Die Gemeinde oder die Arbeitsgemeinschaft zahlen dem Hilfebedürftigen (siehe Seite 84 ff.) auch die Leistungen für seine Wohnung und die Heizung. Diese Kosten werden in Höhe der tatsächlichen Aufwendungen erbracht. Vo- raussetzung ist allerdings, dass die Kosten »angemessen« sind. a) Unterkunft Für die Entscheidung, was angemessene Kosten sind, gibt es keine festen Regeln. Vielmehr richtet sich die Ange- messenheit der Kosten z.B. für eine Wohnung nach der Person des Hilfebedürftigen, der Art seines Bedarfs und den örtlichen Verhältnissen. Hier spielen vor allem die Wohnfläche, die Lage auf dem örtlichen Wohnungsmarkt und das örtliche Mietpreisniveau eine Rolle. Im Allgemeinen wird als eine angemessene Wohnraum- fläche • für Alleinstehende eine Fläche von 45 bis 50 qm bzw. ein Wohnraum, • für zwei Personen eine Wohnfläche von 60 qm oder zwei Räume, • für drei Personen eine Fläche von 75 qm oder drei Räu- me und • für vier Personen eine Fläche von 90 qm oder vier Räume angesehen. Für jede weitere Person im Haushalt erhöht sich die Wohn- fläche um 10 bis 15 qm. Schwanger- schaft Angemessene Kosten Angemessene Wohnraum- fläche
96 Leistungen bei Arbeitslosigkeit Hierbei ist jedoch zu berücksichtigen, ob Besonderheiten in der Familie bzw. Gemeinschaft vorhanden sind, z.B. ob ein Mitglied krank, pflegebedürftig oder behindert ist und deswegen ein erhöhter Raumbedarf besteht. Bad, Küche, Toilette und Diele gelten nicht als Wohnraum, sind also nicht in den oben aufgelisteten Wohnraumzahlen enthalten, wohl aber in die Quadratmeterzahl der Wohn- fläche einzurechnen. Nebenkosten Erstattet wird grundsätzlich die Kaltmiete zuzüglich der notwendigen nach dem Mietvertrag zu zahlenden Neben- kosten ohne Heizkosten (die gesondert gezahlt werden) und ohne die Kosten der Warmwasserzubereitung (die aus der Regelleistung zu zahlen sind). Nicht zu den erstattungsfähigen Nebenkosten gehören die Kosten der Kochenergie, Beleuchtung, Warmwasserzube- reitung und des Betriebs elektrischer Geräte. Im Rahmen der Heizkosten sind sowohl die notwendigen Vorauszahlungen als auch spätere Nachforderungen des Vermieters von der Behörde zu erstatten. Mietspiegel Bei der Höhe der Miete spielt auch der Mietspiegel bzw. der Mietpreisspiegel des Verbandes deutscher Makler eine Rolle. Grundsätzlich darf die Gemeinde oder Arbeitsge- meinschaft den Hilfebedürftigen auf Wohnungen im un- teren Drittel des Wohnungsmarktes verweisen. Dies alles darf allerdings nicht nur theoretisch angenom- men werden. Vielmehr muss eine Wohnung, die von der Behörde als »angemessen« angesehen wird, auch tatsäch- lich auf dem Wohnungsmarkt vorhanden sein. Dazu muss z.B. ein Vermieter bereit sein, seine Wohnung an den kon- kreten Hilfebedürftigen zu vermieten. Eigenheim Besonderheiten gelten bei einem Eigenheim (Haus) oder ei- ner Eigentumswohnung. Hier gilt eine Wohnfläche von 80 qm als angemessen, unabhängig davon, ob ein oder zwei Per- sonen in dem Haus bzw. der Eigentumswohnung leben. An Kosten für das Eigenheim bzw. die Eigentumswohnung wer- den evtl. Kreditzinsen von der Behörde übernommen, Til- gungsleistungen wohl nur in ganz seltenen Ausnahmefällen
Arbeitslosengeld II und andere Crundsicherungsleistungen 97 und dann auch nur als Darlehen. Außerdem muss dem Hil- febedürftigen die Ansparung eines bestimmten Betrags für Aufwendungen an seinem Haus gestattet werden. Sind die Zinszahlungen höher als das Anderthalbfache einer angemessenen Miete auf dem allgemeinen Arbeits- markt, bezeichnen manche Behörden die Wohnung als un- angemessen und fordern den Hilfebedürftigen zu einem Umzug auf. b) Heizung Was für die Wohnkosten gilt, gilt auch für die Heizungs- kosten. Diese werden in Höhe der tatsächlichen Aufwen- dungen erstattet. Die tatsächlichen Aufwendungen ergeben sich aus dem Mietvertrag, den monatlichen Heizkosten- vorauszahlungen sowie den späteren Nachzahlungen bzw. (in seltenen Fällen) auch Rückerstattungen. Hat jemand noch einen Ölofen oder heizt er mit Kohle, kann er die tatsächlichen Aufwendungen am einfachsten durch die Kaufquittungen für Heizmaterialien nachweisen. Es dürfte einer Behörde schwer fallen, Heizkosten als un- angemessen hoch zu bezeichnen, wenn die Größe ange- messen ist. Zuvor muss sie alle Umstände der konkreten Wohnung berücksichtigen, also beispielsweise das Alter der Bewohner, ihren Gesundheitszustand, aber auch das Alter des Hauses bzw. der Wohnung, der Heizungsanla- ge, der Verglasung, der Lage der Wohnung innerhalb des Hauses, der Dämmung des Daches und des Gemäuers usw. Eine generelle Pauschalierung der Heizkosten ist nicht in jedem Fall zulässig! c) Schuldenübernahme Soweit die Gemeinde Leistungen für Unterkunft und Hei- zung erbringt, kann sie auch Schulden übernehmen, wenn dies zur Sicherung der Unterkunft oder zur Behebung ei- ner vergleichbaren Notlage gerechtfertigt ist. Im Normal- fall sollen die Schulden übernommen werden, wenn dies gerechtfertigt und notwendig ist und der Betreffende an- dernfalls ohne Wohnung dastünde. Tatsächliche Aufwen- dungen Konkrete Wohnung ist maßgebend
98 Leistungen bei Arbeitslosigkeit Personen- gruppen Unterschied- liche Mehrlei- stungen Auszubildende, die Berufsausbildungsbeihilfe oder Aus- bildungsgeld oder Leistungen nach dem BAföG beziehen, können einen Zuschuss zu ihren ungedeckten angemes- senen Kosten für Unterkunft und Heizung erhalten. 5.6 Leistungen für Mehrbedarfe beim Lebensunterhalt Grundsätzlich soll alles - bis auf die Kosten für Unter- kunft und Heizung - durch die Regelleistung (347 Euro Höchstsatz) abgedeckt sein. Nun gibt es Fälle, in denen dies unbillig wäre. Deswegen sieht § 21 SGB II vor. dass bestimmte Personengruppen zusätzliche Leistungen zum Lebensunterhalt bekommen. Dies sind • werdende Mütter, die erwerbsfähig und hilfebedürftig sind, • Personen, die mit einem oder mehreren minderjährigen Kindern Zusammenleben und allein für deren Pflege und Erziehung sorgen, • erwerbsfähige behinderte Hilfebedürftige, denen Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben sowie son- stige Hilfen zur Erlangung eines geeigneten Platzes im Arbeitsleben oder Eingliederungshilfen gewährt wer- den, und • erwerbsfähige Hilfebedürftige, die aus medizinischen Gründen einer kostenaufwändigen Ernährung bedür- fen. Die in den genannten Fällen vorgesehenen Mehrleistungen sind jedoch unterschiedlich hoch: So wird werdenden Müttern monatlich ein Betrag von 59 Euro (17 Prozent der Regelleistung) gezahlt, Alleinerziehenden, die mit einem Kind unter sieben Jahren oder mit zwei oder drei Kindern unter 16 Jahren Zusammenleben, ein Betrag von 125 Euro (36 Prozent der Regelleistung). Es können aber auch 12 Prozent der Regelleistung je Kind gezahlt werden, wenn sich dadurch ein höherer Betrag als 125 Euro ergibt - höchstens aber bis zu 60 Prozent der Regelleistung. Be- hinderten wird ein Betrag von 121 Euro (35 Prozent der
Arbeitslosengeld II und andere Crundsicherungsleistungen 99 Regelleistung) gezahlt. Bei den Hilfebedürftigen, die eine besondere kostenaufwändige Ernährung zu sich nehmen müssen, ist kein bestimmter Betrag im Gesetz vorge- schrieben. Der Betrag für Schwangere hängt auch davon ab, ob die Schwangere alleinstehend ist oder mit einem volljährigen bzw. minderjährigen Partner zusammenlebt. Der Satz von 59 Euro kann sich in diesen Fällen auf 53 Euro bzw. 57 Euro verringern. Bei den Hilfen für eine besonders kostenaufwändige Er- nährung orientieren sich die Behörden (und in Streitfällen auch die Gerichte!) im Allgemeinen an den Empfehlungen des deutschen Vereins für öffentliche und private Fürsor- ge. Danach können die Zuschüsse zwischen 25,56 Euro (z.B. für Bluthochdruck, Magen- und Darmerkrankungen, Stoffwechselerkrankungen), 30,68 Euro (für Leberver- sagen, Erhöhung der Harnsäure im Blut, Gicht, Nieren- versagen), 35,79 Euro (Erhöhung der Blutfette), 51,13 Euro (Zuckerkrankheit/Diabetes, Nierenversagen, das einer Hämmodialysebehandlung bedarf) und 66,74 Euro (bei Durchfallerkrankungen bedingt durch Überempfindlich- keit gegenüber Klebereiweiß) gezahlt werden. 5.7 Einmalleistungen Grundsätzlich sind nach neuem Recht keine Einmallei- stungen vorgesehen. Diesen Grundsatz hat der Gesetzge- ber lediglich in vier Fällen durchbrochen: Bei • der Erstausstattung für Wohnung einschließlich Haus- haltsgeräten, • der Erstausstattung für Bekleidung und • der Erstausstattung bei Schwangerschaft und Geburt sowie • mehrtägigen Klassenfahrten im Rahmen der schul- rechtlichen Bestimmungen werden die entsprechenden Kosten übernommen. Auch wenn der Hilfebedürftige keine Leistungen zur Sicherung des Lebensunterhalts wie Arbeitslosengeld Kostenauf- wändige Ernährung
100 Leistungen bei Arbeitslosigkeit Höhe Beispiel 11 oder Sozialgeld erhält und ihm auch keine Kosten für Unterkunft und Heizung gewährt werden, können ihm die vorgenannten Einmalleistungen gewährt werden. 5.8 Der befristete Zuschlag Um nicht Hilfebedürftige, die möglicherweise viele Jahre vor dem Bezug von Arbeitslosengeld gearbeitet und auch entsprechende Beiträge in die Sozialkasse eingezahlt ha- ben, genauso zu behandeln wie Arbeitssuchende, die noch nie in ihrem Leben gearbeitet haben, erhalten Arbeitslose, die Arbeitslosengeld I bezogen haben, für maximal zwei Jahre einen Zuschlag zum Arbeitslosengeld II. Nach Ab- lauf des ersten Jahres wird dieser Zuschlag um 50 Prozent vermindert. Wie hoch der Zuschlag ist, hat der Gesetzgeber etwas kompliziert geregelt: Der Zuschlag beträgt nämlich 2/3 des Unterschiedsbetrages zwischen dem zuletzt bezo- genen Arbeitslosengeld (plus Wohngeld) und dem dem Arbeitslosen jetzt zustehenden Arbeitslosengeld II. aller- dings höchstens 160 Euro. Lebt der Arbeitslose mit einem Partner zusammen, erhöht sich der Betrag auf 320 Euro. Für jedes Kind kommen noch einmal 60 Euro hinzu. Da der Zuschlag sich nach Ablauf des ersten Jahres um 50 Prozent vermindert, beträgt er im zweiten Jahr dement- sprechend höchstens 80 Euro (bei Partnern höchstens 160 Euro und bei Kindern höchstens 30 Euro). Paul Prigge hat nach 15-jähriger Beschäftigung seine Ar- beit verloren. Er bezieht ein Jahr lang Arbeitslosengeld in Höhe von 624,87 Euro zzgL Wohngeld in Höhe von 41 Euro. Nach einem Jahr beantragt er Arbeitslosengeld 11 und erhält 347 Euro sowie die Kosten für Unterkunft und Heizung in Höhe von 234 Euro. Die Behörde zahlt ihm also jeden Monat 581 Euro aus. Die Differenz zwischen den bisher bezogenen Leistungen in Höhe von 665,87 Euro (Arbeitslosengeld + Wohngeld) und dem zukünftigen Betrag von 581 Euro beträgt 84.87 Euro. 2/3 hiervon ent- sprechen 57 Euro.
Arbeitslosengeld II und andere Grundsicherungsleistungen 101 Das bedeutet, dass Paul Prigge nach dem Bezug von Ar- beitslosengeld I künftig Arbeitslosengeld II in Höhe von 347 Euro bezieht, zzgl. Leistungen für Heizung und Un- terkunft in Höhe von 234 Euro und darüber hinaus einen monatlichen Zuschlag im ersten Jahr von 57 Euro. Damit soll der finanzielle Einbruch durch den Übergang von Ar- beitslosengeld I zu Arbeitslosengeld II etwas abgemildert werden. Im zweiten Jahr des Bezugs von Arbeitslosengeld II wird der Zuschlag um 50 Prozent gesenkt; er beträgt dann also nur noch 28 Euro. Paul Prigge erhält im zweiten Jahr also monatlich eine Gesamtsumme von 607 Euro. Ab dem dritten Jahr des Bezugs von Arbeitslosengeld II fällt der befristete Zuschlag ganz weg. 5.9 Zuschuss zu Versicherungsbeiträgen Ist ein Bezieher von Arbeitslosengeld II von der Renten- versicherungspflicht befreit und muss dementsprechend keine Versicherungsbeiträge zur gesetzlichen Rentenversi- cherung zahlen (z.B. weil er früher selbständig war), erhält er einen Zuschuss zu den Beiträgen, die für die Dauer des Leistungsbezuges von Arbeitslosengeld II freiwillig an die gesetzliche Rentenversicherung, eine berufsständische Versorgungseinrichtung (z.B. für Architekten, Steuerbera- ter, Rechtsanwälte usw.) oder für eine private Alterssiche- rung gezahlt werden. Der Zuschuss wird aber höchstens in dem Umfang gezahlt, den der Hilfebedürftige gezahlt hätte, wenn er nicht befreit gewesen wäre. Das Gleiche gilt für Zuschüsse für die Versicherung gegen Krankheit oder Pflegebedürftigkeit bei einem privaten Krankenversiche- r ungsunterneh men. 5.10 Sozialgeld Der Begriff der Bedarfsgemeinschaft wurde auf Seite 92 ff. erklärt. Nun ist es möglich, dass neben dem Hilfe- bedürftigen, der erwerbsfähig ist, Angehörige in der Be- darfsgemeinschaft mit ihm Zusammenleben, die nicht er- werbsfähig sind. Diese erhalten kein Arbeitslosengeld II, Senkung des Zuschlags Bedarfs- gemeinschaft
102 Leistungen bei Arbeitslosigkeit Eingliede- rung in den Arbeitsmarkt Beispiel sondern ein Sozialgeld, sofern sie keine Grundsicherung für Erwerbsunfähige nach SGBXll erhalten. Das Sozi- algeld umfasst die gleichen Leistungen wie das Arbeits- losengeld II, nämlich die Leistung zur Sicherung des Le- bensunterhalts in Höhe von höchstens 347 Euro zzgl. der Kosten für Unterkunft und Heizung. Hier besteht also kein Unterschied zwischen dem Sozialgeld und dem Arbeitslo- sgeld II. Allerdings wird dem Empfänger von Sozialgeld - anders als dem Bezieher von Arbeitslosengeld I - kein befristeter Zuschlag gewährt. Außerdem gilt folgende Be- sonderheit: • bis zur Vollendung des 14. Lebensjahres erhält der An- gehörige lediglich 60 Prozent und ab dem 15. Lebens- jahr bis zur Vollendung des 24. Lebensjahres 80 Pro- zent der maßgebenden Regelleistung von 347 Euro. 5.11 Einstiegsgeld Will ein Hilfebedürftiger eine sozialversicherungspflichti- ge Arbeit oder eine selbständige Erwerbstätigkeit aufneh- men, kann ihm die Arbeitsgemeinschaft oder Gemeinde ein sogenanntes Einstiegsgeld gewähren. Das Einstiegsgeld wird zur Überwindung von Hilfebe- dürftigkeit gezahlt, wenn dies zur Eingliederung in den allgemeinen Arbeitsmarkt erforderlich ist. Dabei kann das Einstiegsgeld auch dann gewährt werden, wenn die Hilfe- bedürftigkeit durch die Aufnahme der Erwerbstätigkeit entfallen würde. Klaus Kleber bezieht mit seiner Familie 1.500 Euro Ar- beitslosengeld ll (Leistungen für den Lebensunterhalt zzgl. der Kosten für Unterkunft und Heizung}. Als ihm eine Arbeitsstelle an geboten wird, bei der er 1.900 Euro brut- to verdienen kann, möchte er die Stelle nicht annehmen, weil seine Nettoeinkünfte unterhalb der bisher bezogenen Leistungen des Arbeitslosengeldes II lägen. Daraufhin gewährt ihm die Arbeitsgemeinschaft ein sog. Einstiegs- geld in Höhe von 300 Euro.
Arbeitslosengeld II und andere Grundsicherungsleistungen 103 Die Hohe des Einstiegsgeldes ist im Gesetz nicht geregelt. Man geht aber in der Praxis davon aus, dass das Einstiegs- geld maximal etwa die Höhe des Arbeitslosengeldes II ha- ben kann. Einstiegsgeld kann bis zu 24 Monate gewährt werden. Auf das Einstiegsgeld hat der Hilfebedürftige jedoch kei- nen Anspruch! Ob, in welcher Höhe und wie lange Ein- stiegsgeld gewährt wird, liegt im Ermessen der Arbeits- gemeinschaft bzw. Gemeinde. Diese darf natürlich nicht willkürlich handeln, sondern muss sachliche Gesichts- punkte für ihre Entscheidung heranziehen. Das bedeutet, dass die Behörde sich mit jedem Einzelfall sorgfältig aus- einander setzen muss. Sie kann auf keinen Fall argumen- tieren, ein Einstiegsgeld gebe es nicht, weil keine Mittel mehr vorhanden seien. Vielmehr ist ausschlaggebend die Frage, ob mit dem Einstiegsgeld eine Eingliederung in den allgemeinen Arbeitsmarkt herbeigeführt werden kann, und wenn ja, in welcher Höhe eine solche Unterstützung notwendig ist. 5.12 Mehraufwandsentschädigung (1-Euro-Jobs) Für erwerbsfähige Hilfebedürftige, die keine Arbeit finden können, sollen Arbeitsgelegenheiten geschaffen werden. Solche Arbeitsgelegenheiten können als Arbeitsbeschaf- fungsmaßnahmen, aber auch als »einfache« Arbeitsgele- genheiten zur Verfügung gestellt werden. In beiden Fällen ist es notwendig, dass die Arbeiten, die der Hilfebedürf- tige verrichten soll, • zusätzlich zum Normalgeschäft des Unternehmens sind und • im öffentlichen Interesse liegen. Werden bei Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen die Träger der Arbeitsbeschaffungsmaßnahme durch Zuschüsse ge- fördert, haben die erwerbsfähigen Hilfebedürftigen zzgL zum Arbeitslosengeld II bei den einfachen Arbeitsgele- genheiten einen Anspruch auf eine angemessene Entschä- digung für ihre Mehraufwendungen. Die angemessene Kein Anspruch Arbeits- gelegenheit
104 Leistungen bei Arbeitslosigkeit Kein Arbeits- verhältnis Entschädigung für Mehraufwendungen beträgt im Allge- meinen 1 oder 2 Euro pro Arbeitsstunde. Die zusätzlich gezahlten 1 bzw. 2 Euro pro Stunde sind kein Einkommen und dementsprechend auch weder so- zialversicherungspflichtig noch steuerpflichtig! Sie sind eine zweckbestimmte Einnahme und werden nicht auf die Leistungen der Arbeitsgemeinschaft bzw. Gemeinde an- gerechnet. Ist ein Hilfebedürftiger in einer solchen Arbeitsgelegen- heit, befindet er sich nicht in einem Arbeitsverhältnis. Das schreibt das Gesetz ausdrücklich vor. Er kann sich z.B. nicht auf die Vorschriften des Kündigungsschutzgesetzes berufen. Allerdings gelten die Vorschriften über den Ar- beitsschutz und das Bundesurlaubsgesetz mit Ausnahme der Regelungen über das Urlaubsentgelt. 6. Eingliederungsleistungen 6.1 Allgemeines Wie schon im Zusammenhang mit dem Arbeitslosen- geld I ausgeführt (siehe Seite 62 ff., 68), sollen Einglie- derungsleistungen in Anspruch genommen werden, bevor Leistungen zum Unterhalt gezahlt werden. Die Behörde soll Arbeitslosengeld erst zahlen, wenn die Leistungen, die der Hilfebedürftige zur Eingliederung in den allgemeinen Arbeitsmarkt erhalten kann, nicht sinnvoll erscheinen. Ge- nauso wie das Arbeitsförderungsrecht sieht die Grundsi- cherung für Arbeitsuchende die Eingliederung des Arbeit- suchenden in Arbeit als die vorrangige Aufgabe und die Zahlung von Arbeitslosengeld II usw. als nachrangig an. Die Praxis in einer Zeit der Massenarbeitslosigkeit sieht allerdings anders aus!
Eingliederungsleistungen 105 6.2 Allgemeine Leistungen zur Eingliederung in den Arbeitsmarkt Mit der Schaffung der Grundsicherung für Arbeitsuchende hat der Gesetzgeber die Eingliederungs- und ergänzenden Ansprüche der Arbeitsuchenden, die einen Anspruch auf Arbeitslosengeld II haben, denen angeglichen, die Ar- beitsuchende haben, die Arbeitslosengeld I beziehen oder beziehen könnten. Arbeitsuchende, die Grundsicherungs- leistungen in Anspruch nehmen wollen, können zunächst Eingliederungsleistungen beanspruchen, und zwar Bera- tung, Vermittlung (mit der Möglichkeit, auch Dritte mit der Vermittlung zu beauftragen), Leistungen zur Unter- stützung der Beratung und Vermittlung (z.B. die Übernah- me von Bewerbungskosten bis zu 260 Euro jährlich sowie Reisekosten), Maßnahmen der Eignungsfeststellung und Trainingsmaßnahmen (hierzu gehört auch die Übernahme der erforderlichen und angemessenen Lehrgangskosten und Prüfungsgebühren, die Übernahme der Fahrtkosten für die tägliche Hin- und Rückfahrt des Teilnehmers zwischen Wohnung und Maßnahmestätte und die Kosten für die Betreuung der aufsichtsbedürftigen Kinder des Arbeitslosen in Höhe von 130 Euro monatlich je Kind), Mobilitätshilfen (Leistungen für den Lebensunterhalt bis zur ersten Arbeitsentgeltzahlung), Leistungen für Arbeits- kleidung und Arbeitsgerät (Ausrüstungsbeihilfe), Kosten der Fahrt zum Antritt einer Arbeitsstelle (Reisekostenbei- hilfe), Kosten für die täglichen Fahrten zwischen Woh- nung und Arbeitsstelle (Fahrtkostenbeihilfe), Kosten einer getrennten Haushaltsführung (Trennungskostenbeihilfe), Umzugskostenbeihilfe (Einzelheiten siehe Seite 62 ff.). Daneben können Arbeitsuchende auch in beruflichen Wei- terbildungsmaßnahmen gefördert werden. Das bedeutet, dass die Behörde dem Hilfebedürftigen eine berufliche Weiterbildungsmaßnahme anbieten kann und die Kosten dafür übernimmt. Das Gleiche gilt unter Umständen auch, wenn der Hilfebedürftige sich selbst eine Weiterbildungs- maßnahme sucht und die Behörde zur Übernahme der Kosten auffordert. Zu den Weiterbildungskosten gehören Angeglichen Weiter- bildungs- maßnahmen
106 Leistungen bei Arbeitslosigkeit Leistungen an Arbeitgeber Lehrgangskosten sowie die Kosten für die Eignungsfest- stellung, aber auch die Fahrtkosten, die Kosten für eine auswärtige Unterbringung und Verpflegung sowie für die Kinderbetreuung in der Höhe begrenzt (siehe Seite 65). Die Hilfesuchenden haben jedoch keine durchsetzbaren Ansprüche auf diese Leistungen gegenüber der Behörde. Wenn man die entsprechenden Paragrafen im Grundsiche- rungsgesetz liest, stellt man fest, dass Weiterbildungsko- sten übernommen werden »können«, nicht übernommen werden »müssen«. Die Arbeitsagentur ist nicht in jedem Fall verpflichtet, diese Leistungen zu erbringen, sondern hat ein Ermessen, ob sie diese Leistungen gewährt. Das bedeutet natürlich nicht, dass die Behörde ihre Entschei- dungen treffen kann, wie sie will. Sie muss ihre Entschei- dungen schriftlich in dem Bescheid über die Gewährung oder Ablehnung der Maßnahmekosten begründen. Die Überlegungen der Behörde können gerichtlich überprüft werden. Neben den Leistungen an den Hilfebedürftigen können die Behörden auch Leistungen an Arbeitgeber vergeben, damit ein Hilfebedürftiger, der einen Antrag auf Arbeits- losengeld II gestellt hat, wieder in Arbeit kommt. Hierzu gehören die Leistungen, die auf Seite 62 ff. aufgeführt sind (z.B. Eingliederungszuschüsse. Einstellungszuschüsse, Zu- schüsse zu Ausbildungsvergütungen und Praktikumsver- gütungen usw.). 6.3 Besondere Leistungen zur Eingliederung in den Arbeitsmarkt Neben den dargestelken Leistungen gibt es besondere Leistungen, die nur dem arbeitsuchenden Hilfebedürf- tigen, der Grundsicherungsleistungen beantragt hat oder beantragen will, zustehen. Hierzu gehören: • die Betreuung minderjähriger oder behinderter Kinder oder die häusliche Pflege von Angehörigen, • die Schuldnerberatung, • die psychosoziale Betreuung,
Eingliederungsleistungen 107 • die Suchtberatung und • Leistungen nach dem Altersteilzeitgesetz. Die Gewährung dieser Leistungen schreibt das Gesetz ausdrücklich vor. Die Aufzählung ist aber nicht abschlie- ßend. Das Gesetz (§ 16 Abs. 2 SGB II) formuliert näm- lich ausdrücklich, dass »insbesondere« die vorgenannten Leistungen erbracht werden können. Das bedeutet natür- lich, dass darüber hinaus auch weitere Leistungen erbracht werden können, die dazu dienen, die Eingliederung in den Arbeitsmarkt voranzubringen. Hier ist die Kreativität und der Einfallsreichtum von Behörden, aber auch von Hilfe- suchenden gefordert. Wie bei den allgemeinen Leistungen bereits ausgeführt, sind die Ansprüche in diesem Bereich häufig (aber nicht immer!) Ermessensleistungen. Nicht zu den Ermessens- leistungen zählen der Anspruch des Hilfebedürftigen, ei- nen Dritten mit der Vermittlung zu beauftragen, und der Anspruch, dass die Arbeitsvermittlung durch einen zuge- lassenen kommunalen Träger erfolgt. Hierauf besteht ein Anspruch! (Leider) sind auch die Leistungen, die im Besonderen den Hilfesuchenden zur Verfügung stehen, meistens Ermes- sensleistungen. Die Betreuungs-, Pflege- und Beratungsleistungen der Be- hörde sollen verhindern, dass persönliche Verpflichtungen oder die allgemeine Lebensführung des Hilfebedürftigen dazu führen, dass er nicht in den allgemeinen Arbeits- markt eingegliedert werden kann. Insbesondere die Schuldner- und Suchtberatung spie- len heute in der Praxis eine große Rolle. Dabei ist unter »Sucht« das gesamte Spektrum der Drogen-, Alkohol-, Spiel-, Verschwendungssucht usw. gemeint. Die Beratung kann entweder durch die Behörde selbst stattfinden oder durch einen freien Träger, wenn die Behörde die gege- benenfalls entstehenden Kosten für die Beratung über- nimmt. Gewährung vorgeschrie- ben Ermessenslei- stungen Schuldner- und Sucht- beratung
108 Leistungen bei Arbeitslosigkeit Qualifikation für weiteren beruflichen Lebensweg 6.4 Eingliederungsleistungen für 15- bis 25-Jährige Sind Hilfebedürftige zwischen 15 und 25 Jahre alt, werden sie von den Behörden unverzüglich nach Antragstellung auf Leistungen der Grundsicherung in eine Arbeit, Aus- bildung oder Arbeitsgelegenheit vermittelt. Die Behörden haben hierbei kein Ermessen. Sie müssen vielmehr die Ju- gendlichen entsprechend »unterbringen«. Hierdurch soll der Arbeitslosigkeit junger Menschen entgegengewirkt werden und eine Gewöhnung an den Bezug von Soziallei- stungen vermieden werden. Die Behörde soll insbesondere darauf achten, dass die vermittelte Arbeit oder Arbeitsgelegenheit auch zur Ver- besserung der beruflichen Kenntnisse und Fähigkeiten des Jugendlichen beiträgt. Deren Qualifikation für den weiteren beruflichen Lebensweg und die Vermeidung von Langzeitarbeitslosigkeit haben eine besondere Bedeutung! Soweit die Theorie! Die Praxis sieht häufig etwas anders aus: Da bleiben für den Jugendlichen nur die Arbeitsgele- genheiten für wenige Monate auf »l-Euro-Basis« übrig. Allerdings: Die Verpflichtung.den Arbeitslosen sofort, d.h. nämlich »unverzüglich«, in eine Arbeit, Ausbildung oder Arbeitsgelegenheit zu bringen, steht nicht im Ermessen der Behörde. Sie ist ohne Einschränkung dazu verpflich- tet! Lassen Sie sich nicht abspeisen. Bestehen Sie darauf, sofort eine Stelle zu bekommen. Notfalls beschweren Sie sich oder beschreiten den Klageweg (siche Seite 230 ff.).
109 Kapitel 6 Leistungen bei drohender oder bevorstehender Arbeitslosigkeit 1. Allgemeines Bei manchen Leistungen braucht man nicht warten, bis Arbeitslosigkeit eingetreten ist, sondern kann diese Leistungen schon beantragen, wenn die Arbeitslosigkeit unmittelbar bevorsteht oder droht. Welche Leistungen im Einzelnen in Frage kommen, wird in den folgenden Ab- schnitten erläutert. 2. Allgemeine Leistungen bei drohender Arbeitslosigkeit Arbeitnehmer können auch Leistungen von der Arbeits- agentur beanspruchen, wenn Arbeitslosigkeit noch nicht eingetreten ist. Dies gilt allerdings nicht für alle Leistun- gen. Zu den Leistungen, die der Arbeitnehmer bei drohender Arbeitslosigkeit beanspruchen kann, gehören die Bera- tungsangebote der Arbeitsagentur, wie Berufsberatung, Eignungsfeststellung und Berufsorientierung, aber auch die Arbeits- und Ausbildungsvermittlung sowie Leistungen, die die Berufsberatung sowie Ausbildungs- und Arbeits- vermittlung unterstützen, die Übernahme der Werbungs- und Reisekosten, aber auch das Angebot von Maßnahmen der Eignungsfeststellung sowie von Trainingsmaßnahmen und Mobilitätshilfen, d.h. die Gewährung von Übergangs- beihilfe, Ausrüstungsbeihilfe, Reisekostenbeihilfe, Fahrt- kostenbeihilfe, Trennungskostenbeihilfe und Umzugsko- stenbeihilfe. Selbst die Weiterbildungskosten (siehe Seite 65) können bei drohender, aber noch nicht eingetretener Arbeitslosigkeit übernommen werden. Zu den einzelnen Maßnahmen siehe Seite 62 ff. Dazu gehören ...
110 Leistungen bei drohender oder bevorstehender Arbeitslosigkeit Gründungs- Zuschuss Drohende Arbeitslosig- keit Beispiel Selbst Arbeitslosengeld können Arbeitnehmer beziehen, ohne einen Tag arbeitslos gewesen zu sein. Dies ist z.B. dann der Fall, wenn Arbeitnehmer direkt aus ihrem Beruf in eine Weiterbildungsmaßnahme wechseln. Grundsätz- lich haben Arbeitnehmer nur Anspruch auf Arbeitslosen- geld bei Arbeitslosigkeit, wenn diese tatsächlich eingetre- ten ist. Das gilt allerdings nicht, wenn sie direkt aus ihrem Arbeitsverhältnis in eine Bildungsmaßnahme gehen und einen Anspruch auf Arbeitslosengeld bei Arbeitslosig- keit hätten bzw. die Anwartschaftszeit (siehe Seite 72 f.) im Falle von Arbeitslosigkeit am Tage des Eintritts in die Maßnahme der beruflichen Weiterbildung erfüllt hätten. Arbeitnehmer, die sich noch in einem Arbeitsverhältnis befinden, haben jedoch keinen Anspruch auf einen Grün- dungszuschuss. Dieser steht nur Arbeitslosen zu. bei denen Arbeitslosigkeit bereits eingetreten ist. In allen Fällen, in denen Leistungen nicht nur bei ein- getretener, sondern auch bei drohender Arbeitslosigkeit gewährt werden, stellt sich also die Frage, wann von dro- hender Arbeitslosigkeit ausgegangen wird. Das Gesetz definiert von Arbeitslosigkeit bedrohte Arbeitnehmer als Personen, die • versicherungspflichtig beschäftigt sind, • alsbald mit der Beendigung der Beschäftigung rechnen müssen und • voraussichtlich nach Beendigung der Beschäftigung ar- beitslos werden. Das ist kompliziert, deshalb ein Beispiel: Klaus Kleber arbeitet wöchentlich als Zeitungsausträger und bekommt 400 Euro. Als er hört, dass die Tageszeitung wohl demnächst von einem großen Konzern aufgekauft werden soll, fürchtet er, arbeitslos zu werden und bean- tragt bei der Arbeitsagentur, ihm bei Bewerbungen behilf- lich zu sein, die Kosten der Bewerbungen sowie Reiseko- sten zu übernehmen. Die Arbeitsagentur lehnt dies ab. Die Arbeitsagentur lehnt den Antrag von Klaus Kleber zu Recht ab. Die von ihm beantragten Leistungen stehen
Allgemeine Leistungen bei drohender Arbeitslosigkeit 111 zwar nicht nur arbeitslosen, sondern auch von Arbeitslo- sigkeit bedrohten Personen zu. Hierzu zählt Klaus Kleber aber nicht, und zwar aus zwei Gründen: Klaus Kleber ist in seinem 400 Euro-Job als Zeitungsausträger nicht sozi- alversicherungspflichtig beschäftigt. Es handelt sich bei ihm vielmehr um eine geringfügige Beschäftigung, für die zwar vom Arbeitgeber, nicht aber von ihm selbst Sozi- alversicherungsbeiträge zu entrichten waren. Jm Übrigen scheitert der Anspruch von Klaus Kleber daran, dass die Beschäftigung nicht »alsbald« beendet wird. Nicht jede Gefahr, arbeitslos zu werden, genügt. Mit einer alsbal- digen Beendigung muss jemand rechnen, wenn z.B. die Kündigung bereits ausgesprochen oder die Eröffnung des Insolvenz verfahrens beantragt worden ist. Auch eine An- zeige des Arbeitgebers gegenüber der Arbeitsagentur, eine größere Gruppe von Arbeitnehmern entlassen zu wollen, würde ausreichen, um eine drohende Arbeitslosigkeit an- zunehmen. Es reicht also nicht aus, dass erst langfristig Aussichten auf eine Verschlechterung des Beschäftigungsverhält- nisses im Beruf bestehen. Auch die bloße Befristung des Arbeitsverhältnisses reicht für sich allein nicht aus, weil die Bedrohung unmittelbar sein muss. Hinzu kommen muss dann, dass das befristete Arbeitsverhältnis in Kürze ausläuft, die Arbeitslosigkeit also in Kürze bevorsteht. Auch wenn der Arbeitnehmer selbst kündigt oder einen Aufhebungsvertrag schließt, gilt er nicht als von Arbeits- losigkeit bedroht, da die Arbeitslosigkeit von seinem eige- nen Verhalten abhängt. Das gilt allerdings nicht, wenn der Arbeitslose für sein Verhalten einen wichtigen Grund hat, d.h., wenn der Arbeitgeber beispielsweise gegen Arbeits- schutz- oder Arbeitszeitbestimmungen verstößt, wenn der Arbeitnehmer im Betrieb gemobbt wird usw. Ansonsten ist die Rechtsprechung nicht engherzig. Wenn einer der o.g. Fälle vorliegt, reicht dies auch dann als Grund, wenn die Arbeitslosigkeit erst in einigen Monaten (bis zu zwölf Monaten) eintritt. Es muss nur sicher sein, dass sie tatsächlich eintreten wird. Dies zeigen am ehesten Arbeitslosig- keit in Kürze Arbeitnehmer kündigt selbst
112 Leistungen bet drohender oder bevorstehender Arbeitslosigkeit eine bereits vorliegende Kündigung oder entsprechende Schritte des Arbeitgebers. Zu den genannten Voraussetzungen muss im Übrigen hin- zukommen, dass »voraussichtlich« Arbeitslosigkeit eintritt. Das ist z.B. nicht anzunehmen, wenn der Arbeitnehmer eine konkrete Aussicht auf einen Anschlussarbeitsplatz hat oder er in einem Mangelberuf arbeitet und eine Ver- mittlung auf einen gleichen oder ähnlichen Beruf in Kürze möglich ist. 3. Besondere Leistungen bei drohender Arbeitslosigkeit 3.1 Kurzarbeitergeld a) Die Voraussetzungen für den Bezug von Kurzarbeitergeld In manchen Fällen hat der Arbeitgeber noch nicht gekün- digt oder ähnliche Maßnahmen ergriffen, die Arbeitneh- mer des Betriebes sind entweder alle oder zumindest zu 1/3 der Belegschaft aber von einem Ausfall ihres Arbeits- entgelts von mehr als 10 Prozent betroffen. Beispiel In einem Betrieb sind 76 Arbeitnehmer beschäftigt. 26 von ihnen erhalten anstelle von 2.500 Euro im Monat nur noch 1.250 Euro als Bruttoarbeitsentgelt, d.h. 50 Prozent weniger. Damit sind die Mindestvoraussetzungen für die Gewäh- rung von Kurzarbeitergeld erfüllt: 1/3 der Belegschaft er- hält mehr als 10 Prozent des Bruttoentgelts weniger. Kurzarbeitergeld wird aber nicht automatisch, sondern auf Antrag gezahlt. Stellt der Arbeitgeber den Antrag nicht, dann sollten Sie sich sofort an den Betriebsrat wenden und ihn auffordern, tätig zu werden. Weitere Voraussetzungen für die Gewährung von Kurzar- beitergeld sind, dass • in dem Betrieb regelmäßig mindestens ein Arbeitneh- mer beschäftigt ist,
Besondere Leistungen bei drohender Arbeitslosigkeit 113 • der Arbeitnehmer nach Beginn des Arbeitsausfalls eine versicherungspflichtige Beschäftigung (siehe Seite 67,69) fortsetzt, aus zwingenden Gründen aufnimmt oder im Anschluss an die Beendigung eines Berufsausbildungs- verhältnisses aufnimmt, wobei das Arbeitsverhältnis nicht gekündigt oder durch Aufhebungsvertrag aufgelöst ist und der Arbeitnehmer nicht vom Kurzarbeitergeld- bezug ausgeschlossen ist (das ist z.B. gegeben, wenn er in der gleichen Zeit Krankengeld bezieht oder als Teil- nehmer an einer beruflichen Weiterbildungsmaßnahme Arbeitslosengeld bei beruflicher Weiterbildung oder Übergangsgeld bezieht, wenn diese Leistung nicht für eine neben der Beschäftigung durchgeführte Teilzeit- maßnahme gezahlt wird usw.). Außerdem muss der Arbeitsausfall bei der Arbeitsagentur schriftlich vom Arbeitgeber oder dem Betriebsrat ange- zeigt und (später) beantragt worden sein. b) Bezugsdauer Kurzarbeitergeld wird sechs Monate lang gezahlt. Diese Laufzeit kann durch Verordnung auf zwölf bzw. 24 Mo- nate verlängert werden. Beim Transferkurzarbeitergeld beträgt die Laufzeit 12 Monate. c) Die Höhe des Kurzarbeitergeldes Die Höhe des Kurzarbeitergeldes ist kompliziert auszu- rechnen. Das Gesetz sagt, dass das Kurzarbeitergeld für Arbeitnehmer mit einem Kind 67 Prozent und für die übrigen Arbeitnehmer 60 Prozent der »Nettoentgeltdiffe- renz« im Anspruchszeitraum beträgt. Dabei entspricht die Nettoentgeltdifferenz dem Unterschiedsbetrag zwischen dem pauschalierten Nettoentgelt aus dem »Soll-Entgelt« und dem pauschalierten Nettoentgelt aus dem »Ist-Ent- gelt«. Unter Soll-Entgelt ist das Bruttoarbeitsentgelt zu verstehen, das der Arbeitnehmer ohne den Arbeitsausfall erzielt hätte. Ist-Entgelt ist das im Anspruchszcitraum tat- sächlich erzielte Bruttoarbeitsentgelt des Arbeitnehmers. Antrag des Arbeit- nehmers Nettoentgelt- differenz
114 Leistungen bei drohender oder bevorstehender Arbeitslosigkeit Beispiel Friedhelm Fröhlich ist bei der A-GmbH beschäftigt. Er verdient 2.500 Euro monatlich brutto. Auf seiner Lohnsteu- erkarte sind die Lohnsteuerklasse Hl und ein Kinderfreibe- trag eingetragen. Da es der A-GmbH schlecht geht, werden bei entsprechend verminderter Arbeitszeit für die Hälfte der Belegschaft um 50 Prozent geminderte Löhne gezahlt. Das Soll-Entgelt (das bisher verdiente Bruttoentgelt von Friedhelm Fröhlich) beträgt 2.500 Euro - das ergibt einen rechnerischen Leistungssatz von 1.232,02 Euro. Das Ist- Entgelt (das tatsächlich erhaltene Entgelt) beträgt 1.250 Euro und ergibt einen rechnerischen Leistungssatz von 666,92 Euro. Das Kurzarbeitergeld für Friedhelm Fröh- lich beträgt danach 1.232,02 Euro - 666,92 Euro = 565,10 Euro. Als vom Arbeitsausfall mit entsprechendem Arbeits- entgeltausfall betroffener Arbeitnehmer würde er nunmehr 1.250 Euro brutto vom Arbeitgeber und 565,10 Euro über den Arbeitgeber von der Arbeitsagentur erhalten. 3.2 Transfer-Kurzarbeitergeld Zwölf Monate lang können Arbeitnehmer Kurzarbeiter- geld. und zwar sogenanntes Transferkurzarbeitergeld, beziehen, wenn die Leistung zur Vermeidung von Entlas- sungen und zur Verbesserung der Vermittlungsaussichten der Arbeitnehmer und zur Förderung der Eingliederung bei betrieblichen Restrukturierungen gezahlt wird. Voraus- Voraussetzung für die Gewährung von Transferkurzarbei- setzung tergeld ist, dass • Arbeitnehmer von einem dauerhaften unvermeidbaren Arbeitsausfall mit Entgeltausfall betroffen sind. • Personalanpassungsmaßnahmen aufgrund einer Be- triebsänderung durchgeführt werden, • die betroffenen Arbeitnehmer zur Vermeidung von Ent- lassungen und zur Verbesserung ihrer Eingiiederung- schancen in einei sogenannten betriebsorganisatorisch eigenständigen Einheit zusammengefasst werden. • die Arbeitnehmer tatsächlich von Arbeitslosigkeit be- droht sind (siehe hierzu Seite 110),
Besondere Leistungen bei drohender Arbeitslosigkeit 115 • sie nach Beginn des Arbeitsausfalls eine versicherungs- pflichtige Beschäftigung fortsetzen oder im Anschluss an die Beendigung eines Berufsausbildungsverhält- nisses aufnehmen, • nicht vom Kurzarbeitergeldbezug ausgeschlossen sind, • vor der Überleitung in die sogenannte betriebsorganisa- torisch eigenständige Einheit aus Anlass der Betriebsän- derung an einer arbeitsmarktlich zweckmäßigen Maß- nahme zur Feststellung der Eingliederungsaussichten teilgenommen haben. Ein dauerhafter Arbeitsausfall wird angenommen, wenn infolge einer Betriebsänderung die Beschäftigungsmög- lichkeiten für die Arbeitnehmer nicht nur vorübergehend entfallen. Ausgeschlossen sind Arbeitnehmer vom Bezug des Kurz- arbeitergeldes, wenn sie als Teilnehmer an einer beruf- lichen Weiterbildungsmaßnahme Arbeitslosengeld bei beruflicher Weiterbildung oder Übcrgangsgeld beziehen und diese Leistung nicht für eine neben der Beschäftigung durchgeführte Teilzeitmaßnahme gezahlt wird. Der Aus- schluss gilt auch für die Zeit, in der sie Krankengeld bezie- hen oder in einem Betrieb des Schaustellergewerbes oder Ähnlichem beschäftigt sind. Arbeitnehmer sind auch vom Kurzarbeitergeldbezug ausgeschlossen, wenn und solange sic bei einer Vermittlung nicht in der von der Agentur für Arbeit verlangten oder gebotenen Weise mitwirken. Während des Bezuges von Transferkurzarbeitergeld hat der Arbeitgeber den geförderten Arbeitnehmern Vermitt- lungsvorschläge zu unterbreiten. Bei Qualifizierungsde- fiziten des Arbeitnehmers soll der Arbeitgeber geeignete Maßnahmen zur Verbesserung der Eingliederungsaus- sichten anbieten. Dazu kann auch eine zeitlich begrenzte, allerdings nicht mehr als sechs Monate andauernde Be- schäftigung zum Zwecke der Qualifizierung bei einem anderen Arbeitgeber gehören. Allerdings ist der Anspruch auf Transferkurzarbeitergeld ausgeschlossen, wenn die Arbeitnehmer nur vorüberge- Dauerhafter Arbeitsausfall Ausschluss
116 Leistungen bei drohender oder bevorstehender Arbeitslosigkeit hend in der betriebsorganisatorisch eigenständigen Einheit zusammengefasst werden und anschließend einen anderen Arbeitsplatz in dem gleichen oder in einem anderen Be- trieb des Unternehmens oder Konzerns erhalten. Beispiel Frieda Fleißig ist bei der A-GmbH beschäftigt. Nach zehn Jahren wird ihr eröffnet, dass das Unternehmen Schwie- rigkeiten in dem Bereich hat, in dem sie eingesetzt ist, und sie durch Schließung der Abteilung ihren Arbeitsplatz ver- lieren wird, weil eine andere Beschäftigungsmöglichkeit in dem Unternehmen nicht vorhanden ist. Allerdings bietet man ihr an, mit anderen Arbeitnehmern zusammen in eine Qualifizierungsgesellschaft einzutreten. Frieda Fleißig weiß nicht, wie sie sich verhalten soll. Freunde raten ihr, Kündigungsschutzklage zu erheben. Sie vermuten, dass die Qualifizierungsgesellschaft nur dazu diene, dem Manage- ment Kündigungsschutzklagen zu ersparen. Ihr Betriebsrat sehe in der Qualifizierungsgesellschaft auch nur eine Mög- lichkeit, »scheinbar« etwas für die ausscheidenden Beleg- schaftsmitglieder zu tun. Andere Freunde raten ihr, das Angebot anzunehmen, weil bei einer Kündigungsschutzkla- ge wohl kaum etwas herauskommen werde, allenfalls eine Abfindung in Höhe von fünf Monatsgehältern. Die müsse sie möglicherweise auch noch zum Teil versteuern. Durch ihre Beschäftigung in der Qualifizierungsgesellschaft, bei der der Lohn weitergezahlt werde, gewinne sie zumindest ein Jahr, in dem sie kein Arbeitslosengeld beantragen müs- se. Das Arbeitslosengeld sei in ihrem Fall (Frieda Fleißig ist 45 Jahre alt) auf zwölf Monate begrenzt. Sie würde also für die doppelte Zeit (zwei Jahre) Geld erhalten - zunächst im Rahmen ihrer Beschäftigung in der Qualifizierungsge- sellschaft, für die Zeit danach Arbeitslosengeld. Keine einheit- Eine einheitliche Lösung für alle Fälle gibt es nicht. Das liehe Lösung hängt stark von der Qualität der Qualifizierungsgesell- schaft ab. Was aber auf jeden Fall für den Arbeitnehmer vorteilhaft ist. ist das Entgelt während der Zeit in der Ge- sellschaft und die Möglichkeit, danach, d.h. länger, Ar- beitslosengeld zu beziehen.
Besondere Leistungen bei drohender Arbeitslosigkeit 117 3.3 Teilnahme an Transfermaßnahmen Maßnahmen, die die Eingliederung von Arbeitslosigkeit bedrohter Arbeitnehmer (siehe Seite 109) in den Arbeits- markt zum Ziel haben und an deren Finanzierung sich der Arbeitgeber angemessen beteiligt, werden unter be- stimmten Voraussetzungen von der Arbeitsagentur ge- fördert. Die Förderung, die als Zuschuss gewährt wird, erhält allerdings nicht der Arbeitnehmer direkt, sondern allenfalls indirekt, weil das Geld in die Maßnahme selbst fließt. 3.4 Saison-Kurzarbeitergeld für Arbeitnehmer witterungsabhängiger Branchen a) Allgemeines In machen Branchen kommt es saisonbedingt zu Arbeitsaus- fällen, die vor allem auf eine schlechte Witterung zurückzu- führen sind. Deshalb hat der Gesetzgeber ab dem 01.04.2006 das neue »Saison-Kurzarbeitergeld« geschaffen. b) Voraussetzungen für den Bezug von Saison- Kurzarbeitergeld Arbeitnehmer haben in der Zeit vom 01.12. bis 31.03. (Schlechtwetterzeit) Anspruch auf Saison-Kurzarbeiter- geld, wenn • sie in einem Betrieb beschäftigt sind, der dem Bauge- werbe oder einem Wirtschaftszweig angehört, der von saisonbedingtem Arbeitsausfall betroffen ist, • der Arbeitsausfall erheblich ist (siehe Seite 118), • die übrigen Voraussetzungen für das »Normal-Kurzar- beitergeld« gegeben sind (siehe Seite 112 f.). Außerdem muss der Arbeitsausfall der Arbeitsagentur an- gezeigt worden sein. Ein Wirtschaftszweig ist dann von saisonbedingtem Ar- beitsausfall betroffen, wenn der Arbeitsausfall regelmäßig in der Schlechtwetterzeit (01.12. bis 31.03.) aufgrund wit- terungsbedingter oder wirtschaftlicher Ursachen eintritt. Zuschuss Regelmäßiger Arbeitsausfafl
118 Leistungen bei drohender oder bevorstehender Arbeitslosigkeit Erheblicher Arbeitsausfall Witterungs- bedingter Arbeitsausfall Arbeitszeit- guthaben Ein erheblicher Arbeitsausfall liegt vor, wenn er auf wirt- schaftlichen oder witterungsbedingten Gründen oder einem unabwendbaren Ereignis beruht, vorübergehend und unvermeidbar ist und außerdem mindestens ein Drit- tel der Arbeitnehmer mehr als zehn Prozent ihres Brutto- entgelts verlieren. Ein witterungsbedingter Arbeitsausfall ist immer dann gegeben, wenn dieser ausschließlich durch zwingende Witterungsgründe verursacht ist und an einem Arbeitstag mindestens eine Stunde der regelmäßigen betrieblichen Arbeitszeit ausfällt. Die Höhe des Saison-Kurzarbeitergeldes wird entspre- chend der Höhe des »Normal-Kurzarbeitergeldes« ge- zahlt. Im Gegensatz zum »Normal-Kurzarbeitergeld« ist vorher das zur Vermeidung der Inanspruchnahme von Saison- Kurzarbeitergeld angespartc Arbeitszeitguthaben, das im Rahmen des konjunkturellen Kurzarbeitergeldes ge- schützt wird, aufzulösen. Wenn die Auflösung außerhalb der Schlechtwetterzeit (01.12. bis 31.03.) geschieht, gilt ein Arbeitsausfall niemals als unvermeidbar. Eine Gewäh- rung von Saison-Kurzarbeitergeld kommt dann nicht in Betracht. Die Bezugszeit von Saison-Kurzarbeitergeld wird nicht auf die Bezugsdauer des konjunkturellen Kurzarbeiter- geldes angerechnet. 3.5 Ergänzende Leistungen Zusätzlich zur Gewährung von Saison-Kurzarbeitergeld hat der Gesetzgeber weitere Leistungen vorgesehen, um Arbeitslosigkeit zu vermeiden. Hierzu gehören das Zu- schuss-Wintergeld, das Mehraufwands-Wintergeld sowie die Erstattung der Beiträge zur Sozialversicherung. Vo- raussetzung für diese Leistungen ist die Einführung einer Umlage zur Aufbringung der erforderlichen Mittel, an de- ren Finanzierung sich auch die Arbeitnehmer beteiligen können. Zurzeit sind hiervon betroffen die Arbeitnehmer
Weitere Leistungen 119 in Betrieben des Baugewerbes, des Gerüstbauhandwerks, des Dachdeckerhandwerks und des Garten- sowie Land- schaftsbaus. Zuschuss-Wintergeld wird in Höhe von bis zu 2,50 Euro je ausgefallene Arbeitsstunde gewährt, wenn zu deren Aus- gleich Arbeitszeitguthaben aufgelöst und die Inanspruch- nahme von Saison-Kurzarbeitergeld vermieden wird. Mehraufwands-Wintergeld wird in Höhe von 1 Euro für jede Zeit vom 15.12. bis zum 28. bzw. 29.02. geleistet (pro Arbeitsstunde für Arbeitnehmer, die auf einem witte- rungsabhängigen Arbeitsplatz beschäftigt sind, höchstens jedoch für 180 Arbeitsstunden im Januar und Februar so- wie 90 Arbeitsstunden im Dezember). 4. Weitere Leistungen 4.1 Vermittlungsgutschein Ist ein Arbeitnehmer mit Anspruch auf Arbeitslosengeld nach einer Arbeitslosigkeit von sechs Wochen innerhalb einer Frist von drei Monaten noch nicht vermittelt, hat er Anspruch auf einen Vermittlungsgutschein. Zu den Ein- zelheiten siehe Seite 82. 4.2 Entgeltsicherung für ältere Arbeitnehmer Die Förderung bezieht sich nicht nur auf Arbeitnehmer, die arbeitslos sind, sondern auch auf Arbeitnehmer, die ihre Arbeitslosigkeit durch die Aufnahme einer solchen Beschäftigung vermeiden können (§ 421 j SGB II). Zu den Einzelheiten siehe Seite 82. 4.3 Ältere Arbeitnehmer und Eingliederungs- zuschuss Wenn Arbeitnehmer, die das 50. Lebensjahr vollendet ha- ben, einen Eingliederungszuschuss erhalten, kann dessen Förderdauer bis zu 36 Monate betragen. Zuschuss- Wintergeld Mehr- aufwands- Wintergeld
120 Kapitel 7 Leistungen bei Krankheit 1. Allgemeines Die soziale Leistung, die im täglichen Leben die größte Bedeutung hat, ist die Leistung im Krankheitsfall. Ob- wohl Krankheiten millionenfach vorkommen und entspre- chende Leistungen von den Krankenkassen erbracht wer- den müssen, findet sich in keinem Gesetz eine Definition dessen, was eine Krankheit ist. Deshalb ist die Rechtspre- chung eingesprungen und hat juristisch hölzern formuliert, dass unter Krankheit ein regelwidriger Körper- oder Gei- steszustand zu verstehen ist, der die Notwendigkeit einer ärztlichen Heilbehandlung des Versicherten oder zugleich oder allein Arbeitsunfähigkeit zur Folge hat. Dabei ist je- der Zustand »regelwidrig«, der von der Norm vom Leitbild des gesunden Menschen abweicht. Beispiel Annette Ahrens ärgert sich, solange sie denken kann, Uber ihre große Nase. Im Alter von 20 Jahren lässt sie sich ope- rieren und die Nase verkleinern. Mit dem Ergebnis ist sie sehr zufrieden. Litt sie vorher an einer Krankheit? Muss die Krankenkasse die Kosten der Operation überneh- men? Annette Ahrens hat grundsätzlich keinen Leistungsan- spruch gegen die Krankenkasse. Wenn durch eine ent- sprechende Abweichung vom »Normbereich« keine Kör- perfunktion, sondern nur das Aussehen des Menschen beeinträchtigt wird, muss zumindest eine entstellende Wirkung vorliegen, um als Krankheit zu gelten und eine Leistungspflicht der gesetzlichen Krankenkasse zu begrün- den. Ein regelwidriger Körperzustand ohne entstellende Wirkung und ohne wesentliche Funktionseinschränkung ist selbst dann nicht als Krankheit zu werten, wenn er eine psychische Belastung für den Betroffenen darstellt, die ih- rerseits zu einer behandlungsbedürftigen psychischen Er- krankung geführt hat. Das gilt selbst dann, wenn durch die
Leistungen der Krankenversicherung 121 Operation positive Auswirkungen auf den Seelenzustand zu erwarten sind. Die Krankenkasse ist in diesen Fällen nur verpflichtet, die notwendigen psychiatrischen bzw. psychotherapeutischen Behandlungen zu gewähren. Mit dieser Argumentation wird z.B. auch die Kostenüber- nahme von magenverkleinernden Operationen zur beglei- tenden Behandlung extremer Übergewichtigkeit versagt. Das Gleiche gilt für Brustvergrößerungen. Ernährungsbedingtes Übergewicht stellt für sich allein noch keine behandlungsbedürftige Krankheit dar. Deshalb muss die Krankenkasse hierfür auch nicht zahlen. Es han- delt sich vielmehr um ein Problem der Gesundheitsförde- rung, das in den Verantwortungsbereich des Versicherten fällt, solange es trotz des erheblichen Übergewichts noch nicht zu den typischen Folgeerkrankungen, beispielsweise Bluthochdruck oder Diabetes mellitus, gekommen ist. Etwas anderes gilt allerdings bei starkem Übergewicht - im Allgemeinen ab einem Body-Maß-Index (BMI) von 30 und mehr wenn eine Behandlung mit dem Ziel der Gewichtsreduktion erforderlich ist, weil andernfalls ein erhöhtes Risiko für das Auftreten von Begleit- und Fol- geerkrankungen besteht oder bereits Folgeerkrankungen aufgetreten sind. Der Body-Maß-Index errechnet sich aus dem Körpergewicht (kg) dividiert durch das Quadrat der Körpergröße (m2). Eine Person von 160 cm und einem Körpergewicht von 60 kg hat einen BMI von 23,44. 2. Leistungen der Krankenversicherung 2.1 Krankenbehandlung a) Der Umfang der Krankenbehandlung Versicherte haben Anspruch auf eine Krankenbehandlung, wenn diese notwendig ist, um eine Krankheit zu erkennen, zu heilen, ihre Verschlimmerung zu verhüten oder Krank- heitsbeschwerden zu lindern. Hierfür muss der Versicherte in aller Regel nichts bezahlen. Ernährungs- bedingtes Übergewicht
Leistungen bei Krankheit 122 Beispiel Tipp Versicherte erhalten die von ihnen benötigten Leistungen von der Krankenkasse als Sach- oder Dienstleistungen. In Ausnahmefällen können Versicherte unter bestimmte Voraussetzungen auch Kostenerstattung wählen. Nach der Gesundheitsreform 2007 können die Krankenkassen ihren Versicherten auch einen Kostenerstattungstarif anbieten, an den die Versicherten drei Jahre gebunden sind. Die Kran- kenkasse stellt die Leistung zur Verfügung und rechnet die Kosten unmittelbar mit dem Arzt bzw. seiner Vertretung ab. Unter einer Krankenbehandlung versteht man die gesamte ärztliche Behandlung einschließlich Psychotherapie, zahn- ärztliche Behandlung, Versorgung mit Zahnersatz ein- schließlich Zahnkronen, die Versorgung mit Arznei-, Ver- band-, Heil- und Hilfsmitteln, häusliche Krankenpflege, Soziotherapie und Haushaltshilfe sowie Krankenhausbe- handlung, medizinische Leistungen zur Rehabilitation oder ergänzende Leistungen; ein gewaltiger Leistungskatalog. Beim Zahnersatz hat das Kassenmitglied im Allgemeinen einen spürbaren Eigenbeitrag zu leisten, weil die Kassen nur noch einen Festzuschuss (in manchen Fällen lediglich 50 Prozent) zahlen. Allerdings kann der Patient seinen Eigenanteil dadurch verringern, dass er einen Bonus von 20 Prozent oder 30 Prozent wegen besonderer Zahnvor- sorge beansprucht, den er jedoch (z.B. durch das Vorsor- geheft) im Einzelnen nachweisen muss. Klaus Schulte fehlt ein Zahn. Die entsprechende Brücke soll mit Zahnarzthonorar und Material zusammen 553,64 Euro kosten. Die Kasse will die Hälfte als Festzuschuss zahlen (276,82 Euro). Kann Klaus nachweisen, dass er regelmäßig Zahnvorsorge betrieben hat, würde sich der Kassenzuschuss auf 332,18 Euro (bei 20 Prozent) bzw. 359,87 Euro (bei 30 Prozent) erhöhen und sein Eigenan- teil entsprechend sinken. Die nicht von der Kasse ersetzten Beträge können Sie even- tuell bei der nächsten Steuererklärung steuermindernd als »Außergewöhnliche Belastungen« geltend machen. Dies hängt wesentlich davon ab, welche Belastungsgrenze Sie
Leistungen der Krankenversicherung 123 haben (zwischen l Prozent bis 7 Prozent des Einkommens -je nach Höhe des Einkommens, des Familienstands und der Zahl der Kinder). b) Neue Behandlungsmethoden Nun kommt cs immer wieder vor, dass Versicherte in den Medien von neuen Untersuchungs- und Behandlungsme- thoden hören und glauben, dass diese ihnen besser als die anerkannten medizinischen Standarduntersuchungs- und Behandlungsmethoden helfen können. Versicherte haben jedoch keinen Anspruch auf jede neue Untersuchungs- und Behandlungsmethode. Diese dürfen nur angewendet werden, wenn ein Gremium (Gemein- samer Bundesausschuss) zuvor deren medizinischen Nutzen bescheinigt hat. Verweigert der Gemeinsame Bundesausschuss die Anerkennung einer Untersuchungs- oder Behandlungsmethode, hat das zur Folge, dass die be- treffende Therapie von den Krankenkassen nicht bezahlt wird. Nimmt der Versicherte die Behandlung in Anspruch, wird die Krankenkasse die Kosten nicht erstatten. Handelt es sich um eine Therapie, die nicht ambulant, son- dern im Krankenhaus angewendet wird, muss die Kran- kenkasse sie bezahlen, wenn der Gemeinsame Ausschuss sie nicht ausdrücklich ausgeschlossen hat. Das bedeutet, dass im Krankenhaus grundsätzlich auch neuartige Ver- fahren angewendet werden können, ohne dass sie beson- ders vom Gemeinsamen Ausschuss zugelassen sind. Sie dürfen eben nur nicht besonders ausgeschlossen sein. Eine Besonderheit gilt bei lebensbedrohlichen Krank- heiten. Ein Versicherter, der an einer lebensbedrohlichen bzw. sogar regelmäßig tödlichen Erkrankung leidet, für die keine schulmedizinischen Behandlungsmethoden vor- liegen, darf von einer bestimmten Behandlungsmethode durch seine Krankenkasse nicht ausgeschlossen werden. Vielmehr muss die Krankenkasse die Behandlung finan- zieren, wenn eine nicht ganz fernliegende Aussicht auf Heilung oder wenigstens auf eine spürbare positive Ein- Therapie im Krankenhaus Lebens- bedrohliche Krankheiten
124 Leistungen bei Krankheit Arzneimittel Kostenüber- nahme Schwere psychische Erkrankung Wirkung auf den Krankheitsverlauf durch Indizien festge- stellt werden kann. Besonderheiten gelten auch für Arzneimittel. In man- chen Fällen glauben nicht nur die Patienten, sondern auch Ärzte, dass ein Arzneimittel, das für die Behandlung ei- ner bestimmten Krankheit bestimmt ist, auch für andere Krankheiten eingesetzt werden kann. Grundsätzlich kann aber ein Fertigarzneimittel, auch wenn es zum Verkehr zugelassen ist, nicht zu Lasten der gesetzlichen Krankenversicherung in einem Anwen- dungsgebiet verordnet werden, auf das sich die Zulassung nicht erstreckt! Das Medikament darf grundsätzlich nicht für andere Indikationen, d.h. Behandlungsgebiete, in den Handel gebracht oder verkauft werden. Allerdings kann ein Arzt auf eigene Verantwortung ein auf dem Markt verfügbares Arzneimittel für eine The- rapie einsetzen, für die es nicht zugelassen ist. Dies wird vor allem im Rahmen von Therapieversuchen bei Krebs-, Aids- oder MS-Erkrankungen vorkommen. Die Kranken- kassen müssen in diesen Fällen die Kosten aber nur dann übernehmen, wenn • es sich um eine schwerwiegende lebensbedrohliche oder die Lebensqualität auf Dauer nachhaltig beein- trächtigende Erkrankung handelt, • keine andere Therapie verfügbar ist und • auf Grund der Datenlage die begründete Aussicht be- steht, dass mit dem betreffenden Präparat ein Behand- lungserfolg zu erzielen ist. Das ist immer dann anzunehmen, wenn Forschungsergeb- nisse vorliegen, die erwarten lassen, dass das Arzneimittel für die betreffende Behandlung zugclassen werden kann. c) Soziotherapie Zu den weniger bekannten Leistungen gehört die Sozi- otherapie, die immer dann einsetzt, wenn Versicherte wegen schwerer psychischer Erkrankungen nicht in der Lage sind, ärztliche oder ärztlich verordnete Leistungen
Leistungen der Krankenversicherung 125 in Anspruch zu nehmen. Diese ambulante Therapie, bei der der Patient von einem Sozialtherapeuten unterstützt wird, umfasst die Koordinierung der ärztlich verordneten Leistungen sowie Anleitung und Motivation des Patienten, die verordnete Behandlung fortzusetzen. Diese Soziothe- rapie ist auf höchstens 120 Stunden innerhalb von drei Jahren je Krankheitsfall begrenzt. d) Haushaltshilfe Auch die Gewährung einer Haushaltshilfe gehört zu den Kassenleistungen! Einen Anspruch auf eine solche Haus- haltshilfe haben die Versicherten, denen die Weiterführung ihres Haushalts wegen einer Krankenhausbehandlung oder Teilnahme an einer Vorbeuge- bzw. Rehabilitationskur nicht möglich ist. Voraussetzung für die Gewährung bzw. Kostenübernahme einer Haushaltshilfe ist jedoch, dass im Haushalt des Versicherten ein Kind lebt, das bei Beginn der notwendigen Haushaltshilfe das 12. Lebensjahr noch nicht vollendet hat oder das behindert oder auf Hilfe an- gewiesen ist. 2.2 Krankengeld a) Allgemeines Während die Krankenbehandlung vor allem auf Vorbeu- gung, Verhütung oder Behandlung einer Krankheit gerich- tet ist und im Allgemeinen als Sach- oder Dienstleistung gewährt wird, dient das Krankengeld der wirtschaftlichen Sicherung bei Krankheit. Damit ist das Krankengeld eine typische Lohnersatzleistung wie z.B. auch das Arbeitslo- sengeld. Die Höhe des Krankengeldes orientiert sich an dem Arbeitsentgelt, das dem Versicherten entgangen ist. Schon hieraus folgt, dass Krankengeld nur solche Versi- cherten erhalten können, deren Versicherung auf dem Be- zug von Arbeitsentgelt oder anderen Lohnersatzleistungen beruht, die bei Eintritt einer Krankheit und damit einher- gehender Arbeitsunfähigkeit wegfallen. Dementsprechend Voraus- setzung Lohnersatzlei- stung
126 Leistungen bei Krankheit Arten von Krankengeld Ärztliche Bescheinigung Gesetzlich kranken- versichert sind Rentner und Sozialhilfeempfänger vom Bezug von Krankengeld ausgeschlossen. Es gibt verschiedene Arten von Krankengeld: Kranken- geld bei Arbeitsunfähigkeit oder stationärer Behandlung, Krankengeld bei Erkrankung eines Kindes und Kranken- geld im Zusammenhang mit Leistungen zur medizinischen Rehabilitation als ergänzende Leistung. b) Entgeltfortzahlung des Arbeitgebers vor Krankengeld Ist ein Arbeitnehmer durch eine Krankheit arbeitsunfähig geworden und kann deswegen weder seine Arbeit noch eine ähnliche Arbeit erbringen, so hat der Arbeitgeber ihm für die Zeit der Arbeitsunfähigkeit - höchstens für sechs Wochen - das Entgelt fortzuzahlen. Dies ist keine Leistung der Krankenkasse, sondern eine Leistung des Arbeitgebers. Der Anspruch auf Kranken- geld ruht in dieser Zeit. Der Arbeitnehmer muss dem Arbeitgeber die Arbeits- unfähigkeit und deren voraussichtliche Dauer unverzüg- lich mitteilen und eine ärztliche Bescheinigung vorlegen, wenn die Arbeitsunfähigkeit länger als drei Kalendertage dauert. Ist der Arbeitgeber misstrauisch, ob tatsächlich Arbeitsunfähigkeit vorliegt, kann er verlangen, dass die ärztliche Bescheinigung früher vorgelegt wird. c) Voraussetzungen für den Anspruch auf Krankengeld Eine wesentliche Voraussetzung für den Anspruch auf Krankengeld ist, dass der Arbeitnehmer krankenversi- chert ist, und zwar in der gesetzlichen Krankenversiche- rung. Bei der privaten Krankenversicherung gelten andere Voraussetzungen. Eine solche Versicherung kann auf der gesetzlichen Versicherungspflicht (immer bei Arbeitern, Angestellten und Azubis und weiteren genau im Gesetz bezeichneten Personen wie Landwirten, Studenten, Künst- lern usw.) oder auf freiwilliger Versicherung beruhen (das
Leistungen der Krankenversicherung 127 ist möglich z.B. bei Personen, die als Mitglieder aus der Versicherungspflicht ausgeschieden sind und in den letzten fünf Jahren vor dem Ausscheiden mindestens 24 Monate oder unmittelbar vor dem Ausscheiden ununterbrochen mindestens zwölf Monate versichert waren). Außerdem muss der Versicherte durch die Krankheit (sie- he Seite 120) arbeitsunfähig sein. Genauso wie der Begriff der Krankheit ist der Begriff der Arbeitsunfähigkeit im Gesetz nicht genau definiert. Die Rechtsprechung nimmt Arbeitsunfähigkeit dann an, wenn der Versicherte die zuletzt verrichtete oder eine ähnliche Beschäftigung oder Tätigkeit nicht mehr oder nur unter der Gefahr der Verschlimmerung der Erkrankung ausfüh- ren oder fortsetzen kann. Das bedeutet: Die Frage, ob jemand arbeitsunfähig ist, lässt sich nur mit Bezug auf seinen letzten Beruf beantworten. Allerdings muss man nicht allein den letzten Arbeitsplatz betrachten, sondern auch »ähnliche Tätigkeiten« einbezie- hen und fragen, ob der Versicherte solche noch ausüben könnte. Entscheidend ist hierbei, dass kein Versicherter eine Einkommenseinbuße von 10 Prozent oder mehr sei- nes letzten Nettoentgelts hinnehmen muss. Bei Arbeitslosen, die arbeitsunfähig sind, richtet sich die Zumutbarkeit ab dem siebten Monat der Arbeitslosigkeit nach den allgemein für Arbeitslose geltenden Zumutbar- keitsmaßstäben, sofern die zur Leistungseinschränkung führende Krankheit bereits in den ersten sechs ^Monaten der Arbeitslosigkeit eingetreten ist und dem Arbeitslosen Krankengeld in Höhe des Arbeitslosengeldes gewährt wurde. Das bedeutet, dass sich ein Arbeitsloser in die- ser Situation auf alle Beschäftigungen des allgemeinen Arbeitsmarktes »verweisen« lassen muss. Einen Berufs- schutz genießt er nicht. Arbeits- unfähigkeit Letzter Arbeitsplatz ist maß- gebend
128 Leistungen bei Krankheit Eigene Ver- sicherung des Kindes 70 Prozent des Regel- entgelts d) Voraussetzungen für den Anspruch auf stationäre Behandlung Krankengeld beziehen Versicherte auch dann, wenn sie auf Kosten der Krankenkasse stationär in einem Krankenhaus, einer Vorsorge- oder Rehabilitationseinrichtung behandelt werden. In diesen Fällen braucht Arbeitsunfähigkeit nicht vorzuliegen’ Der Versicherte ist in diesen Fällen ja gene- rell verhindert, eine Arbeitsleistung zu erbringen. e) Voraussetzung für den Anspruch auf Krankengeld bei Erkrankung eines Kindes Einen Anspruch auf Krankengeld haben Versicherte auch, wenn es nach einem ärztlichen Zeugnis erforderlich ist, dass sie ihr erkranktes und versichertes Kind beaufsichti- gen, betreuen oder pflegen und deswegen der Arbeit fern- bleiben. Es darf jedoch keine andere im Haushalt lebende Person das Kind beaufsichtigen, betreuen oder pflegen können und das Kind darf das 12. Lebensjahr noch nicht vollendet haben bzw. muss behindert oder auf Hilfe ange- wiesen sein. Eine weitere Voraussetzung ist die eigene Versicherung des Kindes. Dies wird im Allgemeinen eine Familienversi- cherung sein. Voraussetzung für die Familienversicherung ist u.a., dass ein Elternteil des Kindes gesetzlich oder frei- willig versichert ist, das Kind nicht hauptberuflich selb- ständig erwerbstätig ist und über kein Gesamteinkommen in Höhe von monatlich 325 Euro oder mehr verfügt. f) Höhe und Berechnung des Krankengeldes Das Krankengeld beträgt 70 Prozent des Regelentgelts und darf nicht höher als 90 Prozent des Nettoarbeitsent- gelts des Versicherten sein. Das Regelentgelt berechnet sich nach folgender Formel: Das in dem letzten abgerechneten Lohnabrechnungszeit- raum von mindestens vier Wochen gezahlte Arbeitsentgelt ist durch die Zahl der Stunden, für die es gezahlt wurde, zu teilen. Diese Zahl ist zu multiplizieren mit der Zahl der re-
Leistungen der Krankenversicherung 129 gelmäßigen wöchentlichen Arbeitsstunden, die durch die Zahl 7 geteilt werden. Peter Ahrens verdient im Monat 3.000 Euro. Er muss da- für 150 Stunden arbeiten. Sein Arbeitsvertrag sieht 42 Ar- beitsstunden pro Woche vor. Daraus ergibt sich folgende Rechnung: Arbeitsentgelt im Berechnungszeitraum (3.000 Euro geteilt durch die Zahl der Stunden, für die es gezahlt wurde: 150 = 20). Die Zahl der regelmäßigen wöchent- lichen Arbeitsstunden (42 : 7 - 6). Die Zahl 20 ist mit der Zahl 6 zu multiplizieren. Das ergibt 120. Die Beitragsbe- messungsgrenze in der gesetzlichen Krankenversicherung lag im Jahre 2006 bei 3.562,50 Euro im Monat und 118,75 Euro für den Tag, so dass im Fall von Herrn Ahrens der berechnete Betrag von 120 Euro über diesem Betrag liegt. Das Entgelt kann aber nur in Höhe der Beitragsbemes- sungsgrenze gezahlt werden. Dementsprechend würde das Krankengeld 118,75 Euro pro Tag betragen. Da es aber nicht höher als 90 Prozent des Nettoarbeitsentgelts gezahlt werden darf (3.000 Euro brutto = - angenommen - 2.100 Euro netto) und 90 Prozent hiervon 1.890 Euro sind, können nur 63 Euro Krankengeld am Tag gezahlt werden. Im vorliegenden Fall würde der Versicherte 63 Euro am Tag erhalten und - falls er einen ganzen Monat krank wäre - 1.890 Euro Krankengeld beziehen. Wird ein Bezieher von Arbeitslosengeld (I) arbeitsunfähig, d.h., steht er aus gesundheitlichen Gründen der Arbeitsver- mittlung nicht mehr zur Verfügung und verliert deshalb den Anspruch auf Arbeitslosengeld, erhält er Krankengeld in Höhe des Betrages des Arbeitslosengeldes, den er zu- letzt bezogen hat. g) Dauer des Krankengeldes Grundsätzlich wird Krankengeld ohne zeitliche Begren- zung gewährt. Beruht die Arbeitsunfähigkeit allerdings auf derselben Krankheit, wird Krankengeld längstens für 78 Wochen innerhalb von drei Jahren - gerechnet vom Tag des Beginns der Arbeitsunfähigkeit an - gewährt. Dieser 78-Wochen-Zeitraum wird nicht verlängert, wenn zu der Beispiel Keine zeitliche Begrenzung
130 Leistungen bei Krankheit bestehenden Krankheit, für die bisher Krankengeld ge- zahlt worden ist, eine weitere Krankheit hinzutritt. Das gilt allerdings nicht, wenn die weitere Krankheit in einem zeitlichen Abstand von der ersten Krankheit, für die Krankengeld bereits gezahlt worden ist, auftritt. Hier reicht es, dass die Krankheit z.B. erst am Tag nach Been- digung der ersten Arbeitsunfähigkeit auftritt. Beispiel Achim Rode leidet seit einem Jahr an einem Bandschei- benvorfall. Nach einer Operation und entsprechender Re- habilitation wird er zum 03.02.2007 wieder arbeitsfähig geschrieben. Am 04.02.2007 erkrankt er an einer Rippen- fellentzündung, die mit einer später auftretenden Throm- bose einhergeht und eine Arbeitsunfähigkeit von ebenfalls einem Jahr zur Folge hat. Achim Rode bekommt für die gesamte Zeit Krankengeld, da sich die beiden Krank- heiten nicht »überlappen«. Wäre die Rippenfellentzün- dung bzw. Thrombose allerdings bereits am 01.02. oder 02.02.2007 aufgetreten, hätte Achim Rode Krankengeld für noch etwa ein halbes Jahr beziehen können. Danach hätte er erst wieder »wegen derselben Krankheit« einen Anspruch auf Krankengeld, wenn der erste Dreijahres- zeitraum abgeschlossen wäre und ein neuer Dreijahres- zeitraum beginnt. Dies setzt allerdings voraus, dass bei dem erneuten Eintritt der Arbeitsunfähigkeit im neuen Dreijahreszeitraum eine Versicherung mit Anspruch auf Krankengeld besteht und Achim Rode in der Zwischenzeit mindestens sechs Monate nicht wegen dieser Krankheit arbeitsunfähig war. dass er erwerbstätig war oder der Ar- beitsvermittlung zur Verfügung gestanden hat. Achim Rode war am 01.02.2006 an einer Bandscheiben- problematik erkrankt. Erst am 03.02.2007 wurde er wieder arbeitsfähig geschrieben. Der Dreijahreszeitraum würde in diesem Fall vom 01.02.2006 bis 31.01.2009 laufen. Inner- halb dieser Frist kann er wegen seines Bandscheibenvor- falls nur für höchstens 78 Wochen Krankengeld beziehen. Wenn seine neue Krankheit (Rippenfellerkrankung und Thrombose) am 01.02.2007, d.h. noch innerhalb der Ar- beitsunfähigkeitszeit wegen des Bandschreibenvorfalls ein-
Leistungen der Krankenversicherung 131 getreten wäre, hätte dies für ihn die Folge, dass er zwar noch etwa ein halbes Jahr Krankengeld beziehen würde, danach aber bis zum 31.01.2009 keinen Anspruch auf Kranken- geld mehr hätte. Erkrankt er dagegen erst am 04.02.2007, d.h. nach Abschluss der Bandscheibenerkrankung an der Rippenfellentzündung bzw. Thrombose, beginnt mit dieser Krankheit ein neuer Dreijahreszeitraum, innerhalb dessen Achim Rode 78 Wochen Krankengeld wegen »derselben« Krankheit beziehen kann. Der neue Zeitraum würde vom 04.02.2007 bis 31.01.2010 laufen. Im ersten Fall (Achim Rode zieht sich noch während der Arbeitsunfähigkeit we- gen des Bandscheibenvorfalls eine Rippenfellentzündung mit anschließender Thrombose zu}, muss er in der Zeit vom 01.02.2006 bis 31.01.2009 mindestens sechs Monate we- gen dieser (sich zeitlich überlappenden) Krankheiten in der »Blockfrist« (01.02.2006 bis 31.01.2009} nicht arbeitsun- fähig gewesen sein bzw. werden und mindestens sechs Mo- nate erwerbstätig sein bzw. der Arbeitsvermittlung zur Ver- fügung stehen. Ist dies festzustellen, kann er ab 01.02.2009 wegen der Rückenproblematik und des Rippenfells bzw. der Thrombose erneut Krankengeld beziehen. Es ist also wichtig, dass zwischen den einzelnen aufeinan- der folgenden Krankheiten mindestens ein Tag liegt, an dem der Versicherte arbeitsfähig war. Tritt dann eine neue Krankheit auf, öffnet sich gleichzeitig ein neuer Dreijah- reszeitraum (neue Blockfrist). Natürlich wird das Krankengeld nicht zusätzlich zu an- deren Einkommen wie z.B. Arbeitsentgelt, Arbeitslosen- geld I, Verletztengeld, Übergangsgcld usw. gezahlt. Erst wenn diese Leistungen enden, tritt das Krankengeld an ihre Stelle. Die Arbeitsunfähigkeit muss der Krankenkasse unver- züglich gemeldet werden. Wird die Krankheit nicht inner- halb einer Woche nach Beginn der Arbeitsunfähigkeit der Krankenkasse gemeldet, besteht für die zurückliegende Zeit kein Anspruch auf Krankengeld! Krankengeld wird dann erst ab dem Tag der Meldung mit Wirkung für die Zukunft gewährt. Beispiel I Arbeits- unfähigkeit unverzüglich melden
132 Leistungen bei Krankheit Kranken- behandlung Weitere Leistungen Fahrtkosten h) Weitere Leistungen Neben der Krankenbehandlung (siehe Seite 121) durch Ärzte, Zahnärzte und Psychotherapeuten, der kieferortho- pädischen Behandlung, dem Zahnersatz, den Arznei- und Verbandmitteln, den Heil- und Hilfsmitteln, der häuslichen Krankenpflege, der Soziotherapie und Haushaltshilfe so- wie der Krankenhausbehandlung, den Hospizleistungen, der medizinischen Rehabilitation sowie den Leistungen zur Herstellung der Zeugungs- oder Empfängnisfähig- keit und der künstlichen Befruchtung, vor allem aber dem Krankengeld gibt es noch weitere Leistungen der Kran- kenkasse. Dies sind • Leistungen bei Schwangerschaft und Mutterschaft; di- ese umfassen die ärztliche Betreuung und Hebammen- hilfe, die Versorgung mit Arznei-, Verband- und Heil- mitteln, die stationäre Entbindung, die häusliche Pflege. Haushaltshilfe, Mutterschaftsgeld; • Fahrtkosten; die Krankenkasse übernimmt die Kosten für Fahrten einschließlich Krankentransportleistungen, wenn dies im Zusammenhang mit einer Leistung der Krankenkasse aus zwingenden medizinischen Grün- den notwendig ist. Fahrtkosten zu einer ambulanten Behandlung beim Arzt werden jedoch nur nach vor- heriger Genehmigung in besonderen Ausnahmefällen übernommen. Fahrtkosten für Fahrten zu bzw. von ei- nerstationären Behandlung werden dagegen grundsätz- lich übernommen. Bei Verlegung in ein anderes Kran- kenhaus gilt dies allerdings nur. wenn die Verlegung aus zwingenden medizinischen Gründen erforderlich ist oder im Fall einer mit Einwilligung der Kranken- kasse erfolgten Verlegung in ein wohnortnahes Kran- kenhaus. Die Krankenkasse übernimmt jedoch nur Kosten, die den Zuzahlungsbetrag von 5 bzw. 10 Euro, den der Ver- sicherte regelmäßig auf Arzneimittel zu zahlen hat bzw. bei stationären Maßnahmen zahlen muss, übersteigt.
Leistungen der Krankenversicherung 133 Die Kosten eines Rücktransports aus dem Ausland nach Deutschland werden von der Krankenkasse nicht übernommen, selbst wenn der Versicherte aus dem Ausland zur Weiterbehandlung in ein Krankenhaus in Deutschland verlegt wird. Das gilt allerdings nicht, wenn eine dem allgemeinen Stand der medizinischen Erkenntnisse entsprechende Behandlung der Krankheit nur in Deutschland gewährleistet ist. • Unterstützung der Versicherten bei Behandlungsfeh- lern. Die Krankenkassen können (müssen aber nicht) die Versicherten bei der Verfolgung von Schadenser- satzansprüchen, die diesen wegen Behandlungsfehlern in Krankenhäusern oder der ambulanten Behandlung durch einen Arzt entstanden sind, unterstützen. Auf welche Weise sie den Versicherten unterstützt, kann die Krankenkasse im Wesentlichen frei bestimmen. Die Unterstützung kann in der Einholung ärztlichen Rates, der Erstellung von Gutachten und in Ausnahmefällen auch in einer finanziellen Unterstützung bestehen. • Nach der Gesundheitsreform 2007 sieht das Gesetz neue und veränderte Leistungen wie folgt vor: Gesetzlich Versicherte haben künftig Anspruch auf eine spezialisierte ambulante Palliativ-Versorgung (Sterbebegleitung). Die Rahmenbedingungen für stationäre Kinderhos- pize werden verbessert; so müssen nur noch 5 Pro- zent anstelle von 10 Prozent der Kosten selbst getra- gen werden. Die medizinische Behandlungspflege für Pflegebe- dürftige in vollstationären Einrichtungen wird dau- erhaft Leistung der Pflegekassen. Die in der Schutzimpfungs-Richtlinie des Gemein- samen Bundesausschusses aufgeführten Schutzimp- fungen werden Pflichtleistungen der Kassen. Ambulante und stationäre Rehabilitationsmaßnah- men werden Pflichtleistungen der Kassen. Unterstüt- zung bei Behandlungs- fehlern I Gesundheits- reform 2007
134 Leistungen bei Krankheit Selbstver- schuldete Behandlungs- bedürftigkeit Mutter/Vater-Kind-Kuren werden Pflichtleistungen der Krankenkassen und müssen daher bezahlt wer- den. Kassenpatienten können zugelassene und zertifi- zierte Vorsorge- und Rehabilitationseinrichtungen selbst auswählen und müssen sich nicht mehr nach den Vorgaben ihrer Kasse richten. Allerdings zahlt der Patient die Mehrkosten, wenn die Kosten höher als die der Vertragseinrichtungen der Kassen sind. Die Versorgung mit Hilfsmitteln (z.B. Hörhilfen, Gehilfen, Rollstühle usw.) erfolgt künftig durch Ver- tragspartner der Kassen. Hat der Patient seine Behandlungsbedürftigkeit selbst verschuldet, indem er z.B. eine Schönheitsoperation, ein Piercing, eine Tätowierung o.Ä. hat durchführen lassen, und sind infolgedessen Komplikationen auf- getreten. die eine Behandlung erforderlich machen, können die Kassen die Patienten im Regressweg an den Kosten beteiligen. Die reduzierte Belastungsgrenze bei Zuzahlungen für chronisch Kranke (1 Prozent statt 2 Prozent) gilt seit 01.01.2008 nur noch dann, wenn sich der Patient an regelmäßiger Gesundheitsfürsorge beteiligt oder sich therapiegerecht verhält.
135 Kapitel 8 Leistungen bei Behinderung 1. Allgemeines Kaum ein Gebiet ist so unübersichtlich und enthält so viele Millionen Leistungsansprüche wie das soziale Entschädigungsrecht Deutsche und das Schwerbehindertenrecht. Millionen Deutsche sind als Schwerbehinderte anerkannt. Die Ansprüche des behinderten Bürgers richten sich nicht nur gegen den Staat, sondern auch gegen Privatpersonen wie z.B. den Arbeitgeber. Ansprüche auf Leistungen können aber nur geltend gemacht werden, wenn der Bürger behindert oder schwerbehindert ist. Deshalb die Ausgangsfrage: Wer ist behindert, wer ist schwerbehindert? 2. Die Behinderung Nach dem Gesetz (§ 2 Abs. I SGB IX) sind Menschen be- Definition hindert, wenn • ihre körperliche Funktion, geistige Fähigkeit oder see- lische Gesundheit • mit hoher Wahrscheinlichkeit länger als sechs Monate • von dem für das Lebensalter typischen Zustand abwei- chen • und daher ihre Teilhabe am Leben in der Gesundheit beeinträchtigt ist. a) Länger als sechs Monate beeinträchtigt Der Zustand muss mit hoher Wahrscheinlichkeit län- ger als sechs Monate bestehen bleiben. Ob dies so ist, kann nur ein Arzt im Wege einer Prognose entscheiden.
136 Leistungen bei Behinderung Gehbehinde- rung, Atem- beschwerden usw. Beispiel b) Der nach dem Lebensalter typische Zustand Da das Gesetz den Zustand des Menschen mit dem für sein Lebensalter typischen Zustand vergleicht, heißt das auch, dass übliche Kindes- oder Alterserscheinungen nicht regelwidrig sind und folglich keine Behinderung im Sinne des Gesetzes bedeuten. Andererseits ist es nicht erfor- derlich, dass der Betroffene »krank« ist. Auch erhebliche Normabweichungen wie z.B. »Kleinwuchs« oder »totaler Haarausfall« können Grundlage einer Behinderung sein. Dabei ist zu beachten, dass auch eine aktuelle Funktions- störung berücksichtigt werden darf. Eine nur drohende Lcidensverschlechterung muss außer Betracht bleiben. Erst wenn zu erwartende Störungen eingetreten sind, kann dies Anlass zu einer Feststellung der Behinderung sein. c) Körperliche Funktionsbeeinträchtigung Der regelwidrige Zustand muss eine körperliche Funkti- onsbeeinträchtigung bzw. eine Einschränkung geistiger Fähigkeiten oder aber schließlich eine Beeinträchtigung der seelischen Gesundheit zur Folge haben. Hierzu gehö- ren Gehbehinderungen, Atembeschwerden, Sehstörungen, der Verlust der Erinnerungsfähigkeit, Intelligenzmangel, fortwährende Traurigkeit usw. Es kommt also nicht darauf an, dass ein krankhafter Befund erhoben wird, entschei- dend ist vielmehr, ob dadurch auch eine Funktion oder eine Fähigkeit des Menschen beeinträchtigt wird. Eine Behinderung liegt nicht vor, wenn sich eine Erkran- kung durch ein Medikament, eine Operation oder durch Psychotherapie so behandeln lässt, dass die Funktionsstö- rung entfällt. Bei Anna Rohde wird im Rahmen einer Röntgenun- tersuchung durch Zufall festgestellt, dass erhebliche Verschleißerscheinungen der Wirbelsäule vorliegen. Sie hat nun Angst, dass sie darunter bald leiden wird, und schont sich extrem. Ist sie behindert? Auch massivste Verschleißerscheinungcn der Wirbelsäule im Röntgenbild bedingen nicht ohne Weiteres die Annah-
Die Behinderung 137 me einer Behinderung. Erst wenn die Veränderungen zu einem klinisch feststellbaren Funktionsausfall (z.B. Anna Rohde kann sich nicht mehr bücken) gegenüber dem al- tersgemäßen Normalzustand geführt haben, kommt ihnen eine rechtliche Bedeutung zu. Das bedeutet, dass Anna Rohde gegenwärtig noch keine Behinderung hat und dem- entsprechend auch keine Feststellung erfolgen wird. d) Gesellschaftliche Auswirkungen Die festgestellten gesundheitlichen Funktionsstörungen und Beeinträchtigungen müssen zusätzlich noch gesell- schaftliche Auswirkungen haben, wobei es gleichgültig ist, in welchen Lebensbereichen sich diese Auswirkungen zeigen. Die Störung muss die Teilhabe des Betroffenen am Leben in der Gesellschaft beeinträchtigen! Die Auswirkungen der Störungen zeigen sich besonders im Berufsleben. Notwendig ist das aber nicht. Auch eine nicht berufstätige Person kann zum Kreis der Behinderten gehören, wenn z.B. die Fähigkeit, zu reisen, einen Gottes- dienst zu besuchen oder Sport zu treiben, beeinträchtigt ist. Emil Zöllner ist sechs Jahre alt und erscheint beson- ders klein. Die Eltern sind besorgt und fragen den Arzt, ob Emil schon als behindert gilt. Wenn ein Kleinkind an einer angeborenen Wachstumsstörung leidet, ist dies si- cherlich ein regelwidriger Zustand, der auch Funktions- beeinträchtigungen mit sich bringen kann. Er wirkt sich aber erst aus, wenn das Kind in seiner Körpergröße deut- lich hinter Gleichaltrigen zurückbleibt und deswegen zB. in der Gemeinschaft mit anderen Kindern gemeinsames Spielzeug nicht mehr benutzen kann. Anders ist es, wenn ein Kind z.B. in der Nahrungsaufnah- me gestört ist. Dann wird es auf das geringe Lebensalter nicht ankommen. Leidet ein Kleinkind an einem Hirn- schaden. der sich auf die Orientierungsfähigkeit auswirkt, ist zu bedenken, dass kleinere Kinder üblicherweise außer- Beeinträch- tigung der Teilhabe 1. Beispiel
138 Leistungen bei Behinderung halb des Hauses in ihrer Orientierungsfähigkeit generell beschränkt sind und regelmäßig auf die Fürsorge anderer, besonders der Eltern, angewiesen sind. Die Beeinträchti- gung in der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ist also umso eher zu bejahen, je älter das Kind wird. 2. Beispiel Der 60-jährige Arzt Dr. Sonnenberg ist noch berufstätig. Bei ihm liegt eine ausgeprägte Verschleißerscheinung der Wirbelsäule vor. Außerdem leidet er an einer Zöliakie (Unfähigkeit des Darmes, bestimmte Getreidebestandteile zu verwerten). Dies alles führt zu wesentlichen Einschrän- kungen, besonders im Beruf. Die Behinderung wird mit einem Grad der Behinderung (GdB) von 60 festgesetzt. Bleibt es dabei, wenn Dr. Sonnenberg aus dem Beruf aus- scheidet? Nach dem Ausscheiden aus dem Beruf darf die GdB-Höhe nicht etwa niedriger festgesetzt werden. Da- mit geht aber auch einher, dass berufliche Einwirkungen schon bei der ursprünglichen GdB-Bemessung keine ei- genständige, besondere Wertigkeit hatten. 3. Beispiel Die 90-jährige Alma Arens beklagt sich darüber, dass sie nicht mehr wie früher den 4 km langen Weg zum Friedhof in knapp 45 Minuten schafft. Gilt sie als behindert? Mit dem Nachlassen der körperlichen Kräfte und der Ausdau- er muss man hinnehmen, dass der ältere Mensch in seiner körperlichen Bewegungsfähigkeit eingeschränkt ist. Alma Arens gilt deshalb jedoch nicht als behindert. 3. Der Grad der Behinderung (GdB) 3.1 Die Bewertung nach den Anhaltspunkten Nachteils- Behinderungen können sehr unterschiedlich sein. Des- ausgleich wegen unternimmt man den (schwierigen) Versuch, sie in Gradzahlen zu unterteilen. Diese Einteilung ist wichtig, weil verschiedene Vergünstigungen oder Leistungen - besser Nachtcilsausgleiche - von der Höhe des Grades der Behinderung (GdB) abhängen. Wie bei der Bewertung des GdB zu verfahren ist, besagt § 69 SGB IX. Hiernach werden die Auswirkungen einer
Der Grad der Behinderung (GdB) 139 Beeinträchtigung auf die Teilhabe am Leben in der Ge- sellschaft als GdB in einer nach 10er Graden abgestuften Zahl von 20 bis 100 festgestellt. Das heißt: Eine Behinde- rung, der nicht mindestens ein GdB von 20 zugeschrieben wird, gilt als nicht festgestellt. Der Mindest-GdB von 20 kann sich in Ausnahmefällen al- lerdings aus mehreren relativ geringfügigen Funktionsstö- rungen ergeben, die jeweils für sich allein nicht einen GdB von mindestens 20 bewirken müssen. So können z.B. fünf Störungen, die jeweils mit einem GdB von 10 zu bewerten sind, in ihrem Zusammenwirken einen GdB von 20 aus- machen, wenn sie in vielfältig sich beeinflussender Weise und in verschiedenen Funktionsbereichen auftreten. Eine Addition, d.h. ein Zusammenzählen der verschie- denen GdB-Grade darf nicht erfolgen. Vielmehr ist zu prüfen, ob sich die Beeinträchtigungen in gewissen Be- reichen »überlappen« und deshalb die zweite oder dritte Beeinträchtigung der körperlichen oder seelischen Funk- tionen nur eingeschränkt bewertet werden darf (siehe im Einzelnen Seite 143 ff.). Wie gehen die Ärzte nun vor, um den GdB für eine be- stimmte Behinderung festzustellen? Alle Ärzte (und auch die Sozialrichter) richten sich ganz wesentlich nach den »Anhaltspunkten für die ärztliche Gutachtertätigkeit im sozialen Entschädigungsrecht und nach dem Schwerbehin- dertengesetz«. Diese Anhaltspunkte sind eine ganz wich- tige Entscheidungshilfe, um den auf Grund der festgestell- ten Funktionsstörungen zu bildenden GdB zu ermitteln. Die Anhaltspunkte werden vom Bundesministerium für Soziales und Gesundheit herausgegeben. Die in den »Anhaltspunkten« dargestellten GdB-Werte, die auf dem Stand von Januar 2008 vorliegen, stellen al- tersunabhängige Mittelwerte dar. Die üblichen Schmer- zen, seelischen Begleiterscheinungen und sonstigen Aus- wirkungen sind darin jeweils berücksichtigt. Ob sich ein Behinderter im Laufe der Zeit an den Zustand gewöhnt Mindest-GdB von 20 »Anhalts- punkte«
140 Leistungen bei Behinderung hat, ob er mit den Folgen besser oder schlechter als andere umgehen kann, ist unerheblich. Allerdings kann von den Tabellenwerten - nach besonde- rer Lage des Einzelfalls mit einer die besonderen Gege- benheiten darstellenden Begründung - abgewichen wer- den. Insbesondere dann, wenn etwa Schmerzen über das zu erwartende Maß hinausgehen. 3.2 Beispiele für den GdB einzelner Krankheiten GdB Einfache Schädelbrüche ohne Komplikati- onen im Heilverlauf 0 Einfache Gesichtsentstellung (nur wenig störend) 10 Abstoßend wirkende Entstellung des Gesichts 50 Echte Migräne (mittelgradige Verlaufsform) - häufigere Anfälle, jeweils einen oder mehrere Tage anhaltend - 20-40 Hirnschäden mit mittelschwerer Leistungs- beeinträchtigung 50-60 Hirnschäden mit psychischen Störungen (mittelgradig - im Alltag sich deutlich auswirkend) 50-60 Epileptische Anfälle (mittlerer Häufigkeit- große Anfälle mit Pausen von Wochen) 60-80 Schwere psychische Störungen mit mittel- gradigen sozialen Anpassungsschwierig- keiten 50-70 Unvollständige, leichte Halsmarkschädi- gung mit beidseits geringen motorischen und sensiblen Ausfällen ohne Störungen der Blasen-und Mastdarmfunktion 30-60 Linsenverlust eines Auges (Sehschärfe 0,4 und mehr) 10
Der Grad der Behinderung (GdB) 141 Ohrgeräusche (Tinitus) mit erheblichen psychovegetativen Begleiterscheinungen 20 Verengung der Nasengänge doppelseitig mit leichter bis mittelgradiger Atembehin- derung 10 Störung der Speichelsekretion 0-20 Verlust eines Teiles des Oberkiefers ohne wesentliche kosmetische und funktionelle Beeinträchtigung 0-10 Schluckstörungen mit erheblicher Behin- derung der Nahrungsaufnahme je nach Auswirkungen 20-40 Brustfellverwachsungen und -schwarten ohne wesentliche Funktionsstörung 0-10 chronische Bronchitis (schwere Form) 20-30 Bronchialasthma ohne dauernde Einschrän- kung der Lungenfunktion 0-20 Unkomplizierte Krampfadern 0 Bluthochdruck (leichte Form) 0-10 mittelschwere Form 20-40 Totalentfernung des Magens bei Beein- trächtigung des Kräfte- und Ernährungszu- standes und/oder Komplikationen 40-50 Künstlicher After mit guter Versorgungs- möglichkeit 50 Chronische Hepatitis ohne entzündliche Aktivität 20 Verlust, Ausfall oder Fehlen einer Niere bei Gesundheit der anderen Niere 25 Chronische Harnwegsentzündungen leich- ten Grades 0-10 Verlust des Penis 50 Verlust der Brust (beidseitig) 40
142 Leistungen bei Behinderung Diabetes mellitus (Typ 1 durch Diät gut einstellbar) 40 Akne (schweren Grades mit vereinzelter Abzess- und Knotenbildung und entspre- chender erheblicher kosmetischer Beein- trächtigung) 20-30 Psoriasis vulgaris (bei andauerndem aus- gedehnten Befall oder stark beeinträchti- gendem lokalen Befall) 30-50 Pigmentstörungen an Händen und/oder Gesicht (gering) 10 Verlust beider Arme oder Hände 100 Verlust eines Armes und Beines 100 Verlust von drei Fingern mit Einschluss des Daumens 40 Verlust aller fünf Finger einer Hand 50 Verlust einer Zehe 0 Beinverkürzung über 2,5 cm bis 4 cm 10 Völlige Gebrauchsunfähigkeit eines Beines 80 3.3 Die Feststellung des GdB Die Feststellung des GdB erfolgt im Allgemeinen durch das Versorgungsamt oder eine Gemeinde bzw. eine für zustän- dig erklärte Behörde. Dies hat allerdings zu unterbleiben, wenn schon eine andere Behörde oder das Versorgungs- amt selbst in einem anderen Bescheid bzw. einer entspre- chenden Verwaltungsentscheidung eine solche Feststellung getroffen hat. Diese wird dann auch dem Bescheid über die Schwerbehinderung zu Grunde zu legen sein. 1. Beispiel Der Frührentner Friedhelm Lange hat durch einen Ar- beitsunfall ein Bein verloren. Die Berufsgenossenschaft hat eine Unfallrente mit einer Minderung der Erwerbsfä-
Der Grad der Behinderung (GdB) 143 higkeit (MdE) von 90 Prozent anerkannt. Darüber hinaus kann Herr Lange keine Störungen geltend machen. Hier wird eine besondere Feststellung durch das Versorgungs- amt nicht ergehen. Vielmehr wird die von der Berufsge- nossenschaft anerkannte MdE von 90 Prozent anerkannt. Dies gilt auch dann, wenn die Minderung der Erwerbsfä- higkeit höher eingestuft wird als der GdB nach den An- haltspunkten. Der jugendliche Julian Schulte ist Opfer einer Gewalttat 2. Beispiel geworden. Dabei hat er ein Bein ab dem Oberschenkel verloren. Das Versorgungsamt hat ihm einschließlich eines ganz erheblichen besonderen beruflichen Betroffen- seins eine Minderung der Erwerbsfähigkeit von 90 Pro- zent (70 + ausnahmsweise 20 Prozent) zuerkannt. So- lange Julian Schulte keine weiteren Funktionsstörungen geltend machen kann, bleibt es bei der Feststellung nach dem Leistungsgesetz. Die Feststellung der Minderung der Erwerbsfähigkeit gilt dann als GdB-Feststellung, obwohl der rein anatomische GdB-Wert niedriger liegt! Das gilt aber dann nicht, wenn der Betroffene vorträgt, dass bei ihm weitere Funktionsstörungen vorliegen und/ oder ein bindend festgestellter Grad der Minderung der Erwerbsfähigkeit einen höheren GdB bedingen. In diesen Fällen kommt es zu einer gesonderten Feststellung der Be- hinderung durch das Versorgungsamt. 3.4 Einzel- und Gesamt-Grad der Behinderung In aller Regel machen Antragsteller mehrere Funktions- Ab 50 GdB Störungen geltend, um einen Schwerbehindertengrad von 50 zu erreichen. Ab einem GdB von 50 gilt man als Schwerbehinderter und hat besondere Ansprüche (siehe Seite 146 ff.). Liegen mehrere Funktionsstörungen vor, ist aus den für jede Störung festzustellenden Einzelbe- hinderungsgraden ein Gesamt-GdB zu bilden. Nur dieser Gesamt-GdB erscheint in dem Feststellungsbescheid des Versorgungsamtes, der für die einzelnen Funktionsstö- rungen angenommene Einzel-GdB wird nicht besonders ausgewiesen.
144 Leistungen bei Behinderung Regel Es gilt folgende Regel: Die Einzelsätze der GdBs dürfen in aller Regel (Ausnahmen sind möglich!) nicht einfach addiert werden. Dies würde in manchen Fällen zu völlig unrealistischen Sätzen des Gesamt-GdB (z.B. über 100) führen. Vielmehr ist von der Gesundheitsstörung mit dem höchsten Behinderungsgrad auszugehen und dann zu prü- fen, inwieweit sich dieser GdB-Satz durch das Hinzutreten der weiteren Funktionsstörungen erhöht. Beispiel Klaus Koller hat einen Arm ab dem Unterarm verloren, ist mittelgradig schwerhörig und leidet unter leichtem Blut- hochdruck. Für den Verlust des Armes würde ein GdB von 50, für die mittelgradige Schwerhörigkeit beiderseits ein GdB von 30 und für den leichten Bluthochdruck ein GdB von 10 angesetzt werden. Es wäre nun falsch, diese GdB- Sätze zu addieren und so zu einem Gesamt-GdB von 90 zu kommen. Vielmehr ist von dem Wert für den Armverlust mit dem GdB von 50 auszugehen. Die Schwerhörigkeit er- höht diesen GdB auf 60 oder allenfalls 70, da eine Ge- sundheitsstörung mit einem GdB von 10 nur in Ausnahme- fällen zur einer Erhöhung des Gesamt-GdB führt. Das gilt vielfach sogar auch für Störungen mit einem GdB von 20. Im vorliegenden Fall würde man also bei einer harten Be- wertung zu einem Gesamt-GdB von 60, bei einer bürger- freundlicheren zu einem Gesamt-GdB von 70 kommen. In solchen Fällen, die für jeden Bürger nur schwer einzu- sehen sind, wird in den Anhaltspunkten für die ärztliche Gutachtertätigkeit vorgeschlagen, einen Vergleich mit sol- chen Gesundheitsstörungen anzustellen, für die in den An- haltspunkten feste Werte enthalten sind. Hat jemand drei Funktionsstörungen mit einem Einzel-GdB von je 20, so ist es leicht einzusehen, dass dies nicht einen Gesamt-GdB von 50 rechtfertigt, der z.B. für den Verlust einer Hand oder bei schweren Herzleistungsstörungen bzw. massiven Wirbelsäulenveränderungen angenommen wird. Im Folgenden werden einige Beispiele aufgeführt, wie Fäl- le mit mehreren Funktionsstörungen betrachtet werden.
Die Schwerbehinderung 145 Funktionsstörungen, die ohne Beziehung zueinander sind: Sehbehinderung 0,3/0,3 GdB von 30 Teilverlust des Magens mit Beschwerden GdB von 20 Harninkontinenz 2. Grades GdB von 20 Degenerative LWS-Veränderungen mit Reizerscheinungen GdB von 20 Insgesamt würden die Einzel-GdBs zwar zu einem Ge- samt-GdB von 90 führen. Unter Berücksichtigung dieses hohen GdB ist aber (obwohl sich die Funktionsstörungen nicht »überlappen«) allenfalls von einem Gesamt-GdB von 50 - eventuell von 60 -) auszugehen. Funktionsstörungen, die sich verstärken: Sehbehinderung 0,2/0,2 GdB von 50 Mittelgradige Schwerhörigkeit beiderseits GdB von 30 Hier würde man zu einem Gesamt-GdB von 70 oder 80 gelangen. Funktionsstörungen, die ineinander aufgehen, sich überschneiden bzw. sich nicht verstärken: Gefäßerkrankung der Beine (Gehstrecke unter 100 m) GdB von 50 Herzleistungsminderung (max. 1 km Gehstrecke) GdB von 20 Hier würde man zu einem Gesamt-GdB von 50 kommen. 4. Die Schwerbehinderung Menschen sind schwerbehindert, wenn bei ihnen ein Grad der Behinderung (GdB) von wenigstens 50 vorliegt und sie ihren Wohnsitz, ihren gewöhnlichen Aufenthalt oder ihre Beschäftigung an einem Arbeitsplatz rechtmäßig in Deutschland haben. GdB von mindestens 50
146 Leistungen bei Behinderung 5. Vorteile bzw. Nachteilsausgleiche bei Behinderung und Schwerbehinderung Pausch- beträge 5.1 ... bei der Steuer Behinderte können sich Pauschbeträge auf der Lohnsteu- erkartc eintragen lassen. Diese Pauschbeträge bewirken, dass in der eingetragenen Höhe Steuern nicht zu entrich- ten sind. Der sog. »Behinderten-Pauschbetrag« ist im Ein- kommensteuergesetz (§ 33 b EStG) geregelt. Den Pauschbetrag erhalten • Schwerbehinderte (GdB mindestens 50), • Behinderte mit einem GdB von 25 bis 49, wenn ihnen wegen der Behinderung Renten oder andere laufende Bezüge zustehen oder die Behinderung zu einer dau- ernden Einbuße der körperlichen Beweglichkeit geführt hat oder auf einer typischen Berufskrankheit beruht. Behindertenpauschbetrag Grad der Behinderung Euro 25-30 310 35-40 430 45-50 570 55-60 720 65-70 890 75-80 1.060 85-90 1.230 95-100 1.420 Hilflose und Blinde 3.700 Hinterbliebenen-Pauschbetrag 370 Diese Pauschbeträge sind seit 1975 nicht erhöht worden. Eine hiergegen gerichtete Verfassungsbeschwerde wurde vom Bundesverfassungsgericht am 17.01.2007 zurückge- wiesen.
Vorteile bzw. Nachteilsausgleiche bei Behinderung 147 Allerdings können behinderte Menschen anstelle des Be- ll inderten-Pauschbetrages auch sämtliche behinderungs- bedingten Mehraufwendungen als außergewöhnliche Be- lastungen nach dem Steuerrecht geltend machen. Dabei sind die Aufwendungen allerdings einzeln nachzuweisen oder glaubhaft zu machen. Wie bei außergewöhnlichen Belastungen üblich, müssen sich die Steuerpflichtigen in diesem Fall eine sog. »zumutbare Eigenbelastung« anrech- nen lassen, die nach Höhe der Einkünfte, dem Familien- stand sowie der Zahl der berücksichtigungsfähigen Kinder gestaffelt ist und zwischen 1 und 7 Prozent des Gesamtbe- trages der Einkünfte beträgt. Schwerbehinderte (GdB von mindestens 50) haben im All- gemeinen einen Schwerbehindertenausweis. Den müssen sie beim Finanzamt zur Eintragung auf der Lohnsteuer- karte vorlegen. Dazu genügt durchaus eine Fotokopie. Ist ein Ausweis nicht vorhanden, reicht auch eine Bescheini- gung des Versorgungsamtes bzw. der zuständigen Behör- de oder ein Rentenbescheid aus. Dies ist insbesondere in den Fällen nötig, in denen keine Schwerbehinderung, aber ein GdB zwischen 25 und 49 vorliegt. In der Bescheinigung des Versorgungsamtes oder im Ren- tenbescheid muss auf jeden Fall bescheinigt sein, dass die Behinderung auf einer typischen Berufskrankheit beruht oder die Beweglichkeit dauerhaft beeinträchtigt. Die finanziellen Auswirkungen dürfen jedoch nicht über- schätzt werden! So ist es für Rentner, die nicht mehr zur Einkommenssteuer veranlagt werden, gleichgültig, wie hoch ihr GdB ist. Auch bei einem Streit um den GdB von 30 auf 40 wird sich in vielen Fällen nur eine Steuererspar- nis von etwa 15 oder 20 Euro ergeben. Der Pauschbetrag wird für das ganze Jahr gewährt, auch wenn die Voraussetzungen nur an einem Tag des Jahres vorgelegen haben. Die Finanzämter gewähren stets den Pauschbetrag nach dem höchsten GdB, der im Kalender- jahr festgestellt wurde. Tipp Schwer- behinderten- ausweis Pauschbetrag fürs ganze Jahr <7
148 Leistungen bei Behinderung Es gibt auch rückwirkende Gewährungen des Behinder- ten-Pauschbetrages durch das Finanzamt, wenn das Ver- sorgungsamt bzw. die zuständige Behörde den GdB nach- träglich für einen vergangenen Zeitraum festgestellt hat. Freiwillige Versicherung Vorzeitige Inanspruch- nahme 5.2 ... im gesetzlichen Sozialleistungsrecht a) Krankenversicherung Schwerbehinderte (GdB von mindestens 50) können sich in der gesetzlichen Krankenversicherung freiwillig versi- chern lassen, wenn sie, ein Elternteil oder ihr Ehegatte in den letzten fünf Jahren vor dem Beitritt mindestens drei Jahre versichert waren; es sei denn, sie konnten wegen ih- rer Behinderung diese Voraussetzungen nicht erfüllen. Behinderte Kinder können, wenn sie wegen der Behinde- rung außer Stande sind, sich selbst zu unterhalten, ohne Altersgrenze in der Familienversicherung verbleiben. b) Rentenversicherung Während die Regelaltersrente die Vollendung des 65. Le- bensjahres (demnächst: 67. Lebensjahr) voraussetzt, haben Schwerbehinderte einen Anspruch auf Altersrente, wenn sie das 63. Lebensjahr vollendet haben, sofern sie bei Be- ginn der Altersrente als Schwerbehinderte Menschen aner- kannt sind und die Wartezeit von 35 Jahren erfüllt haben. Allerdings ist auch die vorzeitige Inanspruchnahme einer solchen Altersrente nach Vollendung des 60. Lebensjahres möglich. Das ist z.B. gegeben, wenn am 31.12.2000 ein Anspruch auf eine Altersrente für Schwerbehinderte Men- schen bereits bestanden hat. Versicherte, die vor dem 01.01.1951 geboren sind, haben Anspruch auf Altersrente für Schwerbehinderte Men- schen, wenn sie das 60. Lebensjahr vollendet haben, bei Beginn der Altersrente als Schwerbehinderte Menschen anerkannt, berufsunfähig oder erwerbsunfähig sind und die Wartezeit von 35 Jahren erfüllt haben. Die Altersgren- ze von 60 Jahren wurde für Versicherte angehoben, die nach dem 31.12.1940 geboren sind.
Vorteile bzw. Nachteilsausgleiche bei Behinderung 149 c) Arbeitslosenversicherung Behinderte haben einen leichteren Zugang zum Arbeitslo- sengeld I. Der Anspruch auf Arbeitslosengeld setzt näm- lich voraus, dass jemand arbeitslos ist, der Arbeitsvermitt- lung zur Verfügung steht, die Anwartschaftszeit erfüllt und sich bei der Arbeitsagentur arbeitslos gemeldet hat. Im Dritten Buch Sozialgesetzbuch (SGB III) ist in § 125 geregelt, dass einen Anspruch auf Arbeitslosengeld auch derjenige hat, der allein deshalb nicht arbeitslos ist, weil er wegen einer mehr als sechsmonatigen Minderung seiner Leistungsfähigkeit versicherungspflichtige, mindestens 15 Stunden wöchentlich umfassende Beschäftigungen nicht unter den Bedingungen des allgemeinen Arbeitsmarktes ausüben kann, wenn verminderte Erwerbsfähigkeit im Sinne der gesetzlichen Rentenversicherung nicht festge- stellt worden ist. Das bedeutet, dass Behinderte, wenn sie wegen ihrer Behinderung nur eine kurzzeitige Beschäf- tigung unter den üblichen Bedingungen des allgemeinen Arbeitsmarktes ausüben können und Erwerbsminderung noch nicht festgestellt worden ist, gleichwohl einen An- spruch auf Arbeitslosengeld haben. Damit wird sicher- gestellt, dass Schwerbehinderte nicht aus der Rentenver- sicherung und zugleich aus der Arbeitslosenversicherung herausfallen. d) Wohngeld Nach § 13 des Wohngeldgesetzes haben Behinderte einen höheren Freibetrag: Bei einem GdB von 100 - 1.500 Euro Freibetrag, bei einem GdB von unter 80 - 1.200 Euro Frei- betrag, wenn Sie häuslich pflegebedürftig sind. e) Grundsicherung Sowohl im Sozialhilferecht (Grundsicherung für Ältere und Erwerbsgeminderte) ist ein Mehrbedarf (für Besitzer des Merkzeichens »G«, siehe dazu Seite 150) von 17 Pro- zent des maßgebenden Regelsatzes als auch bei der Grund- sicherung für Arbeitsuchende (die Hilfen zur Erlangung eines geeigneten Platzes im Arbeitsleben oder Eingliede- Leichterer Zugang zum Arbeitslosen- geld I Höherer Freibetrag Mehrbedarf von 35 Prozent
150 Leistungen bei Behinderung GdB und weitere Merk- male Beispiele rungshilfen erhalten) ein Mehrbedarf von 35 Prozent der maßgebenden Regelleistung vorgesehen. 5.3 ... nach Eintragungen im Schwerbehinderten- ausweis a) Allgemeines Im Schwerbehindertenausweis finden sich nicht nur die Angabe des GdB, sondern auch verschiedene Merkmale (G, aG, H, B, Bl, Gl, RF, Erster KL), nach denen unter- schiedliche Vergünstigungen bzw. Nachteilsausgleiche in Anspruch genommen werden können. b) Freifahrtim Personennahverkehr (Merkmale G,H, Gl, aG) Behinderte, in deren Ausweis das Merkzeichen »G« ein- getragen ist, sind im öffentlichen Personennahverkehr - bis zu 50 km um den Wohnsitz oder Aufenthaltsort des Behinderten herum - unentgeltlich zu befördern. IC- und ICE-Züge dürfen nicht benutzt werden. Betroffen hiervon sind Schwerbehinderte, die in ihrer Bewegungsfähigkeit im Straßenverkehr erheblich beeinträchtigt sind. Dies sind Personen, die durch eine Einschränkung des Gehvermö- gens (auch bedingt durch innere Leiden oder durch An- fälle oder von Störungen der Orientierungsfähigkeit) nicht ohne erhebliche Schwierigkeiten oder nicht ohne Gefahr für sich oder andere Wegstrecken zurücklegen können, die üblicherweise noch zu Fuß zurückgelegt werden (Gehstre- cken bis zu 2 km bzw. Gehdauer von etwa einer halben Stunde). Nicole Rausch leidet an erheblichen Durchblutungsstö- rungen der Beine und außerdem an einer Herzkranzge- fäßstörung mit einer Leistungsbeeinträchtigung bereits bei forschem Gehen. Sie wird das Merkzeichen »G« be- kommen. Dies gilt auch für den voll gehfähigen, aber geistig Schwerbehinderten Daniel Lose, der sich ohne fremde Hilfe außerhalb seiner gewohnten Umgebung nicht zurechtfinden kann.
Vorteile bzw. Nachteilsausgleiche bei Behinderung 151 Das Merkzeichen »G« steht dagegen nicht der 45-jährigen Schwerbehinderten Angelika Bartels zu, die im Oberharz wohnt und an Diabetes und an Wirbelsäulenbeschwerden leidet. Sie müsste 2 ¥2. km zur nächsten Haltestelle für den öffentlichen Nahverkehr durch den Wald gehen. Dies schafft sie wegen der schlechten Wege, der häufigen Steigungen und meistens schlechten Witterung nur noch mit Mühe. In einer Ortschaft würde sie die Strecke nach Aussagen des begutachtenden Arztes in etwa 30 Minuten schaffen. Da es auf die bundesweiten ortsüblichen Verhältnisse ankommt, hat sie keinen Anspruch auf den Nachteilsausgleich »G«. Das Merkmal »G« setzt nicht unbedingt die Schwerbe- hinderung voraus. So kann dieses Merkzeichen auch zu- erkannt werden, wenn die unteren Gliedmaßen besonders betroffen sind und sich dies auf die Gehfähigkeit ganz wesentlich auswirkt (z.B. Versteifung des Hüftgelenks, Versteifung des Knie- oder Fußgelenks in ungünstiger Stellung oder bei arteriellen Verschlusserkrankungen mit einem GdB von 40). Es kann eine Wertmarke für 60 bzw. 30 Euro, aber auch eine unentgeltliche Wertmarke aufgebracht werden, wenn der Behinderte sozial schwach ist. Die Wertmarke, die sich auf einem Beiblatt zum Schwerbehindertenausweis befin- det, berechtigt dazu, ein halbes bzw. ein ganzes Jahr öffent- liche Verkehrsmittel im Umkreis von 50 km kostenlos zu benutzen. Dies betrifft alle Personen mit den Merkzeichen G, aG. Personen mit den Merkzeichen H bzw. Bl, können zusätzlich zu ihrer Kfz-Steuerbefreiung ein Beiblatt mit der kostenlosen Wertmarke für ein Jahr zur Freifahrt in öf- fentlichen Verkehrsmitteln im Umkreis von 50 km um den Wohnort bei der zuständigen Versorgungsbehörde erhalten. Wertmarke Anstatt der Freifahrt im öffentlichen Personennahverkehr können Schwerbehinderte, die erheblich gehbehindert sind, auch wahlweise die Ermäßigung ihrer Kfz-Steuer um 50 Prozent in Anspruch nehmen. Allerdings darf dann kein anderer das Fahrzeug benutzen! *
152 Leistungen bei Behinderung Hilflose Außerge- wöhnliche Gehbehinde- rung Beispiel Neben den erheblich Gehbehinderten mit dem Merkzei- chen »G« sind auch andere Schwerbehinderte im Nahver- kehr kostenlos zu befördern: nämlich Hilflose und Gehör- lose mit dem Merkzeichen »H« und »Gl«. Dies gilt selbst dann, wenn sie die vorher schon erwähnten 2.000 m in einer halben Stunde zurücklegen könnten. Hilflose sind nicht immer auch erheblich gehbehindert. Hilflos kann z.B. auch ein Mensch sein, der keine Hän- de hat, obwohl er uneingeschränkt gehen kann. Das gilt auch für Gehörlose, die in ihrer Gehfähigkeit nicht ein- geschränkt sind. Wegen der besonderen Situation können aber auch diese Personen kostenlos öffentliche Nahver- kehrsmittel in Anspruch nehmen. c) Bevorzugung beim Parken usw. (Merkmal aG) Bei Menschen mit einer außergewöhnlichen Gehbehinde- rung wird das Merkzeichen »aG« eingetragen. Außerge- wöhnlich gehbehindert sind Menschen, die sich wegen der Schwere ihres Leidens dauernd nur mit fremder Hilfe oder nur mit großer Anstrengung außerhalb ihres Kraftfahr- zeuges bewegen können. Hierzu zählen vor allem Quer- schnitlsgelähmte, Doppelober- und Unterschenkelampu- tierte und ähnlich schwerstbehinderte Personen. Bei ihnen wird auf der Rückseite des Ausweises ein »aG« eingetragen, das zusätzlich zu den für »G« eingetragenen Vergünstigungen das Parken (z.B. im eingeschränkten Halteverbot, im Zonenhalteverbot, in verkehrsberuhigten Bereichen außerhalb der markierten Parkflächen und an Stellen mit Rollstuhlfahrersymbol) erlaubt und außerdem die völlige Befreiung von der Kfz-Steuer mit sich bringt. Klaus Adam leidet unter einem Down-Syndrom, d.h. et- kann sich nicht orientierten und bedarf einer Begleitung. Seine Gehfähigkeit ist jedoch nicht massiv eingeschränkt. Er erhält das Merkmal »aG« und den damit verbundenen Nachteilsausgleich nicht. Von der Gewährung des Nachteilsausgleichs »aG« wird sehr zurückhaltend Gebrauch gemacht. Erst bei einer
Vorteile bzw. Nachteilsausgleiche bei Behinderung 153 Einschränkung der zumutbaren Gehstrecke auf 50 bis un- ter 100 m wird im Allgemeinen die Zuerkennung dieses Nachteilsausgleichs gewährt. Gero Zinnow leidet an einer extremen Versteifung des Beispiel linken Beines. Er fährt einen Pkw mit automatischem Getriebe und einer besonders großen Fahrertür. Für das Ein- und Aussteigen ist er darauf angewiesen, dass die Fahrertür ganz geöffnet ist. Glaubhaft versichert er, dass dies auf allgemeinen Parkplätzen nicht möglich ist. Gleichwohl erhält er den Nachteilsausgleich »aG« nicht, weil seine Gehfähigkeit nicht beeinträchtigt ist. Allein das ist jedoch ausschlaggebend. Unabhängig davon, ob es für ihn sinnvoll wäre, einen solchen Ausweis zu erhalten. Allerdings muss die besonders schwere Gehstörung noch nicht eingetreten sein! Es reicht aus, wenn sie unmittelbar droht und der Eintritt dieses Nachteils durch ein entspre- chendes Verhalten des Schwerbehinderten zeitlich hinaus- gezögert werden kann, vor allem durch den Verzicht auf jedes überflüssige Gehen. Der schwerstbehinderte Egon Zander leidet seit Geburt Beispiel an einer beidseitigen Hüftgelenksverrenkung und ist des- halb an beiden Hüftgelenken mit Total-Endoprothesen versorgt. Die linke Prothese musste schon nach kurzer Z.eit ausgetauscht werden. Egon Zander könnte zwar noch maximal etwa 500 m in etwa 25 Minuten zurücklegen, das aber auch nur unter der Gefahr, dass durch die Gehbewe- gungen eine erneute Prothesenlockerung hervorgerufen würde. Deshalb muss ihm der Nachteilsausgleich »aG« zugebilligt werden. Sofern die Voraussetzungen für die Zuerkennung des Merkzeichens »aG« nur knapp verfehlt wurden, sollten Sie prüfen, ob in Ihrem Bundesland Ausnahmegenehmi- gungen von der StVO erteilt worden sind und Ausnah- megenehmigungen für erheblich Gehbehinderte mit dem Merkzeichen »G« so erteilt werden, als ob diese das Merk- zeichen »aG« besäßen.
154 Leistungen bei Behinderung d) Ständige Begleitung im Personenverkehr (Merkmal B) Schwerbehinderte, die erheblich gehbehindert - bzw. hilf- los oder gehörlos - sind und bei der Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel zur Vermeidung von Gefahren für sich oder andere regelmäßig fremde Hilfe brauchen, erhalten das Merkzeichen »B« in den Ausweis eingetragen. Dies berechtigt zur unentgeltlichen Beförderung einer Begleit- person im öffentlichen Nah-, aber auch im öffentlichen Fernverkehr. Dies gilt sogar im nationalen Flugverkehr. Beispiel Emil Pohl ist schwerbehindert (GdB 60, Nachteilsausgleich »G«). Er leidet an einem erheblichen Lumbalsyndrom mit blitzartig, überraschend einschießenden Schmerzen in die Beine, an Greif stör ungen der Hände sowie an ausge- prägten Schwindelerscheinungen aufgrund von Hirndurch- blutungsstörungen. Emil Pohl steht das Merkmal »B« zu, weil er angesichts der Schwindelanfälle und der Schmerz- attacken ohne fremde Hilfe zu stürzen droht und sich auch nicht ausreichend festhalten oder stützen kann. Gerade bei der Benutzung im Personenverkehr ist er besonderen Ge- fährdungen auf den Bahnsteigen oder durch die Fahrbewe- gungen während der Beförderung ausgesetzt. e) Erhöhte Pauschbeträge u.a. bei Hilflosigkeit (Merkmal H) Hilfloser Hilflos ist ein Behinderter, wenn er für eine Reihe von Behinderter häufig und regelmäßig wiederkehrenden Verrichtungen zur Sicherung seiner persönlichen Existenz im Ablauf eines jeden Tages fremder Hilfe dauernd bedarf. Der Behinderte selbst oder die Eltern eines behinderten Kindes, bei dem das Merkzeichen »H« zuerkannt ist, haben einen Anspruch auf einen erhöhten Behinderten-Pausch- betrag bei der Lohn- und Einkommensteuer (3.700 Euro jährlich). D6s Weiteren steht ihnen ein Pflege-Pauschbe- trag von 924 Euro zu sowie die unentgeltliche Beförde- rung im öffentlichen Nahverkehr ohne Eigenbeteiligung und die völlige Kfz-Steuerbefreiung.
Vorteile bzw. Nachteilsausgleiche bei Behinderung 155 f) Befreiung von der Rundfunkgebührenpflicht (Merkmal RF, H, Gl) Ist einem Behinderten ein GdB von mindestens 80 zuer- kannt worden und kann er nicht an öffentlichen Veran- staltungen teilnehmen, wird das Merkzeichen »RF« ein- getragen. Er braucht dann keine Rundfunkgebühren zu entrichten. Das gilt auch für Blinde oder stark Sehbehinderte mit einem GdB von wenigstens 60 allein wegen der Sehbe- hinderung sowie für Hörgeschädigte mit einem GdB von wenigstens 50. Die 70-jährige Schwerbehinderte Alma Fenske hat ein ausgeprägtes Herzleiden (GdB 90 wegen Atemnot bereits in Ruhe). Sie vermag das Haus kaum noch zu verlassen. Sie hat einen Anspruch auf »RF«. Der zuckerkranke Rudolf Löchter leidet an einer Gehstö- rung und an einer Harninkontinenz (Gesamt-GdB 80). Er kann die Wohnung nur mit Begleitung verlassen und benötigt Windelhosen. Er meint, andere Personen würden durch Uringeruch belästigt. Ihm steht kein Anspruch auf »RF« zu, weil Rudolf Löchter noch am gemeinschaftlichen Leben teilnehmen kann, wenn auch nur mit Hilfe von Win- delhosen, die heute eine Geruchsbelästigung zuverlässig für zwei bis drei Stunden ausschließen. Die Feststellung des »RF« führt darüber hinaus zu Ge- bührenermäßigungen im Fernsprechdienst der Deutschen Telekom. g) Umsatzsteuerbefreiung, Portofreiheit usw. (Merkmal H) Nicht nur Personen, denen das Augenlicht völlig fehlt, gel- ten als blind, sondern auch diejenigen, deren Sehschärfe so gering ist, dass sie sich in unvertrauter Umgebung ohne fremde Hilfe nicht zurechtfinden. Dies ist der Fall, wenn die Sehschärfe nicht mehr als l/50 beträgt. Diese Personen erhalten den Eintrag des Merkmals »H«. Ihnen steht ein erhöhter Ein kommensteuer-Pauschbetrag sowie die Be- 1. Beispiel 2. Beispiel Als blind gelten
Als gehörlos gelten freiung von der Kfz-Steuer, die Befreiung von der Rund- funkgebührenpflicht sowie Parkerleichterungen zu. Da- neben können sie Umsatzsteuerbefreiungen, Portofreiheit für Blindensendungen, kostenlose Rentenzahlungen in die Wohnung, Platzreservierung und freie Fahrt für sich, für Begleitperson und für Blindenhunde in Anspruch nehmen. Außerdem wird ihnen in einigen Bundesländern noch ein Blindengeld nach den Landes-Blindengesetzen gezahlt. Gehört jemand nicht zu dem vorgenannten Kreis, ist aber gleichwohl hochgradig sehbehindert, kann er beim Nach- teilsausgleich »H« berücksichtigt werden, wenn seine Seh- fähigkeit nicht mehr 1/20 beträgt. h) Beförderungserleichterungen (Merkmal Gl) Als gehörlos gelten Hörbehinderte, bei denen Taubheit auf beiden Ohren vorliegt, aber auch Behinderte mit einer an Taubheit grenzenden Schwerhörigkeit beiderseits, wenn daneben schwere Sprachstörungen vorliegen. Diese erhal- ten das Merkzeichen »Gl«. Dies berechtigt zu den auf Seite 150 ff. (Merkzeichen »G«) aufgeführten Beförderungser- leichterungen (Freifahrtvergünstigungen). Darüber hinaus ist der Nachteilsausgleich »Gl« für den Nachteilsausgleich »RF« von Bedeutung (siehe Seite 155 ff.). i) Erste-Klasse-Fahrten im Eisenbahnverkehr Schwer-, Kriegsbeschädigten sowie NS-Verfolgten mit einer Mindest-MdE von 70 Prozent, deren körperlicher Zustand die Unterbringung in der Ersten Klasse bei Eisen- bahnfahrten erfordert, wird das Merkzeichen »Erster Kl.« zuerkannt und damit die Benutzung der Ersten Klasse mit einem Fahrschein der Zweiten Klasse gestattet. Die Vo- raussetzungen hierfür sind erfüllt, wenn dem Betroffenen eine Pflegezulage mindestens der Stufe 4 zusteht, sowie bei Kriegsblinden. Ohnehändern und Querschnittsgelähmten.
5.4 ... am Arbeitsplatz Schwerbehinderte haben einen Anspruch auf verstärkten arbeitsrechtlichen Kündigungsschutz. Dieser wird nicht nur Personen mit einem GdB von 50, sondern auch Per- sonen. die diesen Personen gleichgestellt sind, weil sie mindestens einen GdB von 30 haben und ihr Arbeitsplatz in Gefahr ist, zuerkannt. Außerdem haben Schwerbehin- derte einen Anspruch auf Zusatzurlaub von einer Arbeits- woche und sind von Mehrarbeit befreit. Daneben können sie besondere Hilfen bei der Erlangung oder Bewahrung eines Arbeitsplatzes durch die Arbeitsagenturen und In- tegrationsämter in Anspruch nehmen. Sie sind bevorzugt zur selbständigen Berufstätigkeit zugelassen. 5.5 Rehabilitationsleistungen a) ... durch Krankenkassen Rehabilitationsleistungen werden behinderten Menschen von verschiedenen Sozialversicherungsträgern gewährt. So erbringt die Krankenkasse Rehabilitationsleistungen an Krankenversicherte, sofern diese Rehabilitationslei- stungen notwendig sind, um eine Behinderung zu beseiti- gen, einer drohenden Behinderung vorzubeugen bzw. eine Verschlimmerung zu verhüten oder Pflegebedürftigkeit zu vermeiden bzw. zu mindern. Infrage kommen insbeson- dere ärztliche und zahnärztliche Behandlung usw. (siehe Seite 121 ff.). b) ... durch Rentenversicherungsträger In der gesetzlichen Rentenversicherung haben Versicherte dann Anspruch auf Rehabilitationsleistungen, wenn ihre Erwerbsfähigkeit wegen Krankheit oder körperlicher, gei- stiger oder seelischer Behinderung erheblich gefährdet oder gemindert ist und wenn durch die Leistungen voraus- sichtlich eine Minderung der Erwerbsfähigkeit abgewen- det werden bzw. bei geminderter Erwerbsfähigkeit diese wesentlich gebessert oder wiederhergestellt werden kann. Verstärkter Kündigungs- schutz Voraus- setzungen Voraus- setzungen
In Betracht kommen hier medizinische und berufsför- dernde Leistungen der Rehabilitation. c) ... durch Arbeitsagenturen Bei den Rehabilitationsleistungen durch die Arbeitsagen- turen handelt es sich um Leistungen zur beruflichen Re- habilitation. Die Arbeitsagenturen zahlen für behinderte Menschen Zuschüsse zum Arbeitsentgelt, zur Ausbildungs- vergütung bzw. zu anderen Vergütungen, die der Arbeitge- ber bei anderen Maßnahmen der beruflichen Bildung an den Schwerbehinderten erbringt (siehe Seite 66 f.). Informationen über die zahlreichen Leistungen, die die Arbeitsagenturen an Arbeitgeber gewähren, die behinder- te Menschen einstellen, finden Sie auf Seite 106. e) ... durch Integrationsämter Hilfen Die Integrationsämter gewähren Schwerbehinderten Men- schen technische Arbeitshilfen, Hilfen zum Erreichen des Arbeitsplatzes, Hilfen zur Gründung und Erhaltung einer selbständigen beruflichen Existenz, Hilfen zur Beschaf- fung. Ausstattung und Erhaltung einer behindertenge- rechten Wohnung. Hilfen zur Teilnahme an Maßnahmen zur Erhaltung und Erweiterung beruflicher Kenntnisse und Fertigkeiten sowie Hilfen in besonderen Lebenslagen. Die Kosten für die Beschaffung technischer Arbeitshil- fen. ihre Wartung. Instandsetzung und die Ausbildung des Schwerbehinderten Menschen im Gebrauch können kostenmäßig in voller Höhe übernommen werden. Das gilt auch für die Ersatzbeschaffung und die Beschaffung zur Anpassung an die technische Weiterentwicklung. Damit Schwerbehinderte Menschen ihren Arbeitsplatz er- reichen können, können sie Leistungen zur Beschaffung eines Kraftfahrzeuges, der Zusatzausstattung sowie für die Erlangung einer Fahrerlaubnis auf Antrag erhalten. Darlehen oder Darlehen oder Zinszuschüsse zur Gründung und zur Er- Zinszuschüsse haltung einer selbständigen beruflichen Existenz können Schwerbehinderte Menschen erhalten, wenn sie die erfor-
derlichen persönlichen und fachlichen Voraussetzungen für diese Tätigkeit erfüllen, sie hierdurch ihren Lebensun- terhalt voraussichtlich sicherstellen können und die Tätig- keit unter Arbeitsmarktgesichtspunkten zweckmäßig ist. Zur Beschaffung von behindertengerechtem Wohnraum, zur Anpassung von Wohnraum und der Ausstattung ent- sprechend den besonderen behinderungsbedingten Be- dürfnissen sowie zum Umzug in eine behinderungsge- rechte oder erheblich verkehrsgünstiger zum Arbeitsplatz gelegene Wohnung können die Integrationsämter Zuschüs- se, Zinszuschüsse oder Darlehen gewähren. Schwerbehinderten Menschen, die an inner- oder außer- betrieblichen Maßnahmen der beruflichen Bildung teil- nehmen, können Zuschüsse bis zur Höhe der tatsächlich entstandenen Kosten gewährt werden. Die Integrationsämter sind darüber hinaus weitgehend frei in der Gewährung von Hilfen in besonderen Lebenslagen, die nicht unter die v.g. Hilfeleistungen fallen! Vorausset- zung ist nur, dass die Hilfeleistungen unter Berücksichti- gung von Art oder Schwere der Behinderung erforderlich sind, um die Teilhabe am Arbeitsleben auf dem allgemei- nen Arbeitsmarkt zu ermöglichen, zu erleichtern oder zu sichern. Wegen der Vielfalt von Möglichkeiten, im Einzelfall zu helfen, lohnt sich eine Beratung direkt bei Krankenkassen, Arbeitsagenturen, vor allem den Integrationsämtern. Den Anspruch auf umfassende Beratung hat der Gesetzgeber sogar in das Gesetz geschrieben (§ 14 SGB I). Beschaffung von behinder- tengerechtem Wohnraum <7
160 Bundes- versorgungs- gesetz Kapitel 9 Leistungen nach Kriegseinwirkungen bzw. für Opfer einer Gewalttat o.Ä. 1. Allgemeines Personen, die einen Gesundheitsschaden erleiden, für dessen Folgen der Staat einzustehen hat, weil der Betref- fende für ihn ein besonderes Opfer gebracht hat. erhalten eine Versorgung nach einem Gesetz, das eigentlich für die Versorgung der Opfer des Krieges geschaffen wurde. Bei diesen Personen handelt es sich heute vor allem um solche, die Opfer einer Gewalttat geworden sind, vor der sie der Staat nicht hatte schützen können, oder die eine Schädigung im Zusammenhang mit einer Impfung erlitten haben, zu der staatliche Stellen ausdrücklich aufgerufen hatten. Zu diesem Personenkreis gehören auch Wehr- und Zivildienstleistende, die in diesem Dienst für die Allge- meinheit verletzt worden sind. Die Entschädigungen für Opfer des 2. Weltkriegs sind erheblich zurückgegangen. Aber obwohl der Krieg inzwischen seit mehr als 60 Jah- ren beendet ist, beziehen in Deutschland gegenwärtig im- mer noch etwa 450.000 Personen Leistungen nach diesem Gesetz, dem BVG (Bundesversorgungsgesetz), das zuletzt am 1.1.2008 geändert worden ist. Davon sind mehr als die Hälfte Hinterbliebene. Neuzugänge, die Leistungen nach diesem Gesetz erhalten wollen, sind nur schwerlich vor- stellbar. Dieses Gesetz ist Ausgangspunkt für weitere Gesetze, die Betroffenen ebenfalls Leistungen nach dem Bundesver- sorgungsgesetz (BVG) gewähren. Zu diesen gehören das Soldatenversorgungsgesetz, das Bundespolizeigesetz, das Zivildienstgesetz, das Häftlingshilfegesetz, das SED-Un- rechtsbereinigungsgesetz, das Infektionsschutzgesetz und vor allem das Opferentschädigungsgesetz.
Leistungen nach dem Häftlingshilfegesetz 161 2. Leistungen nach einer Wehrdienst- beschädigung eines Soldaten Ein Soldat, der eine Wehrdienstbeschädigung erlitten hat, erhält nach Beendigung des Wehrdienstes wegen der gesundheitlichen und wirtschaftlichen Folgen dieser Be- schädigung auf Antrag Versorgungsleistungen. Was genau dazu gehört, wird auf Seiten 166 ff. beschrieben. Voraus- setzung für den Antrag ist, dass die Beschädigung beim Wehrdienst aufgetreten ist. Kurt Kalimann ist als Gefreiter der Bundeswehr mit Ku- rierdienst zum Divisionsstab unterwegs. Er beschließt, auf dem Weg einen Blumenladen aufzusuchen, um seiner Freundin einen Blumenstrauß zu kaufen. Auf dem feuch- ten Boden des Geschäftes rutscht er aus und erleidet einen komplizierten Armbruch. Kurt Kalimann wird kei- ne Versorgungsleistungen erhalten können, weil er eine Dienstfahrt unterbrochen hat und die Verletzung sich im privaten Bereich ereignete. 3. Leistungen bei gesundheitlichen Schäden von Zivildienstleistenden Ebenso wie Soldaten sind auch Zivildienstleistende wäh- rend ihres Zivildienstes sozialrechtlich abgesichert für den Fall, dass sie einen gesundheitlichen Schaden erlei- den. Auch sie erhalten wegen der gesundheitlichen und wirtschaftlichen Folgen eine Versorgung, wenn der Unfall während des Dienstes passiert ist (siehe Einzelheiten auf Seite 166). 4. Leistungen nach dem Häftlingshilfegesetz Das Häftiingshilfegesetz gilt für deutsche Staatsangehöri- ge sowie deren Angehörige und Hinterbliebene, wenn sie nach der Besetzung ihres Aufenthaltsortes im Gebiet der ehemaligen DDR und in den deutschen Ostgebieten und den Ostblockländern aus politischen Gründen in Gewahr- sam genommen wurden. Hier handelt es sich meist um Beispiel
162 Leistungen nach Kriegseinwirkungen Versorgungs- anspruch Ansprüche von Aus- ländern Personen, die in den Zuchthäusern der-ehemaligen DDR über längere Zeit inhaftiert und dort gesundheitlichen Be- lastungen ausgesetzt waren. Auch ihnen wird Versorgung gewährt. Zusätzliche - über das Häftlingshilfegesetz hinausgehende - Entschädigungsmöglichkeiten sehen die beiden SED- Unrechtsbereinigungsgesetze von 1992 und 1994 vor. Da gegenwärtig in Deutschland weniger als 1.000 Berechtigte vermerkt sind, soll auf eine ausführliche Darstellung ver- zichtet werden. 5. Entschädigungsleistungen für Opfer von Gewalttaten 5.1 Allgemeines Seit 1976 gibt es ein Gesetz, das Bürgern, die durch eine Gewalttat geschädigt worden sind, einen Versorgungsan- spruch gewährleistet, wenn der Täter nicht gefasst wird oder er zwar gefasst wird, er aber einen hinreichenden Schadensersatz nicht leisten kann. Der Sinn des Gesetzes ist, dass der Staat eine Entschädigung auch in den Fällen gewähren soll, in denen er seiner Aufgabe, seine Bürger vor gewaltsamen Angriffen zu schützen, nicht gerecht ge- worden ist. 5.2 Voraussetzungen Entschädigungsleistungen für Opfer von Gewalttaten er- hält nur jemand, der auf deutschem Boden (bzw. einem deutschen Schiff oder einem deutschen Flugzeug) durch einen vorsätzlichen und rechtswidrigen tätlichen Angriff gegen sich oder eine andere Person bzw. durch dessen rechtmäßige Abwehr eine gesundheitliche Schädigung er- litten hat. Er erhält dann eine Versorgung wie auf Seite 166 näher dargestellt. Ausländer haben seit Mitte 1990 faktisch die gleichen An- sprüche wie Deutsche, sofern sie sich nicht nur vorüberge- hend in Deutschland aufhalten.
Entschädigungsleistungen für Opfer von Gewalttaten 163 a) Der tatsächliche Angriff Die Schauspielerin erschießt ihren Geliebten, der Bank- Beispiele bote wird bei einem Raubüberfall niedergeschlagen. Rechtsradikale verprügeln einen Homosexuellen oder werfen in ein von Türken bewohntes Haus einen Brandsatz und verletzen die dort schlafenden Kinder, ein Gaststät- tenbesucher wird beim Versuch, einen Streit zu schlichten, niedergestochen. Wesentlich ist in allen Fällen, dass ein tätlicher Angriff gegen eine Person verübt worden ist. Allerdings kann ein tätlicher Angriff auch vorliegen, wenn der Täter den Wil- len eines anderen durch Täuschung, Überredung, Verfüh- rung oder sonstige Mittel ohne besonderen Kraftaufwand bricht oder ihn gar nicht erst aufkommen lässt. Der 25-jährige Joachim Lang unterhält zu der 13-jährigen Beispiel Lisa Klein eine zunächst freundschaftliche Beziehung. In der Folgezeit kommt es - auf Anregung von Lisa - zum Geschlechtsverkehr. Hach dem Eintritt einer Schwanger- schaft und dem Abbruch der Beziehung treten psychische Störungen bei dem jungen Mädchen ein, das das sexuelle Erlebnis nicht verarbeiten kann. Wegen des jugendlichen Alters von Lisa ist es unerheblich, ob die Initiative zum Geschlechtsverkehr von ihr ausgegangen ist. Denn die Gleichgültigkeit von Joachim gegenüber dem Verbot, an oder mit einem Kind sexuelle Handlungen vorzunehmen, ist gleichzusetzen mit einen tätlichen Angriff. Die Gerichte würden in diesem Fall Lisa Versorgungsleistungen nach dem Opferentschädigungsgesetz (OEG) zubilligen. Demgegenüber würde ein Anspruch auf Versorgung wohl abgelehnt, wenn eine 17-jährige Kirmesbesucherin von einem 23-jährigen Mann »aus Spaß« gegen ihren Willen hochgehoben wird und beide infolge des Alkoholgenusses des Mannes und dem heftigen Strampeln der Kirmesbe- sucherin beide hinfallen und die Besucherin einen Schä- delbasisbruch erleidet. Hier besteht kein Anspruch nach dem Opferentschädigungsgesetz, weil der Mann sich nicht
164 Leistungen nach Kriegseinwirkungen kämpferisch oder rechtsfeindlich verhalfen hat. Er hat nur aus Jux gehandelt bzw. nur einen Spaß machen wollen. Auch Mobbing, d.h. die fortlaufende psychische Beein- trächtigung eines Mitmenschen, stellt nach der Rechtspre- chung der Sozialgerichte keinen tätlichen Angriff dar, d.h. Versorgungsleistungen werden nicht gewährt. b) Indirekt verursachte Verletzung und Mitverursachung Auch indirekt verursachte Verletzungen können entschä- digt werden. Beispiel Der Tanzschüler Thorsten wird von Hooligans bedroht. Nach der Tanzschule fordert ihn ein Hooligan auf sich zu einem friedlichen Gespräch im Stadtpark einzufinden. Thorsten folgt diesem Vorschlag. Als er zum Treffpunkt kommt, sieht er, dass er in eine Falle gelaufen ist, weil mehrere gewaltbereite Hooligans dort auf ihn warten. Er flieht und kommt auf der nahe gelegenen Straße unter ein Auto. Auch hier werden die Gerichte eine Entschädigung nach dem Opferentschädigungsgesetz bejahen. Der Anspruch auf Versorgung wird allerdings versagt, wenn der Geschädigte seine Schädigung selbst mitver- ursacht hat oder wenn eine Entschädigung aus sonstigen Gründen »unbillig« wäre. Beispiel Thorsten und Max streiten sich. Thorsten beleidigt zu- nächst Max und erhält von ihm anschließend eine massive Ohrfeige, die zu seiner Ertaubung führt. Eine Entschädi- gung kann in diesem Fall nicht gezahlt werden, weil das »Opfer« seine Schädigung im Wesentlichen mitverursacht hat. Versorgungsleistungen können auch versagt werden, wenn der Geschädigte nicht hinreichend zur Aufklärung des Sachverhaltes beigetragen hat! Beispiel Matthias wird auf einem nächtlichen Heimweg zusam- mengeschlagen. Er lässt sich zwar ärztlich behandeln, eine Anzeige bei der Polizei unterlässt er aber. Erst nach
Leistungen bei Impfschäden 165 Wochen meldet er sich bei der Versorgungsverwaltung, um Versorgungsleistungen zu erhalten. Wenn der Geschädigte auch Leistungen aus der gesetz- lichen Unfallversicherung beziehen kann, treten die An- sprüche aus dem Opferentschädigungsgesetz zurück. Ein Geschädigter kann nicht beides gleichzeitig beziehen! 6. Leistungen bei Impfschäden Das Infektionsschutzgesetz (früher Bundesseuchengesetz) gewährt Impfopfern Versorgungsleistungen. Vorausset- zung für diesen Anspruch ist aber, dass eine Schutzimp- fung entweder öffentlich empfohlen, auf Grund eines Gesetzes angeordnet, gesetzlich vorgeschrieben oder auf Grund internationaler Gesundheitsvorschriften durchge- führt worden ist. Das Gesetz erstreckt seinen Schutz al- lerdings nicht nur auf Impfungen, sondern auch auf andere Maßnahmen der Seuchenvorsorge, z.B. die Gabe von An- tikörpern oder Medikamenten. Kommt es infolge der Impfung bzw. durch die Gabe von Antikörpern oder Medikamenten zu einem gesundheit- lichen Primärschaden, d.h. zu einem Schaden, der übli- cherweise nicht zu erwarten ist und der gesundheitliche und wirtschaftliche Folgen hinterlassen hat, wird Versor- gung wie auf Seite 166 beschrieben, geleistet. Der 10-jährige Alex wird im Frühsommer gegen Hirn- hautentzündung geimpft. Etwa zwei Wochen nach der Impfung tritt mehrere Tage lang hohes Fieber auf. Etwa ein Jahr nach der Impfung glauben die Eltern Entwick- lungsstörungen festzustellen. Drei Jahre später machen sie einen Impfschaden geltend. Ein Problem dieses und ähnlicher Fälle besteht darin, dass die Kausalität (Ur- sächlichkeit) der eingetretenen Gesundheitsstörung und der vorangegangenen Impfung in vielen Fällen nicht klar bewiesen werden kann. Hier müssen alle Aufzeichnungen des behandelnden Arztes und die Krankenunterlagen der Gesundheitseinrichtungen eingesehen werden, um schä- digungsunabhängige Vorschäden auszuschließen. Infektions- schutzgesetz Beispiel
166 Leistungen nach Kriegseinwirkungen Anspruch Grad der Schädigungs- folge ist nicht maßgebend 7. Die Versorgungsleistungerr 7.1 Allgemeines Hat jemand durch eine der in den vorherigen Abschnitten l bis 6 dargestelllen Gefahren eine Beschädigung erlitten, so hat er Anspruch auf • Heilbehandlung, Krankenbehandlung und Versehrten- Leibesübungen, • Beschädigtenrente, Berufsschadensausgleich. Zulagen, Zuschläge, • Bestattungsgeld und Sterbegeld, • Hinterbliebenenrenten bzw. Hinterbliebenenbeihilfe, • Härteausgleich. 7.2 Heil- und Krankenbehandlung Heil- und Krankenbehandlungen sind Leistungen, die so- wohl dem Beschädigten selbst als auch seinen Angehöri- gen gewährt werden. Dabei ist es gleichgültig, wie hoch der Grad der Schädigungsfolge ist. Der Leistungskatalog umfasst in etwa die Leistungen, wie sie in der gesetzlichen Krankenversicherung gewährt werden (siehe Seite 121 ff.). 7.3 Beschädigtenrente Im Vordergrund der Versorgungsleistung steht die Ge- währung einer Beschädigtenrente. Die Beschädigtenrente setzt sich aus der Grundrente, einer Schwerstbeschädigtenzulage, einer Ausgleichsrcnte, dem Berufsschadensausgleich und ergänzenden Leistungen zu- sammen. a) Grundrente Die Grundrente steht jedem Beschädigten zu, dessen Grad der Schädigungsfolge wenigstens 25 Prozent beträgt.
Die Versorgungsleistungen 167 Die Grundrente beträgt derzeit bei einem Grad der Schä- digungsfolge von Höhe der Grundrente 30.........119 Euro 40.........162 Euro 50.........219 Euro 60...............276 Euro 70...............383 Euro 80...............463 Euro 90...............556 Euro 100..............624 Euro. Die Grundrente erhöht sich für Schwerbeschädigte, die Erhöhte das 65. Lebensjahr vollendet haben, bei einem Grad der Grundrente Schädigungsfolgen • von 50 und 60 um 24 Euro, • von 70 und 80 um 30 Euro, • von mindestens 90 um 37 Euro. Dabei liegt eine Schwerbeschädigung vor, wenn ein Grad der Schädigungsfolgen von mindestens 50 festgestellt ist. b) Schwerstbeschädigtenzulage Erwerbsunfähig Beschädigte (Beschädigung um 100 Pro- zent) erhalten eine Schwerstbeschädigtenzulage zur Grund- rente, wenn sie durch die Schädigungsfolgen gesundheitlich außergewöhnlich betroffen sind. Die Schwerstbeschädig- tenzulage beträgt zurzeit zwischen 71 und 444 Euro, je nach Grad der Behinderung. c) Ausgleichsrente Während die Grundrente und die Schwerstbeschädigten- zulage jedem Beschädigten ab einer bestimmten Höhe der Minderung der Erwerbstätigkeit zustehen, ist das bei der Ausgleichsrente nicht der Fall. Deren Bezug setzt vielmehr voraus, dass es sich um einen Schwerbeschädigten handelt, der infolge seines Gesundheitszustandes oder Alters oder infolge eines von ihm nicht zu vertretenden Grundes eine Erwerbstätigkeit nicht oder nur in beschränktem Umfang
168 Leistungen nach Kriegseinwirkungen oder nur mit überdurchschnittlichem Kräfteaufwand aus- üben kann. Beispiel Klaus Adam ist schwerbeschädigt. Er verliert seine Ar- beitsstelle, weil sein Arbeitgeber insolvent geworden ist. Er findet keinen neuen Arbeitsplatz. Grund ist hierfür vor allem die schlechte Konjunkturlage. Klaus Adam steht eine Ausgleichsrente zu. Dies gilt auch, wenn die Arbeits- losigkeit vor allem auf der Insolvenz des Arbeitgebers und der schlechten Konjunktur beruht. Die volle Ausgleichsrente beträgt monatlich bei einem Grad der Schädigungsfolge - von 50 oder 60.. 383 Euro, - von 70 oder 80 .. 463 Euro, - von 90........ 556 Euro, - von 100....... 624 Euro. Anderweitiges Einkommen wird angerechnet. d) Berufsschadensausgleich Neben den bereits genannten Rentenbestandteilen kann auch ein Berufsschadensausgleich gewährt werden, wenn das Einkommen des Beschädigten aus gegenwärtiger oder früherer Tätigkeit durch die Schädigungsfolgen gemindert ist. Das bedeutet, er muss einen Einkommensverlust erlit- ten haben. Ersetzt wird allerdings nur etwas weniger als die Hälfte eines pauschalierten (also meist geringeren als der tatsächliche Einbuße entsprechenden) Einkommens- verlustes (42,5 Prozent). Beispiel Detlef Bauer ist Druckergeselle. Seine Familie besitzt einen Druckereibetrieb. Er soll Betriebsnachfolger wer- den. Während des Grundwehrdienstes wird er bei einem Schießunfall am Kopf schwer verletzt und kann nur noch leichte Hilfsarbeiten verrichten. Es bestehen keine An- haltspunkte, dass Detlef Bauer ohne den Schießunfall bei der Bundeswehr nicht Betriebsnachfolger seines Vaters geworden wäre. Deshalb wird ihm ein Berufsschadens- ausgleich gewährt. Im vorliegenden Fall würde Detlef
Die Versorgungsleistungen 169 Bauer wie ein Amtmann im gehobenen Beamtendienst einzustufen (All) sein. Da die Berechnung des Berufsschadensausgleiches schwie- rig ist, ist es ratsam, die Beratung durch das Versorgungs- amt bzw. die zuständige Behörde in Anspruch zu nehmen. e) Ergänzende Leistungen Als ergänzende Leistungen zur Rente sind der Ehegat- tenzuschlag (dieser steht nur Schwerbeschädigten zu und beträgt 68 Euro monatlich), der Kinderzuschlag (Höhe entspricht dem gesetzlichen Kindergeld) und der Alterszu- schlag (Schwerbeschädigte, die das 65. Lebensjahr vollen- det haben) zu nennen. 7.4 Pflegezulage Die Pflegezulage, die ebenfalls gewährt werden kann, ist eine gesonderte Leistung neben der Beschädigtenrente. Sie steht den Beschädigten zu, die hilflos sind (siehe Seite 154), und beträgt für Stufe I 263 Euro. Wenn die Gesund- heitsstörung so schwer ist, dass ein dauerndes Kranken- lager oder dauernd außergewöhnliche Pflege erforderlich ist, ist die Pflegezulage nach Lage des Falles auf 450, 638, 820, 1.066 oder 1.311 Euro (Stufen II bis VI) zu erhöhen. 7.5 Bestattungsgeld und Sterbegeld Schließlich stehen Ihnen als Hinterbliebenem eines Opfers (siehe Seite 160) Bestattungsgeld und Sterbegeld zu. Es beträgt 755 Euro oder, wenn der Tod die Folge einer Schä- digung ist, 1.506 Euro. Als Sterbegeld wird ein Betrag in Höhe des Dreifachen der Versorgungsbezüge gezahlt, die dem Beschädigten für den Sterbemonat zustanden. Die Pflegezulage wird allerdings höchstens nach Stufe II ge- zahlt. Ehegatten-, Kinder- und Alterszu- schlag Leistung neben Be- schädigten- rente
170 Leistungen nach Kriegseinwirkungen 7.6 Ersatz für Sachschäden In Ausnahmefällen werden auch Sachschäden erstattet. Dies allerdings nur, wenn es sich um die Beschädigung eines am Körper getragenen Hilfsmittels (z.B. Prothesen, Brillen, Kontaktlinsen oder Zahnersatz) handelt. 7.7 Hinterbliebenenrenten Letztlich wird auch für die Hinterbliebenen des Geschä- digten gesorgt. Dies geschieht vor allem in Form einer Wit- wenrente, die als Grundrente 347 Euro monatlich beträgt, eines Schadens- bzw. Pflegeausgleichs, einer Waisen- und Witwerrente, einer Lebenspartnerrente bzw. Geschiedenen- Hinterbliebenenrente. Hilfsweise kann auch eine Hinter- bliebenenbeihilfe gewährt werden, wenn der Beschädigte nicht an den Folgen der Schädigung gestorben ist. Auch eine Elternrente oder Verschollenheitsrente ist mög- liche Entschädigungsfolge. Abfindungs- summe 7.8 Kapitalabfindung Interessant ist die Möglichkeit. Versorgungsansprüche durch eine Kapitalabfindung zu ersetzen. Die Abfindung ist auf die für einen Zeitraum von zehn Jahren zustehendc Grundrente beschränkt! Als Abfindungssumme wird das Neunfache des der Kapitalabfindung zugrundeliegenden Jahresbetrags gezahlt. Dabei kann eine Kapitalabfindung nur gewährt werden, wenn der Beschädigte im Zeitpunkt der Antragstellung noch keine 55 Jahre alt ist. der Versor- gungsanspruch anerkannt ist, nicht zu erwarten ist. dass innerhalb des Abfindungszeitraums die Rente wegfallen wird und für eine nützliche Verwendung des Geldes Ge- währ besteht. Ausnahmsweise kann eine Kapitalabfindung auch nach dem 55. Lebensjahr gewährt werden, allerdings nicht, wenn der Antrag erst nach Vollendung des 65. Le- bensjahres gestellt ist. Die Einzelheiten dieser komplizierten Materie müssen nach dem Gesetz die Versorgungsämter den Betroffenen ausführlich erläutern!
171 Kapitel 10 Leistungen bei Verlust der Erwerbsfähigkeit Die meisten Menschen sind darauf angewiesen, für ihren Lebensunterhalt zu arbeiten. Besonders schlimm ist es also, wenn man aus gesundheitlichen Gründen schon vor Erreichen der Altersrente nicht mehr in der Lage ist, sei- nen Lebensunterhalt aus der eigenen Erwerbstätigkeit zu bestreiten. 1. Erwerbsminderungsrente aus der Renten- versicherung Wenn Sie Mitglied der gesetzlichen Rentenversicherung sind, haben Sie hier unter Umständen einen Anspruch auf eine sogenannte Erwerbsminderungsrente. Je nach Alter, Berufsausbildung und Einschränkung der Erwerbsfähig- keit können Sie eine volle Erwerbsminderungsrente, eine teilweise Erwerbsminderungsrente oder eine teilweise Er- werbminderungsrente bei Berufsunfähigkeit bekommen. 1.1 Versicherter Personenkreis Voraussetzung ist zunächst, dass für Sie Versicherungs- schutz besteht. Dieser besteht zunächst grundsätzlich für alle, die in den letzten fünf Jahren 36 Monate z.B. als Arbeitnehmer Pflichtbeiträge zur gesetzlichen Rentenver- sicherung entrichtet haben. Pflichtversichert sind im We- sentlichen • Arbeitnehmer und Auszubildende, • nicht erwerbsmäßig tätige Pflegepersonen, • Personen, denen Kindererziehungszeiten anzurechnen sind, • behinderte Menschen die in den anerkannten Werkstät- ten tätig sind, • Wehrdienst- und Zivildienstleistende, Pflicht- versicherte
172 Leistungen bei Verlust der Erwerbsfähigkeit • Bezieher von Krankengeld, Verletztengeld, Übergangs- geld, Arbeitslosengeld bzw. Arbeitslosengeld II und • Empfänger von Vorruhestandsgeld. Wenn Zeiten der Arbeitslosigkeit ohne Leistungsbezug vorliegen, werden unter Umständen auch Beiträge berück- sichtigt. die Sie schon vor längerer Zeit als den erwähnten fünf Jahren entrichtet haben. Die Zeiten der Arbeitslosig- keit werden aber nur dann berücksichtigt, wenn Sie ohne Unterbrechung bei der Agentur für Arbeit durchgehend arbeitslos gemeldet waren! Wenn Sie unsicher sind, ob diese sog. besonderen versi- cherungsrechtlichen Voraussetzungen bei Ihnen vorliegen, können Sie bei Ihrem zuständigen Rentenversicherungs- träger nachfragen! Allgemeine Neben diesen besonderen versicherungsrechtlichen Voraus- Wartezeit Setzungen muss auch die allgemeine Wartezeit von fünf bzw. 20 Jahren erfüllt sein. Als Wartezeiten zählen neben den Pflichtbeitragszeiten auch Ersatzzeiten (beispielswei- se Zeiten der politischen Verfolgung in der DDR), Zeiten aus einem Versorgungsausgleich, Zeiten aus einem Ren- tensplitting und in geringem Umfang auch Zeiten aus sei- nem Minijob. Vorzeitige Unter besonderen Voraussetzungen kann die allgemeine Wartezeit- Wartezeit auch vorzeitig erfüllt sein. An eine vorzeitige erfüllung Wartezeiterfüllung sollten Sie immer denken, wenn die Erwerbsminderung auf einem Arbeitsunfall oder einer Berufskrankheit oder auch auf einer Wehrdienst- und Zi- vildienstbeschädigung beruht oder kurz nach Beendigung der Ausbildung eingetreten ist. 1.2 Erwerbsminderung Eine Erwerbsminderung liegt vor. wenn Sie daran gehin- dert sind, eine ihren Kenntnissen und Fähigkeiten entspre- chende Tätigkeit auszuüben.
Erwerbsminderungsrente aus der Rentenversicherung 173 a) Volle Erwerbsminderung Die medizinischen Voraussetzungen für eine volle Er- werbsminderungsrente liegen vor, wenn Sie unter den üb- lichen Bedingungen des Arbeitsmarktes keine denkbare Tätigkeit - auch keine körperlich leichte Tätigkeit - drei Stunden arbeitstäglich verrichten können. Eine solche Tätigkeit ist z.B. die eines Pförtners oder einer Büro- hilfskraft. Es kommt dabei nicht darauf an, ob Sie einen solchen Arbeitsplatz tatsächlich haben oder bekommen können oder ob es einen solchen Arbeitsplatz in der Nähe Ihres Wohnorts tatsächlich gibt! Es reicht aus, dass es eine genügende Anzahl solcher Arbeitsplätze im ganzen Bun- desgebiet gibt. Zuständig ist hier nicht der Rentenversiche- rungsträger, sondern die Agentur für Arbeit. Aber auch wenn Sie in der Lage sind, noch drei Stunden pro Tag zu arbeiten, können die Voraussetzungen für eine volle Erwerbsminderung vorliegen, wenn Sie einen Ar- beitsplatz aus gesundheitlichen Gründen nicht erreichen können oder wenn Besonderheiten vorliegen, die einen geregelten beruflichen Alltag ausschließen, wie z.B. die Notwendigkeit von häufigen Päüs^lTt5urspfe1sweise für Di- abetiker. Bei der Berechnung der Rentenhöhe werden folgende Um- stände berücksichtigt: • die bereits eingezahlten Beiträge, • die Beiträge, die ohne die Erwerbsminderung bis zum 60. Lebensjahr gezahlt worden wären, und • die Abschläge, die Sie hinnehmen müssen, weil Sie vor dem Erreichen des Rentenaltcrs die Rente in Anspruch nehmen. In geringem Umfang können Sie zu der vollen Erwerbs- minderungsrente hinzuverdienen. Seit dem 1. Januar 2001 können Sie auch als Selbständiger unter den gleichen Voraussetzungen wie Arbeitnehmer eine Rente wegen voller Erwerbsminderung in Anspruch nehmen! Auch ein Hinzuverdienst aus selbständiger Tätig- keit im geringem Umfang schließt den Anspruch auf die Medizinische Voraus- setzungen Rentenhöhe
174 Leistungen bei Verlust der Erwerbsfähigkeit Zeitlich befris- tete Rente »Berufs- schutz« volle Erwerbminderungsrente - anders als bei der alten Erwerbsunfähigkeitsrente - nicht mehr aus. b) Teilweise Erwerbsminderung Wenn Sie pro Arbeitstag noch drei bis sechs_Stunden erwerbstätig sein können, haben Sie beim Vorliegen der weiteren Voraussetzungen Anspruch auf eine Rente bei teilweiser Erwerbsminderung. Die Rente bei teilweiser Er- werbsminderung ist halb so hoch wie eine Rente bei voller Erwerbsminderung. Wenn Sie allerdings keinen entsprechenden Teilzeitarbeits- platz haben, können Sie statt der halben Rente eine zeitlich befristete Rente wegen voller Erwerbsminderungsrente bekommen! Der Gesetzgeber geht nämlich davon aus. dass es auf Grund der derzeitigen Arbeitsmarktlage sehr schwierig ist, einen Teilzeitarbeitsplatz zu finden. c) Teilweise Erwerbsminderung bei Berufsunfähigkeit Wenn Sie vor dem 02.01.1961 geboren sind, kann eine rentenerhebliche Erwerbsminderung auch dann vorliegen, wenn Sie Ihren erlernten Beruf auf Grund Ihres einge- schränkten Leistungsvermögens z.B. infolge eines Band- scheibenvorfalls nicht mehr ausüben können, in Betracht kommt hier eine teilweise Erwerbsminderungsrente bei Berufsunfähigkeit. Diese Rente ist die Nachfolgerin der alten Berufunfähigkeitsrente. Voraussetzung ist zunächst der sog. »Berufsschutz«. Den haben Sie für Ihren ausge- übten Beruf dann, wenn Sie für diesen Beruf eine drei- jährige Ausbildung erfolgreich abgeschlossen haben. In Ausnahmefällen können Sie den Berufsschutz auch dann für sich in Anspruch nehmen, wenn Sie sich durch die praktische Ausübung Ihres Berufes die gleichen Kennt- nisse und Fähigkeiten angeeignet haben wie jemand, der eine dreijährige Ausbildung absolviert hat. Steht fest, dass Sie für Ihre letzte Tätigkeit Berufsschutz genießen und Sie diese Tätigkeit nicht mehr verrichten können, liegen die Voraussetzungen für eine Rente we- gen teilweiser Erwerbsminderung bei Berufsunfähigkeit
Erwerbsminderungsrente aus der Rentenversicherung 175 jedoch trotzdem nicht vor, wenn Sie sozial zumutbar auf eine andere Tätigkeit verwiesen werden können. Zur Be- urteilung der Frage der sozialen Zumutbarkeit sind alle Berufe in ein Stufenschema eingeteilt: Zur untersten Gruppe gehört die Gruppe der ungelernten Tätigkeiten. Daran schießt sich die Gruppe mit dreimonatiger bis zwei- jähriger Ausbildungsdauer (sog. Anlerntätigkeiten) an. Zur nächsthöheren Gruppe gehören die Berufe mit dreijähriger Ausbildungsdauer (im Arbeiterbereich sog. Facharbeiter). Darüber gruppieren sich als Angehörige einer vierten Gruppe die Versicherten, die eine Meisterprüfung oder eine Fachschule erfolgreich abgeschlossen haben. An die- se Gruppe schließt sich die Gruppe der Angestellten der Führungsebene an. deren hohe Qualität regelmäßig auf einem Hochschulstudium beruht und denen üblicherweise ein Bruttoarbeitsentgelt um die Beitragsbemessungsgren- ze oder darüber hinaus gezahlt wird. Ein Versicherter darf nun grundsätzlich nur auf eine Tä- tigkeit der Berufsgruppe verwiesen werden, die eine Stufe unter der Gruppe seines bisherigen Berufes liegt, also ein Facharbeiter z.B. auf eine Tätigkeit als angelernter Arbei- ter. Auch hier gilt: Es kommt nicht darauf an, ob man einen solchen Arbeitsplatz innehat oder bekommen kann! Zu- ständig ist hier nicht der Rentenversicherungsträger, son- dern die Agentur für Arbeit! Die teilweise Erwerbsminderungsrente bei Berufsunfä- higkeit ist halb so hoch wie die volle Erwerbsminderungs- rente. d) Erwerbs- und Berufsunfähigkeitsrente Anspruch auf eine Rente wegen Erwerbsunfähigkeit oder Berufsunfähigkeit kann grundsätzlich nur noch bestehen, wenn die Rente vor 2001 begonnen hat. Diese Renten werden dann weiterhin unverändert nach dem bis zum 31.12.2000 geltenden Recht weitergezahlt. Stufenschema der Berufe Rente muss vor 2001 begonnen haben
176 Leistungen bei Verlust der Erwerbsfähigkeit Telefonisch oder schrift- lich Befristete Bewilligung 1.4 Antrag auf Erwerbsminderungsrente Erwerbsminderungsrenten werden erst nach Antragstel- lung gezahlt. Der Antrag kann telefonisch oder schriftlich gestellt werden. Um eine ordnungsgemäße Bearbeitung sicherzustellen, müssen im Fall einer mündlichen Antrag- stellung anschließend die notwendigen Antragsvordrucke ausgefüllt und unterschrieben werden. Der Antrag kann grundsätzlich beim Rentenversicherungsträger und bei jeder anderen Stelle, die Sozialleistungen zahlt, eingerei- cht werden. Auch die Gemeindeverwaltungen, deutsche Auslandsvertretungen und Versicherungsämter dürfen den Antrag entgegennehmen. Aber dieser kann natürlich schneller bearbeitet werden, wenn Sie Ihn gleich beim zuständigen Rentenversicherungsträger, den regionalen Auskunfts- und Beratungsstellen oder den ehrenamtlich tätigen Versicherungsberatern stellen! 1.5 Bezugsdauer Grundsätzlich werden Erwerbsminderungsrenten nur noch befristet, also von vorneherein nur noch für eine be- stimmte Zeit (meistens drei Jahre) bewilligt. Anschließend muss die Weiterzahlung beantragt werden. Wird die Rente nur für eine bestimmte Zeit gezahlt, be- ginnt die Rentenzahlung erst sechs Monate nach Antrag- stellung! Die Erwerbminderungsrenten werden längstens bis zum 65. Lebensjahr gezahlt. Danach besteht dann Anspruch auf eine Altersrente. 1.6 Erwerbsminderungsrente und weiteres Einkommen Sie können neben der Erwerbsminderungsrente auch wei- tere Einkünfte haben - aber nicht in unbegrenzter Höhe andernfalls wird die Rente gekürzt. Als weitere Einkünfte werden berücksichtigt • Erwerbseinkommen und bestimmte Sozialleistungen, • Renten aus der gesetzlichen Unfallversicherung,
Erwerbsminderungsrente aus der Rentenversicherung 177 • das Vorruhestandsgeld und • die Lohnfortzahlung. Beziehen Sie eine Erwerbsunfähigkeitsrente oder eine Rente wegen voller Erwerbsminderung, dann dürfen Sie bis zu 355 Euro im Monat zu Ihrer Rente dazu verdienen. Beziehen Sie eine Rente wegen Berufsunfähigkeit oder eine Rente wegen teilweiser Erwerbsminderung, kann nicht pauschal gesagt werden, wie viel Sie dazuverdienen dürfen. Die Hinzuverdienstgrenze hängt hier davon ab, wie hoch Ihr Bruttoarbeitsverdienst in den letzten drei Kalenderjahren vor dem Eintritt der Erwerbsminderung war. Allerdings gibt cs eine Mindesthinzuverdienstgrenze, bis zu der Sie unabhängig von dem tatsächlichen Brutto- arbeitsverdienst der letzten Jahre auf jeden Fall hinzuver- dienen dürfen. Die entsprechenden Informationen können Sie Ihrem Rentenbescheid entnehmen! Außerdem können Sie die genauen Einkommensgrenzen, die für Sie in Ihrem speziellen Fall maßgebend sind, bei Ihrem Rentenversi- cherungsträger erfragen! Zweimal im Jahr dürfen Sie Ihre individuelle Hinzuver- dienstgrenze bis zum doppelten Wert überschreiten. Versicherte, die gleichzeitig auch eine Rente aus der ge- setzlichen Unfallversicherung beziehen, bekommen die Erwerbsminderungsrente aus der Rentenversicherung nur ausgezahlt, soweit die Gesamtsumme einen bestimmten Höchstbetrag nicht überschreitet. Die Rente aus der ge- setzlichen Unfallversicherung bleibt jedoch selbst bei Überschreitung der Grenze unberücksichtigt, wenn sie für einen Unfall gezahlt wird, der sich nach Eintritt der Erwerbsminderung ereignet hat, oder wenn die Rente aus der gesetzlichen Unfallversicherung auf einer eigenen Bei- tragsleistung oder der des Ehegatten beruht. Unberücksichtigt bleiben Zuwendungen, die der Versi- cherte als Pflegeperson erhält (sofern sie die Höhe des ent- sprechenden Pflegegeldes nicht überschreiten). Auch der Verdienst, den ein Versicherter als Behinderter in einer anerkannten Werkstatt für behinderte Menschen oder in Hinzuver- dienstgrenze Unberück- sichtigte Zuwendungen
178 Leistungen bei Verlust der Erwerbsfähigkeit Vorrang für Leistungen zur Teilhabe anderen geschützten Einrichtungen erzielt, bieibt unbe- rücksichtigt. 1.7 Auswege aus der Erwerbsminderung Natürlich ist die Rentenversicherung daran interessiert, dass Sie für sich selbst sorgen können, denn dann wären Sie nicht mehr auf die Rente angewiesen und könnten auch wieder Beiträge zahlen! Daher gibt es etliche Leistungen, die dabei helfen sollen, eine drohende Erwerbsminderung zu verhindern oder die Erwerbsfähigkeit wiederherzustel- len. Diese Leistungen heißen »Leistungen zur Teilhabe.« Zu ihnen gehören die medizinischen Leistungen zur Re- habilitation, die Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben und die sog. ergänzenden Leistungen. Diese Leistungen zur Teilhabe haben Vorrang vor den Rentenleistungen. Das bedeutet, dass eine vorzeitige Ren- te nur bewilligt wird, wenn eine Reha-Maßnahme nicht wiederherstellen oder erhalten kann. a) Medizinische Leistungen zur Rehabilitation Dazu zählen • die medizinische Behandlung, • Arznei- und Verbandmittel, • Heilmittel, • Bewegungs-, Sprach- und Beschäftigungstherapie, • Belastungserprobung, • Arbeitstherapie, • Körperersatzstücke sowie • orthopädische und andere Hilfsmittel. Damit Sie Leistungen zur medizinischen Rehabilitation bekommen können, muss Ihre Erwerbsfähigkeit erheblich gefährdet oder gemindert sein. Neben den gesundheitlichen Voraussetzungen muss aber auch eine der folgenden sogenannten versicherungsrecht- lichen Voraussetzungen vorliegen. Das bedeutet Sie müssen • die Wartezeit von 15 Jahren erfüllt haben oder
Erwerbsminderungsrente aus der Rentenversicherung 179 • in den letzten zwei Jahren für mindestens sechs Monate Pflichtbeiträge gezahlt haben oder • eine Rente wegen verminderter Erwerbsfähigkeit be- ziehen oder • Anspruch auf eine große Witwen- oder Witwerrente wegen verminderter Erwerbsfähigkeit haben oder • die allgemeine Wartezeit von fünf Jahren erfüllt haben und Ihre Erwerbsfähigkeit muss vermindert oder in ab- sehbarer Zeit gefährdet sein. Wenn Sie den Antrag auf die medizinische Heilbehand- lung innerhalb von zwei Jahren nach Beendigung Ihrer Ausbildung stellen, reicht es auch aus, wenn Sie eine ver- sicherungspflichtige Beschäftigung oder Tätigkeit aufge- nommen haben bzw. Sie - nachdem sie angefangen haben zu arbeiten - arbeitsunfähig oder arbeitslos geworden sind. Die wichtigste medizinische Leistung zur Rehabilitation ist die stationäre Heilbehandlung - besser bekannt als »Kur«. Bei einer stationären Heilbehandlung werden Sie ganztägig mit Unterkunft und Verpflegung in eine Reha- bilitationsklinik aufgenommen. Die Behandlung dauert in der Regel drei Wochen, sie kann jedoch auch verlängert werden. Der Anspruch auf die stationäre Heilbehandlung setzt voraus, dass Ihre Erwerbsfähigkeit wegen Krankheit oder Behinderung erheblich gefährdet oder gemindert ist und dass die Minderung der Erwerbsfähigkeit durch die stationäre Heilbehandlung abgewendet bzw. Ihre Erwerbs- fähigkeit wesentlich gebessert oder wiederhergestellt wer- den kann. Aber auch wenn Sie bereits eine Rente wegen verminderter Erwerbsfähigkeit beziehen, können Sie eine Kur bekommen, wenn Sie dadurch voraussichtlich wieder erwerbsfähig werden. Stationäre Heilbehandlungen gibt es für alle Krankheiten, die dazu führen können, dass Ihre Erwerbsfähigkeit ge- fährdet ist. Aber das bedeutet umgekehrt auch, dass es für solche Krankheiten, die gewöhnlich nicht zur Folge haben, dass man dauerhaft keine drei Stunden pro Tag mehr ar- Versiche- rungsrecht- liche Voraus- setzungen »Kur« Stationäre Heilbehand- lung
180 Leistungen bei Verlust der Erwerbsfähigkeit Kein Anspruch Selbst- beteiligung beiten kann, auch keine Kur bewilligt wird. Beispielsweise gibt es für Migränepatienten keine speziellen Kuren. Haben Sie schon eine Kur bekommen, dann wird eine wei- tere Kur nur bewilligt, wenn seit der letzten Kur minde- stens vier Jahre vergangen sind! Eine Ausnahme kann nur dann gemacht werden, wenn eine weitere Kur aus gesund- heitlichen Gründen dringend erforderlich ist. Ein Anspruch auf medizinische Leistungen zur Rehabili- tation, die die Rentenversicherung bezahlen soll, besteht jedoch in folgenden Fällen auf keinen Fall: • Sie können wegen eines Arbeitsunfalls oder einer Be- rufskrankheit eine gleichartige Rehabilitationsleistung von der Unfallversicherung (also ihrer Berufsgenossen- schaft) bekommen oder • Sie beziehen bereits eine Altersrente oder haben diese beantragt oder • Sie sind bereits dauerhaft aus dem Erwerbsleben ausge- schieden und bekommen bis zum Beginn ihrer Alters- rente zum Beispiel eine betriebliche Altersversorgung oder • Sie halten sich gewöhnlich im Ausland auf. Eine stationäre Heilbehandlung (»Kur«) wird auch dann nicht bewilligt, wenn eine akute Krankheit vorliegt, die ambulant behandelt werden kann, oder wenn zuerst eine Krankenhausbehandlung notwendig ist. Sie müssen sich mit 10 Euro pro Tag an den Kosten für Unterkunft und Verpflegung während der Kur beteiligen! Allerdings ist diese Zuzahlung auf 42 Kalendertage be- grenzt. und Zuzahlungen, die Sie z.B. wegen eines Kran- kenhausaufenthaltes schon leisten mussten, werden von der Rentenversicherung angerechnet. Haben sie das 18. Lebensjahr noch nicht vollendet oder beziehen Sie Über- gangsgeld oder Sozialhilfe bzw. Leistungen nach dem SGB XII oder Grundsicherung für Arbeitsuchende (Ar- beitslosengeld II) oder liegen Ihre monatlichen Nettoein- künfte unter 980 Euro, dann müssen Sie die 10 Euro nicht bezahlten. Haben sic pro Monat ein monatliches Nettoein-
Erwerbsminderungsrente aus der Rentenversicherung 181 kommen unter 1.200 Euro, reduziert sich Ihre Zuzahlung ebenfalls. Eine besondere Form der medizinischen Rehabilitation ist die sogenannte Anschlussheilbehandlung. Bei einer solchen Anschlussheilbehandlung beginnen Sie mit der Kur, sofort nachdem Sie aus dem Krankenhaus entlassen wurden. Das ist z.B. nach einem Herzinfarkt oder einer Operation sinnvoll und vorteilhaft. Müssen oder wollen Sie aus persönlichen Gründen die Abende und Wochenenden zu Hause verbringen, so kann auch eine ambulante odet teilstationäre Rehabilitation in der Nähe Ihres Wohnortes für Sie in Frage kommen. Die Leistungen zur medizinischen Rehabilitation werden nur auf Antrag gewährt. Es macht nichts, wenn Sie sich nicht sicher sind, ob tatsächlich die Rentenversicherung in Ihrem speziellen Fall zuständig ist. Sollte sie es nicht sein, leitet sie den Antrag an denjenigen weiter, der zuständig ist. In Zweifelsfällen muss der Träger, bei dem der An- trag eingeht, die Leistung erbringen. Er wird sich das Geld dann bei der Rentenversicherung zurückholen. Damit ha- ben Sie aber nichts zu tun. b) Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben Neben den medizinischen Leistungen zur Rehabilitation gibt es die sogenannten Leistungen zur beruflichen Reha- bilitation, d.h. die Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsle- ben. Folgende berufsfördernde Reha-Leistungen sieht das Gesetz vor: • Berufsvorbereitung: Leistungen zur Berufsvorberei- tung können Sie in speziellen Lehrgängen bekommen, wenn Ihnen für eine qualifizierte Bildungsmaßnahme noch Grundkenntnisse fehlen. Sie sollen Ihnen helfen, schulische Grundkenntnisse aufzufrischen und Wis- senslücken zu schließen. • Training: Sie können auch eine Trainingsmaßnahme absolvieren, damit Ihnen die Aufnahme einer Arbeit Antrag erforderlich Berufs- fördernde Reha- Leistungen Berufs- vorbereitung
182 Leistungen bei Verlust der Erwerbsfähigkeit Berufliche Weiterbildung Berufliche Ausbildung oder der erfolgreiche Abschluss einer Aus- oder Wei- terbildung erleichtert wird. • Berufliche Anpassung: Maßnahmen zur beruflichen Anpassung sollen Ihnen helfen, Ihre beruflichen Kennt- nisse wiederzuerlangen und den neuen technischen Er- fordernissen und Standards anzupassen. • Berufliche Weiterbildung: Der Gesetzgeber sieht auch die berufliche Weiterbildung als Maßnahme zur Teilha- be am Arbeitsleben vor. Hierzu zählen eine berufliche Fortbildung oder eine berufliche Umschulung. Ziel der beruflichen Weiterbildung ist eine Qualifikation, also z.B. eine erfolgreiche Prüfung vor der Handwerks- oder Industrie- und Handelskammer. • Berufliche Ausbildung: Mit einer beruflichen Ausbil- dung ist die Maßnahme gemeint, die als erste zu einem Abschluss führt. Als berufliche Ausbildung kommt beispielsweise eine betriebliche Ausbildung (Lehre), eine überbetriebliche Ausbildung (Fachschule) oder auch eine überbetriebliche Ausbildung in einer be- sonderen Ausbildungsstätte für behinderte Menschen (z.B. in einem Berufsförderungswerk) in Betracht. Im Rahmen der Aus- und Weiterbildung können außer- dem auch Lehrgangskosten, Prüfungsgebühren und die Aufwendungen für Lernmittel übernommen werden. Ihr Rentenversicherungsträger hilft Ihnen, die richtige Maßnahme auszuwählen. Unter Berücksichtigung des Leistungsvermögens, der Neigungen und der Auswir- kungen der vorliegenden Behinderungen auf eine spä- tere berufliche Tätigkeit wird so die berufliche Eignung geklärt. Mit Hilfe einer Arbeitserprobung kann dann herausgefunden werden, welcher Beruf in Frage kom- men könnte. • Technische und persönliche Hilfsmittel: Die Renten- versicherung übernimmt die Kosten für persönliche Hilfsmittel oder stattet den Arbeitsplatz mit besonde- ren Hilfsmitteln aus, die eine dauerhafte Arbeit ermög- lichen. Das kann z.B. ein größerer Bildschirm für den
Erwerbsminderungsrente aus der Rentenversicherung 183 Computer, eine besondere Tastatur oder auch ein Steh- pult sein. • Kraftfahrzeugbeihilfe: Im Rahmen der Kraftfahrzeug- beihilfe gibt es Zuschüsse für den Kauf eines Autos, für die behindertengerechte Zusatzausstattung eines Autos oder für einen Führerschein. Die Zuschüsse für den Kauf eines Autos sind abhängig von der Höhe des Einkommens, die Kosten für eine behindertengerechte Zusatzausstattung des Autos werden dagegen ohne Rücksicht auf das Einkommen geleistet. Als Zusatzaus- stattung kommt beispielsweise ein Automatikgetriebe, Lenkhilfen, Bremskraftverstärker oder verstellbare oder schwenkbare Sitze in Betracht. • Fahrtkostenbeihilfe: Die Fahrtkostenbeihilfe wird nur in Ausnahmefällen gezahlt. Sie setzt voraus, dass die tägliche Fahrt zwischen Wohnort und Arbeitsstelle unzumutbar hohe Fahrtkosten verursacht und dadurch die berufliche Wiedereingliederung gefährdet ist. • Ausrüstungsbeihilfen: Die Rentenversicherung kann Ihnen für Arbeitskleidung und Arbeitsgeräte, die Sie selbst kaufen müssen, eine Ausrüstungsbeihilfe bezah- len. Allerdings nur, wenn nicht Ihr Arbeitgeber ver- pflichtet ist, eine Ausrüstung bereitzustellen. • Trennungskostenbeihilfe: Müssen Sie vorübergehend einen zweiten Haushalt führen, weil Ihr beruflicher Einstieg nur auswärts möglich ist, können Sie die Mehrausgaben für die doppelte Haushaltsführung er- stattet bekommen. • Umzugskostenbeihilfe: Müssen Sie umziehen, weil Sie an Ihrem Wohnort keine Arbeitsstelle finden, kann die Rentenversicherung Ihre Umzugskosten übernehmen. Bei den Kosten, die Ihnen entstehen, um eine Wohnung zu bekommen (z.B. Maklergebühren), kann sich die Rentenversicherung jedoch nicht beteiligen. • Wohnungsbeihilfe: Sie dient dazu, Behinderte bei dem behindertengerechten Um- und Ausbau Ihrer Wohnung zu unterstützen. Allerdings muss der behindertenge- rechte Um- und Ausbau der Wohnung dazu beitragen. Kraftfahrzeug- beihilfe Fahrtkosten- beihilfe Umzugs- kostenbeihilfe
184 Leistungen bei Verlust der Erwerbsfähigkeit Beispiel Arbeits- assistenz Berufliche Eingliederung dass der Behinderte seinen Arbeitsplatz erhält bzw. ei- nen neuen bekommt. Der Verwaltungsangestellte Anton Paul erkrankt an Multipler Sklerose und ist deswegen auf einen Rollstuhl angewiesen. Er wohnt in einem Mehrfamilienhaus, in dem ein Fahrstuhl eingebaut ist. Trotzdem bleiben noch 15 Treppenstufen, die er überwinden muss, weil der Hauseingang nicht ebenerdig gelegen ist. Mit sei- nem Rollstuhl kann er die Stufen ohne fremde Hilfe nicht bewältigen. Außerdem kommt er mit seiner Ein- bauküche nicht mehr zurecht, weil die Arbeitsfläche zu hoch ist. Er beantragt bei seinem zuständigen Renten- versicherungsträger einen Treppenlifter und eine neue Küche. Mit Hilfe des Treppenlifters ist es Herrn Paul möglich, das Haus zu verlassen, um zur Arbeit zu fa- hren. Deswegen werden die Kosten für den Treppenlif- ter übernommen. Anders jedoch die Küche, weil kein Zusammenhang mit dem Arbeitsplatz besteht. • Arbeitsassistenz: Die Rentenversicherung kann Sie auch unterstützen, wenn Sie schwerbehindert sind und für die Aufnahme einer Beschäftigung eine Arbeitsas- sistenz benötigen. Die Kosten werden längstens drei Jahre lang übernommen. Nicht nur Sie. auch Ihr (künf- tiger) Arbeitgeber kann Leistungen bekommen, wenn er Ihnen den beruflichen Wiedereinstieg ermöglicht oder Sie beruflich aus- und weiterbildet. • Ausbildung oder Weiterbildung im Betrieb: Wenn sich Ihr Arbeitgeber bereit erklärt. Sie im Betrieb aus- oder weiterzubilden, kann er hierfür einen Zuschuss bekom- men. • Berufliche Eingliederung: Der Rentenversicherungsträ- ger kann als Zuschuss zum Arbeitsentgelt als berufliche Eingliederung einen sog. Eingliederungszuschuss wäh- rend Ihrer Einarbeitungsphase zahlen. • Arbeitshilfen und behindertengerechte Einrichtungen: Ihr Arbeitgeber kann einen Zuschuss dafür bekommen, dass er Ihren Arbeits- oder Ausbildungsplatz behin-
Erwerbsminderungsrente aus der Rentenversicherung 185 dertengerecht ausstattet, indem er z.B. Auffahrrampen schafft oder eine Toilette behindertengerecht umbaut. • Beschäftigung auf Probe: Will ein interessierter Ar- beitgeber Sie erst einmal auf Probe beschäftigen, so kann auch für diese Beschäftigung ein Zuschuss ge- zahlt werden. Wer gesundheitlich so eingeschränkt ist, dass der normale Arbeitsmarkt für ihn nicht mehr in Frage kommt, kann Anspruch auf berufsfördernde Leistungen für den beson- deren Arbeitsmarkt der anerkannten Behinderten Werkstät- ten haben. Voraussetzung ist, dass entweder die Wartezeit von 15 Jahren erfüllt ist oder eine Rente wegen vermin- derter Erwerbsfähigkeit bezogen wird oder dass eine me- dizinische Leistung zur Rehabilitation nicht ausreicht, um den angestrebten Reha-Erfolg zu erreichen, oder dass eine große Witwen-ZWitwerrente wegen Erwerbsminderung bezogen wird. Liegen die genannten Voraussetzungen nicht vor, ist es trotzdem sinnvoll, sich an die Agentur für Arbeit zu wen- den! Die Leistungen zur Teilhabe am Arbcitsleben dauern grundsätzlich so lange, wie sie für das angestrebte Be- rufsziel allgemein üblich oder vorgesehen sind. Weiter- bildungen, die ganztägig stattfinden, werden höchstens zwei Jahre lang finanziert. In Ausnahmefällen können auch längerfristige Aus- oder Weiterbildungen durchge- führt werden, wenn dies wegen der Art und Schwere der Behinderung, deren Prognose und Entwicklung sowie der Situation auf dem Arbeitsmarkt notwendig ist. Um Ihren Lebensunterhalt sicherzustellen, gibt es für die Zeit, in der Sie eine solche Rehabilitationsmaßnahme machen, das sog. Übergangsgeld. So sollen Ihre eigene wirtschaftliche Versorgung und die wirtschaftliche Ver- sorgung Ihrer Familie sichergestellt werden. Das Über- gangsgeld wird gezahlt, wenn der Anspruch auf Entgelt- fortzahlung im Krankheitsfall ausgeschöpft ist. Die Höhe des Übergangsgeldes richtet sich nach der sog. Berech- Übergangs- geld
186 Leistungen bei Verlust der Erwerbsfähigkeit Ergänzende Leistungen Leistungs- katalog nungsgrundlage. Die Berechnungsgrundlage sind 80 Pro- zent Ihres zuletzt regelmäßig erzielten Arbeitsentgeltes oder des Arbeitseinkommens, für das Sie zuletzt Beiträge zur Rentenversicherung gezahlt haben. Höchstens wird jedoch das Nettoarbeitsentgelt berücksichtigt. Mindestens wird ein Betrag von 65 Prozent des fiktiven Arbeitsent- gelts einer altersmäßig und beruflich vergleichbaren nicht behinderten Person zu Grunde gelegt. Das Übergangsgeld wird Ihnen in Höhe von 68 Prozent der Berechnungsgrundlage gezahlt. Erziehen Sie minde- stens ein Kind, so erhalten Sie 75 Prozent. Einkommen, das Sie selbst erzielen, wird auf das Übergangsgeld ange- rechnet. Bleiben Sie nach dem Ende von Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben weiter arbeitslos, kann das Übergangs- geld in geringerer Höhe für die Dauer von drei Monaten weitergezahlt werden! Weitere ergänzende Leistungen zur Teilhabe sind außer- dem neben dem Übergangsgeld auch Beiträge zur Sozi- alversicherung, ärztlich verordneter Rchasport sowie Be- triebs- und Haushaltshilfen und Kinderbetreuung. Auch Reise- und Fahrtkosten zu dem Ort. an dem die Leistung stattfindet, werden übernommen! c) Sonstige Reha-Leistungen Zum Leistungskatalog gehören als sonstige Leistungen zur Rehabilitation auch • onkologische Nachsorgeleistungen wegen Geschwulst- erkrankungen für Versicherte und ihre Angehörigen sowie • stationäre Heilbehandlungen für Kinder von Versicher- ten oder für Bezieher einer Waisenrente, wenn hier- durch voraussichtlich eine erhebliche Gefährdung der Gesundheit beseitigt oder die Gesundheit wiederherge- stellt werden kann.
Verletztenrente 187 2. Verletztenrente Auch die gesetzliche Unfallversicherung zahlt eine Rente wegen Minderung der Erwerbsfähigkeit, die sog. Verletz- tenrente. Eine Verletztenrente kann man dann bekommen, wenn ein Arbeitsunfall zur Minderung der Erwerbsfähig- keit (MdE) um mindestens 20 Prozent führt und diese über die 26. Woche nach dem Arbeitsunfall hinaus andauert. 2.1 Versicherter Personenkreis Verletztenrente können Sie beim Vorliegen der weiteren gesetzlichen Voraussetzungen bekommen, wenn Sie in der gesetzlichen Unfallversicherung versichert ist. Das ist dann der Fall, wenn Sie ständig abhängig beschäftigt sind. Aber auch bei einer nur vorübergehend abhängigen Tätig- keit kann Versicherungsschutz gegeben sein. Außerdem ist auch versichert, wer zeitlich begrenzt im Ausland tätig ist, Personen in der Rehabilitation (z.B. Krankenhausaufent- halt), Personen, die im Interesse der Allgemeinheit tätig sind (wie Mitarbeiter in Hilfsorganisationen, Lebensretter, Blutspender, Zeugen, Schöffen), Kinder in Kindergärten, Schüler und Studierende in Schulen und Hochschulen sowie Personen in beruflicher Aus- und Fortbildung, Per- sonen beim Selbsthilfebau und Personen, die als Selbstän- dige oder abhängig Beschäftigte in der Landwirtschaft arbeiten. Voraussetzung ist jedoch, dass die Erwerbsfähig- keit infolge eines Arbeitsunfalls oder einer anerkannten Berufskrankheit eingeschränkt ist. 2.2 Minderung der Erwerbsfähigkeit (MdE) Anders als bei der Rentenversicherung kommt es für die Beurteilung der Minderung der Erwerbsfähigkeit (MdE) nicht darauf an, in welchem zeitlichen Umfang Sie noch arbeiten können. Entscheidend ist vielmehr, ob und in wel- chem Umfang sich Ihre Erwerbsfähigkeit im Vergleich zu Ihrer Erwerbsfähigkeit vor dem Arbeitsunfall oder der Berufskrankheit verschlechtert hat. Entschädigt wird nach dem Unterschied der auf dem gesamten Gebiet des Arbeitsunfall oder Berufs- krankheit
188 Leistungen bei Verlust der Erwerbsfähigkeit Abhängig vom Grad der MdE Sonder- regelungen Erwerbslebens bestehenden Erwerbsmöglichkeiten vor und nach dem Arbeitsunfall bzw. dem Eintritt der Berufskrank- heit. Je weniger Sie im Vergleich zu früher noch arbeiten könnende höher ist die MdE. Ob Sie tatsächlich weniger verdienen als vor dem Unfall, ist aber nicht von Bedeutung. Die Höhe der MdE wird auf Grund medizinischer Erfah- rungswerte geschätzt. Es gibt dafür Tabellen, in denen die- se Erfahrungswerte zusammengefasst werden. 2.3 Mitteilung durch Arbeitgeber Die Verletztenrente wird gezahlt, sobald der Anspruch auf Verletztengeld erschöpft ist. Besteht kein Anspruch auf Verletztengeld, wird die Verletztenrente ab dem Tag nach dem Unfall gezahlt. Ein Antrag ist nicht erforderlich. Die Versicherung wird von dem Arbeitgeber informiert. 2.4 Die Höhe der Verletztenrente Die Höhe der Verletztenrente hängt im Wesentlichen da- von ab, wie hoch der Grad der MdE ist und wie hoch Ihr Jahresverdienst vor dem Eintritt des Arbeitsunfalls war. Dabei gibt es für den Jahresarbeitsverdienst Mindest- und Höchstgrenzen. Die Verletztenrente beträgt bei völliger Erwerbsunfähigkeit 2/3 des letzten Jahresarbeitsver- dienstes. Von ihr müssen keine Steuern und auch keine Beiträge zur Sozialversicherung gezahlt werden! Sind Sie nur teilweise erwerbsgemindert, wird die fiktive volle Er- werbsminderungsrente mit dem Prozentsatz der bei Ihnen vorliegenden MdE multipliziert. Sonderregelungen gibt es für Versicherte, deren Minde- rung der Erwerbsfähigkeit mindestens 50 Prozent beträgt und die infolge des Arbeitsunfalls auf Dauer keiner Er- werbstätigkeit mehr nachgehen können; ihre Rente erhöht sich um 10 Prozent. Auch Verletzte, deren MdE weniger als 100 Prozent beträgt, können für längstens zwei Jahre einen Übergangsbetrag bekommen, wenn sie infolge des Arbeitsunfalls ohne Arbeitsentgelt und Arbeitseinkom- men sind und die Rente zusammen mit dem Arbeitslo-
Verletzten rente 189 sengeld oder dem Arbeitslosengeld II nicht die Höhe des Übergangsgeldes erreicht. Unter Umständen können Sie anstelle der Verletztenrente auch einen einmaligen Betrag als Abfindung erhalten. Vo- raussetzung dafür ist, dass die Erwerbsminderung voraus- sichtlich nur drei Jahre bestehen wird. Außerdem muss die MdE weniger als 40 Prozent betragen. Ist die MdE höher als 40 Prozent, kann die halbe Rente längstens auf zehn Jahre abgefunden werden, wenn Sie das 18. Lebensjahr vollendet haben. Die Abfindung beträgt das Neunfache der Jahresrente. 2.5 Bezugsdauer Ist die Rente nicht befristet, wird sie grundsätzlich bis zum Lebensende gezahlt. 2.6 Verletztenrente und weiteres Einkommen Auf die Verletztenrente werden andere SozialIcistungcn und Einkommen grundsätzlich nicht angerechnet. 2.7 Auswege aus der Verletztenrente Ähnlich wie in der Rentenversicherung kann es von der Unfallversicherung Leistungen zur Rehabilitation geben, die dafür sorgen sollen, dass die Erwerbsminderung über- wunden wird. Der Leistungskatalog ist weitgehend mit dem der Ren- tenversicherung vergleichbar. Allerdings müssen keine Wartzeiten erfüllt sein - ein Anspruch besteht, wenn die (befürchtete) Minderung der Erwerbsfähigkeit mit einem Arbeitsunfall oder einer Berufskrankheit zusammen- hängt. Abfindung anstelle der Verletzten- rente Keine Wartezeit
190 Leistungen bei Verlust der Erwerbsfähigkeit Ausschluss des Anspruchs Kein Unter- haltsrückgriff 3. Grundsicherung bei Erwerbsminderung Wer weder aus der gesetzlichen Rentenversicherung noch aus der gesetzlichen Unfallversicherung Anspruch auf eine Rente hat, kann unter Umständen Anspruch auf die sog. bedarfsorientierte Grundsicherung bei Erwerbsmin- derung haben. Sie ist eine eigenständige, bedürftigkeitsab- hängige Leistung und gehört zur Soziahilfe (SGB XII). 3.1 Berechtigte Ein Anspruch auf die Grundsicherung bei Erwerbmin- derung kommt in Betracht, wenn Sie aus medizinischen Gründen dauerhaft voll erwerbsgemindert sind. Voll er- werbsgemindert bedeutet wie bei der Renteversicherung, dass Sie keine Tätigkeit mehr mindestens drei Stunden ar- beitstäglich verrichten können. Außerdem dürfen Sie nur ein so geringes Einkommen oder Vermögen haben, dass es für Ihren Lebensunterhalt nicht oder nicht ganz ausreicht. Sie müssen zudem in Deutschland wohnen. Aber auch als Ausländer mit gültiger Aufenthaltserlaubnis können Sie Grundsicherung bekommen. Der Anspruch auf Grundsicherung ist jedoch ausgeschlos- sen, wenn Sie die Bedürftigkeit in den letzten zehn Jah- ren vorsätzlich oder grob fahrlässig selbst herbeigeführt haben. Das ist beispielsweise dann der Fall, wenn Sie Ihr Vermögen verschenkt oder leichtfertig verloren haben, ohne für Ihr Alter vorzusorgen. Ob Sie dauerhaft voll erwerbsgemindert sind, prüft der Rentenversicherungsträger im Auftrag des Soziahilfeträ- gers. Auf den Unterhaltsrückgriff gegenüber Kindern und El- tern des Leistungsberechtiglen wird verzichtet, wenn das jährliche Gesamteinkommen unter 100.000 Euro liegt. Das bedeutet, das Sozialamt versucht nicht, das an Sie gezahlte Geld von Ihren Kindern oder Eltern zurückzu- bekommen.
Grundsicherung bei Erwerbsminderung 191 Die Grundsicherung wird auch gezahlt, wenn Ihre Er- werbsminderungsrente zu niedrig ist, um alleine davon zu leben. Wenn Ihr Einkommen unter 700 Euro liegt, sollten Sie prüfen, ob Sie Anspruch auf Grundsicherung haben. Aber wann reichen Einkommen oder Vermögen nicht aus, um dadurch den Bedarf zu decken? Der Bedarf wird so er- mittelt: Für jeden Alleinstehenden bzw. Haushaltsvorstand werden 345 Euro und für jeden weiteren Haushaltsangehö- rigen 276 Euro berücksichtigt. Zunächst wird geprüft, wie hoch das Einkommen ist. Zum Einkommen zählen: • Erwerbseinkommen, • Renten und Pensionen (auch aus dem Ausland), • Unterhaltszahlungen von Eltern und Kindern, auch wenn deren Jahreseinkommen unter 100.000 Euro liegt, • Kindergeld, • Krankengeld, • Miete und Pachteinnahmen sowie • Zinsen. Nicht zum Einkommen zählen hingegen die Grundrente nach dem Bundesversorgungsgesetz, das Pflegegeld und das Erziehungsgeld. Außer Ihrem eigenen Einkommen wird auch das Einkom- men Ihres Ehe- oder Lebenspartners angerechnet. Das gilt auch für eheähnliche Lebensgemeinschaften! Außen vor bleibt jedoch das Einkommen Ihrer Kinder, Ihrer Eltern oder anderer Personen, und zwar auch dann, wenn Sie mit Ihnen Zusammenleben. Zum Vermögen zählen neben Bargeld, Wertpapieren, und Sparguthaben auch Haus- und Grundvermögen und Pkws. Außen vor bleiben kleinere Barbeträge, Familien- oder Erbstücke, wenn deren ideeller Wert (Andenken) den Ver- kaufswert weit übersteigt, angemessener Hausrat und Al- ters vorsorgekapital. Außerdem bleibt ein Schonvermögen Einkommen Vermögen
192 Leistungen bei Verlust der Erwerbsfähigkeit in Höhe von 2.600 Euro, bei Verheirateten und Lebens- partnern insgesamt 3.214 Euro unangetastet. Für jede wei- tere Person, die überwiegend von Ihnen unterhalten wird, erhöht sich der Betrag um 256 Euro. Außerdem zählt ein angemessenes Hausgrundstück, auf dem Sie alleine oder zusammen mit Angehörigen wohnen, nicht zum Vermö- gen. 3.2 Höhe der Grundsicherung bei Erwerbsminderung Regelsatz der Die Grundsicherung wird in Höhe des (Sozialhilfe-) Re- Sozialhilfe ' gelsatzes gezahlt. Für die Unterkunft werden darüber hi- naus die tatsächlich entstandenen, angemessenen Kosten wie Miete, Nebenkosten und Heizung berücksichtigt. Daneben zählen auch angemessene Kranken- und Pfle- geversicherungsbciträgc zur Grundsicherung. Zusätzlich gibt es einen Mehrbedarf für gehbehinderte Menschen mit den Merkzeichen G oder aG. Sie erhalten pauschal einen zusätzlichen Betrag in Hohe von 17 Prozent des für sie gel- tenden Regelsatzes. Zusätzliche Leistungen können auch werdende Mütter nach der zwölften Schwangerschafts- woche, Alleinerziehende und behinderte Menschen, die Eingliederungshilfe erhalten, bekommen. Wer sich aus ge- sundheitlichen Gründen kostenaufwändig ernähren muss, erhält ebenfalls zusätzliche Leistungen. Unterstützung gibt es auch bei der Erstausstattung von Wohnung, für mehrtä- gige Klassenfahrten und für Bekleidung. 3.3 Bezugsdauer Zwölf Monate Die Grundsicherung beginnt mit dem ersten Tag des Mo- nats, in dem der Antrag gestellt wird. Sie wird in der Regel für zwölf Monate bewilligt - dann müssen Sie einen neuen Antrag stellen.
Grundsicherung bei Erwerbsminderung 193 3.4 Antrag auf Grundsicherung Den Antrag auf Grundsicherung müssen Sie bei den ört- lich zuständigen Grundsicherungsämtern bei den Kreis-, Stadt- und Gemeindeverwaltungen stellen. Sie können ihn aber auch bei der Rentenversicherung stellen, die leitet den Antrag dann weiter.
194 Verschiedene Möglich- keiten Bedarf für mindestens sechs Monate Verschiedene Möglich- keiten Kapitel 11 Leistungen bei Pflegebedürftigkeit Seit 1995 gibt es eine Versicherung gegen das »Risiko der Pflegebedürftigkeit«. Sie soll allen helfen, die sich nicht selbst versorgen können. Der Gesetzgeber hat die Leistungen allerdings sehr knapp bemessen. Verglichen mit einer Au- toversicherung lässt sich sagen: Wir haben es hier nicht mit einer »Vollkaskoversicherung«, sondern eher mit einer »Teilkaskoversicherung« mit hohem Eigenanteil zu tun. Vorausgesetzt, Sie sind bei einer gesetzlichen Pflegever- sicherung gegen das Risiko der Pflegebedürftigkeit versi- chert, können Sie Leistungen der gesetzlichen Pflegeversi- cherung in Anspruch nehmen, wenn Sie wegen Krankheit oder Behinderung für die gewöhnlichen und regelmäßig wiederkehrenden Verrichtungen im Ablauf des täglichen Lebens Hilfe brauchen. Sie müssen diese Hilfe auf Dauer, d.h. voraussichtlich für mindestens sechs Monate benö- tigen. Die Leistungen der Pflegeversicherung bestimmen sich danach, welche Pflegestufe bei Ihnen vorliegt (unter- schieden wird zwischen erhebliche Pflegebedürftigkeit, Schwerpflegebedürftigkeit oder Schwerstpflegebedürftig- keit) und ob Sie zu Hause oder in einem Heim gepflegt werden. 1. Fortlaufende Leistungen Wenn Sie Pflege brauchen, können Sie grundsätzlich zwi- schen drei verschiedenen Möglichkeiten wählen: Sie kön- nen sich dazu entschließen, in Ihrer gewohnten häuslichen Umgebung zu bleiben und Ihre Pflege selbst zu organisie- ren mit sog. Pflegesachleistung oder dem Pflegegeld für selbst beschaffte Pflegehilfen. Sie können jedoch auch in ein Heim umziehen und dort voll stationäre Pflege in An- spruch nehmen.
Fortlaufende Leistungen 195 1.1 Leistungen zu Hause Sie können also zunächst einmal einen ambulanten Pfle- gedienst beauftragen. In diesem Fall kommt ein Ange- stellter eines professionellen Pflegedicnstes regelmäßig zu Ihnen nach Hause. Der Pflegedienst rechnet direkt mit der Pflegekasse ab (sog. Pflegesachleistung, § 36 SGB XI). Je nach Pflegestufe (dazu später) können Sie Leistungen in verschiedener Höhe abrufen. Die Pflegestufe I umfasst Pflegeeinsätze bis zu einem Gesamtwert von 384 Euro, bei der Pflegestufe II sind cs 921 Euro und bei der Pfiegestufe III sind es 1.432 Euro. In besonders gelagerten Einzelfäl- len können zur Vermeidung von Härten weitere Pflegeein- sätze bis zu einem Gesamtwert von 1.918 Euro monatlich gewährt werden, wenn ein außergewöhnlich hoher Pflege- aufwand vorliegt, der das übliche Maß der Pflegebedürf- tigkeit weit übersteigt. Das ist zum Beispiel dann der Fall, wenn im Endstadium von Krebserkrankungen regelmäßig mehrfach auch in der Nacht Hilfe geleistet werden muss. Wenn Sie nicht von Fremden gepflegt werden möchten, können Sie das sogenannte »Pflegegeld für selbst be- schaffte Pflegehilfen« wählen. Sie können dieses Geld z.B. Angehörigen oder Nachbarn als Honorierung dafür geben, dass sie sich um Sie kümmern. Die Leistungen be- tragen bei der Pflegestufe I 205 Euro, bei der Pflegestufe II 410 Euro und bei der Pflegestufe III 665 Euro. Allerdings setzt dieser Anspruch voraus, dass Sie Ihre Pflege selbst sicherstellen. Das bedeutet, dass jemand Sie tatsächlich in ausreichendem Maß pflegen muss. Um dies zu gewährlei- sten, müssen sich Sie sich, wenn Sie Pflegegeld nach der Pflegestufe I und II beziehen, halbjährlich und wenn Sie Pflegegeld nach der Pflegestufe III beziehen, vierteljähr- lich zu Hause von einer zugelassenen Pflegeeinrichtung oder einer von der Pflegekasse beauftragten Fachkraft beraten lassen. Diese Beratung soll bei der Sicherung der Qualität der häuslichen Pflege helfen. Bezahlt wird dieser Beratungseinsatz von der Pflegekasse’ Wird diese Bera- tung nicht in Anspruch genommen, müssen die Pflege- Ambulanter Pflegedienst Selbst beschaffte Pflegehilfen
196 Leistungen bei Pflegebedürftigkeit T1 Beispiel Verhinderung der Pflege- person kassen das Pflegegeld kürzen oder im Wiederholungsfall sogar entziehen! Doch was, wenn man z.B. für das tägliche Bad fremde Hilfe in Anspruch nehmen will und sich um alles andere aber die Angehörigen kümmern können und wollen? In diesem Fall können Pflegesachleistungen und Pflegegeld kombiniert werden (sog. Kombinationsleistung). Praktisch funktioniert das so, dass ausgerechnet wird, wie viel Pro- zent der Pflegeleistung durch die Pflegesachleistung ver- braucht ist, und der Rest dann ausgezahlt wird. Bis auf Ausnahmefälle ist diese Entscheidung für sechs Monate bindend! Der 80-jährige Gustav Werner erhält Leistungen der Pflegestufe II. Er wird von seiner rüstigen Frau versorgt. Allerdings fällt es Frau Werner zunehmend schwerer, ih- rem Mann aus der Badewanne zu helfen. Das Ehepaar entschließt sich, bei dem häuslichen Pflegedienst Sonnen- schein den Leistungskomplex 3 (große Morgen-/Abend- toilette mit Hilfe) für 18,04 EUR einzukaufen. Der Pflege- dienst soll zweimal pro Woche kommen. Die übrige Pflege will Frau Werner weiter selbst leisten. Der Pflegedienst berechnet der Pflegekasse für diese Einsätze 144,32 Euro (8 x 18,04 Euro). Dies sind 37,6 Prozent der Pflegesach- leistungen (384 Euro/144,32 Euro) x 100). Somit werden dem Ehepaar Werner noch 256 Euro Pflegegeld ausge- zahlt (410 Euro x 62,4 Prozent). Die Pflegekasse springt auch dann ein, wenn Ihre Pflege- person wegen Erholungsurlaub, Krankheit oder aus ande- ren Gründen an der Pflege gehindert ist (»Häusliche Pflege bei Verhinderung der Pflegeperson«). In diesem Fall über- nimmt die Pflegekassc für bis zu vier Wochen pro Kalen- derjahr die Kosten einer notwendigen Ersatzpflege. Vo- raussetzung ist jedoch, dass Ihre Pflegeperson Sie schon zwölf Monate zuvor gepflegt hat. Außerdem darf diese sog. Verhinderungspflege nicht mehr als L432 Euro pro Kalenderjahr kosten. Die Ersatzpflege kann sowohl von einer professionellen Fachkraft (z.B. einer Sozial Station
Fortlaufende Leistungen 197 oder einem ambulanten Pflegedienst) als auch von einem Angehörigen oder einem Nachbarn durchgeführt werden. Ist die Pflegeperson im 1. oder 2. Grad mit dem Gepflegten verwandt oder verschwägert, so wird maximal der Betrag des Pflegegeldes gezahlt. Dies richtet sich nach der jewei- ligen Pflegestufe (siehe Seite 198). Doch was, wenn die Pflege z.B. nur unter der Woche tags- über nicht sichergestellt ist, weil beispielsweise Ihre Pfle- geperson berufstätig ist? In diesen Fällen könnten Sie sich tagsüber in einer stationären Einrichtung pflegen lassen: Pflegebedürftige haben nämlich Anspruch auf teilstatio- näre Pflege in Einrichtungen der Tages- oder Nachtpflege, wenn ihre häusliche Pflege nicht in ausreichendem Umfang sichergestellt werden kann oder wenn dies zur Ergänzung oder Stärkung der häuslichen Pflege erforderlich ist. Die Pflegekasse kommt in diesen Fällen auch für Kosten der Fahrt von Ihrer Wohnung zur Einrichtung und zurück auf! Die Pflegekasse übernimmt die Kosten je nach Pflegestufc in Höhe von 384 Euro, 921 Euro bzw. 1.432 Euro. Daneben gibt es auch noch die Leistungen der Kurzzeitpfle- ge, wenn die Leistungen der häuslichen Pflege oder die der teilstationären Pflege für einen begrenzten Zeitraum nicht ausreichen. Das kann z.B. im Anschluss an eine stationäre Behandlung der Fall sein oder in Krisensituationen, in denen vorübergehend häusliche oder teilstationäre Pflege nicht möglich ist oder nicht ausreicht. Allerdings ist dieser Anspruch auf vier Wochen pro Kalenderjahr beschränkt. 1.2 Leistungen im Pflegeheim Außerdem können Sie einen Anspruch auf Pflegeleistungen in einer »vollstationären Einrichtung«, also in einem Pfle- geheim haben. Da diese Pflege jedoch sehr teuer ist, setzt dieser Anspruch voraus, dass die häusliche oder teilstatio- näre Pflege nicht möglich ist oder wegen der Besonderheit des Falles nicht in Betracht kommt. Die Pflegekasse über- nimmt je nach Pflegestufe l .023 Euro, 1.279 Euro bzw. 1.432 Euro pro Monat. Jedoch reicht das nicht aus, um ei- nen Pflegeplatz in einem Heim zu bezahlen. Die in einem Teilstationäre Pflege Vollstationäre Pflege
198 Leistungen bei Pflegebedürftigkeit Sozialhilfe oder Pflege- wohngeld Zu Hause oder im Heim Pflegeheim entstehenden Kosten beruhen nämlich nicht nur auf den Kosten für die Pflege, sondern darüber hinaus auch auf den Kosten für Unterbringung und Verpflegung und den sog. Investitionskosten. Das sind die Kosten, die dem Träger einer Pflegeeinrichtung im Zusammenhang mit der Herstellung, der Anschaffung und der Instandset- zung von Gebäuden entstanden sind. An den Kosten für Unterkunft und Verpflegung (sog. »Hotel«-Kosten) betei- ligt sich die Pflegekasse nicht. Auch die Investitionskosten müssen Sie selbst tragen. Oft übersteigen die verbleibenden Kosten die finanziellen Möglichkeiten des Pflegebedürftigen! In diesem Fall kön- nen dann ergänzend Sozialhilfe oder Pflegewohngeld in Anspruch genommen werden. 1.3 Zusätzliche Betreuungsleistungen Die Pflegekasse übernimmt für altersverwirrte, geistig behinderte oder psychisch kranke Pflegebedürftige mit erheblichem allgemeinen Betreuungsbedarf zusätzliche Leistungen bis zu 460 Euro pro Kalenderjahr. Sie sind zweckgebunden für Leistungen der Tages- und Nachtpfle- ge, Kurzzeitpflege und andere vergleichbare Betreuungs- angebote (z.B. Betreuungsgruppen für Demenzkranke, familienentlastende Dienste). 2. Höhe der Leistungen (»Pflegestufe«) Die Höhe der Leistungen unterscheidet sich danach, an welchem Ort die Pflege stattfindet (zu Hause oder in einem Heim) und wie lange der Pflegebedürftige pro Tag gepflegt werden muss. Entsprechend der Höhe des Hilfe- bedarfs erfolgt die Einordnung in eine Pflegestufe. Dabei wird jedoch nicht jede Hilfeleistung in die Berechnung mit einbezogen. Berücksichtigt werden nur Hilfen bei den gewöhnlichen und regelmäßigen Verrichtungen des täglichen Lebens. Welche das sind, hat der Gesetzgeber genau festgelegt: Zu den Verrichtungen des täglichen Le- bens zählt die Körperpflege mit der Hilfe beim Waschen,
Höhe der Leistungen (»Pflegestufe«) 199 Baden, der Zahnpflege, beim Kämmen, Rasieren sowie der Darm- oder Blasenentleerung. Außerdem der Bereich der Ernährung mit der Hilfe beim mundgerechten Zubereiten oder bei der Aufnahme der Nahrung. Mundgerechte Zu- bereitung bedeutet hier übrigens nicht das Kochen einer Mahlzeit, sondern nur das mundgerechte Zerkleinern! Der dritte große Block betrifft die Mobilität. In diesem Zu- sammenhang können Hilfestellungen beim selbständigen Aufstehen und Zubettgehen, beim An- und Auskleiden, Gehen, Stehen, Treppensteigen oder beim Verlassen und Wiederaufsuchen der Wohnung geltend gemacht werden. Aber nicht jedes Verlassen und Wiederaufsuchen der Wohnung wird in der Pflegeversicherung berücksichtigt! Berücksichtigt werden kann diese Hilfe nur, sofern sie für die Aufrechterhaltung der Lebensführung zu Hause un- umgänglich bzw. Ihr persönliches Erscheinen an einem Ort außerhalb der Wohnung erforderlich ist. Erna Mayer pflegt ihre 92-jährige Schwiegermutter. Je- den Samstag geht sie mit ihr durch den nahe liegenden Park zum Friedhof, um das Grab des Schwiegervaters zu besuchen. Ingesamt sind die beiden 1,5 Stunden unter- wegs. Diese 1,5 Stunden müssen bei der Berechnung des Pflegebedarfs unberücksichtigt bleiben. Übrigens: Auch Hilfe beim wöchentlichen Kirchgang, beim Begleiten zur Apotheke oder für die Begleitung eines Kindes zur Schule muss unberücksichtigt bleiben! Sicher fragen Sie sich jetzt, wann es dann überhaupt im Sinne der Pflegeversicherung notwendig ist, dass ein Pfle- gebedürftiger seine Wohnung verlässt. Das ist z.B. bei regelmäßig (also mindestens einmal in der Woche) an- fallenden Arztbesuchen oder Krankengymnastikbehand- lungen der Fall. Berücksichtigt werden kann dann sowohl der Weg in die Praxis, als auch die dann dort zwangsläufig anfallende Wartezeit. Im Zusammenhang mit der Kran- kengymnastik und anderen sog. Heilbehandlungen ist jedoch zu beachten, dass Maßnahmen der sogenannten sozialen oder beruflichen Rehabilitation nicht berücksich- tigt werden. Die Therapie muss also der Behandlung einer Beispiel
200 Leistungen bei Pflegebedürftigkeit »Grundhilfe- bedarf« Krankheit dienen - die Stärkung oder Verbesserung der Fähigkeit zur eigenständigen Lebensführung darf demge- genüber nicht im Vordergrund stehen! Im Zweifel reicht es aus, dass die Behandlung auch der Behebung oder Besse- rung der Krankheit dienen soll. Die Bereiche Körperpflege, Ernährung und Mobilität bil- den zusammen den sog. »Grundhilfebedarf.« Daneben ist der letzte große Block bei den berücksichtigungsfähigen Verrichtungen die sogenannte hauswirtschaftliche Versor- gung. Sie umfasst das Einkäufen, Kochen. Reinigen der Wohnung, Spülen, Wechseln und Waschen der Wäsche und Kleidung und das Beheizen der Wohnung. Dieser Hil- febedarf ist meistens unproblematisch und wird deswegen geschätzt. Wie viel Zeit für eine Verrichtung angerechnel wird, be- stimmt sich nach den Zeitkorridoren in den sogenannten Begutachtungsrichtlinien (BRi). Im Einzelnen werden dabei folgende Zeiten berücksich- tigt: Körperpflege Waschen Ganzkörperwäsche 20-25 Min. Teilwäsche Operkörper 8-10 Min. Teilwäsche Unterkörper 12-15 Min Teilwäsche Hände/Gesicht 1-2 Min. Duschen 15-20 Min. Baden 20-25 Min. Zahnpflege 5 Min. Kämmen 1-3 Min. Rasieren 5-10 Min.
Höhe der Leistungen (»Pflegestufe«) 201 Darm- und Blasenentleerung Wasserlassen Stuhlgang 2-3 Min. 3-6 Min. Richten der Bekleidung 2 Min. Wechseln von Windeln nach Wasserlassen 4-6 Min. Wechseln von Windeln nach Stuhlgang 7-10 Min. Wechseln kleiner Vorlagen 1-2 Min. Wechseln/Entleeren des Urinbeutels 2-3 Min. Wechseln/Entleeren des Stomabeutels 3-4 Min. Ernährung Mundgerechte Zubereitung 2-3 Min. Aufnahme der Nahrung 15-20 Min. Mobilität Aufstehen/Zu-Bett-Gehen 1-2 Min. Umlagern 2-3 Min. An-/Auskleiden Ankleiden gesamt 8-10 Min. Ankleiden Ober-/Unterkörper 5-6 Min. Entkleiden gesamt 4-6 Min. Entkleiden Ober-/Unterkörper 2-3 Min. Die Leistungen der Pflegeversicherung sollen die famili- Wichtig zu äre. nachbarschaftliche oder sonstige ehrenamtliche Pfle- wissen ge nur ergänzen. Das hat der Gesetzgeber ausdrücklich in das Gesetz über die soziale Pflegeversicherung aufgenom- men (§ 4 Abs. 2 Satz 2 SGB XI). Der Gesetzgeber verlässt sich also darauf, dass die Angehörigen auch dann helfen, wenn die Hilfe nicht durch die Pflegeversicherung hono- riert wird. Das führt in der Praxis oft dazu, dass die tat- sächliche Zeit, die die Pflegeperson aufwendet, sehr viel länger ist als die Zeit, die im Pflegegutachten steht! Das ist aber dann nicht deswegen so, weil der Gutachter oder die Pflegekasse nicht glaubt, dass diese Hilfe erbracht wird,
202 Leistungen bei Pflegebedürftigkeit sondern weil diese Hilfe aus rechtlichen Gründen bei der Berechung des Hilfebedarfs nicht berücksichtigt werden darf. Weiß man, welche Hilfestellungen der Pflegebedürftige pro Tag braucht und wie lange diese Hilfestellungen dau- ern, kann man den erforderlichen Hilfebedarf einer der Pflegestufen zuordnen. Stufe I Pflegedürftigkeit der Stufe I (auch erhebliche Pflegebe- dürftigkeit genannt) liegt vor. wenn bei der Körperpflege, der Ernährung oder der Mobilität für wenigstens zwei Verrichtungen aus einem oder mehreren Bereichen min- destens einmal täglich Hilfe notwendig ist und zusätzlich mehrfach in der Woche Hilfe bei der hauswirtschaftlichen Versorgung benötigt wird. Der Zeitaufwand, den ein Fami- lienangehöriger oder eine andere nicht als Pflegekraft aus- gebildete Pflegeperson für die erforderlichen Leistungen der Grundpflege und hauswirtschaftlichen Versorgung benötigt, muss im Tagesdurchschnitt in der Pflegestufe I mindestens 90 Minuten betragen, wobei auf die Grund- pflege mehr als 45 Minuten entfallen müssen. Stufe II Pflegedürftigkeit der Stufe II (»Schwerpflcgebedürftig- keit«) liegt vor bei Personen, die bei der Körperpflege, der Ernährung oder der Mobilität mindestens dreimal täglich zu verschiedenen Zeiten Hilfe brauchen und zusätzlich mehrfach in der Woche Hilfe bei der hauswirtschaftlichen Versorgung benötigen. Der erforderliche Zeitaufwand beträgt für diese Pflegestufe insgesamt 180 Minuten, auf die Grundpflege müssen dabei mindestens 120 Minuten entfallen. Stufe III Die Pflegebedürftigkeit der Stufe III (»Schwerstpflegebe- dürftigkeit«) setzt voraus, dass der Pflegebedürftige bei der Körperpflege, der Ernährung oder der Mobilität täg- lich rund um die Uhr - auch nachts - Hilfe braucht und zusätzlich mehrfach in der Woche Hilfe bei der hauswirt- schaftlichen Versorgung benötigt. Notwendig ist ein Hil- febedarf von 300 Minuten, wobei der Bedarf im Bereich der Grundpflege mindestens 240 Minuten betragen muss.
Zuschüsse zu Umbaumaßnahmen 203 Problematisch ist die Bestimmung des Hilfebedarfs bei Kindern. Das hängt damit zusammen, dass auch ein ge- sundes Kind - je nachdem, wie alt es ist - sich überhaupt nicht selbst versorgen kann und deswegen umfassende Hilfestellungen benötigt. Deswegen ist bei Kindern nur der zusätzliche Hilfebedarf gegenüber einem gesunden gleichaltrigen Kind maßgebend. 3. Pflegehilfsmittel und technische Hilfen Wenn Sie pflegebedürftig sind, haben Sie auch Anspruch auf Versorgung mit Pflegehilfsmitteln, die zur Erleichte- rung Ihrer Pflege oder zur Linderung Ihrer Beschwerden beitragen oder die Ihnen eine selbständigere Lebensfüh- rung ermöglichen. Allerdings besteht dieser Anspruch nur dann, wenn Sie das Gleiche nicht von Ihrer Kran- kenversicherung oder von einem anderen zuständigen Leistungsträger bekommen können. Für die zum Ver- brauch bestimmten Hilfsmittel (z.B. Krankenunterlagen, Einmalhandschuhe) werden monatlich bis zu 31 Euro ge- zahlt. Zu den technischen Hilfsmitteln (z.B. Pflegebetten, Notrufsysteme) müssen Sie grundsätzlich einen Eigenan- teil von 10 Prozent, höchstens jedoch 25 Euro, entrichten. Eine Befreiung von dieser Zuzahlung ist unter Umständen -je nach Einkommenssituation - möglich. 4. Zuschüsse zu Umbaumaßnahmen Außerdem kann die Pflegekasse auch eine Umbaumaß- nahme bezuschussen, wenn dadurch Ihre häusliche Pflege ermöglicht oder erheblich erleichtert wird oder Sie da- durch Ihr Leben wieder möglichst selbständig führen kön- nen. Eine solche Umbaumaßnahme kann beispielsweise der Einbau eines Treppenliftes oder die rollstuhlgerechte Verbreiterung von Türen sein. Dieser Zuschuss beträgt höchstens 2.557 Euro. Er richtet sich danach, wie viel die Umbaumaßnahme kostet und wie hoch Ihr Einkommen ist. Leistungen der Kranken- versicherung gehen vor Höchstens 2.557 Euro
204 Leistungen bei Pflegebedürftigkeit Ehrenamtliche Pflege- personen Formloser Antrag 5. Rentenbeiträge für die Pflegeperson Ehrenamtliche Pflegepersonen (also Pflegepersonen, die im Rahmen des »Pflegegeldes für selbst beschaffte Pflege- hilfen« tätig werden) haben einen Anspruch darauf, dass die Pflegeversicherung für sie Beiträge auf ihr Versicher- tenkonto bei der Deutschen Rentenversicherung einzahlt. Voraussetzung ist, dass die Pflegeperson regelmäßig nicht mehr als 30 Stunden wöchentlich erwerbstätig ist und den Pflegebedürftigen wenigstens 14 Stunden wöchentlich in seiner häuslichen Umgebung pflegt. Im Zweifelsfall ent- scheidet der zuständige Rentenversicherungsträger, ob die Versicherungspflicht als Pflegeperson vorliegt. 6. Verfahren der Leistungsbewilligung Was muss man tun, um die beschriebenen Leistungen zu bekommen? Als erster Schritt muss für alle Leistungen zunächst einmal ein Antrag bei der Pflegekasse gestellt werden. Der Antrag muss von Ihnen als Pflegebedürf- tigem, Ihrem Bevollmächtigten oder Ihrem gesetzlichen Vertreter formlos an die zuständige Pflegckassc gerichtet werden. Meist reicht ein Anruf bei der Pflegekasse aus, um einen entsprechenden Antrag zugeschickt zu bekommen. Die Leistungen können grundsätzlich immer erst vom Zeitpunkt der Antragstellung an erbracht werden! Die Pflegekasse überprüft dann, ob die Voraussetzungen für die beantragte Leistung vorliegen. Sie kann dazu auch den Medizinischen Dienst der Krankenversicherung (MDK) einschalten. Bei der Beurteilung der Frage, ob Pflegebedürftigkeit im Sinne des Gesetzes vorliegt, ist sie dazu verpflichtet! Der MDK ist eine eigenständige Ein- richtung, die Mitarbeiter sind nicht bei den Pflegekassen angestellt. Die Gutachter des MDK können ihre Beurtei- lung also unabhängig vornehmen. Der MDK ist bei der Beurteilung lediglich an die Begutachtungsrichtlinien gebunden. Nach dem Eingang des Antrages auf Pflegelei- stungen beauftragt die Pflegekasse den MDK. Sie schickt ihm dazu die bei ihr vorhandenen Unterlagen. Ein Mitar-
Leistungen außerhalb des SGB XI 205 beiter des MDK - entweder ein Arzt oder eine Pflegefach- kraft - besucht Sie dann nach telefonischer Anmeldung zu Hause. Der Mitarbeiter des MDK untersucht Sie und lässt sich zeigen, wie Sie zurechtkommen. Da Sie als Antrag- steller eine Mitwirkungspflicht haben, sind Sie verpflich- tet, sich in Ihrem Wohnbereich untersuchen zu lassen! Dann fertigt der MDK ein schriftliches Gutachten an und schickt es der Pflegekasse, die auf der Grundlage dieses Gutachtens über Ihren Antrag entscheidet. Damit Sie bei dieser Begutachtung nichts vergessen, empfiehlt es sich, vorher eine Liste zu machen, bei welchen Verrichtungen Sie Hilfe benötigen! 7. Private Pflegeversicherung Die Leistungen der privaten Pflegeversicherung sind mit den Leistungen der gesetzlichen Pflegeversicherung wei- testgehend identisch. Bei der Beurteilung des Pflegebe- darfs bedient sich die private Pflegeversicherung statt des MDK jedoch der Firma »Medicproof«. 8. Leistungen außerhalb des SGB XI Nicht nur die Pflegeversicherung erbringt Hilfe zur Pfle- ge. Ist die Pflegebedürftigkeit wegen eines Arbcitsunfalls oder infolge einer Berufskrankheit entstanden, dann gibt es Leistungen von der gesetzlichen Unfallversicherung. Die Unfallversicherung zahlt grundsätzlich ein Pflege- geld. Auf Antrag kann stattdessen eine Pflegekraft gestellt werden (Hauspflege) oder Unterhalt und Pflege in einer Einrichtung erbracht werden (Heimpflege). Das Pflege- geld beträgt mindestens 295 Euro (256 Euro in den neu- en Bundesländern) und höchstens 1.180 Euro (1.023 Euro in den neuen Bundesländern). Die Berufsgenossenschaft setzt innerhalb dieser Grenzen das Pflcgegeld individuell unter Berücksichtigung der Art und Schwere des Gesund- heitsschadens und des Umfangs der erforderlichen Hilfe fest. In Einzelfällen kann das Pflegegeld auch über den Höchstbetrag hinaus gewährt werden. Die Leistungen der Unfall- versicherung
206 Leistungen bei Pflegebedürftigkeit Finanzielle Bedürftigkeit Pflegewohn- geld Unfallversicherung gehen den Leistungen der Pflegeversi- cherung vor, d.h. die Leistungen der gesetzlichen Pflege- versicherung werden nicht gezahlt, wenn Pflegeleistungen aus der Unfallversicherung bezogen werden. Außerdem können Ansprüche gegen das Sozialamt beste- hen, wenn eine finanzielle Bedürftigkeit besteht. Das Sozi- alamt leistet dann z.B. Hilfe zur Pflege in vollem Umfang, wenn der Pflegebedürftige nicht Mitglied der Pflegeversi- cherung ist, also kein Anspruch gegen eine Pflegekasse in Betracht kommt. Das Sozialamt hilft jedoch auch dann, wenn ein Anspruch gegenüber der Pflegeversicherung (noch) nicht besteht, weil der Grad der Pflegebedürftig- keit unterhalb der Stufe I liegt, d.h. bei Vorliegen der so- genannten Pflegestufe 0 oder wenn die Pflege voraussicht- lich nicht für sechs Monate notwendig ist. Das Sozialamt leistet außerdem sog. ergänzende Hilfe zur Pflege, wenn die in einem Pflegeheim verlangten Pflegesätze höher sind, als sie auf Grund von Deckelungssätzen von der Pflege- versicherung übernommen werden, oder wenn über die ambulanten Leistungen der Pflegeversicherung hinaus ein Bedarf an ambulanter Hilfe zur Pflege besteht. Außer- dem übernimmt das Sozialamt bei einer Unterbringung in einem Pflegeheim die sog. »Hotel«-Kosten (die Kosten für Unterkunft und Verpflegung, vgl. Seite 198, da die Pflege - vcrsichcrung nur die allgemeinen Pflegeleistungen trägt. Sofern Sie finanziell nicht in der Lage sind, die vom Pfle- geheim in Rechnung gestellten Investitionskosten selbst zu tragen, können Sie auch Pflegewohngeld in Anspruch nehmen. Das Pflegewohngeld hat nichts mit dem normalen Wohngeld, das bundesweit nach dem Wohngeldgesetz ge- zahlt wird, zu tun. Es wird nur in einigen Bundesländern - darunter auch NRW - gezahlt. Ansprechpartner für diese Frage ist das Pflegeheim, das Sie ausgewählt haben. Das gewährte Pflegewohngeld wird von der Heimrechnung ab- gezogen. Der Antrag auf Pflegewohngeld wird grundsätz- lich vom Heim gestellt.
207 Kapitel 12 Leistungen nach dem Ausscheiden aus dem Berufsleben Auch nach dem altersbedingten Ausscheiden aus dem Berufsleben muss Ihr Lebensunterhalt sichergestellt sein. Haben Sic Beiträge zur gesetzlichen Rentenversicherung gezahlt, können Sie eine Rente wegen Alters beziehen. An- sonsten sollten Sie prüfen, ob Sie nicht einen Anspruch auf Grundsichcrung für ältere Menschen nach dem SGB XII haben. 1. Leistungen der Rentenversicherung Es gibt nicht nur »die eine« Altersrente: Neben der sog. Regelaltersrcnte gibt es die Altersrente für langjährig Ver- sicherte, die Altersrente für Schwerbehinderte Menschen, die Altersrente wegen Arbeitslosigkeit oder nach Alters- teilzeitarbeit und die Altersrente für Frauen. Egal welche Rente Sie beziehen wollen: Für jede Rente Lebensalter müssen Sie ein bestimmtes Lebensalter erreicht haben und und Wartezeit eine Mindestversicherungszeit (»Wartezeit«) nachweisen. Zu diesen Mindestversicherungszeiten zählen Zeiten, für die Pflichtbeiträge oder freiwillige Beiträge gezahlt wur- den oder für die Pflichtbeiträge als gezahlt gelten, und Zeiten, die sowohl mit Beitragszeiten als auch mit bei- tragsfreien Zeiten belegt sind. Da für jede Rente andere Anspruchsvoraussetzungen gel- ten und außerdem verschiedene Altersgrenzen und Ver- trauensschutzregelungen zu berücksichtigen sind, sollten Sie individuell überprüfen lassen, welche Rente für Sie in Ihrer Lebenssituation in Betracht kommt. Sie können sich dazu an einen Träger der Deutschen Rentenversicherung wenden. Tipp
208 Leistungen nach dem Ausscheiden aus dem Berufsleben Abhängig vom Geburts- jahrgang Allgemeine Wartezeit 1.1 Regelaltersrente Anspruch auf Regelaltersrente haben Sie, wenn Sie • die sog. Regelaltersgrenze erreicht haben und • fünf Jahre Versicherungszeit (»Wartezeit«) vorweisen können. Wann Sie die sog. Regelaltersgrenze erreicht haben, hängt von Ihrem Geburtsjahrgang ab. • Sind Sie vor 1947 geboren, erreichen Sie die Regelal- tersgrenze, wenn Sie Ihr 65. Lebensjahr vollendet ha- ben (also Ihren 65. Geburtstag feiern). • Wenn Sie nach 1963 geboren sind, erreichen Sie die Re- gelaltersgrenze erst, wenn Sie Ihr 67. Lebensjahr voll- endet haben. • Für alle, die zwischen 1947 und 1963 geboren sind, erhöht sich die Regelaltersgrenze schrittweise von der Vollendung des 65. Lebensjahres auf die Vollendung des 67. Lebensjahres. Die allgemeine Wartezeit können Sie mit folgenden Zeiten füllen: mit • Beitragszeiten (Pflichtbeiträge und freiwillige Beiträge), • Kindererziehungszeiten, • Zeiten, die Ihnen im Rahmen eines Versorgungsaus- gleichs oder eines Rentensplittings übertragen worden sind, • Zeiten aus geringfügiger Beschäftigung, wenn Sie Bei- träge entrichtet haben, • in geringem Umfang auch mit Zeiten aus einem Mini- job und • sog. Ersatzzeiten (beispielsweise Zeiten der politischen Verfolgung in der DDR). Falls es Ihnen möglich ist, können Sie aber auch Weiter- arbeiten und dadurch Ihre spätere Rente weiter erhöhen. Übrigens: Wenn Sie die Rente nicht sofort, sondern erst später beantragen, dann bekommen Sie für jeden Monat, den die Rente später beantragt wird, einen Zuschlag von 0,5 Prozent auf Ihre spätere Rente!
Leistungen der Rentenversicherung 209 1.2 Altersrente für besonders langjährig Versicherte Wenn Sic besonders lange gearbeitet haben, kann für Sie ab dem 01.01.2012 auch die sog. Altersrente für besonders langjährig Versicherte in Frage kommen. Diese Rente können Sie bekommen, wenn Sie • Ihr 65. Lebensjahr vollendet haben und • 45 Jahre Versicherungszeit (»Wartezeit«) angesammelt haben. Zur Wartezeit von 45 Jahren zählen dabei folgende Zeiten: • Beitragszeiten, wenn die Beiträge gezahlt wurden, weil eine versicherungspflichtige Tätigkeit bestand und • Kindererziehungszeiten bis zum zehnten Lebensjahre des Kindes. 1.3 Altersrente für langjährig Versicherte Auch für die Inanspruchnahme der Altersrente für lang- jährig Versicherte kommt es darauf an, wann Sie geboren sind. Wenn Sic vor 1949 geboren sind, können Sie diese Ren- te mit der Vollendung Ihres 65. Lebensjahres bekommen. Sind Sie nach 1963 geboren, können Sie die Altersrente für langjährig Versicherte erst bekommen, wenn Sie das 67. Lebensjahr vollendet haben. Für alle, die zwischen 1949 und 1963 geboren sind, wird die Altersgrenze stu- fenweise angehoben. Außerdem setzt diese Rente voraus, dass Sie die Wartezeit von 35 Jahren erfüllt haben. Sie können die Rente auch schon mit Vollendung des 63. Lebensjahres in Anspruch nehmen. Dann müssen Sie je- doch für jeden Monat, den Sie sie beanspruchen, bevor Sie das nach den oben dargestellten Altersgrenze könnten, Rentenabschläge in Kauf nehmen. Dieser Abschlag be- trägt pro Monat 0,3 Prozent. Diese Abschläge sind wie alle Abschläge dauerhaft! Das bedeutet, dass auch nach Erreichen des Alters, ab dem Sie eigentlich eine Rente ohne Abschläge bekommen könnten. Voraus- setzungen Abhängig vom Geburts- jahrgang
210 Leistungen nach dem Ausscheiden aus dem Berufsleben Wartezeit Voraus- setzungen die Rente nur mit Abschlägen gezahlt wird! Sie haben aber bis zum Erreichen der jeweiligen Regelaltergrenze die Möglichkeit, diese Einbußen durch Beitragszahlung ganz oder teilweise auszugleichen. Ausnahmen hinsichtlich dieser Altergrenzen gelten dann, wenn Sie vor dem 0l.01.l955 geboren sind und bereits vor dem 01.01.2007 eine verbindliche Altersteilzeit vereinbart haben. Für die Wartezeit von 35 Jahren werden alle Zeiten wie für die allgemeine Wartezeit (vgl. bei der Regelaltersren- te, Seite 208) berücksichtigt. Daneben werden auch noch sog. Anrechnungszeiten (beispielsweise für die schulische Ausbildung nach Vollendung des 17. Lebensjahres) und Berücksichtigungszeiten (zum Beispiel für die Erziehung eines Kindes bis zur Vollendung des 10. Lebensjahres) be- rücksichtigt. 1.4 Altersrente für Schwerbehinderte Menschen Eine Altersrente für Schwerbehinderte Menschen können Sie beziehen, wenn Sie • die für Sie geltende Altersgrenze erreicht haben. • bei Beginn der Rente als Schwerbehinderter Mensch anerkannt waren (für den Fall, dass Sie vor 1951 ge- boren sind, reicht es auch aus. dass Sic nach dem Ende 2000 geltenden Recht berufs- oder erwerbunfähig sind) und • die Wartezeit von 35 Jahren erfüllt haben. Wenn Sie vor 1952 geboren sind, erreichen Sie die Al- tersgrenze für die Inanspruchnahme dieser Rente mit der Vollendung des 63. Lebensjahres. Wenn Sie nach 1963 geboren sind, müssen Sie das 63. Lebensjahr vollendet ha- ben, bevor Sie diese Rente beanspruchen können. Sind Sie zwischen 1952 und 1963 geboren, erhöht sich die für Sie geltende Altersgrenze schrittweise von 63 auf 65 Lebens- jahre. Sind Sie allerdings vor 1955 geboren und haben schon vor dem 01.01.2007 eine verbindliche Alterteilzeit vereinbart,
Leistungen der Rentenversicherung 211 können Sie diese Rente bereits mit Vollendung des 63. Le- bensjahres beanspruchen. Wenn Sie Rentenabschläge in Kauf nehmen, können Sie diese Rente auch schon ab Vollendung des 60. bzw. 63. Lebensjahr bekommen. Auch hier gilt, dass für die zwi- schen 1952 und 1963 Geborenen die Altersgrenze stufen- weise von der Vollendung des 60. auf die Vollendung des 63. Lebensjahres angehoben wird. 1.5 Altersrente wegen Arbeitslosigkeit oder nach Altersteilzeit Sie bekommen Altersrente wegen Arbeitslosigkeit oder nach Altersteilzeit, wenn Sie • vor dem 01.01.1952 geboren sind, • die Wartezeit von 15 Jahren erfüllt haben, • mindestens das 60. Lebensjahr vollendet haben und • zusätzlich entweder bei Beginn der Rente arbeitslos sind und ab dem Lebensalter von 58 Jahren und sechs Monaten insgesamt 52 Wochen arbeitslos waren oder 24 Kalendermonate Altersteilzeit ausgeübt haben und • in den letzten zehn Jahren für acht Jahre Pflichtbeiträge gezahlt haben. Auch diese Altersgrenze wurde mit der Möglichkeit der vorzeitigen Inanspruchnahme auf 65 Jahre angehoben. Für Sie bedeutet das, dass Sie die Rente zwar immer noch ab dem 60. Geburtstag bekommen können, Sie müssen je- doch dann für die gesamte Dauer des Rentenbezuges einen Abschlag in Höhe von 0,3 Prozent für jeden Monat, den sie Rente vor dem Erreichen der hinausgeschobenen Al- tersgrenze beziehen, hinnehmen. Zusätzlich wird für diese Rente die Altersgrenze für Ver- sicherte der Geburtsjahrgänge 1946 bis 1948 ebenfalls schrittweise vom 60. auf das 63. Lebensjahr angehoben. Die Möglichkeit, mit Abschlägen vor dem 60. Lebensjahr in Rente zu gehen, besteht nicht. Das bedeutet für Sie, dass Sie - wenn Sie erst im Dezember 1948 oder später gebo- ren sind - die Rente erst nach der Vollendung des 63. Le- Voraus- setzungen Altersgrenze
212 Leistungen nach dem Ausscheiden aus dem Berufsleben Wartezeit Voraus- setzungen bensjahres bekommen können. Zusätzlich müssen Sie aber noch die Abschläge für die Monate in Kauf nehmen, die Sie die Rente vor dem 65. Geburtstag beziehen! Für die Wartezeit von 15 Jahren werden berücksichtigt: • Beitragszeiten (Pflichtbeiträge und freiwillige Beiträge), • Kindererziehungszeiten, • Zeiten, die Ihnen im Rahmen eines Versorgungsaus- gleichs oder eines Rcntcnsplittings übertragen worden sind, • Zeiten aus geringfügiger Beschäftigung, wenn Sie Bei- träge entrichtet haben, • in geringem Umfang auch Zeiten aus einem Minijob und • sog. Ersatzzeiten (beispielsweise Zeiten der politischen Verfolgung in der DDR). 1.6 Altersrente für Frauen Als Frau können Sie Altersrente für Frauen beanspruchen, wenn Sie • vor dem 01.01.1952 geboren sind, • das 60. Lebensjahr vollendet haben, • nach Vollendung des 40. Lebensjahres für mehr als zehn Jahre Pflichtbeiträge gezahlt und • die Wartezeit von 15 Jahren erfüllt haben. Da auch diese Altersgrenze schrittweise auf das 65. Le- bensjahr angehoben wurde, ist für alle Frauen, die nach dem 31.12.1939 geboren wurden, die Inanspruchnahme ab dem 60. Lebensjahr nur mit Abschlägen möglich. Die Höhe der Abschläge hängt davon ab, wann Sie geboren sind, und kann bis zu 18 Prozent betragen. Für die Wartezeit von 15 Jahren werden berücksichtigt: • Beitragszeiten (Pflichtbeiträge und freiwillige Beiträge), • Kindererziehungszeiten, • Zeiten, die Ihnen im Rahmen eines Versorgungsaus- gleichs oder eines Rentensplittings übertragen worden sind,
Leistungen der Rentenversicherung 213 • Zeiten aus geringfügiger Beschäftigung, wenn Sie Bei- träge entrichtet haben, • in geringem Umfang auch Zeiten aus einem Minijob und • sog. Ersatzzeiten (beispielsweise Zeiten der politischen Verfolgung in der DDR). 1.7 Hinzuverdienstgrenzen Wenn Sie bereits das 65. Lebensjahr vollendet haben, können Sie unbegrenzt zu Ihrer Altersrente hinzuverdie- nen. Sind Sie jünger, dann müssen Sie bestimmte Hinzu- verdienstgrenzen beachten. Verdienen Sie mehr dazu, als nach der Hinzuverdienstgrenze möglich, wird Ihnen die Rente nämlich nur noch zum Teil gezahlt. Zur Zeit beträgt die Hinzuverdienstgrenze monatlich 355 Euro. Sie haben aber auch die Möglichkeit, nur eine Teilrente zu beantra- gen. Dann dürfen Sie mehr dazuverdienen. Die Hinzuver- dienstgrenzen bei den Teilrenten werden meist individuell berechnet. Sie sind abhängig von der Höhe Ihrer letzten Gehälter und von Ihrem Beschäftigungsort. Sie dürfen die Hinzuverdienstgrenze aber zweimal pro Jahr jeweils um einen Betrag bis zur Höhe der Hinzuver- dienstgrenze überschreiten (wenn Ihnen beispielsweise ein Weihnachtsgeld gezahlt wird). Wenn Sie die Hinzuverdienstgrenze wieder einhalten und Sie daher die höhere (Voll-)Rente bekommen können, müssen Sie diese höhere Leistung innerhalb von drei Ka- lendermonaten wieder beantragen! Denken Sie daran, wirklich jede Erwerbstätigkeit an die Rentenversicherung zu melden! Sie setzen sich sonst der Gefahr einer hohen Rückzahlung aus! 1.8 Antrag auf Altersrente Wie die meisten Sozialleistungen werden auch die Al- tersrenten nur auf Antrag gezahlt. Ein spezielles Formu- lar brauchten Sie zunächst nicht. Sobald Sie sich bei der Rentenversicherung gemeldet haben, wird diese Ihnen die 355 Euro monatlich Kein spezi- elles Formular I
214 Leistungen nach dem Ausscheiden aus dem Berufsleben Rentenbeginn entsprechenden offiziellen Vordrucke zusenden. Sie kön- nen sich beim Ausfüllen der Formulare auch von einem Mitarbeiter der Rentenversicherung oder von einem Versi- chertenberater helfen lassen! Wird der Antrag innerhalb von drei Monaten nach Errei- chen der jeweiligen Altersgrenze gestellt, beginnt die Rente mit dem Ablauf des Monats, in dem die Voraussetzungen erfüllt sind. Andernfalls erfolgt die erste Rentenzahlung erst für den Monat, in dem man den Antrag gestellt hat. Natürlich kann der Antrag auch schon vor Erreichen der Altersgrenze gestellt werden! 2. Grundsicherung für Menschen, die das 65. Lebensjahr vollendet haben Einen Anspruch auf Grundsicherung für bedürftige Men- schen, die das 65. Lebensjahr vollendet haben, haben Sie unter den gleichen Voraussetzungen wie den Anspruch auf Grundsicherung (siehe Seite 190) für Menschen, die dauerhaft voll erwerbsgemindert sind, allerdings mit dem einen Unterschied: Sie haben den Anspruch ab Ihrem 65. Lebensjahr - unabhängig davon, ob bei Ihnen eine Er- werbsminderung vorliegt oder nicht.
215 Kapitel 13 Leistungen für Hinterbliebene Rentenversicherung und Unfallversicherung stehen auch den Hinterbliebenen ihrer Versicherten bei. Ansprüche für Hinterbliebene können sich darüberhinaus aus der Alters- sicherung der Landwirte, der Kriegsopferversorgung und dem Lastenausgleich ergeben. 1. Hinterbliebenenleistungen der Rentenversicherung Die Rentenversicherung hilft Ihnen, Ihre wirtschaftliche Existenz zu sichern, wenn Sie den Ehepartner oder einen Elternteil verloren haben. Als Witwe oder Witwer können Sie unter bestimmten Vo- raussetzungen • eine sog. kleine oder große Witwen-/Witwerrente, • eine Witwen-/Wittwerrente an vor dem 01.07.1977 Ge- schiedene oder • eine Witwen-/Witwerrente nach dem vorletzten Ehe- gatten bekommen. Außerdem können Sie auch Anspruch auf die sog. Erzie- hungsrente haben. Haben Sie einen Elternteil verloren, können Sie Halb- bzw. Vollwaisenrente erhalten. 1.1 Witwen- und Witwerrenten Bei der Witwen- und Witwerrente ist zu unterscheiden, ob für Sie die alte oder die neue gesetzliche Reglung gilt. Das alte Recht gilt für Sie weiter, wenn Ihr Ehepartner be- reits vor dem 01.01.2002 verstorben ist oder Sie vor dem 01.01.2002 geheiratet haben und Sie oder Ihr Ehepartner vor dem 02.01.1962 geboren ist. Voraus- setzungen Alte oder neue Rege- lung?
216 Leistungen für Hinterbliebene Anspruchs- vorausset- zungen Große Witwen-/ Witwerrente a) Witwen- und Witwerrente Sie haben Anspruch auf die sog. kleine Witwen- bzw. Wit- werrente, wenn • Sie mit Ihrem Partner bis zum Todeszeitpunkt in gül- tiger Ehe gelebt haben, • Ihr verstorbener Ehegatte die allgemeine Wartezeit von fünf Jahren erfüllt hat oder diese als erfüllt gilt, weil Ihr Ehegatte durch einen Arbeitsunfall oder in Folge einer Berufskrankheit verstorben ist oder Ihr verstor- bener Ehegatte Berufsanfänger war, • Sic unverheiratet sind (also nicht wieder geheiratet ha- ben), • unter 45 Jahre alt sind, • nicht erwerbsgemindert sind und • kein Kind erziehen. Anspruch auf die sogenannte große Witwen- bzw. Wit- werrente haben Sie, wenn • Sie mit Ihrem Partner bis zum Todeszeitpunkt in gül- tiger Ehe gelebt haben, • Ihr verstorbener Ehegatte die allgemeine Wartezeit von fünf Jahren erfüllt hat oder diese als erfüllt gilt und • Sie unverheiratet sind (also nicht wieder geheiratet ha- ben) und zusätzlich eine der folgenden Voraussetzungen vor- liegt: • Sie haben das 45. Lebensjahr vollendet oder • sind erwerbsgemindert bzw. seit dem 31.12.2000 be- rufs- oder erwerbsunfähig oder • vor dem 02.01.1961 geboren und wegen Berufsunfähig- keit teilweise erwerbsgemindert oder • erziehen ein eigenes Kind oder ein Kind des verstor- benen Partners, das noch nicht 18 Jahre alt ist. Das Gleiche gilt, wenn Sie ein behindertes eigenes Kind oder ein Kind des früheren Ehepartners, das sich nicht selbst unterhalten kann, versorgen. Das Alter des Kin- des spielt dabei keine Rolle.
Hinterbliebenenleistungen der Rentenversicherung 217 Sind Sie Witwer und Ihre Ehefrau ist vor dem 01.01.1996 gestorben oder haben Sie und Ihre Ehefrau bis zum 31.12.1988 eine wirksame Erklärung abgegeben, dass für Sie beide das bis 1985 geltende Recht angewendet werden soll, erhalten Sie eine Witwerrente nur, wenn Ihre verstor- bene Ehefrau überwiegend den Familienunterhalt bestrit- ten hat. Wenn Ihre Ehe vor dem 01.07.1977 geschieden wurde, haben Sie Anspruch auf eine Geschiedenen-Witwenrente/ Geschiedenen-Witwerrente, wenn die weiteren Vorausset- zungen erfüllt sind: • Ihr geschiedener Partner muss nach dem 30.04.1942 gestorben sein und • Ihr geschiedener Partner muss zur Zeit seines Todes die allgemeine Wartezeit erfüllt haben oder diese muss als erfüllt gelten und • Sie selbst dürfen nicht wieder geheiratet haben und • im letzten Jahr vor dem Tod Ihres geschiedenen Part- ners müssen Sie von ihm Unterhalt erhalten oder einen Unterhaltsanspruch gegen ihn gehabt haben. Auch die Geschiedenen-Witwe/Geschiedenen-Witwerren- te wird als kleine und große Rente gezahlt. Die Zahlung der kleinen Geschiedenen-Witwe/Geschiedenen-Witwer- rente ist allerdings nicht auf zwei Jahre begrenzt. Einen Anspruch auf eine kleine oder große Geschiedenen- Witwen-/Witwerrente nach dem vorletzten Ehegatten ha- ben Sie, wenn Sie nach dem Tod des früheren Partners wieder geheiratet haben, diese Ehe aufgelöst wurde und zudem die übrigen Voraussetzungen der Geschiedenen- Witwenrente/Geschiedenen-Witwerrente vorliegen. Auch eingetragene Lebenspartner haben Anspruch auf diese Hinterbliebenenrente, wenn sie die übrigen versiche- rungsrechtlichen Voraussetzungen erfüllen. 0 Geschie- denen- Witwen-/ Witwerrente
218 Leistungen für Hinterbliebene Kleine Witwenrente Große Witwenrente b) Die Höhe der Witwen- und Witwerrente Die Höhe der kleinen Witwen-/Witwerrente beträgt 25 Pro- zent der Rente der auf den Todestag Ihres verstorbenen Ehegatten berechneten Renten wegen voller Erwerbsmin- derung bzw. 20 Prozent der tatsächlich bezogenen Rente. Ist für Sie das neue Recht anwendbar, wird Ihnen diese nur für zwei Jahre (24 Kalendermonate) bezahlt. Die große Witwenrente beträgt nach der neuen Rechtslage 55 Prozent der auf den Todestag Ihres verstorbenen Ehe- gatten berechneten Rente wegen voller Erwerbsminderung bzw. der tatsächlich bezogenen Rente und erhöht sich um einen Zuschlag, wenn Sie ein Kind bis zu dessen drittem Lebensjahr erziehen. Der Zuschlag wird ab dem dritten Kalendermonat nach dem Tod Ihres Ehegatten gezahlt. Für Witwenrenten nach altem Recht gibt es keinen Zu- schlag, die Rente beträgt 60 Prozent der vollen Erwerbs- minderungsrente. Ist Ihr Ehegatte vor dem 63. Lebensjahr verstorben, wird Ihre Hinterbliebenenrente um einen Abschlag gekürzt. Dieser beträgt maximal 10,8 Prozent. In den ersten drei Monaten nach dem Sterbemonat (»Ster- bcvierteljahr«) wird - mit Ausnahme der Geschiedenen- witwenrente - die Rente in voller Höhe der Versicherten- rente ausgezahlt. c) Antrag auf Witwen-/Witwerrente Die Witwen- und Witwerrente muss bei der Deutschen Rentenversicherung beantragt werden. d) Rentenbeginn Hat Ihr verstorbener Partner bereits eine Rente bezogen, so wird diese Rente auch noch für den Sterbemonat bezahlt, und die Hinterbliebenenrente wird frühestens ab dem auf den Sterbemonat folgenden Monat gezahlt. Ansonsten be- ginnt die Rente mit dem Todestag des Verstorbenen.
Hinterbliebenenleistungen der Rentenversicherung 219 Hinterbliebenenrenten werden nur für bis zu zwölf Kalcn- dermonate rückwirkend gezahlt! Stellen Sie Ihren Antrag also möglichst umgehend. e) Witwen-/Witwerrenten und weiteres Einkommen In den ersten drei Monaten nach dem Sterbemonat (»Ster- bevierteljahr«) findet keine Einkommensanrechnung statt. Danach wird auf die Rente folgendes Einkommen ange- rechnet: • Erwerbs- oder Erwerbsersatzeinkommen, • eigene Einkünfte aus Vermögen, • Betriebsrenten und • private Renten. Außen vor bleiben hingegen • Erträge aus einer steuerlich geförderten zusätzlichen Altersvorsorge, • sonstige Hinterbliebenenrenten und Leistungen der Hinterbliebenenversorgung (beispielsweise Witwen-/ Witwerrenten oder -pensionen), • Arbeitslosengeld II, Sozialgeld, Sozialhilfe, Wohngeld, Blindengeld, • BAföG und Berufsausbildungsbeihilfe, • Grund- und Ausgleichsrenten der Kriegsopferversor- gung und Kriegsoperfürsorge, • von einem Pflegebedürftigen an die Pflegeperson ge- zahlter Verdienst, soweit dieser das gesetzliche Pflege- geld nicht übersteigt, und • Renten nach dem Lastenausgleichsgesetz und dem Bundesentschädigungsgesetz. Von dem so ermittelten Bruttoeinkommen werden je nach Einkommensarten Pauschalwerte z.B. für die Lohnsteuer oder den Arbeitnehmeranteil der Sozialversicherung abge- zogen und so das »Nettoeinkommen« errechnet. Allerdings wird Ihre Rente erst dann gekürzt, wenn Ihr Einkommen 693,53 Euro (609,58 Euro in den neuen Bun- desländern) beträgt. Dieser Freibetrag erhöht sich um I Anzurech- nendes Einkommen Netto- einkommen
220 Leistungen für Hinterbliebene Nicht- verheiratet Anspruchs- voraus- setzungen 147,11 Euro (129,30 Euro in den neuen Bundesländern) für jedes Kind. Diese Beträge werden jedes Jahr zum 01.07. entsprechend der allgemeinen Einkommensentwicklung überprüft. Dieser Freibetrag wird von Ihrem ermittelten Nettoein- kommen abgezogen und das dann verbleibende Nettoein- kommen wird zu 40 Prozent auf die Rente angerechnet. Eine Anrechnung von Vermögenseinkommen, Betriebs- renten und privaten Renten sowie Krankengeld und Ar- beitslosengeld aus privaten Versicherungen findet jedoch dann nicht statt, wenn Sie eine Rente nach dem alten Recht beziehen. f) Abfindung der Witwenrente Voraussetzung für den Bezug der Witwen-ZWitwerrente ist, dass Sie unverheiratet sind. Das bedeutet, dass Sie den Anspruch auf Ihre Hinterbliebenenrente verlieren, wenn Sie wieder heiraten. Sie haben jedoch die Möglichkeit, die Abfindung Ihrer Hinterbliebenenrente zu beantra- gen. Grundsätzlich beträgt die Abfindung das 24-Fache des Betrages, der Ihnen in den letzten zwölf Monaten im Durchschnitt als Rente gezahlt wurde. Beziehen Sie eine kleine Witwenrente nach dem neuen Recht, wird Ihnen als Abfindung nur der noch nicht ver- brauchte Restbetrag bis zum Ende der Restlaufzeit ausge- zahlt. 1.2 Erziehungsrente Ein Sonderfall der Hinterbliebenenrente ist die Erzie- hungsrente. Das ist nämlich keine Rente, die auf den Bei- trägen des Versicherten beruht. Hier bekommen Sie eine Rente auf Grund Ihrer eigenen Beiträge. Sie haben Anspruch auf Erziehungsrente, wenn • Ihre Ehe nach dem 30.06.1977 geschieden, für nich- tig erklärt oder aufgehoben wurde oder Sie vor dem 01.07.1977 geschieden wurden und sich Ihr Unterhalts- anspruch nach dem ehemaligen DDR-Recht richtete
Hinterbliebenenleistungen der Rentenversicherung 221 oder Sie ein Rentensplitting unter Ehegatten durchge- führt haben, • Ihr geschiedener Ehegatte gestorben ist, • Sie nicht wieder geheiratet haben, • Sie selbst die allgemeine Wartezeit erfüllt haben und • ein Kind bis zum 18. Lebensjahr erziehen oder ein be- hindertes Kind betreuen. Die Erziehungsrente ist so hoch, wie auch Ihre Rente we- gen Erwerbsminderung wäre. Allerdings müssen Sie vor Ihrem 63. Geburtstag einen Rentenabschlag von maximal 10,8 Prozent in Kauf nehmen. Beziehen Sie Einkommen, wird nach den gleichen Grundsätzen wie bei der Witwen- und Witwerrente angerechnet. Und: Haben Sie für densel- ben Zeitraum Anspruch auf mehrere Renten, wird nur die höchste Rente gezahlt! 1.3 Waisenrente Als Waise können Sie Anspruch auf eine Waisenrente ha- ben. Rentenhöhe a) Welche Waisenrenten gibt es? Sie haben Anspruch auf Halbwaisenrente, wenn Sie • noch einen Elternteil haben und o der verstorbene Elternteil die allgemeine Wartezeit von fünf Jahren erfüllt hat oder die allgemeine Wartezeit als erfüllt gilt, weil Ihr Elternteil durch einen Arbeits- unfall oder in Folge einer Berufskrankheit verstorben ist. Auch wenn der verstorbene Versicherte Berufsan- fänger war, gilt die Wartezeit unter bestimmten Voraus- setzungen als erfüllt. Anspruch auf Vollwaisenrente haben Sie, wenn • Sie keinen Elternteil mehr haben und • der verstorbene Elternteil die allgemeine Wartezeit von fünf Jahren erfüllt hat. Daneben können Sie eine Waisenrente auch dann bekom- men, wenn Anspruchs- voraus- setzungen
222 Leistungen für Hinterbliebene Maximal bis zum 18. Geburtstag 20 Prozent der Rente des Verstorbenen • Ihr Stief- oder Pflegeelternteii verstorben ist oder • ein Großelternteil oder Geschwisterteil verstorben ist, in dessen Haushalt Sie lebten oder von dem Sie über- wiegend unterhalten wurden. Der Rentenanspruch besteht längstens bis zur Vollendung des 18. Lebensjahres (also bis zum 18. Geburtstag). Er be- steht darüber hinaus bis zur Vollendung des 27. Lebens- jahres, wenn Sie sich • in einer Schul- oder Berufsausbildung befinden oder • ein freiwilliges soziales oder ökologisches Jahr leisten oder • wegen körperlicher, geistiger oder seelischer Behinde- rung nicht in der Lage sind, sich selbst zu unterhalten. Gegebenenfalls wird Ihnen die Rente auch über das voll- endete TI. Lebensjahr hinaus gezahlt, wenn Sie Ihre Be- rufsausbildung wegen des Wehr- oder Zivildienstes, eines freiwilligen sozialen oder ökologischen Jahres noch nicht abschließen konnten oder Sie behindert sind und sich des- halb nicht selbst unterhalten können. b) Höhe der Waisenrente Als Vollwaisenrente erhalten Sie 20 Prozent der auf den Todeszeitpunkt berechneten Rente des Verstorbenen bzw. der Rente, die er bereits bezogen hat. Als Halbwaisenrente sind es 10 Prozent davon. Ist der Versicherte vor Vollen- dung des 63. Lebensjahres verstorben, wird die Rente um einen Abschlag von maximal 10,8 Prozent gemindert. c) Antrag auf Waisenrente Die Waisenrente wird nur auf Antrag gezahlt. d) Rentenbeginn Die Waisenrente beginnt mit dem Todestag des Versicher- ten, wenn der Versicherte selbst noch keine Rente bezogen hat. War der Versicherte bereits Rentner, beginnt sie frühe- stens mit dem auf den Sterbemonat folgenden Monat.
Hinterbliebenenleistungen der Unfallversicherung 223 Auch die Waisenrente wird nicht länger als zwölf Monate rückwirkend gezahlt! Stellen Sie Ihren Antrag also mög- lichst umgehend. e) Waisenrente und weiteres Einkommen Bis zur Vollendung Ihres 18. Lebensjahres können Sie unbegrenzt hinzuverdienen. Danach wir Ihr Einkommen grundsätzlich auf die Waisenrente angerechnet. Es gelten hier die gleichen Grundsätze wie bei der Witwen- und Witwerrente. Der Freibetrag für hinzu verdientes Einkommen beträgt pro Monat 462,35 Euro (406,38 Euro in den neuen Bun- desländern). Der darüber hinausgehende Betrag wird zu 40 Prozent auf Ihre Rente angerechnet. Eine Anrechnung findet jedoch dann nicht statt, wenn Sie vor 2002 geboren sind. 2. Hinterbliebenenleistungen der Unfallversicherung Ist Ihr Angehöriger infolge einer Berufskrankheit oder eines Arbeitsunfalls verstorben, können Sie aus der ge- setzlichen Unfallversicherung einen Anspruch auf Sterbe- geld, Erstattung der Kosten der Überführung an den Ort der Bestattung, Hinterbliebenenrente und Beihilfe haben. Auch Lebenspartner haben einen Anspruch auf Hinterblie- benenleistungen aus der gesetzlichen Unfallversicherung. 2.1 Sterbegeld Als Hinterbliebener, der die Beerdigungskosten trägt, ha- ben Sie Anspruch auf ein pauschales Sterbegeld in Höhe von 2.350 Euro in den allen Bundesländern, 2.100 Euro in den neuen Bundesländern. Freibetrag Lebenspartner
224 Leistungen für Hinterbliebene Kein Antrag erforderlich Kleine Witwenrente 2.2 Überführungskosten Sie haben Anspruch auf Übernahme der Überführungs- kosten, wenn der Tod nicht am Ort der ständigen Fami- lienwohnung des Versicherten eingetreten ist und Sie die Kosten der Überführung tragen. Allerdings setzt dieser Anspruch voraus, dass sich der Verstorbene an diesem anderen Ort aus Gründen aufgehalten hat. die im Zusam- menhang mit der versicherten Tätigkeit oder mit den Fol- gen des Versicherungsfalles stehen. 2.3 Hinterbliebenrenten Auch als hinterbliebener Ehegatten kann Ihnen im Rah- men der Unfallversicherung von der Berufsgenossenschaft eine Witwen- oder Witwerrente, als Kind eine Waisenren- te zustehen. Allerdings dürfen die Renten aller Hinterblie- benen 80 Prozent des Jahresarbeitsverdienstes des Versi- cherten nicht überschreiten. Die Hinterbliebenenrenten werden grundsätzlich von Amts wegen gewährt, sie müssen also nicht beantragt wer- den. Sie werden vom Todestag an geleistet. a) Witwen- oderWitwerrente Die einzelnen Witwen- und Witwerrenten, die die Unfall- versicherung zahlt, sind bis auf die Höhe weitgehend mit denen vergleichbar, die die gesetzliche Rentenversiche- rung erbringt. Die sogenannte kleine Witwen- oder Witwerrente beträgt jährlich 30 Prozent des Jahresarbeitsverdicnstes des Ver- storbenen. Sie wird höchstens zwei Jahre lang gezahlt. Auch hier gilt wie in der gesetzlichen Rentenversicherung: Ist Ihr Ehegatte bereits vor dem 01.01.2002 verstorben oder wurde die Ehe vor diesem Tag geschlossen und sind Sie oder Ihr verstorbener Ehegatte vor dem 02.01.1962 ge- boren, wird die Rente zeitlich unbegrenzt gezahlt. Die so- genannte große Witwen- oder Witwerrente wird in Höhe von 40 Prozent des Jahresarbeitsverdienstes des Verstor- benen gezahlt.
Hinterbliebenenleistungen der Unfallversicherung 225 Als große Witwen- oder Witwerrente erhalten Sie 40 Pro- zent des Jahresarbeitsverdienstes des Verstorbenen. Sie haben Anspruch auf eine große Witwen- oder Witwerren- te, wenn Sie • das 45. Lebensjahr vollendet haben oder • erwerbsgemindert im Sinne der Rentenversicherung sind oder • ein waisenrentenberechtigtes Kind erziehen oder • für ein Kind sorgen, das wegen körperlicher, geistiger oder seelischer Behinderung Anspruch auf Waisenren- te hat. Während der ersten drei Monate nach dem Tod des Ver- sicherten besteht ein Anspruch in Höhe von zwei Dritteln des Jahresarbeitsverdienstes. In dieser Zeit wird eigenes Einkommen auf das des Hinterbliebenen auch nicht ange- rechnet (»Sterbevierteljahr«). Auch als früherer Ehegatte haben Sie Anspruch auf eine Rente, wenn der verstorbene Ex-Partner Ihnen gegenü- ber zur Zeit des Todes unterhaltspflichtig war oder wäh rend des letzten Jahres vor dem Tod Unterhalt geleistet hat (»Witwen- und Witwerrente an früheren Ehegatten«). Diese Rente muss beantragt werden und wird ab Beginn des auf die Antragstellung folgenden Monats gezahlt. Auch bei einer Rente aus der Unfallversicherung wird ei- genes Einkommen auf die Rente teilweise angerechnet. Es gelten dabei die gleichen Regeln wie bei den Hinterbliebe- nenrenten aus der Rentenversicherung. b) Waisenrenten Als Kind eines verstorbenen Versicherten haben Sic unter den gleichen Voraussetzungen wie in der Rentenversiche- rung Anspruch auf Waisenrente. Die Halbwaisenrente be- trägt 20 Prozent und die Vollwaisenrente 30 Prozent des Jahresarbeitsverdienstes des Verstorbenen. Auch hier wird entsprechend der Regeln der gesetzlichen Rentenversicherung eigenes Einkommen angerechnet. Große Witwenrente Rente aus der Unfall- versicherung
226 Leistungen für Hinterbliebene Einmalige Beihilfe Laufende Beihilfe c) Elternrente Sind Sie Eltern oder Großeltern eines verstorbenen Ver- sicherten, der Sie wesentlich aus seinem Arbeitsverdienst unterhalten oder Sie wesentlich unterhalten hätte, wäre er nicht gestorben, und hätten Sie einen Unterhaltsanspruch wegen Unterhaltsbedürftigkeit gehabt, haben Sie Anspruch auf Elternrente in Höhe von 20 Prozent des Jahresarbeits- verdienstes. Ein Elternpaar hat Anspruch auf 30 Prozent des Jahresarbeitsverdienstes. d) Witwen-, Witwer- und Waisenbeihilfe Aber auch wenn der Tod Ihres Partners oder Elternteils nicht Folge eines Versicherungsfalles war. können Sie ei- nen Anspruch auf eine einmalige Beihilfe in Höhe von 40 Prozent des Jahresarbeitsverdienstes haben, wenn der Ver- storbene zur Zeit seines Todes Anspruch auf eine Rente nach einer Minderung der Erwerbsfähigkeit von 50 Pro- zent oder mehr hatte. Als Waise haben Sie diesen Anspruch, wenn Sie Vollwaise sind und wenn Sie zur Zeit des Todes des Versicherten mit diesem in häuslicher Gemeinschaft gelebt haben und von ihm überwiegend unterhalten worden sind. Sind mehrere Waisen vorhanden, wird die Waisenbeihilfe gleichmäßig unter ihnen verteilt. Anstelle einer einmaligen Beihilfe können Sie auch eine laufende Beihilfe bis zur Höhe einer Hinterbliebenenrente bekommen, wenn der verstorbene Versicherte zwar nicht an den Folgen des Arbeitsunfalls oder der Berufskrankheit gestorben ist, er aber länger als zehn Jahre eine Rente nach einer Minderung der Erwerbsfähigkeit von 80 Prozent oder mehr bezogen hat und wegen seiner Erwerbsminde- rung Ihre Versorgung aus der gesetzlichen Rentenversi- cherung bzw. aus der Beamtenversorgung, der Altershil- fe für Landwirte, berufsständischen Versorgungswerken bzw. der betrieblichen Altersversorgung um mindestens 10 Prozent gemindert ist, weil der verstorbene Versicherte keine entsprechende Erwerbstätigkeit ausüben konnte.
Lastenausgleich 227 3. Hinterbliebenenleistungen aus der Altersicherung für Landwirte War Ihr Ehegatte Landwirt, können Sie eine Witwen-/ Witwerrente erhalten, wenn • Sie nicht wieder geheiratet haben, • Sie nicht selbst Landwirt sind, • Ihr verstorbener Ehegatte die Wartezeit von fünf Jahren erfüllt hat und • Sie ein eigenes Kind oder ein Kind Ihres verstorbenen Ehegatten unter 18 Jahren erziehen oder Sie im Sinne der gesetzlichen Rentenversicherung erwerbsgemindert sind. 4. Kriegsopferversorgung Wenn Ihr verstorbener Ehegatte durch ein militärisches oder militärähnliches Verhältnis oder durch sonstige im Zusammenhang mit einem der beiden Weltkriege stehen- de Umständen einen Gesundheitsschaden erlitten hat (also sog. Beschädigter ist), können Sie beim Vorliegen weiterer Voraussetzungen auch Anspruch auf Versorgungsleistun- gen wie beispielsweise Grundrente, Ausgleichsrente oder Schadensausgleich haben (siehe auch Seite 170). 5. Lastenausgleich Hat Ihr verstorbener Ehegatte als Vertriebener (Aussiedler) eine Kriegsschadensrente bezogen, haben Sic Anspruch auf Unterhaltshilfe, wenn die Ehe mindestens ein Jahr oder bereits in dem Zeitpunkt bestanden hat, von dem ab Unterhaltshilfe (Beihilfe zum Lebensunterhalt) zuerkannt worden ist. Allerdings müssen Sie zum Todeszeitpunkt als Witwe das 45. Lebensjahr und als Witwer das 65. Lebens- jahr bereits vollendet haben oder erwerbsunfähig sein. Als Witwe erhalten Sie die Leistung aber weiter, wenn Sie mindestens ein Kind versorgen. Um Unterhaltsbeihilfe zu bekommen, dürfen Sie die entsprechenden Einkommens- höchstbeträge nicht überschreiten. Anspruchs Voraus- setzungen Unterhalts- hilfe
228 Kapitel 14 Leistungen bei Arbeitsunfällen Ansprüche Doch was ist, wenn Sie bei der Arbeit verletzt werden oder auf dem Weg zur Arbeit oder zu Hause einen Un- fall haben? In diesem Fall haben Sie Ansprüche aus der gesetzlichen Unfallversicherung gegen die Berufsgenos- senschaft. Diese Ansprüche sind sehr weitreichend: Sie umfassen z.B. Krankenbehandlungen. Heil- und Hilfsmit- tel, Maßnahmen zur Rehabilitation und Renten (die Ein- zelheiten sind jeweils dort dargestellt). Ansprüche gegen die gesetzliche Unfallversicherung ha- ben Sie nur dann, wenn Sie einen sog. Arbeitsunfall erlit- ten haben oder an einer Berufskrankheit leiden. 1. Arbeitsunfall Wegeunfall Ein Unfall ist ein zeitlich begrenztes, von außen auf den Körper einwirkendes Ereignis, das zum Gesundheits- schaden oder zum Tod führt und sich innerhalb einer Ar- beitsschicht zugetragen hat. Ihr Unfall ist dann ein sog. Arbeitsunfall, wenn er infolge einer versicherten Tätigkeit eingetreten ist. Zu den Arbeitsunfällen gehören auch Unfälle im Zusam- menhang mit Arbeitsgeräten oder Schutzausrüstungen. Außerdem ist auch der Weg zur Arbeit und nach Hause als sog. Wegeunfall versichert. Der Versicherungsschutz besteht aber grundsätzlich nur für den direkten Weg. Ein Umweg schließt den Versicherungsschutz nur dann aus- nahmsweise nicht aus, wenn Sie Ihr Kind beispielsweise zur Tagesmutter bringen oder wenn Sie eine Fahrgemein- schaft mit Kollegen haben.
Meldung durch den Arbeitgeber 229 2. Berufskrankheit Ihre Krankheit ist dann eine Berufskrankheit, wenn sie in einer Rechtsverordnung als Berufskrankheit genannt ist und Sie diese infolge einer versicherten Tätigkeit er- litten haben. Grundsätzlich wird eine Krankheit dann als Berufskrankheit in eine Rechtsverordnung aufgenommen, wenn die Krankheit durch besondere Einwirkungen ver- ursacht ist, denen bestimmte Personengruppen durch ihre Tätigkeiten in bestimmten Gefährdungsbereichen in er- heblich höherem Grade als die übrige Bevölkerung aus- gesetzt sind. Anspruch auf Leistungen der gesetzlichen Unfallversiche- rung haben Sie jedoch bei einer Berufskrankheit nur dann, wenn Sie sich die Krankheit durch Ihre berufliche Tätig- keit zugezogen haben. Dabei muss mehr für als gegen den Zusammenhang sprechen: Die bloße Möglichkeit, dass Sie die Krankheit wegen Ihrer beruflichen Tätigkeit bekom- men haben, reicht nicht aus. Alle anerkannten Berufskrankheiten sind in der sogenann- ten Berufskrankheiten-Verordnung - BKV - aufgelistet. Diese Verordnung finden Sie u.a. über die Homepage des Hauptverbandes der gewerblichen Berufsgenossenschaft www.hvbg.de und dort unter der Rubrik »Versicherungs- schutz«). 3. Meldung durch den Arbeitgeber Die Leistungen der Unfallversicherung gehören zu den wenigen Leistungen im Sozialrecht, für die Sie keinen An- trag stellen müssen. Ihr Arbeitgeber ist verpflichtet, den Unfall bei der zuständigen Berufsgenossenschaft zu mel- den, wenn ein Versicherter getötet oder so verletzt wurde, dass er dadurch mehr als drei Tage arbeitsunfähig wurde. Berufliche Tätigkeit Berufskrank- heiten- verordnung
230 Kapitel 15 Was tun, wenn Leistungen verwei- gert werden? Wie wehre ich mich gegen vermeintliches Unrecht der Behörde? Die Bundesrepublik ist ein Rechtsstaat. Deshalb braucht kein Bürger Entscheidungen staatlicher Behörden, wie z.B. der Arbeitsagentur, der ARGE, der Krankenkasse, der Rentenversicherung, der Berufgenossenschaft, des Versor- gungsamtes usw. hinzunehmen, wenn er sich hierdurch ungerecht behandelt fühlt. Das Gesetz schreibt allerdings bestimmte Regeln vor, die Sie einhalten müssen, wenn Sie sich gegen behördliche Entscheidungen (der Fachmann spricht hier von »Beschei- den« bzw. »Verwaltungsakten«) wehren und »Rechts- schutz« (vor allem durch Klage und Widerspruch) begeh- ren wollen. 1. Widerspruch Das Sozialgerichtsgesetz schreibt ausdrücklich vor, dass Entscheidungen der Sozialbehörden zunächst in einem so- genannten »Vorverfahren« zu überprüfen sind. LTm diese Überprüfung zu erreichen, müssen Sie »Widerspruch« erheben. Wie in (fast) allen Sozialrechtsangelegenheiten ist dafür keine besondere Form vorgeschrieben. Fehler können Sie also eigentlich gar nicht machen. Den Wider- Schriftform spruch müssen Sie lediglich schriftlich (d.h. durch einen Brief, ein Telegramm, Telex oder Telefax) erheben. Sie können aber auch persönlich bei der Behörde bzw. dem Sozialleistungsträger vorsprechen und Ihren Widerspruch dort niederschreiben lassen, d.h. zu Protokoll geben.
Widerspruch 231 Der Widerspruch muss binnen eines Monats bei der Stelle eingehen, die die Entscheidung erlassen hat, d.h. bei der Sozialbehörde. Es ist ganz wichtig, diese Frist einzuhal- ten! Ist ein Bescheid oder Verwaltungsakt am 28.02. bei Ihnen als Antragsteller bzw. Betroffenem eingegangen, muss Ihr Widerspruch, wenn die Frist von einem Monat gewahrt sein soll, spätestens am 28.03. um 24.00 Uhr schriftlich bei der Behörde eingehen, wenn Sie nicht selbst spätestens am 28.03. innerhalb der Dienststunden Ihren Widerspruch bei der Behörde zur Niederschrift erklären. Ist der 28.03. ein Samstag, Sonntag oder Feiertag, reicht es aus, wenn das Widerspruchsschreiben am darauffolgenden Werktag bei der Arbeitsagentur eingeht. Die Monatsfrist wahren Sie auch dann, wenn Ihr Wi- derspruchsschreiben nicht bei der zuständigen Behörde, sondern bei irgendeiner anderen Behörde (z.B. Gemein- deverwaltung, Finanzamt, Landesversicherungsanstalt, Versorgungsamt, Landgericht usw.) oder (im Ausland) der Deutschen Botschaft oder einem deutschen Konsulat pünktlich eingeht. Diese Behörden werden Ihr Wider- spruchsschreiben unverzüglich der zuständigen Behörde zuleiten. Die Monatsfrist beginnt mit dem Tag, an dem Ihnen als Betroffenem die Entscheidung in ordentlicher Form (d.h. im Allgemeinen schriftlich) bekannt gegeben worden ist, und endet nach einem Monat. Es genügt nicht, wenn Sie das Widerspruchsschreiben erst am letzten Tag der Monatsfrist der Behörde durch die Post zusenden. Ihr Schreiben kann dann bei der Behörde erst nach Ablauf der Monatsfrist und damit verspätet einge- hen. Über verspätet eingegangene Widersprüche darf die Behörde nicht entscheiden, sondern muss diese als »unzu- lässig« zurück weisen. Wie die »richtige« Behörde und unter welcher Adresse sie zu erreichen ist, können Sic im Normalfall der sogenannten »Rechtsmittelbelehrung« entnehmen, die im Allgemeinen Beginn der Monatsfrist »Rechtsmit- telbelehrung«
232 ' Was tun, wenn Leistungen verweigert werden? Wiedereinset- zung in den vorigen Stand Wider- spruchs- schreiben am Ende jedes Bescheides (d.h. der Entscheidung) steht. Aus ihr muss sich eindeutig ergeben, bei welcher Behörde (genaue Anschrift) der Widerspruch zu erheben ist. Fehlt die Rechtsmittelbelehrung oder ist sie unrichtig, dann können Sie Ihren Widerspruch noch ein Jahr nach Bekanntgabe der Entscheidung einlegen. Ist Ihr Widerspruch verspätet bei der Behörde eingegan- gen, dann können Sie als Absender des Widerspruchs- schreibens unter Umständen einen »Antrag auf Wiederein- setzung in den vorigen Stand« stellen. Ein solcher Antrag wird aber nur Erfolg haben (und der Widerspruch als nicht verspätet angesehen werden), wenn der Widerspruch auf keinen Fall rechtzeitig hätte eingehen können, d.h. Sie als Absender an der Verspätung keine Schuld haben. Dies ist z.B. der Fall bei höherer Gewalt, starkem Unwetter, poli- tischen Unruhen, Poststreik usw. In Sozialrechtsangelcgenheiten können Sie als Betrof- fener Ihren Antrag jederzeit neu überprüfen lassen (§ 44 SGB X). Nach der Überprüfung durch die Behörde er- halten Sie eine neue Entscheidung, die Sie wiederum mit einem Widerspruch anfechten können, so dass eine et- waige Verspätung eines (früher) erhobenen Widerspruchs keine Bedeutung mehr hat. Möglicherweise können aber hierdurch Zeiten, für die Sie sonst Leistungen erhalten hätten, nicht berücksichtigt werden. Deshalb sollte für Sie der Antrag auf eine erneute Überprüfung nur das letzte Mittel sein, die Folgen eines verspäteten Widerspruchs zu beheben. An das Widerspruchsschreiben stellt das Gesetz keine be- sonderen Anforderungen. Es braucht z.B. keine ausführ- liche Begründung enthalten, obwohl Ihnen als Betroffenem zu raten ist, mit Ihren eigenen Worten kurz darzulegen, warum Sie mit der Entscheidung nicht einverstanden sind. Erst dadurch wird die Behörde in die Lage versetzt, die angefochtene Entscheidung zu überprüfen. Ein Widerspruchsschreiben z.B. an die Arbeitsagentur könnte folgendermaßen lauten:
Widerspruch 233 Karl Schmidt <Datum> Zweigertstraße 54 45130 Essen An die Agentur für Arbeit Essen Berliner Platz 10 45127 Essen Betr.: Bescheid vom 20.02. (Kundennr.: ...; Geburtsdatum: ...; Stamm-Nr.: ...) Gegen den o.g. Bescheid erhebe ich Widerspruch. Ich habe mit dem anliegenden Schreiben eine beruf- liche Weiterbildung beantragt. Dies haben Sie mit dem ebenfalls anliegenden Bescheid vom 20.02.2007 abgelehnt. Im Gegensatz zu Ihnen halte ich Ihre Be- gründung, durch die Weiterbildung würde ich keinen Arbeitsplatz erhalten, für falsch. Ich bitte, Ihre Entscheidung zu überprüfen. <Unterschrift> Bevor Sie das Widerspruchsschreiben an die Arbeits- agentur entwerfen, können Sie auch in die Akten der Ar- beitsagentur, die über Sie geführt werden, einsehen. Dies müssen Sie natürlich bei der Arbeitsagentur beantragen. Danach wird Ihnen mitgeteilt, wann und wo Sie die Akten einsehen können. Sie können allerdings nicht verlangen, dass Ihnen die Akten nach Hause geschickt werden. Die Arbeitsagentur wird ihre Entscheidung anhand Ihrer Begründung aus dem Widerspruchsschreiben überprüfen und entweder dem Widerspruch abhelfen, d.h. Ihrem An- trag entsprechen, oder einen Widerspruchsbescheid erlas- sen, in dem Ihr Widerspruch zurückgewiesen wird. Wenn Sie sich nicht selbst vertreten wollen, können Sie sich an einen Rechtsanwalt oder an den Rechtssekretär einer Gewerkschaft bzw. den Vertreter eines Verbandes (VdK, Sozialverband usw.), in der bzw. in dem Sie Mitglied sind, wenden, um sich von ihm beraten und gegebenenfalls auch Tipp Recht auf Akteneinsicht Fachkundiger Rat
234 Was tun, wenn Leistungen verweigert werden? vertreten zu lassen. Die Kosten eines Anwalts (man sollte mit etwa 400 - Euro rechnen) müssen Sie allerdings selbst tragen. Die Behörde übernimmt diese Kosten nur, wenn der Widerspruch erfolgreich war, d.h. die Entscheidung fallen gelassen wird. Außerdem darf die Angelegenheit nicht so einfach sein, dass die Hinzuziehung des Rechts- anwaltes überflüssig war. 2. Klageverfahren Sind Sie mit dem Widerspruchsbescheid nicht einverstan- den, können Sie hiergegen innerhalb eines Monats nach seiner Bekanntgabe Klage beim Sozialgericht erheben. Grundsätzlich gilt das zur Erhebung des Widerspruchs Gesagte auch für die Erhebung der Klage. Sie müssen vor allem darauf achten, dass Sie die Monats- frist zur Erhebung der Klage nicht versäumen. Auch hier gilt: Die Klage muss beim Sozialgericht spätestens am letzten Tag der Klagefrist (ein Monat) eingegangen sein. Beispiel Hat Karl Schmidt den Widerspruchsbescheid am 07.06. erhalten, muss die Klage spätestens am 07.07. beim So- zialgericht eingehen. Ist dieser Tag ein Samstag, Sonntag oder Feiertag, muss die Klage am nächsten Werktag ein- gehen. Die Monatsfrist ist auch gewahrt, wenn die Klage inner- halb der Frist bei einer innerdeutschen Behörde, einem Versicherungsträger oder (im Ausland) der Deutschen Botschaft bzw. einem deutschen Konsulat eingeht. Sozialgericht Die Klage müssen Sie schriftlich bei dem Sozialgericht erheben, in dessen Bereich Sie wohnen oder arbeiten. Sie können auch zum Sozialgericht gehen und die Klage dort schriftlich aufnehmen lassen. Der Widerspruchsbescheid ist im Allgemeinen begründet und enthält eine Rechts- mittelbelehrung, aus der Sie u.a. die Anschrift des zustän- digen Sozialgerichts ersehen können.
Klageverfahren 235 Die Klage sollte folgende Bestandteile enthalten (enthält sic diese Bestandteile nicht, passiert aber auch nichts Nachteiliges): • Sie sollten mitteilen, worum es Ihnen geht, d.h. bei- spielsweise im oben dargestellten Beispiel, dass sich die Klage gegen die Arbeitsagentur richtet und Sic eine Weiterbildung erhalten möchten. • Sie sollten das Datum der angefochtenen Entschei- dungen (1. Entscheidung und Widerspruchsbescheid) mitteilen. • und die zur Begründung Ihrer Klage dienenden Tatsa- chen oder Beweismittel angeben. • Ggf. sollten Sie mitteilen, von wem Sie vertreten wer- den. • Letztlich sollten Sie die Klage mit Orts- und Tagesan- gabe unterzeichnen. Das Verfahren vor dem Sozialgericht ist (bisher) für die Bürgerinnen und Bürger als Versicherte oder Versor- gungsempfänger bzw. Schwerbehinderte kostenfrei! Ge- richtskosten entstehen nicht. Das gilt auch, wenn Zeugen vernommen werden oder ein ärztliches Gutachten ein- geholt wird. Nur wenn das Gericht die Auffassung ver- tritt, ein Kläger habe die Klage mutwillig erhoben, d.h. er wisse, dass er mit seiner Klage keinen Erfolg haben werde, können ihm ausnahmsweise Kosten auferlegt werden. Sie können sich auch im Verfahren vor dem Sozialgericht von einem Rechtsanwalt, Verbandsvertreter oder Rechts- sekretär einer Gewerkschaft vertreten lassen, wenn Sie das Verfahren (was aber ohne Weiteres möglich ist) nicht selbst betreiben wollen. Die Kosten für einen Rechtsanwalt (in dem Verfahren vor dem Sozialgericht sollte man mit etwa 380- bis 530,- Euro rechnen) tragen Sie allerdings selbst, wenn Sie den Prozess verlieren. Ist die Klage erfolgreich, trägt die Sozi- albehörde die Anwaltskosten. Wegen der Anwaltskosten können Sie beim Sozialgericht - am besten sofort mit Übersendung Ihrer Klage - ei- Bestandteile der Klage Kostenfrei Prozess- kostenhilfe
236 Was tun, wenn Leistungen verweigert werden? Staatskasse trägt Rechts- anwalts- kosten Erörterungs- termin nen Antrag auf Prozesskostenhilfe stellen. Dann trägt die Staatskasse die Kosten des Rechtsanwalts. Voraussetzung ist allerdings, dass das Sozialgericht die Klage für erfolg ver- sprechend hält und Sie bedürftig sind. Grundsätzlich haben Sie aber Ihr Einkommen und Vermögen einzusetzen. Dabei werden vom Einkommen abgezogen: Steuern. Sozialbei- träge, notwendige Versicherungsbeiträge, Werbungskosten. Kosten für Unterkunft und Heizung sowie ein Erwerbstä- tigen freibetrag - sofern Sie tatsächlich arbeiten - von 173 Euro. Verbleibt dann noch ein Einkommen, sind die vom Staat bevorschussten Kosten in monatlichen Raten zurück- zuzahlen (bei einem Einsatzbetrag von monatlich 100 Euro sind 30 Euro, bei 500 Euro 150 Euro, bei 800 Euro 270 Euro und bei 1.000 Euro sind monatlich 350 Euro aufzubringen). Wollen Sie das Verfahren selbst betreiben, könnten Sie z.B. folgende Klageschrift an das Sozialgericht senden: Das Sozialgericht wird nach Eingang der Klage alles Not- wendige veranlassen, weitere Ermittlungen anstellen, die Akten der Arbeitsagentur beiziehen und letztlich einen Termin zur Erörterung der Sache oder zur Verhandlung anberaumen. Hierzu werden Sie gesondert geladen. In diesem Termin wird Ihre Streitsache ausführlich disku- tiert und am Ende ggf. ein Urteil verkündet, gegen das Sie wiederum, wenn Sie das Verfahren verlieren sollten, Berufung beim Landessozialgericht einlegen können (in Bagatellangelegenheiten ist die Berufung allerdings ausgeschlossen). 3. Einstweiliger Rechtsschutz In Fällen, in denen die Entscheidung für Sie als Kläger von großer Bedeutung ist. Ihnen, sofern Sie die behördliche Entscheidung nicht schnell erhalten, erhebliche Nachteile drohen und die von Ihnen angefochtene Entscheidung der Behörde wahrscheinlich nicht richtig ist, sollten Sie einen Antrag auf Einstweiligen Rechtsschutz stellen. Auf einen solchen Antrag hin wird das Sozialgericht eine vorläufige Entscheidung treffen.
237 Stichwortverzeichnis A Abfindung 78 f. Altersrente - nach Arbeitslosig- keit 211 f. - wegen Arbeitslo- sigkeit 211 f. - für Frauen 212 f. - für Schwerbehin- derte Menschen 210 Alterssicherung für Landwirte 227 A Iters Vorsorgebeträge 90 Amt für Ausbildungs- förderung 43 Anhaltspunkte 139 Antragsformulare für Kindergeld 30 Anwartschaftszeit, Erfüllung der 73 f. Arbeitsaufnahme 86 f. Arbeitslosengeld bei - Arbeitslosigkeit 68 ff. - Weiterbildung 65 Arbeitslosengeld II 84 ff. Arbeitslosengeldantrag 74 Arbeitslosigkeit, - bevorstehende 109 - drohende 109 Arbeitsunfall 228 Arbeitszeiten, übliche 69 f. Aufstiegsförderung, Höhe der 58 Aufstiegsförderungs- antrag 60 Ausbildung - im Ausland 41,46 - förderfähige 40 ff. BAföG 38 ff. - Antrag 43 f. - elternunabhän- giges 47 - Pauschalbeträge 45 - Rückzahlung 52 Bedarfsgemeinschaft 92 ff. Behandlungsmethoden, neue 123 f. Behinderte Arbeitslose 66 ff. Behindertenpausch- betrag 146 Behinderung - Definition 135 - Grad der (GdB) 138 ff. Berufsausbildungs- beihilfe (BAB) 53 ff., 64 f. Berufskrankheit 229 Berufskrankheiten- verordnung 229 Berufsvorbereitende Maßnahmen 54 Beschädigtenrente 166 ff. E Eingliederungslei- stungen für 15- bis 25-Jährige 108 Eingliederungsvercin- barung 69 Einstiegsgeld 102 f. Einzel-Grad der Behinderung 143 ff. Elterngeld 34 Elterngeldantrag 34 Entschädigung 78 f. Erstausstattung - für Bekleidung 23 - für Wohnung 23 Erwerbsfähigkeit, Minderung der (MdE) 187 f. Er werbsm i nder u ng 171 ff. Erwerbsminderungs- rente 171 ff. - Antrag auf 176 Erziehungsrente 220 F Förderungsfähige Ausbildung (BAB) 53 f. Förderungshöchst- dauer, Überschreiten der 43 Freibeträge, abzugs- fähige 17
238 Stichwortverzeichnis G Geburt 20 ff. Gesamt-Grad der Behinderung 143 ff. Grad der Behinderung (GdB) 138 - Feststellung des 142 f. - einzelner Krank- heiten 140 Grad der Schädigungs- folge 166 f. Grundhilfebedarf 198 Grundsicherung 200 - im Alter 214 - bei Erwerbsmin- derung 190 Gründungszuschuss für Selbständige 64 Häftlingshilfegesetz 161 Haushaltseinkommen, anrechenbares 17 Haushaltshilfe 125 Hinterbliebene, Leistungen für 215 ff. H i nterbl iebenen rentcn 170,215,224 Hinzuverdienst, an- rechnungsfreier 50 Hinzuverdienstgrenzen 213 Impfschäden, Leistungen bei 165 Infektionsschutzgesetz 165 Insolvenzgeld 81 f. K Kapitalabfindung 170 Kinder im Sinne des Gesetzes 27 Kindergeld 24 ff. Kindergeldantrag 30 Klage verfahren 234 ff. Krankenbehandlung 121 ff., 132 Krankengeld 125 ff. Kriegsopferversorgung 227 Kur 179 Kurzarbeitergeld 112 ff. L Lebensunterhalt, Mehrbedarfe beim 98 f. Leistungen - medizinische zur Rehabilitation 178 ff. - für Eltern 24 ff. - bei Impfschäden 165 - nach Kriegsein- wirkungen 160 ff. - als Opfer einer Gewalttat 162 ff. - bei Schwanger- schaft und Geburt 20 ff. M Mehraufwands- entschädigung (1-Euro-Jobs) 103 f. Mehrbedarf, schwan- gerschaftsbedingter 23 Mehrbedarfe beim Lebensunterhalt 98 f. Meister-BAföG 56 ff. Merkzeichen 150 ff. Mietspiegel 96 Mietstufen 18 Mietzuschuss 15 Minderung der Erwerbsfähigkeit (MdE) 158 f. Mobilitätshilfen 63 Monatsfrist 231 Mutterschaftsgeld 21 f. N Nachteilsausgleich 138, 146 ff. Nettoentgeltdifferenz 113 o Obhutsprinzip 26 Opferentschädigungs- gesetz 161
Stichwortverzeichnis 239 Pflegebedürftigkeit 194 ff. - der Stufe I 202 - der Stufe II 202 - der Stufe III 202 Pflegeheim 197 f. Pflegehilfen, selbst beschaffte 195 Pflegestufe 198 ff. Private Pflegeversiche- rung 205 Prozesskostenhilfe 235 R Rechtsmittelbelehrung 231 f. Rechtsschutz, einstweiliger 236 Regelaltersrente 208 Regelbeträge, festgelegte 36 Rehabilitations- leistungen 157 ff., 178 ff. Rente 207 ff. s Saison-Kurzarbeiter- geld 117 f. Schuldenübernahme 97 f. Schwangerschaft 20 ff. Schwerbehinderten- ausweis 151 ff. Schwerbeh i nderung 145 ff. Sozialgeld 101 f. Soziotherapie 124 f. Sperrzeit 79 Sterbegeld 223 Stufenschema der Berufe 175 T Teilarbeitslosengeld 79 ff. Teilstationäre Pflege 197 Transfer-Kurzarbeiter- geld 114 ff. u Überführungskosten 224 Übergangsgeld 67, 185 f. Übergangsleistungen 82 ff. Umbaumaßnahmen 203 Unterbringung, auswärtige 40 Unterhaltsvorschuss 35 ff. - Antrag 37 V Verletzten rente 187 Vermittlungsgutschein 82,119 Versicherungspflicht- verhältnis 67 Versorgungsleistungen 166 ff. Vollstationäre Pflege 197 f. W Waisenrente 221 ff. Wegeunfall 228 Widerspruch 230 ff. Widerspruchsschreiben 232 f. Wiedereingliederung, berufliche 65 Witwen- und Witwer- renten 215 ff. Witwenrente - große 216 - kleine 216 Wohngeld 15 ff. Wohngeldantrag 19 Wohngeldberechtigte 15 f. Wohngeldstelle 19 Wohngeldtabelle 18 Wohnraumfläche, angemessene 95 z Zuschuss-Wintergeld 119
240 Impressum Herausgeber Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen e. V. Mintropstraße 27, 40215 Düsseldorf Telefon 0 180 5/00 14 33 (0,14 €/Min. aus dem deutschen Festnetz, Mobilfunkpreise können abweichen) Telefax 02 11/38 09-2 35 Internet: www.vz-nrw.de E-Mail: publikationen@vz-nrw.de Verbraucherzentrale Niedersachsen e. V. Herrenstraße 14, 30159 Hannover Telefon 05 11/9 11 96-0, Telefax 05 11/9 11 96-10 www.vzniedersachsen.de Text: Dr. Jürgen Brand, Dr. Claudia Künkele Herausgeber: Dr. Wolfgang Friedrich Lektorat: Wolfgang Starke Redaktion: Brigitte Bürger, Köln Produktion: bretzinger: medien.Service, Karlsruhe Umschlaggestaltung: Design Ute Lübbeke, Köln Umschlagfoto: gettyimages® Druck/Bindung: Koelblin-Fortuna-Druck GmbH & Co. KG, Baden-Baden

Anna Planken (WDR), Karl-Dieter Möller (SWR), ARD-Ratgeber Recht verbraucherzentrale Für unterschiedliche Lebenssituationen hält der Staat öffentliche Mittel bereit. Dieser Ratgeber stellt die wichtigsten Informatio- nen systematisch und gut verständlich dar. Beginnend mit Schwangerschaft, Geburt, Elternschaft über die Schul- und Studienzeit und das Berufsleben bis hin zu Krankheit, Verlust des Arbeitsplatzes und Erreichen der Altersgrenze. Mit vielen Beispielen aus dem Alltag. So können Sie Ihre Ansprüche durch- setzen.