/
Похожие
Текст
DR . JUR . RALF HOCKER
D
Angst vorm
Blaul icht und andere juristische
Fehle INSC hatzungen
le
LEXIKON DER
KURIOSEN
RECHT
es
SF NIE
SEXTRAMING, W
ABSURHIER
NT:
5 ANDERE,
TER
|
a
|
SAENGER
:
|
N
|
Ratt Wocker | Carsten Brenneck
Se
N > wa),
UND
JECHPRELLEREN, BEAMTENBELEIDIGUNG
ANDERE JURISTISCHE VOLKSNN THEN
|
\
RER
LEXIKON DER
RECHTSIRRTÜMER
|
RR
Dr. jur. Ralf Hocker
SY ulo}syin
Das Buch
Die überwältigende Resonanz, die Ralf Hocker mit seinen ersten beiden Lexika der Rechtsirrtümer hervorrief, beweist, dass der
juristische Aufklärungsbedarf in der Öffentlichkeit nach wie vor
hoch ist. Denn immer noch gibt es rechtliche Mythen, die in
den Köpfen vieler Menschen ihr Unwesen treiben: Muss man
als Gast in einem Restaurant für die Toilettenbenutzung zahlen?
Darf man grundsätzlich keine eigenen Getränke auf Konzerte
mitbringen? Haben Fahrzeuge mit Blaulicht immer Vorfahrt?
Schützt eine hinterlassene Handynummer das falschgeparkte
Auto wirklich nicht vorm Abschleppdienst? Darf man Tischreservierungen in Restaurants unentschuldigt verstreichen lassen?
In bewährt fundierter und unterhaltsamer Manier beantwortet
Ralf Höcker diese und andere juristische Fragen des Alltags.
Der Autor
Ralf Höcker, Jahrgang 1971, LL.M. (London) und Dr. jur.,
arbeitete in internationalen Großkanzleien und betreibt heute
eine eigene Anwaltskanzlei in Köln. Er berät Unternehmen und
Künstler in Fragen des Marken- und Medienrechts. Sein Lexi-
kon der Rechtsirrtümer wie auch das Neue Lexikon der Rechtsirrtümer und das Lexikon der kuriosen Rechtsfälle wurden über-
ragende Bestseller. Weitere Informationen: www.ralfhoecker.de.
In unserem Hause sind von Ralf Höcker bereits erschienen:
Lexikon der Rechtsirrtümer
Neues Lexikon der Rechtsirrtiimer
Lexikon der kurtosen Rechtsfälle
Dr. jur. Ralf Hocker
DAS DRITTE LEXIKON
Ä
DER
RECHTSIRRTUMER
Die Angst vorm Blaulicht
und andere juristische Fehleinschätzungen
Ullstein
Besuchen Sie uns im Internet:
www.ullstein-taschenbuch.de
Umwelthinweis:
Dieses Buch wurde auf chlor- und säurefreiem Papier gedruckt.
Originalausgabe im Ullstein Taschenbuch
1. Auflage März 2008
© Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2008
Die Angaben und Ratschläge in diesem Buch sind von Autor und Verlag
sorgfältig erwogen und geprüft; dennoch kann eine Garantie nicht übernommen werden. Eine Haftung des Autors bzw. des Verlags und seiner
Beauftragten für Personen-, Sach- und Vermögensschäden ist ausgeschlossen.
Umschlaggestaltung: HildenDesign, München
Titelabbildung: Anne-Marie von Sarosdy, Düsseldorf
Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach
Gesetzt aus der Adobe Caslon
Druck und Bindearbeiten: Ebner & Spiegel, Ulm
Printed in Germany
ISBN 978-3-548-36992-1
Inhalt
Vorbemerkung
11
Einleitung
13
Allgemeines
Adelstitel
Arzttermin verpassen
Beschädigung geliehener Sachen
Bezahlen mit 500-Euro-Schein?
BGB und flotte Bienen
Bonn Regierungssitz?
Doktortitel Namensbestandteil?
Domain = Marke?
Eigentum an Geldscheinen
Eindeutigkeit des Rechts
EU-Verordnung zum Krümmungsgrad von
Gurken und Bananen
Hitzefrei für Arbeitnehmer
Keine Haftung bei Privatverkauf
von gebrauchter Ware?
Leihe oder Miete?
Leihe, Schenkung, Tausch und Darlehen
Strandrecht
21
23
24
26
28
31
33
34
36
37
38
41
44
46
47
48
6 Inhalt
TV-Notare
Vertraulichkeit der Bewerbung
Wahrsager, Wunderheiler und ihre Honoraranspriiche
50
51
53
Familie und Jugendliche
Eheliche Treue
Elterliches Ziichtigungsrecht
Erbende Geschwister
Nachtliches Ausgehverbot fiir Jugendliche?
Recht an der Fernbedienung
Trauung durch den Kapitan?
59
60
62
64
68
71
Gastronomie
Eichstrich beim Bierglas
Gewichtsangaben beim Steak
Kaution im Hotel
Schmeckt nicht gibt's nicht
Tischreservierungen
Toilettenbenutzung nur gegen Entgelt?
Zu schwache Cocktails
75
76
78
79
81
82
84
Gericht und Polizei
Herumbrüllen im Gerichtssaal
Kinder als Zeugen
Sammelklagen
89
90
92
Inhalt 7
Strafrecht
Bierdeckel als Urkunde?
Duz-Verbot
Erste Hilfe am Unfallort
Geldstrafen-Iabellen
Kriminalisieren
Rechtfertigender Notstand
Todesstrafe
Unerlaubtes Entfernen vom Unfallort
Vordrängeln in der Schlange
97
99
101
102
104
106
109
110
112
Straßenverkehr
Alkohol am Steuer verboten?
Alkoholtest
Ampeln »umgehen«
Angst vorm Blaulicht
Barfuß Auto fahren
Benutzungspflicht für Radwege?
Bergfahrt vor Talfahrt?
Fahrrad in der Fußgängerzone
Freie Fahrt bei »Grünpfeil«?
Handy am Steuer I
Handy am Steuer II
Handynummer als »Abschleppschutz«
Hineintasten in den Verkehr
»Knöllchen« von Privatleuten
117
118
120
122
123
125
127
129
130
132
133
134
138
139
8 Inhalt
Motor warm laufen lassen
Uberholverbot bei durchgezogener Linie?
Unniitzes Hin-und-her-Fahren
Vorfahrt bei griiner Ampel?
141
142
143
144
Verbraucherfragen
Anfassen von Lebensmitteln verpflichtet
zum Kauf?
Angemessener Vorrat an Sonderangeboten
Beschädigte Pfandflaschen
300 Meter mit dem Taxi
Durchblattern verpflichtet zum Kauf?
Eigene Getränke im Kino und bei Konzerten
Kinder an Supermarktkassen
Nicht passende Kleidung als
Reklamationsgrund?
Reklamieren von selbst aufgebauten Möbeln
Reparaturen und keine Ende?
Schäden in Supermärkten
149
152
154
155
156
158
160
163
164
165
167
Wohnen
Fußbälle in Nachbars Garten
Maklerprovision
Mietwohnung zu klein
171
173
175
Inhalt
9
Miet-Nebenkosten
Nächtliches Baden und Duschen
177
180
Preise von Schliisseldiensten
182
Anmerkungen
187
Gesetzestexte
190
Dank
261
Nebenkosten von leerstehenden Wohnungen
Vorsicht! Bissiger Hund!
181
185
Vorbemerkung
Dieses Buch beriicksichtigt Rechtsprechung und Schrifttum bis Januar 2008. Sollten Sie Hinweise, Anderungsvorschläge oder sonstige Anregungen zu diesem Buch
haben, so ist Ihnen der Autor für eine Mitteilung dankbar:
RA Dr. Ralf Höcker, LL. M.
www.ralfhoecker.de
Einleitung
Die Einleitung möchte ich diesmal dazu nutzen, um einige häufig wiederkehrende Fragen zu beantworten, die
mir in den vergangenen Jahren zu den beiden Lexika der
Rechtsirrtümer und dem Lexikon der kuriosen Rechtsfälle
gestellt wurden. Viele Hinweise von Lesern und von Besuchern meiner Bühnenshow »EINSPRUCH! - Die große Rechtsirrtümershow« — vor allem auf weitere Rechtsirrtümer — sind in dieses Buch eingeflossen. Nicht alle
Anregungen konnte ich berücksichtigen und auch nicht
alle Fragen beantworten — hierfür bitte ich um Verständnis. Ich hoffe jedoch, dass sich möglichst viele offene
Fragen auf den folgenden Seiten und im Hauptteil des
Buches klären lassen. Bei allen, die mir geschrieben haben,
bedanke ich mich sehr herzlich!
Fragen an den Autor
Warum drucken Sie in Ihren Büchern hinten immer die Gesetzestexte ab? Das Buch wird dadurch doch nur unnötig dick,
und wen die langweiligen Gesetze wirklich interessieren, der
kann ste auch im Internet nachlesen.
Richtig, alle Gesetzestexte kann man auch im Internet
nachlesen. Sie stehen auch in Gesetzessammlungen, die
man in Bibliotheken einsehen oder im Buchhandel er-
14 Einleitung
werben kann. Nur: Hat man immer einen Internetanschluss, eine Bibliothek oder einen Buchladen
zur
Hand, wenn man dieses Buch liest? Also zum Beispiel in
der Badewanne, am Strand, im Bus oder im Bett? In der
Regel wohl nicht. Ich meine daher, dass es sinnvoll ist, die
Gesetzestexte mit abzudrucken. Ich habe zwar immer
streng darauf geachtet, dass man die einzelnen Kapitel
auch versteht, wenn man die »langweiligen Gesetze« nicht
‚liest. Viele Leser wollen es aber freiwillig ganz genau wissen. Für sie möchte ich die Möglichkeit zur sofortigen
vertiefenden Lektüre weiter anbieten.
Übrigens hat es noch einen weiteren Vorteil, wenn die
Gesetze mit abgedruckt sind: Viele nehmen ihre Bücher
mit, wenn sie Verkäufern, Vermietern oder Arbeitgebern
beweisen wollen, dass diese einem
Rechtsirrtum
auf-
liegen. Da kann es nicht schaden, wenn man dem Verkäufer, der den DVD-Player nicht gegen einen neuen
austauschen, sondern »erst einmal zum Hersteller ein-
schicken« will, gleich an Ort und Stelle den Wortlaut von
§ 439 Abs. 1 BGB vorlesen kann (vgl. das entsprechende
Kapitel »Herstellergarantie« im ersten Lexikon der Rechtsirrtümer).
Wieso schreiben Sıe Bücher über
Rechtsirrtümer?
Mich haben diese juristischen Märchen, mit denen ja
auch ich als Verbraucher ständig konfrontiert werde, ganz
einfach genervt. Wenn man zum x-ten Mal hört, dass eine
Reklamation ohne Kassenbon (den ich so gut wie nie aufhebe) angeblich nicht möglich sein soll, denkt man sich
irgendwann: Wer setzt eigentlich diesen ganzen Unsinn in
Einleitung 15
die Welt? Also habe ich mich an die Arbeit gemacht und
das erste Lexikon geschrieben.
Bekommen Sie eigentlich viele böse Briefe von Händlern,
Wirten und Vermietern?
In erster Linie bekomme ich sehr nette Post. Es stimmt
aber, dass immer mal wieder Briefe und E-Mails zum Bei-
spiel von Einzelhändlern dabei sind, die sich darüber beklagen, welche Flöhe ich den Leuten angeblich ins Ohr
setze. Darauf kann ich immer nur erwidern: Ich tue nichts
weiter, als den Leuten zu sagen, welche Rechte sie haben.
Wem diese Rechte nicht passen, der mag in eine Partei
eintreten und versuchen, die entsprechenden Gesetze zu
ändern. Jemanden nur deshalb unaufgeklärt zu lassen, damit es keinen Ärger gibt, kann wohl kaum die Lösung
sein.
Ich habe folgendes Problem: ....... Wie ıst denn da die Rechtslage? Habe ich Recht oder mein Vermieter/Arbeitgeber/
Nachbar/Autohändler?
Dies ist ohne Zweifel die häufigste Anfrage, die ich erhal-
te. Ich bin zwar nicht nur Autor, sondern auch - und so-
gar in erster Linie — Rechtsanwalt in einer Kanzlei für
Marken- und Medienrecht. In der Tat helfe ich also
Mandanten bei ihren rechtlichen Problemen (und in der
Tat sind einige meiner Leser auch schon zu Mandanten
geworden).
Aber so gerne ich helfe: Natürlich kann ich als Anwalt
keine kostenlose individuelle Rechtsberatung anbieten —
auch nicht »nur mal eben ganz schnell per E-Mail oder
16 Einleitung
am Telefon«, auch nicht »nur in diesem Ausnahmefall von
krassem Justizunrecht, der auch fiir die Medien interessant wäre«, und auch nicht, wenn das Thema »doch auch
für das nächste Buch über Rechtsirrtümer genutzt werden
könnte«. Einmal abgesehen davon, dass ich von Gesetzes
wegen gar keine kostenlose Rechtsberatung anbieten darf,
könnte ich meine Kanzlei andernfalls wohl bald dichtmachen.
Deshalb: Kostenlosen Rechtsrat kann unsere Kanzlei
leider nicht erteilen — bitte haben Sie hierfür Verständnis
und nehmen es mir nicht übel. Reguläre Mandatsanfragen
nehmen wir natürlich gerne entgegen: www.hoecker.eu.
Gelten
die
Rechtsirrtümer
auch
in
Österreich
und
der
Schweiz?
Jein, denn meine Bücher bilden grundsätzlich nur die
Rechtslage in Deutschland ab. Allerdings sind sich die
Rechtsordnungen Deutschlands, Österreichs und der
Schweiz ähnlicher, als viele vermuten. Es gibt gemeinsame Wurzeln, gegenseitige Einflüsse und vor allem eine
harmonisierende EU-Gesetzgebung, die bewirken, dass
so gut wie alle der in meinen Büchern beschriebenen
Rechtsirrtümer sinngemäß auch in Österreich und - trotz
fehlender EU-Zugehörigkeit - auch in der Schweiz gelten. Dies haben mir auch ähnliche Sammlungen von
Rechtsirrtümern bestätigt, die es in österreichischen und
schweizerischen Zeitschriften und Fernsehsendungen
gab.
Sıe erzählen mir zwar, dass ich Recht habe. Aber wie bekomme ich mein Recht auch durchgesetzt?
Einleitung 17
Recht haben und Recht bekommen - wie jeder weiß, sind
das zwei Paar Schuhe. Eine allgemeingültige Strategie,
wie man zu seinem guten Recht kommt, gibt es leider
nicht. Grundsätzlich gilt aber Folgendes:
Bei Kleinigkeiten lohnt es sich oft nicht, gleich einen
Anwalt einzuschalten. Man sollte also zunächst freundlich
und im Guten versuchen, selbst eine Lösung zu finden. Je
besser man dabei über die Rechtslage informiert ist, desto
überzeugender kann man auftreten. Es ist also wichtig, gut
informiert zu sein. Bücher oder das Internet können dabei
helfen, Klarheit in alltäglichen Rechtsfragen zu bekommen.
Zu viel Zeit sollte man sich mit diesen Selbsthilfeversuchen jedoch nicht nehmen. Denn es besteht immer die
Gefahr, dass man vor lauter Suche nach einer einver-
nehmlichen Regelung beispielsweise wichtige Fristen verpasst, von denen man gar nichts weiß.
Bei gravierenden Problemen sollte man dagegen so
schnell wie möglich eine anwaltliche Erstberatung einholen. Deren Kosten sind inzwischen in einem gewissen
Rahmen verhandelbar, müssen also gar nicht so hoch ausfallen, wie viele immer noch befürchten. Die vermeint-
liche Scheu vor dem Gang zum Awalt ist daher in den
meisten Fällen unberechtigt.
Kann ıch mich in Ihrer Kanzlei bewerben?
Warum nicht? Wir beschäftigen Rechtsanwälte, Referendare, Studien-Praktikanten und Rechtsanwaltsfachangestellte. Wenn Sie sich also für eine solche Tätigkeit in
einer Kanzlei für Marken- und Medienrecht interessieren,
dürfen Sie sich gerne mit den üblichen Bewerbungsunterlagen bei uns melden.
18 Einleitung
Ich hoffe, diese Antworten waren hilfreich, und wünsche
nun viel Vergnügen und eine Menge neuer Erkenntnisse
bei der Lektüre dieses Buches!
Allgemeines
Adelstitel
Irrtum:
Ä
Adlıge führen einen Adelstitel.
Richtig ist:
Adels-»Titel« sind ein bloßer Namensbestandteil.
In der Regenbogenpresse kann man sich jede Woche aus- führlich darüber informieren, was »Prinzessin Lieselotte
von XY« oder »Graf Erwin von YZ« letztes Wochenende
wieder Wildes in St. Moritz oder Marbella getrieben
haben. Ganz unabhängig vom Wahrheitsgehalt der Berichte sind schon die Namen der echten oder gekauften
Adligen in der Regel falsch wiedergegeben. Denn Adelsbezeichnungen sind keine Titel im Rechtssinne. Anders
als zum Beispiel ein Doktortitel sind sie vielmehr ein ganz
gewöhnlicher Bestandteil des Nachnamens — und das
schon seit 1919! Deswegen heißt es auch nicht »Prinzessin Lieselotte von XY«, sondern »Lieselotte Prinzessin
von XY«. Der Adels-»Titel« gehört also hinter den Vornamen und nicht davor. Etwas anderes mag allenfalls für
unsere Fußball-Adligen »Kaiser Franz« und »Prinz Poldi«
gelten. Aber die haben sich ihre Titel schließlich auch hart
erarbeitet ...Und wie lautet die juristisch korrekte Anrede? Ganz einfach: Auch in der Anrede wird der Adelstitel nicht als Titel oder als Ersatz für die Bezeichnung
»Herr« oder »Frau« verwendet, sondern wie ein gewöhn-
22 Allgemeines
licher Nachname. Adlige sehen das mitunter anders. Sie
wollen kein gewöhnlicher »Herr« bzw. keine gewöhnliche
»Frau« sein, weil dies traditionell bürgerliche, also unadelige Anreden sind. Sie wollen die Bezeichnungen »Herr«
und »Frau« daher gar nicht héren, sondern behaupten
mitunter, eine »Prinzessin von XY« sei mit »Guten Tag,
Prinzessin von XY!« und nicht etwa mit »Guten Tag, Frau
Prinzessin von XY« anzusprechen.
Das ware jedoch genauso falsch wie die Anrede »Guten
Tag, Schulze!« fiir einen Herrn Schulze. Denn wie gesagt:
Die Bestandteile »Prinzessin« oder »Graf« gehéren zum
Nachnamen und ersetzen nicht die Anrede »Herr« oder
»Frau«. Daher gehören die Bezeichnungen »Herr« und
»Frau« zur juristisch korrekten Anrede hinzu, und es muss
zum Beispiel richtig heißen: »Guten Tag, Herr Prinz von
Hannover«, und nicht einfach nur »Guten Tag, Prinz von
Hannover«.
Erst recht haben Adlige keinen Anspruch darauf, mit
Bezeichnungen wie »Durchlaucht« oder »Königliche Hoheit« angesprochen zu werden. Dies sind folkloristische
Bezeichnungen, die man benutzen darf, wenn man
Blaublüter, die darauf bestehen, nicht vor den Kopf stoßen
will und die bei offiziellen Anlässen genau aus diesem
Grund auch verwendet werden. Einen Benutzungszwang
gibt es jedoch nicht. Diese früheren Anreden haben keinerlei namensrechtliche Bedeutung.
Bei Interesse siehe hierzu:
Art. 109 Abs. 3 8.2 WRV (Weimarer Reichsverfassung), auch
heute noch einfachgesetzlich gültig (BGBl. III. 401-2)
Arzttermin verpassen 23
Arzttermin verpassen
Irrtum:
|
Arzttermine kann man entschädigungslos versäumen.
Richtig ist:
Wer einen Arzttermin
verpasst, kann sich schadens-
ersatzpflichtig machen.
In der Regel machen Ärzte keinen Ärger, wenn Patienten
einen Termin verpassen oder sehr kurzfristig absagen.
Doch verlassen kann man sich darauf nicht. Wenn absehbar ist, dass die Untersuchung oder Behandlung viel Zeit
in Anspruch nehmen wird, muss der Arzt in seinem Ter-
minkalender entsprechend viel Platz schaffen. Er kann für
den Behandlungszeitraum keine anderen Termine annehmen. Wenn nun ein Patient nicht erscheint, entsteht dem
Arzt natürlich ein Verlust. Kaum ein säumiger Patient
kommt jedoch auf die Idee, dass er für diesen Verlust aufkommen müsste. Denn aus irgendeinem Grund glauben
viele Patienten, Arzttermine seien eine eher freiwillige
Angelegenheit und jederzeit beliebig stornierbar.
Doch da täuschen sie sich. Arzttermine sind durchaus
verbindlich. In den Behandlungsverträgen ist zudem häufig eine Klausel enthalten, wonach der Patient Schadensersatz leisten muss, wenn er ohne triftigen Grund fernbleibt. Man sollte also eine gute Entschuldigung parat
haben, wenn man nicht erscheint — zum Beispiel eine
Krankheit. Wer beim Kieferorthopäden einen Termin
für eine Zahnbehandlung ausgemacht hat, sollte die Behandlung allerdings nicht gerade wegen Zahnschmerzen
absagen.
24 Allgemeines
Wer keine Entschuldigung vorweisen kann und wem
der Arzt beweisen kann, dass ihm durch den versäumten
Termin ein Schaden entstanden ist, der kann vom Arzt er-
folgreich auf Ersatz dieses Schadens verklagt werden —
ohne dass Krankenkasse oder Krankenversicherung hierfür später aufkommen müssten. Beachten muss man dabei
jedoch, dass der Schadensnachweis für den Arzt nicht immer einfach ist. Er muss schon sehr konkret darlegen, dass
er die Behandlungszeit nicht für andere Patienten genutzt
hat, dies aber hätte tun können, wenn er rechtzeitig erfahren hätte, dass der Patient nicht kommen würde.!
Fazit: Arzttermine sollte man ernst nehmen - nicht nur
aus gesundheitlichen, sondern auch aus rechtlichen Gründen.
Bei Interesse siehe hierzu:
$ 252 BGB (Bürgerliches Gesetzbuch), »Entgangener Gewinn«
$ 280 BGB, »Schadensersatz wegen Pflichtverletzung«
$ 281 BGB, »Schadensersatz statt der Leistung wegen nıcht
oder nicht wie geschuldet erbrachter Leistung«
Beschädigung geliehener Sachen
Irrtum:
Wer etwas
Geliehenes beschädı gt, erhält Ersatz
von
seiner Haftpflichtversicherung.
Richtig ist:
Die Haftpflichtversicherung übernimmt keine Schäden
an geliehenen Sachen.
Beschädigung geliehener Sachen 25
Eine unangenehme Situation: Man leiht sich zum Bei-
spiel ein Notebook, lässt es fallen und muss dem Verleiher
den nunmehr kaputten Gegenstand zurückgeben. Aber
zum Glück gibt es ja Haftpflichtversicherungen, die solch
einen Schaden übernehmen. Oder etwa nicht?
Haftpflichtversicherungen sind zwar grundsätzlich eine
schöne Sache, in der Praxis sind sie jedoch oft zu wenig
nütze. Denn ausgerechnet in vielen Situationen, in denen
man besonders Gefahr läuft, einen Schaden anzurichten,
greifen die Haftpflichtversicherungen nicht. Vielen ist
das nicht klar. Dass Schäden durch das Freisetzen radioaktiver Strahlung vom Versicherungsschutz ausgeschlossen sind, wird man als Privatperson sicher noch verkraften
können. Ärgerlich ist es jedoch, dass auch jegliche Schäden an gemieteten oder entliehenen Sachen ausgenommen sind.
Für unser Beispiel heißt das: Wer ein Notebook fallen
lässt, das er sich von einem Bekannten geliehen hat, hat
Pech gehabt. Er muss den Schaden selbst tragen, seine
Versicherung tritt nicht ein. Anders wäre es, wenn man
sich das Notebook nicht leihen, sondern stolpern und es
dabei versehentlich mit zu Boden reißen würde. Dann
müsste die Haftpflichtversicherung für den Schaden aufkommen. Schadenssachbearbeiter in Versicherungen wissen ein Lied davon zu singen, wie häufig es aus diesem
Grund vorkommt, dass Versicherungsnehmer in Wohnungen von Bekannten »stolpern« und dabei etwas beschädigen, was sie sich vorher selbstverständlich keinesfalls ausgeliehen hatten.
Fazit: Es ist vorteilhaft, wenn man Sachen, die man
kaputt macht, nicht zuvor von jemand anderem entliehen
hat.
26 Allgemeines
Bei Interesse siehe hierzu:
Ziffer 7.6 AHB (Allgemeine Versicherungsbedingungen für dıe
Haftpflichtversicherung, Musterbedingungen des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft e.V.)
Bezahlen mit 500-Euro-Schein?
Irrtum:
Geld ıst Geld. Auch 500-Euro-Scheine
Zahlungsmittel akzeptiert werden.
müssen
als
Richtig ist:
Große Scheine müssen nicht immer akzeptiert werden.
Es ist ja verständlich, dass Kioske oder Tankstellen nicht
gerade begeistert sind, wenn man das Päckchen Kaugummi oder die 10-Euro-Tankfillung mit einem 500-EuroSchein bezahlen möchte. Oft kriegt man daher vom Verkäufer zu hören: »Tut uns leid, wir nehmen nur kleine
Scheine!« Doch ist das überhaupt zulässig? Oder sind die
Verkäufer verpflichtet, Scheine jeglicher Größe anzunehmen?
Grundsätzlich ja. Denn es gilt der Satz: »Geld ist Geld.«
Ein 500-Euro-Schein ist immerhin genauso ein gesetzliches Zahlungsmittel wie ein 10-Euro-Schein. Ein Verkäufer, der eine angebotene Kaufpreiszahlung nicht akzeptiert, gerät daher in so genannten »Annahmeverzug«.
Von diesem Grundsatz gibt es allerdings Ausnahmen.
Der Verkäufer hat tatsächlich die Möglichkeit, in seinen
Allgemeinen Geschäftsbedingungen die Annahme großer
Scheine auszuschließen. Er kann also ein Schild aufhän-
Bezahlen mit 500-Euro-Schein?
27
gen, auf dem es beispielsweise heißt, dass Scheine nur
bis zu einem Wert von 100 Euro angenommen werden.
Selbst wenn ein solches Schild nicht aushängt, kann er die
Annahme verweigern, wenn der Schein im Verhältnis zum
Kaufpreis unüblich groß ist. Wenn man also versucht, das
schon zitierte Päckchen Kaugummi im Wert von einem
Euro mit einem 500-Euro-Schein zu bezahlen, wird jeder
Verkäufer die Annahme verweigern können, egal ob das in
seinen Allgemeinen Geschäftsbedingungen steht oder
nicht. Denn es ist ihm nicht zuzumuten, für solch kleine
Einkäufe derart viel Wechselgeld vorzuhalten.
Im Umkehrschluss heißt das jedoch: Selbst die kleinste
Tankstelle muss einen 500-Euro-Schein annehmen, wenn
sie unvorsichtigerweise erstens kein Schild ausgehängt
hat, auf dem die Annahme solcher Scheine verweigert
wird, und wenn zweitens der Preis nicht völlig außer Verhältnis zum gewählten Zahlungsmittel steht.
Einen großen Tankstelleneinkauf von etwa 240 Euro
wird man also mit einem 500-Euro-Schein bezahlen
dürfen. Nimmt der Tankstellenbetreiber die Zahlung
trotzdem nicht an, gerät er in Annahmeverzug. Das hat
die interessante Folge, dass die so genannte »Gefahr« an
dem angebotenen Geldschein nun auf den Tankstellenbetreiber übergeht. Konkret heißt das: Wenn der Schein
dem Kunden auf dem Nachhauseweg gestohlen wird,
braucht er die Tankstellenrechnung nicht mehr zu bezahlen.
Verkäufer sollten also dreimal überlegen, bevor sie sich
weigern, einen großen Schein anzunehmen!
Bei Interesse siehe hierzu:
$ 293 BGB (Bürgerliches Gesetzbuch), »Annahmeverzug«
28 Allgemeines
§ 294 BGB, »Tatsächliches Angebot«
$ 300 BGB, »Wirkungen des Gläubigerverzuges«
BGB und flotte Bienen
Irrtum:
Das BGB regelt ausschließlich wichtige Rechtsfragen.
Richtig ist:
Das BGB regelt auch Fragen wie das »Bienenrecht«.
Wenn Jurastudenten im Laufe ihres Studiums des Bürgerlichen Gesetzbuches (BGB) zu den Paragraphen 961
bis 964 vorstoßen, reiben sie sich zunächst verwundert die
Augen, um dann in schallendes Gelächter auszubrechen.
Denn in diesen Normen ist allen Ernstes das deutsche
»Bienenrecht« geregelt. Rechtswissenschaftler sind sich
einig, dass es sich beim Bienenrecht um die mit Abstand
irrelevanteste Rechtsmaterie handelt, die je im BGB kodifiziert wurde. Warum eigentlich? Sehen wir uns die
Bestimmungen des deutschen Bienenrechts doch einmal
an:
$ 961 Eigentumsverlust bei Bienenschwärmen
Zieht ein Bienenschwarm aus, so wird er herrenlos, wenn
nicht der Eigentümer ıhn unverzüglich verfolgt oder wenn
der Eigentümer die Verfolgung aufgibt.
Mit anderen Worten: Ein Imker, dessen Bienenschwarm
wegfliegt, verliert das Eigentum an den Tieren - es sei
denn, er läuft ihnen hinterher. Solange er nicht außer Puste
BGB und flotte Bienen 29
gerät und den Bienen noch folgen kann, gehören sie also
weiterhin ihm. Und wenn er nicht mehr kann? Dann werden die Bienen wilde, herrenlose Tiere und jeder andere
darf sie sich aneignen.
Na, wenn das kein Nutzwert für die Leser dieses Buches
ist! Bienenschwärme, die Sie in freier Natur herumfliegen
sehen, dürfen Sie demnächst also einfangen und behalten
— es sei denn, ein Mann mit hochrotem Kopf und einem
Kescher kommt gleich hinter dem Schwarm hergelaufen
und brüllt: »Das sind meine!«
Nun ist es für einen gewöhnlichen deutschen Imker
natürlich nicht ganz einfach, einen Schwarm ausgebüxter
Bienen zu verfolgen, der einfach fliegt, wohin er will. Was
soll man zum Beispiel tun, wenn die Bienen über ein Privatgrundstück fliegen, an dessen Jägerzaun es unmissverständlich heißt: »Betreten des Grundstücks verboten!«?
Oder noch schlimmer: Auf dem Privatgrundstück befindet sich zufällig ein leerer Bienenstock, in den der flüchtige Schwarm kurzerhand einzieht.
Keine Sorge, liebe Imker, natürlich gibt es auch für diese gravierenden Probleme eine ausdrückliche gesetzliche
Regelung:
$ 962 Verfolgungsrecht des Eigentümers
1Der Eigentümer des Bienenschwarms darf bei der Verfolgung fremde Grundstücke betreten. ?Ist der Schwarm in
eine fremde nicht besetzte Bienenwohnung eingezogen, SO
darf der Eigentümer des Schwarmes zum Zwecke des Einfangens die Wohnung öffnen und die Waben herausnehmen
oder herausbrechen. Er hat den entstehenden Schaden zu
ersetzen.
30 Allgemeines
So viel zum Thema Hausbesetzung durch Bienen. Aber
wie sieht es aus, wenn die Bienen auf dem fremden Grundstück nicht in einen leeren, sondern in einen bereits be-
setzten Bienenstock einziehen, also sozusagen eine Wohngemeinschaft mit fremden Bienen gründen? In einem
solchen Fall hat der Alteigentümer leider Pech gehabt,
denn er verliert seinen Schwarm an den Fremdimker:
$ 964 Vermischung von Bienenschwarmen
!Ist ein Bienenschwarm in eine fremde besetzte Bienenwohnung eingezogen, so erstrecken sich das Eigentum und
die sonstigen Rechte an den Bienen, mit denen die Wohnung besetzt war, auf den eingezogenen Schwarm. 2Das
Eigentum und die sonstigen Rechte an dem eingezogenen
Schwarm erlöschen.
Wer jetzt immer noch nicht davon überzeugt ist, dass der
Gesetzgeber mitunter Regelungen erlässt, deren praktische
Bedeutung zumindest als diskussionswürdig bezeichnet
werden kann, dem sei abschließend noch $ 963 BGB ans
Herz gelegt. Diese Norm regelt den Fall, dass am selben
Tag gleich mehrere Bienenschwärme unterschiedlicher
Imker meinen, es sei mal wieder Zeit für einen Umzug,
und gleichzeitig in die große weite Welt hinausfliegen. Zufällig treffen die Schwärme dann irgendwo aufeinander,
finden sich gegenseitig sympathisch und vereinigen sich
zu einem einzigen Schwarm. Zwei von, sagen wir einmal,
vier Imkern haben es geschafft, ihrem jeweiligen Schwarm
über Stock, Stein und allerlei Privatgrundstücke zu folgen.
Nun treffen sie aufeinander und fangen den vereinten Gesamtschwarm ein. Da stellt sich doch die Frage: Wem
gehört der Schwarm? Die Antwort liefert $ 963 BGB:
Bonn Regierungssitz? 31
$ 963 Vereinigung von Bienenschwärmen
Vereinigen sich ausgezogene Bienenschwärme mehrerer
Eigentümer, so werden die Eigentümer, welche thre Schwärme verfolgt haben, Miteigentümer des eingefangenen Gesamtschwarms; die Anteile bestimmen sıch nach der Zahl
der verfolgten Schwärme.
Die beiden konditionsstarken Imker werden also hälftige
Miteigentümer des neuen Schwarms und müssen sich
dessen Honig künftig teilen. Die weniger laufstarken Imker gehen leider leer aus.
Übrigens: In den mehr als 100 Jahren, die seit Inkrafttreten des BGB vergangen sind, hat es — soweit ersichtlich - bisher noch nie eine bienenrechtliche Gerichtsentscheidung gegeben.
Bei Interesse siehe hierzu:
$$ 961 bis 964
BGB (Bürgerliches Gesetzbuch), »Eigentums-
verlust bei Bienenschwärmen«, »Verfolgungsrecht des Eigentümers«, »Vermischung von Bienenschwärmen«, »Vereinigung
von Bienenschwärmen«
Bonn Regierungssitz?
Irrtum:
Bonn 1st neben Berlin immer noch Regierungssitz,
denn dort befinden sich nach wie vor Ministerien.
Richtig ist:
Berlin ist alleiniger Sitz des Verfassungsorgans Bundesregierung.
32 Allgemeines
Sechs Bundesministerien haben immer noch ihren ersten
Dienstsitz in Bonn: das Bundesministerium der Verteidigung sowie die Bundesministerien für Ernährung, Land-
wirtschaft und Verbraucherschutz, für wirtschaftliche
Zusammenarbeit und Entwicklung, für Umwelt, Natur-
schutz und Reaktorsicherheit, für Gesundheit sowie für
Bildung und Forschung. Alle übrigen Ministerien sowie
Bundesrat und Bundespräsident haben in Bonn außerdem
einen Zweitsitz.
Die Tatsache, dass Regierungsfunktionen nach wie vor
in Bonn angesiedelt sind, verleitet viele zu dem falschen
Schluss, dass Bonn, wenn auch nicht mehr Hauptstadt, so
doch wenigstens nach wie vor (halber) Regierungssitz ist.
Tatsächlich ist Berlin jedoch alleiniger Sitz des Verfassungsorgans Bundesregierung. So ist es ausdrücklich im
Berlin/Bonn-Gesetz von 1991 geregelt.
Der Umstand, dass Bonn organisatorisch in die Arbeit der Bundesregierung einbezogen ist, ändert hieran
nichts. Er rechtfertigt es nicht, Bonn weiterhin als Regierungssitz zu bezeichnen. Aus diesem Grund schmückt
Bonn sich auch selbst nur mit dem Titel »Bundesstadt«.
Bei Interesse siehe hierzu:
§ 3 Abs. 1 Berlin/Bonn — Gesetz, »Sitz der Bundesregterung«
Doktortitel Namensbestandteil?
33
Doktortitel Namensbestandteil?
Irrtum:
Der Doktortitel ist Bestandteil des Namens, deshalb
muss man Promovierte mit threm Titel ansprechen.
Richtig ist:
Der Doktortitel ist kein Namensbestandteil, sondern
nur ein akademischer Grad, den man in der Anrede
weglassen darf.
Dass der Doktortitel Bestandteil des Namens sei, ist ein
sehr weit verbreitetes Gerücht. In der
promovierten Akademikern verbreitet,
gründung darauf bestehen, dass man
ihrem Titel anzusprechen habe. Selbst
Regel wird es
die mit dieser
sie gefälligst
von Doktoren
von
Bemit
der
Jurisprudenz, die es eigentlich besser wissen müssten, hört
man das Märchen vom Doktortitel als Namensbestandteil
immer wieder. Und sogar die Kammer für Disziplinarsachen des Verwaltungsgerichts München meinte in einer
Entscheidung aus dem Jahre 1988, dass ein Beamter sich
nicht über den ausdrücklichen Wunsch seines Vorgesetz-
ten hinwegsetzen dürfe, mit dem Doktortitel angesprochen zu werden.? Alles andere sei ein Verstoß gegen das
»beamtenrechtliche Höflichkeitsgebot«. Dabei stellt sich
die Frage, weshalb ausgerechnet dem akademischen Grad
des Doktors diese Ehre zukommen soll. Schließlich ist ja
auch noch niemand auf die Idee gekommen, die Bezeichnung »Diplom-Ingenieur« sei ein Bestandteil des
Namens. In Wahrheit gehören akademische Grade und
Berufsbezeichnungen nicht zum Namen. Dies ist höchstrichterlich längst entschieden.” Die Auffassung des Ver-
34 Allgemeines
waltungsgerichts Miinchen war daher falsch, worauf der
damalige Vorsitzende Richter am Bundesdiziplinargericht
Dietrich Mayer in einer Entscheidungsanmerkung zu
Recht hinweist.* Wer einen promovierten Akademiker
nicht mit seinem Doktortitel ansprechen möchte, kann
also nicht dazu gezwungen werden. Das Weglassen des
Titels ist keine Beleidigung. Dies dürfen Sie künftig jedem Zahnarzt entgegenhalten, der am Kneipentresen von
Ihnen verlangt, ihn ehrfurchtsvoll als Herrn Dr. Bollmann
anzusprechen. Wenn es Ihnen mehr Spaß macht, könnten
Sie alternativ natürlich auch auf seinen Wunsch eingehen
und von ihm mit der gleichen »Berechtigung« verlangen,
als »Herr Kälteanlagenbauermeister« oder »Frau DiplomÖkotrophologin« angesprochen zu werden.
Bei Interesse siehe hierzu:
$ 132a StGB (Strafgesetzbuch), »Missbrauch von Titeln,
Berufsbezeichnungen und Abzeichen«
Domain = Marke?
Irrtum:
Mit
einer Domainanmeldung
kann
man
sich einen
bestimmten Namen schiitzen.
Richtig ist:
Eine Domain 1st keine Marke.
Mit der Wahl ihres Firmennamens geben sich Jungunternehmer in der Regel besonders viel Mühe. Schließlich ist
die Marke, unter der man im Geschäftsverkehr auftritt,
Domain = Marke?
35
das mit Abstand wichtigste Aushängeschild. Weniger
Mühe geben sich jedoch viele mit dem Schutz dieser
Marke. Oft wird der Name nur als Domain im Internet
angemeldet.
Das ist zwar sinnvoll, aber noch lange nicht ausreichend. Anders als viele glauben, gewährt eine bloße
Domainanmeldung ihrem Inhaber keinerlei Schutz. Eine
Domain ist keine eingetragene Marke! Jeder andere kann
sich den Domainnamen ohne weiteres als eingetragene
Marke für alle möglichen Waren und Dienstleistungen
schützen lassen. Später können es solche Markeninhaber
dem Domaininhaber gegebenenfalls sogar verbieten, seine
Domain und seinen Firmennamen für seine Waren und
Dienstleistungen zu benutzen, falls diese von der Markeneintragung erfasst sind.
Deshalb: Eine Internet-Domainanmeldung reicht nicht,
wenn man sich einen Namen schützen lassen will. Ver-
nünftigen Schutz erhält man nur durch eine Markenanmeldung, die gar nicht so teuer ist, wie viele befürch-
ten. 10 Jahre Markenschutz für Deutschland kosten ab
300 Euro (Gebühren des Patent- und Markenamtes). Hin-
zu kommen die Gebühren eines Rechtsanwalts für Markenrecht, den man bei der Anmeldung hinzuziehen sollte.
In einfachen Fällen liegen sie ebenfalls nur im mittleren
dreistelligen Euro-Bereich.
Bei Interesse siehe hierzu:
$ 3 MarkenG
Zeichen«
(Markengesetz),
»Als Marke
schutzfähige
|
36 Allgemeines
Eigentum an Geldscheinen
Irrtum:
Eigentümerin der Euro-Scheine und -Münzen 1st die
Europäische Zentralbank.
Richtig ist:
Das Geld gehört nicht der EZB, sondern den Bürgern.
Viele Menschen glauben, die Geldscheine und -münzen
in ihrer Geldbörse gehörten »eigentlich« der Europä-
ischen Zentralbank (EZB), mit der Folge, dass man sie
zwar ausgeben, nicht aber zerstören dürfe. Wer sich seine
Havanna-Zigarre also mit einem 500-Euro-Schein anzünde, mache sich strafbar.
Abgesehen davon, dass das Bürgerliche Gesetzbuch
kein »eigentliches« Eigentum kennt, muss man sich einmal die Frage stellen, welchen Grund es haben sollte,
Menschen das Eigentum an ihrem Geld vorzuenthalten.
Weshalb sollte man es irgendjemandem verbieten, sein
Vermögen zu zerstören, wenn er Lust dazu hat? Wer so
dumm ist, sein Geld zu verbrennen, der mag dies tun. Er
schadet damit niemandem, sondern bremst möglicherweise sogar die Inflation, indem er Geld aus dem Umlauf
nimmt.
Selbstverständlich ist die EZB nicht mehr Eigentümerin des Geldes, das sie in den Verkehr bringt. Es ist schwer
zu sagen, woher dieses Gerücht stammt. Möglicherweise
beruht es auf einer falschen gedanklichen Parallele zu
Personalausweisen und Reisepässen, die in der Tat immer
Eigentum der Bundesrepublik Deutschland bleiben. Seien
Sie also beruhigt: Ihr Geld gehört tatsächlich Ihnen und
Eindeutigkeit des Rechts 37
nicht einer europäischen Institution mit Sitz in Frankfurt
am Main. Sie können damit machen, was Sie wollen, und
müssen keine strafrechtlichen Konsequenzen befürchten,
wenn Sie sich an einem Stanz-Automaten im Freizeit-
park ein Geldstück zu einer Erinnerungsmünze pressen
lassen, Ihre Cohiba mit einem Geldschein anzünden oder
Münzen unwiederbringlich in einen tiefen Brunnen wer-
fen, auf dass Ihnen dies Glück bringe.
Bei Interesse siehe hierzu:
$ 903 BGB (Bürgerliches
Gesetzbuch),
»Befugnisse
des
E igentümers«
Eindeutigkeit des Rechts
Irrtum:
Die Rechtswissenschaft ist eine exakte Wissenschaft.
Richtig ist:
Zwei Juristen, drei Meinungen.
Nicht jeder geht gerne zum Rechtsanwalt, wenn er ein
Problem hat. Denn erstens sind die viel zu teuer und zweitens geben sie einem sowieso keine klaren Antworten.
So jedenfalls sagt man. Dass Rechtsanwälte in Zeiten
zunehmenden Wettbewerbs heute gar nicht mehr so teuer
sind, wollen wir einmal beiseitelassen. Aber wie sieht es
mit den klaren Antworten aus, die alle von ihnen haben
wollen?
Ein eindeutiges »schwarz« oder »weiß« als Antwort
wird man in vielen Fällen in der Tat nicht bekommen.
38 Allgemeines
Wer etwas anderes erwartet, unterliegt einem verbreiteten Missverständnis: jenem, dass die Juristerei eine
exakte Wissenschaft sei. Wenn jeder Sachverhalt eindeutig, das heißt, von allen Juristen immer exakt gleich
beurteilt werden könnte, bräuchte man keine Juristen.
Ein Computer würde genügen. Man müsste ihn nur mit
einigen Daten zu einem konkreten Lebenssachverhalt
füttern und er würde die korrekte rechtliche Lösung ausspucken.
Zur Enttäuschung vieler Rechtsratsuchender ist der
Graubereich also groß. Aber wozu brauchen wir dann
überhaupt Rechtsanwälte?
Ganz einfach: Erstens, um einzuschätzen, wo ungefähr
im Graubereich wir stehen — eher bei schwarz oder bei
weiß? Zweitens, um zu erfahren, wie wir es schaffen, uns
innerhalb des Graubereichs weiter in Richtung schwarz
oder weiß zu bewegen. Und drittens natürlich, um den
Gegner oder den Richter im Streitfall davon zu überzeu-
gen, dass man in Wahrheit bereits jetzt ganz eindeutig im
schwarzen oder im weißen Bereich steht.
EU-Verordnung zum Krümmungsgrad von
Gurken und Bananen
Irrtum:
Eine EU-Verordnung schreibt den Krümmungsgrad
von Gurken und Bananen vor.
Richtig ist:
Gurken
wollen.
und Bananen
dürfen so krumm
sein, wie sie
EU-Verordnung zum Kriimmungsgrad von Bananen
39
Mit Kritik an der Europäischen Union (EU) kann man
eigentlich nie danebenliegen. Briissel ist in der Vorstellung vieler ein bürokratischer Moloch, der sich vor allem
dadurch auszeichnet, dass er komplizierte unsinnige
Regelungen erlässt wie zum Beispiel eine Verordnung,
die den Krümmungsgrad von Gurken und Bananen vorschreibt. Das muss man sich mal vorstellen! Diese EUBürokraten
wollen
uns
tatsächlich vorschreiben,
wie
krumm unsere Lebensmittel zu sein haben! Wahrschein-
lich stecken wieder einmal die Franzosen dahinter, die
sich solche perfiden Regelungen ausgedacht haben, um
so mittelbar ihre kümmerlichen Übersee-Bananen vor
unerwünschter Konkurrenz zu schützen, die die hohen
europäischen Krümmungsstandards nicht einhalten können.
So oder so ähnlich kann man die Menschen nicht nur
in Deutschland, sondern überall in Europa schimpfen
hören. Was aber hat es tatsächlich mit solchen angeblichen Auswüchsen europäischer Regelungswut auf sich?
Fakt ist: Selbstverständlich gibt es keine EU-Norm, die
vorschreibt, wie krumm irgendwelche Lebensmittel zu
sein haben. Was sollte auch die Rechtsfolge sein, wenn eine
Banane einen um 3 Grad zu geringen Krümmungsgrad
aufweist? Ein striktes Einfuhrverbot? Oder vielleicht ihre
sofortige Vernichtung? Einen solchen Unsinn denkt sich
nicht einmal die EU aus. Richtig ist dagegen, dass die EU
sich bemüht, das Recht ihrer 27 Mitgliedstaaten zu harmonisieren und die Rechtslage damit nicht zu komplizieren, sondern zu vereinfachen. So gibt es in der Tat EUVerordnungen, die zum Beispiel Industrienormen oder
Handelsklassen vereinheitlichen. Die meisten dieser Regelungen sind jedoch keine Erfindung der EU; schon
40 Allgemeines
immer gab und gibt es in den einzelnen EU-Ländern vergleichbare Regelungen. Doch niemand hat etwas davon,
wenn jedes Mitgliedsland sein eigenes Regelungssüppchen kocht. Eine europäische Harmonisierung ist also
sinnvoll. Und so gibt es tatsächlich auch eine EU-Verordnung zum Krümmungsgrad von Gurken. Sie schreibt jedoch nicht vor, wie krumm die Gurken zu sein haben, son-
dern sortiert sie lediglich in Handelsklassen ein. Gurken
der Klasse »Extra« und der Klasse I haben demnach eine
maximale Krümmung von 10 mm auf 10 cm Länge. Sie
sind also praktisch gerade. Natürlich fragt man sich: Wer
will denn wissen, wie gerade eine Gurke ist? Den meisten
Verbrauchern wird dies vielleicht egal sein. Der Handel jedoch hat sich ausdrücklich die Schaffung eines gemeinsamen europäischen Handelsklassensystems gewünscht,
denn Gurken einer europaweit einheitlichen Handelsklasse lassen sich besser abpacken. So einfach ist das.
Abschließend soll noch mit einem weiteren EU-Marchen aufgeräumt werden. Folgender Spruch geistert seit
Jahren hartnäckig im Internet herum:
»Die Zehn Gebote haben 279 Wörter, die amerikanische
Unabhängıgkeitserklärung hat 300 Wörter. Die EUVerordnung zur Einfuhr von Karamellbonbons hat
25911 Wörter.«
Einmal abgesehen davon, dass auch die amerikanische
Unabhängigkeitserklärung nicht mit 300 Wörtern auskommt — sie hat immerhin 1323 Wörter —, hat dieser hüb-
sche Spruch einen weiteren Haken: Eine Verordnung zur
Einfuhr von Karamellbonbons gibt es genauso wenig wie
die eingangs zitierte Verordnung zum Krümmungsgrad
Hitzefrei fiir Arbeitnehmer
von Bananen!
Fazit: Ganz
41
so schlimm, wie manches
populistische Gerede uns glauben machen will, ist die
EU gar nicht. Wir wollen doch schließlich alle, dass unser
Föhn irgendwann in jedem EU-Land in die dortigen Hotelsteckdosen passt. Hoffen wir also auf den Erlass einer
EU-Verordnung zur Vereinheitlichung der europäischen
Steckdosensyteme, anstatt auf die EU-Bürokratie zu
schimpfen, wenn eine solche Regelung eines Tages tatsächlich kommen sollte. Bisher ist sie leider daran gescheitert, dass die Mitgliedstaaten sich nicht auf einen
einheitlichen Standard einigen konnten.
Bei Interesse siehe hierzu:
Verordnung (EWG) Nr. 1677/88 der Kommission vom
15. Juni 1988 zur Festsetzung von Qualitätsnormen für
Gurken, Anhang, Ziffer II B
Hitzefrei für Arbeitnehmer
Irrtum:
Hitzefrei gibt es nur ın der Schule.
Richtig ist:
Auch Arbeitnehmer können hitzefrei verlangen.
Hitzefrei hatten die meisten zum letzten Mal in der Schule. Dass man auch am Arbeitsplatz die Arbeit niederlegt,
wenn es zu heiß wird, und ganz einfach nach Hause geht
— auf diese Idee kommt fast niemand. Es gibt auch nur
sehr wenige arbeitsgerichtliche Auseinandersetzungen, die
zu diesem Thema geführt werden. Entweder wissen die
42 Allgemeines
Arbeitnehmer also nicht um ihre Rechte, oder sie trauen
sich nicht, sie auszutiben. Denn einen Anspruch auf »hitzefrei« gibt es tatsächlich!
Das Gesetz schreibt vor, dass in Arbeitsräumen eine
»gesundheitlich zuträgliche Arbeitstemperatur« zu herrschen hat. Grundsätzlich gilt, dass es bei Außentemperaturen bis zu 32 °C im Büro nicht wärmer als 26 °C sein
sollte. Wenn die Außentemperatur über 32 °C liegt, sollte
es in den Arbeitsräumen mindestens 6 °C kühler sein als
draußen.” Gemessen wird direkt am Arbeitsplatz.
Der Arbeitnehmer kann also verlangen, dass ihm ein
ordnungsgemäß temperierter Arbeitsraum zur Verfügung
gestellt wird. Dagegen ist es ein Gerücht, dass Arbeitgeber
verpflichtet sein sollen, ab einer bestimmten Temperatur
kostenlos gekühlte Getränke bereitzustellen.
Sollte der Arbeitgeber die Büros gemietet haben, kann
dieser wiederum von seinem Vermieter verlangen, dass der
die erforderlichen Baumaßnahmen trifft. Denn Büromiet-
räume, die sich nicht ausreichend abkühlen lassen, sind
mangelhaft.° Vielleicht lässt sich der Arbeitgeber mit diesem Argument davon überzeugen, freiwillig eine Klimaanlage einzubauen. Immerhin kann er die Kosten dafür
auf den Vermieter abwälzen.
Eine Lösung ist das jedoch nicht immer. Denn sensibilisiert durch Medienberichte, die jedes Jahr im Sommerloch wieder aus der Schublade geholt werden (»Ärzte war-
nen vor Klimaanlagen!«), schwört ein erheblicher Teil der
deutschen Bevölkerung Stein und Bein, dass er Klimaanlagen »nicht verträgt«, weil sie zu schwerwiegenden Erkrankungen wie steifem Nacken, Halsweh und Augenbrennen führen. Lieber sitzen die Klimaanlagenmuffel
freiwillig in brütend heißen Büros und arbeiten durchge-
Hitzefrei fiir Arbeitnehmer
43
schwitzt dem Hitzschlag entgegen. (Dabei haben die
Menschen in Landern wie den USA, in denen fast jedes
Gebäude klimatisiert ist, erstaunlich bewegliche Nacken,
auch hört man dort kein Lamento über Halsschmerzen
und Augenbrennen. Es wäre einmal interessant, zu untersuchen, ob das Phänomen der Klimaanlagenüberempfindlichkeit nicht weitgehend auf Einbildung und Panikmache beruht bzw. ob Klimaanlagen nicht bloß reine
Gewohnheitssache sind.)
Jedenfalls haben Arbeitnehmer Anspruch darauf, nicht
in einem Backofen zu arbeiten. Wenn der Arbeitgeber es
versäumt, die Arbeitsräume vernünftig zu temperieren,
muss der Arbeitnehmer dort nicht arbeiten. Er kann sich
»hitzefrei« nehmen und hat dennoch weiterhin Anspruch
auf ungekürztes Gehalt.” Auch nacharbeiten muss er die
ausgefallene Zeit nicht. Wenn ein Betriebsrat vorhanden
ist, hat dieser im Falle gesundheitsgefährdender Raumtemperaturen ein Mitbestimmungsrecht. Auch hier kann
der Arbeitnehmer sich also Hilfe holen.
Bei Interesse siehe hierzu:
$ # Nr.
1 ArbSchG
(Arbeitsschutzgesetz),
»Allgemeine
Grundsätze«
$ 3 ArbStättV (Arbeitsstättenverordnung), »Einrichten und
Betreiben von Arbeitsstätten« (Anhang 3.5: Raumtemperaturen)
Abschnitt 2 Nr. 3.3
$ 87 Nr. 7 BetrVG
mungsrechte«
$ 536 Abs. 1 BGB
rung bet Sach- und
$ 618 Abs. 1 BGB,
ASR 6 (Arbeitsstätten-Regel 6), a. F.
(Betriebsverfassungsgesetz), »Mitbestim(Bürgerliches Gesetzbuch), »MietmindeRechtsmängeln«
»Pflicht zu Schutzmaßnahmen«
44 Allgemeines
Keine Haftung bei Privatverkauf von
gebrauchter Ware?
Irrtum:
| Wer Gebrauchtgegenstände verkauft, haftet nıcht.
Richtig ist:
Auch Private haften beim
Ware.
Verkauf von gebrauchter
Wer auf dem Flohmarkt oder über Ebay einen gebrauchten DVD-Spieler verkauft, wird sicher reichlich verwundert dreinblicken, wenn sich der Käufer drei, vier Monate
später wieder meldet, sich darüber beklagt, dass das Gerät
nicht mehr funktioniert, und von seinen gesetzlichen Gewährleistungsansprüchen Gebrauch machen will. Gewährleistungsansprüche bei Verkauf von privat an privat?
Und dazu noch bei gebrauchten Gegenständen? So etwas
gibt es doch gar nicht ...
Doch, so etwas gibt es sehr wohl! Auch bei Privatverkaufen und auch bei gebrauchten Gegenständen gilt eine
gesetzliche Gewährleistungsfrist von immerhin zwei Jah-
ren! Der Käufer kann defekte Ware also zwei Jahre lang
zurückbringen und vom Verkäufer wahlweise die Reparatur oder den Austausch gegen eine intakte Kaufsache verlangen.
Wenn der Käufer die Ware innerhalb der ersten sechs
Monate ab Übergabe reklamiert, spricht für ihn sogar eine
so genannte Beweislastumkehr: Der Verkäufer muss demnach beweisen, dass die Ware bei Übergabe an den Käufer
in Ordnung war. Das wird ihm in den seltensten Fällen
gelingen, so dass eine Reklamation innerhalb der ersten
Keine Haftung bei Privatverkauf von gebrauchter Ware?
45
sechs Monate für den Käufer im Allgemeinen ein Kinderspiel ist. Erst während der folgenden anderthalb Jahre
kehrt sich die Beweislast zugunsten des Verkäufers um.
Nun muss der Käufer beweisen, dass die Ware schon beim
Kauf einen Fehler aufwies. Dies wird nun wiederum ihm
in der Praxis sehr schwerfallen.
Gibt es für den Verkäufer eine Möglichkeit, die Ge-
währleistung auszuschließen? Ja, die gibt es in der Tat. Für
Verkäufer empfiehlt es sich immer, einen schriftlichen
Gewährleistungsausschluss zu vereinbaren. Es genügt folgender Satz:
»Die gesetzliche Gewährleistung
ist ausgeschlossen.«
Bei privaten Autoverkäufen sind solche Klauseln bereits
die Regel und auch bei Verkäufen über Internethandelsplattformen wie Ebay sind sie häufig zu finden. Sinnvoll
sind sie jedoch — aus Sicht des Verkäufers — auch bei allen
anderen Verkäufen.
Bei Interesse siehe hierzu:
$ 433 Abs. 1 BGB (Bürgerliches Gesetzbuch), »Vertragstypische Pflichten beim Kaufvertrag«
$ 437 BGB, »Rechte des Käufers bet Mängeln«
$ 439 BGB, »Nacherfüllung«
$ 440 BGB, »Besondere Bestimmungen für Rücktritt und
Schadensersatz«
46 Allgemeines
Leihe oder Miete?
Irrtum:
Bei Autovermietern gibt es Leihwagen.
Richtig ist:
Bei Autovermietern gibt es Mietwagen.
Zugegeben: Die Welt geht nicht unter, wenn jemand
einen Mietwagen falschlich als Leihwagen bezeichnet.
Juristen bekommen bei dieser Bezeichnung trotzdem
Zahnschmerzen. Deshalb sei im Interesse der Berufskollegen folgender Hinweis gestattet: 1. Wenn man eine
Sache für eine bestimmte Zeit unentgeltlich überlassen
bekommt, dann hat man einen Leihvertrag geschlossen.
. Man leiht sich etwas. 2. Wenn man eine Sache für eine
bestimmte Zeit überlassen bekommt und dafür etwas bezahlen muss, dann hat man einen Mietvertrag geschlos-
sen. Man mietet sich etwas. Da Sixt & Co. ihre Fahrzeuge nicht umsonst zur Verfügung stellen, handelt es sich
dabei also um Mietwagen und nicht um Leihwagen.
Nicht anders sieht es bei einem Fahrrad-, Boots- oder
DVD-»Verleih« aus: Wenn jemand solch ein Schild aufhängt, dann nehmen Sie den vermeintlichen Verleiher
doch einmal beim Wort und versuchen Sie, Fahrrad, Boot
oder DVD kostenlos zur Verfügung gestellt zu bekommen!
Bei Interesse
$ 535 BGB
Pflichten des
$ 598 BGB,
siehe hierzu:
(Bürgerliches Gesetzbuch), »Inhalt und HauptMietvertrages«
»Vertragstypische Pflichten bei der Lethe«
Leihe, Schenkung, Tausch und Darlehen
47
Leihe, Schenkung, Tausch und Darlehen
Irrtum:
Wer sich vom Nachbarn Salz, Mehl und Eier geben
lässt, letht ste sich aus.
Richtig ist:
Uber Salz, Mehl und Eter schließt man mit seinem
Nachbarn im Allgemeinen einen Sachdarlehens-,
Tausch- oder Schenkungsvertrag.
Im vorigen Kapitel wurde erklärt, dass manche Leihe in
Wirklichkeit eine Miete ist. Aber eine vermeintliche Leihe kann bei genauer Betrachtung auch ein Darlehen, ein
Tausch oder eine Schenkung sein. Wer sich zum Beispiel
bei seinem Nachbarn Salz, Mehl und Eier »leiht«, um ein
paar Pfannkuchen zu machen, der kann alle möglichen
Verträge geschlossen haben, aber sicher keinen Leihvertrag. Denn eine echte Leihe liegt nur vor, wenn man die
ausgeliehene Sache - und zwar exakt dieselbe Sache anschließend wieder zurückgibt. Das ist bei Salz, Eiern
und Mehl jedoch im Allgemeinen nicht der Fall. Denn aus
diesen Grundstoffen sind inzwischen schließlich Pfannkuchen geworden. Man wird also - wenn überhaupt - am.
nächsten Tag Salz, Eier und Mehl gleicher Art, Menge
und Güte zurückbringen. Damit hätte man dann aber
einen Sachdarlehensvertrag geschlossen — ganz ähnlich einem Gelddarlehen, bei dem man ja auch nicht verpflichtet ist, exakt die überlassenen Geldscheine wieder zurück-
zubringen. Alternativ kann es natürlich auch sein, dass
man sich gar nicht verpflichtet, irgendetwas zurückzubringen. Dann hat man sich die Pfannkuchenzutaten erst
48 Allgemeines
recht nicht geliehen und auch keinen Sachdarlehensvertrag
geschlossen; vielmehr liegt ein Schenkungsvertrag vor.
Schließlich ist es noch denkbar, dass man dem Nachbarn
verspricht, ihm zum Ausgleich für seine Hilfsbereitschaft
später ein paar Pfannkuchen abzugeben. Das wäre dann
auch keine Leihe, denn man bringt die Zutaten ja schließlich nicht im Rohzustand, sondern in Form von Pfann-
kuchen zurück. Und so etwas nennt man juristisch korrekt
Tauschvertrag. Sie sind nun der Meinung, die Juristen
tickten alle nicht mehr ganz sauber? Vielleicht haben Sie
recht. Leihen Sie sich Ihre Eier also ruhig weiterhin aus!
Bei Interesse siehe hierzu:
$ 480 BGB (Bürgerliches Gesetzbuch), » Tausch«
$ 516 Abs. 1 BGB, »Begriff der Schenkung«
$ 535 BGB, »Inhalt und Hauptpflichten des Mietvertrages«
$ 598 BGB, »Vertragstypische Pflichten bei der Lethe«
$ 607 BGB, »Vertragstypische Pflichten beim Sachdarlehensvertrag«
Strandrecht
Irrtum:
Strandgut ıst herrenlos.
Richtig ist:
Angeschwemmtes Strandgut ist eine gewöhnliche Fundsache.
Über Jahrhunderte galt angeschwemmtes Strandgut in
Deutschland als herrenlos. Nach der Schleswig-Holsteini-
Strandrecht 49
schen Strandordnung von 1712 durften selbst gestrandete Schiffe gepliindert werden, sobald die Mannschaft von
Bord gegangen war. Die Menschen beteten damals um
einen »gesegneten Strand«, das heißt um möglichst viel
Strandgut, das sie ganz legal einsammeln durften. Erst
1874 verbot eine Strandungsordnung im gesamten Deutschen Reich das Einsammeln und Behalten von Strandgut. »Seeauswurf und strandtriftige Gegenstände« mussten nun beim zuständigen Strandamt abgegeben werden,
das dann den Eigentümer ermitteln sollte. Die jahrhundertealte Idee, dass Gegenstände, die das Meer an den
Strand spült, herrenlos sind, ist trotzdem nie ganz aus den
Köpfen der Deutschen verschwunden. Viele empfinden
den Gedanken als arg konstruiert, dass Dinge, die im
Meer schwimmen, noch irgendjemandem gehören sollen.
Auch die Strandungsordnung von 1874 konnte an diesem
verbreiteten Rechtsempfinden nicht viel ändern. 1990
wurde die Strandungsordnung schließlich wieder abgeschafft. Seither wird Strandgut wie eine normale Fundsache behandelt. Und das bedeutet, dass »Strandräuberei«
in kleinem Rahmen wieder legal ist - ähnlich wie vor
1874. Anders als vor 1990 ist es heute nämlich erlaubt,
Strandgut zu behalten, ohne es der zuständigen Behörde
zu melden - allerdings nur dann, wenn es nicht mehr wert
ist als 10 Euro und man den Eigentümer nicht kennt. Zumindest Letzteres dürfte ja der Regelfall sein.
Bei Interesse siehe hierzu:
$ 965 BGB (Bürgerliches Gesetzbuch), »Anzeigepflicht des
Finders«
50 Allgemeines
TV-Notare
Irrtum:
TV-Notare erbringen eine sinnvolle Tätigkeit.
Richtig ist:
TV-Notare sind ein reines Show-Element.
TV-Notare haben im deutschen Fernsehen eine lange
Tradition. Schon in den 70er Jahren wachte der Notar und
Oberschiedsrichter Dr. Eberhard Gläser darüber, dass in
der Quizshow »Der große Preis« mit Wim Thoelke alles
mit rechten Dingen zuging. Auch heute noch machen
TV-Notare
in Spielshows darauf aufmerksam, dass der
Kandidat XY geschummelt hat, so dass sein Punkt nicht
gewertet werden kann. Ferner haben sie die verantwortungsvolle Aufgabe, den Moderatoren von Casting-Sendungen gegen Ende der Show einen verschlossenen Briefumschlag mit den Ergebnissen des Televotings, also eine
Liste mit den Namen der ausgeschiedenen Kandidaten zu
überreichen.
TV-Notare
wenn
kommen
also immer
es den Fernsehmachern
dann zum
Einsatz,
darauf ankommt,
ıhren
misstrauischen Zuschauern zu signalisieren: »Seht her,
hier ist ein Notar. Hier wird nichts getürkt!«
Ob im deutschen Fernsehen wirklich nie etwas getürkt
wird, wollen wir mal dahinstehen lassen. Eines ist zumin-
dest klar: Der Notar wäre jedenfalls der Letzte, der es
mitbekommt. Denn wie, bitte schön, soll der arme Kerl
die Richtigkeit des Abstimmungsergebnisses überprüfen?
Alles, was er hat, ist ein Briefumschlag mit einem Stück
Papier, den ihm mutmaßlich die Assistentin des Aufnahme-
Vertraulichkeit der Bewerbung 51
leiters in die schwitzige Hand drückt, während er gerade
hinter den Kulissen mit einem Mikrofon verkabelt wird
und nervös auf seinen großen Auftritt wartet. Drei Minuten später darf er dann auf die Bühne, seine Grußformel
loswerden und dem Moderator den Umschlag geben.
Genauso gut könnte man einen Postboten einsetzen.
Irgendein triftiger Grund dafür, weshalb ausgerechnet
Notare solche Zustellungstätigkeiten übernehmen müssen, ist jedenfalls nicht erkennbar. Mit den üblichen Aufgaben eines Notares hat das, was TV-Notare tun, nicht
viel zu tun.
Bei Interesse siehe hierzu:
$$ 20-24 BNotO
keit«
(Bundesnotarordnung), »Die Amtstätig-
Vertraulichkeit der Bewerbung
Irrtum:
Sperrvermerke in Bewerbun gen müssen beachtet wer-
den.
Richtig ist:
Sperrvermerke sind in der Regel rechtlich unbeachtlich.
Wer sich aus einem ungekündigten Arbeitsverhältnis heraus bei einem anderen Arbeitgeber bewirbt, möchte in
der Regel, dass der derzeitige Arbeitgeber nichts davon
mitbekommt. Viele versehen ihre Bewerbung daher mit
einem so genannten Sperrvermerk, also einem Hinweis,
dass die Bewerbung gegenüber dem bisherigen Arbeitge-
52 Allgemeines
ber unbedingt vertraulich zu behandeln ist. Damit seien
sie dann rechtlich abgesichert. So meinen sie jedenfalls.
Doch so einfach ist es leider nicht. Wenn der mögliche
neue Arbeitgeber in seiner Stellenausschreibung nicht gerade Vertraulichkeit zugesagt hatte, ist er nicht verpflichtet, eingehende Bewerbungen vertraulich zu behandeln.
Der Personalchef darf also durchaus beim Vorgesetzten
des Bewerbers anrufen und ihn zum Beispiel fragen, was.
dem Bewerber an seinem bisherigen Arbeitgeber nicht
gefällt - oder umgekehrt.
Wer diese Gefahr so weit wie möglich ausschließen
will, dem bleibt nichts anderes übrig, als den bisherigen
Arbeitgeber ganz einfach nicht zu nennen, sondern ihn
lediglich zu umschreiben (»Ich bin stellvertretender Ver-
triebsleiter in einem mittelständischen Wellpappenwerk«).
Nicht ungefährlich kann es natürlich auch sein, sich auf
eine anonyme Chiffre-Anzeige zu bewerben, die neben
der ausgeschriebenen Position nur die Branche des Inse-
renten nennt. Mit etwas Pech landet die Bewerbung als
Assistent der Geschäftsleitung bei einem »führenden süddeutschen Damenoberbekleidungshersteller« dann drei
Türen weiter auf dem Schreibtisch des eigenen Chefs. Da
hilft es natürlich nur wenig, wenn man nur seinen Arbeitgeber geheim gehalten hat. In solchen Fällen bietet es sich
daher an, die Zeitung, in der die Stellenanzeige erschienen
ist, ausdrücklich darum zu bitten, die Bewerbung nicht an
den eigenen, namentlich genannten Arbeitgeber weiterzuleiten.
Wahrsager, Wunderheiler und ihre Honoraranspriiche
53
Wahrsager, Wunderheiler und ihre
Honoraranspriiche
Irrtum:
Rechnungen von Wahrsagern, Heilern und sonstigen
esoterischen Dienstleistern muss man in jedem Fall
bezahlen.
Richtig ist:
In vielen Fällen muss man esoterische Leistungen nıcht
bezahlen.
Der Markt für esoterische Waren und Dienstleistungen ist
riesig. Da gibt es Seher, Hexen und Wunderheiler, die ihre
Künste und natürlich allerlei entsprechendes Zubehör
anbieten, das zum Beispiel gegen Erdstrahlen, Handystrahlen oder Ähnliches schützen soll. Wer sich einmal
auf einschlägigen »Messen« oder Internetseiten umgesehen und das Ausmaß dieses Marktes staunend zur Kenntnis genommen hat, kommt nicht umhin, am Verstand
eines Teils der deutschen Bevölkerung zu zweifeln.
Nun ist ja gar nichts dagegen zu sagen, wenn sich leicht
alkoholisierte Familienväter in gelöster Stimmung auf der
Kirmes mal von einer lustig verkleideten Wahrsagerin mit
einem furchtbar geheimnisvoll klingenden Namen die Karten legen oder aus einer Glaskugel die Zukunft vorhersagen lassen. Man setzt sich hin, hört sich das alles an, grinst
in sich hinein und hat noch eine halbe Stunde später großen Spaß, wenn man seinen Freunden berichtet, was die
Dame gesehen zu haben meint. Es ist auch nichts dagegen
einzuwenden, der »Seherin« für diese Unterhaltungsdienstleistung ein Honorar zu zahlen. Sie hat es sich schließlich
54 Allgemeines
redlich verdient. Denn beide Seiten wissen schließlich
(hoffentlich), dass hier nicht wirklich die Zukunft vorher-
gesagt, sondern ganz einfach eine witzige Show abgezogen
wird.
Doch längst nicht immer gehen Kunden esoterischer
Dienstleister mit der nötigen amüsierten Distanz an die
Sache heran. Viele glauben tatsächlich fest daran, dass irgendwelche selbst ernannten »Hexen« ihre Ehe retten und
den entlaufenen Partner »zurückzaubern« können. Oder
sie schwören Stein und Bein, dass die angebliche »Wasserader«, die ein Wünschelrutengänger unter dem Bett gefunden haben will, schädliche »Erdstrahlen« aussendet, die
nur durch ein 1000 Euro teures Erdstrahlenabsorptionsgerät aufgehalten werden können.
Bei derartigem Unfug hört der Spaß natürlich auf. Aber
kann man in rechtlicher Hinsicht eigentlich noch etwas
tun, wenn man solchen Scharlatanen aufgesessen ist? Viele
lassen sich von dem
Umstand
täuschen, dass der Eso-
terikmarkt real existiert und funktioniert, und kommen gar
nicht auf die Idee, dass ein Großteil der »Leistungen«, die
auf diesem Markt angeboten werden, gar nicht bezahlt
werden müssten.
Zum Beispiel ist man nicht verpflichtet, für unmögliche
Leistungen zu bezahlen. Vieles spricht daher dafür, dass
Rechnungen über Erdstrahlenabsorptionsgeräte nicht beglichen werden müssen, denn die angeblichen Wasseradern und Erdstrahlen existieren bekanntlich nicht.? Und
da es auch nicht möglich ist, entlaufene Ehepartner ein-
fach wieder zurückzuhexen, bleiben auch die Anbieter
eines solchen Angebots auf ihrer Rechnung sitzen, wenn
der Betrogene sie nicht bezahlen will. Anbieter von derlei
parapsychologischem Humbug wurden schon mehrfach
Wahrsager, Wunderheiler und ihre Honoraranspriiche
55
von Gerichten zur Riickzahlung des erhaltenen Honorars
verurteilt.?
In Fallen, in denen die vermeintlichen Magier und
Psychosekten auf psychisch labile Opfer Druck ausüben,
kann der mit ihnen geschlossene Vertrag auch wegen Sittenwidrigkeit nichtig und das bereits gezahlte Honorar
aus diesem Grund zurückzuzahlen sein.
Und auch »Heiler«, die ihren Kunden ohne Zulassung
als Arzt oder Heilpraktiker ernst gemeinte esoterische
Heilbehandlungen angedeihen lassen, verstoßen gegen
gesetzliche Verbote und können schon aus diesem Grund
für ihr rechtswidriges Tun kein Honorar verlangen.
All dies sollte sich jeder klar machen, der in einer
schwachen Stunde oder einer psychisch labilen Phase viel
Geld fiir unsinnigen Hokuspokus ausgegeben hat. Der
Gang zum Anwalt kann sich in solchen Fallen lohnen!
Bei Interesse siehe hierzu:
$ 134 BGB (Bürgerliches Gesetzbuch), »Gesetzliches Verbot«
$ 138 BGB, »Sittenwidriges Rechtsgeschäft, Wucher«
$ 275 BGB, »Ausschluss der Leistungspflicht«
$ 326 BGB, »Befreiung von der Gegenleistung und Rücktritt
beim Ausschluss der Leistungspflicht«
$ 812 BGB, »Flerausgabeanspruch«
$ 814 BGB, »Kenntnis der Nichtschuld«
$ 817 BGB, »Verstoß gegen Gesetz oder gute Sitten«
Familie und Jugendliche
Eheliche Treue
Irrtum:
Eine Rechtspflicht zur Treue in der Ehe gibt es seit den
70er Jahren nıcht mehr.
Richtig ist:
Auch heute ıst die eheliche Treue eine Rechtspflicht.
Müssen Ehepartner einander eigentlich treu sein? Oder
besteht die eheliche Treuepflicht, wenn überhaupt, nur auf
dem Papier und hat keine rechtliche Bedeutung?
Bis 1977 wusste jeder in Deutschland, dass Eheleute
einander treu sein mussten. Es war allgemein bekannt, was
Fremdgehern blühte: Im Scheidungsrecht galt das so genannte Verschuldensprinzip. Ein Ehepartner konnte sich
scheiden lassen, wenn der andere eine schwere Verfehlung
begangen hatte. Dazu zählte vor allem das Fremdgehen.
Es wurde also geprüft, welcher der beiden Ehepartner die
Trennung verschuldet hatte.
Doch 1977 wurde das Verschuldensprinzip abgeschafft.
Heute gilt nur noch das Zerrüttungsprinzip, wonach eine
Ehe auch geschieden werden kann, ohne dass geprüft
wird, auf wessen Seite die »Schuld« hierfür liegt. Die Zerrüttung der Ehe genügt als Scheidungsgrund.
Viele glauben seither, dass die eheliche Treuepflicht nur
noch ein Papiertiger ist und Fremdgehen keine negativen
rechtlichen Folgen mehr haben kann. Doch das ist ein Irr-
60 Familie und Jugendliche
tum! Denn nach wie vor ist es eine Rechtspflicht, dass
Ehepartner einander treu sind.
Wer diese Pflicht verletzt, riskiert, dass seine Unter-
haltsansprüche gekürzt oder sogar ganz gestrichen werden.!® Der untreue Partner muss gegebenenfalls sogar die
Detektivkosten ersetzen, die nötig waren, um seine Seiten-
sprünge aufzudecken."
Bei Interesse siehe hierzu:
$ 1353 BGB (Bürgerliches Gesetzbuch), »Eheliche Lebensgemeinschaft«
$ 1579 Nr. 6 BGB,
»Beschränkung oder Wegfall der Ver-
pflichtung«
Elterliches Züchtigungsrecht
Irrtum:
Eltern steht gegenüber ihren Kindern ın einem gewissen Rahmen ein Züchtigungsrecht zu.
Richtig ist:
Das elterliche Züchtigungsrecht
schafft.
wurde 2000
abge-
»Schwarze Pädagogik« werden Erziehungsmethoden genannt, die auf Einschüchterung und Gewalt beruhen und
häufig mit Sprüchen wie »Mir hat's damals auch nicht geschadet« gerechtfertigt werden. Häufig wird auch auf ein
angebliches elterliches Züchtigungsrecht verwiesen. Danach sei es nicht strafbar, wenn Eltern gegenüber ihren
Kindern »mal die Hand ausrutscht«.
Elterliches Ziichtigungsrecht 61
Man kann es gar nicht deutlich genug sagen: Selbstver-
ständlich haben Eltern kein Recht, ihre Kinder zu schla-
gen. Die Züchtigungsrechte des Dienstherrn gegenüber
seinem Gesinde, des Ehemannes gegenüber der Ehefrau,
des Meisters gegenüber dem Lehrling und des Lehrers
gegenüber dem Schüler sind alle schon lange abgeschafft.
Und
auch das bisschen, was von dem früher tatsächlich
existierenden elterlichen Züchtigungsrecht noch übrig
war, ist seit dem Jahr 2000 endgültig Rechtsgeschichte.
Wer sein Kind schlägt, hat nicht nur keine Ahnung von
Erziehung, sondern macht sich auch strafbar, nämlich
wegen Körperverletzung oder Misshandlung von Schutzbefohlenen. Wer das immer noch nicht begreifen will,
für den lohnt es sich, den Gesetzeswortlaut in $ 1631 Ab-
satz 2 BGB einmal genau zu studieren:
»Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere
entwürdıgende Maßnahmen sind unzulässig.«
Verboten sind danach nicht nur Schläge, sondern auch
Einsperren, unnötig festes schmerzhaftes Zupacken und
Festhalten und auch mündliche Äußerungen der Verachtung. Wer gegen diese Verbote verstößt, kann sich nicht
nur wegen Körperverletzung, Freiheitsberaubung, Nötigung oder Beleidigung strafbar machen, sondern riskiert
auch zivilrechtliche Sanktionen, in Extremfällen bis hin
zur Entziehung der elterlichen Sorge. Dem geschlagenen Kind können darüber hinaus Schadensersatz- und
Schmerzensgeldansprüche gegen seine Eltern zustehen.
Das Gesetz stellt jedoch nicht nur Verbote auf, sondern
hilft auch Eltern, die sıch nicht anders zu helfen wissen als
62 Familie und Jugendliche
durch das Schlagen ihrer Kinder. Wer mit seinem Nachwuchs nicht mehr klarkommt oder lernen will, wie man
Kinder gewaltfrei erziehen kann, der sollte sich vertrauensvoll und angstfrei an das zuständige Jugendamt
wenden — und zwar so früh wie möglich. Dort gibt es
praktische Hilfe, auch beim Erlernen des Einsatzes von
positiven Erziehungsmaßnahmen wie Lob und Belohnung oder von zulässigen Sanktionen wie Taschengeldentzug, Ausgeh- oder Fernsehverbot.
Bei Interesse siehe hierzu:
$ 1631 BGB (Bürgerliches Gesetzbuch), »Inhalt und Grenzen
der Personensorge«
$ 1666 Abs. 1 BGB, »Gerichtliche Maßnahmen bet Gefährdung des Kındeswohls«
$ 223 StGB (Strafgesetzbuch), »Körperverletzung«
$ 225 StGB, »Misshandlung von Schutzbefohlenen«
Erbende Geschwister
Irrtum:
Geschwister sind gegenüber
erbberechtigt.
Geschwistern gesetzlich
Richtig ist:
Geschwister erben gar nichts, wenn nicht ausdrücklich
1m Testament des Bruders oder der Schwester steht, dass
sie erben.
Immer wieder erscheinen Menschen bei Rechtsanwälten
für Erbrecht und schildern Situationen wie diese:
Erbende Geschwister 63
Kürzlich ist der 93-jahrige Bruder gestorben. Er hatte
vor 25 Jahren das schöne große Elternhaus allein geerbt,
weil er die gemeinsamen Eltern dort bis zu deren Tod betreut hatte. Die anderen Geschwister hatten zum Ausgleich damals nur ein wenig Geld bekommen. Nun war
der Bruder bis ins hohe Alter durchaus lebenslustig gewesen und hatte sich noch kurz vor seinem Tod in die reizende 24-Jährige verguckt, die ihm immer das Essen auf
Rädern brachte. Und wie das Leben so spielt: Die junge
Dame erwiderte die Gefühle des wohlhabenden, kinder-
losen Senioren sogar! Ein halbes Jahr vor seinem Tod heirateten die beiden und alle waren glücklich. Na ja, fast
alle. Die überlebenden Geschwister treibt nun nach dem
Tod ihres Bruders nur eine Sorge um: Es würde sich wohl
nicht verhindern lassen, dass zumindest ein Teil des Ver-
mögens, bestehend aus dem Elternhaus und 500000 Euro
in bar, an die böse Erbschleicherin fallen würde. (Man
muss dazu sagen, dass Personen, die andere kurz vor deren
Ableben ehelichen, per se böse Erbschleicher sind, jedenfalls wenn man die übrigen Verwandten des Verstorbenen
fragt.) Ganz leer würde die Dame also nicht ausgehen.
Aber könnte man wenigstens verhindern, dass sie das
Elternhaus bekommt, in dem immerhin auch die Ge-
schwister aufgewachsen waren? Und wie hoch
Pflichtteilsanspruch der Geschwister in Bezug
Barvermögen? Nach sechs Monaten Ehe kann
Person doch allenfalls mit einem Bruchteil dieser
rechnen. Oder, Herr Rechtsanwalt?
ist der
auf das
so eine
Summe
Dem Herrn Rechtsanwalt kommt in dieser Situation
die unangenehme Aufgabe zu, den Geschwistern zu erklären, wie viel sie bekommen - nämlich gar nichts.
Dass Geschwister pflichtteilsberechtigt sind, ist ein er-
64 Familie und Jugendliche
staunlich weit verbreiteter Rechtsirrtum. Natürlich rührt
er daher, dass es kein engeres Verwandtschaftsverhältnis
gibt als zwischen Geschwistern. Tatsächlich sind jedoch
nur Ehegatten, eingetragene Lebenspartner, Eltern und
Abkömmlinge (Kinder, Enkel) pflichtteilsberechtigt, Ge-
schwister und sonstige Verwandte jedoch nicht. Elternhaus und Barvermögen gehen im vorliegenden Fall also
vollständig an die trauernde Witwe.
Bei Interesse siehe hierzu:
$ 2303
BGB (Bürgerliches Gesetzbuch), »Pflichtteilsberechtigte; Höhe des Pflichtteils«
Nächtliches Ausgehverbot für Jugendliche?
Irrtum:
Jugendliche unter 16 Jahren dürfen nachts nicht ohne
Aufsichtsperson unterwegs sein.
Richtig ist:
Es gibt keine nächtliche Ausgehsperre für Jugendliche.
Es ist gut und richtig, dass 12-Jährige nachts zuhause im
Bett liegen und schlafen, anstatt sich auf der Straße herumzutreiben. Es ist auch richtig, dass die Eltern als Erziehungsberechtigte hierauf Acht geben. Falsch ist allerdings
die Begründung, die Kindern und Jugendlichen häufig für
das nächtliche Ausgehverbot präsentiert wird: Nach 22
bzw. 24 Uhr sei es Kindern und Jugendlichen gesetzlich
gar nicht mehr erlaubt, ohne Begleitung einer Aufsichtsperson aus dem Haus zu gehen. Tatsache ist jedoch: Kin-
Nächtliches Ausgehverbot für Jugendliche?
65
der und Jugendliche dürfen viel mehr, als die meisten
Eltern wissen (oder wissen wollen). So gibt es auch keine
gesetzliche Ausgangssperre für Kinder und Jugendliche
nach 22 oder 24 Uhr. Sie dürfen also auch nachts auf der
Straße herumlaufen. Verboten ist lediglich der Aufenthalt
an bestimmten jugendgefährdenden Orten wie Kneipen
oder Clubs.
Was genau dürfen sie also?
Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren dürfen sich
zwischen 5 Uhr und 23 Uhr ohne Aufsicht in Gaststätten
aufhalten, wenn sie dort etwas essen oder trinken wollen.
Allerdings dürfen sie nur so lange bleiben, wie sie zuhause
für die Mahlzeit oder das Getränk gebraucht hätten.
Nach etwa einer Stunde müssen sie also wieder gehen.
16- und 17-Jährige dürfen dagegen bis 24 Uhr bleiben
und müssen nach einem Getränk oder einer Mahlzeit
auch nicht schon wieder gehen. Von diesen Regelungen
gibt es eine Ausnahme, die kaum jemand kennt: Für Kinder und Jugendliche, die sich auf Reisen befinden, gelten
alle diese Beschränkungen nicht. Sie dürfen also auch
mitten in der Nacht ohne Begleitung einer Aufsichtsperson in Kneipen herumlungern. Und was ist unter einer
Reise zu verstehen? Die »Durchführungshinweise zum
Jugendschutzgesetz in Nordrhein-Westfalen« wissen es
ganz genau. Sie gelten sinngemäß auch in den anderen
Bundeslandern:
»Eine Reise im Sinne des § 4 Abs. 2 ist die nicht nur unerhebliche Fortbewegung von der Wohnung.«
15-Jährige, die sich »nicht nur unerheblich« von der Wohnung fortbewegen, dürfen sich also die Nacht in Kneipen
66 Familie und Jugendliche
um die Ohren schlagen. Und es kommt noch »besser«:
Unter einer Reise ist nicht nur die erste Mofa-Iour mit
Rucksack und Zelt zu verstehen, sondern sogar der Schulweg! Den Gastwirten wird in den oben zitierten Durchführungshinweisen auch ein Tipp an die Hand gegeben,
worauf sie achten müssen, wenn Jugendliche ihnen nachts
um drei erzählen, sie seien gerade auf dem Weg zur Schule
und hätten gerne ein Pils:
»Bei Kontrollen muss es unter Betrachtung der Umstände
und des persönlichen Verhaltens glaubhaft sein, dass sich die
Person auf Reisen befindet (z.B. Mitführen von Reisegepäck oder Schultasche. Besitz einer Fahrkarte).«
Also, liebe Kinder: Wenn der Wirt Euch das nächste Mal
nachts aus der Kneipe schmeißen will, dann zeigt ihm
einfach Euren Schulranzen und eine Fahrkarte und erklärt ihm, dass Ihr auf dem Weg in die weit entfernte
Schule seid. Oder Ihr habt einen Rucksack dabei und er-
zählt, dass Ihr das erste Mal ohne Eure Eltern Urlaub
macht. Natürlich müssen diese Geschichten aber auch
stimmen! Wenn der Wirt sie Euch abnimmt, bekommt er
keine Probleme, falls seine Kneipe gerade in dieser Nacht
kontrolliert wird. Wenn die »Reise-Ausnahme« nicht
greift, muss ein Erziehungsbeauftragter her, der die Kinder und Jugendlichen begleitet. Aufsichtsperson kann
prinzipiell jeder über 18 Jahren sein, dem die Eltern auferlegen, dass er sich in dieser Nacht um die Kinder und
Jugendlichen kümmern und auf die Einhaltung der Jugendschutzbestimmungen achten soll. Wenn es in einer
Gruppe 16- bis 19-jähriger Jugendlicher also einen Volljährigen gibt, der Lust hat, »Mama für eine Nacht« zu
Nächtliches Ausgehverbot für Jugendliche?
67
spielen, sollte sich dieser Folgendes von den Eltern der
Minderjährigen schriftlich geben lassen:
»Als die personensorgeberechtigten Eltern von Jessica
Blaschke übertragen wır Herrn Kevin Kaczmarek als
Erziehungsbeauftragtem für die Nacht vom 31.12.08 auf
den 01.01.09 die Aufsicht über unsere Tochter und ver-
Pflichten thn hiermit zur Überwachung der Jugendschutzbestimmun gen.«
Eine mündliche Übertragung reicht zwar grundsätzlich
aus. Ein schriftliches Dokument ist aber besser, weil ein
Wirt sich damit eher überzeugen lässt. Selbstverständlich
muss Kevin sich dann allerdings auch seinem Erziehungsauftrag entsprechend verhalten und sollte die Jugendschutzbestimmungen in Bezug auf Alkohol, Tabak usw.
tatsächlich kennen. Denn wenn der Wirt den begründeten Eindruck gewinnt, dass Kevin sich als Autoritätsper-
son nicht durchsetzen will oder kann, darf Jessica nicht.
bleiben und muss die Kumpels alleine weiterfeiern lassen.
In Diskotheken gilt eine schärfere Regelung. Unter
16-Jährige dürfen sich hier ohne Aufsichtsperson gar
nicht aufhalten. 16- bis 17-Jährige dürfen — so wie in Gaststätten — bis 24 Uhr bleiben. Die »Reise-Ausnahme« gilt
in Diskotheken nicht. Denn auch auf Reisen gibt es keinen vernünftigen Grund, Kindern und Jugendlichen den
Aufenthalt in Clubs zu gestatten. Sie müssen nachts in
jedem Fall eine geeignete Aufsichtsperson dabeihaben.
Bei Interesse siehe hierzu:
$ 4 JuschG (Jugendschutzgesetz), »Gaststätten«
$ 5 JuschG, » Tanzveranstaltungen«
68 Familie und Jugendliche
Recht an der Fernbedienung
Irrtum:
Die Familie bestimmt in demokratischer Abstimmung,
welches Fernsehprogramm geguckt wird. Im Zweifel
entscheidet derjenige, der den Fernseher zuerst angestellt hat.
Richtig ist:
Die
erziehun gsberechtigten Eltern
bzw.
der E ıgen-
tümer des Fernsehers bestimmt das Programm.
Samstagabend, 18:30 Uhr. Papa kommt nach Hause und
schaltet die Sportschau ein. Mutter möchte sich viel lieber
in einem Boulevardmagazin über die jüngsten Fehltritte
und Affären des europäischen Hochadels informieren und
- um das Klischee zu komplettieren — Justin, Jacqueline,
Jason und Jennifer würden gerne Mario Barth gucken.
Wem diese Vorliebenverteilung allzu stereotyp erscheint,
der mag die bevorzugten Sendungen in Gedanken gerne
zwischen den einzelnen Charakteren austauschen. Was
dennoch bleibt, ist die alte Frage, die seit jeher in deutschen Wohnstuben zu Auseinandersetzungen führt: Wer
bestimmt eigentlich, was im Fernsehen geguckt wird? Wer
hat also die Verfügungsmacht über die Fernbedienung?
In manchen Familien entscheidet in alter Tradition der
Familienvater, welcher Sender eingeschaltet wird. Andernorts wird demokratisch abgestimmt und die Mehrheit entscheidet. Eine Rolle spielt es häufig auch, wer den
Fernseher als Erster eingeschaltet hatte, denn viele empfinden es als unzumutbar, umschalten zu müssen, bevor
der »angefangene« Film zu Ende ist. Derlei Regeln, die in
Recht an der Fernbedienung 69
der Praxis zur Lösung solcher Konflikte angewendet wer-
den, fördern zwar ein harmonisches Zusammenleben und
haben also durchaus ihre Berechtigung. In juristischer
Hinsicht sind sie jedoch völlig bedeutungslos. Denn weder ist eine Familie ein Parlament, in dem rechtswirksame
Abstimmungen stattfinden, noch gibt es einen Rechtsanspruch darauf, das Ende von Filmen zu erfahren.
Klar ist zunächst einmal, dass die erziehungsberechtigten Eltern bestimmen können, was ihre minderjährigen
Kinder sehen dürfen und was nicht. Dass eine Horde
Teenager ihre Eltern nicht ganz einfach »demokratisch«
überstimmen und sich ansehen darf, was sie will, versteht
sich daher von selbst. Die Eltern dürfen ganz allein festlegen, was im Fernsehen läuft.
Und wie sieht es aus, wenn die Kinder volljährig sind,
aber trotzdem noch im »Hotel Mama« wohnen? Erziehungsberechtigt sind die Eltern dann nicht mehr. Rechtlich entscheidend ist jetzt eine überraschend einfache
Frage, nämlich: Wem gehört der Fernseher?
Der Eigentümer darf mit einer ihm gehörenden Sache
so verfahren, wie er will. Und Eigentümer ist derjenige,
der den Fernseher im eigenen Namen erworben und dann
in der Regel auch selbst bezahlt hat. War dies zum Beispiel der Familienvater, so gehört ihm das Gerät und er
kann anderen Familienmitgliedern vorschreiben, was geguckt wird und was nicht. Das gilt zum Beispiel gegenüber erwachsenen Kindern oder gegenüber den Großeltern, falls diese auch noch mit im Haushalt leben.
Eine wichtige Ausnahme gilt allerdings gegenüber dem
Ehegatten und auch gegenüber dem Partner einer nichtehelichen Lebensgemeinschaft. An gemeinsam genutzten
Hausratsgegenständen (und dazu gehört auch ein Fern-
70 Familie und Jugendliche
seher) haben beide Partner ein Besitzrecht. Gegentiber
dem Partner kann man sich also nicht auf das Eigen-
tumsrecht berufen.!? Partner, ob verheiratet oder nicht,
müssen sich also wohl oder übel auf ein Fernsehprogramm
einigen. Wenn sie das nicht können, muss der Fernseher
im Zweifel ausgeschaltet bleiben.
Zusammengefasst heißt das: Minderjährige Kinder
müssen sich in jedem Fall den Fernsehwünschen ihrer erziehungsberechtigten Eltern beugen; volljährige Kinder
(oder andere Personen, die mit im Haushalt leben), denen
der Fernseher nicht gehört, müssen sich ebenfalls der
Programmwahl der Eltern unterordnen, falls diese die
Eigentümer des Fernsehers sind; Ehegatten und Partner
einer nichtehelichen Lebensgemeinschaft müssen sich auf
ein Programm einigen, andernfalls muss der Fernseher aus
bleiben.
Nun wird mancher einwenden, dass die Frage der Herrschaft tiber die Fernbedienung doch keine Rechtsfrage
sein könne. Solche Angelegenheiten würden schließlich
nicht durch Richter, sondern einvernehmlich durch die
Beteiligten geklärt. Das ist natürlich richtig. Vermutlich
hat in der Tat noch niemand seine Tochter verklagt, weil
sie sich während der Live-Übertragung des Endspiels der
Fußballweltmeisterschaft (mit deutscher Beteiligung)
strikt weigerte, die Fernbedienung aus der Hand zu geben
und auf den parallel laufenden Rosamunde-Pilcher-Film
zu verzichten. Dass noch nie jemand eine solche Klage
eingebracht hat, bedeutet jedoch nicht, dass sie rechtlich
nicht möglich wäre. So absurd es klingt: Durchsetzungsschwachen
Eigentümern
von Fernsehgeräten,
die mit
guten Worten nichts erreichen, bliebe als letztes Mittel
tatsächlich die Drohung mit einer Unterlassungsklage, ge-
Trauung durch den Kapitän 71
richtet auf die Verurteilung zur Unterlassung künftiger
Eigentumsbeeinträchtigungen. Allerdings könnte man
sich für die dabei anfallenden Kosten sicher auch einen
zweiten Fernseher kaufen und so jedem Streit aus dem
Weg gehen.
Bei Interesse siehe hierzu:
$ 903
BGB (Bürgerliches Gesetzbuch), »Befugnisse des Eigen-
tumers«
$ 1004 BGB, »Beseitigungs- und Unterlassungsanspruch«
$ 1353 BGB, »Eheliche Lebensgemeinschaft«
$ 1626 Abs. 1 BGB, »Elterliche Sorge«
Trauung durch den Kapitän
Irrtum:
Kapıtäne auf hoher See dürfen Trauungen vornehmen.
Richtig ist:
Nur Standesbeamte können Paare verheiraten.
Das Märchen von den Schiffskapitänen, die angeblich
Trauungen durchführen dürfen, ist so alt, wie es falsch ist.
Weshalb auch sollte der Käpt'n eines Fischkutters, eines
Öltankers oder einer Rheinfähre Menschen verheiraten
dürfen? Piloten, Trucker, Straßenbahnfahrer oder sonstige
im Personenbeförderungs- und Transportwesen tätige
Arbeitnehmer können schließlich auch niemanden trauen.
»Das ist mir auch klar«, werden viele jetzt sagen. » Aber so
ein richtiger Hochseekapitän mit schicker weißer Uni-
form, der mit dem Traumschiff über die Ozeane kreuzt,
72 Familie und Jugendliche
der muss so etwas doch können, oder nicht?« Jedenfalls
meint man eine solche Szene schon 100 Mal in irgendwelchen Schnulzen gesehen zu haben.
Tatsächlich jedoch haben auch Traumschiffkapitäne anderes zu tun, als Leute zu verheiraten. Und selbstver-
ständlich haben sie hierzu auch kein Recht. Die Zivilehe
wird vom Standesbeamten und die kirchliche Ehe vom
Pfarrer geschlossen. Alles andere sind romantische Geschichten ohne jeden Realitätsbezug.
Bei Interesse siehe hierzu:
$ 11 Ehegesetz, »Eheschließung«
Gastronomie
Eichstrich beim Bierglas
Irrtum:
Wenn das Bierglas nicht ganz bis zum Exchstrich voll
ist, kann der Gast nichts machen.
Richtig ist:
Biergläser müssen bis zum Eichstrich gefüllt sein, sonst
muss man sie nicht annehmen.
Natürlich ist es für einen Wirt schwer, ein Glas immer genau bis zum Eichstrich vollzumachen. Mal wird es etwas
mehr, mal wird es etwas weniger, als der Eichstrich vor-
gibt. Bei manchen Wirten wird es jedoch fast immer
etwas weniger, und man gewinnt den Verdacht, das
Methode dahintersteckt.
Doch wie ist eigentlich die Rechtslage, wenn die Kellnerin auf dem Münchner Oktoberfest 10 Maßkrüge in
die hinterste Ecke des Zeltes schleppt, kassieren will und
sich dann von einigen prinzipientreuen, mit Maßbändern
bewaffneten Preußen sagen lassen muss, dass bei 4 der
10 Gläser der Eichstrich nach Abschöpfen des Schaums
bis zu 3 Millimeter unterschritten ist und sie doch bitte
noch einmal zurückgehen und ein klein wenig nachschenken möge? Nun, die Rechtslage ist eindeutig: Die Preußen
haben recht. Wer eine Maß, das heißt einen Liter Bier, be-
stellt, der hat auch Anspruch auf einen Liter und muss
sich nicht mit 0,98 | plus sehr viel Schaum zufriedenge-
76
Gastronomie
ben. Denn der Schaum zählt nicht mit! Wenn der Liter
nicht erreicht ist, muss also nachgeschenkt werden. Ob
man hierauf auch tatsächlich in jeder Situation besteht, ist
natürlich jedem selbst überlassen. Wer keine Lust auf
mürrische Reaktionen hat, nimmt das nicht ganz volle
Bier vielleicht trotzdem an und spart stattdessen am
Trinkgeld.
Bei Interesse siehe hierzu:
$ 433 Abs. 1 BGB (Bürgerliches Gesetzbuch), »Vertragstypische Pflichten beim Kaufvertrag«
$ 437 BGB, »Rechte des Käufers bet Mängeln«
$ 439 BGB, »Nacherfüllung«
$ 440 BGB, »Besondere Bestimmungen für Rücktritt und
Schadensersatz«
Gewichtsangaben beim Steak
Irrtum:
Es genügt, wenn im Restaurant ein 250-GrammSteak dieses Gewicht im Rohzustand erreicht.
Richtig ist:
- Im Restaurant muss ein 250-Gramm-Steak nach der
Zubereitung 250 Gramm wiegen.
Wer im Supermarkt 250 Gramm Fleisch kauft, der weiß,
dass damit das Rohgewicht gemeint ist. Denn er sieht ja,
wie das Fleisch im Rohzustand gewogen wird. Aber wie
sieht es aus, wenn man ım Restaurant ein 250-Gramm-
Steak bestellt? Ist dann auch das Rohgewicht gemeint?
Gewichtsangaben beim Steak 77
Oder müssen die 250 Gramm tatsächlich auf den Teller
kommen? Der Garverlust bei einem Steak kann je nach
Fleischsorte und Zubereitungszeit über 30% betragen.
Die Frage ist also von nicht unerheblicher praktischer Bedeutung.
Zu beantworten ist sie aus Sicht des Restaurantbesuchers. Anders als im Supermarkt bestellt und erwartet der
nämlich kein rohes, sondern ein gegartes Stück Fleisch.
Also müssen sich alle Angaben in der Speisekarte auch auf
ein gegartes und nicht auf ein rohes Steak beziehen. Genauso wenig wie der Gastwirt bei der Abrechnung sagen
kann, dass sich die Preisangabe in der Speisekarte nur auf
den Rohzustand des Fleisches bezieht und für gegartes
Steak ein Zuschlag zu zahlen sei, kann er sich rechtswirksam auf den Standpunkt stellen, dass sich die Gewichtsangabe nur auf das rohe Fleisch beziehe und es auf dem
Teller ruhig etwas weniger wiegen dürfe. Konkret heißt
das: Wer ein 250-Gramm-Steak bestellt, der hat auch An-
spruch darauf, dass 250 Gramm Steak auf seinem Teller
landen. Ob er sein Steak »englisch«, »medium« oder
»durchgebraten« bestellt, spielt dabei keine Rolle. Selbst
im letzteren Falle - bei dem natürlich der höchste Garverlust auftritt - muss das Steak am Ende so viel wiegen
wie in der Speisekarte angegeben. Der Wirt muss daher
von vornherein ein schwereres
wenn der Gast es gern
möchte. Für Liebhaber
er im Rohzustand auf
greifen. Übrigens sind
lich aus diesem
Stück Fleisch wählen,
durchgebraten serviert bekommen
der »englischen« Garvariante kann
ein etwas kleineres Stück zurückeinige Steakhäuser zwischenzeit-
Grund
dazu übergegangen,
in ihren
Speisekarten darauf hinzuweisen, dass sich alle Gewichtsangaben auf den Rohzustand beziehen. Wenn dieser Hin-
78
Gastronomie
weis wirklich deutlich wahrnehmbar angebracht ist, ist er
auch wirksam und der Restaurantbesucher kann das Steak
nicht als »zu leicht« reklamieren, wenn bei ihm etwas we-
niger als angegeben ankommt. Die Betonung liegt dabei
auf »deutlich wahrnehmbar«. Ein winziges Sternchen hinter der Gewichtsangabe, das auf einen versteckten kleingedruckten Hinweis irgendwo am Ende der Speisekarte
hindeutet, reicht nicht unbedingt aus.
Bei Interesse siehe hierzu:
§ 307 Abs. 1 S. 1 BGB (Bürgerliches Gesetzbuch), »Inhaltskontrolle von Allgemeinen Geschäftsbedingungen«
§ 433 Abs. 1 BGB, » Vertragstypische Pflichten beim Kaufvertrag«
§ 434 Abs.
3
BGB, »Sachmangel«
Kaution im Hotel
Irrtum:
Hotels dürfen beim Einchecken eine Kaution fir dıe
Minibar und sonstige Zusatzleistun gen verlangen.
Richtig ist:
Eine »Vorkasse auf Verdacht« ıst unzulässig.
In Hotels erlebt man es immer wieder, dass die Empfangskraft beim Einchecken in das gebuchte Zimmer verlangt, man möge doch bitte eine Kaution hinterlegen — für
die Minibar oder sonstige Zusatzleistungen, die man
eventuell in Anspruch nimmt. In solchen Situationen
denkt man sich: Wenn die ihren Gästen nicht trauen, sol-
Schmeckt nicht gibt’s nicht 79
len sie ihnen halt keine Minibar auf das Zimmer stellen!
Selbstverständlich hat ein Hotel keinen Anspruch darauf,
dass man eine Kaution für Leistungen hinterlässt, die man
möglicherweise nie in Anspruch nehmen wird. Man kann
also den Schlüssel für das bereits gebuchte Zimmer verlangen, ohne eine Kaution zu hinterlegen. Das Hotel ist
ausreichend dadurch gesichert, dass es die Personalausweisdaten des Gastes kennt. Wenn es entgeltliche Zusatzleistungen (wie zum Beispiel Hemdenbügeln) nicht auf
Kredit erbringen will, hat es schließlich die Möglichkeit,
diese Zusatzleistungen entweder gar nicht zu erbringen
oder abzukassieren, wenn der Gast diese Leistung tatsächlich abruft. Ein schutzwürdiges Bedürfnis für »Vorkasse auf Verdacht« gibt es jedenfalls nicht.
Bei Interesse siehe hierzu:
$ 307 Abs.
kontrolle«
1 BGB
(Bürgerliches Gesetzbuch), »Inhalts-
—
Schmeckt nicht gibt’s nicht
Irrtum:
Essen, das mir nicht schmeckt, muss der Wirt zurücknehmen.
Richtig ist:
Der eigene Geschmack ist kein objektiver Maßstab.
Hat’s geschmeckt? So fragen Kellner in der Regel, wenn
es ans Bezahlen geht. Doch manchmal kommt es gar
nicht so weit, denn schon nach wenigen Bissen merkt der
80 Gastronomie
Gast, dass ihm das Essen nicht schmeckt, und er lässt es
in die Küche zurückgehen. Viele Restaurants sind in
einer solchen Situation kulant, entschuldigen sich und
servieren anstandslos ein neues, hoffentlich besser mun-
dendes Essen. Denn der Kunde ist König, und wenn es
ihm nicht schmeckt, dann schmeckt es ihm eben nicht.
Aber vertrauen sollte man auf diese Kulanz nicht. Denn
»Schmeckt nicht gibt’s nicht«, könnte man in Anlehnung
an eine bekannte Kochshow sagen. Dass dem Gast die
Speise nicht mundet, gibt ihm noch lange keinen Anspruch, das Essen ohne Bezahlung zurückgehen zu
lassen. Denn: Geschmack ist etwas Subjektives. Was der
eine mag, ist dem anderen zuwider. Die Aussage: »Das
schmeckt mir aber nicht!« reicht daher nicht aus, um das
Essen zu reklamieren. Es muss schon einen objektivierbaren Grund dafür geben, dass das Essen nicht schmeckt.
Wenn also die Suppe kalt, das Schnitzel verbrannt oder
die Pommes frites versalzen sind, dann muss man das ser-
vierte Mahl nicht akzeptieren. »Da ist mir zu viel Knoblauch im Essen« wäre dagegen kein hinreichender Reklamationsgrund.
Bei Interesse siehe hierzu:
$ 433 Abs. 1 BGB (Bürgerliches Gesetzbuch), »Vertragstypische Pflichten beim Kaufvertrag«
$ 437 BGB, »Rechte des Käufers bei Mängeln«
$ 439 BGB, »Nacherfüllung«
$ 440 BGB, »Besondere Bestimmungen für Rücktritt und
Schadensersatz«
$ 651 BGB, »Anwendung des Kaufrechts«
Tischreservierungen 81
Tischreservierungen
Irrtum:
Tischreservierungen sind unverbindlich.
Richtig ist:
Wer einen Tisch reserviert und nicht im Restaurant er-
scheint, kann sich schadensersatzpflichtig machen.
Ein Tisch im Restaurant ist schnell reserviert. Ebenso
schnell läßt sich die Reservierung in der Regel auch wieder stornieren, wenn man sich entschließt, doch lieber wo-
anders zu essen. Zum Leidwesen der Wirte sagen viele
Gäste Reservierungen jedoch nicht ab, sondern bleiben
ganz einfach kommentarlos weg. Dem Wirt entsteht auf
diese Weise möglicherweise ein Schaden. Denn vielleicht
hat er andere Gäste, die den reservierten Tisch genommen
hätten, nach Hause geschickt und auf diese Weise Umsatz
verloren. Und wenn der nicht erschienene Gast gleich
mehrere Tische reserviert hatte, hat der Wirt eventuell so-
gar zusätzliches Personal beschäftigt und mehr Lebensmittel eingekauft. Zu Recht fragt er sich dann: Wer bezahlt mir das? Das Landgericht Kiel hat die Frage
beantwortet: Der Gast muss für den Schaden aufkommen,
der dem Wirt im Vertrauen auf die Reservierung entstanden ist.!? Und das gilt nicht etwa nur dann, wenn der Gast
den großen Festsaal für die hundertköpfige Hochzeitsgesellschaft gebucht hat, sondern auch bei der Reservierung
eines kleinen Tisches für zwei Personen. Für die Gäste
heißt das: Reservierungen sollte man auf jeden Fall so früh
wie möglich absagen, wenn man sie nicht in Anspruch
nehmen möchte. So verhindert man vielleicht noch, dass
82
Gastronomie
dem Wirt ein Schaden entsteht, den man ihm ansonsten
ersetzen müsste.
Bei Interesse siehe hierzu:
$ 241 Abs. 2 BGB (Bürgerliches Gesetzbuch), »Pflichten aus
dem Schuldverhältnis«
$ 280 Abs. 1 BGB, »Schadensersatz wegen Pflichtverletzung«
$ 311 Abs. 2
BGB, »Rechtsgeschäftliche und rechtsgeschäftsähnliche Schuldverhältnisse«
Toilettenbenutzung nur gegen Entgelt?
Irrtum:
Gaststätten dürfen für die Toilettenbenutzung Geld
verlangen.
Richtig ist:
Louletten müssen tn aller Regel kostenlos zur Verfügung
gestellt werden.
Immer wieder kommt es vor, dass Gaststätten für die Toi-
lettenbenutzung ein Entgelt verlangen. Resolute Toilettenfrauen oder -männer wachen mit Argusaugen darüber,
dass auch ja jeder 50 Cent in die Untertasse auf dem
wackligen Holztisch neben dem Eingang wirft, bevor er
sich erleichtern kann. Aber ist das überhaupt zulässig?
Oder müssen die Toiletten kostenlos angeboten werden?
Bis vor einigen Jahren gab es zu dieser Frage in allen
Bundesländern glasklare Regelungen. In Gaststätten, in
denen Alkohol ausgeschenkt wurde, mussten jedenfalls
die Gäste des Hauses eine Mindestanzahl von Toiletten
Toilettenbenutzung nur gegen Entgelt? 83
pro Gaststätte kostenlos benutzen dürfen. Lediglich von
Passanten, die die Gaststätte — ohne etwas zu verzehren —
nur zum Besuch der Toiletten betraten, durfte schon im-
mer ein Entgelt für die Nutzung des WCs verlangt wer-
den. In der Tat erscheint es unfair, wenn Gastwirte ein
Getränk doppelt abrechnen: einmal, wenn es herein-
kommt, und ein zweites Mal, wenn es wieder heraus-
kommt. Manch einen würde dies vielleicht auch dazu
verleiten, Geld zu sparen und seine Notdurft schnell vor
der Kneipentür am nächsten Baum zu erledigen. Auch
dies wäre nicht ım öffentlichen Interesse. Die Verpflichtung, kostenlose Toiletten anzubieten, ist also durchaus
sinnvoll.
|
Inzwischen wird in Deutschland jedoch kräftig dereguliert. Überflüssige Gesetze werden ganz einfach abgeschafft. Dazu gehören auch die Gaststättenverordnungen,
die früher unter anderem vorschrieben, wie viele Toiletten
es in einer Kneipe zu geben hat und dass diese kostenlos
sein müssen. Lediglich in Hamburg und Berlin gibt es
solche Verordnungen derzeit noch, es steht allerdings
nicht fest, wie lange noch.
Durch das Abschaffen dieser Gesetze sollte sich an der
Rechtslage jedoch nichts Wesentliches ändern. So sehen
es jedenfalls die Ordnungsbehörden, die nun in jedem
Einzelfall entscheiden müssen, ob sie von einer Gast-
stätte die Bereitstellung kostenfreier Toiletten verlangen.
Und dies tun sie in aller Regel.
Fazit: Selbst wenn es heute nicht mehr ausdrücklich im
Gesetz steht, kann man nach wie vor überall in Deutsch-
land davon ausgehen, dass man als Gast eines Restaurants
oder einer Kneipe die Toilette kostenlos benutzen darf.
Das sollte jedoch niemanden davon abhalten, der netten
84
Gastronomie
Klofrau oder dem netten Klomann dennoch 50 Cent für
eine sicherlich nicht immer angenehme Arbeit zu gönnen.
Bei Interesse siehe hierzu:
$5 GaststG (Gaststättengesetz), »Auflagen«
$ 4 Abs. 4 GastV Berlin (Gaststättenverordnung Berlin),
» Toiletten«
$ 7 Abs. 2 GastV Hamburg (Gaststättenverordnung Hamburg), »Abortanlage für Gaste«
Zu schwache Cocktails
Irrtum:
Gegen schlecht gemixte
Cocktails kann
man
nichts
fun.
Richtig ist:
Man hat Anspruch auf ordentlich gemixte Cocktails.
»Happy Hours« erfreuen sich seit Jahren großer Beliebtheit. Zu bestimmten Uhrzeiten kosten Getränke - zum
Beispiel Cocktails - in vielen Bars nur die Hälfte. Nicht
selten hat man als Gast aber gerade während der Happy
Hour das Gefühl, dass Zombie, Mai Tai und Co. ver-
dächtig fruchtig schmecken und dass selbst nach dem
vierten Cocktail noch nicht die beabsichtigte Wirkung
eintritt. Hat der Barmixer etwa am Alkohol gespart?
In einer solchen Situation wagt es nicht jeder, das Ge-
tränk beim
Kellner zu reklamieren - schon
gar nicht,
wenn er das Kapitel »Schmeckt nicht gibt's nicht« in die-
Zu schwache Cocktails
85
sem Buch gelesen hat. Doch wie viel Alkohol in einem
alkoholischen Getrink zu sein hat, ist keineswegs eine
reine Geschmackssache, die dem jeweiligen Wirt überlas-
sen bleibt. Wenn es zu schwach gemixt ist, stellt das
durchaus einen Reklamationsgrund dar. Das Amtsgericht
Flensburg bestätigte daher zum Beispiel, dass der berühmte friesische »Pharisäer« — ein Rum-Kaffee-Mischgetrank — mindestens 4 cl Rum zu enthalten habe. Ein
Pharisäer mit nur 2 cl sei fehlerhaft, weil man den Rum
nicht vernünftig herausschmecke. Er könne deshalb zu
Recht reklamiert werden.!* Nichts anderes gilt bei Cocktails. Natürlich steht den Barmixern ein gewisser kreativer
Entfaltungsspielraum zu. Wenn ein Long Island Ice Tea
in der Happy Hour aber fast nur noch aus Cola und Oran-
gensaft besteht und die Zutaten, auf die es den meisten
Gästen eigentlich ankommt, nur in homöopathischen
Dosen im Getränk enthalten sind, ist das nicht zulässig.
Der Gast kann also einen neuen, diesmal ordentlich gemixten Cocktail zum Happy-Hour-Preis verlangen.
Da man den Mixern in den meisten Bars bei der Arbeit
zusehen kann, lässt sich die ordnungsgemäße Zubereitung
auch ohne weiteres überprüfen. Man muss sich natürlich
gut vorbereiten und sich vorher ein Cocktailrezept aus
dem Internet ausdrucken und einstecken. Wer so weit
geht, sollte sich allerdings fragen, ob er nicht vielleicht lieber gleich zuhause bleibt. Besonders viel Spaß wird er
vermutlich nicht haben - egal wie gut seine Cocktails gemixt sind.
Bei Interesse siehe hierzu:
$ 433 Abs. 1 BGB (Bürgerliches Gesetzbuch), »Vertragstypische Pflichten beim Kaufvertrag«
86
Gastronomie
§ 437 BGB, »Rechte des Käufers bet Mängeln«
§ 439 BGB, »Nacherfillung«
§ 440 BGB,
»Besondere Bestimmungen für Rücktritt und
Schadensersatz«
$ 651 BGB, »Anwendung des Kaufrechts«
Gericht und Polizei
Herumbrüllen im Gerichtssaal
Irrtum:
Angeklagte, Zeugen und sonstige Prozessbeteiligte
brüllen sich während der Hauptverhandlung gerne
einmal an.
Richtig ist:
Herumbrüllen in Hauptverhandlungen gibt es nur in
Gerichtsshows.
Gerichtsshows leben davon, dass die Zuschauer ein biss-
chen »Action« geboten bekommen. Die Zahl der in voller
Kampfausrüstung im Gerichtssaal erscheinenden Dominas ist daher im Fernsehen signifikant höher als im wirklichen Leben. Doch nicht immer reichen die optischen
Anreize dazu aus, den Zuschauer zum Dranbleiben zu
animieren. Aus diesem Grund ist es ein typisches Cha-
rakteristikum deutscher Gerichtsshows, dass sich die Pro-
zessbeteiligten spätestens fünf Minuten nach Beginn der
Verhandlung in den Haaren liegen und sich gegenseitig
nach Leibeskräften anbrüllen.
Richter beklagen nun, dass manche reale Prozessbeteiligte Fiktion und Wirklichkeit nicht auseinanderhalten
können und mittlerweile glauben, auch in echten Gerichtsprozessen herumkrakeelen zu dürfen. Und Strafverteidiger, die es ihren TV-Pendants nicht gleichtun und
sich im Gerichtssaal nicht auch mal ordentlich daneben-
90
Gericht und Polizei
benehmen,
werden
von
ihren Mandanten
als durch-
setzungsschwache Luschen betrachtet. Sicherlich zu
Unrecht. Denn jedem sollte klar sein, dass ein realer Richter es niemals dulden würde, dass jemand in seiner Verhandlung herumbrüllt (außer vielleicht der Richter selbst).
Wer es dennoch tut, kann wegen ungebührlichen Verhaltens aus dem Gerichtssaal entfernt, mit saftigen Ordnungsgeldern belegt oder gar in Ordnungshaft genommen
werden, die noch an Ort und Stelle vollstreckt werden
kann.
Zur Ehrenrettung mancher Gerichtsshows sei erwähnt,
dass auch die Fernsehrichter mitunter solche Ordnungsmittel androhen. Viel bringt das allerdings nicht, denn
spätestens in der nächsten Sendung geht die Brüllerei
schon wieder los.
Bei Interesse siehe hierzu:
$ 177 GVG (Gerichtsverfassungsgesetz), »Maßnahmen zur
Aufrechterhaltung der Ordnung«
$ 178 GVG, »Ordnungsmittel wegen Ungebühr«
Kinder als Zeugen
Irrtum:
Kleine Kinder kénnen nicht als Zeugen aussagen.
Richtig ist:
Es gibt keine Altersgrenzen für Zeugen.
Eine Autofahrerin, die mit ihrem fünfjährigen Sohn unterwegs war, wurde von einem Polizeibeamten angehalten.
Kinder als Zeugen 91
Sie sei bei Rot tiber die Ampel gefahren. Die Frau war der
Auffassung, das stimme nicht. Ihr Sohn pflichtete ihr bei.
Er habe genau gesehen, dass die Ampel noch auf Griin
gewesen sei.
Den Polizeibeamten interessierte dies jedoch nicht. Er
verwies darauf, dass die Aussage eines Kindes vor Gericht
nichts wert sei. Die Autofahrerin glaubte dem Polizisten
und akzeptierte das Bußgeld, das anschließend gegen sie
verhängt wurde.
|
Möglicherweise zu Unrecht. Denn selbstverständlich
gibt es vor Gericht keine pauschale Altersgrenze für Zeugen. Es gilt der Grundsatz der freien Beweiswürdigung.
Auch ein Fünfjähriger kann also prinzipiell aussagen.
Ob seiner Aussage vor Gericht Glauben geschenkt wird,
hängt wie bei jedem anderen Zeugen nur davon ab, wie
glaubhaft er sie präsentiert. Ein Fünfjähriger wird in der
Regel von seinen Eltern zum Beispiel darüber aufgeklärt
worden sein, dass man bei Rot warten muss. Wenn er in
einem ähnlichen wie dem oben geschilderten Fall plausibel erklärt, was er beobachtet hat, wird das Gericht ihm
also möglicherweise glauben und die Autofahrerin ohne
Bußgeld davonkommen lassen.
Bei Interesse siehe hierzu:
$ 286 ZPO (Zivilprozessordnung),
»Freie Beweiswürdi-
gung«
$ 261 StPO (Strafprozessordnung), »Freie Beweiswürdigung«
92
Gericht und Polizei
Sammelklagen
Irrtum:
Es gıbt Sammelklagen.
Richtig ist:
Es gibt keine Sammelklagen.
Eines der zahlreichen juristischen Märchen, die uns der
übermäßige Konsum amerikanischer Filme und Fernsehserien beschert hat, ist die vermeintliche Möglichkeit,
»Sammelklagen« einzulegen. Fast jeder Anwalt dürfte in
seiner Praxis schon einmal Mandanten begegnet sein, die
ihn beauftragen wollten, gemeinsam mit anderen eine solche »Sammelklage« zu erheben. Denn: Gemeinsam ist
man schließlich stark — und natürlich wird es dann auch
nicht so teuer.
So jedenfalls stellen die verhinderten Sammelklager es
sich vor. Der Anwalt wird sie dann darüber aufklären, dass
es die »class action« des US-amerikanischen Rechts in
Deutschland schlichtweg nicht gibt.
In den USA ist es tatsächlich so, dass sich eine Reihe
von Klägern zusammenschließen und einen Musterprozess führen können, dessen Ergebnisse dann selbst für
Personen bindend sein können, die sich der Sammelklage
nicht angeschlossen haben, weil sie zum Beispiel gar nicht
wussten, dass es sie überhaupt gibt.
Ein bekanntes Beispiel für eine erfolgreiche Sammelklage war das Verfahren von Nachkommen der Opfer des
Flugzeugabsturzes im schottischen Lockerbie gegen die
Republik Libyen. Es wurde in den USA geführt, weil
»Schurkenstaaten«, die den Terrorismus unterstützen, dort
Sammelklagen 93
seit 1996 problemlos verklagt werden können, während
»anständige« Länder weitestgehende Immunität genie-
ßen. Zu den Schurkenstaaten zählte auch Libyen, das sich
schließlich in einem Vergleich dazu verpflichtete, den
Nachkommen der Bombenopfer von Lockerbie immerhin
2,7 Milliarden US-Dollar zu zahlen.
Hierzulande sind Sammelklagen nach US-Vorbild undenkbar. Nach deutschem Recht muss grundsätzlich jeder
Kläger seine persönliche Betroffenheit von einem schädigenden Ereignis beweisen. Es ist also nicht möglich, dass
andere ohne seine Zustimmung oder sogar ohne sein
Wissen ein Verfahren führen, das auch für ihn Bindungswirkung entfaltet, weil eine Sach- oder Rechtsfrage für
jedermann verbindlich entschieden wird. Jeder hat in
Deutschland die Möglichkeit, seine Ansprüche selbst und
unbeeinflusst von anderen Anspruchsinhabern einzuklagen. Nur in engen Grenzen können Prozesse in Deutschland von mehreren Klägern gemeinsam geführt werden.
Die Fälle der so genannten Streitgenossenschaft oder der
Prozessverbindung sind jedoch nicht im Entferntesten
mit Sammelklagen nach US-Vorbild vergleichbar.
Bei Interesse siehe hierzu:
$ 59 ZPO (Zivilprozessordnung), »Streitgenossenschaft bet
Rechtsgemeinschaft oder Identität des Grundes«
$ 60 ZPO, »Streitgenossenschaft bei Gleichartigkeit der Ansprüche«
$ 147 ZPO, »Prozessverbindung«
Federal Rules of Civil Procedure, Title 28 United States Code
Appendix Rule 23
Strafrecht
Bierdeckel als Urkunde?
Irrtum:
Nur förmliche Dokumente von hoher Wichtigkeit sind
Urkunden im Rechtssinne.
Richtig ist:
Selbst Bierdeckel können Urkunden sein.
Die viel diskutierte Steuererklärung auf dem Bierdeckel
ist zwar leider nie Realität geworden, dennoch darf man
die Bedeutung dieses scheinbar profanen Stückes Filz für
den Rechtsverkehr nicht unterschätzen. Den wenigsten
Menschen ist klar, dass es sich bei Bierdeckeln um echte
Urkunden im Rechtssinne handelt. Das gilt jedenfalls
dann, wenn sie auf einem Kneipentisch liegen und dem
Kellner dazu dienen, darauf die Zahl der getrunkenen
Biere zu notieren.
Nun sind die Bleistiftstriche, mit denen dies geschieht,
manchmal recht dünn. Wenn man nur ein bisschen über
den Bierdeckel reibt, kann es sein, dass sie wie von Zau-
berhand verschwinden - vor allem, wenn der Deckel be-
reits durch heruntergelaufenen Schaum triefend nass ist.
Wer dem Kellner ganz bewusst einen derart manipulierten Bierdeckel vorlegt und auf diese Weise einen Teil der
Zeche prellt, macht sich selbstverständlich wegen Betruges strafbar. Das dürfte noch jedem einleuchten. Die
wenigsten wissen jedoch, dass bereits das bloße Herum-
98
Strafrecht
manipulieren an dem Bierdeckel eine Straftat, nämlich eine Urkundenfälschung ist. Schon bevor man dem Kellner
den Bierdeckel gibt, hat man sich also strafbar gemacht.
Denn es ist ein Irrtum, zu glauben, dass nur hochförmliche Dokumente wie Zeugnisse oder notariell beurkunde-
te Kaufverträge Urkunden sind. Es braucht auch keine
Stempel, Siegel, Unterschriften oder Ähnliches, um aus
einem Stück Papier — oder eben Filz - eine Urkunde zu
machen. Vielmehr ist jeder Schmierzettel dann eine Urkunde, wenn
er eine »allgemein verständliche verkörperte
Gedankenerklärung, die zum Beweis 1m Rechtsverkehr geeignet und bestimmt ist und ihren Aussteller erkennen lässt«, dar-
stellt. Diese reichlich sperrige Definition umfasst auch
Bierdeckel, denn auch sie sind dazu geeignet und be-
stimmt, im Rechtsverkehr einen Beweis zu erbringen —
nämlich über die Zahl der Getränke, die jemand bestellt
hat und somit bezahlen muss. Und ihr Aussteller ist auch
erkennbar - nämlich der Wirt der Kneipe.
Wer also ein solches Dokument fälscht, begeht eine
Urkundenfälschung, die mit Freiheitsstrafe bis zu fünf
Jahren bestraft werden kann. Und wenn alle am Tisch
mitmachen, und zwar in großem Stil und immer wieder,
dann können sogar bandenmäßige Urkundenfälschung
und bandenmäßiger Betrug vorliegen, für die man zwischen sechs Monaten und zehn Jahren hinter Gitter wandert. Darüber sollte man sich im Klaren sein, wenn man
das nächste Mal scheinbar gedankenverloren auf seinem
Bierdeckel herumreibt.
Bei Interesse siehe hierzu:
$ 263 StGB (Strafgesetzbuch), »Betrug«
$ 267 StGB, »Urkundenfälschung«
Duz-Verbot
99
Duz-Verbot
Irrtum:
Unerlaubtes Duzen ist eine Beleidigung.
Richtig ist:
Es gibt kein generelles Duz-Verbot.
Immer wieder hört man, unerlaubtes Duzen - vor allem
von Polizisten — sei in jedem Fall eine strafbare Beleidigung. Tatsache ist jedoch: Es gibt kein generelles DuzVerbot, auch nicht in Bezug auf Polizisten. Unerwünschtes Duzen kann also keineswegs immer bestraft werden.
Zu einer Beleidigung wird es erst dann, wenn man dem
Angesprochenen gerade durch die Verwendung der Anrede »Du« seine »Missachtung oder Nichtachtung kundtun« will. Denn das ist die juristische Definition einer Beleidigung. Für die Praxis heißt das: Der Ton macht die
Musik. Wer einen Polizisten bei der Verkehrskontrolle abschätzig von oben herab anblickt und ihn mit gerümpfter
Nase fragt: »Was willst DU denn?«, wird zu Recht eine
Bestrafung wegen Beleidigung des Beamten (nicht wegen
»Beamtenbeleidigung«; vgl. hierzu das erste Lexikon der
Rechtsirrtümer) zu befürchten haben. Wem das Du jedoch
im Rahmen einer nicht allzu unfreundlichen Konversation herausrutscht, ohne dass der Eindruck entsteht, der
Polizist solle dadurch angegriffen werden (»Och, kannste
nicht noch mal’ne Ausnahme machen? Ich tu’s auch nicht
wieder!«), wird auf mehr Verständnis hoffen können. Ein
Vorteil kann es auch sein, wenn die Unterhaltung im Dia-
lekt geführt wird. Denn in vielen Mundarten ist das »Du«
die übliche Anrede und daher per se nicht beleidigend ge-
100
Strafrecht
meint. Einfacher haben es auch Menschen, die prinzipiell
jeden duzen. Quasi einen Freifahrtschein zum straflosen
Duzen hat daher Musikproduzent Dieter Bohlen attestiert bekommen. Er wurde vom Amtsgericht Hamburg
freigesprochen, nachdem er sich bei einem Polizisten per
Du über ein Knöllchen am falsch geparkten Auto aufge-
regt hatte. Das Gericht meinte:
»Das Duzen des Polizeibeamten ıst unter Berücksichtigung des Umstands, dass Herr Bohlen augenscheinlich eın
gleiches Verhalten bei öffentlichen Auftritten an den lag legt
und das Duzen zu seinen normalen Umgangsformen
gehört, nur als Unhöflichkeit ohne ehrverletzenden Inhalt
zu werten.«
Auch im Job gilt übrigens: Ein Arbeitnehmer hat nicht
unbedingt Anspruch darauf, gesiezt zu werden. So unterlag ein 45-jähriger Abteilungsleiter beim Textilhandelsunternehmen H&M vor dem Landesarbeitsgericht Hamm.
Das Gericht entschied, dass er sich von seinen Kollegen
weiter duzen lassen müsse. Weder liege eine Beleidigung
noch ein Eingriff in das allgemeine Persönlichkeitsrecht
vor. Immerhin habe die gesamte Belegschaft mit Zustimmung des Betriebsrats das generelle »Firmen-Du« beschlossen. Dies habe auch der Abteilungsleiter zunächst
22 Monate lang akzeptiert."
Damit ist klar: Ob ein »Du« als Beleidigung zu werten
ist oder nicht, hängt nicht davon ab, ob der Geduzte die
Anrede als störend empfindet. Entscheidend ist nur, ob
das »Du« auch tatsächlich als Beleidigung gemeint ist.
Daher kann man in rechtlicher Hinsicht auch niemandem das »Du« wieder entziehen. Wer jemanden duzt, der
Erste Hilfe am Unfallort 101
nicht geduzt werden will, ist nur unhöflich, aber nicht in
jedem Fall gleich ein Straftäter.
Bei Interesse siehe hierzu:
$ 185 StGB (Strafgesetzbuch), »Beleidigung«
Erste Hilfe am Unfallort
Irrtum:
Wer keine Erste-Flilfe-Ausbildung hat, muss bet einem
Unfall nicht helfen.
Richtig ist:
Jeder muss bei einem Unglücksfall helfen.
Wenn es im Straßenverkehr zu einem Unfall kommt, glau-
ben erstaunlich viele Menschen, sie seien nicht zur Hilfe
verpflichtet, weil sie nicht über eine Erste-Hilfe-Ausbildung verfügen. Sie meinen also, ihr Nichtwissen, was bei einem Unfall zu tun ist, befreie sie von jeder Verantwortung.
Dieser Rechtsirrtum kann nicht nur zu einer Verurteilung
wegen unterlassener Hilfeleistung führen, sondern er ist vor
allem auch gefährlich für den Verunglückten. Selbstverständlich ist jeder Mensch verpflichtet, anderen Menschen
in Unglücksfällen zumutbare Hilfe zu leisten. Zumutbar
wird es immer sein, den Notruf 112 zu wählen und auf
diese Weise professionelle Hilfe herbeizuholen. Darüber
hinaus ist man jedoch auch ohne Erste-Hilfe-Ausbildung
verpflichtet, dem Verunglückten auch vor Ort die Hilfe zu
leisten, die man leisten kann. Und das ist oft mehr, als man-
cher ahnt. Jegliche Scheu ist hier also fehl am Platze.
102
Strafrecht
Ubrigens ist Erste Hilfe gar nicht so schwierig zu erlernen. Im Internet - zum Beispiel auf der Internetseite des
Deutschen Roten Kreuzes (www.drk.de) — sind die wich-
tigsten Mafsnahmen übersichtlich erklärt. In wenigen
Minuten kann man hier das Wissen erwerben, mit dem
man vielleicht einmal ein Leben retten kann — eventuell
sogar das Leben eines Angehörigen.
Bei Interesse siehe hierzu:
$ 323c StGB (Strafgesetzbuch),
»Unterlassene Htlfelets-
Zung«
Geldstrafen-Tabellen
Irrtum:
Tabellen in Zeitungen, die die Hohe der Strafen für
bestimmte Delikte auflisten, sind sinnvoll.
Richtig ist:
Die üblichen Geldstrafen-Tabellen in Zeitungen sind
nichtssagend.
Immer wieder drucken Zeitungen und Zeitschriften Tabellen, in denen aufgelistet wird, welche Strafen es zum
Beispiel für Beleidigungen gibt. Dort heißt es dann, dass
ein »Stinkefinger« im Straßenverkehr 800 Euro kosten
kann, während »Vogelzeigen« mit nur 400 Euro zu Buche
schlägt. Als Beleg werden Urteile genannt, in denen genau
diese Strafen ausgeworfen wurden. Die Berichte erwecken
so den Eindruck, man könne in diesen Tabellen nachse-
hen, mit welcher Bestrafung man für welche Beleidigung
Geldstrafen-Tabellen
103
rechnen muss und dass ein Stinkefinger doppelt so
schlimm ist wie Vogelzeigen.
Man kann es gar nicht deutlich genug sagen: Solche
Tabellen sind zwar lustig, aber unsinnig! Denn niemals
werden in Strafurteilen konkrete Euro-Beträge als Strafen
festgelegt. Die Höhe der Strafe bemisst sich vielmehr
nach ‘Tagessitzen. Ein Tagessatz entspricht dabei der
Summe, die ein Angeklagter am Tag verdient. Denn es
soll sichergestellt sein, dass jeder nach seiner wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit zur Rechenschaft gezogen wird.
Geringverdiener mit einem Tagessatz von nur 20 Euro
müssen also 1800 Euro zahlen, wenn gegen sie eine Strafe
von 90 Tagessätzen verhängt wird. Besserverdiener mit
einem Tagessatz von 500 Euro kommen dagegen schon
bei lediglich 30 Tagessätzen auf 15000 Euro Strafe. Wenn
nun ein solcher Besserverdiener für einen Stinkefinger
15000 Euro Strafe kassiert hat, ein Geringverdiener fürs
Vogelzeigen dagegen nur 1800 Euro, dann ist es also keineswegs so, dass der Stinkefinger härter bestraft wurde.
Ganz im Gegenteil ist die Strafe für das Vogelzeigen in
Wahrheit dreimal so hoch ausgefallen (90 Tagessätze statt
30). Nur: Das lässt sich den Euro-Summen nicht entneh-
men. Und deshalb ist es auch vollkommen überflüssig,
diese Euro-Summen in einer Tabelle zu veröffentlichen.
Aussagekräftig würden solche Tabellen erst dann, wenn
auch die Zahl der verhängten Tagessätze und die sonstigen Strafzumessungskriterien daraus hervorgingen. Denn
ein Stinkefinger von jemandem, der schon fünfmal wegen
Beleidigung verurteilt wurde, wird natürlich härter bestraft als der Stinkefinger eines Ersttäters. Diese Information braucht man beispielsweise, um die Höhe der Strafe
einordnen zu können. Und wichtig wäre es zum Beispiel
104
Strafrecht
auch, zu wissen, ob der Täter alkoholisiert war oder zur
Tat provoziert wurde. Denn all dies und noch viele weitere individuelle Kriterien spielen bei der Strafzumessung
eine Rolle. Zugegebenermafen wiirde die Tabelle ziem-
lich unübersichtlich, wenn sie all diese Informationen ent-
hielte. Es ist daher zu befürchten, dass wir auch künftig in
grober Vereinfachung lesen müssen: »Stinkefinger kostet
800 Euro, Vogelzeigen nur 400 Euro.« Mit solchen Statistiken ist es demnach ein bisschen wie mit ZeitschriftenHoroskopen: Wen sie amüsieren, der soll sie lesen. Einen
konkreten Nutzwert haben sie leider nicht.
Bei Interesse siehe hierzu:
§ 40 StGB (Strafgesetzbuch), »Verhdngung in Tagessätzen«
$ 46 StGB, »Grundsätze der Strafzumessung«
Kriminalisieren
Irrtum:
Viele Menschen werden zu Unrecht kriminalısiert.
Richtig ist:
Der Begriff des »Kriminalisierens« wird fast immer in
völhg unsinniger Weise verwendet.
Unter Kriminalisierung versteht man das Strafbarmachen
bestimmter Verhaltensweisen, die früher nicht strafbar
waren. Zum Beispiel ist die Vergewaltigung in der Ehe
erst seit 1997 eine Straftat. Auch gab es früher keine Umweltdelikte. Umweltverschmutzung war also nicht schon
immer strafbar. Derartige Verhaltensweisen wurden erst
Kriminalisieren
105
im Laufe der Zeit kriminalisiert. Das Gegenteil von Kriminalisierung ist die Entkriminalisierung. Ein Beispiel
hierfür ist der berühmte § 175 StGB (Strafgesetzbuch),
der früher homosexuelle Handlungen unter Strafe stellte.
Er wurde in den 90er Jahren abgeschafft. So viel zum korrekten Gebrauch des Wortes »Kriminalisieren«. Leider
wird es in der öffentlichen Diskussion jedoch so gut
wie nie korrekt gebraucht, sondern vielmehr fast immer
missbraucht. Irgendein Straftäter fand vermutlich einmal,
dass sein Verhalten doch eigentlich ganz o.k. sei und dass
der eigentliche Skandal darin liege, dass er für sein - vermeintlich — akzeptables Verhalten überhaupt vor den
Kadi gezerrt werde. Seither jammert jeder illegale Hausbesetzer, der wegen Hausfriedensbruch angeklagt wird,
dass er »kriminalisiert« werde. Das Gleiche hört man
regelmäßig von gewalttätigen politischen Demonstranten, die wegen Körperverletzung oder Sachbeschädigung
angezeigt werden, weil sie meinen, ihren weltanschau-
lichen Vorstellungen dadurch Ausdruck verleihen zu müssen, dass sie irgendetwas oder irgendjemanden kaputt
schlagen. Falsch! Solche Leute werden nicht von irgendwelchen bösen Mächten »kriminalisiert«, sondern sie
sind aus eigenem Entschluss Kriminelle. Nicht andere
stülpen ihnen den ungerechtfertigten Vorwurf einer
Straftat über, sondern sie selbst begehen eine solche aus
freien Stücken.
Der Begriff des Kriminalisierens wird hier also ın völlig
unsinniger Weise gebraucht. Er passt einfach nicht und
dient lediglich dazu, ein strafbares Verhalten zu verharmlosen, indem der Spieß umgedreht und der Ankläger in
die Position des Angeklagten gebracht wird. Mit der gleichen Berechtigung könnten ein Dieb, ein Vergewaltiger
106
Strafrecht
oder ein Mörder beklagen, dass sie vom Staat »kriminalisiert« würden.
»Das kann man doch nicht vergleichen — Mord und Haus-
friedensbruch«, wird jetzt mancher empört einwenden.
Doch, das kann man sehr wohl! Denn es geht nicht darum, ob der Vorwurf eines Hausfriedensbruchs genauso
schwer wiegt wie der Vorwurf eines Mordes (was natür-
lich nicht der Fall ist). Es kommt nur darauf an, dass beide
Taten gegen einen Straftatbestand verstoßen. Und wer gegen einen Straftatbestand verstößt, wird nicht »kriminalisiert«, sondern 1st kriminell - ganz von alleine und ohne
die Mitwirkung anderer! Wer das nicht einsieht, ist nicht
nur ein Straftäter, sondern maßt sich außerdem an, sich
gegen die Wertentscheidung der demokratischen Mehr-
heit in unserem Rechtsstaat zu stellen. Denn was eine
Straftat ist und was nicht, kann zum Glück nicht jeder für
sich selbst entscheiden.
Bei Interesse sıehe hierzu:
$ 123 StGB (Strafgesetzbuch), »Hausfriedensbruch«
Rechtfertigender Notstand
Irrtum:
Man darf den Tatbestand von Strafgesetzen wie Totschlag, Freiheitsberaubung oder Urkundenfälschung in
keinem Fall erfüllen.
Richtig ist:
Manchmal ist es erlaubt, »Straftaten« zu begehen.
Rechtfertigender Notstand 107
Dass man in Notwehr Menschen verletzen oder gar töten
darf, weiß fast jeder. Weitgehend unbekannt ist jedoch der
so genannte rechtfertigende Notstand. Vielen ist überhaupt nicht klar, welche Taten man noch begehen darf,
wenn man eine Gefahr von sich selbst oder einem anderen
abwenden will. Und dabei geht es nicht nur um Gefahren
für Leib oder Leben. Auch das Eigentum, die Ehre oder
die Freiheit sind eigene und fremde Rechtsgüter, die man
schützen darf, wenn sie bedroht sind — und zwar ausdrücklich auch mit Maßnahmen, die normalerweise Straf-
taten darstellen.
Man muss allerdings darauf achten, dass das geschützte Interesse das beeinträchtigte wesentlich überwiegt.
Natürlich darf man also niemanden töten, nur weil er gerade jemanden beleidigt, also dessen Ehre angreift. Denn
das geschützte Interesse (Rechtsgut Ehre) überwöge das
beeinträchtigte (Rechtsgut Leben) in solch einem. Fall
eindeutig nicht.
In den folgenden sechs Fällen waren Gerichte jedoch
der Auffassung, dass ein rechtfertigender Notstand vorlag,
das heißt, dass die Betroffenen rechtmäßig Straf- oder
Ordnungswidrigkeiten-Tatbestände erfüllen durften:
— Freiheitsberaubung in Form zeitweiliger Einschließung
eines Geisteskranken in familiärer Selbsthilfe — zuläs—
sig.16
Urkundenfälschung als einziges Mittel gegen Willkür-
maßnahmen der DDR - zulässig.!”
— Geschwindigkeitsübertretung bei dringendem Krankentransport — zulässig."?
— Trunkenheit im Verkehr, um Verletzten ins Kranken-
haus zu bringen - zulässig.!?
108
Strafrecht
— Wegnahme eines Zündschlüssels, um Trunkenheits-
fahrt zu vermeiden — zulässig."
— Fahren ohne Fahrerlaubnis, um Diebe zu vertreiben —
zulässig.!
Vorsicht: In all diesen Fällen kam es auf eine sorgfältige
Abwägung aller Umstände des Einzelfalls an. Ähnlich
scheinende Fälle können von einem anderen Gericht also
auch anders entschieden werden.
Um einige Gegenbeispiele zu geben, folgen nun fünf
Taten, die nicht erlaubt, also nicht aufgrund rechtfertigenden Notstands zulässig waren:
— Trunkenheitsfahrt eines Leichtverletzten ohne Führer-
schein zur Ambulanz — unzulässig.”
— Trunkenheitsfahrt, um streunende Hunde einzufangen
— unzulässig.”
- Geschwindigkeitsübertretung zur Rettung eines Wel-
lensittichs — unzulässig.**
— Mitschnitt eines Telefongesprächs (Verletzung der Vertraulichkeit des Wortes, $ 201 StGB), um Beweismittel
in einem Scheidungsverfahren zu erlangen — unzulässig.
— Beschädigung von militärischen Anlagen, um die Bundesregierung zu einem Verzicht auf Atomwaffen zu
zwingen — unzulässig.”®
Fazit: In Notsituationen darf man mehr, als viele glauben.
Eine sorgfältige Interessenabwägung ist aber in jedem
Einzelfall stets Voraussetzung. Dass man sich nicht in jeder Gefahrenlage angetrunken und ohne Fahrerlaubnis
hinter das Steuer setzen darf, muss also klar sein. Die Ge-
Todesstrafe 109
fahr fiir das konkret bedrohte Rechtsgut muss deutlich
schwerer wiegen als die Notstandshandlung, damit solche
Taten ausnahmsweise einmal erlaubt sind.
Bei Interesse siehe hierzu:
$ 34 StGB (Strafgesetzbuch), »Rechtfertigender Notstand«
Todesstrafe
Irrtum:
Die Möglichkeit der Verhängung der Todesstrafe ist aus
allen deutschen Gesetzen gestrichen.
Richtig ist:
Die hessische Landesverfassung sieht immer noch die
Verhängung der Todesstrafe vor.
In Deutschland gibt es keine Todesstrafe. Schließlich leben wir in einem zivilisierten Rechtsstaat. Wie jeder weiß,
wurde die Möglichkeit der Verhängung dieser Strafe mit
Gründung der Bundesrepublik Deutschland aus allen
Gesetzen gestrichen. Wirklich? Blicken wir einmal in
Artikel 21 der geltenden hessischen Landesverfassung.
Dort heißt es bis heute:
»Ist jemand einer strafbaren Handlung für schuldig befunden worden, so können ihm auf Grund der Strafgesetze
durch richterliches Urteil die Freiheit und die bürgerlichen
Ehrenrechte entzogen oder beschränkt werden. Bei besonders schweren Verbrechen kann er zum Tode verurteilt werden.«
110
Strafrecht
Alle Versuche zur Abschaffung dieses Artikels scheiterten
bisher. Heißt das, Kriminelle müssen in Hessen bis heute
fürchten, zum Tode verurteilt zu werden? Natürlich nicht!
Die hessische Landesverfassung stammt aus dem Jahre
1946. Sie ist also drei Jahre älter als das Grundgesetz, das
erst 1949 in Kraft trat. Und dort heißt es klar und eindeu-
tig: Die Todesstrafe ist abgeschafft.
Die "Todesstrafe ist seit 1949 somit endgültig Rechtsgeschichte — und zwar auch in Hessen, denn das Grundgesetz bestimmt außerdem, dass das Bundesrecht dem
Landesrecht vorgeht. Ein hessischer Richter könnte also
nicht unter Berufung auf die Landesverfassung die Todesstrafe verhängen und auch das Land Hessen könnte die
Todesstrafe nicht durch ein Gesetz wieder einführen. Bei-
des verstieße gegen das Grundgesetz.
Bei Interesse siehe hierzu:
Artikel 31 GG (Grundgesetz), »Vorrang des Bundesrechts«
Artikel
102 GG, »Abschaffung der Todesstrafe«
Artikel 21 Abs. 1 HV (Hessische Landesverfassung), »Gesetzliche Strafen«
Unerlaubtes Entfernen vom Unfallort
Irrtum:
Nur Fahrer, dıe einen Unfall verschuldet haben, können sıch wegen »Fahrerflucht« strafbar machen.
Richtig ist:
Jeder Unfallbetetligte muss am Unfallort bleiben, auch
wenn seine Schuld nıcht feststeht.
Unerlaubtes Entfernen vom Unfallort
111
Dass nicht nur Fahrer sich wegen »Fahrerflucht« strafbar
machen können, sondern zum Beispiel auch Beifahrer
oder Fußgänger, wurde bereits im Neuen Lexikon der
Rechtsirrtümer aufgeklärt. Aber noch eine weitere Ausrede
hören Strafrichter immer wieder, wenn jemand vor ihnen
steht, der wegen dieses Delikts angeklagt ist: »Aber ich hatte doch gar keine Schuld an dem Unfall. Dann muss ıch doch
auch nicht warten!« Irrtum! Denn jeder Unfallbeteiligte
muss am Unfallort warten und es ermöglichen, dass seine
Personalien festgestellt werden. Ob er Schuld an dem Unfall hat oder nicht, spielt keine Rolle. Denn wer will diese
Frage am Unfallort schon zuverlässig beurteilen? Die
Schuldfrage muss später der Richter klären. Erst einmal
haben alle Unfallbeteiligten am Unfallort zu bleiben, damit überhaupt gründlich untersucht werden kann, was
eigentlich passiert ist. Und als Unfallbeteiligter gilt man
schon dann, wenn man nur möglicherweise zum Unfall
beigetragen haben könnte. Das galt zum Beispiel für einen
Monteur, der bei einer Reparatur einen Fehler gemacht
hatte. Der Mann saß als Beifahrer im Unfallwagen, und
da nicht auszuschließen war, dass sein Reparaturfehler den
Unfall verursacht hatte, musste er erst einmal an der Un-
fallstelle warten.?’ Er durfte also nicht einfach gehen und
darauf verweisen, dass er weder selbst gefahren war noch
den Fahrer abgelenkt hatte. Selbst wenn sich später herausgestellt haben sollte, dass sein Reparaturfehler rein gar
nichts mit dem Unfall zu tun hatte, hat er sich strafbar gemacht. Denn die bloße Möglichkeit einer Mitursächlichkeit reichte hierfür schon aus.
Fazit: Wer in einen Unfall verwickelt wird, bleibt ım
Zweifel lieber am Unfallort, bis die Polizei seine Persona-
lien aufgenommen hat. Wenn die nicht ganz entfernte
112
Strafrecht
Möglichkeit besteht, dass man mit dem Geschehen etwas
zu tun habe, riskiert man eine Bestrafung, wenn man ein-
fach verschwindet, ohne die Feststellung seiner Identitat
zu ermöglichen.
Bei Interesse siehe hierzu:
$ 142 StGB (Strafgesetzbuch), »Unerlaubtes Entfernen vom
Unfallort«
Vordrängeln in der Schlange
Irrtum:
Man darf sıch nicht vordrängeln.
Richtig ist:
Vordrängeln ıst unhöflich, aber nıcht verboten. Also
darf man es.
Was nicht ausdrücklich verboten ist, ist erlaubt. Dieser
ganz einfache Grundsatz gilt immer - also selbst für solche Verhaltensweisen, über die sich jeder aufregt. Das
Vordrängeln in der Schlange ist so eine Verhaltensweise,
die zwar völlig inakzeptabel, von Gesetzes wegen aber
nicht verboten ist. Denn der Gesetzgeber geht zu Recht
davon aus, dass nicht alle Bereiche des menschlichen Zu-
sammenlebens juristisch geregelt werden müssen. Und
einen Straftatbestand des »Vordrängelns an der Supermarktkasse« brauchen wir nun wirklich nicht. Vordrängeln ist also erlaubt. Es ist lediglich unhöflich. Zugegeben:
Diese Erkenntnis wirkt nicht gerade weltbewegend. Denn
»Vordrängeln an der Kasse« ist im Allgemeinen sowieso
Vordrängeln in der Schlange 113
kein Thema, das vor Gericht behandelt wird. Wirklich
nicht? Bei Lichte betrachtet kann Vordrängeln durchaus
zu einem juristisch relevanten Verhalten werden! Und ob
es verboten ist oder nicht, spielt dann sehr wohl eine
Rolle. Stellen wir uns nur einmal zwei Tokio-Hotel-Fans
vor, die bei Nieselregen und Temperaturen um den Gefrierpunkt 16 Stunden lang zahnspangenklappernd vor
einer Kartenvorverkaufsstelle campiert haben, um Karten
für ein Konzert ihrer Lieblingsband zu bekommen. Als sie
schließlich ganz vorne an der Kasse stehen und der Verkäufer die letzten beiden Tickets ausruft, müssen sie erle-
ben, wie zwei Vordrängler an der Schlange vorbeieilen und
ihnen - ohne Gewalt auszuüben — die Karten vor der Nase
wegschnappen. In einer solchen Situation kann es durchaus schon einmal zu Beleidigungen und Körperverletzungshandlungen zu Lasten der Vordrängler kommen.
Wir sind also im Bereich des Strafrechts. Und es stellt
sich auch die Frage, ob die beiden Fans nicht Anspruch
auf die Tickets haben, die »eigentlich« ja sie hätten bekommen müssen. Dies wäre dann eine zivilrechtliche
Frage. Würde den beiden Fans Unrecht geschehen, dürften sie Notwehr üben und die Vordrängler beleidigen und
sogar körperlich angreifen, um ihr Recht auf die Tickets
zu verteidigen. Denn das Notwehrrecht geht viel weiter,
als die meisten glauben (vgl. Lexikon der Rechtsirrtümer,
S. 205)! Aber die Position in der Schlange gewährt ihnen
eben keine geschützte Rechtsposition. Also dürfen sie sich
gegen — gewaltlose — Vordrängler auch nicht zur Wehr
setzen. Und sie haben auch keinen Anspruch auf Herausgabe der Tickets. Denn die Drängler haben die Karten
rechtswirksam gekauft und dürfen sie daher behalten.
Dieses Beispiel zeigt, welche Vorteile und welche Nach-
114
Strafrecht
teile es hat, dass nicht jedes unhöfliche Verhalten auch ein
rechtswidriges Verhalten ist. Wenn wir nicht wollen, dass
der Rechtsstaat unser Leben zu sehr reguliert, müssen wir
akzeptieren, dass bestimmte Ungerechtigkeiten jedenfalls
nicht mit juristischen Mitteln aus der Welt geschafft werden können, so unfair das auch erscheinen mag.
Bei Interesse siehe hierzu:
$ 32 StGB (Strafgesetzbuch), »Notwehr«
Straßenverkehr
Alkohol am Steuer verboten?
Irrtum:
Alkoholtrinken beim Autofahren ist verboten.
Richtig ist:
Auch am Steuer darf man Alkohol trinken.
Jedes Jahr sterben in Deutschland über tausend Menschen
bei alkoholbedingten Verkehrsunfällen. Es ist daher gut
und richtig, dass man im Allgemeinen keine Autofahrer
sieht, die mit der Bier- oder Schnapspulle am Hals im
Straßenverkehr unterwegs sind. Denn schon kleinste
Mengen Alkohol können bekanntlich die Verkehrstauglichkeit herabsetzen. Viele wird es daher erstaunen, dass
Alkoholgenuss am Steuer in Deutschland nicht verboten
ist! Solange man die gesetzlich vorgeschriebene Promille-
grenze von 0,5 Promille nicht übersteigt, darf man nach
Herzenslust zur Flasche greifen — auch während der
Fahrt. Nur wenn man Ausfallerscheinungen zeigt (zum
Beispiel Schlangenlinienfahren), ist bereits bei 0,3 Promille Schluss. 0,3 1 Bier können bei manchem dann schon
zu viel sein. Eine weitere Ausnahme gilt für Fahranfänger.
Wer jünger als 21 Jahre oder noch in der Probezeit ist, für
den gilt schon bei Fahrtantritt die 0,0-Promille-Grenze
und ein absolutes Alkoholverbot auch während der Fahrt.
Wir lernen also: Das Handy am Ohr des Autofahrers ist
eine Ordnungswidrigkeit, die Bierdose am Mund ist da-
118
Straßenverkehr
gegen kein Problem. Der Gesetzgeber mag sich einmal
Gedanken darüber machen, ob dies sinnvoll ist. Es dürfte
doch einen Unterschied darstellen, ob man den Alkohol
vor Fahrtantritt in geselliger Runde oder mitten im Strafenverkehr zu sich nimmt. Es gibt keinen vernünftigen
Grund, den Alkoholkonsum am Steuer zu erlauben. Je-
dem dürfte es zuzumuten sein, sich wenigstens beim Fahren zurückzuhalten und gar nicht erst in die Versuchung
zu geraten, die einmal angefangene Bierflasche auch bis
zur Neige auszutrinken.
Bei Interesse siehe hierzu:
$ 23 Abs.
1a StVO
(Straßenverkehrsordnung), »Sonstige
Pflichten des Fahrzeugführers«
$ 24a StVG
(Straßenverkehrsgesetz), »0,5-Promille-Grenze«
$ 24c StVG, »Alkoholverbot für Fahranfänger und Fahranfüngerinnen«
Alkoholtest
Irrtum:
Auf
Aufforderung der Polizei müssen Autofahrer einen
Atemalkoholtest machen.
Richtig ist:
Eınen Atemalkoholtest kann die Polizei nie verlangen
und eine Blutprobenentnahme nur, wenn Verdacht auf
eine Trunkenhettsfahrt besteht.
Was die Polizei sagt, das muss man tun, denken sich viele
und glauben, sie seien verpflichtet, einen Atemalkoholtest
Alkoholtest
119
mitzumachen, nur weil sie von einem Polizeibeamten an-
gehalten und darum gebeten werden.
Tatsache ist jedoch, dass Polizeibeamte niemals ver-
langen können, dass ein Fahrer in das Alkoholtestgerät
bläst. Denn eine Rechtsgrundlage für eine solche Anordnung gibt es schlichtweg nicht. Selbst wenn ein Fah-
rer offensichtlich sturzbetrunken ist, muss er also nicht
»pusten«, wenn er nicht will. Daher sind die Polizisten
. auch verpflichtet, immer zu fragen, ob man mit einem
freiwilligen Test einverstanden sei. Wer dann einfach
nein sagt, muss den Test nicht machen und dafür auch
keine Begründung nennen. Vielen ist das nicht klar. Sie
glauben, wenn sie sich dem Test verweigern, könne das
zu ihren Lasten ausgelegt werden. Das Gegenteil ist
jedoch der Fall.
Es sollte allerdings nicht verschwiegen werden, dass
Fahrer, bei denen der Verdacht auf eine Trunkenheits-
fahrt vorliegt, zu einer Blutentnahme gezwungen werden
können. Wer also zum Beispiel extrem langsam oder
in Schlangenlinien fährt, lallt und deutlich nach Alkohol
riecht, darf sich zwar weigern, ins Atemalkoholtestgerät
zu blasen. Eine Blutprobe kann er jedoch nicht verweigern. Wer dagegen keinerlei Anzeichen einer Alkoholisierung zeigt, kann auch zu nichts gezwungen werden.
Bei Interesse siehe hierzu:
$ 316 StGB (Strafgesetzbuch), »Trunkenheit im Verkehr«
$ 81a
StPO
(Strafprozessordnung),
suchung des Beschuldigten«
»Körperliche
Unter-
120
Straßenverkehr
Ampeln »umgehen«
Irrtum:
Rote Ampeln dürfen Fußgänger nicht »umgehen«.
Richtig ist:
Grundsätzlich dürfen Fußgänger rote Ampeln umgehen und die Fahrbahn an einer anderen Stelle überqueren.
Ein Fußgänger möchte eine Straße überqueren. Doch leider zeigt die Fußgängerampel Rot. Da liegt es doch nahe,
die Straße ganz einfach 20 Meter weiter zu überqueren,
wo die Ampel nicht gilt. Aber ist das auch zulässig? Oder
hat man zu Recht ein (mehr oder weniger) schlechtes
Gewissen, weil man sich eigentlich gezwungen fühlt, die
Straße an der Ampel zu überqueren?
Nun gibt es sicher kein Land auf der Welt, in dem Rotlichtverstöße von Fußgängern kritischer betrachtet und
härter geahndet werden, als Deutschland. Nicht umsonst
sagt man uns daher im Ausland nach, wir seien das einzige
Volk der Erde, dessen Bewohner nachts um drei an einer
menschenleeren Landstraße als Fußgänger vor einer roten
Ampel stehen bleiben. Umso erstaunlicher ist es, dass das
»Umgehen« von Ampeln prinzipiell zulässig ist. Wenigstens dieses kleine Stückchen »Anarchie« wird uns also ge-
lassen: Wer an einer Ampel nicht warten will, der darf die
Straße grundsätzlich auch an einer anderen Stelle überqueren. Wegen eines Rotlichtverstoßes kann er dann nicht
belangt werden. Denn das Rotlicht der Ampel gilt nur im
näheren Bereich der Ampel.
|
Allerdings gibt es einen Ausnahmefall, in dem der
Ampeln »umgehen«
121
Fußgänger gezwungen ist, die Fahrbahn an einer vorhandenen Ampel zu überqueren. Eine solche Pflicht besteht
nämlich immer dann, wenn die Verkehrslage es erfordert,
das heißt, vor allem bei dicht und schnell befahrenen brei-
ten Straßen. Wenn der Fußgänger bei korrektem Verhalten erst lange warten müsste, bis die Straße frei oder das
Überqueren gefährlich ist, müssen Fußgänger den Ampelüberweg oder Zebrastreifen benutzen und dann dort
ein eventuelles Rotlicht natürlich beachten.
Aber wie weit muss man laufen, um an solch einer
Straße überhaupt erst einmal bis zur nächsten Ampel zu
gelangen? Es gibt Gerichtsentscheidungen, wonach ein
Weg von 30, 40 oder 50 Metern durchaus zumutbar ist.”°
Ein zusätzlicher Weg von 100 Metern bis zur Ampel und
weiteren 100 Metern auf der gegenüberliegenden Straßenseite, insgesamt also 200 Metern, ist dagegen in der
Regel nicht zuzumuten.??
Fazit: Wer »vergisst«, die Straße an einer roten Ampel
zu überqueren und deshalb deutlich mehr als 50 Meter
weiter geht, um erst dort die Fahrbahn zu überqueren, der
kann selbst bei stärkerem Verkehr darauf hoffen, keine
kostenpflichtige Verwarnung oder Geldbuße zu kassieren.
Bei schwach befahrenen Straßen gilt dies erst recht. Voraussetzung ist in beiden Fällen natürlich immer, dass das
Überqueren der Straße auch möglich ist, ohne andere
dabei zu gefährden oder zu behindern.
Bei Interesse siehe hierzu:
$ 1 StVO (Straßenverkehrsordnung), »Grundregeln«
$ 25 Abs. 3 StVO, »Fußgänger«
—
122
Straßenverkehr
Angst vorm Blaulicht
Irrtum:
Fahrzeugen mit Blaulicht muss man sofort freie Bahn
verschaffen.
Richtig ist:
Nur Blaulicht mit Sirene gibt Einsatzfahrzeugen ein
Wegerecht.
Sie fahren mit Ihrem Auto durch die Stadt. Plötzlich
taucht hinter Ihnen ein Fahrzeug mit Blaulicht auf. Eilig
fahren Sie an den Straßenrand und lassen das Fahrzeug
vorbei. Sinnvoll ist das ohne Zweifel. Denn Polizei oder
Ambulanz werden das Blaulicht schließlich nicht ohne
Grund einschalten.
Erstaunlicherweise ist man in einer solchen Situation
jedoch nicht ohne weiteres gezwungen, das Einsatzfahr-
zeug vorbeizulassen. Die »Angst vorm Blaulicht« ist also
nicht gerechtfertigt. Denn das so genannte Wegerecht
können nur Fahrzeuge beanspruchen, die mit Blaulicht
und Sirene gleichzeitig fahren. Das Blaulicht alleine reicht
also nicht aus. In der Praxis schalten die Fahrer der Einsatzfahrzeuge daher zumindest kurz das Martinshorn ein
und signalisieren so, dass man auf die Seite fahren soll.
Tun sie das nicht, muss niemand damit rechnen, dass sie
auf ihrem Vorrang bestehen. Wenn es daher zu einem Unfall kommt, kann der Unfallgegner sich darauf berufen, er
habe nicht damit gerechnet, dass das Einsatzfahrzeug ein
Vorrecht in Anspruch nehmen würde. Denn ohne Martinshorn bestand dieses schließlich nicht.
Allerdings heißt das nicht, dass man Einsatzfahrzeuge
Barfuß Auto fahren
123
der Polizei nun mutwillig behindern darf, wenn sie zum
Beispiel aus einsatztaktischen Griinden nur das Blaulicht
benutzen. Denn dies kénnte zumindest gegen das allgemeine Rücksichtnahmegebot im Straßenverkehr verstoßen."
Fazit: Auch wenn man nicht immer dazu verpflichtet
ist, sollte man Einsatzfahrzeugen auch dann den Weg frei
machen, wenn sie nur das Blaulicht und kein Martins-
horn eingeschaltet haben. Tut man es versehentlich jedoch
einmal nicht oder wird man in einen Unfall mit einem
solchen Fahrzeug verwickelt, sollte man sich unbedingt
daran erinnern, dass Wegerechte nur bestehen, wenn auch
die Sirene eingeschaltet ist. Dieses Wissen kann in solchen Situationen viel Geld und Punkte in Flensburg
sparen.
Bet Interesse siehe hierzu:
$ 1 Abs. 2 StVO (Straßenverkehrsordnung), »Grundregeln«
$ 38 Abs. 1, 2 StVO, »Blaues Blinklicht und gelbes Blinklicht«
Barfuß Auto fahren
Irrtum:
Beim Autofahren muss ordnungsgemäßes Schuhwerk
getragen werden.
Richtig ist:
Man darf auch barfuß Auto fahren.
Immer wieder geistert die Behauptung durch die Medien,
es sei verboten, barfuß oder mit Flipflops Auto zu fahren.
124
Straßenverkehr
Selbst die Juristen des ADAC verfassten vor einigen Jah-
ren eine Pressemitteilung, in der sie davor warnten, sich
barfuß ans Steuer zu setzen. Denn dies sei eine Ordnungswidrigkeit nach § 23 StVO. In Wahrheit steht in
dem genannten Paragraphen nichts von einem BarfußVerbot am Steuer. Dennoch kommt es immer wieder vor,
dass Polizisten bei Verkehrskontrollen kostenpflichtige
Verwarnungen aussprechen oder gar eine Anzeige schreiben, wenn
sie Autofahrer
»unten
ohne«
antreffen.
Sie
wissen es einfach nicht besser. Das Oberlandesgericht
Bamberg hatte nun tiber den Fall eines Autofahrers zu
entscheiden, der während der Fahrt lediglich dünne
Strümpfe trug. Eine Polizeistreife stoppte ihn und der
Mann erhielt einen Bußgeldbescheid über 50 Euro. Den
wollte er nicht akzeptieren - und das Gericht gab ihm
‘recht. Allein das Führen eines Kraftfahrzeuges ohne
Schuhe stelle noch keine Verkehrsordnungswidrigkeit
dar.”!
Das gilt jedenfalls für Fahrer, die privat unterwegs sind.
Wer aus beruflichen Gründen fährt, für den kann etwas
anderes gelten. Denn die Unfallverhütungsvorschriften
der Berufsgenossenschaften schreiben tatsächlich vor,
dass Fahrer »den Fuß umschließendes Schuhwerk« tragen
müssen. Wer gegen diese Vorschriften verstößt, begeht
eine Ordnungswidrigkeit. Und etwas anderes gilt auch,
wenn man einen anderen gefährdet oder behindert oder
es sogar zu einem Unfall kommt, gerade weil man barfuß oder in Flipflops gefahren ist. In einem solchen Fall
haftet man für den negativen Erfolg der eigenen Nachlässigkeit.
Zusammengefasst heißt das: Solange man privat fährt
und nichts passiert — also keine Gefährdungen oder
Benutzungspflicht fiir Radwege? 125
Unfälle geschehen -, ist barfuß fahren erlaubt. Ob es sinn-
voll ist, steht natürlich auf einem anderen Blatt. Jeder
muss selbst wissen, ob er sein Fahrzeug auch ohne vernünftiges Schuhwerk an den Füßen sicher beherrschen
kann.
Bei Interesse siehe hierzu:
$ 44 Abs. 2 BGV D29 (Berufsgenossenschaftsvorschriften;
Unfallverhütungsvorschriften Fahrzeuge), »Fahr- und Arbeitsweise«
$ 15 Abs. 1 SGB
VII (Sozialgesetzbuch VII), »Unfallver-
hütungsvorschriften«
§ 209 Abs. 1 Nr. 1 SGB VII, »Bußgeldvorschriften«
$1Abs.2 StVO ( Straßenverkehrsordnung), »Grundregeln«
Benutzungspflicht für Radwege?
Irrtum:
Radfahrer müssen vorhandene Radwege ın jedem Fall
benutzen.
Richtig ist:
In vielen Fällen dürfen Radfahrer trotz vorhandener
Radwege auch auf der Straße fahren.
Radwege sind eine feine Sache - vor allem dann, wenn sie
nicht von Autos zugeparkt, mit Schnee oder Laub bedeckt, von Fußgängern frequentiert, mit Schlaglöchern
übersät, von Baumwurzeln hochgedrückt oder nach jeder
Einmündung von zu hohen Bordsteinkanten unterbrochen sind.
126
Straßenverkehr
Hieraus ergibt sich im Umkehrschluss, dass es auch eine
feine Sache sein kann, mit dem Fahrrad ganz einfach neben
dem Radweg auf der glatt asphaltierten, von Schnee und
Laub geräumten und von Fußgängern und Stolperfallen
völlig freien Fahrbahn schnell und sicher voranzukommen.
Nur: Darf man das überhaupt? Oder sind Radwege in
jedem Fall benutzungspflichtig? Muss man unbefahrbare
Radwege notfalls verlassen und sein Rad über den Bürgersteig schieben, wenn es gar nicht anders geht? Grundsätzlich gilt: Nicht jeder Radweg muss benutzt werden.
Eine Benutzungspflicht besteht nur dann, wenn es eines
dieser Schilder ausdrücklich vorschreibt:
Zeichen 237
Zeichen 240
Zeichen 241
Wie für jede Regel gelten jedoch auch hier Ausnahmen.
Zum Beispiel müssen Radwege, die zu weit von der
Hauptfahrbahn entfernt verlaufen, nicht benutzt werden.
Auch wenn man links abbiegen möchte und ein Abbiegen
vom Radweg aus an der nächsten Kreuzung durch die
dortige Verkehrsführung nicht vorgesehen ist, darf man auf
die Fahrbahn ausweichen. Und natürlich muss kein Radfahrer den Radweg benutzen, wenn er dort Slalom um
Fußgänger, Mülltonnen, Baustellen oder ähnliche Hindernisse fahren muss oder Laub oder Schnee ein Befahren
unmöglich machen. Der Radweg muss also problemlos
befahrbar sein. Ist er es nicht, darf der Radfahrer die
Fahrbahn benutzen. Er muss nicht etwa absteigen und sein
Bergfahrt vor Talfahrt? 127
Rad über den Bürgersteig schieben; er dürfte es noch nicht
einmal, wenn dadurch die dortigen Fußgänger behindert
würden.
Wenn
sich die Hindernisse nur alle paar Hundert
Meter wiederholen, muss der Radfahrer auch nicht etwa
ständig zwischen Fahrbahn und Radweg hin- und herwechseln. Er darf sich dann dauerhaft für eine der beiden
Möglichkeiten entscheiden.
Bei Interesse siehe hierzu:
$ 2 Abs. 4 StVO (Straßenverkehrsordnung), »Straßenbenutzung durch Fahrzeuge«
$ 41 Abs. 2 Ziffer 5, Zeichen 237, 240, 241 StVO, »Vorschriftzeichen, Sonder wege«
Bergfahrt vor Talfahrt?
Irrtum:
Wer an einer Engstelle bergauf fährt, hat Vorrang vor
den bergab Fahrenden.
Richtig ist:
Die Regel »Bergfahrt vor Talfahrt« ist ein Märchen.
Hartnäckig hält sich das Gerücht, dass es in den Bergen
eine ganz besondere Regelung dafür gebe, wer Vorrang
hat, wenn sich an einer Engstelle ein bergab und ein bergauf fahrendes Fahrzeug treffen. In jedem Fall sei dann der
bergauf Fahrende bevorrechtigt. Denn ihm könne es
weniger zugemutet werden, erforderlichenfalls ein Stück
rückwärtszufahren.
128
Straßenverkehr
So lustig diese folkloristische Straßenverkehrsregel ist,
so falsch ist sie. Zunächst mal ist schon nicht einzusehen,
weshalb es weniger gefährlich sein soll, an einem Berg
rückwärts bergauf als rückwärts bergab zu fahren. Gabe
es diese Regel tatsächlich, würde man auch unweigerlich
in Abgrenzungsschwierigkeiten kommen. Denn ab wann
bitte schön soll ein Berg ein Berg im Sinne der Straßenverkehrsordnung sein? Soll es auf die Höhe des Gebirges
ankommen? Muss man also schon in den Alpen unterwegs sein, damit die Regel gilt, oder tut es auch ein gewöhnliches deutsches Mittelgebirge? Oder spielt vielleicht die Steigung eine Rolle, so dass selbst auf dem
platten Land das vermeintliche »Bergrecht« gilt, wenn
vereinzelt dort anzutreffende Hügelchen nur steil genug
sind?
Welcher Autofahrer will sich schon mit solch komplizierten Fragen beschäftigen? In Wahrheit ist die Vorrangregel daher ganz einfach: Wenn es auf einer Straße eng
wird, muss zunächst einmal derjenige anhalten, auf dessen
Seite das Hindernis steht. Wenn die Fahrbahn dagegen
auf beiden Seiten gleichermaßen verengt ist und nur ein
Fahrzeug zur gleichen Zeit hindurchpasst, dann hat derjenige Vorrang, der zuerst dort ankommt.” Sind beide
gleichzeitig angekommen, hat keiner von beiden Vorrang,
sondern die Fahrer müssen sich verständigen.”
Diese Regeln gelten überall - egal ob man in der norddeutschen Tiefebene oder in den Hochalpen unterwegs
ist.
Bei Interesse siehe hierzu:
$ 6 StVO (Straßenverkehrsordnung),
»Vorbeifahren«
Fahrrad in der Fußgängerzone 129
Fahrrad in der Fußgängerzone
Irrtum:
Fahrräder in der Fußgängerzone muss man schieben.
Richtig ist:
Wenn man niemanden behindert, darf man das Rad
auch wie einen Tretroller benutzen.
Mit dem Fahrrad durch die Fußgängerzone fahren — das
geht natürlich nicht. Es sei denn, die Fußgängerzone ist
ausdrücklich für den Radverkehr freigegeben, was gar
nicht so selten vorkommt. Aber was macht man, wenn
man in einer reinen Fußgängerzone ganz einfach keine
Lust hat, sein Rad zu schieben? Manche benutzen ihren
Drahtesel in solchen Situationen wie einen Tretroller indem sie den rechten Fuß auf das linke Pedal stellen und
sich mit dem linken Fuß abstoßen. Ein gutes Gewissen
haben sie dabei jedoch nicht. Und auch der eine oder andere Passant wird missmutig bemängeln, dass das Fahren
in der Fußgängerzone verboten sei, egal ob man auf
dem Rad sitze oder es »nur« als Roller benutze. Zu Unrecht, lautet die gute Nachricht für alle Fahrradfahrer!
Denn
Radfahrer, die ihr Rad wie einen Tretroller be-
nutzen, gelten straßenverkehrsrechtlich als Fußgänger.
So sehen es jedenfalls das Oberlandesgericht Stuttgart
und das Kammergericht Berlin*™ für Radfahrer, die mit
ihrem Rad über einen Zebrastreifen rollern. Nichts anderes kann in einer Fußgängerzone gelten. Schließlich dürfen dort auch gewöhnliche Tretroller - und zwar auch von
Erwachsenen - als Fortbewegungsmittel benutzt werden.
Sie gelten also nicht als Fahrzeuge im Sinne der Straßen-
130
Straßenverkehr
verkehrsordnung.*> Ob man das Rad nun schiebt oder
darauf rollt, macht also keinen Unterschied. Allerdings
darf man maximal in Schrittgeschwindigkeit rollern und
dabei natürlich auch die Fußgänger nicht behindern.
Man sollte also nicht gerade mit 25 km/h im Slalom bergab rasen.
Bet Interesse stehe hierzu:
§ 24 StVO (Straßenverkehrsordnung), »Besondere Fortbewegungsmittel«
$ 25 Abs. 2 StVO, »Fußgänger«
$ 41 StVO, Zeichen 239, »Vorschriftzeichen, Fußgänger«
Freie Fahrt bei »Grünpfeil«?
Irrtum:
Bei »Griinpfeil« gilt trotz roter Ampel: »Freie Fahrt
nach rechts«.
Richtig ist:
Ein Grünpfeil ıst noch lange keine grüne Ampel.
Eine der wenigen »Errungenschaften« der DDR, die
das Ende des Sozialismus auf deutschem Boden nicht
nur überlebte, sondern sich sogar auf Westdeutschland
ausdehnen konnte, ist das Blechschild mit dem grünen
Pfeil:
Freie Fahrt bei »Grünpfeil«? 131
Der amtlich korrekte Name dieses Schildes lautet »Griin-
pfeil«. Damit soll er abgegrenzt werden von den »griinen
Pfeilen«, die im Griinlicht einer Ampel aufleuchten:
An roten Ampeln gestattet das Schild mit dem Grünpfeil
das Rechtsabbiegen. So viel haben inzwischen auch die
Autofahrer in den alten Bundesländern verstanden. Längst
nicht jedem ist jedoch klar, dass das Schild nicht etwa
gleichbedeutend mit einer grünen Ampel ist. Es ist ganz
im Gegenteil eher mit einem Stoppschild zu vergleichen.
Wer an einer roten Ampel ankommt, an der ein Grünpfeil
nach rechts zeigt, darf keineswegs ohne weiteres nach
rechts abbiegen, so als gebe es die rote Ampel nicht. Er
muss in jedem Fall erst einmal anhalten und darf anschließend nur dann abbiegen, wenn andere nicht behindert oder gefährdet werden.
Und noch etwas weiß kaum jemand: Anders als der
»grüne Pfeil« bedeutet ein »Grünpfeil« keineswegs, dass
man bei freier Straße auch verpflichtet ist, nach rechts abzubiegen. Denn immerhin zeigt die Ampel ja Rot. Wenn
man möchte, darf man also trotz Grünpfeil stehen bleiben
und warten, bis die Ampel Grün zeigt. Dann jedoch muss
man losfahren. Das auffordernde Hupen der weiter hinten
in der Schlange stehenden Autos darf man in der Zwischenzeit getrost ignorieren. Dieses ist übrigens nicht nur
unangebracht, sondern stellt sogar selbst eine Ordnungswidrigkeit dar. Denn die Hupe hat nicht die Aufgabe,
anderen Verkehrsteilnehmern Lektionen in Verkehrserziehung zu erteilen.
132
Straßenverkehr
Bei Interesse siehe hierzu:
$37Abs.2 Ziffer 1 StVO (Straßenverkehrsordnung), »Wechsellichtzeichen, Dauerlichtzeichen und Grünpfeil«
Handy am Steuer I
Irrtum:
Nur das Telefonieren mit dem Handy 1st während der
Fahrt verboten.
Richtig ist:
Während der Fahrt darf gar keine Handyfunktion
benutzt werden.
Dass man beim Autofahren nicht mit dem Handy am
Ohr telefonieren darf, hat sich inzwischen herumgesprochen. Wie weitgehend das Handyverbot jedoch in Wirklichkeit ist, wissen die wenigsten. Viele benutzen das
Handy zum Beispiel, um die Uhrzeit abzulesen. Vielleicht
wollen sie es auch nur ausschalten, weil das Klingeln bei
der Fahrt sie nervt. Manch einer liest sogar SMS und
glaubt, das sei legal. Dabei sind all diese Verhaltensweisen
verboten. Denn das Gesetz macht keinen Unterschied,
welche Funktion eines Handys man benutzt. Es spielt also
juristisch
keine
Rolle, ob
man
damit
telefoniert,
eine
Nachricht liest,°® es als Diktiergerät verwendet’ oder nur
kurz auf das Display guckt, um die Uhrzeit abzulesen.”
Alle diese Handlungen sind nach Auffassung der meisten
Gerichte ordnungswidrig und können geahndet werden!
Erlaubt wäre es dagegen, das Handy lediglich deshalb in
die Hand zu nehmen, um es an einen anderen Ablageort
Handy am Steuer II 133
zu legen.”” Und auch, wer ein Handy - entgegen seiner
vorgesehenen Funktion — als Ohrwärmer benutzt, wird
ohne Geldbuße davonkommen. Sofern ihm das Gericht
diese Geschichte glaubt, sollte man hinzufügen ...*
Bei Interesse siehe hierzu:
$ 23 Abs. 1a StVO (Straßenverkehrsordnung),
Pflichten des Fahrzeugführers«
»Sonstige
Handy am Steuer I]
Irrtum:
|
Wenn das Fahrzeug steht, darf man das Handy benutzen.
Richtig ist:
Das Handy darf man nur benutzen, wenn das Fahrzeug steht und der Motor ausgeschaltet ist.
Noch ein weiterer Handy-am-Steuer-Irrtum ist weit verbreitet: Kaum jemandem ist klar, dass das Handyverbot
am Steuer nicht nur während der Fahrt gilt, sondern auch,
wenn das Fahrzeug steht. Und zwar nicht nur an einer
Ampel oder im Stau, wenn die Fahrt jederzeit wieder losgehen kann, sondern sogar dann, wenn man im Winter
auf einem Parkplatz steht und den Motor laufen lässt, da-
mit die Heizung funktioniert. Schon wer in einer solchen
Situation das Handy bloß in die Hand nimmt, um die
Uhrzeit abzulesen (siehe dazu das vorige Kapitel), begeht
eine Ordnungswidrigkeit. Denn die Formulierung des
Gesetzes ist eindeutig:
134
Straßenverkehr
»Dem Fahrzeugführer ist die Benutzung
eines Mobil- oder
Autotelefons untersagt, wenn er hierfür das Mobiltelefon
oder den Hörer des Autotelefons aufnimmt oder hält. Das
gilt nicht, wenn das Fahrzeug steht und bei Kraftfahrzeugen der Motor ausgestellt ist.«
Der Motor muss also ausgeschaltet sein. Der Wortlaut des
Gesetzes lässt hier keinen Spielraum. Dass dies im Einzelfall wie oben beschrieben zu absurden Ergebnissen
führen kann, steht außer Frage. Es bleibt daher abzuwarten, ob Gesetzgeber oder Rechtsprechung künftig mehr
Milde walten lassen.
Bei Interesse siehe hierzu:
$ 23 Abs. 1a StVO (Straßenverkehrsordnung),
Pflichten des Fahrzeugführers«
»Sonstige
Handynummer als »Abschleppschutz«
Irrtum:
Wer falsch parkt, hat keine Chance, sich vor dem Abschleppen zu schützen.
Richtig ist:
Die Handynummer hinter der Windschutzscheibe kann
Abschleppschutz bieten.
Wer falsch parkt und andere behindert, kann abgeschleppt
werden und muss die Abschleppkosten tragen. Das ist
bekannt. Doch ist es eigentlich angemessen, ein Auto abschleppen zu lassen, wenn sich hinter der Scheibe gut
Handynummer als »Abschleppschutz«
135
sichtbar ein Zettel befindet, auf dem es zum Beispiel
heißt:
»Nachricht an die Politesse: 18. Juli 2008, 14:30 Uhr.
Ich bin kurz im Friseursalon Schmitz (Schillerstraße 7), vor
dem mein Auto hier gerade steht. Mein Name ist Gisela
Schulze, ıch trage ein auffälliges grünes Kleid, meine
Handynummer ıst 0123/ 4567890, und wenn Ste mich
anrufen oder ın das Friseurgeschäft kommen und mich ansprechen, werde ıch diesen Wagen auf der Stelle wegfahren.
Versprochen!«
Müsste eine Politesse in einem solchen Fall nicht ganz
einfach ins Geschäft gehen und darum bitten, dass der
Wagen weggesetzt wird, anstatt ihn gleich abschleppen zu
lassen? Der Aufwand wäre viel geringer und obendrein
wäre die Straße auch schneller wieder frei.
In der Tat können sich Autofahrer, die einen solchen
Zettel hinter ihrer Windschutzscheibe anbringen, auf
ein Urteil des Oberverwaltungsgerichts (OVG) Ham-
burg berufen.*! Das Gericht meint, dass Polizeibediens-
tete durchaus verpflichtet sein können, den Fahrer des
Autos erst einmal zu suchen, bevor sie das Fahrzeug abschleppen lassen. Allerdings nur unter strengen Voraussetzungen:
— Im Auto befindet sich ein deutlicher Hinweis auf den
Aufenthaltsort des Fahrers.
— Der Aufenthaltsort liegt in unmittelbarer Nähe des
Autos.
— Es ist erkennbar, dass der Fahrer dort aktuell erreichbar
ıst.
136
Straßenverkehr
— Der Hinweiszettel ist auf die konkrete Situation bezo-
gen und nicht allgemein gehalten.
Ergänzen sollte man, dass andere Gerichte auch einen
ausdriicklichen Hinweis darauf verlangen, dass man sofort
wegfahren wiirde, wenn man angerufen oder aufgesucht
werde.
Die »Nachricht an die Politesse« ganz oben erfüllt
alle diese Voraussetzungen. Sie ist vor allem kein allgemein
gehaltener Vordruck. Man merkt dem Zettel an, dass er
genau für diese konkrete Situation geschrieben wurde —
für den Parkverstoß am 18.07.08 vor dem Friseursalon
Schmitz. Die Politesse weiß also, dass genau sie mit dem
Zettel gemeint ist und dass die Straße schneller wieder frei
ist, wenn sie erst einmal die Fahrerin sucht. Jedenfalls in
Hamburg käme Frau Schulze mit diesem Zettel also wohl
um die Abschleppkosten herum, wenn die Politessen ihr
Auto dennoch einfach abschleppen lassen.
Das wäre anders bei einem vorgefertigten Zettel, den
man immer im Handschuhfach hat und auf dem es ganz
allgemein für jede Situation passend heißt:
»Liebe Politesse, ich bin ganz in der Nähe. Wenn ich wegfahren soll, rufen Sie mich bitte an, Telefonnummer:
0123/4567890.«
Hier weiß die Politesse nicht, ob der Zettel nicht vielleicht
schon vor einem Jahr hinter die Windschutzscheibe gelegt
und dann dort vergessen wurde. Sie muss ihn daher nicht
beachten, denn der Bezug zur konkreten Situation fehlt.
Als höhere Instanz hat das Bundesverwaltungsgericht
in einer älteren Entscheidung übrigens einmal erkennen
Handynummer als »Abschleppschutz« 137
lassen, dass es Hinweisschilder mit Handynummer hinter
der Windschutzscheibe in der Regel gerade nicht als »Abschleppschutz« betrachtet. Denn es sei nicht sicher, ob die
Nachforschungen nach dem Fahrer Erfolg hätten. Außerdem verzögere sich der Abschleppvorgang dadurch möglicherweise.* Allerdings betraf auch diese Entscheidung
ein vorgefertigtes, allgemein gehaltenes Hinweisschild,
das für viele Situationen gepasst hätte und dem Gericht
daher zu unkonkret war.
|
Erwähnt sei schließlich noch, dass andere Gerichte die
Zettel hinter der Windschutzscheibe ebenfalls kritisch
sehen.*3 Auch sie bestreiten jedoch nicht, dass es Fälle
geben kann, in denen die Politessen zunächst nach dem
Fahrer suchen müssen.
Welche Rechtsprechung sich langfristig in Deutschland
durchsetzt, bleibt abzuwarten. Dennoch gilt folgendes
Fazit: Natürlich sollte man überhaupt nicht falsch und behindernd parken. Aber wenn es in einem »Notfall« doch
einmal sein »muss«, können individuell auf die Situation
zugeschnittene Hinweiszettel hinter der Windschutzscheibe einen doppelten Schutz bieten:
Zum Ersten bieten sie einen tatsächlichen Schutz.
Denn je freundlicher und präziser der Zettel formuliert
ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die
Politesse erst einmal den Fahrer sucht, bevor sie den
Abschleppwagen ruft.
Zum Zweiten bieten sie auch einen gewissen rechtlichen Schutz vor Abschleppkosten. Denn bei höchstrichterlich noch nicht abschließend entschiedenen Rechtsfragen wie dieser ist es besser, die Rechtsprechung eines
Oberverwaltungsgerichts an der Hand zu haben als gar
keine.
138
Straßenverkehr
Hineintasten in den Verkehr
Irrtum:
Wer aus einem unübersichtlichen Grundstück auf die
Fahrbahn fährt, darf sich vorsichtig »hineintasten«.
Richtig ist:
Blindes Hineintasten auf die Fahrbahn aus Grundstücken ist nicht zulässı 2.
Viele Autofahrer haben irgendwann mal etwas davon
gehört, dass man sich vorsichtig in den Verkehr »hineintasten« dürfe, wenn man ihn nicht völlig überblicken
kann. Manch einer glaubt daher, es sei zulässig, sich aus
der von dichten Hecken halb zugewachsenen Grundstücksausfahrt auch dann langsam auf die Straße zu wagen, wenn man nicht erkennen kann, ob dort Fahrzeuge
den eigenen Weg kreuzen, nach dem Motto: »Sollen die
halt aufpassen. Ich selber kann schließlich nichts sehen.
Damit müssen die anderen Autofahrer eben rechnen.«
_ Wer so denkt und handelt, unterliegt jedoch einem
gefährlichen Irrtum! Es gibt zwar tatsächlich eine Regelung, die das vorsichtige Hineintasten in den Verkehr gestattet. Sie gilt jedoch nur an unübersichtlichen Kreuzungen. Für Grundstücksausfahrten gilt sie gerade nicht!
Hier ist es grundsätzlich sinnvoll, Spiegel anzubringen,
die einen möglichst umfassenden Blick auf den potentiell
kreuzenden Verkehr erlauben. Wenn ein solcher Spiegel
fehlt und man nicht genügend Sicht auf die Straße hat,
schreibt das Gesetz ausdrücklich vor, dass man sich néti-
genfalls von anderen in den Verkehr einweisen lassen
muss.
.
»Knöllchen« von Privatleuten
139
Wer trotz fehlender Ubersicht aus Grundstiicken auf
die Straße fährt und so einen Unfall verursacht, muss dem-
nach haften. Der Bundesgerichtshof hat festgestellt, dass
dies selbst dann gilt, wenn der Unfallgegner von rechts
kam, also die linke Spur benutzte. Auch damit müsse man
rechnen, wenn man auf eine Straße fahre.“
Bei Interesse siehe hierzu:
|
§ 8 Abs. 2 8.2 StVO (Straßenverkehrsordnung), »Vorfahrt«
$ 105.1 StVO, »Einfahren und Anfahren«
»Knöllchen« von Privatleuten
Irrtum:
Nur Polizei und Ordnungsamt dürfen Knöllchen verteilen.
Richtig ist:
Auch Privatpersonen können Anzeigen schreiben,
wenn sie Ordnungswidrigkeiten beobachten.
Nicht jeder ist durch Arbeit, Familie und Hobbys genügend ausgelastet. Manch einer betätigt sich in seiner Freizeit daher gerne als Hilfspolizist und zeigt Mitmenschen
an, die falsch parken, den Müll nicht ordnungsgemäß
trennen, zur Mittagszeit den Rasen mähen oder ähnlich
schwerwiegende Untaten begehen.
Diese Praxis hat in Deutschlandja eine lange Tradition.
Jedes Ordnungsamt hat seine Stammkunden, die wohl
schon früher ordnungsgemäß Meldung gemacht hätten,
wenn der Nachbar heimlich den Engländer hörte, und die
140
Straßenverkehr
noch heute regelmäßig ganze Aktenberge einsenden, um
mit Beweisfotos und Gedächtnisprotokollen minutiös die
Ungeheuerlichkeiten zu belegen, die in ihrem Block vor
sich gehen. Wenn die Behörden dann nicht umgehend
reagieren, wenden sich die Anzeigenerstatter mit ihren
Eingaben gerne an die Medien und beschweren sich darüber, dass die Staatsmacht nicht sogleich rigoros einschreitet.
Und nicht selten haben sie damit sogar Erfolg. Denn
häufiger, als man es für möglich hält, schreiten die Ord-
nungsbehörden tatsächlich ein, wenn sie solche »Privatknöllchen« zugesandt bekommen. Zwar steht ihnen ein
Ermessensspielraum zu. Sie sind also nicht verpflichtet,
jeder Ordnungswidrigkeit nachzugehen. Aber in vielen
Fällen tun sie es eben doch.
Daher gilt: Wer unter der Windschutzscheibe seines
falsch geparkten Autos ein Knöllchen mit dem Hinweis
findet, dass ihm für dieses Falschparken eine Anzeige be-
vorsteht, ist nicht auf der sicheren Seite, nur weil das
»Knöllchen« lediglich vom Nachbarn kommt. Ihm können durchaus die gleichen Konsequenzen drohen, wie
wenn das Schriftstück von einer Politesse ausgestellt worden wäre.
Bei Interesse siehe hierzu:
$ 47 Abs. 1 OWiG (Gesetz über Ordnungswidrigkeiten),
»Verfolgung von Ordnungswidrigkeiten«
Motor warm laufen lassen 141
Motor warm laufen lassen
Irrtum:
Es ist sinnvoll und zulässig, den Motor im Stand
warm laufen zu lassen.
Richtig ist:
Das Warmlaufenlassen des Motors im Stand ist nicht
nur schädlıch für Motor und Umwelt, sondern auch
eine Ordnungswidrigkeit.
Eine unausrottbare Unsitte bei manchen Autofahrern ist
das Warmlaufenlassen des Motors im Stand. Wahrend
der Motor läuft, wird das Auto von Schnee und Eis frei
gekratzt und vielleicht noch eine Zigarette geraucht. Allen
Aufklärungsbemühungen zum Trotz gibt es immer noch
Zeitgenossen, die glauben, ihr Auto auf diese Weise am
schonendsten auf Betriebstemperatur zu bringen. Dass sie
eine Ordnungswidrigkeit begehen, kommt ihnen dabei
gar nicht in den Sinn!
Man kann es nicht oft genug wiederholen: Sowohl für
den Motor als auch für die Umwelt ist diese Praxis höchst
schädlich. Aus diesem Grund ist sie auch verboten. Sie
kann als Ordnungswidrigkeit mit erheblichen Bußgeldern
geahndet werden.
Bei Interesse siehe hierzu:
$ 30 Abs. 1 StVO (Straßenverkehrsordnung), » Umweltschutz
und Sonntagsfahrverbot«
142
Straßenverkehr
Überholverbot bei durchgezogener Linie?
Irrtum:
Bei durchgezogener Linie auf der Straße darf man
nicht überholen.
Richtig ist:
Durchgezogene
bot.
Linien
bedeuten
kein
Uberholver-
Wenn Sie jemand fragt, was eine durchgezogene Linie auf
der Mitte der Fahrbahn bedeutet, werden Sie mit einiger
Wahrscheinlichkeit antworten: »Hier gilt absolutes Uberholverbot. Ich darf erst wieder überholen, wenn aus der
durchgezogenen eine gestrichelte Linie wird.«
Möglicherweise sind Sie aufgrund dieses Irrglaubens
schon oft völlig unnötig eine halbe Stunde hinter einem
Traktor hergeschlichen, weil Sie sich nicht getraut haben,
ihn zu überholen. Denn keineswegs bedeuten durchgezogene Linien, dass hier das Überholen verboten ist! Überholverbote werden durch Schilder angeordnet, aber nicht
durch Linien auf der Straße.
|
Was aber bedeuten die Linien dann? Ganz einfach: Sie
dürfen nicht überfahren werden. Auf einer Straße mit sehr
engen Fahrstreifen führt dies im Ergebnis tatsächlich häufig zu einem faktischen Überholverbot. Aber das muss
nicht in jedem Fall so sein. Wenn die Fahrbahn breit
genug ist, um zu überholen, ohne dass man dabei die Mittellinie überfährt, ist das Überholen völlig legal. Dass man
dabei gleichzeitig einen ausreichenden Seitenabstand
nach rechts einhalten muss, versteht sich von selbst. Für
Motorräder ist dies im Allgemeinen kein Problem. Auto-
Unniitzes Hin-und-her-Fahren
143
fahrer, die sich in einer solchen Situation tiber vermeint-
lich verbotene Uberholmanéver von Motorradfahrern
aufregen, beweisen also nur ihre Unkenntnis. Vor allem in
ländlichen Regionen ist es üblich, dass langsamere Fahrzeuge auf ihrer Spur weit nach rechts ausweichen und so
trotz durchgezogener Linie selbst Autos ein Uberholen
ermöglichen. Die Straßenverkehrsordnung erlaubt es ihnen sogar, auf dem Seitenstreifen anzuhalten, um die hinter ihnen fahrenden Fahrzeuge vorbeizulassen.
Bei Interesse siehe hierzu:
$ 5 Abs. 2-4, 5 StVO (Strafenverkehrsordnung), » Überholen«
$ 41 Abs. 3 Nr. 3a, 4 StVO, »Vorschriftzeichen«
Unnützes Hin-und-her-Fahren
Irrtum:
»Cruisenc ist legal.
Richtig ist:
Unnützes Hin-und-her-Fahren
widrigkeit.
ist eine Ordnungs-
Man möchte annehmen, dass jeder Autofahrer selbst entscheiden darf, wann und aus welchem Grund er sein Auto
benutzt. Doch weit gefehlt! Die Straßenverkehrsordnung
enthält eine ganz erstaunliche Regelung, die kaum jemand
kennt. Danach ist unnützes Hin-und-her-Fahren (so steht
es tatsächlich wörtlich im Gesetz!) innerhalb geschlossener
Ortschaften verboten, wenn andere dadurch belästigt werden. Die Vorschrift verbietet außerdem das unnötige Lau-
144
Straßenverkehı
fenlassen des Motors sowie ein übermäßig lautes Schließen
der Fahrzeugtüren. Die Umwelt soll auf diese Weise vor
überflüssigen Abgas- und Lärmimmissionen geschützt
werden.
Wer jemals an einem Samstagabend gegen Mitternacht
über den Kölner Ring zwischen Rudolfplatz und Friesenplatz spaziert ist, weiß also nun, dass das, was sich dort ab-
spielt, in höchstem Maße illegal ist. Denn so dramatisch
ist die Parksituation dort schließlich auch nicht, dass man
immer wieder den gleichen, mit nur geringer Bodenfreiheit versehenen Mittelklassefahrzeugen eines bayerischen
Automobilbauers begegnen müsste, die ihre Umgebung
lautstark mit nahöstlicher Musik unterhalten. Für Köln
wie auch für den Rest der Republik gilt also: Wer sich
hinters Steuer setzt, sollte sich immer im Klaren darüber
sein, warum er das tut — ansonsten könnte die Fahrt teuer
werden!
Bei Interesse siehe hierzu:
§ 30 Abs. 1 StVO (Straßenverkehrsordnung), » Umweltschutz
und Sonntagsfahrverbot«
Vorfahrt bei grüner Ampel?
Irrtum:
Wenn die Ampel Grün zeigt, darf man immer fahren.
Richtig ist:
Auch bei grüner Ampel muss man
ten.
manchmal war-
Vorfahrt bei griiner Ampel?
145
Diese Situation hat jeder schon einmal erlebt: Man fahrt
bei griiner Ampel in eine belebte Kreuzung hinein,
begegnet dort jedoch Abbiegern, die die eigene Griinphase bis zum letzten Moment ausgenutzt haben, jetzt
halb in der Kreuzung stehen und in die gleiche Richtung
fahren wollen wie man selbst. Zwar hatten diese Autos
trotz griiner Ampel gar nicht erst losfahren diirfen, wenn
die Kreuzung erkennbar überfüllt war. Aber nun stehen
sie halt einmal da und wollen sich noch schnell vor
den Fahrzeugen, deren Ampel inzwischen Grün zeigt,
einordnen. Und was tun Letztere? In aller Regel hupen
sie und bestehen auf ihrer vermeintlichen Vorfahrt.
Zu Unrecht! Denn auch wenn die Ampel für die Spätabbieger längst Rot zeigt, dürfen diese zunächst die
Kreuzung räumen. Erst dann dürfen diejenigen fahren,
deren Ampel Grün zeigt — wenn sie dann noch Grün
zeigt.
Bei Interesse siehe hierzu:
$ 1 StVO (Straßenverkehrsordnung), »Grundregeln«
Verbraucherfragen
Anfassen von Lebensmitteln verpflichtet zum
Kauf?
Irrtum:
Angefasste oder
gekauft werden.
ausgepackte
Lebensmittel
miissen
Richtig ist:
Auch bei Lebensmitteln besteht hein Kaufzwang.
Studenten kennen die vom Mensapersonal liebevoll
selbstgebastelten Hinweisschilder an der Nachtischtheke:
»Herausgenommene Lebensmittel müssen gekauft werden«. Für »herausgenommene« und selbst für angefasste
Lebensmittel gilt jedoch das Gleiche wie für durchgeblät-
terte Zeitschriften (siehe Seite 156): Man muss sie nicht
kaufen, und zwar auch dann nicht, wenn Schilder im Geschäft oder im Selbstbedienungslokal etwas anderes be-
haupten. Selbst wer so weit geht, im Supermarkt eine
Chipstüte aufzureißen, um »mal zu probieren«, ist nicht
gezwungen, diese Chips nun zur Kasse zu tragen, zu
bezahlen und mitzunehmen. Warum auch? Vielleicht
schmecken die Chips ja gar nicht!
Wer sich nun schon auf ein hemmungs- und kostenloses
Durchprobieren beim nächsten Supermarkt- oder Mensabesuch freut, der sei jedoch gewarnt: Auch wenn es kei-
nen Kaufzwang für angefasste oder ausgepackte Lebensmittel gibt, so muss man dem Händler doch den Schaden
150 Verbraucherfragen
ersetzen, den man angerichtet hat. Dass tiberhaupt ein
Schaden entstanden ist, steht allerdings keineswegs immer
fest. Wenn man an der Obsttheke einen Pfirsich lediglich
sacht anfasst und sich die Fingernägel beim »Frischetest«
nicht gerade einen halben Zentimeter ins Fruchtfleisch bohren, dürfte die Ware weiterhin gut verkäuflich sein. Gleiches
gilt für eine mit Klarsichtfolie überzogene Schüssel Schokopudding in der Mensa. In beiden Fällen wäre kein Schaden
entstanden. Man dürfte den Pfirsich beziehungsweise den
Pudding zurücklegen und müsste nichts bezahlen.
Wer dagegen eine Chipstüte aufreißt, macht die Ware
unverkäuflich. Auch das heißt jedoch noch lange nicht,
dass man nun den vollen Ladenpreis als Schadensersatz
leisten muss. Denn der Schaden des Händlers ist in aller
Regel geringer als der Ladenpreis! Zwar wird man ihm
den Händlereinkaufspreis erstatten müssen, also die Summe, die er selbst bei seinem Lieferanten für die Chipstüte
bezahlt hat. Den vollen Ladenpreis — also einschließlich
der Gewinnmarge — müsste man dagegen nur erstatten,
wenn dem Händler durch das Aufreißen der Verpackung
der Gewinn entgangen ist, den er eingestrichen hätte,
wenn er die Tüte verkauft hätte. Das wäre zum Beispiel
der Fall, wenn man die letzte Chipstüte aufgerissen hat,
die der Händler auf Lager hatte. Wenn dann fünf Minuten später ein Kunde kommt, der genau diese Tüte gekauft hätte, wäre dem Händler tatsächlich ein Gewinn
entgangen. »Geschickter« wäre es also, sich zum Probieren
eine Tüte auszusuchen, von der noch so viele im Regal liegen, dass auch die nachfolgenden Kunden problemlos bedient werden können und dem Händler nicht ein Cent
Umsatz entgeht. Es würde ihm dann sehr schwerfallen, zu
begründen, weshalb ihm ein Schaden entstanden ist.
Anfassen von Lebensmitteln verpflichtet zum Kauf? 151
Und wie sieht es mit den Chips aus, die man probiert,
also gegessen hat? Um diese Chips ist man — wie es im
Juristendeutsch heißt — ungerechtfertigt bereichert. Und
eine ungerechtfertigte Bereicherung muss man wieder
herausgeben. Dies sollte man jedoch nicht allzu wörtlich
nehmen. Denn wer den Herausgabeanspruch des Händlers noch im Geschäft durch eine Umkehr des Verzehrvorganges erfüllt, macht sich zusätzlich schadensersatzpflichtig!
Wer im Supermarkt also nur Appetit auf einige wenige
Chips hat, muss nach Wahl des Händlers entweder nur
den anteiligen Ladenverkaufspreis dieser paar Chips oder
den Händlereinkaufspreis der gesamten Tüte bezahlen.
Man kommt also in jedem Fall günstiger weg als beim
Kauf der ganzen Tüte. Den Actionfilm zu seinen Chips
bekommt er in vielen Fällen noch kostenlos dazu!
Das ist allerdings nur die zivilrechtliche Seite. Ungemach kann durchaus von strafrechtlicher Seite drohen.
Denn selbstverständlich macht sich wegen Sachbeschädigung strafbar, wer fremde Chipstüten aufreißt. Und wer
den Inhalt verspeist, begeht einen Diebstahl.
Daher: Lieber nicht ausprobieren!
Bei Interesse siehe hierzu:
$ 307 Abs. 1 8. 1 BGB (Bürgerliches Gesetzbuch), »Inhalts-
kontrolle von Allgemeinen Geschäftsbedingungen«
$ 309 Nr. 5 BGB, »Klauselverbote ohne Wertungsmöglichkeit:
Pauschalierung von Schadensersatzansprüchen«
$ 433 Abs. 2 BGB, »Vertragstypische Pflichten beim Kaufvertrag«
$ 812 Abs. 1 S. 1, 2 BGB, »Herausgabeanspruch«
$ 823 Abs. 1 BGB, »Schadensersatzpflicht«
152 Verbraucherfragen
Angemessener Vorrat an Sonderangeboten
Irrtum:
Es ist Sache des Ladeninhabers, wie viele Artikel eines
Sonderangebotes er vorrätig hält.
Richtig ist:
In der Regel müssen Sonderangebote mindestens zwei
Tage lang vorrätig sein.
Es ist sehr ärgerlich, wenn man durch ein besonders günstiges Sonderangebot in ein Geschäft gelockt wird und
dann dort feststellen muss, dass es bereits ausverkauft ist.
Manchmal halten die Händler die Vorräte ihrer Schnäppchen ganz bewusst knapp. Sie spekulieren darauf, dass die
Kunden dann eben eine andere Ware kaufen, die nicht im
Sonderangebot ist. Und diese Rechnung geht oft genug
auf.
Wer jedoch glaubt, das Vorgehen der Händler sei legal,
der liegt daneben. Wer für eine Ware wirbt — egal ob sie
im Sonderangebot ist oder nicht -, der muss sicherstellen,
dass sie auch in angemessener Menge vorhanden ist. Und
was angemessen ist, dafür gibt es ebenfalls eine Regelung:
Im Allgemeinen muss der Vorrat für die zu erwartende
Nachfrage mindestens zwei Tage halten. Ist das nicht der
Fall, liegt eine illegale »Lockvogelwerbung« vor.
Von dieser Regel gibt es nur wenige Ausnahmen. Ein
Vorwurf kann dem Händler zum Beispiel dann nicht gemacht werden, wenn er deutlich darauf hingewiesen hatte, dass von dem Sonderangebot nur wenige Einzelstücke
vorhanden sind. Ein lapidarer Hinweis wie »Aufgrund der
Vielzahl der Waren ist nicht immer alles sofort verfügbar, wir
Angemessener Vorrat an Sonderangeboten
153
bestellen sofort für Sie. Keine Mitnahme-Garantie« reicht im
Zweifel jedoch nicht aus.* Reicht der Vorrat nur für weniger als zwei Tage, dann muss der Händler schon gute
Gründe nennen, wie dies passieren konnte. Eine unerwartet hohe Nachfrage oder vom Händler unverschuldete
Lieferschwierigkeiten können Umstände sein, die ihn entlasten. Der Händler muss diese Tatsachen dann allerdings
nachvollziehbar darlegen und beweisen.
Und was kann der enttäuschte Verbraucher tun, der nur
wegen eines Sonderangebotes in einen Laden gekommen
ist und dann leer ausgeht? Einen Anspruch auf Nachlieferung der Ware hat er leider nicht. Rechtlich kann er selbst
also nichts unternehmen. Ein Hinweis an die Geschäftsführung, dass die unzureichende Vorratshaltung irreführend und damit wettbewerbswidrig ist, kann dennoch
Wunder bewirken. Möglicherweise wird der ausverkaufte
Artikel nach solch einem Hinweis ja doch noch nachbestellt. Die Ladenbesitzer haben schließlich kein Interesse
daran, dass ihre Kunden sich bei Konkurrenzunterneh-
men oder den berühmt-berüchtigten Abmahnvereinen
beschweren. Denn diese können die irreführende Werbung abmahnen und im Wiederholungsfall saftige Strafzahlungen verlangen.
Bei Interesse siehe hierzu:
$ 5 Abs. 5 UWG
(Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb),
»Irreführende Werbung«
154 Verbraucherfragen
Beschädigte Pfandflaschen
Irrtum:
Beschädi ote Pfandflaschen miissen nicht zurückgenommen werden.
Richtig ist:
Auch für beschädigte Pfandflaschen muss die Annahmestelle das Pfand ausbezahlen.
In manchen Geschäften hängen Schilder, auf denen behauptet wird, zerknüllte, verschmutzte oder beschädigte
Pfandverpackungen würden nicht zurückgenommen.
Von solchen Schildern sollte sich jedoch niemand beeindrucken lassen, denn sie sind schlicht falsch. Geschäfte,
die sie dennoch aufhängen, riskieren es, von Konkurrenten oder Wettbewerbsvereinen kostenpflichtig abgemahnt und zur Entfernung des Schildes verpflichtet zu
werden. Dabei kommt es auch nicht darauf an, ob die
Rücknahmeautomaten, die man in vielen Supermärkten
findet, die zerknüllte Flasche noch erkennen. Wenn
sie
die Flasche wieder ausspucken, sollte man sie zum nächsten Verkaufsmitarbeiter oder notfalls zum Marktleiter
bringen und verlangen, dass er sie entgegennimmt.
Wenn anhand der Verpackungskennzeichnung noch ersichtlich ist, dass es sich um eine Pfandverpackung han-
delt, die der Händler im Sortiment führt, muss er sie
zurücknehmen und das Pfand auszahlen. Übrigens spielt
es auch keine Rolle, ob der Deckel der Flasche noch vor-
handen ist oder nicht. Getränkehändler wissen von Kunden zu berichten, die sogar die Kronkorken wieder auf
ihre leeren Bierflaschen drücken, weil sie meinen, dies
300 Meter mit dem Taxi
155 _
müsse so sein. Rechtlich erforderlich ist das jedoch ganz
sicher nicht.
Bei Interesse siehe hierzu:
$ 8 Abs. 1 VerpackV (Verpackungsverordnung), »Pfanderhebungs-
und
Rücknahmepflicht für
Einweggetränkever-
packungen«
300 Meter mit dem Taxi
Irrtum:
Laxtfahrer dürfen kurze Fahrten verweigern.
Richtig ist:
Taxifahrer müssen auch kurze Strecken fahren.
Natürlich ist es ärgerlich, wenn ein Taxifahrer am Flughafen 4 Stunden in der Taxischlange gewartet hat und
dann gebeten wird, einen Passagier mitsamt seinen Koffern 300 Meter weit von Terminal 1 zu Terminal 2 zu fahren. Denn er verliert dadurch seinen Standplatz und muss
sich in der Schlange anschließend wieder hinten anstellen.
Ablehnen darf der Taxifahrer die Fahrt mit dieser Begründung dennoch nicht, auch wenn dies in der Praxis
immer wieder geschieht. Denn im so genannten »Pflichtfahrgebiet«, das jede deutsche Stadt oder Gemeinde für
ihre Taxifahrer verbindlich festlegt, müssen Passagiere
grundsätzlich mitgenommen werden. Nur in Ausnahmefällen dürfen Taxifahrer sich weigern, einen Fahrgast ein-
steigen zu lassen. Wer stark betrunken, verschmutzt, bewaffnet, aggressiv oder offensichtlich ansteckend erkrankt
156 Verbraucherfragen
ist, muss nicht mitgenommen werden. Auch große oder
nicht angeleinte Hunde müssen nicht transportiert werden, wenn der Taxifahrer befürchtet, dass das Tier die Be-
triebssicherheit des Fahrzeugs gefährden könnte. Wenn
wir einmal von einem nüchternen, sauberen, gesunden,
unbewaffneten und friedlichen Fahrgast ohne Hund ausgehen, hat dieser also einen Beförderungsanspruch. Ob
man diesen in der Praxis auch unbedingt ausüben muss,
steht natürlich auf einem anderen Blatt. Eine schöne
Kompromisslösung ist es sicher, gleich das Taxi am Ende
der Schlange zu nehmen oder es vom Fahrer herbeirufen
zu lassen, wenn
man
tatsächlich nur eine sehr kurze |
Strecke fahren will.
Bei Interesse siehe hierzu:
$ 22 PBefG
(Personenbeförderungsgesetz),
»Beförderungs-
pflicht«
Durchblättern verpflichtet zum Kauf?
Irrtum:
Das Durchblättern von Zeitschriften verpflichtet zum
Kauf.
Richtig ist:
Es gibt keinen Kaufzwang für gelesene Zeitschriften.
In Zeitschriftenläden hängen mitunter Schilder mit der
Aufschrift »Das Durchblättern von Zeitungen oder Zeitschriften verpflichtet zum Kauf«. Dass Ladeninhaber diese Behauptung aufstellen, ist ja durchaus verständlich.
Durchblättern verpflichtet zum Kauf? 157
»Wir sind doch keine Wärmestube!«, heißt es in diesem
Zusammenhang gerne. Aber gibt es wirklich einen Kaufzwang für »angelesene« Druckerzeugnisse?
Selbstverständlich nicht! Denn niemand kann gezwungen werden, etwas zu kaufen, was er gar nicht haben will.
Und dabei spielt es überhaupt keine Rolle, ob man eine
Zeitschrift nur kurz durchblättert oder sogar die bei manchen Publikationen übliche Klarsichtverpackung aufreißt
und das Blatt von vorne bis hinten durchliest. In keinem
Fall besteht ein Kaufzwang! Denn ein Kaufvertrag kommt
in Deutschland nach wie vor dadurch zustande, dass sich
Käufer und Verkäufer darüber einigen, dass eine Sache zu
‚einem bestimmten Preis verkauft werden soll. Dies kann
durchaus auch wortlos durch so genanntes »schlüssiges
Handeln« geschehen. Wer zum Beispiel eine Zeitschrift
aus dem Regal nımmt, auf den Verkaufstresen legt und
dem Verkäufer 2,50 Euro in die Hand drückt, braucht
nicht noch ausdrücklich zu sagen, dass er dieses Blatt
käuflich erwerben möchte. Der Kaufvertrag kommt in
einem solchen Fall auch ohne Worte zustande. Wer eine
Zeitschrift jedoch nur durchblättert, bringt damit sicher-
lich nicht zum Ausdruck, dass er die Zeitschrift kaufen,
bezahlen und mitnehmen möchte. Und das gilt selbst
dann, wenn irgendwo ein Schild hängt, auf dem das Gegenteil behauptet wird. Ein solches Schild würde eine so
genannte »unangemessene Benachteiligung« darstellen
und wäre damit unwirksam.
Wie können Ladeninhaber sich also gegen Dauerleser
schützen, die nichts kaufen? Ganz einfach: Indem sie
ihnen das Weiterlesen untersagen und sie notfalls aus dem
Geschäft komplimentieren. Dieses Recht hat der Verkäufer in jedem Fall.
158 Verbraucherfragen
Falls Sie übrigens gerade in einer Buchhandlung stehen
und dort in diesem Buch lesen: Die oben beschriebenen
Regeln gelten bedauerlicherweise auch in diesem Fall.
Aber bitte nicht weitersagen!
Bei Interesse siehe hierzu:
§ 307 Abs. 1 S. 1 BGB (Bürgerliches Gesetzbuch), »Inhaltskontrolle von Allgemeinen Geschäftsbedingungen«
$ 309 Nr. 5 BGB, »Klauselverbote ohne Wertungsmöglichkeit:
Pauschalierung von Schadensersatzansprüchen«
$ 433 Abs. 2 BGB, »Vertragstypische Pflichten beim Kaufvertra 8«
Eigene Getränke ım Kino und bei Konzerten
Irrtum:
Das M: itbringen eigener Getränke kann immer untersagt werden.
Richtig ist:
In manchen Fällen müssen eigene Getränke erlaubt
werden.
Im ersten Lexikon der Rechtsirrtümer wurde schon darauf
hingewiesen, dass Fitnessstudios das Mitbringen eigener
Getränke nicht verbieten dürfen. Das Brandenburgische
Oberlandesgericht ist der Meinung, dass ein solches
Verbot unangemessen ist, da die Sportler die Möglichkeit
haben müssen, ihren erhöhten Flüssigkeitsbedarf zu vernünftigen Preisen zu decken.*
Aber wie sieht es andernorts aus? Zum Beispiel in
Eigene Getränke im Kino und bei Konzerten 159
Kinos oder auf Konzerten? Auch dort wird es den Besuchern in der Regel verboten, eigene Getränke mitzunehmen. Ist das zulässig? Oder irren die Kinobetreiber und
Konzertveranstalter?
Urteile zu dieser Frage gibt es soweit ersichtlich noch
nicht. Es ist aber möglich, eine Parallele zu dem Urteil des
OLG Brandenburg zu ziehen: Nicht nur in Fitnessstudios
besteht ein erhöhter Bedarf an Flüssigkeitszufuhr, sondern zum Beispiel auch auf Konzerten mit langem Vorprogramm, die sich über Stunden hinziehen und bei denen die Besucher — wenn Platz genug ist — auch ausgiebig
tanzen. Eine Menge spricht deshalb dafür, dass ein gene-
relles Verbot, eigene Getränke mitzubringen, auch bei sol-
chen Veranstaltungen unwirksam ist. Die Veranstalter
führen häufig an, die eigenen Getränke seien aus Sicherheitsgründen verboten, denn sie könnten als Wurfgeschosse benutzt werden. Nicht selten werden auf
demselben Konzert dann jedoch Getränke oder Merchandisingartikel verkauft, die ebenso gut als Wurfgeschosse
taugen. Manchen Konzertveranstaltern ist dies auch
schon aufgefallen, so dass sie zumindest die Mitnahme
von Getränken in weichwandigen Behältnissen bis zu 0,5
Litern erlauben, alle anderen Getränke jedoch verbieten.
Gegen eine solche Regelung dürfte nichts einzuwenden
sein. Denn mit einer »Capri Sonne« als Wurfgeschoss
wird man ım Allgemeinen keine schwerwiegenden Verletzungen hervorrufen können.
Wer also eine Karte zu einem Konzert gekauft hat, auf
dem die Mitnahme jeglicher Getränke verboten ist, der
möge sıch einmal an seine örtliche Verbraucherzentrale
wenden. Vielleicht ist man dort ja interessiert, ein Musterverfahren zu führen.
160 Verbraucherfragen
Und wie sieht es in Kinos aus? Sicherheitsbedenken
spielen hier sicher eine geringere Rolle als bei Konzerten.
Andererseits verbraucht man nicht gerade übermäßig viel
Flüssigkeit, wenn man gemütlich im Kinosessel sitzt und
einen Film guckt. Das OLG Brandenburg hatte in seiner
Fitnessstudio-Entscheidung jedoch gerade den Aspekt
des erhöhten Getränkebedarfs hervorgehoben. Wenn der
Film also nicht gerade vier Stunden dauert, wird man im
Kino demnach leider keinen Anspruch darauf haben,
seine eigenen Getränke mitzubringen.
Bei Interesse siehe hierzu:
§ 307 BGB (Bürgerliches Gesetzbuch), »Inhaltskontrolle«
Kinder an Supermarktkassen
Irrtum:
Was Kinder 1m Supermarkt kaputt machen oder essen,
muss bezahlt werden.
Richtig ist:
In vielen Fällen muss der Supermarkt seinen Schaden
selbst tragen.
Im ersten Lexikon der Rechtsirrtümer wurde das Märchen
von den Eltern, die angeblich für ihre Kinder haften, rich-
tiggestellt. In der Tat haften Eltern nämlich nur dann für
Schäden, die ihre Kinder anrichten, wenn sie ihre Auf-
sichtspflicht verletzen. Den Autor dieses Buches erreich-
ten daraufhin viele Zuschriften, in denen konkrete Fälle
geschildert wurden, verbunden mit der Frage, wie es denn
Kinder an Supermarktkassen 161
in solchen Situationen aussehe: Miissen Mama und Papa
zahlen oder nicht? Eine der am häufigsten geschilderten
Situationen war die folgende; sie soll daher exemplarisch
untersucht werden. Nennen wir sie die »Supermarktkassenproblematik«. Während Mutter den Kinderwagen mit
dem Neugeborenen in der einen Hand hält, mit der anderen Hand den Großeinkauf auf das Förderband legt und
gerade keine dritte Hand für den dreijährigen Erstgeborenen frei hat, grapscht dieser unternehmungslustig nach
allerlei Kleinkinder-Verlockungen, die der Supermarkt
zufällig exakt auf Augenhöhe eines durchschnittlich großen Dreijährigen angeordnet hat. Guterzogene Dreijährige werfen der Mama die Schokoriegel wenigstens in den
Einkaufswagen und gewähren ihr so noch ein gewisses
Mitspracherecht bei der Kaufentscheidung. Andere machen kurzen Prozess und stopfen die Süßigkeiten gleich
an Ort und Stelle in sich hinein oder »untersuchen« sie
zumindest, indem sie die Verpackung aufreißen und sich
die Ware schon einmal genauer angucken. Man lässt
Mama ja schließlich nicht die Katze im Sack kaufen. Frage: Wer muss zahlen? Klar ist zunächst einmal, dass der
Dreijährige den Schaden jedenfalls nicht ersetzen muss.
Denn wer jünger als sieben Jahre alt ist, kann kaputt machen, so viel er will, zahlen muss er dafür gar nichts. Wohl
aber trifft die Eltern eine Aufsichtspflicht. Was genau sie
tun müssen, um dieser zu genügen, hängt vor allem ab von
Alter, Eigenart und Charakter des Kindes und auch davon, wie vorhersehbar das mögliche schädigende Verhalten ist.*7 Mit anderen Worten: Eltern müssen das tun, was
ihnen vernünftigerweise zugemutet werden kann, um zu
verhindern, dass ihre Kinder etwas kaputt machen. Und
dazu gehört es natürlich auch, einem Dreijährigen zu er-
162 Verbraucherfragen
klären, dass er im Supermarkt nicht einfach alles, was ihm
gerade ins Auge fällt, öffnen und aufessen darf. Hat er
dies in der Vergangenheit trotzdem immer wieder gemacht, müssen die Eltern ihn entweder ständig an der
Hand oder zumindest in Reichweite halten oder - wenn
das nicht möglich ist - ihn gar nicht erst mit zum Einkaufen nehmen. Bei jungen, normal entwickelten »Ersttätern«, die bisher nie einschlägig auffällig wurden, sind
die Anforderungen geringer. Hier wird eine vorherige
Belehrung ausreichen, dass das Kleinkind bitte nichts an-
fasst und auspackt. Tut es dies doch, ist den Eltern im Allgemeinen kein Vorwurf zu machen, denn man kann von
ihnen natürlich nicht verlangen, dass sie ihren Nachwuchs
vorsorglich rund um die Uhr an die Hand nehmen.
Fazit: Man sollte seine Kinder sorgfältig darüber auf-
klären, was sie tun dürfen und was nicht. Verstoßen sie
dann ausnahmsweise doch einmal dagegen und öffnen
zum Beispiel die »Kleinkinderauslagen« an den Supermarktkassen, darf man die Anforderungen an die Aufsichtspflicht der Eltern nicht überspannen. Sie können
nicht überall sein - und das wissen auch die Supermarktbetreiber, die bestimmte Waren natürlich ganz bewusst in
Reichweite ihrer jüngsten »Kunden« platzieren und so
eine gewisse Mitschuld tragen, wenn die Kleinen sich einmal unerlaubt an der Ware vergreifen.
Bei Interesse siehe hierzu:
$ 254 BGB (Bürgerliches Gesetzbuch), »Mitverschulden«
$ 828 BGB, »Minderjährige«
$ 832 BGB, »Haftung des Aufsichtspflichtigen«
Nicht passende Kleidung als Reklamationsgrund? 163
Nicht passende Kleidung als
Reklamationsgrund?
Irrtum:
Wenn dıe gekaufte Kleidung nicht passt, kann man sie
reklamieren.
Richtig ist:
Wer zu kleine oder zu große Kleidung kauft, hat in der
Regel selbst Schuld und kann sie nicht reklamieren.
Immer wieder erleben es Verkäufer, dass Kunden ım La-
den stehen und eine gestern erst gekaufte Hose wieder
zurückbringen wollen, weil sie zuhause gemerkt haben,
dass der Bund halt doch ein wenig spannt. Wenn das Geschäft kulant ist, tauscht es die Hose um. Verpflichtet ist
es dazu aber in aller Regel nicht! Denn wer nicht wahrhaben will, welche Hosengröße er sich in den letzten
Jahren tatsächlich angefuttert hat, der leidet nicht an
einem mangelhaften Kleidungsstück, sondern eher an
mangelhafter Selbstwahrnehmung. Reklamieren kann
man aber nur mangelhafte Ware. Nicht anders sieht es
natürlich aus, wenn man ein Kleidungsstück verschenkt.
Das Geschäft, in dem man Papas Hemd gekauft hat,
kann nichts dafür, wenn dieser unter dem Weihnachts-
baum feststellt, dass das gute Stück drei Nummern zu
klein ist. Wer vor allem bei teuren Anschaffungen juristisch auf der sicheren Seite sein will, sollte sich vom Ver-
käufer also ausdrücklich ein Umtauschrecht gewähren
lassen — entweder mündlich in Gegenwart eines Zeugen
oder noch besser schriftlich auf der Rechnung oder dem
Kassenbon. Wenn der Zobel dann partout nicht passt,
~ 164 Verbraucherfragen
kann man ihn zurückbringen und sein Geld zurückver-
langen.
Bei Interesse siehe hierzu:
$ 433 Abs. 1 BGB (Bürgerliches Gesetzbuch), »Vertragstypische Pflichten beim Kaufvertrag«
$ 434 Abs. 3 BGB, »Sachmangel«
Reklamieren von selbst aufgebauten Möbeln
Irrtum:
Selbst aufgebaute Möbel kann man nicht mehr reklamieren.
Richtig ist:
Die gesetzliche Gewährleistung gilt auch für selbst aufgebaute Möbel.
Ob man auch selbst aufgebaute Möbel noch reklamieren
könne, ist eine Leserfrage, die den Autor dieses Buches
gleich mehrfach erreichte. Ganz offensichtlich glauben
viele Kunden eines großen schwedischen Möbelhändlers,
dass ihre gesetzlichen Gewährleistungsansprüche schon
deshalb verlorengingen, weil sie die Schrankwand Örebro
selbst zusammengesteckt und erst dann gemerkt haben,
dass sie völlig schief steht.
Dem ist natürlich nicht so. Warum auch? Wenn das
Möbelstück nicht gerade deshalb schief steht, weil der
Boden uneben ist oder weil man bei der Montage durch
eigenes Verschulden einen Fuß abgebrochen hat, gelten
natürlich die üblichen Gewährleistungsansprüche. Das
Reparaturen und keine Ende? 165
heißt, der Kunde hat das Recht, die fehlerhafte Ware zu
reklamieren und nach seiner Wahl entweder Reparatur
oder Lieferung einer neuen Ware zu verlangen. Sämtliche
Transport-, Wege-, Arbeits- und Materialkosten muss der
Möbelhändler tragen.
Also: Keine Angst beim Möbelaufbau. Die Verantwortung des Händlers endet nicht in dem Moment, in dem
der Käufer Hammer und Schraubenzieher zur Hand
nimmt.
Bei Interesse siehe hierzu:
$ 437 BGB (Bürgerliches Gesetzbuch), »Rechte des Käufers bei
Mängeln«
$ 439 BGB, »Nacherfüllung«
Reparaturen und kein Ende?
Irrtum:
Verkäufer dürfen beliebig oft versuchen, mangelhafte
Ware nachzubessern.
Richtig ist:
Nach zwei erfolglosen Nachbesserungsversuchen ist in
der Regel Schluss.
Wer mangelhafte Ware kauft, hat das Recht, sie zurück ins
Geschäft zu bringen und stattdessen eine intakte Ware zu
verlangen. Dieser Anspruch nennt sich »Recht auf Nacherfüllung«. Dabei kann sich grundsätzlich der Käufer
aussuchen, welche Form der Nacherfüllung er wünscht.
Der Käufer entscheidet also, ob der Verkäufer die Ware
166 Verbraucherfragen
reparieren oder gegen eine einwandfreie Ersatzware eintauschen soll.
In der Praxis kommt es häufig vor, dass die Reparaturoder Austauschversuche des Verkäufers nicht von Erfolg
gekrönt sind - und das oft gleich mehrmals hintereinander. Immer wieder von Neuem muss der Kunde die Ware
— zum Beispiel einen Fernseher - also zurückbringen, weil
er nach wie vor nicht in Ordnung ist.
Viele Käufer sind in einer solchen Situation erstaunlich
geduldig. Dabei müssten sie das gar nicht sein. Denn
wenn der Fernseher nach dem zweiten Austausch oder
Reparaturversuch immer noch nicht fehlerfrei funktioniert, muss der Kunde - von seltenen Ausnahmefällen ab-
gesehen — keine weiteren Nachbesserungsversuche abwarten. Er kann das defekte Gerät einfach zurückgeben und
sein Geld zurückverlangen. Eine Gutschrift als Ersatz
muss er nicht akzeptieren. Alternativ kann er sich auch
dafür entscheiden, die fehlerhafte Ware zu behalten und
den Kaufpreis zu mindern. In keinem Fall muss er aber
endlose Nachbesserungsversuche dulden. Verkäufern, die
ihren Kunden so etwas zumuten, kennen die Rechtslage
nicht. Möglicherweise wollen sie sie auch gar nicht kennen. Man sollte ihnen selbstbewusst entgegentreten und
auf seinem Recht bestehen.
Der Verkäufer kann die Rechte der Verbraucher übrigens auch nicht durch seine Allgemeinen Geschäftsbedingungen — das berühmt-berüchtigte »Kleingedruckte« —
ausschließen. Eine solche Klausel wäre unwirksam.
Bei Interesse siehe hierzu:
$437 BGB (Bürgerliches Gesetzbuch), »Rechte des Käufers bei
Mängeln«
Schäden in Supermärkten 167
$ 439 BGB, »Nacherfüllung«
$ 440 BGB, »Besondere Bestimmungen für Rücktritt und
Schadensersatz«
$ 475 BGB, »Abweichende Vereinbarungen«
Schäden in Supermärkten
Irrtum:
Kunden, dıe in einem Supermarkt Ware beschädigen,
müssen nicht dafür aufkommen.
Richtig ist:
Auch in Supermärkten gilt: Was man kaputt macht,
muss man bezahlen.
Eine häufige Leserfrage, die den Autor dieses Buches erreichte, ist die Frage danach, ob man Gegenstände, die
man in einem Geschäft versehentlich beschädige, bezahlen müsse. Eine Dame wollte zum Beispiel wissen, ob sie
tatsächlich eine Weinflasche hätte bezahlen müssen, die
ihr auf dem Weg zur Kasse unbeabsichtigt aus der Hand
gerutscht war. Sie hatte den Supermarktleiter verständigt,
damit dieser die Überreste der Flasche und ihres Inhalts
beseitigte, und sich eine neue Flasche aus dem Regal ge-
nommen. An der Kasse wunderte sie sich dann, dass sie
beide Flaschen
ständnis, denn
der Kasse und
gangen. Wenn
sollte sie dann
erlebt.
bezahlen sollte. Dafür hatte sie wenig Verdie erste Flasche war ja noch vor Erreichen
nicht etwa erst nach dem Kauf kaputtgesie also nur eine Flasche kaufte, weshalb
zwei bezahlen? So etwas habe sie noch nie
168 Verbraucherfragen
Fine andere Leserin fragte, wie die Rechtslage sei, wenn
sie aus Versehen ein Marmeladenglas mit dem Ellenbogen
aus dem Regal stoße: Könne sie hierfür haftbar gemacht
werden?
In der Praxis ist es meist so, dass die Geschäftsinhaber in
solchen Situationen Kulanz zeigen und selbst für den
Schaden aufkommen. Der Kunde hat ja schließlich nicht
mit Absicht gehandelt. Offensichtlich hat diese Kulanz bei
einigen Kunden dazu geführt, dass sie nun glauben, Supermärkte seien eine rechtsfreie Zone, in der sie Dinge kaputt
machen dürften, ohne dafür bezahlen zu müssen. Ein ähn-
liches Phänomen ist der feste Glaube an ein 14-tägiges
Rückgaberecht, das jedem Kunden zustehe. Auch dieser
Rechtsirrtum hat sich in den Köpfen vieler Menschen festgesetzt, weil sie eine Kulanzregelung mit einer gesetzlichen
Regelung verwechseln (vgl. hierzu das erste Lexikon der
Rechtsirrtümer). Natürlich besteht jedoch kein Rechtsanspruch auf kulante Behandlung, wenn man im Geschäft
etwas beschädigt! Denn auch dort gilt, was überall gilt:
Wer vorsätzlich oder fahrlässig fremdes Eigentum beschädigt, muss den Schaden ersetzen. Wer die Weinflasche also
nicht fest genug in der Hand hält und sie deshalb fallen
lässt, hat Pech gehabt. Er hat fahrlässig gehandelt und
muss für den Schaden aufkommen. Nichts anderes gilt für
einen Kunden, der aus mangelnder Vorsicht mit dem EIlenbogen die Regale ausräumt. Weshalb sollte er dies folgenlos tun dürfen? Selbstverständlich muss er dafür zahlen.
Bei Interesse siehe hierzu:
§ 311 Abs. 2
BGB (Bürgerliches Gesetzbuch), »Rechtsgeschäft-
liche und rechtsgeschäftsähnliche Schuldverhältnisse«
$ 823 Abs. 1 BGB, »Schadensersatzpflicht«
Wohnen
Fußbälle in Nachbars Garten
Irrtum:
Verschossene Fußbälle, die Kinder immer wieder in
Nachbars Garten schießen, darf dieser konfiszteren.
Richtig ist:
Es gibt kein Recht zur Konfiszierung von Fußbällen.
Fußbälle, die in Nachbars Garten landen, sind seit jeher
ein beliebtes Streitthema. Manch einer nimmt es locker,
wenn sich mal ein Ball in seinen Garten verirrt. Schließlich waren wir ja alle mal jung, und dass leider nicht jeder
Schuss dahin geht, wo er hingehen soll, wissen wir auch.
Nicht alle sind jedoch so entspannt. Viele betrachten das
ungenehmigte Eindringen fremder Lederkugeln in den
eigenen Luftraum als eine unerhörte Provokation. Wofür
hat man denn schließlich 28 Jahre lang abbezahlt, dass
jetzt jeder Heini vom benachbarten Bolzplatz aus das
Eigentumsrecht am sorgsam gehegten Reihenmittelhausgarten meint verletzen zu dürfen? Da muss man doch was
tun! Aber was? Zunächst kann der Gartenbesitzer natürlich ein Zutrittsverbot für seinen Garten verhängen.
Wenn die fußballspielenden Rotzlöffel den Garten dann
trotzdem betreten, um sich ihren Ball zurückzuholen,
kann der Hausbesitzer sie erfolgreich auf Unterlassung des
nochmaligen Gartenbetretens verklagen. Falls sie schon
strafmündig, das heißt mindestens 14Jahre alt sind, bege-
172 Wohnen
hen sie sogar einen Hausfriedensbruch, wenn sie wissentlich gegen den Willen des Eigentiimers ein fremdes
Grundstiick betreten. Vielen Hausbesitzern reicht das jedoch noch nicht. Da sie das ungenehmigte Einfliegen von
Fußbällen generell für unzulässig halten, konfiszieren sie
das Spielgerät kurzerhand, um so künftige Rechtsverlet-
zungen zu verhindern. Doch damit gehen sie zu weit! Das
Fußballspielen auf dem Nachbargrundstück ist nicht generell verboten. Dass sich ab und zu ein Ball verirrt, muss
man als »sozialadäquat« hinnehmen.*® Daher darf man
den Ball auch nicht einfach behalten. Er steht in fremdem
Eigentum und muss herausgegeben werden*? — und zwar
unverzüglich! Es ist also auch unzulässig, dass der Nachbar den Ball nur kurzfristig einbehält und ihn erst nach
einer Stunde freiwillig wieder herausgibt. Grundstücksbesitzer, die so etwas tun, können verklagt und dazu verurteilt werden, künftig auch kurzfristige Fußballkonfiszierungen zu unterlassen.
Fazit: Fußballspielen auf dem Nachbargrundstück kann
man nicht verbieten, nur weil dabei auch mal Bälle auf
dem eigenen Grundstück landen. Wohl aber kann man
den Fußballspielern verbieten, das Grundstück zu betre-
ten, um ihre Bälle zurückzuholen. Dann allerdings muss
man sie selber schnellstmöglich zurückgeben und darf sie
auf keinen Fall behalten.
Bei Interesse siehe hierzu:
$ 1004 BGB (Bürgerliches Gesetzbuch), »Beseitigungs- und
Unterlassungsanspruch«
$ 123 StGB (Strafgesetzbuch), »Hausfriedensbruch«
Maklerprovision 173
Maklerprovision
Irrtum:
Um die Maklerprovision kommen Mieter von Wohnungen nicht herum.
Richtig ist:
In vielen Fällen kann der Makler keine Provision verlangen.
Viele Mieter ärgern sich darüber, wenn sie für die Vermittlung einer Wohnung anschließend eine hohe Maklerprovision zahlen sollen. Oft ärgern sie sich ganz ohne
Grund. Denn Makler haben viel seltener Anspruch auf
eine Provision, als die meisten glauben. Denn einen gesetzlichen Provisionsanspruch gibt es nicht. Maklerprovision muss man also nur zahlen, wenn man sich freiwillig
dazu verpflichtet. Und das geschieht nicht etwa schon dadurch, dass man bei einem Makler anruft und sich nach
einer Wohnung erkundigt. Selbst wenn der Makler dann
wunschgemäß ein Exposé schickt, in dem die Wohnung
genau beschrieben ist und in dem es heißt, dass bei erfolgreicher Vermittlung eine Provision anfällt, hat sich der
potentielle Mieter noch nicht verpflichtet, eine Provision
zu zahlen. Denn der Makler kann schließlich viel in seine
Exposés schreiben. Entscheidend ist, ob der Wohnungsinteressent diese Bedingungen akzeptiert, zum Beispiel,
indem er die Maklervereinbarung unterschreibt oder auf
andere Weise zum Ausdruck bringt, dass er sie akzeptiert.
Solange er dies nicht tut, kann er die Wohnung
grundsätzlich noch mieten, ohne eine Provision dafür zu
zahlen.
174 Wohnen
Wenn der Interessent keine Provision zahlen möchte,
sollte er keinesfalls weitere Dienstleistungen des Maklers
in Anspruch nehmen, sondern den Kontakt abbrechen und
sich gegebenenfalls auf eigene Faust darum kümmern,
einen Kontakt zum Vermieter aufzubauen.°® Aber selbst
wenn ein Maklerauftrag zustande kommt, heißt das noch
lange nicht, dass eine Provision gezahlt werden muss.
Wenn der Makler zum Bespiel nur das Objekt, nicht aber
den Eigentümer nennt, hat er Pech, falls der Interessent
dessen Namen zufällig selbst herausfindet.°! Das Wort
»zufällig« ist dabei ernst zu nehmen. Denn wenn der Interessent den Makler bewusst umgeht, muss er die Provision zahlen.
Nicht selten kommt es vor, dass der Eigentümer, der
Verwalter oder gar der bisherige Mieter einer Wohnung
auf die geschickte Idee kommen, diese als »Makler« auch
gleich an den nächsten Mieter zu vermitteln und dann
eine Provision zu verlangen. Das ist jedoch nicht zulässig.
Der Mieter muss in solchen Fällen in aller Regel keine
Provision zahlen. Wenn er sie bereits bezahlt hat, kann er
sie zurückverlangen. Das Gesetz ist zum Schutz der Mieter hier sehr streng. Bereits enge rechtliche und wirtschaftliche Verflechtungen eines Maklers mit einer der
genannten Personen bewirken, dass keine Provision bezahlt werden muss. Eine Beteiligung des Maklers an der
Verwaltungsgesellschaft reicht zum Beispiel schon aus,
um den Provisionsanspruch zu kippen. Selbst eine Hausmeistertätigkeit des »Maklers« im vermittelten Objekt
kann dazu führen, dass die Provision nicht gezahlt werden
muss.>? Übrigens: Mehr als zwei Monatsmieten zuzüglich Mehrwertsteuer darf der Makler vom Mieter in keinem Fall verlangen.
Mietwohnung zu klein 175
Bei Interesse siehe hierzu:
$ 652 BGB (Bürgerliches Gesetzbuch), »Mäklervertrag, Entstehung des Lohnanspruchs«
$ 2 WoVermG (Gesetz zur Regelung der Wohnungsvermittlung), »Entgeltsanspruch, Vorschüsse«
$ 3 WoVermG, »Flöhe des Entgelts, Auslagen«
Mietwohnung zu klein
Irrtum:
Wenn die Mietwohnun g kleiner ıst als im M: tetvertrag
angegeben, kann man die Miete mindern.
Richtig ist:
Im Allgemeinen kann man die Miete nur mindern,
wenn die Wohnung mindestens 10% bis höchstens 30%
kleiner ıst als vereinbart.
Wer einmal die Größe seiner Mietwohnung nachmisst,
erlebt möglicherweise sein blaues Wunder: Statt der im
Mietvertrag behaupteten 100 Quadratmeter misst sie nur
91 Quadratmeter. Das ist doch wohl ein klarer Fall für
eine Mietminderung, denken viele — und irren sich! Denn
ein Mietmangel liegt nur dann vor, wenn die Wohnung
mindestens 10% kleiner ist als im Mietvertrag angegeben.
Alles andere gilt als unerheblich.*4 91 Quadratmeter sind
bei einer angeblichen 100-Quadratmeter-Wohnung also
gerade noch akzeptabel. Das gilt unabhängig davon, ob
die Wohnungsgröße mit »exakt« oder nur mit »ungefähr«
100 Quadratmeter angegeben wurde.” Interessanterweise darf die Abweichung aber auch nicht zu groß sein,
176 Wohnen
wenn der Mieter die Miete mindern will. Denn wer in eine vorgebliche 80-Quadratmeter-Wohnung zieht, die in
Wahrheit nur 30 Quadratmeter groß ist, hat in aller Regel
selbst Schuld. Denn eine solch offensichtliche Abweichung
muss jedem auffallen!
Es gibt keine höchstrichterliche Rechtsprechung zu der
Frage, ab wann man eine Wohnflächenabweichung bemerken muss. Genannt wird in der juristischen Literatur
eine Grenze von 30%.°° Für Vermieter ist das geradezu
eine Einladung,
sich bei der Quadratmeterangabe
im
Mietvertrag um bis zu 10% zu »vertun«. Alternativ sollten
sie gleich so dreist mogeln, dass sogar die 30%-Grenze
überschritten wird. In beiden Fällen sind sie in aller Regel
fein raus.
Und die Mieter? Ihnen kann man nur raten, die Woh-
nung entweder vor Unterzeichnung des Mietvertrages von
einem Fachmann ausmessen zu lassen oder keine Pauschalmiete, sondern eine Quadratmeter-Miete zu verein-
baren. Dann nämlich können sie auch später noch darauf
verweisen, dass die Wohnung 5% kleiner ist als vom Vermieter angenommen, und haben damit das Recht, die
Miete entsprechend zu kürzen. Die 10%-Hürde gilt für sie
in so einem Fall nicht.
Übrigens kann die Mietminderung auch für drei Jahre
rückwirkend geltend gemacht werden. Zu viel bezahlte
Miete kann der Mieter also zurückverlangen, es sei denn,
er wusste im Moment der Zahlung schon, dass die Wohnung kleiner ist als vereinbart.
Bei Interesse siehe hierzu:
$ 536 Abs. 1,2 BGB (Bürgerliches Gesetzbuch), »Mietminderung beı Sach- und Rechtsmängeln«
Miet-Nebenkosten
177
$ 5366 BGB, »Kenntnis des Mieters vom Mangel bei Vertragsschluss oder Annahme«
$ 812 Abs. 1 S. 1 BGB, »Ungerechtfertigte Bereicherung,
Herausgabeanspruch«
$ 814 BGB, »Kenntnts der Nichtschuld«
Miet-Nebenkosten
Irrtum:
Nebenkostenabrechnungen für Mieter sind in der Regel
korrekt berechnet.
Richtig ist:
Nebenkostenabrechnungen für Mieter sind viel öfter
falsch, als die meisten glauben.
Man könnte ein eigenes Buch mit Rechtsirrtümern rund
um das Thema Nebenkostenabrechnungen für Mietwohnungen füllen. Denn die wenigsten wissen genau, welche
Betriebskosten auf den Mieter umgelegt werden können
und welche nicht. Und das gilt für Mieter und Vermieter
gleichermaßen. Nach einer Schätzung der Mietervereine
ist daher jede zweite (!) Betriebskostenabrechnung falsch.
Es lohnt sich also, sich die Betriebskostenabrechnung
einmal genauer anzusehen. In Zweifelsfragen helfen
hierbei auch die Mieter- und Grundeigentümervereine.
Zunächst einmal gilt, dass der Mieter nur die Betriebskosten zahlen muss, die ausdrücklich im Mietvertrag
genannt sind. Aber längst nicht alles, was Vermieter in
den Mietvertrag schreiben, darf auch tatsächlich auf den
Mieter umgelegt werden.
178 Wohnen
Folgenden Grundsatz muss man sich merken, dann erklart sich vieles Weitere von selbst:
Der Vermieter trägt alle Verwaltungskosten
Instandhaltungs- und Instandsetzungskosten.
und
alle
Umlagefähig sind dagegen folgende Kosten:
— Grundsteuer (z. T. auch »öffentliche Lasten des Grund-
stücks« genannt)
— Wasserversorgung (z.B. Wassergeld, Kosten der Wasseruhr, Kosten einer Wasseraufbereitungsanlage)
— Abwassergebühren
— Fahrstuhl (Betriebsstrom, Beaufsichtigung, Bedienung,
Überwachung, Reinigung - nicht aber Fahrstuhlreparaturkosten!)
= Straßenreinigung und Müllabfuhr (städtische Abgaben)
— Hausreinigung und Ungezieferbekampfung
- Gartenpflege (Sach- und Personalkosten)
— Beleuchtung (Strom für Außenbeleuchtung, Treppenhaus, Waschküche)
— Schornsteinreinigung (Schornsteinfegergebühren, Kosten der Immissionsmessung)
— Versicherungen (Gebäudeversicherungen gegen Feuer-,
Sturm- und Wasserschäden, Glasversicherungen, Haftpflichtversicherungen für Gebäude, Öltank und Aufzug
— nicht aber: Rechtschutzversicherung, Reparaturkostenversicherung, Umweltschädenversicherung oder Mietausfallversicherung des Vermieters)
— Hausmeister (nur für Tätigkeiten wie Gartenpflege,
Schneeräumen, Treppenhausreinigung — nicht aber für
Reparatur- oder Hausverwaltungsarbeiten!)
— Gemeinschaftsantenne, Kabelfernsehen
Miet-Nebenkosten
179
— Wascheinrichtungen (Strom, Reinigung und Wartung
~ nicht aber: Reparatur!)
— Heizkosten
Man sieht, dass die Abgrenzung nicht immer leicht ist.
Viele Vermieter »tricksen« und verstecken Kosten, die
eigentlich nicht umlagefähig sind, in scheinbar umlagefähigen Positionen. Dass der Mieter bestimmte Versicherungen
bezahlen muss, ist zum Beispiel vielen bekannt. Versicherungen, die der Verwaltung, der Instandhaltung oder aus
anderen Gründen dem »Privatvergnügen« des Vermieters
dienen, sind aber nicht umlagefähig. Also kommen manche
Vermieter auf die glorreiche Idee, nicht das auffällige Wort
»Reparaturkosten« in die Nebenkostenabrechnung zu
schreiben — denn darüber würden viele Mieter stolpern -,
stattdessen schließen sie ganz einfach eine Reparaturversicherung ab und verstecken so die nicht umlagefähigen
Reparaturkosten in der unauffälligen Position »Versicherungen«. Es lohnt sich für den Mieter also, nachzufragen,
um welche Versicherungen es sich genau handelt. Der Vermieter muss dies detailliert darlegen! Beliebt ist auch der
Trick, den prinzipiell »umlagefähigen Hausmeister« nichtumlagefähige Tätigkeiten machen zu lassen. Wenn der
Hausmeister zum Beispiel auch Hausverwaltungs- oder
Instandhaltungsarbeiten durchführt, kann der Mieter die
Hausmeisterkosten anteilig kürzen. Denn das sind Arbeiten, die der Vermieter selbst bezahlen muss.
Und auch bei der Fahrstuhlwartung muss man genau
differenzieren: Die Wartungskosten muss der Mieter zahlen. Sobald der Aufzugtechniker aber mit Reparaturen beginnt, tickt die Uhr wieder zu Lasten des Vermieters.
Übrigens müssen Mieter Nebenkostenabrechnungen nicht
180 Wohnen
mehr akzeptieren, wenn diese zu spat kommen. Der Vermieter muss die Abrechnung spätestens ein Jahr nach
Ende des Abrechnungszeitraums vorlegen. Ansonsten
kann er keine Nachzahlung mehr verlangen.
Bei Interesse siehe hierzu:
$ 1 BetrKV (Betriebskostenverordnung), »Betriebskosten«
$ 2 BetrKV, »Aufstellung der Betriebskosten«
$ 556 Abs. 3 8. 2,3 BGB (Bürgerliches Gesetzbuch), »Vereinbarungen über Betriebskosten«
Nächtliches Baden und Duschen
Irrtum:
Nachts ıst Lärm durch Duschen und Baden verboten.
Richtig ist:
Auch nachts darf geduscht und gebadet werden.
Immer wieder kommt es vor, dass Vermieter in Mietver-
trägen oder Hausordnungen nächtliches Duschen oder
Baden verbieten oder Nachbarn sich über entsprechenden
Badezimmerlärm aus der Wohnung nebenan beschweren.
Denn es hält sich das Gerücht, dass die Nachtruhe, die in
der Tat zwischen 22 Uhr und 6 Uhr gilt, auch nächtliches
Baden und Duschen betrifft.
Die Gerichte sehen es allerdings anders. Sie erlauben
die Nutzung von Dusche und Badewanne auch zur
Nachtzeit. Mietvertrags- oder Hausordnungsklauseln, die
dies verbieten, sind unwirksam.’ Wie alles im Leben soll-
te man jedoch auch den nächtlichen Lärm in Badezimmer
Nebenkosten von leerstehenden Wohnungen
181
und Waschkeller nicht übertreiben. So wird zum Beispiel
vertreten, dass nach 30 min Schluss mit der Körperpflege
sein miisse.°? An diese Grenze sollte man sich also halten,
wenn man sichergehen will, dass man keine wirksame Abmahnung des Vermieters kassiert oder gar ein Bußgeldverfahren wegen unzulässigen Lärms eingeleitet wird.
Und natürlich sollte man nachts unter der Dusche nicht
obendrein auch noch Opernarien schmettern, die die
Wände zusätzlich erzittern lassen.
Bei Interesse siehe hierzu:
$ 117 OWiG (Gesetz über Ordnungswidrigkeiten), »Unzulässiger Lärm«
Immissionsschutzrechtliche Bestimmungen der einzelnen Bundesländer (soweit existent), z.B. $ 9 Abs. 1 LImSchG NW
(Landesimmissionsschutzgesetz NRW), »Schutz der Nachtruhe«
Nebenkosten von leerstehenden Wohnungen
Irrtum:
Nebenkosten von leer stehenden Wohnungen dürfen auf
die anderen Mieter 1m Haus umgelegt werden.
Richtig ist:
Das Umlegen der Kosten leer stehender Wohnungen ıst
unzulässig.
Immer noch glauben viele Vermieter, sie dürften die
Betriebskosten für eine leerstehende Wohnung auf die anderen Mieter im Haus umlegen. Denn eine wichtige Entscheidung des Bundesgerichtshofs (BGH) aus dem Jahr
182 Wohnen
2005 hat sich noch nicht herumgesprochen. Der BGH
hat 2005 klargestellt, dass der Eigentiimer eines Hauses
mit 35 Wohnungen unrechtmäßig handelte, als er die
Nebenkosten für einige leerstehende Wohnungen auf die
übrigen Mieter abwälzen wollte.°? Dies betraf die Kosten
für Wasser, Abwasser, Müllabfuhr, Strom, Hausbeleuch-
tung und Aufzug. Grund: Das Leerstandsrisiko trägt der
Hauseigentümer und nicht seine Mieter.
Für Mieter in Mehrparteienhäusern, die einem einzigen Eigentümer gehören, lohnt es sich, die Nebenkosten-
abrechnung in diesem Punkt genau zu überprüfen. Denn
— ob wissentlich oder unwissentlich — gibt es immer noch
viele Vermieter, die die neue Rechtsprechung nicht
berücksichtigen. Wer hierbei Hilfe braucht, kann sich an
den örtlichen Mieterverein oder einen auf Mietrecht spezialisierten Rechtsanwalt wenden.
Bei Interesse siehe hierzu:
$ 556a Abs. 1 BGB (Bürgerliches Gesetzbuch), »Abrechnungsmafsstab für Betriebskosten«
Preise von Schliisseldiensten
Irrtum:
Rechnungen von Schlüsseldiensten müssen in jedem
Fall bezahlt werden.
Richtig ist:
Überhöhte Rechnungen von Schlüsseldiensten muss
man nicht bezahlen, sondern man kann zu viel Bezahl-
tes sogar zurückverlangen.
Preise von Schliisseldiensten
183
Firmen, die in den Gelben Seiten unter Unternehmens-
bezeichnungen wie A.A.A.A. Ltd. zu finden sind, halten
sich für besonders schlau, haben in der Regel aber völlig
zu Recht einen miesen Ruf. Oft handelt es sich um Rohrreinigungs-, Fernsehschnellreparatur- oder Schlüsseldienste, die beim Schreiben überhöhter Rechnungen genau so
weit vorne liegen wie im Telefonbuch. Natürlich gibt es in
all diesen Branchen neben vielen schwarzen auch eine
Menge weißer und zumindest graumelierter Schafe. Darauf sei ausdrücklich hingewiesen, bevor die Handwerksinnungen dem Autor dieses Buches mit bösen Briefen
aufs Dach steigen. Was aber soll man tun, wenn man doch
einmal an einen Abzocker gerät, der zum Beispiel für
die simple Öffnung einer ins Schloss gefallenen Tür
850 Euro plus Mehrwertsteuer verlangt, weil angeblich
der Zylinder mit Spezialwerkzeug aufgebohrt werden
musste?
Jedenfalls sollte man nicht in Panik verfallen. Schlüsseldienste können nicht einfach abrechnen, was sie wollen.
Wer glaubt, er müsse jede Rechnung bezahlen, die ihm
von solch einem Unternehmen vorgelegt wird, der irrt!
Wenn zuvor ein Festpreis vereinbart wurde — was zu empfehlen ist -, dann darf der Schlüsseldienst nachträglich
ohnehin nicht mehr Geld abrechnen, etwa mit der Be-
gründung, die Öffnung sei unerwartet schwer gewesen.
Hat man keinen Festpreis und auch sonst nichts Konkre-
tes vereinbart, gilt im Zweifel die ortsübliche Vergütung
als geschuldet. Angemessen erscheinen nach einer nichtrepräsentativen Umfrage bei Verbraucherzentralen, IHKs
und Schlüsseldiensten Stundensätze um die 50 Euro in-
klusive Mehrwertsteuer. Nachts und an Wochenenden
sind Zuschläge bis zu 150% auf das Stundenhonorar
184 Wohnen
möglich. Hinzu können noch entfernungsabhängige Anfahrtspauschalen kommen. Daher sollte man immer einen
Schlüsseldienst aus der Nähe aussuchen. Mehr als 10-15
Euro kann dieser für die Anfahrt dann nicht veranschlagen. Wichtig ist es auch, vor oder nach getaner Arbeit
nicht leichtfertig Papiere zu unterschreiben, die der
Schlüsseldienst vorlegt. Es gibt keinen Grund, irgendein
Dokument zu unterschreiben, schon gar nicht, wenn darin
lauter Dinge stehen, die zum Nachteil des Kunden sind.
Hat man doch einmal etwas unterschrieben, zum Beispiel,
dass man die Höhe der überhöhten Gebührenforderung
ausdrücklich anerkennt, muss das trotzdem nicht heißen,
dass man die Rechnung auch tatsächlich komplett begleichen muss. Denn viele der Klauseln, die Schlüsseldienste
in solchen Situationen verwenden, sind unwirksam.
Und wenn man bereits alles bezahlt hat? Ist dann alles
zu spät? Nein, auch dann hat man noch die Chance, das
zu viel bezahlte Geld zurückzuverlangen. Das Amtsgericht München hat 2004 zum Beispiel einen Schlüsseldienst zur Rückzahlung von immerhin 133 Euro verurteilt. Das Unternehmen hatte für das simple Öffnen einer
ins Schloss gefallenen Tür sage und schreibe 180 Euro
verlangt. Dabei war die Arbeit in drei Minuten getan.
Maximal 47 Euro seien für einen solchen Einsatz angemessen, urteilten die Richter.
Wenn ein Schlüsseldienst mehr als 100% über dem
marktüblichen Preis abrechnet, kann dies übrigens sogar
den Straftatbestand des Wuchers erfüllen, der mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren bestraft werden kann. Auch
dies kann man durchaus als Argument ins Feld führen,
wenn sich ein Schlüsseldienst partout weigert, die Rechnung freiwillig zu senken.
Vorsicht! Bissiger Hund!
Bei Interesse siehe hierzu:
$ 138 BGB (Bürgerliches Gesetzbuch),
Geschäft; Wucher«
$ 632 Abs. 2 BGB, »Vergütung«
$ 291 StGB (Strafgesetzbuch), »Wucher«
185
»Sittenwidriges
Vorsicht! Bissiger Hund!
Irrtum:
Wer ein Schild »Vorsicht! Bissiger Hund!« aufhängt,
kann nicht belangt werden, wenn der Hund zubeifst.
Richtig ist:
Warnschilder befreien nicht von der Haftung.
Wer ein Haustier halt, muss zahlen, wenn das Tier einen
Menschen verletzt oder eine Sache beschädigt. Hundehalter hängen daher häufig Schilder an ihre Gartenzäune,
auf denen es heißt: »Vorsicht! Bissiger Hund!« oder »Warnung vor dem Hundel«. Auf diese Weise hoffen sie, der
Haftung zu entgehen, falls doch einmal etwas passiert.
Doch so einfach lässt sich die Tierhalterhaftung nicht ausschließen. Kleine Kinder, die von freilaufenden Hunden
besonders gefährdet sind, können Warnschilder möglicherweise gar nicht lesen. Ihnen gegenüber haben solche
Schilder verständlicherweise keinerlei Bedeutung. Doch
selbst gegenüber Erwachsenen reichen sie nicht in jedem
Fall aus. Der Bundesgerichtshof (BGH) hatte über einen
Fall zu entscheiden, in dem zwei Rottweiler und ein Staf-
fordshire-Terrier in einem Wohnhaus gehalten wurden,
das wiederum in einem eingezäunten Gelände lag. Vor
186 Wohnen
den Tieren wurde deutlich mit zwei Schildern gewarnt.
Dennoch betrat ein erwachsener Besucher das Grundstück und auch das unabgeschlossene Wohnhaus — und
wurde dort von den Hunden schwer verletzt. Der BGH
entschied, dass die Halter Schadensersatz leisten mussten.
Gerade derart gefährliche Tiere hätten nach Ansicht des
Gerichts im Haus nicht frei herumlaufen dürfen, wenn
damit zu rechnen war, dass Besuch kommen kénnte.°!
Hundehalter sollten sich also darüber im Klaren sein,
dass es nicht unbedingt genügt, mit Schildern vor den
Hunden zu warnen und sie in einem eingezäunten Gelände zu halten. Auf Nummer sicher - für alle Beteiligten —
gehen Hundebesitzer nur, wenn sie die Tiere zusätzlich sichern, indem sie sie anleinen oder im Zwinger halten.
Trotzdem sollte natürlich kein Hundehalter auf die
Warnschilder verzichten, denn er ist verpflichtet, alle zu-
mutbaren Maßnahmen zu ergreifen, um die Öffentlichkeit vor den Tieren zu schützen. Außerdem ist es immer
möglich, dass dem Geschädigten zumindest ein Mitverschulden angelastet wird, wenn er sich bewusst in Gefahr
begibt — und die Warnschilder können helfen, dieses
Bewusstsein zu schaffen.
‚Bei Interesse siehe hierzu:
$ 254 BGB (Bürgerliches Gesetzbuch), »Mitverschulden«
§ 833
BGB, »Haftung des Tierhalters«
Anmerkungen
1 OLG (Oberlandesgericht) Stuttgart, Az.: 1 U 154/06
2 VG (Verwaltungsgericht) München, BayVBl. (Bayerische
Verwaltungsblätter) 1989, 25
3 BGHZ (Entscheidungen des Bundesgerichtshofs in Zivilsachen) 38, 380ff.; BVerwGE (Entscheidungen des Bundes-
verwaltungsgerichts) 5, S. 291 ff.
4 Anmerkung zu VG (Verwaltungsgericht)
BayVBI. 1989, 25, in: BayVBI. 1989, 282
München,
5 OLG Hamm, Az.: 7 U 132/93
6 OLG Hamm, Az.: 7 U 132/93; OLG Rostock, Az.: 3 U 83/98
7 Vgl. BAG (Bundesarbeitsgericht), Urteil v. 19.02.1997,
Az.:5 AZR 982/94
8 Otto Palandt, Walter Weidenkaff. BGB, 67. Aufl. München
2007, § 275, Rn. 14, a. A. LG (Landgericht) Braunschweig,
NJW-RR (Neue juristische Wochenschrift-Rechtsprechungs-
report) 86, 479
|
9 LG Kassel, NJW 85, 1642; LG Augsburg NJW-RR 04, 272
10 OLG Frankfurt a.M., Az.: 1 UF 181/00
11 OLG Koblenz, Urteil v. 09.04.2002, Az.: 11 WF 70/02
12 Für nichteheliche Lebensgemeinschaften vgl. OLG Düsseldorf, MDR (Monatsschrift für deutsches Recht) 1999, 233
13 LG Kiel, NJW 1989, 2539
14 AG Flensburg, Az.: 63 C 84/81
15 LAG Hamm, Az.: 14 Sa 1145/98
16 BGHSt. 13, 197
17 BGH Az.: 5 StR 699/52
18 OLG Schleswig, VRS (Verkehrsrechtssammlung) 30, 462
188 Anmerkungen
19 OLG Hamm, NJW 58, 271; aber nicht bei leichteren Ver20
21
22
23
24
25
26
letzungen: OLG Koblenz, MDR 72, 885
OLG Koblenz, NJW 63, 991
OLG Düsseldorf, VM 76, 27
OLG Köln, BA 78, 219
|
LG Zweibrücken, DAR (Deutsches Autorecht) 96, 325
OLG Düsseldorf, NJW 90, 2264
OLG Stuttgart, MDR 77, 683
BVerfG (Bundesverfassungsgericht), NJW 93, 2432
27 BayObLG (Bayerisches Oberlandesgericht), VRS 12, 115
28 BGH, VRS 26, 327; BGH, NJW 2000, 3069; KG, DAR
1978, 107
29 OLG Hamburg, VRS 87, 249
30 Vgl. OLG Stuttgart, VRS 223
31 OLG Bamberg, NJW 2007, 1014
32 OLG Hamm, StVE § 6 StVO Nr. 2
33
Burmann,
bei Horst Janiszewski, Joachim Jagow,
Michael
Burmann. Straßenverkehrsrecht, 19. Aufl. München 2005,
§ 2 StVO Nr. 76
34 OLG Stuttgart, Az.: 5 Ss 479/87; KG Berlin, Az.: 12 U
68/03
35 OLG Oldenburg, Az.: Ss 186/96
36 OLG Hamm, Beschl. v. 25.11.2002, Az.: 2 Ss OWi 1005/02,
NZV 2003, 98
37 OLG Jena, NJW 2006, 3734
38 OLG Hamm, Beschluss v. 6.07.2005, Az.: 2 Ss OWi 177/05,
DAR 2005, 639
39 OLG Köln, VRS 109, 2005, 287
40 OLG Hamm, Beschluss v. 13.09.2007, Az.: 2 Ss OWi
606/07
41 OVG Hamburg, NJW 2005, 2247
42 BVerwG (Bundesverwaltungsgericht), NZV (Neue Zeitschrift fiir Verkehrsrecht) 2002, 285
43 VG Gießen, NZV 2004, 54; VG Berlin, NZV 2004, 55
44 BGH, Urteil v. 13.11.1990, Az.: VI ZR 15/90
Anmerkungen
189
45 BGH, GRUR (Gewerblicher Rechtsschutz und Urheberrecht) 2003, 163, 164 - Computerwerbung
46 OLG Brandenburg, Az.: 7 U 36/03
47 BGH, NJW 1993, 1003
48 Bayrischer Verwaltungsgerichtshof, Az.: 22 ZB 2931/04
49 LG München, Az.: 5 O 5454/03
50 BGH, WM 1991, 643 fiir das Provisionsverlangen eines
Kaufmaklers
51 KG (Kammergericht) Berlin, Urteil v. 20.09.99. Az.: 10 U
3177/98
52 OLG Hamm, NJW-RR 1999, 632
53 Palandt, BGB, § 652, Rn. 59 m.w. Nachw.
54 BGH, Urteil v. 24.3.2004 — VIIL ZR 133/03 - WM 04, 268
55 BGH, a.a.O.
56 Paschke, GE 04, 677
57 LG Köln, WM 97, 323
58 OLG Düsseldorf, Az.: 5 Ss OWI 411/90-OWI 181/90
59 BGH, VIII ZR 159/05
60 AG München, Az.: 141 C 27160/03
61 BGH, VIZR 238/04
Gesetzestexte
Nicht alle Paragraphen und Artikel sind vollständig zitiert. Es wur-
den zum Teil lediglich diejenigen Absätze aufgenommen, die für das
Verständnis der im Buch behandelten Probleme besonders wichtig
sind.
Landesrechtliche und ausländische Vorschriften finden sıch am Ende
der Gesetzessammlung.
AHB (Allgemeine Versicherungsbedingungen für die Haftpflichtversicherung, Musterbedingungen des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft e.V)
Ziffer 7
Falls im Versicherungsschein oder seinen Nachträgen nicht ausdrücklich etwas anderes bestimmt ist, sind von der Versicherung
ausgeschlossen:
7.6
Haftpflichtansprüche wegen Schäden an fremden Sachen
und allen sich daraus ergebenden Vermögensschäden, wenn
der Versicherungsnehmer diese Sachen gemietet, geleast, gepachtet, geliehen, durch verbotene Eigenmacht erlangt hat
oder sie Gegenstand eines besonderen Verwahrungsvertrages
sind.
Gesetzestexte
191
ArbSchG (Arbeitsschutzgesetz)
§ 4 Allgemeine Grundsätze
Der Arbeitgeber hat bei Maßnahmen des Arbeitsschutzes von
folgenden allgemeinen Grundsätzen auszugehen:
1. Die Arbeit ist so zu gestalten, dass eine Gefährdung für Leben und Gesundheit möglichst vermieden und die verbleibende
Gefährdung möglichst gering gehalten wird.
ArbStättV (Arbeitsstättenverordnung)
$ 3 ArbStättV
Einrichten und Betreiben von Arbeitsstätten
(1) Der Arbeitgeber hat dafür zu sorgen, dass Arbeitsstätten den
Vorschriften dieser Verordnung einschließlich ihres Anhanges
entsprechend so eingerichtet und betrieben werden, dass von
ihnen keine Gefährdungen für die Sicherheit und die Gesundheit der Beschäftigten ausgehen. Der Arbeitgeber hat die vom
Bundesministerium für Arbeit und Soziales nach $ 7 Abs. 4 be-
kannt gemachten Regeln für Arbeitsstätten zu berücksichtigen.
Bei Einhaltung der im Satz 2 genannten Regeln ist davon auszugehen, dass die in der Verordnung gestellten Anforderungen
diesbezüglich erfüllt sind. Wendet der Arbeitgeber die Regeln
nicht an, muss er durch andere Maßnahmen die gleiche Sicherheit und den gleichen Gesundheitsschutz der Beschäftigten erreichen.
Anhang 3.5 - Raumtemperatur
(1) In Arbeits-, Pausen-, Bereitschafts-, Sanitär-, Kantinen- und
Erste-Hilfe-Räumen, in denen aus betriebstechnischer Sicht
keine spezifischen Anforderungen an die Raumtemperatur gestellt werden, muss während der Arbeitszeit unter Berücksichti-
gung der Arbeitsverfahren, der körperlichen Beanspruchung der
192
Gesetzestexte
Beschäftigten und des spezifischen Nutzungszwecks des Raumes
eine gesundheitlich zuträgliche Raumtemperatur bestehen.
(2) Fenster, Oberlichter und Glaswände müssen je nach Art der
Arbeit und der Arbeitsstätte eine Abschirmung der Arbeitsstätten gegen übermäßige Sonneneinstrahlung ermöglichen.
ASR 6 (Arbeitsstättenrichtlinie 6) (a. F.)
Raumtemperaturen
Anwendungsbereich
Für alle Arbeitsplätze, an die technologisch keine spezifischen
Anforderungen an das Raumklima gestellt werden, gelten die
Anforderungen und Gestaltungshinweise des Abschnittes I dieser Richtlinie.
Für Arbeitsräume, an die aus technologischen Gründen besondere Anforderungen an das Raumklima gestellt werden oder bei
denen die Beeinflussung des Klimas durch die Technologie unvermeidbar ist, gelten die Empfehlungen des Abschnittes II.
Abschnitt I:
Anforderungen
und Gestaltungshinweise an Arbeitsräume
ohne
spezifische, technologisch bedingte Klimaanforderungen
1. Begriffe
1.1 Raumtemperatur ist eine zusammenfassende Temperaturgröße aus der örtlichen Lufttemperatur und den Strahlungstemperaturen der einzelnen Umgebungsflächen.
1.2 Lufttemperatur ist die Temperatur der den Menschen umgebenden Luft ohne Einwirkung von Wärmestrahlung. Sie wird
in einer Höhe von 0,75 m über dem Fußboden an den Arbeits-
plätzen mit einem wärmestrahlungsgeschützten Thermometer
in Grad Celsius (°C) mit einer Messgenauigkeit von + 0,5 °C gemessen.
Gesetzestexte
193
1.3 Die körperliche Belastung ergibt sich aus der überwiegenden
Körperhaltung und der Arbeitsschwere. Üblicherweise reicht als
Klassifizierung für die Arbeitsschwere:
Leicht Bei ruhigem Sitzen mit leichter Hand-/Armarbeit verbunden mit gelegentlichem Gehen
Mittel Bei mittelschwerer Hand-/Arm- oder Beinarbeit im
Sitzen oder Gehen
|
Schwer Bei schwerer Hand-/Arm-, Bein- und Rumpfarbeit im
Gehen oder Stehen
2. Allgemeines
Gesundheitlich zuträgliches Klima liegt vor, wenn die Wärmebilanz (Wärmeerzeugung zu Wärmeabgabe) des menschlichen
Körpers ausgeglichen ist. Die Wärmeerzeugung ist abhängig
von der Arbeitsschwere. Die Wärmeabgabe ist abhängig von der
Lufttemperatur, der Luftfeuchte, der Luftgeschwindigkeit und
der Wärmestrahlung. Sie wird wesentlich durch die Bekleidungssituation beeinflusst.
In der Regel reicht die Lufttemperatur zur Beurteilung, ob eine
gesundheitlich zuträgliche Raumtemperatur vorhanden ist, aus
(andernfalls siehe 5.3).
3. Lufttemperaturen in Arbeitsräumen
3.1 In Arbeitsräumen muss die Lufttemperatur mindestens be-
tragen:
Überwiegende
Arbeitshaltung
Arbeitsschwere
Leicht
Mittel
Schwer
+20 °C
+19 °C
-
Stehen und/oder gehen} + 19°C
|+17°C
|+12°C
Sitzen
Tabelle: Lufttemperaturen in Arbeitsräumen, in Abhängigkeit
von der Arbeitshaltung und der Arbeitsschwere
194
Gesetzestexte
3.2 Die Mindesttemperaturen sollen wahrend der gesamten Arbeitszeit gewährleistet sein.
3.3 Die Lufttemperatur in Arbeitsräumen soll +26 °C nicht
überschreiten. Bei darüberliegender Außentemperatur darf in
Ausnahmefällen die Lufttemperatur höher sein.
|
3.4 An Fenstern, Oberlichtern oder Glaswänden sind wirksame
Schutzvorrichtungen gegen direkte Sonneneinstrahlung vorzu-
sehen (siehe auch § 9 Abs. 2 ArbStattV).
4. Lufttemperaturen in übrigen Betriebsräumen
4.1 In Pausen-, Bereitschafts-, Liege-, Sanıtär- und Sanitäts-
räumen muss während der Nutzungsdauer eine Lufttemperatur
von mindestens + 21 °C herrschen.
4.2 In Waschräumen, in denen Duschen oder Badewannen in-
stalliert sind, soll die Lufttemperatur während der Nutzungsdauer + 24 °C betragen.
5. Zusätzliche Anforderungen an das Klima und Klimamessungen in Arbeitsräumen und übrigen Betriebsräumen
5.1 Die Beschäftigten dürfen keiner vermeidbaren Zugluft ausgesetzt sein (siehe § 16 Abs. 4 ArbStattV).
5.2 Die Oberflächentemperatur des Fußbodens an ständigen
Arbeitsplätzen in Arbeitsräumen soll nicht mehr als 3 °C unter
und 6 °C über der Lufttemperatur liegen.
5.3 Die Bestimmung der Lufttemperatur allein reicht nicht aus,
wenn Luftfeuchte, Luftgeschwindigkeit und/oder Wärmestrahlung erheblichen Einfluss auf das Klima ausüben. Dann sind
diese Klimagrößen zusätzlich einzeln oder gegebenenfalls nach
einem Klimasummenmaf zu bewerten.
Gesetzestexte
195
Berlin/Bonn-Gesetz
§ 3 Berlin/Bonn-Gesetz
Sitz der Bundesregierung
(1) Sitz des Verfassungsorgans Bundesregierung ist die Bundeshauptstadt Berlin.
(2) Die Bundesregierung wird den Vollzug der Sitzentscheidung
in zeitlicher Abstimmung mit dem Vollzug der Sitzentscheidung des Deutschen Bundestages vornehmen.
BetrKV (Betriebskostenverordnung)
§.1 BetrKV
Betriebskosten
(1) Betriebskosten sind die Kosten, die dem Eigentümer oder
Erbbauberechtigten durch das Eigentum oder Erbbaurecht am
Grundstück oder durch den bestimmungsmäßigen Gebrauch
des Gebäudes, der Nebengebäude, Anlagen, Einrichtungen und
des Grundstücks laufend entstehen. Sach- und Arbeitsleistungen des Eigentümers oder Erbbauberechtigten dürfen mit dem
Betrag angesetzt werden, der für eine gleichwertige Leistung
eines Dritten, insbesondere eines Unternehmers, angesetzt werden könnte; die Umsatzsteuer des Dritten darf nicht angesetzt
werden.
(2) Zu den Betriebskosten gehören nicht:
1. die Kosten der zur Verwaltung des Gebäudes erforderli-
chen Arbeitskräfte und Einrichtungen, die Kosten der Auf-
sicht, der Wert der vom Vermieter persönlich geleisteten
Verwaltungsarbeit, die Kosten für die gesetzlichen oder freiwilligen Prüfungen des Jahresabschlusses und die Kosten für
die Geschäftsführung (Verwaltungskosten);
2. die Kosten, die während der Nutzungsdauer zur Erhaltung des bestimmungsmäßigen Gebrauchs aufgewendet
196
Gesetzestexte
werden miissen, um die durch Abnutzung, Alterung und
Witterungseinwirkung entstehenden baulichen oder sonstigen Mängel ordnungsgemäß zu beseitigen (Instandhaltungs- und Instandsetzungskosten).
$ 2 BetrKV
Aufstellung der Betriebskosten
Betriebskosten im Sinne von § 1
sind:
1. die laufenden öffentlichen Lasten des Grundstücks,
hierzu gehört namentlich die Grundsteuer;
2. die Kosten der Wasserversorgung,
hierzu gehören die Kosten des Wasserverbrauchs, die Grundgebühren, die Kosten der Anmietung oder anderer Arten der Gebrauchsüberlassung von Wasserzählern sowie die Kosten ihrer
Verwendung einschließlich der Kosten der Eichung sowie der
Kosten der Berechnung und Aufteilung, die Kosten der Wartung von Wassermengenreglern, die Kosten des Betriebs einer
hauseigenen Wasserversorgungsanlage und einer Wasseraufbereitungsanlage einschließlich der Aufbereitungsstoffe;
3. die Kosten der Entwässerung,
hierzu gehören die Gebühren für die Haus- und Grundstücksentwässerung, die Kosten des Betriebs einer entsprechenden
nicht öffentlichen Anlage und die Kosten des Betriebs einer
Entwässerungspumpe;
4. die Kosten
a) des Betriebs der zentralen Heizungsanlage einschließlich
der Abgasanlage,
hierzu gehören die Kosten der verbrauchten Brennstoffe und
ihrer Lieferung, die Kosten des Betriebsstroms, die Kosten
der Bedienung, Überwachung und Pflege der Anlage, der
regelmäßigen Prüfung ihrer Betriebsbereitschaft und Betriebssicherheit einschließlich der Einstellung durch eine
Fachkraft, der Reinigung der Anlage und des Betriebsraums,
die Kosten der Messungen nach dem Bundes-Immissions-
Gesetzestexte
oder
oder
197
schutzgesetz, die Kosten der Anmietung oder anderer Arten
der Gebrauchsiiberlassung einer Ausstattung zur Verbrauchserfassung sowie die Kosten der Verwendung einer Ausstattung zur Verbrauchserfassung einschließlich der Kosten der
Eichung sowie der Kosten der Berechnung und Aufteilung,
b) des Betriebs der zentralen Brennstoffversorgungsanlage,
hierzu gehören die Kosten der verbrauchten Brennstoffe
und ihrer Lieferung, die Kosten des Betriebsstroms und die
Kosten der Überwachung sowie die Kosten der Reinigung
der Anlage und des Betriebsraums,
c) der eigenständig gewerblichen Lieferung von Wärme,
auch aus Anlagen im Sinne des Buchstabens a,
hierzu gehören das Entgelt für die Wärmelieferung und die
Kosten des Betriebs der zugehörigen Hausanlagen entspre-
oder
chend Buchstabe a,
d) der Reinigung und Wartung von Etagenheizungen und
Gaseinzelfeuerstätten,
hierzu gehören die Kosten der Beseitigung von Wasserablagerungen und Verbrennungsrückständen in der Anlage, die
Kosten der regelmäßigen Prüfung der Betriebsbereitschaft
und Betriebssicherheit und der damit zusammenhängenden
Einstellung durch eine Fachkraft sowie die Kosten der Messungen nach dem Bundes-Immissionsschutzgesetz;
5. die Kosten
a) des Betriebs der zentralen Warmwasserversorgungsanlage,
hierzu gehören die Kosten der Wasserversorgung entsprechend Nummer 2, soweit sie nicht dort bereits berücksich-
tigt sind, und die Kosten der Wassererwärmung entsprechend Nummer 4 Buchstabe a,
oder
198
oder
Gesetzestexte
b) der eigenständig gewerblichen Lieferung von Warmwasser, auch aus Anlagen im Sinne des Buchstabens a,
hierzu gehören das Entgelt für die Lieferung des Warmwassers und die Kosten des Betriebs der zugehörigen Hausanlagen entsprechend Nummer 4 Buchstabe a,
c) der Reinigung und Wartung von Warmwassergeräten,
hierzu gehören die Kosten der Beseitigung von Wasserablagerungen und Verbrennungsrückständen im Innern der
Geräte sowie die Kosten der regelmäßigen Prüfung der
Betriebsbereitschaft und Betriebssicherheit und der damit
zusammenhängenden Einstellung durch eine Fachkraft;
6. die Kosten verbundener Heizungs- und Warmwasserversorgungsanlagen
a) bei zentralen Heizungsanlagen entsprechend Nummer 4
Buchstabe a und entsprechend Nummer 2, soweit sie nicht
oder
oder
dort bereits berücksichtigt sind,
b) bei der eigenständig gewerblichen Lieferung von Wärme
entsprechend Nummer 4 Buchstabe c und entsprechend
Nummer 2, soweit sie nicht dort bereits berücksichtigt sind,
c) bei verbundenen Etagenheizungen und Warmwasserversorgungsanlagen entsprechend Nummer 4 Buchstabe d und
entsprechend Nummer 2, soweit sie nicht dort bereits berücksichtigt sind;
7. die Kosten des Betriebs des Personen- oder Lastenaufzugs,
hierzu gehören die Kosten des Betriebsstroms, die Kosten
der Beaufsichtigung, der Bedienung, Überwachung und Pflege
der Anlage, der regelmäßigen Prüfung ihrer Betriebsbereitschaft und Betriebssicherheit einschließlich der Einstellung
durch eine Fachkraft sowie die Kosten der Reinigung der
Anlage;
Gesetzestexte
199
8. die Kosten der Straßenreinigung und Müllbeseitigung,
zu den Kosten der Straßenreinigung gehören die für die öffentliche Straßenreinigung zu entrichtenden Gebühren
und die
Kosten entsprechender nicht öffentlicher Maßnahmen; zu den
Kosten der Müllbeseitigung gehören namentlich die für die Müllabfuhr zu entrichtenden Gebühren, die Kosten entsprechender
nicht öffentlicher Maßnahmen, die Kosten des Betriebs von
Müllkompressoren, Müllschluckern, Müllabsauganlagen sowie
des Betriebs von Müllmengenerfassungsanlagen einschließlich
der Kosten der Berechnung und Aufteilung;
9. die Kosten der Gebäudereinigung und Ungezieferbekämpfung,
zu den Kosten der Gebäudereinigung gehören die Kosten für die
Säuberung der von den Bewohnern gemeinsam genutzten Gebäudeteile, wie Zugänge, Flure, Treppen, Keller, Bodenräume,
Waschküchen, Fahrkorb des Aufzugs;
10. die Kosten der Gartenpflege,
hierzu gehören die Kosten der Pflege gärtnerisch angelegter
Flächen einschließlich der Erneuerung von Pflanzen und
Gehölzen, der Pflege von Spielplätzen einschließlich der Erneuerung von Sand und der Pflege von Plätzen, Zugängen und
Zufahrten, die dem nicht öffentlichen Verkehr dienen;
11. die Kosten der Beleuchtung,
hierzu gehören die Kosten des Stroms für die Außenbeleuchtung und die Beleuchtung der von den Bewohnern gemeinsam
genutzten Gebäudeteile, wie Zugänge, Flure, Treppen, Keller,
Bodenräume, Waschküchen;
12. die Kosten der Schornsteinreinigung,
hierzu gehören die Kehrgebühren nach der maßgebenden Gebührenordnung, soweit sie nicht bereits als Kosten nach Nummer 4 Buchstabe a berücksichtigt sind;
13. die Kosten der Sach- und Haftpflichtversicherung,
hierzu gehören namentlich die Kosten der Versicherung des Gebäudes gegen Feuer-, Sturm-, Wasser- sowie sonstige Elemen-
200
Gesetzestexte
tarschäden, der Glasversicherung, der Haftpflichtversicherung
für das Gebäude, den Öltank und den Aufzug;
14. die Kosten für den Hauswart,
hierzu gehören die Vergütung, die Sozialbeiträge und alle geldwerten Leistungen, die der Eigentümer oder Erbbauberechtigte dem Hauswart für seine Arbeit gewährt, soweit diese nicht
die Instandhaltung, Instandsetzung, Erneuerung, Schönheitsreparaturen oder die Hausverwaltung betrifft; soweit Arbeiten
vom Hauswart ausgeführt werden, dürfen Kosten für Arbeitsleistungen nach den Nummern 2 bis 10 und 16 nicht angesetzt
werden;
15. die Kosten
a) des Betriebs der Gemeinschafts-Antennenanlage,
hierzu gehören die Kosten des Betriebsstroms und die Kosten der regelmäßigen Prüfung ihrer Betriebsbereitschaft
einschließlich der Einstellung durch eine Fachkraft oder
das Nutzungsentgelt für eine nicht zu dem Gebäude
gehörende Antennenanlage sowie die Gebühren, die nach
dem Urheberrechtsgesetz für die Kabelweitersendung entoder
stehen,
b) des Betriebs der mit einem Breitbandkabelnetz verbun-
denen privaten Verteilanlage,
hierzu gehören die Kosten entsprechend Buchstabe a, ferner
die laufenden monatlichen Grundgebühren für Breitbandkabelanschlüsse;
16. die Kosten des Betriebs der Einrichtungen für die Wäschepflege,
hierzu gehören die Kosten des Betriebsstroms, die Kosten der
Überwachung, Pflege und Reinigung der Einrichtungen, der regelmäßigen Prüfung ihrer Betriebsbereitschaft und Betriebssicherheit sowie die Kosten der Wasserversorgung entsprechend
Nummer 2, soweit sie nicht dort bereits berücksichtigt sind;
Gesetzestexte 201
17. sonstige Betriebskosten,
hierzu gehören Betriebskosten im Sinne des § 1, die von den
Nummern
1 bis 16 nıcht erfasst sind.
BetrVG (Betriebsverfassungsgesetz)
§ 87 BetrVG
Mitbestimmungsrechte
(1) Der Betriebsrat hat, soweit eine gesetzliche oder tarifliche
Regelung nicht besteht, in folgenden Angelegenheiten mitzubestimmen:
7. Regelungen über die Verhütung von Arbeitsunfällen und
Berufskrankheiten sowie über den Gesundheitsschutz im
Rahmen der gesetzlichen Vorschriften oder der Unfallverhütungsvorschriften;
BGB (Bürgerliches Gesetzbuch)
§ 134 BGB
Gesetzliches Verbot
Ein Rechtsgeschäft, das gegen ein gesetzliches Verbot verstößt,
ist nichtig, wenn sich nicht aus dem Gesetz ein anderes ergibt.
$ 138 BGB
Sittenwidriges Rechtsgeschaft; Wucher
(1) Ein Rechtsgeschäft, das gegen die guten Sitten verstößt, ist
nichtig.
|
(2) Nichtig ist insbesondere ein Rechtsgeschäft, durch das jemand unter Ausbeutung der Zwangslage, der Unerfahrenheit,
des Mangels an Urteilsvermögen oder der erheblichen Willensschwäche eines anderen sich oder einem Dritten für eine Leistung Vermögensvorteile versprechen oder gewähren lässt, die in
einem auffälligen Missverhältnis zu der Leistung stehen.
202
Gesetzestexte
§ 241 BGB
Pflichten aus dem Schuldverhältnis
(1) Kraft des Schuldverhältnisses ist der Gläubiger berechtigt,
von dem Schuldner eine Leistung zu fordern. Die Leistung
kann auch in einem Unterlassen bestehen.
(2) Das Schuldverhältnis kann nach seinem Inhalt jeden Teil
zur Rücksicht auf die Rechte, Rechtsgüter und Interessen des
anderen Teils verpflichten.
§ 252"- BGB
Entgangener Gewinn
Der zu ersetzende Schaden umfasst auch den entgangenen
Gewinn. Als entgangen gilt der Gewinn, welcher nach dem gewohnlichen Lauf der Dinge oder nach den besonderen Umständen, insbesondere nach den getroffenen Anstalten und Vorkeh-
rungen, mit Wahrscheinlichkeit erwartet werden konnte.
$ 254 BGB
Mitverschulden
(1) Hat bei der Entstehung des Schadens ein Verschulden des
Beschädigten mitgewirkt, so hängt die Verpflichtung zum Ersatz
sowie der Umfang des zu leistenden Ersatzes von den Umständen, insbesondere davon ab, inwieweit der Schaden vorwiegend
von dem einen oder dem anderen Teil verursacht worden ist.
(2) Dies gilt auch dann, wenn sich das Verschulden des Beschä-
digten darauf beschränkt, dass er unterlassen hat, den Schuldner
auf die Gefahr eines ungewöhnlich hohen Schadens aufmerksam zu machen, die der Schuldner weder kannte noch kennen
musste, oder dass er unterlassen hat, den Schaden abzuwenden
oder zu mindern. Die Vorschrift des $ 278 findet entsprechende Anwendung.
§ 275 BGB
Ausschluss der Leistungspflicht
(1) Der Anspruch auf Leistung ist ausgeschlossen, soweit diese
für den Schuldner oder für jedermann unmöglich ist.
Gesetzestexte 203
(2) Der Schuldner kann die Leistung verweigern, soweit diese
einen Aufwand erfordert, der unter Beachtung des Inhalts des
Schuldverhältnisses und der Gebote von Treu und Glauben in
einem groben Missverhältnis zu dem Leistungsinteresse des
Glaubigers steht. Bei der Bestimmung der dem Schuldner zuzumutenden Anstrengungen ist auch zu berücksichtigen, ob der
Schuldner das Leistungshindernis zu vertreten hat.
(3) Der Schuldner kann die Leistung ferner verweigern, wenn er
die Leistung persönlich zu erbringen hat und sie ihm unter Abwägung des seiner Leistung entgegenstehenden Hindernisses
mit dem Leistungsinteresse des Gläubigers nicht zugemutet
werden kann.
(4) Die Rechte des Gläubigers bestimmen sich nach den $$ 280,
283 bis 285, 311a und 326.
$ 280 BGB
Schadensersatz wegen Pflichtverletzung
(1) Verletzt der Schuldner eine Pflicht aus dem Schuldverhält-
nis, so kann der Gläubiger Ersatz des hierdurch entstehenden
Schadens verlangen. Dies gilt nicht, wenn der Schuldner die
Pflichtverletzung nicht zu vertreten hat.
(2) Schadensersatz wegen Verzögerung der Leistung kann der
Gläubiger nur unter der zusätzlichen Voraussetzung des $ 286
verlangen.
(3) Schadensersatz statt der Leistung kann der Gläubiger nur
unter den zusätzlichen Voraussetzungen des $ 281, des $ 282
oder des $ 283 verlangen.
§ 281 BGB
Schadensersatz statt der Leistung wegen nicht oder nicht wie geschuldet erbrachter Leistung
(1) Soweit der Schuldner die fällige Leistung nicht oder nicht
wie geschuldet erbringt, kann der Gläubiger unter den Voraussetzungen des $ 280 Abs. 1 Schadensersatz statt der Leistung
204
Gesetzestexte
verlangen, wenn er dem Schuldner erfolglos eine angemessene
Frist zur Leistung oder Nacherfillung bestimmt hat. Hat der
Schuldner eine Teilleistung bewirkt, so kann der Glaubiger
Schadensersatz statt der ganzen Leistung nur verlangen, wenn
er an der Teilleistung kein Interesse hat. Hat der Schuldner die
Leistung nicht wie geschuldet bewirkt, so kann der Glaubiger
Schadensersatz statt der ganzen Leistung nicht verlangen, wenn
die Pflichtverletzung unerheblich ist.
(2) Die Fristsetzung ist entbehrlich, wenn der Schuldner die
Leistung ernsthaft und endgiiltig verweigert oder wenn besondere Umstände vorliegen, die unter Abwägung der beiderseitigen Interessen die sofortige Geltendmachung des Schadensersatzanspruchs rechtfertigen.
(3) Kommt nach der Art der Pflichtverletzung eine Fristsetzung
nicht in Betracht, so tritt an deren Stelle eine Abmahnung.
(4) Der Anspruch auf die Leistung ist ausgeschlossen, sobald der
Gläubiger statt der Leistung Schadensersatz verlangt hat.
(5) Verlangt der Gläubiger Schadensersatz statt der ganzen
Leistung, so ist der Schuldner zur Rückforderung des Geleisteten nach den §§ 346 bis 348 berechtigt.
§ 293 BGB
Annahmeverzug
Der Gläubiger kommt in Verzug, wenn er die ihm angebotene
Leistung nicht annimmt.
§ 294 BGB
Tatsächliches
Angebot
Die Leistung muss dem Gläubiger so, wie sie zu bewirken ist,
tatsächlich angeboten werden.
$ 300 BGB
Wirkungen des Gläubigerverzugs
(1) Der Schuldner hat während des Verzugs des Gläubigers nur
Vorsatz und grobe Fahrlässigkeit zu vertreten.
Gesetzestexte 205
(2) Wird eine nur der Gattung nach bestimmte Sache geschuldet, so geht die Gefahr mit dem Zeitpunkt auf den Glaubiger
über, in welchem er dadurch in Verzug kommt, dass er die angebotene Sache nicht annimmt.
$ 307 BGB
Inhaltskontrolle
(1) Bestimmungen in Allgemeinen Geschäftsbedingungen sind
unwirksam, wenn sie den Vertragspartner des Verwenders entgegen den Geboten von Treu und Glauben unangemessen benachteiligen. Eine unangemessene Benachteiligung kann sich
auch daraus ergeben, dass die Bestimmung nicht klar und verständlich ist.
(2) Eine unangemessene Benachteiligung ist im Zweifel anzunehmen, wenn eine Bestimmung
1. mit wesentlichen Grundgedanken der gesetzlichen Regelung, von der abgewichen wird, nicht zu vereinbaren ist oder
2. wesentliche Rechte oder Pflichten, die sich aus der Natur
des Vertrags ergeben, so einschränkt, dass die Erreichung
des Vertragszwecks gefährdet ist.
(3) Die Absätze 1 und 2 sowie die $$ 308 und 309 gelten nur für
Bestimmungen in Allgemeinen Geschäftsbedingungen, durch
die von Rechtsvorschriften abweichende oder diese ergänzende
Regelungen vereinbart werden. Andere Bestimmungen können
nach Absatz 1 Satz 2 in Verbindung mit Absatz 1 Satz 1 unwirksam sein.
|
$ 309 BGB
Klauselverbote ohne Wertungsmöglichkeit
Auch soweit eine Abweichung von den gesetzlichen Vorschriften zulässig ist, ist in Allgemeinen Geschäftsbedingungen unwirksam
5. (Pauschalierung von Schadensersatzansprüchen)
die Vereinbarung eines pauschalierten Anspruchs des Verwen-
206
Gesetzestexte
ders auf Schadensersatz oder Ersatz einer Wertminderung,
wenn
a) die Pauschale den in den geregelten Fallen nach dem gewohnlichen Lauf der Dinge zu erwartenden Schaden oder
die gewöhnlich eintretende Wertminderung übersteigt
oder
b) dem anderen Vertragsteil nicht ausdrücklich der Nachweis gestattet wird, ein Schaden oder eine Wertminderung
sei überhaupt nicht entstanden oder wesentlich niedriger als
“die Pauschale;
$311 BGB
Rechtsgeschäftliche und rechtsgeschäftsähnliche Schuldverhältnisse
(1) Zur Begründung eines Schuldverhältnisses durch Rechtsgeschäft sowie zur Änderung des Inhalts eines Schuldverhältnisses
ist ein Vertrag zwischen den Beteiligten erforderlich, soweit
nicht das Gesetz ein anderes vorschreibt.
(2) Ein Schuldverhältnis mit Pflichten nach $ 241 Abs. 2 ent-
steht auch durch
1. die Aufnahme von Vertragsverhandlungen,
2. die Anbahnung eines Vertrags, bei welcher der eine Teil
im Hinblick auf eine etwaige rechtsgeschäftliche Beziehung
dem anderen Teil die Möglichkeit zur Einwirkung auf seine
Rechte, Rechtsgüter und Interessen gewährt oder ihm diese
anvertraut, oder
3. ähnliche geschäftliche Kontakte.
$ 326 BGB
Befreiung von der Gegenleistung und Rücktritt beim Ausschluss der
Leistungspflicht
(1) Braucht der Schuldner nach § 275 Abs. 1 bis 3 nicht zu leis-
ten, entfällt der Anspruch auf die Gegenleistung; bei einer Teilleistung findet $ 441 Abs. 3 entsprechende Anwendung. Satz 1
gilt nicht, wenn der Schuldner im Falle der nicht vertrags-
Gesetzestexte 207
gemäßen Leistung die Nacherfüllung nach $ 275 Abs. 1 bis 3
nicht zu erbringen braucht.
(2) Ist der Gläubiger für den Umstand, auf Grund dessen der
Schuldner nach § 275 Abs. 1 bis 3 nicht zu leisten braucht, allein
oder weit überwiegend verantwortlich oder tritt dieser vom
Schuldner nicht zu vertretende Umstand zu einer Zeit ein, zu
welcher der Gläubiger im Verzug der Annahme ist, so behält der
Schuldner den Anspruch auf die Gegenleistung. Er muss sich jedoch dasjenige anrechnen lassen, was er infolge der Befreiung
von der Leistung erspart oder durch anderweitige Verwendung
seiner Arbeitskraft erwirbt oder zu erwerben böswillig unterlässt.
(3) !Verlangt der Gläubiger nach $ 285 Herausgabe des für den
geschuldeten Gegenstand erlangten Ersatzes oder Abtretung
des Ersatzanspruchs, so bleibt er zur Gegenleistung verpflichtet.
Diese mindert sich jedoch nach Maßgabe des $ 441 Abs. 3 insoweit, als der Wert des Ersatzes oder des Ersatzanspruchs hinter dem Wert der geschuldeten Leistung zurückbleibt.
(4) Soweit die nach dieser Vorschrift nicht geschuldete Gegen-
leistung bewirkt ist, kann das Geleistete nach den $$ 346 bis
348 zurückgefordert werden.
(5) Braucht der Schuldner nach $ 275 Abs. 1 bis 3 nicht zu leis-
ten, kann der Gläubiger zurücktreten; auf den Rücktritt findet
§ 323 mit der Maßgabe entsprechende Anwendung, dass die
Fristsetzung entbehrlich ist.
§ 433 BGB
Vertragstypische Pflichten beim Kaufvertrag
(1) Durch den Kaufvertrag wird der Verkäufer einer Sache
verpflichtet, dem Käufer die Sache zu übergeben und das
Eigentum an der Sache zu verschaffen. Der Verkäufer hat dem
Käufer die Sache frei von Sach- und Rechtsmängeln zu verschaffen.
(2) Der Käufer ist verpflichtet, dem Verkäufer den vereinbarten
Kaufpreis zu zahlen und die gekaufte Sache abzunehmen.
208
Gesetzestexte
§ 434 BGB
Sachmangel
(1) Die Sache ist frei von Sachmängeln, wenn sie bei Gefahr-
übergang die vereinbarte Beschaffenheit hat. Soweit die Beschaffenheit nicht vereinbart ist, ist die Sache frei von Sach-
mängeln,
1. wenn sie sich für die nach dem Vertrag vorausgesetzte
Verwendung eignet, sonst
2. wenn sie sich für die gewöhnliche Verwendung eignet
und eine Beschaffenheit aufweist, die bei Sachen der gleichen Art üblich ist und die der Käufer nach der Art der
Sache erwarten kann.
Zu der Beschaffenheit nach Satz 2 Nr. 2 gehören auch Eigenschaften, die der Käufer nach den öffentlichen Äußerungen des
Verkäufers, des Herstellers ($ 4 Abs. 1 und 2 des Produkthaf-
tungsgesetzes) oder seines Gehilfen insbesondere in der Werbung oder bei der Kennzeichnung über bestimmte Eigenschaften der Sache erwarten kann, es sei denn, dass der Verkäufer die
Äußerung nicht kannte und auch nicht kennen musste, dass sie
im Zeitpunkt des Vertragsschlusses in gleichwertiger Weise berichtigt war oder dass sie die Kaufentscheidung nicht beeinflussen konnte.
(2) Ein Sachmangel ist auch dann gegeben, wenn die vereinbarte Montage durch den Verkäufer oder dessen Erfüllungsgehilfen
unsachgemäß durchgeführt worden ist. Ein Sachmangel liegt
bei einer zur Montage bestimmten Sache ferner vor, wenn die
Montageanleitung mangelhaft ist, es sei denn, die Sache ist
fehlerfrei montiert worden.
(3) Einem Sachmangel steht es gleich, wenn der Verkäufer eine
andere Sache oder eine zu geringe Menge liefert.
$ 437 BGB
Rechte des Käufers bei Mängeln
Ist die Sache mangelhaft, kann der Käufer, wenn die Vorausset-
Gesetzestexte 209
zungen der folgenden Vorschriften vorliegen und soweit nicht
ein anderes bestimmt ist,
1. nach § 439 Nacherfüllung verlangen,
2. nach den §§ 440, 323 und 326 Abs. 5 von dem Vertrag
zurücktreten oder nach § 441 den Kaufpreis mindern und
3. nach den $$ 440, 280, 281, 283 und 311a Schadensersatz oder
nach $ 284 Ersatz vergeblicher Aufwendungen verlangen.
§ 439 BGB
Nacherfüllung
(1) Der Käufer kann als Nacherfüllung nach seiner Wahl die
Beseitigung des Mangels oder die Lieferung einer mangelfreien
Sache verlangen.
(2) Der Verkäufer hat die zum Zwecke der Nacherfüllung er-
forderlichen Aufwendungen, insbesondere Transport-, Wege-,
Arbeits- und Materialkosten, zu tragen.
Ä
(3) Der Verkäufer kann die vom Käufer gewählte Art der Nach-
erfüllung unbeschadet des $ 275 Abs. 2 und 3 verweigern, wenn
sie nur mit unverhältnismäßigen Kosten möglich ist. Dabei sind
insbesondere der Wert der Sache in mangelfreiem Zustand, die
Bedeutung des Mangels und die Frage zu berücksichtigen, ob
auf die andere Art der Nacherfüllung ohne erhebliche Nachteile
für den Käufer zurückgegriffen werden könnte. Der Anspruch
des Käufers beschränkt sich in diesem Fall auf die andere Art der
Nacherfüllung; das Recht des Verkäufers, auch diese unter den
Voraussetzungen des Satzes 1 zu verweigern, bleibt unberührt.
(4) Liefert der Verkäufer zum Zwecke der Nacherfüllung eine
mangelfreie Sache, so kann er vom Käufer Rückgewähr der mangelhaften Sache nach Maßgabe der $$ 346 bis 348 verlangen.
§ 440 BGB
Besondere Bestimmun gen für Rücktritt und Schadensersatz
Außer in den Fällen des $ 281 Abs. 2 und des $ 323 Abs. 2 be-
darf es der Fristsetzung auch dann nicht, wenn der Verkäufer
210
Gesetzestexte
beide Arten der Nacherfüllung gemäß § 439 Abs. 3 verweigert
oder wenn die dem Käufer zustehende Art der Nacherfüllung
fehlgeschlagen oder ihm unzumutbar ist. Eine Nachbesserung
gilt nach dem erfolglosen zweiten Versuch als fehlgeschlagen,
wenn sich nicht insbesondere aus der Art der Sache oder des
Mangels oder den sonstigen Umständen etwas anderes ergibt.
§ 475 BGB
Abweichende Vereinbarungen
(1) Auf eine vor Mitteilung eines Mangels an den Unternehmer
getroffene Vereinbarung, die zum Nachteil des Verbrauchers von
den $$ 433 bis 435, 437, 439 bis 443 sowie von den Vorschriften dieses Untertitels abweicht, kann der Unternehmer sich
nicht berufen. Die in Satz 1 bezeichneten Vorschriften finden
auch Anwendung, wenn sie durch anderweitige Gestaltungen
umgangen werden.
(2) Die Verjährung der in $ 437 bezeichneten Ansprüche kann
vor Mitteilung eines Mangels an den Unternehmer nicht durch
Rechtsgeschäft erleichtert werden, wenn die Vereinbarung zu
einer Verjährungsfrist ab dem gesetzlichen Verjährungsbeginn
von weniger als zwei Jahren, bei gebrauchten Sachen von weniger als einem Jahr führt.
(3) Die Absätze 1 und 2 gelten unbeschadet der $$ 307 bis 309
nicht für den Ausschluss oder die Beschränkung des Anspruchs
auf Schadensersatz.
$ 480 BGB
Tausch
Auf den Tausch finden die Vorschriften über den Kauf entsprechende Anwendung.
$516 BGB
Begriff der Schenkung
(1) Eine Zuwendung, durch die jemand aus seinem Vermögen
Gesetzestexte 211
einen anderen bereichert, ist Schenkung, wenn beide Teile darii-
ber einig sind, dass die Zuwendung unentgeltlich erfolgt.
(2) Ist die Zuwendung ohne den Willen des anderen erfolgt, so
kann ihn der Zuwendende unter Bestimmung einer angemessenen Frist zur Erklärung über die Annahme auffordern. Nach
dem Ablauf der Frist gilt die Schenkung als angenommen, wenn
nicht der andere sie vorher abgelehnt hat. Im Falle der Ableh-
nung kann die Herausgabe des Zugewendeten nach den Vorschriften über die Herausgabe einer ungerechtfertigten Bereicherung gefordert werden.
$ 535 BGB
Inhalt und Hauptpflichten des Mietvertrags
(1) Durch den Mietvertrag wird der Vermieter verpflichtet, dem
Mieter den Gebrauch der Mietsache während der Mietzeit zu ge-
währen. Der Vermieter hat die Mietsache dem Mieter in einem
zum vertragsgemäßen Gebrauch geeigneten Zustand zu überlas-
sen und sie während der Mietzeit in diesem Zustand zu erhalten.
Er hat die auf der Mietsache ruhenden Lasten zu tragen.
(2) Der Mieter ist verpflichtet, dem Vermieter die vereinbarte
Miete zu entrichten.
$ 536 BGB
Mietminderung bet Sach- und Rechtsmängeln
(1) Hat die Mietsache zur Zeit der Überlassung an den Mieter
einen Mangel, der ihre Tauglichkeit zum vertragsgemäßen Ge-
brauch aufhebt, oder entsteht während der Mietzeit ein solcher
Mangel, so ist der Mieter für die Zeit, in der die Tauglichkeit
aufgehoben ist, von der Entrichtung der Miete befreit. Für die
Zeit, während der die Tauglichkeit gemindert ist, hat er nur eine
angemessen herabgesetzte Miete zu entrichten. Eine unerhebliche Minderung der Tauglichkeit bleibt außer Betracht.
(2) Absatz 1 Satz 1 und 2 gilt auch, wenn eine zugesicherte
Eigenschaft fehlt oder später wegfällt.
212
Gesetzestexte
§ 536b BGB
Kenntnis des Mieters vom Mangel bei Vertragsschluss oder Annahme
Kennt der Mieter bei Vertragsschluss den Mangel der Miet-
sache, so stehen ihm
die Rechte aus den
§§ 536 und 536a
nicht zu. Ist ihm der Mangel infolge grober Fahrlässigkeit unbekannt geblieben, so stehen ihm diese Rechte nur zu, wenn
der Vermieter den Mangel arglistig verschwiegen hat. Nimmt
der Mieter eine mangelhafte Sache an, obwohl er den Mangel
kennt, so kann er die Rechte aus den $$ 536 und 536a nur gel-
tend machen, wenn er sich seine Rechte bei der Annahme vor-
behält.
$ 556 BGB
|
Vereinbarungen über Betriebskosten
(1) Die Vertragsparteien können vereinbaren, dass der Mieter
Betriebskosten trägt. Betriebskosten sind die Kosten, die dem
Eigentümer oder Erbbauberechtigten durch das Eigentum oder
das Erbbaurecht am Grundstück oder durch den bestimmungsmäßigen Gebrauch des Gebäudes, der Nebengebäude, Anlagen,
Einrichtungen und des Grundstücks laufend entstehen. Für die
Aufstellung der Betriebskosten gilt die Betriebskostenverordnung vom 25. November 2003 (BGBl. 15. 2346, 2347) fort. Die
Bundesregierung wird ermächtigt, durch Rechtsverordnung
ohne Zustimmung des Bundesrates Vorschriften über die Auf-
stellung der Betriebskosten zu erlassen.
(2) Die Vertragsparteien können vorbehaltlich anderweitiger
Vorschriften vereinbaren, dass Betriebskosten als Pauschale oder
als Vorauszahlung ausgewiesen werden. Vorauszahlungen für
Betriebskosten dürfen nur in angemessener Höhe vereinbart
werden.
(3) Über die Vorauszahlungen für Betriebskosten ist jährlich abzurechnen; dabei ist der Grundsatz der Wirtschaftlichkeit zu
beachten. Die Abrechnung ist dem Mieter spätestens bis zum
Gesetzestexte 213
Ablauf des zwölften Monats nach Ende des Abrechnungszeitraums mitzuteilen. Nach Ablauf dieser Frist ist die Geltendmachung einer Nachforderung durch den Vermieter ausgeschlossen, es sei denn, der Vermieter hat die verspätete
Geltendmachung nicht zu vertreten. Der Vermieter ist zu
Teilabrechnungen nicht verpflichtet. Einwendungen gegen
die Abrechnung hat der Mieter dem Vermieter spätestens bis
zum Ablauf des zwölften Monats nach Zugang der Abrechnung
mitzuteilen. Nach Ablauf dieser Frist kann der Mieter Einwendungen nicht mehr geltend machen, es sei denn, der Mieter hat
die verspätete Geltendmachung nicht zu vertreten.
(4) Eine zum Nachteil des Mieters von Absatz 1, Absatz 2 Satz
2 oder Absatz 3 abweichende Vereinbarung ist unwirksam.
$ 556a BGB
Abrechnungsmaßstab für Betriebskosten
(1) Haben die Vertragsparteien nichts anderes vereinbart, sind
die Betriebskosten vorbehaltlich anderweitiger Vorschriften
nach dem Anteil der Wohnfläche umzulegen. Betriebskosten,
die von einem erfassten Verbrauch oder einer erfassten Verursachung durch die Mieter abhängen, sind 'nach einem Maßstab
umzulegen, der dem unterschiedlichen Verbrauch oder der unterschiedlichen Verursachung Rechnung trägt.
(2) Haben die Vertragsparteien etwas anderes vereinbart, kann
der Vermieter durch Erklärung in Textform bestimmen, dass die
Betriebskosten zukünftig abweichend von der getroffenen Vereinbarung ganz oder teilweise nach einem Maßstab umgelegt
werden dürfen, der dem erfassten unterschiedlichen Verbrauch
oder der erfassten unterschiedlichen Verursachung Rechnung
trägt. Die Erklärung ist nur vor Beginn eines Abrechnungszeitraums zulässig. Sind die Kosten bislang in der Miete enthalten,
so ist diese entsprechend herabzusetzen.
(3) Eine zum Nachteil des Mieters von Absatz 2 abweichende
Vereinbarung ist unwirksam.
214
Gesetzestexte
§ 598 BGB
Vertragstypische Pflichten bei der Lethe
Durch den Leihvertrag wird der Verleiher einer Sache verpflichtet, dem Entleiher den Gebrauch der Sache unentgeltlich
zu gestatten.
$ 607 BGB
Vertragstypische Pflichten beim Sachdarlehensvertrag
(1) Durch den Sachdarlehensvertrag wird der Darlehensgeber
verpflichtet, dem Darlehensnehmer eine vereinbarte vertretbare Sache zu überlassen. Der Darlehensnehmer ist zur
Zahlung eines Darlehensentgelts und bei Fälligkeit zur
Rückerstattung von Sachen gleicher Art, Güte und Menge
verpflichtet.
(2) Die Vorschriften dieses Titels finden keine Anwendung auf
die Überlassung von Geld.
$ 618 BGB
Pflicht zu Schutzmaßnahmen
|
(1) Der Dienstberechtigte hat Räume, Vorrichtungen oder
Gerätschaften, die er zur Verrichtung der Dienste zu beschaffen
hat, so einzurichten und zu unterhalten und Dienstleistungen,
die unter seiner Anordnung oder seiner Leitung vorzunehmen
sind, so zu regeln, dass der Verpflichtete gegen Gefahr für Leben
und Gesundheit so weit geschützt ist, als die Natur der Dienstleistung es gestattet.
§ 632 BGB
Vergütung
(1) Eine Vergütung gilt als stillschweigend vereinbart, wenn die
Herstellung des Werkes den Umständen nach nur gegen eine:
Vergütung zu erwarten ist.
(2) Ist die Höhe der Vergütung nicht bestimmt, so ist bei dem
Bestehen einer Taxe die taxmäßige Vergütung, in Ermange-
Gesetzestexte 215
lung einer Taxe die tibliche Vergiitung als vereinbart anzusehen.
(3) Ein Kostenanschlag ist im Zweifel nicht zu vergiiten.
§ 651 BGB
Anwendung des Kaufrechts
Auf einen Vertrag, der die Lieferung herzustellender oder zu erzeugender beweglicher Sachen zum Gegenstand hat, finden die
Vorschriften über den Kauf Anwendung.
§ 442 Abs. 1 Satz 1
findet bei diesen Verträgen auch Anwendung, wenn der Mangel
auf den vom Besteller gelieferten Stoff zurückzuführen ist. Soweit es sich bei den herzustellenden oder zu erzeugenden beweglichen Sachen um nicht vertretbare Sachen handelt, sind
auch die $$ 642, 643, 645, 649 und 650 mit der Maßgabe anzuwenden, dass an die Stelle der Abnahme der nach den $$ 446
und 447 maßgebliche Zeitpunkt tritt.
$ 652 BGB
Entstehung des Lohnanspruchs
(1) Wer für den Nachweis der Gelegenheit zum Abschluss
eines Vertrags oder für die Vermittlung eines Vertrags einen
Mäklerlohn verspricht, ist zur Entrichtung des Lohnes nur
verpflichtet, wenn der Vertrag infolge des Nachweises oder infolge der Vermittlung des Mäklers zustande kommt. Wird der
Vertrag unter einer aufschiebenden Bedingung geschlossen, so
kann der Mäklerlohn erst verlangt werden, wenn die Bedingung eintritt.
(2) Aufwendungen sind dem Mäkler nur zu ersetzen, wenn es
vereinbart ist. Dies gilt auch dann, wenn ein Vertrag nicht zustande kommt.
§ 812 BGB
Herausgabeanspruch
(1) Wer durch die Leistung eines anderen oder in sonstiger Wei-
216
Gesetzestexte
se auf dessen Kosten etwas ohne rechtlichen Grund erlangt, ist
ihm zur Herausgabe verpflichtet. Diese Verpflichtung besteht
auch dann, wenn der rechtliche Grund später wegfällt oder der
mit einer Leistung nach dem Inhalt des Rechtsgeschäfts bezweckte Erfolg nicht eintritt.
(2) Als Leistung gilt auch die durch Vertrag erfolgte Anerkennung des Bestehens oder des Nichtbestehens eines Schuldverhältnisses.
$814BGB
Kenntnis der Nichtschuld
Das zum Zwecke der Erfüllung einer Verbindlichkeit Geleistete
kann nicht zurückgefordert werden, wenn der Leistende gewusst
hat, dass er zur Leistung nicht verpflichtet war, oder wenn die
Leistung einer sittlichen Pflicht oder einer auf den Anstand zu
nehmenden Rücksicht entsprach.
§ 817 BGB
Verstoß gegen Gesetz oder gute Sitten |
War der Zweck einer Leistung in der Art bestimmt, dass der
Empfanger durch die Annahme gegen ein gesetzliches Verbot
oder gegen die guten Sitten verstoßen hat, so ist der Empfän-
ger zur Herausgabe verpflichtet. Die Rückforderung ist ausgeschlossen, wenn dem Leistenden gleichfalls ein solcher Verstoß zur Last fällt, es sei denn, dass die Leistung
in der
Eingehung einer Verbindlichkeit bestand; das zur Erfüllung
einer solchen Verbindlichkeit Geleistete kann nicht zurückgefordert werden.
§ 823 BGB
Schadensersatzpflicht
(1) Wer vorsätzlich oder fahrlässig das Leben, den Körper,
die Gesundheit, die Freiheit, das Eigentum oder ein sons-
Gesetzestexte 217
tiges Recht eines anderen widerrechtlich verletzt, ist dem
anderen zum
pflichtet.
Ersatz des daraus entstehenden
Schadens ver-
§ 828 BGB
Minderjährige
(1) Wer nicht das siebente Lebensjahr vollendet hat, ist für einen
Schaden, den er einem anderen zufügt, nicht verantwortlich.
(2) Wer das siebente, aber nicht das zehnte Lebensjahr vollendet
hat, ist für den Schaden, den er bei einem Unfall mit einem
Kraftfahrzeug, einer Schienenbahn oder einer Schwebebahn einem anderen zufügt, nicht verantwortlich. Dies gilt nicht, wenn
er die Verletzung vorsätzlich herbeigeführt hat.
(3) Wer das 18. Lebensjahr noch nicht vollendet hat, ist, sofern
seine Verantwortlichkeit nicht nach Absatz 1 oder 2 ausge-
schlossen ist, für den Schaden, den er einem anderen zufügt,
nicht verantwortlich, wenn er bei der Begehung der schädigenden Handlung nicht die zur Erkenntnis der Verantwortlichkeit
erforderliche Einsicht hat.
$ 832 BGB
Haftung des Aufsichtspflichtigen
(1) Wer kraft Gesetzes zur Führung der Aufsicht über eine Person verpflichtet ist, die wegen Minderjährigkeit oder wegen
ihres geistigen oder körperlichen Zustands der Beaufsichtigung
bedarf, ist zum Ersatz des Schadens verpflichtet, den diese Per-
son einem Dritten widerrechtlich zufügt. Die Ersatzpflicht tritt
nicht ein, wenn er seiner Aufsichtspflicht genügt oder wenn der
Schaden auch bei gehöriger Aufsichtsführung entstanden sein
würde.
|
(2) Die gleiche Verantwortlichkeit trifft denjenigen, welcher die
Führung der Aufsicht durch Vertrag übernimmt.
218
Gesetzestexte
§ 833 BGB
Haftung des Tierhalters
Wird durch ein Tier ein Mensch getötet oder der Körper oder
die Gesundheit eines Menschen verletzt oder eine Sache beschädigt, so ist derjenige, welcher das Tier hält, verpflichtet,
dem Verletzten den daraus entstehenden Schaden zu ersetzen.
Die Ersatzpflicht tritt nicht ein, wenn der Schaden durch ein
Haustier verursacht wird, das dem Beruf, der Erwerbstätigkeit
oder dem Unterhalt des Tierhalters zu dienen bestimmt ist,
und entweder der Tierhalter bei der Beaufsichtigung des
Tieres die im Verkehr erforderliche Sorgfalt beobachtet oder
der Schaden auch bei Anwendung dieser Sorgfalt entstanden
sein würde.
8903 BGB
Befugnisse des Eigentümers
Der Eigentümer einer Sache kann, soweit nicht das Gesetz oder
Rechte Dritter entgegenstehen, mit der Sache nach Belieben
verfahren und andere von jeder Einwirkung ausschließen. Der
Eigentümer eines Tieres hat bei der Ausübung seiner Befugnisse die besonderen Vorschriften zum Schutz der Tiere zu beachten.
$ 965 BGB
Anzeigepflicht des Finders
(1) Wer eine verlorene Sache findet und an sich nimmt, hat dem
Verlierer oder dem Eigentümer oder einem sonstigen Emp-
fangsberechtigten unverzüglich Anzeige zu machen.
(2) Kennt der Finder die Empfangsberechtigten nicht oder ist
ihm ihr Aufenthalt unbekannt, so hat er den Fund und die Umstände, welche für die Ermittlung der Empfangsberechtigten
erheblich sein können, unverzüglich der zuständigen Behörde
anzuzeigen. Ist die Sache nicht mehr als zehn Euro wert, so
bedarf es der Anzeige nicht.
Gesetzestexte
219
§ 1004 BGB
Beseitigungs- und Unterlassungsanspruch
(1) Wird das Eigentum in anderer Weise als durch Entziehung
oder Vorenthaltung des Besitzes beeinträchtigt, so kann der
Eigentümer von dem Störer die Beseitigung der Beeinträchtigung verlangen. Sind weitere Beeinträchtigungen zu besorgen,
so kann der Eigentümer auf Unterlassung klagen.
(2) Der Anspruch ist ausgeschlossen, wenn der Eigentümer zur
Duldung verpflichtet ist.
$ 1353 BGB
Eheliche Lebensgemeinschaft
(1) Die Ehe wird auf Lebenszeit geschlossen. Die Ehegatten
sind einander zur ehelichen Lebensgemeinschaft verpflichtet;
sie tragen füreinander Verantwortung.
(2) Ein Ehegatte ist nicht verpflichtet, dem Verlangen des an-
deren Ehegatten nach Herstellung der Gemeinschaft Folge zu
leisten, wenn sich das Verlangen als Missbrauch seines Rechtes
darstellt oder wenn die Ehe gescheitert ist.
§ 1579 BGB
Beschränkung oder Versagung des Unterhalts wegen grober Unbilligkeit
|
|
Ein Unterhaltsanspruch ist zu versagen, herabzusetzen oder
zeitlich zu begrenzen, soweit die Inanspruchnahme des Ver-
pflichteten auch unter Wahrung der Belange eines dem Berechtigten zur Pflege oder Erziehung anvertrauten gemeinschaftlichen Kindes grob unbillig wäre, weil
6. der Berechtigte vor der Trennung längere Zeit hindurch sei-
ne Pflicht, zum Familienunterhalt beizutragen, gröblich verletzt hat,
220
Gesetzestexte
§ 1626 BGB
Elterliche Sorge, Grundsätze
(1) Die Eltern haben die Pflicht und das Recht, für das minder-
jährige Kind zu sorgen (elterliche Sorge). Die elterliche Sorge
umfasst die Sorge für die Person des Kindes (Personensorge)
und das Vermögen des Kindes (Vermögenssorge).
(2) Bei der Pflege und Erziehung berücksichtigen die Eltern die
wachsende Fähigkeit und das wachsende Bedürfnis des Kindes
zu selbständigem verantwortungsbewusstem Handeln. Sie besprechen mit dem Kind, soweit es nach dessen Entwicklungsstand angezeigt ist, Fragen der elterlichen Sorge und streben
Einvernehmen an.
$ 1631 BGB
Inhalt und Grenzen der Personensorge
(1) Die Personensorge umfasst insbesondere die Pflicht und das
Recht, das Kind zu pflegen, zu erziehen, zu beaufsichtigen und
seinen Aufenthalt zu bestimmen.
(2) Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig.
(3) Das Familiengericht hat die Eltern auf Antrag bei der Ausübung der Personensorge ın geeigneten Fällen zu unterstützen.
$ 1666 BGB
Gerichtliche Maßnahmen bei Gefährdung des Kindeswohls
(1) Wird das körperliche, geistige oder seelische Wohl des Kin-
des oder sein Vermögen durch missbräuchliche Ausübung der
elterlichen Sorge, durch Vernachlässigung des Kindes, durch
unverschuldetes Versagen der Eltern oder durch das Verhalten
eines Dritten gefährdet, so hat das Familiengericht, wenn die
Eltern nicht gewillt oder nicht in der Lage sind, die Gefahr abzuwenden, die zur Abwendung der Gefahr erforderlichen Maßnahmen zu treffen.
Gesetzestexte 221
§ 2303 BGB
Pflichtteilsberechtigte; Höhe des Pflichtteils
(1) Ist ein Abkömmling des Erblassers durch Verfügung von
Todes wegen von der Erbfolge ausgeschlossen, so kann er von
dem Erben den Pflichtteil verlangen. Der Pflichtteil besteht in
der Hälfte des Wertes des gesetzlichen Erbteils.
(2) Das gleiche Recht steht den Eltern und dem Ehegatten des
Erblassers zu, wenn sie durch Verfügung von Todes wegen von
der Erbfolge ausgeschlossen sind. Die Vorschrift des $ 1371
bleibt unberührt.
BGV D 29 (Berufsgenossenschaftsvorschriften; Unfallverhü-
tungsvorschriften Fahrzeuge)
$44BGVD29
Fahr- und Arbeitsweise
(2) Der Fahrzeugführer muss zum sicheren Führen des Fahr-
zeuges den Fuß umschließendes Schuhwerk tragen.
Durchführungsanordnung zu $ 44 Abs. 2:
Zum sicheren Führen von Fahrzeugen sind z.B. Sandaletten
(ohne Fersenriemen), Holzpantinen, Clogs nicht geeignet.
BNotO (Bundesnotarordnung)
§ 20 BNotO
(1) Die Notare sind zuständig, Beurkundungen jeder Art vorzunehmen sowie Unterschriften, Handzeichen und Abschriften
zu beglaubigen. Zu ihren Aufgaben gehören insbesondere auch
die Beurkundung von Versammlungsbeschlüssen, die Vornahme
von Verlosungen und Auslosungen, die Aufnahme von Vermögensverzeichnissen, die Anlegung und Abnahme von Siegeln,
die Aufnahme von Protesten, die Zustellung von Erklärungen
sowie die Beurkundung amtlich von ihnen wahrgenommener
Tatsachen.
222
Gesetzestexte
(2) Die Notare sind auch zuständig, Auflassungen entgegenzunehmen sowie Teilhypotheken- und Teilgrundschuldbriefe auszustellen.
(3) Die Notare sind ferner zuständig, freiwillige Versteigerungen
durchzuführen. Eine Versteigerung beweglicher Sachen sollen
sie nur vornehmen, wenn diese durch die Versteigerung unbeweglicher Sachen oder durch eine von dem Notar beurkundete
oder vermittelte Vermögensauseinandersetzung veranlasst ist.
(4) Die Notare sind auch zur Vermittlung nach den Bestim-
mungen des Sachenrechtsbereinigungsgesetzes zuständig.
(5) Inwieweit die Notare zur Vermittlung von Nachlass- und
Gesamtgutauseinandersetzungen - einschließlich der Erteilung
von Zeugnissen nach §§ 36 und 37 der Grundbuchordnung -,
zur Aufnahme von Nachlassverzeichnissen und Nachlassinventaren sowie zur Anlegung und Abnahme von Siegeln im Rahmen
eines Nachlasssicherungsverfahrens zuständig sind, bestimmt
sich nach den landesrechtlichen Vorschriften.
$ 21 BNotO
(1) Die Notare sind zuständig,
1. Bescheinigungen über eine Vertretungsberechtigung so-
wie
2. Bescheinigungen über das Bestehen oder den Sitz einer
juristischen Person oder Handelsgesellschaft, die Firmenänderung, eine Umwandlung oder sonstige rechtserhebliche
Umstände auszustellen,
wenn sich diese Umstände aus einer Eintragung im Handels-
register oder in einem ähnlichen Register ergeben. Die Bescheinigung hat die gleiche Beweiskraft wie ein Zeugnis des Registergerichts.
(2) Der Notar darf die Bescheinigung nur ausstellen, wenn er
sich zuvor tiber die Eintragung Gewissheit verschafft hat, die auf
Einsichtnahme in das Register oder in eine beglaubigte Abschrift hiervon beruhen muss. Er hat den Tag der Einsichtnah-
Gesetzestexte 223
me in das Register oder den Tag der Ausstellung der Abschrift
in der Bescheinigung anzugeben.
§ 22 BNotO
(1) Zur Abnahme von Eiden sowie zu eidlichen Vernehmungen
sind die Notare nur zuständig, wenn der Eid oder die eidliche
Vernehmung nach dem Recht eines ausländischen Staates oder
nach den Bestimmungen einer ausländischen Behörde oder sonst
zur Wahrnehmung von Rechten im Ausland erforderlich ist.
(2) Die Aufnahme eidesstattlicher Versicherungen steht den
Notaren ın allen Fällen zu, in denen einer Behörde oder sonsti-
gen Dienststelle eine tatsächliche Behauptung oder Aussage
glaubhaft gemacht werden soll.
§ 23 BNotO
Die Notare sind auch zuständig, Geld, Wertpapiere und Kostbarkeiten, die ihnen von den Beteiligten übergeben sind, zur
Aufbewahrung oder zur Ablieferung an Dritte zu übernehmen;
88 54a bis 54d des Beurkundungsgesetzes bleiben unberührt.
§ 24 BNotO
(1) Zu dem Amt des Notars gehört auch die sonstige Betreuung
der Beteiligten auf dem Gebiete vorsorgender Rechtspflege, insbesondere die Anfertigung von Urkundenentwürfen und die Beratung der Beteiligten. Der Notar ist auch, soweit sich nicht aus
anderen Vorschriften Beschränkungen ergeben, in diesem Umfange befugt, die Beteiligten vor Gerichten und Verwaltungsbehörden zu vertreten.
(2) Nimmt ein Notar, der zugleich Rechtsanwalt ist, Handlungen der in Absatz 1 bezeichneten Art vor, so ist anzunehmen,
dass er als Notar tätig geworden ist, wenn die Handlung bestimmt ist, Amtsgeschäfte der in den $$ 20 bis 23 bezeichneten
Art vorzubereiten oder auszuführen. Im Übrigen ist im Zweifel
anzunehmen, dass er als Rechtsanwalt tätig geworden ist.
224
Gesetzestexte
(3) Soweit der Notar kraft Gesetzes ermächtigt ist, im Namen
der Beteiligten bei dem Grundbuchamt oder bei den Registerbehörden Anträge zu stellen (insbesondere § 15 der Grundbuchordnung, $ 25 der Schiffsregisterordnung, §§ 129, 147 Abs.
1, §§ 159, 161 Abs. 1 des Gesetzes über die Angelegenheiten
der freiwilligen Gerichtsbarkeit), ist er auch ermächtigt, die von
ihm gestellten Anträge zurückzunehmen. Die Rücknahmeerklärung ist wirksam, wenn sie mit der Unterschrift und dem
Amtssiegel des Notars versehen ist; eine Beglaubigung der Unterschrift ist nicht erforderlich.
EheG (Ehegesetz)
$ 11 EheG
Eheschließung
(1) Eine Ehe kommt nur zustande, wenn die Eheschließung von
einem Standesbeamten stattgefunden hat.
(2) Als Standesbeamter im Sinne des Absatzes 1 gilt auch, wer,
ohne Standesbeamter zu sein, das Amt eines Standesbeamten
öffentlich ausgeübt und die Ehe in das Familienbuch eingetragen hat.
GaststG (Gaststättengesetz)
$ 5 Auflagen
(1) Gewerbetreibenden, die einer Erlaubnis bedürfen, können
jederzeit Auflagen zum Schutze
1. der Gäste gegen Ausbeutung und gegen Gefahren für
Leben, Gesundheit oder Sittlichkeit,
2. der im Betrieb Beschäftigten gegen Gefahren für Leben,
Gesundheit oder Sittlichkeit oder
3. gegen schädliche Umwelteinwirkungen im Sinne des
Bundes-Immissionsschutzgesetzes und sonst gegen erhebli-
Gesetzestexte 225
che Nachteile, Gefahren oder Belästigungen für die Bewohner des Betriebsgrundstücks oder der Nachbargrundstücke
sowie der Allgemeinheit
erteilt werden.
(2) Gegenüber Gewerbetreibenden, die ein erlaubnisfreies Gast-
stättengewerbe betreiben, können Anordnungen nach Maßgabe
des Absatzes 1 erlassen werden.
GastV (Gaststättenverordnung) Berlin
s. Landesrecht
GastV (Gaststättenverordnung) Hamburg
s. Landesrecht
GG (Grundgesetz)
Art.31 GG
Bundesrecht bricht Landesrecht.
Art. 102 GG
Die Todesstrafe ist abgeschafft.
GVG (Gerichtsverfassungsgesetz)
§ 177 GVG
Öffentlichkeit und Sitzungspolizei
Parteien, Beschuldigte, Zeugen, Sachverständige oder bei der
Verhandlung nicht beteiligte Personen, die den zur Aufrechterhaltung der Ordnung getroffenen Anordnungen nicht Folge
leisten, können aus dem Sitzungszimmer entfernt sowie zur
226
Gesetzestexte
Ordnungshaft abgeführt und während einer zu bestimmenden
Zeit, die vierundzwanzig Stunden nicht tibersteigen darf, festgehalten werden. Uber Maßnahmen nach Satz 1 entscheidet gegenüber Personen, die bei der Verhandlung nicht beteiligt sind,
der Vorsitzende, in den übrigen Fällen das Gericht.
§ 178 GVG
Öffentlichkeit und Sitzungspolizei
(1) Gegen Parteien, Beschuldigte, Zeugen, Sachverständige oder
bei der Verhandlung nicht-beteiligte Personen, die sich in der
Sitzung einer Ungebühr schuldig machen, kann vorbehaltlich
der strafgerichtlichen Verfolgung ein Ordnungsgeld bis zu
zweitausend Deutsche Mark oder Ordnungshaft bis zu einer
Woche festgesetzt und sofort vollstreckt werden. Bei der Festsetzung von Ordnungsgeld ist zugleich für den Fall, dass dieses
nicht beigetrieben werden kann, zu bestimmen, in welchem
Maße Ordnungshaft an seine Stelle tritt.
(2) Über die Festsetzung von Ordnungsmitteln entscheidet gegenüber Personen, die bei der Verhandlung nicht beteiligt sind,
der Vorsitzende, in den übrigen Fällen das Gericht.
(3) Wird wegen derselben Tat später auf Strafe erkannt, so sind
das Ordnungsgeld oder die Ordnungshaft auf die Strafe anzurechnen.
HV (Hessische Landesverfassung)
s. Landesrecht
JuSchG (Jugendschutzgesetz)
§ 4JuSchG
Gaststätten
(1) Der Aufenthalt in Gaststätten darf Kindern und Jugendli-
chen unter 16 Jahren nur gestattet werden, wenn eine personensorgeberechtigte oder erziehungsbeauftragte Person sie begleitet
Gesetzestexte 227
oder wenn sie in der Zeit zwischen 5 Uhr und 23 Uhr eine Mahlzeit oder ein Getränk einnehmen. Jugendlichen ab 16 Jahren darf
der Aufenthalt in Gaststätten ohne Begleitung einer personensorgeberechtigten oder erziehungsbeauftragten Person in der
Zeit von 24 Uhr und 5 Uhr morgens nicht gestattet werden.
(2) Absatz 1 gilt nicht, wenn Kinder oder Jugendliche an einer
Veranstaltung eines anerkannten "Trägers der Jugendhilfe teilnehmen oder sich auf Reisen befinden.
(3) Der Aufenthalt in Gaststätten, die als Nachtbar oder Nacht-
club geführt werden, und in vergleichbaren Vergnügungsbetrieben darf Kindern und Jugendlichen nicht gestattet werden.
(4) Die zuständige Behörde kann Ausnahmen von Absatz 1 genehmigen.
$5 JuSchG
Tanzveranstaltungen
(1) Die Anwesenheit bei öffentlichen Tanzveranstaltungen oh-
ne Begleitung einer personensorgeberechtigten oder erziehungsbeauftragten Person darf Kindern und Jugendlichen unter
16 Jahren nicht und Jugendlichen ab 16 Jahren längstens bis
24 Uhr gestattet werden.
(2) Abweichend von Absatz 1 darf die Anwesenheit Kindern bis
22 Uhr und Jugendlichen unter 16 Jahren bis 24 Uhr gestattet
werden, wenn die Tanzveranstaltung von einem anerkannten
Träger der Jugendhilfe durchgeführt wird oder der künstlerischen Betätigung oder der Brauchtumspflege dient.
(3) Die zuständige Behörde kann Ausnahmen genehmigen.
MarkenG (Markengesetz)
§ 3 MarkenG
Als Marke schutzfahige Zeichen
(1) Als Marke können alle Zeichen, insbesondere Wörter ein-
228
Gesetzestexte
schließlich Personennamen, Abbildungen, Buchstaben, Zahlen,
Hörzeichen, dreidimensionale Gestaltungen einschließlich der
Form einer Ware oder ihrer Verpackung sowie sonstige Aufmachungen einschließlich Farben und Farbzusammenstellungen
geschützt werden, die geeignet sind, Waren oder Dienstleistungen eines Unternehmens von denjenigen anderer Unternehmen
zu unterscheiden.
(2) Dem Schutz als Marke nicht zugänglich sind Zeichen, die
ausschließlich aus einer Form bestehen,
1. die durch die Art der Ware selbst bedingt ist,
2. die zur Erreichung einer technischen Wirkung erforderlich ist oder
3. die der Ware einen wesentlichen Wert verleiht.
OWiG (Gesetz gegen Ordnungswidrigkeiten)
§ 47 OWiG
Verfolgung von Ordnungswidrigketten
(1) Die Verfolgung von Ordnungswidrigkeiten liegt im pflichtgemäßen Ermessen der Verfolgungsbehörde. Solange das Verfahren bei ihr anhängig ist, kann sie es einstellen.
(2) Ist das Verfahren bei Gericht anhängig und hält dieses eine
Ahndung nicht für geboten, so kann es das Verfahren mit Zustimmung der Staatsanwaltschaft in jeder Lage einstellen. Die
Zustimmung ist nicht erforderlich, wenn durch den Bußgeldbescheid eine Geldbuße bis zu einhundert Euro verhängt wor-
den ıst und die Staatsanwaltschaft erklärt hat, sie nehme an der
Hauptverhandlung nicht teil. Der Beschluss ist nicht anfechtbar.
(3) Die Einstellung des Verfahrens darf nicht von der Zahlung
eines Geldbetrages an eine gemeinnützige Einrichtung oder
sonstige Stelle abhängig gemacht oder damit in Zusammenhang
gebracht werden.
Gesetzestexte 229
PBefG (Personenbeförderungsgesetz)
§ 22 PBefG
Beförderungspflicht
Der Unternehmer ist zur Beförderung verpflichtet, wenn
1. die Beförderungsbedingungen eingehalten werden,
2. die Beförderung mit den regelmäßig eingesetzten Beförde-
rungsmitteln möglich ist und
3. die Beförderung nicht durch Umstände verhindert wird, die
der Unternehmer nicht abwenden und denen er auch nicht abhelfen kann.
SGB VII (Sozialgesetzbuch VII)
§ 15 SGB VII
Unfallverhiitungsvorschriften
(1) Die Unfallversicherungsträger erlassen als autonomes Recht
Unfallverhütungsvorschriften über
1. Einrichtungen, Anordnungen und Maßnahmen, welche
die Unternehmer zur Verhütung von Arbeitsunfällen, Berufskrankheiten und arbeitsbedingten Gesundheitsgefahren
zu treffen haben, sowie die Form der Übertragung dieser
Aufgaben auf andere Personen,
2. das Verhalten der Versicherten zur Verhütung von Arbeitsunfällen, Berufskrankheiten und arbeitsbedingten Gesundheitsgefahren,
§ 209 SGB VII
Bußgeldvorschriften
(1) Ordnungswidrig handelt, wer vorsätzlich oder fahrlässig
1. einer Unfallverhütungsvorschrift nach $ 15 Abs. 1 oder 2 zu-
widerhandelt, soweit sie für einen bestimmten Tatbestand auf
diese Bußgeldvorschrift verweist,
230
Gesetzestexte
StGB (Strafgesetzbuch)
§ 32 StGB
Notwehr
(1) Wer eine Tat begeht, die durch Notwehr geboten ist, handelt
nicht rechtswidrig.
(2) Notwehr ist die Verteidigung, die erforderlich ist, um einen
gegenwärtigen rechtswidrigen Angriff von sich oder einem anderen abzuwenden.
$ 34 StGB
Rechtfertigender Notstand
Wer in einer gegenwärtigen, nicht anders abwendbaren Gefahr
für Leben, Leib, Freiheit, Ehre, Eigentum oder ein anderes
Rechtsgut eine Tat begeht, um die Gefahr von sich oder einem
anderen abzuwenden, handelt nicht rechtswidrig, wenn bei Ab-
wägung der widerstreitenden Interessen, namentlich der betroffenen Rechtsgüter und des Grades der ihnen drohenden Gefahren, das geschützte Interesse das beeinträchtigte wesentlich
überwiegt. Dies gilt jedoch nur, soweit die Tat ein angemessenes
Mittel ist, die Gefahr abzuwenden.
$ 40 StGB
Verhängung in Tagessätzen
(1) Die Geldstrafe wird in Tagessätzen verhängt. Sie beträgt
mindestens fünf und, wenn das Gesetz nichts anderes bestimmt,
höchstens dreihundertsechzig volle Tagessätze.
(2) Die Höhe eines Tagessatzes bestimmt das Gericht unter
Berücksichtigung der persönlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse des Täters. Dabei geht es in der Regel von dem Nettoeinkommen aus, das der Täter durchschnittlich an einem Tag
hat oder haben könnte. *Ein Tagessatz wird auf mindestens
einen und höchstens fünftausend Euro festgesetzt.
Gesetzestexte 231
(3) Die Einkünfte des Täters, sein Vermögen und andere Grund-
lagen für die Bemessung eines Tagessatzes können geschätzt
werden.
(4) In der Entscheidung werden Zahl und Höhe der Tagessätze
angegeben.
$ 46 StGB
Grundsätze der Strafzumessung
(1) Die Schuld des Täters ist Grundlage für die Zumessung der
Strafe. Die Wirkungen, die von der Strafe für das künftige Le-
ben des Täters in der Gesellschaft zu erwarten sind, sind zu
berücksichtigen.
(2) Bei der Zumessung wägt das Gericht die Umstände, die für
und gegen den Täter sprechen, gegeneinander ab. Dabei kommen namentlich in Betracht:
— die Beweggründe und die Ziele des Täters,
— die Gesinnung, die aus der Tat spricht, und der bei der Tat
aufgewendete Wille,
|
— das Maß der Pflichtwidrigkeit,
— die Art der Ausführung und die verschuldeten Auswirkungen
der Tat,
— das Vorleben des Täters, seine persönlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse sowie
—
sein Verhalten nach der Tat, besonders sein Bemühen, den
Schaden wiedergutzumachen, sowie das Bemühen des Täters,
einen Ausgleich mit dem Verletzten zu erreichen.
$ 123 StGB
Hausfriedensbruch
(1) Wer in die Wohnung, in die Geschäftsräume oder in das be-
friedete Besitztum eines anderen oder in abgeschlossene Räume,
welche zum öffentlichen Dienst oder Verkehr bestimmt sind,
widerrechtlich eindringt, oder wer, wenn er ohne Befugnis darin
verweilt, auf die Aufforderung des Berechtigten sich nicht ent-
232
Gesetzestexte
fernt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft.
(2) Die Tat wird nur auf Antrag verfolgt.
§ 132a StGB
Missbrauch von Titeln, Berufsbezeichnungen und Abzeichen
(1) Wer unbefugt
1. inländische oder ausländische Amts- oder Dienstbezeichnungen, akademische Grade, Titel oder öffentliche
Würden führt,
2. die Berufsbezeichnung Arzt, Zahnarzt, Psychologischer
Psychotherapeut, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut, Psychotherapeut, Tierarzt, Apotheker, Rechtsanwalt,
Patentanwalt, Wirtschaftsprüfer, vereidigter Buchprüfer,
Steuerberater oder Steuerbevollmächtigter führt,
3. die Bezeichnung öffentlich bestellter Sachverständiger
führt oder
4. inländische oder ausländische Uniformen, Amtskleidun-
gen oder Amtsabzeichen trägt,
wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe
bestraft.
(2) Den in Absatz 1 genannten Bezeichnungen, akademischen
Graden, Titeln, Würden, Uniformen, Amtskleidungen oder
Amtsabzeichen stehen solche gleich, die ihnen zum Verwechseln ähnlich sind.
(3) Die Absätze 1 und 2 gelten auch für Amtsbezeichnungen,
Titel, Würden, Amtskleidungen und Amtsabzeichen der Kir-
chen und anderen Religionsgesellschaften des öffentlichen
Rechts.
(4) Gegenstinde, auf die sich eine Straftat nach Absatz 1 Nr. 4,
allein oder in Verbindung mit Absatz 2 oder 3, bezieht, können
eingezogen werden.
Gesetzestexte 233
§ 142 StGB
Unerlaubtes Entfernen vom Unfallort
(1) Ein Unfallbeteiligter, der sich nach einem Unfall im Straßenverkehr vom Unfallort entfernt, bevor er
1. zugunsten der anderen Unfallbeteiligten und der Geschädigten die Feststellung seiner Person, seines Fahrzeugs und
der Art seiner Beteiligung durch seine Anwesenheit und
durch die Angabe, dass er an dem Unfall beteiligt ist,
ermöglicht hat oder
2. eine nach den Umständen angemessene Zeit gewartet
hat, ohne dass jemand bereit war, die Feststellungen zu treffen,
Ä
wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe
bestraft.
(2) Nach Absatz 1 wird auch ein Unfallbeteiligter bestraft, der
sich
1. nach Ablauf der Wartefrist (Absatz 1 Nr. 2) oder
2. berechtigt oder entschuldigt
vom Unfallort entfernt hat und die Feststellungen nicht unverzüglich nachträglich ermöglicht.
(3) Der Verpflichtung, die Feststellungen nachträglich zu ermöglichen, genügt der Unfallbeteiligte, wenn er den Berechtigten (Absatz 1 Nr. 1) oder einer nahe gelegenen Polizeidienststelle mitteilt, dass er an dem Unfall beteiligt gewesen ist, und
wenn er seine Anschrift, seinen Aufenthalt sowie das Kennzei-
chen und den Standort seines Fahrzeugs angibt und dieses zu
unverzüglichen Feststellungen für eine ihm zumutbare Zeit zur
Verfügung hält. Dies gilt nicht, wenn er durch sein Verhalten die
Feststellungen absichtlich vereitelt.
(4) Das Gericht mildert in den Fällen der Absätze 1 und 2 die
Strafe ($ 49 Abs. 1) oder kann von Strafe nach diesen Vorschriften absehen, wenn der Unfallbeteiligte innerhalb von
vierundzwanzig Stunden nach einem Unfall außerhalb des
fließenden Verkehrs, der ausschließlich nicht bedeutenden
234
Gesetzestexte
Sachschaden zur Folge hat, freiwillig die Feststellungen
nachträglich ermöglicht (Absatz 3).
(5) Unfallbeteiligter ist jeder, dessen Verhalten nach den Umständen zur Verursachung des Unfalls beigetragen haben kann.
$ 175 StGB (1994 aufgehoben)
. Homosexuelle Handlungen
(1) Ein Mann über achtzehn Jahren, der sexuelle Handlungen
an einem Mann unter 18 Jahren vornimmt oder von einem
Mann unter 18 Jahren an sich vornehmen lässt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.
(2) Das Gericht kann von einer Bestrafung nach dieser Vor-
schrift absehen, wenn
1. der Täter zur Zeit der Tat noch nicht einundzwanzig
Jahre alt war oder
2. bei Berücksichtigung des Verhaltens desjenigen, gegen
den die Tat sich richtet, das Unrecht der Tat gering ist.
$ 185 StGB
Beleidigung
Die Beleidigung wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder
mit Geldstrafe und, wenn die Beleidigung mittels einer Tätlichkeit begangen wird, mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder
mit Geldstrafe bestraft.
$ 201 StGB
Verletzung der Vertraulichkeit des Wortes
(1) Mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe
wird bestraft, wer unbefugt
1. das nichtöffentlich gesprochene Wort eines anderen auf
einen Tonträger aufnimmt oder
2. eine so hergestellte Aufnahme gebraucht oder einem
Dritten zugänglich macht.
(2) Ebenso wird bestraft, wer unbefugt
Gesetzestexte 235
1. das nicht zu seiner Kenntnis bestimmte nichtöffentlich
gesprochene Wort eines anderen mit einem Abhörgerät
abhört oder
2. das nach Absatz 1 Nr. 1 aufgenommene oder nach Absatz
2 Nr. 1 abgehörte nichtöffentlich gesprochene Wort eines
anderen im Wortlaut oder seinem wesentlichen Inhalt nach
öffentlich mitteilt.
Die Tat nach Satz 1 Nr. 2 ist nur strafbar, wenn die öffentliche
Mitteilung geeignet ist, berechtigte Interessen eines anderen zu
beeinträchtigen. Sie ist nicht rechtswidrig, wenn die öffentliche
Mitteilung zur Wahrnehmung überragender öffentlicher Inte-
ressen gemacht wird.
$ 223 StGB
Körperverletzung
(1) Wer eine andere Person körperlich misshandelt oder an der
Gesundheit schädigt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren
oder mit Geldstrafe bestraft.
(2) Der Versuch ist strafbar.
$ 225 StGB
Misshandlung von Schutzbefohlenen
(1) Wer eine Person unter achtzehn Jahren oder eine wegen Ge-
brechlichkeit oder Krankheit wehrlose Person, die
1. seiner Fürsorge oder Obhut untersteht,
2. seinem Hausstand angehört,
3. von dem Fürsorgepflichtigen seiner Gewalt überlassen
worden oder
|
4. ihm im Rahmen eines Dienst- oder Arbeitsverhältnisses
untergeordnet ist, quält oder roh misshandelt, oder wer durch böswillige Vernach-
lassigung seiner Pflicht, für sie zu sorgen, sie an der Gesundheit
schädigt, wird mit Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu
zehn Jahren bestraft.
236
Gesetzestexte
(2) Der Versuch ist strafbar.
(3) Auf Freiheitsstrafe nicht unter einem Jahr ist zu erkennen,
wenn der Täter die schutzbefohlene Person durch die Tat in die
Gefahr
1. des Todes oder einer schweren Gesundheitsschädigung
oder
2. einer erheblichen Schädigung der körperlichen oder seelischen Entwicklung
bringt.
(4) In minder schweren Fällen des Absatzes 1 ist auf Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu fünf Jahren, in minder schweren
Fällen des Absatzes 3 auf Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis
zu fünf Jahren zu erkennen.
$ 263 StGB
Betrug
(1) Wer in der Absicht, sich oder einem Dritten einen rechts-
widrigen Vermögensvorteil zu verschaffen, das Vermögen eines
anderen dadurch beschädigt, dass er durch Vorspiegelung
falscher oder durch Entstellung oder Unterdrückung wahrer
Tatsachen einen Irrtum erregt oder unterhält, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.
$ 267 StGB
Urkundenfälschung
(1) Wer zur Täuschung im Rechtsverkehr eine unechte Urkunde herstellt, eine echte Urkunde verfälscht oder eine unechte
oder verfälschte Urkunde gebraucht, wird mit Freiheitsstrafe bis
zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.
$ 291 StGB
Wucher
(1) Wer die Zwangslage, die Unerfahrenheit, den Mangel an
Gesetzestexte 237
Urteilsvermögen oder die erhebliche Willensschwäche eines anderen dadurch ausbeutet, dass er sich oder einem Dritten
1. für die Vermietung von Räumen zum Wohnen oder damit verbundene Nebenleistungen,
2. für die Gewährung eines Kredits,
3. für eine sonstige Leistung oder
4. für die Vermittlung einer der vorbezeichneten Leistungen
Vermögensvorteile versprechen oder gewähren lässt, die in einem
auffälligen Missverhältnis zu der Leistung oder deren Vermittlung stehen, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit
Geldstrafe bestraft. Wirken mehrere Personen als Leistende,
Vermittler oder in anderer Weise mit und ergibt sich dadurch
ein auffälliges Missverhältnis zwischen sämtlichen Vermögensvorteilen und sämtlichen Gegenleistungen, so gilt Satz 1 für jeden, der die Zwangslage oder sonstige Schwäche des anderen für
sich oder einen Dritten zur Erzielung eines übermäßigen Vermögensvorteils ausnutzt.
$ 316 StGB
Trunkenheit im Verkehr
(1) Wer im Verkehr (§§ 315 bis 315d) ein Fahrzeug führt, ob-
wohl er infolge des Genusses alkoholischer Getränke oder anderer berauschender Mittel nicht in der Lage ist, das Fahrzeug
sicher zu führen, wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder
mit Geldstrafe bestraft, wenn die Tat nicht in $ 315a oder
§ 315 cc mit Strafe bedroht ist.
(2) Nach Absatz 1 wird auch bestraft, wer die Tat fahrlässig
begeht.
$ 323c StGB
Unterlassene Hilfeleistung
Wer bei Unglücksfällen oder gemeiner Gefahr oder Not nicht
Hilfe leistet, obwohl dies erforderlich und ihm den Umständen
nach zuzumuten, insbesondere ohne erhebliche eigene Gefahr
238
Gesetzestexte
und ohne Verletzung anderer wichtiger Pflichten möglich ist,
wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe
bestraft.
StPO (Strafprozessordnung)
$ 81a StPO
Körperliche Untersuchung des Beschuldigten
(1) Eine körperliche Untersuchung des Beschuldigten darf zur
Feststellung von Tatsachen angeordnet werden, die für das Verfahren von Bedeutung sind. *Zu diesem Zweck sind Entnahmen
von Blutproben und andere körperliche Eingriffe, die von einem
Arzt nach den Regeln der ärztlichen Kunst zu Untersuchungszwecken vorgenommen werden, ohne Einwilligung des Be-
schuldigten zulässig, wenn kein Nachteil für seine Gesundheit
zu befürchten ist.
$ 261 StPO
Freie Beweiswürdigung
Über das Ergebnis der Beweisaufnahme entscheidet das Gericht
nach seiner freien, aus dem Inbegriff der Verhandlung geschöpften Überzeugung.
StVG (Straßenverkehrsgesetz)
$ 24a StVG
0,5-Promille-Grenze
(1) Ordnungswidrig handelt, wer im Straßenverkehr ein Kraft-
fahrzeug führt, obwohl er 0,25 mg/l oder mehr Alkohol in der
Atemluft oder 0,5 Promille oder mehr Alkohol im Blut oder
eine Alkoholmenge im Körper hat, die zu einer solchen Atemoder Blutalkoholkonzentration führt.
Gesetzestexte 239
(2) Ordnungswidrig handelt, wer unter der Wirkung eines in
der Anlage zu dieser Vorschrift genannten berauschenden Mittels im Straßenverkehr ein Kraftfahrzeug führt. Eine solche
Wirkung liegt vor, wenn eine in dieser Anlage genannte Substanz im Blut nachgewiesen wird. Satz 1 gilt nicht, wenn die
Substanz aus der bestimmungsgemäßen Einnahme eines für einen konkreten Krankheitsfall verschriebenen Arzneimittels
herrührt.
$ 24c StVG
Alkoholverbot für Fahranfänger und Fahranfangerinnen
(1) Ordnungswidrig handelt, wer in der Probezeit nach $ 2a
oder vor Vollendung des 21. Lebensjahres als Führer eines
Kraftfahrzeugs im Straßenverkehr alkoholische Getränke zu
sich nimmt oder die Fahrt antritt, obwohl er unter der Wirkung
eines solchen Getränks steht.
StVO (Straßenverkehrsordnung)
§1StVO
Grundregeln
(1) Die Teilnahme am Straßenverkehr erfordert ständige Vor-
sicht und gegenseitige Rücksicht.
(2) Jeder Verkehrsteilnehmer hat sich so zu verhalten, dass kein
Anderer geschädigt, gefährdet oder mehr, als nach den Umständen unvermeidbar, behindert oder belästigt wird.
$ 2 StVO
Straßenbenutzung durch Fahrzeuge
(4) Radfahrer müssen einzeln hintereinander fahren; nebeneinander dürfen sie nur fahren, wenn dadurch der Verkehr nicht
behindert wird. Sie müssen Radwege benutzen, wenn die jeweilige Fahrtrichtung mit Zeichen 237, 240 oder 241 gekenn-
_
240
Gesetzestexte
zeichnet ist. Andere rechte Radwege diirfen sie benutzen. Sie
diirfen ferner rechte Seitenstreifen benutzen, wenn keine Rad-
wege vorhanden sind und Fußgänger nicht behindert werden.
Das gilt auch für Mofas, die durch Treten fortbewegt werden.
Außerhalb geschlossener Ortschaften dürfen Mofas Radwege
benutzen.
$ 5 StVO
Uberholen
(1) Es ist links zu tiberholen.
(2) Überholen darf nur, wer übersehen kann, dass während des
ganzen Überholvorgangs jede Behinderung des Gegenverkehrs
ausgeschlossen ist. Überholen darf ferner nur, wer mit wesentlich höherer Geschwindigkeit als der zu Überholende fährt.
(3) Das Überholen ist unzulässig:
1. bei unklarer Verkehrslage oder
2. wo es durch Verkehrszeichen (Zeichen 276, 277) verboten ist.
(3a) Unbeschadet sonstiger Überholverbote dürfen die Führer
von Kraftfahrzeugen mit einem zulässigen Gesamtgewicht über
7,5t nıcht überholen, wenn die Sichtweite durch Nebel, Schnee-
fall oder Regen weniger als 50 m beträgt.
(4) Wer zum Überholen ausscheren will, muss sich so verhalten,
dass eine Gefährdung des nachfolgenden Verkehrs ausgeschlossen ist. Beim Überholen muss ein ausreichender Seitenabstand
zu anderen Verkehrsteilnehmern, insbesondere zu Fußgängern
und Radfahrern, eingehalten werden. Der Überholende muss
sich sobald wie möglich wieder nach rechts einordnen. Er darf
dabei den Überholten nicht behindern.
|
(4a) Das Ausscheren zum Überholen und das Wiedereinordnen
sind rechtzeitig und deutlich anzukündigen; dabei sind die
Fahrtrichtungsanzeiger zu benutzen.
(5) Außerhalb geschlossener Ortschaften darf das Überholen
durch kurze Schall- oder Leuchtzeichen angekündigt werden.
Gesetzestexte 241
Wird mit Fernlicht geblinkt, so diirfen entgegenkommende
Fahrzeugführer nicht geblendet werden.
$6 StVO
Vorbeifahren
Wer an einem haltenden Fahrzeug, einer Absperrung oder
einem sonstigen Hindernis auf der Fahrbahn links vorbeifahren
will, muss entgegenkommende Fahrzeuge durchfahren lassen.
Muss er ausscheren, so hat er auf den nachfolgenden Verkehr zu
achten und das Ausscheren sowie das Wiedereinordnen — wie
beim Überholen - anzukündigen.
$ 8 StVO
Vorfahrt
(1) An Kreuzungen und Einmündungen hat die Vorfahrt, wer
von rechts kommt. Das gilt nicht,
1. wenn die Vorfahrt durch Verkehrszeichen besonders geregelt ist (Zeichen 205, 206, 301, 306) oder
2. für Fahrzeuge, die aus einem Feld- oder Waldweg auf
eine andere Straße kommen.
(2) Wer die Vorfahrt zu beachten hat, muss rechtzeitig durch
sein Fahrverhalten, insbesondere durch mäßige Geschwindig-
keit, erkennen lassen, dass er warten wird. Er darf nur weiterfahren, wenn er übersehen kann, dass er den, der die Vorfahrt
hat, weder gefährdet noch wesentlich behindert. Kann er das
nicht übersehen, weil die Straßenstelle
unübersichtlich
ist,
so darf er sich vorsichtig in die Kreuzung oder Einmündung
hineintasten, bis er die Übersicht hat. Auch wenn der, der die
Vorfahrt hat, in die andere Straße abbiegt, darf ihn der Warte-
pflichtige nicht wesentlich behindern.
$ 10 StVO
Einfahren und Anfahren
Wer aus einem Grundstück, aus einem Fußgängerbereich (Zei-
242
Gesetzestexte
chen 242 und 243), aus einem verkehrsberuhigten Bereich (Zeichen 325/326) auf die Straße oder von anderen Straßenteilen
oder über einen abgesenkten Bordstein hinweg auf die Fahr-
bahn einfahren oder vom Fahrbahnrand anfahren will, hat sich
dabei so zu verhalten, dass eine Gefährdung anderer Verkehrs-
teilnehmer ausgeschlossen ist; erforderlichenfalls hat er sich ein-
weisen zu lassen. Er hat seine Absicht rechtzeitig und deutlich
anzukündigen; dabei sind die Fahrtrichtungsanzeiger zu benutzen. Dort, wo eine Klarstellung notwendig ist, kann Zeichen
205 stehen.
$ 23 StVO
Sonstige Pflichten des Fahrzeugführers
(1a) Dem Fahrzeugführer ist die Benutzung eines Mobil- oder
Autotelefons untersagt, wenn er hierfür das Mobiltelefon oder
den Hörer des Autotelefons aufnimmt oder hält. Dies gilt nicht,
wenn das Fahrzeug steht und bei Kraftfahrzeugen der Motor
ausgeschaltet ist.
$ 24 StVO
Besondere Fortbewegungsmittel
(1) Schiebe- und Greifreifenrollstühle, Rodelschlitten, Kinderwagen, Roller, Kinderfahrräder und ähnliche Fortbewegungs-
mittel sind nicht Fahrzeuge im Sinne der Verordnung.
(2) Mit Krankenfahrstühlen oder mit anderen als in Absatz 1
genannten Rollstühlen darf dort, wo Fußgängerverkehr zulässig
ist, gefahren werden, jedoch nur mit Schrittgeschwindigkeit.
§ 25 StVO
Fußgänger
(2) Fußgänger, die Fahrzeuge oder sperrige Gegenstände mit-
führen, müssen die Fahrbahn benutzen, wenn sie auf dem Geh-
weg oder auf dem Seitenstreifen die anderen Fußgänger erheblich behindern würden. Benutzen Fußgänger, die Fahrzeuge
Gesetzestexte 243
mitführen, die Fahrbahn, so müssen sie am rechten Fahrbahn-
rand gehen; vor dem Abbiegen nach links dürfen sie sich nicht
links einordnen.
(3) Fußgänger haben Fahrbahnen unter Beachtung des Fahrzeugverkehrs zügig auf dem kürzesten Weg quer zur Fahrtrichtung zu überschreiten, und zwar, wenn die Verkehrslage es
erfordert, nur an Kreuzungen oder Einmündungen, an Licht-
zeichenanlagen innerhalb von Markierungen oder auf Fußgängerüberwegen (Zeichen 293). Wird die Fahrbahn an Kreuzungen oder Einmündungen überschritten, so sind dort
angebrachte Fußgängerüberwege oder Markierungen an Lichtzeichenanlagen stets zu benutzen.
$ 30 StVO
Umweltschutz und Sonntagsfahrverbot
(1) Bei der Benutzung von Fahrzeugen sind unnötiger Lärm
und vermeidbare Abgasbelästigungen verboten. Es ist insbesondere verboten, Fahrzeugmotoren unnötig laufen zu lassen und
Fahrzeugtüren übermäßig laut zu schließen. Unnützes Hinund-her-Fahren ist innerhalb geschlossener Ortschaften verboten, wenn andere dadurch belästigt werden.
$ 37 StVO
Wechsellichtzeichen, Dauerlichtzeichen und Griinpfeil
(1) Lichtzeichen gehen Vorrangregeln, vorrangregelnden Verkehrsschildern und Fahrbahnmarkierungen vor.
(2) Wechsellichtzeichen haben die Farbfolge Grün-Gelb-Rot-
Rot und Gelb (gleichzeitig)-Grün. Rot ist oben, Gelb in der
Mitte und Grün unten.
|
1. An Kreuzungen bedeuten:
Grün: »Der Verkehr ist freigegeben.«
Er kann nach den Regeln des $ 9 abbiegen, nach links jedoch nur, wenn er Schienenfahrzeuge dadurch nicht behindert.
244
Gesetzestexte
Griiner Pfeil: »Nur in Richtung
freigegeben.«
Ein grüner Pfeil links hinter der
Gegenverkehr durch Rotlicht
Linksabbieger die Kreuzung in
des Pfeiles ist der Verkehr
Kreuzung zeigt an, dass der
angehalten ist und dass
Richtung des grünen Pfeils
ungehindert befahren und räumen können.
Gelb ordnet an: »Vor der Kreuzung auf das nächste Zeichen
warten.«
Keines dieser Zeichen entbindet von der Sorgfaltspflicht.
Rot ordnet an: »Halt vor der Kreuzung.«
|
Nach dem Anhalten ist das Abbiegen nach rechts auch bei Rot
erlaubt, wenn rechts neben dem Lichtzeichen Rot ein Schild
mit grünem Pfeil auf schwarzem Grund (Grünpfeil) angebracht
ist. Der Fahrzeugführer darf nur aus dem rechten Fahrstreifen
abbiegen. !Er muss sich dabei so verhalten, dass eine Behinderung oder Gefährdung anderer Verkehrsteilnehmer, insbesondere des Fußgänger- und Fahrzeugverkehrs der freigegebenen
Verkehrsrichtung, ausgeschlossen ist.
Schwarzer Pfeil auf Rot ordnet das Halten, schwarzer Pfeil auf
Gelb das Warten nur für die angegebene Richtung an.
Ein einfeldiger Signalgeber mit Grünpfeil zeigt an, dass bei Rot
für die Geradeaus-Richtung nach rechts abgebogen werden darf.
§ 38 StVO
Blaues Blinklicht und gelbes Blinklicht
(1) Blaues Blinklicht zusammen mit dem Einsatzhorn darf nur
verwendet werden, wenn höchste Eile geboten ist, um Men-
schenleben zu retten oder schwere gesundheitliche Schäden
abzuwenden, eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit oder
Ordnung abzuwenden, flüchtige Personen zu verfolgen oder bedeutende Sachwerte zu erhalten.
|
Es ordnet an:
»Alle übrigen Verkehrsteilnehmer haben sofort freie Bahn zu
schaffen.«
Gesetzestexte 245
(2) Blaues Blinklicht allein darf nur von den damit ausgeriis-
teten Fahrzeugen und nur zur Warnung an Unfall- oder sonstigen Einsatzstellen, bei Einsatzfahrten oder bei der Beglei-
tung von Fahrzeugen
oder von geschlossenen Verbänden
verwendet werden.
$ 41 StVO
Vorschrifizeichen
(2) Schilder stehen regelmäßig rechts. Gelten sie nur für einzelne markierte Fahrstreifen (Zeichen 295, 296 oder 340), so
sind sie in der Regel darüber angebracht. Die Schilder stehen
im Allgemeinen dort, wo oder von wo an die Anordnungen zu
befolgen sind. Sonst ist, soweit nötig, die Entfernung zu diesen
Stellen auf einem Zusatzschild ($ 40 Abs. 2) angegeben. Andere Zusatzschilder enthalten nur allgemeine Beschränkungen
der Gebote oder Verbote oder allgemeine Ausnahmen von
ihnen. Besondere Zusatzschilder können etwas anderes bestimmen (zu Zeichen 237, 250, 283, 286, 290 und hinter Zeichen 277).
5. Sonderwege
Zeichen 237
| Radfahrer
Zeichen 238
Reiter
246
Gesetzestexte
Zeichen 239
GREE
fi
"
are
Fußgänger
Diese Zeichen stehen rechts oder links. Die Sinnbilder der Zeichen 237 und 239 können auch gemeinsam auf einem Schild,
durch einen senkrechten weißen Streifen getrennt, gezeigt werden. Ein gemeinsamer Rad- und Gehweg kann durch ein Schild
gekennzeichnet sein, das — durch einen waagerechten weißen
Streifen getrennt — die entsprechenden Sinnbilder zeigt. Das
Zeichen »Fußgänger« steht nur dort, wo eine Klarstellung notwendig ist. Durch ein Zusatzschild kann die Benutzung des
Radweges innerhalb geschlossener Ortschaften durch Mofas
gestattet werden.
Zeichen 240
gemeinsamer Fuß- und Radweg
Zeichen 241
getrennter Rad- und Fußweg
Die Zeichen bedeuten:
a) Radfahrer, Reiter und Fußgänger müssen die für sie bestimmten Sonderwege benutzen. Andere Verkehrsteilnehmer dürfen sie nicht benutzen;
Gesetzestexte
247
b) wer ein Mofa durch Treten fortbewegt, muss den Radweg
benutzen;
c) auf einem gemeinsamen Rad- und Gehweg haben Radfahrer und die Führer von motorisierten Zweiradfahrzeugen
auf Fußgänger Rücksicht zu nehmen;
d) auf Reitwegen dürfen Pferde geführt werden;
e) wird bei Zeichen 239 durch Zusatzschild Fahrzeugverkehr zugelassen, so darf nur mit Schrittgeschwindigkeit
gefahren werden;
f) wird bei Zeichen 237 durch Zusatzschild anderer Fahr-
zeugverkehr zugelassen, so darf nur mit mäßiger Geschwindigkeit gefahren werden.
(3) Markierungen
3. Fahrstreifenbegrenzung und Fahrbahnbegrenzung
Zeichen 295
Sie besteht aus einer durchgehenden Linie.
a) Sie wird vor allem verwendet, um den für den Gegenverkehr bestimmten Teil der Fahrbahn oder mehrere Fahrstreifen für den gleichgerichteten Verkehr zu begrenzen.
“Die Fahrstreifenbegrenzung kann aus einer Doppellinie
bestehen.
Sie ordnen an: Fahrzeuge dürfen sie nicht überqueren oder über
ihnen fahren. *Begrenzen sie den Fahrbahnteil für den Gegenverkehr, so ordnen sie weiter an: Es ist rechts von ihnen zu fah-
ren.
Parken (§ 12 Abs. 2) auf der Fahrbahn ist nur erlaubt, wenn zwi-
schen dem parkenden Fahrzeug und der Linie ein Fahrstreifen
von mindestens 3 m verbleibt.
248
Gesetzestexte
4. Einseitige Fahrstreifenbegrenzung
Zeichen 296
Sie besteht aus einer durchgehenden neben einer unterbrochenen Linie.
Fiir Fahrzeuge auf dem Fahrstreifen A ordnet die Markierung
an:
a) Der Fahrverkehr darf die durchgehende Linie nicht überqueren oder über ihr fahren.
b) Parken ($ 12 Abs. 2) auf der Fahrbahn ist nur erlaubt,
wenn zwischen dem parkenden Fahrzeug und der durchgehenden Linie ein Fahrstreifen von mindestens 3 m verbleibt.
Fahrzeuge auf dem Fahrstreifen B dürfen die Markierung überfahren, wenn der Verkehr dadurch nicht gefährdet wird.
UWG (Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb)
S5 UWG
Irreführende Werbung
(5) Es ist irreführend, für eine Ware zu werben, die unter
Berücksichtigung der Art der Ware sowie der Gestaltung und
Verbreitung der Werbung nicht in angemessener Menge zur Befriedigung der zu erwartenden Nachfrage vorgehalten ist. Ange-
messen ist im Regelfall ein Vorrat für zwei Tage, es sei denn, der
Unternehmer weist Gründe nach, die eine geringere Bevorratung rechtfertigen. Satz 1 gilt entsprechend für die Werbung für
eine Dienstleistung.
Gesetzestexte 249
Verordnung
(EWG)
Nr.
1677/88
der Kommission
vom
15. Juni 1988 zur Festsetzung von Qualitätsnormen für
Gurken
I. Begriffsbestimmung
Diese Norm gilt fiir Gurken der aus »Cucumis sativus L.« hervorgegangenen Anbausorten zur Lieferung in frischem Zustand
an den Verbraucher. Gurken fiir die industrielle Verarbeitung
und Einlegegurken (Cornichons) fallen nicht darunter.
II. Bestimmungen betreffend die Giiteeigenschaften
Die Norm bestimmt die Giiteeigenschaften, die die Gurken
nach Aufbereitung und Verpackung aufweisen miissen.
B. Klasseneinteilung
Gurken werden in vier nachstehend definierten Klassen eingeteilt:
i) Klasse Extra
Gurken diese Klasse müssen von höchster Qualität sein und
müssen alle sortentypischen Merkmale aufweisen.
Sie müssen:
- gut entwickelt sein,
— gut geformt und praktisch gerade sein (maximale Krümmung: 10 mm auf 10 cm Länge der Gurke),
- eine für die Sorte typische Färbung haben,
—
frei von Fehlern sein, einschließlich aller Formfehler, insbe-
sondere solcher, die auf die Samenentwicklung zurückzuführen sind.
ii) Klasse I
Gurken dieser Klasse müssen von guter Qualität sein. Sie müssen:
— genügend entwickelt sein,
|
- ziemlich gut geformt und praktisch gerade sein (maximale
Krümmung: 10 mm auf 10 cm Länge der Gurke).
250
Gesetzestexte
Sie dürfen folgende Fehler aufweisen:
einen leichten Formfehler, der jedoch nicht auf die Samen-
entwicklung zurückzuführen sein darf,
eine geringe Abweichung in der Färbung, insbesondere eine
hellere Färbung des Teils der Gurke, der während des
Wachstums mit dem Boden in Berührung war,
leichte Schalenfehler, die auf Reibung, Hantierung oder
niedrige Temperaturen zurückzuführen sind, sofern sie vernarbt sind und die Haltbarkeit des Erzeugnisses nicht beeinträchtigen.
iti) Klasse II
Zu dieser Klasse gehören Gurken, die nicht in die höheren Klassen eingestuft werden können, die aber den vorstehend definierten Mindesteigenschaften entsprechen. Sie dürfen jedoch folgende Fehler aufweisen:
Formfehler, die nicht auf eine fortgeschrittene Samenentwicklung zurückzuführen sind,
Farbfehler auf nicht mehr als einem Drittel der Oberfläche;
bei Gurken aus geschütztem Anbau sind starke Farbfehler
jedoch nicht zulässig,
vernarbte Risse,
leichte Schäden, die durch Reibung oder Hantierung entstanden sind, sofern sie die Haltbarkeit und das Aussehen
der Erzeugnisse nicht wesentlich beeinträchtigen.
Gerade und leicht gebogene Gurken dürfen alle vorgenannten
Fehler aufweisen.
Krumme Gurken hingegen sind nur zulässig, wenn sie außer
leichten Farbfehlern keine anderen Fehler sowie keine andere
Verformung als ihre Krümmung aufweisen.
Leicht gebogene Gurken können eine maximale Krümmung
von 20 mm auf 10 cm Länge der Gurke aufweisen.
Krumme Gurken können eine größere Krümmung aufweisen,
sie müssen getrennt aufgemacht werden.
Gesetzestexte 251
iv) Klasse III (1)
Zu dieser Klasse gehören Gurken, die nicht in die höheren Klassen eingestuft werden können, die aber den Eigenschaften der
Klasse II entsprechen.
Krumme Gurken, die wie in der Klasse II getrennt aufzumachen
sind, dürfen jedoch alle Mängel aufweisen, die in der Klasse II
für gerade und leicht gebogene Gurken zugelassen sind.
VerpackV (Verpackungsverordnung)
. §8 VerpackV
Pfanderhebungs- und Rücknahmepflicht für Einweggetränkeverpackungen
(1) Vertreiber, die Getränke in Einweggetränkeverpackungen
mit einem Füllvolumen von 0,1 Liter bis 3 Liter in Verkehr
bringen, sind verpflichtet, von ihrem Abnehmer ein Pfand in
Höhe von mindestens 0,25 Euro einschließlich Umsatzsteuer je
Verpackung zu erheben. Satz 1 gilt nicht für Verpackungen, die
nicht im Geltungsbereich der Verordnung an Endverbraucher
abgegeben werden. Das Pfand ist von jedem weiteren Vertreiber
auf allen Handelsstufen bis zur Abgabe an den Endverbraucher
zu erheben. Das Pfand ist jeweils bei Rücknahme der Verpackungen nach § 6 Abs. 1 Satz 1 und 6 sowie § 6 Abs. 2 Satz 1
zu erstatten. Ohne eine Riicknahme der Verpackungen darf das
Pfand nicht erstattet werden. Beim Verkauf aus Automaten hat
der Vertreiber die Rücknahme und Pfanderstattung durch geeignete Riickgabeméglichkeiten in zumutbarer Entfernung zu
den Verkaufsautomaten zu gewährleisten. Bei Verpackungen,
die nach Satz 1 der Pfandpflicht unterliegen, gilt an Stelle des
§ 6 Abs. 1 Satz 4, dass sich die Rücknahmepflicht nach $ 6
Abs. 1 Satz 1 auf Verpackungen der jeweiligen Materialarten
Glas, Metalle, Papier/Pappe/Karton oder Kunststoffe einschließlich sämtlicher Verbundverpackungen mit diesen Haupt-
252
Gesetzestexte
materialien beschrankt, die der Vertreiber in Verkehr bringt. § 6
Abs. 1 Satz 9 und 10 gelten nicht fiir die in Satz 1 genannten
Verpackungen. Im Rahmen der Verwertung nach Anhang I
Nr. 1 Abs. 5 Satz 1 sind die zurückgenommenen Verpackungen
vorrangig einer stofflichen Verwertung zuzuführen.
WoVermG (Gesetz zur Regelung der Wohnungsvermittlung)
§ 2 WoVermG
Entgeltanspruch, Vorschiisse
(1) Ein Anspruch auf Entgelt ftir die Vermittlung oder den
Nachweis der Gelegenheit zum Abschluss von Mietverträgen
über Wohnräume steht dem Wohnungsvermittler nur zu, wenn
infolge seiner Vermittlung oder infolge seines Nachweises ein
Mietvertrag zustande kommt.
(2) Ein Anspruch nach Absatz 1 steht dem Wohnungsvermittler nicht zu, wenn
1. durch den Mietvertrag ein Mietverhältnis über dieselben
Wohnräume fortgesetzt, verlängert oder erneuert wird,
2. der Mietvertrag über Wohnräume abgeschlossen wird,
deren Eigentümer, Verwalter, Mieter oder Vermieter der
Wohnungsvermittler ist, oder
3. der Mietvertrag über Wohnräume abgeschlossen wird,
deren Eigentümer, Verwalter oder Vermieter eine juristische
Person ist, an der der Wohnungsvermittler rechtlich oder
wirtschaftlich beteiligt ist. ?Das Gleiche gilt, wenn eine
natürliche oder juristische Person Eigentümer, Verwalter
oder Vermieter von Wohnräumen ist und ihrerseits an einer
juristischen Person, die sich als Wohnungsvermittler be-
tätigt, rechtlich oder wirtschaftlich beteiligt ist.
(3) Ein Anspruch nach Absatz 1 steht dem Wohnungsvermitt-
ler gegenüber dem Wohnungssuchenden nicht zu, wenn der
Mietvertrag über öffentlich geförderte Wohnungen oder über
Gesetzestexte 253
sonstige preisgebundene Wohnungen abgeschlossen wird, die
nach dem 20. Juni 1948 bezugsfertig geworden sind oder bezugsfertig werden. Satz 1 gilt auch für die nach den $$ 88d und
88e des Zweiten Wohnungsbaugesetzes oder nach dem Wohnraumförderungsgesetz geförderten Wohnungen, solange das Belegungsrecht besteht. Das Gleiche gilt für die Vermittlung einzelner Wohnräume der in den Sätzen 1 und 2 genannten
Wohnungen.
(4) Vorschüsse dürfen nicht gefordert, vereinbart oder angenommen werden.
(5) Eine abweichende Vereinbarung ist unwirksam.
§ 3 WoVermG
Höhe des Entgelts, Auslagen
(1) Das Entgelt nach $ 2 Abs. 1 ist in einem Bruchteil oder
Vielfachen der Monatsmiete anzugeben.
(2) Der Wohnungsvermittler darf vom Wohnungssuchenden für
die Vermittlung oder den Nachweis der Gelegenheit zum Abschluss von Mietverträgen über Wohnräume kein Entgelt fordern, sich versprechen lassen oder annehmen, das zwei Monats-
mieten zuzüglich der gesetzlichen Umsatzsteuer übersteigt. Im
Falle einer Vereinbarung, durch die der Wohnungssuchende verpflichtet wird, ein vom Vermieter geschuldetes Vermittlungsentgelt zu zahlen, darf das vom Wohnungssuchenden insgesamt zu
zahlende Entgelt den in Satz 1 bestimmten Betrag nicht übersteigen. Nebenkosten, über die gesondert abzurechnen ist, bleiben bei der Berechnung der Monatsmiete unberücksichtigt.
(3) Außer dem Entgelt nach $ 2 Abs. 1 dürfen für Tätigkeiten,
die mit der Vermittlung oder dem Nachweis der Gelegenheit
zum Abschluss von Mietverträgen über Wohnräume zusammenhängen, sowie für etwaige Nebenleistungen keine Vergütungen irgendwelcher Art, insbesondere keine Einschreibge. bühren, Schreibgebühren oder Auslagenerstattungen, vereinbart
oder angenommen werden. Dies gilt nicht, soweit die nachge-
254
Gesetzestexte
wiesenen Auslagen eine Monatsmiete tibersteigen. Es kann jedoch vereinbart werden, dass bei Nichtzustandekommen eines
Mietvertrages die in Erfüllung des Auftrages nachweisbar entstandenen Auslagen zu erstatten sind.
(4) Eine Vereinbarung, durch die der Auftraggeber sich im
Zusammenhang mit dem Auftrag verpflichtet, Waren zu bezie-
hen oder Dienst- oder Werkleistungen in Anspruch zu
nehmen, ist unwirksam. Die Wirksamkeit des Vermittlungsvertrags bleibt unberührt. Satz 1 gilt nicht, wenn die Verpflichtung die Übernahme von Einrichtungs- oder Ausstattungsgegenständen des bisherigen Inhabers der Wohnräume zum
Gegenstand hat.
WRV (Weimarer Reichsverfassung)
Artikel 109
III.
Offentlich-rechtliche Vorrechte oder Nachteile der Geburt oder
des Standes sind aufzuheben.
Adelsbezeichnungen gelten nur als Teil des Namens und diirfen
nicht mehr verliehen werden.
ZPO (Zivilprozessordnung)
§59ZPO
Streitgenossenschaft bet Rechtsgemetnschaft oder Identität des Grundes
Mehrere Personen können als Streitgenossen gemeinschaftlich
klagen oder verklagt werden, wenn sie hinsichtlich des Streitgegenstandes in Rechtsgemeinschaft stehen oder wenn sie aus
demselben tatsächlichen und rechtlichen Grund berechtigt oder
verpflichtet sind.
Gesetzestexte 255
§ 60 ZPO
Streitgenossenschaft bei Gleichartigkeit der Ansprüche
Mehrere Personen können auch dann als Streitgenossen gemeinschaftlich klagen oder verklagt werden, wenn gleichartige .
und auf einem im Wesentlichen gleichartigen tatsächlichen und
rechtlichen Grund beruhende Ansprüche oder Verpflichtungen
den Gegenstand des Rechtsstreits bilden.
$ 147 ZPO
Prozessverbindung
Das Gericht kann die Verbindung mehrerer bei ihm anhängiger
Prozesse derselben oder verschiedener Parteien zum Zwecke der
gleichzeitigen Verhandlung und Entscheidung anordnen, wenn
die Ansprüche, die den Gegenstand dieser Prozesse bilden, in
rechtlichem Zusammenhang stehen oder in einer Klage hätten
geltend gemacht werden können.
§ 286 ZPO
Freie Beweiswürdigung
(1) Das Gericht hat unter Berücksichtigung des gesamten Inhalts der Verhandlungen und des Ergebnisses einer etwaigen
Beweisaufnahme nach freier Überzeugung zu entscheiden, ob
eine tatsächliche Behauptung für wahr oder für nicht wahr zu
erachten sei. In dem Urteil sind die Gründe anzugeben, die für
die richterliche Überzeugung leitend gewesen sind.
(2) An gesetzliche Beweisregeln ist das Gericht nur in den durch
dieses Gesetz bezeichneten Fällen gebunden.
Landesrecht
GastV Berlin (Gaststättenverordnung Berlin)
§ 4 GastV Berlin
Toiletten
(2) In Schank- und Speisewirtschaften müssen, soweit in Absatz 5 nichts Abweichendes bestimmt ist, mindestens vorhanden
sein:
Schank-/Speiseraumfläche m?
bis 50
über 50 bis 150
über 150 bis 300
Spültoiletten Stück
1 Spültoilette
2 Damen-, 1 Herren-, 2 PP-Becken
4 Damen-, 2 Herren-, 4 PP-Becken
darüber Festsetzung im Einzelfall
(4) Toiletten und PP-Becken müssen Wasserspülung haben; der
Einbau von PP-Becken, die aufgrund ihrer Konstruktion auf
chemischer Grundlage ohne Wasserspülung funktionieren, ist
zulässig. Die nach Absatz 2 notwendigen Toiletten dürfen nicht
durch Münzautomaten oder ähnliche Einrichtungen versperrt
oder nur gegen Entgelt zugänglich sein.
Landesrecht 257
GastV Hamburg (Gaststättenverordnung Hamburg)
§ 7 GastV Hamburg
Abortanlage für Gäste
(1) In Schank- und Speisewirtschaften
müssen folgende Abortanlagen vorhanden sein:
Schank-/
für Frauen
für Männer
bis 50
über 50-100
über 100-1501!
über 150-200)
ein Spülabort
|2
1
2
2
3
2
3
3
4
Speiseraumfläche, m?
über 200
|Spülaborte |Spülaborte |Standbecken|od. Rinne
Stück
lfd. m
Festsetzung im Einzelfall
2
2,5
3
Bei Schank- und Speisewirtschaften mit einer Schank- oder
Speiseraumfläche bis einschließlich 50 m? kann die nach Satz 1
bestehende Pflicht zur Einrichtung eines Spülaborts durch Gestattung der Mitbenutzung der Personaltoilette erfüllt werden,
sofern nicht arbeitsschutzrechtliche Bestimmungen entgegenstehen.
(2) Aborte dürfen nicht ausnahmslos durch Münzautomaten
oder ähnliche Einrichtungen versperrt oder nur gegen Entgelt
zugänglich sein.
HV (Hessische Landesverfassung)
Artikel21 HV
Gesetzliche Strafen
(1) Ist jemand einer strafbaren Handlung für schuldig befunden
worden, so können ihm auf Grund der Strafgesetze durch richterliches Urteil die Freiheit und die bürgerlichen Ehrenrechte
258
Landesrecht
entzogen oder beschrankt werden. Bei besonders schweren Verbrechen kann er zum Tode verurteilt werden.
LImSchG NW (Landesimmissionsschutzgesetz NordrheinWestfalen)
§ 9 LImSchG NW
Schutz der Nachtruhe
"
(1) Von 22 Uhr bis 6 Uhr sind Betätigungen verboten, welche
die Nachtruhe zu stören geeignet sind.
US-Recht
Federal Rules of Civil Procedure, Title 28 United States Code
Appendix
Rule 23. Class Actions
(a) Prerequisites.
One or more members of a class may sue or be sued as representative parties on behalf of all members only if:
(1) the class is so numerous that joinder of all members is impracticable,
(2) there are questions of law or fact common to the class,
(3) the claims or defenses of the representative parties are typical of the claims or defenses of the class; and
(4) the representative parties will fairly and adequately protect
the interests of the class.
(b) Types of Class Actions.
A class action may be maintained if Rule 23 (a) is satisfied and if:
(1) prosecuting separate actions by or against individual class
members would create a risk of:
(A) inconsistent or varying adjudications with respect to individual class members that would establish incompatible
standards of conduct for the party opposing the class; or
(B) adjudications with respect to individual class members
that, as a practical matter, would be dispositive of the inte-
rests of the other members not parties to the individual
260
US-Recht
adjudications or would substantially impair or impede their
ability to protect their interests;
(2) the party opposing the class has acted or refused to act on
grounds that apply generally to the class, so that final injunctive
relief or corresponding declaratory relief is appropriate respecting the class as a whole; or
(3) the court finds that the questions of law or fact common to
class members predominate over any questions affecting only
individual members, and that a class action is superior to other
available methods for fairly and efficiently adjudicating the
controversy. The matters pertinent to these findings include:
(A) the class members’ interests in individually controlling
the prosecution or defense of separate actions;
(B) the extent and nature of any litigation concerning the
controversy already begun by or against class members;
(C) the desirability or undesirability of concentrating the
litigation of the claims in the particular forum; and
(D) the likely difficulties in managing a class action.
Dank
Ich bedanke mich bei allen Lesern, die mit ihren zahlrei-
chen Hinweisen ganz wesentlich zum Entstehen dieses
Buches beigetragen haben. _
www.hoecker.eu
H
O
MARKEN-
C
K
&
E
MEDIENRECHT
R
Dr. jur Ralf Hocker
Lexikon der Rechtsirrtumer
Zechprellerei, Beamtenbeleidigung und andere juristische Volksmythen
Originalausgabe
ISBN 978-3-548-36659-3
www.ullstein-buchverlage.de
Manches von dem, was Volkes Stimme über Recht und
Gesetz zu wissen meint, ist reiner Aberglaube. So gehört das Delikt der »Zechprellerei« ebenso ins Reich der
Phantasie
wie
die vermeintliche
Pflicht,
immer
einen
Ausweis dabeihaben zu müssen. Und die Behauptung
»Eltern haften für ihre Kinder« wird dadurch nicht richtiger, dass sie an jedem Baustellenzaun zu lesen ist. Ralf
Höcker räumt auf mit den populärsten juristischen Legenden und stellt anhand vieler anschaulicher Beispiele
die tatsächliche Rechtslage dar.
»Ein ebenso lehrreiches wie amüsantes Buch.«
ullstein ba
US111
Bild am Sonntag
Dr. jur. Ralf Hocker
Neues Lexikon der Rechtsirrtumer
- »Wer auffährt, hat schuld« und andere juristische Halbwahrheiten
ISBN 978-3-548-36772-9
www.ullstein-buchverlage.de
Ralf Höckers zweites Lexikon der Rechtsirrtümer zeigt:
Es gibt noch viel mehr weitverbreitete juristische Fehlannahmen,
als der Fachmann
sich träumen
lässt. Sei
es, dass manche sich von Schildern wie »Umtausch nur
von original verpackter Ware« einschüchtern lassen oder
dass man glaubt, man könne sich mit seinem Handtuch
eine Liege am Hotelpool reservieren. In bewährter Manier rückt Höcker diese und viele andere rechtliche Missverständnisse zurecht.
»Wieder einmal bringt Ralf Höcker Licht in die entschei-
US179
denden Lagen des Lebens.« Süddeutsche Zeitung
Ralf Hécker - Carsten Brennecke
Lexikon der kuriosen
Rechtsfälle
Sextraining, Waldverbot und andere Absurditaten
aus deutschen Gerichtssälen
ISBN 978-3-548-36929-7
www.ullstein-buchverlage.de
Es ist kaum
zu glauben,
mit welchen
Begehren
sich
deutsche Richter auseinandersetzen müssen. Zum Beispiel mit Klagen auf Durchsetzung einer Forderung von
66
Cent
oder
gegen
schnarchende
Sitznachbarn
im
Flugzeug. Bemerkenswert auch, zu welch kuriosen Urteilen sich Gerichte hinreißen lassen. So gilt es als Arbeitsunfall, wenn
man schlafend vom
Bürostuhl kippt.
Und wer im Wald zu laut ist, bekommt ein »Waldverbot«
verordnet.
Bestsellerautor
Ralf
Höcker
und
Carsten
Brennecke beschreiben die spektakulärsten Auswüchse
des deutschen
Klagewahnsinns
und die abstrusesten
ullstein =
US263
Urteile, die daraus resultieren.
Richard Smith
Against the Law!
Von einem, der auszog, die verrücktesten
Gesetze der USA zu brechen
ISBN 978-3-548-36833-7
www.ullstein-buchverlage.de
In Pittsburgh ist es verboten, in einem Kühlschrank zu
übernachten. In Alabama darf man keine Eistüte in der
Gesäßtasche stecken haben. Und in Atlanta landet man
im Knast, wenn
man seine Giraffe an einer Straßenla-
terne anbindet ... Alles Humbug? Von wegen: Im Land
der unbegrenzten Möglichkeiten wurden diese und viele
andere
skurrile Gesetze
einst geschmiedet
- und
sie
gelten noch heute!
Doch was passiert, wenn man sie brich? Richard Smith
wagte das, was sich vor ihm keiner traute. Zwei Monate
lang reiste der Brite todesmutig durch die USA, um seine
ullstein Re
US223
kriminelle Energie auszutoben.
Jetzt als Spiel!
Kommunikativer Spielspaß fur die Familie
und den Freundeskreis
aBAS SPIEL
„DERe|s
Einspruch - Das Spiel der Rechtsirrtümer,
Bestseller-Büchern von Dr. Ralf Höcker
nach
|
den
Ein Spielspaß der Ihnen auch im Alltag weiterhilft!
Sie werden erstaunt sein, was Sie bereits über den
Paragraphen-Dschungel in Deutschland wissen - oder
auch noch nicht!
Es erwarten Sie über 400 Aussagen auf 110 Spielkarten
zu Gesetzen und Rechtssituationen mit denen Sie tagtäglich konfrontiert sind.
Für 2-6 Spieler ab 12 Jahre
Spielzeit zwischen 45 und 60 Minuten
www.lupu.de
Die juristische Aufklarung der Deutschen
wird fortgesetzt. So sorgt der Hinweis
»Das Durchblattern der Zeitschrift verpflichtet
zum Kauf« für grundlose Einschiichterung. Und
wer sich bei der Beschädigung der geliehenen
Digitalkamera auf die Haftpflichtversicherung
verlasst, erlebt eine kostspielige Uberraschung.
In bewahrter Manier widerlegt Ralf Hocker
populare juristische Fehlannahmen.
Originalausgabe
978-3-548-36992-1
7783548
369921
chdh
=o
8