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Автор: Pilger J.
Теги: geschichte politik imperialismus politische geschichte
ISBN: 3-86150-632-7
Год: 2004
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Текст
John Pilger VERDECKTE ZIELE
Was John Pilger zu einem wirklich großen Journalisten
macht, sind sein Mut und seine Unbestechlichkeit.
Martha Gellhorn
In Pilgers Händen ist die Wahrheit eine Waffe
im Kampf gegen die Ungerechtigkeiten der Welt.
Guardian
John Pilger
VERDECKTE
ZIELE
Über den modernen
IMPERIALISMUS
Aus dem Englischen von Waltraud Götting
Zweitausendeins
Deutsche Erstausgabe.
1. Auflage, April 2004.
Unsere Ausgabe stützt sich auf zwei englische Originalausgaben.
Das Kapitel »Das große Spiel« ist The New Rulers of the World
entnommen, alle anderen Kapitel entstammen Hidden Agendas.
Die »Einleitung« haben wir mit Einwilligung des Autors aus den
»Introductions« beider Werke zusammengestellt.
Hidden Agendas ist 1998 bei Vintage in London erschienen,
The New Rulers of the World 2002 bei Verso in London.
Copyright © 1998 and 2002 by John Pilger.
Alle Rechte für die deutsche Ausgabe und Übersetzung
Copyright © 2004 by Zweitausendeins, Postfach,
D-60381 Frankfurt am Main.
www.Zweitausendeins.de
Lektorat und Nachbemerkungen: Klaus Gabbert (Büro W, Wiesbaden).
Korrektur: Beate Koglin, Frankfurt.
Umschlaggestaltung: Sabine Kauf, Plön.
Digitalisierung: Dub Schmitz
Dieses Buch gibt es nur bei Zweitausendeins im Versand, Postfach,
D-60381 Frankfurt am Main, Telefon 069-4208000, Fax 069-415 003.
Internet www.Zweitausendeins.de, E-Mail info@Zweitausendeins.de.
Oder in den Zweitausendeins-Läden in Berlin, Düsseldorf, Essen,
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München, Nürnberg, Stuttgart.
In der Schweiz über buch 2000, Postfach 89, CH-8910 Affoltern a. A.
ISBN 3-86150-632-7
UNVERKÄUFLICHE DIGITALE
STUDIENAUSGABE
Wer die Vergangenheit beherrscht, beherrscht die Zukunft.
Wer die Gegenwart beherrscht, beherrscht die Vergangenheit.
George Orwell, 1984
Für Jane, Jose, Sam und Zoë
Inhalt
Einleitung.................................................................................... 11
DAS GROSSE SPIEL...................................................................... 21
Nichts hat sich geändert.............................................................. 23
Die unsichtbare Faust................................................................. 41
Zweierlei Maß............................................................................. 59
DAS MEDIENZEITALTER............................................................... 89
Ein kulturelles Tschernobyl......................................................... 91
Die Glaubenswächter................................................................ 135
Das letzte Wort......................................................................... 182
RÜCKKEHR NACH VIETNAM....................................................... 207
Immer noch eine gerechte Sache............................................. 209
Die letzte Schlacht.................................................................... 228
China Beach............................................................................. 257
DIE TERRORISTEN...................................................................... 263
Willkommene Feinde................................................................ 265
Globale Apartheid..................................................................... 283
DIE WELT AUS DER SICHT VON DIMBAZA................................ 295
Anmerkungen............................................................................ 313
Dank......................................................................................... 332
Nachbemerkungen.................................................................... 333
Über den Autor.......................................................................... 337
Einleitung
A
ls US-Vizepräsident Dick Cheney sagte, der »Krieg gegen den
Terrorismus« könne ohne weiteres 50 Jahre oder länger
dauern, rief er damit unwillkürlich George Orwells prophetischen
Roman 1984 in Erinnerung. Wie es aussieht, sollen wir in ständiger
Furcht vor einem imaginären, nicht enden wollenden Krieg leben,
damit wir die zunehmende soziale Kontrolle und staatliche
Repression gutheißen, während zugleich die einzige Supermacht
ihre globale Vorherrschaft ausbaut. Washington wird zur
»Hauptstadt von Landefeld Eins«, die alle Probleme finsteren
Feinden anlastet. Bei Orwell heißt der Inbegriff des Bösen Emmanuel
Goldstein. Er kann aber ebenso gut auch Osama Bin Laden heißen
oder etwa die »Achse des Bösen«.
Drei Maximen beherrschen in Orwells Roman die Gesellschaft:
Krieg ist Frieden, Freiheit ist Sklaverei, und Unwissenheit ist Stärke.
Auch das heutige Schlagwort vom »Krieg gegen den Terrorismus«
stellt die Tatsachen auf den Kopf. Der Krieg ist Terrorismus. Die
schlagkräftigste Waffe in diesem Krieg sind Pseudoinformationen,
die – nur der Form nach von denen unterschieden, die in Orwells
Roman vorgeführt werden – unangenehme Tatsachen und historische Zusammenhänge verschweigen. Dass Kritik, Abweichung
und Opposition innerhalb bestimmter konsensueller Grenzen
geduldet werden, nährt nur die Illusion unbegrenzter Meinungsund Informationsfreiheit.
Es stimmt nicht, dass seit dem 11. September 2001 nichts mehr so
ist, wie es zuvor war. Die Anschläge haben lediglich als
willkommener Vorwand herhalten müssen, um soziale und
rechtsstaatliche Prinzipien über Bord zu werfen, und damit die
ohnehin in Gang befindlichen Ereignisse beschleunigt. In einer Zeit,
in der in den Vereinigten Staaten verfassungsmäßig verbriefte
Rechte abgebaut und in Großbritannien die Unabhängigkeit der
Justiz und mit ihr eine Vielzahl bürgerlicher Freiheiten unterminiert
werden, verkommt die Demokratie allmählich zum Wahlritual: zum
Wettlauf voneinander nicht mehr unterscheidbarer Parteien um die
führende Rolle in einem Einideologienstaat.
Der entscheidende Wachstumsmotor dieses Staates, dessen eine
Ideologie den Bedürfnissen der Privatwirtschaft dienstbar ist, sind
die Medienkonzerne, denen Zeitungen und Fernsehsender,
Buchverlage, Filmproduktionsfirmen und Datenbanken gehören und
deren Macht noch nie so groß war wie heute. Sie schaffen eine
virtuelle Welt der »ewigen Gegenwart«, wie es ein Journalist des
Time Magazine einmal ausgedrückt hat: Politik via Medien, Krieg via
Medien, Gerichtsbarkeit via Medien und sogar Trauer via Medien
(wie etwa beim Tod von Prinzessin Diana).
Das wichtigste Anliegen dieser Medienkonzerne ist die Feier der
»globalen Wirtschaft« – ein moderner Begriff ganz im Sinne Orwells.
Deren Verheißungen sind weltweite Handelsbeziehungen, Handys,
McDonald's- und Starbucks-Filialen an jeder Ecke sowie das Buchen
von Pauschalreisen im Internet. Hinter der glänzenden Fassade führt
sie zu einer Globalisierung der Armut, zu einer Welt, in der die
meisten Menschen niemals ein Telefon benutzen und von weniger
als zwei Dollar am Tag leben müssen, in der täglich 6000 Kinder an
Durchfallerkrankungen sterben, weil sie keinen Zugang zu
sauberem Wasser haben.1
In dieser Welt hat, weitgehend unbemerkt von uns Bewohnern der
nördlichen Hemisphäre, ein raffiniertes System der Ausbeutung
dazu geführt, dass seit den 80er Jahren mehr als 90 Staaten
Strukturanpassungsprogramme aufgezwungen wurden, in deren
Folge die Kluft zwischen Arm und Reich so tief geworden ist wie nie
zuvor. »Staatsbildung« und »verantwortungsvolles Regierungshandeln« sind die Begriffe, die die Quadriga an der Spitze der
Welthandelsorganisation (USA, Europa, Kanada, Japan) und das
Washingtoner
Triumvirat
(Weltbank,
Internationaler
Währungsfonds und US-Finanzministerium) für diesen Prozess
geprägt haben, in dessen Rahmen sie den Regierungen der
Entwicklungsländer bis ins letzte Detail ihre Vorgaben aufnötigen.
Ihre Macht gründet sich vor allem auf die hoffnungslose
Verschuldung der Dritten Welt, die die ärmsten Länder zwingt,
täglich 100 Millionen Dollar an ihre westlichen Gläubiger zu
bezahlen. Die Folge ist eine Welt, in der eine privilegierte Schicht
von weniger als einer Milliarde Menschen über 80 Prozent aller
Reichtümer der Erde verfügt.
Die Propagandisten dieses Prozesses sind die multinationalen Medienkonzerne in US-amerikanischem und europäischem Besitz, zu
denen auch die wichtigsten Nachrichtenagenturen gehören. Mit
Hilfe modernster Technik haben sie die »Informationsgesellschaft«
in ein Medienzeitalter überführt, in dem politisch unbedenkliche
Informationen im Sinne der »Staatsbildner« ständig wiederholt und
andere Informationen als unliebsame oder vermeintlich irrelevante
weitgehend ausgeblendet werden.
Dieses Buch ist den Ereignissen gewidmet, die für uns gemeinhin
nicht stattfinden, weil sie keinen Nachrichtenwert haben. Ob aus
Diego Garcia, Vietnam oder Südafrika: Von überall her erreichen uns
bloß beiläufige Eindrücke in den Abendnachrichten, die gleich
wieder in Vergessenheit geraten. Sie sind der flüchtigste Teil eines
Bilderstroms, der »im Rhythmus einer Coca-Cola-Werbung
aufgenommen und bearbeitet wird«, wie es ein Medienkritiker
ausdrückt, der ausgerechnet hat, dass die Länge einer einzelnen
Nachricht von durchschnittlich 42,3 Sekunden im Jahr 1968 auf nur
noch 9,9 Sekunden geschrumpft ist.2 Selbst im britischen Fernsehen,
das immer noch als das informativste der Welt gepriesen wird,
haben nur drei Prozent aller im Abendprogramm ausgestrahlten
Sendungen thematisch irgendetwas mit der Dritten Welt, also dem
größeren Teil der Menschheit, zu tun – Sendungen zudem, die im
Wesentlichen in den Minderheitenprogrammen der kleinen Kanäle
laufen. Im globalen Dorf der Medien existieren andere Nationen nur,
wenn sie für »uns« von Nutzen sind.3
Hinter der Fassade der Objektivität und des journalistischen
Berufsethos folgen Nachrichten heute der immer gleichen
ideologischen Ausrichtung, die der Kult des Marktes vorgibt, und
sie werden in ein politisches und gesellschaftliches Vokabular
gekleidet, das die eigentliche Wahrheit verschleiert. So wird die
systematisch um sich greifende Verarmung eines Viertels der
Bevölkerung in Großbritannien, den USA und in weiten Teilen
Europas als Problem einer sozial unangepassten und verkommenen
Unterschicht abgebucht, die ohnehin außerhalb der Gesellschaft
steht. Über die Lösung des Problems, die darin bestehen würde, die
unermesslichen Schätze, die sich die Reichen auf Kosten der Armen
angeeignet haben, umzuverteilen, wird kaum ernsthaft diskutiert.
Und genauso selten wird die neue gesellschaftliche Ordnung, in der
die Machtlosen dem Kapitalismus zum Opfer fallen und die
Mächtigen sich eines Sozialismus erfreuen, der sie mit öffentlichen
Subventionen in Milliardenhöhe versorgt, als die entlarvt, die sie ist.
Lieber spricht man von »Modernisierung«.
Auch die vielen kleinen, sich über Jahre hinziehenden Kriege in
den abgelegenen Weltgegenden gehören zu den Ereignissen, die in
der Regel nur einen geringen Nachrichtenwert haben. Für ein
Feuerwerk in den Medien sorgen bloß die spektakulären Überfälle,
Großangriffe und Bombardements. Aber sie werden für den
»Konsumenten« vor dem heimischen Fernseher zu leicht
verdaulichen Fastfood-Happen aufbereitet. So wurden die beiden
Golfkriege als Wunder technischer Errungenschaften dargestellt, die,
wie es ein Journalist 1991 ausdrückte, »unglaublich wenige
Todesopfer« gefordert haben.4 Obwohl über kaum einen Krieg so
viel berichtet wurde wie über diese beiden, haben allerdings nur
wenige Journalisten die Wahrheit über die Anzahl der Iraker
enthüllt, die, als Kombattanten oder als unbeteiligte Zivilisten, dabei
ums Leben kamen.
Den geringsten Nachrichtenwert hatte das Schicksal der irakischen
Kinder. Wer weiß schon, dass mindestens eine halbe Million Kinder
infolge der von den Westmächten verhängten Wirtschaftssanktionen
gestorben sind? Wer begreift schon, dass diese Sanktionen nicht
dazu gedient haben, Saddam Hussein zu entmachten oder ihn am
Bau seiner ominösen Massenvernichtungswaffen zu hindern,
sondern dazu, das irakische Öl vom Markt zu verdrängen, das den
Preis des von Saudi-Arabien – neben Israel wichtigster Verbündeter
des Westens und bedeutendster Waffenkäufer im Nahen Osten –
geförderten Öls gedrückt hätte?5
Die irakischen Kinder sind »Unpersonen«, sie zählen für die
Medien nicht. Ebenso wenig wie die halbe Million Kinder, die einem
UNICEF-Bericht zufolge aufgrund der Schuldenlast ihrer Regierungen jährlich sterben.6 Unpersonen wie sie sind die Helden dieses Buches. Ihr beredter Widerstand und ihr Mut sind genauso bedeutsam
wie die verborgenen Ursachen ihrer Not. Um sie geht es – wie auch
um Macht, Propaganda und Zensur.
Es besteht ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen dem Recht
der Menschen, die Wahrheit zu erfahren und sich Gehör zu verschaffen, und der Freiheit selbst. Aber im Medienzeitalter ist
Unwissenheit Trumpf und das Verschweigen der Wahrheit an der
Tagesordnung. Wer beispielsweise auch nur den Versuch macht, den
Ursachen der Anschläge vom 11. September auf den Grund zu
gehen, zieht den geballten Zorn seiner Kollegen auf sich. »Leute wie
John Pilger und Noam Chomsky wollen die Täter offenbar von ihren
Verbrechen freisprechen.« So formulierte es der australische
Journalist und Universitätsprofessor David McKnight7, nachdem ich
im Guardian geschrieben hatte: »Die Wahrheit [über den 11.
September] ist, dass der Mord an Tausenden unschuldiger
Menschen weder in Amerika noch sonst wo in der Welt gerechtfertigt ist.«8 Für McKnight und diejenigen, zu deren Sprachrohr er
sich macht, ist die Ermordung Tausender unschuldiger Menschen in
Afghanistan »die globale Entsprechung einer Polizeirazzia gegen das
Verbrechen«, wobei »Gewaltanwendung bei der Festnahme von
Kriminellen manchmal nicht zu vermeiden ist«.
Die schlichte Feststellung, dass ein afghanischer Bauer das gleiche
Recht hat zu leben wie ein Bürger New Yorks, ist unmöglich, ist ein
Skandal. Die rücksichtslose Zerstörung afghanischer Dörfer, in
denen weit und breit kein Taliban- oder Al-Qaida-Kämpfer zu
entdecken war, wird als »unvermeidlich« hingenommen. Das Leben
mancher Menschen ist nun einmal mehr Wert als das anderer, und
nur der Mord an friedlichen Bürgern der einen Kategorie zählt als
Verbrechen. Auf diese uralte Lüge setzen gleichermaßen die
terroristischen Banden von Osama Bin Laden und George W. Bush.
Und wenn man sich in der Geschichte umsieht, dann befinden sie
sich in bester Gesellschaft. Im Rahmen der CIA-Operation »Zyklon«
wurden mindestens 35000 islamische Fundamentalisten, aus denen
sich später die Taliban- und Al-Qaida-Kämpfer rekrutierten,
ausgebildet und bewaffnet.9 »Der [von den USA finanzierte]
Dschihad«, schreibt John Cooley in seinem Standardwerk Unholy
Wars: Afghanistan, America and International Terrorism, »wurde von
der Regierung Thatcher bedingungslos unterstützt.« Einen großen
Teil der Koordinationsarbeit in Islamabad leisteten Beamte des
britischen Geheimdienstes MI6. Osama Bin Laden ließ man »völlig
freie Hand«.10 Den amerikanischen Steuerzahler kostete das Ganze
vier Milliarden Dollar. Es wäre die Aufgabe von Journalisten, solche
Fakten aufzudecken, damit Nachrichten eine Bedeutung haben und
sich nicht nur als unaufhörliches Echo im medialen Hintergrundrauschen verlieren. Gore Vidal stellt fest:
»Den Medien wurde in gewohnter Manier der Part zugeschrieben, die
öffentliche Meinung gegen Bin Laden einzustimmen, dessen Rolle als
Drahtzieher [hinter den Ereignissen des 11. September] bis heute nicht
bewiesen ist. Solche Medienkampagnen erinnern manchmal an das
klassische Ablenkungsmanöver eines Zauberers: Während wir
fasziniert das bunt schillernde Seidentuch in seiner Rechten
beobachten, steckt er uns mit der Linken unbemerkt das Kaninchen in
die Tasche. Die CIA schwor Stein und Bein, nie mit Bin Laden
zusammengearbeitet zu haben. Und das Gerede darüber, die Familie
Bush habe in irgendeiner Weise von ihrer Verbindung mit der Familie
Bin Laden profitiert, war schließlich – was sonst? – auch nur eine
geschmacklose Verleumdung.«11
Tatsächlich steckte der Bush-Clan nicht nur bis zum Hals in
Geschäften mit den Bin Ladens, sondern die »Cheney-Bush-Öl-undGas-Junta«, wie Vidal sie getauft hat, verfolgte Ziele, angesichts
derer es erlaubt sein muss, zu den Monaten vor dem 11. September
und auch zu den Tagen und Wochen, die darauf folgten, die bisher
unbeantworteten Fragen zu stellen, die hier im Kapitel »Das große
Spiel« aufgeworfen werden.
Mit Hilfe der amerikanischen und britischen Presse schuf der USGeheimdienst das, was die CIA bezogen auf Indochina als »Meisterillusion« zu bezeichnen pflegte. Es war dies die Geschichte von den
Massenvernichtungswaffen des Irak. Es gibt bis heute keinen Beweis
dafür, dass diese Gefahr jemals real existiert hat. Selbst zahlreiche
Experten, darunter auch Scott Ritter, der frühere UNWaffeninspekteur für den Irak, haben sie entschieden in Abrede
gestellt.12
Aber für Bushs Strategie des »totalen Krieges« nach dem 11.
September war die irakische Bedrohung von zentraler Bedeutung.
Die Aufforderung von Verteidigungsminister Donald Rumsfeld an
seine Mitarbeiter im Pentagon, »sich das Unvorstellbare
vorzustellen«, legt den Eindruck nahe, dass die einzige Supermacht
der Welt in die Hände von Fundamentalisten gefallen ist. Ihr
fanatischer Eifer hatte ein Gemetzel zur Folge, das den
nichtstaatlichen Terrorismus jener, die Flugzeuge in Hochhäuser
lenken und Discos auf Bali in die Luft sprengen, weit in den Schatten
stellt.
Die Öl-und-Gas-Junta in Washington wird zunehmend beeinflusst
vom Defence Policy Board (DPB), dem Beratergremium Donald
Rumsfelds und seines Stellvertreters Paul Wolfowitz. Diese als
»Wolfowitz-Verschwörer« bekannt gewordene Clique repräsentiert
die Crème de la Crème der extremen Rechten in den Vereinigten
Staaten und steht hinter dem »Krieg gegen den Terrorismus«, der
letztendlich nichts anderes ist als ein Konzept des »totalen Krieges«.
Richard Perle war bis vor kurzem einer der maßgeblichen Köpfe
dieses Gremiums. Ich habe ihn 1987 interviewt, als er noch zum
Beraterstab Ronald Reagans gehörte. Damals hielt ich ihn schlicht für
verrückt. Aber ich war im Irrtum, denn das US-amerikanische
Projekt der Welteroberung, das von der Bush-Clique lediglich weiter
vorangetrieben wird, folgt einer vollkommen nachvollziehbaren
Logik. Der »Krieg gegen den Terrorismus« (oder, wie es der MontyPython-Komiker Terry Jones ausgedrückt hat, die »Bombardierung
eines abstrakten Nomens«) ist Teil dieser Logik. Der Terrorismus
wurde als Ersatz für die »rote Gefahr« gesucht und gefunden, mit
ihm wird Angst geschürt und ein permanenter Kriegszustand
gerechtfertigt, und er dient als Begründung für die Verwirklichung
des größten Raketenabwehrprogramms aller Zeiten: des National
Missile Defense Programme (NMD). Ziel des Programms ist es dem
US-Weltraumkommando zufolge, »full spectrum dominance« zu
erreichen, das heißt, die militärische Fähigkeit, jede Situation, jedes
Terrain und jeden Gegner zu jeder Zeit zu beherrschen.13
Aber darin erschöpft sich die Vision nicht. »Full spectrum dominance« gilt auch im Hinblick auf Wirtschaft und Handel. Faktisch
heißt das nichts anderes, als Einfluss auf fremde Regierungen zu
nehmen oder, wie es die New York Times ausdrückt, »ihre
Innenpolitik an die kurze Leine« zu legen. Alle abweichenden
Meinungen auf der Bühne der Weltpolitik werden in dieser Logik zu
einem »Problem der internationalen Sicherheit«.
Was wir dringend brauchen, ist ein Gegengewicht zu einer Propaganda, die Gefahren an die Wand malt, wie sie zu Zeiten des Kalten
Krieges nicht größer waren. Wir müssen uns die mörderische
Doppelmoral bewusst machen und erkennen, dass der
argumentative Rückgriff auf »Völkerrecht« und »Völkergemeinschaft« oft nicht dem Interesse der Mehrheit, sondern dem Erhalt der
Macht dient. So konnten die Vereinigten Staaten gemeinsam mit
Großbritannien und ein paar bestochenen Lakaien ein
Schmierentheater inszenieren und das Ganze »Koalition« nennen,
um dann in Piratenmanier über andere Länder herzufallen, während
über 400 UN-Resolutionen zur Lage der Palästinenser das Papier
nicht wert sind, auf das sie geschrieben wurden.
Nach dem 11. September schrieb Robin Theurkauf, Professorin für
internationales Recht in Yale: »Der Nährboden des Terrorismus sind
Armut, Unterdrückung und Unwissenheit. Bemühungen, diese
Missstände zu beseitigen und den Menschenrechten überall in der
Welt Geltung zu verschaffen, müssen an erster Stelle stehen.« Sie hat
ihren Mann Tom bei den Anschlägen auf das World Trade Center
verloren.
»Um von totalitären Ideologien verblendet zu werden, muss man
nicht in einem totalitären Staat leben«, schrieb Orwell.14 Es gibt keine
Alternativen mehr, sondern nur noch einen Weg, behaupten die BigBrother-Medien und die anderen Mythenschöpfer des Marktes,
unserem Pendant zu »Ford«, der herrschenden Gottheit in Aldous
Huxleys Schöner Neuer Welt. Und es gibt keinen namhaften kritischen
Journalismus mehr, der sich daran stört, dass sich die Bedeutung der
politischen Sprache umgekehrt hat. Wenn von »Reform« gesprochen
wird, ist Destruktion gemeint, »Reichtum schaffen« heißt nichts
anderes als das Abschöpfen von Reichtümern durch immer größer
werdende Wirtschaftskonzerne. Widerstand ist Abkehr vom rechten
Glauben, Fatalismus wird zum Ideal erhoben.
An die Stelle der Privilegien der »Entdecker und Eroberer«, die
Christoph Kolumbus in einer Welt genoss, die der Papst als sein
Eigentum betrachtete und mit der er nach Belieben verfahren
konnte, sind andere als göttlicher Wille deklarierte Akte der Piraterie
getreten. Heute genießen Weltbank, Internationaler Währungsfonds
und andere Institutionen, befugt durch die neuen Päpste in
Washington, die Freiheit der Eroberung.15 Das angestrebte Ziel der
westlichen Mission ist, wie es Bill Clinton formuliert hat, »die
Integration der Staaten in die Gemeinschaft des freien Weltmarkts«.
Doch das Gelingen dieser Mission ist alles andere als gesichert. Das
ganze auf Geld, Informationstechnologien und Illusionen
gegründete Gebäude steht auf tönernen Füßen. Die Menschen in
aller Welt bekommen das zu spüren. Die Wirtschaft der Tigerstaaten
ist eingebrochen, und auf den globalisierten Aktienmärkten herrscht
Ernüchterung. Mehr als 700 Millionen Menschen sind arbeitslos,
davon gut und gern 40 Millionen in den reichen Industrieländern.
Viele der Arbeitslosen sind junge Menschen, viele fühlen sich um
ihre Hoffnungen betrogen, viele reagieren mit Verbitterung.
Und viele Menschen in der »unterentwickelten« Welt haben ein so
starkes politisches Bewusstsein gewonnen, dass sie den Prozess nicht
als unausweichlich hinnehmen werden. Der uruguayische
Schriftsteller und Journalist Eduardo Galeano, Meisterpoet des
schwarzen Humors, hat es auf seine Weise ausgedrückt: »Es scheint,
als sei kein Platz mehr für Revolutionen außer in den Schaukästen
der archäologischen Museen und kein Platz mehr für die Linke
außer für die reumütigen Linken, die sich bereitwillig zur Rechten
des Bankenkapitals niedergelassen haben. Wir sind alle eingeladen
zum Weltbegräbnis des Sozialismus. Die ganze Menschheit wird
ihm das letzte Geleit geben, behaupten sie. Ich muss gestehen, ich
glaube nicht daran. Sie tragen die falsche Leiche zu Grabe.«16
Dieses Buch zollt den Menschen Tribut, die nicht an dem
Begräbnis teilnehmen, sondern stattdessen die verdeckten Ziele von
Regierungen, Konzernen und ihren Bürokratien ans Licht bringen:
Menschen vom Schlag eines Mordechai Vanunu, der mehr als ein
Jahrzehnt in Einzelhaft verbrachte, weil er die Welt über die
israelischen Atomwaffenprogramme aufgeklärt hat, und einer Aung
San Suu Kyi, die auch dann, wenn birmanische Soldaten in
Sturmuniform vor ihrer Tür stehen, noch daran glaubt, dass ihr Land
in absehbarer Zukunft frei sein wird.
Das Buch ist eine Anklage gegen einen Journalismus, der sich
selbst als frei bezeichnet und sich über seine Unfreiheit
hinwegtäuscht. Es ist damit zugleich eine Hommage an diejenigen
Journalisten, die, indem sie sich nicht im Dienst der Macht
instrumentalisieren lassen, zu deren Entmystifizierung und
Kontrolle beitragen. »Die Wahrheit ist immer subversiv«, hat ein
indonesischer Freund und Kollege einmal zu mir gesagt. »Warum
sonst sollten Regierungen so viel Mühe darauf verwenden, sie zu
unterdrücken?«
DAS GROSSE SPIEL
Nichts hat sich geändert
Für mich, das gebe ich zu, sind [Länder] die Figuren
auf einem Schachbrett, auf dem ein großes Spiel um
die Weltherrschaft ausgetragen wird.
Lord Curzon, Vizekönig von Indien, 1898
Wir besitzen ungefähr 50 Prozent des weltweiten
Reichtums, aber wir sind nur 6,3 Prozent der
Weltbevölkerung. In dieser Situation ist es unsere
wirkliche Aufgabe für die kommende Zeit..., unsere
Position der Ungleichheit beizubehalten. Um dies zu
erreichen, müssen wir jegliche Sentimentalität und
Tagträumerei über Bord werfen ... Wir sollten
aufhören, uns Gedanken über Menschenrechte,
Verbesserung des Lebensstandards oder
Demokratisierung zu machen.
George Kennan, US-Stratege, 1948
Das ist der dritte Weltkrieg.
Thomas Friedman, New York Times, 2001
E
in Krieg ist niemals eine angenehme Sache«, schrieb der liberale
Independent on Sunday während des Golfkriegs 1991. »Da passieren Dinge, die für eine zivilisierte Gesellschaft nicht vorstellbar sind.
Dieses Flächenbombardement ist eindeutig furchtbar. Aber das heißt
nicht, dass es falsch ist.«1 In einem anderen Krieg konnte ich von
einem Reisfeld in der Nähe von Saigon aus beobachten, wie am
Himmel drei leiterförmige Bogengebilde erschienen, und jedes Mal,
wenn eine Sprosse den Boden berührte, loderte ein Feuerball auf,
und ein Dröhnen lief durch die tiefen Täler wie ein Donner, der sich
nicht mit einem Schlag entlädt, sondern langsam grollend
anschwillt. Es waren Bomben, abgeworfen von einer Dreierstaffel B52-Maschinen, die unsichtbar über den Wolken flogen. Insgesamt
warfen sie etwa 70 Tonnen Sprengstoff in einem »Rechteckfeld« ab,
wie Militärs das Flächenbombardement umschreiben, bei dem
innerhalb des »Rechtecks« alles zerstört wird.
Als ich ein Dorf innerhalb des »Rechtecks« erreichte, fand ich die
Straße in einen Krater verwandelt; im Umkreis von 30 Metern von
der Einschlagstelle waren von den Menschen, die sich dort befunden
hatten, nicht einmal mehr die verkohlten Schatten übrig, die von den
Bombenopfern in Hiroshima geblieben waren. Auf dem Boden lagen
zerfetzte Gliedmaßen und die Leichen von Kindern, die von der Explosion durch die Luft geschleudert worden waren; ihre Haut hatte
sich wie Pergament zusammengerollt. Absurde Ängste bestürmten
mich: Ich fürchtete, auf jemanden zu treten und die Sterbenden zu
stören. Aber hier lebte nichts und niemand mehr. Stattdessen
rutschte ich auf dem Bein eines Wasserbüffels aus.
Erlebnisse wie dieses haben in mir ein tiefes Misstrauen gegen die
Macht geweckt, die aus der Ferne ausgeübt wird – nicht nur von
denen, die sich hinter den Wolken verbergen, sondern auch von den
unangreifbaren, fernen Gestalten, die den Befehl zum Massenmord
geben, und von jenen, die ihre Verbrechen herunterspielen, indem
sie ihre Opfer als Terroristen präsentieren oder als bloße Zahlen
ohne Namen, Gesichter und Vergangenheit oder aber als den
unumgänglichen, wenn auch bedauerlichen Preis für den Sieg des
moralisch Überlegenen.
Dreißig Jahre nach diesen Ereignissen erklärte der britische Verteidigungsminister Geoffrey Hoon vor dem Parlament den Einsatz von
Splitterbomben in Afghanistan für »absolut angemessen. Gegen bestimmte Ziele sind sie die besten und wirkungsvollsten Waffen, die
wir haben«.2
Ich stand auf der Veranda eines Krankenhauses oberhalb von Hongai, einer kleinen nordvietnamesischen Bergwerksstadt mit
Fischereihafen in der malerischen Ha-Long-Bucht im Golf von
Tonking. Die Ärztin Luu Van Hoat sagte mir, dass ihrer Schätzung
nach zehn Prozent der Kinder in dieser Stadt taub waren. »Wir
hatten das Gefühl, als würde in unserem Kopf eine große Trommel
geschlagen«, erzählte sie. Im Juni 1972 flogen amerikanische
Kampfbomber innerhalb von drei Tagen 52 Luftangriffe gegen
Hongai. Vermutlich ein einsamer Rekord. Sechs Jahre lang wurde
die Stadt in unregelmäßigen Abständen zum Ziel schwerer
Bombardements. Kaum eine andere Gegend der Welt ist je so massiv
und systematisch bombardiert worden.
Die Stadt kann außerdem für sich in Anspruch nehmen, eines der
ersten Ziele der so genannten Schrapnellbombe, einer Vorläuferin
der modernen Clusterbombe, gewesen zu sein. Diese neue Waffe
streute Hunderte von Splittern aus, die zum Teil wie Pfeile geformt
waren. In den Trümmern der einzigen Schule des Orts entdeckte ich
einen Brief. Er stammte von einem Mädchen namens Nguyen Thi
An. »Die Kinder haben in jenen Tagen viele Briefe an sich selbst
geschrieben«, erzählte mir ein Lehrer.
»Ich heiße Nguyen Thi An. Ich bin 15 Jahre alt. Dieser Brief kommt aus
Hongai am Fuß des Berges Bai Tho, wo sich die Meereswellen mit
sanftem Rauschen am Strand brechen und wo ich geboren bin. Ich
hatte die siebte Klasse der Cao-Thang-Schule beendet. Es war ein
strahlend schöner Tag, und meine Mutter hatte mich gebeten, den
Tisch zu decken. Mein Vater war von der Arbeit nach Hause gekommen. [Er war Bergarbeiter]. Dann hörte ich die Sirene und rannte
zum nächsten Schutzbunker. Ich konnte die Flugzeugmotoren und die
Detonationen hören. Als das Sirenengeheul vorbei war, lief ich hinaus.
Da lagen meine Mutter und mein Vater, mein Bruder Nguyen Si Quan
und meine Schwester Nguyen Thi Binh waren voller Blut. Meine
Schwester hatte Metallsplitter im Körper, genau wie ihre Puppe. Sie
schrie immer wieder: ›Wo sind meine Eltern? Wo ist meine Puppe?‹
Die Ha-Long-Straße, in der ich gewohnt habe, ist völlig verwüstet. Ich
mache jetzt Schluss mit meinem Brief.«
In der Straße, in der die Familie Nguyen gewohnt hat, waren Schrapnellbomben eingeschlagen. Nach Aussage von Dr. Luu waren die
Splitter in den Körper von Thi Ans Schwester Binh eingedrungen.
Dort waren sie gewandert und hatten dabei innere Verletzungen
verursacht, an denen das Kind nach einigen Tagen schließlich
qualvoll gestorben war. Die Splitter bestanden aus einer Plastikart,
die auf dem Röntgenbild schwer zu entdecken ist. Wie ich später las,
war dies von den Konstrukteuren beabsichtigt.
Eine häufiger gebrauchte Variante der Streubombe, so genannte
Rockeyes, wurde im benachbarten Laos erprobt. Sie zerplatzen
schon im Anflug und setzen bis zu 160 Explosivkörper oder
Minibomben frei. Die Hälfte dieser Geschosse bleiben auf der Erde
liegen, bis ein Tier oder ein Mensch darauf tritt oder sie von einem
neugierigen Kind aufgehoben werden, was oft geschieht. Dann erst
explodieren sie. Noch 30 Jahre später werden in Laos, einem kleinen
Land, das sich nie offiziell im Krieg mit den USA befand und im
Zuge der Angriffe gegen Vietnam und Kambodscha eher beiläufig
bombardiert wurde, jährlich schätzungsweise 20000 Menschen
durch Blindgänger getötet oder verstümmelt. Clustermunition wird
eingesetzt, um die Zivilbevölkerung in Angst und Schrecken zu
versetzen, sie ist eine Zeitbombe, die sich in ihrer Wirkung nicht von
den mittlerweile international geächteten Anti-Personen-Minen, um
den militärischen Terminus zu gebrauchen, unterscheidet.
An dem Tag, an dem Geoffrey Hoon dem britischen Parlament
Clusterbomben als »unsere besten und wirkungsvollsten Waffen«
anpries, regneten dieselben auf die bitterarme Stadt Gardes in
Afghanistan herab, die sich längst nicht mehr in den Händen der
Taliban befand. Die Zahl der Opfer ist unbekannt. Bekannt ist nur,
dass sieben Mitglieder einer Flüchtlingsfamilie getötet und drei
weitere verwundet wurden. Sie hatten Zuflucht in den beim Angriff
zerstörten Gebäuden der UN-Behörde gesucht, die für die Räumung
von Landminen zuständig war. Die bittere Ironie des Geschehens
blieb in der Presse unerwähnt: Clusterbomben sind Landminen. Der
einzige Unterschied zu den Landminen, die durch ein
internationales Abkommen geächtet sind, besteht darin, dass sie aus
der Luft abgeworfen werden. Derzeit befinden sich auf
afghanischem Boden schätzungsweise 70000 dieser tödlichen
amerikanischen Minibomben – mehr als in jedem anderen Land
dieser Welt.3
So sieht der »Krieg gegen den Terrorismus« aus. Der historische
Zusammenhang ist unübersehbar. Dieselben B-52 -Bomber, die Tod
und Verwüstung über Indochina gebracht haben, warfen Bomben
über den Zivilisten ab, die massenhaft aus dem nordafghanischen
Kundus flüchteten. »Ich habe 20 tote Kinder auf der Straße gesehen«,
erzählt der Flüchtling Zumeray. »Allein gestern wurden 40
Menschen getötet [insgesamt waren es in drei Tagen etwa 150
Zivilisten]. Einige sind bei den Bombenangriffen verbrannt, andere
wurden unter den Mauern und Dächern ihrer Häuser begraben, als
diese durch die Explosionen einstürzten.«4
Die Belagerung von Kundus endete in einer Festung namens Qala-iJhangi, ein Name, der sich in das »zivilisierte« Gedächtnis eingraben
sollte; »zivilisiert« ist ein Wort, das in diesen Tagen oft und gern
bemüht wird. Zur Unterstützung der Truppen von General Raschid
Dostum, einem Warlord der Nordallianz, forderten amerikanische
und britische Spezialeinheiten amerikanische Kampfflugzeuge an.
Dostum, später stellvertretender Verteidigungsminister in der neuen
Regierung, hatte sich als Anführer einer usbekischen Miliz einen Namen als besonders brutaler Kriegsherr gemacht, dem es schon
einmal einfallen konnte, seine Feinde an Panzerketten zu fesseln. Die
Männer in der Festung waren talibanische Kriegsgefangene. Sie
wurden mit Clustermunition bombardiert. Wer die Bombardierung
überlebte, wurde mit Öl übergossen und angezündet oder mit auf
dem Rücken gefesselten Händen erschossen. Hunderte von
Gefangenen wurden auf diese Weise getötet.
»Die Zivilisation«, schrieb die Kolumnistin Isabel Hilton im Guar
dian, »zeichnet sich ja dadurch aus, dass sie nicht ohne weiteres in
Terror und Barbarei abgleitet. Die Afghanen, so hören wir, haben
einen Hang zur Brutalität, und es wäre absurd zu erwarten, dass ein
Krieg in Afghanistan nach den Regeln eines offiziellen Boxkampfes
ausgetragen wird. Aber wessen Krieg ist dies?... Kämpfen sie [die
Briten und Amerikaner] nach Dostums Regeln oder nach ihren
eigenen? Oder machen wir da inzwischen keinen Unterschied
mehr?«5
Nichts hat sich geändert. Nicht die Streubomben, die in Vietnam
ihre Feuertaufe bestanden haben. Nicht der Schock, den das liberale
Gewissen erleidet, wenn es zu der Erkenntnis gezwungen wird, dass
Massenmord, »Terror und Barbarei« nach wie vor zum
Standardrepertoire »unserer« Seite gehören. Nicht die Verlogenheit,
mit der das reichste Land dieser Erde seine wahren Ziele hinter dem
Schleier der Moral verbirgt, wenn es seine überlegene
Militärmaschinerie im Namen der »Zivilisation« gegen die Ärmsten
in Bewegung setzt. Nur die Technik hat sich weiter entwickelt.
Auch das Desinteresse an friedlicher Konfliktlösung ist ungebrochen. 1954 verließ der Außenminister der Vereinigten Staaten, John
Foster Dulles, die Genfer Indochinakonferenz, weil sich die Mehrheit
auf demokratische Wahlen in beiden Teilen Vietnams zur
Wiedervereinigung des Landes geeinigt hatte. Es war der erste
Schritt in einen Krieg, der fünf Millionen Menschen das Leben
kosten sollte.
Ganz in dieser Tradition wurde nach dem 11. September 2001 eine
friedliche Lösung der Krise sabotiert. Obwohl die Amerikaner keine
anklagetauglichen Beweise dafür vorgelegt hatten, dass Osama Bin
Laden der Drahtzieher des Terroranschlags auf das World Trade
Center war, hatten die Führer der beiden islamischen Parteien
Pakistans ihrer eigenen Aussage nach durch Verhandlungen seine
Auslieferung an Pakistan erreicht. Bin Laden sollte in Peschawar
unter Hausarrest gestellt werden. Er selbst wie auch der TalibanFührer Mullah Omar hatten dem Plan zugestimmt. Ein
internationales Tribunal sollte dann über eine mögliche Anklage
oder die Auslieferung an die Vereinigten Staaten entscheiden. Eine
Delegation islamischer Geistlicher aus Pakistan, die das TalibanRegime stützten, traf in Kandahar mit Mullah Omar zusammen, um
ihm klar zu machen, dass die Nichtauslieferung Bin Ladens Pakistan
in eine Krise stürzen werde. »Wer immer für diese Tat
verantwortlich ist, ob Osama oder nicht, wird nicht unseren Schutz
genießen«, erklärte der Informationsminister der Taliban. »Wir baten
sie [die pakistanische Delegation], uns Beweise für seine Schuld
vorzulegen, denn wie sollten wir ihn sonst ausliefern?« Unter dem
Druck der Vereinigten Staaten erhob der pakistanische Präsident
Musharraf Einspruch gegen den Plan, der nach den Worten eines
amerikanischen
Regierungsvertreters
»die
internationalen
Bemühungen zur Gefangennahme Bin Ladens vorzeitig zum
Scheitern« hätte bringen können.
Vielleicht werden wir nie erfahren, ob der Vorschlag ernst gemeint
war und ob er Erfolg gehabt hätte. Als die Bombardierung Afghanistans begann, erklärten die Vereinigten Staaten und Großbritannien
übereinstimmend und entgegen der Wahrheit, es habe »nie ein
Angebot zur friedlichen Lösung« gegeben. Um Tony Blair zu
zitieren: »Man kann mit Bin Laden und dem Taliban-Regime keine
diplomatischen Verhandlungen führen. ... Einen Kompromiss mit
diesen Leuten gibt es nicht..., nur die eine Wahl: Du besiegst sie oder
sie besiegen dich.« Und George W. Bush meinte dazu: »Ich habe
ihnen eine faire Chance gegeben.«6
Wie in Lord Curzons »großem Spiel« wurden in Afghanistan unliebsame Stämme mit Bomben verjagt und durch genehmere ersetzt.
Dass beide Seiten im Jargon der modernen Politik »Terroristen« sind,
spielt dabei keine Rolle. Entscheidend ist, dass Präsident Bush die
derzeitigen Besatzer in Kabul, die Leute von der Nordallianz, als
»unsere Freunde« bezeichnet. Es sind dies die gleichen Leute, die
1992 mit US-amerikanischem Segen schon einmal an die Macht
gekommen waren und deren Stammesfehden in den vier
Folgejahren etwa 50000 Zivilisten das Leben kosteten. »Allein im
Jahr 1994«, heißt es in einem Bericht der in New York ansässigen
Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, »wurden in
Kabul durch Raketenangriffe und Artilleriebeschuss schätzungsweise 25000 Menschen, meist Zivilisten, getötet. Ein Drittel der Stadt
wurde in Schutt und Asche gelegt.«7
Und nun haben die neuen Helden, nachdem sie Hunderte von
Kriegsgefangenen gefoltert und hingerichtet und die Lagerhäuser
internationaler Hilfsorganisationen geplündert haben, in aller Stille
ihr altes Macht- und Drogenmonopol wieder etabliert. Eigentlich
sollte das Leben für die Frauen in Afghanistan leichter werden, aber
die Burka ist ihnen, ebenso wie die meisten Taliban-Gesetze, erhalten
geblieben. Nur ein Drittel aller Kinder des Landes besuchen eine
Schule, und weniger als drei Prozent von ihnen sind Mädchen.
Repressionen gegen Frauen sind an der Tagesordnung; die
Vorzeigefrau der Übergangsregierung, die Frauenministerin Sima
Samar, verlor ihr Amt und wurde wegen Blasphemie angeklagt. Der
neu ernannte Präsident des Obersten Gerichtshofs, Fazul Hadi
Shinwari, hat die Beibehaltung von Strafen nach der Scharia
einschließlich Steinigung und Amputation angekündigt.
Der von Washington ins Amt gehobene Präsident Hamid Karsai
steht einem Stammesrat vor, von dem sich die Mehrheit der
Afghanen nicht repräsentiert fühlen. Auf ihn wurde bereits ein
Attentat verübt, das er überlebt hat. Seither sorgt eine 46-köpfige
Leibwache, Soldaten einer US-amerikanischen Sondereinheit, für
seine Sicherheit. Sein Land ist verwüstet, und von dem Geld, das die
»Befreier« versprochen haben und mit dem eine zivile Infrastruktur
aufgebaut werden sollte, ist nur ein winziger Bruchteil eingetroffen.
Die USA haben 10000 Tonnen Bomben abgeworfen. Nach UNSchätzungen werden pro Woche 50 bis 100 Menschen durch nicht
explodierte Bomben und Landminen getötet oder verletzt.8
Der »Krieg gegen den Terrorismus« selbst ist die größte Heuchelei,
und die Jagd auf Osama Bin Laden und seine Spießgesellen eine
reine Farce. In Wirklichkeit geht es darum, mit Hilfe von Vasallen
die Kontrolle über das früher von der Sowjetunion beherrschte
Gebiet Mittelasiens zu gewinnen, das sich durch seinen Reichtum an
Öl und Mineralien und seine strategische Bedeutung für die
konkurrierenden Großmächte Russland und China auszeichnet. Bis
zum Februar 2002 hatten die USA in allen Staaten Zentralasiens
militärische Stützpunkte eingerichtet. Gleiches gilt für Afghanistan,
dessen heutige Regierung den Segen der Vereinigten Staaten hat.
»Amerika wird seine Interessen und seine Präsenz in Zentralasien in
einer Art und Weise ausbauen, wie es zuvor [vor dem 11.
September] unvorstellbar gewesen wäre.« Diese Erklärung stammt
aus dem Mund von US-Außenminister Colin Powell.9 Und das ist
nur der Anfang. Das eigentliche militärische und wirtschaftliche Ziel
ist viel weiter gesteckt, und die Planung dazu reicht bis in den
Zweiten Weltkrieg zurück. Es geht um einen Feldzug, »dessen Ende
wir«, wie es US-Vizepräsident Cheney ausgedrückt hat,
»möglicherweise nicht mehr erleben werden« oder zumindest erst
dann, wenn die Vereinigten Staaten ihre Stellung als Torwächter der
noch vorhandenen Öl- und Gasquellen der Welt zementiert haben.
Cheney und Verteidigungsminister Rumsfeld wurden deutlich,
kaum dass die Taliban aus Kabul vertrieben waren. Auf der Liste der
potenziellen Feinde der Amerikaner standen »40 bis 50« weitere
Staaten. Somalia als angeblicher »Zufluchtsort« der islamistischen Al
Qaida nimmt auf dieser Liste einen Spitzenplatz ein, gleich hinter
dem Irak. Seinem eigenen Bekunden nach hat Rumsfeld in seinem
Ministerium die Devise ausgegeben, ȟber das Undenkbare
nachzudenken«, weil ihm die Visionen des Pentagons für die »Zeit
nach Afghanistan« noch »nicht radikal genug« erschienen.10 Kein
Wort davon allerdings, dass es in Somalia und im Nordwesten des
Indischen Ozeans Öl- und Gasvorkommen von der Größe des
Kaspischen Meers gibt. Hier haben amerikanische Firmen bereits
ihre Ansprüche angemeldet und warten ungeduldig darauf, dass
eine westlich orientierte Regierung das Ruder in die Hand nimmt.
Für die Existenz von Stützpunkten der Al Qaida in Somalia liegen
den Vereinigten Staaten keinerlei Beweise vor. Washington stützt
sich einzig und allein auf die Angaben einer Stammesmiliz namens
Rahanwein, Speerspitze des Nachbarstaats Äthiopien, der ein tief
verwurzeltes Interesse daran hat, dass die destabilisierenden inneren
Kämpfe in Somalia anhalten.
Der 11. September hat der Regierung in Washington eine erstaunliche Rechtfertigung für ihr Handeln geliefert. Der frühere pakistanische Außenminister Niaz Naik war bereits Mitte Juli 2001 darüber
informiert worden, dass der Beginn militärischer Aktionen gegen
Afghanistan für Mitte Oktober geplant war.11 Zu diesem Zeitpunkt
warb US-Außenminister Colin Powell in Zentralasien bereits um
Unterstützung für den Krieg gegen Afghanistan. Dabei ging es den
Vereinigten Staaten weniger um die eher nebensächlichen
Menschenrechtsverletzungen der Taliban. Das eigentliche Problem
war die Unfähigkeit der Taliban-Regierung, die ursprünglich das
Wohlwollen Washingtons genossen hatte, ganz Afghanistan unter
ihre Kontrolle zu bringen. Ihr Einflussgebiet reichte nicht bis in den
Norden des Landes, wo verfeindete Mudschaheddin-Gruppen um
die Macht stritten. Das Regime ließ also in den Augen der
Amerikaner die Stabilität und die Autorität vermissen, die sie bei
ihren Geschäftspartnern erwarten.
Die unsichere Lage schreckte Investoren ab, die nicht mehr bereit
waren, ihr Geld in Pipelines für die Öl- und Gasvorkommen am
Kaspi-schen Meer zu stecken. Die weitgehend unerschlossenen
Vorräte an fossilen Brennstoffen in der Kaspischen Senke sind aber
heute ein wichtiger, wenn nicht gar entscheidender Faktor in der
außenpolitischen Planung der Vereinigten Staaten. 1998 erklärte
Dick Cheney, damals noch Berater für den Pipelinebau in
verschiedenen zentralasiatischen Republiken, vor führenden
Vertretern der Ölindustrie: »Ich kann mich nicht erinnern, dass
jemals eine Region so unerwartet schnell an strategischer Bedeutung
gewonnen hätte wie die Kaspiregion.«12
Das westliche Interesse am Kaspischen Meer reicht zurück bis in
die Zeit, als erstmals Öl entdeckt und gefördert wurde. Gegen Ende
des 19. Jahrhunderts wehrte sich Russland mit allen Mitteln gegen
die Bemühungen von John B. Rockefellers Standard Oil Company,
dort Fuß zu fassen. »Wissen Sie, wie man in den Vereinigten Staaten
Baku buchstabiert? Öl!«, scherzte John Reed, der Journalist und
Chronist der russischen Revolution, im Jahr 1919 vor dem
Volkskongress des Ostens in Baku, der Hauptstadt Aserbeidschans.
Aber nicht nur den USA und den europäischen Kolonialmächten
stand der Sinn nach dem kaspischen Öl. Während des Russlandfeldzuges plante Hitler, bevor seinen Truppen der Treibstoff ausging
und sie bei Stalingrad geschlagen wurden, »die kaspischen
Bodenschätze als rettende Beute an sich zu bringen und dann nach
Süden zu den noch größeren Schätzen in Persien und im Irak
vorzustoßen«, wie der heutige Journalist John Rees zu berichten
weiß.13
Für den Westen war die Existenz der Sowjetunion ein Ärgernis,
weil sie den Weg zu den Öl- und Gasvorräten blockierte, über deren
Größe die abenteuerlichsten Spekulationen angestellt wurden.
Optimistische Schätzungen gehen davon aus, dass unter dem
größten Binnenmeer der Welt ein Drittel aller irdischen Öl- und
Gasvorräte lagern könnte. Die flächenmäßig größten Vorkommen
finden sich in Kasachstan und Aserbeidschan, etwas kleinere in
Turkmenistan und Usbekistan. Nach dem Zerfall der Sowjetunion
steigerten sich die Vereinigten Staaten, Russland, China, Frankreich,
Großbritannien und Deutschland in eine Art »Ölrausch«, der an die
Aufteilung Afrikas durch die westlichen Kolonialmächte erinnert.
In den 90er Jahren machten die USA mit einigen
medienwirksamen
Demonstrationen
ihrer
»militärischen
Reichweite« – den 500 Fallschirmjägern der 82. Division beispielsweise, die nach einem Direktflug vom Heimatstützpunkt in North
Carolina über der kasachischen Steppe absprangen – ihre Ansprüche
deutlich. Es war die längste Strecke, die bei einer Luftlandeoperation
je zurückgelegt worden war, und den Worten eines PentagonGenerals zufolge sollte der Welt damit die Botschaft vermittelt
werden, »dass amerikanische Streitkräfte jede noch so abgelegene
Region erreichen können«. Da liegt es nahe, dass, wie er hinzufügte,
die USA nachdrücklich für die Bildung »unabhängiger Staaten«
eintreten, »die in der Lage sind, sich selbst zu verteidigen«.14
Clintons Energieminister Bill Richardson nahm kein Blatt vor den
Mund, als er die ehemaligen Sowjetrepubliken als »Garanten für die
Energieversorgung der Amerikaner« bezeichnete. »Es ist in unserem
Interesse, wenn sie auf das wirtschaftliche und politische
Engagement des Westens am Kaspischen Meer angewiesen sind,
und es ist sehr wichtig für uns, dass die Pipelinepläne zum
gewünschten Ergebnis führen.«15
Die Pipelineplanung ist von größter Wichtigkeit, weil Öl und Gas
wertlos sind, wenn man sie nicht zu einem Seehafen transportieren
kann. Es gibt drei Möglichkeiten, die Pipelines zu verlegen: durch
Russland, durch den Iran oder durch Afghanistan. Eine
Abhängigkeit von Russland ist für die amerikanische Regierung
undenkbar, und der Iran wird seit mehr als 20 Jahren von den
Vereinigten Staaten systematisch isoliert. Kein Wunder also, dass die
Taliban 1996 nach dem Machtwechsel in Kabul hofiert wurden von
einer US-Öllobby, die ein Auge auf »eines der wertvollen Güter des
21. Jahrhunderts« geworfen hatte, wie im Daily Telegraph zu lesen
war. »Kenner der Ölindustrie behaupten, der Traum vom sicheren
Verlauf einer Pipeline durch Afghanistan sei der eigentliche Grund
dafür, dass Pakistan, ein enger Verbündeter der Vereinigten Staaten,
den Taliban so viel Wohlwollen entgegengebracht hat und dass die
USA deren Machtübernahme stillschweigend gutgeheißen haben.«16
Nach dem 11. September gab es niemanden, der eifriger nach dem
Sturz der Taliban rief als das Wall Street Journal. Fünf Jahre zuvor
hatte die Stimme des amerikanischen Kapitals allerdings einen ganz
anderen Ton angeschlagen. Den Taliban, hatte es damals in dem
Blatt geheißen, »ist es zum gegenwärtigen Zeitpunkt am ehesten
zuzutrauen, dass sie in Afghanistan Frieden schaffen können«. Nicht
zu vergessen die entscheidende Rolle, die ihnen bei der Sicherung
»eines der wichtigsten Transportwege für den Export der riesigen
Öl- und Gasvorkommen sowie anderer Bodenschätze aus
Zentralasien« durch Afghanistan zufallen sollte.17
Die Regierung in Washington brachte den Taliban nicht nur Wohlwollen entgegen, sondern sie lud deren führende Vertreter auch
nach Texas ein, wo George W. Bush zu dieser Zeit Gouverneur war
und wo sich die Topmanager des Ölkonzerns Unocal (United Oil of
California) in Houston höchstpersönlich um sie kümmerten. »15
Cent«, schrieb der kritische Journalist George Monbiot, »bot die
Ölfirma diesen Barbaren für 1000 Kubikfuß [28,3 Kubikmeter] Gas,
die durch das von ihnen eroberte Land gepumpt wurden.«18 Ein
Vertreter der Clinton-Regierung äußerte die Prognose, Afghanistan
werde in Zukunft »wie Saudi-Arabien« eine Ölkolonie ohne
demokratische Rechte für die Bevölkerung und mit gesetzlich
verankerter Unterdrückung der Frauen sein, und fügte hinzu:
»Damit können wir leben.«19
Im Februar 1998 sprach John J. Maresca, der Vizepräsident der
Unocal, vor der Asien- und Pazifikkommission des Abgeordnetenhauses über die Möglichkeit des Westens, »die Ölproduktion bis
zum Jahr 2010 auf 4,5 Millionen Barrel pro Tag, um mehr als das
Fünffache also, zu steigern«. Dazu müsse aber »auf Dauer ein
positives Investitionsklima in der Region« geschaffen werden. Mit
dem Bau der Pipeline, so Maresca, könne erst begonnen werden,
»wenn dort eine anerkannte Regierung im Amt ist, die das
Vertrauen von Regierungen, Kreditgebern und unserer Firma
genießt« [Hervorhebung von mir]. Davon, dass die Taliban ein
grausames Regime errichtet hatten und angeblich der
Terrororganisation Al Qaida in ihrem Land Unterschlupf boten,
erwähnte er nichts.
Als Unocal schließlich die »Absichtserklärung« für den Bau einer
Pipeline von Turkmenistan durch Afghanistan unterzeichnete, tat sie
dies stellvertretend für ein Konsortium, zu dem die Firmen Enron,
Amoco, British Petroleum, Chevron, Exxon und Mobil Oil gehörten.
Die Verhandlungspartner bei diesem Geschäft waren der ehemalige
Verteidigungsminister und spätere Vizepräsident Dick Cheney, der
frühere Außenminister James Baker und der ehemalige
Sicherheitsberater Brent Scowcroft. Sie alle hatten im Kabinett von
Bush senior gedient; Cheney und Baker sind in der Ölindustrie groß
geworden; Cheney ist gegenwärtig der vielleicht mächtigste Mann
im Weißen Haus; und Baker hat seinen Einfluss ebenso wenig
eingebüßt wie George Bush senior, der »Präsident der Olleute«.20
Wenn man die »Öl-Gas-Junta« der Cheneys und Bushs genauer
unter die Lupe nimmt, stellt man fest, dass Vater Bush über die
Carlyle-Gruppe, zu der 64 auf Öl-, Gas-, Raumfahrt- und Rüstungsgeschäfte spezialisierte Unternehmen gehören, immer noch als
Berater der Familie Bin Laden fungiert und mit dieser auch zweimal
persönlich Kontakt hatte.21
Das Pipelinegeschäft platzte, als im August 1998 zwei verheerende
Bombenanschläge auf US-Botschaften in Ostafrika verübt wurden
und man Al Qaida als Drahtzieher hinter der Tat vermutete. Dem
kurzen Liebäugeln mit den Taliban folgte jetzt die Beförderung
Hamid Karsais, der früher für eine Unocal-Tochter gearbeitet hatte,
ins Präsidentenamt; und zum US-Botschafter in Afghanistan wurde
kein anderer als der zum Unocal-Vorstand zählende John J. Maresca
ernannt. Auch mit anderen kaspischen Ölrepubliken, die
ausnahmslos ein langes Register an Menschenrechtsverletzungen
vorzuweisen haben, wurden nach dem Krieg in Afghanistan
lukrative Verträge abgeschlossen. Schon in der Vorbereitungsphase
des Kriegs hatte Rumsfeld den Regierungen von Tadschikistan und
Usbekistan, die sich eine 1500 Kilometer lange Grenze mit
Afghanistan teilen, Zahlungen von »mehreren zehn Millionen
Dollar« in Aussicht gestellt.22
Die Russen sind nicht unglücklich über diese Entwicklung, weil sie
hoffen, dass die Republiken sich als Gegengewicht zu den
Amerikanern
an
Moskau
annähern
werden.
Seine
Kooperationsbereitschaft: hat Wladimir Putin Gegenleistungen aus
Washington eingebracht. So wurde ihm eine weitere Abrüstung
strategischer Waffen zugesagt und ein Freibrief für den »Krieg gegen
den Terrorismus« in Tschetschenien ausgestellt, dem bisher
schätzungsweise 20000 Menschen zum Opfer gefallen sind.
Tschetschenien ist deshalb so wichtig für Putin, weil Russland
keinen anderen Zugang mehr zum kaspischen Öl hat. Den Russen
schwebt vor, dass sie Tschetschenien behalten und den USA dafür
den Weg nach Zentralasien frei machen. Während amerikanische
Bomben auf Afghanistan fielen, war Putin Gast auf Bushs Ranch in
Texas, wo er seinen amerikanischen Kollegen, von einem Golfcaddy
winkend, als seinen »neuen Busenfreund« pries.
China, der zweite große Partner in der »Koalition gegen den Terrorismus«, war das erste Land, das nach den Anschlägen des 11.
September 2001 kondolierte. Innerhalb von nur sechs Monaten war
aus dem potenziellen Feind ein Freund geworden, dessen Aufnahme
in die Welthandelsorganisation kräftige Unterstützung aus
Washington erfuhr. Die nach dem Tiananmen-Massaker verhängten
Sanktionen wurden so abgemildert, dass China nun wieder
Ersatzteile für die in den 80er Jahren erworbenen Black-HawkHubschrauber kaufen kann. Die Tibetfrage und die vielfältigen
Menschenrechtsverletzungen, die sich die chinesische Regierung
vorwerfen lassen muss, sind nicht mehr von Bedeutung.
Der Türkei, dem einzigen muslimischen Staat in der NATO, wurden auf Drängen der USA hin Kredite des Internationalen
Währungsfonds und der Weltbank zur Verfügung gestellt. Die
westlichen Staaten lockerten das Embargo, das sie nach
Atomwaffentests gegen die pakistanische Militärdiktatur verhängt
hatten, und stimmten einer Verlängerung ihrer IWF- und
Weltbankkredite zu. Und der US-Senat setzte in aller Eile ein Gesetz
durch, das es den USA ermöglichte, Pakistan militärische Soforthilfe
zu gewähren. Das Muster ist altbekannt. Die »Koalition«, die 1991
unter der Führung der Vereinigten Staaten den Irak angriff, war
ebenfalls durch massive Bestechung zustande gekommen.
»Eine neue Weltordnung« ist im Entstehen, aber die Ziele und sogar das Vokabular sind immer noch die Gleichen wie zu Lord
Curzons Zeiten. So deutlich wie Tony Blair in seinem Eifer, den
amerikanischen Präsidenten nach dem 11. September seiner
Unterstützung zu versichern, hatte seit Anthony Eden kein britischer
Staatschef mehr die wahren politischen Ziele genannt. Tatsächlich
ähnelt er in seiner Amtsführung weniger dem von seinen Adepten
so hoch verehrten Winston Churchill als vielmehr diesem letzten
Premierminister des britischen Ancien Regime, der in der Suezkrise
den Einmarsch in Ägypten befohlen hatte. In einer wahrhaft
missionarischen Rede auf dem ersten Labour-Parteitag nach dem 11.
September kündigte Blair die glorreiche Rehabilitation des
Imperialismus an.
Nachdem Blair seit seinem Amtsantritt im Jahr 1997 britische
Truppen viermal in den Krieg geschickt hatte (Jugoslawien, Sierra
Leone, Afghanistan, Irak), bemühte er nun die »Moral« als
Rechtfertigung dieser und künftiger Militäreinsätze. Überhaupt
nimmt Blair das Wort »Moral« oft und gern in den Mund: In einer
Rede, die er auf einer von Rupert Murdoch organisierten Konferenz
zum Medienrecht hielt, fiel es elfmal. Der Jugoslawienkrieg war ein
»moralischer Kreuzzug«. Die NATO-Mission ist »absolut
moralisch«, und so weiter und so fort.
Sehen wir uns nun an, wie sich der gute Christ und
Gentlemanbomber eine bessere Welt vorstellt, eine Welt für »die
Hungernden und Notleidenden, die Entrechteten und Unwissenden
und die in Schmutz und Elend Lebenden, von den Wüstengebieten
des nördlichen Afrika über die Flüchtlingslager im Gazastreifen bis
zu den Bergregionen Afghanistans«. Hören wir uns an, wie er sich
um »die Rechte und Menschenwürde der afghanischen Frauen«
sorgt und doch gleichzeitig gemeinsame Sache mit denen macht, die
Bomben über ihnen abwerfen wollen und dafür sorgen, dass ihre
hungernden Kinder keine Nahrungsmittel mehr bekommen. (Einer
Meldung der New York Times vom 16. September 2001 zufolge
verlangte Washington, »dass die Lastwagenkonvois mit
Nahrungsmittel- und Hilfslieferungen für die afghanische
Zivilbevölkerung eingestellt werden«. Wenig später wies Blair die
Appelle internationaler Hilfsorganisationen, die Bombenangriffe zu
unterbrechen, zurück.)
Wie uns Frank Furedi in seinem Buch The New Ideology of Imperia
lism in Erinnerung ruft, ist es noch nicht lange her, dass »die moralische Berechtigung des Imperialismus im Westen von kaum einem
in Frage gestellt wurde. Imperialismus und Ausdehnung der
westlichen Machtsphäre wurden in ausnahmslos positiver Wortwahl
als entscheidender Beitrag zur Zivilisation gefeiert.« Das änderte sich
erst, als deutlich wurde, dass auch der Faschismus mit all seinen
Vorstellungen von der rassischen und kulturellen Überlegenheit
nichts anderes als Imperialismus war. Der Begriff verschwand also
aus dem akademischen Diskurs. In bester stalinistischer Tradition
hörte der Imperialismus auf zu existieren.23
Nach dem Ende des Kalten Krieges eröffnen sich ganz neue Möglichkeiten. Wirtschaftliche und politische Krisen, die wie die Eskalation der Gewalt im Nahen Osten und der Zusammenbruch der
Rohstoffmärkte in Afrika vor allem die Folge postkolonialer
Entwicklungen sind, liefern dem Imperialismus eine nachträgliche
Rechtfertigung. Zwar bleibt das Wort selbst unaussprechlich, aber
die Intellektuellen sowohl konservativer als auch liberaler
Provenienz greifen gern und ungeniert die »Zivilisation« als
euphemistische
Umschreibung
auf.
Vom
italienischen
Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi, der kryptofaschistischen
Kreisen nahe steht, bis zu dem liberalen britischen Journalisten und
Verleger Harold Evans teilen die neuen Imperialisten eine Weltsicht,
die auf der unausgesprochenen Distanzierung von denen basiert, die
»nicht zivilisiert«, also minderwertig sind und die die westlichen
»Werte«, insbesondere das gottgegebene Recht zur Unterdrückung
und Ausbeutung, bedrohen könnten.
Der neue Imperialismus hat viele Vordenker, aber das
überzeugendste Modell liefert Zbigniew Brzezinski, Berater etlicher
amerikanischer Präsidenten und einflussreichster Guru in
Washington, in seinem 1997 erschienenen Buch Die einzige
Weltmacht. Amerikas Strategie der Vorherrschaft, das für die Bush-Riege
und ihre Ideologen offenbar zur Bibel geworden ist. »Seit die
Kontinente vor ungefähr 500 Jahren miteinander in Verbindung
traten«, heißt es darin, »war Eurasien das Machtzentrum der Welt.«24
Unter Eurasien versteht Brzezinski alles, was sich östlich von
Deutschland und Polen bis an den Pazifischen Ozean erstreckt, einschließlich des Mittleren Ostens und fast des gesamten indischen
Subkontinents. Der Schlüssel zur Macht über diese gewaltige
Landmasse liegt in Zentralasien. Politische Dominanz in
Turkmenistan, Usbekistan, Tadschikistan und Kirgisistan würde den
Vereinigten Staaten nicht nur Zugang zu noch unerschlossenen
Energievorräten und anderen Bodenschätzen verschaffen, sondern
auch einen »Wachposten«, von dem aus sie ihre Ölinteressen am
Persischen Golf sichern können.25 »Was hat größere Bedeutung für
die Weltgeschichte«, fragt Brzezinski, »die Taliban oder der
Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums? Einige muslimische
Hitzköpfe oder die Befreiung Zentraleuropas?« Die »muslimischen
Hitzköpfe« haben ihm am 11. September 2001 eine Antwort gegeben.
Mit der wirtschaftlichen Abhängigkeit der früheren Supermacht
vom Westen ist Brzezinski zufolge das wichtigste Ziel erreicht. Nach
dem Zerfall der Sowjetunion, so schreibt er, konnten die USA russische Vermögenswerte in Höhe von 300 Milliarden Dollar an sich
bringen und damit die Währung destabilisieren, sodass dem
geschwächten Russland nichts anderes übrig blieb, als sein
wirtschaftliches und politisches Heil in Europa und nicht in
Zentralasien zu suchen.26 »Regionalen Kriegen als Antwort auf den
Terrorismus« misst Brzezinski keine große Bedeutung bei. Sie sind
für ihn lediglich der Beginn eines letzten großen Konflikts, der
unausweichlich dazu führt, dass sich nationalstaatliche Regierungen
auflösen und die Vereinigten Staaten in der Welt die Vorherrschaft
übernehmen.
Die »neue Ordnung«, in der die Nationalstaaten aufgehen, ist ausschließlich von wirtschaftlichen Interessen bestimmt, wie sie von den
internationalen Banken und Konzernen und von dem kleinen Kreis
der Herrschenden diktiert werden, denen es darum geht, ihre Macht
(durch Manipulation und Krieg) zu erhalten. Er schreibt: »Um es in
einer Sprache auszudrücken, die in die raueren Zeiten der
klassischen Weltreiche zurückgreift: Die obersten Gebote einer
imperialen Geostrategie lauten, erstens konspirative Aktivitäten in
den
Vasallenstaaten
zu
unterbinden
und
diese
in
sicherheitspolitischer Abhängigkeit zu halten, sich zweitens den
Gehorsam der tributpflichtigen Staaten zu sichern und ihnen Schutz
zu gewähren und drittens zu verhindern, dass sich die Barbaren
zusammentun können.«27
Vielleicht konnte man das einmal als eine Stimme von rechts
außen abtun, aber Brzezinski repräsentiert durchaus die politische
Mitte. Er war Jimmy Carters Sicherheitsberater, und der Einfluss,
den er auf Bush senior und Bill Clinton hatte und heute auf Bush
junior hat, ist nicht zu unterschätzen. Zu seinen Protegés gehören
Madeleine Albright und John Negroponte, eine der Schlüsselfiguren
des amerikanischen Terrors in Mittelamerika und heute UNBotschafter der Bush-Regierung. In seiner Funktion als Botschafter in
Honduras unterstützte Negroponte die als Bataillon 3-16 bekannten
Todesschwadronen des Regimes, die für zahlreiche Morde unter der
Bevölkerung verantwortlich waren und die demokratische
Opposition buchstäblich auslöschten. Darüber hinaus zog er die
Fäden im CIA-geschürten Terrorkrieg der »Contras« gegen das
benachbarte Nicaragua. Einen Monat nach den Anschlägen auf das
World Trade Center erklärte Negroponte in einem Schreiben an den
Sicherheitsrat der Vereinten Nationen, Amerika sehe sich »aus
Gründen der Selbstverteidigung gezwungen, weitere Maßnahmen in
Bezug auf andere Staaten zu ergreifen«. Es war eine Vorwarnung an
die Welt.28
Acht Monate später räumte Bush alle Unklarheiten über die
Absichten der US-Regierung aus. »Wenn wir warten, bis die
Gefahren Realität geworden sind, haben wir zu lange gewartet«,
erklärte er in einem Interview. »In der Welt, in der wir heute leben,
ist der einzig sichere Weg der Weg des Handelns. Und unsere
Nation wird handeln.«29
Es fehlte nur das Wort »Öl«. Die kaum verhohlenen Absichten der
USA fußen auf dem Wissen, dass die Ausschöpfung der
Ölressourcen der Welt in zehn Jahren, vielleicht sogar schon früher,
ihren Höhepunkt erreicht haben und danach um täglich zwei
Millionen Barrel zurückgehen wird. Eine vom Rat für Auswärtige
Beziehungen und vom Baker-Institut für Öffentliche Politik
finanzierte Studie aus dem April 2001 geht darauf ein, welche
Bedeutung dieser Rückgang für die Weltmacht USA haben wird.
»Die Welt«, heißt es hier in Strategic Energy Policy Challenges for the
21st Century, »nähert sich dem kritischen Moment, in dem sie ihre
gesamte Ölförderungskapazität ausschöpft.«30 Sollte die weltweite
Nachfrage nach Öl weiter ansteigen, könnten die USA durch
Energieversorgungsengpässe auf den Stand eines »armen
Entwicklungslandes« zurückfallen. Nur ein Land im Nahen Osten,
erfahren wir weiter, verfüge über das Potenzial, die Produktion zu
steigern: der Irak, das Land mit den zweitgrößten Ölreserven der
Welt. Bushs Gerede von den Massenvernichtungswaffen lenkt vom
eigentlichen Problem ab. Der Treibstofftank der Supermacht, die
vom Öl und von Erdölprodukten abhängig ist, ist fast leer. 60
Prozent des Erdölverbrauchs in den Vereinigten Staaten gehen allein
auf das Konto von Transport und Verkehr. Und wie Bush senior
einmal gesagt hat: »Der amerikanische Lebensstil steht nicht zur
Debatte.«31
Die unsichtbare Faust
D
ie unsichtbare Hand des Marktes«, schreibt der für
außenpolitische Themen zuständige Kolumnist der New York
Times, Thomas Friedman, »kommt nicht ohne eine unsichtbare Faust
aus. McDonald's könnte seine lukrativen Geschäfte nicht machen,
wenn es McDonnell Douglas, den Hersteller der F-15, nicht gäbe.
Und die unsichtbare Faust, die dafür sorgt, dass die Welt ein sicherer
Ort für den Technologieexport aus dem Silicon Valley bleibt, nennen
wir US Army, Air Force und Navy.«32
Die eigentliche Macht der Vereinigten Staaten wird oft als ökonomische interpretiert: ein Staat, der über mehr als ein Drittel der Rohstoffe der Welt verfügt und in dem Großkonzerne wie Microsoft und
Motorola, Ford und Coca-Cola mehr Einfluss haben als die Regierenden. Diese populäre Sichtweise ist nicht zuletzt auch unter
Globalisierungsgegnern verbreitet. »Regierungen spielen nur noch
die Rolle beflissener Lakaien für die Großindustrie«, schreibt die
Ökonomie-professorin und ehemalige Weltbankmitarbeiterin
Noreena
Hertz,
die
zu
den
Aushängeschildern
der
Antiglobalisierungsbewegung gehört, und nennt als Beispiel für die
Machtverschiebung in den Vereinigten Staaten »George W. Bushs
peinliche Unterwürfigkeit gegenüber den großen Energiekonzernen«.33
Die Illusion eines geschwächten Staats ist der Dunstschleier, mit
dem die Architekten der »neuen Ordnung« ihr Tun vernebeln.
Margaret Thatcher strebte die Konzentration der Exekutivmacht an,
während sie nach außen hin das Gegenteil behauptete; und Tony
Blair folgt ihrem Beispiel. Bei der Europäischen Union geht es allein
um die Erweiterung der Grenzen eines »Superstaates«. Auch das
totalitäre China hat, indem es sich dem »freien« Markt öffnete,
zugleich seinen riesigen Staatsapparat gefestigt.
Aber der amerikanische Staat hat alle anderen in den Schatten gestellt. Es war die vom Krieg nicht in Mitleidenschaft gezogene
Siegermacht USA, die 1944 auf einer Konferenz in Bretton Woods in
New Hampshire die Parameter einer »globalen Wirtschaft« absteckte
und damit dem amerikanischen Militär und den Großkonzernen
uneingeschränkten Zugriff auf Bodenschätze, Öl, Märkte und billige
Arbeitskräfte sicherte. Weltbank und Internationaler Währungsfonds
wurden als Instrument der Durchsetzung dieser Strategie gegründet.
Beide Institutionen haben ihren Sitz in Washington und hängen an
der Nabelschnur der US-Notenbank. Über das Stimmrecht ihrer
Mitglieder entscheidet ihr Reichtum: So haben die USA stets das
Sagen. Der Präsident der Weltbank ist immer ein Amerikaner.
All das steht im Einklang mit George Kennans historischer
Aussage über die »wirkliche Aufgabe« der USA, nämlich den
wirtschaftlichen Vorsprung zum Rest der Welt beizubehalten und
sich keine Gedanken mehr zu machen über »Menschenrechte,
Verbesserung des Lebensstandards oder Demokratisierung«. In
Bretton Woods wurde der Grundstein gelegt für die Globalisierung
der Armut und für die Praxis, Schulden als Druckmittel zu
gebrauchen. Als der Ökonom John Maynard Keynes, der
Großbritannien in Bretton Woods repräsentierte, eine Besteuerung
der Gebernationen vorschlug, wodurch verhindert werden sollte,
dass arme Länder in eine unentrinnbare Schuldenfalle gerieten,
winkten die Amerikaner ab und drohten damit, Großbritannien die
dringend benötigten Kriegskredite zu verweigern, sollte es auf
dieser Forderung beharren. Ein gutes halbes Jahrhundert später hat
sich die Kluft zwischen den reichsten und den ärmsten 20 Prozent
der Menschheit verdoppelt, und eine privilegierte Minderheit von
weniger als einer Milliarde Menschen verfügt über 80 Prozent des
globalen Reichtums. Mit ihren »Strukturanpassungsprogrammen«
haben die von Washington gesteuerten Institutionen ein hoch
verschuldetes Weltreich geschaffen, das größer ist als das British
Empire in seinen besten Tagen.
»Globalisierung bedeutet nicht, dass der Staat ohnmächtig ist«,
schreibt der russische Wissenschaftler und Regimekritiker Boris Kagarlitsky, »sondern dass er sich seiner sozialen Verantwortung
entzieht und dass repressive Maßnahmen die demokratischen
Freiheiten der Bürger immer mehr beschneiden.«34 Seit den 80er
Jahren orientieren sich auch sozialdemokratische Regierungen
zunehmend am amerikanischen Vorbild und entledigen sich ihrer
»sozialen Aufgaben«. Die logische Folge ist ein immer repressiveres
politisches Klima. Als der US-Kongress kurz nach dem 11.
September den so genannten Patriot Act verabschiedete, betrat er
einen Weg, an dessen Ende ein Polizeistaat steht. Das in über 200
Jahren gewachsene konstitutionelle Kontrollsystem der checks and
balances wurde aufgeweicht und teilweise ausgehebelt.
Arabischstämmige Amerikaner wurden verhaftet und ohne
Gerichtsverfahren festgehalten; bis heute verweigert das
Justizministerium jede Auskunft über die Anzahl der Inhaftierten.
Per Exekutivbefehl ordnete George W. Bush die Einrichtung
geheimer Militärtribunale an, die es dem amerikanischen Staat
ermöglichen, Angehörige anderer Nationen in aller Stille
anzuklagen, zu inhaftieren oder hinzurichten, ohne dass ihnen die
Möglichkeit einer Revision oder einer Berufung zugestanden wird.
Zum ersten Mal seit 1861 wird das Grundrecht der Habeas-CorpusAkte außer Kraft gesetzt. FBI-Beamte dürfen in öffentliche
Bibliotheken gehen und überprüfen, was die Leute lesen.
Universitätsangestellte werden aufgefordert, Fakultätsmitglieder zu
melden, die »subversive Tendenzen« an den Tag legen.
»Es ist so weit gekommen«, schreibt der Washington-Korrespondent Andrew Stephen im New Statesman, »dass Journalisten, die sich
als liberal begreifen, über das Für und Wider des Folterns von
Häftlingen diskutieren und zu dem Schluss kommen, dass es unter
den gegebenen außergewöhnlichen Umständen durchaus vertretbar
sei.«35 Da werden Erinnerungen an die staatlich verordnete Paranoia
der McCarthy-Ära wach, die in den 50er Jahren das innen- und
außenpolitische Klima in den Vereinigten Staaten bestimmte und
dazu führte, dass verfassungsmäßig garantierte Bürgerrechte außer
Kraft gesetzt wurden. Getrieben von totalitären Fantasien, die so
amerikanisch sind wie der 4. Juli, haben sich die Vereinigten Staaten
zu einer Plutokratie entwickelt.
Die nicht gewählte Bush-Clique setzt sich aus echten
Fundamentalisten zusammen, allesamt Erben der baptistischen
Brüder John Foster und Alan Dulles, die in den 50er Jahren als
Außenminister und Leiter der CIA eine Reformregierung nach der
anderen – Iran, Irak, Guatemala – zerschlugen und internationale
Verträge wie die Genfer Indochina-Vereinbarungen von 1954
aufkündigten. Im Unterschied zu den 50er Jahren, als das
amerikanische Kapital übermächtig und die potenziellen Rivalen
Europa, Asien und die Sowjetunion wirtschaftlich geschwächt
waren, können die USA John Rees zufolge »die wirtschaftliche
Stabilität des Systems [einer globalen Marktwirtschaft] heute nicht
mehr garantieren. Und die sozialen und politischen Verwerfungen,
die sich aus dieser Tatsache ergeben, sind eine ständige Bedrohung
der amerikanischen Macht.«36
Der gefährlichste und unberechenbarste Faktor ist die wirtschaftliche Ungleichheit, die uns die Globalisierung beschert hat, mitsamt
den daraus folgenden Unruhen. Die Notlage der LDC-Staaten (Least
Developed Countries), also der am wenigsten entwickelten Länder –
oder auch, in der neuen Sprache der Macht, der »Versagerstaaten« –,
war 1991 Gegenstand einer UN-Konferenz in Paris, in deren Folge
ein umfangreiches und ambitioniertes Hilfsprogramm ins Leben
gerufen werden sollte. So stand es zumindest auf dem Papier.
Mehr als ein Jahrzehnt später hat sich praktisch keine der in Paris
gemachten Versprechungen erfüllt. Den ärmsten Ländern geht es
heute schlechter als 1990, und die Behauptung, durch
»Liberalisierung«
und
»Sickereffekte«
werde
»Wohlstand
geschaffen«, ist der blanke Hohn. In Wahrheit ist die Zahl der armen
Länder, in denen fast die Hälfte der Bevölkerung mit weniger als
einem Dollar am Tag auskommen muss, größer geworden. Die
durchschnittliche Lebenserwartung liegt dort um 25 Jahre niedriger
als in den Industriestaaten; in Afghanistan werden nur wenige
Menschen älter als 40.
Die Weltbank räumt mittlerweile ein, dass nur wenige der ärmsten
Länder das beim Millenniumsgipfel gesetzte Ziel der »Armutsverringerung« bis zum Jahr 2015 erreichen werden. Die »Strukturanpassungsprogramme«, die aus Privatisierung, Verschuldung und
Abschaffung öffentlicher Dienstleistungen bestehen, haben einen
großen Teil der Weltbevölkerung in noch größere Armut und
Verbitterung gestürzt.37
Den Ärmsten dieser Welt dämmert allmählich, dass die
Entscheidung darüber, ob sie und ihre Familien leben oder sterben,
nach dem Triage-System gefällt wird. Triage nennt man in
Kriegszeiten die Einteilung der Verwundeten in solche, die
vermutlich überleben werden und daher behandelt werden, und
solche, die man sterben lässt. Wenn Einfuhrzölle auf Betreiben des
IWF abgeschafft und Nahrungsmittel-und Treibstoffsubventionen
gestrichen werden, wissen Kleinbauern und Menschen ohne
Landbesitz, dass man sie für entbehrlich hält. Sie vergrößern fortan
das Heer der 750 Millionen, die kaum oder keine Arbeit haben.38
Einer Schätzung des World Resources Institute nach sterben jährlich
13 bis 18 Millionen Kinder; im Entwicklungsbericht der Vereinten
Nationen wird die Zahl von zwölf Millionen Kindern unter fünf
Jahren genannt – ein hoher Preis für die Globalisierung.39 »Warum
wird den 100 Millionen Menschen, die in den offiziellen Kriegen des
20. Jahrhunderts gestorben sind, mehr Beachtung geschenkt als der
Sterberate der Kinder, die seit 1982 Jahr für Jahr den
Strukturanpassungsprogrammen zum Opfer fallen?«40 Diese Frage
wirft der australische Politikwissenschaftler Michael McKinley auf,
wobei er sich die Sichtweise des bekannten Ökonomen Lester C.
Thu-row zu Eigen macht, dass »diese Tragödie der Menschheit keine
Metapher und kein Gleichnis des Krieges, sondern Krieg im
eigentlichen Sinne« sei.41
Gegen diesen hat sich weltweit Widerstand von bisher unbekanntem Ausmaß formiert: von der Bewegung der Landlosen in Brasilien
über Kampagnen gegen die Privatisierung in Afrika und Asien bis
hin zu den großen Protestkundgebungen wie in Seattle und Genua.
Ihnen allen liegt das Gefühl vieler Menschen zugrunde, wie im Krieg
unter Besatzung zu leben. Ein Freund, der für kurze Zeit
Premierminister eines der ärmsten Länder der Welt war, erzählte
mir:
»Ich konnte die Leute von der Weltbank am Montag einfliegen und am
Mittwoch wieder abheben sehen. In ihren Diplomatenkoffern hatten
sie alles, was sie wissen mussten – die Modelle, nach denen unsere
Wirtschaft, ungeachtet der realen Gegebenheiten des Landes, gestaltet
werden sollte. Die ganze Zeit über saßen sie im Intercontinental
[Hotel] und tagten mit denen, die ihnen sagten, was sie hören wollten.
Mit dem IWF war es das Gleiche. Die britische Regierung ließ sich
salbungsvoll über Schuldenerlasse aus, aber letztendlich lief es darauf
hinaus, dass wir britische Waren kaufen und britische Firmen
beauftragen sollten. Profit war ein Wort, das nie ausgesprochen
wurde, aber förmlich in der Luft hing. Wenn wir auch nur
andeutungsweise durchblicken ließen, dass wir mit den Bedingungen
nicht einverstanden waren, machte man uns, zuweilen recht grob,
deutlich, dass wir keine andere Wahl hatten; als letzte Hoffnung blieb
uns nur der Bruch mit dem ganzen System.«
In diesem Geist verlief im November 2001 auch die vierte
Jahreskonferenz der Welthandelsorganisation in Doha, im Golfstaat
Katar. Obwohl die WTO 143 Mitgliedstaaten umfasst, sind nur die 21
reichsten befugt, politische Entscheidungen zu treffen, deren
Richtung meist ohnehin schon vom »Quartett« – Vereinigte Staaten,
Europäische Union, Kanada und Japan – vorgegeben ist. Die reichen
Staaten forderten eine neue Runde in der so genannten
Liberalisierung des Handels, womit nichts anderes gemeint ist als
die Befugnis, sich in die inneren Angelegenheiten armer Staaten
einmischen und diese zur Privatisierung ihrer Wirtschaft und zum
Abbau sozialer Dienstleistungen zwingen zu können. Nur die
Reichen dürfen ihre Industrie und ihre Landwirtschaft schützen, nur
sie haben das Recht, den Export von Fleisch, Getreide und Zucker zu
subventionieren, die Waren in armen Ländern zu Dumpingpreisen
auf den Markt zu werfen und auf diese Weise den Kleinbauern die
Lebensgrundlage zu entziehen. (In Indien greifen Selbstmorde unter
armen Bauern wie eine Epidemie um sich, berichtet die
Umweltaktivistin Vandana Shiva.)
Vor der Eröffnung der Konferenz beschwor der US-Handelsbeauftragte Robert Zoellick den »Krieg gegen den Terrorismus«: »Die Vereinigten Staaten wollen der Welt ein Vorbild an Offenheit sein, und
wir wissen, dass der dauerhafte Bestand unserer neuen Koalition
vom wirtschaftlichen Wachstum abhängt.«42 Er hätte es nicht
deutlicher ausdrücken können. »Wirtschaftliches Wachstum« (reiche
Elite, arme Mehrheit) ist gleich Antiterrorismus. Mark Curtis,
Historiker und Leiter der britischen Hilfsorganisation Christian Aid,
hat die Konferenz in Doha verfolgt. Er spricht von »wirtschaftlicher
Kanonenbootdiplomatie«, wenn er das »immer deutlicher zutage
tretende Muster der Drohungen und Einschüchterungen armer
Länder« beschreibt. »Es war empörend«, sagt er. »Die reichen
Länder haben ihre Macht im Interesse der Großindustrie eingesetzt.
Darüber, dass die großen Konzerne die Armut mit verursachen,
wurde kein Wort verloren. Es war wie eine Malariakonferenz, auf
der man die Stechmücke nicht erwähnen darf.«43 »Wenn ich zu
deutlich werde«, erklärte ein afrikanischer Delegierter im Interview,
»rufen die USA meinen Minister an und sagen, ich hätte die
Vereinigten Staaten angegriffen. Meine Regierung würde nicht
einmal fragen: ›Was hat er denn gesagt?‹, sie würden mir einfach
morgen ein Ticket schicken ... Also halte ich den Mund, um unseren
Herrn und Meister nicht gegen mich aufzubringen.«44 Haiti und der
Dominikanischen Republik drohten die Vereinigten Staaten für den
Fall, dass die armen Nachbarn die neue »Freihandelsrunde« boykottieren sollten, die Streichung aller Wirtschafts- und Exporthilfen an.
Die britische Regierung versprach in Doha vollmundig, 20 Millionen Pfund bereitzustellen, die den armen Ländern helfen sollten,
»ihre Handelspolitik neu zu formulieren und sich in der WTO zu
engagieren« – ein Angebot, das von Handelsministerin Baroness
Symons als ein »Paket neuer Maßnahmen« angepriesen wurde. Die
Regierung Blair hatte bereits mit statistischem Blendwerk
aufgewartet, als sie die gleichen »neuen Ausgaben« für
Gesundheitswesen und Bildungssektor immer wieder von neuem
angekündigt hatte. Die »neuen« 20 Millionen Pfund für die armen
Länder waren zuerst im Dezember 2000 und dann nochmals im
März 2001 in Aussicht gestellt worden. In ihren Erklärungen sprach
die mittlerweile zurückgetretene Entwicklungshilfeministerin Clare
Short von einer »Verdoppelung« der britischen Hilfsleistungen.45
Eine glatte Lüge. Der Name ihres Ministeriums entstammt
demselben Orwellschen Lexikon wie Blairs »moralische«
Bombenangriffe.
Wie groß die Bemühungen des Westens wirklich sind, den armen
Ländern durch Schuldenerlasse und Reduzierung der Armut
generell zu helfen, lässt sich an den Statistiken zur Entwicklungshilfe
ablesen. Zwar haben sich die Mitglieder der Vereinten Nationen
darauf geeinigt, dass die reichsten Staaten mindestens 0,7 Prozent
ihres Bruttosozialprodukts an echter Entwicklungshilfe bereitstellen
sollen, aber in Großbritannien sind dies nur 0,34 Prozent, und die
USA fallen mit ihren 0,19 Prozent kaum ins Gewicht.
Zwei Beispiele verdeutlichen das Bild. Aus einem internen Bericht
des Ministeriums von Clare Short geht hervor, dass die britische Regierung die Zahlung von Entwicklungshilfe für eine Wasseraufbereitungsanlage in Ghana von der Privatisierung der Wasserversorgung
abhängig gemacht hat. Daraus folgt, dass mindestens ein britischer
multinationaler Konzern an dem Projekt verdient, während sich der
Wasserpreis für die Ärmsten mit Sicherheit verdoppelt.46 Im Jahr
2000 billigte der US-Senat den ärmsten Ländern ein Almosen von 75
Millionen Dollar zu, ein Zehntel dessen, was ein B-52 -Bomber
kostet. Im gleichen Atemzug wurde das kolumbianische Militär, das
für massive und systematische Menschenrechtsverletzungen
verantwortlich gemacht wird, mit 1,3 Milliarden Dollar bedacht.
***
Seit dem 11. September ist die »unsichtbare Hand« der
Globalisierung so stark wie nie zuvor. Die Handelskriege der
Vereinigten Staaten werden jetzt unter dem Damoklesschwert einer
ständig drohenden militärischen Intervention geführt, die in jedem
x-beliebigen Land und ohne rechtliche Grundlage stattfinden
könnte. Dies bestätigt eindrucksvoll eine Broschüre, die das USWeltraumkommando unter dem Titel Vision for 2020 herausgegeben
hat:
»Historisch gesehen sind militärische Streitkräfte entstanden, um
nationale – militärische wie wirtschaftliche – Interessen und Investitionen zu schützen. Mit wachsender Bedeutung der Handelsbeziehungen bauten die Staaten eigene Kriegsflotten auf, um ihre Handelsinteressen zu verteidigen und zu fördern. Als die Vereinigten
Staaten ihr Territorium bis an die Westküste ausweiteten, wurden zum
Schutz von Planwagentrecks, Siedlungen und Eisenbahnlinien neue
Stützpunkte eingerichtet und die Kavallerie eingesetzt. Nach dem
gleichen Prinzip bildet sich nun eine Weltraummacht heraus... Obwohl
es aller Wahrscheinlichkeit nach nicht zu einem Kräftemessen mit
einer gleichrangigen Weltmacht kommen wird, werden sich die USA
regionalen Herausforderungen stellen müssen. Die Globalisierung der
Weltwirtschaft wird weiter voranschreiten und die Kluft zwischen
›Besitzenden‹ und ›Besitzlosen‹ wird immer größer werden.«
Diesen Herausforderungen gilt es mit einer »full spectrum dominance« zu begegnen: der Fähigkeit der kombinierten Streitkräfte,
jede Situation, jedes Terrain und jeden Gegner zu jeder Zeit zu
beherrschen. Mit Hilfe des »Weltraums als viertem Medium der
Kriegführung neben dem Land, der See und der Luft« soll »die
breiter werdende Kluft zwischen schrumpfenden Ressourcen und
zunehmenden militärischen Aktivitäten« geschlossen werden.47 Den
Vordenkern dieser Vision ist immerhin klar, dass noch so manches
auf der Erde zu erledigen ist, bevor die Fackel an den Chef des
Weltraumkommandos übergeben werden kann.
Nach dem Ende des Kalten Krieges zettelten die USA drei Kriege
an, um ihre militärische Stärke zu demonstrieren.48 Der erste spielte
sich im Dezember 1989, unmittelbar nach dem Fall der Berliner
Mauer, ab. Im Visier stand Panama, ein kleines, mittelamerikanisches Land, das für seinen Kanal und seine Armut bekannt ist.
Die Vereinigten Staaten setzten Kampfhubschrauber und
Spezialeinheiten ein, denen im ärmsten Viertel von Panama City
Tausende von Menschen zum Opfer fielen. Die US-amerikanische
Reporterin Martha Gellhorn, die ein Jahr später vor Ort
recherchierte, spricht von mindestens 8000 Toten.49 Diese Menschen,
deren Schicksal den Medien kaum einer Erwähnung wert war,
mussten für die Verhaftung des in den Drogenhandel verwickelten
Staatschefs Manuel Noriega sterben.
Unter weniger tragischen Umständen wäre die Sache ein echter
Schenkelklopfer gewesen. Noriega und George Bush senior waren
alte Freunde, sie kannten sich aus der Zeit, als Bush noch Direktor
der CIA und Noriega deren »Marionette« gewesen war. Drogen sind
bei der CIA ein Zahlungsmittel mit langer Tradition. Wie andere
befreundete Diktatoren auch verlor Noriega jedes Maß und nahm
keine Befehle mehr an. Daraufhin wurde er, ohne Rücksicht auf die
Menschen, die dadurch ihr Leben verloren, in die Vereinigten
Staaten entführt, wo er nun im Staat Florida eine lebenslängliche
Gefängnisstrafe absitzt. Das ganze menschenverachtende Theater
diente nur einem dreifachen Zweck: Die USA wollten sich die
Souveränität über den Panamakanal weiterhin sichern, indem sie
Noriega durch eine verlässlichere Marionette ersetzten. Sie wollten
ausprobieren, ob der »Krieg gegen die Drogen« als Ersatz für den
Kalten Krieg taugte. Und mit der Invasion wollten sie zudem all
jenen, die möglicherweise nach dem Ende des Kalten Krieges auch
mit dem Gedanken spielten, eigene Wege zu gehen, ihre
Entschlossenheit demonstrieren, diese eigenen Wege nicht
zuzulassen. Wie sagte Henry Kissinger doch so schön: »An
entscheidenden Schnittpunkten der Geschichte müssen die
Vereinigten Staaten in ihrer Weisheit manchmal ihr militärisches
Können unter Beweis stellen.«
Die zweite Demonstration folgte auf den Einmarsch des Irak in
Kuwait 1990. Ziel dieses Golfkriegs war es, der Welt zu zeigen, dass
die Vereinigten Staaten die Ölfelder des Nahen Ostens kontrollieren.
Und Ende 1992 kam es dann zum Militäreinsatz in Somalia. Unter
dem Codenamen »Operation Neue Hoffnung« wurde hier die
Strategie der »humanitären Intervention« getestet, die den »Krieg
gegen die Drogen« ablösen sollte. Als die Marineinfanteristen in
Somalia an Land gingen, »um den Hungernden Nahrung zu
bringen«, veröffentlichte die Time ein zweiseitiges Farbfoto, auf dem
somalische Kinder einem US-Soldaten die Hände entgegenstrecken,
um »das Geschenk Hoffnung« von ihm zu empfangen.50 Das Bild ist
gestellt; die Hungersnot war zu diesem Zeitpunkt längst beendet.
Glücklicherweise fand sich in Somalia eine teuflische Figur à la
Noriega in der Person von General Mohammed Farah Aidid. Dieser
Warlord, der sich kurz zuvor zu Verhandlungen mit UN-Vertretern
bereit erklärt hatte, war nun der Oberschurke, den die US-Truppen
»tot oder lebendig« beibringen sollten. Nur so sei der Plünderung
der Lebensmittellager Einhalt zu gebieten, hieß es aus dem
Pentagon. Es war das altbekannte Lied. Die Lager wurden
geplündert, weil die Leute nichts zu essen hatten. Und sie hatten
nichts zu essen, weil das Land ausgeblutet war nach der
mörderischen Regentschaft des ebenfalls von den USA protegierten
Diktators Mohammed Siad Barre, der, nachdem er die Seiten
gewechselt hatte, in den 80er Jahren zum Spielpartner im großen
Kampf gegen den sowjetischen Einfluss am Horn von Afrika
geworden war. Und schließlich sind da auch noch die somalischen
Ölfelder. Aidid war nur der Anführer einer von 15 Splittergruppen,
die wie die Taliban und die Nordallianz in Afghanistan danach
drängten, ein Machtvakuum zu füllen, nicht mehr und nicht weniger
räuberisch als seine Rivalen. (Gegenwärtig erhält General Aidids
Sohn Hussein finanzielle Unterstützung aus den USA, weil er den
Amerikanern angeblich den Aufenthaltsort von »Al-QaidaTerroristen« verraten kann.)
Für George Bush, der nach seiner Wahlniederlage gegen Clinton
seinen politischen Ruhestand genießen wollte, war der Einmarsch in
Somalia eine willkommene Gelegenheit, von seinen verzweifelten
Bemühungen um die Begnadigung der Leute abzulenken, die ihn
mit den Verbrechen des Iran-Contra-Skandals hätten in Verbindung
bringen können. Die »Operation Neue Hoffnung« kostete 7000 bis
10000 Somalier das Leben.51 Diese aus CIA-Kreisen stammenden
Zahlen tauchten meines Wissens nie in den Medien auf, wo vielmehr
im Mittelpunkt des Interesses der Tod von 18 US-Soldaten stand, der
später in dem Hollywoodfilm Black Hawk Down nach dem Vorbild
der verlogenen Machwerke über den Vietnamkrieg, in denen die
Eindringlinge als Opfer erscheinen, glorifiziert wurde.
Nach den Bombenangriffen gegen Afghanistan war in der außenpolitischen Kolumne des Guardian zu lesen, dies sei die
»Gelegenheit, die noch offene Rechnung für die brutale Ermordung
von 18 amerikanischen Soldaten [in Somalia] im Jahr 1993 zu
begleichen«.52 Die vielen tausend Somalier, die von den
Überbringern des »Geschenks Hoffnung« brutal ermordet worden
waren, fanden auch hier keine Erwähnung.
***
Fast ein Jahrzehnt nach dem Golfkrieg von 1991 sprach der USamerikanische Fotograf Ken Jarecke in einer BBC-Sendung über die
Praxis der »freien« Presse, Zensur durch Unterdrückung von
Informationen auszuüben. Von ihm stammt das schockierende Bild
eines Irakers, der bis zur Unkenntlichkeit verbrannt hinter dem
Steuer seines Wagens sitzt – von US-Piloten abgefackelt wie
Hunderte von Leidensgenossen auf der Straße nach Basra bei der
berüchtigten »Truthahnjagd« auf fliehende irakische Soldaten und
andere Flüchtlinge, die als »Gastarbeiter« in Kuwait zwischen die
Fronten geraten waren.
Das Bild war nur im Observer erschienen, allerdings auch dort
nicht auf der Titelseite, wo es hingehört hätte. In den Vereinigten
Staaten durfte es bis lange nach Kriegsende nicht abgedruckt
werden. Dieses eine Foto reicht, um die Mär vom »unblutigen«
Krieg, von der »sauberen« und »chirurgischen« Operation
Wüstensturm als Propagandalüge zu entlarven. »Keiner wollte sich
die Finger an meinem Foto schmutzig machen«, erzählte Jarecke.
»Sie behaupteten, es würde zu sehr unter die Haut gehen, die Leute
wollten so etwas nicht mehr sehen. Tatsache ist, dass die gesamte
US-Presse eine Mauer des Schweigens um die Folgen des Golfkriegs
und die Frage nach den Verantwortlichen gezogen hatte.«53
Man hat Jean Baudrillards These, der Golfkrieg finde nicht
wirklich statt, seinerzeit als das wirre Gerede eines weltfremden
französischen Philosophen abgetan. Phil Coles stellte im Guardian
allerdings fest, dass die durchaus einleuchtende »Grundaussage
seiner These, was er sehe, sei eine reine Medieninszenierung zu dem
Zweck, die militärische Überlegenheit der Amerikaner zu
demonstrieren, nichts von ihrer Gültigkeit verloren hat.«54
Das Medienzeitalter wird oft irrtümlich für ein Informationszeitalter gehalten, und so ist es nicht verwunderlich, dass Kriege in den
Medien ausgetragen werden. Die »offene« und gelegentlich kritische
Berichterstattung über den Vietnamkrieg war eine Lehre für die
westlichen Militärstäbe. Als George Bush senior Krieg gegen
Panama führte, konnte kein Journalist mit eigenen Augen sehen, wie
in Panama City eine Schneise der Verwüstung geschlagen wurde.
Erst später ließ man ein »Kontingent« von Journalisten anreisen,
denen weisgemacht wurde, die Slums seien nicht von USamerikanischen Kampfhubschraubern, sondern von General
Noriegas Leuten in Brand gesteckt worden. Pressekonferenzen
wurden zu propagandistischen »Events«, auf denen kurzweilige
Videos über »chirurgische« Bombenabwürfe auf angeblich
»militärische Ziele« für die rechte Einstimmung sorgten. Hier
konnten Militärsprecher alle möglichen Behauptungen aufstellen,
ohne dass die Journalisten die geringste Möglichkeit hatten, deren
Wahrheitsgehalt zu überprüfen.
Während des Golfkriegs gab es erschreckend wenige Journalisten,
die danach fragten, wie die Bilder, die man ihnen präsentierte,
zustande gekommen und wie die Videoaufnahmen geschnitten
waren. Wie die Kommentatoren zu Hause konnten sie gar nicht
genug schwärmen von der »Zielgenauigkeit der neuen Waffen«, so
die begeisterten Worte des BBC-Reporters David Dimbleby.55 In
Wahrheit waren weniger als sieben Prozent der damals eingesetzten
Waffen »intelligent«, wie das Pentagon lange nach dem Ende des
Krieges einräumte. 70 Prozent der 88500 Bomben, die auf Irak und
Kuwait abgeworfen wurden (was der Sprengkraft von sieben
Hiroshima-Bomben entspricht), verfehlten ihr Ziel deutlich, und
nicht wenige schlugen in besiedelten Gebieten ein. Entgegen der
Behauptung, die irakischen Abschussrampen für SCUD-Raketen
seien zerstört, war keine einzige getroffen worden.56 Über all das
erfuhr man in den Medien nichts. Die Journalisten gaben die Lügen,
die man ihnen auftischte, unbesehen an die Öffentlichkeit weiter.
Die Straße nach Basra, von der Ken Jareckes Foto stammte, war
nur ein Schauplatz ungezählter Massaker. Über die anderen, die
außerhalb der Sichtweite des »Pressepools« begangen wurden,
berichtete niemand. Es blieb den Journalisten verborgen, dass
amerikanische gepanzerte Bulldozer in den letzten zwei Tagen vor
dem Waffenstillstand zu meist nächtlichen Einsätzen ausrückten, um
irakische Soldaten samt der Verwundeten in ihren Schützengräben
lebendig zu begraben. Sechs Monate später war in der New York
Newsday zu lesen, dass »drei Brigaden der ersten USPanzergrenadierdivision mit auf Panzern montierten Schneepflügen
und Planierraupen Tausende irakischer Soldaten, zum größten Teil
Verwundete, auf einer Länge von mehr als 100 Kilometern in ihren
Gräben lebendig verschüttet« hatten. »Nach meiner Einschätzung
könnten wir Tausende getötet haben«, erklärte der Brigadekommandeur Oberst Anthony Moreno dazu.57
Die einzigen Bilder, die von diesen Gräueln im Fernsehen gezeigt
wurden, erschienen in einer spätabendlichen Kultursendung der
BBC, wo sie groteskerweise als Hintergrund für eine
Diskussionsrunde über die Kriegsberichterstattung dienten, deren
Teilnehmer die schockierenden Szenen auf dem Monitor hinter
ihnen gar nicht wahrzunehmen schienen.58 Die Devise des
amerikanischen Oberbefehlshabers General Schwarzkopf lautete, die
irakischen Toten nicht zu zählen.59 »Dies ist der erste moderne Krieg,
in dem über jeden Schraubenzieher und jeden Nagel Rechenschaft
abgelegt werden kann«, brüstete sich ein höherer Offizier. Und was
die Menschen angeht, so sagte er dazu: »Ich glaube nicht, dass je
einer in der Lage sein wird, die genaue Zahl der irakischen Toten zu
nennen.«60 Tatsächlich nannte Schwarzkopf Zahlen vor dem USKongress, als er von mindestens 100000 getöteten irakischen
Soldaten sprach. Über die zivilen Opfer machte er allerdings keine
Angaben.61
Einer umfassenden Studie des Medical Educational Trust in London zufolge, die kurz vor Weihnachten 1991 veröffentlicht wurde,
kamen bis zu einer Viertelmillion Männer, Frauen und Kinder bei
den von den USA geführten Angriffen auf den Irak oder als deren
Folge ums Leben.62 Dies bestätigten Schätzungen US-amerikanischer
und französischer Geheimdienste, die von »mehr als 200000 Toten«
ausgehen.63 Das schiere Ausmaß dieses Massentötens ist in der
westlichen Welt nie ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gedrungen.
Dan Rather, der bekannte Chefmoderator der CBS, hat in einer landesweit ausgestrahlten Sendung gesagt: »Es gibt eines, worüber wir
uns einig sein können: den Heldenmut der 148 Amerikaner, die ihr
Leben gelassen haben, damit die Freiheit Bestand hat.« Allerdings
waren ein Viertel dieser Männer, ebenso wie ihre britischen
Leidensgenossen, versehentlich von ihren eigenen Kameraden
getötet worden, und viele der offiziellen Zeugenberichte über den
Heldentod US-amerikanischer Soldaten waren frei erfunden.64
Wenn die Wahrheit unterdrückt wird, treten Mythen an ihre Stelle
und verbergen Wesen und Strukturen der herrschenden Macht vor
den Augen der Öffentlichkeit. Stattdessen wird der Militarismus als
moralische Instanz präsentiert. Einmal mehr war Tony Blair mit
seiner moralischen Schönfärberei zur Stelle: »Wir mögen unsere
Fehler haben«, erklärte er, »aber Großbritannien ist eine moralische
Nation mit einem ausgeprägten Sinn für Gut und Böse. Diese
moralische Stärke wird den Fanatismus der Terroristen und ihrer
Helfer besiegen.«65
Die Fanatiker, die wissentlich so vielen Menschen im Irak, in Jugoslawien und in Afghanistan den Tod gebracht haben, erwähnte er
nicht. Von einem wirklich moralischen Standpunkt aus betrachtet ist
das Leugnen dieser Verbrechen selbst ein Verbrechen. Dass das
Verbrechen mit seiner »ethischen Dimension« gerechtfertigt wird,
gibt dem Ganzen einen Orwell'schen Aspekt.
Auch wenn heute schamhaftes Schweigen darüber herrscht, hat
der frühere Außenminister Robin Cook die »ethische Dimension«
einst zu einem wichtigen Bestandteil seiner Politik erklärt. Und die
New-Labour-Regierung fuhr mit diesem geschickten Täuschungsmanöver eine Zeit lang ganz gut. Statt, wie von Cook versprochen,
»die Menschenrechte ins Zentrum der britischen Außenpolitik« zu
stellen, verfolgte sie wie gehabt Ziele, bei denen Menschenrechtsverletzungen keine Rolle spielen oder die ihnen gar Vorschub
leisten.
Die britische Rüstungsindustrie, der zweitgrößte Produzent von
Kriegsgerät nach den Vereinigten Staaten, verkauft zwei Drittel ihrer
tödlichen Waffen an Staaten, in denen die Menschenrechte mit
Füßen getreten werden. Ihr größter Kunde ist Saudi-Arabien, das
Land mit dem fundamentalistischsten islamischen Regime der Welt,
Protektor der Taliban und Heimat der meisten der 19 mutmaßlichen
Flugzeugentführer vom 11. September. In einem Untersuchungsbericht des britischen Rechnungshofes zum Al-Yamamah-Projekt (Projekt Taube), einem Waffengeschäft mit einem Umfang von 20
Milliarden Pfund, ist die Rede von »Provisionen« für den Verkauf
von Tornado-Kampfflugzeugen. 15 Millionen Pfund werden als die
übliche Summe pro Maschine genannt. In schöner Eintracht
widersetzten sich Labour-Führung und Konservative einer
Veröffentlichung des Berichts.
Großbritannien ist ein wichtiger Waffenlieferant für mindestens
fünf Staaten, in denen Bürgerkriege insgesamt fast eine Million Menschen das Leben gekostet haben. Ebenfalls auf der Liste der Kunden
stehen Länder wie Indien und Pakistan, die sich gegenseitig mit
Krieg drohen. Und die für den Völkermord in Osttimor
verantwortlichen indonesischen Militärs werden seit 20 Jahren von
Großbritannien bewaffnet.
Nachdem Blair sein Amt angetreten und Robin Cook als sein
Außenminister sein »politisches Glaubensbekenntnis« abgelegt
hatte, kam es zu einem Treffen zwischen Cook und den beiden
Friedensnobelpreisträgern des Jahres 1996, Bischof Carlos Belo und
Jose Ramos-Horta aus Osttimor. Bei diesem Anlass versicherte er,
Großbritannien würde keine Waffen liefern, die zu Repressalien der
unterdrückten Bevölkerung ihres Landes missbraucht werden
könnten. Wenig später wurde ich Zeuge eines bewegenden Appells,
den Bischof Belo anlässlich einer öffentlichen Veranstaltung in
London an die britische Regierung richtete. »Ich bitte Sie inständig«,
sagte er, »verlängern Sie nicht einen Konflikt, der ohne diese
Verkäufe weder hätte begonnen noch so lange aufrecht erhalten
werden können.« Er hätte im Namen eines großen Teils der
Menschheit sprechen können.
Die Antwort waren vermehrte Waffenlieferungen an Indonesien
unter dem Schutz der britischen Geheimhaltungsgesetze. Zum
Lieferumfang gehörten Heckler-&-Koch-Maschinengewehre, mit
denen Suhartos Spezialeinheiten in Osttimor ausgerüstet wurden,
die nachweislich für schwere Menschenrechtsverletzungen, für
Massenmorde und Folterungen verantwortlich waren.66 Am 11.
September 2001, dem Tag der Terroranschläge in den Vereinigten
Staaten, fand in den Londoner Docklands eine »Waffenmesse« statt,
zu der Vertreter etlicher für ihre Menschenrechtsverletzungen
berüchtigter Staaten, wie beispielsweise Saudi-Arabien, geistige
Heimat der Al Qaida und Geburtsland von Osama Bin Laden,
erschienen waren.
Aus Rücksicht auf die Opfer der furchtbaren Anschläge auf das
World Trade Center wurden in Großbritannien nicht nur viele
öffentliche Veranstaltungen und Sportereignisse abgesagt, sondern
auch die Jahreshauptversammlung des britischen Gewerkschaftsbundes. Nur die Waffenmesse ging ungetrübt weiter. Wenig später
erklärte Blair in einem Interview mit dem BBC-Moderator David
Frost, um die Terroristen zu besiegen, müsse man »ihren
Waffenlieferanten das Handwerk legen«. Frost gab dazu keinen
Kommentar ab.67
Für die Briten, die den modernen Waffenhandel erfunden haben,
ist es eine Glaubensfrage, dass die Geschäfte ihren gewohnten Gang
nehmen. Während George W. Bush die »Achse des Bösen«
beschwor, zu der er auch den Iran zählte, lieferte die Blair-Regierung
chemische Waffen an den Iran sowie an 25 weitere Länder, darunter
Libyen, Syrien und Israel.68
In den Vereinigten Staaten, dem Waffensupermarkt der Welt,
haben Herstellung und Verkauf von Rüstungsgütern entscheidenden
Anteil an jedem wirtschaftlichen Aufschwung. Der »militärischindustrielle Komplex« lebt gut von den Rüstungsaufträgen der
Regierung. Von jedem Dollar, den ein US-Bürger an Steuern zahlt,
fließen 40 Cent ins Pentagon, das im Haushaltsjahr 2001/2 über 400
Milliarden Dollar ausgegeben hat. Um richtig zu gedeihen, braucht
die Rüstungsindustrie Kriege. Nach dem ersten Golfkrieg nahm der
Absatz der US-amerikanischen Rüstungsindustrie um 64 Prozent zu.
Die NATO-Intervention in Jugoslawien brachte ihr Aufträge im Wert
von 17 Milliarden Dollar ein. Seit dem 11. September befindet sich
die Branche in Hochstimmung.
An dem Tag, als die Aktienmärkte nach den Anschlägen wieder
öffneten, gehörten die Rüstungsfirmen Raytheon, Alliant Tech
Systems, Northrop Gruman und Lockheed Martin zu den wenigen
Gewinnern. Die Aktien des größten amerikanischen Rüstungskonzerns Lockheed Martin, dessen wichtigste Produktionsstätte sich
in George W. Bushs Heimatstaat Texas befindet, stiegen um 30
Prozent. 1999 war mit Umsätzen von 25 Milliarden Dollar aus
Waffenverkäufen und Pentagon-Verträgen im Wert von zwölf
Milliarden Dollar ein Rekordjahr für die Firma.
Nur sechs Wochen nach den Anschlägen auf das World Trade
Center hatte Lockheed Martin bereits den größten Rüstungsauftrag
aller Zeiten an Land gezogen: einen 200-Milliarden-Vertrag über die
Entwicklung eines Kampfflugzeugs. Das Flugzeug wird in Fort
Worth, Texas, gebaut, und es wird damit gerechnet, dass mit dem
Projekt etwa 32000 neue Arbeitsplätze geschaffen werden. »Bei allen
schlechten Nachrichten dieser Tage«, verkündete ein leitender
Angestellter des Konzerns, »kann man über die Entwicklung unserer
Aktienwerte nur Gutes sagen.«69
Auch die britische Waffenindustrie erlebt seit dem 11. September
einen Boom. So konnte die Firma BAE Systems ein 40 Millionen
Pfund teures Raketenabwehrsystem an Tansania, eines der ärmsten
Länder der Welt, verkaufen. Tansania hat ein durchschnittliches ProKopf-Einkommen von 250 Dollar pro Jahr, die Hälfte der Bevölkerung hat keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser, und eines von
vier Kindern stirbt vor seinem fünften Geburtstag. Obwohl die
Weltbank von dem Geschäft abriet, kam es zustande, weil Tony Blair
höchstpersönlich intervenierte, vermutlich im Sinne seiner
missionarischen Rede über die Armut der Afrikaner, die »eine Narbe
im Gewissen der Welt« sei, wie er auf dem Labour-Parteitag
verkündet hatte.70
Zweierlei Maß
I
n den angloamerikanischen Medien, die weitgehend von den
Wächtern der offiziell genehmigten Wahrheiten beherrscht sind,
wird bei Berichten und Debatten über den neuen Imperialismus und
das Schicksal ferner Völker streng von der Prämisse ausgegangen,
dass die Vereinigten Staaten und Großbritannien Gewalt zur Lösung
zwischenstaatlicher Konflikte ebenso ablehnen wie jede Form von
Terrorismus. Die Frage lautet unweigerlich: Wie können »wir« die
Probleme mit »denen« am besten lösen?
Die offenkundigsten Wahrheiten bleiben tabu. Niemand sollte wagen zu behaupten, die britische Kolonialherrschaft habe etwas
anderes als gütiges Wohlwollen repräsentiert. Blairs Versuche, die
imperialistischen Tendenzen der Gegenwart zu verschleiern, liefern
auch eine Rechtfertigung für vergangene Zeiten. Medien und
Wissenschaft halten sich im Allgemeinen an die offizielle Linie. So
haben beispielsweise Journalisten, wenn sie über das
Apartheidsregime in Südafrika berichteten, selten erwähnt, dass
Großbritannien entscheidend zur Entstehung dieses Systems
beigetragen hat. Die Strategie, die das britische Militär in den 50er
Jahren in Malaya verfolgte, nahm das Vorgehen der US-Truppen in
Vietnam vorweg: Gefangenen wurde die Nahrung verweigert, ganze
Dörfer wurden in Konzentrationslager verwandelt, und mehr als
einer halben Million Menschen wurde alles genommen, was sie
besaßen.
Wenn US-Maschinen Ziele im Nahen Osten und in Zentralasien
bombardieren, werden sie auf der Insel Diego Garcia aufgetankt. In
den Nachrichten wird die Insel häufig als »unbewohnt« bezeichnet,
aber es wird nie erklärt, warum das so ist. 1966 wurde die gesamte
Inselbevölkerung unter absoluter Geheimhaltung und gegen die Beschlüsse der Vereinten Nationen auf Anweisung der britischen
Regierung unter Harold Wilson aus ihrer Heimat deportiert und die
Insel selbst als Atommülllager und Militärstützpunkt an die USA
verpachtet. Erst als einige der Betroffenen im Jahr 2000 vor dem
Obersten Gerichtshof Großbritanniens einen Prozess anstrengten
und
gewannen,
nahmen
die
britischen
Medien
die
völkerrechtswidrige Vertreibung und das leidvolle Schicksal dieser
Menschen im darauf folgenden Exil überhaupt zur Kenntnis.
Ebenfalls tabu ist die lange Geschichte der USA als terroristischer
Staat und sicherer Zufluchtsort für Terroristen. Kaum einer wagt
darüber zu sprechen, dass die USA der einzige Staat sind, der je vom
Internationalen Gerichtshof wegen terroristischer Aktivitäten in
einem anderen Land (Nicaragua) verurteilt wurde, oder dass die
USA Veto gegen eine Resolution des UN-Sicherheitsrats eingelegt
haben, mit der sich die Mitgliedsstaaten zur Einhaltung des
Völkerrechts verpflichten sollten. Dass sich solche Dinge dem Blick
der Öffentlichkeit entziehen, ist nicht die Folge einer Verschwörung.
Die meisten Journalisten beginnen schon am Anfang ihrer Laufbahn
unbewusst, sich den inneren Zwängen der Institution, für die sie
arbeiten, zu unterwerfen, nur wird es ihnen, anders als in autoritären
Gesellschaftssystemen, nicht direkt vom Staat abverlangt. Den
meisten Journalisten oder Journalistikstudenten ist nicht einmal
bewusst, wie die Schere in ihren Kopf geraten ist. Sie sitzt umso
tiefer, weil sich der Vorgang unbewusst vollzieht. Es gehört fast
schon zum Berufsethos, Verbrechen des Westens herunterzuspielen
und über andere Länder nur unter dem Aspekt ihres Nutzens für
den Westen zu berichten.
Es gibt seltene flüchtige Momente, die entlarvend sind. Ende 2001
erregte Denis Halliday, der UN-Koordinator für humanitäre Hilfe im
Irak, der sein Amt lieber niedergelegt hat, als sich länger zum
Verwalter der »an Völkermord grenzenden Sanktionen« gegen das
Land zu machen, in einer BBC-Sendung das Missfallen des
Moderators Michael Buerk. »Sie wollen doch wohl Saddam Hussein
und George Bush [senior] moralisch nicht auf eine Stufe stellen,
oder?«, entrüstete sich Buerk, nachdem Halliday vom sinnlosen
Gemetzel der US-Truppen am Golf gesprochen hatte.71 Dass die
Verbrechen des Westens in der jüngeren Geschichte Saddam, so
Halliday, »wie einen Waisenknaben aussehen lassen«, ist ein
weiteres Tabuthema.
Richard Falk, Politikprofessor an der Universität Princeton, hat
hierfür eine Erklärung. Westliche Außenpolitik wird in den Medien
durch einen »selbstgerechten, rechtlich-moralisch einseitigen Filter
betrachtet, wobei westliche Werte in positiven Bildern und Unschuld
als bedroht dargestellt werden, sodass ein Feldzug zügelloser
Gewalt gerechtfertigt erscheint.«72
1998 hielt Bill Clinton vor den Vereinten Nationen eine Rede über
den internationalen Terrorismus. »Was ist unsere globale Verantwortung?«, fragte er und wusste auch eine Antwort: »Dem Terrorismus keine Unterstützung, keine Zuflucht zu gewähren.« Nach
dem 11. September 2001 bediente sich George W. Bush fast der
gleichen Worte: »Im Krieg gegen den Terrorismus werden wir die
Übeltäter jagen, wo immer sie sich aufhalten, egal wie lange es
dauert.«73 Eigentlich hätte er nicht lange zu suchen brauchen, denn
in den Vereinigten Staaten werden mehr Terroristen ausgebildet,
gefördert und geschützt als in jedem anderen Land, darunter
Massenmörder, Folterknechte, verflossene und künftige Tyrannen
und Kriminelle aller Art, die der Beschreibung des Präsidenten
entsprechen. Die US-amerikanische Öffentlichkeit weiß von alldem
kaum etwas.
Flugzeugentführungen werden, seit dem 11. September mehr denn
je, als das schwerste aller Verbrechen betrachtet. Dass hier mit
zweierlei Maß gemessen wird, beschreibt William Blum in seinem
Buch Rogue State: »Obwohl im Lauf der Jahre immer wieder mit
Waffengewalt und ohne Rücksicht auf Menschenleben Schiffe und
Flugzeuge von Kuba in die Vereinigten Staaten entführt wurden, ist
es schwierig, mehr als einen einzigen Fall zu finden, in dem die
Entführer in den Vereinigten Staaten vor Gericht gestellt wurden.«74
Schließlich richteten sich diese Entführungen gegen den Erzfeind
Castro.
Kein US-Bundesstaat bietet Terroristen so bereitwillig Unterschlupf
wie das vom Präsidentenbruder Jeb Bush regierte Florida. Über ein
für Florida typisches Verfahren gegen drei Terroristen, die ein
Flugzeug mit Waffengewalt entführt hatten, schreibt Blum: »Das ist
so, als würde man in Nevada jemanden wegen Glücksspiels vor
Gericht stellen. Zwar wurde der Pilot des entführten Flugzeugs
eigens aus Kuba eingeflogen, um gegen die Täter auszusagen, aber
der Verteidiger präsentierte ihn den Geschworenen einfach als
Lügner, und nach weniger als einer Stunde verließen die
Angeklagten den Gerichtssaal als freie Männer.«75
Der frühere guatemaltekische Verteidigungsminister Hector Gramajo Morales wurde als Verantwortlicher für die Folterung einer
amerikanischen Nonne und das Massaker an einer achtköpfigen
Familie von einem US-Gericht zur Zahlung einer Summe von 47,5
Millionen Dollar verurteilt. »Die Beweise lassen keinen Zweifel
daran«, sagte der Richter, »dass Gramajo für die Planung und
Durchführung einer willkürlichen Terrorkampagne gegen Zivilisten
verantwortlich ist.« Gramajo ist Absolvent der renommierten
Kennedy School of Government in Harvard, wo er mit einem
Stipendium der US-Regierung studiert hat. Er wurde niemals
verhaftet und behauptete nach seiner Rückkehr in sein Heimatland,
er habe sich auf »eher humanitäre Weise« um Gegner des Regimes
gekümmert.76
Der frühere General Jose Guillermo Garcia lebt seit langem in Florida. Als Militärchef von El Salvador war er in den 80er Jahren für
die Ermordung Tausender Menschen durch Todesschwadronen
verantwortlich, die mit den regulären Truppen in Verbindung
standen. Auch Garcias Amtsnachfolger, General Carlos Vides
Casanova, der die ge-fürchtete Nationalgarde befehligte, hat in Jeb
Bushs »Sonnenscheinstaat« eine neue Heimat gefunden. »Einem
Bericht der UN-Wahrheitskommission über El Salvador zufolge«,
schreibt Blum, »deckte Vides die Männer, die im Jahr 1980 drei USamerikanische Nonnen und eine Laienschwester vergewaltigt und
ermordet hatten. Mindestens zweimal war er persönlich anwesend,
als Juan Romagoza von Folterern so schwer verletzt wurde, dass er
seinen Beruf als Chirurg später nie mehr ausüben konnte.«77
Der haitianische Diktator General Prosper Avril ließ die übel zugerichteten Opfer seiner Folterungen gerne im Fernsehen vorführen.
Als er gestürzt wurde, flog ihn die US-Regierung eilends nach
Florida aus. Der berüchtigte Anführer der haitianischen
Todesschwadronen, Ema-nuel Constant, dessen Schlägertruppen
Haiti terrorisierten und ihre Opfer mit Macheten zu verstümmeln
pflegten, lebt unbehelligt in New York. Armando Fernandez Larios,
Mitglied der Mordkommandos, die nach dem Sturz Salvador
Allendes im Jahr 1973 für die Folterungen und Hinrichtungen in
Chile verantwortlich waren, hat vom FBI im Rahmen des
Zeugenschutzprogramms in Miami eine neue Identität bekommen.
Der argentinische Admiral Jorge Enrico, prominente Persönlichkeit
im »schmutzigen Krieg« der 70er Jahre, als Tausende von
Regimegegnern grausam gefoltert wurden oder spurlos
verschwanden, verbringt seinen Lebensabend auf Hawaii. Thiounn
Prasith, Pol Pots Botschafter bei den Vereinten Nationen, hat sich in
Mount Vernon im Bundesstaat New York niedergelassen. In den
80er Jahren sprach ich in Kalifornien mit vier Vietnamesen, die in der
Endphase des Vietnamkriegs im Rahmen der Geheimdienstoperation
Phoenix
Morde
an
Angehörigen
und
Sympathisanten des Vietcong verübt hatten. Einer von ihnen betrieb
einen Schnellimbiss. Er schien mit seinem Leben ganz zufrieden zu
sein.
Alle oben genannten Personen haben eines gemein: Sie haben ihre
Terrorakte direkt im Dienst der US-Regierung verübt oder
zumindest die Schmutzarbeit für diese erledigt. Die von der CIA
geplante, finanzierte und geleitete Operation Phoenix beispielsweise
hat bis zu 50000 Menschen das Leben gekostet.
Um die Trainingslager der Al Qaida in Afghanistan, erklärtes Ziel
der US-amerikanischen Bombenangriffe, wurde ein Riesenwirbel gemacht. Doch sie waren ein Kindergarten im Vergleich zur weltweit
führenden Terrorismusakademie in Fort Benning im US-Staat Georgia. In dieser Institution, bis vor kurzem als School of the Americas
bekannt, haben mehr als 60000 lateinamerikanische Soldaten,
Polizisten, Paramilitärs und Geheimdienstagenten ihr Handwerk
erlernt. 40 Prozent der guatemaltekischen Kabinettsmitglieder in den
mörderischen Regierungen von Lucas Garciá, Rios Montt und Mejía
Victores waren Absolventen der Schule.78
1993 nannte die UN-Wahrheitskommission die Namen der Armeeoffiziere, die für die schlimmsten Gräueltaten im salvadorianischen
Bürgerkrieg verantwortlich waren. Zwei Drittel von ihnen waren in
Fort Benning ausgebildet, unter anderen auch Roberto d'Aubuisson,
Anführer der Todesschwadronen, die Erzbischof Oscar Romero und
sämtliche Bewohner eines Jesuitenklosters ermordet hatten. Die
Männer, die Pinochets Geheimpolizei und die drei größten
Konzentrationslager in Chile leiteten, hatten ausnahmslos die Schule
absolviert. Als die US-Regierung 1996 gezwungenermaßen die
Ausbildungshandbücher der Akademie zugänglich machte, bekam
die Öffentlichkeit zum ersten Mal eine Vorstellung davon, was sie in
Wirklichkeit waren: eine Anleitung für angehende Terroristen zu
Erpressung,
Folter,
Hinrichtung
und
Inhaftierung
von
Familienangehörigen wichtiger Zeugen.
Anfang 2001 wurde die Militärakademie umbenannt und firmiert
nun als Western Hemisphere Institute for Security Cooperation, kurz
WHISC. Seitdem sucht man auf der Homepage vergeblich nach
einem Hinweis auf die »Geschichte« der Institution. Dazu schreibt
der britische Journalist und Menschenrechtsaktivist George Monbiot
im Guardian:
»Was sollen wir, angesichts der Tatsache, dass die Beweise für eine
Verbindung zwischen der Schule und den fortgesetzten Verbrechen in
Lateinamerika stichhaltiger sind als die Belege, die es bisher für den
Zusammenhang zwischen Al-Qaida-Trainingslagern und den
Anschlägen in New York gibt, eigentlich mit den ›Übeltätern‹ in Fort
Benning, Georgia, tun? Nun ja, wir könnten beispielsweise unsere
Regierungen auffordern, mit allen diplomatischen Mitteln zu
verlangen, dass die Kommandeure der Akademie ausgeliefert und
wegen der Beteiligung an Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor
Gericht gestellt werden. Oder wir könnten unseren Regierungen
vorschlagen, die Vereinigten Staaten anzugreifen und deren militärische Einrichtungen, Städte und Flughäfen zu bombardieren und so
die nicht gewählte Regierung zu stürzen, um sie durch eine neue,
unter UN-Mandat stehende zu ersetzen. Falls das Ganze bei der Bevölkerung nicht so gut ankommt, könnten wir die Herzen der Menschen im Sturm erobern, indem wir Naan-Brot und Fertigcurry,
eingeschweißt in Plastiktüten mit aufgedruckter afghanischer Flagge,
für sie abwerfen.«79
Anschließend erläutert Monbiot – und verzichtet dabei auf den ironischen Unterton –, dass das terroristische Potenzial der Al Qaida, gemessen an den Möglichkeiten der Vereinigten Staaten, relativ gering
ist.
Die blutige Spur reicht weit: von der Unterwerfung der
Philippinen und Mittelamerikas bis zum größten Terrorakt aller
Zeiten, den Atombombenangriffen auf Hiroshima und Nagasaki,
von der Verwüstung Indochinas, die mit der Ermordung von 600 000
Bauern im neutralen Kambodscha, dem Einsatz von chemischen
Waffen und dem Aushungern der Zivilbevölkerung einherging, bis
zum gezielten Abschuss eines iranischen Verkehrsflugzeugs und der
Bombardierung von Kriegsgefangenen in einer afghanischen
Lehmfestung.
Das Register US-amerikanischer Terrorakte ist gewaltig, und da
man solche harten Fakten nicht widerlegen kann, beschimpft man
diejenigen, die sie benennen und Zusammenhänge herstellen,
einfach als »antiamerikanisch«, auch wenn es sich um USamerikanische Staatsbürger handelt. In den 30er Jahren war es
üblich, Kritiker des Dritten Reiches, die mundtot gemacht werden
sollten, als »deutschfeindlich« zu denunzieren.
»Wir müssen uns daran gewöhnen, dass mit zweierlei Maß gemessen wird«, hat Robert Cooper, der außenpolitische Berater Tony
Blairs, als Labour noch Oppositionspartei war, einmal gesagt.80 Im
Medienzeitalter wird dies untermauert durch die Auswahl der
Meldungen, die uns als Nachrichten erreichen und in Wirklichkeit
doch nur die immer gleichen Vorurteile bedienen. So hat
beispielsweise das eine Menschenleben Nachrichtenwert, während
ein anderes belanglos ist. Wenn einer von »uns« getötet wird, ist es
ein Verbrechen; die anderen zählen nicht als Menschen.
Als Präsident Clinton 1998 den Befehl zum Raketenangriff auf die
sudanesische Pharmafabrik Al Shifa gab, weil dort angeblich
chemische Waffen produziert wurden, war dies eindeutig ein
schwerer terroristischer Akt. Es war bekannt, dass in dieser Fabrik 90
Prozent der wichtigsten Arzneimittel für eines der ärmsten Länder
der Welt hergestellt wurden. Es war die einzige Fabrik, in der das
Malariamittel
Chloroquine
und
ein
Medikament
zur
Tuberkulosebehandlung produziert wurden, beide lebenswichtig für
100000 Kranke und mit einem Kostenfaktor von 1,5 Dollar pro
Patient und Monat einigermaßen erschwinglich. Nirgendwo sonst
wurden die Tiermedikamente zur Bekämpfung von Parasiten
hergestellt, die von Rindern auf Menschen übertragen werden und
eine der Hauptursachen für die hohe Kindersterblichkeit im Sudan
sind.81
Wie ein Mitarbeiter der angesehenen Hilfsorganisation Near East
Foundation erklärte, sind infolge der US-amerikanischen Angriffe
»Zehntausende von Menschen – darunter viele Kinder – an Malaria,
Tuberkulose und anderen heilbaren Krankheiten gestorben ... Wegen
der von amerikanischer Seite verhängten Sanktionen konnte der
sudanesische Staat nicht genügend Medikamente einführen, um die
schwere Versorgungslücke, die durch die Zerstörung der Fabrik entstanden war, zu schließen.«82
Wie viele Menschen haben durch Clintons Bombenangriffe ihr
Leben verloren? Dazu der damalige deutsche Botschafter im Sudan,
Werner Daum: »Mehrere Zehntausend scheinen mir eine realistische
Schätzung zu sein.«83 Eine vom Sudan beantragte Untersuchung
durch die UN wurde von Washington verhindert. Nichts von alldem
hat den Weg in die Nachrichten gefunden. Als Noam Chomsky
diesen Terrorakt mit den verheerenden Anschlägen auf das World
Trade Center verglich, erntete er in den US-Medien Schelte von allen
Seiten. Ein Kommentator unterstellte ihm gar, »mit dem Faschismus
zu liebäugeln«.84
Bei keinem anderen Thema sind die Grenzen objektiver Berichterstattung so eng gesteckt wie im Falle Israels. Seit mindestens 35
Jahren wird Palästinensern völkerrechtswidrig und unter
Missachtung zahlreicher UN-Resolutionen die Rückkehr in ihre
Heimat verwehrt. Die Aufforderung des UN-Sicherheitsrats an
Israel, sich aus dem Gazastreifen und dem Westjordanland
zurückzuziehen, weist einen verblüffend ähnlichen Wortlaut auf wie
die UN-Resolution, in der 1990 der Irak zum Rückzug aus Kuwait
aufgefordert wurde. Als der Irak diese Resolution missachtete,
griffen US-Truppen und ihre Verbündeten an und befreiten Kuwait.
Als Israel die UN-Resolutionen wiederholt missachtet hat, folgte
stets eine Steigerung der wirtschaftlichen Hilfe und militärischen
Unterstützung aus dem Westen, namentlich aus den USA.
Was in Palästina geschieht, wird in den westlichen Medien, mit
einigen
wenigen
lobenswerten
Ausnahmen,
nicht
als
völkerrechtswidrige Besatzung und Unterdrückung eines Volkes
und dessen Widerstand gegen die Besatzer dargestellt, sondern so,
als bekriegten sich dort zwei verfeindete Gegner. Die
Aufmerksamkeit der westlichen Welt richtet sich auf Israel. Israelis
werden »von Terroristen ermordet«, während Palästinenser bei
»Zusammenstößen mit Sicherheitskräften« ums Leben kommen. Nur
selten wird der Unterschied deutlich gemacht zwischen einer mit
modernsten Nuklearraketen, Panzern und Kampfflugzeugen
hochgerüsteten Militärmacht und einem Haufen Jugendlicher mit
ihren Steinschleudern. (Die Selbstmordattentate sind ein neueres
Phänomen, vor allem in Reaktion auf den israelischen LibanonFeldzug mit 17500 Toten.)
Die politischen Morde an mutmaßlichen palästinensischen Extremisten heißen bei der BBC »gezielte Tötungen« – ein Terminus, der
auch auf israelischer Seite verwendet wird. Selten erfährt man, dass
neun von zehn Menschen, die seit Beginn der zweiten Intifada
getötet wurden, palästinensische Zivilisten waren. 45 Prozent der
Opfer waren jünger als 18 Jahre, und 60 Prozent wurden zu Hause,
in der Schule oder am Arbeitsplatz erschossen.85 Nach dem Golfkrieg
von 1991 wurde in geheimen, von den Vereinigten Staaten
vermittelten Vereinbarungen in Oslo die palästinensische
Autonomiebehörde geschaffen und das Gebiet der Palästinenser in
Parzellen aufgeteilt, die an die Homelands des südafrikanischen
Apartheidstaats erinnern. In den Medien wurde all das begrüßt und
ohne weitere Erklärung als »Friedensprozess« bejubelt. (Erst als er
sich zur Ruhe setzte, nahm sich der langjährige Nahostkorrespondent der BBC die Freiheit, den »Friedensprozess« als
»irreführende und demütigende Farce« zu bezeichnen.)86
Als Tony Blair nach dem 11. September Yassir Arafat in der Downing Street empfing, wurde daraus eine gelungene Medieninszenierung, in der sich Blair selbst als Friedensstifter zeigte, der sich
vorteilhaft von der kriegsbegeisterten Riege der Bush-Regierung
abhebt. Dieses Bild des besonnenen Staatsmanns, der seinen
beruhigenden Einfluss auf Washington geltend macht, wurde in der
Zeit des »Krieges gegen den Terrorismus« in der Downing Street
kräftig herausgestrichen. Tatsächlich war das Treffen mit Arafat
lediglich ein PR-Ereignis, mit dem die arabische Welt beschwichtigt
werden sollte. Es diente außerdem dazu, Blairs persönliche
Sympathien für das zionistische Projekt und seine Rolle als engster
europäischer Verbündeter Sharons zu verschleiern. Auf diese
Zusammenhänge wurde in den etablierten Medien nicht
eingegangen.
Relativ kurz nach seiner Wahl 1997 ernannte Blair seinen Freund
Michael Levy, einen wohlhabenden jüdischen Geschäftsmann, der
New Labour mit großzügigen Wahlspenden unterstützt hatte, ganz
ungeniert zum »Sonderbotschafter für den Nahen Osten«, sorgte
aber zuvor noch dafür, dass er zum Lord geadelt wurde. Und
ausgerechnet dieser Mann, der einmal zum Vorstand der Jewish
Agency gehörte, der ein Unternehmen in Israel und einen
Zweitwohnsitz in Jerusalem besitzt und dessen einer Sohn im
israelischen Justizministerium arbeitet, sollte jetzt als unparteiischer
Vermittler vor Israelis und Palästinenser treten.
Seit Blair an der Regierung ist, erfährt die repressive Politik Israels
noch mehr Rückendeckung aus Großbritannien als zuvor. 2001 wurden 650 Palästinenser, die meisten von ihnen Zivilisten, von israelischen Soldaten oder Siedlern getötet; in vielen Fällen konnte man
von Mord sprechen. Im gleichen Jahr genehmigte die britische
Regierung 91 Waffenexportverträge, auf deren Grundlage unter
anderem Munition, Bomben, Torpedos, Interkontinentalraketen,
Kriegsschiffe, Militärelektronik, thermografische Geräte und
gepanzerte Fahrzeuge an Israel geliefert werden konnten. Auf
diesbezügliche Anfragen des Parlamentsabgeordneten George
Galloway antwortete Verteidigungsminister Ben Bradshaw, es gebe
»keine Hinweise«, dass britische Waffen und Geräte gegen
Palästinenser eingesetzt worden seien.87 Es gibt Hinweise in Hülle
und Fülle, wie zum Beispiel den Amnesty-Bericht, aus dem
hervorgeht, dass die Apache-Hubschrauber, die bei Angriffen in den
Palästinensergebieten zum Einsatz kommen, mit britischen
Ersatzteilen gewartet werden.88
Darüber hinaus unterstützt Großbritannien die israelische Rüstungsindustrie durch den Kauf von Munition, Bomben, Granaten
und Panzerabwehrraketen. Die Londoner Metropolitan Police und
die Polizei von Südwales werden mit israelischer Munition
ausgerüstet. Die britische Luftwaffe verfügt über ein israelisches
Trainingssystem für Jetpiloten. Und 1999 wurde ein britischisraelischer Hochtechnologie-Investmentfonds zur Finanzierung
gemeinsamer Forschungs- und Entwicklungsprojekte aufgelegt.
Die Blair-Regierung hat keine Einwände gegen die Eröffnung eines
Rekrutierungsbüros der israelischen Armee in London – das doch
Soldaten für einen Krieg anwerben würde, der eine Folge der von
Großbritannien als völkerrechtswidrig eingestuften Besetzung
palästinensischer Gebiete ist. Dies wäre ein eindeutiger Verstoß
gegen die neuen Antiterrorgesetze, denn man mag es drehen und
wenden, wie man will, die Angriffe Israels in den besetzten
Gebieten, die ihre Opfer vor allem in der Zivilbevölkerung fordern,
sind und bleiben Terrorakte.
Blairs Unterstützung für die Sharon-Regierung reicht noch weiter.
Im Mai und Juli 2001 war dem von Großbritanniens führendem Militärverlag herausgegebenen Jane's Foreign Report zu entnehmen, dass
Großbritannien und Frankreich Sharon für den Fall eines fortgesetzten palästinensischen Widerstands »grünes Licht« für den Angriff
auf Arafat gegeben hatten. Der britischen Regierung wurde ein Plan
vorgelegt, der die Wiederbesetzung des Westjordanlandes und des
Gazastreifens vorsah, wobei »die neuesten F-15- und F-16-Bomber
gegen alle wichtigen Einrichtungen der Autonomiebehörde zum
Einsatz kommen und 30000 Mann, also ein vollständige Armee,
aufgeboten werden« sollten.
Der Plan sollte unmittelbar nach einem größeren Selbstmordattentat »mit zahlreichen Toten und Verletzten« umgesetzt werden, »da
der Aspekt der ›Vergeltung‹ entscheidend ist. Er motiviert die
israelischen Soldaten, die Palästinenser vernichten zu wollen.«89 Was
Sharon und seinen Vertrauten, insbesondere dem Urheber des Plans,
Brigadegeneral Shaul Mofaz, zu dieser Zeit Chef des Generalstabs,
das größte Kopfzerbrechen bereitete, war eine stillschweigende
Übereinkunft zwischen Arafat und der Hamas, auf deren Rechnung
die meisten Selbstmordattentate gingen, weitere Anschläge dieser
Art auf israelischem Gebiet zu verhindern. Sharon trieb, vor allem,
als sich George W. Bush zu der erstaunlichen Feststellung verstieg,
er habe den palästinensischen »Traum« von einem eigenen Staat
schon immer befürwortet, die eher unnötige Sorge um, der USamerikanische »Krieg gegen den Terrorismus« könne als
Nebenprodukt eine »Nahost-Lösung« nach sich ziehen. Es musste
also etwas unternommen werden.
Am 23. November 2001 wurde der Hamas-Führer Mahmud Abu
Hunud aus israelischen Hubschraubern beschossen und getötet. Wenige Tage später kam die unvermeidliche Antwort, als sich zwei
Selbstmordattentäter fast zeitgleich in Jerusalem und Haifa in die
Luft sprengten. »Wer immer die Liquidation von Abu Hunud
angeordnet hat, wusste im Vorhinein, dass dies der Preis sein
würde«, schrieb der gut informierte Sicherheitsexperte Alex Fishman
in einem Artikel, der in der israelischen Tageszeitung Yediot
Achronot erschien. »Wer immer für diese Liquidation grünes Licht
gab, wusste sehr gut, dass er dadurch mit einem Schlag die
stillschweigende
Übereinkunft
zwischen
Hamas
und
Palästinensischer Autonomiebehörde, Israel nicht durch Angriffe auf
seine Bevölkerungszentren in die Hände zu spielen, zunichte
machte.«90
Umgehend erfolgten massive Angriffe der israelischen Armee in
den besetzten Gebieten, die Autonomiebehörde wurde nahezu handlungsunfähig gemacht und Arafat die politische Basis entzogen. Wie
gewohnt mahnte Washington zur »Beendigung der Gewalt«, wobei
diesmal in Arafat der Hauptschuldige ausgemacht wurde. Keine
unbedachten Bemerkungen mehr über den »Traum« von einem
palästinensischen Staat. Arafat war, so Sharon, »bedeutungslos«
geworden. Und der Friedensstifter Blair hüllte sich, wie fast die
gesamten westlichen Medien, in Schweigen.
Im April 2002 griffen israelische Truppen erneut im Westjordanland an, diesmal noch massiver als wenige Monate zuvor. Das
Flüchtlingslager Dschenin wurde fast vollständig zerstört, eine nicht
genau bekannte Anzahl von Menschen, darunter ein 38-jähriger
Schwerbehinderter, wurden in ihren Häusern zu Tode gewalzt.
Insbesondere auf diesen Mord berief sich Amnesty International in
seinem Appell an Großbritannien und andere Unterzeichnerländer
der Genfer Konvention, israelische Soldaten, die »Kriegsverbrechen
begangen« haben, vor Gericht zu stellen. Der Direktor der Londoner
Staatsanwaltschaft wies Scotland Yard an, wegen Kriegsverbrechen
gegen Shaul Mofaz zu ermitteln. Zu alledem gab Blair, der sich stets
wortreich zu Saddam Husseins Verbrechen geäußert hat, keinen
Kommentar ab.91
***
Robert Coopers Bemerkung über das Messen mit zweierlei Maß fand
im Kosovo eine beredte Bestätigung. Anders als die Palästinenser
konnten die Angehörigen der albanischen Volksgruppe im Kosovo
mit Unterstützung der Vereinigten Staaten und ihrer NATO-Partner
unmittelbar nach dem Krieg in ihre Dörfer zurückkehren. In den
westlichen Medien fand das Eingreifen der NATO fast
uneingeschränkte Zustimmung. Und das, obwohl es um einen
Bürgerkrieg ging und die Souveränität Jugoslawiens von der NATO
nicht in Frage gestellt wurde. Während die albanische Bevölkerung
in ihre kosovarische Heimat zurückkehrte, wurden 250000 Serben
und Roma vertrieben oder ergriffen aus Angst die Flucht. Die 40000
Mann starken Besatzungstruppen sahen tatenlos zu, wie die UCK
mordete, folterte, Menschen entführte und Kirchen verwüstete, kurz
gesagt, wie sie dem Bild der Terrororganisation gerecht wurde, als
die Madeleine Albright und Robin Cook sie bei früheren
Gelegenheiten übereinstimmend eingestuft hatten.
Während des »Krieges« im Kosovo wurde im Internet eine Liste
der zivilen Ziele veröffentlicht, in den Zeitungen suchte man vergeblich danach. Unter dem Codenamen »Stage three« wurden Einrichtungen des öffentlichen Verkehrs, zivile Fabriken, Telefonschaltzentralen, Nahrungsmittelfabriken, Düngerdepots, Bauernhöfe,
Krankenhäuser, Schulen, Museen, Kirchen und denkmalgeschützte
Klöster bombardiert.
»Schon nach zwei Wochen wurden die militärischen Ziele knapp«,
erklärte James Bisseil, der kanadische Botschafter in Jugoslawien,
einem Filmteam. »Es war allgemein bekannt, dass die NATO zu
›Stufe drei‹ übergegangen war: dem Angriff auf zivile Ziele. Sonst
hätte sie nicht am Sonntagnachmittag Brücken und Marktplätze
bombardiert.«92 Elmar Schmähling, Flottenadmiral a.D. und
ehemaliger Chef des Militärischen Abschirmdienstes, meinte dazu:
»Es war beabsichtigt, zuerst Druck auf die jugoslawische
Zivilbevölkerung auszuüben und dann der jugoslawischen
Wirtschaft so schwere Schäden zuzufügen, dass sie sich davon nicht
würde erholen können.«93
In den letzten Wochen der Luftangriffe sah ich in der BBC-Sendung Newsnight ein Gespräch der Journalistin Kirsty Wark mit dem
NATO-Kommandeur General Wesley Clark. Kurz zuvor waren auf
dem belebten Marktplatz der Stadt Nis Alte, Frauen und Kinder
durch eine Splitterbombe getötet worden, aber Kirsty Wark fragte
mit keiner Silbe nach den zivilen Opfern der Bombenangriffe. Dass
nur zwei Prozent der NATO-Präzisionsraketen militärische Ziele
getroffen hatten, war der Presse nur für kurze Zeit Schlagzeilen wert,
und in diesen war von »Fehlern« und »Irrläufern« die Rede. Als
exemplarisch für den allgemeinen Tenor der »Berichterstattung«
kann man die Arbeit des BBC-Korrespondenten Mark Laity
betrachten, der später als Sprecher und Sonderberater des
Generalsekretärs in die Dienste der NATO trat.
Die »Berichterstattung« setzte sich im Wesentlichen aus den Lügen
zusammen, die von offizieller Seite zur Rechtfertigung der Intervention fabriziert wurden, angefangen mit der von US-Verteidigungsminister William Cohen genannten Zahl von »100000 vermissten,
möglicherweise ermordeten kosovo-albanischen Männern im wehrfähigen Alter«. Zwei Wochen später wollte der amerikanische
Sonderbotschafter
David
Scheffer
bereits
von
»225000
möglicherweise getöteten albanischen Männern zwischen 14 und 59
Jahren« wissen. Es war ein gefundenes Fressen für die britische
Presse. »Flucht vor dem Völkermord«, titelte die Daily Mail.
»Erinnerung an den Holocaust«, stimmten Sun und Mirror in den
Chor ein. Auch Tony Blair fühlte sich an den Holocaust und den
»Geist des Zweiten Weltkrieges« erinnert, ohne zu merken, wie
paradox der Vergleich war: Kein anderes Volk hatte im Widerstand
gegen die Nationalsozialisten in der Relation zur Bevölkerungszahl
so viele Opfer zu beklagen wie die Serben.
Nachdem die Bombenangriffe im Juni 1999 eingestellt worden
waren, begannen internationale kriminaltechnische Teams im
Kosovo mit akribischen Untersuchungen. Auch Beamte des FBI
erschienen am, wie es hieß, »größten Verbrechensschauplatz«, den
das FBI in seiner kriminaltechnischen Geschichte bisher zu
verzeichnen hatte«. Ein paar Wochen später reisten sie wieder ab,
ohne ein einziges Massengrab gefunden zu haben. Der Leiter des
spanischen Spezialistenteams, das sich ebenfalls auf den Heimweg
machte, meinte verärgert, er und seine Kollegen seien zum »Spielball
der Kriegspropagandamaschinerie« geworden, denn sie hatten
»nicht ein Massengrab vorgefunden -nicht ein einziges«.
Im November 1999 veröffentlichte das Wall Street Journal die Ergebnisse seiner eigenen Nachforschungen und verwies den
»Massengrabwahn« ins Reich der Legenden. Anstatt der »riesigen
Schlachtfelder, die einige Ermittler aufgrund der ihnen vorliegenden
Informationen vorzufinden geglaubt hatten ..., ergibt sich das Bild
einzelner, verstreuter Mordschauplätze, die vor allem in Gegenden
liegen, in denen die separatistische UCK aktiv war«. Die NATO
habe, so der Schluss der Zeitung, die Geschichte von den
Massenmorden der Serben forciert, als sich abzeichnete, dass »sich
ein unzufriedenes Pressecorps der anderen Seite des Geschehens
zuzuwenden begann: den zivilen Opfern der NATOBombardements«. Die Angaben über die Zahl der Toten konnten zu
einem großen Teil auf UCK-Quellen zurückverfolgt werden. »Der
Krieg im Kosovo war grausam, bitter und barbarisch«, endete der
Artikel, »aber ein Völkermord war er nicht.«
Die NATO hatte ihre Bomben abgeworfen, »um die humanitäre
Katastrophe« des Mordens und der Massenvertreibung zu verhindern«, so die Worte des britischen Verteidigungsministers George
Robertson. Die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in
Europa, deren Beobachter unmittelbar vor Beginn der Luftangriffe
im Kosovo waren, veröffentlichte im Dezember 1999 einen Bericht,
der in den Medien praktisch nicht zur Kenntnis genommen wurde.
Aus dem Bericht ging hervor, dass die meisten Verbrechen an der
albanischen Bevölkerung erst nach Beginn der Luftangriffe begangen
worden waren, man sie also nicht als Anlass, sondern als Folge der
Bombardierungen sehen musste. »Die serbische Armee war ohne
Frage das Instrument der humanitären Katastrophe, die dort ihren
Lauf nahm«, schreibt der frühere Chefstratege der NATO Michael
McGwire, »aber eine der Hauptursachen war die so lange in der Luft
schwebende Kriegsdrohung der NATO, und es ist wirklich absurd,
die Luftangriffe als ›humanitäre Intervention zu bezeichnen.«
Im Sommer 2000 gab das internationale Kriegsverbrechertribunal
die endgültige Zahl der in Massengräbern im Kosovo gefundenen
Toten mit 2788 an. Mitgezählt waren auch Serben, Roma und
Angehörige der kämpfenden Truppen. Die Zahlen, die britische und
US-amerikanische Regierungsvertreter verbreitet hatten, waren
demnach völlig aus der Luft gegriffen. In den Medien wurde
darüber wenig berichtet.
Die Journalisten, die die NATO-Lügen geschluckt hatten, schimpften am lautesten über die Handvoll Kollegen, denen die Luftangriffe
und die zu ihrer Rechtfertigung inszenierte Farce von den
»gescheiterten Verhandlungen von Rambouillet« ein paar kritische
Fragen wert waren. Ihre Strategie der Diffamierung bestand darin,
dass sie Kritik an der Bombardierung ziviler Ziele mit Sympathie für
Milosevic gleichsetzten. Nach dem gleichen Prinzip wurde jedem,
der seine Sorge um die humanitäre Lage der irakischen und
afghanischen Bevölkerung äußerte, unterstellt, er sei für Saddam
Hussein beziehungsweise das Taliban-Regime. Die intellektuelle
Unlauterkeit, die darin zum Ausdruck kommt, hat Tradition. Nach
dem 11. September 2001, als es wieder Splitterbomben regnete, nur
diesmal auf ein anderes Gebiet, rüsteten sich die Befürworter des
»Krieges gegen den Terrorismus« mit dem Schlachtruf: »Wir hatten
Recht im Kosovo, und wir haben auch heute Recht.«94
Falls oder wenn der Irak im »Krieg gegen den Terrorismus« angegriffen wird, werden Journalisten wieder einmal eine Hauptrolle
übernommen haben. In den Vereinigten Staaten haben die großen
Zeitungen und einflussreiche Kolumnisten wie William Safire zur
»nächsten Befreiungsaktion« aufgerufen. Den Konsens, der in der
etablierten Presse herrscht, bringt der Journalist Michael Kelly in der
Washington Post auf den Punkt: »Die amerikanischen Pazifisten ...
sind auf der Seite der künftigen Massenmörder amerikanischer
Bürger. Sie sind objektiv gesehen für den Terrorismus. ... Das ist die
Haltung der Pazifisten, und sie ist böse.«95 In Großbritannien, wo
immerhin ein gewisses Maß an Kritik zugelassen ist, wird eine
Rechtfertigung der Luftangriffe nicht ganz so wortstark, aber doch
beharrlich betrieben.
»US-Falken beschuldigen Irak wegen Anthrax-Briefen«, lautet die
Schlagzeile vom 14. Oktober 2001 auf der Titelseite des Observer.
Diese propagandistische »Information« war aus Geheimdienstkreisen durchgesickert. Die Milzbranderreger, die in den
Vereinigten Staaten verschickt wurden, waren waffentauglich und,
wie die New York Times berichtete, »in entscheidenden technischen
Details praktisch identisch mit dem in US-Militärlabors produzierten
Anthrax«. Das FBI sprach von einem »Insiderjob«.96 Kurz darauf
erschien im Observer unter der Überschrift »Die Spur in den Irak« ein
zweiseitiger Artikel, in dem der Verfasser, auf nicht genannte
»Geheimdienstquellen« gestützt, den Irak mit dem 11. September in
Verbindung brachte. »Die Beweise mehren sich«, behauptete er,
ohne Fakten zu nennen, und fügte schließlich die Feststellung an,
man sei allerdings »weit entfernt davon, die eigentlichen
Verantwortlichen benennen zu können«.97
Dies ist ein journalistischer Stil, der mit Andeutungen und Ködern
arbeitet, einen Scheingegner aufbaut und dann den Rückzug antritt.
Der Reporter David Rose griff die Geschichte auf und schloss das
magere Ergebnis seiner Bemühungen mit dem Rat, den Irak
anzugreifen, weil das Land hervorragend geeignet sei, um als
»Brückenkopf zur Demokratisierung der arabischen Welt« zu
dienen. »Es gibt Momente in der Geschichte«, schrieb er, »in denen
die Anwendung von Gewalt sowohl richtig als auch vernünftig ist.
Dies ist ein solcher Moment.« Sein bemerkenswerter Ratschlag war
mit einem Foto illustriert, das den irakischen Diktator mit seinem
berühmten satanischen Grinsen zeigte. Es ist das Cartoongesicht
eines ganzen Volkes. Dass es um das Schicksal von 20 Millionen
Menschen geht, die als Geiseln einer von ihnen nicht beeinflussbaren
Machtpolitik zehn Jahre lang unter schwersten Sanktionen gelitten
haben und nun ihrer »vernünftigen« Abschlachtung entgegensehen,
fällt unter den Tisch.
Ein vergleichbarer, etwas subtilerer Beitrag von David Leigh und
Jamie Wilson erschien im Guardian unter der Überschrift »Zählung
der irakischen Opfer«. Die Autoren beginnen ihre »Analyse« mit
einem Vergleich zwischen den berühmten Propagandalügen über
»ermordete Säuglinge«, die im Ersten Weltkrieg und im ersten
Golfkrieg der USA kursierten, und neueren UN-Studien, aus denen
hervorgeht, dass eine halbe Million irakischer Kinder vor allem in
Folge des Embargos gestorben sind. Ihre verblüffende Erkenntnis
lautet, dass es die »gestorbenen irakischen Kinder« gar nicht gebe,
dass sie vielmehr ein »statistisches Konstrukt« seien, »eine
Behauptung von Kritikern der USA«. Im nächsten Atemzug
widersprechen sie sich selbst, indem sie sich auf die Vereinten
Nationen
und
andere
Institutionen
als
zuverlässige
Informationsquellen berufen. Was den Autoren missfiel, war offensichtlich die Tatsache, dass sich Osama Bin Laden der UNStudien für seine eigenen Propagandazwecke bedient hatte, woraus
man schließen muss, dass die Wahrheit, selbst wenn sie noch so
ausführlich belegt ist, als makelbehaftet gilt, wenn sie von einem
benutzt wird, den man nicht mag. Etwas weltfremd bemerken die
Autoren schließlich: »Vielleicht ... hat Bin Laden gar nicht so
Unrecht.« Für die gewöhnlichen Leser war der Keim des Zweifels
gesät. Wenn die toten und sterbenden Kinder im Irak nur ein
»statistisches Konstrukt« waren, warum sollte man dann nicht
angreifen?98
Als wichtigster »Beweis« dafür, dass der Irak etwas mit dem 11.
September zu tun hatte, wird ein angebliches Treffen zwischen dem
mutmaßlichen Anführer der Selbstmordattentäter, Mohammed Atta,
und einem irakischen Geheimagenten in der Tschechischen Republik
ins Feld geführt. In der britischen Presse erlebte der Mann einen
rasanten Aufstieg vom »kleinen Fisch« (Guardian) über »mittleren
Ranges« (Independent) und »zum Führungskreis zählend« (Financial
Times) bis hin zum »Chef der irakischen Geheimdienste« (Times).
Nur die Financial Times stellte die Frage, ob das Treffen überhaupt
stattgefunden hatte und, wenn ja, ob es tatsächlich in irgendeiner
Verbindung mit den Anschlägen auf das World Trade Center stand."
Im
BBC-Nachrichtenmagazin
Newsnight
enthüllte
der
Auslandskorrespondent Mark Urban die Existenz »geheimer
Informationen« über einen »geplanten Raketenangriff Saddam
Husseins«. Beweise legte er dafür nicht vor.
Die Fragwürdigkeit der »Irak-Verbindung« war dagegen nie
Gegenstand von Schlagzeilen. Nur der Daily Telegraph erwähnte in
der Ausgabe vom 18. Dezember 2001, dass Mohammed Atta nach
Angaben der tschechischen Polizei nie in der Tschechischen
Republik gewesen war. Stillschweigen herrschte auch, als die New
York Times am 5. Februar 2002 berichtete: »Der Central Intelligence
Agency liegen keine Beweise dafür vor, dass der Irak in den letzten
zehn Jahren an terroristischen Aktionen gegen die Vereinigten
Staaten beteiligt war; die CIA ist darüber hinaus überzeugt, dass
Präsident Saddam Hussein der Al Qaida keine chemischen oder
biologischen Waffen zur Verfügung gestellt hat.«
Das Verschweigen der Wahrheit ist die wirksamste Form der
Zensur. In den meisten Berichten über Afghanistan wurde der Krieg
gegen eines der ärmsten Länder der Welt mit Bildern gerechtfertigt,
die die Grausamkeit der Taliban dokumentierten: erschütternde
Aufnahmen von Frauen, die sich nur in ihren zeltähnlichen Burkas
in der Öffentlichkeit sehen lassen durften und denen die
grundlegendsten Menschenrechte verwehrt wurden. Zwar wurde
gelegentlich auf die angloamerikanische Rolle bei der Gründung der
Dschihad-Zellen
hingewiesen,
aus
denen
die
Taliban
hervorgegangen sind, aber ein interessantes Kapitel in der
Geschichte dieser finsteren Gesellschaft blieb weitgehend im Dunkel,
obwohl das Wissen darum »unseren Krieg für die Menschenrechte
und für die Werte der zivilisierten Welt« (Blair) ins richtige Licht
gerückt hätte.
In den 60er Jahren hatte sich aus den Reihen der Demokratischen
Volkspartei Afghanistans (DVPA) eine Befreiungsbewegung
formiert, die gegen das diktatorische Regime von König Zahir Shah
opponierte und 1978 schließlich seinen Vetter und Nachfolger
Mohammad Daud stürzte. Die Revolution war von einer breiten
Masse getragen. Der New York Times zufolge berichteten
ausländische Journalisten aus Kabul, dass »fast alle Afghanen, die sie
interviewt hatten, froh waren über den Umsturz«.100 Im Wall Street
Journal war von 150000 Menschen zu lesen, die sich zu einem
»Ehrenmarsch unter der neuen Staatsflagge« versammelt hatten:
»Die Teilnehmer schienen ehrlich begeistert zu sein.«101 Und in der
Washington Post hieß es: »Die Regierungstreue der Afghanen kann
kaum in Frage gestellt werden kann.«102
Die neue Regierung entwarf ein Reformprogramm, das Religionsfreiheit, Gleichberechtigung für Frauen, die Abschaffung der ländlichen Feudalstrukturen und mehr Rechte für bis dahin
benachteiligte ethnische Minderheiten beinhaltete. Mehr als 13 000
Häftlinge wurden aus den Gefängnissen entlassen und Polizeiakten
öffentlich verbrannt.
In Zeiten des feudalistischen Stammessystems hatte die durchschnittliche Lebenserwartung bei 35 Jahren gelegen, und fast jedes
dritte Kind hatte das sechste Lebensjahr nicht erreicht. 90 Prozent
der Bevölkerung waren Analphabeten. Die neue Regierung richtete
in den ärmsten Regionen einen kostenlosen Gesundheitsdienst ein,
verbot die Leibeigenschaft und rief eine breit angelegte
Alphabetisierungskampagne ins Leben. Für die Frauen brach eine
Zeit ungeahnter Freiheiten an; gegen Ende der 80er Jahre stellten sie
50 Prozent der Studierenden an afghanischen Universitäten. 40
Prozent der Ärzte, 70 Prozent der Lehrer und 30 Prozent der
Angestellten im öffentlichen Dienst waren Frauen.
Die Veränderungen waren so radikal, dass sie denen, die davon
profitieren konnten, lebhaft im Gedächtnis geblieben sind. Die
Chirurgin Saira Noorani, die im September 2001 vor den Taliban
flüchtete, erzählt: »Jedes Mädchen konnte die höhere Schule und die
Universität besuchen. Wir konnten gehen, wohin wir wollten, und
tragen, was uns gefiel. ... Wir trafen uns im Cafe, freitags sahen wir
uns die neuesten indischen Filme im Kino an, und wir hörten die
neueste Hindi-Musik. ... Aber als die Mudschaheddin die Oberhand
gewannen, wurde alles anders.... Sie ermordeten Lehrerinnen und
steckten Schulen in Brand. ... Wir hatten furchtbare Angst. Für uns
war es absurd und traurig zugleich, dass dies Leute waren, die der
Westen protegiert hatte.«103
Das Problem der afghanischen Regierung war, dass sie von der Sowjetunion unterstützt wurde. Aber obwohl die DVPA ein
Zentralkomitee nach stalinistischem Vorbild hatte, war sie nicht die
»Marionettenpartei«, zu der sie im Westen stilisiert wurde, und auch
die westliche Propagandabehauptung, sie habe den Umsturz mit
sowjetischer Hilfe zuwege gebracht, stimmte nicht. Präsident Carters
Außenminister Cyrus Vance räumt in seinen Memoiren ein: »Wir
hatten keinerlei Beweise dafür, dass die Sowjets an dem Umsturz
beteiligt waren.«104 Der ehemalige Sicherheitsberater Zbigniew
Brzezinski verkörpert den anderen Flügel der Carter-Regierung, den
es nach einer Wiedergutmachung für die demütigende Niederlage in
Vietnam
dürstete
und
der
in
jeder
postkolonialen
Befreiungsbewegung irgendwo in der Welt eine Gefahr für die
Vereinigten Staaten sah. Darüber hinaus mussten die
angloamerikanischen Satellitenstaaten im Nahen Osten und am Golf,
allen voran der vom Schah regierte Iran, »beschützt« werden. Und
wenn die DVPA in Afghanistan Erfolg hatte, würde das Beispiel
möglicherweise Schule machen.
Ohne die US-amerikanische Öffentlichkeit oder den Kongress zu
informieren, genehmigte Präsident Carter am 3. Juli 1979 den Betrag
von 500 Millionen Dollar für ein verdecktes Aktionsprogramm zur
Unterstützung der als Mudschaheddin bekannten Stammesgruppen
in Afghanistan. Angestrebt war der Sturz der ersten weltlichen und
progressiven Regierung des Landes. Anders als es die
Mythenbildung des Kalten Krieges wollte, hatte der sowjetische
Einmarsch in Afghanistan, der erst sechs Monate später begann,
nichts damit zu tun. Vielmehr deutet alles daraufhin, dass das
verhängnisvolle Eingreifen der Sowjetunion die Reaktion auf eben
den Stammes- und Religionsterror war, mit dem die Vereinigten
Staaten ihre eigenen Angriffe im November 2001 begründet haben.
1998 räumte Brzezinski in einem Interview ein, dass Washington
die Rolle der Vereinigten Staaten falsch dargestellt hatte: »Nach der
offiziellen Lesart fing die CIA 1980, also nach dem sowjetischen Einmarsch in Afghanistan, an, die Mudschaheddin zu unterstützen.
Aber die Wahrheit, die bisher geheim gehalten wurde, sieht
vollkommen anders aus.«105
In einem Bericht des US-Botschafters in Kabul vom August 1979
hieß es: »Der Sturz der DVPA-Regierung würde den allgemeinen
Interessen der Vereinigten Staaten dienen, unabhängig davon, was
dies für die weiteren sozialen und wirtschaftlichen Reformen in
Afghanistan bedeutet.«106
So schloss Washington also einen Faust'schen Pakt mit ein paar
Gestalten, die zu den skrupellosesten Fanatikern der Welt gehörten.
Gulbuddin Hekmatyar beispielsweise wurde von der CIA mit zig
Millionen Dollar gesponsert. Zu Hekmatyars Spezialitäten gehörten
Drogengeschäfte und Säureanschläge auf Frauen, die sich weigerten,
die Burka zu tragen. Dieser Mann war 1986, einer Einladung nach
London
folgend,
von
Premierministerin
Thatcher
als
»Friedenskämpfer« gepriesen worden. Zwischen 1978 und 1992, der
Regierungszeit
der
DVPA,
erhielten
die
verschiedenen
Mudschaheddin-Fraktionen mehr als vier Milliarden Dollar aus
Washington. Brzezinski hoffte damit in der islamischen Welt
fundamentalistische Kräfte zu aktivieren und so eine
DeStabilisierung der Sowjetunion zu erreichen, auch wenn dies, wie
es in seiner Biografie heißt, ein paar »muslimische Hitzköpfe« auf
den Plan rufen würde.
Seine weltpolitischen Absichten deckten sich mit den ehrgeizigen
Plänen des pakistanischen Diktators Zia ul-Haq, sich die
Vorherrschaft über die Region zu sichern. 1986 versprach CIA-Chef
William Casey Unterstützung für ein Projekt des pakistanischen
Geheimdienstes ISI, dem zufolge weltweit Mitstreiter für den
afghanischen Dschihad rekrutiert werden sollten. Zwischen 1982
und 1992 wurden in Pakistan mehr als 100000 militante Islamisten
ausgebildet. Leute, die sich später den Taliban und Osama Bin
Ladens Al Qaida anschlossen, wurden an einer islamischen
Universität in Brooklyn, New York, angeworben und erhielten ihre
paramilitärische Ausbildung in einem Trainingslager der CIA in
Virginia. Die Aktion lief unter dem Namen »Operation Zyklon«.
In Pakistan unterhielten die CIA und der britische Geheimdienst
MI6 Mudschaheddin-Trainingslager, in denen Mitglieder der britischen Eliteeinheit SAS zukünftigen Taliban- und Al-QaidaKämpfern beibrachten, wie man Bomben baut und andere
schmutzige Dinge tut. Sie existierten noch lange, nachdem sich die
Sowjetunion 1989 aus Afghanistan zurückgezogen hatte. Als die
DVPA-Regierung 1992 schließlich fiel, ließ der Lieblingsschüler des
Westens, der Warlord Gulbuddin Hekmatyar, Bomben aus USamerikanischer Produktion auf Kabul regnen, bis die anderen
Fraktionen seiner Ernennung zum Premierminister schließlich
zustimmten. Bis dahin waren 2000 Menschen im Bombenhagel
umgekommen.
Der letzte DVPA-Präsident Mohammad Najibullah, der die UNVollversammlung händeringend um Hilfe ersucht hatte, fand Asyl
auf dem UN-Gelände in Kabul, wo er sich aufhielt, bis die Taliban
1996 an die Macht kamen. Sie hängten ihn an einer Straßenlaterne
auf.107
***
Am 11. September 2001 verkündete George W. Bush der Nation: »Ich
habe die ganze Kraft unserer Geheimdienste und unserer Polizei
darauf konzentriert, die Verantwortlichen zu finden und zur
Rechenschaft zu ziehen.«
Ein gutes Jahr später war es auch mit der geballten Kraft von 13
Geheimdienstbehörden
nicht
gelungen,
einen
einzigen
erwiesenermaßen Schuldigen vor Gericht zu bringen. Von keinem
der auf dem Plakat der »gesuchten Terroristen« abgebildeten 22
Männer gibt es eine Spur; von der ausgelobten 500-Millionen-DollarBelohnung wurde noch kein Cent abgerufen. Das Ausmaß des
Fahndungsmisserfolgs sucht in der Geschichte seinesgleichen. Und
doch wurde in der Führungsetage der CIA und des FBI niemand
entlassen oder zum Rücktritt gedrängt oder auch nur vom Kongress
getadelt. Eine Zeit lang erfreute sich George W. Bush einer
Popularität wie kein Präsident vor ihm.
Was Bush seinen Landsleuten allerdings verschwieg, waren die an
seine Regierung und an seinen Vorgänger Clinton ergangenen Warnungen vor geplanten Terroranschlägen der Al Qaida, auch »die
Basis« genannt, eines internationalen Geflechts von Organisationen,
das seinen Ursprung im US-Satellitenstaat Saudi-Arabien hat. Der
Öffentlichkeit ebenfalls verborgen blieb die Tatsache, dass in der Zeit
des Mudschaheddin-Widerstands gegen die sowjetischen Truppen
in Afghanistan eine enge Verbindung zwischen CIA und Osama Bin
Laden bestanden hatte und dass der Vater des Präsidenten nach wie
vor als Berater der sagenhaft reichen Bin-Laden-Familie fungierte.
Nach einem Bericht der Washington Post hatte die Al Qaida ihre
Operationsbasis 1996 in den Sudan verlegt und die Regierung in
Khartum hatte Washington angeboten, Osama Bin Laden und
schätzungsweise 3000 Kämpfer »im Auge zu behalten« oder aber ihn
»festzunehmen
und
auszuliefern«.
Verteidigungsminister
Generalmajor Elfaith Erwa hatte seiner eigenen Aussage nach die
US-Regierung darüber informiert, dass Bin Laden plante, nach
Afghanistan zurückzukehren. »Lassen Sie ihn nur«, hatte man ihn
beschieden. Wenig später wurden Bin Laden und seine
Spießgesellen aus dem Sudan ausgewiesen.
Fünf Jahre danach erschien in der Irish Times ein Artikel, der sich
auf ein Interview mit dem auf Osama Bin Laden angesetzten FBI-Beamten John O'Neill bezog. Darin heißt es: »Versuche, Bin Ladens
Schuld nachzuweisen, wurden vom US-Außenministerium und der
hinter dem Ministerium stehenden Öllobby, mit der sich Präsident
Bush umgibt, boykottiert. Die US-Botschaft in Sanaa hinderte O'Neill
im August 2001 an der Einreise in den Jemen. Frustriert legte O'Neill
sein Amt nieder und trat eine neue Stellung als Leiter des
Sicherheitsdienstes im World Trade Center an. Er kam bei den
Anschlägen am 11. September ums Leben.« Die französische
Presseagentur Agence France Presse meldete im Zusammenhang mit
O'Neills Ermittlerteam: »Die FBI-Beamten, die in Verwandtschaftskreisen des in Saudi-Arabien geborenen Terrorverdächtigen
Osama Nachforschungen anstellten ..., wurden kurze Zeit, nachdem
George W. Bush das Präsidentenamt angetreten hatte,
zurückgepfiffen.«
Im Januar 2000 wurde die CIA von einem Treffen führender AlQaida-Strategen in der malaysischen Hauptstadt Kuala Lumpur
unterrichtet. Gegenstand der Gespräche waren diverse geplante
Aktionen, unter anderem der Anschlag auf die USS Cole im Jemen.
Zwei der Teilnehmer gehörten, wie die CIA mittlerweile einräumt,
mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zu den Entführern
der American-Air-lines-Maschine, die am 11. September ins
Pentagon stürzte. Die Männer waren mit saudischen Pässen in Los
Angeles eingereist und hatten sich mit Flugstunden auf die
Anschläge vorbereitet.
Mehrere FBI-Beamte, denen aufgefallen war, dass sich verdächtige
Personen zum Training in Flugsimulatoren angemeldet hatten,
gaben ihre Beobachtung an Vorgesetzte weiter. Einer dieser Beamten
äußerte die Vermutung, es könnten Kamikazeflüge nach New York
und Washington geplant sein. Allen beteiligten Beamten wurde
unter Hinweis auf den National Security Act mit persönlichen
Nachteilen gedroht.
Im Juli 2001 wurde Bush ein Memorandum vorgelegt, in dem es
hieß: »Wir [die CIA und das FBI] sind der Überzeugung, dass OBL
[Osama Bin Laden] für die kommenden Wochen einen massiven und
spektakulären Terroranschlag gegen US-amerikanische und/oder
israelische Einrichtungen plant, bei dem es möglichst viele Tote und
Verletzte geben soll. Es wurden bereits Vorbereitungen für diesen
Anschlag getroffen, und er wird mit sehr kurzfristiger oder ganz
ohne Ankündigung erfolgen.«
Und genau so kam es auch.
Wenige Tage, nachdem die Flugzeugentführer von Boston aus
zum World Trade Center gestartet waren, entschwanden, wie die
BBC zu berichten wusste, »elf Mitglieder des Bin-Laden-Clans vom
selben Flughafen mit einer Chartermaschine nach Saudi-Arabien. Im
Weißen Haus, nach dessen offizieller Lesart die Bin Ladens über
jeden Verdacht erhaben sind, fand man das völlig normal.«
Im Januar 2002 meldete CNN:
»Präsident Bush hat den demokratischen Mehrheitsführer im Senat
Tom Daschle persönlich aufgefordert, die Kongressuntersuchungen zu
den Ereignissen des 11. September einzuschränken. ... Geäußert wurde
dieser Wunsch bei einem privaten Zusammentreffen mit den
Fraktionsführern. ... Unseren Quellen zufolge kam das Treffen auf
Betreiben Bushs zustande. ... Seiner Vorstellung nach sollte keine breit
angelegte Untersuchung stattfinden, sondern nur die Geheimdienstausschüsse in Senat und Kongress sollten herauszufinden versuchen, welche möglichen Sicherheitslücken bei welchen Bundesbehörden dazu geführt hatten, dass die Anschläge nicht verhindert
werden konnten. ... Der Debatte vom Dienstag ging ein Anruf von
Vizepräsident Dick Cheney voraus, in dem er die gleiche Forderung
stellte ...«
Die Begründung für dieses erstaunliche Ansinnen lautete, dass die
»erforderlichen technischen und personellen Kräfte« für den »Krieg
gegen den Terrorismus« gebraucht würden.108
***
Einige Monate vor dem 11. September nahm ich an einem
Symposium der Universität von Sussex zum »neuen Imperialismus«
teil. Das Außergewöhnliche an dem Ereignis war, dass es überhaupt
stattfand. Julian Saurin von der Fakultät für Asien- und
Afrikastudien erklärte, er habe in den zehn Jahren seiner
Lehrtätigkeit keine einzige offene Diskussion über das Thema
Imperialismus erlebt. Die Inhalte des Politikstudiums an britischen
Universitäten beziehen sich zu 80 Prozent auf die Vereinigten
Staaten und Europa. Der Rest der Welt wird danach beurteilt, wie
wichtig er für die »westlichen Interessen« ist.
Die Neorealisten, die auf dem Gebiet der internationalen Beziehungen den Ton angeben und die im Übrigen dem Symposium fern
blieben, empfinden den Begriff eines modernen Imperialismus als
Provokation. Zwar glauben sie leidenschaftlich an seine Segnungen,
aber sie reden sich ein, es sei nicht das, was es ist, und bezeichnen es
lieber als Realpolitik. Wer das Kind beim Namen nennt, erntet
peinlich berührtes Schweigen und entlarvt sich eben öffentlich als
Ideologe: als das genaue Gegenstück eines Realpolitikers.
Der in Oxford lehrende Historiker und Politologe Niall Ferguson
macht aus seinem Herzen selten eine Mördergrube. Beifällig
kommentierte er die Rede, in der Blair auf dem Labour-Parteitag
2001 polternd das Geschütz der moralischen Überlegenheit eines
Liberalismus a la Gladstone aufgefahren hatte: »Imperialismus mag
ein anrüchiges Wort sein, aber wenn Tony Blair dazu aufruft, die
Werte der westlichen Welt – Demokratie und so weiter –
durchzusetzen, ist dies die Sprache des liberalen Imperialismus.
Politische Globalisierung ist nur eine neumodische Bezeichnung
dafür, dass man anderen seine Ansichten und Verhaltensweisen
aufzwingen will«. Und in dieser neuen imperialistischen Welt, so
fügt er hinzu, kann nur Amerika die führende Rolle übernehmen.109
Der liberale Realismus als Theorie der internationalen Politik
wurde nach dem Zweiten Weltkrieg in den Vereinigten Staaten
erfunden und gefördert von jenen, die der modernen
Wirtschaftsmacht Amerika ihr Gesicht gegeben haben. Dazu zählen
Ford-, Carnegie-und Rockefeller-Stiftung, das OSS (Office of
Strategic Services, aus dem später die CIA wurde) und der Rat für
Auswärtige Beziehungen (Council on Foreign Relations, CFR), den
man, zumindest in außenpolitischen Belangen, als Schattenregierung
der USA bezeichnen könnte. So erfuhr der Kalte Krieg mit allen
seinen Gefahren seine theoretisch-wissenschaftliche Rückendeckung
aus den großen amerikanischen Universitäten.
Auf den fruchtbarsten Boden fiel dieses »transatlantische« Credo
in Großbritannien. Die etablierte Wissenschaft hat den Humanismus
aus dem Studium der Staatenwelt herausgenommen und sie in einen
Fachjargon im Dienste der herrschenden Macht eingefroren. Ganze
Gesellschaften werden seziert und als »Versagerstaaten« und
»Schurkenstaaten« etikettiert, die der »humanitären Intervention«
bedürfen. Als »humanitäre Intervention« hat, wie Noam Chomsky in
Erinnerung ruft, auch das imperialistische Japan den Einmarsch in
die Mandschurei umschrieben, Mussolini berief sich darauf, als er
sich Äthiopien einverleibte, und Hitler begründete die Besetzung des
Sudetenlandes damit.110
Die modernen Varianten unterscheiden sich nur unwesentlich. Michael Ignatieff beispielsweise, Menschenrechtsprofessor in Harvard
und ein glühender Verfechter westlicher Invasionspolitik (als Mittel
zum Zweck, um »die Menschen vor dem Verhungern zu bewahren
und in Bürgerkriegsgebieten Frieden zu stiften«), zieht den Begriff
»liberale Intervention« vor.111
»Zuverlässige Zugehörigkeit zur Staatengemeinschaft«, »verantwortungsvolles Regierungshandeln« und »dritter Weg« sind Schlagwörter aus ein und demselben Lexikon moderner imperialistischer
Euphemismen, das sich die »progressive« internationale Politik von
heute zu Eigen gemacht hat. Bill Clintons politische Position wurde
in der wissenschaftlichen Literatur und in den Medien als »Mittelinks« beschrieben, was historisch gesehen nicht gerechtfertigt ist.
Während der Clinton-Regierung wurden die wichtigsten Eckpfeiler
des Sozialsystems demontiert, die Armut im Land verschärfte sich,
ein offensives Raketenabwehrsystem namens Star Wars 2 wurde
angekurbelt, der größte Rüstungshaushalt aller Zeiten wurde
genehmigt, Abkommen über die Kontrolle biologischer Waffen und
zum Atomtestverbot wurden boykottiert, die Gründung eines
internationalen Gerichtshofs, ein weltweites Verbot von Landminen
und Maßnahmen zur Bekämpfung der Geldwäsche wurden
verhindert. Im Gegensatz zur landläufigen Auffassung war es
Clinton und nicht sein Amtsnachfolger, der sich gegen alle
internationalen Bemühungen um eine Reduzierung des Treibhauseffekts gesperrt hat. Und er war Präsident, als US-Truppen in
Haiti einmarschierten, die Kuba-Blockade verschärft wurde und der
Irak, Jugoslawien und der Sudan Ziel militärischer Angriffe waren.
»Es ist ein schöner und bequemer Mythos, dass die Liberalen die
Friedenshüter und die Konservativen die Kriegstreiber sind«, schrieb
der walisische Parlamentsabgeordnete Hywel Williams in einem
Kommentar zu Blairs Rede anlässlich des Labour-Parteitags 2001,
»aber der Imperialismus der Liberalen ist möglicherweise umso
gefährlicher, weil er nirgendwo endet – weil er mit der Überzeugung
einhergeht, eine höhere Lebensform zu repräsentieren.«112
Bevor er den Krieg propagierte, verkündete Tony Blair gerne das
»Ende der Ideologie«, obwohl doch die Ideologie, die ihn mit einer
ganzen Klasse von Politikern und Medienleuten verbindet, zu den
stärksten unserer Zeit gehört. Sie ist umso dominanter, als sie
unmerklich und oftmals unterschwellig an einen gegebenen Zustand
der gesellschaftlichen Unterschiede geknüpft ist, die auf
Klassenzugehörigkeit und Wohlstand basieren.
Es ist in Mode gekommen, so zu tun, als gebe es keine ideologischen Schubladen mehr, und gleichzeitig andere hineinzustecken.
Das interessanteste Etikett, das man mir bisher umgehängt hat, ist
das eines »neoidealistischen ›Linken‹«. Warum das Wort »Linker« in
Anführungszeichen gesetzt ist, ist mir ebenso schleierhaft wie die
Bedeutung des Wortes »neoidealistisch«. Das Etikett wurde mir von
Timothy Dunne, Professor für internationale Politik an der
University of Wales in Aberystwyth, in einem Buch verpasst, das
sich unter anderem dadurch auszeichnet, dass es Suhartos
Schreckensherrschaft in Osttimor nonchalant als Nebensache
streift.113 Die pragmatische Sicht des »liberalen Realismus« ist in
politikwissenschaftlichen Kreisen und vor allem bei denjenigen
verbreitet, die uns den »dritten Weg« anpreisen – ein Begriff, hinter
dem sich das reaktionäre Wesen dieser Politik verbirgt. Osttimor war
fast ein Vierteljahrhundert lang ein Opfer ihres Schweigens.
Eine Annexion, bei der ein Drittel der einheimischen Bevölkerung
-im Verhältnis mehr Menschen als zu Pol Pots Zeiten in Kambodscha
-ausgelöscht wurde, ist in der akademischen Welt auf eine Mauer
des Schweigens gestoßen, das außer von John Taylor mit seinem
Buch Indonesia's Forgotten War, den Autoren Peter Carey und Mark
Curtis sowie erst unlängst auch Eric Herring nur selten gebrochen
worden ist. Über einen der größten Völkermorde in der zweiten
Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde an keiner einzigen britischen
Universität, ob liberal oder konservativ, je eine wissenschaftlich
begründete, auf Primärquellen beruhende Studie erarbeitet.
In den geisteswissenschaftlichen Fakultäten beklagt man sich
hinter vorgehaltener Hand darüber, dass die Universitäten zu
Berufsschulen verkommen und auf Sponsorengelder aus Wirtschaft
und Industrie angewiesen sind. Doch mit ihrem Schweigen haben sie
dazu beigetragen, dass sich der Staat aus der Finanzierung und
Förderung der Wissenschaft zurückziehen konnte und die
Erforschung globaler Zusammenhänge an Bedeutung verloren hat.
Es ist nicht verwunderlich in einer Zeit, in der die geisteswissenschaftlichen Fakultäten selbst – einst Ideenschmieden und
Horte des kritischen Denkens – nur noch ein Schattendasein fristen.
Wenn Akademiker die Stimme des Wissens unterdrücken, an wen
soll sich die Öffentlichkeit dann wenden?
Es handelt sich dabei, das muss klar gesagt werden, nicht um eine
Verschwörung. Es geht schlicht und einfach um die Funktionsweise
eines akademisch-hierarchischen Systems, das den politischen Entscheidungsträgern »Zugehörigkeit« und »Glaubwürdigkeit« garantiert und ihnen ethischere Motive zuschreibt, als diese für sich selbst
in Anspruch nehmen würden. Die Verfechter des liberalen
Realismus in den politikwissenschaftlichen Fakultäten sorgen dafür,
dass die imperialistische Politik des Westens als Krisenmanagement
gewertet wird und nicht als das, was es ist: als Ursache der Krise
und ihrer Eskalation. Sie machen sich zu Komplizen, indem sie den
Staatsterrorismus des Westens negieren. Diese schlichte Wahrheit
auszusprechen gilt als unwissenschaftlich; lieber sagt man gar nichts.
Auch nach dem Anschlag auf das World Trade Center herrscht allgemeines Schweigen. Wer hat schon den Mut, das frisch geprägte
Credo von den Todespiloten des 11. September als »Apokalyptiker«
und »Nihilisten« mit einem Hass auf alles »Moderne« und auf die
»zivilisierte Welt« in Frage zu stellen? Oder gar die ernüchternde
Wahrheit über den »Krieg gegen den Terrorismus« auszusprechen:
dass diejenigen, die ihn führen, selbst Terroristen sind, nur von
größerem Format, und dass ihr Tun im besten Fall weiteres Morden
nach sich ziehen und noch mehr Märtyrer hervorbringen wird?
Es ist vielleicht verständlich, wenn Menschen mit wirklich liberaler
Gesinnung die imperialistischen Motive verkennen, die die Vereinigten Staaten veranlasst, allzu ungebärdig gewordene frühere
Handlanger und Verbündete mit Hitler zu vergleichen und Krieg
gegen ihr Land zu führen. Aber diese »Mischung aus Sprachlosigkeit
über das Offensichtliche und aus obskuren Andeutungen der
Wahrheit«, wie es der Journalist David Edwards ausdrückt, ist ein
Luxus, den sich eine wirklich zivilisierte Gesellschaft heute
angesichts der drängenden Gefahren nicht mehr leisten kann.114
»Wir werden noch die Leute erleben«, hat Dennis Halliday, der
ehemalige stellvertretende Generalsekretär der UNO, einmal zu mir
gesagt, »in deren Augen Saddam Hussein zu gemäßigt und dem
Westen zu hörig war. Bei den Palästinensern kann man das schon
beobachten. So verzweifelt sind Menschen, die zusehen müssen, wie
allmonatlich Tausende von Kindern sterben, und auf die fast täglich
amerikanische und britische Bomben herunterregnen.«
Wer außer Halliday wird darüber reden, dass die Vereinten Nationen nur noch die Funktion eines Kolonialverwalters ausfüllen? Wer
wird das Schachbrett beiseite schieben und erklären, dass der Terrorismus erst dann an Bedeutung verlieren wird, wenn die Völker aus
Not und Elend befreit sein werden und wenn ihnen Gerechtigkeit
zuteil werden wird?
»Es kann eine Zeit geben, in der Schweigen Verrat ist«, hat Martin
Luther King in einer berühmten Rede gesagt. »Diese Zeit ist gekommen.«
DAS
MEDIENZEITALTER
Ein kulturelles Tschernobyl
Das Einzige, worauf es in dieser Welt ankommt,
ist immer mehr Geld und immer mehr Macht
anzuhäufen. Alles andere ist ohne Bedeutung.
Napoleon Bonaparte
A
m 15. April 1989 wollte sich Eddie Spearitt mit seinem Sohn
Adam ein Fußballspiel in Sheffield ansehen. Sie waren im Verkehr stecken geblieben und kamen gerade noch rechtzeitig, um ihre
Plätze auf den für die Liverpoolfans vorgesehenen Rängen im Hillsborough-Stadion einzunehmen. Adam war 14 Jahre alt und
begeisterter Liverpoolfan, und dies war ein wichtiges Halbfinalspiel
gegen Nottingham Forest in der englischen Pokalrunde. »Wir waren
unheimlich aufgeregt«, erzählt Eddie, »aber als es in unserem
Fanblock immer voller wurde, bekam ich es mit der Angst zu tun.«
Die veralteten Drehkreuze wurden für 5000 Liverpoolfans, die versuchten, noch vor dem Anstoß ins Stadion zu gelangen, zum
Flaschenhals. Als die Polizei schließlich die Haupttore öffnete,
wurden die Leute nicht auf die freien Ränge geschickt, sondern in
den bereits überfüllten eingezäunten Fanblock. Eddie und Adam
klammerten sich aneinander, als sie in der Menge eingequetscht
wurden. Adam war einer von 96 Menschen, die ums Leben kamen.
Der zuständige Untersuchungsrichter Taylor ließ keinen Zweifel
daran, wo die Schuldigen zu suchen waren. In seinem
Untersuchungsbericht heißt es: »Die Ursache der HillsboroughKatastrophe war das überfüllte Stadion ... Ausgelöst wurde das
Unglück durch das Versagen der Polizei.«1
Bis zum Dienstag darauf hatte es sich der Chefredakteur der Sun,
Kelvin MacKenzie, in den Kopf gesetzt, dass »Hooligans aus
Liverpool« schuld an der Tragödie waren. Als Schlagzeile für die
Titelseite schrieb er in fetten Großbuchstaben: »Die Wahrheit«.
Darunter setzte er drei weitere Überschriften: »Todesopfer von Fans
beraubt«, »Fans urinieren auf tapfere Polizisten«, »Wachtmeister bei
Mund-zu-Mund-Beatmung von Fans verprügelt«. Der Artikel
beschreibt, wie »Rettungskräfte beim Versuch, Opfer wiederzubeleben, von betrunkenen Liverpoolfans brutal angegriffen« und
»Polizisten, Feuerwehrleute und Rettungssanitäter geschlagen,
getreten und angepinkelt« wurden. Ein totes Mädchen wurde
angeblich missbraucht, und die Fans, sagte ein anonymer Polizist,
»urinierten demonstrativ auf uns und die Toten«. Ein konservativer
Parlamentsabgeordneter, dessen einzige Quelle die Polizei war,
wurde zitiert.2
Nichts davon entsprach der Wahrheit. Es waren keine Hooligans
am Werk. Die Leute übergaben sich und verhielten sich
merkwürdig, weil sie eingequetscht waren und unter Schock
standen. Menschen mussten sterben, weil leitende Polizeibeamte
nicht begriffen, dass die Leute im umzäunten Fanblock nicht das
Feld stürmen wollten, sondern um ihr Leben kämpften. »Die
Wahrheit« war eine Lüge. Wie so oft bediente MacKenzie in seinem
Sun-Artikel bewusst bestehende Vorurteile. Andere Journalisten der
Sun schienen das instinktiv zu ahnen. In ihrer Geschichte der Sun
schreiben Peter Chippendale und Chris Horrie:
»Als die Leute in der Redaktion MacKenzies Aufrnacher sahen, ging
ein kollektiver Schauder durch den Saal, aber MacKenzie war so
mächtig, dass es außer Murdoch niemanden in der Firma gab, der ihn
bremsen konnte. Alle waren wie gelähmt, ›wie Hasen, die ins
Scheinwerferlicht starren‹, sagte ein Reporter. Die Lüge sprang ihnen
förmlich ins Gesicht. Es war offensichtlich, dass es sich nicht um einen
ärgerlichen Fehler oder um nachlässige Recherche handelte. Es
verschlug allen die Sprache – sie warfen nur einen Blick auf die Seite,
dann gingen sie davon und schüttelten den Kopf über die Monstrosität
des Artikels. Es war ein klassischer Fall von ›Schmierenjournalismus‹
.«3
Acht Jahre später traf ich mich mit Eddie Spearitt und zwei weiteren
Personen: Phil Raymond, dessen 14-jähriger Sohn Philip im Hillsborough-Stadion umgekommen war, und Joan Traynor, die zwei
Söhne, Christopher, 26, und Kevin, 16, verloren hatte. Wir saßen bei
Kaffee und Sandwiches in einem großen, sonnigen Raum des
Philharmonic Pub, von dem aus man Liverpool überschauen kann.
Diejenigen, die es völlig in Ordnung finden, wenn die freie Presse
durch Sensationsblätter verdrängt wird, die von Vorurteilen leben
und »das schreiben, was die Leute lesen wollen«, sollten über das
nachdenken, was Eddie, Phil und Joan zu sagen haben. Eddie
erzählt:
»Als ich im Krankenhaus lag, versteckte das Pflegepersonal die Sun
vor mir. Es ist schlimm genug, seinen 14-jährigen Sohn zu verlieren,
weil man ihm etwas Gutes tun wollte und ihn zu einem Fußballspiel
mitgenommen hat. Schlimmer kann es eigentlich nicht kommen. Aber
dann musste ich ihn auch noch gegen die Lügen verteidigen, die in der
Sun über angeblich betrunkene Hooligans verbreitet wurden. Es gab
keine Randalierer im Stadion. Während der 31-tägigen richterlichen
Anhörung wurde kein einziges Mal der Vorwurf laut, es sei Alkohol
im Spiel gewesen. Adam hat nie auch nur einen Tropfen getrunken.«
Joan Traynor erzählt, dass der Fernsehsender ITN um Erlaubnis ersucht hatte, die Beerdigung ihrer beiden Söhne filmen zu dürfen. Sie
lehnte ab und bat darum, die Privatsphäre ihrer Familie zu
respektieren. Die Sun störte sich nicht daran und schickte Reporter,
die von einer Mauer aus die Trauernden fotografierten. Das Bild der
Särge ihrer Söhne auf der Titelseite einer Zeitung, die die Umstände
ihres Todes so skrupellos durch den Schmutz gezogen hatte, regte
sie so auf, dass sie auch acht Jahre später noch Schwierigkeiten hat,
darüber zu sprechen. »So etwas dürfte eine Zeitung nicht tun«, sagt
sie. Phil Hammond berichtet:
»Mir ging es wie Eddie, meine Familie zeigte mir die Zeitungen nicht.
Die liegen immer noch in einer weißen Plastiktüte auf dem
Dachboden. Nehmen Sie nur eine der Lügen, die in der Sun standen.
Da wird behauptet, die Fans hätten den auf dem Spielfeld aufgereihten
Toten Uhren und Geld gestohlen. Ich bin der Schriftführer der
Selbsthilfegruppe für betroffene Familien, und alle haben sich wegen
dieser Vorwürfe an mich gewendet. Alle haben die Habseligkeiten
ihrer Angehörigen durchgesehen. Es war nichts gestohlen worden. In
der Sun wird behauptet, die Fans hätten auf die Toten uriniert. Wir
haben alle Kleidungsstücke zurückerhalten. Sie waren nicht
gewaschen worden, und keins roch nach Urin. Aber Schmutz ist
klebrig, und es gibt immer jemanden, der bereit ist, ihn weiter zu
verbreiten. Die Sun hat uns zutiefst verletzt. Wir mussten den Ruf
unserer Angehörigen verteidigen, die nichts weiter getan haben, als zu
einem Fußballspiel zu gehen, von dem sie nicht wieder
heimgekommen sind.«
In den Tagen nach der Tragödie verlieh Billy Butler, ein beliebter
Discjockey von Radio Merseyside, der Trauer und Wut in Liverpool
eine Stimme. »Es haben Zeitungshändler beim Sender angerufen«,
erzählt er mir, »um die Leute wissen zu lassen, dass sie die Sun nicht
mehr bestellen. Sie hängten Zettel in die Schaufenster, auf denen
stand: ›Hier wird keine Sun verkauft‹. In Kirkby wurde die Sun
öffentlich verbrannt. Ein Anrufer nach dem anderen erklärte, dass er
die Zeitung boykottiert, und dieser Boykott hält bis heute an. Es ist
eine tolle Sache, wenn die einfachen Leute auf diese Weise ihre
Macht demonstrieren können, und die Liverpooler haben gezeigt,
wie es geht.«
Kelvin MacKenzies Villa am Stadtrand wurde nicht von einem
Pressemob belagert wie die Häuser der Hillsborough-Familien. Er
wurde jeden Morgen von einem Chauffeur im Jaguar abgeholt und
nach Wapping in Murdochs Festung im Osten Londons gefahren,
wo er, geschützt von Stacheldraht und Wachpersonal, im Aufzug in
sein fensterloses Büro fuhr und dort blieb, bis ihn der Jaguar wieder
abholte.
In Merseyside, der Gegend um Liverpool, brachen die
Verkaufszahlen der Sun jedoch um fast 40 Prozent ein, was
Murdochs britischer Mediengruppe News International, aufs Jahr
umgerechnet, einen Verlust von etwa zehn Millionen Pfund beschert
haben dürfte. Als der Presserat später die Lügen der Sun verurteilte
und der Boykott der Zeitung weiter um sich griff, musste MacKenzie
auf Murdochs Anweisung hin öffentlich Stellung nehmen. Er suchte
sich dazu die Sendung »The World This Weekend« von BBC Radio 4
als Podium aus. Der von ihm kultivierte Arbeiterslang, der ihn als
»Mann von der Straße« ausweisen sollte, wich jetzt der zerknirschten
Stimme eines Vertreters der Mittelschicht, für die Radio 4 sendet.
»Es war meine Entscheidung«, sagte MacKenzie, »und nur meine
Entscheidung, die Titelseite auf diese Weise zu gestalten, und das
war ein schwerer Fehler.«4 1996 war MacKenzie wieder in Radio 4 zu
hören; dieses Mal schlug er einen ganz anderen Ton an. »Die Sun hat
niemanden angeklagt und niemanden für irgendetwas beschuldigt«,
verkündete er kämpferisch. »Wir waren nur das Sprachrohr für
andere .. .«5
Die Berichterstattung über die Hillsborough-Katastrophe ist ein typisches Beispiel dafür, wie skrupellos die Sun Tatsachen verdreht
und wie aggressiv und menschenverachtend die Zeitung ist. Die
Reichen und Berühmten sind in der Lage, sich mit teuren
Verleumdungsklagen zu wehren; so wurden etwa dem Sänger Elton
John nach einer Rufmordkampagne vor Gericht eine Million Pfund
Schadenersatz zugesprochen. Aber die meisten Opfer der Sun sind
Menschen wie die Hillsborough-Eltern, die für ihr Leiden nicht
entschädigt werden.
Man muss nur ein paar alte Ausgaben der Sun aufschlagen, dann
erkennt man das Muster, wie einige willkürlich ausgewählte
Beispiele zeigen: Ein Mann, der gerade eine Herztransplantation
hinter sich hat, wird über mehrere Seiten hinweg verunglimpft, weil
er 15 Jahre zuvor seine Frau verlassen hat. Die Geschichte wird
veröffentlicht, während er sich noch in der kritischen Phase seiner
Genesung befindet. Ein Mensch, der als Held gefeiert wird, weil er
jemandem das Leben gerettet oder einen Verbrecher dingfest
gemacht hat, wird genüsslich »in der Luft zerrissen«, sobald sich
irgendwo in seinem Privatleben ein dunkler Fleck finden lässt. Schon
ist aus dem Helden eine »miese Ratte« geworden.6
Auch Minderheiten sind eine beliebte Zielscheibe. Da wird ein Bischof in den Schmutz gezogen, weil er homosexuell ist, einer
Lesbierin wird die Befähigung abgesprochen, Kinder angemessen zu
betreuen.7 Eine beliebte Form der Diffamierung sind die regelmäßig
auftauchenden Rassenklischees. So wird beispielsweise ein
asiatischer Schauspieler aus der Serie EastEnders als »klein und
schäbig« diffamiert.8 Und zur Zweihundertjahrfeier Australiens
erschien in der Sun ein Leitartikel über die Aborigines unter der
Überschrift: »Die Abos: gewalttätig und tückisch«. Der Presserat
rügte den Artikel später als »unannehmbar, weil unzutreffend,
ungerechtfertigt und rassistisch«.9 Die Diskriminierung Behinderter
dagegen verbirgt sich hinter verlogenem Mitleid, wie im Fall von
Simon Weston, der als Soldat im Falklandkrieg schwerste
Verbrennungen erlitten hatte. Er musste für ein fingiertes
»Interview« herhalten, das auf die Ekelgefühle der Leser abzielte, indem es seine Entstellungen in den Vordergrund rückte.10
Im Gegensatz zu Journalisten sind Politiker sozusagen Freiwild,
wenn sie als Heuchler entlarvt werden. Der Labour-Abgeordnete
Tony Benn ist zwar kein Heuchler, aber seine Ansichten sind
Murdoch ein Dorn im Auge. Prompt erklärte die Sun Benn für
»verrückt« und berief sich in ihrer billigen Diffamierungsgeschichte
auf einen amerikanischen Psychologen als Gewährsmann, der die
»Absurdität« irgendwelcher erfundenen Zitate Benns bestätigte.11
Die Kampagne der Thatcher-Regierung gegen die »loony left«, die
»linken Spinner« im Londoner Stadtrat, die vermutlich viel dazu
beigetragen hat, dass sich die Labour-Partei selbst untreu wurde und
von ihren progressiven Kräften trennte, stützte sich im Wesentlichen
auf eine lange Reihe erfundener und verzerrender Geschichten in
der Sun.
Der Mann, der letztlich hinter all dem steht, ist Rupert Murdoch.
Mehr als jeder andere Zeitungsverleger seit Lord Beaverbrook ist
Murdoch stolz auf seine glückliche Hand bei der Auswahl seiner
Chefredakteure, mit denen er einen engen Kontakt pflegt. Kelvin
MacKen-zie war sein erklärter »Liebling«. Unter ihm machte die Sun
Gewinne, die es Murdoch ermöglichten, sein Fernsehimperium
aufzubauen. Murdoch gab MacKenzie Rückendeckung für seine
zweifelhaften Praktiken oder billigte sie doch zumindest
stillschweigend.
Als Journalisten der Times, einer Schwesterzeitung der Sun, nach
der Veröffentlichung der gefälschten Hitler-Tagebücher ihre Sorge
über den damit verbundenen Ansehensverlust für die Zeitung zum
Ausdruck brachten, entgegnete Murdoch nur: »Wir sind schließlich
im Unterhaltungsgeschäft.«12
Die Gesinnung, auf die Murdoch in seinen Zeitungen baut, zeigte
sich schon am Anfang seiner Laufbahn. 1964 veröffentlichte sein in
Sydney erscheinendes Boulevardblatt Daily Mirror das Tagebuch
einer 14-jährigen Schülerin unter der Überschrift: »Aus dem
Orgientagebuch eines Schulmädchens«. Ein namentlich erwähnter
13-jähriger Mitschüler des Mädchens wurde daraufhin von der
Schule verwiesen und erhängte sich wenig später zu Hause mit einer
Wäscheleine. Bei der ärztlichen Untersuchung, die auf Veranlassung
des Jugendamts vorgenommen wurde, stellte sich dann heraus, dass
das Mädchen noch unberührt war. Das »Tagebuch« war ein Produkt
der lebhaften Fantasie einer pubertierenden Jugendlichen.
Richard Neville, Redakteur beim australischen Satiremagazin Oz,
besuchte die Angehörigen des Jungen. Ihre Trauer und die
Umstände seines Todes gingen ihm sehr nah. »Offenbar gibt es
Verleger«, schreibt er in seiner Autobiografie, »die sogar bei einem
Mord ungestraft davonkommen ... oder doch zumindest bei einem
Beinahmord.«13 Von Neville auf die Folgen der Berichterstattung
seiner Zeitung angesprochen, sagte Murdoch nur: »Jeder macht mal
Fehler.«14
In den wenigen Interviews, zu denen er sich herablässt, bricht
Murdoch oft eine Lanze für das Werk, das ihn zum Multimilliardär
gemacht hat. Kurz bevor er 1967 an die Londoner Fleet Street
wechselte, erklärte er in einer Sendung von ABC Television in
Sydney: »Ich schäme mich für keine meiner Zeitungen, und die
Snobs, die behaupten, es seien schlechte Zeitungen, finde ich schlicht
zum Kotzen. Diese selbst ernannten Liberalen oder Radikalen lesen
Zeitungen, die sonst keinen Menschen interessieren, und wollen den
anderen ihren Geschmack aufzwingen.«15 In London pflegte
Murdoch sein Image als »Außenseiter«, der von »Snobs« schikaniert
wird. Zu den »Snobs« zählte er schon bald auch die Mitglieder des
Unterhauses und der Rundfunkaufsichtsbehörde, die ihm hartnäckig
den Zugang zum britischen Fernsehmarkt verweigerten.
Murdoch selbst stammt aus der anglozentrischen Oberschicht Australiens. Er besuchte die exklusivste Privatschule des Landes,
Geelong Grammar (auf die auch Prinz Charles eine Zeit lang als
Austauschschüler geschickt wurde) und studierte in Oxford. Die
gesellschaftlichen Verbindungen seiner Eltern öffneten ihm viele
Türen. Als vermögende Witwe hatte sich seine Mutter in der Kunstund Kulturszene einen Namen als großzügige Mäzenin gemacht.
Eine Zeitung wie die Sun musste ihr ein Dorn im Auge sein, genau
wie Murdochs Frau Anna, einer gläubigen Katholikin.
Murdochs amerikanischer Biograf, Thomas Kiernan, ist einer der
wenigen Außenstehenden, die nähere persönliche Bekanntschaft mit
ihm geschlossen haben. Er wurde bei der Arbeit an seinem Buch Citi
zen Murdoch von Murdoch selbst, dessen Familie und dessen
Freunden nach Kräften unterstützt.16 In einem Gespräch erzählte er
mir:
»Der Gegensatz zwischen dem Privatmenschen und dem
Geschäftsmann Murdoch ist frappierend. Ich habe oft mit ihm
Tennis gespielt, und für jemanden, der sich in der Öffentlichkeit so
hemdsärmelig gibt, ist sein Auftreten ausgesprochen elitär. Im Büro
verhält er sich wie ein Feldmarschall: fordernd, barsch und
aufbrausend. Aber in seinem Privatleben setzt er strenge Maßstäbe
und hat strikte Wertvorstellungen, und er erwartet, dass seine
Kinder und seine Freunde sich daran halten. In den Medien dagegen
trägt er zu einem massiven Werteverfall bei. Für seine Zeitungen gilt
dies schon sehr lange. Es ist wie eine ansteckende Krankheit. Selbst
die New York Times zitiert bisweilen das Boulevardblatt Star, eine der
ersten Zeitungen, die Murdoch in den Vereinigten Staaten auf den
Markt gebracht hat. Quelle der Geschichten, die im Star erscheinen,
ist nicht selten die Sun, und wenn sie dann die Runde durch alle
Murdoch-Blätter gemacht haben, ist unversehens aus einer billigen
Erfindung die verbürgte Wahrheit geworden. Jetzt hat Murdoch das
Fernsehen ins Visier genommen, und man kann die Gefahr schon
riechen.
In den Vereinigten Staaten übt Murdoch direkten Einfluss auf die
Programmgestaltung der Fox-Gruppe (Fox-Fernsehstudios sowie
20th Century Fox) aus, die für ihre anspruchslosen Produktionen
bekannt ist. Nachrichten sind bei ihm zur Unterhaltung verkommen
und werden von Paparazzi geliefert, die sich mit ihren
Videokameras Prominenten an die Fersen hängen – eine Praxis, die
Murdoch in den USA im Prinzip erst eingeführt hat. Die anderen
Nachrichtensender müssen diesen Abwärtstrend zwangsläufig
nachvollziehen, wenn sie mit Murdoch Schritt halten wollen. Es ist,
als ob alles, was er anfasst, so stumpf würde wie das Grauen, das
täglich auf den Titelseiten seiner Zeitungen zur Schau gestellt wird.
Es dauert nicht lange, und wir haben uns daran gewöhnt.
Und dann sehen Sie sich dagegen sein Privatleben an, in dem seine
Frau Anna entscheidenden Einfluss hat. In der Zeit, die ich mit den
beiden verbracht habe, hat sie ihn oft wegen seiner Unternehmenspolitik kritisiert. Als er aus der New York Post einen Abklatsch
der Sun machte, verzichtete er auf die üblichen Bilder halbnackter
Mädchen, weil seine Frau entschieden dagegen war, dass ihre drei
Kinder mit dem Anblick barbusiger Frauen konfrontiert würden,
wenn sie die Zeitung ihres Vaters im Zeitungskiosk sähen. Sie wollte
nicht, dass die Kinder in der Schule gehänselt wurden, und fürchtete
gesellschaftliche Nachteile für die Familie, die in dieser Zeit gerade
in New York Fuß zu fassen suchte.«
Der preisgekrönte deutsche Journalist Reiner Luyken berichtet seit
20 Jahren für Die Zeit aus Großbritannien. Unter dem Titel »Ein
kulturelles Tschernobyl« hat er eine kluge Artikelserie verfasst, in
der er Murdochs Einfluss auf die britische Medienlandschaft
beschreibt. »Das Wichtigste, was Murdoch bewirkt hat, ist die um
sich greifende Selbstzensur«, schreibt Luyken. »Sie ist mittlerweile in
den britischen Medien so selbstverständlich geworden, dass sich
Journalisten zu ihr bekennen, ohne rot zu werden.«
Wir trafen uns vor den Toren von Murdochs riesiger Zentrale in
Wapping, die Luyken als »journalistische Vollzugsanstalt« und als
eine »neue schöne neue Welt« bezeichnet. »Wenn Sie sich den Ort
genauer ansehen«, sagte er, »die elektronischen Schranken, den
Stacheldrahtzaun, die Wachposten, dann müssen Sie sich doch
fragen: ›Wie sollen an solch einem Ort Informationen und Ideen frei
fließen?‹ Wapping ist eine Geldvermehrungsfabrik, die jedoch zu
einer Art Medienmodell avanciert ist. Egal, ob man den Daily Mirror
oder den Telegraph aufschlägt oder BBC einschaltet, man kann sich
des Gefühls nicht erwehren, dass der Sinn der journalistischen
Arbeit auf den Kopf gestellt wurde und dass der Journalismus zu
einer Ware mutiert ist, die nur noch der Geldbeschaffung dient. Das
ist der Murdoch-Effekt. Wapping ist ein kulturelles Tschernobyl, das
mit seinen giftigen Strahlen die ganze journalistische Landschaft
verseucht.«
Viele der Journalisten, die mit der »neuen schönen neuen Welt« in
Wapping in Berührung gekommen sind, betrachten die Person
Murdoch auch Jahre später noch mit zwiespältigen Gefühlen und behaupten hartnäckig, es habe ihnen nie jemand Vorschriften gemacht
oder eine »Linie« vorgegeben – derer es in Wahrheit auch gar nicht
bedurfte: Sie wussten, was von ihnen erwartet wurde und handelten
danach.
Roy Greenslade, der Murdoch jetzt kritisch gegenübersteht, war
bis 1987 nach Kelvin MacKenzie die Nummer Zwei bei der Sun. »In
jungen Jahren«, schreiben Peter Chippendale und Chris Horrie, »war
Greenslade bekennender Maoist und militantes Gewerkschaftsmitglied in der National Union of Journalists ... Doch seine politischen
Ansichten waren nach einiger Zeit so verwässert, dass er ohne große
Bedenken eine leitende Stellung bei der Thatcher-treuen Sun annehmen konnte.«17
Greenslade erlebte in seiner Zeit bei der Sun einige von MacKenzies journalistischen »Glanzleistungen« mit, wie die propagandistischen Lügenmärchen beispielsweise, die er als Berichterstattung
über den Falklandkrieg verkaufte. Als MacKenzie seine Mitarbeiter
aufforderte, als Streikbrecher im Kampf der Gewerkschaft gegen die
Entlassung von 5900 Druckern, Sekretärinnen, Bibliothekaren und
Putzleuten zu fungieren, tat Greenslade ihm diesen Gefallen.
1995 rechnete Greenslade, inzwischen aus Murdochs Diensten ausgeschieden, erbarmungslos mit den Gepflogenheiten in Wapping ab
und lieferte eine der überzeugendsten Erklärungen zum Erfolg der
Sun:
»Murdoch erkannte die Zeichen der Zeit, als die traditionellen Werte
eines in Misskredit geratenen Bürgertums zu bröckeln begannen. Eine
erstarkte Arbeiterklasse erklärte ihren früheren Mangel an
Selbstbewusstsein zu einem Fehler vergangener Generationen. Das
Fernsehen ersetzte Gott ... Worüber man früher nur hinter
vorgehaltener Hand oder in den eigenen vier Wänden gesprochen
hatte, wurde jetzt millionenfach in der Sun herausposaunt, die auf den
Zug der Zeit aufsprang und sich grenzenlos tolerant gab. Im Laufe der
Jahre pervertierte sie diesen liberalen Geist in ihrem eigenen Sinne.
Einerseits wurde Sex groß geschrieben, andererseits in den Leitartikeln
ein Übermaß an sexueller Freizügigkeit beklagt. Einerseits wurden die
Leser zum Bingospiel um hohe Geldsummen animiert, andererseits
der Moralverlust in einer Selbstbedienungsgesellschaft angeprangert.
Einerseits wurden Leser überredet, ihre erotischen Geheimnisse zu
verkaufen, andererseits wurden sie dafür der Lächerlichkeit
preisgegeben. Die seichte Welt der Reichen und Schönen wurde zur
Steigerung der Auflage schamlos aufgewertet. Die Grenzen des guten
Geschmacks und des Anstands wurden ständig zurückgenommen,
während man händeringend den Sittenverfall beklagte. Man schaute
dem Stammtischpöbel aufs Maul und drosch gleichzeitig auf die sich
ausbreitende Jugendkultur ein. Die Sun verband auf opportunistische
Weise radikale und reaktionäre Elemente, um die Verdienste von
Margaret Thatcher, der Oberpriesterin des Spießbürgertums, zu
preisen.«
Greenslade nannte dies »die Degradierung der Zeitungen vom Informationsmedium zur Geldmaschine«. Er beschrieb, wie sich seriöse
Zeitungen und Boulevardblätter überschlugen, um »die Erfolgsformel« der Sun zu kopieren, »die auf Prominentenkult, Spiele und
Fernsehpromotion setzt und bei der billige Unterhaltung zum
nationalen Zeitvertreib wird, Geschmacklosigkeit in Mode ist und
der kleinste gemeinsame Nenner das Einzige ist, was man erreichen
will...« 18
Greenslade sagte mir, sein in der Literary Review abgedruckter Artikel sei »ein Eingeständnis, dass vieles von dem, was er mitgemacht
habe, falsch war«. Und er fuhr fort:
»Man geht völlig auf in den technischen Abläufen der Zeitungsproduktion. Das ist fast wie im Nazideutschland. Wenn man ein funktionierendes Rädchen in einem Getriebe ist, wird man in vielerlei
Hinsicht blind für das, was man eigentlich tut. Man ist so damit beschäftigt, die nächste Geschichte zu finden, die nächste Reportage zu
produzieren, eine bestimmte Seite zu füllen und so weiter, dass man
den Blick für das Ganze verliert... Es ist nicht so schlimm wie damals
in Deutschland, aber ich glaube schon, dass wir das gleiche System der
Arbeitsteilung haben, und jeder von uns trägt das Seine dazu bei...«
Greenslade hatte viele Gelegenheiten, sich mit Murdoch zu unterhalten.
»Er entspricht nicht dem Bild des Aussieproleten, als der er oft dargestellt wird. Er ist ein gebildeter Mann. Für mich ist er ein absolut
rationaler Mensch. Das zeigt sich nicht nur in finanziellen Angelegenheiten, sondern auch an der Art von Fragen, die er stellt: ›Wird sich
das verkaufen? Sollten wir nicht mehr Sport bringen? Haben wir
irgendwelche Sexumfragen?‹ Er stellt seine Fragen so, dass man gar
nicht merkt, was dahinter steckt..., aber wenn die Sprache auf Politik
kommt, nun ja ... Ungefähr zu der Zeit, als die Berliner Mauer fiel, traf
ich mich mit ihm zum Abendessen in London. Er vertrat vehement die
Ansicht, der Westen müsse an seinen Atomwaffenbeständen
festhalten. Während selbst konservative Stimmen in der Sunday Times
für eine Friedensdividende plädierten, beharrte er auf seiner sturen
Haltung und berief sich dabei fortwährend auf seinen politischen
Berater‹, wie er es nannte. Auf die Frage, wer damit gemeint sei,
antwortete er: ›Richard Nixon‹.«
In der Pressesatire Pravda von David Hare und Howard Brenton sagt
die Figur Lambert Le Roux, in der man unschwer Murdoch
erkennen kann, den Satz: »Seriös, unseriös, das ist doch alles ein und
dasselbe.« Und wenn er im Schlusssatz des Stückes ausruft:
»Willkommen in der Lügenfabrik«, ist damit eindeutig Wapping
gemeint. Rupert Murdoch hat es geschafft, sein gesamtes Imperium,
ob in Großbritannien oder sonst wo in der Welt und quer durch die
unterschiedlichen Zeitungen, die gleichzeitig in Wapping produziert
werden, mit dem gleichen Geist zu beseelen.
1981 kaufte Murdoch die Times und die Sunday Times nach langen,
zähen Verhandlungen, in deren Verlauf er sich bereit erklärte,
»unabhängige Direktoren« im Aufsichtsrat des Unternehmens zu
akzeptieren. Außerdem »verbürgte er sich mit seinem Wort« dafür,
dass er bei keiner der beiden Zeitungen Einfluss auf die
redaktionellen Entscheidungen nehmen werde. Genauso gut hätte
man an den Osterhasen glauben können.
Während er Politikern und anderen Entscheidungsträgern gegenüber mit Zusicherungen dieser Art nicht geizte, äußerte sich
Murdoch im Gespräch mit Thomas Kiernan ganz anders. »Eines
musst du dir merken, Tom. Du erzählst diesen verdammten
Politikern, was sie hören wollen, und wenn du den Vertrag in der
Tasche hast, kümmerst du dich nicht mehr darum. Wenn sie später
plötzlich merken, dass das, was du gesagt hast, und das, was sie zu
hören geglaubt haben, zwei verschiedene Dinge sind, werden sie dir
nicht auf die Pelle rücken. Sonst stehen sie nämlich ziemlich dumm
da, und das können sie sich nicht leisten. Lieber stecken sie den Kopf
in den Sand und warten, bis Gras über die Sache gewachsen ist.«19
Und genau so spielte es sich ab. Margaret Thatchers Wirtschaftsminister John Biffen legte Murdochs Kaufgebot nicht dem Kartellamt
vor, obwohl die Bestimmungen vorschreiben, dass ein
Zeitungsverlag mit einer Auflage von mehr als einer halben Million
eingehend geprüft werden muss, bevor er ein weiteres Blatt
erwerben kann. Eine Ausnahme ist nur möglich, wenn das zum Kauf
stehende Unternehmen andernfalls von der Schließung bedroht
wäre. Sicher stand die Times nicht auf soliden finanziellen Füßen,
aber die Sunday Times fuhr Gewinne ein und versprach noch
profitabler zu werden. Des ungeachtet ließ sich Biffen mit sehr
umstrittenen Zahlen abspeisen, die »bewiesen«, dass die Sunday
Times ein Verlustgeschäft war. Die Tatsache, dass die Zeitung
Murdoch seither ein Vermögen eingebracht hat, lässt Bif-fens
Entscheidung in einem umso fragwürdigeren Licht erscheinen.20
Just in dem Moment, als die Vorgänge vor Gericht geklärt werden
sollten, gab Murdoch, diesmal an die Adresse der Journalisten
gerichtet, noch einmal sein Wort, die redaktionelle Unabhängigkeit
der beiden Zeitungen zu wahren. Gleichzeitig behauptete er, die
Blätter stünden vor dem sicheren Aus und nur die Übernahme
durch ihn könne sie vor diesem Schicksal bewahren. »In einer
bestimmten Phase des Tauziehens um die Times«, schreiben
Christopher Hird und seine Mitautoren in ihrem Buch Murdoch: The
Great Escape, »rief ein Mitglied des Mitarbeiterkonsortiums, das
ebenfalls am Kauf der Sunday Times interessiert war, einen alten
Freund an, der zu Thatchers Beraterstab in der Downing Street 10
gehörte. Unter Berufung auf das Bekenntnis der Regierung zum
freien Wettbewerb drängte er darauf, die Übernahme durch
Murdoch zu verhindern. Man sagte ihm, er solle seine Zeit nicht
vergeuden. ›Du hast es vielleicht noch nicht bemerkt, aber sie mag
den Kerl.«‹
Als die Übernahme in einem Kabinettsausschuss erörtert wurde,
führte Thatcher den Vorsitz, und Murdoch erhielt endlich den Lohn
für die »jahrelange treue Unterstützung« durch seine Zeitungen. Das
Ergebnis war, so Michael Leapman, »eine unangefochtene
Übernahme mit allen Merkmalen einer politischen Absprache, wie
sie Murdoch angeblich so verhasst ist«.21 Und Murdochs Mutter
verkündete in einem BBC-Interview: »Vielleicht werden die Briten
noch dahinter kommen, dass er gar kein so übler Kerl ist.«22
Anders als in der anspruchslosen Sun finden sich in der Sunday
Times auch Beispiele solider journalistischer Arbeit, und manchmal
sind sogar echte Knüller darunter, die allerdings schwer zu
unterscheiden sind von journalistischen Machwerken, die sich nur
den Anschein von Seriosität geben. Seit der Übernahme durch
Murdoch ist die Sunday Times zum wichtigsten Vehikel für die
Interessen und Ziele ihres Verlegers avanciert. In den 80er Jahren
lancierte er immer wieder scharfe Angriffe geben BBC und ITV, die
offenkundig seinem Einstieg ins britische Fernsehgeschäft im Wege
standen. Und als er Andrew Neil, den Chefredakteur der Sunday
Times, zum Leiter seines Satellitenfernsehsenders Sky machte, war
das die Art von »Fremdbefruchtung«, wie es ein Insider ausdrückte,
die in seinem Presse-Imperium in aller Welt schon lange praktiziert
wurde.
In Neils 470-Seiten-Wälzer Full Disclosure, dem vermutlich aufgeblasensten Machwerk in der Geschichte der Autobiografien, hat
der Autor nicht einmal 30 Wörter für die absurdeste und übelste
aller Schmierenkampagnen der Sunday Times übrig, die sich gegen
die Produzenten der Fernsehdokumentation Death on the Rock für
Thames Television richtete.
Dieser 1988 ausgestrahlte Dokumentarfilm war von außerordentlicher Brisanz, weil er einiges über die Strategien der britischen Geheimdienste und deren skrupellose Praktiken unter Thatcher verriet.
Der Film über den Vorfall, bei dem einige Monate zuvor auf
Gibraltar drei unbewaffnete IRA-Mitglieder von einem SASSonderkommando erschossen worden waren, brachte ans Licht, dass
die britische Regierung nicht davor zurückschreckte, in Verfolgung
ihrer aggressiven Irlandpolitik Todesschwadronen im Ausland
einzusetzen. Mit Death on the Rock brachen die Filmemacher aber
auch den Konsens, der in der Nordirlandfrage zwischen Regierung
und Medien herrschte. Thatcher verzieh dem Sender diese
Grenzüberschreitung nie. Hatte sie den Pay-TV-Sender auch vorher
schon oft wegen seiner »Monopolstellung« attackiert, klangen ihre
Anwürfe jetzt, als kämen sie aus Murdochs Mund, und wurden
entsprechend begierig von der Sunday Times aufgenommen. Kaum
war Thames Television mit dem Vorwurf der Regierung konfrontiert
worden, Death on the Rock sei eine bewusste »Verzerrung« der
Wahrheit, beeilte sich die Sunday Times, seitenlang in tendenziöser,
sensationslüsterner und ehrverletzender Weise über die Ereignisse
zu berichten.
Carmen Proetta, eine Augenzeugin der Morde, erklärt in dem
Film, dass sie gesehen hatte, wie zwei unbewaffnete Personen aus
nächster Nähe ohne Gegenwehr erschossen wurden. Die beiden
hatten die Arme hochgerissen, entweder um sich zu ergeben oder in
Reaktion auf die Schüsse. Carmen Proetta hatte keinen Warnruf
gehört. Die Mur-doch-Presse ebenso wie die meisten anderen
Zeitungen an der Fleet Street überzogen die Zeugin mit einer Flut
von Lügen und Verleumdungen. Sie wurde fälschlicherweise der
Prostitution und des Drogenhandels bezichtigt und als
»britenfeindlich« beschimpft. Die Sun bezeichnete sie als die »Nutte
von Gibraltar«. Die Berichterstattung in der Sunday Times war nur in
einem Punkt anders: Sie war ausführlicher.
Carmen Proetta erhielt schließlich nach einer Verleumdungsklage
gut 300000 Pfund, von denen mehr als die Hälfte von der Sunday
Times stammte, die sich in einem außergerichtlichen Vergleich mit
der Klägerin auf diese Summe geeinigt hatte. Wie Roger Bolton, der
Produzent des Dokumentarfilms Death on the Rock, erzählte, stimmte
Neil dieser Einigung nur deshalb zu, weil »eine frühere Mitarbeiterin
der Sunday Times gleich am ersten Verhandlungstag bereit war
auszusagen, dass der Bericht, den sie aus Gibraltar geschickt hatte,
von Neils Re-dakteuren falsch wiedergegeben worden war«.23 In
einer Notiz an den verantwortlichen Redakteur Robin Morgan erhob
die Journalistin den Vorwurf, die Zeitung habe »keine Skrupel,
Schuldzuweisungen zu konstruieren, um einen bestimmten
Standpunkt zu rechtfertigen und mit verdrehten und falsch zitierten
Interviews zu untermauern – also genau das zu tun, was wir Thames
Television angekreidet haben.«24 Sie reichte später ihre Kündigung
ein.
Eine Untersuchungskommission unter der Leitung des früheren
Tory-Ministers Lord Windlesham kam zu dem Schluss, dass die
Ereignisse in dem Film wahrheitsgetreu dargestellt worden waren.
Die britische Journalistengewerkschaft verlangte eine Untersuchung,
in der geklärt werden sollte, welche Rolle die Sunday Times und vor
allem Andrew Neil in der Affäre gespielt hatten. Aber dazu kam es
nicht. Durch das von Thatcher eingeführte neue System der
Lizenzvergabe für das kommerzielle Fernsehen verlor Thames
Television, einer der innovativsten Privatsender Großbritanniens,
seine Sendeberechtigung.
Hugo Young, zuständig für das Politikressort der Sunday Times, als
Murdoch die Zeitung übernahm, schreibt:
»Von Anfang an standen die Zeichen schlecht. Schon bei ihrem ersten
Besuch in den Redaktionsräumen machten Murdoch und seine Partner
keinen Hehl aus ihrer Abneigung gegen die journalistische Linie der
Sunday Times und äußerten sich verächtlich über diejenigen, die sie
vertraten. Die Journalisten wurden kollektiv als trotzkistische
Faulenzer, Drückeberger und Spesenritter diffamiert. Ich habe jedes
dieser Schmähworte persönlich aus dem Munde von Murdoch-
Managern gehört. Besonders nachdrücklich wurde die politische
Etikettierung betrieben, die zugleich an jeder Realität vorbeiging. So
galten Berichte aus El Salvador, die auch nur die Möglichkeit
andeuteten, die USA könnten außenpolitische Fehler machen, als
schlagender Beweis dafür, dass die Roten die Zeitung im Griff
hatten.«25
Einst gepriesen für ihre journalistische und politische
Unabhängigkeit, wurde die Sunday Times bald zum Spiegel der
Weltanschauung ihres Eigentümers. Die größte Friedensdemonstration, die je von der Campaign for Nuclear Disarmament
organisiert wurde und an der über eine halbe Million Menschen
teilnahmen, wurde unter der Schlagzeile »Der sinkende Stern der
CND« heruntergespielt. In den tendenziösen Berichten über den
Streik in den Kohlegruben 1984/85 erschienen die Bergarbeiter, ganz
im Einklang mit der Regierungspropaganda, als gewalttätige,
radikale, mit ihren Gewerkschaftsführern zerstrittene »innere
Feinde«. Für die Sunday Times war der Streik, abermals Hugo Young
zufolge, »eine marxistische Verschwörung«. In der internationalen
Berichterstattung beschränkte sich das Blatt auf die Rolle eines
»mittelatlantischen Cheerleaders«.26 Ein Interview mit Ronald
Reagan erinnerte auffallend an einen Exklusivbericht der Sun, hatte
also, mit anderen Worten, nie stattgefunden. Im Stil der Sun brachte
die Zeitung eine Titelseite, auf der Salman Rushdie von seiner
getrennt von ihm lebenden Frau persönlich attackiert wurde,
während er sich versteckt halten musste, weil er durch eine iranische
Fatwa mit dem Tod bedroht war.
Michael Foot, der frühere Parteivorsitzende der Labour-Partei,
wurde in einer fetten Schlagzeile auf der Titelseite als »KGB-Spion«
bezeichnet. Dem »Exklusivbericht« folgte dann die Meldung, dass
man Foot eine »beträchtliche Entschädigung« zu zahlen habe: ein
Nachtrag, wie er bei »investigativen Reportagen«, die einst der Stolz
der Zeitung waren, fast schon zur Regel wurde. Die Seuche
verbreitete sich bis in den letzten Winkel der Sunday Times. Im so
genannten Kulturteil der Zeitung bedachte der Fernsehkritiker
Adrian Gill einen meiner Filme über Murdochs Einfluss auf die
britische Zeitungslandschaft insgesamt und den Daily Mirror im
Besonderen mit einer Flut von Beschimpfungen. In seiner
»Rezension« griff er unter anderem Donald Zec, einen ehemaligen
Autor und Kritiker des Daily Mirror, scharf an und bezichtigte ihn, in
den 50er Jahren in Marilyn Monroes Haus eingebrochen zu sein.
Kurz darauf erschienen auf der Kulturseite der Sunday Times die
üblichen Entschuldigungen und Dementis.27
In der Gesellschaftsrubrik der Zeitung gab es eine Kolumne mit
dem Titel »Das Paar der Woche«, in der die Klatschjournalistin
Chrissy Hey, abgebildet in einem schwarz schimmernden Jackett,
genüsslich die neuesten Spekulationen und Gerüchte über zwei
Menschen ihrer Wahl verbreitete. Eines Sonntags war die Kolumne
aus unerfindlichen Gründen auf Nimmerwiedersehen aus der
Zeitung verschwunden. In der gleichen Woche erklärte die USamerikanische Spendenorganisation United Jewish Appeal Murdoch
zum »Wohltäter des Jahres«. Der Preis wurde ihm durch Henry
Kissinger überreicht. Als Kissinger den Friedensnobelpreis für
seinen Beitrag zum »Frieden« in Vietnam erhielt, sagte der große
amerikanische Satiriker Tom Lehrer, jetzt sei es Zeit für ihn, in Rente
zu gehen, weil Satire offensichtlich überflüssig geworden sei. Der
»Wohltäter des Jahres« bestätigte seine Worte.28
***
Murdochs Einzug in die »neue schöne neue Welt« von Wapping
fand am 24. Januar 1986 statt. Praktisch über Nacht verloren 5000
Angestellte ihren Arbeitsplatz. »Die Gewerkschaften«, verkündete
Kelvin MacKenzie den bei der Sun beschäftigten Journalisten,
»können uns jetzt am Arsch lecken.«29
Meiner Erfahrung nach waren die meisten Setzer, Drucker und
Druckereiarbeiter rechtschaffene Menschen, die, besonders in den
alten Verlagsgebäuden der Sun und der News of the World in der
Bouverie Street, in schmutzigen Räumen und unter gefährlichen
Bedingungen an veralteten Maschinen schufteten. Sie wurden im
Vergleich zu anderen Arbeitern gut bezahlt, und das reichte in
einem Land mit so skandalös niedrigen Löhnen wie Großbritannien
aus, um sich andere zu Feinden zu machen.
1985 wurde Brenda Dean Generalsekretärin der Society of Graphical and Allied Trades (SOGAT), die die Büroangestellten und Hilfskräfte der Druckereibranche vertritt. Sie sagt mir:
»Es ist an der Zeit, mit den Mythen, die um Wapping gesponnen
werden, aufzuräumen. Murdoch machte mir als erstes
unmissverständlich klar, dass er nur dann zu Verhandlungen mit den
Gewerkschaften bereit sei, wenn ich ihm die Zustimmung zur
Reduzierung des Personalbestands präsentieren könnte. Natürlich gab
es einigen Widerstand gegen die neue Technik, vor allem von Leuten,
die ihr Leben lang in der Branche gearbeitet hatten und nicht fest
angestellt waren. Viele dieser Beschäftigten hatten keine
Altersvorsorge. Sie hätten nach einer Entlassung keine Arbeit mehr
gefunden und wollten nun wissen, was aus ihnen werden sollte. Aber
das heißt keineswegs, dass wir keine Einigung hätten erzielen können.
Die Chance war da. Die große Mehrheit war an einer Einigung
interessiert, das ist überhaupt keine Frage.«
Mit Clive Thornton, dem neuen Hauptgeschäftsführer beim Daily
Mirror, hatten die Gewerkschaften bereits einen weit reichenden Vertrag ausgehandelt und darin unter dreijährigem Verzicht auf alle
Streiks zugestanden, dass der Personalbestand reduziert und neue
Techniken eingeführt werden konnten. Von Murdoch, mit dem sie
ein ähnliches Abkommen zu erzielen hofften, erfuhren die
Gewerkschaften, dass geplant sei, in Wapping eine neue Zeitung, die
London Post, zu produzieren. Die Gewerkschaften begrüßten dies im
Großen und Ganzen und unterbreiteten ihre Vorschläge für einen
umfassenden Haustarifvertrag im Hinblick auf die Einführung der
neuen Techniken.
Am 2. Januar 1986 schrieb Tony Britton, der stellvertretende Leiter
der News Group Newspapers Limited, zu der Sun und News of the
World gehören, an den Gewerkschaftsvertreter Tony Isaacs: »Das
Unternehmen hat den Vorschlägen der Gewerkschaft zugestimmt ...
und sichert zu, dass kein fest Angestellter freiwillig kündigen muss«,
worauf Isaacs antwortete: »Ich freue mich, Ihnen mitteilen zu
können, dass meine Gewerkschaftsgruppe die Vorschläge der
Firmenleitung zum Verlagshaus in Wapping akzeptiert hat.« 30
Murdoch hatte allerdings ohne Wissen von Dean, Isaacs oder sonst
eines
Gewerkschaftsvertreters
seit
Monaten
heimlich
gewerkschaftlich nicht organisierte Mitarbeiter nach Wapping
versetzt und überlegte nun, wie er die Tausende, denen der
Arbeitsplatz »garantiert« worden war, auf elegante Art loswerden
konnte. In einem Brief an Bruce Mathews, den Geschäftsführer von
News International, schildert Murdochs Anwalt Geoffrey Richards
in aller Ausführlichkeit, wie man sich »der Belegschaft entledigen«
könne. »Am billigsten wäre es«, führt er aus, »die Angestellten zu
entlassen, wenn sie sich an einem Streik beteiligen ... Um möglichst
viele Angestellte auf einmal zu erwischen, sollten die Entlassungen
meiner Einschätzung nach am besten am Wochenende stattfinden..
.«31
Grundlage seiner Auslassungen waren Thatchers neue
Antigewerkschaftsgesetze, denen zufolge Arbeiter, die während
laufender Tarifverhandlungen in den Streik treten, fristlos und ohne
Abfindungen entlassen werden können, wodurch die Firma sehr viel
Geld sparen würde. Von der London Post war keine Rede mehr, sie
wurde immer mehr zur Fata Morgana, ein Manöver, das, wie
Murdoch-Kenner sagten, vom »eigentlichen Coup« ablenken sollte.
»Wir wurden hinters Licht geführt«, erinnert sich Brenda Dean.
»Die Verträge waren unterschriftsreif, aber plötzlich zierte sich die
Unternehmensleitung. Dabei hatten wir in einigen Bereichen sogar
der Reduzierung der Belegschaft um ein Drittel zugestimmt.«
Tatsächlich hatte Dean so große Zugeständnisse gemacht, wie es im
Druckereigewerbe noch nie jemand vor ihr gewagt hatte. Noch
weiter gegangen war Tony Dubbins von der National Graphical
Association, in der die Schriftsetzer vertreten sind, als er sein Plazet
gegeben hatte, dass die Journalisten ihre Artikel direkt an den
Redaktionscomputern in Wapping eingeben durften, obwohl dies
seiner Gewerkschaft faktisch die Existenzgrundlage entzog.
Es fehlten nur noch die Unterschriften. Murdoch aber hielt an seiner Hinhaltetaktik fest, während seine Leute nur auf das Signal
warteten, um das streng geheime »Projekt 800« in die Tat
umzusetzen, das er selber auf einer Sitzung der Unternehmensspitze
in New York als »unseren Sprung in die Freiheit« ausgegeben hatte.32
Als die Gewerkschaften endlich begriffen, dass man sie an der Nase
herumgeführt hatte und alle Vereinbarungen wertlos waren, riefen
sie zur Urabstimmung auf, und es kam zum Streik. »Wir hatten ihm
den Ölzweig gereicht«, sagte Dubbins, »aber er hat ihn zerbrochen
und uns um die Ohren gehauen.«33
Da die Verhandlungen formal noch in Gang waren, konnten die
Streikenden ohne Abfindung entlassen werden. Auf diese Weise ver-
loren 5000 Menschen, von denen viele seit ihrer Ausbildung bei der
Zeitung gearbeitet hatten, ihre Stellung. Dean gesteht ein:
»Ich bin zutiefst und persönlich verbittert angesichts der Menschen,
die über ein Jahr die Stellung an der Streikfront in Wapping gehalten
haben und dann vergessen wurden. Das ganze Ausmaß der
menschlichen Tragödie ist erschreckend. Manche kamen mit ihrer
Familie, ihren Kindern, um an einer friedlichen Demonstration teilzunehmen. Sie wollten Murdoch zeigen: ›Das hast du nicht nur mir
angetan, sondern auch meiner Frau und meinen Kindern.‹ Aber die
Polizisten hatten offensichtlich andere Instruktionen. Sie waren da, um
die Zeitungen zu schützen, um dafür zu sorgen, dass Murdochs Sun
und seine anderen Publikationen ungehindert erscheinen konnten. Wir
nannten sie ›Zeitungsjungen‹, und das traf den Nagel auf den Kopf.
Sie gingen mit unglaublicher Brutalität gegen die Streikenden vor –
wie anschließende Untersuchungen bestätigten. Ich konnte mit
ansehen, wie die Beamten der Bereitschaftspolizei wahllos auf
Menschen einschlugen. Die Journalisten, die Zeugen des Geschehens
wurden, waren schockiert. Die Polizisten gingen auf anständige,
ehrliche Gewerkschaftler los, als wären sie in einem Bürgerkrieg. Einer
unserer Leute wurde von einem Firmenlastwagen überrollt, und der
Fahrer hielt es nicht einmal für nötig, anzuhalten. Es gab etliche
Nervenzusammenbrüche, und manch eine Ehe ging zu Bruch. Starke
Menschen – und ich meine das nicht im körperlichen Sinn, sondern
Menschen mit Führungsqualitäten – wurden verbittert. Es hat sie
zerbrochen. Vielen wurde das Arbeitslosengeld vorenthalten, obwohl
sie Anspruch darauf gehabt hätten. Und ich spreche nicht nur von den
relativ gut bezahlten Angestellten, sondern vom Reinigungspersonal
und von Kantinenarbeitern, von denen es viermal so viele gab wie
Drucker ... Es war, als hätte sich der britische Staat mit Murdoch gegen
uns verbündet...«
In den Wochen und Monaten nach dem »Sprung in die Freiheit«
wurden in den Fernsehnachrichten surreale Bilder von Journalisten
ausgestrahlt, die aus Murdochs firmeneigenen Bussen ausstiegen
und vor den Wachposten Schlange standen, um ihre neuen
Betriebsausweise vorzuzeigen, in denen sie jetzt schmachvollerweise
als »Berater« tituliert wurden. Dann mussten sie die mit Stacheldraht
gekrönten Mauern durch drei Meter hohe, elektronisch gesicherte
Stahltore passieren, wobei sie von den Suchscheinwerfern geblendet
wurden, die die Grenzen ihres neuen Arbeitsplatzes ausleuchteten.
Es waren dies Journalisten der Zeitungen, die zusammen genommen
über die größte Leserschaft im englischen Sprachraum verfügten.
Man hatte sie vor die Wahl gestellt, nach Wapping oder nach Hause
zu gehen. Sie hatten kein Mitspracherecht, und ihre Arbeitsverträge
wurden missachtet. Dean erinnert sich:
»Auf mich wirkten sie furchtbar eingeschüchtert. Journalisten gehörten für uns immer zur denkenden Zunft, aber wenn sie auch nur
eine Sekunde nachgedacht hätten, wäre ihnen klar geworden, dass sie
an jenem Wochenende mehr Macht hatten als je zuvor. Ohne sie wären
diese Zeitungen nicht erschienen. Die Journalisten haben damals viel
von ihrem Stolz und ihrem Selbstbewusstsein eingebüßt. Sie kamen
und gingen, manchmal bäuchlings auf dem Boden der Busse liegend,
deren Fenster mit Sichtblenden verdeckt waren. Das war kein Bild, das
den Journalisten gut zu Gesicht stand, zumal es auch andere gab, die
ihr Leben riskierten, um an diese Geschichte
zu kommen und die
Wahrheit ans Licht zu bringen.«
Achtunddreißig Journalisten weigerten sich, in Wapping zu arbeiten.
Zu den wenigen aus der Redaktion der Sun gehörte Eric Butler, ein
Sportreporter mit dem Spitznamen »Scoop«, was so viel heißt wie
»Knüller«. Nach 42 Jahren an der Fleet Street hätte er nur noch drei
Jahre bis zu seinem wohlverdienten Ruhestand warten müssen:
»Ich wusste, dass es das Ende meiner beruflichen Laufbahn bedeutete,
aber ich hatte keine andere Wahl. Das waren doch Gangstermethoden,
die Murdoch da angewandt hat. Die Leute, die er entließ, haben loyal
für ihn gearbeitet, und er hat mit ihrer Hilfe einen Haufen Geld
verdient. Er hat denjenigen, die sich nicht am Streik beteiligten, 2000
Pfund geboten. Dafür behielten sie zwar ihren Job, verloren aber ihre
Selbstachtung.
Eines Abends klingelte das Telefon bei uns, und meine Frau Ellen
nahm den Hörer ab. Es war einer meiner Kollegen, der sagte: ›Eric
wird doch seine Meinung noch ändern, oder?‹, worauf meine Frau
sagte: ›Nein, das wird er nicht. Genauer gesagt, ich möchte nicht, dass
er seine Meinung ändert.‹ Ich fand es merkwürdig, wie viele
Journalisten auf einmal meinten, die Drucker gingen sie nichts an.
Natürlich hatte es mit ihnen immer Differenzen gegeben, aber das ging
von beiden Seiten aus. Die Typen wollten doch genau wie wir nur die
Butter aufs Brot verdienen, und es gab eine Menge guter Leute unter
ihnen. Wir hatten eine tolle Firmenfußballmannschaft, in der
Journalisten und Drucker zusammen spielten. Und plötzlich, wie aus
heiterem Himmel, behaupteten meine Kollegen, sie könnten die
Drucker nicht leiden. Stimmte das wirklich, oder war es nur ein
Vorwand, mit dem sie ihr Verhalten rechtfertigen wollten? Ich stand
ein ganzes Jahr lang auf Streikposten, oft in eisiger Kälte, und sah zu,
wie meine alten Kollegen mit Bussen ankamen und wieder abgeholt
wurden. Ich habe keinen von ihnen wiedergesehen. Später verloren
viele ihre Illusionen, oder sie wurden von Murdoch rausgeworfen. Sie
hatten ihre Schuldigkeit getan. Das muss traurig für sie gewesen sein.«
David Banks machte als Redakteur der Sun den Umzug nach
Wapping mit. »Wir standen ständig unter Strom«, sagt er, »und
waren misstrauisch ..., misstrauisch wegen der Umstände und
wegen der Leute, die das Gelände belagerten, weil uns klar war: wir
oder sie.« Auf die Frage, ob er sich auch auf den Boden gelegt hatte,
wenn er mit dem Bus durch die Kette der Streikenden gefahren war,
sagte er:
»Ja natürlich, klar ... Das war kein Vergnügen. Wir wussten, dass die
Flaschen und Steine, die gegen die Busse flogen, für uns bestimmt
waren; und dann mussten wir mit dem Bus meilenweit durch dunkle
Hafengegenden fahren, um nicht mitten in die wütende Menge zu
geraten. All das begann Wirkung zu zeigen ... Nach einer Weile
dämmerte es mir, dass wir keine strahlenden Ritter auf stolzen
Schimmeln waren, sondern dass dem, was wir taten, etwas ausgesprochen Unsoziales anhaftete. Aber alles in allem kam ich am Ende
zu dem Schluss, dass es sich lohnte, einen ganzen Industriezweig zu
retten, auch wenn es irgendwie auf Kosten der kleinen Leute ging.«
Murdoch, der fast zwei Wochen lang auf einem Feldbett in Wapping
übernachtete, verbreitete eine Atmosphäre, als ginge es um einen
»Kreuzzug« gegen die Ungläubigen vor den Toren. Andrew Neil
trug auf seine Weise dazu bei, indem er den Streikposten von seinem
Fenster aus mit dem Champagnerglas in der Hand zuwinkte. In
einem Fernsehinterview räumte er allerdings ein, dass es in seinen
neuen Büros aussehe wie in »einem Konzentrationslager«.
Die Journalisten der Sun genossen zunächst den Blick auf die
Themse. Der wurde, offenbar aus Sicherheitsgründen, bald
versperrt, und dann gab es überhaupt keinen Ausblick mehr. Diese
hermetisch abgeschlossene Atmosphäre trug dazu bei, dass sich, wie
Murdochs persönlicher Berater John Murray es ausdrückte, »bei den
sensibleren Mitarbeitern eine gewisse seelische Verunsicherung«
bemerkbar machte.
Murdoch hatte seinen Vertrauten Murray eigens aus Australien
nach London geholt, um sich von ihm »beim Übergang« beraten zu
lassen. Als ich Murray darauf ansprach, dass Murdoch als
rücksichtsloser Mensch verschrien war, entgegnete er:
»Wissen Sie, auf einer so hohen Führungsebene können unternehmerische Grundsätze als Rücksichtslosigkeit daherkommen. Aber ich
will Ihnen eine Geschichte erzählen, die den Mann von einer ganz
anderen Seite zeigt. Eines Tages wurden ein paar Leute in den
Ruhestand verabschiedet – nicht gefeuert, wohlgemerkt -, und ich bat
Rupert, herunter zu kommen und einige Worte zu ihnen zu sagen.
›Sicher, John‹, antwortete er spontan. Na ja, er dankte ihnen für ihre
Arbeit und das Engagement, und als er fertig war, hob ein
Gewerkschaftsfunktionär die Hand und sagte: ›Mr. Murdoch, wir
wissen, wie großzügig Sie sich um Ihren Chauffeur gekümmert haben,
der kürzlich gestorben ist, und ich möchte Ihnen dafür im Namen der
Gewerkschaften unseren Dank aussprechen.‹ Im Hinausgehen wandte
sich Murdoch an mich und sagte: ›John, ich habe das Gefühl, die
waren überrascht, als ob sie nicht erwartet hätten, dass ich ein netter
Mensch bin.«‹
1989 outete sich Murdoch als wiedergeborener Christ. Er kündigte
eine starke Neubelebung des religiösen Glaubens in Großbritannien
an, zu der seine Zeitungen durch die Vermittlung »hoher
moralischer Werte« beitragen würden.34 Das war wenige Monate,
nachdem die Sun den Hillsborough-Familien das Leben zur Hölle
gemacht hatte. John Murray erklärt:
»Ich kenne Ruperts christliche Einstellung sehr gut«. Der Umzug nach
Wapping war so etwas wie die Durchquerung des Roten Meeres, und
Rupert war wie unser biblischer Führer. Es war der Auszug aus der
Fleet Street, aus Ägypten, der schließlich ein neues Volk
hervorbrachte. Es war ein bisschen wie der Holocaust. Ich meine, der
Staat Israel ist aus dem Roten Meer und dem Durchleiden des
Holocaust geboren worden ..., und hier in Großbritannien hat der
Auszug aus der Fleet Street das gesamte Pressewesen revolutioniert.
Ich glaube, bis heute sehnen sich die Journalisten nicht nach den
Fleischtöpfen Ägyptens ..., nach der guten alten Fleet Street zurück. Sie
wissen, dass es vorbei ist, jetzt leben wir mit den Verheißungen der
modernen Welt.«35
Was Murdoch in Wapping gewann, war Geld. Durch die neuen Gesetze der Thatcher-Regierung ersparte er sich Abfindungen in Millionenhöhe, die er den Entlassenen ansonsten hätte bezahlen müssen.
Quasi über Nacht sanken seine Personalkosten um 45 Millionen
Pfund. Mit den billigen, gewerkschaftlich nicht organisierten
Arbeitskräften – die meisten von ihnen Arbeitslose und Jugendliche
ohne Berufsausbildung –, die er mit Bussen aus Southampton
herankarren ließ, steigerte er seine Gewinne von 39,1 Millionen
Pfund im Jahr 1985, dem Jahr vor dem Umzug, auf 98,3 Millionen
Pfund im Jahr 1987 und 675 Millionen Pfund 1990.
Mit diesem Geld bezahlte er die Zinsen für Kredite, die er im März
1985 aufgenommen hatte. Wäre sein »Sprung in die Freiheit« fehlgeschlagen, so hätte er höchstwahrscheinlich seine Schulden nicht
bezahlen können. Er hatte ein riskantes Spiel gespielt. Mit
geliehenem Geld hatte er in den Vereinigten Staaten sechs
Fernsehsender des Medienkonzerns Metromedia gekauft. Diese
bildeten die Grundlage der Holding Fox Corporation, mit der er das
Monopol der großen amerikanischen Fernsehnetze zu brechen
suchte.
Als die »Revolution von Wapping« gewonnen war, klappte er sein
Feldbett zusammen und nahm die Concorde nach New York, um die
US-amerikanische Staatsbürgerschaft zu beantragen, die er brauchte,
um neben Zeitungen auch Fernsehstationen erwerben zu können.
Die Reagan-Regierung entschied die Sache im Eilverfahren für einen
Mann, dem der Präsident »tiefste Anerkennung« für die Unterstützung in seinen Zeitungen ausgesprochen hatte.36 »Man kann die Bedeutung von Wapping in der Geschichte des Murdoch-Imperiums
gar nicht hoch genug einschätzen«, sagt Chistopher Hird. »Ohne den
Umzug nach Wapping wäre Murdoch wahrscheinlich Pleite
gegangen. So einfach ist das.«37
Murdoch brüstete sich damit, dass mit seiner »Revolution« eine
»Morgendämmerung der Freiheit« für die britische Presse, eine Blüte
der unabhängigen Zeitungen anbrechen werde. Das Gegenteil war
der Fall. Von den vier überregionalen Zeitungen, die Mitte der 80er
Jahre gegründet wurden – Today, Correspondent, News on Sunday und
Independent –, existiert nur noch der Independent und führt, nachdem
seine Unabhängigkeit von den Mehrheitseignern, der MirrorGruppe, beschnitten wurde, ein Schattendasein in der britischen
Zeitungslandschaft. Es gibt heute in der britischen Presse weniger
Vielfalt und Unabhängigkeit als je zuvor, Murdochs Macht dagegen
ist größer denn je.
Zur Zeit der Auseinandersetzungen in Wapping war Alf Parish
der Londoner Bezirksvorsitzende der Society of Lithographic Artists,
Designers and Engravers (SLADE), die später mit der National
Graphical Association (NGA) zu einer gemeinsamen Druckergewerkschaft fusionierte. Er hatte direkt mit Murdoch verhandelt.
»Es erheitert mich schon, so bitter es auch ist. Viele der Leute aus den
Chefetagen, die Murdoch damals unterstützt haben, sind heute Opfer
seiner aggressiven Unternehmenspolitik, die er nur verfolgen kann,
weil er in Wapping eine so große Finanzmacht aufbauen konnte. Der
Sieg über die Gewerkschaften war nur der erste Schritt.
Jetzt
schwingt er den Knüppel im Preiskrieg gegen seine alten Verbündeten. Denken Sie an die Verleger der Lokalzeitungen, die ihn
unterstützt haben und dafür jetzt den Dank bekommen. Jedes Mal,
wenn er den Preis für eine seiner überregionalen Zeitungen senkt,
bekommen das die Lokalblätter an ihren Verkaufszahlen zu spüren.«
Heute beherrscht Murdoch 34 Prozent des Marktes für überregionale
Tageszeitungen, und bei den Sonntagszeitungen beträgt sein Marktanteil 37 Prozent. Er kann den Verkaufspreis für seine Zeitungen
senken und den Verlust durch die Gewinne in anderen Bereichen
seines weltweiten Firmenimperiums ausgleichen. Er kann den Markt
willkürlich beeinflussen, und Konkurrenten, die nicht über eine
vergleichbare finanzielle Rückendeckung verfügen, werden
vermutlich auf der Strecke bleiben.
Andrew Marr, der frühere Chefredakteur des Independent, erklärt:
»Für mich steht fest, dass Murdoch im Begriff ist, in Großbritannien de
facto ein Zeitungsmonopol aufzubauen, und dass die Politiker dies
sehr wohl wissen, aber offensichtlich nicht gewillt sind, etwas dagegen
zu unternehmen. Im Gespräch mit dem langjährigen Chefredakteur
des Daily Mirror, Sir David English, stellte Murdoch einmal die
Prognose auf, drei Zeitungen, Daily Mail, Times und Sun, würden auf
Dauer überleben, mehr nicht Der Preiskrieg ist Teil der Strategie, mit
der er dieses Ziel zu erreichen sucht. Mit seiner Hilfe möchte er zuerst
den Independent ausschalten und die Hollinger-Gruppe schwächen, die
unter anderem den Telegraph vertreibt, und dann die anderen aufs
Korn nehmen. Er kann sich das erlauben, weil sein
Satellitenfernsehgeschäft riesige Gewinne abwirft. Jeder, der sich mit
Politik und Medien auskennt, weiß das. Jeder ist sich auch der
Gefahren bewusst ..., und ich vertraue nicht darauf, dass die Politiker
etwas dagegen tun werden.«38
Wenn Murdochs Vorhersage eintrifft, werden zwei der drei
überregionalen Zeitungen, die es dann in Großbritannien noch zu
kaufen gibt, ihm gehören – eine Aussicht, zu der sich offizielle Seiten
geflissentlich ausschweigen. In der »Europadebatte« im Parlament
und den Medien wurde die Zeitungsfrage erstaunlicherweise nie
thematisiert, obwohl doch die europäische Presselandschaft
Beispiele genug für Regulierungsmöglichkeiten bietet.
In Frankreich gibt es Medienkartellgesetze, die verhindern sollen,
dass der Anteil einer Einzelperson oder eines Konzerns am Gesamtmarkt der regionalen und überregionalen Zeitungen 30 Prozent
übersteigt. In Deutschland wacht eine Kartellbehörde darüber, dass
Minderheitsgesellschafter
in
Zeitungsverlagen
gegen
die
Entscheidungen eines Großeigentümers ihr Veto einlegen können. In
Schweden sichert eine unabhängige Presseförderungskommission
den Erhalt einer vielseitigen Zeitungslandschaft. In keinem dieser
Länder ist die Pressefreiheit durch Gesetze eingeschränkt.
Diese Informationen stammen aus einem Diskussionspapier, das
die Labour-Partei 1988 unter dem Titel »Freiheit für die Presse«
vorlegte. In dem Dokument wird das Recht auf Gegendarstellung
und Prozesskostenhilfe bei Verleumdungsklagen gefordert sowie ein
ungeschmälertes Vertriebsrecht nach dem Vorbild Frankreichs, das
den kleinen Verlagen den Zugang zu den Zeitungskiosken sichert –
anders als in Großbritannien, wo Zeitungen mit kleineren Auflagen
wie etwa der Tribune dieser Marktzugang versperrt wurde. Der
wichtigste Punkt des Papiers aber ist die Empfehlung, eine
Kommission ins Leben zu rufen, die nach dem Vorbild der
Presseförderungskommission in Schweden bei der Gründung
unabhängiger Zeitschriften finanzielle Starthilfe leisten soll. (In
Schweden werden 70 von 165 Zeitungen von der Kommission mit
Zuschüssen gefördert.)
Dass solche Vorschläge in die Gesetzgebung der Blair-Regierung
einfließen, ist unwahrscheinlich. Tony Blairs New Labour ist in
vielerlei Hinsicht ein Produkt der Murdoch-Presse und der anderen
konservativen Medien. Die Bereitwilligkeit, mit der sich Blairs
Regierungsmannschaft dem traditionellen politischen Gegner
anbiedert, ist in der Geschichte der Partei beispiellos. Vom Tag
seiner Wahl zum Parteivorsitzenden an veröffentlichte Blair von
seinem Pressesprecher Alis-tair Campbell verfasste Beiträge in Sun
und News of the World. Blairs Hochachtung vor Margaret Thatchers
Erbe und seine Entschlossenheit, ihre Politik fortzusetzen, ziehen
sich wie ein roter Faden durch diese Artikel.
Kurz nach dem Tod seines Vorgängers John Smith erhielten Blair
und seine Frau Cherie eine Einladung zum Abendessen bei Rupert
Murdoch und dessen Frau Anna. Zwei weitere Einladungen folgten.
Im Juli 1995 flogen die Blairs auf Murdochs Kosten erster Klasse
nach Australien, wo Tony Blair als Hauptredner einer Konferenz der
News Corporation auftrat, die in Murdochs Luxushotel Hayman
Island Resort stattfand.
Vom blauen Rednerpult der News Corporation verkündete Blair,
die Politik müsse sich »neue ethische Ziele setzen«, um der »moralischen Herausforderung«, der das britische Volk gegenüberstehe,
gerecht zu werden. Murdoch nickte beifällig; die beiden sind
schließlich Christen. »Diese moralische Herausforderung«, so Blair
weiter, »steht in ihrer Dringlichkeit der wirtschaftlichen
Herausforderung um nichts nach – das eine ist mit dem anderen
untrennbar verbunden.« Er nannte zwei Politiker, die sich in seinen
Augen der wirtschaftlichen Herausforderung gestellt hatten: Ronald
Reagan und Margaret Thatcher, die »dem Unternehmertum einen
größeren Stellenwert einräumten und Erfolg belohnten«. Murdoch
applaudierte begeistert. Schließlich waren Reagan und Thatcher
seine Lieblingspolitiker, und er hatte geholfen, sie an die Macht zu
bringen.
Dann kam Blair zur Sache. Auch die Zeitungsverleger seien
aufgerufen, sich der »wirtschaftlichen Herausforderung« zu stellen,
denn ihre »unternehmerische Freiheit« sei durch staatliche
Vorschriften eingeschränkt. Er bezog sich damit auf die Cross-
ownership-Regelung, die verhindern soll, dass einflussreiche
Interessengruppen
oder
Personen
bei
Zeitungen
und
Fernsehsendern zugleich den Ton angeben. »Die Notwendigkeit«, so
Blair, »das System der Medienrichtlinien ständig zu revidieren, liegt
auf der Hand. Vieles wird durch die gegenwärtige Revolutionierung
der Branche obsolet. Wir leben in einer multimedialen
Massengesellschaft, und wir sind ernsthaft besorgt über die Rolle der
neuen Regulierungsinstanzen, denen nach den Plänen [der
damaligen Tory-Regierung] ein immenser Einfluss zugestanden
wird.«
Nach der Rede bedankte sich Murdoch mit einem warmen Händedruck bei seinem Gast. Am nächsten Tag stand in der Sun zu lesen:
»Mr. Blair ist ein Mann mit Weitsicht und spricht unsere Sprache,
wenn es um Moral und Familienleben geht.«39
Lange vor ihrem Wahlsieg sprach sich die Labour-Führung für die
Monopolisierung der Medienlandschaft aus und überholte damit die
Konservativen. Für unfreiwillige Unterhaltung im Unterhaus sorgte
immer wieder der für Medienangelegenheiten zuständige ToryMinister, dessen bescheidene Regulierungsvorschläge von der
Labour-Partei mit schöner Regelmäßigkeit abgewunken wurden.
»Wir wollen vor allem sicherstellen«, zitiert Murdochs Sunday Times
den damaligen Sprecher der Labour-Partei und heutigen
Staatssekretär Lewis Moonie, »dass die Bildung größerer Konzerne
möglich ist.« Für Moonie war Murdoch erklärtermaßen ein
»Visionär«.40
Andrew Neil schreibt in seiner Autobiografie:
»Die Öffentlichkeit erfuhr nie, wie weit die Verbindungen zwischen
New Labour und News Corporation tatsächlich reichten. Abgesehen
von den regelmäßigen Treffen der beiden Spitzenmänner wurde ein
Netzwerk von Verbindungen zwischen leitenden Angestellten der
Firma und einflussreichen Abgeordneten der Labour-Partei hergestellt.
Auch Familienmitglieder waren in das Spiel einbezogen. Lachlan, der
Sohn, den Murdoch auf die Rolle des Kronprinzen eingeschworen hat,
verstand sich von der ersten Begegnung an ebenso gut mit Tony Blair
wie sein Vater. Und auch Elisabeth, die Tochter, mit der Lachlan nach
dem Willen des Vaters um die Nachfolge wetteifern sollte, machte die
Bekanntschaft einiger Spitzenpolitiker aus dem Labour-Lager ... wie
beispielsweise Peter Mandelson, den sie schon bald als ihren ›lieben
Freund‹ bezeichnete. Weitere Kontakte wurden bei regelmäßigen
Treffen zwischen Ruperts Topmana-gern und Beratern und LabourLeuten geknüpft... Als Regierungschef hat Blair Ruperts Erwartungen
bisher weit übertroffen.«41
***
»Was wollen Sie: täglich eine Schlagzeile oder täglich einen Kübel
Jauche?«, war die denkwürdige Frage, die Murdoch einem
australischen Politiker einmal stellte. Als Tony Blair auf dem Weg
zur Insel Hayman in Sydney landete, begrüßte ihn dort Paul
Keating, der damalige Labor-Premier, der seinen Aufstieg zur Macht
nicht unwesentlich Murdoch zu verdanken hatte. Keating verriet
Blair, was Murdoch gern hörte: »Deregulierung« lautete sein
absolutes Lieblingswort.
Die Mediensituation in Australien führt uns die Zukunft der britischen Medien anschaulich vor Augen. Murdoch gehören sieben der
zwölf großen lokalen Tages- und sieben von zehn
Sonntagszeitungen. In Adelaide hält Murdoch das uneingeschränkte
Monopol. Dort gehören ihm die Tageszeitung, die Sonntagszeitung
und alle Druckereien. In Brisbane besitzt er alles bis auf einige
Provinzblätter. In den Großstädten des Landes, in denen die große
Mehrheit der Bevölkerung lebt, stammen demnach zwei von drei
verkauften Tageszeitungen und drei von vier Sonntagszeitungen aus
Murdochs Verlagen.
Der einzige, der in Australien noch Schritt mit ihm halten kann, ist
der Medienmogul Kerry Packer, dem die meisten australischen Illustrierten und der größte Privatfernsehsender gehört. Bis Dezember
1996 war auch der Kanadier Conrad Black, der mit seiner FairfaxGruppe den Rest des lokalen Zeitungsmarktes kontrollierte, noch
eine ernsthafte Konkurrenz. Nach Blacks Rückzug aus dem
australischen Geschäft versuchte die Howard-Regierung zunächst,
die Zeitungen der Fairfax-Gruppe in Packers erwartungsvoll
ausgebreitete Arme zu lenken, machte aber einen Rückzieher, als die
Hinterbänkler im Parlament den Aufstand probten. Zur gleichen
Zeit bemühte sich Murdoch, sich durch Kompensationsgeschäfte in
den Besitz eines kommerziellen Fernsehsenders zu bringen. Das
Bezahlfernsehen steckt noch in den Kinderschuhen, aber Murdoch
und Packer stehen schon in den Startlöchern, um sich eine
beherrschende Stellung auf dem neuen Markt zu sichern.
Dass dies im Bereich des Möglichen liegt, ist vor allem der LaborRegierung unter Bob Hawke und Paul Keating zu verdanken, an
deren Thatcherismus sich »New« Labour in Großbritannien ein
Beispiel nahm. Als Finanz- und späterer Premierminister war
Keating maßgeblich an der Deregulierung im Mediensektor beteiligt.
Im November 1986 kündigte er Gesetze zur Umstrukturierung des
kommerziellen Fernsehens an. Bis dahin durfte kein Eigner mehr als
zwei Fernsehstationen betreiben. Die neuen Gesetzesvorlagen der
Regierung sahen dagegen vor, dass ein einziger Unternehmer eine
»Zuschauerreichweite« von bis zu 75 Prozent auf sich vereinen
konnte. Auf diese Weise konnten einige wenige Konglomerate mit
oft gegensätzlichen kommerziellen Interessen die 50 Fernsehsender
des Landes übernehmen, die zuvor auf 25 Eigentümer verteilt
waren. Nie zuvor in der Geschichte des australischen Fernsehens
gab es eine solche Machtkonzentration.
In dieser Phase richtete auch Rupert Murdoch, der das WappingProblem inzwischen gelöst und im amerikanischen Fernsehen Fuß
ge-fasst hatte, seinen begehrlichen Blick wieder auf sein Heimatland.
Es war sein lange gehegter Traum, die größte Zeitungsgruppe des
Landes, Herald and Weekly Times, zu kaufen und damit zum
Marktführer im australischen Zeitungswesen zu avancieren. Dem
standen zwei Dinge im Weg: zum einen das restriktive Gesetz gegen
ausländische Firmenübernahmen und zum anderen die australische
Verfassung. Da er auf die australische Staatsbürgerschaft verzichtet
hatte, um seine US-amerikanischen Pläne zu verwirklichen, stand er
nun vor dem Problem, als Ausländer keinen Zeitungsverlag
übernehmen zu können. Darüber hinaus hat das Parlament
aufgrund des Artikels 51 der Verfassung die Möglichkeit, in jedem
Zweig der ohnehin relativ einseitigen und wenig ausbalancierten
australischen Wirtschaft der Monopolbildung einen Riegel
vorzuschieben. Es lag auf der Hand, dass Murdoch einen Partner
brauchte.
Am 13. November 1986, drei Wochen bevor Murdoch nach Melbourne flog, um sein Kaufgebot für Herald and Weekly Times zu
unterbreiten, erschien in seinem Australian ein Leitartikel, der ungewohnt scharfe Töne gegen die konservative Opposition des Landes
anschlug. Kurz zuvor waren Murdoch und Paul Keating in den USA
zu einem Gespräch über die Probleme des australischen
Medienrechts zusammengetroffen. Ein weiteres Treffen fand,
diesmal in Anwesenheit des damaligen Premierministers Bob
Hawke, in Australien statt. Innerhalb weniger Tage mussten sich
Murdochs Leute darauf einstellen, dass ihre Zeitungen nunmehr die
Linie der Labor-Regierung zu vertreten hatten.42
Von da an gab sich Murdoch in der Öffentlichkeit ausgesprochen
zuversichtlich. In einer Pressekonferenz darauf angesprochen, dass
der Leiter der Wettbewerbsregulierungskommission die Übernahme
von Herald and Weekly Times als zweifelhaft, weil möglicherweise
mit dem Gesetz nicht vereinbar bezeichnet hatte, erwiderte er: »Das
ist kein unüberwindbares Hindernis.« Weder das Gesetz zur
Regelung der Übernahme eines Unternehmens durch ausländische
Interessenten noch verfassungsrechtliche Bestimmungen stellten für
Murdoch noch »ein Problem« dar.
Die einzige Hürde, die seinen Plänen noch im Weg stand, war ein
Gesetz, das es ihm verbot, auch die Radio- und Fernsehstationen zu
erwerben, die zur Herald-and-Weekly-Times-Gruppe gehörten.
Murdoch löste das Problem, indem er einfach verschwand. Seine
australische Gesellschaft News Limited teilte sein Verschwinden in
der folgenden Presseverlautbarung mit:
1. Der frühere Geschäftsführer von News Ltd., Mr. Murdoch, hat
diese Funktion nicht mehr inne und unterhält kein Büro mehr in der
Firma.
2. Mr. Murdoch hat keine Befugnis, im Namen von News Ltd. zu
sprechen oder verbindliche Absprachen zu treffen ...
Da ihm dieser Trick eine Flut gerichtlicher Verfahren einbrachte, ließ
er sich einen anderen einfallen. Nunmehr faktischer Mehrheitsgesellschafter von Herald and Weekly Times, veranlasste er den Verkauf
der Radio- und Fernsehanteile des Unternehmens vor der offiziellen
Übernahme. Diesmal funktionierte der Trick. Zwar schaltete der
australische Journalistenverband die Rundfunkaufsichtsbehörde ein,
aber diese gab sich, durch Murdochs Finte ausmanövriert und von
Seiten der Regierung nicht eben ermutigt, kampflos geschlagen.43
Premierminister Hawke seinerseits brauchte als Zeichen seiner
Einwilligung nichts weiter zu tun, als zu schweigen. Außenminister
Bill Hayden und der Oppositionssprecher Ian Macphee forderten
eine öffentliche Untersuchung der Murdoch-Übernahme, aber ihre
Bemühungen blieben fruchtlos. Hayden wurde vom Kabinett
zurückgepfiffen,
und
Macphee
erhielt
eines
schönen
Sonntagmorgens
Besuch
von
seinem
aufgebrachten
Parteivorsitzenden, der eigens den Urlaub unterbrochen hatte, um
ihm klar zu machen, dass man Murdoch unter keinen Umständen
auf die Füße treten dürfe. Beide politische Lager im Parlament
hüllten sich in Schweigen. Ein Parlamentsabgeordneter sagte damals
zu mir: »Wenn ich mir Murdoch zum Feind mache, ist das mein
politischer Tod. Also halte ich die Klappe, aber ich bin nicht stolz
darauf.«
Auch von anderer Seite wurde kein großer Lärm gemacht. Die Medien,
die
nicht
zum
Murdoch-Unternehmen
gehörten,
kommentierten die historische Machtverschiebung mit artiger
Bewunderung für seine raffinierten Schachzüge. Der australische
Presserat löste sich nach Murdochs Übernahme praktisch selbst auf.
Die sieben Mitglieder, die die Unternehmerseite repräsentierten,
verhinderten mit ihren Stimmen, dass eine Untersuchung eingeleitet
wurde. Daraufhin resignierte der Vorsitzende Hal Wootten, ein
ehemaliger Richter, und legte empört sein Amt nieder. »Dass es
Murdoch ermöglicht wurde, die Kontrolle über die australische
Presselandschaft an sich zu reißen, ist ein einmaliger Vorgang in
einem nichttotalitären Staat. Der Finanzminister [Keating] hätte die
Übernahme verhindern können, wenn er gewollt hätte ... Wir haben
es hier mit einem Mann zu tun, der seine Staatsbürgerschaft abgelegt
hat, um seine Machtstellung weltweit auszubauen, und der keinen
Hehl daraus macht, dass er aus seinem Zeitungsimperium
persönlichen Nutzen zu ziehen gedenkt.«44
Als sich Hawke schließlich zu den Vorgängen äußerte, geschah
dies unmittelbar, nachdem er gemeinsam mit Keating einer
Einladung Murdochs in dessen Haus in der Nähe von Canberra
gefolgt war. Ian Macphee, der sich weigerte, das Schweigen der
Regierung klaglos hinzunehmen, berief sich auf sein Recht auf
Information und verlangte von Keatings Ministerium Einsicht in die
entscheidenden Unterlagen. Sechs der acht Seiten, aus denen die
Empfehlungen des Aufsichtsrats für ausländische Investitionen
bestanden,
waren
geschwärzt
und
mit
dem
Stempel
»Geschäftlich/Vertraulich« versehen. Ein Absatz des Berichts, der
später veröffentlicht wurde, ließ darauf schließen, dass der
Aufsichtsrat davon abgeraten hatte, der Übernahme zuzustimmen.
Hawke bestritt dies, und Keating lehnte es mit dem Hinweis, die
Sache habe sich erledigt, weiterhin ab, den vollständigen Bericht
freizugeben.45
Murdochs Finanzkraft beruht unter anderem auf seinem Geschick,
Steuergesetze zu umgehen. Anfang der 90er Jahre führte seine
australische Muttergesellschaft News Corporation weniger als zwei
Cent Steuern von jedem verdienten Dollar ab. 1996 schätzte die
Australian Financial Review, dass Murdoch etwa 300 Millionen
australische Dollar Steuern weniger entrichtete, als er beim regulären
Steuersatz von 33 Prozent hätte bezahlen müssen.46 Aber das ist noch
gar nichts gegen seinen Coup in Großbritannien, wo er in den zehn
Jahren vor 1996 bei einem ausgewiesenen Gewinn von fast einer
Milliarde Pfund praktisch überhaupt keine Steuern gezahlt hat.47
Das alles verstößt nicht gegen das Gesetz. Murdoch versteht es
meisterhaft, Kapital und Gewinne vor allem zwischen den Büchern
von »Briefkastenfirmen« in Steuerparadiesen wie den Kaimaninseln,
den Jungferninseln und den Niederländischen Antillen hin und her
zu schieben. Das ist sein geheimes Reich: eine ständig wechselnde
Anzahl von Tochterfirmen, deren Geschäfte nur für einen
ausgesprochen fantasiebegabten Buchhalter durchschaubar sind.
Beispielsweise bezahlte Murdochs Tochterfirma News Times Holdings 1994 fast eineinhalb Milliarden Pfund für News Publishers,
eine auf den Bermudainseln eingetragene Strohfirma, die zum
Murdoch-Unternehmen News International gehörte. Wieso war eine
bis dahin unbekannte Firma so viel Geld wert? Warum kaufte ein
Tochterunternehmen Murdochs eine auf den Bermudainseln
ansässige Firma, die seiner Muttergesellschaft gehörte? Die
Antworten auf diese Fragen liegen in der mittlerweile üblich
gewordenen Praxis multinationaler Konzerne, durch die Gründung
von Scheinfirmen Steuern zu sparen.
Murdoch gilt als ein Fuchs auf diesem Gebiet. Obwohl 1997 in seinen Firmen in Großbritannien, Australien und Israel
Steuerprüfungen durchgeführt wurden, rechnete niemand damit,
dass sich daraus irgendwelche Konsequenzen für ihn ergeben
würden. »Diese Regierung wird es nicht zulassen, dass Firmen sich
auf Kosten der Allgemeinheit bereichern.« Das hatte Paul Keating
1987 verkündet, dem gleichen Jahr, in dem Schätzungen der
Finanzbehörde zufolge News Corporation und andere in Australien
ansässige Firmen dem australischen Staat 1,2 Milliarden Dollar
vorenthielten, indem sie ihre Gewinne in eine der vielen Steueroasen
verschoben.48
Christopher Hird, einer der wenigen Journalisten, die Murdochs
Steuerpraktiken unter die Lupe genommen haben, erklärt das so:
»Murdoch ist kein Mensch wie du und ich. Wir arbeiten und bezahlen
Steuern. Er dagegen lebt nach anderen Regeln. Seine Firmen nutzen
die Dienstleistungen, die wir bezahlen, sie benutzen die Straßen, um
ihre Zeitungen zu transportieren, und ihre Angestellten nehmen das
Gesundheitssystem in Anspruch, wenn sie krank sind. Sie profitieren
von den Einrichtungen, die unsere Gesellschaft zur Verfügung stellt,
aber sie fühlen sich nicht verpflichtet, ihren Teil zum Gemeinwesen
beizutragen. Sie betrachten es vielmehr als einen Sport, Steuerzahlungen zu umgehen. Sie halten sich für überlegen, sie wollen die
Welt regieren, aber bezahlen wollen sie nicht für die Privilegien, die sie
in Anspruch nehmen.«49
Das Ausmaß der Heuchelei ist kaum zu fassen. In Murdochs
Zeitungen werden Menschen, die den »moralischen Ansprüchen«
nicht genügen, die also in puncto »Moral und Familienleben« nicht
die gleiche Sprache sprechen wie die Sun, permanent an den Pranger
gestellt. Gemeint ist in der Regel die Minderheit der Armen, die,
nicht selten aus Verzweiflung, mit List und Tücke ein paar
Extrapfund vom Sozialstaat ergaunern.
Allein erziehende Mütter, die Sozialhilfe beziehen, sind ein beliebtes Ziel der Angriffe und werden gern als »Schnorrerinnen« bezeichnet. Die Sun hat sich mit dem Argument, damit ließe sich eine
Steuersenkung um fünf Cent finanzieren, für eine Kürzung des
Kindergelds für diese Personengruppe stark gemacht.50 Dass
Großunternehmen dem Staat 23 Milliarden Pfund Steuern schuldig
geblieben sind, wird mit keinem Wort erwähnt. Angesichts der
lächerlichen Steuern, die Murdochs Gesellschaften bezahlen, kann
man mit Recht sagen, dass sich Zeitungen wie die Sun von der
öffentlichen Hand subventionieren lassen und damit Schnorrer im
großen Stil sind.
1996 wollte der Independent von der Labour-Führung wissen, was
sie hinsichtlich der Murdoch-Steuern beziehungsweise deren
Ausbleiben zu tun gedenke. Als damaliger Schattenkanzler hatte
Gordon Brown mehrfach die »großen Fische« angeprangert und
vollmundig angekündigt, man wolle auch sie »gerecht« besteuern.
Auf Murdochs Steuerpraktiken angesprochen, gaben nun weder er
noch ein anderer Spitzenpolitiker der Labour-Partei einen
Kommentar ab. Schließlich wurde der Parlamentsabgeordnete
Alistair Darling als Sprecher vorgeschickt. »Man darf nicht einseitig
urteilen«, bemerkte er. »Die Steuergesetze sind nicht dazu da, einen
Einzelnen unter Druck zu setzen. Sie repräsentieren ein
Grundprinzip.«51
Wie sehr sich die Politiker scheuten, sich mit Murdoch anzulegen,
wurde Anfang des Jahres 1997 deutlich, als Murdoch sich anschickte,
in der »digitalen Revolution« des Fernsehens die Führungsposition
zu übernehmen. Er hat sich das Monopol an der Black-BoxTechnologie gesichert. Wer seinen Fernseher damit aufrüstet, kann
per Satellitenschüssel bis zu 200 digitale Kanäle empfangen, per
Kabel immerhin mindestens 30 terrestrische Stationen.
Zusammen mit den beiden größten Privatfernsehgesellschaften
Carlton und Granada bildete Murdoch die Gruppe British Digital
Broadcasting, der die Independent Television Commission (ITC) die
Lizenz erteilte, auf den ersten digitalen Kanälen zu senden, obwohl
ihr nach eigenem Bekunden »die innovativen Programmideen« des
Mitbewerbers Digital Television Network besser gefielen. Die
Gruppe erhielt den Zuschlag, weil zu erwarten war, dass sie Filme
und Sportübertragungen von Murdochs Bezahlsender BSkyB kaufen
und damit mehr Zuschauer gewinnen würde.
Zwar verpflichtete die Fernsehkommission Murdoch zugleich,
seine Anteile zu verkaufen, aber das war nicht viel mehr als eine
vordergründige Machtgebärde der Regulierungsbehörde. De facto
gibt Murdoch nach wie vor den Ton an. 70 Prozent der Einnahmen
werden in seine Taschen fließen, er wird die elektronischen
Programmhinweise kontrollieren, und, was ihm am meisten am
Herzen liegt, er wird nach vielen vergeblichen Anläufen endlich Fuß
im britischen terrestrischen Fernsehen fassen.
Die politische Reaktion in Großbritannien reichte von Schweigen
bis zu Gemeinplätzen über die Unausweichlichkeit des Fortschritts.
»Der Zuschauer kann sich zurücklehnen«, hieß es in einem
Kommentar des Guardian, »und sich von der Programmauswahl
verwöhnen lassen.«52 Diese »Auswahl« zeigte sich dann auch alsbald
in den Sendungen des neuen Konsortiums: »Teleshopping«,
»Animal Planet«, Sport, alte Spielfilme, Kostümschinken und
Familienserien. Aktuelle Berichterstattung und Dokumentarsendungen, so die Vorankündigung, »bewegen sich im Rahmen von
Gesetz und Ordnung und werden im Vormittagsprogramm von Sky
News gesendet«.
An die Stelle des ohnehin nicht mehr großen Programmspektrums
im britischen Fernsehen wird so etwas wie ein großes
Einkaufszentrum treten, in dem sich hinter bunten Verpackungen
die immer gleichen Produkte verbergen. Es wird keine Experimente
geben und kaum etwas, das man nicht in der einen oder anderen
Form schon einmal gesehen hat. Wie sagte doch der CNN-Gründer
und Murdoch-Rivale Ted Turner einmal so treffend: »Wir arbeiten
wie eine moderne Hühnerfarm. Dort werden Hühnerkrallen zu
Dünger und Innereien zu Hundefutter verarbeitet, und mit den
Federn werden Kissen gestopft. Selbst aus dem Hühnerkot wird
noch Dünger gemacht. Kein einziges Stück vom Huhn, das nicht
verwendet wird. Und genauso verfahren wir mit unseren
Fernsehprodukten.«'3
In Doug Lucies Theaterstück The Shallow End, dessen Handlung an
die Übernahme der Sunday Times durch Murdoch anknüpft, sagt ein
Reporter, an den Medienmogul gewandt, der im Begriff ist, sich auch
noch die letzte seriöse Zeitung unter den Nagel zu reißen: »Vergiften
Sie den Markt, pervertieren Sie ihn, drücken Sie Qualität und Preis
auf das tiefstmögliche Niveau, und wenn es dann noch einen Markt
gibt, schön und gut, denn Sie ziehen die Fäden, und wenn nicht ...,
dann wird eben ein weiteres überholtes Produkt Geschichte, und
überhaupt bestimmen Sie über die Alternativen.«
Das Gift des »kulturellen Tschernobyl« hat mittlerweile fast die
ganze Medienlandschaft durchdrungen. Schalten Sie die
Independent Television News ein, und Sie hören beispielsweise:
»Guten Abend. Die Teddybären, die er so liebte, saßen heute, am
Tag der Beerdigung von James Bulger, Seite an Seite in der Kirche.
Sie thronten auf einem Stuhl, den James' Vater eigenhändig für
seinen Sohn gefertigt hat. Er stand nur wenige Zentimeter neben
dem Sarg ...«
In seinem Buch Newszak and the News Media schreibt Bob Franklin
über diese Art der Berichterstattung: »Es ist kaum zu glauben, dass
dies ein ernst gemeinter Nachrichtenbeitrag sein soll und nicht eine
groteske Parodie auf die zynischen Possen des fiktiven Journalisten
Damien Day aus der Fernsehsatire Drop the Dead Donkey. Dieser
Bericht über den Tod eines kleinen Kindes, der auf herzlose Weise
Trauer und Sensationslust, Voyeurismus und Anbiederei verknüpft,
schlachtet die persönliche Tragödie als öffentliches Spektakel aus
und steht auf einer Stufe mit Pornographie.« Über die gegenwärtige
Tendenz zum »Infotainment« schreibt er weiter: »Noch nie hat sich
das Gleichgewicht in den Nachrichtenmedien so deutlich zur
Unterhaltung hin verlagert, und einhergehend mit dem Niedergang
des Nachrichtenwesens insgesamt sind Auslandsberichte und
investigativer Journalismus aus manchen Nachrichtenmedien
buchstäblich verschwunden...«54
Auf einer 1996 von der Financial Times in London veranstalteten
Medienkonferenz zur Lage des Satelliten- und Kabelfernsehens
wurde deutlich, wie tief die Entwicklung zum Infotainment bereits
im allgemeinen Bewusstsein verankert ist. Einer der Referenten war
Kelvin MacKenzie in seiner Funktion als Chef des zur MirrorGruppe gehörenden Kabelsenders L!ve TV, in dem ein »News
Bunny« jeden Nachrichtenbeitrag mit erhobenem oder gesenktem
Daumen kommentiert.
MacKenzie begann seinen Vortrag mit einem Witz über Oralsex
und stotternde Nachrichtensprecher. Dann pries er die Boulevardzeitungen als leuchtendes Beispiel für Fernsehnachrichten und
meinte, »je mehr Sender, desto mehr Fernsehen und desto mehr
Standpunkte« werde es geben. Die Nachrichtensendungen der
großen Sendeanstalten beschrieb er als »langweilige, reglementierte
Einheitsprodukte, deren Informationsgehalt Lichtjahre von den
Interessen breiter Schichten der Bevölkerung entfernt« sei. Niemand
widersprach ihm auch nur in einem einzigen Punkt.
Als Herausgeber der Sun setzte sich MacKenzie allerdings nicht
gerade für die »Interessen breiter Bevölkerungsschichten« ein. In der
Welt der Sun und des News Bunny sind die normalen Zuschauer
nichts weiter als passive Konsumenten der trivialen, infantilen,
kitschigen und pornographischen Nahrung, die ihnen vorgesetzt
wird. Sie sind keine politische Kraft, weil sich die »politischen«
Äußerungen, die ihnen zugestanden werden, in gespielter
Entrüstung über falsche Dämonen und der Anbetung der
Konsumgötter und ihrer Priester erschöpften. Altere Menschen
treten höchstens als Opfer in Erscheinung. Jugendliche sind
Schwachköpfe oder Drogendealer. Die Solidarität der arbeitenden
Bevölkerung zählt ebenso wenig wie diese selbst.
Die modisch gekleideten Marketingtypen im Saal lauschten MacKenzies aggressiven Gemeinplätzen aufmerksam. Für sie war der
Mann kein alberner Hanswurst, und sie waren stolz darauf, ihn
»Kelvin« nennen zu dürfen. Schließlich war er es, der aus der Sun
einen »Erfolg« gemacht hatte, und Erfolg misst sich am Umsatz,
nicht an Dingen wie Hillsborough. Im Saal lag eine gewisse
Hochachtung in der Luft. Mark Damazer, der stellvertretende
Direktor von BBC News, klang geradezu ehrerbietig, als er
einräumte, dass »Kelvin genau genommen nicht Unrecht« habe,
denn »wenn das Spektrum sich erweitert, müssen nicht alle
Nachrichtenprogramme einen so hohen Anspruch erfüllen, dann
sind unterschiedliche Ansätze vertretbar«. Er beeilte sich
hinzuzufügen, bei der BBC werde es keine Qualitätsabstriche geben.
Feststellungen wie diese deuten nicht gerade darauf hin, dass alle
Bevölkerungsgruppen – Alte wie Junge, Behinderte und Nichtbehinderte, nachdenkliche wie unbeschwerte Gemüter – wirklich erwarten
können, bei den öffentlich-rechtlichen Sendern, die sie ja finanzieren,
in gleichem Maße berücksichtigt zu werden. Daneben ist auch die
Rolle des regulierten Privatfernsehens nicht zu unterschätzen; meine
eigene Fernsehkarriere hat sich ausschließlich im privaten Sektor
abgespielt. Einige der besten Spielfilme, politischen Reportagen,
Dokumentarfilme und Kinderprogramme wurden vom britischen
ITV-Netz produziert, das jetzt ebenfalls vor dem Aus steht.
Sonny Fox, früher für das NBC-Vormittagsfernsehen in den Vereinigten Staaten zuständig, spricht aus, worum es geht: »Das Privatfernsehen dient in erster Linie dem Marketing und ist erst in zweiter
Linie ein Unterhaltungsmedium; das weiß doch heute jeder.« Noch
deutlicher drückt es Arnold Becker, Vizepräsident bei CBS, aus:
»Kultur interessiert mich nicht, und ich interessiere mich auch nicht
für sozialkritische Themen. Mich interessiert einzig und allein, ob die
Leute sich das Programm anschauen. Das ist meine Definition von
gut und schlecht.«55 Wie Thomas Kiernan gezeigt hat, ist in den
Vereinigten Staaten der unangefochtene »Schrittmacher« dieser
Entwicklung Rupert Murdoch mit seiner Fox-Gruppe, in deren erster
Sendung die Todesschreie einer Frau in einem brennenden Gebäude
»live« ausgestrahlt wurden.
1990 leitete die Thatcher-Regierung mit ihrem Rundfunkgesetz
eine »Revolution« ein, die das Fernsehen so einschneidend verändert
hat wie Wapping das Zeitungswesen. »Bei ITN waren die
Beschaffung und Präsentation von Nachrichten jetzt den
Marktgesetzen unterworfen«, schreibt Franklin, »sodass mit den
Nachrichten zum ersten Mal in der Geschichte des britischen
Fernsehens Profit gemacht werden musste.«56 Jon Snow,
Nachrichtensprecher bei Channel 4, spricht in diesem
Zusammenhang von »Nachrichten im Belagerungszustand«. »Die
Einschaltquoten werden zum Gradmesser«, schreibt er, »weil das
Geld von den Werbekunden kommt. In ein paar Jahren wird es im
amerikanischen Fernsehen keine seriösen Nachrichtenprogramme
mehr geben. Das ist die Richtung, in die wir uns bewegen.57
Eine ähnliche Entwicklung hat bei den Radiosendern
stattgefunden.
Durch
die
Novellierung
der
britischen
Rundfunkgesetzgebung in den Jahren 1990 und 1996 verdoppelte
sich die Zahl der unabhängigen regionalen Radiosender. Erklärtes
Ziel der Regierung war es dabei, den Wettbewerb zu fördern und so
eine größere Auswahl und Vielfalt der Programme zu erzielen. »In
Wirklichkeit«, merkt Franklin an, »wurde mit dieser Politik genau
das Gegenteil erreicht. Der Markt straft diejenigen ab, die zu weit
vom allgemeinen Trend abweichen; so halten sich die
Regionalsender an ein eintöniges und berechenbares Rezept -und
heraus kommt ein fader Einheitsbrei aus Musikberieselung und
Infotainment.«58
Wieder
wurde
die
einschneidende
Veränderung
der
Voraussetzungen, unter denen Millionen von Menschen die Welt, in
der sie leben, begreifen und interpretieren, weitgehend mit
Schweigen beantwortet. Im Feuilleton der seriöseren Zeitungen
werden gelegentlich kritische Stimmen laut, aber um Kritik geht es
den Redaktionen nicht wirklich. Sie sind, wie die Medien insgesamt,
im eigentlichen Sinn Marketingvehikel, und sie sind als solche nicht
in erster Linie an seriöser journalistischer Recherche interessiert,
sondern am Klatsch und Tratsch aus dem Nähkästchen der Branche:
hier ein paar Verkaufszahlen, da ein bisschen journalistische
Nabelschau und vielleicht noch ein »polemisches« Streitgespräch mit
einem aalglatten politischen Meinungsmacher. Über die Gründe
dafür, dass Journalisten so angepasst sind, wird selten gesprochen.
Geschichten aus der Medienwelt, und mögen sie noch so anstößig
oder trivial sein, sind in den Zeitungsverlagen mittlerweile so
begehrt, dass sie nicht mehr auf das Feuilleton beschränkt bleiben.
Als der Guardian im Unterhaltungsteil ein dreiseitiges »Profil« von
Tina Brown, der Chefredakteurin des New Yorker, brachte, geschah
dies in dem schrillen, marktschreierischen Ton, den man sonst aus
der amerikanischen Werbung gewohnt ist. »Als forsche neue
Triebkraft im verstaubten New Yorker«, hebt der Artikel an, »erntete
die Britin Tina Brown nicht nur schmeichelhafte Worte, sondern
auch harsche Kritik. Von den einen als ganz großer Fisch im ›Big
Apple‹ gefeiert, ist sie für andere ein Stalin in Stöckelschuhen ... Tina
ist der Senkrechtstarter der Branche, eine Frau, die jederzeit in jedem
New Yorker Restaurant einen Tisch bekommt.« Allerdings »kehrt sie
mit eisernem Besen«. Und so weiter und so fort. Abschließend wird
die von Marktideologen praktizierte Aufteilung der Menschheit in
»neue« (gute) Leute und (schlechte) »alte Garde« gebührend
gewürdigt. Die Geschichte hätte in keinem Boulevardblatt
deplatziert gewirkt.59
Immer häufiger erscheinen reißerische Geschichten, wie man sie
aus der Sensationspresse kennt, auch im Nachrichtenteil seriöser
Zeitungen. Der Observer brachte Lynn Barbers geschmacklose Verunglimpfung der Schauspielerin Felicity Kendal – »Wenn ein Mann
sagt, er findet sie anziehend, muss er in meinen Augen sexuell
gestört sein« – als Riesenschlagzeile auf der Titelseite. In dem
»Interview« im Innern der Zeitung erfuhren die Leser, Kendals
Hände seien »abscheulich verkrüppelte, knochige Klauen mit
purpurroten Krallen«. Darüber, was die Frau getan hatte, um eine
solche Behandlung zu verdienen, wurden die Leser nicht aufgeklärt.
Die Geschichte hätte ausgezeichnet in die News of the World gepasst.60
Es gibt Journalisten, die sich von Murdochs angeblichem Ethos
blenden lassen. Ihre Bewunderung für die Sun ist von der Art, wie
sie die Mittelklasse empfindet, wenn sie lustvoll erschauernd mit
dem Leben in der Gosse kokettiert. William Shawcross, Murdochs
halboffi-zieller Biograf und treuer Bewunderer, adelt die einfältigen
Hohlheiten der Sun als »geistreich«. Was zählen schon die Lügen
und das Leid, das sie den Menschen zufügen: So ist der Zeitgeist, die
reaktionäre Strömungsrichtung der späten 90er Jahre.61
Deutlich wird dies in dem 1996 erschienenen Buch Tickle the Public,
in dem der Journalist Matthew Engel die Geschichte der Boulevardpresse nachzeichnet. Er bezeichnet darin die berüchtigte
»Gotcha«-Überschrift der Sun als »kulturellen Meilenstein« und
versucht seine Leser mit fast missionarischem Eifer davon zu
überzeugen, dass Kelvin MacKenzie missverstanden wurde. Trotz
seines »abstoßenden Verhaltens«, heißt es in dem Buch, sei
MacKenzie »kein abstoßender Mensch«, er könne im Gegenteil »auf
rührende Weise verletzlich« sein. Ganz klar, er verunglimpfte andere
nur, weil er sich selbst »sehr hohe journalistische Maßstäbe« setzte.
Denn wir haben es hier mit einem Chefredakteur zu tun, der ein
»sicheres Gespür dafür hat, wie man aus einfachen Fakten eine
spannende Geschichte macht ...« Es folgen ein paar charmante
Anekdoten von der Sorte, »wie sie allen wirklich großen Journalisten
anhängen«. Schließlich kann sich Engel kaum noch beherrschen:
»MacKenzie war ein Genie«, schwärmt er, »jedes andere Wort wäre
zu wenig.« Und Murdochs »Revolution« in Wapping hat den
Journalisten in Engels Augen »eine völlig neue Freiheit« beschert.
Was für eine Art von Freiheit das gewesen sein soll, darüber
schweigt sich Engel aus. Die Freiheit, Lügen zu verbreiten,
Menschen an den Pranger zu stellen und unter dem Banner
auflagenträchtiger Unterhaltung elementare Bürgerrechte mit
publizistischen Füßen zu treten? Er sagt es uns nicht.62
1975 fand in Murdochs Zeitung Australian eine Kampagne gegen
den reformwilligen australischen Premierminister Gough Whitlam
statt, die einer Vendetta glich. Die von Malcolm Fraser geführte konservative Opposition hatte den australischen Senat lahm gelegt,
indem sie die Gesetzesvorlage für den Jahreshaushalt der Regierung
blockierte. Der Generalgouverneur Sir John Kerr war im Begriff,
Whitlam durch einen konstitutionellen Staatsstreich abzulösen. Der
Australian feuerte Fraser und Kerr in der kritischen Phase, bevor der
Generalgouverneur schließlich zur Tat schritt, regelrecht an. In
dieser Kampagne, mit der die einzige überregionale Zeitung des
Landes ihren Teil zum Sturz der gewählten Regierung beitrug,
scheute die Chefredaktion nicht einmal davor zurück, die Artikel
ihrer Journalisten zu verfälschen und umzuschreiben.
Die Journalisten begehrten auf und schickten Murdoch einen Protestbrief, der von 70 Redaktionsangestellten unterschrieben war:
»Der Australian«, hieß es darin, »ist zum Witzblatt verkommen.
Reporter, die früher mit Respekt empfangen wurden, wenn sie den
Australian erwähnten, müssen heute Spotttiraden über sich ergehen
lassen, bevor sie mit ihrer Arbeit beginnen können.«63 Abschließend
ließen sie Murdoch wissen, dass es ihnen unmöglich sei, einem
»Propagandablatt« gegenüber Loyalität zu üben. Murdoch ignorierte
den Brief, und Kerr setzte Whitlam ab. Die Journalisten gingen auf
die Straße und verbrannten in der Innenstadt von Sydney ganze
Stapel »ihrer« Zeitung. Hunderte von Passanten schlossen sich ihrer
Protestkundgebung an. So etwas hatte es in Australien noch nie
gegeben.
»Wann hat je ein Demokrat Bewunderung dafür gezeigt, dass
Macht im Dienst persönlicher Interessen genutzt wird?«, schreibt
David Bowman, ehemaliger Chefredakteur des Sydney Morning
Herald und einer der wenigen Journalisten in Australien, die
Murdoch heute öffentlich kritisieren. »Es besteht die Gefahr, dass die
Medien der Zukunft, die Kanäle der Massenkommunikation auf
lokaler und globaler Ebene von den sozialen, kulturellen und
politischen Werten einiger weniger Individuen und großer Konzerne
beherrscht werden. Wer sich als Demokrat versteht, sollte sich mit
allen Mitteln gegen das wehren, was Murdoch und andere
Mediengiganten repräsentieren.«64
Wie jeder Alleinherrscher will Murdoch seine Dynastie festigen,
vor allem in seinem Heimatland. Wenn er selbst sich einmal aufs
Altenteil zurückzieht, müssen sich andere darum kümmern, dass
Politiker beeinflusst und Gesetze umgangen werden, damit sein
Firmenimperium weiter prosperiert. Für die Nachfolgegeneration
wird also nunmehr ernsthaft der Weg bereitet.
1996 wurde die Sir Keith Murdoch Memorial Lecture ins Leben
gerufen, eine Vortragsreihe zu Ehren von Rupert Murdochs Vater,
einem einst berühmten Journalisten. In seiner Antrittsrede legte
dessen Enkel Lachlan großen Wert auf die Feststellung, dass er von
australischen Eltern abstamme und ein Produkt sowohl der
australischen als auch der amerikanischen Kultur sei. Tatsächlich ist
er in Großbritannien geboren und in den Vereinigten Staaten
aufgewachsen. Gleichzeitig sollte eine Propagandakampagne dafür
sorgen, dass der Erbprinz Rückhalt in der Bevölkerung gewann.
Gemeinsam mit seinem Vater posierte Lachlan in bester MaxwellManier für den Adelaider Advertiser. Sie strahlten den Lesern von
der Titelseite, den Sportseiten (Murdoch besitzt die Fernsehrechte an
den Spielen der australischen Football-Erstliga) und aus dem
Wirtschaftsteil entgegen.
»Die Murdochs müssen damit rechnen«, schreibt David Bowman,
»dass Rupert Murdochs Abgang den Politikern in Canberra den Rücken stärkt. Nur Canberra kann die australische Presse aus seinem
Klammergriff befreien ... Dass er die Macht und die Privilegien, zu
denen ihm Paul Keating verholten hat, überhaupt erlangen konnte,
lag zum großen Teil an dem positiven Bild, das die australische
Öffentlichkeit von ihm hatte. Aber allmählich wird den Leuten die
Realität bewusst, und sie betrachten ihn nicht mehr als den Aussie,
der auszog, um die Welt zu erobern, sondern als einen
Auswanderer, der nach Australien zurückgekehrt ist, um sich hier
zu bereichern.«65
Murdoch bezeichnete sich, an der Seite seines Sohnes stehend, als
Australier. Er schien nicht zu begreifen, dass es in einer Einwanderungsgesellschaft nicht sonderlich gut ankommt, wenn einer
freiwillig auf seine Staatsangehörigkeit verzichtet, vor allem, wenn
er es nur tut, um Gesetze in dem Land zu umgehen, dessen
Staatsbürger er nunmehr ist. Als er darüber hinaus auch noch die
Stirn hatte, in dem Land, in dem er so gut wie keine Steuern zahlt,
eine »Steuerreform« zu fordern, machten die Leute in Leserbriefen
an die Redaktionen von Age und Sydney Morning Herald (die
Murdoch bisher noch nicht gehören) ihrem Ärger Luft.
»Wie kann es Rupert Murdoch wagen, die Worte ›wir‹ und ›uns‹
zu gebrauchen, wenn er von Australien spricht?«, lautete ein
typischer Vorwurf. Oder: »Jemand sollte Herrn Rupert Murdoch
daran erinnern, dass er kein Australier mehr ist. Er hat sein
Heimatrecht für Geld verkauft und damit das Recht verspielt,
Einfluss darauf zu nehmen, wie dieses Land geführt wird.«66 Die
öffentliche Meinung ist unberechenbar, auch wenn manch einer
glaubt, sie zu durchschauen oder gar zu beherrschen.
In The Captive Press, einer klugen Analyse des Journalismus, vergleicht David Bowman die stetig wachsende Macht Rupert
Murdochs mit dem Aufstieg des deutschen Verlegers Alfred
Hugenberg in den 20er Jahren. »Nach zuverlässigen Schätzungen
beherrschte Hugenberg 1930 fast 50 Prozent der deutschen Presse.
Als strammer Rechter und Nationalist setzte er einiges daran, die
Verbreitung demokratischer Ideen zu verhindern. Auf diese Weise
trug er zum Scheitern der Weimarer Republik und zum Siegeszug
des Nationalsozialismus bei.«67
Ähnlich äußert sich der Zeit-Journalist Reiner Luyken, der den
Ausdruck »kulturelles Tschernobyl« geprägt hat. »Hitler machte sich
das Gesetz von Angebot und Nachfrage zunutze«, erklärt er im
Gespräch mit mir. »Zweifellos gab er vielen Leuten das, was sie
wollten. Aber sind Angebot und Nachfrage denn ein unumstößliches
Gesetz? Müssen wir als Journalisten wirklich auf die Murdochs
hören und ständig darauf achten, ob wir den Leuten das geben, was
sie wollen, auch wenn es unseren Prinzipien und unserer
Vorstellung von ehrlichem Journalismus widerspricht? Natürlich
nicht. Als Deutscher weiß ich, dass Großbritannien nicht nur den
Krieg gewonnen, sondern Deutschland auch die Freiheit
zurückgegeben hat. Diese Freiheit ermöglichte es uns, Zeitungen zu
machen, deren wichtigstes Anliegen es war, die Wahrheit zu
ergründen und einen Beitrag zur Demokratie zu leisten, und nicht
etwa, die Leser zufrieden zu stellen. Wer sich nicht für dieses Ziel
einsetzt, wer nicht daran festhält, als hinge das liebe Leben davon ab,
übt Verrat an einer Sache, für die Zehntausende von Soldaten sterben mussten.«
Hugh Cudlipp, der renommierte Journalist und frühere
Chefredakteur des Daily Mirror, geht noch weiter: »Selbst von einem
Journalisten, der für das mieseste Blatt arbeitet, erwarte ich, dass er
sich für die Schmutzarbeit zu schade ist.«68
Die Glaubenswächter
Alles ist zu jeder Zeit von einem Dogma durch
drungen, einer allgültigen stillschweigenden
Übereinkunft, über große und unangenehme
Wahrheiten nicht zu reden.
George Orwell
D
ie BBC feierte den 60. Jahrestag des Fernsehens in Shepherd's
Bush im Londoner Westen mit einem Galadiner und großer
Preisverleihung. Ganz im Stil der Zeit wurde die Veranstaltung von
einem multinationalen Konzern, dem Elektronikriesen Philips, gesponsort. Jeder Gast erhielt als Geschenk ein Miniaturmodell des
ersten Radioapparats von Philips. Anwesend war alles, was beim
Fernsehen Rang und Namen hat, darunter Sir Robin Day (Officer of
the British Empire), Sir Jeremy Isaacs, Sir Christopher Bland, Sir
Geoffrey Cox (Commander of the British Empire), Lord Thomson of
Monifieth, Esther Rantzen (OBE), Kate Adie (OBE) und David
Glencross (CBE).
In einer Hochglanzbroschüre lobte sich die BBC selbst als »Garant
für Qualität«. Die erste Seite der Broschüre zierte ein Porträtfoto von
Robin Oakley, dem, so die Bildunterschrift, »Chef der politischen
Redaktion in den Millbank Studios in Westminster, wo die
Redakteure einen direkten Draht zu den Zentren der Macht, dem
Parlament und der Downing Street 10, haben.« Zwei Seiten waren
der Sendung Crimewatch UK gewidmet, »deren Bedeutung daran
zu messen ist, dass fast 300 Täter nach Hinweisen der Zuschauer
gefasst werden konnten«.
Der Höhepunkt des Abends war eine von der Royal Television Society produzierte Videohommage an die BBC. Erwähnt wurde darin
nur ein einziger Film, in dem das politische und gesellschaftliche
System, zu dem das Fernsehen gehört, auch nur indirekt kritisch
hinter-fragt wird. Es war dies Death on the Rock, eine Reportage über
den von SAS-Leuten verübten Mord an drei IRA-Mitgliedern in
Gibraltar, die vermutlich Schuld daran war, dass Thames Television
die Sendelizenz verlor. Als die Festreden zu Ende gingen,
entschwebten die prominentesten Gäste mit einer Flotte von
Luxuskarossen mit Chauffeur. Wie bei einem Rathausempfang oder
einer Flaggenparade war hier das Privileg der Macht zelebriert
worden.
1968 überholte das Fernsehen die Zeitungen als wichtigste Informationsquelle der britischen Bürger. »Die Leute vom Funk«, schreibt
der Medienhistoriker Michael Tracey, »hatten die Öffentlichkeit
davon überzeugt, dass ihre Sendungen [verglichen mit der Presse]
zwar weniger wortreich, dafür aber, bei Gott, vom Glanz der
Wahrheit geadelt waren.«69
Heute genießt das Fernsehen in Großbritannien eine höhere
Glaubwürdigkeit als in den meisten anderen Ländern, wo man sich,
wenn auch manchmal unterschwellig, der politischen Einflussnahme
auf die Fernseh- und Rundfunkanstalten bewusst ist. Im früheren
Ostblock, wie in anderen totalitären Staaten, war die Einflussnahme
des Staates für viele Bürger ein immanenter Bestandteil aller Medien,
der, bewusst oder unbewusst, von vornherein mit einkalkuliert
wurde.
Seit den Kindertagen der BBC hat der britische Staat auf einen
»Konsens« gebaut, der einem paternalistischen System entspringt
und von diesem genährt wird. Die Öffentlichkeit wurde keiner
Gehirnwäsche unterworfen, sie wurde konditioniert. In einem
unveröffentlichten Vorwort zu seinem Roman Farm der Tiere legt
George Orwell dar, dass Zensur in einer freien Gesellschaft viel
subtiler und gründlicher greifen kann als in einer Diktatur, weil
»unliebsame Gedanken unterdrückt und unbequeme Wahrheiten im
Dunkeln gehalten werden können, ohne dass es eines offiziellen
Verbots bedarf«.70
In den 50 Jahren, die vergangen sind, seit diese Worte geschrieben
wurden, ist viel geschehen, aber die zentrale Botschaft hat ihre
Gültigkeit nicht verloren. Damit ist keine Verschwörung gemeint,
die auch gar nicht nötig wäre. Journalisten und Rundfunkleute
verinnerlichen die Regeln und Trends der etablierten Macht nicht
weniger bereitwillig als Historiker und Lehrer. Wie andere wichtige
Funktionsträger des Staatsgefüges haben sie gelernt, ernsthafte
Zweifel gar nicht erst aufkommen zu lassen. Wenn zur Skepsis
gemahnt wird, richtet sich diese nicht gegen das System selbst,
sondern gegen die angebliche Inkompetenz seiner Vertreter oder
gegen die öffentliche Meinung, wie sie von den Journalisten
wahrgenommen wird.
Ehrgeizige Nachwuchsreporter geben sich oft der Illusion hin, ein
gewisser Zynismus gegenüber dem Mann auf der Straße mache den
wahren Journalisten aus, Obrigkeitshörigkeit und Anbiederung an
die so genannten Experten hingegen führe auf der Karriereleiter
bergan. Auf diese Weise finden die Mythen und Scheinwahrheiten
der Macht immer wieder unbemerkt und unangefochten Eingang in
die Köpfe der Leute. »Ich möchte mir meinen Idealismus bewahren«,
schrieb mir einmal ein junger walisischer Journalist, der frisch von
der Uni kam. »Aber meine Kollegen finden es befremdlich, dass ich
an den demokratischen Auftrag der Medien glaube und der
Meinung bin, dass Institutionen und Ereignisse auch in Frage gestellt
werden müssen. Ich bekomme regelmäßig zu hören, das würde sich
mit der Zeit von selbst verlieren.«
Wer die Grundsätze des Systems in Frage stellt, wird unmerklich
an den Rand gedrängt, ein Prozess, den ein altgedienter Journalist
einmal als »sanften Fenstersturz« bezeichnet hat.71 Solche Leute
werden, wenn sie nicht vorsichtig agieren, abwertend in die
Schublade der »engagierten Journalisten« gesteckt, obwohl ihr
Eintreten für die Freiheit der Gedanken vielleicht gar nichts ist gegen
den heimlichen Eifer derjenigen, die dem System treu ergeben sind.
In kaum einem anderen Land wirkt das Fernsehen so prägend auf
die öffentliche Meinung wie in Großbritannien. »Informationen«
werden von der BBC mit einem solchen professionellen Ernst
vermittelt, dass es fast unmöglich ist, nicht an ihren Wahrheitsgehalt
zu glauben. Indem er es meisterlich verstanden hat, den Schein von
Professionalität, Unparteilichkeit und liberalem Ethos um sich zu
verbreiten, hat sich der »öffentliche Rundfunk« in Großbritannien zu
einem subtilen und vielseitigen Instrument der staatlichen
Propaganda und Zensur entwickelt.
Beispielhaft hierfür ist der viel gerühmte Auslandsdienst der BBC.
Als der Generaldirektor der BBC, John Birt, seine Pläne zum Kostenabbau vorlegte, liefen nicht nur Journalisten dagegen Sturm, sondern
auch so angesehene Vertreter des Establishments wie General Peter
de la Billière, britischer Kommandeur im ersten Golfkrieg, und
Admiral Sir Sandy Woodward, Kommandeur der Seestreitkräfte im
Falklandkrieg. Auch der NATO-General Sir Anthony Farrar-Hockley
gehörte zu den Unterzeichnern der Protestnote.
Ursprünglich unter dem Namen Empire Service, später dann als
World Service wurde und wird der Auslandsdienst der BBC vom
Außenministerium finanziert. Nach dem Zweiten Weltkrieg sollte er
dazu beitragen, »den Commonwealth und das britische Empire zu
erhalten und zu stärken, Handelsbeziehungen zu fördern und
Investitionen im Ausland zu schützen«. 1948 war dem World Service
nach dem Willen des Labour-Kabinetts die Aufgabe zugedacht,
durch »systematische und heftige Angriffe« gegen die kommunistische Ideologie zum Sieg im Kalten Krieg beizutragen.
Kritik an den Regierungen der »freien Welt« war verpönt. Seit dieser Zeit hat sich der World Service stets auf der Seite des
Kapitalismus geschlagen und die Politik Großbritanniens und der
Vereinigten Staaten von Vietnam bis zum ersten Golfkrieg sowohl
ganz offen als auch stillschweigend unterstützt. General de la Billière
und Admiral Woodward hätten keinen Grund gehabt, sich über die
Berichterstattung zu ihrer Kriegsführung zu beklagen.
Das soll nicht heißen, dass das liberale Image des BBC-Auslandsdienstes täuschen würde oder dass er nicht der beste staatliche
Sender seiner Art wäre. Verglichen mit dem propagandistischen USSender Voice of America bewahrt sich die BBC ein gewisses Maß an
Unabhängigkeit. Ihren Auslandskorrespondenten steht es frei,
tyrannische Regime zu kritisieren – solange sie damit nicht gegen
»westliche Interessen« verstoßen. Dann sieht die Sache schon anders
aus.
Die indonesische Diktatur ist so ein Fall. Als 1996 in den Straßen
Jakartas die seit Jahrzehnten größten Demonstrationen gegen das Suharto-Regime und für eine Demokratisierung des Landes
stattfanden, bezeichnete ein Korrespondent des World Service die
Unruhen als »Randale: Wir haben hier über 20 Millionen Jugendliche
zwischen 17 und 21 Jahren, mit denen die Hormone durchgehen.«
Sein Interviewpartner in London widersprach ihm nicht. Die
»Stabilität« des Landes hing diesem Korrespondenten zufolge von
den Schwankungen des Börsenkurses ab. Dass Suharto zunehmend
in die Isolation geriet und die Unruhen zu eskalieren drohten, wurde
mit keinem Wort erwähnt.72
Weit entfernt davon, die von Lord Macaulay gepriesene »vierte
Kraft im Staat« zu sein, fungiert der vom Fernsehen dominierte
seriöse Journalismus in Großbritannien weitgehend als verlängerter
Arm der Regierung. Zu seinen Aufgaben gehört es, politische
Absichten in der Öffentlichkeit »zu ventilieren«, um ihre Akzeptanz
zu testen, die politische Debatte auf die – wie es in der Festschrift der
BBC heißt – »Zentren der Macht« zu beschränken und vor allem den
westlichen Einfluss in der Welt zu stärken.
Zu den wichtigsten Funktionen der »Kommunikatoren« gehört es,
den Schuldgefühlen entgegenzuwirken, die sich im Westen
angesichts von Kriegen und Terrorismus, der zunehmenden
Verarmung breiter Massen, der Ausbeutung natürlicher Ressourcen
und der Unterdrückung der Menschenrechte einstellen könnten.
Dies erreicht man durch Verdrängung der Realität im großen Stil,
durch die Wiederholung landläufiger Halbwahrheiten und die
Vernebelung der Ursachen.
»Ich habe in jüngster Zeit haufenweise Material gefunden, das die
britische Außenpolitik der Nachkriegszeit in einem ganz neuen Licht
erscheinen lässt«, schrieb der Historiker Mark Curtis 1996. »Es lag
offensichtlich unbeachtet im Bundesarchiv.« Die Dokumente
belegen, dass Menschenrechtsverletzungen in Ländern wie
Indonesien, der Türkei und Kolumbien, »die nicht Ausdruck einer
›Doppelmoral‹ waren, sondern systematisch und permanent
begangen wurden«, von der britischen Regierung wissentlich
hingenommen und gedeckt wurden. »Weder die konservativen noch
die liberalen Medien zeigten großes Interesse daran, auf dieses
Thema einzugehen .. .«73
Im Fernsehen erfahren wir wenig über die vielen Millionen Betroffenen, genauer gesagt über den Rest der Welt. Einer
Programmstudie zufolge sind nur drei bis vier Prozent der
Hauptsendezeit solchen Themen gewidmet, und sie finden sich in
der Regel auf einem der »Minderheitenkanäle« wieder.74 Die
wenigen Nachrichten über einen großen Teil der Menschheit sind
nach einem klischeehaften Muster gestrickt, das selten in Frage
gestellt wird. Da wird Mobutu, der ehemalige Diktator Zaires, als
verabscheuungswürdige Figur gezeichnet, als hätte er sein Land
alleine ausgeplündert. Dass er ein vom Westen angeheuerter
Kreuzritter gegen den Kommunismus war, wird nicht erwähnt. Die
Regierung von Sierra Leone, eine »Demokratie in den
Kinderschuhen«, fallt einem Staatsstreich zum Opfer, der die
»leidgeprüfte Bevölkerung der ehemaligen britischen Kolonie« in die
»Anarchie« stürzt.
Die Botschaft ist immer die gleiche: In den guten alten Tagen der
Kolonialzeit ging es den Leuten besser. Von der postkolonialen Verschuldung bei westlichen Institutionen, vornehmlich bei britischen
Banken, ist nicht die Rede. Für mehr als kurze, meist bloß
rhetorische Zusammenfassungen, die weniger »prägnant« als
sanktioniert sind, reicht die Sendezeit nicht. Erklärungen und
Behauptungen, die der landläufigen Meinung entsprechen, gelten als
»objektive Wahrheit«, während kritische Stimmen als »subjektiv«
abgetan werden.75
Die Sprache spielt eine entscheidende Rolle; Begriffe wie »Demokratie«, »Freiheit«, »Entscheidungsfreiheit« und »Reform« sind ihres
Inhalts beraubte Worthülsen. Das ist zwar nichts Neues, greift aber
stärker um sich durch die technische Entwicklung einer »Informationsgesellschaft« des ausgehenden 20. Jahrhunderts, die doch in
Wirklichkeit nur daraus besteht, dass mehr Medien in der Hand
immer weniger großer Gesellschaften konzentriert sind. Eine
öffentliche Diskussion darüber findet praktisch nicht statt, aber viele
Anzeichen sprechen dafür, dass sich in der Öffentlichkeit ein
intuitives Misstrauen gegen die verborgenen Gesetze der
Medienmacht und gegen den Einfluss der Medien auf unser Leben
regt.
In den bürgerlichen Medien, vor allem in Rundfunk und
Fernsehen, ist die weit verbreitete und subtile freiwillige Zensur ein
Tabuthema. Anschaulich wurde dies belegt, als es 1997 bei der BBC
zu einer öffentlichen Auseinandersetzung zwischen Direktorium
und Nachrichtenredaktion kam. Dabei ging es um die Ernennung
von fünf Direktoren, die für alle Programme verantwortlich sein
sollten. Die Journalisten führten dagegen ins Feld, dass die BBC
dadurch zu einem Abklatsch von CNN gemacht und ihrer
Meinungsvielfalt beraubt würde. Der BBC-Korrespondent Fergal
Keane beschwor den »ehernen Grundsatz des Journalismus, der
unser Vermächtnis und unser Auftrag ist«, und erklärte, er wolle
»lieber in London Straßen kehren, als diesen zu verraten«.76 Im
Grunde genommen ging es bei der ganzen Auseinandersetzung aber
nur um die Form. Dass es bereits einen breiten, fast unbe-wussten,
mit wenigen Ausnahmen einhelligen Meinungskonsens gab, der,
wie sich in der Berichterstattung über weltbewegende Ereignisse wie
den Golfkrieg oder Diana Spencers Tod zeigte, das Echo einer
Corporate Identity war, kam überhaupt nicht zur Sprache.
Wie und warum es zu dieser Uniformität kommen konnte und
welche subtilen Kräfte dabei wirken, ist ein Thema, das ganz oben
auf dem Lehrplan der journalistischen Fakultäten stehen sollte,
deren Anliegen es ist, unabhängige und kritische Journalisten
hervorzubringen; aber darüber wird selten auch nur diskutiert.
Vielmehr werden die Studenten hier, oft von Lehrern, die früher
selbst im Metier beschäftigt waren, kollektiv auf eine Lehre
eingeschworen, die den staatlichen Ein-fluss unter einem Schleier
»heiliger Prinzipien« verbirgt.
Zu diesen Prinzipien gehören die »drei Leitbegriffe«, die der Gründer der BBC, Lord Reith, formuliert hat: »Unparteilichkeit«, »Objektivität« und »Ausgewogenheit«. Die von Reith geschaffenen Mythen,
das muss man ihnen lassen, haben sich dauerhaft eingeprägt. Als
Propagandist war Reith ein echter Pionier. Seine »drei Leitbegriffe«
hatten stets und überall Gültigkeit, solange die bestehende Ordnung
nicht gefährdet war. Reith selbst demonstrierte dies anschaulich
während des Generalstreiks im Jahr 1926, indem er die
Propagandareden von Premierminister Stanley Baldwin, die er zum
großen Teil selbst verfasst hatte, großzügig ausstrahlte, während die
Gewerkschaftsführer ihren Standpunkt erst öffentlich darlegen
durften, nachdem der Streik beendet war.
»Reith ging [aus dem Streik] als Held hervor«, schreibt Patrick
Renshaw in seiner Studie The General Strike. »[Hier war] ein junger
Mann, der verantwortungsvoll gehandelt und dabei die kostbare
Unabhängigkeit der BBC bewahrt hatte. Aber obwohl sich dieser
Mythos lange hielt, hatte er mit der Realität wenig zu tun ... Die
Unabhängigkeit wurde in Wirklichkeit damit erkauft, dass man tat,
was die Regierung wollte ... Baldwin hatte erkannt, dass es für die
Regierung leichter war, wichtige Ziele zu erreichen und ihre eigene
Propaganda unterzubringen, wenn sie der BBC zugestand, den
Schein der Unparteilichkeit zu wahren.«77
Aber selbst zu dieser Zeit war der Gedanke nicht neu. Schon im
Burenkrieg und im Ersten Weltkrieg mauserten sich Journalisten, die
sich die Unparteilichkeit als oberste Tugend auf die Fahnen
geschrieben hatten, zur bloßen Propagandastimme ihrer Regierung.
»Unsere Berichte mussten nicht zensiert werden«, erklärte der
Times-Korrespondent Sir Philip Gibbs einmal. »Wir waren unsere
eigenen Zensoren.«78 Und Premierminister Lloyd George vertraute
C.P. Scott, dem Herausgeber des Manchester Guardian, an: »Wenn die
Leute [die Wahrheit] wüssten, wäre der Krieg morgen zu Ende. Aber
natürlich wissen sie sie nicht und können sie auch nicht wissen.«79 In
den Augen des Historikers Arthur Ponsonby »gab es in der
Geschichte des Journalismus keine unrühmlichere Zeitspanne als die
vier Jahre des Ersten Weltkriegs«.80
Aber im Laufe des Jahrhunderts sollten noch weitere unrühmliche
Beispiele folgen. 1945 taten die Alliierten alles, um zu vertuschen,
welche verheerende Wirkung der Abwurf der Atombomben in den
betroffenen japanischen Städten hatte. Die Medien, einschließlich der
BBC, hielten sich an die offizielle Sprachregelung. Nur einem
australischen Einzelgänger, Wilfred Burchett, der damals für den
Daily Express schrieb und um ein Haar von den Alliierten aus Japan
ausgewiesen worden wäre, weil er heimlich nach Hiroshima gereist
war, um sich selbst ein Bild zu machen, blieb es überlassen, die
Dinge beim Namen zu nennen.
Eine Bemerkung, die der United-Press-Korrespondent Robert C.
Miller 1952, auf dem Höhepunkt des Koreakriegs, machte, ruft Philip
Gibbs' Worte in Erinnerung: »Die Zeitungen haben Geschichten aus
Korea gedruckt, die frei erfunden waren ... Viele von uns wussten,
dass sie falsch waren, aber wir mussten sie weitergeben, weil es sich
um offizielle Verlautbarungen der militärischen Hauptquartiere
handelte, und auch die Verantwortlichen dort wussten, dass sie nicht
der Wahrheit entsprachen.«81
Anders, als es einer der hartnäckigsten Mythen des modernen
Journalismus will, wurde der erste »Fernsehkrieg«, ausgefochten in
Vietnam, hauptsächlich aus amerikanischer Sicht übertragen. Zwar
wurde die Berechtigung des militärischen »Engagements«, wie man
die US-Invasion nannte, gelegentlich in Zweifel gezogen, nicht aber
die amerikanischen Beweggründe, die im Wesentlichen als gut
gemeint, sogar als »edel«, und im schlimmsten Fall als starrköpfig
betrachtet wurden (siehe S. 216f.).
Auch der Falklandkrieg im Jahr 1982 wurde aus einem »edlen
Grund« geführt. Aus einem durchgesickerten Protokoll der wöchentlichen Vorstandssitzungen der BBC geht hervor, dass sich die
Kriegsberichterstattung nach dem Willen des Direktoriums
»hauptsächlich auf die Regierungsverlautbarungen« zu stützen habe
und dass Unparteilichkeit eher als »überflüssiger Störfaktor«
empfunden wurde.82 Das Konzept ging auf. Da die britische
Regierung die von der peruanischen Regierung ausgearbeiteten
Pläne zur friedlichen Beilegung des Konflikts zwischen
Großbritannien und Argentinien in ihren Verlautbarungen kaum
erwähnte, fanden sie auch in der BBC nur ein geringes Echo. Wie
dicht diese Pläne vor dem Erfolg standen, sollte die Öffentlichkeit
nie erfahren.
Am 13. Mai 1982 berichtete Edward Heath in einem ITN-Interview, es seien von Seiten der Argentinier nur noch drei minimale
Änderungen am Friedensplan gefordert worden. Diese seien, so
meinte er, so geringfügig, dass man sie schlechterdings nicht
ablehnen könne. Premierministerin Thatcher lehnte sie dennoch
rundweg ab – und das kurze Interview mit Heath war die einzige
Gelegenheit, bei der im Fernsehen erwähnt wurde, dass die britische
Regierung durchaus die Möglichkeit hatte, eine andere
Entscheidung zu treffen. Die Geschichte wurde dann unter den Tisch
gekehrt, und die Invasion nahm ihren Lauf.
Als der Krieg vorüber war, zeigten die Fernsehleute ihr wahres
Gesicht. Hatten sie zuvor ihre Objektivität als eine »Frage der Ehre«
verteidigt, so priesen sie jetzt auf fast penetrante Weise ihre
Parteinahme für Königin und Vaterland, als wäre der Krieg eine
nationale Bedrohung gewesen, was nicht der Fall war. Wenn sie
überhaupt etwas beklagten, dann die Tatsache, dass man ihnen nicht
genug Gelegenheit gegeben hatte, »vor Ort« zu sein und den
»Propagandakrieg« zu gewinnen.
Wer diese Art von Berichterstattung in Frage stellte, riskierte, wie
schon in vorangegangenen Kriegen, einiges. Die Channel-4-Reihe
The Friday Alternative wurde abgesetzt, weil in einer Folge über
Recherchen der Glasgow Media Group berichtet wurde, die zeigten,
wie Journalisten sich während des Falklandkrieges von der
Regierung hatten instrumentalisieren lassen.83 Eine Studie offenbarte
wenig später, dass sich sowohl BBC als auch ITN für Thatchers Ziel
hatten einspannen lassen, eine politische Verbindung zwischen
ihrem »Sieg« über die Argentinier und ihrem »Kampf« gegen die
Arbeiter im eigenen Land herzustellen. »Wir haben zu einem neuen
Selbstbewusstsein gefunden«, erklärte sie in einem ITN-Interview,
»das aus dem wirtschaftlichen Ringen in der Heimat entsprungen ist
und 8000 Meilen entfernt auf die Probe gestellt wurde und sich
bewährt hat.«84 Als der für den Arbeitskampf zuständige
Berichterstatter der BBC einen von Thatchers Ministern fragte: »Wird
die Regierung dem Streik [der Bergarbeiter] mit der gleichen
Entschlossenheit begegnen, die sie während des Falklandkrieges
gezeigt hat?«, erhielt er die erwartete Antwort.85
Seriöse Journalisten gingen in ihren Berichten über den Kohlestreik
1984-85 nicht so weit wie die Boulevardpresse, beispielsweise der
Daily Express, der dem Vorsitzenden der Bergarbeitergewerkschaft
Arthur Scargill das »heimliche Eingeständnis, gelogen zu haben«, in
den Mund legte, oder die Sun, die ein Foto Scargills so manipulierte,
dass er Ähnlichkeiten mit Hitler hatte.86 Aber sie zeichneten im
Fernsehen Abend für Abend ein Bild der Streiks, das die
Bergarbeiter als gewalttätige, aggressive Gesetzesbrecher zeigte, als
den »Feind im Inneren«. Kamerateams, die in Beirut nicht gezögert
hatten, beide Seiten zu filmen, machten nun brav hinter den
Polizeiabsperrungen Halt. Ihre Aufnahmen zeigten die wütenden
Gesichter von Bergarbeitern, selten die Polizei und nie die fast
paramilitärisch organisierten Angriffe gegen Bergarbeitersiedlungen
und das Leid, das damit verursacht wurde.
Als der Streik vorbei war, dokumentierte die in London ansässige
Bürgerrechtsorganisation National Council for Civil Liberties das
Ausmaß der polizeilichen Brutalität. »Entgegen dem Eindruck, der
durch die Medien permanent erzeugt wurde«, heißt es in der Dokumentation, »fanden die Streikaktionen weitgehend geordnet und in
bescheidenem Umfang statt.« Nur dem Guardian war der Bericht
eine Erwähnung wert.87
Dass der Krieg der Regierung gegen die Bergarbeiter nur ein Ziel
hatte, nämlich der Kohlenindustrie den Todesstoß zu versetzen,
wurde in den Medien als »Märchen« belächelt. Und als Arthur
Scargill fast hellseherisch die massenhafte Stilllegung von Minen
voraussagte, falls der Streik verloren ginge, wurde dies als
Propaganda abgetan. Obwohl die Reporter in den Kohlenrevieren
verlässliche Hinweise darauf erhielten, dass die Geheimdienste ihre
Finger im Spiel hatten, erwähnte keiner von ihnen, auf welche Weise
die Regierung mit Hilfe von MI5-Leuten die Bergarbeitergewerkschaft infiltriert hatte und zu zerschlagen versuchte. Zehn
Jahre gingen ins Land, bis die Öffentlichkeit aus Seamus Milnes
Buch The Enemy Within die Wahrheit über die von einer
Spezialeinheit des MI5 durchgeführte und von Margaret Thatcher
persönlich autorisierte Aktion gegen Cargill und seine Gewerkschaft
erfuhr.88
Die Kampagne gegen Scargill war kein bloßer Rachefeldzug des
Mirror-Chefredakteurs Robert Maxwell, sie hätte ohne die Unterstützung seriöser Journalisten keine Aussicht auf Erfolg gehabt. In
Bergarbeiterkreisen galten Reporter aus allen Medienbereichen als
»Thatchers Fronttruppen«. Erst als der Streik verloren war und
unzählige Verfahren gegen Bergarbeiter von den Gerichten
eingestellt wurden, weil die Vorwürfe der Körperverletzung und des
Landfriedensbruchs offensichtlich falsch waren, dämmerte einigen
wenigen Journalisten, wie sehr sie sich vom Staat hatten
manipulieren lassen. Viele andere hielten Arthur Scargill auch dann
noch für schuldig, als die im Daily Mirror und im Cook Report des
Senders Central Television verbreitete Lüge, er habe seine
Hypothekenschulden mit Geldern aus Libyen bezahlt, aufgeflogen
war.
Ohne jede eigene Recherche »geiferten seriöse Journalisten derartig
gegen Scargill, dass es an Raserei grenzte«, schreibt Milne. Alles, was
Scargills Rechtsanwälte taten, um die gegen ihn gerichteten Vorwürfe zu widerlegen, wurde als »typisches Kominterngemauschel«
abgetan. Der Gewerkschaftsvorsitzende musste sich Vergleiche mit
dem rumänischen Diktator Nicolae Ceausescu gefallen lassen, der
kurz zuvor standrechtlich erschossen worden war. Bis zum heutigen
Tag hat sich keiner der Journalisten, die diesen, wie Milne schreibt,
»bedingungslos prinzipientreuen« Mann denunziert haben, zu einer
Entschuldigung durchringen können.
Ähnliches geschah, als 1994 bekannt wurde, dass sich der Feuilletonredakteur des Guardian, Richard Gott, Reisen von der
sowjetischen Botschaft in London hatte bezahlen lassen. Die bei der
Konkurrenz beschäftigten Journalisten stürzten sich begeistert auf
die Nachricht. Dass sich der Guardian zu dieser Zeit im
Anfangsstadium einer noch undurchschaubaren Kampagne befand,
die der politischen Laufbahn des in Kreisen der Rüstungsindustrie
bestens etablierten Ministers Jonathan Aitken ein jähes Ende bereiten
sollte, wurde kaum zur Kenntnis genommen.
Für die Times war Richard Gott nicht weniger als ein
»Vaterlandsverräter«. Sicher hatte der Journalist gegen den
Grundsatz der Unabhängigkeit verstoßen, aber er hatte sich nicht in
den Dienst pekuniärer westlicher Interessen gestellt, wie es bei
Journalisten gang und gäbe ist. »Die Gott-Affäre«, hieß es in einem
Leitartikel der Times, »hat die These vom moralischen Gleichgewicht
zwischen der Sowjetunion und dem Westen wiederbelebt. Es wurde
behauptet, Richard Gotts Verbindungen zum KGB seien nichts
anderes als die Kontakte, die Journalisten mit westlichen
Geheimdiensten pflegen. Aber das ist nicht dasselbe. Viele britische
Journalisten erhielten während des Kalten Krieges Zuwendungen von CIA
und MI6. Aber keiner von ihnen unterstützte ein totalitäres, dem
eigenen Staat feindlich gesonnenes Regime ...«.
Der von mir kursivierte Satz enthält ein erstaunliches Eingeständnis. Was genau muss man sich unter diesen »Zuwendungen«
vorstellen? Was mussten die Journalisten tun, um in ihren Genuss zu
kommen? Und wer waren die Journalisten? Sollte man sie nicht wie
Richard Gott beim Namen nennen? Sie haben doch nichts zu
befürchten, da man sie ja mit den Agenten des Stalinismus
»moralisch nicht gleichsetzen« kann.
Die »Zuwendungen« kamen unter anderem von Beauftragten des
Information Research Departments (IRD), einer Geheimabteilung für
politische Kriegführung im Außenministerium, die in den 1950er
und 1960er Jahren Dutzende von Fleet-Street-Journalisten
»beschäftigt« hatte.89 Das IRD arbeitete mit weißer, grauer und
schwarzer Propaganda (Wahrheiten, Halbwahrheiten und Lügen),
gefälschte amtliche Dokumente, Verleumdungen und frei erfundene
Geschichten wurden an die Medien lanciert. In den antikolonialen
Kämpfen in Kenia, Ma-laya und Zypern war die Taktik des IRD so
erfolgreich, dass die journalistische Aufbereitung zu einem Gemisch
aus verzerrten und falschen Geschichten geriet, das die wahren Ziele
und das oft grausame Vorgehen der Briten im Verborgenen ließ. Auf
diese Weise wurde das Blutvergießen in Malaya zur beispielhaften
Niederschlagung eines Rebellenaufstandes uminterpretiert – eine
Lesart, die sich bis heute gehalten hat. Der Volksaufstand in Kenia
wurde und wird fälschlicherweise als terroristischer Mau-MauFeldzug gegen die Weißen dargestellt. Und der Kampf um
fundamentale Menschenrechte in Nordirland war und ist eine
gerechte Verteidigung von Recht und Ordnung gegen den Terror der
IRA (siehe S. 165-70). Das Zusammenspiel von politischem und
militärischem Terror von Seiten der Briten war nicht existent: eine
Fata Morgana, die den Begriff »Desinformation« auf den Punkt
brachte.
Den dauerhaftesten Erfolg erzielten das IRD und seine »Kontaktleute« in den Medien, indem sie die Sowjetunion zur Bedrohung und
Quelle einer weltweiten Verschwörung stilisierten. Dies legitimierte
das atomare Wettrüsten, das die USA in der Kennedy-Ära
hauptsächlich
mit
der
Begründung
einer
angeblichen
»Raketenlücke« – ein Triumph der Desinformation – begonnen
hatten, indem sie nukleare »Erstschlagwaffen« in Westeuropa
stationierten. Wäre es zu einem Krieg mit der Sowjetunion
gekommen, hätten die Journalisten, die von der Times von jeglicher
moralischer Vergleichbarkeit mit dem Stalinismus freigesprochen
worden waren, ihren Teil der Verantwortung tragen müssen.
1991 ergaben Nachforschungen des GuardianReporters Richard
Norton-Taylor, dass 500 prominente Briten über die korrupte und
jetzt bankrotte BCCI (Bank of Commerce and Credit International) in
London Gelder von der CIA bezogen. 90 dieser Personen waren Zeitungs- und Fernsehjournalisten, viele von ihnen in »leitenden
Positionen«. Journalisten, die direkt für die Geheimdienste
arbeiteten, sind keine Seltenheit. Ein prominenter Journalist und
Autor trat unmittelbar nach seinem Hochschulabschluss in Oxford in
die Dienste sowohl des britischen als auch des US-amerikanischen
Geheimdiensts ein.
An alldem überrascht eigentlich nur, dass es so erfolgreich
verheimlicht werden konnte. Von einem Büro im Londoner Bush
House, wo der Auslandsdienst der BBC seinen Sitz hat, wurden 40
Jahre lang die Namen von Stellenbewerbern zur »Überprüfung« an
den MI5 weitergereicht. Journalisten, die als kritisch galten, wurden
von der BBC als »unzuverlässig« eingestuft und abgelehnt. Hätte der
Observer diese geheime Praxis nicht 1985 ans Licht gebracht90, würde
sie wohl heute noch angewandt. Im Grunde genommen waren die
Bemühungen aber gar nicht notwendig. Viele altgediente
Journalisten sind stolz darauf, als »zuverlässig« zu gelten, und sie
lassen sich, von Zeit zu Zeit staatlicherseits belobigt, auch ohne
amtliche Intrigen und materielle Zuwendungen bereitwillig
beeinflussen. Ihnen erscheint es vollkommen normal, wenn ihnen
vom Staat »Beziehungen« verschafft und »Türen geöffnet« werden.
So gehören zum Beispiel einflussreiche Fernseh- und Zeitungsjournalisten ebenso wie einige Mitglieder des Blair-Kabinetts zum Netzwerk der »Successor Generation«, einer 1985 mit Geldern einer für
ihre Unterstützung rechtsextremistischer Umtriebe bekannten Stiftung in Philadelphia ins Leben gerufenen britisch-amerikanischen
Organisation. Den Anstoß zur Gründung des Netzwerks gab, auch
wenn dies nirgendwo offen zugegeben wird, ein Aufruf Reagans zu
Zeiten des Kalten Krieges an die »Nachfolgegenerationen« auf
beiden Seiten des Atlantiks, »künftig in Verteidigungs- und
Sicherheitsfragen zusammenzuarbeiten«.
Zu jener Zeit machte man sich in Washington große Sorgen um die
Friedensbewegung, insbesondere um den Widerstand gegen die
Stationierung von Cruise Missiles in Großbritannien. Heute sind die
Ziele des Netzwerks weiter gefasst. Es soll nach Aussage des
ehemaligen Studiendirektors am Thatcher-nahen Zentrum für
politische Bildung dazu beitragen, »die anglo-amerikanischen
Beziehungen zu fördern und zu vertiefen, vor allem, wenn einige
Mitglieder bereits jetzt oder möglicherweise später einflussreiche
Positionen bekleiden sollten«.
Sir John Kerr, britischer Botschafter in Washington, sagte es noch
deutlicher. In einer Rede vor Mitgliedern der »Successor Generation«
sagte er 1997, dass die »starke Verbindung einflussreicher Mitglieder
über den Atlantik hinweg die Botschaft überflüssig« zu machen
drohe. In der Tat war die »Successor Generation« »eindeutig eine
ernst zu nehmende Konkurrenz für die Diplomaten«!91 Ein USamerikanisches Mitglied des Netzwerks bezeichnete es als eine der
Aufgaben seiner Organisation, »Führungspersönlichkeiten heranzuziehen« und die »weltweit führende Rolle [Großbritanniens und
der USA] zu stärken«.92 Es ist kaum verwunderlich, dass man in den
Medien nur selten etwas über diese Organisation erfährt.
Ein Instrument zur Erhaltung der »weltweit führenden Rolle« ist
natürlich die NATO. Als der GuardianJournalist Ian Black 1997 vom
NATO-Gipfel in Madrid berichtete, stellte er irritiert fest, dass es
über die Osterweiterung der NATO, die von kritischen Stimmen als
»ein Fehler von historischen Dimensionen« und als möglicher
»Auslöser eines neuen, 22 Millionen Pfund teuren Wettrüstens und
Gefahr für den Demokratisierungsprozess in Russland« bezeichnet
wurde, in der Öffentlichkeit kaum eine nennenswerte Diskussion
gab.93
An dieser Stelle soll noch einmal betont werden, dass nicht von
einer Verschwörung die Rede ist, sondern eher von einer Weltsicht,
die hauptsächlich, wenn auch nicht ausschließlich, das Produkt einer
Klassengesellschaft ist. »Das britische Klassensystem«, schreibt der
Mandela-Biograf Anthony Sampson, »ist wie eine Zwiebel, man
stößt auf immer neue Schichten.«94 Der Zusammenhang von
Klassenzugehörigkeit und Karriereerwartung ist eine Selbstverständlichkeit, über die niemand spricht, man spürt das
wärmende Gefühl der Macht. Für manche ist dies eine hehre
Verbindung, die zwar nichts mit Journalismus, aber umso mehr mit
dem Erhalt des Status quo zu tun hat. Sie sind die Glaubenswächter.
Wächter stehen in dem Ruf, aufrechte und stolze Gestalten zu sein.
In seiner Autobiografie News from the Front erzählt der ITN-Korrespondent und Nachrichtenredakteur Sandy Gall begeistert von seinen
Kontakten zur Regierungsspitze und von den Diensten, die er dem
MI5 erwiesen hat. »Ein Freund vom britischen Geheimdienst rief
mich an«, schreibt er, »und sagte mir, der Außenminister sei nach
wie vor besorgt über die Lage in Afghanistan und ihm liege viel
daran, dass der ›Krieg bei der britischen Öffentlichkeit nicht in
Vergessenheit gerät‹; was man da machen könne. Ob ich mit
jemandem aus seinem Amt sprechen könne, um ihn und Lord
Carrington in den Genuss meines Rats kommen zu lassen? Ich fühlte
mich geschmeichelt und sagte zu ...«
Afghanistan wurde Galls Spezialgebiet. In den 80er Jahren unternahm er mehrere Reisen mit den Mudschaheddin, den Rebellen, die
gegen die sowjetische Besatzungsmacht kämpften. Im Vorfeld einer
dieser Exkursionen, die in Pakistan begannen, besuchte er den
pakistanischen Diktator Zia ul-Haq, der Gall offenkundig als
wichtigen Verbündeten betrachtete. Als Machthaber eines
Frontstaates in diesem kritischen Konflikt des Kalten Krieges mit der
Sowjetunion erfuhr General Zia ul-Haq Unterstützung von CIA und
MI6. Beim Spaziergang im Park des Generals, der zu den
grausamsten Diktatoren und unerbittlichsten Fundamentalisten der
Welt zählt, erkundigte sich dieser, ob er etwas für Gall tun könne.
»›Ja‹, sagte ich [Gall], ›könnten Sie uns nicht ein paar SAM-7-Raketen mitgeben?‹ Zia lachte. ›SAM-7-Raketen? Warum denn nicht, aber
wofür?‹ ›Wir werden bestimmt von MI-24-Kampfhubschraubern beschossen, und wenn wir einen davon vom Himmel holen könnten,
würde das spektakuläre Bilder geben.‹ Zia lachte wieder, er hatte
verstanden. ›Ich kümmere mich darum‹, versprach er. ›Sie
bekommen Ihre Raketen.«‹
Gall bekam seine Rakete, und, so erzählt er, »wir feuerten sie auch
ab«, aber leider funktionierte sie nicht. Nach London zurückgekehrt,
traf er sich mit dem Chef des MI6 zum Mittagessen. »Es war eine
ganz zwanglose Angelegenheit«, schreibt Gall, »der Koch hatte frei,
und so gab es kalten Braten, Salat und jede Menge Wein.« Der
oberste Dienstherr aller britischen Spione wollte Informationen über
Afghanistan von Gall, und der fühlte sich natürlich wieder einmal
»sehr geschmeichelt und gab das, was er aus erster Hand wusste,
bereitwillig weiter«.
Darüber hinaus verzichtete Gall auf jeden Versuch, »seinem Gesprächspartner als Gegenleistung ebenfalls Informationen zu entlocken«, obwohl »das kein für einen Journalisten typisches Verhalten
war«. Der Grund für seine Zurückhaltung war das Wissen, dass der
Chef des MI6 trotz seines »onkelhaften Charmes viel zu erfahren
war, um sich gegen seinen Willen irgendwelche Fakten entlocken zu
lassen«.95
Ein interner Lagebericht der CIA offenbarte 1992 die ausgezeichneten Verbindungen der Behörde zu den Medien. »Wir unterhalten
Beziehungen zu Reportern«, heißt es in dem Bericht, »[die] uns
helfen, fehlgeschlagene Operationen zu Erfolgsgeschichten
umzuschreiben. Manchmal reicht ein einziges Telefongespräch, um
die Medien zufriedenzustellen, bei anderen Gelegenheiten, wie der
sechsteiligen Serie der BBC beispielsweise, müssen wir intensiv auf
unsere Quellen zurückgreifen.«96
Die BBC-Serie, von der hier die Rede ist, stammte aus der Feder
von John Ranelagh, der früher einmal Recherchen für die
Konservativen angestellt und als Redenschreiber für Margaret
Thatcher fungiert hatte. »Intensiv auf CIA-Quellen« gestützt,
»widerlegte« Ranelagh in seinem Film beispielsweise den Vorwurf,
der berüchtigte Geheimdienst sei am Sturz mehrerer Regierungen
beteiligt gewesen und habe 1962 aus durchschaubaren Gründen die
Kubakrise bewusst herbeigeführt. »Von allen Themen, mit denen
sich der US-Geheimdienst seinem Auftrag gemäß zu befassen hatte«,
heißt es bei Ranelagh, »war keines so wichtig wie die Zunahme des
internationalen Terrorismus, ein Thema, das der Reagan-Regierung
sehr am Herzen lag.«97
Was in dem Film nicht zur Sprache kommt, ist die Frage, ob nicht
die CIA selbst, vor allem unter der Reagan-Regierung, das
mächtigste Instrument des internationalen Terrorismus war, worauf
doch zahlreiche Indizien hindeuten. Allein in der ersten Amtszeit
Ronald Reagans wurden »8000 nicaraguanische Zivilisten durch von
der CIA ausgebildete, instruierte und bezahlte Contras ermordet«,
schreibt der Historiker William Blum.98
1994 marschierten die Amerikaner in Haiti ein. »Das Land verrottete in Amerikas Hinterhof und schrie förmlich um ›Hilfe‹«, lautete
der Kommentar des ITN-Reporters Bill Neely. Einem BBC-Bericht
zufolge hatte das Pentagon »Haiti die Demokratie gebracht«, was ein
Korrespondent noch um die Bemerkung ergänzte: »Die Tage, in
denen Amerika der nette Onkel von nebenan war, sind vorbei.«99
Keiner dieser großen Sender erwähnt die mörderischen Invasionen,
mit denen der nette Onkel Haiti seit 1849 überzogen und dafür
gesorgt hat, dass, so der US-amerikanische Historiker Hans Schmidt,
»demokratische Institutionen im Land systematisch unterdrückt und
den Menschen elementare politische Freiheiten vorenthalten
wurden«. Gegenwärtig verfolgt der nette Onkel nach Einschätzung
der US-amerikanischen Journalistin Amy Wilentz zwei strategische
Ziele: »Erstens eine umstrukturierte und abhängige Landwirtschaft,
die die US-Märkte beliefert und der Ausbeutung durch die
Vereinigten Staaten nichts entgegenzusetzen hat; und zweitens eine
verarmte Landbevölkerung, die nicht nur US-amerikanischen
Firmen als billige Arbeitskräfte in ihren ausländischen
Niederlassungen dienen kann, sondern auch leichter durch die
Armee zu überwachen ist.«100
Britische Regierungen haben den Terror der USA in dieser Region
im Allgemeinen unterstützt. Geoffrey Howe, Außenminister unter
Margaret Thatcher, beteuerte nachdrücklich, dass »seine Regierung
fest hinter der Mittelamerika-Politik der Vereinigten Staaten« stehe.
Der Times zufolge war es Ziel dieser Politik, »in einer Region, die
vom kommunistischen Umsturz bedroht war, die demokratischen
Kräfte zu unterstützen und zu stärken.« In einer Analyse der
seriösen britischen Presse nahm sich Mark Curtis 500 Artikel zum
Thema Nicaragua vor, die zwischen 1981 und 1983, in den ersten
Jahren der Reagan-Regierung also, erschienen waren. Fast
durchgängig wurden die Errungenschaften der sandinistischen
Regierung verschwiegen und statt dessen die »Gefahren eines
kommunistischen Umsturzes« betont.
»Man musste sein Hirn schon sehr verrenken«, schreibt Curtis,
»um zu dem Schluss zu kommen, dass der erfolgreiche – und in
jeder Hinsicht bemerkenswerte – Kampf der Sandinisten gegen die
Armut in ihrem Land objektiv betrachtet nicht der Rede wert sei.
Dies erstaunt umso mehr, wenn man die furchtbaren Zustände in
den Nachbarländern betrachtet, über die sich jeder Reporter, der je
in der Gegend war, im Klaren sein musste. Dass die Leistungen der
Sandinisten in der Presse quasi totgeschwiegen wurden, ist noch
bemerkenswerter angesichts der Tatsache, dass es in diesen Jahren
eine wahre Schwemme von Nicaragua-Berichten gab. Man kann
berechtigterweise zu dem Schluss kommen und durch Beispiele
belegen, dass die Berichterstattung über Nicaragua ideologisch
gesteuert war und dass die positive Entwicklung im Land in einem
Strom gezielter Desinformationen aus Washington und London
unterging.«101
Curtis ist kein Verfechter irgendwelcher Verschwörungstheorien.
Vielmehr macht er bei prominenten Journalisten und Geisteswissenschaftlern eine sklavische, wenn auch oft unbewusste Bereitschaft
aus, an die Mythen zu glauben, von denen der erste Kalte Krieg
durchdrungen war und die sich bis in den heutigen kalten Krieg
erhalten haben. Manch einem gerät der ideologische Zuspruch
unfreiwillig zur Parodie. Lawrence Freedman, Professor am King's
College in London und von BBC und Presse häufig als »Experte«
zitiert, schreibt in einer zusammen mit Efraim Karsh verfassten
Analyse des ersten Golfkriegs, es gebe »kaum Zweifel daran, dass
[Präsident] Bush von dem Wunsch geleitet wurde, den Grundsatz
des Gewaltverzichts zu verteidigen.« In seinen Augen ist Bush ein
»Kreuzritter, der sich für die Wahrung internationaler
Verhaltensregeln einsetzt«.102
Kurz nach seinem Amtsantritt überfiel der Kämpfer für Frieden
und Anstand Panama. Bei der Invasion kamen 2000 Zivilisten, mehr
Menschen als bei der gewaltsamen Niederschlagung der Demonstrationen auf dem Platz des himmlischen Friedens durch die
chinesische Armee, ums Leben. Beim dann folgenden Angriff auf
den Irak verloren 200000 Menschen, die meisten von ihnen ebenfalls
Zivilisten, ihr Leben. Der Einmarsch in Somalia kostete nach
Schätzungen der CIA zwischen 7000 und 10000 Menschen das
Leben. Und bei alledem wurde Bush ebenso wie vor ihm Richard
Nixon in den britischen Medien permanent als Präsident mit großem
außenpolitischen Verstand gepriesen.103
In den euphorischen Tagen nach dem Sieg der Vereinigten Staaten
im ersten Golfkrieg interviewte Peter Snow den Chef des USGeneralstabs, General Colin Powell, für die BBC-Sendung
Newsnight. Snow begann sein Interview mit der Frage: »Betrachten
Sie die Vereinigten Staaten jetzt als Weltpolizei?« Der General, weich
von hinten beleuchtet, die Orden auf seiner Brust in Reih und Glied,
lächelte weise. »Sir«, antwortete er, »unsere Anwesenheit allein ist
ein stabilisierender Faktor. Wissen Sie, wir repräsentieren eine
Macht, der die Menschen normalerweise vertrauen! [Dennoch]
würde ich nicht behaupten, dass wir damit den letzten Krieg oder
das Ende der Geschichte gesehen haben.«
Anschließend rückte Snow mit ein paar eigenen Vorschlägen heraus. Ob man nicht amerikanische Truppen nach Jugoslawien
schicken könne, »um dort für Ordnung zu sorgen«? Und man könne
doch »Luftangriffe fliegen«. Die Möglichkeit hatte Margaret
Thatcher jedenfalls ins Spiel gebracht.
»Niemand«, entgegnete der General, »achtet, ja bewundert Margaret Thatcher mehr als ich. Aber, Sir, ich schrecke immer ein wenig
zurück, wenn behauptet wird, man müsse nur ein paar Leute
bombardieren, um zu verhindern, dass sie Dinge tun, die man
missbilligt.« Snow nickte zustimmend und bedankte sich artig.104
1997 strahlte die BBC die letzte Sendung ihrer viel gerühmten Dokumentarreihe People's Century aus, in der die weltbewegenden
Ereignisse und Katastrophen des Jahrhunderts in einer gekonnten
Mischung aus Archivmaterial und Gesprächen mit Zeitzeugen
aufgearbeitet waren. Eine in dieser Serie häufig angewendete
Technik bestand darin, staat-liches Propagandamaterial aus
Großbritannien, Frankreich, den USA und der Sowjetunion mit
dokumentarischen Sequenzen zusammenzuschneiden und mit einer
Erzählstimme zu unterlegen. Nach einer Weile fiel es dem
Zuschauer schwer, die beiden Quellen auseinander zu halten.
Die Gesamtwirkung war eine vollkommen andere als in Ranelaghs
propagandistischem Film über die CIA. Die politische Färbung kam
viel gekonnter und subtiler daher. Die Schlüsselfolge über den
Beginn des Kalten Kriegs hatte den Titel »Schöne neue Welt«. In ihr
wurden Stalins Verbrechen und westliche Heldentaten der
Nachkriegszeit wie die Luftbrücke nach Berlin dokumentiert. Für
»Ausgewogenheit« sorgten Sequenzen über die absurden und
brutalen Auswüchse der antikommunistischen Paranoia, die in den
50er Jahren das politische Klima in den USA bestimmt hatte.
Unerwähnt blieben allerdings Nachkriegspläne der USA, die eines
anstrebten: eine Hegemonie, wie sie die Welt noch nicht gesehen
hatte, die Märkte und Handel von den Nahrungsmitteln bis zum Öl
beherrschte; eine Pax Americana, die, wie es der imperialistisch
gesonnene Chef des politischen Planungsstabes George Kennan
formulierte, den Vereinigten Staaten »das moralische Recht«
einräumte, militärisch zu intervenieren, wo immer sie wollten. Und
sie machten reichlich Gebrauch von diesem Recht, indem sie – von
Italien bis zum Iran, von Chile bis Indonesien – Regierungen, die es
wagten, Unabhängigkeit zu demonstrieren, erbarmungslos
sabotierten und ihren Sturz betrieben.105
Über eine halbe Million »Kommunisten« mussten in Indonesien
sterben, nachdem die US-amerikanische Kolonialmacht dem
Diktator Suharto zur Macht verholfen hatte. In Indochina kostete die
gleiche Politik mindestens fünf Millionen Menschen das Leben.
Weitere Millionen wurden enteignet, ihr Land verwüstet und
vergiftet. »Die freie Welt«, wie das US-amerikanische Imperium
damals genannt wurde, beschönigt ihre Hegemonialansprüche bis
heute mit wechselnden Euphemismen. Den vielleicht glanzvollsten,
wenn auch wenig besungenen Sieg erzielte sie mit dieser Taktik auf
dem Gebiet der Medienbeeinflussung, was sich daran deutlich zeigt,
dass in People's Century nichts von ihrer Machtgier zu erfahren war.
***
Die Glaubenswächter, die Prediger der bestehenden Ordnung, sind
vor allem im »lobbyistischen System« beheimatet, das mit schöner
Regelmäßigkeit als »Filz« gescholten und gelegentlich sogar als
»kriminell« bezeichnet wird, aber alle diese Anwürfe schadlos
übersteht. »Lobbykorrespondenten« haben ihre eigenen Regeln,
»Verbindungsleute« und Methoden der Disziplinierung. Zu ihren
Privilegien gehört der Zugang zu Regierungsverlautbarungen, bevor
diese veröffentlicht werden, und sie werden von den
Pressereferenten der Ministerien, von hohen Beamten oder gar von
den Ministern persönlich mit vertraulichen Informationen versorgt.
Gegenwärtig beschäftigt die BBC 13 Redakteure im überregionalen
und 19 im regionalen Politikressort. Sie alle haben ihren Arbeitsplatz
im Londoner Bezirk Millbank in der Nähe des Parlaments und der
anderen »Machtzentren«, über die Robin Oakley und sein Team
berichten. An klaren Tagen kann man sehen, wie die Abgeordneten
dort Schlange stehen, um ihre ohnehin allseits bekannten Ansichten
loszuwerden. Steve Richards, ein ehemaliger BBC-Journalist, der
jetzt für den New Statesman schreibt, behauptet, dass so mancher
Parlamentsabgeordnete morgens, bevor er den Weg ins Unterhaus
nimmt, erst einmal in Millbank vorbeischaut, »in der Hoffnung, dort
jemanden zu finden, der ihn interviewen möchte«.106
In einer normalen Woche produzieren die »Lobbyjournalisten«
mehr als 300 Berichte: Die meisten behandeln das gleiche Thema und
halten sich dabei an die weitgehend austauschbaren Linien, die von
den beiden großen Parteien vorgegeben werden. Dass den Briten
heute nicht einmal der Anschein demokratischer Meinungsvielfalt
zugestanden wird, kommt nirgendwo zur Sprache.
Die politische Botschaft, die aus Millbank widerhallt, ist eindeutig.
Es gibt nur noch einen Leitgedanken, den triumphreichen »Markt«;
kein Wenn und Aber und schon gar keine »Ausgewogenheit«. Er bestimmt die politischen Nachrichten und Kommentare, und er grenzt
ernst zu nehmende Kritiker aus – jene nämlich, die sich nicht dem
Prinzip der kollektiven Verantwortung unterwerfen, wie sie
etablierte Journalisten und Politiker sowie ihre Seilschaften
definieren. Den Ein-fluss dieser Hilfstruppen der Regierung kann
man gar nicht hoch genug einschätzen. »Die Abgeordneten
verzichten auf die Möglichkeit eigener politischer Zielsetzungen«,
schreibt Richards, »und überlassen es den Journalisten, die Richtung
vorzugeben und ihnen in den Mund zu legen, was sie für richtig
halten«.107
Was ihnen die Journalisten in den Mund legen, basiert auf einer
Vorstellung, die unsere Welt fein säuberlich in »Neu« und »Alt« teilt,
analog zu den beiden Lagern, in die sich die Labour-Partei vor der
Wahl gespaltet hat. Dem »Neuen« wird, entsprechend der uneingeschränkten Marktbegeisterung der Medien, der Vorzug gegeben –
auch wenn so seriöse Quellen wie die jährliche sozialwissenschaftliche Erhebung der altehrwürdigen Institution British
Social Attitudes (BSA) kaum Zweifel daran lassen, dass für die
Mehrheit der Bevölkerung das »Alte« Priorität hat. Millionen
Menschen sind unzufrieden, weil die Parlamentsparteien keine
Bereitschaft erkennen lassen, den Wohlstand des Landes so
umzuverteilen, dass auch die Armen profitieren, und mehr Geld für
elementare öffentliche Bereiche wie Gesundheitswesen, Bildung und
Schaffung von Arbeitsplätzen auszugeben. Meines Wissens wurde
während des Wahlkampfs 1997 weder John Major noch Tony Blair
von den Medien aufgefordert, zu diesem Thema Stellung zu
nehmen. 108
Gleich nach dem Erdrutschsieg der Labour-Partei erhob sich in
den Medien die Frage, wie sich dieser auf den Status quo auswirken
würde – was bedeutete er für die »Stabilität« des Pfunds, des
Aktienmarkts und der Leitzinsen. Konnte man Tony Blair vertrauen?
Natürlich konnte man. Mit den Aktienindizes ging es steil bergauf,
und das Pfund wurde stärker. Die Wächter mögen abgelöst worden
sein; der Glaube hat sich nicht verändert.
Die drei wichtigsten Vertreter der liberalen Presse in Großbritannien, Guardian, Observer und Independent gerieten, gemeinsam mit
der BBC, völlig aus dem Häuschen. Die Regierung, frohlockte der
Guardian, »arbeitet mit atemberaubender Geschwindigkeit daran,
alte Zöpfe abzuschneiden ...« Der erste Zopf verschwand, als
Finanzminister
Gordon
Brown
wichtige
finanzpolitische
Kompetenzen an ein nicht gewähltes Expertengremium der Bank
von England abtrat: Ein Tory hätte das nie gewagt. »Der kühne
Finanzminister ...«, hallte es bewundernd von der Titelseite. »Welch
ein Mut... das war ein echter Blitzstart der neuen Regierung.«
»Abschied von der Isolation«, lautete die Schlagzeile des Observer
am Tag nach der Wahl. »Das Außenministerium begrüßt die Welt:
Wir sind wieder da.« Die Regierung, so die Zeitung, werde das
Maastrichter Sozialprotokoll innerhalb weniger Wochen ratifizieren,
sich für »neue, weltweit geltende Menschenrechts- und
Umweltschutzbestimmungen« sowie ein Verbot von Landminen
einsetzen, »strenge Richtlinien für alle sonstigen Waffenverkäufe«
erlassen und der »Politik nach Gutsherrenart« ein Ende machen.
Abgesehen vom Landminenverbot, das ohnehin schon in Kraft war,
wurde nichts von alldem umgesetzt. Eine Woche später hieß es:
»Reform des Sozialstaats«. Der Finanzminister, ließ sich die Zeitung
vernehmen, »steht im Begriff, die radikalsten Änderungen des
Sozialhaushalts seit dem Zweiten Weltkrieg zu verkünden ...« Die an
eine Reintegration in den Arbeitsmarkt gekoppelte Arbeitslosenhilfe,
die er verkündete, war jedoch, ganz im Gegenteil, nur der müde
Abklatsch einer reaktionären Sozialpolitik, mit der schon die
britischen Konservativen und die Clinton-Regierung gescheitert
waren. Von einer Reform keine Spur.
Als sich Blair nach Europa aufmachte, erhob sich ein neuerlicher
Jubelsturm: »Blair nimmt den Kampf für ein Europa des Volkes auf«,
verkündete der Independent und tags darauf: »Europas
Staatsoberhäupter im Banne Blairs«. In Amsterdam, so der Guardian,
»ließ Blair in den Verhandlungen zum EU-Vertrag erfolgreich seinen
Charme spielen«. Peter Snow schwärmte in der BBC-Sendung
Newsnight: »Es war Blairs Tag, er schwelgte in der Bewunderung der
tief beeindruckten Delegierten...«
Das meiste davon war frei erfunden, wie in der guten alten
Prawda. Blairs europäischer »Triumph« bestand darin, dass er, wie
schon sein Vorgänger, der Frage einer gemeinsamen Währung
auswich und die ohnehin schon strengen Asylbestimmungen durch
die
Forderung
nach
verschärften
Grenzkontrollen
für
Großbritannien zu zementieren suchte. »Frieden für unsere Kinder«,
jubelte der Independent. Endlich ein Anflug von Ironie? Von wegen,
auch die Unterzeichnung des Sicherheitspakts zwischen der NATO
und Russland, für die Blair unermüdlich geworben hatte, wurde als
Triumph gefeiert. Und niemand interessierte sich dafür, welche
beängstigenden Folgen die NATO-Erweiterung haben konnte.
»Das neue Sonderverhältnis«, lautete die nächste frohe Botschaft;
darunter prangte ein Foto, auf dem sich Tony Blair und Bill Clinton
im Garten von Downing Street 10 vertrauensvoll in die Augen sehen.
»Was«, fragte Rupert Cornwall auf der Titelseite des Independent,
»sagte ein gewisser Jack Kennedy doch gleich über die Fackel, die
ihn übergeben würde, als er, genau wie unser Premierminister, im
Alter von 43 Jahren an die Macht kam? Man reibt sich die Augen an
einem strahlenden Frühlingstag in der Downing Street, und es
scheint wahr zu werden – eine Übergabe von der träge und ziellos
gewordenen amerikanischen Präsidentschaft an die unbekümmerte
Omnipotenz eines Blair.« Dem Journalismus war jede Fähigkeit zur
Satire abhanden gekommen, er persiflierte sich selbst.
Mystische Bilder wurden beschworen. Der neue Premierminister,
schrieb der Kolumnist Hugo Young, »möchte eine Welt schaffen, wie
wir sie noch nie gesehen haben, eine Welt, in der sich die Gesetze der
politischen Schwerkraft umgekehrt haben«. Im Blairschen Zeitalter
»treten ›Werte‹ an die Stelle von Ideologien ..., es gibt keine heiligen
Kühe [und] und keine starren Grenzen für den Geist, der auf der
Suche nach einem besseren Großbritannien ausschweift, und nur
wenige, die sich mit diesen Werten nicht identifizieren könnten«.
Der berauschte Geist schweifte weit aus. In einem elitären, preisgekrönten Artikel erklärte der GuardianKommentator Martin Kettle
Blair zum Ehrenaustralier: »Er hat keine Ehrfurcht vor der Vergangenheit. Klassendünkel beeindruckt ihn nicht. Er ist ein Meritokrat,
ein Macher, [und] es ist ihm gleich, woher er seine Ideen bezieht. Er
schreibt einfach unbefangen seine eigene Geschichte ... es wäre
schön, den Tag zu erleben, an dem man diese Charaktereigenschaften auch als typisch britisch bezeichnen könnte.«
Vielleicht müsste ich für die Neubewertung meines
charakterlichen Erbes dankbar sein. Da war meine Spezies, der
australische Mann, also plötzlich vom Biersäufer mit
Kronkorkensammlung am Hut zum Prototypen des postmodernen
Menschen aufgestiegen. Kettles Ergüsse waren von eben jener
herablassenden Ignoranz, wie sie in dem alten Comic-Strip Barry
MacKenzie, dessen Hauptfigur ein Australier in London ist, auf die
Schippe genommen wird. Ironischerweise hat Australien, eine
Klassengesellschaft wie jede andere, genauso wie Großbritannien
mit einer hohen Arbeitslosenquote und zunehmender Verarmung zu
kämpfen, Folgen der Politik einer Labor-Regierung, die in gewisser
Weise Modell stand für Blairs New Labour.
Als Außenminister Robin Cook seinen berühmten »Zielekatalog«
verkündet hatte, in dem er die Menschenrechte ins »Zentrum« der
britischen Außenpolitik rückte und eine Überprüfung der Rüstungsgeschäfte nach »ethischen« Grundsätzen versprach, blieb öffentliche
Skepsis aus. Der Guardian mahnte ihn gar, nicht allzu »weichherzig«
zu sein. In Newsnight wiederholte Jeremy Paxman die Lüge des
Außenministeriums, die Stationierung von Hawk-Kampfflugzeugen
in Osttimor sei »keinesfalls bewiesen«, auch wenn der Export der
Maschinen aufgrund der »ethischen Bedenken« der Regierung nun
möglicherweise eingestellt werden müsse. Als einsamer Kämpfer im
Kreis der New-Labour-Hagiographen fühlte sich nur ein einziger
Mann genötigt, darauf hinzuweisen, dass Menschenrechtsverletzungen
institutionalisierter
Bestandteil
der
britischen
Außenpolitik und Cooks politische Absichtserklärungen somit eine
einzige Heuchelei waren. Wie sich herausstellte, setzte Cook die
Rüstungsexporte im gleichen Umfang wie zuvor alle Labour- und
Tory-Regierungen fort.
Verteidigungsminister George Robertson kündigte mit der »radikalen und weit reichenden Revision« der »Prioritäten« die nächste
»dynamische« Veränderung an. Die »Revision« bestand darin, dass
jegliche Diskussion um die Milliardensummen, die das
Verteidigungsministerium für Eurofighter und nukleare Trident-UBoote ausgibt, unterbunden wurde. Bei BBC Radio hörte sich die
entsprechende Nachricht so an: »Die Regierung ist sehr beunruhigt
darüber, dass Deutschland seinen finanziellen Beitrag zur
Entwicklung dieses multinationalen Projekts, von dem Tausende
britischer Arbeitsplätze abhängen, nur sehr zögerlich leistet.« Dass
jeder dieser Arbeitsplätze 1,1 Millionen Pfund kostete, eine Summe,
mit der man Hunderte neuer Stellen hätte schaffen und die
Infrastruktur des Landes wesentlich hätte verbessern können, wurde
tunlichst verschwiegen.
Eine mediengesteuerte Showeinlage folgte der anderen. »Armut ist
das Problem, Arbeit ist die Lösung«, lautete die viktorianisch anmutende Überschrift eines IndependentArtikels über einen Abstecher
Blairs ins Reich der »Unterschicht«, einen heruntergekommenen
Londoner Sozialbaukomplex. Hier, im Herzen realer Armut,
versprach Blair nicht etwa finanzielle Hilfe und er brachte auch
keine Vorschläge zur Linderung des Elends mit. »Blair«, so schrieb
Donald Macintyre, »wollte den Leuten klar machen, dass die 1960er
Jahre die Ära des Staates und die 1980er die Ära des Individualismus
gewesen waren, das neue Jahrtausend aber das Zeitalter der
Gemeinschaft einläuten werde.« So arbeiteten politischer
Journalismus und staatliche Propagandaschmiede Hand in Hand.109
Ein nicht untypisches Beispiel dafür, wie sich die Presse für die
Öffentlichkeitsarbeit der Regierung einspannen ließ, war das
Titelbild auf der ersten Ausgabe des neu gestalteten Independent. Es
war Bagdad Observer in Reinkultur: ein von hinten angestrahlter,
messianischer Premierminister und darüber die Balkenüberschrift:
»Blair: Meine Vision für das Jahr 2000«. Das »Interview« war nicht
viel mehr als eine Aneinanderreihung von Schlagworten. Auf
seinem Landsitz in Chequers weilend, verkündete der
Regierungschef, er werde »ein Land schaffen, das stolz darauf sein
wird, der Welt zu zeigen, wie eine fortschrittliche Nation des 21.
Jahrhunderts aussieht«. Er führte dies nicht näher aus, sondern
sprach nur von »vor uns liegenden schweren Entscheidungen«, um
»angemessene
soziale
Standards«
zu
erreichen.
»Der
Premierminister«, merkte der politische Redakteur Anthony Bevins
an, »wird nicht zögern, dieses Vorhaben in die Tat umzusetzen«.
Am nächsten Tag war die Stunde von Sozialministerin Harriet
Harman gekommen. Im Hinweis auf ein »Exklusivinterview« mit
der Ministerin pries das Blatt »die sensationellen ersten Erfolge der
neuen Sozialpolitik ..., die der Unterschicht einen Weg aus der
Sozialhilfe weist«. »Mit einer Vermittlungsquote von 1000 allein
erziehenden Müttern«, schrieb Bevins, »übersteigt das Ergebnis alle
Erwartungen; es ist beispiellos.« Darüber, was für eine Art von
Arbeit diesen Frauen vermittelt worden war, schwieg er sich aus.
Und er verlor auch kein Wort darüber, wie viel sie verdienten und
was sie die Betreuung ihrer Kinder kostete.110
Unerwähnt blieb im Übrigen, dass Harman als erste
Amtshandlung nach dem Regierungswechsel die Zusatzzahlungen
zur Sozialhilfe für allein erziehende Eltern strich, nachdem sie diese
von der Tory-Regierung vorgeschlagene Maßnahme zuvor im
Unterhaus im Namen der Labour-Partei als unsozial abgelehnt hatte.
»Wir können«, hatte die zukünftige Ministerin damals erklärt,
»allein erziehenden Müttern nicht aus der Armut helfen und die
Sozialausgaben für sie damals senken, indem wir den Betrag, von
dem sie leben müssen, Jahr für Jahr verringern und sie damit in
immer tiefere Armut treiben. Solche Einschnitte würden die Not von
Hunderttausenden der ärmeren Kinder noch vergrößern.«111 Ebenso
unerwähnt blieb der in der gleichen Woche veröffentlichte
unabhängige Bericht der Joseph-Rowntree-Stiftung, dem zufolge die
neue Sozialpolitik als Fehlschlag zu werten war, weil die Programme
zur Reintegration in den Arbeitsmarkt den Arbeitslosen nicht viel
mehr einbrachten als schlecht bezahlte Gelegenheitsjobs.112 Wohl
aber durfte die Ministerin in dem Interview ihr finsteres Programm
unwidersprochen als »wirklichkeitsbezogene Hilfe für die
Menschen« bezeichnen, als das, »wofür die Regierung da ist. Es ist
aufregend; es macht die Menschen frei. Es ist Teil des Prozesses, aus
dem ein neuer Wohlfahrtsstaat hervorgehen wird. Und es
funktioniert.«
Als Blair Margaret Thatcher in die Downing Street bat, führte dies
zu vorübergehender Irritation. Hugo Young, einst Thatchers journalistische Geißel, baute Blair (der Thatcher 1987 als »unberechenbare
und unausgeglichene Persönlichkeit« bezeichnet hatte) die rettende
Brücke. Er schrieb: »Es entspricht vollkommen der integrativen
Philosophie, von der sich seiner Ansicht nach jedes vernünftige
Staatsoberhaupt bei der Regierung des Landes, das ihm anvertraut
wurde, leiten lassen sollte. Margaret Thatcher passt problemlos in
diesen Rahmen. Sie kann einen Beitrag leisten.« Die Rede ist von der
Frau, von der Hugo Young einmal geschrieben hatte, sie sei »von
unersättlicher Herrschsucht« besessen.113
Die neuen Glaubenswächter kamen kurz ins Grübeln bei der
Frage, warum Hardliner-Kapitalisten wie Alan Sugar und Lord
Rothermere, Eigentümer der Daily Mail, plötzlich zum Blairismus
überliefen. Ach ja, sie waren jetzt »einer von uns«. Lasst uns also
nach Hello!Art weiterjubeln! Der Blairismus, schrieb die Guardian
Journalistin Sally Weale, »hat schon jetzt eine Ikone wie Prinzessin
Diana«. Gemeint war Cherie Blair! »Cherie ist von Natur aus
brillant«, erfuhr Sally von Tony. »Zum ersten Mal«, fuhr sie fort,
»haben wir in der Downing Street 10 eine brillante Karrierefrau, die
mit ihrem Gehalt (und ihren Fähigkeiten, wie manche sagen) ihren
Mann in den Schatten stellt.« Und sie ist noch dazu eine »großartige
berufstätige Mutter«. Es ist dies die Anwältin, die 1995 den Richter
aufforderte, einen mittellosen Steuerschuldner hinter Gitter zu
schicken.114
»New York, New Labour, neue Möglichkeiten ...«, tönte der Guar
dian im Bericht über eine »Spendengala der Prominenz«, die reiche,
in den USA lebende Briten für die Blairs organisiert hatten. Die
Gästeliste hatte Blairs Pressesprecher Alistair Campbell »einen
freudigen Schauer« bereitet. Alle Welt hatte sich angekündigt: Henry
Kissinger, Bianca Jagger, Lauren Bacall, Barbara Walters. »Aber es
gab einen Namen auf der Liste [John F. Kennedy jr.], der ihm Sorge
bereitete. Lieber Himmel, er sah die Überschriften schon vor sich ...
»Blair diniert mit IRA-Sympathisanten«. Der Sohn des verstorbenen
Präsidenten »war bei einer IRA-Beerdigung gesehen worden«. JFK
Junior wurde also von der Gästeliste gestrichen, und »Campbell
selbst hätte es nicht besser planen können ... Alle waren hingerissen
von Blair.«115
Und auch in Gordon Brown schienen sie buchstäblich vernarrt zu
sein. »Ein Haushalt für das Volk« titelte der Independent neben einer
Zeichnung, die Brown als Oliver Cromwell verkleidet zeigte. Das
Ganze war schwer vorstellbar. Abgesehen von ein paar armseligen
Brosamen für das Gesundheits- und Bildungswesen und einer
Zusatzsteuer für Versorgungsunternehmen, die diese aufgrund ihrer
hohen Gewinne mit Links zahlen konnten, spiegelte sich die
Verteilung der Mittel in Browns Haushalt am nächsten Tag im
Aktienindex der Financial Times, der einen Rekordanstieg von 80
Punkten verzeichnete, wobei die Aktienwerte der Versorger in die
Höhe schossen, weil die Investoren erwartet hatten, dass Brown
härter mit ihnen umspringen würde. Darüber hinaus senkte er die
Körperschaftssteuern auf das niedrigste Niveau aller großen
Industrienationen. Die Labour-Wähler hatten 18 Jahre lang
hinnehmen müssen, dass die Mittel für Bildung und Erziehung,
Gesundheitswesen und soziale Belange immer weiter gekürzt
wurden – nicht eine dieser Kürzungen wurde von Brown zurückgenommen, und die Medien schwiegen dazu. Wie aus dem Institut
für Steuerforschung staunend verlautete, hatte der neue Labour-
Finanzminister »den Haushaltsgürtel so eng geschnallt wie keine
konservative Regierung in den 18 Jahren davor«.
»Ich persönlich«, schrieb GuardianKommentatorin Emma Forrest,
»bin hingerissen von seinem Outfit und frage mich immer, worin er
das nächste Mal auftaucht. Ich sehe ihn vor mir, wie er in lila Knittersamt durch die Casinos von Las Vegas schlendert oder im
Trainingsanzug durch die Flure der Macht wandelt ... Seien wir
ehrlich, wer hätte in den 1990ern nicht gern einen Mann, der mit
Geld umgehen kann und weiß, wie es auf den Märkten zugeht?«116
Im Independent schwärmte Suzanne Moore: »Sein Lächeln am
Wahlabend war wunderbar, man fühlte sich an Mandela erinnert...
so ganz und gar gegenwärtig und real.« Moore ist eine eifrige
Glaubenswächterin. Vor der Wahl schlug sie ein »politisches
Rehabilitierungsprogramm« für diejenigen vor, »die sich nicht mit
den [von New Labour] geplanten Veränderungen anfreunden
können«.
Und wie früher in der Sowjetunion oder auf der Orwellschen Farm
der Tiere, musste, wer die »neue« Macht im Staat nicht freudig begrüßte, von einer Art Geisteskrankheit befallen sein. Die in den Medien und als Autorin erfolgreiche Psychologin Susie Orbach verstieg
sich zu der Diagnose, wenn nicht jeder uneingeschränkte
Begeisterung für Blairs Aufstieg empfinden könne, so müsse dies
daran liegen, dass »eine negative Einstellung etwas Beruhigendes
haben kann ... man findet [diesen Gemütszustand] oft bei Menschen,
die nach außen hin als Kämpfernaturen erscheinen, die sich gegen
Ungerechtigkeiten und Feinde auflehnen, sich aber andererseits
nicht eingestehen können, dass sie die ständige Niederlage
brauchen«.
Wer in diesem historischen und rauschhaften Moment Kritik an
New Labour äußerte, musste demnach emotional aus dem Gleichgewicht geraten sein, eine bemitleidenswerte Figur: »Ein Kämpfer,
der immer kämpfen muss und sich nie von der Schlacht ausruhen
kann ..., weil er gegen seine inneren Dämonen ankämpfen muss,
gegen hoffnungslose Gefühle, die ihn so ängstigen, dass er sich nicht
direkt mit ihnen konfrontieren kann.« Man fühlt sich daran erinnert,
wie Margaret Thatcher während des Falklandkrieges die Nation
aufrief, zu »frohlocken«.117
Leider lösten sich die inneren Dämonen und hoffnungslosen Gefühle nicht in Wohlgefallen auf, sondern griffen auch auf den Kreis
der Frohlockenden über. Der Guardian tat sein Bestes, das
zunehmende Unbehagen zu ignorieren. »Große Ideale, schwere
Entscheidungen«, war auf einer Titelseite zu lesen. »Blair kann ein
Leitstern für die Welt sein ... Er erhebt die Staatsführung zu einer
Kunstform.« Aber es sollte anders kommen.118
In den Augen der Medien war Bernie Ecclestone, anders als die Arbeitslosen und allein erziehende Mütter oder Väter, sicher kein
Betroffener der »schweren Entscheidungen«. Tony Blair hatte
Ecclestone, den milliardenschweren Formel-Eins-Chef, kurz vor der
Wahl beim Silverstone-Rennen kennen gelernt. Er durfte sich in
einen Formel-Eins-Wagen setzen; er war sehr beeindruckt, und
Ecclestone, der ein Leben lang tatkräftig die Tory-Partei unterstützt
hatte, war von ihm beeindruckt. Bedauerlicherweise hatte New
Labour den Wählern »versprochen«, die Tabakwerbung generell
und auch bei Sportveranstaltungen zu verbieten. Nach Blairs Einzug
in die Downing Street 10 bat Ecclestone um ein Treffen. 24 Stunden
später hielt die Gesundheitsministerin eine Notiz des
Premierministers in Händen, der zufolge Formel-Eins-Rennen vom
Werbeverbot auszunehmen seien.
Der Gesundheitsministerin Tessa Jowell blieb die undankbare Aufgabe überlassen, der Welt den Sinn dieser Entscheidung zu erklären.
Dummerweise sickerte durch, dass Jowells Ehemann David Mills bis
kurz nach der Wahl im Direktorium des Benetton-Rennstalls
gesessen hatte und diesen auch weiterhin in Rechtsfragen beriet. Die
Ministerin bestritt jeglichen Interessenkonflikt. Später wurde
bekannt, dass Ecclestone der Labour-Partei eine Million Pfund
gespendet hatte. Blair behauptete, er habe sich, lange bevor die
Presse Wind von der Sache bekam, an Sir Patrick Neill, den
Vorsitzenden des Nolan-Aus-schusses (für die Festlegung von
Standards im öffentlichen Leben), gewandt und auf die »ethische
Problematik« einer Spende in dieser Höhe aufmerksam gemacht. In
Wahrheit wurde der Brief erst geschickt, nachdem die Presse die
Sache publik gemacht hatte. Die Regierung hatte sich nicht nur
zugunsten eines einflussreichen Geschäftsmannes über die
Interessen der Wähler hinweggesetzt, sondern auch die
Öffentlichkeit belogen. Blair entschuldigte sich zwar später, aber
gemeint war mit der Entschuldigung eigentlich nur das Versagen
seiner Presseabteilung. Wenn man die Öffentlichkeit schon hinters
Licht führt, sollte man dies gefälligst gründlich tun. Tatsächlich
unterschied sich die Bestechlichkeit von New Labour und den Tories
nur darin, dass es bei Ersteren um größere Summen ging.
»Hast du uns belogen, Tony?«, stand in der Sonntagsausgabe des
Independent zu lesen. »Wir haben dir geglaubt, als du uns eine Politik
ohne Korruption versprachst. Wir haben den Wahlsieg mit dir
gefeiert. Wir dachten, du bist anders. Aber jetzt sind wir nicht mehr
so sicher.«119
***
Noch in den Zeiten des Kalten Kriegs, 1983, war ich mit zwei Kollegen im Verteidigungsministerium, wo wir unter der Regie von Ian
McDonald, der es während des Falklandkriegs als Regierungssprecher oder, wie ihn Journalisten treffend, aber nicht eben
schmeichelhaft nannten, deren »sprechende Uhr« zu flüchtigem
Ruhm gebracht hatte, »vertrauliche« Informationen erhielten. Wir
setzten uns mit einem Beamten, dessen Name und Amt mir entfallen
sind, der uns aber als Experte für »nukleare Abschreckung«
vorgestellt wurde, an einen Tisch. Dann ergoss sich eine Flut billiger
antikommunistischer Propaganda über uns, wie man sie in den
Kommentaren des Daily Telegraph lesen kann.
Waren das die Dinge, die offiziell akkreditierten Journalisten ständig mit naiver Verschwörermiene vorgesetzt wurden? Mein
Verdacht bestätigte sich umgehend, als McDonald beim Abschied zu
uns sagte: »Ihnen ist doch klar, dass das alles hier nie stattgefunden
hat? ... Mehr noch, Sie dürfen nicht einmal sagen, dass es nie
stattgefunden hat.« Kein Wunder, dass Journalisten, die sich nur von
dem nährten, was ihnen die Regierung an Propaganda vorsetzte, wie
vom Donner gerührt waren, als die Berliner Mauer fiel und der Kalte
Krieg beendet war.
Aus Sicht des Staates ist die Effizienz des Systems allerdings nicht
zu bestreiten. Zwischen 1965 und 1980 war das atomare Wettrüsten,
die vermutlich größte Bedrohung der Menschheit, nicht ein einziges
Mal Gegenstand einer Parlamentsdebatte. Auch die Medien
schwiegen sich, ganz und gar regierungskonform, zu dem Thema
aus. Journalisten wurden entweder mit gezielten Desinformationen
von heißen Themen abgelenkt oder mit beschwichtigenden
Erklärungen abgespeist. Daran hat sich bis heute wenig geändert.
Das beschleunigte atomare Wettrüsten, das nach dem Ende des
Kalten Krieges in Großbritannien und den USA einsetzte und von
Russland mit ähnlichen Anstrengungen beantwortet wurde, ist für
die Medien kein Thema.
Das kollektive Schweigen ist Teil der »Lügenkultur«, die der ehemalige Mitarbeiter des Außenministeriums Mark Higson vor dem
von Sir Richard Scott geleiteten Untersuchungsausschuss zu
Waffenlieferungen an den Irak beschrieben hat. Das Lügengeflecht
spannte sich über einen Zeitraum von 40 Jahren, in denen eine Reihe
von Atomunfällen, darunter Brände und andere Zwischenfälle in
Atomkraftwerken, radioaktive Verstrahlung und Verlust oder
Beschädigung von Atomwaffen, verschleiert wurden. Beim
gravierendsten Zwischenfall, über den der Observer mit einiger
Verspätung 1996 berichtete, hatte »ein Kampfflugzeug samt seiner
Nuklearraketen auf dem amerikanischen Militärflughafen Greenham
Common in Berkshire Feuer gefangen und den Boden in der
Umgebung verstrahlt«. Um ein Haar wäre eine große Fläche
Großbritanniens in eine »Atomwüste« verwandelt worden. Damals
erfuhr die Bevölkerung nicht ein Wort von dem Zwischenfall.120
Dieses fatale Bündnis des Schweigens thematisierte der Regisseur
Peter Watkins in seinem Aufsehen erregenden Film Kriegsspiel, einer
fiktiven Reportage über die Folgen eines Atomangriffs in
Großbritannien. Im Off-Kommentar heißt es: »Der gesamte
Themenbereich thermonuklearer Waffen, die Frage, wer sie besitzt,
und die Folgen ihres Einsatzes werden heute in der Presse, in
amtlichen Publikationen und im Fernsehen nahezu totgeschwiegen.
In jeder schwierigen und unberechenbaren Lage gibt es auch einen
Schimmer Hoffnung. Aber gibt dieses Schweigen wirklich
irgendeinen Anlass zur Hoffnung?«
Die Frage war genauso ironisch wie berechtigt. 1965 verbannte die
BBC den Film aus ihrem Programm. In der offiziellen Erklärung hieß
es: »Die BBC ist zu dem Urteil gekommen, dass die Wirkung des
Films für die Fernsehzuschauer zu beängstigend wäre.« Die BBC
beharrte nachdrücklich darauf, diese Entscheidung aus freien
Stücken getroffen zu haben und »nicht etwa, weil von außen Druck
auf uns ausgeübt worden wäre«. Beide Behauptungen waren falsch.
Vorsitzender des BBC-Verwaltungsrats war zu jener Zeit der ehemalige Staatssekretär Lord Normanbrook. In einem Brief an Sir
Burke Trend, seinen Amtsnachfolger im Kabinett, offenbarte
Normanbrook den wahren Grund für das Ausstrahlungsverbot:
»Der Film könnte sich eindeutig negativ auf die Haltung der
Öffentlichkeit zur Politik der atomaren Abschreckung auswirken.«121
Generaldirektor der BBC zum Zeitpunkt der Entscheidung war
Hugh Green. Wenige Monate zuvor hatte Green, ein überzeugter
Liberaler, in einer Rede gesagt: »Zensur ist in meinen Augen umso
verdammenswerter, wenn man bedenkt, welche Gefahren diejenigen
auf sich genommen haben, die in der Vergangenheit für Redlichkeit,
Recht und Wahrheit eingetreten sind.«122
Erst 1985, 20 Jahre, nachdem er gedreht worden war, strahlte die
BBC den Film Kriegsspiel aus. Bei der Ankündigung des »höchst kontroversen Films« bemerkte Ludovic Kennedy, er sei so lange nicht
gesendet worden, weil »seine Wirkung zu schockierend und beängstigend« sei. Meines Wissens hat niemand dieser Darstellung widersprochen.
Verbittert, aber auch klüger geworden, arbeitete Peter Watkins nie
wieder für die BBC. 1980 beschrieb er »die Repression, die im Fernsehen zunehmend in Erscheinung tritt... Unter dem Deckmantel von
Begriffen wie ›Qualität‹, ›Professionalität‹, ›Objektivität‹ und
›Niveau‹ übt das mittlere Management beim Fernsehen mittlerweile
größeren Druck aus als die Intendanten, die gerne dafür
verantwortlich gemacht werden, die von der mittleren
Führungsebene aber oft nur zur Begründung einer seit Einführung
des öffentlich-rechtlichen Fernsehens nicht dagewesenen Politik der
Zensur und Selbstzensur vorgeschoben werden.«123
***
Es gibt Journalisten wie Peter Taylor, John Ware, Robert Fisk,
Eamonn McCann, Simon Winchester und Paul Donovan, die
informativ und oftmals couragiert über den Nordirlandkonflikt
berichtet haben. Sie sind allerdings die rühmliche Ausnahme; denn
das Wesen des Konflikts, seine Ursachen und möglichen Lösungen
werden selten beleuchtet.
Für britische Fernsehzuschauer, Radiohörer und Zeitungsleser ist
»Nordirland« das Synonym für einen Kreislauf brutaler Gewaltakte,
die ausschließlich von der IRA begangen werden. Dahinter steht das
rätselhafte Kräftemessen zweier Gruppen, und zwischen den
Fronten schlägt sich ehrenhaft die britische Ordnungsmacht. Das ist
die amtliche Lesart, und wenn ein Journalist einmal den Versuch
macht, die Wahrheit darüber zu berichten, wie den Menschen in
Irland unter tatkräftiger Mithilfe des britischen Staats
Menschenrechte und Gerechtigkeit verwehrt werden, endet sein
Artikel oder sein Film aller Wahrscheinlichkeit nach auf der langen
Liste der Irlandbeiträge, die abgelehnt, manipuliert, verschoben oder
entschärft werden.124
Ich selbst habe zwar schon aus Nordirland berichtet, aber noch nie
ein Dokumentarfilmprojekt eingereicht, was zum Teil sicher den
»besonderen Schwierigkeiten« zuzuschreiben ist, mit denen das verbunden wäre und die zu einer gewissen Selbstzensur führen. Die
Richtlinien der Rundfunkaufsichtsbehörde besagten, dass man
überall auf der Welt ohne vorherige Absprache mit der Behörde
»Paramilitärs« interviewen durfte, außer in Irland. Ich konnte
problemlos die Massenmörder Pol Pots befragen, nicht aber ein
Mitglied der IRA.
Im Jahr 1988 geriet dies vollends zur Farce, als die
Rundfunkanstalten einer Verordnung des Innenministeriums Folge
leisteten und die Vertreter bestimmter politischer Organisationen in
Irland, darunter gewählte Parlamentsabgeordnete, bei öffentlichen
Sendern nicht mehr zu Wort kommen ließen. Die Zuschauer konnten
ihre Gesichter sehen, sie konnten sehen, wie sich ihre Lippen
bewegten, sie durften hören, wie eine andere Person ihre Worte
sprach, aber ihre Stimmen durften nicht übertragen werden.
Anstatt sich vehement gegen die absurde Vorschrift zu wehren,
ließen die Sendeanstalten die Texte von Schauspielern sprechen.
Erreicht wurde damit, dass Personen wie der Sinn-Fein-Vorsitzende
Gerry Adams, die zu einem Friedensprozess in Irland hätten
beitragen können, an den Rand geschoben und dämonisiert wurden.
»Manche Journalisten, die dieses Verbot als kontraproduktiv bezeichnet haben«, schreibt David Miller in seinem Buch Don't Mention
the War, »stimmen im Grunde genommen mit dessen Befürwortern
überein, dass es bei der Berichterstattung über die Sinn Fein und die
IRA nicht in erster Linie darum geht, den Konflikt zu erklären, sondern die Republikaner im Sinne der Kampagne gegen den ›Terrorismus‹ zu diskreditieren. Der Unterschied zu den Befürwortern des
Verbots besteht darin, dass sie glauben, durch das Verbot werde die
Entlarvung der Sinn Fein verhindert.«125
Der damalige ITN-Intendant David Nicholas bezeichnete das Sendeverbot als überflüssig, »weil wir alle wissen, dass das, wofür diese
extremistischen Organisationen stehen, für viele Menschen
abstoßend ist. Die britische Öffentlichkeit stand meiner Ansicht nach
nie entschiedener hinter dem Kampf gegen den Terrorismus, und
das ist unserer umfassenden und offenen Berichterstattung zu
verdanken .. .«126
Was er allerdings verschwieg, war die Tatsache, dass weder bei
ITN noch bei der BBC der Abzug der britischen Truppen aus
Nordirland thematisiert wurde, und in dieser Frage gab es in der
Öffentlichkeit tatsächlich einen »entschiedenen« Konsens. »Fast alle
Meinungsumfragen seit 1971«, erklärt Miller, » haben ergeben, dass
die Mehrheit der britischen Bevölkerung den Truppenabzug aus
Irland in der einen oder anderen Form befürwortet.«127
Unterstützt von der Journalistengewerkschaft des Landes habe ich
zusammen mit fünf Kollegen beim Obersten Gerichtshof Klage
gegen das Verbot eingereicht, doch die Klage wurde abgewiesen.
Für mich besteht kein Zweifel daran, dass BBC, ITN und Channel 4
das Verbot, wären sie in einer konzertierten Aktion dagegen
vorgegangen, zu Fall hätten bringen können. John Blirt, damals
stellvertretender Generaldirektor der BBC, schrieb zwar ein paar
larmoyante Zeitungskommentare, nachdem die Verordnung in Kraft
getreten war, aber auch er hatte erst einmal keinen Einspruch
dagegen erhoben. Großbritannien machte sich mit seinen
Bauchrednern in den Abendnachrichten weiter zum Gespött, bis das
Verbot 1994 nach Ausrufung einer Waffenruhe durch die IRA
aufgehoben wurde.
Colin Wallace, ein britischer Offizier und Experte für psychologische Kriegführung, dem später wegen Totschlags der Prozess gemacht wurde, beschrieb die Irland-Paranoia der britischen
Regierung in einem Gespräch mit Paul Donovan so: »Die immer
stärkere Präsenz des MI5 in Nordirland seit den frühen 70er Jahren
traf zeitlich mit der Zunahme von Arbeiterunruhen im übrigen
Großbritannien zusammen. Extremistischere Kreise innerhalb des
Militärs betrachteten die Situation, bestärkt durch ähnlich denkende
Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Medien, als Teil einer
weltweiten kommunistischen Verschwörung. Für die Geheimdienste
war Irland die Frontlinie der linken Bedrohung des Vereinigten
Königreichs und des großangelegten, Komplotts, das der
kommunistische Block schmiedete, um das gesamte Vereinigte
Königreich zu unterminieren ... Die Medien spielten und spielen,
soweit ich das beurteilen kann, immer noch eine zentrale Rolle in
dieser psychologischen Kriegführung.«128
Im Dezember 1996 wurde Sean O'Callaghan, ein ehemaliger IRAKommandeur, der seine Beteiligung an mehr als 70 Angriffen auf
Sicherheitsziele zugegeben hatte, überraschend begnadigt und aus
dem Gefängnis entlassen. Der MI5 schickte ihn umgehend in einen
10000 Pfund teuren Kurs, in dem er auf »Medienauftritte«
vorbereitet wurde, und seine IRA-Geschichte wurde zur Steigerung
seiner Glaubwürdigkeit umgeschrieben. Danach tauchte der
»ehemalige IRA-Führer« ständig in den Medien auf. Für seine
Führungsoffiziere beim MI5 lief die Sache prächtig. O'Callaghan trat
in der BBC-Nachrichtensendung World at One auf, dann in den Nine
O'Clock News und in Newsnight. Seine Botschaft war
unmissverständlich: »Der von der IRA ausgerufene Waffenstillstand
war nie ehrlich gemeint... Die irische Regierung muss sich
eingestehen, dass sie getäuscht wurde ... Ohne politischen und
militärischen Sieg über die IRA wird es keinen Frieden geben.« Der
SDLP-Chef und Friedensvermittler John Hume »muss an die
Kandare genommen werden«.129
All das hörte sich vertraut an. In der BBC und im Belfast Telegraph
gab O'Callaghan seiner Meinung Ausdruck, dass »die politische
Isolation, der Zermürbungskrieg mit den Sicherheitskräften und die
Sendeverbote in Funk und Fernsehen die Aspekte [waren], die die
IRA an den Rand der Niederlage« gebracht hatten. Im Independent
wurde er mit den Worten zitiert, »das Gesetz zur
Terrorismusbekämpfung von 1996 oder Vergleichbares« sei »im
Kampf gegen den Terrorismus unverzichtbar«. O'Callaghans
»Einsichten« deckten sich fast wörtlich mit der britischen
Regierungspropaganda der vorausgegangenen 25 Jahre.130
In der irischen Presse, selbst in der konservativen Irish Times, wurden die Auslassungen O'Callaghans denn auch mit der gebotenen
journalistischen Vorsicht behandelt. Die britische Presse dagegen,
schreibt David Miller, ȟbernimmt im Allgemeinen kritiklos die
Deutung des Irlandkonflikts als Kampf zwischen ›Terrorismus‹ und
›Demokratie‹.« Das hat das »Verhältnis der Republikaner zu den
Medien nachhaltig getrübt«, so dass Journalisten immer wieder
erleben, dass ihnen offiziell Kontakte verwehrt werden, die es ihnen
ermöglichen würden, die Art der »Erkenntnisse«, die O'Callaghan zu
bieten hat, objektiver zu beurteilen.131
In seinem 1969 erschienenen Buch Im Vorfeld des Krieges, das als
Propagandamodell für den Krieg in Nordirland gelten kann, schreibt
der Brigadegeneral Frank Kitson, die Regierung müsse vor allem
»für ihre Sache werben und die des Feindes unterminieren, indem
sie ihre eigene Einschätzung der Lage verbreitet«. Und was konnte
diesem Ziel besser dienen als die altbewährte Kooperation mit einer
dankbaren und beeinflussbaren Presse?132
Am 29. Dezember 1996 berichtete die Sunday Times auf ihrer Titelseite, dass »Gerry Adams und Martin McGuinness, die beiden
führenden Strategen der Sinn Fein, nach Informationen britischer
Geheimdienste in den Militärrat der IRA berufen« worden seien. Für
diese »Geheimdienstinformation« gab es keinerlei Bestätigung. Zehn
Tage später durfte der frühere Nordirlandminister Michael Mates im
Observer die unbewiesene Behauptung wiederholen und noch
hinzuzufügen, dass die beiden Männer »mit Sicherheit«
Terroranschläge planen. »Mehr«, versicherte Mates im Observer,
»braucht man dazu nicht zu sagen.« 133
Während des Waffenstillstands von 1994 bis 1996 hielten sich die
Medien strikt an die Vorgaben der britischen Regierung, das heißt,
sie richteten ihr Augenmerk weiterhin ganz auf die IRA. Die
»Niederlegung« der Waffen durch die IRA wurde zum zentralen
Thema, obwohl dies eigentlich kein Thema war. Gleichzeitig wurde
weder den paramilitärischen Aktionen der Unionisten noch der
massiven Aufrüstung der britischen Militärstützpunkte oder den
Militäreinsätzen gegen republikanische Hochburgen wie die
Grenzstadt Crossmaglen große Beachtung geschenkt.
Während einer Entmilitarisierungskonferenz in Crossmaglen kreisten Armeehubschrauber über dem Veranstaltungsort. Dieses
demonstrative Einschüchterungsmanöver blieb in den britischen
Medien unerwähnt. Während des Waffenstillstands setzte die
Polizeitruppe immer wieder Gummimunition ein, 100 solcher
Geschosse wurden allein in Derry innerhalb von zwei Tagen
abgefeuert. Auch darüber war in den britischen Medien kein Wort
zu erfahren.134
Als die IRA im Februar 1996 ihre Bombenanschläge wieder aufnahm, wurde dies in der liberalen US-amerikanischen Zeitschrift
Nation als »die unvertretbare Reaktion auf die Skrupellosigkeit eines
Politikers« bezeichnet, »der bereit ist, den Frieden zu torpedieren,
um im Amt zu bleiben«. Ähnlich deutlich wurde John Major in der
Washington Post vorgeworfen, die Friedensverhandlungen bewusst
zu sabotieren.135 Die Kommentatoren, die hier zu Wort kamen,
waren bei weitem keine Sympathisanten der irischen Republikaner;
in ihren Artikeln spiegelte sich vielmehr die Meinung vieler USAmerikaner, die verstanden, warum die Bombenleger wieder aktiv
geworden waren. Eine solche Sicht wird in Großbritannien negiert
oder durch die floskelhafte Verurteilung von Gewalt verdeckt, oder
Medien und Parlament breiten einen kollektiven Schleier des
Schweigens darüber.
Mit dem Film Hidden Agenda von Ken Loach, der 1988 in die Kinos
kam und das Schweigen über die »mörderische« Regierungspolitik
brach, begann das Kino eine Rolle zu übernehmen, aus der sich die
Journalistenzunft verabschiedet hatte. Der Sturm der Empörung, den
Loachs Film in der Presse entfachte, lässt vermuten, dass sich die
Journalisten ihrer unrühmlichen Rolle im Nordirlandkonflikt
durchaus bewusst waren. In einer Ansprache vor Besuchern des
Londoner Filmfestivals äußerte der Filmemacher Jim Sheridan die
Hoffnung, Filme wie Hidden Agenda, In the Name of the Father, Michael
Collins und Some Mother's Son könnten »der britischen Öffentlichkeit
allmählich einen Einblick in die Geschichte« eröffnen.136
Als Ende 1996 der Film Some Mother's Son, der von dem Hungerstreik handelt, bei dem 1981 zehn IRA-Häftlinge starben, in die
Kinos kam, wurde er von allen Seiten als »antibritisch« oder als
»IRA-Propa-ganda« denunziert. Die Daily Mail sagte besorgt voraus,
der Film werde den »parlamentarischen Konsens in dieser Frage
schwächen...«. Helen Mirren, die Hauptdarstellerin des Films, sah
sich unablässig gedrängt, ein Treuegelöbnis für Königin und
Vaterland abzugeben. »Mirren beeilt sich zu betonen«, schrieb Ian
Katz im Guardian, »dass eine der sympathischsten Figuren im Film
ein Beamter des britischen Außenministeriums ist, der sich
vergeblich bemüht, die Streikenden zum Aufgeben zu bewegen.
Aber man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass auch ihr die
erkennbare Voreingenommenheit des Films Unbehagen bereitet. Sie
hat ihrer eigenen Aussage nach hart dafür gekämpft, dass die
ablehnende Haltung der von ihr gespielten Figur gegenüber der IRA
und dem Hungerstreik zum Ausdruck kommt.«137
Anders als im Film dargestellt, war es jedoch in Wirklichkeit die
IRA, die sich bemühte, die Häftlinge zum Abbruch des
Hungerstreiks zu bewegen. Diese Tatsache war den Filmkritikern
entgangen, die auch nicht danach fragten, ob es den
»sympathischen« Beamten des Außenministeriums je gegeben hatte.
»Erkennbare Voreingenommenheit« kann wie ein Spiegel sein.
»Die Widersprüche und Ängste, die der Film aufzeigt«, schreibt
der nordirische Drehbuchautor Ronan Bennett über Some Mother's
Son, »werden das britische Kinopublikum sicher genauso aufrütteln
wie andere Filme über Nordirland, die in letzter Zeit in den Kinos
gezeigt wurden. Aber was soll es schaden, wenn er die Leute zu
Diskussionen und Spekulationen anregt und sie dazu bringt, das
Postulat in Frage zu stellen, auf das die britische Regierung nach wie
vor ihre Nordirlandpolitik gründet? Die Fragen, die der Film
aufwirft, können entweder beantwortet werden oder sie können es
nicht.«138
***
»Europa« ist ein Reizthema, mit dem sich die britische Gesellschaft
geradezu zwanghaft beschäftigt. Für die seriösen Medien sind die
Politiker entweder »pro-europäisch«, »Euroskeptiker« oder »Kleinengländer«; die vornehmlich im Fachjargon geführte Debatte ist mit
xenophobischen Einsprengseln gespickt. Interviewer wie Interviewte
sprechen über »die Maastricht-Verträge«, ohne den Zuhörern oder
Zuschauern auch nur ansatzweise zu erklären, um was es geht.
Aber für die Mehrheit der Bevölkerung hat die Tatsache, dass
Großbritannien Mitglied des »gemeinsamen Markts« und der
Europäischen Währungsunion ist, weit reichende Konsequenzen.
Dabei geht es nicht um das erhebende Gefühl europäischer
Zusammengehörigkeit oder um die europäische Vorstellung von
Demokratie und Wohlstand für alle. »Europa« ist ein
Wirtschaftskartell, das von der deutschen konservativen Oberschicht
und der Deutschen Bundesbank gelenkt wird, mit dem Ziel, dass die
Haushaltsverschuldung und Inflationsrate aller Mitgliedsländer auf
Null gesenkt werden, damit die D-Mark im Gewand des Euro zur
stärksten Währung wird. Während die Regierungen Anstrengungen
unternehmen, durch Maßnahmen wie Lohnkürzungen und
Einschnitte in den Sozialversicherungen, der Bildung und im
öffentlichen Verkehr diese Bedingungen zu erfüllen, zeichnet sich in
der Europäischen Union, vor allem in den ärmeren Mitgliedsstaaten,
eine wirtschaftliche und soziale Katastrophe ab.
Millionen Europäer haben im Bewusstsein dieser Situation vehement gegen »Maastricht« protestiert. In Frankreich kam das öffentliche Leben zweimal durch Streiks zum Erliegen. In Deutschland
stieg die Arbeitslosenrate auf zwölf Prozent, den höchsten Stand seit
der nationalsozialistischen Machtergreifung im Jahr 1933.
Die britischen Medien fragten nicht nach den Ursachen, sondern
nur nach der Wirkung und nach den Folgen für die politische Laufbahn Einzelner. Als die Menschen 1995 in französischen Großstädten
massenhaft demonstrierten, interessierte die Medien lediglich die
Frage, ob der damalige Premierminister Juppé mit seiner Politik der
staatlichen Defizitbekämpfung politisch überleben würde. Ein Jahr
später, während des Fernfahrerstreiks in Frankreich, beschäftigten
sich die britischen Medien vor allem mit den negativen
Auswirkungen, die der Streik für den britischen Handel hatte, und
mit angeblichen »Einschüchterungsversuchen« gegenüber britischen
Lastwagenfahrern, die in Frankreich gestrandet waren. In einem
Beitrag der Nine-O'Clock-News ging es fast ausschließlich um die
Anstrengungen, die britische Fernfahrer unternahmen, um den
Blockaden zu entgehen.139 Die Gründe, die dazu geführt hatten, dass
die Fernfahrer Straßen und Häfen blockierten, wurden kaum
angesprochen. Der Nachrichtensprecher referierte über die
»anarchistische Natur« französischer Arbeiter, als ob dies eine
Erbkrankheit sei. Der positive und bewegende Aspekt einer vereint
demonstrierenden Arbeiterschaft, die bei der Mehrheit des
französischen Volkes Rückhalt genoss, wurde heruntergespielt.140
An dem Tag, als die Fernfahrer ihren Streik siegreich beendeten,
gab der Pariser BBC-Korrespondent Hugh Schofield eine kurze Zusammenfassung der Ereignisse, bevor er eine Sprecherin der Arbeitgeberseite interviewte. In diesem Interview warf er den Arbeitgebern
vor, »klein beigegeben« und sich der »Erpressung gebeugt« zu
haben. Ohne sich auf die Argumentationslinie des BBC-Mannes
einzulassen, erklärte die Frau, die Lkw-Fahrer seien schlecht bezahlt
und es sei ihr gutes Recht, mit 55 in Rente zu gehen, »weil das ein
sehr harter Job ist«. Wie absurd es war, dass die Arbeitgeberseite
Partei für die Fernfahrer ergreifen musste, schien dem Reporter, der
im Übrigen kein Wort darüber verlor, warum kein Gewerkschafter
zum Interview geladen worden war, überhaupt nicht bewusst zu
sein.141
Ich konnte nur einen einzigen Bericht entdecken, in dem ein Zusammenhang zwischen dem Fernfahrerstreik und der geplanten Einführung einer gemeinsamen europäischen Währung hergestellt
wurde. Das war ein Artikel von Martin Woollacott im Guardian. Er
erklärte, warum »die Politik, die die Grundlage für die Einführung
einer Gemeinschaftswährung ist, den Franzosen zunehmend gegen
den Strich geht. Die Mehrheit der Franzosen haben mit den
Fernfahrern sympathisiert; und vor die Wahl gestellt, ob die
Haushaltsdefizite verringert und Arbeitsplätze geschaffen werden
oder ein angemessenes Lohnniveau gewahrt werden soll, geben sie
der zweiten Option den Vorzug ... Der noch nicht ganz verwirklichte
gemeinsame Markt ist bereits eine Kraft, die das Lohnniveau drückt
und sich negativ auf die Arbeitsbedingungen auswirkt.«142
Massenstreiks in anderen europäischen Ländern waren den Nachrichtenmedien in Großbritannien kaum eine Meldung Wert, weder
der lang anhaltende Lehrerstreik in Griechenland, an dem sich 70000
Pädagogen beteiligten, noch die Streiks des Bus- und Metropersonals
in Paris und der Stahlarbeiter in Belgien. Das bemerkenswerteste
Ereignis geschah am 28. und 9. September 1997, als in 105 Häfen
rund um die Welt aus Protest gegen die Entlassung von 500
Hafenarbeitern in Liverpool die Arbeit niedergelegt und kein Schiff
mehr abgefertigt wurde. Die Sache war in zweifacher Hinsicht
bemerkenswert: Es war eine in der Geschichte der Seefahrt nie
dagewesene Aktion, und in den Medien erschien kein Wort darüber.
Die »Marktkräfte« und ihre Folgen werden im Allgemeinen behandelt, als seien sie gottgegeben. Die Armut von mehr als 60 Millionen
Rentnern in Russland ist für die BBC eine »Reform zur Öffnung des
Marktes«, und wer sich dagegen auflehnt, ist ein »Hardliner« und
»Kryptokommunist«. Wen wundert es da, dass BBC Radio Boris
Jelzins Sturm auf das demokratisch gewählte russische Parlament,
als sich das Ereignis jährte, als »die Heldentat« feierte, mit der »die
Hardliner vernichtet wurden«.143 Und nun gebe es, so klagte der
Moskauer GuardianKorrespondent David Hearst, kein »Vertrauen
mehr darauf, dass die demokratischen Werte die richtigen sind für
das von Krisen erschütterte Russland ... Es stellt sich die Frage, ob
wir den Osten gewonnen haben oder ob wir im Begriff sind, ihn zu
verlieren? [Hervorhebungen durch den Autor]« Wer ist »wir«?
Genauer gesagt, warum ziehen sich Journalisten auf das zurück, was
George Orwell als die »Sprache der Macht« bezeichnet hat?144
Das »Wir« hat lange Zeit dazu gedient, den zivilisierten Westen
gegen die finsteren Mächte des Ostens abzugrenzen, und es wird
heute mit bemerkenswertem Erfolg benutzt, um etwas zu
propagieren, das wir als das »neue Großbritannien« bezeichnen. Es
wurde am Tag des Wahlsiegs von Tony Blair geboren und ist der
letzte Versuch, dem viktorianischen Modell, nach dem »wir« eine
einheitliche Nation mit einer einheitlichen Identität sind, neues
Leben einzuhauchen. Klassenunterschiede, die darüber bestimmen,
wie viel man verdient und wie lange man lebt, haben keinen Platz in
diesem »besseren und freundlicheren Land«, in dem nach Jeremy
Hardings Worten »Michael Heseltine einen ehemaligen Bergarbeiter
umarmt, weil sie beide Waliser sind, und in dem die Menschen über
ihr eigenes Leben bestimmen können, so lange sie nicht ihre
politischen Vertreter selbst auswählen oder ihren Arbeitgebern ins
Zeug reden wollen«.145 »Kultur« ist alles; Stil und Image «machen
den Unterschied«; Populismus ist Demokratie. Die Werbeagentur
Demos, die das »neue Großbritannien« zum
Schlagwort vieler ihrer Kampagnen macht, gibt Ratschläge für
solche, die »die Kultur verändern wollen«. »Seid unverwechselbar«,
heißt es da. »17 von 20 neuen Marken gehen wieder unter –
hauptsächlich deshalb, weil sie den Konsumenten nichts Neues zu
bieten haben. In einer Welt, in der ein Land kaum einen
›Wiedererkennungseffekt‹ hat, ist es unbedingt notwendig, ein
unverwechselbares Verkaufsargument herauszustreichen«.146
Obwohl Blair unbestritten die treibende Kraft hinter der Idee eines
»neuen Großbritannien« ist, bedurfte es, wie Jonathan Freedland in
einem unvergesslichen Artikel im Guardian schrieb, »erst des Unfalltodes von Prinzessin Diana, um das Bild wirklich zum Leben zu erwecken«.147 Am Abend der Beisetzung verkündete der BBC-Reporter
Gavin Eslar, dass wir »uns als ein Volk versammelt und erkannt
haben, wer wir sind«.
Kein rührseliges Klischee, kein salbungsvoller Erguss wurde
ausgelassen, von: »Diana hat ihre Ruhe gefunden, die Nation nicht«,
bis zu: »Es wird nie mehr so sein, wie es war«, schien den
Kommentatoren keine Plattitüde zu abgeschmackt. Diejenigen,
deren Aufgabe es eigentlich ist, gerade unter schwierigen und
emotional aufgeladenen Umständen objektiv zu bleiben, fanden sich
so mit der Rolle der Sargträger oder des kleinen Rädchens im
Getriebe eines gewaltigen Medienspektakels ab. Wie schon im ersten
Golfkrieg wagte kaum jemand, unangenehme Fragen aufzuwerfen;
und diejenigen, die es doch taten, wurden als Ketzer diffamiert.
Kaum einer wagte darauf hinzuweisen, dass hier eine reiche
Aristokratin mit ihrem Playboy und einem alkoholisierten Chauffeur
mit überhöhter Geschwindigkeit durch eine dicht besiedelte
Innenstadt
gerast
war
und
das
Leben
unbeteiligter
Verkehrsteilnehmer gefährdet hatte. Kaum einer wagte es, darauf
hinzuweisen, dass sie, gemessen an den Möglichkeiten und
Privilegien ihrer gesellschaftlichen Stellung und ihres Reichtums,
nur wenig zum Wohl der Menschheit beigetragen hatte und dass ihr
eigenes, von den Medien konstruiertes Image ihre herausragendste
Leistung war. Der größte Teil ihres geschätzten Vermögens von 40
Millionen Pfund ging nicht an die Hilfsorganisationen, die »ihr so
sehr am Herzen lagen«.148
Außer mit »unserer« Trauer, waren die seriösen Medien mit der
Sorge beschäftigt, die durch ihren Tod noch gestiegene Popularität
Dianas könne sich zur Bedrohung für die königliche Familie
erweisen.
Das Gegenteil war der Fall. Die herrschende Klasse
Großbritanniens stellte in der Woche der Trauerfeierlichkeiten für
Diana einmal mehr ihre Fähigkeit unter Beweis, im Populismus
aufzugehen und neue Kraft daraus zu schöpfen.
Von einem prominenten Politiker kann man selbstverständlich
erwarten, dass er sich eine solche Gelegenheit, durch Populismus zu
glänzen, nicht entgehen lässt. Die »spontane und von Herzen kommende« Rede des Premierministers, mit der er auf die Nachricht von
Dianas Tod reagiert hatte, war in Wahrheit von einem seiner vielen
Ghostwriter in den frühen Morgenstunden für ihn verfasst worden.
Aus dessen Feder stammte auch der Begriff »Prinzessin des Volkes«,
den Politiker und Medien fürderhin unisono wie ein Mantra
nachbeteten.
Was die trauernden Massen betrifft – und ich will keineswegs die
ehrlichen Gefühle der Menschen und ihre Begeisterung für eine
Frau, der vermeintlich Unrecht geschehen war, herabwürdigen -, so
wagten es nur wenige Journalisten, darauf hinzuweisen, dass sie
ebenso ein Produkt der neuen Medienmacht und des damit
verbundenen »Starkults« waren wie Dianas vergänglicher Nimbus.
Ganz deutlich wurde dies, als die Leute vor der Kamera
übereinstimmend die vorschnellen Urteile und Gerüchte
wiederholten, die ihnen vorher als Nachrichten und aktuelle
Berichterstattung präsentiert worden waren.
Zum
seriösen
Journalismus
gehört
ein
gewisses
Geschichtsbewusst-sein, und Geschichte verdichtet sich im Bild
»trauernder« oder auf andere Weise »bewegter« Menschenmassen.
Ich habe solche Momente erlebt. Als Papst Johannes Paul 1979 den
Altar der schwarzen Madonna von Tschenstochau besuchte, jubelten
ihm Millionen begeisterter Polen zu. Ich werde die Landschaft mit
ihren grünen Wiesen, die mit Hunderten tragbarer Beichtstühle
übersät waren, nie vergessen. Auch hier waren die Menschen
»ergriffen« und überhäuften ihren Helden mit Blumen, genau wie
bei Dianas Begräbnis. Zu den Beerdigungsfeiern für den ägyptischen
Nationalisten Gamal Abdel Nasser und den iranischen
Revolutionsführer Ayatollah Khomeini versammelten sich Millionen
trauernder Menschen. Das bedeutet nicht, dass sie sich der wahren
Bedeutung des Ereignisses bewusst werden. Meiner Erfahrung nach
ist eher das Gegenteil der Fall, und Journalisten, die dem keine
Rechnung tragen, lassen diejenigen im Stich, die keine Blumen und
Kränze niedergelegt und sich die Trauerfeier nicht im Fernsehen
angesehen haben (fast die »halbe Nation«) und die daran glauben,
dass sie aus den Medien die Wahrheit erfahren.
In seinem Buch Joe McCarthy and the Press enthüllt der Autor und
langjährige Reporter Edwin P. Bayley mit einigem Bedauern, auf
welche Weise er selbst und die meisten seiner Kollegen sich zum
»willfährigen Propagandawerkzeug« des McCarthy-Wahns in den
Vereinigten Staaten hatten machen lassen. Kaum einer von ihnen
hatte je eine Behauptung von amtlicher Seite angezweifelt oder das
politische Machtspiel durchschaut. »Wir waren immer von unserer
eigenen Objektivität überzeugt«, schreibt er.149
Vierzig Jahre später legte auch der langjährige BBC-Kriegsreporter
und jetzige Parlamentsabgeordnete für den Bezirk Tatton, Martin
Bell, mit Bedauern ein Bekenntnis ab. Den »Anspruch der
Objektivität« empfand er jetzt als charakteristisch für einen
»Zuschauerjournalismus«. Er glaube an einen »Journalismus, der
Stellung bezieht – einen Journalismus, der sowohl mitfühlt als auch
unterscheidet, der sich über seine Verantwortung im Klaren ist und
nicht als neutrale Instanz über Gut und Böse, Recht und Unrecht,
Opfer und Täter steht«.
Bemerkenswert an Bells Wandlung vom Saulus zum Paulus ist –
abgesehen von dem widersprüchlichen Wunsch, sich einerseits vom
BBC-Prinzip der »Objektivität« zu lösen, andererseits aber an dem
der »Unparteilichkeit festzuhalten« – die Tatsache, dass er
offensichtlich nicht erkennt, welche Rolle die Medien und
insbesondere die BBC als verlängerter Arm der herrschenden Macht
per se spielen. Wann standen sie je als »neutrale Instanz über Gut
und Böse, Recht und Unrecht, Opfer und Täter«?
Bell hat natürlich Recht, wenn er den »Anspruch auf Objektivität«
als Illusion bezeichnet; Orwell hat sie schon vor langer Zeit als solche
durchschaut und abgetan. »Je mehr man sich der politischen
Einseitigkeit bewusst ist«, schrieb er, »desto unabhängiger kann man
sich davon machen, und je unparteiischer man sich gibt, desto
voreingenommener ist man.«150 Man kann dies nur verstehen, wenn
man hinter die altväterliche Fassade der Institution schaut, der
Martin Bell gedient hat, und die »Sprache der Macht« erkennt, derer
sie sich wirklich bedient. Bell aber begnügt sich damit, »der langen
und ehrenwerten Tradition der Objektivität und Neutralität und der
Kultur der Wahrheit« als immer noch gültigen Prinzipien der BBC
zu huldigen.151
Er sollte das einmal den Bergleuten, den Iren und den Hafenarbeitern erzählen, den französischen Fernfahrern, den Menschen in Nicaragua, den Vietnamesen und den Russen, um nur einige zu nennen,
deren Leben und Kampf im Namen der gleichen »Tradition« und
»Kultur« zensiert, umgeschrieben und negiert wurde. Und vielleicht
möchte er es seinem viel gescholtenen Kollegen Peter Watkins erzählen, der sich nicht lange mit dem Mythos der »Objektivität« aufhielt,
sondern einfach der Wahrheit auf den Grund ging.
Es wird Zeit, dass diesen Mythen ein Ende bereitet wird. Der große
amerikanische Journalist T. D.Allman hat »objektiven Journalismus«
einmal als solchen definiert, der »nicht nur die Fakten richtig
erkennt, sondern auch die Bedeutung der Ereignisse. Objektiver
Journalismus ist überzeugend, und zwar nicht nur für kurze Zeit,
sondern auf Dauer. Er erlangt seine Gültigkeit nicht nur aus
»zuverlässigen Quellen«, sondern auch aus dem Geschehen selbst.
Es ist Berichterstattung, die nicht nur am Tag des Ereignisses als
richtig erscheint. Es ist ein Journalismus, der auch zehn, zwanzig,
fünfzig Jahre danach noch ein wahrhaftes und scharfsichtiges Bild
des Ereignisses zeichnet.152
Das letzte Wort
Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich
geschwiegen – ich war ja kein Kommunist. Als sie
die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich
geschwiegen – ich war ja kein Sozialdemokrat. Als
sie die Gewerkschafter holten, habe ich nicht
protestiert – ich war ja kein Gewerkschafter. Als sie
die Juden holten, habe ich nicht protestiert – ich war
ja kein Jude.Als sie mich holten, gab es keinen mehr,
der protestieren konnte.
Martin Niemöller
V
or nicht allzu langer Zeit habe ich mich von einem Ort verabschiedet, an dem ich einen großen Teil meines Arbeitslebens
verbracht habe. Es war die Heimat der freischaffenden
Dokumentarfilmer von Central Television: ein unscheinbares
zweistöckiges Reihenhaus in der Londoner Charlotte Street, das man
leicht übersehen konnte. Nur die Nachtklingel gab einen Hinweis
darauf, was sich hinter der Fassade verbarg. Der Eindruck änderte
sich, wenn man das Foyer betrat, wo Michelle Hartree am Empfang
saß und die Besucher in ihrer unnachahmlich überschschwänglichen
Art an diesem Ort willkommen hieß, der Außenstehenden wie ein
Nest verschworener Anarchisten vorkommen musste.
Der Strom unserer Besucher riss nicht ab: Obdachlose, politische
Dissidenten, die von guten und schlechten Filmideen besessen
waren, talentierte Menschen, die ohne Bezahlung arbeiten wollten,
unwirkliche Gestalten wie der Abtrünnige des britischen
Geheimdienstes SAS, der der Regierung in London anrüchige
Dienste erwiesen hatte und dem ein Stück vom Gesicht fehlte.
»Charlotte Street«, wie unser Dokumentarfilmzentrum kurz genannt
wurde, war eine Ausnahmeerscheinung nicht nur im britischen
Fernsehen: Hier wurden Filmemacher darin bestärkt, das zu drehen,
was sie für richtig hielten, ohne offizielle Vorgaben und
Reglementierungen. Die Filme, die hier entstanden sind, blicken
hinter die Kulissen der Macht und des Zeitgeists, wie man es von
jedem guten Journalismus erwarten kann.
Die Umgebung spielte dabei eine bedeutsame Rolle. Die Charlotte
Street ist das Rückgrat von Fitzrovia, einem der letzten urbanen Dörfer im Herzen von London, Wohnort von so berühmten
Schriftstellern und Dichtern wie Dylan Thomas. Obwohl das
hektische Treiben der Oxford Street nicht weit ist, hat sich die
Charlotte Street ihren eigenen exzentrischen Charme bewahrt.
Die Bilderstürmer in unserer Nachbarschaft, wie der revolutionäre
Index-Buchladen beispielsweise, hätten in einem bürgerlicheren
Viertel genauso wenig überlebt wie der Mann mit dem Schlapphut,
der lautstark gegen die Autos zu wettern pflegte und den die Leute
vom Restauraunt Villa Carlotta und aus dem gegenüberliegenden
Feinkostgeschäft Camisa mit Essen versorgten. An meinem
Arbeitsplatz stieg mir um die Mittagszeit, wenn in den beiden nahe
gelegenen Restaurants – einem Griechen und einem Italiener – in
großen Pfannen gebruzzelt wurde, der Geruch von Knoblauch und
Basilikum in die Nase, der verriet, welches Tagesgericht auf der
Karte stand. Im Sommer winkten wir den Leuten zu, die es sich in
ihren Liegestühlen auf den Dächern zwischen den Schornsteinen
gemütlich gemacht hatten.
Bei uns herrschte so drangvolle Enge, dass wir nur im
Gänsemarsch die Türen passieren konnten. Bei Auslandsgesprächen
konnte es passieren, dass der Gesprächspartner Witze über unsere
Klospülung machte. Es war praktisch niemandem möglich zu
telefonieren, ohne dass jemand mithörte, außer dem Regisseur
Adrian Cowell vielleicht, wenn er auf Portugiesisch flüsterte.
Gelegentlich wurden die Telefonleitungen angezapft, und wenn
gerade an einem Film gearbeitet wurde, der Staatsgeheimnisse zu
enthüllen drohte, kam es auch schon einmal zu einem Einbruch.
Aber letztendlich fanden sie nie etwas; wahrscheinlich war das
Chaos einfach zu groß. Als jedoch Michelle Hartree zum dritten Mal
kündigte (sie war eine begnadete Tänzerin und arbeitete nebenbei
bei einem Zirkus als Assistentin des Messerwerfers), wussten wir,
dass allmählich auch unsere Stunde geschlagen hatte.
Die Idee, ein solches Dokumentarfilmzentrum einzurichten,
stammte von Richard Creasey, einem freundlichen, engagierten
Mann, der auch Link, die erste Fernsehserie für Behinderte,
produziert hat. Als Programmdirektor bei ATV (Associated
Television), dessen Nachfolge
Central Television antrat, war er 1980 auf der Suche nach einem
Ort, an dem, wie er sagte, »Filmemacher mit unserer Unterstützung
aus ihren Ideen Filme entwickeln konnten, über deren Fortschritte
sie uns gelegentlich Bericht erstatteten; wir wurden nur selten
enttäuscht«. Richards Nachfolger Roger James, ein fähiger
Redakteur, förderte die Arbeit von Leuten, die andere vielleicht
abfällig als Klinkenputzer abgetan hätten, die aber, als ihnen die
Möglichkeiten und die Mittel zur Verfügung gestellt wurden,
unvergessliche Filme produzierten.
Dazu gehören Adrian Cowells Decade of Destruction, eine aufrüttelnde Dokumentarserie über die Zerstörung des Regenwaldes im
Amazonasgebiet; In Search of the Assassin von Judy Jackson, die ein
anschauliches Bild der CIA-Aktivitäten in Mittelamerika zeichnet;
Chris Menges East 103rd Street, das faszinierende Porträt eines
verloren geglaubten und wieder entdeckten New York; Brian Mosers
poetische Südamerikadokumentation Before Columbus; Thy Kingdom
Come and Thy Will Be Done on Earth von Antony Thomas, ein Film
über die Geschichte der Episkopalkirche in den USA; Juris Podniks
Film Hello, Can Your hear Us?, in dem der mittlerweile verstorbene
Regisseur ein Streiflicht auf Ost- und Mitteleuropa im Zeichen des
Umbruchs wirft; und Michael Grigsbys Living on the Edge über
Armut und Verelendung in Thatchers Großbritannien.
Auch Ken Loachs Questions of Leadership, eine vierteilige Dokumentarserie über die Verflechtungen zwischen Gewerkschaftsführungen
und Thatcher-Regierung, ist in der Charlotte Street entstanden. Mit
Hilfe juristischer Spitzfindigkeiten wurde die Ausstrahlung der Serie
vorerst verhindert und war erst später in stark beschnittener Form
möglich – eine unrühmliche Geschichte. Gemeinsam mit Alan
Lowery habe ich in der Charlotte Street The Last Dream produziert,
eine Dokumentation über die unrühmlicheren Aspekte der
ausbeuterischen
Vergangenheit
und
Gegenwart
unseres
australischen Heimatkontinents. Und für die fünf KambodschaDokumentationen, die neben vielen anderen Filmen aus meiner
langjährigen Zusammenarbeit mit David Munro hervorgegangen
sind, wurde die Vorbereitungs-, Recherche- und Produktionsarbeit
ebenfalls in dem beengten, feuergefährdeten Domizil gegenüber
dem Feinkostgeschäft geleistet.
Es ging das hartnäckige Gerücht, die Institution sei ein Minusgeschäft; in Wirklichkeit bescherte sie Central Television jedoch
einen bescheidenen, aber regelmäßigen Gewinn, vor allem deshalb,
weil unsere Filme in die ganze Welt verkauft wurden und unser
britisches Stammpublikum notfalls bis spät in die Nacht aufblieb,
um sie sich anzusehen. Als ITV (Independent Television) den Film
Death of a Nation ausstrahlte, den ich zusammen mit David Munro
über ein unbekanntes Fleckchen Erde namens Ost-Timor gedreht
hatte, verzeichnete British Telecom nach Mitternacht unter seiner
Servicenummer 4000 Anrufe pro Minute.
Charlotte Street wurde schließlich aufgelöst, weil die Einrichtung
nicht in das Unternehmenskonzept der Zukunft passte. Angeblich
gaben sich die Obdachlosen bei uns zu oft die Klinke in die Hand
und schliefen in unserem Hauseingang. Bezeichnenderweise erfolgte
der endgültige Rausschmiss durch den neuen Firmeninhaber
Carlton just an dem Tag, an dem die damals zuständige ToryMinisterin Virginia Bottomley das neue Rundfunkgesetz verkündete,
das die Übernahme kleiner Fernsehsender durch die reichsten und
größten kommerziellen Gesellschaften überhaupt erst möglich
machte.
Das ist der Trend. Die Größten und Reichsten schlucken nicht nur
kleine Fische wie Charlotte Street, sondern sie beherrschen die Medien weltweit: Nachrichten, aktuelle Reportagen und Dokumentationen, unsere wichtigsten Informationsquellen. Begonnen hat diese
Entwicklung in den 90er Jahren in den Vereinigten Staaten mit der
Übernahme der American Broadcasting Company durch den
Disney-Konzern, von Paramount Communications durch Sumner
Redstone, dem Zusammenschluss von Time Warner und Turner
(CNN) zum weltgrößten Medienmonopol und dem Aufstieg Rupert
Murdochs zum Herrn über das größte US-Fernsehnetz. Murdochs
Freund John Malone besitzt jetzt 23 Prozent aller Kabelfernsehsender
weltweit. In Großbritannien beherrschen die beiden Gesellschaften
Granada und Carlton das ITV-Sendernetz, und die Zukunft des
digitalen Fernsehens gehört Murdoch und seinen Freunden.
Ken Auletta beschrieb im New Yorker ihre Strategie. Murdoch ist
seinem Artikel zufolge derjenige, »der das erste globale Mediennetz
schuf, indem er sowohl in die Software (Filme, Fernsehserien, Sportübertragungen und Verlagsprodukte) als auch in die Vertriebskanäle
zur Verbreitung dieser Software (Fox-Gruppe, Kabel- und Satellitenfernsehsysteme) investierte. In ein paar Jahren werden über das
Satellitensystem der News Corporation der südamerikanische
Kontinent, Asien, Europa und Teile des Nahen Ostens und Afrikas
bedient werden. ›Grundsätzlich‹, so Murdoch, ›wollen wir
Satellitenplattformen in weiten Teilen der Welt einrichten.‹«153 Er
und Malone hoffen auf 30 Millionen Pay-TV-Abonnenten, die sie
unter sich aufteilen können.
Wenn es nach Murdoch geht, wird die technische Entwicklung in
naher Zukunft »die alte Regulierungsmaschinerie überrollen und
Politikern und Regulatoren ein Schnippchen schlagen«.154 Und zwar
überall. Man denke nur an die besonderen Beziehungen, die er zu
den Machthabern des bevölkerungsreichsten Staates der Welt
unterhält. In einer Rede über die »Kommunikationsrevolution«
sprach Murdoch 1993 davon, dass die Fortschritte in der
Medientechnologie eine »eindeutige Bedrohung für alle totalitären
Regime« seien.155 Die Antwort der chinesischen Regierung war ein
Gesetz, das Privatleuten den Besitz von Satellitenschüsseln verbot,
wodurch Murdochs Star TV in Hongkong seinen größten Markt
verlor.
Als einer, der aus Fehlern lernt, machte sich Murdoch umgehend
daran, das Regime zu beschwichtigen und zu hofieren. Der erste
Schritt bestand darin, dass BBC World seinen asiatischen Satellitensender nicht mehr nutzen durfte. Die Regierung in Peking hatte
gegen die BBC-Berichte über das Tiananmen-Massaker sowie eine
BBC-Dokumentation über Mao Tse-tung protestiert. »Die BBC hat sie
wahnsinnig gereizt«, sagte Murdoch. »Das ist es nicht wert. Die
chinesische Regierung hat eine Heidenangst wegen der Ereignisse
auf dem Tiananmen-Platz. Die Wahrheit ist – und wir Amerikaner
geben das nur ungern zu –, dass ein autoritäres System durchaus
funktionieren kann.«156
Als nächstes fasste Murdoch ein Jointventure mit dem
Zentralorgan der Kommunistischen Partei, dem People's Daily, ins
Auge, um seine Informationstechnologie zu verkaufen. 1996 folgte
der Chefredakteur des People's Daily, Shao Huaze, der gleichzeitig
Vorsitzender des Zentralkomitees der KPCh war, einer Einladung
der Times und stattete Großbritannien einen Besuch ab. Er residierte
im Ritz, wo ihm Premierminister Major seine Aufwartung machte.
Kurz darauf sendete Murdochs Star TV eine im Auftrag der
chinesischen Regierung gedrehte Dokumentarreihe über das
ruhmreiche Leben und Wirken des »großen Staatsmannes« Deng
Xiaoping.
Der Film basierte auf einer völlig unkritischen Biografie der Tochter Dengs, die bei Basic Books erschienen war, einem Tochterunternehmen von HarperCollins. Eigentümer: Rupert Murdoch.157 Murdoch ließ die Autorin in die USA einfliegen und beherbergte sie auf
seiner Ranch, wo er rauschende Partys für sie veranstaltete und
Lobreden auf ihren Vater hielt, »der China in die moderne Welt
geführt hatte«.158 Es war gerade so, als hätte es die Ereignisse auf
dem Platz des himmlischen Friedens 1989 nie gegeben.
Wie bekannt wurde, bot Murdoch den chinesischen Diktatoren im
Rahmen des Geschäfts mit dem People's Daily eine Decodertechnik
an, mit deren Hilfe Fernsehsendungen vor ihrer Ausstrahlung
überprüft werden können, was von seiner Firmenleitung allerdings
abgestritten
wurde.159
Was
ihm
vorschwebt,
ist
ein
Gemeinschaftsunternehmen, das es ihm ermöglicht, China für sein
Bezahlfernsehen zu verkabeln, und sein jüngstes Geschäft mit
Peking lässt darauf schließen, dass er sein Ziel bald erreicht haben
wird. Zusammen mit dem People's Daily richtete er 1997 den
englischsprachigen Internetdienst Chinabyte ein. Politische Inhalte
werden zensiert werden, und den chinesischen Nutzern wird der
Westen aus Murdochs Sicht präsentiert werden.
***
90 Prozent der Pressenachrichten aus aller Welt und der aktuellen
politischen Berichterstattung gehen auf einen immer kleiner werdenden Kreis immer reicherer und immer mächtigerer Informationsquellen zurück. Der Löwenanteil der Agenturmeldungen stammt
von den drei Nachrichtenagenturen Associated Press, Reuters und
Agence France Press – einem US-amerikanischen, einem britischen
und einem französischen Unternehmen. Reuters und AP verdienen
Unsummen mit dem Verkauf von Finanz- und Wirtschaftsinformationen; ihre Redaktionen sind zur Schaltzentrale des »freien
Marktes« geworden. AP macht seine größten Umsätze mit
amerikanischen Kunden, und die Agentur berichtet vornehmlich
über Ereignisse in den Vereinigten Staaten.
Nachrichten aus Afrika nehmen weniger als fünf Prozent der Meldungen ein und beschränken sich im Allgemeinen auf Katastrophenberichte.160 Julius Nyerere, der frühere Präsident von Tansania, hat
einmal sarkastisch vorgeschlagen, die Bürger seines Landes an den
Präsidentschaftswahlen in den Vereinigten Staaten teilnehmen zu
lassen, weil sie mit ebenso vielen Informationen über die Kandidaten
bombardiert werden wie die Amerikaner selbst.161
Der Fernsehmarkt in aller Welt wird von nur zwei Agenturen mit
Auslandsnachrichten versorgt: Reuters TV (bis 1992 Visnews) und
World Television Network (WTN). Reuters bedient 400 Fernsehstationen in 85 Ländern mit 500 Millionen Zuschauern. WTN erreicht
schätzungsweise drei Milliarden Zuschauer. Die folgenden Plätze
teilen sich zwei weitere westliche Sender: CNN und BBC World.
Außerdem gibt es das Internet, das bei all seiner Vielfalt und seinen
Möglichkeiten im Grunde genommen ein elitäres Medium ist, da die
Mehrheit der Menschen keinen Telefonanschluss, geschweige denn
einen Computer besitzt.
Auf einer Medienkonferenz der Financial Times im Jahr 1996 sagte
ein Mann, der als »Rupert Murdochs technischer Guru« vorgestellt
wurde, voraus, man werde im Jahr 2000 in der Lage sein, »eine Zeitung nicht wie bisher im Internet in einer Stunde, sondern mit Hilfe
von digitalen Satellitensignalen in zehn Sekunden um die Welt zu
schicken«. Niemand fragte danach, welchen Unterschied das für den
Inhalt der Zeitung machen würde. Die Sun ist, auch wenn sie in zehn
Sekunden um die Welt geht, leider Gottes immer noch die Sun; die
Sunday Times bleibt auch in digitalisierter Form immer noch die Sun
day Times. Kein Zwischenrufer stellte die Frage: »Wozu das
Ganze?«162
Auf Veranstaltungen dieser Art wird gern behauptet, ein neuer
»technologischer Determinismus« habe den alten »ökonomischen
Determinismus«
verdrängt.
Beide
Bezeichnungen
sind
beschönigende Umschreibungen für die jüngste Variante des
Laissez-faire-Kapitalismus. Das Kind wird allerdings nie beim
Namen genannt. Darüber, welche gesellschaftlichen Folgen die
rasante Entwicklung der Medientechnik hat, spricht man nicht.
Wenn moderne Medienmanager über ihren Beruf sprechen, feiern
sie die Chuzpe ihrer Bosse. Der Disney-Chef Michael Eisner streicht
zehn Millionen Dollar pro Jahr ein. Murdoch belohnt seine
Topmanager mit Gehältern und Gratifikationen im Gesamtwert von
45 Millionen Dollar. Michael Grade, der ehemalige Chef von
Channel 4, ist mit Aktienoptionen geradezu überschüttet worden.
Zugleich werden die Etats für Informationsprogramme
zusammengestrichen. Die Nachrichtenprogramme von Independent
Television News (ITN), auf die das Unternehmen früher so stolz
war, leiden unter Sparmaßnahmen und Gewinndruck, die BBC wird
von ihrem Verwaltungsapparat schier aufgefressen, der neue
Channel 5 ist die Fernsehvariante einer Spielhalle (»Bleibt dran oder
macht die Bahn frei«, lautet die Ansage zwischen den Sendungen).
Die »Allroundqualifizie-rung«, die heute zur Doktrin erhoben wird,
ist in Wirklichkeit nichts anderes als eine »Entqualifizierung« der
Fernsehberufe, die darin gipfelt, dass jeder, der eine Videokamera
besitzt, glaubt, ein Filmemacher zu sein und einen »beobachtenden
Dokumentarfilm« machen zu können, indem er die Kamera einfach
in die Gegend hält.
Murdochs Satellitenkanal BSkyB bietet eine Sendestunde für 2000
Pfund an. 1998 hat es mehr als 170 Satelliten- und Kabelstationen
gegeben, die den Zuschauern bei minimalen Kosten und maximalem
Gewinn – um mit dem L!ve-TV-Chef David Montgomery zu reden –
»aufregendes, unverfälschtes Fernsehen« ins Haus brachten.163 Mit
anderen Worten: gefühlsbetonten, irrelevanten Schund.
Murdoch nutzt seiner eigenen Aussage nach die Übertragungsrechte für Sportveranstaltungen als »einen Rammbock«, mit dessen
Hilfe er die alten Strukturen zu zerstören und an ihrer Stelle das
Bezahlfernsehen zu etablieren gedenkt. Da ihn kein Gesetz dazu
zwingt,
über
seine
Kabelund
Satellitensender
die
Informationssendungen auszustrahlen, die aufwendig recherchiert
sind und wenig Profit bringen, kann Murdoch mit den Gewinnen
aus seinem Firmenimperium, gepaart mit der bemerkenswerten
Fähigkeit, durch weltweite Kapitalverschiebungen Steuern zu
sparen, die BBC bei der Vergabe von Exklusivrechten für
Sportübertragungen und andere beliebte Unterhaltungsformate
mühelos überbieten. Die BBC verliert ihre Zuschauer, und es wird
immer schwieriger, die Gebührenerhöhungen für die öffentlichrechtlichen Rundfunk- und Fernsehanstalten zu rechtfertigen.164
Unter dem Druck der Konkurrenz entwickelt sich die BBC allmählich, entgegen ihrer ursprünglichen Bestimmung, zu einem kommerziellen Unternehmen wie andere auch. 1997 kam ein
Kooperationsvertrag zwischen der BBC und John Malones
populärwissenschaftlichem Discovery Channel zustande, in dem die
Koproduktion von Dokumentarfilmen und die gemeinsame
Nutzung von Kabel- und Satelliteneinrichtungen in aller Welt
festgeschrieben
wurde.
Discovery
vergibt
Aufträge
zu
Filmproduktionen nur, wenn die Marktforschung ausreichendes
Interesse signalisiert; kontroverse Themen sind tabu. Das umfassende
Vertragswerk
enthält
61
Vereinbarungen
und
Bedingungen, deren Inhalt von der BBC, einer öffentlich-rechtlichen
Sendeanstalt, beharrlich unter Verschluss gehalten wird.
Die Zwänge kommen nicht immer von außen. Wie Murdoch bemüht, das chinesische Regime nicht zu verärgern, pfiff die BBC einen
Reporter zurück, als dieser für die Nine O'Clock News in
chinesischen Fabriken recherchieren sollte, in denen unter
unmenschlichen Arbeitsbedingungen billiges Spielzeug für das
britische Weihnachtsgeschäft produziert wird. Newsnight ließ die
Absicht, geheimes Filmmaterial aus Tibet zu zeigen, nach »internen
Beratungen« wieder fallen. Die BBC verkauft mit zunehmendem
Erfolg Sprachkurse, Bücher und erfolgreiche Serien wie Stolz und
Vorurteil und Das geheime Leben der Pflanzen nach China. »Unsere
Programmmacher«, so ein BBC-Vertreter, »müssen in China arbeiten
und sind auf Kontakte zu den Entscheidungsträgern angewiesen.«165
Beim Rundfunk sieht die Sache nicht anders aus. Unter der
Aufsicht einer neuen, »weniger strengen« Regulierungsbehörde hat
sich die Zahl der kommerziellen Radiosender in Großbritannien in
den letzten Jahren verdoppelt. Dem Rundfunkgesetz von 1996
zufolge sollte dies zu einer größeren Auswahl und Vielfalt führen.
»In Wirklichkeit«, schreibt Bob Franklin in Newszak and the New
Media, »hat diese Politik genau das Gegenteil bewirkt. Der Markt
bestraft diejenigen, die sich zu weit vom Mainstream entfernen, und
das Ergebnis ist ein eintöniges, homogenes Angebot, das keinerlei
Überraschungen birgt.«166
Der kanadische Medientheoretiker Marshall McLuhan irrte, als er
in den 60er Jahren vorhersagte, die modernen Informationstechniken
würden aus der Welt ein »globales Dorf« machen, Sprachbarrieren
und Entfernungen überwinden und den Menschen einen
»vernetzten« Sozialismus bescheren. Alle Medien sind eine
Ausweitung unserer Sinne, und das Medium ist die Botschaft,
lautete sein Credo. Kurz vor seinem Tod im Jahr 1980 änderte
McLuhan seine Meinung. Er prophezeite nun eine Technik, die
außer Kontrolle geraten werde, und Menschen, die zu
»Hilfsmechanismen« eines technologischen Systems werden
würden, in dem einige wenige auf Kosten der Allgemeinheit das
Sagen hätten.167
Norbert Wiener, der amerikanische Mathematiker und Begründer
der Kybernetik, sagte schon in den unmittelbaren Nachkriegsjahren
voraus, dass die technische Entwicklung zu einem Ausmaß an
Arbeitslosigkeit führen werde, »gegen die selbst die Depression der
30er ein Witz« gewesen sei.168 Heute betrachten die tonangebenden
Leute solche Ansichten als hoffnungslos antiquiert. So nimmt es
nicht wunder, dass sie, außer auf »alternativen« Konferenzen oder in
der Undergroundliteratur, kaum noch zum Ausdruck gebracht
werden.
Eine ausgesprochen eloquente Systemkritikerin ist die indische
Physikerin, Agrarwissenschaftlerin und Trägerin des alternativen
Nobelpreises Vandana Shiva, die seit langem gegen die vom Westen
erzwungene »geistige Monokultur« kämpft und zum »Aufstand des
unterdrückten Wissens« gegen das kapitalistische »Herrschaftswissen« aufruft. »Dieses Herrschaftswissen ignoriert eine Vielzahl
von Möglichkeiten, die Natur und das Universum zu begreifen«,
schrieb sie. »Wir könnten auf 90 Prozent davon verzichten, ohne
dass die Menschen etwas entbehren müssten.«169
Die Medientechnik hat sich zu einem wundersamen Ding entwickelt. Angesichts der Geschwindigkeit, mit der Bilder sowie das
gesprochene und das gedruckte Wort übermittelt werden können,
sollte das Zusammentragen von Fakten und Informationen
eigentlich so spannend sein, dass wir, die wir uns noch mit
Telegrafenämtern und schlechten Telefonverbindungen herumzuschlagen hatten, vor Neid erblassen müssten. Bedauerlicherweise
ist es aber nicht nur das traditionelle journalistische
Handwerkszeug, das seine Bedeutung verloren hat, sondern der
journalistische Geist selbst.
In Canary Wharf, dem gläsernen Obelisken, der hoch über das ehemalige Londoner Hafengebiet aufragt, werden fünf überregionale
britische Zeitungen produziert. Journalisten nennen das Gebäude
auch »das Wahrheitsministerium«. Hier kreist der Journalismus nur
noch um sich selber. Wenn der Besucher die »Sicherheitszonen«
überwunden hat, wird ihm bewusst, wie still es um ihn herum ist:
Schritte sind nicht zu hören, Stimmen klingen gedämpft und wie aus
weiter Ferne. Blickkontakt findet nur mit den aneinandergereihten
Anzeigenmonitoren statt. Der Geruch ist vollkommen neutral, man
riecht weder Tinte noch alte Holztäfelungen oder Putzmittel in den
Fluren. Das Ganze erinnert irgendwie an einen hoch aufragenden
Flughafenterminal.
Das Stockwerk, in dem der Daily Mirror sein Domizil hat, wird mit
Videokameras überwacht, und in den Redaktionsräumen
patrouillieren Sicherheitskräfte. Einmal wurde ein Reporter zu
seinen Vorgesetzten zitiert, weil ihn die Videoaufzeichnungen der
»Faulenzerei« überführt hatten. »Keiner verlässt seinen Schreibtisch
ohne seine persönliche Chipkarte«, erzählt ein Journalist. »Wir sind
so weit von unseren Lesern entfernt, wie man es nur sein kann.«170
Der Reporter von altem Schrot und Korn hat keinen Platz mehr in
einer solchen Umgebung. Man denke nur an Leute wie Robert Fisk,
Ed Vulliamy und Maggie O'Kane. Ihre journalistische Erfahrung hat
sie gelehrt, sich Zeit zu nehmen und den Menschen zuzuhören; sie
nehmen bereitwillig Gefahren und Unbequemlichkeiten auf sich, um
Spuren zu verfolgen und Fakten zu sammeln. Sie bringen den
Mächtigen Skepsis entgegen. Sie sind das, was eigentlich alle
Reporter sein sollten, nämlich echte Enthüllungsjournalisten.
Isolation und Ausdünnung der Belegschaften haben hingegen
einen Typus des Allroundjournalisten geschaffen, der nicht etwa ein
Alleskönner ist, sondern ein bedauernswerter Opportunist, der für
die unterschiedlichsten Publikationen einer Unternehmensgruppe
arbeiten muss, ohne so etwas wie ein Loyalitätsgefühl zu entwickeln.
Für Recherchen ist keine Zeit; um zum Telefonhörer zu greifen oder
am Bildschirm Zeitungsartikel zu überfliegen, braucht man keine
spezielle Ausbildung, und es kostet nicht viel. Die Folge dieser
Entwicklung sind Zeitungen, die den Worten des Medienkritikers
Julian Petley zufolge keine Vehikel der Wissbegierde und
Wahrheitssuche mehr sind, sondern nur noch die Eitelkeit
befriedigen.171
Der so genannte weltstädtische Journalist ist mehr mit sich selbst
beschäftigt als mit anderen. Für weibliche Reporter bedeutet das
»Beziehungen« und exhibitionistische Nabelschau, Themen, die
zwanghaft um Kinder kreisen, und alle möglichen Sorgen und
Ängste der Mittelklasse. Kaum eine Journalistin, deren Artikel nicht
die Klischees der Frauenzeitschriften bedienen würden: das, was
indische Frauen den »Sari-Talk« nennen, mit anderen Worten
Klatsch und Tratsch, eben auch eine Form von opportunistischem
Journalismus. In ihm sucht man vergeblich den Mut zur
konsequenten Wahrheitssuche und zur Erkenntnis. Niemand scheint
es zu wagen, den Feminismus wieder von der Couch des Psychiaters
zu holen und Frauen wie Männern klar
zu machen, dass kein Unterschied besteht zwischen einem
arbeitslosen Stahlarbeiter und einer allein stehenden minderjährigen
Mutter, die sich und ihr Kind schlecht und recht in einer
Mietskaserne durchbringen muss, und dass es nur dann mehr
Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern geben kann, wenn man
diesen politischen Zusammenhang herstellt. Frauenthemen sind in
unserer seriösen Presse so einseitig geworden, dass feministische
Artikel über den Kampf benachteiligter Frauen in aller Welt um
mehr Freiheit und Gerechtigkeit eine Seltenheit sind.
Eine Ausnahme bildet Sheila Rowbotham. Die Autorin veröffentlichte 1997 eine erfrischende Streitschrift gegen einen Journalismus,
der sich ausschließlich mit den »persönlichen Miseren der Mittelklasse« beschäftigt und die »Erfahrungswelt der großen Mehrheit«
nicht einmal streift. Die Debatte über Frauenangelegenheiten, so
argumentiert sie in ihrem Buch, ist wie eine Plattennadel, die in der
letzten Rille hängen geblieben ist. Sie zählt einige beispielhafte Initiativen von Frauen auf, die »das Unvorstellbare taten und dachten ...,
die in ihrer Not und Verzweiflung den Mut und das Selbstvertrauen
aufbrachten, sich gegen die Verherrlichung der ›Flexibilität‹ und der
Marktkräfte aufzulehnen, die ihnen die Lebensgrundlage zu
entziehen drohten«.
Als eines von vielen leuchtenden Beispielen nennt sie die Vereinigung von Kleinunternehmerinnen (SEWA) im indischen
Ahmedabad. Die SEWA ist zugleich Aktionsgruppe und
Gewerkschaft für ihre verarmten Mitglieder, zu denen
Müllsammlerinnen ebenso gehören wie Straßenverkäuferinnen,
Land- und Heimarbeiterinnen. Unter dem Motto »Würde und
tägliches Brot« vertritt die Organisation mittlerweile mehr als 200000
Frauen. In Peru, Mexiko, Brasilien und Südafrika engagieren sich
Tausende von Frauen für Aktionen und Projekte, bei denen es um
Dinge wie »Preise, Mieten, soziale Grundbedürfnisse, Schulen,
Gesundheitseinrichtungen und Hygiene« geht.
Rowbotham ruft uns auch in Erinnerung, dass es nicht nur in den
Ländern der Dritten Welt Frauen gibt, die, unbeachtet von den
Kameras, für ihre Rechte kämpfen. So haben schwarze und indigene
Frauen in den Armengegenden der Vereinigten Staaten zum Protest
gegen Giftmülldeponien aufgerufen, in deren Umkreis eine
wachsende Zahl von Fehlgeburten und Missbildungen registriert
wurde. Zu diesen »militanten Müttern« zählt beispielsweise Dolly
Burwell, die immer wieder im Gefängnis saß, weil sie hartnäckig
gegen die PCB-Vergiftung des Bodens in ihrer Heimatgemeinde
protestiert hat. Dies ist ein Feminismus, der weit über das hinaus
geht, was uns in der Presse als Frauenthemen verkauft wird. »Von
diesen Frauen können diejenigen, für die Feminismus nicht nur die
Sache einer privilegierten Minderheit ist, sehr viel lernen«, schreibt
Rowbotham, »und nicht nur diese, sondern jeder, der sich gegen eine
aus den Fugen geratene Gesellschaft und ein politisches System
wehrt, in denen Ungleichheit und Ungerechtigkeit als Selbstverständlichkeit hingenommen werden.«172
Ihre Worte treffen auch auf die männlichen Kollegen zu, die nichts
weiter sind als die Wegbegleiter der Mächtigen und sich auf das
geschickte Taktieren der Politiker und Meinungsmacher und den
»Insidertratsch« der Mediengemeinde beschränken – auf das eben,
was Francis Scott Fitzgerald in Der große Gatsby als »spöttelnde
Inkonsequenz« bezeichnet hat. Diese Möchtegern-Meinungsmacher
bedienen sich einer »ironischen Arroganz«, so etwa der
Kommentator, dem Tony Blairs »revolutionärer Akt«, den
Mitgliedern seines Kabinetts zu erlauben, dass sie sich mit dem
Vornamen anreden, eine ganze Kolumne wert war. Falsche Symbolik
ist alles; auf politische Inhalte kann man verzichten.17' Und die Leser
werden, gleichgültig ob seriöse Zeitung oder Boulevardblatt, nicht
zum kritischen Denken angeregt, sondern eingelullt, bis sie
»Ungleichheit und Ungerechtigkeit als Selbstverständlichkeit
hinnehmen«. Auch wenn einige wenige Ausnahmejournalisten hin
und wieder die Korruption unter den Machern und Nutznießern des
Systems aufdecken, bleibt das große Ausmaß dessen, was faul ist in
der Gesellschaft, im Dunkeln.
1988 schrieb der Literaturkritiker DJ. Taylor einen hervorragenden
Artikel mit der Überschrift »Wenn die Feder schweigt«. Er baute das
Thema weiter aus, und es entstand das Buch A Vain Conceit, in dem
er darüber nachgrübelt, warum der englische Roman so oft zum
»seichten Salongeplauder« verkommen ist und warum britische
Autoren, anders als ihre Kollegen in Lateinamerika beispielsweise,
die großen gesellschaftlichen Fragen der Gegenwart meiden wie die
Pest. Wo, so fragt er sich, sind sie, die George Orwells, Upton
Sinclairs und John Steinbecks unserer Tage?
Nicht anders sieht es im Journalismus aus. Wenn ich Orwell zur
Hand nehme, bin ich immer wieder erstaunt, mit welch sicherem Gespür er die Lügen aufdeckt, die sich hinter der Fassade des Status
quo verbergen. Doch die Literaturpreise, die in seinem Namen an
Autoren und Journalisten vergeben werden, spiegeln dies selten
wider. John Keane, der Leiter der Jury, die 1995 über die Vergabe des
Orwell-Preises für politische Schriften entschied, tadelte in einem
ObserverArtikel all jene, die sich rückbeziehen auf eine »imaginäre
goldene Vergangenheit«. Wenn die Vergangenheit aber imaginär ist,
warum dann einen Preis in Orwells Namen verleihen? Keane wirft
diesen »nostalgischen Träumern« vor, den Schriftstellern und
Journalisten, die das »Ende der alten Kluft zwischen der Rechten
und der Linken begreiflich machen«, ihre Anerkennung zu
versagen.174
Welches Ende? Die Annäherung zwischen Labour und Tory in
Großbritannien, zwischen Demokraten und Republikanern in den
USA ist nichts anderes als der historische Schulterschluss grundsätzlich Gleichgesinnter. Die wirkliche Kluft zwischen Linken und Rechten liegt außerhalb der Parlamente und war nie tiefer. Sie reflektiert
das beispiellose Ungleichgewicht zwischen der Armut der Mehrheit
und der Macht der wenigen Privilegierten, die über die Reichtümer
der Welt bestimmen.
Erzählen Sie den Leuten in Glasgow Pollock, dass es zwischen
Rechten und Linken keinen Unterschied mehr gibt. Dort sind in den
letzten zwölf Jahren die Arbeitsplätze in der Industrie um 50 Prozent
zurückgegangen, und Armut ist ein Dauerzustand. »Es ist so, als
hätte man eine Decke über den Ort gezogen,« schreibt Tommy
Sheridan, sozialistischer Stadtrat mit Wohnsitz in Pollock. Wo sind
die Orwells, die Der Weg nach Pollock schreiben?175
In den Vereinigten Staaten, wo Medienkritik nicht wie in Großbritannien nur ein Publikumssport ist, hat der Soziologe James
Petras das »Ende« der Kluft zwischen Links und Rechts unter die
Lupe genommen:
»In den 80er Jahren eigneten sich die Massenmedien systematisch die
Ideen der Linken an, entleerten sie ihrer ursprünglichen Inhalte und
füllten sie mit neuen. Politiker, die den Kapitalismus förderten und
Ungleichheiten schufen, wurden als ›Reformer‹ und ›Revo-lutionäre‹
bezeichnet, während man ihre Gegenspieler als ›Konser-vative‹
abstempelte.
Diese Umdeutung politischer Begriffe verfehlte ihre Wirkung
nicht, und viele schenkten der Behauptung Glauben, dass ›links‹ und
›rechts‹ keine Rolle mehr spielen würde und dass Ideologien nicht
mehr von Bedeutung seien. Verfälschungen solcher Art untermauern
eine globale kulturelle Manipulation. Wenn in der Dritten Welt
staatliche Betriebe verkauft werden, ist dies die ›Zerschlagung von
Monopolen‹. ›Personalumstellung‹ ist die euphemistische Umschreibung einer Rückkehr zu den Arbeitsbedingungen des 19. Jahrhunderts ohne jede soziale Absicherung. ›Umstrukturierung‹ bezeichnet den Transfer von Gewinnen aus der Produktion in die
Spekulation. ›Deregulierung‹ ist die Verschiebung vom sozialstaatlichen Denken zur Politik der internationalen Banken- und Wirtschaftsmonopole.«
Die Begriffsbeispiele sind demselben Lexikon entnommen, aus dem
der Wahlspruch »Arbeit macht frei« über den Toren von Auschwitz
stammt.176
Noam Chomsky zitiert oft und gern die Worte des australischen
Soziologen Alex Carey, der 1978 mit seiner Analyse der modernen
Unternehmenspropaganda Pionierarbeit geleistet hat. »Drei
Entwicklungen von weit reichender politischer Bedeutung«, schrieb
Carey, »charakterisieren das 20. Jahrhundert: die Stärkung der
Demokratie, die immer größere Macht der Konzerne und die
zunehmende Propaganda der Konzerne gegen die Demokratie.«177
Nach dem Zweiten Weltkrieg, so Chomsky weiter, bemühten USKonzerne Werbespezialisten, um sozialdemokratischen und
sozialistischen Tendenzen in der arbeitenden Bevölkerung
entgegenzuwirken. »Von Beginn der 50er Jahren an sahen pro
Woche 20 Millionen Zuschauer von der Industrie finanzierte Filme,
in denen die Gewerkschaften als der Feind dargestellt wurden, der
den ›American Way of Life‹ von außen zu torpedieren suchte. Die
Unterhaltungsindustrie wurde zur willigen Gehilfin bei der
›Verbreitung der kapitalistischen Botschaft‹. ... Die Propaganda
erfasste alle gesellschaftlichen Bereiche und fand Eingang in Schulen,
Universitäten, Kirchen und Freizeitaktivitäten. 1954 wurde für die
Propaganda an staatlichen Schulen halb so viel ausgegeben wie für
Lehrbücher.«178
Am deutlichsten zeigte sich die zunehmende Bedeutung der Wirtschaftspropaganda Ende der 70er Jahre im heiß umkämpften
Umweltsektor. Nachdem »grüne Aktivisten« mit neuen
Bestimmungen gegen Luft- und Wasserverschmutzung und der
Einrichtung von Umweltbehörden einige Siege davongetragen
hatten, blies die US-amerikanische Wirtschaft zum Gegenangriff.
Schon 1980 gab es in Washington mehr Lobbyisten,
Öffentlichkeitsberater und von der Industrie bezahlte Journalisten
als Staatsbedienstete, darunter 8000 PR-erprobte »Umweltspezialisten«.
Sharon Beder beschreibt in ihrem Buch Global Spin, wie die »Denkfabriken«, die Reagan und seiner »neuen« Rechten (analog zum
Thatcherismus in Großbritannien) den Weg bereitet haben, »nach
Möglichkeit alles, was die Menschen als Umweltproblem
wahrnahmen – sei es das Ozonloch, der Treibhauseffekt oder giftige
Industrieabfälle –, zu verharmlosen suchten«. Indem sie den Blick
der Öffentlichkeit von den Gefahren der Umweltzerstörung
ablenkten, bereiteten sie einen Stimmungswandel vor, als dessen
Ergebnis »Umweltschutzbestimmungen aufgrund von KostenNutzen-Analysen und Entschädigungszahlungen an Bundesstaaten
und private Grundeigentümer als zu teuer und darum nicht
umsetzbar eingeschätzt wurden. Hatten 1991 einer Umfrage zufolge
noch 17 Prozent der Bevölkerung die Forderungen der
Umweltschützer für übertrieben gehalten, waren im Folgejahr bereits 51 Prozent dieser Meinung.«179
Ähnlich wie in den Vereinigten Staaten eroberte sich der PR-Bereich auch in Großbritannien und anderen westlichen Ländern einen
festen Platz im journalistischen Getriebe und etablierte sich, wie es
Tom Baistow einmal ausgedrückt hat, als dessen »fünfte Kraft«.180
Für den bekannten britischen Publizisten Max Clifford, der den
Londoner Boulevardblättern oft den Stoff für ihre Geschichten
liefert,
springt
die
PR
heute
da
ein,
wo
»der
Enthüllungsjournalismus seine Aufgabe nicht mehr erfüllen kann,
weil ihm durch massive Sparmaßnahmen der Boden entzogen
wurde«.181
In dem Maße, in dem die Redaktionsbelegschaften schrumpfen,
nimmt das PR-Geschäft zu. Nach Aussage des Herausgebers der PR
Week »erhalten die großen Tageszeitungen heute, abgesehen von den
Sportnachrichten, 50 Prozent ihres Materials aus PR-Agenturen. In
der Provinzpresse, im mittleren Marktbereich und bei den
überregionalen Boulevardzeitungen dürfte der Anteil noch höher
liegen. Musik-und Modejournalisten arbeiten Hand in Hand mit PRAgenturen. Es ist oft ein Bluff und ein Spiel mit gezinkten Karten,
aber die Beziehung ist absolut symbiotisch. Die PR-Leute liefern den
Journalisten den Stoff, aber wenn sie schlau sind, nehmen sie ihnen
auch noch das Denken ab.«182
Das Gleiche gilt für das Phänomen der Denkfabriken, die sich
selbst gern als Forschungsinstitute ausgeben. Die alteingesessenen
Einrichtungen dieser Art wie das Royal Institute for International
Affairs sind Propagandainstrumente der herrschenden Macht.
Andere Institutionen mit ähnlich akademisch anmutenden Namen
(wie das Institut für strategische Studien) schossen in den 70er und
80er Jahren wie Pilze aus dem Boden. Zunächst verfolgten sie das
Ziel, als Gegengewicht zu den »revisionistischen« und radikalen
Sozialwissenschaftlern und Historikern die Arbeit von deren
Kollegen zu fördern, die der Wirtschaft nahe standen und den
Kalten Krieg befürworteten. Als Vorsitzender der steinreichen USamerikanischen Olin-Stiftung rief William Simon nach einer
»intellektuellen Gegenbewegung« in Universitäten und Medien, die
»der Wirtschaft wieder zu ihrer ideologischen Dominanz« verhelfen
könne.183
In den Jahren der Reagan- und Thatcher-Regierung propagierten
wohlhabende und einflussreiche Denkfabriken wie die Heritage
Foundation in den Vereinigten Staaten die Wiederbelebung des
konservativen Wertesystems nach den bewegten Zeiten der 60er
Jahre. Die Medien griffen den Gedanken auf und lieferten ein, wie
Noam Chomsky es ausdrückt, »Paradebeispiel gezielter
Meinungsmache«, indem sie – ob bei Fragen der Besteuerung, der
sozialen
Absicherung,
der
Rassendiskriminierung,
des
Umweltschutzes oder der Militärausgaben – progressive Tendenzen
auf beiden Seiten des Atlantiks negierten. »Die Presse trug ihren Teil
dazu bei, dass sich die politische Meinung nach rechts verschob«,
schrieb Michael Parenti in einer Studie der amerikanischen
Medienlandschaft, »indem sie eine breite Zustimmung zur
konservativen Politik unterstellte, die es gar nicht gab.«184
Heute ist es selbstverständlich geworden, dass Denkfabriken die
Aufgaben des unabhängigen Journalismus übernehmen. Die
Wortführer der »intellektuellen Gegenbewegung« sind nicht nur
Meister der Selbstdarstellung, sondern sie wissen auch um die
Schwierigkeiten (und die Versäumnisse) in den Redaktionsstuben
und finden daher mühelos die öffentlichen Foren, in denen sie mit
ihren reaktionären Vorstellungen glänzen können. Meisterhaft wird
dieses Spiel vom Thatcher-freundlichen Centre for Policy Studies
beherrscht, und das Institut Demos steht ihm, im Dienste des neuen
Thatcherismus, darin nicht nach.
In Australien, wo die Medienkonzentration stärker ist als in jeder
anderen westlichen Demokratie, gibt es von solchen Denkfabriken
mehr als genug. Die bekannteste ist das Sydney Institute, das sich
früher Institute of Public Affairs nannte. Dieses Institut arbeitet nach
dem Vorbild der rechtskonservativen Gruppierungen in den USA,
die es sich in der Reagan-Zeit zur Aufgabe gemacht hatten, liberale
Journalisten unter die Lupe zu nehmen und zu denunzieren.
Gegründet hat es im Alleingang ein Mann namens Gerald
Henderson, der schon als fleißiger Propagandist und Lobbyist der
konservativen
Howard-Regierung
einschlägige
Erfahrungen
gesammelt hat. 1987 nahm Henderson in Washington an einem
Seminar teil, dessen Thema »Das rote Orchester im südwestlichen
Pazifik« war. Bei dieser von der Reagannahen Hooverite Institution
finanzieren Veranstaltung wurde über Verschwörungen aller Art
doziert, so beispielsweise über das »linke Netzwerk und die
australischen Medien« oder die »sowjetische Unterwanderung« der
australischen Presse (die sich zum größten Teil in Rupert Murdochs
Besitz befand und heute noch befindet). Henderson begann seine
journalistische Laufbahn bei Murdochs Australian und schreibt heute
regelmäßige Kolumnen für die beiden wichtigsten australischen
Zeitungen, die nicht Murdoch gehören, nämlich den Sydney Morning
Herald und den Age in Melbourne. Sein Zorn richtet sich gegen die
viel gescholtene Australian Broadcasting Corporation ebenso wie
eigentlich gegen jeden, der eine Alternative zu dem politischen Kurs
jener zügellosen Kräfte aufzuzeigen wagt, dem der stolze Anspruch
der Australier auf soziale Gerechtigkeit zum Opfer gefallen ist.
***
Der Ruf nach der »Freiheit der Presse« ertönte vielleicht zum ersten
Mal um die Zeit, als Wynkyn de Worde im Hof der St. Bride's
Church unweit der Fleet Street in London die Buchdruckerei Caxton
einrichtete. 20 Jahre später, 1520, stand ein Weber auf dem
Marktplatz von Magdeburg und bot die gedruckten Schriften Martin
Luthers feil. Der Bürgermeister ordnete die sofortige Verhaftung des
Webers an. Den anschließenden Unruhen folgte ein Bürgeraufstand,
der das Ende der Herrschaft des katholischen Stadtrats einläutete.
Die Herrschenden, die sich der Macht des geschriebenen und
gesprochenen Wortes schon bewusst waren, fürchteten nun
Gutenbergs revolutionäre Erfindung der Druckerpresse und deren
Produkte – eben die »Presse«.
Die erste große Schlacht für die Freiheit des gedruckten Worts
schlugen die kritischen Denker, Träumer und Visionäre, die ein Zeichen setzen wollten gegen die Hüter des herrschenden Gesellschaftssystems. Sie wurden grausam bestraft. Thomas Hytton wurde hingerichtet, weil er Bücher von William Tyndale verkaufte, der die Bibel
ins Englische übersetzt hatte. Richard Bayfield, John Tewkesbury
und andere Buchhändler endeten auf dem Scheiterhaufen. John
Stubbs wurde die rechte Hand abgehackt, weil er anlässlich der
bevorstehenden Hochzeit von Königin Elisabeth ein Pamphlet
verfasst hatte. William Carter wurde gehängt und gevierteilt, weil er
ein Buch gedruckt hatte, das die Hofdamen angeblich als
Aufforderung zum Mord an Elisabeth hätten auffassen können. Für
das Verbrechen, in den Niederlanden Bücher mit puritanischem
Inhalt gedruckt zu haben, wurde der Leveller John Lilburne in
London zu 500 Peitschenhieben verurteilt und an den Pranger
gestellt; überdies musste er die horrende Strafe von 500 Pfund
bezahlen.185
Im frühen 19. Jahrhundert entwickelten sich Recht und Gesetz immer mehr zu einem Instrument der Zensur und der Sanktionen. Der
Verleger des streitbaren Monitor in Sydney, Edward Smith Hall,
wurde mit schöner Regelmäßigkeit unter dem Vorwurf des
Landesverrats vor ein Militärgericht zitiert, dessen Geschworene der
Militärgouverneur von Neusüdwales persönlich auswählte. Aber
selbst als er eine mehr als einjährige Haftstrafe in einer Zelle verbüßt
hatte, die nur mit einem vergitterten Oberlicht ausgestattet und in
der er von Moskitos fast aufgefressen worden war, ließ er sich nicht
davon abhalten, für den Monitor zu schreiben und die Korruption
der Mächtigen anzuprangern.
Halls Ideal war eine Presse, die »eine Vielfalt gegensätzlicher Meinungen« repräsentiert. Als er 1861 starb, gab es allein in
Neusüdwales mehr als 50 unabhängige Zeitungen. 20 Jahre später
waren es bereits 143 oft kritische Publikationen, die sich als »Stimme
des Volkes« verstanden und nicht als »Sprachrohr der Staatsmacht«
oder bestimmter Interessengruppen.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es in Australien 21 überregionale Zeitungen in den Händen von 17 Verlegern. 1997 war die »Vielfalt gegensätzlicher Meinungen« auf 16 große Zeitungen zusammengeschrumpft, von denen zehn Murdoch gehörten. Fernsehstationen,
Radiosender und Computersoftware teilen sich ebenfalls wenige
Großkonzerne. So kommt es, dass das freie Australien heute nur
noch als Beispiel für die Zerstörung einer 400 Jahre alten
freiheitlichen Tradition glänzt. David Bowman schrieb:
»Es entbehrt nicht einer tiefen Ironie, wenn sich die Presse, nachdem
sie das eine Joch abgeschüttelt hat, freiwillig in ein anderes spannen
lässt, nämlich in das eines immer kleiner werdenden Zirkels
geschäftstüchtiger Medienbarone. Anstatt sich zu einem vielseitigen
gesellschaftlichen Forum zu entwickeln und dem Demokratisierungsprozess zu dienen, konzentrieren sich Presse und Medien
überhaupt in den Händen einiger Weniger und lassen sich von den
Wertvorstellungen leiten, die diese Wenigen für gesellschaftlich,
politisch und kulturell akzeptabel halten. ... Historisch gesehen stehen
wir vor der zweiten großen Schlacht für die Freiheit des gedruckten
Wortes.«186
Wenn Marshall McLuhans »globales Dorf« überhaupt für etwas
steht, dann für die Macht der weltweiten Medienmonopole mit ihrer
ausgeprägten Aversion gegen die »Vielfalt gegensätzlicher
Meinungen«. »Es ist absurd«, so wiederum Bowman, »wenn wir
zulassen, dass sich die Presse oder vielmehr die Medien ihrer
gesellschaftlichen Aufgabe entledigen und prompt in die Arme der
großen Monopolgesellschaften stürzen. Das ist das Gegenteil von
Pressefreiheit.«
Journalisten und Politiker verleugnen durch ihr Schweigen die Geschichte, denn der Kampf für die Pressefreiheit war immer
untrennbar verknüpft mit der langen und mühevollen Aneignung
demokratischer Rechte. Es war ein Kampf dafür, dass
oppositionellen Stimmen Gehör verschafft wurde, wenn sich die
Herrschenden als die Hüter der Wahrheit gebärdeten: eine
hartnäckige Irreführung.
Durch ihr Schweigen verraten Journalisten auch Kollegen wie Edward Smith Hall, die unermüdlich dafür gekämpft haben, dass die
Presse zwei Jahrhunderte repressiver Gesetzgebung und politischer
Korruption überstehen konnte. Oder nehmen wir William Howard
Russel, dessen Berichte von der Krim den Menschen die Realität des
Krieges, die blutigen Schlachten und ihre horrenden Kosten, bewusst
gemacht haben; oder den Moskauer GuardianKorrespondenten Morgan Philips Price, der 1917 als Einziger über den Einmarsch der Alliierten und dessen Folgen für die Zukunft berichtete; oder Ted Scott,
den Chefredakteur und späteren Herausgeber des Guardian, der einmal geschrieben hat: »Wenn das Streikrecht aus irgendeinem Grund
abgeschafft wird, dann verlieren wir das, was wir im Allgemeinen
als kostbarstes Vehikel des sozialen Fortschritts betrachten.« Der
Satz stammt aus dem Jahr 1919, aber er könnte ebenso gut von heute
sein.187
Journalisten sollten nicht vor den geschlossenen Toren der Macht
stehen und darauf warten, dass man ihnen Lügen serviert. Sie sind
keine Funktionäre, und sie sollten keine Scharlatane sein: »Verlogene
Imperialisten«, wie Robert Lewis Stevenson es ausdrückte, »Wölfe
im Schafspelz, die dir treu ins Gesicht lächeln, während sie dich
unterdrücken.« Sie sollten ein gesundes Misstrauen pflegen gegen
landläufige Meinungen und Konventionen und insbesondere gegen
das, was sich als legitim und ehrbar präsentiert. (»Glaub nichts,
bevor es nicht offiziell widerrufen wird«, hat Claude Cockburn
einmal gesagt.) Sie sollten nicht untätig bleiben, sondern für die
»wahren Zeugen sprechen, für diejenigen, die im Besitz der
furchtbaren Wahrheit sind«. Diese Worte von Primo Levi beziehen
sich auf die Opfer des Nationalsozialismus. Sie sollten Gegner der
autoritären Strukturen sein, von denen Rupert Murdoch einmal
behauptet hat, sie »können funktionieren«. Das ist das Mindeste, was
man von einem Journalisten verlangen kann.
Der Mut und die Opferbereitschaft von Journalisten in den Teilen
der Welt, in denen der größte Teil der Menschheit lebt, müssten die
saturierte Zunft im Westen eigentlich beschämen. Der indonesische
Journalist und Vorsitzende der Allianz unabhängiger Journalisten
Ahmad Taufik verbrachte drei Jahre im Gefängnis. Sein Vergehen
bestand in einem kritischen Beitrag über das Suharto-Regime im
Independent, einer in Jakarta erscheinenden Zeitung, die er
zusammen mit Kollegen gegründet hatte. In der Türkei gehört es
zum Alltag, dass Journalisten von der Polizei schikaniert und
terrorisiert werden. Der Reporter Metin Goktepe, der für die
Tageszeitung Evrensel arbeitete, wurde am 8. Januar 1996 in Istanbul
im Polizeigewahrsam zu Tode geprügelt.
Verhaftet worden war er, weil er gegen ein Gesetz verstoßen hatte,
dem zufolge jeder Bericht über Unterdrückung und Widerstand in
der Türkei entweder Propaganda oder »Anstiftung zum Rassenhass«
ist.
Ocak Isik Yurtcu, der Herausgeber der türkischen Zeitung Ozgur
Gundem, wurde 1995 wegen Verstoßes gegen dasselbe Gesetz zu
einer 15-jährigen Haftstrafe verurteilt. »Ich bin im Gefängnis«, sagte
er einmal, »weil ich mich bemüht habe, die Wahrheit herauszufinden
und sie der Öffentlichkeit zugänglich zu machen – mit anderen
Worten, meine Arbeit zu erledigen -, weil ich überzeugt bin, dass es
in einem Land, in dem es keine Pressefreiheit gibt, auch keine
anderen Freiheiten geben kann.«188
Ihrer Verfassung nach haben die Philippinen die freieste Presse in
ganz Asien, aber in keinem anderen Land der Welt sterben so viele
Journalisten eines gewaltsamen Todes. Edgar Cadagat, der die Nachrichtenagentur Cobra auf der Insel Negros leitet, arbeitet hinter
Sandsäcken. Er hat sich darauf spezialisiert, Fälle staatlicher
Korruption publik zu machen. Bisher hat er schon mehrere Attentate
überlebt, und einmal schickte ihm jemand zu Weihnachten einen
Miniatursarg mit einer Kugel und seinem Foto darin.189
Allein im Jahr 1996 wurden in Russland 50 Journalisten ermordet,
darunter der Fernsehkommentator Oleg Slabynko, der als erbitterter
Gegner des organisierten Verbrechens bekannt war. In Algerien
haben 60 Journalisten in Ausübung ihres Berufes das Leben verloren.
In der St. Bride's Church, der Kirche der Journalisten in der Nähe der
Fleet Street, finden sich die Namen vieler Kollegen, die als stolze
Vorbilder ihrer Zunft gelten können. Bei meinem letzten Besuch
habe ich eine Kerze vor der Gedenktafel von Veronica Guerin
entzündet, der Journalistin des Sunday Independent, die im Alter von
33 Jahren in Dublin ermordet wurde, »weil sie die Wahrheit
schrieb«.
Das soll nicht heißen, dass ein Journalist sein Leben riskieren muss,
um sich zu beweisen – obwohl ihm in Ländern wie Indonesien,
Algerien, Russland, Nigeria oder den Philippinen vielleicht gar
nichts anderes übrig bleibt. Wodurch sich jeder seriöse Journalist
aber auszeichnen sollte, das sind moralische Grundsätze, und dazu
gehört sicher auch ein gewisser Mut. In einer Demokratie ist er
gefordert, den ideologischen Schutt beiseite zu räumen, der die
Freiheit des Geistes erstickt und zur Selbstzensur führt. Auch das
birgt sein ganz eigenes Risiko. »Wer die Wahrheit sagt«, schrieb
Oscar Wilde, »dem wird früher oder später der Stuhl vor die Tür
gesetzt.«
In Großbritannien könnten sich kritische Journalisten für die Aufhebung der Gesetze stark machen, die nach 1979 erlassen wurden
und das Recht auf freie Berichterstattung einschränken: das Gesetz
gegen die Missachtung der Gerichte von 1981 und die
Gesetzesnovellen zur Regelung des Zeugnisverweigerungsrechts in
Strafverfahren von 1984 und 1996. Jedes autoritäre Regime würde
diese Punkte mit Kusshand in seine Gesetzbücher aufnehmen. Auch
die Verleumdungsgesetze bedürfen dringend einer Revision, damit
einfache Leute bei Entschädigungsverfahren Prozesskostenhilfe
beantragen können. Im Übrigen sollten große Ketten wie W.H. Smith
und John Menzies, die landesweit mehr als die Hälfte aller
verkauften Zeitungen vertreiben, wie in Frankreich gesetzlich dazu
verpflichtet sein, auch Zeitschriften und Zeitungen mit geringerer
Verkaufsauflage zu führen. Denn sie sind unser Samisdat.
Ein gesetzlich geregeltes Recht auf Informationsfreiheit, das nicht
von »Ausnahmen« unterhöhlt wird, eine staatliche Behörde, die bei
der Gründung unabhängiger Kleinverlage und Rundfunksender
finanzielle Starthilfe leistet, ein Rundfunkgesetz, das verhindert,
dass die Reichsten und Größten die Kleinsten schlucken, und das die
Sender verpflichtet, eigene Spielfilme und unabhängige Kultur- und
Informationsprogramme zu senden – damit wären wir dem Sieg in
der zweiten großen Schlacht für die Pressefreiheit schon einen guten
Schritt näher.
Im Moment laufen wir Gefahr, diese Freiheit zu verspielen, ohne
es zu merken. Denn wenn keiner mehr da ist, der die Stimme erhebt,
wer wird dann das letzte Wort haben?
RÜCKKEHR NACH
VIETNAM
Immer noch eine gerechte Sache
Sie fragen mich, was wir all die Jahre, dort drüben
gemacht haben: worum es da eigentlich ging? Ich
sage es ihnen schlicht und einfach: Es war für eine
gerechte Sache.
Ronald Reagan
V
ietnam ist in Mode in den späten 90er Jahren. Am Flughafen
von
Saigon
wimmelt
es
von
Rucksacktouristen,
Pauschalurlauber warten in langen Schlangen, und Geschäftsleute
aus Taiwan sehen sich Mr. Bean an. Sie machen alle nostalgischen
Gefühle und die Erinnerungen an die Angst zunichte, beschwören
aber manchmal absurde Situationen herauf. John Blake und seine
Freundin sind aus Wolverhampton angekommen; in ihren
schwarzen Designerkampfanzügen sehen sie aus wie ein
zweiköpfiges Sonderkommando. »Die Stiefel sind echte US-ArmyAusrüstung«, erklärt John. An den Wochenenden verkleiden sich die
beiden als GIs, »authentisch bis hin zu den Zippo-Feuerzeugen«,
und »spielen Vietnam«. Johnny Rambo? »Nein, das ist Unsinn. Eher
wie Platoon ... ohne die Politik und die Massaker an der
Zivilbevölkerung.«
In Chu Chi, etwa 30 Kilometer von der Stadt entfernt, steigen die
Touristen zu einem der beeindruckendsten Schauplätze des Krieges
hinunter: in das Tunnelsystem, das sich die Soldaten der Nationalen
Befreiungsfront (von den Amerikanern Vietcong genannt) mit
Schlangen und Geziefer aller Art teilen mussten und in dessen
Finsternis sie herumkrochen, während über ihnen mit modernsten
Waffen auf alles geschossen wurde, was sich bewegte. Heute führen
Schulmädchen in Guerillauniform die Touristen zu den
Bombenkratern, scheuchen sie vom frisch gesäten Gras und lenken
ihren Schritt zu den Verkaufsständen, wo aus Coladosen gefertigte
Kampfhubschraubermodelle feilgeboten werden.
Wie so vieles im neuen Vietnam hat sich die Volksarmee selbst zu
einem Profitunternehmen gemausert und betreibt das Tunnelsystem
jetzt als eine Art Vergnügungspark. Die Gänge und Einstiegsöffnungen wurden rücksichtsvollerweise für beleibtere Touristen
verbreitert, und auf dem Gelände gibt es heute einen Schießplatz,
auf dem US-Besucher den ganzen Rambo und Platoon-Spaß noch
einmal durchleben können. Man hat die Wahl zwischen einer USamerikanischen M-16 und einer vietnamesischen AK-47, und wer ins
Schwarze trifft, gewinnt ein echtes schwarzweiß kariertes
Vietcongtuch. Die Leute stehen hier Schlange.
In der ehemaligen US-Botschaft in Saigon drängten sich keine Touristen, als ich, auf den Tag genau 20 Jahre, nachdem die letzten USAmerikaner evakuiert worden waren, hierher zurückkehrte. Das
sechsstöckige Gebäude hatte die meiste Zeit leer gestanden, als
musealer Widerhall eines untergegangenen Reichs. Eine einsame
Neonröhre verbreitete flackerndes Licht, ein Zeitschalter tickte vor
sich hin, und das Wasser einer defekten Klospülung lief und lief. Die
Tür zum Schutzkeller der Botschaft stand offen, und ein Schild wies
sie als »Sicherheitstür der Klasse 5 nach US-Norm aus. Bei
Strahlenangriffen schließt sich die Tür automatisch für die Dauer
von
20
Mannstunden.«
Im
Treppenhaus,
das
zum
Hubschrauberlandeplatz auf dem Dach führt, hatte jemand »Fresst
Scheiße!« an die Wand gekritzelt. Von hier oben kann man eine
riesige vietnamesische Flagge sehen, rot mit einem gelben Stern, und
wenn man hinunterschaut, entdeckt man eine weitere neben dem
mit einer trüben, seit 20 Jahren nicht erneuerten Brühe gefüllten
Becken, das einmal der Swimmingpool der Botschaft war.
***
29. April 1975: Gerade war wieder ein »grüner Riese« auf dem Dach
gelandet, und das rhythmische Dröhnen und Heulen seiner Rotorblätter weckten in mir das Gefühl einer drohenden Gefahr, das ich
für immer mit Hubschraubern verbinden werde. Vom Hof aus
konnte ich ihn im aufquellenden Rauch eines Verbrennungsofens,
der von hin und her huschenden, mit Säcken beladenen Gestalten
gefüttert wurde, schemenhaft erkennen. An jenem letzten Tag des
längsten Krieges dieses Jahrhunderts wurde das Surreale zur
Wirklichkeit.
Auf einmal regnete es Geld. Vom Sog der Rotorblätter aufgewirbelt, segelten Dollarnoten wie Schneeflocken herunter: Zehner,
Zwanziger, Fünfziger, Hunderter. Generäle und ehemalige Minister
der im Zerfall begriffenen US-hörigen Regierung Südvietnams, auf
deren Konto einmal mehr als die Hälfte aller von Amnesty
International aufgelisteten Fälle staatlicher Folterung gegangen
waren, rafften auf allen Vieren das Abfindungsgeld zusammen, das
vom Himmel regnete, oder sie schickten Kinder hin, die Scheine für
sie einzusammeln. Ein Botschaftsangehöriger flüsterte: »Wir haben
jeden Safe ausgeräumt und wieder verschlossen, da werden die
Schlitzaugen dumm aus der Wäsche gucken, wenn wir weg sind.«
Es ging das Gerücht, US-Botschafter Graham Martin wolle versuchen, die Evakuierung hinauszögern und Zeit zu gewinnen,
indem er den vorrückenden Nordvietnamesen Geld anbot, wenn sie
sich zu einer Gefechtspause bereit erklärten. Angeblich hoffte er, den
letzten Vertretern des alten Regimes so den Einzug in eine
Übergangsregierung zu ermöglichen und Washington doch noch zu
dem »Frieden in Ehren« verhelfen zu können, den Richard Nixon
und sein Rasputin Henry Kissinger zwei Jahre zuvor so vollmundig
verheißen hatten.
Seit dem frühen Morgen stand ein Marineinfanterist mit einer Liste
am Tor. »He, ich bin's, lass mich rein. ... Vielen Dank.« Die schrille
Stimme aus der Menschenmenge, die das Botschaftsgebäude am 29.
April belagerte, gehörte General Dang Van Quang, dessen Reichtum
sprichwörtlich war. Seine amerikanischen Berater, die ihn nicht
ausstehen konnten, nannten ihn »Kichererbse« oder »General
Fettsack«. Da sein Name auf der Liste stand, half ihm der Soldat, erst
sich selbst und dann seine drei Samsonite-Koffer durchs Tor zu
zwängen. Froh, dass er es geschafft hatte, marschierte der General
davon und ließ seinen Sohn in der Menge der Wartenden zurück.
Als zwei Bündel Dollarscheine aus seiner Brusttasche zu rutschen
drohten, stopfte er sie zurück und verkündete lachend, in seinen
Koffern habe er noch mehr von der Sorte.
In Graham Martins schallisoliertem, mahagonigetäfeltem Büro im
fünften Stockwerk des Gebäudes, wo sich der Botschafter oft allein
mit seinem Pudel Nitnoy aufhielt, war von dem dramatischen
Schlussakt, der sich draußen abspielte, offenbar nicht viel zu
merken. Ob die Bestechungsgeschichte nun wahr oder eine
böswillige Erfindung war, fest steht, dass der Rückzug der
Vereinigten Staaten aus Indochina für ihn eine unerträgliche
Schande war. Er hatte noch wenige Tage zuvor auf eigenen Wunsch
eine denkwürdige Ansprache im Saigoner Fernsehen gehalten. »Ich,
der US-amerikanische Botschafter«, hatte er mit würdevoller Miene
verkündet, »werde mich nicht bei Nacht und Nebel davonmachen.
Kommen Sie ruhig zu mir nach Hause und überzeugen Sie sich, dass
ich nicht auf gepackten Koffern sitze. ... Ich gebe Ihnen mein Wort.«
Darauf folgte ein Kameraschwenk auf einen erkennbar leeren Koffer,
der neben ihm stand.
Der letzte US-Botschafter in Saigon war ein introvertierter, eigensinniger und komplizierter Mensch. Der Blickfang auf seinem
Schreibtisch war ein Foto seines neun Jahre zuvor im Krieg getöteten
Sohnes in Uniform. Nach einer gerade überstandenen, langwierigen
Lungenentzündung war er totenbleich. Er war Kettenraucher, und
Gespräche mit ihm wurden immer wieder durch Hustenanfälle
unterbrochen. Seit Monaten versuchte er Washington davon zu
überzeugen, dass der Satellitenstaat noch zu retten sei, wenn man
einen »eisernen Ring« aus von B-52-Staffeln abgeworfenen Bomben
um Saigon legte. Noch gab er den Krieg nicht verloren.
Graham Martin war der Fleisch gewordene Inbegriff der USamerikanischen Mission in Vietnam. Er gehörte, wie der Politologe
Gabriel Kolko in seinem Standardwerk Anatomy of a War schreibt, zu
denen, deren »Schwäche für Illusionen und für Symbolik sie zu den
einzig wahren Ideologen des Krieges machte«.1 Martins Symbol war,
als das Ende nahte, ein Baum: eine große Tamarinde, die vor dem
Botschaftsgebäude ihre Schatten warf. Wenn die Transporthubschrauber, die auf Flugzeugträgern im Südchineschen Meer
stationiert waren, hier landen und eine groß angelegte Evakuierung
durchführen sollten, musste der Baum gefällt werden.
Der Botschafter hatte unmissverständlich erklärt, dass mit dem
Baum auch »das Ansehen der Vereinigten Staaten fallen« würde. In
den frühen Morgenstunden des 29. April kam es in seinem Büro zu
einem heftigen Wortwechsel mit Tom Polgar, dem CIA-Chef vor Ort,
der für eine geordnete Evakuierung plädierte. Sie trennten sich, ohne
in der Baumfrage zu einer Einigung gekommen zu sein, und es
machte sich allmählich der Eindruck breit, dass der Botschafter
entschlossen war, mit Rom unterzugehen. Halb sieben kam,
vermutlich von Polgar, die Anweisung, den Baum zu fällen.
Eine halbe Stunde später kam in American Forces Radio das
vereinbarte Signal zur Evakuierung: »I'm dreaming of a white
Christmas« von Bing Crosby. (Die Betroffenen hatten zuvor
schriftliche Anweisungen erhalten: »Bringen Sie zwei Garnituren
Wechselkleidung, einen Regenmantel, Nähzeug, einen Regenschirm,
einen Dosenöffner, Insektenschutzmittel, Ihre Heiratsurkunde, eine
Vollmacht und Ihr Testament mit. ... Ihr Auto müssen Sie leider
zurücklassen.«) Bei der nun folgenden Evakuierungsaktion wurden
in weniger als 18 Stunden rund 7000 Menschen aus dem belagerten
Saigon ausgeflogen.
Am 30. April um 14.30 Uhr erreichte Graham Martin ein Anruf
von Henry Kissinger, der den Botschafter anwies, das Gebäude bis
15.45 Uhr zu verlassen. Eine halbe Stunde später trat Martin, die USFlagge zusammengefaltet in einer Tragetasche, aus seinem Büro. Er
fuhr mit dem Aufzug zum Dach und stieg die Eisentreppe zum
Hubschrauberlandeplatz hinauf. »Lady Ace 09 mit Code Two in der
Luft«, knatterte es über den Marinefunk. Code Two war das
Kennwort für den US-Botschafter. Als der Hubschrauber über dem
Highway One abschwenkte, konnte Martin schattenhaft die Panzer
und Lastwagen der vietnamesischen Volksarmee erkennen, die auf
seinen Abzug warteten. Der Krieg war vorbei.
***
Dreißig Jahre lang kämpfte die von Ho Chi Minh gegründete
Vietminh: erst gegen die Franzosen, deren hemmungslose und
grausame Ausplünderung des Landes sich hinter der Fassade
prachtvoller Alleen und Villen und fröhlich bunter Reihenhäuser
verbarg; dann gegen die Japaner, mit denen die französischen
Kolonisten kollaborierten und die 1944 zwei Millionen Vietnamesen
verhungern ließen, damit ihre Truppen genug zu essen hatten; dann
gegen die Amerikaner, mit denen Ho Chi Minh mehrfach vergeblich
versuchte, eine Allianz gegen die Chinesen zu schmieden; dann
gegen Pol Pots Rote Khmer, die aus dem Westen angriffen; dann
gegen die Chinesen, die im Norden einmarschierten. Sie alle wurden
unter unermesslichen Verlusten zurückgeschlagen.
Die Geschichte von Thai Thi Tinh ist nicht untypisch. Sie ist eine
kleine, weißhaarige Frau in den Achtzigern und lebt in einem Viertel
Hanois, das aus dem Mittelalter stammen könnte. In einigen
Straßen werden Silber, Messing und Leder bearbeitet, in anderen
haben Blechschmiede, Sargschreiner, Hutmacher und Kräuterhändler ihre Werkstätten und Geschäfte. Dieses Viertel, nicht das
von den Franzosen großzügig angelegte Zentrum der Stadt, war Ziel
der B-52-Geschwa-der, die Nixon und Kissinger 1972 zu den so
genannten Weihnachtsbombardements losschickten. Das Haus von
Thai Thi Tinh wurde nicht zerstört. Sie erinnert sich nur an das
»laute Dröhnen« am Himmel und an den Spalt, der, »wie von einem
Erdbeben in die Decke des Schutzbunkers gerissen«, plötzlich über
ihr geklafft hatte.
In ihrem Leben bilden sich die Leiden und Opfer des vietnamesischen Volkes im 20. Jahrhundert ab. Sie hat fünf ihrer acht Kinder
verloren. Zwei starben während einer Meningitisepidemie, weil es
keine Medikamente gegen die Krankheit gab. Ihr ältester Sohn Lom
fiel 1954 in der Schlacht von Dien Bien Phu, mit der das Ende der
französischen Herrschaft in Indochina eingeleitet wurde. Ihr
Zweitältester Sohn Khan kam wenig später bei der Befreiung Hanois
ums Leben. Ihr Mann, der als Arzt bei Ho Chi Minhs
Befreiungstruppen arbeitete, wurde bei der Evakuierung von
Verwundeten aus Hanoi getötet. Zu diesem Zeitpunkt ahnte Thai
Thi Tinh noch nicht, dass Amerika »der nächste Feind« sein würde.
Ihr jüngster Sohn Luong war 19 Jahre alt, als er 1967 einberufen
wurde. »Er wollte Ingenieur werden«, erzählt Thai und drückt das
Schwarzweißfoto eines gut aussehenden, lächelnden jungen Mannes
an die Brust.
»An dem Tag, an dem er sich verabschiedete, war seine einzige Sorge,
ich könnte bei einem amerikanischen Luftangriff nicht vorsichtig
genug sein. ›Geh immer in den Bunker‹, mahnte er mich. Er hat mich
so sehr geliebt. Beim Abschied am Bahnhof wusste ich nicht, was ich
tun sollte; ich konnte seine Hand nicht loslassen. Ich drängte ihm ein
Päckchen Ingwerbonbons auf, weil sie gut gegen Erkältungen sind. Ich
bekam nur zwei Briefe von ihm; im ersten berichtete er, dass es seine
Aufgabe war, Bomben zu entschärfen, die nicht explodiert waren. Im
zweiten schrieb er, dass er an Malaria erkrankt war und demnächst
zum Chu-Chi-Tunnelsystem aufbrechen würde. Danach hörte ich
nichts mehr von ihm. Die Aufzeichnungen sind vernichtet. Er gilt als
vermisst.«
Zwanzig Jahre später fuhr Thai Thi Tinh nach Chu Chi, wo sie einen
dinh, einen kleinen Altar, errichtete und für Luong, seine Brüder und
seinen Vater betete, deren sämtliche Orden sie angelegt hatte. Als sie
mich an einem Sonntagmorgen begrüßte, trug sie einen oi dai, das
traditionelle vietnamesische Gewand, aus leuchtend roter Seide. Ihr
einziger noch lebender Sohn Loc und dessen Frau Tran Thi Ngok
hielten sich ständig in ihrer Nähe auf. Nach dem Tee gingen wir zum
städtischen Friedhof, wo ihr ältester Sohn Lom begraben war. Thai
nahm einen kleinen Plastikbeutel voll Wasser für die Rosen auf dem
Grab mit und ein Bündel symbolischer Geldscheine als Opfergabe,
die, wie sie sagte, »seinem Geist ein bisschen Reichtum schenken«
sollte.
Sie trägt ihr Schicksal mit Würde, wie Tausende ihrer
Leidensgenossinnen, von denen manche gelegentlich im
vietnamesischen Fernsehen auftreten und um Hinweise auf den
Verbleib der sterblichen Reste ihrer Söhne bitten: Mehr als 300000
vietnamesische Soldaten gelten bis heute als vermisst. Wie
unangemessen erscheint da die von Ronald Reagan initiierte und
von Hollywood bereitwillig aufgegriffene Kampagne, die das
Schicksal einer vergleichsweise kleinen Zahl in Vietnam vermis-ster
US-Soldaten, vorwiegend Piloten im Kampfeinsatz, die mit ihren
Flugzeugen abgeschossen wurden, mythologisierend verklärt.2
Auch meine Freundin Thien Thi Tao strahlt diese Würde aus. Ich
lernte sie kurz nach Kriegsende in Saigon kennen. Sie war damals 28
Jahre alt und trug die schwarze Uniform der Nationalen Befreiungsfront, und obwohl sie wegen einer schmerzhaften Verletzung
hinkte, strahlte sie über das ganze Gesicht. Auf meine Frage nach
ihren Gefühlen in dem Moment, als sie gehört hatte, dass alles vorbei
war, antwortete sie: »Mein Herz fliegt.« Sie hatte einen großen Teil
ihrer Jugend in den Folteranstalten der südvietnamesischen
Geheimpolizei zugebracht, einer Terrororganisation, die von
Spezialisten der CIA und der Universität von Michigan ins Leben
gerufen und trainiert worden war. Man hatte sie im Alter von 17
Jahren auf dem Heimweg von der Schule zum ersten Mal verhaftet
und in ein Haus der Geheimpolizei gebracht, wo sie beschuldigt
wurde, Kommunistin und Mitglied der Nationalen Befreiungsfront
zu sein. Sie sagte:
»Ich war keines von beidem. Aber wie die meisten Schüler war ich
gegen die US-gestützte Regierung, vor allem, weil sie eine fremde
Armee ins Land geholt hatte. Es stimmt, dass ich für die NFL
gearbeitet habe und auch bereit war, für sie zu kämpfen. Wir hatten
großen Respekt vor den Leuten von der NFL. Die Polizei wollte
Namen von mir hören, und als ich mich weigerte, hängten sie mich an
den Füßen auf, quälten mich mit Stromschlägen und tauchten meinen
Kopf in einen Eimer Wasser. Später wurde ich auf die [Strafkolonie-]
Insel Con Son gebracht und in einen der so genannten Tigerkäfige
gesperrt, in denen man nicht aufrecht stehen kann. Ich musste
Fußfesseln tragen und wurde jeden Tag mit ungelöschtem Kalk
überschüttet. Es gab auch einen kleinen Raum voller Rinder- und
Schweinekot. Diesen Raum nannten sie den Sarg.«
1988 heiratete Tao einen NFL-Funktionär, der schon vor 20 Jahren
um sie geworben hatte. Sie hatten sich während des Kriegs aus den
Augen verloren und jeweils vom anderen angenommen, er sei tot.
»Ich wusste ohnehin nicht recht, was ich von ihm halten sollte;
schließlich war er Kommunist«, sagte sie trocken. »Als Kindern hatte
man uns gesagt, wir sollten weglaufen, wenn wir einen
Kommunisten sehen.« Ihre Nieren waren durch die jahrelangen
Folterungen so stark geschädigt, dass sie fast gestorben wäre, als sie
schwanger wurde. Ihr Sohn Huynh wurde zu früh und mit einer
Blutkrankheit geboren; die Arzte attestierten ihm eine
»Überlebenschance von einem Prozent«.
Als ich Thien Thi Tao 1995 auf einer belebten Straße in Saigon
wiedersah, brachte sie gerade einen Jungen in den Kindergarten, der
für seine vier Jahre ausgesprochen kräftig war. »Sein Name bedeutet
›goldener Frühling‹«, erklärte sie.
Im Vietnamkrieg haben mindestens drei Millionen Menschen, vorwiegend Zivilisten, ihr Leben verloren. Ich selbst lernte diesen Krieg
gegen die Zivilbevölkerung des Landes erstmals 1967 im
Krankenhaus von Can Tho im Mekongdelta kennen. Die ganze
Woche über hatten US-Geschwader »Vietcong-Stellungen«
bombardiert. Gemeint waren die nahe gelegenen Dörfer mit Hütten
aus Blech und Stroh.
»Er dürfte ungefähr zehn Jahre alt sein«, sagte der junge
amerikanische Arzt, ein freiwilliger Helfer. Das Kind vor uns hatte
keine Nase und kein Kinn mehr, es konnte die Augen offensichtlich
nicht mehr schließen, und seine einst braune Haut war jetzt rot und
schwarz und pergamenten wie dünn gewordener Stoff. »Es ist mir
ein Rätsel, wie die Kinder die Hölle da draußen überleben. Dieser
Junge hier wurde mit Napalm-B verbrannt. Das ist dieses Gemisch
aus Benzol, Polystyrol und Benzin. Das Zeug klebt am Körper, man
kriegt es nicht ab. Das Opfer verbrennt entweder oder es erstickt,
weil das Napalm den ganzen Sauerstoff verbraucht.«
Sieben Jahre später besuchte ich das Dorf My Lai, das damals in
einem Niemandsland zwischen den Linien der NFL und der südvietnamesischen Regierungstruppen aus Saigon lag. Die Dorfbewohner
hatten immer noch Angst, wenn sie einem Menschen gegenüberstanden, der aussah wie Leutnant William Calley und seine
Mörderbande. Calleys Einheit, die »Charlie Company«, hatte am 16.
März 1968 mehr als 500 Männer, Frauen und Kinder abgeschlachtet.
Bis alle tot waren, dauerte es vier Stunden einschließlich der
Mittagspause, in der sich die Männer ihren Imbiss neben einem Berg
von Leichen – vorwiegend Frauen und Kleinkinder – schmecken
ließen. Auf Seiten der Amerikaner gab es nur einen Verwundeten:
Sergeant Herbert Carter, der sich absichtlich selbst in den Fuß
geschossen hatte, um an dem Morden nicht teilhaben zu müssen.
Bei diesem ersten Besuch in My Lai war mir noch nicht bewusst,
dass die Amerikaner fast die gesamte Provinz Quang Ngai zur
»feuerfreien Zone« erklärt hatten, in der die Soldaten angewiesen
waren, auf alles zu schießen, was sich bewegte, und dass 70 Prozent
der Siedlungen und Dörfer in diesem Gebiet dem Erdboden gleich
gemacht worden waren. Zur Zeit des Massakers in My Lai wurden
jährlich 50000 Zivilisten getötet. Man nannte das »Kollateralschäden«.
Es ist bedauerlich, dass nur wenige ausländische Touristen die beschwerliche Fahrt über unbefestigte Wege nach My Lai auf sich nehmen, denn dort könnten sie einiges lernen. Auch hier ist die Würde
der Menschen unübersehbar. Man findet das Kenotaph einer Frau
und eines Kindes und ein Wandrelief, auf dem die Amerikaner nicht
als Bestien dargestellt sind. In dem kleinen Museum werden weder
Zippo-Feuerzeuge noch die allgegenwärtigen Hubschrauber aus
Coladosen verkauft.
Auf großen, unscharfen Fotos erkennt man Colonel Henderson,
der mit seiner Brille aussieht wie ein Versicherungsvertreter.
Henderson war Kommandeur der 11. Brigade, die den Auftrag hatte,
die Gegend »zu durchsuchen und alles zu zerstören«. Und da ist
auch Captain Medina, der den Befehl zur Zerstörung des Dorfes gab.
Hier an der Wand wischt er sich eine Träne weg. Und schließlich das
berühmt gewordene, fast plastisch wirkende Foto (aufgenommen
von einem Armeefotografen, der die Charlie Company begleitete),
das Berge von Toten in einem Bewässerungsgraben zeigt.
Wenn man sich das Bild genau ansieht, erkennt man auf der linken
Seite einen Schatten im Gras. Es ist Truong Thi Le, die unter den Leichen ihrer Mutter, ihrer Tochter und ihres Enkels überlebte. Mittlerweile über 70, hält sie mir tapfer das Foto hin und zeigt mir die
Toten im Graben, die zu ihrer Familie gehört haben: ihr Bruder, ihr
Neffe, vier Jahre alt, vier Nichten, die alle unter zehn waren, neun
Personen insgesamt. Und sie erzählt:
»Es war sechs Uhr morgens. Plötzlich kreiste ein Hubschrauber über
dem Haus, dann sahen wir die Soldaten, die vom Feld her kamen. Sie
forderten alle Dorfbewohner auf, ihre Häuser zu verlassen und zum
Bewässerungsgraben zu gehen. Diejenigen, die zu langsam waren,
stießen sie mit Gewehren voran. Wir mussten uns an einer Stelle
sammeln und standen dicht gedrängt. Dann fingen sie an, uns der
Reihe nach zu erschießen. Ich sah ein kleines Boot und versteckte
meinen Sohn darunter, während die Toten über mich fielen. Ich redete
auf meinen Sohn ein: ›Bitte weine nicht, sonst werden sie uns hören.‹
Als die Amerikaner weg waren, wartete ich noch ein Weilchen, dann
stand ich mit meinem Jungen auf; es war, als würde ich in der Luft
laufen, ich fühlte absolut nichts. Ich war voller Blut und Gehirnmasse,
es roch schrecklich. Auf dem Rückweg mussten wir über das Feld
gehen, weil so viele Leichen auf dem Weg lagen. Ich sah Mütter
sterben und Kinder, sogar die Ochsen und die Büffel hatten sie getötet.
Als wir unser Haus erreichten, war es niedergebrannt. Erst jetzt
bemerkte ich, dass eine Kugel durch meinen Körper hindurchgegangen war, aber ich lebte noch; ich war am Leben.«
1970, knapp zwei Jahre nach dem Massaker von My Lai, interviewte
ich in den Vereinigten Staaten eine Reihe von Armeeangehörigen,
die an anderen Kriegsverbrechen in Vietnam beteiligt gewesen
waren. Sieben von ihnen waren nicht einmal unter Anklage gestellt
worden, und sie behaupteten übereinstimmend, ihr Befehl habe
gelautet, »alle und alles zu töten«. »In den Dörfern durften wir uns
so richtig austoben«, sagte einer meiner Gesprächspartner.
Einer, der vor Gericht gestellt und auch verurteilt wurde, war Michael Schwarz, der aus einer armen Bergbauregion in West Virginia
stammte und sich mit 16 Jahren zum Militär gemeldet hatte. Wenn
während seiner Grundausbildung der Offizier »töten, töten, töten«
gebrüllt hatte, mussten die Rekruten im Chor antworten: »töten,
töten, töten.« Der Gefreite Schwarz gehörte zu einer Gruppe von
fünf Soldaten, die am Abend des 19. Februar 1969 mit dem Auftrag
»Aufspüren und Vernichten« in das Dorf Son Thang im
Mekongdelta eindrangen und elf Frauen und fünf Kinder
erschossen.
Außergewöhnlich an diesem Ereignis war die Tatsache, dass alle
Beteiligten wegen Mordes vor ein Kriegsgericht gestellt wurden: ein
Nebeneffekt des öffentlichen Aufruhrs, den das Massaker von My
Lai mit einiger Verspätung doch noch ausgelöst hatte. Der Ankläger
im Fall Schwarz nannte einen Soldaten ein »vernunftbegabtes
Wesen, das die Pflicht hat, sich beim Befolgen von Befehlen sein
Urteilsvermögen zu bewahren ...« Auf den Einwand des
Verteidigers, der dem Gericht den martialischen Drill mit der Devise
»töten, töten, töten« in Erinnerung rief, entgegnete der
Anklagevertreter: »Das ist doch nur eine Redensart.« Schwarz wurde
zu einer lebenslänglichen Zuchthausstrafe mit Zwangsarbeit
verurteilt. Aber nachdem ein Rechtshilfefonds für Schwarz
eingerichtet worden war und mehr als 750000 Menschen in West
Virginia und Pennsylvania ein Gnadengesuch unterzeichnet hatten,
wurde die Strafe auf ein Jahr reduziert, und er war schon bald
wieder auf freiem Fuß. Auf meine Frage, wieso er auf Zivilisten geschossen habe, intonierte er theatralisch und mit hoch gerecktem
Kinn so etwas wie: »Mit Herz und Hand fürs Vaterland«, als hätte er
die Zeile gerade erfunden, und dann fügte er hinzu: »Ich wünschte
nur, sie würden mir meine Marineauszeichnung und das
Verwundetenabzeichen wiedergeben.«
Tatsache ist, dass Vietnam von Amerikas Schattenseite überrollt
worden ist. Das Mittel der Kriegführung war Mord, nicht etwa eine
militärische Strategie. Die neunte Infanteriedivision beispielsweise,
auch die »glorreiche neunte« genannt, galt als »berüchtigt«. Aber sie
führte ja nur die Befehle aus, die aus der »Kommandozentrale
Dodge City« in Saigon kamen: Befehle von hohen Offizieren, die ihre
Kollegen in Joseph Hellers Catch22 manchmal wie reale Figuren in
einem Sachbuch hätten aussehen lassen.
Das US-Oberkommando in Saigon bestätigte der »glorreichen
Neunten« für das Jahr 1971 eine Quote von 11000 Feindtreffern im
Rahmen einer »Säuberungsaktion« mit dem Kodenamen Operation
»Speedy Express«. Die Sache hatte allerdings einen kleinen Schönheitsfehler, denn bei den getöteten Feinden waren nur 700 Waffen
gefunden worden. Später räumte die US-Regierung ein, dass 5000
»Nonkombattanten« getötet worden waren. Das Ganze war ein stillschweigend gebilligtes und von offizieller Seite gedecktes
Massenmorden. Die Story lag sechs Monate in der Redaktion der
Zeitschrift Newsweek auf Eis, dann wurde sie mit dem Argument
abgelehnt, sie sei ein »unnötiger Angriff« gegen Präsident Nixon. Als
der Bericht vier Jahre später doch noch veröffentlicht wurde, hatte er
mit der ursprünglichen Geschichte nur noch wenig Ähnlichkeit.3
Ein solches Zurückhalten von Informationen gehörte zum journalistischen Alltag. In vielen Nachrichtenbüros in Saigon hingen
damals Fotos an den Wänden, auf denen verstümmelte Leichen zu
sehen waren: GIs, die abgeschnittene Ohren oder Hoden in die
Kamera hielten, und Folterer bei der Arbeit. Im Büro der USNachrichtenagentur Associated Press hatte jemand auf eines dieser
Fotos geschrieben: »Das passiert, wenn du mit der Presse sprichst.«
Wenn man die Leute fragte, warum diese Bilder nicht verschickt
wurden, bekam man immer das Gleiche zu hören: Die
internationalen Agenturen (die meisten von ihnen US-amerikanisch)
gaben sie deshalb nicht weiter, weil sie in der Öffentlichkeit auf
Ablehnung stießen und daher ohnehin in keiner amerikanischen
Zeitung abgedruckt werden würden.
Und doch galt der Vietnamkrieg als der erste »Medienkrieg«, in
dem es angeblich keine Zensur gab, in dem den wachen Augen der
Reporter nichts entging und den Fernsehkameras nichts verborgen
blieb. Zur Zeit des Massakers von My Lai hielten sich mehr als 600
Reporter in Vietnam auf. Keiner von ihnen berichtete über das
Geschehen, obwohl die Sache weithin bekannt war. Ein Soldat, der
von der Geschichte gehört hatte, bemühte sich ein Jahr lang
vergebens, Newsweek oder eine andere Zeitung dafür zu
interessieren. Am Ende machte der junge Reporter Seymour Hersh,
der die Nachricht von der Ermordung von Zivilisten durch Soldaten
seines Landes für eine sensationelle Enthüllung hielt, die Geschichte
in den Vereinigten Staaten publik.
Unter der Überschrift »My Lai: eine amerikanische Tragödie«
schaffte es die Story schließlich doch noch auf die Titelseite der
Newsweek. Die Überschrift warb um Verständnis und Mitgefühl für
Amerika und lenkte von der Wahrheit ab: dass das Massaker vor
allem eine vietnamesische Tragödie war; dass es sich nicht etwa um
eine verwerfliche »Ausnahme« handelte, wie es die Armeeleitung zu
nennen beliebte, sondern um das nackte Gesicht eines
verbrecherischen und rassistischen Krieges. Das wurde nirgendwo
klar ausgesprochen. Nach der in den Medien damals wie heute
bevorzugten Sichtweise war dieser Krieg eine Aufeinanderfolge von
»Fehlern und Irrtümern« oder gar ein »Sumpf«, in den sich Politiker
und Generäle in ihrer Naivität »hineinziehen« oder »hineintreiben«
ließen. In einer Sonderausgabe des Observer zum 20. Jahrestag des
Kriegsendes schrieb der frühere Auslandskorrespondent Mark
Frankland: »Die Vereinigten Staaten haben ihre Lektion aus dem
Krieg gelernt, sie werden sich nie wieder in einen langen Krieg
hineinziehen lassen.«4
Dieser Mythos hält sich genauso zäh wie die absurde Behauptung,
die Journalisten seien durch ihre Kritik am Militäreinsatz mit verantwortlich dafür, dass die Amerikaner diesen Krieg verloren haben.
Meines Wissens hatten die meisten Journalisten keine Einwände
gegen den »heldenhaften Kreuzzug« an sich, sie zweifelten lediglich
an der Klugheit strategischer Entscheidungen und an der
Kompetenz der Befehlshaber. Fast nirgendwo konnte man lesen oder
hören, dass die Vereinigten Staaten einen totalen Krieg gegen das
gesamte vietnamesische Volk führten, der Kommunisten und
Nichtkommunisten, Nord-und Südvietnamesen unterschiedslos traf.
Denn das wäre die Wahrheit gewesen. Statt dessen wurde der Krieg
als Gladiatorenwettkampf zwischen »guten« und »bösen«
Mannschaften hingestellt. Die Amerikaner waren auf der Seite der
»Guten«, der Südvietnamesen nämlich, die sich gegen mehrere
Mannschaften der kommunistischen »Bösen« zu verteidigen hatten.
In dieser Lesart blieb, wen wundert es, die Tatsache unerwähnt, dass
die
Amerikaner
Zehntausende
ihrer
südvietnamesischen
»Verbündeten« getötet, die Hälfte ihrer Wälder vernichtet, ihre Erde
vergiftet und Millionen von Menschen zum Verlassen ihrer Häuser
gezwungen hatten.
In dieser Lesart der Ereignisse wurde auch niemals richtig klar,
wer die »Kommunisten« eigentlich waren. Wenn bei den Vietcong
und in der Nationalen Befreiungsfront auch Südvietnamesen
kämpften, konnten sie dann, wie Präsident Kennedy behauptete, in
ihr eigenes Land »einmarschiert« sein? Um das glaubhaft zu
vermitteln, musste man die richtigen Worte finden. Also wurden sie
zu »Aufständischen«, zu »inneren Feinden«.
Aber auch mit den »Nordvietnamesen«, die angeblich den Süden
angriffen, war es eine vertrackte Sache. Bis zur Genfer Konferenz im
Jahr 1954, in deren Folge das Land bis zu den zwei Jahre später vorgesehenen gesamtvietnamesischen Wahlen »vorübergehend« geteilt
wurde, hatte es kein Nord- und Südvietnam gegeben. Heute weiß
man, dass die Amerikaner, heimlich angestachelt von den Chinesen,
die ein starkes, selbstbewusstes Vietnam fürchteten, die geplanten
Wahlen hintertrieben, weil sie genau wussten, dass Ho Chi Minh
diese mit links gewinnen und das Land vereinigen würde.5 In seinen
Memoiren bemerkt der frühere Präsident Eisenhower: »Ich kenne
keinen In-dochinaexperten, der nicht der Meinung ist, dass damals
mindestens 80 Prozent der Bevölkerung für Ho Chi Minh gestimmt
hätten.«6
1968, im Jahr des Massakers von My Lai, machte sich Hollywood
die »gerechte Sache« des Vietnamkrieges ebenso als Filmstoff zu
Eigen wie schon andere kollektive Heldentaten – das Gemetzel unter
den nordamerikanischen Ureinwohnern beispielsweise. Am Anfang
stand ein Brief, der an den US-Präsidenten Lyndon B.Johnson gerichtet war. »Sehr geehrter Herr Präsident«, stand darin. »Als ich klein
war, hat mein Vater immer zu mir gesagt, wenn ich etwas erreichen
will, muss ich mich an den Boss wenden – also schreibe ich Ihnen
diesen Brief.«7 Absender war der Schauspieler John Wayne, der die
Idee zu einem »patriotischen« Film über den US-Einsatz in Vietnam
hatte.
Der Film mit ihm in der Hauptrolle kam dann unter dem Titel Die
grünen Teufel in die Kinos. Produzent war John Waynes Sohn
Michael, der später einräumte, dass das Drehbuch »nach den
Vorgaben des Pentagon« umgeschrieben worden war.8 Ich sah mir
den Film zusammen mit einem in der Bürgerrechtsbewegung
engagierten Freund 1968 in einem Kino in Montgomery, Alabama,
an. Wir waren sprachlos über diesen verqueren Versuch, vom
mörderischen Charakter der amerikanischen Invasion abzulenken,
Journalisten als naiv hinzustellen und Kommunisten als
Kindermörder. In einer Szene wird ein Reporter von einem
Marineinfanteristen (dem üblichen Alibineger) belehrt: »Als
Soldaten wissen wir, dass wir Feinde töten müssen. Aber der vorsätzliche Mord und die Gräueltaten an unschuldigen Frauen und
Kindern durch die Kommunisten ... Ich sage dir, diese Leute
brauchen uns, sie brauchen unsere Hilfe.« Der Film endet damit,
dass die Sonne im Südchinesischen Meer untergeht, demzufolge also
im Osten, was einiges über die Glaubwürdigkeit des gesamten
Machwerks sagt.
Wir lachten uns schief, mein Freund und ich, bis er mir plötzlich
leise zuflüsterte, wir sollten lieber möglichst schnell verschwinden.
Im Zuschauerraum saßen fast ausschließlich Weiße, junge Männer,
die bei jeder Absurdität und jeder Szene, in der ein Schlitzauge ins
Gras beißen musste, Beifall geklatscht hatten. Jetzt drehten sie die
Köpfe zu uns um. Wir nahmen die Beine in die Hand und rannten in
unser Hotel zurück, dicht gefolgt von einer lechzenden Meute. Es
war uns eine heilsame Lektion über die Zelluloidmacht der sittlichen
Werte eines John Wayne, der seinen Patriotismus im Zweiten
Weltkrieg unter Beweis gestellt hatte, indem er sich erfolgreich vor
dem Militärdienst drückte.
Die grünen Teufel wurden zwar von der Kritik verrissen, aber der
Film spielte immerhin mehr als acht Millionen Dollar ein, was
damals eine Menge Geld war. Der Einfluss, den John Wayne in 30
Jahren Filmgeschichte, also auf eine ganze Generation ausgeübt hat,
fiel ins Gewicht. Die vielen Filme, in denen der »Gute« den »Bösen«
besiegt hat, bevor das Fernsehen noch Fuß fassen konnte, die vielen
»Heldentaten« zu Pferd oder ohne Pferd und immer im Namen der
»Freiheit« und des amerikanischen Vaterlands, dieser ganze
Amerikanismus als einzig wahre Ideologie – all das hat seine Spuren
hinterlassen. Ich hatte in Vietnam zu viele amerikanische Soldaten
gesehen, die John Wayne spielten, um das nicht begriffen zu haben.
Michael Schwarz, der an der Ermordung von 16 Menschen beteiligt
war, war einer von ihnen. »Wie Big John«, erklärte er mir. »Ich hab
mich immer gern mit anderen geprügelt, ihnen gezeigt, wer der Boss
ist, wissen Sie.«
In seinem Buch Firing Line beschreibt Richard Holmes, was der
Filmregisseur Delbert Mann 1960 zu hören bekam, als er einigen Marinesoldaten die Frage stellte, warum sie sich zur Marineinfanterie
gemeldet hatten. »Die Hälfte der Leute gaben die John-Wayne-Filme,
die sie gesehen hatten, als Grund an. In dem Film Todeskommando
spielt John Wayne den Sergeanten John M. Stryker, einen harten,
aber gerechten Soldaten, der zum Archetypus des Marineoffiziers
der darauf folgenden 20 Jahre wurde. ... Wer Ende der 60er Jahre als
Infanterieoffizier mit mittlerem Dienstgrad in Vietnam war, muss zu
der Zeit, als Todeskommando in die Kinos kam, ein Teenager gewesen
sein. Daher ist es vielleicht nicht verwunderlich, dass der Film einen
so nachhaltigen Eindruck hinterließ.« Der frühere Marinesoldat John
Parrish kann diese Einschätzung nur bestätigen. »Ich war John
Wayne«, beschreibt er das Gefühl, das er hatte, als er unter
feindlichem Beschuss Verwundeten in die rettenden Hubschrauber
half. »Ich deckte die Rückzüge von den Stränden des Zweiten
Weltkrieges. Ich war der Held der Kriegscomics.«9
Nach dem Abzug der US-Truppen aus Vietnam wurden in Hollywood Filme gedreht, die das Thema der »amerikanischen Tragödie«
aufgriffen und in einer wirkungsvollen Mischung aus Rambo und
Angst um Mitleid mit den Invasoren warben: manchmal primitiv
(Rambo) und manchmal subtil (Platoon). Alle diese Filme haben eines
gemein: Die Vietnamesen, die darin vorkommen, bleiben
weitgehend gesichtslos. Sie sind entweder asiatische Dummköpfe
und Barbaren (Die durch die Hölle gehen, ein Film, der
fälschlicherweise als Antikriegsepos bezeichnet wurde) oder Opfer
(Sie kehren heim und Platoon), oder sie werden ins Rührselig-Kitschige
überzeichnet (Good Morning Vietnam). Die wenigen Filme, in denen
Vietnamesen nicht als Klischee, sondern als Menschen
wahrgenommen werden, haben der üblicherweise verzerrten
Darstellung bloß Glaubwürdigkeit verschafft.
Die Sendungen, die zur Erinnerung an den Vietnamkrieg an bestimmten Jahrestagen ausgestrahlt werden, belegen nur die
Langlebigkeit dieser Mythen. Die BBC hat ihre umfangreichen
Archive geöffnet und sich selbst stolz eine »unparteiischere«
Kriegsberichterstattung bescheinigt als den US-amerikanischen
Medien. Von der schwarzen Liste, auf die beispielsweise die
Reportage des Kameramannes Malcolm Aird und des Journalisten
James Cameron über die Bombardierung ziviler Ziele in
Nordvietnam – eines der wenigen filmischen Dokumente der
längsten Luftangriffe aller Zeiten – gesetzt wurde, erfährt man
allerdings nichts.
Die übliche Verallgemeinerung, mit der »die Kommunisten« in
eine Schublade geworfen werden, verbannt diejenigen in den
Schatten, die wie Thai Thi Tinhs Söhne nicht als die Preußen Asiens
in blindem Eifer gekämpft haben und gestorben sind, sondern als
Menschen, die ihren Traditionen verbunden waren und für die
Unabhängigkeit ihres Landes eintraten, deren Erfindungsreichtum
und Ausdauer bis an die Grenzen des Menschenmöglichen gingen,
die ihre Kultur im Bombenhagel bewahrten und unterirdische
Schulen und Krankenhäuser errichteten.
Vor ein paar Jahren hat ein Mann eine ziemlich scheinheilige
Wiedergutmachung geleistet. Der ehemalige Verteidigungsminister
Robert McNamara wählte den 20. Jahrestag des Kriegsendes, um ein
»umfassendes öffentliches Bekenntnis« abzulegen.10 Etwas ließ er
allerdings aus: dass nämlich er es war, der kraft seines Amtes die
Verantwortung für die Bombardierungen der ersten Kriegsjahre trug
und der gern quer durch Vietnam einen Elektrozaun gezogen hätte.
Heute ist er der Auffassung, »nicht in Bezug auf die Werte und
Ziele« habe er sich »geirrt«, sondern in seiner »Einschätzung der
Möglichkeiten«. Es wäre zum Lachen, wenn nicht die Sprache der
westlichen Macht, die vor allem der Negierung von Schuld und
Verantwortung dient, so perfide wäre. Die Frage, die mir ein BBCReporter einmal in einem Radiointerview stellte, hätte auch aus dem
Munde McNamaras stammen können: »Wie kann eine fremde Macht
Ruhe und Ordnung in ein Land bringen, das diese nicht haben will?«
Haben die USA ihren verheerenden Krieg in Asien wirklich »verloren«? Ich bin nicht so sicher. Für die amerikanischen Regierungen
von Truman bis Ford war das, was in Vietnam vorging, immer eine
Bedrohung auf lange Sicht: als Entwicklungsmodell, dem andere
Staaten in der Region und anderswo in der Welt hätten nacheifern
können. Nein, die USA haben in Südostasien keine dauerhafte
Niederlage erlitten, sie haben Vietnam zugrunde gerichtet, den
Wiederaufbau durch ihr Embargo erschwert und das Land mitsamt
dem »Virus«, von dem es befallen ist, isoliert. Heute dient fast jede
Regierung in der Region auf die eine oder andere Weise USamerikanischen Interessen. Nicht einmal in Hollywood scheint man
die gewaltige Dimension dieser Leistung begriffen zu haben.
Die letzte Schlacht
Wir dürfen niemals vergessen, dass die Menschen an
erster Stelle stehen.
Ho Chi Minh
I
m Winter 1995 sah ich Vietnam wieder. Hanoi war ein seltsam hybrides Gebilde. An den Arkaden des Odeon, den Alleen, den
Villen und der Nachbildung der Pariser Oper, in der sich die
französischen Kolonisten mit Berlioz und Bizet vergnügt hatten, war
der Verfall kaum fortgeschritten. Auch im überfüllten Altstadtviertel
hatte sich wenig verändert; die Atmosphäre erinnerte an das Bild,
das wir von Städten im viktorianischen England haben: Unter
schiefergrauem Himmel drängten sich die winzigen Häuschen in
verwinkelten Gassen mit oberirdischen Abwasserrinnen, und die
Luft war erfüllt vom süßlich duftenden Rauch der Holzkohlebecken.
In kleinen Teestuben wimmelte es von Menschen, die in Tücher
eingehüllt waren und sich aus großen blumengemusterten Thermoskannen grünen Tee einschenkten. Von den Wänden blickten aus
ovalen Bilderrahmen vergilbte Gestalten im Mandaringewand
herunter, und nirgendwo fehlte die Sammlung militärischer Orden
und das Foto eines im Krieg getöteten Freundes oder Verwandten.
Hier ist der Alltag von Lachen erfüllt, es herrscht ein fröhlicher
Trubel. Gelächter war es auch, das mich veranlasste, vor einem Haus
stehen zu bleiben, in dem gerade eine Hochzeit gefeiert wurde.
Thuan, der 28-jährige Bräutigam, und seine 24-jährige Braut Hong
baten mich hinein. Er verkauft Hundefleisch, sie ist ein
»Blumenmädchen«: Das heißt, sie verdient sich das Nötigste zum
Leben, indem sie Blumen einzeln auf der Straße verkauft. Die
Hochzeitsgesellschaft, die in dem kleinen Hof unter einem Baldachin
aus amerikanischer Fallschirmseide versammelt war, hätte man fast
für wohlhabend halten können. Es gab Schüsseln mit dampfenden
Nudeln, Süßigkeiten und Betelnüsse; und die Brautjungfern trugen
grelles Rosa. Der Bräutigam kicherte, die Braut weinte, und wir
wurden alle ins Haus gebeten, um das Ehebett zu begutachten.
Ein paar Häuser weiter hockte der ehrwürdige Maler Nguyen The
Khan wie ein alter Kauz in seiner unglaublich vollgestopften Dachkammer und arbeitete, die Zigarette im Mundwinkel, an einer Serie
von Lacktafeln, die Hanoi zeigen, wie es Mitte des 19. Jahrhunderts
ausgesehen hat, bevor die Franzosen die alten Wahrzeichen – den
Prinzessin-Huyen-Tran-Tempel, die Jadeberg-Pagode und den
Gezähmte-Wellen-Pavillon – niederrissen und auf den Trümmern
ihr Miniaturparis errichteten.
»Welche Arbeit würden Sie vor Ihrem Tod gern noch vollenden?«,
fragte ich ihn.
»Etwas, das den wahren Frieden verkündet«, antwortete er. »Ein
friedliches Leben ..., das ist alles. Wir haben immer noch keinen Frieden; wir stehen heute vor einem Dilemma.«
Die Symbole dieses Dilemmas ragten vor uns in den Himmel:
Hochhäuser, die zu den absolut hässlichsten der Welt gehören: Gebilde wie riesige Wäscheklammern aus schwarzem Glas und Beton,
offensichtlich inspiriert von derselben thailändischen Architekturschule, deren monströse Produkte die Hochspannungsleitungen in
einer Wüste, an deren Stelle früher einmal Teakwälder wuchsen,
miteinander verbinden.
Nguyen The Khan und andere Bewohner des Altstadtviertels
hatten im Rathaus gegen den Bau der Hochhäuser und gegen die
korrupten Beamten protestiert, die in vielen Fällen den Weg für die
Baugenehmigung frei gemacht hatten. Die Hochhäuser sind die
Kommandozentralen der Großkonzerne aus Japan, Korea,
Hongkong, Singapur, den Vereinigten Staaten, Australien und
Großbritannien, die im Begriff sind, Vietnam grundlegend zu
verändern. »Der Zirkus ist wieder in der Stadt« – so hat es ein USamerikanischer Banker formuliert.
Für diejenigen, die Vietnam während des Krieges kennen gelernt
haben, ist es fast unheimlich, wie altvertraut der Zirkus ist. In einer
Bar an der Ecke der Straße »Duong Chien Thang B-52« (Allee des
Sieges über die B-52) saß Joe, ein ehemaliger Hubschrauberpilot, der
jetzt eine Flotte von Businessjets unterhält, mit denen USamerikanische Geschäftsleute von Firmen, die zum großen Teil viel
Geld am Krieg verdient haben, eingeflogen werden. Ganz in der
Nähe hat eine der Säulen des Krieges, die Bank of America, ihre
neuen Büros. Als dort eines Abends die Alarmsirene schrillte, liefen
die Leute staunend zusammen und wollten wissen, was los sei. Sie
wussten es nicht, weil in Hanoi niemand eine Bank ausraubt. Noch
nicht.
Die Teestube auf der anderen Straßenseite ist in »No Noodles
Sandwich Bar« umbenannt worden. Die Wände sind mit MarlboroPostern tapeziert, die alte Frau, die durch den Perlenvorhang hin
und her eilt, trägt eine rote Marlboro-Kappe, und ihr T-Shirt zierte
ein Bild des Marlboro-Mannes. Sie hat praktisch über Nacht ihre
Würde verloren: ein mahnendes Symbol für ihr Land.
Marlboro und Dunhill haben ein Land erobert, in dem die Mehrheit der Bevölkerung zu rauchen scheint. Ausländische Tabakfirmen
gehörten zu den Ersten, die zurückgekehrt sind, und sie vertreiben
hier Zigaretten mit hohem Teergehalt. Die Marlboro-Werbung
konzentriert sich auf das »Macho-Image« der Marke, das im Westen
schon lange in Verruf geraten ist. An Stelle des Cowboys mit der
Zigarette im Mundwinkel, dessen Darsteller an Lungenkrebs
gestorben ist, sieht man nun muskelbepackte, von Frauen
umschwärmte Jünglinge, während die realen jungen Männer des
Landes mit mageren Armen und verfaulten Zähnen und roten
Kappen, die ihnen zu groß sind, auf Leihmopeds herumfahren und
mit Zigaretten dafür bezahlt werden, dass sie den Teestuben
Marlboros verkaufen. So sieht die Wirklichkeit dessen aus, die man
hier als »Erneuerung« bezeichnet.
***
Die Politik der »Erneuerung« oder Doi Moi entstand aus einer Situation der Ausweglosigkeit heraus. Hatte der Krieg selbst schon verheerende Schäden im Land angerichtet, so sollte sich die Lage in den
Jahren nach dem 1973 in Paris unterzeichneten Waffenstillstand, der
den Worten Henry Kissingers zufolge einen »Frieden in Ehren«
herbeiführen würde, noch verschlimmern.
Zu den Eckpunkten des Waffenstillstandsabkommens gehörten
Reparationszahlungen von 3,25 Milliarden Dollar, die Pham Van
Dong, dem Ministerpräsidenten der Demokratischen Republik
Vietnam (Nordvietnam), in einem geheimen Schreiben von Präsident
Nixons zugesagt wurden. Von der Existenz dieses am 1. Februar
1973 unterzeichneten Dokuments wurde erst zwei Jahre später etwas
bekannt, als es einer Gruppe US-amerikanischer Kongressabgeordneter präsentiert wurde, die nach dem offiziellen Kriegsende
Vietnam besuchten.
Das Außenministerium bestätigte seine Echtheit. Auf acht eng beschriebenen Seiten waren die Einzelheiten der amerikanischen »Hilfe
zum Wiederaufbau« festgelegt. Der größte Teil des Geldes sollte USFirmen zufließen, die sich am Bau von Industrieanlagen und am
Wiederaufbau von zerbombten Brücken, Eisenbahnlinien, Dämmen
und Hafenanlagen beteiligten. Ein hoher Beamter in Hanoi sagte
mir: »Uns war klar, dass wir ohne dieses Minimalkapital nie in der
Lage gewesen wären, das Land wieder aufzubauen und uns unsere
Unabhängigkeit zu bewahren.«
Kein Cent des versprochenen Geldes wurde bezahlt. Am 30. April
1975, dem letzten Tag des Krieges, fror die US-Bundesbank
vietnamesische Guthaben im Wert von 70 Millionen US-Dollar ein.
Zwei Wochen später stufte das Handelsministerium Vietnam als
Land der »Kategorie Z« ein, so dass von nun an alle Exporte vom
Außenministerium genehmigt werden mussten. Das galt auch für
die Tochterunternehmen amerikanischer Firmen im Ausland. Die
Weltbank gab klein bei und verzichtete auf die Finanzierung einer
Bewässerungsanlage, mit deren Hilfe die Nahrungsmittelproduktion
hätte gesteigert werden können.
Von 1981 an durften Hilfsorganisationen unter Berufung auf den
»Trading with the Enemy Act«, ein aus Zeiten des Ersten Weltkriegs
stammendes Gesetz, kein Land Indochinas mehr mit Hilfsgütern beliefern, weder Vietnam noch Kambodscha oder Laos. Zu den ersten
vom Verbot betroffenen Hilfsprogrammen gehörten zwei Projekte,
die der US-amerikanische Zweig von Oxfam für die Menschen in
Vietnam in die Wege geleitet hatte: eine bescheidene Ausrüstung zur
Verarbeitung und Lagerung von Saatgut für eine landwirtschaftliche
Kooperative sowie der Aufbau einer kleinen Bienenzüchter-
kooperative, die Honig als Nahrungsergänzung für Vorschulkinder
produzieren sollte.
Vergeltung war das Motto einer Politik, der sich Washingtons Verbündete bald anschlossen. 1979 machte Margaret Thatcher, gerade
frisch ins Amt gewählt, ihren Einfluss in der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft geltend und erreichte, dass die bis dahin regelmäßig erfolgten Aliichlieferungen für vietnamesische Kinder eingestellt wurden. Daraufhin stieg in Vietnam der Preis für ein Kilo
Milchpulver auf das Zehnfache dessen, was ein Kilo Fleisch kostete.
Schon 1975 und 1978 hatte ich sowohl in den Städten als auch auf
dem Land Kinder mit streichholzdürren Armen und Beinen und
aufgeblähten Hungerbäuchen gesehen. Nach dem Milchembargo
verschlechterte sich die Lage so dramatisch, dass nach Berichten der
Weltgesundheitsorganisation ein Drittel der Kinder unter fünf
Jahren unter Entwicklungsstörungen litten und unverhältnismäßig
viele Kleinkinder wegen Vitamin A-Mangels zu erblinden drohten.11
In Hongai, der kleinen Bergwerksstadt im Golf von Tonking, von
der hier schon einmal die Rede war und die für sich die zweifelhafte
Ehre in Anspruch nehmen kann, die meistbombardierte Stadt Vietnams zu sein, erfuhr ich von der Kinderärztin Luu Van Hoat, dass
zehn Prozent der Kinder taub sind. »Sie verloren während der
Luftangriffe das Gehör«, sagte sie, »aber sie haben immerhin
überlebt. Das war ein Zeichen der Hoffnung für uns. Jetzt stirbt die
nächste Generation an Unterernährung. Es ist ganz einfach: Kinder
brauchen Milch zum Leben, und wir haben keine.«
Gegen keinen ihrer Erzfeinde hat die US-Regierung ein so weit
reichendes Embargo verhängt, nicht einmal gegen Kuba. »Wir haben
das Land in Stücke geschlagen«, schreibt Telford Taylor, der USChefankläger der Nürnberger Prozesse, »und machen uns nicht
einmal die Mühe, das Blut und die Trümmer zu beseitigen.
Irgendwie haben wir die Lektion, die wir in Nürnberg erteilen
wollten, selbst nicht gelernt.«12
1978 schien es, als zeichne sich ein Hoffnungsstreifen am Horizont
ab. Die vietnamesische Regierung bemühte sich bei Präsident Carter
um eine »Normalisierung« der Beziehungen. Sie knüpfte keinerlei
Bedingungen daran und erwähnte auch die von Nixon in Aussicht
gestellten 3,25 Milliarden Dollar Aufbauhilfe nicht. Der damalige
Außenminister Nguyen Co Thach, ein freundlicher und
umgänglicher Mann, reiste nach New York und wartete in seinem
Zimmer im Holiday Inn an der 42. Straße eine Woche lang auf den
versprochenen Anruf von Staatssekretär Richard Holbrooke.
»Er hatte mir eine ›historische Versöhnung‹ angekündigt«, erfuhr
ich in einem Gespräch mit Thach. »Das waren seine Worte. Aber
nichts tat sich. Ich habe vergeblich auf seinen Anruf gewartet.
Andere Entwicklungen traten in den Vordergrund. In diesem
Sommer galt China das ganze Interesse Washingtons. Deng Xiaoping
hatte die Vereinigten Staaten besucht und sich einen Cowboyhut
aufgesetzt. Keiner schien sich daran zu stören, dass China Pol Pots
Regime in Kambodscha unterstützte, dessen Truppen unser Land
seit mehr als einem Jahr tyrannisierten. Im Gegenteil, als wir
Weihnachten 1978 zum Gegenschlag ausholten und die Roten
Khmer nach Thailand zurückdrängten, waren wir für die neuen
Verbündeten China und Amerika plötzlich die Parias.«
Im Januar 1979 überschritten chinesische Truppen die Nordgrenze
Vietnams. An diesem massiven Angriff waren 600000 Soldaten beteiligt – mehr als die Vereinigten Staaten im ganzen Vietnamkrieg aufgeboten hatten. China, so verkündete Radio Peking, »erteilt Vietnam
eine Lektion«. Bevor die Invasoren wieder aus dem Land vertrieben
werden konnten, hatten sie Deiche und Kanäle zerstört, die den
amerikanischen Luftangriffen getrotzt hatten, und fast die gesamten
Reisvorräte des Landes vernichtet.
Je tiefer das Land in die Isolation geriet, umso stärker machte sich
bei der kommunistischen Parteiführung in Hanoi das Gefühl breit,
sich im Belagerungszustand zu befinden. Die US-Regierung unter
Ronald Reagan tat, indem sie Vietnam zum Aggressor erklärte, ihr
Möglichstes, die »gerechte Sache« in Indochina nachträglich zu
rechtfertigen. Auf Betreiben der Vereinigten Staaten, ihrer westlichen
Verbündeten und Chinas verhängten die Vereinten Nationen ein
Embargo gegen Kambodscha, nachdem vietnamesische Truppen die
Hauptstadt eingenommen und Pol Pot mit seinen Roten Khmer vertrieben hatten. Vor den Vereinten Nationen und anderen
internationalen Organisationen wie der Weltgesundheitsorganisation traten Pol Pots Leute nach wie vor als Repräsentanten ihrer
eigenen Opfer auf. Die Amerikaner Linda Mason und Roger Brown,
die als Mitarbeiter einer Hilfsorganisation an der thailändischen
Grenze eingesetzt waren, bemerkten dazu: »Die US-Regierung
verlangte, dass die Roten Khmer Nahrungsmittel erhielten. ... Sie
sollten durch die Glaubwürdigkeit eines international anerkannten
Hilfsprogramms Rückendeckung für ihre Operationen erhalten.«13
So lieferte das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen
auf Drängen der USA Nahrungsmittel im Wert von zwölf Millionen
Dollar an die thailändische Armee, die diese an die Roten Khmer
weiterleiten sollte. Nach Aussage Holbrookes kamen »20000 bis
40000 Leute der Pol-Pot-Guerilla« in den Genuss dieser
Hilfeleistung.14
Je länger die Anwesenheit der vietnamesischen Truppen in Kambodscha vonnöten war, um eine Rückkehr Pol Pots zur Macht zu
verhindern, umso unerträglicher wurde der Druck auf die vom
Krieg ausgezehrte Wirtschaft Vietnams. Für viele Vietnamesen war
dies wieder eine bittere Zeit des Hungerns, der Unterdrückung und
Entbehrungen. Zwar konnten Hunderttausende von Kriegsflüchtlingen in ihre wieder aufgebauten Dörfer zurückkehren, aber
gleichzeitig füllten sich die harten »Umerziehungslager« nicht nur
mit den ehemaligen Soldaten und Beamten der Saigoner Regierung,
sondern auch mit Menschen, die für keine der beiden Seiten einen
Fahneneid geleistet hatten. Gemeinsam fanden sie sich im
vietnamesischen Gulag wieder.
Die persönliche Freiheit des Einzelnen war jetzt von seiner
Stellung in der Kommunistischen Partei abhängig. Die Enteigneten
flüchteten zu Tausenden in Booten über das Meer, viele von ihnen
Vietnamesen chinesischer Herkunft, die nach der chinesischen
Invasion Angst vor Verfolgung hatten. Ihnen folgten verarmte
Bauern aus dem Norden. Die Regierung in Hanoi hatte zwar einem
Programm der geordneten Auswanderung zugestimmt, aber das
war ohne Unterstützung der Vereinigten Staaten kaum zu
bewerkstelligen.
Innerparteiliche Kritik und öffentliche Proteste gegen Versorgungsmängel und steigende Preise führten 1986 dazu, dass die alte
Garde im Politbüro ihre Machtstellung, die sie 40 Jahre lang innegehabt hatte, aufgab und einer relativ jungen Führungsschicht Platz
machte. Neuer Generalsekretär der KPV wurde der ehemalige Befehlshaber der Nationalen Befreiungsfront Nguyen Van Linh, der zu
den Reformkräften seiner Partei zählte und auch als
»vietnamesischer Gorbatschow« bezeichnet wird. Linh, der wenige
Jahre zuvor noch aus dem Politbüro abgewählt worden war, weil er
sich gegen eine schnelle »Sozialisierung« des Südens ausgesprochen
hatte, betrachtete sich selbst als »Pragmatiker«.
Im Dezember 1986 kündigte die neue Parteispitze auf dem 6.
Parteitag der KPV unter dem Namen Doi Moi, also »Erneuerung«,
radikale wirtschaftliche und gesellschaftliche Reformen an. Das
Bekenntnis zur »freien Marktwirtschaft« wurde als Schlüssel zur
Beendigung des westlichen Embargos angesehen. Nunmehr sahen
die Parteirichtlinien vor, dass »alle Bürger des Landes und alle
Parteimitglieder danach streben sollen, Wohlstand für sich und ihr
Land zu erarbeiten und so zum wirtschaftlichen Wachstum
beizutragen«. Das aber, so der besorgte Zusatz, werde
»möglicherweise zu einer Kluft zwischen Arm und Reich fuhren«,
die dazu angetan sei, »den sozialen Frieden des Landes zu
gefährden«, wenn sie nicht in Schranken gehalten würde.15 Innerhalb
von zwei Jahren eröffneten die Weltbank, der Internationale
Währungsfonds und die Asian Development Bank Büros in Hanoi.
Investoren aus Europa, Japan, Korea, Singapur und anderen
südostasiatischen Staaten folgten ihrem Beispiel. Allzu verlockend
war die »Beute«, wie Richard Nixon die südostasiatischen Länder
gern zu bezeichnen pflegte: die im Überfluss vorhandenen
natürlichen Ressourcen an Kohle, Öl, Gas und Holz. Amerikanische
Firmen, die per Gesetz noch immer keine Handelsbeziehungen zu
Vietnam aufnehmen durften, übten so lange Druck auf das Weiße
Haus aus, bis Präsident Clinton 1994 das Embargo aufhob. Drei
Jahre später trat der erste US-Botschafter seit Kriegsende sein Amt in
Hanoi an. »Die Vereinigten Staaten«, so verkündete er, »werden das
ihre dazu beitragen, dass der Staat Vietnam ein voll integriertes
Mitglied dieser dynamischen Region wird.«16
***
Alfonso L. DeMatteis aus dem New Yorker Stadtteil Brooklyn ist der
Gründer der US-amerikanischen Handelskammer in Hanoi. Als ich
mich mit ihm traf, ließ er sich, vor einer eingerollten US-Flagge sitzend, über die Frage aus, warum in Vietnam niemand einen Groll
gegen ihn zu hegen schien. Er erinnerte mich an den alten
Hollywood-Komiker Jerry Lewis, nur hatte seine gutmütige Einfalt
ihre Grenzen. Vor ihm auf dem Schreibtisch lag ein Brief an
irgendein Ministerium, in dem er gegen den geplanten Bau eines
Museums zum Gedenken an die amerikanischen Luftangriffe gegen
Hanoi protestierte.
DeMatteis hatte vor allem in Saudi-Arabien ein Vermögen in der
Bauindustrie verdient und sein Betätigungsfeld nun nach Vietnam
verlegt. Nach einer sehr herzlichen Begrüßung war es ihm ein
Anliegen, über Mutter Teresa zu sprechen. »Sie war kürzlich in der
Stadt«, schwärmte er, »und hat mich sogar hier in meinem Büro
besucht. Wir haben uns zusammen vor der [amerikanischen] Flagge
fotografieren lassen.« Er zeigte mir eine Pressemitteilung, die über
die Einzelheiten des Besuchs von Mutter Teresa informierte und
auch nicht zu erwähnen vergaß, welche Gastfreundschaft ihre
Ordensschwestern durch seine Firma erfahren hatten.
Danach erzählte er mir von seinen Plänen für den Bau eines 15-stöckigen Hochhauses am Ho-Tay-See im Westen Hanois. Am malerischen Ufer dieses Sees, der auch Nebelsee genannt wird, standen
früher einmal herrliche Pagoden und Pavillons. Um den See ranken
sich zahlreiche Legenden, vom Drachenkönig beispielsweise und
von einer Glocke, deren Klang, wenn sie geläutet wird, bis nach
China zu hören ist. Ein paar Pagoden ragen auch heute noch
inmitten von Mönchsgräbern aus dem 12. Jahrhundert aus dem
Nebel.
Hierher kommen die Leute abends und an den Wochenenden auf
ihren Fahrrädern und nehmen dazu den langen Weg über die holprigen Straßen in Kauf, die sich an den Deichen des Roten Flusses entlangziehen. An Sonntagen rudern sie in einem der alten
Klinkerboote, die hier vermietet werden, auf den See hinaus und
suchen sich da, wo demnächst DeMatteis' Hochhaus und andere
Privatgebäude stehen werden, ein lauschiges Plätzchen zum
Picknicken.
»Wir werden da auch einen Fitnessclub und eine Joggingstrecke
haben«, erklärte mir DeMatteis. »Zum Glück haben wir frühzeitig
zugeschlagen. Mittlerweile sind die besten Bauplätze vergeben.«
»Ist das dann auch alles für die Vietnamesen selber?«
»In Anbetracht der Tatsache, dass die Mieten nicht gerade niedrig
sind – eher nicht, John.«
»Ist es nicht ein Witz«, warf ich ein, »dass die Fremden, gegen die
sich Vietnam ein Jahrhundert lang erfolgreich zur Wehr gesetzt hat,
die Franzosen, die Japaner und die Amerikaner, jetzt mit anderen
Mitteln das gewinnen, was sie durch Kriege nicht erreichen
konnten?«
»Ich verstehe nicht ganz.«
»Na ja, ihr seid alle wieder da ...«
»Das sind wir allerdings!«
»Und es könnte gut sein, dass euch bald alles hier gehört.«
»Wissen Sie, so habe ich es nie betrachtet. Danke, John.«
Peter Purcell ist das australische Pendant von DeMatteis. Als wir
miteinander sprachen, baute er gerade den Hanoi-Club, dessen Mitgliedsbeitrag bei 6500 bis 15000 US-Dollar jährlich liegt, und der, wie
er erläuterte, »nur erfolgreich sein kann, wenn er exklusiv ist«. »Ich
hasse den Kommunismus«, erklärte er, »aber der Sozialismus, wie
wir ihn hier haben, ist genau das Richtige.«
Zur Veranschaulichung seiner Worte erläuterte er mir, wie er aus
einem Startkapital von 14 Millionen US-Dollar schon jetzt 50 Millionen gemacht hatte, und er besaß immer noch einen freien Bauplatz.
Dann erzählte er mir die Geschichte eines hohen vietnamesischen
Regierungsbeamten, der ihn im Vertrauen gebeten hatte, ihm den
Aktienmarkt zu erklären, und setzte hinzu: »Sie sind im Begriff, sich
abzocken zu lassen, aber das gehört zu dem unumgänglichen
Lernprozess, der sie zur schönen Welt des Kapitalismus hinführt.«
Ein Wirtschaftsexperte der Weltbank namens David Dollar sah
Vietnam auf dem besten Wege, sich zum nächsten »Tigerstaat« zu
mausern. »Sie haben mit den notwendigen Reformen einen guten
Start hingelegt«, schrieb er.17 Die Parameter dieser »notwendigen Reformen« wurden 1993 auf einer Gläubigerkonferenz des Pariser
Clubs festgelegt, dem die reichsten westlichen Länder und Japan
angehören, die ausbeutungsfähigen Staaten ihre »Hilfe« gewähren.
Unter der Voraussetzung, dass sich das Land »dem freien Markt
öffnen« würde, stellte der Club den Vietnamesen insgesamt 1,8 Milliarden Pfund an »Zuschüssen« und Krediten in Aussicht. Allerdings
müssten sie dann die Staatswirtschaft »zurückschrauben« und ihre
staatlichen Unternehmen schließen oder in Jointventures mit ausländischen Firmen umwandeln.
Das würde für Zehntausende, die im öffentlichen Dienst
beschäftigt sind, den Verlust ihres Arbeitsplatzes bedeuten. Für den
vorbildlichen Gesundheitsdienst und das für die Dritte Welt
beispielhafte Bildungssystem wäre kein Platz mehr. An ihre Stelle
sollten »soziale Sicherungssysteme« treten, deren Leistungsfähigkeit
allein vom »makroökonomischen Wachstum« abhängen würde.
Ausländischen Investoren müssten fünf Jahre Steuerfreiheit und
»wettbewerbsfähige« (billige) Arbeitskräfte in Aussicht gestellt
werden. Und bevor all das in die Tat umgesetzt werden könnte,
sollte Hanoi die Schulden des zusammengebrochenen Saigoner
Regimes begleichen, also im Klartext die vom Feind
aufgenommenen Kredite abbezahlen, die zur Finanzierung des USKrieges herangezogen worden waren.
So bot man den Vietnamesen schließlich die Mitgliedschaft in der
»internationalen Gemeinschaft« an, sofern sie nur bereit waren, ein
Gesellschaftssystem zu etablieren, das auf der Kluft zwischen Arm
und Reich und auf der Ausbeutung der Arbeitskraft beruhte und in
dem soziale Errungenschaften nichts mehr galten: genau das
fremdbestimmte System also, das abzuschütteln sie so viele Opfer
gekostet hatte. Es sieht so aus, schrieb Gabriel Kolko in seinem
Standardwerk Vietnam: Anatomy of a War, als habe der Vietnamkrieg
nur ein Ergebnis gehabt: »die Niederlage aller, die in ihm gekämpft
haben – und eine der größten Tragödien der heutigen Zeit«.18
Kolko war einer der wenigen, die Alarm geschlagen haben. In Viet
nam: Anatomy of a Peace, seinem nächsten Buch, wies er daraufhin,
dass die Reformpolitik innerhalb weniger Jahre das hohe Maß an
sozialer Gerechtigkeit, das in Vietnam bei Kriegsende erreicht war,
zunichte gemacht und eine Klassengesellschaft hervorgebracht hat,
in der sich der Besitz stärker auf einige wenige konzentriert als in
Indien, den Vereinigten Staaten und Großbritannien unter
Thatcher.19
1994 schrieb der kanadische Wirtschaftswissenschaftler Michel
Chossudovsky, der sich mit den Problemen der Dritten Welt bestens
auskennt: »Die hart erkämpften Errungenschaften und Hoffnungen
einer ganzen Nation werden zerschlagen und zunichte gemacht. ...
Nicht durch Agent Orange, Splitterbomben, Napalm und giftige
Chemikalien: Wir sind in eine neue Phase der wirtschaftlichen und
sozialen (nicht der physischen) Zerstörung eingetreten. Die
scheinbar neutralen und wissenschaftlichen Instrumente der
Makroökonomie sind ein gewaltfreies Mittel zur Kolonialisierung
und Ausbeutung.«20
Weltbank, Internationaler Währungsfonds und Asian Development Bank wachen gemeinsam darüber, dass die »Reformen« auch
verwirklicht werden. Als Erstes setzte die Weltbank eine Reform der
Landgesetze durch, wovon zwei Drittel der vietnamesischen
Bevölkerung betroffen waren. Die Subsistenzwirtschaft, die den
Eigenbedarf der Menschen einigermaßen deckte, wird im Zuge der
»Integration Vietnams in die dynamische Region« zunehmend vom
kommerziellen und exportorientierten Anbau verdrängt.
Den ländlichen Kooperativen, die auch für Schulen, Schwangerenvorsorge und die Lagerung von Notvorräten in ihrem Bezirk
zuständig sind, geht allmählich die Luft aus, für sie ist in dem neuen
Wirtschaftssystem kein Platz mehr. Aus Gründen der
»Wettbewerbsfähigkeit« ist Reis, das Grundnahrungsmittel für mehr
als 70 Millionen Menschen, heute dem ausbeuterischen Diktat des
Weltmarkts unterworfen und wird unterhalb des Weltmarktpreises
verkauft. Wenn die Weltbank den »Reisüberschuss« lobt, den
Vietnam für den Export produziert, verbirgt sich dahinter auch ein
stillschweigendes Inkaufnehmen der Tatsache, dass die Menschen
im Land wieder Hunger leiden.
Konnten die Bauern früher zinslose Darlehen vom Staat in Anspruch nehmen, wenn sie in Not gerieten, so müssen sie sich nun an
private Geldverleiher wenden, die einst bei der Landbevölkerung so
gefürchteten Wucherer. Das System hatten die Franzosen eingeführt
und die Menschen damit in eine Abhängigkeit getrieben, die an
Leibeigenschaft grenzte. In ihrem Bericht Viet Nam: Transition to the
Market begrüßte die Weltbank diese Entwicklung mit der
Begründung, sie werde zu den gewünschten Effekten einer
»größeren Konzentration von Landbesitz bei gleichzeitigem Mangel
an frei verfügbarem Land« (also zu freigesetzten Arbeitskräften)
führen.21 Zu den Reformen, die folgten, gehört die Abschaffung des
staatlichen Rentensystems und der sozialen Absicherung von
Kranken, Behinderten, Witwen, Waisen und Kriegsveteranen.
Nach sieben Jahren »Restrukturierung« hat die Armut im Land
selbst nach Schätzungen der Weltbank beträchtlich zugenommen:
Bis zu 70 Prozent der Bevölkerung leben in »absoluter Armut«. 50
Prozent der Erwachsenen nehmen täglich deutlich weniger als 2100
Kalorien zu sich, und 50 Prozent aller Kinder sind schwer
unterernährt.22 Mindestens eine Million Menschen, viele von ihnen
im Gesundheitswesen Beschäftigte, haben ihre Arbeit verloren. Die
Weltbank wusste Abhilfe für das Problem: Man sollte sie ebenso wie
die von ihrem Land vertriebenen Bauern als »ungelernte Arbeiter zu
Niedriglöhnen« einstellen. (Im Entwurf dieses Berichts, den ich in
den Büros der Weltbank in Hanoi einsehen konnte, hatte jemand mit
Bleistift am Rand vermerkt, die von den Beratern des
Weltentwicklungsprogramms vorgeschlagene Entlohnung sei »so
niedrig, dass man nur von Sklavenarbeit sprechen« könne.)23
Seit Inkrafttreten der »Reformen«, so der Bericht der Weltbank,
gibt es »proportional mehr Kinder, die an Untergewicht und Wachstumsstörungen leiden, als in jedem anderen Land Süd- und Südostasiens mit Ausnahme von Bangladesch. ... Das Ausmaß der Wachstumsstörungen und Mangelerscheinungen bei Kindern hat offenbar
gravierend zugenommen.« Bedauerlicherweise »wird sich das
Problem des Nahrungsmittelmangels in den unterversorgten
Gebieten nicht über Nacht auflösen, weil die Verbraucher dort nicht
über die Kaufkraft verfügen, um den Preis zu bezahlen, den die
Produzenten in den Überschussregionen für ihr Getreide erzielen.
Für sie ist es in der Tat finanziell lohnender, den Reis ins Ausland zu
verkaufen, als ihn in den unterversorgten Gebieten im eigenen Land
anzubieten. Zugegebenermaßen kann sich die Nahrungsmittelversorgung in den Mangelgebieten durch die Expansion des
privaten Getreidehandels anfangs verschlechtern, ehe eine positive
Entwicklung einsetzt.« Die »Konsumenten, die über keine Kaufkraft
verfugen«, müssen, mit anderen Worten, leider hungern.24
In den Büros der Weltbank in Hanoi traf ich den Wirtschaftsexperten und Asienkenner Bradley Babson, der sich, auf das Problem angesprochen, sehr anerkennend über die »geistige Unabhängigkeit«
äußerte, mit der die Vietnamesen ihre »echten sozialen Errungenschaften« verteidigten. Er war im Übrigen auch ausgesprochen freimütig: »Man muss wohl gerechterweise zugeben, dass es in Vietnam
früher ein höheres Maß an Gleichberechtigung gab als in vielen anderen Ländern und dass die für das wirtschaftliche Wachstum notwendigen Reformen eine größere Ungleichheit mit sich bringen werden.«
Michel Chossudovsky zufolge »sind die Reformen mit der verborgenen Absicht verbunden, das industrielle Fundament Vietnams zu
destabilisieren: Eisen-, Öl-, Gas-, Erzindustrie und Bergbau, Zementund Stahlproduktion sollen unter der Federführung japanischer
Großkonzerne umstrukturiert und von ausländischem Kapital
übernommen werden. ... Ziel ist die Wiedereingliederung Vietnams
in die japanische Einflusssphäre, ein Plan, der an die Zeit des
Zweiten Weltkriegs erinnert, als Vietnam Teil des mit dem Namen
›Greater East Asia CoProsperity Sphere‹ verbrämten Herrschaftsbereichs der Japaner war.«25
Achtzig Prozent der Kredite für Investitionsprojekte und
Infrastruktur werden von japanischem Kapital gehalten, und der USDollar hat den Dong ersetzte, so dass die US-Notenbank praktisch
den Geld-fluss kontrolliert. Singapur zieht die Fäden auf dem
Immobilienmarkt, Taiwan und Korea teilen sich das Geschäft mit
den »steuerfreien Produkten« ausbeuterischer Handwerksbetriebe.
Und auch Franzosen und Australier kommen, dicht gefolgt von den
Briten, ganz gut auf ihre Kosten.
1995 tauchte der damalige britische Finanzminister Kenneth Clark
mit einem Gefolge britischer Geschäftsleute in Hanoi auf, im Gepäck
eine Expertise des Ministeriums für Wirtschaft und Handel, in der
geradezu ekstatisch das Loblied der billigen Arbeitskräfte gesungen
wurde. »Die Arbeitslöhne liegen teilweise nicht höher als bei 35
Dollar im Monat«, hieß es da und weiter: »Die Vietnamesen könnten
eine neue Heimat für kränkelnde britische Industrieprodukte bieten.
Denken Sie zukunftsorientiert, machen Sie sich Vietnams Schwächen
zunutze. In Vietnam stehen Ihnen alle Türen offen, nutzen Sie die
Vorteile des niedrigen Lebensstandards und der niedrigen Löhne.«26
Als ich das Papier Nguyen Xuan Oanh, Wirtschaftsberater der Regierung Vo Van Kiet, vorlegte, erklärte er: »Wir haben keine billigen,
sondern preiswerte Arbeitskräfte, so würde ich es nennen. Das macht
uns auf dem internationalen Markt wettbewerbsfähig.« Dann ließ er
sich wortreich über Wachstumsraten, Steuerbefreiungen, Abbau der
Sozialausgaben und die anderen Götzen des IWF aus.
Der Mann blickt auf eine interessante Karriere zurück: Nicht nur
war er der Architekt des vietnamesischen »Marktsozialismus«, wie
er es nannte, sondern er hatte auch schon der alten Saigoner
Regierung als stellvertretender Ministerpräsident gedient. Als er bei
Kriegsende verhaftet wurde, prophezeite er den Kommunisten, dass
sie ihn eines Tages noch brauchen würden, und tatsächlich erwies er
sich, biegsam wie ein Schilfhalm im Wind, als wahrer
Überlebenskünstler. In den 90er Jahren bot er ausländischen
Geschäftsleuten in seinem Saigoner Büro, elegant ausgestattet mit
schwarzen Ledersesseln und fernbedienter Klimaanlage, seine
persönlichen Beraterdienste für ihren Eintritt ins »Paradies der
Investoren« an.
»Das Regime, dem Sie früher gedient haben, war ziemlich korrupt,
nicht wahr?«, fragte ich ihn.
»Wir hatten einen schlechten Verwaltungsapparat«, entgegnete er.
»Es verdiente am Schwarzmarkt, an Drogen, Prostitution und am
Krieg.«
»Er war nicht gut...«
»Sie waren die Nummer Zwei...«
»Ich habe mein Bestes getan, konnte aber wenig ausrichten.«
»Sind Sie nicht im Begriff, wieder das gleiche Regierungssystem
aufzubauen?«
»Nein, wir schaffen eine harmonische Verbindung aus Sozialismus
und Kapitalismus. Wenn man die Tür öffnet, um frischen Wind hereinzulassen,
wird
zwangsläufig
auch
der
Staub
mit
hereingewirbelt.«
»Ist das ein altes vietnamesisches Sprichwort?«
Gelächter.
»Ich habe gehört, dass Margaret Thatcher ein großes Vorbild für
Sie war.«
»Wir haben einiges von ihr gelernt, aber der Weg, den wir
einschlagen, ist eindeutig vietnamesisch.«
»Die Vietnamesen haben die Franzosen zum Teufel gejagt, weil sie
die Menschen hier zwangen, für einen Hungerlohn in ausländischen
Fabriken zu arbeiten. Passiert nicht zur Zeit das Gleiche wieder?«
»Ich sagte Ihnen doch, dass die Arbeitskräfte bei uns lediglich
preiswert sind ...«
Menschen wie Nguyen Xuan Oanh, David Dollar und Bradley
Babson präsentieren der Welt Vietnam als nächsten Tigerstaat, aber
Tatsache ist, dass sich die derzeitigen Tigerstaaten Südkorea,
Hongkong, Singapur und Malaysia, denen allmählich die Luft
ausgeht, weil ihre Aktienmärkte zusammenbrechen und ihre
Währungskurse verfallen, alles andere wünschen als einen
Konkurrenten von der Größe Vietnams. So wird es
daraufhinauslaufen, dass Vietnam allenfalls als Wirtschaftskolonie
Japans und der westlichen Industrienationen in die Riege der
Tigerstaaten aufgenommen wird.
Besonders drastisch zeigt sich dies in den so genannten Exporthandelszonen (EPZ). Eine dieser Zonen nennt sich »Saigon Süd – eine
Schöne Neue Welt«. Sie liegt am gerodeten Ufer des Saigon-Flusses
und ist im Besitz eines taiwanesischen Konzerns. Als ich die Produktionsstätten besichtigte, stellte ich erschüttert fest, wie sehr das Bild,
das sich mir dort bot, an alte Fotografien aus den Baumwollspinnereien in Lancashire erinnerte. An antiquierten, aus China
importierten WebStühlen, an denen Handtücher für den Export
produziert werden, arbeiten vorwiegend jüngere Frauen, die bei
einer Arbeitszeit von täglich zwölf Stunden etwas mehr als 20 Dollar
im Monat verdienen. Wer sein Soll nicht erfüllt, wird entlassen. Das
Soll bestimmt der taiwa-nesische Verwalter, der auch heimlich die
Fäden in den Maschinen markiert. Eine Person bedient jeweils vier
Maschinen. »In Taiwan«, erzählte mir der Verwalter, »werden sechs,
manchmal sogar acht Maschinen von einer Person bedient. Aber die
Vietnamesen machen das nicht mit, sie wehren sich.«
Die Luft war abgestanden und von Baumwollstaub erfüllt, es
herrschte ein ohrenbetäubender Lärm, und Lockenwickler schienen
die einzige Schutzkleidung zu sein, die man hier kannte. Während
meines Besuchs wurde eine der Arbeiterinnen am Auge verletzt.
»Für so etwas haben wir eine Krankenstation«, sagte der Verwalter,
von dem ich wusste, dass er an einer kalifornischen Universität
Betriebswirtschaft studiert hatte. Nach vietnamesischen Gesetzen
hätte eine Fabrik dieser Größenordnung einen Betriebsrat haben
müssen. »So etwas gibt es hier noch nicht«, erfuhr ich von meinem
Gesprächspartner. Mit ihren 100000 Beschäftigten, von denen viele
in Wohnheimen auf dem Gelände leben, ist die Exporthandelszone
Saigon Süd, die über eine eigene Börse, eine Polizei und ein Zollamt
verfügt, eine Art Stadtstaat. »Wir rechnen damit«, meinte der
Verwalter, »dass die vietnamesischen Städte im Laufe der nächsten
100 Jahre alle so aussehen werden wie diese EPZ.«
Le Thi Quy leitet das Zentrum für Frauen- und Familienforschung
in Saigon. Neuerdings beschäftigt sie sich vorrangig mit den Arbeits-
bedingungen in den Exporthandelszonen, denen sie gelegentlich
unangekündigte Besuche abstattet. In einem von der Regierung in
Auftrag gegebenen Bericht bezeichnete sie es als den Normalfall,
dass Frauen an manchen Tagen von sieben Uhr morgens bis neun
Uhr abends arbeiten. »Sie dürfen keine Pausen machen«, schrieb sie,
»und haben eine Stechkarte, mit der überwacht wird, dass sie nicht
mehr als dreimal täglich für jeweils fünf Minuten die Toiletten
besuchen. Einem solchen Druck waren die Leute bisher nicht einmal
in Kriegszeiten ausgesetzt. Das Ganze hat System.« Le Thi Quy
schloss ihren erschütternden Bericht mit einer allgemeinen
Feststellung und einem glühenden Appell:
»Ich muss darauf hinweisen, dass sich unsere Gesellschaft gegenwärtig
besorgniserregend verändert. Die Profitwirtschaft: hat ihre Fallen
ausgelegt. Während im öffentlichen Dienst massenhaft Stellen
gestrichen werden, wird die Familie immer stärker kommerzialisiert.
... Prostitution ist legalisiert worden und nimmt stetig zu.... In der
Marktwirtschaft geht es um Mechanismen. Mir liegt das Wohl der
Menschen am Herzen. Wenn wir Fortschritt nur erzielen können,
indem wir sittliche Werte über Bord werfen, die für die Menschheit so
lange Gültigkeit hatten und mit denen wir die Hoffnung auf Freiheit,
Demokratie und Gleichberechtigung verbinden, dann zerstören wir
die Grundlage dessen, was uns zu einer menschlichen Gemeinschaft
macht. Wer behauptet, dass der Mensch nur materielle Bedürfnisse
habe und der wirtschaftliche Fortschritt darum um jeden Preis
notwendig sei, beleidigt die menschliche Natur selbst. Es reicht nicht,
am Leben zu sein. Der Mensch muss nach vielem streben, um seinem
Leben Sinn zu geben.«27
Würde der Fortschritt nicht am Bruttosozialprodukt gemessen, sondern daran, in welchem Maße eine Gesellschaft die
Grundbedürfnisse ihrer Mitglieder erfüllt, Vietnam wäre ein
Musterbeispiel gewesen. Und das ist auch der wahre Grund, warum
das Land als Bedrohung empfunden wurde. Nach dem
entscheidenden Sieg über die Franzosen bei Dien Bien Phu 1954
versiebenfachte sich im Norden des Landes die Anzahl der Schüler
in Grund- und weiterführenden Schulen bis zum Jahr 1972 von
700000 auf fast fünf Millionen. 1980 lag die Alphabetisierungsrate
der Bevölkerung nach Schätzungen der UNESCO bei 90 Prozent,
und der Anteil der Kinder, die eine Schule besuchten, war höher als
in irgendeinem anderen Land Asiens oder der Dritten Welt.28
Nachdem Bildung und Erziehung nun in Bedarfsgüter umgewandelt
wurden, müssen, so heißt es in der Amtsprache des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen, »die Konsumenten der
Bildungsangebote höhere Beträge entrichten, damit sich die
Institutionen schließlich selbst tragen, und die Privatisierung des
Bildungs- und Ausbildungssektors muss, wo immer dies sinnvoll
erscheint, durch finanzielle Anreize gefördert werden«.29 Lehrer,
sofern sie nicht in »Sozialprojekte« wie die Betreuung von
Jugendbanden zwangsversetzt wurden, mussten mit einer
Gehaltskürzung auf weniger als zehn Dollar pro Monat vorlieb
nehmen. Die meisten Schulen wurden privatisiert, und die Erhebung
von Schulgebühren ist jetzt in der Verfassung festgeschrieben. Bis
1992 fielen schätzungsweise 750000 Kinder aus dem Bildungssystem
heraus, obwohl die Anzahl der Kinder im Schulalter angestiegen
war.30
In einem Dorf im Mekongdelta sitzt eine Frau mit ihrer zwölfjährigen Tochter im Schatten. Die beiden flechten Strandmatten aus Stroh
für den Export. Ein Zwischenhändler zahlt ihnen dafür insgesamt
einen Dollar täglich. Sie arbeiten von fünf Uhr morgens bis fünf Uhr
abends. Vor zehn Jahren gab es im Dorf eine Kooperative, die eine
Grundschule unterhielt. Jetzt, da die Kooperativen abgeschafft sind,
muss das Mädchen diese Fronarbeit leisten, um auch nur das Geld
für ein paar Unterrichtsstunden in der nahe gelegenen Schule zu
verdienen.
Vietnam war früher einmal für sein vorbildliches Gesundheitssystem bekannt. Durch die medizinische Grundversorgung in der
Nähe der Wohn- und Arbeitsstätten war die Lebenserwartung der
Vietnamesen höher als in jedem anderen Entwicklungsland. Impfprogramme sorgten dafür, dass die Epidemien zurückgingen, und
im Gegensatz zu den meisten Ländern der Dritten Welt funktionierte
auch der Schutz vor Krankheiten, die sich präventiv behandeln
lassen. Die Sterblichkeit der Kinder in der kritischen Phase zwischen
Geburt und drittem Lebensjahr lag niedriger als in den meisten
anderen südostasiatischen Ländern.31 Dem Diktat der ausländischen
»Gebergemeinschaft« folgend, hat die vietnamesische Regierung die
direkte Bezuschussung medizinischer Einrichtungen eingestellt.
Medikamente gibt es nur noch für diejenigen, die sie sich auf dem
»freien Markt« kaufen können. Tödliche Krankheiten wie Malaria,
Denguefieber und Cholera sind wieder auf dem Vormarsch.
Die Weltbank kommentiert diese »Kehrseite der Reformen« auf
ihre eigene unnachahmliche Weise. »Trotz beeindruckender Erfolge
in der Vergangenheit«, heißt es in dem Bericht, der sich mit dem
Übergang Vietnams zur Marktwirtschaft befasst, »machen sich im
vietnamesischen Gesundheitssektor derzeit gravierende Probleme
bemerkbar. ... Bei Medikamenten und medizinischem Gerät herrscht
ein gravierender Versorgungsmangel. ... Die Finanzierungssituation
ist so kritisch, dass nicht absehbar ist, woher in Zukunft die Mittel
für die Aufrechterhaltung der Grundversorgung kommen sollen.«32
Während der Weihnachtsbombardements auf Hanoi im Jahr 1972
war das Bach-Mai-Krankenhaus im Stadtzentrum zu einer Art
Widerstandssymbol geworden. Eine Bombe hatte einen Flügel des
Gebäudes samt Krankenstationen und Laboreinrichtungen zerstört;
viele Patienten, Arzte und Angehörige des Pflegepersonals waren
ums Leben gekommen. Einer, der den Angriff überlebt hatte, war
Professor Nguyen Van Xang, ein schmalschultriger Mann, der Ho
Chi Minhs Bruder hätte sein können. In seinem Büro fällt als erstes
eine vergrößerte Fotografie ins Auge, die denselben Raum als
Trümmerlandschaft zeigt. »Als ich das Heulen der Bomben hörte,
das immer näher kam«, erzählte er, »schnappte ich mir die nächsten
Patienten und brachte sie dort drüben unter der Treppe in Sicherheit.
Um uns herum schien alles in sich zusammenzustürzen.«
Mitten in unserer Unterhaltung fiel der Strom aus; der
altersschwache Generator des Krankenhauses versagte wieder
einmal den Dienst, und im gelblichen Dämmerlicht des frühen
Abends zeichnete sich der schmächtige Mann vor mir mit seinem
dünnen Bart wie eine schemenhafte Gestalt in einem Gruselfilm ab.
Die Situation mutete mich wie ein erschütterndes Sinnbild für ein
Land an, das am Ende seiner Kräfte war.
Von Professor Xang erfuhr ich, dass ein Patient nach der Privatisierung der Krankenhäuser bei seiner Aufnahme 7000 Dong (sechs Dollar) Kaution hinterlegen und ein Bettentagegeld von vier Dollar aus
eigener Tasche zahlen muss. Das ist mehr, als sich die meisten Leute
leisten konnten, und so hatte sich der Professor entschlossen, seine
sozialistischen Theorien in die Praxis umzusetzen, indem er jeden
Sonntag in einer Pagode kostenlos Medikamente an Arme verteilte.
»Die Lage ist so ernst«, erklärte er, »dass wir uns keine neuen Filter
für unser einziges Dialysegerät leisten können. Ein Filter kostet 22
Dollar. Wir verwenden die Filter also mehrere Male, was man
eigentlich nicht tun sollte, weil es gefährlich ist. ... Wenn ein Patient
mit Nierenversagen nicht in der Lage ist, ein Viertel der
Behandlungskosten selbst aufzubringen, müssen wir konventionelle
Therapien anwenden, und er stirbt.«
In Saigon stattete ich dem Tu-Du-Krankenhaus für Gynäkologie
und Geburtshilfe einen Besuch ab. Von den Franzosen in den 50er
Jahren erbaut und von den Amerikanern erweitert, zählt es zu den
modernsten Einrichtungen des Landes, was unter den gegebenen
Umständen von Nachteil ist, weil fast die gesamte medizinischtechnische Ausstattung aus den Vereinigten Staaten stammt und seit
1975 keine Ersatzteile mehr geliefert wurden. Das letzte
Beatmungsgerät für Kinder war ein Jahr zuvor kaputt gegangen.
In einem früheren Operationssaal, den die Leute hinter vorgehaltener Hand auch als Gruselkabinett bezeichnen, wird heute die
»Sammlung« aufbewahrt. Hier reihen sich auf den Regalen große
Gläser mit grotesk missgebildeten Föten. In den späten 60er Jahren
hatten die Amerikaner über weiten Teilen Südvietnams – des Landes
also, als dessen Retter sie gekommen waren – Entlaubungsmittel
versprüht. Die Aktion, die unter dem Decknamen »Operation
Hades« und später unter der weniger finsteren Bezeichnung
»Operation Ranch Hand (Ranchhelfer)« durchgeführt wurde, diente
dem Zweck, das dichte Laub zu zerstören, das den Truppen der
Nationalen
Befreiungsfront
Deckung
bot.
Eines
der
Entlaubungsmittel war Agent Orange, das mit hochgiftigem Dioxin
verunreinigt war. Dioxin kann zum Absterben von Feten, zu
Fehlgeburten, Genschädigungen, Geburtsfehlern und Krebserkrankungen führen.
Ab 1970 war in den Vereinigten Staaten die Verwendung von Dioxin in der Landwirtschaft per Gesetz verboten, aber es wurde
weiterhin in Vietnam versprüht, wo sich bestimmte Missbildungen
zu häufen begannen: Kinder, die ohne Augen, mit Herzfehler,
verkümmertem Gehirn oder rudimentären Gliedmaßen geboren
wurden. Ich habe einige dieser Kinder in den Dörfern des
Mekongdeltas gesehen; und immer, wenn ich Fragen nach der
Ursache stellte, deuteten die Leute zum Himmel. Ein Mann
zeichnete das ziemlich gut erkennbare Bild einer bulligen C-130Maschine im Sprüheinsatz in die lockere Erde.
In einem Bericht an den US-Senat wies Senator Gaylord Nelson im
August desselben Jahres darauf hin, dass sich »die Menge der
giftigen Chemikalien, die die USA [in Südvietnam] abgeworfen
haben, umgerechnet auf sechs Pfund pro Kopf der
Gesamtbevölkerung einschließlich Kinder und Frauen« belief.33 Als
Douglas Peterson, der erste US-Botschafter in Vietnam seit
Kriegsende, behauptete, man wisse »nichts Genaues über die
Auswirkungen von Agent Orange«, widersprach ihm der Leiter der
Kommission zur Untersuchung von Kriegsverbrechen Vu Trong
Huong: »Wir haben mehr als 50 000 Kinder, die mit schwersten
Missbildungen geboren wurden; die Verbindung liegt auf der
Hand.«34
Im Tu-Du-Krankenhaus zeigte mir Pham Viet Thanh Säuglinge,
die in Brutkästen lagen. Sie alle wiesen Missbildungen auf, wie man
sie auch bei Contergan-Geschädigten beobachtet hat. »Diese AgentOrange-Kinder gehören bei uns zum Alltag«, erklärte der Arzt. »Von
Zeit zu Zeit häuft sich die Anzahl der Fehlgeburten oder mit
schweren Missbildungen geborenen Kinder aber so sehr, dass uns
die Situation, wie ich leider einräumen muss, über den Kopf
wächst.« In der gynäkologischen Abteilung lagen zu dieser Zeit zwei
Frauen mit Chorionkarzinom, einer krebsartigen Wucherung von
Zellen des ungeborenen Kindes, die im Westen sehr selten
vorkommt. »Wir haben nicht die Ausbildung, um diese Krankheit
behandeln zu können«, meinte Pham Viet Than. »Wir haben uns um
Stipendien in Japan, Deutschland, den Vereinigten Staaten und
Großbritannien bemüht, aber nur ablehnende Bescheide oder gar
keine Antwort bekommen.«
Es drängt sich die Frage auf, warum die vietnamesische Regierung
zulässt, dass die Zukunft ihres Landes wieder einmal
fremdbestimmt wird. Ein Grund ist sicherlich, dass die
Kommunistische Partei Vietnams schon immer weniger ideologisch
motiviert war, als es den Anschein hatte. Ihre Ziele waren
ursprünglich in erster Linie nationalistischer Natur; die
Kommunisten waren anfangs die Einzigen, die sich gegen die
französischen Kolonialherren zur Wehr setzten. Als sie 1954 im
Norden die Macht übernahmen, traten viele Menschen aus
opportunistischen Gründen in die Partei ein. Eine ähnliche Entwicklung fand nach 1975 in Südvietnam statt, wo sich die Bürger von
einer Parteimitgliedschaft ebenfalls mehr Ansehen und Privilegien
versprachen. Ein weiterer Grund könnte darin liegen, dass die Partei
mit ihren streng hierarchischen und wenig demokratischen inneren
Strukturen, wie sie eben kennzeichnend sind für kommunistische
Parteiorganisationen, zwar bestens gerüstet war, sich in einem
langwierigen Krieg zu behaupten, nicht aber, eine Gesellschaft in
Friedenszeiten zu führen und vor Schaden zu bewahren.
Dennoch erfreute sich die Partei beim vietnamesischen Volk anfangs einer ausgesprochen großen Zustimmung. Die Massen, die
hinter ihr standen, »waren ihre Stärke und zwangen sie nicht selten
zu Schritten, die ihre Popularität beim Volk noch steigerten, das
seinerseits bereit war, kolossale Opfer zu bringen«, schrieb Gabriel
Kolko. »So elitär die Führungsmannschaft auch gewesen sein mag,
lag ihr Erfolg als Volkspartei doch in der Tatsache, dass sie den
Bedürfnissen der Bauern Rechnung trug.« Und das, so Kolko, ist
auch die Wurzel des heutigen Verrats, der »diesen Krieg zu einer
monumentalen Tragödie macht, weil die Opfer, die die Bauern,
Kriegsveteranen und wahren Idealisten gebracht haben, letzten
Endes sinnlos waren«.35
Ich kann die Ernüchterung Kolkos verstehen. Andererseits glaube
ich, dass die Entbehrungen, die das vietnamesische Volk in 30
Kriegsjahren und 20 Jahren Isolation gelitten haben, zwangsläufig
dazu führen mussten, dass in diesem wirtschaftlich ruinierten Land
Idealismus und Grundüberzeugungen in den Hintergrund treten
und die Korruption um sich greift. Begünstigt wird dieser Prozess
durch einen Verwaltungsapparat, der hauptsächlich die Interessen
der Parteikader vertritt. Viele Parteifunktionäre waren mit
sozialistischen Theorien wenig vertraut und wollten im Grunde auch
nichts davon wissen. Sie waren, wie die Transformationsgewinnler
in Boris Jelzins postsowjetischem Russland, die ersten und
hemmungslosesten
Protagonisten
der
neuen
städtischen
Konsumgesellschaft.
Aber auch diejenigen, die ihren Prinzipien in Ho Chi Minhs Sinne
treu bleiben wollten, standen vor einem Dilemma, weil sie die
verzweifelte Notwendigkeit sahen, ihr Land aus der Isolation zu
führen, um ein Gegengewicht zur Macht des alten Erzfeindes China
zu schaffen, und es aus der Abhängigkeit von der in Auflösung
begriffenen Sowjetunion zu befreien. Die gnädigste Erklärung dafür,
dass sie dem Laissez-faire-Kapitalismus Tür und Tor öffneten, wäre
die, dass sie sich verführen ließen und dass diese Verführung mit
jeder neuen sozialfeindlichen Reform mehr den Charakter einer
Vergewaltigung annahm. In gewissem Sinne ist das, was in Vietnam
geschieht, das typische Beispiel eines armen Landes, dem es
verwehrt wird, für seine wirtschaftliche Entwicklung einen eigenen
Weg zu finden, und dessen handlungsunfähiger Regierung mehr am
Wohlwollen der ausländischen Geldgeber als am Wohl des eigenen
Volkes gelegen ist. Der Kampf gegen diese Entwicklung könnte die
letzte und schwerste Schlacht für das vietnamesische Volk sein.
Der Kommunistischen Partei drohen die Fäden aus der Hand zu
gleiten, sie wird zur Gefangenen des ausländischen Diktats, dem sie
sich unterworfen hat; darin liegt die große Gefahr, vor der das
Land gegenwärtig steht. Denn es wird unweigerlich dazu führen,
dass die Bauern der Partei die Gefolgschaft aufkündigen. Durch die
Auflösung dieses in der Welt einmaligen Bündnisses entsteht ein
Vakuum, das soziale Unruhen zur Folge haben wird.
Die Zeichen mehren sich. Täglich werden Obdachlose und kriegsversehrte Veteranen im Stadtzentrum von Saigon eingesammelt und
in Internierungslager abgeschoben, und regierungskritische
Buddhisten werden – wie schon in den 60er Jahren, als ihre
Glaubensgenossen zum Sturz von US-gestützten Regierungen
beigetragen hatten – ihrer religiösen Überzeugung wegen inhaftiert.
Die vietnamesische Armee hat das Blut, den Schweiß und die Tränen
der Nation vergossen und das System der ländlichen Kooperativen
aufgebaut, und weil sie die Erinnerungen und das Vermächtnis der
Geschichte bewahren will, hat sie in ihren eigenen Zeitschriften
Kritik an ihren politischen Leitfiguren geübt und aus Tran Van Tra,
dem unkonventionellen General, der die siegreichen Truppen in
Südvietnam anführte und später den Club der Widerstandskämpfer,
eine namhafte Dissidentengruppe, mit begründete, einen
subversiven Helden gemacht. Ein anderer nordvietnamesischer
Kriegsheld, Oberst Bui Tin, der nach Frankreich ins Exil gegangen
ist, erklärte in einem Interview: »Ich wünsche mir einen humanen,
modernen und pluralistischen Sozialismus für mein Land.«36
Anders als in China ist Gefolgstreue in Vietnam nicht ohne einen
breiten Konsens zu haben. In seiner Biografie Giap schrieb Peter MacDonald: »Während es in den meisten anderen Ländern Tausende
von Familiennamen gibt, die sich über Jahrhunderte hinweg
entwickelt und durch Einwanderer noch vermehrt haben, finden
sich in ganz Vietnam weniger als 100 Namen, die auf
Stammesgruppen wie die Ngo und die Nguyen zurückgehen. Die
Menschen sind hier Teil einer großen Familie.«37 Honda-Motorräder,
Pepsi Cola und Handys können kein Ersatz sein, wenn diese
Familienbande zerrissen werden.
Das »System landwirtschaftlicher Lohnarbeit«, für das sich die
neuen ausländischen Verwalter und Kreditgeber stark machen, vertreibt die Bauern gewaltsam aus ihren Dörfern und überantwortet
sie als »flexible« Wanderarbeiter dem »freien« Arbeitsmarkt. Dabei
wird völlig übersehen, welche soziale Kraft in der dörflichen
Gemeinschaft mit ihren Gemeinderäten, den Einrichtungen der
Nachbarschaftshilfe, den Handwerksgenossenschaften und den
Nothilfeangeboten liegt. Dieses Modell eines gewachsenen
Sozialismus, wie man es nennen könnte, hat seit 2500 Jahren
Bestand. Anstatt es zu zerschlagen, müssten alle Reformen auf
diesen Grundlagen aufbauen und mit den Mitteln, die zur
Bekämpfung der Armut zur Verfügung stehen, eine moderne,
dynamische, landwirtschaftlich orientierte Wirtschaft begründen, die
den Bedürfnissen der Bevölkerungsmehrheit Rechnung trägt.
Die entscheidende letzte Schlacht hat begonnen. Die von koreanischen Unternehmen geführten Exporthandelszonen bei Saigon
haben die größte Streikwelle seit dem Krieg erlebt. Es ging dabei um
Hungerlöhne, viel zu lange Arbeitszeiten und das brutale Vorgehen
der Verwalter. Die Streikenden finden in Saigon breite
Unterstützung, auch wenn dies in der Presse nicht erwähnt wird. Es
vergeht kaum eine Woche ohne »wilde« Streiks, die zum Teil mit
solcher Vehemenz geführt werden, dass es staatliche Stellen
vorziehen, sich herauszuhalten: ein eindeutiges Zeichen dafür, wie
ernst die Lage eingeschätzt wird.
1997 erschütterte eine Reihe von Streiks die Werke des USamerikanischen Sportschuhherstellers Nike, der in Vietnam 3 5 000
vorwiegend weibliche Angestellte beschäftigt. Als es vor den Toren
der Nike-Sub-unternehmen zu nicht genehmigten Demonstrationen
kam, sah die herbeigerufene Polizei tatenlos zu. Aus einer Studie der
amerikanischen Menschenrechtsorganisation Vietnam Labour Watch
geht hervor, dass der Durchschnittslohn für einen Achtstundentag
bei 1,60 Dollar liegt, während Nike die in Vietnam produzierten
Schuhe in den Vereinigten Staaten für bis zu 149 Dollar das Paar
verkauft. Im Bericht des vietnamesischen Koautors der Studie heißt
es:
»Die Frauen werden von den Vorarbeitern gedemütigt. Man zwingt
sie, in der Sonne zu knien oder zu stehen, es geht zu wie in einem
militärischen Ausbildungslager. In einer der Fabriken durften die
Arbeiterinnen während einer Schicht nur einmal die Toilette besuchen
und lediglich zwei Glas Wasser trinken. In einem taiwane-sischen
Subunternehmen wurden 56 Frauen gezwungen, als Strafe für das
Tragen ›vorschriftswidrigen‹ Schuhwerks bei glühender Hitze
mehrmals um das Fabrikgebäude zu rennen. Zwölf Frauen mussten
anschließend mit einem Hitzeschock in Krankenhäuser eingeliefert
werden. Am Tag darauf wurde die Fabrik von den Bewohnern der
Gegend angegriffen.«38
Auf dem Land hat die Privatisierung von Grundbesitz zu
weitgehender Verbitterung und zu einem Verwaltungschaos
geführt. In der offiziellen Presse war von »schwelenden
Krisenherden«, von »angespannter Lage« und »offenen
Feindseligkeiten« die Rede.39 In der Provinz Thai Binh südlich von
Hanoi wurden Regierungsbüros geplündert, und Beamte mussten
um ihr Leben laufen. »Militär und Polizei ist es nicht gelungen, Herr
der Lage zu werden«, heißt es in einem Bericht.40
Der größte ausländische Investor in Vietnam, der koreanische
Multi Daewoo, plant in der Nähe von Hanoi die Anlage einer 150
Millionen Doller teuren Exporthandelszone mit 18-Loch-Golfplatz
für leitende Angestellte und Kunden. Für den Golfplatz sollen die
Reisfelder von Tho Da weichen, die für die Dorfbewohner die
einzige Lebensgrundlage sind. Die Regierung hat eine
Entschädigung von 190 Dollar pro Familie angeboten. Diese haben
das Angebot abgelehnt, Barrikaden errichtet und ein Schild
aufgestellt, auf dem über einem Totenkopf mit gekreuzten Knochen
die Warnung steht: »Gefährliches Gebiet. Nicht betreten«. Zweimal
rückte die Polizei an und wurde beide Male zurückgedrängt; eine
Frau kam dabei ums Leben. Der Vorstandsvorsitzende der Firma
Daewoo reiste aus Seoul ein, um eilends zu versichern, dass der
Golfplatz »nicht nur für Golfspieler« sei. Ein heftiger Streit entspann
sich zwischen dem Ministerpräsidenten und dem Volkskomitee in
Hanoi einerseits und der koreanischen Regierung andererseits.
Derweil blieben die Barrikaden, wo sie waren – Symbol eines neuen
Widerstands, der sich seine eigenen Leitfiguren sucht und mit jeder
Konfrontation an Selbstbewusstsein gewinnt. Nicht nur hat die
Regierung eingeräumt, dass die »Gefahr und die Unruhe in der Bevölkerung immer vielschichtiger und ernster« werden, sondern mit
Nguyen Van Linh hat auch einer der Väter der Reformen gemahnt,
»das Problem der Klassenunterschiede« müsse »umgehend gelöst«
werden.41
In Saigon bewohnte ich dasselbe Zimmer im Hotel Caravelle, das
schon 30 Jahre zuvor meine vorübergehende Bleibe gewesen war.
Vom selben Balkon aus, von dem man den Lam-Som-Platz und das
angrenzende französische Theater überblickt, hatte ich die
Menschenmassen gesehen, die mit unglaublichem Mut gegen die
wechselnden,
vom
Ausland
unterstützten
Regierungen
demonstrierten. Und hier hatte ich auch gestanden, als an jenem
letzten Apriltag im Jahr 1975, dem letzten Tag des längsten Krieges
im 20. Jahrhundert, der von Leuchtspurmunition erhellte Morgen
heraufdämmerte.
Der damalige Kassierer des Hotels, ein eingefleischter Pessimist,
hatte angekündigt, sich noch am gleichen Abend zu erschießen, sich
dann aber eines Besseren besonnen. Heute lebt er von seiner Rente.
Der Türsteher, ein wortkarger Mann aus Bombay, tat noch bis vor
kurzem seinen Dienst. »Ich habe Sieger herein- und Besiegte
hinausgelassen«, pflegte er zu sagen. »Zum Glück sind sie immer so
in Eile, dass sie mich gar nicht bemerken. Das ist das Gute an
meinem Job.«
Bei meinem jetzigen Besuch begegnete ich Nguyen Thi Oanh in
der Eingangshalle. Sie hat in den 50er Jahren in den Vereinigten
Staaten Soziologie studiert. »Ich war nie Kommunistin«, sagte die
freundliche, immer zum Spott aufgelegte Frau, »aber ich habe mit
ihnen sympathisiert, weil sie für das Land gekämpft haben, das ich
liebe, und sie hatten viel Mut. Das Problem mit der heutigen
Entwicklung liegt darin, dass sie mit unseren Traditionen bricht, auf
die wir stolz sind und für die wir bereit sind, viele Entbehrungen auf
uns zu nehmen. Es besteht die große Gefahr, dass wir unsere Seele
verkaufen und es erst merken, wenn es zu spät ist.«
Als ich ihr von dem Versuch des Kultusministeriums erzählte, den
Dokumentarfilm zu zensieren, den ich mit Kollegen über My Lai gedreht hatte, weil man meinte, er könne die Amerikaner beleidigen
und daher schlecht fürs Geschäft sein, schüttelte sie den Kopf und
sagte: »Sie wissen, dass die Amerikaner nicht vergessen können.«
»Warum«, fragte ich, »können die Vietnamesen vergessen?«
»Weil wir nicht verloren haben. Wir haben gewonnen. Wir haben
aus materieller Sicht verloren, aber moralisch sind wir die Sieger. Im
Moment verlieren wir einige Schlachten, aber am Ende werden wir
wieder gewinnen.«
Abgesehen vom Stolz seiner Bewohner sind es zwei Dinge, die
mich an Vietnam faszinieren. Das ist zum einen die Tatsache, dass
die Leitsätze Ho Chi Minhs, die ein Volk zum massiven Widerstand
inspiriert haben, von diesem noch immer als weise gerühmt und
befolgt werden. Als in den 60er Jahren die ersten Bombenangriffe
stattfanden, unternahm Ho eine Reise über die Nationalstraße Eins,
damals bei den amerikanischen Piloten, die sie in Überraschungsangriffen bombardierten, und den Vietnamesen, die sie für ihre
Konvois benutzten, als »Straße ohne Freude« bekannt. Unterwegs
hielt er Ansprachen, in denen er den Menschen Mut machte und
erklärte: »Wenn der Krieg vorbei ist, werden wir unser Land noch
tausendmal schöner machen.«
Ich habe mich mit einem Mann unterhalten, der diesen Geist verkörpert. Professor Vo Quy, ein ruheloser 70-Jähriger, vor dessen
Büro in der Universität von Hanoi ein altes Elefantenskelett Wache
hält. Er hat eine der dramatischsten Umweltaktionen in der
Geschichte organisiert. Der Krieg war noch nicht zu Ende, als er 1974
in den Süden des Landes reiste und die Natur so nachhaltig
geschädigt fand, dass er bei seiner Rückkehr verkündete, Vietnam
werde in 20 Jahren wie eine Mondlandschaft aussehen, wenn nichts
dagegen unternommen werde. »Das Ökosystem war nahezu
zerstört«, erzählte er mir. »Die Mangro-ven waren durch Bomben
und Herbizide größtenteils vernichtet, die Fauna ausgelöscht. Die
Tiger, die dem Lärm des Gewehrfeuers gefolgt waren, waren
ausgerottet. Es gab keine Wasservögel mehr.«
Die Wiederaufforstung war ein gigantisches Unternehmen. In Gebieten, in denen der Boden mit Agent Orange getränkt war, stand
kein einziger Baum mehr. Die Erde schien wie erstarrt und ohne
Leben. Quy rief eine Aktion ins Leben, in die buchstäblich
jedermann einbezogen war. Im Laufe der folgenden fünf Jahre
wurden Millionen Hektar verseuchten Bodens wieder aufgeforstet.
Jedes Dorf pflanzte einen Wald, jedes Kind einen Baum.
Heute hört man in vielen Gegenden zum ersten Mal seit zwei
Generationen wieder Vogelgezwitscher und Tiere, die im Unterholz
rascheln. »Wir dachten, der Storch, der Ibis und bestimmte Kranicharten seien ausgestorben«, erklärte Professor Quy. »Aber als sich mit
jedem neuen Baum wieder tropische Lebensformen regten und die
Mangroven wieder wuchsen, konnten wir erstaunliche Dinge
beobachten. Wir entdeckten Großvögel, die wir für immer verloren
geglaubt hatten: 25 Kraniche und ein Exemplar des seltenen
Milchstorchs. Ich sah auf der laotischen Seite der Grenze mit eigenen
Augen einen Ibis. Was für ein Anblick! Ich habe dafür gesorgt, dass
die Region umgehend als Naturschutzgebiet gekennzeichnet
wurde!« Eine Fasanenart, die wieder auftauchte, wurde nach ihm
»Vo Quy« benannt.
Die andere unvergleichliche Besonderheit Vietnams ist die Bereitschaft seiner Menschen zur Versöhnung. Im Rahmen eines von der
Europäischen
Union
finanzierten
Programms
wurden
vietnamesische Bootsflüchtlinge, die in Lagern in ganz Asien
verstreut lebten, gefragt, ob sie in ihre Heimat zurückkehren wollten.
Zehntausende wollten wieder nach Hause, aber viele hatten Angst.
Auf Band aufgenommene Gespräche mit Verwandten und Freunden
in der Heimat machten ihnen dann aber doch Mut. Seither sind so
viele Menschen zurückgekehrt, dass es einer kleinen Nation
gleichkommt. Bei ihrer Ankunft erhalten sie einen Kredit, der einen
Neuanfang möglich macht; zudem wird ihre Heimatgemeinde
finanziell unterstützt, damit nicht der Eindruck einer
Günstlingswirtschaft entsteht.
Ich lernte Mac Thi Nhan kennen, einen Fischer, der mit seiner
Familie nach Hongkong geflüchtet war und der jetzt wieder in
seinem Dorf in der Ha-Long-Bucht wohnt und ein neues Boot
besitzt. »Zuerst hatte ich Angst, aber alle waren uns gegenüber sehr
rücksichtsvoll«, erzählte er. Seine Frau nickte zustimmend.
Michael Culligan, der das EU-Programm in Haiphong leitet, erklärte: »Ich bin im ganzen Land herumgereist und habe mit
Tausenden von Rückkehrern gesprochen, aber mir ist kein einziger
Fall von Diskriminierung zu Ohren gekommen. Die Vietnamesen
sind ein sehr freundliches Volk. Sie sind den Bootsflüchtlingen mit
großem Mitgefühl begegnet und haben alles Menschenmögliche
getan, um zu verhindern, dass sie ihr Gesicht verlieren. Das verstehe
ich unter einer zivilisierten Gesellschaft.«
China Beach
A
ls die Maschine aus Hanoi in Danang zur Landung ansetzte,
wurde Bobby sehr still. Das letzte Mal hatte er diesen
Flughafen mit seinen Truppenunterkünften, den bombensicheren
Hangars, den Wachtürmen und Flaggen 1968 gesehen. »Andere
Flaggen«, sagte er mit leiser Stimme.
Es war sein erster und einziger Einsatz in Vietnam gewesen. Leutnant Robert O. Muller, damals 21 Jahre alt, gehörte zu den
Eiltesoldaten unter den Marines. »1967 war ich der Beste meines
Jahrgangs; ich hätte jeden Job haben können«, erzählte er, »und ich
habe mich für die Infanterie entschieden. Die Leute haben vergessen,
was für eine Stimmung damals herrschte. Die meisten Amerikaner
gingen noch nicht auf die Straße, um zu demonstrieren. Amerika
schrie Hurra, und es wurde von dir erwartet, dass du zum Militär
gehst.«
»Wie war das«, fragte ich ihn, »zu einem echten Soldaten ausgebildet zu werden, nicht zu einem dieser Hollywood-Marines«?
»Ist das ein Unterschied?«, fragte er zurück. »Erinnerst du dich an
den Anfang des Films Full Metal Jacket? Genau so war es. Sie zeigen
dir sogar die blutigen Szenen des Krieges! Und jetzt kommt der Witz
an der Sache. Ich habe Betriebswirtschaft studiert, und alle meine
Professoren haben mir geraten, nach Vietnam zu gehen, weil das an
der Wall Street gut ankommen würde. Ein Jahr Kriegsdienst würde
sich im Lebenslauf eines Börsenmaklers sehr gut machen.«
»Hast du wirklich geglaubt, als du damals hier gelandet bist, dass
du auf der Seite der Guten gegen den Kommunismus kämpfst?«
»Absolut. Aber an dem Tag, an dem ich ankam, rannten überall
auf dem Flughafen Leute in schwarzen Pyjamas herum, und ich
dachte: ›Moment mal, die in den schwarzen Pyjamas sind doch
Vietcong-Soldaten, der Feind. Was zum Teufel machen die hier auf
dem Flug-hafen?‹ Ernsthaft. Man muss einfach wissen, dass Vietnam
eine Lüge war. Vom ersten bis zum letzten Tag des Krieges war es
eine Lüge, und so, wie es heute in den Geschichtsbüchern steht, ist es
immer noch eine Lüge. Drei Millionen amerikanische Soldaten sind
hier auf ihre ganz persönliche Weise mit der Lüge konfrontiert
worden. Das war die Tragödie.«
Insgesamt wurden 58022 US-Amerikaner in Vietnam getötet, die
meisten von ihnen Freiwillige. Bobby Muller zufolge haben sich bis
heute noch einmal ebenso viele Vietnamteilnehmer nach dem Krieg
das Leben genommen.
Am 29. April 1969 wurde Leutnant Muller in die entmilitarisierte
Zone (EMZ) geschickt. Dieses Gebiet, das sich entlang des 17.
Breitengrades erstreckte und das Land willkürlich in Nord- und
Südvietnam aufteilte, war alles andere als entmilitarisiert. Fünf Jahre
lang kämpften und starben hier Tausende von Soldaten im Staub
und Schlamm ihrer »Feuerstützpunkte«, die heute aussehen wie
erloschene Miniaturvulkane.
Bobby stürmte seinem Trupp bei einem Angriff auf eine
wolkenverhangene Hügelkuppe voran, als ihn eine Kugel in die
Brust traf. »Ich kann mich an jede Sekunde erinnern«, erzählte er,
»ich fühlte, wie das Leben aus mir entwich, wie die Luft aus einem
Ballon. Ich dachte: ›O Scheiße, jetzt werde ich hier in diesem Dreck
und Regen sterben.‹« Er wurde nur gerettet, weil zufällig ein
Hospitalschiff vor Danang lag. Die Kugel hatte seine Wirbelsäule
durchschlagen, und er ist seither an den Beinen gelähmt.
Ich bin seit 18 Jahren mit Bobby Muller befreundet. Als wir uns
persönlich kennen lernten, erinnerte ich mich, ihn schon 1972 auf
einem Parteitag der Republikaner in Miami Beach gesehen zu haben.
Damals waren er und ein anderer Kriegsveteran, der ebenfalls im
Rollstuhl saß, aus dem Saal geworfen worden, weil sie Richard
Nixon während seiner Rede als Präsidentschaftskandidat seiner
Partei ausgebuht hatten. Der zweite Mann war Ron Kovic, dessen
Autobiografie Geboren am 4. Juli von Oliver Stone verfilmt wurde.
Fünf Jahre später sah ich Bobby wieder, diesmal auf den Stufen
des Rathauses von New York. Es war der Memorial Day, an dem die
Amerikaner ihrer »Kriege im Ausland« gedenken. Wohin man
blickte, sah man Medaillen, Flaggen und Honoratioren. Dann griff
der ehemalige Leutnant Muller in seinem Rollstuhl zum Mikrofon,
und als er zu reden anfing, verfielen selbst die Arbeiter einer
Baustelle auf der anderen Seite des Platzes in gespanntes Schweigen.
»Allein in New York City gibt es 280000 Vietnamveteranen«, begann
er, »ein Drittel von ihnen finden keine Arbeit. 60 Prozent der
schwarzen Veteranen in Amerika sind arbeitslos. Viele Veteranen
sterben in diesem Augenblick an den Chemikalien, die wir über
Vietnam abgeworfen haben ...«
In diesem Ton fuhr er unter dem zunehmenden Unbehagen seiner
Zuhörer fort; und er beendete seine Rede mit der Erinnerung daran,
dass nur die Veteranen wussten, was in diesem Krieg wirklich
passiert war, dass nur sie begriffen hatten, wie verbrecherisch er
gewesen war.
Später suchte ich ihn in dem schäbigen Gebäude am heruntergekommenen Ende der Fifth Avenue auf, in dem der von ihm und ein
paar gleichermaßen leidgeprüften Freunden gegründete Verein Vietnam Veterans of America sein spärlich möbliertes Büro hatte. Bobby
ist ein schmaler, manchmal aschfahler Mann, dessen äußere
Erscheinung in krassem Gegensatz zu seinen lautstarken,
wortgewaltigen und auch beißend ironischen Ausbrüchen steht, die
immer wieder von dröhnendem Gelächter unterbrochen werden.
»Lies das mal!« Mit diesen Worten hielt er mir eine Zeitschrift unter
die Nase, in der über die Ergebnisse einer Meinungsumfrage
berichtet wurde. »Zwei Drittel der US-Bürger sind der Meinung,
dass die Vietnamveteranen Jammerlappen seien«, hieß es in dem
Artikel.
Und nun, 18 Jahre später, fuhren wir von Danang aus zum Südchinesischen Meer. Undeutlich konnte man durch den Hitzeschleier
kleine symmetrische Hügel in der Landschaft erkennen. Das waren
die Überreste der »Feuerstützpunkte«, die nach demselben Prinzip
gebaut worden waren wie die kreisförmigen Wagenburgen der
Siedlertrecks im Wilden Westen. Vietcong-Soldaten war im USTruppenjargon »Indianer«. Vietnamesische Zivilisten wurden als
»Schlitzaugen«, »Kümmerlinge« oder »Plattfüße« bezeichnet.
Wir fuhren an einem Feld mit Kriegsgräbern vorbei – keine amerikanischen Gräber, die gibt es nicht in Vietnam, nicht einmal
namenlose Grabstätten. Nach dem Ende des Krieges unternahm die
Regierung in Hanoi eine kosmetische Operation, die in ihrer
Zielsetzung und Größenordnung wohl einmalig ist. Über den Süden
des Landes verteilt findet man heute Hunderte von solchen
Soldatenfriedhöfe, die es 1975 noch nicht gab.
Die Grabsteine wurden im Norden hergestellt und zu den ehemaligen Schlachtfeldern im Süden transportiert, auf denen die
vietnamesische Volksarmee gekämpft und schwere Verluste erlitten
hatte. Auf jedem Grabstein steht der Name eines Soldaten, so dass
der Eindruck entsteht, dieser sei hier begraben, obwohl das Grab
selbst leer ist: ein Symbol der Trauer und der trotzigen
Herausforderung. Einer der Friedhöfe, an denen wir vorbeikamen,
war auf einem eingeebneten ehemaligen Stützpunkt der Amerikaner
angelegt worden, der jetzt so aussah wie ein Volleyballplatz.
Ich schob Bobby in seinem Rollstuhl hinunter zum Meer und über
die Strandpromenade von China Beach, wo Gras aus den Rissen im
Asphalt wuchs. Banyanbäume, die ihre Zweige schräg in den
Himmel reckten, spendeten Schatten, und Palmen raschelten in der
leichten Brise, die vom Meer her wehte. In der Ferne konnte man,
eingerahmt zwischen Bäumen und Horizont, eine kleine Gestalt
erkennen. Die einzigen Menschen am Strand waren Fischer und ein
paar französische Touristen. »Hier hat alles angefangen«, bemerkte
Bobby leise, »an diesem wunderschönen Ort.«
Hier waren am 6. März 1965 die ersten US-Soldaten gelandet. Eine
Delegation der Handelskammer von Danang und natürlich die
Medien hatten zu ihrem Empfang bereitgestanden. Wenige Wochen
zuvor hatte die US-Regierung dem Kongress »schlüssige Beweise«
für die Kriegsvorbereitungen in Hanoi präsentiert – eine mit Waffen
beladene nordvietnamesische Dschunke, die man vor der Küste von
China Beach im Meer treibend entdeckt hatte. Als ich mich 1983 mit
Ralph McGehee, einem ehemaligen CIA-Spezialisten für »schwarze
Propaganda«, unterhielt, erzählte er mir, dass die ganze Geschichte
ein »gigantisches Täuschungsmanöver« gewesen war. »Die CIA«,
erklärte er, »hat die Dschunke mit nordvietnamesischen Waffen
beladen, sie aufs Meer hinaustreiben lassen und ihre ›Entdeckung‹
dann der internationalen Presse verkauft. Wir hatten die
Schlagzeilen, die wir wollten, und dann kamen die Marines.«42
Die Lügen, die zur Rechtfertigung des amerikanischen Kriegs
dienten, haben bei der US-Bevölkerung einen kollektiven
Gedächtnisschwund ausgelöst und ihr Geschichtsbild verzerrt. Noch
Anfang der 80er Jahre wurde Bobby, wenn er einen Vortrag vor
Studenten hielt, unweigerlich gefragt: »Auf welcher Seite hast du
eigentlich gekämpft?« Selbst in den unvoreingenommensten
Geschichtsseminaren, in denen die Vermittlung der historischen
Wahrheit groß geschrieben wird, steht Amerika als Opfer da, als
Gegenstand eines offenbar grenzenlosen Sinnierens über einen
»gescheiterten Kreuzzug«. Die Erkenntnis dagegen, dass die
patriotischen Kräfte Vietnams einen heroischen und ehrenvollen
Sieg errungen haben, wurde und wird unter den Tisch gekehrt.
Im Gegensatz zu manchen anderen Kriegsveteranen, die einfach
nur eine Parade und öffentliche Anerkennung haben wollten, haben
sich Bobby und seine Mitstreiter von den Vietnam Veterans of
America vorgenommen, den Leuten die Augen zu öffnen über die
Wahrheit des Kriegs und zu zeigen, dass er weniger eine
amerikanische als vielmehr eine vietnamesische Tragödie war. Das
Material, das sie zusammengetragen haben, dient heute an Schulen
und Universitäten als Unterrichtsstoff. Bobby erklärte:
»Vor uns liegt noch ein gutes Stück Arbeit. In den 80er Jahren hatten
wir Präsident Reagan, der den Krieg als gerechte Sache hinstellte, der
sich alle Mühe gab, im Bewusstsein der Bürger wieder ein Gefühl zu
wecken, dass der US-Einsatz in Vietnam richtig war, und der die
Vietnamveteranen wieder zu Helden im Kampf gegen den
Kommunismus machte. Es war ein absurdes Trugbild, aber es
beeinflusste entschieden die nationale Selbstwahrnehmung, und
Hollywood zog selbstverständlich mit und räumte auf der Leinwand
auf. Es entstanden die Kriegsfilme, die jeglichen Wahrheitsgehalts
entbehrten, in denen alle Vietnamesen böse und grausam waren und
unsere Jungs in Bambuskäfigen gefangen hielten. Das waren die
emotionalen Register, die mit großem Erfolg gezogen wurden. Wenn
heute von Vietnam die Rede ist, assoziieren die Leute sofort einen
Mythos: Vietnam ist ein emotionales Bild, kein Land, in dem 72
Millionen Menschen leben.«
Die Vietnam Veterans of America finanzieren bemerkenswerte Projekte in Indochina. In Vietnam beispielsweise betreibt die
Organisation mit großem Erfolg eine Klinik, die dem
Kinderkrankenhaus in Hanoi angegliedert ist. In Kambodscha haben
sie ein Prothetikzentrum eingerichtet, das in einer mit Landminen
gespickten Region den »Jaipur-Fuß« eingeführt hat, eine einfache
Beinprothese aus Aluminium mit Latexfuß, die auf alle HightechKomponenten verzichtet. Jeden Monat werden 150 dieser Prothesen
angepasst. Die meisten Veteranen, die hier arbeiten, haben wie
Bobby physisch unter den Folgen des Indochinakriegs zu leiden,
manche sind selbst zu Minenopfern geworden. Die Kriegskorrespondentin Martha Gellhorn beschreibt sie als »Menschen mit
wachem Gewissen, US-Bürger, wie sie sein sollten. ... Man kann sich
auf sie verlassen, sie sind immer da.«43
Manchmal ist die Arbeit der Vietnam Veterans of America von
ganz eigenen Anfechtungen bedroht. »Ich sprach einmal mit dem
Leiter eines staatlichen Betriebs über die Möglichkeit, medizinische
Geräte für unsere Klinik bekommen«, erzählte Bobby. »Als ich aber
gleich zu Beginn unseres Gesprächs sagte, dass wir als
gemeinnützige Hilfsorganisation nicht auf Profit aus sind,
unterbrach mich der Mann: Entschuldigen Sie, wollen Sie damit
sagen, dass Sie nicht hier sind, um Geld zu verdienen?‹ Ich bejahte
seine Frage, worauf er mir die Tür mit einer Bemerkung wies, die
sinngemäß auf ›kein Gewinn, kein Geschäfte hinauslief. Als ich
Freunden in Washington erzählte, dass man mich im
vietnamesischen Hanoi hinausgeworfen hatte, weil ich kein
Kapitalist war, wollten sie mir nicht glauben.«
In der Abenddämmerung fuhr ich mit Bobby zurück nach Danang.
Die Wolken, die einen frühen Monsun ankündigten, hatten sich wie
Perücken auf die Bergkuppen gelegt. »Es ist lange her, dass ich das
gesehen habe«, meinte Bobby.
»Woran erinnert es dich?«
»Es erinnert mich an den Tag, an dem mich die Kugel traf, daran,
wie kalt und einsam es da oben ist und wie kalt und aufgeweicht der
Boden ist, wenn man fällt und dort in seiner Scheiße und seinem
Blut liegt.«
DIE TERRORISTEN
Willkommene Feinde
Ich setze sehr viel Geld ein. Und ich setze auch
Schusswaffen ein. Die Idioten, die mir unbedingt in
die Quere kommen müssen, wissen, mit wem sie sich
da einlassen. Im Rathaus weiß man, wovon ich rede.
Das will ich jedenfalls hoffen.
Al Capone, amerikanischer Mafiaboss
Ein Wort genügt, und ich mache einen Parkplatz
aus dieser kleinen Scheißinsel.
Al Haig, amerikanischer Außenminister
D
iego Garcia ist eine britische Kolonie im Indischen Ozean, etwa
900 Kilometer südlich der Malediven, von der aus US-amerikanische Bomber zu Aufklärungsflügen über die Golfregion und
Zentralasien starten. Für US-Militärplaner gibt es kaum ein
wichtigeres Fleckchen Erde als diese Auftankbasis zwischen zwei
Kontinenten. Wer lebt dort? 1996, als Präsident Clinton die Angriffe
auf den Irak befahl, bezeichnete ein BBC-Kommentator die Insel als
»unbewohnt« und erwähnte ihre Vergangenheit mit keinem Wort.
Das war nur zu verständlich, denn die wahre Geschichte von Diego
Garcia könnte uns einiges lehren über vergangene Tage und über die
Zeiten, in denen wir heute leben.
Diego Garcia gehört zum Chagosarchipel, das die Briten 1965 zusammen mit Mauritius eigentlich in die Unabhängigkeit hätten entlassen wollen. Auf Drängen der Vereinigten Staaten hin erklärte die
Regierung Harold Wilson den Mauritiern jedoch, dass sie ihre
Freiheit nur erhalten würden, wenn sie auf die Insel verzichteten.
Unter Missachtung einer an ihre Adresse gerichteten Resolution der
Vereinten Nationen, »nichts zu unternehmen, wodurch das
Staatsgebiet von Mauritius zersplittert und seine territoriale
Integrität verletzt« würde, tat die britische Regierung genau das und
gründete mit dem British Indian Ocean Territory eine neue Kolonie.
Welche geheimen Pläne dahinter steckten, wurde nur allzu bald
deutlich.1
Das britische Außenministerium verpachtete die Insel unter
strengster Geheimhaltung für 50 Jahre an Washington, mit der
Option, die Pacht um weitere 25 Jahre zu verlängern.2 Die Briten
leugnen dies inzwischen gern ab und sprechen lieber von einer
»gemeinsamen Verteidigungsmaßnahme«.3 Das ist Wortklauberei;
heute dient Diego Garcia den Amerikanern als Auftankstation und
Endlager für Atomwaffen. 1991 nutzte Präsident Bush die Insel als
Basis für das Flächenbombardement des Irak. Im gleichen Jahr teilte
das britische Außenministerium einer empörten mauritischen
Regierung mit, die Frage der Inselsouveränität stehe »nicht mehr zur
Debatte«.4
Bis 1965 waren die Ilois auf Diego Garcia beheimatet. Mit der Militarisierung der Insel erhielten sie einen Status, der dem der australischen Aborigines im 19. Jahrhundert glich: Man leugnete ihre Existenz. Zwischen 1965 und 1973 wurden sie aus ihren Häusern
»herausgeholt«, auf Schiffe und in Flugzeuge verfrachtet und auf
Mauritius abgesetzt. 1972 erklärte das US-Verteidigungsministerium
vor dem Kongress, die Insel sei »praktisch unbewohnt, sodass die
Errichtung einer Militärbasis keine bevölkerungspolitischen
Probleme mit sich bringen« werde. Auf die Frage nach dem Verbleib
der einheimischen Bevölkerung log ein Vertreter des britischen
Verteidigungsministeriums: »In unseren Akten findet sich kein
Hinweis auf eine einheimische Bevölkerung oder deren
Vertreibung.«5
Aus einer Studie der Menschenrechtsorganisation Minority Rights
Group, die bei ihrer Veröffentlichung 1985 kaum Beachtung fand,
geht hervor, dass Großbritannien die Einheimischen »ohne
durchführbaren Wiederansiedelungsplan vertrieb, sie der Armut
überließ, ihnen nur minimale Entschädigungen zahlte und erst
später mehr Geld bot, sofern sie auf das Recht verzichteten, je wieder
in ihre Heimat zurückkehren zu dürfen«. Die Ilois durften an
persönlichem Besitz nur mitnehmen, was in eine kleine Kiste passte.
Die meisten landeten in den Elendsvierteln der mauritischen
Hauptstadt, wo sie ein trostloses, entwurzeltes Leben führten; wie
viele seither an Hunger und Krankheiten gestorben sind, ist nicht
bekannt.6
Dieser Gewaltakt verstieß gegen Artikel 9 und 13 der Menschenrechtserklärung der Vereinten Nationen, in denen es heißt, dass
»niemand willkürlich des Landes verwiesen werden« darf und dass
»jeder Mensch das Recht hat, in sein Land zurückzukehren«.7 Der
Labour-Außenminister Michael Stewart warnte seinen USamerikanischen Amtskollegen Dean Rusk: »Die Frage der
Abtrennung
kleinerer Gebiete
von Kolonien,
die
der
Selbstverwaltung entgegenstreben, muss mit äußerster Diskretion
behandelt werden.« Später erklärte er einem Kabinettskollegen
gegenüber stolz: »Ich glaube, wir haben viel zu gewinnen, wenn wir
das Projekt gemeinsam mit den Amerikanern vorantreiben.«8
Niemand regte sich auf. Die Inselbewohner hatten kein Mitspracherecht in London. »Die Behandlung der Ilois durch die
Briten«, schreibt John Madeley, der Autor des Berichts der Minority
Rights Group, »steht in einem krassen, viel sagenden Gegensatz zu
der Art und Weise, in der 1982 mit den Bewohnern der
Falklandinseln umgegangen wurde. Der erbitterte Kampf britischer
Truppen gegen die Invasion der 14000 Kilometer entfernten
Falklandinseln kostete mehr als eine Milliarde Pfund und forderte
zahlreiche Opfer unter Briten wie Argentiniern. Die Insel Diego
Garcia wurde ohne ihre Bewohner übergeben, die niemand nach
ihrer Meinung gefragt, geschweige denn verteidigt hatte, bevor man
sie vertrieb.«9
Während die Medien das Unrecht der Briten an den Bewohnern
von Diego Garcia totschwiegen, wurden sie nicht müde, die
Besetzung der Falklandinseln durch die Argentinier lautstark zu
verurteilen. Beide Inseln waren britische Kronkolonien, nur war die
eine von einem dunkelhäutigen indigenen Volk, die andere von
weißen Siedlern bewohnt. In der Financial Times wurde die
argentinische Besetzung der Falklandinseln als »unrechtmäßiger und
unmoralischer Akt zur Durchsetzung territorialer Ansprüche«
bezeichnet, als ein »Verbrechen an den Bewohnern der
Falklandinseln«, deren Wünsche nicht übergangen werden dürften.10
Im Daily Telegraph hieß es, ganz im Sinne von Premierministerin
Thatcher, »die Wünsche der Bevölkerung« der Falklandinseln seien
vorrangig, man dürfe »die Inselbewohner nicht im Stich lassen«, und
es sei eine Frage des Prinzips, dass die britische und die
amerikanische Regierung keinesfalls »die Fremdherrschaft über ein
Volk, das diese nicht wünscht, gleichgültig mit ansehen können«.11
Diego Garcia ist ein Mikrokosmos des Imperialismus und des Kalten Krieges, früher wie heute. Am leidvollen Schicksal der Ilois,
deren Geschichte von Journalisten und namhaften Historikern
bedenkenlos dem Vergessen anheim gegeben wurde, zeigt sich
beispielhaft, dass sich der imperialistische Kreuzzug des Westens in
den 500 Jahren seiner Geschichte nicht gewandelt hat. Meines
Wissens hat, mit der löblichen Ausnahme von Mark Curtis, niemand
die erschütternde Wahrheit dokumentiert.12 Das ist kaum
verwunderlich, da die etablierte Wissenschaft des Westens den
Humanismus aus dem Studium der Staatenwelt herausgenommen,
ihn in Fachjargon eingefroren und auf ein esoterisches Etwas namens
»internationale Beziehungen« reduziert hat – nur ein anderer Begriff
für das Schachspiel der westlichen Macht. Diese Orthodoxie,
bemerkt Richard Falk, Professor für internationales Recht an der
Universität Princeton und entschiedener Nonkonformist, »die in
Politologenkreisen so anerkannt ist, dass sie in wissenschaftlichen
Zeitschriften kaum angegriffen werden kann, geht davon aus, dass
Recht und Moral in der Definition einer rationalen Politik keine Rolle
spielen«. So vollzieht sich die Gestaltung der westlichen Außenpolitik weitestgehend durch den »selbstgerechten Filter einer
einseitig moralisch-rechtlichen Sicht der positiven westlichen Werte
und ihrer bedrohten Unschuld, die einen Feldzug uneingeschränkter
politischer Gewalt rechtfertigt«.13 In der Geschichtsschreibung der
Gegenwart gilt die gleiche Sichtweise. Im seriösen Journalismus ist
der »selbstgerechte Filter einer einseitigen Moral« schon so lange
Tradition, dass die wichtigsten Terroristen nur selten
wahrgenommen werden.
Manchmal fällt es selbst dem orthodoxen Lager schwer, die Einheit
von Ehrbarkeit und Gewalt zu feiern. »Wir müssen uns darüber im
Klaren sein«, schreibt Michael Stohl in Current Perspectives on Inter
national Terrorism, »dass üblicherweise – und eben nur im Sinne einer
Übereinkunft – großer Machtanspruch mitsamt der Androhung von
Gewaltanwendung als diplomatischer Zwang und nicht als eine
Form des Terrorismus definiert wird, obwohl damit die Androhung
und nicht selten auch der Einsatz von Gewalt aus Motiven
verbunden ist, die man als terroristisch bezeichnen müsste, wären es
nicht große Mächte, die sich eben dieser Methoden bedienen.« (Mit
»großer Macht« meinte er ausschließlich westliche Macht.)14 »Von
Machiavelli bis hin zu Niebuhr, Morgenthau und Kissinger«,
schreibt Falk, »hat sich im öffentlichen Bewusstsein ein Ethos der
Gewalt eingenistet, die, wenn überhaupt, lediglich durch
Effektivitätserwägungen eingedämmt wird. Eine Waffe oder eine
Taktik ist dann akzeptabel und wird normalerweise nicht
hinterfragt, wenn sie den gewünschten Erfolg zeitigt und den Staat
der Verwirklichung seiner Ziele näher bringt. ... Die Frage nach
Unschuld, menschlichem Leid und den Grenzen, die der Verfolgung
staatlicher Politik gesetzt sind, wird verächtlich als irrelevant
abgetan.«15
Mit anderen Worten: Die Kissingers haben Oberwasser. Die
»Kunst der Staatsführung«, die Henry Kissinger in den 70er Jahren
personifizierte, wird in Kreisen »postmoderner Fachleute« hoch geschätzt. Präsidenten und Regierungen holen seinen Rat ein. Als Douglas Hurd britischer Außenminister war, sorgte er dafür, dass
Kissinger zum Ehrenritter geschlagen wurde. Die BBC zahlt ihm
3000 Dollar für eine knappe Minute seiner Weisheit. Dass er heimlich
und widerrechtlich ein neutrales Land, Kambodscha, bombardieren
ließ und damit zigtausend Menschen den Tod brachte, ist
unwesentlich. Dass er den Sturz der gewählten Regierung in Chile
betrieb, spielt keine Rolle. Dass er den Kongress hintergangen und
den indonesischen Diktatoren die Waffen für den Völkermord in
Osttimor geliefert hat, bleibt ohne Folgen. Dass er die Kurden
ermutigte, für einen eigenen Staat zu kämpfen, und sie dann im Stich
ließ, ist nebensächlich.16
Selbsttäuschung ist alles. Abgesehen von einigen eingestandenen
»Fehlern« ist der westliche Kolonialismus ein Segen, der Kalte Krieg
war rational. Andere Länder werden vor Aufständischen
»geschützt«, die der ehemalige US-Außenminister George Shultz
einmal als »die verwerflichen Feinde der Zivilisation selbst«17
bezeichnet hat. Der Westen dagegen ist nie terroristisch. Dass er
Angriffskriege geführt, Land und Bodenschätze gestohlen, Kulturen
zerstört, dass er alteingesessene Völker gequält und versklavt hat,
hat nichts mit Terrorismus zu tun: Es war Gottes Werk. Das
ängstliche Misstrauen, mit dem Zivilisationen in aller Welt dem
Kolonialismus begegnen, lässt sich leicht erklären. Dem
Außenministerium zufolge ist es »oftmals absolut krankhaft«, weil
die kolonialisierten Völker »praktisch kein gesellschaftliches
Bewusstsein haben«.18
Für unser Verständnis des gegenwärtigen Weltgeschehens ist es
entscheidend, wie wir die imperialistischen Machenschaften der
jüngeren Vergangenheit sehen. Malaya ist dafür ein gutes
Fallbeispiel. Für den viel gerühmten Historiker Lord Hailey war
Malaya den Briten von den »örtlichen Sultanen übereignet« worden
und hatte »aus freien Stücken um Protektion gebeten«19. Es gab
keinen Eroberungskrieg; die Menschen wurden nicht unterjocht.
Auch als britische Armeeverbände zwischen 1948 und 1960 in
Malaya kämpften, hielt sich diese verklärende Sicht der Dinge. Es
handelte sich nicht etwa um einen Angriff; die britischen Truppen
»verteidigten« Malaya gegen einen »konterrevolutionären Angriff«.
Zu dieser Zeit befand sich ein Großteil der malaiischen »Trophäe«,
wie der frühere Gouverneur Lord Milverton die natürlichen Schätze
des Landes, vor allem seine reichen Kautschuk- und
Zinnvorkommen, zu nennen beliebte, fest in der Hand britischer
Firmen.20
Malaya wurde nie von außen bedroht; die »Krisensituation« war
eine rein innenpolitische Angelegenheit. Der offiziellen Lesart des
Westens zufolge verteidigte die »freie Welt« Malaya jedoch gegen
eine von der Sowjetunion und China gesteuerte Aggression: ein
Thema, das in akademischen wie in journalistischen Kreisen auf
reges Interesse stieß. In Malaya wurde ein »guter Krieg« geführt.
Nur in geheimen Dokumenten des britischen Außenministeriums
war davon die Rede, dass der Krieg »vorwiegend dem Schutz der
Kautschukindustrie« dient.21
Das Vorgehen der Briten in Malaya unterschied sich nicht wesentlich von der Strategie der Amerikaner in Vietnam, für die es
offensichtlich als Vorbild diente. Kollektiv Bestrafung war die
Maxime der Politik: Dörfer, denen man vorwarf, »Rebellen«
Unterschlupf zu gewähren, wurden von der Nahrungsmittelzufuhr
abgeschnitten; andere Dörfer wurden in Konzentrationslager
umfunktioniert und mehr als eine halbe Million Menschen wurden
zwangsenteignet.
Diese
»Umsiedlung«
wurde
von
der
Kolonialverwaltung in London als ein »großes Stück sozialen
Aufbaus« bezeichnet. Bevor die Amerikaner ihre chemischen Waffen
in Vietnam zum Einsatz brachten und damit die Hälfte aller Wälder
zerstörten und gravierende Erbschäden verursachten, hatten die
Briten schon Anfang der 50er Jahre heimlich Chemikalien zur
Entlaubung der Wälder und Vernichtung der Ernten über Malaya
abgeworfen. Für die Kolonialverwaltung in London war dies »ein
lohnendes Experimentierfeld«.22
Das gleiche Muster finden wir in Kenia, wo ebenfalls ein »guter
Krieg« gegen skrupellose »Rebellen« geführt wurde. Die offizielle
Lesart, die in zahlreiche Romane und Filme Eingang gefunden hat,
wird in den Medien noch heute hochgehalten. Tatsächlich ist sie eine
geschickt vermarktete Lüge. »Wir haben es uns zum Ziel gesetzt«,
erklärte der Gouverneur von Kenia 1955, »eine Menge Menschen zu
zivilisieren, deren moralische und soziale Entwicklung noch in
einem ausgesprochen primitiven Stadium steckt.« In Wahrheit
handelte es sich um eine Form von Kolonialfaschismus. Die
Ermordung Tausender Nationalisten gehörte zur politischen Linie
der britischen Regierung. Es war die in Irland praktizierte Politik des
»gezielten Todesschusses« – nur in größerem Maßstab.
Ein toter »Aufständischer« brachte seinem Mörder fünf Pfund ein.
Ein erfahrener Kämpfer der britischen Armee erzählte später: »Auf
dem Weg tauchten drei Afrikaner auf, die uns entgegen kamen: ein
perfektes Ziel. Leider waren es Polizisten.« Der Mythos, der den
Aufstand in Kenia begleitete, besagte, dass die Mau-Mau Angst und
Schrecken unter den heldenhaften weißen Siedlern verbreiteten. Den
32 Europäern, die von den Mau-Mau ermordet wurden, stehen
schätzungsweise 10 000 Afrikaner gegenüber, die auf Geheiß der
britischen Kolonialverwaltung getötet wurden.23
Die Briten unterhielten in Kenia Konzentrationslager, in denen die
Lebensbedingungen so hart waren, dass innerhalb eines einzigen
Monats, im Juni 1954, 402 Insassen starben. Folter, Auspeitschen,
Zwangsarbeit, Essensentzug und die Misshandlung von Frauen und
Kindern waren an der Tagesordnung. »Die Sondergefängnisse«,
schreibt der britische Historiker VG. Kieman, »waren vermutlich keinen Deut besser als vergleichbare Einrichtungen der Nazis oder der
Japaner.« Ein ehemaliger Sanitätsoffizier berichtete von »japanischen
Foltermethoden«, die unter einem britischen Lagerkommandanten
angewendet wurden. Dieser Terror war gedeckt durch Kolonialgesetze, die nach dem Ende der Kolonialherrschaft unter Jomo
Kenyatta und Daniel arap Moi in ihrer Doppelrolle als Gegner einer
Volksdemokratie und »Freunde des Westens« aufrechterhalten und
strengstens ausgelegt wurden. Die Registrierungspflicht für
Einheimische, die den infamen Passgesetzen der Apartheidregierung
in Südafrika entsprach, wurde verschärft. Aus der Masters-andServants-Verordnung wurde das Masters-and-Servants-Gesetz; aus
der drakonischen Verordnung zur Anwendung außerordentlicher
Maßnahmen wurde das Gesetz zur Aufrechterhaltung der
öffentlichen Sicherheit. Heute ist Kenia von politischen Unruhen
beherrscht, weil die demokratische Bewegung des Landes im
Grunde immer noch gegen den Kolonialismus ankämpft.
Postkoloniale Regierungen, die sich politisch in die falsche Richtung entwickelten, konnten sich in der Regel nicht lange halten. Offizielle Dokumente aus dem Jahr 1953 belegen, dass britische Geheimdienste und die CIA den Sturz der gewählten sozialistischen
Regierung in Britisch-Guayana durch Terrorakte herbeiführten, um
den Nachschub an billigem Zucker und Bauxit auf lange Sicht zu
gewährleisten. Überhaupt war 1953 ein geschäftiges Jahr. Der
gewählten Regierung der Nationalisten im Iran war das gleiche
Schicksal beschieden, nachdem sie die Dreistigkeit besessen hatte,
Eigentumsansprüche auf die Ölvorkommen im eigenen Land zu
erheben.24 Unterdrückung und Morde in Uganda, Chile und
Südafrika wurden von britischen Regierungen aktiv gefördert. In
den 60er Jahren kämpften ohne Zustimmung und Wissen des
Parlaments SAS-Truppen der britischen Armee in Vietnam Seite an
Seite mit amerikanischen »Spezialeinheiten«.
Der Labour-Premierminister Harold Wilson befürwortete den
amerikanischen Angriff gegen Vietnam ebenso, wie er und seine
Nachfolger den Völkermord guthießen, der, geschürt von den USA,
in Indonesien stattfand, nachdem General Suharto Mitte der 60er
Jahre die Macht übernommen hatte. Die Zustimmung der Briten zu
den Morden in Indonesien, denen bis 1965 eine halbe Million
Menschen zum Opfer fielen, kommt in einem Geheimdokument des
Außenministeriums zum Ausdruck, in dem es heißt: »Solange die
Lage derartig verworren ist, können wir kaum einen Fehler machen,
wenn wir den Generälen stillschweigend den Rücken decken.«25
Der Übergang von einer britischen zu einer amerikanischen Welt
führte im Außenministerium, wo man offensichtlich jeden Sinn für
Ironie verloren hatte, zu Klagen über den »amerikanischen Imperia-
lismus ..., der die Zukunft Asiens bestimmen will«.26 Aber im Großen
und Ganzen handelte es sich, wie das Beispiel von Diego Garcia
zeigt, um eine glatte Übergabe. Und in der Folge stand
Großbritannien unerschütterlich hinter der neuen Ordnung.
Außenminister Geoffrey Howe sicherte den USA in den 80er Jahren
die »uneingeschränkte Unterstützung« für ihre »Ziele« in
Mittelamerika zu.
Als ich Anfang der 80er Jahre aus dieser Region berichtete, konnte
ich mit ansehen, wie diese Ziele verfolgt wurden. Von 1981 bis 1985
wurden 3346 nicaraguanische Kinder und Jugendliche von den Contras, einer amerikanischen Terrortruppe, die von der CIA ins Leben
gerufen, ausgebildet und bewaffnet worden war, ermordet, 6236
Kinder verloren einen oder beide Elternteile.27 Am selben Tag, an
dem ich in El Regadio, einer Stadt an der Grenze zu Honduras,
ankam, hatte eine Todesschwadron unter amerikanischer Führung
Celestina Ugarto entführt und ihr die Kehle durchgeschnitten. Ihr
Schicksal war kein Einzelfall; als über 50-Jährige zur Hebamme
ausgebildet, hatte sie sich Fähigkeiten wie Lesen und Schreiben
angeeignet und war in ihrer Heimatgemeinde beliebt und hoch
geachtet. Sie war die fünfte Hebamme, die in dem Tal von den
Contras ermordet wurde.
In seiner Aussage vor dem Internationalen Gerichtshof beschrieb
der ehemalige CIA-Analyst David MacMichael die amerikanischen
Ziele, für deren Unterstützung sich Geoffrey Howe stark gemacht
hatte. Der amerikanische Terror, so sagte er, sollte erstens
»grenzüberschreitende Angriffe der nicaraguanischen Truppen
provozieren und so bewirken, dass die aggressive Haltung
Nicaraguas deutlich wurde«, und zweitens die nicaraguanische
Regierung zwingen, »die bürgerlichen Freiheiten im eigenen Land
zu beschneiden, Oppositionelle zu inhaftieren und ihr angeblich
totalitäres Wesen zu offenbaren, so-dass der Widerstand innerhalb
der Bevölkerung wuchs«. Ziel war es, die Wirtschaft Nicaraguas zu
zerschlagen.28 1986 wurden die USA wegen »rechtswidriger
Gewaltanwendung und eines unzulässigen Wirtschaftskrieges«
gegen Nicaragua vom Internationalen Gerichtshof verurteilt.
Dennoch legten die amerikanischen Vertreter im Sicherheitsrat der
Vereinten Nationen unbeirrt ihr Veto gegen eine Resolution ein, mit
der alle Regierungen verpflichtet werden sollten, internationales
Recht zu beachten.29
Der »diplomatische Zwang« und die »terroristischen Motive«, von
denen Michael Stohl spricht, waren die Spezialität der USA in
Lateinamerika. 1996 gelangten Aktivisten in den Besitz geheimer
Dokumente aus dem Pentagon, aus denen hervorgeht, dass die
Ausbildungsstätte der US-Armee für lateinamerikanische Militärund Polizeioffiziere, die School of the Americas in Fort Bennings,
Georgia, das Foltern von Dissidenten, Drohungen, Bestechung und
Erpressung »empfahl«. Handbücher in spanischer Sprache
plädierten für »Motivation durch Angst, Prämien für tote Feinde,
Scheinverhaftungen, Exekutionen und die Verwendung von
Wahrheitsdrogen«.30
In den 80er Jahren freundete ich mich in El Salvador mit zwei Jesuitenmönchen an, die dann 1989 zusammen mit vier ihrer Ordensbrüder, ihrer Köchin und deren minderjähriger Tochter von Armeeoffizieren ermordet wurden; 19 der 27 Mörder hatten ihre
Ausbildung in der School of the Americas erhalten. Zu deren
Absolventen gehörten unter anderem General Galtieri, Anführer der
argentinischen Junta, unter deren Regime 30000 Menschen
»verschwanden«, der frühere bolivianische Präsident Suarez, dessen
paramilitärische Truppen die Arbeiter in den Zinnbergwerken des
Landes mit brutaler Gewalt unterdrückten, über 100 der 246
kolumbianischen Offiziere, die 1993 bei einem internationalen
Menschenrechtstribunal als Kriegsverbrecher genannt wurden,
Manuel Callejas, in den 70er und 80er Jahren Chef des
guatemaltekischen Geheimdienstes, der selbst für dortige Begriffe
eine ausgesprochen verrufene Institution war, sowie Roberto
d'Aubuisson, dem die salvadorianischen Todesschwadrone
unterstanden und der 1980 Bischof Romero ermorden ließ – kurz
nachdem dieser an Washington appelliert hatte, den Mördern seines
Volkes keine Unterstützung mehr zu gewähren.31
Der Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen zufolge
wurden in El Salvador innerhalb von 15 Monaten mehr als 20000
Zivilisten von Todesschwadronen ermordet, die zu den in den USA
ausgebildeten und mit 523 Millionen Dollar subventionierten
»Sicherheitskräften« des Landes gehörten oder mit diesen in
Verbindung standen.32 Während ich nach Bischof Romeros
Ermordung aus El Salvador berichtete, unterhielt ich mich mit vielen
der 600 verängstigten Menschen, die auf dem Gelände der
bischöflichen Residenz Zuflucht gesucht hatten. Sie waren
unbewaffnet, und alles, was sie von den schwarz behelmten und
schwarz gestiefelten Soldaten der in den USA ausgebildeten
Nationalgarde trennte, waren zwei wacklige Wellblechtore. Diese
Ungewissheit über den Moment des Angriffs gehörte zu den
vertrauten Erscheinungsformen des Terrors.
Von Domingo Garcia, einem zwölfjährigen Jungen, dessen
Aufgabe es war, die Tore rasch zu öffnen und zu schließen, erfuhr
ich, dass Gardesoldaten seinen Vater ermordet hatten, weil er
Mitglied einer Landarbeitergewerkschaft gewesen war. »Sie haben
meine drei Brüder umgebracht und dachten, ich wäre auch tot«,
erzählte er. Sein Kopf, seine Schultern und seine Arme waren mit
Narben überzogen, die von einer Machete herrührten. Romeros
Nachfolger, Bischof Rivera y Damas, beschrieb den von den USA
angefachten Terror als »gegen eine wehrlose Zivilbevölkerung
gerichteten Vernichtungskrieg und Völkermord«.33
Als Gore Vidal den Kalten Krieg mit der Sowjetunion als »eine
amerikanische Erfindung« bezeichnete, war das vielleicht eine Übertreibung, aber gewiss keine maßlose. Aus westlicher Sicht war es ein
Zermürbungskrieg zwischen der stalinistischen Sowjetunion und
dem demokratischen Westen, während in Wirklichkeit eine weit
gehende Übereinstimmung über strategische Grenzen und
»Einflusssphären« zwischen den beiden Supermächten bestand. Die
Vereinigten Staaten hatten nicht die Absicht, den Ungarn zu Hilfe zu
eilen, als 1956 sowjetische Panzer in Budapest einrollten, oder
einzugreifen, als die Sowjets 1968 in die Tschechoslowakei
einmarschierten. Die Sowjetunion machte ihrerseits keine Anstalten,
die Vietnamesen im Kampf gegen die amerikanischen Angreifer zu
unterstützen oder den Guerillakämpfern in Lateinamerika zur Seite
zu stehen. Perioden der Spannung zwischen den beiden
Supermächten kamen und gingen, aber im Großen und Ganzen war
der »Krieg« zwischen ihnen bloß rhetorisches Theater.
Sehr deutlich geht dies aus geheimen britischen Planungspapieren
hervor, in denen die »sowjetische Bedrohung« in weiten Teilen der
Dritten Welt und selbst im Nahen Osten, einem »Krisenzentrum« im
Kalten Krieg, als nicht existent bezeichnet wird. Dennoch spielte sich
der eigentliche Kalte Krieg der Westmächte an Schauplätzen der
Dritten Welt ab – ausgefochten nicht gegen Russen, sondern gegen
verzichtbare braun- und schwarzhäutige Menschen und oft in
Regionen, in denen bittere Armut herrschte. Es war weniger ein
Krieg zwischen Ost und West als zwischen Nord und Süd, zwischen
Reich und Arm, zwischen Groß und Klein. Tatsächlich galt die
Bedrohung als umso größer, je kleiner der Gegner war, denn ein Sieg
der Schwachen hätte ein Zeichen gesetzt, das andere zur
Nachahmung hätte hinreißen können – »die Gefahr eines guten
Beispiels«, wie es von Oxfam einmal genannt wurde.34 Die wahren
Feinde waren also die Schwachen, und sie sind es noch immer.
Mit dem Ende des Kalten Krieges und dem Zusammenbruch der
Sowjetunion fielen die wichtigsten Schranken, die dem westlichen
Terrorismus gesetzt waren. Der nicaraguanische Soziologe und
Politiker Alejandro Bendafia schrieb:
»Nie zuvor in der Geschichte hatte ein Staat so viel Macht über so viele
Menschen in so vielen Lebensbereichen wie die Vereinigten Staaten
heute. Für uns Mittelamerikaner ist das ein alter Hut; hier sind die
Vereinigten Staaten seit 150 Jahren die beherrschende Macht. Nun
können wir vielleicht von einer Mittelamerikanisierung der Welt
sprechen, denn was wir derzeit erleben, ist der Versuch der
Vereinigten Staaten, das globale politische und wirtschaftliche System
mit allen Mitteln neu zu gestalten ... Tür und Tor zu öffnen für ihre
Güter, ihre Dienstleistungen und ihr Kapital.«35
Kurz nachdem er 1989 – dem Jahr also, in dem die alte Weltordnung
zerfiel – den Befehl zum Einmarsch in Panama gegeben hatte,
verkündete George Bush senior eine »neue Weltordnung«, in der die
»Friedensdividende« des überwundenen Kalten Krieges reiche
Früchte tragen sollte. Seine Mitläufer und Sympathisanten bekamen
fast poetische Anwandlungen. »Wie König Lear«, schrieb Adrian
Hamilton im Observer, »scheinen die Vereinigten Staaten gewillt, die
Welt in einem Schwung großmütiger Gesten aufzuteilen.... Niemand
sollte sich über dieses Bemühen beklagen oder an der Aufrichtigkeit
der Gesten zweifeln. Washington hat offensichtlich die Absicht, in
Angola und Äthiopien ebenso wie im Nahen Osten, in der
Golfregion und sogar in Vietnam und in Kambodscha den
Schauplatz früherer Auseinandersetzungen zu räumen und eine
neue Ordnung einzuläuten, die es den Vereinigten Staaten erlaubt,
sich sorglos in den Ruhestand zu begeben.« Im Übrigen, so Hamilton
weiter, solle man den guten alten Rentner in Ruhe lassen und sich
»darüber freuen, dass die USA allem Anschein nach nicht mehr
länger Weltpolizei spielen möchten, zumindest nicht mit ihren eigenen
Truppen« (Hervorhebung von mir).36
Eine so edelmütige Vorstellung kam selbst unter Einsatz des üblichen Propagandanetzes nicht sonderlich gut an, denn es war für jedermann offensichtlich, dass die neue »Ordnung« gewalttätiger war
als die alte. »Die Zahl der Konflikte in aller Welt«, war in World
Military and Social Expenditures zu lesen, »stieg von 1991 bis 1992
rapide an. ...
Seit 17 Jahren hat es nicht mehr so viele Kriegstote gegeben.«37 Die
meisten dieser Toten waren zu beklagen, als die Vereinigten Staaten
gemeinsam mit Großbritannien und ihren anderen Verbündeten den
Irak im Januar 1991 angriffen. Die verlässlichste Schätzung geht
davon aus, dass eine Viertelmillion Menschen starben.«38
Als die amerikanischen Truppen im Folgejahr in Somalia einmarschierten, kamen weitere 6000 Menschen ums Leben.39 In der
gleichen Zeit nahmen die Waffenverkäufe der USA um 64 Prozent
zu – die größte Steigerungsrate, die es je gab -, und das Kriegsbudget
des Pentagon wurde entsprechend aufgestockt. In Großbritannien
war 1994 jeder zehnte Arbeiter in der wiederbelebten
Rüstungsindustrie beschäftigt, die 20 Prozent des Weltmarktes
abdeckte.40
Nachdem ihm die »sowjetische Gefahr« abhanden gekommen war,
musste sich der Westen zwangsläufig auf die Suche nach einer logischen Erklärung für den neuerlichen Kriegszustand machen, die
geeignet war, die Öffentlichkeit zufrieden zu stellen. Es folgte eine
Phase intensiver Marktforschung, dann wurde der »Antidrogenkrieg« erfunden und ein neuer Feind ausgemacht: die
»Narcoguerilla«.
Über Kolumbien ergoss sich ein Segen amerikanischer »Militärhilfe«, wie ihn kein anderes Land der Welt je erlebt hat. Washington
warf Drogenhändler und nationale Guerilla in einen Topf und entsandte unter dem Vorwand, die einen bekämpfen und die anderen
inhaftieren zu wollen, Spezialeinheiten nach Kolumbien.
(Großbritannien griff den Vereinigten Staaten heimlich mit ein paar
SAS-Einheiten unter die Arme.) Drogen, schrieb Gabriel Garcia
Marquez, waren »ein überaus willkommener Teufel für die
Vereinigten Staaten«, der ihnen einen Grund lieferte, im Namen der
nationalen
Sicherheit
wieder
einmal
in
Lateinamerika
41
einzumarschieren.
Mit den US-Amerikanern kam das Altbekannte – Geld, »Marktchancen«, Korruption und schließlich Krieg. Nach wie vor waren die
Vereinigten Staaten mit etwa 20 Millionen Abhängigen der weltweit
größte Konsument illegaler Drogen, ohne dass es im eigenen Land
eine angemessene Kampagne gegen korrupte Behörden und die
Aktivitäten rührender Drogenbosse gegeben hätte.42
Der Antidrogenkrieg nahm absurde Züge an, die Orwell'sche Fantasien in den Schatten stellten. Während Präsidentengattin Nancy
Reagan für eine Kampagne unter dem Motto: »Sag einfach nein zu
Drogen« warb, sagten die Geheimdienste der Regierung ihres
Mannes »ja«. Wie Alfred McCoy in seiner richtungweisenden
Untersuchung zeigt, gehörte der Drogenhandel seit vielen Jahren zu
den geheimen Strategien der amerikanischen Geheimdienste, worin
Menschen, die in der Drogen- und AIDS-Hilfe arbeiten, eine perfide
und besonders effektive Form des Terrorismus sehen.43 »Unter dem
Deckmantel des Antikommunismus«, schrieb Clarence Lusane vom
US Center for Drug Abuse Research, »hat bisher jede US-Regierung
von Truman bis Bush verdeckte Operationen in aller Welt
gerechtfertigt, die direkt zur Öffnung und Erweiterung von
Handelswegen für illegale Rauschmittel geführt haben. Von USGeheimdiensten getragene Aktivitäten ... haben den Drogenfluss
gefördert, der unweigerlich darauf folgte.«44
Während der Indochinakriege war die CIA tief in Drogengeschäfte
verstrickt: Ihre »Geheimarmee« in Laos wurde von General Vang
Pao, dem berühmten Drogenfürsten, befehligt, der seine Mittel
ausschließlich aus dem Drogenhandel bezog. In den 80er Jahren
finanzierte die CIA ihren »Geheimkrieg« gegen die Sandinisten in
Mittelamerika im Wesentlichen mit Drogen, nachdem der Kongress
die Mittel dafür verweigert hatte. Bei der Kongressanhörung mit
dem von Senator John Kerry geleiteten Unterausschuss Terrorismus,
Drogen und internationale Beziehungen wurde festgestellt:
»Aufgrund der Beweislage steht fest, dass die Contras wissentlich
finanzielle und materielle Unterstützung von Drogenhändlern
angenommen haben. ... In allen Fällen verfügte die eine oder andere
US-Bundesbehörde
über
entsprechende
Informationen.
...
Tatsächlich hatten die politischen Entscheidungsträger der
Vereinigten Staaten ein durchaus offenes Ohr für den Vorschlag,
Drogengelder könnten die perfekte Lösung zur Finanzierung der
Contras sein.«45
1997 enthüllte Le Monde Diplomatique, dass die CIA nach dem Militärschlag in Bolivien im Jahr 1980 »dank des Kokains, das in einem
geheimen Labor in Huanchaca [Bolivien] hergestellt wurde, über die
Mittel verfügte, ihre Operationen in Mittelamerika zu finanzieren. ...
Die US-amerikanische Drogenfahndungsbehörde (DEA) wusste von
der Drogenfabrik, schwieg sich aber aus. Ein bolivianischer
Kongressabgeordneter, der für eine Ausweisung der DEA-Beamten
aus Bolivien eintrat, fiel, kurz nachdem er seine Anschuldigungen
vorgebracht hatte, einem Attentat zum Opfer.«46
Nach jahrelangem Studium der Geheimakten kam Jack Blum, der
Chefermittler des Kerry-Ausschusses, zu einem eindeutigen
Ergebnis. »Wenn Sie mich fragen: Haben Personen, die mit der USRegierung in Verbindung stehen, im Verlauf des Krieges gegen die
Sandinisten Kanäle geöffnet, über die Drogen in die Vereinigten
Staaten gebracht werden konnten, wussten sie über die Aktivitäten
der Drogenhändler Bescheid und haben sie diese vor Verfolgung
durch die Strafbehörden geschützt?, dann muss ich alle diese Fragen
mit Ja beantworten.«47
Dem Krieg gegen Drogen folgte der Krieg gegen Dämonen.
Dämonen sind diejenigen, die der »offenbaren Bestimmung Amerikas«, wie sie im 19. Jahrhundert definiert wurde, im Wege stehen.
Ein Dämon kann eine ganze Religionsgemeinschaft sein wie der
Islam oder ein Staat wie der Iran oder auch eine Einzelperson wie
Fidel Castro, Saddam Hussein und Oberst Moamar al-Gaddhafi.
Um einen weniger bedeutenden Dämon zu entführen, nämlich General Noriega, einen alten Freund von George Bush senior aus
dessen Zeit als Leiter der CIA, war eine Invasion in Panama
notwendig, die 2000 Bürger des Landes das Leben kostete. Noriega
wurde als Drogenhändler und Sammler kinderpornografischer
Machwerke gebührend verteufelt. Seine Ausbildung an der School of
the Americas und seine langjährige Verbindung zur CIA und zu
Bush senior wurden dagegen für unwesentlich erachtet. Dass in der
Folge, gesichert durch verlässlichere Noriegas, Panama und der
Kanal wieder dem unangefochtenen Einfluss der USA unterstellt
wurden, was der eigentliche Grund der Invasion war, stieß auf
geringes Interesse.
Der erfolgreichste Dämon von allen, Saddam Hussein, war ebenfalls ein alter Bekannter von George Bush senior und gern gesehen in
Kreisen der amerikanischen und britischen Rüstungsindustrie, die
ihn in den 80er Jahren für seinen Krieg gegen das frühe Modell eines
Superdämons, nämlich die iranischen Mullahs, ausgestattet hatten.
Etwa eine Million Menschen starben in dem zehn Jahre währenden,
vom Westen finanzierten Gemetzel. Als Saddam 1990 übermütig
wurde und im Streit um den Besitz von Ölfeldern in Kuweit einfiel,
bezeichnete ihn sein früherer Freund als »einen neuen Adolf Hitler«.
Innerhalb weniger Monate verloren wiederum eine Viertelmillion
Menschen ihr Leben in dem Blutbad, das die USA im Irak anrichteten.
Ein Dämon, der nie seinen Wert verloren hat, ist der kambodschanische Massenmörder Pol Pot. In den letzten Jahren wurde Pol Pot
wieder einmal als das Ungeheuer ohnegleichen verkauft, das im
Alleingang unsägliches Leid über sein Volk brachte. Unerwähnt
bleiben dabei die Faustischen Gegenspieler des Ungeheuers im
Westen, ohne die der Tyrann niemals an die Macht gekommen wäre
und die ihm später im Exil zugunsten ihrer eigenen imperialistischen
Ziele wieder den Rücken stärkten.
Nach westlicher Lesart begann der kambodschanische Albtraum
1975, im »Jahr Null«, als die Roten Khmer die Macht übernahmen. In
Wirklichkeit war 1969 dieses »Jahr Null«, als Präsident Nixon und
sein Außenminister Henry Kissinger die heimliche und
rechtswidrige Bombardierung des neutralen kambodschanischen
Staates veranlassten, bei der zur Verschleierung des Verbrechens die
Bordbücher der amerikanischen Piloten gefälscht wurden. Zwischen
1969 und 1973 töteten amerikanische Bomber eine Dreiviertelmillion
kambodschanischer Bauern bei dem Versuch, nordvietnamesische
Nachschubbasen zu zerstören, von denen es viele gar nicht gab. 1973
warfen B-52-Maschinen in einem Zeitraum von sechs Monaten mehr
Bomben auf eine kambodschanische Bevölkerung ab, die zum
größten Teil in Strohhütten lebte, als im gesamten Zweiten Weltkrieg
auf Japan herunterregneten: den Gegenwert von fünf Hiroshimas.
Der Inhalt von amtlichen US-Dokumenten, deren Geheimstatus
1987 aufgehoben wurde, lässt wenig Zweifel daran, dass der
amerikanische Terror der Katalysator für eine Revolution war, die
bis zu diesem Zeitpunkt keine breite Basis in der
kambodschanischen Bevölkerung hatte. »Sie benutzen [die
Bombardierung] als Hauptargument ihrer Propaganda«, berichtete
der Leiter der CIA-Operation am 2. Mai 1973. »Dieses Vorgehen hat
zur erfolgreichen Rekrutierung vieler junger Männer geführt, und
die Propaganda hat besonders nachhaltig bei den Flüchtlingen
gewirkt, die einem B-52-Bombardement ausgesetzt waren.«48
Was Nixon und Kissinger begonnen hatten, brachte Pol Pot zu
Ende. Und als die Vietnamesen am Weihnachtstag des Jahres 1978
die Roten Khmer über die Grenze nach Thailand trieben, wurden sie
dort in Auffanglagern von amerikanischen Geheimdienstleuten in
Empfang genommen, zu denen auch der Oberst des militärischen
Geheimdienstes gehörte, der die geheime Bombardierung geplant
hatte, durch die sie letztlich an die Macht gelangt waren. Sogleich
machte sich die Kampuchea Emergency Group, die ihr
Hauptquartier in der US-Botschaft in Bangkok hatte, daran, den
Roten Khmer als »Widerstandsgruppe« gegen die von Vietnam
unterstützte Regierung in Phnom Penh wieder zur Geltung zu
verhelfen.49 Linda Mason und Roger Brown, beide Mitarbeiter einer
US-amerikanischen Hilfsorganisation, schrieben später: »Die USRegierung bestand darauf, dass die Roten Khmer Nahrungsmittel
von uns erhielten ... Die Vereinigten Staaten wollten, dass die Hilfe
für die Roten Khmer von der Glaubwürdigkeit einer international
bekannten Hilfsorganisation profitierte.«50 Auf Drängen der USA
stellte das Welternährungsprogramm der thailändischen Armee
Nahrungsmittel im Wert von 12 Millionen Dollar zur Verfügung, die
an die Roten Khmer weitergeleitet werden sollten. Nach Aussage des
früheren außenpolitischen Beraters Richard Holbrooke kamen 20000
bis 40000 von Pol Pots Guerillakämpfern in den Genuss solcher
Hilfslieferungen.51
1980 begleitete ich einen UN-Hilfskonvoi aus 40 Lkw, von denen
17 mit Nahrungsmitteln, 17 mit Saatgut und die restlichen sechs mit
Dingen beladen waren, die von den UN-Helfern als »Leckerbissen«
bezeichnet wurden. Unser Ziel war Phnom Chat, ein Stützpunkt der
Roten Khmer in einem an der Grenze zu Thailand gelegenen Wald-
gebiet, das mit Landminen gespickt war. Irgendwann bemerkte die
UN-Mitarbeiterin, die den Konvoi leitete, eine Amerikanerin namens
Phyllis Gestrin: »Ich weiß nicht, was diese Hilfslieferung soll, aber
ich traue diesen Schwarzhemden nicht über den Weg.« Nachdem die
»Leckerbissen« abgeladen worden waren, ließ sie sich von einem
Mann, der die Aktion von einem strohgedeckten Unterstand aus in
belustigtem Schweigen beobachtet hatte, eine Unterschrift geben.
»Naja«, sagte sie, »was ich hier habe, ist vermutlich eine Empfangsquittung. Nicht schlecht, von einem Schlächter wie dem da.« Der
militärische Deckname des »Schlächters« war Nam Phann, auch
bekannt als »Pol Pots Himmler«, ein Mann, der wegen
tausendfachen Mordes in der Provinz Siem Reap gesucht wurde.
Fünf Monate später stattete Ray Cline, früherer stellvertretender
Leiter der CIA und außenpolitischer Berater des designierten Präsidenten Ronald Reagan, den Roten Khmer insgeheim einen Besuch in
einer nahe gelegenen Operationsbasis ab, wo er Gespräche mit deren
führenden Vertretern führte. Spionagesatelliten und Geld folgten
ihm auf dem Fuße. 1983 gesellte sich ein Kontingent des britischen
SAS zu den amerikanischen Verbündeten Pol Pots. Die Leute dieser
Spezialeinheit machten die »Widerstandskämpfer« der Roten Khmer
mit der Technik der Landminen vertraut und zeigten ihnen, wie man
sie auslegt. Als die Briten acht Jahre später als Mitglieder einer
UN-»Friedenstruppe« nach Kambodscha zurückkehrten, wurden sie
von Pol Pots Generälen als alte Kameraden begrüßt.52
Globale Apartheid
W
ie ist es möglich, dass westliche Regierungen die Wahrheit
ihrer Macht und ihres Terrorismus der Öffentlichkeit gegenüber ins Gegenteil verkehren können? Die Antwort ist einfach: weil
es in Großbritannien und in den Vereinigten Staaten als Sakrileg gilt,
eine westliche Demokratie als Terrorstaat zu bezeichnen. Diese Ehre
bleibt Staaten wie Libyen und dem Iran vorbehalten, kleinen Fischen
auf der Bühne des Terrorismus natürlich. Klischees wie der
»muslimische Fanatiker« werden oft und gerne bemüht. In
Wirklichkeit sind Muslime nur für einen Bruchteil der
Terrorismusopfer in aller Welt verantwortlich, und sie sind überdies
diejenigen, die am schwersten unter staatlichem Terrorismus zu
leiden hatten: in Palästina, im Irak, in Bosnien, Tschetschenien und
Somalia. Heerscharen westlicher Denker und Wissenschaftler,
Kriegsberichterstatter und Kulturschaffender sorgen dafür, dass die
Verbannung dieser Wahrheiten aus der öffentlichen Diskussion
gerechtfertigt scheint. In dem erfolgreichen Kinofilm True Lies tötet
Arnold Schwarzenegger 80 Terroristen, ausnahmslos arabische
Muslime.
»Zu Terroristen«, schreibt der Historiker Frank Furedi, »werden
alle x-beliebigen Ausländer, gegen die man etwas hat. Darüber
hinaus wird Terrorismus neu definiert als allgemeingültige
Metapher für eine Dritte Welt, die nach konzertierter Aktion des
Westens verlangt.«53 Aus einem Bericht der Trilateralen Kommission
zitierend, stellt er fest, dass die internationale Migration und die
damit zusammenhängenden Umwelt-, Drogen- und Terrorismus-
probleme »eine neue Realität des nationalen und internationalen
Lebens sind, die in vielerlei Hinsicht ein Zusammengehen aller
Staaten erforderlich macht«. Dadurch, dass demografische Fragen so
sehr in den Vordergrund treten, »entsteht eine Situation, in der die
westlichen Staaten nicht mehr die aggressiven Eroberer der Dritten
Welt sind, sondern zum Ziel fremder Eindringlinge werden«.54 Der
bekannte britische Terrorismusexperte Paul Wilkinson schrieb
einmal – und er tat dies vermutlich, ohne mit der Wimper zu zucken
– , der Terrorismus stelle »für die politische Führung der Vereinigten
Staaten und andere machtlose westliche Regierungen eine Gefahr«
dar.55
Das Malthus'sche Gespenst geht wieder einmal um. In einer
führenden US-amerikanischen Militärzeitschrift wird der neue Feind
benannt: »das brodelnde Giftgemisch aus Fanatikern, Verrückten,
Drogenhändlern und Terroristen«.56 Nicht nur die Vereinigten
Staaten seien bedroht, schreibt ein Autor in der Zeitschrift
International Affairs, sondern auch Europa sehe sich »zunehmend mit
... AIDS, Drogen, Umweltverschmutzung und der Verbreitung
chemischer und biologischer Waffen in der Dritten Welt
konfrontiert«.57
Viele ernst zu nehmende Publikationen befassen sich mit diesem
Albtraum und der Frage, wie ihm beizukommen ist. Die größte Berühmtheit erlangte ein Werk des Politologen Samuel Huntington,
der das Institut für Strategische Studien an der Harvard-Universität
leitet. Der Kampf der Kulturen, wie er sein Buch genannt hat, wurde
als Beitrag der 90er Jahre von ebensolchem Rang gerühmt wie
George F. Kennans historische Abhandlung zur Eindämmungspolitik, mit der dieser die theoretische Grundlage für die
Hegemonialansprüche der Vereinigten Staaten nach dem Zweiten
Weltkrieg lieferte. Huntington behauptet darin, die westliche Kultur
müsse sich gegen den Rest der Welt abgrenzen, um in »eine dritte,
euroamerikanische Phase des wirtschaftlichen Wohlstands«
eintreten zu können. »Die Regierenden der westlichen Staaten«,
schreibt er, »haben untereinander Normen des Vertrauens und der
Kooperation geschaffen, die sie, von wenigen Ausnahmen
abgesehen, mit den Regierenden aus anderen Kulturkreisen nicht
haben.« Die NATO bezeichnet er als »die Sicherheitsorganisation des
westlichen Kulturkreises, deren oberstes Ziel es ist, diesen zu
schützen und zu bewahren«. Die NATO-Mitgliedschaft sollte in seinen Augen denjenigen Staaten verwehrt bleiben, die im Laufe ihrer
Geschichte vorwiegend muslimisch oder orthodox oder in
irgendeiner Weise in ihrer Kultur und Religion nichtwestlich waren.
Huntington greift in seiner Sprache auf rassistische Klischees und
auf einen verschleierten Sozialdarwinismus zurück, die dem Faschismus schon immer als Nährboden gedient haben. Was ihm
vorschwebt, ist eine globale Apartheid. Und selbstverständlich fällt
die Aufgabe, in dieser westlichen Wagenburg für Ordnung zu
sorgen, »uneingeschränkt dem mächtigsten Staat des Westens, den
Vereinigten Staaten, zu«. Wenn Huntington diesen neuen göttlichen
Auftrag beschwört, spricht er Henry Kissinger aus der Seele, für den
das »die wichtigste Mission seit dem Kalten Krieg« ist.58
Im globalen Apartheidsystem weiß jeder, wohin er gehört. Die
Europäische Union hat gezeigt, wie es geht. Gesetze, die sich gegen
Flüchtlinge und Asylsuchende richten, sorgen dafür, dass Menschen
in Länder zurückgeschickt werden, in denen ihnen Gefängnis oder
gar der Tod droht. 1997 ertranken albanische Flüchtlinge, nachdem
ihr Boot absichtlich von einem Schiff der italienischen Marine
gerammt worden war. Als eine ihrer ersten Amtshandlungen
beschleunigte die Blair-Regierung die Abschiebung abgewiesener
Asylsuchender und löste so, wie verlautete, einen »Rückstau« von
50000 Menschen auf.59
Und während die Zugbrücken hochgekurbelt und die Flüchtlinge
in die Wüste geschickt werden, offenbart sich dem Westen die
atomare Bedrohung aus der Dritten Welt. Da gibt es die
»Atomajatollahs« im Iran; auch Saddam wurde lange verdächtigt,
Atomwaffen zu entwickeln. Ersteres wurde von der Internationalen
Atomenergiekommission als Unsinn entlarvt, und das international
anerkannte Institut für Konflikt- und Terrorismusforschung in
Stockholm stellte – schon lange vor dem amerikanischen Überfall –
fest, dass Letzteres durch nichts zu belegen war, aber darauf kommt
es gar nicht an. Wie die »Drogenbarone« in Lateinamerika zwingen
die »Atomterroristen« den zivilisierten Westen zum Handeln.
Einer der vielen Vorschläge sieht ein Atomexpeditionskorps vor,
das »vorrangig gegen Ziele in der Dritten Welt eingesetzt werden«
soll.60 1997 wurde die US-Luftwaffe um sechs Tarnkappenbomber
verstärkt, die als Träger für die B61-11, einen neu entwickelten, auch
als »Bunker-Buster« bekannten Bombentyp, dienen sollen. Diese
»Mini-Nukes«, die so konzipiert sind, dass sie sich tief in die Erde
bohren, bevor sie explodieren, und deren Druckwellen imstande
sind, »Befehlsbunker« in tausend Metern Tiefe zu zerstören, können
auch in Kampfflugzeugen des Typs F-16 transportiert werden.61
Überhaupt kein Wirbel wird dagegen um die einzige wirkliche
Atommacht im Nahen Osten gemacht, deren mörderische Angriffe
auf ein Nachbarland gegen mindestens sechs UN-Resolutionen
verstießen und von der UN-Vollversammlung mit überwältigender
Mehrheit verurteilt wurden, was jedoch keinerlei Sanktionen nach
sich zog. Die Rede ist vom Staat Israel, dessen Terrorismus, als
»Selbstverteidigung« beschönigt, von den Vereinigten Staaten
gesponsort wird. 1982 drangen israelische Truppen in den Libanon
ein und brachten etwa 20000 Menschen um. Israelische
Kampfflugzeuge bombardierten Flüchtlingslager; Todesschwadrone
des israelischen Inlandsgeheimdienstes Shin Beth entführten und
ermordeten Personen nach eigenem Gutdünken. Das geheime Ziel
dieses barbarischen Vorgehens war es, wie Noam Chomsky schreibt,
»der drohenden PLO-Diplomatie zuvorzukommen«.62
1996 richteten die Israelis in einem Posten der UN-Friedenstruppen im südlibanesischen Kana ein Blutbad unter Flüchtlingen an,
dem 102 Menschen, darunter viele Frauen und Kinder, zum Opfer
fielen. Der Beschuss habe einem nahe gelegenen HisbollahStützpunkt gegolten, hieß es – eine Behauptung, die von UNBeobachtern sehr schnell widerlegt wurde. Die Berichterstattung in
Großbritannien und den Vereinigten Staaten war allerdings
aufschlussreich. Die Schlagzeile in der Times lautete: »Clinton mahnt
zum Frieden nach Tod von 97 Menschen«, und die Unterüberschrift:
»Angriffe gegen den Libanon gehen weiter, bis Hisbollah
Gewaltverzicht erklärt«. Der Daily Telegraph rückte neben die
Schlagzeile »Israelische Bomben töten 94 Flüchtlinge« ein fett
gedrucktes Zitat des israelischen Ministerpräsidenten Schimon Peres
ein: »Uns blieb nichts anderes übrig, als unser Volk und unsere
Soldaten zu verteidigen.« In der Newsweek hieß es, die Opfer seien
»im Kreuzfeuer« gestorben.63
Wie überall in der Welt sind es auch in Palästina die Opfer, nicht
die Unterdrücker, die als Terroristen gelten: eine Sicht, die Richard
Falk zufolge weit verbreitet ist, weil »das Bild über der Wahrheit
steht, indem es diese in unserer Wirklichkeitswahrnehmung zu
formen und zu verschleiern vermag. ... Selbst linke Kritiker sehen
zuerst den vorfabrizierten Zusammenhang zwischen Terrorismus
und der Strategie der Besitzlosen und versuchen, von diesem
Standpunkt aus zu erklären, warum sich bestimmte Muster der
Gewalt entwickelt haben .. .‹‹64 Dass sich mit wenigen Ausnahmen
sämtliche Mitglieder der UN-Vollversammlung Jahr für Jahr für eine
Resolution aussprechen, in der Israel aufgefordert wird, sich aus den
besetzten Gebieten zurückzuziehen, spielt keine Rolle. Es kommt
einzig und allein darauf an, dass Israel die Macht des Westens und
vornehmlich der Vereinigten Staaten repräsentiert.
Was die Amerikaner heute als Friedensprozess preisen, ist dessen
genaues Gegenteil. Es ist ein Kriegsprozess, in dem die Palästinenser
in die Zange genommen werden von israelischem Militär und
fremden Besatzern, so genannten »Siedlern«, die von der israelischen
Regierung bewaffnet und von den Vereinigten Staaten finanziert
werden. So ist es zwar erschütternd, aber ganz logisch, wenn die
belagerten drei Prozent des Westjordanlandes, die der
»Friedensprozess« den Palästinensern in ihrem eigenen Land
zugestanden hat, den Armenvierteln der Bantustans oder
»Homelands« in der Zeit der Apartheid in Südafrika gleichen. Und
zugleich müssen sich die Palästinenser damit abfinden, dass
einerseits Klischees über den islamischen Terrorismus verbreitet
werden, während andererseits kaum jemand ein Wort über den
unmenschlichen und demütigenden Terror des jüdischen und
westlichen Fundamentalismus verliert. Der »Friedensprozess« hat
zwar sein Idealziel, die einheimische Bevölkerung zu befrieden,
nicht erreicht, aber sie sind durch ihn wie versteinert, ihre
Hoffnungen und Träume sind erstickt, während sich die
Westmächte anschicken, eine Region auszuschlachten, die von den
Vereinigten Staaten lange Zeit als »unvergleichliche Basis
strategischer Macht und eine der größten materiellen Trophäen in
der Geschichte« gepriesen wurde.65
Einer der verblüffendsten Aspekte des neuen Kalten Kriegs ist die
Wiederbelebung der imperialistischen Weltsicht. Wie schon der britische Premierminister Harold Macmillan in den 50er Jahren beklagen
die Huntingtons von heute den »Prestigeverlust der Weißen«, die
sich im Imperialismus ihres Renommees noch sicher sein konnten.66
»Man vergisst leicht«, schreibt Frank Furedi in The New Ideology of
lmperialism, »dass die moralischen Ansprüche des Imperialismus bis
in die 30er Jahre hinein im Westen selten in Frage gestellt wurden.
Imperialismus und globale Expansion der Westmächte wurden
unter ausschließlich positiven Vorzeichen als ein wichtiger Beitrag
zur Zivilisierung der Menschheit dargestellt. ... Eine imperialistische
Weltsicht galt als achtbare politische Haltung.«67 Der spätere
Premierminister Harold Wilson, der sich selbst als Sozialisten
bezeichnete, verkündete 1949, keine Partei könne oder solle »für sich
allein in Anspruch nehmen, imperialistisch im besten Sinne des
Wortes zu sein«.68
Als, einem verbreiteten Glaubenssatz zufolge, die Vereinigten
Staaten nach dem Zweiten Weltkrieg aus ihrem »Zeitalter der
Unschuld« herauswuchsen – wobei so nebensächliche Dinge wie der
Völkermord an den indianischen Ureinwohnern, die Sklaverei, der
Raub des texani-schen Gebiets von Mexiko, die Unterdrückung
Mittelamerikas, Kubas und der Philippinen sowie die Monroedoktrin unter den Teppich gekehrt werden –, wurde der Begriff
»Imperialismus« aus den US-amerikanischen Geschichtsbüchern
gestrichen und zum Problem der Europäer erklärt. Überzeugte
Imperialisten sahen sich in der Nachkriegsperiode mit der
Schwierigkeit konfrontiert, dass der Faschismus unter Hitler mit
seinen Theorien der rassischen und kulturellen Überlegenheit ein
Erbe hinterlassen hatte, mit dem man sich nicht in Verbindung
bringen konnte, ohne selbst schuldig zu werden.
»Dass der Imperialismus moralisch verwerflich sein sollte«,
schreibt Furedi, »war eine Erkenntnis, die sich nur langsam in den
Köpfen der Leute festsetzte und die britische Oberschicht zutiefst
erschütterte.«69 Es folgte eine ernst gemeinte, wenn auch absurde
Kampagne mit dem Ziel, das Wort aus dem Sprachgebrauch zu
streichen, »weil es der Außenpolitik des Westens fälschlicherweise
unmoralische Motive zuschrieb«. Der Begriff wurde einfach als
»irrelevant« abgetan. Wer darauf beharrte, ihn im negativen Sinne
zu verwenden, galt als »unseriös« und »verdächtig«. Die
Betreffenden waren, schreibt ein US-amerikanischer Historiker,
»vom Kommunismus indoktriniert, oder es waren schwarze
Intellektuelle, die ihre eigenen Ressentiments gegen den weißen
Kapitalismus pflegten«.70
In bester stalinistischer Tradition hörte der Imperialismus einfach
auf zu existieren. Was folgte, war ein historischer Taschenspielertrick. »Indem die intellektuellen Vordenker des Kalten
Krieges die imperialistische Prägung der westlichen Gesellschaft
leugneten«, schreibt Furedi, »leugneten sie ihre eigene
Vergangenheit. Sie bestritten nicht, dass der Imperialismus etwas
war, dessen man sich schämen musste, sondern sie stritten
schlichtweg ab, je etwas damit zu tun gehabt zu haben.«71
Mit dem Ende des Kalten Krieges öffnete sich eine ganz neue Perspektive. Plötzlich konnten die wirtschaftlichen und politischen
Krisen in der Dritten Welt als Rechtfertigung für den Imperialismus
herangezogen werden. Auch wenn der Begriff als solcher weiterhin
tabu war, hatte der Imperialismus doch den Rückweg in die
Ehrbarkeit angetreten. Zum ersten Mal seit einem halben
Jahrhundert wurde die Vergangenheit wieder öffentlich gefeiert. Im
Wall Street Journal wurde der Widerstand der Amerikaner gegen den
französisch-britischen Einsatz am Suezkanal als der »vielleicht
größte strategische Fehler in der Nachkriegsära« bezeichnet.72 Kurz
vor dem US-Angriff gegen den Irak im Jahr 1991 verkündete der
rechtskonservative Cambridge-Absolvent John Casey, es stehe nun
den Westmächten frei, in der Dritten Welt »zu tun und zu lassen,
was ihnen beliebt«.73
Und er lag ganz richtig damit. Angesichts der NATO-Erweiterung,
der amerikanischen Billigung der ethnischen Säuberung auf dem
Balkan, der Eindämmungspolitik im Nahen Osten und des wieder
erstarkten Einflusses der USA in ganz Afrika und im
mittelamerikanischen »Hinterhof« kann der Rentner Douglas Hurd
völlig zu Recht erleichtert aufatmen, wenn er konstatiert, dass »wir
allmählich die geschichtliche Phase hinter uns lassen, in der die
westliche Welt kein legitimes Interesse an den Entwicklungsländern
äußern konnte, ohne sogleich neokolonialistischer Absichten
bezichtigt zu werden«.74
Neue Produktbezeichnungen tauchen auf und verschwinden:
»präventive Diplomatie« und »humanitäre Intervention«, Letztere
als Veteranin des blutigen Golfkriegs. Zwar erfüllen sie bereits das
Kriterium, jederzeit und überall das tun zu können, was man will
und was in der eigenen Macht liegt, aber sie müssen noch ins
öffentliche Vorstellungsvermögen Eingang finden. Derzeit stehen
»UN-Friedenssicherung« und »Friedensoperationen« hoch im Kurs.
»Wie schon im Golfkrieg«, schreibt Phyllis Bennis 1996 in einer
Studie zur Lage der Vereinten Nationen, »beschränkt sich die Rolle
der Vereinten Nationen seither zunehmend darauf, die einseitigen
Interventionsstrategien ihrer einflussreichsten Mitglieder – insbesondere der USA – abzusegnen und zu erleichtern, während sie, was
ihre eigene Macht betrifft, auf die armseligen Brocken angewiesen
sind, die ihnen von Washington hingeworfen oder vorenthalten
werden.«75 Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen debattierte an
jenem 16. Januar 1991 noch darüber, ob er dem Angriff gegen den
Irak zustimmen solle, als ein Reporter in den Sitzungssaal trat und
verkündete: »Sie bombardieren Bagdad. CNN bringt es gerade in
den Nachrichten.«76
Seit 1996 sind »Friedenseinsätze« stillschweigend von den Vereinten Nationen auf die NATO übergegangen, die von Washington
ursprünglich als Bollwerk gegen die Sowjetunion ins Leben gerufen
worden war. Das Bosnien-Mandat, das letztlich eine »ethnische
Säuberung« auf dem Balkan legitimierte, wurde den NATOTruppen übertragen und gilt als beispielhaft für die Befriedung der
Welt. In Vorbereitung auf diese neue Rolle wurde die NATO
umstrukturiert und durch »Kriseneingreiftruppen« verstärkt, die an
jedem beliebigen Ort zum Einsatz kommen können. Das Konzept
der »alliierten Streitkräftekommandos« sieht vor, dass NATOWaffen
und
Geheimdienstinformationen
ohne
vorherige
Konsultation von Mitgliedern, die »kein ausreichendes Interesse an
der Region haben«, in Anspruch genommen werden können.
Selbstverständlich behalten sich die Vereinigten Staaten ein
Vetorecht vor.
Diejenigen, die voraussagten, dass die NATO nach dem Fall der
Berliner Mauer ihre Funktion verlieren würde, haben sich geirrt. Die
NATO hat im Gegenteil eine rasche Erweiterung nach Osteuropa
erfahren, die bis an die Grenzen Russlands reicht. Die Reaktion der
Russen hat sich nicht gerade wie ein Lauffeuer in den Nachrichten
verbreitet, sie ist vielmehr im Westen kaum bekannt. »Das
Verteidigungsministerium in Moskau«, schreibt Andreas Zumach,
freier Journalist am UNO-Sitz in Genf und Korrespondent für die taz
in Berlin sowie für Rundfunkanstalten, BBC Deutschland und
weitere deutschsprachige Zeitungen, »hat bereits Pläne angekündigt,
an den westlichen Grenzen Russlands neue Atomwaffen zu
stationieren. Der Nationale Sicherheitsrat in Moskau denkt auch
darüber nach, sich vom lange gültigen Grundsatz der Ablehnung
von atomaren ›Erstschlagwaffen‹ zu verabschieden. Das Vorrücken
[der NATO] an die Grenzen Russlands hat in Moskau zu
klaustrophobischen Reaktionen geführt und den Einfluss der
nationalistischen Kräfte im russischen Parlament gestärkt, das nun
den zweiten Vertrag über den Abbau strategischer Waffen mit den
Vereinigten Staaten nicht unterzeichnen wird ... Statt für ›mehr
Stabilität und Sicherheit in Europa‹ zu sorgen, wie es ihre
Befürworter versprechen, wird die Erweiterung der NATO nach
Osten in den kommenden Jahren ein möglicher Auslöser für offene
Konflikte auf dem eurasischen Kontinent sein.«77
Seit der Wiedereroberung Russlands durch die Kräfte der Globalisierung ist die Wirtschaft des Landes auf die Hälfte zusammengeschrumpft und das Bruttoinlandsprodukt auf das Niveau der
Niederlande gesunken. Für die Menschen ist es wieder schwierig
geworden, sich mit den notwendigen Lebensmitteln zu versorgen,
und die Arbeitslosenquote ist so hoch wie seit 60 Jahren nicht mehr.
Die Lebenserwartung der Männer, die Ende der 50er Jahre 69 Jahre
betrug, liegt nur noch bei 58 Jahren.78 Eine so rasante Abnahme der
Lebenserwartung wurde noch in keinem Land der Welt je
beobachtet. »Hinter der Maske einer liberalen Demokratie«, schreibt
Michel Chossudovsky, »überlebte der totalitäre Staat völlig
unbeeinträchtigt: eine genau abgewogene Mischung aus Stalinismus
und ›freier‹ Marktwirtschaft, wobei der IWF und die anderen
Instrumente des triumphierenden Imperialismus ihre Kräfte darauf
konzentrieren, den früheren Feind auszuschalten und die
Entwicklung Russlands zu einer kapitalistischen Großmacht
voranzutreiben.«79
Die britische und amerikanische Berichterstattung über Russland
entwirft ein völlig anderes Bild. Es findet keine öffentliche
Diskussion über aufziehende Gefahren statt, so gut wie niemand
weiß, was mit der früheren sowjetischen Gesellschaft geschehen ist.
Auch wenn der Imperialismus wieder salonfähig wird, so werden
doch seine Folgen nach wie vor totgeschwiegen. Menschen in aller
Welt werden im Fernsehen immer noch als Opfer ihrer eigenen
unglücklichen Umstände vorgeführt, auch wenn die Ursache ihrer
Not, wie beispielsweise in Ruanda, in der kolonialen Vergangenheit,
in wechselnden Bündnissen der Kolonialmächte und der
Verschiebung von »Einflusssphären« zu suchen ist. Wenn die
Kameras weiter schwenken – was sie, so sicher wie das Amen in der
Kirche, irgendwann einmal tun –, hören die Menschen auf zu
existieren.
Kambodscha ist ein anschauliches Beispiel. Als die Westmächte
1992 in das Land zurückkehrten, kamen sie unter der Flagge der
Vereinten Nationen. Diesmal brachten sie einen »Friedensplan« mit,
den sich der amerikanische Kongressabgeordnete Stephen Solarz,
eine der führenden Figuren des Kalten Krieges, ausgedacht hatte.
Diesem Plan zufolge sollte Kambodscha sich dem Weltmarkt öffnen
und verschulden, und es sollte dem Einfluss seiner vietnamesischen
Befreier entzogen werden.
Um die von Vietnam gestützte Regierung Hun Sen zu unterminieren, verhalfen die Vereinten Nationen den im Exil lebenden
Politikern
und
Generälen
der
»Koalitionsregierung
des
demokratischen Kampuchea«, die eine Erfindung der USA und fest
in der Hand der Roten Khmer war, zur Rückkehr nach Phnom Penh.
Pol Pots Guerillaeinheiten erhielten ein Viertel der ländlichen
Regionen Kambodschas, wo sie, entgegen der propagandistischen
Behauptung, sie seien endgültig zerschlagen, weiterhin zu
Tausenden ungestraft agierten.80 1992 erfuhr ich von Eric Falt, dem
damaligen UN-Sprecher in Phnom Penh, um was es in Wirklichkeit
ging: »Der Friedensprozess soll den Roten Khmer die Möglichkeit
geben, sich zu rehabilitieren.«81
Dank der »Friedensoperation« der Vereinten Nationen mit ihren
Nebenprodukten Korruption und AIDS sah sich Kambodscha mit
einer Regierung konfrontiert, die zwischen dem Khmer-Gegner Hun
Sen und dem Khmer-Verbündeten Prinz Norodom Ranariddh hoffnungslos gespalten war. Der Eifer, mit dem Ranariddh Vertretern
der Roten Khmer den Weg in die Regierung ebnete, um seine eigene
Macht zu stärken, führte letztendlich zu Hun Sens Putsch im Jahr
1997 und zum darauf folgenden Schauprozess gegen Pol Pot, den die
Roten Khmer für die westlichen Medien inszenierten. So war es
ihnen möglich, sich wieder in den Schatten zurückzuziehen. Wieder
waren Prinz Ranariddhs Royalisten ihre Verbündeten. Anstatt in
Kambodscha die Voraussetzungen für einen echten Frieden zu
schaffen, bewirkte die »erfolgreichste UN-Friedensoperation der
Geschichte« nichts weiter, als den Status quo zu untermauern.
Den Vereinten Nationen dicht auf den Fersen im Wettstreit um die
größten Erfolge dieser Art war George Bush mit seiner
»humanitären Intervention« in Somalia während des Wahlkampfs
1992, in dem er sich zum zweiten Mal um das Präsidentenamt
bewarb. Damals herrschte allgemeine Übereinstimmung darüber,
dass die US-Truppen, wie Bush es ausdrückte, »Gottes Werk« taten
und »Tausende von Unschuldigen retteten«. Es war dies die
»Operation neue Hoffnung«, die, ebenso wie der Angriff gegen den
Irak im Jahr zuvor, mit dem Segen der Vereinten Nationen
durchgeführt wurde. Amerikanische Fernsehteams standen bereit,
als die US-Truppen im Morgengrauen eines herrlichen Tages auf
afrikanischem Boden landeten: Hauptsendezeit daheim. Auf
somalischer
Seite
herrschte
ewige
Finsternis:
»Chaos«,
»Stammesfehden« und »Kriegsherren«. Als die amerikanischen
Kriegsherren ihr Abenteuer in Somalia zu Ende gebracht und die
Medien mit nach Hause genommen hatten, war die Story gestorben,
wie es so schön heißt. Zurück blieben 7000 bis 10000 Tote. Das hatte
keinen Nachrichtenwert.82
Henry Kissinger schrieb im Guardian:
»In Somalia ging es um hehre Ziele. Tatsächlich waren ausnahmslos
alle amerikanischen Kriege dieses Jahrhunderts von moralischen
Erwägungen geleitet ... Der neue Ansatz [in Somalia] nimmt eine
Erweiterung des Moralbegriffs für sich in Anspruch ... Die humanitäre
Intervention geht von der Prämisse aus, dass moralische und
humanitäre Belange so untrennbar zum amerikanischen Leben gehören, dass nicht nur materielle Werte, sondern auch Menschenleben
aufs Spiel gesetzt werden müssen, um sie zu verteidigen; ohne sie
würde die amerikanische Realität etwas von ihrem Sinn einbüßen.
Keine Nation hat jemals einen solchen gedanklichen Rahmen gesteckt.«83
DIE WELT AUS
DER SICHT VON
DIMBAZA
Nichts spricht dafür, das gegenwärtige finanz
politische Modell, das sich als vorteilhaft für das
Land erwiesen hat, zu ändern oder aufzugeben.
Chris Stals, Gouverneur der südafrikanischen
Zentralbank während des Apartheidregimes,
und von der ANC-Regierung im Amt bestätigt
D
er Frühling ist noch jung, und die Sonne scheint warm durch
die Windschutzscheibe, während draußen der Wind über die
trockene Steppe fegt. Die Klimaunterschiede zwischen dem
Flachland und den höher gelegenen Teilen des Landes sind
dramatisch; es gibt fruchtbare Täler mit Flüssen, die ganzjährig
Wasser führen, und nur wenige Kilometer davon entfernt
Trockengebiete, in denen man sich in eine andere Welt versetzt fühlt.
Das Ostkap erinnert mich irgendwie an Palästina: landschaftliche
Schönheit auf der einen Seite, und wenn man sich umdreht, ein
Slum. Unter der unglaublichen Weite des afrikanischen Himmels
sieht man die Silhouetten von Frauen, die wie aufgereiht über eine
Hügelkuppe ziehen, um Wasser aus einem Brunnen zu holen, an
dem auch das Vieh trinkt und seinen Kot hinterlässt. Den Menschen
in ländlichen Gebieten bleibt meist nichts anderes übrig, als fast
einen Kilometer weit bis zur nächsten Wasserstelle zu laufen. Sie
haben oft keine sanitären Anlagen, keinen Strom, kein Telefon und
keine Arbeit. Zu Schatten abgemagerte Kinder und ihre Mütter
laufen, in ihr Schicksal ergeben, mit ihren Lasten die Straßen
entlang.1
Die Art und Weise, wie man fast eine Million Menschen hierher
verfrachtet hat, erinnert an Stalins Verbannung ganzer Völker nach
Sibirien und Zentralasien. Im offiziellen Sprachgebrauch waren sie
»Überzählige«, für die man »keine Verwendung« hatte, die weder in
den Minen und Steinbrüchen noch in den Fabriken ausländischer
Unternehmen eingesetzt werden konnten; und Straßenkehrer,
Gärtner und Kinderfrauen gab es ohnehin schon mehr als genug.
Also wurden die Frauen und Kinder, die Alten, Kranken und
Behinderten mit Lastwagen in Gegenden deportiert, in denen es
nichts gab; manche wurden einfach in der Wüste ausgesetzt. Diese
Bantustans oder »Homelands«, riesige Konzentrationslager weit
abseits der Städte, waren das geistige Produkt des in den
Niederlanden geborenen Faschisten Hendrik Verwoerd.
»Ich war elf Jahre alt«, erzählt Stanley Mbalala, »und gehörte im
Winter 1968 zum zweiten Kindertransport. Ein Lastwagen kam
mitten in der Nacht, um mich, meine Mutter und meine Brüder
abzuholen. Wir mussten unser Haus in der Nähe von Kapstadt
verlassen und haben es nie wieder gesehen. Den größten Teil der
Fahrt über war es dunkel; ich war in eine dünne Decke gewickelt
und kann mich noch heute erinnern, wie kalt es war. Wir wussten
nicht, wohin wir gebracht wurden. Die Lastwagen fuhren mit ihrer
Ladung zusammengepferchter Menschen in einer langen Kolonne;
es war wie ein Viehtransport.«
Die beiden »Homelands« am Ostkap waren Transkei und Ciskei.
Die »Republik Ciskei« war das ärmere der beiden, aber der Unterschied war nicht wahrnehmbar. Wie alle Konstrukte des Apartheidstaats waren auch diese beiden künstlichen Gebilde absurd und
grotesk. Als Hauptstadt von Ciskei wurde Bisho mit einem
Kostenaufwand von 60 Millionen Pfund aus dem Boden gestampft.
Mit einem Parlamentsgebäude, einem »Unabhängigkeitsstadion«,
Regierungsbüros, einem Präsidentenpalast und einem Spielcasino
sollten weiße Besucher von »außerhalb« angelockt werden. Die
Regierenden in Pretoria wussten um die Bedeutung einer schwarzen
Führungsschicht. »Präsident auf Lebenszeit« in Ciskei war ein
Operettendiktator namens Lennox Sebe, bekannt für seinen
opportunistischen Hofstaat, seine Spione und seine Marmortreppen.
Heute ist die Auffahrt zu seinem Palast mit Unkraut überwuchert,
und im Swimmingpool hat sich ein schleimig-grüner Belag gebildet.
In einem der Wachtürme hat sich eine obdachlose Familie häuslich
eingerichtet; ihre Wäsche hängt zum Trocknen auf dem Elektrozaun.
Nicht weit entfernt liegt die Stadt Dimbaza, die symbolhaft für Ciskei und das bitterarme Ostkap steht. Sie wurde 1967 »besiedelt« (in
dem Jahr, in dem ich das letzte Mal in Südafrika war; ich erhielt in
der Folge Einreiseverbot, weil meine Reportagen als »Staats-
beleidigung« eingestuft wurden). Damals setzte man 70 Familien an
einem wasserlosen, windgepeitschten Berghang ab. Stanley erinnert
sich an ein Wäldchen, das im ersten Winter zu Brennholz gemacht
wurde. Die Menschen lebten in Zelten und in Holzhütten mit
Blechdach und Lehmboden. Später erhielten Neuankömmlinge
Kästen aus Asbestbeton ohne regelrechte Dächer und Böden, in
denen es im Sommer so heiß und im Winter so kalt und feucht war,
dass die Jüngsten und die Ältesten darin umkamen. »Wenn es
regnete, weichte unser Fußboden auf«, erzählt Stanley. Er gehörte zu
einer »Zuwanderungswelle« von 2897 Personen, darunter 2041
Kinder: »Apartheidwaisen«. Ein Regierungsbeamter erklärte die
Maßnahmen so: »Wir siedeln [in Dimbaza] Arbeitslose an. Sie
konnten im städtischen Umfeld keine produktiven Dienste anbieten.
Die Regierung wird die Kinder mit einer sättigenden Mahlzeit am
Tag versorgen ... «2
Stanley kann sich an keine sättigende Mahlzeit erinnern. »In der
Hütte neben uns lebte eine Frau mit 13 Kindern«, erzählt er. »Sie waren alle unterernährt. Ich bin abends fast immer hungrig eingeschlafen; man gewöhnt sich an das Gefühl, aber irgendwann wird
man krank; und die Jüngsten sind daran gestorben.«
Bis heute ist Dimbaza das geheime Herz Südafrikas. Schon die äußere Erscheinung fällt aus dem Rahmen. Während sich andere Ortschaften um einen Marktplatz, das Rathaus und Geschäfte
gruppieren, befindet sich im Zentrum von Dimbaza ein
Kinderfriedhof. In den meisten Gräbern sind Tote bestattet, die noch
nicht einmal zwei Jahre alt geworden sind. Es gibt keine Grabsteine.
Zwischen Unkraut verstreut liegen Plastikspielsachen und die
Scherben zerbrochener Blumenvasen herum; hier sieht man
ausgemergelte Kühe grasen. Gelegentlich stolpert man über ein
Stück Aluminiumrohr, das aus einem Betonbrocken ragt. Das waren
die einzigen Grabsteine, die sich die Leute leisten konnten. In einen
dieser Brocken hat jemand geritzt: »Geliebter Jack, sechs Monate alt,
schmerzlich vermisst, gestorben am 12. August 1976«, und auf einem
anderen steht: »Rosie, Gott segne sie, zehn Monate alt...«
Die Kinder waren Opfer der Lebensbedingungen, die an Orten wie
Dimbaza herrschten. Sie starben an Tuberkulose, Masern und
anderen vermeidbaren Krankheiten, weil ihnen absichtlich und
systematisch das Notwendigste zum Leben vorenthalten wurde. In
den »Homelands« fanden so Tausende den Tod: viele von ihnen als
Folge von Diarrhöe und Unterernährung. So viele waren es, dass in
allen verfügbaren Quellen davon die Rede ist, dass die Särge knapp
wurden. In seinem Buch The Discarded People, das zum Klassiker
wurde, schreibt Cosmas Desmond, dass allein im Jahr 1967 in
Transkei 40000 Kleinkinder verhungerten, in Ciskei dürfte die Zahl
noch höher gelegen haben.3
Auf dem Friedhof von Dimbaza sind mindestens 500 Kinder
begraben. Genauer: Sie waren es. Von Stanley erfahre ich, dass 1970
zahlreiche kleine Skelette am Fuß des Berghangs auftauchten,
nachdem schwere Regenfälle das Erdreich weggeschwemmt hatten.
Die Leute sahen es mit Trauer und Entsetzen, und einige bargen das,
was sie für die sterblichen Überreste ihrer eigenen Kinder hielten.
»Die meisten Familien hatten nicht genug Geld, um sie ordentlich zu
begraben«, erzählt Stanley. »Ich weiß nicht, warum man nichts an
dem Friedhof gemacht hat; er sollte für uns ein Ort der Erinnerung
sein.«
Nicht zuletzt, weil als Reaktion auf Cosmas Desmonds Buch und
auf eine britische Dokumentation ein Aufschrei um die Welt ging,
wurden Dimbaza und einige andere Müllhalden des Apartheidstaats
in den 70er Jahren »industrialisiert«. Das heißt, sie wurden zur
Quelle billiger, subventionierter Arbeitskräfte für die ausländischen
Unternehmen erkoren, deren Kapital die Regierung in Pretoria
dringend zur Belebung ihrer krankenden Wirtschaft benötigte. Dass
die Briten als Erste da waren, kann nicht verwundern, wenn man
bedenkt, dass sie es waren, die lange vor den Buren die
wirtschaftliche Basis für die Apartheid geschaffen haben. Cecil
Rhodes schaffte es als Premierminister der Kapkolonie, die Mehrheit
der schwarzen Bevölkerung in Arbeiterreservate zu treiben. Als die
südafrikanische Polizei 1960 in Sharpeville 69 schwarze
Demonstranten erschoss, war sie mit britischen Waffen ausgerüstet.
Das Massaker signalisierte der britischen Wirtschaft unmissverständlich, dass die südafrikanische Bevölkerung in Zaum
gehalten und jegliche Opposition zerschlagen werden würde.
Folgerichtig strömte Kapital ins Land, und die Investitionssumme
verdoppelte sich bis 1970. »Sämtliche wichtigen Industriezweige
Großbritanniens«, schreibt der Südafrikaspezialist Geoff Berridge,
»waren mit substanziellen Beiträgen an den Investitionen beteiligt.«4
Während der Apartheidstaat seinen Terror auf den größten Teil
des
afrikanischen
Südens
ausweitete,
entwickelte
sich
Großbritannien zum größten Investor, gefolgt von den Amerikanern,
die eine Kapitalrendite von 17 Prozent, mehr als irgendwo sonst auf
der Welt, erzielten. Im Jahr 1975, als das südafrikanische Militär
gegen Angola in einen Krieg zog, der mehr als eine halbe Million
Menschen das Leben kosten sollte, erhielt der Apartheidstaat mehr
Gelder aus Mitteln des Internationalen Währungsfonds als der
gesamte restliche Kontinent.5
Zweiundzwanzig »Unternehmen« siedelten sich in Dimbaza an,
und im offiziellen Sprachgebrauch war nun nicht mehr von
»Überzähligen« die Rede, für die es »keine Verwendung« gab; das
ländliche Konzentrationslager wurde zum »Paradebeispiel der
Investitionsmöglichkeiten«. In die neuen, aus Fertigteilen
hochgezogenen Fabriken, die wie eine gigantische Zuschauertribüne
auf den Kinderfriedhof hinunterblickten, zogen taiwanesische und
israelische Firmen ein. Die Arbeiter in diesen Fabriken verdienten
gerade genug, um ihre Familien am Leben zu erhalten. Die
Bevölkerung wuchs; Geschäfte und eine Post wurden gebaut,
schließlich sogar eine Schule. Hier standen die Menschen im April
1994 Schlange, um die erste schwarze Mehrheitsregierung
Südafrikas zu wählen. »Endlich«, erklärte Nelson Mandela, »sehen
die Menschen die Erfüllung ihrer Hoffnungen und Träume greifbar
vor sich.«
Heute gehört das Ostkap zu den Regionen der Welt, in denen nach
offizieller Lesart »absolute Armut« herrscht. Fast die Hälfte der
Bevölkerung hat kein vernünftiges Dach über dem Kopf. Lehrer und
Angestellte des öffentlichen Dienstes warten oft Monate lang auf ihr
Gehalt, vor den Ämtern stehen die Alten für eine Rente an, die
niemals kommt. In den weißen Enklaven der Städte findet der eine
oder andere gelegentlich Arbeit, während sich den meisten keine
erkennbare Gelegenheit bietet, ihren Lebensunterhalt zu verdienen.
Mittlerweile haben die meisten Fabriken in Dimbaza ihre Tore geschlossen, und die Arbeitslosenquote liegt bei 70 Prozent oder höher.
Stanley Mbalala, der Überlebenskünstler, hat seinen Job vor einem
Jahr verloren. Er führt mich durch die verlassenen Straßen und zeigt
mir die Fabriken, die bis auf einen Wachmann menschenleer sind.
Von ihm erfahre ich das Muster, nach dem eine Fabrik nach der
anderen dicht gemacht hat, um dann den Betrieb in Butterworth
wieder aufzunehmen, einer Stadt, die so arm ist, dass ihre Bewohner
das Metall von Schrottautos in kleinen Kohlebecken einschmelzen,
um zu überleben.
In der Abenddämmerung sieht es hier aus wie in Dantes Inferno.
»Auf diese Art«, erklärt Stanley, »drücken die ausländischen Firmen
die Löhne in beiden Orten. Die Arbeiter können sich glücklich
schätzen, wenn sie 200 Rand [ungefähr 45 Euro] im Monat
verdienen.«
Eine dieser Firmen, T.W. Garments, ist in malaysischer Hand und
ein Musterbeispiel der Globalisierung. In der Fabrik werden T-Shirts
und andere Freizeitkleidung für die Designermarken Gap, Fila und
Daniel Hechter hergestellt. Die Lage des Gebäudes hat etwas Symbolisches. Es grenzt direkt an den Kinderfriedhof, der daran erinnert,
welchen Preis die schwächsten Mitglieder der südafrikanischen
Gesellschaft auf der langen Reise in das »neue« globalisierte
Südafrika bezahlt haben. Um den Friedhof herum zieht sich ein
schmaler brauner Grasstreifen, auf dem Menschen sitzen, die darauf
hoffen, für ein paar Stunden Arbeit zu bekommen.
***
In der St. David's Road 50 in Upper Houghton glänzt der gepflegte
Rasen dagegen üppig grün im Sprühnebel der Sprinkleranlage.
Houghton ist der reichste Vorort von Johannesburg und eines der
reichsten Stadtviertel der Welt. Die Häuser sind Festungen hinter
Mauern mit Stacheldraht, an denen Piktogramme von Hunden mit
gefletschten Zähnen prangen und Schilder mit der Aufschrift: »Sie
wurden gewarnt: 24 Stunden schussbereit.« Die einzigen Personen
auf der Straße gehören zur unsichtbaren Bevölkerung; es sind
schwarze Hausangestellte auf dem Weg von oder zu ihren
Behausungen in einer anderen Welt. Oberhalb der Häuser liegt die
St. John's School, eine Privatschule nach britischem Vorbild; hinter
einem hohen Zaun spielen ein paar Jungen Rugby.
In der St. David's Road herrschte an dem Abend, als ich dort war,
Hochbetrieb. Von Chauffeuren gesteuerte Mercedes- und BMWLimousinen fuhren vor der Nummer 50 vor, wo eine größere Gartenparty im Gang war. Die Gäste, vorwiegend wohlhabend aussehende
Geschäftsmänner, waren unterschiedlicher ethnischer Herkunft. Sie
kannten sich offensichtlich untereinander, und die alten
Rassenunterschiede wurden mit gehemmter Jovialität überspielt.
Eingeladen hatte eine Organisation namens BusinessMap, die ihrer
Broschüre zufolge »Beratungen zur ... ökonomischen Besserstellung
der Schwarzen« anbietet und ein »Forum für die Globalisierung der
südafrikanischen Wirtschaft« bilden will.
Der Ehrengast war Cyril Ramaphosa, ein bekannter schwarzer Geschäftsmann, der Mitte der 80er Jahre Generalsekretär der Minenarbeitergewerkschaft war und die zähen Verhandlungen des ANC
mit der De-Klerk-Regierung geführt hatte. Es war im Wesentlichen
seinen Bemühungen zu verdanken, dass es zu den Wahlen und zu
dem »historischen Kompromiss« gekommen war, der einer weißen
Unternehmerelite den Erhalt der wirtschaftlichen Macht sicherte.
Fünf Gesellschaften, angeführt von der weit verzweigten AngloAmerican Corporation, hielten damals drei Viertel des an der
Johannesburger Börse notierten Aktienkapitals, und daran hat sich
bis heute nichts geändert.
Geändert hat sich nur insofern etwas, als ein paar wenige
Schwarze in die exklusive Freimaurerloge aufgenommen wurden –
eine Entwicklung, die schon in den »reformerischen« Jahren der
Apartheidregierung eingeleitet worden war. Sie lief darauf hinaus,
dass sich ausländische und südafrikanische Konzerne einen
Vorzeigeschwarzen suchten, mit dessen Hilfe sie sich Zugang zur
neuen politischen Führung verschafften. Bei einer Ausschreibung
oder einer angekündigten Übernahme ist es oft ein schwarzer
Manager, der scheinbar die Verhandlungen führt. »Es ist
beeindruckend zu sehen, dass mittlerweile 18 Firmen, deren Inhaber
Schwarze sind, [an der Johannesburger Börse] notiert sind«, schrieb
eine Wirtschaftsjournalistin in der Cape Times. »Das bedeutet aber
nicht, dass auch die Mehrheit der stimmberechtigten Aktien in den
Händen von Schwarzen sind.«6
So sieht die »ökonomische Besserstellung der Schwarzen« aus,
deren Verkörperung Cyril Ramaphosa ist. Er gehört zum Vorstand
mehrerer führender Unternehmen und ist ein enger Vertrauter des
Präsidenten Thabo Mbeki. Beide haben Margaret Thatcher mit ihrem
»Engagement für die freie Marktwirtschaft« beeindruckt.
Ramaphosa, der ehemalige Gewerkschaftsführer, dessen Kampf
gegen die Apartheid Thatcher mit allen ihr zur Verfügung stehenden
Mitteln hintertrieben hat, preist heute die »Integrität und
Menschlichkeit« von Geschäftspartnern, die wie die frühere britische
Regierungschefin gegen alles opponiert haben, was ihm einmal
wichtig war. Was ihm jetzt am Herzen liegt, ist die Notwendigkeit,
»fruchtbare Beziehungen aufzubauen und eine Situation zu schaffen,
von der beide Seiten profitieren«.7
Als Erstes erklärte Ramaphosa, passend zu seiner wundersamen
Wandlung vom Gewerkschaftsführer zum millionenschweren Geschäftsmann, die »ökonomische Besserstellung der Schwarzen« zur
Philosophie des »neuen« Südafrika. Die Mehrheit der Bevölkerung
werde durch den Sickereffekt profitieren, wenn schwarze
Aktiengesellschaften reich würden, lautete die Botschaft, die sich im
Wesentlichen mit dem deckte, was Thatcher sagte. Im Jahr 1997
musste Ramaphosa dann einräumen, dass »alle Geschäfte
letztendlich kaum etwas zur Besserstellung beigetragen haben«.
Heute spricht er, wie auch seine früheren ANC-Kollegen, die
mittlerweile ihre eigene »Besserstellung« in den Vorstandsetagen
anstreben, lieber von der »ökonomischen Entwicklung der
Schwarzen«.8
An der Oberfläche hat sich in Südafrika tatsächlich vieles
verändert. So müssen etwa Rassisten aufpassen, was sie sagen. An
dem Tag, an dem ich in Johannesburg ankam, stand der in Südafrika
lebende britische Geschäftsmann David Cox vor Gericht, weil der
den Gewerkschaftsführer Sam Shilowa in einem anonymen Fax als
»Kaffer, Arschloch und Abschaum« bezeichnet hatte. Er erhielt eine
Geldstrafe und einen Verweis: ein normaler Akt der Rechtsprechung
in einem zivilisierten Land, aber doch vor kurzer Zeit in Südafrika
noch undenkbar.9
Die Schwarzen haben ein neues Selbstbewusstsein entwickelt. Die
Weißen, die der Apartheid kritisch gegenüberstanden, sind
aufrichtig dankbar, dass sich die Veränderungen friedlich vollzogen
haben, während sich vermutlich die weiße Mehrheit »nach wie vor
dem kollektiven Wahn hingibt, es sei genug damit getan, dass sie
eine Mehrheitsregierung ›zugelassen‹ haben«.10 Sie geben sich
bemüht höflich gegenüber der Bevölkerungsmehrheit, wenn beide
Gruppen in der Öffentlichkeit aufeinander treffen. (Das gilt nicht für
die jungen Leute, die keine Erinnerung an alte Zeiten haben.)
Gelegentlich versucht ein Weißer, sich in einer Warteschlange vor
die Schwarzen zu drängen, aber im Allgemeinen zeigen sie ihr
Missfallen an der neuen Ordnung nicht. Die Klügeren unter ihnen
haben die Situation abgewogen und erkannt, dass nicht die
Schwarzen, sondern sie selbst die eigentlichen Nutznießer des
»Mandela-Faktors« sind. Sie können nun, da sie nicht mehr
international geächtet sind, überall in der Welt umher reisen, an
großen Sportereignissen teilnehmen und Geschäfte machen, wo immer es ihnen gefällt.
Der erste schwarze Präsident und seine Partei haben nicht an ihre
Privilegien gerührt, und so leben die Ungerechtigkeiten der Vergangenheit unter dem Deckmantel der politischen »Versöhnung« fort.
Über die »Kriminalität« wird gern und häufig geklagt, wobei
»Kriminalität« für das Überschreiten der alten Grenzen zwischen
Arm und Reich, Schwarz und Weiß durch arbeitslose Schwarze
steht. Das Problem nutzt denen, die heute wie zu Zeiten der
Apartheid in der Wirtschaft des Landes das Sagen haben, denn es
hält die schwarze Regierung dazu an, die ob der Aussichtslosigkeit
ihrer Lage zunehmend frustrierte Bevölkerung in ihre Schranken zu
weisen. Tatsächlich gehört es zu den eindrucksvollsten Leistungen
der ANC-Regierung, dass sie die Schwarzen davon abbringen
konnte, gegen das Fortbestehen der sozialen Ungerechtigkeiten aus
der Zeit der Apartheid zu demonstrieren. Seit Südafrika eine
Demokratie ist, sind die Ausgaben des Staats für Polizeiapparat und
Gefängnisse um ein Viertel gestiegen, und das in einem Land, das
auch vorher schon über eines der weltweit umfangreichsten Systeme
zur Überwachung der inneren Sicherheit verfügte. Seit 1995 hat sich
die Zahl der Todesfälle im Polizeigewahrsam verdoppelt.11
Hinter der oftmals theatralischen Fassade der »Versöhnung« zwischen Unterdrückten und Unterdrückern, der großzügigen
Absolution durch Desmond Tutu und der Idealisierung Nelson
Mandelas verschwanden die Hoffnungen und Ziele nicht nur der
Menschen in Dimbaza, sondern all jener, die mit ihrer couragierten
Menschlichkeit die Veränderungen herbeigeführt und die Apartheid
in die Knie gezwungen haben. Der ANC hat sich vom Umbau- und
Entwicklungsprogramm (RDP), das bescheidene Reformen im
Wohnungsbau und in der Arbeitspolitik sowie die Umverteilung
von Landbesitz vorsah, still und leise verabschiedet. Wenn die
schöne liberale Verfassung des Landes beschworen wird, kommt
selten zur Sprache, dass sie den weißen Grundbesitzern weiterhin
die Eigentumsrechte garantiert, die im Landgesetz von 1913
festgeschrieben sind, dem perfiden Gesetzeswerk, das mehr als alles
andere die Voraussetzungen für die Entstehung einer versklavten
Arbeiterklasse schuf und das Apartheidsystem de facto begründete.
Das heißt, dass auch heute 85 Prozent der gesamten landwirtschaftlichen Nutzfläche von weißen Farmern bewirtschaftet
wird.
Als ich mich in Kapstadt mit Präsident Mandela unterhielt, sprach
ich ihn auf das Thema an. »Wir haben etwas Revolutionäres getan«,
erklärte er, »und haben dafür überhaupt keine Anerkennung
erhalten. In keinem Land der Welt genießen Landarbeiter eine so
große Sicherheit wie bei uns ..., keiner kann von seinem Arbeitgeber
einfach entlassen werden.«
Die Wirklichkeit sieht anders aus. Ich habe mit einer Reihe von
Landarbeitern gesprochen, denen willkürlich gekündigt worden
war, als hätte sich nichts geändert. Von freiwilligen Hilfsorganisationen wie dem Border Relief Committee erfährt man, dass
die meisten Kündigungen nicht gemeldet werden. Einer Quelle
zufolge sind sie sogar noch häufiger geworden als zu Zeiten der
Apartheid.12 Ich habe am Ostkap einen weißen Farmer interviewt,
der kurz zuvor fünf seiner Arbeiter samt Familien hinausgeworfen
hatte. Einer der Männer hatte 30 Jahre für die Familie des Farmers
gearbeitet und zuletzt umgerechnet 45 Euro im Monat verdient. »Im
Grunde ist es heute einfacher, [Leute zu entlassen]«, erklärte der
Farmer. »Wenn man einen guten Anwalt hat, bekommt man
normalerweise keine Probleme.«
Was sich für die schwarze Mehrheit wirklich radikal verändert hat,
ist das Gesundheitswesen. In den ländlichen Gebieten, die vorher
ohne ärztliche Versorgung waren, wurden Krankenhäuser gebaut, in
denen junge Arzte nach Abschluss ihres Studiums ein Pflichtjahr
absolvieren müssen. Es gibt kostenlose Vorsorgeuntersuchungen für
Schwangere und Kinder unter sechs Jahren; und die Gesundheitsministerin Nkosazana Zuma hat den multinationalen
Pharmakonzernen kämpferisch die Stirn geboten, um die Preise für
Arzneimittel so zu senken, dass auch einfache Leute sie sich leisten
können. 1996 wurden auf ihr Betreiben hin Abtreibungen legalisiert,
und in den ersten sechs Monaten nach Inkrafttreten des Gesetzes
waren es bereits 45 000 Frauen, denen es erspart blieb, wie in der
Zeit der Apartheid unter den Händen irgendeines Hinterhofpfuschers ihr Leben aufs Spiel zu setzen und ihre Würde zu opfern.
In einer Gesellschaft, in der es um den Gesundheitszustand von 87
Prozent aller Kinder schlecht bestellt ist, kann dies nur ein Anfang
sein. Leider gibt es in der Regierung nur wenige, die wie Nkosazana
Zuma das Offensichtliche beim Namen nennen: dass sich ohne den
politischen Willen zur Umverteilung der Ressourcen eines reichen
Landes nichts verändern wird. »Eine humane Gesellschaft«, sagte
sie, »entsteht nicht durch ein Wunder.«
In den »Townships«, wie die schwarzen »Satellitensiedlungen«
heißen, aus denen die weiße Stadtbevölkerung ihre Arbeitskräfte
rekrutiert, hat sich das Leben nicht wesentlich verändert. Von den
Millionen Häusern, die der ANC bei seinem Regierungsantritt
versprochen hat, wurde nur ein Bruchteil gebaut. Die 15 000 Rand
(etwa 2800 Euro), die die Regierung als Zuschuss gewährt, reichen
gerade für einen Raum, eine Toilette und ein Wellblechdach, aber die
Kosten für die Außenwände sind damit nicht gedeckt. In Ivory Park
bei Johannesburg nennt man diese Behausungen »Hundehütten«. Im
Zeichen der »freien Marktwirtschaft« erhalten die meisten
Menschen, die dringend ein Dach über dem Kopf brauchen, keinen
Kredit von der Bank. Sie könnten zudem die Zinsen von 25 Prozent
gar nicht aufbringen.
Die Regierung nimmt für sich in Anspruch, mehr als eine Million
Menschen an die Wasserversorgung angeschlossen zu haben, und
sie rechnet sich dies zu Recht als Verdienst an. Solange es jedoch
kein vernünftiges und finanziell gesichertes Umbauprogramm gibt,
kann sich die Mehrheit der schwarzen Bevölkerung glücklich
schätzen, wenn sie einen Wasserhahn in erreichbarer Nähe findet –
während es Weiße gibt, die 1500 Liter Wasser pro Tag für die Pflege
ihrer Gärten und ihrer Swimmingpools verbrauchen. Und nun soll
zu allem Übel die Wasserversorgung unter der Federführung des
multinationalen britischen Konzerns Biwater, in dessen Vorstand
Maggie Thatcher sitzt, auch noch privatisiert werden.
Das ist nicht das, was der ANC seinen Anhängern versprochen
hat. Als sich Nelson Mandela 1994 an eine erwartungsvolle
Menschenmenge wandte, rief er nicht aus, was er mir später
anvertraute: »Sie können natürlich sagen, wir betreiben hier eine
Politik des Thatcherismus, aber die Regierung dieses Landes baut
nun einmal auf die Privatisierung.« Er sprach damals auch nicht wie
der konservative Wirtschaftsexperte, der er zu sein schien, als er in
meiner Gegenwart statistische Angaben zur Inflationsrate, zum
Staatsdefizit und zum »Wachstum« herunterbetete, während er sich
zum Verlust von jährlich 100000 Arbeitsplätzen seit seiner
Regierungsübernahme und zum Stellenabbau
im
dringend
benötigten
staatlichen
Dienstleistungssystem beharrlich
ausschwieg.13 Und auch davon, dass die »Besserstellung der
Schwarzen« und die »Konsenspolitik« die Kluft zwischen Arm und
Reich in ihrem Land noch vergrößern würde, sagte er den Leuten
damals nichts. In seiner Abschiedsrede vor dem ANC-Kongress im
Dezember 1997 machte Mandela vage Anspielungen auf die »Feinde
der Veränderung«, ohne diejenigen in seiner eigenen Regierungsmannschaft zu benennen.
»Wir mussten beträchtliche Kompromisse schließen, um den Regierungswechsel mit friedlichen Mitteln zu erreichen«, erklärte mir
Mandelas Amtsnachfolger Thabo Mbeki in einem persönlichen Gespräch. Allerdings konnten nur wenige Südafrikaner den Wahrheitsgehalt dieser Behauptung überprüfen, weil kaum jemand erfuhr,
was da in ihrem Namen ausgehandelt wurde.
Der folgenreichste »historische Kompromiss« wurde nicht mit dem
Apartheidregime geschlossen, sondern mit dem westlichen und dem
weißen südafrikanischen Kapital, das von Pieter W. Botha zu Nelson
Mandela umschwenkte und an diesen Kurswechsel ein paar
Forderungen knüpfte: Die »Belebung« der südafrikanischen
Wirtschaft durch multinationale Konzerne dürfe nicht behindert
werden, und der ANC solle doch bitte schön die Sache mit der
Gleichberechtigung und den Bodenschätzen des Landes, die »allen
gehören«, aus ihrer Friedenscharta streichen. Ramaphosa, Mandela
und Mbeki ließen sich also auf Spielregeln ein, die eine steuerfreie
Rückführung von Dividenden und Gewinnen möglich machten, und
sie bestätigten in diesem Sinne den überzeugten Monetaristen Chris
Stals in seinem Amt als Chef der südafrikanischen Zentralbank, das
ihn
wie
schon
zu
Apartheidzeiten
zum
wichtigsten
Entscheidungsträger der Wirtschaftspolitik des Landes machte.
Angesichts einer so strengen Orthodoxie könnte man meinen, der
ANC habe das Erbe des konservativen Flügels der Buren, der Verkramptes (»Verkrampften«), angetreten.
An den lukrativen Möglichkeiten des Landes zweifelte jedenfalls
niemand. Seit das Verbot des ANC aufgehoben und Nelson Mandela
aus der Haft entlassen wurde, hat sich das Investitionskapital, das
aus dem Ausland, vor allem aus den Vereinigten Staaten, nach
Südafrika fließt, auf 11,7 Milliarden Dollar verdreifacht.14 In seiner
Eigenschaft als Handelsminister der USA rührte William Daley eifrig
die Werbetrommel für Investitionen im Staat Südafrika, den er 1997
als den »Ausgangspunkt für die Erschließung der anderen
afrikanischen Märkte« bezeichnete.15 Was jedoch als Investitionen
beschönigt wurde, waren in Wirklichkeit Hamsterkäufe, wie man sie
aus den Ländern der Dritten Welt mittlerweile kennt. Ein Drittel der
Anteile an der staatlichen Telefongesellschaft Telkom, um die sich
zuvor sieben multinationale Konzerne gestritten hatten, ging an das
in Texas ansässige Unternehmen SBC Communications.
Ausländische Gesellschaften, die unter Missachtung internationaler
Sanktionen Geschäfte mit dem Apartheidregime gemacht hatten –
Coca-Cola beispielsweise oder Siemens und Mercedes-Benz (als
Lieferant für Militärfahrzeuge) –, hatten jetzt gute Karten, während
Firmen wie Volvo, die sich an das Embargo gehalten hatten, ihre
Marktstellung verloren. »Wir hoffen ein Wirtschaftsklima zu
schaffen«, wie der südafrikanische Finanzminister Trevor Manuel zu
sagen beliebte, »das Gewinner hervorbringt.«16
***
Südafrika steht heute beispielhaft für den Daseinskampf der Menschen, der in diesem Buch beschrieben wird. Auf dem Kontinent, der
die Ärmsten der Welt beherbergt, ist der lange Marsch aus der Sklaverei noch nicht beendet. Mehr als 600 Millionen Menschen sind
unterernährt und leben ohne medizinische Grundversorgung und
ohne Bildungschancen, weil das Geld, das dafür zur Verfügung
stehen sollte, verwendet wird, um für die Zinsen der Verschuldung
bei westlichen Geldinstituten aufzukommen.17 Es ist, wie der Autor
und überzeugte Anarchist Colin Ward schreibt, »keine Tragödie sui
generis, sondern die Folge einer globalen Logik, der sich kein Land
der Welt entziehen kann. Es ist die Logik des Kapitalismus, die alle
Bande zwischen den Menschen zerreißt.«18
Bei meiner Rückkehr nach Südafrika stellte ich zu meiner Freude
und Überraschung fest, dass die Apartheid diese Bande nicht
zerrissen hat: dass selbst in Dimbaza, wo das soziale Gefüge gezielt
zerstört wurde, die afrikanische Zivilisation im Sinne von ubuntu
überlebt hat -jener humanen Geisteshaltung, die sich in der
spezifisch afrikanischen Überzeugung ausdrückt, dass der Mensch
erst durch andere Menschen zum Menschen wird. Trotz aller
Unzulänglich- und Brüchigkeiten scheint doch diese Haltung vorerst
unverwüstlich zu sein. Wer nach einem hoffnungsvollen Zeichen für
den Lebensmut der Menschen sucht, braucht seinen Blick nur auf
das schwarze Südafrika zu richten. »Wie wunderbar sie aus ihrem
Albtraum aufgetaucht sind«, sagte Martha Gellhorn, als wir uns
nach ihrem ersten Besuch in Südafrika unterhielten, und sie hat
Recht. So lange als Untermenschen behandelt, haben sie sich doch
eine Großzügigkeit des Herzens und des Geistes, eine selbstverständliche Würde und Gewandtheit bewahrt, an die ihre
Unterdrücker nie heranreichen werden.
Diese Eigenschaften werden manchmal mit Passivität verwechselt.
Ende der 80er Jahre stand Südafrika an der Schwelle zur Revolution.
Kurz vor Ostern 1993, am Tag nach der Ermordung von Chris Hani,
der das Gewissen der Befreiungsbewegung gewesen war, gingen
etwa zwei Millionen Menschen auf die Straße, um ihrem Zorn
Ausdruck zu geben, und ein Generalstreik brachte die Industrieproduktion weitgehend zum Erliegen. Diese Menschen fangen –
ähnlich wie die britischen Chartisten vor 150 Jahren – allmählich an,
sich zu fragen, was ihnen das Wahlrecht nützt, wenn sich an ihrem
Leben nichts verändert. Sie fragen sich, ob die Arbeiter der
Goldminen vielleicht dafür gestimmt haben, ihr Leben weiterhin für
einen Hungerlohn zu riskieren, oder ob Frauen etwa dafür gestimmt
haben, in »Hundehütten« zu wohnen, während sie in Herrenhäusern
dienen. Sie fragen sich, ob Südafrika 1994 wirklich nur deshalb in
einen solchen Freudentaumel verfallen ist, um sich später nahtlos in
ein von außen aufgezwungenes Wirtschaftssystem einzufügen.
Viele weigern sich, für eine Wasser- und Stromversorgung zu bezahlen, die nur sporadisch oder gar nicht funktioniert und ohnehin
zu teuer für sie ist. Wieder geht ein von Weißen dominierter, fast
militärisch organisierter Polizeiapparat gegen sie vor, und wie schon
in der Vergangenheit festigt das nur ihren Widerstand. Wenn man
der Apartheid überhaupt einen positiven Aspekt abgewinnen kann,
dann ist es sicher die Tatsache, dass die Bevölkerung in keinem
anderen Land politisch so wach und aktiv ist wie hier; und in dem
neu erwachten Be-wusstsein und der Kampfbereitschaft dieser
Menschen, vor allem der Jugend, ruht die Hoffnung Südafrikas.
Nelson Mandela hat 1993, vor seiner Wahl zum Präsidenten, gesagt: »Wie oft haben die Freiheitsbewegungen Seite an Seite mit dem
Volk gekämpft und es dann doch im Augenblick des Sieges
betrogen? Die Welt kennt hierfür viele Beispiele. Wenn die
Menschen nicht mehr wachsam sind, werden sie feststellen, dass
ihre Opfer vergebens waren. Wenn der ANC seine Versprechen
nicht hält, müssen die Leute das mit ihm machen, was der ANC mit
dem Apartheidregime gemacht hat.«19
Für das »wirtschaftliche Wachstum«, das Nelson Mandela jetzt beschwört, hat Joseph Schumpeter, der Doyen der HarvardÖkonomen, einst den Begriff der »kreativen Zerstörung« geprägt.
Als der Konzernriese General Electric in den Vereinigten Staaten
Dutzende von Fabriken stilllegte und Zigtausende von Mitarbeitern
entließ, verzeichnete das Unternehmen ein nie dagewesenes
»Wachstum«. »Wir werden«, so sagte damals der Vorstandsvorsitzende Jack Welch, »in allen wichtigen Märkten radikale
darwinistische Verdrängungsprozesse erleben, und es wird keine
Trostpreise für die Firmen und Länder auf der Verliererseite
geben.«20
Es hat sich herausgestellt, dass die Musterschüler der Globalisierung, die Tigerstaaten Asiens, auf einem Nährboden von Schulden
und Korruption gewachsen sind. Ihre »radikale darwinistische
Verdrängung« ist bereits im Gange. Wir anderen, vor allem
diejenigen, denen die Kraft der Erinnerung gegeben ist, sollten uns
vor Augen führen, was uns die Weimarer Republik lehrt. Waren die
kapitalistischen Umwälzungen und der Aufstieg des Faschismus das
weltbewegende Thema der 30er Jahre, so könnte die
Weltwirtschaftskrise das Problem sein, das die erste Hälfte des 21.
Jahrhunderts beherrscht.
Während Arbeitskraft immer billiger oder ganz und gar
überflüssig wird; während Sozialgesetze außer Kraft gesetzt und
ganze Staaten in eine einzige große Plantage, eine einzige große
Minenstadt, eine einzige große »Freihandelszone« verwandelt und
ihrer Rechte, ihrer Selbstbestimmung und ihrer Reichtümer beraubt
werden; während der technische Fortschritt das Arbeitstempo
verschärft und Arbeitskräfte entbehrlich macht und so die
Klassenunterschiede vertieft, anstatt sie aus der Welt zu schaffen;
während die Glaubenswächter dieses Systems die »freie
Meinungsäußerung« zu mystischem Gefasel degradieren, erreichen
uns plötzlich warnende Worte aus dem inneren Zirkel der neuen
Ordnung selbst.
»Hütet euch vor dem Donnergrollen da draußen«, mahnt der Chef
der US-Zentralbank. »Die Leute leiden unter einer gefährlichen Globophobie«, diagnostiziert ein führender New Yorker Aktienhändler.
»Die Weltwirtschaft hat sich seit dem Ende des Kalten Krieges so
dramatisch verändert«, schreibt der bekannte US-amerikanische
Wirtschaftswissenschaftler David Hale, »dass sich ein neues
politisches Phänomen bemerkbar macht. ... Wähler betrachten
Handelsfragen heute unter dem Aspekt des Klassenkampfs im
eigenen Land«.21 In seinem Buch Has Globalisation Gone Too Far
schreibt der ebenfalls in Harvard lehrende Wirtschaftswissenschaftler Dani Rodrik: »Die internationale Verflechtung der
Märkte für Güter, Dienstleistungen und Kapital zwingt
Gesellschaften, ihre gewohnten Lebensweisen so grundlegend zu
ändern, dass weite Teile dieser Gesellschaften bereit sind, den
Kampf dagegen aufzunehmen.«22
Der Kampf hat gerade erst begonnen.
Anmerkungen
Einleitung
1
Angaben aus dem Entwicklungsbericht der Vereinten Nationen, zitiert
nach The Guardian, 22. Oktober 2001
2
Kiko Adatta, Picture Perfect, zitiert nach Sharon Bender in: Global Spin: The
Corporate Assault on Environmentalism, Green Books, Darlington 1997, S.
208
3
Third World and Environmental Broadcasting Project, Watching the World
(c/o UNICEF), London 1997
4
Independent, 1. März 1991
5
Food and Agricultural Organisation (FAO) der Vereinten Nationen,
Evaluation of the Food and Nutrition Situation in Iraq, Rom 1995
6
UNICEF, State of the World's Children, London 1989, S. 1
7
Sydney Morning Herald, 29. Dezember 2001
8
The Guardian, 21. September 2001
9
Independent, 1. November 1998; David Holmes und Norm Dixon, Behind the
US War in Afghanistan, Resistance Books, Sydney 2001, S. 47-52
10
John K. Cooley, Unholy Wars: Afghanistan, America and International
Terrorism, Pluto Press, London 2001
11
Observer, 27. Oktober 2002
12
Interview mit dem Autor, New York, Dezember 1999
13
Unites States Space Command, Vision for 2020, Planungsdirektorium,
Petersen Air Base, Colorado Springs; www.spacecom.af.mil/usspace.
14
George Orwell, »The Prevention of Literature«, in: Essays, Penguin Books,
London 1994, S. 336
15
Vandana Shiva in: Resurgence, Nr. 12
16
Lou Dematteis (Hrsg.), Nicaragua: A Decade of Revolution, New York 1991,
zitiert nach: New Statesman and Society, 11. Oktober 1991
Das große Spiel
1
Independent on Sunday, 10. Februar 1991
Press Association, 2. November 2001
3
BBC News, 19. November 2001
4
Independent, 19. November 2001
s
Tfo Guardian, 29. November 2001
6
Independent, 19. September 2001; Financial Times, 20. September 2001; Daily
Telegraph, 3. und 4. Oktober 2001; The Times, 8. Oktober 2001
7
Human Rights Watch, New York, 6. Oktober 2001
8
»The worst is yet to come«, Socialist Review, November 2002
9
Sydney Morning Herald, 11. Februar 2002
10
The Guardian, 15. November 2001
11
BBC World Service, 18. und 22. September 2001
12
Zitiert nach Rock River Times, Rockford, Illinois, 31. Oktober-6. November
2001
13
John Rees, »Imperialism: Globalisation, the State and War«, in:
International Socialist Journal, Nr. 93, S. 13
14
US News and World Report, 29. September 1997
15
International Herald Tribune, 9. November 1998
16
Daily Telegraph, 11. Oktober 1996
›
17
Zitiert nach Lance Selfa, International Socialist Review, Nr. 20,
Nov./Dezember 2001
18
The Guardian, 23. Oktober 2001
19
Ebd.
20
Zitiert nach Rock River Times, 24.-3 0. Oktober 2 001
21
Wall Street Journal und Judicial Watch: www.aztlan.net/jud-watch.htm
22
The Guardian, 5. November 2 001
23
Frank Furedi, The New Ideology of Imperialism, Pluto Press, London 1994, S.
44
24
Zbigniew Brzezinski, The Grand Chessboard: American Primacy and its
Geostrategic Imperatives, HarperCollins, New York 1997, S. xiii (deutsch:
Die einzige Weltmacht. Amerikas Strategie der Vorherrschaft, Quadriga, Berlin
1997)
25
Ebd., S. 53
26
Ebd.,S.73
27
Ebd., S. 40
28
New York Times, 19. Oktober 2001
29
The Guardian, 3. Juni 2002
30
www.unansweredquestions.net/timeline/2001/bakerreport0401.html
2
31
George Monbiot, »Why Blair is an appeaser«, in: The Guardian, 5.
November 2002
32
Zitiert nach New Statesman, 22. Dezember 2000-3. Januar 2001
33
New Statesman, 22. Oktober 2001
34
Boris Kagarlitsky, »Facing the Crisis«, in Links, Nr. 19, SeptemberDezember 2001
35
New Statesman, 26. November 2001
36
Rees, »Imperialism, Globalisation, the State and War«, in International
Socialism, S.23 f. (siehe Anm. 13)
37
Weltbank, World Development Indicators, April 2001 (siehe
www.developmentgoals.org)
38
Jeremy Rifkin, The End of Work: The Decline of the Global Labour Force and the
Dawn of the PostMarket Era, Tarcher/Pumam, New York 1995 (dt. Das Ende
der Arbeit und ihre Zukunft, Fischer, Frankfurt/M. 2001), S. 205 ff.
39
Zitiert nach Waiden Bello, Shea Cunningham und Bill Rau, Dark Victory:
The United States, Structural Adjustment and Global Poverty, Pluto Press,
London 1994, S. 51; United Nations Development Programm, Human
Development Report 1996, Oxford Universtity Press, Oxford, S. 19
40
Michael McKinley, Triage, a Survey of the »New Inequality« As Combat Zone,
Vortrag auf der 42. Jahreskonferenz der Internationalen Studies
Association, Chicago, Februar 2001
41
New York Times, 3. September 1995
42
Green Left Weekly, 17. Oktober 2001
43
Aus einem im November 2001 geführten Gespräch mit dem Autor
44
George Monbiot, The Guardian, 6. November 2001
45
Siehe
Pressemitteilungen
des
britischen
Ministeriums
für
Entwicklungshilfe vom 11. Dezember 2000; 19. März 2001 und 7.
November 2001
46
Christian Aid, Trading in White Gold: who decides Ghana 's water policy?,
London, Oktober 2001
47
Unites States Space Command, Vision for 2020, Planungsdirektorium,
Petersen Air Base, Colorado Springs. Dank an Karl Grossmann für seine
gründlichen Recherchen.
48
Mittlerweile sind drei weitere Kriege hinzugekommen, an denen die USA
beteiligt waren oder die sie herbeiführten: die Kämpfe im ehemaligen
Jugoslawien, der Überfall auf Afghanistan im Oktober 2001 und der auf
den Irak im März 2003.
49
Aus einem persönlichen Gespräch mit dem Autor
50
Time, 28. Dezember 1992
5l
»CIA-Beamte räumen inoffiziell ein, dass US-Soldaten zwischen 7000 und
10000 Somalier getötet haben könnten.« Zitiert nach Noam Chomsky, Z
magazine, Sommer 1995
52
The Guardian, 15. November 2001
53
BBC Shortwave Broadcasts Summary, Juni 2000
54
The Guardian, 26. Oktober 2001
55
BBC-Berichterstattung über den Golfkrieg, 18. Januar 1991
56
International Herald Tribune, 23./24. Februar 1991; New York Times, 15.
Januar 1991
57
Newsday, 12. September 1991
58
BBC, The Late Show, 6. Juni 1991
59
Ramsey Clark, The Fire This Time: Us War Crimes in the Gulf, Thunder's
Mouth Press, New York 1992, S. 42
60
New York Times, 26. Januar 1992
61
Wallstreet Journal, 22. März 1991
62
Ian Lee, Continuing Health Cost of the Gulf War, Medical Education Trust,
London 1991
63
The Times und Le Nouvel Observateur, 3. März 1991
64
Clark, The Fire This Time, S.110
65
Observer, 28. Oktober 2001
66
John Pilger, Hidden Agendas, Vintage, London 1998, S. 115-52
67
Breakfast with Frost, BBC Fernsehen, 30. September 2001
68
Neil Mackay, »UK sells chemical weapons to the world«, Sunday Herald,
Glasgow, 9. Juni 2002
69
The Guardian, 27. Oktober 2001; Gespräche des Autors mit
Firmenvertretern im Hauptsitz der Firma, Bethesda, Maryland, November
2001
70
Guardian Weekly, 20.-26. Dezember 2001
71
BBC Radio 4, 6. November 2001
72
Richard Falk, »The Terrorist Foundations of Recent US Policy«, in: Western
State Terrorism, Macmillan, London 1998, zitiert nach Noam Chomsky in:
Alexander George, (Hrsg.), Western State Terrorism, Polity Press,
Cambridge 1991, S. 12
73
New York Times, 22. September 1998; Associated Press, 20. September 2001
74
Associated Press, 16. Juli 1997, zitiert nach William Blum in: Rogue State,
Zed Books, London 2001, S. 80
75
Ebd.
76
Ebd., S. 80 f.
77
Ebd.,S. 81
78
George Monbiot in: The Guardian, 30. Oktober 2001
79
Ebd.
80
Robert Cooper, zitiert nach Tariq Ali in »Our Heroes«, New Left Review,
September/Oktober 2000
81
The Guardian, 2. Oktober 2001. Dank an Noam Chomsky für die
Informationen. Vgl. sein Buch 911, Seven Stories Press, New York 2001
82
Jonathan Belke im Boston Globe, 22. August 1999
83
Werner Daum, »Universalism and the West« in: Harvard International
Review, Sommer 2001
84
Christopher Hitchens, Spectator, 29. September 2001
85
Health
Development
Information
and
Policy
Institute,
www.hdip.org/reports; The Union of Palestine Relief Committees, Juni
2001
86
Observer, 15. Oktober 2001
87
Hansard, 14. November 2001
88
Amnesty International, News Review, November/Dezember 2000. Siehe
auch Neil Sammonds, British Culpability and the Shadow of Canary Wharf,
2001, www.palestine-campaign.org; Hansard, 17. November 2000 und 8.
November 2001
89
Jane's Foreign Report, Mai und Juni 2001. Siehe auch Akiva Eldar, »Big Pines
II -Rumors are rife of an invasion plan«, in: Ha'aretz, Tel Aviv, 10. Juli 2001
90
Zitiert nach Alexander Cockburn, »The war they wanted«, Creators
Syndicate, Znet, www.zmag.org
91
The Guardian, 4. November 2002
92
Yugoslavia: the Avoidable War, ein Dokumentarfilm von George Bogdanich
und Martin Lettmayer, siehe www.avoidablewar.com
93
Ebd.
94
New Statesman, 4. September 2000 und andere; John Pilger, Distant Voices,
Vintage, London 1994, S. 213-19; Michel Chossudovsky, The Gobalisation of
Poverty: Impacts of IMF and World Bank Reforms, Pluto Press, London 1997,
S. 243-64 (deutsch: Gobal Brutal. Der entfesselte Welthandel, die Armut, der
Krieg, Zweitausendeins, Frankfurt 2002)
95
Zitiert nach New Statesman, 12. November 2001
96
Channel 4 News, 2. November 2001; New York Times, 4. Dezember 2001
97
Observer, 11. November 2001
98
The Guardian, 10. Oktober 2001
99
The Guardian, 19. September 2001; Independent, The Times und Financial
Times, 20. September 2001
100
New York Times, 6. Mai 1978
101
Wall Street Journal, 6. Januar 1979
102
Washington Post, 1. Juni 1979
103
Observer, 30. September 2001
104
Zitiert nach David Holmes und Norm Dixon, Behind the US War in
Afghanistan, Resistance Books, Sydney, 2001, S. 27
105
Le Nouvel Observateur, 15.-21. Januar 1998.
106
Holmes and Dixon, Behind the US War, S. 29 (siehe Anm. 104)
107
Independent, 1. November 1998; Ahmed Rashid, Korrespondent des Far
Eastern Economic Review, zitiert nach Holmes und Dixon, Behind the US
War, S. 49 (Dank an Holmes und Dixon für ihre Recherchen)
108
Mit besonderem Dank an Gore Vidal für sein Bravourstück »The Enemy
Within«, Observer, 27. Oktober 2002; siehe auch Washington Post, 3.
Oktober 2001; Agence France Presse, 4. November 2001; BBC-Newsnight,
6. November 2001
109
The Guardian, 31. Oktober 2 001
110
Chomsky, 911, S. 15 (siehe Anm. 81)
111
Observer, 10. Januar 1993
112
The Guardian, 4. Oktober 2001
113
Timothy Dunne, »Liberalism«, in: John Bayliss und Steve Smith (Hrsg.),
The Globalisatim of World Politics: an Introduction to International Relations,
Oxford University Press, Oxford 1997, S. 147-63
114
David Edwards, »Arms, Climate Change and the Grand Media
Deception«, www. medialens.org, Februar 2002
Das Medienzeitalter
1
Lordrichter Taylor, The Hillsborough Stadium Disaster IS. April 1989:
Abschlussbericht, britischer Staatsverlag, 1990
2
San, 19. April 1989
3
Peter Chippendale und Chris Horrie, Stick It Up Your Punttr: The Rise and
Fall of the Sun, Heinemann, London 1990, S. 283 f., 288
4
The World This Weekend, BBC Radio 4, 30. Juli 1989
5
Midweek, BBC Radio 4, 16. Oktober 1996
6
San, 14. September 1994
7
Ebd., 9. und 26. September 1994
8
Ebd., 18. September 1994
9
The Press and the People, 35. Jahresbericht des Presserats, London 1988, S.
150 ff.
10
Chippendale und Horrie, Stick It Up Your Punter, S. 166 ff.
11
Sun, 1. März 1984
12
Dimity Torbett, »Rupert Murdoch in his own and in other words«, NewsUnlimited-Konferenz, Sydney, Februar 1989
13
Richard Neville, Hippie Hippie Shake, Bloomsbury, London 1995, S. 37
14
Aus einem Gespräch des Autors mit Neville
Breaking the Mirror: The Murdoch Effect, Carlton UK Television, ITV 18.
Februar 1997
16
Thomas Kiernan, Citizen Murdoch, Dodd, Mead & Co., New York 1986
17
Chippendale und Horrie, Stick It Up Your Punter, S. 84
18
Literary Review, Dezember 1995
19
Richard Belfield, Christopher Hird und Sharon Kelly, Murdoch: The Great
Escape, Warner Books, London 1994, S. 87
20
Ebd., S. 79 ff.
21
Michael Leapman, Treacherous Estate, Hodder & Stoughton, London 1992,
S. 73
22
Panorama, BBC Television, 1981, zitiert aus Belfield, Hird und Kelly,
Murdoch, S. 78
23
Guardian, 8. März 1991
24
Notiz von Rosie Waterhouse an Robin Morgan, Mai 1988, zitiert aus Roger
Bolton, Death on the Rock and Other Stories, W. H. Allen, London 1990, S. 29
25
Political Quarterly, Oktober 1984, S. 385
26
Ebd, S. 386 f.
27
Sunday Times, 23. Februar und 2. März 1997
28
Dank an Nick Cohen für die Erinnerung: Observer, 30. März 1997
29
Tonbandaufzeichnung einer Ansprache Kelvin McKenzies an die
Mitarbeiter der Sun, 2 3. Januar 1994
30
Brief Tony Issacs an Tony Britton, 12. Januar 1986
31
Brief G. W. Richards von Farrar & Co. an Bruce Mathews, 20. Dezember
1995
32
Belfield, Hird und Kelly, Murdoch, S. 95
33
Ebd., S. 100
34
Interview Mary Goldring, BBC TV, 15. Oktober 1989
35
Aus einem Interview mit dem Autor
36
New Statesman and Society, 28. Juli 1995
37
Breaking the Mirror: The Murdoch Effect
38
Ebd.
39
Sun, 21. Juli 1995
40
Zitiert aus Hansard, 16. April 1996. Interview mit Lewis Moonie aus
Breaking the Mirror: The Murdoch Effect
41
Andrew Neil, Full Disclosure. Dieses Zitat stammt aus der Einleitung zur
Taschenbuchausgabe, Pan Books, 1997
42
Der Originalbericht über das Treffen erschien in der Journalistenzeitung
Clarion und wurde seitdem vom Autor mit Hilfe von News-LimitedQuellen untermauert. Siehe auch Gavin Souter, Heralds and Angels, zitiert
nach Brian Toohey, SunHerald, 24. Februar 1991
15
43
David Bowman, The Captive Press, Penguin, Sydney 1988, S. 173
Sydney Morning Herald, 17. Dezember 1986
45
Brief von Ian MacPhee an den Autor, 31. Oktober 1988. Siehe auch Hansard
(Sitzungsprotokolle des australischen Parlaments), 21. Dezember 1989
46
Australian Financial Review, 1. Juli 1996
47
Independent, 27. November 1995
48
Four Corners, ABC Television, 13. März 1989
49
Breaking the Mirror: The Murdoch Effect
50
Sun, 11. September 1995
51
Independent, 30. November 1995
52
Guardian, 1. Februar 1997
53
Broadcast, 18. Februar 1994. Das Schweigen der Medien über die
Gefährdung des digitalen Fernsehens durch Murdoch wurde von Polly
Toynbee im Independent gebrochen, 15. September 1995, 25. Juni 1997
54
Bob Franklin, Newszak and the News Media, Arnold, Großbritannien 1997
55
Norman Abjoresen, »Turning On, Tuning Out«, Canberra Times, 4. August
1996
56
Franklin, Newszak and the News Media
57
UK Press Gazette, 20. September 1996
58
Franklin, Newszak and the News Media
59
Guardian, 23. Oktober 1996
60
Observer, 23. Februar 1997
61
William Shawcross, Murdoch, Pan Books, London 1993, S. 591
62
Matthew Engel, Tickle the Public: One Hundred Years of the Popular Press,
Victor Gollancz, London 1996, S. 271-80
63
Belfield, Hird und Kelly, Murdoch, S. 50 f.
64
Adelaide Review, Februar 1996
65
Ebd., November 1996
66
Sydney Morning Herald, 21. Dezember 1996
67
Bowman, The Captive Press, S. 226 f.
68
British Journalism Review, Jg. 1, Nr. 2, Winter 1990
69
UK Press Gazette, 29. April 1985
70
Times Literary Supplement, 1. September, 1972, Nachdruck in: Farm der
Tiere, in der Ausgabe der Everyman's Library
71
David Bowman, Adelaide Review, Februar 1996
72
BBC World Service, 16. August 1996
73
Mark Curtis, UKIndonesia 196$ article, 15. Oktober 1996
74
Third World and Environment Broadcasting Project, Watching the World:
British Television and Audience Engagement with Developing Countries, 1996
75
Dank an Sharon Beder
76
Independent, 22. September 1977
44
77
Patrick Renshaw, The General Strike, Eyre Methuen, London 1975, S. 207
Phillip Knightley, The First Casualty: From the Crimea to the Falklands; the
War Correspondent as Hero, Propagandist and Myth Maker, Pan Books,
London 1989, S. 97. Ich schätze Knightleys Arbeit als eine durchgängig
wertvolle Quelle.
79
Ebd., S. 109
80
Ebd., S. 97
81
Ebd., S. 354
82
Sunday Times, 22. September 1985
83
Ebd., 28. August 1983
84
ITN, 29. Juni 1983, zitiert nach Greg Philo in: War and Peace News, Open
University Press, Milton Keynes 1985, S. 138
85
BBC TV, 27. Juni 1982
86
Daily Express, 9. Mai 1985
87
NCCI, Civil Liberties and the Miners' Dispute, zitiert nach New Statesman and
Society, 19. April 1985
88
Seamus Milne, The Enemy Within: MI5, Maxwell and the Scargill Affair,
Verso, London 1995
89
Lyn Smith, »Covert British Propaganda: the Information Research
Department, 1974-7«, in: Millenium: Journal of International Studies, Jg. 9, Nr.
1 (Dank an Robin Ramsey)
90
Observer, 18. August 1985
91
»The Irish Embassy Honors the Project in Washington«, BritishAmerican
Project Newsletter, Juni/Juli 1997
92
Tom Easton, »The British-American Project and the Successor Generation«,
in: Lobster, Sommer 1997
93
Guardian, 5.Juli 1997
94
Independent, 26. März 1992
95
Sandy Gall, News from the Front: A Television Reporter's Life, Heinemann,
London, 1994, S. 122-59.
96
Notiz der Task Force on Greater CIA Openness an den Leiter der CIA, 18.
November 1991
97
John Ranelagh, CIA: A History, BBC Books, 1992, S. 228
98
CIA: A Forgotten History, Zed Books, London 1986, S. 334
99
Independent Television News, 26. Juli 1994, BBC Kurzwellensender,
Oktober 1994
100
Noam Chomsky, Year 501: The Conquest Continues, South End Press,
Boston 1993, S. 204, 207
101
Mark Curtis, The Ambiguities of Power: British Foreign Policy Since 1945, Zed
Books, London 1995, S. 166-67, 172
78
102
Lawrence Freedman und Efraim Karsh, The Gulf Conflict, 1990—1,
Diplomacy and War in the New World Order, Faber & Faber, London 1993.
Zitiert nach Curtis, The Ambiguities of Power, S. 203. Als Professor für
Kriegsstudien am King's College in London leitete Freedman 1997 einen
Sommerkurs, an dem zehn hochrangige indonesische Offiziere
teilnahmen, denen der Kurs »neue Horizonte öffnen« sollte. Observer, 15.
Juni 1997
103
Charles William Maynes, Herausgeber der Zeitschrift Foreign Policy,
schreibt: »In Insiderkreisen der CIA wird geschätzt, dass das US-Militär
zwischen 7000 und 10000 Somalier getötet haben könnte.« Zitiert nach:
Noam Chomsky, Z Magazine, Sommer 1995
104
Newsnight, BBC Television, 7. September 1992
105
Chomsky, Year 501, S. 249
106
New Statesman and Society, 24. März 1996
107
Ebd.
108
British Social Attitudes, Bericht Nr. 13, Dartmouth Press, UK, 1997; General
Household Survey, zitiert nach: Observer, 26. Januar 1997
109
Quellen, aus denen hier zitiert wurde: Guardian, 7., 13., 24., 26., 28., 30.
Mai, 3., 17. Juni, 16., 28. Juli 1997; Observer, 4., 11. Mai, 1. Juni 1997;
Independent, 23., 24., 28. Mai, 3. Juni, 3. Juli 1997; BBC Radio, 3. Juni 1997;
Newsnight, BBC TV, 9, 24. Mai 1997. Und Hugh MacPherson sei Dank,
Tribune, 30. Mai 1997
110
Independent, 16. und 17. September 1997
111
Zitiert nach Hillary Land, Red Pepper, Oktober 1997
112
Karen Gardin, Bridges from Benefit to Work: A Review, Joseph Rowntree
Foundation, 1997
113
Siehe Anm. 41
114
Ebd.
Ebd.
116
Ebd. Als ich Emma Forrest fragte, ob ihr Artikel als Parodie gemeint sei,
sagte sie nein, aber sie habe ihn witzig schreiben wollen.
117
Ebd.
118
Guardian, 1. Oktober 1997
119
Independent on Sunday, 16. November 1997
120
Observer, 11. August 1996
121
Brief von Lord Normanbrook an Sir Burke Trend, 7. September 1965,
zitiert aus einem Briefwechsel mit Michael Tracey. Siehe auch Michael
Tracey, Decline and Fall of Public Service Broadcasting, Clarendon Press,
Oxford 1997; Sanity Broadsheet, Nr. 6, 1980; Guardian, Artikel und
Leserzuschriften, 1., 3. und 6. September 1980
115
122
Aus Hugh Greens Rede »The Conscience of the Programme Director« an
die International Catholic Association for Radio and Television, Rom, Februar
1965
123
Peter Watkins, CineTracts, Bd. 3, Nr. 1, Winter 1980
124
Liz Curtiz, Ireland, The Propaganda War: The British Media and the »Battle for
Hearts and Minds«, Pluto Press, London 1984, S. 279-90
125
David Miller, Don't Mention the War: Northern Ireland, Propaganda and the
Media, Pluto Press, London 1994, S. 63
126
ITN, 18. Oktober 1988
127
Miller, Don't Mention the War, S. 277
128
Red Pepper, Januar 1997
129
Independent, 30. Mai 1996; Guardian, 4. April 1996; Morning Star, 24. Juni,
12. Dezember 1996; Irish Post, 21. Dezember 1996.
130
Ebd.
131
Miller, Don't Mention the War, S. 64
132
Frank Kitson, Im Vorfeld des Krieges. Abwehr von Subversion und Aufruhr,
Seewald Verlag, Stuttgart 1974
133
Observer, 9. Januar 1997
134
Mitteilungen an den Autor aus Quellen in Deny
135
Zitiert nach New Statesman and Society, 1. März 1996
136
Morning Star, 26. November 1996
137
Observer, 12. Januar 1997; Guardian, 4. Januar 1997
138
Observer, 12. Januar 1997
139
Nine O'Clock News, BBC TV, 28. November 1996
140
TV 2, Die Meinungsumfrage des französischen Fernsehens am 25.
November 1996 zeigte, dass 74 Prozent der Befragten die Fernfahrer
unterstützten und 87 Prozent deren Forderungen gerechtfertigt fanden.
141
PM, BBC Radio 4, 29. November 1996
142
Guardian, 30. November 1996
143
BBC-Radio, September 1994
144
Guardian, 19. Oktober 1996
145
Guardian, 20. September 1997
146
Mark Leonard, Britain TM, Demos, 1997, S. 46
147
Guardian, 18. September 1997 148Ebd., 3. September 1997
149
Edwin P. Bayley, Joe McCarthy and the Press, University of Wisconsin
Press, Madison1981
150
George Orwell, Brief an Sir Richard Rees, 28. Juli 1949, Collections and
Essays, Bd. 4, Seeker & Warburg, 1968, S. 505
151
Guardian, 8. März 1997
152
T. D. Allman, »Eulogy to Wilfred Burchett«, aus der Predigt eines
Gedächtnisgottesdienstes in New York, 31. März 1984
153
New Yorker, 13. November 1995
Zitiert nach Carol Tonge aus ihrer Rede »Gatekeepers of our Society«,
Guardian/Fabian-Konferenz, »Multi-Media Europe: Ownership and
Control«, London, 2. Dezember 1995
155
Rede Rupert Murdochs vor Werbekunden, London, 1. Januar 1993, zitiert
nach Independent, 30.Januar 1997
156
New Yorker, 14. November 1995
157
Die Information verdanke ich Stephen Vines und Theresa Poole vom
Independent.
158
New Yorker, 14. November 1995
159
BBC/News International, Quelle des Autors
160
Third World Resurgence, Nr. 12, »Manufacturing Truth: The Western Media
and the Third World«, herausgegeben vom Third World Network,
Penang, Malaysia
161
Ebd.
162
Guardian, 4. März 1996
163
The Television Show, Design Centre, London, 14. März 1997
164
Red Pepper, März 1997
165
Observer, 1. Dezember 1996
166
Bob Franklin, Newszak and the New Media, Arnold, UK, 1997
167
Marshall McLuhan, Understanding Media: the Extensions of Man, McGrawHill, New York 1984, zitiert nach New Internationalist, Dezember 1996.
Diese Ausgabe enthält eine der wenigen substanziellen Kritiken der
modernen Informationstechnik.
168
Norbert Wiener, The Human Use of Human Beings: Cybernetics and Society,
Houghton-Mifflin, Boston 1950, zitiert nach New Internationalist
169
Vandana Shiva, Monocultures of the Mind, Zed Books, London 1993
170
Red Pepper, März 1997
171
Guardian, 27. Dezember 1996. Julian Petley, Leiter der
geisteswissenschaftlichen Fakultät der Brunei University of West London,
hat eine Reihe medienkritischer Schriften verfasst, darunter eine Analyse
des modernen Journalismus.
172
»Real Women of the Real World«, Guardian, 19. April 1997
173
Aus Mike Phipps' Rezension zu Timothy Bewes, Cynism and Post
modernity, Verso, London 1997, in: Labour Left Briefing
174
Observer, 17. März 1996
175
Tommy Sheridan und Joan McAlpine, A Time to Rage, Polygon, Edinburgh
1994
176
Third World Resurgence, Nr. 8, April 1991
154
177
Alex Carey, Taking the Risk Out of Democracy, University of New South
Wales, Sydney 1995, zitiert nach Noam Chomsky, Covert Action, Herbst
1995
178
Ebd.
179
Sharon Beder, Global Spin: The Corporate Assault on Environmentalism,
Green Books, UK 1997, S. 20-21.
180
Tom Baistow, Fourth Rate Estate, Comedia, London 1985
181
Guardian, 13. Mai 1996
182
Ebd.
183
Beder, Global Spin, S. 15
184
Zitiert nach ebd., S. 16
185
Dank an David Bowman für diese Informationen
186
24 Hours, Sydney, April 1996
187
Manchester Guardian, 5. August 1919, zitiert nach David Ayerst, Guardian:
Biography of a Newspaper, Collins, London 1971, S. 432
188
Ebd., 25. November 1996
189
Reportage, Sydney, Sommer 1996
Rückkehr nach Vietnam
1
Gabriel Kolko, Anatomy of a War: Vietnam, the United States and the Modern
Historical Experience, New Press, New York 1994, S. 551
2
2477 US-Amerikaner wurden in Vietnam offiziell als »im Einsatz vermisst«
gemeldet, weniger als in jedem anderen Krieg dieses Jahrhunderts. Bis
heute gelten 78.751 US-Amerikaner aus dem Zweiten Weltkrieg und 8177
aus dem Koreakrieg als vermisst (Library of Congress, 1985).
3
Philip Knightley, The First Casualty: From the Crimea to the Falklands; the War
Correspondent as Hero, Propagandist and Myth Maker, Pan Books, London
1989, S. 400
4
Life, Observer, 2. April 1995
5
Alexander Haig, Caveat, Weidenfeld & Nicholson, London 1984, S. 202
6
Dwight D. Eisenhower, The White House Years: Mandate for Change, 19536,
Double-day, New York 1963, S. 372
7
Philip Taylor, »The Green Berets«, The Historical Journal of Film, Radio and
Television, März 1995
8
Ebd.
9
Richard Holmes, Firing Line, Jonathan Cape, London 1985, S. 68
10
Guardian, 10. April 1995
11
Schätzung von Duong Quynh Hoa, Arzt am Kinderkrankenhaus Nr. 2 in
Saigon
12
Telford Taylor, Nuremberg and Vietnam, zitiert nach Alex Carey in: Sun
Herald, Sydney, 30. Juni 1985
13
Linda Mason und Roger Brown, Rice, Rivalry and Politics: Managing
Cambodian Relief, University of Notre Dame Press, Indiana 1983, S. 135, 159
14
William Shawcross, The Quality of Mercy: Cambodia, Holocaust and Modern
Conscience, Andre Deutsch, London 1984, S. 289, 345, 395
15
Nhan Dan, offizielle Tageszeitung der KPV, 1. März 1996; Tap Chi Cong
San, programmatische Monatszeitschrift der Partei, 15. März 1996, zitiert
nach Gabriel Kolko, Vietnam: Anatomy of a Peace, Routledge, London &
New York 1997, S. 102
16
Viet Nam News, Hanoi, 5. Mai 1997
17
IndoChina Digest, 17. Februar 1995
18
Kolko, Anatomy of a War, S. 602
19
Kolko, Anatomy of a Peace, S. 102
20
Third World Resurgence, Nr. 47, Januar 1994
21
Weltbank, Ostasien und Pazifikregion, Viet Nam: Transition to the Market,
Washington DC, September 1993
12
IndoChina Digest, 17. Februar 1995
23
Weltbank, Ostasien und Pazifikregieon, Viet Nam: Poverty Assessment and
Strategy, Washington DC, Januar 1995. Armutsbericht 1995
24
Zitiert nach Chossudovsky in: Third World Resurgence
25
Ebd.
26
Abteilung für Überseehandel des Ministeriums für Wirtschaft und Handel,
Vietnam. General Information, London, Januar 1995
27
Le Thi Quy, Some Remarks on the Situation of Women Workers in Foreign
invested Enterprises in Ho Chi Minh City, 1994, siehe auch Gender: The
Relations between Research and Policymaking in Vietnam, Asian and Pacific
Development Centre (APDC), Sommeruniversität, Kuala Lumpur, MaiJuni 1994
28
Chossudovsky in: Third World Resurgence
29
Zitiert nach National Project Education Sector Review and Human Resources
Sector Analysis, Band 1, Hanoi 1992, S. 39
30
Chossudovsky in: Third World Resurgence
31
Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen, Report on the Economy of
Vietnam, New York, S. 183
32
Weltbank, Viet Nam, S. 145
33
Senator Gaylord Nelson, Rede vor dem Kongress, 25. August 1970. Quelle:
Bibliothek des US-Senats
34
Vietnam Investment Review, 16.-22. Juni 1997
35
Kolko, Anatomy of a War, S. 590
36
BBC-Fernsehen, Summary of World Broadcasts, 8. Februar 1991
37
Peter MacDonald, Giap: The Victor in Vietnam, Warner Books, London 1993,
S. 42
38
Associated Press, zitiert nach Sydney Morning Herald, 29. März 1997
39
Tap Chi Cong San, zitiert nach Kolko, Anatomy of a War, S. 93
40
Reuters, 26. Juli 1997
41
Kolko, Anatomy of a War, S. 94, Saigon Giai Phong (Tageszeitung der
Kommunistischen Partei in Ho-Chi-Minh-Stadt), 17. Juli 1997
42
Ralph McGehee und andere frühere CIA-Offiziere haben seither bestätigt,
dass der Vorwand für die »Operation rollender Donner«, die
Bombardierung des Nordens, die die Dimension der Bombardierung
Dresdens erreichte, ebenfalls vorgetäuscht war. Es handelte sich um den
»Zwischenfall im Golf von Tonking«, bei dem angeblich im August 1964
nordvietnamesische Kanonenboote den US-Zerstörer Maddox angegriffen
hatten. Auf der Basis einschlägiger »Geheimdienstberichte« erteilte der
Kongress Präsident Johnson nahezu uneingeschränkte Vollmacht zur
Führung eines unerklärten Krieges. In Wahrheit hatten Vertreter des
Weißen Hauses die »Golf-von-Tongking-Resolution« bereits zwei Monate
vor dem angeblichen Angriff auf die Maddox verfasst.
43
Martha Gellhorn, The Face of the War, Virago, London 1986 (deutsch: Das
Gesicht des Krieges. Reportagen 19371987, München/Hamburg 1989), S. 254
Die Terroristen
1
John Madeley, Diego Garcia: A Contrast to the Falklands, Bericht Nr. 54 der
Minority Rights Group, London 1985
2
Ebd.
3
Independent, 8. September 1996
4
Africa Research Bulletin, Bd. 28, Nr. 11, 1. November 1991. Siehe Mark
Curtis, The Ambiguities of Power: British Foreign Policy Since 1945, Zed
Books, London 1995, S. 116-119
5
Guardian, 10. September 1975
6
Madeley, Diego Garcia
7
Ebd.
8
Protokolle des britischen Regiertagskabinetts 1965, zitiert aus: Guardian, 1.
Januar 1996
9
Madeley, Diego Garcia
10
Financial Times, 5. April 1982
11
Daily Telegraph, 19. April 1982
12
Curtis, Ambiguities of Power, S. 116-119
13
Richard Falk, »The Terrorist Foundations of Recent US Policy«, in: Western
State Terrorism, hrsg. von Alexander George, Polity Press, London 1991, S.
107 f.
14
Robert O. Slater und Michael Stohl, Current Perspectives on International
Terrorism, Macmillan, London 1988, von Noam Chomsky zitiert in:
Western State Terrorism, S. 12. Dank an Noam Chomsky für den Nachtrag
zur westlichen Macht.
15
Falk in: Western State Terrorism, S. 104
16
Siehe William Shawcross, Sideshow: Kissinger, Nixon and the Destruction of
Cambodia, Andre Deutsch, London 1979; Mark Hertsgaard, »The Secret
Life of Henry Kissinger« in: Nation, New York, 29. November 1990;
William Blum, The CIA, a Forgotten History, Zed Books, London 1986, S.
275-278
17
Zitiert von Chomsky, »International Terrorism: Image and Reality«, in:
Western State Terrorism, S. 13
18
»East Africa Political Intelligence Report«, Juli-September 1948, zitiert von
Frank Furedi in: The New Ideology of Imperialism, Pluto Press, London 1994,
S. 44; der persönliche Referent des Botschafters in Teheran an die
Nahostabteilung im Außenministerium, 16. Juni 1952, zitiert ebd., S. 53
19
Lord Hailey, 1943, zitiert ebd., S. 87
20
Zitiert von Curtis in: Ambiguities of Power, S. 57
21
Telegrafische Nachricht des Außenministeriums an Washington, 26.
Oktober 1950, zitiert ebd., S. 57 f.
22
Telegramm von A. Humphrey, Malaiischer Bund, an J. Higham,
Kolonialverwaltung London, 19. Januar 1953, zitiert ebd., S. 64
23
Ebd., S. 65-74
24
Siehe Blum, The CIA, S. 117-23
25
Außenministerium an die britische Botschaft in Jakarta, 16. Oktober 1965,
zitiert von Mark Curtis in: Ecologist,]g. 26, Nr. 5, September/Oktober 1996
26
Curtis, Ambiguities of Power, S. 16-24
27
Diana Melrose, Nicaragua: The Threat of a Good Example, Oxfam, Oxford
1985, S. 26
28
Zitiert in: Chomsky, Western State Terrorism, S. 19
29
Ebd., S. 16
30
Guardian, 22. September 1996
31
Jenny Pearce, Under the Eagle: US Intervention in Central America and the
Caribbean, Latin America Bureau, London 1981, S. 58 f. und 230 f.
32
Protokoll des Center for Policy Aid, Washington, April 1981. Siehe New
York Times, 1. April 1981
33
Rivera y Damas, zitiert in: Ray Bonner, Weakness and Deceit, Times Books,
New York 1984, S. 207
34
Links, Nr. 6, Januar-April 1966
Melrose, Nicaragua
36
Observer, 1. Juni 1991
37
World Military and Social Expenditures, World Priorities Inc., Washington
1993, S. 20
38
Ian Lee, Continuing Health Costs of the Gulf War, Medical Educational Trust,
London 1991
39
Schätzung von Mohamed Sahnoun, UN-Vertreter in Somalia, New
Internationalist, Dezember 1994
40
Guardian, 16. Mai 1994
41
Red Pepper, Juli 1994
42
Ebd.
43
Alfred W. McCoy, Die CIA und das Heroin. Weltpolitik und Drogenhandel,
Zweitausendeins, Frankfurt 2003 (amerikanische Originalausgabe 1991)
44
Covert Action, Winter 1996-97
45
Bericht des Ausschusses für internationale Beziehungen, Unterausschuss
Terrorismus, Drogen und internationale Operationen, US-Senat, Drugs,
Law Enforcement and Foreign Policy, Dezember 1988, S. 36
46
Übersetzung von Weekly News Update, Green Leaf Weekly, 27. August 1997
47
Washington Post, 6. Dezember 1996
48
Efforts of Khmer Insurgents to Exploit for Propaganda Purposes Damage Done
by Airstrikes in KandalProvince, geheimdienstliches Telegramm vom 2. Mai
1973, Geheimhaltung von der CIA aufgehoben am 19. Februar 1987
49
John Pilger, Distant Voices, Vintage, London 1992, S. 411, 413, 439f.
50
Linda Mason und Roger Brown, Rice, Rivalry and Politics: Managing
Cambodian Relief, University of Notre Dame Press, Indiana 1983, S. 135, 159
51
William Shawcross, The Quality of Mercy: Cambodia, Holocaust and Modern
Conscience, Andre Deutsch, London 1984, S. 289, 345, 395
52
Pilger, Distant Voices, S. 414-17, 419, 421-24, 437f., 444-50, 469ff.
53
Furedi, New Ideology of Imperialism, S. 116
54
Ebd.,S. 117 "Observer, 21.Juli 1996
56
Zitiert von Paul Rogers in: Observer, 28. Juni 1992
57
S. Zielonka in: International Affairs, Jg. 67, Nr. 1, S. 131
58
Foreign Affairs, abgedruckt im Guardian, 23. November 1996. Huntingtons
Buch Der Kampf der Kulturen erschien auf Deutsch 1996 im Siedler Verlag,
München.
59
Guardian, 17. Juni 1997
60
Ebd., 2. Juli 1992
61
Greenpeace und die Studiengruppe Los Alamos, zitiert in: Green Left
Weekly, Sydney, 23. April 1997
62
Chomsky, Western State Terrorism, S. 35
35
63
Dank für diese Medienuntersuchung an Daya Kishan Thussu, Economic
and Political Weekly, 8. Februar 1997
64
Falk, »The Terrorist Foundation of Recent US Policy«, S. 109-10
65
Noam Chomsky, »Israel, Lebanon and the Peace Process«,
Informationsschrift vom 23. April 1996
66
Brief von Harold Macmillan an Robert Menzies, 9. Februar 1952, zitiert in:
Furedi, New Ideology of Imperialism, S. 79
67
Ebd.
68
Daily Express, 21. Oktober 1949
69
Furedi, New Ideology of Imperialism, S. 81
70
M. Perham, »African Facts and American Criticism«, in: Foreign Affairs, Jg.
22, April 1944, S. 449, zitiert in: Furedi, New Ideology of Imperialism, S. 88
71
Ebd.
72
Ebd., S. 73
73
Evening Standard, 20. August 1990
74
Financial Times, 1. November 1990
75
Phyllis Bennis, Calling the Shots: How Washington Dominates Today's UN,
Olive Branch Press, New York 1996, S. XV
76
Ebd., S.XII
77
Covert Action Quarterly, Sommer 1997
78
Dank an R. Seymour, Guardian, 11. November 1997
79
Third World Resurgence, Nr. 80, 1997
80
Tagesbericht des US-Außenministeriums, 10. Juli 1997
81
Das Interview mit Eric Falt wurde im März 1993 im Rahmen der
Dokumentation Return to Year Zero für Central Television aufgezeichnet.
82
Der Herausgeber von Foreign Policy, Charles William Maynes, schrieb:
»CIA-Vertreter räumen inoffiziell ein, dass US-Truppen möglicherweise
zwischen 7000 und 10000 Somalis getötet haben«; zitiert von Noam
Chomsky in der Zeitschrift Z, Sommer 1995
83
Guardian, 29. Dezember 1992
Die Welt aus der Sicht von Dimbaza
1
Eastern Cape Socio-Economic Consultative Council, A Statistical Snapshot,
1997
2
Daily Dispatch, East London, 16. Januar 1969
3
Cosmas Desmond, The Discarded People, Penguin, Harmondsworth 1971, S.
79
4
Geoff Berridge, Economic Power in AngloSouth African Diplomacy:
Simonstown, Sharpeville and After, Macmillan, London 1981, S. 34 f.
5
William Minter, King Solomon's Mines Revisited: Western Interests and the
Burdened History of South Africa, Basic Books, New York 1986, S. 279. Dank
an Mark Curtis.
6
Miranda Strydom, »Black Empowerment: Is There More to It Than
Equity?«, in: Cape Times, 10. Oktober 1997
7
Hugh Murray, »The Privatization of Cyril Ramaphosa«, in: Leadership, Juli
1997
8
Strydom, »Black Empowerment«
9
Star, Johannesburg, 3. Oktober 1997
10
David Beresford im Observer, 21. Dezember 1997
11
Mail & Guardian, Johannesburg, 23. Mai 1997
12
R. W.Johnson, London Review of Books, 17. Oktober 1996
13
Obwohl es in Südafrika Statistiken im Überfluss gibt, handelt es sich meist
um Schätzungen. Aus Studien der statistischen Abteilung der Notenbank
und von Professor Laurence Schlemmer wird ersichtlich, dass die Zahl der
im staatlichen wie im nichtstaatlichen Bereich angebotenen Arbeitsplätze
jährlich um 100000 zurückgeht.
14
Zahlen der Weltbank zitiert nach Green Left Weekly, 3. Dezember 1997
15
Ebd.
16
Mail & Guardian, 15.-25. Juli 1995
17
Schätzung von Kardinal Basil Hume, zitiert nach Observer, 21. Dezember
1997
18
Weekend Guardian, 15. Februar 1997
19
Rede auf dem Kongress der südafrikanischen Gewerkschaften (COSATU),
September 1993
20
Zitiert nach Independent on Sunday, 7. Dezember 1997; Dank an John
Cassidy für den Artikel »The Next Big Thinker«.
21
Zitiert nach Colleen Ryan, »US in Grip of Surging Protectionism«, in:
Australian Financial Review, 15.-16. November 1997
22
Independent on Sunday, 7. Dezember 1997
Dank
F
olgenden Personen, die direkt oder indirekt zum Zustandekommen dieses Buches beigetragen haben, möchte ich meinen Dank
aussprechen: Steve Anderson, Anthony Arnove, Joe Bentley, William
Blum, Carmel Budiardjo, Scott Burchill, Gabriel Carlysle, Robert
Cavanagh, Noam Chomsky, Michel Chossudovsky, Preston Clothier,
Barry Coates, Gilly Coote, Mark Curtis, Norm Dixon, Oliver
Doward, David Edwards, Susan George, Karl Grossman, Sean
Healy, Eric Herring, Pip Hinman, Lynn Hodgkinson, Mike
Holderness, Dave Holmes, Laurelle Keough, Max Lane, Alan
Lowery, Michael McKinley, Emily Mann, Michael Mansell, Chris
Martin, Arthur und Leila Murray, Richard Murray, Lorraine Nelson,
David O'Shea, Milan Rai, Grant Roberts, Vicki Robinson, Peter
Schumpeter, Bradley Simpson, Colin Tatz, Peter Wilby, Jeffrey
Winters. Besonderen Dank schulde ich Jacqueline Korn und Tariq
Ali für ihre Inspiration, Jane Hindle und Gavin Everall von Verso,
Jill Chisholm vom New Statesman, Helen Oldfield vom Guardian und
meiner wunderbaren Lektorin und Partnerin Jane Hill.
Nachbemerkungen
I
m September 2002 – ein gutes Jahr nach den Anschlägen auf das
World Trade Center und das Pentagon, ein knappes halbes Jahr
vor dem Überfall der selbst ernannten Antiterrorkoalition auf den
Irak – wurde John Pilger vollends zur öffentlichen Figur. Als
investigativer Journalist, als Korrespondent aus allen möglichen
Krisenregionen, als Buchautor und als Dokumentarfilmer hat er in
Großbritannien schon seit Jahrzehnten ein Millionenpublikum. Aber
jetzt, am 28. September, trat er bei einer der größten Friedenskundgebungen, die London je erlebt hat, vor etwa 300000
Demonstranten im Hydepark als Redner auf, Seite an Seite etwa mit
dem früheren UN-Waffeninspektor Scott Ritter und dem Londoner
Bürgermeister Ken Livingston. Seine Botschaft an die unübersehbare
Menschenmenge: »Wir sind die Gemäßigten. Bush und Blair sind die
Extremisten. Die Gefahr, die uns alle bedroht, geht nicht von
Bagdad, sondern von Washington aus.«
Ein Jahr später – da hatten Bush und Blair längst den Sieg im Irakkrieg verkündet, während sie im Wüstensand vergebens nach den
behaupteten Waffenverstecken buddeln ließen und täglich neue
Opfer zu beklagen waren – lieferte Pilger den Beweis für seine
öffentlich vorgetragene Behauptung. Am 23. September 2003 lief im
britischen Fernsehsender ITV sein Film Breaking the Silence: Truth and
Lies in the War on Terror. Darin präsentierte er Dokumentaraufnahmen aus dem Frühjahr 2001, in denen sich Colin Powell und
Condoleezza Rice darüber ausließen, dass Saddam Hussein keine
Massenvernichtungswaffen habe und daher keine Bedrohung mehr
sei. Die Kriegsvorbereitungen, so Pilger weiter, begannen mit dem
17. September 2001, als George W. Bush eine Anweisung an das
Pentagon unterschrieb, die militärischen Optionen für einen Angriff
auf den Irak zu prüfen. Der Krieg gegen den internationalen
Terrorismus brauchte ein handfestes Ziel, um endlich die neue
Weltordnung durchzusetzen, die der Vater einst auf demselben
Amtssessel proklamiert hatte.
Pilgers Auftritt als Redner bei einer Massenkundgebung und die
ungeschminkten Erkenntnisse seines Films belegen gleichermaßen
seinen Ausnahmestatus in der britischen Medienlandschaft. Und
was für die englischen Verhältnisse gilt, gilt erst recht für die
hiesigen. In der Bundesrepublik gibt es niemanden, der sich mit ihm
vergleichen könnte. Die wenigen Zeitungsschreiber, die sich
hierzulande durch investigativen Mut auszeichnen, koexistieren
friedlich und ohne weitere Berührungspunkte mit den ebenfalls
nicht üppig gesäten Meistern der großen (Auslands-)Reportage und
den kulturkritischen Essayisten – und allen dreien ist gemein, dass
sie nicht mit der Videokamera umgehen können, geschweige denn
mit der versteckten. Pilger bewegt sich, was die Grenzen unseres
Mediensystems anbelangt, derart im Abseits, dass ihn alle großen
deutschen Zeitungen und Sendeanstalten notorisch übersehen. Das
wirft ein bezeichnendes Licht auf ihn – und einen ebenso
bezeichnenden Schatten auf sie.
Das Besondere an John Pilger ist gar nicht, dass es ihm gelungen
ist, trotz seines durchaus demonstrativen Dissidententums in seinem
Land ein begehrter Mitarbeiter und eine ernst zu nehmende Stimme
zu werden. Wenn einer voller Behagen das Verdikt kolportiert, ein
»neoidealistischer Linker« zu sein, und zwei Atemzüge weiter das
»Blair-Regime« als rechte Regierung brandmarkt, dann ahnt man,
dass er sich durchaus komfortabel in der Differenz zu den
herrschenden Verhältnissen eingerichtet hat.
Eher zeichnet es Pilger aus, dass er als Radikaler, der sich
angesichts der Radikalität dieser Verhältnisse als »Gemäßigten«
sieht, durch die harte Schule des Boulevardjournalismus gegangen
ist. Für britische Begriffe ist ein tabloid nicht zwingend durch den
dumpfbackigen und desinformierenden Populismus einer Bild
Zeitang charakterisiert. Das Massenblatt Daily Mirror, dessen
Redaktion Pilger lange Jahre angehörte, kann auf eine aufgeklärte
Labour-Tradition zurückblicken. Erst als Rupert Murdoch mit seiner
Sun diesen schrillen Tonfall in die Presselandschaft einführte, neben
dem die Bild fast blass wirkt, ließ sich sein Rivale Robert Maxwell
mit dem Mirror auf einen Überbietungswettlauf ein, den er nicht
gewinnen konnte und der die Zeitung fast um die Existenz gebracht
hätte.
Pilger jedenfalls entspricht nicht unseren Edelfedern, die
hochsubtil über die Komplexität der Welt und die vermeintlichen
Sachzwänge politischen Handelns räsonieren und dabei doch bloß
die roten Teppiche ins Visier nehmen, auf denen Staatsoberhäupter
und Regierungschefs, Aufsichtsrats- und Vorstandsvorsitzende,
Banker und Analysten paradieren. Er hat gelernt, sich klar und
einfach auszudrücken, und deshalb geht es ihm immer auch darum,
hinter der ganzen verwirrenden Bedeutungsschwere, aus der
Akteure wie Interpreten gleichermaßen ihre höheren Weihen
beziehen,
einfache
Wahrheiten
zu
identifizieren.
Die
vielbeschworene Globalisierung unserer Tage ist für ihn nichts
weiter als der – horrible dictu! – alte Imperialismus in neuem Gewand
und ohne den klassischen missionarischen Eifer, mit dem er ehedem
als zivilisierender Kreuzzug verkündet worden ist. Die Globalisierung ist also keine Fatalität, kein Selbstlauf, keine alternativlose
Entwicklung, sondern ein teils gewaltsam durchgesetztes Projekt,
das im Interesse westlicher Hegemonie liegt. Und weil es Pilger
immer wieder aus der warmen Redaktionsstube hinauszieht, er also
im besten angelsächsischen Sinne weltläufig ist und aus den reichen
Erfahrungen eigenen Augenscheins schöpfen kann, bringt er in
seinen Reportagen auch eine einfache Prämisse zur Geltung: Was
vor allem zählt, das sind die Opfer – die Opfer diktatorischer
Regime, die Opfer entfesselter Märkte, die Opfer der Kriege.
Der neue-alte Imperialismus, der ebenso sachlich wie martialisch
daherkommt, wäre mit ganz anderen Widerständen konfrontiert,
wenn wir tatsächlich in einer Informationsgesellschaft leben würden.
Wir leben aber in einer Mediengesellschaft. Für Pilger ist das nicht
bloß ein anderer Begriff, sondern ein Unterschied ums Ganze.
Mediengesellschaft heißt zum Beispiel, dass von den mehr als 200
Kriegen und bewaffneten Konflikten, die es rings um den Globus
gibt, nur die wenigsten in den Nachrichten auftauchen; dass nur ein
verschwindender Bruchteil aller von den großen Agenturen
verbreiteten Meldungen mit Afrika zu tun hat; dass unsere
Weltwahrnehmung also systematisch gereinigt und verengt wird.
Corporate media: Das ist für Pilger kaum etwas anderes als eine
privatwirtschaftliche Variante von Orwells Ministerium der
Wahrheit. Von seiner eigenen Zunft hält er also wenig. Journalisten
sind in seinen Augen überwiegend Sprachrohr und Echoverstärker
der Parolen, die von den großen staatlichen und ökonomischen
Agenturen ausgegeben werden. Unter dem Anschein der
Ausgewogenheit und Objektivität produzieren sie mit diesen
Parolen eine herrschende Sichtweise, die die Vorstellbarkeit eines
anderen Weltenzustandes gar nicht erst aufkommen lässt.
Wie Recht er damit hat, belegte in aller Klarheit der 11. März 2004.
Der eigentliche Skandal nach den furchtbaren Anschlägen in Madrid
war gar nicht, dass die Regierung Aznar versucht hat, sich über die
Wahlen zu retten, indem sie drei Tage lang die ETA als den Tatverdächtigen behauptete und entsprechende Sprachregelungen
lancierte. Der eigentliche Skandal war vielmehr, dass Presse, Funk
und Fernsehen dieses Ablenkungsmanöver zwei Tage lang
mitgemacht haben.
Von Pilger können wir lernen, dass wir in einer anderen Welt
leben als in der, die uns tagtäglich vorgesetzt wird. Unsere
vermeintlichen Gewissheiten sind keine Wahrheiten, sondern medial
vermittelte Orientierungskoordinaten, die durch Wiederholung
beglaubigt werden. Wir können von ihm lernen, dass wir einem
Gehäuse vermachteter Öffentlichkeit ausgesetzt sind – und dass wir
uns dem entziehen können: durch ein Misstrauen gegen alle
offiziellen Verlautbarungen und durch Empathie für alle diejenigen,
von denen darin kaum je die Rede ist.
Über den Autor
J
ohn Pilger, Jahrgang 1939, ist – in der angelsächsischen Welt –
einer der angesehensten Journalisten.
Seine ersten Sporen als Reporter verdiente er sich in seiner Heimatstadt Sydney, bevor er 1962 nach London kam und – nach einem
kurzen Zwischenspiel bei der Nachrichtenagentur Reuters – beim
Daily Mirror anheuerte, der damals größten und der Labour-Partei
nahe stehenden Boulevardzeitung. Beim Mirror stieg er rasch zum
Leiter der Auslandsredaktion auf. In den fast 25 Jahren, die er für
das Blatt arbeitete, war er akkreditierter (Kriegs-)Korrespondent u.a.
in Vietnam, Kambodscha, Ägypten, Indien, Bangladesch und Biafra.
Als der Medienzar Robert Maxwell 1984 die Mirror Group
übernahm, der Zeitung eine andere Generallinie verordnete und sie
damit später fast zugrunde richtete, focht Pilger heftige Sträuße mit
dem neuen Verleger aus, was ihn schließlich seinen Job kostete. 1987
gründete er eine eigene Zeitschrift, die News on Sunday, die
allerdings schon nach einem halben Jahr ihr Erscheinen wieder
einstellen musste. Seitdem ist Pilger freier Journalist. Regelmäßig
schreibt er für den Guardian und den New Statesman, gelegentlich
auch für die New York Times sowie für australische, französische,
italienische oder japanische Blätter. Bloß deutsche Zeitungen
ignorieren ihn völlig.
Seit 1969 hat er zudem etwa 50 Dokumentarfilme gedreht, die früher zumeist von der BBC ausgestrahlt wurden, heute eher bei ITV
laufen. Besonders folgenreich waren seine Filme Paying the Price:
Killing the Children of Iraq und Palestine is still the Issue. Mit seinen
Enthüllungen über das barbarische Besatzungsregime in Osttimor,
Death of a Nation: The Timor Conspiracy, kam er sogar in die Kinos.
Achtmal hat Pilger seine besten Reportagen in Buchform veröffentlicht. Seine klassische Publikation ist Heroes (1986), in der er seine
»Helden« vorstellt: einfache Leute aus aller Herren Ländern, die sich
– ganz unspektakulär, aber alltagspraktisch – den widrigen
Verhältnissen, mit denen sie konfrontiert sind, widersetzen. Aus den
Artikeln seiner beiden letzten Bücher, Hidden Agendas (1998) und The
New Rulers of the World (2002), haben wir unsere Ausgabe
zusammengestellt.
Pilger hat so ziemlich alle Preise gewonnen, die man als Journalist
und Dokumentarfilmer gewinnen kann. Schon in jungen Jahren
wurde er erst als Descriptive Writer (1966), dann als Reporter (1967)
und schließlich als International Reporter of the Year (1970)
ausgezeichnet. Später kamen unter anderem hinzu zwei UN Media
Peace Prizes (1980, 1981), der Reporters Sans Frontières Award
(1990), ein Emmy (1991), der International de Télévision Genève
Award (1995), der Manismanien Prize (Schweden, 2001), der Sophie
Prize for Human Rights (Norwegen, 2003) und eine Auszeichnung
als Media Personality of the Year (2003). Außerdem wurden ihm
mehrere Ehrendoktorhüte verliehen.