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MARXISTISCHE BIBLIOTHEK Werke des Marxismus- Leninismus Band 8
Einzige autorisierte Ausgabe
N. LENIN AGITATION UND PROPAGANDA EINSAMMELBAND 6 VERLAG FÜR LITERATUR UND POLITIK WIEN—BERLIN
Alle Rechte, insbesondere die de s N a c h d r u c k c s , v o r b e h a I t e o. Copyright 1929 by VERLAG FOR LITERATUR U N D P O LI Tl K (D r. J o h a n n e 5 \V e r t h e i m), W i e n V I I 1 Druck: Pcuyag Essen u3n. TOKCHK 2025 HH
de| Einleitung Im vorliegenden Band der Marxistischen Bibliothek unterbreiten wir der revolutionären Arbeiterschaft eine Zusammenstellung aus Reden und Schriften Lenins, die die Fragen der Agitation und Propaganda behandeln. Aus naheliegenden Gründen haben wir es für nötig befunden, in diese Sammlung picht allein die Äußerungen Lenins über Agitation und Propaganda im allgemeinen, über ihren Inhalt und ihre Methoden aufzunehmen, sondern zu- gleich auch ausgewählte Illustrationsstücke der leninistischen Agitation und Propaganda in bestimmten historischen Situationen und Zeitabschnitien zu bringen. Diese Verbindung ergibt sich von selbst aus der Natur des Leninismus, denn nichts widerstrebt dem Leninismus mehr, als allgemeine, abstrakte Betrachtungen über eine Sache anzustellen, ohne ihr zugleich auf den Grund zu gehen, ohne sie in ihrer konkreten Gestalt anzupacken. Es ist gerade das besonders Hervorstechende an der leninistischen Agitation und Propaganda, daß sie ihren konkreten Inhalt schöpft aus bestimmten geschichtlichen Situationen, aus den bestimmten Aufgaben, die das Proletariat in diesen Situatio'nen zu erfüllen hat, um diesem revolutionären Inhalt die entsprechenden For- men und Methoden seiner Verwirklichung, seiner Umsetzung in die lebendige Praxis der Revolution zu geben. Die leninistische Agitation und Propaganda muß, will sie dem Geiste des Marxismus treu bleiben, stets in höchstem Maße konkret sein, stets das richtige Kettenglied, das zur Aktion führt, herausdie revolutionäre Agitation und Propafinden. Der Leninismus betrachtet ganda als eine spezifische Äußerung der revolutionären Bewegung des Proletariats und der Rolle der Kommunistischen Partei in ihr, er leitet daher die Form der Agitation und Propaganda von dem Grundcharakter des proletarischen Massenkampfes ab. So wie z. B. die proletarische Bewegung ganz neue, von den Formen des politischen Kampfes der Bourgeoisie prinzipiell verschiedene Formen des wirklichen Massenkampfes schafft, die auf die Aufhebung der kapitalistischen Gesellschaft überhaupt, auf die Zertrümmerung des bürgerlichen Staates gerichtet sind, so sind auch die Formen der revolutionären Agitation und Propaganda vor allem durch diese beiden Prinzipien bestimmt. Insofern haben diese Formen ihren notwendigen Schwerpunkt stets in der Bewegung der Massen selbst. Aber sie müssen zugleich die Aufgabe lösen, die der Kommunistischen Partei als Avantgarde des Proletariats zufällt: die Aufgabe der Führung der Massen im Kampfe um den Sturz des Kapitalismus, die Aufgabe der Organisierung der Revolution. |
Daraus ergibt sich auch der innige Zusammenhang zwischen der revolutionären Agitation und der revolutionären Propaganda, der bei Lenin festzustellen ist. ‚Während die Agitation auf einige wenige Leitgedanken sich konzentrieren muß, die zum Hebel der Aktion der Massen werden sollen und somit, in tagläglichem Kampfe, unermüdlich dem Bewußtsein des kämpfenden Proletariats eingeprägt werden müssen, hat_die Propaganda die Aufgabe, diese Aktionsparolen, diese Schlagworte der Taktik in Einklang zu bringen mit dem allgemeinen strategischen Plan der Partei, sie zu begründen durch eine erschöpiende Analyse der politischen Gesamtlage und der sich daraus ergebenden Entwicklungstendenzen. Die Propaganda hat die Aufgabe, die Gesamtheit der Kampfbedingungen und Kampfziele des Proletariats in einer bestimmten Situation zu erhärten, anknüpfend an die Prinzi- pien des Marxismus. Die Agitation verfolgt den Zweck, diese allgemeinen Richtlinien, die sich aus den Prinzipien des Marxismus ergeben, in besonderen Knotenpunkten zusammenzufassen, sie zu Aktionsparolen umzuschmieden. Lenin spricht irgendwo davon, daß der revolutionäre Propagandist im Maßstabe von Hunderten zu denken hat, der Agitator im Maßstabe von Zehntausenden, der Organisator und Führer der Revolution im Maßstabe von Millionenmassen. Was allen Dreien gemeinsam sein muß, ist die „Einsicht in die Natur, die Bedingungen und die daraus sich ergebenden allgemeinen Ziele des vom Proletariat geführten Kampfes“ Denn das und nichts anderes heißt Kommunismus. Denn das und nichts anderes kann die Voraussetzungen schaffen, ausgehend von welchen die Kommunistische Partei durch ihre richtige Agitation und Propaganda, durch ihr aktives Eingreifen in den wirklichen Kampf der Massen sich zusammenschließen kann mit der Klasse des Proletariats, sie führen und organisieren kann für die Revolution, + Das in diesem Bande enthaltene Material ist chronologisch, nach den verschiedenen Entwicklungsetappen der revolutionären Bewegung in Rußland eingeteilt. Den einzelnen Teilen wurden Vorbemerkungen vorausgeschickt, die die Aufgabe haben, den allgemeinen historischen Hintergrund zu kennzeichnen, auf welchem sich die Aufgaben der leninistischen Agitation und . Propaganda in konkreter Weise abheben. Im Schlußkapitel, das von der Agitalion und Propaganda in der Kommunistischen Internationale handelt, haben wir Gelegenheit genommen, das Auf- treten des Leninismus in der internationalen Arena des proletarischen Klassenkampfes zu zeigen und besonders diejenigen Äußerungen Lenins zu unterstreichen, die den Übergang von der Agitation und Propaganda zur Aktion der Massen selbst darstellen.
I AGITATION UND PROPAGANDA IN DER PERIODE DER VORBEREITUNG DER REVOLUTION VON 1905
Die Aufgaben der russischen Sozialdemokraten* Die neunziger Jahre in Rußland waren gekennzeichnet durch ein starkes Anschwellen der Streikbewegung. Diese Belebung der Arbeiterbewegung stellle die Sozialdemokraten vor die Aufgabe, den Charakter ihrer Arbeit zu ändern. Bis dahin hatte sich ihre Tätigkeit hauptsächlich auf die Propaganda des Marxismus innerhalb von Zirkeln und auf den ideologischen Kampf gegen die nichtsozialdemokratischen Strömungen konzentriert. In Anbetracht der ungewöhnlichen Entwicklung der spontanen Arbeiterbewegung und der Vermehrung der sozialdemokratischen Zirkel war es nicht mehr möglich, sich auf diese Aufgabe zu beschränken. Es stellte sich die Notwendigkeit ein, die Frage der Führung der spontanen Arbeiterbewegung und der Hebung des Klassenbewußtseins der proletarischen Massen praktisch zu stellen. Die führende Rolle der Sozialdemokratie in der Arbeiterbewegung erforderte die Gründung einer einheitlichen Partei. Der erste Parteitag der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Rußlands ! im Jahre 1898 unternahm den — allerdings mißlungenen — Versuch, diese organisatorische Aufgabe zu lösen. Das proletarische Bewußtsein auf dasNiveau des Klassenstandpunktes zu heben, war nur möglich mit Hilfe einer, umfassenden Agitation auf Grund der dringendsten Bedürfnisse und Forderungen des Proletariats, ferner durch die Klarlegung der Rolle der Arbeiterklasse als der einzigen konsequenten Kämpferin für die Demokratie, für die Niederwerfung des Zarismus. Das mangelhafte Verständnis der Sozialisten für die Hauptaufgaben der Sozialdemokratie in dieser Periode veranlaßte Lenin, die Broschüre „Die Aufgaben der russischen Sozialdemokraten“ zu schreiben. In dieser Broschüre betont Lenin, daß die praktische Arbeit der Sozialdemokratie in der gegebenen Epoche nach zwei Richtungen hin durchgeführt werden müsse: nach der Richtung des Kampfes erstens gegen die Kapitalisten und die kapitalistische Gesellschaftsordnung, zweitens des Kampfes für die restlose Verwirklichung der demokratischen Aufgaben. Dadurch wird auch der Charakter der Agitation und der Propaganda jener Zeit bestimmt. * Die zweite Hälfte der neunziger Jahre ist charakterisiert durch eine auffallende Belebung in der Diskussion russischer revolutionärer Probleme... Im gegenwärtigen Moment (Ende 1897) ist von unserem Standpunkt aus die vitalste Frage die der praktischen Ar- beit der Sozialdemokraten. Wir unterstreichen diepraktische Seite, da die theoretische anscheinend bereits über die schlimmste Periode hinweggekommen ist, in der einerseits die Gegner mit ” Aus der 1897 veröffentlichten Broschüre: „Die Aufgaben der russischen Sozialdemokraten‘.
10 Agitation und Propaganda in der Periode vor 1905 verstocktem Unverständnis angestrengte Versuche machten, die neue Richtung gleich bei ihrem Auftreten zu unterdrücken, und andererseits die Anhänger des Sozialdemokratismus ihre Prinzıpien mit Leidenschaft verteidigten. Die theoretischen Anschauungen der Sozialdemokraten erscheinen jetzt in ihren hauptsächlichen,grundlegenden Zügen genügend geklärt. Von der praktischen Seite des Sozialdemokratismus, von seinem politischen Programm, von seinen Aktionsmethoden, von seiner Taktik, kann man aber nicht dasselbe behaupten. Gerade auf diesem Gebiet herrschen, so scheint uns, die meisten Mißverständnisse, gerade hier stößt man auf das tiefste gegenseitige Unverständnis, das auch solche Revolutionäre von dem vorbehaltlosen Anschluß an die Sozialdemokratie abhält, die sich theoretisch vollständig von dem Narodnikitum? losgesagt haben. Diese letzteren werden in der Praxis durch die Logik der Dinge entweder zur Propaganda und Agitation unter den Arbeitern getrieben — ja, sogar dazu, ihre Tätigkeit unter den Arbeitern auf den Boden des Klassenkampfes zu stellen —, oder aber sie suchen die demokratischen Aufgaben zur Grundlage des ganzen Programms und der ganzen revolutionären Tätigkeit zu machen .. Darum erscheint uns der Versuch besonders zeitgemäß, die praktischen Aufgaben der Sozialdemokraten klarzumachen und auseinanderzuseizen, warum wir das sozialdemokratische Programm für das rationellste der drei Programme halten und warum wir glauben, daß die Einwände gegen dieses Programm in weitgehendem Maße auf Mißverständnissen beruhen. ' Bekanntlich stellen sich die Sozialdemokraten bei ihrer praktischen Tätigkeit die Aufgabe, den Klassenkampf des Proletariats zu leiten und diesen Kampf in seinen beiden Erscheinungsformen zu organisieren: in der sozialistischen (Kampf gegen die Kapitalistenklasse, mit dem Ziel, die Klassengesellschaft zu vernichten und die sozialistische Gesellschaft zu organisieren) und der demo- kratischen (Kampf gegen den Absolutismus, mit dem Ziel, in Rußland die politische Freiheit zu erobern und die politische und : -gesellschaftliche Ordnung Rußlands zu demokratisieren). Wir sagten bekanntlich, denn seit ihrem ersten Auftreten als eigene sozial-revolutionäre Richtung haben die russischen Sozialdemokraten stets mit aller Bestimmtheit auf diese ihre Aufgabe
Die Aufgaben der russischen Sozialdemokraten 11 hingewiesen, sie haben stets die zweifache Erscheinungsform und den zweifachen Inhalt des proletarischen Klassenkampfes unterstrichen und den untrennbaren Zusammenhang zwischen ihren sozialistischen und demokratischen Aufgaben betont. Diese Untrennbarkeit des Zusammenhanges wird auch durch den Namen, den sie sich gegeben haben, veranschaulicht. Trotzdem trifft man noch oft Sozialisten, die die verkehrtesten Vorstellungen von den Sozialdemokraten haben und sie z. B. der Ignorierung des politischen Kampfes und dergl. beschuldigen. Verweilen wir also ein wenig bei der Charakteristik der beiden Seiten der Praxis der russischen Sozialdemokratie. Wir wollen vorerst die sozialistische Seite betrachten. Man sollte meinen, daß der Charakter der sozialdemokratischen Tätigkeit in dieser Hinsicht vollständig klar ist, seitdem der sozia- listische „Kampfbund zur Befreiung der Arbeiterklasse‘“ unter den Petersburger Arbeitern seine Tätigkeit entfaltet. Die sozia- listische Arbeit der russischen Sozialdemokraten besteht darin, die Lehren des wissenschaftlichen Sozialismus zu propagieren, d.h. unter der Arbeiterschaft richtige Begriffe zu verbreiten über die gegenwärtige gesellschaftliche und wirtschaft-| liche Ordnung, über ihre Grundlagen und ihre Entwicklung, über die verschiedenen Klassen der russischen Gesellschaft und deren Wechselbeziehungen, über den Kampf dieser Klassen miteinander, über die Rolle der Arbeiterklasse in diesem Kampf, über das Verhältnis der Arbeiterklasse zu den untereehenden und zu den aufsteigenden Klassen, zur Vergangenheit und Zukunft des Kapitalismus, über die geschichtliche Aufgabe; der internationalen Sozialdemokratie und der russischen Är- beiterklasse. In untrennbarem Zusammenhang mit der Propaganda steht die Agitation unter den Arbeitern, die sich; unter den gegenwärtigen politischen Bedingungen in Rußland und bei der gegebenen Entwicklungsstufe der Arbeitermassen | naturgemäß in den Vordergrund drängt. DieAgitation unter den Arbeitern besteht darin, daß_sich_.die_Sozialdemokraten_an | | 1 allen spöntanen Äußerungen des Kampfes der Arbeiterklasse, an | a — a En Pe 0) 0" u N allen Zusammenstößen der Arbeiter mit den Kapitalisten wegen Arbeitszeit, Arbeitslohn, Arbeitsbedingungen usw. beteiligen.| a Be Unsere Aufgabe ist es, unsere Tätigkeit mit den praktischen Alltagsfragen des Arbeiterlebens zu verbinden, den Arbeitern bei- |
12 Agitation und Propaganda in der Periode vor 1905 ‚zustehen, damit sie sich in diesen Fragen zurechtfinden, ihre Aufmerksamkeit auf die gröbsten Mißbräuche zu lenken, ihnen zu hel- fen, ihre Forderungen an die Unternehmer genauer und zweckmäßiger zu formulieren, in den Arbeitern das Solidaritätsgefühl zu entwickeln, das Bewußtsein der gemeinsamen Interessen und der gemeinsamen Sache aller russischen Arbeiter als einheitliche ; Arbeiterklasse, die ein Teil der Weltarmee des Proletariats ist. Die Organisierung von Arbeiterzirkeln, die Schaffung regelmäßiger j konspirativer Verbindungen zwischen diesen und der zentralen Gruppe der Sozialdemokraten, die Ausgabe und Verbreitung von Arbeiterliteratur, die Organisierung einer Berichterstattung in allen Mittelpunkten der Arbeiterbewegung, die Ausgabe und Verbreitung von Flugblättern und Aufrufen zu Agitationszwecken, die Ausbildung eines Stammes erfahrener Agitatoren — dies wären in allgemeinen Umrissen die Äußerungsformen der sozialistischen ‚Tätigkeit der russischen Sozialdemokratie. | Unsere Arbeit ist vor allem und hauptsächlich auf die städtischen Fabrikarbeiter eingestellt. Die russische Sozialdemokratie darf ihre Kräfte nicht zersplittern,/sie muß sich auf die Arbeit unter dem Industrieproletariat konzentrieren, weil dieses die größte Empfänglichkeit für die sozialdemokratischen Ideen, die höchste intellektuelle und politische Reife aufweist und dank seiner Zahl und Konzentration in den großen politischen Mittelpunkten des Landes den Ausschlag gibt. Darum ist die Schaffung einer festen revolutionären Organisation unter den städtischen Fabrikarbeitern die erste und dringendste Aufgabe.der Sozialdemokratie, eineAufgabe, der sich im gegenwärtigen Moment zu entziehen, im höchsten Grade unvernünftig wäre. Aber wenn wir die Notwendigkeit der Konzentrierung unserer Kräfte auf die Fabrikarbeiter anerkennen und eine Kräftezersplitterung verwerfen, wollen wir damit keineswegs gesagt haben, daß die russische Sozialdemokratie alle übrigen Schichten des russischen Proletariats und der russischen Arbeiterklasse außer acht lassen soll. Ganz und gar nicht. Der russische Fabrikarbeiter ist durch seine Lebensbedingungen gezwungen, sehr oft in engsten Beziehungen mit Heimgewerbetreibenden? zu leben, mit diesem industriellen Proletariat, das außerhalb der Fabriken in den Städten und Dör- fern zerstreut ist und sich in einer viel schlechteren Lage befindet
Die Aufgaben der russischen Sozialdemokraten 13 als das Fabrikproletariat. Der russische Fabrikarbeiter kommt auch mit der ländlichen Bevölkerung in unmittelbare Berührung (der Fabrikarbeiter hat oft seine Familie im Dorfe) und hat infolgedessen unvermeidlich auch mit dem ländlichen Proletariat Fühlung, mit der Millionenmasse von Knechten, Tagelöhnern und auch mit jener verarmten Bauernschicht, die sich an winzige Bodenfetzen klammert und auf „Abarbeit“ und allerlei zufälligen Erwerb, also ebenfalls auf Lohnarbeit, angewiesen ist. Die russischen Sozialdemokraten halten es für unzeitgemäß, ihre Kräfte auf die Heimgewerbetreibenden und Landarbeiter zukonzentrieren, sie haben aber keineswegs die Absicht, diese Schichten unberücksichtigt zu lassen. Sie werden sich alle Mühe geben, die entwickeltsten Arbeiter auch über die Lebensbedingungen der Heimgewerbetreibenden und Landarbeiter aufzuklären, damit dann diese Arbeiter die Ideen des Klassenkampfes, des Sozialismus und der politischen Aufgaben der russischen Demokratie im allgemeinen und des russischen Proletariats im besonderen bei der Berührung mit den rückständigeren Schichten des Proletariats in deren Reihen hineintragen. Es wäre unzweckmäßig, Agitatoren unter die Heimgewerbetreibenden und Landarbeiter zu schicken, während noch so viel Arbeit unter den städtischen Fabrikarbeitern zu leisten ist. Sehr, sehr oft kommt aber der sozialistische Arbeiter rein zufällig in Berührung mit diesen rücksländigeren prolelarischen Schichten, und er muß es dann verstehen, die Gelegenheit auszunützen. Dazu muß er selbst mit den allgemeinen Aufgaben der Sozialdemokratie in Rußland vertraut sein. Darum ist es ein schwerer Irrtum, die russischen Sozialdemokraten der Engherzigkeit zu bezichtigen und ihnen vorzuwerfen, sie neigten dazu, zugunsten der Fabrikarbeiter die Masse der werktätigen Bevölkerung zu vernachlässigen. Im Gegenteil, die auf die progressivsten Schichten des Proletariats konzentrierte Agitation ist der sicherste und einzige Weg, (in dem Maße, wie sich die Bewegung ausdehnt) auch das gesamte russische Proletariat zu erwecken. Die Verbreitung des Sozialismus und der Idee des Klassenkampfes unter den städtischen Arbeitern führt unvermeidlich dazu, daß sich diese Ideen auch in kleinere, verzweigtere Kanäle ergießen. Dazu ist es wiederum unerläßlich, daß diese Ideen im empfänglicheren Boden tiefere Wurzeln schlagen und diese Vorhut der russischen Arbeiterbewegung und der
14 Agitation und Propaganda in der Periode vor 1905 russischen Revolution dicht durchziehen. Obwohl sie ihre ganze Kraft auf die Arbeit unter den Fabrikarbeitern konzentriert, ist die russische Sozialdemokratie bereit, alle russischen Revolutio- näre zu unterstützen, die praktisch ihre sozialistische Arbeit auf den Boden des Klassenkampfes des Proletariats stellen. Sie verheimlicht dabei aber keineswegs, daß keine wie immer gearteten praktischen Bündnisse mit anderen revolutionären Fraktionen zu Kompromissen oder Konzessionen in Fragen der Theorie, des Programms, des Prinzips führen können oder führen dürfen. In der Überzeugung, daß gegenwärtig nur die Lehre des wissenschaftlichen Sozialismus und des Klassenkampfes eine als Fahne einer revolutionären Bewegung dienende revolutionäre Theorie sein kann, werden die russischen Sozialdemokraten diese Lehre mit allen Kräften verbreiten, vor falschen Auslegungen bewahren und sich jedem Versuch widersetzen, das Schicksal der noch jungen russischen Arbeiterbewegung mit weniger fest definierten Doktrinen zu verknüpfen. Theoretische Überlegung beweist und die praktische Arbeit der Sozialdemokraten zeigt, daß alle Sozialisten Rußlands zuSozialdemokraten werden müssen. Gehen wir nun zu den demokratischen Aufgaben und zur demokratischen Arbeit der Sozialdemokraten über. Wir wiederholen noch einmal, daß diese Arbeit mit der sozialistischen Iuntrennbar verbunden ist, Bei ihrer Propaganda unter ‘den Arbeitern können die Sozialdemokraten die politischen Fragen nicht umgehen und würden auch jeden Versuch, sie zu umgehen oder gar beiseite zu schieben, als einen schweren Fehler und eine Abkehr von den Grundprinzipien des internationalen Sozialdemokratismus betrachten. Neben der Propaganda des wissenschaftlichen Sozialismus stellen sich die russischen Sozialdemokraten auch die Aufgabe, die demokratischen Ideenin den Arbeitermassen zu propagieren. Sie sind bestrebt, das Verständnis für das Wesen des Absolutismus in allen seinen Lebensäußerungen zu verbreiten, seinen Klasseninhalt aufzudecken und die Überzeugung in die Massen hineinzutragen, daß der Sturz der Autokratie unumgänglich notwendig, ein erfolgreicher Kampf für die Arbeitersache ohne Eroberung der politischen Freiheit und ohne Demokratisierung der politischen und . gesellschaftlichen Ordnung Rußlands unmöglich ist. Mit ihrer
Die Aufgaben der russischen Sozialdemokraten 15 Agitation unter den Arbeitern auf der Grundlage der unmittelbaren wirtschaftlichen Forderungen verbinden die So-! zialdemokraten untrennbar auch die Agitation auf der Grundlage der unmittelbaren politischen Bedürfnisse, Nöte und Forde- rungen der Arbeiterklasse, — die Agitation gegen den polizeilichen Druck, der bei jedem Streik, bei jedem Zusammenstoß zwischen Arbeiterschaft und Kapitalisten fühlbar wird; die Agitation gegen } die Einschränkung der Rechte der Arbeiter als russische Staats- | bürger im allgemeinen und als die am meisten unterdrückte und rechtlose Klasse im besonderen; die Agitation gegen jeden promi- | nenten Vertreter und Lakaien des Absolutismus, der, mit den Ar- \ beitern in nähere Fühlung kommend, der Arbeiterklasse ihre politische Versklavung anschaulich macht. Ebenso wie es im Leben | der Arbeiter keine einzige wirtschaftliche Frage gibt, die nicht | für die wirtschaftliche Agitation ausgenutzt werden sollte, gibt | es auch auf dem politischen Gebiet keine Frage, die nicht zum Gegenstand der politischen Agitation dienen müßte. Diese zwei | | Arten der Agitation sind in der Arbeit der Sozialdemokraten so untrennbar verbunden, wie die beiden Seiten einer wirtschaftliche wie die politische Agitation, sind wicklung des Kiassenbewußtseins des "Proletariats behrlich; sie sind beide gleich unentbehrlich als Klassenkampfes der russischen Arbeiter, denn jeder Medaille. Die für die Ent- ; gleich unent-' Leitfaden des: Klassenkampf: m ist ein politischer Kampf. Die eine wie die andere Art der Agitation weckt das Bewußtsein der Arbeiter, organisiert und disziplintert| sie, erzieht sie zur solidarischen Arbeit und zum Kampf für die! sozialdemokratischen Ideale und gibt so die Möglichkeit, ihre Kräfte an Hand der nächstliegenden Fragen und Bedürfnisse des: Proletariats zu erproben.Sie gibt dieMöglichkeit, dem FeindeTeilkonzessionen zu entreißen, die eigene wirtschaftliche Lage zu! verbessern, die Kapitalisten zu zwingen, mit der organisierten’! Macht der Arbeiter zu rechnen, die Regierung zu zwingen, die; Rechte der Arbeiter zu erweitern. und ihre Forderungen zu be- rücksichtigen. Sie gibt die Möglichkeit, die Regierung in fort-; währender Angst zuhalten vor den ihr feindlich gesinnten und von einer- festgefügten sozialdemokratischen Organisation geführ hr < ten Arbeitermassen. — Wir haben auf die untrennbare Verknüpfung der sozialistischen und der demokratischen Propaganda und ah ei u —
16 Agitation und Propaganda in der Periode vor 1905 Agitation, auf den durchgehenden Parallelismus der revolutionären Arbeit in beiden Sphären hingewiesen. Aber es gibt auch einen sehr großen Unterschied zwischen diesen beiden Formen der Arbeit und des Kampfes. Dieser besteht darin, daß das Proletariat im wirtschaftlichen Kampfe vollkommen allein steht, sowohl die adligen Grundbesitzer als auch die Bourgeoisie gegen sich hat und höchstens (und auch das bei weitem nicht immer) auf die Hilfe der zum Proletariat hinneigenden Elemente des Kleinbürgertums rechnen kann. Demgegenüber steht die russische Arbeiterklasse im demokratischen, politischen Kampf nicht isoliert da; neben sie stellen sich alle politisch oppositionellen Elemente, Bevölkerungsschichten, Klassen, insofern sie dem Absolutismus feindlich gegenüberstehen und ihn in dieser oder jener Form bekämpfen. Neben dem Proletariat stehen hier auch die oppositionell gesinnten Elemente der Bourgeoisie, der gebildeten Klassen, des Kleinbürgertums, der vom Absolutismus verfolgten Nationalitäten, Konfessionen, Sekten usw. Hier taucht naturgemäß die Frage auf, welche Beziehungen die Arbeiterklasse zu diesen Elementen unterhalten soll. Soll sie sich nicht mit ihnen zum gemeinsamen Kampfe gegen den Absolutismus vereinigen? Alle Sozialdemokraten erkennen ja an, daß in Rußland der sozialistischen Revolution eine politische Revolution vorangehen muß; muß man sich also nicht mit allen politisch oppositionellen Elementen zum Kampf gegen den Absolutismus vereinigen und den Sozialismus einstweilen zurückstellen, ja, ist dies nicht unsere Pflicht, damit der Kampf gegen den Absolutismus verstärkt werde? Untersuchen wir beide Fragen. Was die Stellung der Arbeiterklasse als Kämpfer gegen den Absolutismus zu allen anderen politisch oppositionellen Gesellschaftsklassen und Gesellschaftsgruppen betrifft, so ist diese ganz genau bestimmt durch die Grundprinzipien des Sozialdemokratismus, die im berühmten „Kommunistischen Manifest‘ nieder- gelegt sind. Die Sozialdemokraten unterstützen die fortschrittlichen Gesellschaftsklassen gegen die reaktionären: die Bourgeoisie gegen den privilegierten ständischen Grundbesitz und gegen die Bureaukratie, die Großbourgeoisie gegen die reaktionären Bestrebungen des Kleinbürgertums. Diese Unterstützung erfordert keinerlei Kompromisse mit nichtsozialdemokratischen Pro-
Die Aufgaben der russischen Sozialdemokraten _ nn U 17 z——— grammen und Prinzipien und setzt keine solche Kompromisse voraus — sie ist die Unterstützung, die einem Bundesgenossen gegen einen bestimmten Feind gewährt wird. Die Sozialdemokraten gewähren diese Unterstützung, um den Sturz des gemeinsamen Feindes zu beschleunigen, aber sie erwarten für sich von diesen temporären Bundesgenossen nichts und machen ihnen auch keine Zugeständnisse. Die Sozialdemokraten unterstützen jede revolutionäre Bewegung, die gegen die jetzige Gesellschaftsordnung gerichtet ist, jede unterdrückte Nationalität, jede verfolgte Konfession, jeden geknechteten Stand usw. in ihrem Kampf um Gleichberechtigung. Die Unterstützung aller politisch oppositionellen Elemente wird ın der Propaganda der Sozialdemokraten darin zum Ausdruck kommen, daß die Sozialdemokraten, auf die Feind- schaft des Absolutismus gegenüber der Arbeitersache hinweisend, die Solidarität der Arbeiterklasse mit diesen Gruppen in gewissenEinzelfragen,beibestimmtenAufgaben hervorheben werden. In der Agitation wird diese Unterstützung ihren Ausdruck darin finden, daß die Sozialdemokraten jeden Fall polizeilich-absolutistischer Unterdrückung dazu benützen werden, den Arbeitern zu zeigen, wie diese Unterdrückung alle Staatsbürger im allgemeinen und die Vertreter besonders verfolgter Stände, Nationalitäten, Konfessionen, Sekten usw. im einzelnen trifft und wie sich diese Unterdrückung speziell bei der Arbeiterklasse bemerkbar macht. Endlich drückt sich diese Unterstützung in der Praxis so aus, daß die russischen So- zialdemokraten bereit sind, zur Erreichung der einen oder anderen Teilziele mit Revolutionären anderer Richtungen Bündnisse zu schließen. Diese Bereitschaft haben sie mehr als einmal durch Taten bewiesen. Hier kommen wir zur zweiten Frage. Wenn die Sozialdemokraten auf die Solidarität gewisser oppositioneller Gruppen mit den Arbeitern hinweisen, werden sie immer die Arbeiter gesondert behandeln, immer den provisorischen und bedingten Charakter dieser Solidarität auseinandersetzen, immer die klassenmäßige Sonderstellung des Proletariats betonen, das vielleicht morgen als Gegner seiner heuligen Bundesgenossen auftreten wird. Man wird uns sagen: „Ein solcher Hinweis schwächt alle Kämpfer für die politische Freiheit im gegenwärtigen MoM. B. 8, Lenin: Agitation u. Propaganda | 2
18 Agitation und Propaganda in der Periode vor 1905 ment.“ Ein solcher Hinweis stärkt alle Kämpfer für die politische Freiheit, antworten wir. Nur solche Kämpfer sind stark, die sich auf die bewußten realen Interessen bestimmter Klassen stützen, und jede Verwischung dieser Klasseninteressen, die in der modernen Gesellschaft bereits eine dominie- rende Rolle spielen, schwächt nur die Kämpfer. Dies zum ersten. Zweitens muß sich die Arbeiterklasse im Kampf gegen den Absolutismus darum absondern, weil nur sie eine bis zuletzt kon- sequente und unbedingte Feindin des Absolutismus ist, weilnur bei ihr die Möglichkeit eines Kompromisses mit dem Absolutismus ausgeschlossen bleibt, weil der Demokratismus nur in der Ärbeiterklasse einen vorbehaltlosen, entschlossenen, nicht nach rückwärts schielenden Anhänger besitzt. Bei allen anderen Klassen, Gruppen, Schichten der Bevölkerung ist die Feindschaft gegen den Absolutismus keine unbedingte, ihr Demokratismus schielt fortwährend nach rückwärts. Die Bourgeoisie kann nicht umhin, die Fesseln zu spüren, die der industriellen und gesellschaftlichen Entwicklung durch den Absolutismus angelegt werden, aber sie hat auch Angst vor der restlosen Demokratisierung der politischen und sozialen Ordnung und kann jederzeit ein Bündnis mit dem Absolutismus gegen das Proletariat eingehen. Das Kleinbürgertum hat seiner Natur gemäß ‚ zwei Gesichter und tendiert zwar einerseits zum Proletariat und zum Demokratismus, andererseits aber zu den reaktionären Klassen, es versucht, den Lauf der Geschichte aufzuhalten und kann den Experimenten und Lockungen des Absolutismus erliegen (sei es z. B. in der Art der „Volkspolitik®“ Alexanders III.). Es kann ein Bündnis mit den herrschenden Klassen gegen das Proletariat eingehen mit dem Ziel, die eigene Lage als Kleineigentümer zu festigen. Die gebildeten Leute, überhaupt. die „Intellektuellen“, können nicht umhin, sich gegen die Gedanken und Wissen verfolgende barbarische Polizeiherrschaft des Absolutismus aufzulehnen, aber die materiellen Interessen dieser Intelligenz binden sie an den Absolutismus, an die Bourgeoisie und zwingen sie, schwankend zu sein, zu Kompromissen zu neigen, ihre revolutionäre und oppositionelle Begeisterung zu verkaufen um den Preis staatlicher Gehälter oder der Beteiligung an Profiten und Dividenden. Was die demokratischen Elemente der verfolgten Nationalitäten und Konfessionen betrifft, so weiß
‚Die Aufgaben der russischen Sozialdemokraten 19 und sieht ein jeder, daß die Klassengegensätze innerhalb dieser Bevölkerungskategorien viel tiefer und stärker sind als die Solidarität aller Klassen der gegebenen Kategorie gegen den Absolutismus und für die demokratischen Institutionen. Nur das Proleta\V riat kann — und muß es, seiner Klassenlage nach — bis zuletzt konsequent demokratisch sein, ein entschlossener Feind des Ab- solutismus, unfähig zu irgendwelchen Zugeständnissen und Kompromissen. Nur das Proletariat allein kann der Vorkämpfer der politischen Freiheit und der demokratischen Institutionen sein. Denn erstens lastet der politische Druck am allerstärksten auf dem Proletariat, ohne in der Lage dieser Klasse irgendwelche Korrektiva zu finden, da diese weder Zugang zur Staatsgewalt noch Einfluß auf die Öffentliche Meinung, ja nicht einmal Zugang zu der Beamtenschaft hat. Zweitens kann nur das Proletariat die Demokratisierung der politischen und sozialen Ordnung zu Ende führen, denn eine solche Demokratisierung A würde ja diese Ordnung in die Hände der Arbeiter legen. Eben ‘| darum würde die Verschmelzung der demokratischen Tätigkeit der Arbeiterklasse mit dem Demokratismus der übrigen Gruppen den politischen Kampf schwächen, weniger entschlossen, weniger konsequent, mehr zu Kompromissen hinneigend machen. Umgekehrt wird die Absonderung der Arbeiterklasse als Vorkämpferin für demokratische Institutionen die demokratische Bewegung, den Kampf um die politische Freiheit stärken, denn die Arbeiterklasse wird alle anderen demokratischen und politisch oppositionellen Elemente vorwärtsdrängen, d.h. die Liberalen zu den politisch Radikalen und die Radikalen zum unwiderruflichen Bruch mit der gesamten sozialen und politischen Ordnung der gegenwärtigen Gesellschaft. Wir sagten oben, daß alle Sozialisten in Rußland zu Sozialdemokraten werden müssen. Wir fügen jetzt hinzu: alle wahren und konsequenten Demokraten in Rußland müssen zuSozialdemokraten werden... “3%
20 Agitation und Propaganda in der Periode vor 1905 Womit beginnen?* Die Erfüllung der allgemeinen Aufgaben der Arbeiterklasse setzte das Vorhandensein einer führenden politischen Organisation, der Partei, voraus. Der erste Parteitag (1898) hatte diese Aufgabe — die Gründung der Partei — nicht erfüllt. Die Sozialdemokratie blieb in zahlreiche Zirkel und ÖOrganisationen zersplittert. Im Jahre 1900 kehrte Lenin aus der sibirischen ; Verbannung zurück und emigrierte ins Ausland, wo er an den Aufbau der ' Partei heranging. Diesem Zwecke sollte in erster Linie die Herausgabe der | Zeitung „Iskra“ (‚Der Funke‘) und der Zeitschrift „Sarja“ („Die Morgenröte‘‘) dienen. Der organisatorischen Zersplitterung stellte die sozialdemokratische Gruppe, die sich um die „Iskra“ und die „Sarja“ scharte, ihren Plan der organisatorischen Vereinigung der Avantgarde des Proletariats entgegen. „Dem Zirkel der ‚Handwerkler‘ — sagte Lenin — sind natürlich die politischen Aufgaben nicht zugänglich, solange diese Handwerkler ihre Handwerklerei nicht erkannt und sich von ihr nicht befreit haben.“ Dieser Orientierungsplan wurde von Lenin zum erstenmal entworfen in seinem 1901 geschriebenen Artikel „Womit beginnen?“. Dieser Artikel gab die erste, gedrängte Antwort auf die alle Sozialdemokraten quälende Frage — was iun? In ihm war von einer Wahl des Weges nicht mehr die Rede. Der Weg stand bereits fest. Es handelte sich nur darum, „welche praktischen Schritte zu tun sind, und wie sie auf dem bereits festgelegten Wege zu tun sind“. Als den Anfang betrachtet Lenin die Herausgabe einer für ganz Rußland bestimmten politischen Zeitung, die ein kollektiver Organisator, Agitator und Propagandist sein sollte. * ... Unserer Meinung nach muß der Ausgangspunkt unserer Tätigkeit, der erste praktische Schritt zur Schaffung der erwünschten Organisation, der Leitfaden schließlich, an Hand dessen wir die Organisation unbeirrt entwickeln, vertiefen und erweitern können, — die Schaffung einer zentralen politischen Zeitung sein. Wir brauchen vor allem eine Zeitung — ohne sie ist die systematische Durchführung einer grundsätzlichen, konsequenten und allseitigen Propaganda und Agitation unmöglich —, die die ständige und wichtigste Aufgabe der Sozialdemokratie im allgemeinen und eine besonders dringliche Aufgabe des gegenwärligen Moments darstellt, wo das Interesse für Politik, für Fragen des Sozialismus in den breitesten Bevölkerungsschichten wach geworden ist. Niemals noch machte sich mit solcher Kraft wie heute das Bedürfnis geltend, die zersplitterte Agitation durch * Aus dem Artikel: „Womit beginnen?“, „Iskra“, Nr. 4, Mai 1901.
Womit beginnen? u 21 ni persönliche Einwirkung, durch örtliche Flugblätter, Broschüren usw. zu ergänzen durch die verallgemeinerte und regelmäßige Agitation, die nur mit Hilfe einer periodischen Presse möglich ist. Man darf wohl ohne Übertreibung sagen, daß das mehr oder weniger häufige und regelmäßige Erscheinen einer Zeitung (und ihre Verbreitung) als genauestes Maß dafür dienen kann, wie solide wir diesen ursprünglichsten und wichtigsten Zweig unserer Kriegstätigkeit ausgebaut haben. Ferner brauchen wir eben eine allgemein-russische Zeitung. Wenn wir es nicht verstehen, und solange wir es nicht verstehen, unsere Einwirkung auf das Volk und auf die Regierung mit Hilfe des gedruckten Wortes zusammenzulassen, wird der Gedanke an die Vereinheitlichung anderer, komplizierterer, schwierigerer, dafür aber entscheidenderer Mittel der Beeinflussung eine Utopie sein. Unsere Bewegung leidet sowohl in ideeller als auch in praktischer, organisatorischer Hinsicht vor allem unter ihrer Zersplitterung, unter dem Umstand, daß die übergroße Mehrheit der Sozialdemokraten fast gänzlich absorbiert wird von der rein örtlichen Arbeit, durch die sowohl ihr Gesichtskreis als auch der Umfang ihrer Tätigkeit, ihre kon- spirative Geschicklichkeit und Schulung beschränkt werden. Eben in dieser Zersplitterung müssen die tiefsten Wurzeln jener Unsicherheit und jenes Schwankens gesucht werden, die wir oben erwähnt haben. Und der erste Schritt auf dem Wege zur Beseitigung dieses Fehlers, auf dem Wege zur Verwandlung mehrerer örtlicher Bewegungen in eine einheitliche, allgemeinrussische Bewegung, muß die Gründung einer allgemein-russischen Zeitung sein. Schließlich brauchen wir unbedingt eine p olitische Zeitung. Ohne ein politisches Organ ist im heutigen Europa eine Bewegung, die den Namen einer politischen Bewe- sung verdient, undenkbar. Ohne sie ist unsere Aufgabe — alle Elemente der politischen Unzufriedenheit und des Protestes zu konzentrieren und mit ihnen die revolutionäre Bewegung des Proletariats zu befruchten — absolut undurchführbar. Wir haben den ersten Schritt getan, wir haben in der Arbeiterklasse die Leidenschaft für „ökonomische“ Enthüllungen der Übel- stände in den Fabriken geweckt. Wir müssen den nächsten Schritt tun und in allen einigermaßen denkenden Volksschichten die Leidenschaft für politische Enthüllungen wecken. Man darf sich nicht dadurch abschrecken lassen, daß die politisch an-
22 Agitation und Propaganda in der Periode vor 1905 klagenden Stimmen heute so schwach, selten und zaghaft sind. Der Grund hierfür liegt durchaus nicht darin, daß sich die Massen mit der Polizeiwillkür abgefunden hätten. Der Grund ist der, daß die Leute, die fähig und bereit sind zu enthüllen und anzuklagen, keine Tribüne haben, von der herab sie sprechen könnten, daß kein Auditorium vorhanden ist, das den Rednern leiden- schaftlich zuhört und sie ermuntert, daß sie nirgends im Volke die Kraft sehen, an die sich mit einer Anklage gegen die „allmächtige“ russische Regierung zu wenden der Mühe wert wäre. Jetzt aber ändert sich all das mit ungeheurer Geschwindigkeit. Eine solche Kraft ist vorhanden, das ist das revolutionäre Proletariat, das bereits seine Bereitwilligkeit gezeigt hat, die Aufforderung zum politischen Kampf nicht nur zu hören und zu unterstützen, sondern sich auch mutig in den Kampf zu stürzen. Wir sind jetzt imstande, und wir sind verpflichtet, eine Tribüne zu schaffen, die die Aufgabe hat, die Zarenregierung vor dem ganzen Volke zu entlarven, — eine solche Tribüne muß die sozialdemokratische Zeitung sein. Die russische Arbeiterklasse bekundet — zum Unterschied von den übrigen Klassen und Schichten der russischen Gesellschaft — ein ständiges Interesse für politisches Wissen; in ihr ist ständig (und nicht nur zu Zeiten besonderer Erregung) eine ungeheuer starke Nachfrage nach illegaler Literatur lebendig. In Anbetracht einer solchen Massennachfrage, in Anbetracht der bereits begonnenen Heranbildung erfahrener revolutionärer Führer, in Anbetracht der Konzentration der Ar- beiterklasse in den Arbeitervierteln der Großstadt, in der Arbeitersiedlung, in der kleinen Fabrikstadt, die sie dort tatsächlich zum Herrn der Lage macht, ist die Herausgabe einer politischen Zeitung eine Sache, der das Proletariat durchaus gewachsen ist. Durch Reihen benden tischen Vermittlung des Proletariats wird die Zeitung in die des städtischen Kleinbürgertums, der Heimgewerbetreiund Bauern eindringen und so.zu einer wirklichen poliVolkszeitung werden. Die Rolle der Zeitung beschränkt sich jedoch nicht allein auf m | nn ur rs die Verbreitung von Ideen, nicht allein auf die politische _Eree I Er Tun ziehung und die. Gewinnung _“politischer _ Bundesgenossen. Die Zeitung.ist.nichtnur ein kollektiver Propagandistıund kollektiver Agitator, sondern auch ein kollektiver Organisator. In dieser BeZiehung kann sie mit einem Gerüst verglichen werden, das um a ne nn en zen a i gr er ei
Womit beginnen? 23 ein im Bau befindliches Gebäude errichtet wird; es zeigt die Um- risse des Gebäudes an, erleichtert die Verbindung zwischen den einzelnen Bauarbeitern, hilft ihnen, die Arbeit zu verteilen und die allgemeinen Resultate zu überblicken, die durch organisierte Arbeit erreicht worden sind. Mit Hilfe der Zeitung und im Zusammenhang mit ihr wird sich ganz von selbst eine beständige Örganisalion herausbilden, die sich nicht nur mit örtlicher, sondern auch mit regelmäßiger allgemeiner Arbeit befaßt, die ihre Mitglieder lehrt, die politischen Ereignisse aufmerksam zu verfolgen, deren Bedeutung und Einfluß auf die verschiedenen Bevölkerungsschichten richtig zu bewerten, zweckmäßige Methoden herauszuarbeiten, durch die die revolutionäre Partei auf diese Ereignisse einwirken kann. Schon allein die technische Aufgabe — die richtige Versorgung der Zeitung mit Material und ihre gute Verbreitung — zwingt dazu, ein Netz von örtlichen Vertrauensleuten der einheitlichen Partei zu schaffen, von Vertrauensleuten, die lebendige Beziehungen zueinander unterhalten, die mit der allgemeinen Lage der Dinge vertraut sind, die sich daran gewöhnen, die Teilfunktionen der allgemein-russischen Arbeit regelmäßig zu erfüllen, die ihre Kräfte an der Organisierung dieser oder jener revolutionären Aktionen erproben. Dieses Netz von Vertrauensleuten” wird das Gerippe der Organisation bilden, die wir brauchen: genügend groß, um das ganze Land zu erfassen; genügend weit verzweigt und vielseitig, um eine strenge und detaillierte Arbeitsteilung durchzuführen; genügend konsequent, um unter allen Umständen, bei jedem „Wendepunkt“ und bei allen Überraschungen die eigene Arbeit unbeirrt fortzusetzen, genügend elastisch, um es zu verstehen, einerseits einer offenen Schlacht gegen einen an Kraft überlegenen Gegner, wenn er alle seine Kräfte an einem Punkt gesammelt hat, auszuweichen und andererseits die Schwerfälligkeit dieses Gegners auszunutzen und ihn dann und dort anzugreifen, wo der Überfall am wenigsten erwartet wird. Heute erwächst uns die verhältnismäßig leichte * Selbstverständlich könnten solche Vertrauensleute nur unter der Bedingung engster Fühlung mit den ÖOrtskomitees (Gruppen, Zirkeln) unserer Partei erfolgreich arbeiten. Und überhaupt kann der ganze von uns entworfene Plan nur bei aktivster Unterstützung durch die Komitees verwirklicht werden, dıe schon mehrfach Schritte zur Einigung der Partei getan haben, und die — davon sind wir überzeugt — diese Einigung wenn nicht heute, dann morgen, wenn nicht in dieser, dann in einer anderen Form erreichen werden.
24 Agilation und Propaganda in der Periode vor 1905 Aufgabe, die Studenten zu unterstützen, die in den Straßen der Großstädte demonstrieren. Morgen wird vielleicht eine schwierigere Aufgabe vor uns stehen, z. B. eine Arbeitslosenbewegung in irgendeinem bestimmten Bezirk zu unterstützen. Übermorgen müssen wir auf dem Posten sein, um an einem Aufruhr der Bauern revolutionären Anteil zu nehmen. Heute müssen wir die Verschärfung der politischen Lage ausnutzen, die die Regierung durch ihren Feldzug gegen die Semstwos’ geschaffen hat. Morgen müssen wir die Empörung der Bevölkerung gegen diesen oder ‚jenen tollgewordenen zaristischen Schergen unterstützen und durch Boykott, Aufstachelung, Kundgebungen usw. dazu mit- helfen, ihm eine solche Lektion zu verabfolgen, daß er zu einem offenen Rückzug gezwungen wird. Ein solcher Grad von Gefechtsbereitschaft läßt sich nur durch die regelmäßige Tätigkeit eines regulären Heeres erzielen. Und wenn wir unsere Kräfte für die Herausgabe einer allgemeinen Zeitung vereinigen, so wird eine solche Arbeit nicht nur die tüchtigsten Propagandisten schu- | len und an die Oberfläche tragen, sondern auch die geschick- ' testen Organisatoren, die talentvollsten politischen Führer der‘ Partei, die imstande sind, im notwendigen Moment die Parole, zum entscheidenden Kampf auszugeben und den Kampf zu leiten ... .
25 Tradeunionistische und sozialdemokratische Politik* Die Tätigkeit der „Iskra“ und der „Sarja“, der beiden Presseorgane der revolutionären Sozialdemokraten, war von Anfang ihres Bestehens an hauptsächlich auf den Kampf gegen die anderen Richtungen innerhalb der Sozialdemokratie eingestellt. Der Gegenstand der ersten Auseinandersetzungen war die Frage der dringendsten Aufgaben der Agitation. Während die alten Sozialdemokraten, mit Lenin und Plechanow an der Spitze, der Ansicht waren, daß „der Kampf gegen die absolutistische Regierung um die polilische Freiheit die nächste Aufgabe der russischen Arbeiterbewegung” sei, verlraten die anderen, die Träger der bürgerlich-liberalen Anschauungen waren, die Meinung, daß „die Masse der Arbeiter für die poiitische Agitalion noch nicht reif“ sei und daß sich daraus die Notwendigkeit ergebe, die Agilation auf die der Masse naheliegenden wirtschaftlichen Fragen zu beschränken. Diese letzte Richtung erhielt den Namen „Öko- nomismus“. Die Zeitung „Rabotschaja Mysl“ („Der Arbeitergedanke“) und die Zeitschrift „Rabotscheje Djelo“ („Die Arbeitersache“) brachten diese ideologische Strömung zum Ausdruck. Die ersten Meinungsverschiedenheiten führten zu weiteren Auseinandersetzungen: über die Rolle der Sozial- demokratie, über den Aufbau der Organisation usw. Der Ökonomismus, der es ablehnte, in der Agitation weiter zu gehen als bis zu den der Masse zum Bewußisein gekommenen wirtschaftlichen Interessen, selzte dadurch den Aufgabenkreis und die historische Rolle der Sozialdemokratie auf das Niveau einer sponlanen Arbeiterbewegung herab. Die revolutionären Sozialdemokraten nahmen den Kampf gegen den Ökonomismus auf, Dieser Kampf zwischen den „Iskra“-Anhängern und den Ökonomisten füllt die Jahre 1900—1902 aus. Der erste Platz in diesem Kampf gegen die Öpportunisten gehörte Lenin. Nachdem er in dem Aufsatz „Womit beginnen?“ den ÖOrganisationsplan in allgemeinen Zügen entworfen hatte, arbeitete er in seiner 1902 veröffentlichten Broschüre „Was tun?“ den Plan weiter heraus und übte gleichzeitig erschöpfende Kritik am Ökonomismus. Unter dem Einfluß der aufklärenden Tätigkeit der „Iskra“ und des immer mehr zum Ausdruck 'kommenden politischen Charakters der Arbeiterbewegung büßte der Ökononismus zu Beginn des Jahre 1903 seinen Einfluß fast gänzlich ein. x a) Diepolitische AgitationundihreEinengung durch die Ökonomisten Alle Welt weiß, daß die weite Verbreitung und das Erstarken des ökonomischen*” Kampfes der russischen Arbeiter Hand in Hand ging mit dem Entstehen einer „Literatur“ der ökonomi* Aus der Broschüre: „Was tun?” 1902. ** Um Mißverständnisse zu vermeiden, wollen wir bemerken, daß wir in
26 Agitation und Propaganda in der Periode vor 1905 schen (Fabrik und Beruf betreffenden) Enthüllungen. Der Hauptinhalt der „Flugzettel“ bestand in der Bloßstellung der Zustände in den Fabriken, und bald entbrannte unter den Arbeitern eine wahre Leidenschaft der Enthüllungen. Sobald die Arbeiter sich überzeugt hatten, daß die sozialdemokratischen Zirkel gewillt und auch imstande sind, ihnen eine neue Art von Flugblättern zu verschaffen, in denen die volle Wahrheit über ihr Elendsdasein, ihre übermäßig schwere Arbeit und ihre rechtlose Lage enthalten ist, — da begannen die Korrespondenzen aus Fabriken und Werken nur so zu regnen. Diese „Enthüllungsliteratur“ rief eine ungeheure Sensation nicht nur in jenen Fabriken hervor, deren Zustände im betreffenden Flugblatt gegeißelt wurden, sondern überhaupt in allen Betrieben, wo nur etwas von den bloßgestellten Tatsachen bekannt geworden war. Und da das Elend und die Nöte der Arbeiter verschiedener Betriebe und verschiedener Berufe viele gemeinsame Züge aufweisen, begeisterte die „Wahrheit über das Arbeiterleben“ alle. Unter den rücksländigsten Arbeitern entstand eine wahre Leidenschaft, „ge- druckt zu werden“ — eine edle Leidenschaft für diese Keimform des Kampfes gegen die gesamte heutige Gesellschaftsordnung, die auf Raub und Unterdrückung aufgebaut ist. Und die „Flugzettel“ kamen in den allermeisten Fällen tatsächlich einer Kriegserklärung gleich, denn die Enthüllungen lösten eine ungeheure Erregung aus und führten dazu, daß die Arbeiter allgemein die Beseitigung der empörendsten Mißstände forderten und auch bereit waren, diesen Forderungen durch Streiks Nachdruck zu verleihen. Die Fabrikbesitzer selber waren letzten Endes so sehr gezwungen, die Bedeutung dieser Flugblätter als Kriegserklärung anzuerkennen, daß sie dien Krieg selber oft erst gar nicht ab- warten wollten. Wie es mit Enthüllungen immer zu sein pflegt, wirkten sie schon durch die bloße Tatsache ihrer Veröffentlichung und gewannen die Bedeutung eines machtvollen moralischen Druckmittels. Es geschah oft, daß das bloße Erscheinen der weiteren Darlegung unter ökonomischem Kampf (dem bei uns üblichen Wortgebrauch gemäß) jenen „praktisch-wirtschaftlichen Kampf“ verstehen, den Engels „Widerstand gegen die Kapitalisten“ nannte und der in freiheitlichen Ländern gewerkschaftlicher, syndikalistischer oder tradeunionistischer® Kampf heißt.
Tradeunionistische und sozialdemokratische Politik 27 eines Flugblattes genügte, damit sämtliche oder ein Teil der Forderungen erfüllt wurden. Mit einem Wort, die ökonomischen (die Zustände in den Betrieben geißelnden) Enthüllungen waren und bleiben auch jetzt ein wichtiger Hebel des ökonomischen Kampfes. Und diese Bedeutung werden sie behalten, solange der Kapitalismus bestehen wird, der die Arbeiter notwendigerweise zur Selbsthilfe greifen läßt. In den fortgeschrittensten europäischen Ländern kann man heute noch beobachten, wie die Enthüllung der Mißstände in irgendeinem Winkel,,gewerbe‘ oder einem gottvergessenen Zweig der Heimarbeit als Ausgangspunkt zum Erwachen des Klassenbewußtseins, zum Beginn des gewerkschaftlichen Kampfes und der Verbreitung des Sozialismus dient. Die überwiegende Mehrheit der russischen Sozialdemokraten war in der letzten Zeit fast vollkommen in Anspruch genommen durch diese Organisierung von Fabrikenthüllungen. Es genügt, an die „Rabotschaja Mysl‘ zu erinnern, um zu sehen, wie sehr man in dieser Arbeit aufging, wie man dabei vergaß, daß dies an und für sich eigentlich noch keine sozialdemokratische sondern nur eine tradeunionistische Tätigkeit ist. Die Enthüllungen erfaßten im Grunde nur die Beziehungen der Arbeiter eines bestimmtenBerufes zuihren Unternehmern und erreichten nur, daß die Verkäufer von Arbeitskraft es lernten, diese „Ware“ günstiger zu verkaufen und auf dem Boden rein kom- merziellen Geschäftes den Kampf gegen den Käufer zu führen. Diese Enthüllungstätigkeit konnte (unter der Bedingung einer gewissen Ausnutzung durch die Organisation der Revolutionäre) zum Beginn und zu einem Bestandteil der sozialdemokratischen Tätigkeit werden, sie konnte aber auch (und durch die Anbetung der Spontaneität mußte sie es) zu einem „nurgewerkschaftlichen“ Kampf und zu einer nichtsozialdemokratischen Arbeiterbewegung führen. Die Sozialdemokratie leitet nicht nur den Kampf der Arbeiterklasse um günstige Bedingungen für den Verkauf ihrer Arbeitskraft, sondern auch den Kampf um die Beseitigung jener Gesellschaftsordnung, die die Besitzlosen zwingt, sich an die Reichen zu verkaufen. Die Sozialdemokratie vertritt die Arbeiterklasse nicht in ihrer Beziehung nur zu einer bestimmten Unternehmergruppe, sondern in ihrer Beziehung zu sämtlichen Klassen der modernen Gesellschaft, in ihrer Beziehung zum Staat als
28 Agitalion und Propaganda in der Periode vor 1905 einer organisierten politischen Kraft. Es ist daher begreiflich, daß die Sozialdemokraten sich nicht nur nicht auf den ökonomischen Kampf beschränken können, sondern auch nicht zulassen dürfen, daß die Organisierung der ökonomischen Enthüllungen zu ihrer hauptsächlichsten Tätigkeit wird. Wir müssen aktiv an die politische Erziehung der Arbeiterklasse, an die Entwicklung ihres politischen Bewußtseins herangehen ... Es fragt sich nun, worin die politische Erziehung bestehen soll? Darf man sich darauf beschränken, die Idee von der Feindschaft der Arbeiterklasse gegen den Absolutismus zu propagie- ren? Natürlich nicht. Es genügt nicht, die politische Unter- drückung der Arbeiter zu erklären (wie es nicht genügte, ihnen den Gegensatz zwischen ihren Interessen und denen der Unternehmer zu erklären). Es ist notwendig, aus Anlaß einer jeden konkreten Erscheinung dieser Unterdrückung zu agitieren (wie wir jetzt aus Anlaß konkreter Erscheinungen der ökonomischen Unterdrückung zu agitieren begonnen haben). Und da unter dieser Unterdrückung die verschiedensten Gesell- schaftsklassen zu leiden haben, da sie auf den verschiedensten Lebens- und Tätigkeitsgebieten, auf dem gewerkschaftlichen sowohl wie auf dem allgemein-staatsbürgerlichen, dem persönlichen wie dem der Familie, dem religiösen, dem wissenschaftlichen usw. usw. in Erscheinung tritt, — ist es da nicht klar, daß wir unsere Aufgabe, das politische Bewußtsein der Arbeiter zu entwickeln, nicht erfüllen werden, wenn wir nicht an die ÖOrganisierung einer allseitigen politischen Entlarvung des Absolutiismus herangehen? Ist es doch, um aus Anlaß der konkreten Erscheinungen der Unterdrückung Agitation zu treiben, notwendig, diese Erscheinungen bloßzustellen (wie man auch die Mißstände in den Betrieben bloßstellen mußte, um ökonomische Agitation zu treiben). Es scheint, als müßte das ganz klar sein. Aber gerade hier stellt es sich heraus, daß die Notwendigkeit einer allseitigen Entwicklung des politischen Bewußtseins nur in Worten ,„allgemein“ anerkannt wird. Hier stellt es sich heraus, daß z. B. das „Rabotscheje Djelo“ nicht nur nicht die Aufgabe übernahm, eine allseitige politische Entlarvung zu organisieren (oder den Anfang damit zu machen), sondern daß es sogar versuchte, die ‚„Iskra“,
Tradeunionistische und sozialdemokratische Politik 1 29 Bu die an diese Aufgabe herangegangen war, davon wieder abzubringen. Man höre: „Der politische Kampf der Arbeiterklasse ist lediglich“ (eben nicht lediglich|) „die am meisten entwickelte, umfassende und wirksame Form des ökonomischen Kampfes.“ (Das Programm des „Raboischeje Djelo“, „Rab. Djelo“ Nr. 1, S. 3.) „Jetzt steht vor den Sozialdemokraten die Aufgabe, nach Möglichkeit dem ökonomischen Kampf selber einen politischen Charakter zu verleihen.“ (Martynow® in Nr. 10, S. 42.) „Der ökonomische Kampf ist das weitestgehend anwendbare Mittel zur Einbeziehung der Masse in den aktiven politischen Kampf.“ (Resolution der Konferenz des Auslandsbundes1® und „Zusatzanträge“, „Zwei Konferenzen1t“, S. 11 u. 17.) Wie der Leser sieht, durchdringen alle diese Grundsätze das „Rabotscheje Djelo“ vom Augenblick seiner Entstehung an bis zu den letzten ,„Redaktionsinstruktionen‘“, und sie alle bringen augenscheinlich ein und dieselbe Auffassung von der politischen Agitation und dem politischen Kampf zum Ausdruck. Man sehe sich nun diese Auffassung vom Standpunkt der bei allen Ökonomisten vorherrschenden Meinung an, daß die politische Agitation nach der ökonomischen kommen müsse, Trifft es zu, daß der ökonomische Kampf allgemein „das weitestgehend anwendbare Mittel“ zur Einbeziehung der Massen in den politischen Kampf ist? Es trifft durchaus nicht zu. Ein nicht minder „weitgehend anwendbares“ Mittel dieser „Einbeziehung“ sind alle und jegliche Äußerungen der polizeilichen Unterdrückung und absolutistischen Exzesse und durchaus nicht nur die Erscheinun- gen, die mit dem ökonomischen Kampf in Verbindung stehen. Die Semskije Natschalniki" und die Prügelstrafe für die Bauern, die Bestechlichkeit der Beamten und die Behandlung des „ge- meinen“ Stadtvolkes durch die Polizei, der Kampf gegen die Hungernden und die Unterdrückung jeglichen Strebens des Volkes nach Licht und Wissen, das Herauspressen der Steuern und die Hetze gegen die Sektierer””, der Drill der Soldaten und die rekrutenmäßige Behandlung der Studenten und liberalen Intellektuellen’*, — warum sollen diese und tausend andere ähnliche Erscheinungen der Unterdrückung, die nicht unmittelbar mit dem „ökonomischen“ Kampf in Verbindung stehen, weniger „weitgehend anwendbare“ Mittel und Anlässe zur politischen Agitation, zur Einbeziehung der Masse in den politischen Kampf darstellen? Ganz im Gegenteil: in der Gesamtsumme jener Fälle
30 Agitation und Propaganda in der Periode vor 1905 des Lebens, in denen der Arbeiter unter Rechtlosigkeit, Willkür und Gewalttätigkeit (gegen ihn selber oder gegen ihm nahestehende Menschen) zu leiden hat, bilden zweifellos die Fälle der polizeilichen Unterdrückung gerade im gewerkschaftlichen Kampf nur eine geringe Minderheit. Warum also im voraus den Schwung der politischen Agitation einengen, indem man als „weitestgehend anwendbar“ nur eines der Mittel erklärt, neben dem es doch für einen Sozialdemokraten viele andere geben muß, die, allgemein gesprochen, nicht weniger „weitgehend anwendbar“ sind? In längst, längst vergangenen Zeiten (vor einem Jahr!) schrieb das „Rabotscheje Djelo‘: „Die nächsten politischen Forderungen werden der Masse nach einem oder, im äußersten Falle, nach einigen Streiks zugänglich“, „sobald die Regierung Polizei und Gendarmerie eingesetzt hat.“ (Nr. 7 vom August 1900.) Heute hat der Auslandsbund diese opportunistische Stadientheorie!” bereits aufgegeben und macht uns ein Zugeständnis, indem er erklärt: „Es besteht gar keine Notwendigkeit, von Anfang an die politische Agitation nur auf ökonomischem Boden zu betreiben.‘ S. 11.) („Zwei Konferenzen“, Der zukünftige Geschichtsschreiber der russischen Sozialdemokratie wird allein schon aus diesem Satz, in dem der Auslandsbund einen Teil seiner alten Fehler abschwört, besser als aus langen Erörterungen ersehen, wie tief unsere Ökonomisten den Sozialismus herabgewürdigt hatten! ... . .. Welchen konkreten, realen Sinn hat im Munde Martynows die der Sozialdemokratie gestellte Aufgabe: „dem ökonomischen Kampf selbst einen politischen Charakter verleihen”? Der ökonomische Kampf ist der kollektive Kampf der Arbeiter gegen die Unternehmer um günstige Bedingungen beim Verkauf der Arbeitskraft, um die Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen der Arbeiter. Dieser Kampf ist notwendigerweise ein gewerkschaftlicher, da die Arbeitsbedingungen in den verschiedenen Berufen äußerst verschieden sind und folglich der Kampf um die Verbesserung dieser Bedingungen nur nach Berufen geführt werden kann (durch die Gewerkschaften im Westen, durch die provisorischen gewerkschaftlichen Vereinigungen und durch Flugblätter in Rußland usw.).
Tradeunionistische und sozialdemokratische Politik ni 1 — A „Dem ökonomischen Kampf selber einen politischen Charakter“ verleihen, heißt folglich, die Verwirklichung derselben gewerk- schaftlichen Forderungen, derselben gewerkschaftlichen Verbesserung der Arbeitsbedingungen vermittels „gesetzgebender und administrativer Maßnahmen“ anstreben (wie sich Martynow auf der nächsten Seite seines Artikels ausdrückt). Das eben tun alle gewerkschaftlichen Arbeiterverbände und haben es stets getan. Man werfe einen Blick in die Werke der gründlich g@lehrten (und „gründlich“ opportunistischen) Eheleute Webb’ und man wird sehen, daß die englischen Arbeiterverbände die Aufgabe, „dem ökonomischen Kampf selber einen politischen Charakter zu verleihen“, schon seit langem erkannt haben und sie verwirklichen, daß sie seit langem für Streikfreiheit, für die Beseitigung aller und jeglicher rechtlichen Hindernisse in der genossenschaftlichen und gewerkschaftlichen Bewegung, für Gesetze zum Schutz von Frauen und Kindern, für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen mit Hilfe der Gesetzgebung im Gesundheitsund Fabrikwesen usw. kämpfen. Auf diese Weise versteckt sich hinter der hochtrabenden Phrase: „dem ökonomischen Kampf selber einen politischen Charakter verleihen‘, die „schrecklich“ scharfsinnig und revolutionär klingt, eigentlich nur das traditionelle Streben, die sozialdemokratische Politik zur tradeunionistischen Politik zudegradieren]|! Man gibt vor, die Einseitigkeit der „Iskra‘“, die die „Revolutionierung des Dogmas über die Revolutionierung des Le- bens”“ stelle, korrigieren zu wollen und tischt uns dabei als etwas Neues den Kampf um ökonomische Reformen auf... . Die revolutionäre Sozialdemokratie hat den Kampf um Reformen noch stets in ihre Tätigkeit eingeschlossen. Sie bedient sich der „ökonomischen“ Agitation aber, um von der Regierung nicht nur allerhand Maßnahmen zu fordern, sondern auch (und vor allem), um zu verlangen, daß diese aufhören soll, eine absoluti* „Rab. Djelo”, Nr. 10, S. 60. Eine Martynowsche Variante jener An- wendung auf den heutigen chaotischen Zustand unserer Bewegung der These: „Jeder Schritt wirklicher Bewegung ist wichtiger als ein Dutzend Programnıe“, die wir schon weiter oben charakterisiert haben. Im Grunde ist dies nur eine Übertragung ins Russische_des berüchtigten Bernsteinschen!? Satzes: „Das Endziel ist mir nichts, die Bewegung alles“.
32 Agitation und Propaganda in der Periode vor 1905 stische Regierung zu sein. Außerdem hält sie es für ihre Pflicht, der Regierung diese Forderung nicht nur auf dem Boden des ökonomischen Kampfes zu stellen, sondern auf dem Boden aller Erscheinungen des gesellschaftlich-politischen Lebens überhaupt. Mit einem Wort, sie ordnet den Kampf um Reformen, als einen Teil des Ganzen, dem revolutionären Kampf um Freiheit und Sozialismus unter. Martynow aber läßt in anderer Form die Stadientheorie wieder auferstehen und ist bemüht, dem politischen Kampf unbedingt einen sozusagen ökonomischen Entwicklungsweg vorzuschreiben. Indem er im Augenblick des revolutionären Aufschwunges mit einer angeblich besonderen „Aufgabe“ des Kampfes um Reformen auftritt, zerrt er damit die Partei zurück und arbeitet sowohl dem „ökonomischen“ als auch dem liberalen Opportunismus in die Hände... ... Man nehme z. B. dieselben, von Martynow selbst angeführten, Beispiele von „Maßnahmen“ gegen Arbeitslosigkeit und Hungersnot. Zur gleichen Zeit, wo sich das „Rab. Djelo“, nach seinem Versprechen zu urteilen, mit der Aus- und Bearbeitung „konkreter (in der Form von Geseltzesentwürfen gehaltener?) Forderungen gesetzgeberischer und administrativer Maßnahmen“ beschäftigt, die „greifbare Resultate verheißen“, — zur selben Zeit hat sich die „Iskra“, ‚die die Revolutionierung des Dogmas unentwegt über die Revolutionierung des Lebens stellt“, bemüht, den untrennbaren Zusammenhang zwischen der Arbeitslosigkeit und der ganzen kapitalistischen Gesellschaftsordnung klarzulegen, sie hat vor der „herannahenden Hungersnot“ gewarnt, hat den polizeilichen „Kampf gegen die Hungernden“ und die empörenden „provisorischen Zuchthausregeln” gebrandmarkt, zur selben Zeit hat die „Sarja‘“ in einem Sonderdruck, als Agitationsbroschüre, einen Teil der der Hungersnot gewidmeten „Inlandsrundschau“ veröffentlicht. . . b) WieAgitationundPropagandaaufgefaßt wurden . „Seitdem Plechanowi8 das oben genannte Büchlein schrieb („Über die Aufgaben der Sozialisten im Kampfe gegen die Hungersnot in Rußland“), ist viel Wasser ins Meer geflossen, — erzählt Lomonossow!?-Marlyunow. — Die Sozialdemokraten, die 10 Jahre hindurch den ökonomischen Kampf der Arbeiterklasse geführt haben, . . . sind noch nicht dazu gekommen, eine breit angelegte theoretische Begründung der Parteitaktik zu geben. Jetzt ist diese
Tradeunionistische und sozialdemokratische Politik — 33 — Frage reif geworden, und wenn wir eine solche theoretische Begründung geben wollten, so müßten wir zweifellos jene Prinzipien der Taktik, die einst Plechanow entwickelte, bedeutend vertiefen ... Wir müßten den Unter- schied zwischen Propaganda und Agitation anders definieren, als es Plechanow getan hat.“ (Martynow hatte soeben die Worte Plechanows angeführt: „Der Propagandist gibt viele Ideen einer oder mehreren Personen, der Agi- tator dagegen gibt nur eine oder wenige Ideen, dafür aber gibt er sie einer ganzen Masse von Menschen.“) ‚Unter Propaganda würden wir die revolutionäre Beleuchtung der gesamten gegenwärtigen Ordnung oder ihrer Teilerscheinungen verstehen, unabhängig davon, ob dies in einer für Einzelne oder für die breite Masse zugänglichen Form geschieht. Unter Agitation im strengen Sinne des Wortes (sicl) würden wir die an die Masse gerichtete Aufforderung zu bestimmten konkreten Aktionen verstehen, die Förderung eines unmittelbaren revolutionären Eingreifens des Proletariats in das öffentliche Leben.“ Wir beglückwünschen die russische — und auch die internationale — Sozialdemokratie zu der neuen, exakteren und tie- feren, Martynowschen Terminologie. Bisher glaubten wir (zu- sammen mit Plechanow, ja mit allen Führern der internationalen Arbeiterbewegung), daß der Propagandist, wenn er z. B. dieselbe Frage der Arbeitslosigkeit behandelt, die kapitalistische Natur der Krisen klarlegen, die Ursache ihrer Unvermeidlichkeit in der heutigen Gesellschaft aufzeigen, die notwendige Umwandlung dieser Gesellschaft in eine sozialistische skizzieren muß usw. Mit einem Wort, er muß ‚viele Ideen‘ geben, dermaßen viele, daß alle diese Ideen in ihrer Gesamtheit auf der Stelle nur von (ver- hältnismäßig) wenigen Personen angeeignet werden. Der Agitator dagegen, der über die gleiche Frage spricht, wird das allen seinen Zuhörern bekannteste, das hervorstechendste Beispiel wählen, — z. B. den Hungertod einer arbeitslosen Familie, die Zunahme des Elends usw. —, und er wird alle seine Bemühungen darauf richten, aus dieser allbekannten Tatsache ausgehend, der „Masse“ eine Idee zu vermitteln: die Idee von der Sinnlosigkeit des Widerspruches zwischen dem Wachstum des Reichtums und dem Wachstum des Elends, er wird bemüht sein, in der Masse Unzufriedenheit und Empörung hervorzurufen über diese himmelschreiende Ungerechtigkeit, die restlose Analyse dieses Widerspruches wird er aber Gen TOpaBan sten überlassen. Der Promr ren der_ Agitator.des le bendiIigen Wortes. Vom Propagandisten werden nicht die gleichen Eigenschaften verlangt, wie vom Agitator. Kautsky und Lafargue werden wir z. B. Propagandisten a EEE. M. B. 8, Lenin: Agitation u. Propaganda 3
34 Agitation und Propaganda in der Periode vor 1905 nennen, Bebel und Guesde?” dagegen Agitatoren. Ein drittes Gebiet oder eine dritte Funktion der praktischen Tätigkeit aussondern wollen, indem man als diese Funktion die „Aufforderung der Masse zu hestimmten konkreten Aktionen‘ bezeichnet, das ist die größte Ungereimtheit, denn entweder ergänzt diese „Aufforderung“ als Einzelakt natürlicher- und unvermeidlicherweise das theoretische Traktat sowohl als die Propagandabroschüre und die Agitationsrede, oder aber sie stellt eine rein ausführende Funk- tion dar. In der Tat, man betrachte z. B. den jetzigen Kampf der deutschen Sozialdemokraten gegen die Getreidezölle. Die Theoretiker schreiben Untersuchungen über Zollpolitik und „rufen“ zum Kampf, sagen wir, für Handelsverträge und Handelsfreiheit, der Propagandist tut das gleiche in der Zeitschrift, der Agitator — in öffentlichen Reden. Die „konkreten Aktionen“ der Masse bestehen in diesem Moment in der Unterzeichnung von Petitionen an den Reichstag, die gegen eine Erhöhung der Getreidezölle protestieren. Die Aufforderung zu diesen Aktionen geht mittelbar von den Theoretikern, Propagandisten und Agitatoren aus, unmittelbar — von jenen Arbeitern, die in Fabriken und Privatwohnungen die Unterschriften sammeln. Nach der „Martynowschen . Terminologie“ wären also Kautsky und Bebel Propagandisten, die Unterschriftensammler dagegen Agitatoren, nicht wahr? Das Beispiel der Deutschen hat mich an das deutsche Wort „verballhornung“ erinnert. Johann Ballhorn war ein Leipziger Verleger im 16. Jahrhundert; er verlegte eine Fibel, in der er, wie damals üblich, auch eine Zeichnung brachte, die einen Hahn darstellte; nur daß die Zeichnung statt der gewöhnlichen Darstellung eines an den Füßen gespornten Hahnes einen Hahn ohne Sporen zeigte, dafür aber mit ein paar Eiern neben ihm; auf dem Umschlag aber war hinzugefügt: „Verbesserte Ausgabe von Johann Ballhorn“. Seitdem bezeichnen die Deutschen mit dem Wort Verballhornung eine solche „Verbesserung“, die in Wirklichkeit eine Verschlechterung ist. Und unwillkürlich denkt man an Ballhorn, wenn man sieht, wie die Martynow Plechanow „vertiefen“ ... Wozu hat unser Lomonossow diese Konfusion „ersonnen‘“? Um zu illustrieren, daß die „Iskra“ „nur die eine Seite der Sache beachtet, genau wie es Plechanow schon vor anderthalb Jahrzehnten getan hat“. (S. 39.)
Tradeunionistische und sozialdemokratische Politik 35 „Für die ‚Iskra‘ werden, wenigstens für die jetzige Zeit, die Aufgaben der Agitation durch die der Propaganda in den Hintergrund gedrängt.“ (S. 52.) Wenn man diesen letzten Satz aus der Martynowschen in die allgemeinmenschliche Sprache übersetzt (denn die Menschheit ist noch nicht dazu gekommen, sich die neu erfundene Termino- logie zu eigen zu machen), so erhält man folgendes: für die „Iskra““ drängen die Aufgaben der politischen Propaganda und der politischen Agitation die Aufgabe in den Hintergrund, „an die Regierung konkrete Forderungen nach gesetzgebenden und administrativen Maßnahmen zu richten“, „die gewisse greifbare Resultate verheißen“ (d. h. die Forderung sozialer Reformen ...). c) Die politischen Enthüllungen und die ErziehungzurrevolutionärenAktivität Indem Martynow der ‚Iskra‘ seine Theorie von der „Hebung der Aktivität der Arbeitermasse‘“ entgegenstellte, verriet er in Wirklichkeit sein Bestreben, diese Aktivitätherabzusetzen, denn als das vorzuziehende, besonders wichtige, „weitest- gehend anwendbare“ Mittel zur Auslösung der Aktivität und als Gebiet dieser Aktivität erklärte er denselben ökonomischen Kampf, vor dem auch alle Ökonomisten auf dem Bauche krochen. Darum ist ja auch diese Verirrung charakteristisch, weil sie durchaus nicht Mariynow allein eigen ist. In Wirklichkeit jedoch kann diese „Hebung der Aktivität der Arbeitermasse‘ nur unter der Bedingung erreicht werden, daß wir uns nicht beschränken auf die „politische Agitation auf ökonomischem Boden“. Eine der grundlegenden Bedingungen aber. für .die-notwendige Erweiterung der politischen Agitation istdie Organisierung allseitiger politischer Enthüllungen. Anders als durch diese Enthüllungen können_die Massen zum politischen Be Beu. or! 5TE wußtsein und zur revolutionären Aktivität_nicht_erzogen werden. Darum stellt die Tätigkeit dieser Art eine der wichtigsten Funk- tionen der gesamten internationalen Sozialdemokratie dar, denn auch die politische Freiheit beseitigt keineswegs, sondern ver- schiebt nur ein wenig die Richtungssphäre dieser Enthüllungen. Die deutsche Partei z. B. verdankt die Festigung ihrer Positionen und die Ausdehnung ihres Einflusses besonders der unablässigen Energie, mit der sie ihre politische Entlarvungskampagne führt. Das Bewußisein der Arbeiterklasse kann kein wirklich politisches v“
36 Agitation und Propaganda in der Periode vor 1905 sein, wenn die Arbeiter nicht daran gewöhnt worden sind, auf schlechthinalle Fälle der Willkür und der Unterdrückung, der Gewalttätigkeit und des Mißbrauchs zu reagieren, welche Klassen diese Fälle auch betreffen mögen, und zwar müssen sie eben vom sozialdemokratischen und nicht von irgendeinem anderen Standpunkt aus reagieren. Das Bewußtsein der Arbeitermassen kann kein wirkliches Klassenbewußtsein sein, wenn die Arbeiter nicht an konkreten und außerdem unbedingt aktuellen politischen Tatsachen und Ereignissen lernen, jede der anderen Gesellschaftsklassen in allen Erscheinungen ihres intellektuellen, sittlichen und politischen Lebens zu beobachten, wenn sie es nicht lernen, die materialistische Analyse und die materialistische Beurteilungsweise auf die gesamte Tätigkeit und das gesamte Leben sämtlicher Klassen, Schichten und Gruppen der Bevölkerung in der Praxis anzuwenden. Wer die Aufmerksamkeit, das Augenmerk und das Bewußtsein der Arbeiterklasse ausschließlich oder auch nur vorwiegend auf sie selber richtet, der ist kein Sozialdemokrat, denn die Selbsterkenntnis der Arbeiterklasse ist untrennbar verbunden mit der absoluten Klar- heit nicht nur der theoretischen — richtiger sogar gesagt, nicht so sehr der theoretischen, wie der an Hand der Erfahrung des politischen Lebens ausgearbeiteten — Vorstellungen von dem Wechselverhältnis sämtlicher Klassen der modernen Gesellschaft. Darum ist ja auch die Propaganda unserer Ökonomisten, daß der ökonomische Kampf das weitestgehend anwendbare Mittel zur Einbeziehung der Massen in die politische Bewegung sei, so schädlich und ihrer praktischen Bedeutung nach so reaktionär. Um‘Sozialdemokrat zu werden, muß der Arbeiter eine klare Vorstellung haben von der ökonomischen Natur und dem sozial- politischen Gesicht des Gutsbesitzers und des Popen, des Würdenträgers und des Bauern, des Studenten und des Vagabunden, er muß ihre starken und ihre schwachen Seiten sehen, muß sich in den Schlagworten und allen möglichen Sophismen auskennen, mit denen jede Klasse und jede Schicht ihre egoistischen Neigungen und ihr wahres „Innere“ bemäntelt, er muß wissen, welche Institutionen und welche Gesetze diese oder jene Interessen zum Ausdruck bringen und wie sie es tun. Diese ‚klare Vorstellung“ läßt sich aber nicht aus Büchern schöpfen: sie kann nur gegeben werden durch lebendige Darstellungen und durch
Tradeunionistische und sozialdemokratische Politik 87 den Ereignissen unmittelbar folgende Enthüllungen dessen, was |\\ nn ur flüstert, was in bestimmten Ereignissen, in bestimmten Zahlen. a gegenseitig — jeder auf seine Weise — erzählt oder auch nur zu- _ im gegebenen Augenblick um uns herum geschieht, was man sich ın bestimmten Gerichtsurteilen usw. usw. zum Ausdruck kommt. Diese allseitigen politischen Enthüllungen sind eine notwendige und grundlegende Bedingung für die Erziehung der Massen zur revolutionären Aktivität. Warum ist die revolutionäre Aktivität des russischen Arbeiters angesichts der bestialischen Behandlung des Volkes durch die Polizei, angesichts der Verfolgungen der Sektierer, der Mißhandlungen der Bauern, des Wütens der Zensur, der Folterung der Soldaten, der Verfolgungen aller noch so harmlosen kulturellen Bestrebungen usw. noch so gering? Etwa darum, weil der „Ökonomische Kampf“ ihn nicht darauf ‚stößt‘, weil das ihm wenig „greifbare Resultate verheißt“, wenig ‚Positives‘ gibt? Nein. Eine solche Ansicht ist, wir wiederholen es, nichts anderes als ein Versuch, die eigene Schuld anderen in die Schuhe zu schieben, das eigene Philistertum (auch Bernsteinianertum genannt) auf die Arbeitermasse abzuwälzen. Wir müssen uns selbst den Vorwurf machen, weil wir zurückgeblieben sind hinter der Bewegung der Massen, weil wir es noch nicht verstanden haben, eine genügend umfassende, lebendige, rasche Entlarvung all dieser Schandtaten zu organisieren. Wenn wir das tun (und wir können und müssen es tun), dann wird auch der unaufgeklärteste Arbeiter verstehen oderfühlen, das der Student und der Sektierer, der Bauer und der Schriftsteller von der gleichen finsteren Kraft verhöhnt und getreten werden, die ihn selber auf jedem Schritt seines Lebens dermaßen knechtet und unterdrückt, und sobald er das empfunden hat, wird er ein Verlangen, ein unwiderstehliches Verlangen danach verspüren, auch selbst darauf zu reagieren, er wird dann verstehen, heute den Zensoren ein Katzenkonzert zu veranstalten, morgen vor dem Hause des Gou- verneurs zu demonstrieren, der eine Bauernrevolte unterdrückt hat, übermorgen jenen Gendarmen im Priesterrock, die die Arbeit der heiligen Inquisition verrichten, eine Lektion zu erteilen usw. Wir haben noch sehr wenig, fast nichts dazu getan, um allseitige und aktuelle Enthüllungen unter die Arbeitermassen zuwerfen. Viele von uns sind sich dieser ihrer Pflicht noch gar nicht be- u ARE 1
38 Agitation und Propaganda in der Periode vor 1905 wußt, sie trotten vielmehr instinktmäßig einher hinter dem „un- ansehnlichen Tageskampf“ in dem engen Rahmen des Fabriklebens. Bei einer solchen Sachlage sagen: „die ‚Iskra‘ hat die Tendenz, die Bedeutung des fortschrittlichen Ganges des unansehnlichen Tageskampfes im Vergleich zur Propaganda glänzender und abgeschlossener Ideen herabzusetzen‘“ (Martynow, S. 61) — heißt die Partei zurückzerren, heißt, unsere mangelnde Vor- bereitung, unsere Rückständigkeit in Schutz nehmen und verherrlichen. Was nun den Aufruf der Massezur Aktion anbetrifft, so wird er sich_von selbst ergeben,sobald nur eine energische politische Agitationentfaltet wird, lebendige und farbige Enthüllungen ge- ‚macht _werden. Jemanden auf frischer Tat ertappen und ihn vor allen und überall sofort brandmarken, wirkt an und für sich besser als jede „Aufforderung“, wirkt oft so, daß man nachher gar nicht mehr feststellen kann, wer eigentlich die Menge ‚aufgerufen“, wer diesen oder jenen Demonstrationsplan vorgeschlagen hat und dergleichen. Aufrufen — nicht im allgemeinen, sondern im konkreten Sinne des Wortes, kann man nur am Tatort, aufrufen kann nur einer, der selbst und sofort mitmacht. Unsere Sache aber, die Sache der sozialdemokratischen Publizisten, ist es, die politische Entlarvung und die politische Agitation zu erweitern und zu verstärken . dA Die Arbeiterklasseals Vorkämpferin der Demokratie Wir haben gesehen, daß die weitestgehende Entfaltung der politischen Agitation und folglich auch die Organisierung allseitiger politischer Enthüllungen eine unbedingt notwendige, ja dringlicheralsalles andere notwendige Aufgabe der Tätigkeit ist, falls diese Tätigkeit eine wahrhaft sozialdemokratische sein soll. Doch wir haben diesen Schluß gezogen, indem wir ausschließlich von dem allerdringendsten Bedürfnis der Arbeiterklasse nach politischem Wissen und politischer Erziehung ausgingen. Indes wäre eine nur darauf fußende Auffassung allzu eng, sie würde die allgemein-demokratischen Aufgaben jeder Sozialdemokratie im allgemeinen und der jetzigen russischen Sozialdemokratie im besonderen außer acht lassen. Um diesen Satz möglichst konkret klarzulegen, wollen wir versuchen,
Tradeunionistische und sozialdemokratische Politik un u 39 ni die Frage von einer Seite anzupacken, die den Ökonomisten „anı nächsten steht“, nämlich von der praktischen Seite. „Alle sind sich darüber einig“, daß es notwendig ist, das politische Bewußtsein der Arbeiterklasse zu entwickeln. Es fragt sich, wie dies geschehen soll und was erforderlich ist, um dies zu erreichen? Der ökonomische Kampf ‚stößt‘ die Arbeiter lediglich auf Fragen, die das Verhältnis der Unternehmer zur Arbeiterklasse betreffen, und darum werden wir, so sehr wir uns auch damit abmühten, „dem ökonomischen Kampf selber einen politischen Charakter zu verleihen“, es doch niemals zustande bringen, das politische Bewußtsein der Arbeiter im Rahmen dieser Aufgaben zu entwickeln (bis zum Niveau des sozialdemokratischen politischen Bewußtseins), denn dieserRahmen selbst ist zu eng. Die Martynowsche Formel ist für uns durchaus nicht darum von Wert, weil sie Martynows Fähigkeit illustriert, eine Frage zu verwirren, sondern weil sie plastisch den Grundirrtum aller Ökonomisten zum Ausdruck bringt, nämlich die Überzeugung, daß man das politische Klassenbewußtsein. der Arbeiter voninnen heraus entwickeln könne, sozusagen aus dem ökonomischen Kampf heraus, d. h., ausgehend allein (oder auch nur hauptsächlich) von diesem Kampf, gestützt allein \oder auch nur hauptsächlich) auf diesen Kampf. Eine solche Auffassung ist grundfalsch, und gerade darum, weil die Ökonomisten uns zwar unsere Polemik übelnehmen, über die Quelle der Meinungsverschiedenheiten aber nicht richtig nachdenken wollen, ergibt sich dann auch ein solcher Zustand, daß wir aneinander buchstäblich vorbeireden, daß wir verschiedene Sprachen sprechen. Das politische Klassenbewußisein kann dem Arbeiter nur vonaußen beigebracht werden, d. h. außerhalb des Öökonomi- schen Kampfes, außerhalb der Sphäre der Beziehungen der Arbeiter zu den Unternehmern. Das Gebiet, aus dem allein dieses Wissen geschöpft werden kann, ist das Gebiet der Beziehungen aller Klassen und Schichten zum Staate und zur Regierung, das Gebiet der Wechselbeziehungen zwischen sämtlichen Klassen. Deshalb darf man auf die Frage: was tun, um den Arbeitern politisches Wissen beizubringen? — nicht nur jene Antwort geben, mit der sich in den meisten Fällen die Prakliker begnügen, ganz zu schweigen von jenen Praktikern, die zum Ökonomismus
0 Agitalion und Propaganda in der Periode vor 1905 —— wa neigen, nämlich die Antwort: „Man gehe unter die Arbeiter“. Um den Arbeitern politisches Wissen beizubringen, müssen die Sozialdemokraten inalleKlassenderBevölkerung gehen, müssen sie Abteilungen ihrer Armee nach allen Seitenhin aussenden ... Man nehme einen sozialdemokratischen Zirkel des in den letzten Jahren am meisten verbreiteten Typus und sehe sich seine Arbeit an. Er hat „Verbindungen mit den Arbeitern“, begnügt sich damit und gibt Flugblätter heraus, in denen die Mißstände im Betrieb, das parteiische Verhalten der Regierung zugunsten der Kapitalisten und die Gewalttaten der Polizei gebrandmarki werden; in den Zusammenkünften mit den Arbeitern geht die Unterhaltung nie oder fast nie über den Rahmen der gleichen Themen hinaus; Vorträge und Diskussionen über die Geschichte der revolutionären Bewegung, über Fragen der Innen- und Außenpolitik unserer Regierung, über Fragen der ökonomischen Entwicklung Rußlands und Europas, über die Stellung dieser oder jener Klasse innerhalb der modernen Gesellschaft und: dergleichen mehr sind die größte Seltenheit, an eine systematische Anknüpfung und Erweiterung von Verbindungen in den anderen Gesellschaftsklassen denkt kein Mensch. Eigentlich. schwebt in den meisten Fällen den Mitgliedern eines solchen Zirkels als Ideal eines Politikers etwas vor, was weit mehr einem Sekretär einer Trade Union als einem sozialistischen politischen Führer ähnlich sieht. Denn der Sekretär einer beliebigen, sagen wir, einer englischen Trade Union hilft den Arbeitern stets bei der Führung des ökonomischen Kampfes, organisiert Enthüllungen in den Betrieben, setzt die Ungerechtigkeit der Gesetze und Maßnahmen auseinander, die die Freiheit der Streiks und die freie Aufstellung von Streikposten einschränken, macht die Voreingenommenheit der zu den bürgerlichen Klassen des Volkes gehörenden Schiedsrichter klar usw. usw. Kurz und gut, jeder Sekretär einer Trade Union ist Führer und Helfer in dem „ökonomischen Kampf gegen die Unternehmer und gegen die Regierung“. Und man kann nicht genug betonen, daß diesnochnicht Sozialdemokratismus ist, daß das Ideal eines Sozialdemokraten nicht der Sekretär einer Trade Union sein darf, sondern der Volkstribun, der es versteht, auf alle und jegliche Äußerungen der Willkür und Unterdrückung zu reagieren, wo sie auch auftreten,
Tradeunionistische und sozialdemokratische Politik u _ 4i Eisen. — welche Schicht oder Klasse sie auch betreffen mögen, der es versteht, alle diese Erscheinungen zu einem Gesamtbild der Polizeiwillkür und der kapitalistischen Ausbeutung zu vereinen, es versteht, jede Kleinigkeit auszunutzen, um voraller Welt seine sozialistische Ueberzeugung und seine demokratischen Forderungen auseinanderzusetizen, um jedermann die weltgeschichtliche Bedeutung des proletarischen Befreiungskampfes klarzumachen... ... Wir sagten, daß ein Sozialdemokrat, wenn er für die Not- wendigkeit einer allseitigen Entwicklung des politischen Bewußtseins des Proletariats kein bloßes Lippenbekenntnis ablegen will. „in alle Klassen der Bevölkerung gehen“ muß. Es entstehen da die Fragen: Wie hat das zu geschehen? Haben wir die Kraft dazu? Ist der Boden für eine solche Arbeit in allen anderen Klassen vorhanden? Wird dies nicht ein Abweichen vom Klassenstand:punkt bedeuten oder zu einem solchen Abweichen führen? Verweilen wir bei diesen Fragen. „In alle Klassen der Bevölkerung gehen“, das müssen wic sowohl als Theoretiker wie als Propagandisten, als Agitatoren und als Organisatoren. Daß die theoretische Arbeit der Sozialdemokraten auf das Studium aller Besonderheiten der sozialen und politischen Lage der einzelnen Klassen gerichtet sein muß, daran zweifelt niemand. Doch getan wird in dieser Hinsicht sehr, sehr wenig, unverhältnismäßig wenig im Vergleich zu der Arbeit, die auf das Studium der Besonderheiten des Fabrik- lebens verwandt wird. In den Komitees und Zirkeln kann man Leute antreffen, die sich sogar in das Spezialstudium irgendeines Zweiges der Eisenproduktion vertiefen, aber man wird fast kein Beispiel dafür finden, daß Mitglieder von Organisationen (die, wie es oft der Fall ist, gezwungen sind, sich aus diesem oder jenem Grunde von der praktischen Arbeit zurückzuziehen) sich speziell mit der Sammlung von Materialien über irgendeine aktuelle Frage unseres gesellschaftlichen und politischen Lebens abgeben würden, die zur sozialdemokratischen Arbeit in anderen Schichten der Bevölkerung Anlaß geben könnte. Spricht man von der ungenügenden Vorbereitung der meisten heutigen Führer der Arbeiterbewegung, so kann man nicht umhin, auch die Vorbereitung in dieser Beziehung zu erwähnen, denn auch dies hängt mit der „ökonomischen“ Auffassung von der „engen organischen
42 ÄAgitation und Propaganda in der Periode vor 1905 Verbindung mit dem proletarischen Kampf‘ zusammen. Die Hauptsache ist aber natürlich de Propaganda und Agitation in allen Schichten des Volkes. Dem westeuropäischen Sozialdemokraten wird diese Aufgabe durch Volksversammlungen und Zusammenkünfte erleichtert, zu denen jeder hinkommen kann, der Lust hat, sie wird ihm erleichtert durch das Parlament, wo er vor Abgeordneten aller Klassen redet. Wir haben weder ein Parlament noch Versammlungsfreiheit, doch verstehen wir es trotzdem, Versammlungen mit Arbeitern zu veranstalten, die einen Sozialdemokraten hören wollen. Wir müssen es auch verstehen, Versammlungen mit Vertretern aller und jeglicher Klassen der Bevölkerung abzuhalten, die einen Demokraten anhören wollen. Denn derjenige ist kein Sozialdemokrat, der in der Praxis vergißt, daß die „Kommunisten jede revolutionäre Bewegung unterstützen“, daß wir daher verpflichtet sind, vor dem ganzen Volke die allgemeindemokratischen Aufgaben darzutun und hervorzuheben, ohne unsere sozialistische Überzeugung auch nur einen Augenblick lang zu verhehlen. Derjenige ist kein Sozialdemokrat, der praktisch seine Pflicht vergißt, in der Formulierung, Zuspitzung und Lösung jeder allgemein-demokratischen Frage allen voranzugehen .... .. . Fahren wir fort. Haben wir die Kraft dazu, unsere Pro- paganda und Agitation auf alle Klassen der Bevölkerung zu richten? Natürlich, ja. Unsere Ökonomisten, die dies nicht selten zu leugnen geneigt sind, übersehen jenen gigantischen Schritt vorwärts, den unsere Bewegung seit (ungefähr) 1894 bis 1901 getan hat. Als wahre ‚„Chowstisten?"“ bewegen sie sich nur zu oft in den Vorstellungen der längst vergangenen Anfangsperiode der Bewegung. | Damals verfügten wir tatsächlich über auffallend wenig Kräfte, damals war der Entschluß, sich ganz der Tätig- keit unter den Arbeitern zu widmen und jedes Abweichen von ihr scharf zu verurteilen, natürlich und berechtigt, damals bestand die ganze Aufgabe darin, in der Arbeiterklasse festen Fuß zu fassen. Heute sind in die Bewegung sehr viel Kräfte hineingezogen worden, zu uns kommen alle besten Vertreter der jungen Generation der gebildeten Klassen, allüberall in der Provinz sitzen gezwungenermaßen Leute herum, die an der Bewegung bereits teilgenommen haben oder teilnehmen möchten, Leute, die zur So-
Tradeunionistische und sozialdemokratische Politik 43 zialdemokratie neigen (während man 1894 die russischen Sozialdemokraten an den Fingern abzählen konnte). Einer der grundlegenden politischen und organisatorischen Mängel unserer Bewegung ist der, daß wiresnichtverstehen, alle dieseKräfte zu beschäftigen, jedem eine passende Arbeit zu geben. Der gewaltigen Mehrheit dieser Kräfte fehlt jede Möglichkeit, „zu den Arbeitern zu gehen“, so daß von einer Gefahr, die Kräfte könnten unserer Hauptarbeit entzogen werden, nicht die Rede sein kann. Um aber den Arbeitern wirkliches, allseitiges und lebendiges politisches Wissen zu vermitteln, braucht man „eigene Leute‘, Sozialdemokraten, allüberall, in allen Gesellschaftsschichten, in allen Positionen, die es ermöglichen, die inneren Triebfedern unseres Staatsmechanismus kennen zu lernen. Solche Leute sind notwendig nicht nur für die Propaganda und Agitation, sondern noch viel mehr für die organisatorische Arbeit. Gibt es nun einen Boden für die Tätigkeit in allen Klassen der Bevölkerung? Wer das nicht sieht, der bleibt mit seiner Erkenntnisfähigkeit wiederum hinter dem elementaren Aufschwung der Massen zurück. Die Arbeiterbewegung erzeıgt nach wie vor Unzufriedenheit bei den einen, Hoffnung auf Unterstützung durch die Opposition bei den anderen, das Bewußtsein der Unhalitbar- keit des Absolutismus und seines unvermeidlichen Zusammenbruchs bei den dritten. Wir wären bloß in Worten „Politiker“ und Sozialdemokraten (was in Wirklichkeit auch sehr, sehr oft der Fall ist), wenn wir uns nicht der Aufgabe bewußt wären, alle und jegliche Äußerungen der Unzufriedenheit auszunutzen, auch die geringsten Regungen selbst eines erst keimenden Protestes zusammenzufassen und auszuwerten. Wir wollen- schon gar nicht davon reden, daß die ganze millionenköpfige Masse des werktätigen Bauerntums, der Heimgewerbetreibenden, der kleinen Handwerker usw. die Propaganda eines einigermaßen geschickten Sozialdemokraten stets begierig hören würde. Kann man aber auch nur eine Bevölkerungsklasse nennen, in der es nicht Einzelpersonen, Gruppen und Kreise gibt, die mit der Entrechtung und Willkür unzufrieden und daher der Propaganda eines Sozialdemokraten als des Wortführers der allerdringlichsten allgemein-demokratischen Erfordernisse zugänglich sind? Wer sich aber diese politische Agitation eines Sozialdemokraten in allen Klassen und Schichten der Bevölkerung konkret vergegenwärtigen möchte,
44 Agitalion und Propaganda in der Periode vor 1905 den wollen wir auf die politische Entlarvung im brei- ten Sinne dieses Wortes hinweisen, als auf das wichtigste (aber natürlich nicht das einzige) Mittel dieser Agitation. „Wir müssen“ — schrieb ich im Artikel „Womit beginnen?“ („Iskra“, Nr. 4, Mai 1901*) — „in allen einigermaßen denkenden Volksschichten die Leidenschaft für politische Enthüllungen wecken, Man darf sich nicht dadurch abschrecken lassen, daß die politisch anklagenden Stimmen heute so schwach, selten und zaghaft sind. Der Grund hierfür liegt durchaus nicht darin, daß sich die Massen mit der Polizeiwillkür abgefunden hätten, Der Grund ist der, daß die Leute, die fähig und bereit sind, zu enthüllen, keine Tribüne haben, von der herab sie sprechen könnten, daß kein Auditorium vorhanden ist, das den Rednern leidenschaftlich zuhört und sie ermuntert, daß sie nirgends im Volke die Kraft sehen, an die sich mit einer Anklage ge- gen die ‚allmächtige‘ russische Regierung zu wenden der Mühe wert wäre... Wir sind jetzt imstande und wir sind verpflichtet, eine Tribüne zu schaffen, die die Aufgabe hat, die Zarenregierung vor dem ganzen Volke zu entlarven, — eine solche Tribüne muß die sozialdemokratische Zeitung sein.“ Eben ein solches ideales Auditorium für politische Entlarvung stellt die Arbeiterklasse dar, die vor allem und mehr als alles ein allseitiges und lebendiges politisches Wissen braucht, die am meisten fähig ist, dieses Wissen in aktiven Kampf umzusetzen. selbst wenn dieser keine „greifbaren Resultate“ verhieße. Tribüne aber für Entlarvungen Eine vordemgesamtenVolke kann nur eine für ganz Rußland bestimmte Zeitung sein. „Ohne ein politisches Organ ist im heutigen Europa eine Bewegung, die den Namen einer politischen Bewegung verdient, undenkbar“, und zweifellos gehört Rußland in dieser Hinsicht mit zum heutigen Europa. Die Presse ist bei uns schon längst zu einer Macht geworden — sonst würde ja die Regierung nicht Zehntausende von Rubeln für ihre Bestechung und die Subsidierung der verschiedenen Katkow”” und Meschtscherski” verausgaben. Und es ist nichts Neues im autokratischen Rußland, daß die illegale Presse die Zensurschranken durchbricht und die legalen und konservativen Organe zwingit, offen von ihr zu reden. Das war sowohl in den siebziger als auch in den fünfziger Jahren der Fall. Wieviel breiter und tiefer sind aber jetzt die Volksschichten, die be- reit sind, eine illegale Presse zu lesen und aus ihr zu lernen, „wie man zu leben und zu sterben hat“, um mit den Worten eines Arbeiters zu reden, der sich mit einem Brief an die „Iskra“ (Nr. 7) wandte. Durch die politische Entlarvung * Siehe S. 20 dieses Sammelbandes. Die Red. wird der Regie-
Tradeunionistische und sozialdemokratische Politik BE En ee 45 nn cung der Krieg erklärt, genau so wie durch die ökonomische Entlarvung der Krieg dem Fabrikanten erklärt wird. Und diese Kriegserklärung hat eine um so größere moralische Bedeutung, je. umfassender und wuchtiger diese Entlarvungskampagne, je zahlreicher und entschlossener die gesellschaftliche Klasse, die den Kriegerklärt, umdenKriegzubeginnen. Die politischen Enthüllungen stellen daher schon an und für sich eins der machtvollsten Mittel zur Zersetzung der feindlichen Reihen dar, der Mittel, dem Feinde seine zufälligen oder vorübergehenden Verbündeten abtrünnig zu machen, der Mittel, um unter den ständigen Teilhabern an der autokratischen Staatsmacht Haß und Argwohn zu säen. In unserer Zeit wird nur die Partei verstehen, zur Avantgarde der revolutionären Kräfte zu werden, die wirklich allgemeinnationale Enthüllungen organisieren wird. Dieses Wort „allgemein-national“ ist aber sehr inhaltsschwer. Die ge- waltige Mehrheit der nicht zur Arbeiterklasse gehörenden Ankläger (und um zur Avantgarde zu werden, muß man eben die anderen Klassen heranziehen) sind nüchterne Politiker und kalt- blütige Männer der Praxis. Sie wissen sehr wohl, wie gefährlich es ist, sich selbst über einen subalternen Beamten, geschweige denn über die „allmächtige“ russische Regierung zu „beschwe- ren“. Daher werden sie zu uns mit ihren Beschwerden erst dann kommen, wenn sie sehen, daß die Beschwerden ihre Wirkung tatsächlich nicht verfehlen, daß wir eine politische Kraft darstellen. Um eine solche Kraft in den Augen Fernstehender zu werden, müssen wir viel und zähe an der Hebung unseres Klassenbewußtseins, unserer Inititative und unserer Energie arbeiten; es genügt dazu nicht, das Etikett „Avantgarde“ an die Theorie und Praxis der Arrieregarde anzuhängen. Wenn wir aber die Örganisierung tatsächlich allgemeinnationaler Enthüllungen der Regierung übernehmen sollen, worin wird dann der Klassencharakter unserer Bewegung zum Ausdruck kommen? — wird uns fragen und fragt bereits jetzt der mehr eifrige als kluge Anbeter der „engen organischen Verbindung mit dem proletarischen Kampf“. — Ja, eben darin, daß die Organisatoren dieser allgemein-nationalen Enthüllungen wir, die Sozialdemokraten, sein werden; darin, daß die Beleuchtung aller durch dıe Agitation aufgerollten Fragen stets in konsequent sozialdemo-
46 Agitation und Propaganda in der Periode vor 1905 kratischem Geist gehalten sein wird, ohne das geringste Zugeständnis an die absichtlichen und unabsichtlichen Entstellungen des Marxismus; darin schließlich, daß diese allseitige politische Agitation von einer Partei ausgehen wird, die sowohl den Ansturm auf die Regierung im Namen des ganzen Volkes als auch die revolutionäre Erziehung des Proletariats — neben der Wahrung seiner politischen Selbständigkeit — sowie die Leitung des ökonomischen Kampfes der Arbeiterklasse, die Auswertung jener spontanen Zusammenstöße derselben mit ihren Ausbeutern, durch die immer neue und neue Schichten des Proletariats mobilisiert und für uns gewonnen werden — zu einem unzertrennlichen Ganzen verbindet! ... .
II AGITATION UND PROPAGANDA IN DER REVOLUTION VON 1905
49 Der Beginn der Revolution in Rußland * Pr Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war Rußland noch eine absolutistische Monarchie. Der bürokratische Staatsapparat stand der bürgerlichen Entwicklung des Landes hindernd im Wege. Die Notwendigkeit einer radikalen Änderung reifte allmählich heran. Zu Beginn des Jahres 1904 brach der russisch-japanische Krieg aus, der ein imperialistisches Abenteuer der kapitalistisch-junkerlichen Oberschichten darstellte, ein Abenteuer, das den Zweck verfolgte, die wachsende oppositionelle Bewegung in ein patriotisches Flußbett zu leiten. Die aufeinanderfolgenden militärischen MiBßerfolge erwiesen die Unfähigkeit und die Morschheit des Zarismus und trieben den politischen Konflikt zwischen Zarenregierung und Volk auf die ‚Spitze. Kongresse der Bourgeoisie, Streiks der Arbeiter, Rebellionen der Bauern lösten einander ab und verbreiteten sich über das ganze Land. Die Revolution stand auf der Tagesordnung. Jede politische Partei war gezwungen, ihr Verhältnis zur Revolution, einen konkreten politischen Aktionsplan und eine konkrete Taktik festzulegen, klare Losungen aufzustellen. In diesen Fragen entstanden Meinungsverschiedenheiten zwischen den beiden Fraktionen der Sozialdemokratie — den Bolschewiki und den Menschewiki24, Die Fraktion der Bolschewiki vertrat den Standpunkt, daß die Revolution zwar eine bürgerliche, daß aber die Haupttriebkraft in ihr das Proletariat und die vom Proletariat geführte Bauernschaft sein werde, und daB darum die Aufgabe der Revolutionäre in der Niederwerfung der Monarchie und in der Errichtung der demokratischen Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft bestehe. Obgleich schon im Jahre 1904 die Frage der Revolution aktuell geworden war, so bedurfte es doch eines Ereignisses, das den Massen das wahre Gesicht des Absolutismus enthüllte, das den Anstoß zu unmittelbaren revolutionären Aktionen gab. Ein solches Ereignis war der 9. (22.) Januar 1905, der „blutige Sonntag“. Der 9. Januar wird von Lenin mit Recht als der Beginn der Revolution betrachtet. Der neuen Lage entsprechend, stellt er nicht mehr die Losung auf: Klarlegung der Notwendigkeit des Aufstandes, — sondern die Losung: sofortiger Sturz des Absolutismus durch den bewaffneten Aufstand. Der Kennzeichnung der neuen Aufgaben, der neuen Taktik sind seine Artikel „Der Beginn der Re- volution in Rußland“ und „Der Kampf des Proletarıats und der Servilismus der Bourgeoisie“ gewidmet. x In Rußland spielen sich gewaltige historische Ereignisse ab. Das Proletariat ist gegen den Zarismus aufgestanden. Das Proletariat ist von der Regierung zum Aufstand getrieben worden. Jetzt sind wohl kaum noch Zweifel möglich, daß die Regierung absichtlich die Streikbewegung sich verhältnismäßig ungehindert entwickeln und es zu einer großen Demonstration * Geschrieben am 12. (25.) Januar 1905. M. B. 8, Lenin: Agitation u. Propuganda | 4
90 Agitation und Propaganda in der Revolution von 1905 kommen ließ, weil sie einen Vorwand haben wollte, um die Mili- tärmacht einsetzen zu können. Und sie hat es dahin gebracht! Tausende von Toten und Verwundeten — das ist das Fazit des blutigen Sonntags, des 22. (9.) Januar in Petersburg. Das Militär hat über die welhrlosen Arbeiter, Frauen und Kinder gesiegt. Das Militär hat den Feind überwältigt, indem es die am Boden liegenden Arbeiter zusammenschoß. „Wir haben ihnen eine tüchtige Lektion erteilt!“ sagen jetzt mit nicht wiederzugebendem Zynismus die Diener des Zaren und ihre europäischen Lakaien aus der konservativen Bourgeoisie. Ja, es war eine große Lehre! Das russische Proletariat wird diese Lehre nicht vergessen. Die am wenigsten vorbereiteten, die am meisten zurückgebliebenen Schichten der Arbeiterklasse, die in naivem Glauben an dem Zaren hingen und aufrichtig wünschten, friedlich ‚dem Zaren selbst‘ die Bitten des gequälten Volkes vorzubringen, sie alle haben von der vom Zaren bzw. vom Onkel des Zaren, dem Großfürsten Wladimir, geführten Militärmachlt eine Lehre erhalten. Die Arbeiterklasse hat eine große Lehre des Bürgerkrieges erhalten; die revolutionäre Erziehung des Proletariats hat an dem einen Tag einen so großen Schritt vorwärts gemacht, wie sie ihn in Monaten und Jahren des grauen, verschüchterten Alltagslebens nicht hätte machen können. Die Losung des heldenmütigen Petersburger Proletariats: „Tod oder Freiheit!‘ hallt jetzt wie ein Echo durch ganz Rußland wider. Die Ereignisse entwickeln sich mit rasender Geschwindigkeit ... Die Revolution breitet sich aus. Schon beginnt die Regierung unsicher zu werden. Von der Politik blutiger Repressalien versucht sie zu wirtschaftlichen Zugeständnissen überzugehen und sich mit einem Almosen oder mit dem Versprechen des Neunstundentages loszukaufen. Aber die Lehre des blutigen Tages kann nicht umsonst gewesen sein. Die Forderung der aufständi‚ schen Petersburger Arbeiter — sofortige Einberufung der Konı stituierenden Versammlung auf der Grundlage des allgemeinen, ‘ direkten, gleichen und geheimen Wahlrechts — muß zur Forderung aller streikenden Arbeiter werden. Sofortiger Sturz der Regierung — das ist die Parole, mit der selbst die bis dahin zarengläubigen Petersburger Arbeiter auf das Blutbad vom 9. Januar geantwortet haben, geantwortet haben durch den Mund ihres
Der Beginn der Revolution in Rußland 51 Führers, des Priesters Georg Gapon”, der nach dem blutigen Sonntag erklärt hat: „Wir haben keinen Zaren mehr. Ein Strom von Blut trennt den Zaren vom Volke. Es lebe der Kampf für die Freiheit!“ Es lebe das revolutionäre Proletariat! sagen wir. Der Generalstreik erhebt und mobilisiert immer breitere Massen der Arbeiterklasse und der städtischen Armut. Die Bewaffnung des Volkes wird zu einer der nächsten Aufgaben des revolutionären Moments. Nur das bewaffnete Volk kann ein wirklicher Schutz für die Volksfreiheit sein. Und je schneller es dem Proletariat gelingen wird, sich zu bewaffnen, je länger es sich in seiner militärischen Position des streikenden Revolutionärs halten wird, um so rascher wird das Militär erschüttert werden, um so mehr werden sich unter den Soldaten Leute finden, die endlich begreifen werden, was sie tun, die auf die Seite des Volkes treten werden gegen die Unmenschen, gegen den Tyrannen, gegen die Mörder der wehrlosen Arbeiter, ihrer Frauen und Kinder. Wie immer der jetzige Aufstand in Petersburg selbst enden möge, in jedem Falle wird er unvermeidlich und unausbleiblich die erste Stufe zu einem noch umfassenderen, zielbewußteren, besser vorbereiteten Aufstand bilden. Der Regierung mag es vielleicht gelingen, die Stunde der Vergeltung hinauszuschieben, aber dieses Hinauszögern wird den nächsten Schritt des revolutionären Ansturms nur noch grandioser gestalten. Die Zwischenzeit wird die Sozialdemokratie nur benutzen, um die Reihen der organisierten Kämpfer fester zusammenzuschweißen und um die Nachricht von dem mutigen Beginnen der Petersburger Arbeiter überall zu verbreiten. Das Proletariat wird sich dem Kampf anschließen, indem es die Fabriken und Werke verläßt und sich Waffen beschafft. Die Losungen des Freiheitskampfes werden unter die arme Bevölkerung der Städte, unter die Millionen der Bauernschaft immer weiter und weiter dringen. In jeder Fabrik, in jedem Stadtbezirk, in jedem größeren Dorf werden sich revolutionäre Komitees bilden. Das rebellierende Volk wird daran gehen, alle Regierungsinstitutionen des zaristischen Absolutismus zu stürzen und die sofortige Einberufung der Konstituierenden Versammlung zu proklamieren. Die sofortige Bewaffnung der Arbeiter und überhaupt aller Staatsbürger, die Vorbereitung und Organisierung der revolutionären Kräfte zur Vernichtung der Regierungsbehörden und 4*
52 Agitation und Propaganda in der Revolution von 1905 Institutionen — das ist die praktische Grundlage, auf der sich alle Revolutionäre zum gemeinsamen Schlag vereinigen können und müssen. Das Proletariat muß stets einen selbständigen Weg gehen, in fester Verbindung mit der Sozialdemokratischen Partei, eingedenk seines großen Endzieles der Erlösung der ganzen Menschheit von jeder Ausbeutung. Aber diese Selbständigkeit der sozialdemokratischen proletarischen Partei wird uns niemals die Wichtigkeit des gemeinsamen revolutionären Ansturms im Moment der wirklichen Revolution vergessen lassen. Wir Sozialdemokraten können und müssen unabhängig von den Revolutionären der bürgerlichen Demokratie vorgehen und die Klassenselbständigkeit des Proletariats wahren, aber wir müssen mit ihnen Hand in Hand gehen während des Aufstandes, beim offenen Angriff auf den Zarismus, beim Widerstand gegen das Militär, bei den Angriffen auf die Bastillen des verfluchten Feindes des ganzen russischen Volkes. Das Proletariat der ganzen Welt blickt jetzt mit fieberhafter Spannung auf das Proletariat Rußlands. Der Sturz des Zarismus in Rußland, von unserer Arbeiterklasse heldenhaft begonnen, wird ein Wendepunkt sein in der Geschichte aller Länder, eine Erleichterung für die Sache der Arbeiter aller Nationen, in allen Staaten, an allen Ecken und Enden des Erdballs. Und möge jeder Sozialdemokrat, jeder klassenbewußte Arbeiter dessen eingedenk sein, welche ungeheuren Aufgaben des das ganze Volk bewegenden Kampfes jetzt auf seinen Schultern lasten. Möge er nicht vergessen, daß er auch die Nöte und Interessen der ganzen Bauernschaft, der ganzen Masse der Werktätigen und Ausgebeuteten, des ganzen Volkes gegen den Feind des gesamten Volkes vertritt. Vor aller Augen steht jetzt das Beispiel der Proletarierhelden von Petersburg. Es lebe die Revolution! Es lebe das aufständische Proletariat'
Die Losung des bewaffneten Aufstandes” .Das Proletariat befindet sich in ständiger Erregung, besonders seit dem 9. Januar; es gewährt dem Feinde keinen ruhigen Augenblick, es greift vorwiegend in der Form von Streiks an, es geht direkten Zusammenstößen mit der bewaffneten Macht des Zarismus aus dem Wege, seine Kräfte für den großen Entscheidungskampf vorbereitend. In den industriell am meisten entwickelten Gegenden, wo die Arbeiter politisch am besten vorbereitet sind, wo zur wirtschaftlichen und allgemein-politischen Unterdrückung sich noch die nationale Unterdrückung gesellt, gehen Polizei und Militär des Zarismus besonders herausfordernd vor, provozieren sie geradezu die Arbeiter. Und die Arbeiter, selbst die zum Kampf unvorbereiteten, selbst solche, die sich zunächst nur auf die Defensive beschränkten, zeigen uns 1n der Gestalt des Lodzer Proletariats nicht nur ein neues Vorbild des revolutionären Enthusiasmus und Heldenmuts, sondern auch höhere Kampfformen. Ihre Bewaffnung ist noch schwach, äußerst schwach, ihr Aufstand ist immer noch sporadisch, er entbehrt immer noch der Verbindung mit der allgemeinen Bewegung, und trotzdem machen sie einen Schritt vorwärts, überziehen sie mit ungeheurer Geschwindigkeit die Straßen der Stadt mit Dutzenden von Barrikaden, sie fügen den Truppen des Zarismus ernste Verluste zu, sie verteidigen sich verzweifelt in einzelnen Häusern. Der bewaffnete Aufstand wächst in die Tiefe wie in die Breite. Die neuen Opfer der zaristischen Henker — in Lodz sind etwa 2000 Menschen getötet und verwundet worden — entzünden in neuen Zehntausenden und Hunderttausenden von Staatsbürsern flammenden Haß gegen den fluchbeladenen Absolutismus. Die neuen bewaffneten Kämpfe zeigen immer anschaulicher die Unvermeidlichkeit des bewaffneten Entscheidungskampfes des Volkes gegen die bewaffneten Kräfte des Zarismus. Aus den einzelnen Ausbrüchen tritt immer deutlicher das Bild der auf ganz * Aus dem Artikel: „Der Kampf des Proletariats und der Servilismus der recht sr Bourgeoisie‘“‘ vom 3. Juli (20. Juni) 1905. rm
94 Agitation und Propaganda :in der Revolution von 1905 A ——— Rußland übergreifenden Feuersbrunst hervor. Der proletarische Kampf erfaßt neue, ganz rückständige Bezirke, und der Eifer der Zarenschergen kommt der Revolution zustatten, indem er die ökonomischen Konflikte in politische verwandelt, den Arbeitern allüberall an ihrem eigenen Schicksal die unbedingte Notwendigkeit der Niederwerfung des Absolutismus klarmacht, sie zu künftigen Helden und Kämpfern des Volksaufstandes erzieht. Bewaffneter Volksaufstand — zu dieser Losung, die von der Partei des Proletariats, in Gestalt des dritten Parteitages der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Rußlands, so enschlossen aufgestellt worden ist, führen die Ereignisse selbst, der elementare Prozeß der sich ausbreitenden und verschärfenden revolu- tionären Bewegung selbst immer näher und näher heran. Mögen darum alle Schwankungen und Zweifel recht bald verschwinden, ınöge jeder recht bald erkennen, wie unsinnig, wie unwürdig in der gegenwärtigen Zeit alle Versuche sind, dieser unaufschiebbaren Aufgabe — der energischsten Vorbereitung des bewaffneten Aufstandes — auszuweichen, wie gefährlich jede Verzögerung, wie dringend notwendig die Vereinheitlichung und Zusammenfassung der überall ausbrechenden Teilaufstände ist. Bleiben diese Empörungsausbrüche isoliert, so sind sie machtlos. Die organisierte Kraft der Zarenregierung vermag die Aufständischen der Reihe nach zu zermalmen, wenn die Bewegung ebenso unorganisiert langsam wie bisher von einer Stadt auf die andere, von einem Bezirk auf den anderen übergreifen wird. Zusammengefaßt aber können diese Ausbrüche sich zu einem so mächtigen revolutionären Flammenmeer vereinigen, daß ihm keine Macht der Welt widerstehen wird. Und diese Vereinigung kommt, sie kommt auf tausend Wegen, die wir nicht kennen und nicht ahnen. Das Volk lernt die Revolution an diesen einzelnen Ausbrüchen und Gefechten — unsere Sache ist lediglich, hinter den Aufgaben der Stunde nicht zurückzubleiben, es zu verstehen, die nächstfol- sende, höhere Stufe des Kampfes aufzuzeigen, unter Ausnützung der Erfahrungen und Fingerzeige der Vergangenheit und der Gegenwart und indem wir die Arbeiter und Bauern immer kühner und umfassender auffordern, vorwärts und immer vorwärts zu stürmen, bis zum vollständigen Sieg des Volkes, bis zur voll- ständigen Vernichtung der absolutistischen Bande, die jetzt mit der Verzweiflung eines zum Tode Verurteilten kämpft.
Die Losung des bewaffneten Aufstandes 5B) Wie oft sind innerhalb der Sozialdemokratie, besonders auf ihrem Intellektuellen-Flügel, Leute aufgetreten, die die Aufgaben der Bewegung zu degradieren suchten, kleinmütig an der revolutionären Energie der Arbeiterklasse zweifelten. Manche glauben auch heute noch, daß das Proletariat, weil der demokratische Umsturz seinem gesellschaftlich-Skonomischen Charakter nach ein bürgerlicher ist, nicht danach streben dürfe, in ihm die führende Rolle zu spielen, an ihm aufs energischste teilzunehmen, vorgeschrittene Losungen des Sturzes der Zarenmacht und der Errichtung einer provisorischen Revolutionsregierung aufzustellen. Die Ereignisse belehren auch diese rückständigen Leute eines Besseren. Die Ereignisse bestätigen die Kampfschlußfolgerungen aus der revolutionären Theorie des Marxismus. Der bürgerliche Charakter der demokratischen Revolution bedeutet nicht, daß sie nur für die Bourgeoisie nützlich sein kann. Im Gegenteil, am nützlichsten und notwendigsten ist sie für das Proletariat und die Bauernschaft. Die Ereignisse zeigen immer anschaulicher, daß nur das Proletariat zu einem entschlossenen Kampf fähig ist für die vollständige Freiheit, für die Republik — trotz der Unzuverlässigkeit und Wankelmütigkeit der Bourgeoisie. Das Proletariat kann sich an die Spitze des gesamten Volkes stellen und die Bauernschaft zu sich herüberziehen, die nichts zu erwarten hat als Unterdrückung und Vergewaltigung seitens der absolutistischen Regierung, Verrat und Treulosigkeit seitens der bürgerlichen Volksfreunde. Das Proletariat ist infolge seiner Klassenlage in der modernen Gesellschaft imstande, früher als alle übrigen Klassen zu erkennen, daß die großen historischen Fragen letzten Endes nur durch die Gewalt entschieden werden, daß die Freiheit ohne die größten Opfer nicht zu erringen ist, daß der bewaffnete Widerstand des Zarismus mit bewaffneter Hand gebrochen und niedergerungen werden muß. Anders werden wir die Freiheit nicht erringen, anders erwartet Rußland das Schicksal der Türkei — ein langwieriger, qualvoller Abstieg und Zerfall, qualvoll insbe- sondere für alle werktätigen und ausgebeuteten Volksmassen. Mag das Bürgertum sich erniedrigen und liebedienern, mag es in seinem Streben nach einer erbärmlichen Parodie auf die Freiheit feilschen und betteln. Das Proletariat wird den Kampf aufnehmen und, die durch die niederträchtigste und unerträglichste Leibeigenschaft und Vergewaltigung gemarterte Bauernschaft mit
56 Agitalion und Propaganda in der Revolution von 1905 sich reißend, wird es vorwärts marschieren bis zur vollständigen Freiheit, die nur das auf die revolutionäre Macht gestützte bewaffnete Volk behaupten kann. Die Sozialdemokratie hat die Losung des Aufstandes nicht unüberlegt ausgegeben. Sie hat stets die revolutionäre Phrase bekämpft und wird sie auch weiter bekämpfen, sie wird stets eine nüchterne Einschätzung der Kräfte und eine nüchterne Analyse der Lage fordern. Die Sozialdemokratie sprach schon seit 1902 von der Vorbereitung des Aufstandes, ohne jemals diese Vorbereitung zu verwechseln mit der sinnlosen, künstlichen Inszenierung von Putschen, die unsere Kräfte nur unnütz vergeuden . würde. Und erst jetzt, nach dem 9. Januar, hat die Arbeiterpartei die Losung des Aufstandes auf die Tagesordnung gesetzt, hat sie die Notwendigkeit des Aufstandes und die Notwendigkeit der Vorbereitung zum Aufstand erkannt. Der Absolutismus selber hat diese Losung zur praktischen Losung der Arbeiterbewegung gemacht. Der Absolutismus hat den ersten umfassenden Massenunterricht des Bürgerkrieges erteilt. Dieser Krieg hat begonnen und nimmt immer breiteren Umfang, immer schärfere Form an. Wir haben lediglich seine Lehren zu verallgemeinern, den großen Sinn des Wortes „Bürgerkrieg“ restlos klarzulegen, aus den einzelnen Schlachten dieses Krieges praktische Anleitungen zu gewinnen, die Kräfte zu organisieren, unmittelbar und unverzüglich alles für einen richtigen Krieg Notwendige vorzubereiten. Die Sozialdemokratie fürchtet sich nicht, der Wahrheit ins Auge zu schauen. Sie kennt die Verräternatur der Bourgeoisie. Sie weiß, daß die Freiheit dem Arbeiter nicht Ruhe und Frieden bringen wird, sondern einen neuen, noch gewaltigeren Kampf, den Kampf um den Sozialismus, den Kampf gegen die jetzigen bürgerlichen Freunde der Freiheit. Aber nichtsdestoweniger — und gerade deswegen—ist die Freiheit für die Arbeiter unbedingt notwendig, ist sie für sie notwendiger als für irgend jemand sonst. Nur die Arbeiter sind imstande, an der Spitze des Volkes für vollständige Freiheit, für die demokratische Republik zu kämpfen, und sie werden auf Leben und Tod für sie kämpfen. Natürlich ist das Volk noch unwissend und eingeschüchtert, ist noch eine gewaltige Arbeit zu leisten, um das Klassenbe- wußtsein der Arbeiter zu entwickeln. ganz zu schweigen von der Bauernschaft. Doch man sehe nur, wie rasch sich der gestrige
Die Losung des bewaffneten Aufstandes d/ Sklave aufrichtet, wie der Funke der Freiheit selbst in seinem halberloschenen Auge aufleuchtet. Seht euch die Bauernbewegung an. Sie ist zersplittert, unbewußt, über ihren Umfang und ihren Charakter kennen wir nur Brocken der Wahrheit. Aber eins steht für uns fest: der klassenbewußte Arbeiter und der sich zum Kampf erhebende Bauer werden sich verstehen, sobald sie nur ein paar Worte miteinander gewechselt haben, jeder ‚Lichtstrahl wird sie enger miteinander verbinden zum Kampf um die Freiheit, sie werden dann ihre Revolution der verächtlich- feigen und eigennützigen Bourgeoisie und den Gutsbesitzern nicht überlassen, jene demokratische Revolution, die Land und Freiheit geben, den Werktätigen alle in der bürgerlichen Gesellschaft denkbaren Erleichterungen des Lebens zum weiteren Kampf für den Sozialismus verschaffen kann. Seht euch das zentrale Industriegebiet an. Wie lange ist es denn her, daß dieses Gebiet in einen tiefen Schlaf versunken schien, wie lange ist es denn her, daß wir dort nur eine beschränkte, zersplitterte, kleine Zunftbewegung für möglich hielten? Und jetzt ist dort bereits der Generalstreik aufgelodert. Zehntausende, ja Hunderttausende haben sich erhoben und erheben sich noch jetzt. Ungewöhnlich rasch entfaltet sich, die politische Agitalion. Die dortigen Arbeiter stehen natürlich noch weit zurück hinter dem heldenmütigen Proletariat des heldenmütigen Polen, doch die Zarenregierung klärt sie rasch auf, zwingt sie rasch, „Polen einzuholen‘. Nein, der allgemeine bewaffnete Volksaufstand ist kein Traum. Der Gedanke an den vollständigen Sieg des Proletariats und der Bauernschaft in der jetzigen demokratischen Revolution ist keine müßige Spielerei. Welche gewaltigen Perspektiven aber eröffnet ein solcher Sieg dem europäischen Proletariat, das nun schon seit vielen Jahren in seinem Streben nach Glück künstlich gchemmt wird durch die militärische und gutsherrliche Reaktion! Der Sieg der demokratischen ‚Revolution in Rußland wird das Signal sein für den Beginn der sozialistischen Revolution, für den weiteren Sieg unserer Brüder, der klassenbewußten Proletarier in allen Ländern ...
58 Agitation und Propaganda in der Revolution von 1905 Die revolutionär-demokratische Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft“” Die Lage der verschiedenen Klassen in Rußland im Jahre 1905 analysierend, stellte Lenin fest, daß der Organisationsgrad des Proletariats, seine Verbundenheit mit der Revolution, die Schwäche der Bourgeoisie und ihre enge Verbindung mit dem Großgrundbesitz, das Bestreben der Bauernschaft, eine Ägrarrevolution durchzuführen, das Proletariat als Haupttriebkraft in den Vordergrund rücken. Der Verbündete des Proletariats ist die Bauernschaft, die in ihrer Masse revolutionär und bereit ist, zusammen mit dem - Proletariat und unter seiner Führung die bürgerlich-demokratische Revolution zu vollenden. Die Bourgeoisie ist nur revolutionär bis zu den ersten Zugeständnissen, die der Zarismus ihr macht — nachher wird sie zur Hauptfeindin des Proletariats und der Bauernschaft. Die Beurteilung der Wechselbeziehungen zwischen den Triebkräften der Revolution und ihre weitere Entwicklung nach dem 9. Januar zwangen Lenin, zugleich mit früher aufgestellten Losungen die neue Losung der Errichtung der provisorischen Revolutionsregierung nach dem Sturz des Absolutismus aufzustellen. In dieser Frage führte Lenin im Jahre 1905 nach zwei Fronten hin den Kampf: gegen die rechten Menschewiki und gegen die „Linken” (Trotzki, Parvus?®). Die einen wie die andern vertraten den Standpunkt, daß das an die Macht gelangte Proletariat gezwungen sein werde, unmittelbar zu sozialistischen Maßnahmen zu schreiten. Sie unterschieden sich darin, daß Trotzki und Parvus für den Eintritt in die provisorische Revo- lutionsregierung und folglich für sofortige sozialistische Maßnahmen eintraten, während die Menschewiki, die Rußland für den Sozialismus noch nicht reif hielten, gegen jede Teilnahme der Sozialdemokraten an dieser Regierung waren. Der Klärung der Frage der provisorischen Revolutionsregierung als Verwirklichung der revolutionär-demokratischen Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft ist der nachfolgende Artikel Lenins gewidmet. # Die Frage der Beteiligung der Sozialdemokratie an der provisorischen Revolutionsregierung ist aktuell geworden nicht so sehr durch den Gang der Ereignisse als vielmehr durch theoretische Betrachtungen von Sozialdemokraten einer gewissen Richtung... Wie die Sozialdemokraten die Wahrscheinlichkeit, daß wir in naher Zukunft diese Frage nicht nur theoretisch werden entscheiden müssen, auch beurteilen mögen, auf jeden Fall ist Klarheit über die nächsten Ziele eine Notwendigkeit für die Partei. Ohne eine klare Antwort auf diese Frage ist schon jetzt eine * „Wperjod” Nr. 14, vom 30. März 1905.
D. revolutionär-demokr. Diktatur d. Proletariats u. d. Bauernschaft 59 konsequente, von Schwankungen oder Unklarheiten freie Propa- ganda und Agitation unmöglich. Versuchen wir, das Wesen der Streitfrage zu rekonstruieren. Wenn wir nicht nur Zugeständnisse seitens des Absolutismus, sondern seinen wirklichen Sturz wollen, so müssen wir die Ersetzung der Zarenregierung durch eine provisorische Revolutionsregierung anstreben, die einerseits auf Grund eines wirklich allgemeinen, direkten und gleichen Wahlrechts mit geheimer Stimm- abgabe eine Konstituierende Versammlung einberufen würde und die andererseits imstande wäre, vollständige Freiheit für die Zeit der Wahlen tatsächlich zu sichern. Und nun fragt es sich, ist es für die sozialdemokratische Arbeiterpartei statthaft, sich an einer solchen provisorischen Revolutionsregierung zu beteiligen? Diese Frage ist zum erstenmal von den Vertretern des opportunistischen Flügels unserer Partei, namentlich von Martynow, noch vor dem 9. Januar aufgeworfen worden, wobei er und mit ihm auch die „Iskra“ diese Frage negativ entschieden haben. Martynow suchte die Auffassungen der revolutionären Sozialdemokraten ad absurdum zu führen, indem er sie damit schreckte, daß, falls die Organisierung der Revolution Erfolg haben und unsere Partei die Führung des bewaffneten Volksaufstandes übernehmen sollte, wir genötigt sein würden, uns an der provisorischen Revolutionsregierung zu beteiligen. Eine solche Beteiligung aber sei eine unzulässige „Machtergreifung“, ein für eine sozialdemokratische Klassenpartei unstatthafter „vulgärer Jauresismus”“. Verweilen wir bei den Betrachtungen der Anhänger dieser Auffassung. Wenn wir in der provisorischen Regierung sind, sagt man uns, werde die Sozialdemokratie die Macht in Händen halten; die Sozialdemokratie als Partei des Proletariats könne aber die Macht nicht in Händen halten, ohne den Versuch zu machen, unser Maximalprogramm zu verwirklichen, d. h. ohne zu versuchen, die sozialistische Umwälzung durchzuführen. Bei einem solchen Unterfangen aber würde sie heute unvermeidlich eine Niederlage erleiden und sich nur blamieren, nur der Reaktion in die Hände spielen. Darum sei die Teilnahme der Sozialdemokratie an der provisorischen „Revolutionsregierung‘ unzulässig. Diese Überlegung beruht auf einer Verwechslung des demokratischen und des sozialistischen Umsturzes — des Kampfes für
60 Agitation und Propaganda in der Revolution von 1905 U U U die Republik (unser ganzes Minimalprogramm mit einbegriffen) und des Kampfes für den Sozialismus. Wollte die Sozialdemokratie sich den sofortigen sozialistischen Umsturz zum Ziele setzen, so würde sie sich in der Tat nur blamieren. Gerade gegen solche verworrenen und unklaren Ideen unserer „Sozialrevolutio- näre”“* hat jedoch die Sozialdemokratie stets gekämpft. Gerade deshalb betonte sie stets den bürgerlichen Charakter der Rußland bevorstehenden Revolution, gerade deshalb forderte sie die strenge Trennung des demokratischen Minimalprogramms vom sozialistischen Maximalprogramm. Einzelne Sozialdemokraten, die dazu neigen, vor der Spontaneität zu kapitulieren, mögen all das während des Umsturzes vergessen, nicht aber die Partei als Ganzes. Die Anhänger dieser irrigen Meinung verfallen in eine Anbetung der Spontaneität, wenn sie glauben, der Verlauf der Dinge werde in einer solchen Lage die Sozialdemokratie zwingen, gegen ihren Willen an die Durchführung des sozialistischen Umsturzes zu gehen. Wäre dem so, dann wäre also unser Programm falsch, dann würde es dem ‚Gang der Dinge‘ nicht entsprechen: gerade das befürchten die Anbeter der Spontaneität, sie hegen Befürchtungen in bezug auf die Richtigkeit unseres Programms. Aber ihre Furcht ist im höchsten Grade unbegründet. Unser Programm ist richtig. Gerade der Gang der Dinge wird es unbedingt bestätigen, und je weiter, je mehr. Gerade der Gang der Dinge wird uns die unbedingte Notwendigkeit des verzweifelten Kampfes um die Republik „aufdrängen‘“, gerade er wird praktisch unsere Kräfte, die Kräfte des politisch aktiven Proletariats, in diese Richtung lenken. Gerade der Gang der Dinge wird uns unvermeidlich beim demokratischen Umsturz eine solche Menge von Bundesgenossen aus dem Kleinbürgertum und der Bauernschaft aufdrängen, deren reale Bedürfnisse gerade die Durchführung des Minimalprogramms erfordern werden, daß die Befürchtungen eines allzu raschen Überganges zum Maximalprogramm geradezu lächerlich sınd. Aber andererseits rufen eben diese Bundesgenossen aus der kleinbürgerlichen Demokratie neue Befürchtungen unter den Sozialdemokraten einer gewissen Richtung hervor, und zwar Be- fürchtungen wegen des „vulgären Jaur&sismus“. Die Beteiligung an einer Regierung zusammen mit der bürgerlichen Demokratie sei durch die Resolution des Amsterdamer Kongresses”
D. revolutionär-demokr. Diktatur d. Proletariats u. d. Bauernschaft 61 verboten, das sei Jauresismus, d. h. unbewußter Verrat der Inter- essen des Proletariats, die Verwandlung des Proletariats in ein Anhängsel der Bourgeoisie, seine Korrumpierung durch den Schein der Macht, die in Wirklichkeit in der bürgerlichen Gesellschaft absolut unerreichbar ist. Diese Überlegung ist nicht minder irrig. Sie zeigt, daß ihre Urheber zwar gute Resolutionen auswendig gelernt, deren Bedeutung aber nicht begriffen haben; sie haben sich einige anti-jaurösistische Schlagworte eingepaukt, ohne sie durchdacht zu haben, und wenden sie daher ganz am unrechten Platz an; — sie haben sich den Buchstaben, aber nicht den Geist der letzten Lehren der internationalen revolutionären Sozialdemokratie angeeignet. Wer den Jaur&sismus vom dialektisch-materialistischen Standpunkt aus würdigen will, der muß die subjektiven Motive und objektiven historischen Bedingungen streng auseinanderhalten. Subjektiv wollte Jaur&s die Republik retten und schloß zu diesem Zweck mit der bürgerlichen Demokratie ein Bündnis. Die objektiven Bedingungen dieses „Experimentes‘“ bestanden darin, daß die Republik in Frankreich bereits Tatsache war, und ihr keine ernste Gefahr mehr drohte, — daß die Arbeiterklasse die volle Möglichkeit für die Entwicklung einer selbständigen politischen Klassen- organisation hatte und diese Möglichkeit nicht genügend ausnützte, zum Teil gerade unter dem Einfluß der vielen parlamentarischen Spiegelfechtereien ihrer Führer; — daß in Wirklichkeit die Arbeiterklasse von der Geschichte objektiv bereits vor die Aufgabe des sozialistischen Umsturzes gestellt wurde, von der die Millerands das Proletariat durch das Versprechen winziger sozialer Reformen fortzulocken suchten. Nehmen wir nun Rußland. Subjektiv wollen solche revolutionären Sozialdemokraten, wie die Wperjodisten®” oder Parvus, die Republik verteidigen und zu diesem Zwecke ein Bündnis mit der revolutionären bürgerlichen Demokratie schließen. Die objektiven Bedingungen sind von denen Frankreichs himmelweit verschieden. Objektiv hat der historische Gang der Dinge jetzt das russische Proletariat gerade vor die Aufgabe des demokratischen bürgerlichen Umsturzes gestellt (dessen Gesamtinhalt wir der Kürze halber mit dem Wort „Republik“ bezeichnen); vor derselben Aufgabe steht das ganze Volk, d. h. die ganze Masse des Kleinbürgertums und der Bauernschaft; ohne diesen Umsturz ist
62 Agitation und Propaganda in der Revolution von 1905 eine halbwegs großzügige Entwicklung einer selbständigen Klassenorganisation für den sozialistischen Umsturz undenkbar. Man stelle sich konkret den ganzen Unterschied der objektiven Bedingungen vor und sage dann: was soll man von Leuten hal- ten, die diesen Unterschied vergessen und sich durch die Übereinstimmung einiger Worte, durch die Ähnlichkeit einiger Buchstaben, durch die Gleichheit der subjektiven Motivierung verleiten lassen? Weil Jaures in Frankreich die bürgerliche Sozialreform anbetete und sich zu Unrecht mit dem subjektiven Ziel des Kampfes für die Republik drapierte, darum sollen wir russische Sozialde- mokraten auf einen ernsten Kampf für die Republik verzichten! .... In der Tat, ist es denn nicht klar, daß der Kampf um die Republik für das Proletariat undenkbar ist ohne ein Bündnis zwischen ihm und der kleinbürgerlichen Volksmasse? Ist es denn nicht klar, daß ohne die revolutionäre Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft nicht die leiseste Hoffnung auf einen Erfolg dieses Kampfes besteht? Einer der Hauptmängel dieser Auffassung besteht in ihrer Starrheit, ihrer Schablonenhaftigkeit, darin, daß die Bedingungen der revolutionären Zeit außer acht gelassen werden. Für die Republik kämpfen und gleichzeitig auf die revolutionäre demokratische Diktatur verzichten, ist dasselbe, als wenn Oyama®" beschlossen hätte, bei Mukden gegen Kuropatkin zu kämpfen, dabei aber von vornherein auf den Gedanken verzichtet hätte, selber in Mukden einzuziehen. Denn wenn wir, das. revolutionäre Volk, d. h. das Proletariat und die Bauernschaft, den Absolutismus „vereint schlagen‘ wollen, so müssen wir ihn auch vereint erschlagen, ihn vereint totschlagen, vereint die unausbleiblichen Versuche seiner Restauration zurückschlagen! (Um mögliche Mißverständnisse zu vermeiden, betonen wir nochmals, daß wir unter „Republik“ nicht nur und sogar nicht so sehr die Regierungsform verstehen als vielmehr die Gesamtheit der demokratischen Reformen unseres Minimalprogramms). Man muß eine wahrhaft schülerhafte Auffassung von der Geschichte haben, um sich die Sache ohne „Sprünge“ vorzustellen, als eine langsam und gleichmäßig aufsteigende gerade Linie: zunächst sei die liberale Großbourgeoisie an der Reihe — Konzessiönchen des Absolutismus, dann das revolutionäre Kleinbürgertum — demokratische Republik, schließlich das Proletariat — sozialistische Um-
D. revolutionär-demokr. Diktatur d. Proletariats u. d. Bauernschaft 63 wälzung. Dieses Bild ist richtig im großen und ganzen, ist richtig ä la longue, wie die Franzosen zu sagen pflegen, etwa für ein ganzes Jahrhundert (z. B. für Frankreich von 1789 bis 1905), um aber nach diesem Bilde einen Plan der eigenen Tätigkeit in einer revolutionären Epoche zu entwerfen, — dazu muß man ein Virtuose des Philistertums sein. Wenn es dem russischen Absolutismus nicht gelingt, sich auch jetzt herauszuwinden und mit einer kümmerlichen Verfassung davonzukommen, wenn er nicht nur erschüttert, sondern tatsächlich gestürzt wird, so wird offenbar eine ungeheure Anspannung der revolutionären Energie aller fortschrittlichen Klassen erforderlich sein, um diese Er- rungenschaft zu behaupten. Dieses „Behaupten‘“ ist eben nichts anderes als die revolutionäre Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft! Je mehr wir jetzt erkämpfen, je energischer wir das Erkämpfte verteidigen, um so weniger wird später die unausbleibliche künftige Reaktion zurückerobern können, um so kürzer werden diese Intervalle der Reaktion, um so leichter wird die Aufgabe der uns nachfolgenden proletarischen Kämpfer sein. Und da kommen Leute, die in voraus, noch vor dem Kampf, ein bescheidenes Stückchen der künftigen Errungenschaften mit der Elle genau abmessen möchten — die vor dem Sturz des Absolutismus, ja sogar noch vor dem 9. Januar die Arbeiterklasse Rußlands mit dem Popanz der schrecklichen revolutionären demokratischen Diktatur ins Bockshorn jagen wollten! Und diese Ritter der Elle erheben Anspruch auf den Namen revolutionärer Sozialdemokraten ... Gemeinsam mit der bürgerlichen revolutionären Demokratie an der provisorischen Regierung teilnehmen — jammern sie —, das heißt doch, die bürgerliche Gesellschaftsordnung sanktionieren, die Aufrechterhaltung der Gefängnisse und der Polizei, der Arbeitslosigkeit und des Elends, des Eigentums und der Prostitution. Es ist dies ein Argument, würdig entweder der Anarchisten oder der Narodniki. Die Sozialdemokratie wendet sich nicht von dem Kampfe um die politische Freiheit ab, weil das eine bürgerliche politische Freibeit ist. Die Sozialdemokratie betrachtet die „Sanktionierung“ der bürgerlichen Gesellschaftsordnung vom geschichtlichen Standpunkt. Als man Feuerbach fragte, ob er den Materialismus Büchners, Vogts und Moleschotts” sanktio- niere, antwortete er: Rückwärts stimme ich den Materialisten
64 Agitation und Propaganda in der Revolulion von 1905 vollkommen bei, aber nicht vorwärts. Genau so sanktioniert auch die Sozialdemokratie die bürgerliche Ordnung. Sie hat sich nie gescheut und wird sich nie scheuen, auszusprechen, daß sie die republikanisch-demokratische bürgerliche Ordnung im Vergleich zum absolutistisch-feudalen Regime sanktioniert. Aber sie „sanktioniert““ die bürgerliche Republik lediglich als letzte Form der Klassenherrschaft, als die geeignetste Arena für den Kampf des Proletariats gegen die Bourgeoisie, sie sanktioniert sie nicht wegen ihrer Gefängnisse und ihrer Polizei, ihres Eigentums und ihrer Prostitution, sondern zum Zweck eines umfassenden freien Kampfes gegen diese netten Einrichtungen. Natürlich sind wir weit davon entfernt, zu behaupten, unsere Beteiligung an der provisorischen Revolutionsregierung bringe keinerlei Gefahren für die Sozialdemokratie mit sich. Es gibt keine und kann keine Form des Kampfes, keine politische Lage geben, die nicht Gefahren mit sich brächte. Fehlt der revolutionäre Klasseninstinkt, fehlt eine geschlossene, auf der Höhe der Wissenschaft stehende Weltanschauung, fehlt Grütze im Kopf, dann ist auch die Teilnahme an Streiks gefährlich — sie kann zum Ökonomismus führen —, auch die Teilnahme am parlamen- tarischen Kampf — sie kann mit parlamentarischem Kretinismus enden —, auch die Unterstützung der liberalen Semstwo-Demokratie — sie kann zum „Plan der Semstwo-Kampagne®”*“ führen. Dann ist es sogar gefährlich, die höchst nützlichen Werke von Jaures und Aulard”* über die Geschichte der französischen Revolution zu lesen — das kann zur Broschüre Martynows über zwei Diktaturen führen. Selbstverständlich, wenn die Sozialdemokratie auch nur einen Augenblick lang die Sonderstellung des Proletariats als Klasse dem Kleinbürgertum gegenüber vergäße, wenn sie zu unrechter Zeit ein für uns ungünstiges Bündnis mit der einen oder anderen kein Vertrauen verdienenden intelligenzlerischen, kleinbürgerlichen Partei schließen wollte, wenn die Sozialdemokratie auch nur für einen Augenblick ihre selbständigen Ziele sowie die Notwendigkeit außer acht ließe, in allen politischen Situationen und bei allen politischen Konjunkturen, bei allen politischen Wende- punkten und Umwälzungen die Entwicklung des Klassenbewußtseins des Proletariats und seiner selbständigen politischen Organisation in den Vordergrund zu stellen, dann wäre die Beteiligung
D. revolutionär-demokr. Diktatur d. Proletariats u. d. Bauernschaft 65 an der provisorischen Revolutionsregierung äußerst gefährlich. Aber unter dieser Voraussetzung, wir wiederholen es, ist jeder sonstige politische Schritt genau so gefährlich ... Nein! Die wirkliche politische Gefahr für die Sozialdemokratie liegt jetzt durchaus nicht dort, wo die Anhänger der neuen „Iskra®”“ sie suchen. Nicht der Gedanke der revolutionären demokratischen Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft darf uns schrecken, sondern jener Geist des Chwostismus und der Starrheit, der auf die Partei des Proletariats zersetzend wirkt und in allen möglichen Theorien über die Organisation als Prozeß, die Bewaffnung als Prozeß usw. zum Ausdruck kommt. Nehmen wir z. B. den neuesten Versuch der ‚Iskra“, einen Unter- schied zu machen zwischen der provisorischen Revolutionsregierung und der revolutionären demokratischen Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft. Ist das nicht ein Musterbeispiel starrer Scholastik? Leute, die solche Unterschiede erfinden, sind - zwar fähig, schöne Worte aneinander zu reihen, sind aber vollkommen unfähig, zu denken. Das Verhältnis zwischen den genannten Begriffen ist in Wirklichkeit ungfähr das gleiche, wie das Verhältnis zwischen der juristischen Form und dem Klasseninhalt. Wer „provisorische Revolutionsregierung‘“ sagt, der betont die staaisrechtliche Seite der Sache, die Entstehung der Regierung nicht aus dem Gesetz, sondern aus der Revolution, den provisorischen Charakter der Regierung, die an die zukünftige Konstituierende Versammlung gebunden ist. Aber mag die Form, die Entstehung, mögen die Bedingungen sein wie sie wollen, es ist jedenfalls klar, daß die provisorische Revolutionsregierung nicht umhin kann, sich auf bestimmte Klassen zu stützen. Es genügt, sich an diese Binsenwalirheit zu erinnern, um einzusehen, daß die provisorische Revolutionsregierung nichts anderes sein kann als die revolutionäre Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft. Folglich zerrt der Unterschied, den die „Iskra“ macht, die Partei zurück, zurück zu unfruchtbaren Wortgefechten, lenkt sie ab von der Aufgabe der konkreten Analyse der Klasseninteressen in der russischen Revolution ... Nein und tausendmal nein, Genossen! Keine Angst, daß die energischste, vor nichts haltmachende Beteiligung an der republikanischen Umwälzung zusammen mit der revolutionären bürgerlichen Demokratie euch beflecken könnte. Übertreibt nicht die M. B. 8, Lenin: Agitation u. Propaganda 5
66 Agitation und Propaganda in der Revolution von 1905 Gefahren dieser Beteiligung, mit denen unser organisiertes Proletariat sehr wohl fertig werden kann. Monate der revolutionären Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft werden mehr schaffen als Jahrzehnte der friedlichen abstumpfenden Atmosphäre der politischen Stagnation. Wenn die russische Arbeiterklasse es nach dem 9. Januar verstanden hat, unter den Be- dingungen der politischen Sklaverei mehr als eine Million Proletarier zu einer kollektiven, standhaften und konsequenten Aktion zu mobilisieren, so werden wir unter den Bedingungen einer revolJutionär-demokratischen Diktatur Dutzende von Millionen der städtischen und ländlichen Armut mobilisieren, werden wir die russische politische Revolution zum Vorspiel der europäischen sozialistischen Umwälzung machen.
67 Über konstitutionelle Illusionen* Nach dem 9. Januar 1905 verbreitete sich die ansteigende Welle der Revolution über ganz Rußland. Im Juni brach ein Aufstand in der Flotte aus, im August wurde der Friede mit Japan geschlossen, im Oklober der politische Generalstreik proklamiert, im Dezember kam es zum bewaffnelen Aufstand in Moskau und anderen Städten. Den allgemeinen Hintergrund dieser Ereignisse bildelen die unaufhörlichen Bauernaulstände, die Arbeiter- und Studentenslreiks. Die durch den Umfang der revolulionären Bewegung erschreckte Regierung erklärte sich zu Konzessionen bereit und erließ am 17. Oktober 1905 ein Manifest, in dem bürgerliche politische Freiheiten und die Einberufung der Reichsduma proklamiert wurden. Die zufriedengestellte Bourgroisie und ihre Parleien waren bemüht, die weitere Einlwicklung der Revolution auf den legalen Rahmen des erlassenen Manifestes zu beschränken. Es begann die Vorbereilung der Dumawahlen. Auch die Sozialdemokratie stand vor der Frage, ob sie sich an den Wahlen zu der ersten gesetzgebenden Körperschaft beteiligen soll oder nicht. Die beiden Fraktionen der Sozialdemokratie lösten die Frage in verschiedener Weise. Die Menschewiki waren für, die Bolschewiki gegen die Beteiligung an der ersten Reichsduma, Lelztere gingen von der Überzeugung aus, daß die Revolution trotz der Niederlage des Dezemberaufstandes, trotz der Abwürgung der Streiks noch nicht zu Ende sei. Sie gehe weiler, eine neue Welle nahe heran. Unter solchen Umständen aber bedeute die Weahlbeteiligung eine Einschränkung der Revolution. Und Lenin stellte die Losung auf: Boykott der ersten Duma, Kampf gegen konstlitutionelle Illusionen in der Periode der ansteigenden revolutionären Welle. * ...Die Besonderheiten des gegenwärtigen Moments der russischen Revolution sind eben von solcher Beschaffenheit, daß die objektiven Bedingungen einen entschiedenen außerparlamentarischen Kampf für den Parlamentarismus in den Vordergrund rücken, und darum gibt es in einem solchen Moment nichts Schädlicheres und Gefährlicheres als konstitutionelle Illusionen und parlamentarische Tändeleien. Die Parteien der „parlamentarischen“‘ Opposition sind in einem solchen Moment vielleiclıt gefährlicher und schädlicher als die offen und schlechthin reaktionären Parteien: dieser Satz kann nur dem paradox erscheinen, der absolut unfähig ist, dialektisch zu denken. In der Tat, wenn in den breitesten Volkmassen die Forderung des Parlamentaris* Aus der Broschüre: „Der Sieg der Kadetten und die Aufgaben der Arbeiterpartei‘, geschrieben März 1906. be
68 Agitation und Propaganda in der Revolution von 1905 mus zur vollständigen Reife gelangt ist, wenn sich diese Forderung auch auf die ganze jahrhundertelange gesellschaftlich-ökonomische Evolution des Landes stützt, wenn die politische Entwicklung dicht an die Verwirklichung dieser Forderung herangeführt hat, kann es da etwas Gefährlicheres und Schädlicheres geben als eine Scheinverwirklichung dieser Forderung? Der offene Antiparlamentarismus ist ungefährlich. Er ist zum Tode verurteilt. Er ist tot. Die Versuche, ihn neu aufleben zu lassen, sind nur dazu angetan, die am weitesten zurückgebliebenen Bevölkerungsschichten zu revolutionieren. Zum einzig möglichen Mittel für die Erhaltung der Autokratie wird der „konstitutionelle Absolutismus“, die Schaffung und Verbreitung konstitutioneller Illusionen. Das ist die einzig richtige, die einzig vernünftige Politik des Absolutismus ... ... Es gibt — infolge der objektiven Bedingungen des Moments — nichts Gefährlicheres, nichts Schädlicheres in diesem Moment des Kampfes als eine solche Lüge. Eine kleine Abschweifung. Vor kurzem mußte ich in der Wohnung eines sehr gelehrten und außerordentlich liebenswürdigen Kadetten” ein politisches Referat halten. Es entwickelte sich eine Debatte. Stellen Sie sich vor, sagte der Hausherr, wir haben ein Raubtier, einen Löwen, vor uns, und wir sind zwei Sklaven, der Zerfleischung preisgegeben. Sind Streitigkeiten zwischen uns am Platze? Sind wir da nicht verpflichtet, uns zum Kampf gegen diesen gemeinsamen Feind zu vereinigen, „die Reaktion zu isolieren“, wie sich der weiseste und weitsichtigste unter den Sozialdemokraten, G. V. Plechanow, so ausgezeichnet ausdrückt? — Das Beispiel ist gut, und ich akzeptiere es, — antwortete ich. Aber was dann, wenn der eine Sklave den Rat gibt, sich mit einer Waffe zu versehen und auf den Löwen loszugehen, der andere aber gerade während des Kampfes das dem Löwen umgehängte Brustlätzchen mit der Aufschrift „Konstitution“ betrachtet und schreit: „Ich bin gegen Gewalt sowohl von rechts als von links“, „ich bin Mitglied einer parlamentarischen Partei, ich stehe auf konstitutionellem Boden“. Könnte es sich nicht ergeben, daß das Löwenjunge, das die wahren Ziele des Löwen ausplaudert, sich unter solchen Umständen für die Aufklärung der Massen und die Entwicklung des politischen und Klassenbewußtseins
Über konstitutionelle Illusionen 69 nützlicher erweist als der Sklave, der den Glauben an das Brustlätzchen verbreitet, während er vom Löwen zerfleischt wird? Das ist es eben, daß man bei den üblichen Auseinandersetzun- sen über die Unterstützung der bürgerlichen Demokratie durch die Sozialdemokratie sehr oft vor lauter allgemeinen, abstrakten Grundsätzen die Besonderheiten des konkreten Moments nicht sieht, eines Moments, wo der Entscheidungskampf für den Parlamentarismus heranreift und zu einer der Waffen der absolutistischen Regierung gegen den Parlamentarismus das Spiel mit dem Parlamentarismus wird. Unter solchen Umständen, wo die ent- scheidende außerparlamentarische Schlacht noch bevorsteht, wäre es ein geradezu verhängnisvoller Fehler, wenn nicht ein Verbrechen am Proletariat, wollte man es zur Aufgabe der Arbeiterpartei die Unterstützung der Partei der parlamentarischen Kompromißler machen. Stellen wir uns vor, wir hätten in Rußland ein stabiles parlamentarisches Regime. Das würde bedeuten, daß das Parlament bereits zur Hauptform der Herrschaft der regierenden Klassen und Kräfte, daß es bereits zum Hauptschauplatz des Kampfes der sozial-politischen Interessen geworden wäre. Eine revolu- tionäre Bewegung in unmittelbarem Sinne des Wortes wäre nicht vorhanden, die wirtschaftlichen und anderen Verhältnisse riefen im gegebenen, d. h. von uns angenommenen Moment keine revolutionären Ausbrüche hervor. Durch keine revolutionären Deklamationen ließe sich natürlich unter solchen Umständen eine Revolution „hervorrufen“. Der Verzicht auf den parlamentarischen Kampf wäre unter solchen Bedingungen für die Sozialdemokratie absolut unstatthaft. Die Arbeiterpartei müßte sich mit dem größten Ernst dem Parlamentarismus zuwenden, an den Wahlen zur „Duma“ und an der „Duma“ selber teilnehmen, ihre ganze Tak- tik den Bedingungen der Entstehung und des erfolgreichen Funktionierens einer parlamentarischen sozialdemokratischen Partei unterordnen. Dann wäre die Unterstützung der Kadettenpartei im Parlament gegen alle weiter rechts stehenden Parteien unsere unbedingte Pflicht. Dann könnte man auch gegen Wahlabmachungen mit dieser Partei bei gemeinsamen Wahlen, sagen wir in den Gouvernements-Wahlversammlungen (bei indirekten Wahlen), keine unbedingten Einwände erheben. Mehr als das. Dann wäre sogar die parlamentarische Unterstützung der
70 Agitation und Propaganda in der Revolution von 1905 Schipow-Leute’” durch die Sozialdemokraten gegen die ausgesprochenen, eingefleischten Reaktionäre unsere Pflicht: die Re- aktion erstrebt unsere Isolierung — würden wir dann sagen —, wir müssen die Isolierung der Reaktion erstreben. Jetzt aber kann in Rußland von einem gefestigten, allgemein anerkannten, wirklich parlamentarischen Regime keine Rede sein. Jetzt ist in Rußland die Hauptform der Herrschaft der regierenden Klassen und sozialen Kräfte eine notorisch nichtparlamentarische, die Hauptarena des Kampfes der sozialen und politischen Interessen ist notorisch nicht das Parlament. Unter solchen Bedingungen käme die Unterstützung der Partei der parlamentarischen Kompromißler einem Selbstmord der Arbeiterpartei gleich, — und umgekehrt, die Unterstützung der bürgerlichen Demokratie, die außerparlamentarisch vorgeht, mag auch ihr Vorgehen spontan, unorganisiert, unbewußt sein (siehe z. B. Jie Bauernrebellionen), tritt in den Vordergrund, wird zu einer ernsten, wirklichen Aufgabe, der alles andere untergeordnet werden muß... Der Aufstand ist unter solchen sozialen und politischen Bedingungen eine Realität; der Parlamentarismus ist ein Spielzeug, eine belanglose Kampfstätte, — weit mehr ein Köder als ein wirkliches Zugeständnis. Es handelt sich also gar nich darum, daß wir den Parlamentarismus ablehnen oder unlterschätzen, durch allgemeine Redensarten über Parlamentarismus wird unsere Position nicht im geringsten berührt. Es handelt sich um die konkreten Umstände gerade des gegebenen Moments der demokratischen Revolution, wo die bürgerlichen Kompromißler, die liberalen Monarchisten, obgleich sie selber die Möslich- keit nicht leugnen, daß Durnowo” die Duma einfach auseinanderjagen oder das Gesetz die Bedeutung der Duma endgültig auf Null herabsetzen könnte, dennoch den Parlamentarismus für eine ernste Angelegenheit erklären, den Aufstand aber — für Utopie, Anarchismus, Putschismus, ohnmächtigen Revolutiona- rismus oder wie sich all diese Kiesewetter, Miljukow, Struve, Isgojew®” und sonstigen Helden des Spießertums sonst auszudrücken pflegen. Man stelle sich vor, die sozialdemokratische Partei habe an den Duma-Wahlen teilgenommen. Eine bestimmte Zahl sozialdemokratischer Wahlmänner ist gewählt worden. Um den Sieg der Schwarzen Hundert?’ zu verhindern, muß man (wenn man
‘Über konstitutionelle Illusionen. sich schon zu dieser sinnlosen Wahlkomödie hergegeben hat) Kadetten unterstützen. Die sozialdemokratische Partei trifft Wahlabkommen mit den Kadetten. Eine gewisse Anzahl von zialdemokraten wird mit Hilfe der Kadetten in die Duma 71 die ein Soge- wählt. Es fragt sich nun, würde dies der Mühe wert sein? Würden wir dabei gewinnen oder verlieren? Erstens hätten wir keine Möglichkeit, die Massen über die Bedingungen und den Charakter unserer Wahlabmachungen mit den Kadetten vom sozialdemokratischen Standpunkt aus eingehend zu informieren. Die Kadeltenzeitungen würden die bürgerliche Lüge und die bürgerliche Entstellung der Klassenaufgaben des Proletariats in Hunderttausenden und Millionen von Exemplaren verbreiten. Unsere Flugblätter, unsere kleinen Vorbehalte in einzelnen Erklärungen würden nur einen Tropfen im Meere bedeuten. In Wirklichkeit würden wir uns eben als ein stummes Anhängsel der Kadetten erweisen. Zweitens würden wir, wenn wir einen Pakt schließen, zweifellos — ob stillschweigend, ob offen und in aller Form, das bleibt sich gleich — dem Proletariat gegenüber eine gewisse Verantwortung für die Kadetten übernehmen, eine Garantie dafür, daß sie besser seien als alle anderen, daß ihre Kadetten-Duma dem Volke helfen werde, kurz eine Verantwortung für ihre ganze kadettische Politik. Ob wir es verstehen würden, durch nachherige „Erklärungen“ die Verantwortung für diesen oder jenen Schritt der Kadetten von uns abzuwälzen, bleibt noch dahingestellt, und auch die Erklärungen würTatsache des Wahlabkomden nur Erklärungen bleiben, die mens aber wäre bereits gegeben. Haben wir indes irgendeinen Anlaß, sei es auch nur in geringem Umfang, sei es auch nur indirekt, vor dem Proletariat und der Bauernmasse eine Bürgschaft für die Kadetten zu übernehmen? Haben uns die Kadetten nicht tausend Beweise für ihre Verwandtschaft mit den deutschen kadettischen Professoren gegeben, mit eben jenen „Frankfurter Kannegießern”“, die es fertigbrachten, nicht etwa eine Duma, sondern sogar die verfassunggebende Nationalversammlung aus einem Werkzeug der Entwicklung der Revolution in ein Werkzeug der Dämpfung der Revolution, der (moralischen) Erdrosselung der Revolution zu machen? Die Unterstützung der Kadettenparlei wäre ein Fehler der Sozialdemokratie gewesen,
72 Agitation und Propaganda in der Revolution von 1905: | — und unsere Partei hat gut daran getan, die Duma-Wahlen zu bovkottieren... Als Aufgabe der Arbeiterpartei im gegenwärtigen Moment die Unterstützung der Kadetten bezeichnen zu wollen, wäre dasselbe, als wollte man sagen, die Aufgabe des Dampfes sei nicht, die Schiffsmaschinen anzutreiben, sondern die Dampfpfeifen ertönen zu lassen. Wird Dampf in den Kesseln sein, werden auch die Pfeifen pfeifen. Wird die Revolution Kraft besitzen, werden auch die Kadetten pfeifen. Pfiffe lassen sich naclıahmen, und in der Geschichte des Kampfes für den Parlamentarısmus haben die bürgerlichen Verräter an der Volksfreiheit oftmals Pfiffe nachgeahmt und naive Leute, die verschiedenen „ersten Vertretungskörperschaften“ Vertrauen schenkten, an der Nase herumgeführt. Unsere Aufgabe ist nicht die Unterstützung der kadettischen Duma, sondern die Ausnutzung der Konflikte, die innerhalb die- ser Duma und im Zusammenhang mit ihr entstehen, um den besten Augenblick zu wählen für den Angriff auf den Feind, für den Aufstand gegen den Absolutismus. Wir müssen uns danach richten, wie die politische Krise in der Duma und um die Duma herum zunimmt. Für die Einschätzung der gesellschaftlichen Stimmungen, für eine richtigere und genauere Feststellung des „Sledepunktes“ muß diese ganze Duma-Kampagne für uns eine ungeheuere Bedeutung haben, jedoch die Bedeutung eines Barometers und nicht die eines realen Schlachtfeldes. Nicht die Kadetten-Duma werden wir unterstützen, nicht mit der Kadettenpartei müssen wir rechnen, sondern mit jenen Elementen des städtischen Kleinbürgertums und besonders der Bauernschaft, die ihre Stimmen für die Kadetten abgegeben haben, aber von ihnen unvermeidlich enttäuscht werden müssen und darum beginnen werden, sich auf Kampf umzustellen, — und zwar um so rascher, je entscheidender der Sieg der Kadetten in der Duma sein wird. Unsere Aufgabe ist, im Interesse der Organisierung der Arbeiter, im Interesse der Entlarvung der konstitutionellen Illusionen, im Interesse der Vorbereitung eines Kampfangriffs die Atempause restlos auszunutzen, die uns die oppositionelle Duma gewährt (die Atempause ist für uns sehr vorteilhaft, da das Proletariat erst ordentlich seine Kräfte sammeln muß). Unsere Aufgabe ist, in dem Augenblick auf unserem Posten zu sein, wo die
Über konstitutionelle Illusionen 73 Duma-Komödie sich in einer neuen großen politischen Krise entlädt, und unser Ziel wird dann nicht die Unterstützung der Kadetten sein (im besten Falle werden sienur ein schwaches Sprachrohr des revolutionären Volkes darstellen), sondern der Sturz der absolutistischen Regierung und der Übergang der Macht in die Hände des revolutionären Volkes. Werden Proletariat und Bauernschaft siegreich aus dem Aufstand hervorgehen, dann wird die kadettische Duma im Nu ein Papierchen unterzeichnen, sie schließe sich dem Manifest der Revolutions- regierung, die die verfassunggebende Nationalversammlung einberuft, an. Wird der Aufstand unterdrückt werden, so wird der durch den Kampf erschöpfte Sieger vielleicht gezwungen sein, eine gute Hälfte der Macht an die kadettische Duma abzutreten, die sich an den Kuchen setzen und eine Resolution des Bedauerns annehmen wird über den „Wahnsinn“ des bewaffneten Aufstandes in einem Augenblick, in dem ein wirklich konstitutio- nelles Regime so möglich, so nahe gewesen sei.... Wenn nur Leichen da sind — Maden finden sich immer. Br ... Der Fehler der Menschewiki ist der, daß sie eine im gegebenen Moment so wesentliche politische Aufgabe des klassenbewußten sozialdemokratischen Proletariats, wie den kampf gegen konstitutionelle Illusionen, überhaupt nicht formulieren, ja sie allem Anschein nach ganz und gar übersehen. Das sozialistische Proletariat, das streng den Klassenstandpunkt wahrt, das unbeirrbar die materialistische Geschichtsauffassung bei der Beurteilung der Gegenwart anwendet, das jeglichen kleinbürgerlichen Sophismen und Täuschungen feindlich gegenübersteht, kann in einer Zeit, wie sie Rußland jetzt durchmacht, diese Aufgabe nicht ignorieren. Ignoriert es sie, dann wird es aufhören, der Vorkämpfer für die Freiheit des gesamten Volkes zu sein, ein Kämpfer zu sein, der sich über die bürgerlich-demokratische Beschränktheit erhebt. Ignoriert es sie, so wird es hilfIos den Ereignissen nachhinken, die jetzt gerade diese konstitu- tionellen Illusionen zu einem ebensolchen Instrument der bürgerlichen Demoralisierung des Proletarjiats machen, wie die Theorie des „sozialen Friedens‘ vor kurzem in Europa das Hauptinstrument der bürgerlichen Ablenkung der Arbeiter vom Sozialismus war.
v4 Agitation und Propaganda in der Revolution von 1905 Konstitutionelle Illusionen — das ist eine ganze Periode der russischen Revolution, die nach der Unterdrückung des ersten bewaffneten Aufstandes (ihm wird noch ein zweiter folgen) und nach den Wahlsiegen der Kadetten naturnotwendig eingetreten ist. Konstitutionelle Illusionen — das ist das politisch-opportunistische und bürgerliche Gift, das jetzt die Kadettenpresse, das erzwungene Schweigen der sozialistischen Zeitungen ausnutzend, durch Millionen von Exemplaren in die Gehirne des Volkes einträufelt. . . ... Es läßt sich nicht bestreiten, daß diese bürgerliche Lüge, diese Trübung des revolutionären Bewußtseins des Volkes durch- aus nicht den Charakter zufälliger Ausfälle, sondern den eines regelrechten Feldzuges trägt. Mehr noch. Die kadettische Duma (wenn die Duma eine solche sein wird) ist sozusagen die lebendige Verkörperung der konstitutionellen Illusionen, ihr Herd, der Brennpunkt aller jener Erscheinungen des politischen Lebens, die am meisten in die Augen fallen (und die sich dem oberflächlichen idealistischen Blick des Kleinbürgers als das Wesen oder wenigstens die Haupterscheinung des gegenwärtigen politischen Lebens darstellen). Wir haben hier zu tun nicht nur-mit einem systematischen Feldzug der gesamten bürgerlichen Presse, aller bürgerlichen Ideologen, die das Proletariat ins Schlepptau nehmen möchten, — wir haben hier zu tun mit einer allrus- sischen Vertretungskörperschaft, die von dem ganzen Glorienschein des ersten, mit Verlaub zu sagen, „Parlaments“ umgeben ist und die die Verwandlung der Arbeiterklasse in ein Anhängsel der Kadettenpartei befestigen soll... Jede politische Epoche stellt die Sozialdemokratie als die Vertreterin der einzigen konsequent revolutionären Klasse vor eine besondere, spezifische Aufgabe, die zur Tagesaufgabe wird und die die opportunistischen Schichten der bürgerlichen Demokratie stets zu verdunkeln und auf die eine oder andere Weise in den Hintergrund zu rücken versuchen. Zur Zeit ist eine solche spezifische politische Aufgabe der Stunde, die nur von der revolutionären Sozialdemokratie erfüllt werden kann und die zu erfüllen diese verpflichtet ist, wenn sie nicht an den übrigen, fundamentalen, ausschlaggehenden Interessen des Proletariats Verrat üben will — eine solche Aufgabe ist der Kampf gegen die konstitutionellen Illusionen. Die kleinbürgerlichen Opportu-
Über konstitutionelle Illusionen 75 an —— nisten geben sich immer mit dem Augenblick zufrieden, mit dem Glanz der letzten Neuheit, mit der Minute des ‚Fortschritts — wir müssen weiter und tiefer blicken, müssen in diesem Fortschritt sofort und unverzüglich diejenigen Seiten aufdecken, die die Grundlage und das Unterpfand des Rückschritts bilden, die die Einseiligkeit, die Beschränktheit, die Unsicherheit des Erreichten verraten und den weiteren Kampf in anderen Formen, unter anderen Bedingungen notwendig machen. Je entschiedener der Wahlsieg der Kadetten und der Opposition überhaupt, je wahrscheinlicher und näher eine kadettische Duma, um so gefährlicher werden die konstitutionellen Ilusionen, um so stärker macht sich der Widerspruch geltend zwischen der vollständigen Beibehaltung und sogar Verschärfung der reaktionären Politik des Absolutismus, der nach wie vor im Vollbesitz der Macht, ist, und der „Volks“vertretung. Dieser Widerspruch läßt mit ungeheurer Geschwindigkeit eine neue revolutionäre Krise entstehen, die unvergleichlich umfassender und tiefer, die zielbewußter und schärfer sein wird als alle vorhergehenden. Wir erleben im Jahre 1906 wahrhaftig eine Reproduktion der Revolution, wie sich ein Sozialdemokrat sehr treffend ausgedrückt hat. Die Geschichte des Jahres 1905 wiederholt sich gleichsam, beginnend wiederum von vorne mit dem unumschränkten Absolutismus, ihre Fortsetzung findend in einer gesellschaftlichen Gärung und einer oppositionellen Bewegung von noch nie dagewesener Stärke, die das ganze Land erfaßt, endend . . . wer weiß, womit — vielleicht mit einer „Reproduktion“ der Sommer-Deputation (1905) der Liberalen zum Zaren” in der Form einer Adresse oder einer Resolution der kadettischen Duma, vielleicht mit einer „Reproduktion“ der Tlut vom Herbst 1905. Es wäre lächerlich, die genauen Formen und Daten der künftigen Schritte der Revolution voraussagen zu wollen. Wichtig ist, die unvergleichlich größere Schwungkraft der Bewegung, die größere politische Erfahrung des ganzen Volkes im Auge zu behalten. Wichtig ist, nicht zu vergessen, daß eben eine revolutionäre, keineswegs eine parlamentarische Krise hereinbrechen wird. Der „parlamentarische“ Kampf in der Duma ist nur eine kurze Etappe, nur eine kleine Eisenbahnstation „Kadettische Plattform“ auf der Strecke zwischen Konstitution
16 Agitation und Propaganda in der Revolution von 1905 und Revolution. Der Kampf in der Duma kann nicht, Anbetracht der grundlegenden Besonderheiten der jetzigen sellschaftlichen und politischen Lage, über die Geschicke Volksfreiheit entscheiden, er kann nicht die Hauptform ın geder des Kampfes sein, denn dieses „Parlament“ wird, wie notorisch be- kannt ist, von keiner der beiden sich bekriegenden Parteien anerkannt, weder von den Durnowo, Dubassow®® und Co. noch vom Proletariat und von der Bauernschaft. Die Sozialdemokratie muß daher, alle konkreten Besonder- heiten des gegenwärtigen historischen Moments in Betracht ziehend, entschlossen anerkennen und systematisch in die Köpfe der Arbeiter und der aufgeklärten Bauern einhämmern, daß die Hauptform der gesellschaftlichen Bewegung im gegenwärtigen Rußland nach wie vor die unmittelbare revolutionäre Bewegung der breiten Volksmassen bleibt, die die alten Gesetze sprengen, die Organe zur Unterdrückung des Volkes vernichten, die politische Macht erobern, ein neues Recht schaffen... Im Zusammenhang damit steht nun die Frage der bürgerlichen Demokratie und ihrer Unterstützung durch das Proletariat... Die Kadetten geben sich alle erdenkliche Mühe, ihre Partei mit der bürgerlichen Demokratie schlechthin zu indentjfizieren, ihre Partei als die Hauptvertreterin der bürgerlichen Demokratie darzustellen. Das ist die größte Lüge. Und jede Unklarheit in der Definition des Begriffes „bürgerliche Demokratie“ durch die Sozialdemokraten kommt dieser Lüge zugute. Wir sind verpflichtet, die konkrete politische Aufgabe, die Unterstützung der bürgerlichen Demokratie, auf Grund einer genauen Einschätzung der konkreten Richtungen, Strömungen, Parteien innerhalb der bürgerlichen Demokratie zu lösen. Und die grundlegende Aufgabe des Moments besteht in dieser Hinsicht gerade darin, die revolutionäre bürgerliche Demokratie, d. h. solche bürgerliche Demokratie, die, wenn auch politisch nicht ganz bewußt, wenn auch mit einer Reihe von Vorurteilen behaftet und dergl,, so doch fähig ist zum entschlossenen und zähen Kampf gegen alle Ueberreste des Rußlands der Leibeigenschaft, — solche bürgerliche Demokratie zu trennen von der liberal-monarchistischen, opportunistischen bürgerlichen Demokratie, die zu jeder Abmachung mit der Reaktion fähig ist und die in jedem kritischen Moment ihre konterrevolutionären Bestrebungen hervorkehrt.
Über konstitutionelle Illusionen 77 Das Vorhandensein außerordentlich breiter Schichten der revo- lutionären Demokratie in Rußland unterliegt keinem Zweifel: ihre Unorganisiertheit, ihre Parteilosigkeit, ihre Niedergedrücktheit infolge der jetzigen Repressalien können nur ganz unaufmerksame und oberflächliche Beobachter irreführen. Mit dieser und nur mit dieser Demokratie müssen wir jetzt im Interesse der Vollendung der demokratischen Revolution „getrennt marschieren, vereint schlagen“, wobei wir die Unzuverlässigkeit der zur Zeit „führenden“ Kadettenpartei in schonungslosester Weise entlarven. Indem sich die Partei des sozialistischen Proletariats die Vollendung der demokratischen Revolution zum Ziele setzt, muß sie verstehen, nicht nur alle konstitutionellen Illusionen stets zu entlarven, nicht nur aus der Masse der bürgerlichen Demokratie die kampffähigen Elemente auszusondern, sondern auch die Bedingungen dieses entscheidenden Sieges der Revolution genau und eindeutig zu bestimmen, sie der Masse klar vor den Augen zu halten, der Masse zu zeigen und durch ihre ganze Propaganda und Agitation aufzudecken, worin eben dieser entscheidende Sieg der Revolution bestehen muß. Wenn wir das nicht tun (und die Genossen Menschewiki haben es in ihren Resolutionen nicht getan), so werden unsere Worte von der „Vollendung der Revolution‘ leere und bloße Worte bleiben. . . Sollte unsere Parlei unbedachlterweise allerhand Wahlblocks, Abkommen, Vereinbarungen mit den Kadetten schließen, sollle sie die Aufgabe des Kampies gegen die konstitutionellen Illusionen vernachlässigen, sollte sie, Annäherung an die bürgerliche Demokratie suchend, den opportunistischen Flügel dieser Demokratie, d. h. die Kadetten, mit der bürgerlichen Demokratie identifizieren, sollte sie die Notwendigkeit ernsthafter Vorbereitung zu außerparlamentarischen Kampfmethoden in einer Epoche wie die gegenwärtige vergessen, — dann würde auch unserer Partei die ernste Gefahr drohen, das traurige Schicksal der französischen kleinbürgerlichen Quasi-Sozialdemokratie der Jahre 1848/49” teilen zu müssen ...
78 Agitation und Propaganda in der Revolution von 1905 Parteiorganisation und Parteiliteratur* Der nachstehende Auszug aus einem Aufsatz über den Charakter der Parleiliteratur, den Lenin in der Zeit nach dem Oktobermanifest des Jahres 1905 schrieb — nach dem Manifest, das dem Prolelariat beschränkle demokratische Freiheiten und legale Kampfmöglichkeiten gab —, kann zweifellos als für alle heuligen kommunistischen Parteien geltend betrachtet werden. Besondere Aufmerksamkeit verdient die Formulierung des Klasseninhalts, den Lenin der abgeleierten demokralischen Phrase von der „Pressefreiheit“ gibt. Die Freiheit der proletarischen Presse kann nur „im Sinne der Befreiung vom Kapital, der Befreiung vom Strebertum, der Befreiung vom bürgerlich-monarchistischen Individualismus“ aufgefaßt werden. * Die neuen Bedingungen für die sozialdemokratische Arbeit, wie sie sich in Rußland nach der Oktoberrevolution gestaltet haben, haben die Frage der Parteilileratur auf die Tagesordnung gesetzt. Der Unterschied zwischen illegaler und legaler Presse, dieses traurige Erbe aus der Zeit des leibeigen-absolutistischen Rußlands, beginnt zu schwinden. Er ist noch nicht restlos verschwunden, bei weitem nicht. Die heuchlerische Regierung unseres Premierministers treibt es noch so arg, daß die „Iswestija‘““ (Nachrichtenblatt) des Arbeiterdeputiertenrates „illegal“ gedruckt wer- den, jedoch sind der einzige Erfolg der blöden Versuche, etwas zu „verbieten“, was die Regierung nicht zu verhindern vermag, nur eine Blamage für die Regierung, neue moralische Ohrfeigen für sie. Als ein Unterschied bestand zwischen illegaler und legaler Presse, da löste man die Frage Parteipresse oder parteilose Presse höchst einfach und höchst falsch und verzerrt. Die ganze illegale Presse war Parteipresse, wurde von Organisationen herausgegeben und von Gruppen geleitet, die auf die eine oder andere Weise mit Gruppen von praktischen Parteiarbeitern verbunden waren. Die gesamte legale Presse war keine Parteipresse, denu die Parteizugehörigkeit stand unter Verbot, wohl aber „neigte“ sie dieser oder jener Partei zu. Abnorme Bündnisse, unnatürliches „Zusammenleben“, unechte Bemäntelungen waren unver* ‚Nowaja Shisin“ Nr. 12 vom 13. November 1905.
Parteiorganisation und Parteiliteratur 79 meidlich; mit den erzwungenen Halbheiten von Leuten, die die Parteianschauungen zum Ausdruck bringen wollten, vermengte sich die gedankliche Unreife bzw. Feigheit jener, die diesen Anschauungen nicht gewachsen waren, die im Grunde keine Parteimenschen waren. Verfluchte Zeit des Redens durch die Blume, der literarischen Knechtschaft, der Sklavensprache, der geistigen Leibeigenschaft! Das Proletariat hat dieser Niedertracht, unter der alles Lebendige und Frische in Rußland zu ersticken drohte, ein Ende gemacht. Jedoch hat das Proletariat vorläufig nur die halbe Freiheit für Rußland erkämpft. Die Revolution ist noch nicht zu Ende. Ist der Zarismus schonnicht mehr imstande, die Revolution zu besiegen, so ist die Revolution noch nicht imstande, den Zarismus zu be- siegen. Und wir leben in einer Zeit, da sich überall und an allen Dingen diese widernatürliche Kombination der offenen, ehrlichen, eindeutigen, konsequenten Parteiverbundenheit mit der unterirdischen, verhüllten, „diplomatischen“, schmiegsamen ‚„Le- galität“ bemerkbar macht. Diese widernatürliche Kombination wirkt sich auch an unserer Zeitung aus: mag Herr Gutschkow“° noch so sehr über die sozialdemokratische Tyrannei witzeln, die die Drucklegung liheral-bürgerlicher, gemäßigter Blätter verbiete,” die Tatsache bleibt dennoch bestehen, das Zentralorgan der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Rußlands, der ‚„Proletarij ‚,- bleibt dennoch vor der Tür des absolutistischpolizeilichen Rußlands. Wie dem auch sei, die halbe Revolution gebietet uns allen, unverzüglich die Neugestaltung unseres Literaturwesens in Angıiff zu nehmen. Die Literatur kann jetzt, sogar „legal“, zu neun Zehnteln Parteiliteratur sein. Die Literatur muß Parteiliteratur werden. Im Gegensatz zu den bürgerlichen Sitten, im nn u rn el m eruie geuulieliiiieuugn. Gegensatz zu der bürgerlichen Geschäfts- und Krämerpresse, . im Gegensatz zum bürgerlichen literarischen Strebertum und Individualismus, zum „Edelanarchismus“ und zur Profitjagd — muß das sozialistische Proletariat das Prinzip der Parteiliteratur aufstellen, dieses Prinzip entwickeln und es möglichst vollständig und restlos verwirklichen. Worin besteht nun dieses Prinzip der Parteiliteratur? Nicht nur darin, daß für das sozialistische Proletariat das Literatur-
80 Agitation und Propaganda in der Revolution von 1905 wesen kein Mittel zur Bereicherung einzelner Personen oder Gruppen sein darf — es darf überhaupt keine individuelle Angelegenheit sein, die unabhängig wäre von der allgemeinen proletarischen Sache. Fort mit den parteilosen Literaten! Fort mit den schriftstellernden Uebermenschen! Das Literatur- wesen muß einTeil_der allgemein-proletarischen n Sachewerden, ein „Rädchen und Schräubchen“ des einen einheitlichen, großen sozialdemokratischen Mechanismus, der durch die ganze klassenbewußte Avantgarde der ganzen Arbeiterklasse angetrieben wird. Das Literaturwesen muß zu einem Bestandteil der organisierten, planmäßigen, _ vereinheitlichten sozialdemokratizn... schen Parteiarbeit werden._ Jeder Vergleich "hinkt, sagt ein deutsches Sprichwort. Es hinkt auch mein Vergleich der Literatur mit einem Schräubchen, der lebendigen Bewegung mit einem Mechanismus. Es dürften sich sogar hysterische Intellektuelle finden, die Zeter und Mordio über einen solchen Vergleich anstimmen werden, der eine Herabwürdigung, Abtötung, „Bürokratisierung‘“ des freien geistisen Kampfes, der Freiheit der Kritik, der Freiheit des literarischen Schaffens usw. usw. bedeute. Seinem Wesen nach wäre ein derartiges Geschrei nur der Ausdruck des bürgerlich-intelli- genzlerischen Individualismus. Gewiß, das Literaturwesen eignet sich am wenigsten für eine mechanische Gleichmachung, für Nivellierung, für die Herrschaft der Mehrheit über die Minderheit. Gewiß, auf diesem Gebiet ist es unbedingt notwendig, einen weiten Spielraum zu sichern der persönlichen Initiative, den individuellen Neigungen, den Gedanken und der Phantasie, der Form und dem Inhalt. All das läßt sich nicht bestreiten, aber all das beweist nur, daß der literarische Teil der Parteiarbeit des Proletariats nicht schablonenmäßig mit den übrigen Teilen der Parteiarbeit des Proletariats identifiziert werden darf. All das widerlegt keineswegs den für die Bourgeoisie und die bürgerliche Demokratie fremden und seltsamen Grundsatz, daß das Literatur- wesen unbedingt und auf jeden Fall mit den übrigen Zweigen der sozialdemokratischen Parteiarbeit untrennbar verknüpft werden muß. Die Zeitungen müssen Organe der verschiedenen „Parteiorganisationen werden. Die Schriftsteller müssen unbedingt den Parteiorganisationenbeitreten. Die ‚Verlagsanstalten_und die Lager, die Buchhandlungen und die Lesehallen, die Bibliotheken und die di en rn un © ——— Pe a a en ge
Parteiorganisation und Parteiliteratur 81 verschiedenen Literaturvertriebsstellen müssen zu Parteiunternehmungen werden, müssen der Partei unterstellt sein. Das organisierte sozialistische Proletariat muß diese ganze Tätigkeit Verfolgen, es muß sie restlos kontrollieren, es muß überall in diese ganze Arbeit den lebendigen Geist der lebendigen proletarischen Sache hineintragen, um auf diese Weise dem althergebrachten, halb Oblomowschen®””, halb krämerischen russischen Prinzip jeden Boden zu entziehen, dem zufolge der Schriftsteller zu schreiben und der Leser zu lesen pflegt. Wir wollen natürlich nicht behaupten, daß sich diese Umge- staltung des durch eine asiatische Zensur und eine europäische Bourgeoisie entstellten Literaturwesens auf einen Schlag durchführen ließe. Wir sind weit davon entfernt, irgendein starres System oder die Lösung der Aufgabe durch ein paar Beschlüsse zu propagieren. Oh nein, eine Schematisierung kommt für dieses Gebiet am wenigsten in Frage. Es handelt sich darum, daß unsere gesamte Partei, daß das gesamte klassenbewußte sozialdemokratische Proletariat in ganz Rußland diese neue Aufgabe erkenne, sie klar stelle und überall und allenthalben an ihre Lösung herangehe. Nachdem wir die Gefangenschaft der Fronherrenzensur losseworden sind, wollen wir nicht und werden wir uns nicht in die Gefangenschaft der bürgerlich-krämerischen literarischen Beziehungen begeben. Wir wollen und werden eine freie Presse schaffen, frei nicht nur im polizeilichen Sinne, sondern frei auch vom Kapital, frei vom Strebertum, ja noch mehr: frei auch vom bürgerlich-anarchistischen Individualismus. Diese letzten Worte können als ein Paradoxon oder als eine Verspottung des Lesers erscheinen. Wie! wird vielleicht irgendein Intellektueller, ein temperamentvoller Anhänger der Freiheit, ausrufen. Wie! Ihr wollt eine so delikate, individuelle Angelegenheit, wie das literarische Schaffen, der Kollektivität unterwerfen! Ihr wollt, daß Arbeiter mit Stimmenmehrheit über Fragen der Wissenschaft, der Philosophie, der Ästhetik entscheiden! Ihr leugnet die absolute Freiheit des absolut individuellen geistigen Schaffens! Beruhigt euch, meine Herren! Erstens handelt es sich urm Parteiliteratur und ihre Unterstellung der Parteikontrolle Es steht jedermann frei, zu schreiben und zu sagen, was er will, ohne die geringste Einschränkung. Aber es steht auch jedem freien M. B. 8, Lenin: Agitation u. Propaganda 6
82 Agitation und Propaganda in der Revolution von 1905 Verein (darunter der Partei) frei, solche Mitglieder fortzujagen, die das Aushängeschild der Partei ausnutzen, um parteifeindliche Ansichten zu propagieren. Die Rede- und Pressefreiheit muß vollständig sein. Aber auch die Vereinsfreiheit muß vollständig sein. Im Namen der Redefreiheit bin ich verpflichtet, dir das volle Recht einzuräumen, zu schreien, zu lügen und zu schrei- ben, was dir paßt. Aber im Namen der Vereinsfreiheit mußt du auch mir das Recht zugestehen, mit Leuten, die das und das sagen, ein Bündnis zu schließen oder es zu lösen. Die Partei ist ein freiwilliger Verein, der unvermeidlich auseinanderfallen würde, zunächst geistig und nachher auch materiell, wenn er sich nicht der Mitglieder entledigte, die parteifeindliche Ansichten propagieren. Zur Feststellung der Grenze zwischen dem, was dem Parteistandpunkt entspricht, und dem, was gegen die Partei gerichtet ist, dient aber das Parteiprogramm, dienen die taktischen Resolutionen der Partei und ihr Statut, dient schließlich die gesamte Erfahrung der internationalen Sozialdemokratie, der internationalen freiwilligen Vereine des Proletariats, das steis in seinen Parteien einzelne Elemente oder Richtungen aufwies, die nicht ganz konsequent, nicht ganz rein marxistisch, nicht ganz einwandfrei waren, das aber auch stets periodische „Säuberungen“ seiner Partei vornahm. So wird es, ihr Herren Anhänger der bürgerlichen ‚Freiheit der Kritik“, auch bei uns innerhalb der Partei sein; jetzt wird unsere Partei mit einemmal zu einer Massenpartei, jetzt machen wir einen jähen Übergang zur legalen Organisation durch, jetzt werden unvermeidlich viele inkonsequente (vom marxistischen Siandpunkt aus) Leute in die Partei kommen, vielleicht sogar manche Christen oder gar manche Mystiker. Wir haben einen kräftigen Magen, wir sind steinharte Marxisten. Wir werden diese inkonsequenten Leute verdauen. Die Freiheit des Gedankens und die Freiheit der Kritik innerhalb der Partei wird uns nie vergessen lassen die Freiheit der Gruppierung von Menschen in freien | Vereinen, genannt Parteien. Zweitens, ihr Herren bürgerlichen Individualisten, müssen wir euch sagen, daß euer Gerede über absolute Freiheit pure Heuchelei ist. In einer Gesellschaft, die auf der Macht des Geldes aufgebaut ist, in einer Gesellschaft, in der die werktätigen Massen darben und kleine Häuflein von Reichen schmarotzen, kann es keine reale und wirkliche „Freiheit“ geben. Sind Sie etwa frei Ihrem
Parteiorganisation und Parteiliteratur 83 bürgerlichen Verleger gegenüber, Herr Schriftsteller, frei gegenüber Ihrem bürgerlichen Publikum, das von Ihnen — eingerahmt und abkonterfeit — Pornographie fordert, Prostitution als „Zugabe“ zur „heiligen“ Bühnenkunst verlangt? Diese absolute Freiheit ist ja eine bürgerliche oder anarchistische Phrase (denn als Weltanschauung ist der Anarchismus umgestülpte Bürgerlichkeit). In der Gesellschaft leben und von der Gesellschaft frei sein, ist unmöglich. Die Freiheit des bürgerlichen Schriftstellers, des bürgerlichen Künstlers, der bürgerlichen Schauspielerin ist lediglich unsichtbare (oder heuchlerisch maskierte) Abhängigkeit vom Geldsack, von Korruption, vom Ausgehaltenwerden. Wir Sozialisten entlarven diese Heuchelei, reißen die falschen Aushängeschilder herunter, nicht etwa, um eine klassenlose Lite- ratur und Kunst zu erzielen (das wird erst in der sozialistischen, klassenlosen Gesellschaft möglich sein), sondern um der heuch- lerisch freien, in Wirklichkeit mit der Bourgeoisie verbundenen Literatur eine wirklich freie Literatur entgegenzustellen, die offen mit dem Proletariat verbunden ist. Das wird eine freie Literatur sein, denn nicht Eigennutz und Karriere, sondern die Idee des Sozialismus und die Sympathie für die Werktätigen werden neue und immer neue Kräfte für ihre Reihen werben. Das wird eine freie Literatur sein, denn sie wird nicht der blasierten Heldin dienen, nicht den an Langeweile und an Verfettung leidenden „oberen Zehntausend‘“, sondern den Millionen und aber Millionen Werktätigen, die die Blüte des Landes, seine Kraft und seine Zukunft sind. Das wird eine freie Literatur sein, die das letzte Wort des revolutionären Gedankens der Menschheit befruchten wird mit der Erfahrung und der lebendigen Arbeit des sozialistischen Proletariats, die eine ständige Wechselwirkung erzeugen wird zwischen der Erfahrung der Ver- sangenheit (wissenschaftlicher Sozialismus, der die Entwicklung des Sozialismus aus seinen primitiven, utopischen Formen vollen- det hat) und der Erfahrung der Gegenwart (der gegenwärtige Kampf der Genossen Arbeiter). An die Arbeit nun, Genossen! Wir haben eine schwere und neue, aber auch eine große und dankbare Aufgabe vor uns — ein umfassendes, vielseitiges, vielgestaltiges Literaturwesen zu organlisieren in enger und unlösbarer Verbindung mit der sozialdemo6”
84 Agitation und Propaganda in der Revolution von 1905 kratischen Arbeiterbewegung. Die gesamte sozialdemokratische Literatur muß Parteiliteratur werden. Sämtliche Zeitungen, Zeitschriften, Verlagsanstalten usw. müssen sofort die Reorganisationsarbeit in Angriff nehmen, müssen auf einen Zustand hinarbeiten, wo sie in der einen oder anderen Form aufs engste mit der einen oder anderen Parteiorganisation verbunden sind. Erst dann wird die „sozialdemokratische“ Literatur tatsächlich eine solche werden, erst dann wird sie ihre Pflicht erfüllen können, erst dann wird sie auch im Rahmen der bürgerlichen Gesellschaft imstande sein, sich von der Knechtschaft der Bourgeoisie freizumachen und zu verschmelzen mit der Bewegung der wirklich fortschrittlichen und bis zu Ende revolutionären Klasse.
II AGITATION UND PROPAGANDAIN DEN JAHREN DER REAKTION
87 Die Aufgaben der Partei in der Periode der Reaktion“ Der Dezemberaufstand in Moskau bildet den Höhepunkt in der Entwicklung der Revolution. Von da an beginnt die Kurve der revolutionären Bewegung, trotz des heldenmütigen Widerstandes des Proletariats, trotz der um sich greifenden Agrarbewegung, zu sinken. Im April 1906 wird die erste Reichsduma einberufen, um nach wenigen Monaten von der Regierung aufgelöst zu werden. Das gleiche Schicksal erwartet die zweite Duma, die im Februar 1907 zusammentritt. Am 3. Juni 1907 wird sie auseinandergejagt, ein Teil der Abgeordneten verhaftet. Die Regierung erläßt ein neues Wahlgesetz, das die Rechte der Arbeiter und Bauern beschränkt und die Duma den Großgrundbesitzern und Kapilalisten ausliefert. Gleichzeitig entsendet die Regierung Strafexpeditionen, alle revolutionären Organisationen werden zerschlagen, sozialdemokratische und andere Zeitungen verboten, in ganz Rußland Judenpogrome veranstaltet. Es begann eine Zeit schwärzester Reaktion. Sie rief eine Krise innerhalb der Parteiorganisationen hervor, die in der Desorganisation ihrer Reihen, in der Desertion der unzuverlässigen kleinbürgerlichen Elemente, in Depressionsstimmungen und im Verlust der revolutionären Perspektive durch einen Teil der Sozialdemokratie zum Ausdruck kam. So lagen die Dinge, als die Allrussische Parteikonferenz zusammentrat (1908), die auf Grund der Analyse der Lage die Aufgaben der Partei für die Periode der Reaktion _. festlegte. Die Hauptlosungen der Bolschewiki waren der Kampf um die Partei, die Organisierung und Festigung ihrer Reihen, die Gewinnung breiter Massen für die Vorbereitung zu neuen revolutionären Kämpfen und die Ausnutzung aller legalen Möglichkeiten für diesen Zweck. Der Klarlegung dieser Losungen sind die beiden nachfolgenden Aufsätze gewidmet. * Ein Jahr des Zerfalls, ein Jahr der ideologisch-politischen Zerfahrenheit, ein Jahr der Irrfahrten der Partei liegt hinter uns. Die Parteiorganisationen haben alle an Mitgliederzahl eingebüßt, einige — und zwar die, deren Zusammensetzung am wenigsten proletarisch war — sind auseinandergefallen. Die durch die Revolution geschaffenen halblegalen Parteiinstitutionen flogen immer wieder auf. Es ging so weit, daß für einige Elemente innerhalb der Partei, die dem Einfluß des Zerfalls unterlagen, die Frage entstand, ob es notwendig sei, die frühere Sozialdemokratische Partei aufrechtzuerhalten, ob es notwendig sei, ihr Werk fortzusetzen, ob es notwendig sei, wieder in die * Aus dem Artikel: „Auf den Weg‘ vom 28. Januar (10. Februar) 1909.
88 Agitation und Propaganda in den Jahren der Reaktion -_—— Doku Illegalität zu gehen, und wie das zu tun sei, — und diese Frage beantworteten die äußersten Rechten im Sinne der Legalisierung um jeden Preis, selbst um den eines offenen Verzichts auf das Parteiprogramm, die Parteitaktik und die Parteiorganisation (die sogenannte liquidatorische Strömung). Die Krise war zweifellos nicht nur eine organisatorische, sondern auch eine ideologisch-politische. Die vor kurzem stattgefundene Allrussische Konferenz der SDAPR führt die Partei wieder auf den Weg und stellt offenbar einen Wendepunkt in der Entwicklung der russischen Arbeiterbewegung nach dem Sieg der Konterrevolution dar... Die marxistische Analyse des gegenwärtigen Wechselverhältnisses der Klassen und der neuen Politik des Zarismus; der Hin- weis auf das nächste Kampfziel, das sich unsere Partei nach wie vor setzt; die Beurteilung der Lehren der Revolution in bezug auf die Richtigkeit der revolutionär-sozialdemokratischen Taktik; die Klarlegung der Ursachen der Parteikrise und der Hinweis auf die Rolle des proletarischen Elements der Partei bei der Bekämpfung der Krise; die Entscheidung über die Beziehungen zwischen illegaler und legaler Organisation; die Anerkennung der Notwendigkeit der Ausnutzung der Dumatrihüne und die Ausarbeitung genauer Richtlinien für unsere Dumafraktion im Zusammenhang mit einer offenherzigen Kritik ihrer Fehler — das ist der Hauptinhalt der Konferenzbeschlüsse, die eine vollständige Antwort geben auf die Frage nach der Wahl eines zielklaren Weges in gegenwärtiger schwerer Zeit durch die Partei der Arbeiterklasse. Sehen wir uns diese Antwort recht aufmerksam an. Das Wechselverhältnis der Klassen — in ihrer politischen Gruppierung — bleibt das gleiche, wie es für die vergangene Periode des direkten revolutionären Massenkampfes charakteristisch war. Die ungeheure Mehrheit der Bauernschaft kann nicht umhin, nach einer solchen Agrarumwälzung zu streben, die den halbfeudalen Grundbesitz abschaffen würde und die ohne den Sturz der Zarenherrschaft nicht zu verwirklichen ıst. Der Triumph der Reaktion lastet besonders schwer auf den demokratischen Elementen der Bauernschaft, die zu einer festen Organisation nicht fähig ist. Aber trotz allen Druckes, trotz der stockreaktionären Duma, trotz der äußersten Unzuverlässigkeit der Trudowiki” ist die revolutionäre Gesinnung der
Die Aufgaben der Partei in der Periode der Reaktion 89 Bauernmassen sogar aus den Debatien in der dritten Duma klar zu ersehen. Die grundlegende Stellung des Proletariats in bezug auf die Aufgaben der bürgerlich-demokratischen Revolution in Rußland bleibt unverändert: die demokratische Bauernschaft zu führen, sie dem Einfluß der liberalen Bourgeois, der Kadetten- partei, zu entreißen, die, trotz kleiner Zwistigkeiten über Einzelheiten, ihre Annäherung an die Oktobristen®! weiterbetreibt und in letzter Zeit bestrebt ist, den Nationalliberalismus ins Leben zu rufen, den Zarismus und die Reaktion durch eine chauvi- nistische Agitation zu unterstützen. Der Kampf wird nach wie vor geführt ... . um die vollständige Beseitigung der Monarchie und die Eroberung der politischen Macht durch das Proletariat und die revolutionäre Bauernschaft. Der Absolutismus besteht nach wie vor, er ist der Hauptfeind des Proletariats und der gesamten Demokratie. Aber es wäre ein Fehler, zu glauben, daß er der alte geblieben sei. Die Stolypinsche’” „Verfassung“ und die Stolypinsche Agrarpolitik bedeuten eine neue Etappe der Zersetzung des alten, halb patriarchalischen, halb auf Leibeigenschaft beruhenden Zarismus, einen neuen Schritt auf dem Wege seiner Umwandlung in eine bürgerliche Monarchie. .. Die Eigenart des gegenwärtigen Moments besteht darin, daß der Absolutismus genötigt war, eine Vertretungskörperschaft für bestimmte Schichten der Bourgeoisie zu schaffen, genötigt war, zwischen diesen und den Anhängern der Leibeigenschaft zu lavieren und in der Duma ein Bündnis zwischen diesen Schichten zu organisieren, daß er genötigt war, jede Hoffnung auf die patriarchalische Gesinnung des Muschik fahren zu lassen und in den reichen Bauern, die die Dorfgemeinde ruinieren, eine Stütze gegen die Masse der Landbevölkerung zu suchen.. . Diese Etappe muß überwunden werden; die neuen Bedingungen des Moments erfordern neue Kampfformen; die Ausnutzung der Dumatribüne wird zu einer unbedingten Notwendigkeit; die langwierige Arbeit der Erziehung und Organisierung der proletarischen Massen rückt in den Vordergrund; die Kombi- nierung illegaler und legaler Organisation stellt die Partei vor besondere Aufgaben; die Popularisierung und Klarlegung der Er-
30 Agitation und Propaganda in den Jahren der Reaktion fahrung der Revolution, die von den Liberalen und den intelligenzlerischen Liquidatoren diskreditiert wird, ist sowohl zu theo- retischen als zu praktischen Zwecken notwendig. Aber die tak- iische Linie der Partei, die es verstehen muß, in den Methoden und Mitteln des Kampfes den neuen Verhältnissen Rechnung zu tragen, bleibt unverändert. Die Richtigkeit der revolutionär-sozialdemokratischen Taktik ... . ist bestätigt worden durch die Erfahrung der Massenkämpfe der Jahre 1905—1907. Die Niederlage der Revolution als Ergebnis dieser ersten Kampagne hat uicht die Unrichtigkeit der Aufgaben offenbart, nicht den „utopischen‘“ Charakter der nächsten Ziele, nicht die falsche Wahl der Mittel und Methoden, sondern die ungenügende Vorbereitung der Kräfte, die ungenügende Tiefe und Breite der revolutionären Krise... Mögen die Liberalen und die konfus gewordenen Intellektuellen nach dem ersten wirklichen Massengefecht für die Freiheit den Mut sinken lassen und feige wiederholen: Geht nicht dorthin, wo ihr schon einmal geschlagen worden seid, beschreitet nicht mehr diesen verhängnisvollen Weg. Das klassenbewußte Proletariat wird ihnen antworten: die großen Kämpfe in der Geschichte wurden nur dadurch entschieden, die großen Aufgaben der Revolutionen nur dadurch gelöst, daß die fortschrittlichenKlassen ihren Ansturm immer wiederholten und, durch die Erfahrungen der Niederlagen gewitzigt, den Sieg errangen. Geschlagene Armeen pflegen gut zu lernen. Die revolutionären Klassen Rußlands sind bei ihrem ersten Feldzug geschlagen worden, aber die revolutionäre Lage bleibt die alte.e In neuen Formen und auf anderem Wege — manchmal viel langsamer, als es uns lieb wäre — nähert sich die revolutionäre Krise noch einmal, reift von neuem heran. Die langwierige Arbeit, breitere Massen auf diese Krise vorzubereiten, vorzubereiten auf ernstere Weise, unter Be- rücksichtigung höherer und konkreterer Aufgaben, muß von uns durchgeführt werden, und je erfolgreicher sie durchgeführt wird, desto sicherer wird im neuen Kampf der Sieg sein. Das russische Proletariat kann stolz sein darauf, daß 1905 unter seiner Füh- rung eine Nation von Sklaven zum erstenmal zu einem den Zarismus angreifenden Millionenheer, zu einer Armee der Revolu- tion geworden ist. Und dasselbe Proletariat wird jetzt imstande
Die Aufgaben der Partei in der Periode der Reaktion 91 sein, konsequent, standhaft, geduldig die Arbeit der Erziehung und Vorbereitung neuer Kader einer mächtigen revolutionären Streitmacht durchzuführen. Die Ausnutzung der Dumatribüne ist, wie wir bereits erwähnt haben, ein unerläßlicher Bestandteil dieser Erziehungs- und Bildungsarbeit. . . . Die illegale Partei muß verstehen, muß lernen, die legale Dumafraktion ausnutzen, muß diese zu einer auf der Höhe ihrer Aufgaben stehenden Parteiorganisation erziehen. Es wäre die verfehlteste Taktik, die traurigste Abweichung von der konsequenten proletarischen Arbeit, die durch die Bedingungen des gegenwärtigen Moments vorgeschrieben wird, wollte man die Frage der Abberufung der Fraktion stellen... ... oder auf eine direkte und offene Kritik ihrer Fehler verzichten. .. Die Resolution erkennt durchaus an, daß die Fraktion auch solche Fehler gemacht hat, für die nicht sie allein verantwortlich ist und die vollkommen analog sind den unvermeidlichen Fehlern aller unserer Parteiorganisationen. Aber es gibt auch andere Fehler — Abweichungen von der politischen Linie der Partei. Wenn es solche Abweichungen gegeben hat, wenn sie von einer Organisation ausgegangen sind, die Öffentlich im Namen der Gesamtpartei auftritt, so war die Partei verpflichtet, klar und eindeutig zu sagen, daß das Abweichungen gewesen sind. In der Geschichte der westeuropäischen sozialistischen Parteien hat es mehrfach Beispiele eines anormalen Verhältnisses der Parlamentsfraktionen zur Partei gegeben; in den romanischen Ländeın ist dieses Verhältnis bis auf den heutigen Tag sehr oft abnorm, die Fraktionen sind nicht genügend mit der Partei verbunden. Wir müssen bei der Schaffung des sozialdemokratischen Parlamentarismus in Rußland von vornherein anders vorgehen, von vornherein die Arbeit auf diesem Gebiet geschlossen in An- griff nehmen, — damit jeder sozialdemokratische Abgeordnete tatsächlich fühlt, daß die Partei hinter ihm steht, unter seinen Fehlern leidet, für die Wiedergutmachung seiner Fehler Sorge trägt, — damit: jeder Parteiarbeiter an der gemeinsamen Dumaarbeit der Partei teilnimmt, aus der sachlichen, marxistischen Kritik ihrer Schritte lernt, sich verpflichtet fühlt, ihr zu helfen, danach strebt, daß die spezielle Arbeit der Fraktion mit der ge-
Agitation und Propaganda in den Jahren der Reaktion 92 # samten Propaganda- und Agitationstätigkeit der Partei koordiniert wird. Die Frage des Verhältnisses zur Dumafraktion hat eine taktische und eine organisatorische Seite. .. Der gegenwärtige Moment wird, wie wir schon gesagt haben, dadurch charakterisiert, daß eine gewisse Anzahl von Parteiarbeitern, vornehmlich Intel- lektuelle, zum Teil aber auch Arbeiter, die Partei verlassen. Die liquidatorische Strömung stellt die Frage: Sind es die besten, aktivsten Elemente, die die Partei verlassen und als Tätigkeitsfeld die legalen Organisationen wählen, oder treten aus der Partei nur „schwankende, intelligenzlerische und kleinbürgerliche Elemente“ aus? Es erübrigt sich, zu sagen, daß die Konferenz, die das Liquidatorentum entschieden ablehnte und verurteilte, die Frage im letzteren Sinne beantwortete. Die besten proletarischen Elemente der Partei, die prinzipienfestesten und der So- zialdemokratie ergebensten Elemente der Intelligenz sind der SDAPR treu geblieben. Die Austritte aus der Partei bedeuten ihre Säuberung, ihre Befreiung von den am wenigsten Widerstandsfähigen, den unzuverlässigen Freunden, den Mitläufern, die sich immer nur vorübergehend dem Proletariat anschließen und sich aus dem Kleinbürgertum oder aus den „Deklassierten” rekrutieren, d. h. aus Leuten, die aus den Reihen dieser oder jener be- stimmten Klasse ausgeschieden sind. Aus dieser Beurteilung des parteiorganisatorischen Prinzips ergibt sich von selbst auch die Linie der Organisationspolitik... Ausbau der illegalen Parteiorganisation, Schaffung von Parteizellen auf allen Arbeitsgebieten, in erster Linie Gründung „nur aus Parteimitgliedern bestehender, wenn auch zahlenmäßig nicht starker Arbeiterkomitees in jedem Industrieunternehmen’”“, Konzentrierung der leitenden Funktionen in den Händen der Führer der sozialdemokratischen Bewegung aus der Mitte der Arbeiter selber, — das ist die Aufgabe des Tages. Und selbstverständlich muß es die Aufgabe dieser Zellen und Komitees sein, alle halblegalen und nach Möglichkeit auch die legalen Organisationen auszunutzen, „enge Verbindung mit den Massen” aufrechtzuerhal- ten, der Arbeit eine solche Richtung zu geben, daß die Sozialdemokratie auf alle Bedürfnisse der Massen reagiert. Jede Zelle
Die Aufgaben der Partei in der Periode der Reaktion 93 und jedes Arbeiterkomitee der Partei muß ein „Stützpunkt für die agitatorische, propagandistische und organisatorische Arbeit unter den Massen“ werden, d. h. muß unbedingt dorthin gehen, wohin die Masse geht, und muß bemüht sein, auf Schritt und Trıtt das Bewußtsein der Masse in die Richtung zum Sozialismus zu drängen, jede Teilfrage mit den allgemeinen Aufgaben des Proletariats zu verknüpfen, jedes organisatorische Beginnen in cine Angelegenheit der Klassen sammlung zu verwandeln, sich durch Energie und ideologischen Einfluß (natürlich nicht durch Amt und Würde) die führende Rolle in allen legalen proletarischen Organisationen zu erkämpfen. Mögen diese Zellen und Komitees mitunter zahlenmäßig sehr schwach sein, dafür werden sie durch die Parteitradition und Parteiorganisation, durch ein, bestimmtes Klassenprogramm miteinander verknüpft sein; und zwei oder drei in der Partei organisierte Sozialdemokraten werden auf diese Weise imstande sein, sich nicht in der formlosen legalen Organisation zu verlieren, sondern unter allen Bedinsungen, in allen Verhältnissen, in allen möglichen Lagen ihre eigene Parteilinie durchzuführen, auf ihre Umgebung im Geist der Gesamtpartei einzuwirken, statt sich von dieser Umgebung aufsaugen zu lassen. Massenorganisationen dieser oder jener Art können aufgelöst, legale Gewerkschaften zur Strecke gebracht werden, jedes legale Beginnen der Arbeiter kann man unter dem Regim der Konterrevolution an Polizeischikanen scheitern lassen, aber keine Kraft der Welt wird die Massenkonzentration der Arbeiter in . einem kapitalistischen Lande beseitigen, und ein solches ist Rußland bereits geworden. So oder anders, legal oder halblegal, offen oder versteckt wird die Arbeiterklasse den oder jenen Sammelpunkt finden, — immer und überall werden an der Spitze der Masse klassenbewußte, in der Partei organisierte Sozialdemokraten marschieren, immer und überall werden sie sich zusammenschließen, um auf die Masse im Geiste der Partei einzuwirken. Und die Sozialdemokratie, die in der offenen Revolution bewiesen hat, daß sie die Partei der Klasse ist, die es verstanden hat, Millionen sowohl in den Streik als auch in den Aufstand des Jah- res 1905 und in die Wahlkampagne 1906—1907 zu führen, wird es auch jetzt verstehen, die Partei der Klasse, die Partei der Massen zu bleiben, eine Avantgarde zu bleiben, die sich in den
94 Agitation und Propaganda in den Jahren der Reaktion allerschwersten Zeiten von der Gesamtarmee nicht trennt, sie wird es verstehen, dieser Armee zu helfen, die schweren Zeiten zu überwinden, ihre Reihen neu zu schließen, neue und immer neue Kämpfer vorzubereiten. . . . Die Partei, die fähig sein wird, ihre Kräfte zu sammeln, um im Kontakt mit den Massen konsequente Arbeit zu leisten, die Partei der führenden Klasse, die es verstehen wird, die Avantgarde dieser Klasse zu organisieren, die ihre Kräfte darauf richten wird, um auf jede Erscheinung im Leben des Proletariats im sozialdemokratischen Sinne einzuwirken, diese Partei wird, mag kommen was will, siegen..
85 Anläßlich zweier Briefe * Wir bringen in der vorliegenden Nummer des ‚„Proletarij“ erstens den Brief eines olsowistischen®* Arbeiters, zweitens den Brief des Genossen Michael Tomski”, eines Arbeiters aus Petersburg... Beide Autoren erkennen an, daß unsere Partei nicht nur eine organisatorische, sondern auch eine ideologisch-politische Krise durchmacht. Das ist eine Tatsache, die zu verheimlichen keinen Sinn hätte. Man muß sich vielmehr klare Rechenschaft ablegen über die Ursachen der Krise und über die Mittel zu ihrer Bekämpfung. Beginnen wir mit dem Petersburger. Aus seinem ganzen Brief geht deutlich hervor, daß seiner Ansicht nach die Ursachen der Krise zweifache sind. Einerseits habe der Mangel an sozialdemokratischen Führern, die aus der Arbeiterschaft selber hervorgegangen wären, zur Folge gehabt, daß die fast epidemieartige Fiucht der Intellektuellen aus der Partei vielerorts den Zerfall der Organisation bedeutet habe, daß man es nicht verstanden habe, die infolge der schweren Repressalien, der Apathie und der Erschöpfung der Massen gelichteten Reihen neu zu sammeln und festzufügen. Andererseits sei nach Meinung des Verfassers in unserer Propaganda und Agitation die Bedeutung der ‚„Lage“ stark übertrieben worden, d. h., man habe sich zu sehr auf die Tagesfragen der revolutionären Taktik und nicht auf die Propaganda des Sozialismus, nicht auf die Vertiefung des sozialdemokratischen Bewußtseins des Proletariats konzentriert. ‚Die Arbeiter wurden Revolutionäre, wurden Demokraten, aber nur nicht Sozialisten“ und, als die allgemein-demokratische, d.h. die bürgerlich-demokratische Bewegung abgeflaut sei, da hätten sie in sehr großer Zahl die Reihen der Sozialdemokratischen Partei verlassen. Diese Ansicht verbindet der Petersburger Genosse mit einer scharfen Kritik der „unbegründeten“ „Erfindung“ von Lo* Aus dem Artikel: „Anläßlich zweier Briefe“, „Proletarij“ Nr. 39 vom 13. (26.) November 1908.
96 Agitation und Propaganda in den Jahren der Reaktion sungen und mit der Forderung ernsterer propagandistischer Arbeit. Wir denken, daß der Verfasser, der gegen ein Extrem kämpft, manchmal in ein anderes Extrem verfällt, aber im großen und ganzen steht er zweifellos auf einem durchaus richtigen Standpunkt. Man kann nicht sagen, daß es ein „Vergehen‘ gewesen sei, um Tagesfragen ‚ganze Kampagnen zu veranstalten“. Das ist übertrieben. Das bedeutet, angesichts der heutigen Verhältnisse die gestrigen zu vergessen, und im Grunde korrigiert sich der Verfasser selbst, indem er zugibt, daß „der Augenblick unmittelbarer Aktionen des Proletariats natürlich eine Frage von außerordentlicher Natur“ sei. Betrachten wir zwei solcher Aktionen, die ihrer Art und der Zeit ihrer Durchführung nach möglichst weit von einander entfernt liegen: den Boykott der BulyginDuma’ im Herbst 1905 und die Wahlen zur zweiten Duma zu Beginn des Jahres 1907. War es möglich, daß eine halbwegs lebendige und lebensfähige proletarische Partei in einer solchen Zeit ihre Hauptaufmerksamkeit und Hauptagitation nicht auf die Tageslosungen konzentrierte? War es möglich, daß die Sozialdemokratische Partei, die in diesen beiden Augenblicken die Massen des Proletariats hinter sich hatte, den inneren Kampf nicht auf Losungen konzentrierte, die das sofortige Verhalten der Massen bestimmten? In die Bulygin-Duma gehen oder sie sabotieren? An den Wahlen zur zweiten Duma im Block mit den Kadetten cder gegen die Kadetten teilzunehmen? Es genügt, die Frage klar zu stellen und sich die Bedingungen jener Zeit in Erinnerung zu rufen, um eine sichere Antwort zu geben. Der erbitterte Kampf um diese oder jene Losung wurde damals nicht durch ein „Vergehen der Partei hervorgerufen, nein, er wurde her- vorgerufen durch die objektive Notwendigkeit eines raschen und einheitlichen Beschlusses, zu einer Zeit, da die Partei sich vorher nicht verständigt hatte, da es zwei Taktiken, zwei ideologische Strömungen in der Partei gab, eine kleinbürgerlich-opportunistische und eine proletarisch-revolutionäre. Und ebenso darf man die Sache nicht so darstellen, als wäre zu jener Zeit die Propaganda des Sozialismus, die Verbreitung marxistischer Kenntnisse unter den Massen vernachlässigt worden. Das wäre eine Unwahrheit. Gerade in jener Periode, 1905 bis 1907, ıst in Rußland eine Unmasse ernster, theoretischer, so-
Anlaßlich zweier Briefe 97 zialdemokratischer Literatur — hauptsächlich Übersetzungen aus fremden Sprachen — verbreitet worden, die Ihre Früchte noch zeitigen wird. Wir sollen nicht kleingläubig sein, wir sollen unsere persönliche Ungeduld nicht den Massen aufdrängen. Solche Mengen theoretischer Literatur, innerhalb so kurzer Zeit in die jungfräulichen, vom sozialistischen Buch noch fast unberührten Massen geworfen, können nicht auf einmal verdaut werden. Die Saat der sozialdemokratischen Schriften ist aber nicht verloren. Sie ist gesät. Sie wächst. Und sie wird Früchte zeitigen — vielleicht nicht morgen, nicht übermorgen, sondern etwas später, wir sind nicht imstande, die objektiven Bedingungen des Heranreifens einer neuen Krise zu ändern, — aber sie wird Früchte tragen. Trotzdem enthält der Grundgedanke des Verfassers eine tiefe Wahrheit. Diese Wahrheit besteht darin, daß in der bürgerlichdemokratischen Revolution eine gewisse Verflechtung der proletarisch-sozialistischen und kleinbürgerlich-demokratischen (der opportunistisch-demokratischen wie der revolutionär-demokratischen) Elemente und Tendenzen unvermeidlich ist. Die erste Kampagne der bürgerlichen Revolulion in einem sich kapitalistisch entwickelnden „Bauerlande“ konntenicht vor sich gehen, ohne daß eine objektive Verschmelzung bestimmter proletarischer Schichten mit bestimmten kleinbürgerlichen Schichten in Erscheinung trat. Jetzt machen wir den Prozeß der unerläßlichen Differenzierung, der Abgrenzung, derneuen Auslese der wirklichen proletarisch-sozialistischen Elemente durch, den Prozeß ihrer BefreiungvondenMitläufern, die sich der Bewegung nur angeschlossen haben einerseits wegen der „zugkräftigen“ Losung oder, anderseits, um gemeinsam mit den Kadetten den Kampf um eine „mit aller Machtvollkommenheit ausgestattete Duma“ zu führen. In verschiedenem Maße findet diese Differenzierung in beiden sozialdemokratischen Fraktionen statt. Es ist doch eine Tatsache, daß die Reihen sowohl der Menschewiki als auch der Bol- schewiki gelichtet sindl Wir sollten das ohne Scheu eingestehen. Es unterliegt natürlich nicht dem geringsten Zweifel, daß der linke Flügel von einem solchen Zerfall und einer solchen Demoralisierung, wie sie in den Reihen des rechten Flügels der Partei zu beobachten sind, verschont geblieben ist. Und das ist kein M. B. 8, Lenin: Agitation u. Propaganda 7
98 Agitation und Propaganda in den Jahren der Reaktion Zufall: der Mangel an Prinzipienfestigkeit mußte den Zerfall fördern. Die Ereignisse werden in der Praxis endgültig zeigen, wo und wieso mehr organisierte Geschlossenheit, proletarische Ergebenheit, marxistische Konsequenz vorhanden sind. Solche Streitigkeiten werden durch das Leben entschieden und nicht durch Worte, nicht durch Versprechungen, nicht durch Gelöbnisse. Die Tatsache der Zerfahrenheit und der Schwankungen ist vorhanden, und diese Tatsache erheischt ihre Erklärung. Die Erklärung aber kann keine andere sein, als die Notwendigkeit einer neuenDifferenzierung. Illustrieren wir unseren Gedanken durch einige kleine Beispiele: durch die Zusammensetzung der „Gefängnisbevölkerung“ (wie die Rechtsbeflissenen zu sagen pflegen), d. h., durch die Zu- sammensetzung der Leute, die sich aus politischen Gründen im Gefängnis, in der Verbannung, in der Katorga und in der Emisration befinden. Diese Zusammensetzung ist ja eine wahrheitsgetreue Widerspiegelung der Wirklichkeit von gestern. Kann aber ein Zweifel darüber bestehen, daß die Zusammensetzung der „Politischen“, die die mehr oder weniger entfernten Verbannungsorte bevölkern, hinsichtlich der politischen Ansichten und Stimmungen sehr buntscheckig ist, daß unter ihnen Unklarheit und Konfusion herrscht? Die Revolution hat so tiefe Schichten des Volkes zum politischen Leben erweckt, sie hat überall so viele zufällig in die Bewegung geratene Menschen an die Oberfläche gebracht, so viele „Augenblickshelden“, so viele Neulinge, daß das Fehlen jeder geschlossenen Weltanschauung bei sehr vielen von ihnen absolut unvermeidlich ist. Diese Weltanschauung kann nicht in wenigen Monaten fieberhafter Erregung erworben werden, — die durchschnittliche „Lebensdauer“ der meisten Revo- lutionäre der ersten Periode unserer Revolution dürfte aber über einige Monate nicht hinausgehen. Darum ist eine neue Differenzierung der durch die Revolution aufgewühlten neuen Schichten, neuen Gruppen, neuen Revolutionäre absolut unvermeidlich. Und diese Differenzierung geht jetzt vor sich. Die Erscheinung z. B., daß eine ganze Reihe von Menschewiki die Sozialdemokratische Partei totsagen möchten, bedeutet ım Grunde nur, daß diese ehrbaren Herrschaften sich selbst als Sozialdemokraten zu Grabe tragen. Wir haben diese Differenzierung nie und nimmer zu fürchten. Wir müssen sie begrüßen, müssen sie
Anläßlich zweier Briefe 99 unterstützen. Mögen kleinmütige Menschen jammern, mögen sie schreien: wieder Kampf! wieder innere Reibungen! wieder Polemik! Wir antworten: ohne einen neuen und immer wieder neuen Kampf ist eine wirklich proletarische, revolutionäre Sozialdemokratie noch nie und nirgends geschaffen worden. Bei uns in Rußland aber vollzieht sich ihr Bildungsprozeß sogar in der jetzigen schwierigen Zeit und sie wird diesen Prozeß zum Abschluß bringen. Die Gewähr dafür bietet die gesamte kapitalistische Entwicklung Rußlands, der Einfluß des internationalen Sozialısmus auf uns, die revolutionäre Tendenz der ersten Kampagne von 1905 bis 1907. Im Interesse dieser neuen Differenzierung ist eine intensive theoretische Arbeit notwendig. Die „Lage“ ist eben in Rußland dadurch gekennzeichnet, daß die theoretische Arbeit des Marxismus, ihre Vertiefung und Erweiterung nicht von der Stimmung dieser oder jener Personen, nicht von der Begeisterung einzelner Gruppen, ja nicht einmal nur von den polizeilichen Praktiken, durch die viele aus der „Praxis“ ausgeschaltet worden sind, vor- geschrieben wird, sondern von der objektiven Lage ım Lande. Wenn die Massen dabei sind, die neue und ungewöhnlich reiche Erfahrung des unmittelbar revolutionären Kampfes zu verarbeiten, dann wird der theoretische Kampf um die revolutionäre Weltanschauung, d. h. um den revolutionären Marxismus, zur Losung des Tages. Darum hat der Petersburger Genosse tausendmal recht, wenn er die Notwendigkeit der Vertiefung der sozialistischen Propaganda, die Notwendigkeit der Durcharbeitung neuer Tragen, die Notwendigkeit jeglicher Förderung und Ent- wicklung von Zirkeln betont, die die Arbeiter selber zu wirklichen Sozialdemokraten, zu sozialdemokratischen Führern der Parteizellen — Masse heranbilden. Hier ist die Rolle der bei deren bloßer Erwähnung die Dan und Co.’ epileptische Anfälle kriegen — besonders wichtig, und den den opportunistischen Intellektuellen so verhaßten „Berufsrevolutionären“ fällt die Aufgabe zu, eine neue dankbare Rolle zu spielen. Aber Genosse Michael Tomski verfällt auch hier, wo er einen vollkommen richtigen Gedanken verteidigt, zum Teil ins andere Extrem. So z. B. hat er nicht recht, wenn er die Erfahrung der drei Revolutionsjahre, die praktischen Lehren des direkten Massenkampfes, das Fazit der revolutionär-politischen Agitation usw. *
100 Agitation und Propaganda in den Jahren der Reaktion aus der Zahl der „ernsten Fragen“ ausschließt. Es ist anzunehmen, daß wir es hier sogar mil einer einfachen Lücke in der Darlegung des Verfassers zu tun haben bzw. mit einzelnen Fehlern, entstanden durch die Bedingungen der eiligen Arbeit. Diese Zusammenfassung, diese Bilanz, aulgestellt vor möglichst breiten Arbeiterkreisen, ist viel wichtiger als die Fragen der „lokalen Gerichte‘, der „örtlichen Selbstverwaltung‘ und ähnlicher ‚Reformen“ im Stolypin-Rußland, von denen die Bürokraten und Liberalen gern zu schwaizen pflegen. Solche „Reformen“ sind angesichts der erzreaklionären Duma und des erzreaktionären Absolutismus unvermeidlich dazu verurteilt, eine Komödie zu bleiben. Dafür hat Genosse Michael Tomski aber vollkommen recht, wenn er sich wendet gegen die „Erfindung von Losungen“ im allgemeinen und gegen solche Losungen, wie „Fort mit der Duma“ oder „Fort mit der Fraktion“, im besonderen. Er hat tausendmal recht, wenn er dieser „Konfusion‘ die konsequente sozialdemokratische Organisations-, Propaganda- und Agitationsarbeit entgegenstellt, die die Sozialdemokratische Partei und ihre den Opportunisten so verhaßten Traditionen festigt, die Kontinuierlichkeit der Arbeit fördert, den Einfluß dieser Partei, der früheren Partei, auf die proletarischen Massen erweitert und festigt ...
101 Über den Otsowismus” Die Krise, die die Parteiorganisation erfaßt halte, kam zum Ausdruck in der Entstehung verschiedener Richlungen innerhalb der menschewistischen und der bolschewislischen Fraktionen. In der Frage der illegalen Organisation zerfielen die Menschewiki in Liquidatoren, die die Notwendigkeit dieser illegalen Organisation verneinten, und in „menschewislische Parteiler‘‘ mit Plechanow an der Spitze, die für die illegale Partei einlraten. Auch die bolschewistische Fraktion spaltele sich in mehrere Richlungen: in Olsowisten, in „Goltmacher38“ und die „zen- trale“ Hauptgruppe mil Lenin an der Spitze. Gegenstand der Meinungsverschiedenheilen mit den Öltsowisten, die auf die Abberufung der Duma-Frak- tion bestanden, war die Frage der Ausnutzung der legalen Möglichkeiten, insbesondere der Staalsduma. Der Kampf gegen die Olsowistien war ein Kampf um die Massenparlei, ein Kampf gegen das Seklierertum und den Doktrinarismus. Er endete mit dem Sieg der Lenin-Gruppe und dem Ausschluß der besonders unversöhnlichen Anhänger des Duma-Boykolis. Durch ihre richlige Taktik der Entlarvung der rechlen menschewistischen Liquidatoren und. der „linken“ Olsowisten erreichlen es die Bolschewiki, daß die Partei inlakt blieb. Dadurch konnten sie die Massen führen und sie für die neue Revolution vorbereiten. % ... Die Ötsowisten und ihre abgesägten Nachbeter”” haben gehört und haben es sich eingeprägt, daß der Bolschewismus den unmittelbaren Massenkampf, der sogar die Truppen in die Bewegung hineinzieht (d.h. den starrsten Teil der Bevölkerung, der am wenigsten beweglich, vor der Propaganda am besten geschützt ist usw.) und der die Kampfaktionen in einen wirklichen Aufstand münden läßt, als die höhere Form der Bewegung betrachtet, die parlamentarische Tätigkeit ohne unmittelbare Massenbewegung dagegen als die niedere Form der Bewegung. Die Otsowisten und ihre Nachbeter vom Schlage Bogdanows haben es gehört und haben es sich eingeprägt, ohne es zu begreifen, und haben sich darum blamiert. Höher heißt soviel wie recht „farbig‘‘ — meint der Otsowist und mit ihm Genosse Bogdanow — nun, dann trage ich möglichst dick auf, das wird dann sicherlich ” Aus dem Artikel: „Die Fraktion der Anhänger des Otsowismus und der Gottmacherei“, Beilage des „Proletarij" Nr. 47—48 vom 11. (24.) September 1909.
102 \, 173 | Agitation und Propaganda in den Jahren der Reaktion am revolutionärsten sein, in die Sache aber tiefer eindringen, heißt sich dem Teufel verschreiben! ... . - . . Merkt euch das, o ihr zu Unrecht Abgesägten: Wenn die Reaktion in der Tat immer drückender und schwärzer wird, wenn die mechanische Kraft dieser Reaktion in der Tat die Verbindung mit den Massen zerreißt, eine genügend umfassende Arbeit erschwert und die Partei schwächt, gerade dann wird es zur spezifischen Aufgabe der Partei, sich der parlamentarıschen Kampfwaffe zu bemächtigen; und das, o ihr zu Unrecht Abgesägten, nicht etwa, weil der parlamentarische Kampf höher stünde als die anderen Formen des Kampfes; nein, gerade deshalb, weil er niedriger ist als sie, niedriger als z. B. der Kampf, der sogar die Truppen in die Massenbewegung hineinzieht, der Massenstreiks, Aufstände usw. hervorruft. Wie kann nun die niedrigste Form des Kampfes zur spezifischen (d. h. den gegebenen Moment von anderen Momenten unterscheidenden) Aufgabe der Partei werden? In folgender Weise: je stärker die ınechanische Kraft der Reaktion und je schwächer die Verbindung mit den Massen, desto mehr tritt in den Vordergrund die Aufgabe, das Bewußtsein der Massen vorzubereiten (und nicht die Aufgabe der direkten Aktion), desto mehr tritt in den Vorder- grund die Ausnutzung dervonderalten Macht ge- schaffenen Wege für die Propaganda und Agitation (und nicht der unmittelbare Ansturm der Massen gegen diese alte Re- sierungsgewalt selbst). = Für jeden Marxisten, der sich auch nur einigermaßen vertieft hat in die Weltanschauung von Marx und Engels, für jeden Sozialdemokraten, der auch nur einigermaßen die Geschichte der internationalen sozialistischen Bewegung kennt, ist diese Verwandlung einer niederen Kampfform in die spezifische Kampfform eines besonderen historischen Moments durchaus nichts Erstaunliches. . . .. . Worin besteht die spezifische Eigenart der Politik und der Taktik der russischen Sozialdemokraten in diesem Moment’ Wir müssen die illegale Partei aufrechterhalten und festigen — genau wie vor der Revolution. Wir müssen unbeirrbar die Massen für die neue revolutionäre Krise vorbereiten — genau wie in
Über den Otsowismus 103 den Jahren 1897 bis 1903. Wir müssen die Verbindung zwischen Partei und Masse in jeder Weise festigen, alle möglichen Arbeiterorganisationen fördern und sie für die Zwecke des Sozialismus ausnutzen — genau so wie immer und überall alle sozialdemo- kratischen Parteien. Die spezifische Eigenart des Momentes besteht eben im Versuch (im mißlungenen Versuch) des alten Absolutismus, die neuen historischen Aufgaben mit Hilfe der Duma der Oktobristen und Schwarzhundertler zu lösen. Darum besteht auch die spezifische taktische Aufgabe der Sozialdemokraten in der Ausnutzung dieser Duma zueigenen Zwecken, zu Zwecken der Verbreitung der Ideen der Revolution und der Ideen des Sozialismus. Wesentlich ist nicht, ob diese spezifische Aufgabe besonders hoch steht, ob sie weite Perspektiven eröffnet, ob sie ihrer Bedeutung nach jenen Aufgaben gleichgesetzt oder auch nur annähernd gleichgesetzt werden kann, wie z. B. in den Jahren 1905 bis 1906 dem Proletariat gestellt wurden. Nein. We- sentlich ist vielmehr, daß dies eine Eigenart der Taktik im gegenwärtigen Moment ist, ihr Unterscheidungsmerkmal der vergangenen wie der zukünftigen Periode gegenüber (denn diese zukünftige Periode wird unssicherlich spezifische Aufgaben stellen, die komplizierter, höher, interessanter sein werden als die Aufgabe der Ausnützung der dritten Duma). Man kann den gegenwärtigen Moment nicht meistern, man kann all die Aufgaben, vor die die Sozialdemokratische Partei jetzt gestellt wird, nicht bewältigen, ohne diese spezifische Aufgabe des gegenwärtigen Moments erfüllt, ohne die reaktionäre Duma der Schwarzhundertler und Oktobristen in ein Werkzeug der sozialdemokratischen Agitation verwandelt zu haben. Die otsowistischen Kannegießer schwätzen z. B. den Bolschewiki nach, man müsse die Erfahrungen der Revolution auswerten. Aber sie begreifen nicht, was sie da sagen. Sie begreifen nicht, daß zur Auswertung der Erfahrungen der Revolution auch die Verteidigung der Ideale, der Aufgaben und der Methoden der Revolution von der Dumatribüne herab gehört. Versteht man nicht, durch unsere Parteigenossen, die in diese Duma gewählt werden können und die in sie gewählt worden sind, diese Ideale, diese Aufgaben und Methoden von der Dumatribüne herab zu verteidigen, so bedeutet das, daß man es nicht versteht, den ersten Schritt zur politischen Auswertung
104 Aritation und Propaganda in den Jahren der Reaktion der Erfahrung der Revolution zu machen (denn es handelt sich hier natürlich nicht um eine theoretische Auswertung, eine Aus- wertung in Büchern und Abhandlungen). Mit diesem ersten Schritt ist unsere Aufgabe absolut nicht erschöpft. Unvergleichlich wichtiger als der erste werden der zweite und der dritte Schritt sein, d. h. die Verdichtung der von der Masse bereits aufgenommenen Erfahrungen zu einem ideologischen Rüstzeug für die neue historische Aktion. Aber wenn diese otsowistischen Phrasendrescher selber von einer „zwischen zwei Revolutionen“ stehenden Epoche sprechen, so müßten sie begreifen (wenn sie es verständen, sozialdemokratisch zu denken und zu urteilen), daß eine Epoche „zwischen zwei Revolutionen“ eben eine Epoche ist, die elementare, vorbereitende Aufgaben auf die Tagesordnung stellt. „Zwischen zwei Revolutionen“ ist die Charakteristik einer labilen, unbestimmten Lage, wo die alte Regierungsgewalt, nachdem sie sich von der Unmöglichkeit überzeugt hat, mit Hilfe der alten Mittel allein zu regieren, den Versuch macht, bei einem Regime, das im allgemeinen das alte geblieben ist, ein neues Werkzeug zu gebrauchen. Dieser Versuch ist ein innerlich widerspruchsvoller, unhaltbarer Versuch, durch den der Absolutismus von neuem, durch den er unweigerlich seinem Zusammenbruch entgegengehl, durch den er uns zu einer Wiederholung der ruhmreichen Epoche und der ruhmreichen Schlachten von 1905 führt. Aber der Absolutismus tut es nicht so, wie in den Jahren 1897 bis 1903, er treibt das Volk zur Revolution nicht so, wie vor dem Jahre 1905. Dieses „nicht so” gilt es zu er- kennen; man muß verstehen, seine Taktik in der Weise zu ändern, daß man allen grundlegenden, allgemeinen, entscheidenden und wichtigsten Aufgaben der revolutionären Sozialdemokratie noch eine, nicht sehr große, aber eine spezifische Auf- gabe des gegenwärtigen, des neuen Moments hinzufügt: die Aufgabe der revolutionär-sozialdemokratischen Ausnutzung der Schwarzhundert-Duma. ... Wenn wir alle unsere Kräfte anspannen, dann werden wir die Aufgabe der revolutionär-sozialdemokratischen Ausnutzung der dritten Duma lösen (und wir beginnen bereits,
Über den Otsowismus 105 sie zu lösen), wir werden sie lösen, ihr durch die Absägung gekränkten Ötsowisien und Ultimatisten®, nicht um den Parlamentarismus auf ein hohes Piedestal zu heben, nicht um einen „Parlamentarismus um jeden Preis“ zu verkünden, sondern, um nach der Lösung der „zwischen zwei Revolutionen“ stehenden Aufgabe, die dem heutigen „zwischen zwei Revolu- tionen“ stehenden Moment entspricht, zur Lösung höherer revolutionärer Aufgaben überzugehen, die dem morgigen, höheren, d. h. revolutionäreren Moment entsprechen werden.
IV DIE AGITATION IN DER PERIODE DES AUFSCHWUNGES DER ARBEITERBEWEGUNG
109 Aus der Resolution der „Sommerkonferenz“ des Zentralkomitees derSDAPR mit den Parteifunktionären 1913* Ende 1909 begann die russische Industrie die Stillstandsperiode zu überwinden. Die Ursache hierfür war einerseils die gule Ernie von 1909/10, anderseits die Zersetzung der Obschischina (Dorfgemeinde), wodurch die Entstehung einer wirtschaftlich starken Bauernschaft und die Entwicklung des Binnenmarktes gefördert wurde. Auf der Grundlage der Belebung der Industrie macht sich auch ein Aufschwung der Arbeilerbewegung bemerkbar, es brechen Streiks aus, das soziale und politische Leben beginnt wieder stärker zu pulsieren. Die Jahre der Reaklion werden abgelöst von einem neuen Ansteigen der revolutionären Welle. Die Niederschießung der Arbeiter in den Lena-Gruben (1912) vollendete den Übergang des Proletarials von revolutionären Slimmungen zu einer neuen revolutionären Offensive. Die neue Lage stellte die Parleien vor die Nolwendigkeil, ihre Taktik festzulegen. Die Bolschewiki, die in der Zeit der Reaklion die Ansicht vertreten halten, daß die Frage der Revolution von der Tagesordnung nicht abgesetzt, sondern nur verschoben sei, stelllen zur Zeit des neuen Aufschwunges drei Hauptlosungen auf: demokratische Republik, Enleignung des Großgrundbesitzes, Achislundenlag und als Vorausselzung hierfür Sturz des Zarismus. Die Menschewiki dagegen, die die Frage der Revolulion von der Tagesordnung abgeselzt hatlen, hielten nur den Kampf um Teilforderungen für notwendig, d.h. sie stellten ein Programm von Reformen, ein Programm des friedlichen Hineinwachsens in die konstilutionelle Monarchie auf, Das Vorhandensein unversöhnlicher Gegensätze führle 1912 zur endgültigen Spaltung zwischen den Bolschewiki und den Menschewiki. $ 1. Die Lage im Lande verschärft sich immer mehr. Die Herrschaft der reaktionären Gutsherren ruft selbst unter den gemäßigtesten Bevölkerungsschichten eine immer größere Unzufriedenheit hervor. Der auch nur einigermaßen realen poli- tischen Freiheit in Rußland steht nach wie vor die Zarenmonarchie hindernd im Wege, die sich jeder ernsten Reform gegenüber feindlich verhält, die nur die Macht und das Einkommen der Großgrundbesitzer schützt und besonders brutal jede Lebensäußerung der Arbeiterbewegung unterdrückt. 2. Die Arbeiterklasse ist nach wie vor die Führerin im revolutionären Kampfe um die gesamtnationale Befreiung. Die Entwicklung der revolutionären Massenstreiks schreitet vor-
110 Die Agitation in d. Periode d. Aufschwunges d. Arbeiterbewegung wärts. Der wirkliche Kampf der Vortrupps der Arbeiterklasse geht unter revolutionären Losungen vor sich. Die wirtschaftliche Massenbewegung, die oft mit den elementarsten Forderungen beginnt, verschmilzt — auf Grund der gesamten Kampflage — immer mehr mit der revolutionären Bewegung der Arbeiterklasse. Es ist Aufgabe der fortschrittlichen Arbeiter, durch ihre Agitations- und Aufklärungsarbeit den Zusammenschluß des Proletarlats unter revolutionären Losungen zu beschleunigen. Nur unter dieser Bedingung werden die fortgeschrittenen Arbeiter ihre Aufgabe erfüllen, die Land- und Stadtdemokratie aufrütteln. 3. Der Kampf der Arbeiterklasse, der unter revolutionären Losungen vor sich geht, hat einen Teil der Industriellen und die liberal-oktobristische Bourgeoisie gezwungen, sich nachdrücklich für die Notwendigkeit von Reformen im allgemeinen und einer zurechtgestutzten Koalitionsfreiheit im besonderen zu interessieren. Die Bourgeoisie, die sich einerseits fieberhaft in Unternehmerverbände organisiert, Versicherung gegen Streiks einführt und von der Regierung systematische Repressalien gegen die Arbeiterbewegung fordert, empfiehlt anderseits den Arbeitern, auf revolutionäre Forderungen zu verzichten und sich statt dessen mit einer konstitutionellen Teilreform, mit dem Schein einer Koalitionsfreiheit zu begnügen. Die Arbeiterklasse muß alle Schwankungen der Regierung und alle Meinungsverschiedenheiten zwischen der Bourgeoisie und dem reaktionären Lager ausnutzen, um ihren Ansturm sowohl auf dem Gebiet des wirtschaftlichen als auf dem Gebiet des politischen Kampfes zu stärken. Um aber die Lage erfolgreich auszunutzen, muß eben die Arbeiterklasse auf dem Boden der ungeschmälerten revolutionären Losungen bleiben. 4, In Anbetracht dieser allgemeinen Lage besteht die Aufgabe der Sozialdemokratie darin, nach wie vor eine breite revolutionäre Agitationsarbeit unter den Massen für den Sturz der Monarchie und für die demokratische Republik zu entfalten. Es ist notwendig, an lebendigen Beispielen der Wirklichkeit unablässig die Schädlichkeit des Reformismus aufzuzeigen, d. h. die Schädlichkeit der Taktik, die statt revolutio-
Aus der Resolution der Sommerkonferenz der SDAPR 111 närer Losungen die Forderung von Teilreformen in den Mittelpunkt schiebt. 5. In ihrer Agitation für die Koalitionsfreiheit und für Teilreformen im allgemeinen geraten die Liquidatoren auf den liberalen Weg. In Wirklichkeit lehnen sie die revolutionäre Agitation unter den Massen ab, sie predigen in ihren Organen direkt, daß die Losungen der „demokratischen Republik“ und der „Enteignung des Grund und Bodens“ nicht als Gegenstand der Agitation unter den Massen dienen können. Die Koalitionsfreiheit stellen sie als allumfassende Losung der Epoche hın, ın Wirklichkeit ersetzen sie durch sie die revolutionären Forderungen von 1905. 6. Die Konferenz, die vor der schädlichen reformistischen Agitation der Liquidatoren warnt, erinnert daran, daß die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Rußlands schon längst die Forderung der Koalitionsfreiheit, der Rede- und Pressefreiheit usw. in ihr Minimalprogramm aufgenommen und diese Forderungen in einen engen Zusammenhang mit dem revolutionären Kampf um die Niederwerfung der Zarenmonarchie gestellt hat. Die Konferenz billigt die Resolution der Januar-Konferenz von 1912, in der es heißt: „Die Konferenz fordert alle Sozialdemokraten auf, die Arbeiter aufzuklären über die Notwendigkeit der Koalitionsfreiheit für das Proletariat, wobei es notwendig ist, diese Forderung stets in eine untrennbare Verbindung mit unseren allgemeinen politischen Forderungen und der revolutionären Agitation unter den Massen zu bringen.“ Die Hauptlosungen der Epoche bleiben nach wie vor: 1. Demokratische Republik, 2. Enteignung des Groß grundbesitzes, 3. Achtstundentag.
V AGITATION UND PROPAGANDAIN DER PERIODE DES IMPERIALISTISCHEN KRIEGES M. B. 8, Lenin: Agitation u. Propaganda 3
115 Der imperialistische Krieg und die Aufgaben der Sozialdemokratie* Der imperialistische Krieg war für die internationale Sozialdemokratie eine historische Prüfung. Diese Prüfung bestand sie nicht. Die meisten Parteien und die meisten Führer der Zweiten Internationale riefen zur Teilnahme am Kriege und zur Verteidigung des „Vaterlandes“ auf. Die Zweite Internationale fiel auseinander. Bei den russischen Sozialdemokraten rief der Krieg keine neuen Gruppierungen hervor. Die Menschewiki traten für die Vaterlandsverteidigung ein und erwiesen sich als Gefangene der Bourgeoisie und des Chauvinismus. Nur ein Teil von ihnen schwankte hin und her und neigle mehr zum Internationalismus hin. Die Bolschewiki waren der Fahne des internationalen Sozialismus treu geblieben und stellten die Losung auf: Umwandlung des imperialistischen Kriegesin den Bürgerkrieg. „Gegen den Strom“ schwimmend, milten in einem Meer von Sozialchauvinismus und Sozialopporlunismus propagierten die Bolschewiki, mit Lenin an der Spitze, ihre weltgeschichtliche Losung des gewaltsamen Sturzes des Imperialismus, die durch die Okiloberrevolution des Jahres 1917 ins Leben umgesetzt wurde. Wir bringen hier als Musterbeispiel der bolschewistischen Propaganda einen Auszug aus der Broschüre „Sozialismus und Krieg“, die schon während des Krieges auch in deutscher und französischer Sprache veröffentlicht wurde. Die Stellung der Sozialisten zu Kriegen Die Sozialisten haben Kriege zwischen Völkern stets als Barbarei und Bestialität verurteilt. Jedoch ist unsere Stellung zum Krieg eine prinzipiell andere als die der bürgerlichen Pazifisten (der Anhänger und Prediger des Friedens) und der Anarchisten. Von den ersten unterscheiden wir uns dadurch, daß wir den unvermeidlichen Zusammenhang zwischen den Kriegen und dem Klassenkampf innerhalb des Landes begreifen, daß wir die Unmöglichkeit verstehen, den Krieg abzuschaffen, ohne die Klassen abgeschafft und den Sozialismus errichtet zu haben, ferner dadurch, daß wir die Berechtigung, die Fortschrittlichkeit und die Notwendigkeit der Bürgerkriege anerkennen, d. h. der Kriege der unterdrückten Klasse gegen die unterdrückende, der Sklaven gegen die Sklavenhalter, der leibeigenen Bauern gegen die Grund* Aus der Broschüre „Sozialismus und Krieg (Die Stellung der SDAPR zum Krieg)“, verfaßt gemeinsam von Lenin und Sinowjew im August 1915. $*r
116 Agilation u. Propaganda in d. Periode d. imperialistischen Krieges herren, der Lohnarbeiter gegen die Bourgeoisie. Von den Pazifisten wie von den Anarchisten unterscheiden wir Marxisten uns dadurch, daß wir eine geschichtliche (auf den dialektischen Materialismus von Marx beruhende) Analyse jedes Krieges im einzelnen für notwendig halten. In der Geschichte hat es mehrfach Kriege gegeben, die trotz aller Schrecken und aller Barbarei, trotz allen Elends und aller Qualen, die in jedem Krieg unausbleiblich sind, fortschrittlich waren, d. h. die Entwicklung der Menschheit förderten, indem sie dazu beitrugen, besonders schädliche und reaktionäre Einrichtungen (z. B. den Absolutismus oder die Leibeigenschaft), die barbarischsten Despotien Europas (die türkische und russische) zu untergraben. Darum müssen die historischen Besonderheiten gerade des jetzigen Krieges untersucht werden. Diehistorischen Typen der Kriegeder Neuzeit Durch die Große Französische Revolution wurde eine neue Epoche in der Geschichte der Menschheit eingeleitet. Seither und bis zur Pariser Kommune, von 1789 bis 1871, gab es als einen Typ des Krieges Kriege bürgerlich-fortschrittlichen, natıonal-befreienden Charakters. Mit anderen Worten, der Hauptinhalt und die historische Bedeutung dieser Kriege war der Sturz des Absolutismus und des Feudalismus, ihre Unterminierung, das Abschütteln des fremdländischen Jochs. Darum waren dies fortschrittliche Kriege, und alle ehrlichen, revolutionären Demo- kraten, ebenso wie alle Sozialisten sympathisierten beisolchen Kriegen stets mit jener Partei (d. h. mit jener Bourgeoisie), die die Zertrümmerung bzw. die Untergrabung der gefährlichen Grundfesten des Feudalismus, des Absolutismus und der Unterdrückung fremder Völker förderte. Die Revolutionskriege Frankreichs z. B. enthielten Elemente des Raubes und der Eroberung fremder Länder durch die Franzosen, das Ändert aber nichts an dem historischen Grundcharakter dieser Kriege, die den Feudalismus und den Absolutismus im ganzen alten, despotischen Europa erschütterten und zerstörten. Im deutsch-französischen Krieg wurde Frankreich durch Deutschland ausgeraubt, das ändert aber nichts an der historischen Bedeulung dieses Krieges, der die vielen Millionen des deutschen Volkes von feudaler Zersplitterung und von der Unterdrückung durch zwei Despoten, den russischen Zaren und Napoleon III., befreite.
Der imperialistische Krieg und die Aufgaben der Sozialdemokratie 117 Der Unterschied zwischen Angriffs- und Verteidigungskrieg Die Epoche 1789—1871 hinterließ tiefe Spuren und revolutionäre Erinnerungen. Solange der Feudalismus und der Absolutismus nicht gestürzt waren und das fremdländische Joch nicht gebrochen war, konnte von der Entfaltung des proletarischen Kampfes für den Sozialismus auch nicht die Rede sein. Wenn die Sozialisten von der Berechtigung des „Verteidigungs‘krieges in bezug auf die Kriege einer solchen Epoche sprachen, so hatten sie eben stets diese Ziele im Auge, die auf eine Revolution gegen das Mittelalter und die Leibeigenschaft hinausliefen. Unter „Verteidigungs“ krieg haben die Sozialisten stets einen in diesem Sinne „gerechten“ Krieg verstanden (W, Liebknecht hat einmal eben diesen Ausspruch gebraucht). NurindiesemSinnehabendieSozialistendie Berechtigung, die Fortschrittlichkeit, die Gebzw. rechtigkeitder „Vaterlandsverteidigung” des „Verteidigungs“krieges anerkannt, nurin diesem Sinne tun siees auch heute Wenn z.B. morgen Marokkoan Frankreich den Krieg erklärte,Indienan England, Persien oder China an Rußland usw, dann wären das „gerechte“ Kriege „Verteidigungs“kriege unabhängig da- von, wer zuerst angegriffen hätte, und jeder Sozialist wäre für den Sieg der unterdrückten, abhängigen, nicht gleichberechtigten Staaten über die unterdrückenden, versklavenden, räuberischen „Groß’mächte. Man stelle sich aber vor, daß ein Sklavenhalter, der 100 Skla- ven besitzt, gegen einen Sklavenhalter, der 200 Sklaven besitzt. um eine „gerechtere‘“ Neuverteilung der Sklaven Krieg führt. Es ıst klar, daß in diesem Fall die Anwendung des Begriffes „Ver- teidigungs‘ krieg oder „Vaterlandsverteidigung“ eine geschichtliche Fälschung und praktisch ein Betrug des einfachen Volkes, des Kleinbürgertums, der grauen Masse durch geschickte Sklavenhalter bedeuten würde. Gerade in dieser Weise werden aber die Völker mit Hilfe der „nationalen“ Ideologie und des Begriffs der Vaterlandsverteidigung von der heutigen, imperialistischen
118 Agitation u. Propaganda in d. Periode d. imperialistischen Krieges Bourgeoisie in diesem Krieg betrogen, einem Krieg, der geführt wird zwischen Sklavenhaltern für die Festigung und Verschärfung der Sklaverei. Der gegenwärtige Krieg istein imperialistischer Krieg Fast alle geben zu, daß der jetzige Krieg ein imperialistischer ist, jedoch wird meist dieser Begriff entstellt oder nur auf eine der Parteien angewandt, oder es wird doch die Möglichkeit unterschoben, daß dieser Krieg eine bürgerlich-fortschrittliche, national-befreiende Bedeutung hätte. Der Imperialismus ist die höchste Entwicklungsstufe des Kapitalismus, die erst im XX. Jahrhundert erreicht worden ist. Dem Kapitalismus ist es in den alten Nationalstaaten, ohne deren Gründung er den Feudalismus nicht hätte stürzen können, zu eng geworden. Der Kapitalismus hat die Konzentration so stark entwickelt, daß die Syndikate, die Trusts, die Verbände der kapitalistischen Milliardäre ganze Industriezweige an sich gerissen haben und fast die gesamte Erdkugel unter diesen „Herrschern des Kapitals“ aufgeteilt worden ist, sei es in Form von Kolonien, sei es mit Hilfe der Fesselung fremder Länder durch tausenderlei Fäden finanzieller Ausbeutung. Der Freihandel und die freie Konkurrenz sind ersetzt worden durch das Streben nach Monopolen, nach Ännexionen von Gebieten zwecks Kapitalanlage, Rohstoffausfuhr usw. Aus einem Befreier der Nationen, wie es der Kapitalismus im Kampf gegen den Feudalismus war, Ist der imperialistische Kapitalismus zum größten Unterdrücker der Nationen geworden. Aus dem fortschrittlichen Kapitalismus ist ein reaktionärer geworden, er hat die Produktiv- kräfte auf eine so hohe Entwicklungsstufe gebracht, daß der Menschheit eins von beiden bevorsteht: entweder zum Sozialismus überzugehen oder aber Jahre und Jahrzehnte hindurch den bewaffneten Kampf der ‚großen“ Mächte um die künstliche Aufrechterhaltung des Kapitalismus mit Hilfe von Kolonien, Monopolen, Privilegien und nationaler Unterdrückung jeder Art über sich ergehen zu lassen. Was ıst Sozialehauvinismus? Sozialchauvinismus ist die Verfechtung der Idee der „Vater- landsverteidigung“ in diesem Kriege. Aus dieser Idee ergibt sich
Der imperialistische Krieg und die Aufgaben der Sozialdemokratie 119 a ferner der Veerzicht auf den Klassenkampf während des Krieges, die Bewilligung von Kriegskrediten und dergl. In der Praxis treiben die Sozialchauvinisten eine antiproletarische, bürgerliche Politik, weil sie in der Praxis nicht für „Vaterlandsverteidigung“ im Sinne des Kampfes gegen fremdiändisches Joch eintreten, sondern für das ‚Recht‘ der einen oder der anderen ‚„Groß“mächte, die Kolonien zu plündern und fremde Völker zu unterdrücken. Die Sozialchauvinisten machen sich den bürgerlichen Betrug am Volke zu eigen, der Krieg werde geführt um die Verteidigung der Freiheit und der Existenz der Nationen, und schlagen sich somit auf die Seite der Bourgeoisie gegen das Proletariat. Zu den Sozialchau- vinisten gehören sowohl jene, die die Regierungen und die Bourgeoisie einer der kriegführenden Mächtegruppierungen rechtfertigen und beschönigen, als auch jene, die wie Kautsky den Sozialisten aller kriegführenden Mächte das Recht zuerkennen, „ihr Vaterland zu verteidigen“. Der Sozialchauvinismus, der in Wirklichkeit die Verteidigung der Privilegien, der Vorteile, der Raubzüge und Gewalttaten der „eigenen“ (oder überhaupt jeder) imperialistischen Bourgeoisie ist, bedeutet einen ausgesprochenen Verrat an allen sozialistischen Überzeugungen und an dem Beschluß des Internationalen Sozialistischen Kongresses in Basel. Der Zusammenbruch der UI. Internationale Die Sozialisten der ganzen Welt haben im Jahre 1912 in Basel feierlich erklärt, daß sie den kommenden europäischen Krieg als ein ‚„verbrecherisches“ und erzreaktionäres Werk aller Regierungen betrachten, ein Werk, das den Untergang des Kapitalisımus beschleunigen müsse, indem es unvermeidlich die Revolution gegen ihn auslöse. Der Krieg kam, die Krise brach aus. Statt der revolutionären Taktik schlugen die meisten sozialdemokratischen Parteien eine reaktionäre ein, indem sie sich auf die Seite ihrer Regierungen und ihrer Bourgeoisie stellten. Dieser Verrat am Sozialismus bedeutet den Zusammenbruch der II. Internationale (1889-1914)... .
120 Agitation u. Propaganda in d. Periode d. imperialistischen Krieges Der Sozialchauvinismusistdervollendete OÖOpportunismus Während der ganzen Epoche der II. Internationale ging über- all in den sozialdemokratischen Parteien ein Kampf zwischen dem revolutionären und dem opportunistischen Flügel vor sich. In einer Reihe von Ländern führte dieser Kampf zur Spaltung (England, Italien, Holland, Bulgarien). Kein Marxist hat je daran gezweifelt, daß der Opportunismus der Ausdruck der bürgerlichen Politik in der Arbeiterbewegung ist, der Ausdruck der Interessen des Kleinbürgertums und des Bündnisses einer geringen Minderheit verbürgerlichter Arbeiter mit „ihrer“ Bourgeoisie gegen die Interessen der proletarischen Masse, der Masse der Unterdrückten. Die objektiven Bedingungen zu Ende des 19. Jahrhunderts ließen den Opportunismus besonders üppig in die Halme schieBen, indem sie dazu führten, daß aus der Ausnutzung der bürgerlichen Legalität eine sklavische Anbetung dieser Legalität wurde, daß eine dünne Schicht von Bürokraten und Aristokraten innerhalb der Arbeiterklasse entstand und viele kleinbürgerliche „Mitläufer‘“ in die Reihen der sozialdemokratischen Parteien strömten. Der Krieg hat die Entwicklung beschleunigt und den Opportunismus in Sozialchauvinismus, das geheime Bündnis der Opportunisten mit der Bourgeoisie in ein offenes Bündnis verwandelt. Die Militärbehörden haben dabei überall den Kriegszustand proklamiert und der Arbeitermasse einen Maulkorb umgehängt, während die alten Führer der Arbeiterklasse fast vollzählig zur Bourgeoisie übergelaufen sind. Die ökonomische Grundlage des Opportunismus und des Sozialchauvinismus ist ein und dieselbe: die Interessen einer dünnen Schicht privilegierter Arbeiter und des Kleinbürgertums, die ihre Sonderstellung, ihr „Recht“ auf einige Brocken jener Profite ver- teidigen, die sich „ihre“ nationale Bourgeoisie durch die Plünderung fremder Nationen, durch die Vorteile ihrer Großmachtstellung usw. verschafft. Der ideell-politische Inhalt des Opportunismus und des Sozialchauvinismus ist ein und derselbe: Klassengemeinschaft statt Klassenkampf, Verzicht auf revolutionäre Kampfmittel, Unterstützung der „eigenen‘ Regierung in ihrer schwierigen Lage statt
Der imperialistische Krieg und die Aufgaben der Sozialdemokratie 121 Ausnutzung dieser Schwierigkeiten im Interesse der Revolution. Wenn man alle europäischen Länder als Ganzes betrachtet, wenn man sich nicht auf einzelne Personen (und seien es auch die maßgebendsten) konzentriert, dann ergibt sich, daß eben die opportunistische Strömung zur Hauptstütze des Sozialchauvinismus geworden ist, während aus dem Lager der Revolutionäre fast überall ein mehr oder weniger konsequenter Protest gegen ihn laut wird. Wenn man z. B. die Gruppierung der Richtungen auf dem Stuttgarter Internationalen Sozialistenkongreß im Jahre 1907 betrachtet, so ergibt es sich, daß der internationale Marxis- mus gegen, der internationale Opportunismus aber schon damals für den Imperialismus war. Einheitmitden OÖpportunistenbedeutetBündnis der Arbeiter mit der „eigenen“ nationalen BourgeoisieundSpaltungderinternationalen revolutionären Ärbeiterklasse In der vergangenen Periode, vor dem Kriege, galt zwar der Opportunismus nicht selten als „Abweichung“, als „Extrem“, wurde aber dennoch. als ein legitimer Bestandteil der sozialdemokratischen Partei betrachtet. Der Krieg hat gezeigt, daß dies künftig nicht mehr möglich ist. Der Opportunismus ist zur ‚vollen Reife“ gelangt, er hat seine Rolle als Emissär der Bourgeoisie in der Arbeiterbewegung bis zu Ende geführt. Die Einheit mit den Opportunisten ist zur ausgesprochenen Heuchelei geworden, wofür die deutsche sozialdemokratische Partei ein Beispiel bietet. In allen wichtigen Fällen (z. B. bei der Abstimmung am 4. August) kommen die Opportunisten mit ihrem Ultimatum, das sie mit Hilfe ihrer weit verzweigten Beziehungen zur Bourgeoisie, mit Hilfe ihre Mehrheit in den Gewerkschaftsvorständen usw. durchsetzen. Einheit mit den Opportunisten bedeutet jetzt in der Praxis Unterordnung der Arbeiterklasse unter ihre „nationale“ Bourgeoisie, Bündnis mit dieser zur Unterdrückung fremder VÖölker und zum Kampf für Großmachtprivilegien, bedeutet Spaltung des revolutionären Proletariats aller Länder. Mag in einzelnen Fällen der Kampf gegen die in vielen Organisationen herrschenden Opportunisten noch so schwer, der Prozeß der Säuberung der Arbeiterparteien von ÖOpportunisten in
122 Agitation u. Propaganda in d. Periode d. imperialistischen Krieges einzelnen Ländern noch so eigenartig sein, dieser Prozeß ist unvermeidlich und fruchtbar. Der reformistische Sozialismus stirbt ab; der wiedererstehende Sozialismus „wird revolutionär, unversöhnlich, rebellisch sein . . .“ Der „Kautskyanismus” Kautsky, die größte Autorität der II. Internationale, ist das im höchsten Maße typische und krasse Beispiel dafür, wie das Lippenbekenntnis zum Marxismus in Wirklichkeit zur Verwandlung des Marxismus in „Struvismus“ oder in „Brentanismus*”“ führt. Wir sehen das auch am Beispiel Plechanows. Durch offenkundige Sophismen treibt man dem Marxismus seine revolutionäre lebendige Seele aus; man erkennt im Marxismus alles an, außer der revolutionären Kampfmittel, ihrer Propaganda und Vorbereitung, der Erziehung der Massen eben in dieser Richtung. Ideenlos wird durch Kautsky der Grundgedanke des Sozialchauvinismus, die Anerkennung der Vaterlandsverteidigung in diesem Kriege, „ausgesöhnt“ mit einer diplomatischen Paradekon- zession an die Linke in Form von Stimmenthaltung bei der Abstimmung über die Kredite, in Form eines Lippenbekenntnisses zur Opposition usw. Kautsky, der im Jahre 1909 ein ganzes Buch über die herannahende Epoche der Revolutionen und über den Zusammenhang zwischen Krieg und Revolution geschrieben hat, Kautsky, der im Jahre 1912 das Baseler Manifest über die revo- lutionäre Ausnutzung des künftigen Krieges unterzeichnet hat, ist jetzt in jeder Weise bemüht, den Sozialchauvinismus zu rechtfertigen und zu beschönigen, und schlägt sich, gleich Plechanow, zur Bourgeoisie, um jeden Gedanken an die Revolution, jeden Schritt zum unmittelbar revolutionären Kampf zu verhöhnen. Die Arbeiterklasse kann ihre revolutionäre Weltmission nicht erfüllen, ohne einen erbarmungslosen Krieg zu führen gegen dieses Renegatentum, diese Charakterlosigkeit, diese Liebedienerei vor dem Opportunismus, diese beispiellose theoretische Verflachung des Marxismus. Der Kautskyanismus ist nichts Zufälliges, es ist ein soziales Produkt der Widersprüche innerhalb der II. Internationale, das Produkt einer Vereinigung der Treue zum Marxismus in Worten mit der Unterwerfung unter den Opportunismus in der Tat...
Der imperialistische Krieg und die Aufgaben der Sozialdemokratie 123 Die Losung der Marxistenist die Losung der revolutionären Sozialdemokratie Der Krieg hat zweifellos eine sehr akute Krise hervorgerufen und das Elend der Massen unglaublich gesteigert. Der reaktionäre Charakter dieses Krieges, die schamlose Lüge der Bourgeoisie aller Länder, die ihre Raubziele mit ‚nationaler‘ Ideologie bemäntelt, all das muß auf dem Boden der objektiv-revolutionären Situation revolutionäre Stimmungen in den Massen auslösen. Unsere Pflicht ist es, dazu beizutragen, daß diese Stimmungen bewußt werden, sie zu vertiefen und ihnen Form zu geben. Diese Aufgabe wird richtig zum Ausdruck gebracht einzig und allein durch die Losung der Umwandlung des imperialistischen Krieges in den Bürgerkrieg, und jeder konsequente Klassenkampf wäh- rend des Krieges, jede ernsthaft durchgeführte Taktik der „Mas- senaktionen“ führt unvermeidlich dazu. Man kann nicht wissen, ob die machtvolle revolutionäre Bewegung im Zusammenhang mit dem ersten oder dem zweiten imperialistischen Krieg der Großmächte auflodern wird, ob es während des Krieges oder nach dem Kriege dazu kommen wird, jedenfalls ist es unsere unbedingte Pflicht, systematisch und beharrlich eben in dieser Richtung zu arbeiten. Das Baseler Manifest beruft sich ausdrücklich auf das Beispiel der Pariser Kommune, d.h. auf ein Beispiel der Umwandlung des Krieges der Regierungen in den Bürgerkrieg. Vor einem halben Jahrhundert war das Proletariat zu schwach, die objektiven Voraussetzungen für den Sozialismus waren noch nicht reif, ein Zu- sammenwirken und Ineinandergreifen der revolutionären Bewegungen aller kriegführenden Länder konnte es nicht geben, die Berauschung eines Teiles der Pariser Arbeiter an der „nationalen Ideologie‘ (der Tradition von 1792) war eine — von Marx frühzeitig festgestellte — kleinbürgerliche Schwäche und eine der Ursachen des Zusammenbruchs der Kommune. In dem halben Jahrhundert sind die Bedingungen, die die damalige Revolution schwächten, in Wegfall gekommen, und heute ist es für einen Sozialisten unverzeihlich, sich mit dem Verzicht auf eine Tätigkeit gerade im Sinne der Pariser Kommunarden abzufinden.
124 Agitation u. Propaganda in d. Periode d. imperialistischen Krieges Das Beispiel der Verbrüderungin den Schützengräben Die bürgerlichen Zeitungen aller kriegführenden Länder haben Beispiele der Verbrüderung zwischen den Soldaten der kriegführenden Nationen selbst in den Schützengräben angeführt. Die drakonischen Erlasse der Militärbehörden (Deutschlands, Englands) gegen solche Verbrüderung haben bewiesen, daß die Re- gierungen und die Bourgeoisie ihr eine ernste Bedeutung beimessen. Wenn trotz der uneingeschränkten Herrschaft des Opportunismus in den Spitzen der sozialdemokratischen Parteien Westeuropas, trotz der Unterstützung des Sozialchauvinismus durch die gesamte sozialdemokratische Presse, durch alle Autoritäten der II. Internationale Fälle von Verbrüderung möglich waren, so zeigt uns das, wie es sehr wohl möglich wäre, den jetzigen verbrecherischen, reaktionären, von Sklavenhaltern geführten Krieg abzukürzen und eine revolutionäre internationale Bewegung zu organisieren, wenn eine systematische Arbeit in dieser Richtung geführt würde, und sei es auch nur von den linken Sozialisten aller kriegführenden Länder. Die Bedeutung derillegalen Organisation . . .„ Ohne darauf zu verzichten, in jedem Fall und unter allen Umständen jede geringste legale Möglichkeit für die Organisierung der Massen und die Propagierung des Sozialismus auszunützen, müssen die sozialdemokratischen Parteien mit der Anbetung der Legalität Schluß machen. „Schießt zuerst, Ihr Herren Bourgeois, schrieb Engels, indem er eben auf den Bürgerkrieg anspielte und die Notwendigkeit, daß wir die Legalität verletzen, nachdem sie von der Bourgeoisie verletzt worden ist. Die Krise hat gezeigt, daß die Bourgeoisie die Legalität in allen, selbst in den freiesten Ländern verletzt und daß man die Massen nicht zur Revolution führen kann, ohne eine illegale Organisation für die Propaganda, die Diskussion, die Erwägung, die Vorbereitung der revolutionären Kampfmittel zu schaffen. Was z. B. in Deutschland Ehrliches von den Sozialisten getan wird, geschieht gegen den niederträchtigen Opportunismus und den heuchler!ischen „Kautskyanismus“ und geschieht eben illegal. In England wird man für gedruckte Aufrufe gegen die Rekrutierung ins Zuchthaus gesteckt.
Der imperialistische Krieg und die Aufgaben der Sozialdemokratie 125 Die Ablehnung illegaler Propagandamethoden und ihre Verhöhnung in der legalen Presse als vereinbar betrachten mit der Zugehörigkeit zur sozialdemokratischen Partei — ist Verrat am Sozialismus. Über die Niederlage der „eigenen“ Regierung im imperialistischen Krieg Die Verfechter des Sieges der eigenen Regierung im jetzigen Krieg wie auch die Verteidiger der Losung „weder Sieg noch Niederlage“ stehen in gleicher Weise auf dem Standpunkt des Sozialchauvinismus. Die revolutionäre Klasse muß in einem reaktionären Krieg die Niederlage ihrer Regierung wünschen, sie muß den Zusammenhang erkennen zwischen den militärischen Mißerfolgen dieser Regierung und ihrem leichteren Sturz. Nur ein Bourgeois, der daran glaubt, daß der von den Regierungen begonnene Krieg unbedingt als ein Krieg der Regierungen enden werde, und der dies wünscht, kann den Gedanken ‚‚lächerlich‘“ oder „unsinnig“ finden, daß die Sozialisten aller kriegführenden Länder die Niederlage aller „eigenen“ Regierungen für wünschenswert erklären sollen. Im Gegenteil, eine solche Handlungsweise würde den verborgenen Gedanken eines jeden klassenbewußten Arbeiters entsprechen und auf der Linie unserer Tätigkeit liegen, die auf die Umwandlung des impenalistischen Krieges in den Bürgerkrieg gerichtet ist. Zweifellos hat die ernste Agitation eines Teiles der englischen, deutschen und russischen Sozialisten gegen den Krieg die ‚„militä- rische Stoßkraft‘“ der betreffenden Regierung „geschwächt“, aber diese Agitation war ein Verdienst der Sozialisten. Die Sozialisten müssen den Massen klarmachen, daß es für sie außer der revolutionären Niederwerfung ihrer „eigenen“ Regierungen keine Rettung gibt und daß die Schwierigkeiten dieser Regierungen im jetzigen Krieg eben zu diesem Zweck ausgenuzt werden müssen. Über den Pazifismus und die Friedenslosung Friedensfreundliche Stimmung in den Massen ist häufig der Ausdruck für den Entstehungsprozeß des Protestes, der Empörung und der Einsicht in den reaktionären Charakter des Krieges. Diese Stimmung auszunutzen, ist Pflicht aller Sozialdemokraten. Sie
126 Agitation u. Propaganda in d. Periode d. imperialistischen Krieges werden an jeder Bewegung und an jeder Demonstration, die auf diesem Boden entstehen, den tätigsten Anteil nehmen, sie werden aber das Volk nicht betrügen, indem sie den Gedanken zulassen, daß zwischen den jetzigen Regierungen und den herrschenden Klassen, ohne eine revolutionäre Bewegung, ein Frieden ohne Annexionen, ohne Unterdrückung von Völkern, ohne Raub, ohne Keime neuer Kriege möglich sei. Ein solcher Betrug am Volke würde nur der Geheimdiplomatie der kriegführenden Regierungen und ihren konterrevolutionären Plänen zunutze kommen. Wer einen dauerhaften und demokratischen Frieden will, muß für den Bürgerkrieg, gegen die Regierungen und gegen die Bourgeoisie sein. Über das Selbstbestimmungsrecht der Völker Der meistverbreitete Betrug, den die Bourgeoisie in diesem Krieg gegenüber dem Volke anwendet, ist die Verhüllung ihrer Raubziele durch die Ideologie der „Völkerbefreiung‘“. Die Engländer versprechen Belgien die Freiheit, die Deutschen — Polen usw. In Wirklichkeit ist es, wie wir gesehen haben, ein Krieg, den die Unterdrücker der meisten Völker der Welt für die Festigung und Erweiterung dieser Unterdrückung führen. Die Sozialisten können ihr großes Ziel nicht erreichen, wenn sie nicht gegen jede Unterdrückung von Nationen kämpfen. Darum müssen sie unbedingt verlangen, daß die sozialdemokratischen Parteien derunterdrückenden Länder (besonders der sogenannten „Groß‘“mächte) das Selbstbestimmungsrecht der unterdrückten Nationen anerkennen, und zwar im politischen Sinne des Wortes, d.h. als Recht auf politische Loslösung. Ein Sozialist, der einer Nation angehört, die eine Großmachtstellung einnimmt bzw. über Kolonien verfügt, und der nicht für dieses Recht eintritt, ist ein Chauvinist. Die Verteidigung dieses Rechtes fördert nicht nur nicht die Bildung von Kleinstaaten, sie führt vielmehr dazu, daß sich in einer freieren, hemmungsloseren und darum breiteren und allumfassenderen Weise große Staatswesen und Staatenbünde herausbilden, die für die Massen vorteilhafter sind und der wirtschaftlichen Entwicklung besser entsprechen. Die Sozialisten der unterdrückten Völker müssen ihrer- seits vorbehaltlos für die vollständige (darunter auch die organi-
Der imperialistische Krieg und die Aufgaben der Sozialdemokratie 127 satorische) Einheit der Arbeiter der unterdrückten und der unterdrückenden Nationen kämpfen. Die Idee der rechtlichen Absonderung der Nationen von einander (die sogenannte „nationale Kulturautonomie“ Bauers und Renners“) ist eine reaktionäre Idee. Der Imperialismus ist die Epoche der wachsenden ÜUnter- drückung der Nationen der ganzen Welt durch ein Häuflein von „Groß“mächten, und darum ist der Kampf für die internationale sozialistische Revolution gegen den Imperialismus unmöglich olıne die Anerkennung des Selbstbestimmungsrechtes der Völker. „Ein Volk, das andere unterdrückt, kann sich nicht selbst eman- / zipieren‘‘ (Marx und Engels). Ein Proletariat, das sich auch nur | mit der geringsten Vergewaltigung anderer Nationen durch „seine“ Nation abfindet, kann nicht sozialistisch sein.
28 AGITATION UND PROPAGANDA ZWISCHENDERFEBRUAR- UNDDER OKTOBERREVOLUTION M.B.8, Lenin: Agitation u. Propaganda
131 Der Zeitabschnitt 1905—1917 war in Rußland die Periode der außerordentlichen Entwicklung des Finanzkapitals und des Imperialismus. Auf Grund dieser Entwicklung trat Rußland endgültig in die Reihe der imperialistischen Länder ein und wurde automatisch in den Krieg von 1914 hineingezogen. Im Jahre 1914 hatten sich die Kräfte, die den halbfeudal-kapitalistischen Wirtschaftsrahmen Rußlands sprengen mußten, von der Niederlage von 1905 bereits erholt. Der imperialistische Weltkrieg hatle eine Zeitlang die revolutionäre Bewegung in Rußland aufhalten können. Aber er hatte in der kapitalistischen Weltwirtschaft Änderungen hervorgerufen, die im Jahre 1917 die Möglichkeit schufen, die Frage der Vollendung der bürgerlichen Revolution in Rußland und die ihres Übergehens in die sozialistische Revolution nicht nur im russischen, sondern im internationalen Maßstabe zu stellen. Die Februarrevolution des Jahres 1917 war der erste Schritt hierzu. Innerhalb von wenigen Tagen stürzte das Petrograder Proletariat und die von ihm geführte Bauernarmee den Absolutismus und ließ die Bourgeoisie an die Macht gelangen. Eine bürgerliche Provisorische Regierung wurde eingesetzt. Neben ihr entstanden und wirkten als eine Nebenregierung die Arbeiter-, Soldaten- und Bauerndeputiertenräte, so daß eine Art von Doppelherrschaft entstand. Am 4. April aus der Emigration zurückgekehrt, verfaßte Lenin seine berühmten Thesen, in denen er die Aufgaben der bolschewistischen Partei in Zusammenhang mit der entstandenen Lage klarlegte. Die Hauptlosung der Bolschewiki war die Ergreifung der Macht durch das Proletariat und die arme Bauernschaft, repräsentiert durch die Arbeiter-, Soldaten- und Bauerndeputiertenräte. Dieser Übergang sollte mit Hilfe einer Reihe von Maßnalımen geschehen, die der konkreten Wirklichkeit genau entsprechen mußten. Unter den konkreten Bedingungen waren aber die Hauptaufgaben folgende: der Kampf um den Einfluß innerhalb der Sowjets, die Befreiung der Massen vom Einfluß der kleinbürgerlichen Parteien, die Loslösung hauptsächlich der Bauernmassen von der Bourgeoisie und die Gründung eines starken Arbeiter- und Bauernblocks zur Eroberung der politischen Macht. Die allgemeinen Aufgaben des revolutionären Pro- letariats und der bolschewistischen Partei finden ihre Formulierung in der nachstehenden Broschüre, die Lenin für die Propaganda unter den breiten Massen der Arbeiter und Bauern schrieb. 2 Das Nachstehende ist ein Versuch, zunächst die wesentlichsten, dann aber auch die weniger wesentlichen Fragen und Antworten zu formulieren, die die gegenwärtige politische Lage Rußlands und ihre Bewertung durch die verschiedenen Parteien kennzeichnen. * Veröffentlicht im Juli’ 1917 als besondere Broschüre, # u Die politischen Parteien in Rußland und die Aufgaben des Proletariats”
132 Agitation und Propaganda vom Februar bis zum Oktober FragenundAntworten 1. Welches sind die Hauptgruppen der politischen Parteien in Rußland? A. (rechts von den K.-D.) Parteien und Gruppen rechts von den Kadetten. B. (K.-D.) Konstitutionell-Demokratische Partei (Kadetten, Partei der Volksfreiheit) und ihr nahestehende Gruppen. C. (S.-D. und S.-R.) Sozialdemokraten, Sozialrevolutionäre und ihnen nahestehende Gruppen. D. („Bolschewiki“) Die Partei, die sch Kommunistische Partei nennen sollte und sich zur Zeit „Sozialde- mokratische Arbeiterpartei Rußlands, vereinigt durch das Zentralkomitee“ nennt oder für gewöhnlich „Bolschewiki”. 2. Welche Klassen vertreten diese Parteien? Den Standpunkt welcher Klasse bringen sie zum Ausdruck? A. (rechts von den K.-D.) Den der feudalen Grundherren und der rückständigen Schichten der Bourgeoisie (Kapitalisten). B. (K.-D.) Den der Gesamt-Bourgeoisie, d. h. der Kapitalistenklasse und der verbürgerlichten, d. h. zu Kapitalisten gewordenen Grundbesitzer. C. (S.-D. und S--R.) Den der Kleinbesitzer, der Klein- und Mittelbauern, des Kleinbürgertums und auch eines Teiles der Arbeiterschaft, der dem Einfluß der Bourgeoisie erlegen ist. D. („Bolschewiki“) Den der klassenhewußten Proletarier, der Lohnarbeiter und des ärmeren Teiles der Bauernschaft, der sich ihnen angeschlossen hat (Halbproletarier). 3. Wie stellen sie sich zum Sozialismus? A. (rechts von den K.-D.), B. (K.-D.) Unbedingt feindlich, da er die Profite der Kapitalisten und Grundherren bedroht. G. (S.-D. und S.-R.) Für den Sozialismus, es ist aber verfrüht, an ihn zu denken und sofortige praktische Schritte zu seiner Verwirklichung zu tın. D. (,„Bolschewiki“) Für den Sozialismus. Die Arbeiterusw. Deputiertenräte müssen sofort die praktisch möglichen Schritte zur Verwirklichung des Sozialismus tun*. * Was für Schritte das sind, darüber siehe die Fragen 20 und 22.
Die Parteien in Rußland und die Aufgaben des Proletariats 133 4. Welche Staatsordnung erstreben sie gegenwärtig? A. (rechts von den K.-D.) Konstitutionelle Monarchie, Allmacht der Beamten und der Polizei. B. (K.-D.) Bürgerliche parlamentarische Republik, d. h. Festigung der Kapitalistenherrschaft unter Beibehaltung des alten Beamtentums und der Polizei. C. (S.-D. und S.-R.) Bürgerliche parlamentarische Republik mit Reformen für die Arbeiter und Bauern. D. („Bolschewiki“) Republik der Arbeiter-, Soldaten-, Bauern- usw. Deputiertenräte. Abschaffung des stehenden Heeres und der Polizei, dafür Bewaffnung des gesamten Volkes; nicht nur Wählbarkeit, sondern auch Absetzbarkeit der Beamten, ihre Entlohnung nicht über den Lohn eines qualifizierten Arbeiters. 5. Wie stellen sie sich zur Wiederaufrichtung der RomanowMonarchie? A. (rechts von den K.-D.) Sind dafür, handeln aber aus Furcht vor dem Volke heimlich und vorsichtig. B. (K.-D.) Waren, als die Gutschkow eine Macht schienen, dafür, den Bruder bzw. den Sohn Nikolaus’ auf den Thron zu setzen; sie sind dagegen, seitdem das Volk eine Macht zu sein scheint. C. (S.-D. und S.-R.), D. („Bolschewiki“) Unbedingt gegen jede Wiederaufrichtung der Monarchie. 6. Wie stellen sie sich zur Machtergreifung? sie Ordnung, was Anarchie? Was nennen A. (rechts von den K.-D.) Ergreift der Zar oder ein braver General die Macht, so ist das Gottes Wille, ist das Ordnung. Alles andere ist Anarchie. B. (K.-D.) Ergreifen die Kapitalisten, sei es auch mit Gewalt, die Macht, so ist das Ordnung. Die Macht gegen die Kapitalisten zu ergreifen, wäre Anarchie. C. (S.-D. und S.-R.) Ergreifen die Arbeiter-, Soldaten- usw. Deputiertenräte allein die gesamte Macht, dann droht Anarchie. Mögen die Kapitalisten einstweilen die. Macht behalten, und die
134 Agitation und Propaganda vom Februar bis zum Oktober Arbeiter- und Soldatendeputiertenräte — die „Kontaktkommission”, D. („Bolschewiki“) Die ganze Macht ausschließlich in die Hände der Arbeiter-, Soldaten-, Bauern- und Landarbeiterusw. Deputiertenräte. Die gesamte Propaganda, Agitation und Organisation von Millionen und aber Millionen Menschen sofort auf dieses Ziel einstellen*. 7. Soll man die Provisorische Regierung unterslützen? A. (rechts von den K.-D.), B. (K.-D.) Unbedingt, denn sie ist die im gegenwärtigen Augenblick einzig mögliche Regierung, die die Interessen der Kapitalisten schützt. C. (S.-D. und S.-R.) Ja. jedoch unter der Bedingung, daß sie die Vereinbarung mit dem Arbeiter- und Soldatendeputiertenrat einhält und die Sitzungen der „Kontaktkommission“ besucht. D. („Bolschewiki“) Nein; mögen die Kapitalisten sie unterstützen. Wir müssen das ganze Volk vorbereiten zur alleinigen und uneingeschränkten Herrschaft der Arbeiter-, Soldatenusw. Deputiertenräle. 8. Für Alleinherrschaft oder für Doppelherrschaft? A. (rechts von den K.-D.), B. (K.-D.) Für die Alleinherrschaft der Kapitalisten und Grundherren. C. (S.-D. und S.-R.) Für die Doppelherrschaft: „Kon- trolle“‘ der Provisorischen Regierung durch die Ärbeiter- und Soldatendeputiertenräte.. — Darüber nachzudenken, ob Kontrolle ohne Macht wirksam, ist schädlich. D. („Bolschewiki“) Für die Alleinherrschaft der Arbeiter-, Soldaten-, Bauern- usw. Deputiertenräte im ganzen Lande, von unten bis oben. 9. Soll die Konstituierende Versammlung einberufen werden? A. (rechts von den K.-D.) Nein; sie könnte den Grundherren schaden. — Die Bauern könnten am Ende in der Konstituieren* Anarchie nennt man die Ablehnung jeglicher Staatsmacht, der Arbeiterund Soldaten-Deputiertenrat ist aber auch eine Staatsmacht.
Die Parteien in Rußland und die Aufgaben des Proletariats 135 den Versammlung beschließen, den Grundherren den ganzen Boden wegzunehmen. B. (K.-D.) Ja, aber keinen Termin festsetzen. Möglichst lange Beratungen mit den Juristen und Professoren; hat doch schon Bebel gesagt, daß die Juristen die schlimmsten Reaktionäre der Welt sind, und zweitens lehrt die Erfahrung aller Revolutionen, daß die Freiheit des Volkes verloren ist, wenn man sie Professoren anvertraut. C. (S.-R. und S.-D.) Ja, und möglichst schnell. Man muß den Termin festsetzen; wir haben schon zweihundertmal in der Kontaktkommission darüber gesprochen und werden es morgen zum zweihunderterstenmal endgültig tun. . D. („Bolschewiki“) Ja, und möglichst schnell. Aber die Ga- rantie für ihren Erfolg und überhaupt ihre Einberufung ist allein: Zunahme der Zahl und Kraft der Arbeiter-, Soldaten- und Bauern- usw. Deputiertenräte; Organisierung und Bewaffnung der Ärbeitermassen — das ist die einzige Garantie. 10. Braucht der Staat eine Polizei des üblichen Typus und ein stehendes Heer? A. (rechts von den K.-D.), B. (K.-D.) Dringend und unbedingt, denn sie sind die einzig sichere Garantie der Kapitalistenherrschaft und nötigenfalls erleichtern sie — wie die Erfahrung aller Länder zeigt — die Rückkehr von der Republik zur Monarchie außerordentlich. GC. (S.-D. und S.-R.) Einerseits sind sie vielleicht nicht notwendig. Anderseits, sind so radikale Veränderungen nicht ver- früht? Übrigens werden wir das in der Kontaktkommission besprechen. D. („Bolschewiki“) Absolut unnötig. Sofort und unbedingt das gesamte Volk bewaffnen, seine Verschmelzung mit der Miliz und der Armee durchführen. Die Kapitalisten haben den Arbeitern die Tage, an denen diese in der Miliz Dienst tun, zu be- zahlen. 11. Braucht der Staat ein Beamtentum des üblichen Typus? A. (rechts von den K.-D.), B. (K.-D.) Unbedingt ja. Das Beamtentum ist zu neun Zehntel versippt mit den Grundherren und
136 Agitation und Propaganda vom Februar bis zum Oktober Kapitalisten. Es muß eine privilegierte, praktisch unabsetzbare Gruppe bleiben. C. (S.-D. und S.-R.) Es ist nicht angebracht, diese Frage sofort aufzurollen (eine Frage, die von der Pariser Kommune praktisch gestellt wurde). D. („Bolschewiki“) Absolut unnötig. Notwendig ist nicht nur die Wählbarkeit aller Beamten wie aller Deputierten, sondern auch ihre jederzeitige Absetzbarkeit. Ihre Bezahlung nicht über den Lohn eines qualifizierten Arbeiters. Ihre (allmähliche) Ersetzung durch die allgemeine Volksmiliz und ihre Abteilungen. 12. Sollen die Offiziere von den Soldaten gewählt werden? A. (rechts von den K.-D.), B. (K.-D.) Nein, das schädigt die Grundherren und die Kapitalisten. Falls man mit den Soldaten anders nicht fertig wird, muß man ihnen diese Reform einstweilen zugestehen, sie aber möglichst rasch wieder zurücknehmen. C. (S.-D. und S.-R.) Ja. D. („Bolschewiki“) Nicht nur wählen muß man sie, son- dern jeder Schritt eines Offiziers oder Generals muß durch besondere, von den Soldaten gewählte Vertrauensleute kontrolliert werden. 13. Ist das eigenmächtige Absetzen der Vorgesetzten durch die Soldaten nützlich? A. (rechts von den K.-D.), B. (K.-D.) Unbedingt schädlich. Gutschkow hat es bereits verboten, er hat bereits Gewalt angedroht. Man muß Gutschkow unterstützen. GC. (S.-D. und S.-R.) man sie zuerst Es ist nützlich, unklar bleibt nur, soll absetzen und dann zur Kontaktkommission gehen, oder umgekehrt. D. („Bolschewiki“) Es ist in jeder Beziehung nützlich und notwendig. Nur gewählten Vorgesetzten gehorchen die Soldaten, nur diese achten sie. 14. Für den jetzigen Krieg oder gegen ihn? A. (rechts von den K.-D.), B. (K.-D.) Unbedingt dafür, weil er den Kapitalisten unerhört große Gewinne einbringt und ihre
Die Parteien in Rußland und die Aufgaben des Proletariats 137 Herrschaft durch Entzweiung und Verhetzung der Arbeiter zu festigen verspricht. Die Arbeiter kann man beschwindeln, indem man den Krieg einen Verteidigungskrieg nennt, dessen Ziel eigentlich der Sturz Wilhelms sei. C. (S.-D. und S.-R.) Wir sind überhaupt gegen den imperialiıstischen Krieg, sind aber bereit, uns betrügen zu lassen und die Unterstützung des von der imperialistischen Regierung Gutschkow-Miljukow u. Co. geführten imperialistischen Krieges „revolutionäre Landesverteidigung‘ zu nennen. D. („Bolschewiki“) Unbedingt gegen den imperialistischen Krieg überhaupt; gegen alle bürgerlichen Regierungen, die ihn führen; auch gegen unsere Provisorische Regierung; unbedingt gegen die „revolutionäre Landesverteidigung‘“ in Rußland. 15. Für oder gegen die vom Zaren mit England, Frankreich usw. geschlossenen internationalen Raubverträge (über die Erdrosselung Persiens, die Aufteilung Chinas, der Türkei, Österreichs usw.)? A. (rechts von den K.-D.), B. (K.-D.) Bedingungslos dafür. Dabei darf man diese Verträge nicht veröffentlichen, sowohl weil das englisch-französische imperialistische Kapital und seine Regierungen es nicht erlauben, als auch deswegen, weil das russische Kapital seine schmutzigen Machenschaften nicht vor der ganzen Öffentlichkeit aufdecken kann. C. (S.-D. und S.-R.) Dagegen, wir hoffen aber noch, daß man mit Hilfe der Kontaktkommission und durch eine Reihe von „Kampagnen“ unter den Massen auf die Kapitalistenregierung „einwirken“ kann. D. („Bolschewiki“) Dagegen. Die ganze Aufgabe besteht darin, den Massen klarzumachen, daß es ganz aussichtslos ist, von kapitalistischen Regierungen irgend etwas in dieser Beziehung zu erwarten, und daß die Macht unbedingt auf das Proletariat und die arme Bauernschaft übergehen muß. 16. Für oder gegen Annexionen? A. (rechts von den K.-D.), B. (K.-D.) Handelt es sich um Annexionen deutscher Kapitalisten und ihres räuberischen Führers Wilhelm, so sind wir dagegen. Handelt es sich um Annexionen
138 Agitation und Propaganda vom Februar bis zum Oktober englischer Kapitalisten, so sind wir nicht dagegen, denn es sind „unsere“ Verbündeten. Handelt es sich um Annexionen unserer Kapitalisten, die die vom Zaren versklavten Völker mit Gewalt innerhalb der russischen Grenzen festhalten, so sind wir bezeichnen das nicht als Annexionen. C. (S.-D. und S.-R.) dafür, Gegen Annexionen; wir hoffen aber noch, daß man auch von der Kapitalistenregierung die „Zusage“ erhalten wird, sie werde auf sie verzichten. D. („Bolschewiki“) Gegen Annexionen; alle Versprechungen der kapitalistischen Regierung, auf Ännexionen zu verzichten, sind nichts als Betrug. Ihn zu entlarven, gibt es nur ein Mittel: die Befreiung der Völker fordern, die von den eigenen Kapitalisten unterdrückt werden. 17. Für oder gegen die „Freiheitsanleihe‘? A. (rechts von den K.-D.), B. (K.-D.) Unbedingt dafür, denn sie erleichtert die Fortführung des imperialistischen Krieges, d. h. des Krieges um die Frage, welche Kapitalistengruppe die Welt beherrschen soll. C. (S.-D. und S.-R) Dafür, denn die falsche Position der „Tevolutionären Vaterlandsverteidigung‘ verurteilt uns zu diesem offenkundigen Abweichen vom Internationalismus. D. („Bolschewiki“) Dagegen; denn der Krieg bleibt ein imperialistischer Krieg, er wird geführt von Kapitalisten im Bunde mit Kapitalisten, im Interesse von Kapitalisten. 18. Dafür oder dagegen, daß die kapitalistischen Regierungen der Welt den Friedenswillen der Völker kundtun? A. (rechts von den K.-D.), B. (K.-D.) Dafür, denn die Erfahrung der französischen republikanischen Sozialchauvinisten hat klar und deutlich die Möglichkeit gezeigt, auf diese Weise das Volk zu betrügen: sagen kann man, was man will, in Wirklichkeit aber werden wir die Beute, die wir den Deutschen geraubt haben (ihre Kolonien), behalten und ihnen abnehmen, was diese Räuber geraubt haben. C. (S.-D. und S.-R.) Dafür, denn wir halten überhaupt noch an vielen unbegründeten Hoffnungen fest, die die Kleinhourgeoisie auf die Kapitalisten setzt.
Die Parteien in Rußland und die Aufgaben des Proletariats 139 D. („Bolschewiki“) Dagegen, denn die klassenbewußten Ar- beiter hegen keinerlei Hoffnungen in bezug auf die Kapitalisten, und unsere Aufgabe ist, den Massen klarzumachen, wie unbegründet diese Hoffnungen sind. 19. Soll man alle Monarchen überhaupt stürzen? A. (rechts von den K.-D.), B. (K.-D.) Nein, den englischen, den italienischen und überhaupt die verbündeten Monarchen braucht man nicht zu stürzen, man muß nur den deutschen, den österreichischen, den türkischen und den bulgarischen Monarchen stürzen, denn der Sieg über sie wird unsere Profite verzehnfachen. C. (S.-D. und S.-R.) Man muß eine „Reihenfolge“ festsetzen und beginnen unbedingt mit dem Sturz Wilhelms; mit den verbündeten Monarchen kann man wohl noch warten. D. („Bolschewiki“) Eine Reihenfolge für die Revolution kann man nicht festsetzen. Man muß nur den Revolutionären der Tat helfen und in allen Ländern ohne Ausnahme alle Monarchen stürzen. 20. Sollen die Bauern sofort den gesamten qgutsherrlichen Boden nehmen? A. (rechts von den K.-D.), B. (K.-D.) Auf keinen Fall. Man muß die Konstituierende Versammlung abwarten. Schingarjow®” hat bereits auseinandergesetzt: wenn die Kapitalisten dem Zaren die Macht entreißen, so ist das eine große und ruhmreiche Revolution, wenn aber die Bauern den Grundherren das Land wegnehmen, so ist das Faustrecht. Wir brauchen paritä- tische Schiedskommissionen aus Grundherren und Bauern, mit Beamten als Vorsitzende, d. h. denselben Kapitalisten und Grundherren. C. (S.-D. und S.-R.) Es ist besser, die Bauern warten die Konstituierende Versammlung ab. D. („Bolschewiki“) Man muß den ganzen Boden sofort nehmen; hierbei die strengste Ordnung sichern durch die Bauerndeputiertenräte. Die Produktion von Getreide und Fleisch muß gesteigert werden: die Soldaten müssen besser ernährt werden. Beschädigung des Viehs, der Geräte usw. ist absolut unzulässig.
140 Agitalion und Propaganda vom Februar bis zum Oktober 21. Kann man sich begnügen allein mit den Bauerndeputiertenräten, die über den gesamten Grund und Boden und über sämtliche Dorfangelegenheiten überhaupt verfügen sollen? A. (rechts von den K.-D.), B. (K.-D.) Die Grundherren und Kapitalisten sind überhaupt gegen die ausschließliche und alleinige Herrschaft der Bauerndeputiertenräte in den Dörfern. Wenn diese Räte aber schon nicht zu vermeiden sind, ist es natürlich besser, man beschränkt sich auf sie, denn die reichen Bauern sind gleichfalls Kapitalisten. C. (S.-D. und S.-R.) Vorläufig kann man sich wohl auf sie beschränken, obgleich die S.-D. „im Prinzip“ die Notwendig- keit einer besonderen Organisation Lohnarbeiter nicht leugnen. der landwirtschaftlichen D. („Bolschewiki“) Man kann sich nicht beschränken auf dıe allgemeinen Bauerndeputiertenräte allein, denn die reichen Bauern sind ebenfalls Kapitalisten, die stets geneigt sein werden, die Landarbeiter, die Tagelöhner und die armen Bauern zu übervorteilen oder zu betrügen. Man muß sofort besondere Organisationen schaffen für diese letztgenannten Kategorien der ländlichen Bevölkerung, sowohl innerhalb der Bauerndeputiertenräte als auch in Gestalt besonderer Deputiertenräte der landwirtschaftlichen Arbeiter. 22. Soll das Volk die größten und mächtigsten, die monopolistischen Organisationen der Kapitalisten, die Banken, die Unternehmersyndikate usw., in seine Hand nehmen? A. (rechts von den K.-D.), B. (K.-D.) Auf keinen Fall, denn das kann den Grundherren und Kapitalisten schädlich sein. C. IS.-D. und S.-R.) Allgemein gesprochen sind wir für den Übergang solcher Organisationen in die Hände des gesamten Volkes, augenblicklich aber ist es noch zu früh, daran zu denken und es vorzubereiten. D. („Bolschewiki“) Man muß die Deputiertenräte der Arbeiter, der Bankangestellten usw. sofort vorbereiten, damit sie die praktisch möglichen und absolut durchführbaren Schritte tun — zunächst zur Verschmelzung sämtlicher Banken zu einer einzigen Nationalbank, sodann zur Kontrolle der Ban- ken und Syndikate durch die Arbeiterdeputiertenräte, später zu
Die Parteien in Rußland und die Aufgaben des Proletariats 141 ihrer Nationalisierung, d. h. ihrer Übereignung an das gesamte Volk. 23. Welche sozialistische Internationale, die das brüderliche Bündnis zwischen den Arbeitern aller Länder durchführt und verwirklicht, brauchen jetzt die Völker? A. (rechts von den K.-D.), B. (K.-D.) Allgemein gesprochen, ist jede sozialistische Internationale für die Kapitalisten und Grundherren schädlich und gefährlich, wenn sich aber der deutsche Plechanow, d. h. Scheidemann, und der russische Scheidemann, d. h. Plechanow, zusammenfinden und verstän- digen, wenn sie aneinander Spuren sozialistischen Gewissens entdecken, dann müssen wir Kapitalisten wohl eine solche Internationale solcher Sozialisten, die sich auf die Seite ihrer Regierungen stellen, begrüßen. C. (S.-D. und S.-R.) Nötig ist eine sozialistische Internatio- nale, die alle vereinigt: sowohl die Scheidemänner und die Plechanows als auch die Leute vom „Zentrum“, d. h. die zwischen Sozialchauvinismus und Internationalismus hin und her Schwankenden. Je größer der Brei, um so größer die „Einheit“; es lebe die große sozialistische Einheit! D. (‚‚Bolschewiki“) Die Völker brauchen nur eine solche Internationale, die wirklich revolutionäre Arbeiter vereinigt, fähig, dem schrecklichen und verbrecherischen Völkergemetzel ein Ende zu machen, die Menschheit vom Joche des Kapitals zu erlösen. Nur Menschen (Gruppen, Parteien usw.), wie der im Zuchthaus sitzende deutsche Sozialist Karl Liebknecht, nur Menschen, die rücksichtslos gegen die eigene Regierung, die eigene Bourgeoisie, die eigenen Sozialchauvinisten, die eigenen Zentristen kämpfen, nur sie können und sie müssen unverzüglich die Internationale bilden, die die Völker brauchen. 24. Ist es notwendig, die Verbrüderung zwischen den Soldaten der kriegführenden Länder an der Front zu fördern? A. (rechts von den K.-D.), B. (K.-D.) Nein, das schädigt die Interessen der Grundherren und Kapitalisten, da es die Befreiung der Menschheit von ihrem Joche beschleunigen kann. C. (S.-D. und S.-R.) Ja. Das ist nützlich. Doch sind wir
142 Agitation und Propaganda vom Februar bis zum Oktober ie nicht alle fest davon überzeugt, daß man mit dieser Unterstützung der Verbrüderung sofort in allen kriegführenden Ländern beginnen soll. D. („Bolschewiki“) Ja. Das ist nützlich und notwendige. Es ist unbedingt notwendig, sofort in allen kriegführenden Ländern die Versuche der Verbrüderung der Soldaten beider kriegführenden Gruppen zu fördern. 25. Welche Fahnenfarbe entspräche der Natur und dem Charakter der verschiedenen politischen Parteien? A. (rechts von den K.-D.) Schwarz, denn sie sind echte Schwarzhundertleute. B. (K.-D.) Gelb, denn das ist das internationale Banner jener, die dem Kapital auf Gedeih und Verderb dienen. C. (S.-D. und S.-R.) Rosa, denn ihre ganze Politik ist wie eine rosafarbene Limonade. D. („Bolschewiki“) Rot, denn das ist die Fahne der prole- tarischen Weltrevolution. * Diese Broschüre wurde geschrieben Anfang April 1917. Auf die Frage, ob sie nicht jetzt, nach dem 6. Mai 1917, nach der Bildung der „neuen“ Koalitionsregierung, veraltet sei, möchte ich antworten: Nein, denn eigentlich ist die Kontaktkommission nicht verschwunden, sie ist nur in ein anderes Zimmer übergesiedelt, und zwar zusammen mit den Herren Ministern. Der Umzug der Tschernow und Zeretelli® in ein anderes Zimmer hat ihre Politik und die Politik ihrer Parteien nicht geändert.
143 Bauern und Arbeiter“ In Nummer 88 der „Nachrichten des Allrussischen Rates der Bauerndeputierten®“ vom 19. August ist ein außerordentlich interessanter Artikel abgedruckt, der eines der grundlegenden Dokumente für jeden Parteipropagandisten und Parteiagitator werden sollte, der mit der Bauernschaft zu tun hat, für jeden klassenbewußten Arbeiter, der sich aufs Dorf hinausbegibt oder mit ihm Fühlung hat. Dieser Artikel ist eine „Musterinstruktion, zusammengestellt auf Grund von 242 Instruktionen, die von den Deputierten zum ersten Allrussischen Bauerndeputierten-Kongreß in Petersburg 1917 aus der Provinz mitgebracht wurden“. Es wäre äußerst wünschenswert, wenn der Rat der Bauern- deputierten möglichst eingehende Angaben über alle diese Instruktionen veröffentlichte (falls es absolut unmöglich sein sollte, sie alle vollständig abzudrucken, was natürlich das beste wäre). Besonders notwendig ist z. B. ein vollständiges Verzeichnis der Gouvernements, der Kreise und Amtsbezirke mit dem Hinweis, wie viele Instruktionen aus jeder Gegend eingegangen, wann sie zusammengestellt bzw. übergeben worden sind, eine Analyse wenigstens der grundlegenden Forderungen, damit man ersehen könnte, ob sich je nach der Gegend in einzelnen Punkten Unterschiede geltend machen. mit individuellem Landbesitz schaft, Ob sich, sagen wir, Bezirke und Bezirke mit Feldgemein- großrussische Bezirke und nichtrussische, zentral ge- legene Bezirke und Randbezirke, Bezirke, die die Leibeigenschaft nicht gekannt haben und dergl. — ob sie sich in ihrer Stellungnahme zur Abschaffung des Eigentumsrechtes auf das gesamte Bauernland, zur periodischen Neuaufteilung des Bodens, zur Nichtzulassung von Lohnarbeit, zur Enteignung des Inventars und des Viehs der Grundherren usw. usf. von einander unterscheiden? Das wissenschaftliche Studium des ungewöhnlich wertvollen Materials der Bauerninstruktionen ist ohne derartige * Rabotschij‘“ Nr. 6 vom 29. August 1917.
144 Agıtation und Propaganda vom Februar bis zum Oktober eingehende Angaben unmöglich. Wir Marxisten müssen aber mit allen Kräften bestrebt sein, die unserer Politik zugrunde liegenden Tatsachen wissenschaftlich zu erfassen. Da besseres Material nicht vorliegt, bleibt die Sammelinstruktion (wie wir die „Musterinstruktion“ nennen wollen), solange nicht eine faktische Unrichtigkeit in ihr nachgewiesen ist, ein In seiner Art einzig dastehendes Material, das, wir wiederholen es, unbedingt in den Händen eines jeden Mitgliedes unserer Partei sein muß. Der erste Teil der Sammelinstruktion ist allgemeinen politischen Thesen gewidmet, Forderungen der politischen Demokra- tie; der zweite Teil behandelt die Bodenfrage. (Wir wollen hoffen, daß der Allrussische Rat der Bauerndeputierten oder ein anderes Organ eine Sammlung der Instruktionen und Resolutionen der Bauern zur Kriegsfrage vornehmen wird.) Beim ersten Punkt wollen wir jetztnicht eingehend verweilen, sondern heben nur zwei Punkte hervor. In Paragraph 6 wird die Wählbarkeit aller beamteten Personen gefordert; in Paragraph 11 die Abschaffung des stehenden Heeres nach Beendigung des Krieges. Diese Punkte lassen das politische Programm der Bauern dem Prosramm der Partei der Bolschewiki am nächsten stehend erscheinen. Gestützt auf diese Punkte müssen wir bei unserer ganzen Propaganda und Agitation den Hinweis machen und den Beweis liefern, daß die menschewistischen und sozialrevolutionären Führer Verräter nicht nur am Sozialismus, sondern auch an der De- mokratie sind, da sie sich z. B. in Kronstadt gegen den Willen der Bevölkerung, gegen die Prinzipien der Demokratie, im Interesse der Kapitalisten für den Posten eines von der Regierung zubestätigenden Kommissars einsetzten, also für ein nicht ausschließlich wählbares Amt. Die sozialrevolutionären und ınenschewistischen Führer kämpfen in den Bezirksverordnetenversammlungen von Petersburg und in anderen lokalen Selbstverwaltungsorganen entgegen den demokratischen Prinzipien gegen die bolschewistische Forderung, unverzüglich mit der Einführung einer Arbeitermiliz zu beginnen als Übergang zur späteren Volksmiliz. Die Landforderungen der Bauernschaft bestehen nach der Sammelinstruktion vor allem in der entschädigungslosen Aufhebung des Privateigentums an Grund und Boden jeder Art, ein-
Bauern und Arbeiter 145 schließlich des Bauernlandes; in der Übergabe der Ländereien mit hochkultivierten Wirtschaftsbetrieben an den Staat oder die Dorfgemeinden; in der Konfiskation des ganzen lebenden und toten Inventars der gesamten beschlagnahmten Ländereien (die landarmen Bauern ausgenommen) und seiner Übergabe an den Staat oder die Dorfgemeinden; in der Nichtzulassung von Lohnarbeit; in der ausgleichenden Verteilung des Landes unter die Werktätigen mit periodischen Neuverteilungen usw. Als Maßregeln der Übergangszeit bis zur Einberufung der Konstituierenden Versammlung fordern die Bauern den unverzüglichen Erlaß von Gesetzen, die den Kauf und Verkauf von Grund und Boden verbieten, die Abschaffung der Gesetze über das Ausscheiden aus der Dorfgemeinde, über die Otruba”® usw., über den Schutz der Forste, der Fischerei und sonstiger Erwerbszweige und dgl., über die Abschaffung der langfristigen und die Revision der kurzfristigen Pachtverträge usw. Ein kurzes Überlegen genügt, um zu sehen, wie ganz unmöglich die Verwirklichung dieser Forderungen im Bunde mit den Kapitalisten ist, ohne den völligen Bruch mit ihnen, ohne den entschlossensten und schonungslosesten Kampf gegen die Kapitalistenklasse, ohne den Sturz ihrer Herrschaft. Darin besteht eben der Selbstbetrug der Sozialrevolutionäre und ihr Betrug an der Bauernschaft, daß sie die Auffassung zu- lassen und verbreiten, als seien derartige Umgestaltungen ohne den Sturz der Kapitalistenherrschaft möglich, ohne den Übergang der gesamten Staatsmacht an das Proletariat, ohne daß die ärmere Bauernschaft die enischiedensten, revolutionären Maßnahmen der proletarischen Staatsmacht gegen die Kapitalisten unterstützt. Darin liegt eben die Bedeutung des sich herausbildenden linken Flügels der ‚„Sozialrevolutionäre“, daß er den Beweis liefert für die zunehmende Erkenntnis dieses Betruges innerhalb dieser Partei selbst. In der Tat, die Konfiskation des gesamten privaten Landbesitzes bedeutet die Konfiskation von hunderten Millionen Kapital der Banken, denen diese Ländereien größtenteils verpfändet sind. Ist eine solche Maßnahme denkbar, ohne daß die revolutionäre Klasse durch revolutionäre Maßnahmen den Widerstand der Kapitalisten bricht? Hierbei handelt es sich um das am meisten zentralisierte Kapital, das Bankkapital, das M. B. 8, Lenin: Agitation u. Propaganda 10
146 Agitation und Propaganda vom Februar bis zum Oktober durch Milliarden von Fäden mit allen wichtigsten Zentren der kapitalistischen Wirtschaft des Riesenlandes verknüpft ist und das nur durch die nicht minder zentralisierte Macht des städtischen Proletariats besiegt werden kann. Nehmen wir weiter die Übergabe der technisch hochstehenden landwirtschaftlichen Betriebe an den Staat. Liegt es nicht auf der Hand, daß der ‚Staat‘, der imstande ist, diese Betriebe zu übernehmen und sie wirklich zugunsten der Werktätigen und nicht der Bürokraten und Kapitalisten zu bewirtschaften, ein proletarischer, revolutionärer Staat sein muß? Die Konfiskation von Gestüten usw., ferner die Konfiskation des gesamten lebenden und toten Inventars, das sind nicht nur weiter gigantische Schläge gegen das Privateigentum an den FProduktionsmitteln. Es sind Schritte zum Sozialismus, denn der Übergang des Inventars ‚in die ausschließliche NutznieBung des Staates oder der Dorfgemeinde“ bedingt sozialistischen Großbetrieb in der Landwirtschaft oder mindestens sozialistische Kontrolle über die vereinigten kleinen Wirtschaften, sozialistische Regulierung ihrer Wirtschaft. Und die „Nichtzulassung‘‘ der Lohnarbeit? Das ist eine leere Phrase, ein hilfloser, unbewußt frommer Wunsch der an die Wand gedrückten Kleineigentümer, die nicht sehen, daß die ganze kapitalistische Industrie beim Fehlen einer Reservearmee von Lohnarbeitern auf dem Lande stillstehen würde, — daß es unmöglich ist, die Lohnarbeit auf dem Dorfe „nicht zuzulassen“, wenn man sie in der Stadt zuläßt, — schließlich, daß die „Nichtzulassung‘‘ der Lohnarbeit nichts anderes bedeutet als einen Schritt zum Sozialismus. Hier sind wir nun zu der Kernfrage des Verhältnisses zwischen Arbeitern und Bauern gelangt. Seit über zwanzig Jahren besteht in Rußland eine sozialdemokratische Massenbewegung der Arbeiter (wenn man von den großen Streiks des Jahres 1896 rechnet’*). Durch diese ganze Zeitspanne, durch zwei große Revolutionen, geht wie ein roter Faden durch die ganze politische Geschichte Rußlands die Frage: soll die Arbeiterklasse die Bauern vorwärts zum Sozialismus führen, oder soll der liberale Bourgeois sie zurückzerren zur Aussöhnung mit dem Kapitalismus. Der opportunistische Flügel der Sozialdemokratie argumen-
Bauern und Arbeiter 147 tiert die ganze Zeit nach folgender hochweiser Formel: weil die Sozialrevolutionäre Kleinbürger kleinbürgerlich-utopische Ansicht sind, verwerfen über den „wir“ Sozialismus ihre im Namen der bürgerlichen Ablehnung des Sozialismus. Der Marxismus wird glücklich durch den Struvismus’”? ersetzi und der Menschewismus sinkt herab zur Rolle eines Lakaien der Kadetten, der die Bauern mit der Herrschaft der Bourgeoisie „aus- zusöhnen“ sucht ... Die revolutionäre Sozialdemokratie, die auf die Kritik der kleinbürgerlichen Illusionen der Sozialrevolutionäre nie verzichtet hat, die einen Block mit ihnen nie anders gebildet hat als gegen die Kadetten, kämpft die ganze Zeit darum, die Bauern dem Einfluß der Kadetten zu entreißen, und setzt der kleinbürgerlich-utopistischen Auffassung vom Sozialismus nicht die liberale Aussöhnung mit dem Kapitalismus entgegen, sondern den revolutionär-proletarischen Weg zum Sozialismus. Jetzt, wo der Krieg die Entwicklung ungewöhnlich beschleunigt, die Krisis des Kapitalismus unglaublich verschärft und die Völker vor die unverzügliche Wahl gestellt hat: Untergang oder sofortige entschlossene Schritte zum Sozialismus, — jetzt tritt der ganze abgrundtiefe Unterschied zwischen dem halbliberalen Menschewismus und dem revolutionär-proletarischen Bolschewismus anschaulich, praktisch zutage, als eine Frage der Aktion von vielen Millionen Bauern. Söhnt euch mit der Herrschaft des Kapitals aus, denn für den Sozialismus sind „wir“ noch nicht reif, sagen den Bauern die Menschewiki, wobei sie unter anderem die konkrete Frage, ob man die durch den Krieg geschlagenen Wunden ohne entscheidende Schritte zum Sozialismus heilen kann, durch die abstrakte Frage nach dem „Sozialismus“ überhaupt ersetzen. Söhnt euch mit dem Kapitalismus aus, denn die Sozialrevolutionäre sind kleinbürgerliche Utopisten, sagen den Bauern die Menschewiki und unterstützen zusammen mit den Sozialrevolutionären die Kadettenregierung. Die Sozialrevolutionäre aber schlagen sich an die Brust und versichern den Bauern, sie seien gegen jeden Frieden mit den Kapitalisten, sie hätten nie die russische Revolution als eine bürgerliche Revolution betrachtet, — und schließen deshalb einen Block gerade mit den opportunistischen Sozialdemo10°
148 Agitation und Propaganda vom Februar bis zum Oktober kraten, unterstützen gerade eine bürgerliche Regierung ... Die Sozialrevolutionäre unterschreiben jedes noch so revolutionäre Programm der Bauernschaft, — um es nicht durchzuführen, um es auf die lange Bank zu schieben, um die Bauern durch gänzlich leere Versprechungen hinters Licht zu führen, während sie sich in Wirklichkeit monatelang um eine „Verständigung“ mit den Kadetten im Koalitionsministerium bemühen. Dieser himmelschreiende, praktische, direkte, greifbare Ver- rat der Sozialrevolutionäre an den Interessen der Bauernschaft ändert die Lage von Grund auf. Diese Veränderung gilt es in Betracht zu ziehen. Man kann nicht einfach wie früher gegen die Sozialrevolutionäre agitieren, wie wir es 1902—1903 und 1905—1907 getan haben. Man kann sich nicht auf theoretisclie Entlarvung der kleinbürgerlichen Illusionen von der „sSozialisierung des Bodens“, der „ausgleichenden Bodennutzung“, der „Nichtzulassung der Lohnarbeit“ usw. beschränken. Damals standen wir am Vorabend der bürgerlichen Revolution bzw. in der unvollendeten bürgerlichen Revolution, und die sanze Aufgabe bestand darin, sie vor allem bis zum Sturz der Monarchie vorwärtszutreiben. Jetzt ist die Monarchie gestürzt. Die bürgerliche Revolution ist soweit abgeschlossen, als Rußland eine demokratische Republik mit einer Regierung aus Kadetten, Menschewiki und Sozialrevolutionären geworden ist. Und der Krieg hat uns in drei Jahren um etwa dreißig Jahre vorwärts gebracht, er hat in Europa die allgemeine Arbeitsdienstpflicht und die zwangsmäßige Syndizierung der Betriebe geschaffen, er hat die fortgeschrittensten Länder zu Hungersnot und unerhörtem Ruin ge- bracht und Schritte zum Sozialismus erzwungen. Nur das Proletariat und die Bauernschaft können die Monarchie stürzen. — das war die grundlegende, dem damaligen Zeitpunkt entsprechende Definition unserer Klassenpolitik. Und diese Definition war richtig. Der Februar und März 1917 haben dies ein übriges Mal bestätigt. Nur das Proletariat, das die ärmste Bauernschaft (das Halbproletariat, wie es in unserem Programm heißt) führt, kann dem Krieg durch einen demokratischen Frieden ein Ende machen, die durch den Krieg geschlagenen Wunden heilen und die ersten, unbedingt notwendig und unaufschiebbar gewor-
Bauern und Arbeiter 149 denen Schritte zum Sozialismus tun — so lautet die -Definition unserer Klassenpolitik jetzt. Daraus folgt die Schlußfolgerung: das Schwergewicht unserer Propaganda und Agitation gegen die Sozialrevolutionäre muß auf ihren Verrat an den Bauern verlegt werden. Sie vertreten nicht die Masse der armen Bauern, sondern die Minderheit der wohlhabenden Eigentümer. Sie führen die Bauern nicht zu einem Bündnis mit den Arbeitern, sondern zu einem Bündnis mit den Kapitalisten, das heißt zur Unterwerfung unter sie. Sie haben die Interessen der werktätigen und ausgebeuteten Masse verkauft für Ministerposten, für den Block mit den Menschewiki und den Kadetten. Durch den Krieg in ihrem Gang beschleunigt, ist die Geschichte so weit vorwärts geschritten, daß die alten Formeln sich mit neuem Inhalt gefüllt haben. „Nichtzulassung der Lohnarbeit“, das bedeutete früher lediglich: eine leere Phrase kleinbürgerlicher Intellektueller. Jetzt bedeutet dies in der Praxis etwas anderes: Millionen armer Bauern sagen in den 242 Instruktionen, daß sie zur Abschaffung der Lohnarbeit schreiten wollen, aber nicht wissen, wie es zu bewerkstelligen ist. Wir wissen, wie es zu bewerkstelligen ist. Wir wissen, daß man es nur im Bunde mit den Arbeitern erreichen kann, unter ihrer Führung, gegen die Kapilalisten und nicht durch „Verständigung“ mit den Kapitalisten. Dahin muß sich jetzt die Grundlinie unserer Propaganda und Agitation gegen die Sozialrevolutionäre, die Grundlinie unserer Reden an die Bauernschaft verschieben. Die sozialrevolutionäre Parteı hat euch verraten, Genossen Bauern. Sie hat die Hütten verraten und sich auf die Seite der Paläste geschlagen — wenn auch nicht der Paläste des Monarchen, so doch der Paläste, wo die Kadetten, die schlimmsten Feinde der Revolution — der Bauernrevolution ganz besonders — in einer Regierung mit den Tschernow, Pjeschechonow, Awksentjew’? sitzen. Nur das revolutionäre Proletariat, nur die Avantgarde, die es vereinigt, die Partei der Bolschewiki, kann in der Tat jenes Programm der armen Bauernschaft, das in den 242 Instruk- tionen entwickelt ist, verwirklichen. Denn das revolutionäre Proletariat schreitet tatsächlich auf dem einzig richtigen
150 Agitation und Propaganda vom Februar bis zum Oktober Wege zur Abschaffung der Lohnarbeit — durch den Sturz des Kapitals und nicht durch ein Verbot, einen Tagelöhner zu dingen, nicht durch die ‚„Nichtzulassung‘ der Lohnarbeit. Das revolutionäre Proletariat schreitet tatsächlich zur Konfiskation des Grund und Bodens, des Inventars, der landwirtschaft- lichen Industriebetriebe — dazu, was die Bauern wollen und was die Sozialrevolutionäre ihnen nicht geben können. So muß sich jetzt die Grundlinie der Reden des Arbeiters an den Bauern ändern. Wir Arbeiter können und werden euch geben, was die arme Bauernschaft will und sucht, ohne es immer zu wissen, wo und wie sie es suchen soll. Wir Arbeiter verteidigen gegen die Kapitalisten unsere Interessen und gleichzeitig die Interessen der gewaltigen Mehrheit der Bauern, während die Sozialrevolutionäre ein Bündnis mit den Kapitalisten schließen und diese Interessen verraten. . Wir wollen den Leser daran erinnern, was Engels kurz vor seinem Tode über die Bauernfrage sagte. Engels betonte, daß die Sozialisten nicht daran dächten, die Kleinbauern zu expropriieren, daß nur die Macht des Beispiels ihnen die Vorzüge der maschinellen sozialistischen Bewirtschaftung des Grund und Bodens klarmachen würde. Der Krieg hat jetzt Rußland praktisch vor eine Frage gerade dieser Art gestellt. Das Inventar ist knapp. Man muß es beschlagnahmen, ohne die technisch hochstehenden Wirtschaftsbetriebe zu ‚teilen‘. Die Bauern fangen an, dies zu begreifen. Die Not hat sie dazu gezwungen. Der Krieg hat sie dazu gezwungen, denn Inventar ist nicht zu beschaffen. Man muß sparsam mit ihm umgehen. Landwirtschaftlicher Großbetrieb aber heißt ersparte Arbeit an Inventar wie an vielem anderen. Für sich wollen die Bauern die Kleinwirtschaft beibehalten, wollen sie ausgleichend normieren und periodisch von neuem ausgleichen ... Gut. Deshalb wird kein einziger vernünftiger Sozialist mit der armen Bauernschaft in Konflikt geraten. Ist der Grund und Boden konfisziert, das heißt die Herrschaft der Banken untergraben, ist das Inventar konfisziert, das heißt die Herrschaft des Kapitals untergraben — dann wird
Bauern und Arbeiter 151 sich beiderHerrschaftdesProletariatsim Zen- trum, beim Übergang der politischen Macht an das Proletariat alles andere vonselbst ergeben, als Resultat der „Macht des Beispiels“, diktiert durch die Praxis selbst. Der Übergang der politischen Macht an das Proletariat, das ist der Kern der Sache. Damit wird alles Wesentliche, Grund- legende, Wichtige im Programm der 242 Instruktionen durchführbar. Das Leben selbst wird zeigen, mit welchen Veränderungen diese Durchführung vor sich gehen wird. Das ist nebensächlich. Wir sind keine Doktrinäre. Unser Teil ist nicht das Dogma, sondern die Anleitung zum Handeln. Wir erheben keinen Anspruch darauf, daß Marx oder die Marxisten den Weg zum Sozialismus In allen _seinen_ konkreten _ gu RE ur a nd u m er Pe uube nn 1_ um .— in |— „Einzelheiten. kennen. Das istUnsinn. Wir kennen die Richtung a ; dieses Weges, wir wissen, welche Klassenkräfte auf diesem Weg führen, konkret, praktisch wird es aber erst die Erfahrung der Millionen, wenn sie ans Werk schreiten, zeigen. Habt Vertrauen zu den Arbeitern, Genossen Bauern, zerreißt das Bündnis mit den Kapitalisten! Nur im engen Bund mit deu Arbeitern könnt ihr die praktische Durchführung des Prosramms der 242 Instruktionen beginnen. Im Bunde mit den Kapitalisten, unter der Führung der Sozialrevolutionäre, werdet ihr nie auch nur einen einzigen entschlossenen, entscheidenden Schritt im Sinne dieses Programms erleben. Wenn ihr aber im Bunde mit den städtischen Arbeitern, in schonungslosem Kampf gegen das Kapital das Programm der 242 Instruktionen zu verwirklichen beginnt, dann wird die ganze Welt euch und uns zu Hilfe kommen, dann ist der Erfolg dieses Programms — nicht in seiner jetzigen Formulierung, aber im Wesen — gesichert. Dann ist das Ende der Herrschaft des Kapitals und der Lohnsklaverei gekommen. Dann beginnt das Reich des Sozialismus, das Reich des Friedens, das Reich der Werktätigen.
152 Asitation und Propaganda vom Februar bis zum Oktoher ; Über die Losung „Alle Macht den Räten““ Die Politik der Provisorischen Regierung, die auf die Fortselzung des Krieges, auf die Aufschiebung jeder Reform gerichtet war, halte die Unzufriedenheit unter den breiten Massen der Arbeiter, Bauern und Soldaten aufs höchste gesteigert. Diese Unzufriedenheit fand ihren Ausdruck in der bewaffneten Erhebung des Petrograder Proletariats und einer Reihe in der Hauptstadt stalionierter Truppenteile am 3./4. Juli 1917 unter der Losung „Alle Macht den Räten“. Die Aktion endete aber mit einem Mißerfolg. Die Ursache hierfür war in der kleinbürgerlichen Zusammensetzung der Sowjets zu suchen, die, mit Menschewiki und Sozialrevolulionären an ihrer Spitze, die Niederwerfung der revolutionären Erhebung förderten. Die Machtpositionen der Bourgeoisie wurden nach den Julilagen ungeheuer gefestigt. Mit Hilfe der kleinbürgerlichen Parteien wurden die Bolschewiki durch die Bourgeoisie in die Illegalität getrieben, die bolschewistische Presse wurde verboten. Die neue Lage, die konterrevolutionäre Rolle der kleinbürgerlichen Sowjets, zwang Lenin und die Bolschewiki, die Losung „Alle Macht den Räten‘“ wieder zurückzunehmen und eine andere Losung „Nieder mit der Diktatur des Imperialismus” aufzustellen. Der Klarlegung der neuen Taktik ist der nachstehende Aufsatz gewidmet. *k Nur allzu oft pflegt es vorzukommen, daß bei einer jähen Wendung der Geschichte selbst die fortgeschrittenen Parteien eine längere oder kürzere Zeit hindurch sich mit der neuen Lage nicht vertraut machen können, daß sie die Losungen wieder- holen, die gestern richtig waren, heute aber jeden Sinn verloren haben, verloren haben ebenso „plötzlich“ wie die jähe Wendung der Geschichte eingetreten ist. Etwas Ähnliches kann sich anscheinend auch mit der Losung des Überganges der ganzen Macht auf die Räte wiederholen. Diese Losung war richtig für die nun endgültig abgeschlossene Periode unserer Revolution, sagen wir, die Zeit vom 27. Februar bis zum 4. Juli. Es ist klar, daß diese Losung jetzt nicht mehr richtig ist. Ohne das begriffen zu haben, kann man von den dringenden Fragen der Jetztzeit nichts begreifen. Jede einzelne Losung muß aus der Gesamtheit der Besonderheiten einer bestimmten politischen Lage abgeleitet werden. Die politische Lage in Rußland ist aber jetzt, nach dem 4. Juli, grundverschie* Aus dem Artikel „Zu den Losungen“, Juli 1917.
Über die Losung „Alle Macht den Räten“ 153 den von der Lage, wie wir sie vom 27. Februar bis zum 4. Juli hatten. Damals, in dieser nunmehr vergangenen Periode der Revolution, gab es im Staate eine sogenannte „Doppelherrschaft“, die sowohl materiell als auch formell den unbestimmten, vorüber- gehenden Zustand der Staatsgewalt zum Ausdruck brachte. Wir wollen nicht vergessen, daß die Machtfrage die Kardinalfrage jeder Revolution ist. Damals befand sich die Staatsmacht in einem schwankenden Zustand. In ihr teilten sich, auf Grund eines freiwilligen Über- einkommens, die Provisorische Regierung und die Sowjets. Die Sowjets waren Delegationen freier, d. h. keiner äußeren Gewalt unterliegender und bewaffneter Arbeiter- und Soldatenmassen. Die Waffen in den Händen des Volkes, das Fehlen einer äußeren auf das Volk angewandten Gewalt — das war das Wesen der Sache. Das eröffnete und sicherte einen friedlichen Entwicklungsweg der ganzen Revolution. Die Losung: „Übergang der ganzen Macht auf die Räte“ war die Losung des nächsten Schrittes, eines unmittelbar zu verwirklichenden Schrittes auf diesem friedlichen Entwicklungswege, Es war die Losung der fried- lichen Entwicklung der Revolution, einer Entwicklung, die in der Zeit vom 27. Februar bis zum 4. Juli möglich war und natürlich am wünschenswertesien ist, die aber jetzt absolut unmöglich geworden ist. | Allem Anschein nach sind sich nicht alle Anhänger der Losung des „Überganges der ganzen Macht an die Räte“ genügend klar darüber, daß dies eine Losung der friedlichen Vorwärtsentwicklung der Revolution war. Der friedlichen nicht allein in dem Sinne, daß niemand, keine einzige Klasse, keine ernsthafte Kraft sich damals (vom 27. Februar bis zum 4. Juli) dem Übergang der Macht auf die Räte hätte widersetzen und ihn verhindern können. Das ist noch nicht alles. Eine friedliche Entwicklung wäre damals selbst in der Hinsicht möglich gewesen, daß der Kampf der Klassen und Parteieninnerhalb der Räte damals — bei rechtzeitigem Übergang der ganzen Fülle der Staatsgewalt auf die Räte — sich am friedlichsten und schmerzlosesten hätte gestalten können. Auch diese Seite der Frage wird noch zu wenig beachtet. Ihrer Klassenzusammensetzung nach waren die Räte die Organe
154 Agitation und Propaganda vom Februar bis zum Oktober der Arbeiter- und Bauernbewegung, die fertige Form ihrer Diktatlur. Hätten sie über die ganze Macht verfügt, so wäre der Hauptmangel der kleinbürgerlichen Schichten, ihre Hauptsünde, die Vertrauensseligkeit gegenüber den Kapitalisten, in der Praxis überwunden, durch das Schicksal ihrer eigenen Maßnahmen Lügen gestraft worden. Die Ablösung der an der Macht stehenden Klassen und Parteien hätte sich innerhalb der Sowjets, auf dem Boden ihrer Allein- und Allherrschaft, friedlich ab- spielen können; die Verbindung aller Sowjetparteien mit den Massen hätte fest und ungeschwächt bleiben können. Man darf keinen Augenblick außer acht lassen, daß nur diese engste und ungehindert sich verbreitende und vertiefende Verbindung der Sowjetparteien mit den Massen dazu hätte verhelfen können, die Illusionen des kleinbürgerlichen Paktierens mit der Bourgeoisie friedlich zu überwinden. Der Übergang der Macht an die Räte hätte an und für sich an den Beziehungen zwischen den Klassen nichts geändert und auch nichts ändern können; der kleinbürgerliche Charakter der Bauernschaft wäre derselbe geblieben. Aber er hätte einen rechtzeitigen großen Schritt zur Loslösung der Bauern von der Bourgeoisie, zu ihrer Annäherung und späteren Vereinigung mit den Arbeitern bedeutet. So hätte es sein können, wenn die Macht rechtzeitig an die Sowjets übergegangen wäre. Das wäre für das Volk am leichtesten, am vorteilhaftesten gewesen. Ein solcher Weg wäre der schmerzloseste gewesen, und daher mußte man für ihn aufs tatkräftigste kämpfen. Aber jetzt ist dieser Kampf, der Kampf für den rechtzeitigen Übergang der Macht an die Sowjets, zu Ende. Der friedliche Entwicklungsweg ist unmöglich gemacht. Ein nicht friedlicher, ein sehr schmerzvoller Weg ist betreten worden. Der Umschwung vom 4. Juli besteht ja eben darin, daß die objektive Lage mit diesem Tage eine jähe Änderung erfahren hat. Die Labilität der Macht hat aufgehört, an entscheidender Stelle ist die Macht in die Hände der Konterrevolution übergesangen. Die Entwicklung der Parteien auf dem Boden des Paktierens der kleinbürgerlichen Parteien der Sozialrevolutionäre und Menschewiki mit den konterrevolutionären Kadetten hat dazu geführt, daß diese beiden kleinbürgerlichen Parteien sich als faktische Teilhaber und Helfershelfer des konterrevolutionären Henkerregimes erwiesen haben. Die unbewußte Ver-
Über die Losung „Alle Macht den Räten“ 155 trauensseligkeit der Kleinbürger den Kapitalisten gegenüber hat die Kleinbürger durch die Logik des Parteikampfes zur bewußten Unterstützung der Konterrevolutionäre geführt. Der Entwicklungszyklus der Beziehungen zwischen den Parteien ist geschlossen. Am 27. Februar fanden sich alle Klassen gegen die Monarchie. Nach dem 4. Juli hat die konterrevolutionäre Bourgeoisie, Hand in Hand mit den Monarchisten und den SchwarzHundert-Leuten, die kleinbürgerlichen Sozialrevolutionäre und Menschewiki, die sie zum Teil eingeschüchtert hatte, an sich ge- kettet und die faktische Staatsgewalt in die Hände von Cavaignacs’* gelegt, in die Hände einer Militärkamarilla, die die Unbotmäßigen an der Front erschießt, die bolschewistischen Organisationen in Petersburg zertrümmert. Die Losung: „Übergang der Macht auf die Räte‘ würde jetzt wie eine Donquichotterie oder wie Hohn klingen. Diese Losung wäre objektiv eine Irreführung des Volkes, eine Erweckung der Illusion im Volke, als ob auch jetzt noch der Wunsch der Sowjets, die Macht zu übernehmen, bzw. ein dahingehender Beschluß der Sowjets genügte, damit sich die Sowjets tatsächlich in Besitz der Macht setzen, als ob es im Sowjet noch Parteien gäbe, die sich nicht besudelt hätten mit den den Henkern erwiesenen Helfersdiensten, als ob man das Geschehene ungeschehen machen könnte ... Das Wesen der Dinge besteht darin, daß die Macht jetzt nicht mehr auf friedliichem Wege erobert werden kann. Man kann sie nur erringen, nachdem man in entscheidendem Kampfe jene besiegt hat, die die tatsächlichen Träger der Macht in diesem Moment sind, nämlich die Militärkamarilla, die Cavaignacs, die sich auf die nach Petersburg gebrachten reaktionären Truppenteile, auf die Kadetten und die Monarchisten stützen. Das Wesen der Sache besteht darin, daß diese neuen Träger der Staatsgewalt nur von den revolutionären Massen des Volkes besiegt werden können. Damit sich diese Massen in Bewegung setzen, müssen sie nicht nur vom Proletariat geführt werden, sie müssen auch den Parleien der Sozialrevolutionäre und Menschewiki, die die Sache der Revolution verraten haben, den Rücken kehren ... Die Kardinalfrage der Revolution ist die Frage der Macht, sag-
156 Agitation und Propaganda vom Februar bis zum Oktober ten wir. Man muß hinzufügen: gerade die Revolutionen zeigen uns auf Schritt und Tritt eine Verdunkelung der Frage, wo die tatsächliche Macht ist, zeigen uns, daß die formale und die reale Macht sich nicht zu decken brauchen. Gerade hierin besteht eine der wichtigsten Eigenarten einer jeden revolutionären Periode. Im März und April 1917 war es ungewiß, ob sich die reale Macht in Händen der Regierung oder in Händen der Sowjets befand. Jetzt ist es von besonderer Wichtigkeit, daß die klassenbewußten Arbeiter nüchtern die Kardinalfrage der Revolution erwägen: in wessen Händen liegt jetzt die Macht im Staate? Man überlege, welches die materiellen Erscheinungsformen dieser Macht sind, man nehme nicht Phrasen für die Tat hin, und die Antwort wird nicht schwer fallen. Der Staat, das sind vor allem Abteilungen Bewaffneter mit materiellen Anhängseln, wie Gefängnisse usw. — schrieb Friedrich Engels. Jetzt sind es Offiziersschüler und reaktionäre Kosaken, die speziell nach Petersburg gebracht worden sind; es sind dieselben, die Kamenew’”° und die anderen hinter Schloß und Riegel halten, die die Zeitung „Prawda‘ verboten, die Arbeiter und einen bestimmten Teil der Soldaten entwaffnet haben. die einen anderen Teil der Soldaten erschießen. Diese Henker sind die reale Staatsmacht ... Das Volk muß vor allem und dringender als alles die Wahrheit erfahren, muß wissen, in wessen Händen in Wirklichkeit die Staatsmacht liegt. Man muß dem Volke die ganze Wahrheit sagen: die Macht liegt in den Händen einer Militärclique von Cavaignacs (Kerenski, einige Generale, Offiziere usw.), die unterstützt wird von der Bourgeoisie als Klasse, mit der Partei der Kadetten und mit all den Monarchisten an der Spitze, die durch alle erzreaktionären Zeitungen ihre Geschäfte betreiben... Diese Macht muß gestürzt werden. Sonst ist alles Reden über den Kampf gegen die Konterrevolution leeres Gerede, „selbstbetrug und Volksbetrug“ .... Die ganze Agitation unter dem Volke muß so neugestaltet werden, daß in ihr die konkreten Erfahrungen eben der jetzigen Revolution und insbesondere der Julitage berücksichtigt werden, d. h. daß die Agitation den eigentlichen Volksfeind, die Militär-
Über die Losung „Alle Macht den Räten“ 157 clique, die Kadetten und die Schwarze Hundert, an den Pranger stellt, und daß jene kleinbürgerlichen Parteien, die Parteien der Sozialrevolutionäre und Menschewiki, die die Rolle der Helfershelfer der Henker spielten und auch jetzt noch spielen, klar und deutlich entlarvt werden. Die ganze Agitation unter dem Volke muß so neugestaltet werden, daß die absolute Hoffnungslosigkeit der Landzuteilung an die Bauern, bevor die Macht der Militärclique nicht gestürzt ist, bevor die Parteien der Sozialrevolutionäre und der Menschewiki nicht entlarvt sind und das Vertrauen des Volkes zu diesen Parteien nicht zerstört ist, klar wird. In „normalen“ Verhältnissen der kapitalistischen Entwicklung wäre das ein sehr langwieriger und schwieriger Prozeß gewesen, aber sowohl der Krieg als der ökonomische Zusammenbruch werden die Entwicklung ungeheuer beschleunigen. Das sind „Beschleunigungskräfte“, die einen Monat oder gar eine Woche einem Jahr gleichmachen können. Gegen das oben Gesagte dürften zwei Einwände gemacht werden: erstens ermutige man, wenn man jetzt vom Endkampf rede, isolierte Aktionen, die nur der Konterrevolution zunutze kämen, zweitens: der Sturz der Konterrevolution würde trotz- dem den Übergang der Macht in die Hände der Sowjets bedeuten. Auf den ersten Einwand erwidern wir: die Arbeiter Rußlands sind bereits klassenbewußt genug, um sich nicht in einem für sie offensichtlich ungünstigen Augenblick provozieren zu lassen. Daß eine sofortige Aktion eine Vorschubleistung für die Konterrevokıtion bedeuten würde, ist zweifellos richtig. Daß der Entscheidungskampf erst möglich wird, wenn die Revolution von neuem die breitesten Massen erfaßt, ist ebenso unbestreithar. Aber es genügt nicht, vom Aufstieg, von einer Hochflut der Revolution, von der Hilfe der westeuropäischen Arbeiter usw. im allgemeinen zu reden, wir müssen aus unserer Vergangenheit eine bestimmte Schlußfolgerung ziehen, wir müssen gerade unsere Erfahrungen verwerten. Aus diesen Erfahrungen wird sich aber eben die Losung des entscheidenden Kampfes gegen die Konterrevolution, die die Macht an sich gerissen hat, ergeben. Der zweite Einwand läuft ebenfalls darauf hinaus, daß man
158 Agitation und Propaganda vom Februar bis zum Oktober —— konkrete Wahrheiten durch allzu allgemeine Betrachtungen ersetzt. Der Sturz der bürgerlichen Konterrevolution kann durch niemand anderen, durch keine andere Macht herbeigeführt werden als durch das revolutionäre Proletariat. Gerade das revolutionäre Proletariat muß nach den Erfahrungen des Juli 1917 selbständig die Staatsgewalt in seine Hände nehmen — sonst kann es keinen Sieg der Revolution geben. Die Macht in den Händen des Proletariats, die Unterstützung des Proletariats durch das ärmste Bauerntum oder die Halbproletarier — das ist der einzige Ausweg, und wir sagten bereits, durch welche Umstände diese Entwicklung außerordentlich beschleunigt werden kann. Räte können und müssen in dieser neuen Revolution entstehen, aber nicht die jetzigen Räte, nicht die Organe des Paktierens mit der Bourgeoisie, sondern Organe des revolutionären Kampfes gegen sie. Daß wir auch dann für den Aufbau des ganzen Staates nach dem Rätesystem eintreten werden, trifft zu. Das ist nicht eine Frage der Räte im allgemeinen, sondern eine Frage des Kampfes gegen die gegebene Konterrevolution und den Verrat dergegebenen Räte. Die Verwechslung des Konkreten mit dem Abstrakten gehört zu den Hauptsünden, zu den gefährlichsten Sünden während der Revolution. Die bestehenden Räte haben ihre Prüfung nicht bestanden, sie haben vollkommen Schiffbruch erlitten, weil die Sozialrevolutionäre und Menschewiki in ihnen die Oberhand hatten. Augenblicklich gleichen diese Räte einer Hammelherde, die zur Schlachtbank geführt wird und, das Beil vor den Augen, kläglich blökt. Die Räte sind jetzt machtlos und ohnmächtig angesichts der siegenden bzw. siegreichen Gegenrevolution. Die Losung der Übergabe der Macht an die Räte kann aufgefaßt werden als „einfache“ Aufforderung zur Übernahme der Macht durch die bestehenden Räte, und das sagen, dazu aufrufen, würde heißen, das Volk irreführen. Es gibt nichts Gefährlicheres als den Betrug. Der Entwicklungszyklus des Klassen- und Parteikampfes in Rußland vom 27. Februar bis zum 4. Juli ist geschlossen. Es beginnt ein neuer Zyklus, an dem nicht die alten Klassen, nicht die alten Parteien, nicht die alten Räte teilnehmen werden, sondern solche, die im Feuer des Kampfes erneuert, gestählt, geschult.
Über die Losung „Alle Macht den Räten“ 159 durch den Verlauf des Kampfes umgeformt worden sind. Man soll nicht rückwärts, sondern vorwärts schauen. Man darf nicht mit den alten, sondern man muß mit den neuen, nach dem Julı entstandenen Klassen- und Parteikategorien operieren. Man muß am Anfang des neuen Kreislaufes von der siegreichen bürger- lichen Konterrevolution ausgehen, die gesiegt hat, weil die Sozialrevolutionäre und die Menschewiki mit ihr paktierten, und die nur durch das revolutionäre Proletariat besiegt werden kann...
160 Agitation und Propaganda vom Februar bis zum Oktober N Die Bolschewiki müssen die Macht ergreifen” Die Kompromißpolitik der Sozialrevolutionäre und Menschewiki, die Aufschiebung der sozialen Reformen, die Gefahr der bürgerlichen Diktatur, — all das revolutionierte die Massen sehr rasch und beschleunigte ihre Befreiung vom Einfluß der kleinbürgerlichen Parteien. Die Sowjelwahlen vom Seplember ergaben (vor allem in Petrograd und \loskau) eine bolschewistische Mehrheit. Ein Umschwung in der Slimmung der Massen trat klar zutage. Diese Tatsache veranlaßte Lenin, wieder die Losung aufzustellen: „Alle Macht den Räten“. In der nunmehr entstandenen Si- tuation bedeutele diese Losung den Aufstand, denn ein friedlicher Weg der Entwicklung der Revolution war ausgeschlossen. Die Parlei begann, sich auf die Eroberung der Macht durch den bewaffneten Aufsland vorzubereiten. Am 16. Oktober wurde das revolutionäre Mililärkomilee orga- nisiert, am 25. begann der Aufstand, der zum Sturz der Bourgeoisie und zur Aufrichtung der Sowjetmacht führte. Nachdem die Bolschewiki in den Arbeiter- und SoldatenDeputierten-Räten beider Hauptstädte die Mehrheit erhalten haben, können und müssen sie die Staatsgewalt in ihre Hände nehmen. Sie können es, denn die aktive Mehrheit der revolutionären Elemente des Volkes beider Hauptstädte ist groß genug, um die Massen mit sich zu reißen, den Widerstand des Gegners zu brechen, ihn zu schlagen, die Macht zu erobern und sie zu behaupten. Denn wenn die Bolschewiki sofort einen demokralischen Frieden vorschlagen, den Grund und Boden sofort den Bauern übergeben, die demokratischen Einrichtungen und Freiheiten, die Kerenski zerireien und zerschlagen hat, wiederherstellen, dann werden sie eine Regierung bilden, die niemand zu stürzen imstande sein wird. Die Mehrheit des Volkes ist für uns. Das hat der lange und schwere Weg vom 6. Mai bis zum 31. August und bis zum 12. September’”® gezeigt: die Mehrheit in den Sowjets der Hauptstädte ist das Resultat der Entwicklung des Volkesnachunserer Seite hin. Die Schwankungen der Sozialrevolutionäre * Brief an das Zentralkomitee, das Petrograder Komitee und das Mos‚kauer Komitee der SDAPR (Bolschewiki), geschrieben im September 1917.
Die Bolschewiki müssen die Macht ergreifen 161 und Menschewiki, das Erstarken der Internationalisten in ihrer Mitte beweisen das gleiche. Die Demokratische Konferenz” vertritt nicht die Mehrheit des revolutionären Volkes, sondern nur diekompromißlerischen kleinbürgerlichen Oberschichten. Man darf sich durch Wahlziffern nicht irreführen lassen, nicht um Wahlen handelt es sich; man vergleiche die Stadtdumawahlen in Petersburg und Moskau und die Sowjetwahlen”. Man vergleiche die Wahlen in Moskau und den Moskauer Streik vom 12. August””: das sind objektive Angaben über die Mehrheit der revolutionären Elemente, die die Massen führen. Die Demokratische Konferenz betrügt die Bauernschaft, sie gibt ihr weder Frieden noch Grund und Boden. Nur die bolschewistische Regierung wird die Bauernschaft zufriedenstellen. # Warum müssen die Bolschewiki gerade jetzt die Macht ergreifen? Weil die bevorstehende Übergabe Petersburgs®’ unsere Chancen hundertfach verschlechtern wird. Die Übergabe Petersburgs aber zu verhindern, wo an der Spitze der Armee Kerenski und Co. stehen, dazu sind wir nicht imstande. Auch auf die Konstituante darf man nicht länger ‚‚warten‘“, denn durch die Übergabe Petersburgs können Kerenski und Co. sie jederzeit vereiteln. Nur unsere Partei kann, nachdem sie die Macht erobert hat, die Einberufung der Konstituante sichern, und sie wird, sobald sie die Macht ergriffen hat, die anderen Parteien der Verzögerung anklagen und den Beweis für diese Anklage erbringen. Ein Separatfrieden zwischen den englischen und den deutschen Imperialisten muß verhindert werden, er kann es nur, wenn man rasch handelt. Das Volk ist der Schwankungen der Menschewiki und der Sozialrevolutionäre müde. Nur unser Sieg in den Hauptstädten wird die Bauern mit uns reißen. # M,.B.8, Lenin: Agitation u. Propaganda j 11
162 Agitation und Propaganda vom Februar bis zum Oktober Es handelt sich nicht um den „Tag“ des Aufstandes, nicht um den „Augenblick“ des Aufstandes im engeren Sinne. Das wird durch die gemeinsame Stimme derer entschieden werden, die mit den Arbeitern und Soldaten, den Massen, im Kontakt stehen. Es handelt sich darum, daß unsere Partei jetzt auf der Demokratischen Konferenz faktisch einen eigenen Parteitag abhält, und dieser Parteitag muß (ob er will oder nicht, er muß) überdasSchicksalderRevolution entscheiden. Es handelt sich darum, der Partei ihre Aufgabe klarzumachen: auf die Tagesordnung ist zu setzen: bewaffneter Aufstandin Petersburg und Moskau (mit Umgegend), Erobe- rung der Macht, Sturz der Regierung. Es ist zu überlegen, wie man dafür agitieren soll, ohne in der Presse diese Worte zu gebrauchen. Man muß sich an die Worte von Marx „der Aufstand isteine Kunst“ erinnern und über sie nachdenken. % Die ‚formale‘ Mehrheit der Bolschewiki abzuwarten, wäre naiv: keine Revolution kann darauf warten. Auch die Kerenski und Konsorten warten nicht, sondern bereiten die Übergabe Petersburgs vor. Gerade infolge der erbärmlichen Schwankungen der „Demokratischen Konferenz‘ muß die Geduld der Arbeiter in Petersburg und Moskau reißen, und sie wird reißen. Die Geschichte wird uns nicht verzeihen, wenn wir jetzt die Macht nicht ergreifen. Es gibt keinen Apparat? Der Apparat ist da: der Sowjet und die demokratischen Organisationen. Die internationale Lage spricht gerade jetz, am Vorabend des Separatfriedens zwischen England und Deutschland, für uns. Jetzt den Völkern den Frieden vorschlagen — heißt siegen. Es gilt, die Macht gleichzeitig in Moskau wie in Petersburg zu ergreifen (es ist ohne Belang, wer beginnt; vielleicht kann sogar Moskau den Anfang machen), wir werden unbedingt undohne Zweifelsiegen.
vl AGITATION UND PROPAGANDA IN DER PERIODE DER DIKTATUR DES PROLETARIATS 11*
165 Der Kampf an der Kulturfront* Der Übergang der Macht in die Hände des Proletariats, das Resultat der Okioberrevolution von 1917, stellte die Arbeiterklasse vor eine neue, nicht weniger schwierige Aufgabe: die der Festigung des Sieges. Es mußte einerseits ein mililärischer Kampf gegen die nationale und internationale Bourgeoisie geführt werden, andererseits der neue proletarische Staat in den von der Bourgeoisie geerblen Verhältnissen des wirtschaftlichen Zerfalls und des ungeheuren kulturellen Rückstandes aufgebaut werden. Diese Aufgaben konnten nur gelöst werden, wenn die in den breiten Massen der Arbeiter und Bauern schlummernden schöpferischen Energien von ihren Jahrhunderte alten Fesseln der Unwissenheit und des Aberglaubens befreit wurden. Endgültig erkämpft ist nach Lenins Meinung das, was die Massen klar erkannt, was sie sich zu eigen gemacht haben. Darum legte Lenin dem kulturellen Aufstieg der Massen eine entscheidende Bedeutung bei. Es kann jedoch keinen kulturellen Aufstieg außerhalb der Klassenpolitik geben — das ist die Losung, die der Bolschewismus den „ewigen Wahrheiten“ der bürgerlichen Kultur und der bürgerlichen Schule entgegengestellt hat. In der Periode der proletarischen Diktatur sind drei Aufgaben der Agitation und Propaganda nach Lenins Meinung ganz besonders wichtig: erstens, die Hebung des politischen Klassenbewußtseins, des kulturellen Niveaus der Massen; zweitens, die Förderung des wirtschaftlichen Aufbaues des Landes — was in der Periode der Liquidierung der Kriegsfronten von besonderer Wichtigkeit ist; drittens, der Kampf für eine neue, gesunde kommunistische Lebensführung, für die proletarische Solidarität, für die Ausrottung der spießbürgerlichen Sitten und Gewohnheiten. Die Methoden der Durchführung dieser Aufgaben müssen konkret und praktisch sein und die Selbsttätigkeit der Massen berücksichligen. Die unten angeführten Auszüge aus Aufsätzen und Reden Lenins geben eine Vorstellung von der Rolle, dem Inhalt, der Bedeutung, den Methoden der Agitation und Propaganda an der Kulturfront, dieser ‚dritten Front“ des siegreichen Proletariats des Sowjetslaates. er Ein Teil des Kampfes, den wir jetzt führen, ist die Volksaufklärung. Der Heuchelei und Verlogenheit können wir die volle und offene Wahrheit entgegenstellen. Der Krieg hat anschaulich gezeigt, was der „Mehrheitswille‘“ ist, hinter dem die Bourgeoisie sich zu verbergen suchte, der Krieg hat gezeigt, daß es ein Häuflein von Plutokraten ist, das in seinem eigenen Interesse die Völker in den Krieg hineinhetzt. Der Glaube, daß die bürgerliche Demokratie der Mehrheit diene, ist jetzt endgültig verschwunden. * Aus der Rede auf dem Allrussischen Kongreß für Aufklärungsarbeit im August 1918.
166 Agitation und Propaganda in der Periode der Diktatur Unsere Verfassung, unsere Sowjets, die für Europa etwas Neues waren, uns aber noch aus der Erfahrung der Revolution des Jahres 1905 bekannt sind, liefern das beste agitatorische und propagandistische Argument, das die ganze Verlogenheit und Heuchelei des Demokratismus enthüllt. Wir haben offen die Herrschaft der Werktätigen und Ausgebeuteten proklamiert, — darin liegt unsere Kraft, das ist die Quelle unserer Unabhängigkeit. Auf dem Gebiete der Volksbildung finden wir denselben Zustand: Je höher das kulturelle Niveau des bürgerlichen Staats, um so raffinierter waren seine lügenhaften Behauptungen, daß die Schule außerhalb der Politik stehe und der Gesellschaft in ihrer Gesamtheit diene. In Wirklichkeit war die Schule vollf Ü ständig in ein Werkzeug der Klassenherrschaft der Bourgeoisie verwandelt, sie war vollkommen durchdrungen von bürgerlichem Kastengeist, sie verfolgte das Ziel, den Kapitalisten diensteifrige Lakaien und tüchtige Arbeiter zu liefern. Der Krieg hat gezeigt, wie die Wunder der modernen Technik als Mittel zur Ausrottung von Millionen von Arbeitern und zur unerhörten Bereicherung der kapitalistischen Kriegsgewinnler dienen... Wir haben die Lügen der Bourgeoisie entlarvt und ihnen die Wahrheit entgegengestellt. Wir sagen: Unsere Arbeit auf dem Gebiet des Schulwesens giit gleicherweise dem Kampf um die Niederwerfung der Bourgeoisie. 5 Wir erklären offen, daß eine Schule außerhalb des Lebens, außer- halb der Politik — Lüge und Heuchelei ist. Was war die Sabotage, die die gebildetsten Vertreter der alten bürgerlichen Kultur gegen uns proklamierten? Die Sabotage hat anschaulicher als irgendein Agitator, als all unsere Reden und Tausende von Broschüren gezeigt, daß diese Leute das Wissen als ihr Monopol betrachten und es in ein Werkzeug ihrer Herrschaft über die Massen verwandeln. Sie haben ihre Bildung ausgenutzt, um die Sache des sozialistischen Aufbaus zu sabotieren, sie sind offen gegen die werktätigen Massen aufgetreten. Im revolutionären Kampf haben die russischen Arbeiter und Bauern ihre endgültige Erziehung erhalten. Sie haben sich davon überzeugt, daß einzig und allein unsere Gesellschaftsordnung ihnen die wirkliche Herrschaft sichert, sie haben eingesehen, daß jetzt die Staatsgewalt den Arbeitern und Dorfarmen voll und
Der Kampf an der Kulturfront 167 eanz zur Seite steht, damit sie den Widerstand der Kulaken, der Grundherren und der Kapitalisten endgültig brechen können. Die Werktätigen streben nach Wissen, denn sie brauchen es zu ihrem Sieg. Neun Zehntel der werktätigen Massen haben besriffen, daß das Wissen ein Mittel in ihrem Befreiungskampf ist, daß ihre Mißerfolge sich aus dem Mangel an Bildung erklären und daß es jetzt von ihnen selbst abhängt, die Bildung tatsächlich jedermann zugänglich zu machen. Der Triumph unserer Sache wird dadurch gewährleistet, daß die Massen selbst an den Aufbau des neuen sozialistischen Rußlands herangegangen sind. Sie lernen an der eigenen Erfahrung, an den eigenen Mißerfolgen und Fehlern, sie sehen, wie notwendig die Bildung für die siegreiche Beendigung ihres Kampfes ist. Trotz des scheinbaren Zusammenbruches vieler Institutionen und des Frohlockens der sabotierenden Intelligenz sehen wir, daß die Erfahrung des Kampfes die Massen gelehrt hat, selbst ihr Schicksal in die Hand zu nehmen. Alles, was nicht nur in Worten, sondern in der Tat mit dem Volke sympathisiert, der beste Teil der Lehrerschaft, wird uns zu Hilfe kommen, — und das ist eine sichere Gewähr dafür, daß die Sache des Sozialismus siegen wird.
168 Agilation und Propaganda in der Periode der Diktatur Über den Charakter unserer Zeitungen* Viel zu viel Platz nimmt politische Agitation über alte Themen ein — politisches Wortgerassel. Viel zu wenig Platz wird dem Aufbau des neuen Lebens eingeräumt, — Tatsachen und immer neuen Tatsachen, die darauf Bezug haben. Warum sollte man nicht statt 200—400 Zeilen 20 oder 10 Zeilen dazu verwenden, von so einfachen, allgemein bekannten, klaren, von der Masse bereits in hohem Maße erfaßten Erscheinungen zu reden, wie der niederträchtige Verrat der Menschewiki, der Lakaien der Bourgeoisie, wie die englisch-japanische Invasion, die die Wiederherstellung der geheiligten Rechte des Kapitals bezweckt, wie das Zähnefletschen der amerikanischen Milliardäre gegenüber Deutschland usw. usf. Reden muß man darüber, jede Tatsache auf diesem Gebiet vermerken, das muß man, aber man braucht keine Artikel darüber zu schreiben, keine Betrachtungen darüber zu wiederholen, man soll vielmehr in wenigen Zeilen, im „Telegrammstil“, die neuen Erscheinungen der alten, bereits bekannten, bereits erkannten Politik brandmarken. Die bürgerliche Presse hat in der „guten alten bürgerlichen Zeit“ das „Allerheiligste‘ — die innere Lage in den privaten Fabriken, privaten Betrieben — nie berührt. Diese Gewohnheit enisprach den Interessen der Bourgeoisie. Wir müssen damit radikal brechen. Wir haben damit nicht gebrochen. Der Typus der Zeitungen hat sich bei uns noch nicht so geändert, wie er in einer Gesellschaft, die vom Kapitalismus zum Sozialismus übergeht, sich hätte ändern sollen. Weniger Politik. Die Politik ist vollkommen ‚„klargelegt‘“ und auf den Kampf zweier Lager reduziert, den des aufständischen Proletariats und den eines Häufleins kapitalistischer Sklavenhalter (mit ihrer ganzen Sippe, die Menschewiki u. a. mitinbe- griffen). Von dieser Politik, ich wiederhole es, kann und soll man reden, aber recht kurz. Mehr Wirtschaft. Aber Wirtschaft nicht im Sinne ‚„allgerm Tu — * ‚Prawda‘“ vom 20. September 1918.
Über den Charakter unserer Zeitungen 169 rm. meiner‘ Erörterungen, gelehrter Abhandlungen, nicht im Sinne von Intellektuellenplänen und ähnlichem Gewäsch, das leider nur zu oft eben nichts als Gewäsch ist. Nein, wir brauchen Wirtschaft im Sinne des Sammelns, der sorgfältigen Prüfung und des Studiums von Tatsachen des wirklichen Aufbaus des neuen Lebens. Haben die großen Fabriken, die landwirtschaftlichen Kommunen, die Komitees der Dorfarmut*”, die lokalen Volkswirtschaftsräte beim Aufbau der neuen Wirtschaft wirkliche Erfolge zu verzeichnen? Welches sind diese Erfolge? Sind sie erwiesen? ‚Haben „wir es hier eht_mit Lufischlössern, mit ee ge ir un in Gang gebracht“, „der. Plan ist-aufgestellt“, „wir. setzen.Kräfte in Bewegung‘„Jetzt.garantieren wir“, „eine Besserung ist zweier a ah En Den fellos vorhanden“ ‚u.a. abenteuerliche Projekte, auf die „wir“ a nr üns so gut verstehen)? Wodurch sind die Erfolge erreicht worden? Die schwarze Liste der rückständigen Fabriken, die nach der Nationalisierung Musterbeispiele für Zerfahrenheit, Zerfall, Schmutz, Banditentum und Müßiggang geblieben sind, wo ist sie? Sie existiert nicht. Solche Fabriken gibt es aber. Wir verstehen es nicht, unsere Pflicht zu erfüllen, wenn wir keinen Krieg gegen diese „Hüter der Traditionen des Kapitalismus“ führen. Wir sind keine Kommunisten, sondern Waschlappen, solange wir stillschweigend solche Fabriken dulden. Wir ver- stehen nicht, den Klassenkampf in den Zeitungen zu führen, wie es die Bourgeoisie getan hat. Denkt daran, wie ausgezeichnet sie es verstand, in der Presse eine Hetze gegen ihre Klassenfeinde zu betreiben, wie sie sie mit Spott und Hohn überhäufte, wie sie bemüht war, sie zu vernichten. Und wir? Besteht denn der Kampf in der Übergangszeit vom Kapitalismus zum Sozialismus nicht darin, daß die Interessen der Arbeiter geschützt werden gegenüber jenen Häuflein, Gruppen, Schichten von Arbeitern, die hartnäckig an den Traditionen, den Gewohnheiten des Kapitalismus festhalten und den Sowjetstaat so behandeln, wie sie den alten Staat behandelten: ‚ihm‘ möglichst wenig und möglich schlechte Arbeit liefern, von „ihm“ möglichst viel zu ergattern suchen. Gibt es denn wenig solcher Lumpen, z. B. unter den Setzern der Sowjetdruckereien, unter den Arbeitern der Ssormow- und Putilow-Werke usw.? Wieviele
170 Agitation und Propaganda in der Periode der Diktatur von ihnen haben wir ertappt, wieviele entlarvt, wieviele an den Pranger gestellt? Die Presse schweigt darüber. Schreibt sie aber darüber, dann tut sie es in einer „amtlichen“, bürokratischen Weise, nicht wie eine revolutionäre Presse, nicht wie ein Werk- zeug der Diktatur einer Klasse, die durch ihre Taten beweist, daß der Widerstand der Kapitalisten und der MüBiggänger, die an den kapitalistischen Gewohnheiten festhalten, mit eiserner Hand gebrochen werden wird. Ebenso steht es mit dem Krieg. Treiben wir etwa die feigen und fahrlässigen Heerführer zu Paaren, haben wir schon die Truppenteile, die nichts taugen, vor ganz Rußland an den Pranger gestellt? Haben wir eine genügende Anzahl schlechter Vorbilder am Kragen gepackt, die wegen ihrer Untauglichkeit, Fahrlässigkeit, wegen zu späten Eingreifens usw. mit großen Krach aus der Armee entfernt werden mußten? Wir führen keinen sachlichen, rücksichtslosen, wahrhaft revolutionären Krieg gegen die konkreten Träger des Übels. Zu wenig erziehen wirdie Massen durchlebendige, konkrete Beispiele und Vorbilder auf allen Gebieten des Lebens, — das aber ist die Hauptaufgabe der Presse während der Zeit des Überganges vom Kapitalismus zum Kommunismus. Wir sind nicht aufmerksam genug, es gibt bei uns zu wenig Publizität der gesellschaftlichen Kritik, zu wenig Bekämpfungdes Untauglichen, zu wenig Ermahnung, am Beispiel des Guten zu lernen. Weniger politisches Wortgerassel. Weniger intelligenzlerische Betrachtungen. Näher ans Leben. Mehr Aufmerksamkeit für die Tatsache, daß die Arbeiter- und Bauernmasse in ihrer täglichen Arbeit in der Tat etwas Neues aufbaut. Gründlicher prüfen, was an dem Neuen kommıunistisch ist.
171 Aus der Rede über das Parteiprogramm auf dem 8. Parteitag der KPR* ... Gegen den Bürokratismus bis zu Ende, bis zum vollstän- digen Sieg zu kämpfen ist nur möglich, wenn die gesamte Bevölkerung an der Verwaltungsarbeit teilnehmen wird. In den meisten Republiken wäre das nicht nur unmöglich, sondern auch sesetzwidrig. In den besten bürgerlichen Republiken, mögen sie noch so demokratisch sein, bestehen Tausende von gesetzlichen Bestimmungen, die Jdie Beteiligung der Werktätigen an der Verwaltungsarbeit verhindern. Bei uns gibt es solche Hindernisse nicht mehr, dennoch konnten wir es bisher nicht erreichen, daß die werktätigen Massen an der Verwaltung teilnahmen. Außer dem Gesetz gibt es ein kulturelles Niveau, das keinem Gesetz unterworfen ist. Dank diesem niedrigen kulturellen Niveau sind die Sowjets, die ihrem Programm nach Organe der Verwaltung durch die Werktätigen darstellen, in Wirklichkeit Verwaltungsorgane für die Werktätigen, Organe der Verwaltung durch die fortgeschrittenste Schicht des Proletariats, aber nicht durch die werktätigen Massen. Hier steht eine Aufgabe vor uns, die nicht anders als durch langwierige Erziehung gelöst werden kann. Augenblicklich ist diese Aufgabe unermeßlich schwierig, da, wie ich bereits mehrfach darauf hingewiesen habe, die Arbeiterschicht, die die Ver- waltung ausübt, außerordentlich dünn ist. Wir brauchen Hilfe. Alles zeugt dafür, daß eine solche Reserve innerhalb des Landes heranwächst. Der ungeheure Wissensdurst und der gewaltige Erfolg der Erziehungsarbeit, der in den meisten Fällen außerhalb der Schule erzielt wird, der Riesenerfolg der Bildungsarbeit unter den werktätigen Massen unterliegt keinem Zweifel. Dieser Erfolg kann in keinen Schulrahmen gespannt werden, aber er ist ungeheuer groß. Alle Anzeichen sprechen dafür, daß in nächster Zukunft eine starke Reserve zu uns stoßen und die allzu er*® Sitzung vom 19. März 1919.
172 Agilation und Propaganda in der Periode der Diktatur schöpften Vertreter der dünnen Schicht des Proletariats ablösen wird. Augenblicklich ist aber unsere Lage in dieser Hinsicht außerordentlich schwierig. Die Bürokratie ist besiegt. Die Ausbeuter sind beseitigt. Aber das kulturelle Niveau ist noch nicht gehoben, und darum sitzen die Bürokraten auf ihren alten Plätzen. Die Bürokratie kann nur verdrängt werden, wenn das Proletariat und die Bauernschaft in einem viel größeren Umfang organisiert werden als bisher und wenn gleichzeitig die Maßnahmen zur Heranziehung der Arbeiter zur Verwaltungsarbeit wirklich durchgeführt werden... .
173 Rede auf der Konferenz der Sektionen für politische Aufklärung“ ... Das Wichtigste ist die Frage des Verhältnisses der Bildungsarbeit zu unserer Politik. Nirgends in unserer Bildungsarbeit können wir den alten Standpunkt des apolitischen Cha- ) rakters der Bildung beibehalten, nirgends können wir die Bildungsarbeit anders als im Zusammenhang mit der Politik durchführen. Dieser Standpunkt herrschte und herrscht auch jetzt noch in der bürgerlichen Gesellschaft. Die Bezeichnung: ‚apolitische“ \ oder „unpolitische‘ Bildung ist eine Heuchelei der Bourgeoisie, ist nichts anderes als einelrreführung der Massen. Die Bourgeoisie, die in allen jetzt noch bürgerlichen Ländern herrscht, befleißigt sich eben einer solchen Irreführung der Massen. In allen bürgerlichen Staaten ist die Verbindung zwischen dem politischen Apparat und dem Bildungswesen besonders innig, wenn auch die bürgerliche Gesellschaft dies nicht offen zugeben kann. In Wirklichkeit bearbeitet diese Gesellschaft die Massen durch die Kirche, durch die gesamte Institution des Privateigentums. Unsere Hauptaufgabe besteht u. a. darin, der bürgerlichen Wahrheit unsere Wahrheit entgegenzusetzen und ihre Anerkennung zu erzwingen. Der Übergang von der bürgerlichen Gesellschaft zur Politik des Proletariats ist sehr schwierig, um so mehr, als die Bour- geoisie unaufhörlich mit Hilfe ihres gesamten Propaganda- und Agitationsapparats usw. uns verleumdet. Sie ist bemüht, die wichtige Rolle der Diktatur des Proletariats, ihre erzieherische Aufgabe, die in Rußland, wo das Proletariat die Minderheit der Be- völkerung darstellt, besonders wichtig ist, zu verwischen. Und doch muß diese Aufgabe in den Vordergrund gerückt werden. Von der Diktatur des Proletariats könnte keine Rede sein, wenn * Sitzung vom 3. November 1920. für politische Aufklärung“, Nr. 1. „Bulletin der Allrussischen Beratung
174 Agitation und Propaganda in der Periode der Diktatur das Proletariat nicht einen hohen Bewußtseinsgrad, eine große Diszipliniertheit, eine große Ergebenheit im Kampfe gegen die Bourgeoisie entwickelte, d. h. jene Gesamtheit von Eigenschaften, die man in den Vordergrund stellen muß, wenn man den vollständigen Sieg des Proletariats über seinen Erbfeind will. Wir stehen nicht auf dem utopistischen Standpunkt, die werktätigen Massen seien für die sozialistische Gesellschaft vorbereitet. Wir wissen auf Grund genauer Feststellungen aus der ganzen Geschichte des proletarischen Sozialismus, daß dem nicht so ist, daß nur die Großindustrie, die Streikkämpfe, die politische Örganisiertheit die Vorbereitung zum Sozialismus bilden können. Um den Sieg zu erringen, um die sozialistische Umwälzung zu verwirklichen, muß das Proletariat zur solidarischen Aktion, zur Niederwerfung der Ausbeuter fähig sein. Und jetzt sehen wir, daß das Proletariat alle notwendigen Fähigkeiten erworben hat und sie in die Tat umsetzte, als es seine Macht aufrichtete. Das müßte die Hauptaufgabe der Kommunistischen Partei als der Avantgarde im Kampfe sein, ihre Aufgabe muß die Unterstützung der Erziehungs- und Bildungsarbeit unter den werklätigen Massen sein, um die alten Gewohnheiten, die alten Sitten zu überwinden, die uns von der alten Gesellschaftsordnung als Erbe hinterlassen worden sind, die Gewohnheiten aus der Zeit des Privateigentums, von denen die Massen durchdrungen sind... Wir erleben den historischen Moment des Kampfes gegen die Weltbourgeoisie, die unvergleichlich stärker ist als wir. In einem solchen Moment müssen wir den revolutionären Aufbau verteidigen, gegen die Bourgeoisie kämpfen auf militärischem und noch mehr auf geistigem Wege, auf dem Wege der Erziehung, um die Gewohnheiten, Sitten, Überzeugungen, die die Arbeiterklasse im Laufe vieler Jahrzehnte im Kampf um die politische Freiheit erworben hat, die Gesamtheit dieser Gewohnheiten, Sitten und Ideen zum Mittel der Erziehung aller Werktätigen zu machen. Man muß dasBewußtsein entwickeln, daß es unzulässig ist, abseits von jenem proletarischen Kampfe zu stehen, der jetzt immer mehr alle kapitalistischen Länder der Welt ohne Ausnahme erfaßt, daß es unzulässig ist, abseits von der ganzen internationalen Politik zu stehen. Vereinigung aller mächtigen kapitalistischen Länder der Welt gegen Sowjetrußland, — das ist die wirkliche Basis
Rede auf der Konferenz für politische Aufklärung 175 der jetzigen internationalen Politik. Und es muß anerkannt werden, daß hiervon das Schicksal von hunderten Millionen Werktätiger in den kapitalistischen Ländern abhängt. Gibt es doch in diesem Moment keinen Winkel auf der Erde, der nicht einer Handvoll kapitalistischer Länder untergeordnet wäre. Auf diese Weise nimmt die Lage eine solche Form an, daß es notwendig wird: entweder sich abseits vom jetzigen Kampfe zu stellen und dadurch den vollständigen Mangel an Klassenbewußtsein zu bekunden, wie es jene beschränkten Leute tun, die abseits von der Revolution und vom Krieg geblieben sind und die den ganzen Betrug, den die Bourgeosie an den Massen verübt, nicht sehen, die nicht sehen, daß die Bourgeoisie bewußt diese Massen in ihrer Unwissenheit beläßt, — oder am Kampf für die Diktatur des Proletariats teilzunehmen. Von diesem Kampf des Proletariats sprechen wir vollkommen offen, und jeder Mensch muß sich entweder auf diese, unsere Seite oder auf die andere Seite stellen. Alle Versuche, sich weder für die eine noch für die andere zu entscheiden, enden mit einem Zusammenbruch und einem Skandal. Wenn wir die zahlreichen Überbleibsel des Kerenski-Systems, der Sozialrevolutionäre, der Sozialdemokratie betrachten, die durch die Judenitsch, Koltschak, Petljura, Machno®? usw. verkörpert werden, dann werden wir an den verschiedenen Orten Ruß- lands einer solchen Mannigfaltigkeit der Formen und Schattierungen gewahr, daß wir behaupten können, in bezug auf Widerstandsfähigkeit es mit wem immer aufnehmen zu können; und wenn wir nach Westeuropa hinschauen, so sehen wir, daß sich dort genau das wiederholt, was bei uns war, daß sich dort unsere Geschichte wiederholt. Fast überall sehen wir neben der Bourgeoisie Elemente der Kerenskiade. In einer ganzen Reihe von Staaten, besonders in Deutschland, haben sie die Oberhand. Überall kann dieselbe Erscheinung beobachtet werden: die Unmöglichkeit eines Mittelweges und die klare Erkenntnis — ent- weder die weiße Diktatur (auf sie bereitet sich die Bourgeoisie in allen Ländern Westeuropas vor, indem sie gegen uns rüstet) oder die Diktatur des Proletariats. Wir haben das so scharf und tief empfunden, daß es überflüssig wäre, hier über die russischen Kommunisten länger zu sprechen. Es ergibt sich hier nur eine Schlußfolgerung, die allen Ausführungen und Konstruktio-
176 Agitation und Propaganda in der Periode der Diktatur nen, die mit der Zentrale für politische Aufklärung in Verbindung stehen, zugrunde gelegt werden muß. Vor allem muß für die Arbeit dieses Organs die Vorherrschaft die Politik der Kom- munistischen Partei offen als maßgebend anerkannt werden. Eine andere Form kennen wir nicht, und eine andere Form hat bisher noch kein einziges Land hervorgebracht. Die Partei kann mehr oder weniger den Interessen ihrer Klasse entsprechen, sie erfährt diese oder jene Änderung oder Verbesserung, eine bessere Form aber kennen wir noch nicht, und der ganze Kampf in Sowjetrußland, das drei Jahre lang dem Ansturm des Weltimperialismus standgehalten hat, hängt damit zusammen, dab die Partei sich vollkommen bewußt die Aufgabe stellt, dem Proletariat bei der Erfüllung seiner Funktion als Erzieher, Organisator und Führer, jener Funktion, ohne die der Zerfall des Kapitalismus unmöglich ist, behilflich zu sein. Die werktätigen Massen, die Massen der Bauern und Arbeiter, müssen die alten intelligenzlerischen Gewohnheiten überwinden und sich für den Aufbau des Kommunismus neu erziehen — sonst kann man das Werk des Aufbaus nicht inı Angriff nehmen. Unsere ganze Erfahrung zeigt. daß das eine bitterernste Sache ist, und darum müssen wir die Anerkennung der führenden Rolle der Partei stets im Auge behalten, wir dürfen sie bei der Erörterung der Frage unserer Tätigkeit und des organisatorischen Aufbaus nicht außer acht lassen ... Wir müssen uns die Erkenntnis vor Augen halten, daß die ganze rechtliche und faktische Verfassung der Sowjetrepublik darauf basiert, daß die Partei alles nach einem einheitlichen Prinzip regelt, festsetzt und aufbaut, damit die mit dem Proletariat verbundenen kommunistischen Elemente dieses Proletariat mit ihrem Geist restlos durchdringen, es führen, es befreien können vom bürgerlichen Betrug, den auszurotten wir uns so lange bemühen. Das Volkskommissariat für Bildungswesen hat einen langen Kampf führen müssen, lange Zeit hindurch kämpfte die Lehrerorganisation gegen die sozialistische Umwälzung. Dieser Kampf kam zum Ausdruck in einer direkten Sabotage und in hartnäckig fortlebenden bürgerlichen Vorurteilen, und wir müssen langsam, Schritt für Schritt die kommunistische Position für die Zentrale für politische Aufklärung erringen, die die außerhalb des Rahmens der Schule liegende Bildungsarbeit leitet,
Rede auf der Konferenz für politische Aufklärung 177 EEE Fr sich mit dieser Art der Bildung und Aufklärung der Massen befaßt. Besonders aktuell ist die Aufgabe, die führende Rolle der Partei in Einklang zu bringen mit dem ungeheuren Apparat, — mit der eine halbe Million zählenden Armee des Lehrpersonals, das jetzt im Dienst des Arbeiters steht, sich diesen Apparat unterzuordnen, ihn mit dem eigenen Geiste zu durchdringen, mit. der eigenen Initiative zu erfüllen. Die Bildungsarbeiter, das Lehrpersonal, waren im Geiste der bürgerlichen Vorurteile und Gewohnheiten erzogen, in einem dem Proletariat feindlichen Geiste; sie waren mit dem Proletariat in keiner Weise verbunden. Jetzt müssen wir eine neue Armee von Pädagogen und Lehrern heranbilden, die mit der Partei und ihren Ideen eng verbunden, die von ihrem Geiste durchdrungen sein muß, die die Arbeitermassen an sich heranziehen, sie mit dem Geist des Kommunismus erfüllen, in ihnen das Interesse für das Werk der Kommunisten wecken muß. Da mit den alten Gewohnheiten, Sitten und Ideen gebrochen werden muß, so steht hier vor der Zentrale für politische Aufklärung, vor allen ihren Mitarbeitern eine Aufgabe von höchster Bedeutung, der vor allem Rechnung getragen werden muß. Und in der Tat: wir stehen hier vor dem Dilemma, wie man die Lehrerschaft, die in ihrer Mehrheit noch zu der alten Generation gehört, mit den Parteikommunisten verbinden soll. Diese Frage ist äußerst schwierig und muß sehr, sehr gründlich durchdacht werden. | | Überlegen wir uns, wie man so verschiedene Leute organisatorisch zusammenfassen könnte. Für uns kann prinzipiell kein Zweifel bestehen, daß die Kommunistische Partei die führende Rolle haben muß. So wird das Ziel der politischen Bildung — wahrhafte Kommunisten zu erziehen, die fähig sind, die Lüge und die Vorurteile zu besiegen und den werktätigen Massen zu helfen, die alte Ordnung zu überwinden und den Staat ohne Ka- pitalisten, ohne Ausbeuter, ohne Großgrundbesitzer aufzubauen. Wie ist das zu erreichen? Das ist nur möglich, sich die ganze Summe von Wissen zu eigen gemacht L.ehrer von der Bourgeoisie geerbt haben. Sonst technischen Errungenschaften des Kommunismus wenn man hat, die die wären alle unmöglich und jedes Sehnen danach utopisch. Nun entsteht die Frage — wie soll man diese Arbeitskräfte zusammenfassen, sie, die nicht M.B. 8, Lenin: Agitation u. Propaganda 12
178 Agitation und Propaganda in der Periode der Diktatur gewohnt sind, ihre Arbeit in Verbindung mit der Politik zu leisten, mit einer für uns nützlichen Politik insbesondere, d. h. mit der für den Kommunismus notwendigen Politik? Das ist, wie gesagt, eine sehr schwierige Aufgabe. Jedes Parteikomitee muß jetzt einen jeden Propagandisten, den man gewohnt war, bisher lediglich als Mitglied eines bestimmten Zirkels einer bestimmten Organisation anzusehen, von einer anderen Seite werten. Jeder von ihnen gehört der Partei an, die regiert, die den ganzen Staat, den Kampf Sowjetrußlands gegen die bürgerliche Gesellschaftsordnung leitet. Er ist Vertreter der kämpfenden Klasse und der Partei, die einen gewaltigen Staatsapparat beherrscht und beherrschen muß. Sehr viele erprobte und kampfgestählte Kommunisten, die sich in den Zeiten der illegalen Arbeit von der besten Seite gezeigt haben, wollen und können die ganze Bedeutung dieses Umschwunges, dieses Überganges, der sie aus Agitatoren und Propagandisten zu Führern von Agitatoren, zu Führern einer riesigen politischen Organisation macht, nicht verstehen. Auf sie fällt indes die ganze Last der Arbeit unter dem Lehrpersonal. Man muß sagen, daß Hunderttausende von Lehrern den Apparat darstellen, der die Arbeit vorwärtstreiben, den Gedanken wecken, den Kampf gegen die Vorurteile, die noch bis heute in den Massen vorhanden sind, aufnehmen muß. Der Druck der kapitalistischen Kultur, von deren Mängeln die Masse der Lehrer durchdrungen ist und infolge welcher diese nicht kommunistisch sein kann, kann jedoch kein Hindernis bilden, diese Lehrer in den Dienst der politischen Aufklärung zu stellen, zumal ja diese Lehrer über Kenntnisse verfügen, ohne die wir unser Ziel nicht erreichen können. Wir müssen hunderttausende geeignete Menschen in den Dienst der kommunistischen Bildungsarbeit stellen. Das ist eine Aufgabe, die bereits gelöst ist an der Front, in unserer Roten Armee, in die Zehntausende von Vertretern der alten Armee auf- genommen wurden. Das war ein langwieriger Prozeß, ein Prozeß der Umerziehung, aber schließlich wurde die Aufgabe vollbracht, und bei unserer kulturellen Aufklärungsarbeit müssen wir diesem Beispiel folgen. Wir brauchen jeden einzelnen Agitator und Propagandisten, er erfüllt seine Aufgabe, wenn er streng im Geiste der Partei arbeitet, ohne sich nur auf die Partei zu be- schränken. Er muß daran denken, daß es seine Aufgabe ist,
Rede auf der Konferenz für politische Aufklärung 179 Hunderttausende von Lehrern zu leiten, ihr Interesse zu wecken, die alten bürgerlichen Vorurteile zu überwinden, die Lehrer für unsere Arbeit zu gewinnen, sie mit dem Bewußtsein der Größe unserer Arbeit zu erfüllen. Erst, wenn wir zu dieser Arbeit übergehen, wird es uns gelingen, diese Masse, die der Kapitalismus bisher unterdrückt und uns entfremdet hatte, auf den richtigen Weg zu führen. Es ist unsere Aufgabe, den Widerstand der Kapitalisten vollständig zu brechen, und zwar nicht nur den bewaffneten und den politischen, sondern auch den ideologischen — den am tiefsten wurzelnden und stärksten Widerstand. Es ist Aufgabe unserer Bildungsarbeiter, diese Umerziehung der Massen zu vollbringen. Ihr Interesse, ihr Drang nach Bildung und kommunistischem Wissen, die wir beobachten, sind uns eine Gewähr dafür, daß wir auch hier die Sieger sein werden, wenn auch vielleicht nicht so rasch wie an der Front, vielleicht nach großen Schwierigkeiten, vielleicht gar nach Niederlagen, aber letzten Endes werden wir Sieger bleiben. Zusammenfassend möchte ich hier noch auf eines eingehen: vielleicht wird der Name: Zentralstelle für politische Aufklärung nicht richtig verstanden. Soweit hier der Begriff „politisch“ gebraucht wird, ist die Politik das Ausschlaggebende. Wie aber ist die Politik aufzufassen? Wenn man die Politik ım alten Sinne versteht, so kann man in einen großen und schweren Fehler verfallen. Die Politik ist ein Kampf zwischen Klassen, ist die Handlungsweise des Proletariats, das gegen die Weltbourgeoisie für seine Befreiung kämpft. Aber in unserem Kampf treten zwei Seiten hervor: einerseits die Aufgabe, das Erbe der bürgerlichen Gesellschaftsordnung zu vernichten, die von der gesamten Bourgeoisie stets aufs neue unternommenen Versuche zur Zertrümmerung der Sowjetmacht zunichte zu machen. Bisher war es diese Aufgabe, die unsere Aufmerksam- keit am meisten in Anspruch genommen und uns gehindert hat, zur anderen Aufgabe — der Aufbauarheit — überzugehen. In der Vorstellung der bürgerlichen Weltanschauung war die Politik gleichsam von der Wirtschaft losgelöst. Die Bourgeoisie sagte: arbeitet, ihr Bauern, um die Existenzmöglichkeit zu haben, arbeitet, ihr Arbeiter, um auf dem Markt alles zu bekommen, was ihr zum Leben braucht, die Wirtschaftspolitik jedoch ıst Sache 12°
180 Agitation und Propaganda in der Periode der Diktatur ME —_ Me zz eurer Unternehmer. Das aber ist falsch, — die Politik muß Sache des Volkes, Sache des Proletariats sein. Gerade hier ist es notwendig, zu unterstreichen, daß neun Zehntel unserer Arbeit dem Kampf gegen die Bourgeoisie gilt. Die Siege über Wrangel”, von denen wir gestern gelesen haben, und von denen ihr heute und wahrscheinlich morgen lesen werdet, zeigen, daß ein Stadium des Kampfes sich seinem Ende nähert, daß wir den Frieden mit einer ganzen Reihe westlicher Länder erkämpft haben; jeder Sieg an der militärischen Front aber setzt unsere Kräfte frei für den inneren Kampf, für die Politik des staatlichen Aufbaues. Jeder Schritt, der uns dem Sieg über die Weißgardisten. näher bringt, verschiebt allmählich den Schwerpunkt des Kampfes in der Richtung der Wirtschaftspolitik. Die Propaganda vom alten Typus erläutert den Kommunismus, liefert Beispiele dafür, ‘was Kommunismus ist. Aber diese alte Propaganda taugt nicht mehr, da jetzt praktisch gezeigt werden soll, wie der Sozialismus aufzubauen ist. Die ganze Propaganda muß auf der politischen Erfahrung des wirtschaftlichen Aufbaus gegründet sein. Das ist unsere Hauptaufgabe, und wer dies im alten Sinne des Wortes auffassen will, der ist hinter der Entwicklung zurückgeblieben und kann keine Propagandaarbeit unter den Arbeiter- und Bauernmassen leisten. Unsere Hauptpolitik muß jetzt der wirtschaftliche Aufbau des Staates sein, um ein übriges Pud Getreide zu ernten, ein übriges Pud Kohle zu produzieren, um zu entscheiden, wie dieses Getreide und diese Kohle am besten zu verwerten sind, damit niemand hungert. Darin besteht unsere Politik. Und darauf muß unsere ganze Agitation und Propaganda eingestellt sein. Wir brauchen weniger Phrasen, da man die Werktätigen mit Phrasen nicht befriedigen kann. Sobald der Krieg uns die Möglichkeit gibt, das Schwergewicht nicht mehr auf den Kampf gegen die Bourgeoisie, den Kampf gegen Wrangel, gegen die Weißgardisten zu legen, werden wir uns der Wirtschaftspolitik zuwenden. Hier aber spielt die Agitation, die Propaganda eine ungeheuer große Rolle. Jeder Agitator muß ein Staatslenker, ein Führer aller Arbeiter und Bauern auf dem Gebiet des wirtschaftlichen Aufbaus sein. Er muß ihnen sagen, daß man, um Kommunist zu sein, diese Broschüre kennen, jenes Buch lesen muß. Er muß sagen können: So haben wir die Wirtschaft gehoben,
Rede auf der Konferenz für politische Aufklärung 181 sie solider gemacht, sie mehr zur gesellschaftlichen Wirtschaft gestaltet, die Produktion erweitert, in der Brotfrage Fortschritte erzielt, die Produkte richtiger verteilt, die Produktion der Kohle gehoben und die Industrie ohne Kapitalismus und kapitalistischen Geist wiederhergestellt. Worin besteht der Kommunismus? Die ganze Propaganda des Kommunismus muß so aufgebaut sein, daß alles auf die prak- tische Leitung der staatlichen Aufbauarbeit hinausläuft. Der Kommunismus muß den Arbeitermassen vertraut, muß ihre eigene Sache werden. Wir verstehen unsere Sache noch nicht, wir machen tausende Fehler. Wir verhehlen das nicht, aber die Arbeiter- und Bauernmassen selbst müssen — mit unserer Hilfe, mag unsere Unterstützung auch noch gering und unzureichend sein, — unseren Apparat vervollkommnen und aufs richtige Geleise bringen; er hat aufgehört, für uns Programm, Theorie und Aufgabe zu sein, für uns ist er jetzt unser tägliches faktisches Aufbauwerk. Am Beispiel dieses Aufbaus, durch die unermüdliche Wiederholung dieses Beispieles werden wir es erreichen, daß wir aus Kommunisten, die schlecht kommandieren, wirkliche Baumeister schaffen, vor allem Baumeister unserer Wirtschaft. Wir werden alles erreichen, was wir brauchen, wir werden alle Hindernisse überwinden, die von der alten Gesellschaftsordnung zurückgebheben sind und die man nicht auf einmal beseitigen kann. Man muß die Massen umerziehen, das aber kann nur durch Agitation __ Und durch"Propaganda geschehen; es ist notwendig, die Massen in erster Linie mitdemAufbau des gemeinsamen wirtschaftlichen Lebensin enge Verbindung zu bringen. Das muß die hauptsächlichste und wichtigste Aufgabe in der Arbeit eines jeden Agitators und Propagandisten werden, und wenn er sich dies einprägt, dann wird der Erfolg seiner Arbeit gesichert sein.
182 Agitation und Propaganda in der Periode der Diktatur Aus der Rede auf dem 2. Allrussischen Kongreß der Sektionen für politische Aufklärung“ . .. Die Sowjetgesetze sind sehr gut, denn sie geben jedermann die Möglichkeit, den Bürokratismus und den Schlendrian zu bekämpfen, eine Möglichkeit, die in keinem einzigen kapita- listischen Staat den Arbeitern und Bauern gegeben ist. Wird aber diese Möglichkeit ausgenutzt? Fast von niemandem. Und nicht nur die Bauern, auch ein großer Teil der Kommunisten versteht es nicht, die Sowjetgesetze für die Bekämpfung des Schlendrians und des Bürokratismus oder einer so echtrussischen Erscheinung, wie die Korruption, auszunutzen. Was verhindert den Kampf gegen diese Erscheinung? Unsere Gesetze? Unsere Propaganda? Im Gegenteil! Gesetze gibt es mehr als genug! Warum also bleiben die Erfolge in diesem Kampf aus? Weil man ihn nicht auf Propaganda beschränken kann, weil er nur dann Erfolg haben kann, wenn die Volksmasse selbst ihn unterstützt. .. . Der Analphabetismus muß bekämpft werden, aber es genügt nicht, lesen und schreiben zu können. Es ist eine Kultur notwendig, die uns lehrt, wie Schlendrian und Korruption zu be- kämpfen sind. Das ist eine Eiterbeule, die durch keine militärischen Siege und durch keine politischen Umwandlungen aus der Welt geschafft werden kann. Der Natur der Sache nach kann dieses Geschwür nicht durch militärische Siege und poli- tische Umwandlungen beseitigt werden, sondern einzig und allein durch die Hebung der Kultur... .. . Die Propaganda gegen die barbarischen Zustände und solche Übel, wie die Bestechlichkeit, wird von uns und hoffentlich auch von euch betrieben, aber die politische Aufklärungsarbeit ist mit dieser Propaganda nicht erschöpft. Politische Aufklärung heißt — das Volk lehren, wie dieser Kampf zu führen ist, heißt, den anderen Beispiele zu geben, nicht als Mitglieder von Exekutivkomitees, sondern als einfache Bürger, * Sitzung vom 17. Oktober 1921. Oktober 192i. die, politisch .„Prawda“ vom 19. 21. und 22.
Rede auf dem 2. Kongreß für politische Aufklärung _ 183 aufgeklärter als andere, es verstehen; nicht nur auf den Schlendrian zu schimpfen, — das ist bei uns weit verbreitet, — sondern auch zeigen, wie dieses Übel in der Praxis besiegt werden kann. Das ist eine sehr schwierige Kunst, der man nicht gerecht werden kann ohne allgemeine Hebung der Kultur, ohne daß die Arbeiter- und Bauernmasse sich mehr Kultur aneignet als heute. Auf diese Aufgabe der Zentrale für politische Aufklärung möchte ich die größte Aufmerksamkeit lenken. - . . Meiner Ansicht nach gibt es drei Hauptfeinde, die sich jetzt jedermann, was auch seine amtliche Rolle sein mag, entgegenstellen, denen jeder auf dem Gebiet der politischen Aufklärung Tätige begegnet, sofern er Kommunist ist, und das sind die meisten. Die drei Hauptfeinde, denen sie gegenüberstehen, sind: der erste Feind — die kommunistische Überheblichkeit, der zweite Feind — das Analphabetentum, der dritte Feind — die Korruption. Die kommunistische Überheblichkeit besteht darin, daß ein Mensch, der der Kommunistischen Partei angehört und der Parteisäuberung noch entgangen ist, sich einbildet, daß er alle seine Aufgaben auf dem Wege der kommunistischen Dekretierung lösen könne. Noch Mitglied der regierenden Partei und Funktionär bestimmter staatlicher Institutionen, bildet er sich ein, da- durch das Recht zu besitzen, von den Ergebnissen der politischen Aufklärungsarbeit zu sprechen. Weit gefehlt! Das ist nur kom- munistische Überheblichkeit. Lernen, wie politische Aufklä- rung geführt werden soll — darum handelt es sich. Wir haben das aber nicht gelernt, und wir haben keine richtige Einstellung zu dieser Aufgabe. Was den zweiten Feind, das Analphabetentum, anbetrifft, so kann ich sagen: solange wir im Lande eine solche Erscheinung wie das Analphabetentum haben, ist es schwer, von politischer Aufklärung zu sprechen. Das ist keine politische Aufgabe, das ist eine Vorbedingung, ohne die man von Politik nicht sprechen kann. Der Analphabet steht außerhalb der Politik, er muß zunächst das ABC lernen. Sonst kann es keine Politik geben, sonst kann es nur Gerüchte, Klatsch, Märchen, Vorurteile geben, aber keine Politik. Und schließlich, wenn es eine solche Erscheinung gibt, wie Bestechung, wenn dies möglich ist, so kann von Politik keine Rede
184 Agitation und. Propaganda in der Periode der Diktatur sein. Hier gibt es nicht einmal einen Ansatz von Politik, hier kann keine Politik gemacht werden, denn alle Maßnahmen werden in der Luft hängen bleiben und nicht das geringste Ergebnis zeitigen. Das Gesetz wird nur Unheil stiften, wenn es praktisch angewandt wird in Verhältnissen, in denen Bestechung zulässig und verbreitet ist. Unter solchen Bedingungen kann es keine Politik geben, es fehlt die Grundbedingung dafür, um sich mit Politik zu beschäftigen. Um das Volk mit unseren politischen Aufgaben bekannt zu machen, um den Volksmassen zu zeigen: „das sind die Aufgaben, deren Durchführung wir er- streben müssen“ (und das sollten wir tun!), muß man einsehen, daß es hier erforderlich ist, das kulturelle Niveau der Massen zu heben. Und dieses bestimmte kulturelle Niveau muß erreicht werden, sonst können wir unsere Aufgaben nicht erfüllen. Die Kulturaufgabe kann nicht so rasch gelöst werden wie die politischen und militärischen Aufgaben. Man muß begreifen, daß die Bedingungen der Vorwärtsbewegung jetzt nicht die gleichen sind. In der Epoche der Verschärfung der Krise kann man innerhalb weniger Wochen politisch siegen. Im Krieg kann man innerhalb weniger Monate siegen, an der Kulturfront aber kann in so kurzer Zeit kein Sieg errungen werden; es liegt im Wesen der Sache selbst, daß hier eine längere Frist notwendig ist, und dieser längeren Frist muß man sich anpassen, man muß seine Arbeit berechnen, muß möglichst viel Hartnäckigkeit, Zähigkeit und System an den Tag legen. Ohne diese Eigenschaften kann man an die politische Aufklärungsarbeit nicht einmal herangehen. Die Resultate der politischen Aufklärung können aber nur an der Hebung der Wirtschaft gemessen werden. Es ist nicht nur notwendig, daß wir das Analphabetentum aus der Welt schaffen, daß wir die Korruption ausrotten, die auf dem Boden des Analphabetentums wächst, es ist auch notwendig, daß unsere Propa- ganda, unsere Direktiven, unsere Broschüren vom Volke tatsächlich aufgenommen werden und als Folge davon die Volkswirt| schaft auf ein höheres Niveau gehoben wird. Das sind die Aufgaben der politischen Aufklärung, im Zusammenhang mit unserer neuen ökonomischen Politik gesehen, und ich hoffe, daß wir dank unserem Kongreß auf diesem Gebiete große Erfolge erzielen werden.
185 lagebuchblätter* . . . Die Arbeit, die jetzt auf dem Gebiet der Volksbildung geleistet wird, kann, allgemein gesprochen, nicht als zu eng begrenzt bezeichnet werden. Es wird sehr viel dazu getan, um die alte Lehrerschaft aufzurütteln, sie für die neuen Aufgaben zu gewinnen, ihr Interesse für die neue Art der Behandlung pädagogischer Fragen zu wecken, sie für solche Fragen zu interessieren, wie die Frage der Religion. | Das wichtigste aber unterlassen wir. Wir sorgen nicht, oder sorgen lange nicht genug dafür, daß der Volkslehrer auf dasjenige Niveau gehoben wird, ohne das von einer Kultur nicht die Rede sein kann, weder von einer proletarischen noch selbst von einer bürgerlichen. Man muß von der halbasiatischen Kulturlosigkeit reden, die wir bis jetzt nicht überwunden haben und die wir ohne ernste Anstrengungen nicht überwinden werden, trotzdem wir die Möglichkeit dazu haben, da ja nirgends die Volksmassen an einer wirklichen Kultur so stark interessiert sind wie bei uns; nirgends werden die Fragen dieser Kultur so gründlich und so konsequent gestellt wie bei uns, nirgends, in keinem ein- zigen Lande, befindet sich die Staatsgewalt in den Händen der Arbeiterklasse, die in ihrer großen Masse ihren Mangel an, ich will nicht sagen Kultur, aber Bildung sehr wohl einsieht, nir- gends ist sie bereit, so große Opfer für die Besserung ihrer Lage in dieser Hinsicht zu bringen wie bei uns. Bei uns wird noch zu wenig, viel zu wenig getan, um unseren ganzen Staatshaushalt in einer Weise umzustellen, daß in erster Linie den Bedürfnissen der elementarer Volksbildung genüge getan wird. . . Der Volksschullehrer muß bei uns auf eine Höhe gebracht werden, auf der er in der bürgerlichen Gesellschaft nie gestanden hat, nicht steht und nicht stehen kann. Das ist eine Wahrheit, * „Prawda“ vom 4. Januar 1923.
186 Agitation und Propaganda in der Periode der Diktatur die keiner Beweise bedarf. Einen solchen Zustand müssen wir durch systematische, zähe, hartnäckige Arbeit erstreben — Ärbeit sowohl an der Hebung des geistigen Niveaus des Lehrers als auch Arbeit an seiner allseitigen Vorbereitung für seine wahrhaft hohe Mission, vor allem aber und nochmals vor allem — Arbeit an der Hebung seiner materiellen Lage. Die Arbeit der Organisierung der Volksschullehrer muß in systematischer Weise verstärkt werden, um sie aus einer Stütze der bürgerlichen Gesellschaftsordnung, die sie heute noch in allen kapitalistischen Ländern ohne Ausnahme sind, zu einer Stütze der Sowjetordnung zu machen, um durch sie die Bauernschaft vom Bündnis mit der Bourgeoisie abzubringen und sie für das Bündnis mit dem Proletariat zu gewinnen. Ich will kurz bemerken, daß hierbei systematische Fahrten ins Dorf, die übrigens bei uns bereits durchgeführt werden und die planmäßig organisiert werden müssen, eine besondere Rolle zu spielen haben. Es ist nicht schade, für solche Maßnahmen wie diese Fahrten Geld herzugeben, das nur zu oft zwecklos für einen Staatsapparat ausgeworfen: wird, der noch fast ganz der alten historischen Epoche angehört. . . Das ist die grundlegende politische Frage — das Verhältnis der Stadt zum Lande, eine Frage, die von entscheidender Bedeu- tung für unsere ganze Revolution ist. Während der bürgerliche Staat seine Anstrengungen darauf richtet, die Arbeiter der Städte abzustumpfen, und diesem Ziel die ganze Literatur anpaßt, die auf Kosten des Staates, der monarchistischen und der bürgerlichen Parteien verlegt wird, können und müssen wir unsere Staatsgewalt ausnutzen, um aus dem Stadtarbeiter tatsächlich einen Träger der kommunistischen Ideen in den Reihen des Dorfproletariats zu machen. Ich habe „kommunistische“ Ideen gesagt und beeile mich, einen Vorbehalt zu machen, in der Befürchtung, ein Mißverständ- nis hervorzurufen oder zu schematisch verstanden zu werden. Das darf auf keinen Fall so aufgefaßt werden, als müßten wir sofort rein kommunistische Ideen im engen Sinn aufs Land tra- gen. Solange bei uns auf dem Lande die materielle Grundlage
Tagebuchblätter 187 für den Kommunismus fehlt, wäre dies, man kann sagen, schädlich, wäre dies, man kann sagen, verhängnisvoll für den Kommunismus. Nein. Anfangen muß man damit, eine Gemeinschaft zwischen Stadt und Land herzustellen, ohne sich von vornherein das Ziel zu setzen, den Kommunismus aufs Land zu verpflanzen. Ein solches Ziel kann nicht sofort erreicht werden. Ein solches Ziel ist nicht zeitgemäß. Sich ein solches Ziel setzen, hieße der Sache nicht Nutzen bringen, sondern ihr Abbruch tun. Eine Gemeinschaft aber zwischen den Arbeitern in der Stadt und den Werktätigen auf dem Lande herzustellen, jene Form der Kameradschaftlichkeit zwischen ihnen zu schaffen, die sich leicht erreichen 13ßt, — das ist unsere Pflicht, das ist eine der Grund- aufgaben der Arbeiterklasse, die an der Macht steht. Zu diesem Zweck ist es notwendig, eine Reihe von Vereinigungen (Partei-. Gewerkschafts-, Privatvereinigungen) der Fabrikarbeiter ins Leben zu rufen, die sich systematisch das Ziel setzen, dem Dorfe in seiner kulturellen Entwicklung zu helfen. Wird es nun gelingen, alle Stadtzellen auf die Dorfzellen zu „verteilen“, damit jede Arbeiterzelle, der eine entsprechende Zelle im Dorfe „zugeteilt“ ist, sich systematisch um jede Möglichkeit, jeden Weg sorgt, dieses oder jenes kulturelle Bedürfnis ihrer Mit-Zelle zu befriedigen? Oder wird es gelingen, andere Formen der Verbindung ausfindig zu machen? Ich beschränke mich hier darauf, die Frage zu stellen, um die Aufmerksamkeit der Genossen auf sie zu lenken, um auf die Erfahrung Westsibiriens hinzuweisen .. . und um diese gewaltige kulturelle Aufgabe von welthistorischer Bedeutung in ihrem ganzen Umfang aufzurollen. Abgesehen von unserem offiziellen Staatshaushalt und von unseren offiziellen Beziehungen tun wir für das Dorf fast gar nichts. Allerdings nehmen bei uns die kulturellen Beziehungen zwischen Stadt und Land von selbst und unvermeidlich einen veränderten Charakter an. Unter der Herrschaft des Kapitalismus gab die Stadt dem Dorf etwas, was das Dorf politisch, wirtschaft- lich, moralisch, physisch usw. demoralisierte. Bei uns beginnt
188 Agitation und Propaganda in der Periode der Diktatur die Stadt von sich aus dem Dorf das direkte Gegenteil davon zu geben. Aber all dies geschieht eben aus sich selbst heraus, spontan, und all das kann verstärkt (und späterhin hundertfach verrnehrt) werden, indem man in diese Arbeit Zielbewußtsein, „Planmäßigkeit und System hineinträgt. Wir werden erst dann vorwärts zu schreiten beginnen (und werden es dann bestimmt hundertmal schneller tun), wenn wir uns an die Erforschung dieser Frage machen, wenn wir Arbeitervereinigungen aller Art ins Leben rufen, — gleichzeitig aber mit allen Mitteln ihre Bürokratisierung verhindern —, um diese Frage zu stellen, sie zu erörtern und sie in die Tat umzusetzen.
viil AGITATION UND PROPAGANDA IN DER KOMMUNISTISCHEN INTERNATIONALE
191 Die Dritte Internationale und ihr Plat in der Geschichte* Die nachfolgenden Auszüge aus Reden und Schriften Lenins, die in der einen oder anderen Weise Bezug nehmen auf die Agitation und Propaganda des Leitgedankens der Kommunistischen Internationale — der proletarischen Diktatur, bilden den natürlichen Abschluß dieses Sammelbandes, denn sie rollen das wichtigste Problem auf, wie die Agi- tation und Propaganda aus der Sphäre der Ideologie auf den Boden der Wirklichkeit treten muß, damit die Idee zur MachtwirdunddasBewußtseinderAvantgardesichin die reale, epochemachendeRevolution der Millionenmassen verwandelt. Es handelt sich hierbei also nicht mehr um die bloße, sozusageu „ideelle‘“ Aufklärung der Köpfe, sondern vielmehr um die materielle Bewegung der Arbeitermassen. Aber in diesem Punkt wird das Problem der leninistischen Agitation und Propaganda zum Problem der Taktik und der Organisation, wobei die politische Klarheit, die organisatorische Festigkeit und prinzipielle Bewußtheit der Kommunistischen Partei die Durchführung der richtigen Taktik, die Verwirklichung der Schlagworte der Agitation und der Fundamentalsätze der Propaganda verbürgt. In diesem Zusammenhang weist Lenin nach, wie die ideologische Spaltung der Arbeiterklasse in Sozialdemokraten und Änarchisten, die vor dem Kriege die Arbeiterbewegung in zwei Lager trennte, durch die Bewegung der Massen als eine Scheinspaltung aufgehoben, widerlegt wurde. Durch die prolelarische Weltrevolution wurde eine neue Markierungslinie gezeichnet, die Markierungsliniie — „für oder gegen die proletarische Diktatur‘ —, an der sich die Geister und mehr noch die materiellen Interessen der Klassen reinlich scheiden mußten. Insofern hat die leninistische Agilation und Propaganda eine neue Grundlage, die des Kampfes um die proletarische Weltdiktatur, erhalten, während jede andere offen opportunistische oder pseudoradikale Richtung innerhalb der Arbeiterbewegung selbstverständlich vor allem dieses Prinzip leugnen muß. Aber damit nmicht genug! Lenin zeigt besonders in seinen Ausführungen über den Parlamentarismus als eine der Waffen der revolutionären Agitation, daß der Kommunismus, gerade weil er prinzipiell die bürgerliche Gesellschaft als Ganzes verneint, „auf allen Gebieten das grundsätzlich Neue“ einführt, das mit den Traditionen der 2. Internationale in radikaler Weise bricht, Damit aber dieses „Neue“ zum Gemeingut der Massen des kämpfenden Proletariats und aller Unterdrückten wird, ist es notwendig, daß diese es selbst „auf eigene Art“, „durch eigene Erfahrungen und Kämpfe lernen“ und sich so auf die Basis des Ringens um die proletarische Diktatur stellen. Diese revolutionäre Selbstkritik kann den Massen nicht erspart bleiben, sie kann durch die Kritik, die die leninistische Agitation und Pro- paganda an der bestehenden bürgerlichen Gesellschaft übt, nur beschleunigt und erleichtert werden. Damit die Agitation und Propaganda des Leninis* „Die Kommunistische Internationale“, Nr. 1, 15. Mai 1919.
192 Agitation und Propaganda in der Kommunistischen Internationale mus zur Aktion der Revolution, zu der realen „Agitation‘“ der Massen wird, ist es notwendig, daß die kommunistische Avantgarde, als Führerin der Arbeiterklasse, im engsten Zusammenschluß mit ihr die letzte entscheidende Schlacht gegen den Klassenfeind schlägt. Die nachstehenden Materialien stammen aus den Jahren 1919 und 1920. Sie spiegeln in besonders prägnanter Weise die ganze Schärfe der Leninschen Analyse der Erfahrungen und Perspektiven der ersten Sturmwelle der proletarischen Weltrevolution wider. * Die Imperialisten der Entente-Länder blockieren Rußland, be- strebt, die Sowjetrepublik, als einen Ansteckungsherd, von der kapitalistischen Welt abzuschneiden. Diese Leute, die sich mit dem „Demokratismus‘“ ihrer Institutionen brüsten, sind vom Haß gegen die Sowjetrepublik derart verblendet, daß sie nicht bemerken, wie sie sich selber lächerlich machen. Man denke bloß: die am weitesten vorgeschrittenen, am meisten zivilisierten und ‚demokratischen‘“ Länder, bis an die Zähne bewaffnet, in militäri- scher Beziehung uneingeschränkt die ganze Erde beherrschend, fürchten wie das Feuer eineideelle Ansteckung, die von einem zerstörten, hungernden, zurückgebliebenen, ihrer Versicherung nach sogar halbwilden Lande ausgeht! Schon dieser Widerspruch allein Öffnet den Arbeitermassen aller Länder die Augen und trägt dazu bei, die Heuchelei der Imperialisten Clemenceau, Lloyd George, Wilson®® und ihrer Regierungen zu enthüllen. Aber nicht nur die Verblendung der Kapitalisten durch ihren Haß gegen die Sowjets, auch ihre Reibereien untereinander, die sie antreiben, sich gegenseitig ein Bein zu stellen, kommen uns zugute. Sie haben sich zu einer regelrechten Verschwörung des Schweigens zusammengetan, weil sie nichts so fürchten, wie die Verbreitung von wahren Nachrichten über die Sowjetrepublik im allgemeinen und das Bekanntwerden ihrer offiziellen Dokumente im besonderen. Das Hauptorgan der französischen Bourgeoisie, „Le Temps“, hat freilich eine Meldung über die Gründung der Dritten Kommunistischen Internationale zu Moskau gebracht. Wir sprechen hierfür dem Hauptorgan der französischen Bourgeoisie, diesem Führer des französischen Chauvinismus und Imperialismus, unseren ergebensten Dank aus. Wir sind bereit, dem „Temps“ eine feierliche Adresse als Ausdruck unserer Er-
Die Dritte Internationale und ihr Platz in der Geschichte e —_ a LU m 193 U] kenntlichkeit dafür zu übersenden, daß diese Zeitung uns so glücklich und so gewandt hilft. Daraus, wie der „Temps“ seine Mitteilung auf Grund unseres Funkspruchs aufmacht, sind mit voller Klarheit die Motive ersichtlich, von denen sich dieses Organ des Geldsacks leiten ließ. Es wollte Wilson einen Nadelstich versetzen, ihm eins auswischen: da sehen Sie, was das für Leute sind, mit denen Sie Verhandlungen zulassen! Die Weisen, die auf Bestellung des Geldsacks schreiben, bemerken nicht, wie ihr Versuch, Wilson mit dem Bolschewistenschreck bange zu machen, in den Augen der Arbeitermassen zur Reklame für die Bolschewiki wird. Noch einmal: dem Organ der französischen Millionäre unseren ergebensten Dank]! Die Gründung der Dritten Internationale ist in einer solchen internationalen Situation vor sich gegangen, daß keine Verbote, keine kleinlichen und kläglichen Schliche der Entente-Imperialisten oder der Lakaien des Kapitalismus, wie der Scheidemänner in Deutschland, der Renner in Österreich, verhindern können, daß die Kunde von dieser Internationale und die Sympathien für sie in der Arbeiterklasse der ganzen Welt weite Verbreitung finden. Diese Situation ist von der mit jedem Tage, ja mit jeder Stunde überall und offenkundig wachsenden proletarischen Revolution geschaffen. Diese Situation ist geschaffen worden von der Rätebewegung unter den Massen, die bereits eine snlche Kraft gewonnen hat, daß sie in der Tat international ge worden ist. Die Erste Internationale (1864—-1872) legte den Grundstein der internationalen Organisation der Arbeiter zum Zwecke ihrer Vorbereitung für den revolutionären Ansturm gegen das Kapital. Die Zweite Internationale (1889—1914) war die internationale Organisation der proletarischen Bewegung, deren Wachstum in die Breite ging, was nicht ohne zeitweilige Senkung des revolutionären Niveaus, nicht ohne ein zeitweiliges Erstarken des Öpportunismus ablief, der schließlich zum schmählichen Zusam- menbruch dieser Internationale führte. | Die Dritte Internationale entstand faktisch im Jahre 1918, als der langjährige Prozeß des Kampfes mit dem Opportunismus und Sozialchauvinismus, besonders während der Kriegszeit, in M.B. 8, Lenin: Agitation u. Propaganda j 13
194 U Agitation und Propaganda in der Kommunistischen Internationale x nm einer Reihe von Nationen zur Bildung von kommunistischen Parteien geführt hatte. Formell ist die Dritte Internationale auf ihrem ersten Kongreß im März 1919 zu Moskau gegründet worden. Und der charakteristischste Zug dieser Internationale, ihre Berufung, das Vermächtnis des Marxismus zu erfüllen und ins Leben zu übertragen, die ewigen Ideale des Sozialismus und der Arbeiterbewegung zu verwirklichen — dieser charakteristischste Zug der Dritten Internationale trat sofort dadurch in Erscheinung, daß die neue, die dritte „internationale Arbeiterassoziation” bereits jetzt begann, sich in gewissem Maße mit dem Bunde der sozialistischen Sowjetrepubliken zudecken. Die Erste Internationale legte das Fundament des proletarischen internationalen Kampfes für den Sozialismus. Die Zweite Internationale war die Epoche der Vorbereitung des Bodens für eine breite Massen erfassende Ausdehnung der Bewegung in einer Reihe von Ländern. Die Dritte Internationale übernahm die Früchte der Arbeit der Zweiten, beseitigte ihre opportunistischen, sozialchauvinistischen, bürgerlichen und kleinbürgerlichen Auswüchse und begann die Diktatur des Proletariats zuverwirklichen. Der internationale Bund der Parteien, die die revolutionärste Bewegung der Welt, die Bewegung des Proletariats zum Sturze des kapitalistischen Joches, leiten, verfügt jetzt über eine Basis, wie sie ihrer Festigkeit nach noch nicht dagewesen ist: mehrere Sowjetrepubliken, die in internationalem Maßstabe die Diktatur des Proletariats, seinen Sieg über den Kapitalismus in die Wirklichkeit umsetzen. Die weltgeschichtliche Bedeutung der Dritten, Kommunistischen Internationale besteht darin, daß sie begonnen hat, die große Losung Marx’ zu verwirklichen, die Losung, die der jahrhundertelangen Entwicklung des Sozialismus und der Arbeiterbewegung die Bilanz zieht, die Losung, die in dem Begriff Diktatur des Proletariats ihren Ausdruck findet. Dieses geniale Vorausahnen, diese geniale Theorie wird Wirklichkeit. Diese lateinischen Worte sind jetzt in alle Volkssprachen des
Die Dritte Internationale und ihr Platz in der Geschichte 195 heutigen Europas, ja mehr noch, in alle Sprachen der Welt übersetzt. Eine neue Epoche der Weltgeschichte hat begonnen. Die Menschheit wirft die letzte Form der Sklaverei von sich: die kapitalistische oder die Lohnsklaverei. Indem sie sich aus dieser Sklaverei befreit, geht die Menschheit zum erstenmal zu wahrer Freiheit über. Wie konnte es geschehen, daß das erste Land, das die Dik- tatur des Proletarials verwirklichte, die Sowjetrepublik organisierie, eines der rückständigsten Länder Europas war? Wir werden uns kaum irren, wenn wir sagen, daß gerade der Widerspruch zwischen der Rückständigkeit Rußlands und seinem „Sprung“ zur höchsten Form des Demokratismus, über die bürgerliche Demokratie hinweg zur Sowjet- oder proletarischen Demokratie, daß gerade dieser Widerspruch eine der Ursachen war (neben dem Druck opportunistischer Gewohnheiten und philisterhafter Vorurteile, unter dem die meisten Führer des Sozialismus standen), die im Westen das Verständnis für die Rolle der Sowjets am meisten erschwerte bzw. verzögerte. Die Arbeitermassen in der ganzen Welt erfaßten instinktiv die Bedeutung der Sowjets als Kampforgane des Proletariats und als Form des proletarischen Staates. Die durch den Opportunismus korrumpierten „Führer“ aber fuhren fort — sie tun es auch heute —, die bürgerliche Demokratie anzubeten, die sie als ‚die Demokratie schlechthin‘ bezeichnen. Ist es verwunderlich, daß die Verwirklichung der Diktatur des Proletariats zu allererst den „Widerspruch“ zwischen der Rückständigkeit Rußlands und dem ‚„Überspringen“ der bürgerlichen Demokratie zeigte? Verwunderlich wäre es. wenn die Geschichte uns die Verwirklichung der neuen Form der Demo- kratie ohne eine Reihe von Widersprüchen geschenkt hätte. Jeder Marxist, ja jeder mit der modernen Wissenschaft vertraute Mensch überhaupt würde, wenn man ihm die Frage stellte: „Ist ein gleichmäßiger oder harmonisch-proportioneller Übergang der verschiedenen kapitalistischen Länder zur Diktatur des Proletariats wahrscheinlich?‘ zweifelsohne diese Frage verneinend beantworten. In der Welt des Kapitalismus’ hat es jemals weder Gleichmäßigkeit noch Harmonie noch Proportion 13*
196 Agitation und Propaganda in der Kommunistischen Internationale gegeben und geben können. Jedes Land hat besonders ausgeprägt bald diese, bald jene Seite, bald diesen, bald jenen Zug oder Komplex von Eigenschaften des Kapitalismus und der Arbeiterbewegung entwickelt. Der Entwicklungsprozeß war ein ungleichmäßiger. Als Frankreich seine große bürgerliche Revolution durchmachte und das ganze europäische Festland zu historisch neuem Leben weckte, stand England an der Spitze einer konterrevolutionären Koalition, obwohl es gleichzeitig kapitalistisch weit mehr entwickelt war als Frankreich. Die englische Arbeiterbewegung jener Epoche nimmt indes in genialer Weise vieles vom künftigen Marxismus vorweg. Als England der Welt die erste breite, wirklich Massen erfassende, politisch ausgeprägte proletarisch-revolutionäre Bewegung gab, nämlich den Chartismus, gingen auf dem europäischen Festlande meistens schwache bürgerliche Revolutionen vor sich, während in Frankreich der erste große Bürgerkrieg zwischen Proletariat und Bourgeoisie ausbrach. Die Bourgeoisie schlug die verschiedenen nationalen Kolonnen des Proletariats einzeln und in den verschiedenen Ländern auf verschiedene Art. England hat das Beispiel eines Landes geliefert, in dem, wie Engels sagte, das Bürgertum neben einer verbürgerlichten Aristokratie die am meisten verbürgerlichte Oberschicht des Proletariats schuf. Das führende kapitalistische Land erwies sich, was den revolutionären Kampf des Proletariats betraf, als um mehrere Jahrzehnte zurückgeblieben. Frankreich erschöpfte gleichsam die Kräfte des Proletariats in zwei heldenmütigen Aufständen der Arbeiterklasse gegen die Bourgeoisie, in den Jahren 1848 und 1871, die im weltgeschichtlichen Sinne äußerst viel gegeben haben. Die Hegemonie in der Internationale der Arbeiterbewegung ging hierauf, mit den 70er Jahren des XIX. Jahrhunderts, als Deutschland ökonomisch hinter England wie hinter Frankreich zurückstand, auf Deutschland über. Als jedoch Deutschland ökonomisch diese beiden Länder überholt hat, d. h. im zweiten Jahrzehnt des XX. Jahrhunderts, da steht an der Spitze der für die ganze Welt vorbildlichen marxistischen Arbeiterpartei Deutschlands ein Häuflein abgefeimtester Schufte, das denkbar schmutzigste Gesindel, das sich dem Kapitalismus verkauft hat,
Die Dritte Internationale und ihr Platz in der Geschichte 197 von Scheidemann und Noske bis David und Legien, die widerlichsten Henker aus der Arbeiterklasse im Dienste der Monarchie und der konterrevolutionären Bourgeoisie. Die Weltgeschichte geht unaufhaltsam der Diktatur des Proletariats entgegen, aber sie geht durchaus keine ebenen, keine einfachen, keine geraden Wege. Als Karl Kautsky noch Marxist war und nicht der Renegat des Marxismus, zu dem er in seiner Eigenschaft als Kämpfer für die Einheit mit den Scheidemännern und für die bürgerliche Demokratie gegen die Sowjet- oder proletarische Demokratie geworden ist, schrieb er gleich zu Beginn des XX. Jahrhunderts einen Aufsatz: „Die Slawen und die Revolution“. In diesem Aufsatz setzie er die historischen Bedingungen auseinander, die die Möglichkeit des Überganges der Hegemonie in der internationalen und revolutionären Bewegung auf die Slawen andeuteten. Es ist so gekommen. Für eine Zeitlang — selbstverständlich bloß für eine kurze Zeit — ist die Hegemonie in der revolutionären proletarischen Internationale auf die Russen übergegangen, wie sie in verschiedenen Perioden des XIX. Jahrhunderts die Engländer, dann die Franzosen, dann die Deutschen inne gehabt haben. Ich habe bereits mehr als einmal sagen müssen: im Vergleich zu den fortgeschrittenen Ländern hatten es die Russen leichter, die große proletarische Revolution zu beginnen, es wird ihnen aber schwerer fallen, sie fortzusetzen und im Sinne der vollständigen Organisierung der sozialistischen Gesellschaft zum endgültigen Siege zu führen. Wir hatten es leichter anzufangen, erstens weil die — für das Europa des XX. Jahrhunderts — ungewöhnliche politische Rückständigkeit der Zarenmonarchie eine ungewöhnliche Kraft des revolutionären Ansturms der Massen hervorrief. Zweitens führte die Rückständigkeit RußBlands zu einer eigenartigen Verflechtung der proletarischen Revolution gegen die Bourgeoisie mit der Bauernrevolution gegen die Grundherren. Damit begannen wir im Oktober 1917, und wir hätten damals nicht so leicht gesiegt, wenn wir nicht damit begonnen hätten. Marx hatte schon im Jahre 1856 in Bern in bezug auf Preußen auf die Möglichkeit einer eigen-
198 Agitation und Propaganda in der Kommunistischen Internationale artigen Verbindung der .proletarischen Revolution mit dem Bauernkrieg hingewiesen. Die Bolschewiki verfochten seit Anfang 1905 die Idee der revolutionär-demokratischen Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft. Drittens hatte die Revolution des Jahres 1905 außerordentlich viel für die politische Aufklärung der Arbeiter- und Bauernmassen getan, sowohl in dem Sinne, daß ihre Vorhut sich mit dem ‚letzten Wort‘ des Sozialismus im Westen vertraut machte, als auch im Sinne der revo- lutionären Aktion der Massen. Ohne eine solche „Generalprobe“, wie die von 1905, wären im Jahre 1917 sowohl die bürgerliche Februarrevolution, als auch die proletarische Oktoberrevolution unmöglich gewesen. Viertens gestatteten die geographischen Verhältnisse Rußland, länger als anderen Ländern dem äußeren Übergewicht der kapitalistischen, vorgeschrittenen Staaten standzuhalten. Fünftens erleichterte das eigenartige Verhältnis des Proletariats zur Bauernschaft den Übergang von der bürgerlichen Revolution zur sozialistischen, erleichterte den Einfluß des städtischen Proletariats auf die halbproletarischen, armen Schichten der Werktätigen auf dem Lande. Sechstens erleichterten die lange Schule des Streikkampfes und die Erfahrung der europäischen Massenbewegung der Arbeiter bei der Tiefe und schnellen Zuspitzung der revolutionären Situation die Entstehung einer so eigenartigen Organisation wie die Sowjets. Diese Aufzählung ist natürlich nicht vollständig. Aber wir können uns einstweilen auf sie beschränken. Die Sowjet- oder proletarische Demokratie entstand in Rußland. Im Vergleich zur Pariser Koınmune war ein zweiter weltgeschichtlicher Schritt getan. Die proletarisch-bäuerliche Sowjetrepublik erwies sich als die erste widerstandsfähige sozialistische Republik der Welt. Sie kann als ein neuer Staatstypus schon nicht mehr untergehen. Sie steht schon heute nicht mehr allein da. Um zu arbeiten am sozialistischen Aufbau, um diesen Aufbau zu vollenden, ist noch sehr, sehr vieles erforderlich. Die Sowjetrepubliken in Ländern mit höherer Kultur, mit größerem Gewicht und Einfluß des Proletariats haben alle Aussichten, Rußland zu überholen, wenn sie einmal den Weg der Diktatur des Proletariats einschlagen.
Die Dritte Internationale und ihr Platz in der Geschichte Die bankrott gewordene Zweite zersetzt sich bei lebendigem Leibe. eines Lakaien der internationalen gesprochen gelbe Internationale. Internationale stirbt Sie spielt tatsächlich Bourgeoisie. Sie ist Ihre bedeutendsten 199 jetzt und die Rolle eine ausgeistigen Führer, wie etwa Kautsky, verherrlichen die bürgerliche Demokratie, die sie als „die Demokratie‘ schlechthin oder — was noch dümmer und noch plumper ist — als die „reine Demokra- tie“ bezeichnen. Die bürgerliche Demokratie hat ausgelebt, wie auch die Zweite Internationale ausgelebt hat, nachdem sie eine historisch notwendige, nützliche Arbeit geleistet, als die Vorbereitung der Arbeitermassen im Rahmen dieser bürgerlichen Demokratie an der Tagesordnung war. . Die demokratischste bürgerliche Republik war und konnte niemals etwas anderes sein als eine Maschine zur Unterdrückung der Werktätigen durch das Kapital, ein Werkzeug der politischen Macht des Kapitals, die Diktatur der Bourgeoisie. Die demokratische bürgerliche Republik verhieß die Herrschaft der Mehrheit, proklamierte sie, aber konnte sie doch niemals verwirklichen, solange das Privateigentum am Grund und Boden und an den anderen Produktionsmitteln bestand. Die „Freiheit“ in der bürgerlich-demokratischen Republik war in Wirklichkeit die Freiheit für die Reichen. Die Proletarier und die werktätigen Bauern konnten und mußten sie zur Vorbereitung ihrer Kräfte zum Sturze des Kapitals, zur Überwindung der bürgerlichen Demokratie ausnutzen, aber die Demokratie tatsächlich genießen konnten die Arbeitermassen unter dem Kapitalismus in der Regel nicht. | Zum erstenmal in der Welt hat die Sowjet- oder die prolearische Demokratie eine Demokratie für die Massen, für die Werktätigen, für die Arbeiter und Kleinbauern geschaffen. Es hat in der Welt noch niemals eine solche Staatsmacht der Mehrheit der Bevölkerung, eine solche wirkliche Macht dieser Mehrheit gegeben wie die Sowjetmacht. | Sie unterdrückt die „Freiheit“ der Ausbeuter und ihrer Helfershelfer, sie beraubt sie der „Freiheit, auszubeuten, der ‚,Frei-
200 Agitation und Propaganda in der Kommunistischen Internationale heit“, sich am Hunger zu bereichern, der „Freiheit“ des Kampfes für die Wiederherstellung der Macht des Kapitals, der „Freiheit“ des Komplotts mit der auswärtigen Bourgeoisie gegen die Arbeiter und Bauern ım Lande. Mögen die Kautsky eine solche Freiheit verteidigen. Dazu muß man ein Renegat des Marxismus, ein Renegat des Sozialismus sein. In nichts ist der Bankrott der geistigen Führer der Zweiten Internationale vom Schlage Hilferdings und Kautskys so deutlich zum Ausdruck gekommen, wie in dem völligen Unvermögen, die Bedeutung der Sowjet- oder proletarischen Demokratie, ihr Verhältnis zur Pariser Kommune, ihren Platz in der Geschichte, ihre Notwendigkeit als Förm der Diktatur des Proletariats zu begreifen. In Nr. 74 der Zeitung „Die Freiheit‘, dem Organ der „unabhängigen“ (lies: philisterhaften, kleinbürgerlichen) deutschen Sozialdemokratie wird am 11. Februar 1919 ein Aufruf „An das revolutionäre Proletariat Deutschlands‘ veröffentlicht. Dieser Aufruf ist vom Parteivorstand und der ganzen Fraktion in der „Nationalversammlung“, der deutschen „Konstituante“, unterzeichnet. Er beschuldigt die Scheidemänner der Bestrebung, die Räte abzuschaffen, und bringt — Spaß beiseite — in Vorschlag, die Räte mit der Konstituante zu verknüpfen, den Räten gewisse Staatsrechte, einen gewissen Platz in der Verfassung einzuräumen. Die Diktatur der Bourgeoisie mit der Diktatur des Proletariats versöhnen, sie miteinander vereinigen! Wie einfach das ist! Welch eine genial-philisterhafte Idee! Es ist bloß schade, daß unter Kerenski die vereinigten Menschewiki und Sozialrevolutionäre in Rußland, diese kleinbürgerlichen Demokraten, die sich für Sozialisten hielten, diese Idee bereits erprobt haben. Wer bei der Lektüre von Marx nicht begriffen hat, daß in der kapitalistischen Gesellschaft in jedem kritischen Moment, bei
Die Dritte Internationale und ihr Platz in der Geschichte 201 jedem ernsten Zusammenstoß der Klassen entweder die Diktatur der Bourgeoisie oder aber die Diktatur des Proletariats möglich ist, der hat weder von der ökonomischen noch von der politischen Lehre Marx’ etwas verstanden. Aber die genial-philisterhafte Idee der Hilferding, Kautsky und Co. von der friedlichen Vereinigung der Diktatur der Bourgeoisie mit der Diktatur des Proletariats bedarf einer besonderen Untersuchung, will man die ökonomischen und politischen Albernheiten, die in diesem merkwürdigen und komischen Aufruf vom 11. Februar angehäuft sind, erschöpfen. Das muß für einen anderen Artikel aufgeschoben werden.
202 Agitation und Propaganda in der Kommunistischen Internationale Die Dritte, Kommunistische Internationale* Genossen, seit der Gründung der Kommunistischen Inter- nationale ist ein Jahr vergangen. Im Laufe dieses Jahres hat die Kommunistische Internationale Siege errungen, die wir kaum hätten erwarten können, ja man darf ruhig sagen, daß niemand bei der Gründung so ungeheure Erfolge erwartet hat. In der ersten Zeit der Revolution hegten viele die Hoffnung, die sozialistische Revolution in Westeuropa werde unmittelbar nach der Beendigung des imperialistischen Krieges ausbrechen; denn in einem Moment, wo die Massen bewaffnet waren, konnte die Revolution mit dem größten Erfolg auch in einigen Ländern des Westens vor sich gehen. Das hätle so kommen können, wenn die Spaltung des Proletariats in Westeuropa nicht so tief und der Verrat der ehemaligen sozialistischen Führer nicht so groß gewesen wäre. Wir wissen bis zur Stunde noch nicht genau, wie die Demobilmachung verlaufen ist und wie die Liquidierung des Krieges vor sich geht. Wir wissen z. B. nicht, was in Holland vor sich gegangen ist, und nur aus einem Artikel, in dem von einer Rede eines holländischen Kommunisten erzählt wird, aus einem einzigen Artikel — es sind aber viele solcher Artikel geschrieben worden — habe ich zufällig erfahren, daß in Holland, einen neutralen Lande, das von dem imperialistischen Krieg weniger betroffen worden ist, die revolutionäre Bewegung einen solchen Umfang angenommen hat, daß man bereits zur Bildung von Räten geschritten ist und Troelstra, eine der wichtigsten Persönlichkeiten der opportunistischen holländischen Sozialdemokratie, zugegeben hat, daß die Arbeiter die Macht in ihre Hände hätten nehmen können’. Wäre die Internationale nicht in den Händen von Verrätern gewesen, die sich für die Rettung der Bourgeoisie in kritischen *Rede vom 6. März 1920 in der feierlichen Sitzung des Moskauer Sowjets aus Anlaß des Jahrestages der Dritten Internationale.
Die Dritte, Kommunistische Internationale 208 wuhe Augenblicken einsetzten, dann hätte es unmittelbar nach Kriegsschluß in vielen kriegführenden Ländern und in einigen neultralen Ländern, wo das Volk unter Waffen stand, viele Chancen für eine rasche Entwicklung der Revolution gegeben, und dann wäre der Ausgang ein anderer gewesen. Das ist nicht gelungen. Die Revolution hat nicht so rasch gesiegt. Und nun muß man jene ganze Entwicklung durchmachen, die wir noch vor der ersten Revolution, vor 1905 beginnen mußten. Denn nur, weil bis zur Revolution von 1917 mehr als ein Jahrzehnt verflossen war, erwiesen wir uns als fähig, das Proletariat zu führen. 1905 war sozusagen die Probe der Revolution, und zum Teil wegen dieses Umstandes gelang es in Rußland, den Augenblick des Zusammenbruches des imperialistischen Krieges auszunutzen, und die Macht ging in die Hände des Proletariats über. Dank der geschichtlichen Ereignisse, dank der völligen Fäulnis des Absolutismus war es uns leicht, die Revolution anzufangen; aber weil der Anfang leicht war, so war die Fortsetzung der Revolution in diesem Lande, das allein dastand, um so schwerer. Wenn wir auf das verflossene Jahr zurückblicken, so müssen wir sagen: in den anderen Ländern, wo die Arbeiter entwickelter sind, wo eine größere Industrie besteht, wo die Arbeiter viel zahlreicher sind, ist die Entwicklung der Revolution langsamer vor sich gegangen. Sie ist unseren Weg gegangen, aber viel langsamer. Auf diesem Weg schreiten die Arbeiter langsam fort; sie bahnen den Weg zum Sieg des Proletariats, der zweifellos mit größerer Sicherheit herannaht als bei uns; denn wirft man einen Blick auf die Dritte Internationale, so muß man sich über die Schnelligkeit wundern, mit der sie sich ausgebreitet hat und von Sieg zu Sieg geschritten ist. Man sehe nur, wie sich unsere Wortungeheuer, wie z. B. das Wort ‚„Bolschewismus‘“, in der ganzen Welt verbreiten. Trotzdem wir uns Kommunistische Partei nennen und „Kommu- nist‘““ die wissenschaftliche, in Europa allgemein anerkannte Bezeichnung ist, ist sie in den europäischen und in anderen Ländern weniger verbreitet als das Wort „Bolschewik“. Unser russisches Wort „Sowjet” gehört zu den verbreitetsten Wörtern; es
204 Agitation und Propaganda in der Kommunistischen Internationale wird in die anderen Sprachen gar nicht erst übertragen, sondern überall als russisches gebraucht. Trotz aller Lügen der bürgerlichen Presse, trotz des tollen Widerstandes der gesamten Bourgeoisie, — trotz alledem erwies es sich, daß die Sympathien der Arbeitermassen den Sowjets, der Sowjetmacht und dem Bolschewismus gehören. Je mehr die Bourgeoisie zusammenlog, desto mehr trug sie dazu bei, unsere Erfahrung mit Kerenski in der ganzen Welt zu verbreiten. Gegen einen Teil der Bolschewiki, die aus Deutschland eingetroffen waren, wurde eine tolle Hetze eröffnet, die man in der ‚‚de- mokratischen Republik“ auf echt amerikanische Manier organisierte. Und diese Hetze wurde von Kerenski, den Sozialrevolu- tionären und den Menschewiki nach Kräften unterstützt. Auf diese Weise brachte man die verschiedenen Schichten des Proletariats in Bewegung, brachte sie auf den Gedanken, daß die Bolschewiki etwas Gutes wollen müssen, wenn man eine solche Hetze gegen sie eröffnet. Und wenn man von Zeit zu Zeit kärgliche Nachrichten aus dem Ausland erhält, wenn man z. B., ohne die Möglichkeit zu haben, die gesamte Presse zu verfolgen, eine Nummer des reichsten englischen Blaties, der „Times“, zur Hand nimmt und liest, wie dort bolschewistische Äußerungen zum Beweis dafür angeführt werden. daß die Bolschewiki bereits während des Krieges den Bürgerkrieg propagiert haben, so kommt man zu dem Schluß, daß sogar die klügsten Vertreter der Bourgeoisie vollständig den Kopf verloren haben. Wenn die englische Zeitung auf das Buch „Gegen den Strom®°“ aufmerksam macht, es den englischen Lesern empfiehlt und Zitate daraus anführt, um zu zeigen, daß die Bolschewiki zu der allerschlimmsten Sorte von Menschen gehören, weil sie den imperialistischen Krieg als ein Verbrechen bezeichnen und den Bürgerkrieg predigen, dann gewinnt man die Überzeugung, daß die gesamte, uns hassende Bourgeoisie uns unterstützt. Und dafür — unseren verbindlichsten Dank! Wir besitzen weder in Europa noch in Amerika eine Tagespresse; die Information über unsere Arbeit ist sehr dürftig; unscre Genossen werden aufs grausamste verfolgt. Aber sieht man, wie die schwerreiche imperialistische Presse der Entente, aus der Hunderttausende von anderen Blättern ihre Nachrichten schöp-
Die Dritte, Kommunistische Internationale | 205 — fen, jedes Gefühl für Maß derart verloren hat, daß sie, um die Bolschewiki zu treffen, eine Fülle von Zitaten aus den Werken der Bolschewiki anführt und diese Zitate aus der während des Krieges erschienenen Literatur hervorkramt, um zu beweisen, daß wir den Krieg für ein Verbrechen erklärten und danach strebten, ihn in einen Bürgerkrieg zu verwandeln —, so bedeutet dies, daß diese überklugen Herren im Begriff sind, genau solche Dummköpfe zu werden wie unser Kerenski und seine Genossen. Deshalb können wir die Garantie dafür übernehmen, daß diese Leute, diese Führer des englischen Imperialismus ihr Werk der Unterstützung der kommunistischen Revolution gut und gründlich durchführen werden. Genossen, vor dem Kriege schien es, als ob die Arbeiterbewegung in zwei Hauptteile zerfiel — in Sozialisten und Anarchisten. Und das schien nicht nur so, sondern war auch wirklich der Fall. In der langwierigen Epoche bis zum imperialistischen Krieg und bis zur Revolution hatten wir in der großen Mehrzahl der europäischen Länder keine objektiv revolutionäre Situation. Die Aufgabe bestand darin, die mühevolle Tagesarbeit für die Vorbereitung der Revolution auszunutzen. Die Sozialisten nahmen diese Arbeit in Angriff, die Anarchisten aber hatten kein Verständnis für diese Aufgabe. Der Krieg schuf eine revolutio- näre Situation, und diese alte Einteilung erwies sich als überholt. Einerseits sind die Spitzen des Anarchismus und des Sozialismus zu Chauvinisten geworden und haben gezeigt, was es heißt, die eigenen kapitalistischen Räuber gegen andere zu verteidigen, wofür im Kriege Millionen von Menschen hingerafft worden sind. Andererseits sind in den unteren Schichten der alten Parteien neue Strömungen entstanden — gegen den Krieg, gegen den Imperialismus, für die soziale Revolution. So ist infolge des Krieges eine ungeheure Krise entstanden. Sowohl die Anarchisten als auch die Sozialisten haben sich gespalten. Denn die parlamentariıschen Führer der Sozialisten entpuppten sich als Angehörige des chauvinistischen Flügels, während unter den Massen eine stetig wachsende Minderheit sich von ihnen abwandte und auf die Seite der Revolution überzugehen begann. Die Arbeiterbewegung in allen Ländern hat also einen neuen Weg beschritten, nicht den Weg der Anarchisten und Sozialisten,
206 Agitation und Propaganda in der Kommunistischen Internationale sondern den Weg, der zur Diktatur des Proletariats führt. Diese Spaltung in der ganzen Welt hat noch vor der Gründung der Dritten Internationale begonnen. Wenn wir Erfolg gehabt haben, so deshalb, weil wir kamen, als die Situation revolutionär war und es schon eine Arbeiterbewegung in allen Ländern gab, und deshalb sehen wir jetzt die Spaltung unter den Sozialisten und Anarchisten. Das führt in der ganzen Welt dazu, daß die kommunistischen Arbeiter neue Organisationen schaffen und daß diese Organisationen sich der Dritten Internationale anschließen. Diese Auffassung ist die einzig richtige. Wenn von neuem Meinungsverschiedenheiten auftauchen, z. B. über die Ausnutzung des Parlamentarismus, so muß man sagen, daß es nach den Erfahrungen der russischen Revolution und des Bürgerkrieges, nachdem sich die Gestalt Liebknechts der ganzen Welt eingeprägt hat und seine Rolle und Bedeutung unter den Vertretern des Parlamentarismus klar geworden ist, unsinnig wäre, die revolutionäre Ausnutzung des Parlamentarismus abzulehnen. Den Vertretern der alten Auffassung ist es klar geworden, daß man die Frage des Staates nicht mehr in alter Weise stellen kann, daß dank der revolutionären Bewegung an die Stelle der alten, gelehrten Behandlung dieser Frage eine neue, praktische Fragestellung getreten ist. Der gesamten vereinigten, zentralisierten Macht der Bourgeoisie muß man die vereinigte, zentralisierte Macht des Proletariats entgegenstellen. Auf diese Weise hat sich jetzt das Problem des Staates verschoben und der alte Meinungsstreit seinen Sinn eingebüßt. Statt der alten Einteilung der Arbeiterbewegung haben wir eine neue bekommen: die Hauptfrage ist jetzt die Stellung zur Sowjetmacht und zur Diktatur des Proletariats. Die Sowjetverfassung zeigte anschaulich, was die russische Itevolution geleistet hat. Auf Grund unserer Erfahrungen und des Studiums dieser Erfahrungen ist es dahin gekommen, daß alle Gruppierungen der alten Aufgaben sich auf eine einzige reduzierten: für oder wider die Sowjetmacht? Entweder für die Macht der Bourgeoisie, für die Demokratie, für jene Normen der Demokratie, die die Gleichheit des Satten und des Hungrigen, des Kapitalisten und des Arbeiters, der Ausbeuter und der Ausgebeute-
Die Dritte, Kommunistische Internationale 207 — ten bei der Abgabe der Stimmzettel garantieren, aber die kapitalistische Sklaverei verhüllen — oder für die Macht des Proletariats, für die rücksichtslose Unterdrückung der Ausbeuter, für den Sowjetstaat. ... Europa geht nicht denselben Weg zur Revolution wie wir, aber Europa macht im wesentlichen genau dasselbe durch. Jedes Land muß auf seine eigene Weise den inneren Kampf durchführen, den Kampf gegen den eigenen Opportunismus, gegen die eigenen Menschewiki und Sozialrevolutionäre, die unter anderem Namen in größerer oder geringerer Stärke in allen Ländern existieren. Und dieser Kampf hat bereits begonnen. Und eben, weil sie diese Erfahrung selbständig durchmachen, kann man dafür einstehen, daß der Sieg der kommunistischen Revolution in allen Ländern unausbleiblich ist. Und je mehr Schwankungen und Unsicherheit es in den Reihen der Feinde gibt, die darin zum Ausdruck kommen, daß sie erklären, die Bol- schewiki seien Verbrecher und man würde niemals mit ihnen Frieden schließen, — desto besser für uns. . Der Krieg im XX. Jahrhundert in einem zivilisierten. Lande zwingt die Regierungen zur Selbstentlarvung. In einem französischen Blatt sind Dokumente des ehemaligen Kaisers Karl von Österreich über dessen Friedensangebot vom Jahre 1916 an Frankreich veröffentlicht worden. Jetzt ist dieses Schreiben verölfentlicht worden, und die Arbeiter richten an den Führer der Sozialisten, an Albert Thomas, die Frage: „Gehörten Sie nicht damals zur Regierung, als der Frieden angeboten wurde? Was haben Sie damals getan?” Als man an Albert Thomas diese Frage richtete, da hüllte er sich in Schweigen. Diese Enthüllungen haben erst eben begonnen. Die Volksmassen sind aufgeklärt und können weder in Europa noch in Amerika die alte Stellung zum Kriege einnehmen. Sie fragen: weshalb hat man 10 Millionen Menschen getötet und 20 Millionen zu Krüppeln gemacht? Diese Frage stellen, heißt die Massen dazu zwingen, für die Diktatur des Proletariats einzutreten. Diese Frage stellen, heißt sie beantworten: 10 Millionen Menschen sind abgeschlachtet und 20 Millionen zu Krüppeln gemacht worden, damit die Frage entschieden werde, wer mehr Profit einstecken soll, die deutschen oder die englischen Kapitalisten? Das ist die
208 Agitation und Propaganda in der Kommunistischen Internationale Wahrheit, und wie sehr man sie auch verhüllen will, sie bricht sich Bahn. Der Zusammenbruch der kapitalistischen Regierungen ist unvermeidlich. Denn alle sehen, daß ein solcher Krieg abermals kommen muß, wenn die Imperialisten und die Bourgeoisie an der Macht bleiben. Zwischen Japan und Amerika entstehen neue Streitigkeiten und Konflikte. Sie sind durch Jahrzehnte der diplomatischen Geschichte beider Länder vorbereitet. Kriege sind unvermeidlich, solange Privateigentum besteht. Ein Krieg zwischen England, das Kolonien zusammengeraubt hat, und Frankreich, das benachteiligt zu sein glaubt, ist unvermeidlich. Niemand weiß, wo und wann er ausbrechen wird, aber alle sehen und wissen und sprechen davon, daß er unvermeidlich ist und daß man aufs neue zum Kriege rüstet. Diese Situation im XX. Jahrhundert in Ländern ohne Analphabeten ist eine Garantie dafür, daß vom alten Reformismus und Anarchismus keine Rede mehr sein kann. Sie sind durch den Krieg erledigt worden. Davon zu reden, daß man die kapitalistische Gesellschaft, die hunderte Milliarden von Rubeln für den Krieg hergegeben hat, umgestalten kann, davon zu reden, daß man diese Gesellschaft ohne eine revolutionäre Macht, ohne Gewalt und ohne ungeheure Erschütterungen umgestalten kann, — so zu reden ist ganz unmöglich! Wer so redet und denkt, verdient keine Beachtung. Die Stärke der Kommunistischen Internationale besteht darin, daß sie sich auf die Lehren. des imperialistischen Weltgemetzels stützt. Die Richtigkeit ihres Standpunktes wird durch die Erfah- rungen von Millionen Menschen in jedem Lande immer mehr und mehr bestätigt und die Bewegung für den Anschluß an die Komnıunistische Internationale ist jetzt hundertmal breiter und tiefer geworden, als sie bisher war. Sie hat im Laufe eines Jahres zum vollständigen Zusammenbruch der Zweiten Internationale geführt. Es gibt in der Welt kein einziges noch so zurückgebliebenes Land, in dem nicht alle denkenden Arbeiter der Kommunistischen Internationale beigetreten wären, sich nicht geistig ihr angeschlossen hätten. Das ist eine sichere Bürgschaft für den Sieg der Kommunistischen Internationale in der ganzen Welt und in einer nicht allzu fernen Zeit.
Über die „linken“ Kinderkrankheiten* . . . Die Geschichte der Arbeiterbewegung zeigt jetzt, daß in allen Ländern der wachsende, erstarkende, zum Siege schreitende Kommunismus in erster Linie den Kampf gegen den eigenen „Menschewismus“ (in jedem Lande) aufnehmen muß (diese Phase hat bereits begonnen), d. h. gegen den Opportunismus und Sozlalchauvinismus, und zweitens — sozusagen als Ergänzung — den Kampf gegen den „radikalen“ Kommunismus. Der erste Kampf hat sich in allen Ländern, offenbar ohne jede Ausnahme, als Kampf der Zweiten (heute bereits tatsächlich toten) und der . Dritten Internationale entfaltet. Der zweite Kampf ist zu beobachten in Deutschland, in England, in Italien, in Amerika (zumindestens vertritt ein gewisser Teil der „Industriearbeiter der Welt“ und der anarcho-syndikalistischen Strömungen die Fehler des „radikalen“ Kommunismus bei fast allgemeiner, fast ungeteilter Anerkennung des Rätesystems) und in Frankreich (die Stellung eines Teils der früheren Syndikalisten zur politischen Partei und zum Parlamentarismus und dabei wiederum die Anerkennung des Rätesystems), d. h. also zweifellos nicht nur im internationalen, sondern im Weltmaßstab. Aber indem die Arbeiterbewegung eines jeden Landes überall eine im Grunde genommen gleichartige Vorbereitungsschule zum Sieg über die Bourgeoisie durchmacht, vollzieht sie diese Entwicklung auf eigene Weise. Dabei schreiten die großen fortgeschrittenen kapitalistischen Länder auf diesem Wege viel schneller vorwärts als der Bolschewismus in Rußland, der von der Geschichte eine fünfzehnjährige Frist erhalten hatte, um sich als organisierte politische Strömung auf den Sieg vorzubereiten. Die Dritte Internationale hat in der kurzen Zeit eines Jahres bereits einen entscheidenden Sieg davongetragen, hat die gelbe, sozialchauvinistische Zweite Internationale geschlagen, die noch vor einigen wenigen Monaten unvergleichlich stärker war als die * Aus der Broschüre „Die Kinderkrankheit des „Radikalismus“ im Kom- munismus‘, April-Mai 1920 (Kapitel X und Anhang, Kapitel IV). M.B.8, Lenin: Agitation u. Propaganda ii
210 Agitation und Propaganda in der Kommunistischen Internationale Kommunistische Internationale, fest und stark zu sein schien und in jeder Hinsicht, direkt und indirekt, materiell (Minister- sessel, Pässe, Presse) bourgeoisie genoß. und geistig die Unterstützung der Welt- Alles kommt jetzt darauf an, daß die Kommunisten eines jeden Landes sowohl die grundsätzlichen Aufgaben des Kampfes gegen den Opportunismus und den ‚radikalen‘ Doktrinarismus als auch dtekonkretenBesonderheiten ganz klar einschätzen, die dieser Kampf in jedem einzelnen Lande entsprechend der Eigenart seiner Wirtschaft, Politik und Kultur, seiner nationalen Zusammensetzung (Irland usw.), seiner Kolonien, sei'ner religiösen Spaltungen usw. usw. annimmt und unvermeidlich annehmen muß. Überall fühlt man, wie die Unzufriedenheit mit der Zweiten Internationale immer mehr anwächst, sowohl wegen ihres Opportunismus als auch wegen ihres Unvermögens oder ihrer Unfähigkeit, eine wirklich zentralisierte, wirklich führende Organisation zu schaffen, die fähig wäre, die internationale Taktik des revolutionären Proletariats in seinem Kampfe für die internationale Räterepublik zu lenken. Man muß sich klar darüber sein, daß ein solches leitendes Zentrum auf keinen Fall die taktischen Kampfregeln schablonenhaft festsetzt, mechanisch ausgleicht und identifiziert. So lange nationale und staatliche Unterschiede zwischen den Völkern und Ländern bestehen — diese Unterschiede aber werden noch sehr, sehr lange sogar nach der Verwirklichung der Diktatur des Proletariats in der ganzen Welt bestehen — erfordert die Einheit der internationalen Taktik der kommunistischen Arbeiterbewegung aller Länder nicht die Beseitigung der Verschiedenartigkeit, nicht die Abschaffung der nationalen Unterschiede (das wäre im gegebenen Augenblick eine sinnlose Phantasterei), sondern eine solche Anwendung der grund- legenden Prinzipien des Kommunismus (Sowjetmacht und Diktatur des Proletariats), bei der diese Prinzipien in den Ein- zelheiten richtig variiert und an die nationalen und national-staatlichen Verschiedenheiten richtig angepaßt werden. Das spezifisch Nationale in den konkreten Methoden eines jeden Landes bei der Lösung der einheitlichen internationalen Aufgabe, beim Sieg über den Opportunismus und den ‚„radikalen‘‘ Doktrinarismus innerhalb der Arbeiterbewegung, beim
Über die „linken“ Kinderkrankheiten 211 Sturz der Bourgeoisie, bei der Errichtung der Sowjetrepublik und der proletarischen Diktatur zu erforschen, zu studieren, heraus- zufinden, zu erraten und zu erfassen — das ist die wichtigste Aufgabe aller vorgeschrittenen (und nicht nur der vorgeschrittenen) Länder im gegenwärtigen historischen Augenblick. Das Wichtigste (natürlich bei weitem noch nicht alles, aber doch das Wichtigste) für die Heranziehung der Vorhut der Arbeiterklasse, für ihren Übergang auf die Seite der Sowjetmacht gegen den Parlamentarismus, auf die Seite der Diktatur des Proletariats gegen die bürgerliche Demokratie ist bereits getan. Jetzt muß man alle Kräfte, alle Aufmerksamkeit auf den nächsten Schritt kon- zentrieren, der weniger wichtig zu sein scheint, — und es von einem gewissen Standpunkt auch wirklich ist — der aber dafür der Lösung der Aufgabe praktisch näher steht, nämlich auf die Ausfindigmachung der Form des Überganges zur proletarischen Revolution bzw. des Herantretens an die proletarische Revolution. Die proletarische Vorhut ist geistig erobert. Das ist die Haupt- sache. Ohne das kann man nicht einmal den ersten Schritt zum Siege machen. Aber von hier bis zum Siege ist es noch ziemlich weit. Mit der Vorhut allein kann man nicht siegen. Die Vorhut allein in den entscheidenden Kampf werfen, solange die ganze Klasse, solange die breiten Massen die Avantgarde nicht direkt unterstützen oder wenigstens eine wohlwollende Neutralität ihr gegenüber und eine absolute Unfähigkeit, ihren Gegner zu unterstützen, an den Tag gelegt haben — wäre nicht nur eine Dummheit, sondern auch ein Verbrechen. Damit aber wirklich die ganze Klasse, die breiten Massen der Werktätigen und vom Kapital Geknechteten einen solchen Standpunkt einnehmen — dazu ist Propaganda und Agitation allein zu wenig. Dazu bedarf es der eigenen politischen Erfahrung dieser Massen. [Das ist das srundlegende Gesetz aller großen Revolutionen, das sich jetzt mit überraschender Kraft und Anschaulichkeit nicht nur in Rußland, sondern auch in Deutschland bestätigt hat. Nicht nur die auf niedriger Kulturstufe stelienden, oft des Lesens und Schreibens unkundigen Massen Rußlands, sondern auch die durchweg des Lesens und Schreibens kundigen Massen Deutschlands mit ihrer hohen Kultur mußten an ihrer eigenen Haut die ganze Ohnmacht, 14*
212 Agitation und Propaganda in der Kommunistischen Internationale Charakterlosigkeit, Hilflosigkeit, Lakaienhaftigkeit, Gemeinheit der Regierung der Ritter der Zweiten Internationale, die ganze Unver- meidlichkeit der Diktatur der äußersten Reaktionäre (Kornilow” in Rußland, Kapp und Co. in Deutschland) als einzige Alternative für die Diktatur des Proletariats erfahren, um sich entschie- den dem Kommunismus zuzuwenden. Die nächste Aufgabe der klassenbewußten Vorhut der internationalen Arbeiterbewegung, d.h. der kommunistischen Parteien, Gruppen, Strömungen, besteht darin, die breiten (jetzt meistens noch schlummernden, apathischen, in althergebrachten Vorstellun- gen befangenen, konservativen) Massen an diese ihre neue Position heranzuführen, oder genauer gesagt, nicht nur die Partei, sondern auch die Massen bei ihrem Übergang zu einer neuen Position zu leiten. Konnte die erste historische Aufgabe (die Gewinnung der klassenbewußten Vorhut des Proletariats für die Sowjetmacht und die Diktatur des Proletariats) nicht ohne einen vollkommenen ideologischen und politischen Sieg über den Opportunismus und den Sozialchauvinismus gelöst werden, so kann die zweite, jetzt aktuelle Aufgabe, die Heranführung der Massen an die neue Position, die den Sieg der Vorhut in der Revolution zu sichern vermag, — so kann diese aktuelle Aufgabe nicht ohne die Beseitigung des „radikalen“ Doktrinarismus, ohne die völlige Überwindung seiner Fehler, ohne die Befreiung von diesen Fehlern durchgeführt werden. Solange es sich darum handelt, die Vorhut des Proletariats für denKommunismus zu gewinnen, solange tritt die Propaganda an die erste _‚Stelle;_ sogar politische Zirkel mit den ihnen eigenen . Schwächen sind hier nützlich und zeitigen wertvolle Ergebnisse. | vu a rn a ; Wenn es sich um die praktische Aktion der Massen handelt, um den Aufmarsch — wenn man so sagen darf — von Millionenarmeen, um die Gruppierung aller Klassenkräfte der gegebenen Gesellschaft zum letzten und entscheidenden Kampf, so kann man hier mit propagandistischen Gewohnheiten allein, mit der bloßen Wiederholung der Wahrheiten des „reinen“ Kommunismus nichts ausrichten. Hier gilt es, nicht bis Tausend zu zählen, wie das im Grunde genommen der Propagandist einer kleinen Gruppe tut, die noch keine Massen geführt hat, hier muß man mit Millionen und Dutzenden von Millionen
Über die „linken“ Kinderkrankheiten | | 213 rechnen. Hier muß man sich nicht nur fragen, ob wir die Vorhut der revolutionären Klassen überzeugt haben, sondern auch, ob die historisch wirksamen Kräfte aller Klassen, unbedingt aller. Klassen der gegebenen Gesellschaft, ohne Ausnahme, so gruppiert sind, daß die entscheidende Schlacht bereits wirklich herangereift ist — so daß I.alle uns feindlichen Klassenkräfte genügend in Verwirrung geraten sind, alle diese Klassen miteinanderin Fehde liegen, durch den Kampf, der ihre Kräfte übersteigt, genügend geschwächt sind; 2. alle schwankenden, unsicheren, unbeständigen Zwischengruppen, d. h. das Kleinbürgertum, die kleinbürger- liche Demokratie zum Unterschied von der Bourgeoisie, vor dem Volke genügend entlarvt, durch ihren Bankrott in der Praxis genügend hbloßgestellt sind; 3. im Proletariat die Stimmung der Massen zugunsten der Unterstützung der entschiedensten, kühnsien, revolutionären Aktionen gegen die Bourgeoisie umgeschlagen ıst und immer mächtiger wird. Ist das der Fall, dann ist die Zeit reif für die Revolution, dann ist — wenn wir alle oben erwähnten, kurz charakterisierten Bedingungen richtig eingeschätzt und den Augenblick richtig gewählt haben — unser Sieg sicher. Die Streitigkeiten zwischen den Churchill und Lloyd George (diese politischen Typen gibt es in allen Ländern mit geringen nationalen Unterschieden) einerseits, zwischen -den Henderson und Lloyd George®® andererseits sind ganz unwichtig und geringfügig vom Standpunkt des reinen, d. h. abstrakten, zur praktischen politischen Massenaktion noch nicht herangereiften Konimunismus. Aber vom Standpunkt dieser praktischen Aktion der Massen sind diese Uneinigkeiten äußerst, äußerst wichtig. Sie in Rechnung zu stellen, den Moment des völligen Ausreifens der unter diesen „Freunden“ unvermeidlichen Konflikte zu bestimmen, die alle diese „Freunde“ zusammengenommen schwächen und entkräften — darin besteht die ganze Aufgabe des Kommunisten, der nicht nur ein bewußter, überzeugter Pro- pagandist der Ideen, sondern auch ein praktischer Führer der Massen in der Revolution sein will. Man muß die größte Treue zur Idee des Kommunismus mit dem Vermögen vereinigen, alle notwendigen, praktischen Kompromisse einzugehen, zu lavieren, zu paktieren, im Zickzack vorzugehen, Rückzüge anzutreten und dgl., um die Ergreifung der politischen Macht durch die Henderson,
214 Agitation und Propaganda in der Kommunistischen Internationale diese Helden der Zweiten Internationale (um nicht die Namen einzelner Personen, der Vertreter der kleinbürgerlichen Demokratie, die sich als Sozialisten bezeichnen, zu nennen) sowie die Überwindung dieser Macht zu beschleunigen; ihren unvermeid- lichen Bankrott in der Praxis zu beschleunigen, der die Massen gerade in unserem Geiste, gerade in der Richtung zum Kommunismus aufklärt; die unvermeidlichen Reibungen, Streitigkeiten, Konflikte, die völlige Entzweiung zwischen den Henderson, Lloyd George und Churchill (den Menschewiki und Sozialrevolutionären, den” Kadetten und Monarchisten, den Scheidemännern, der Bourgeoisie und den Kappleuten usw.‘ zu beschleunigen und den Augenblick des größten Konflikts zwischen allen diesen „Stützen des heiligen Privateigentums“ richtig auszuwählen, um durch einen entschlossenen Angriff des Proletariats sie alle zu schlagen und die politische Macht zu erobern. Die Geschichte, insbesondere die Geschichte der Revolutionen, war stets inhaltsreicher, mannigfaltiger, vielseitiger, lebendiger, „schlauer“, als die besten Parteien, die klassenbewußtesten ÄAvantgarden der vorgeschrittensten Klassen sich vorstellen. Das ist auch verständlich, denn die besten Avantgarden bringen das Bewußtsein, den Willen, die Leidenschaft, die Phantasie von Zehntausenden zum Ausdruck; die Revolution aber wird in Augenblicken eines besonderen Aufschwunges und einer besonderen Anspannung aller menschlichen Fähigkeiten durch das Bewußtsein, den Willen, die Leidenschaft, die Phantasie von Dutzenden Millionen verwirklicht, die vom schärfsten Klassenkampf angepeitscht werden. Hieraus ergeben sich zwei sehr wichtige praktische Schlußfolgerungen: erstens, daß die revolutionäre Klasse zur Verwirklichung ihre Aufgabe verstehen muß, alle Formen oder Seiten der gesellschaftlichen Tätigkeit, ohne jede Ausnahme, zu beherr- schen (wobei sie nach der Eroberung der politischen Macht, mitunter mit großem Risiko, unter ungeheurer Gefahr, das zu Ende führt, was sie vorher nicht beendet hat); zweitens, daß die revo- lutionäre Klasse auf die schnellste und plötzlichste Ablösung der einen Form durch die andere gerüstet sein muß. Jeder wird zugeben, daß es unvernünftig, ja sogar ein Verbrechen ist, wenn eine Armee sich nicht darauf vorbereitet, alle Kampfmittel und Kampfmethoden zu beherrschen, über die der
Über die „linken“ Kinderkrankheiten 215 Feind verfügt bzw. verfügen kann. Das gilt für die Politik noch mehr als für das Kriegswesen. In der Politik ist es noch weniger möglich, im voraus zu wissen, welches Kampfmittel unter diesen Umständen anwendbar und vorteilhaft für uns sein wird. Beherrschen wir nicht alle Kampfmittel, so können wir eine gewaltige — mitunter sogar eine entscheidende — Niederlage erleiden, wenn von unserem Willen unabhängige Veränderungen in der Lage der anderen Klassen eine Form des Kampfes auf die Tagesordnung setzen, in der wir besonders schwach sind. Beherrschen wir alle Kampfmittel, so siegen wir bestimmt, denn wir vertreten die Interessen der wirklich fortschrittlichen, wirklich revolutionären Klasse; so siegen wir, sogar wenn die Umstände es uns nicht erlauben, die Waffe anzuwenden, die dem Feinde am gefährlichsten ist und ihm am schnellsten den Todesstoß versetzt. Unerfahrene Revolutionäre sind oft der Ansicht, legale Kampfmittel scien opportunistisch, weil die Bourgeoisie auf diesem Gebiete die Arbeiter besonders oft (am meisten in ‚‚friedlichen“, nichtrevolutionären Zeiten) betrogen und übertölpelt hat. Illegale Kampfmittel aber halten sie für revolutionär. Das ist jedoch nicht richtig. Richtig ist, daß diejenigen Parteien und Führer opportunistisch und Verräter an der Arbeiterklasse sind, die nicht verstehen oder nicht wünschen (man sage nicht: ich kann nicht, man sage lieber: ich will nichtl), illegale Kampfmittel z. B. unter Verhältnissen anzuwenden, wie während des imperialistischen Krieges von 1914—1918, als die Bourgeoisie der freiesten demokratischen Länder mit unerhörter Frechheit und Brutalität die Arbeiter betrog und verbot, die Wahrheit über den räuberischen Charakter des Krieges zu sagen. Aber Revolutionäre, die es nicht verstehen, die illegalen : Kampfesformen mit allen legalen zu verknüpfen, sind sehr schlechte Revolutionäre. Es ist nicht schwer, Revolutionär zu sein, wenn die Revolution bereits ausgebrochen, bereits entbrannt ist, wenn sich alle und jeder der Revolution anschließt, aus einfacher Schwärmerei, aus Mode, mitunter sogar aus Gründen persönlicher Karriere. Das Proletariat hat nachher, nach dem Siege, seine liebe Not, die größte Mühe, um sich von diesen Pseudorevolutionären zu „befreien“. Viel schwerer — und viel wertvoller — ist es, ein Revolutionär: zu sein, wenn die Bedingungen für einen direkten, offenen, wirk- .
216 Agitation und Propaganda in der Kommunistischen Internationale lich revolutionären Kampf der Massen noch nicht vorhanden sind, die Interessen der Revolution (propagandistisch, agitatorisch, organisatorisch) in nichtrevolutionären, oft sogar in direkt reaktionären Institutionen, in einer nicht revolutionären Situa- tion, unter einer Masse zu verfechten, die unfähig ist, auf einen Schlag die Notwendigkeit der revolutionären Kampfmethoden zu begreifen. Den konkreten Weg der Ereignisse, die die Mas- sen zum wirklichen, entscheidenden, letzten, großen, revolutionären Kampf heranführt, herauszufinden, herauszufühlen, richtig zu bestimmen — darin bestebt die Hauptaufgabe des heutigen Kommunismus in Westeuropa und Amerika. Ein Beispiel: England. Wir können es nicht wissen — und niemand kann das im voraus bestimmen, wann dort die wirkliche proletarische Revolution entbrennen und welcher Anlaß die breiten, jetzt noch schlummernden Massen am stärksten aufrütteln, entzünden und zum Kampf vorwärtstreiben wird. Deshalb sind wir verpflichtet, eine gründliche vorbereitende Arbeit zu leisten, um (wie Plechanow, als er noch Marxist und Revolutionär war, zu sagen liebte) „an allen vier Füßen beschlagen“ zu sein. Es ist möglich, daß eine Parlamentskrise zum „Durchbruch‘“ führen und das „Eis“ brechen wird. Es ist auch möglich, daß die Krise dazu führen wird, die sich aus den hoffnungslos verwirrten, sich immer schlimmer entwickelnden und zuspitzenden kolonialen und imperialistischen Gegensätzen ergibt. Möglich ist aber auch ein Drittes usw. usw. Wir sprechen nicht davon, welcher Kampf das Schicksal der proletarischen Revolution Englands entscheiden wird (diese Frage kann bei keinem Kommunisten Zweifel erregen, diese Frage ist für uns alle längst entschieden), wir sprechen von dem Anlaß, der die jetzt noch schlummernden Massen aufrütteln und bis hart an die Revolution heranbringen wird. Vergessen wir nicht, daß z. B. in der französischen Bourgeois-Republik, unter Umständen, die international wie innerpolitisch hundertmal weniger revolutionär waren als jetzt, ein so „unerwarteter“ und „geringfügiger” Anlaß, wie eine der unzähligen ehrlosen Manipulationen der reaktionären Militärkaste (der Fall Dreyfuß®®!), genügte, um das Volk bis dicht an den Bürgerkrieg heranzuführen! Die Kommunisten in England müssen sowohl die Wahlen
Über die „linken“ Kinderkrankheiten 217 zum Parlament wie alle entscheidenden Wendepunkte in der irischen, der kolonialen, der internationalen imperialistischen Poli- tik der britischen Regierung wie alle sonstigen Gebiete, Sphären | und Seiten des gesellschaftlichen Lebens ununterbrochen, unermüdlich, unbeugsam ausnutzen und auf allen diesen Gebieten auf neue, auf kommunistische Art, nicht im Geiste der Zweiten, sondern der Dritten Internationale arbeiten. Ich habe hier weder Zeit noch Raum, um die Methoden der „russischen“, „bolschewistischen“ Beteiligung an den Parlamentswahlen und am Parlamentskampfe zu beschreiben, ich kann aber den ausländischen Kommunisten versichern, daß das etwas ganz anderes war als die gewöhnlichen westeuropäischen Wahlkampagnen. Daraus zieht man oft den Schluß: „Nun ja. das war bei euch in Rußland so, wir aber haben einen anderen Parlamentarismus.“ Das ist eine falsche Schlußfolgerung. Die Aufgabe der Kommunisten, der Anhänger der Dritten Internationale in allen Ländern besteht eben darin, auf der ganzen Linie, auf allen Lebensgebieten die alte sozialistische, trade-unionistische, syndikalistische, parlamentarische Arbeit in eine neue, kommunistische umzugestal- ten. Auch bei unseren Wahlen hat es stets über und übergenug OÖpportunistisches, rein Bürgerliches, Geschäftsmäßiges, Betrügesısch-Kapitalistisches gegeben. Die Kommunisten in Westeuropa und Amerika müssen es lernen, einen neuen, ungewöhnlichen Parlamentarismus zu schaffen, der nichts mit Opportunismus und Karrierismus zu tun hat. Die Partei.der Kommunisten muß ihre Losungen ausgeben und wirkliche Proletarier müssen mit Hilfe der unorganisierten und vollkommen verängstigten armen Leute Flugblätter verteilen, die Wohnungen der Arbeiter, die llütten der ländlichen Proletarier und der in abgelegenen Winkeln lebenden Bauern aufsuchen (in Europa gibt es zum Glück viel weniger abgelegene Winkel als bei uns und in England nur ganz wenig), müssen in die Kneipen gehen, wo das ganz einfache‘ Volk zu finden ist, müssen in die Verbände, Vereine, zufälligen Versammlungen des einfachen Volkes eindringen; müssen mit dem Volke nicht in gelehrter (und nicht allzu „parlamentarischer‘) Sprache reden, dürfen auf keinen Fall Parlamentsman- daten nachjagen, sondern müssen überall aufrütteln, die Masse vorwärtstreiben, die Bourgeboisie beim Wort nehmen, den von der a
218 Agitation und Propaganda in der Kommunistischen Internationale Bourgeoisie geschaffenen Apparat, die von ihr angesetzten Wahlen, die von Ihr an das ganze Volk gerichteten Aufrufe ausnutzen | und das Volk mit dem Bolschewismus so bekannt machen, wie es noch nie zuvor (unter der Herrschaft der Bourgeoisie) außer- halb der Wahlkampagne möglich war (natürlich abgesehen von sroßen Streiks, wo ein solcher Apparat der Massenagitation bei uns noch intensiver arbeitete). Dies in Westeuropa und Amerika durchzuführen, ist sehr, sehr schwer, aber es kann und muß getan werden; denn ohne Arbeit können die Aufgaben des Kommunismus überhaupt nicht gelöst werden, arbeiten aber muß man an der Lösung der praktischen Aufgaben, die immer mannigfaltiger werden, sich immer mehr mit aHen Zweigen des öffentlichen Lebens verknüpfen, und muß immer mehr und mehr einen Zweig, ein Gebiet nach dem andern der Bourgeoisie entreißen. In demselben England muß man die Arbeit der Propaganda, ‚Agitation, Organisation im Heere und unter den unterdrückten, nicht gleichberechtigilen Nationalitäten des „eigenen“ Staates (Irland, die Kolonien) ebenfalls auf neue Art (nicht sozialistisch, sondern kommunistisch, nicht reformistisch, sondern revolutio- när) anpacken. Denn auf allen diesen Gebieten des öffentlichen Lebens häuft sich in der Epoche des Imperialismus, insbesondere jetzt, nach dem Kriege, der die Völker erschöpft hat und ihnen rasch die Augen für die Wahrheit öffnet (weil nämlich viele Millionen Menschen getötet und verstümmelt worden sind, nur um die Frage zu entscheiden, ob die englischen oder die deut- schen Räuber mehr länder plündern sollen) — auf allen diesen Gebieten häuft sich der Zündstoff und es entstehen besonders viel Anlässe zu Konflikten, Krisen und zur Verschärfung des Klassenkampfes. Wir wissen nicht und können nicht wissen, welcher Funke — unter der Unmenge von Funken, die jetzt in allen Ländern unter dem Einfluß der ökonomischen und politischen Weltkrise umherfliegen — imstande sein wird, den Brand zu entzünden, d. h. die Massen aufzurütteln, und wir sind des- halb verpflichtet, mit unseren neuen, kommunistischen Grundsätzen an die „Bearbeitung“ aller und jeder, sogar der ältesten, muffigsten, anscheinend hoffnungslosen Gebiete zu gehen, denn sonst werden wir nicht auf der Höhe der Aufgaben stehen, wer-
Über die „linken“ Kinderkrankheiten 219 den nicht allseitig sein, werden nicht alle Waffenarten beherrschen, werden weder zum Siege über die Bourgeoisie (die alle Gebiete des Öffentlichen Lebens auf bürgerliche Art organisiert, jetzt aber desorganisiert hat) noch auf die bevorstehende kommunistische Umgestaltung des gesamten Lebens nach diesem Siege vorbereitet sein... * .. . Nicht nur auf parlamentarischem, sondern auf allen Gebieten mu ß der Kommunismus etwas grundsätzlich ‚„Neues“ in seine Tätigkeit hineintragen (ohne langwierige, hart- näckige Arbeit wird er das nicht tun können), das in m —r m paganda, Agitation und Organisation. Ohne einen journalistischen Apparat kann keine einzige Massenbewegung in einem halbwegs zivilisierten_Lande auskommen. „Und keinerlei Gezeter u En rd an ag TER De ee ee i schüren, Flugblätter leisten die notwendige Arbeit der Pro- Er ET nn radıkaler Weise mit den Traditionen der Zweiten Internationale bricht (bei gleichzeitiger Erhaltung und Entwicklung dessen, was die Zweite Internationale Gutes geleistet hat). | gegen die „Führer“, keinerlei Schwüre, die Massen vom Einfluß der Führer rein zu halten, können uns von der Notwendigkeit befreien, Überläufer aus der bürgerlichen Intelligenz_für_diese, Arbeit zu "benutzen, können uns von der bürgerlich-demokratischen Atmosphäre des Privateigentums befreien, in der diese Arbeit unter dem Kapitalismus geleistet werden muß. Sogar zwei| und ein halbes Jahr nach dem Sturze der Bourgeoisie, nach der Eroberung der politischen Macht durch das Proletariat sehen wir diese Atmosphäre, diese Massenerscheinung (Bauern und Handwerker) bürgerlich-demokratischer Eigentumsverhältnisse. Der Parlamentarismus ist eine Form der Arbeit, die Journalistik — eine andere. Der Inhalt beider kann und muß kommunistisch sein, wenn auf diesem wie jenem Gebiet wirklich Kommunisten, wirklich Mitglieder einer proletarischen Massenpartei tätig sind. Aber auf diesem wie jenem Gebiet — und auf jedem beliebigen Arbeitsgebiet unter dem Kapita- liimus und beim Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus — kann man nicht jenen Schwierigkeiten, jenen eigenartigen Aufgaben ausweichen, die das Proletariat überwinden, die es
220 Agitation und Propaganda in der Kommunistischen Internationale lösen muß, um in seinem eigenen Interesse die Überläufer aus dem Bürgertum auszunutzen, die bügerlich-intellektuellen Vor'urteile und Einflüsse zu besiegen und den Widerstand der klein‘bürgerlichen Umgebung zu schwächen (später aber diese Umgebung vollkommen umzugestalten). | Haben wir denn nicht vor denı Kriege 1914—1918 in allen Ländern eine Unmenge von Beispielen dafür gesehen, wie sehr „radikal“ Anarchisten, Syndikalisten u. a. den Parlamentarismus in Grund und Boden donnerten, die bürgerlich ausgearteten sozialistischen Parlamentarier verspotteten usw. usw. — aber selbst vermittels der Journalistik, vermittels der Arbeit in den Syndikaten (Gewerkschaften) dieselbe bürgerliche Karriere machten? Sind denn die Beispiele der Herren Jouhaux und Merrheim”, um nur Frankreich anzuführen, nicht typisch? Darin besteht eben die Kinderei der „Ablehnung“ der Betet- ligung am Parlament, daß man auf eine so „einfache‘, „leichte“, angeblich revolutionäre Weise die schwierige Aufgabe des Kampfes gegen die bürgerlich-demokratischen Einflüsse innerhalb der Arbeiterbewegung zu ‚lösen‘ glaubt, in Wirklichkeit aber vor dem eigenen Schatten davonläuft, die Augen vor den Schwierigkeiten schließt und mit bloßen Worten darüber hinwegzukommen sucht. Schamlosester Karrierismus, Ausnutzung der Parlamentsposten durch die Bourgeoisie, schreiende reformistische Entstellung der Arbeit im Parlament, abgeschmackle kleinbürgerliche Routine — das alles sind ohne Zweifel die gewöhnlichen, überwiegenden, charakteristischen Züge, die der Kapitalismus überall, nicht nur außerhalb, sondern auch innerhalb der Arbeiterbewegung erzeugt. Aber der Kapitalismus und die von ihm geschaffenen bürgerlichen Verhältnisse (die sogar nach dem Sturz der Bourgeoisie nur sehr langsam verschwinden, denn die Bourgeoisie schöpft immer wieder neue Kräfte aus der Bauernschaft), erzeugen durchweg auf allen Arbeits- und Lebensgebieten im Grunde genommen den gleichen, sich durch ganz geringe formelle Varianten unterscheidenden bürgerlichen Kar- rierismus, Chauvinismus, die gleiche kleinbürgerliche Plattheit USW. USw. Ihr kommt euch selber „schrecklich revolutionär‘“ vor, liebe Boykottisten und Antiparlamentarier, aber in Wirklichkeit habt
Über die „linken“ Kinderkrankheiten 221 ihr von den verhältnismäßig kleinen Schwierigkeiten des Kampfes gegen die bürgerlichen Einflüsse innerhalb der Arbeiterbewe- gung Angst bekommen, während euer Sieg, d. h. der Sturz der Bourgeoisie und die Eroberung der politischen Macht durch das Proletariat dieselben Schwierigkeiten in noch größerem, unendlich größerem Umfange schaffen wird. Ihr habt wie Kinder vor einer kleinen Schwierigkeit Angst bekommen, vor der ihr heute steht, und begreift nicht, daß ihr morgen, übermorgen werdet lernen müssen, dieselben Schwierigkeiten in unermeßlich srößerem Umfange zu überwinden. Unter der Sowjetmacht werden in eure und unsere proletarische Partei noch mehr Überläufer aus der bürgerlichen Intellisenz hineinschlüpfen. Sie werden in die Sowjets, in die Gerichte und in die Verwaltung hineinschlüpfen; denn man kann den Kommunismus nur mit dem Menschenmaterial aufbauen, das der Kapitalismus geschaffen hat; denn man kann die bürgerliche Intelligenz nicht fortjagen und beseitigen, sondern muß sie besiegen, ummodeln, umwandeln, umbilden — ebenso wie man in langwierigen Kämpfen auf dem Boden der Diktatur des Prole- tariats auch die Proletarier umbilden muß, die sich von ihren eigenen kleinbürgerlichen Vorurteilen nicht auf einmal, nicht durch ein Wunder, nicht auf Geheiß der Mutter Gottes, nicht auf Grund einer Losung, einer Resolution, eines Dekrets befreien können, sondern nur in langwierigen und schweren Kämpfen_der Massen gegen die Massenerscheinung des kleinbürgerlichen Einflusses._| Unter der Sowjetmacht erstehen vor uns die gleichen Aufgaben, über die der Antiparlamentarier jetzt so stolz, so hoch- mütig, so leichtfertig, so kindisch mit einer Handbewegung hinweggeht — es erstehen vor uns dieselben Aufgabeninnerhalb der Sowjetverwaltung, innerhalb der Sowjetinstitution der „Rechtsbeistände“ (wir haben in Rußland mit Recht die bür- gerliche Advokatur zerstört — aber unter dem Deckmantel der „Rechtsbeistände‘“ lebt sie wieder auf”). Unter den Sowjetingenieuren, den Sowjetpädagogen, den privilegierten, d. h. qualifiziertesten, am besten gestellten Arbeiternin den Sowjetfabriken beobachten wir durchweg ein ständiges Wiederaufleben aller negativen Züge, die dem bürgerlichen Parlamentarismus
222 Agitation und Propaganda in der Kommunistischen Internationale eigen sind, und nur durch wiederholte, unermüdliche, langwierige, hartnäckige Kämpfe, durch proletarische Organisiertheit und Disziplin werden wir dieses Übels allmählich Herr. Natürlich, unter der Herrschaft der Bourgeoisie ist es sehr „schwer“, die bürgerlichen Gewohnheiten in der eigenen Partei, d. h. in der Arbeiterpartei zu besiegen; schwer ist es, die gewöhn- lichen, durch bürgerliche Vorurteile hoffnungslos verdorbenen parlamentarischen Führer aus der Partei zu vertreiben; „schwer“ ist es, eine bestimmte, absolut notwendige (wenn auch beschränkte) Zahl von Überläufern aus der Bourgeoisie der Disziplin zu unterwerfen; „schwer“ ist es, eine der Arbeiterklasse durchaus würdige kommunistische Fraktion im bürgerlichen Parlament zu schaffen; „schwer“ ist es, zu erreichen, daß die kommunistischen Parlamentarier nicht mit bürgerlich-parlamentarischem Kinderspiel die Zeit vertändeln, sondern die dringende Arbeit der Propaganda, Agitation und Organisation der Massen durchführen. All das ist ungeheuer „schwer“. Es war in Rußland schwer und ist noch unvergleichlich schwerer in Westeuropa und Amerika, wo die Bourgeoisie, wo die bürgerlich-demokratischen Traditionen und dergleichen bedeutend stärker sind. Aber alle diese „Schwierigkeiten“ sind geradezu kinderleicht im Vergleich mit den Aufgaben ganz derselben Art, die das Proletariat sowieso unvermeidlich lösen muß, sowohl um zu siegen als auch während der proletarischen Revolution als auch nach der Machtergreifung durch das Proletariat. Im Vergleich mit diesen, wahrhaft gigantischen Aufgaben, wo man unter der Diktatur des Proletariats Millionen von Bauern und Kleinproduzenten, hunderttausende Angestellte, Beamte, bürgerliche Intellektuelle umwandeln und alle dem proletarischen Staat und der proletarischen Führung unterwerfen muß, wo man unter ihnen die bürgerlichen Gewohnheiten und Traditionen besiegen muß — im Vergleich mit diesen, gigantischen Aufgaben ist es eine kinderleichte Sache, unter der Herrschaft der Bourgeoisie im bürgerlichen Parlament eine wirkliche kommunistische Fraktion einer wirklich proletarischen Partei zu schaffen. Wenn die „radikalen“, antiparlamentarischen Genossen es nicht einmal lernen, eine solche kleine Schwierigkeit jetzt zu überwinden, so kann man mit Gewißheit sagen, daß sie entweder
Über die „linken“ Kinderkrankheiten 223 nicht imstande sein werden, die Diktatur des Proletariats zu verwirklichen, nicht imstande sein werden, sich in großzügiger Weise die bürgerlichen Intellektuellen und die bürgerlichen Institutionen unterzuordnen und sie umzuwandeln, oder aber das alles in großer Eile werden lernen müssen, wodurch sie der Sache des Proletariats großen Schaden zufügen, wobei sie mehr Fehler begehen, mehr Schwächen und Unfähigkeit als gewöhn- lich an den Tag legen werden usw. usw. Solange die Bourgeoisie nicht gestürzt ist und ferner die Kleinwirtschaft und die Kleinproduktion von Waren nicht vollkommen verschwunden sind, werden bürgerliche Umgebung, Eigentümergewohnheiten und kleinbürgerliche Traditionen die proletarische Arbeit innerhalb und außerhalb der proletarischen Bewegung schädigen; nicht allein auf dem Gebiet der parlamentarischen Tätigkeit, sondern unvermeidlich auch auf allen Gebieten der Öffentlichen Tätigkeit, auf allen kulturellen und politischen Gebieten. Und ein überaus schwerer Fehler, der uns später unbedingt teuer zu stehen kommen würde, wäre der Ver- such, sich vor einer der „unangenehmen“ Aufgaben oder Schwierigkeiten auf einem bestimmten Arbeitsgebiete zu drücken, sie abzuschütteln. Man muß es lernen, alle Arbeitsgebiete ohne Ausnahme zu beherrschen, alle Schwierigkeiten und alle bürgerlichen Methoden, Traditionen und Gewohnheiten überall zu be- siegen. Eine andere Fragestellung wäre nicht ernst zu nehmen. wäre einfach eine Kinderei.
224 Agitation und Propaganda in der Kommunistischen Internationale Über die internationale Lage und die Hauptaufgaben der Kommunistischen Internationale” ... Genossen! Wir kommen jetzt zur Frage der revolutionären Krise als der Grundlage unseres revolutionären Handelns. Und hier müssen wir vor allem zwei verbreitete Irrtümer hervorheben. Einerseits stellen die bürgerlichen Ökonomen diese Krise einfach als „Störung“ hin, wie der elegante Ausdruck der Eng- länder lautet. Andererseits versuchen zuweilen Revolutionäre, den Beweis zu führen, daß es absolut keinen Ausweg aus der Krise gibt. Das ist ein Irrtum. Absolut aussichtslose Lagen gibt es nicht. Die Bourgeoisie benimmt sich wie ein frech gewordener Räuber, der den Kopf verloren hat, macht eine Dummheit nach der anderen, verschärft die Lage und beschleunigt ihren Untergang. Das ist alles richtig. Aber man kann nicht ‚beweisen‘, daß es für die Bourgeoisie absolut keine Möglichkeit gebe, irgendeine Minderheit der Ausgebeuteten durch irgend welche kleinen Zugeständnisse einzuschläfern, irgendeine Bewegung oder einen Aufstand irgendeines Teils der Unterdrückten und Ausgebeuteten niederzuschlagen. Wollte man von vornherein versuchen, die „absolute“ Ausweglosigkeit zu „beweisen“, so wäre das leere Pedanterie oder ein Spiel mit Begriffen und Worten. Einen wirklichen ‚Beweis‘ dafür oder für ähnliche Fälle kann nur die Pra- xis liefern. Die bürgerliche Ordnung in der ganzen Welt macht eine ungeheure revolutionäre Krise durch. Wir müssen jetzt durch die Praxis der revolutionären Parteien „beweisen“, daß sie genügend Selbstbewußtsein, Organisiertheit und Fähigkeit besitzen, um diese Krise für den Erfolg, für den Sieg der Revolution auszunutzen. Um uns auf eine solche „Beweisführung‘““ vorzubereiten, dazu sind wir hauptsächlich auf diesem Kongreß der Kommunistischen Internationale zusammengekommen. * Aus dem Referat auf dem 2, Weltkongreß der Komintern (19. Juli 1920).
Über die intern. Lage und die Hauptaufgaben der Komm. Internationale 225 Als Beispiel dafür, wie stark noch der Opportunismus in den Parteien ist, die der Kommunistischen Internationale beitreten wollen, wie weit noch die Arbeit mancher Parteien von der Vor- bereitung der revolutionären Klasse auf die Ausnutzung der revolutionären Krise entfernt ist, möchte ich den Führer der englischen „Unabhängigen Arbeiterpartei“, Ramsay Macdonald, anführen. In seinem Buche „Parlament und Revolution“, das gerade die Grundfragen behandelt, die gegenwärtig auch uns beschäftigen, beschreibt Macdonald die Lage der Dinge ungefähr im Geiste der bürgerlichen Pazifisten. Er erkennt an, daß eine revolutionäre Krise vorhanden ist, daß die revolutionäre Stimmung wächst, daß die Arbeitermassen mit der Sowjetmacht und der Diktatur des Proletariats sympathisieren (er spricht hier von England!), daß die Diktatur des Proletariats besser ist als die gegenwärtige Diktatur der englischen Bourgeoisie. Aber Macdonald bleibt eben vom Scheitel bis zur Sohle der bürgerliche Pazifist und Opportunist, der Kleinbürger, der von einer klassenlosen Regierung träumt. Macdonald erkennt den Klassenkampf als ein ‚„deskriptives Faktum‘ an, genau so wie alle Lügner, Sophisten und Pedanten der Bourgeoisie. Macdonald geht stillschweigend vorbei an den Erfahrungen Kerenskis, der Menschewiki und der Sozialrevolutionäre in Rußland, den gleichartigen Erfahrungen in Ungarn, Deutschland usw. bei der Bildung einer „demokratischen“, angeblich klassenlosen Regierung. Macdonald schläfert seine Partei und die Arbeiter, die das Un- glück haben, diesen Bourgeois für einen Sozialisten und diesen Philister für einen Führer zu halten, mit folgenden Worten ein: „Wir wissen, daß das (d. h. die revolutionäre Krise, die revolu- tionäre Gärung) vorübergehen und sich wieder einrenken wird.“ Der Krieg habe eben unvermeidlich eine Krise hervorgerufen, nach dem Kriege aber werde sich, wenn auch nicht auf einmal, „alles wieder einrenken“. - Und so schreibt ein Mensch, der an der Spitze einer Partei steht, die der Kommunistischen Internationale beitreten will. Wir haben hier eine in bezug auf Offenherzigkeit seltene und deshalb um so wertvollere Enthüllung dessen, was man nicht weniger oft bei den Spitzen der sozialistischen Parteien Frankreichs und der USPD beobachten kann, nämlich: nicht nur Unvermögen, sonM. B. 8, Lenin: Agitation u. Propaganda 15
226 Agitation und Propaganda in der Kommunistischen Internationale dern auch Unlust, die revolutionäre Krise im revolutionären Sinne auszunutzen, oder mit anderen Worten: Unvermögen und Unlust, die Partei und die Klasse in wirklich revolutionärer Weise auf die Diktatur des Proletamats vorzubereiten. Dies ist das Grundübel sehr vieler Parteien, die jetzt der Zweiten Internationale den Rücken kehren. Gerade deshalb will ıch vor allen Dingen auf die Thesen eingehen, die ich dem Kongreß vorgelegt habe, um die Aufgaben der Vorbereitung auf die Diktatur des Proletariats möglichst konkret und exakt zu bestimmen. Noch ein Beispiel. Unlängst wurde ein neues Buch gegen den Bolschewismus veröffentlicht. Derartige Bücher erscheinen jetzt in Europa und Amerika in ungeheurer Anzahl. Und je mehr Bücher gegen den Bolschewismus erscheinen, desto stärker und rascher wächst unter den Massen die Sympathie für ihn. Ich meine das Buch Otto Bauers „Bolschewismus oder Sozialdemokratie‘‘? Hier wird den Deutschen anschaulich gezeigt, was die Menschewiki sind, deren schmähliche Rolle in der russischen Revolution den Arbeitern aller Länder genügend bekannt ist. Otto Bauer hat ein durch und durch menschewistisches Pamphlet geliefert, obwohl er seine Sympathie für den Menschewismus zu verbergen sucht. In Europa und Amerika muß man jetzt genaue Kenntnisse über das Wesen des Menschewismus verbreiten, denn das ist der Gattungsname für alle angeblich sozialistischen, sozialdemokratischen und sonstigen Richtungen, die dem Bolschewismus feindlich gegenüberstehen. Für uns Russen wäre es langweilig, den Europäern zu beschreiben, was Menschewismus ist. Otto Bauer hat das in seinem Buche praktisch gezeigt, und wir danken im voraus allen bürgerlichen und opportunistischen Verlegern, die es herausgeben und in verschiedene Sprachen übersetzen lassen werden. Das Buch Bauers ist eine nützliche, wenn auch eigenartige Ergänzung zu den Lehrbüchern des Konımunismus. Man nehme einen beliebigen Paragraphen, eine beliebige Betrachtung Otto Bauers und zeige, worin hier der Menschewismus besteht, wo hier die Wurzeln der Auffassungen liegen, die zur Praxis der Verräter am Sozialismus, der F'reunde Kerenskis, Scheidemanns usw. führen. Das wäre eine Aufgabe, die man mit Nutzen und Erfolg bei „Examina“ stellen könnte, um festzustellen, ob jemand den Kommunismus sich zu eigen
Über die intern. Lage und die Hauptaufgaben der Komm. Internationale 227 gemacht hat. Wenn man diese Aufgabe nicht lösen kann, so ist man noch kein Kommunist, und dann ist besser, noch nicht in die Kommunistische Partei einzutreten. (Beifall.) Otto Bauer hat in ausgezeichneter Weise das ganze Wesen der Ansichten des internationalen Opportunismus in einem einzigen Satz ausgedrückt, wofür wir ihm, wenn wir in Wien frei verfügen Könnten, noch bei Lebzeiten ein Denkmal setzen müßten. Die Anwendung von Gewalt im Klassenkampfe wäre in der heutigen Demokratie — erklärt O. Bauer — ‚eine Vergewaltigung der sozialen Kräftefaktoren“. Man wird wahrscheinlich finden, daß das seltsam und unverständlich klingt? Das ist ein Beispiel dafür, was man aus dem Marxismus gemacht hat, bis zu welcher Abgeschmacktheit und Verteidigung der Ausbeuter man die revolutionärste Theorie entstellen kann. Es bedarf der deutschen Abart des Spießertums, um die ‚Theorie‘ zu erhalten, daß die „sozialen Kräftefaktoren“ sich zusammensetzen aus — zahlenmäßiger Stärke, Organisiertheit, Rolle im Produktions- und Distributionsprozeß, Aktivität und Bildung. Wenn der Knecht auf dem Lande, der Arbeiter in der Stadt einen revolutionären Gewaltakt gegen den Grundherrn und Kapitalisten begehen, so ist das keineswegs Diktatur des Pro- letariats, keineswegs ein Gewaltakt gegen die Ausbeuter und Unterdrücker des Volkes. Keine Spur! Das ist — eine „Vergewal- tigung der sozialen Kräftefaktoren“. Vielleicht ist mein Beispiel etwas humoristisch ausgefallen. Aber es liegt nun einmal an der Natur des heutigen Opportunismus, daß sein Kampf gegen den Bolschewismus sich in Humoristik verwandelt. Die Hineinziehung der Arbeiterklasse und aller ihrer denkenden Elemente in den Kampf des internationalen Menschewismus (der Macdonald, O. Bauer und Co.) gegen den Bolschewismus — das ist die nützlichste und dringendste Aufgabe für Europa und Amerika. Hier müssen wir die Frage stellen: wodurch erklärt sich die Stärke dieser Richtungen in Europa, und weshalb ist dieser Opportunismus in Westeuropa stärker als bei uns? Nun, , weil die fortgeschrittenen Länder auf Kosten einer Milliarde unterdrückter Menschen ihre Kultur geschaffen haben, weil die Kapitalisten dieser Länder viel mehr an Profit erhalten als sie 15°
223 Agitation und Propaganda in der Kommunistischen Internationale durch die Auspowerung der Arbeiter ihres eigenen Landes erzielen können. Vor dem Kriege schätzte man, daß die drei reichsten Länder — England, Frankreich und Deutschland — allein infolge ihres Kapitalexports, abgesehen von anderen Einkünften, 8—10 Milliarden Francs Einnahmen im Jahre hatten. Es ist klar, daß man von dieser hübschen Summe sogar eine halbe Milliarde für alle möglichen Bestechungen den Arbeiterführern, der Arbeiteraristokratie hinwerfen kann. Das ganze läuft eben auf Bestechung hinaus. Es geschieht auf den allerverschiedensten Wegen: durch Hebung der Kultur in den größten Zentren, durch Schaffung von Bildungsanstalten, durch Schaffung von tausenden Posten für die Führer der Genossenschaften, der Gewerkschaften und der Parlamentsfraktionen. Das ist überall der Fall, wo moderne, zivilisierte, kapitalistische Verhältnisse bestehen. Und diese Milliarden an Überprofiten bilden die wirtschaftliche Grundlage des Opportunismus innerhalb der Arbeiterbewegung. Wir haben in Amerika, in England, in Frankreich eine unvergleichlich stärkere Hartnäckigkeit der opportunistischen Führer, der Oberschicht der Arbeiterklasse, der Arbeiteraristokratie. Sie leisten der kommunistischen Bewegung stärkeren Widerstand. Deshalb müssen wir darauf gefaßt sein, daß die Befreiung der europäischen und amerikanischen Arbeiterparteien von dieser Krankheit unter größeren Schwierigkeiten vor sich gehen wird als bei uns. Wir wissen, daß seit der Gründung der Dritten Internationale bei der Heilung dieser Krankheit gewaltige Erfolge erzielt worden sind, aber bis zu dem entscheidenden Endpunkt sind wir noch nicht gekommen. Die Säuberung der Arbeiterparteien, der revolutionären Parteien des Proletariats in der ganzen Welt vom bürgerlichen Einfluß, von den Opportunisten in ihren eigenen Reihen ist noch lange nicht beendet. ' Ich will nicht darauf eingehen, wie wir das konkret durchfülıren müssen. Das kann man in meinen bereits veröffentlichten Thesen finden. Meine Aufgabe besteht darin, auf die tiefen wirtschaftlichen Ursachen dieser Erscheinung hinzuweisen. Diese Krankheit hat sich hingezogen, und ihre Heilung dauert länger, als die Optimisten hofften. Der Opportunismus ist unser Hauptfeind. Der Opportunismus der Oberschicht der Arbeiterklasse ist
Über die intern. Lage und die Hauptaufgaben der Komm. Internationale 229 kein proletarischer, sondern bürgerlicher Sozialismus. Die Praxis hat bewiesen, daß die Führer der Arbeiterbewegung, die der op- portunistischen Richtung angehören, bessere Verteidiger Bourgeoisie sind als die Bourgeois selbst. Wenn sie nicht Führung der Arbeiter in ihrer Hand hätten, so könnte sich Bourgeoisie nicht behaupten. Das beweist nicht nur die schichte des Kerenski-Regimes in Rußland, das beweist auch der die die Gedie demokratische Republik Deutschland mit ihrer sozialdemokrati- schen Regierung; das beweisen Jie Beziehungen Albert Thomas’ zu seiner bürgerlichen Regierung. Das beweist die analoge Erfahrung in England und in den Vereinigten Staaten. Hier haben wir unseren Hauptfeind, und diesen Feind müssen wir besiegen. Wir müssen den Kongreß mit dem festen Entschluß verlassen, diesen Kampf in allen Parteien zu Ende zu führen. Das ist die Hauptaufgabe. Im Vergleich damit ist die Korrektur der „Fehler“ der „linken“ Strömung innerhalb des Kommunismus eine leichte Aufgabe. In einer ganzen Reihe von Ländern beobachten wir die Erscheinung des Antiparlamenlarismus, der eigentlich nicht so sehr von kleinbürgerlichen Elementen mitgebracht worden ist als vielmehr von einigen Vortrupps des Proletariats unterstützt wird aus Haß gegen den alten Parlamentarismus, aus berechtigter, begründeter, notwendiger Erbitterung gegen das Verhalten der parlamentarischen Führer in England, Frankreich, Italien und in allen Ländern. Die Kommunistische Internationale muß Direktiven darüber erteilen, man muß die Genossen mit der russischen Erfahrung, mit der Rolle einer wirklich proletarischen politischen Partei näher bekannt machen. Unsere Arbeit wird in der Lösung dieser Aufgabe bestehen. Und der Kampf gegen diese Fehler, gegen diese Mängel der proletarischen Bewegung wird tausendmal leichter sein als der Kampf gegen jene Bourgeoisie, die unter der Maske der Reformisten den alten Parteien der Zweiten Internationale angehört und ihre gesamte Arbeit nicht im proletarischen, sondern im bürgerlichen Geiste führt. Genossen! Zum Schluß möchte ich noch auf einen Punkt hinweisen. Der Vorsitzende hat davon gesprochen, daß der Kongreß den Namen eines Weltkongresses verdient. Ich glaube, daß er Recht hat, insbesondere deswegen, weil sich unter uns nicht
230 Agitation und Propaganda in der Kommunistischen Internationale ir ih EEE wenige Vertreter der revolutionären Bewegung der kolonialen, rückständigen Länder befinden. Das ist nur ein bescheidener An- fang, aber wichtig ist, daß der Anfang gemacht worden ist. Der Zusammenschluß der revolutionären Proletarier der fortgeschrittenen kapitalistischen Länder mit den revolutionären Massen jener Länder, in denen es kein oder fast kein Proletariat gibt, mit den unterdrückten Massen der östlichen Kolonialländer, — diesen Zusammenschluß haben wir auf dem gegenwärligen Kongreß. Unsere Pflicht ist es — und ich bin überzeugt, daß wir das tun werden —, diesen Zusammenschluß zu festigen. Der Weltimperialismus muß fallen, sobald der revolutionäre Ansturm der ausgebeuteten und unterdrückten Arbeiter innerhalb eines jeden Landes nach Überwindung des Widerstandes der kleinbür- gerlichen Elemente und des Einflusses der kleinen Oberschicht der Arbeiteraristokratie sich mit dem revolutionären Ansturm von hunderten Millionen Menschen vereinigt, die bisher außerhalb der Geschichte standen und nur als ihr Objekt betrachtet wurden. Der imperialistische Krieg hat der Revolution geholfen. Die Bourgeoisie zog aus den Kolonien, aus den rückständigen Ländern, aus den fernsten Gegenden Soldaten zur Teilnahme an diesem imperialistischen Krieg heran. Die englische Bourgeoisie redete den indischen Soldaten ein, daß es die Pflicht der indischen Bauern sei, Großbritannien gegen Deutschland zu verteidigen. Die französische Bourgeoisie redete den Soldaten aus den französischen Kolonien ein, daß es die Pflicht der Neger sei, Frankreich zu verteidigen. Und man lehrte sie den Gebrauch der Waffen. Das sind außerordentlich nützliche Kenntnisse, und wir müßten dafür der Bourgeoisie unseren tiefsten Dank aussprechen — den Dank aller russischen Arbeiter und Bauern und insbesondere den Dank der russischen Roten Armee. Der imperialistische Krieg hat die abhängigen Völker in die Weltgeschichte hineingerissen. Und eine unserer wichtigsten Aufgaben besteht jetzt darin, darüber nachzudenken, wie wir den Grundstein zur Organisation einer Sowjetbewegung in den nichtkapitalistischen Ländern legen müssen. Sowjets sind auch dort möglich: sie werden allerdings keine Arbeitersowjets, sondern Bauernsowjets oder Sowjets der Werktätigen sein.
Über die intern. Lage und die Hauptaufgaben der Komm. Internationale 231 Zn ... Wir sehen den Beginn einer Rätebewegung im ganzen Osten, in ganz Asien, unter allen Kolonialvölkern. Der Gedanke, daß der Ausgebeutete sich gegen den Ausbeuter empören und Sowjets bilden muß, ist nicht allzu schwer zu begreifen. Nach unseren Erfahrungen, die wir in den zweieinhalb Jahren Sowjetrepublik in Rußland, nach dem I. Kongreß der kommunistischen Internationale gewonnen haben, wird dieser Gedanke hunderten Millionen unterdrückter und ausgebeuteter Massen in der ganzen Welt verständlich. Und wenn wir jetzt in Rußland nicht selten gezwungen sind, Kompromisse zu schließen und abzuwarten, weil wir schwächer sind als die internatio- nalen Imperialisten, so wissen wir doch, daß wir die Interessen von 1% Milliarden Menschen verteidigen. Uns stehen noch jene Hindernisse, jene Vorurteile, jene Unwissenheit im Wege, die von Stunde zu Stunde schwinden. Je weiter sich die Dinge entwickeln, desto mehr werden wir in der Tat zu Repräsentanten und Verteidigern von 70 Prozent der Bevölkerung der Erde — dieser Massen der Werktätigen und Ausgebeuteten. Wir können mit Stolz sagen: auf dem ersten Kongreß waren wir eigentlich nur Propagandisten. Wir entwickelten nur die Grundideen vor dem Proletariat der ganzen Welt. Wir gaben nur die Losung zum Kampfe aus, wir fragten nur: wo sind die Leute, die fähig sind, diesen Weg zu beschreiten? Jetzt marschiert überall der Vortrupp des Proletariats mit uns. Überall gibt es proletarische Armeen, obwohl sie mitunter schlecht organisiert sind und der Reorganisation bedürfen. Wenn unsere ausländischen Genossen uns helfen werden, jetzt eine einheitliche Armee zu schaffen, so werden keine Mängel uns hindern können, unser Werk zu voll- bringen. Und dieses Werk ist die proletarische Weltrevolution, die Schaffung einer internationalen Räterepublik.
233 Anmerkungen ı Der erste Parteitag der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Rußlands (SDAPR) wurde im März 1898 in Minsk abgehalten. Es nahmen teil Dele- gierie der Gruppe „Rabotschaja Gaseta“ („Arbeiterzeitung‘), des jüdischen „Bund“, des Pelersburger, Moskauer, Jekaterinoslawer, Kiewer „Kampfbundes zur Befreiung der Arbeiterklasse“ und des Kiewer „Arbeiterkomitees“. 2 Narodnikitum — aus dem russischen Wort „Narod“ (Volk) abgeleitet, „Volkstümlertum‘; Narodniki („Volkslümler‘) — ursprünglich die russischen revolutionären Inlellekiuellen, die Anfang der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts das Elternhaus und die gewohnte Umgebung verließen und „ins Volk“ gingen, um als Handwerker, Tagelöhner usw. unter dem Volke zu leben und dort die revolulionären Ideen zu verbreiten; später allgemein die Anhänger der auf diesem Boden entstandenen anlimarxislischen, kleinbürgerlich-revolutionären Ideologie, des sogenannten „Narodnitschestwo‘“; die Sozialrevolutionäre, die Volkssozialisten und andere Gruppen und Grüppchen dieses Schlages gehören dieser Richtung an. Die Richtung artete in der Folge zur offenen Konterrevolulion aus. 3 Gemeint sind die Standpunkte der Sozialdemokraten, der Narodniki und der Parlei des Volksrechts. Die Partei des Volksrechts („Narodnoje Prawo“) war eine Partei der kleinbürgerlichen Intellektuellen und Beamten. Sie wurde im Jahre 1893 von M.A.Natanson, V.Tschernow u.a: gegründet. N.K. Michailowski und WI. Korolenko standen der Partei nahe. Die Volksrechtler verzichteten auf den Kampf für den Sozialismus und sahen ihre Aufgabe, „die Aringendste Aufgabe“, in der rückhaltlosen Vereinigung aller oppositionellen und revolutionären Kräfte zum Kampf gegen den Absolutismus und für politische Freiheit. Der Partei war es noch gelungen, ihr Manifest und die Broschüre von A. Bogdanowilsch „Die dringendste Frage“ herauszubringen; schon im April 1894 wurde sie von der Regierung vernichtet. * Kampfbund zur Befreiung der Arbeiterklasse — recvolutionäre proletarische Organisation in Petersburg, entstand 1894 als Vorläufer der Sozialdemokratischen Partei. Solche Verbände bestanden auch in mehreren russischen Provinzslädten. Der Petersburger Kampfbund entwickelte sich unter dem starken Einfluß Lenins aus einem sozialdemokratischen ProFagandistenzirkel, der unter dem Namen „Zentrale Gruppe zur Leitung der Arbeiterbewegung“ tälig war. Besonders lebhaft wurde die Tätigkeit des Kampfbundes, nachdem Lenin ins Ausland gegangen war, wo er mit der Gruppe „Befreiung der Arbeiter“ in Verbindung trat und den Transport revolutionärer Literalur organisierte. In der Nacht zum 9. Dezember 1895 wurde der Kampfbund zerschlagen, seine hervorragendsten Führer (darunter auch Lenin) verhaftet und verbannt, worauf die Tätigkeit des Kampfbundes einschlief. Formell löste er sich 1903 auf dem 2. Parteitag der SDAPR auf. 5 .„Kustari“, die in der ländlichen Hausindustrie Beschäftigten. 6 „Volkspolitik“ Alexanders II. {nicht, wie im Text irrtümlicherweise angegeben, Alexanders IIl.) — die Reformen der Jahre 186164: Agrarreform durch Aufhebung der Leibeigenschaft, Justizreform nach westeuropäischem Muster, Errichtung der Semstwos (s. Anm. 7). ) Li
234 Anmerkungen "Die Semstwos (Landschaften) waren lokale Selbstverwaltungsorgane, eine Art Provinziallandiage. Unter dem Druck der tiefgehenden revolutionären Gärung im Lande infolge der militärischen Niederlagen des Krimkrieges (1853—1856) sah sich die zaristische Regierung zu einer Reihe von Reformen gezwungen. Nach der Aufhebung der Leibeigenschaft im Jahre 1861 erfolgte 1864 in den 34 inneren Gouvernements die Errichtung der Semstwos. Die Regierung sorgte natürlich dafür, daß in diesen Selbstverwaltungskörperschaften dem Adel das Übergewicht gesichert blieb. Die Semsiwos hatten für die lokalen wirtschaftlichen Interessen und Bedürfnisse der Bevölkerung zu sorgen (Wegebau, Volksbildung, Heilwesen, Wohlfahrtseinrichtungen usw.). So sehr die Semstwos von dem grundbesitzenden Adel beherrscht wurden, so trieb sie doch die nähere Berührung mit der Bevöl- kerung immer wieder in eine oppositionelle Stellung zu dem absolutistischen Regime. Die Semstwos wurden so zu Stützpunkten der bürgerlich-liberalen konstitutionellen Bewegung, gegen die die zaristische Regierung immer wieder mit rigorosen Mitteln vorging. 8sSyndikalismus — vorwiegend in den romanischen Ländern vorhandene Strömung innerhalb der Arbeiterbewegung. Der Syndikalismus verneint den politischen Kampf der Arbeiterklasse, die Notwendigkeit einer politischen Partei des Proletariats, die Beteiligung am Parlament und die Eroberung der politischen Macht für die Verwirklichung des Sozialismus. Die einzige und ausreichende Form der Klassenorganisation sehen die Syndikalisten in den Gewerkschaften und betrachten den Generalstreik als das Mittel zum Sturz des Kapitalismus und zur Aufrichtung des Sozialismus. Wie die gesamte Arbeiterklasse spaltete sich während des Weltkrieges auch der Syndikalismus in zwei Richtungen, eine opportunistische und kompromißlerische (die französischen Syndikalisten unter Jouhaux, die sich in nichts von den Sozialverrätern unterscheiden) und eine revolutionäre, die wiederunı in zwei Gruppen zerfiel. Die eine näherte sich dem Kommunismus und der revolutionären Gewerkschaftsbewegung (z. B. in Spanien und Frankreich), die andere, die pseudorevolutionäre Gruppe, begann einen heftigen Kampf gegen die Rote Gewerkschaftsinternationale, die Komintern, die Sowjetdiktatur und gründete eine eigene, sogenannte Berliner Internationale, die eine unbedeutende Anzahl deutscher, südamerikanischer und anderer Syndikalisten umfaßt. Trade Unionismus — gewerkschaftliche Bewegung, die ihre Auf- sabe nicht in der Verwirklichung sozialistischer Ziele sieht, sondern lediglich in der Wahrung der Interessen der Arbeiter im Rahmen der kapitalistischen Gesellschaftsordnung, die sie als unerschütterlich anerkennen. Die Ideologie des Trade Unionismus ist in Wirklichkeit keine proletarische Ideologie, sondern eine Ideologie des bürgerlichen Reformertums. Die Grundzüge des Trade Unionismus sind: enger Zunfigeist, äußerste Zersplitterung der Organisation, Aussöhnung mit dem kapitalistischen System. Der alte Trade Unionismus verwirft das Mittel des Kampfes und glaubt diesen durch Verträge, Vereinbarungen usw. ersetzen zu können. Bis vor kurzem leugnete der Trade Unio- nismus die Notwendigkeit eines selbständigen politischen Kampfes und einer politischen Partei der Arbeiterklasse. In England entstanden, erreichte der Trade Unionismus in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts seinen Höhepunkt. Bereits in den achtziger Jahren beginnt aber in England selbst, Hand in Hand mit dem Erstarken der sozialistischen Elemente in der Arbeiterbewegung, die Entwicklung eines neuen, mehr oder weniger revolutionären Trade
Anmerkungen 235 ui Unionismus. Die Ideologie des alten Trade Unionismus ist heute in den Gewerkschaften — nicht nur in England allein — noch sehr stark. Sie ist die offizielle Ideologie der großen Mehrheit der reformistischen Führer und Gewerkschaftsbeamten, während die Masse der Gewerkschaflsmitglieder sich nach links, zur revolutionären Gewerkschaftsbewegung hin, entwickelt. ®» Martynow — einer der Redakteure neunziger Jahren ein prominenter Vertreter bei der Spaltung der Sozialdemokratischen den Menschewiki an. Während des Krieges glied der KPR. Der „Auslandsbund des „Rabotscheje Djelo‘“, in den des Ökonomismus, schloß sıch Arbeiterpartei Rußlands (1903) Internationalist, seit 1920 Mit- russischer Sozialdemokraten“ wurde 1895 gegründet und begann bald zum Ökonomismus hinzuneigen. Auf der 1900 in der Schweiz abgehaltenen Bundeskonferenz trat die revolutionäre Minderheit endgültig aus dem Bund aus und bildete die „Russische Revolutionäre Organisation Sozialdemokrat“, an deren Spitze Plechanow stand. Die Mehrheit behielt den alten Namen bei. Die Bedeutung des Bundes im Auslande wie in Rußland ging immer mehr zurück, und auf dem 2, Parteitag der SDAPR (1903) wurde der Bund für aufgelöst erklärt. i1 Titel eines in der Zeitschrift „Rabotscheje Djelo“ erschienenen Artikels. 2? ,Semskij Natschalnik“ (,„Landschaftshauptmann“ oder „Bezirkshauptmann“) dieses Amt wurde 1890 eingeführt. Die „Semskije Na- ischalniki“, in der Regel adlige Grundbesitzer, führten die Polizeiaufsicht über die Bauerngemeinden und hatten auch richterliche Befugnisse. Sie galten als Symbol der gegen die Arbeiter und Bauern gerichteten Unterdrückungspolitik der Zarenregierung. 13 Sektierer — Angehörige christlicher Sekten, wurden wegen Abkehr von der orihodoxen Staatskirche und wegen oppositionellen Verhaltens gegen den Absolutismus von der Zarenregierung verfolgt. 14 Studenten, die einer revolutionären Betätigung überführt bzw. verdächtigt wurden, pflegte die Regierung oft zur Strafe in den Soldatenrock zu stecken und in die entlegenste Provinz zu verschicken. 15 Stadientheorie — Theorie der Ökonomisten, wonach der Kampf des Proletariats verschiedene aufeinanderfolgende Stadien durchlaufen muß: erst rein wirtschaftlicher Kampf; wenn das Proletariat auf dem Boden des wirtschaftlichen Kampfes genügend Erfahrung gesammelt hat, darf zur politischen Agitation geschritten werden usw. 18 Das Ehepaar Webb — die bekannten Verfasser eines grundlegenden Werkes über die Geschichte des englischen Trade Unionismus. 1924 bekleidete Sidney Webb den Posten des Handelsministers in der „Arbeiterregierung“ Macdonalds. 17 Bernstein, Eduard — revisionistischer Theoretiker der deutschen Sozialdemokratie. Begann in den achtziger Jahren unter Leitung von Engels seine Tätigkeit als revolutionärer Marxist, wandte sich gegen Ende der neunziger Jahre vom Marxismus ab. In seinem bekannten Werk „Die Voraussetzung des Sozialismus“ (1899) unternahm Bernstein eine Revision der Marxschen Lehre, daher auch der Name „Revisionist“. Der geschichtliche Prozeß führe nicht zu einer Zuspitzung des Klassenkampfes zwischen Bourgeoisie und Proletariat, sondern zu einer Abschwächung desselben, die Haupt-
Anmerkungen 236 —_ BE U aufgabe der Arbeiterklasse sei nicht Kampf für den Sozialismus, sondern Kampf um Reformen, es seı möglich, den Sozialismus allmählich, durch parlamentarischen Kampf zu erreichen. Bernstein wurde zum ideologischen Führer des Opportunismus in allen Parteien der Zweiten Internationale, auch in der russischen Sozialdemokratie. 18 Plechanow, Georgi) Valentinowitsch — Begründer des russischen Marxismus, schuf im Jahre 1893 die erste russische sozialdemokratische Organisalion „Gruppe der Befreiung der Arbeit“. 1901 trat P. der Redaktion des von Lenin gegründeten sozialdemokratischen Blattes „Iskra“ bei, das sich die Aufgabe gestellt hatte, die damals ziemlich stark vertretene Richtung des Ökonomismus zu bekämpfen und eine zenlralisierte revolutionäre Partei zu schaffen. Nach der Spaltung auf dem 2. Parteitag der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Rußlands (1903) schloß sich P, nach einigem Zögern den Menschewiki an. Während des Krieges nahm er eine äußerst sozialpatriolische Stellung ein. Zur Zeit des Okioberumsturzes 1918 trat P. besonders energisch gegen Lenin, die Bolschewiki und die bolschewistische Revolution auf. P. war einer der typischstien und einflußreichsten Führer der Zweiten Internationale. In seinen philosophischen Arbeiten war er orthodoxer Marxist. Lenin empfahl Plechanows philosophische Arbeiten als ein „obligatorisches Lehrbuch des Kommunismus“, P. starb im Mai 1918. | 1 Lomonossow — russischer Dichter und Gelehrter des 18. Jahrhunderts, der „Vater der russischen Literatur“. Hier ironische Bezeichnung Martynows als „Lomonossow‘ des Okonomismus. 2° Kautsky, Karl — deutscher Sozialdemokrat, einer der bedeutendsten Theoretiker des Marxismus in der Epoche der Zweiten Internationale. Begann seine wissenschaftliche Tätigkeit unter der unmittelbaren Leitung von Engels. Von 1887 an Redakteur der wissenschaftlichen marxistischen Zeitschrift „Neue Zeit“. Gehörte vor dem Kriege dem linken Flügel des Marxismus an und bekämpfte den Revisionismus. Noch im Jahre 1909 stand K. in seiner Arbeit „Der Weg zur Macht“ auf dem Boden des revolutionären Marxismus. Zu Beginn des imperialistischen Krieges nahm er eine schwankende Stellung ein zwischen den Internationalisten und den Vaterlandsverteidigern. Er sank allmählich zum Reformismus hinab und zur Preisgabe seiner früheren orthodoxen Ansichten. Nach der Oktoberrevolution bekämpfte er das Sowjetsystem und verteidigte die Demokratie und den Parlamentarismus. Lafargue, Paul — einer der Führer der französischen sozialistischen Partei, Gesinnungsgenosse und nächster Mitarbeiter Guesdes; Nationalökonum, Marxanhänger; nalım teil an der Internationale, an der Pariser Kommune, an der spanischen sozialistischen Bewegung; Verfasser einer Reihe von Artikeln und Büchern, die die marxistischen Ideen popularisieren, und einer Reihe von Pamphleten, die sich gegen die bürgerliche Ordnung richten Bebel, August — der hervorragendste politische Führer und Taktiker der deutschen Sozialdemokratie und der ganzen Zweiten Internationale. Schuf zusammen mit W. Liebknecht 1869 in Eisenach die „Sozialdemokratische Arbeiterpartei“. Bis zu seinem Tode war B. der unbestrittene Führer der Partei. Im letzten Jahrzehnt seines Lebens erschien jedoch Bebels revolulio- näre Energie sehr gedämpft. Aus Angst vor Spaltung der Partei war B. zu allerlei Konzessionen an den Reformismus bereit und unterstützte die zentri-
Anmerkungen a ———. 237 — stische Politik, durch die die Partei alsdann in den Verrat vom 4. August [914 hinabglitt. Guesde, Jules — einer der hervorragendsten Vertreter des orthodoxen Marxismus in Frankreich, gründete Anfang der achlziger Jahre zusammen mit Paul Lafargue die marxistische „Parti Ouvrier Francais“ (Französische Arbeiterparlei). Einer der angesehensten Führer der Zweiten Internationale. In all den Jahren vor dem Kriege führte G. einen ständigen Kampf gegen die Revisionisten, gegen den „Minislerialismus“ Millerands und Jaur&s’. Nach Ausbruch des Krieges „lernte er um“ und predigte die „Union Sacr6e‘“ {die „heilige Einigkeit“ mit der Bourgeoisie). Minister ohne Portefeuille in den bürgerlichen Regierungen der „Vaterlandsverteidigung‘. iChwostisten (die Nachhinkenden oder Schwanztaktiker) — Spitz- name für opportunistische Sozialdemokraten, die die Ansicht vertraten, die Parteiorganisation des Proletariats müsse der Bewegung des Prolelariats, den Stadien des elementaren Entwicklungsprozesses der Arbeiterbewegung nachfolgen. Das Resultat war, daß die „Chwostisten“ immer hilflos den Er- eijgnissen nachhinkten, von einem Extrem ins andere fielen, in allen Fällen die Aktion des revolutionären Proletariats und den Glauben an seine Kraft verflachten, wobei sie immer all dies mit dem Hinweis auf die Selbsttäligkeit des Proletariats zu decken suchten. 22 Katkow, M. N. — Publizist, Vertreter der monarchistischen Reaktion der sechziger bis achtziger Jahre, bekämpfte jedes kleinste Zugeständnis an den Liberalismus, die Intelligenz, das „radikale Zirkelwesen‘“ sowie alle Einrichtungen, dıe die Reformen der sechziger Jahre geschaffen halten. K. und seine Zeilung hatten einen großen Einfluß auf die Kreise der höheren Bureaukratie und des Adels. 23 Meschtscherski, Fürst — Verleger und Redakteur des reaklionären Organs „Graschdanin“ („Der Bürger“), stand den Hofkreisen nahe und war einer der Inspiratoren der reaklionären Politik Alexanders III. und Nikolaus’ 11. 23 Auf dem 2. Parteitag der SDAPR (1903) spaltete sich die Partei in eine revolutionäre, von Lenin geführte Mehrheit und eine opporlunistische Minderheit. Dementsprechend wurden die Lenin-Anhänger „Mchrheiller“ (russisch: Bolschewiki) und die Opportunisten „Minderheitler‘ (russisch: Menschew:iki) genannt. 25 Gapon — Pope, Führer des „Vereins der russischen Fabrikarbeiter“, einer Organisation, die von dem Leiter der Geheimpolizei Subatow zu Polizeizwecken geschaffen wurde. Politisch völlig unwissend, wurde Gapon, von der Massenbewegung gelragen, zu einem Organisator und Führer des 9. (22.) Januar 1905. Nach dem 9. Januar legte Gapon das geistliche Gewand nieder und ging nach dem Auslande. Späler wurde nachgewiesen, daß er mit der Polizei in Beziehungen stand. Er wurde im Frühjahr 1906 von seinen ehemaligen Anhängern getötet. 2 Parvus (A. L. Helphand) — russischer Sozialdemokrat, seit Anfang der neunziger Jahre in der deutschen Sozialdemokratie lätig, tat sich bei der Bekämpfung des Reformismus hervor. 1905 nahm er an der russischen Revolution teil, gab in Petersburg, zusammen mit Trotzki, die Zeitung „Rußkaja Gaseta“ („Russische Zeitung“) heraus und entwickelte die „Theorie der
238 Anmerkungen — permanenten Revolution“; wurde nach Sibirien verbannt und floh von dort. Während des Weltkrieges Haupttheoretiker des deutschen Sozialchauvinismus und Kriegslieferant. 27” Jaures, Jean — französischer Politiker, einer der Führer der fran- zösischen sozialistischen Partei, und ihr größter Redner. Den Marxismus erkannte er nur mit Vorbehalten an und versuchte ihn mit dem philosophischen Idealismus in Einklang zu bringen. Als 1899 das Ministerium WaldeckRousseau gebildet wurde, in das neben Gallifet (dem „Schlächter der Kom- mune‘“) auch der Sozialist Millerand aufgenommen wurde, hielt J. die Unterstützung dieses Kabinetts für notwendig und verteidigte den sogenannten „Ministerialismus“. Über diese Frage, die nicht nur in den Reihen der französischen Sozialisien, sondern in der gesamten Internationale große Debatten hervorrief, kam es 1904 auf dem Internationalen Sozialistenkongreß in Amsterdam zwischen J. und Bebel zu scharfen Kontroversen. Im Parlament bekämpfte J. den Militarismus und setzte sich mit großem Eifer für die deutsch-französische Verständigung ein. Am Tage der Kriegserklärung (31. Juli 1914) wurde J. von einem Söldling der Kriegspartei erschossen. 28 Sozialrevolutionäre — kleinbürgerliche, sich vorwiegend auf bestimmte Schichten der Bauernschaft stützende Partei, bis zum Sturz der Selbstherrschaft sehr radikal (Anwendung von Terror usw.), im Kriege sozialpatriolisch. Nach der Oktoberrevolution kämpften die Sozialrevolutionäre aktiv auf der Seite der Konterrevolution. 28 Die Resolution des Internationalen Sozialistenkongresses in Amsterdan lautet: „Der Kongreß verurteilt auf das entschiedenste die reformistischen Bssirebungen, unsere bisherige bewährte und sieggekrönte, auf dem Klassenkampf beruhende Taktik in dem Sinne zu ändern, daß an Stelle der Eroberung der politischen Macht durch Überwindung unserer Gegner eine Politik des Entgegenkommens an die bestehende Ordnung der Dinge zu treten habe. Die Folge einer derarligen revisionistlischen Taktik wäre, daß aus einer Partei, die auf die möglichst rasche Umwandlung der bestehenden bürger- lichen in die sozialistische Gesellschaftsordnung hinarbeitet, also im besten Sinne des Wortes revolutionär ist, eine Partei tritt, die sich mit der Refor- mierung der bürgerlichen Gesellschaft begnügt. Daher ist der Kongreß im Gegensatz zu den vorhandenen revisionistischen Bestrebungen der Überzeugung, daß die Klassengegensätze sich nicht abschwächen, sondern stetig verschärfen, und erklärt: 1. daß die Partei die Verantwortlichkeit ablehnt für die auf der kapitalistischen Produklionsweise beruhenden politischen und wirtschaftlichen Zu- stände und daß sie deshalb jede Bewilligung von Mitteln verweigert, die geeignet sind, die herrschende Klasse an der Regierung zu erhalten; 2. daß die Sozialdemokratie in Übereinstimmung mit der Resolution Kauisky auf dem Internationalen Sozialistenkongreß in Paris im Jahre 1900 einen Anteil an der Regierungsgewalt innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft nicht erstreben kann. Der Kongreß verurteilt ferner jedes Bestreben, die vorhandenen, stets wachsenden Klassengegensätze zu verluschen, um eine Anlehnung an bürgerliche Parteien zu erleichtern.“
Anmerkungen 239 >° Anhänger der sozialdemokratischen Zeitung „Wperjod“ („Vorwärts“). , 2: Oyama — Oberbefehlshaber der japanischen Truppen im russisch| japanischen Krieg. Kuropatkin +- russischer Kriegsminister und Oberbefehlshaber, wurde von den Japanern bei Mukden in zweiwöchiger Schlacht vernichtend geschlagen. s2 1789 — der Beginn der Großen Französischen Revolution, s3> Feuerbach, Ludwig — deutscher Philosoph, Materialist. ‚Das Denken ist aus dem Sein, aber das Sein nicht aus dem Denken.“ Der Mensch ist das Erzeugnis der Natur, die Religion die phantastische Rückspiegelung des eigenen menschlichen Wesens. Nicht Gott hat den Menschen, sondern der Mensch hat Gott nach seinem Ebenbild geschaffen. Feuerbachs Philosophie bildete das Mittelglied zwischen der Hegelschen Philosophie und derjenigen von Marx. Der Materialismus Vogts, Büchners und Moleschotts, ange- sehener Naturforscher aus der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts, bildet die philosophische Grundlage für die materialistische Geschichtsauffassung. 33a Der „Plan der Semstwo-Kampagne“ wurde von den Menschewiki erdacht. Nach ihrer Ansicht sollte in Anbetracht des Umstandes, daß überall Gouveınementsversammlungen der liberalen Semstwos stattfanden, die über die Lage in Rußland berieten und an den Zaren Petitionen richteten, die Arbeiterklasse in diese Versammlungen ihre Vertreter mit dem Auftrage schicken, den Aristokraten und der liberalen Bourgeoisie mitzutei- len, daß die Arbeiterklasse ihnen folgen und sie unterstützen würde, falls sie ihre Petitionskampagne energisch fortsetzten. Dabei legten die Mensche"wiki insbesondere darauf Gewicht, daß die Arbeiter die liberale Bourgeoisie nicht durch „übertriebene“ proletarische Forderungen abschrecken dürften. Die Durchführung dieses Planes hätte die Führung der revolutionären Be- wegung in die Hände der Bourgeoisie gespielt. 33 Aulard — bekannter französischer Historiker, Verfasser des Buches „Die politische Geschichte der französischen Revolution“. 36 Als die „neue Iskra“ wurde in der russischen Parteiliteratur die „Iskra“ von ihrer 54. Nummer ab genannt, mit der sie in die Hände der Menschewiki_berging (Tovember 1903 bis Dezember 1905). ss’"K-adetten-—>Partei des liberalen Bürgertums, entsprach etwa Jer deutschen Fortschrittspartei. Ihr offizieller Name hieß: „Konstitutionell- Demokratische Partei“. Aus den Anfangsbuchstaben K. D. entstand der Name „Kadetten“. Die Partei wurde im Oktober 1905 gegründet und bestand einerseits aus liberalen Grundbesitzern, anderseits aus Vertretern der bürgerlich-demokralischen Intelligenz. Die Hauptpunkte des Programms der | Kadetten waren: parlamentarische Monarchie, teilweise Enteignung des Landes der Großgrundbesitzer gegen eine „gerechte Ablösung“, Ver- ' besserung der Lebenslage der Arbeiter, Achtstundentag — nach Mög- lichkeit. Die Kadelten kargten (besonders wenn die revolutionäre Weile aufwärts ging) nicht mit lauten oppositionellen Phrasen, ihre Bestrebungen waren aber stels nur auf ein Kompromiß mit dem Zarismus gerichtet. Ihr Führer Miljukow betonte bei jeder Gelegenheit, daß sie die „Opposition
240 Anmerkungen En m Seiner Majestät und nicht gegen die Majestät“ sein wollen. Im imperialistischen Weltkrieg waren die Kadetten die lautesten Wortführer der zaristischen imperialistischen Politik. Nach der Februarrevolulion 1917 wurden sie die führende Regierungspartei und scharten bald alle konterrevolulionären Elemente des Landes um sich. In den darauf folgenden Jahren organisierten sie weiler die Konterrevolution im Innern und die Intervention der fremden Mächte. 37 Schipow — Vorsitzender der Moskauer Gouvernements-Semstwoverwaltung, führendes Mitglied der gemäßigt-liberalen Semstwobewegung. Sein Programm verlangte nicht einmal die Einführung gesetzgebender Kör- perschaften und beschränkte sich lediglich auf die Forderung einer geselzberalenden Kammer. 38 Durnowo — einer der reaktionärsten Vertreter Jes alten Regimss, Direkior des Polizeidepartements, Innenminister im Kabinett Wilte 1905. -Großgrundbesitzer. Kiesewetter — Professor der Geschichte, Schüler des bekannten Historikers Kljutschewski, Mitglied des Zeniralkomitees der Kadettenpartei, Mitglied der Reichsduma, Miljukow — Führer der russischen liberalen Bourgeoisie. Professor. In der Revolution von 1905 Führer der revolutionären Bewegung. Organisator und Haupt der Kadeltenpartei. Während des Weltkrieges leidenschaftlicher Verfechter des „Krieges bis zum siegreichen Ende“. Nach dem Sturz des Zarismus Minister des Äußern in der Provisorischen Regierung, in welcher Stellung er seine Eroberungspolitik fort;seizte. Während des Bürgerkrieges Inspirator konterrevolulionärer Aktionen gegen Sowjetrußland. Struve — siche Anm. 72. Isgojew — Milte der neunziger Jahre Mitarbeiter von marxistischen ‚Zeitschriften, später einer der konservativsten Publizisten der Kadellenparlei. 0° „Bund des russischen Volkes“ — Organisation der „Schwarzen Hundeıt‘“, gegründet 1905 zu dem Zweck, die revolutionäre Bewegung zu bekämpfen, vereinigte in sich verschiedene soziale Gruppen, in deren Inler- ‚esse die Erhaltung des Absolutismus lag. Die Hauptführer des „Bundes“ rekrutierien sich aus den Reihen der höheren Geistlichkeit und höheren Bureaukratie, Als Ideologen der Bewegung dienten einige Intellektuelle. Die Hauptmasse der Mitgliedschaft bildeten: Lumpenprolelarier der großen Städte, kleinbürgerliche Kaufleute, Polizeiagenten, kleine Beamte, die sich vor ihrer Obrigkeil in günstigem Licht zeigen wollten. Das Programm des „Bundes“ bestand in der Wiederherstellung des unbeschränkien Absolutismus und im Kampf nicht nur gegen die Revolutionäre, sondern auch geyen die bürgerlichen Liberalen. Die Organisation wurde vom Hof und namentlich vom Zaren persönlich, der Ehrenmitglied des „echt russischen” Bundes ‘war, stark profegiert. 41 Gemeint sind die Mitglieder des Frankfurter Parlaments, d. h. der -deutschen Nationalversammlung von 1848, die eine Verfassung ausarbeilen sollte. Die Unentschlossenheit und die Schwäche der bürgerlichen Mehrheit wurden von den reaktionär-feudalen Kräften ausgenutzt, und die National- versammlung wurde bald liquidiert, ohne daß sie irgendwelche realen sozial- ‚politischen Ergebnisse gezeiligt hätte.
Anmerkungen 241 2 Am 6. Juni 1905 wurde — unter Führung des Fürsten Trubezkoi — eine Delegation der liberalen Bourgeois und Gutsbesitzer (Semstwo- und Städievertreter) beim Zaren vorstellig, um ihm eine patriotische und aller- untertänigste Petition vorzulegen. „Aus heißer Liebe zum Vaterland“ stellten die Liberalen „alles Trennende“ zurück und wandten sich „unmittelbar“ an den „von falschen Ratgebern“ irregeleiteten Zaren mit der Bitte, dieser möge doch, „solange es noch nicht zu spät ist“, eine „von allen Untertanen gewählte Volksvertretung“ einberufen, die „im Einvernehmen“ mit dem Zaren über Krieg und Frieden zu entscheiden und, ebenfalls „im Einvernehmen“ mit dem Selbstherrscher, eine „erneuerte Staatsordnung“ zu errichten hätte. Vom allgemeinen, direkten und gleichen Wahlrecht wie von einer Siche rung der Wahlfreiheit war keine Rede. Die Antwort des Zaren an diese kläglichen „Revolutionäre in weißen Handschuhen‘“ war denn auch nichtssagend genug. #3 Dubassow — Admiral, Moskauer Generalgouverneur, drücker des Moskauer bewaffneten Aufslandes im Dezember 1905. Unter- “a Montagne („Berg“) — kleinbürgerliche radikale Partei mit LedruRollin an der Spitze, bildete die Opposition in der ihrer Mehrheit nach monarchistischen französischen Nationalversammlung von 1848. Die Partei, die ein Konglomerat aus städlischem Kleinbürgertum, einem Teil der Baueruschaft und gewissen rückständigen Schichten des Proletariats darstellte, erleichterte durch ihre schwankende, unentschlossene Taktik den Ansturm der großbürgerlichen Reaktion, durch den Napoleon III. zur Herrschaft gelangte. #5 „Iswestija“ (Nachrichtenblatt) des Arbeiterdeputiertenrates — Organ des Petersburger Arbeiterdeputierlenrates, erschien in den Revolutions- tagen Oktober/Dezember 1905 unter der Redaktion des Exekutivkomitees. Inı ganzen erschienen 11 Nummern. Das Blatt wurde unter Ignorierung der Zensur in den Druckereien bürgerlicher Zeitungen gedruckt. # Gutschkow — großer Moskauer Hausbesitzer und Industrieller. 1905 begründete er die Partei „Bund des 17. Oktober“, die die Interessen der reaktionären Schichten der Großbourgeoisie vertrat. Präsident der dritten Reichsduna. 1917 Kriegs- und Marineminisier der ersten Provisorischen Re- gierung. In den Jahren 1917/1921 unterstützte er die konterrevolutionäre Bewegung. 4 Der in den Streiktagen im Oktober 1905 spontan entstandene Petersburger Arbeiterdeputiertenrat dekretierte am 19. Oktober 1905 folgendes: „Durch einen Ukas des Zaren ist in Rußland die ‚Freiheit‘ des Wortes proklamiert worden, aber die Hauptverwaltung für Presseangelegenheiten ist beibehalten worden, der Rotstift des Zensors ist geblieben. Davon ausgehend, daß die Arbeiterklasse, die die ganze oder fast die ganze Last des Kampfes trägt, auch in der Frage der Pressefreiheit ihr Wort in die Wagschale werfen muß, und in der Auffassung, daß die Freiheit des gedruckten Wortes durch die Arbeiter selbst erobert sein will, beschließt der Deputiertenrat: nur solche Zeitungen können erscheinen, deren Redakteure das Zensurkomitee ignorieren, keine Nummern zur Zensur vorlegen, überhaupt ebenso handeln wie der Deputiertenrat bei der Herausgabe seiner Zeitung. Darum nehmen die Seizer und die anderen Genossen Arbeiter des Druckereigewerbes, die an den M. B.8. Lenin: Agitalion u. Propaganda 18
242 Anmerkungen zz Erscheinen der Zeitungen beleiligi sind, die Arbeit erst auf, wenn die Redakteure die Pressefreiheit proklamieren und sie auch durchführen. Bis dahin bleiben die Genossen Arbeiter des Zeitungsfaches im Streik, und der Depulierlenrat wird Wege finden, um den streikenden Genossen Arbeitern ihren Lohn auszuzahlen. Zeitungen, die diesem Beschluß zuwiderhandeln, werden bei den Zeitungshändlern beschlagnahmt und vernichtet werden. Die Druckereien und die Maschinen werden außer Betrieb gesetzt und die Arbeiter, die dem Beschluß des Deputiertenrates keine Folge leisten, werden boykottiert werden.“ Daß dieser Beschluß keine leere Drohung blieb, wurde von Gutschkow auf dem Semstwokongreß im November bestätigt. Die Setzer weigerten sich, die Deklaration Gutschkows zu seizen, worüber dieser vor dem Kongreß folgende Klage führte: „Es scheint, daß die neue Verwaltung für Presseangelegenheiten überall ein Rundschreiben verschickt hat. Da habt ihr nun die Freiheit der Presse! Es ist dasselbe alte Regime, nur von der Kehrseitel Es bleibt auch nur das Rezept dieses Regimes übrig: die Presseerzeugnisse im Ausland erscheinen zu lassen oder eine illegale Druckerei einzurichten.“ #8 ‚„Proletarij‘“ — Zentralorgan der SDAPR, erschien in Genf vom 14. Mai bis 12. November 1905, stellte mit der Möglichkeit legaler sozialdemokratischer Presse in Rußland nach dem Oktober 1905 und mit der Rückkehr Lenins aus der Emigration sein Erscheinen ein. OO blomow — Titelheld eines Romans von Gontscharow, ein Charakter, dem es bei aller Befähigung doch an Tatkraft mangelt, um seine Vorsätze zu verwirklichen, und der deshalb seine Kräfte in einem träumerischen Hinbrüten verkümmern läßt. 6 Trudowiki (Arbeiterfraktion oder Fraktion der Werktätigen) -— bildete sich als Parlamentsfraktion 1906 in der ersten Reichsduma. Der Fraktion schlossen sich an die volkstümlerisch gerichteten Intellektuellen, die Volkssozialisten und die revolutionär gestimmten Bauernabgeordneten. Die vereinzelten Abgeordneten der Sozialrevolutionäre, die in der dritten und vierten Reichsduma keine eigene Fraktion zustandebringen konnten, schlossen sich ebenfalls dieser Fraktion an. 5 Oktobristen — die geläufige Benennung der Anfang Novembe; 1905, im Anschluß an das Zarenmanifest vom 17. (30.) Oktober 1905, in dem einige verfassungsmäßige Freiheilen versprochen wurden, gegründeten Parlei unter dem Namen „Verein des 17. Oktober“, Die Oktobristenpartei vertrat die Interessen der Großbourgeoisie und der Großgrundbesitzer (nach deutschen Verhältnissen entsprach sie etwa der Deutschen Volkspartei). Während sie in der ersten und zweiten Reichsduma sehr schwach vertrelen war, gelangle sie, dank dem Staatsstreich Stolypins vom 3. (16.) Juni 1907, zu großem Einfluß in der dritten Duma, wo sie die entscheidende Rolie spielte. Die Oktobıistenpartei unterstützte vorbehaltlos den Zarismus im Kampf gegen die Revolution; ihr Führer war Gulschkow. 5 Stolypin — zaristischer Premierminister und Minister des Innern seit 1906, tat sich beim Niederschlagen der Revolution von 1905—-1907 hervor. Er jagte die zweite Reichsduma auseinander und oklroyiertz ein neues Wahlrecht („Staatsstreich vom 3. Juni 1907“). Seine Agrargesetzgebung (Gesetz vom 9. November 1906) zielte ab auf die Zerstörung der Dorfgemeinde
Anmerkungen 243 und die Schaffung einer wirtschaftlich starken Bauernschicht (Kulaken) als Stützpunkt der Regierung im Dorfe. Im September 1911 durch ein Attentat eines Polizeispitzels in Kiew getölel. 53 D.h. — Belriebszellen. ss Qlsowismus (vom russischen Wort otoswatj — abberufen) —- eine Richtung unter den Bolschewiki, die die Abberufung der Sozialdemokraten aus der Reichsduma forderte. 5 Tomski, M. I. — alter Bolschewik, von Beruf Lithograph. Wiederholt verhaftet und verbannt. Nach der Oktoberrevolution Vorsitzender des Zentralrals der Gewerkschaften (bis 1929). 5 Bulygin-Duma —- so genannt nach dem Minister Bulygin, dessen Namensunterschrift das Zarendekret über die Einberufung einer geseltzberatenden Vertretungskörperschaft trug (6. August 1905). Die Bolschewiki beschlossen, dieses auf Grund eines hohen Vermögenszensus gewählte Anhängsel des bürokratischen Staatsrates zu boykottieren, die Liberalen waren geneigt, sich an den Wahlen zu beteiligen, die Menschewiki schwankten. Der Oktoberstreik von 1905 machle der Bulygin-Duma ein Ende, die Regierung sah sich gezwungen, die Einberufung einer gescetzsebenden Duma zu versprechen. 5’ Dan — Führer der Menschewiki, seit Mitte der neunziger Jahre in der russischen sozialdemokratischen Bewegung tätig. Zweimal verbannt. In den Jahren der Reaktion unterstützle er die Liquidatoren. Während des Krieses gemäßigler „Internationalist“. Nach der Februarrevolution führendes Mitslied des Exekutivkomitees des Petrograder Rates und später des (menschewistisch orientierien) Allrussischen Zentralexekutivkomitees. Trat eifrig für den Burgfrieden und die Koalition mit der Bourgeoisie ein. Nach der Oktoberrevolufion bekämpfte D. aktiv die Sowjetmacht. 53 Gottmacher“ — so wurden in Rußland Leute genannt, die Gott und neue Religionsformen suchten. Unter den Sozialdemokraten versuchten Lunatscharski und M. Gorki zu beweisen, daß die moderne proletarische Bewegung und ihre Ideologie Motive religiösen Charakters enthielten. 59 Gemeint sind die aus der erweiterten Redaktion des „Proleltarij“ entfernten Bogdanow, Krassin u. a. Bogdanow, A.A.— schloß sich der sozialdemokralischen Bewegung Anfang der neunziger Jahre an, ging nach der Spaltung mit den Bolschewiki, Mitglied des Zentralkomitees. Nach der Auseinanderjagung der zweiten Reichsduma bestand er auf den Boykott der Duma und der Abberufung der sozialdemokratischen Dumafraklion. B. versuchte eine linksbolschewistische Fraktion zu schaffen und gab im Auslande — unter Beteiligung von A. Lunatscharski u. a. — die Zeitung „Wperjod“ heraus. B. versuchte auch, ein eigenes philosophisches System zu schaffen („Empiriomonismus“), das den idealisti- schen Konstruktionen Machs und Avenarius nahestand (näheres siehe Lenin, „Materialismus und Empiriokritizismus“, Bd. XIII der Sämtlichen Werke). 1909 wurde B. aus der bolschewistischen Fraktion ausgeschlossen und steht seitdem außerhalb der Partei. 60 Ultimatistien — eine Abart des Otsowismus (siehe Anm. 54). 16"
244 EU Anmerkungen — Ti 61 Die „Sommerkonferenz‘ fand in der Zeit vom 25. September bis 1. Oktober 1913 in einem galizischen Dorf statt. Es nahmen teil Lenin, Sinowjew, Kamenew, Krupskaja, Vertreter der polnischen Partei, die bolschewistischen Duma-Abgeordneten und eine Reihe von Vertretern jokaler Organisationen. e2 Struve — siehe Anm. 72. Brentano — Nationalökonom, Universitätsprofessor, Vertreter eines liberalen Wirtschaftssystems, Freihändler; einer der Gründer des „Vereins für Sozialpolitik“. 63 1792 stand das revolutionäre Frankreich in schwerem Kampf gegen die feudalen Nachbarstaaten. Der Krieg verlief zunächst für die Franzosen ungünstig. Infolge der gewaltigen Kraftanstrengungen wandte sich aber das Kriegsglück. 6 Bauer, Otto — Führer der österreichischen Sozialdemokratie, Haupt der sogenannten „austromarxistischen Schule“, Renner — österreichischer Sozialdemokrat, im Kriege Sozialkompromißler, nach 1918 eine Zeitlang Haupt der österreichischen Regierung. 65 Die Kontaktkommission des Petrograder Arbeiter- und Soldatendepuliertenrates wurde gebildet, um die Beziehungen zur Provisorischen Regierung aufrecht zu erhalten und um diese zu kontrollieren. Ihr gehörten an: Skobelew, Steklow, Ssuchanow, Tschcheidse und der Offizier Filippowski (ein Sozialrevolutionär). Die Kontaktkommission erwies sich als totgeborenes Kind, ihre Tätigkeit beschränkte sich darauf, daß sie von Zeit zu Zeit ver- suchte, die Provisorische Regierung zu „überreden“. 686 Die Bildung der Provisorischen Regierung und die Formulierung ihres Programms erfolgte auf Grund einer Vereinbarung, die am 1. (14.) März zwischen dem Exekutivkomitee des Petrograder Rates der Arbeiter- und Soldatendeputierten und dem Provisorischen Vollzugsausschuß der Reichsduma_ getroffen wurde. Der Petrograder Rat überließ dem Vollzugsausschuß der Reichsduma die Bildung der Provisorischen Regierung und bestand auf der Anerkennung eines bestimmien Programms, dessen wichtigste Punkte für ihn das Verbot der Entfernung der revolutionären Truppen aus Petrograd und die Einberufung der Konstituante waren. 0 Schingarjow — einer der Führer der Kadettenfraktion der Reichsduma. In der ersten Provisorischen Regierung war er Landwirtschaftsminister, im zweiten Kabinett Lwow Finanzminister. #8 Tschernow — einer der Begründer der sozialrevolutionären Partei, deren Führer und Theoretiker. Während des Krieges schwankte er dauernd zwischen Sozialchauvinismus und Internationalismus hin und her. Nach der Februarrevolulion entschiedener Vaterlandsverteidiger. Als Landwirtschaftsminister in der ersten Koalitionsregierung kämpfte er gegen die revoltierenden Bauern. Januar 1918 Präsident der Konstituante. Nach dem Oktoberumsturz aktiver Förderer aller auf die Wiederherstellung eines bürgerlichen Regimes in Rußland abzielenden Bestrebungen. Zeretelli — georgischer Sozialdemokrat, Menschewik, Abgeordneter der zweiten Reichsduma und Führer der damaligen sozialdemokratischen Fraktion. Nach der Februarrevolution trat Z. mit aller Entschiedenheit für die Fortsetzung des imperialistischen Krieges und für die Koalition mit der
Anmerkungen 245 Bourgeoisie ein. In der ersten Koalitionsregierung war er Minister für Postund Telegraphenwesen. Führendes Mitglied des ersten (menschewistischen) Allrussischen Zentralexekutivkomitees. ee Das „Nachrichtenblatt des Allrussischen Rates der Bauerndeputierten“ war ein sozialrevolutionäres Organ. ” „Otrub“ (vom russischen Wort: „otrubitj‘“ — abhauen, abtrennen) — so nannte man den von der Feldgemeinschaft abgetrennten, ausgeschiedenen und dem Einzelbauer als Privateigentum überlassenen Landanteil. ?1 Die Streikbewegung von 1896 begann (im Mai) mit dem Massenstreik Petersburger Spinner und Weber (mehr als 30 000 Streikende). Sie forderten Bezahlung der arbeitsfreien Tage während der Krönungsfeierlichkeiten. Die Bewegung griff auf Moskau über. Dort traten — mit derselben Forderung -— die Eisenbahner in den Streik. Der offenkundig politisch gefärbte Streik kam für die Regierung völlig unerwartet. Die Streiks von 1896 waren der ersle organisierte Ausdruck der Massenbewegung der Arbeiterschaft. 2 Struve, P. — russischer Publizist, machte viele Wandlungen durch. Ursprünglich Sozialdemokrat, später Liberaler und Mitglied des Zentralkomitees der Kadettenpartei, nach der Revolution von 1905 Führer des äußersten rechten Flügels der Liberalen, landete er schließlich beim ultrareaktionären Nationalismus. Im Bürgerkrieg Minister bei Denikin und später bei Wrangel, heute einer der Führer der Emigranten und Monarchisten. 73 Pjeschechonow — Führer der „Volkssozialisten“, die zwischen den Kadetten und den Sozialrevolutionären schwankten und keinen Einfluß auf die Massen hatten. Minister einer der Koalitionsregierung Kerenskis. Typischer Vertreter der Intellektuellen und der Kleinbürger. Awksentjew — rechter Sozialrevolutionär. In den Kriegsjahren extremer Sozialchauvinist, Unter Kerenski Minister in einer der Koalitionsregierungen. Nach der Oktoberrevolution einer der Organisatoren der Konterrevolution. ”% Cavaignac — Führer der französischen Regierungstruppen gegen die Arbeiter im Juni 1848. Nach einer vierlägigen Straßenschlacht, bei der er mit der größten Grausamkeit vorging, gelang ihm die Niederwerfung der Ar- beiter. 5Kamenew — alter Bolschewik, wurde während Petrograd von der Kerenski-Regierung verhaftet. | Is Pe 5 . der Julitage in 78 5. Mai — Bildung der ersten Koalitionsregierung, nachdem der Außenminister Miljukow unter dem Druck der Massen zum Rücktritt gezwungen war. 31. August — Annahme der ersten bolschewistischen Resolution im Petrograder Sowjet. 12. September — Liquidierung des Kornilow-Putsches. 7 Die Demokratische Konferenz wurde von der KerenskiRegierung im September 1917 nach Petersburg einberufen. Einladungen ergingen an Vertreter der „demokratischen“ Semstwos und Städte, Genossenschaften, Verireter einiger Front- und Armeekomitees und GouvernementsSowjets, Vertreter des Zentralexekutivkomitees und der Gewerkschaften. Die Sowjetdelegation war in der Minderheit. Die Konferenz erklärte sich gegen
246 Anmerkungen eine Koalition mit den Kadetten, trotzdem organisierle der Minislerpräsident Kerenski ein neues Koalitionsministerium. Die demokralische Beratung schuf aus ihrer Mitte den „Rat der Republik“ (Vorparlament), der bis zur Einberufung der Konstituante diese ersetzen sollte. Die bolschewistische Fraktion mit Trotzki an der Spitze verließ das Vorparlament. Die Demokralische Konferenz genoß keinerlei Autorität im Lande, ihr Ziel — die Stärkung der Provisorischen Regierung — schlug fehl. 78 Aus den Wahlen zur Pelersburger Stadiduma am 20. August 1917 gingen die Bolschewiki im Vergleich zu den Maiwahlen außerordentlich gestärkt hervor. Sie erhielten 33 Prozent aller abgegebenen Stimmen (gegenüber 20 Prozent im Mai), der Block der Kompromißler erhielt 44 Prozent (gegenüber 58 Prozent) und die Kadelten 23 Prozent (gegenüber 22 Prozent). Bei den Wahlen zu den Bezirksdumas in Moskau erhielten die Bolsche- wiki 52 Prozent aller abgegebenen Stimmen. ”® Der Generalstreik in Moskau vom 12, August wurde unler Führung des Gewerkschaftsbüros als Protest gegen die von Kerenski einberufene „Staaisberatung‘ durchgeführt. An der „Staatsberatung“ nahmen teil Vertreler bürgerlicher Organisationen, Verlreler der Semsiwos und der Sladiverwaltungen, Vertreter von Universitäten, Vertreter der Kaufmannschaft und der Indu- striellen, der Generalität, des Offizierskorps, Vertreter der Kosaken und einiger Armeekomitees sowie Mitglieder aller vier Reichsdumas wie auch Einzelpersonen (z. B. Plechanow, Kropotkin u. a.). Vertreter der Sowjels waren nicht zugelassen. Die Sowjets wurden „vertreten“ von einer Delegation des Zentralexekutivkomitees, die aus Menschewiki und Sozialrevolutionären bestand. Im Namen der wenigen Vertreier der Gewerkschaften verlas Rjasanow eine bolschewistische Deklaration. Der bürgerlich-militärische Teil der Beratung benahm sich provozierend gegenüber der ‚sozialistischen Demokratie‘ und schlug offen den Kurs auf einen konterrevolulionären Umsturz ein. Trotzdem der menschewistisch-sozialrevolutionäre Moskauer Sowjel gegen den Streik aufrief, nahm die ganze Moskauer Arbeiterschaft an ihm teil. 80 Im September 1917 wurde Riga von den Deutschen eingenommen. Die russischen Truppen leisteten energischen Widersland, besonders harlnäckig kämpften die lettischen Schützenbataillone. Es spricht alles dafür, daß das Oberkommando den Widerstand der Armee künstlich drosselle, um das revolutionäre Petersburg der Gefahr eines deutschen Angriffes auszusetzen, im Lande Panik hervorzurufen, einen Druck auf die Menschewiki und Sozialrevolutionäre auszuüben und die Entfernung der revolutionären Truppen- teile aus Petersburg zu erzwingen. sı KomiteesderDorfarmut wurden auf Grund eines Dekrets des Allrussischen Zentralexekutivkomitees im Frühjahr 1918 geschaffen, um die Differenzierung im Dorfe zu beschleunigen, den Kampf gegen die Kulaken zu erleichtern, das Getreidemonopol durchzuführen und die proletarische Diktatur zu stärken. Sie spielten in der Entwicklung der Revolution eine große Rolle, indem sie die armen und mittleren Schichten des Dorfes von der Un- terjochung durch die Kulaken befreiten. Im November 1918 wurden die Komitees der Dorfarmut auf Beschluß des 6. Rätekongresses liquidierl und durch Dorfsowjets ersetzt, die von der gesamten ohne Ausbeulung fremder Arbeitskraft lebenden Bevölkerung gewählt wurden.
Anmerkungen 247 —— > Judenitisch — General, Führer der weißen Nordwestarınee, leitete den Vormarsch auf Leningrad. Koltschak — Admiral der Zarenflotte, Führer der Konterrevolution, operierle in Sibirien und am Ural, wurde in Irkutsk von den aufständischen Arbeitern verhaftet und nach Aburteilung durch ein Revolulionstribunal erschossen. Petljura — ehemaliger ukrainischer rechter Sozialdemokral, eine Zeitlang „Hetmann“ der Ukraine. Nach der Zurückziehung der deutschen Truppen aus der Ukraine versuchte er, seine Macht wieder herzustellen, wurde aber durch die Rote Armee und den Volksaufstand hinweggefegt. Organisierte konterrevolulionären Partisanenkampf und Bandeneinfälle. Machno — ehemaliger Volksschullehrer, Führer einer anarchistischen Aufstandsbewegung der ukrainischen Bauernschaft, ging auf die Seite der Roten Armee über, wandte sich aber bald gegen die Sowjetmacht. Die Machnobewegung wurde im Jahre 1921 liquidiert. Wrangel — General, als Nachfolger Denikins im Jahre 1920 Oberbefehlshaber der weißgardislischen Truppen im Süden Rußlands, wurde im Spätherbst 1920 von der Roten Armee vernichtend geschlagen. $$ Glemenccau — einer der Führer des französischen Imperialismus, unversöhnlicher Feind des Kommunismus und Sowjetrußlands, ehemaliger Ministerpräsident der französischen Republik. Lloyd George — englischer Politiker. Im imperialistischen Krieg zuerst \Munilionsminister, dann Kriegsminister, dann Ministerpräsident, Vor- sitzender des Kriegsrats mit diktatorischer Gewalt. Wurde Oklober 1922 gestürzt. Wilson — Präsident der Vereinigten Staaten von Nordamerika, stellt» am Ende des imperaalistischen Krieges als Grundlage des Friedensvertrages die berühmten „14 Punkte“ auf, in denen durch demokratische Phrasen die imperialistiischen Gelüste der Alliierten bemäntelt wurden. 8 Troelstra — Führer der holländischen sozialdemokratischen Partei und ihrer Parlamentsfraktion. Reformist. Führte innerhalb der Partei den Kampf gegen den linken Flügel. 85 Lenin und SinowjJew, „Gegen den Strom“, Aufsätze aus bolsche- wistischen Auslandspublikationen in der Periode des imperialistischen Krieges. Deutsch im Verlag Carl Hoym Nachf, Hamburg-Berlin. Die betreffenden Aufsätze Lenins sind in den Bänden XVII und XIX der Sämtlichen Werke enthalten. % Industrial Workers of the World (IWW) — syndikalislisch orientierte revolulionäre Arbeiterorganisation, wirkt vornehmlich in den westlichen Staaten Nordamerikas. 87 Kornilow — General, versuchte im September 1917 einen Militärpuisch und einen Marsch gegen Petrogsrad. Konspirierte mit Kerenski, wurde aber von den Arbeitern vernichtend geschlagen und verhaftet; flüchtete ‚nach dem Dongebiet, wo er sich an die Spitze der weißen Truppen stellte. Wurde Anlang 1918 von Roten Garden geschlagen. Fiel im Kampfe. 8 Churchill — konservativer Minister im Kriegskabinett Lloyd Georges, Inspirator der Intervention gegen Sowjetrußland.
248 u Anmerkungen Henderson — englischer Gewerkschaftler, einer der rechlesien Führer der Labour Party, während des Weltkrieges Minister in der Koalitionsregierung Lloyd Georges, im Jahre 1924 Minister des Innern im Kabinett Macd«nald, 1929 Außenminister. 8 Dreyfuß — französischer Offizier, Jude. Im Jahre 1894 vom Kriegsgericht unter der falschen Beschuldigung des Landesverralts zu lebenslänglicher Einzelhaft verurteilt. Die‘ Verurteilung erfolgle unter dem Druck des Generalstabes, an dessen Spitze‘.Monarchisten, Klerikale und Antisemiten standen, die daran interessiert waren, dem republikanischen Regime, das den Juden das Recht gab, Offiziersposten in der französischen Armse zu bekleiden, einen moralischen Schlag zu versetzen. Der Fall Dreyfuß gewann den Charakter eines Kampfes der Monarchisten gegen die Republikaner. Unter dem Druck der öffentlichen Meinung wurde Dreyfuß im Jahre 1899 begnadigt. so» Jouhaux — vor dem Kriege Anarchosyndikalist, wurde in den Kriegsjahren zum eifrigen Patrioten. Einer der Führer der Amsterdamer Internationale. Merrheim — einer der anarchosyndikalistischen Führer der allgemeinen Konföderation der Arbeit in Frankreich (CGT), Gegner des Krieges. Nach dem Kriege erwies er sich als nicht genügend konsequenter Klassenkämpfer, begann die Kommunistische Internationale zu bekämpfen und glilt in den Reformismus hinab. 91 Die Einrichtung der „Rechtsbeistände“ wurde 1918 eingeführt an Stelle der abgeschafften bürgerlichen Advokatur. Die Rechtsbeistände galten als Sowjetfunktionäre, bekamen ein festes Gehalt und waren verpflichtet, ohne Entgelt als Verteidiger und Ankläger zu wirken. In Wirklichkeit unterschieden sie sich nicht von den allen Rechtsanwälten, sie bezogen heimlich von ihren Klienten „Honorare“ und vermieden es nach Möglichkeit, als öffentliche Ankläger aufzutreten. Mit dem Übergang zur Neuen Ökonomischen Politik wurde die Einrichtung der Rechtsanwälte unter der Kontrolle der Sowjets wieder hergestellt.
249 Inhaltsverzeichnis Einleitung I. Agitation und Propaganda in der Periode Vorbereitung der Revolution von 1905 der Die Aufgaben der russischen Sozialdemokraten . Womit beginnen? Tradeunionistische und sozialdemokratische Politik . II. Agitation und Propaganda in der Revolution von 1905 Der Beginn der Revolution in Rußland . Die Losung des bewaffneten Aufstandes . . . 2.2... Die revolutionär-demokratische Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft . 0 Über konstitutionelle Illusionen . . . Parteiorganisation und Parteiliteratur III. Agitation und Propaganda in den Jahren der Reaktion Die Aufgaben der Partei in der Periode der Reaktion . . . . Anläßlich zweier Briefe . Über den . . . 2 2 2 2. ÖOtsowismus 20 25 49 95 58 67 78 87 95 101 IV. Die Agitation in der Periode des Aufschwunges der Arbeiterbewegung Aus der Resolution der „Sommerkonferenz“ des Zentralkomitees der SDAPR mit den Parteifunktionären (1913) . . ‚Agitation und Propaganda in der Periode des imperialistischen Krieges Der imperialistische Krieg und die Aufgaben der Sozialdemokratie v1. Agitation und Propaganda zwischen der Februar- und der Oktoberrevolution Die politischen Parteien in Rußland und die Aufgaben des Proletariats Bauern und . . Arbeiter . rn Über die Losung „Alle Macht den Räten“ rn Die Bolschewiki müssen die Macht ergreifen vi. Agitation und Propaganda in der Periode der Diktatur des Proletariats Der Kampf an der Kulturfront . en Über den Charakter unserer Zeitungen . . 109 115 131 143 152 160 165 168 Aus der Rede über das Parteiprogramm auf dem 8. Parteitag der KPR ... , Rede auf der Konferenz der Sektionen für politische Aufklärung Aus der Rede auf dem 2. Allrussischen Kongreß der Sektionen für politische Aufklärung - - : 2:2 m un m rn Tagebuchblätter . 171 173 182 185
250 VIII. Agitation und Propaganda in der Kommunistischen Internationale Die Dritte Internationale und ihr Platz in der Geschichte . Die Dritte, Kommunistische Internationale Über die „linken“ Kinderkrankheiten . Über die internationale Lage und die Hauptaufgaben der Kommunistischen Internationale Anmerkungen. PROGRAMM und ausführlichen Prospekt der Marxistischen Bibliothek liefert jede gute Buchhandlung, nötigenfalls der Verlag 191 202 209 224 233
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