/
Текст
Max Otte
Die Finanzmärkte
und die ökonomische
Selbstbehauptung Europas
Gedanken zu Finanzkrisen, Marktwirtschaft
und Unternehmertum
Die Finanzmärkte und die ökonomische
Selbstbehauptung Europas
Max Otte
Die Finanzmärkte
und die ökonomische
Selbstbehauptung Europas
Gedanken zu Finanzkrisen, Marktwirtschaft
und Unternehmertum
Max Otte
IFVE Institut für Vermögensentwicklung
Köln, Deutschland
ISBN 978-3-658-23178-1
ISBN 978-3-658-23179-8
https://doi.org/10.1007/978-3-658-23179-8
(eBook)
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Springer Gabler
© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2019
Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die nicht
ausdrücklich vom Urheberrechtsgesetz zugelassen ist, bedarf der vorherigen Zustimmung des Verlags.
Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Bearbeitungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die
Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
Die Wiedergabe von Gebrauchsnamen, Handelsnamen, Warenbezeichnungen usw. in diesem Werk berechtigt
auch ohne besondere Kennzeichnung nicht zu der Annahme, dass solche Namen im Sinne der Warenzeichenund Markenschutz-Gesetzgebung als frei zu betrachten wären und daher von jedermann benutzt werden
dürften.
Der Verlag, die Autoren und die Herausgeber gehen davon aus, dass die Angaben und Informationen in
diesem Werk zum Zeitpunkt der Veröffentlichung vollständig und korrekt sind. Weder der Verlag, noch
die Autoren oder die Herausgeber übernehmen, ausdrücklich oder implizit, Gewähr für den Inhalt des
Werkes, etwaige Fehler oder Äußerungen. Der Verlag bleibt im Hinblick auf geografische Zuordnungen und
Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutionsadressen neutral.
Springer Gabler ist ein Imprint der eingetragenen Gesellschaft Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH und ist ein
Teil von Springer Nature
Die Anschrift der Gesellschaft ist: Abraham-Lincoln-Str. 46, 65189 Wiesbaden, Germany
Fundierte Analysen und Vorschläge
Erfolgreiche Crash-Gurus brauchen eine saubere Analyse, die Fähigkeit komplizierte
Sachverhalte einfach und breitenwirksam zu erklären und etwas Glück. Max Otte hat mit
Der Crash kommt im Jahr 2006 alle drei Voraussetzungen erfüllt und dürfte deshalb zu
Recht der erfolgreichste deutsche Crash-Guru aller Zeiten sein.
Das richtige Timing von Prognosen ist äußerst schwierig. Dementsprechend selten
treffen sie zu. Schon der englische Nationalökonom John Maynard Keynes hat früh
erkannt, dass das mit dem Timing von Vorhersagen so ein Problem ist: „Markets can
remain irrational a lot longer than you and I can remain solvent.“ Märkte können also
viel länger irrational sein, als die finanziellen Mittel des dagegen spekulierenden Investors reichen. Die Geschichte ist voll von diesen Beispielen.
Max Otte lag mit seinem Timing perfekt. Schon im Jahr 2007 begann die größte Finanz- und Wirtschaftskrise seit der großen Depression der 1930er Jahre. Er hat die
Grundursachen sauber analysiert, sich die Mühe gemacht, seine Thesen allgemein verständlich zu formulieren, Empfehlungen zum Vermögensschutz gegeben und das Ganze
in Buchform pünktlich veröffentlicht.
Aus diesem Grunde lohnt es sich, gut zuzuhören, wenn Professor Otte sich zu Wort
meldet. Er blickt weiter als die meisten, er formuliert klarer und vor allem hat er den
Mut, sich entsprechend zu äußern. Aller Kritik und Häme die man als Mahner manchmal
erleiden muss zum Trotz.
Der vorliegende Band umfasst die gesamte Bandbreite des Schaffens von Professor
Otte. Es zeigt sich, dass er bei seinen Analysen aus einem tiefen Wissensfundus aus den
Bereichen der Ökonomie und Sozialwissenschaft, der Geschichtswissenschaft, der Politikwissenschaft und der Philosophie schöpft. Damit ist er in der Lage, so unterschiedliche Themen wie die Corporate-Social-Responsibility-Debatte, die Bedrohung des europäischen Wirtschaftsmodells oder die Verbindungen zwischen Internet- und Finanzwirtschaft zu analysieren.
Eine erfreuliche und lohnende Lektüre.
Berlin, im August 2018
Dr. Daniel Stelter
V
Vorwort
War die Finanzkrise vorhersehbar? „Natürlich war sie das!“, argumentiere ich in „Die
Finanzkrise, der Crashprophet und die Wissenschaft von der Ökonomie“, einem Aufsatz, der aus dem Kölner Vortrag für Wirtschafts- und Sozialgeschichte hervorging und
der im Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte veröffentlicht wurde. Noch mehr als das: Ich
lege dar, warum Ökonomen gegenüber möglichen Finanzkrisen zumindest halb blind
sind und warum sich daran so schnell nichts ändern wird. Und wie ich letztlich zu meiner punktgenauen Prognose kam.
Die vorliegenden Gedanken zu Finanzkrisen, Finanzmärkten, Wirtschaft und Unternehmertum habe ich mir im Jahrzehnt nach der Finanzkrise gemacht. Sie erschienen in
verschiedenen Fachzeitschriften und liegen hier erstmals in gesammelter Form vor.
Durch mein Buch „Der Crash kommt“ aus dem Jahr 2006 wurde ich nach Eintreffen der
Finanzkrise einer größeren Öffentlichkeit bekannt und war regelmäßig in Nachrichtensendungen, Talkshows und bei Konferenzen zu Gast. Ich hielt über 500 Vorträge vor den
verschiedensten Teilnehmerkreisen: der Konferenz der nordischen Gewerkschaften im
Finanzwesen, dem Treffen der holländischen CFOs, vor Germanisten an der Universität
Hamburg, Zahnärzten, Unternehmen, Großbanken, Raiffeisenbanken und Volksbanken,
Sparkassen.
Immer wieder machte ich mir grundlegende Gedanken zur Form einer nachhaltigen
Finanzarchitektur, zum ethischen Wirtschaften, zum Umbau des deutschen Bankwesens,
aber auch zum Finanzkapitalismus und dem mitteleuropäischen Wirtschaftsmodell und –
für das österreichische Verteidigungsministerium – zur ökonomischen Selbstbehauptung
Europas. „Wie können wir unser Finanzsystem stabiler und unsere Wirtschaft ethischer
gestalten?“, war eine Frage, die ich mir ständig gestellt habe. Viele Antworten finden
sich in diesem Buch, zum Beispiel in „Grundlagen einer neuen Finanzmarktarchitektur“, Gedanken, die ich mir für die Konrad-Adenauer-Stiftung gemacht habe.
In derselben Zeit baute ich auch meine Finanzunternehmen auf. In „Wie ich zum Unternehmer wurde – Lehren für junge Entrepreneure“ ziehe ich für den Entrepreneurship
VII
VIII
Vorwort
Summit in Berlin Bilanz meines bisherigen Unternehmerlebens und leite einige Lehren
für Jungunternehmer ab. In „Ganz passabel“ beschreibe ich für das Kursbuch 1964 des
Münchner Soziologen Armin Nassehi, was die Menschen ungefähr meines Alters von
der 68er-Generation unterscheidet. In „The Star and the Many“ gehe ich der Frage nach,
warum heute Bekanntheit so schnell kommt und auch wieder geht, und was das mit uns
macht. Die Künstler Elmgren & Dragset hatten mich gebeten, zum Begleitband einer
ihrer Ausstellungen beizutragen.
Leider befindet sich die Welt ein Jahrzehnt nach der Finanzkrise nicht wirklich auf
einem guten Kurs. Populismus, Handelskonflikte und die Instabilität im System nehmen
zu. In „Oswald Spengler und der moderne Finanzkapitalismus“ werfe ich einen Blick
auf die Prognosen, die dieser Prophet des Niedergangs (John Farrenkopf) für die Spätphase des Kapitalismus gemacht hat. In „Der BREXIT und andere ‚Unfälle‘ – Tiefere
Ursachen und Konsequenzen für die deutsche Wirtschaft“ gehe ich den aktuellen Verwerfungen in der Weltwirtschaft auf den Grund und leite Konsequenzen und Handlungsmaximen für die deutsche Wirtschaft ab.
Es wird Zeit, dass wir die Konsequenzen aus mehreren Jahrzehnten weitgehend verfehlter Wirtschafts- und Finanzpolitik ziehen. Ich bin als selbstständiger Finanzunternehmer unabhängig und muss nicht – wie zum Beispiel Forschungsinstitute – nach dem
nächsten Regierungsauftrag schauen. Das macht frei. Meine Vorschläge, wie das funktionieren könnte, habe ich hier niedergeschrieben. Wenn das Buch ein klein wenig zur
Debatte über den zukünftigen Kurs unserer Wirtschaft beitragen kann, würde ich mich
freuen.
Köln, im August 2018
Max Otte
Inhaltsverzeichnis
Fundierte Analysen und Vorschläge ...........................................................................
V
Vorwort ........................................................................................................................ VII
Teil 1: Der Crashprophet und die Finanzmärkte ...............................................
1
1
Der Jahrgang 1964: Ganz passabel .................................................................
3
2
Die Finanzkrise und das Versagen der modernen Ökonomie ......................
2.1
Ursachen ...................................................................................................
2.2
Folgen: Wo stehen wir heute? ..................................................................
2.3
Regulierung der Finanzmärkte .................................................................
2.4
Eine neue Ökonomie? ..............................................................................
2.5
Literatur ....................................................................................................
7
8
10
12
15
17
3
Die Finanzkrise, der Crashprophet und die Wissenschaft
von der modernen Ökonomie ..............................................................................
3.1
Die Finanzkrise und die Ökonomen ........................................................
3.2
Der „Crashprophet“ ..................................................................................
3.3
Schweigen und Fehlprognosen der Ökonomen:
eine institutionenökonomische Erklärung ................................................
3.4
Theoretische und empirische Wirtschaftsforschung: Grenzen und
Probleme des Modelldenkens ..................................................................
3.5
Methodologischer Individualismus, historische Schule,
Wirtschaftsgeschichte und politische Ökonomie .....................................
3.6
Nach der Finanzkrise: Eine (sehr) kurze Standortbestimmung ...............
3.7
Literatur ....................................................................................................
19
19
23
26
30
34
39
43
IX
X
Inhaltsverzeichnis
4
Wie ich zum Unternehmer wurde: Lehren für zukünftige Entrepreneure ...
49
5
The Star and the Many .....................................................................................
5.1
The Age of Disinformation ......................................................................
5.2
The End of Reason ...................................................................................
61
62
65
Teil 2: Die Finanzmärkte ........................................................................................
67
6
Fiktion und Realität im Finanzwesen ..............................................................
6.1
Fiktion und Fakten ...................................................................................
6.2
Die Grenzen der Ökonomie als exakte Wissenschaft ..............................
6.3
Die Wechselwirkungen von „Realökonomie“ und Fiktionalität
am Beispiel von fünf zentralen Begriffsfeldern der Ökonomie ...............
6.4
Die Hyperrealität der Geldwirtschaft .......................................................
6.5
Literatur ....................................................................................................
69
69
70
7
Grundlagen einer neuen Finanzmarktarchitektur ........................................
7.1
Warum Finanzmärkte besonders streng reguliert werden müssen ..........
7.2
Raubtierkapitalismus, Moral Hazard und das Wolfsrudel .......................
7.3
Hypertrophe Spekulationsmärkte und Spekulationsförderungswirtschaft
7.4
Prinzipien der Regulierung von Finanzmärkten ......................................
7.5
Aktionsfelder ............................................................................................
7.6
Stand der Maßnahmen .............................................................................
7.7
Deutschlands Rolle ..................................................................................
7.8
Literatur ....................................................................................................
83
83
84
86
87
88
94
96
97
8
Für einen schlanken, starken Staat ..................................................................
8.1
Warum insbesondere Finanzmärkte reguliert werden müssen ................
8.2
Elf Punkte für eine umfassende und marktkonforme Regulierung ..........
8.3
Literatur ....................................................................................................
101
101
102
104
9
Finanztransaktionssteuer ................................................................................. 105
10 Ethik und Marktordnung im Finanzwesen ....................................................
10.1 Ideologie: Von der Marktordnung zur Marktgläubigkeit ........................
10.2 Ethik .........................................................................................................
10.3 Regulierung I: Von Eigenverantwortung zu Bürokratismus ...................
10.4 Regulierung II: Vom kreditorientierten (kontinentaleuropäischen)
zum kapitalmarktorientierten (angelsächsischen) System .......................
73
79
81
109
109
114
116
118
11 Das deutsche Bankwesen .................................................................................. 123
11.1 Einleitung .................................................................................................. 123
11.2 Das dreigliedrige deutsche Banken- und Finanzsystem:
Eine kurze Geschichte .............................................................................. 125
Inhaltsverzeichnis
11.3
11.4
11.5
11.6
11.7
Die Große Depression und ihre Folgen: Die Finanzmärkte kommen
an die Kette ..............................................................................................
Neuere Entwicklungen: Vom Siegeszug des Neoliberalismus
und entfesselte Finanzmärkte über die deutsche Wiedervereinigung
bis zur Finanzkrise ...................................................................................
Bewertung des deutschen Bankensystems:
Ist die Kapitalmarktorientierung der Weisheit letzter Schluss? ...............
Leitplanken, Brandschutzmauern und Entschleuniger:
Ansätze zur Reform .................................................................................
Literatur ....................................................................................................
12 Volks- und Raiffeisenbanken als Stabilitätsfaktor in Wirtschaftskrisen ....
12.1 Finanzmarktregulierung, Bankensystem und Finanzkrisen .....................
12.2 Das Geschäftsmodell der Volks- und Raiffeisenbanken:
Historische Perspektive und Aktualität in der Krise ................................
12.3 Die Volks- und Raiffeisenbanken und die Finanzkrise ...........................
12.4 Herausforderungen und Chancen .............................................................
12.5 Schlussbemerkung ...................................................................................
12.6 Literatur ....................................................................................................
XI
129
130
136
140
146
149
149
152
157
158
161
162
13 Negativzinsen: Der Marsch in den Kontrollstaat ........................................... 165
13.1 Literatur .................................................................................................... 169
14 Finanzmärkte und Netzwirtschaft: Wenn der Überbau zum Mythos wird .. 171
Teil 3: Finanzkapitalismus und europäisches Wirtschaftsmodell .................. 177
15 Oswald Spengler und der moderne Finanzkapitalismus ...............................
15.1 Einleitung .................................................................................................
15.2 Kulturzyklen, Geld und die zunehmende Abstraktion
der Lebensbereiche ..................................................................................
15.3 Soziobiologie: Wirtschaft und Technik als integraler Bestandteil
des einen Lebens ......................................................................................
15.4 Relativierung der modernen Nationalökonomie ......................................
15.5 Finanzkapitalismus – das letzte Prinzip des Westens ..............................
15.6 Priester- und Kriegerkasten: Ökonomen und Manager ...........................
15.7 Das Gegenprinzip: „Preußischer Sozialismus“ ........................................
15.8 Kriege, der Finanzkapitalismus und die „Neue Weltordnung“ ...............
15.9 Ausblick: Zeichen des Verfalls ................................................................
15.10 Literatur ....................................................................................................
179
179
180
184
186
187
194
199
208
210
212
XII
Inhaltsverzeichnis
16 Wir machen den Mittelstand mit Bürokratismus platt .................................
16.1 Kapitalistische Planwirtschaft ..................................................................
16.2 Die Finanzbranche ist kein Einzelfall ......................................................
16.3 Kapitalistische Nomenklatura ..................................................................
16.4 Es ginge auch anders ................................................................................
215
215
216
217
217
17 Government statt Governance – warum die Corporate-SocialResponsibility-Debatte in die falsche Richtung führt ....................................
17.1 Die Ethik des Marktes ..............................................................................
17.2 Die „Betriebssysteme“ der Wirtschaft .....................................................
17.3 Regulierung des Finanzsystems ...............................................................
17.4 Schluss ......................................................................................................
219
220
223
225
229
18 Zum Umgang mit Griechenland ......................................................................
18.1 Der Geburtsfehler der Europäischen Währungsunion .............................
18.2 Grundstein- oder Krönungstheorie? .........................................................
18.3 Die Krise in Griechenland (und in den PIIGS) ........................................
18.4 Wege aus der Krise ..................................................................................
18.5 Institutionen und Akteure .........................................................................
18.6 Instrumente ...............................................................................................
18.7 Außenpolitische Ungleichgewichte .........................................................
18.8 Weitergehende Lösungen .........................................................................
18.9 Literatur ....................................................................................................
231
232
233
234
235
237
238
238
239
240
19 Globalisierung, mitteleuropäisches Wirtschaftsmodell und
angelsächsischer Kapitalismus .........................................................................
19.1 Zusammenfassung .....................................................................................
19.2 Der Hintergrund .......................................................................................
19.3 Das europäische Wirtschaftsmodell .........................................................
19.4 Europa als ökonomisches Objekt .............................................................
19.5 Europa als ökonomisches Subjekt ...........................................................
19.6 Schlussbemerkung ...................................................................................
19.7 Literatur ....................................................................................................
243
243
244
245
246
250
252
253
20 Der BREXIT und andere „Unfälle“ – tiefere Ursachen und
Konsequenzen für die deutsche Wirtschaft ....................................................
20.1 Der BREXIT als Symptom einer tiefgreifenden Krise
der „liberalen Wirtschaftsordnung“ .........................................................
20.2 Die Zukunft: Protektionismus und Re-Nationalisierung? .......................
20.3 Ein Kompass für die deutsche Industrie und Politik
in einer Ära steigender Unsicherheit ........................................................
20.4 Literatur ....................................................................................................
255
256
259
262
264
Teil 1
Der Crashprophet und die Finanzmärkte
1
1
1 Der Jahrgang 1964: Ganz passabel
Als der bekannte amerikanische Historiker und Kennedy-Vertraute Arthur M. Schlesinger jr. im Jahr 1986 an der American University in Washington, D. C. sein Buch The
Cycles of American History vorstellte, befand sich im Auditorium auch der knapp
22-jährige Austauschstudent Max Otte. Endlich war er im Land seiner Ambitionen angekommen und saß nun einer Persönlichkeit gegenüber, über die er bereits als Teenager
gelesen hatte. Unter den Austauschstudenten befand sich auch Wolfram Weimer, der
spätere Chefredakteur von Welt, Cicero und Focus, ebenfalls 64er.
Schlesinger legte dar, dass die amerikanische Geschichte in gewisser Weise einen
zyklischen Charakter habe, bei dem das Land zwischen einer stärkeren Ausrichtung auf
das Gemeinwohl („Public Purpose“) und das Individuum schwanke. In diesem Zusammenhang sei der Einfluss der Generationenfolge auf Politik, öffentliches Leben und
Wirtschaft häufig unterschätzt worden und es sei an der Zeit, diesen angemessen zu
würdigen. Darüber dachte ich nach und kann dem Argument bis heute viel abgewinnen.
Es hat aus meiner Sicht einen erheblichen Einfluss auf das Lebensgefühl, wie wir aufwachsen. Durch welche Bedingungen sind wir, der geburtenstärkste Jahrgang der Republik, geprägt worden?
Vielleicht lohnt es sich, zum Vergleich die wahrscheinlich meistbeleuchtete Nachkriegsgeneration – die Achtundsechziger – heranzuziehen. Sie fielen dadurch auf, dass
sie das traditionelle Deutschland kräftig durchschüttelten („Unter den Talaren der Mief
von 1000 Jahren“), Kommunen gründeten und außerparlamentarische Opposition betrieben. Der demografische Kern dieser Generation waren wohl die damals 18- bis 28-Jährigen, also die Jahrgänge von 1940 bis 1950. Dass es da an den Rändern zeitliche Unschärfen gibt und dass nicht jeder sich als typischer Vertreter seiner Generation entpuppt, versteht sich dabei von selbst.
Heute fällt vor allem auf, wie etabliert diese Generation ist, wie sehr sie die Macht
vor allem im öffentlich-rechtlichen Raum erobert und sich dort breit gemacht hat. Von
3
© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2019
M. Otte, Die Finanzmärkte und die ökonomische Selbstbehauptung Europas,
https://doi.org/10.1007/978-3-658-23179-8_1
4
Teil 1
Der Crashprophet und die Finanzmärkte
den alten Idealen ist bis auf Sonntagsreden wenig übriggeblieben, und oft nicht einmal
die. Bei vielen ist die Entwicklung geradezu unappetitlich. Man denke an Daniel CohnBendit oder Joschka Fischer. Einige wenige – der Autor zählt hierzu auch Gerhard
Schröder und Oskar Lafontaine – haben mit den Jahren an Statur gewonnen.
Wie konnte diese Generation in der Jugend so große Reden schwingen und sich später
umso mehr anpassen? Ihre Mitglieder sind oft unter schwierigsten und armen Nachkriegsbedingungen groß geworden. Aber es ging ständig bergauf. Rückschläge gab es
kaum. Man konnte sich fast alles erlauben – auch, beim Studium auszurasten. Das deutsche Jobwunder lief. Jeder, auch Studienabbrecher, konnten sich ziemlich sicher sein,
nachher ordentlich unterzukommen. Zudem war man nahe dran an der Kriegsgeneration,
den hauptsächlich von 1910 bis 1925 Geborenen. Die Achtundsechziger wurden also
von zwei Motiven und einer Grundstimmung getragen: Ein Hauptmotiv war sicher, sich
von den Vätern, der Kriegsgeneration, abzusetzen, ein anderes, das Leben zu genießen.
Dabei gab es bei aller Ärmlichkeit des Starts das Gefühl einer hohen Grundsicherheit –
es wurde alles fast unaufhaltsam immer besser.
Dieses Gefühl der Grundsicherheit hatten wir Baby Boomer auch noch. Allerdings
bröckelte es schon etwas. Wir mussten uns schon mehr anstrengen und wussten das von
Anfang an. Denn wir waren viele. Mein Jahr 1964 markiert den Höhepunkt des Babybooms. Die Schulen waren übervoll. In meiner Grundschulklasse starteten wir mit knapp
40 Schülern. „Ja, wenn du dich anstrengst, ist dir eine gute Position in der Gesellschaft
sicher,“ das war der Grundgedanke. Und es ging.
Gleichzeitig hatten wir nicht das Gefühl, uns so nachdrücklich von der Kriegsgeneration absetzen zu müssen. Vor Kurzem sprach ich mit einem Bekannten aus der 68erGeneration, der früher sehr aktiv bei den Jusos war. Er erzählte davon, wie sehr ihm die
Erzählungen der alten Frontsoldaten gegen den Strich gingen. Diese waren ja oft nicht so
viel älter als er. Dass diese oftmals traumatisierten Menschen nicht viel mehr hatten als
ihre Erinnerungen, vergaß er dabei.
Auch ich hatte noch Lehrer, die im Zweiten Weltkrieg waren. Bei unserem Musiklehrer, Benno Jünemann, waren zwei Finger der linken Hand gelähmt, dennoch spielte er
erstaunlich gut Klavier. Als Chorleiter verfiel er in Ekstase. Seine ungemeine Begeisterung für die Musik steckte etliche von uns an – wenn auch manchmal erst sehr viel später. Als Teilnehmer des Russlandfeldzugs kamen auch seine Traumata durch, wenn er
sich ob unserer Unaufmerksamkeit geärgert hatte und die Klasse zusammenbrüllte. Ein
ehemaliger Nazi war er nicht, aber ein Patriot – und das zeigte er auch. Bei einem anderen Lehrer war ich mir bezüglich der Parteizugehörigkeit zur NSDAP nicht so sicher.
Wir haben die Menschen dieser Generation mit all ihren Macken so genommen, wie sie
waren – und von ihnen profitiert.
Wir haben auch die Bilder von Woodstock gesehen. Rockmusik hat auch uns fasziniert. Dennoch wurde die Generation der heute 50-Jährigen eine Generation der eher
stillen Leistungsträger, die eine insgesamt konservativere Ausrichtung haben. Sie ist
pragmatischer, differenzierter. Sie hatte nicht so viel nachzuholen, wie die Achtundsechziger und musste sich auf der anderen Seite schon mehr anstrengen. Und da sie nicht mit
1
Der Jahrgang 1964: Ganz passabel
5
ganz so hohen Idealen angetreten ist wie die Achtundsechziger, fiel der Sturz nachher
auch nicht so dramatisch aus.
So glaube ich, dass wir Babyboomer ein insgesamt recht passables Bild abgeben. Die
Umstände, die uns formten, erwiesen sich im Nachhinein als ausgesprochen glücklich.
Sorgen macht mir die Zukunft der Generation der jetzt vielleicht 20- oder 25-Jährigen. Sie sind in eine harte, ungerechte, ungleiche Gesellschaft hineingeboren, in der auch
gute und kontinuierliche Leistung kein Garant mehr für ein materiell halbwegs sorgenfreies Leben ist. Die Unwägbarkeiten des Hyperkapitalismus sind stark angewachsen.
Wenn ich die Studierenden an meiner Hochschule sehe, blicke ich in die Gesichter einer
wie wir pragmatischen Generation mit der Energie der Jugend. Das tut gut. Es belebt.
Ein Privileg meines Berufs. Aber trotz aller Verlockungen möchte ich mein Geburtsjahr
nicht mit dem eines Angehörigen dieser Generation tauschen.
Ursprünglich erschienen in Kursbuch, bei Murmann Publishers, 2014.
2
2 Die Finanzkrise und das Versagen
der modernen Ökonomie
Verfolgte man die Berichterstattung im Sommer 2009, so hätte man den Eindruck gewinnen können, als ob die durch die Finanzkrise hervorgerufenen globalen ökonomischen Erschütterungen nun an ihr Ende gelangt seien. Positive Unternehmens und Wirtschaftsdaten dominierten die Nachrichten. Auch die Politik kehrte zunehmend zum Tagesgeschäft zurück. Die Rufe nach einer effektiven Regulierung der Finanzmärkte wurden leiser. Und auch die Selbstkritik der Ökonomen – im Herbst 2008 durchaus wahrnehmbar – ebbte schnell ab.
Doch im Herbst 2009 wurde die Freude über das Ende des massiven Konjunktureinbruchs durch neue Wermutstropfen getrübt. Der Welthandel soll 2009 um zwölf Prozent
einbrechen. (vgl. Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung 2009) In
den USA erreichten die problematischen Subprime-Kredite mit 9,2 Prozent aller Kredite
in Zahlungsverzug oder Zwangsvollstreckung einen neuen Höchststand. Dort und in
Großbritannien haben die Haushaltsdefizite mehr als zehn Prozent des jeweiligen Bruttoinlandsprodukts (BIP) erreicht – Zahlen, die normalerweise nur in größeren Kriegen
erreicht werden.
Erst im Rückblick werden wir wissen, ob das Jahr 2009 das Ende der Finanzkrise und
der sich anschließenden globalen Rezession bedeutet hat oder nicht.
Zum Zeitpunkt der Niederschrift konnte von einer „Weltwirtschaftskrise“ im klassischen Sinne des Wortes – nämlich einer globalen Depression mit Massenarbeitslosigkeit – nicht gesprochen werden.
Ökonomische Vorhersagen sind immer mit sehr hoher Unsicherheit behaftet, obwohl sie
in der täglichen Berichterstattung der Medien einen prominenten Platz einnehmen und
umfassend diskutiert und kommentiert werden. Der Normalfall ist, dass die ökonomische
7
© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2019
M. Otte, Die Finanzmärkte und die ökonomische Selbstbehauptung Europas,
https://doi.org/10.1007/978-3-658-23179-8_2
8
Teil 1
Der Crashprophet und die Finanzmärkte
Entwicklung nicht quantitativ prognostiziert werden kann. Es gibt zudem viele Belege
dafür, dass die Prognosen von Ökonomen und Finanzanalysten der Realität der Wirtschaft hinterherlaufen. (vgl. Montier 2007) Zudem handelt es sich bei Krisen um gesellschaftliche Phänomene, die entscheidend durch die Erwartungen und Handlungen der
Akteure geprägt werden. So könnten Prognosen zu ihrer eigenen Ungültigkeit führen.
(vgl. Hegel 1970) Es ist daher nur konsequent, wenn Klaus Zimmermann auf die Gefährlichkeit von Prognosen hinweist und 2009 für das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) ganz darauf verzichtete. (vgl. Zimmermann 2009)
2.1
Ursachen
Als ich zur Jahreswende 2005/2006 schrieb, dass uns ein Finanztsunami mit anschließender globaler Wirtschaftskrise bevorstehe, der durch amerikanische Subprime-Hypotheken ausgelöst werden würde, stand ich mit meiner Prognose ziemlich allein. (vgl. Otte
2006) Von den Ökonomen an Universitäten, in Wirtschaftsforschungsinstituten und bei
den Verbänden waren auf beiden Seiten des Atlantiks keine Warnungen zu hören. (vgl.
Prechter et al. 2002) Eine Ausnahme bildete der Global Financial Stability Report des Internationalen Währungsfonds (IWF) vom April 2006, der viele Risiken offen ansprach,
aber keine Konsequenzen hatte. Im Rückblick ist es nicht erstaunlich, dass einige vor der
Krise gewarnt haben, sondern, dass es kaum jemand getan hat. Die Finanzkrise ist durch
ein System der organisierten Verantwortungslosigkeit ausgelöst worden, bei dem zumindest im Ursprungsland USA die Grundsätze soliden Finanz- und Rechtsgebarens flächendeckend ausgehebelt waren. Es lassen sich mindestens neun Gruppen von Akteuren
ausmachen, die in der Krise eine Rolle gespielt haben. Alle haben massive Verantwortung für diese Krise auf sich geladen.
Notenbanken. Die amerikanische Federal Reserve Bank hing seit der 18-jährigen Amtszeit von Alan Greenspan der Doktrin an, dass sich durch die Ausdehnung der Geldmenge und künstlich niedrig gehaltene Zinsen Wirtschaftswachstum fördern ließe. Eine
solche Politik bestraft Sparer und lädt zur Kreditaufnahme für riskante Projekte geradezu
ein. Da die Dynamik der US-Wirtschaft nach 2001 insgesamt nachließ, suchte sich das
viele Geld ungesunde Wege. Diese fand es, indem eine solide Anlageklasse, deren Preise
in den vergangenen Jahrzehnten scheinbar unaufhaltsam gestiegen waren, zur „größten
Spekulationsblase“ der Geschichte missbraucht wurde: Wohnimmobilien.
Dabei war eine ähnliche Blase in Japan erst 1990 geplatzt; vgl. M. Otte, Der Crash
kommt (Anm. 6), S. 168 ff.
So entstand ein Kartenhaus von Krediten, gefördert durch verbriefte Produkte, bei denen
Kredite nicht in den Büchern der Banken gehalten, sondern – zu Wertpapieren umfunktioniert – weiterverkauft wurden.
2
Die Finanzkrise und das Versagen der modernen Ökonomie
9
Investmentbanken. Das Geschäftsmodell der Investmentbanken beruht darauf, dass sie
Transaktionen oder Börsengeschäfte strukturieren, bei denen sie eine Kommission erhalten, zum Beispiel Fusionen und Übernahmen, Emissionen von Aktien und Anleihen,
Börsenhandel auf eigene Rechnung und die Emission von verbrieften Schulden und
strukturierten Produkten. Da die emittierten Produkte nicht oder nur zu einem sehr kleinen Teil in den Bilanzen bleiben, übernehmen Investmentbanken keine mittel- oder
langfristige Verantwortung für die Konsequenzen ihrer Transaktionen. In den Jahren von
2002 bis 2006 wurde die Verbriefung von Hypothekenkrediten zur größten einzelnen
Gewinnquelle der Investmentbanken. (vgl. Tilson und Tongue 2009) Die Verbriefung von
Krediten ist an sich ein durchaus sinnvolles Finanzprodukt: Ein Kredit wird durch einen
Vermögensgegenstand hinterlegt und dann als Wertpapier an der Börse handelbar gemacht. Nicht das „Ob“, sondern das „Wie“ ist entscheidend. Mit dem deutschen Pfandbrief gibt es zum Beispiel ein verbrieftes Produkt höchster Seriosität, das seit mehr als
hundert Jahren hervorragend funktioniert.
Politik in den USA. Sowohl Demokraten als auch Republikaner haben die Förderung
des Wohneigentums zu zentralen Punkten ihrer Politik gemacht. Da aber die direkten
staatlichen Subventionen begrenzt waren, zwang man die Banken, auch riskante Kredite
in einkommensschwachen Gebieten (Slums) zu vergeben, selbst wenn dort die Gefahr
von Zahlungsausfällen höher war. Die US-Politik hat die Vergabe von unseriösen Krediten keinesfalls gebremst, sondern massiv gefördert. Als nach 2004 am Immobilienmarkt
das ungebremste Spekulationsfieber grassierte, trauten sich weder Demokraten noch
Republikaner, politisch einzuschreiten. (vgl. Tully 2004)
Hypothekenbanken in den USA. In den USA werden Hypothekenkredite grundsätzlich
anders als in Deutschland vergeben. Viele Hypothekenbanken agieren quasi nur als
Vertriebs- und Genehmigungsinstitut: Sie nehmen die Kundendaten auf und warten
darauf, dass ihnen eine andere Bank im Hintergrund den Kredit abkauft, bevor sie ihn
genehmigen. Bei dieser Struktur des Kreditsystems haben die regionalen Hypothekenbanken (die man eigentlich Hypothekenvermittler nennen sollte) wenig Anreiz, auf die
Qualität der Produkte zu schauen. So ist es nicht verwunderlich, dass die Hypothekenbanken diesem Wunsch nachkamen und Kredite „produzierten“, und zwar mit immer
unseriöseren Methoden und mit immer schlechteren Standards. (vgl. Tilson und Tongue 2009)
Hauskäufer in den USA. Natürlich hätten die amerikanischen Hauskäufer nicht mitspielen und zu Spekulanten werden müssen. Allerdings gibt es einen deutlichen Unterschied zum deutschen Rechtssystem: Wenn amerikanische Hypothekenschuldner zahlungsunfähig werden, haften sie lediglich mit der Immobilie, nicht mit ihrem gesamten
Einkommen. Sie können also „den Schlüssel abgeben“ und sind ihre Schulden los. Zwar
ist die Kreditwürdigkeit dann erst einmal ruiniert, aber es gab (und gibt) ja SubprimeLoans, bei denen die Kreditwürdigkeit keine Rolle spielt.
10
Teil 1
Der Crashprophet und die Finanzmärkte
Ratingagenturen. Das Rating von Wertpapieren wird derzeit von drei großen angelsächsischen Agenturen dominiert: Moody’s, Standard & Poor’s und Fitch Ratings. Diese
Agenturen machten von 2002 bis 2006 ein Drittel ihrer Gewinne damit, dass sie sich von
den Emittenten der verbrieften Produkte dafür bezahlen ließen, diese zu bewerten (rating). Hier ist ein eklatanter Interessenkonflikt gegeben. So war es erklärbar, dass viele
verbriefte Produkte äußerst minderwertiger Qualität ein AAA-Rating bekamen.
Wirtschaftsprüfungsgesellschaften. Im Prinzip ist es bei den großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften ähnlich. Mir ist kein Fall bekannt, bei dem eine große Wirtschaftsprüfungsgesellschaft vor Ausbruch der Krise einer größeren amerikanischen Gesellschaft
das Testat für den Jahresabschluss versagt hat. Letztlich haben die Gesellschaften die
Praktiken der Banken, Ratingagenturen und Hauskäufer sanktioniert.
Internationale Politik und nichtamerikanische Banken. Nach dem Jahr 2004 haben
zunehmend auch internationale Investoren, vor allem Banken und Versicherungen in
Europa, dazu beigetragen, dass die Blase nicht in sich zusammenfiel. Zwar liegen keine
genauen Zahlen vor, aber es gibt Hinweise darauf, dass Investoren in Europa einen signifikanten Anteil der riskantesten Produkte kauften.
Die Ökonomen. Obwohl die Exzesse der Blase schon in den Jahren 2004 und 2005 von
der amerikanischen Presse beschrieben wurden, schwiegen die Ökonomen, zumindest
die an anerkannten Universitäten und in den Forschungsinstituten. Kaum jemand traute
sich an das „heiße Eisen“ der Immobilienblase heran, obwohl diese deutlich erkennbar
war. (vgl. Otte 2009)
2.2
Folgen: Wo stehen wir heute?
Natürlich kann ein Zusammenbruch des Vertrauens auf aufgeblähten und hypertrophen
Finanzmärkten nicht ohne Konsequenzen bleiben. Im 1. Quartal 2009 schlug die Krise,
die zunächst eine Finanz- und Kreditkrise war, auch in Deutschland voll auf die Realwirtschaft durch. Für 2009 erwartet der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung einen Rückgang des Bruttoinlandsproduktes um
5,0 Prozent, der höchste derartige Rückgang seit Bestehen der Bundesrepublik. (vgl.
Sachverständigenrat 2009)
Deutschland. Im Jahr 2009 sollen laut Sachverständigenrat die privaten Konsumausgaben, die 2008 56 Prozent des BIP ausmachten, immerhin um 0,4 Prozent steigen. Auch
der staatliche Konsum, der 18 Prozent des BIP ausmacht, soll um 2,2 Prozent wachsen.
Der Einbruch erfolgt vor allem bei den Exporten: Hier ist ein Minus von fast 15 Prozent
zu verzeichnen, wobei ein Rückgang der Importe um neun Prozent dies teilweise kom-
2
Die Finanzkrise und das Versagen der modernen Ökonomie
11
pensiert. Ebenso gibt es einen dramatischen Rückgang bei den Ausrüstungsinvestitionen
der Unternehmen, nämlich um fast 21 Prozent, denn die bestehenden Anlagen reichen
aus, um die Nachfrage zu befriedigen. So ergibt sich für Deutschland ein zweigeteiltes
Bild: Während im Konsum und in vielen Einzelbereichen von der Krise kaum etwas zu
spüren ist, stellt sich die Lage beim industriellen Rückgrat der Nation dramatisch dar.
Nicht so dramatisch wie manchmal gezeichnet sind dagegen die Staatschulden: Vor der
Krise hatte die Bundesrepublik fast einen ausgeglichenen Gesamthaushalt. Nach der
Krise werden die Staatschulden vielleicht 80 Prozent des BIP betragen. Das ist ein Drittel höher, als es die Schuldengrenze des Maastricht-Vertrags vorschreibt, und damit
nicht schön, aber auch nicht katastrophal.
Europa. Im restlichen Europa kommt die Krise mit unterschiedlicher Wucht an. Insgesamt halten sich die Auswirkungen in Grenzen, aber in Spanien, wo es eine Häuserpreisblase gab, und in Großbritannien, das zum großen Teil vom Finanzsektor abhängt und
ebenfalls eine Häuserpreisblase zu verzeichnen hatte, ist die Lage sehr ernst, ebenso in
einigen mittel- und osteuropäischen Staaten.
USA. Auch in den USA ist die Lage dramatisch, was durch die offiziellen Zahlen des
BIP, das im Gegensatz zu Deutschland nur um 2,5 Prozent sinken soll, eher verschleiert
wird. Da viele „faule Kredite“ in den Büchern gehalten werden und die Banken sich mit
Zwangsversteigerungen zurückhalten, wird das wahre Ausmaß der Krise verschleiert.
Auch verläuft die Krise in den USA spiegelbildlich zu Deutschland: Die Importe gehen
um 15,3 Prozent zurück, die Exporte nur um 11,6 Prozent. Prinzipiell ist dies eine Entwicklung der importsüchtigen Nation in die richtige Richtung, allerdings werden durch
den steigenden Außenbeitrag in der Krise andere Volkswirtschaften belastet. Die Entwicklung in den USA wirkt also global krisenverschärfend, und ein Ende der Depression
ist nicht abzusehen. Am besten lässt sich dies am Staatsdefizit der USA verdeutlichen:
Es ist von 2,9 Prozent 2007 über 5,9 Prozent 2008 auf 11,9 Prozent 2009 hochgeschnellt.
(vgl. Sachverständigenrat 2009)
China und Asien. Während sich die Staatsverschuldung in Japan, das sich seit Anfang
der 1990er Jahre in einer Art „schleichenden Depression“ befindet, die auch zu einem
Szenario für die gesamte Weltwirtschaft werden könnte, unaufhaltsam von 150 Prozent
des BIP auf 200 Prozent bewegt, (vgl. Hayman Advisors 2009) sind China und die jungen
Volkswirtschaften in Asien Lichtblicke im insgesamt eingetrübten Bild. China hat bislang verantwortungsvoll auf die Krise reagiert und ein Konjunkturprogramm in Höhe
von 20 Prozent des BIP aufgelegt, was angesichts der geringen Staatsverschuldung auch
machbar war. Zum Vergleich: Das ist erheblich mehr als die rund 5,5 Prozent, welche
die USA im ersten American Recovery and Reinvestment Act für die Jahre 2009 und
2010 vorsehen. In Japan wurden ebenfalls Konjunkturprogramme in Höhe von etwa
fünf Prozent des BIP auf den Weg gebracht, in Deutschland beträgt der Impuls rund
12
Teil 1
Der Crashprophet und die Finanzmärkte
zwei Prozent. Dabei darf nicht vergessen werden, dass Deutschland durch eine stabile
Konsumnachfrage erheblich zur Stabilisierung der Weltkonjunktur beiträgt.
So wird für China für 2009 bereits wieder ein Wachstum des BIP von 7,8 Prozent und
für die südostasiatischen Schwellenländer von 5,2 Prozent prognostiziert. (vgl. Sachverständigenrat 2009)
Ökonomischer Gesamtausblick. Im Herbst 2008 haben die Staaten der Welt rasch und
entschlossen reagiert und die Weltwirtschaft vor dem Absturz bewahrt. Daher ist ein
zweites 1929 unwahrscheinlich. Allerdings haben sich die Staaten durch ihre Rettungsaktionen erhebliche Folgeprobleme eingehandelt. Eines ist die schon angesprochene
Erhöhung der Staatsverschuldung, das andere ist eine massive Überschussliquidität, die
heute in den Bankbilanzen lagert. (vgl. Becker, S. 2009) Zuletzt gab es 2001/2002 eine vergleichbare Überschussliquidität, als durch die Geldpolitik der Federal Reserve die Realzinsen unter Null gedrückt wurden. Die Folge kennen wir: die Immobilienblase. Im
Prinzip ist zu viel Geldvermögen auf der Welt. Wir wissen noch nicht, ob dieses im
Rahmen einer Inflation wie in den 1970er Jahren oder durch Deflation und Insolvenzen
reduziert werden wird. (vgl. Otte 2009)
2.3
Regulierung der Finanzmärkte
In einer viel beachteten Rede von 15. Oktober 2008 sagte der Bundesminister der Finanzen, Peer Steinbrück: „Wenn es auf den Weltfinanzmärkten brennt, dann muss gelöscht
werden. Auch wenn es sich um Brandstiftung handelt. Danach müssen die Brandstifter
allerdings anschließend gehindert werden, so was wieder zu machen. Die Brandbeschleuniger müssen verboten werden (…).“ Es gehe darum, stabile und funktionierende
Finanzmärkte zu haben. Diese seien ein öffentliches Gut.
Finanzmärkte gehören reguliert. Es handelt sich um die einzigen Märkte, in denen
Akteure gleichzeitig Anbieter und Nachfrager sein können. Extreme Volumina können
in Sekundenbruchteilen gehandelt werden. Der amerikanische Superinvestor Warren
Buffett sprach von einer „elektronischen Herde“, die jederzeit ausbrechen kann. Sony
Kapoor, ein ehemaliger Investmentbanker bei Lehman Brothers (der schon lange vor der
aktuellen Krise ausgestiegen ist und den Thinktank „Re-Define“ leitet), hat die grundlegenden Prinzipien benannt: Wettbewerbsfähigkeit, Diversität, Fairness. (vgl. Kapoor 2009)
Wettbewerbsfähigkeit. Die Forderung nach 25 Prozent Eigenkapitalrendite zeigt nicht,
dass ein Bankensystem besonders wettbewerbsfähig ist, sondern im Gegenteil, dass in
den Bereichen, wo dies möglich ist (Investmentbanking; USA, Großbritannien, Italien)
oligopolistische Strukturen vorherrschen, in denen der Wettbewerb eingeschränkt ist.
Das deutsche Bankensystem ist oft wegen fehlender Eigenkapitalrenditen kritisiert worden. In einem hoch interessanten zweiteiligen Artikel legt Hannes Rehm, ehemaliger
2
Die Finanzkrise und das Versagen der modernen Ökonomie
13
Vorstandsvorsitzender der NordLB und jetzt Chef des Bankenrettungsfonds (SoFFin)
dar, dass das deutsche Bankensystem bei allen Produktivitätskennzahlen mit Ausnahme
der Eigenkapitalrentabilität gut abschneidet und daher eher als Vorbild dienen kann als
die hochgradig oligopolisierten Systeme Großbritanniens oder der Wall Street. (vgl. Rehm
2008)
Diversität. Ein Bankensystem sollte wie ein diversifiziertes Ökosystem verschiedenartigste Strukturen aufweisen. Es ist schädlich, wenn Banken wie Versicherungen agieren,
Versicherungen wie Banken, und alle Banken auf das Investmentbanking schielen. Das
deutsche Bankensystem mit den Sparkassen, den Genossenschafts-, Volks- und Raiffeisenbanken sowie den Privatbanken war in dieser Hinsicht vorbildlich und von 1870 bis
etwa 1990 eines der international am besten aufgestellten Bankensysteme. (vgl. Keuper und
Puchta 2009)
Fairness. Eine Wirtschaftsordnung sollte fair sein. Umweltverschmutzer sollten die
Kosten der Umweltverschmutzung in Form von Abgaben tragen; Finanzakteure, die
große Risiken eingehen, sollten Rücklagen bilden, um die Folgen tragen zu können. (vgl.
Keuper und Puchta 2009) Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte während der heißen Phase
der Krise, dass es eine „lückenlose Regulierung von Produkten, Akteuren und Regionen“
geben müsse. Regeln sollten einfach sein, damit sie gut umgesetzt werden können. Im
Herbst des Jahres 2008 hörte man vielfach den Ruf nach der „Rückkehr des Staates“.
Aber eine solche Rückkehr fand nicht statt. (vgl. Genschel und Nullmeier 2008) Mittlerweile ist
die internationale Finanzlobby so mächtig, dass das Gegenteil passiert: Das Finanzmarktstabilierungsgesetz in Deutschland wurde von einer Rechtsanwaltskanzlei geschrieben, die wenige Wochen zuvor noch die HypoRealEstate beraten hatte. Auf den
Gipfeln von Washington, London und Pittsburgh – schon die Orte suggerieren, dass man
hier den Bock zum Gärtner gemacht haben könnte – wurden ineffektive Regeln beschlossen, die wenig zur Regulierung der Finanzmärkte beitragen.
Finanzmarktaufsicht. In Europa sollen in Zukunft ein Europäischer Rat für Systemrisiken (ESRC), dem unter anderem die Gouverneure der 27 Notenbanken angehören, sowie
das Europäische System der Finanzaufsicht (ESFS), dem drei europäische Aufsichtsbehörden (für Banken, Versicherungen und Wertpapiergeschäft) sowie die nationalen
Behörden angehören, die Finanzmärkte beaufsichtigen. Bei einem derart komplexen
System ist abzusehen, dass lange Entscheidungswege und die Rivalität zwischen den
staatlichen Akteuren sicherstellen, dass die Aufsicht immer weit hinter den Finanzmarktakteuren zurückbleibt.
Größe der Banken. In den USA sind nach dem Glass-Steagall Act von 1934 die Geschäftsbanken in ihrer Geschäftstätigkeit auf einen Bundesstaat beschränkt worden.
Wenn man sieht, dass es 2008 vor allem die großen Banken waren, die in Schwierigkeiten gerieten (Kaupthing: Bilanzsumme 600 Prozent des isländischen, UBS: 350 Prozent
14
Teil 1
Der Crashprophet und die Finanzmärkte
des schweizerischen, Fortis: 300 Prozent des belgischen Sozialprodukts), wären Größenbeschränkungen sinnvoll, sodass keine Institute entstehen, die zu groß sind, als dass man
sie abwickeln könnte, und die somit die Politik erpressen können. Mit der Zerschlagung
der Royal Bank of Scotland und der ING in den Niederlanden hat die EU-Kommission
eher einzelfallbezogen agiert. Diese „Opfer“ verhindern letztlich, dass anstelle von Einzelmaßnahmen sinnvolle Regeln verabschiedet werden.
Eigenkapitalregeln. In Pittsburgh sind leicht verschärfte Eigenkapitalregeln beschlossen
worden, die aber weit hinter den Erfordernissen zurückbleiben. Noch immer ist das
komplexe System der Eigenkapitalrichtlinien „Basel II“ in Kraft, bei denen Eigenkapitalanforderungen durch einen Risikofaktor gewichtet werden. Zunächst einmal hat dieses
System weltweit zur Ausdünnung von Eigenkapital geführt: Es kann sein, dass Banken
bei Kernkapitalquoten von acht, zehn oder mehr Prozent nur drei Prozent Eigenkapital
aufweisen. Durch diese Ausdünnung der Kapitaldecke wurde die Risikoanfälligkeit des
Systems massiv erhöht, und auch nach der Finanzkrise ist keine Änderung in Sicht. Zudem wirkt das System prozyklisch und fördert im Aufschwung die Leichtsinnigkeit und
in der Krise die Panik: Im Aufschwung erhalten Unternehmen leichter Kredite und können noch mehr expandieren, in der Krise wird der Zugang zu Krediten verteuert. Die
Eigenkapitalregeln nach „Basel II“, die auf Drängen der Amerikaner in Europa eingeführt wurden, begünstigen die Finanz- und schaden der Realwirtschaft. Schließlich wurde „Basel II“ in den USA nicht umgesetzt, während es insbesondere dem deutschen und
österreichischen Mittelstand hohe Kosten verursacht. In einer Podiumsdiskussion bezeichnete SoFFin-Chef Rehm dies als „regulatorische Asymmetrie, die man auf Dauer
nicht hinnehmen könne“. Man könne es auch banal mit „brutale Interessenpolitik“ und
„Wirtschaftskrieg“ übersetzen.
Jahrestagung der IHK zu Schwerin am 09.01.2009.
Insolventes Bankensystem und Fair Value. Einige Dutzend internationale Banken mit
Investmentbankinggeschäft sowie amerikanische Banken haben insgesamt so große
Löcher in den Bilanzen, dass das Eigenkapital des weltweiten Bankensektors negativ
wird, der selber also technisch insolvent ist. Die deutschen Sparkassen sowie die Volksund Raiffeisenbanken und die Genossenschaftsbanken stehen größtenteils höchst solide
da. Im Zuge der Finanzmarktkrise wurden die internationalen Buchhaltungspflichten
(IAS/IFRS) nicht etwa verschärft, sondern gelockert, sodass die Banken ihre Verluste
verstecken können und nicht ausweisen müssen. Letztlich verfolgt die Politik dabei das
Ziel, die Banken schnell wieder viel Geld verdienen zu lassen, damit die negativen Eigenkapitalkonten aufgefüllt werden können. Durch die Aufweichung der Bilanzierungsgrundsätze der Bilanzwahrheit, -klarheit, -vollständigkeit und -zeitnähe sind die rechtlichen Grundlagen einer komplexen Marktwirtschaft bedroht. Es fragt sich, ob hier nicht
der Preis zu hoch ist und einer willkürlichen Behandlung von ökonomischen Aspekten
Tür und Tor geöffnet wird. Wolfgang Bieg hat daher eine Initiative gegründet, die zum
2
Die Finanzkrise und das Versagen der modernen Ökonomie
15
Ziel hat, die konservativen und soliden Regelungen der Bilanzierung nach dem deutschen Handelsgesetzbuch (HGB) wieder einzuführen.
Ratingagenturen. Auch die Funktionsweise der Ratingagenturen ist weitgehend unangetastet geblieben. Zwar sollen sie Transparenzregeln einhalten, aber sie dürfen sich
weiter von den Emittenten der Produkte bezahlen lassen, die sie letztlich benoten sollen.
(Nur Beratungsleistungen sollen nicht mehr möglich sein.) Auch hat es die europäische
Politik bislang versäumt, eine staatliche europäische Ratingagentur als Gegengewicht
zum privaten angelsächsischen Kartell zu gründen, das den Markt beherrscht. (vgl.
Köppen)
Regulierung von Produkten. Hedgefonds, Derivate und Zertifikate bergen erhebliche
Risiken. Warren Buffet bezeichnete bereits im Jahr 2003 Finanzderivate als „finanzielle
Massenvernichtungswaffen“. Dennoch werden diese Produkte auch nach der Finanzkrise
kaum reguliert. In Europa soll es immerhin Regeln für Verwalter Alternativer Investmentfonds (AIFM) geben. Allerdings sind auch hier kaum harte Regeln vorgesehen – die
Fonds sollen lediglich registriert und zugelassen werden und sich selber einige Regeln
zum Risiko- und Liquiditätsmanagement geben. Fonds unter 100 Millionen Euro Volumen, oder unter 500 Millionen, falls kein Fonds gehebelt wird, fallen gar nicht unter die
Regulierung. Die Eigenkapitalregeln kann man nur als schlechten Witz bezeichnen:
AIFM müssen ein Eigenkapital in Höhe von 125.000 Euro zuzüglich 0,02 Prozent (!) auf
den 250 Millionen Euro übersteigenden Betrag vorhalten. (vgl. Köppen) Es drängt sich der
Eindruck auf, dass diese Eigenkapitaldecke keinesfalls zur Haftung gegenüber den Anlegern gedacht ist, sondern dafür, dass die Anwälte des Fondsmanagements ihre Honorare erhalten, falls der Fonds in Schwierigkeiten gerät.
Diese fünf Beispiele – man könnte etliche weitere aufführen – zeigen, dass die Gesten
der Politik bislang vor allem Säbelrasseln waren, dass aber letztlich das System, welches
zur Krise geführt hat, weiter besteht. So ist es nur eine Frage der Zeit, bis sich die nächste Blase entwickeln wird.
2.4
Eine neue Ökonomie?
Seit der Tulpenmanie der Jahre 1635 bis 1637 sind größere Finanzkrisen ein regelmäßiges Phänomen des modernen Kapitalismus. Dennoch werden sie von der modernen
Ökonomie weitgehend ignoriert. Im wohl bekanntesten Ökonomielehrbuch der Volkswirtschaftslehre, „Economics“ von Paul A. Samuelson und William D. Nordhaus, das in
fünfzig Jahren millionenfach verkauft wurde, kommt der Begriff „Krise“ nicht vor. (vgl.
Samuelson und Nordhaus 2007)
16
Teil 1
Der Crashprophet und die Finanzmärkte
Dabei ist Ökonomie immer auch politisch. Es geht nicht darum, ob „der Markt“ oder
„der Staat“ dominieren, sondern um Interessenkonflikte zwischen Staaten, sozialen
Schichten, Gruppen und Branchen, also um die Frage, wer wie viel vom Kuchen bekommt. Es ist sträflich, dass die moderne mathematische Ökonomie dies vernachlässigt.
Prinzipiell wird die politische Ökonomie durch drei Perspektiven informiert: die der
Nation (oder Region), die der sozialen Klasse oder die von Individuen und Gruppen. (vgl.
Gilpin 1987) Friedrich List begründete 1846 die nationale Perspektive. (vgl. List 2008) „Das
Kapital“ von Karl Marx enthält eine der ersten Krisentheorien und behandelt das Problem aus Klassenperspektive. (vgl. Marx 2008) In den 1980er Jahren schrieb Mancur Olson
„Die Logik des kollektiven Handelns“ und zeigte, wie sich in einem liberalen, schwachen Staat starke Interessengruppen die größten Stücke vom Kuchen abschneiden, bis
eine Gesellschaft immobil ist – das Thema seines anderen großen Werks „Aufstieg und
Niedergang von Nationen“. (vgl. Olson 2004)
1947 wurde in der Schweiz die Mont Pelerin Society gegründet, um dem Grundgedanken einer freien und liberalen Gesellschaft wieder zu Ansehen und Wirkung zu verhelfen. Schon damals zeichneten sich zwei Lager ab: diejenigen, die unbedingt an die
Marktrationalität „glaubten“, und diejenigen, die einen starken Staat befürworteten,
damit Märkte überhaupt funktionieren können. Bezüglich der ersten Gruppe sprach Alexander Rüstow auch von der „Religion der Marktwirtschaft“. (vgl. Rüstow 2004 und Röpke
1979) Für die Vertreter der dogmatischen und wirklichkeitsfernen („quasi-religiösen“)
Richtung gab es mehrere Nobelpreise (Friedrich August von Hayek, Milton Friedman),
für die des Ordoliberalismus (Alexander Rüstow, Wilhelm Röpke) bisher keinen einzigen. (vgl. Otte 2009)
Immer ist die Ausgestaltung von Marktformen und Haftungsregelungen wichtig,
wenn wir eine funktionierende und gerechte Marktwirtschaft wollen. Wenn wir die Regeln so gestalten, dass schnelle Investmentbankinggeschäfte oder „Private Equity“ buchhalterisch und rechtlich gegenüber dem klassischen Bankgeschäft bevorzugt werden,
dürfen wir uns nicht wundern, wenn wir eine Ökonomie bekommen, in der die Spekulation blüht. Wenn wir die Regeln so gestalten, dass die Kreditaufnahme gegenüber der
Ersparnisbildung bevorzugt wird, Manager den Lohn ihrer Spekulation einfahren, wenn
es gut geht, und die Allgemeinheit die Kosten zahlt, wenn die Spekulation misslingt,
begünstigen wir diejenigen, die sich auf Kosten von soliden Banken, mittelständischen
Unternehmen und Bürgerinnen und Bürgern bereichern. Wenn wir die Regeln so gestalten, dass Unternehmen, die vom Staat gerettet werden müssen, NICHT verstaatlicht
werden, vergreifen wir uns am Grundgedanken einer liberalen Marktwirtschaft. Wenn
ein neuer Gesellschafter in ein insolventes Unternehmen eintritt, ist das Eigenkapital
ausradiert, und diesem neuen Gesellschafter gehört das Unternehmen – und sei es der
Staat. Man kann das Unternehmen später ja wieder privatisieren.
Im Jahr 2009 wandten sich in Deutschland 83 bekannte Ökonomen – unter anderem
Herbert Giersch, Rudolf Hickel, Olaf Sievert, Christian Watrin und Arthur Woll – mit
einem Aufruf an die Öffentlichkeit, die Lehre der Wirtschaftspolitik an den Universitäten zu retten. Zu sehr werde auf mathematische Modelle gesetzt, sodass das Denken über
2
Die Finanzkrise und das Versagen der modernen Ökonomie
17
wirtschafts- und ordnungspolitische Fragestellungen mehr und mehr in den Hintergrund
gerate. (vgl. Frankfurter Allgemeine Zeitung 2009) Ihr Aufruf droht ohne große Konsequenzen
zu bleiben. Die Gefahr ist groß, dass die Priesterkaste der mathematischen Ökonomen
auch in Zukunft grundlegende ordnungspolitische Zusammenhänge ignoriert und sich in
esoterischen Modellen ergeht, während draußen in der Welt bereits die nächste Blase
entsteht.
Ursprünglich erschienen in Aus Politik und Zeitgeschichte (52/2009) (www.bpb.de/
apuz), Societäts-Verlag, 2009.
2.5
Literatur
Becker, S. (2009): Kommt die nächste globale Liquiditätsschwemme? In: Deutsche Bank Research, Aktuelle Themen 457. Frankfurt/M.
Frankfurter Allgemeine Zeitung (2009): Rettet die Wirtschaftspolitik an den Universitäten! online:
www.faz.net/s/RubB8DFB31915A443D98590B0D538FC0BEC/Doc~EA1E6687105BC44399
168BC77ADE64F8A~ATpl~Ecommon~Scontent.html. Zugegriffen: 23. November 2009
Genschel, P. und Nullmeier, F. (2008): Ausweitung der Staatszone – Die Machtgebärden der Politik sind eine optische Täuschung. Wenn die Krise vorbei ist, regiert wieder das Kapital, in: Die
Zeit vom 6. 11. 2008.
Gilpin, R. (1987): The Political Economy of International Relations, Princeton; ders. (2002): The
Challenge of Global Capitalism: The World Economy in the 21st Century. Princeton.
Hayman Advisors (2009): Newsletter, 3/2009, online: www.docstoc.com/docs/12642446/HaymanAdvisors-Third-Quarter-2009. Zugegriffen: 23. November 2009
Hegel, G. W. F. (1970): Die vollständigen Werke. „Das Bewusstsein bestimmt das Sein“, wusste
schon Hegel zu konstatieren. Frankfurt/M.
Kapoor, S. (2009): Changing a System of our own Creation, online: www.re-define.org/ Zugegriffen: 23. November 2009
Keuper, F. und Puchta, D. (Hrsg) (2009): Deutschland 20 Jahre nach dem Mauerfall – Rückblick
und Ausblick, S. 179–204. Wiesbaden.
Köppen, M. (unveröff. Ms.): Finanzmarktregulierung: Bewertung der bisherigen Maßnahmen auf
nationaler und EU-Ebene.
List, F. (2008): Das Nationale System der Politischen Ökonomie. Baden-Baden.
Marx, K. (2008): Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Bde. I–III. Berlin
Montier, J. (2007): Behavioural Investing: A Practitioner’s Guide to Applying Behavioural Finance. London; dt.: Die Psychologie der Börse. Der Praxisleitfaden Behavioural Finance.
2009. München.
Olson, M. (2004): Die Logik des kollektiven Handelns: Kollektivgüter und die Theorie der Gruppen; ders., Aufstieg und Niedergang von Nationen. Beide Tübingen.
Otte, M. (2006): Der Crash kommt. Berlin.
Otte, M. (2009): Das Schweigen der Ökonomen, in: „Der Informationscrash. Berlin.
Otte, M. (2009): Wir haben zu viel Geld auf der Welt, in: Börse Online vom 12./19.11.2009,
S. 18–21.
18
Teil 1
Der Crashprophet und die Finanzmärkte
Prechter, R. et al. (2002): Besiege den Crash! München.
Rehm, H. (2008): Das deutsche Bankensystem – Befund – Probleme – Perspektiven, in: Kredit
und Kapital, Teil I: 41 (2008) 1, S. 135–159; Teil II: 41 (2008) 2, S. 305–331.
Röpke, W. (1979): Jenseits von Angebot und Nachfrage. Bern.
Rüstow, A. (2004): Die Religion der Marktwirtschaft. Münster
Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (2009): Jahresgutachten 2009/2010: Die Zukunft nicht aufs Spiel setzen. www.sachverstaendigenrat-wirt
schaft.de/gutacht/ga-content.php?gaid=55, S. 27. Zugegriffen: 13. November 2009.
Samuelson, P. und Nordhaus, W. (2007): Volkswirtschaftslehre. Das internationale Standardwerk
der Makro- und Mikroökonomie. München.
Tilson, W. und Tongue, G. (2009): More Mortgage Meltdown. New York.
Tully, S. (2004): Is the housing boom over?, in: Fortune vom 27. September 2004; Horning, F.
(2006): Demütige Milliardäre, in: Der Spiegel vom 21.01.2006.
Zimmermann, K. F. (2009): Warum Prognosen die Krise verschärft haben. Handelsblatt online.
www.handelsblatt.com/politik/gastbeitraege/warum-prognosen-die-krise-verschaerfthaben;2208930. Zugegriffen: 20. März 2009; Konjunktur: DIW traut sich keine langfristige
Prognose zu. Welt online. www.welt.de/wirtschaft/article3555024/DIW-traut-sich-keinelangfristige-Prognose-zu.html. Zugegriffen: 14. April 2009.
3
3 Die Finanzkrise, der Crashprophet und
die Wissenschaft von der modernen Ökonomie
3.1
Die Finanzkrise und die Ökonomen
Am 15. September 2008 meldete die US-amerikanische Investmentbank Lehman Brothers Insolvenz an. Es folgte die schwerste Finanzkrise seit 1929 – eine Liquiditäts- und
vor allem Solvenzkrise der großen, kapitalmarktorientierten Banken, vor allem in den
westlichen Industrienationen. Das Misstrauen der Banken untereinander verursachte ein
Einfrieren der Kreditmärkte und gravierende, realwirtschaftliche Konsequenzen.
In Folge mussten viele Banken durch massive Eigenkapitalhilfen gestützt werden, einige wurden abgewickelt, zerschlagen oder reorganisiert, die Notenbanken gaben Liquidität ungekannten Ausmaßes in den Markt, und viele Industrienationen stützten ab
Herbst 2008 die Konjunktur mit massiven Konjunkturprogrammen. Insgesamt beliefen
sich die Kosten bis Ende 2009 auf ungefähr 10,5 Billionen Dollar oder 20 Prozent des
Weltsozialprodukts. Rund 1,6 Millionen Dollar mussten bei den Banken abgeschrieben
werden, 4,65 Billionen betrug der Wertverlust von Immobilien und 4,2 Billionen Dollar
(oder knapp fünf Prozent des Weltsozialproduktes) gingen auf verringertes Wirtschaftswachstum zurück. (vgl. Commerzbank-Studie 2009)
Als Folge stiegen die Haushaltsdefizite massiv, so dass im Frühjahr 2010 eine Staatsschuldenkrise vor allem in den südeuropäischen Ländern sowie spekulative Attacken auf
den Euro folgten. Dabei sahen die Haushalte der primären Verursachernationen USA
und Großbritannien wesentlich schlechter aus als der Durchschnitt der Haushalte der
Länder der Eurozone. Im Sommer 2010, als dieser Artikel verfasst wird, ist noch nicht
abzusehen, wie lange die Finanzkrise und ihre Folgen die Weltwirtschaft beeinträchtigen
werden.
Zumindest die krisenhafte Entwicklung im Bereich der Staatsfinanzen wäre vorhersehbar gewesen: In einer detaillierten und erschöpfenden Studie der Finanzkrisen der
19
© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2019
M. Otte, Die Finanzmärkte und die ökonomische Selbstbehauptung Europas,
https://doi.org/10.1007/978-3-658-23179-8_3
20
Teil 1
Der Crashprophet und die Finanzmärkte
letzten 800 Jahre legen Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff dar, dass auf Finanzkrisen
historisch sehr häufig im Abstand von ungefähr zwei Jahren Krisen der Staatsschulden
folgen. (vgl. Reinhart und Rogoff 2009) Außerdem hat fast kein Ökonom die Krise vorhergesehen oder vor 2007 vor einer potenziellen Krise gewarnt. Noch 2007 – als die Anzeichen offen zutage lagen – dominierten beschwichtigende Stimmen die Diskussion. In
diesem Beitrag werden die Ursachen hierfür untersucht und Schlussfolgerungen für die
Disziplin der Ökonomie sowie für die Zukunft abgeleitet.
„Wie ein Tsunami“ sei die Krise plötzlich und unvorhersehbar hereingebrochen, sagte
die damalige KfW-Chefin Ingrid Matthäus-Maier auf einer Veranstaltung mit dem Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bank AG, Josef Ackermann, bereits im Jahr 2007.
(vgl. Matthäus-Maier 2007) Diese Auffassung sowie die Meinung, dass die Insolvenz von
Lehman die Hauptursache der Finanzkrise gewesen sei, wurden häufig geäußert. (vgl.
Heusinger 2009) Dabei hatte es in den Jahren 2007 vor der Lehman-Pleite viele Anzeichen
und konkrete Vorfälle gegeben, die zeigten, dass die Stabilität der Weltfinanzmärkte
durchaus gefährdet war.
Bereits am 7. Februar 2007 warnt die HSBC vor massiven Abschreibungen in ihrem
Subprime-Portfolio. Wurde die Bank damals noch als unsolide kritisiert, so stellte
sich im Gegenteil heraus, dass diese frühen Abschreibungen Ausdruck eines besseren
und konservativeren Risikomanagements als bei den anderen Banken war.
Am 21. Juli müssen zwei Hedgefonds von Bear Stearns geschlossen werden.
Am 27. Juli wird die IKB gerettet.
Am 17. August 2007 kommt es zur ersten größeren Panikwelle am Kreditmarkt. Die
Kreditmärkte kommen teilweise zum Erliegen, „schlechte“ und „teure“ Wertpapiere
steigen, während „gute“ und „billige“ weiter fallen: Hedgefonds und Finanzakteure
müssen „gute“ Positionen liquidieren, um die leer verkauften, schlechten Positionen
einzudecken, weil der Kreditzugang deutlich erschwert ist.
Am 14. September 2007 kommt es zum Bank-Run auf die englische Hypothekenbank
Northern Rock.
Am 11. Januar 2008 wird die amerikanische Countrywide Financial von der Bank of
America übernommen, am 17. Februar 2008 Northern Rock verstaatlicht.
Am 17. März 2008 kollabiert Bear Stearns und wird von J. P. Morgan übernommen.
Am 11. Juli 2008 kollabiert die US-amerikanische Hypothekenbank Indymac, am
16. Juli 2008 tauchen Gerüchte über eine mögliche Insolvenz der staatsnahen amerikanischen Hypothekenbanken Fannie Mae und Freddie Mac, mit Bilanzsummen von
bis zu 50 Prozent des US-Sozialprodukts, auf.
Am 7. September 2008 werden Fannie Mae und Freddie Mac verstaatlicht.
Es kann also schon verwundern, wenn in Folge der Finanzkrise ausgerechnet die Lehman-Pleite als Auslöser bezeichnet wird. Viel Grund zur Besorgnis haben die Ökonomen
jedenfalls den wirtschaftspolitisch Verantwortlichen in den Jahren vor dem Ausbruch der
Krise nicht geliefert: Die Prognosen und Aussagen von Wirtschaftsforschungsinstituten,
3
Die Finanzkrise, der Crashprophet und die Wissenschaft von der modernen Ökonomie
21
prominenten Ökonomen und Institutionen in den Jahren vor Ausbruch der Krise zeigten
fast ausschließlich in Richtung eines weiteren gesunden Wachstums der Volkswirtschaft.
Im Jahr 2003 erläuterte Nobelpreisträger Robert Lucas in seiner Ansprache des Präsidenten an die American Economic Association als zentrale These, dass „die Makroökonomie ihr Ziel erreicht hat: Ihr zentrales Problem der Verhinderung von Depressionen ist
gelöst worden“. (vgl. Lucas Jr. 2003) Im Oktober 2007 sprach Paul Krugman, der in seinem
Buch „The Return of Depression Economics“ bereits im Jahr 2000 vor deflationären und
depressionsähnlichen Zuständen gewarnt hatte, von einer „Wachstumsrezession“.
Alan Greenspan bestätigte wiederholt, dass er keine signifikanten Risiken sehe. Vor
dem Financial Services Committee des US-Repräsentantenhauses äußerte er im Februar
2005, dass man zwar „Charakteristika einer Häuserpreisblase in gewissen Gegenden,
nicht aber in der gesamten Nation“ beobachten könne. (vgl. Greenspan 2005) Im Oktober
2005 sagte er, dass “diese zunehmend komplexen Finanzinstrumente dazu beigetragen
hätten, dass sich ein weitaus flexibleres und damit widerstandsfähiges Finanzsystem
entwickelt habe als noch vor einem Vierteljahrhundert.“ (vgl. Greenspan 2005)
Der Global Financial Stability Report des Internationalen Währungsfonds von April
2007 beschreibt die Ursachen der Finanzkrise sehr präzise:
„Moreover, competitive pressures and risk models may help to perpetuate risk-taking that,
from an individual institution’s view, responds rationally to the current environment but
collectively could raise systemic risks. A market correction, potentially triggered by a
volatility shock, could be amplified by leveraged positions and uncertainties about concentrations of risk exposures stemming from the rapid growth in innovative and complex
products, some of which have rather illiquid secondary markets.“ (vgl. Internationaler
Währungsfond 2007)
Dennoch verharmlosen die daraus folgenden Schlussfolgerungen die potenzielle Gefahr.
Zum Beispiel geht der IWF davon aus, dass „die potenziellen Verluste im SubprimeSektor ziemlich begrenzt seien, weil fast 90 Prozent aller Subprime-Papiere mit A oder
höher bewertet seien.“ (vgl. Internationaler Währungsfond 2007) Eine Krise schien immer noch
ein „Vorfall mit einer geringen Wahrscheinlichkeit zu sein, aber die Risiken würden
steigen, wenn viele Subprime-Probleme simultan auftauchen würden.“ (vgl. Internationaler
Währungsfond 2007)
Es verwundert nicht, dass die Prognosen der Wirtschaftsforscher und -forschungsinstitute ebenfalls keine Rezession vorsahen. Der Wochenbericht des DIW vom 16. Oktober 2007 – da waren die ersten Subprime-Probleme und die erste größere Klemme am
Kreditmarkt bereits aufgetaucht – ist überschrieben „Weltwirtschaftliche Expansion nur
leicht gedämpft – Rezession nicht wahrscheinlich.“ (vgl. Deutsches Institut für Wirtschaft 2007)
Seine zweite Pressemitteilung aus dem Jahr 2007 leitet das Institut der Deutschen Wirtschaft ein mit: „U.S.-Immobilienmarkt – solides Fundament“. (vgl. Institut der Deutschen
Wirtschaft Köln 2007) In einem Interview vom 24. Oktober 2007 äußerte Hans-Werner Sinn,
in Bezug auf die Aussichten für 2008: „Eine Rezession steht nicht an.“ (vgl. Sinn 2007)
22
Teil 1
Der Crashprophet und die Finanzmärkte
Bert Rürup legte am 12. April 2008 noch zu: „Die Konjunkturrisiken haben zugenommen, aber wir stehen definitiv nicht vor einer Rezession.“ (vgl. Brönstrup 2008)
Im Jahr 2005 warnte der Sachverständigenrat immerhin: „Risiken für einen stärkeren
Rückgang der Weltkonjunktur und damit auch für die Entwicklung in Deutschland ergeben sich abgesehen vom Ölpreis nach wie vor aus einer Korrektur des US-amerikanischen Leistungsbilanzdefizits und einem Preisrutsch auf den Immobilienmärkten.“ (vgl.
Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung 2005) Die Prognose für
2008 liest sich da viel optimistischer: „Unter der Annahme, dass es den Notenbanken
wie den großen Finanzinstituten weiterhin gelingen wird, die Effekte der Finanzkrise auf
die Liquidität und die Solvenz der Banken begrenzt zu halten, dürfte die Dynamik der
Weltkonjunktur jedoch so stark sein, dass es im Jahr 2008 … zu einer Abnahme der
Zuwachsraten des globalen, zu Marktwechselkursen berechneten BIPs von 3,7 v. H. auf
3,3 v. H. kommen wird.“ Und für 2009 geht der Sachverständigenrat von einer konjunkturellen Abschwächung in der ersten, gefolgt von einer leichten Erholung in der zweiten
Jahreshälfte aus – immerhin 1,8 Prozent Wachstum. (vgl. Sachverständigenrat zur Begutachtung
der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. 2007) Ähnlich der World Economic Outlook, zum Beispiel vom November 2007, der davon ausgeht, dass die Anpassungen im US-Immobiliensektor das Wachstum auf eine niedrige Ebene ziehen, aber keine Rezession auslösen
werden. (vgl. Elmeskov 2007)
Insgesamt lässt sich von einem kollektiven Versagen der Wirtschaftsforscher und der
Wirtschaftsforschungsinstitute sprechen. Mit Ausnahme von Nouriel Roubini von der
New York University warnte kein Ökonom einer namhaften Universität nachdrücklich
vor einem Platzen der Immobilienblase und einer möglichen Weltfinanzkrise. (vgl. Leisinger 2006) Warnende Stimmen kamen vor allem aus der Praxis. George Soros, ein Mann,
der sein Können an den Finanzmärkten immer wieder bewiesen hatte, warnte im Januar
2006 vor einer bevorstehenden, tiefen Rezession. (vgl. Stilz 2006) Warren Buffett sprach
2003 von Finanzderivaten als „finanziellen Massenvernichtungswaffen“. (vgl. Buffett 2002)
Robert Prechter und John Rubino hatten bereits 2002 und 2003 vor einem Platzen der
Immobilienblase gewarnt. (vgl. Prechter 2002. Rubino 2003)
Aber nicht nur in Bezug auf eine potenzielle Warnung vor der ab 2007 hereinbrechenden Finanzkrise hat die Disziplin wenig anzubieten. Auch die theoretische Behandlung von Krisenphänomenen ist, trotz ihres regelmäßigen Auftretens, stark vernachlässigt.
Krisen sind – beginnend mit der Tulpenmanie in Holland in den Jahren 1636 bis
1637 – ein regelmäßiges Phänomen des modernen Kapitalismus. In seinem 1978 erstmals erschienenen Buch „Manias, Panics, and Crashes – a History of Financial Crises“
hat Charles Kindleberger 34 Krisen zwischen der Tulpenblase und dem Platzen der Blase in Japan im Jahre 1990 gezählt. (vgl. Kindleberger 1978) Dazu gehören, neben der Tulpenmanie, der Südseeblase, der Mississippi-Blase, dem Platzen der Eisenbahnblase in
England im Jahre 1836, dem Zusammenbruch des Immobilien- und Gründerbooms in
Deutschland, Österreich und den USA nach 1873 (der ersten „globalen Krise der Neuzeit“), auch die Weltwirtschaftskrise und die lateinamerikanische Schuldenkrise seit
3
Die Finanzkrise, der Crashprophet und die Wissenschaft von der modernen Ökonomie
23
1982. In seiner „Geschichte der Handelskrisen“ analysierte Max Wirth bereits 1874 ein
gutes Dutzend Finanz- und Wirtschaftskrisen. Schon damals verwendete er für die Krise
von 1869 die Überschrift: „Der schwarze Freitag im September 1869 in New York.“ (vgl.
Wirth 1874)
Es ist angesichts des regelmäßigen Auftretens von Krisen erstaunlich, wie wenig sich
die gängigen Lehrbücher damit auseinandersetzen. Für Gregory Mankiw ist zum Beispiel der Begriff „Wirtschaftskrise“ keiner der zehn wichtigsten Begriffe der Volkswirtschaftslehre. (vgl. Mankiw et al. 2008) In Andrew Abels und Ben Bernankes „Macroeconomics“ fehlen Begriffe wie „Blase“ oder „Finanzkrise“ im Glossar und das, obwohl
Bernanke intensiv über die Große Depression geforscht hat. (vgl. Abel und Bernanke 2004) In
Paul Krugmans „Essentials of Economics“ werden immerhin Bankenpaniken und die
Aktienblase der New Economy erklärt. Das Buch schweigt sich aber – wie es sich für
einen linksliberalen Ökonomen gehört – über die Staatsverschuldung und die Kreditkrise
der 1980er Jahre aus. (vgl. Krugman et al. 2007) Michael Burda und Charles Wyplosz bringen
eine kurze Beschreibung der Tulpenblase in Holland, weiter nichts. (vgl. Burda und Wyplosz
2005)
Am bezeichnendsten ist, dass im wohl am meisten verbreiteten und seit Jahrzehnten
millionenfach verkauften Lehrbuch der Volkswirtschaftslehre von Paul Samuelson Wirtschaftskrisen nicht vorkommen. (vgl. Samuelson und Nordhaus 2007) Stattdessen zeichnen
Samuelson und seine Koautoren das Bild einer Volkswirtschaft, die deutlich definierten
und isolierbaren Kausalzusammenhängen gehorcht. Man fühlt sich in die Physik des
19. Jahrhunderts zurückversetzt. Und man wundert sich, dass der enge Kausalitätsbegriff, den die Physik im frühen 20. Jahrhundert zu überwinden begann, in der Ökonomie bis heute dominiert.
3.2
Der „Crashprophet“
Anfang 2006 prognostizierte ich in meinem Buch Der Crash kommt eine plötzliche und
gravierende Finanzkrise für die Jahre zwischen 2007 und 2010, die mit der Wucht eines
Tsunami auftreten würde (vgl. Otte 2006):
Ich kann Ihnen nicht sagen, ob der Crash im Jahr 2008 kommt. Vielleicht ist es 2007 schon
so weit, vielleicht erst 2009 oder 2010. Menschliches Verhalten – und um nichts anderes
handelt es sich bei dem Ausbruch einer großen Wirtschaftskrise – lässt sich nicht mit mathematischer Präzision voraussagen, auch wenn es bestimmte Krisenpropheten immer wieder versuchen. Einige der stärksten Hinweise deuten eher auf das Jahr 2010 hin, andere
schon auf Ende 2007. Aber wenn ich die Zeichen richtig verstehe, die uns die Weltwirtschaft derzeit überall hinterlässt, dann muss es krachen – und zwar mit einer gewaltigen
Wucht. (vgl. Otte 2006)
24
Teil 1
Der Crashprophet und die Finanzmärkte
Auch die potenziellen Ursachen identifizierte ich: die Blase bei US-Subprime Hypotheken im Zusammenspiel mit Finanzderivaten, einer Aufblähung von Finanzaktiva und
massiven, weltwirtschaftlichen Ungleichgewichten zwischen den USA, Asien (China)
und Europa.
In Folge wurde ich gelegentlich als „Crashprophet“ tituliert, eine Bezeichnung, gegen
die ich mich verwehre. (vgl. Katzenberger 2009) Meine Prognosen beruhten auf einem Blick
für das Ganze, historischen Vergleichen und der politischen Ökonomie. Hier sollen die
persönlichen Voraussetzungen offengelegt werden, die es mir erlaubten, meine Crashprognose zu treffen. Eine solche Offenlegung des eigenen Standpunktes ist heute in den
Geistes- und Sozialwissenschaften leider immer weniger üblich. Aber Ideen und Prognosen haben ihre eigene „Geschichte“, die zum Verständnis unerlässlich ist. Hinter der,
heute oft wie ein Schild vorgehaltenen, empirischen und theoretischen „Objektivität“
bleiben so oft wesentliche Aspekte einer Debatte verborgen.
Es waren im Wesentlichen fünf Punkte, die die Basis für die Crashprognose bildeten:
1. Im Jahr 1986 hörte ich, als 21-jähriger Student, Charles Kindleberger, den Vater aller
Crashforscher. Kindleberger las einige Stellen zur holländischen Tulpenblase aus
Charles Mackays Klassiker „Extraordinary Popular Delusions and the Madness of
Crowds“ vor. Kindlebergers Vortrag hinterließ einen bleibenden Eindruck. (vgl. Mackay
1841)
2. Der Eindruck Kindlebergers wäre wohl nicht so stark gewesen, wenn die Geschichtsund Geisteswissenschaften mich nicht schon immer besonders interessiert hätten. In
einer idealen Welt hätte ich wohl sehr gerne Geschichte und Geschichtsphilosophie
studiert, entschloss mich dann aber doch zum Studium der Volks- und Betriebswirtschaftslehre. Während meines Promotionsstudiums an der Princeton University habe
ich mich mit internationaler politischer Ökonomie beschäftigt, einer Disziplin, die im
neunzehnten und frühen 20. Jahrhundert entscheidend von Deutschen, wie zum Beispiel Friedrich List, Karl Marx, Max Weber, Werner Sombart, geprägt wurde, nun
aber vor allem in Nischen in den USA und in Deutschland, höchstens noch als linke
Theorie überlebt. Dabei ist „politische Ökonomie“ umfassender als Wirtschaftspolitik. Immerhin: Als ich in den 1980er Jahren an der Universität zu Köln studierte, traf
ich noch viele Wirtschaftspolitiker an: Christian Watrin, Gerhard Fels, Karl Hansmeyer, Hans Willgerodt und Gernot Gutmann. Für mich war es ein Glücksfall.
3. Heute lege ich meine Karten offen und gestehe etwas, das ich noch nie öffentlich
gesagt habe. So viel bin ich meiner Alma Mater schuldig. In Princeton las ich 1989
den Bestseller eines ansonsten unbekannten Collegeprofessors namens Ravi Batra
„The Great Depression of 1990: why it’s got to happen, how to protect yourself“. (vgl.
Batra 1987) Batra prognostizierte für 1990 eine große Depression, und etliche seiner
Argumente ergaben Sinn. Seine Gesellschaftstheorie war zwar arg verkürzt, aber wer
sich mit internationalen ökonomischen Ungleichgewichten und der Zwischenkriegszeit beschäftigt hatte, für den konnte es 1989 schon ziemlich beängstigend aussehen.
3
Die Finanzkrise, der Crashprophet und die Wissenschaft von der modernen Ökonomie
25
Es kam anders als Batra es vorhergesehen hatte, weil die 1990er eine Phase der ungebrochenen Liberalisierung und der Globalisierung waren und damit zu einem einmaligen Niveauverschiebungseffekt führten. Aber sein Buch blieb mir im Gedächtnis
haften. (vgl. Batra 1999)
4. Die grundlegende Überlegung Batras war nicht falsch: Wir haben über viele Jahre die
Geld- und Kreditmenge schneller als die reale Wirtschaft wachsen lassen. Dies führte
zu einer immer größeren Ungleichverteilung von Einkommen und Vermögen, was
Batra, aber auch John Kenneth Galbraith, als Krisenursachen ansehen. (vgl. Galbraith
1955) Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 forcierte Alan Greenspan diese
Politik weiter, mit teilweise negativen Realzinsen in den USA. An die spekulative
Blase der New Economy schloss sich nahtlos die Übertreibung bei US-Immobilien
an, die ab 2002 in ihre manische Phase überging. Die US-Medien berichteten ausführlich darüber. (vgl. Tully 2004) Auch zwei von mir geschätzte Prognostiker und unabhängige Analysten, Robert Prechter und John Rubino, veröffentlichten 2002 und 2004
Bücher, in denen sie eine kommende Deflation beziehungsweise ein Platzen der Häuserblase ökonomisch logisch begründeten. (vgl. Prechter und Rubino) Nun passierte 2005
nichts, und die Häuserpreise stiegen in ungeahnte Höhen. Angesichts der Spekulationsblase, deren Volumen ein Vielfaches der New Economy ausmachte, und der
grundlegenden Ungleichgewichte in der Weltwirtschaft sah ich die Wahrscheinlichkeit einer massiven Wirtschaftskrise, hervorgerufen durch den US-Subprime-Sektor,
als sehr hoch an und schlug Anfang 2005 dem Econ-Verlag ein diesbezügliches Buch
mit dem Arbeitstitel „Crash 2008“ vor.
5. Zu guter Letzt: Ich hätte diese Chance, mir als Prognostiker einen Ruf zu machen,
sicher nicht genutzt, wenn ich Teil des normalen Wissenschaftsbetriebs oder Mitarbeiter in einem Wirtschaftsforschungsinstitut gewesen wäre. Zu groß wären die Risiken einer Fehlprognose für die Karriere gewesen, selbst wenn ich ziemlich fest davon
überzeugt gewesen wäre, dass ich Recht behalten würde. Selbst, wenn ich zu 90 Prozent davon überzeugt war, Recht zu behalten, hätte ich es mir überlegt, ob ich das
zehnprozentige Risiko eines Endes meiner Karriere als Wirtschaftswissenschaftler auf
mich genommen hätte. Als FH-Professor in allgemeiner und internationaler BWL,
Fondsmanager und Publizist sah meine individuelle Nutzenfunktion anders aus.
Im Nachhinein ist die Erklärung für die Krise einfach: Es handelte sich um eine klassische übermäßige Kreditexpansion mit folgender Kreditdeflation, wie sie Ludwig von
Mises in der Theorie des Geldes und der Umlaufmittel im Jahr 1912 zum ersten Mal
analysierte (vgl. Mises 1912) und wie sie Friedrich August von Hayek in seiner Geld- und
Konjunkturtheorie 1929 weiter vertieft hatte: (vgl. Hayek 1929) Wenn durch eine lockere
Geldpolitik oder andere Faktoren ein zu optimistisches Wirtschaftsklima entsteht, beginnt eine endogene Expansion des Kreditvolumens. Durch positive Wirtschaftszahlen
steigt der Optimismus weiter an, es werden immer fragilere Finanz- und Wirtschaftskonstruktionen gewagt. Am Ende ist der Aufschwung sehr labil und eine Kleinigkeit
26
Teil 1
Der Crashprophet und die Finanzmärkte
kann zu einer schlagartigen Veränderung des Wirtschaftsklimas und damit in die Depression führen. Wo vorher Verschuldung und Wachstum im Vordergrund standen, sind
es nun Kreditkontraktion und Konsolidierung.
Das war 2006 auch meine theoretische Grundlage: Ich sah, mit Blick auf den USImmobiliensektor und die weltwirtschaftlichen Ungleichgewichte, das Kreditsystem als
massiv überspannt an. Ich schrieb: „Das globale Finanzsystem ist mittlerweile ein komplexes Kartenhaus von Krediten auf vielen Ebenen, die beim besten Willen nicht mehr
zurückgezahlt werden können. Irgendwann wird die Masse der Schulden unter ihrem
eigenen Gewicht zusammenbrechen.“ (vgl. Otte 2006)
3.3
Schweigen und Fehlprognosen der Ökonomen:
eine institutionenökonomische Erklärung
Warum also hat die überwältigende Mehrheit der wissenschaftlichen oder theoretischen
Ökonomen das Problem verdrängt, ignoriert oder schlichtweg gar nicht gesehen? Als ich
mein Buch auf einer Podiumsdiskussion im September 2006 in Berlin vorstellte, erwiderte mir einer der angesehensten Ökonomen Deutschlands, den wir als Teilnehmer der
Podiumsdiskussion gewonnen hatten, dass man das so nicht sehen könne: Eigentlich sei
das Kreditvolumen egal, denn für jede Verschuldung gebe es ja woanders eine Gegenbuchung als Guthaben. Wörtlich sagte er:
„Für jedes Soll wird woanders ein Haben verbucht.“
Der Name dieses Ökonomen, der zwei Jahre später in den Medien vor einer möglichen
Weltwirtschaftskrise warnte, soll nicht genannt werden. Ich habe es erwähnt, nicht weil
es eine amüsante Ausnahme ist, sondern weil es den damaligen Konsens der Ökonomen
weitestgehend wiedergab (und weil es bereits wieder dabei ist, zum Konsens zu werden?). Für Keynesianer bestimmt letztlich die effektive Nachfrage den Gang der Wirtschaft, für die Monetaristen ist es die Versorgung der Wirtschaft mit Geld, die möglichst
stabil und am Potenzial der Wirtschaft orientiert sein sollte. Beides sind, selbst in ihren
komplexen Varianten, recht mechanistische Ansätze. Dennoch bestimmen diese beiden
Positionen bis heute den Methodenstreit in der Makroökonomik. Neokeynesianische
oder österreichische Ansätze, die auch das Phänomen der Kreditdeflation zulassen würden, bleiben Außenseiterpositionen.
Es lässt sich belegen, dass die Markt- und Konjunkturprognosen der Profis äußerst
prozyklisch sind. James Montier, Experte für Behavioral Investing und Marktstrategie,
hat die Gewinnprognosen von Analysen untersucht. Es zeigt sich, wie aus Abb. 3.1 ersichtlich, dass die Prognosen der Realität zeitversetzt folgen. (vgl. Montier 2007)
3
Die Finanzkrise, der Crashprophet und die Wissenschaft von der modernen Ökonomie
27
Abb. 3.1 Gewinnentwicklung und Prognosen (Quelle: James Montier, DrKW Macro Research,
„Analysts lag reality“)
Dieses Schema ließ sich auch bei den Konjunkturprognosen während der Finanzkrise
beobachten (siehe Abb. 3.2).
4
3
2
1
0
-1
-2
-3
-4
-5
-6
2006
2007
Tatsächlich
2008
2009
Prognose des Vorjahres
Abb. 3.2 Wachstum des BIP in der Bundesrepublik und Gemeinschaftsdiagnose des Vorjahrs
(Quelle: Deutsche Gemeinschaftsdiagnose der Arbeitsgemeinschaft deutscher wirtschaftswissenschaftlicher Forschungsinstitute e. V. im DIW Berlin (Hrsg); Jahresberichte des Bundeswirtschaftsministeriums)
Hier lässt sich dasselbe Muster beobachten. Nachdem 2006 und 2007 das tatsächliche
Wachstum höher gelegen hatte als die Prognose, wurde diese 2008 angehoben, gerade
als das Wachstum abflachte. Die Prognose blieb auch für das Herbstgutachten 2008 noch
28
Teil 1
Der Crashprophet und die Finanzmärkte
auf einem hohen Niveau, als der massive Einbruch erfolgte. Ein ähnliches Muster zeigt
sich bei den Prognosen des Internationalen Währungsfonds für die Weltwirtschaft (siehe
Abb. 3.3).
6
5
4
3
2
1
0
-1
2006
2007
2009
2008
Tatsächlich
Prognose
Abb. 3.3 Wachstum des Weltsozialprodukts zu konstanten Preisen und IWF-Prognose des Vorjahres (Quelle: IWF World Economic Outlook Database)
Noch im Frühjahr 2008 weigerten sich viele Institute anzuerkennen, dass es eine Rezession geben würde. Im Spätsommer 2008 wurde dann allgemein akzeptiert, dass es eine
leichte Rezession geben müsse. Und im Juni 2009 warnte Norbert Walter – wiederum
deutlich zu spät – dass das Schlimmste noch vor uns liege. (vgl. Walter 2009) Als einziger
hat Klaus Zimmermann aus dem Totalversagen der Wirtschaftsforscher den Schluss
gezogen, für das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung zunächst einmal auf Prognosen zu verzichten. (vgl. DIW 2009)
Noch etwas: Kann es etwas Unsinnigeres geben als Konsensprognosen? Wenn wir
Modelle ernst nehmen, beruhen die Prognosen auf Wirkungszusammenhängen und
kausaler Logik. Welchen Sinn kann es machen, verschiedene kausale Logiken zusammenzuwerfen und daraus einen Durchschnitt zu bilden? Aus der Fehlertheorie
wissen wir: Wenn Sie schlechte Information mit guter Information mischen, erhalten
Sie schlechte Information. Ähnlich ist es mit der Logik: Eine Vermischung zweier Logiken produziert Unsinn.
Nie gab es mehr Wirtschaftsforschungsinstitute als heute. Nie waren die Ökonomen präsenter in Medien und Politik. Gibt es eine Erklärung dafür, dass die Ökonomen nicht vor
einer möglichen Finanzkrise mit katastrophalen Folgen gewarnt haben?
3
Die Finanzkrise, der Crashprophet und die Wissenschaft von der modernen Ökonomie
29
Beschäftigt man sich etwas näher mit der individuellen Nutzenfunktion eines Wirtschaftsforschers an einer Hochschule, einem sonstigen Forschungsinstitut oder bei einem
Verband, ist dieses prozyklische Verhalten sehr gut erklärbar. Nutzen stiften a) das Ansehen unter den Kollegen und b) die Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit.
Nutzen 1: Reputation unter Kollegen
Ziel ist es, ordentliche Wissenschaft zu betreiben und das Ansehen der Kollegen zu
gewinnen und zu behalten. Da fällt eine Prognose, die weit vom Konsens abweicht,
schon schwer, insbesondere, wenn es eine negative Prognose ist. Nehmen wir weiter an,
ein Forscher erwägt eine solch negative Prognose. Wenn er Recht hat, werden ihm seine
Kollegen das nicht unbedingt danken. Sein Gehalt wird nicht steigen. Vielleicht hat er
sich sogar Neid zugezogen.
Wenn die stark vom Konsens abweichende, negative Prognose falsch ist, ist die Karriere des Prognostikers hingegen ernsthaft gefährdet, vielleicht ist er sogar erledigt. Bei
Betrachtung dieser Kosten-Nutzen-Relation wird er sich, im Großen und Ganzen, mit
der Masse seiner Kollegen bewegen. Die Tatsache, dass dies der Treffsicherheit der
Prognosen nicht nützt, ist dabei ziemlich unerheblich. Warren Buffett sagte hierzu: „Als
Spezies haben Lemminge einen schlechten Ruf. Aber kein einzelner Lemming ist jemals
ausgesondert und für das Verhalten der Spezies verantwortlich gemacht worden.“ (vgl.
Buffett 1984)
Nutzen 2: Aufmerksamkeit
Das Gedächtnis der Märkte ist kurz geworden. Wenn ein Ökonom oder eine Ökonomin
die Medienöffentlichkeit sucht, ist er oder sie gut beraten, die Stimmung des Augenblicks zu verstärken. Mitten im Crash sind positive Aussagen wenig gefragt, sondern
eher dramatisierende Aussagen. Im Aufschwung werden hingegen Krisenprognosen
verdrängt.
Ich gebe hier – zugegebenermaßen – anekdotische Evidenz. Eines der bekanntesten
Beispiele ist die Titelgeschichte der angesehenen amerikanischen Business Week, die im
August 1979 eine Titelgeschichte „The Death of Equities“ (Der Tod der Aktien als Anlageklasse) brachte, wenige Jahre bevor Aktien zum größten Aufschwung des Jahrhunderts starteten. (vgl. Bloomberg Businessweek 1979) Am 10. März 2000 titelt die BILD-Zeitung
treffsicher zum Höhepunkt der „New-Economy“-Blase: „Reich mit Aktien“. (vgl. Mühlauer
2008) Im Oktober 2002 titelte Der Spiegel dann „versenktes Geld“ – gerade als ein Einstieg an der Börse immer lohnenswerter wurde. (vgl. Der Spiegel 2002) Wenige Jahre später
kehrten Optimismus und Euphorie zurück. Im Januar 2007 titelte Focus Money „10 Aktien, die immer steigen“. (vgl. Hoffmann et al. 2007) Am 5. Dezember 2008 warnt Norbert
Walter, damaliger Chefvolkswirt der Deutschen Bank, vor einer „dramatischen Rezession“. (vgl. Focus Money 2008)
Normalerweise sind von den Medien prozyklische Einschätzungen gefragt. Als zum
Beispiel der Verfasser und Folker Hellmeyer, Chefökonom der Bremer Landesbank, am
30
Teil 1
Der Crashprophet und die Finanzmärkte
21. Mai 2010 in der 3Sat-Börse, auf dem Höhepunkt der Euro- und Griechenland-Krise,
positive Einschätzungen zur Eurozone abgaben, war die Moderatorin sichtlich überrascht
von der unerwarteten Wendung des Gesprächs. (vgl. Otte und Hellmeyer 2010)
Die banale Logik: Das Publikum empfindet in der Mehrheit prozyklisch. Für diese
Erkenntnis hat Daniel Kahneman den Nobelpreis erhalten, als er nachwies, dass unsere
Geldanlageentscheidungen und ökonomischen Einschätzungen sehr häufig von Instinkten des Kleinhirns gesteuert werden. (vgl. Kahneman und Tversky 1979) Damit erhöhen sich
die Werbeeinahmen eines Mediums, wenn Themen geschaltet werden, die gerade „in“
sind. Und „Experten“, die diese Themen bedienen, erhalten eine erhöhte Aufmerksamkeit. Auf der anderen Seite ist die Halbwertszeit von Statements in den Medien sehr
kurz. Der „Track Record“ eines Prognostikers oder Wirtschaftsforschers ist nur sehr
schwach mit dessen Erfolg und Ansehen korreliert. Die Strategie mit dem größeren Erwartungsnutzen ist also eine prozyklische.
3.4
Theoretische und empirische Wirtschaftsforschung:
Grenzen und Probleme des Modelldenkens
Die moderne Ökonomie arbeitet mit quantitativen Modellen. Modelle bringen grundlegende Hypothesen über Wirkungszusammenhänge in eine strenge Form und helfen so,
über sie nachzudenken und sie empirisch zu testen. Es bestehen aber fundamentale Erkenntnisprobleme bei ökonomischen Makro- und Mikromodellen, wie sie von Alfred
Marshall eingeführt und dann zum Beispiel im Lehrbuch von Samuelson und Nordhaus
millionenfach verbreitet wurden. Ein bestimmter Wirkungszusammenhang, der postuliert, isoliert und als Modell dargestellt und getestet wurde, mag in der Vergangenheit
gegolten haben, doch das sagt oft wenig über die Zukunft aus. Ich möchte hier einige
Grenzen des Modelldenkens zur Diskussion stellen.
1. Stabile Nutzenfunktionen und exogene Präferenzen
Bei der Mehrheit der ökonomischen Modelle werden stabile Nutzenfunktionen vorausgesetzt, die auf exogenen (= vorgegebenen) Präferenzen der am Prozess beteiligten Individuen beruhen. Oft werden bestimmte Annahmen über den Verlauf dieser Funktionen
getroffen. Auch die österreichischen Ökonomen setzen solche Funktionen voraus, auch
wenn sie sich dagegen wehren, dass diese im Einzelfall beschrieben werden können.
Die Grundannahme, dass Präferenzen stabil und exogen gegeben sind, sowie dass nur
die Präferenzen von Individuen zählen, stellt die sozialwissenschaftliche Schule des
Institutionalismus in Frage. (vgl. Keohane et al. 1988)
Die „Institutionenökonomik“ beschäftigt sich mit ähnlichen Fragestellungen: Wenn
die bestehenden Institutionen Nutzenfunktionen und Präferenzen beeinflussen, dann sind
diese nicht mehr „a priori“ oder „exogen“, sondern eben oftmals endogene Variablen.
3
Die Finanzkrise, der Crashprophet und die Wissenschaft von der modernen Ökonomie
31
Dafür gibt es durchaus ökonomische Begründungen: Coase und Demsetz haben die Idee
der Transaktionskosten in die Institutionenökonomik eingeführt, Simon die der „Bounded Rationality“ und Williamson die des spezifischen Kapitals, das nur in einer bestimmten Situation und einem bestimmten Umfeld produktiv sein kann. (vgl. Coase et al.
1937)
Menschen gestalten ihre Zukunft selber, in einem Wechselspiel aus Ideen und realen
Gegebenheiten. Die Geschichte ist multidimensional und „im Fluss“. Wenn „der Markt“
die dominante Gedankenfigur einer Epoche ist, dann ist es nicht verwunderlich, dass
immer mehr Institutionen Märkten ähneln. Wenn die Ideen der gesellschaftlichen Klasse
oder der Nation breite Beachtung finden, dann werden auch diese Ideen gesellschaftliche
und ökonomische Wirksamkeit entfalten. Institutionen und Gedanken können Präferenzen verändern. Wer diese Position vertritt, wird gerne als Dialektiker oder Hermeneutiker gedanklich in die Geisteswissenschaften geschoben, dabei kann diese Perspektive
auch die Wirtschafts- und Gesellschaftswissenschaften erhellen.
Quantitative Modelle bilden einen bestimmten Aspekt der Vergangenheit ab. Sie können sich sogar ihre eigene Realität schaffen. Wenn wir alle glauben, dass der Staat wie
ein Markt funktionieren sollte, mit Lobbygruppen, die im Markt der Meinungen bei den
Ministerien und Volksvertretern um ihre Position verhandeln, dann funktioniert der Staat
eben wie ein Markt. Aber das muss nicht so sein. Die Realität eines Modells besteht nur
so lange, wie die Voraussetzungen des Modells gelten beziehungsweise seine Grenzen
nicht überschritten werden.
Insofern kann auch ein Begriff, wie der von Rudolf Hilferding geprägte des „internationalen Finanzkapitals“, durchaus hilfreich bei der Analyse von soziopolitischen Vorgängen sein. (vgl. Hilferding 1910) Er besagt letztlich nichts anderes, als dass es zwischen
international mobilen Produktionsfaktoren (Manager in Großkonzernen, Hedgefonds,
Großbanken, Family Offices vermögender Unternehmen) und national beziehungsweise
regional gebundenen Produktionsfaktoren (Arbeiter, Angestellte, kreditgebende regionale Banken wie Volks- oder Raiffeisenbanken und Sparkassen und mittelständische Unternehmer) Interessengegensätze (unterschiedliche Nutzenfunktionen) geben kann. Der
Begriff sollte daher nüchtern auf seine Nützlichkeit untersucht werden. (vgl. Otte 2010)
2. Reflexivität
Indem Menschen über Märkte nachdenken, greifen sie – wie der Atomphysiker – in die
Realität ein und verändern sie. George Soros hat dies als „Reflexivität“ bezeichnet und
wollte darauf ein neues Paradigma für die Finanzmärkte begründen. In einem faszinierenden Insiderbericht hat der am MIT ausgebildete Ökonom und Hedgefondsmanager
Richard Bookstaber, der seit Mitte der 1980er Jahre bei allen neuen Produktentwicklungen, beginnend mit der Portfolioversicherung, mitten an der Wall Street dabei war, beschrieben, dass dies nicht die Ausnahme ist, sondern normalerweise so sein muss: Je
erfolgreicher ein Finanzmarktmodell für eine bestimmte Arbitragestrategie ist, desto
mehr Nachahmer wird es finden, bis schließlich die Strategie nicht mehr funktioniert, oft
dann auch mit der Konsequenz eines kleinen oder großen Crashs. (vgl. Bookstaber 2007)
32
Teil 1
Der Crashprophet und die Finanzmärkte
In vielerlei Hinsicht ist die Finanzkrise auch eine Ursache des Modelldenkens: Amerikanische Immobilien waren über Jahrzehnte eine Anlageklasse mit weitgehend stabilen
Renditen. Diese Daten der Vergangenheit lassen sich erfassen. Man kann Korrelationen
und Modelle berechnen. Daraus lassen sich Produkte, zum Beispiel verbriefte SubprimeForderungen, konstruieren, die in der Vergangenheit phantastisch funktioniert haben.
Die Preise der Vermögensklasse steigen weiter. Immer mehr Investoren kaufen diese
phantastischen Produkte. Der Preisanstieg beschleunigt sich. Und – Presto! – ist die
Blase da. Und da, wo die mathematischen Hedgefondsmodelle funktionieren, beuten sie
Asymmetrien aus, die wohl temporär bestehen mögen, dann aber durch Arbitrage verschwinden. Manchmal wird dann auch – wie eben auch bei Subprime und den amerikanischen Immobilien – ein Schneeballsystem initiiert, das in Blase und Crash endet.
3. Irrationale Märkte
Schon von Simon wissen wir, dass es rational sein kann, eingeschränkt rational zu handeln und zum Beispiel Routinen zu benutzen, um die Kosten der Informationssuche
einzuschränken. Herbert Simon nennt das „bounded rationality“. In den letzten Jahren ist
das Modelldenken, gerade auch im Bereich der empirischen verhaltenswissenschaftlichen Finanzforschung, erschüttert worden. Ende der 1980er Jahre haben, beginnend mit
de Bondt und Thaler (vgl. de Bondt und Thaler 1985) sowie Shleifer (vgl. Shleifer 2000), etliche
Kapitalmarkttheoretiker nachgewiesen, dass Märkte oftmals nicht effizient sind. Das gilt
auch für Finanzmärkte, bei denen man aufgrund der geringen Transaktionskosten und
der hohen Transparenz lange Zeit glaubte, hier läge die Idealform des Marktes vor.
Etliche Erkenntnisse der verhaltenswissenschaftlichen Finanzforschung unterstützen
Simons Konzept der „bounded rationality“. So wenden Anleger oftmals Routinen (Heuristiken) bei der Entscheidungsfindung an. Sie orientieren sich zum Beispiel an einem
Fixpunkt wie dem Einstandskurs. Man nennt dies Anker-Heuristik. Weil der DAX im
Jahr 2003 auf 2200 Punkte gefallen war, glaubten 2008 und 2009 viele Anleger, dass er
nun wieder auf 2200 Punkte fallen würde. Oder die Anleger orientieren sich an ihrem
Einstandskurs für ein Wertpapier. Beides ist völliger Unsinn: Die Kurs- und Renditeperspektiven hängen nur von der Relation des ökonomischen Wertes eines Papiers zum
Kurs ab. Haben sich die Aussichten drastisch verschlechtert, werden alte Kursmarken
nie mehr erreicht, haben sie sich verbessert, können alle Höchststände weit übertroffen
werden.
Oder die Verfügbarkeitsheuristik: Anleger orientieren sich nicht an den relevanten
Daten, sondern an den Daten, die sie gerade verfügbar haben. Das sind heutzutage oftmals der Kurs eines Wertpapiers und der Chart. (vgl. Kahneman et al. 1982) Beide Größen
sind aber völlig aussagelos, wenn ich sie nicht in Relation zu einem Referenzpunkt setze.
Aber damit nicht genug: Gerade an den Finanzmärkten sehen wir hoch irrationales
und spekulatives Verhalten. Anleger springen auf eine Blase auf, weil sie sich weitere
Gewinne erhoffen. Verhalten ist insgesamt in hohem Maße prozyklisch und damit im
weiteren Sinne irrational. Vor einigen Jahren lieferte Daniel Kahneman auch den empirischen Beweis für das (vgl. Kahneman und Tversky 1992), was der französische Arzt Gustave le
3
Die Finanzkrise, der Crashprophet und die Wissenschaft von der modernen Ökonomie
33
Bon im 19. Jahrhundert in seiner „Psychologie der Massen“ zum ersten Mal systematisch beschrieb: In der Masse tritt die Rationalität zurück und das Unter- und Unbewusste hervor. Die Masse handelt instinktiv. (vgl. Le Bon 1895)
Kahneman legte seine Testanden in den Kernspintomographen und stellte ihnen Finanzfragen. Je komplizierter die Fragen und je schneller die Entscheidung, desto aktiver
war das Kleinhirn im Vergleich zum Großhirn. Und das Kleinhirn verbindet uns evolutionsgeschichtlich mit den Reptilien. Fressen und gefressen werden, Gier und Furcht dominieren also immer noch einen Großteil unserer Finanzentscheidungen. (vgl. Otte 2006)
Literaten und Historiker wussten es schon immer: Der rationale Mensch ist nur einer von
vielen Menschen. Ehrgeiz, Angst, Mut, Liebe, Hass, Neid, Klein- und Großmut, Gier,
Furcht sind alles Motive und Triebkräfte menschlichen Zusammenlebens.
Theoretische Ökonomen, die mehrheitlich die individuelle Rationalität als Basis ihrer
Arbeit ansehen, spenden vielleicht ein paar Lippenbekenntnisse, machen aber sonst
weiter wie bisher. Oder noch besser: Sie versuchen, die größten Verrücktheiten als „rational“ zu deuten, wie es zum Beispiel Peter Garber für den Tulpenwahn in Holland tut.
Garber argumentiert, dass Tulpenzwiebeln knapp und nicht beliebig vermehrbar gewesen seien – ergo sei es rational gewesen, wenn Menschen Haus und Hof für eine besonders schöne Zwiebel versetzten. Eine interessante Sicht von Rationalität, leider eine, die
in der Ökonomie gang und gäbe ist. Hierzu noch ein Ökonomenwitz: Gehen zwei Ökonomen über die Straße. Sagt der eine: „Sieh mal, da liegt ein 100-Euro-Schein!“ Sagt der
andere: „Nein. Das kann gar nicht sein. Wenn er da läge, hätte ihn schon längst jemand
aufgehoben.“
Dabei liegt in der empirischen Dekonstruktion der neoklassischen Nutzenfunktion
durch die verhaltenswissenschaftliche Finanzforschung die Chance auf eine realistischere Sicht der Dinge – manchmal funktionieren Märkte nach rationalen Kriterien, manchmal eben nicht.
4. Die Verwechselung von Vergangenheit und Zukunft
Ein logischer Fehler, der vor allem quantitativ-empirische Modelle betrifft und der immer wieder mit Verblüffung erfüllt, ist die Verwechselung von Vergangenheit und Zukunft, sowie von Allgemeinem und Speziellem. Die Formulierung und der empirische
Test von Modellzusammenhängen können ein Hochgefühl geistiger Macht verleihen.
Fast alle, die überwiegend mit Modellen arbeiten, sind trotz manch einschränkender
Bemerkungen versucht, die gefundenen Zusammenhänge auf die Zukunft zu projizieren.
Ein besonders eklatantes Beispiel bildet die moderne Kapitalmarkttheorie, in der die
historische Volatilität oder Korrelation mit dem Markt mit dem Risiko eines Wertpapiers
gleichgesetzt wird. Warren Buffett und andere große Praktiker haben darauf hingewiesen, dass das Konzept logisch falsch ist. Es ist so falsch, wie es falscher gar nicht sein
kann. Die historische Volatilität eines Wertpapiers hat NICHTS mit seiner zukünftigen
Volatilität zu tun. Als zum Beispiel im Frühjahr 2009 die Aktie von American Express
von über 60 Dollar auf unter zehn Dollar gefallen war, war nach Auffassung der klassischen Kapitalmarkttheorie durch die gestiegene Volatilität das Risiko eines Investments
34
Teil 1
Der Crashprophet und die Finanzmärkte
in diese Aktie massiv gestiegen. Natürlich war das Gegenteil der Fall: American Express
verfügt über ein außerordentlich stabiles Geschäftsmodell, und bei zehn, 15 oder
20 Dollar war das Investment in diese Aktie nahezu risikolos. Dennoch wird Volatilität
beziehungsweise Kovarianz mit dem Markt (Beta) bis heute von der überwältigenden
Mehrheit der Kapitalmarktforscher kritiklos als Maß für das Risiko eines Wertpapiers
angewendet.
3.5
Methodologischer Individualismus, historische Schule,
Wirtschaftsgeschichte und politische Ökonomie
Die überwiegende Anzahl der heute forschenden Ökonomen würde sich als „methodologische Individualisten“ bezeichnen. In seiner strengen Form würde der von Joseph
Schumpeter 1908 zum ersten Mal verwendete Begriff implizieren, dass wirtschaftliche
und gesellschaftliche Phänomene ausschließlich durch die Motive und Handlungen von
Individuen erklärt werden sollen. In seiner semistrengen Form würden auch noch die
Beziehungen zwischen Individuen dazugehören. (vgl. Schumpeter 1908) Der logische Ausgangspunkt jeglicher Analyse sind Individuen, ihre Absichten (Nutzenfunktionen) und
gegebenenfalls noch ihre Interaktionsbeziehungen. Institutionen und soziale Klassen
sind lediglich aus den Nutzenfunktionen und dem Verhalten der Individuen zu erklären.
(vgl. Mises et al. 1940) Im methodologischen Individualismus ist kein Platz für gesellschaftliche Institutionen wie den Staat als „autonome Institution“. Es ist auch kein Platz für ein
Gemeinwohl, das sich nicht aus den unmittelbaren Nutzenfunktionen der Individuen
konstruieren ließe.
Ludwig von Mises und August von Hayek vertraten einen radikalen methodologischen Individualismus mit fast religiösem Eifer. (vgl. Mises 1998) (vgl. Hayek 1948) Die angelsächsische Tradition, die ausgerechnet von den österreichischen Denkern philosophisch
neu belebt wurde, setzt die unsichtbare Hand des Marktes voraus. Sie macht damit eine
äußerst einfache und in gewisser Weise vorindustrielle Organisationsform – die des
Marktes – zum Ausgangspunkt ihres gesellschaftstheoretischen Denkens. Auf einer Rede
in Dresden im Jahr 2008 bemerkt Bert Rürup, dass die angelsächsische Wirtschaftstheorie und -politik den Markt als „Vollautomatismus“ betrachte, die kontinentaleuropäische
Tradition den Markt jedoch als „Halbautomatismus“ sehe, dessen Funktionsweise in
gewissen Bereichen korrigiert werden müsse. (vgl. Rürup 2008)
Diese, wenngleich griffige, Formulierung greift jedoch etwas zu kurz. Es geht letztlich um die Deutungshoheit und die Rangordnung der Subsysteme, den Primat von Politik oder Wirtschaft. Die französischen und preußischen Denktraditionen verbindet, im
Vergleich zur angelsächsischen, mehr als sie trennt. In der kontinentaleuropäischen
Denktradition steht das Politische logisch an erster Stelle. Märkte und andere gesellschaftliche Organisationsformen sind Resultat bestimmter politischer und gesellschaftlicher Entwicklungen. Auch der Begriff des „Gemeinwohls“ – das sich durchaus nicht aus
3
Die Finanzkrise, der Crashprophet und die Wissenschaft von der modernen Ökonomie
35
der Summe aller einzelnen Willensentscheidungen ableiten lässt – spielt in der kontinentaleuropäischen Tradition eine wichtige Rolle, sei es nun als „Volonté Générale“ bei
Rousseau, als „Kategorischer Imperativ“ bei Kant oder als „Weltgeist“ bei Hegel.
In der Mont Pelerin Society kam es bald nach der Gründung zu Streit zwischen der
„religiös marktgläubigen Fraktion“, die postulierte, dass der Markt Erklärungsmuster für
alles sein könne und dass Märkte stets ihre eigene „spontane Ordnung“ schaffen würden,
wenn man sie nur ungehindert funktionieren lasse, und der ordoliberalen Tradition, die
im Gegenteil einen starken und ausgleichenden Staat als Voraussetzung für das Funktionieren der Märkte fordert. Röpke, Rüstow und Müller-Armack verließen die Gesellschaft
im Streit. (vgl. Hartwell 1995)
Bereits Ende des 19. Jahrhunderts wurde der „Methodenstreit in der Nationalökonomie“ ausgetragen, der sich zum Teil um ganz ähnliche Fragen drehte. In der kontinentaleuropäischen, vor allem deutschen, Tradition war die konkrete Betrachtung von ökonomisch-historischen Situationen vorherrschend, wie zum Beispiel in der Stufentheorie der
nationalen Entwicklung Friedrich Lists (1789 bis 1846). 1883 veröffentlichte Carl Menger die Untersuchungen über die Methode der Sozialwissenschaften und der politischen
Ökonomie insbesondere. Darin griff er den historischen Ansatz scharf an. Die Angegriffenen, allen voran Gustav von Schmoller, wehrten sich.
Philosophische Grundprobleme der Sozialwissenschaften werden nie „gelöst“, sie treten immer wieder in neuen Gewändern auf. In der neuen US-Sozialwissenschaft argumentieren die „Konstruktivisten“, dass Institutionen eben auch die Erwartungen und
Nutzenfunktionen von Individuen formen können, dass also Nutzenfunktionen und Erwartungen nicht einfach „a priori“ gesetzt werden können. (vgl. Berger und Luckmann 1966)
Bevor man solche Überlegungen als überholt ansieht, sollte man sich überlegen, dass
heute vielmals Großkonzerne die dominierenden Einheiten sind, und dass sich die Mitarbeiter und Führungskräfte solcher Konzerne anders verhielten, wenn sie ihr eigenes
Geschäft betreiben würden. In diesem Sinne bin ich Hermeneutiker – soziale Realität ist
konstruiert.
Soziale Realitäten und die Ergebnisse gerichteter Geschichte nur auf bestimmte ökonomische Realitäten zurückzuführen, wird der Komplexität und der Offenheit historischer Prozesse nicht gerecht. Modelle können helfen, Aspekte historischer Prozesse zu
beleuchten, für deterministische Prognosen taugen sie in den meisten Fällen nicht.
In den letzten Jahren wird immer wieder – auch von Seiten der Ökonomen – die Erneuerung der institutionellen Ökonomie gefordert. Dass sie sinnvoll wäre, ist seit Coase
und Demsetz oder Oliver Williamson unumstritten. Nur bleibt diese Erkenntnis seltsam
folgenlos. Institutionalisten finden sich bei den Politologen oder Sozialwissenschaftlern,
aber eigentlich nicht bei den Ökonomen.
In einem Diskussionspapier vom Januar 2009 „The Crisis of 2008: Structural Lessons
for and from Economics“ zieht Daron Acemoglu vom Massachussetts Institute of Technology seine Schlussfolgerungen für die Ökonomie. (vgl. Acemoglu 2009) Unter anderem
fordert er:
36
Teil 1
Der Crashprophet und die Finanzmärkte
„Wir gingen fehl in der schnell akzeptieren Annahme, dass die kapitalistische Wirtschaft in
einem institutionenlosen Vakuum funktioniert, wo die Märkte durch wundersame Vorgänge
opportunistisches Verhalten kontrollieren. Weil wir diese institutionellen Voraussetzungen
vergessen haben, haben wir irrtümlicherweise freie Märkte mit unregulierten Märkten
gleichgesetzt.“ (vgl. Acemoglu 2009)
Und weiter:
„Wir müssen nun anfangen, eine Theorie der Markttransaktionen zu entwickeln, die mehr
im Einklang mit den institutionellen und regulatorischen Voraussetzungen der Märkte ist.
Wir müssen uns auch der Theorie der Regulierung von Unternehmen und Finanzinstitutionen zuwenden und hoffentlich zusätzliche Lehren aus der aktuellen Erfahrung ziehen.“
(vgl. Acemoglu 2009)
Ich denke, dass Acemoglu vielleicht etwas Zustimmung ernten wird, dass aber die vom
ihm und anderen als Folge der Finanzkrise erhobenen Forderungen weitgehend folgenlos
bleiben werden. Wie sollen Wissenschaftler ohne humanistische und historische Bildung
– denn dafür ist in dem durch die angelsächsische Richtung dominierten Studium keine
Zeit – überhaupt anfangen, sich sinnvoll mit Wirtschaftsgeschichte und politischer Ökonomie zu beschäftigen?
Alexander Rüstow schrieb bereits 1949: „Die Krisentheorie hat nach Entstehung, Entwicklung, und bis zu einem gewissen Grade auch noch nach ihrer heutigen Vertretung nahe
Beziehungen zum Sozialismus. Es ist klar, dass die grundsätzlichen Gegner der „kapitalistischen“ Wirtschaft den schärfsten Blick für ihre Schäden und Krankheiten haben mussten.“
(vgl. Rüstow 1949)
Und weiter:
„Da jedoch die Krisentheorie trotz aller Fortschritte noch weit davon entfernt ist, ihre Ergebnisse im Ganzen quantifizieren zu können, so lässt sich bisher mit theoretischer Strenge
noch nichts ausmachen, welches das relative und absolute Gewicht rein endogener Krisenphänomene sein würde. Man ist für die Entscheidung dieser Frage noch weitgehend auf empirische Beobachtung und ihre mehr soziologische und morphologische als rein nationalökonomische Auswertung angewiesen.“ (vgl. Rüstow 1949)
Die Vorgehensweisen von Modelltheoretiker und Historiker werden sich immer reiben.
Es bleibt letztlich ein unvereinbarer Gegensatz, der sich niemals auflösen lassen wird,
der aber vielleicht, wenn er denn akzeptiert wird, zu einem für die Wissenschaft produktiven Spannungsverhältnis führen würde:
Der Historiker weiß, dass menschliche Geschichte immer gerichtet ist, dass keine Situation ganz der anderen gleicht und dass immer allgemeine und besondere Faktoren
zusammenwirken.
Der Modelltheoretiker wird hingegen, im Triumph des Entdeckers von Zusammenhängen, versucht sein, sich von seinem eigenen Modell vereinnahmen zu lassen und
dieses als zeitlos anzusehen. Die Voraussetzungen eines bestimmten Modells werden
dann gerne bereits am Anfang des Arguments ausgeblendet und später nie wieder betrachtet.
3
Die Finanzkrise, der Crashprophet und die Wissenschaft von der modernen Ökonomie
37
Es ist meines Erachtens völlig unfruchtbar, sich zu streiten, ob es eine keynessche Liquiditätsfalle oder eine Kontraktion aufgrund von Nachfrageausfall geben kann, oder ob
alles immer zum Gleichgewicht tendiert – Hauptstreitpunkte zwischen keynesianischen
und neoklassischen Ökonomen. Mal stimmt das eine, mal das andere. Das ist der Unterschied zwischen Geschichte und Theorie. Natürlich heißt das nicht, dass wir auf Modelle
verzichten können. Sie stellen Wirkungszusammenhänge unter bestimmten Voraussetzungen dar. Ohne Modelle gäbe es nur Einzelfälle. Faktensammeln alleine kann keine
Wissenschaft sein.
In „Manias, Panics, and Crashes – a History of Financial Crises“ entwickelte Kindleberger, damals schon emeritierter Dekan des Department of Economics am Massachusetts Institute of Technology, anhand von 34 Finanzkrisen ein Ablaufmodell: (vgl. Kindleberger 1978)
In Phase I gibt es eine ökonomische Verwerfung, die zu neuen Investitionsmöglichkeiten führe. (Nach 1989 war dies der Zusammenbruch des Kommunismus, die Globalisierung und die Liberalisierung.)
Diese Verwerfung führt in Phase II zu einem Investitionsboom, der auch durch die
Ausdehnung von Kredit gefördert wird.
In Phase III entsteht, was Kindleberger und Minsky „Overtrading, Mania oder
Bubble“ nennen. Diese entstehende Spekulationsblase kann sich unterschiedlich weit
ausdehnen.
Irgendwann kommt aber unweigerlich Phase IV, von Kindleberger „Financial Distress“ genannt. In dieser Phase merken mehr und mehr Akteure, dass der jüngste Aufschwung auf Sand gebaut war und versuchen, aus den spekulativen Objekten in Liquidität zu gehen.
Der Zyklus endet mit Phase V, der allgemeinen Panik. (vgl. Kindleberger 1978)
Schon in den 1970er Jahren musste sich Kindleberger dafür rechtfertigen, dass er kein
mathematisch strenges, sondern ein auf historischen Beobachtungen beruhendes Phasenmodell präsentierte. Aus meiner Sicht hat Kindleberger Wissenschaft im besten Sinne
betrieben, auch wenn das Modell zu breit ist, um es mathematisch zu fassen. Bedenklich
ist eher die andere Seite, nämlich, dass Krisen nicht vorkommen dürfen, weil sie in kein
formal strenges Modell passen.
Die politische Ökonomie kann helfen, die Kluft zwischen abstrakter Institutionenökonomik, Konstruktivismus und Institutionalismus auf der einen und historischer Betrachtungsweise auf der anderen Seite zu überbrücken. Die Disziplin der politischen
Ökonomie beschäftigt sich, neben der Entstehung von Wohlstand, auch mit dem Phänomen der Macht, welches in der gesellschaftlichen und historischen Realität nicht unerheblich ist. Es geht also neben der Entstehung von Wohlstand auch um die Verteilung
desselben.
In den USA hat die politische Ökonomie, wenn auch nicht bei den Ökonomen, so
doch an einigen sozial- und politikwissenschaftlichen Seminaren überlebt. Robert
Gilpin, der in Princeton Internationale Politische Ökonomie und Internationale Bezie-
38
Teil 1
Der Crashprophet und die Finanzmärkte
hungen lehrte, stellt drei grundsätzliche Perspektiven der politischen Ökonomie vor, die
liberale, die kommunistisch-sozialistische und die national ausgerichtete politische Ökonomie: (vgl. Gilpin 1987)
1. Die liberale Gesellschaftstheorie, die soziale Phänomene auf Einzel- und Gruppeninteressen zurückführt, ist mit Namen wie Adam Smith, Ludwig von Mises oder Friedrich August von Hayek verknüpft worden und liegt fast allen ökonomischen Modellen
und Konzepten zugrunde. Der einhergehende „methodologische Individualismus“
wurde oben bereits diskutiert.
Die liberale Gesellschaftstheorie ist durchaus geeignet, etliche politökonomische
Vorgänge zu erklären. In einem konsequent neoliberal ausgerichteten Staat, in welchem die Politik nur Interessen bedient und keine autonomen Bereiche hat, werden
sich spezielle Interessengruppen, die ihren Mitgliedern Vorteile bieten können und
der Allgemeinheit diffuse Lasten aufbürden, durchsetzen.
Mancur Olson zog in „Rise and Decline of Nations“ allerdings ein trauriges Fazit:
Weil Interessengruppen sich immer mehr Sondervorteile erkämpfen und keine allgemeine Macht in der Lage ist, diese Sondervorteile zu beschneiden, erstarrt die Innovationsfähigkeit einer Wirtschaft und das Land geht wirtschaftlich nieder. Erst ein externer Schock, wie zum Beispiel ein Krieg oder eine große Umwälzung, können erstarrte Strukturen aufbrechen und ein neues Klima der Innovation gedeihen lassen.
(vgl. Gilpin 1987)
2. Die sozialistische beziehungsweise kommunistische Gesellschaftstheorie sieht die
soziale Klasse als wichtigsten Referenz- und Bezugspunkt und deutet daher die Geschichte als „Geschichte von Klassenkämpfen“. Somit ist die soziale Schicht die
wichtigste Analyseeinheit. Entstanden aus der Kritik frühkapitalistischer Zustände,
war die sozialistische Gesellschaftstheorie auch die erste, die eine Krisentheorie formulierte. (vgl. Rüstow 1949)
3. Die unter anderen von Friedrich List begründete nationale und an der Wohlfahrt von
Staaten (Regionen) ausgerichtete Wirtschaftstheorie sieht das Gemeinwesen (Staat)
als maßgebliche Analyseeinheit und Solidargemeinschaft. List erklärte in „Das nationale System der Politischen Ökonomie“ den Rückstand des zersplitterten Wirtschaftsraumes Deutschland und schlug Maßnahmen vor, um Deutschland auf die Höhe der
führenden Industrienation seiner Zeit – Englands – zu heben. (vgl. List 1930) In Lateinamerika fand sein Schutzzollargument große Beachtung. Insgesamt ging es List aber
nicht um einzelne Maßnahmen, sondern um die Darstellung von Wirtschaftseinheiten
als „Systemen von Produktivkräften“ und damit um eine eher potenzial- als marktorientierte Wirtschaftstheorie. In der modernen Makroökonomik spielt die langfristig
ausgerichtete Wachstumstheorie eher eine Nebenrolle. In den frühen 1990er Jahren
beschäftigte sich Harvard-Professor Michael Porter mit dem „Wettbewerbsvorteil von
Nationen“ und griff Lists Gedankengut auf. Er argumentierte, dass sich in bestimmten
Regionen sich selbst verstärkende Branchencluster bilden würden, welche die Basis
für nationale und regionale Wettbewerbsvorteile seien. (vgl. Porter 1990)
3
Die Finanzkrise, der Crashprophet und die Wissenschaft von der modernen Ökonomie
39
Politökonomische Modelle liegen im Abstraktionsgrad zwischen der mathematischen
Ökonomie und der Wirtschaftsgeschichte. Sie können bei der Vermittlung zwischen
beiden Disziplinen helfen. Auch die Finanzkrise wird sich letztlich nur durch ein politökonomisches Modell erklären lassen, welches die Rolle von Macht und Interessenstrukturen in die Erklärung einbezieht. Durch Mancur Olsons Modell lässt sich zum Beispiel
erklären, dass die großen kapitalmarktorientierten Banken und Finanzakteure regulatorische Strukturen durchgesetzt haben, durch die sie im Vergleich zu Akteuren der Realwirtschaft massiv begünstigt werden. (vgl. Böschen et al. 2010) Weil diese Banken eine extrem effektive Lobby haben, konnten sich die Verursacher der Krise mit dem Geld der
Allgemeinheit retten, können regulatorische Maßnahmen umgehen und werden weit unterproportional an den Kosten der Krise beteiligt. Als zweitstärkste Lobby bekam in
Deutschland vor allem die Automobilbranche große Subventionen aus dem Konjunkturprogramm.
Neben Gruppen- und Brancheninteressen spielen auch heute noch nationale oder regionale Interessen eine Rolle. So haben Gläubiger- und Schuldnerländer unterschiedliche
Interessen, wie es im Konjunkturstreit zwischen Obama und Merkel deutlich wurde. (vgl.
Neuerer 2010) Länder mit einer sehr starken Finanzbranche (USA, England) vertreten andere Interessen als Länder, in denen das produzierende Gewerbe stark ist (Deutschland,
Österreich, China). So hat sich zum Beispiel die Österreichische Wirtschaftskammer anlässlich einer Anhörung vor dem Bundestag für die Einführung einer Finanztransaktionssteuer ausgesprochen. (vgl. Leuenberger 2010)
Die politische Ökonomie ist bei der Analyse von Weltwirtschaft, Bankensystem und
ökonomischen Fragestellungen zwingend einzubeziehen. Mathematische Partialmodelle
können wertvolle Erkenntnisse liefern – die Dynamik des (Gesamt)systems können sie
noch (lange) nicht abbilden.
3.6
Nach der Finanzkrise: Eine (sehr) kurze Standortbestimmung
Die Reaktion der Wirtschaftspolitik nach 1929 und 2008: Die unmittelbaren Reaktionen
auf das Einfrieren der Märkte nach dem 15. September 2008 bestanden aus Schock und
Unverständnis bei Politik und Ökonomen. (vgl. Otte 2009) Dann reagierten die Regierungen der Industrienationen allerdings schnell: Sie verhinderten den Totalabsturz durch
massive Liquiditätshilfen, Eigenkapitalhilfen und Konjunkturprogramme. Die Erinnerung an 1929 und die Folgen war offenbar so präsent, dass es Konsens war, das Risiko
eines Kollapses des Bankensystems und einer weltweiten Deflationsspirale auf keinen
Fall zuzulassen. In der Folge stiegen die Defizite der öffentlichen Haushalte massiv – in
den USA, England und Irland auf über zehn Prozent der Wirtschaftsleistung.
Nachdem die Finanzbranche auf Kosten der Allgemeinheit – unter anderem durch den
Verweis auf „Systemrelevanz“ – vor dem Kollaps gerettet worden war, erfolgte in puncto Regulierung seitens der Regierungen wenig. Nach 1929 wurde der Finanzsektor suk-
40
Teil 1
Der Crashprophet und die Finanzmärkte
zessive reguliert, zum Beispiel durch das Verbot von Interstate Banking in den USA und
die Durchsetzung der Trennung von Investment- und Commercial Banking. Derivate
begannen erst mit der Gründung der Chicago Board Options Exchange wieder eine Rolle
für Privatanleger zu spielen, nachdem sie vor 1929 durchaus umfassend genutzt wurden.
Mit der Gründung der Bretton-Woods-Institutionen wurden 1944 auch die internationalen Zahlungsströme reguliert. Das Bankwesen wurde „langweilig“. (Banking became
boring.) Dieses langweilige System sorgte immerhin bis in die 1970er Jahre für eine
weitgehend stabile Finanzwirtschaft. Die Aufhebung der Goldkonvertibilität des Dollars
durch Richard Nixon im Jahr 1973, die schrittweise Einführung flexibler Wechselkurse,
die Ölschocks der 1970er Jahre und folgenden Deregulierungsmaßnahmen führten dann
schrittweise zum heutigen (Nicht)System.
Bereits im Dezember 2008 stellte ich Thesen zur Regulierung der Finanzmärkte vor.
Die Regeln sollen dabei einfach, transparent und hart sein und von einem schlanken,
aber starken Staat durchgesetzt werden. (vgl. Otte 2008) Bereits drei marktwirtschaftskonforme Regeln könnten die Bevorteilung der Finanzoligarchie gegenüber der Realwirtschaft aufbrechen, den „Casino-Kapitalismus“ (vgl. Sinn 2009) eindämmen, das MoralHazard-Problem der Branche beseitigen und eine marktwirtschaftliche Ordnung wieder
herstellen:
1. Ausreichendes Eigenkapital: Eigenkapital ist die Basis einer verantwortlichen
Marktwirtschaft. (vgl. Otte 2010) Die risikogewichtete Kernkapitalquote nach Basel II ist
ein komplexes, manipulierbares und schwer zu durchschauendes Instrument. Es kann
sein, dass eine Bank mit acht Prozent Kernkapital nach Basel II tatsächlich nur 1,5 Prozent echtes Eigenkapital hat, wie zum Beispiel die Deutsche Bank. Eine feste Eigenkapitalquote (Leverage Ratio) von sechs oder acht Prozent für alle Finanzmarktakteure
(Volks- und Raiffeisenbanken sowie Sparkassen weisen diese Eigenkapitalstärke regelmäßig auf) würde das Moral-Hazard-Problem massiv eindämmen. Zudem wurden im
Zuge der Finanzkrise die Bilanzierungsregeln weiter aufgeweicht.
Im Basel-III-Beschluss vom September 2009 wurde tendenziell eine höhere Eigenkapitalausstattung für Banken vereinbart. Das „harte“ Kernkapital (Tier 1) soll in Schritten
auf 4,5 Prozent der risikogewichteten Aktiva steigen. Was gut klingt und in die richtige
Richtung weist, hat zahlreiche Schwachpunkte. So fehlt auch dann noch eine feste
(nicht-risikogewichtete) Eigenkapitalquote. Hedgefonds und Private-Equity-Gesellschaften haben nach wie vor keine harten Eigenkapitalregeln. Und Basel III wird zu einer
Schwächung des deutschen Finanzsystems führen, da sich die Beschlüsse gegen Sparkassen und Genossenschaftsbanken richten und Investmentbanken begünstigen. Dabei
haben Sparkassen und Genossenschaftsbanken die Krise nicht verursacht und hätten
sogar international Modellcharakter haben können. (vgl. Neuerer 2010)
2. Finanztransaktionssteuer: Eine Finanztransaktionssteuer von zum Beispiel 0,05 Prozent auf alle Finanzgeschäfte wäre eine marktkonforme Maßnahme, die nachhaltige und
langfristig orientierte Finanzgeschäfte gegenüber hochspekulativen Geschäften begüns-
3
Die Finanzkrise, der Crashprophet und die Wissenschaft von der modernen Ökonomie
41
tigen würde. Da die Transaktionssteuer auf die gesamten Umsätze abstellt (und nicht auf
die Gewinne, wie es die von der Finanzlobby in einem propagandistischen Einfall nahezu Orwellscher Sprachverdrehung benannte „financial activity tax“ machen würde),
würde die Finanztransaktionssteuer vor allem Akteure treffen, die mit viel Fremdkapital
arbeiten oder die ihr Vermögen häufig drehen. Die Transaktionssteuer besteuert also die
spekulativen Aktivitäten. Kleinsparer hingegen würden kaum belastet, wie es die Lobby
gerne glauben machen möchte. (vgl. Otte 2010) Auf dem G-20-Gipfel in Kanada im Juli
2010 wurden die diesbezüglichen Vorstöße der Bundesrepublik allerdings abgeblockt.
(vgl. Süddeutsche Zeitung 2010)
3. Regulierung der Geschäftsmodelle: Das vom früheren Chairman des Federal Reserve Board Paul Volcker vorgeschlagene und von Präsident Barack Obama am 21.01.2010
befürwortete Verbot des Eigenhandels für Banken und ein Verbot für Banken, in HedgeFonds zu investieren („Volcker-Rule“) würde ebenfalls dazu beitragen, das MoralHazard-Problem zu reduzieren. Banken könnten nicht, mit Kundengeldern gehebelt,
hochspekulative Geschäfte betreiben. Eine Austrocknung der Liquidität von Märkten
wäre dennoch nicht zu befürchten, denn solche Geschäfte könnten weiter von Hedgefonds betrieben werden, die dann aber Kapital speziell zu diesem Zweck einsammeln.
Einige Elemente der Volcker-Rule werden derzeit im amerikanischen Kongress umgesetzt, viele wesentliche Punkte werden aber wohl nicht eingeführt werden. Auch das unilaterale Vorgehen der Bundesregierung beim Verbot ungedeckter Leerverkäufe bleibt
eher eine punktuelle und symbolische – wenn auch prinzipiell zu begrüßende – Maßnahme.
So sind die Maßnahmen nach 2008 im Vergleich zu den Jahren nach 1929 bei weitem
unzureichend. Eine ausreichende Eigenkapitalausstattung der kapitalmarktorientierten
Banken ist nicht in Sicht. Die Einführung der Finanztransaktionssteuer ist blockiert.
Geschäftsmodelle und Produkte werden nur unzureichend reguliert. Andere Maßnahmen, wie die Stärkung des Verbraucherschutzes oder die Beschneidung von Boni,
können bestenfalls flankierende Wirkung haben, erreichen aber nicht die Wurzel des
Problems.
4. Der Streit der Ökonomen: Im April 2009 veröffentlichten 83 Professoren in der
Frankfurter Allgemeinen Zeitung den Aufruf „Rettet die Wirtschaftspolitik an den Universitäten“, der sich gegen die zunehmende Praxisferne ihres Fachs und die zunehmende
Mathematisierung wendet und mehr Relevanz fordert. (vgl. Frankfurter Allgemeine Zeitung
2009) Obwohl auch durch personalpolitische Entscheidungen an der Universität zu Köln
motiviert, zeigt die breite Resonanz, dass hier ein wichtiges Thema angesprochen wurde.
Unter anderem soll die deutsche Aufteilung des Fachs in Wirtschaftstheorie – Wirtschaftspolitik – Finanzwissenschaft erhalten werden, die zunehmend durch die angelsächsische Aufteilung Mikroökonomik – Makroökonomik – Finanzwissenschaft ersetzt
wird. (vgl. Schmidt 2009) Zudem war die Kritik am eigenen Fach, nach dem vorhergehenden Totalversagen der Ökonomie, nicht ganz unberechtigt.
42
Teil 1
Der Crashprophet und die Finanzmärkte
Aber viele Ökonomen wehren sich gegen die Kritik. „Die schiere Existenz des Streits
untergrabe die Glaubwürdigkeit der eigenen Disziplin“, so der Freiburger Ökonom
Thomas Gehrig. (vgl. Gehrig 2009) Rüdiger Bachmann von der University of Michigan
äußerte, dass der Streit im Ausland forschenden Ökonomen die „Rückkehr nicht
schmackhafter“ mache. (vgl. Bachmann) Harald Uhlig von der University of Chicago sagte,
dass der Streit sich für eine Karnevalsveranstaltung eigne. (vgl. Uhlig) Trotz differenzierter
Einschätzungen des Aufrufs durch theoretische Ökonomen wie Martin Hellweg, überwiegt doch bei weitem die Abwehrhaltung. Harald Uhlig und Rüdiger Bachmann initiierten den von 188 Professoren und Assistenten unterzeichneten Aufruf: „Baut die deutsche VWL nach internationalen Standards um!“ (vgl. Uhlig 2009)
„Methodenvielfalt ist nicht postmoderner Selbstzweck, sondern zweckmäßig und
adäquat“, schreiben Nils Goldschmidt, Gerhard Wegner, Michael Wohlgemuth und
Joachim Zweynert. (vgl. Goldschmidt et al. 2009) Hans-Werner Sinn kommt zu dem Schluss,
dass Theorie, Institutionenlehre und Ökonometrie gleichsam wichtig seien. (vgl. Sinn 2009)
In seinem Buch Casino-Kapitalismus vertritt er dann eine ausgesprochen kritische und
institutionenökonomisch begründete Sicht der Finanzbranche, die viele Parallelen mit
der hier vorgestellten Perspektive aufweist. (vgl. Sinn 2009)
Gleichwohl scheint die von Herbert Giersch formulierte „Bringschuld der Ökonomie
gegenüber der Wirtschaftspolitik“ nicht mehr empfunden zu werden, die Logik des wissenschaftlichen Wettbewerbs scheint sich von der Wirtschaftspolitik entkoppelt zu haben. (vgl. Plickert 2010) Insgesamt scheint der Aufruf der 83 Ökonomen ein letztes Aufbäumen gewesen zu sein, der Trend zur Mathematisierung und Theoretisierung ungebrochen.
Oft wird nach Betrachtung der Finanzkrisen der Geschichte die Frage gestellt, warum
wir anscheinend so wenig aus der Geschichte gelernt haben, und warum sich Finanzdesaster oftmals als fast getreue Kopie ihrer Vorgänger wiederholen. In dieser Form ist die
Frage zu einfach gestellt. Nach dem Crash von 1929 wurden die Konsequenzen aus dem
Scheitern des Finanzkapitalismus gezogen – es wurden „Brandschutzmauern“ installiert,
wie Peer Steinbrück es ausdrücken würde. Eine der letzten und stärksten Mauern war das
vom Internationalen Währungsfonds überwachte Regime fester Wechselkurse, das 1944
in Bretton Woods beschlossen wurde.
Leider halten die Lehren der Geschichte meist nur eine oder zwei Generationen und
geraten dann in Vergessenheit. John Kenneth Galbraith schrieb, dass die „Verrückten
ihren Wahn nicht wahrnehmen können und sich nicht auf einmal dazu entschließen können, vernünftig zu sein.“ Allerdings gebe es „einen gewissen Schutz, so lange es Menschen gibt, die wissen, dass die Geschichte sich wiederholt, wenn sie hören, dass nun
Wirtschaftsgeschichte geschrieben werde oder dass eine neue Ära beginne. Dies hilft,
die Verbreitung von Illusion zu stoppen.“ (vgl. Galbraith 1962) In eben dieser Ausgabe von
1962 fährt Galbraith fort: „Der Sinn für Geschichte der Europäer schützt diese, wenn
auch nicht perfekt, so doch besser vor spekulativen Exzessen [als Amerikaner].“ (vgl.
Galbraith 1962)
3
Die Finanzkrise, der Crashprophet und die Wissenschaft von der modernen Ökonomie
43
Heute (2010) bin ich da leider nicht mehr so sicher. So sind mit der hemmungslosen
Liberalisierung der internationalen Kapitalmärkte, beginnend mit der de-facto-Aufgabe
des Systems fester Wechselkurse durch das Leitwährungsland USA unter Präsident
Richard Nixon 1971, die Lehren der Geschichte leider zunehmend in Vergessenheit
geraten. Auch Europa scheint sie zu vergessen und sich einer ahistorischen Betrachtungsweise von Ökonomie und Finanzmärkten zuzuwenden. Hoffen wir darauf, dass
eine neue Politikergeneration die Lehren der Geschichte wiederentdeckt. Aber rechnen
wir nicht damit! Als notwendiges Korrektiv zur technisch und mathematisch orientierten
Ökonomie, sind daher die Disziplinen der Wirtschaftsgeschichte und der politischen
Ökonomie heute notweniger denn je.
Ursprünglich erschienen als: Otte, Max, „Die Finanzkrise, die Ökonomen, der
„Crashprophet“ und die Wissenschaft von der Ökonomie“; in: Von Ziegler, Dieter
(Hrsg.), Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte/Economic History Yearbook, Band 52,
Heft 1, Berlin: Walter de Gruyter GmbH, 2011, S. 191–217, 3 Abb.
3.7
Literatur
Abel, A. und Bernanke, B. (2004): Macroeconomics. 5th Edition, Boston.
Acemoglu, D. (2009): The Crisis of 2008. Structural Lessons for and from Economics. MIT/CEPR
Policy Insight 28. http://econ-www.mit.edu/files/3703. Zugegriffen: 28. Juni 2010.
Bachmann, R. zit. n. W. Mussler. Die Lehren der Anderen.
Batra, R. (1987): The Great Depression of 1990. Why it’s got to happen – how to protect yourself.
o. O.
Batra, R. (1999): The Crash of the Millennium. Surviving the Coming Inflationary Depression.
New York.
Berger, P. L. und Luckmann, T. (1966): The Social Construction of Reality. A Treatise in the Sociology of Knowledge. Garden City.
Bloomberg Businessweek (1979): The Death of Equities. How Inflation is destroying the stock
market.
http://www.businessweek.com/investor/content/mar2009/pi20090310_263462.htm.
Zugegriffen: 28. Juni 2010.
Bondt, W. F. M. de und Thaler, R. (1985): Does the Stock Market Overreact? The Journal of
Finance 40/3, S. 793–805.
Bookstaber, R. (2007): A Demon of our Own Design. Markets, Hedge Funds, and the Perils of
Financial Innovation. Hoboken.
Böschen, M. et al. (2010): „Es reicht! Drei Jahre nach Ausbruch der Finanzkrise wächst der Zorn
über die mit Steuergeldern geretteten Banken. Sie bereichern sich, statt Kredite zu geben; sie
umgehen Gesetze und verhindern Reformen. Es ist höchste Zeit, die Bank-Risiken zu entschärfen. Was jetzt passieren muss.“ Wirtschaftswoche 9/2010, S. 92–101.
Brönstrup, C. (2008): Interview mit Bert Rürup. Wir stehen nicht vor einer Rezession. Tagesspiegel, 12.04.2008. http://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/wir-stehen-nicht-vor-einer-rezession/
1209216.html. Zugegriffen: 19. Juli 2010.
Buffett W. (1984): Berkshire Shareholders Inc. – Letter to Shareholders.
http://www.berkshirehathaway.com/letters/1984.html. Zugegriffen: 28. Juni 2010.
44
Teil 1
Der Crashprophet und die Finanzmärkte
Buffett, W. (2002): Berkshire Hathaway Inc. – Letter to the Shareholders, 21.02.2003. S. 15.
Burda, M. und Wyplosz, C. (2005): Macroeconomics: A European Text. Oxford.
Coase, R. et al. (1937): The Nature of the Firm. Economica 4/16. S. 386–405.
Commerzbank-Studie (2009): Finanzkrise kostet über 10 Billionen Dollar, in: Handelsblatt online,
http://www.handelsblatt.com/politik/nachrichten/finanzkrise-kostet-ueber-10-billionen-dollar;
2450612. Zugegriffen: 28. Juni 2010
Deutsches Institut für Wirtschaft (Hrsg.) (2007): Weltwirtschaftliche Expansion nur leicht gedämpft. Rezession nicht wahrscheinlich. Wochenbericht 74/42.
Der Spiegel (2002): Versenktes Geld. Die Weltwirtschaft im Strudel der Banken-Krise.
http://www.spiegel.de/spiegel/print/index-2002-42.html. Zugegriffen: 28. Juni 2010.
Neuerer, D. (2009): DIW verordnet sich Konjunkturprognose-Stopp, in: Handelsblatt online,
14.04.2009.
http://www.handelsblatt.com/politik/konjunktur-nachrichten/diw-verordnet-sich-konjunktur
prognose-stopp;2238212.
Elmeskov, J. (2007): Dealing with Risks. OECD World Economic Outlook 82, S. 7.
Focus Money (2008): Deutsche Bank warnt vor dramatischen Rezession.
http://www.focus.de/finanzen/boerse/finanzkrise/wachstumseinbruch-deutsche-bank-warnt-vordramatischer-rezession_aid_353541.html.
Frankfurter Allgemeine Zeitung (2009): Rettet die Wirtschaftspolitik an den Universitäten!
http://www.faz.net/s/RubB8DFB31915A443D98590B0D538FC0BEC/Doc~EA1E6687105BC
44399168BC77ADE64F8A~ATpl~Ecommon~Scontent.html. Zugegriffen: 21. Juli 2010.
Galbraith, J. K. (1955): The Great Crash 1929. Boston.
Galbraith, J. K. (1962): The Affluent Society, Bristol
Gehrig, T. (2009): zit. n. W. Mussler. Die Lehren der Anderen. Viele tonangebende Ökonomen
reagieren bissig auf Kritik. Sie sollten lieber daraus lernen. Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 24.05.2009, S. 32.
Gilpin, R. (1987) The Political Economy of International Relations. Princeton.
Goldschmidt, N. et al. (2009) Was ist und was kann Ordnungsökonomik? Frankfurter Allgemeine
Zeitung, 19.06.2009, S. 12.
Greenspan, A. (2005): „I think we’re running into certain problems in certain localized areas. We
do have characteristics of bubbles in certain areas but not, as best I can judge, nationwide […] I
don’t expect that we will run into anything resembling a collapsing bubble, [though it’s] conceivable that we will get some reduction in overall prices as we’ve had in the past, but that is
not a particular problem“, zit. n. D. Ackman, Greenspan And His Bubble. Forbes online.
http://www.forbes.com/2005/02/18/cx_da_0218topnews.html. Zugegriffen: 28. Juni 2010
Greenspan, A. (2005): „[…] recent regulatory reform, coupled with innovative technologies, has
stimulated the development of financial products, such as asset-backed securities, collateral
loan obligations, and credit default swaps, that facilitate the dispersion of risk […] These increasingly complex financial instruments have contributed to the development of a far more
flexible, efficient, and hence resilient financial system than the one that existed just a quartercentury ago”, Remarks by Chairman Alan Greenspan. Economic flexibility. Before the National Italian American Foundation, Washington.
http://www.federalreserve.gov/boarddocs/speeches/2005/20051012/default.htm. Zugegriffen:
28. Juni 2010.
Hayek, F. A. v. (1929): Geldtheorie und Konjunkturtheorie. Wien.
Hayek, F. A. (1948): Individualism and Economic Order. Chicago.
Hartwell, R. M. (1995): A History of the Mont Pelerin Society. Indianapolis.
Heusinger, R. v. (2009): Die Lehman-Lügen, in: Frankfurter Rundschau online, 14.09.2009,
http://www.fr-online.de/in_und_ausland/wirtschaft/spezial_banken/meinung/1947119_
Leitartikel-zur-Finanzkrise-Die-Lehman-Luegen.html. Zugegriffen: 28. Juni 2010.
3
Die Finanzkrise, der Crashprophet und die Wissenschaft von der modernen Ökonomie
45
Hilferding, R. (1910): Finanzkapital. Eine Studie über die jüngste Entwicklung des Kapitalismus.
Wien.
Hoffmann, M et al. (2007): Immer-Gewinner. Focus Money.
http://www.focus.de/finanzen/boerse/aktien/titelgeschichte-und150-aktienstrategie-immergewinner_aid_259904.html. Zugegriffen: 28. Juni 2010.
Institut der Deutschen Wirtschaft Köln (Hrsg.). (2007): U.S.-Immobilienmarkt. Solides Fundament. iwd 2. S. 6.
Internationaler Währungsfond (Hrsg.) (2007): Global Financial Stability Report. Market Developments and Issues. Ausgabe 04/2007, S. 3.
Kahneman, D. und A. Tversky, A. (1979): Prospect Theory. An Analysis of Decision under Risk.
Econometrica XLVII. S. 263–291.
Kahneman, D. et al. (1982): Judgment under Uncertainty. Heuristics and Biases. Cambridge.
Kahneman, D. und Tversky, A. (1992): Advances in Prospect Theory. Cumulative Representation
of Uncertainty. Journal of Risk and Uncertainty 5/4, S. 293–323.
Katzenberger, P. (2009): EZB: Zinssenkung: Crash-Prophet Max Otte. „Dann wird es brutal“.
Interview mit Max Otte. Süddeutsche Zeitung, 15.01.2009. http://sueddeutsche.de/geld/ezbzinssenkung-crash-prophet-max-otte-dann-wird-es-brutal-1.384240. Zugegriffen: 28. Juni 2010.
Keohane, R. et al. (1988): International Institutions. Two Approaches. International Studies
Quarterly. S. 379–396.
Kindleberger, C. (1978): Manias, Panics, and Crashes. A History of Financial Crises. New York.
Krugman, P. et al. (2007): Essentials of Economics. New York.
Le Bon, G. (1895): Psychologie des foules. Paris.
Leisinger C. (2006): Die Börsianer sind zu optimistisch. Interview mit Nouriel Roubini. Frankfurter Allgemeine Zeitung online, 09.10.2006. http://www.fazfinance.net/Aktuell/Boerse-undAnlage/Die-Boersianer-sind-zu-optimistisch-6651.html. Zugegriffen: 28. Juni 2010.
Leuenberger, S. (2010): Deutscher Bundestag (Hrsg). Völlig unterschiedliche Urteile der Sachverständigen zur Finanztransaktionssteuer, 17.05.2010.
http://www.bundestag.de/presse/hib/2010_05/2010_155/01.html. Zugegriffen: 19. Juli 2010.
List, F. (1930): Das nationale System der politischen Ökonomie. (Ausgabe letzter Hand um einen
Anhang vermehrt.) Berlin.
Lucas Jr., R. E. Jr. (2003): Macroeconomic Priorities. American Economic Review 93. S. 1–14.
Mackay, C. (1841): Extraordinary Popular Delusions and the Madness of Crowds. London
Mankiw, N. G., et al. (2008): Grundzüge der Volkswirtschaftslehre. 4. überarbeitete Auflage.
Stuttgart.
Matthäus-Maier, Ingrid zit. n. R. Jungbluth (2007). Die Einbürgerung des Josef Ackermann. Die
Zeit 46, 08.11.2007, http://www.zeit.de/2007/46/Deutsche-Bank. Zugegriffen: 28. Juni 2010.
Mises, L. v. (1912): Theorie des Geldes und der Umlaufsmittel. München.
Mises, L. v. et al. (1940): Nationalokönomie. Theorie des Handelns und Wirtschaftens. Genf.
Mises, L. v. (1998): The Principle of Methodological Individualism, in: Human Action. A Treatise
on Economics. Auburn. http://mises.org/humanaction/chap2sec4.asp. Zugegriffen: 19. Juli
2010.
Mühlauer, A. (2008): An der Wand statt im Depot. Süddeutsche Zeitung.
http://www.sueddeutsche.de/geld/aktien-an-der-wand-statt-im-depot-1.267152. Zugegriffen:
28. Juni 2010.
Montier, J. (2007): The Folly of Forecasting: Ignore all Economists, Strategists, & Analysts. Behavioural Investing. A practictioner’s guide to applying behavioural finance. Chippenham, S.
105–120.
Neuerer, D. (2010): Ökonomen verdammen US-Warnung vor zu viel Sparen. Handelsblatt online,
22.06.2010, http://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/stabilitaetsdebatte-oekonomenverdammen-us-warnung-vor-zu-viel-sparen;2605556. Zugegriffen: 19. Juli 2010.
46
Teil 1
Der Crashprophet und die Finanzmärkte
Neuerer, D. (2010): Krisen-Ökonom Otte zerpflückt Basel-III-Beschluss. Handelsblatt online,
13.09.2010. http://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/schwaechung-fuer-deutschlandkrisen-oekonom-otte-zerpflueckt-basel-iii-beschluss;2654272
Otte, M. (2006): Der Crash kommt. Die neue Weltwirtschaftskrise und wie Sie sich darauf vorbereiten. Berlin.
Otte, M. (2008): Für einen schlanken, starken Staat. Orientierungen zur Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik 118/2008, S. 8–11.
Otte, M. (2009): „Finanzplatz Deutschland“ versus deutsches Bankensystem. Zwei politökonomische Perspektiven für die Zukunft. F. Keuper, F. und Puchta, D. (Hrsg). Deutschland 20 Jahre
nach dem Mauerfall. Rückblick und Ausblick. Und: Die Finanzkrise und das Versagen der modernen Ökonomie. Politik und Zeitgeschichte 52/2009. Wiesbaden.
Otte, M. (2010): Volks- und Raiffeisenbanken als Stabilitätsfaktoren in Wirtschaftskrisen. Eine
polit- und institutionenökonomische Perspektive. Zeitschrift für das gesamte Genossenschaftswesen 60/2, S. 89–103.
Otte, M. (2010): Eigenkapital ist der Schlüssel zu allem. Max Otte im Gespräch mit Dirk Müller.
Deutschlandfunk 08.03.2010. http://www.dradio.de/dlf/sendungen/interview_dlf/1139025/. Zugegriffen: 19. Juli 2010.
Otte, M. (2010): Prof. Dr. Max Otte vor dem Finanzausschuss des Bundestages, 17.05.2010.
http://www.bundestag.de/bundestag/ausschuesse17/a07/anhoerungen/2010/014/Stellungnahme
n/25_Otte.pdf. Zugegriffen: 19. Juli 2010.
Otte, M. und Folker Hellmeyer, F. (2010): Ist der Euro noch zu retten?
http://www.3sat.de/page/?source=/boerse/magazin/144070/index.html. Zugegriffen: 28. Juni
2010.
Plickert, P. (2010): Wo bleibt die Relevanz? Die deutschen Ökonomen streiten weiter über ihr
Fach. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.02.2010, S. 13.
Porter, M. E. (1990): The Competitive Advantage of Nations. New York.
Prechter, R. (2002): Conquer the Crash. You Can Survive and Prosper in a Deflationary Depression. New York.
Reinhart, C. M. und Rogoff, K. S. (2009): This Time is Different. Eight Centuries of Financial
Folly, Princeton.
Rubino, J. (2003): How to Profit from the Coming Real Estate Bust. Money-Making Strategies for
the End of the Housing Bubble. Emmaus.
Rürup, B. (2008): Rede auf der Landesmitgliederversammlung des Wirtschaftsrats in Dresden.
60 Jahre Soziale Marktwirtschaft: Ein Auslaufmodell? Dresden 23.9.2008.
http://www.wirtschaftsrat.de/landesverbaende/LvSACindex/LvSACmitt?archiv=1. Zugegriffen: 19. Juli 2010.
Rüstow, A. (1949): Zwischen Kapitalismus und Kommunismus, S. 6 f. Bad Godesberg.
Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (Hrsg.) (2005):
Die Chance nutzen. Reformen mutig voranbringen. Jahresgutachten 2005/2006. S. 16.
Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (Hrsg.) (2007):
Das Erreichte nicht verspielen. Jahresgutachten 2007/2008, S. 68; J. Elmeskov, Dealing with
Risks, in: OECD World Economic Outlook 82, 2007, S. 7.
Samuelson, P. A. und Nordhaus, W. D. (2007): Volkswirtschaftslehre. Das internationale Standardwerk der Makro- und Mikroökonomie. 3. aktualisierte Auflage. Landsberg am Lech.
Schmidt, C. (2009): N. aus dem Moore, Quo Vadis Ökonomik? Frankfurter Allgemeine Zeitung,
22.05.2009, S. 14.
Schumpeter, J. (1908): Das Wesen und der Hauptinhalt der theoretischen Nationalökonomie.
München.
3
Die Finanzkrise, der Crashprophet und die Wissenschaft von der modernen Ökonomie
47
Shleifer, A. (2000): Inefficient markets. An Introduction to Behavioural Finance. Oxford.
Sinn, H.-W. (2007): Mit Ungerechtigkeit lebt es sich besser. Süddeutsche Zeitung. Ausgabe 245.
S. 22.
Sinn, H.-W. (2009): Casino-Kapitalismus. Berlin.
Sinn, H.-W. (2009): Der richtige Dreiklang der VWL. Frankfurter Allgemeine Zeitung,
22.06.2009, S. 12.
Stilz, R. (2006): George Soros warnt vor einer Rezession in den USA. Wegen der Entspannung am
US-Immobilienmarkt erwartet der Finanzguru eine massive Abschwächung des Wirtschaftswachstums. Die Welt online, 10.01.2006,
http://www.welt.de/print-welt/article189895/George_Soros_warnt_vor_einer_Rezession_in_
den_USA.html. Zugegriffen: 28. Juni 2010.
Süddeutsche Zeitung (2010): Scheitern im Idyll. http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/g-gipfelmerkels-finanztransaktionssteuer-faellt-durch-1.965881. Zugegriffen: 17. Juli 2010.
Tully, S. (2004): Is the housing boom over? Fortune 150/6, 20.09.2004.
Uhlig, H. (2009): Baut die deutsche VWL nach internationalen Standards um! Handelsblatt,
08.06.2009. http://blog.handelsblatt.com/oekonomie/2009/06/14/baut-die-deutsche-vwl-nachinternationalen-standards-um/. Zugegriffen: 21. Juli 2010.
Uhlig, H. zit. n. W. Mussler. Die Lehren der Anderen.
Walter, N. (2009): 2010 mehr als fünf Millionen Arbeitslose. Bild online.
http://www.bild.de/BILD/politik/wirtschaft/2009/06/15/deutsche-bank-chefvolkswirt-norbertwalter/2010-ueber-5-millionen-arbeitslose.html. Zugegriffen: 19. Juli 2010.
Wirth, M. (1874): Geschichte der Handelskrisen. Frankfurt am Main.
4
4 Wie ich zum Unternehmer wurde: Lehren für
zukünftige Entrepreneure
Ein befreundeter Professorenkollege an der FH Worms – er war damals Dekan – sagte
mir vor einigen Jahren: „Lieber Kollege Otte, bei Ihnen ist das alles so einfach. Ihnen
glückt alles, Sie sind in den Medien, alles geht so locker voran.“ Ich konnte darauf nur
antworten: „Lieber Kollege, bei mir war nichts einfach, gar nichts.“
Tatsächlich habe ich oft bis zum Hals im Mist dringesteckt. 1995 hat mich die Bertelsmann-Stiftung Knall auf Fall gefeuert. 1996, annus horribilis, war die Freundin weg,
die Doktorarbeit noch nicht fertig, ich bekam einen Hörsturz, Aufträge und Geld wurden
knapp, und ich musste ein wunderschönes Grundstück in Wyoming verkaufen. Da hieß
es für mich: Fokussieren. Nicht mehr herumspielen. Jetzt geht es ums Überleben. Ich
flog nach Amerika, blendete alles aus und machte meine Doktorarbeit fertig. Anschließend musste ich einen Job finden. Der war bei einem amerikanischen Beratungsunternehmen. Er sollte die einzige wirkliche Festanstellung in meinem Leben bleiben.
Man feierte sich und mich auf amerikanische Manier: „Hi, Max, großartig, dass du
bei uns bist“, und nach einem Jahr hieß es ebenfalls sehr amerikanisch: „Du musst jetzt
gehen, Max. Pack deine persönlichen Sachen zusammen und lass die Schlüssel liegen.“
Ich hatte das vorausgesehen. Mein damaliger Chef war gerade auf einem Höhenflug
und hatte mich für ein recht stattliches Gehalt eingestellt, auch, weil ich zuvor für einen
Wettbewerber tätig gewesen war. Mit zwei Key Clients hatte er eine völlig überdimensionierte Truppe zusammengestellt. Und nun kam ich von einer Recruiting-Tour an den
besten Universitäten Amerikas zurück, an denen ich die Vorzüge unseres Unternehmens
erklären sollte: Harvard, Stanford, Wharton, University of Chicago. Und wurde prompt
gefeuert.
Ganz ehrlich: Ich habe es genossen. Eine gefühlte volle Stunde lang habe ich mich
von allen verabschiedet. Mein Vorgesetzter stand immer als Wächter hinter mir, damit
ich auch ja nichts Falsches sage. Dann fiel die Tür zu.
49
© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2019
M. Otte, Die Finanzmärkte und die ökonomische Selbstbehauptung Europas,
https://doi.org/10.1007/978-3-658-23179-8_4
50
Teil 1
Der Crashprophet und die Finanzmärkte
1998 kam mir die Idee zum jetzigen Unternehmen. Es hat drei gescheiterte Joint Ventures, acht Rechtsstreite und zahllose schlaflose Nächte gedauert, bis ich da war, wo ich
bin. Ich habe geheult wegen der Feigheit und des Verrats von Weggefährten oder ob der
brutalen Dummheit von Joint Venture Partnern, die sich mir überlegen fühlten und
glaubten, sich alles erlauben zu können. Fast 15 Jahre hat es gedauert, bis das Unternehmen seine heutige, durchaus respektable Größe erreicht hat. Jetzt zumindest dürfte
der weitere Weg für meine Unternehmen einigermaßen klar sein. Aber auch dafür gibt es
keine Garantie. Vor Jahren schrieb Andy Grove, der Gründer von Intel, ein Buch mit
dem Titel: „Nur die Paranoiden überleben.“ Heute weiß ich: Das stimmt.
Was ich damit sagen will: Einfach ist Entrepreneurship nicht. Aber wenn man es
wirklich will, dann ist es die beste Sache der Welt.
Was also macht Entrepreneurship aus?
Ich möchte meine Aussagen in sechs Thesen fassen und mit einigen Beispielen aus
meinem eigenen Werdegang illustrieren:
1. Wähle den Job oder das Unternehmen, das du gewählt hättest,
wenn du bereits reich wärst
Mein Vorbild als Investor, der legendäre Warren Buffett, hat einmal gesagt: Mache
nichts allein deshalb, weil du glaubst, damit Geld verdienen zu können. Das führt wahrscheinlich in die Sackgasse. Der Mann hat Recht, wie ich selber schmerzlich lernen
sollte.
1989/90 habe ich als 25-jähriger Projektleiter die Entwicklungshilfebehörde der Vereinten Nationen umorganisiert. Ich war noch Masterstudent an der Princeton University.
Aber ich hatte für meinen damaligen Auftraggeber, die Kienbaum Unternehmensberatung GmbH, ein Team zusammengestellt, an einer Ausschreibung teilgenommen und das
Projekt gegen die großen amerikanischen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften und auch
gegen McKinsey & Co. gewonnen.
Das klingt toll. Aber für mich war das total langweilig. Mit Beamten sprechen, Kästchen malen, kleinste Veränderungen anstoßen – das ist nicht mein Ding. Kienbaum war
damals dick im Behördengeschäft. In der Schlussphase des Studiums hatte ich dort ein
Praktikum, weil man eben auch einmal bei einem Unternehmensberater gewesen sein
sollte. Bei zwei Banken und Industrieunternehmen war ich schon gewesen.
Es folgte der UNO-Auftrag. Damit hatte ich den Stempel „Behördenberater“ weg. Bis
ich den abgestreift hatte, vergingen sechs, sieben Jahre. Beim nächsten Arbeitgeber war
ich als Projektleiter mit der Reorganisation des Bundeswirtschaftsministeriums befasst.
Eine Geschichte für sich. Im Rückblick waren diese Jahre beruflich eher eine verlorene
Zeit. Ich hätte mir viel früher überlegen sollen: Was willst du wirklich? Was macht dir
Spaß? Auch dann, wenn du es gar nicht tun musst?
Nichts anderes besagt dieser Satz: „Wähle den Job oder das Unternehmen, das du
gewählt hättest, wenn du bereits reich wärst.“ Das klingt weder einfach noch ist es einfach. Aber es schafft ungemein Klarheit.
4
Wie ich zum Unternehmer wurde: Lehren für zukünftige Entrepreneure
51
2. Kenne dich selbst
Als Ableitung dessen: Belüge dich nicht selbst. Kenne Dich selbst. Manche Glückliche
wissen schon in jungen Jahren, wer sie sind und was sie wollen. Bei mir hat es in mancher Hinsicht bis weit in mein viertes Lebensjahrzehnt hinein gedauert. Ein fester Kern
war da, aber bis ich meinen Weg gefunden habe, hat es lange gedauert. Noch heute entdecke ich an mir Dinge, die ich bislang nicht kannte.
Als junger Mensch mit 16 oder 17 Jahren hatte ich eine Vision: Ich wollte in der amerikanischen Außenpolitik mitmischen. Denn nicht in Europa, sondern in Amerika fielen
meiner Ansicht nach die wirklichen Entscheidungen, und da wollte ich dabei sein. Amerika als Imperialmacht der Gegenwart bestimmt das Schicksal der Welt. Einwanderer
wie Henry Kissinger, Wernher von Braun und Andy Grove hatten vorgemacht, dass man
es mit Ehrgeiz und etwas Fortune ganz weit bringen kann.
Der Weg dorthin war mir klar: Ich müsste an einer Eliteuniversität studieren (solche
gab es nämlich in den USA – im Gegensatz zu Deutschland – und sie öffneten viele Tore). Am besten promovieren. Natürlich müsste ich auch Amerikaner werden. Nur ging
das nicht so einfach. Ich bin zwar in einem Elternhaus groß geworden, das viel Wert auf
Bildung legte, aber mein Vater starb, als ich 18 Jahre alt war. Da konnte ich mir das
Studium in Amerika zuerst einmal abschminken. Wir hatten einfach nicht genug Geld.
Zwar hatte ich zusammen mit einer Mitschülerin das beste Abitur des Jahrgangs hingelegt, aber für den knallharten Wettbewerb um ein Ivy-League-Direktstipendium reichte
es nicht. Punkt. Fünf Jahre später sollte es dann klappen. Da machte es mich aber nicht
mehr besonders glücklich.
Persönlich ist mir Geld nicht wichtig. Viel wichtiger ist es mir, zu erkennen und zu
gestalten, in jeder Form. Und zu lehren und so meine Kenntnisse weiterzugeben. Glauben Sie es mir oder auch nicht. Nun stand ich zum ersten Mal vor der Situation, dass
Geld ein limitierender Faktor war. Ich hatte doch gedacht, es käme nur auf die Leistung
an. Tatsache ist heute: Nur mit Geld kommt man zu Einfluss, Gestaltungsmöglichkeiten
und – sprechen wir das Tabu ruhig aus – Macht.
Nach der Bundeswehr ging ich zum Studium nach Köln. BWL. Ich hatte also doch
etwas Wirtschaftsnahes genommen, um mir den Aufstieg in der Welt des Geldes nicht zu
verbauen. Jura kam für mich trotz des Wunsches meines Vaters nicht in Frage. Ich wollte mich nicht immer herumstreiten, sondern lieber etwas Produktives machen. (Die gerichtlichen und sonstigen Auseinandersetzungen aus meiner Unternehmerzeit würden
mittlerweile Bände füllen. So kam ich dann doch noch zu meinem Jurastudium, in der
angewandten Form.) Meine Liebe aber gehörte Politikwissenschaften, Soziologie und
Philosophie. Schließlich wollte ich ja Weltpolitik mitgestalten und irgendwann an einer
amerikanischen Spitzenuniversität studieren.
Mit der Zeit jedoch wurde mir klar, dass der ins Auge gefasste Weg über eine Professur in die Politikberatung und dann vielleicht in die aktive Politik doch nicht mehr ganz
zeitgemäß war. Ich wusste, dass sich Politiker und Politikberater mit einer sehr großen,
überaus begehrlichen Klientel herumschlagen müssen, letztlich davon sehr abhängig sind
und wenig entscheiden können. Leider leben wir in einer Welt, in der der gesellschaftli-
52
Teil 1
Der Crashprophet und die Finanzmärkte
che Rang von Politikern nicht sehr hoch ist, in dem Politiker nach der Nase der Lobbys
tanzen und in der jederzeit der Ruf eines Politikers zerstört werden kann. Wenn man
unabhängig bleiben und wirklich Einfluss nehmen will, muss man sich eine materielle
Basis aufbauen.
1986 hatte ich ein Schlüsselerlebnis. Ich war in den Sommerferien mit InterRail, einem europäischen Eisenbahnpass, unterwegs. In einem Kino in Barcelona sah ich den
„Terminator“, natürlich auf Spanisch. Die Person Schwarzeneggers faszinierte mich.
Hier hatte es jemand geschafft, mit einem Thema von allgemeinem Interesse – Bodybuilding – in die Medien zu kommen und sich mit deren Hilfe immer weiter zu entwickeln. Und dabei reich zu werden und politische und gesellschaftliche Ambitionen zu
entwickeln. (Ob Schwarzenegger, als er dann zweimal Gouverneur von Kalifornien wurde, wirklich glücklich war, wage ich zu bezweifeln. In seiner 2012 erschienenen Autobiographie weist er darauf hin, dass ihn seine Frau gebeten habe, sich und seiner Familie
eine zweite Amtszeit nicht anzutun.)
Noch im selben Jahr hatte ich mein lang ersehntes US-Stipendium durch die KonradAdenauer-Stiftung erhalten. In deren Programm zur Begabtenförderung war ich 1985
aufgenommen worden. Ich studierte an der American University in Washington, praktizierte im international hoch angesehenen Institute for International Economics (heute
Peterson Institute) und im Kongress. Ich war bei der Anhörung von Notenbankchef Alan
Greenspan für sein Amt als Notenbankchef dabei. Ich hätte in den USA bleiben und
meinen MBA machen können.
Ich kehrte aber nach Köln zurück. Meiner Mutter ging es nicht gut. Außerdem hatte
ich in Köln einen Professor mit einer sehr guten, internationalen Reputation. Wenn ich
bei dem reüssierte, so kalkulierte ich, könnte er mich vielleicht bei einer Ivy League
unterbringen, also zum Beispiel in Harvard, Princeton oder Yale. Das hat 1989 auch
geklappt. Inzwischen war es aber zu spät dafür. Im Grunde habe ich die ganze Zeit von
1987 bis 1999 gebraucht, um meinen wirklichen Weg zu finden.
Während des Studiums arbeitete ich als Unternehmens- und Verwaltungsberater;
zahllose Praktika bei Industrieunternehmen und Banken hatte ich während meines Studiums absolviert. Und so war ich hin- und hergerissen zwischen den USA und Deutschland, einer Karriere in der Wirtschaft und meiner Leidenschaft für Erkenntnis, Politik,
Lehre, der Promotion und meinen Projekten. Ich saß unzählige Male im Flugzeug über
dem Atlantik. Ich wickelte Projekte in den USA, Afrika und Europa ab. 1992 und 1995
schrieb ich meine ersten Sachbücher für ein breiteres Publikum. Der Titel „Amerika für
Geschäftsleute“, bei Campus erschienen, fand einen höchst erfreulichen Anklang.
1995 und 1997 wurde ich, wie eingangs erwähnt, aus zwei Jobs gefeuert. Erst Anfang
1998 hatte ich die Chance, aus meiner Nische „Verwaltungs- und Politikberatung“ auszubrechen und bei einer M&A-Boutique in meinem heimischen Sauerland anzufangen.
Die verkaufte und fusionierte mittelständische Unternehmen. Ich fand das sehr spannend.
Später im Jahr 1998 bin ich für meine erste Assistant Professorship nach Boston in
die USA zurückgegangen. Ich tat das sehr, sehr ungern, denn in Köln hatte ich einen
4
Wie ich zum Unternehmer wurde: Lehren für zukünftige Entrepreneure
53
Freundeskreis gewonnen, der mir sehr lieb war. Der Umzug nach Amerika war zugunsten einer Tenure-Track-Position auf fünf Jahre mit der Chance auf eine Lebenszeitanstellung veranschlagt. Trotz der herzlichen Aufnahme seitens meiner Kollegen fühlte ich
mich nicht besonders wohl. Auch kam mir das Einkommen eines Assistant Professor of
International Relations lächerlich gering vor. Die Kollegen waren im engen Bereich des
akademischen Departments gefangen und bemühten sich um Forschungsgelder von ein
paar tausend Dollar. Obgleich ich mich theoretisch gerne mit ihnen auseinandersetzte
und sofort eine Basis fand, war das nicht mehr meine praktische Welt. Die Infrastruktur
war gleich Null – wir machten quasi alles selber. Weit weg vom Bild eines Lehrstuhlinhabers in Deutschland mit vielen Assistenten. Aber das wusste ich ja schon seit meinem
ersten Studienaufenthalt an der American University und ganz bestimmt seit Princeton.
Mein Herz und mein Kopf waren reif für den nächsten Schritt. Wenige Monate, nachdem ich in den USA angekommen war, hatte ich die Vision, die bis heute Grundlage
meiner Unternehmen ist. Es war die Zeit der New Economy. Rund um mich herum
schien das Geld auf der Straße zu liegen. Das war natürlich verlockend. Von meinem
„Schwarzegger-Erlebnis“ wusste ich schon, dass eine Präsenz in den Medien sehr hilfreich ist. Das Internet faszinierte mich. Und schließlich interessierte ich mich auch wieder für Aktieninvestments. (Schon 1987 war ich zum Zeitpunkt des Crashs Praktikant an
der Frankfurter Börse gewesen.)
Ich war im Internet auf eine Finanzwebseite gestoßen, MotleyFool.com. Die Macher
analysierten Aktien und Investments sehr intelligent und wollten Privatanlegern helfen,
die Profis zu schlagen. Die Analysen waren brillant und ehrlich. Außerdem hatten die
Motley-Fool-Leute eine freche Schreibe.
Das wollte ich nach Deutschland holen.
In dieser Vision kam alles zusammen: mein Wunsch, Wissen an Bürgerinnen und
Bürger weiterzugeben, mein Interesse an Finanzen, Medien und Internet sowie die Möglichkeit, mir eine materielle Basis aufzubauen und vielleicht sogar gesellschaftspolitisch
Einfluss zunehmen.
Es hat lange gedauert, bis ich gemerkt habe, was ich wirklich machen wollte. Als es
mit der wissenschaftlichen und politischen Karriere in den USA nicht geklappt hatte
(und ich es auch selber nicht mehr wollte), musste ich mich erst mal umorientieren. Das
setzt schonungslose Ehrlichkeit gegenüber sich selbst voraus. Als Entrepreneur, der über
den Tag hinaus Erfolg haben will, muss man so sein. Auch gegenüber anderen. Aber am
Anfang steht die Selbsterkenntnis.
3. Entrepreneurship braucht Mut
Vor einiger Zeit kam ein Buch heraus mit dem Titel „Altwerden ist nichts für Feiglinge.“
Dasselbe gilt für leidenschaftliche Unternehmer: Auch Entrepreneurship ist nichts für
Feiglinge. Denn da kommen zwischendurch immer wieder ziemlich harte Sachen hoch.
Und oft muss man der Sache wegen beinhart bleiben.
Die Gründer der amerikanischen Webseite Motley Fool saßen in Virginia. Mit ihnen
wollte ich sprechen. Verwiesen wurde ich jedoch stets an deren Europavertreter in Lon-
54
Teil 1
Der Crashprophet und die Finanzmärkte
don, ein Brite und ein Amerikaner, jünger als ich, beide perfekt in Deutsch und sehr nett.
Es dauerte fünf Monate, bis ich begriffen habe, dass die beiden überhaupt kein Interesse
daran hatten, den Otte in Deutschland stark werden zu lassen. Denn eine starke deutsche
Tochtergesellschaft hätte ja die englische Europazentrale massiv abgewertet. Noch mal:
Die beiden waren fürchterlich nett. Aber es ging nicht voran.
Bis ich dann ein Team von drei bis vier Freunden aufgebaut hatte, mit dem ich in die
Staaten reiste, um zusammen mit den Europavertretern den Gründern von Motley Fool
das deutsche Geschäftsmodell vorzustellen. Das Konzept schien den Gründern zuzusagen. Aber mich wollten sie nicht. Ehe ich mich versah, hatte Motley Fool zwei meiner
Freunde eingestellt. Ich bekam einen symbolischen Scheck über 5000 Dollar. Freundschaften zerbrachen. London, vielleicht sogar die Gründer selbst, dachten nicht im
Traum daran, einen starken Otte hereinzuholen. Ich wollte Unternehmensanteile in
Deutschland, ich wollte Unternehmer werden. Die wollten einen Angestellten.
Daraus habe ich nach langen und wiederholt schmerzhaften Erfahrungen ähnlicher
Natur ein Geschäftsprinzip gemacht: Sprich nur mit dem Entscheider. Das ist kein
Bullshit: Ich will jemanden haben, von dem ich eine Aussage bekomme, Ja oder Nein.
Das gilt auch für meine Kundenbeziehungen. Die Kunden sollen sich bitte entscheiden,
sollen „Ja“ oder „Nein“ sagen, meinetwegen auch alternierend, aber ich will klare Aussagen. Taktieren, auch wenn es der bequemere Weg sein mag, passt nicht zu meiner
Persönlichkeit.
Danach ging ich zu Wall Street Online, um eine hochwertige, fundamental-analytisch
orientierte Community aufzubauen. Sie können sagen: Was für eine Spinnerei! Das war
es nämlich. Wallstreet-Online als Zockercommunity par Excellence, und ich wollte da
etwas didaktisch Hochwertiges machen. Nach ein paar Monaten haben wir uns vorgerichtlich geeinigt und sind auseinander gegangen.
Im Herbst 2000 investierte die freenet.de AG eine Million DM in mein Konzept. Endlich konnte ich starten. Aber wieder war es eigentlich schon zu spät. Ende 2001 – ich
war mittlerweile ordentlicher Professor an der Fachhochschule Worms – herrschte in der
Internetszene der nackte Überlebenskampf, die blanke Panik. Die ganze Szene war in
Auflösung begriffen, und Freenet wollte das Unternehmen, an dem ich 25 Prozent hielt,
entsorgen. Das wiederum wollte ich nicht – hier ging es um meine unternehmerische
Vision, mein Lebenswerk. Nach einigem Hin und Her bin ich zum Insolvenzrichter
gegangen und habe Konkurs angemeldet, um die Abwicklung „meines“ Unternehmens
zu verhindern und mit einem neuen Partner zu starten. Die Muttergesellschaft wertete
das als Frechheit: Wie kommt ein Professor, ein Beamter (!), dazu, Insolvenz für die
Tochtergesellschaft anzumelden? Ganz angenehm war es auch für das freenetManagement nicht, denn es war, wie gesagt, in der Zeit der Auflösung der New Economy. Es folgten mehrere existenzbedrohende Rechtsstreitigkeiten. 2003 und 2004 wurden
außerdem meine Kinder geboren. Um wirtschaftlich überleben zu können, verkaufte ich
meine Sammlung alter E-Gitarren. Das war weiß Gott keine einfache Zeit. Hätte ich
nicht die Stelle als verbeamteter Professor gehabt, ich hätte aufgeben müssen.
4
Wie ich zum Unternehmer wurde: Lehren für zukünftige Entrepreneure
55
Mit einem neuen Partner, der OnVista AG, habe ich dann die Insolvenzmasse erworben. Doch anscheinend arbeitete man bei OnVista von Anfang an darauf hin, mich auszubooten. „Professor Otte ist gut für die PR, aber das Geschäft machen wir“, frohlockte
einer der Vorstände gegenüber meinen Mitarbeitern, als ich gerade einmal nicht dabei
war. Also konnte auch diese Partnerschaft nicht halten, obwohl ich alles für ein faires
Miteinander gegeben hätte. Ende 2002 wurde ich von einem OnVista-Vorstand gezwungen, meine Beteiligung am Joint Venture mit OnVista zu verkaufen. Der Mann war
dumm und arrogant und hat sich massiv selbst überschätzt. Mit mir hätte er einen höchst
engagierten Partner für wenig Geld gehabt. Natürlich verlief der Verkauf nicht so, wie
dieser Vorstand es sich vorstellte. Es folgten wieder harte Rechtsstreitigkeiten.
Danach hatte ich mich endlich freigeschwommen und mein eigenes Unternehmen.
Ohne den Mut, für den großen Traum auch mal einen kurzzeitigen, kalkulierten Verlust
in Kauf zu nehmen und existenzielle Risiken einzugehen, wäre ich nicht dahin gekommen.
Das Geschäftsmodell wurde weiterentwickelt. Ich begann, Privatkunden in der Vermögensverwaltung und Vermögensberatung zu beraten, zum Teil für ganz kleines Geld.
Diese Zeit hart am Boden hat mir geholfen, mein Beratungskonzept völlig unabhängig
von dem, was jeweils gerade so in der Branche läuft, zu vervollständigen.
4. Kopf und Herz schlagen Kapital
Machen Sie sich nicht von Kapitalgebern abhängig. Nehmen Sie sich lieber Zeit. Unterschätzen Sie weder den Zeitfaktor noch die notwendige Willenskraft, die ein Entrepreneur braucht. Manchmal muss man mit sturem Kopf vorgehen, um zu einer soliden Kapitaldecke zu kommen.
Günter Faltin weist zu Recht darauf hin, dass Kopf Kapital schlägt. Aber auch das
Herz muss dazukommen. Es gibt so viele gute Konzepte. Wie wenige davon werden
aber von wirklichen Unternehmern – Besessenen – zu einem funktionierenden Unternehmen weiterentwickelt?
Mein Antrieb war stets, etwas Einträgliches und Sinnvolles zu unternehmen. Beispielsweise, dem normalen Bürger vernünftige und verständliche Lösungen für die
Geldanlage zu liefern. Neulich sagte mir ein Taxifahrer: „Hör mir bloß auf mit Aktien.
Wenn ich meiner Frau mit Aktien komme, dann steigt die mir aufs Dach.“ Mit diesem
Denken hat der deutsche Privatanleger den letzten Aufschwung verpasst. Um die Jahrtausendwende gingen alle in Aktien, dann ging es rauf und runter und wieder rauf und
wieder runter, und mittlerweile sind alle so verunsichert, dass sie ihr Erspartes in Festgeld stecken – trotz der wahren Inflation von vier oder fünf Prozent, nicht der, die in der
staatlichen Statistik ausgewiesen ist. Bei Zinsen von einem Prozent oder weniger macht
das wenigstens drei Prozent minus, nach 25 Prozent minus in den letzten zehn Jahren
und 40 Prozent minus in den zurückliegenden 15 Jahren. So werden die deutschen Sparer, so wird die Mittelschicht hinters Licht geführt.
Ich wollte und ich will etwas Nützliches versuchen, nämlich beim Vermögensaufbau
zu helfen. Ich will Menschen ein Stück weit begleiten und voranbringen. Den Beruf des
56
Teil 1
Der Crashprophet und die Finanzmärkte
Professors habe ich ja auch nicht ganz zufällig gewählt. Nur ist es eine sehr schwere
Aufgabe, Menschen zu entwickeln. Bücher kann man für Hunderttausende schreiben,
Vorlesungen kann man vor 700, 800 Leuten halten. Aber Menschen, Fachkräfte, Führungskräfte wirklich zu entwickeln und zwar im Tagesgeschäft, das gelingt jedes Jahr
nur mit einem oder ganz wenigen. Das dauert. Mir macht es Freude, obwohl auch viele
Fehlgriffe und Rückschläge dazugehören.
Die Umsetzung meines Geschäftsmodells, nämlich Privatanlegern, dem Mittelstand,
Unternehmern, klassischen Familienunternehmern bei der Kapitalanlage zu helfen, hat
mehrere Permutationen erfordert. Ich wollte einen Finanzverlag und eine Finanzwebsite.
Das ist der Kern des Geschäfts. Ich wollte nie Finanzberatung machen. Doch dann war
ich Berater. Dann war ich neben meinem deutschen Finanzverlag und meinem Schweizer Research und Fondsunternehmen auch noch an einer Vermögensverwaltung beteiligt.
Ich wollte nie einen Fonds auflegen. Doch dann kam mein Schweizer Partner und sagte:
„Probiere es doch mal mit Fonds.“ Mittlerweile sind es zwei – und beide sind sehr erfolgreich. Die Mission ist geblieben. Doch die Strategie und die Produkte haben sich
geändert, um ihren Grundgedanken voranzubringen.
Obwohl ich weitere Veränderungen nicht ausschließe, steht unsere kleine Unternehmensgruppe mittlerweile recht gut da
der Finanzverlag in Köln
das Fondsmanagement- und Researchunternehmen in der Schweiz
unser Kooperationspartner im Fondsmanagement in Deutschland
unsere Lizenzpartner in der Vermögensverwaltung und
weitere bewährte Kooperationen
sorgen dafür, dass wir strategisch recht ordentlich aufgestellt sind. Ich will nicht ausschließen, dass auch hier weitere Veränderungen erfolgen, aber der Fokus liegt ganz klar
auf der Optimierung der Organisation und Prozesse und der Mitarbeiterentwicklung.
Ich werde nächstes Jahr 50 Jahre alt. Und mache mir Gedanken über den nächsten
Schritt.
Mit meinen beiden Unternehmen bin ich gut ausgelastet. Außerdem bin ich noch zu
einem Viertel mit einer ordentlichen Professur am Institut für Management und Entrepreneurship der Universität Graz tätig. Mehr geht nicht. Man muss sich irgendwann
entscheiden, was man hauptsächlich ist: Unternehmer oder Professor. Darin schließe ich
mich Hermann Simon an, dem Gründer von Simon-Kucher & Partner mit mittlerweile
400 Professionals. Irgendwann hat er seine Professur an den Nagel gehängt, hat sich auf
sein Unternehmen konzentriert und alles richtig gemacht. Zum richtigen Zeitpunkt hat er
die Unternehmensleitung abgegeben und ist in den Aufsichtsrat gewechselt. Eines Tages
muss das auch bei mir so sein.
Doch erst noch ein Wort zur Gründerszene heute. Kopf schlägt Kapital, ganz klar.
Momentan ist unglaublich viel Kapital in der Welt vorhanden, aber oft gerade nicht das
Kapital, das Gründer wirklich brauchen: nämlich Human Capital. Ich meine das virtuelle
Kapital, das von einem Menschen in eine Idee strömt, der von ihr überzeugt ist und sie
konsequent durchzieht.
4
Wie ich zum Unternehmer wurde: Lehren für zukünftige Entrepreneure
57
Ich habe mein Unternehmen mit null Kapital begonnen, null Eigenkapital und null
Fremdkapital. Ich habe weiter oben gezeigt, wie viele Querschläge kamen, wie viele
Fehlschläge und wie viel Scheitern, bis sich der Erfolg eingestellt hat. Es hat Zeit gebraucht. Natürlich sind die drei Größen Zeit, Kapital und Unabhängigkeit zum Teil substituierbar. Aber wenn Sie unabhängig bleiben wollen und noch kein Kapital haben,
dann sollten Sie lieber nicht fragen: „Welcher Kapitalgeber gibt mir den größten Batzen?“ Dann machen Sie lieber den Job, der Ihnen Spaß macht, fangen Sie klein an und
nehmen sich Zeit.
Denn was machen Sie, wenn Sie das ganz große Geld haben? Zur Zeit der New Economy, also 1999/2000, war ich Mitte 30 und die Gründer und Entrepreneure Anfang,
Mitte 20. Viele von denen haben 150, 200 Millionen gemacht oder auch „nur“ 20 oder
30. Aber wie viele haben eine Idee nach der anderen hervorgebracht? Viele hatten nicht
mal die nächste Idee. Viele sind „verbrannt“ von ihrem eigenen Erfolg. Bei vielen ist das
Geld weg. Einige haben Haftstrafen verbüßt. Andere laufen den nächsten großen Ideen
nach, ohne jemals wieder Erfolg zu haben. Viele hatten damals einfach nur Glück. Der
schnelle Erfolg hat ihr Leben aus der Bahn gebracht.
Ja, es gibt viel Kapital auf der Welt. Aber das gewaltige Kapital, das sich bei den Superreichen sammelt, ist Rentiers-Kapital. Das will eine schnelle, möglichst risikolose
Verzinsung. In den Family Offices sitzen keine Unternehmer, sondern größtenteils Kapitalverwalter. Echtes Unternehmerkapital ist so knapp wie nie. Wenn Sie jemanden finden: All the power to you. Aber setzen Sie nicht nur auf den Kapitalgeber. Vor zehn
Jahren floss Geld ohne Ende in Biotechnologie, weil das Thema unendlich gehypt wurde. Vor drei, vier Jahren war ich auf einem sogenannten Unternehmertag, wo hoffnungsvolle junge Menschen ihre Geschäftsideen präsentieren. Nach der Werbung für das
20. Ballerspiel bin ich hinausgegangen – das war die gerade angesagte Masche, und Me
too ist reizlos. Letztes Jahr sprach mich ein zweifach promovierter Betriebswirt und
Mediziner an, der einen Venture-Kapitalfonds leitet für Biotech-Beteiligungen. Er sagte:
„Früher kam das Geld nur so rein. Die Unternehmen haben investiert, es gibt Forschungsergebnisse, aber kein neues Geld mehr. Alle haben nasse Füße bekommen.“
Also: Benutzen Sie Ihren Kopf. Die Banken geben kein Kapital, keine Kredite. Und
wenn Sie Geld von professionellen Kapitalgebern nehmen, dann machen Sie sich von
denen abhängig.
5. Nicht jeder hat das Zeug zum Entrepreneur
Ich gehe sogar noch weiter und möchte das auch mit Professor Faltin kontrovers diskutierten: Wenige haben das Zeug zum Entrepreneur. Es ist eine harte Sache, und man
muss sich seiner Sache wirklich sicher sein. Entrepreneurship braucht besonders viel
Energie. Es ist die befriedigendste, die tollste Sache der Welt, aber ich glaube nicht, dass
es das für jedermann ist. Es gibt so viele Leute da draußen, die einfach nur ihren Job
machen wollen. Ich merke das in meinen eigenen Unternehmen. Wenn ich bei meinen
Mitarbeitern auf mehr unternehmerisches Handeln dränge, dann sehe ich: Das ist eine
verdammt harte Nuss. Die kriegt man nicht immer geknackt.
58
Teil 1
Der Crashprophet und die Finanzmärkte
Es ist leicht gesagt: Finden Sie Unternehmer im Unternehmen. Bei sehr vertriebsorientierten Menschen mangelt es zuweilen an der Ehrlichkeit. Wenn Sie sehr ehrliche
Menschen, gute Fachkräfte haben, dann fehlt es bisweilen an der Vertriebsorientierung
und am Unternehmertum. Wie kriegt man das zusammen?
Ich selbst stand und stehe ständig vor dieser Herausforderung. Ich habe fünf Assistentinnen verschlissen, weil ich bei den falschen Profilen – Assistent/in der Geschäftsleitung – gesucht habe. Ich habe viele Freiräume gegeben und selbstständiges Handeln,
auch Führungsqualitäten, erwartet. Ich kann ordentlich zahlen, aber keine Mondpreise.
Leistung wollte ich durch Freiräume, durch größtmögliche Delegation herausholen. Bis
ich eines Tages begriffen habe, dass sich auf die Stellenanzeige Chefsekretär/-in oder
Vorstandsassistent/-in immer nur ganz bestimmte Bewerber melden. Und für die ist der
Job zu schwer. Mein Referent muss sehr viel selber entscheiden und vorantreiben. Ich
habe lange gebraucht, um zu verstehen, dass dafür wahrscheinlich schon ein akademischer Abschluss Voraussetzung ist.
Der Aufgabenbereich, der jemandem zugedacht ist, die Fähigkeiten und die Entscheidungskompetenzen dieser Person, also das Wissen, das Können und das Dürfen müssen
im Einklang stehen. Peter Drucker nannte das Management by Objectives. Das bedeutet:
Wenn Sie Aufgaben abgeben, muss die übernehmende Person diesen gewachsen sein,
und sie muss Entscheidungskompetenzen haben, die ihr erlauben, diese Aufgaben zu
stemmen. Wenn Sie das nicht in Übereinstimmung bringen, bleibt das Wollen, die Motivation, auf der Strecke.
Bis Sie das aber in einem schlanken Team so gestaltet haben, dass es passt, vergehen
Jahre. Und wenn es nicht klappt, muss man Härte und Konsequenz an den Tag legen.
Am Anfang habe ich mich damit schwergetan. Ich probiere es immer wieder, vielleicht
zu oft. Aber irgendwann ist natürlich der Ofen aus. Wenn Sie also merken: Das funktioniert nicht im Team, dann ziehen Sie lieber schnell die Konsequenzen. Das ist das Fazit
aus all meinen Versuchen, in denen ich Fünfe geradebiegen wollte. Glauben Sie mir: Es
gibt immer jemanden, der passt – wenn es auch schwer ist, den zu finden.
6. Entrepreneurship ist die beste Sache der Welt
Unternehmer sind Besessene. Denken Sie an Henry Ford, der erst angestellt war, dann
selbstständig, dann fast pleite und dann seine Idee mit dem Fließband umgesetzt hat.
Oder Carl Benz. Entrepreneure treibt eine Idee, sie kommen immer wieder darauf zurück. Natürlich kann man mehrere Einfälle haben und mehrere Dinge zur Reife bringen.
Aber ich glaube, dass die wirklich erfolgreichen Unternehmer sich irgendwann auf eine
einzige Sache konzentriert haben.
Denken Sie an Steve Jobs, der Apple gegründet hat. Er war einer der wenigen SerienEntrepreneure, bei dem ich diese Bezeichnung akzeptiere. Nachdem er bei Apple mit
Pauken und Trompeten herausgeflogen war, gründete er NeXT. Das war ein gigantischer
Flop. Danach hat er sich an Pixar beteiligt. Pixar war eine gute Sache. Und dann hat
Steve Jobs Apple wieder groß gemacht. „Apple 2.0“ sozusagen, mit einem völlig neuen
Geschäftskonzept.
4
Wie ich zum Unternehmer wurde: Lehren für zukünftige Entrepreneure
59
Solche Laufbahnen sind der Mount Everest des Entrepreneurships. Von solchen Karrieren kann man lernen. Der Mann hat seine Vision stur weiterverfolgt, hat sich nicht mit
tausend verschiedenen Dingen ausprobiert, hat sich fokussiert auf diese eine Idee. Oder
nehmen Sie die immer noch reichste Familie der USA, die Waltons mit ihrem Wal-Mart.
Sam Walton hat dieses Ding gemacht, und er hat es 40 Jahre lang mit Begeisterung gemacht. Deswegen ist er zu einem gigantischen Vermögen gelangt. Bill Gates hat Microsoft und sich selbst groß gemacht. Die beiden reichsten Deutschen, die Aldi-Brüder,
haben das auch ihr ganzes Leben lang so gemacht. Natürlich kann man viele IdeenKinder in die Welt setzen und auch einige davon zum Erfolg bringen. Aber meine These
ist, dass die ganz Großen sich wirklich auf eine Sache fokussiert haben und davon besessen sind.
Sie könnten jetzt eine Ahnung davon haben, worauf Sie sich einlassen, wenn Sie Entrepreneur werden wollen. Natürlich gibt es immer Stars, die durchstarten und die richtig
schnell richtig viel Geld verdienen. Aber Entrepreneurship ist eine Lebensaufgabe, setzt
Geduld und Frustrationstoleranz voraus und ist damit auch eine Charaktereigenschaft.
Insofern lege ich Ihnen meine zweite These ganz besonders ans Herz.
Max Ottes sechs Prinzipien des Entrepreneurship
1. Wähle den Job oder das Unternehmen, das du gewählt hättest, wenn du bereits
reich wärst: Irgendwann, wenn Sie den Unternehmer in sich haben, bricht der durch.
Das können Sie gar nicht verhindern. Aber machen Sie es doch bei der Sache, die
Ihnen Spaß macht. Warten Sie gegebenenfalls so lange, bis Sie es genau wissen.
2. Kenne dich selber und belüge dich nicht: In den letzten Jahren und Jahrzehnten
habe ich immer mal wieder auf den Deckel bekommen und dabei vieles an mir entdeckt. Ich glaube zum Beispiel, dass ich mich selbst sehr kritisch sehe. Aber ich bin
es, der die Fehlschläge verantworten musste. Wenn ich den Grund dafür nicht kenne
oder wenn ich mich belügen würde, riskierte ich nur, sie zu wiederholen.
3. Entrepreneurship ist nichts für Feiglinge: Seien Sie gewiss: Es werden Zeiten
kommen, in denen Sie sich wünschen, einen anderen Weg gewählt zu haben.
4. Kopf und Herz schlagen Kapital: Sie brauchen Kopf und Herz. Wenn Sie kein
Kapital haben, dann brauchen Sie Zeit. Machen Sie sich nicht zu abhängig von Kapital.
5. Entrepreneurship ist nichts für jedermann oder jede Frau: Prüfen Sie sich kritisch. Aber wenn das Gen in Ihnen ist, dann umso besser. Vollgas voraus – denn:
6. Entrepreneurship ist die beste Sache der Welt.
5
5 The Star and the Many
Disinformation and the Logic of the Swarm
The present age is the age of the “star” – the pop star, the sports star, the political star,
the star expert.
Both the English and the German word “star” contain various meanings. The English
connotes what is meant by celebrity, the one who stands out, while the other denotes a
species of bird. In the English language, however, the word also means sun or planet. If
this were a mere coincidence, it would be a most remarkable one indeed. The parallels
between today’s celebrity culture and a swarm of stars gathering in fall before commencing its journey south are profound and deep: like a multitude of stars or a swarm of fish,
present-day human society is organized in swarms. We see swarms gathering in politics
and media around certain topics, only to move on once the topics have been exhausted.
We see swarms of speculators around certain topics and areas. We see swarms at events.
The logic of the swarm is the logic of the fastest, the smartest; the logic of the moment. Traditional societies, even dictatorships, have permanence and structure, whereas
in the swarm there is only action. Strength remains only the strength of the moment,
since everything can change within seconds: a new member leads, a new direction is
taken. In the swarm, everybody has a chance to lead for a fleeting instant. The urge to be
famous, however ephemeral, is very strong.
The forces of the human swarm are wealth and attention. They permeate all other aspects of public existence. Everything else dwindles in comparison. Knowledge and education are of interest only insofar as they may be converted into attention or wealth. Life
achievements become “history” the moment they cease to catch attention, or else they
are not manifested or convertible into wealth.
Attention: Andy Warhol spoke of the “fifteen minutes of fame” that each person
would experience in the future. Our casting society has come dangerously close to this.
In the swarm society, attention is not gained by complex argumentation. Attention results from something done at the right moment, at the right time – from a simple, con-
61
© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2019
M. Otte, Die Finanzmärkte und die ökonomische Selbstbehauptung Europas,
https://doi.org/10.1007/978-3-658-23179-8_5
62
Teil 1
Der Crashprophet und die Finanzmärkte
text-bound argument, from something conspicuously outrageous, from something that
stands out – good, bad, beautiful, ugly; relevant or irrelevant. All of a sudden, atoms of
gas display uniformity and order, as in a laser. Walter Scheel, a former President of the
Federal Republic of Germany once said before the Association of German Newspaper
Publishers: “Sensation is Disinformation, because it destroys the context of things.” This
is as true today as it was in the 1970s, though only very few would listen.
The desire to be a star, to stand out, if only for fifteen minutes, is becoming a driving
force in society. While the star does not claim to be any different from his or her audience, what does set him apart from the latter is not a certain set of characteristics, but the
attention and recognition he is given. In essence, the star is the audience: tomorrow,
somebody else might be the star.
Wealth: In the swarm society, fast wealth is not obtained by sustainable business
models. Hedge funds, social networks, computer games, fast business models with a
time span of a few years or less are the dominant forces. In 2005, SPD [the German
Social Democratic Party] politician Franz Müntefering rightly referred to hedge funds as
“swarms of locusts” descending on a vast area before moving on to ravage the next one.
The extreme swings and tendencies of present-day financial markets go hand in hand
with the swarm society in which it is possible to make or lose millions, even billions,
within short periods of time, and without any consideration for the future: tomorrow is
the next round of the game. Our political system has no interest in stabilizing financial
markets. The swarm thrives on turmoil.
5.1
The Age of Disinformation
The swarm society would not be possible without a growing mass of disinformation.
Information is a coordinate system that allows members of a society to find their place.
If reflexes – and only reflexes – are to take over, such information must be destroyed.
Four major forces drive disinformation society: the interest of (large) economic actors
in disinformation and confused consumers, the role of the experts, the weakness of media and journalism and the impotence of governments and politics.
a) The interest of (large) economic actors in disinformation and
confused consumers
Information and standards are the quintessential public good. Large economic actors
want us to remain in a state of confusion. They are averse to information and open
standards, which, if in place, would mean that they could be compared, and so would
rather impose their own standards.
Consumer information on food, for example, is in small print, in many languages and
misleading. Consumers simply do not have the time and knowledge to evaluate it. In
Germany and Europe, the simple „traffic light model“ (green – yellow – red) has been
5
The Star and the Many
63
stopped by food and financial products lobbies. Electric utilities and telecom companies
confuse us with ceaselessly changing tariff structures and price initiatives. The display of
products in supermarkets changes every so often to confuse us and shake up our routines
so that we can be led to new products we do not want.
Even reference points – clear measures for the quality of products – are being systematically destroyed. Instead of octane numbers, a simple and clear scale for gas in a gas
station, one chain now introduces names only so that consumers memorize names but
fail to make an objective comparison of gasoline quality. All of a sudden, the yoghurt in
the supermarket costs seven Euros-until, that is, one notes that the reference is now one
kilo.
b) The role of experts
We live in an age of experts – something which unfortunately perpetuates confusion
rather than endorses clarity. We allow experts to carry out public debates before we are
then asked to judge and decide. Often, we are left confused: is there really something
like global warming? What are its causes? What are we to do? What will the consequences of the financial crisis be?
Many experts, many answers, many confused citizens.
There is something to be said about expert culture, about careful deliberation and
well-informed expert decision, so long as these remain under democratic supervision.
But to throw expert knowledge at citizens without due process leads to confusion and
disinformation. Knowledge has to be structured, and knowledge has to be digested, since
otherwise it will lead to information overflow and ultimately disinformation.
Moreover, experts themselves take on the role of stars. At various times I have been
called a “star economist” after precisely predicting the current financial crisis. The label
is incorrect. I do not like it at all. I was pretty much alone in making a correct prediction,
which drew attention towards me. In the aftermath, I sensed that the audiences I addressed, or the media wanted to ascribe „star“ and „guru“ status to me.
c) The weakness of media and journalism
Unfortunately; media and journalism do little if anything to divert disinformation. Here,
too, the logic of the swarm is in full action. If a topic is “hot” everybody discusses it, if it
is exhausted, then on to the next one. Few media still devote themselves to continuous
background coverage. The public thought that TV was a threat to objective background
reporting. The rise of private broadcasting gave rise to specific TV programming for the
lower classes, creating false realities, panem et circenses.
But the real threat to the information society is the Internet, where business models
are driven by the merciless logic of the click. Portal operators can measure the attention
span of stories in real time, and those obtaining the most clicks are promoted to first
page. Web.de is an Internet portal I used for news until three or four years ago. There
64
Teil 1
Der Crashprophet und die Finanzmärkte
were subject categories on the first page on politics, business, finance etc. I could acquire information quickly and in self-directed manner.
Nowadays, there are just a few society, sensationalist and gossip stories on the front
page. How Amy Winehouse got herself to vomit, for example, or how bizarre dancers
expose themselves in a talent show. Apparently; it is these that get the most clicks. Kai
Diekmann, editor-in-chief of the popular German tabloid Bild, called it the inborn disease of the Internet that content is free of charge. Naturally; it is not free. We pay for
content through clicks and advertising. The conventional newspaper, one of the pillars of
democracy, has its back against the wall. Many newspapers will not survive the age of
the click and the image.
There is little hope that blogs and “citizen” reporters will rectify the situation. Citizen
reporters may do well in reporting abuses in closed societies and dictatorships, and they
may send pictures of airplanes conducting emergency landings in water, but they are
neither trained nor paid to carry out extensive background research or investigative journalism.
Social networks are the ultimate swarms. If somebody; or a video, or a topic, gets a
lot of clicks, they ultimately attract more. Tomorrow, another topic might attract attention. Critical debate among citizens is heading towards zero. Thus, Twitter is the ultimate swarm machine.
d) The impotence of governments and politics
We cannot hope to get help from politics. Politics itself is increasingly driven by the star
logic. Good-looking, articulate politicians can gain approval in “town meetings” – just
because they look good and act “cool”. Arguments and positions are secondary. Relatively young and good-looking politicians are being promoted to ministerial positions.
They may be smart, but they do not have the same stature as their predecessors twenty or
thirty years ago. They are pawns in the game, not rooks or knights.
Formally, wealth and power were always connected. But today, wealth is political
power through the use of public relations agencies and lobbyists. Corporations evoke
“corporate social responsibility” to justify the dismantling of governmental oversight.
Remember BP? It used to paint itself especially “green”.
Law firms draft laws. In Brussels, over sixty lobby groups work in finance alone,
mostly behind closed doors. Politicians are being courted. Once leaving office, they are
often offered lucrative positions in the private sector. Politics now often serves the largest corporations and the most powerful industries. The power of government to set
standards for public interest, e.g. in the information sphere, is rapidly waning.
5
The Star and the Many
5.2
65
The End of Reason
The Revolt of the Masses (Ortega y Gasset 1930) has been raging for more than a century. We are the masses! They are everywhere. We are everywhere. As the last ties to traditions are cut, as the last remaining boundaries are transgressed and social customs
crumble, we increasingly begin to resemble freely mobile atoms, moving without plan or
structure.
Nations and traditional institutions are seen as relics of the past, social distinctions
become fragile, and even the sexes become alike. But the more traditional distinctions
and customs disappear, the more we think and act alike, the more we yearn for uniqueness. Such uniqueness, however, is transient. Andy Warhol’s fifteen minutes of fame for
everybody has become the dominant paradigm of our times.
In The Assault on Reason (2007), former U.S. Vice President Al Gore draws a frightening conclusion. We are leaving enlightenment behind us. Reason is no longer the driving force in many areas of society. Al Gore puts his hope in a citizen society. I am skeptical.
Knowledge is hierarchical. Monasteries that preserved the knowledge of humanity in
dark times were hierarchical. Theories are true or false, regardless of how much attention
they receive or whether people agree with them. Some men are wise, some are ignorant.
There is deep knowledge and there is shallow knowledge.
We are not alike.
The logic of the swarm, however, depends on agreement and attention, on uniformity.
Taken to its extreme, the logic of the swarm would ultimately be the end of reason.
We now clearly see the outcome of the great struggles of the twentieth century. Humanity had the choice to organize itself along the lines of a beehive or a swarm; it has
rejected the beehive, the dictatorships that loomed large, and chose to organize in
swarms. In a beehive there is a queen, and there are workers and drones. Roles are fixed.
A beehive is static, but it is capable of great continuous achievements.
In a flock, all participants are identical in nature. The swarm has good reflexes; it can
re-act. It lives the logic of exploitation, attack and flight. With the blink of an eye, one
participant leads, before being superseded by another. No social structure is permanent.
We need a new balance between the swarm and the beehive, between the one and the
many. We need to judge position, structure and quality, not just quantity, reflexes and
speed. Uniqueness – not only by leading the swarm for a moment, but uniqueness because of true difference – must become important again.
Ursprünglich erschienen in Elmgreen & Dragset: Trilogy, Ausstellungskatalog, Sammelband, bei Verlag der Buchhandlung Walther König, 2011.
Teil 2
Die Finanzmärkte
67
6
6 Fiktion und Realität im Finanzwesen
Vorab
Ich hätte nie erwartet, dass mich meine Beschäftigung mit Finanzkrisen eines Tages
auf eine Tagung von Germanisten führt. Vielen Dank dem Institut für Germanistik
der Universität Hamburg und der Akademie der Wissenschaften in Hamburg für die
Einladung. Ihre Tagung „Geldwirtschaft zwischen ‚Realökonomie‘ und Fiktionalität“
ist ein wichtiger Brückenschlag zwischen zwei Disziplinen, die gemeinhin nicht allzu
viel Berührung haben.
Dabei war eine solche Tagung dringend notwendig. Denn die Wirtschaft, die
Sphäre des Geldes ist zur omnipräsenten, fast alle Lebensbereiche durchdringenden
Realität geworden. Die Sprache und die Bildwelt der Geldwirtschaft prägen längst
auch unsere Gedankenstrukturen und unsere Realität. Höchste Zeit also, dass sich
Germanisten dieses Themas annehmen.
6.1
Fiktion und Fakten
Was habe ich von meinem Deutschunterricht – in den ich übrigens sehr gerne ging! –
zum Thema Fiktion behalten? Es ging um Metaphern, Bilder, Geschichten, Handlungen,
Bedeutungsinhalte, Kontexte, Reflektion und die Entwicklung von Geschichten und
Inhalten. Es ging um Stilmittel und Kunstgriffe. Es ging um die Verknüpfung von Form,
Inhalten und Funktion zu etwas Ganzem, das wir dann wieder auseinandernehmen
durften.
69
© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2019
M. Otte, Die Finanzmärkte und die ökonomische Selbstbehauptung Europas,
https://doi.org/10.1007/978-3-658-23179-8_6
70
Teil 2
Die Finanzmärkte
Fiktion ist etwas Erdachtes. Offensichtlich steht dieser Begriff im Gegensatz zur Realität, beziehungsweise den Fakten. Hier wird gemessen und beschrieben, was ist. Und die
Fakten stehen heutzutage hoch im Kurs. Ein bekanntes deutsches Nachrichtenmagazin
wirbt mit „Fakten, Fakten, Fakten“.
Wenn der Deutschunterricht dann fortschreitet und seine höheren Sphären erreicht –
so ab Beginn der Oberstufe – lernen wir, dass es ganz so einfach mit Fakt und Fiktion
doch nicht ist.
Fiktion hat ihre Entstehungsgeschichte, ihre Rezeption, ihre Wirkungsgeschichte.
Fakten wiederum – insbesondere gesellschaftliche Tatbestände – beruhen oftmals auf
bestimmten gesellschaftlichen Voraussetzungen und können sich ändern. Wenn der
Staat – zum Beispiel der preußische Staat bei Hegel – als höchste Stufe der menschlichen Entwicklung angesehen wird und hierüber weitgehend Einigkeit in der Gesellschaft
besteht, dann ist dieser Staat Realität. Wenn das Individuum als absoluter Bezugspunkt
angesehen wird – wie heute in vielen westlichen Gesellschaften – dann bekommt der
Staat einen anderen Charakter und wird zur Residualgröße.
In den Sozial- und Gesellschaftswissenschaften nennt man die Wechselwirkung von
Objekt und Betrachter „Dialektik“, in den Sprachwissenschaften wird dieser Sachverhalt
mit dem Begriff „Hermeneutik“ bezeichnet.
6.2
Die Grenzen der Ökonomie als exakte Wissenschaft
Die moderne Ökonomie versteht sich als faktenorientierte Wissenschaft. Was ist, wird
gemessen und möglichst in mathematisch strenge Kausal- und Modellzusammenhänge
gebracht. Die Ökonomie präsentiert sich somit als eine Art Physik der Gesellschaft.
Am deutlichsten zu sehen ist das im Lehrbuch von Samuelson und Nordhaus, dem
wohl bekanntesten Lehrbuch der Volkswirtschaftslehre, das 1984 millionenfach verkauft
wurde und immer noch eines der populärsten Einführungen zum Thema ist. (vgl. Samuelson
und Nordhaus 2009) Hier wird die klassische Mechanik der Kausalbeziehungen zwischen
Kräften und Körpern, die Mitte des 19. Jahrhunderts ihre Blüte hatte, auf wirtschaftliche
Phänomene übertragen – ungeachtet dessen, dass dieses Konzept in der Physik schon
Ende des 19. Jahrhunderts Löcher bekam und seit dem frühen 20. Jahrhundert als überholt gilt. Es ist im Übrigen bezeichnend, dass Samuelson seine akademische Laufbahn
als Physiker begann.
Es wird gemessen, es werden Kausalbeziehungen konstatiert – und am Ende ist die
Wirtschaft ein Kosmos, der nach einem strengen Regelwerk funktioniert. Insbesondere
sollen die Modelle auch „sparsam“ sein, das heißt mit möglichst wenigen Ursachenvariablen auskommen. Je mehr Ursachen man in den Modellen zulässt, desto unschärfer
wird nachher die Mathematik.
Nun muss man sich nur noch über die wichtigsten Gesetze streiten – die Auseinandersetzung zwischen Monetaristen und Neoklassikern auf der einen und Keynesianern auf
6
Fiktion und Realität im Finanzwesen
71
der anderen Seite ist wohl der wichtigste Methodenstreit – und alle Probleme sind geklärt. Im Jahr 2003 konnte Nobelpreisträger Robert Lucas in seiner Ansprache des Präsidenten an die American Economic Association behaupten, dass die Makroökonomie ihr
Ziel erreicht habe und ihr zentrales Problem, die Verhinderung von Depressionen, ist
gelöst worden sei. (vgl. Lucas Jr. 2003) Wir wurden eines Besseren belehrt.
So kann es nicht verwundern, dass die moderne Ökonomie etliche „blinde Flecken“
hat. (vgl. Senf 2007) Sie ist zum Beispiel bemerkenswert ruhig, wenn es um das Thema
Finanz- und Wirtschaftskrisen geht. Krisen passen nicht gut in das Bild einer Wirtschaft,
die mechanischen Gesetzen gehorcht und die sich mechanisch steuern lässt. Also kommen sie in den Lehrbüchern der Ökonomie nicht oder nur sehr am Rande – keinesfalls
jedoch als zentrales Problem! – vor. (vgl. Otte 2011) Nie waren Ökonomen präsenter als
heute. Und dennoch hat so gut wie keiner vor einer möglichen Finanzkrise gewarnt. (vgl.
Otte 2011)
In „Die Finanzkrise, die Ökonomen, der ‚Crashprophet‘ und die Wissenschaft von der
Ökonomie“ habe ich die methodischen Probleme der mathematisch-modellorientierten
Ökonomie erläutert. Sie bestehen, kurz gesagt, aus der Annahme stabiler Nutzenfunktionen und exogener Präferenzen, der im Widerspruch zum kausal-linearen Modelldenken
stehenden Dialektik gesellschaftlicher Vorgänge und damit einhergehend der Verwechslung von Vergangenheit und Zukunft sowie der Annahme rationaler Märkte (wobei
gerade Finanzmärkte kurzfristig höchst irrational sein können).
Stabile Nutzenfunktionen und exogene Präferenzen: Zunächst einmal hat jede Theorie ihre Voraussetzungen, etwas das gesetzt ist und damit kein Fakt. Die Ökonomie geht
vom Nutzenbegriff und individuellen Nutzenfunktionen aus. Das heißt, dass ein Individuum bei Erhalt eines Gutes einen bestimmten Nutzen verspürt, bei mehr Gütern derselben Art mehr Nutzen (wobei die Zunahme des Nutzens sich aber verflacht). Zudem
sollen die Präferenzen exogen, das heißt vorgegeben und stabil sein.
Diese mechanische Grundannahme fast aller ökonomischen Modelle wird der Realität
nicht gerecht. Institutionalisten wissen, dass Nutzenvorstellungen durch Institutionen
und gesellschaftliche Prozesse erst geprägt werden und sich daher verändern können.
Hier besteht also das erste Einfallstor für Fiktionen und falsche Annahmen.
Konkret: Wenn derzeit argumentiert wird, dass obszön hohe Managergehälter im hohen einstelligen Millionenbereich notwendig seien, um Spitzenmanager zu halten, so
vergisst man, dass in der Bundesrepublik bis ca. 1990 Gehälter von einem Zehntel bis zu
einem Viertel des heutigen Niveaus durchaus ausreichten, um Spitzenleistungen zu erhalten. Die deutsche Industrie war damals international mindestens ebenso gut positioniert wie heute. Hier muss sich also etwas in den Begriffen, den Nutzenvorstellungen der
Gesellschaft, geändert haben. Dennoch geht die Ökonomie von a priori stabilen Nutzenfunktionen aus und untersucht solche Änderungsprozesse eben nicht.
72
Teil 2
Die Finanzmärkte
Modelldenken und Dialektik gesellschaftlicher Vorgänge: Seit Heisenberg wissen
wir, dass sich der Gegenstand nur mit einer gewissen Unschärfe messen lässt. Ökonomen wollen davon zumeist nichts wissen und halten wie Paul Samuelson an einer Ökonomie fest, die idealerweise wie die klassische Mechanik des 19. Jahrhunderts funktionieren soll.
Aber noch mehr: Experimente und Beobachtungen können auch den Gegenstand verändern – in der Kernphysik genauso wie in der Gesellschaft. Der bekannte Hedgefondsmanager George Soros sprach von der „Reflexivität“ der Finanzmärkte – der Tatsache,
dass menschliche Auffassungen und Eingriffe die Finanzmärkte verändern. (vgl. Soros
1994)
Der amerikanische Investmentbanker Richard Bookstaber war seit Anfang der 1980er
Jahre im Zentrum des Geschehens, der Wall Street, in maßgeblicher Position an den
Entwicklungen beteiligt. Er stellt dar, wie geniale Finanzprodukte und brillante Tradingstrategien unweigerlich zu kleinen oder großen Zusammenbrüchen führen. (vgl.
Bookstaber 2008) Nehmen wir an, ein Finanzingenieur entdeckt eine kleine Unebenheit in
den Märkten, die sich mit Hilfe einer komplexen Tradingstrategie ausbeuten lässt und
die regelmäßig hohe Renditen erzielt. Dann werden immer größere Volumina mit dieser
Strategie gehandelt. Nachahmer treten auf den Plan. Und irgendwann bricht der Markt
zusammen, weil er die Last nicht mehr aushält. Ähnlich war es auch mit den verbrieften
Produkten im Immobiliensektor.
Weil Wohnimmobilien in den USA in den letzten Jahrzehnten nahezu kontinuierlich
gestiegen waren, wurden Finanzprodukte konstruiert, mit denen sich an diesem Anstieg
partizipieren ließ. Das heizte den Preisanstieg an, was wiederum die Nachfrage nach
Finanzprodukten erhöhte. Irgendwann waren dann die Preisanstiege in diesem Sektor so
massiv, dass der Zusammenbruch kam. Was ist Fakt, wo beginnt die Fiktion?
Rationale Märkte: Die Volkswirtschaftslehre geht immer noch vom rationalen, nutzenorientierten Menschen aus, vom „Homo Oeconomicus“. Die Fortschritte in der verhaltenswissenschaftlichen Finanzforschung in den letzten zweieinhalb Jahrzehnten zeigen
allerdings, dass der Homo Oeconomicus gerade dann, wenn es um Geld- und Finanzfragen geht, eher die Ausnahme als die Regel ist.
Die vorhergehenden Ausführungen deuten schon an, dass es an Märkten keinesfalls
immer rational zugeht. Seit einem Jahrzehnt haben wir hierfür nun den wissenschaftlichen Beweis. Daniel Kahneman erhielt den Nobelpreis dafür, dass er untersuchte, in
welchen Regionen des Gehirns schnelle Geldentscheidungen getroffen werden.
Kahnemans (nicht so) überraschende Erkenntnis: In vielen Fällen übernimmt das Kleinhirn, das evolutionsgeschichtlich aus der Zeit der Reptilien stammt. Was Börsianer
schon lange wussten, dass nämlich Urinstinkte wie Gier und Furcht die Finanzmärkte
dominieren, ist nun wissenschaftlich bewiesen. (vgl. Kahneman und Tversky 1992)
6
Fiktion und Realität im Finanzwesen
6.3
73
Die Wechselwirkungen von „Realökonomie“ und Fiktionalität
am Beispiel von fünf zentralen Begriffsfeldern der Ökonomie
Anhand von fünf Begriffsfeldern stelle ich im Folgenden die Wechselwirkungen zwischen Definitionen („Anschauungen“) und Realität dar: dem zentralen Begriff des Geldes, des Kredits, des Vermögens und Einkommens, der Preise und der Derivate.
Geld
Geld ist in der heutigen Welt, wenn nicht in aller Munde, so doch in (fast) aller Gedanken. Wer hätte es nicht gerne? Wenn man es dann hat, scheint es viel zu schnell weg zu
sein. Andere wiederum haben so viel davon, dass sie es beim besten Willen nicht ausgeben können und dass es sich immer schneller vermehrt. Der vordergründig so klare Begriff des Geldes ist aber doch deutlich vielschichtiger. Was ist Geld? Sind es die Münzen
und Scheine in der Tasche? Oder ist nur Gold „echtes Geld“, wie es Goldfanatiker, sogenannte „gold bugs“, behaupten? Was ist mit dem Kontoguthaben bei der Bank? Was
mit Finanzderivaten?
In der Wirtschaftsgeschichte gab es die unterschiedlichsten Geldformen: Münzen,
Kühe, Muscheln, Zigaretten, Papierscheine und vieles andere. In der Volkswirtschaftslehre wird Geld nicht durch seine stofflichen oder sonstigen Qualitäten definiert, sondern
durch seine drei Kernfunktionen – Tauschmittel, Rechenmaßstab und Wertaufbewahrungsmittel.
Tauschmittel: Eine Naturaltauschwirtschaft wäre höchst unpraktisch. Vielleicht müssten Sie Geigenstunden anbieten, um im Bekleidungsladen eine Hose zu erstehen. Wenn
Ihr Gegenüber aber keine Geigenstunden möchte, wäre ein komplizierter und aufwendiger Tauschvorgang notwendig. Die Existenz eines akzeptierten Tauschmittels vereinfacht die Situation sehr.
Rechenmaßstab: Eng mit der Tauschmittelfunktion verknüpft ist die Funktion des
Rechenmaßstabs, mit dem sich Güter und Dienstleistungen bewerten und beziffern lassen.
Wertaufbewahrungsmittel: In der Ökonomie ist allgemein akzeptiert, dass Geld auch
zur Wertaufbewahrung dienen soll, dass Sie also für Ihr Geld in einem oder mehreren
Jahren denselben Gegenwert erhalten wie heute. Einige alternative Ökonomen halten die
Wertaufbewahrungsfunktion – und insbesondere den Zins – für ein Grundübel unseres
Wirtschaftssystems. Unter den meisten Ökonomen, den Verfasser eingeschlossen, ist es
aber Konsens, dass Geldwertstabilität ein wichtiges Zivilisationsgut ist.
Wenn Geld allerdings durch seine oben genannten Funktionen und nicht durch seine
stofflichen Eigenschaften definiert wird, dann ist von besonderer Bedeutung, dass das
Vertrauen in das Geld gegeben ist. Mit Vertrauen kann bloßes Papier, können bloße
Computereinträge zu Geld werden, ohne Vertrauen verliert das Geld seine oben genannten Funktionen. Dann kann man nur noch auf stoffliche Werte – oft Gold – zurückgreifen. In der Zeit zwischen dem Ersten und den Zweiten Weltkrieg hingen die Banque du
74
Teil 2
Die Finanzmärkte
France, die Bank of England, die Federal Reserve und die Deutsche Reichsbank noch
der Idee an, bei passender Gelegenheit zum Goldstandard, also zur jederzeitigen Konvertibilität von Banknoten in Gold zurückzukehren. Nach dem Zweiten Weltkrieg besaß nur
noch der Dollar eine Golddeckung. Und seit dem Nixon-Schock von 1971 ist auch diese
Konvertibilität aufgehoben. Dennoch hat das internationale Geldsystem bis heute bei
etlichen Störungen im Großen und Ganzen funktioniert. Vertrauen ist also ein zivilisatorisches oder öffentliches Gut. Geldproduzenten (Notenbanken) können durch ihre Politik
sowohl Vertrauen fördern als auch zerstören. Wenn aber Geld vor allem auf Vertrauen
beruht, dann ist Geld ein Kulturgut. Die allgemeine politische, wirtschaftliche und kulturelle Konvention, die uns Geld benutzen lässt, ist ein Faktum, allerdings eines des Geistes. Dieses Faktum kann auch zur Fiktion werden, wenn sich die Voraussetzungen ändern.
Immer wieder verfallen Regierungen der Versuchung, durch die Ausdehnung der
Geldmenge – es handelt sich hierbei heute, wie bereits erwähnt um bloße Computereinträge bei Notenbanken und Geschäftsbanken – Haushaltsdefizite zu stopfen. Eine größere Geldmenge kann, muss aber nicht, zu Inflation führen. Inflation wiederum kann helfen, politische Verteilungskonflikte zu lösen, weil es denjenigen Gruppen, die schleichend durch die Inflation besteuert werden, oft nicht oder nicht sofort auffällt. Inflation
wiederum bedeutet, dass Geld irgendwann seine Funktionen als Rechenmaßstab, Zahlungsmittel oder Wertaufbewahrungsmittel nur noch unvollkommen erfüllen kann. Vertrauen bei einer niedrigen Inflationsrate die Bürgerinnen und Bürger noch auf die Funktionen, so wird dies bei zunehmender Inflation zunehmend zerstört, wie die Hyperinflation der 1920er Jahre in Deutschland zeigte. Auch in den 1970er Jahren war die westliche Welt kurz davor, das Vertrauen in das Geldsystem zu verlieren, bevor Paul Volcker
in den USA durch eine strenge Geldpolitik dieses wiederherstellte. Die Unabhängigkeit
der Deutschen Bundesbank von der Bundesregierung zum Schutz des Vertrauens in die
D-Mark war daher eine der Errungenschaften der Bundesrepublik Deutschland. Die
Europäische Zentralbank erhielt zunächst ein ähnliches Statut wie die Bundesbank. Mit
dem von der Europäischen Union beschlossenen Eurorettungsschirm vom 10. Mai 2010
ist allerdings die Verpflichtung der Bundesbank und der Europäischen Zentralbank auf
das Ziel, die Währung zu sichern, ausgehöhlt.
Kredit
Geld alleine – selbst in seiner erweiterten Form als Banknote oder als Kontoguthaben –
ist nur noch ein geringer Teil unserer Ökonomie, und nicht mehr der bedeutendste. Während im Mittelalter und auch im vergleichsweise viel höher entwickelten Römischen
Reich das physische Geld dominierte, wird seit Beginn der Neuzeit der Kredit, die Möglichkeit, bei Bedarf über Geld zu verfügen, immer wichtiger. Kredit und die doppelte
Buchhaltung, auf die ich im nächsten Abschnitt eingehen werde, sind die eigentlichen
Innovationen in der Finanztechnik der Neuzeit.
Der Kredit ermöglicht eine unglaubliche Dynamisierung unserer Wirtschaftsverhältnisse. Geld muss nicht mehr gehortet werden, um es bei Bedarf auszugeben, sondern
6
Fiktion und Realität im Finanzwesen
75
kann zwischenzeitlich auch verliehen werden, wenn es an anderer Stelle benötigt wird.
Damit kann Geld dahin fließen, wo es aktuell benötigt wird. Solche Transfers sind zwischen Personen, Unternehmen, dem Staat und Personen sowie zwischen Nationen möglich. Die USA konnten ihren massiven Konsum in den letzten beiden Jahrzehnten nur
aufrechterhalten, weil andere Nationen – allen voran China, aber auch Japan, Deutschland und andere – bereit waren, amerikanische Staatsanleihen und Dollarguthaben, Forderungen auf das amerikanische Sozialprodukt, zu horten. Der Kreditgeber lässt sich
entweder Sicherheiten geben oder vertraut auf die Ertrags- und Wirtschaftskraft des
Kreditnehmers (natürlich meist nach einer Prüfung der Finanzzahlen). Der Kredit wird
also im Vertrauen auf Sicherheiten oder die Zahlungsfähigkeit des Kreditnehmers gegeben. Diese Tatsache alleine hat natürlich schon oft dazu geführt, dass Bilanzen gefälscht werden, also mit betrügerischer Absicht Fiktionen produziert werden, um sich
Kredite zu erschleichen, zum Beispiel in den 1990er Jahren durch den Baulöwen Jürgen
Schneider oder aktuell durch die Schieder-Gruppe, den ehemals größten Möbelproduzenten Europas.
Die Subprime-Krise war keine Krise des Geldwertes, sondern eine Kreditkrise. Wenn
eine Bank oder ein Unternehmen Kredite vergeben, sind dies Forderungen. In der Bilanz
stehen Forderungen auf der Aktivseite und gelten somit als Vermögen. Mit diesem Vermögen lassen sich weitere Kredite aufnehmen. Je nachdem, wie streng oder locker die
Regeln gestrickt sind, lassen sich so Kreditgebäude aus vielen Ebenen errichten, bei
denen die Summe der letztlich vergebenen Kredite ein Vielfaches der Wirtschaftsleistung eines Landes erreicht. Was an diesen Vermögenswerten ist Fakt, was Fiktion? Nach
der Finanzkrise stellte sich zumindest heraus, dass viele der in Immobilienkrediten gebundenen Vermögenswerte Fiktion waren. In den wenigsten Fällen waren allerdings
diese Fiktionen strafbarer Betrug. Das System aus Finanzinnovationen, Ratingagenturen,
Banken und Investmentbanken und Finanzvehikeln außerhalb der Bilanz ließ es zu bzw.
förderte es sogar, Zahlen zu produzieren, die mit der Realität nichts mehr zu tun hatten.
Hier liegt schon ein politisches Systemversagen vor. (vgl. Otte 2009)
Vermögen und Einkommen
Die zweite wichtige Finanzinnovation der Neuzeit ist neben der weitreichenden Nutzung
des Kredits das System der doppelten Buchhaltung, bei dem jeder Geschäftsvorfall zeitgleich durch eine Soll- und eine Habenbuchung erfasst wird. Die doppelte Buchführung
ermöglicht es, einerseits die Vermögenssituation eines Unternehmens durch die Bilanz
zu ermitteln (Aufstellung der Vermögensbestandteile und der Kapitalherkunft), andererseits die Ertragssituation (Aufwendungen und Erträge in der Gewinn- und Verlustrechnung).
Bilanzen und Geschäftsabschlüsse sind die Sprache der Wirtschaft. Bei Erstellung
und Verwendung ergeben sich in vielen Fällen Interpretationsspielräume, insbesondere
dann, wenn Vermögensgegenstände zu bewerten sind.
Das Bild des Sees, der sich an einem Flusslauf angestaut hat, mag dies verdeutlichen.
Ich kann messen, wie viel Wasser sich im See befindet (Bilanz, zeitpunktbezogen), oder
76
Teil 2
Die Finanzmärkte
wie viel in einem Jahr in den See hinein- und hinausfließt (Cash-Flow-Rechnung, zeitraumbezogen). Sowohl durch Messung der Wassermenge im See an zwei Zeitpunkten
als auch durch die Messung des hinein- und hinausfließenden Wassers in einem Zeitraum kann ich die Veränderung der Wassermenge im See bestimmen. Die Gewinn- und
Verlustrechnung weicht allerdings von der reinen Messung der Zahlungsströme (CashFlow-Rechnung) aus gutem Grunde in etlichen Punkten ab. Wenn ein Unternehmen zum
Beispiel aus vorhandenen Finanzmitteln eine Maschine kauft, wird hierfür eine große
Zahlung (Mittelabfluss) fällig. Diese Maschine wird aber wahrscheinlich über viele
Jahre ihren Dienst erweisen. So würde es die Gewinn- und Verlustrechnung verfälschen,
wenn der gesamte Kaufpreis im Anschaffungsjahr als Kosten angesetzt würde. Also wird
die Ausgabe periodisiert und über einen bestimmten Zeitraum verteilt. Wenn dann die
gesamte Anschaffung als Kosten angesetzt wurde, spricht man auch von einer „abgeschriebenen“ Maschine.
Wenn auch die Periodisierung zur Erfassung des Gewinns einer Periode sinnvoll ist,
so öffnet sie doch auch deutlichen Raum für Interpretationen und Bemessungsspielräume
(„Fiktionen“). Über welchen Zeitraum soll eine Maschine abgeschrieben werden? Was
passiert mit einer Forderung, deren Einbringung zweifelhaft geworden ist? Mit welchem
Wert soll das Betriebsgrundstück in der Bilanz angesetzt werden?
Die Grundsätze ordnungsmäßiger Buchführung – zum Beispiel Richtigkeit und Willkürfreiheit, Klarheit und Übersichtlichkeit, Einzelbewertung (Saldierungsverbot), Vollständigkeit, das Realisations- und das Imparitätsprinzip, die Abgrenzung der Sache und
der Zeit nach sowie die Grundsätze der Vorsicht, der Kontinuität, der Fortführung der
Unternehmenstätigkeit, das Periodisierungsprinzip und das Stichtagsprinzip wären nicht
entstanden, wenn die Messung von Gewinnen und Vermögen eine rein mathematischmechanische Angelegenheit wäre. Armeen von Wirtschaftsprüfungsgesellschaften –
Söldnertruppen des modernen Symbolkapitalismus – beschäftigen sich mit der Produktion und Deutung von Finanzzahlen.
In der konservativen deutschen Buchhaltung nach dem Handelsgesetzbuch (HGB)
galt das strenge Niederstwertprinzip: Ein Vermögensgegenstand sollte zu seinen Kosten
oder zu seinem Marktwert erfasst werden, was immer der niedrigere Wert sei. Diese
konservative Methode konnte zu Verzerrungen der Wertansätze führen, aber sie stellte
doch in den meistens Fällen (nicht immer!) sicher, dass mindestens die Wertansätze
vorhanden und belastbar waren. Man spricht also von einer gläubigerorientierten Buchhaltung.
Mit der Einführung der International Accounting Standards (IAS/IFRS) in den letzten
Jahren wurde das Fair Value Accounting, die Bilanzierung zum „fairen“ Wert, Prinzip.
Vermögensgegenstände sollen also zu ihrem fairen Wert in die Bilanz eingestellt werden. Was zunächst logisch und folgerichtig klingt, erweist sich bei näherem Hinsehen als
höchst problematisch. Für viele Vermögensgegenstände des Finanzvermögens, insbesondere Derivate, aber auch Forderungen und viele andere Titel, ist es nämlich gar nicht
möglich, einen objektiven fairen Wert festzustellen. Derivate, für die es keinen Markt
gibt, weil sie nicht gehandelt werden, müssen mit Hilfe finanzmathematischer Modelle
6
Fiktion und Realität im Finanzwesen
77
berechnet werden. Hier können aber schon Abweichungen in den Modellannahmen von
einem Prozent zu Schwankungen im errechneten Wert von mehreren hundert Prozent
führen. Eine andere groteske Konsequenz des Fair Value Accounting: Verschlechtern
sich die Kreditbedingungen, sind bestehende Kredite nur noch mit einem Abschlag weiterveräußerbar, weil die Käufer woanders mittlerweile als Folge des schlechteren Kreditmarktes höhere Zinsen bekommen würden. Banken jedoch können ihre Schulden
dann nach Fair Value Accounting zu niedrigeren Preisen ansetzen, weil sie ja ihre Schulden billiger zurückkaufen könnten. Damit sinken buchhalterisch die Schulden der Bank,
das Eigenkapital steigt, ohne dass das Management etwas dazu getan hätte. Für meine
Ohren klingt das sehr nach Fiktion.
Fair Value Accounting ist also, anders als sein Name es implizieren würde, zum Einfallstor für Fiktion und Dichtung in der Wirtschaft geworden. Und die wahren Dichter
unserer Zeit sitzen nicht mehr in der heimischen Studierstube, sondern in den Investmentbanken und Wirtschaftsprüfungsgesellschaften.
Auch bei der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung, die den Wohlstand bzw. die laufende Produktion eines Landes messen soll, ergeben sich vielfach Interpretations- und
Bemessungsspielräume. Anders als beim betrieblichen Rechnungswesen gilt hier auch
nicht der Grundsatz der Einzelbewertung. Es werden also nicht alle Transaktionen erfasst. Ansonsten wäre es sozialistische Planwirtschaft. Durch die vielfachen Schätzverfahren kann die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung also nur sehr ungenau sein. (Das
die sozialistische Planwirtschaft kein Muster an Genauigkeit war, sondern in besonderem Maße für Fiktion in der Wirtschaft stand, ist ebenfalls bekannt.) Aber die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung ist nicht nur ungenau; sie ist auch in den westlichen Industrienationen vielfach politisch manipuliert. (vgl. Otte 2009) In den 1970er Jahren erfand
Arthur Burns, Chairman des Federal Reserve Board, auf Drängen Richard Nixons die
sogenannte „Kerninflation“ – eine Inflationsrate, bei der die besonders stark schwankenden Größen Nahrungsmittel und Energie herausgerechnet waren und die daher die Inflationsrate oft systematisch zu niedrig bemaß. In den USA werden Produktivitätsfortschritte aus Sicht des Verfassers zum Teil verfälschend in die Inflationsstatistik eingebracht,
indem zum Beispiel die Rechnerleistung derart berücksichtigt wird, dass der Preis eines
neuen Computers für die Statistik nach unten angepasst wird, wenn er eine höhere Rechnerleistung hat. Die fiktive nicht gezahlte Miete auf eigene Wohnimmobilien wird dem
Volkseinkommen zugeschlagen. Was ist da noch Realität?
Preise
Ein zentraler Begriff der Marktwirtschaft ist der des Preises. Oben ist er uns schon in
Form des gesamtwirtschaftlichen Preisniveaus begegnet, dessen Steigerung wir Inflation
nennen. Dies wäre die makroökonomische Komponente des Begriffs. Gehen wir aber
auf die mikroökonomische Ebene, die Frage wie sich einzelne Preise bilden, treffen wir
auf erstaunliche Denkmuster, die von Alexander Rüstow, dem großen ordoliberalen
Denker, zum Teil als vorwissenschaftlich und „religionsähnlich“ bezeichnet werden. (vgl.
Rüstow 2004)
78
Teil 2
Die Finanzmärkte
Die „moderne“ Ökonomie geht davon aus, dass der Marktmechanismus der freien
Preisbildung der effizienteste Mechanismus zur Koordination des Güterverkehrs ist (Bild
des Marktes, auf dem einfach Güter gegen Geld verkauft werden). Dieser weitgehend
transparente Markt ist eine vorindustrielle Organisationsform.
Wenn der Verstand aussetzt, können durch kollektiven Wahn völlig irrationale Preise
entstehen, wie zum Beispiel während der Tulpenmanie in Holland von 1634 bis 1636,
der Südseeblase in England im Jahr 1720, den Grundstücksspekulationen in Florida 1926
oder der Technologieblase der Jahre 1998 bis 2001. Und es lässt sich nicht behaupten,
dass der Börsenmechanismus in diesen Jahren nicht funktionierte. (vgl. Mackay und de la
Vega 2009) Im Gegenteil: Irrationale Preise und Blasen scheinen umso leichter möglich zu
sein, je beweglicher Vermögensgegenstände sind. Die Übertreibungen am amerikanischen Häusermarkt wurden erst möglich, als die Kreditaufnahme wesentlich vereinfacht
wurde und Kredite handelbar und beweglicher gemacht wurden.
Der ehemalige Wirtschaftsweise Bert Rürup, der seinerseits dem Ruf des Marktes gefolgt ist und beim Finanzvertrieb AWD als Chefökonom angeheuert hat, spricht daher
bildhaft von verschiedenen Grundmodellen der Marktwirtschaft. Während die Angelsachsen den Markt als „Vollautomatismus“ ansähen, würden die Kontinentaleuropäer
mit ihren Modellen der Sozialen Marktwirtschaft oder des rheinischen Kapitalismus den
Markt als Halbautomatismus betrachten. Die Angelsachen gingen also davon aus, dass
der Markt optimale Ergebnisse erziele und dass man nun alle Markthindernisse entfernen
müsse, während die Kontinentaleuropäer gewisse Korrekturen am Ergebnis von Marktprozessen als notwendig ansähen. Daneben gebe es noch die dritte Variante des asiatischen Staatskapitalismus, in welchem der Markt staatlichen Zielen untergeordnet werde.
(vgl. Rürup 2008)
Aber was sind „faire Preise“, wenn nicht die, die am Ende durch den Marktmechanismus bestimmt werden? Letztlich sollen faire Preise durch Konkurrenz entstehen.
Aber da endet das Problem auch noch nicht. Der in Vergessenheit geratene große deutsche Ökonom Werner Sombart sprach von Leistungskonkurrenz, Suggestionskonkurrenz
und Gewaltkonkurrenz. (vgl. Sombart 1916) Nur die Leistungskonkurrenz, die ihre Analogie
im Sport findet, schafft nach Sombart faire und zielorientierte Ergebnisse. Suggestionskonkurrenz versucht, Tatsachen vorzutäuschen, die es so nicht gibt, also eine fiktionale
Welt aufzubauen. Heute ist Suggestionskonkurrenz in Gestalt des Marketings allgegenwärtig.
Aber nicht nur Produkte sollen beworben werden, auch Unternehmen sollen im Image
positioniert werden. Ein aktuelles Beispiel überbordender Suggestion ist das Schlagwort
„Corporate Social Responsibility“. Unternehmen wollen damit werben, dass sie besonders „gut“ und „verantwortlich“ seien. So präsentierte der Frankfurter Flughafen sich auf
seiner Website mit Bildern von Wiesen und Wäldern. Das ist massivste Propaganda.
Schließlich gibt es auch noch die Gewaltkonkurrenz, das Durchsetzen von Bedingungen durch Macht. Wenn früher Raubritter eine Kette über den Fluss spannten, um Abgaben abzupressen, so sorgt heute die mit raffinierten Methoden wie dem Conjoint Measurement durchgeführte Methode der „nutzenorientierten Preisfestsetzung“ dafür, dass
6
Fiktion und Realität im Finanzwesen
79
Flugtickets, die kurz vor Abflug gebucht wurden, um ein Vielfaches teurer sind als die
lange im Voraus gebuchten Tickets, obwohl die bezogenen Leistungen dieselben sind.
Man kann also in der modernen Marktwirtschaft mit Fug und Recht von einem Rückfall
in die Wirtschaftssitten des Mittelalters sprechen. Früher wäre das, was wir unter „nutzenorientierter Preisfestsetzung“ kennen, in vielen Fällen mit „Wegelagerei“ bezeichnet worden. Nutzenorientierte Preisfestsetzung ist das Gegenteil einer zivilisierten Gesellschaft,
in der es Preistransparenz und in gewissem Rahmen auch Preiskonstanz geben sollte.
Noch eine Konsequenz hat die Gewaltkonkurrenz. Sie führt zur Ausschaltung des
Konkurrenten, zur „Cutthroat Competition“ wie zum Beispiel in den USA um 1900
herum. Hier entstanden marktbeherrschende Monopole und Oligopole. Wenn aber die
Märkte von einzelnen Akteuren beherrscht werden, die nach Belieben agieren können
und die Verbraucher keine Alternativen haben, kommt nach Sombart wieder die Suggestionskonkurrenz zum Zuge.
Derivate (vgl. Otte 2009)
Eine besondere Spielart der Hyperrealität sind Derivate – Wetten auf die Zukunft mit
Verfallsdatum. In gewissem Umfang können Derivate als Absicherungsgeschäft sinnvoll
sein, aber derlei Derivate werden heute in breitem Umfang Privatinvestoren angeboten,
unter solch irreführenden Namen wie Discount-, Bonus- oder sogar Garantiezertifikat.
Man wettet dann zum Beispiel bei einem Discountzertifikat darauf, dass eine bestimmte
Aktie oder ein bestimmter Aktienkorb in einem bestimmten Zeitraum nicht unter einen
bestimmten Kurs fällt. Fallen die Basiswerte (Underlyings) darunter, bekommt der Anleger den Basiswert angedient.
Derivate eignen sich sehr gut dazu, Privatanlegern Themen zu suggerieren, da kaum
ein Privatanleger die finanzmathematischen Kenntnisse haben dürfte, den Wert eines
Derivats wirklich zu berechnen. Banken und Finanzdienstleister können risikolos viel
Geld damit verdienen, da der Privatanleger im wahrsten Sinne des Wortes immer „gegen
die Bank“ spielt. Derivate sind im Zusammenhang mit der oben erwähnten neuen Buchhaltungs- und Bilanzierungsregeln oftmals reine Fiktion oder zumindest Poesie auf hoher
Ebene. Sie sind mittlerweile zu einem bedeutenden Bestandteil der Geldwirtschaft geworden: Das Bruttoinlandsprodukt der Welt (BIP) liegt bei knapp 60 Billionen USDollar. Das Volumen des gesamten Finanzvermögens liegt bei knapp 2000 Billionen
US-Dollar, davon alleine etwa 800 Billionen US-Dollar „Derivate“.
6.4
Die Hyperrealität der Geldwirtschaft
Im real existierenden Kapitalismus beschäftigen sich viele der besten und talentiertesten
Menschen mit der Geldwirtschaft. Der Milliardär Charlie Munger, kongenialer Partner
des US-Superinvestors Warren Buffett, veröffentlichte im Februar 2010 seine „Parabel,
wie ein Land in den finanziellen Ruin schlitterte.“ (vgl. Munger 2010) Darin schildert er, wie
80
Teil 2
Die Finanzmärkte
eine einstmalig fleißige, sparsame und konservative Nation wohlhabend wird und das
Spielen in Casinos entdeckte sowie langsam der Spielsucht verfiel. „So kam es, dass die
Gewinne der Casinos schließlich 25 Prozent des Bruttoinlandsproduktes ausmachten und
22 Prozent aller Löhne und Gehälter an Casinoangestellte gingen (von denen viele Ingenieure waren, die man dringend anderswo benötigt hätte).“ Irgendwann stand das Land
vor einem Problem – die Exporte, die früher 25 Prozent des BIP betragen hatten, lagen
nun bei 10 Prozent, die Importe waren von 15 auf 30 Prozent gestiegen. Ein weiser
Mann wurde gefragt, der viele kluge Vorschläge machte, wie man die Spielsucht in den
Casinos einschränken könne. Munger schreibt weiter, dass die Ratschläge dieses weisen
Mannes weitgehend ignoriert wurden und dass die Ökonomen des Landes in Mehrheit
deutlich gegen eine solche Regulierung waren, weil sie der Meinung waren, dass alle
Resultate des Marktes effizient seien. Auch die Banken und Casinos widersetzten sich.
So war der Abstieg des Landes unaufhaltsam.
1950 betrug der Anteil der Gewinne des Finanzsektors an allen Unternehmensgewinnen in den USA etwa zehn Prozent, 1960 etwa 18 Prozent, 1970 etwa 23 Prozent, 1980
etwa 20 Prozent, 1990 schon 23 Prozent, 1993 31 Prozent, im Jahr 2000 dann 40 Prozent, 2003 44 Prozent und jetzt – trotz der Finanzkrise und der zusammengebrochenen
Gewinne – immer noch 33 Prozent. Für Deutschland lag der Anteil an den Unternehmensgewinnen im zuletzt gemessenen Jahr 2008 – auch trotz Finanzkrise – bei
18,5 Prozent.
Ist ein ausuferndes Finanzsystem mit dem 33-fachen Volumen des Wertes der Jahresproduktion erforderlich? Ist die Versorgung mit Banken im bisherigen Ausmaß sinnvoll?
Realwirtschaftlich gestützt? Noch gilt das deutsche Bankenwesen mit den drei Säulen
Staatsbanken, genossenschaftliche Banken mit Verzahnung vor Ort und Privatbanken
wie der Deutschen Bank als vergleichsweise gesund.
Es wird berichtet, dass Finanzminister Wolfgang Schäuble fassungslos war, nachdem
er einen Handelsraum der Deutschen Bank besichtigt hatte. Der Jurist und Staatsdiener
konnte nicht verstehen, dass hunderte intelligenter und studierter Menschen sich an kleinen Bildschirmen mit der Manipulation von Zahlen beschäftigen. Und eigentlich ist
diese Haltung verständlich. Würden wir nicht viele dieser Menschen besser in Ingenieur-, Lehr- oder Verwaltungsberufen benötigen? Oder in der Germanistik? Stattdessen
spielen sie Nullsummenspiele und schichten Vermögen und Einkommen um.
In einem visionären Artikel sprach Peter Drucker (1909 bis 2005), Managementvisionär und einer der letzten Universaldenker, schon 1986 davon, dass der „Aufstieg der
Symbolwirtschaft“ einer der drei wichtigsten Trends der nächsten Jahrzehnte sei. Es
käme nicht mehr so sehr auf die Produktion und Verteilung von Gütern an, sondern auf
die Manipulation von Symbolen wie Finanzen, juristische Regelungen, Patente und
Inhalte. Druckers Prognose erwies sich – wie so oft – als treffsicher. Das Ausmaß des
Wandels zur Symbolwirtschaft übertrifft alle Erwartungen oder Befürchtungen, je nachdem, wie man es sieht.
Germanisten beschäftigen sich mit dem Gebrauch von Sprache, und damit auch dem
Gebrauch von Symbolen. Die Symbole der Hyperrealität der Finanzwirtschaft zu analy-
6
Fiktion und Realität im Finanzwesen
81
sieren, in Perspektive zu setzen, und auch Mythen zu demaskieren, wäre eine wichtige
Aufgabe. Ich kann nur hoffen, dass nicht alle Talente in die Handelsräume der Großbanken gehen und einige den Ruf der Germanisten und Sozialwissenschaftler hören und
helfen, kritische Distanz zum Geschehen zu entwickeln, eine Distanz, wie sie auch
Wolfgang Schäuble (wenn die Anekdote stimmt), offenbart hätte. Insofern hoffe ich,
dass diese Tagung der Auftakt zu einem fruchtbaren Dialog wird. Nie war er notwendiger als heute.
Ursprünglich erschienen in Christine Künzel/Dirk Hempel (Hrsg.), Finanzen und
Fiktionen: Grenzgänge zwischen Literatur und Wirtschaft, bei Campus Verlag, 2011.
6.5
Literatur
Bookstaber, R. (2008): Teufelskreis der Finanzmärkte: Märkte, Hedgefonds und die Risiken von
Finanzinnovationen. München.
Kahneman, D. und Tversky, A. (1992): Advances in Prospect Theory. Cumulative Representation
of Uncertainty, Journal of Risk and Uncertainty 5/4, S. 293-323.
Lucas Jr., R. E. (2003): Macroeconomic Priorities, in: American Economic Review 93, S. 1–14.
Mackay, C. und de la Vega, J. (2009): Gier und Wahnsinn – warum der Crash immer wieder
kommt. München.
Munger, C. T. (2010): Basically, It’s Over. A parable about how one nation came to financial ruin,
in: Slate. http://www.slate.com/id/2245328. Zugegriffen: 4. August 2010
Otte, M. (2009): Der Crash kommt. Komplett überarbeitete Taschenbuchausgabe, S. 147–148.
Berlin.
Otte, M. (2009): Finanzderivate und der Verfall der Wirtschaftssitten, in: Der Crash kommt,
S. 110–136.
Otte, M. (2009): Die Finanzkrise und das Versagen der modernen Ökonomie, in: Aus Politik und
Zeitgeschichte 52. http://www.bundestag.de/dasparlament/2009/52/Beilage/002.html. Zugegriffen: 21. Dezember 2009
Otte, M. (2011): Die Finanzkrise, die Ökonomen, der „Crashprophet“ und die Wissenschaft von
der Ökonomie, Kölner Vorträge zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte, in: Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte 2011/1. Berlin.
Rürup, B. (2008): Rede auf der Landesmitgliederversammlung des Wirtschaftsrats in Dresden.
60 Jahre Soziale Marktwirtschaft: Ein Auslaufmodell? Dresden. http://www.wirtschaftsrat.de/
landesverbaende/LvSACindex/LvSACmitt?archiv=1. Zugegriffen: 19. Juli 2010.
Rüstow, A. (2004): Die Religion der Marktwirtschaft. Münster.
Samuelson, P. und Nordhaus, W. (2009): Economics, 19. Auflage. New York.
Senf, B. (2007): Die blinden Flecken der Ökonomie – Wirtschaftstheorien in der Krise. Kiel.
Sombart, W. (1916): Der moderne Kapitalismus. Historisch-systematische Darstellung des gesamteuropäischen Wirtschaftslebens von seinen Anfängen bis zur Gegenwart. Band I. und
Band II. München und Leipzig.
Soros, G. (1994): The Alchemy of Finance: Reading the Mind of the Market. Hoboken.
7
7 Grundlagen einer neuen Finanzmarktarchitektur
Auf dem Höhepunkt der Finanzkrise im Herbst ließ Angela Merkel verlauten, dass in
Zukunft „jeder Akteur, jede Region und jedes Produkt“ sinnvoll reguliert werden müsse.
Diese Formulierung wurde Bestandteil der Abschlusserklärung des G-20-Gipfels im
Washington (vgl. tagesschau.de 2008) im November 2008. In einer viel beachteten Rede vom
15.10.2008 sagte der damalige Bundesfinanzminister Peer Steinbrück: „Wenn es auf den
Weltfinanzmärkten brennt, dann muss gelöscht werden, auch wenn es sich um Brandstiftung handelt.“ Anschließend müssten die Brandstifter aber daran gehindert werden, so
etwas wieder zu tun. Die Brandbeschleuniger müssten verboten und für einen besseren
Brandschutz gesorgt werden. Mit anderen Worten: Es muss eine angemessene Regulierung erfolgen. Am 24.06.2010 wiederholte die Bundeskanzlerin vor dem Beginn des G20-Gipfels in Toronto diese Forderung – ein Hinweis darauf, dass die Fortschritte in den
dazwischenliegenden gut eineinhalb Jahren unbefriedigend waren. (vgl. FAZ 2010)
In diesem Beitrag soll aufgezeigt werden, wie eine Finanzmarktarchitektur aussehen
müsste, welche größtmögliche Stabilität für die Weltwirtschaft schaffen würde. Dabei
konzentriert sich der Beitrag auf das Bankensystem und den Finanzmarkt, also die Regulierung der privaten Akteure. Zahlungsbilanzfragen, Staatsschulden und Währungen –
also die Gestaltung der Außenwirtschafts- und Geldpolitik der Staaten – werden nicht
betrachtet.
7.1
Warum Finanzmärkte besonders streng reguliert
werden müssen
(Erstmalig veröffentlicht in: ifo-Schnelldienst 13/2010)
Finanzmärkte bergen besondere systemische Risiken. Banken arbeiten mit wesentlich
geringeren Eigenkapitalquoten als andere Unternehmen. Rutscht ein Institut in die Insol-
83
© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2019
M. Otte, Die Finanzmärkte und die ökonomische Selbstbehauptung Europas,
https://doi.org/10.1007/978-3-658-23179-8_7
84
Teil 2
Die Finanzmärkte
venz, sehen die Kunden dieser Bank mit großer Wahrscheinlichkeit ihre Einlagen nicht
wieder. Die Insolvenz kann sich in Form einer Kettenreaktion fortsetzen und andere
Institute in die Insolvenz ziehen. Finanzinstitutionen gehören daher besonders strengen
Regeln unterworfen, Regeln, die insbesondere die Kapitalausstattung, die Transparenz
der Rechnungslegung, die Art der Geschäfte und die Produkte betreffen sollten. Wenn
systemrelevante Banken zahlungsunfähig werden oder wenn das Vertrauen der Banken
untereinander empfindlich gestört wird, kann die ganze Weltwirtschaft in den Abgrund
stürzen. Das ist der Weltgemeinschaft seit dem Zusammenbruch von Lehman Brothers
klar. Es hätte auch schon vorher bekannt sein können.
In „Der Crash kommt“ (Berlin 2006) sagte ich eine Finanzkrise erheblichen Ausmaßes, die mit der „Wucht eines Tsunami“ im Zeitraum zwischen 2007 und 2010, wahrscheinlich 2008 auftreten würde und die durch US-Subprime-Papiere und globale
ökonomische Ungleichgewichte ausgelöst würde, voraus. Der Internationale Währungsfonds warnte 2007 im Global Financial Stability Report vor denselben Entwicklungen, relativierte seine Warnungen aber direkt wieder. Internationaler Währungsfond (Hrsg.), Global Financial Stability Report. Market Developments and Issues, Apr.
2007, S. 3 ff.
Hinzu kommt: Entgegen der auch unter Ökonomen weit verbreiteten Meinung verhalten
sich Finanzmärkte kurz- und mittelfristig höchst irrational. Anlegerentscheidungen – und
zwar oft auch die von professionellen Anlegern – werden von Mechanismen im Hirn
gesteuert, die zum Teil auf die Reptilienzeit zurückgehen. (vgl. Otte et al. 2009) Diese empirisch mittlerweile vielfach verifizierte Erkenntnis der modernen finanzwissenschaftlichen Forschung hat allerdings noch kaum zu einer Überarbeitung unserer Makromodelle
geführt, in denen fast durchgängig noch rationale Finanzmärkte vorausgesetzt werden.
Fast kann man von einem a priori bestehenden Glauben, einer „Religion der Marktwirtschaft“ sprechen, die trotz der vielfachen Unfälle und Blasen der letzten Jahre nicht
wirklich hinterfragt wird. (vgl. Otte 2010)
Tatsächlich sind unregulierte Finanzmärkte geradezu prädestiniert für Blasenbildungen. Hierzu tragen die Geschwindigkeit dieser Märkte, die Komplexität der Konstrukte,
massive Informationsasymmetrien und gleichgerichtetes Verhalten (das allerdings oft
nicht kartellrechtlich relevant ist, sondern auf einer impliziten Koordination von Aktionen beruht) bei. Finanzmärkte sind daher hoch krisenanfällig und müssen mehr als die
meisten anderen Märkte streng reguliert werden. (vgl. Kapoor 2009)
7.2
Raubtierkapitalismus, Moral Hazard und das Wolfsrudel
Der von Altbundeskanzler Helmut Schmidt geprägte Begriffe „Raubtierkapitalismus“
bezeichnet die jetzige Situation recht gut. In volatilen Märkten kommen die am besten
informierten Finanzmarktakteure – oder auch nur die Akteure mit den besten Reflexen,
7
Grundlagen einer neuen Finanzmarktarchitektur
85
eben die „Raubtiere“ – hervorragend zurecht. Sie können in steigenden und fallenden
Märkten Geld verdienen, je mehr, desto weniger Regeln sie unterworfen sind. Es besteht
also eine Art „Nahrungskette“, an deren Spitze die Investmentbanken und Hedgefonds
stehen, und an deren Spitze wiederum Goldman Sachs und einige wenige andere Institutionen. Hier geht es nicht um straf- oder kartellrechtlich relevante Verstöße oder „Verschwörungen“, obwohl Goldman Sachs diesbezüglich gerade untersucht wird, sondern
um eine Hierarchie der Akteure.
Akteure der Realwirtschaft (Unternehmen, insbesondere Mittelständler, Banken mit
regionalem Kreditgeschäft, Kleinsparer, Arbeitnehmer) sind durch ihr reales Geschäft
oder auch strenge Regeln gebunden und weniger beweglich. Lagerbestände, Mitarbeiter,
Kapitalausstattung oder Verträge lassen sich eben nicht mit der Geschwindigkeit von
Finanzmärkten „anpassen“. Gerät ein mittelständisches Unternehmen aufgrund der gegen die Realwirtschaft zugunsten der Spekulationswirtschaft prozyklisch konstruierten
Eigenkapitalregeln von Basel II oder des prozyklischen Fair Value Accounting in Bedrängnis, muss es zum Teil erdrückende Zinskonditionen oder gleich eine „PrivateEquity-Beteiligung“ mit Renditeforderungen von 20 Prozent und mehr akzeptieren. (vgl.
Gschrey 2010)
Hier sollte also auch der Begriff des „internationalen Finanzkapitals“ entstaubt und
auf seine Nützlichkeit untersucht werden. (vgl. Otte 2010) Letztlich beschreibt dieser Begriff nur, dass es Unterschiede in der Funktionsweise von international beweglichem
Kapital (Hedgefonds, Großbanken, Family Offices, Großkonzerne, Manager in Großkonzernen) und national bzw. regional verankertem Kapital (Mittelständler, Arbeitnehmer, Volks- und Raiffeisenbanken, Sparkassen, Kleinsparer) gibt, die gelegentlich zu
Interessengegensätzen führen können. Diese Interessengegensätze müssen offen angesprochen und politisch austariert werden.
Die Spekulation mit ungedeckten Leerverkäufen oder Credit Default Swaps gegen
Länder oder Währungsgebiete lässt sich mit einer Feuerversicherung vergleichen. Ein
Spekulant erwirbt eine Feuerversicherung auf ein Haus in einem bestimmten Stadtteil.
Nun verbreitet er seine Meinung, dass diese Gegend besonders feuergefährdet sei. (So
etwas ist in Form von Analystenmeinungen und Konferenzen schnell möglich und meistens keinesfalls straf- oder kartellrechtlich relevant, es sei denn, man stellt sich besonders
dumm an. Oftmals reicht es auch den Märkten, zu wissen, dass sich ein bestimmter Akteur in einer bestimmten Weise engagiert hat.) Es werden mehr Versicherungen nachgefragt. Als Folge steigen die Versicherungsprämien.
Der schwedische Finanzminister Anders Borg sprach vom „Wolfspack der Spekulanten“. (vgl. Crossland 2010) Im Prinzip trifft dieses Bild die Dynamik der oben erwähnten
Spekulation. Sollte ein Spekulationsobjekt der Realwirtschaft ökonomische Schwächen
aufweisen oder nur den Anschein solcher Schwäche erweisen, kann – wie zum Beispiel
im Falle von Staatschulden durch den massiven Einsatz von Credit Default Swaps – die
Spekulation sich selbst verstärkende Wirkungen erzeugen. Dies wurde am Beispiel der
griechischen Staatsanleihen deutlich. Eine „Kausalität“ ist hierbei schwer nachzuweisen,
wohl aber der typische Ablauf eines solchen Prozesses. (Er könnte im Falle der Spekula-
86
Teil 2
Die Finanzmärkte
tion auf Wertsteigerungen auch in die andere Richtung laufen.) Diese „Welt voller Blasen“ kann nicht im Sinne einer stabilen realwirtschaftlichen Entwicklung sein. (vgl. Afhüppe und Reuter 2005)
7.3
Hypertrophe Spekulationsmärkte und
Spekulationsförderungswirtschaft
(vgl. ifo-Schnelldienst 13/2010)
Der Milliardär Charlie Munger, kongenialer Partner des US-Superinvestors Warren
Buffett, veröffentlichte im Februar 2010 seine „Parabel, wie ein Land in den finanziellen
Ruin schlitterte.“ (vgl. Munger 2010) Darin schildert er, wie eine einstmalig fleißige, sparsame und konservative Nation wohlhabend wird, dann das Spielen in Casinos entdeckte
und langsam der Spielsucht verfiel. „So kam es, dass die Gewinne der Casinos schließlich 25 Prozent des Bruttoinlandsproduktes ausmachten und 22 Prozent aller Löhne und
Gehälter an Casinoangestellte gingen (von denen viele Ingenieure waren, die man dringend anderswo benötigt hätte).“ Irgendwann stand das Land vor einem Problem – die
Exporte, die früher 25 Prozent des BIP betragen hatten, lagen nun bei 10 Prozent, die
Importe waren von 15 auf 30 Prozent gestiegen. Ein weiser Mann wurde gefragt, der
viele kluge Vorschläge machte, wie man die Spielsucht in den Casinos einschränken
könne. Munger schreibt weiter, dass die Ratschläge dieses weisen Mannes weitgehend
ignoriert wurden und dass die Ökonomen des Landes in Mehrheit deutlich gegen eine
solche Regulierung waren, weil sie der Meinung waren, dass alle Resultate des Marktes
effizient seien. Auch die Banken und Casinos wiedersetzen sich. So war der Abstieg des
Landes unaufhaltsam.
Wir leben in einer Welt hypertropher Finanzmärkte, in der sich die kapitalmarktorientieren Banken, Hedgefonds und spekulativen Finanzakteure aufgrund der eigenen Lobbymacht die Regeln zum eigenen Nutzen und zum Schaden der Realwirtschaft und der
realwirtschaftlich engagierten Banken schreiben – sei es bei den Eigenkapitalanforderungen, im Fair Value Accounting oder bei der Regulierung von Produkten und Geschäftsmodellen. Es war nicht eine Gruppe von Akteuren, die in der Finanzmarktkrise
versagt hat, sondern so ziemlich alle Gruppen: Notenbanken, Investmentbanken, Ratingagenturen, Wirtschaftsprüfer und Politik. Wenn auch nur eine dieser Gruppen „richtig“
gehandelt hätte, wäre es nicht so weit gekommen. Insofern kann man schon von Systemversagen sprechen. (vgl. Otte 2009) Indem die Spekulationswirtschaft die Eigenkapitalanforderungen bewusst niedrig hält, die Gewinne der Spekulation einstreicht und die eventuellen Kosten von Fehlspekulationen sozialisiert, wird gegen elementare Regeln einer
Marktwirtschaft verstoßen, dass nämlich Kaufleute mit ihrem Namen und Kapital haften.
(vgl. Sinn 2009) Die kapitalmarktorientieren Akteure verhalten sich konsequenterweise
oftmals parasitär.
7
Grundlagen einer neuen Finanzmarktarchitektur
87
Finanzinnovationen sind nicht per se etwas Schlechtes. Aber sie sind mit großer Vorsicht zu genießen. In „Manien, Paniken, Crash“ schreibt der Wirtschaftshistoriker
Charles Kindleberger, dass Finanzinnovationen oftmals überschätzt und damit „underpriced“ seien, dass also der Risikozuschlag für neue Finanzprodukte zu gering ausfalle
und diese damit übermäßig in Anspruch genommen würden. (vgl. Kindleberger 2001) Nach
der „Südseeblase“ in England im Jahr 1720 wurden zeitweilig die Kapitalgesellschaften
als Schuldige ausgemacht und die Gründung neuer Kapitalgesellschaften verboten. Dabei war es nur die Art und Weise, wie diese Gesellschaften benutzt wurden. Nach 1720
wurde die Kapitalgesellschaft zu einer Säule des wirtschaftlichen Fortschritts. Auch
Finanzderivate haben ihren Sinn. Allerdings ist äußerste Vorsicht bei diesen „finanziellen Massenvernichtungswaffen“ (Warren Buffett) geboten. Statt an das moderne angelsächsische Prinzip „was nicht ausdrücklich verboten ist, ist erlaubt“, sollten wir uns bei
Finanzinnovationen vielleicht an die oft als unmodern gebrandmarkte deutsche Haltung
„was nicht erlaubt ist, ist verboten“ erinnern.
7.4
Prinzipien der Regulierung von Finanzmärkten
Sony Kapoor, ein ehemaliger Investmentbanker, der Lehman bereits lange vor der Krise
verließ, um sich mit der Reform des globalen Finanzwesens zu beschäftigen, fasst die
Prinzipien zur Gestaltung eines Bankensystems wie folgt zusammen: Fairness, Stabilität
und Nachhaltigkeit, Haftung, Transparenz, Wettbewerb, Diversität sowie Einfachheit.
(vgl. Kapoor 2009) Hätte man diese Prinzipien konsequent umgesetzt, wäre es nicht zur
Finanzkrise in ihrer jetzigen Form und ihrem jetzigen Ausmaß gekommen. Gerechtigkeit
und Fairness würden zum Beispiel bedeuten, dass Finanzmarktakteure nicht mehr die
Gewinne ihrer spekulativen Aktivitäten einstecken und die Verluste der Öffentlichkeit
aufbürden können. Kosten und Risiken werden von den Verursachern getragen. Stabilität
und Nachhaltigkeit würden unter anderem eine entsprechende Eigenkapitalausstattung
und sehr strenge Regeln für Produkte, deren Kosten erst in der Zukunft anfallen, bzw.
deren Risiken nicht klar erkennbar sind, beinhalten.
Beispiel – Einfachheit: Gelegentlich ist das Argument zu hören, dass es in kaum einem Sektor so viele Regulierungen gebe, wie im Bankensektor. So Karl-Peter Schackmann-Fallis, Vorstandsmitglied des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes auf dem
Hermeskeiler Wirtschaftstag der Geschwister-Scholl-Schule in Hermeskeil am
08.06.2009.
Das Argument geht an der Sache vorbei: Die jetzigen Regeln sind komplex, intransparent und oftmals wachsweich. Sie begünstigen tendenziell die großen Akteure und die
Spekulation. Gute Regeln sind einfach und transparent, und setzen „harte“ Grenzen für
bestimmte Geschäfte und Aktivitäten. Sie jetzt einzuführen, würde sicher bedeuten, das
hypertrophe Finanzsystem wieder auf eine gesunde Größe zusammenzuschrumpfen.
Dazu würden im Prinzip drei Regelwerke ausreichen: 1. transparente und ausreichende
88
Teil 2
Die Finanzmärkte
Eigenkapitalausstattung, 2. eine Regulierung der Geschäftsmodelle und der Regionen, in
denen eine Bank tätig ist und 3. einige Regeln für Produkte (zum Beispiel eine starke
Einschränkung der Verwendung von Derivaten bei Privatanlegern).
Beispiel – Nachhaltigkeit: Sinnvolle und höhere Eigenkapitalausstattungen für Banken UND ALLE ANDEREN Finanzmarktakteure (Hedgefonds, Private Equity, Versicherungen) sind die Grundlage dafür, den derzeit praktizierten Raubtierkapitalismus der
Finanzoligarchie wieder in marktwirtschaftliche Strukturen zu überführen. Dann müssten die spekulativ orientierten Akteure im Falle von Verlusten einen größeren Anteil des
Schadens tragen, denn Eigenkapital ist haftendes Kapital.
7.5
Aktionsfelder
Das von der Bundesregierung 2010 unilateral erlassene und (weitgehende) Verbot von
Wertpapier-Leerverkäufen bzw. ungedeckten Credit Default Swaps ist ein sinnvoller
Baustein einer umfassenden Finanzmarktregulierung, die ganzheitlich 1. sinnvolle Eigenkapitalregeln, 2. die Besteuerung von Finanztransaktionen, 3. die Rückkehr zu sinnvollen Bilanzierungsregeln und 4. die Regulierung von Geschäftsmodellen und Produkten umfassen sollte. Auch 5. eine staatliche Europäische Ratingagentur wäre hilfreich.
Eigenkapitalausstattung
Eigenkapital ist der Schlüssel zu allem. (vgl. Otte 2010) Es muss für ALLE Finanzmarktakteure gewisse Mindestausstattungen an Eigenkapital geben. Aus meiner Sicht wären
sieben bis acht Prozent festes Eigenkapital (nicht Kernkapital nach Basel II) angemessen. Es geht also um eine feste „Leverage-Ratio“ bzw. einen maximalen Verschuldungsgrad. Akteure wie die Deutsche Bank könnten dann nicht mehr mit 1,5 Prozent echtem
Eigenkapital ihr Geschäft betreiben und müssten ihr Eigenkapital aufstocken.
„Kernkapital“ nach Basel II ist eine vage und manipulierbare Größe. Die Vermögensgegenstände in der Bilanz – also das, worin die Bank investiert – sollen je nach Risiko
mit verschieden viel Eigenmitteln hinterlegt werden. Zunächst einmal klingt dies gut.
Letztlich hat es aber flächendeckend zu einer massiven Aushöhlung des Eigenkapitals
bei Finanzmarktakteuren geführt. Zudem sind die Risikomaße natürlich gewissen Definitionen, wenn nicht Manipulationen unterworfen. Sie sind damit intransparent und stellen
eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für Wirtschaftsprüfungsgesellschaften dar. Zudem
ist „Kernkapital“ nicht immer echtes Eigenkapital, sondern kann auch Hybridkapital
sein. Basel II verstößt somit gegen das Gebot der Transparenz und Einfachheit, für den
Verfasser zusammen mit dem Gebot der Nachhaltigkeit und der Diversität die wichtigsten Prinzipien einer umfassenden Finanzmarktreform.
In der Finanzkrise wurde deutlich, dass die Regelungen von Basel II prozyklisch wirken. In der Krise steigen die Risikozuschläge, in guten Zeiten sinken sie. Eine solche
Prozyklizität nutzt dem internationalen Finanzkapital und schadet der Realwirtschaft.
7
Grundlagen einer neuen Finanzmarktarchitektur
89
Volatilität nutzt zunächst einmal spekulativ und flexibel agierenden Finanzmarktakteuren und schafft realwirtschaftliche Kosten in Form von Kalkulationsunsicherheit und
Verwerfungen. Hier ist dringend – auf deutscher, europäischer und internationaler
Ebene – eine Reform anzumahnen.
Natürlich würde eine Aufstockung des Eigenkapitals – die man von jedem Mittelständler und jedem Akteur der Realwirtschaft fordert – zum Aufschrei in der Branche
führen. Viele Tische im großen Spielcasino müssten geschlossen werden. Sicherheit und
Stabilität haben ihren Preis. Es käme zu Anpassungsschwierigkeiten und auch kurzfristig
zu Wachstumsverlusten. Auf der anderen Seite würde die Weltwirtschaft erheblich stabiler funktionieren. Das Risiko von Finanzkrisen wäre erheblich geringer, Ressourcen
würden von den Casinotischen in die Fabriken und produktiven Bereiche umgelenkt.
Letztlich wird sich nicht ökonometrisch schlüssig nachweisen lassen, dass eine feste
Leverage Ratio insgesamt zu mehr Wohlstand führt – genauso wenig das Gegenteil. Die
Finanzkrise hat allein 2007 bis 2009 Gesamtbelastungen in Höhe von ca. zehn Prozent
des Weltsozialprodukts verursacht. Angesichts solch gigantischer Summen ist die Erhöhung der Eigenkapitalquoten sicherlich angebracht.
Eine Versicherungslösung – wie derzeit von der Lobby der kapitalmarktorientierten
Banken vorgeschlagen – kann keine Lösung sein. Die derzeit diskutierte Bankenabgabe
illustriert dies: Eingezahlt werden soll von ALLEN Banken – auch zum Beispiel von den
soliden Volks- und Raiffeisenbanken, die bereits über aus Rücklagen gut kapitalisierte
eigene Sicherungssysteme verfügen – zur Verfügung stehen soll der Rettungsfonds aber
vor allem den „systemrelevanten“ großen kapitalmarktorientierten Banken. Einmal mehr
würden dann Akteure der Realwirtschaft die Zeche für die Akteure der Spekulationswirtschaft bezahlen.
Finanztransaktionssteuer
Wie der Teufel das Weihwasser fürchtet die Lobby der kapitalmarktorientierten Akteure
die internationale Einführung einer Finanztransaktionssteuer. Diese 1972 von Nobelpreisträger James Tobin (1918 bis 2002) vorgeschlagene Steuer von 0,05 bis 1,0 Prozent
sollte auf grenzüberschreitende Devisentransaktionen erhoben werden, um die Spekulation zu dämpfen. Heute wird von Befürwortern der Regulierung und Globalisierungskritikern eine Finanztransaktionssteuer auf alle Finanzmarktgeschäfte gefordert.
Eine solche Steuer – und sei es auch nur in Höhe von 0,05 Prozent – würde genau die
Wirkung haben, welche sich die Befürworter der Regulierung der Finanzmärkte davon
versprechen: Sie würde stark bremsend auf spekulative Geschäfts jeglicher Art wirken
und die nachhaltigen, an der Realwirtschaft orientierten Geschäfte kaum behindern. (vgl.
Otte 2010)
Die Steuerbelastung lässt sich dabei mit einer einfachen Formel darstellen:
B = T N L,
wobei B die Steuerbelastung, T der Steuersatz, N die Häufigkeit der Umschichtung des
Vermögens pro Jahr und L (= Leverage) die Verschuldung (Gesamtkapital dividiert
durch Eigenkapital) darstellt.
90
Teil 2
Die Finanzmärkte
Die Finanztransaktionssteuer fällt auf das gesamte Volumen (die gesamte Summe)
einer bestimmten Transaktion an, also auch auf den durch Fremdkapital finanzierten
Anteil. Eine Finanztransaktionssteuer von 0,05 Prozent würde also zu einer realen Belastung von 0,01 Prozent führen, wenn 100 Prozent Eigenkapital verwendet würden und
die Investition für 20 Jahre getätigt wurde. Sollte ein Sparer ein Haus kaufen und eine
Hypothek von 90 Prozent aufnehmen, aber für 15 Jahre investieren, wäre die Belastung
B = 0,05 1/15 (Häufigkeit der jährlichen Umschichtung) 10/1 (Verschuldung) =
0,33 Prozent pro Jahr.
Auch diese Belastung scheint tragbar. Eine ähnlich hohe Belastung würde wohl auftreten, wenn BASF oder Daimler ein Werk im Ausland bauen würden.
Die Transaktionssteuer würde allerdings bei hoch spekulativen Hedgefonds massiv
wirken. Diese Fonds drehen ihr Vermögen oftmals in Sekundenbruchteilen, manchmal
mehrere 100 Mal pro Monat. Zum Vergleich: Seriös investierende Aktienfonds drehen
ihr Vermögen vielleicht alle drei Jahre, also 1/3-mal pro Jahr. Gehen wir davon aus, dass
ein Hedgefonds fünf Prozent Eigenkapital hat und sein Vermögen 100 Mal pro Jahr
dreht. Dann betrüge die Belastung 100 Prozent des Eigenkapitals!
Die Finanztransaktionssteuer ist also eine „weiche“ marktwirtschaftskonforme Maßnahme, um spekulative Geschäfte zu dämpfen und Ressourcen in nachhaltige Bereiche
zu lenken. Gelegentlich wird die Kritik geäußert, dass auch produktive Kapitalflüsse
durch die Transaktionssteuer behindert würden. Setzt man aber „nachhaltig“ und „langfristig orientierte“ Investitionen gleich, so fördert die Transaktionssteuer langfristige
Investitionen. Die Logik ist einfach und bestechend.
Auch der Einwand, dass dann die Produkte, die auf den eigenen Plattformen der Banken gehandelt oder direkt dem Kunden verkauft werden, nicht berücksichtigt würden,
kann leicht entkräftet werden. Es ließe sich analog zur Transaktionssteuer an Börsen
auch eine Emissionssteuer für Produkte einführen, die von Banken direkt an ihre Kunden
verkauft werden.
In einem genialen Einfall von Orwellschem Neusprech hat die Lobby der kapitalmarktorientierten Finanzmarktakteure die „Financial Activity Tax“ erfunden und schiebt
diese als Ablenkungsmanöver vor. Die „Activity Tax“, wie von der Lobby vorgeschlagen, besteuert aber eben nicht die Aktivitäten – also die einzelnen Transaktionen –, sondern das Ergebnis der Aktivitäten, also die Gewinne. In diesem Fall darf also Vermögen
weiter schnell gedreht werden – die Aktivitäten werden bei der „Activity Tax“ eben
nicht belastet. (vgl. Der Betrieb 2010)
Zudem hat die Lobby mit der Angst gespielt: Die Finanztransaktionssteuer würde
Kleinsparer über Gebühr belasten. Dies ist ein bewusster psychologischer Propagandatrick, den der Verfasser bei der Anhörung vor dem Bundestag am 17.05.2010 entkräften
konnte. Bei einem seriösen Riester-Produkt wird das Fondsvolumen vielleicht alle drei
Jahre umgeschichtet, was einer Belastung von 0,016 Prozent p. a. entspricht. Die Belastung durch Fondsgebühren dürfte aber bei 1,5 bis 2,5 Prozent p. a. – also mehr als dem
Hundertfachen liegen. Ein Kleinsparer mit einer jährlichen Einzahlsumme von 1200 Euro
hätte über eine Laufzeit von 20 Jahren eine Last von ca. 70 Euro zu tragen. Angesichts
der vielfach stabilisierenden Wirkungen der Finanztransaktionssteuer scheint dies zumutbar.
7
Grundlagen einer neuen Finanzmarktarchitektur
91
Die Rückkehr zu sinnvollen Bilanzierungsregeln
Aus dem deutschen Handelsgesetzbuch (HGB) lassen sich die Grundsätze ordnungsmäßiger Buchführung ableiten, unter anderem 1. Richtigkeit und Willkürfreiheit, 2. Klarheit
und Übersichtlichkeit, 3. Einzelbewertung, 4. Vollständigkeit und 5. das Niederstwertprinzip. Das Niederstwertprinzip besagt zum Beispiel, dass Vermögensgegenstände zum
Anschaffungs- oder zum Marktwert bilanziert werden sollen, je nachdem, welcher Wert
der niedrigere sei. Die Bilanzierung deutschen Modells orientierte sich damit am Gläubigerschutz – die verbuchten Werte sollten auf jeden Fall „mindestens“ vorhanden sein.
Die Rechnungslegung war konservativ ausgerichtet. Kritik aus dem angelsächsischen
Raum führte dazu, dass die Rechnungslegung stärker eigentümer- und aktionärsorientiert
werden sollte: Die Bilanzen sollten den aktuellen fairen Wert („Fair Value“) von Vermögensgegenständen wiedergeben. Die Einführung der internationalen Rechnungslegungsvorschriften IAS/IFRS wurde als großer Fortschritt gefeiert.
Was gut gedacht war, erwies sich als Einfallstor für Komplexität, Intransparenz und
Prozyklizität (also die Schwankungen des Systems noch erhöhend) und als Jagdgrund
für die Wolfsrudel des Raubtierkapitalismus. Viele Derivate, für die es keinen Markt
gibt, müssen mit Hilfe von Modellen bewertet werden („Mark to Model“). Die Wertansätze sind dabei extrem von den Annahmen abhängig und können leicht um mehrere
100 Prozent schwanken, insbesondere bei Derivaten und Produkten mit langer Laufzeit.
Zudem gibt es unter anderem auch die paradoxe Situation, dass schwache Anleihenmärkte in einer Krise das Eigenkapital einer Bank STEIGEN lassen: Wenn nämlich die
Anleihen und Schulden der Passivseite der Bilanz nur noch zum niedrigeren Marktwert
und nicht mehr zum Nominalwert bewertet werden.
Hartmut Bieg, emerietierter Professor für Bilanzierung an der Universität des Saarlandes, hat die schädlichen Auswirkungen der Fair Value Bilanzierung dargelegt und
eine Initiative gegen Fair Value gestartet. (vgl. o. V. 2008) Peemöller kommt zu dem
Schluss, „dass die Übernahme der IFRS für kleine und mittlere Unternehmen nicht unproblematisch ist“. (vgl. Peemöller und Schmalz 2007) Ebenfalls fordert er, dass die berechtigte
Kritik nicht dazu führen dürfe, sich nicht mit IFRS zu beschäftigen und diese Belange
alleine in die Hände der Berater und Prüfer zu legen. (vgl. Peemöller und Schmalz 2007) Noch
bilanzieren die Regionalgesellschaften der Genossenschaftsbanken zum Beispiel nach
dem HGB. Dies ist nach Ansicht des Verfassers mit allen Mitteln zu verteidigen.
Regulierung der Geschäftsmodelle und Diversität
Aus der Forderung nach Diversität ergibt sich die Forderung nach der Regulierung der
Geschäftsmodelle – weg vom Allfinanzgeschäft und hin zu spezielleren Instituten, wie
zum Beispiel Investmentbanken, klassische Kreditinstitute, Vermögensmanager und
Spezialinstitute. Eine aus Sicht des Autors höchst sinnvolle Maßnahme – die aber kaum
Chancen auf Erfolg hat – wäre das Verbot des Eigenhandels für Investmentbanken. Der
Eigenhandel birgt durch die großen bewegten Summen massive systemische Risiken. Im
Erfolgsfall kassieren Bank und Trader, im Misserfolgsfall zahlt die Öffentlichkeit. Die-
92
Teil 2
Die Finanzmärkte
ses Marktsegment könnte in Zukunft komplett durch Hedgefonds abgedeckt werden. Der
Vorteil: Rechtlich eigenständige Hedgefonds müssen ihre Mittel erst einwerben, und
haben damit zunächst nicht das Volumen wie der Eigenhandel großer Banken. Hier wäre
zusätzlich über eine maximale Größe nachzudenken und darüber, wie viele Hedgefonds
ein Manager betreuen darf. Diese nach dem ehemaligen amerikanischen Notenbankchef
Paul Volcker benannte „Volcker Rule“ ist bei der amerikanischen Finanzmarktreform
bereits gescheitert. (vgl. Benders und Dörner 2010)
Auch eine Regulierung der Größe und der Region, in der eine Bank tätig sein darf –
wie durch den Glass-Stegall-Act 1934 in den USA erfolgt – ist sinnvoll. Allzu große
Banken erhöhen das systemische Risiko massiv, allzu kleine Banken exponieren sich
vielleicht zu sehr bei spezifischen Risiken. (vgl. Kapoor 2009) Eine Lizensierung und Kontingentierung von internationalen Tochtergesellschaften wäre sinnvoll, müsste allerdings
in einem internationalen Rahmen angegangen werden.
Hierzu ist auch anzumerken, dass das deutsche Bankensystem mit seinen drei großen
Säulen der Geschäftsbanken, der Volks- und Raiffeisenbanken und der Sparkassen eines
der besten und diversifiziertesten Systeme der Welt war, das schon Anfang des 20. Jahrhunderts international zu Respekt und Anerkennung, ja Neid führte. (vgl. Otte 2009) Das
deutsche Bank- und Finanzsystem ist und war dem kapitalmarktorientierten angelsächsischen System in vielerlei Hinsicht überlegen. Insbesondere führte es seine Funktion,
Kredite für die Realwirtschaft bereitzustellen, hervorragend aus. Volks- und Raiffeisenbanken haben sich als besonders krisenresistent erwiesen. (vgl. Otte 2010) Aus dem angelsächsischen Raum kommt starke Kritik, dass das deutsche System ineffizient sei und die
Eigenkapitalrenditen unzureichend. In einem zweiteiligen grundlegenden Artikel weist
Hannes Rehm, ehemaliger Vorstandsvorsitzender der NordLB und Chef des Bankenrettungsfonds Soffin, diese Kritik zurück. (vgl. Rehm 2008) Alle Produktivitätskennziffern des
deutschen Bankensystems mit Ausnahme der Eigenkapitalrendite seien gut. Die niedrige
Eigenkapitalrendite ist im Gegenteil ein Beweis, dass der Wettbewerb funktioniert. Hohe
Eigenkapitalrenditen sind ein Hinweis auf Beschränkungen des Wettbewerbs und Ausnutzung von Marktmacht. Überall dort, wo sie existieren – zum Beispiel Italien, Spanien,
England – werden Bankkunden mit sehr hohen Gebühren belastet und das Servicenetz ist
schlecht. Diese verbraucherunfreundlich und oligopolistisch strukturierten Länder sollte
sich Deutschland ausdrücklich nicht zum Vorbild nehmen. Die Politik wäre gut beraten,
die deutschen Geschäftsbanken in der Fläche zu stärken – auch, im Konfliktfall – auf
Kosten der kapitalmarktorientierten Banken. Derzeit läuft es – wie oben schon am Beispiel der Bankenabgabe aufgezeigt – leider umgekehrt.
Gründung einer kontinentaleuropäischen staatlichen Ratingagentur
Das angelsächsische Kartell der Ratingagenturen ist eine wesentliche Ursache der Krise.
Wenn diese Agenturen in den Jahren 2005 bis 2006 bis zu einem Drittel ihrer Gewinne
damit gemacht haben, dass sie AAA auf Ramschpapiere stempelten und dafür von den
Produzenten der Papiere auch noch vergütet wurden, ist dies ein eklatanter Interessen-
7
Grundlagen einer neuen Finanzmarktarchitektur
93
konflikt. Bislang wurden solche Interessenkonflikte durch staatliche Regeln in keinerlei
Weise verhindert, die Regulierung ist auch im Jahr 2010 nicht wesentlich weiter.
Ratingagenturen sehen selten die mögliche Abstufung voraus – Subprime, Griechenland, bp plc., sondern stufen meistens erst dann prozyklisch ab, wenn sich ein Land oder
ein Unternehmen in Problemen befindet. Sie wirken damit in guten wie in schlechten
Zeiten als Verstärker des Casinokapitalismus und der Spekulationswirtschaft. Allerdings
sind auch Banken und institutionelle Investoren nicht ganz unschuldig: Sie „verlassen“
sich auf die Ratings und können im Zweifelsfall die Verantwortung auf die Ratingagenturen schieben, wenn sich Investments negativ entwickeln. Damit geben aber Bankvorstände und Investmentmanager mehr oder weniger still und heimlich ihre eigentliche
Verantwortung ab – nämlich die Selektion und Bewertung von Investments und Wertpapieren. Das System geht sogar noch weiter: Versicherungen und institutionelle Anleger
sind oftmals aufgrund der Vorschriften gezwungen, Papiere zu verkaufen, wenn das
Rating unter eine bestimmte Note fällt. So müssen Anleihen von bp oder von Banken
gerade zum ungünstigsten Moment verkauft werden, was sowohl Emittenten als auch
Investoren in Bedrängnis bringt. Wenn alle Akteure sich nach den Ratings von drei
Agenturen richten, ist dies kapitalistische Planwirtschaft und hat mit Konkurrenz und
Marktwirtschaft wenig zu tun.
Die Gründung einer europäischen Ratingagentur, die der Verfasser bereits 2009 ins
Gespräch brachte, wurde angesichts der Griechenland-Krise auch von Bundesaußenminister Guido Westerwelle gefordert. (vgl. Spiegel online 2010) Eine solche Agentur würde
helfen, das angelsächsische Kartell aufzubrechen. Zudem kann eine staatliche Agentur
nicht schlechter als die privaten Agenturen sein, denn die privaten haben immer wieder
konsistent bewiesen, dass sie NICHT unabhängig sind, dass sie Krisen nicht voraussehen
und dass sie prozyklisch arbeiten. Wie vorausschauend eine staatliche Agentur arbeitet,
bleibt abzuwarten, aber sie hätte zumindest keine institutionalisierten und im Prinzip
unlösbaren Interessenkonflikte zu bewältigen.
Allerdings löst die Gründung einer europäischen Agentur nicht alle Probleme, wie
Gustav Horn darlegt: Auch das System der „kapitalistischen Planwirtschaft“ muss aufgebrochen werden, nach dem Investmentgesellschaften und Versicherungen vorgeschrieben ist, nur Papiere mit bestimmten Ratingnoten zu halten und die zentralen Ratings auch Einfluss auf die Kreditvergabe an Unternehmen und Mittelstand haben. Je
dezentraler in einem zukünftigen System die Kreditvergabe erfolgt, desto mehr kann die
Marktwirtschaft in das Kreditwesen zurückkehren. (vgl. Horn 2010)
Produkte und Verbraucherschutz
Im Frühjahr 2010 starteten das Bundesministerium der Finanzen und das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz eine Initiative für besseren
Verbraucherschutz bei Finanzprodukten. Am 19. und 20. Mai fand in Berlin unter Federführung des Finanzministeriums eine internationale Finanzmarktkonferenz statt, um die
sinnvolle Regulierung der Finanzmärkte zu forcieren. Unter anderem hat die Bundesregierung ungedeckte Leerverkäufe verboten und das „Anschleichen“ an Akquisitionsob-
94
Teil 2
Die Finanzmärkte
jekte erschwert, sicherlich zwei sinnvolle Maßnahmen. Auch der „graue Kapitalmarkt“
soll – zum Beispiel bei geschlossenen Immobilienfonds – besser reguliert und den Anforderungen des WpHG unterstellt werden. (vgl. Bundesministerium für Finanzen 2010) Was
zunächst gut aussieht – wie auch zum Beispiel die Einführung der MiFID der Europäischen Union – stärkt in der Realität die großen Finanzakteure. Kleinen unabhängigen –
und oftmals auch verantwortungsvolleren – Beratern, die direkt haften, ist es nicht mehr
möglich, die formalen Anforderungen der Compliance-Bürokratie einzuhalten. Angestellte Verkäufer der großen Finanzdienstleister – denn Berater gibt es dort kaum noch –
werden durch die Compliance-Bürokratie und die Kapitalstärke der großen Institute
geschützt.
Ein besserer Verbraucherschutz, wie zum Beispiel ein Beipackzettel für Finanzprodukte, ist zunächst einmal zu begrüßen. Er kann aber keinesfalls das Kernelement einer
sinnvollen Finanzmarktarchitektur (Eigenkapital, Kapitaltransaktionssteuer, Regulierung
von Geschäftsmodellen und –produkten) ersetzen. Im Zweifelsfall werden die großen
Akteure die Bestimmungen des Verbraucherschutzes formal umsetzen, während sich
materiell nichts für den Kunden verbessert. Lange juristische Risikohinweise sind die
Folge, toxische Produkte werden aber weiter vertrieben. Ilse Aigner hat bereits Unmut
über die langsame Umsetzung des Beipackzettels für Finanzprodukte geäußert. (vgl. Handelsblatt 2010) Dabei ist auch der Beipackzettel für Finanzprodukte in seiner vorgesehenen
Form oftmals schwer zu interpretieren. Die Ampelkennzeichnung für Finanzprodukte –
wie vom Verfasser als sehr sinnvoll erachtet und von der Verbraucherzentrale Hamburg
angewendet wird – wurde von der debeka gerichtlich durch eine einstweilige Verfügung
gestoppt. Mittlerweile darf die Ampel aber wieder veröffentlicht werden. (vgl. Welt online
2009) Insgesamt ist die Beratung durch Banken und Finanzdienstleister nach der Finanzkrise allerdings noch schlechter geworden, wie die Stiftung Warentest in einer groß
angelegten und im Juni 2010 veröffentlichten Studie präsentierte. Sechs von 21 untersuchten Banken bekamen das Urteil „mangelhaft“, zwölf „ausreichend“ und drei „befriedigend“. Die Note „gut“ wurde nicht vergeben. (vgl. Stiftung Warentest 2010) Letztlich ist
dies bei der derzeitig völlig unzureichenden Finanzmarktregulierung auch nicht verwunderlich: Wenn Regeln fehlen, werden die durch die Finanzkrise besonders unter Erfolgsdruck stehenden Banken besonders aggressiv verkaufen.
7.6
Stand der Maßnahmen
In der Zeit zogen Philipp Geschel und Frank Nullmeier bereits im Herbst 2008 ein bitteres Resümee und sahen die Machtgebärden der Politik und das Gerede von der Rückkehr
des Staates als weitgehend inhaltslos an:
„Wenn die Krise vorbei ist, regiert wieder das Kapital. … Politische Unternehmer nutzen
die Gunst der Stunde für staatliche Heilsversprechen. … Die Renaissance des starken
Staates ist jedoch eine optische Täuschung.“ (vgl. Geschel und Nullmeier 2008)
7
Grundlagen einer neuen Finanzmarktarchitektur
95
Leider hatte sie recht. Schon jetzt lässt sich absehen, dass die zentralen Regulierungsvorhaben im Dschungel der Lobbyherrschaft stecken bleiben oder bis zur Unkenntlichkeit verwässert werden.
Die Reform von Basel II zieht sich in die Länge und wird verwässert – sinnvolle
Eigenkapitalregeln werden höchstwahrscheinlich nicht entstehen. Damit fehlen weiter
die Grundlagen einer marktwirtschaftlichen Ordnung und wir bleiben im System des
„Sozialismus für Banken und Investmentbanker“, bei dem die Banken und Banker
den Lohn spekulativer Aktivitäten einstreichen, während die Allgemeinheit die Kosten zahlt, wenn die Spekulation danebengeht.
Die Kapitaltransaktionssteuer ist auf unbestimmte Zeit verschoben.
Over-the-counter-Geschäfte, also Geschäfte, die Banken auf eigenen Plattformen
betreiben und die daher besonders manipulationsanfällig sind, werden nicht auf Börsenplattformen verlegt.
Die Trennung von Geschäfts- und Investmentbanking (Volcker Rule) kommt nicht
voran.
Derivate werden nicht reguliert.
Der Verbraucherschutz wird – wie bei den Regeln für MiFID (Markets in Financial
Instruments Directive) – von der Lobby oftmals so umgedeutet, dass die Einhaltung
der Bestimmungen nur noch für große Akteure möglich ist, kleine und unabhängige
Finanzberater (und das sind oftmals die mit hoher Eigenverantwortung) vom Markt
gedrängt werden.
Bert Rürup hat die griffige Formel geprägt, dass die angelsächsische Denktradition davon ausgehe, dass der Markt ein „Vollautomatismus“ sei – also prinzipiell gute und
überlegene Ergebnisse erziele und die kontinentaleuropäische Tradition der Sozialen
Marktwirtschaft oder des Rheinischen Kapitalismus den Markt als „Halbautomatismus“
ansehe, dessen Ergebnisse korrigiert werden müssen. Daneben gebe es noch den Staatskapitalismus asiatischer Prägung. (vgl. Hofmann und Niejahr 2009) Die Formel ist griffig, geht
aber nicht tief genug. Letztlich geht es um die Deutungshoheit. Wer den Markt als Vollautomatismus betrachtet, betrachtet den Markt auch als Beute der Interessengruppen.
Das ist ein konsequent neoliberaler Ansatz, der, wie Mancur Olson gezeigt hat, in letzter
Konsequenz dazu führt, dass der Staat als „Beute“ betrachtet und zwischen den einzelnen Interessengruppen aufgeteilt wird. (vgl. Olson 1971) Letztlich führt dies zur wirtschaftlichen Stagnation. (vgl. Olson 1984)
Es geht also um die Frage, ob die Deutungshoheit für die Grundregeln einer Gesellschaft letztlich beim Markt oder bei der Politik liegt und welches Subsystem. Über diese
Frage kam es schon bald nach der Gründung der liberalen Mont Pelerin Society 1947
zum Streit zwischen zwei Fraktionen. Friedrich August von Hayek und Milton Friedman, die einen ideologischen und quasi religiösen Marktliberalismus vertraten, setzten
sich durch. Alexander Rüstow, Wilhelm Röpke und Alfred Müller-Armack, die der
Auffassung waren, dass der Staat für die Ordnung der Wirtschaft zu sorgen habe und die
Regeln festzusetzen habe, verließen die Gesellschaft im Streit. (vgl. Otte 2011) Heute wer-
96
Teil 2
Die Finanzmärkte
den ordoliberale Positionen von der CDU/CSU zum Teil noch im Bereich der Arbeitsmarktpolitik vertreten. Im Bereich der Wettbewerbs- und Marktordnungspolitik hat sich
die Lobby- und Konzernherrschaft – sprich der REAL EXISTIERENDE NEOLIBERALISMUS – über die Hintertür der Europäischen Union durchgesetzt.
7.7
Deutschlands Rolle
Es ist hilfreich, sich daran zu erinnern, dass Ökonomie immer politisch ist, und dass es
eben nicht nur um die Generierung, sondern auch um die Verteilung von Wohlstand
zwischen Individuen, Gruppen, Klassen und Nationen geht. Das führt auch zu Interessenkonflikten, die innerhalb einer Gesellschaft oder international politisch gelöst werden
müssen. (vgl. Gilpin 1987) Die Debatten sind nicht neu: In den USA stritten sich Alexander
Hamilton und Thomas Jefferson, von denen sich ersterer für ein System von Schutzzöllen und eine starke Industrie, der zweite für Freihandel und die Südstaaten stark machte.
In Deutschland setzte sich Friedrich List für ein „nationales System der politischen Ökonomie“ ein und in England wurde intensiv über die Aufhebung der Getreideimportzölle
gestritten, die dann 1846 erfolgte. (vgl. Bloy 1997)
Deutschland ist eine der größten Nettosparnationen der Welt, nebenbei hat Deutschland (noch) eine funktionierende Industrie und einen hervorragenden Mittelstand, was
sich von England und den USA nicht behaupten lässt. Finanzmarktderegulierung ist für
England Standortpolitik, da dieses Land von der Spekulationswirtschaft abhängig ist. Für
Deutschland (Österreich, auch die Schweiz, ggf. Frankreich, die nordischen Länder)
wäre hingehen eine stärkere Finanzmarktregulierung die richtige Standortpolitik zur
Sicherung der produktiven Basis der Volkswirtschaft.
Ein Schweizer Industrieller sagte dem Verfasser: „Ihr Deutschen seid die einzigen, die
international die Regulierung der Finanzmärkte durchsetzen können. England wird
sich der Regulierung immer entziehen wollen.“
Ein Verbot von Leerverkäufen hilft der deutschen Volkswirtschaft, indem es die Spekulationswirtschaft ein winziges Stück zurückdrängt. Sicherlich sind einige Ausweicheffekte zu befürchten, aber Deutschland ist zum Glück nicht so von der Finanzbranche
abhängig wie andere Länder. Außerdem könnte rechtlich geprüft werden, ob sich das
Verbot nicht nur auf bestimmte Transaktionen, sondern auf Akteure und ihre verbundenen Unternehmen beziehen kann. Deutschland kann und muss also eine Vorreiterrolle
einnehmen, ggf. mit einer „Koalition der Willigen“. Es kann also nicht kontraproduktiv
sein, wenn die Bundesregierung – notfalls im Alleingang – beschließt, „einige Tische im
großen Spielcasino zu schließen“. In der Debatte um das Verbot von Leerverkäufen habe
ich mich dabei eindeutig hinter die Bundesregierung gestellt. (vgl. Neuerer 2010) Der Bundesrepublik wird Führungsschwäche vorgeworfen, wenn sie zu lange an als für sich
7
Grundlagen einer neuen Finanzmarktarchitektur
97
richtig erkannten Positionen wie in der Frage der Griechenland-Rettung festhält. Ebenso
wird ihr Führungsschwäche vorgeworfen, wenn sie in als richtig erkannten Fragen voranschreitet. Das kann nicht sein.
Allerdings ist das Verbot von ungedeckten Leerverkäufen nur ein relativ kleiner Baustein bei der Regulierung der Finanzmärkte. Viel wichtiger als diese diskretionäre Maßnahme wären sinnvolle Eigenkapitalregeln, welche die jetzige Begünstigung der Spekulationswirtschaft zu Lasten der Realwirtschaft beenden würden, darunter auch feste Eigenkapitalquoten für alle Finanzakteure und die Rückkehr zur Bilanzierung nach dem
Niederstwertprinzip sowie die Einführung einer Transaktionssteuer. Beides wären im
Gegensatz zum Verbot einzelner Produkte oder Transaktionen marktkonforme, systemische Maßnahmen: Höhere Eigenkapitalanforderungen würden zum Beispiel automatisch
die Haftung erhöhen und die parasitäre Spekulationswirtschaft zurückdrängen, den einzelnen Akteuren aber die Entscheidung über das Ausmaß der Spekulation überlassen. Es
ist zu wünschen, dass die Bundesregierung den Mut hat, diese Fragen mit einer „Koalition der Willigen“ – Frankreich, Österreich, Benelux, den nordischen Ländern, vielleicht
China – anzugehen, denn die Schuldner- und Finanzmarktnationen USA und England
werden solchen sinnvollen Schritten nicht zustimmen. Deutschland muss auch einmal
den Mut finden, deutsche Interessen – und das sind glücklicherweise noch die Interessen
eines starken produzierenden Gewerbes und des Mittelstandes – zu definieren und zu
vertreten.
Ursprünglich erschienen in Lehren aus der Finanzmarktkrise – Ein Comeback der
Sozialen Marktwirtschaft, Band III: Verflochtene Krisen – Von der Finanzmarkt- zur
Eurokrise, bei Konrad-Adenauer-Stiftung, 2010.
7.8
Literatur
Afhüppe, S. und Reuter, W. (2005): Eine Welt voller Blasen, Der Spiegel 13/2005.
Benders R. und Dörner, A. (2010): „Obama scheitert mit großen Reformplänen“, in: Handelsblatt,
15.07.2010, S. 34–35.
Bloy, M. (1997): The Campaign for the Repeal of the Corn Laws.
http://www.victorianweb.org/history/cornlaws2.html
Bundesministerium für Finanzen (2010):
http://www.pressrelations.de/new/standard/result_main.cfm?r=402185&aktion=jour_pm;
Crossland, D. (2010): „Europe rushes to save Euro from ‚wolf pack‘“. The National.
Der Betrieb (2010): Bundestag: Urteile der Sachverständigen zur Finanztransaktionssteuer.
28.05.2010, Heft 21, S. M16
Frankfurter Allgemeine Zeitung (2010): „Vor dem G-20-Gipfel: Merkel weist Kritik Obamas am
Sparkurs zurück“.
98
Teil 2
Die Finanzmärkte
Geschel, P. und Nullmeier, F. (2008): „Ausweitung der Staatszone – Die Machtgebärden der Politik sind eine optische Täuschung. Wenn die Krise vorbei ist, regiert wieder das Kapital;“ in:
Die Zeit, 06.11.2008.
Gilpin, R. (1987): The Political Economy of International Relations. Princeton
Gschrey, E. (2010): IAS 39 als „Brandbeschleuniger in der Krise?“ (IAS 39: Adding Fuel to the
Fire During the Crisis?), in: Die Wirtschaftsprüfung, Sonderheft 2010, S. 51–56.
Handelsblatt (2010): http://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/beipackzettel-fuer-finanz
produkte-aigner-ist-das-taktierender-banken-leid;2575225
Hofmann, G. und Niejahr, E. (2009): „Mal was ganz Neues – Interview mit Bert Rürup”, Die Zeit
12/2009. 12.03.2009. http://www.zeit.de/2009/12/Interview-Ruerup
Horn, G. (2010): „Europäische Ratingagentur keine Lösung“, in:
http://www.handelsblatt.com/politik/international/top-oekonom-gustav-horn-europaeischeratingagentur-keineloesung;2593224
Kapoor, S. (2009): A simpler, smaller, safer, more diverse and more stable banking system is what
we need!
http://re-define.org/sites/default/files/What%20should%20the%20banking%20system%20look
%20like(2).pdf
Kindleberger, C. P. (2001): Manien, Paniken, Crashs – die Geschichte der Finanzkrisen dieser
Welt, S. 22. Kulmbach und Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (1986): Recent Innovations in International Banking. Basel.
Munger, C.T. (2010): Basically, It’s Over. A parable about how one nation came to financial ruin.
http://www.slate.com/articles/business/moneybox/2010/02/basically_its_over.html?via=gdprconsent. Zugegriffen: 21. Februar 2010
Neuerer, D. (2010): Max Otte in „Debatte um Zockerbremse – Top-Ökonomen halten Merkel
Inkompetenz vor“, in Handelsblatt, 20.05.2010.
http://www.handelsblatt.com/politik/konjunktur-nachrichten/debatte-um-zockerbremsetopoekonomen-halten-merkel-inkompetenz-vor;2585071
Olson, M. (1971): The Logic of Collective Action: Public Goods and the Theory of Groups. Cambridge.
Olson, M. (1984): The Rise and Decline of Nations: Economic Growth, Stagflation, and Social
Rigidities. New Haven.
Otte, M. (2009): Die Finanzkrise und das Versagen der modernen Ökonomie, in: Aus Politik und
Zeitgeschichte 52. http://www.bundestag.de/dasparlament/2009/52/Beilage/002.html. Zugegriffen: 21. Dezember 2009
Otte, M. (2009): „Finanzplatz Deutschland“ versus deutsches Bankensystem. Zwei politökonomische Perspektiven für die Zukunft. F. Keuper, F. und Puchta, D. (Hrsg). Deutschland 20 Jahre
nach dem Mauerfall. Rückblick und Ausblick. Und: Die Finanzkrise und das Versagen der modernen Ökonomie. Politik und Zeitgeschichte 52/2009. Wiesbaden.
Otte, M. (2010): Volks- und Raiffeisenbanken als Stabilitätsfaktor in Wirtschaftskrisen – Eine
polit- und institutionenökonomische Perspektive, in ZfGG, Zeitschrift für das Gesamte Genossenschaftswesen, Band 61.
Otte, M. (2010): „Eigenkapital ist der Schlüssel zu allem,“ Interview mit Dirk Müller. Deutschlandfunk. http://www.dradio.de/dlf/sendungen/interview_dlf/1139025/. Zugegriffen: 8. März
2010.
Otte, M. (2010): Finanztransaktionssteuer, speziell: Belastungen von Riester- und Kleinsparern
durch die Finanztransaktionssteuer. Expertise vom 16.05.2010 anlässlich der Stellungnahme
vor dem Finanzausschuss des Bundestages am 17.05.2010.
Otte, M. (2011): Die Finanzkrise, die Ökonomen, der „Crashprophet“ und die Wissenschaft von
der Ökonomie, Kölner Vorträge zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte, in: Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte 2011/1. Berlin.
7
Grundlagen einer neuen Finanzmarktarchitektur
99
Otte, M. et al. (2009): Der Crash kommt, S. 43 ff. München.
o. V. (2008): Bewertung: Initiative gegen die Fair Value Konzeption, in: Finanzbetrieb vom
08.12.2008, Heft 12, S. 804–804.
Peemöller, V. und Schmalz, H. (2007): IFRS für kleine und mittlere Unternehmen sowie Genossenschaften, in: ZfgG 57, S. 204–221.
Rehm, H. (2008): Das deutsche Bankensystem – Befund – Probleme – Perspektiven, in: Kredit
und Kapital, Teil I: 41 (2008) 1, S. 135–159; Teil II: 41 (2008) 2, S. 305–331.
Sinn, H. W. (2009): Kasino-Kapitalismus. Berlin.
Spiegel online (2010): http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,691852,00.html;
Stiftung Warentest (2010): Banken im Test. Die Blamage geht weiter – Gesetzesverstöße sorgen
für schlechte Noten. http://www.test.de/presse/pressemitteilungen/Banken-im-Test-DieBlamage-geht-weiter-Gesetzesverstoessesorgen-fuer-schlechte-Noten-4114346-4114348/
Tagesschau.de (2008): http://www.tagesschau.de/wirtschaft/weltfinanzgipfel118.html
Welt online (2009): https://www.welt.de/welt_print/wirtschaft/article4518287/Verbraucher
zentrale-darf-Ampelcheck-wieder-nutzen.html
8
8 Für einen schlanken, starken Staat
Als ich 1998 verantwortlicher Projektleiter einer Unternehmensberatung war, die zusammen mit einem internen Projektteam Vorschläge zur Reorganisation des Bundesministeriums für Wirtschaft ausarbeiten sollte, sagte mir ein alt gedienter Ministerialbeamter im Dienstzimmer Ludwig Erhards: „Früher standen die Vorstandsvorsitzenden
hier Schlange, um einen Termin beim Minister zu bekommen. Heute stehen die Politiker
Schlange, um nach ihrem Ausscheiden einen Job in der Wirtschaft zu bekommen.“
Alexander Rüstow, Wilhelm Röpke und Ludwig Erhard hätten sicher zugestimmt, dass
wir starke Ministerien brauchen, um Partikularinteressen abzuwehren und den Staat
nicht zur Beute werden zu lassen. Heute, wo ganze Gesetze von der Lobby geschrieben
werden, scheint dieser Kampf fast verloren gegangen zu sein. Wenn die Börse Frankfurt
eine von ihr bezahlte Mitarbeiterin an das hessische Wirtschaftsministerium ausleiht und
eben diese Mitarbeiterin dann in der Börsenaufsicht tätig ist, ist das grotesk. (vgl. Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger, SdK, 2008) Wenn Bankenrettungspakete entscheidend durch
die Banken gestaltet werden, die vorher nach allen Maßstäben versagt haben, ist das
ebenfalls grotesk.
8.1
Warum insbesondere Finanzmärkte reguliert werden müssen
Wenn auch die Rettungsaktionen im Großen und Ganzen richtig waren, um einen Zusammenbruch des Systems zu vermeiden, so hätte der Staat den Banken gerade in
Deutschland wesentlich höhere Kosten für seine Bürgschaften auferlegen können, wie in
den USA geschehen. So wird das deutsche Programm, wie zum Beispiel im Falle der
Commerzbank, zu einem öffentlich subventionierten Kapitalbeschaffungsprogramm, das
101
© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2019
M. Otte, Die Finanzmärkte und die ökonomische Selbstbehauptung Europas,
https://doi.org/10.1007/978-3-658-23179-8_8
102
Teil 2
Die Finanzmärkte
die Wettbewerbsbedingungen gegenüber den noch solide und nicht subventioniert operierenden Banken, zum Beispiel den Volks- und Raiffeisenbanken, verzerrt.
Es ist an der Zeit, dass wir uns wieder auf unsere ökonomische Tradition und das
Denken in Wirtschaftsordnungen zurückbesinnen. Produktion, Handel und Finanzen
haben unterschiedliche Spielregeln und Gesetzmäßigkeiten. Es gilt, dies zu erkennen,
genauso wie die Nationalökonomen des 18. und 19. Jahrhunderts zwischen Unternehmereinkommen (Gewinne), Kapitalbesitzereinkommen (Renten) und Arbeitseinkommen
(Löhne) unterschieden haben. Dabei geht es auch um Verteilungsaspekte. Heute, wo das
finanzwirtschaftliche Denken oft dominiert, wäre auch auf die Unterschiede der drei
Bereiche einzugehen.
Der Finanzsektor ist einer der sensibelsten Bereiche der Wirtschaftsordnung. Hier
muss es zunächst um Risikovermeidung und eine solide Basis für den güterwirtschaftlichen Bereich gehen. Moderne Finanztechniken erlauben es, Risiken zu verstecken oder in die Zukunft zu verschieben und so das System mit Risiken zu belasten, die
zunächst nicht erkennbar sind. Märkte sind für Bildung spekulativer Blasen anfällig, und
in nicht regulierten Finanzmärkten finden Euphorie und Panik regelmäßig statt. Finanzmärkte sollten also konservativ reguliert und mit „Bremsen“ ausgestattet werden. Im
Zweifelsfall sollte man der langweiligen, aber überschaubaren, risikovermeidenden und
transparenten Lösung den Vorzug geben.
8.2
Elf Punkte für eine umfassende und marktkonforme
Regulierung
Tobin-Steuer einführen: Eine Steuer von einem Prozent auf alle internationalen
Kapitaltransaktionen ist keinesfalls das sozialistische Übel, als das sie gern gebrandmarkt wird, sondern ein marktkonformer Eingriff. Diese Steuer würde auf einen
Schlag viele spekulative Kapitalbewegungen unterbinden. Aber kaum eine internationale Produktionsstätte würde umgebaut bleiben, nur weil sie ein Prozent teurer wäre.
Eigenkapital stärken: Zwar wurden mit dem Basel-II-Abkommen von 1992 schärfere Eigenkapitalrichtlinien geschaffen – Banken sollen acht Prozent Eigenkapital hinterlegen –, aber offensichtlich ist damit das systemische Risiko nicht berücksichtigt.
Eine Eigenkapitalquote von zehn Prozent – und zwar grundsätzlich und nicht risikogewichtet wie bei Basel II – erscheint sinnvoll. Insgesamt ist Basel II zu hinterfragen.
Ratings und Risikogewichtungen sind in der Theorie gut, in der Praxis führen sie zu
mehr Bürokratie sowie Hemmnissen gerade für den Mittelstand. Hier wird zusätzliche
Bürokratie aufgebaut, die große Unternehmen bevorzugt. Zudem wird das Risiko
oftmals hinter mathematischen Modellen versteckt und ist damit weniger transparent
als bei einer einfachen Eigenkapitalregel.
8
Für einen schlanken, starken Staat
103
Bilanzierungsvorschriften verschärfen: Regulierungsbehörden und Banken reagieren auf die Krise mit einer Lockerung der Bilanzierungsvorschriften. Kern des Anstoßes ist die Bilanzierung zum „fairen Wert“. In der Theorie ist dies eine gute Sache,
aber die Praxis sieht anders aus. Für viele Produkte gibt es keinen Markt, dann muss
der Wert durch mathematische Modelle ermittelt werden. Und diese Modelle werden
oft gerade dann erhebliche Wertminderungen ausweisen, wenn sich die Wirtschaft in
einem Abwärtszyklus befindet. Im Resultat handelt es sich also um eine Zyklen verstärkende Bilanzierung. Die konservative und einfache Regelung des Niederstwertprinzips des deutschen Handelsgesetzbuches (HGB), die wir mit den International
Accounting Standards (IAS) zunehmend über Bord werfen, sind einen Blick wert:
Hier werden Bilanzpositionen zum Anschaffungs- oder zum Marktwert bilanziert, je
nachdem, welcher Wert der niedrigere ist. Somit war bei deutschen Unternehmen, die
nach HGB bilanzierten, immer sichergestellt, dass Werte konservativ und vorsichtig
erfasst wurden.
Hedgefonds und Private Equity regulieren: Sie unterliegen keinerlei Regulierung,
müssen aber zum Beispiel hinsichtlich Eigenkapitalanforderungen genauso reguliert
werden wie alle anderen Anlagevehikel.
Derivate für Privatanleger verbieten: Nicht alle Finanzinnovationen sind sinnvoll.
Aus guten Gründen waren solche Produkte bis ungefähr 1970 für Privatanleger weitgehend verboten.
Verbriefung von Hypotheken und Konsumentenschulden stark einschränken:
Die amerikanische Regierung gibt die Richtung vor, indem sie verbriefte Produkte in
Zukunft auf Kosten des Emittenten versichern will. Wichtig ist, dass die Versicherung
das Risiko abdeckt und diese zu Marktpreisen erfolgt. Dann wird sich die Verbriefung
schnell auf ein wirtschaftlich gesundes Normalmaß einpendeln.
Regulierungsbehörden auf Augenhöhe mit den Banken: Es kann nicht sein, dass
Länder sich einen Wettlauf um ein Minimum an Regulierung liefern und dass zum
Beispiel die Depfa-Bank, die als irische Tochtergesellschaft der irischen Regulierung
unterliegt, die Muttergesellschaft Hypo Real Estate in Deutschland zu Fall bringen
kann. Europäische Banken agieren im gesamten Europa; ihnen stehen lediglich nationale Regulierungsbehörden gegenüber. Anstatt dass sich die Banken den kleinsten
gemeinsamen Nenner aussuchen können, sollten sie internationalen Regulierungsbehörden gegenüberstehen.
Rechtsfreie Räume beseitigen: Steueroasen wie die Kanalinseln, die Cayman Islands oder Liechtenstein müssen sich den Regeln der Transparenz unterwerfen. Die
Realisierung wäre einfach: Jedes Bankinstitut, das dort Tochtergesellschaften unterhält, muss voll transparent sein oder bekommt im Heimatland die Lizenz entzogen.
104
Teil 2
Die Finanzmärkte
Haftung für Vorstände konsequent anwenden: Die Gesetze der meisten Länder
sehen Haftungsregelungen vor, die ausreichen würden, wenn man sie anwenden würde. Das ist auch im Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB) der Fall. Vorstände können sich
derzeit sogar gegen den Tatbestand der „groben Fahrlässigkeit“ versichern. Es würde
ausreichen, derartige Versicherungen zu verbieten und auch schon im Fall der einfachen Fahrlässigkeit eine erhebliche Haftung von Vorständen einzufordern. Vorstände
sind Kaufleute und haben besonders sorgsam zu handeln.
Vergütungssystem ändern: Es würde ausreichen, das System der Jahresboni in ein
System von Belegschaftsaktien zu verwandeln, die frühestens fünf Jahre nach Ausscheiden veräußert werden können. Mit einem Schlag würden die Vorstände langfristig denken und handeln.
Weniger, aber mit mehr Kompetenzen ausgestattete Beamte: Der Beamte auf
Lebenszeit preußischer Prägung, der unbestechliche Staatsdiener, ist heute leider sehr
selten geworden. Das liegt auch daran, dass es in Deutschland zu viele Beamte gibt.
Aus meiner Praxis bei den Ministerien weiß ich, dass man deren Personal und das
vieler Behörden ohne Weiteres um 50 bis 70 Prozent reduzieren könnte. Die verbliebenen Regierungsbeamten sollten aber gut bezahlte Spitzenkräfte sein, denen Nebenverdienste in der Wirtschaft verboten sein sollten – wenn sie zum Beispiel Aufsichtsratsmandate bekleiden –, und die sich auf die hoheitlichen staatlichen Aufgaben konzentrieren. Wichtig wäre, sie weniger beeinflussbar durch Lobbyisten zu machen.
Ursprünglich erschienen in Orientierungen zur Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik,
Ludwig-Erhard-Stiftung e. V., 2008.
8.3
Literatur
Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) (2008): Schwarzbuch Börse 2007. München.
9
9 Finanztransaktionssteuer
Schreiben an den Finanzausschuss des Deutschen
Bundestages vom 16. Mai 2010
Sehr geehrte Herren und Damen Abgeordnete,
ich bin gebeten worden, die Auswirkungen der Finanztransaktionssteuer auf Riester- und
Kleinsparer zu berechnen. Zusammen mit meinem Kollegen Prof. Dr. Peter Hoberg habe
ich ein Modell entwickelt, mit dem sich die Belastungen bei verschiedenen Annahmen
simulieren lassen.
Hierzu sind folgende Voraussetzungen und Annahmen essentiell, können aber auf
Nachfrage variiert werden:
Die Sparbeträge werden einmalig bei Einzahlung belastet.
Das Sparvermögen im Fonds des Finanzdienstleisters wird dann belastet, wenn
Fondsmanager/Finanzdienstleister umschichten.
Die Steuer aus 1. fällt also nur einmalig bei Einzahlung an. Die Steuer aus 2. jährlich
und zwar in Abhängigkeit davon, wie „aktiv“ die Fondsgesellschaft ist. Die Zahlen
zur durchschnittlichen Kapitalumschlagshäufigkeit bei Finanzprodukten sind der breiten Öffentlichkeit nicht bekannt. Die Fondsgesellschaften sprechen hierüber nicht
gerne, dabei liegen diese Zahlen sehr wohl vor.
Ich bin einer der Direktoren des gemeinnützigen Zentrums für Value lnvesting e. V.,
eines Zusammenschlusses nachhaltig investierender inhabergeführter Fondsgesellschaften und Privatinvestoren in Europa. Ich manage einen eigenen Anlagefonds. Grundsätzlich lässt sich sagen, dass der überwiegende Anteil der seriös und nachhaltig investierenden Fondsgesellschaften ihr Vermögen zumeist deutlich weniger als einmal pro Jahr –
vielleicht einmal alle drei Jahre – umschichtet, wobei dies sicher auch vom Stil des entsprechenden Finanzmanagers abhängt. Ich kann Ihnen viele Experten benennen, die
diese Aussage stützen würden.
105
© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2019
M. Otte, Die Finanzmärkte und die ökonomische Selbstbehauptung Europas,
https://doi.org/10.1007/978-3-658-23179-8_9
106
Teil 2
Die Finanzmärkte
Die schlechten Fondsgesellschaften schichten tendenziell häufiger um, weil sich so
auf Kosten des Anlegers Gebühren verdienen und Fehler verstecken lassen (,,Churning“). Es gilt die alte Anlegerweisheit: ,,Hin und Her macht Taschen leer.“
Selbst bei jährlicher Umschichtung von 100 Prozent des Fondsvermögens (ich gehe
eher von 30 Prozent aus), würde eine Belastung von 0,05 Prozent p. a. anfallen. Demgegenüber liegen die Kosten für den Finanzdienstleister selber bei ca. 1,8 bis 3,0 Prozent. Also :
Jährliche Belastung des Sparers durch Finanztransaktionssteuer:
0,05 Prozent
Jährliche Belastung durch Kosten und Gebühren des Finanzdienstleisters:
1,80 Prozent – 3,00 Prozent
Hieran lässt sich erkennen, dass die staatlichen Belastungen im Vergleich zu den privaten Belastungen und Kosten minimal sind.
In unserem Modell gehen wir von folgenden Annahmen aus:
Jährliche Einzahlsumme:
1200 Euro
Laufzeit:
20 Jahre
Rendite:
5 Prozent
Unter diesen Annahmen, die sich variieren lassen, liegen die Belastungen der Einzahlungen des Kleinsparens mit Zins- und Zinseszinsen bei 20,23 Euro und die Belastungen durch Umschichtungen im Fondsvermögen bei 53,99 Euro, zusammen also bei
74,22 Euro.
Hier ist der Zinseszinseffekt bereits eingerechnet. Die Belastung durch Gebühren der
Finanzbranche dürfte demgegenüber bei 8000 Euro liegen, wobei es deutlich mehr und
ggf. weniger sein kann.
Lenkungswirkung der Finanztransaktionssteuer
Die Finanztransaktionssteuer hat genau die beabsichtigte Lenkungswirkung: Sie dämpft
Spekulation und behindert Geschäfte mit einem Bezug zur Realwirtschaft wenig. Hierzu
ist dringend ein Missverständnis richtig zu stellen, dem ich häufig begegne:
Bei jeder Umschichtung des Fondsvermögens fällt die Steuer auf das umgeschichtete
Volumen an. Die FTS ist keine Gewinn- oder Ertragsteuer. Fonds, die stark gehebelt
sind und ihr Vermögen häufig drehen und damit 20 oder 30 Prozent Rendite p. a. machen, können dennoch durch eine sehr kleine Steuer erheblich belastet werden (was
gewünscht ist).
Belastung des Gewinns eines Finanzvehikels durch FTS in Prozent p. a.
B = U FTS Hebel,
mit
U = Umschlagshäufigkeit, Hebel (Leverage) = Gesamtkapital/Eigenkapital,
FTS = Steuersatz
9
Finanztransaktionssteuer
107
Je mehr Umschlag, desto spekulativer. Je mehr Hebel (Leverage), desto weniger Eigenkapital, desto spekulativer. Es lässt sich auf die einfache Formel bringen: Je spekulativer ein Anlagevehikel ist, desto stärker wirkt normalerweise die Finanztransaktionssteuer.
Einnahmewirkung der Finanztransaktionssteuer
Die Einnahmewirkung einer Finanztransaktionssteuer ist im Gegensatz zu den hier vorgelegten sehr einfachen und klaren Rechnungen leider nur sehr schwer zu schätzen.
Auf jeden Fall ist sie ein Ansatz zum Abbau der rechtlichen und faktischen Begünstigung der Spekulation zuungunsten der Realwirtschaft, schafft zusätzliche Einnahmen
(Höhe ungewiss) und sorgt für mehr Steuergerechtigkeit.
Die Positionen von SPD, Grünen und der Linken zu diesem Thema sind daher zu begrüßen: Die FTS kann nur sinnvoll sein.
Für Rückfragen stehe ich gerne zur Verfügung.
Mit freundlichen Grüßen
Prof. Dr. Max Otte
10 Ethik und Marktordnung im Finanzwesen
10
Status Quo: Systemwandel und Dysfunktionalitäten
Internes Diskussionspapier für die DVFA-Arbeitsgruppe
„Ethik und Finanzwirtschaft“
Erhard H. Arent und Max Otte
Seit Beginn der „neoliberalen Revolution“ ist ein tiefgreifender Wandel von Strukturen,
Berufsethik und Prozessen im Finanz- und Bankwesen auszumachen. (vgl. Schmidt 2010) In
diesem Thesenpapier für die DVFA-Arbeitsgruppe sollen wesentliche Themen aufgegriffen und mögliche Lösungswege skizziert werden.
10.1
Ideologie: Von der Marktordnung zur Marktgläubigkeit
10.1.1 Historischer Hintergrund
Nach der Weltwirtschaftskrise ab 1929 hatte sich spätestens mit dem zweiten GlassSteagall-Act von 1933, der in den USA das Trennbankensystem einführte, auch in den
USA die Auffassung durchgesetzt, dass Börsenwesen und Bankensystem streng geregelt
sein sollte. „Banking should be boring“. Auch die Anwendung von Derivaten, die vor
1933, unter anderem im Finanzimperium Ivar Kreugers durchaus eine erste Boomphase
erlebten, wurde stark eingeschränkt. Im Bank Company Holding Act von 1956 wurden
die strengen Regulierungen weiter bestätigt. Sogar etliche Zinssätze, die Banken zahlen
durften, waren durch Regulation Q von 1933–1986 geregelt.
Das kreditorientierte Finanzsystem Deutschlands und weiter Teile Kontinentaleuropas
war durch ein dezentrales Sparkassenwesen und genossenschaftlich orientiertes dezentrales Finanzsystem geprägt, bei der regionale Einlagen auch wieder regional über Kredite investiert wurden (Otte 2009). Der US-amerikanische Verfassungsrichter Louis
Brandeis sprach bei Kreditgenossenschaften schon 1912 von „Banken von Menschen für
Menschen“ (Brandeis 2012). In Deutschland und Kontinentaleuropa stellten sich daher
109
© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2019
M. Otte, Die Finanzmärkte und die ökonomische Selbstbehauptung Europas,
https://doi.org/10.1007/978-3-658-23179-8_10
110
Teil 2
Die Finanzmärkte
die Probleme eines Trennbankensystems nicht. Demgegenüber war das angelsächsische
Finanzsystem kapitalmarktorientiert, kurzfristiger und spekulativer.
Nach dem Börsenboom der 1860er und 70er Jahre und der Börsenkrise der Gründerzeit 1873 spielten Börsen in Deutschland und angrenzenden Ländern nur eine ergänzende Rolle. Die Bankkrisen der Jahre 1932 wurden durch eine nach dem Krieg zu geringe
Kapitalbasis der Banken und den Abzug US-amerikanischen Kapitals ausgelöst.
Seit dem „Nixon-Schock“ 1971, als die USA unilateral die Konvertibilität des Dollars
in Gold aufkündigten, und dem Beginn der neoliberalen Revolution Ende der 1970er
Jahre fand ein ideologischer Paradigmenwechsel statt. Anstatt das – „gefährliche“ –
Börsenwesen zu regulieren, sollte nun eine weitreichende Deregulierung und Liberalisierung der Finanzmärkte die Lösung sein. Nach dem zweiten Ölschock 1979/80 und der
bis 1982 anhaltenden Hochzinsphase und Rezession schien sich das Dogma der Liberalisierung auch zu bewahrheiten.
In den 1990er Jahren schienen nach dem Fall des Kommunismus die Möglichkeiten
ungebändigter Märkte und eines globalen Kapitalismus grenzenlos. Es waren dann ausgerechnet Regierungen von New Labour/moderner Sozialdemokratie, welche entscheidende Gesetzesvorhaben zur Deregulierung der Finanzmärkte voranbrachten. Unter Bill
Clinton wurde zum Beispiel der Glass-Steagall-Act endgültig zu Grabe getragen
(Gramm-Leach-Bliley Act von 1999). Die Regierung Blair erlaubte nach dem „Big
Bang“ in der Londoner City von 1986 weitere Deregulierungen. Und in Deutschland
erließ die Regierung Schröder-Fischer Steuerbefreiungen für den Verkauf von Beteiligungen, was die Entflechtung der Deutschland AG einleitete. Ebenso wurden zum Beispiel Dach-Hedgefonds für den öffentlichen Vertrieb zugelassen.
10.1.2 Individualismus
Die Mischung von Gemeinwohl und Eigennutz in den Herrschaftsideologien der Gemeinschaften ist im Verlauf der höheren Menschheitsgeschichte ist sehr unterschiedlich
gewesen. Die derzeit die Politik dominierende Ideologie betont ganz klar den Eigennutz
vor dem Gemeinwohl. Das zu Beginn der Arbeitsgruppe von Julian Nida-Rümelin vorgestellte „Prisoner’s Dilemma“ ist ein gutes Beispiel. Zwei Menschen sitzen im Gefängnis, haben also offensichtlich Regeln der Gemeinschaft verletzt. Das „Verpfeifen“ des
jeweils anderen wird individuell als beste Lösung angesehen, wenn es aber beide machen, dann ist es die schlechteste Lösung. Diese Basisannahmen sind, genau wie die
Basisannahmen des „Homo Oeconomicus“, zumindest zu hinterfragen. Es hat in der
Geschichte auch immer höchst erfolgreiche Gesellschaftsmodelle gegeben, bei denen
eine starke Gemeinwohlkomponente eine Rolle spielte (Ägypten, Preußen, „alte“ Bundesrepublik).
Ein angesichts der heutigen Wirtschaftsethik nahezu als Relikt anzusehender Teil einer solchen Gesellschaftsordnung sind die Eigentumsparagraphen des deutschen Grundgesetzes, zum Beispiel:
10
Ethik und Marktordnung im Finanzwesen
111
Artikel 14 (2) GG: Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.
Dieser Artikel entspricht in keinerlei Weise mehr der gelebten Verfassungsrealität. Privateigentum, „Shareholder Value“ und Renditedenken in Finanzkennzahlen haben die
Gemeinwohlorientierung und die Stakeholder-Orientierung bis auf wenige Reste verdrängt. Es gibt keine funktionierende Gemeinwohlbilanz. Zunehmend drücken die starken Akteure in der Gesellschaft den anderen die negativen externen Kosten ihrer eigenen
Handlungen auf und privatisieren die Gewinne. Dieses Muster war sowohl in der Finanzkrise wie auch in der Eurokrise zu beobachten.
Die Argumentation des Grundgesetzes wurde geradezu auf den Kopf gestellt und entspricht nun eher einer angelsächsischen Interpretation des Eigentumsbegriffs: „Was dem
Privateigentümer nutzt, ist automatisch auch für das Gemeinwohl gut.“ Diese Lesart war
offensichtlich gerade nicht der Sinn von Artikel 14 (2) GG.
Philosophisch hat der absolute Individualismus seine Wurzeln im angelsächsischen
Raum – John Locke, später Ludwig von Mises, Karl Popper und Friedrich August von
Hayek. Heute äußert er sich in extremer Form mächtigen libertären Strömungen. Für
Locke war die Aufgabe des Staates nicht, darauf zu achten, dass Eigentum dem Wohle
der Allgemeinheit dient, sondern, das Eigentum zu schützen.
Ein weiterer der Eigentumsparagraphen macht dies deutlich:
Artikel 14 (1) GG: Das Eigentum und das Erbrecht werden gewährleistet. Inhalt und
Schranken werden durch die Gesetze bestimmt.
Privateigentum ist zwar geschützt, sein Inhalt aber wird durch die Gesetze bestimmt. Ein
gutes Beispiel ist die Behandlung des Eigentums am Wald in der deutschen Tradition.
Der Privateigentümer zieht zwar den wirtschaftlichen Nutzen hieraus, aber das Jagdrecht
ist abgespalten und wird separat verwertet und jeder kann den Wald zur Erholung nutzen, wenn er sich an bestimmte Regeln hält.
In der kontinentaleuropäischen Tradition, die heute ideologisch stark auf dem Rückzug ist, war es völlig selbstverständlich, dass von Gemeinwohl und öffentlichen Gütern
geredet wurde. Diese Tradition – die so unterschiedliche Vertreter wie Saint-Simeon,
Rousseau, Hegel, die katholische Soziallehre, Sozialdemokratie und demokratischen
Sozialismus sowie auch John Maynard Keynes beinhaltet – wird von Popper, Hayek &
Co. diffamierend als „freiheitsfeindlich“ bezeichnet.
Schlüsselindustrien sollten auch nach Länderverfassungen verstaatlich werden (können), bevor diese zu privaten Monopolen würden. Öffentliche Güter – Rundfunk, Polizei, Schulen, Universitäten, Gesundheit, Energieversorgung, Straßen und Infrastruktur –
sollten in den Händen des Staates liegen. Teilaspekte sollten privat ausgeübt oder private
Monopole wie bei den Energieversorgern streng öffentlich reguliert sein.
112
Teil 2
Die Finanzmärkte
Eine Konsequenz der herrschenden Ideologie ist der Verlust der öffentlichen Güter
Autobahnen, Wohnungsgenossenschaften und vieles
andere werden privatisiert und in Mautgesellschaften und Renditeschleudern für renditehungrige Finanzinvestoren umfunktioniert. Dies geht soweit, dass dem Staat auch keine
Möglichkeiten mehr zugebilligt werden, sich qualitätsverbessernd mit eigenen Angeboten in den Markt einzumischen. So wurde den öffentlich-rechtlichen Anstalten untersagt,
die eigenen Internetinhalte dauerhaft im Internet anzubieten, da sich dies „marktverzerrend“ auswirke. Dass eine solche Marktverzerrung durch qualitativ hochwertige Angebote, die nicht dem Renditedruck unterstehen, ja gerade gewünscht ist, fällt bei dieser
absurden Argumentation unter den Tisch.
(vgl. auch Le Monde diplomatique 6/2009).
10.1.3 Fiktion der Gleichwertigkeit
Ein Korollarium zur unbedingten Marktgläubigkeit ist die Fiktion der Gleichwertigkeit
der Akteure. Hiermit ist nicht die Gleichberechtigung vor dem Gesetz gemeint, sondern
die tatsächliche Abwesenheit von Informationsasymmetrien und Fähigkeiten, Informationen zu verarbeiten.
Tendenziell gehen Gesetzgeber und Regulierungsbehörden heute davon aus, dass
große und kleine Akteure, Privatpersonen und Unternehmen als gleichwertig zu behandeln sind. Dadurch reduziert sich die Fürsorgepflicht des Staates auf die Pflicht, umfassend zu informieren.
In der Finanzwirtschaft führt dies dazu, dass tendenziell „alle Produkte für alle“ angeboten werden – Privatanleger können komplexe Derivate kaufen, wenn sie nur umfassend informiert wurden.
Anstatt also Produkte zu regulieren, zuzulassen oder zu verbieten und in ihrem Anwendungskreis zu beschränken, wie es (noch) in der Medizin oder bei Waffen üblich ist,
wird bei Finanzprodukten lediglich der Informationsfluss vorgeschrieben.
Tendenziell führen die Informationspflichten, Produktkomplexitäten und Informationsmengen im Retail-Banking zum Information-Overload sowohl bei Beratern als auch
bei Kunden.
Gleichzeitig werden aber Berater massiv in die Verantwortung und bei Fehlberatung
in eine verschärfte Haftung genommen, während die Produktingenieure der Zentralabteilungen weiter ihr Handwerk betreiben.
Die tatsächlich vorhandenen Informationsasymmetrien und vor allem auch die unterschiedlichen Fähigkeiten, Informationen zu verarbeiten, führen dazu, dass bei tatsächlich
gleicher Information aller Marktteilnehmer kleine Akteure, Berater „an der Front“ und
Privatkunden im heutigen Regulierungsumfeld oft automatisch massiv benachteiligt
werden, während die System- und Produktingenieure weiter ihrem Treiben nachgehen.
10
Ethik und Marktordnung im Finanzwesen
113
10.1.4 „Capturing“ von Politik und Regulierungsbehörden durch
starke Akteure
Die tatsächlichen Machtverhältnisse führen auch zum „Capturing“ (Kaperung) der Gesetzgebungsprozesse durch starke Akteure, wie es der ehemalige Chefvolkswirt des
IWF, Simon Johnson, nannte.
Noch nie wurde seitens bestimmter Teile des Finanzsektors – namentlich der Investmentbanken, Private Equity, Hedegfonds und Schattenbanken – so viel in Lobbyismus
investiert wie nach der Finanzkrise. Im US-Kongress kommen vier Lobbyisten der Finanzwirtschaft auf einen Kongressabgeordneten, in Brüssel befassen sich schätzungsweise mehr als 60 Lobbyorganisationen mit der Förderung der Interessen der Finanzmarktakteure. Die Prozesse in Brüssel sind dabei besonders bedenklich, da die Anhörungen der Fachgruppen hinter verschlossenen Türen stattfinden.
10.1.5 Markt- und Modellgläubigkeit und Herrschaft der Ökonomen
Unterfüttert wird die herrschende Ideologie der unbedingten Marktgläubigkeit durch
Heerscharen von in Partialmodellen ausgebildeten mathematisch orientierten Ökonomen
ohne breite institutionelle und historische Ausbildung. (vgl. Peukert 2010)
Letztlich basieren fast alle diese Modelle auf neoklassischen Annahmen von Marktgleichgewichten oder zumindest einer Tendenz zu Marktgleichgewichten. Durch immer
feinere Partialmodelle lässt sich fast alles „rechnen“ und argumentieren, sodass jede
wirtschaftspolitische Maßnahme oder Unterlassung einer solchen ihre Rechtfertigung
finden wird. (vgl. Otte 2009; Peukert 2010)
Dies fördert zwei Tendenzen:
Zum einen werden die herrschende Orthodoxie und bestehende Herrschaftsstrukturen
gestützt, weil mächtige Akteure durch Lobbygelder und Forschungsprojekte in opportune Zwecke gesteckt werden können.
Zum anderen fehlt der modelltheoretischen Ökonomie zunehmend der kritische Blick
aus der Distanz auf die Totale und die Veränderungen in der Gesellschaft. Soziologisch-historisch und wirtschaftspolitisch ausgerichtete Ökonomen (Sombart, Keynes,
Röpke, Rüstow) hatten diese noch.
Auf einer Diskussionsveranstaltung der Universität Graz zwischen orthodoxen und heterodoxen Ökonomen hörte einer der Verfasser die Aussage eines orthodoxen Ökonomen,
dass man mittlerweile recht genau wisse, wie Regeln funktionieren. Die Ökonomie könne aber wenig darüber aussagen, wie Regeln gemacht werden. Genau hierum sollte es
aber bei der Marktordnung gehen.
Allerdings scheinen moderne Medien und Wirtschaft zunehmend darauf ausgerichtet,
sich den „Homo Oeconomicus“ zu schaffen, selbst dort, wo er eigentlich keine Rolle
spielen sollte (Schirrmacher 2012).
114
10.2
Teil 2
Die Finanzmärkte
Ethik
10.2.1 Von der Verantwortungsethik zur Erfolgsethik („Greed is good“)
Der kategorische Imperativ Immanuel Kants „Handle nur nach derjenigen Maxime,
durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde“, wird im
Wirtschaftsleben insgesamt zunehmend durch eine weit verbreitete Erfolgsethik verdrängt, in welcher der Zweck die Mittel legitimiert und finanzieller Erfolg seine eigene
Rechtfertigung in sich trägt.
Hier besteht klar eine Unvereinbarkeit mit den Forderungen des kategorischen Imperativs: „Der kategorische Imperativ gebietet allen endlichen vernunftbegabten Wesen
und damit allen Menschen, ihre Handlungen darauf zu prüfen, ob sie einer für alle, jederzeit und ohne Ausnahme geltenden Maxime folgen und ob dabei das Recht aller betroffenen Menschen, auch als Selbstzweck, also nicht als bloßes Mittel zu einem anderen
Zweck behandelt zu werden, berücksichtigt wird.“ (wikipedia)
Mittlerweile scheint die hemmungslose Erfolgsethik zum tatsächlichen Leitbild in
weiten Teilen der Finanzwirtschaft geworden zu sein. Michael Douglas erzählt, dass er
noch heute auf seine Rolle des Gordon Gekko im Film Wall Street angesprochen wird
und dass viele Investmentbanker ihm sagen, dass er der Grund dafür gewesen sei, dass
sie diesen Beruf ausgewählt hätten. Gelegentlich antwortet er dann nach eigener Aussage: „Habt ihr schon einmal darüber nachgedacht, dass Gordon Gekko eigentlich der
Bösewicht im Film war?“ (Otte 2006).
10.2.2 Von Vertrauens- zu Misstrauenskultur (Fiktion der Schuld)
Vertrauen schafft Sozialkapital. Wenn allerdings vom Prisoner’s Dilemma als der
Grundform menschlichen Verhaltens ausgegangen wird, dann ist dies die Basis einer
Misstrauenskultur. Man könnte das im normalen Geschäftsleben auch mit „selber
Schuld“ umschreiben. Dabei gehen alle davon aus, dass der jeweilige Geschäftspartner
seinen Vorteil mit lauteren, grenzwertigen und teilweise auch unlauteren Mitteln verfolgt
und dass immer genau geprüft werden muss.
Genau dies war nicht die Basis der kontinentaleuropäischen Wirtschaftskultur mit ihrer Unterscheidung von Privatpersonen, die am Wirtschaftsleben teilnehmen, und Vollkaufleuten.
Im „alten“ System war ein gewisses Basisvertrauen gegeben, dass die andere Seite
Vorteile nicht unlauter ausnutzen würde. Aber schon der Begriff der Lauterkeit ist im
Verschwinden begriffen, sodass die jüngere Generation oftmals hiermit gar nichts mehr
anzufangen weiß.
Eine weitere Begleiterscheinung der Misstrauenskultur ist die Tatsache, dass bei Geschäftsversagen immer häufiger nach einem straf- oder zivilrechtlich Haftenden und
„Schuldigen“ gesucht wird. Finanzberater werden kriminalisiert. Gerade an den Börsen
10
Ethik und Marktordnung im Finanzwesen
115
ist aber oftmals nur der Tatbestand der Fehleinschätzung gegeben, der zwar ökonomische, aber keine strafrechtlichen Konsequenzen haben sollte.
10.2.3 Ausdünnung der Währung „Reputation“
Erhard Arent weist darauf hin, dass in Zeiten der alten Handels- und Finanzkultur Händler für immer „abgemeldet“ waren, wenn es ihnen nachgewiesen werden konnte, dass sie
offensichtlich betrogen hatten. Der Ehrenkodex war sehr streng.
Fehler wurden durch „Gentlemen Agreements“ zwischen den Parteien halbwegs fair
behoben, wobei klar war, dass dies ein Spiel mit vielen Runden war, dass also auch die
Reputation in der Zukunft zählt.
Heute wird der „Schuldige“ gesucht, wenn Fehler passieren. Ansonsten ist alles erlaubt. Vorteilsnahme jetzt – auch grenzwertige oder grenzüberschreitende – führt nicht
zur Stigmatisierung der Akteure. Diese können weiter ihr Geschäft betreiben.
So gab es nach Arent in den 1990er und 2000er Jahren Horden von Söldnern, die
durch die Institutionen zogen, dort „verbrannte Erde“ hinterließen und sofort woanders
weitermachen konnten.
10.2.4 Anonymisierung: Von „clubartigen“ zu anonymen Strukturen
Der Trend der Ausdünnung der Währung „Reputation“ und der Vertrauenskultur wird
durch die Entwicklung von anonymen Handelssystemen befördert, bei denen sich die
Akteure nicht mehr kennen. Wenn man mit einem anonymen Computer handelt, ist er
schwerer, Vertrauen aufzubauen.
10.2.5 Vergütungssysteme
In den letzten Jahren sind auch die Vergütungssysteme immer weiter aus dem Ruder
gelaufen und sind oftmals in unverantwortlichem und kurzfristigem Handeln gemündet.
In einem Papier des Wittenberg-Zentrums für Globale Ethik (www.wzge.de), an dem
Erhard Arent mitgewirkt hat und das von der Commerzbank AG, Deutsche Bank AG,
DZ Bank AG, HSBC Trinkaus & Burkhardt AG und der Hypo Vereinsbank im Juli 2013
unterzeichnet wurde, wird festgestellt:
Eine ethische Fundierung von Managementvergütungen entwickelt sich zu einem
unverzichtbaren Faktor für eine nachhaltig erfolgreiche Kreditwirtschaft.
Verantwortliche Führung heißt im Kern, Entscheidungen und Handlungen unter den
Prämissen eines gemeinsamen ethischen Grundverständnisses einerseits und den globalen Handlungsbedingungen anderseits abzuleiten und zu begründen.
116
Teil 2
Die Finanzmärkte
Die Einführung einer ethischen Dimension bei der Vergütung sollte dem in der Öffentlichkeit erhobenen Anspruch auf Erklärung des eigenen Leistungsverständnisses
nachkommen. Die Zustimmung der Gesellschaft setzt voraus, dass von der Vergütung
keine Anreize zu einer Gewinnerzielung zum Schaden der Gemeinschaft ausgehen.
Führungsverantwortung in Unternehmen heißt heute, sich über den unmittelbaren Unternehmensfokus hinaus in gesellschaftliche Diskurse einzubringen. Denn die großen gesellschaftlichen Herausforderungen werden nur gemeinsam, das heißt im Zusammenspiel von Politik, Wirtschaft und zivilgesellschaftlichen Organisationen, lösen lassen. So
besteht auch eine äußere Erwartungshaltung gegenüber den Unternehmen und ihren
Entscheidern, sich konstruktiv zu beteiligen.
Ein wesentliches Merkmal verantwortlicher Führung ist daher die Bereitschaft und
Fähigkeit, Entscheidungen im Lichte von Werten und Fakten zu reflektieren, zu treffen
und gegenüber anderen zu begründen. Dialogfähigkeit meint auch, sich mit den externen
Erwartungen auseinanderzusetzen und auch dann Stellung zu nehmen, wenn jene Erwartungen mitunter auch überzogen sind.
Die Umsetzung einer ethischen Fundierung der Managementvergütung in Verträgen,
Zielvereinbarungen, Leistungsbeurteilungen wie auch institutsindividuellen Managementvergütungssystemen ist Aufgabe der zuständigen Leitungs- und Aufsichtsgremien.
10.3
Regulierung I: Von Eigenverantwortung zu Bürokratismus
10.3.1 Ausdünnung von Eigenkapitalquoten und Erhöhung
des Leverage
In den letzten Jahrzehnten hat es die Finanzbranche geschafft, systematisch ihre eigene
Eigenkapitalbasis abzubauen und das Leverage zu erhöhen. Noch in den 1970er Jahren
durften sich Banken in England maximal 13-fach hebeln, was ca. einer 7,6-prozentigen
Eigenkapitalquote bezogen auf die Bilanzsumme entsprach. Heute gibt es etliche große
Akteure, die bezogen auf dieses Kriterium unter drei und sogar zwei Prozent liegen, also
30- bis 50-fach gehebelt sind. Im Schattensektor und bei Hedgefonds sind noch höhere
Hebel möglich. Dazu beigetragen haben die komplexen und manipulierbaren Regeln
nach Basel II und Basel III.
Eigenkapital ist (ökonomische) Haftungsbasis und Sicherheitspuffer im System. Bei
ausreichendem Eigenkapital und strikter Haftung sind viele Regeln nicht notwendig, da
Fehler durch das Haftungskapital ausgeglichen werden und die Akteure ein großes Interesse an soliden Geschäften haben.
10
Ethik und Marktordnung im Finanzwesen
117
10.3.2 Bürokratisierung und Planwirtschaft
Wenn der kategorische Imperativ und Eigenverantwortung im Sinne des kategorischen
Imperativs nicht mehr Basis des Handelns sind, sondern eine Erfolgsethik – auch auf
Kosten anderer und des Systems – die unausgesprochene und teilweise auch offen bekannte Grundlage darstellt, müssen Handlungen durch scharfe Regeln geleitet werden.
Verschärft wird dieser Zwang durch die Aushöhlung der Eigenkapitalbasis und die
„Kaperung“ (Simon Johnson) der Regulierungsbehörden zu diesem Zweck durch die
Finanzmarktakteure.
Detaillierte Regelungen mit teilweise drakonischen Strafen bei fehlender (materieller)
Eigenverantwortung waren auch Züge des „real existierenden Sozialismus“. Unser heutiges System weist damit viele Züge einer sozialistischen Planwirtschaft auf.
10.3.3 Förderung von Komplexität und Großstrukturen
statt Komplexitätsreduktion
Gute Regeln und Gesetze sind möglichst einfach. In der Finanzbranche beobachten wir
das Gegenteil. Dodd-Frank ist extrem komplex. Lobbygruppen haben es geschafft, dass
für sehr viele Fälle Sonderregelungen eingeführt wurden und dass viele Gesetzesvorhaben schon in der politischen Phase massiv ausgehöhlt werden (zum Beispiel VolckerRule, Finanztransaktionssteuer).
Die Kaperung der Politik durch die starken Akteure hat auch dazu geführt, dass von
der Forderung, Größenbeschränkungen für Finanzmarktakteure einzuführen, im Jahr
sechs der Finanzkrise nicht mehr viel übrig ist. Die berechtigte Forderung hat sich grotesker (aber vielleicht zu erwartender) Weise in ihr Gegenteil verkehrt: die Finanzmarktakteure werden immer größer. JP Morgan schluckt die Bank of America, die Deutsche
Bank übernimmt die Postbank.
Die großen Akteure haben sich so vernetzt, dass die Politik nahezu machtlos ist. Paul
Volcker, von einem der Verfasser befragt, sprach sich für eine Größenbegrenzung und
Entflechtung bei den Großbanken aus, sagte aber gleichzeitig, dass ihm die Vorstellungskraft fehle, wie man zum Beispiel JP Morgan entflechten könne.
Große Finanzmarktakteure haben eher die Ressourcen, mit komplexen Regelwerken
umgehen zu können, da hier ein erheblicher Fixkostenaufwand notwendig ist. Gleichzeitig belasten diese Regeln die kleineren, noch eigenverantwortlich agierenden Akteure.
Mittelstandskredite durch Sparkassen, Volks- und Raiffeisenbanken unterliegen einem
ähnlich hohen Complianceinstrumentarium wie viele Großkredite. Das erhöht den Fixkostenaufwand je Kredit massiv.
Wir betreiben diesbezüglich (wie in vielen anderen Fällen) eine aktive Anti-Mittelstandspolitik. Hinzu kommt, dass die Eigenkapitalausstattung der Sparkassen, Volksund Raiffeisenbanken in den meisten Fällen deutlich höher ist als die der Großbanken,
wir also diese Institute eigentlich mit gutem Gewissen entlasten könnten.
118
Teil 2
Die Finanzmärkte
10.3.4 Manipulierbarkeit von Regeln
Komplexität erhöht auch die Manipulierbarkeit von Regelwerken. Durch komplexe Regelungen lassen sich oftmals Ausnahmetatbestände oder Widersprüche im Gesetz finden.
Ebenso lassen sich viele Regelungen nicht detailliert einhalten oder werden durch bürokratische Pro-forma-Regelungen erfüllt (Max Otte erlebt dies im Bereich Asset Management).
Auch dies fördert die Intransparenz des Finanzwesens und die weitere Entmachtung
der politischen Kontrolle sowie das Entstehen von Großstrukturen.
10.3.5 Derivate
Während das normale Bank- und Kapitalmarktgeschäft zunehmend bürokratisiert wird,
entstehen gleichzeitig hoch dynamische und auch gefährliche Produktklassen wie zum
Beispiel Derivate, die nur formal aber wenig materiell reguliert werden.
Die weitgehende Zulassung von Derivaten (die nach 1929 in den USA zu Recht stark
eingeschränkt wurde) fördert Intransparenz, die Verschiebung und Vermeidung von
Haftung und die Ausdünnung der Eigenkapitaldecke (siehe durch Goldmann-Sachs-Derivate geförderte Erschleichung des Euro-Beitrittsstatus von Griechenland).
Derivate sollten an zugrundeliegende Realtransaktionen gebunden sein und ebenfalls
wie Futures Eigenkapitalvorschriften und Nachschusspflichten enthalten.
10.3.6 Computertrading
Selbst toxische Geschäftsmodelle wie Computertrading mit offensichtlich schädlichem
Charakter werden auch von den großen Finanzmarktakteuren betrieben. Bei vielen dieser
Geschäftsmodelle handelt es sich lediglich um Ausnutzung von physikalischen Gegebenheiten (Laufzeit der Orders), mit denen Wert von Käufern und Verkäufern an der
Börse risikofrei abgeschöpft werden kann. Goldmann Sachs verdient Schätzungen zufolge ca. 20 Millionen Dollar pro Tag mit derlei risikolosen Geschäften.
10.4
Regulierung II: Vom kreditorientierten (kontinentaleuropäischen) zum kapitalmarktorientierten
(angelsächsischen) System
Letztlich muss auch konstatiert werden, dass derzeit der über 100 Jahre alte Systemkonflikt zwischen dem vertrauensbasierten, kreditmarktorientierten kontinentaleuropäischen
Finanzsystem und dem kapitalmarktbasierten angelsächsischen Finanzsystem in die
letzte Phase geht (Otte 2009).
10
Ethik und Marktordnung im Finanzwesen
119
Beide Finanzsysteme stellen komplette „Betriebssysteme“ dar, die auf ihre Art funktionieren. Es geht hier letztlich um die Definitionsmacht für das Betriebssystem und
einen Verdrängungswettbewerb.
Kreditorientiertes System:
Dauerhaftigkeit, Langfristigkeit
Vertrauen, „ehrlicher Kaufmann“
gegenseitige Verantwortung
dezentral, regional (zumindest in D/AU/CH)
Sicherheit, Risikobegrenzung
angemessene Rendite
fair
Kapitalmarktorientiertes System:
schnell, dynamisch
Misstrauen (der Klügere verdient auf Kosten des Dümmeren)
maximale Rendite
„Winner-takes-all“
Risiko
Zumindest einer der Verfasser dieses Diskussionspapiers (Max Otte) bedauert sehr, dass
die Politik in Kontinentaleuropa sich nicht dazu durchringen kann, das sehr erfolgreiche
deutsch-österreichisch-schweizerische Modell aktiver zu verteidigen.
10.4.1 Fristigkeit, Accounting
Durch die Einführung von IAS/IFRS wurde die Rechnungslegung von sicherheitsorientiert auf „Fair Value“ und damit vom den Anforderungen eines kreditbasierten Systems
auf ein kapitalmarktorientiertes System umgestellt.
Einer der Verfasser dieses Diskussionspapiers (Max Otte) war entschiedener Befürworter von IAS/IFRS und ist mittlerweile Mitglied der Initiative gegen Fair Value und
für das Niederstwertprinzip des emeritierten Saarbrücker Professors für Rechnungslegung, Hartmut Bieg. Beide Verfasser (Erhard Arent und Max Otte) sehen die aktuellen
Vorschriften für die Rechnungslegung sehr kritisch.
Es zeigt sich, dass IAS eine Vielzahl von Problemen aufwirft:
Manipulierbarkeit der Bilanzen, insbesondere bei Einsatz langlaufender Derivate
Prozyklizität der Rechnungslegung, Zuschreibungen im Boom, Abschreibungen in
der Krise
Verhinderung von stillen Reserven, Kapitalausdünnung
Kurzfristigkeit des Managements
120
Teil 2
Die Finanzmärkte
10.4.2 Regeln, welche Kapitalmarktakteure gegenüber dem Kreditmarkt
und Kapitalsammelstellen bevorzugen (Basel II, III), Solvency
Neben der Umstellung der Rechnungslegung werden derzeit die Regeln so umgebaut,
dass Kapitalsammelstellen wie Versicherungen, „normale“ Anlagefonds und Kreditbanken massiv gegenüber den Kapitalmarktsammelstellen benachteiligt werden.
Langfristige Kredite und langfristige Anlagen in Fonds werden wie kurzfristige spekulative Anlagen behandelt. Kreditgewährende Banken müssen auch für Kleinkredite
viel Eigenkapital und ein massives Complianceinstrumentarium vorhalten.
Kapitalsammelstellen wie Versicherungen, die Geld langfristig anlegen, werden über
die Solvency-Vorschriften gezwungen, Geld möglichst volatilitätsarm, damit aber auch
mit derzeit extrem geringen Renditen anzulegen („Financial Repression“).
Damit werden Institutionen, die eigentlich durch langfristige Investments verstetigend
auf den Konjunkturzyklus wirken sollten (Beispiel hierfür: Berkshire), in ein sehr kurzfristiges Schema gepresst und vieler ihrer Ertragsmöglichkeiten beraubt.
10.4.3 Ratingagenturen
Ratingagenturen sind Elemente einer zentralistischen planwirtschaftlichen Ordnung und
systemfremde Elemente im dezentralen kreditmarktbasierten kontinentaleuropäischen
System. Sie entstanden Mitte des 19. Jahrhunderts in den USA aufgrund der fehlenden
Rechtssicherheit und Rückständigkeit der amerikanischen Kreditwirtschaft. In Europa
waren sie aufgrund wesentlich höherer Rechtsstandards und einer wesentlich geringeren
Anzahl von Betrugsfällen – die in den USA häufig waren – nicht notwendig.
Heute führen die Ratingagenturen dazu, dass Eigenkapitalvorschriften ausgehöhlt und
manipuliert werden. Zudem wird die Verantwortung von den Banken und Finanzmarktakteuren auf die Agenturen abgewälzt, die im Zweifelsfall für die verursachten Schäden
gar nicht haften können.
Zudem verhalten sich auch die Ratingagenturen als typische Bürokratien prozyklisch:
In Krisen werden regelmäßig Akteure herabgestuft, was die Krise verschärft, in Boomzeiten werden bessere Ratings vergeben, was den Aufschwung ungesund verlängert.
Das Kartell der Ratingagenturen und der Staaten führt dazu, dass viele Staaten ein
wesentlich besseres Rating erhalten als gerechtfertigt wäre. In der jetzigen Weltlage
kann man kaum noch einen Staat als AAA-Schuldner bezeichnen. Dennoch wird dieses
Rating noch vielfach vergeben, um den Kreditfluss aufrechtzuerhalten.
An der Objektivität der (angelsächsischen) Ratingagenturen gegenüber kontinentaleuropäischen Staaten sind zumindest große Zweifel angebracht. Es ist fraglich, ob die
maroden Wirtschaften Englands und der USA wirklich Bestnoten verdient haben, während viele europäische Staaten in einen Abstufungssog hineingeraten.
10
Ethik und Marktordnung im Finanzwesen
121
10.4.4 Zinspolitik und bedenkliche Interventionen der Notenbanken
Seit etlichen Jahren verfolgen die Notenbanken eine Politik des leichten Geldes und der
„Financial Repression“. Damit wird langfristige Kapitalakkumulation durch Sparer und
Versicherungen erschwert. Die oben genannten Gruppen werden schleichend enteignet,
während Geld bewusst von den Kredit- auf die Kapitalmärkte umgelenkt wird.
Anleger, die noch Renditen erzielen wollen, werden gezwungen, zu spekulieren. Es
sollte nach Ansicht der Verfasser auch transparente Produkte geben, welche den Sparern
ohne Risiko eine zumindest kleine Rendite versprechen. Dies ist nicht der Fall, obwohl
Kapital knapp ist – ein klarer Fall des Versagens der Marktordnungspolitik.
11 Das deutsche Bankwesen
11
Gewidmet Hannes Rehm, der dem Ruf der Pflicht folgte und sich mit der Leitung des
SoFFin einer Aufgabe gestellt hat, für die wenig Dank zu erwarten und die fast unmöglich zu erfüllen ist sowie den Führungskräften, Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Sparkassen, Genossenschafts-, Raiffeisen- und Sparda-Banken, wo überwiegend noch die Auffassung vertreten wird, dass die „volkswirtschaftliche Funktion eines Bankenapparates im Kern eine dienende für die Realwirtschaft“, Rehm (2008),
S. 321, sein sollte.
11.1
Einleitung
Seit gut einem Jahrzehnt ist es in Mode, vom „Finanzplatz Deutschland“ zu sprechen, so,
wie über einen „Finanzplatz London“ oder einen „Finanzplatz New York“ gesprochen
wird. Benutzer dieses Begriffs wollen damit meistens den Aspekt der Wettbewerbsfähigkeit des deutschen Finanzwesens auf den internationalen Kapitalmärkten hervorheben, bzw. betonen, dass diese gestärkt werden müsse. Allerdings impliziert der Begriff
„Finanzplatz“ einen gedachten Marktplatz, der dem vielgliedrigen und komplexen deutschen Banksystem sowie den Anforderungen der industriellen und postindustriellen
Gesellschaft nur unzureichend gerecht wird. Während man das englische Bankwesen
schon 1900 weitgehend mit dem „Finanzplatz“ London gleichsetzen konnte, war das
deutsche Finanzsystem bei einer von Anfang an führenden Rolle Frankfurts immer auf
mehrere Finanzplätze verteilt und zudem institutionell wesentlich stärker differenziert.
Außerdem vernachlässigt der Begriff „Finanzplatz“ die wichtigste Aufgabe des Finanz-
123
© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2019
M. Otte, Die Finanzmärkte und die ökonomische Selbstbehauptung Europas,
https://doi.org/10.1007/978-3-658-23179-8_11
124
Teil 2
Die Finanzmärkte
systems: die Versorgung der heimischen Wirtschaft mit Kapital in Form von Eigenkapital und Krediten. Ich nutze daher weiter den Begriff „deutsches Bankensystem“.
Den größten Teil des 19. und 20. Jahrhunderts funktionierte das deutsche Bank- und
Finanzsystem fundamental unterschiedlich vom denjenigen „älterer“ Industrie- und Handelsnationen, wie zum Beispiel Englands, Hollands oder Frankreichs. Hier gab es die
Universalbanken mit großer Wertschöpfungstiefe und -breite, eine starke Konzentration
im Bankwesen, und die Finanzierung von Industrie und Handel durch langfristige Kredite oder sogar Beteiligungen der Banken an Unternehmen, dort ein kapitalmarktbasiertes
System mit kleineren Spezialbanken, kurzfristigen Spezialkrediten und die Finanzierung
von Industrie und Handel durch Aktienemissionen und Anleihen.
Der Wirtschaftshistoriker Alexander Gerschenkron entwickelte in den 1960er Jahren
des vorigen Jahrhunderts die These, dass Länder, in denen die industrielle Revolution
später stattfand, die Formation von Kapital nicht so sehr über die Kapitalmärkte, als
vielmehr über ein korporatistisches System von Finanzinstitutionen bewerkstelligten, die
dafür sorgten, dass ausreichend Kapital für einen „Industrialisierungsspurt“ gesammelt
wurde. (vgl. Gerschenkron 1964) Insofern würden große Banken einen weitreichenden Einfluss auf die Wirtschaft erhalten.
Im Jahr 1918 urteilte der französische Ökonom Henri Hauser der Universität Dijon in
seinem Buch „Les méthodes allemandes d’expansion économique“ wie folgt: „Deutsche
Banken sind zur selben Zeit Einlagenbanken, Kreditbanken und Finanzierungsunternehmen. […] die deutschen Banken entstanden spät, nach 1848 […] in England, in
Frankreich, in den alten kapitalistischen Ländern fand die Industrie eine große Menge
brach liegenden Kapitals, das nur darauf wartete, investiert zu werden. […] Deutschlands industrielle Revolution ging schneller vonstatten als die Formation von Kapital.“
(vgl. Hauser 1918) Als Folge dieser Notwendigkeit entstanden große und mächtige Banken,
die zum Teil bis heute die deutsche Bankenlandschaft prägen – allen voran die im Jahr
1870 gegründete Deutsche Bank.
Gerschenkrons These muss dennoch relativiert werden. Zwar findet sich auch im Japan der MEIJI-Zeit sich ein eng verwobenes System von Großbanken, Unternehmensgruppen („keiretsu“) und Kartellen, aber die Industrialisierung in den USA – ebenfalls
einer spät industrialisierten Nation – kam weitgehend ohne mächtige Banken aus. Bis
heute hat sich das Trennbankensystem und die Kapitalmarktorientierung in den angelsächsischen Ländern im Prinzip gehalten, während in Deutschland die Universalbanken
bzw. die Kreditmarktorientierung in ihren Grundzügen in vielen Fällen bestehen blieben,
zumindest bis Mitte der 1990er Jahre des vorigen Jahrhunderts.
Seit Beginn der neoliberalen Revolution Anfang der 1980er Jahre des letzten Jahrhunderts befinden sich das internationale und damit auch das deutsche Bankwesen im
raschen Wandel. Die Kapitalmarktorientierung der Banken (und auch der Großunternehmen, die eigene Corporate-Finance-Abteilungen unterhalten) nimmt rasch zu und die
Konzentration des Bankwesens setzt sich fort. Das Hausbankensystem ist auf dem Rückzug, zunächst bei den Großunternehmen, mit Basel II allerdings auch zunehmend im
Mittelstand, wo die Hausbank meistens auch die Hauptfinanzierungsquelle war.
11
Das deutsche Bankwesen
125
Investmentbanking-Geschäfte wurden früher oftmals in den Führungsetagen der Banken ausgehandelt und nicht über die Kapitalmärkte abgewickelt. Jetzt wurde das Investmentbanking zu einem eigenen und stilbildenden Geschäftsmodell. Seit den 1970er
Jahren wird Deutschland als reife Industrienation zunehmend zum Kapitalexporteur.
Durch denselben Prozess wird auch das Asset Management für deutsche private und
institutionelle Investoren immer wichtiger. Deutschland ist derzeit nach Japan der zweitgrößte Kapitalexporteur der Welt. Im Jahr 2007 wurden zum Beispiel allein 170 Milliarden Euro exportiert, das sind 6,9 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. (vgl. Statistisches Bundesamt 2008) Deutschland befindet sich damit in der Lage Englands in der letzten Hälfte
des 19. Jahrhunderts, in dem London der Sammelplatz für Kapitalexporte in alle Welt
war, weil die heimische Ersparnisbildung in der „reifen“ englischen Wirtschaft nicht
komplett reinvestiert werden konnte.
Der „Finanzplatz Deutschland“ hat sich seit 1986 rasch gewandelt. Die Veränderung
fand allerdings oft als bloße Anpassung an angelsächsische Strukturen statt, ohne dass
auf hoher und höchster politischer Ebene über sinnvolle Finanzstrukturen für ein Kapitalexportland mit einer zudem stark alternden und schrumpfenden Bevölkerung nachgedacht wurde. Unser Bankensystem stellt sich somit als ein eklektischer Mix aus deutschen Strukturen (die oft unberechtigterweise für „unmodern“ stehen) und angelsächsischen Strukturen (die oftmals genauso unreflektiert als „Lösung“ gesehen werden). Dieser Aufsatz bietet einen kurzen Abriss der Entstehung und des Wandels im deutschen
Bankwesen und stellt einige Reformperspektiven für das 21. Jahrhundert vor.
11.2
Das dreigliedrige deutsche Banken- und Finanzsystem:
Eine kurze Geschichte
Die Grundzüge des deutschen Banksystems, die sich größtenteils bis in das 21. Jahrhundert gehalten haben, entstanden zum großen Teil zwischen 1850 und 1900. Während der
Industrialisierungsprozess beim Vorreiter England bereits in der zweiten Hälfte des 18.
Jahrhunderts einsetzte, begann er im Gebiet Deutschlands so richtig erst mehr als ein
halbes Jahrhundert später mit der Gründung des Zollvereins 1833. Die deutschen Finanzzentren Frankfurt am Main, Hamburg, Köln, München, Augsburg, Breslau, Elberfeld und Stuttgart waren durch Privatbankiers geprägt, die vor allem das Wechselgeschäft, das Geschäft mit Staatsanleihen und das „Merchant Banking“ (eine Bank kombiniert mit einem Warenhaus) betrieben. (vgl. Wandel 1998) Bis zum Jahr 1840 gab es in
Deutschland nur ganz wenige Aktienbanken, die zudem von den privaten Konkurrenten
und vom Staat mit Skepsis betrachtet wurden, weil man zu große Emissionsgewinne und
ein Anheizen der Börsenspekulation befürchtete. (vgl. Wandel 1998, S. 2 f.)
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich in Deutschland das auf den drei Säulen der Genossenschaftsbanken, der Sparkassen und der Privatbanken beruhende Finanzsystem,
welches bis heute Bestand hat. Ende 2007 zählte die Deutsche Bundesbank 2.277 Institu-
126
Teil 2
Die Finanzmärkte
te mit 38.840 Zweigstellen, darunter 446 Sparkassen und zwölf Landesbanken, 1234
Kreditgenossenschaften und zwei genossenschaftliche Zentralinstitute sowie 260 Privatbanken, darunter fünf Großbanken. (vgl. Deutsche Bundesbank 2008)
Sparkassen: Noch im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts, also noch vor dem Beginn der
industriellen Revolution, wurden in Deutschland beginnend mit der „Ersparungskasse“
1778 in Hamburg die ersten Sparkassen gegründet. Zumeist waren private Vereine oder
Stiftungen die Träger. Im Jahr 1801 wurde die erste kommunale Sparkasse in Göttingen
gegründet. Nach den napoleonischen Kriegen entstanden ab 1815 über 150 Sparkassen,
die vor allem Staats- und Kommunalkredite vergaben. Mit dem preußischen Sparkassenreglement von 1838 gab es zum ersten Mal feste Vorschriften zum Beispiel über Organisation, Satzung, Geschäftsbetrieb, Verwendung von Überschüssen. Ab 1840 entstanden
die ersten Kreissparkassen, zwischen 1840 und 1860 wurden über 800 Sparkassen eröffnet.
Im Jahr 1884 wurde der erste Sparkassenverband gegründet. Mit dem Scheckgesetz
von 1908 erhielten die Sparkassen die passive Scheckfähigkeit und wurden schrittweise
zu Universalkreditinstituten. Die erste Girozentrale entstand 1908 in Sachsen, die meisten anderen bis 1914. Durch ihre hohe Filialdichte waren die Sparkassen wie keine andere Bankform dazu geeignet, die Entwicklung des bargeldlosen Zahlungsverkehrs voranzutreiben und Bankier der Wahl für Bürger, Handwerker und Mittelstand zu werden. In
vielen Fällen waren die Sparkassen die Hausbanken für die Handwerksbetriebe und den
Mittelstand. Durch langjährige Kundenbeziehungen konnte die Kreditvergabe oftmals
schnell und flexibel erfolgen.
Der bargeldlose Zahlungsverkehr mit Lastschriften und Abbuchungen stellte im Verlauf des 20. Jahrhunderts einen großen Effizienzvorteil des deutschen Wirtschaftssystems gegenüber dem angelsächsischen System, insbesondere den USA, dar, wo zum
Teil bis heute Mieten und Versorgerrechnungen mit dem Versand von Schecks bezahlt
werden. Mit 446 Instituten und 19.932 Zweigstellen sind die Sparkassen auch heute noch
der wichtigste Akteur im Bankwesen für die Bundesbürgerinnen und -bürger. Im Jahr
2007 betrug die Bilanzsumme der Sparkassen-Finanzgruppe (ohne Landesbanken) rund
eine Billion Euro. (vgl. Deutscher Sparkassen- und Giroverband 2009a)
Genossenschaftsbanken: Die ersten Genossenschaften entstanden Anfang des 19. Jahrhunderts aus der Idee der Selbsthilfe freier Bürger heraus. Während Hermann SchulzeDelitzsch sich dabei vor allem auf die Handwerker konzentrierte, lag der Schwerpunkt
der Bemühungen von Friedrich Wilhelm Raiffeisen auf den Bauern. Der heute nicht
mehr so bekannte Viktor Aimé Huber wollte auch Fabrikarbeiter in die genossenschaftliche Idee einbeziehen.
1850 gründete Hermann Schulze-Delitzsch in Leipzig mit dem „Vorschußverein“ die
erste Kreditgenossenschaft. Bis zum preußischen Genossenschaftsgesetz von 1867 hafteten die Mitglieder mit ihrem gesamten Vermögen wie bei einer offenen Handelsgesellschaft, danach in Höhe der angesammelten Mitgliedsbeiträge. 1887 wurde auch ein
11
Das deutsche Bankwesen
127
Reichsgenossenschaftsgesetz beschlossen. Bereits 1864 wurde in Berlin die Deutsche
Genossenschaftsbank als Zentralinstitut gegründet. Nach 1870 drifteten die Handwerksgenossenschaften und die landwirtschaftlich orientierten Raiffeisen-Genossenschaften
auseinander, näherten sich jedoch ab 1890 einander wieder an. Vor dem Ersten Weltkrieg gab es in Deutschland rund 17.000 Kreditgenossenschaften, fast in jedem Dorf
eine.
Diese auf Solidarität und bürgerlicher Selbstorganisation beruhende Finanzierungsstruktur für das Handwerk, die Landwirtschaft und den industriellen Mittelstand durch
Kreditgenossenschaften und Sparkassen war eine der großen Stärken des deutschen
Finanzsystems. Demgegenüber mutet das Bankwesen der Vereinigten Staaten im 19. und
teilweise auch im 20. Jahrhundert fast vorsintflutlich an: Vor Beginn der Großen Depression gab es in den USA im Jahr 1929 noch 24.633 Banken, viele davon nicht mehr
als ein kleines Gebäude zur Ein- und Auszahlung von Geld. (vgl. The United State Bureau of
the Census 1976, S. 912) Überschüssiges Kapital wurde in die sogenannten Money Center
gesandt, wo es für große Handels- und Investmentbankingaktivitäten verwendet wurde.
Die regionale Kreditversorgung, wie sie in Deutschland gegeben war, war in den USA
unterentwickelt.
Privatbanken und private Aktienbanken: Erst das preußisches Gesetz zum Bankwesen von 1843 stellte eine zuverlässige Basis zur Gründung von Aktienbanken dar, von
denen es bis dahin nur ganz wenige, unter anderen die Bayerische Hypotheken- und
Wechselbank AG gegeben hatte. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts dominierten die Privatbankiers in der Hochfinanz. In vielen Fällen beteiligten sich die Privatbankiers an den
Bankneugründungen. Nach der Depression von 1845 bis 1851 erwuchs ihnen in den
privaten Aktienbanken schnell eine Konkurrenz, die sie binnen weniger Jahrzehnte überflügeln sollte.
Nach 1850 wurden Bergbau, Eisenbahnen und Stahl zu den treibenden Sektoren. Der
hohe Kapitalbedarf der nun entstehenden Konzerne wurde zu einem guten Teil durch
langfristige Kredite der mit Kapital gut ausgestatteten Aktienbanken gedeckt. Die
„Deutschland AG“ entstand in ihren Grundzügen. Bald drehten sich auch die Verhältnisse um: Die Aktienbanken beteiligten sich nun an den Privatbanken und schossen Kapital
ein, sodass die Privatbankiers zwar weiter die Geschäftsbeziehungen mit ihren Kunden
pflegten, aber oftmals abhängig von den Aktienbanken wurden.
Die Gründung des im Gegensatz zu Österreich-Habsburg wirtschaftsliberalen Norddeutschen Bundes 1866, der Frankreich-Feldzug 1870/71, nach dem Frankreich 5 Milliarden in Gold als Reparationen zahlen musste, sowie die anschließende Reichsgründung
setzen einen Gründungsboom in Gang. Im Zeitraum von 1870 bis 1873 wurden um die
100 Banken gegründet. Im Jahr 1870 entstanden die Deutsche Bank und die Commerzbank, 1872 die Vorläuferin der Dresdner Bank und bereits 1869 die Bayerische Vereinsbank. Diese Großbanken engagierten sich unter anderem stark im deutschen Außenhandel und prägen zum Teil bis heute die deutsche Bankenlandschaft.
128
Teil 2
Die Finanzmärkte
Bankgründungen waren aber nur ein kleiner Teil des Gründungsbooms. Unzählige
Aktiengesellschaften wurden an die Börse gebracht, zum Teil mit wackeligen Geschäftsmodellen, um Emissionsgewinne abzuschöpfen und an der allgemeinen Euphorie zu
partizipieren. Die Ähnlichkeit mit der „New Economy“ um das Jahr 2000 ist nicht zu
übersehen, wobei allerdings berücksichtigt werden muss, dass sich die deutsche Wirtschaft 1870 – anders als 2000 – im Zustand raschen tatsächlichen Wachstums befand.
Nach der Gründerkrise von 1873 setzte schnell eine Konzentration bei den Banken
ein. Bereits 1876 wurde die Deutsche Bank zum Primus der Großbanken, eine Position,
die sie bis heute halten konnte. 1874 fusionierten die Rheinische Creditbank und der
Pfälzer Bankverein, 1891 die Berliner Handelsgesellschaft und die Internationale Bank.
Durch Interessengemeinschaften zwischen Großbanken und Regionalbanken, wie zum
Beispiel die zwischen Deutscher Bank, Schlesischem Bankverein und Märkischer Bank,
dehnten die Großbanken ihren regionalen Einfluss aus. Im Jahr 1914 übernahm die
Deutsche Bank die Bergisch-Märkische Bank.
Andere Akteure – die Notenbank, die Hypothekenbanken und die Versicherungen:
Es soll zumindest kurz erwähnt werden, dass neben dem Drei-Säulen-System auch andere Gruppen von Finanzinstitutionen maßgeblich zur Entwicklung der deutschen Wirtschaft beigetragen haben.1862 erfolgte mit der Frankfurter Hypothekenbank und der
Deutschen Hypothekenbank in Meiningen die Gründung der ersten Hypothekenbanken.
Erst im Jahr 1900 folgte das Hypothekenbankgesetz, das 2005 außer Kraft trat und durch
das Pfandbriefgesetz abgelöst wurde. Bereits mit dem Hypothekengesetz von 1900 waren die Pfandbriefgläubiger besonders geschützt. Seit 2005 sind nun Hypothekenbanken
keine eigene Rechtsform mehr, während der Pfandbrief weiter eine wichtige Rolle im
Arsenal der Finanzierungsinstrumente spielt.
Im Jahr 1876 wurde die Reichsbank gegründet, die zunächst einmal die Aufgabe hatte, die 31 noch bestehenden Notenbanken aufzulösen und zu konsolidieren und eine
einheitliche Geldversorgung für das Deutsche Reich zu schaffen, eine Aufgabe, die effizient gelöst wurde. Die umlaufenden Noten mussten zu einem Drittel durch kursfähiges
deutsches Geld, Reichskassenscheine, Gold in Barren oder ausländische Münzen gedeckt sein. Bis 1922 war die Deutsche Reichsbank weitgehend unabhängig von der Politik. Nach dem Zweiten Weltkrieg übernahm 1948 die Bank Deutscher Länder, ab 1957
die Bundesbank, die Aufgaben der Notenbank. Mit dem Vertrag über die Europäische
Wirtschafts- und Währungsunion wurden maßgebliche Kompetenzen der Bundesbank
auf die Europäische Zentralbank übertragen.
Etwas später als die Großbanken entwickelten sich die Versicherungskonzerne zu
wichtigen Kapitalsammelstellen für die Wirtschaft. Später übernahmen sie auch direkte
Industriebeteiligungen. Im Jahr 1890 wurde die Allianz gegründet, die rasch zusammen
mit der Deutschen Bank im Zentrum der „Deutschland AG“ stand: Ein weitreichendes
Netz von Beteiligungen und Überkreuzbeteiligungen machte die deutsche Industrie und
Hochfinanz zu einem geschlossenen Club, in dem viele Fragen unter Ausschluss der
11
Das deutsche Bankwesen
129
Kapitalmärkte geregelt wurden. Dieser Club existierte weitgehend unverändert bis zum
Ende des letzten Jahrtausends.
11.3
Die Große Depression und ihre Folgen: Die Finanzmärkte
kommen an die Kette
Aus dem Börsencrash von 1929 und der darauffolgenden Großen Depression zogen die
Regierungen in den USA, Europa und Japan die aus Sicht des Autors richtige Schlussfolgerung: Die Finanzmärkte sind inhärent instabil und müssen massiv reguliert werden.
Mit dem zweiten Glass-Steagall-Act von 1933 wurden in den USA die Bankformen
Commercial Banking und Investmentbanking (Kapitalmarktgeschäft) institutionell getrennt, eine Bank konnte nun nur noch in einem der beiden Bereiche tätig sein. Die Regulation Q erlaubte es der amerikanischen Federal Reserve Bank, Zinssätze für Spareinlagen zu regulieren und war bis 1980 in Kraft. Der Bank Holding Company Act von
1956 machte die Zustimmung des Federal Reserve Board für die Gründung einer BankHolding-Company erforderlich. Holdings (auch in einem Bundesstaat) waren zustimmungspflichtig, Geschäftsbanken, die in mehreren Bundesstaaten aktiv waren, verboten.
Offenbar wollte man durch eine funktionale Ausdifferenzierung der Banktypen und eine
Begrenzung der Größe von Banken das System stabiler gestalten.
In der Großen Depression war die Zahl der Banken in den USA von 24.633 im Jahre
1929 auf 15.015 im Jahr 1933 gefallen. Am 5. März 1993 rief US-Präsident Franklin
Delano Roosevelt einen Bankfeiertag aus – alle Banken mussten schließen, ihre Bücher
wurden überprüft. Bereits fünf Tage später konnten die ersten solventen Banken wieder
ihre Türen öffnen. Die Bankkrise war besiegt, im Jahr 1934 war die Zahl der Institute
wieder auf 16.096 gestiegen.
Deutschland wurde von der Weltwirtschaftskrise besonders hart getroffen. Das durch
die erdrückend hohen Reparationen aus dem Friedensvertrag von Versailles schwer
belastete Land (vgl. Keynes 1919; Keynes 2006) war auf den massiven Zustrom von Auslandskapital angewiesen. Im Zuge der Hyperinflation von 1923 hatten die deutschen Banken
im Durchschnitt zwei Drittel ihres Auslandskapitals verloren. Durch die massiven Verwerfungen im Finanzsystem versuchten Industriekonzerne und Banken, ihre Mittel so
schnell wie möglich wieder in Sachwerten anzulegen. So entstanden viele unübersichtliche Mischkonzerne. Die großen Aktienbanken dehnten sich in dieser Zeit weiter aus,
während die Privatbanken tendenziell an Bedeutung verloren.
Bereits im Frühjahr 1927 begannen die Aktienkurse in Deutschland zu sinken, da Kapital des Hauptgläubigerlands USA abgezogen wurde, um damit am massiven Boom der
New Yorker Börse zu partizipieren. (vgl. White 1998) Viele deutsche Banken waren erheblich im Ausland verschuldet und gerieten zunehmend in Bedrängnis. (vgl. Schacht 1949,
S. 28 ff.) In diesem Zusammenhang schränkten die Banken auch die inländische Kreditvergabe deutlich ein. (vgl. online Wikipedia 2009) Mit dem Zusammenbruch der Darmstädter
130
Teil 2
Die Finanzmärkte
Bank und der Nationalbank am 13. Juli 1931 erreichte die Bankenkrise Deutschland. In
der Folge kam es zu einem „Run“ auf die Banken, der aber durch die Einführung eines
Bankfeiertags am 14. und 15. Juli 1931 gestoppt werden konnte. Durch die Gründung
der Akzept- und Garantiebank, eine strenge Devisenbewirtschaftung und die Einführung
der in ihren Grundzügen noch heute bestehenden Bankenaufsicht im September 1931
konnte die Lage stabilisiert werden. In Deutschland enthielt das Reichsgesetz über das
Kreditwesen vom 5. Dezember 1934 viele innovative Elemente zur Bankenaufsicht.
„Die Grundzüge des damaligen Aufsichtsrechts haben sich so gut bewährt, dass sie 1961
im Gesetz über das Kreditwesen übernommen wurden und die Grundlage für das Bundesaufsichtsamt für das Kreditwesen (BAKred) bildeten.“ (vgl. Wandel 1998, S. 29) Zum
1. Mai 2002 wurden das Bundesaufsichtsamt für das Kreditwesen (BAKred), das Bundesaufsichtsamt für den Wertpapierhandel (BAWe) und das Bundesaufsichtsamt für das
Versicherungswesen (BAV) zur Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin)
verschmolzen. Im Übrigen war damit in Deutschland bereits seit 1961 die einheitliche
Bankaufsicht praktiziert, die in den USA erst im Zuge der jüngsten Finanzkrise teilweise
erreicht wurde. Bis 2008 wurden nämlich Investmentbanken dort nicht als Banken angesehen und unterlagen lediglich der Börsenaufsicht. (vgl. Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht 2009)
In der Zeit des Nationalsozialismus änderte sich die Struktur des deutschen Bankensystems mit zwei Ausnahmen nicht nennenswert: Im Zuge der „Arisierung“ wurden die
jüdischen Inhaber von Bankhäusern zwangsenteignet, während die deutschen Banken
von diesem Prozess profitierten. (vgl. beispielsweise James 2001) Die Zahl der Privatbanken
ging so von 1932 bis 1939 von 1350 auf 520, also um 60 Prozent, zurück. Die andere
große Änderung war die Eingliederung der Sparkassen in die NS-Wirtschaftsorganisation. Mit einer Bilanzsumme von 27,7 Milliarden Reichsmark (RM) hatte die Sparkassengruppe 1939 einen Marktanteil von 50 Prozent der Bilanzsumme aller Bankengruppen in Deutschland erreicht.
11.4
Neuere Entwicklungen: Vom Siegeszug des Neoliberalismus
und entfesselte Finanzmärkte über die deutsche
Wiedervereinigung bis zur Finanzkrise
In den 1970er Jahren zeichneten sich ökonomische Turbulenzen ab, die auch massive
Veränderungen im bis dahin bestehenden internationalen Finanzsystem mit sich bringen
sollten. Am 15. August 1971 erfolgte mit dem „Nixon-Schock“ ein wichtiger Schritt,
durch den der 1944 gegründete Internationale Währungsfonds schrittweise sein eigentliches Mandat verlor: nämlich über international stabile Wechselkurse zu wachen und
Zahlungsbilanzanpassungen zu erleichtern. Mit dem Nixon-Schock beendete USPräsident Richard Nixon die Konvertibilität des Dollars in Gold. 1976 war die Transformation zum System flexibler Wechselkurse erreicht. Diese erste massive Entstaatlichung
11
Das deutsche Bankwesen
131
der internationalen Finanzbeziehungen setzte einen Trend der Deregulierung in Gang,
der bis zur Finanzkrise im Jahr 2008 anhielt und vielleicht auch durch die neuerlichen
Regulierungsbemühungen nach 2008 nicht wirklich gestoppt wird.
Die Ölkrisen von 1973 und 1979 sowie das Recycling-Problem der Petrodollars der
Ölstaaten führten zu weiteren Verwerfungen wie zum Beispiel die lateinamerikanische
Schuldenkrise nach 1982. Deutschland, das als drittgrößte Wirtschaftsnation der Welt
fest etabliert war, kam vergleichsweise gut durch die Turbulenzen der 1970er Jahre.
1979 wurde auf Initiative Helmut Schmidts und Valéry Giscard D’Estaings das Europäische Währungssystem gegründet, das mit der Einführung des Euro am 1. Januar 1999
endete.
Mit dem Amtsantritt Margaret Thatchers 1979 in England und Ronald Reagans 1981
in den USA wurde die Deregulierung und Liberalisierung zur neuen internationalen
Ideologie. In den USA war durch den Depository Institutions Deregulation and Monetary Control Act von 1980 bereits die Regulation Q, die es dem Federal-Reserve-System
erlaubte, die Zinssätze für Spareinlagen zu regulieren, aufgehoben worden. Der RiegleNeal Interstate Banking and Branching Efficiency Act von 1994 (IBBEA) beendete das
Verbot für amerikanische Banken, in mehr als einem Bundesstaat aktiv zu sein. Am
12. November 1999 wurde durch den Gramm-Leach-Bliyey-Act schließlich auch das
Verbot aufgehoben, in mehr als einem Geschäftsbereich tätig zu sein. Damit waren auch
in den USA Allfinanzkonzerne erlaubt.
Neue Finanztechnologien, wie zum Beispiel die sogenannte „Portfolioversicherung“
(die keine „Versicherung“, sondern eine Hedging-Strategie war und mit zum Börsenkrach von 1987 führte), begünstigten die Entstehung „innovativer Finanzprodukte“ (vgl.
Bookstaber 2007) Finanzderivate hatte es schon in den 1920er Jahren des vorigen Jahrhunderts gegeben (vgl. Schwed 2002), sogar schon im 17. Jahrhundert. (vgl. Mackay und de la Vega
1995) Nachdem sie durch die Weltwirtschaftskrise aus der Mode gekommen waren und in
den regulierten Finanzmärkten der 1950er und 1960er Jahren keine große Rolle spielten,
gelang ihnen in den 1970er Jahren ein zunächst leises Comeback, als im Februar 1972
die Chicago Mercantile Exchange (CME) Währungsfutures einführte. Im April 1973
gründete das CBT die Chicago Board Options Exchange (CBOE). Nun konnten Optionen auf Aktien gehandelt werden. Im Oktober 1975 wurde in Chicago der erste Zinsfuture gehandelt.
Ein Großteil der Veränderungen im internationalen und deutschen Bankensystem war
aber nicht auf Gesetzesänderungen, sondern auf eine Änderung der Geschäftskultur und
den raschen Fortschritt der Informationstechnologie zurückzuführen. Durch die Inflation
in den 1970er Jahren wiesen viele Unternehmen in den USA hohe stille Reserven auf,
was die Entstehung der sogenannten „Corporate Raider“ und „feindlichen Übernahmen“
in den frühen 1980er Jahren begünstigte. Bekannt wurden unter anderem Carl Icahn,
T. Boone Pickens, Kirk Kerkorian, Sir James Goldsmith und Ivan Boesky. Das schnelle
Geld im Investmentbanking wurde zum Motto einer Zeit, die Michael Douglas als Gordon Gekko im Film „Wall Street“ mit seinem Ausspruch „Gier ist gut“ („Greed is
Good“) dargestellt hat. Nach einer kurzen durch den Börsenkrach von 1987 verursachten
132
Teil 2
Die Finanzmärkte
Pause verstärkten sich die Internationalisierung und die Beschleunigung der Kapitalmärkte, die Entstehung neuer komplexer Produkte und die Jagd nach schnellen Renditen.
Die Clinton-Regierung, aber auch die Regierung Joschka Fischer-Gerhard Schröder
beschleunigten diesen Trend eher noch, als dass sie sich ihm entgegenstellten. Zu Beginn
der Rot-Grünen Koalition fragte Joschka Fischer Oskar Lafontaine und seinen Staatssekretär Heiner Flassbeck: „Wollt Ihr Euch etwa mit den Kapitalmärkten anlegen?“
(Gespräch des Verfassers mit Heiner Flassbeck am 26.02.2009).
Damit war das Thema im Prinzip erledigt. Anders als François Mitterrands Frankreich im Jahr 1981 hätte das wirtschaftlich starke Deutschland nach Auffassung
Flassbecks 1998 durchaus eine Chance gehabt, die Kontrolle der Finanzmärkte voranzutreiben.
Investmentbanking war „chic“ und stilbildend für eine ganze Epoche. Die großen
deutschen Banken versuchten, an die internationalen Trends durch eine Verstärkung
ihrer Investmentbankingaktivitäten anzuknüpfen. Hierzu kaufte die Deutsche Bank im
Jahr 1990 die englische Morgan, Grenfell & Co. Das Experiment misslang. Die Dresdner Bank kaufte 1995 die englische Investmentbank Kleinwort Benson und im Jahr 2000,
auf dem Höhepunkt des Börsenbooms, die New Yorker Investmentboutique Wasserstein, Perella & Co. Genützt haben ihr die teuren Akquisitionen wenig; es lässt sich
sogar argumentieren, dass der Kauf den Niedergang der Dresdner Bank beschleunigt hat.
Letztlich ist es unter den deutschen Großbanken nur der Deutschen Bank gelungen, eine
international wettbewerbsfähige Investmentbank aufzubauen, und das auch erst im zweiten Anlauf durch den Kauf der New Yorker Bankers Trust im Jahr 1999.
Aber auch die umgekehrte Tendenz war massiv. Seit den 1980er Jahren drängten ausländische, insbesondere amerikanische, aber auch japanische und andere Banken auf den
deutschen Markt. Hier konnten die amerikanischen Banken aufgrund der regulatorischen
Rahmenbedingungen eine größere Vielfalt an Geschäften tätigen als auf dem Heimatmarkt. Insbesondere die amerikanischen Banken erhofften sich so von den Auflagen des
Glass-Steagal-Act zu befreien, was letztlich auch gelang.
In ihrem Bestreben, Investmentbanken zu werden und das Kapitalmarktgeschäft zu
forcieren, behandelten die Großbanken den Privatkunden und das Kreditgeschäft eher
stiefmütterlich. Im Jahr 2000 waren Pläne zur Fusion der Deutschen Bank und der Dresdner Bank sehr weit fortgeschritten. Das Privatkundengeschäft wäre in eine eigene Institution ausgegliedert worden, die damals vorbereitend schon Deutsche Bank 24 genannt
worden war. Letztlich scheiterte die Fusion – aus meiner Sicht zum Vorteil des deutschen Bankwesens – in einem sehr späten Stadium der Verhandlungen an Differenzen
zwischen beiden Häusern. Wie leichtfertig damals mit Geschäftsbereichen umgegangen
werden sollte, die später als Ertragsperlen erkannt wurden, zeigt sich auch aus den Plänen, die DWS Investments (ehemals Deutsche Gesellschaft für das Wertpapiersparen)
sowie die Filialen der Dresdner Bank an die Allianz AG zu verkaufen. (vgl. o. V. 2000)
Mit der Technologieblase in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre erreichte das Kapitalmarktfieber einen neuen Höhepunkt. Durch den teilweisen Börsengang der Deutschen
Telekom AG im Jahr 1996 erfasste der Run auf die Renditen auch in Deutschland breite
11
Das deutsche Bankwesen
133
Bevölkerungsschichten. Aktien von Unternehmen, die noch wenige Jahre zuvor als nicht
existenz-, geschweige denn börsenfähig, abgelehnt worden wären, wurden nun von allen
Banken, die sich eine Scheibe vom Geschäft abschneiden konnten, zu Phantasiepreisen
an die Börse gebracht. (vgl. Ogger 2001) In den letzten Jahren des alten Jahrtausends setzte
dann die berühmte „Hausfrauen-Hausse“ ein, bei der man sich auch mit dem Taxifahrer
gut über Aktien und Kapitalanlagen unterhalten konnte. Börsenkommentatoren und
Jungunternehmer wurden zu Stars. Weder von der Politik noch von der Finanzbranche
selbst kamen Versuche, das Spekulationsfieber einzudämmen. Das traurige Ende der
Epoche wurde durch die stillschweigende Beerdigung des NEMAX50 durch die Deutsche Börse AG zum 31.12.2004 markiert. So entledigte man sich der Erinnerung an den
einstigen Hoffnungsträger Neuer Markt und an eine unrühmliche Vergangenheit. (vgl.
o. V. 2004) Der amerikanische Ökonom John Kenneth Galbraith schrieb zu der Frage,
warum sich in solchen Epochen des kollektiven Wahnsinns so wenig Gegenstimmen
erheben, bereits im Jahr 1955: „Selbst als […] der Wahnsinn grassierte, blieben viele
Männer an der Wall Street ziemlich vernünftig. Sie blieben aber auch ziemlich still. […]
Sich gegen den Wahnsinn auszusprechen könnte bedeuten, diejenigen zu ruinieren, die
sich von ihm haben hinreißen lassen. Deswegen schweigen die weisen Männer der Wall
Street lieber. Die Narren haben das Feld für sich. Niemand pfeift sie zurück.“ (vgl. Galbraith 2008 bzw. Otte 2008)
Durch das Aufkommen von Geldmarktfonds seit 1994 nahm die Wettbewerbsintensität im Einlagen- und Geldmarktgeschäft zu. Der Zinsüberschuss der großen Privatbanken lag zudem zwischen 1994 und 2003 bei nur 1,5 Prozent, der der Genossenschaftsbanken und Sparkassen bei 2,7 Prozent. Dieser Befund erstaunt zunächst, denn die konventionelle Auffassung wäre, dass die großen Institute durch niedrigere Kosten und
interessantere Angebote höhere Überschüsse erwirtschaften können. Tatsächlich verhält
es sich anders: Bei den „großen“ Aufträgen ist die Wettbewerbsintensität sehr hoch und
die großen Banken hatten nicht die Expertise oder wollten sich nicht um die Finanzierung vieler kleiner mittelständischer Kredite kümmern. Der Mittelstand jedoch weiß eine
langfristige Begleitung durch Sparkassen oder Genossenschaftsbanken zu schätzen und
ist im Zweifel auch bereit, etwas höhere Zinsen zu zahlen. (vgl. Rehm 2008b, S. 143) In diesem Zusammenhang bauten die Großkonzerne seit 1990 verstärkt große eigene Corporate-Finance-Abteilungen auf, die die Leistungen der Banken oftmals zu einem guten
Anteil substituierten. Damit waren sie in die Lage versetzt, kurzfristig und intensiv nach
den besten Konditionen auf den internationalen Kapitalmärkten zu suchen, eine Entwicklung, die das Hausbankensystem weiter auflöste und in der Finanzkrise nach 2007
teilweise negativ auf die Großunternehmen zurückfiel. Zum Ausgang des 20. Jahrhunderts wurde auch begonnen, mit der Entflechtung der Deutschland AG ernst zu machen.
Das Netz von Überkreuzbeteiligungen, in dessen Zentrum die Deutsche Bank und die
Allianz sowie andere Banken und Versicherungen standen, wurde schrittweise entflochten. Auch hier wurden traditionell engere Bindungen zwischen Industrie und Großbanken weiter gelockert.
134
Teil 2
Die Finanzmärkte
Kapitalmarktorientierung beinhaltet auch die Zuwendungen zu provisionsbasierten
Geschäften. In der New Economy waren dies Fusionen und Übernahmen, Börsengänge
und Wertpapieremissionen. Aber auch das Asset Management – die Verwaltung von
Kundenvermögen – gehört dazu. Deutschland ist als drittgrößte Nettosparnation der
Welt ein attraktiver Markt für die Vermögensverwaltung. Nachdem sich bereits in den
1990er Jahren die Anzahl der Fonds und Zertifikate explosionsartig vermehrt hatte,
setzte nach dem Zusammenbruch der Technologieblase eine Zertifikate-Sonderkonjunktur ein, die es in dieser Form auf der ganzen Welt nur in Deutschland und Österreich
gab. Bei den in Kapitalmarktfragen unerfahrenen deutschen Anlegern kamen die Produkte, die oftmals mit Namen wie „Garantie-“, „Bonus-“ oder „Discount-“ versehen
waren, sehr gut an, wurde hier doch eine Partizipation an den Kapitalmärkten bei gleichzeitiger Begrenzung des Risikos versprochen. Dabei war vielen Privatanlegern nicht
bewusst, dass sie in Produkte investierten, die völlig überteuerte Derivategeschäfte beinhalteten. Oftmals wälzten Banken ihre Risiken auch durch speziell konstruierte Indizes
und Papiere auf die Kunden ab, nur um diesen die Risiken überteuert als „Chance“ zu
verkaufen. Ausländische Banken, wie zum Beispiel die Citibank, Lehman Brothers, die
SEB Bank oder Privatbanken wie Oppenheim mischten neben den großen deutschen
Privatbanken kräftig am Markt mit. Aber auch die in diesem Artikel ansonsten sehr
gelobten Sparkassen, Raiffeisen und Genossenschaftsbanken haben nicht in allen Fällen
streng zum Wohle des Kunden gehandelt. Wie wenige Jahre zuvor bei Technologieaktien, entstand nun bei Zertifikaten eine massive Blase. Zum Hochpunkt des Zertifikatebooms in den Jahren 2002 bis 2007 waren in Deutschland um die 200 Milliarden Euro in
Zertifikaten angelegt. (vgl. Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger 2008; Anne 2009; Otte 2009) In
Deutschland und Österreich sind die Regeln für Derivategeschäfte von Privatanlegern
wesentlich weniger restriktiv als zum Beispiel in den USA. Im Rückblick kann es nur als
beschämend gewertet werden, dass die Aufsichts- und Regulierungsbehörden bei diesen
Produkten, die US-Superinvestor Warren Buffett bereits 2003 als „finanzielle Massenvernichtungswaffen“ bezeichnete, nicht eingegriffen haben und auch nach der Finanzkrise keine allzu große Neigung zeigen, einzugreifen.
Deutsche Wiedervereinigung: Beim Zusammenwachsen der Bundesrepublik und der
früheren DDR haben die Sparkassen, Raiffeisen- und Genossenschaftsbanken ihre Leistungsfähigkeit bewiesen. Auch in der DDR gab es Sparkassen, die aber vor allem als
Einlagekassen Instrumente der Planwirtschaft mit veralteter Technik und einem sehr
schmalen Angebot waren. Hier zeigte sich, dass das 150 Jahre zuvor entwickelte Solidarprinzip – das auch in der Wirtschaft Sinn machen kann – noch funktionierte. Ab 1990
stand jeder ostdeutschen Sparkasse eine Betreuungsparkasse aus dem Westen zur Seite,
die diese mit Technik, Rat und Hilfe bei der Ausbildung versorgte und Mitarbeiter entsandte. Und die Angebote der Sparkassen und Genossenschaftsbanken wurden von den
Menschen in den neuen Bundesländern angenommen. Heute sind die Sparkassen und
Genossenschaftsbanken in den neuen Bundesländern oft die einzigen Institute vor Ort.
(vgl. Deutscher Sparkassen- und Giroverband 2009b)
11
Das deutsche Bankwesen
135
Die Finanzkrise: Die im Juli 2007 einsetzende Finanzkrise hat das deutsche Bankensystem in seinen Grundzügen nicht verändert. Zwar sind einige Institute gescheitert,
Deutschland leidet vor allem unter dem internationalen Konjunktureinbruch, der 2008
und 2009 die deutschen Exporte zusammenbrechen ließ. Die Versorgung mit Krediten
durch die deutschen Sparkassen, Raiffeisen- und Genossenschaftsbanken war nie gefährdet. Allerdings zeigen sich hier die unheilvollen Auswirkungen der prozyklischen
und damit krisenverschärfenden Konstruktion der Eigenkapitalregelungen nach dem
Basel-II-Akkord, auf die ich im nächsten Abschnitt eingehen werde. In der Krise steigen
die Kreditkosten allgemein und für Unternehmen mit dringendem Kapitalbedarf sind
Kredite teurer als für Unternehmen mit erstklassiger Bonität. Deutschland hat sich hier
internationalen Regeln unterworfen, die prozyklisch krisenverstärkend wirken und letztlich auch das gut funktionierende deutsche Finanzsystem schwächen.
Die Finanzkrise bietet die Chance, Fehlentwicklungen an den Finanzmärkten zu überdenken und Korrekturen einzuleiten. Mit der IKB und der Hypo Real Estate sowie den
Landesbanken kamen Institute in Schieflagen, die sich zum Teil massiv verzockt hatten
und Geschäften nachgegangen waren, deren Sinnhaftigkeit man auch schon vor der
Finanzkrise hätte in Frage stellen können. Noch im Vorwort zum Geschäftsbericht
2006/2007 der IKB berichtete der ehemalige Vorstandsvorsitzende Stefan Ortseifen, dass
verbriefte Produkte und Derivate die dynamischsten Geschäftsbereiche der Bank seien
„und ihren Wachstumspfad beibehalten“ würden. (vgl. IKB Deutsche Industriebank AG 2007)
Schon damals hätte man sich fragen können, was eine Industriekreditbank in diesen
Geschäftsbereichen zu suchen hatte. Fragwürdig ist der Verkauf der mit 10,7 Milliarden
Euro geretteten IKB für 100 Millionen Euro an den texanischen Finanzinvestor LoneStar. Anscheinend ist es für die Politik angenehmer, sich des Themas zu entledigen, als
darauf zu achten, dass die Steuerzahler möglichst viel von ihrem Geld zurückbekommen.
Die Beinahe-Insolvenz der Hypo Real Estate, die die Steuerzahler mittlerweile mehr
als 100 Milliarden Euro gekostet hat, war eine Folge von Selbstüberschätzung und
Leichtsinn auf der einen Seite und von zynischer und riskanter Geschäftspolitik auf
Seiten der übernommenen depfa-Bank. Ordnungspolitisch gab es bei dieser – aus meiner
Sicht im Gegensatz zur IKB oder etlichen Landesbanken durchaus systemrelevanten
Bank – kaum eine Alternative zur Rettung. Allerdings hätte die sogenannte „Verstaatlichung“ – die ich als einer der ersten öffentlich in der Tagesschau gefordert habe – viel
früher stattfinden müssen, denn in diesem Fall wurde ja gerade „verstaatlicht“, um die
Prinzipien der Marktwirtschaft zu retten. (vgl. online tagesschau.de 2009) Wenn ein neuer
Gesellschafter in ein völlig marodes, bankrottes Unternehmen eintritt, dann wird dieser
Gesellschafter – der alle Risiken übernimmt – auch die möglichen Gewinne haben wollen. Es ist egal, ob der Staat oder jemand anderes hier der neue Gesellschafter ist. Die
Anteile der Alteigentümer sind nichts mehr wert. Somit entledigte sich der Staat mit der
„Verstaatlichung“ der Hypo Real Estate nur des Erpressungspotenzials durch die Alteigentümer, deren Anteile nur deshalb noch etwas wert waren, weil bereits über 100 Milliarden Euro an öffentlichen Geldern in das Institut geflossen waren.
136
Teil 2
Die Finanzmärkte
Ob die Commerzbank in dieser Form hätte gerettet werden müssen, sei dahingestellt.
Auch hier hat die Öffentlichkeit unverhältnismäßig wenig Kapitalanteile – nämlich
25 Prozent plus eine Stimme – für das bereitgestellte Kapital erhalten. Gerade bei der
Commerzbank scheint aber ein Umdenken zu erfolgen – man nimmt das Firmenkundenkreditgeschäft, das von Männern wie Günter Tallner in Frankfurt vorangetrieben
wird – wieder sehr ernst. Heimlicher Gewinner des Prozesses ist allerdings die Allianz,
die nun neben dem Fondsgeschäft der Dresdner Bank auch das Fondsgeschäft der Commerzbank übernommen hat und zudem Anteile an der Commerzbank hält.
Die Finanzkrise offenbarte auch die strukturelle Schwäche der Landesbanken, für die
es seit dem Wegfall der Gewährträgerhaftung im Jahr 2005 keine rechte Existenzberechtigung mehr gibt. Die für die Sparkassen, Raiffeisen- und Genossenschaftsbanken wichtigen Aufgaben werden zumeist durch die Verbände, die Vermögensverwaltungsfirmen
deka und Union Investment oder durch Spezialinstitute erledigt, sodass es höchste Zeit
ist, über eine Konsolidierung der Landesbanken nachzudenken.
11.5
Bewertung des deutschen Bankensystems:
Ist die Kapitalmarktorientierung der Weisheit letzter Schluss?
In einem umfassenden zweiteiligen, fünfzigseitigen Artikel hat der ehemalige Vorstandsvorsitzende der NordLB und jetzige Chef des Soffin, Hannes Rehm, das deutsche
Bankensystem im Frühjahr 2008, als die Kreditkrise bereits begonnen, aber noch nicht
die Ausmaße des Herbstes angenommen hatte, einer gründlichen Analyse und Würdigung unterzogen. Gleich zu Beginn setzt sich Rehm mit dem international vom Economist, Unternehmensberatungen oder Investmentbanken, aber auch in Deutschland vom
Sachverständigenrat für die Gesamtwirtschaftliche Entwicklung oftmals geäußerten
Vorwurf auseinander, dass Deutschland „overbanked“ und damit ineffizient sei. (vgl.
Rehm 2008b, S. 135) Zwar sind die Eigenkapital- und die Gesamtkapitalrenditen tatsächlich
international ganz hinten anzusiedeln, aber alle anderen Indikatoren liegen im Mittelfeld
oder sind sogar gut:
Deutschland hat in Relation zur Zahl aller Angestellten weniger Beschäftigte im
Bankgewerbe als die immer als Effizienzvorbild dargestellten angelsächsischen Länder. Dies ist keinesfalls ein Indikator für „Overbanking“.
Im letzten Jahrzehnt ging in Deutschland die Anzahl der Kreditinstitute um 40 Prozent zurück, in den übrigen EU-Ländern nur um 20 Prozent. Vor allem die Fusionen
im Sparkassensektor und im genossenschaftlichen Bereich trugen hierzu bei.
Die Anzahl der Bankstellen pro Einwohner ist in Deutschland mittlerweile leicht
unterschiedlich und deutlich geringer als zum Beispiel in Spanien.
Bei den Bruttoerträgen je Mitarbeiter liegen die deutschen Banken international im
Mittelfeld.
11
Das deutsche Bankwesen
137
Bei der Cost-Income-Ratio (Relation von Verwaltungsaufwand zu Nettoerlösen), die
die Effizienz des Geschäftsbetriebs misst, nehmen die deutschen Banken nach den
französischen eine Spitzenposition ein. „Mit besonders niedriger Produktivität arbeiten die Banken in den USA.“ (vgl. Rehm 2008b, S. 139)
Deutschland hat sein Bankensystem bereits seit den 1950er und 1960er Jahren liberalisiert und in den 1970er Jahren die Niederlassungsfreiheit für ausländische Banken
eingeführt, also weitaus früher als viele andere europäische Länder. „Die Liberalisierung des Bankenmarktes in Deutschland war bereits abgeschlossen, als Frankreich,
Italien und Schweden begannen, die ersten Öffnungsschritte einzuleiten.“ (vgl. Rehm
2008b, S. 141) In Frankreich wurde der Markt für Spareinlagen erst 2008 für ausländische Anbieter geöffnet.
Lediglich bei den Nettomargen und bei der Eigenkapitalrendite sind deutsche Banken
Schlusslichter. Durch die Nettomarge wird allerdings vor allem gemessen, welche Preise
ein Unternehmen am Markt durchsetzen kann. Damit sind die von der Lobby der internationalen Banken geforderten hohen Nettomargen vor allem ein Indiz für die Behinderung
des Wettbewerbs, ineffiziente Strukturen und die Übervorteilung von Kunden. In Italien,
dessen Banken hohe Nettomargen aufweisen, sind die Preise für Bankdienstleistungen in
den letzten Jahren massiv gestiegen, insgesamt weist das Land eine bankwirtschaftliche
Unterversorgung auf. Italienische Kunden zahlen durchschnittlich das Fünffache dessen,
was Deutsche für Bankdienstleistungen ausgeben. In weiten Teilen des britischen Bankenmarktes funktioniert der Wettbewerb nicht besonders.
Rehm kommt zu dem Schluss, dass das deutsche Banksystem von einer hohen Wettbewerbsintensität gekennzeichnet ist, bei der Effizienz und Kostenvorteile an die Kunden weitergegeben werden. Die Genossenschafts- und Raiffeisenbanken sowie die Sparkassen realisieren im Verbund dort Kostenvorteile, wo dies notwendig ist (zum Beispiel
bei der Informationstechnologie) und sind ansonsten auf ihren Märkten dezentralisiert –
eigentlich ein ideales Modell. Sicherlich ist das für die ausländischen Anbieter, die in
den deutschen Markt mit seinem hohen Sparpotenzial drängen und an wenig Wettbewerb und hohe Renditen gewöhnt sind – nicht so angenehm. Es zeugt aber davon, dass
die Bankordnungs- und Wettbewerbspolitik in Deutschland zugunsten der Konsumenten
funktioniert!
Funktionen von Banken und Finanzintermediären: Den Banken und Finanzintermediären werden normalerweise drei Aufgaben zugeschrieben: Fristentransformation, Losgrößentransformation und Risikotransformation. Durch die Fristentransformation werden die unterschiedlichen Laufzeitinteressen der Schuldner (Privatpersonen, Unternehmen, Staat) und der Gläubiger (Sparer) in Einklang gebracht. Durch die Losgrößentransformation werden die unterschiedlichen Größenordnungen bei den Beträgen von Gläubigern und Schuldnern abgestimmt. Bei der Risikotransformation wird die unterschiedliche Risikoneigung der Akteure in Einklang gebracht. Bislang hat das deutsche Finanzsystem diese Funktionen recht gut erfüllt.
138
Teil 2
Die Finanzmärkte
Die zunehmende Kapitalmarktorientierung beinhaltete nun unter anderem vier große
Trends: erstens die Verbriefung von Aktiva (Forderungen) und ihre Platzierung bei Anlegern, zweitens das sogenannte Fair Value Accounting, drittens das sich weitgehende
Verlassen auf Ratingagenturen zur Risikoeinschätzung und viertens die Einführung
risikokapitalgewichteter Eigenkapitalvorschriften (Basel II).
Verbriefung von Aktiva: Das Geschäftsmodell hier heißt „originate, manage, distribute“. Die Bank generiert Aktiva, managt und strukturiert diese, und platziert die Risiken dann bei institutionellen Anlegern. Damit sind die Risiken aus der Bankbilanz,
die Banken entziehen sich der Aufgabe der Risikotransformation, weil sie selber keine Risiken mehr eingehen, solange die Märkte funktionieren. Alleine: Die „Finanzalchemie“ der Banken stellte sich im Rückblick als Illusion heraus. Es war ihnen bei
Collateralized Debt Obligations (CDO) oder Asset-Backed-Securities-Strukturen
(ABS-Strukturen) zumeist nicht gelungen, die Risiken besser zu managen, sondern
nur, sie besser zu verstecken. Die Banken haben sich durch die Verbriefungsstrukturen teilweise ihrer volkswirtschaftlichen Aufgabe der Risikotransformation entzogen.
Fair Value Accounting: Beim „Mark-to-Market“- oder „Mark-to-Model“-Accounting
werden Bilanzpositionen mit ihrem Marktwert bilanziert, nicht wie in Deutschland
nach HGB üblich, nach dem strengen Niederstwertprinzip. Damit sollte eine realistischere und zeitnähere Bewertung der Bilanzpositionen erfolgen. Allerdings können
viele Produkte, für die es keine Märkte gibt, nur nach Modellen bewertet werden.
Solche Modelle sind oft sehr dehnbar, je komplexer die Produkte sind. Damit sinkt
der Informationsgehalt einer nach „Fair-Value“-Prinzipien erstellen Bilanz oftmals
deutlich. Mein Fazit: Fair Value verringert die Transparenz und wirkt prozyklisch auf
die Wirtschaft, indem Aufschwünge künstlich verstärkt und Krisen verschärft werden.
Es werden deshalb etliche Stimmen laut, die einen Rückkehr vom Niederstwertprinzip fordern, so zum Beispiel die Saarbrücker Initiative gegen Fair Value der Professoren Bieg, Bofinger, Küting, Kussmaul, Waschbusch und Weber. (vgl. Fockenbrock 2008)
Ratingagenturen und Ratings: Mit dem Ratingsystem betreiben wir im Prinzip kapitalistische Planwirtschaft. Alle Akteure orientieren sich an wenigen Zahlen für entsprechende Wertpapiere oder Unternehmen und unterlassen es in der Folge, ihre eigenen
Risikoeinschätzungen und Bewertungen anzustellen. Damit wird eine der wichtigsten
Kernfunktionen der Banken ausgehöhlt: die der Risikoeinschätzung. Dennoch senkt
es eindeutig die durch die „Gleichschaltung“ der Entscheidungen erreichte Transparenz, verringert die Diversität der Entscheidungen und hilft, Kapazitäten zur Risikoeinschränkung und -transformation in den einzelnen Banken abzubauen. Letztlich
ist ein solches System risikoanfälliger als eines, bei dem Akteure in einzelnen Institutionen ihre Entscheidungen mit größerer Unabhängigkeit voneinander treffen. Die Risikomessung kann eben nicht durch eine von Ratingagenturen zentral bestimmte Zahl
geschehen (da fehlt es schon an der Marktnähe und der genauen Kenntnis der Akteure), sondern muss eine dezentrale Kernkompetenz der Banken sein.
11
Das deutsche Bankwesen
139
Nach der Finanzkrise lässt sich nur konstatieren, dass dem Rating ein völliges Systemversagen beschieden war. Zudem bestimmt hier ein kleines und intransparentes
angelsächsisches Kartell die Geschicke zum Teil souveräner Schuldnernationen, ohne
dass dieses Kartell hinterfragt wird.
Es stellt sich die Frage, wie es überhaupt so weit kommen konnte, dass wir das Ratingsystem in großem Umfang anwenden. Das Sich-Verlassen auf fremdgenerierte
Daten ist für etliche Führungskräfte sicher einfacher, als selbst Verantwortung zu
übernehmen und eigene risikobehaftete Entscheidungen zu treffen und auch „sicher“,
solange es alle machen.
Eigenkapitalvorschriften nach Basel II: Mit Basel II wird die Gesamtheit der Eigenkapitalvorschriften, die vom Basler Ausschuss für Bankenaufsicht in den letzten Jahren vorgeschlagen wurde, bezeichnet. Seit dem 1. Januar 2007 werden sie in den Mitgliedsstaaten der Europäischen Union für alle Kreditinstitute und Finanzdienstleistungsinstitute (= Institute) angewendet. Hierzu müssen die Bankaktiva mit risikogewichtetem Eigenkapital hinterlegt werden. Die Idee dahinter war an sich plausibel:
Wenn alle Aktiva mit denselben Eigenkapitalquoten hinterlegt werden, haben die Akteure ggf. einen Anreiz dazu, riskantere und ertragreichere Positionen in ihre Bilanzen
aufzunehmen.
Letztlich hatte Basel II überwiegend nachteilige Folgen: Die Kapitalhinterlegung im
System konnte insgesamt reduziert werden – was im Interesse der Finanzindustrie
war – und der bürokratische Aufwand hat sich massiv erhöht. Basel II wirkt prozyklisch, da die Risiken in einer Krise steigen und die Kredite damit teurer werden. Ob
sich die Risikotragfähigkeit des Systems erhöht hat, bleibt abzuwarten, aber an diese
Stelle sei zunächst einmal ein vorsichtiges „Nein“ ausgesprochen. Durch die Erhöhung des bürokratischen Aufwands werden kleinere Privatpersonen und Handwerksbetriebe, kleinere Mittelstandsunternehmen und kleinere Banken gegenüber den größeren Einheiten systematisch benachteiligt. Basel II beschränkt auch den Wettbewerb,
indem die großen Akteure geschützt und gestärkt werden.
Basel II war ursprünglich von den USA angeregt und initiiert worden. (vgl. Lange 2006)
Allerdings wird es dort nur sehr zögerlich und auch nur für die größten Banken umgesetzt. Damit wird ein struktureller Nachteil für die europäischen Banken und Unternehmen geschaffen. Ein von Finanzminister Peer Steinbrück ins Leben gerufener
Expertenbeirat des deutschen Wirtschaftsministeriums diskutiert aktuell (2009) über
eine Aussetzung der Kriterien für die Bundesrepublik Deutschland. (vgl. Gaulhofer 2009)
Man kann nur hoffen, dass dies schnell und ohne Wenn und Aber geschieht.
Der Autor stellt fest, dass das deutsche (und österreichische) kreditbasierte Finanzsystem
die Funktionen, die ein Banksystem liefern sollte, immer noch recht gut erfüllt. Deutschland (und Österreich) sind Nettosparnationen und verfügen über einen bedeutenden
Überschuss an Sparkapital. Auf einem Finanzierungsforum in Österreich, an dem ich
teilnahm, wurde einem erfolgreichen steirischen Unternehmer, der mit der Finanzierung
durch seine Hausbank zufrieden war, die Frage gestellt, warum er nicht innovative Fi-
140
Teil 2
Die Finanzmärkte
nanzierungsformen an den Kapitalmärkten nutze. An diesem Punkt musste ich als Teilnehmer der Forumsdiskussion einspringen: Warum sollte sich dieser Unternehmer in
irgendeine Abhängigkeit der Kapitalmärkte begeben, wenn seine Sparkasse, mit der er
schon lange vertrauensvoll zusammenarbeitet, ihm aus dem Sparvolumen der Region
günstiges Fremdkapital anbieten kann und das Geld in der Region bleibt?
11.6
Leitplanken, Brandschutzmauern und Entschleuniger:
Ansätze zur Reform
Finanzmärkte unterscheiden sich fundamental von Gütermärkten. Es sind die einzigen
Märkte, in denen Akteure gleichzeitig Anbieter und Nachfrager bestimmter Leistungen
sein können. Sofern dies im Handel geschieht, ist es auch eine Finanztransaktion. Zudem
sind Bankrisiken systemischer Natur: Der Kollaps einer einzigen Bank kann unvorhersehbare Konsequenzen für das Gesamtsystem haben. Kapitalmärkte sind inhärent instabil, weil Erwartungen gehandelt werden und innerhalb kürzester Zeitspannen Transaktionen in einem systemrelevanten Umfang durchgeführt werden können. Nach 1929 bestimmte das Wissen um diese Tatsachen die Ordnungspolitik für das Finanzsystem.
Mittlerweile ist zumindest das Wissen zurückgekehrt. Das wird zum Beispiel durch den
Titel des neuesten Buchs von Hans-Werner Sinn „Kasino-Kapitalismus“ dokumentiert,
in dem Sinn – spät, aber völlig zutreffend – die Fehlentwicklungen im Bankensystem
aufzeigt. (vgl. Sinn 2009)
So ist zum Beispiel die von Angela Merkel auf dem Londoner Gipfel im April 2009
geforderte lückenlose Regulierung aller Akteure, Regionen und Produkte sicher der
richtige Ansatz. (vgl. online ftd.de 2009) In den letzten Monaten wurden hier einige Initiativen gestartet, von denen etliche durchaus zu begrüßen sind. Schon jetzt zeichnet sich
allerdings ab, dass das Wirrwarr von internationalen, europäischen und nationalen Zuständigkeiten auch die Intransparenz vergrößern wird und damit die großen Akteure zu
Lasten der kleinen stärkt, Ungleichheiten im System zementiert und keinesfalls die Risiken des Finanzsystems angemessen behandelt.
Der ehemalige Investmentbanker Sony Kapoor entwickelt mit seinem Think Tank ReDefine Prinzipien und Vorschläge für eine Reform des Banksystems. (vgl. Kapoor 2009) In
der Süddeutschen Zeitung stellt er drei davon vor: Wettbewerb, Einfachheit und Fairness. (vgl. Kapoor 2009) Wettbewerb: Wie Rehm weist Kapoor auf die einfache Tatsache
hin, dass 20 bis 25 Prozent Eigenkapitalrendite keinesfalls ein Indiz für die Gesundheit
des Finanzsektors, sondern für Ineffizienzen und eingeschränkten Wettbewerb sind. „Die
hohen Belohnungen, die es (zudem, M. O.) für Angestellte und Aktionäre in einem
(weitgehend, M. O.) wettbewerbsfreien System gibt, verdrehen Leistungsanreize und
fördern spekulatives und destabilisierendes Verhalten.“ (vgl. Kapoor 2009) Einfachheit:
„Weil es den Regularien der Finanzwelt an Prinzipien fehlt, sind aus Regelungen zur
‚Feinabstimmung‘ zehntausende Seiten voll mit Gesetzen und Richtlinien geworden.“
11
Das deutsche Bankwesen
141
Komplexe Regularien machen aber eine Überwachung und Überprüfung
sehr schwer und begünstigen die großen Akteure. Stattdessen müsste die Regulierung
auf einfachen und klaren Prinzipien aufgebaut sein, und die Vorschriften müssten effektiv und einfach überwachbar sein, wie zum Beispiel eine einfache Mindestkapitalvorschrift anstelle der komplexen Basel-II-Prinzipien. Fairness: Das jetzige System begünstigt die großen Akteure und belohnt zum Teil sogar Fehlverhalten: „Die Kosten für sämtliche Hilfsaktionen sollten vom Bankensektor refinanziert werden, indem man Steuern
auf Finanztransaktionen erhebt.“ (vgl. Kapoor 2009)
(vgl. Kapoor 2009)
Regulierung der Akteure (vgl. Köppen 2009): Das am 2. Juli 2008 vom Bundestag angenommene Gesetz zur Verstärkung der Finanzmarktaufsicht ist ein Schritt in die richtige
Richtung, geht aber nicht weit genug. Basel II sollte ohne Wenn und Aber so schnell wie
möglich ausgesetzt werden. Zur Unterlegung der Aktiva mit risikogewichtetem Eigenkapital muss eine einfache, starre Hinterlegung mit Eigenkapital treten. Wenn die Akteure gezwungen sind, mehr Eigenkapital zu hinterlegen, wirkt sich dies zunächst einmal
natürlich wachstumsmindernd aus. Langfristig würde aber die Stabilität des Systems
erhöht und damit Wohlfahrtsverluste durch Instabilität vermieden.
Die von der Larosière-Gruppe am 27. Mai eingereichten Empfehlungen zur Verbesserung der Finanzmarktaufsicht und die Schaffung von EU-Aufsichtsbehörden sind wie
die Beschlüsse der G-20 Gipfel von Washington vom November 2008 und von London
vom April 2009 eher skeptisch zu bewerten. Durch die Delegation auf die nationale
Ebene (eine Forderung Englands und der USA) wird das Aufsichtsprinzip von Anfang
an unterlaufen, es beginnt sofort wieder der Wettlauf um die laxeste Umsetzung.
In Bezug auf die Ratingagenturen sind erste Schritte zur Regulierung gemacht. Es ist
wirklich erstaunlich, dass die Investmentbanken bis zum Herbst 2008 nicht der Banken-,
sondern nur der Wertpapieraufsicht unterstanden und die Ratingagenturen bis heute nicht
beaufsichtigt werden. Die derzeitigen Reformen gehen in die richtige Richtung. Zum
Beispiel dürften die Ratingagenturen in Zukunft wohl keine Beratungsleistungen mehr
erbringen. Insgesamt gehen die Vorschläge aber nicht weit genug. (vgl. Köppen 2009)
Zur Regulierung der Akteure gehören auch an Nachhaltigkeit orientierte Regeln für
die Vergütung. So kann es nur nützlich sein, wenn bei Haftpflichtversicherungen ein gewisser Selbstbehalt vorgeschrieben ist und wenn Boni erst nach einer Kulanzperiode von
einigen Jahren ausgezahlt werden. Der Protest, den etliche Top-Manager gegen die geplante Gesetzesinitiative der Bundesregierung verlauten ließen, zeigt, dass die Einsicht
hier noch nicht sehr weit fortgeschritten ist. (vgl. Neuerer und Riedel 2009)
Des Weiteren: „Corporate Governance“ (Selbstkontrolle) kann nicht „Gouvernement“ – staatliche Aufsicht und Kontrolle – ersetzen.
Regulierung der Produkte und Finanzinnovation: Charles Kindleberger erwähnt,
dass die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich bereits im Jahr 1986 feststellte,
dass das Risiko bei Finanzinnovationen systematisch unterschätzt werde, diese daher zu
billig angeboten und zu stark genutzt würden. (vgl. Kindleberger 2001, S. 22) Nach der Jahr-
142
Teil 2
Die Finanzmärkte
tausendwende wurden, wie wir jetzt wissen, verbriefte Produkte, Derivate, Hedgefonds
und Private Equity in systemschädigendem Umfang genutzt, weil ihre wahren Kosten
und Risiken sich nicht in den Zinsmargen für die Produkte widerspiegelten. Hedge
Fonds und Private Equity wurden sogar noch ausdrücklich gefördert, zum Beispiel in
den USA und England, wo auf die Erträge die Kapitalertragsteuer zu zahlen ist. In England sind dies nur 15 Prozent – eine massive Förderung der Reichen und Superreichen.
Die auf EU-Ebene derzeit diskutierten Regulierungsmaßnahmen sind nicht mehr als
eine Beschwichtigungsgeste. England, dessen Wirtschaft außer dem „Finanzplatz London“ nicht mehr viel zu bieten hat, konnte hier seine Interessen in Bezug auf Nichtregulierung innerhalb der EU weitestgehend durchsetzen. Reguliert werden sollen nur Alternative Investmentfonds (AIFM) mit Vermögen von mehr als 100 Millionen Euro, oder,
falls keiner der verwalteten AIFM gehebelt ist, 500 Millionen Euro. Damit sind die folgenden Regulierungsbemühungen hinfällig, denn nichts ist leichter für die Anbieter, als
einen Fonds auf mehrere aufzuspalten. Aber auch dann noch sind die Regulierungsbemühungen nicht mehr als ein sehr kleines Feigenblatt. AIFM müssen ein Eigenkapital
von mindestens 125.000 Euro aufweisen. Damit können bestenfalls einige Risiken im
Rahmen der Berufshaftpflicht abgedeckt werden, ökonomische Risiken werden durch
diese Anforderung in keiner Weise gedeckt. Sie sollen „angemessene“ interne Methoden
zum Risiko- und Liquiditätsmanagement verwenden. Hierzu merke ich an: Ich habe
selber einen Hedgefonds initiiert (der mit 100 Prozent Eigenkapital arbeitet und ohne
Derivate auskommt). Als Akteur der Branche und überzeugter Marktwirtschaftler sage
ich: Diese Branche muss sehr viel stärker reguliert werden, denn sie geht mit „finanziellen Massenvernichtungswaffen“ (Warren Buffett) um.
Verbraucherschutz im Asset Management stärken: Zur Regulierung der Produkte gehört auch ein besserer Verbraucherschutz. Deutsche und Österreicher sind Nettosparer,
aber im Gegensatz zu vielen Menschen in den angelsächsischen Ländern, haben Deutsche oder Österreicher in Finanzdingen Aufholbedarf. Bis vor wenigen Jahren war es in
Deutschland üblich, vom „Bankbeamten“ zu sprechen. Die Achterbahnfahrt der „New
Economy“ von ca. 1998 bis 2002 und die sich direkt daran anschließende Zertifikatekonjunktur haben bei vielen deutschen und österreichischen Anlegern das Vertrauen in die
Kapitalmärkte zerstört. Das ist schade, denn Deutsche und Österreicher verfügen über
massive Spareinlagen und sollten an das Thema herangeführt und gegenüber Missbrauch
besser geschützt werden.
Das deutsche Verbraucherschutzministerium hat sich mittlerweile des Themas angenommen. Auch die europäische Markets in Financial Instruments Directive (MiFiD)
befasst sich mit dem Thema. Auch hier sollten die Aspekte Einfachheit und Verständlichkeit sowie die Aufklärung der Verbraucher an vorderster Stelle stehen. Leider sind
die tatsächlichen Regelungen so, dass sie vor allem die bürokratische Compliance fördern. Das begünstigt die großen Akteure, die weiter ihr Spiel treiben können, während
viele unabhängige kleine Vermögensverwalter, die oftmals wesentlich bessere Leistungen bieten als die Banken, aus dem Markt gedrängt werden. Stattdessen werden komplexe Produkte wie Riester- oder Rürup-Renten gefördert, die sich meist erst bei einem
11
Das deutsche Bankwesen
143
Lebensalter von über 90 Jahren lohnen, weil die Anbieter sich unangemessen hohe Anteile der Rendite als Vergütung genehmigen. (vgl. wiwo.de 2009)
Wie gereizt die Produkteanbieter reagierten, musste im August 2009 die Verbraucherzentrale erfahren, als sie durch eine durch die Debeka erwirkte einstweilige Verfügung daran gehindert wurde, ihren „Ampelcheck Geldanlage“ zu verbreiten. Das Landgericht Berlin untersagte der Verbraucherzentrale u. a., Kapitallebensversicherungen
oder Rentenversicherungen als weniger sicher als andere Anlageprodukte, wie zum Beispiel Aktienfonds, darzustellen. Die Produkte dürfen auch nicht mehr mit „Achtung –
Gefahr!“ oder „Ein Risiko oder Nachteil ist vorhanden“ bewertet werden. Betreiber des
Verfahrens ist der Koblenzer Versicherungskonzern Debeka. Nach einem Ampelsystem
hatte die Verbraucherzentrale Sicherheit, Rendite, Liquidität und Transparenz mit Grün,
Gelb und Rot bewertet, an sich eine sinnvolle Sache. Der Debeka-Vorstandsvorsitzende
kritisierte, dass komplexe Sachverhalte unzureichend vereinfacht würden. Das Gericht
ist ihm zunächst gefolgt.
Aber: Die Komplexität nutzt den Konzernen, um satt abzukassieren. In meinem neuen
Buch „Informationscrash“, das im Oktober erscheinen wird, analysiere ich genau diese
Zusammenhänge: Die Vielfalt im Finanzwesen (und in vielen anderen Wirtschaftsbereichen) lässt einen total überforderten Bürger zurück, der dann leichte Beute der Anbieter
wird. Genau hier wollte die Verbraucherzentrale ein Gegengewicht schaffen und ist
vorerst gescheitert. Im Zweifelsfall müssten Politik und Gerichte hier gegen die Produkte
und Konzerne und für den Verbraucher entscheiden. Es ist weniger schlimm, wenn bestimmte Produkte aufgrund „verkürzter“ Bewertungen nicht auf den Markt kommen, als
wenn der Verbraucher durch das Produktwirrwarr weiterhin nicht in der Lage ist, fundierte Entscheidungen zu treffen.
Regionen: Regulierung muss international vergleichbar oder einheitlich sein, um effektiv und fair sein zu können. Mit der weitgehenden Nichtanwendung der von ihr initiierten Standards zur Eigenkapitalhinterlegung verschaffen sich zum Beispiel die USA einen
massiven Wettbewerbsvorteil gegenüber Europa. Das Vorgehen des deutschen Finanzministers Peer Steinbrück gegen Steueroasen ist im Prinzip richtig, war aber zu einem
guten Teil auch von einem vereinfachenden Populismus geprägt. Man suchte Opfer, die
sich öffentlich an den Pranger stellen ließen: Die Schweiz, Liechtenstein und Luxemburg
bekamen Rüffel und schwenkten auf die Steinbrück-Linie ein. Aber Chinas Zustimmung
wurde unter anderem dadurch erkauft, dass Hongkong und Macao von der schwarzen
Liste ausgeschlossen sind. Und noch ein weiteres Problem besteht: Etliche Länder erkennen zwar die OECD-Kriterien an und sind damit nicht auf der schwarzen Liste, umgehen dann aber die Regeln gegen die Steuerflucht durch Nichtanwendung effektiv bzw.
wenden die Regeln nur sehr lose an. Hierzu gehören England (Kanalinseln, Bermudas,
Bahamas, Cayman Islands), Irland und die USA (Delaware). Es steht wie bei Basel II zu
befürchten, dass Deutschland, Österreich und die Schweiz die Regeln anwenden, während sie von anderen Ländern unterlaufen werden. (vgl. Bundesministerium der Finanzen 2009;
online welt.de 2009; Ferrari 2009)
144
Teil 2
Die Finanzmärkte
Rede des Bundesministers der Finanzen Peer Steinbrück bei der Fachtagung des DGB
„Umdenken – Gegenlenken – Finanzmärkte zähmen“ am 01.07.2009 in Berlin.
Tobin-Steuer einführen: Das Wort „Internationales Finanzkapital“ weckt Assoziationen zu Rudolf Hilferding, Rosa Luxemburg und Wladimir Iljitsch Lenin. Dabei macht der
Begriff durchaus Sinn: Er drückt aus, dass es zwischen international mobilen Produktionsfaktoren (und nichts anderes sind „Internationales Finanzkapital“ oder Manager in
Großkonzernen) und den international immobilen Produktionsfaktoren – Arbeitskräfte,
mittelständische Unternehmer und Unternehmen sowie Spareinlagen – Interessengegensätze geben kann, die diskutiert und ggf. politisch ausgeglichen werden müssen. Die
von James Tobin vorgeschlagene Steuer auf internationale Kapitaltransaktionen würde
genau das bewirken, was sie bewirken soll: Sie würde schelle Finanzgeschäfte mit hohen
Kapitalumschlägen bremsen und langfristig orientierte Kapitaltransaktionen fördern. Es
geht um Verteilungs- und Machtfragen. Die Realwirtschaft würde gegenüber der Finanzwirtschaft gestärkt. Genau deswegen wehrt sich die internationale Finanzlobby mit
allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln.
Kompetenz in den Ministerien aufbauen: Zu einer besseren Regulierung gehört zunächst einmal der (Wieder-)Aufbau von konzeptioneller Kompetenz in den Ministerien.
Es kann nicht sein, dass ganze Gesetze wie das Finanzmarktstabilisierungsgesetz von
Rechtsanwaltskanzleien entworfen werden. Deutschland braucht dringend mehr Spitzenbeamte, die etwas bewegen. Hierzu wäre es dringend erforderlich, einen „Fast Track“ für
potenziellen Nachwuchs bei den Spitzenbeamten zu etablieren und interessante Konditionen anzubieten. Die Besten eines Abschlussjahrgangs dürfen nicht nur in Rechtsanwaltskanzleien, Unternehmensberatungen und in die Finanzbranche wechseln. Gleichzeitig muss sichergestellt werden, dass die derartig geförderten Kräfte nicht problemlos
in die Industrie wechseln können. Das ist zum Beispiel ein institutionalisiertes Problem
der amerikanischen Börsenaufsicht SEC, deren Führungskräfte regelmäßig in den Compliance- oder Risikoabteilungen der Banken landen. (vgl. Kotz 2009)
Abschaffung oder starke Konsolidierung der Landesbanken: Die Landesbanken
haben sich überlebt, die meisten Zentralfunktionen werden von den Genossenschaftsoder Sparkassenverbänden erfüllt. Nach wie vor aber verteidigen Landespolitiker „ihre“
verbliebenen Banken in etlichen Fällen hartnäckig. Die Bundesrepublik würde mit nur
zwei, vielleicht sogar mit nur einer oder keiner Landesbank ein kleines Stück besser
funktionieren. Anstatt um den Erhalt der eigenen Spielzeuge zu kämpfen, würde die
politische Energie besser verwendet, sinnvolle Aufsichtsmechanismen zu entwickeln.
Allerdings gibt es hier ein Ebenenproblem: Landesbanken sind (noch) Landessache, die
Aufsicht findet national, auf EU-Ebene oder international statt. Man kann der Bundesregierung nur viel Erfolg bei ihrem Vorhaben würden, die Konsolidierung voranzutreiben.
11
Das deutsche Bankwesen
145
Konsequente Interessenpolitik im Sinne der Realwirtschaft: England verfolgt auch
nach der Finanzkrise seine Interessen zur Deregulierung konsequent weiter. Es war Gordon Brown, der das Land in einen Hedgefonds verwandelte, als er die Steuer auf Kapitalerträge auf 15 Prozent senkte und damit die Reichen und Superreichen gegenüber den
Normalverdienern massiv begünstigte. Die weitere Entwicklung in den USA bleibt abzuwarten, aber das sich abzeichnende Scheitern Barack Obamas in der Gesundheitsreform lässt auch für die Regulierung der Finanzmärkte trotz einiger positiver Ansätze
nichts Gutes hoffen.
Staatsfonds: Deutschland, Österreich und die Schweiz sind große Nettosparnationen.
Sie haben – anders als Spanien, Irland oder England – weitgehend funktionierende Realwirtschaften. Das vielschichtige Finanzsystem insbesondere Deutschlands ist gut strukturiert, um die Realwirtschaft mit Kapital zu versorgen. Heute ist Deutschland der drittgrößte Kapitalexporteur der Welt. Nicht unser gesamtes Kapital kann zu Hause investiert
werden, das ist in einem Land mit einer reifen Wirtschaft und einer schrumpfenden Bevölkerung nicht sinnvoll. Aber wir müssen aufpassen. Um 1900 war England der Finanzier der Welt. Genutzt hat es England wenig – das weltweit angelegte Kapital erodierte
schnell. Derzeit befinden sich Deutschland, Österreich, Japan und auch ölexportierende
Staaten wie Norwegen und die Golfstaaten in der Rolle von strukturellen Überschussländern. Diese Überschüsse müssen gut angelegt werden. In Norwegen, Deutschland und
Österreich schrumpft die Bevölkerung. Derzeit ist Deutschland einer der größten Finanziers des Konsums in den USA. Die hieraus entstehenden Forderungen können sich
schnell abwerten.
Norwegen hat einen Staatsfonds, in dem Teile der Exportüberschüsse und des Auslandsvermögens langfristig angelegt werden, ebenso China und etliche Ölstaaten. Auch
für Deutschland wäre die Gründung einer Agentur für Auslandsvermögen zu überlegen.
Es ist sicher besser, deutsches Auslandsvermögen langfristig in Unternehmensbeteiligungen anzulegen, wie es China zunehmend macht, als die Spareinlagen der deutschen
Sparer (gleiches gilt für Österreich) in den Kanälen der Finanzindustrie (Hedgefonds,
amerikanische Medienfonds, Zertifikate, Subprime-Produkte) versickern zu lassen. Wilhelm Röpke und Alexander Rüstow und wahrscheinlich sogar Ludwig Erhard und Alfred
Müller-Armack hätten diese Forderung angesichts der geänderten weltwirtschaftlichen
Verhältnisse unterstützt.
Wenig ist geschafft, viel bleibt zu tun, und gering sind die Aussichten auf Erfolg. „Optimismus ist Feigheit“ (Flucht vor der Realität), schrieb Oswald Spengler 1932. (vgl.
Spengler 1932, S. 135) In diesem Sinne wäre es „feige“, angesichts der gewaltigen auf uns
zukommenden Aufgaben im Bankwesen ein Optimist zu sein. Versuchen müssen wir
uns an der Reform allemal.
Ursprünglich erschienen in Deutschland 20 Jahre nach dem Mauerfall: Rückblick
und Ausblick, bei Springer Gabler, 2010.
146
11.7
Teil 2
Die Finanzmärkte
Literatur
Anne, T. (2008): Die Gier war grenzenlos. Eine Börsenhändlerin packt aus. Berlin 2009.
Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (1986): Recent Innovations in International Banking,
Base, zitiert nach: Kindleberger, C. (2001): Manien, Paniken, Crashs – die Geschichte der Finanzkrisen dieser Welt, Kulmbach 2001.
Bookstaber, R. (2007): A Demon of Our Own Design – Markets, Hedge Funds and the Perils of
Financial Innovations. Hoboken.
Bundesministerium der Finanzen (2009): Perspektiven für die Regulierung der Finanzmärkte, Rede des Bundesministers der Finanzen, Peer Steinbrück, bei der Fachtagung des DGB „Umdenken – Gegenlenken – Finanzmärkte zähmen“ am 1. Juli 2009 in Berlin, online:
http://www.bundesfinanzministerium.de/nn_54322/DE/Presse/Reden_20und_20Interviews/010
72009__DGB-Fachkongress.html, Stand: 01.07.2009. Zugegriffen: 24. August 2009.
Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (2009): Geschichte, online:
http://www.bafin.de/cln_115/nn_722836/DE/BaFin/Grundlagen/Geschichte/geschichte__node.
html?__nnn=true, Stand: o. A. Zugegriffen: 24. August 2009.
Deutsche Bundesbank (2008): Die Banken als Geldproduzenten, online:
http://www.bundesbank.de/download/bildung/geld_sec2/geld2_04.pdf, Stand: 13.10.2008. Zugegriffen: 25. August 2009.
Deutscher Sparkassen- und Giroverband (2009a): Finanzgruppe in Zahlen, online:
http://www.dsgv.de/de/sparkassen-finanzgruppe/daten_und_fakten/finanzgruppe_in_zahlen/,
Stand: 2009. Zugegriffen: 24. August 2009.
Deutscher Sparkassen- und Giroverband (2009b): 60 Jahre Bundesrepublik – Beitrag der Sparkassen zu Wohlstand, Stabilität und Vertrauen, online:
http://dsgv.de/de/aktionen/60_Jahre_Bundesrepublik.html, Stand: 2009. Zugegriffen: 24. August
2009.
Ferrari, L. (2009): Die „Logik der schwarzen Liste“: Wie die Schweiz den Steuerstreit verlor,
online: http://bazonline.ch/schweiz/standard/Die-Logik-der-schwarzen-Liste-Wie-die-Schweizden_Steuerstreit-verlor/story/17593643, Stand: 23.06.2009. Zugegriffen: 24. August 2009.
Ftd.de (2009): Merkel fordert Finanzmarkt-Regulierung, online:
http://www.ftd.de/politik/europa/:G20-Gipfel-Merkel-fordert-Finanzmarkt-Regulierung/
493484.html, Stand: 28.03.2009. Zugegriffen: 24. August 2009.
Fockenbrock, D. (2008): Professoren machen Front gegen Fair Value, online:
http://www.handelsblatt.com/unternehmen/nachrichten-trends/professoren-machen-frontgegen-fairvalue; 2092598, Stand: 19.11.2008. Zugegriffen: 25. August 2009.
Galbraith, J. K. (2008): Der große Crash 1929. Ursachen – Verlauf – Folgen, neu herausgegeben
von Otte, M., München.
Gaulhofer, K. (2009): Finanzmarkt: Basel II sitzt in der Truthahnfalle, online:
http://diepresse.com/home/wirtschaft/international/451453/index.do,
Stand:
10.02.2009.
Zugegriffen: 1. September 2009.
Gerschenkron, A. (1964): Economic Backwardness in historical perspective, a book of essays,
Cambridge (Massachusetts).
Hauser, H. (1983): Germany’s Commercial Grip on the World. Her Business Methods Explained,
New York, Nachdruck von: Les méthodes allemandes d’expansion économique, New York
1918.
IKB Deutsche Industriebank AG (2007): Geschäftsbericht 2006/2007, online:
http://www2.ikb.de/content/de/ir/finanzberichte/gb_2006_2007/IKB_komplett_dt.pdf, Stand:
2007. Zugegriffen: 24. August 2009.
11
Das deutsche Bankwesen
147
The United States Burau of the Census (1976): Historical Statistics of The United States – From
Colonial Times to 1970, New York.
James, H. (2001): Die Deutsche Bank und die „Arisierung“, München.
Kapoor, S. (2009): Neue Steuern als Strafen, online:
http://www.sueddeutsche.de/finanzen/538/472066/text/, Stand: 15.06.2009. Zugegriffen:
21. August 2009.
Köppen, M. (2009): Finanzmarktregulierung: Bewertung der bisherigen Maßnahmen auf nationaler und EU-Ebene, unveröffentlichtes Manuskript, erscheint in: Wirtschaft Aktuell, September
2009.
Keynes, J. M. (2006): Krieg und Frieden – Die wirtschaftlichen Folgen des Vertrags von Versailles, Berlin; englische Fassung: The Economic Consequences of the Peace, online:
http://www.gutenberg.org/files/15776/15776-h/15776-h.htm, Stand: 6.05.2005. Zugegriffen:
24. August 2009.
Kotz, H. D. (2009): Testimony Before the U.S. House of Representatives Committee on Financial
Services, online: http://sec.gov/news/testimony/2009/ts010509hdk.htm, Stand: 05.01.2009. Zugegriffen: 25. August 2009.
Lange, K. (2006): Basel II – Wenn Banken Einblick wollen, online:
http://www.managermagazin.de/unternehmen/mittelstand/0,2828,438330,00.html, Stand:
21.09.2006, Abruf: 25.08.2009.
Mackay, C. und de la Vega, J. (1995): Extraordinary Popular Delusions and the Madness of
Crowds and Confusión de Confusiones, New York 1995.
Neuerer, D. und Riedel, D. (2009): Kritik an „ziemlich ignoranten“ Top-Managern, online:
http://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/kritik-an-ziemlich-ignoranten-topmanagern;
2296578, Stand: 26.05.2009. Zugegriffen: 24. August 2009.
Ogger, G. (2001): Der Börsenschwindel, München 2001.
Otte, M. (2009): Wahnsinn mit Methode – Wie Privatanleger systematisch verwirrt werden, in:
Otte, M. (Hrsg.), Der Informationscrash, Berlin.
o. V. (2000): Der Tag der Fusion, online: http://www.manager-magazin.de/geld/artikel/
0,2828,00.html, Stand: 07.03.2000. Zugegriffen: 24. August 2009.
o. V. (2004): Ende des Nemax 50, online:
http://www.handelsblatt.com/finanzen/fondsnachrichten/ende-des-nemax-50;839597, Stand:
27.12.2004. Zugegriffen: 24. August 2009.
Rehm, H. (2008a): Das deutsche Bankensystem – Befund – Probleme – Perspektiven (Teil II), in:
Kredit und Kapital, 41. Jg. (2008), Nr. 2, S. 305–331.
Rehm, H. (2008b): Das deutsche Bankensystem – Befund – Probleme – Perspektiven (Teil I), in:
Kredit und Kapital, 41. Jg. (2008), Nr. 1, S. 135–159.
Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (2008): Anlegerfalle Zertifikate, in: Schwarzbuch Börse
2008, München.
Sinn, H.-W. (2009): Kasino-Kapitalismus. Wie es zur Finanzkrise kam, was jetzt zu tun ist, Berlin.
Spengler, O. (1932): Jahre der Entscheidung, München.
Tagesschau.de (2009): Die HRE gehört verstaatlicht, online:
http://www.tagesschau.de/wirtschaft/hre144.html, Stand: 04.02.2009. Zugegriffen: 24. August
2009.
Schacht, H. (1949): Abrechnung mit Hitler, Berlin.
Schwed, F. (2002): Und wo sind die Yachten der Kunden?, Neuausgabe, München.
Statistisches Bundesamt (2008): Bruttoinlandsprodukt 2007 für Deutschland, Begleitmaterial zur
Pressekonferenz am 15.01.2008, Frankfurt am Main 2008.
148
Teil 2
Die Finanzmärkte
Wandel, E. (1998): Banken und Versicherungen im 19. und 20. Jahrhundert. Enzyklopädie deutscher Geschichte, Band 45, München.
Welt.de (2009): Bankgeheimnis – Die überraschend kurze Liste der Steueroasen, online:
http://www.welt.de/wirtschaft/article3492843/Die-ueberraschend-kurze-Liste-der-Steueroasen.
html, Stand: 02.04.2009. Zugegriffen: 24. August 2009.
White, E. N. (1998): When the ticker ran late: The stock market boom and crash of 1929, in
White, E. N. (Hrsg.), Crashes and Panics – the lessons from history, New York, S. 143–188.
Wikipedia (2009): Deutsche Bankenkrise, online:
http://de.wikipedia.org/wiki/Deutsche_Bankenkrise, Stand: 05.07.2009. Zugegriffen: 24. August
2009.
Wiwo.de (2009): Riester-Rente lohnt sich meist erst ab 90, online:
http://www.wiwo.de/finanzen/riester-rente-lohnt-sich-meist-erst-ab-90-403989/, Stand: 25.07.
2009. Zugegriffen: 25. August 2009.
12 Volks- und Raiffeisenbanken als
Stabilitätsfaktor in Wirtschaftskrisen
12
Hierbei sind die Sparda-Banken sowie die anderen Genossenschaftsbanken ausdrücklich eingeschlossen. Der Verfasser dankt der Volksbank Breisgau-Nord e. G.,
insbesondere den Herren Markus Singler und Reinhard Allgeier, der Volksbank Paderborn-Höxter-Detmold e. G., der VR-Bank Uffenheim-Neustadt e. G., der SpardaBank Baden-Württemberg e. G. und Herrn Gerhard Hofmann vom Bundesverband
Deutscher Volks- und Raiffeisenbanken (BVR). Der Verfasser dankt Dipl.-Bw. Kerstin
Franzisi für die Hilfe bei der Recherche.
12.1
Finanzmarktregulierung, Bankensystem und Finanzkrisen
12.1.1 Finanzkrisen und Finanzmarktregulierung
Nach dem Juli 2007 und insbesondere im Herbst 2008 wurde deutlich, dass die Schieflage bzw. die Insolvenz einiger weniger großer Banken das gesamte weltweite Finanzsystem in den Abyss ziehen kann. Dabei kam die Krise keinesfalls überraschend. Die lateinamerikanische Schuldenkrise nach 1982, Folgekrisen einiger Staaten in Lateinamerika, die Asienkrise 1997 und der Kollaps des LTCM-Hedgefonds im Jahr 1998 sowie
auch die Entstehung und das Platzen der Internetblase von 1997 bis 2002 hätten Warnsignale sein können. Geht man weiter in der Geschichte zurück, gibt es, beginnend mit
der Tulpenkrise im Jahr 1636, Dutzende von Finanzkrisen, von denen die Weltwirtschaftskrise nach 1929 sicher die gravierendste ist. (vgl. Mackay, de la Vega et al. 2010) Dennoch kommen Finanzkrisen in den Lehrbüchern der Volkswirtschaftslehre nicht oder nur
am Rande vor.
149
© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2019
M. Otte, Die Finanzmärkte und die ökonomische Selbstbehauptung Europas,
https://doi.org/10.1007/978-3-658-23179-8_12
150
Teil 2
Die Finanzmärkte
„Economics“ von Samuelson und Nordhaus etwa, das bekannteste Lehrbuch der
Volkswirtschaftslehre, behandelt Finanzkrisen überhaupt nicht. Vgl. Samuelson, P.
und Nordhaus, W.: Economics, 19th Ed., Irwin 2009; ebenso Frank, R. R. und Bernanke,
B. S.: Principles of Macroeconomics, 3. Auflage, New York 2006.
Finanzmärkte bergen systemische Risiken. Banken arbeiten mit wesentlich geringeren
Eigenkapitalquoten als andere Unternehmen. Rutscht ein Institut in die Insolvenz, sehen
die Kunden dieser Bank mit großer Wahrscheinlichkeit ihre Einlagen nicht wieder. Die
Insolvenz kann sich in Form einer Kettenreaktion fortsetzen und andere Institute in die
Insolvenz ziehen. (vgl. Calomiris und Gorton 1991) Finanzinstitutionen gehören daher besonders strengen Regeln unterworfen, Regeln, die insbesondere die Kapitalausstattung, die
Transparenz der Rechnungslegung, die Art der Geschäfte und die Produkte betreffen
sollten. (vgl. Sinn 2004)
In diesem Aufsatz soll unter anderem gezeigt werden, dass die Organisationsform der
genossenschaftlich organisierten Bank in besonderer Weise den Anforderungen an ein
stabiles, nachhaltiges und wettbewerbsorientiertes Bankensystem entspricht. Es soll
gezeigt werden, dass etliche der Forderungen, die Aufsichtsbehörden umsetzen sollen,
bereits in der genossenschaftlichen Organisationsform verwirklicht sind. In vielen Fällen
wäre es daher nicht notwendig, „strengere Aufsicht“ walten zu lassen, sondern bessere
Organisations- und Governance-Formen und Satzungen einzuführen, für die der genossenschaftlich organisierte Banksektor als Beispiel dienen kann.
12.1.2 Prinzipien zur Gestaltung eines Bankensystems
Allgemeine Prinzipien
Sony Kapoor, ein ehemaliger Investmentbanker, der Lehman bereits lange vor der Krise
verließ, um sich mit der Reform des globalen Finanzwesens zu beschäftigen, fasst die
Prinzipien zur Gestaltung eines Bankensystems wie folgt zusammen: Fairness, Stabilität
und Nachhaltigkeit, Haftung, Transparenz, Wettbewerb, Diversität sowie Einfachheit.
(vgl. Kapoor 2009a) Hätte man diese Prinzipien konsequent umgesetzt, wäre es nicht zur
Finanzkrise in ihrer jetzigen Form und ihrem jetzigen Ausmaß gekommen. Gerechtigkeit
und Fairness würden zum Beispiel bedeuten, dass Banken nicht mehr die Gewinne ihrer
spekulativen Aktivitäten einstecken und die Verluste der Öffentlichkeit aufbürden können. Kosten und Risiken werden von den Verursachern getragen. Stabilität und Nachhaltigkeit würden unter anderem eine entsprechende Eigenkapitalausstattung und sehr
strenge Regeln für Produkte, deren Kosten erst in der Zukunft anfallen bzw. deren Risiken nicht klar erkennbar sind, beinhalten.
12
Volks- und Raiffeisenbanken als Stabilitätsfaktor in Wirtschaftskrisen
151
Beispiel – Regulierung der Geschäftsmodelle
Aus der Forderung nach Diversität ergibt sich die Forderung nach der Regulierung der
Geschäftsmodelle – weg vom Allfinanzgeschäft und hin zu spezielleren Instituten, wie
zum Beispiel Investmentbanken, klassische Kreditinstitute, Vermögensmanager und
Spezialinstitute. Eine aus Sicht des Autors höchst sinnvolle Maßnahme – die aber kaum
Chancen auf Erfolg hat – wäre das Verbot des Eigenhandels für Investmentbanken. Der
Eigenhandel birgt durch die großen bewegten Summen massive systemische Risiken. Im
Erfolgsfall kassieren Bank und Trader, im Misserfolgsfall zahlt die Öffentlichkeit. Dieses Marktsegment könnte in Zukunft komplett durch Hedgefonds abgedeckt werden. Der
Vorteil: Rechtlich eigenständige Hedgefonds müssen ihre Mittel erst einwerben und
haben damit zunächst nicht das Volumen wie der Eigenhandel großer Banken. Hier wäre
zusätzlich über eine maximale Größe nachzudenken und darüber, wie viele Hedgefonds
ein Manager betreuen darf.
Auch eine Regulierung der Größe und der Region, in der eine Bank tätig sein darf –
wie durch den Glass-Stegall-Act 1933 in den USA erfolgt – ist sinnvoll. Allzu große
Banken erhöhen das systemische Risiko massiv, allzu kleine Banken exponieren sich
vielleicht zu sehr bei spezifischen Risiken. (vgl. Kapoor 2009) Eine Lizenzierung und Kontingentierung von internationalen Tochtergesellschaften wäre sinnvoll, müsste allerdings
in einem internationalen Rahmen angegangen werden.
Einfachheit
Gelegentlich ist das Argument zu hören, dass es in kaum einem Sektor so viele Regulierungen gebe, wie im Bankensektor.
So zum Beispiel Karl-Peter Schackmann-Fallis, Vorstandsmitglied des Deutschen
Sparkassen-und Giroverbandes, auf dem Hermeskeiler Wirtschaftstag der Geschwister-Scholl-Schule in Hermeskeil am 08.06.2009.
Das Argument geht an der Sache vorbei: Die jetzigen Regeln sind komplex, intransparent und oftmals wachsweich. Sie begünstigen tendenziell die großen Akteure und die
Spekulation. Gute Regeln sind einfach und transparent, und setzen „harte“ Grenzen für
bestimmte Geschäfte und Aktivitäten. Sie jetzt einzuführen, würde sicher bedeuten, das
hypertrophe Finanzsystem wieder auf eine gesunde Größe zusammenzuschrumpfen.
Dazu würden im Prinzip drei Regelwerke ausreichen: 1. transparente und ausreichende
Eigenkapitalausstattung, 2. eine Regulierung der Geschäftsmodelle und der Regionen, in
denen eine Bank tätig ist und 3. einige Regeln für Produkte (zum Beispiel eine starke
Einschränkung der Verwendung von Derivaten bei Privatanlegern).
152
12.2
Teil 2
Die Finanzmärkte
Das Geschäftsmodell der Volks- und Raiffeisenbanken:
Historische Perspektive und Aktualität in der Krise
12.2.1 Historische Perspektiven
Kapoor fordert unter anderem die ausreichende Diversität des Bankensystems. (vgl. Kapoor 2009b) Ein stabiles und ausdifferenziertes Banken-Ökosystem, das aus Banken mit
unterschiedlichen und klar abgegrenzten Geschäftsmodellen besteht, ist krisenresistenter
als eine Bankenmonokultur. Wenn plötzlich viele Banken Investmentbanking betreiben
wollen oder strukturierte Produkte vertreiben, wenn Banken wie Versicherungen agieren
und Versicherungen wie Banken, dann ist die Diversität gefährdet.
Das deutsche Bankwesen von ca. 1870 bis 1990 und damit auch der wichtige Sektor
der genossenschaftlich organisierten Banken entsprachen in besonderem Ausmaß den
Forderungen nach Diversität und Stabilität. Internationale Autoren blickten bereits im
frühen 20. Jahrhundert mit Respekt, ja sogar Neid, auf dieses System. (vgl. Hauser 1983)
Der jüngeren Kritik aus dem angelsächsischen Raum, dass sich im deutschen Bankwesen
keine ausreichenden Eigenkapitalrenditen erzielen lassen, entzieht Hannes Rehm in
einem bemerkenswerten Artikel den Boden. Das deutsche Bankwesen liegt bei fast allen
Produktivitätskennziffern vorne, mit Ausnahme eben der Eigenkapitalrendite. Eine hohe
Eigenkapitalrendite ist aber gerade der Beweis für fehlenden Wettbewerb und oligopolistische Strukturen, wie sie zum Beispiel in den USA, England, Spanien und Italien dominieren. (vgl. Rehm 2008) Das deutsche Bankwesen kann im Gegenteil als ein vorbildlich
ausdifferenziertes System gesehen werden, welches seine Aufgabe – die Wirtschaft mit
Krediten zu versorgen und einen ausreichenden Wettbewerb zu gewährleisten – größtenteils sehr gut erfüllt.
Das auf den drei Säulen der Genossenschaftsbanken, der Sparkassen und der Privatbanken beruhende Finanzsystem entwickelte sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und hat in seinen Grundzügen bis heute Bestand. Ende 2007 zählte die Deutsche
Bundesbank 2277 Institute mit 38.840 Zweigstellen, darunter 446 Sparkassen und zwölf
Landesbanken, 1234 Kreditgenossenschaften und zwei genossenschaftliche Zentralinstitute sowie 260 Privatbanken, darunter fünf Großbanken. In diesem System bilden die
Sparkassen und die Genossenschaftsbanken die Basis.
Sparkassen: Noch vor den Genossenschaftsbanken und dem Beginn der industriellen
Revolution entstanden im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts die ersten Sparkassen. Der
Sparkassensektor ist bis heute noch vor den genossenschaftlich organisierten Banken
nach Kreditvolumen Marktführer in Deutschland. Im Jahr 1884 wurde der erste Sparkassenverband gegründet. Die erste Girozentrale entstand 1908 in Sachsen. Der bargeldlose
Zahlungsverkehr mit Lastschriften und Abbuchungen stellte im Verlauf des gesamten
20. Jahrhunderts einen großen Effizienzvorteil des deutschen Wirtschaftssystems gegenüber dem angelsächsischen System dar.
12
Volks- und Raiffeisenbanken als Stabilitätsfaktor in Wirtschaftskrisen
153
Genossenschaftsbanken: Die ersten Genossenschaften entstanden Anfang des 19. Jahrhunderts aus der Idee der Selbsthilfe unter freien Bürgern und Bauern. Während Hermann Schulze-Delitzsch sich dabei vor allem auf die Handwerker konzentrierte, lag der
Schwerpunkt der Bemühungen von Friedrich Wilhelm Raiffeisen bei den Bauern. Der
heute nicht mehr so bekannte Viktor Aimé Huber wollte auch Fabrikarbeiter in die genossenschaftliche Idee einbeziehen. 1850 gründete Hermann Schulze-Delitzsch in Leipzig mit dem „Vorschussverein“ die erste Kreditgenossenschaft. Bis zum preußischen
Genossenschaftsgesetz von 1867 hafteten die Mitglieder mit ihrem gesamten Vermögen
wie bei einer offenen Handelsgesellschaft, danach in Höhe der angesammelten Mitgliedsbeiträge. 1887 wurde auch ein Reichsgenossenschaftsgesetz beschlossen. Bereits
1864 wurde in Berlin die Deutsche Genossenschaftsbank als Zentralinstitut gegründet.
Nach 1870 drifteten die Handwerksgenossenschaften und die landwirtschaftlich orientierten Raiffeisen-Genossenschaften auseinander, näherten sich jedoch ab 1890 wieder
aneinander an. Vor dem Ersten Weltkrieg gab es in Deutschland rund 17.000 Kreditgenossenschaften, fast in jedem Dorf eine.
Diese auf Solidarität und bürgerlicher Selbstorganisation beruhende Finanzierungsstruktur für das Handwerk, Landwirtschaft und industriellen Mittelstand durch Kreditgenossenschaften (und Sparkassen) war eine der großen Stärken des deutschen Finanzsystems und ist es bis heute. Demgegenüber mutet das Bankwesen der Vereinigten Staaten
im 19. und teilweise auch im 20. Jahrhundert fast vorsintflutlich an: Vor Beginn der
Großen Depression gab es in den USA im Jahr 1929 noch 24.633 Banken, viele davon
nicht mehr als ein kleines Gebäude zur Ein und Auszahlung von Geld. (vgl. Historical Statistics of the United States (ed.) 1975) Überschüssiges Kapital wurde in die sogenannten Money
Center gesandt, wo es für große Handels- und Investmentbankingaktivitäten verwendet
wurde. Die regionale Kreditversorgung, wie sie in Deutschland gegeben war, war in den
USA unterentwickelt.
Privatbanken und Private Aktienbanken, Versicherungen, „Deutschland AG“: Der
hohe Kapitalbedarf der während der industriellen Revolution entstehenden Konzerne
wurde nach 1850, und insbesondere nach der Gründerzeit, die 1870 begann, zu einem
guten Teil durch langfristige Kredite von mit Kapital gut ausgestatteten Aktienbanken
bereitgestellt. Im Jahr 1870 entstanden die Deutsche Bank und die Commerzbank, 1872
die Vorläuferin der Dresdner Bank und bereits 1869 die Bayerische Vereinsbank. Ab
Ende des 19. Jahrhunderts entwickelten sich auch die Versicherungskonzerne zu wichtigen Kapitalsammelstellen für die Wirtschaft. Später übernahmen sie auch direkte Industriebeteiligungen. Im Jahr 1890 wurde die Allianz gegründet, die rasch zusammen mit
der Deutschen Bank im Zentrum der „Deutschland AG“ stand.
154
Teil 2
Die Finanzmärkte
12.2.2 Stabilitätsfördernde Elemente des Geschäftsmodells
der Volks- und Raiffeisenbanken
Einfaches und klares Geschäftsmodell
Das seit Berle und Means bekannte Principal-Agent-Problem in der institutionellen
Ökonomik legt nahe, dass Unternehmen mit klaren und einfachen Geschäftsmodellen
aufgrund geringerer Informationsasymmetrien geringere Agency-Probleme zu erwarten
haben als komplexe Organisationen. (vgl. Berle und Means 1932) (vgl. Grossman und Hart 1983)
Das Geschäftsmodell der Volks- und Raiffeisenbanken ist – wie das der Sparkassen –
denkbar klar und einfach. Die Volks- oder Raiffeisenbank nimmt im Wesentlichen Kundeneinlagen entgegen und vergibt Kredite an private und gewerbliche Kunden, die oft
durch Grundpfandrechte besichert sind. Daneben wird Geschäft der Spezialinstitute
vermittelt.
Auf der Aktivseite machen Forderungen an Kunden meist über 50 Prozent der Bilanzsumme aus, ein Großteil davon ist wiederum durch Grundpfandrechte gesichert. Die
Forderungen an Kreditinstitute betragen bei den untersuchten Instituten weniger als
20 Prozent der Bilanzsumme, die Investitionen in Schuldverschreibungen und andere
festverzinsliche Wertpapiere ca. 20 Prozent. Auf der Passivseite sind mehr als 60 Prozent originäres Geschäft – nämlich Geschäft mit den Firmen- und Privatkunden der
Bank. Eine solche „Erdung“ des Bankgeschäfts trägt wesentlich dazu bei, dass keine
komplexen Strukturen derivativer Finanzgeschäfte entstehen und dass die Funktion der
Genossenschaftsbanken eine „dienende für die Realwirtschaft“ ist. Dies ist nach Rehm
auch insgesamt für den Banksektor zu fordern. (vgl. Rehm 2009, S. 321)
Ausdifferenzierung im FinanzVerbund
Auch die Zentralinstitute im FinanzVerbund wie die DZ und WGZ-Bank, Union Investment, die R+V Versicherung, die VR Leasing und die Bausparkasse Schwäbisch Hall
entsprechen der Forderung eines ausdifferenzierten Banksystems – hier gibt es Institute
mit weitgehend klaren Mandaten, die von ihren Mitgliedern getragen werden. Eine derartige Differenzierung in überregionale und internationale Spezialinstitute und regionale
Kundeninstitute, die jeweils rechtlich selbstständig sind, entspricht in besonderem Maße
den Prinzipien nachhaltigen Handelns: Die regionalen Genossenschaftsbanken sind als
Hauptansprechpartner des Kunden Generalisten mit einem klaren Mandat, die Spezialinstitute haben ebenfalls klare Mandate. Beides hilft, bei größtmöglicher Transparenz
durch ebenfalls klare Mandate der Spezialinstitute eine umfassende Bedienung der Kundenwünsche zu ermöglichen. Verkaufskennzahlen zeigen in diesem Zusammenhang,
dass das Geschäft mit den Spezialinstituten zwar zur Wertschöpfung beiträgt, aber volumenmäßig bei unter 20 Prozent der Forderungen der Regionalinstitute an Kunden
bleibt (Übersicht von wichtigen Verkaufskennzahlen der Volksbank Breisgau Nord
e. G., 2002–2008, internes Dokument).
12
Volks- und Raiffeisenbanken als Stabilitätsfaktor in Wirtschaftskrisen
155
Zudem teilt es sich auf verschiedene Zentralinstitute auf. Damit ist das einzelne Institut nicht übermäßig von einem Spezialinstitut abhängig. Allerdings treten Spezialinstitute auch als Initiator von Produkten und Services auf, die sich nicht unbedingt mit der
ursprünglichen Idee der Genossenschaftsbanken in Einklang bringen lassen. So ist die
DZ Bank einer der großen Akteure im Derivategeschäft in Deutschland. Andere Spezialinstitute, wie zum Beispiel der Bereich Banken und Kreditversicherung der R+V Versicherung, weisen eine ausgesprochen antizyklische und damit auch gesamtwirtschaftlich
stabilisierende Geschäftspolitik auf (Gespräch mit Rudolf Servatius, Bereichsleiter Banken und Kredit, R+V Versicherungen, in Köln am 18.01.2010).
Regionalprinzip
Die genossenschaftliche Organisationsform hat dazu beigetragen, die Auswirkungen der
Krise in Deutschland zu minimieren. Sie entspricht in besonderem Ausmaß den Anforderungen an ein Bankensystem: Durch das Regionalprinzip können Risiken in der Kreditvergabe besser erkannt werden als bei großflächig aktiven Instituten. Neben den „harten“ Faktoren können so auch „weiche“ Faktoren besser eingeschätzt werden. Zudem ist
der Faktor „Reputation“ in einem regionalen Kontext als disziplinierender Faktor wesentlich wirksamer als auf anonymen internationalen Kapitalmärkten. (vgl. Cabral 2005) (vgl.
Kreps und Wilson 1982)
Es ist an der Zeit, den von Rudolf Hilferding eingeführten Begriff des „Internationalen Finanzkapitals“ nüchtern und ohne ideologische Scheuklappen auf seine Nützlichkeit
zu untersuchen. (vgl. Hilferding 1910) Letztlich soll der Begriff verdeutlichen, dass es zwischen international mobilen Produktionsfaktoren – und das sind Kapital und ggf. auch
Manager – und regional gebundenen Faktoren – mittelständischen Unternehmern, regional ausgerichteten Banken, Kommunen und Arbeitnehmern – Interessenkonflikte geben
kann. Natürlich werden international agierende Finanzfonds und Banken anders agieren
als regional verankerte Unter- nehmen, selbst wenn die letztgenannten massiv exportieren sollten.
Die jüngste Vergangenheit hat deutlich gezeigt, dass internationale Kapitalströme
weit über den Rahmen des ökonomisch sinnvollen Ausmaßes auftreten und zu gesamtwirtschaftlichen Blasen führen können. Platzen diese Blasen, fließt Kapital panikartig
ab. Beispiele sind die lateinamerikanische Schuldenkrise nach 1982, die Asienkrise
1997, die lateinamerikanischen Krisen der 90er aber auch die Subprime-Krise, die ohne
den massiven Zustrom internationalen Kapitals in die USA nicht hätte erfolgen können.
Derartige, durch das Finanzsystem selbst erzeugte Instabilitäten verringern die Planungssicherheit. Während Finanzakteure durch die hohe Volatilität an den Weltfinanzmärkten
in Summe gut verdienen können, ist diese für produzierende Unternehmen schädlich.
Nach der Weltwirtschaftskrise hatte der marktwirtschaftlich orientierte Teil der Welt
sich im System von Bretton Woods Regeln gegeben, die unter anderem feste, aber anpassungsfähige Wechselkurse, Regeln für den Kapitalverkehr und staatliche Interventionen bei starken außerwirtschaftlichen Ungleichgewichten beinhalteten. Diese Regeln
waren eine direkte Konsequenz aus der Weltwirtschaftskrise nach 1929. Sie wurden
156
Teil 2
Die Finanzmärkte
nach 1971, als US-Präsident Nixon die Konvertibilität des US-Dollars in Gold aufhob,
im Zuge der Liberalisierung sukzessive abgeschafft. Angesichts des Fehlens verbindlicher internationaler Regelungen wirkt es sich stabilisierend auf die deutsche und auch
die internationale Wirtschaft aus, dass Deutschland als drittgrößte Sparnation der Welt in
den Volks- und Raiffeisen-, Genossenschafts- und Sparda-Banken – sowie auch in den
Sparkassen – eine regional verankerte Bankenlandschaft besitzt. Diese Stärke des deutschen Bankwesens ist immer wieder Angriffen der internationalen Finanzlobby ausgesetzt, die zunächst die Gewährträgerhaftung der Sparkassen und Landesbanken aufhob.
Nun sind aber (völlig marktkonform) sogar die aus eigenen Mitteln finanzierten Sicherungseinrichtungen des genossenschaftlich organisierten Banksektors unter Druck seitens der internationalen Finanzlobby. Hier ist höchste Wachsamkeit geboten. Es besteht
ein Interessengegensatz zwischen genossenschaftlich, regional und realwirtschaftlich
verankerten Finanzinstituten und internationalen Finanzakteuren, und es ist an der Zeit,
dass die Genossenschaftsbanken diesen Interessengegensatz ernst nehmen und sich deutlicher gegen entsprechende Lobbyversuche wehren.
Governance: Genossenschaftliche Organisationsform
Die genossenschaftliche Organisationsform sorgt für eine eingeschränkte Fungibilität der
Anteile sowie dafür, dass ein einzelner Anteilseigner nie einen maßgeblichen Stimmanteil erringen kann. Dies wird in der „modernen“ ökonomischen Literatur oftmals als
Nachteil gesehen, da es keinen aktiven Markt für Unternehmensübernahmen gebe, der
ansonsten für Effizienz sorge. (vgl. Jensen und Ruback 1983; Jensen 1986) Allerdings werden die
kritischen Stimmen am „Shareholder Value“ und den positiven Wirkungen des Marktes
für „Corporate Control“ lauter. Etliche Studien belegen, dass über zwei Drittel aller
Fusionen wertvernichtend wirken. (vgl. Grubb und Lamb 2004) Sogar der Ex-CEO von General Electric, Jack Welch, der „Shareholder Value“ populär gemacht hat, sieht die einseitige Shareholder-Value-Orientierung als Fehler an. (vgl. o. V. 2009a) Sie führt oftmals zu
Kurzfristdenken und einer übermäßigen Finanzmarktorientierung auf Kosten von Kunden und der Entwicklung neuer Produkte.
Insofern gibt die genossenschaftliche Organisationsform den einzelnen Instituten die
Chance, sich auf ihr Kerngeschäft zu konzentrieren. Sie bietet einen Schutz vor Managementmethoden und -moden, die in den letzten Jahrzehnten über die Unternehmenswelt gezogen sind. Dass dabei der Faktor Effizienz nicht zu kurz kommt, zeigen die
massiven Effizienzgewinne des genossenschaftlich orientierten Sektors in den letzten
beiden Jahrzehnten. Beispielhaft hierfür sind die operativen Kennzahlen der SpardaBank Baden-Württemberg e. G., die sich auch in der Krise weiter verbessert haben.
Auch der „Markt für Unternehmensübernahmen“ funktionierte intern: Eine Vielzahl von
kleineren Instituten wurde in den letzten Jahrzehnten fusioniert, sodass die Bereinigung
der deutschen Banklandschaft viel weiter fortgeschritten ist, als dies von internationaler
Seite zugegeben wird. (vgl. Rehm 2008, S. 137)
12
Volks- und Raiffeisenbanken als Stabilitätsfaktor in Wirtschaftskrisen
157
Haftung: Eigenkapital und Sicherungseinrichtungen
Mit mindestens 4 bis 5 Prozent „echtem“ Eigenkapital sowie weiteren Rückstellungen –
der Verfasser zieht hier bewusst die einfachen Eigenkapitalquoten und nicht die BaselII-Definitionen zu Rate – sind die meisten Genossenschaftsbanken angesichts des klaren
Geschäftsmodells angemessen kapitalisiert, solange sie ein gutes Risikocontrolling betreiben. Mit den durch eigene Umlagen finanzierten Sicherungseinrichtungen entsprechen die Genossenschaftsbanken in besonderem Maße dem Prinzip der Haftung (im
Verbund) für eigene ökonomische Fehleinschätzungen.
12.3
Die Volks- und Raiffeisenbanken und die Finanzkrise
Bei den von mir stichprobenartig untersuchten Instituten – der Volksbank Breisgau
Nord, der VR-Bank Uffenheim-Neustadt, der Volksbank Paderborn-Höxter-Detmold
und der Sparda-Bank Baden-Württemberg e. G. – halten sich die negativen Auswirkungen der Finanzkrise 2008/2009 im Rahmen. Die entsprechenden Institute betreiben ihr
Geschäft weitgehend unverändert und üben somit einen stabilisierenden Einfluss auf die
Wirtschaft aus. So kann der folgende Abschnitt auch relativ kurzgehalten werden.
In einigen der Institute stieg das Kreditvolumen, in anderen sank es leicht. Es kann
davon ausgegangen werden, dass zusätzliche Kredite vergeben wurden, zumal die Investitionsnachfrage 2008 dramatisch einbrach. Bei einem der untersuchten Institute ist im
Jahr 2008 bei einem um 0,3 Prozent abnehmenden Kundenvolumen ein Anstieg des
Jahresüberschusses von 10 Prozent zu verzeichnen.
Die untersuchten Volks- und Raiffeisenbanken haben durchweg aufgrund der Finanzkrise Mittelzuflüsse aus Kundeneinlagen zu verzeichnen. Einzelne, bilanziell besonders
gut dastehende Institute nutzten auch die extrem subventionierten Refinanzierungsmöglichkeiten über die Europäische Zentralbank, um Mittel aufzunehmen und diese im
Geldmarkt oder Markt für Schuldverschreibungen zu investieren.
Die entsprechenden staatlichen Subventionen durch die Niedrigzinspolitik der Notenbanken werden vor allem bei den Instituten benötigt, die vor der Finanzkrise unseriös
gewirtschaftet haben. Die genossenschaftlich orientierten Banken haben im Rahmen der
Finanzkrise sowieso einen hohen Zufluss von Spar- und Sichteinlagen zu verarbeiten
und nutzen staatliche Subventionen nach Kenntnis dieses Verfassers vor allem zu Mitnahmeeffekten. Letztlich zeigt sich hier exemplarisch, dass die monetären Rettungsaktionen der Notenbanken zu Kapitalfehlallokationen führen können: VR-Banken nutzen die
zusätzliche Liquidität für Finanzmarktgeschäfte, während sie ihr reguläres Kreditgeschäft bereits mit Eigenmitteln abdecken können.
158
12.4
Teil 2
Die Finanzmärkte
Herausforderungen und Chancen
12.4.1 Basel II – Leverage Ratio
Die Hinterlegung von Bankaktiva durch risikogewichtetes Eigenkapital nach Basel II hat
letztlich die Finanzkrise nicht verhindert. Das Regelwerk sowie die Zulassung von Kapitalsurrogaten erhöhen die Komplexität der Regulierung sowie die Intransparenz. Das
Regelwerk von Basel II hat letztlich eine Verringerung der Eigenkapitaldecke zur Folge.
Es belastet kleine und mittelständische Unternehmen (KMU) mit zusätzlichem Aufwand.
Der Baseler Ausschuss entwickelt Konzepte zur Erhöhung der Qualität des Kernkapitals. Sogar eine feste „Leverage Ratio“ für Banken wird angedacht. Der BVR lehnt die
letztere Überlegung ab, da sich eine „Leverage Ratio“ auch in den USA nicht bewährt
habe. (vgl. Dieterich 2009) Auch der Bundesverband deutscher Banken lehnt die Einführung
einer „Leverage Ratio“ strikt ab. (vgl. o. V. 2009b)
Dies ist aus Sicht der Regionalinstitute des genossenschaftlichen Sektors und des
Sparkassensektors schwer nachzuvollziehen. Das Haupt- und Tagesgeschäft beider Unternehmensgruppen würde von einer solchen Leverage Ratio, die vor allem bei den internationalen kapitalmarktorientierten Instituten greifen würde, nicht tangiert. Die Leverage Ratio würde gerade den spekulativen Sektor beschneiden und das Kreditgeschäft
weitgehend unbeeinträchtigt lassen. Lediglich die Zentralinstitute könnten sich hier
Beschränkungen ausgesetzt sehen.
Für den genossenschaftlich orientierten Banksektor (wie auch für die Sparkassen) wäre es von Vorteil, wenn einfache und klare Kapitalregeln gelten würden. Ansonsten steht
zu befürchten, dass die für die Realwirtschaft oftmals schädlichen Geschäfte der kapitalmarktorientierten internationalen Akteure weitestgehend ungebremst weiter stattfinden werden.
12.4.2 Rating – kapitalistische Planwirtschaft?
Mit der massiven Verbriefung von Krediten hat sich das weltweite Finanzsystem in
Richtung einer möglichst weitgehenden Disintermediation und Anonymisierung des
Kreditgeschäfts bewegt. Die Hoffnungen, die dabei in das Rating von Produkten und die
„Objektivierung“ der Kreditvergabe gesteckt wurden, haben sich bei den großen internationalen Kapitalmarktakteuren nicht erfüllt. Im Gegenteil: Die Finanzkrise wurde auch
ermöglicht durch eine wirklichkeitsfremde „kapitalistische Planwirtschaft“, bei der sich
alle Akteure nach den zentral festgelegten Ratingnoten eines privaten angelsächsischen
Kartells richteten, in welchem zudem massive Interessenkonflikte die Objektivität der
Akteure beeinträchtigten. Auch nach der Finanzkrise ist ein weitgehendes Festhalten am
System der zentralen Ratingagenturen zu konstatieren.
Das Regionalprinzip der Genossenschaftsbanken sowie das deutsche Hausbankensystem ist dem ursprünglichen Gedanken des Ratings diametral entgegengesetzt, wenn im
12
Volks- und Raiffeisenbanken als Stabilitätsfaktor in Wirtschaftskrisen
159
Hinblick auf Transparenz, Governance und Kompetenz vor Ort sicher auch Kritik möglich ist. Mit dem bankintern vom BVR entwickelten Ratingsystem ist für die Genossenschaftsbanken und Zentralinstitute ein praktikables Modell entwickelt worden, welches
in vielen mittelständischen Unternehmen der deutschen Wirtschaft – auch bei kleineren
Mittelständlern – erfolgreich Anwendung findet. So analysiert alleine der Bereich Banken und Kredit der R+V Versicherung jährlich an die 10.000 Bilanzen. Hier könnte auch
ein effektives Gegengewicht zu den angelsächsischen Ratingagenturen entstehen.
12.4.3 Basel II: Prozyklizität sowie IFRS
In der Finanzkrise wurde deutlich, dass die Regelungen von Basel II prozyklisch wirken.
In der Krise steigen die Risikozuschläge, in guten Zeiten sinken sie. Eine solche Prozyklizität nutzt dem internationalen Finanzkapital und schadet der Realwirtschaft. Volatilität
nutzt zunächst einmal spekulativ und flexibel agierenden Finanzmarktakteuren und
schafft realwirtschaftliche Kosten in Form von Kalkulationsunsicherheit und Verwerfungen. Hier ist dringend – auf deutscher, europäischer und internationaler Ebene – eine
Reform anzumahnen.
Ähnliches gilt für die IFRS, die oftmals die Transparenz erschweren und ebenfalls
prozyklische Elemente enthalten. Bieg hat die schädlichen Auswirkungen der Fair Value
Bilanzierung dargelegt und eine Initiative gegen Fair Value gestartet. (vgl. o. V. 2008a)
Peemöller kommt zu dem Schluss, „dass die Übernahme der IFRS für kleine und mittlere Unternehmen nicht unproblematisch ist.“ (vgl. Peemöller und Schmalz 2007, S. 220) Ebenfalls
fordert er, dass die berechtigte Kritik nicht dazu führen dürfe, sich nicht mit IFRS zu
beschäftigen und diese Belange alleine in die Hände der Berater und Prüfer zu legen.
(vgl. Peemöller und Schmalz 2007, S. 221) Noch bilanzieren die Regionalgesellschaften nach
dem HGB. Dies ist nach Ansicht des Verfassers mit allen Mitteln zu verteidigen. Auch
für die Zentralinstitute wäre eine Rückkehr zum HGB nach Ansicht dieses Verfassers zu
fordern.
12.4.4 Zentralinstitute und Shared Services
Zwischen Zentral- und Regionalinstituten besteht ein komplexes Verhältnis, das nicht
immer ganz frei von produktiven Spannungen ist. Ein Teil der Kontroverse bezieht sich
auf die Gestaltung der internen Verrechnungssätze. Zentralinstitute erbringen vielerlei
Produkte und Dienstleistungen, welche von den Regionalinstituten vertrieben werden:
Lebensversicherungen, Leasingverträge, Bausparverträge, Fondsanlagen.
Allerdings kann sich das zentrale Angebot auch seine eigene Nachfrage schaffen, wie
vermutlich im Bereich der deutschen Sonderkonjunktur bei den Zertifikaten, die es so –
außer in Österreich – in keinem Land der Welt gibt. Vergleichsweise wenig restriktive
Regulierungen bei dem Vertrieb von Zertifikaten an Privatanleger und massive Erspar-
160
Teil 2
Die Finanzmärkte
nisse der deutschen Privathaushalte führten in Deutschland zu einer Zertifikateflut, wobei viele Papiere oftmals missbräuchlich, gegen den Kundenwillen und zum Schaden des
Kunden platziert wurden. Hier ist darauf zu achten, dass Zentralinstitute wie die DZ
Bank nicht über das Ziel hinausschießen und sich in Marktsegmenten engagieren, die
mit dem ursprünglichen Ziel der Förderung der Mitglieder nichts mehr zu tun haben. (vgl.
o. V. 2008b)
12.4.5 Veränderungen im Markt: Asset Management, Honorarberatung
In der alternden Nettosparnation Deutschland sind Asset Management und Vermögensverwaltung für Privatkunden mittlerweile zu einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor innerhalb der Finanzbranche geworden. So stieg das Geldvermögen der privaten Haushalte
in Deutschland von 3,6 Billionen Euro im Jahr 2000 auf 4,6 Billionen im Jahr 2007. (vgl.
Seibert 2008) Das Fondsvermögen stieg von 2000 bis zum ersten Halbjahr 2008 von 450
auf 700 Millionen Euro. (vgl. Seibert 2008, S. 35) Die Zahl der Kunden der Finanzvertriebe
stieg von 760.000 im Jahr 2004 auf 930.000 im Jahr 2007. (vgl. Seibert 2008, S. 37) Der
Anteil der Einkommensgruppe „200 Prozent des Median und mehr“ stieg um fast
75 Prozent, von 5,3 Prozent im Jahr 1986 auf 9,2 Prozent im Jahr 2006 an. (vgl. Seibert
2008, S. 45) Im Bereich Asset Management ist in Deutschland weiter massives Wachstumspotenzial vorhanden.
Deutsche Privatanleger sind allerdings aufgrund ihrer Erfahrungen mit der „New
Economy“ und der Zertifikatekonjunktur von 2002 bis 2007 zu Recht skeptisch in Bezug
auf die Beratungsleistungen ihrer Banken. Hier gilt es auch für die Genossenschaftsbanken, verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen.
Ein Zukunftstrend ist hierbei die Honorarberatung. Neben der kleinen Quirin-Bank,
die dieses Thema in Deutschland eingeführt hat, wollen sie auch die Online-Broker
Consors und comdirect Honorarberatung anbieten. (vgl. Bastian 2009) Aus Sicht des Verfassers sind Asset Management und Honorarberatung Themen, die einer Grundsatzdiskussion und Neuorientierung im FinanzVerbund bedürfen. Waren zur Zeit der Gründung der
Genossenschaftsbanken bis in die 1990er Jahre des letzten Jahrtausends die Kreditvergabe und einfache Vorsorgeprodukte das Basisgeschäft der Regionalbank, muss heute auch
die kompetente Vermögensberatung hinzukommen. Dies geht aber nur über die fachliche Höherqualifizierung von Bankberatern, die eben nicht nur Vertriebsarme der Zentralinstitute sein dürfen, sondern anbieterunabhängig beraten sollten. Stehen die Interessen
des Mitglieds der Genossenschaftsbank im Zentrum, muss also auch das Verhältnis
insbesondere der Zentralinstitute Union Investment und DZ Bank zu den Regionalbanken überdacht werden.
12
Volks- und Raiffeisenbanken als Stabilitätsfaktor in Wirtschaftskrisen
161
12.4.6 Mitgliedschaftsmodell als Zukunftschance
In einer Welt zunehmender Informationsbeschleunigung und oftmals auch gezielter
Desinformation werden Authentizität und Glaubwürdigkeit zu entscheidenden Stärken
im Markt. (vgl. Otte 2009) Kundenbindungsprogramme und Kundenclubs sind seit den
1990er Jahren des vergangenen Jahrhunderts zu einem sich rasch entwickelnden Instrument des Marketings und der Produktpolitik geworden. (vgl. Butscher 1998) Der genossenschaftliche Sektor verfügt über 30 Millionen Kunden, davon 16,2 Millionen Mitglieder.
(vgl. DZ Bank Gruppe (Hrsg.) 2009) Das einzigartige Potenzial dieser Basis ist bislang nur
ansatzweise genutzt. (vgl. Hammerschmidt 2003) Neben der gesellschaftsrechtlichen Mitgliedschaft lassen sich erweiterte Mitgliedschaftsmodelle – zum Beispiel in der Honorarberatung wie bereits von Quirin praktiziert – konzipieren, die den Regionalinstituten
massives Wachstumspotenzial und stabile, abonnementartige Einnahmen erschließen
würden. Voraussetzung ist eine Produktpolitik, die den Privatkunden – vor allem im
Asset Management – wieder in den Mittelpunkt stellt.
12.5
Schlussbemerkung
Der genossenschaftlich organisierte Banksektor hat sich als krisenresistent erwiesen.
Organisation und Governance sowie die Geschäftsmodelle in diesem Sektor könnten
auch international Anregungen für die Gestaltung von Banksystemen bieten. Die derzeitigen regulatorischen Bemühungen gehen allerdings auch nach der Krise eher in Richtung zentraler, komplexer und oftmals intransparenter Regelwerke als in Richtung eines
selbstorganisierten eigenverantwortlichen Systems mit klaren Geschäftsmodellen. Es ist
damit zu rechnen, dass der genossenschaftlich organisierte Sektor weiterhin massiver
Kritik und existenzbedrohenden Angriffen durch internationale Großbanken, kapitalmarktorientierte Akteure und ihrer Lobby ausgesetzt sein wird. Es wird massiver Anstrengungen bedürfen, die Existenz dieses deutschen (bzw. österreichischen und schweizerischen) Erfolgsmodells langfristig gegen das internationale Finanzkapital und die
Interessen der großen internationalen Finanzakteure zu sichern.
Ursprünglich erschienen in Zeitschrift für das Genossenschaftswesen (Heft 2),bei
Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, 2010.
162
12.6
Teil 2
Die Finanzmärkte
Literatur
Bastian, N. (2009): Direktbanken testen Honorarberatung, Handelsblatt, 24.07.2009, online:
https://www.handelsblatt.com/finanzen/banken-versicherungen/comdirect-und-cortal-consorsdirektbanken-testen-honorarberatung/3226038.html?ticket=ST-1253615pgejsecVs5bkZQdAwr4R-ap2
Berle, A. und Means G. (1932): The Modern Corporation and Private Property. New York.
Butscher, S. (1998): Handbuch Kundenbindungsprogramme und Kundenclubs. Ettlingen.
Cabral, L. M. B. (2005): The Economics of Reputation – a Primer, New York 2005, online:
https://pdfs.semanticscholar.org/24e5/2f3bd22d4bfa86902e5ae07d57039480004f.pdf
Calomiris, C. W. und Gorton, G. (1991): The Origins of Banking Panics: Models, Facts, and Bank
Regulation, NBER Chapters, in: Financial Markets and Financial Crises, S. 109–174.
Cambridge, MA.
Dieterich, T. (2009): Baseler Pläne zu Kernkapitaldefinition und Leverage Ratio ernten Lob und
Kritik, 08.09.2009, online bei Risikomanagement und Finanzmarktregulierung im Medienfokus
unter: http://rmrg.de/?p=1091.
DZ Bank Gruppe (Hrsg.) (2009): Zusammen geht mehr, Unternehmenspräsentation. Frankfurt am
Main.
Grossman, S. und Hart, O. (1983): An Analysis of the Principal Agent Problem, in: Econometrica
Bd. 51, Nr. 1, S. 7–46.
Grubb, T. M. und Lamb, R. B. (2004): Capitalize on Merger Chaos, New York 2002; Heskett, J.:
Should We Brace Ourselves for Another Era of M&A Value Destruction?, in: Harvard Business School Working Knowledge, 04.04.2004.
Hammerschmidt, M. (2003): Kundenbindung durch Mitgliedschaft in Genossenschaftsbanken –
Identitätsorientierung als strategischer Erfolgsfaktor, S. 103 ff. Aachen.
Hauser, H. (1983): Germany’s Commercial Grip on the World. Her Business Methods Explained.
New York; Nachdruck von: Les methodes allemandes d’expansion economique. New York
1918.
Hilferding, R. (1910): Das Finanzkapital. Eine Studie über die jüngste Entwicklung des Kapitalismus, Wien.
Historical Statistics of the United States (ed.) (1975): Colonial Times to 1970, S. 912. Washington.
Jensen, M. C. und Ruback, R. S. (1983): The market for corporate control: The scientific evidence,
in: Journal of Financial Economics vol. 11, S. 5–50.
Jensen, M. C. (1986): Agency Costs of Free Cash Flows, Corporate Finance, and Takeovers, in:
The American Economic Review vol. 76, S. 323–329
Kapoor, S. (2009a): A simpler, smaller, safer, more diverse and more stable banking system is
what we need!
http://re-define.org/sites/default/files/What%20should%20the%20banking%20system%20look
%20like(2).pdf
Kapoor, S. (2009b): Too complex to regulate. online unter:
https://www.epi.org/publication/too_complex_to_regulate/
Kreps, D. M. und Wilson, R. (1982): Economics and Imperfect Information, in: Journal of Economic Theory 27, S. 253–279.
Mackay, C. und de la Vega, J. et al. (2010): Gier und Wahnsinn – Warum der Crash immer wiederkommt. München.
Otte, M. (2009): Der Informationscrash – wie wir systematisch für dumm verkauft werden. Berlin.
o. V. (2008a): Bewertung: Initiative gegen die Fair Value Konzeption, in: Finanzbetrieb, 12/2008,
S. 804.
12
Volks- und Raiffeisenbanken als Stabilitätsfaktor in Wirtschaftskrisen
163
o. V. (2008b): Die Gier war grenzenlos – eine deutsche Börsenhändlerin packt aus, Berlin 2009;
Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (Hrsg.): Schwarzbuch Börse 2007, München.
o. V. (2009a): Welch denounces corporate obsessions, in: Financial Times, 12.03.2009.
o. V. (2009b): BdB lehnt Einführung einer Leverage Ratio weiterhin strikt ab.
http://www.dowjones.de/site/2009/12/bdb-lehnt-einführung-einer-leverage-ratio-weiterhinstrikt-ab.html. Zugegriffen: 17. Dezember 2009
Peemöller, V. H. und Schmalz, H. (2007): IFRS für kleine und mittlere Unternehmen sowie Genossenschaften, in: ZfgG Bd. 57, S. 204–221, hier S. 220.
Rehm, H. (2008): Das Deutsche Bankensystem – Befund – Probleme – Perspektiven (Teile I und
II), in: KREDIT und KAPITAL, 41. Jg., Teil I: Heft 2, S. 135–159, Teil II: Heft 3, S. 305–331,
insb. 153.
Seibert, A. (2008): Erstellung eines strategischen Unternehmensplans im Rahmen des Ersterlaubnisantrages zur Zulassung als Finanzdienstleister bei der BaFin. Wissenschaftliche projektbezogene Arbeit zur Erlangung des Grades des Diplom Betriebswirts (FH) an der Fachhochschule
Worms. Worms (unveröffentlichtes Manuskript).
Sinn, H. W. (2004): Lemon Banks and Bank Regulation, in: Perspektiven der Wirtschaftspolitik 5,
S. 23–38, hier S. 33–34.
13 Negativzinsen: Der Marsch in den Kontrollstaat
13
Seit Mitte 2014 erhebt die Europäische Zentralbank Negativzinsen für Bankeinlagen.
Mit etwas Verspätung ist diese Entwicklung auch bei den Sparern angekommen. Ende
Oktober 2014 forderte die Skatbank als erste Bank Strafzinsen auch für Private – zumindest bei größeren Kundeneinlagen.
Die Geldflut der Notenbanken, die seit 2008, eigentlich aber seit dem Oktober-Crash
von 1987, immer stärker geworden ist, ist eine der wenigen wirtschaftspolitischen Maßnahmen, die den westlichen Industrienationen noch zur Verfügung stehen. Die Steuerpolitik kennt zum Beispiel im Rahmen eines globalen Steuerwettbewerbs nur noch eine
Richtung – die des Steuerdumpings; regionale oder sogar europäische Industrie- und
Ordnungspolitik ist durch Wettbewerbsklagen im Ansatz verhindert. Es bleibt das Instrument der Geldschwemme.
Das primäre Ziel der niedrigen Zinsen war eine erhöhte Investitionstätigkeit. Manch
ein politischer Entscheidungsträger mag zudem die deutlich niedrigeren Finanzierungskosten für die weiter wachsenden Staatsschulden nicht ungern gesehen haben. Im Jahr 6
der Geldflut muss festgestellt werden, dass eine Erhöhung der Anlageinvestitionen in
den Industriestaaten weitgehend ausgeblieben ist, dass also das unbeschränkt verfügbare
Instrument des billigen Geldes einen Großteil der gewünschten Effekte nicht erzielt hat.
Als ich in den 1980er Jahren Volkswirtschaftslehre studierte, war es noch üblich, die
potenzielle Wirkung wirtschaftspolitischer Maßnahmen in ihrer gesamten Breite abzuschätzen, bevor man in die tief ergehende theoretische und empirische Analyse einzelner
Fragen einstieg. Heute ist der Weg oft der umgekehrte, und die kritische Würdigung der
Gesamtsituation bleibt auf der Strecke. Genau eine solche kritische Würdigung soll hier
in Bezug auf die Geldflut und die Negativzinsen versucht werden.
165
© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2019
M. Otte, Die Finanzmärkte und die ökonomische Selbstbehauptung Europas,
https://doi.org/10.1007/978-3-658-23179-8_13
166
Teil 2
Die Finanzmärkte
Dazu ist es hilfreich, die Effekte des billigen Geldes (Negativzinsen für Geschäftsbanken und Privatkunden sind nur der konsequente Endpunkt dieser Geldflut) anhand
ihrer jeweiligen konjunktur-, verteilungs- und allokationspolitischen Effekte sowie der
ordnungspolitischen Auswirkungen auf die Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung zu
gliedern.
1. Konjunkturelle Auswirkungen: Es war sicherlich beabsichtigt, durch niedrige Zinsen
die Konjunktur in Form von Investitionen und Konsum zu stimulieren. Nach mehr als
einem halben Jahrzehnt Niedrigzinsen lässt sich konstatieren, dass zwar der Totalabsturz
der Weltwirtschaft in den Jahren 2008 bis 2009 vermieden wurde, konjunkturelle Impulse aber vor allem durch Konsum und weniger durch Investitionen gesetzt wurden. In den
Industrienationen bestimmen eher Desinvestitionen das Bild, beim Bankensektor findet
Deleveraging statt, was beides negative konjunkturelle Impulse setzt.
2. Verteilungspolitische Auswirkungen: Die Niedrigzinsen bzw. die Strafzinsen haben
eine Vielzahl von verteilungspolitischen Effekten, auf den Ebenen Sparer und Investor,
Gläubiger und Schuldner sowie Private und Profis bewirkt.
2.1 Sparer und Investor: Es versteht sich von selbst, dass klassische Sparer die Verlierer der Strafzinsen sind. Bei 1,9 Billionen Euro Sparvermögen der Deutschen und
0,2 Prozent Strafzinsen betrüge der jährliche Verlust der deutschen Sparerinnen und
Sparer ca. 3,8 Milliarden Euro. Private Investoren, die ihr Vermögen vor allem in Aktien und Immobilien halten, werden hingegen durch die niedrigen Zinsen tendenziell
begünstigt. Auch Lebensversicherer sind hier als „Sparer“ zu sehen, da das Vermögen
zum größten Teil in Anleihen gebunden ist. Es ist ein pikantes Detail, dass die Sparer
vor allem in Deutschland, Mitteleuropa, Japan und China sitzen, während in den
USA, England und anderen Ländern Private über deutlich weniger Sparvermögen
verfügen und stattdessen in Fondssparpläne investieren.
2.2 Gläubiger und Schuldner: Dass das Niedrig- oder Negativzinsniveau tendenziell
Schuldner begünstigt und Gläubiger bestraft, ist offensichtlich. Da die Staaten fast
überall die größten Schuldner sind und diese Schulden von privaten gehalten werden,
wird natürlich auch vom privaten auf den öffentlichen Sektor umverteilt.
2.3 Private und Profis: Allerdings sind auch höchst unterschiedliche Entwicklungen
bei Privaten und Profis zu beobachten. Die Märkte entfernen sich immer weiter von
relativ transparenten, einheitlichen Zinsniveaus. Als klassische Sparer oder Anleger
werden Private und Profis gleichbehandelt. Für Gläubiger werden die Unterschiede
immer größer. Konsumentenkredite weisen ein höchst unterschiedliches Zinsspektrum auf. Kleinere mittelständische Unternehmen und Handwerker zahlen relativ hohe
Risikoaufschläge – wenn sie überhaupt Kredite erhalten. Größere, kapitalmarktfähige
Unternehmen kommen in den Genuss der Niedrigzinsen. Es entsteht also das Paradox, dass gerade die Unternehmen, die am ehesten auf niedrige Zinsen angewiesen
13
Negativzinsen: Der Marsch in den Kontrollstaat
167
sind, am wenigsten davon profitieren. Mittelstandspolitik sieht anders aus. Reiche und
Superreiche und ihre Family Offices kommen in den Genuss der Konditionen für Profis und können billig Immobilien kaufen oder sich an Private-Equity-Modellen beteiligen. Verteilungspolitik sieht anders aus.
In Summe begünstigt das Niedrigzinsumfeld sicher Entstehung und Vermehrung großer Vermögen und behindert eher die Vermögensbildung bei breiten Bevölkerungsschichten. Der öffentliche Sektor ist ebenfalls Gewinner dieser Politik.
3. Allokations-, sektor- und wachstumspolitische Auswirkungen: Verteilungs- und allokationspolitische Wirkungen überschneiden sich in vielerlei Hinsicht. Dennoch seien
hier einige sektorspezifische Wirkungen und ihre wachstumspolitischen Implikationen
skizziert, insbesondere in Bezug auf den staatlichen und den privaten Sektor, den klassischen Bankensektor und die Investmentbanken, Hedgefonds oder Private-Equity-Fonds
sowie solide finanzierten und hoch verschuldeten Unternehmen.
3.1 Staatlicher und privater Sektor: Niedrigzinsen begünstigen den staatlichen
Sektor als größten Schuldner. Etwas ist sicher dran an der Tatsache, dass exzessive
Staatsverschuldung das Wachstum hemmt, auch wenn den bekanntesten Befürwortern dieser These, Kenneth Rogoff und Carmen Reinhard (2010), Rechenfehler
nachgewiesen wurden. Insofern also Staatsverschuldung Wachstum hemmt, entsteht ein negativer Wachstumsimpuls. Geht man gleichzeitig davon aus, dass öffentliche Güter und Investitionen in einem bestimmten Umfang für das Wachstum
von Volkswirtschaften notwendig sind, so stehen bei zunehmendem Steuerwettbewerb an Ende immer weniger öffentliche Investitionen, und ein immer größerer
Teil des Staatshaushaltes fließt trotz niedriger Zinsen in den Schuldendienst.
3.2 Klassischer Bankensektor und Investmentbanken, Hedgefonds oder PrivateEquity-Gesellschaften: Zu den größten Verlierern der Niedrigzinspolitik gehören
die klassischen Banken. Sowohl auf ihr Kreditportfolio als auch auf ihre eigenen
Geldanlagen erhalten sie keine ausreichende Rendite mehr. In Deutschland konnte
das in den Sparkassen und genossenschaftlichen Sektoren bislang noch durch
Kursgewinne auf das Anleiheportfolio ausgeglichen werden. Dies ist nun bald vorbei – es bahnt sich eine potenzielle Krise bei Genossenschaftsbanken und Sparkassen an, den „guten“ Banken, welche die Finanzkrise nicht verursacht haben. Zudem wandern immer mehr Sparer in andere Anlageformen ab.
Investmentbanken, Private-Equity-Gesellschaften und Hedgefonds hingegen können von billigem Leverage profitieren und immer riskantere Geschäfte betreiben.
In den USA befinden sich kreditfinanzierte Aktienkäufe und auch Kreditverbriefungen – die nach 2008 gegen null gegangen waren – wieder auf Vorkrisenniveau.
Darin spiegelt sich auch ein internationaler Systemkonflikt zwischen bankenorientierten Wirtschaftssystemen (Deutschland, Mitteleuropa, Japan und China) sowie
börsenorientierten Wirtschaftssystemen (USA, England) wider. Die börsenorientierten Systeme sind in der Regel die Systeme mit weniger Risikoaversion. Ob dies
168
Teil 2
Die Finanzmärkte
allerdings wachstumspolitisch unbedingt von Vorteil ist, sei dahingestellt. Die
Wirtschaft Deutschlands war um 1900 mit einem klassischen, dezentralen, mittelstandsorientierten Wirtschaftssystem die innovativste und wachstumsstärkste große
Volkswirtschaft. Zu Zeiten der Sozialen Marktwirtschaft zwischen ungefähr 1949
und 1999 galt dies in etwas abgeschwächter Form weiter (vgl. Otte 2010).
Mittlerweile gibt es seitens europäischer Politiker (zum Beispiel Jean-Claude
Juncker) offene Aussagen, die „Fragmentierung des europäischen Bankensystems“
zu überwinden. Dies trifft überproportional Deutschland. Genossenschaftsbanken
und Sparkassen sind in vielerlei Hinsicht die Leidtragenden: Für regionale und
kleinere Kredite muss dieselbe Compliance betrieben werden wie für Großkredite,
was Mittelstandskredite zunehmend erschwert. Sparerinnen und Sparer erhalten
keine Erträge mehr; viele Banken sind in niedrig verzinsliche langfristige Anlagen
gegangen, um wenigstens noch etwas Rendite zu erhalten. Hier bahnt sich die
nächste Krise an.
3.3 Solide finanzierte und hoch verschuldete Unternehmen: Das Niedrigzinsumfeld
begünstigt Aktienrückkäufe gegen Kredit, was vor allem von US-amerikanischen
Unternehmen betrieben wird. Damit können diese Unternehmen ihre Bewertungen
in die Höhe treiben, ohne echte Investitionen zu tätigen oder Gewinnsteigerungen
zu erzielen. Dies wiederum erleichtert die Übernahme europäischer durch US-amerikanische Unternehmen. Das Niedrigzinsumfeld ist Teil einer tiefgreifenden
Transformation Europas von einem bankbasierten zu einem kapitalmarktbasierten
Wirtschaftssystem. Beide Systeme haben sehr unterschiedliche Charakteristika und
können funktionieren, wenn auch der Verfasser deutliche Präferenzen für das mittelstandsorientierte dezentrale Bankensystem Deutschlands hat. In der Transformationsphase entstehen aber massive Vorteile für denjenigen, in dessen Richtung das
System verändert wird (und der, wie in diesem Fall, noch dazu zum größten Teil
die Regeln macht) – für das angelsächsische kapitalmarktbasierte System. Aktuell
investieren europäische Großkonzerne zunehmend in den USA, was eine weitere
Verringerung des Wachstums in Europa zur Folge hat. Dies ist eigentlich ein Paradox, denn Europa und insbesondere Deutschland gehören zu den größten Produzenten von Sparkapital auf der ganzen Welt.
4. Weitergehende ordnungs- und gesellschaftspolitische Implikationen: Die ökonomischen Auswirkungen der Geldflut und damit auch der negativen Zinsen stellen sich nach
den obigen Überlegungen nicht besonders positiv dar. Doch weil die Geldpolitik und
damit auch Negativzinsen das einzige unbegrenzt zur Verfügung stehende Politikinstrument zu sein scheint, nutzen es Staaten und Notenbanken in immer größerem Ausmaß.
Neben einer Transformation zu immer größeren Einheiten in der Finanzbranche und im
Bankwesen, der Begünstigung der Entstehung und Erhaltung von sehr großen Vermögen
auf Kosten des Mittelstandes, der Substitution echter ökonomischer Verantwortung
durch Kontrolle, Compliance und Kriminalisierung ökonomischen Fehlverhaltens, für
das der Verursacher finanziell haften sollte, der schleichenden Zerstörung des Mittel-
13
Negativzinsen: Der Marsch in den Kontrollstaat
169
standes, hat das Niedrigzinsumfeld aber noch eine alles überschattende Komponente: die
mittlerweile offen geforderte Abschaffung und Marginalisierung des Bargelds. (vgl. Rogoff
2014)
Planwirtschaft kann nur – einigermaßen – in einem Kontrollstaat funktionieren. Die
niedrigen Zinsen sind ein gewollter massiver Markteingriff, weil unseren Regierungen
ordnungs-, industrie- und steuerpolitische Maßnahmen offensichtlich nicht mehr zur
Verfügung stehen. Bei zunehmender Marginalisierung des Bargelds sowie Datentransparenz von Konten und Bürgern lässt sich die Planwirtschaft im neuen sanften Überwachungsstaat sogar ziemlich weit treiben. Dies ist die größte Gefahr des Niedrigzinsumfeldes.
Ursprünglich erschienen in ifo Schnelldienst 2/2015, bei ifo Institut, 2015.
13.1
Literatur
Rogoff, K. (2014): So der U.S.-Ökonom auf einer Veranstaltung des ifo Instituts am 17. November
2014, online: http://www.cesifo-group.de/de/ifoHome/events/lectures/Munich-Lectures-inEconomics/ML-2014.html.
14 Finanzmärkte und Netzwirtschaft: Wenn
der Überbau zum Mythos wird
14
Ein Artikel des großen Managementdenkers Peter Drucker beeindruckte mich, als ich
vor nahezu drei Jahrzehnten in den USA studierte. In The Changed World Economy
argumentierte Drucker, dass drei Trends maßgeblich für die Weltwirtschaft sein würden:
die Entkoppelung von Wirtschaftswachstum und Beschäftigung, die Entkoppelung von
Wirtschaftswachstum und Energieverbrauch und der Aufstieg der Symbolwirtschaft. Die
Verfügung über und die Manipulation von Symbolen seien mittlerweile wichtiger als der
reale Unterbau.
Was Drucker damals als nüchterne Analyse präsentierte, droht, zu einem Alptraum
auszuwachsen. Mehr und mehr verselbstständigt sich Big Data und schafft so ganz eigene neue Strukturen: in Unternehmen und Organisationen, in den Köpfen der Menschen
und in den internationalen Beziehungen. Unternehmen verändern ihre Wertschöpfungsketten radikal. Menschen passen ihr Verhalten und ihre Gedanken an, und meistens nicht
zum Guten. Wer weiß, dass er permanent beobachtet und ausgeforscht wird, verhält sich
anders, ist nicht mehr frei. Sogar die internationalen Beziehungen werden neu geordnet.
Immer rücksichtloser nutzt die Führungsmacht des Westens ihre Machtmittel. Am Ende
steht eine neue Welt. Und die Risiken, dass das Experiment schief geht, wachsen.
Der Überbau der Daten wird autonom und zur neuen Realität, anstatt diese bloß abzubilden. Er zwingt alle Akteure nach den Prinzipien des zum Homo Oeconomicus umprogrammierten Egos in vorbestimmte Prozesse und Abläufe. Am Ende stehen Monokulturen gleichgeschalteter Akteure. Wenn unser Denken einmal umprogrammiert ist,
entsteht eine neue Menschheit, eine Menschheit, die sich von derjenigen unterscheiden
wird, die seit Beginn der neolithischen Revolution in vielen Aspekten nahezu unverändert geblieben ist.
Wo das hinführt, lässt sich gut an den Finanzmärkten beobachten. Hier zählt ausschließlich ein Maßstab: die maximale Rendite, und das möglichst schnell. Die „Fi-
171
© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2019
M. Otte, Die Finanzmärkte und die ökonomische Selbstbehauptung Europas,
https://doi.org/10.1007/978-3-658-23179-8_14
172
Teil 2
Die Finanzmärkte
nanzmärkte“ – von der Wirtschaftsberichterstattung längst zu einer fast mythischen
Größe erhoben – haben sich längst von der Realwirtschaft abgelöst und geben zunehmend die Richtung vor. Ja, Unternehmen und ganze Volkswirtschaften tanzen nach der
Pfeife der Finanzmärkte.
Dabei hat das Streben nach maximaler Rendite selten wirklichen ökonomischen Fortschritt produziert. Die großen Veränderungen und Innovationen erfolgen nach Joseph
Schumpeter durch das Wirken von Visionären, denen oft erst nach vielfachem Scheitern
der Lohn winkt – wenn sie es bis dahin überhaupt schaffen. Um noch einmal Peter Drucker zu strapazieren: Unternehmen sind dann profitabel, wenn sie Kundenbedürfnisse
erkennen und dauerhaft befriedigen können. Rendite ist also eine Folge richtiger wirtschaftlicher Überlegungen. Wo sie alleiniges Prinzip wird, entsteht eine Finanztechnokratie mit Private-Equity-Gesellschaften, Family Offices, Venture-Capital-Gesellschaften, angestellten Verwaltern des Kapitals und Regulatoren, die heute schon allenthalben
ihre Blüten treibt.
Geld wird dann in börsenfähige Geschäftsmodelle gegeben, die eine Chance auf explosionsartige Vermehrung des Börsenwertes versprechen. Bei diesem Monopoly sind
die Einsätze oftmals hoch – auch für Geschäftsmodelle, deren Sinn sich nicht unbedingt
erschließt. Auf einem Venture-Capital-Forum wetteiferten potenzielle Unternehmensgründer um neue Gelder. Mehr als die Hälfte hatte Ballerspiele entwickelt.
Bereits funktionierende Unternehmen hingegen werden auf extrem kurzfristige Gewinnmaximierung getrimmt, sodass den Managern fast keine Spielräume mehr bleiben.
In den Private-Equity-Gesellschaften sitzen Technokraten, die ein letztlich mechanisches
Handwerk gelernt haben, aber oft nicht die jeweiligen regionalen und branchenspezifischen Besonderheiten verstehen. Sie bringen dann keine Geduld und kein Verständnis
für neue Wege auf. So treten sie auf, wie Technokraten und Verwalter zu allen Zeiten
und Orten – mit Herrschaftsanspruch und Privilegien. Bei einem Chemieunternehmen
berichtete mir ein Betriebsrat, wie die Arbeitskleidung gestrichen wurde, sich die Private-Equity-Verwalter aber darüber mokierten, dass Dienstauto und Garage nicht standesgemäß waren.
Neben einer massiven Gleichschaltung der Unternehmen und Unternehmensprozesse,
die unter das Prinzip des Kapitalmarktes gezwungen werden, ist die enge Vernetzung der
Finanzmärkte eine weitere große Gefahrenquelle. In einem System ohne Redundanzen,
Sicherheitspuffer und Freiräume können kleinere Störungen schnell größere Konsequenzen haben und sich zu globalen Krisen auswachsen, zuletzt bei der Finanz- und der Eurokrise. Es werden nicht die letzten gewesen sein.
In der Informationswirtschaft stehen wir erst am Anfang ähnlicher Veränderungen.
Sie finden mit rasender Geschwindigkeit statt. Inhalte und Prozesse werden zunehmen
auf der Basis von Aufmerksamkeit, Klicks, Werbeeinnahmen und optimierter Benutzerführung gestaltet. Öffentlicher Diskurs findet immer weniger statt – Town-Hall-Meetings sind nur inszenierte Kopie. Gedankengänge und Reaktionsmuster werden durch
Algorithmen berechnet, vorausgeplant und – gesteuert. Hatten gedrucktes Wort und
Radio im Fernsehzeitalter noch für ein Gegengewicht zum Prinzip der Aufmerksam-
14
Finanzmärkte und Netzwirtschaft: Wenn der Überbau zum Mythos wird
173
keitsökonomie gesorgt, so erodieren viele der traditionellen Medien zunehmend und
beugen sich der neuen Logik des Netzes. Der Mensch wird – wie im Finanzkapitalismus – eine zunehmend eindimensionale Rolle gedrängt. Er wird kontrollierbar und planbar gemacht.
Diese Entwicklung ist ungleich gefährlicher als die Exzesse des Finanzkapitalismus
es jemals waren. Während dieser „nur“ unsere Arbeitswelt und unsere ökonomische
Situation betrifft, wird in der neuen Netzwirtschaft der gesamte Mensch umprogrammiert, wenn wir nicht aufpassen.
Der Weltüberwachungsmarkt und die Entwicklung neuer Massenausforschungswaffen sind bereits weit fortgeschritten, wie an dieser Stelle von Gerhard Baum und Shoshana Zuboff ausgeführt wurde. Überraschend ist das nicht wirklich: Nachdem mit dem
Patriot Act nach dem Anschlägen vom 11. September 2001 die Bürgerrechte in den USA
zum ersten Mal seit Ende des McCarthyismus signifikant beschnitten wurden, hat es eine
Vielzahl von Schritten zur Ausforschung der Bürgerinnen und Bürger gegeben, deren
ganzer Umfang seit Edward Snowden erstmalig auch für die Öffentlichkeit erkennbar ist.
Der Schutz des Datenkörpers wäre für eine Gesellschaft souveräner Bürgerinnen und
Bürger im Internetzeitalter unabdingbar. Wir sind weit davon entfernt.
Parallel zur Ausforschung und Überwachung des Individuums wird das Instrumentarium zur Kontrolle der öffentlichen und der veröffentlichten Meinung ausgebaut. In
immer weniger geschützten Räumen kann verantwortungsvolle und tiefgreifende Reflektion erfolgen, weil Inhalte in Jetztzeit und ohne Reflektion per Likes und Dislikes abgeurteilt und im Zweifelsfall auch offline gestellt und zensiert werden, ohne dass darüber
noch große Aufregung entstünde.
Drei Gründe sind es vor allem, die parallel zur Ausforschung der privaten Daten die
öffentliche Meinung zunehmend kontrollierbar machen: der Rückgang des Qualitätsjournalismus, die Selbstreferenzialität des Netzes und die Zunahme zensurähnlicher
Praktiken.
„Kostenlose Inhalte“, so Kai Diekmann, sind der „verfluchte Geburtsfehler des Internet“. Man übersah, dass es nichts kostenlos gibt. Klicks sind die neue Währung. Für
die meisten Online-Redaktionen ist dies nun das Maß aller Dinge. Der Qualitätsjournalismus gerät so zunehmend unter Druck. Der Stellenabbau schreitet voran. Einige
wenige Qualitätsmedien überleben, etablieren sich als Bezahlmedium und damit als
Gegengewicht zum klickgetriebenen Content. Aber sie stehen nur noch den Eingeweihten zur Verfügung.
Der viel beschworene Bürgerjournalismus kann es nicht herausreißen: Er mag sich
dazu eignen, Bilder und Augenzeugenberichte abzugeben, aber für fundierte Reportagen und Einordnungen sind Hintergrundwissen, Zeit und Geld notwendig. Mit dem
Schrumpfen der Redaktionen haben die PR-Abteilungen der Großkonzerne, die oftmals ungleich besser ausgestattet sind, leichtes Spiel. Ihre Darstellungen werden oft
mit wenigen oder keinerlei Modifikationen von den Onlinemedien übernommen.
174
Teil 2
Die Finanzmärkte
Zweitens bezieht sich Information im Netz zunehmend auf sich selbst. Eli Pariser
bittet uns, uns eine Welt vorzustellen, in der alles, was wir an Nachrichten sehen,
durch unser Gehalt, unseren Wohnort und die Wohnorte unserer Freunde bestimmt
wird. In dieser Welt können Sie nie neue Ideen entdecken. Und keine Geheimnisse
behalten. Google & Co. speichern Dutzende Parameter je Nutzer und spielen nur solche Informationen und oftmals auch Nachrichten ein, die zum Benutzer „passen“.
Was Pariser so plastisch beschreibt, realisiert sich mit Riesenschritten.
Drittens ist das Internet, von Technooptimisten als Beginn einer neuen Ära der Informationsfreiheit gefeiert, wie kein anderes Medium geeignet, veröffentlichte Meinung
zu kontrollieren und zu steuern. Persönlich wurde ich vor einigen Jahren damit konfrontiert, als in einem Internetforum sehr negative Aussagen zu meiner Person gemacht wurden. Die nachfolgende Diskussion im Forum entlastete mich jedoch.
Ich dachte, man könne es dabei bewenden lassen. Immer wieder wurde ich aber auf
die herabwürdigenden Kommentare angesprochen. Es wurde eben nur die erste Seite
der Diskussion gelesen. Schließlich rief ich beim Forenbetreiber an. Innerhalb kürzester Zeit waren die belastenden Seiten vom Netz genommen worden. So schnell verändert sich veröffentlichte Meinung im Internetzeitalter. Bilderstürme und Bücherverbrennungen sind nicht mehr notwendig. Ein Klick tut’s auch.
Gleichzeitig werden immer mehr Inhalte von Google & Co. in einer fast piratenartigen
Landnahme appropriiert, gekapert. So droht das Wissen der Menschheit schrittweise der
Logik der Klick ein- und untergeordnet zu werden, statt als freier Fundus zur Verfügung
zu stehen. Information wird zunehmend zu einem privaten Gut. Produktion und Distribution werden streng kontrolliert. Bibliotheken schrumpfen, und immer mehr Inhalte
müssen über Datenservices mit restriktiven Nutzungsbedingungen bezogen werden.
Inhalte öffentlich-rechtlicher Anbieter müssen nach kurzer Zeit aus dem Netz genommen
werden.
Das ist kein singuläres Phänomen. Saatgut, Bildung, Medizin – alle Bereiche des Lebens werden zunehmend privatisiert. Evgeny Morozow schreibt, dass eine seichte Form
des methodologischen Individualismus durch die Hintertüren eingeschmuggelt werde.
Falsch. Der methodologische Individualismus ist omnipräsent und hat den Status einer
alles beherrschenden Ideologie erreicht. Zehntausende von Ökonomen werden jedes Jahr
damit indoktriniert. Nur die wenigsten haben die Gelegenheit, in Exotenveranstaltungen
Gesellschaftsstrukturen zu reflektieren, wie es Morozow als selbstverständlich annimmt.
Das Studium von formal schwieriger Modelle der Mikro- und Makroökonomik schafft
scholastische Exegeten der bestehenden Zustände und potenzielle Propagandisten für das
weitere Vordringen von Überwachungsstaat, Finanzkapitalismus und Netzwirtschaft.
Und das unter dem Deckmantel des Individuums.
Martin Schulz hat eine längst überfällige Debatte angestoßen: Die freiheitlichen Werte Europas, in mehr als 2000-jähriger Geschichte unter unsäglichen Mühen errungen,
sind gefährdet. Das Ideal des selbstbestimmten Individuums – ein fester Bestandteil des
europäischen Wertekanons – droht in den digitalen Mühlen zerrieben zu werden. Europa
14
Finanzmärkte und Netzwirtschaft: Wenn der Überbau zum Mythos wird
175
muss aufwachen und sich seiner selbst besinnen. Man kann, wie Christian Heller, darauf
hinweisen, dass der Schutz der Privatsphäre ein in der Menschheitsgeschichte eher seltenes Phänomen war. Aber wollen wir das?
Nicht, dass Europa das erste Mal herausgefordert wäre. Überwachungsstaat und Zensur haben periodisch immer wieder ihr hässliches Haupt erhoben. Bislang hat Europa es
jedes Mal geschafft, die Bedrohung abzuschütteln und besser und freier dazustehen als
zuvor. Aber dieses Mal?
Demokratie und Rechtsstaat haben zwei Aufgaben zu lösen: zum einen den Schutz
des Individuums, zum anderen den Schutz öffentlicher Räume für Meinung und Journalismus. Denn das Netz ist ein öffentliches Gut. Gerade hat Tim Berners-Lee zum 25jährigen Bestehen des Internet einen digitalen Grundrechtekatalog gefordert. „Wenn wir
kein offenes, neutrales Internet haben, auf das wir uns verlassen können, ohne uns Sorgen zu müssen, was an der Hintertür passiert, kann es auch keine freie Regierungsform,
ordentliche Demokratie, vernünftiges Gesundheitswesen, verknüpfte Gemeinschaften
und kulturelle Vielfalt geben“, so der Vater des Word Wide Web.
Dazu muss Europa die Hegemonie der methodologischen Individualisten abschütteln
und sich seiner großartigen Tradition öffentlicher Güter bewusst werden. Dies ist die
genuine Aufgabe europäischer Politik. Der Weg ist weit.
Teil 3
Finanzkapitalismus und
europäisches Wirtschaftsmodell
177
15
15 Oswald Spengler und der moderne
Finanzkapitalismus
15.1
Einleitung
Geld und Wirtschaftssystem haben bei Oswald Spengler wie alle Bereiche des Lebens
Symbolcharakter für den Stil oder die „Seele“ einer Kultur. Kunst, Religion, Wirtschaftsleben, Recht, Mathematik und Wissenschaft sind ganzheitlich zu sehen und drücken insgesamt diese Seele aus.
Es ist ein Fehler aller modernen Geldtheorien, dass sie von den Wertzeichen oder sogar vom
Stoff der Zahlungsmittel statt von der Form des wirtschaftlichen Denkens ausgehen. Aber
Geld ist wie Zahl und Recht eine Kategorie des Denkens. Es gibt ein Gelddenken, so wie es
ein juristisches, mathematisches, technisches Denken der Umwelt gibt. Von dem Sinnerlebnis eines Hauses wird ganz verschiedenes abgezogen, je nachdem, ob man es als Händler, Richter oder Ingenieur im Geiste prüft und in Bezug auf eine Bilanz, einen Rechtsstreit
oder eine Einsturzgefahr hin wertet. Am nächsten aber steht dem Denken in Geld die
Mathematik. Geschäftlich denken heißt rechnen. Der Geldwert ist ein Zahlenwert, der an
einer Rechnungseinheit gemessen wird. (vgl. UdA: S. 1163)
Von den laut Spengler bislang aufgetretenen acht Hochkulturen ist die westliche die
dynamischste, die bislang auf dem Planeten existiert hat und wahrscheinlich auch existieren wird. (vgl. MuT, S. 61 f.)
„Die faustische, westeuropäische Kultur ist vielleicht nicht die letzte, sicherlich aber
die gewaltigste, leidenschaftlichste, durch ihren inneren Gegensatz zwischen umfassender Durchgeistigung und tiefster seelischer Zerrissenheit die tragischste von
allen. Es ist möglich, dass noch ein matter Nachzügler kommt, etwa in der Ebene
zwischen Weichsel und Amur und im nächsten Jahrtausend, hier aber ist der Kampf
zwischen der Natur und dem Menschen, der sich durch sein historisches Dasein gegen sie aufgelehnt hat, praktisch zu Ende geführt worden.“
179
© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2019
M. Otte, Die Finanzmärkte und die ökonomische Selbstbehauptung Europas,
https://doi.org/10.1007/978-3-658-23179-8_15
180
Teil 3
Finanzkapitalismus und europäisches Wirtschaftsmodell
Es ist eine Kultur der Kräfte im grenzenlosen Raum, des Willens, Wollens und Wagens. Zudem sind viele Bereiche der westlichen Kultur ausgesprochen abstrakt – ein
Spiel von Kräften, Tönen und Motiven im freien Raum. Als Beispiele nennt Spengler die
beethovenschen Symphonien. Eine weitere Uridee der westlichen Kultur ist die Idee der
Funktion y = f(x), die der „statisch“ angelegten Antike in dieser Ausprägung fremd gewesen sei. So ist es bezeichnend, dass die mathematische Ableitung (engl.: derivative) und
das Finanzderivat ausschließlich in dieser, der westlichen Kultur erfunden wurden. Beide
sind im Prinzip identisch, denn auch der Einsatz von Finanzderivaten ist mehr oder weniger reine Mathematik, die sich immer weiter vom Stofflichen löst. In den Hedgefonds
an der Wall Street und anderswo führen mittlerweile Mathematiker und Computer virtuelle Transaktionen in oft selbstreferentiellen Systemen durch. (vgl. Otte 2011b, S. 41 f.)
Die sich immer mehr bemerkbar machende Dominanz des Wirtschafts- und Gelddenkens ist für Spengler eine Erscheinung aller späten Kulturen, nachdem sie in das späte,
rationalistisch-mechanistische Stadium der Zivilisation übergegangen sind. Der Finanzkapitalismus ist lediglich die spezifische Form des Gelddenkens der späten westlichen
Kultur. Auch in den Spätzeiten anderer Kulturen hat es ähnliche Erscheinungen gegeben.
In der niedergehenden römischen Republik gab es zum Beispiel Finanzoperationen und
Spekulationen im großen Stil und damit zusammenhängend den raschen Auf- und Abstieg ganzer Geschlechter. Weizenspekulationen durch den Aufkauf der Ernte ganzer
Länder ließen den Preis in Rom massiv schwanken und halfen denjenigen, die sie betrieben, große Vermögen aufzuhäufen. Auch die Kartellisierung und Konzentration des
Wirtschaftslebens auf wenige Punkte – in der Antike zeitweise nur Rom – ist für Spengler eine zwangsläufige Begleiterscheinung der Spätphase von Kulturen, bevor das Gelddenken wieder von primitiveren, ursprünglicheren Formen der Herrschaft abgelöst wird.
Diesen exakten „Wert an sich“ hat, wie die Zahl an sich, erst das Denken des Städters, des
wurzellosen Menschen, hervorgebracht. Für den Bauern gibt es nur flüchtige, gefühlte
Worte in Bezug auf ihn, die er im Tausch von Fall zu Fall geltend macht. Was er nicht
braucht oder besitzen will, hat für ihn „keinen Wert“. (vgl. UdA, S. 1164)
Viele, ja sogar die meisten Entwicklungen des modernen Finanzkapitalismus sind in
Spenglers Gedankenwelt vorgesehen und würden ihn nicht überraschen. „Der vergessene Spengler rächt sich, indem er droht recht zu behalten.“ (vgl. Adorno 1955, S. 115 f.) Wieder einmal.
15.2
Kulturzyklen, Geld und die zunehmende Abstraktion
der Lebensbereiche
Geld und Kredit, zwei durchaus voneinander zu unterscheidende und von Spengler auch
unterschiedene Phänomene des Wirtschaftslebens, sind Aspekte einer Kultur oder Zivilisation. Je ausgeprägter das Denken in diesen Kategorien ist, desto „fortgeschrittener“,
15
Oswald Spengler und der moderne Finanzkapitalismus
181
aber auch desto entfremdeter von ihren Wurzeln und Ursprüngen ist eine Kultur oder
Zivilisation. Dabei unterscheidet Spengler grob gesprochen vier Phasen einer Kultur:
1. das frühe Stadium des Lehnswesens, das ganz am Land haftet und in dem überwiegend Naturaltauschwirtschaft stattfindet
2. das Aufkommen der Städte, in der sich Stadt und Land die Waage halten und Geld
zunehmend an Bedeutung gewinnt
3. die Zeit der Weltstädte und der Herrschaft des Geldes (und des Geistes)
4. sowie die Ablösung der Phase des Geldes durch Gewaltherrschaft und zunehmend
primitivere Formen der Wirtschaft
Im Stadium des Lehnswesens stehen persönliche Treueverhältnisse, Pflichten und Rechte im Vordergrund. Die meisten Güter werden selbst erzeugt oder durch Naturaltauschwirtschaft beschafft. David Graeber stellt in diesem Zusammenhang die nicht uninteressante Frage, was zuerst da war, das Geld oder die Schulden. Für Graeber ist die Antwort
eindeutig: im Dorf oder im Stamm waren es die Schuldverhältnisse, da verschiedene
Güter nicht gleichzeitig vorhanden waren und im Zweifelsfall auch nicht denselben Wert
hatten, sodass sie nicht 1:1 bedarfsgerecht getauscht werden konnten. Da muss es ein
System „gegenseitigen Anschreibens“ gegeben haben, wenn auch vielleicht noch nicht
quantitativ exakt, da das Denken in Geld noch nicht ausgeprägt war. Zu Zeiten der
Lehnswirtschaft gibt es nur Burgen, Klöster und Dörfer. Die antike Entsprechung wäre
für Spengler die Zeit von Mykene.
Mit dem Aufkommen der Städte ändert sich die Balance. Berufe und Stände entstehen. Die Arbeitsteilung nimmt zu. Hierzu ist Geld erforderlich. Marktplätze werden
wichtiger. Die ersten Handelskontore entstehen. Gegen Ende dieser Periode wird Geld
auch als Machtfaktor immer wichtiger. Söldnerheere lösen zunehmend die Ritterheere
ab – der Finanzbedarf kriegführender Parteien steigt rasch. Bevor aber der Lehnsverband
als politische Form abgelöst wird und der Ständestaat reifen kann, sind krisenhafte
Übergangsphänomene unvermeidlich.
Ab 1800 beginnt dann im Abendland die Phase der Herrschaft des Geldes, die Spengler mit der „Demokratie“ gleichsetzt und der er eine Lebensdauer von 200 Jahren prognostiziert. Es ist gleichzeitig auch eine Phase der Herrschaft der Presse, der allgemeinen
Volksbegeisterung und der Massenheere. Damit beginnt die „Zivilisation“ im Gegensatz
zur „Kultur“. Am Anfang stehen wiederum Krisen im Zusammenhang mit der Auflösung der alten ständischen Formen – im Abendland die Französische Revolution und
Napoleon sowie der amerikanische Unabhängigkeitskrieg. „Zivilisation“ beinhaltet den
Sieg des Geistes über Tradition und Takt und die Dominanz der Großstadt, die das Land
zunehmend zur Provinz degradiert.
Am Anfang war man begütert, weil man mächtig war. Jetzt ist man mächtig, weil man Geld
hat. Erst das Geld erhebt den Geist auf den Thron. Demokratie ist die vollendete Gleichsetzung von Geld und politischer Macht. (vgl. UdA: S. 1167)
182
Teil 3
Finanzkapitalismus und europäisches Wirtschaftsmodell
Dieser Prozess war in Frankreich und England um 1900 weitestgehend abgeschlossen. In Deutschland setzte er erst ab 1871 richtig ein, wurde aber vor allem durch den
Zweiten Weltkrieg unterbrochen. Die Zerstückelung und Re-Provinzialisierung Deutschlands nach 1945 hat auch das dezentrale, mittelständische Wirtschaftsmodell in der Bundesrepublik erhalten, ohne dass eine dominante Metropole zum alleinigen Zentrum des
Landes wurde.
Wichtig ist der Unterschied, den Spengler zwischen dem reinen Gelddenken und dem
Besitz in einem ursprünglichen Sinne macht. Der Besitz haftet am Objekt und ist damit
ein Begriff der frühen Kultur. Die Zivilisation denkt in beweglichen Geldvermögen, die
nur in einem Objekt investiert oder geparkt sind.
Es ist falsch, nach der Behauptung von Marx und anderen die wichtigste Epoche der modernen Wirtschaft in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts zu suchen. Der wirkliche Einschnitt liegt vielmehr genau wie auf wirtschaftlich-politischem Gebiet inmitten der Epoche
Napoleons. Setzen Sie den Fall, dass jemand zur Zeit Friedrichs des Großen in einem Flugzeug irgendein Land Europas überquert hätte: er würde unter sich ein Gewimmel von Menschen und eine Menge wirtschaftlich arbeitender Dinge erblickt haben, Landgüter, Fabriken
und gewerbliche Betriebe. Es wäre sehr einfach festzustellen gewesen, welche Menschen
als Besitzer zu den einzelnen Dingen gehörten. Wer heute dieselbe Gegend überflöge,
würde mit seinem Auge kaum eine wesentliche Veränderung finden: ebenfalls Menschen
und ebenfalls arbeitende Dinge. Und trotzdem hat sich eine umstürzende Wandlung vollzogen. Man kann auch heute (1919 Anm. d. Verf.) von einem ganzen Nationalvermögen
vielleicht noch sagen, dass es im Besitz der Nation ist: aber welches Besitzverhältnis zwischen einzelnen Menschen und einzelnen Dingen besteht, sieht niemand. Das völlig neue,
das viel tiefer geht als alles, was Marx jemals beobachtet hat, ist die geistige Ablösung des
Besitzes vom Gegenstand. (vgl. PPJ, in PS: S. 138)
Und:
Wie viel von der deutschen Industrie Deutschland gehört, weiß niemand. Das ändert sich
von einem Börsentag zum anderen. Es ist demnach nicht mehr so, wie Marx des darstellt,
und zwar aus dem Bedürfnis heraus, eine theoretische Unterlage für den Klassenkampf zu
erhalten, dass zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern ein natürlicher Gegensatz bestehe;
er besteht heute viel mehr zwischen den Menschen, die sichtbar produktive Arbeit leisten,
ob als Führer oder Geführte, als Unternehmer, Techniker oder Werkleuten und der viel
kleineren wechselnden Zahl von Unbekannten, die weder dies noch jenes sind, die aber das
Werk haben, für die also gearbeitet wird, obwohl sie von der Art dieser Arbeit gar nichts
wissen. (vgl. PPJ, in PS: S. 140)
Hierzu an dieser Stelle nur eine Zahl: Befanden sich im Jahr 2003 noch ungefähr 60 Prozent der Aktien von DAX-Konzernen in deutscher Hand, so hat sich diese Quote bis
2013 halbiert und liegt nun bei ungefähr 30 Prozent.
Zusammenfassend: Zum Lehnswesen gehört die Wirtschaft des stadtlosen Landes. Mit dem
von Städten aus regierten Staat erscheint die Stadtwirtschaft des Geldes, die sich mit dem
Ausbruch jeder Zivilisation zur Diktatur des Geldes erhebt, gleichzeitig mit dem Sieg der
weltstädtischen Demokratie. (vgl. UdA: S. 1156)
15
Oswald Spengler und der moderne Finanzkapitalismus
183
Im Endstadium einer Zivilisation konzentrieren sich die relevanten Geschehnisse auf
wenige Punkte.
Die Weltwirtschaft, diejenige aller Zivilisationen, sollte man Weltstadtwirtschaft nennen.
Die Schicksale auch der Wirtschaft entscheiden sich nur noch an wenigen Punkten, den
Geldplätzen, in Babylon, Theben, Rom, in Byzanz und Bagdad, in London, New York, Berlin und Paris. Der Rest ist Provinzwirtschaft, die ihre Kreise dürftig im Kleinen zieht, ohne
sich des vollen Umfangs ihrer Abhängigkeit bewusst zu sein. (vgl. UdA: S. 1166 f.)
In dieser Hinsicht lässt sich ohne weiteres konstatieren, dass anno 2014 die wichtigen
Entscheidungen in New York, Silicon Valley (und da von einer kleinen Gruppe hoch
vernetzter Hightech-Mogule) (vgl. Elmer-DeWitt 2014) und London fallen, mit Washington,
Tokio und Brüssel als angeschlossenen Politikapparaten. Weitere Zentren sind in Peking
und Shanghai zu finden, für westliche Beobachter intransparent, aber mit der souveränen
Kontrolle über einen eigenen Heimatmarkt und ein eigenes Internet, während die USA,
Europa, große Teile Lateinamerikas, Afrikas und Japans zur Welt von Google, Amazon
und LinkedIn gehören. Moskau mag ein minderes Zentrum teilweise souveräner Entscheidungen sein; wie weit dieser Zustand Bestand hat, mag sich zeigen. Der Abstieg der
einst führenden deutschen Volkswirtschaft zur fremdbestimmten Provinzwirtschaft, die
fremden Zwecken dient, scheint abgeschlossen.
Cäsarismus und Gewaltherrschaft: Folgt man dem spenglerschen Schema, stehen wir
nun bereits an der Schwelle zum letzten Zeitalter der westlichen Kultur, dem des Cäsarismus, im den sich zunehmend wieder nackte Gewalt als Mittel der Politik durchsetzt
und in dem die komplexen Formen der späten Zivilisation zunehmend der Raublust von
privaten Sippen zum Opfer fallen. Damit endet die Rechtssicherheit und wird durch
Gewalt ersetzt, und das Denken in Geldkategorien erlischt langsam. In der westlichen
Kultur sollte dies laut Spengler zwischen 2000 und 2200 der Fall sein. Die Anzeichen,
dass diese Voraussage zutreffen könnte, mehren sich seit 2001. Der 11. September 2001
lässt sich schon jetzt neben dem Herbst 1989 als eine der großen Zäsuren in der Weltgeschichte ausmachen, ein Urteil, zum dem normalerweise längere Zeiträume nötig sind.
Nebenbemerkung: Die zyklische Betrachtung von Kulturentwicklung und die Beschreibung von Lebensstufen, die aus der „lebendigen Anschauung“ der Kulturen erwächst, gilt denen als unwissenschaftlich, die nur einen methodologischen Individualismus oder kritischen Rationalismus gelten lassen wollen. Das sind fast alle heutigen Sozialwissenschaftler. Paradox ist dabei jedoch, dass zum Beispiel in der Betriebswirtschaftslehre und der Ökonomie problemlos über Produktlebenszyklen oder auch Lebenszyklen von Organisationen und Unternehmen nachgedacht wird. (vgl. Collins und Porras
1996)
184
15.3
Teil 3
Finanzkapitalismus und europäisches Wirtschaftsmodell
Soziobiologie: Wirtschaft und Technik als integraler
Bestandteil des einen Lebens
Der Dominanz des Denkens in Wirtschaftskategorien setzt Spengler einen konsequent
ganzheitlichen und soziobiologischen Ansatz entgegen, der die Wirtschaft als integralen
Aspekt des gesamten Lebens betrachtet – genauso wie Mythen und Religion, Kunst und
Kultur, Wissenschaft, Technik, Krieg und Politik.
Wolff 1973: „Spengler, der Geisteswissenschaftler, dachte biologisch konsequent.
Lorenz, der Biologe, hingegen beendet den ersten Band seines Werkes mit einer
Überlegung, die nichts anderes als der Versuch einer Emanzipation von der Biologie
ist …“
Demandt (2014) wirft Spengler und Lorenz „Geschichtsbiologismus“ vor, wobei
Spengler immer auch auf das Zufällige und die Grenze der biologischen Gesetzmäßigkeiten hinweist.
Einzelne Menschen und Kulturen drängen nach Absicherung und Dominanz, einige
mehr, andere weniger. Letztlich geht es bei Kulturen und Individuen um Macht – die
fittesten können ihren Einflussbereich ausdehnen. Es ist der darwinsche „Kampf ums
Dasein“. Das Drängen danach umschreibt Spengler mit den Begriffen „Leben“ und
„Blut“. Dass dabei auch Altruismus ein sinnvoller Mechanismus sein kann, hat die Soziobiologie herausgearbeitet. (vgl. Wilson 2004; Wuketits 2012; Voland 2013) Diese Auseinandersetzung ist für Spengler immer präsent, und wird in stabilen Phasen nur durch entsprechende Machtgleichgewichte oder Institutionen gehemmt:
„Frieden ist die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln.“
Wirtschaft ist also die Art und Weise, wie sich Verbünde von Menschen organisieren,
um ihre Bedürfnisse und ggf. ihren Drang nach Expansion und Größe zu befriedigen. Sie
nutzen dazu auch die Technik.
Und deshalb ist die Technik kein „Teil“ der Wirtschaft, so wenig Wirtschaft neben Krieg
und Politik ein für sich bestehender „Teil“ des Lebens ist. Alles das sind Seiten des einen,
tätigen, kämpfenden, durchseelten Lebens. (vgl. MuT: S. 16 f.)
Spengler zeichnet einen gnadenlosen Kampf ums Dasein:
Die Pflanze besitzt den Boden, in dem sie wurzelt. Es ist ihr Eigentum, das sie mit Verzweiflung ihr ganzes Dasein hindurch verteidigt, gegen fremde Keime, gegen übermächtige
Nachbarpflanzen, gegen die ganze Natur. So verteidigt ein Vogel das Nest, in dem er brütet.
Die erbittertsten Kämpfe um das Eigentum werden nicht in den Spätzeiten der großen Kulturen und zwischen reich und arm um bewegliches Gut geführt, sondern hier, in den Anfängen der Pflanzenwelt. Wer mitten in einem Walde fühlt, wie der schweigende Kampf um
den Boden rings um ihn vor sich geht, Tag und Nacht, ohne Gnade, den erfasst Grauen vor
der Tiefe dieses Triebes, der mit dem Leben beinahe eins ist. (vgl. UdA: S. 984)
15
Oswald Spengler und der moderne Finanzkapitalismus
185
Bei Franz Wuketits und modernen Soziobiologen klingt das viel nüchterner, bezeichnet aber denselben Sachverhalt:
Der in der Natur wie in menschlichen – besser: vom Menschen geschaffenen – Systemen
allgegenwärtige Wettbewerb beruht darauf, dass Lebewesen im allgemeinen aktive Systeme
sind, die etwas „wollen“. Sie benötigen Raum und Nahrung und versuchen, ihren eigenen
Erzeugnissen – ihren genetischen Nachkommen (beim Menschen auch den „geistigen Kindern“) – Platz zu schaffen und sich dadurch „auszubreiten“. (vgl. Wuketits 2012: S. 54)
Dieses „Wollen“ liegt bei Spengler auch den Schöpfungen der Menschen zugrunde –
zumeist unbewusst. Spengler bezeichnet das an verschiedenen Stellen mit „Instinkt“ und
„Rasse“ (nicht im biologischen Sinne). „Nicht wollen“ ist ein Zustand vergeistigter
Spätzeiten, die sich von den Rhythmen der Natur und dem in Spenglers Diktion „kosmischen Takt“ gelöst haben.
Technik ist nicht nur die Maschinentechnik:
In Wirklichkeit ist die Technik uralt. Sie ist auch nichts historisch Besonderes, sondern
etwas ungeheuer Allgemeines. Sie reicht weit über den Menschen zurück in das Leben der
Tiere, und zwar aller Tiere. Zum Lebenstypus des Tieres im Unterschied von der Pflanze
gehört die freie Beweglichkeit im Raum, die relative Willkür und Unabhängigkeit von der
gesamten übrigen Natur und damit die Notwendigkeit, sich gegen diese zu behaupten, dem
eigenen Dasein eine Art von Sinn, Inhalt und Überlegenheit zu geben. Nur von der Seele
her lässt sich die Bedeutung des Technischen erschließen.
Denn das frei bewegliche Leben des Tieres ist Kampf und nichts anderes, und die Taktik
des Lebens, ihre Über- oder Unterlegenheit anderen gegenüber, sei es die lebende oder leblose Natur, entscheidet über die Geschichte dieses Lebens, darüber ob es dessen Schicksal
ist, Geschichte von anderen zu erleiden oder selbst für andere zu sein. Die Technik ist die
Taktik des ganzen Lebens. (vgl. MuT: S. 15)
Bereits Tiere betreiben Wirtschaft und Technik, wenn man zum Beispiel an die Vorratshaltung bei Bienen oder Ameisen denkt. Nur der Mensch jedoch nutzt Technik bewusst.
Es ist ein ungeheurer Unterschied zwischen dem Menschen und allen anderen Tieren. Die
Technik dieser Tiere (zum Beispiel Bienen, Anm. d. Verf.) ist Gattungstechnik. (...) Der
Typus Biene hat, seit er da ist, seine Waben immer genau so gebaut wie heute und wird sie
so bauen, bis er ausstirbt. (vgl. MuT: S. 28)
Den Bogen von der freien Beweglichkeit des Pantoffeltierchens zum Finanzkapitalismus
zu spannen ist kühn, und es gelingt Spengler. Eine solch konsequente soziobiologische
Interpretation von Wirtschaft, Technik und Krieg, welche die Gebundenheit des Menschen an soziobiologische Mechanismen postuliert, mag Unbehagen hervorrufen. Spengler selber wäre der erste, der sagen würde, dass der moderne Mensch ein solches Zurückgeworfensein auf die Tatsachen schlecht oder nicht erträgt.
Es ist die seelische Schwäche des späten Menschen hoher Kulturen, der in seinen Städten
vom Bauerntum der mütterlichen Erde und damit vom natürlichen Erleben von Schicksal,
Zeit und Tod abgeschnitten ist. Er ist allzu wach geworden, an das ewige Nachdenken über
186
Teil 3
Finanzkapitalismus und europäisches Wirtschaftsmodell
Gestern und Morgen gewohnt und erträgt das nicht, was er sieht und sehen muss: den unerbittlichen Gang der Dinge, den sinnlosen Zufall, die wirkliche Geschichte mit ihrem mitleidlosen Schritt durch die Jahrhunderte, in die der einzelne mit seinem winzigen Privatleben an bestimmter Stelle unwiderruflich hineingeboren ist. (vgl. JdE: S. 25)
Aber eine soziobiologische, auf den Kampf ums Dasein ausgerichtete Betrachtung von
Wirtschaft und Kapitalismus schafft kritische Distanz zum sehr zeitgebundenen und
vagen Begriff des „Marktes“, dem nahezu mythische und persönliche Eigenschaften
zugeschrieben werden und der für die Erklärung der absurdesten Vorgänge herhalten
muss. Das folgende Zitat zeigt exemplarisch und eindrucksvoll, wie personifiziert der
Mythos Markt mittlerweile ist: „Historische Tiefstände: Finanzmärkte bestrafen die
Euro-Flickschusterei.“ (vgl. Die Welt 23.05.2011) Selbst wenn man also nicht alle ihre Prämissen akzeptiert, schärft die soziobiologische und epochenübergreifende Betrachtung
von Wirtschaftsphänomenen den Blick auf die Jetztzeit enorm – und ernüchtert.
15.4
Relativierung der modernen Nationalökonomie
Eine solche soziobiologische und historische Relativierung der Nationalökonomie und
des Kapitalismus findet sich im Untergang des Abendlandes sehr explizit zu Beginn des
fünften Kapitels des zweiten Bandes:
Der Standpunkt, von dem aus die Wirtschaftsgeschichte der hohen Kulturen verstanden
werden kann, darf auf dem Boden der Wirtschaft selbst nicht gesucht werden. Wirtschaftliches Denken und Handeln ist eine Seite des Lebens, das in falsche Beleuchtung rückt, sobald man sie als eine selbstständige Art von Leben betrachtet. Am allerwenigsten findet
man ihn auf dem Boden der heutigen Weltwirtschaft, die seit 150 Jahren einen
phantastischen, gefährlichen, zuletzt fast verzweifelten Aufstieg genommen hat, der
ausschließlich abendländisch und dynamisch ist und nichts weniger als allgemein
menschlich. (vgl. UdA: S. 1145)
Und weiter:
Was wir heute Nationalökonomie nennen, ist aufgebaut aus lauter spezifisch englischen
Voraussetzungen. (...) Es handelt sich von Smith bis Marx um die bloße Selbstanalyse des
wirtschaftlichen Denkens einer einzigen Kultur und zwar auf einer einzigen Stufe. (vgl. UdA:
S. 1144 f.)
(...) Sie hält das Wirtschaftsleben für etwas, das man ohne Rest aus sichtbaren Ursachen und
Wirkungen erklären kann, das ganz mechanisch angelegt und völlig in sich abgeschlossen
ist, und das endlich zu den ebenfalls für sich gedachten Kreisen der Politik und Religion in
irgendeinem kausalen Verhältnis steht. Weil diese Betrachtungsweise systematisch und
nicht geschichtlich ist, so glaubt sie an die zeitlose Gültigkeit ihrer Begriffe und Regeln und
hat den Ehrgeiz, die allein richtige Methode „der Wirtschaftsführung“ aufstellen zu wollen.
(vgl. UdA: S. 1145)
15
Oswald Spengler und der moderne Finanzkapitalismus
187
In typischer Selbstüberhöhung schreibt Spengler weiter, dass es noch keine Morphologie der Wirtschaftsstile gebe, und dass er dieser die Türen öffne. Dabei übersieht er –
es ist nicht festzustellen ob mangels Kenntnis oder intentional –, dass bei den Vertretern
der deutschen historischen Schule der Nationalökonomie, zum Beispiel Wilhelm G. F.
Roscher (1817 bis 1894), Bruno Hildebrand (1812 bis 1878) und Karl G. A. Knies
(1821–1898) durchaus historisch vergleichend gearbeitet wurde. Mit Gustav von
Schmoller (1838 bis 1917), Karl Bücher (1847–1930), Lujo Brentano (1844 bis 1931)
oder Werner Sombart (1863 bis 1941) hätte es auch kompetente Zeitgenossen gegeben,
mit denen Spengler sich hätte austauschen können. Während Spengler, nachdem er bekannt geworden war, sich bemühte, im Bereich der Anthropologie dazuzulernen, zum
Beispiel durch den Kontakt zu Leo Frobenius, ist von ähnlichen Kontakten zu Nationalökonomen nichts bekannt. Spengler suchte eher den Kontakt zu Industriellen.
Die deutsche historische Schule ist zumindest seit Ende des Zweiten Weltkriegs an
den Rand der Ökonomie gedrängt worden. War zur Zeit meines Studiums in Köln zumindest noch das Denken in Wirtschaftsordnungen (Marktwirtschaft, zentrale Planwirtschaft, soziale Marktwirtschaft) üblich, so hat sich dieses mittlerweile nahezu restlos in
der Mikro- und Makroökonomie aufgelöst. Lehrstühle für Wirtschaftsgeschichte werden
zunehmend abgeschafft oder passen sich methodisch der quantitativen Modellanalyse an.
Völlig verpönt sind jegliche Form von organischen Wirtschafts- und Gesellschaftstheorien (während sich gleichzeitig zehntausende Unternehmensberater darum bemühen, aus
Unternehmen organische Einheiten zu schmieden). Die Dominanz der Prämissen, die
Spengler als „spezifisch englisch“ bezeichnet – indem man nämlich vom Kaufmann und
Händler als konstitutiv für die moderne Ökonomie ausgeht – ist total.
Dass diese Prämissen nur sehr unvollkommen auf eine industrielle Gesellschaft anzuwenden sind (gleichwohl aber angewendet werden), haben viele Ökonomen, unter
anderem Arndt Joseph Schumpeter (vgl. Schumpeter 1942) und John Kenneth Galbraith (vgl.
Galbraith 2007) erkannt. Dass es einer aktiven politischen Anstrengung bedürfe, um solche
Voraussetzungen herzustellen, und dass diese nicht durch „die Märkte“ von selbst entstehen würden, war Anliegen der Ordoliberalen wie Wilhelm Röpke und Alexander
Rüstow. Gleichwohl wird immer stärker von diesen Voraussetzungen ausgegangen, was
der modernen Ökonomie starke Züge eines starren und doktrinären Glaubenssystems
verleiht.
15.5
Finanzkapitalismus – das letzte Prinzip des Westens
In ihren späten Phasen gehen Kulturen „nach einer abgemessenen Reihe von Jahrhunderten“ in das Stadium der Zivilisation über. Die inneren Entwicklungsmöglichkeiten einer
Zivilisation sind durchgeführt und verwirklicht worden, und es reift eine letzte, mechanistische Form heran.
188
Teil 3
Finanzkapitalismus und europäisches Wirtschaftsmodell
Was lebendig war, wird starr und kalt. Innere Weiten, Seelenräume werden ersetzt durch
Ausdehnung im körperhaft Wirklichen, das Leben im Sinne des Meisters Eckhart wird zum
Leben im Sinne der Nationalökonomie, Gewalt der Ideen wird Imperialismus. Letzte, sehr
irdische Ideale breiten sich aus, reife Stimmungen mit der vollen Erfahrung des Alters: von
Sokrates, Laotse, Rousseau, Buddha an wendet sich der Weg jedes Mal abwärts. Sie sind
alle innerlich verwandt, ohne echte Metaphysik, Wortführer praktischer abschließender
Weltanschauung und Lebenshaltung, für die wir umfassende Namen wie Buddhismus, Stoizismus, Sozialismus, besitzen. (vgl. PuS, in PS: S. 34)
Wenn Spengler über die letzte, praktische Weltanschauung der westlichen Kultur
schreibt, nennt er diese „Sozialismus“ und meint damit, dass wir ein System der ethischen Forderungen „Du sollst“ aufstellen und es allgemeinverbindlich durchsetzen wollen. Auch der Finanzkapitalismus ist ein solches System, das vor allem die Forderung
„Du sollst Rendite erzielen und ökonomisch nützlich sein“ beinhaltet. Ein System des
„Du sollst“, welches das eigene Prinzip als allgemeinverbindlich für die ganze Welt
durchsetzen will, sieht Spengler als typisch abendländisch. Den Stoikern der Antike oder
den Buddhisten läge nichts ferner als eine solche Forderung.
Das Denken in Geldkategorien ist in Spätzeiten so verinnerlicht, dass es alle anderen
Anschauungen dominiert. War ein Schmied zuerst Schmied und ein Schneider zuerst
Schneider, ein Professor zuerst Professor, war die Arbeit im spenglerschen Sinne „beseelt“, so werden heute Vorgänge und Arbeitsprozesse quantifiziert und monetär bewertet, auch an den Hochschulen, auch in der Medizin. Ziel ist die quantitative Erfassung
und das „Controlling“ und die beliebige Steuerbarkeit dieser Prozesse.
Zivilisation bezeichnet also die Stufe einer Kultur, auf welcher Tradition und Persönlichkeit
ihre unmittelbare Geltung verloren haben und jede Idee zunächst in Geld umgedacht werden
muss, um verwirklicht zu werden. (vgl. UdA: S. 1167)
Damit dringt in der Tat ein „kaltes, mechanistisches Prinzip“ in alle Lebensbereiche –
auch höchst private – vor. Alles muss sich der Logik des Hyperkapitalismus beugen, die
Überlegung des Arztes, eine bestimmte Operation durchzuführen, Forschungsvorhaben
an der Universität, politische Entscheidungen.
(...) in diesem nun ganz nach außen gewandten Instinkt lebt der alte faustische Wille zur
Macht, zum Unendlichen weiter in dem furchtbaren Willen zur unbedingten Weltherrschaft
im militärischen, wirtschaftlichen, intellektuellen Sinne (...) in der Entschlossenheit, durch
die Mittel faustischer Technik und Erfindung das Gewimmel der Menschheit zu einem Ganzen zu schweißen. Und so ist der moderne Imperialismus auf dem ganzen Planeten gerichtet. (vgl. PuS, in PS: S. 34)
Und:
Die echte Internationale ist Imperialismus, Beherrschung der faustischen Zivilisation, also
der ganzen Erde, durch ein einziges gestaltendes Prinzip, nicht durch Ausgleich und Zugeständnis, sondern durch Sieg und Vernichtung. (vgl. PuS, in PS: S. 96)
15
Oswald Spengler und der moderne Finanzkapitalismus
189
Der Finanzkapitalismus reduziert die Komplexität des Lebens tatsächlich auf ein einziges „gestaltendes Prinzip“, eine einzige Zahl: die Rendite. Er unterwirft dieser Zahl
alles. Und ist damit „totalitär“. Mathematisch ist die Rendite der Quotient aus dem Ertrag und dem eingesetzten Eigenkapital pro Zeiteinheit:
R = E / EK
Für diese eine Gleichung werden Produktionsstätten und Produktionsprozesse zerstückelt und neu aufgebaut, über den ganzen Globus verschoben, wirtschaftsferne Studiengänge und die Geisteswissenschaften eingedampft, „Krankenhausmanagement“ etabliert.
Alles um der Rendite willen.
Dabei muss man sich klar machen, dass dieses Prinzip sehr abstrakt ist. Es bleibt außen vor, dass sich große Teile des gesellschaftlichen Nutzens oder des entsprechenden
Schadens einer wirtschaftlichen Aktivität nicht in Bilanzen wiederfinden und sich nicht
bewerten lassen. In Bezug auf Umwelt- oder Lärmbelästigung leuchtet das sofort ein.
Aber auch bei den Internetunternehmen ist vieles ungeklärt. Amazon ist ein hoch profitables Unternehmen und damit im Sinne des Finanzkapitalismus „effizient“, was von den
Mainstreamökonomen (dazu später mehr) mit „gut“ im moralischen Sinne gleichgesetzt
wird.
Aber auch wenn Amazon nur ein Viertel der Umsätze im Buchmarkt abgreift, wie in
Deutschland (in anderen Ländern sind es schon nahezu 50 Prozent), so fehlt dieser Umsatz den örtlichen Buchhandlungen. Diese haben aber fixe Kosten, sodass der weggebrochene Umsatz unter Umständen den Unterschied zwischen Existenz und Aus bedeutet.
Wie beziffert man nun die sozialen Kosten der Tatsache, dass es keine dezentralen
Strukturen mehr gibt, in denen man fachkundig beraten wird? Nur noch Amazon Logistikarbeitsplätze unter schlechten Bedingungen und nicht mehr die respektierte Stellung
des örtlichen Buchhändlers? Die Rendite von Amazon als Unternehmen liegt klar auf der
Hand. Aber der gesamtgesellschaftliche Nutzen ist völlig ungeklärt.
Ähnliche Konzentrationstendenzen sind in fast allen Branchen zu beobachten. Gleichzeitig werden überall autonome durch weitgehend prozessgesteuert Arbeitsplätze ersetzt.
Was früher am Fließband im Bereich der körperlichen Arbeit die Ausnahme war, hat
ausnahmslos alle Arbeitsbereiche erfasst – auch die Wissensproduktion an den Hochschulen.
Zudem wird oft Arbeit vom Produzenten auf den Konsumenten verlagert – denn der
hat im Gegensatz zu früher sehr viel Zeit. Wer zu IKEA fährt, muss eine lange Anreise
in Kauf nehmen, seine Möbel nach Hause transportieren und dann auch noch zusammenbauen. Der Werbespruch „Lebst Du noch oder wohnst Du schon?“ wurde deswegen
von Volksmund bereits in „Wohnst Du noch oder schraubst Du schon?“ umgedichtet.
Diese Usurpation der Zeit und der Gewohnheiten von Konsumenten durch die „Anbieter“ zeigt, dass neue Lebensgewohnheiten neue Wege der Anbieter nach sich ziehen.
Keinesfalls hat sich Hoffnung der Sozialpolitiker des 20. Jahrhunderts erfüllt, dass mit
der abnehmenden Arbeitszeit das Zeitbudget der Menschen für „sinnvolle“ Tätigkeiten
größer würde. Oft scheint das Gegenteil der Fall. Hier scheint sich auch ein anderes
190
Teil 3
Finanzkapitalismus und europäisches Wirtschaftsmodell
spenglersches Diktum zu bewahrheiten, dass der Kapitalismus nämlich niemals Arbeit
sparen würde, sondern im Gegenteil die Mobilisierung aller Arbeitsreserven darstellt und
dass die Arbeit bestenfalls umverteilt wird. (vgl. Farrenkopf in diesem Kapitel)
Dies alles sind Fragen, die aus der öffentlichen und vor allem der ökonomischen Diskussion weitestgehend ausgeblendet werden, weil sie nicht in die herrschende Doktrin
passen. Die Fixierung auf den „Markt“ und die – sehr einseitig gemessene – Rendite
haben beide zu einem Mythos werden lassen. Um hier jede Möglichkeit des Zweifels zu
nehmen, arbeitet die moderne Ökonomie daran, jegliche gesamtgesellschaftlichen Kosten-Nutzen-Betrachtungen als unwissenschaftlich abzustempeln. Im Sinne des methodologischen Individualismus sollen nur tatsächlich offenbarte Marktpreise zulässige Datenquellen für die Betrachtung sein. Hierzu in einem späteren Abschnitt mehr.
Die internationale Expansion des Finanzkapitalismus: Die Expansion des Finanzkapitalismus angloamerikanischen Stils, ideologisch verbrämt als die „Ausbreitung liberaler Gesellschaften“ hat sich seit dem Ende der Sowjetunion massiv beschleunigt. Doch
hier handelt es sich nicht um „Fortschritt“, wie es die Proponenten dieser Entwicklung,
allen voran Francis Fukuyama in The End of History, gerne haben wollten, sondern
letztlich um einen kulturellen oder soziobiologischen Verdrängungs- bzw. Überlagerungsprozess. (vgl. Fukuyama 2006)
Mittlerweile sieht Fukuyama seine in „The End of History“ gemachten Aussagen
deutlich kritischer und sieht auch in den USA Zeichen des gesellschaftlichen Verfalls.
Es lässt sich schon die Frage stellen, ob das, was seit ca. 25 Jahren in Europa passiert –
das Anwachsen der Ungleichheiten, der Verlust von Arbeitsplatzsicherheit, der Anstieg
von Armut, Massenarbeitslosigkeit im Süden Europas (mit Jugendarbeitslosigkeiten von
zum Beispiel über 50 Prozent in Griechenland und Spanien), die Bedrohung der Altersund Krankenversicherung, die Ökonomisierung von Wissenschaft, Gesundheit und Kultur und das Schwinden des Mittelstandes notwendigerweise als „Fortschritt“ zu bezeichnen ist.
Derzeit löst sich das kontinentaleuropäische Wirtschaftsmodell, der „rheinische Kapitalismus“ bzw. die „soziale Marktwirtschaft“, mit rasender Geschwindigkeit auf und
wird vom angelsächsischen Finanzkapitalismus assimiliert. Drei wesentliche Merkmale
unterscheiden, in aller Kürze, den angelsächsischen Finanzkapitalismus vom rheinischen
Kapitalismus:
1. Börsenorientierung vs. Bankenorientierung: Während im Finanzkapitalismus die
Börsen und kurzfristige Geschäftspartnerschaften und Gewinnmöglichkeiten dominierte, war das kontinentaleuropäische System bis in die 90er Jahre des letzten Jahrhunderts anders strukturiert, ebenso Japan. (vgl. Otte 2010) Finanzüberschüsse wurden
größtenteils in Form von Fremdkapital über das Bankensystem wieder in die Wirtschaft geleitet. Insbesondere in Deutschland war diese kreditbasierte Wirtschaft durch
die dezentrale Organisation des Genossenschafts- und Sparkassensektors hoch effi-
15
Oswald Spengler und der moderne Finanzkapitalismus
191
zient. England und Amerika hatten dem nichts Vergleichbares entgegenzusetzen.
Louis Brandeis, einer der bekanntesten Verfassungsrichter der Vereinigten Staaten
lobte 1911 in seinem Buch Other peoples’ money – and how bankers use it den deutschen Genossenschaftssektor als Vorbild für die USA. (vgl. Brandeis 2011)
Das kreditorientierte System beruhte auf dezentralen Entscheidungen, Risikokontrolle
und Vertrauen. Hierzu gehörte auch eine wesentlich höhere Grundehrlichkeit im Geschäftsverkehr. In den USA und England war auf der anderen Seite die Risikobereitschaft im Geschäftsleben höher. Zu den Institutionen der Börse auf der einen und des
dezentralen Bankwesens auf der anderen Seite kommen also kulturelle Faktoren hinzu, auf die ich später eingehen werde.
Keinesfalls lässt sich ohne weiteres folgern, dass ein börsen- und eigenkapitalorientiertes System „moderner“ und effizienter ist, wie es Alexander Gerschenkron tut. (vgl.
Gerschenkron 1962) Er sah in einem bekannten Artikel Deutschland und Japan als „late
industrializers“, die keine funktionierenden Kapitalmärkte hatten, sondern sehr
zentralisierte Kreditmärkte und starke staatliche Institutionen aufbauten, um den Industrialisierungsschub zu schaffen. Das geht zumindest an der Realität in Deutschland
im 19. Jahrhundert mit seinem hoch differenzierten und dezentralisierten Bankensystem völlig vorbei. Zudem war das amerikanische Bankensystem bis in die 80er Jahre
des 20. Jahrhunderts verglichen mit dem deutschen geradezu vorsintflutlich. Es gab
keine Girozentralen, Daueraufträge und Überweisungen wurden selten getätigt, bezahlt wurde größtenteils mit dem Scheck.
Wie sich die Institutionen der Kultur anpassen, macht auch der Gründerzeit-Boom
und die anschließende Krise in Deutschland von 1866 bis 1873 deutlich: Im Boom
kam es zur Gründung von über tausend Aktiengesellschaften, so viele wie später erst
in der New Economy nach 1998 wieder. Nach dem Börsencrash von 1873 wurden
diese Aktiengesellschaften streng reguliert, und ein Großteil der Unternehmensfinanzierung spielte sich weiterhin auf den Kreditmärkten ab. Dennoch (oder deswegen?)
besaß Deutschland um 1900 mit Abstand die dynamischste Volkswirtschaft, auch ohne allzu entwickelte Börsen.
2. Standardisierung, Zentralisierung und einfache ausführende Tätigkeiten vs. hoch
qualifizierte Mitarbeiter und dezentrale Entscheidungen: In seinem Werk Scale and
Scope – the Dynamics of Industrial Capitalism identifizierte der wohl bekannteste
Wirtschaftshistoriker Alfred Chandler verschiedene Wege zur industriellen Gesellschaft in England, den USA und Russland auf der einen sowie Deutschland und Zentraleuropa auf der anderen Seite. (vgl. Chandler 1994) In den ersteren gab es viele ungebildete Menschen, viel Land, Energie und Rohstoffe (in England aufgrund der Kolonien), in letzteren wenig Land, Energie und Rohstoffe. Die USA und England setzten
daher tendenziell auf standardisierte Arbeitsprozesse mit leicht austauschbarem Personal (Fließband, heute Standardisierung bei Gesellschaften im Dienstleistungssektor)
bei hohem Ressourcenverbrauch, in Deutschland und Mitteleuropa setzte man darauf,
Personal in der Breite gut zu qualifizieren, sodass viele Entscheidungen vom Arbeiter
oder Handwerker selber getroffen wurden, die in den standardisierten Systemen in
192
Teil 3
Finanzkapitalismus und europäisches Wirtschaftsmodell
den USA nur von Spezialisten getroffen wurden. Demzufolge wurden bei Restrukturierungen in den USA oft viele Mitarbeiter entlassen, während sie in Deutschland und
Mitteleuropa innerhalb des Unternehmens eine neue Aufgabe bekamen.
3. Verantwortungsethik vs. Erfolgsethik, soziale Gerechtigkeit vs. Freiheit: Über lange
Zeit standen sich innerhalb des Westens zwei ethische Grundauffassungen gegenüber.
Der zentraleuropäischen Auffassung, dass man etwas Sinnvolles tun soll, seine Arbeit
gut erledigen soll und dafür ordentlich bezahlt wird – also im Prinzip eine Abwandlung des Kantschen Kategorischen Imperativs – stand in den USA und England von
Anfang an die Erfolgsethik gegenüber. Nicht der Nutzen der Arbeit, sondern der Erfolg war maßgeblich. Nicht „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde“, sondern „handele so,
dass Du Erfolg hast.“ (vgl. PuS, in PS: S. 54 ff.)
4. Sozialpolitik, öffentliche Güter: Kontinentaleuropa hatte auch eine wesentlich ausgeprägtere Sozialpolitik. Viele Güter wurden zu „öffentlichen Gütern“ erklärt, zu wichtig, um sie Privatleuten und Unternehmen zu überlassen: Gesundheit, Fernsehen und
Radio, Energieversorgung, Straßenbau, Bildung. Privateigentum unterlag zudem in
Kontinentaleuropa einer Sozialbindung, die nicht immer so explizit wie in der Weimarer Verfassung von 1919 (§ 153, Abs. 3 „Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch
soll zugleich Dienst sein für das Gemeine Beste“) und Artikel 14 Absatz 2 des
Grundgesetzes („Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der
Allgemeinheit dienen“) formuliert, aber doch gedacht wurde.
Seit dem Sieg des angelsächsischen Finanzkapitalismus wird der Begriff des Eigentums zunehmend absolut gesetzt. Dem Schutz des Eigentums werden öffentlichrechtliche, gemeinwohlorientierte Belange zunehmend untergeordnet, die öffentlichen
Güter privatisiert. (vgl. Le Monde Diplomatique 2009) Die Verschärfung der Copyrightgesetze ist ein Beispiel dafür. Besonders absurd ist der 12. Rundfunkänderungsstaatsvertrag vom 1. Juni 2009, nach dem in Deutschland die Inhalte öffentlich-rechtlicher
Medienanstalten nur noch eine gewisse Zeit im Internet abrufbar sein dürfen. Private
Medienkonzerne hatten geklagt, dass dies eine „Wettbewerbsverzerrung“ darstelle.
Dabei haben die öffentlich-rechtlichen Anstalten einen Bildungsauftrag. Man kann
argumentieren, dass es geradezu ihre Aufgabe ist, durch ihre Angebote einen Qualitätswettbewerb in Gang zu setzen, den einige private Medien nicht überstehen.
Bis 1989 waren die Gesellschaftssysteme in (West-)Kontinentaleuropa durch die Blockbildung noch vor allzu viel Einflussnahme geschützt und existierten quasi in einem Biotop. Seit dem Fall des Kommunismus hat sich die Umgestaltung Westeuropas („Amerikanisierung“) massiv beschleunigt. Da Brüssel letztlich kein Ort europäischer Willensbildung ist, sondern ein Marktplatz für Lobbyisten, setzen sich zumeist die stärkeren
Lobbys durch. Zu diesen gehören sicherlich die Lobbys der Investmentbanken und der
IT-Konzerne. Der ehemalige Chefvolkswirt Simon Johnson spricht in diesem Zusammenhang von einer „Kaperung der Politik durch die Wirtschaft“. (vgl. Peukert 2010: S. 64 ff.)
15
Oswald Spengler und der moderne Finanzkapitalismus
193
Herrschaft über den Menschen: Nicht nur international expandiert der Finanzkapitalismus rücksichtslos und gestaltet ganze Volkswirtschaften um, auch der Mensch selber
wird umgestaltet. Neben der Expansion in die Breite hat also dieses Prinzip eine Tiefenwirkung in die Psyche des Einzelnen.
Nicht nur Produkte und einfache Dienstleistungen, das Wissen und die Wissensproduktion selbst ordnen sich zunehmend der Logik des Hyperkapitalismus unter. Wo Zeitungen sich früher zumindest teilweise über Abonnenten finanziert hatten, die bereit
waren, für Informationen zu bezahlen, dominiert seit dem Aufkommen des Internet eindeutig die Anzeigenwerbung. (vgl. Otte 2009) Im Internet selber gibt es sowieso kaum
Bezahlmodelle. Hier treibt also alleine die Aufmerksamkeit – die Zahl der Klicks bestimmt die Werbeeinnahmen. Damit schaffen es vor allem Boulevardthemen und groteske Sensationen ganz nach oben in die Suchmaschinen. Online-Redaktionen verkommen
zu reinen Schreib- und Kopierbüros und übernehmen willig Texte von PR-Abteilungen
der Unternehmen, weil sie sich keine qualifizierten Fachjournalisten mehr leisten können.
Zu Beginn der Internet-Ära – also vor den Bewegtbildern im Netz und den dominanten Suchmaschinen – teilte der Verfasser zwar nicht die Hoffnung auf eine freiere Welt
(das freie Internet), aber doch auf eine Renaissance des Lesens und der alphanumerischen Ordnung der Welt. Zu Beginn der Internetära gab es nämlich noch Inhaltsverzeichnisse, die sinnvoll strukturiert waren. Nun werden wir selber im Zeitalter des Payback zu menügesteuerten Ausführungsorganen, die gezwungen werden, Dinge zu tun,
die wir eigentlich nicht wollen. (vgl. Schirrmacher 2011)
Mehr und mehr verselbstständigt sich Big Data und schafft so ganz eigene neue Strukturen:
in Unternehmen und Organisationen, in den Köpfen der Menschen und in den
internationalen Beziehungen. Unternehmen verändern ihre Wertschöpfungsketten radikal.
Menschen passen ihr Verhalten und ihre Gedanken an, und meistens nicht zum Guten. Wer
weiß, dass er permanent beobachtet und ausgeforscht wird, verhält sich anders, ist nicht
mehr frei. (...)
Der Überbau der Daten wird autonom und zur neuen Realität, anstatt diese bloß abzubilden.
Er zwingt alle Subjekte nach den Prinzipien des zum Homo Oeconomicus umprogrammierten Egos in vorbestimmte Prozesse und Abläufe. Am Ende stehen Monokulturen gleichgeschalteter Akteure.
Wo das hinführt, lässt sich gut an den Finanzmärkten beobachten. Hier zählt ausschließlich
ein Maßstab: die maximale Rendite, und das möglichst schnell. Die „Finanzmärkte“ – von
der Wirtschaftsberichterstattung längst zu einer fast mythischen Größe erhoben – haben sich
von der Realwirtschaft abgelöst und geben zunehmend die Richtung vor. Ja, Unternehmen
und ganze Volkswirtschaften tanzen nach ihrer Pfeife. (vgl. Otte 2014)
In vielerlei Hinsicht sind die Menschen unfreier und stecken in mehr Zwängen als jemals
zuvor. Zwar können sie sich – vorausgesetzt, sie haben Geld – fast alles kaufen, aber
bereits mit dem Akt des Kaufens oder des Verkaufsgesprächs werden sie in ein streng
ritualisiertes Verhalten hineingezogen, das sich über Kontinente und Produkte immer
mehr angleicht. Die Ökonomisierung aller Lebensbereiche zwingt immer stärker dazu,
das Geldverdienen zu forcieren. Wenn dann konsumiert wird oder Freizeit gestaltet wird,
194
Teil 3
Finanzkapitalismus und europäisches Wirtschaftsmodell
findet das auch immer mehr als „Dienstleistung“ statt, die strengen und berechenbaren
Ritualen unterliegt.
Mein Artikel wurde von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung aus Platzgründen gekürzt. Nicht erschienen ist damals folgender Absatz, der in unmittelbarem Zusammenhang mit den obigen Passagen stand:
Wenn unser Denken einmal umprogrammiert ist, entsteht eine neue Menschheit, eine
Menschheit die sich von derjenigen unterscheiden wird, die seit Beginn der neolithischen
Revolution in vielen Aspekten nahezu unverändert geblieben ist.
Spengler hat die Macht der Presse, die Meinungen ihrer Leser und die öffentliche Meinung zu formen, vielfältig beschrieben. Das Internet und die vernetzte Welt hat er nicht
vorausgesehen. Während die Atomkraft, genmanipulierte Organismen und die Weltraumfahrt in seinem Gedankengebäude zumindest angelegt sind, ist die Informationstechnik, das Schaffen menschenähnlicher Intelligenz durch den Menschen in ihren letzten Konsequenzen selbst von diesem visionären Geist nicht geahnt worden. (Siehe hierzu
Osmancevic in diesem Kapitel)
15.6
Priester- und Kriegerkasten: Ökonomen und Manager
Die Priester: „Wir Ökonomen sind mittlerweile ziemlich gut darin, zu analysieren, wie
Regeln auf den Märkten funktionieren und sich auswirken. Wir haben uns aber kaum
damit beschäftigt, wie Regeln gemacht werden“, so der Dekan für Volkswirtschaftslehre
an der Universität Graz anlässlich einer öffentlichen Diskussion mit den „heterodoxen“
Ökonomen Heiner Flassbeck, Max Otte und Stephan Schulmeister im Jahr 2013. Allein
schon die Tatsache, dass von einer „orthodoxen“ und einer „heterodoxen“ Ökonomie
gesprochen wird, sollte stutzig machen. (vgl. Peukert 2010)
Die Ökonomie ist mittlerweile die dominante Gesellschaftswissenschaft. Sie löst die
Rechtsprechung (die sich selber zunehmend der Methoden der Ökonomie bedient) ab
und verweist Soziologie, Geschichte und Politikwissenschaft noch mehr in die Randbereiche gesellschaftlich weniger relevanter Forschungen. Diese Entwicklung setzte spätestens mit der durch Milton Friedman und andere seit den 1950er und verstärkt seit den
1970er Jahren vorangetriebenen „markt- und angebotsorientierten“ Ökonomien ein.
Durch massive Entstaatlichung („Deregulierung“) sollten die Marktkräfte gefördert
werden. Paul Volcker, der langjährige und allgemein respektierte Notenbankchef der
USA ist mittlerweile ein deutlicher Kritiker des Finanzkapitalismus geworden und bezeichnete einmal den Bankautomaten als die einzig nutzbringende Finanzinnovation der
letzten Jahrzehnte. Volcker berichtete, dass er Friedman seit den 1950er Jahren kannte,
einen charismatischen und netten „Prediger“. Die Brisanz seiner Ideen habe man aber
damals nicht erkannt – und nun sei schwer vorstellbar, wie man sich wieder aus der
Dominanz der Banken, Börsen und Lobbyisten befreien könne. (vgl. Faller und Otte 2011)
15
Oswald Spengler und der moderne Finanzkapitalismus
195
Seit 1980 ist die Zahl der Ökonomen massiv angestiegen. Eine Vielzahl von Wirtschaftsforschungsinstituten und volkswirtschaftlicher Abteilungen von Banken und Unternehmen äußert Marktmeinungen. Die Wirtschaftsministerien und die Politik sind weit
dahinter zurückgetreten. Ökonomen sind die Erklärer der heutigen Welt geworden. Der
Verfasser dieses Aufsatzes hat selber von diesem Trend profitiert. (vgl. Panster 2011)
Und immer wird die herrschende Doktrin der Marktorientierung und des methodologischen Individualismus zugrunde gelegt, nämlich dass „Märkte“ effizient(er) seien und
dass es auf die durch Marktpreise offenbarten Präferenzen von Individuen ankomme.
Hierzu nimmt man dann „Nutzenfunktionen“ an, die abbilden, welche Menge eines
Gutes welchen „Nutzen“ stifte und was damit der Einzelne bzw. die Summe aller Individuen zu zahlen bereit sind. Aggregiert ergeben diese Nutzenfunktionen dann eine gesamtwirtschaftliche „Nachfragefunktion“. Diese trifft wiederum auf eine aus anderen
Prämissen konstruierte „Angebotsfunktion“. Je „freier“ solche Märkte sind, desto effizienter soll die Wirtschaft sein.
Wie esoterisch das Konzept ist, lässt sich gut durch einen Blick auf den Begriff „Nutzenfunktion“ bei Wikipedia ersehen. Es stellt aber eine wesentliche Grundannahme der
gesamten modernen Ökonomie dar. Wo immer aber Theorien von höchster (gesellschafts)politischer Bedeutung so stark von Experten“wissen“ abhängen, besteht die
Gefahr, dass eine eigene Kaste von Politik- und Gesellschaftserklärern entsteht und dass
das Wissen mehr und mehr zum Wissen einer kleinen Gruppe wird.
Wie wenig allgemeingültig das Konzept des Nutzens, oder noch abstrakter des
Grenznutzens und der monetären Nutzenmaximierung ist, ist jedem soziologisch oder
anthropologisch bewanderten Wissenschaftler klar, denn:
Erst im Wirtschaftsbilde des denkenden Städters gibt es objektive Werte und Wertarten, die
als Element des Denkens unabhängig von seinem privaten Bedarf bestehen und die der Idee
nach allgemeingültig sind, obwohl in Wirklichkeit jeder einzelne sein eigenes Wertesystem
und seine eigene Fülle verschiedenster Wertarten besitzt und von ihnen aus die geltenden
Wertansätze (Preise) des Marktes als billig oder teuer empfindet. (vgl. UdA: S. 1164)
Preise kommen also durch sehr unterschiedliche individuelle Wertansätze zustande.
Diese Wertansätze sind bei Spengler soziokulturell geprägt und müssen sich keinesfalls
auf den flachen Begriff des individuellen „Nutzens“ beziehen, wie dies in der modernen
Ökonomie der Fall ist.
So werden viele Menschen durch eine anspruchsvolle, passende Aufgabe und ein
auskömmliches Einkommen besser motiviert als durch den ständigen Drang, mehr zu
verdienen. Umfragen bestätigen regelmäßig, dass Menschen zumindest in Mitteleuropa
ein Gespür dafür haben, was ein „faires“ Einkommen sein sollte. (vgl. Felber 2012) Im
Übrigen scheint auch die Anhebung der Relation von Spitzenverdienst zu Normaleinkommen in großen Konzernen von 30 zu 1 auf oftmals 300 zu 1 (in den USA seit Anfang der 1980er, in Europa sein Mitte der 1990er Jahre) nicht unbedingt die Qualität des
Spitzenmanagements verbessert zu haben. Dem Verfasser dieses Artikels scheint oftmals
das Gegenteil der Fall zu sein.
196
Teil 3
Finanzkapitalismus und europäisches Wirtschaftsmodell
Es scheint sich also bei der modernen Ökonomie (zumindest aus soziologischanthropologisch-evolutionsbiologischer Sicht) tatsächlich „um die bloße Selbstanalyse
des wirtschaftlichen Denkens einer einzigen Kultur und zwar auf einer einzigen Stufe“
zu handeln. (vgl. UdA: S. 1145) Dieses Denken wird normativ und absolut gesetzt. Natürlich
kann man argumentieren, dass die jetzige Welt die beste ist, die wir je hatten, und dass
wir daher den jetzigen Ist-Zustand auch als normatives Prinzip festschreiben sollten. Das
kommt aber einem Zirkelschluss gefährlich nahe.
Ihre Bedeutung sichert sich die Ökonomie auch dadurch, dass sie überwiegend „Partialmodelle“ untersucht. Hierbei werden ein oder wenige Faktoren variiert und dann die
Auswirkungen auf eine begrenzte Anzahl von Faktoren untersucht. (vgl. Peukert 2010) Die
Konsequenz eines solchen Vorgehens ist, dass sich Annahmen beliebig tief hinterfragen
lassen. Zum einen sichert das dem Stand der Ökonomen seine Existenz. Zum anderen
kann auf jede Studie eine Gegenstudie folgen und das Ergebnis wird – zumindest tendenziell – käuflich. Wer mehr in Studien für sein Anliegen investiert, wird mit großer
Wahrscheinlichkeit mit mehr Argumenten dastehen.
Interessant ist auch, dass sich die Ökonomie immer noch mit einer Theorie von Institutionen und Unternehmen sehr schwer tut. Man orientiert sich weiterhin überwiegend
am Bild des „Marktes" – vieler einzelner frei entscheidender Akteure, die nicht in langfristigen institutionellen Zwängen gebunden sind. Wenn überhaupt, trifft das Bild des
Marktes vielleicht am ehesten auf die Finanzmärkte zu, die zu den instabilsten Märkten
überhaupt gehören. Nichtsdestotrotz arbeitet die Ökonomie unverdrossen daran, immer
mehr institutionelle Schranken einzureißen und immer mehr Märkte an das Modell der
Börse anzugleichen, zum Beispiel Strom- und Agrarmärkte.
Die Diskrepanz zwischen dem Basismodell der Ökonomie und der Realität einer stark
institutionalisierten Gesellschaft haben zum Beispiel Joseph Schumpeter (1942) und John
Kenneth Galbraith (1967), aber auch viele andere geschildert. Die Erklärungsversuche der
Ökonomie blieben oftmals auf halbem Weg stecken. Grundlage ist der Transaktionskostenansatz von Ronald Coase, der besagt, dass bei Auftreten externer Effekte Institutionen
die Transaktionskosten reduzieren können. (vgl. Coase 1960) In The Economic Institutions
of Capitalism fasst Oliver E. Williamson 1998 den Stand der Diskussion zu den „New
Institutional Economics“ zusammen. (vgl. Williamson 1998)
Das Problem dieser Ansätze ist, dass sie zwar eine propädeutische Rechtfertigung für
die Existenz von Institutionen liefern, aber nicht zum Studium der Funktionsweise realer
Institutionen vordringen, da dies – aus Sicht der Ökonomen – „unwissenschaftlich“ sein
würde. In der Zwischenzeit gilt das Paradigma effizienter Märkte weiter und entfaltet
seine normative Wirkung. Da waren die Soziologie und die zum Beispiel von Karl Popper diffamierte deutsche historische Schule weiter. (vgl. Popper 2003)
Auch das Verhältnis von Markt und Plan sei kurz skizziert. Alle Wirtschaftssubjekte
planen; Organisationen machen dies ebenfalls. Es kann also so etwas wie den „Willen“
einer Organisation oder sogar eines Staatsgebildes geben. Die Angriffe der Marktökonomen richten sich gegen staatliche Planung, die nicht effizient sein könne. Gleichzeitig
muss konstatiert werden, dass in den Großkonzernen Tausende Mitarbeiter in Planungs-
15
Oswald Spengler und der moderne Finanzkapitalismus
197
abteilungen sitzen. Es ist also nicht die Frage, ob es eine planende und kontrollierende
Bürokratie gibt, sondern wo diese Bürokraten sitzen. „Auch der Milliardärssozialismus
(= Finanzkapitalismus, Anm. d. Verf.) würde ein Volk unvermerkt in ein Heer von Privatbeamten verwandeln.“ (vgl. PuS, in PS: S. 102) Die Geschwindigkeit, mit der heute die
bürgerlichen souveränen Berufe schwinden und ihre einstmals stolzen Berufsinhaber –
Professoren, Apotheker, Ärzte und andere – in „optimierte Prozesse“ gezwungen und
„controllt“ werden, muss schon zu denken geben. Und in den Großkonzernen sitzen
sowieso Beamte, die sich nur im Hinblick auf die Regeln, nach denen sie arbeiten, von
Ministerialbeamten unterscheiden. Dass also ein großer Teil der Wirtschaft nach Befehl
und Gehorsam organisiert ist, sollte klar sein.
Die Ökonomie fordert, staatliche Bürokratien abzubauen. Folge ist, dass die Bürokratien stattdessen in den Großkonzernen neu entstehen. Wo früher die Umwelt- und Arbeitsgesetzgebung für zumutbare Zustände sorgte und von Ministerien und Behörden
umgesetzt wurde, haben die Unternehmen nun ihre eigenen Corporate Social Responsibility Abteilungen. So werden – zumindest nach Ansicht des Verfassers – flächendeckend Böcke zu Gärtnern gemacht. Im Übrigen haben in der Menschheitsgeschichte
etliche Staaten als „Beamtenstaaten“ lange und gut funktioniert, wie zum Beispiel China
und die mesoamerikanischen Hochkulturen. Auch in Preußen galt das unbedingte Primat
der Politik – bei einer gleichzeitigen Wirtschaftsgesetzgebung, die um vieles liberaler als
die heutige war.
Grundlage des spenglerschen Wirtschaftsbildes ist zum einen der Sozialdarwinismus
bzw. die Soziobiologie, insbesondere der daraus abgeleitete Kampf um Ressourcen, der
in allen Formen permanent stattfindet und gelegentlich auch in Kriege ausartet. Ressourcen können auf zwei Arten gewonnen werden: erzeugend und erobernd. Erzeugend ist
zunächst einmal der Bauer, später auch der Handwerker, Ingenieur, Arzt, Lehrer und
Fabrikant, deren Intelligenz und Energie darauf gerichtet ist, Dinge zu erzeugen, und
seien es immaterielle Eigentümer wie Wissen oder Zustände wie Gesundheit.
Dieser erzeugenden tritt nun eine erobernde Art von Wirtschaft entgegen, die sich der ersten
als eines Objekts bedient, sich von ihr nähren lässt, sie tributpflichtig macht oder beraubt.
(...) Der Urkrieg ist immer auch ein Raubkrieg, der Urhandel mit Plünderung und Piraterie
aufs engste verwandt. (...) Politik und Handel in entwickelter Form – die Kunst, durch geistige Überlegenheit Sacherfolge über die Gegner zu erzielen – sind beide ein Ersatz des Krieges durch andere Mittel. Jede Art Diplomatie ist geschäftlicher, jedes Geschäft diplomatischer Natur, und beide beruhen auf eindringender Menschenkenntnis und physiognomischem Takt. (vgl. UdA: S. 1153)
Diese Unterscheidung ist nicht so weit entfernt von Werner Sombarts Klassifizierung der
Konkurrenz in Leistungskonkurrenz, Suggestionskonkurrenz und Gewaltkonkurrenz.
(vgl. Sombart 1991) Die Leistungskonkurrenz ist laut Sombart das, was wir uns gewöhnlicherweise unter Konkurrenz vorstellen: leistungsfähigere Produkte billiger zu erzeugen.
Sie erinnert damit an die Konkurrenz beim Sport. Bei der Suggestionskonkurrenz geht es
um „Marketing“, um „Show“, um das sich darstellen im besten Licht.
198
Teil 3
Finanzkapitalismus und europäisches Wirtschaftsmodell
Bei der Gewaltkonkurrenz wird Marktmacht und ggf. auch politische Macht ausgenutzt, um Konkurrenten zu verdrängen und zu zerstören. Wenn dann allerdings marktbeherrschende Monopole entstanden waren, dann würde die Suggestionskonkurrenz wieder
wichtiger, um Ansatz und Gewinn zu erhöhen, mithin Marketing und Propaganda.
Sombart sah diese Art der Konkurrenz in seinem 1902 veröffentlichten Hauptwerk
„Der moderne Kapitalismus“ vor allem in dem USA am Werk, wo gewaltige Trusts und
Konzerne entstanden waren. Mit dem Sherman Antitrust Act von 1890 und der Zerschlagung von John D. Rockefellers Standard Oil Company im Jahre 1911 versuchte die
amerikanische Politik dem Rechnung zu tragen.
Auch in Deutschland kam er zur Bildung von Kartellen, im ersten Weltkrieg unter
tatkräftiger Mitwirkung von Walther Rathenau. Diese Kartelle funktionierten aber effektiv und effizient, auch im Hinblick auf Qualität und Quantität von Produktion. Keinesfalls konnte man die Vereinigungen von Geschäftsleuten und Unternehmen in Deutschland von den Kammern bis hin zu den Kartellen pauschal nach einem Bekannten Satz
Adam Smiths als „Verschwörung gegen die Öffentlichkeit“ klassifizieren, die nur deswegen stattfanden um Preise zu erhöhen oder sich Vorteile zu sichern. (vgl. Smith 2012)
Die Kartelle und Kammern in Deutschland und Mitteleuropa hatten vor allem die Funktion der Qualitätssicherung und Marktregulierung. Dazu bedarf es eines anderen Betriebssystems, einer anderen Software, denn sonst wären dieselben Tendenzen eingetreten wie in den USA.
Heutige Ökonomen tun sich zunehmend schwer damit, überhaupt anzuerkennen, dass
es verschiedene Arten und Qualitäten der Konkurrenz gibt. Marktpreise und -ergebnisse
werden nahezu absolut gesetzt, und es liegt an der Politik, sich für Eingriffe zu rechtfertigen, während zumindest in Deutschland sich früher die Wirtschaft gegenüber der Politik rechtfertigen musste.
Die Krieger: Wenn sich bei den Ökonomen eine neue Priesterkaste zu bilden beginnt,
so etabliert sich bei den Managern eine neue Offiziers- und Kriegerkaste. Zwar wird der
Krieg heute überwiegend nicht mehr auf den militärischen Schlachtfeldern, sondern auf
Märkten ausgetragen, aber das Vokabular und die Denkweise sind dieselbe. Es geht
darum, Strategien für den Wettbewerb zu entwickeln, Märkte zu erobern, strategische
Stellungen zu besetzen.
Der Unternehmungsgeist (...) kluger Bankherren (...) mächtiger Geldleute (...) und der Minen und Trustmagnaten unserer Tage erfordert die strategische Begabung von Feldherren,
wenn die Operation glücken soll. (vgl. Isaacson 2012; Elmer-DeWitt 2014)
Wer denkt bei vollkommen rücksichtslos agierenden Magnaten wie Steve Jobs (Apple)
oder Jeff Bezos (Amazon) nicht an Feldherren oder, in der spenglerschen Diktion, „Cäsaren“? Auch in den Unternehmen ist der Wettbewerb oftmals gnadenlos. Manche Systeme setzen nicht auf die Erfüllung einer Aufgabe, sondern darauf, dass jedes Jahr ein
bestimmter Prozentsatz („die schlechtesten“) ausscheidet. Wenn ein Unternehmen übernommen wird, heißt das in der Praxis oft, dass überwiegend die Manager des „siegreichen“ Unternehmens bei der Verteilung von Führungspositionen zum Zuge kommen.
15
Oswald Spengler und der moderne Finanzkapitalismus
199
Auf den Business Schools dieser Welt werden die Standardtheoreme der Unternehmensführung und -kriegsführung gelehrt, wie vor 100 Jahren auf den Militärakademien
die „echte“ Kriegsführung. Ob darin ein Fortschritt zu sehen ist, hat schon Spengler in
„Preußentum und Sozialismus“ bezweifelt, wo er als einen möglichen Ausgang des
20. Jahrhunderts beschrieben hat, dass die Staaten und damit auch die „echte“ Kriegsführung in die Hand von Konzernen und Großvermögen gelangen könnten.
Was Spengler trotz der eingangs erwähnten scharfsinnigen Beobachtungen zur Trennung von Eigentum und leitender Tätigkeit nicht vorausgesehen hat, ist die starke zahlenmäßige Explosion der Manager-Beamten. Mittlerweile wählen viele Spitzenköpfe, die
eine Laufbahn in einer Organisation anstreben und nicht zu den wenigen begnadeten
gehören, die selber Unternehmer werden, lieber die Managerlaufbahn als den Staatsdienst. Auch dies wäre für Spengler bei den potenziell exorbitanten Managergehältern
und den eingeschränkten Handlungsmöglichkeiten und der Demoralisierung im öffentlichen Dienst verständlich gewesen, denn
„Ein Nachwuchs ist so viel wert wie die höchste erreichbare Macht: das ist das Geheimnis
Napoleons von dem Marschallstab im Tornister jedes Soldaten.“ (vgl. NdR, in PS: S. 182)
15.7
Das Gegenprinzip: „Preußischer Sozialismus“
Das Denken in Gelddingen dominiert nach Spengler die Spätzeit des Westens, unabhängig davon, ob es sich um nach unserem heutigen Sprachgebrauch „kapitalistische“ oder
„sozialistische“ Gesellschaften handelt. Auch in der Theorie des Sozialismus sollte alles
dem Gedanken der Zweckmäßigkeit unterworfen werden und sich einem Prinzip unterordnen. Insofern unterscheiden sich „Planwirtschaft“ und „Finanzkapitalismus“ in der
Tiefe nicht: Beide wollen, dass ein zugrundeliegendes Prinzip die gesamte Wirtschaft
beherrscht.
Spengler stellt dem Finanzkapitalismus einen „preußischen Sozialismus“ entgegen,
der auf seine Weise nicht weniger rücksichtslos und konsequent ist als der erstere, aber
eben die Deutschlands oder den Deutschen gemäße Lebensform darstelle. Eine Gesellschaftsform, in der jegliche Form von Arbeit ihre innere Würde habe und nicht Bequemlichkeit, sondern die Erfüllung seiner Aufgabe – und der Stolz, diese erfüllt zu haben –
wichtigster Ansporn sei.
Inwieweit dieser „preußische Sozialismus“ eine reine Wunschvorstellung Spenglers
war, oder ob Züge davon hätten umgesetzt werden können, werden wir nie beantworten
können. Vom Nationalsozialismus als Karikatur und späterer alptraumhafter Perversion
seines idealen preußischen Sozialismus wandte Spengler sich nach 1933 schnell ab.
Die spenglersche Charakterisierung der verschiedenen Wirtschaftsgesinnungen Englands und Deutschlands und ihrer anthropologischen und historischen Grundlagen lohnen eine nähere Betrachtung. Spengler wird dabei nicht müde, zu betonen, dass Völker
vor allem kulturelle Einheiten, Einheiten gleichen Denkens und Fühlens sind und dass
200
Teil 3
Finanzkapitalismus und europäisches Wirtschaftsmodell
dies nur sekundär mit Rasse und Sprache zu tun hat. (vgl. UdA, 2. Bd., Kapitel II, S. 688–745)
Auf der Unternehmensebene wird das Phänomen der Unternehmenskultur und der „Corporate Identity“ als ursächlich für den Unternehmenserfolg hervorgehoben (vgl. Otte 1999:
S. 6;. Treacy und Wiersema 1995), auf der Ebene der Staaten hingegen zumeist als unzulässige
Betrachtungsweise negiert. (vgl. Hofstede 2007)
Eine Ausnahme bildet die weit beachtete Studie von Hofstede 2007.
Dabei sind beides „Daseinsströme“, Organisationen, die spezifische Charakteristika und
jeweils spezifische Charakteristika ausprägen können. Auf der Ebene der Völker und
Nationalstaaten können solche Charakteristika durch geteilte historische Erfahrungen,
geographische Lage und andere Faktoren entstehen. Lange Wanderungen wie bei den
Juden oder den Azteken sind besonders mächtige konstitutive Erfahrungen. (vgl. Riese
2011)
Die beiden letzten Völker der westlichen Kultur waren 1919 für Spengler Engländer
und Preußen.
Der englische Friede zu Fontainebleau, der preußische zu Hubertusburg, beide 1763, schließen das französische Jahrhundert ab. (...) Die Geburt des modernen englischen Volkes liegt
im 17., die des preußischen im 18. Jahrhundert. Es ist das jüngste und letzte. Was hier an
Themse und Spree an unverbrauchtem Menschentum gestaltet wurde, verkörpert die Züge
faustischen Machtwillens und Hanges zur Unendlichkeit in der reinsten und energischsten
Form. (vgl. PuS: S. 39)
Heute wissen wir, dass die Geschichte weitergegangen ist und dass sich danach die Vereinigten Staaten trotz aller gesellschaftlichen Probleme zur mächtigsten politischen Einheit der Jetztzeit entwickelt haben, eine Entwicklung, die für Spengler 1933 durchaus
noch zweifelhaft war. (vgl. JdE: S. 79 ff.) Zudem scheint sich die „englische“ Gesellschaftsauffassung auf die USA übertragen zu haben, was zumindest in der Ära des New Deal
von Franklin Delano Roosevelt noch nicht endgültig entschieden war.
Deutschland ist von der jahrhundertelangen Zersplitterung über eine kurze Phase der
Machtversessenheit wieder bei der Machtvergessenheit angelangt. Es darf bezweifelt
werden, ob Deutschland (oder irgendein anderer Staat der europäischen Union) noch als
politisch wirksame und verfasste Einheit existiert. (vgl. Engels 2014)
Worin bestehen also die kulturellen Unterschiede zwischen Preußen (und umliegenden Gebieten) und England, die alle Bereiche des Lebens, auch die Wirtschaft, durchdringen? Wie unterschied sich also die „Software“ beider Gesellschaften, ohne welche
die Institutionen nicht zu verstehen sind? (Und wenn man Institutionen verpflanzt, ohne
die Software zu verstehen, gerät das meist zur Karikatur.)
Aber es waren zwei sittliche Imperative gegensätzlichster Art, die sich (...) langsam
entwickelten (...): persönliche Unabhängigkeit und überpersönliche Gemeinschaft. Heute
nennt man sie Individualismus und Sozialismus. Es sind Tugenden ersten Ranges, die
hinter diesen Worten stehen: Selbstverantwortung, Selbstbestimmung, Entschlossenheit,
15
Oswald Spengler und der moderne Finanzkapitalismus
201
Initiative dort, Treue, Disziplin, selbstlose Entsagung, Selbstzucht hier. Frei sein – und
dienen: es gibt nichts Schwereres als diese beide, und Völker, deren Geist deren Sein auf
solche Fähigkeiten gestellt ist, die wirklich frei sein oder dienen können, dürfen sich
wohl an ein großes Schicksal wagen. (vgl. PuS, in PS: S. 42)
Egoismus uns Eigennutz sind zwei Prinzipien, die in unterschiedlichster Ausprägung
bereits in der Tierwelt vorkommen. Wuketits:
Offensichtlich haben sich in der Evolution zwei zueinander entgegengesetzt stehende Prinzipien etabliert – zum einen der Kampf (im übertragenen und im buchstäblichen Sinne) der
Individuen untereinander, zum zweiten der Zusammenschluss von Individuen zu kooperativen Systemen. (...) Selbst innerhalb einer Art kann das Verhältnis zwischen Kampf und
Kooperation variieren. (vgl. Wuketits 1997, S. 69)
So gesehen wären die gesellschaftlichen Unterschiede zwischen Deutschland und England um 1900 oder um 1920 vor allem eine Frage der unterschiedlichen Ausprägung von
Kooperationsbereitschaft und Individualismus bzw. Wettbewerb. Spengler:
Maximum und Minimum des überpersönlichen sozialistischen Staatsgedankens, Staat und
Nichtstaat, das sind England und Preußen als politische Wirklichkeiten. (...) Denn der englische „Staat“ liberalen Stils ist der, welcher gar nicht bemerkt wird, der das Einzeldasein
überhaupt nicht in Anspruch nimmt, ihm kein Gehalt verleiht, ihm nur als Mittel dient.
Keine Schulpflicht, keine Wehrpflicht, keine Versicherungspflicht, so ging England durch
das Jahrhundert zwischen Waterloo und dem Weltkrieg, um jedes dieser negativen Rechte
zu verlieren. (vgl. PuS, in PS: S. 43)
Auch der Althistoriker Carl Ferdinand Friedrich Lehmann-Haupt hat sich diesbezüglich
geäußert. (vgl. Lehmann-Haupt 1915) England war für Spengler eine Gesellschaft von Privatleuten, durch die Insellage geprägt, von gleichem Denken und Fühlen. „Der Staat wurde,
weltlich wie geistlich, abgeschafft und durch den Vorzug der Insellage ersetzt.“ (vgl. PuS,
in PS: S. 26) Er wird als Geschäft von Privatleuten betrieben, deren beste dennoch staatsmännisch und über die nächste Bilanz hinausdenken. Zudem habe England seit der
Magna Carta eine ungebrochene Tradition, sodass es niemandem in den Sinn käme, die
eigene Gesellschaftsform zu hinterfragen.
Handel mit dem Hintersinn des kultivierten und auch weniger kultivierten Raubs war
Teil dieser Gesellschaft, beginnend mit den Kaperbriefen, vor allem im Zusammenhang
mit den Konflikten mit Spanien, bekannt durch solche Namen wie Sir Francis Drake und
Sir Walter Raleigh, beide ab 1585 im Rahmen des Achtzigjährigen Krieges, aber auch in
Form der Ausbeutung der Kolonien. Carl Schmitt berichtet in seiner Erzählung „Land
und mehr“, wie auch ehrenwerte Landbewohner fremde Schiffe in den Häfen überfallen.
(vgl. Schmitt 2011) Der Erfolg zählte: Drake und Raleigh wurden für ihre Beutezüge geadelt.
In Preußen hingegen wuchs unter der Notwendigkeit, den Osten zu kolonisieren und
sich in einem Land ohne natürliche Grenzen zu verteidigen, eine sehr stark gemeinschaftsorientierte Gesellschaft. England hatte ein Gemeingefühl des Erfolgs, eine Gemeinschaft von „Ichs“ mit dem „Pathos eines starken, Gleichförmigkeit schaffenden
202
Teil 3
Finanzkapitalismus und europäisches Wirtschaftsmodell
Lebensgefühls.“ (vgl. PuS, in PS: S. 47) Hierzu gehört auch die gehobene Zivilkleidung, die
„Uniform des Privatmannes“ (vgl. PuS, in PS: S. 48), die sich in dieser Normierung heute
auch in den USA und in den großen Konzernen durchgesetzt hat. (vgl. Otte 1995) „Die
englische Gesellschaftskleidung ist ein Zwang, strenger noch als der preußische Uniformzwang. Wer zur Gesellschaft gehört, wird dieser Tracht seines Standes gegenüber
nie in ‚Zivil‘, das heißt unter Verletzung von Sitte und Mode unvorschriftsmäßig gekleidet gehen.“ (vgl. PuS, in PS: S. 48) In Deutschland war es umgekehrt: Im Dienst hatte man
seine Uniform und privat konnte man schon einmal etwas nachlässiger sein, was die
Kleidung anging.
Stattdessen hat der preußische Stil das ebenso starke und tiefe Standesbewusstsein gezüchtet, ein Gemeingefühl nicht des Ruhens, sondern der Arbeit, die Klasse als Berufsgemeinschaft, und zwar des Berufs mit dem Bewusstsein für alle, für das ganze, für den Staat wirksam zu sein (...) (vgl. PuS, in PS: S. 47)
Für Engländer und Amerikaner liegt der Zweck der Arbeit laut Spengler im Erfolg,
Geld, Reichtum.
Es ist klar, dass ein Kampf um den Erfolg unvermeidlich ist, aber das puritanische Gewissen rechtfertigt jedes Mittel. (...) Die Arbeit ist nur der Weg, den man so bequem und sicher
als möglich wählen darf. (vgl. PuS, in PS: S. 52) Die preußische, sozialistische Ethik sagt: „es
handelt sich nicht um das Glück. Tue Deine Pflicht, indem Du arbeitest.“ Dies ist „gleichwohl die Idee des Sozialismus in seiner tiefsten Bedeutung: (...) Kampf um das Glück nicht
des einzelnen, sondern des Ganzen. (vgl. PuS, in PS: S. 52)
Für Spengler sind diejenigen Völker am effektivsten, die einen größtmöglichen Abstand
zwischen „oben“ und „unten“ und damit die größtmögliche soziale Differenzierung
aufweisen:
Unter allen Völkern Westeuropas zeichnen sich alleine diese beiden durch eine straffe soziale Gliederung aus. (...) Das englische Volk ist nach dem Unterschied von reich und arm,
das preußische nach dem von Befehl und Gehorsam aufgebaut. (...) Es sind die menschlichen Ordnungen, die sich auf dem Reichtum und der Autorität aufbauen, die, welche durch
den ungehemmten Kampf um Erfolge, und die, welche durch Gesetzgebung erzielt werden.
(vgl. PuS, in PS: S. 54 f.)
Parallele Fragen in der Soziobiologie sind nicht zu übersehen. Weiter:
Demokratie bedeutet in England die Möglichkeit für jedermann, reich zu werden, in Preußen die Möglichkeit, jeden vorhandenen Rang zu erreichen. (vgl. PuS, in PS: S. 55)
Aus dieser unterschiedlichen Grundhaltung und unterschiedlichen Grundsolidarität
folgen grundverschiedene Haltungen, nicht nur zum Konzept des Staates (bzw. Nichtstaates), sondern auch der Wirtschaftspolitik:
15
Oswald Spengler und der moderne Finanzkapitalismus
203
Als England 1066 (...) erobert wurde, wurden die stammverwandten Sachsen genauso von
den Normannen ausgebeutet. Niemals haben ihre Nachkommen die Welt anders zu betrachten gelernt. Diesen Stil trägt heute noch jede englische Handelskompanie und jeder
amerikanische Trust. Erzeugung von Einzelvermögen, von privatem Reichtum, Niederkämpfen der privaten Konkurrenz, Ausbeutung des Publikums durch Reklame, durch Preispolitik, durch Bedürfniserregung, durch Beherrschung des Verhältnisses von Angebot und
Nachfrage, ist das Ziel nicht die planmäßige Hebung des Volkswohlstandes als einer Einheit. Wenn ein Engländer von Nationalreichtum spricht, so meint er die Zahl der Millionäre.
„Nichts ist dem englischen Empfinden fremder als Solidarität“ (Fr. Engels). (...). (vgl. PuS, in
PS: S. 59)
Das Programm der „modernen“ Ökonomie und der Glaubenssatz Adam Smiths, dass
allen am besten gedient sei, wenn jeder auf seinen Vorteil bedacht sei und nur an sich
denke, sind hier nahezu vollständig abgebildet. Und bei der Zahl der Millionäre muss
man an die Fortune-500-Liste denken, die seit vielen Jahrzehnten die 500 reichsten
Amerikaner auflistet. Seit einiger Zeit wird diese Unsitte auch vom deutschen manager
magazin kopiert. Preis- und Lohndrückerei – heute allgemein anerkannt, während die
Gehälter in den Vorstandsetagen explodieren und das Verhältnis von Normalverdiener
zu Spitzenverdiener in den Unternehmen in den USA in den 1980ern, und, 20 Jahre
später in Kontinentaleuropa vom 30-fachen auf das 300-fache explodiert – sind laut
Spengler auch im 19. Jahrhundert ganz und gäbe:
Daraus ergibt sich, dass englisches Wirtschaftsdasein mit Handel tatsächlich identisch ist,
Handel insofern er die kultivierte Form des Raubens darstellt. Diesem Instinkt gegenüber
wird alles zur Beute, alles zur Ware, an der man sich bereichert. Die ganze englische Maschinenindustrie ist im Handelsinteresse geschaffen worden. Sie diente der Beschaffung billiger Ware. Als die englische Landwirtschaft durch ihre Preise den Lohnkürzungen eine
Grenze setzte, wurde sie geopfert. Der ganze Kampf zwischen Unternehmer und Arbeiter in
der englischen Industrie von 1850 geht um die Ware „Arbeit“, die der eine billig erbeuten,
der andere teuer verhandeln will. (vgl. PuS, in PS: S. 59)
Insofern ist für Spengler auch der Marxismus eine spezifisch englische Theorie, welche
den Kampf zwischen „Kapitalisten“ und „Arbeitern“ abbildet, zwei äußerst heterogenen
Konstrukten später Theoretiker. Nach Spengler gibt es überall leitende und ausführende
Arbeit, und hier liegt für ihn das Unterscheidungsmerkmal.
Demgegenüber ist die solidarische Grundhaltung im hoch effizienten deutschen Mittelstand (der vom Aussterben bedroht ist, sich aber noch halten kann) und auch in etlichen Großkonzernen bis in die 1980er Jahre hinein etwas ganz anderes. Carl Zeiss führte
sein Unternehmen streng patriarchalisch und fürsorglich und wandelte es 1888 in eine
Stiftung um, damit es auch in Zukunft seinen Zweck für Mitarbeiter und Allgemeinheit
erfüllen konnte. Die 1886 gegründete Robert Bosch GmbH, ebenfalls im Besitz einer
Stiftung, ist ein weiteres Beispiel. Diese Unternehmen funktionieren ganz anders, als es
die Doktrin des Finanzkapitalismus vorschreibt. Nicht Maximierung des Eigentümervermögens, sondern Zukunftssicherung des Unternehmens steht an erster Stelle. Noch
204
Teil 3
Finanzkapitalismus und europäisches Wirtschaftsmodell
konnte diese Unternehmenskultur in Teilen erhalten werden, aber der soziobiologische
Verdrängungsprozess nagt bereits an den letzten Säulen des deutschen Mittelstandes.
Die Stiftungen der amerikanischen und englischen Magnaten haben demgegenüber
laut Spengler einen ganz anderen Hintergrund, nicht den, eine Solidargemeinschaft zu
bauen, sondern durch das Verschenken ihres Vermögens die eigene Souveränität und
Macht noch einmal zu bestätigen.
Man sollte bei Engländern und Preußen vom Milliardärssozialismus und Beamtensozialismus reden. Zum ersten gehört ein Mann wie Carnegie, der zuerst einen großen Teil des
gesamten Volksvermögens in Privatvermögen wandelt und ihn dann in glänzender Weise
ganz souverän für öffentliche Zwecke ausgibt. Sein Ausspruch „Wer reich stirbt, stirbt
ehrlos“ enthält eine hohe Auffassung des Willens zur Macht über die Gesamtheit. (vgl. PuS,
in PS: S. 56)
Eine Sozialbindung seines Unternehmens, wie sie in der Weimarer Verfassung und im
deutschen Grundgesetz steht, hätte Carnegie jedoch wohl wie Steve Jobs (Apple) oder
Jeff Bezos (Amazon) mit ganzer Entschiedenheit abgelehnt. Zur Erlangung des Reichtums sind alle Mittel recht, danach kann man ihn für öffentliche Zwecke ausgeben. In
diesem Zusammenhang ist auch an die Initiative des Investors und Multimilliardärs
Warren Buffetts und seines Freundes Bill Gates zu erinnern, die gemeinsam versuchen,
die Multimilliardäre der USA dazu zu bewegen, zumindest 50 Prozent ihres Reichtums
zu spenden. (Beide haben über 95 Prozent gespendet.)
Ganz anders in Preußen (und weiten Teilen Mitteleuropas):
Aus dem Weltgefühl des echten Siedlers der Grenzmark, des kolonisierenden Ordens ergab
sich als notwendiges Prinzip die Wirtschaftsautorität des Staates. Der einzelne erhält seine
wirtschaftliche Aufgabe vom Schicksal, von Gott, vom Staate, von seinem eigenen Talent –
das alles sind Worte für dieselbe Tatsache. Rechte und Pflichten der Gütererzeugung und
-nutzung sind gleichmäßig verteilt. Das Ziel ist nicht die Bereicherung von einzelnen oder
jedes einzelnen, sondern die Blüte des Ganzen. (vgl. PuS, in PS: S. 58)
Eine derartige, „organische Auffassung“ des Staates wird von den heutigen Sozialwissenschaften weitestgehend als unwissenschaftlich abgelehnt. Noch dazu wird der Vorwurf erhoben, dass eine solche Auffassung antidemokratische Tendenzen fördere. In der
Geschichte haben jedoch oftmals Beamtenstaaten hoch effizient gearbeitet – in Ägypten,
China, im Hochland von Mexiko bei den Azteken. Und eben auch Preußen, wo die freie,
aber sozialgebundene Entfaltung der Wirtschaft ja durchaus möglich war, aber ein Primat des Staates galt. Die Tragik dieses Gebildes war, dass es seine Regierung nicht für
die besten Elemente aus dem Bürgertum und der Opposition geöffnet, sondern weitgehend dem Adel vorbehalten hat. Den möglichen Vorwurf der Demokratieferne in einer
Ordnung, die auf Befehl und Gehorsam aufgebaut ist, beantwortet Spengler wie folgt:
Demokratie bedeutet in England die Möglichkeit für jedermann, reich zu werden, in Preußen die Möglichkeit, jeden vorhandenen Rang zu erreichen (...) (vgl. PuS, in PS: S. 55)
15
Oswald Spengler und der moderne Finanzkapitalismus
205
Lediglich wenn man Demokratie als die Abwesenheit von Zwängen definiert, ist der
Finanzkapitalismus vordergründig das attraktivere Modell, da er den einzelnen wirklich
„frei“ entscheiden lässt. Eine zwerghafte Karikatur und teilweise Perversion des „preußischen Sozialismus“ wurde sicher in der DDR gelebt. Dennoch sei eine Anekdote aus
dem Film Das Leben der Anderen geschildert. Der Stasi Hauptmann Gerhard Wiesler
wird gegen Ende des Films von seinem Vorgesetzten, der ihm nichts nachweisen kann,
aber sicher ist, dass Wiesler einen „Systemgegner“ aktiv geschützt hat, dazu verdonnert,
bis zu seiner Pensionierung im Keller Briefe aufzudampfen, damit diese gelesen und
dann wieder verschlossen werden können. Dies ist ein System, das auf dem „Rang“
beruht. Wiesler wird, zumindest was seine Funktion betrifft, ganz nach unten degradiert.
Er kennt seine Verfehlung gegen die offiziellen Regeln.
Im Finanzkapitalismus verlieren tausende, hunderttausende ihre Existenzgrundlage
durch Restrukturierungen, ohne dass sie dafür persönlich verantwortlich sind. Es fällt
mir schwer, eine Wertung zu treffen, welches das „moralischere“ System ist.
In Preußen nun war ein wirklicher Staat in der anspruchsvollsten Bedeutung des Wortes
vorhanden. Hier gab es streng genommen keinen Privatmann. Jeder, der innerhalb des mit
der Exaktheit einer guten Maschine arbeitenden Systems lebte, gehört ihm irgendwie als
Glied an. Die Geschäftsführung konnte demnach auch nicht in der Hand von Privatleuten
liegen, wie es der Parlamentarismus voraussetzt. Sie war ein Amt und der verantwortliche
Politiker war Beamter, Diener des Ganzen. (vgl. PuS, in PS: S. 71)
Die Verwaltung sollte mit der vollen (...) Achtung vor dem Eigentum doch die in ihm ruhende Macht nicht dem Einzelnen, sondern der Gesamtheit zuweisen. (...) Sozialisierung
heißt nicht Verstaatlichung auf dem Enteignungs- oder Diebstahlsweg. Sie ist überhaupt
keine Frage des nominellen Besitzes, sondern der Verwaltungstechnik. (vgl. PuS, in PS:
S. 101)
Dieser Gedanke wird in den Sozialisierungsparagraphen der Weimarer Republik und des
Grundgesetzes ausgedrückt. Er war angelsächsisch geprägten Menschen innerlich immer
völlig fremd und wird uns selber im Zuge der Umgestaltung unserer Gesellschaftsordnung ebenfalls immer fremder. Immer wieder muss betont werden, dass es sich hierbei
nicht um „Fortschritt“ handelt, sondern um die Verdrängung eines Grundethos durch ein
anderen.
Denn Kapital ist das große Wort, in dem die englische Auffassung vom Eigentum liegt.
Kapital bedeutet wirtschaftliche Energie; es ist die Rüstung, in der man den Kampf um dem
Erfolg aufnimmt. Dem französischen Kavalier und Rentner stehen hier die Börsen-,
Petroleum- und Stahlkönige gegenüber (heute auch die IT-Magnaten, Anm. d. Verf.), deren
Genuss im Bewusstsein wirtschaftlicher Allmacht besteht. Dass eine Erkältung überall in
der Welt die Kurse fallen lässt, dass ein Telegramm von drei Worten Katastrophen auf der
anderen Seite des Erdballs hervorruft, dass Handel und Industrie ganzer Länder im Bereich
ihres persönlichen Kredits liegen, das ist ihr Begriff vom Eigentum, und zwar vom
Privateigentum. Man muss das ganze Pathos des Wortes zu würdigen wissen. Der
Milliardär fordert die unumschränkte Freiheit, durch seine privaten Entschlüsse mit der
Weltlage nach Gefallen zu schalten, ohne einen ethischen Maßstab als den des Erfolges.
(vgl. PuS, in PS: S. 98) (...) Und diesem Eigentumsbegriff, in den sich der Liberalismus des
206
Teil 3
Finanzkapitalismus und europäisches Wirtschaftsmodell
Geschäfts verkleidet hat, tritt nun der preußische entgegen: Eigentum nicht als private
Beute, sondern als Auftrag der Allgemeinheit, nicht als Ausdruck und Mittel persönlicher
Macht, sondern als anvertrautes Gut, für dessen Verwendung der Eigentümer dem Staate
Rechenschaft schuldig ist (...) (vgl. PuS, in PS: S. 99)
Es lohnt sich, bei dieser anthropologisch relativierten Unterscheidung des Eigentumsbegriffes zu verweilen. In der angelsächsischen Kultur ist das Eigentum absolut gesetzt.
Der Staat ist laut David Hume vor allem dazu da, um das Privateigentum zu schützen.
(vgl. Hume 2013) Das erste, was die Siedler in Amerika machten, war, ihren „Claim“, ihr
Grundstück abzustecken und zu verteidigen. Wenn man heute durch den menschenleeren
Westen der USA fährt, fallen einem Zäune durch steppen- und wüstenähnliches Gebiet
von hunderten Kilometern Länge auf. Nur Nationalparks und andere Parks sind nicht
eingezäunt. Der Verfasser lebte einige Zeit im Teton Valley, Idaho, dessen Bergzüge
sämtlich Nationalparkgelände sind. Dennoch ist es nicht einfach, einen Zugang zum
Nationalpark zu bekommen, da sich davor eine Schicht von Privatgelände gelegt hat. Die
Mehrzahl der Amerikaner und Engländer würde auch den Gebrauch der Waffe verstehen, wenn also jemand nach einer (selbst kurzen und brüsken) Aufforderung, das Privatgelände zu verlassen, auf einen Eindringling schießen würde.
Hätte Spengler mehr über die „Enclosure“ von öffentlichem Land in England seit der
Statute of Merton (1235) und der Statute of Westminster (1285) bis in die frühe Neuzeit
gewusst, er hätte sich bestätigt gefühlt. In Mitteleuropa, wo solche Vorgänge unvorstellbar sind, ist über die Enclosures wenig bekannt. Seit dieser Zeit haben Adlige und
Grundbesitzer systematisch öffentliches Land eingezäunt und zu ihrem Eigentum erklärt.
Im 15. und 16. Jahrhundert und später in Schottland nahmen die Enclosures dramatische
Ausmaße an, da aufgrund des hohen Bedarfs an Wolle die Schafhaltung sehr rentabel
wurde. Die Bevölkerung ganzer Landstriche, vor allem in Schottland, wurde vertrieben,
in die Armut gedrängt und musste oftmals auswandern. (siehe: https://en.wikipedia.org/
wiki/Enclosure)
Demgegenüber stellt das Jedermannsrecht (Allemansrätten) in den nordischen Ländern und Schottland einen deutlichen Kontrast dar. Dieses Gewohnheitsrecht gestattet
unter gewissen Bedingungen auch Aktivitäten wie Zelten und Feuer. Es ist damit umfassender als ein reines Betretungsrecht, wie es zum Beispiel in Deutschland besteht.
Auch das deutsche Jagdrecht aus dem 19. Jahrhundert zeigt, dass es anders – und für
die Allgemeinheit besser – geht. Wald und Agrarland gehören privaten und staatlichen
Eigentümern. Diese haben das uneingeschränkte Nutzungsrecht. Gleichzeitig haben aber
auch Privatpersonen und Besucher als Erholungssuchende das Betretungsrecht für Wälder, wenn sie sich an bestimmte Regeln halten. Und schließlich ist das Jagdrecht noch
einmal vom allgemeinen wirtschaftlichen Nutzungsrecht abgespalten, damit sinnvoll
bejagbare Größenordnungen zustande kommen. Grundstückseigentümer werden in
Jagdgenossenschaften, Körperschaften des öffentlichen Rechts, zusammengeschlossen,
die mindestens eine Größe von 150 Hektar haben sollen. Diese werden zur Pacht ausgeschrieben und die Grundbesitzer erhalten die anteilige Pacht. An diesem System zeigt
sich besonders deutlich, wie sich mit minimalen Einschränkungen für den Eigentümer
15
Oswald Spengler und der moderne Finanzkapitalismus
207
die Rechte zum Nutze aller sinnvoll gestalten lassen. Der angelsächsischen Wirtschaftsauffassung wäre dies fremd. Wie das deutsche Jagdrecht werden viele andere sinnvolle
Institutionen der deutschen Wirtschaft, zum Beispiel die Genossenschaftsbanken, im
Rahmen eines soziobiologischen Verdrängungswettbewerbs zunehmend ausgehöhlt. Ein
Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte aus dem Jahr 2012, dass
Grundbesitzer die Jagdausübung nicht mehr dulden müssen, war hier wahrscheinlich erst
der Anfang.
Ein weiterer Auswuchs der heutigen Wirtschaftsauffassung ist die sogenannte „Nutzenorientierte Preisfestsetzung“: (vgl. Simon und Fassnacht 2008) Preise sollen nicht in Relation zu den jeweiligen Produktionskosten stehen, sondern danach festgelegt werden, was
der Kunde bereit ist, zu bezahlen. Fluglinien haben sich dieses Prinzip mit als erste zu
eigen gemacht: Wenn lange vorher gebucht wird, gibt es den Flug sehr billig, wenn kurz
vorher gebucht wird, beträgt der Preis für denselben Sitz oftmals ein Vielfaches. Zum
Teil lässt sich dies mit Kapazitätsmanagement und Planungssicherheit begründen. Teilweise ist es aber einfach nur Ausnutzung von Marktmacht. In früherer Zeit hätte man
dies „Wegelagerei“ genannt. Prinzipiell ist das Verhalten kein anderes als das von Raubrittern, die eine Kette über den Rhein spannten, um (hohe) Zölle von den vorbeifahrenden Kähnen zu kassieren.
In der modernen Wirtschaft gibt es eine unüberschaubare Zahl von Preisen und Tarifmodellen, auch bei Telefonanbietern und Versorgern. Der einzelne ist mit der Verarbeitung dieser Informationen oftmals schlicht überfordert. (vgl. Otte 2009)
Unternehmen produzierten oftmals dauerhaft hohe Gewinne, Überrenditen. Dies ist
teilweise auf ein monopolartige Stellung zurückzuführen, die mit den Leistungen des
Managements nichts zu tun hat. Warren Buffett, der Superinvestor, kauft daher nach
eigenen Angaben nur „Aktien von Unternehmen, die auch von Idioten gemanagt werden
können. Weil irgendwann genau das passieren wird.“
Spengler sieht es als Aufgabe einer (preußischen) Gesetzgebung an, den Markt so zu
ordnen, dass für Konsumenten und Marktteilnehmer (bei Aufrechterhaltung eines sinnvollen Wettbewerbs) diese Dinge geordnet sind. Innovatoren und Unternehmen können
durchaus (zum Beispiel durch Patentschutz) höhere Gewinne einfahren, aber dauerhaft
sehr hohe Renditen wären einer solchen Gesetzgebung suspekt. Auch in der Arbeitswelt
gäbe es Gehaltsordnungen, die nur für echte Geschäftsleute und Unternehmer nicht gelten würden: „Der preußische Gedanke ist die unparteiische staatliche Festsetzung des
Lohnes für jede Art von Arbeit, nach Maßgabe der wirtschaftlichen Gesamtlage planmäßig abgestuft, im Interesse des Gesamtvolkes und nicht einer einzelnen Berufsklasse.“
(vgl. PuS, in PS: S. 89) Die alte Bundesrepublik war diesem Modell wahrscheinlich näher als
sie es der heutigen Zeit ist, in der die Managergehälter und vor allem die Gehälter in der
Finanzbranche jegliche Proportionen gesprengt haben.
Letztlich tritt auch hier die anthropologische Grundfrage der „englischen“ und der
„preußischen“ Haltung wieder zutage: Soll das Primat der Wirtschaft oder der Politik
gelten. Soll die Politik die Wirtschaft sinnvoll „ordnen“ (in der Sozialen Marktwirtschaft
sprach man von „Ordnungspolitik“ oder „Marktordnung“) oder soll die Wirtschaft sich
der Politik bedienen?
208
15.8
Teil 3
Finanzkapitalismus und europäisches Wirtschaftsmodell
Kriege, der Finanzkapitalismus und die „Neue Weltordnung“
Die Hoffnung, dass der Kapitalismus Kriege unnötig machen würde, ist oft geäußert
worden. Im Jahr 1910 schrieb der bekannte englische Publizist Norman Angell ein Buch
mit den Titel The Great Illusion, in dem er argumentierte, dass die ökonomische Interdependenz Kriege sinnlos machen würde. Das Buch erreichte viele Auflagen und wurde
noch im Sommer 1914 neu aufgelegt. Für sein Buch erhielt Angell 1933 den Friedensnobelpreis. (vgl. Angell 1910) Im gleichen Atemzug wird gerne geäußert, dass man dankbar
sein könne, dass im Kapitalismus und der Marktwirtschaft die Auseinandersetzungen auf
den Märkten stattfänden und nicht wie im Nationalstaat zwischen den Staaten und auf
den Schlachtfeldern, so ein bekannter, „bürgerlicher“ SPD-Politiker im Ruhestand zum
Verfasser
Spengler argumentierte, dass dies Wunschdenken an die Stelle von Tatsachen setze.
Der Finanzkapitalismus bediene sich lediglich einer anderen Art von Kriegsführung, da
hier die Rolle von Staat und großen Einzelvermögen und Konzernen im Gegensatz zum
„preußischen Modell“ vertauscht ist. Nicht die Wirtschaft ist dem Staat untergeordnet,
sondern der Staat ist eine Sache von Privatleuten und wird damit der Wirtschaft untergeordnet.
Dass damit aber keinesfalls die Konflikte um Ressourcen beendet sind, ja auch Kriege
weiterhin als Ultima Ratio stattfinden werden, schien Spengler selbstverständlich:
Der Milliardär fordert die unumschränkte Freiheit, durch seine privaten Entschlüsse mit der
Weltlage nach Gefallen zu schalten, ohne einen ethischen Maßstab als den des Erfolges. Er
kämpft mit allen Mitteln des Kredits und der Spekulation den Gegner auf seinem Felde
nieder. Der Trust (Konzern, Anm. d. Verf.) ist sein Staat, seine Armee und der politische
Staat ist nicht viel mehr als sein Agent, den er mit Kriegen, wie dem spanischen und südafrikanischen, mit Verträgen und Friedensschlüssen beauftragt. (vgl. PuS: S. 98 f.)
Die Fortdauer von Konflikten – auch kriegerischer – scheint aus soziobiologischer Sicht
sehr wahrscheinlich:
Jedes lebende System kann mit anderen lebenden Systemen – oder sogar mit sich selbst – in
Konflikt geraten, wenn bestimmte, in erster Linie auf Konkurrenzsituationen zurückführbare Lebensbedingungen auftreten. Utopien haben dagegen immer wieder Szenarien für
eine konfliktfreie (menschliche) Gesellschaft entworfen und dem Glauben Ausdruck verliehen, dass zumindest die Sozietäten der sogenannten Naturvölker – oder „Wildbeuter-Gesellschaften“, wie manche dieser Gesellschaften heute bezeichnet werden – ohne Konflikte
existieren, dass Ihnen Hass, Neid, Aggression und so weiter recht fremd seien. Ebenso wenig wie heute diese Kulturromantik aufrechterhalten werden kann, ist jene Naturromantik
vertretbar, die ein friedliches, konfliktfreies Zusammenleben von Tieren unterstellt. Nur bei
vollständigem Fehlen jeglicher Form des Wettbewerbs wären solche Ideale ernst zu
nehmen. (vgl. Wuketits 1997: S. 57)
Im Zuge dieser allgemeinen Konkurrenz der Menschen um Ressourcen, die auch immer
wieder in Kriege umschlagen kann, verschieben sich nur Motive, Ebenen und Methoden
15
Oswald Spengler und der moderne Finanzkapitalismus
209
der Konflikte. Wo früher Staaten miteinander konkurrierten, um ihr jeweiliges Rechtssystem zu schützen und optimale Bedingungen für ihre Bürger durchzusetzen, konkurrieren jetzt Privatleute und Konzerne um Ressourcen und nutzen die Staaten als Instrumente.
Unter diesem Aspekt scheint es meiner Meinung nach zulässig, den Begriff „Weltzivilgesellschaft“ mit dem Begriff „Weltherrschaft der Konzerne“ gleichzusetzen. Das
dadurch kriegerische Auseinandersetzungen der Vergangenheit angehören, scheint mir
illusorisch. Nur die Entscheidungen darüber wandern von den Staatsmännern zu den
großen Vermögen und den Konzernen.
Die Auseinandersetzungen um das letzte gestaltende Prinzip des Westens würden laut
Spengler furchtbar werden. Er sah hier zwei Prinzipien im Wettstreit, die er englischen
Kapitalismus und preußischen Sozialismus nannte.
Die drei großen Revolutionen des Abendlandes aber entrollen eine Machtfrage: Ist der Wille
des Einzelnen dem Gesamtwillen zu unterwerfen oder umgekehrt? Und man ist entschlossen, die eigene Entscheidung der ganzen Welt aufzuzwingen. (vgl. PuS, in PS: S. 26)
Den Zweiten Weltkrieg sah er zu einer Zeit heraufziehen, als sich die Nationen Europas
noch in Sicherheit wägten. Er warnte immer wieder vor der „furchtbaren Gefahr“, in der
sich Deutschland befinde, und sah 1919 schon weitere Kriege heraufziehen:
So stehen sich heute zwei große Wirtschaftsprinzipien gegenüber: aus dem Wikinger ist der
Freihändler, aus dem Ritter der Verwaltungsbeamte geworden. Eine Versöhnung zwischen
beiden gibt es nicht, und da sie beide, als (...) faustische Menschen höchsten Ranges, für ihr
Wollen keine Grenze anerkennen und sich erst dann am Ziele glauben werden, wenn die
ganze Welt ihrer Idee unterworfen ist, so wird es Krieg geben, bis eine von Ihnen endgültig
gesiegt hat.
Spenglers Deutungen mögen Unbehagen hervorrufen; sie treffen die Realität aber ziemlich genau. Das deutsche Gesellschaftssystem wurde im Westen bis Anfang der 1980
Jahre nur sehr punktuell umgestaltet, vor allem durch ein neues Wettbewerbsrecht, welches Konkurrenz über die schon von Walther Rathenau meisterhaft organisierten Kartelle stellte, die in der deutschen Ökonomie – auch nach 1945 – als Normungs-, Rationalisierungs-, Quoten- und Preiskartelle durchaus ihre Berechtigung hatten. Anfang der
1980er Jahre kam das Privatfernsehen hinzu. Zwischenzeitlich sind deutsche Bundesund Landesministerien in Bezug auf gesetzliche Rahmenvorgaben zum Schutz des Mittelstandes und des Bürgertums und zur Eingrenzung der Macht der Konzerne ziemlich
macht- und funktionslos geworden. Ein wichtiger Punkt in dieser Entwicklung war sicher die Einheitliche Europäische Akte von 1986, welche viele Gesetzgebungskompetenzen nach Brüssel verlagerte. Mit der faktischen Abschaffung der Autonomie der Bundesbank verlor im Jahr 2010 eine der letzten funktionierenden Institutionen deutscher,
„preußischer“ Rechtsauffassung ihre Existenzberechtigung. Der soziobiologische Verdrängungsprozess nähert sich seinem Endstadium. Ja es scheint in der Tat so, als ob die
Parlamente und politischen Institutionen weitestgehend Instrumente der großen Vermö-
210
Teil 3
Finanzkapitalismus und europäisches Wirtschaftsmodell
gen und wirtschaftlichen Machtkonzentrationen geworden sind. Diese Machtkonzentrationen bedienen sich der Politik und der Verwaltung, um sich Bürger und unbewegliche
Vermögen gefügig zu machen. Spengler hat es vorausgesehen.
15.9
Ausblick: Zeichen des Verfalls
Folgt man Spengler, dann geht die hochkomplexe städtische Geldwirtschaft langsam
wieder in primitivere Formen der Wirtschaft über. Gewalt und Macht beginnen, Gesetze
zu verdrängen. In gewisser Weise bestehen Parallelen zur „Zweiten Religiosität“. Krebs
weist in seinem Beitrag darauf hin, dass der Islam nach Spengler keine archaische Form
ist, sondern in seiner Entwicklung dem Abendland um 1000 Jahre voraus. (vgl. Krebs in
diesem Kapitel) Ohne dies hier im Detail aufzuführen, seien einige Tendenzen der jüngeren
Zeit aufgeführt, welche die spenglerschen Prognosen sehr aktuell erscheinen lassen.
Unzweifelhaft steigt die Zahl der Superreichen an. So hatten die 85 reichsten Menschen der Welt 2014 ein Vermögen, das dem der 3,5 Milliarden Menschen der ärmeren
Hälfte der Weltbevölkerung entsprach. Das reichste Prozent der Weltbevölkerung hatte
das 65-fache Vermögen der ärmeren Hälfte. (siehe: www.oxfam.org) Die Superreichen stehen
jenseits von Recht und Gesetz stehen, weil sie ihre Vermögen durch anonyme Family
Offices verwalten lassen. Jene Superreichen sind an staatliche Ordnungen kaum noch
gebunden, sondern agieren global. (vgl. Krysmanski 2015; Freeland 2013)
Im Wirtschaftsleben breiten sich räuberische Geschäftspraktiken zunehmend aus –
von Gentechnik-Unternehmen, die auf vorhandenes Saatgut und Pflanzen in der Dritten
Welt Patente anmelden, um sie dann den Landwirten vorzuenthalten oder diese mit Strafen zu überziehen, über die Ausbeutung von Privatanlegern im Investmentbanking (vgl.
Anne 2010) bis hin zum High-Frequency Trading, bei dem Teilnehmer am Börsengeschehen legal über den Tisch gezogen werden.
International machen sich zunehmend rauere Sitten breit, bis hin zur eindeutigen „Unterwerfung“ von Ländern und Branchen – so die Einschüchterung der Schweiz und Bindung durch unilaterale Abkommen an die USA, wie überhaupt die unilaterale Anwendung nationalen Rechts der USA international mit Hinweis auf das Drohpotenzial des
Binnenmarktes, Industriespionage und die generelle Zunahme von Wirtschaftssanktionen und Wirtschaftskrieg.
Überzogene Rechtsmittel wie das Strafverfahren gegen die Deutsche Bank (siehe:
www.deutschlandfunk.de) oder Kartellverfahren gegen deutsche Bierbrauer, bei denen ein
Kartellaussteiger (Anheuser-Busch) aufgrund seiner Meldung straffrei ausgeht, legen im
Partikularinteresse ganze Branchen lahm, ohne damit Probleme zu lösen oder das Gesetz
der Verhältnismäßigkeit zu beachten. Insbesondere in der Finanzbranche, aber auch in
vielen Bereichen, wird die Kriminalisierung der Überschreitung sehr eng gesteckter
Regeln zur Norm, anstatt die Akteure wirtschaftlich haften zu lassen.
15
Oswald Spengler und der moderne Finanzkapitalismus
211
Dem aufmerksamen Beobachter wird nicht entgehen, dass unsere internationale Wirtschaftsordnung erheblich mehr Rechtsunsicherheiten verzeichnet, als das zum Beispiel
vor 1914, einer Phase beispielloser globaler Rechtssicherheit, der Fall war. Auch zwischen 1944 (Bretton Woods) und 1989 war eine weitgehend stabile internationale Wirtschaftsordnung in Kraft, mit Aufweichungstendenzen seit 1971 (Ende von Bretton
Woods). Die teilweise Scheinblüte der 1990er Jahre (Liberalisierung der Finanzmärkte)
führte zu Finanzblasen und überdeckte ein immer brüchigeres Fundament, immer stärkere Monopolisierungs- und Kartellisierungstendenzen, die spätestens seit Ausbruch der
Finanzkrise offen zu Tage treten.
Die staatliche Zwangswirtschaft der Niedrigzinsphase seit der Finanzkrise führt zu
erheblichen ökonomischen Verwerfungen in Form von „Financial Repression“ und
schleichender Enteignung der Mittelschicht, Förderung spekulativer anstelle von produktiver Aktivitäten und Gesetzesbeugungen in Form von Staatsfinanzierung über die Notenpresse. (vgl. Otte 2015: S. 8 ff.) Die sogenannte Euro-Krise führt zu zunehmend undemokratischen Entscheidungen in der Europäischen Union. (vgl. Otte 2011a)
Insofern mehren sich die Anzeichen, dass der Finanzkapitalismus nicht die letzte
Form der Wirtschaftsentwicklung gewesen sein wird, sondern krisenhaft in neue Formen
des Wirtschaftens übergehen wird. Die zunehmende Nutzung von Wirtschafts- und
Staatsmacht im Wirtschaftsleben könnte darauf hinweisen, da hoch komplexe allgemeingültige Rechts und Wirtschaftssysteme tatsächlich langsam degenerieren. Sollte es
dem Westen nicht gelingen, sich zu reformieren, würde sich der vergessene Spengler
einmal mehr rächen, indem er Recht behält.
Ursprünglich erschienen in Oswald Spenglers Kulturmorphologie, bei Springer
Fachmedien Wiesbaden GmbH, 2018.
Zitierte Schriften Oswald Spenglers
JdE:
MuT:
NdR:
PPJ:
PS:
PuS:
UdA:
Jahre der Entscheidung
Der Mensch und die Technik
Neubau des Deutschen Reiches
Politische Pflichten der deutschen Jugend
Politische Schriften
Preußentum und Sozialismus
Untergang des Abendlandes
212
Teil 3
Finanzkapitalismus und europäisches Wirtschaftsmodell
15.10 Literatur
Adorno, T. (1955): Spengler nach dem Untergang, Zu Oswald Spengler 70. Geburtstag, In: Prismen. Kulturkritik und Gesellschaft, hrsg. Theodor W. Adorno, 115–118. Frankfurt.
Anne T. (2010): Die Gier war grenzenlos, Berlin
Angell, N. (1910): The Great Illusion. London
Buffett, W. (2014): Warren Buffett’s 23 Most Brilliant Insights About Investing. Business Insider.
http://www.businessinsider.de/warren-buffetts-investing-quotes-2014-8. Zugegriffen: 2. September 2014.
Chandler, Alfred D. (1994): Scale and Scope – the Dynamics of Industrial Capitalism, Cambridge.
Coase, R. H. (1960): The Problem of Social Cost In: Journal of Law and Economics. Vol. 3, S. 1–
44
Collins, J. und Porras, J. (1996): Built to last – successful habits of visionary companies, New
York.
Demandt, A. (2014): Geschichtsbiologismus. In Spengler ohne Ende, hrsg. Daniel Meyer und
Gilbert Merlio, 2–11.Frankfurt.
Elmer-DeWitt, P. (2014): NYT: Steve Jobs was a criminal. Vanity Fair: Samsung is a liar, Fortune, May 4. http://fortune.com/2014/05/04/nyt-steve-jobs-was-a-criminal-vanity-fairsamsungis-a-liar/. Zugegriffen: 2. September 2014.
Enclosure (2014): http://en.wikipedia.org/wiki/Enclosure. Zugegriffen: 1. September 2014.
Engels, D. (2014): Auf dem Weg ins Imperium: Die Krise der Europäischen Union und der Untergang der Römischen Republik. Historische Parallelen. Berlin.
Faller, H und Otte, M. (2014): Paul Volcker: Der alte Mann und das Mehr, Die Zeit.
https://www.zeit.de/2011/32/Wirtschaftskrise-Paul-Volcker/seite-2. Zugegriffen: 2. September
2014
Fukuyama, F. (2006): The End of History and the Last Man. New York.
Felber, C. (2012): Gemeinwohlökonomie. Wien.
Freeland, C. (2013): Die Superreichen – Aufstieg und Herrschaft einer neuen globalen Geldelite.
Frankfurt.
Galbraith, J. K. (2007): The New Industrial State. Princeton.
Gerschenkron, A. (1962): Economic Backwardness in Historical Perspective. Cambridge.
Griffith, E. (2014): Silicon Valley’s single degree of separation -The clubbiness of the tech hub is
what makes it work. But what if it’s at the expense of the startups? Fortune. March 20, 2014.
http://fortune.com/2014/03/20/silicon-valleys-single-degree-of-separation/. Zugegriffen: 2. September 2014.
Hofstede, G. (2007): Cultures and Organizations, Software of the Mind. 3rd ed. New York.
Hume, D. (2013): A Treatise on Human Nature. CreateSpace Independent Publishing Platform
(October 25, 2013).
Isaacson, W. (2012): Steve Jobs: Die autorisierte Biografie des Apple-Gründers. München.
Krysmanski, H. J. (2015): 0,1%: Das Imperium der Milliardäre. Frankfurt.
Lehmann-Haupt, C. (1915): Von Waterloo bis Antwerpen, Stuttgart und Berlin.
Le Monde Diplomatique (2009): Ausverkauft. Wie das Gemeinwohl zur Privatsache wird, Sonderausgabe. Berlin.
Otte, M. (1995): Amerika für Geschäftsleute. Frankfurt.
Otte, M. (2009): Der Informationscrash. Berlin.
Otte, M. (2010): „Finanzplatz Deutschland“ versus deutsches Bankwesen – Zwei politökonomische Perspektiven für die Zukunft. In Deutschland 20 Jahre nach dem Mauerfall – Rückblick
und Ausblick, hrsg. Frank Keuper und Dieter Puchta, 179–204. Wiesbaden
Otte, M. (2011): Stoppt das Euro-Desaster. Berlin.
15
Oswald Spengler und der moderne Finanzkapitalismus
213
Otte, M. (2011b): Fiktion und Realität im Finanzwesen. In Finanzen und Fiktionen – Grenzgänge
zwischen Literatur und Wirtschaft, hrsg. Christine Künzel und Dirk Hempel, 27–45. Frankfurt.
Otte, M. (2014): Je größer die Mythen vom Netz, desto kleiner die Menschen, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.05.2014, http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/digitaldebatte-jegroesser-diemythen-vom-netz-desto-kleiner-der-mensch-12945685-p2.html. Zugegriffen: 2. September
2014.
Otte, M. (2015): „Negativzinsen: der Weg in den Kontrollstaat“. ifo-Schnelldienst 02/2015: 8–10.
Otte, M. (1999): Unternehmenskultur entscheidet über den Erfolg von Fusionen, Frankfurter
Allgemeine Zeitung, 22.05.1999: 69.
Nutzenfunktion (2014): http://de.wikipedia.org/wiki/Nutzenfunktion. Zugegriffen: 1. September
2014.
Panster, C. (2011): Max Otte und Dirk Müller – die Krisenerklärer, Wirtschaftswoche vom
12. November 2011. http://www.wiwo.de/finanzen/geldanlage/max-otte-unddirk-mueller-diekrisenerklaerer/5829662.html. Zugegriffen: 1. September 2014.
Peukert, H. (2010): Die große Finanzmarktkrise. Eine staatswissenschaftlich-finanzsoziologische
Untersuchung. Marburg.
Popper, K. R. (2003): Gesammelte Werke in deutscher Sprache. Band 4: Das Elend des Historizismus, hrsg. Hubert Kiesewetter, 7. Auflage. Tübingen.
Riese, B. (2011): Das Reich der Azteken, Geschichte und Kultur. München.
Schirrmacher, F. (2011): Payback: Warum wir im Informationszeitalter gezwungen sind zu tun,
was wir nicht tun wollen, und wie wir die Kontrolle über unser Denken zurückgewinnen. München.
Schmitt, C. (2011): Land und Meer: eine weltgeschichtliche Betrachtung. Stuttgart.
Schumpeter, J. A. (1942): Capitalism, Socialism and Democracy. New York.
Smith, A. (2012): An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations. Chicago. (Facsimile of 1904 Edition.)
Sombart, W. (1991): Der moderne Kapitalismus, 5 Bände, München. Ed.
Spengler, O. (1980): Jahre der Entscheidung, 2. Auflage. München.
Spengler, O. (2008): Der Mensch und die Technik. Paderborn.
Spengler, O. (2009): Politische Schriften. Waltrop/Leipzig.
Spengler, O. (2009): Preußentum und Sozialismus. In Politische Schriften, S. 15–112.
Spengler, O. (2009): Neubau des Deutschen Reiches. In Politische Schriften, S. 179–283.
Spengler, O. (2009): Politische Pflichten der Deutschen Jugend. in Politische Schriften, S. 129–
155.
Spengler, O. (2011): Der Untergang des Abendlandes. Umrisse einer Morphologie der Weltgeschichte. Mannheim.
Treacy, M. und Wiersema, F. (1995): Marktführerschaft – Wege zur Spitze. Frankfurt.
Voland, E. (2013): Soziobiologie: Die Evolution von Kooperation und Konkurrenz. 4. umfassend
aktualisierte und erw. Auflage, Berlin/Heidelberg
Williamson, O. E. (1998): The Economic Institutions of Capitalism. New York.
Wilson, E. O. (2004): On Human Nature. Cambridge.
Wolff, G. (1973): Georg Wolff über Konrad Lorenz: Ein Biologe will die Kultur heilen, Der Spiegel 46/1973 vom 12.11.1973: S. 200–203. http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-41871371.
html. Zugegriffen: 2. September 2014.
Wuketits, F. M. (2012): Soziobiologie: Die Macht der Gene und die Evolution Sozialen Verhaltens. Heidelberg.
16 Wir machen den Mittelstand
mit Bürokratismus platt
16
Die freien Berufe und das Handwerk drohen auszusterben. Seit mehr als zwei Jahrzehnten tobt ein heimlicher, aber dafür nicht weniger gefährlicher Ausrottungskrieg gegen die
letzten Repräsentanten unserer freien Rechts- und Gesellschaftsordnung. Die bürgerliche
Gesellschaft selber steht in Gefahr, durch eine Koalition der Funktionäre in Großunternehmen, Staat und Verbänden auf der einen und den Empfängern staatlicher Transferleistungen auf der anderen Seite aufgerieben zu werden. Auf der Strecke bleibt der
selbstbestimmte Bürger.
16.1
Kapitalistische Planwirtschaft
Die Finanzkrise hat deutlich gezeigt, wie weit der Umbau der Gesellschaftsordnung in
Richtung einer kapitalistischen Planwirtschaft gediehen ist und wie weit Eigenverantwortung in der Wirtschaft abgedankt hat. Drei zentrale und zudem private Ratingagenturen, deren Vorgehensweise intransparent ist, beeinflussen oder bestimmen mit ihren
Ratingeinstufungen die Kreditkosten von Unternehmen, Banken, Gebietskörperschaften
und ganzen Ländern. Ich will an dieser Stelle nicht auf die politischen Fragen eingehen.
Aber was heißt es für Marktwirtschaft, Eigenverantwortung und Wettbewerb, wenn fast
alle Banken der Welt keine eigene Bonitätsprüfung mehr vornehmen, sondern sich nach
zentral ermittelten Zahlen richten?
Es heißt, dass wir in großen Teilen des Bankwesens kapitalistische Planwirtschaft betreiben. Die Entscheidungsträger geben ihre Verantwortung für ihre eigentliche Aufgabe,
die Kreditrisikoprüfung, an zentrale Stellen ab. Durch die Eigenkapitalregeln des BaselII-Abkommens wird zudem die Kapitalvergabe in der Krise künstlich erschwert und im
215
© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2019
M. Otte, Die Finanzmärkte und die ökonomische Selbstbehauptung Europas,
https://doi.org/10.1007/978-3-658-23179-8_16
216
Teil 3
Finanzkapitalismus und europäisches Wirtschaftsmodell
Aufschwung künstlich erleichtert. Es erfolgt also systemimmanent das genaue Gegenteil
der alten Weisheit „Spare in der Zeit, dann hast Du in der Not!“ Da ist es kein Wunder,
dass in einem derartig gleichgeschalteten System dieselben Auswüchse wie in jeder
zentralen Planwirtschaft zu beobachten sind. Kapitalfehlallokationen eines derartig gigantischen Ausmaßes wie in der Finanzkrise hatte man bislang nur dem Sozialismus
zugetraut.
16.2
Die Finanzbranche ist kein Einzelfall
Aber nicht nur in der Finanzbranche ist die schrittweise Abschaffung der Eigenverantwortung zu Gunsten planwirtschaftlicher und dementsprechend ineffizienter Strukturen
zu beobachten. Im Gesundheitswesen werden Ärzte mittlerweile durch bürokratische
Auflagen und Vorgaben kontrolliert, deren Umfang und bürokratische Regelungsdichte
kaum noch Raum für eigene Entscheidungen lässt, ärztliche Kompetenz an vielen Stellen
missachtet und Ärzte wirtschaftlich und organisatorisch oft bis an den Rand des Erträglichen und darüber hinaus belastet. Ärzte werden zu Rädern in einem planwirtschaftlichen
System.
Davon profitieren größere Klinikbetreiber. Sie wenden zunehmend die Methoden der
Unternehmensorganisation nicht nur auf einzelne Kliniken, sondern auf ganze Verbünde
von Kliniken an. Zunächst einmal ist dagegen nichts einzuwenden, aber die immer größer werdenden Organisationseinheiten im Gesundheitsbereich werden zunehmend zum
natürlichen Partner der Gesundheitsbürokratie.
Über den Apothekern hängt als Damoklesschwert die Gefahr der Abschaffung der gesetzlichen Regelung, dass ein Apotheker maximal vier Apotheken betreiben kann. Sollte
diese Regelung fallen, werden Gesundheitskonzerne diese Bastion bürgerlicher Eigenverantwortung ebenfalls vereinnahmen. Sicher schränkt die Apothekerverordnung den
Wettbewerb zwischen den Apotheken ein. Aber dies geschieht auch zugunsten der Patienten. Gut informierte, eigenverantwortliche Apotheker werden mit mehr Engagement
und Sachkenntnis dabei sein, als Konzernangestellte. Mit der Abschaffung der Verordnung würden nationale oder sogar europäische Oligopole großer Kettenbetreiber entstehen. Die Monopolgewinne würden dann nicht mehr in kleineren Beträgen einzelnen
Apothekern zufließen, sondern wenigen Großkonzernen, die um die Vorherrschaft über
den deutschen, ja europäischen Markt kämpfen würden. Ob damit den Patienten gedient
ist, sei dahingestellt.
Der Kampf gegen den Mittelstand findet an vielen anderen Stellen statt: Metzgereien
haben mittlerweile so aufwendige Verordnungen beachten, dass viele Metzger aufgegeben haben. Es ist nicht ausschließlich die „Effizienz“ der großen Discounter, es sind zum
großen Teil auch Regeln, die sich bewusst gegen den Mittelstand richten und eine kapitalistische Planwirtschaft begünstigen.
16
Wir machen den Mittelstand mit Bürokratismus platt
217
Auch unabhängige Vermögensberater, die eigentlich die großen Gewinner der Finanzkrise hätten sein können, wurden durch die 2008 still und heimlich erlassene MiFID
der Europäischen Union systematisch benachteiligt. Zwar ist es zu begrüßen, dass es
schärfere Regeln für die Wertpapierberatung gibt. Aber als Folge des neuen Regelwerks
werden die Vermögensberater mit einer Fülle von Compliance-, Berichts- und Prüfungspflichten überhäuft, deren Einhaltung sehr aufwendig und kostenintensiv ist, ohne dass
es in der Sache Wesentliches zur Verbesserung betrüge. Viele kleinere Anbieter können
sich das nicht leisten. Den Wettbewerb durch unabhängige Vermögensberater hat die
Finanzbranche damit so weit wie möglich ausgeschaltet.
Nur die freien Berufe der Rechtsanwälte, Wirtschaftsprüfer und Steuerberater entwickeln sich nach wie vor gut. Sicher hängt dies auch damit zusammen, dass diese Berufe
rechtspflegenden Charakter haben und über eine besonders gute Lobby verfügen. Es
wirft allerdings kein gutes Licht auf die großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften, dass
keiner einzigen Bank in den USA vor der Finanzkrise von einem Prüfungsunternehmen
das Testat verweigert wurde. Wirtschaftsprüfungsgesellschaften sind ein wichtiger
Stützpfeiler der kapitalistischen Planwirtschaft, da sie von einer ausufernden Compliance-Bürokratie profitieren.
16.3
Kapitalistische Nomenklatura
Mittlerweile ist eine kapitalistische Nomenklatura – eine herrschende Kaste von Konzernmanagern, willfährigen Politikern und Lobbyisten – entstanden, die die Regeln zugunsten der großen Akteure gestaltet und wirklich unabhängige bürgerliche Berufe bis
aufs Messer bekämpft. Wo früher für Kaufleute die Pflicht zu besonderer Sorgfalt galt,
werden heute die Herrscher über zehn- oder hunderttausende von Mitarbeitern durch
Haftpflichtversicherungen und hohe Abfindungen von den Konsequenzen ihres Fehlverhaltens isoliert. Banken und Automobilkonzerne, die Fehler mit Milliardenkonsequenzen
gemacht haben, werden auf Kosten der Allgemeinheit gerettet. Gleichzeitig sind die
Vergütungsspannen zwischen Arbeitern und Angestellten sowie Top Management massiv auseinandergeklafft.
16.4
Es ginge auch anders
Alfred Chandler, der große Wirtschaftshistoriker des Massachusetts Institute of Technology, hat in seinem Monumentalwerk Unterschiede der Industrialisierung in Europa und
den USA untersucht. Seine These: In Europa gab es viele gut ausgebildete Menschen,
aber wenig Land und Rohstoffe. Also versuchte man, die Menschen möglichst breit
auszubilden, sie flexibel einzusetzen und ihnen in dezentralen Organisationsformen
218
Teil 3
Finanzkapitalismus und europäisches Wirtschaftsmodell
möglichst viel Eigenverantwortung zu übertragen. In den USA waren Land und Rohstoffe sowie ungebildete Einwanderer nahezu unbeschränkt vorhanden. Also versuchte man,
Prozesse zu standardisieren und den Menschen sofort einsetzbar, aber auch austauschbar
zu machen. Die Denkarbeit leisteten wenige Menschen in der Unternehmenszentrale, der
Rest führte aus.
Heute sehen wir allerorten, wie sich das amerikanische zentralistische System, das
mit einer Dequalifikation der Menschen einhergeht, in Deutschland durchsetzt. Der
nächste Angriff wird im Apothekensektor erfolgen, nachdem Metzgereien, Bäckereien
oft schon kapituliert haben und der Berufsstand der Ärzte mit dem Rücken zur Wand
steht. Dabei ginge es auch anders: Wir können selbstbewusster für die freien Berufe und
gegen die Macht der Oligopole eintreten. Noch gibt es die freien Berufe in Deutschland.
Lassen wir es nicht zu, dass sie untergehen!
Ursprünglich erschienen in Steuerberater Magazin (Sonderdruck 7–8/2012), bei
NWB Verlag GmbH & Co. KG, 2012.
17 Government statt Governance – warum
die Corporate-Social-Responsibility-Debatte
in die falsche Richtung führt
17
Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Frau Meck,
ich freue mich sehr, heute hier sein zu dürfen. Dies ist eine ganz wichtige Tagung zu
einem ganz wichtigen Thema, über das zwar ständig gesprochen, das dann aber doch
wieder zur Seite gelegt wird. Damit sich tatsächlich etwas ändert, müssen gedankliche
Anstöße in konkrete Handlungen umgewandelt werden. Wie sich die Impulse, die es ja
durchaus gibt, umreißen lassen und welche Rahmenbedingungen zu setzen sind, damit
wir nicht länger den Risiken unkontrollierter Finanzmärkte ausgesetzt sind, werden Sie
am Ende meines Vortrages wissen.
Sie werden die eine oder andere These hören, die Ihnen gewagt vorkommen mag. Ich
nenne das Problem und die verantwortlichen Akteure trotzdem beim Namen. Im Augenblick bin ich bis auf die unerlässliche Administration von meiner staatlichen Professur
beurlaubt. Ich bin an vier Unternehmen beteiligt, die nachhaltig und vernünftig wirtschaften. Alles in allem manage ich rund 200 Millionen Euro in Assets. Damit bin ich
am Kapitalmarkt ein ziemlich kleiner Fisch. Ich habe Nationalökonomie, Politikwissenschaft und Wirtschaftsgeschichte studiert und lehre diese Fächer. Gleichzeitig bin ich als
Praktiker auf den Kapitalmärkten unterwegs. Ich kenne also beide Seiten, die Theorie
und die Praxis.
Ethik ist ein Modethema. Bei aktuellen Anlässen kommt es immer wieder hoch, in
den zurückliegenden Jahren mit deutlich erhöhter Frequenz. Daran merken wir natürlich,
dass sich irgendwo sehr gravierende Probleme verbergen, die angegangen werden müssen. Die Frage ist: Für wen bedeuten diese Probleme ein Ärgernis? Wer will ihnen tatsächlich an die Wurzel gehen – und wer nicht? Wenn man die Antwort weiß, erkennt
man, dass ernsthaftes Nachdenken und Bemühen um eine Lösung stets mit Augenwischerei verbunden ist.
219
© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2019
M. Otte, Die Finanzmärkte und die ökonomische Selbstbehauptung Europas,
https://doi.org/10.1007/978-3-658-23179-8_17
220
Teil 3
Finanzkapitalismus und europäisches Wirtschaftsmodell
Augenwischerei ist auch die treffende Ergänzung zum Begriff Corporate Social
Responsibility. Das Wort ist für mich – ebenfalls auf Neudeutsch – ein No-Go. Denn
Unternehmen sind dazu da, Gesetze zu beachten, und nicht, um sich das edle Mäntelchen
von der gesellschaftlichen Verantwortung umzuhängen. Ich will ein Beispiel nennen:
Die Webseite des Flughafens Frankfurt strotzt nur so von grünen Wiesen und Wäldern.
Natur pur, sozusagen. Und überall unter den schönen Bildern steht das Wort „nachhaltig“. Der Flughafen Frankfurt ist aber nicht nachhaltig gut für die Umwelt, sondern er
trägt zur Verpestung der Welt bei. Das muss man wissen, das muss man akzeptieren,
wenn man für möglichst wenig Geld in die Ferne fliegen will. Als Unternehmen macht
der Flughafen Frankfurt einen guten Job. Aber, bitteschön, man sollte nicht das Mäntelchen Nachhaltigkeit darüber hängen. Jedenfalls nicht in dieser durchsichtig heuchlerischen Form.
17.1
Die Ethik des Marktes
Bevor ich zu den Fehlentwicklungen des aktuellen Finanzsystems komme, möchte ich
zunächst noch ein wenig tiefer in das Thema Ethik einsteigen. Während meines Studiums hätte ich mich gern stärker auf Politik und Philosophie konzentriert. Nun bin ich
aber auch ein Pragmatiker, der Geld verdienen will. Mit der Nationalökonomie habe ich
mich für einen Mittelweg entschieden: Als Volkswirt verdient man weniger als ein in
Betriebswirtschaftslehre geschulter Banker, aber mehr als ein Philosoph. Lassen Sie
mich trotzdem kurz auf meinem Steckenpferd reiten. Es erhellt den Hintergrund.
Wenn wir vom Markt sprechen und davon, dass der Markt alles regelt, dann folgen
wir nach Ansicht des großen Ordoliberalen Alexander Rüstow fast religiösen Denkstrukturen. Wir projizieren in den Markt eine Problemlösungskapazität, die er nicht hat. Was
soll der Markt zum Beispiel bei Emissionsrechten besser steuern können, als es der Staat
könnte? Konkret kommt es immer darauf an, wie die Dinge organisiert und geregelt
sind. Wenn man behauptet, der Markt führe zu Gerechtigkeit, zu hocheffizienten Leistungen und zum maximalen Output, dann hinterfragt man nicht mehr die Regeln des
Marktspiels. Dann spielt man Monopoly nach der Anleitung der Parker Inc., und dann
weiß man auch, was am Ende herauskommt. Das ist immer und überall so, wenn man
das Marktdenken konsequent zu Ende führt.
Nehmen Sie die Spielregel – frei nach Rüstow könnte man auch sagen: den Glaubensgrundsatz – „nutzenorientierte Preisfestsetzung“. Ich habe eine Weile mit Hermann
Simon zusammengearbeitet, der mit diesem Thema ein weltweites Beratungsunternehmen aufgebaut hat. Ich bewundere Herrn Simon, dennoch stelle ich die Frage: Was ist
eigentlich nutzenorientiertes Pricing? Die Antwort lautet: Wenn Ihnen eine Airline gehört, dann nehmen Sie als Preis das, was der Kunde dafür bereit ist, zu zahlen. Das heißt,
eine Stunde vor Abflug verlangen Sie den dreifachen Preis dessen, was das Ticket eine
Woche vorher gekostet hat. Schließlich hat der Kunde, der vor dem Abflugschalter ner-
17
Government statt Governance – die Corporate-Social-Responsibility-Debatte
221
vös von einem Bein aufs andere tritt, jetzt anscheinend einen größeren Nutzen davon,
mitfliegen zu können. Ich sage Ihnen: Früher hätte man das Thema „nutzenorientiertes
Pricing“ mit dem Etikett Wegelagerei belegt. Und das ist aus meiner Sicht auch treffender. Wenn Sie, wie ich heute Morgen, an der Autobahnraststätte 4 Euro 50 für ein Labberbrötchen bezahlen sollen, dann ist das nicht mehr ethisch, das kann mir keiner erzählen. Dann ist das Wegelagerei. Und dagegen kann man Gesetze machen, wenn man das
will.
Die alten deutschen Ökonomen haben von Wirtschaftssitten gesprochen. Und davon,
dass es eben immer konkret darauf ankommt, wie in einer bestimmten Gesellschaft Dinge umgesetzt werden. Nicht mechanisch gesehen, sondern als ganzheitlicher Ansatz,
dem eine bestimmte Denkweise zugrunde liegt. Dies zeigt sich auch an den drei Arten
von Konkurrenz, die zu unterscheiden der große Berliner Nationalökonom Werner Sombart gelehrt hat: die Leistungskonkurrenz, wie sie zumindest theoretisch im Sport
herrscht, die zu höheren Leistungen führt; die Suggestionskonkurrenz, bei der man durch
den Anschein, durch Show, durch Suggestion versucht, etwas besser darzustellen, als es
ist; und die Gewaltkonkurrenz, im Angelsächsischen Cut-throat Competition, die sich
schon aus dem Wort erklärt und Ende des 19. Jahrhunderts in den USA in Hochblüte
stand. Lässt man die Gewaltkonkurrenz zu, dann steht am Ende die unbeschränkte Herrschaft der Konzerne, die den Wettbewerb ausschalten und sich erst zu Oligopolen verbünden, um dann ein Monopol anzustreben. Implizit werden die Anwendung und Ausübung massiver Gewalt in Kauf genommen. Leistungskonkurrenz, Suggestionskonkurrenz, Gewaltkonkurrenz – das sind drei unterschiedliche moralische Qualitäten, denen
völlig unterschiedliche ethische Fundamente zugrunde liegen.
Offenbar haben wir uns schon lange entschieden, die Regeln des Marktes zu befolgen. Wir sprechen heute nur noch von Konkurrenz, wir fördern Konkurrenz, wir leben
Konkurrenz. Eine der seltenen Ausnahmen bildet der Apothekensektor. Man sagt immer,
die Apotheker verdienen zu viel. Dass man nur vier Apotheken besitzen dürfe, sei fürchterlich ineffizient. Mag sein, aber man wird freundlich bedient und kompetent beraten.
Sicherlich verdienen die Apotheker dank ihres Marktschutzes etwas mehr, als sie bekämen, würden wir das Apothekenmonopol abschaffen. Doch was hätten wir Verbraucher
davon? Sofort den Kampf Kapitalstark gegen Kapitalschwach, und nach kurzer Zeit
würden zwei oder drei Ketten den europäischen Markt komplett dominieren. Ich bezweifle, dass sich die Konsumenten letztlich darüber freuen würden.
Ich habe das Glück gehabt, dank meines Lehrers Robert Gilpin in Princeton tiefer in
dieses Thema einsteigen zu können. Hierzulande haben wir die politische Ökonomie,
deren Wurzeln sogar aus Deutschland kommen, größtenteils vergessen.
Robert Gilpin definiert drei Perspektiven. Die individualistische Perspektive, die besagt, alles geht vom Individuum aus, das Individuum ist das Maß aller Dinge, und so
betrachte ich auch alle Prozesse. Das ist übrigens auch im Prinzip die Grundannahme
fast aller modernen ökonomischen Modelle. Die zweite Perspektive ist die der Klasse.
Soziale Klassen stehen im Konflikt miteinander. Das ist die marxistisch-leninistischsozialistische Perspektive, die uns nicht so weit gebracht hat. Die letzte ist die national-
222
Teil 3
Finanzkapitalismus und europäisches Wirtschaftsmodell
staatliche Perspektive, entwickelt von dem großen deutschen Patrioten Friedrich List,
der einige Jahre lang in den USA ein Exil fand und sich dort als Unternehmer betätigte.
List sagt, es käme weniger auf den Markt an als auf das System der Produktivkräfte, also
auf das Humankapital und die Verbindungen zwischen den produktiven Elementen. Die
Hauptaufgabe des Staates sei es, die Infrastruktur zur Verfügung zu stellen, damit sich
diese Kräfte vollends entfalten können.
Das sind die drei möglichen Perspektiven – Individuum, Klasse oder Schicht, Staat.
Wem gebührt das Vorrecht, den Menschen seine Perspektive diktieren zu dürfen? Das ist
die entscheidende Frage bei der Gestaltung der Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung,
und sie geht einher mit der Frage nach der Macht, die bei jeder ökonomischen Transaktion eine Rolle spielt. Soll man verschweigen, dass Macht überhaupt ein Teil dieser
Transaktion ist, um keine Widerständler und Neider auf den Plan zu rufen? Oder geht
man offen damit um und sagt: In jeder ökonomischen Transaktion steckt auch eine Menge Macht? In den Preisen beispielsweise, dort spiegeln sich die herrschenden Machtverhältnisse wider. Deswegen gibt es Wettbewerbsregelungen und die Antikartell-Gesetzgebung. Auch in den Gewinnen spiegeln sich Macht und Ohnmacht wider. Und in den
Arbeits- und Kapitaleinkommen ohnehin.
Wenn wir von Ethik sprechen, sprechen wir also immer auch von Macht und von
Werten, die von der Macht an die Spitze des anzustrebenden Ideals befördert werden.
Da wir nicht alle möglichen Werte gleichzeitig erreichen können, müssen wir Richtungsentscheidungen treffen. Natürlich lebten wir gerne in einer Welt, in der alle Menschen reich, gebildet und lieb im Umgang miteinander sind. Bis es so weit ist, wird es
allerdings noch eine Weile dauern. So lange zwingen uns die knappen Ressourcen, uns
für das eine oder für das andere zu entscheiden. Wollen wir Gewinne erzielen und dafür
eine stärkere Belastung der Umwelt in Kauf nehmen? Streben wir nach einem menschenfreundlichen Arbeitsklima und verzichten wir dafür auf ein Einkommen, wie wir es
in und mit einer Druckkultur verdienen könnten? Betriebswirte kennen die Entscheidungsproblematik genau. Die wissen, dass es nicht nur auf die Assets einer Firma ankommt, sondern dass auch das Wertesystem eines Unternehmens zum Erfolg beiträgt.
Die Unternehmenskultur ist sogar ein extremer Erfolgsfaktor! Warum soll das nicht auch
für eine Volkswirtschaft gelten? Auch hier entscheidet die gewählte Wirtschaftsnatur,
also die Frage, welche Freiheiten wir dem Markt einräumen, über Prosperität, Gerechtigkeit und Wohlbefinden der Bürger. Allerdings machen wir uns gar nicht mehr klar,
dass wir diese Entscheidung treffen können. Wir kehren das unter den Teppich und sagen stattdessen: „Der moderne Kapitalismus und die Globalisierung sind gesetzt.“ Das
ist gewissermaßen das Betriebssystem, unter dem unsere Gesellschaft und Wirtschaftsordnung läuft.
17
Government statt Governance – die Corporate-Social-Responsibility-Debatte
17.2
223
Die „Betriebssysteme“ der Wirtschaft
Allein es ist nicht das einzig Denkbare. 1919 hat der Geschichtsphilosoph Oswald
Spengler in seiner kleinen Schrift „Preußentum und Sozialismus" drei mögliche „Betriebssysteme“ für Nationen skizziert.
Grundlage des ersten ist die Ethik des Erfolges. Es geht den Individuen darum, Erfolg
zu haben, und der wirtschaftliche Erfolg rechtfertigt fast jedes Mittel. Nach dieser Philosophie, sagt Spengler, hätten die Tory-Regierungen im England des vorletzten Jahrhunderts den Staat so weit wie möglich zurückgedrängt, um die Freiheit für die Erfolgreichen grenzenlos werden zu lassen. Die Folge, anno 1919: Milliardäre regieren die Welt.
Die Vermögenden wehren sich zwar gegen staatliche Auflagen und Intervention, weil sie
die Freiheit, ihre Freiheit, über alles stellen. Sie schließen Zweckbündnisse zur Erreichung wirtschaftlicher Ziele, aber am Ende sind sie unter Umständen durchaus so großzügig, dass sie ein Großteil ihres Vermögens stiften. Das ist kein Widerspruch. Von
Andrew Carnegie, damals dem reichsten Mann der Welt, stammt die Mahnung: „Wer
reich stirbt, stirbt ehrlos.“ Carnegie selbst hat sich konsequent daran gehalten. Der Erfolg
rechtfertigt sich mithin selber. Neid, auf den wir in Deutschland an jeder Ecke treffen, ist
im angelsächsischen System längst nicht so en vogue wie bei uns.
Diesem Denken gegenüber stellt Spengler die preußische Ethik, die Ethik der Arbeit.
Eine Aufgabe muss gut erledigt werden, man ist stolz auf die Aufgabe und deren bestmögliche Erledigung. Der Rang in der Gesellschaft ist das entscheidende Kriterium für
die Motivation des Einzelnen, nicht der Reichtum. Spengler sagt, für den echten Engländer wäre es ebenso unerträglich, sich vor einem armen Menschen zu verbeugen, wie für
den Preußen, sich vor bloßem Reichtum zu verneigen.
Das dritte Modell ist eine Ethik der Lebensfreude und des Lebensgenusses. Das verortete Spengler in Frankreich.
Wir sehen natürlich, dass die angelsächsische Ethik des Erfolgs und des Reichtums
im Moment das proprietäre Betriebssystem der Welt ist. Rang und Reichtum sind historisch gewachsene Ordnungskriterien, bei denen es immer um Macht und um Positionen
in der Gesellschaft geht. Und eine Ethik darf ja auch nicht die Unterschiede in der Gesellschaft wegdiskutieren. Menschen positionieren sich im sozialen Gruppen. Die Frage
ist nur: Welche Kriterien legt man dabei an? Mit welchem „Betriebssystem“ fährt eine
Gesellschaft am besten? Tatsächlich mit völlig freien, unreglementierten Märkten – wie
sich die Finanzmärkte derzeit gebärden?
Finanzmärkte sind die liquidesten, die flexibelsten, die transparentesten Märkte der
Welt. Es sind Märkte, die ideal funktionieren. Das hervorzuheben werden die Kollegen
der Volkswirtschaftslehre nicht müde. Dennoch ist es grundfalsch. Es gibt keine ineffizienteren Märkte als Finanzmärkte, denn sie neigen per se zu Über- und Untertreibungen.
Wenn man sie loslässt, schaffen sie Instabilität. Der Grund: Finanzentscheidungen sind
zu 80 bis 90 Prozent eben nicht von der Vernunft getrieben, sondern von Emotionen.
Für diese Erkenntnis hat Daniel Kahneman im Jahr 2002 den Wirtschafts-Nobelpreis
bekommen. Er hat Menschen in Kernspintomografen geschoben und geschaut, was pas-
224
Teil 3
Finanzkapitalismus und europäisches Wirtschaftsmodell
siert, wenn man die Probanden mit Finanzentscheidungen konfrontiert, etwa so: „Hättest
du lieber 100 Euro heute oder 110 Euro in einem Jahr?“ Je komplizierter die Fragen
wurden und je schneller die Entscheidungen getroffen wurden, desto mehr übernahm das
Kleinhirn die Kontrolle. Das Kleinhirn ist derjenige Teil des Gehirns, der uns evolutionsgeschichtlich mit der Gattung der Reptilien verbindet. Darin dominiert die Angst,
gefressen zu werden. Und genau diese Furcht treibt die Finanzmärkte an. Hinzu kommen
noch gewisse Heuristiken, die die verhaltenswissenschaftliche Finanzforschung herausgefunden hat. Zum Beispiel der Mechanismus, Entscheidungen zu vereinfachen: Wir
setzen auf das, was die letzten vier, fünf, sechs, sieben Jahre funktioniert hat. Oder im
Falle der US-Immobilien, was die letzten 40 Jahre anscheinend wunderbar funktioniert
hat. Auf diese „Gewissheit“ bauen wir dann Modelle und Produkte. Das treibt die Preise
natürlich noch weiter. Und schon haben wir eine Blase. Nein, meine Damen und Herren,
ich sage, wie es ist: Finanzmärkte sind inhärent instabil, neigen zur Blasenbildung und
zur Destabilisierung des Wirtschaftssystems. Sie müssen also reguliert werden. Wenn
man das will.
In Deutschland hatten wir lange keine größeren Finanzkrisen. 1873 bis 1876 war die
Gründerzeitkrise, da standen wir noch relativ am Anfang, die Krise 1929 wurde vom
Ausland induziert. Bis auf die Zwischenkriegszeit nahmen die Finanzmärkte eine dienende Rolle ein, nicht die beherrschende Rolle, die sie heute haben. Das sieht übrigens
Hannes Rehm, langjähriger Vorstand der NordLB und jetzt Chef des SoFFin, also des
Sonderfonds für Finanzmarktstabilisierung, genauso. Er hat einen sehr lesenswerten
Artikel in „Geld und Kredit“ geschrieben. „Die Finanzmärkte müssen auch eine dienende Rolle haben,“ steht darin, „sie dürfen nicht herrschen.“ Die Kritik, die dem sehr stabilen, nachhaltigen und dem Angelsächsischen weit überlegenen deutschen Finanzsystem
entgegenschallt, es sei ineffizient und die Eigenkapitalrenditen stimmten nicht, widerlegt
Hannes Rehm brillant. Sämtliche Produktivitätskennziffern unseres Systems seien hervorragend, Cost-to-Income-Ratio, Personalkostenquote, Kreditgewährung, all das sei
wunderbar. Nur die Eigenkapitalrendite sei in der Tat gering. „Na und?“, frage ich, „was
heißt denn das?“ Eine geringe Eigenkapitalrendite bedeutet, dass der Wettbewerb funktioniert. Dass wir ein System geschaffen haben, das genau das tut, was es tun soll, nämlich die Anbieter unter Wettbewerb zu setzen. In Ländern mit einer hohen Eigenkapitalrendite, also in Italien, Spanien oder England, werden die privaten Bankkunden grauenhaft unterversorgt. Für Bankabhebungen verlangt man Gebühren von 10, 15, 20 Euro.
Dort wird die Marktmacht massiv ausgenutzt. Das ist Wegelagerei in Reinkultur.
Sie sehen: Vor Ihnen steht ein Gesinnungspreuße. Ich kann nur aus dieser Richtung
argumentieren, ich lege meine Weltanschauung offen. Das tun wir immer seltener. Und
deswegen ist die Begriffsverwirrung immer größer, und es lässt sich viel leichter im
Trüben fischen. Da bin ich wieder bei der Augenwischerei.
17
Government statt Governance – die Corporate-Social-Responsibility-Debatte
17.3
225
Regulierung des Finanzsystems
Oft höre ich die Forderung, das Finanzsystem müsse reguliert werden. Ebenso oft höre
ich den Einspruch, kein System sei so stark reguliert wie das Finanzsystem. Was stimmt
denn jetzt?
Man darf nicht Quantität mit Qualität verwechseln. In der Tat gibt es viele erdrückende Regulierungen. Es wird hin und her geredet, und vieles verwirrt im Dickicht der politischen Diskussion. Dabei liegen die Ordnungshebel offen zutage. Es sind eigentlich nur
drei, die hier zu nennen wären.
Der erste Ordnungshebel: Eigenkapital und rechtssichere Buchhaltung
Der erste Ordnungshebel ist das Eigenkapital. Eigenkapital ist die Basis einer soliden
Marktwirtschaft. Wenn man es verlässlich schaffen würde, Finanzakteure mit haftendem
Eigenkapital auszustatten, dann hat man fast alle Probleme vom Tisch. „Wir sind doch
auf dem Weg“, könnten Sie nun sagen, „nach Basel II müssen Finanzakteure doch Kernkapitalquoten von acht oder zehn Prozent vorhalten.“ Gewiss, doch was ist denn das
Kernkapital? Da geht’s schon mit der Begriffsverwirrung los. Denn Kernkapital ist nicht
Eigenkapital. Auch ungesichertes Hybridkapital kann als Kernkapital gelten. In Wirklichkeit haben etliche Finanzakteure bei acht bis zehn Prozent Kernkapital nur
zwei Prozent echtes Eigenkapital.
Die Deutsche Bank hat noch weniger. Sie ist 50-fach gehebelt – das geht nicht, das
darf man nicht zulassen. Aber glauben Sie im Ernst, dass Frau Merkel oder Herr Ackermann das irgendwann abstellen werden? Wohl kaum. Die Genossenschaftsbanken, die
Volksbanken, die Raiffeisenbanken und die Sparkassen haben oft acht bis zehn Prozent
echtes Eigenkapital. Da gibt es keine Finanzkrise. Man kann es natürlich nicht exakt
beziffern, aber das Risiko ist hier um ein Vielfaches geringer.
Ich verlange ja gar nicht zehn Prozent Eigenkapital. Sechs, sieben, acht Prozent –
echtes! – Eigenkapital würden genügen. Und zwar nicht nur für Banken, sondern auch
für Hedgefonds, Versicherungen und Private Equity. Brüssel kündigt an, dass Hedgefonds demnächst Mindesteigenkapital vorhalten müssen. Aber nur solche über 100 Millionen Euro Volumen! „Na gut,“ werden deren Manager sagen, „dann legen wir eben
zehn Fonds mit 99 Millionen Euro Volumen auf.“ Wo eine Vorfahrtsregel ist, findet sich
in diesem System auch ein Schleichweg. „Ein Hedgefonds müsse 120.000 bis 130.000
Euro Eigenkapital vorhalten,“ verlangt Brüssel. Das ist im Prinzip gut, doch dieses Geld
ist vor allem dafür da, dass der Anwalt seine Gebühren bekommt, falls der Fondsmanager Mist baut. So funktioniert Brüssel. Brüssel ist das Einfallstor für die unbegrenzte und
intransparente Herrschaft der Konzerne und Interessengruppen. Die Verhandlungen
finden hinter verschlossenen Türen statt. Und Protokolle gibt es nicht. Da sind wir wieder beim eingangs erwähnten „Betriebssystem“ und bei der Frage: Bei wem liegt die
Macht? Im Moment ist viel Macht äußerlich unsichtbar bei den großen Interessengruppen in Brüssel versammelt.
226
Teil 3
Finanzkapitalismus und europäisches Wirtschaftsmodell
Eigenkapital ist die Basis eines funktionierenden Finanzsystems. Hinzukommen muss
eine saubere Buchführung. Wenn man beides als verbindliche Auflagen festschreibt und
kontrolliert, dann braucht man keine weitere Regulierung und muss die Akteure nicht
unnötig bevormunden.
Schon liegt der Finger in der nächsten Wunde. Denn wir haben ja auch keine saubere
Buchhaltung mehr. Mit International Accounting Standard und Fair Value Accounting
ist Poesie und positive Schaffenskraft in die Buchhaltung eingezogen. Zugegeben: Als
das vor zehn Jahren diskutiert wurde, war ich auch noch dafür. Es klang gut: aktionärsorientiert auf der einen Seite, gläubigerorientiert auf der anderen. Aber wozu führt es?
Derivate, besonders speziell gestrickte Derivate, für die es keinen Markt gibt, müssen
zum Modell bewertet werden. Damit beauftragt werden ausgerechnet die Söldnertruppen
des Kapitalismus – die Wirtschaftsprüfungsgesellschaften. Die begutachten die Berechnungen der Modelle und Derivate, die sich zum Teil über zehn, zwanzig Jahre erstrecken
und jede Menge Stellschrauben enthalten. Wenn Sie in den Annahmen um ein Prozent
an den Zinsen drehen, kommen Sie beim Endwert auf Schwankungsbreiten von 300,
400, 500 Prozent. Dagegen kann keiner etwas sagen, diese Annahmen sind legitim. Bis
zu einem gewissen Grad kann man sich heute Bilanzen so zurechtbiegen, wie man will.
Die Stresstests sind ein kleiner Versuch gewesen, Licht ins Dunkel zu bringen. Was die
Politik aber in Wirklichkeit sagt, ist das: „Liebe Banken, wir wollen eigentlich nicht so
genau wissen, wie es Euch geht. Macht weiter wie bisher. Füllt schnell Euer Kapital
wieder auf, damit es weitergehen kann.“
Im Fair Value-Accounting gibt es einige paradoxe Dinge. Etwa das: Wenn die Risikoprämien am Kapitalmarkt steigen und die Anleihekurse in den Keller gehen, dann hat
die Bank auf einmal mehr Eigenkapital. Denn die Banken haben sich ja auf der Passivseite mit Anleihen verschuldet. Nun könnte die Bank diese Anleihen billiger zurückkaufen, also hat sie noch weniger Schulden. Ist das nicht eine krude Logik? Wir bekommen
ein manipulierbares System, das mit Transparenz und Rechtssicherheit wenig zu tun hat.
Man kauft sich die entsprechende Buchhaltungskapazität, und dann definiert man fleißig.
Natürlich kann man auch in diesem System noch Rechtsbrüche begehen. Aber man kann
auch vieles innerhalb des Systems gestalten. Rückblickend betrachtet war das deutsche
HGB letztlich doch das bessere System. Auch da gab es Betrug, auch da war nicht alles
in Ordnung. Aber damals wurden die Assets nach dem strengen Niederstwertprinzip
bewertet. Und nicht nach dem Prinzip Modellbau.
Ausreichend Eigenkapital zusammen mit besserer, rechtssicherer Buchhaltung würde
im Prinzip einen Großteil der Probleme lösen. Das werden wir aber nicht kommen sehen, weil die Machtstrukturen eben anders sind. Und weil in den Ministerien leider auch
wenig Spitzenbeamte arbeiten, die es mit den Heerscharen der bezahlten Lobbyisten,
Anwaltskanzleien und PR-Agenturen aufnehmen können. Ich habe selber fünf Jahre lang
Bundes- und Landesministerien beraten, von Ende der 1980er bis Mitte der 1990er Jahre, und dann habe ich es gelassen. Ich habe meine eigenen Unternehmen gegründet, weil
ich mir gesagt habe: Da kann ich selber noch gestalten.
17
Government statt Governance – die Corporate-Social-Responsibility-Debatte
227
Der zweite Ordnungshebel: Finanztransaktionssteuer
Der zweite Ordnungshebel wäre die Finanztransaktionssteuer. Darüber ist viel Falsches
und viel Richtiges geschrieben worden. Die Finanztransaktionssteuer ist eine Umsatzsteuer auf Finanztransaktionen. Auf jede, auf eine Kreditaufnahme wie auf Aktien- und
Fondskäufe und -verkäufe. Im Gespräch war eine Steuer von 0,05 Prozent. Die Finanzlobby lehnte ab und schlug stattdessen eine Financial Activity Tax vor. Ich war zur Anhörung im Bundestag geladen und hörte die Argumente, mit denen die Transaktionssteuer madig gemacht und die Aktivitätssteuer blankpoliert wurde.
Was unterscheidet eine Transaktionssteuer von einer Aktivitätssteuer? Letztere besteuert eben nicht die Aktivitäten, sondern das Ergebnis der Aktivitäten. Damit wären
die Finanzakteure hochzufrieden, denn so könnten sie nach wie vor emsig spekulieren,
und drehen, drehen, drehen. Besteuert wird ja nur der Gewinn, der am Jahresende nach
Dutzenden oder Hunderten von Transaktionen herauskommt. Finanzaktivitätssteuer –
für den Begriff hat George Orwell die Blaupause geliefert: Man benennt eine Sache mit
dem Gegenteil dessen, was sie faktisch ist. Ich halte das für dreist und unverfroren.
Ich bin selbst Hedgefondsmanager und sage Ihnen: Die Finanztransaktionssteuer von
0,05 Prozent beißt wirklich nicht. Wenn Daimler in Indien ein Werk bauen oder wenn
ich eine amerikanische Aktie kaufen will, dann macht uns das beide nicht arm. Das kann
man wegstecken. Wen trifft sie dann? Die Finanzakteure, die am Hebel sitzen. Entscheidend für die Steuerbelastung sind die beiden Multiplikatoren Hebel und Anzahl der
Transaktionen pro Jahr. Wer mit 90 Prozent Fremdkapital arbeitet, muss schon 0,5 Prozent Steuern zahlen. Und wenn derjenige zehn Mal im Jahr dreht, dann sind das schon
fünf Prozent. Dann kam der nächste Angriff. Vor allem eine gewisse Partei rannte aufgeregt herum und klagte, die Transaktionssteuer belaste ausgerechnet den Riester-Sparer.
Ich habe ausgerechnet: Über 20 Jahre hinweg würde die Transaktionssteuer den durchschnittlichen Riester-Sparer mit 60 Euro belasten. In derselben Zeit würde die Finanzbranche am entsprechenden Riester-Produkt ungefähr 6000 Euro verdienen. Auf dieser
Ebene der Begriffsverwirrung sind wir mittlerweile angekommen. Ich sehe nicht mehr
Transparenz, nicht mehr Klarheit in der wirtschaftlichen Diskussion.
Neben den beiden Ordnungshebeln Eigenkapital samt sauberer Buchhaltung und einer
Finanztransaktionssteuer würde ich Zertifikate und Derivate für Privatanleger sehr stark
beschränken, weil man den tatsächlichen Wert der meisten Produkte nicht berechnen
kann. Bei Aktien kann ich es, bei Anleihen kann ich es auch. Aber viele Derivate sind an
einen exotischen und von der Bank selbst kreierten Index gebunden. Die Bank macht
sich also selbst die Preise. Die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger nennt jedes Jahr
horrende Beispiele. Aber es ist nichts geschehen, um diesen institutionalisierten Sumpf
auszutrocknen.
Mein eigener Hedgefonds arbeitet nach dem, wie ich es nenne, „Reinheitsgebot“. Es
sind nur Aktienanleihen und echtes Gold im Safe. Keine Derivate, keine Putz, keine
Scrolls, kein Schnickschnack. In der Schweiz gilt Gold im Safe als Rohstoff, das sei laut
Regulierungsbehörde viel zu gefährlich. Sie sehen: Überall sind die Regeln so festge-
228
Teil 3
Finanzkapitalismus und europäisches Wirtschaftsmodell
schrieben worden, dass sie der bestehenden Finanzoligarchie dienen, aber innovative
Produkte nicht zulassen.
Der dritte Ordnungshebel: ein schlanker, starker Staat
Als dritten Ordnungshebel brauchen wir einen Staat. Einen schlanken Staat, der aber
nicht die Bürger reguliert und niederhält, sondern der die großen Player reguliert und
kontrolliert. Wir müssen dazu wieder Spitzenbeamte schaffen und den Respekt vor
ihnen. Frankreich hat einen Beamtenkader, der mitredet und dessen Stimme Gewicht hat.
Ziel muss es sein, den Staat als Gegengewicht zur Finanzbranche in Stellung zu bringen.
Und ich sage Ihnen auch, warum ich das für nötig halte.
Erinnern Sie sich noch an die Rettungsaktion der Hypo Real Estate? Monate zuvor
ging es um die IKB. Die Deutsche Bank verkaufte der IKB ihren ganzen Müll an
Schrottpapieren. Als der dort abgeladen ist, warnte Josef Ackermann die Bundesaufsicht:
„Ich glaube, die IKB hat ein Problem.“ Hatte sie auch, wie sich dann herausstellte. Und
warum? In einer Talkshow gab sich Ackermann völlig unschuldig: Ja wieso, das waren
doch Vollkaufleute? Gedacht haben wird er sich: Es ist doch deren Schuld, wenn sie sich
übervorteilen lassen. Und dann kam es zur IKB-Rettungsaktion. Ackermann reist ja
ständig durch die Welt und sagt, die Deutsche Bank habe kein Geld vom Staat genommen. In jener Nacht der eilig einberufenen Kanzlerrunde mit Martin Blessing, Josef
Ackermann, Staatssekretär Jörg Asmussen und zwei, drei anderen gestanden die Privatbanken zu, sich an der Rettung der IKB mit 40 Prozent des Schadens beteiligen zu wollen. Die restlichen 60 Prozent übernahm der Steuerzahler. Kein Geld vom Staat genommen …?
An einer solchen Rettungsaktion beteiligen können sich an vorderster Stelle die Aktionäre aus Eigenkapital, denn das ist die Funktion des Eigenkapitals – es haftet. Und es
gehört ausradiert, wenn der Akteur insolvent ist. Insofern war die Haltung der FDP, die
die Kleinaktionäre verteidigt hat, nicht ganz konsequent und nicht ganz seriös. Die Aktionäre gehörten enteignet, entmachtet, rausgekickt, das Eigenkapital war nichts mehr
wert. Sich außerdem an der Sanierung beteiligen können sich die gut informierten Gläubiger. Zum Beispiel Finanzakteure, die diesem Unternehmen Geld geliehen haben. Und
die dritte Gruppe, die sich an einer Sanierung beteiligen kann, ist die Allgemeinheit, also
wir Steuerzahler.
Nun saßen also die gut informierten Gläubiger mit den Vertretern der Allgemeinheit,
sprich: den hohen Regierungsbeamten, in Berlin zusammen und hörten, dass sich die
Gläubiger, also die Banken mit 40 Prozent am Schaden beteiligen wollten. Allerdings
nur bis zu einer Gesamtschadenssumme von zehn Milliarden. Mehr werde es ja wohl
auch nicht. Staatssekretär Asmussen hat sich dem Vernehmen nach riesig über das großzügige Zugeständnis gefreut. Mittlerweile stehen wir bei 120 Milliarden Euro Gesamtschaden. Ich schätze, dass die Deutsche Bank alleine 15 bis 17 Milliarden durch diese
Hintertür bekommen hat. Für Schrottpapiere, die sie ansonsten hätte abschreiben müssen. Genau wissen wir es nicht, denn die Dinge sind natürlich höchst geheim.
17
Government statt Governance – die Corporate-Social-Responsibility-Debatte
17.4
229
Schluss
Wenn Sie meine Grundanschauung teilen, sind die Prinzipien für eine nachhaltige Regulierung des Finanzsystems einfach. Eigenkapital und eine rechtlich saubere Buchhaltung,
die Einführung einer Finanztransaktionssteuer und einen starken, schlanken Staat. Diese
Prinzipien ließen sich schnell umsetzen, und wir hätten vieles nicht, was uns im Augenblick und wahrscheinlich auch künftig sehr zu schaffen macht. Wir müssen uns nur international einigen. Und hier stellt sich wieder das Problem Macht. Ethik hat etwas mit
Macht zu tun, mit der Verwendung von Macht, mit den Zielen der Macht und den zur
Durchsetzung der Macht verwendeten Mitteln. Ich glaube, dass Deutschland in Koalition
mit Frankreich, Österreich und ein paar anderen Ländern durchaus etwas bewegen könnte. Aber wenn wir auf England warten, wird das nicht passieren. Die englische Wirtschaft tickt nach einem anderen Betriebssystem, nach einer anderen Ethik, wie die amerikanische Wirtschaft auch. Aber wenigstens wir in Mitteleuropa sollten uns an einen
Staat halten, der in den Kernfunktionen seine Aufgaben erfüllt. Wenn wir das schaffen,
dann hätten wir ein Finanzsystem, das diese Krisen nicht produzieren würde. Vielen
Dank.
Ursprünglich erschienen in Finethikon – Jahrbuch für Finanz- und Organisationsethik: Ethik, Werthaltigkeit und Nachhaltigkeit im Finanzsystem, bei SteinbeisEdition, 2010.
18 Zum Umgang mit Griechenland
18
Nachdem die heiße Phase der Finanzkrise überwunden schien, trifft der drohende Staatsbankrott Griechenlands die Europäische Union und darüber hinaus die Weltgemeinschaft
anscheinend überraschend. Dies hätte nicht der Fall sein müssen. Schon 2004 war bekannt geworden, dass die Angaben zum griechischen Staatsdefizit von 1997 bis 2000
unsauber oder falsch waren und dass Griechenland zu Unrecht Mitglied der Eurozone
geworden ist. (vgl. Mussler 2010) Seit Jahren zeichnen sich ökonomische Ungleichgewichte
zwischen Spanien, Griechenland, Portugal, Italien sowie Irland und dem Rest der europäischen Union ab. Bereits in ihrem Monatsbericht vom Februar 2007 warnte die Europäische Zentralbank vor wachsenden Ungleichgewichten im Euroraum und riet, die
wirtschaftlichen und finanzpolitischen Risiken aus dem Leistungsbilanzdefiziten mancher Euro-Staaten in den Blick zu nehmen und die gute wirtschaftliche Lage dazu zu
nutzen, die Konsolidierung der Staatshaushalte voranzutreiben. (vgl. Europäische Zentralbank
2007)
Zudem ist absolut unverständlich, dass die Europäische Union keine Eventualpläne
für den Fall der drohenden Zahlungsunfähigkeit eines Mitgliedslandes entwickelt hatte.
Die Zahlungsunfähigkeit von Staaten ist ein regelmäßig auftretendes Phänomen. So
traten lateinamerikanische Schuldenkrisen seit der ersten Welle von Staatsbankrotten in
den 1820er Jahren mit geradezu beängstigender Regelmäßigkeit alle 50 Jahre auf: in den
1870ern, den 1930ern und den 1980ern. In ihrem 2009 erschienenen Buch „This Time is
Different“ präsentieren Kenneth Rogoff und Carmen Reinhard eine detaillierte und auch
quantitativ hinterlegte Geschichte der Finanzkrisen. Seit dem Jahr 1800 befanden sich
Länder, die im Schnitt zwei bis zehn Prozent des Welt-Bruttosozialproduktes repräsentieren, im Zahlungsverzug oder der Insolvenz. In den Jahren um 1814, 1840, 1850 erreicht der Wert um die 15 Prozent, 1945 sogar fast 45 Prozent. Auch in den 1980er Jahren war der Anteil der Länder, die ihre Schulden nicht bezahlen konnten, mit ungefähr
231
© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2019
M. Otte, Die Finanzmärkte und die ökonomische Selbstbehauptung Europas,
https://doi.org/10.1007/978-3-658-23179-8_18
232
Teil 3
Finanzkapitalismus und europäisches Wirtschaftsmodell
zehn Prozent relativ hoch. Ab 1989 sank der Anteil dann stetig bis nahe Null im Jahr
2004. Dies war aber eine Ausnahmesituation, wie sie ansonsten nur zweimal, nämlich
zwischen 1891 und 1931 und um 1821 vorgekommen ist.
Der drohendes Staatsbankrott Griechenlands ist also keinesfalls ein Vorgang ohne
Präzedenzfälle; im Gegenteil: Es gibt einen reichhaltigen historischen Erfahrungsschatz,
der uns helfen kann, damit umzugehen.
18.1
Der Geburtsfehler der Europäischen Währungsunion
Ökonomie ist hoch politisch, und die Währungs- und Schuldenpolitik von Staaten ist
dies ebenfalls. Zwar haben alle Staaten ein Interesse an stabilen Währungen und Wechselkursen, aber Gläubiger und Schuldnerländer weisen doch unterschiedliche Interessen
und Sichtweisen auf, die einer politischen Vermittlung bedürfen. Das wurde an vielen
Punkten in der Geschichte der Währungspolitik deutlich: bei den Verhandlungen zum
System von Bretton Woods im Jahr 1944, bei denen die USA als Gläubiger und England
als Schuldner auftraten, bei der einseitigen Aufkündigung des Systems von Bretton
Woods durch US-Präsident Richard Nixon im Sommer 1971 („Nixon-Schock“), bei den
Verhandlungen zur Gründung des Europäischen Währungssystems durch Helmut
Schmidt und Valéry Giscard d’Estaing 1978 bis 1979, den Verhandlungen über Hilfen
für die lateinamerikanischen Schuldnerländer nach 1982 und bei der Gründung der europäischen Wirtschaftsunion, die mit der Einheitlichen Europäischen Akte von 1987 und
dem Delors-Bericht vom April 1989 eingeleitet und durch den Vertrag über die Europäische Union (Maastricht-Vertrag) vom Dezember 1991 beschlossen wurde.
Dennoch wurde dieser Interessenkonflikt sowohl von den eher wirtschaftspolitisch als
auch von den eher mathematisch orientierten Ökonomen in Deutschland weitgehend
verdrängt. Die Wirtschafts- und Währungsunion beruhte auf einem politischen Kompromiss zwischen Helmut Kohl bzw. Deutschland (und implizit den Ländern des DMark-Blocks: Österreich, die Niederlande, Belgien, Luxemburg) sowie François Mitterrand bzw. Frankreich (sowie den Südländern). Die letztgenannten stimmten der deutschen Wiedervereinigung unter der Voraussetzung zu, dass das deutsche Wirtschaftspotenzial in der EU eingebunden sei und für alle EU-Länder nutzbar gemacht werde. (vgl.
Otte 2000) Die Deutschen ihrerseits trösteten sich damit, dass für die Aufnahme in die
Europäische Währungsunion strenge Konvergenzkriterien ausgehandelt und vertraglich
festgelegt wurden, dass die Europäische Zentralbank, wie zuvor die Bundesbank, von
Weisungen unabhängig und der Geldwertstabilität verpflichtet sein sollte und dass die
Staaten gemäß Artikel 125 AEUV (Vertrag über die Arbeitsweise der Europäischen
Union) nicht gegenseitig für ihre Schulden einstehen würden (No-Bail-out-Clause). Man
tröstete sich damit, dass die Obergrenze für die Neuverschuldung von drei Prozent, die
Gesamtschuldengrenze von 60 Prozent sowie die Grenzen für Zinsniveau und Inflation
ausreichend seien, um eine Stabilisierung und Konvergenz der Wirtschaftspolitiken zu
erreichen.
18
Zum Umgang mit Griechenland
18.2
233
Grundstein- oder Krönungstheorie?
Damit setzten sich in der öffentlichen Debatte in Deutschland die Vertreter der Grundsteintheorie durch, die die Währungsunion als wichtigen Impuls für die weitere Integration sahen. Die Warnungen der Vertreter der Krönungstheorie, die forderten, dass zunächst die Wirtschaftspolitik harmonisiert werden müsse, bevor man das Wagnis einer
Wirtschafts- und Währungsunion eingehen könne, blieben ungehört. Bereits 1997 reichten die Professoren Wilhelm Hankel, Wilhelm Nölling, Joachim Starbatty und Karl Albrecht Schachtschneider Klage beim Bundesverfassungsgericht gegen den Vertrag von
Amsterdam zur Einführung des Euro ein, die jedoch abgewiesen wurde. (vgl. Hankel et al.
1998) Der ehemalige Chefvolkswirt der Bundesbank, Otmar Issing, setzte sich ebenfalls
für die Krönungstheorie ein. Und in einem Diskussionspapier aus dem Jahr 1998 schrieb
ich, dass ,,gegenwärtig die Währungsunion ein ökonomisch schlechter Schritt sei“ und
dass die Währungsunion über kurz oder lang in ernsthafte Schwierigkeiten geraten werde. Ebenso bezeichnete ich die Institutionen der EU als nicht demokratisch legitimiert
und merkte an: ,,Die Währungsunion trägt den Keim der eigenen Zerstörung schon in
sich und wird schließlich zum Kollaps des Kartenhauses führen, das wir als das Europa
von Brüssel kennen.“ (vgl. Otte 1998a)
Das sich bereits 1998 abzeichnende Scheitern des Euro sah ich keinesfalls als Scheitern der Europäischen Idee an, sondern als Chance Europas, sich demokratisch zu legitimieren. (vgl. Otte 1998b)
Warum war die Einführung des Euro im Jahr 1999 eine schlechte Wirtschafts- und
Währungspolitik? Die Argumentation folgt der „Krönungstheorie“ sowie der von Robert
Mundell entwickelten Theorie der optimalen Währungsräume. (Mundell 1961) Nach Mundell müssen in einer Währungsunion die Produktionsfaktoren (Arbeit, Kapital und Waren) innerhalb des Währungsraumes mobil sein, um eventuelle Unterschiede in der wirtschaftlichen Entwicklung auszugleichen. Dies ist notwendig, da keine flexiblen Wechselkurse existieren, um eventuelle Ungleichheiten in der Entwicklung abzufedern. Entsteht zum Beispiel ein Boom in Spanien, der dort die Preise und die Löhne aufgrund der
höheren Nachfrage in die Höhe treiben und den außenwirtschaftlichen Saldo der Region
aufgrund der höheren Nachfrage nach Importen sinken lassen würde, würden in einer
mobilen Welt eben auch Arbeitskräfte und Unternehmen und nicht nur Waren in diese
Region strömen. Dieses höhere Angebot würde sich dämpfend auf die Nachfrage auswirken.
Es kam, was kommen musste. Angesichts der fehlenden wirtschaftspolitischen Koordination zwischen den Mitgliedstaaten entwickelten sich seit Beginn der Europäischen
Währungsunion im Jahr 1999 bis 2006 die Volkswirtschaften sehr unterschiedlich. Die
Solidität der Bundesrepublik Deutschland und einiger anderer Staaten garantierte einheitlich niedrige Zinsen innerhalb der Währungsunion. Das wirkte insbesondere für die
traditionell eher unsolide wirtschaftenden südeuropäischen Länder und Irland wie ein
Stimulant, das einen massiven, wenn auch zum großen Teil künstlichen Boom vor allem
in der Baubranche förderte. Die Preise zogen in diesem Zeitraum gegenüber dem Durch-
234
Teil 3
Finanzkapitalismus und europäisches Wirtschaftsmodell
schnitt des Euroraums in Griechenland um zehn Prozent an, in Spanien um neun und in
Irland gar um 14 Prozent, während sie in Deutschland und Finnland um vier, in Österreich um drei Prozent fielen. Parallel dazu verlief die Entwicklung der Lohnstückkosten
und der Wettbewerbsfähigkeit in den einzelnen Ländern.
Die künstlich durch den einheitlichen Währungsraum aufgeheizte Binnenkonjunktur
führte auch dazu, dass die kumulierten Leistungsbilanzdefizite in Portugal zwischen
1999 und 2006 fast 60 Prozent des Bruttoinlandsproduktes, in Griechenland 50 und in
Spanien 30 Prozent betrugen, dass diese Länder also außenwirtschaftlich jahrelang über
ihre Verhältnisse lebten. Die EU-Kommission blieb allerdings untätig, da die Konvergenzkriterien aufgrund des weltweiten Niedrigzinsumfeldes im Großen und Ganzen
eingehalten wurden. (Ausgerechnet Deutschland und Frankreich hatten zudem aufgrund
der Rezession im Jahr 2002 gegen die Verschuldungskriterien verstoßen). Für die Leistungsbilanzsalden (die ja statistisch in einer Währungsunion gar nicht existieren) gibt es
kein Konvergenzkriterium.
18.3
Die Krise in Griechenland (und in den PIIGS)
Mit mehr als 120 Prozent Schulden des Bruttoinlandsproduktes ist Griechenland Spitzenreiter der Europäischen Union. Dies alleine muss noch nicht in die Insolvenz führen:
In den letzten zehn Jahren schwankte der Schuldenstand Japans um die 150 Prozent des
Bruttoinlandsproduktes, bevor er auf aktuell nahezu 200 Prozent kletterte. Es kommt auf
die Leistungsfähigkeit der entsprechenden Volkswirtschaft an. Mittlerweile steht aber
auch Japan vor der Krise. (vgl. Katsenelson 2010)
Im Falle Griechenlands steht außer Frage, dass das Land über seine Verhältnisse gewirtschaftet hat – eine Tatsache, die erst durch die Finanzkrise offen zutage trat, die aber
eine wachsame EU-Kommission auch früher hätte bemerken können. Das laufende
Budgetdefizit beträgt nahezu 13 Prozent des BIP (auch Spanien, Irland und das EU-Land
Großbritannien mit eigener Währung sowie das Nicht-EU-Land USA liegen über zehn
Prozent). Der öffentliche Sektor in Griechenland ist aufgebläht – von elf Millionen Griechen sind eine Million vom Staat abhängig. Die Pensions- und Rentenregelungen sind
extrem generös. Die Arbeitslosenquote beträgt 10,6 Prozent. Zwischen 2004 und 2008
betrugen die Transferleistungen aus Brüssel rund fünf Prozent der griechischen Wirtschaftsleistung. Korruption und Bestechung sind allgegenwärtig, pro Jahr muss eine
Familie durchschnittlich ca. 1600 Euro an „Fakelaki“, Schmiergeldern, ausgeben. (vgl.
Focus 2001)
Nachdem die Bankenkrise 2008 durch Liquiditäts- und Eigenkapitalhilfen der Staaten
in Höhe von über fünf Billionen Dollar abgewendet wurde – das weltweite Bankensystem weist immer noch ein negatives Eigenkapital auf, ist also faktisch insolvent – ist nun
die nächste Schwachstelle der übermäßig kreditfinanzierten Weltwirtschaft das Ziel
spekulativer „Angriffe“. (vgl. Frankfurter Allgemeine Zeitung 2010a) So wird bereits mit Hilfe
18
Zum Umgang mit Griechenland
235
von Credit Default Swaps, Derivaten bei denen mit geringen Einsätzen bereits große
Summen bewegt werden können, auf eine Pleite Griechenlands spekuliert. Credit Default Swaps spielten auch bei der Subprime-Krise eine unheilvolle Rolle. (vgl. Der Spiegel
2010a)
Dabei darf nicht übersehen werden, dass derartige „Angriffe“ zumeist einen realen
Hintergrund haben, wie auch bei der Bankenkrise 2008 und dem von George Soros erzwungenen Ausscheiden des britischen Pfundes aus dem Europäischen Währungssystem
im Jahr 1992. Griechenland hat unsolide, korrupt und über die eigenen Verhältnisse
gewirtschaftet. Selbst bei einem radikalen Sparkurs werden die laufenden Defizite zunächst weiter sehr hoch sein – vielleicht sieben bis neun Prozent des BIP und die Schuldenlast wird dementsprechend weiter ansteigen. Die Tatsache, dass der griechische Staat
mit mittlerweile 6,5 Prozent mehr als doppelt so hohe Zinsen wie die Bundesrepublik
Deutschland für Anleihen zahlen muss, gibt durchaus die realen Unterschiede in der
Solidität beider Länder wieder.
Zwar macht die griechische Wirtschaft nur 2,7 Prozent der EU-Wirtschaftsleistung
aus (zusammen mit Portugal, Spanien und Irland 17,9 Prozent), aber wie bei der Bankenkrise geht es auch um Dominoeffekte: Nach Griechenland könnten andere Problemländer zahlungsunfähig werden. Die deutschen Banken sind mit 522 Milliarden Euro in
den PIIGS-Staaten engagiert (davon mit 31,8 Milliarden Euro in Griechenland), das sind
Forderungen in Höhe von 20 Prozent des deutschen Bruttoinlandsproduktes. Sollte ein
Teil dieser Forderungen ausfallen, stehen auch etliche deutsche Banken wieder vor der
Insolvenz und müssten erneut gerettet werden. Die Weltwirtschaft stünde dann wahrscheinlich – ähnlich wie schon im Herbst 2008 – vor dem Kollaps. Nach Subprime ist
also „Sovereign Debt“ der nächste Brandherd, der die Schwäche der übermäßig kreditfinanzierten Weltwirtschaft schonungslos offenlegt. Griechenland wird daher aus der
selbst verschuldeten Misere gerettet werden und wird nicht – was richtig wäre – den
Staatsbankrott erklären müssen.
18.4
Wege aus der Krise
Prinzipiell kann ein souveräner Staat sich auf viererlei Weise seiner Schulden entledigen
(siehe Abb. 18.1):
1. durch Inflation (aber nur, wenn die Schulden in der eigenen Währung aufgenommen
wurden),
2. durch Insolvenz und/oder Umschuldung (Vergleich),
3. durch Innovation und Wachstum und
4. durch Wirtschaftsreformen und einen Sparkurs (weniger Staatsausgaben und mehr
Einnahmen).
236
Teil 3
Finanzkapitalismus und europäisches Wirtschaftsmodell
Möglichkeiten der Reduzierung von Staatsschulden
I Inflation
Abwertung der Währung kann Inflation
beschleunigen, gegebenenfalls Hyperinflation
hervorrufen.
II Innovation & Wachstum
Neue Technologien können die Kapitalmärkte
aus einem Abschwung befreien, aber es
besteht das Risiko der Überbewertung der
Kapitalmärkte und von Blasenbildung.
Großbritannien 1949, USA 1970er, Europa
1970er, Argentinien 2002
Neubewertung des Yuan 2010/2011?
USA 1950er, Japan 1970er, ,,New Economy"
1998-2001: USA, Westeuopa, USA, Großbritannien,
Spanien: Immobilienmarkt 2002–2007
III Staatsinsolvenz, Umschuldung
ökonomische Härten für entsprechende
Staaten, Kettenreaktionen in anderen Staaten.
IV. Wirtschaftsreformen
Reduzierung der Staatsausgaben und der
lnvolvierung des Staates, Privatisierung
Russland 1998, Griechenland
(Portugal, Spanien, Irland, Italien) 2010Einzelne MOE-Länder 2010-
Großbritannien 1980, Kanada 1996,
Kalifornien 2010?
Quelle: Frei nach: Worst-case debt scenario – protecting yourself against economic collapse, Société Générale, Special Report, 4. Quartal 2009.
Abb. 18.1 Möglichkeiten der Reduzierung von Staatsschulden (Quelle: frei nach: Worst-case
debt scenario protecting yourself against economic collapse, Soci)
Keine dieser Optionen ist ohne Risiken und Nebenwirkungen.
Inflation: Die Schuldnerländer der EU sowie andere Länder mit niedriger Sparquote
wie die USA würden sich ihrer Verpflichtungen am liebsten durch Inflation entledigen. Sogar der Chefökonom des Internationalen Währungsfonds denkt mittlerweile
offen über die Option nach, die Inflation zum Beispiel auf vier Prozent steigen zu lassen. (vgl. Der Spiegel 2010b) (vgl. Frankfurter Allgemeine Zeitung 2010b) Gerade dieser Weg ist
Griechenland allerdings durch die Währungsunion verwehrt – es sei denn, es gelänge,
die Währungsunion von einer geldpolitischen Stabilitätsgemeinschaft zu einer Inflationsgemeinschaft umzudefinieren.
Innovation und Wachstum können theoretisch aus der Krise führen: Sinkende Arbeitslosigkeit entlastet das Staatsbudget, Wirtschaftswachstum erhöht die Steuerbasis.
Oftmals verstecken sich dahinter aber Scheininnovationen auf Kosten der zukünftigen
Entwicklung oder eine Erhöhung des Risikos wie bei der US-Immobilienblase und
wohl auch dem Aufschwung der PIIGS-Staaten seit dem Beginn der Europäischen
Währungsunion.
18
Zum Umgang mit Griechenland
237
Insolvenz oder Umschuldung: Ein kompletter Staatsbankrott ist selten. Meistens wird
ein Land die Zahlung auf die Schuldtitel einstellen und dann mit den Gläubigern verhandeln. Im Jahr 1998 stellte Russland zum Beispiel den inländischen Schuldendienst
auf seine Staatsanleihen ein, bediente aber die externen Schulden weiter.
Wirtschaftsreformen können helfen, indem die Staatsausgaben gesenkt und die Steuerbasis erhöht wird, gegebenenfalls mit Hilfe von Privatisierungen. Aber auch hier
können Scheinblasen entstehen, wie zum Beispiel in der maroden englischen Wirtschaft nach den Thatcher- und Blair-Reformen.
Wahrscheinlich wird sich die Staatengemeinschaft zu einer Mischung aus Finanzhilfen
für Griechenland und der Forderung nach Wirtschaftsreformen in Griechenland durchringen. Reformen sind relativ gut kontrollierbar: Staatsausgaben und die Steuerpolitik
müssen überwacht werden. Die jetzt bekannt gewordenen Forderungen der EU sind hart:
Die Neuverschuldung soll von derzeit 13 Prozent des BIP bis Ende 2012 auf drei Prozent
gedrückt werden. (Handelsblatt 2010) Erfahrungen mit ähnlichen Programmen gibt es –
wenn auch außerhalb der EU – schon seit etlichen Jahrzehnten beim Internationalen
Währungsfonds, der im Fall externer Schuldenkrisen im Gegenzug für Finanzhilfe Reformen einfordert und überwacht. Dieser Vorgang ist als „IMF Conditionality“ bekannt.
18.5
Institutionen und Akteure
Prinzipiell kommen im Falle Griechenlands drei Gruppen von Akteuren in Frage, ein
solches Hilfsprogramm anzubieten: der Internationale Währungsfonds, die Europäische
Union oder einzelne Länder bzw. Gruppen einzelner Länder. Vieles spräche für den
Internationalen Währungsfonds. Dann müssten sich die europäischen Regierungschefs
weder für die Europäische Union noch für eigene Länder exponieren und der berühmte
Artikel 125 des Vertrags über die Arbeitsweise der Europäischen Union, der verbietet,
dass die Union oder einzelne Mitgliedstaaten der EU gegenseitig für ihre Schulden einstehen, würde eingehalten.
Leider haben sich insbesondere deutsche Politiker, allen voran Finanzminister Wolfgang Schäuble, frühzeitig damit exponiert, dass Griechenland eine Aufgabe für die EU
sei. Hier besteht die Gefahr, dass politisches Prestigedenken zu Nachteilen für Deutschland führt, das die Hauptlasten zu tragen hätte. (vgl. Handelsblatt 2010b) Zudem müsste definitiv der AEU-Vertrag gebrochen werden, wenn auch sicher eine Begründung gefunden
wird, warum dies nicht der Fall ist oder eben notwendig sei. Aktuell scheint aber ein
Umdenken stattzufinden. So stellte Angela Merkel angesichts des Treffens mit dem
griechischen Ministerpräsidenten Papandreou fest, dass es nicht um Hilfen für Griechenland gehe. (vgl. Die Welt 2010)
238
18.6
Teil 3
Finanzkapitalismus und europäisches Wirtschaftsmodell
Instrumente
Neben direkten Krediten der Geberländer oder -institutionen wäre auch eine griechische
Anleihe denkbar, die von einzelnen Institutionen garantiert würde. Zudem könnte Griechenland theoretisch noch erhebliche Mittel des europäischen Strukturfonds für einzelne
lnfrastrukturprojekte abrufen, die dem Land noch zustehen. Hierzu wären aber förderungswürdige Projekte in Griechenland und eine weitgehend funktionierende und korruptionsfreie Wirtschaft notwendig. Dies ist nicht gegeben, was ja gerade der Grund
dafür ist, dass die Mittel nicht abgerufen werden können.
Letztlich wird eine Lösung gefunden werden, die Griechenland erhebliche Sparanstrengungen auferlegen wird, gleichzeitig aber neue Kredite für das Land beinhaltet.
Damit wird neue Liquidität geschaffen. Es wird also „ein bisschen Inflation“ und ein
„bisschen Sparen“ geben. Geschähe das im Rahmen der EU oder ihrer Mitgliedstaaten,
wäre die alte Wirtschafts- und Währungsunion klinisch tot. Schon jetzt wird von einer
„Wirtschafts- und Währungsunion 2.0“ gesprochen.
18.7
Außenpolitische Ungleichgewichte
Außenpolitische Ungleichgewichte haben immer zwei Seiten: Während in den Südländern nach Einführung der Wirtschafts- und Währungsunion Preise und Löhne kräftig
stiegen, war in der Bundesrepublik Deutschland, deren Wirtschaftsleistung 27 Prozent
des BIP der Euro-Länder ausmacht, eine so starke Lohnzurückhaltung festzustellen, dass
Heiner Flassbeck von „deutschem Lohndumping“ spricht. (vgl. Kaiser und Lange 2010) Nun
kann eine deutsche Sparquote von gut zehn Prozent nicht wirklich als hoch bezeichnet
werden – in China beträgt sie über 30 Prozent und auch in Deutschland erreichte sie in
den 1960er Jahren 30 Prozent –, aber angesichts der extrem niedrigen Sparquoten in
vielen anderen Ländern führt sie zu Ungleichgewichten. Die deutschen Exportüberschüsse in den Euroraum steigen beständig und machen im Handel mit Griechenland
zum Beispiel 55 Prozent des Ausfuhrvolumens aus. Da kann es nicht verwundern, dass
aus den Südländern massive Vorwürfe und Forderungen gegenüber Deutschland laut
werden, die Binnennachfrage zu stärken. (vgl. Hank und von Petersdorff 2010)
Gleichzeitig gibt es in Griechenland Proteste gegen den drastischen Sparkurs, den
Ministerpräsident Papandreou einschlagen muss. Gewerkschaften und andere politische
Gruppierungen formieren sich zum Widerstand – und man kann es ihnen nicht verdenken, dass sie Sparmaßnahmen, die ihnen durch eine demokratisch nur unzureichend
legitimierte EU-Kommission auferlegt werden, zum Teil auch mit drastischen Argumenten bekämpfen. (vgl. Martens 2010) So ist dies nicht nur eine Wirtschaftskrise, sondern auch
eine größere politische Krise, wie ich bereits 1998 prognostiziert hatte. (vgl. Otte 1998b)
18
Zum Umgang mit Griechenland
18.8
239
Weitergehende Lösungen
Die Wirtschafts- und Währungsunion stellt sich als kolossaler ökonomischer und politischer Fehler, im Zug der deutschen Wiedervereinigung wohl aber als notwendiger außenpolitischer Kompromiss, heraus. Die mantrahaft wiederholte Behauptung, die Währungsunion befördere die wirtschaftliche Integration, ist endgültig diskreditiert. Vielleicht sind in Teilbereichen der Wirtschaft durch die Umstellung auf eine einheitliche
Währung Kostenvorteile entstanden. Nicht aber berücksichtigt haben die Befürworter
der Wirtschaftsunion die ökonomischen Kosten des Wegfalls der Wechselkurse: Angesichts sehr unterschiedlicher Volkswirtschaften hätten feste, aber anpassungsfähige
Wechselkurse wie im Europäischen Währungssystem oder dem System von Bretton
Woods bis 1971 eine wichtige Informationsfunktion über den Zustand einzelner Volkswirtschaften geben können.
Es wäre wünschenswert, wenn als Folge dieser ernsten Krise der Status quo ante des
Europäischen Währungssystems mit nationalen Währungen und festen, aber anpassungsfähigen Wechselkursen wiederhergestellt würde. Wolfgang Gerke zum Beispiel fordert
einen Ausschluss Griechenlands aus der Wirtschafts- und Währungsunion. (vgl. Die Zeit
2010) Dies wäre keinesfalls die Katastrophe, als die es gerne dargestellt wird: Die EUStaatengemeinschaft könnte im Gegenteil einem Staat Griechenland mit anpassungsfähigen oder floatenden Wechselkursen besser und flexibler helfen, da damit ein weiteres
wirtschaftspolitisches Instrument oder Ventil zur Verfügung steht. Griechenland muss
seinen ökonomischen Kurs selber bestimmen dürfen. Ebenso wäre theoretisch die Aufspaltung Europas in zwei Währungsblöcke möglich.
Parallel dazu müsste eine von Frankreich und Deutschland geführte „Koalition der
Willigen“ die Re-Regulierung der Finanzmärkte vorantreiben, die bislang nur sehr zögerlich erfolgt. Der Einsatz von Finanzderivaten, die US-Superinvestor Warren Buffett
bereits 2003 als „finanzielle Massenvernichtungswaffen“ bezeichnet hat, geht nahezu
uneingeschränkt weiter. Credit Default Swaps wurden im großen Umfang eingesetzt, um
gegen den griechischen Staat zu spekulieren. Mit Hilfe derartiger Finanzderivate konnte
Griechenland seinen Schuldenstand in den letzten Jahren sogar verschleiern. Wohlgemerkt, Finanzderivate sind nicht die Ursache der Probleme, aber sie tragen zu einer unnötigen Verschärfung bei. Besonders wichtig wäre es auch, dass sich einige europäische
Kernländer über die Erhöhung der Eigenkapitalquoten für große Banken einig werden.
Im globalen Rahmen wird dies kaum möglich sein, aber Deutschland, Frankreich, Österreich, einige nordische Länder und vielleicht auch die Schweiz könnten hier gegen den
als sicher zu erwartenden Widerstand Großbritanniens Vorreiter sein. Eigenkapital ist
der Sicherheitspuffer der Marktwirtschaft, ausreichende Eigenkapitalquoten erhöhen das
Risiko der Spekulation für die Akteure an den Kapitalmärkten und schaffen Risikopolster, wenn einzelne Akteure in Schieflagen geraten. (vgl. Otte 2010)
240
Teil 3
Finanzkapitalismus und europäisches Wirtschaftsmodell
All dies würde die Optionen der europäischen Staaten erhöhen und keinesfalls ein
Ende der europäischen Integration bedeuten. Es würde im Gegenteil das Augenmerk der
Politik von technischen und wirtschaftspolitischen auf die eigentlich wichtige Frage
lenken: den Entwurf einer europäischen Verfassung, die diesen Namen verdient.
Ursprünglich erschienen in Wirtschaftsdienst – Zeitschrift für Wirtschaftspolitik,
90. Jahrgang, 2010, Heft 3, S. 143-171, Coypright © ZBW und Springer-Verlag Berlin Heidelberg, https://archiv.wirtschaftsdienst.eu/jahr/2010/3/schuldenkrise-in-dereuropaeischen-union/, https://doi.org/10.1007/s10273-010-1051-3.
18.9
Literatur
Der Spiegel (2010a): „Spiel mit höchstem Risiko", in: Der Spiegel 8/2010, S. 64–68.
Der Spiegel (2010b): „Folgenreicher Flirt", in: Der Spiegel 8/2010, S. 76.
Die Welt (2010): „Merkel will den Griechen keine Hilfe anbieten", in: Die Welt, 3.3.2010, online
unter:
https://www.welt.de/politik/deutschland/article6635478/Merkel-will-den-Griechenkeine-Hilfe-anbieten.html
Mark Schieritz (2010): „Griechenland. Rauswerfen – oder Retten?", in: Die Zeit vom 18. Februar
2010, S. 24.
Europäische Zentralbank (2007): Monatsbericht Februar 2007, Frankfurt am Main.
Focus (2001): „Die Griechenland-Pleite“, in: Focus 8/2001, S. 120–136.
Frankfurter Allgemeine Zeitung (2010a): „Hedgefonds formieren sich gegen Europa“, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 27.2.2010.
Frankfurter Allgemeine Zeitung (2010b): „IWF-Chefökonom denkt über höhere Inflation nach“,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, vom 17.2.2010.
Handelsblatt (2010a): „Papandreou zwingt Griechen drastische Einschnitte auf", in: Handelsblatt,
3.3.2010, online unter: https://www.handelsblatt.com/politik/international/weiteres-milliardensparprogramm-papandreou-zwingt-griechen-drastische-einschnitte-auf/3382276.html.
Handelsblatt (2010b): „EU verspricht Lösung in der Schuldenkrise", in: Handelsblatt, 8.2.2010,
insbesondere S. 1, 8–10, 16, 36, 42.
Hank, R. und von Petersdorff, W. (2010): Die Deutschen werden gepiesackt, in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 28. Februar 2010, S. 35.
Hankel, W. et al. (1998): Die Euro-Klage. Warum die Währungsunion scheitern muss. Frankfurt.
Kaiser, A. und Lange, K. (2010): Deutsches Lohndumping sprengt die Währungsunion, in: manager magazin, 19.2.2010, online unter: http://www.manager-magazin.de/unternehmen/artikel/a678880.html.
Katsenelson, V. N. (2010): Japan – Past the Point of No Return? Investment Management Associates. Denver.
Martens, M. (2010): Griechenland schwarz in schwarz, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom
24. Februar 2010, S. 6.
Mundell, R. A. (1961): A Theory of Optimum Currency Areas, in: American Economic Review 51,
S. 657–665.
18
Zum Umgang mit Griechenland
241
Mussler, W. (2010): Schwere Fehler in der griechischen Statistik, in: Frankfurter Allgemeine
Zeitung, 12. Januar 2010, online unter: http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/eurokrise/
staatsdefizit-schwere-fehler-in-der-griechischen-statistik-1908399.html
Otte, M. (1998a): The Euro and the Future of the European Union – A lecture prepared for the
Department of International Relations, Boston University; The Dynamics of Organisation Programme, University of Pennsylvania, New York, American Council on Germany Occassional
Paper 1998/ #5, S. 3.
Otte, M. (1998b): The Euro and the Future of the European Union – A lecture prepared for the
Department of International Relations, Boston University; The Dynamics of Organisation Programme, University of Pennsylvania, New York, American Council on Germany Occassional
Paper 1998/ #5, S. 3 und S. 21–23.
Otte, M. (2000): A Rising Middle Power? German Foreign Policy in Transformation, S. 126 ff.
New York.
Otte, M. (2010): Finanzplatz Deutschland versus deutsches Bankensystem – zwei politökonomische Perspektiven für die Zukunft, in: Frank Keuper, Dieter Puchta (Hrsg.): Deutschland
20 Jahre nach dem Mauerfall – Rückblick und Ausblick, S. 179–205 ff., hier: S. 196 ff. Wiesbaden.
19 Globalisierung, mitteleuropäisches
Wirtschaftsmodell und angelsächsischer
Kapitalismus
19
Zur ökonomischen Selbstbehauptung Europas
19.1
Zusammenfassung
Wenn „Sicherheit“ für Staaten oder Staatengebilde bedeutet, möglichst souverän zu entscheiden und das Eigene zu behaupten, dann ist Europas ökonomische Sicherheit massiv
bedroht. Der Kontinent befindet sich – entgegen dem Wunschdenken der europäischen
Politik – in einem weit fortgeschrittenen Prozess der Balkanisierung und der Fremdbestimmung. Das europäische Wirtschaftsmodell liegt unter Dauerbeschuss. Wenn das
Ruder nicht bald herumgerissen wird, sind die tragenden Säulen unseres Wirtschaftsmodells – dezentrale Produktionsprozesse und in der Breite gut ausgebildete Menschen, ein
leistungsfähiger Mittelstand, Sozialstaaten, die eine solidarische und leistungsorientierte
Gesellschaft garantierten, und schließlich Bankensysteme, die der Wirtschaft und nicht
einer kleinen Finanzoligarchie dienen – in ein bis zwei Jahrzehnten endgültig zerstört.
Dieser Beitrag beschäftigt sich insbesondere mit den Bedrohungen, denen das (mittel)europäische Wirtschaftsmodell in Zeiten globaler Hyperkonkurrenz ausgesetzt ist. Er
will zeigen, dass die Veränderungen der letzten Jahrzehnte keinesfalls mit quasi naturgesetzlicher Konsequenz als Folge der „Globalisierung“ stattgefunden haben, sondern dass
in den meisten Fällen ordnungs-, wirtschafts- und machtpolitische Überlegungen und
Aspekte den Gang der Wirtschaftsentwicklung maßgeblich beeinflusst haben.
Es soll auch gezeigt werden, dass das zentraleuropäische Wirtschaftsmodell zukunftsweisend für den Umgang mit Ressourcen und Nachhaltigkeit für die ganze Welt
sein kann, wenn Österreich, Deutschland, die Schweiz und andere Länder sich dieser
Stärken bewusst werden und bereit sind, das eigene Wirtschaftsmodell entsprechend zu
schützen.
243
© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2019
M. Otte, Die Finanzmärkte und die ökonomische Selbstbehauptung Europas,
https://doi.org/10.1007/978-3-658-23179-8_19
244
19.2
Teil 3
Finanzkapitalismus und europäisches Wirtschaftsmodell
Der Hintergrund
Von Europa nahm der globale Kapitalismus vor gut 200 Jahren seinen Ausgang. Obwohl
der Kontinent durch zwei Weltkriege schwer verwüstet wurde, etablierte sich Europa
schnell wieder als eine hoch entwickelte Industrieregion. Die globale Dominanz der
USA, die in den ersten Nachkriegsjahrzehnten militärisch, ökonomisch und ideologisch
spürbar war (letzteres natürlich auf den „Westen“ beschränkt), bröckelt zumindest im
ökonomischen Bereich.
Europa ist nach wie vor eine der drei großen Industrieregionen der Welt und gemessen am Wirtschaftspotenzial ungefähr gleichwertig mit den USA. Zusammen stehen
Europa und die USA immer noch für ca. 40 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung,
auch wenn sich die Gewichte schnell zugunsten Asiens und der Emerging Markets verschieben. Wirtschaft und Bevölkerung der USA wachsen etwas schneller als die Europas, sodass auch hier – wenn auch sehr langsam – eine Verschiebung stattfindet.
Die Regeln für die Weltwirtschaft werden meistens durch eine dominante, hegemonial auftretende Nation festgelegt. Die entsprechenden politikwissenschaftlichen Ansätze
sind als „hegemoniale Stabilitätstheorie“ bekannt. (vgl. Gilpin 1983) In der Pax Britannica
bis 1914 war das Großbritannien. In der Nachkriegszeit sind das für den „Westen“ und
ab 1990 für größere Teile der Welt die Vereinigten Staaten von Amerika gewesen. Solange solche hegemonial auftretenden Mächte ein großes Machtpotenzial haben und die
Regeln zwar zu ihren eigenen Gunsten, aber auch zum Nutzen der internationalen Gemeinschaft festlegen und beeinflussen, ist die internationale Ordnung legitim – alle profitieren davon. Probleme entstehen, wenn eine Großmacht an Bedeutung verliert und die
Regeln immer enger zur Förderung nationaler Interessen auf Kosten der internationalen
Stabilität auslegt. (vgl. Friedberg 2010) Probleme entstehen auch dann, wenn keine Großmacht bereit oder in der Lage ist eine hegemoniale Rolle einzunehmen, wie in der Zeit
zwischen den Weltkriegen.
Zu den von den USA vorgegebenen Regeln gehörten Freihandel, aber auch eine wenig nachhaltig agierende Wirtschaft, die Ausbeutung der Öl- und anderer Ressourcen
und der massive, teilweise überzogene Schutz von geistigem Eigentum und Patenten
sowie der Rechte von Konzernen gegenüber der Allgemeinheit, die in etlichen Fällen
mittlerweile schon wieder wohlstandsmindernd wirken. Dies ist zum Beispiel der Fall,
wenn Unternehmen sich bereits vorhandenes Saatgut in der Dritten Welt patentieren
lassen und dann den dortigen Bauern die Verwendung des Saatgutes verbieten. In jüngster Zeit lässt sich in Bezug auf diesen überzogenen Schutz der Rechte von Konzernen
gegenüber Bürgerinnen und Bürgern der weitgehend fehlende Datenschutz bei sogenannten „sozialen Netzwerken“ aufführen.
Zeiten der Verlagerung des ökonomischen Zentrums in der Weltwirtschaft sind auch
oft Zeiten globaler Krisen bis hin zu Kriegen – von Spanien nach Holland, von Holland
nach England, von England in die USA (mit Deutschland und Japan als Rivalen) und
heute vielleicht von den USA nach China. Im Zuge der Umgestaltung der Weltordnung
19
Mitteleuropäisches Wirtschaftsmodell und angelsächsischer Kapitalismus
245
täte es Europa gut, sich auf seine eigenen Stärken und Traditionen zu besinnen, weiter
zusammenzuwachsen und als ökonomischer Akteur wahrnehmbar zu werden.
19.3
Das europäische Wirtschaftsmodell
Produktionsprozesse, Mittelstand, Sozialstaaten und Bankensysteme
Der bekannte US-Wirtschaftshistoriker Alfred D. Chandler schrieb, dass die Industrialisierung in Mitteleuropa vollkommen anders verlief als in den USA, England oder Russland. (vgl. Chandler 1994) Mitteleuropa war schon immer eine Region mit relativ wenig
Rohstoffen und Land, dafür aber vielen und oft gut ausgebildeten Menschen. In Russland und in den USA war es anders herum: Rohstoffe und Land waren im Überfluss
vorhanden, gebildete Menschen Mangelware.
So schuf Europa ein Wirtschaftsmodell mit langen Ausbildungszeiten und hoher Qualifikation der Mitarbeiter. Diese Mitarbeiter entschieden vieles selber, sodass die Organisationsform europäischer Produktionsprozesse oft deutlich dezentraler als die der entsprechenden amerikanischen Prozesse war. Weil europäische Mitarbeiter breit ausgebildet und flexibel einsetzbar waren, die Mobilität im Unternehmen also höher war, war
auch die Mobilität zwischen Unternehmen geringer als zum Beispiel in den USA.
In den USA wiederum verlief die Industrialisierung anders herum. Wenig ausgebildete Menschen mussten sofort in den Produktionsprozess integriert werden. Dazu waren
die Produktionsprozesse zentralisiert und standardisiert. Spezialisten in den Zentralen
ersannen Systeme, bei denen Menschen austauschbar waren – Henry Fords Fließband ist
ein gutes Beispiel. Bei ökonomischen Veränderungen oder Problemen waren Unternehmen nicht (wie in Europa) Systeme, die Mitarbeiter flexibel einsetzten und auch in Krisen zu beschäftigen suchten. Arbeitskräfte wurden relativ schnell entlassen oder verließen ihren Arbeitsplatz.
Unternehmen und Staaten waren in Mitteleuropa weit mehr als in den angelsächsischen Ländern seit Ausgang des 19. Jahrhunderts auch Solidargemeinschaften. Dies gilt
insbesondere für den Mittelstand, dem Österreich, Deutschland, die Schweiz und einige
andere Länder bis heute ihre wirtschaftliche Stärke zu verdanken haben. (vgl. Simon 1996)
Bis heute werden in diesen Ländern über 90 Prozent der Arbeitsplätze der Wirtschaft
durch den Mittelstand bereitgestellt. In den Jahren nach 2000 haben Mittelständler Arbeitsplätze geschaffen, während die Großkonzerne in Summe abgebaut haben. (vgl. Simon
2007) Ein erheblich dezentraleres Wissen und dezentralere, aber auch auf Loyalität und
Solidarität beruhende Organisationsformen führten dazu, dass in (Mittel-)Europa relativ
kleine Unternehmen auch global mitspielen.
Basierend auf dem Grundgedanken der Solidarität hat Europa Sozialsysteme aufgebaut, die weltweit vorbildlich sind. Auch hier ist der Gedanke der ökonomischen Verträglichkeit durch Tarifpartnerschaften sehr wichtig gewesen. Während in den USA und
England Funktionsgewerkschaften auf Kosten der Unternehmen und der Gesamtheit ihre
246
Teil 3
Finanzkapitalismus und europäisches Wirtschaftsmodell
eigene Klientel bedienten, war zumindest in Österreich und Deutschland durch größere
Gewerkschaftsbünde auch immer eine gewisse Rücksicht auf das Wohl des Unternehmens und der Gesamtgesellschaft gegeben. Sicherlich hat es Europa nach dem Zweiten
Weltkrieg teilweise mit den Sozialsystemen übertrieben, aber die Situation in Österreich,
Deutschland, Dänemark, Schweden oder den Niederlanden zeigt, dass eine solidarische
Gesellschaft auch ein Wettbewerbsvorteil sein kann.
Fundamental anders als in den angelsächsischen Ländern war und ist teilweise noch
das Bankensystem, das oftmals in der Fläche auf Raiffeisen- und Volksbanken sowie
Sparkassen beruhte und ein wichtiges Komplement zum Mittelstand bildet. Das europäische, insbesondere aber das österreichische und deutsche Bankensystem beruhte vor
allem auf Vertrauen und langfristigen Kreditbeziehungen zwischen Hausbanken und
Unternehmen. Unternehmer und Manager benahmen sich im Großen und Ganzen so,
dass dieses Vertrauen gerechtfertigt war. Damit waren zwei Ziele erreicht: Für Sparerinnen und Sparer gab es – zumindest in normalen Zeiten – einen Ort der relativ sicheren
Geldanlage und Mittelstand sowie Industrie wurden mit relativ günstigen Krediten versorgt. (vgl. Otte 2010a)
Dieses Bankensystem, das durch Sparkassen und Volksbanken dezentral war und mit
Hilfe großer Universalbanken gleichzeitig auch die großen Finanzierungsaufgaben stemmen konnte, wurde schon zu Anfang des 20. Jahrhunderts von anderen Ländern neidisch
betrachtet, wie zum Beispiel in einer Abhandlung des französischen Professors Henri
Hauser aus dem Jahr 1917. (vgl. Hauser 1918)
Schließlich muss man auch betonen, dass das kontinentaleuropäische Rechtssystem
grundlegend anders als das angelsächsische System aufgebaut ist. Im kontinentaleuropäischen Recht gibt es den Begriff des Gemeinwohls bzw. des Staates als ein unabhängiges
Rechtssubjekt – im angelsächsischen Bereich nicht. Daraus leiten sich auch wesentlich
weitere Aktionsfelder für den Staat als Garant des öffentlichen Interesses ab. Beginnend
mit den napoleonischen Reformen zu Anfang des 19. Jahrhunderts wurden hierzu
Rechtsstandards vereinheitlicht und die Verwaltung rationalisiert.
Das führt auch dazu, dass wir in Mitteleuropa von „Ordnungspolitik“ und „Marktordnung“ – auch zum Schutz mittelständischer und kleiner Gewerbetreibender – sprachen,
während im angelsächsischen Sprachraum von „Regulierung“ gesprochen wird – ein
Begriff, der suggeriert, dass der Markt gute Ergebnisse erzielt, wenn er nur etwas nachreguliert wird.
19.4
Europa als ökonomisches Objekt
Was wir heute als rauen Wind des „globalen Kapitalismus“ empfinden, ist in mancherlei
Hinsicht auch der Wind des angelsächsischen Kapitalismus, der teilweise nicht mit dem
mitteleuropäischen Wirtschaftsmodell kompatibel ist. Europa wird zunehmend zum
ökonomischen „Objekt“ – und zwar nicht nur, weil es nicht in der Lage ist, seine Kräfte
19
Mitteleuropäisches Wirtschaftsmodell und angelsächsischer Kapitalismus
247
bei Hochtechnologie und Spitzenforschung zu bündeln sowie bestehendes geistiges
Eigentum angemessen zu schützen, sondern auch, weil es sich des Systemkonflikts zwischen den angelsächsischen und den kontinental- und insbesondere mitteleuropäischen
Wirtschaftsmodellen nicht bewusst ist.
19.4.1 Bedrohung des Mittelstandes
Der Mittelstand ist als Leistungs- und Wertschöpfungsträger der österreichischen, deutschen und schweizerischen Wirtschaft massiv bedroht. Gesetzliche Regelwerke und
Compliance-Bestimmungen sind meistens auf Großkonzerne zugeschnitten, also auf
Unternehmen, die letztlich von Funktionären geleitet werden, und nicht von verantwortlichen Eigentümern. Auch kleinere Unternehmen trifft das volle Regelwerk. Viele kleine
und auch mittlere Mittelständler haben schon aufgeben müssen.
Das traditionelle mitteleuropäische Wirtschaftsmodell war weniger planwirtschaftlich
orientiert: Es setzte auf eine gute Ausbildung und dann auf die Haftung und Verantwortung der Unternehmer und Unternehmen, nicht auf Überregulierung.
Banken müssen für Mittelstandskredite nach den Regelwerken von Basel II und Basel
III aufgrund stark verschärfter Eigenkapitalbestimmungen mittlerweile sehr viel Eigenkapital vorhalten, sodass solche Kredite immer schwieriger werden. Auch für kleine
Mittelstandskredite sind bürokratische Regeln einzuhalten, die denen für Großkredite
ähneln. Gleichzeitig sind kapitalmarktorientierte und spekulative – und damit kurzfristige und nicht nachhaltige – Geschäfte oftmals mit sehr wenig Eigenkapital zu hinterlegen. Die überwiegend am Investmentbanking orientierte Deutsche Bank hat zum Beispiel weniger als zwei Prozent Eigenkapital in ihrer Bilanz, viele Raiffeisenbanken haben zehn Prozent und mehr. In einem Bankensystem, das überwiegend auf dezentralen
Kreditinstituten beruhte, wäre die Finanzkrise wohl nicht vorgefallen. (vgl. Otte 2010b)
Bezeichnend ist dabei, dass die Regeln von Basel II durch die Vereinigten Staaten
von Amerika mit einem weitgehend kapitalmarktbasierten System durchgesetzt wurden,
sich die USA im Anschluss aber nicht an ihre eigenen Regeln hielten, während diese in
Europa mit großen Kosten flächendeckend durchgesetzt wurden.
19.4.2 Volatile Kapitalmärkte
Noch hält der Mittelstand und noch funktionieren die europäischen Sozialsysteme in den
Kernländern einigermaßen. Volatile Kapitalmärkte und Regeln, die vor allem den spekulativen Finanzsektor begünstigen, setzen aber Mittelstand und Sozialsysteme massiv
unter Druck. (vgl. Otte 2011) Auch hier sind die Regeln weitgehend von New York und
London vorgegeben und von Brüssel sanktioniert.
248
Teil 3
Finanzkapitalismus und europäisches Wirtschaftsmodell
19.4.3 Währungspolitik – der Euro
Teilweise ist der Euro eine Erfolgsgeschichte. Seit seiner Einführung wurden jedes Jahr
mehr Währungsreserven der Welt in Euro angelegt – von 17 Prozent bei der Einführung
auf 27 Prozent im Jahr 2011. Währungspolitik ist hohe Politik. Eine solche Stärkung
Europas konnte den USA, die den Reservestatus des Dollars und damit die Emissionsgewinne aus dem Druck von Dollars benötigen, um ihr Außenwirtschaftsdefizit zu finanzieren, nicht recht sein.
Die derzeitige „Eurokrise“ ist ein Fallbeispiel für die wirtschaftliche Stärke und
gleichzeitige politische Schwäche Europas. Die Länder der Europäischen Union haben
einen Schuldenstand unterhalb jenes der USA und ein laufendes Defizit von ca.
40 Prozent des Defizits der USA – 4,4 Prozent gegenüber 10,8 Prozent. Europa hat einen
Schuldenstand von weniger als 50 Prozent des Schuldenstandes Japans und weniger als
50 Prozent des laufenden Haushaltsdefizits. Dennoch läuft seit 2010 das Drama der
„Eurokrise“ und der „europäischen Schuldenkrise“ ab, und zwar induziert von einem
kleinen, unbedeutenden Land an der europäischen Peripherie.
Der Euro hat Konstruktionsfehler, weil eine einheitliche Währung nur in einem einheitlichen Wirtschaftsraum möglich ist. Somit mussten früher oder später massive Spannungen auftreten, die der Autor dieses Beitrags bereits 1998 vorausgesagt hat. (vgl. Otte
1998)
Dabei ist die Staatsschuldenkrise Griechenlands und einiger anderer Randstaaten keinesfalls eine Veranlassung, von einer „Eurokrise“ zu reden. Eine geordnete Staatsinsolvenz hätte das Problem schon Mitte 2010 beenden können. Erst die Tatsache, dass die
Staaten der Eurozone einem Land, das zahlungsunfähig ist, immer mehr Kredite gegeben
und so das Drama verlängert haben, ermöglichte die Ausweitung der Krise.
Denn die Ratingagenturen stellen ein angelsächsisches Kartell dar, das stark planwirtschaftliche und wenig marktwirtschaftliche Züge hat. Es wäre ureigenste Aufgabe einer
Großbank, die Qualität von Investments zu prüfen, von Investments, die diese Bank
nicht bewerten kann, Abstand zu nehmen und sich dabei nicht auf externe Bürokratien
zu verlassen.
Das Gegenteil ist der Fall: Das System der Ratingagenturen führt dazu, dass amerikanische Subprime-Produkte oder Staatsanleihen im Vertrauen auf Ratings gekauft werden, die sich im Nachhinein als nicht haltbar erweisen. Gerade bei Staatsanleihen ist hier
auch eine Interessenskoalition zwischen Staaten, Banken und Ratingagenturen zu verzeichnen. Auch die Staaten haben einen (kurzfristigen) Vorteil davon, dass die Marktwirtschaft außer Kraft gesetzt wird und sie sich zu niedrigeren Zinsen refinanzieren
können.
Wenn aber Plan- statt Marktwirtschaft gelebt wird, dann kann sich der Mechanismus
auch umdrehen, wie wir es in der jetzigen Eurokrise erleben. Wenn nun nach Ausbruch
der „Eurokrise“ europäische Länder schrittweise abgestuft werden, ergibt sich eine Negativspirale: Ein Land muss höhere Zinsen bezahlen, was den Staatshaushalt weiter
belastet und ggf. eine weitere Herabstufung nach sich zieht. (vgl. Otte 2012) Das führt zu
19
Mitteleuropäisches Wirtschaftsmodell und angelsächsischer Kapitalismus
249
der paradoxen Situation, dass ein Land wie Italien, das wirtschaftlich erheblich gesünder
als die Vereinigten Staaten von Amerika ist, im Herbst 2011 sieben Prozent Zinsen zahlen musste, während die USA nur zwei Prozent zahlten.
Amerika hat ein Interesse an einem schwachen Euro, und das Kartell der Ratingagenturen ist dabei zumindest nicht hinderlich. Solange Europa nicht zu politischer Einigkeit
findet, nützt die wirtschaftliche Stärke hier wenig.
19.4.4 Geistiges Eigentum
Europa hat noch keinen Weg gefunden, geistiges Eigentum nachhaltig und umfassend zu
schützen. Industriespionage in großem Stil wird nicht nur von China und einigen jungen
Industrienationen, sondern auch von den USA betrieben.
19.4.5 lnteressenpolitik für Konzerne
Interessenpolitik für Konzerne ist oftmals noch nationale Politik und wird von China,
den USA, Russland und auch Frankreich massiv betrieben. Wenn amerikanische Kanzleien und Aufpasser aufgrund angeblicher Korruptionsaffären die Zentralen von Siemens
und Daimler durchforsten – und amerikanische Anwaltskanzleien dafür auch noch 400
Millionen Dollar an Gebühren von Siemens erhalten –, so ist das auch Wirtschaftspolitik. Amerika wendet eigenes Recht unilateral auf andere Länder an und wirft seinen
Markt und Marktzugang als Machtfaktor ins Gewicht. Europa hat hier noch keine angemessene Antwort gefunden. Lediglich im Bereich der Antitrustpolitik ist eine annähernde Parität der Kräfte vorhanden.
19.4.6 Spitzentechnologie
Aufgrund seiner geistigen Ressourcen müsste Europa die Spitzentechnologieregion
Nummer eins sein. Stattdessen stehen die USA in vielen Bereichen vorne und China
rückt auf. Europa hat es in vielen Bereichen noch nicht geschafft, seine Kräfte zu bündeln. Wo dies der Fall ist (wie zum Beispiel beim Airbus-Konsortium), kann Europa
trotz der dezentralen Prozesse vielfach bei der Weltspitze mithalten. Hoffnung machen
auch die Pläne für ein eigenes Netz von Navigationssatelliten. Dringend notwendig wären Initiativen für Software und Informationstechnologie.
250
Teil 3
Finanzkapitalismus und europäisches Wirtschaftsmodell
19.4.7 Rohstoffversorgung
Beim Thema Rohstoffversorgung steht Europa nicht besonders gut da und ist eher Objekt als Subjekt. Ganz schlecht ist Europas Position aber auch nicht – vom Öl in der
Nordsee und in den Anrainerstaaten Nordafrikas, Gas und anderen Rohstoffen aus Russland, Eisenerzen in Schweden und Österreich sowie innovativen und rohstoffsparenden
Technologien ist Europas Position sicherlich besser als die Japans und vielleicht sogar
Chinas.
19.4.8 Migration
Die Migration stellt für Europa eine große Chance und gleichzeitig ein großes Risiko
dar. Wirtschaften sind langfristig vor allem dann dynamisch, wenn auch eine positive
Bevölkerungsentwicklung – und zumindest keine massive Stagnation – vorliegt. Was in
einer einstmals als kommende Wirtschaftsmacht der Welt hochgelobten Nation passiert,
wenn die Bevölkerung rasch überaltert und keine Migration zugelassen wird, ist derzeit
in Japan zu beobachten. Noch hat Europa keine Migrations- und Integrationspolitik, die
diesen Namen verdient.
19.5
Europa als ökonomisches Subjekt
Europas ökonomische Sicherheit ist bedroht – und zwar nicht nur in den traditionellen
Bereichen der Energie- und Rohstoffversorgung und der Spitzenforschung, sondern auch
in der Art und Weise, wie Wirtschaftspolitik insgesamt auf der Welt gestaltet wird. Mittelstand, Sozialstaaten und Bürgertum leiden auch, weil sich Europa in diesen Bereichen
teilweise selbst entmachtet hat.
Europa muss endlich zusammenwachsen, um vom ökonomischen Objekt zum Subjekt
zu werden. Hierbei reicht nicht die jetzt angepeilte Fiskalunion, denn dies ist nur eine
reaktive, weitgehend passive Union, keine gestaltende Politik mit positiven Zielen.
Schuldenbremsen bei fehlenden positiven Zielen der Wirtschaftspolitik helfen lediglich,
Staaten an die Kandare der „Finanzmärkte“ zu nehmen und sie weiter der Finanzoligarchie auszuliefern. Sicherlich sind Sparanstrengungen sinnvoll, es gehören aber auch
Schuldenschnitte – also die Beteiligung der informierten Akteure in der Finanzbranche –
und Wachstumskonzepte hinzu.
19
Mitteleuropäisches Wirtschaftsmodell und angelsächsischer Kapitalismus
251
19.5.1 Zollgesetzgebung und Antitrustpolitik
Dass die Europäische Union als weltpolitischer Akteur wahrnehmbar ist, zeigen die
beiden Bereiche Zollgesetzgebung und Antitrustpolitik. Bei Verhandlungen über Zölle
spielt die Europäische Union ganz vorne mit. In der Antitrustpolitik beugen sich auch so
mächtige Konzerne wie Microsoft ihrem Urteil.
19.5.2 Vergemeinschaftung der Interessenvertretung und Kontrolle
von Großkonzernen zur Abwehr von Industriespionage
Die Interessenvertretung für und die Kontrolle der Großkonzerne befindet sich noch
weitgehend auf der nationalen Ebene. Dies hat für die europäischen Konzerne Vor- und
Nachteile: Einerseits haben sie eine starke Stellung gegenüber ihren nationalen Regierungen, andererseits sind sie durch andere, größere Länder wie die USA oder China
angreifbar und ggf. sogar erpressbar. Es wäre daher notwendig, die Industriepolitik für
die europäischen Konzerne auf die europäische Ebene zu heben. Gleiches gälte für die
Abwehr von Industriespionage. Hier benötigten wir eine europäische Behörde mit weitreichenden Kompetenzen.
19.5.3 Rettungsfonds und Insolvenzordnung für Staaten
der Europäischen Union bzw. der Eurozone
In der jetzigen „Eurokrise“ ist Europa alleine aufgrund seiner politischen und institutionellen Schwäche zum Krisenfall geworden. Denn die ökonomischen Daten Europas sind
um ein Vielfaches besser als die der USA oder Japans. Mit dem Stabilitätsfonds EFSF
und der engeren fiskalpolitischen Koordination sind die Weichen nur unzureichend gestellt.
Europa benötigt einen Stabilitätsfonds, der sich im Zweifelsfall an Banken beteiligen
und diese stützen kann (gegen angemessene Übertragung von Eigentumsanteilen nach
dem schwedischen Modell). Auch gegen eine engere fiskalpolitische Koordinierung ist
nichts einzuwenden. Gleichzeitig muss aber endlich auch ein geordnetes Insolvenzverfahren für Staaten geschaffen werden, um die Macht der Banken gegenüber den Regierungen zu brechen. Denn die Finanzbranche, die Kredite vergeben und Anleihen gekauft
hat, ist an der Staatsschuldenkrise zu 50 Prozent mitverantwortlich. Wenn also der europäische Stabilitätsfonds in Zukunft mit einer Summe X einem Land hilft (er hilft ja nicht
dem Land, sondern den Gläubigern), sollte im selben Zug ein Schuldenschnitt um dieselbe Summe erfolgen. Ein solches Zug-um-Zug-Insolvenzverfahren würde die europäischen Institutionen wieder zum Subjekt der Politik machen und wäre eine deutliche
Verbesserung zum jetzigen Zustand, in dem sie Getriebene sind.
252
Teil 3
Finanzkapitalismus und europäisches Wirtschaftsmodell
19.5.4 Finanzmarktordnung
Das kreditorientierte Bankensystem war und ist eine große Stärke Österreichs, Deutschlands, der Schweiz und anderer Länder. Über Basel II und III wurden hier angelsächsische Strukturen über die Hintertür eingeführt. Dies führt zu einer massiven Schwächung
des dezentralen und kosteneffektiven Bankwesens und des Mittelstandes. Europa muss
sich bemühen, die Regeln von Basel II komplett zu revidieren oder außer Kraft zu setzen
und eine mittelstandsfreundliche Politik zu betreiben. Katastrophal ist die Entscheidung
zu nennen, die europäische Bankenaufsicht nach London zu verlagern und den kontinentaleuropäischen Regierungen weiteren Einfluss auf ihre Bankensysteme zu nehmen.
Problematisch ist auch die Zersplitterung in Banken-, Versicherungs- und Börsenaufsicht.
Europa benötigt eine eigene Ratingagentur, zumindest für Staatsschulden. Diese
Agentur sollte als staatliche Behörde organisiert sein und wie die Österreichische Nationalbank oder die deutsche Bundesbank einem strengen Auftrag verpflichtet sein. Auch
wenn diese Agentur vielleicht gelegentlich Fehler zugunsten europäischer Nationen
machen würde, so wäre doch das Kartell der angelsächsischen Agenturen durchbrochen
und Europa auch hier als Player etabliert, wie es seiner wirtschaftlichen Bedeutung entspricht. China positioniert sich mit der eigenen Ratingagentur Dagong bereits als Akteur.
Auch eine Finanztransaktionssteuer ist in Europas – wenn auch nicht in Londons – Interesse. Eine solche Steuer würde Kleinsparerinnen und -sparer kaum treffen. Sie würde
auch dem Mittelstand oder der Realwirtschaft nicht schaden. Sie würde überwiegend die
spekulativen Geschäfte im Investmentbanking marktwirtschaftlich „dämpfen“. (vgl. Otte
2010c) Kontinentaleuropas Kapitalbilanz ist in etwa ausgeglichen, das heißt, Europa ist
nicht auf Kapitalimporte angewiesen. Eine Dämpfung der spekulativen Kapitalflüsse
würde also eher die Kapitalabwanderung mindern und Europa als politischen Akteur in
diesem Bereich etablieren.
19.6
Schlussbemerkung
Europa wurde lange als politischer Zwerg und wirtschaftlicher Riese wahrgenommen.
Heute merken wir, dass die gehobene wirtschaftliche Position Europas nicht ohne eine
Stärkung der politischen Union zu halten ist. Etliche Fragen gehören auf die europäische
Ebene gehoben: der Schutz geistigen Eigentums, die Ordnung der Finanzmärkte, die
Kontrolle und Interessenvertretung von Konzernen sowie die Abwehr von Industriespionage. Hierzu benötigen wir funktionierende europäische Institutionen mit klaren Mandaten. Gleichzeitig muss aber die kleinteilige Regulierungspolitik Brüssels in vielen Bereichen zurückgefahren werden, damit das dezentrale mitteleuropäische Wirtschaftsmodell
und der Mittelstand auch in zehn oder zwanzig Jahren noch Bestand haben und weiter
eine Stärke Europas bleiben können.
19
Mitteleuropäisches Wirtschaftsmodell und angelsächsischer Kapitalismus
253
Die Entwicklung muss in Richtung einer föderalen, aber dezentralen Europäischen
Union mit zentralen Kompetenzen und Behörden in den Kernbereichen und dezentralen
Freiheiten in vielen anderen Bereichen gehen. In gewisser Weise wäre das das Gegenteil
der Ende der 1980er Jahre ausgearbeiteten Delors-Strategie.
Auf diesem Weg müssen Frankreich und Deutschland vorangehen, denn ohne diese
beiden Nationen ist in Europa kein politischer Fortschritt vorstellbar. (vgl. Otte 2011b) Im
Falle des Vereinigten Königreichs sollten sich die kontinentaleuropäischen Politiker
bewusst sein, dass das Land sich bis heute nicht als Teil des Kontinents versteht und
oftmals eine Politik betreibt, die dem Interesse der kontinentaleuropäischen Nationen
entgegengesetzt ist. Es muss also eine Koalition der Willigen auf dem Weg zu einem
neuen – und wirtschaftspolitisch gesicherten und relevanten – Europa vorangehen. Österreich kann mit seinen Erfahrungen in internationaler Kooperation und Koordination
signifikante Beiträge leisten und oft gemeinsam mit dem großen Nachbarn im Norden
darauf drängen, dass das mitteleuropäische Wirtschaftsmodell eine Stärke Europas in der
Welt bleibt.
Ursprünglich erschienen in Strategie und Sicherheit – Der Gestaltungsspielraum der
österreichischen Sicherheitspolitik, bei Böhlau Verlag Ges.m.b.H. und Co. KG, 2012.
19.7
Literatur
Chandler, A. D. (1994): Scale and Scope: The Dynamics of industrial Capitalism. Cambridge.
Friedberg, A. L. (2010): The Weary Titan: Britain and the Experience of Relative Decline, 1895–
1905. Princeton.
Gilpin, R. (1983): War and Change in World Politics. Cambridge.
Hauser, H. (1918): Germany’s Commercial Grip on the World. Her Business Methods Explained.
Translated by Manfred Emanuel. London.
Otte, M. (1998): The Euro and the Future of the European Union. American Council on Germany,
Occasional Paper 1998, #5. New York.
Otte, M. (2010a): „Finanzplatz Deutschland“ versus deutsches Bankensystem – Zwei politökonomische Perspektiven für die Zukunft. In: Frank Keuper, Dieter Puchta (Hrsg): Deutschland 20
Jahre nach dem Mauerfall – Rückblick und Ausblick, S. 179–204, S. 201. Wiesbaden.
Otte, M. (2010b): Volks- und Raiffeisenbanken als Stabilitätsfaktor in Wirtschaftskrisen – Eine
polit- und institutionenökonomische Perspektive. In: Zeitschrift für das gesamte Genossenschaftswesen (ZfgG), 2/2010, S. 89 ff.
Otte, M. (2010c): Finanztransaktionssteuer, speziell: Belastungen von Riester- und Kleinsparern
durch die Finanztransaktionssteuer. Expertise von 16.05.2010 anlässlich der Stellungnahme
vor dem Finanzausschuss des Bundestages am 17.05.2010.
Otte, M. (2011): Stoppt das Euro-Desaster. Berlin.
254
Teil 3
Finanzkapitalismus und europäisches Wirtschaftsmodell
Otte, M. (2012): Der Währungskrieg geht weiter. In: Handelsblatt, 6.12.2011. Online:
https://www.handelsblatt.com/politik/international/krisenoekonom-otte-zu-sundp-derwaehrungskrieg-geht-weiter/5926446-all.html. Zugegriffen: 7. Januar 2012.
Simon, H. (1996): Die heimlichen Gewinner. Frankfurt am Main, New York.
Simon, H. (2007): Champions des 21. Jahrhunderts: Die Erfolgsstrategien unbekannter Weltmarktführer. Frankfurt.
20 Der BREXIT und andere „Unfälle“ –
tiefere Ursachen und Konsequenzen
für die deutsche Wirtschaft
20
Zusammenfassung
Am 23. Juni 2016 geschah das Unerwartete: Die britische Bevölkerung stimmte
mehrheitlich für einen Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union. Premierminister David Cameron, der sich häufig kritisch über die Europäische Union geäußert hatte, dieses Ergebnis aber bestimmt nicht wollte, bekam die Quittung für seine
Politik.
Das BREXIT-Referendum wie auch die Wahl Donald Trumps zum 45. Präsidenten der USA sowie das gescheiterte Verfassungsreferendum in Italien sind dabei
Symptome einer tiefgreifenden Krise der globalen Ordnung. Diese Krise ist real. Sie
löst Unsicherheit bei den Funktionseliten aus. Aber sie ist auch – um ein viel benutztes Klischee noch weiter zu strapazieren – eine Chance.
In meinen Ausführungen werde ich die Ursachen und Manifestationen der tiefgreifenden Krise am Beispiel des BREXIT beleuchten. Ich werde zweitens argumentieren, dass Protektionismus nicht immer schlecht sein muss, sondern dass es sich, wie
bei eigentlich allen politischen Entscheidungen, um eine Frage von Maß und Mitte
handelt. Und ich werde drittens skizzieren, wie sich die deutsche Wirtschaft und Industrie in einem veränderten Umfeld positionieren sollen – denn neben Großbritannien hat eine ähnliche Entwicklung in den USA bereits eingesetzt.
Dabei werde ich mich der etwas aus der Mode gekommenen politischen Ökonomie
bedienen und berücksichtigen, dass eine Wirtschaftsordnung immer auch einen Interessenausgleich zwischen Interessengruppen und Klassen leisten muss, wenn sie auf
Dauer legitim sein soll. Zudem muss auch der Ausgleich zwischen Ländern und Re-
255
© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2019
M. Otte, Die Finanzmärkte und die ökonomische Selbstbehauptung Europas,
https://doi.org/10.1007/978-3-658-23179-8_20
256
Teil 3
Finanzkapitalismus und europäisches Wirtschaftsmodell
gionen gelingen. Damit befinde ich mich in der besten Tradition des von mir verehrten Friedrich Lists, aber auch François Quesnays, John Maynard Keynes’, Karl Marx’
und meines Lehrers Robert Gilpin. Wer, wie die meisten zeitgenössischen Ökonomen, die aktuellen politischen Phänomene ausschließlich auf individuelle Konsumund Produktionsentscheidungen zurückführen will, wird ihnen nicht gerecht. Und er
wird sie nicht verstehen.
Der Dekan der Wirtschaftswissenschaften der Universität Graz äußerte auf einer Veranstaltung mit heterodoxen Ökonomen und dem Verfasser im Jahr 2012, dass die Wirtschaftswissenschaften mittlerweile sehr gut darin seien, zu analysieren, wie sich Regeln
auswirken. Es gäbe aber große Lücken bei den Ökonomen, zu verstehen, wie Regeln
gemacht werden. Genau das ist die Aufgabe der politischen Ökonomie. Wer bestimmt
die Regeln in welchem Fall, und wem nützt es? Dies ist die Kernfrage, und sie wird viel
zu selten gestellt. In diesem Beitrag beleuchte ich, wie der BREXIT und verwandte Ereignisse die globalen Regeln beeinflussen könnten.
The decadent international but individualistic capitalism, in the hands of which we found
ourselves after the war, is not a success. It is not intelligent, it is not beautiful, it is not just,
it is not virtuous – and it doesn’t deliver the goods. In short, we dislike it, and we are beginning to despise it. But when we wonder what to put in its place, we are extremely perplexed. John Maynard Keynes (1933, S. 758)
20.1
Der BREXIT als Symptom einer tiefgreifenden Krise
der „liberalen Wirtschaftsordnung“
Die „vier Freiheiten“ – freier Personen-, Waren-, Dienstleistungs- und Kapitalverkehr –
stellen neben der gemeinsamen Währung die Basis der europäischen Wirtschafts- und
Währungsunion dar. Bereits 1998 prognostizierte ich, dass die fehlende Balance zwischen Waren-, Dienstleistungs- und Kapitalverkehr auf der einen und (faktischer) Mobilität der Arbeitskräfte auf der anderen Seite zu einer tiefgreifenden demokratischen Legitimationskrise der Institutionen der Europäischen Union und zu einem Kollaps des „alten
Regimes“ („Regime“ als politikwissenschaftlich-systemtheoretischer Begriff) von Brüssel führen würde (Otte 1998). Genau dies passierte, als sich die Kapitalströme in Richtung
Südeuropa mit Einsetzen der sogenannten Eurokrise umkehrten. Meine zweite Prognose,
dass wir dann ein bürgernäheres und demokratisch besser legitimiertes Europa bekommen würden, harrt allerdings noch auf ihr Eintreffen. Im Gegenteil: Es sieht danach aus,
dass unser Wirtschaftssystem immer unfreier wird.
„Freihandel“ ist spätestens seit Unterzeichnung des Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommens GATT im Jahr 1947 eine der Grundsäulen des Weltwirtschaftssystems
geworden, genauso wie Freihandel die offizielle Doktrin für die Welt zwischen 1846 und
1914 war. Die Basis der Theorie der komparativen Kostenvorteile wurde von David
20
Der BREXIT und andere „Unfälle“
257
Ricardo in seinen „Principles of Political Economy and Taxation 1817“ entwickelt. Es
macht für Länder auch dann Sinn, Handel zu treiben, wenn ein Land in jedem einzelnen
Waren- und Dienstleistungssektor absolute Kostenvorteile besitzt. Durch Handel würde
es allen Ländern besser gehen und jedes Land würde sich auf die Güter und Dienstleistungen spezialisieren, bei denen es relative Vorteile besitzt.
Dabei muss unbedingt berücksichtigt werden, dass die Debatte um Freihandel in
Großbritannien vor einem sehr realen politischen Hintergrund mit realen politischen
Interessen erfolgte. Das ist eine Frage, die auch bei der heutigen Diskussion angebracht
ist. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatten in England die adligen Großgrundbesitzer im Parlament Gesetze durchgebracht, die ab 1815 den Import von Getreide
(Weizen, Hafer, Roggen) mit hohen Zöllen belegten. In Preisen von 2015 wurden damit
ungefähr 200 Pfund je 13 Kilogramm Weizen („Quarter Hundredweight“) gezahlt (Wikipedia 2017). Dies schützte die Einkommen des Adels und benachteiligte sowohl Produzenten als auch Industriearbeiter. Unter den letzteren brachen regelmäßig Hungersnöte
aus. Nach der großen Hungersnot in Irland in den Jahren 1845 und 1846 bekamen die
Befürworter eines „Repeal“ der Getreidegesetze die Oberhand. England hob die Gesetze
zum Schutz der Getreideproduzenten auf. Auch als in den letzten Jahrzehnten des
19. Jahrhunderts die Konkurrenz vor allem durch billiges amerikanisches Getreide sehr
groß wurde, behielt England anders als fast alle europäischen Länder seine Freihandelspolitik bei.
England war ab 1846 unbestreitbar der Champion des globalen Freihandels. Allerdings – und das ist eine der entscheidenden Voraussetzungen, die gerne von Ökonomen
übersehen wird – konnte sich Großbritannien diese Freihandelspolitik nur deswegen erlauben, weil die Royal Navy zum dominanten Machtfaktor auf den Weltmeeren geworden und die Versorgung Großbritanniens mit Getreide nicht gefährdet war.
Charles Kindleberger legte 1973 in seinem Buch „The World in Depression“ die Basis für das, was später „Hegemonic Stability Theory“ genannt werden sollte: „For the
world economy to be stable, there needs to be a stabilizer, one stabilizer.“ (Kindleberger 2013). Ein Hegemon, eine Führungsmacht müsste die Regeln (zum Beispiel einer
liberalen Weltwirtschaftsordnung) durchsetzen, von denen letztlich alle profitierten. In
der Zeit nach 1846 war dies eindeutig England. Zwar würde der Hegemon spezielle
Privilegien in Anspruch nehmen, aber die Stabilität und Berechenbarkeit der Wirtschaftsordnung würde letztlich allen nutzen. In der Zwischenkriegszeit 1919 bis 1939
konnte England diese Rolle nicht mehr erfüllen, und die USA wollten es nicht. In diese
Zeit fielen die Große Depression sowie das Aufkommen autoritärer Regimes. Seit der
Bretton-Woods-Konferenz im Jahr 1944 waren die USA der Champion einer liberalen
Weltwirtschaftsordnung.
Nach 1989 bestand die Hoffnung, dass durch den Zusammenbruch des Kommunismus nun die liberale Weltwirtschaftsordnung auf die ganze Welt ausgedehnt werden
könne. Das Buch „The End of History“ von Francis Fukuyama symbolisierte diese
Hoffnung (Fukuyama 1992). Mit dem Vertrag von Maastricht zur Etablierung der europäischen Wirtschafts- und Währungsunion (1992), der Forcierung der Welthandelsorganisa-
258
Teil 3
Finanzkapitalismus und europäisches Wirtschaftsmodell
tion WTO (1994), dem nordamerikanischen Freihandelsabkommen NAFTA (1994)
sowie in jüngerer Zeit der Trans-Pacific Partnership und dem Transatlantischen Freihandelsabkommen (TTIP) schien es, als ob Fukuyamas Thesen sich erfüllten. Gleichzeitig
setzen aber die USA, die Führungsmacht des Westens, zunehmend das Prinzip des Wirtschaftskriegs und der Sanktionen ein, zuletzt gegen Russland. „Wandel durch Handel“
wird zumindest teilweise wieder durch ökonomische Konfrontation ersetzt. Bereits 1971
hatten die USA durch den unilateralen Rückzug aus dem Weltwährungssytem von Bretton Woods einen ersten Schritt zur Aufgabe der alten Prinzipien gemacht.
Mein Lehrer Robert Gilpin hat in War and Change in World Politics und später in
The Political Economy of International Relations auf Basis der Theorie der hegemonialen Stabilität eine Zyklentheorie entwickelt, welche in einem Vier-Phasen-Schema die
Fluktuationen im Grad der Offenheit und der Stabilität der internationalen Ordnung
erklären soll (Gilpin 1983, 1987):
1. Durch geografische Vorteile, bessere Produktionsmethoden oder sonstige Ereignisse
erlangt eine Nation eine dominante Stellung in der Weltwirtschaft.
2. Diese Nation (der „Hegemon“) nutzt seine dominante Position, um verbindliche Regeln in der Weltwirtschaft durchzusetzen, von denen sie zwar am meisten, alle anderen aber ebenfalls profitieren.
3. Auf Dauer führen die Lasten, aber auch die Privilegien der hegemonialen Rolle zu
einem Schwinden der Innovations- und Produktivkräfte.
4. Neue Wirtschaftsmächte entstehen und wollen die Regeln aktiv mitgestalten.
5. In der multi- oder bipolaren Phase des Übergangs von einem Hegemon auf den nächsten ist das Weltwirtschaftssystem instabil. In der Vergangenheit ist es dann regelmäßig zu großen Kriegen gekommen, so nach 1914, als die USA und Deutschland sich
anschickten, England zu beerben, oder als England Spanien und Holland vom Zentrum der Weltbühne verdrängte.
Die USA stehen nicht mehr für 40 Prozent des Welt-BIP wie 1960, sondern nur noch für
20 Prozent. Aktuell macht das chinesische BIP 61 Prozent der US-amerikanischen Wirtschaftsleistung aus. Gemessen an der Kaufkraftparität ist das chinesische BIP mittlerweile sogar größer als das amerikanische (Desjardins 2015). Das Weltwirtschaftssystem befindet sich wieder in einer multipolaren Phase des Übergangs (Patton 2016). BREXIT, „America First“, internationale Unruhen und populistische Bewegungen sind Symptome dieser
Phase. Wir wissen noch nicht, wie die globale Wirtschaftsordnung der Zukunft aussehen
wird. Mit großer Wahrscheinlichkeit wird sie sich jedoch von der aktuellen Ordnung
unterscheiden. Und hoffentlich bleiben wir von größeren Kriegen, wie sie in solchen
Phasen in der Vergangenheit regelmäßig aufgetreten sind, verschont.
20
Der BREXIT und andere „Unfälle“
20.2
259
Die Zukunft: Protektionismus und Re-Nationalisierung?
Letztlich waren es nicht primär wirtschaftliche Probleme, welche zum Erfolg des
BREXIT-Referendums führten, sondern die Sorgen um unkontrollierte Einwanderung
und nationale Souveränität. Eine Mehrheit der Briten fühlte sich nicht mehr wohl mit
einer Wirtschaftsordnung, in welcher viele das Land und die Menschen betreffende
Entscheidungen zunehmend außerhalb des britischen Parlaments fielen. Diese „populistischen“ Sorgen sind angesichts einer komplexen und zunehmend undurchschaubaren
europäischen und globalen Wirtschaftsordnung und angesichts der Aushöhlung der Demokratie aus Sicht des Verfassers durchaus verständlich. Der Slogan „America First“
des amerikanischen Präsidenten Donald Trump zielt in eine ähnliche Richtung. Er wurde
von den Medien weitgehend als eine „Kampfansage an die liberale Wirtschaftsordnung“
gesehen (Hulverscheidt 2016; von Marschall 2016).
Dabei darf nach Ansicht des Verfassers durchaus die Frage gestellt werden, ob die
Liberalisierung nicht zu weit gegangen, ob das Auseinanderdriften von zunehmend irrelevanter politischer Willensbildung in den Parlamenten und der Art und Weise, wie
durch Lobbyismus ökonomische Entscheidungen gefällt werden, nicht kontraproduktiv
ist. Im 19. Jahrhundert stellte sich für viele Ökonomen die soziale Frage, die Frage, wie
es sein konnte, dass es trotz ungeahnten Wirtschaftswachstums weiter Massenarmut und
Elend gab. Der neue soziale Kluft des 21. Jahrhunderts besteht zwischen den großen
Kapitalvermögen und der internationalen Funktionselite in Konzernen, Investmentgesellschaften, Medien, Politik und Stiftungen – den international mobilen Produktionsfaktoren auf der einen Seite – und Arbeitnehmern, kleinerem Mittelstand oder regional
gebundenen Unternehmen – den immobilen Produktionsfaktoren auf der anderen Seite.
Die Frage, ob die negativen Auswüchse des globalen Hyperkapitalismus nicht so groß
geworden sind, dass es zu einer weiteren, größeren Krise kommen muss, wird zunehmend gestellt (Sinn 2017; Streek 2016; Wagenknecht 2016).
Internationale Kapitaltransaktionen sind in Sekundenbruchteilen möglich, Güter- und
vor allem Personenströme reagieren viel langsamer. Wenn diese Asymmetrie nicht durch
eine entsprechende Markt- und Wirtschaftsordnung behoben wird, sind die international
mobilen Akteure gegenüber den regional und nationalen gebundenen im Vorteil. Die
letzteren werden dann durch „Standortwettbewerb“ erpressbar sein. Der Mehrwert wandert in Richtung der mobilen Faktoren. Dies passiert: Finanzströme brausen ungefesselt
um den Globus und führen zu massiver Fehlallokation von Kapital und Boom-BustZyklen, wie zum Beispiel in Asien nach 1997, in Irland nach der Finanzkrise 2008, in
Südeuropa – verstärkt durch die Fehlkonstruktion Euro – nach 2010, mehrfach in Mexico und anderswo. Der durch diese Instabilität angerichtete Schaden ist immens.
Die populistischen Forderungen (BREXIT = Great Britain First, America First) können auch so gelesen werden, dass ein Land zuerst vor seiner eigenen Haustür kehren und
die eigene Wirtschaft, Gesetzgebung und Gesellschaft in Ordnung bringen sollte. Wenn
Irland ein laxes Steuerregime einführt und Konzerne einfach Gesellschaften dorthin
verlagern, während die Produktion woanders bleibt, ist das dysfunktional und führt zu
260
Teil 3
Finanzkapitalismus und europäisches Wirtschaftsmodell
einer Benachteiligung der immobilen Faktoren. Die Wertschöpfung kommt dort, wo sie
entstanden ist, nicht in Form von Steuern an.
Gestützt durch massive Lobbymacht scheinen die Regeln aber noch weiter zu Gunsten der Kapitalseite vorangetrieben zu werden. Auch bei TTIP geht es nicht prinzipiell
um „mehr Handel“ – die positiven Zusatzeffekte sind auch in den Augen der TTIPBefürworter eher bescheiden – sondern darum, dass die Regeln noch günstiger für die
Kapitalseite sind.
So rechnen Erixon und Brauer mit einer dynamischen BIP-Steigerung von von 0,23
bzw. 0,47 Prozent in der EU und 0,99 bis 1,33 Prozent in den USA (nach Freytag et al.
2014).
Auch die politische und rechtsstaatliche Kontrolle wird zunehmend schwieriger. Wenn
auf facebook in Deutschland ggf. strafrechtlich relevante Inhalte gepostet werden, das
zuständige Gericht aber in Irland ist und alle Akten erst ins Englische übersetzt werden
müssen, ist das schlichtweg inakzeptabel und ein Politikversagen ersten Ranges. Hinzu
kommt die Tatsache, dass die sich überlappenden Jurisdiktionen (national, Europäische
Union, global) zunehmend unüberschaubarer und komplexer werden und auch die Planungssicherheit gerade für kleinere und mittlere Akteure verhindert wird. Fast fühlt man
sich mit Thierry Baudet an das Mittelalter vor Einführung des Rechts- und Nationalstaats
erinnert, in dem ebenfalls sich überlappende Jurisdiktionen von Kaiser und Papst um
Einfluss rangen – zu Lasten von Wirtschaft und Menschen.
Das Auseinanderfallen von politischer (Ohn-)Macht und wirtschaftlicher Macht wurde von John Maynard Keynes schon 1933 kritisch gesehen:
Das Auseinanderfallen von Eigentum und der wirklichen Verantwortung des Managements
ist schon innerhalb eines Landes ein Problem, wenn bei Aktiengesellschaften zahllose Eigentümer heute kaufen und morgen verkaufen und dabei keinerlei Wissen über und Verantwortung gegenüber dem haben, was sie gerade besitzen (Keynes 1933, S. 756).
Noch schwieriger wird es laut Keynes, falls die internationale Dimension zu stark wird:
„Wenn dasselbe Prinzip international angewendet wird, ist es in Zeiten der Belastungen
unhaltbar und unerträglich – ich verhalte mich unverantwortlich gegenüber meinem Eigentum und die, die es managen, sind unverantwortlich mir gegenüber. Ja, es mag eine Finanzkalkulation geben, die zeigt, dass es vorteilhaft ist, wenn meine Ersparnisse im letzten
Winkel der bewohnbaren Welt investiert werden, wo es den größten Grenznutzen des Kapitals oder die höchsten Zinsen gibt. Aber die Erfahrungen mehren sich, dass der Abstand
zwischen Eigentum und Management ein Übel für die Beziehung zwischen den Menschen
ist, der wahrscheinlich oder sogar sicherlich langfristig Spannungen produzieren wird,
welche die reine Finanzkalkulation zunichte machen. (Keynes 1933, S. 756)“
Aber nicht nur zwischen immobilen und mobilen Produktionsfaktoren müssen politische
Regeln für einen vernünftigen Ausgleich sorgen. Auch bei der Handelsgesetzgebung und
bei der Regulierung ist zwischen verschiedenen Ländern und Wirtschaftsblöcken entwe-
20
Der BREXIT und andere „Unfälle“
261
der echte Supranationalität oder ansonsten „Waffenparität“ geboten. Beides haben wir
derzeit nicht. Insbesondere Europa scheint – mit einigen Ausnahmen in der Handelsgesetzgebung – hier zunehmend zum Objekt der Politik zu verkommen (Otte 2012).
Das hat Folgen: Nicht-kontinentaleuropäische Akteure drücken Kontinentaleuropa ihre Politik auf. Diese Asymmetrien in den Verhandlungspositionen haben die USA gegenüber Europa in den letzten Jahren massiv genutzt. Mit der potenziellen Drohung, den
Zugang zum größten Markt der Welt zu verschließen, wurden europäischen Konzernen
die amerikanischen Regeln aufgezwungen – Siemens, Deutsche Bank und VW sind nur
einige Beispiele. Die schweizerische Bankenaufsicht agiert mittlerweile fast wie eine
nachgeordnete Behörde des US Department of Justice. Zudem sind die Belastungen
hochgradig asymmetrisch: Während das US Department of Justice von der Deutschen
Bank für Subprime-Papiere, die noch nicht einmal an Privatanleger verkauft wurden,
16 Milliarden Dollar Buße forderte, kam Wells Fargo, die eine halbe Million Konten
falsch angelegt hatten, mit der höchsten Strafe davon, die jemals die amerikanische Verbraucherschutzbehörde erhoben hat: 185 Millionen Dollar (Korkey 2016). Der Gesamtschaden der VW-Affäre wird auf über 40 Milliarden Euro geschätzt (Jahberg 2015). In der
GM-Affäre, in der defekte Zündschlösser 125 Menschen das Leben kosteten, betrug die
Strafe eine Milliarde Dollar (Ivory und Vlasic 2015). Zudem wird Kontinentaleuropa (wo die
Finanzkrise nicht ihren Ursprung hatte) mit raschen Schritten von einem bank- und kreditorientierten Wirtschaftssystem (das gut funktionierte) zu einem kapitalmarktbasierten
System umgebaut (Otte 2010). Wenn allerdings eine Mannschaft, die American Football
spielt, eine Fußballmannschaft zwingt, das Spiel nach ihren Regeln zu spielen, wird die
Fußballmannschaft haushoch verlieren.
Es mag also durchaus sinnvoll sein, die nationale Kontrolle zumindest in Teilbereichen wieder zu stärken. Auch regionale Zusammenschlüsse wie die EU können effektiv
sein, wenn sie richtig konstruiert sind. Es geht eben in der realen Handelspolitik nicht
nur um komparative Kostenvorteile, sondern auch darum, wie die Gewinne verteilt werden. Wirtschaftskrieg um relative Gewinne ist real. Google, facebook, Amazon & Co,
hätten niemals diese Stellung in Europa erlangen können, wenn Europa mit derselben
Konsequenz seine Datenschutzgesetze durchsetzen würde, wie die USA das für ihre
Gesetze in anderen Bereichen gemacht haben. Das wäre nicht nur aus datenschutzrechtlichen Gründen dringend notwendig gewesen: Wenn sich einmal ein Oligopol wie im
Falle der großen US-Technologiekonzerne etabliert hat, ist es schwer zu knacken. Und
der Mehrwert auch der heimischen Produktion wird abgezogen, in diesem Fall zum
Beispiel von den europäischen Telekomkonzernen. So haben im Wesentlichen nur Russland (Yandex) und China (Baidu, Tencent) eigene Internetgiganten, obwohl Europa über
einen Binnenmarkt verfügt, der größer ist als der chinesische.
In Deutschland propagierte Friedrich List die Idee von Schutzzöllen zur Entwicklung
einer eigenen Industrie und legte diese Ideen ausführlich in seinem Hauptwerk „Das
nationale System der politischen Ökonomie“ (List 1930) dar. Wenn das „System der
Produktivkräfte“ hinreichend entwickelt sei, könne man sich zunehmend dem Wettbewerb stellen. Zuvor hatte in den USA bereits 1791 Alexander Hamilton in seinem Be-
262
Teil 3
Finanzkapitalismus und europäisches Wirtschaftsmodell
richt an den amerikanischen Kongress ähnliche Ideen vertreten. Ein Land müsse einen
Gemeinwohlvertrag zum Wohle seiner Bürger abschließen. Auch diesen Vorschlägen
lag die Vorstellung zugrunde, dass internationaler Handel auf Basis der Parität der Akteure unter Regeln zu erfolgen habe, die einen fairen Interessenausgleich bewirken.
20.3
Ein Kompass für die deutsche Industrie und Politik in einer Ära
steigender Unsicherheit
Deutschland ist wie keine andere große Wirtschaftsnation mit der Weltwirtschaft verflochten. Alle Strukturveränderungen im Weltwirtschaftssystem werden uns zuerst stark
(be)treffen. Der BREXIT ist nur ein Symptom der Krise der globalen Handelsordnung.
Die Grenzausgleichssteuer (Border Adjustment Tax, BAT), die zum Beispiel in den
USA im Gespräch ist, wäre eine Maßnahme, die die deutsche Wirtschaft weitgehend
stärker treffen würde (Tully 2017). Mit Exporten nach Großbritannien von 89 Milliarden
Euro und Importen von 38 Milliarden Euro im Jahr 2015 war Großbritannien der drittgrößte Handelspartner Deutschlands. Der Handel mit den USA liegt um 40 Prozent höher.
Viele Produkte der deutschen Industrie haben Alleinstellungsmerkmale und sind relativ wenig preissensitiv. Auch nach einem erfolgten BREXIT sehe ich hier keine allzu
große Beeinträchtigung des deutschen Außenhandels, zumal Großbritannien viele Industrien einfach weitgehend fehlen. Selbst im Szenario des „harten BREXIT“ würde
Großbritannien versuchen, einen liberalen Handelsvertrag mit der EU zu schließen und
die offenen Gütermärkte zu bewahren.
Es ist dennoch richtig, dass sich Deutschland und die Europäische Union grundsätzliche Gedanken zu ihrer Strategie in einer sich verändernden Welt machen sollten. Dazu
müssen europäische und deutsche Positionen entwickelt werden.
1. Bilateralismus und gesamteuropäische Politik: Mit dem BREXIT und America First
hat der Bilateralismus einen Schub bekommen. Bilateralismus muss nicht schlecht
sein, aber er muss in geordneten Bahnen ablaufen. Nationale Akteure sind allerdings
schneller und wendiger als supranationale. Die Europäische Union und die Mitgliedstaaten werden sich darüber klar werden müssen, ob sie weiter gemeinsam als EU in
diese Verhandlungen gehen wollen. Wenn das der Fall ist, müssen die Kompetenzen
der entsprechenden Organe deutlich ausgeweitet werden.
2. Waffenparität bei Handelspolitik und Standards: Während die USA durch globale
Anwendung nationalen Rechts Fakten schaffen, hat die Europäische Union dem nicht
viel entgegenzusetzen. Das Ziel kann auch für die Europäische Union nur sein, den
Marktzugang als Pfand für faire Lösungen einzusetzen. Hierzu gehört auch die Schaffung eines begünstigten Heimatmarktes für Technologiekonzerne. Eine Maßnahme
wie die BAT (Border Adjustment Tax), die in den USA für Waren diskutiert wird,
20
Der BREXIT und andere „Unfälle“
263
kann genauso gut bei Dienstleistungen erhoben werden. Bei der Border Adjustment
Tax würde nicht der mit Importen erzielte Gewinn besteuert, sondern der Umsatz.
Genauso gäbe es Steuervorteile für Exporte. Bei Waren wäre dies nachteilig für Europa bzw. Deutschland, bei Dienstleistungen für die USA.
3. Die wichtigeren Debatten mit Großbritannien werden sich um die Freizügigkeit von
Personen- und Dienstleistungsverkehr drehen, insbesondere um Finanzdienstleistungen. Es kann nicht übersehen werden, dass Deutschland als die größte Wirtschaftsnation Europas mit dem Finanzplatz Frankfurt zunehmend als Finanzplatz auf einen
nachrangingen Platz verwiesen wurde. In Europa ist London Finanzplatz Nummer
eins. Dies ist umso paradoxer, als Großbritannien bis heute nicht Mitglied der Eurozone ist. Der BREXIT gibt Deutschland nun die Chance, den Finanzplatz wieder zu
stärken. Ein erstes Opfer des BREXIT ist wahrscheinlich die Fusion der London
Stock Exchange mit der Frankfurter Börse. Die Eigentümer haben ihre Zustimmung
zu dieser Fusion zurückgezogen, seitdem klar ist, dass nach einem BREXIT nicht
London alleine Standort der Muttergesellschaft sein kann. Die hessische Landesregierung sowie der Verfasser sehen darin eine Chance, den Finanzplatz Frankfurt zu bewahren (BILD 2017). Der BREXIT bietet damit die Chance, die Finanzmarktordnung zu
überdenken und für Deutschland und Kontinentaleuropa angemessen zu gestalten.
Dabei gilt es auch, zu berücksichtigen, dass Kontinentaleuropa ein eher kredit- als
kapitalmarktbasiertes Finanzsystem hat.
4. Kerneuropa: Aktuell wird die Idee eines „Kerneuropa“, eines „Europa der verschiedenen Geschwindigkeiten“ von Jean-Claude Juncker und Angela Merkel wiederbelebt. Nach dieser Idee sollen einige Staaten bei der Integration vorangehen können
und andere folgen später. Erstmalig wurde sie von Karl Lamers und Wolfgang
Schäuble 1994 vertreten, von Helmut Kohl damals aber vehement abgelehnt. Nun
scheint die Zeit reif für eine Renaissance, und für den Verfasser überwiegen hier die
Chancen. Zwar sind auch hier die Schwierigkeiten enorm, aber eine Kerngruppe von
EU-Ländern hätte zumindest die Chance, in einigen Bereichen voranzuschreiten.
Zu diesen Punkten sollten sowohl die Bundesrepublik Deutschland als auch die Europäische Union unverzüglich eine Strategie entwickeln. Sonst setzt sich die Marginalisierung
Europas fort.
Ursprünglich erschienen in List Forum für Wirtschafts- und Finanzpolitik (43:1),
Springer Gabler, 2017.
264
20.4
Teil 3
Finanzkapitalismus und europäisches Wirtschaftsmodell
Literatur
Baudet, T. (2012): The sigllificance of borders. Leiden: Brill.
BILD (2017): London und Frankfurt: Ist die Börsen-Fusion noch zu retten?
http://www.bild.de/geld/wirtschaft/brexit/ist-die-boersen-fusion-noch-zu-retten-50629934.bild.
html (Erstellt: 27.02.).
Desjardins, J. (2015): China vs. United States – a tale of two economies. http://
www.visualcapitalist.com/china-vs-united-states-a-tale-of- two-economies/ (Erstellt: 15.10.).
Freytag, A., Draper, P., & Pricke, S. (2014): Die Auswirkungen von TTIP.
http://www.kas.de/wf/doc/kas_15293-1442-1-30.pdf?150311105611
Fuentes-Niva, R . et al. (2014): Working for the few – political capture and economic inequality.
https://www.oxfam.org/en/research/working-few (Erstellt: 20.01.).
Fukuyama, F. (1992): The end of history and the last man. New York: Free Press.
Gilpin, R . (1983): War and change in world politics. Cambridge: Cambridge University Press.
Gilpin, R . (1987): The political economy of internationnl relations. Princeton: Princeton University Press.
Hulverscheidt, C. (2016): Populisten würden die Welt in Rezession und Arbeitslosigkeit stürzen.
http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/weltwirtschaft-populisten-wuerden-die-weit-inrezession-undarbeitslosigkeit-stuerzen-13189565 (Erstellt: 05.10.).
Ivory, D., & Vlasic, B. (2015): $900 million penalty for G.M.’s deadly defect leaves many cold.
https://www.nytimes.com/2015/09/18/business/gm-to-pay-us-900-million-over-ignitionswitch-flaw.html (Erstellt: 17.09.).
Jahberg, H. (2015): VW-Aktie: kaufen oder nicht.
http://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/volkswagen-vwaktie-kaufen-oder-nicht/ 12359884.html
(Erstellt: 23.09.).
Maynard Keynes, J. (1933): National Self-Sufficiency. The Yale Review, 22(4), S. 755–769.
Kindleberger, C. (2013): The World in Depressioll (1. Auflage 1973). Berkeley: University of
California Press.
Korkery, M. (2016): Wells Fargo fined $ 185 million for fraudulently opening accounts.
https://www.nytimes.com/2016/09/09/business/dealbook/wells-fargo-fined-for-years-of-harmto-customers.html?_r=0 (Erstellt: 08.09.).
List, F. (1930): Das nationale System der politischen Ökonomie. Berlin: v. Artur Sommer.
Marquardt, J.-P. (201 7): Fahrplan zum Brexit liegt vor. https://www.tagesschau.de/ausland/brexitwhitepaper-101.html
Marschall, C. von (2016): So nah sind sich links und rechts.
http://www.tagesspiegel.de/politik/nach-demparteitag-der-linken-so-nah-sind-sich-links-undrechts/13660188.html (Erstellt: 30.05.).
Otte, M. (1998): The Euro and the future of the European Union. New York: American Council on
Germany.
Occassional Paper #5 (2015): Karpzilos, K.: Greek-American Radicals: The Untold Story. Johns
Hopkins University Press.
Otte, M. (2010): Finanzplatz Deutschland vs. deutsches Bankensystem – Zwei politökonomische
Perspektiven für die Zukunft. In F. Keuper & D. Puchta (Hrsg.), Deutschland 20 Jahre nach
dem Mauerfall dem Mauerfall – Rückblick und Ausblick (S. 179–104) Wiesbaden: Springer.
Otte, M. (2012): Globalisierung, mitteleuropäisches Wirtschaftsmodell und angelsächsischer Kapitalismus. Zur ökonomischen Selbstbehauptung Europas. In J. Pucher & J. Frank (Hrsg.), Strategie und Sicherheit – Der Gestaltungsspielraum der österreichischen Sicherheitspolitik, S.
217–231. Wien: Böhlau.
20
Der BREXIT und andere „Unfälle“
265
Otte. M., & Grewe, J. (2000): A rising middle power? Germanforeing policy in transformation
1989–1990. New York: St. Martin’s Press.
Patton, M. (2016): U.S. role in global economy declines nearly 50.
https://www.forbes.com/sites/mikepatton/2016/02/29/u-s-role-in-global-economy-declinesnearly-50/#77f517155e9e (Erstellt: 29.02.).
Ricardo, D. (1815): Essay on the infiuence of a low price of corn 011 the profits of stock
Ricardo, D. (1817): On the principles of political economy and taxation. London: John Murray.
Scheuer, T., Pfeifer, J. und Kastrun, G. (2012): Permanente Krisen gibt es nicht – Wirtschaftspolitisches Forum des Graz Schumpeter Centre. https://static.uni-graz.at/fileadmin/presse/Archiv/
0312/newswww_archiv_detai1_009.html (Erstellt: 27.03.).
Through, P. L. (2012): Securities Exchange Act Of 1934.
https://www.sec.gov/about/laws/sea34.pdf
Sinn, H.-W. (2017): Krisentheorie – Marx’ wahre Leistung. http://www.zeit.de/2017 /05/krisen
theoriekarl-marx-finanzpolitik-europaeische-zentralbank (Erstellt: 13 .02.).
Streek, W. (2016): How will capitalism end? Brooklyn: Verso Books.
Tully, S. (2017): The promise and the peril of the Trump economy. Fortune, 3, 31-38.
vks, dpa, Reuters, & AFP (2017): Juncker will EU radikal reformieren.
http://www.spiegel.de/politik/ausland/jean-claude-juncker-wirbt-fuer-kerneuropa-radikale-eureform-a-1136086.html. Zugegriffen: 25. Februar 2017.
Wagenknecht, S. (2016): Reichtum ohne Gier – wie wir uns vor dem Kapitalismus retten. Frankfurt: Campus.
Wikipedia (2017): https://en.wikipedia.org/w/index.php?title=Com_Laws&oldid=
768385094. Zugegriffen: 25. Februar 2017