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fessor Ingenieur Siegmund Edelstein /# »rttnn k. k. Staatagewerbeschnldirektor Rat des k. k. Patentamtes Edelst . Neutitschein HANDWÖRTERBUCH DER TEXTIL KUNDE ALLER ZEITEN UND VÖLKER FÜR STUDIERENDE, FABRIKANTEN, KAUFLEUTE, SAMMLER UND ZEICHNER DER GEWEBE, STICKEREIEN, SPITZEN, TEPPICHE UND DERGL., SOWIE FÜR SCHULE UND HAUS BEARBEITET VON Max Heiden, BERLIN. MIT 16 TAFELN UND 356 IN DEN TEXT GEDRUCKTEN ABBILDUNGEN. STUTTGART VERLAG VON FERDINAND ENKE 1904.

Y o r r e d e. I n der Industrie und Kunstindustrie nehmen die textilen Gebiete die erste Stelle ein, weil sie nächst der Ernährung den Bedürf¬ nissen des täglichen Lebens unentbehrlich sind. Sobald die eigene Person dabei ihre notwendige Berücksichtigung gefunden hat, stellt das Leben für die Umgebung, für Wohnung und Haus weitere Auf¬ gaben, deren Lösung im einzelnen sowie in der Gesamterscheinung eine vielseitige Tätigkeit künstlerischen Schaffens und mechanischer Massenerzeugung in sich schliesst. Je nach Ort und Zeit sind von alters her in der Weberei, Wirkerei, Stickerei, im Zeugdruck und im Bereiche der Spitzen- und Teppichindustrie zahlreiche Gruppen solcher Erzeugnisse entstanden, deren technische und stilistische Bestimmung mit der kunstgewerb¬ lichen Bewegung der letzten Jahrzehnte zu einer besonderen Wissen¬ schaft geworden ist. Ein Nachschlagebuch dieser Art fehlte bisher darüber. Man findet Notizen in den allgemeinen Wörterbüchern, und im einzelnen gibt die Fachliteratur reichlich Aufschluss, indessen ist es nicht leicht, sich im Zusammenhänge schnell darüber zu unterrichten. Der Herausgeber konnte während seiner nahezu dreissigjährigen früheren Tätigkeit als Verwalter der Stoffsammlung des Königlichen Kunstgewerbemuseums zu Berlin beobachten, welche Unklarheiten im Bereiche des Textilwesens herrschen und hat weiten Kreisen des kunstsinnigen Publikums, es unternommen, dem Künstler, dem Kaufmann und Industriellen eine Darstellung zu bieten, welche allen derartigen Fragen gerecht zu werden versucht. Gesammelt und eingetragen sind alle grösseren Orte der Welt, die sich mit der Herstellung textiler Erzeugnisse befassen, wobei auch auf ihre historische Bedeutung Wert gelegt worden ist; ferner die gebräuchlichsten Fachausdrücke der Technik aller gewebten, ge¬ druckten, gewirkten, gestickten, geklöppelten, genähten und geknüpften
Vorrede. IV Waren und schliesslich erstrebt das Ganze dadurch etwas Nutzbringen¬ des, dass die Stilkunde im Bereiche aller dieser Arbeiten nicht unberücksichtigt blieb, was auch zur Verfolgung einzelner Kunstformen führte, welche im Flächenmuster von Bedeutung sind. Wertvolles Studienmaterial stand dem Herausgeber dabei durch frühere Arbeiten zur Verfügung. Eine besondere Bereicherung erfuhr das Buch durch die Genehmigung des Königlichen Landesgewerbe¬ museums in Stuttgart, dessen bisher noch wenig bekannte reichhaltige Stoffsammlung benützen zu dürfen, wofür ich an dieser Stelle Seiner Exzellenz dem Präsidenten a. D. Herrn Staatsrat Dr. v. meinen besonderen Dank auszusprechen mir erlaube. Gaupp Von grösstem Werte für meine Arbeiten war mir auch die Einführung in die um¬ fangreiche Bibliothek der Königlichen Zentralstelle für Gewerbe und Handel durch Herrn Plofrat Petzendorfer daselbst. In technischen Fragen bezüglich der Weberei stand mir Herr Ernst Flemming, I. Lehrer an der Städtischen Höheren Webeschule in Berlin hilfreich zur Seite, der auch die Zeichnungen einiger Tafeln freundlichst übernahm. Die Bitte um Zusammenstellung einer grossen Sammlung mo¬ derner Stoffproben für technische Zwecke gewährte mir die Firma Rudolph Hertzog in Berlin, welcher ich gleichfalls für die Auf¬ nahmen der orientalischen moderneren Teppichmuster zu Dank ver¬ pflichtet bin. Die Weise Wiedergabe danke ich alles einer Dargestellten verständnisvollen in zweckentsprechender Mitarbeit des Ferdinand Enke, sowie den trefflichen Ausführungen Verlages der chemi- graphischen Anstalt von August Schüler in Stuttgart. Steglitz-Berlin, Oktober 1904. Max Heiden.
Inhaltsverzeichnis der Tafeln deren einzelne Nummern in verschiedenen Artikeln besonders erwähnt und im Zusammenhänge nach Angabe der Seitenzahlen beschrieben sind: t ' i • Seite Tafel I. Wirkereien und Webereien aus koptischen Gräbern.306 „ H. Webereien des frühen Mittelalters.539 „ III. Webereien des späteren Mittelalters.540 „ IV. Webereien der Gotik und Frührenaissance.234 „ V. Webereien der Renaissance.430 „ VI. Webereien aus China und Japan.275 „ VII. AVebereien aus Indien, Persien und der Türkei.383 „ VIII. Europäische Textilmuster der Neuzeit.541 „ IX. Aufnäharbeiten der Renaissance.430 „ X. Genähte Spitzen des 16. und 17. .Jahrhdts.515 „ XI. Genähte und geklöppelte Spitzen des 18. Jahrhdts.516 „ XII. Spitzen des 18. und 19. Jahrhdts.517 „ XIII. Orientalische Knüpfteppiche des 18. und 19. Jahrhdts.584 „ XIV. Orientalische Teppiche des 19. Jahrhdts.584 „ XV. „ XVI. Darstellungen von Bindungen in der Weberei . . .... . .88. 624 Darstellungen von Gewebebindungen und Knüpftechnik.629
Berichtigungen. S. 38, Z. 1 v. u. statt priut lies: point. „ 135, Z. 18 v. o. statt Contil lies: Coutil. „ 154, 11 8 V. 0. 11 Dijou „ Dijon. „ 159, n 5 V. 0. » Spanien lies Spinnen. „ 204, 11 8 V. 0. V 18. Jahrhdt. lies: 13. Jahrhdt. „ 213, 11 32 V. 0. ?? XXVI lies: XVI. „ 346, 11 1 V. 0. 11 furtion „ fustian. „ 389, im Artikel Palmwipfelmuster, ist nickt die nach vorn überschlagende Cypressenblüte, sondern der Wipfel gemeint. „ 400, bei Abbildung 234, statt sine lies: sive. Die nicht im einzelnen wiederholten Verweisungen sind in den grösseren Artikeln der Technik, des Materials und des Stils berücksichtigt.
A. Aachen, Hauptstadt des gleichnamigen Regb. der preuss. Rheinprovinz: Hauptsitz der Tuch- und B u c k sk i n fab r i k a t i o n in Deutschland. Aus überseeischer Wolle (vom Kapland, Buenos-Aires u. s. w.) werden in mehr als 40 Anstalten etwa 100 000 kg. Garn gesponnen, in 138 Betrieben zu A. und Burtscheid bei A. mit 80 Dampfmaschinen von 3000 Pferdekräften und 13300 Arbeitern jährlich 200000 Stück Tuch im Werte von 36 Mill. Mark erzeugt, wovon für 7—8 Mill. Mark bisher auf amerikanischen Märkten Absatz fand. Die Tuchfabrikation wurde schon im 12. Jahrhundert betrieben; berühmt ist das sogen. Kardinaltuch (s. d.), das für sämtliche hohe Würdenträger der katholischen Kirche hier gewebt wird und dessen Herstellungsweise (besonders das Färbeverfah¬ ren) ein Geheimnis der Firma Erckens Söhne in Burtscheid sein soll, sodass dieser seit Jahrhunderten die Lieferungen für den Vatikan übertragen werden. A. erzeugt auch Sammet-, Leinen- und Posamentier waren. Spitzen und verwandte Nadelarbeiten, zum grossen Teil aus Filet¬ arbeiten in weissem Leinen bestehend, sieht A. schon im Mittelalter in Nonnen¬ klöstern für den kirchlichen Gebrauch entstehen; erhalten sind auch durch¬ zogene seidene farbige Filetnetze aus dem 13. und 14. Jahrh., wozu Material und Musterung durch die zu jener Zeit bestehenden regen Handelsbeziehungen A.s mit Venedig über Antwerpen überführt sein werden. Für Studien älterer Textilien sind von Bedeutung die in den Re¬ liquienschreinen der älteren Kirchen A.s als Umhüllung der Gebeine von Hei¬ ligen aufbewahrten Gewebe, und auch vereinzelt Stickereien, welche zur Zeit Karls des Grossen und in späterer Zeit aus dem Morgenlande kamen. Die wichtigsten im Dom sch atz sich befindlichen Stoffe sind gelegentlich ihrer Öffentlichen Schaustellung, welche alle sieben Jahre (zuletzt 10.—24. Juli 1902) stattfindet, im Interesse des Studiums für Museen gezeichnet worden: die besten Abbildungen hiervon im Kunstgewerbe-Museum zu Berlin. (Ueber Einzelheiten dieser Gewebemuster vgl. den Artikel Weberei, frühes Mittelalter und Tafel II.) Literatur: Käntzeler, Der die Gebeine Karls d. Gr. enthaltende Behälter. Aachen, 1859; Bock, Der Reliquienschatz des Liebfrauen-Münsters zu A. Aachen 1860; Ders., Das Heiligtum zu A. Köln 1867; Ders., Karls d. Gr. Pfalzkapelle und ihre Kunstschätze. Köln 1866—67; Kessel, Ge¬ schichtliche Mitteilungen über die Heiligtümer der Stiftskirche zu A. Köln 1874. D as Suermond-Museum (Direktor: Dr. A. Kisa) enthält eine reiche Sammlung älterer Gewebe, Stickereien und Spitzen, welche durch das Ver¬ mächtnis des Dr. Franz Bock im Jahre 1899 einen bedeutenden Zuwachs er¬ hielt. (Führer: herausgegeben 1902.) Die Preussische Höhere Fachschule für Textilindustrie (Direktor: Dr. Sigmund Kapff) seit 1884 bestehend, bildet in ihren verschiedenen Abteihingen für Spinnerei, Weberei, Färberei, Appretur und Stopferei Heiden, Handwörterbuch der Textilkunde. 1
2 Aalen—Abfälle. Fabrikanten, Fabrikdirektoren, Dessinateure, Spinner, Färberei- und Textil¬ techniker, Werkmeister, Einkäufer und Verkäufer aus, wobei vorwiegend die Wollen- und Halbwollenindustrie bevorzugt wird. Der Lehrplan ist in jüngster Zeit derart erweitert worden, dass die Weberei von den ersten An¬ fangsgründen bis zur selbständigen Fabrikation erlernt werden kann. Die ge¬ samte Ausbildung in der Weberei ist auf drei voneinander getrennte halbjährige Kurse verteilt worden. Das Schulgeld für einen halbjährigen Kursus beträgt für Deutsche 100 Mk., für Ausländer 500 Mk. Ermässigungen und Stipendien werden bedürftigen und befähigten Schülern gewährt. A. ist der Sitz des Vereins deutscher Seidenzucht, der 6. Sektion der Bheiuisch-Westlälischen Textil-Berufsgenossenschaft und eines Vereins deutscher Nadelfabrikanten. Aalen, Stadt in Württemberg: Herstellung von Tuch- und AVollwaren, Druckerei, Färberei und Spinnerei. Aarau, Hauptstadt im Schweiz. Kanton Aargau: bedeutende Fabrikation von Seidenstoffen, Baumwollen- und Konfektionswaren. Aarhus, dän. Amt im östl. Teil der Halbinsel Jütland: Baumwollen¬ manufakturen. Aba, Abba oder Abajeh (arab.), grosse Tücher, weite Böcke ohne Aermel, auch Beinkleider, von einfarbigen blauen, braunen oder roten Baumwollenzeugen, welche Smyrna imd Salonichi nach den Häfen des schwarzen Meeres in Mengen versenden; sie werden namentlich in Albanien und Mazedonien gefertigt, in neuerer Zeit auch aus AVolle. Die gewöhnlicheren Stoffe dieser Art benützen die Grosshändler zur A^erpackung von Tabak. Auf der Sinaihalbinsel heisst die AVare Ghasiz, in Nubien Ahk, in den Gattaländern Moyasa. Abaca (in der Botanik musa textilis, d. i. Gewebe-Pisang), Name, welchen die Eingeborenen auf Luzon einer Abart des wilden oder Affenpisangs geben, die Fasern heissen Manilahanf (s. d.). Abat-chauvee, eine französische Ausschusswolle. Abats, starke braune Wollengewebe, welche in Mazedonien für Kleidung und zur A^erpackung von Tabak gewebt werden. Abatzi, ostindische Baumwollenzeuge, welche früher die asiatisch-dänische Kompagnie nach Europa einführte. Abbeville, Arrondissementshauptstadt im franz. Dep. Somme: Sammet-, Damast-, Segeltuch- und Teppichfabriken; erhielt durch Colbert 1665 die erste Tuch-, 1667 die erste Teppichfabrik. Vor der Aufhebung des Ediktes von Nantes batte A., infolge seiner AVollenindustrie und des ansehnlichen Handels, für die Textilindustrie eine grosse Bedeutung. Abbinden, 1. in der Weberei das Niederhalten einzelner Ketten- oder Schussfäden durch andere rechtwinkelig darüber geführte Fäden. — 2. Ein¬ schnürung eines Gewebes, wenn es für eine bestimmte Art des Zeugdruckes vorbereitet wird, welche namentlich in China und Indien gebräuchlich ist. (s. d.) Abdecken heisst das Auflegen von Wachs auf Flächen des Stoffes, welche ein ausgespartes Muster bilden (s. Zeugdruck). Abdullah Kani, moderner in Lyon für Abessinien und Marokko gewebter gestreifter Seidenstoff'. Abelmoschusfaser, in Indien Bai bhendä genannt, eine der Jute ähn¬ liche Gespinstfaser, als solche verkauft und für Webereizwecke verwendet. Abenberg, Stadt im bayr. Begb. Mittelfranken: Fabrikation von Spitzen aus Gold- und Silberdraht. Aberdeen, Stadt im nördl. Schottland: Bedeutende Fabriken in Atollen-, Baumwollen- und Leinenstoffen. Abergavenny, Stadt in der engl. Grafsch. Monmouth: Flanellwebereien. Abertham, Stadt in Böhmen: Spitzenklöppelei. Abessinien, Ländergebiet in Ostafrika: Baumwollenweberei und Anfer¬ tigung von Teppichen aus AVolle und Ziegenhaaren. Abfälle (franz.: dechets, engl.: wasts; ital.: viatagli), welche sich von Bohstoffen oder Fabrikaten ergeben, bilden in der Textilindustrie eine grosse
Abfallspinnerei—Acantbus. 3 Gruppe wichtiger Handelsartikel; A. von Geweben tierischen Ursprungs (Fetzen von Wollenzeug) geben das Material zur Kunstwolle (s. d.), woraus die sog. Shoddys (s. d.) hergestellt werden. Ueber A. der Seidenindustrie s. Bourretteund Florettindustrie. Abfallspinnerei, auch Barchentspinnerei genannt, weil aus dem Produkt derselben Barchentstoff gewebt wird. Die A. stellt auch Garne von No. 1—8 her, mit Verwendung von ostindischer Bengal-Baumwolle oder aus Mischungen besserer oder schlechter Baumwollabfälle (s. a. Florettspinnerei). Abgebeizte Wolle (franz.: pelade, pelure), durch Behandlung mit Kalk von den Schaffellen losgelöste AVolle, in einigen Gegenden auch Gerberwolle genannt, wird zu Flanellen und leichten Wollenzeagen verwendet und ist na¬ türlich nicht so fest wie die von lebenden Tieren geschorene Wolle. Abgepasst heissen gemusterte Stoffe, wenn sich die verzierte Fläche der gegebenen Form für den Gebrauch anschliesst. Abhaspeln (franz.: devidoir; engl.: to reel), in der Spinnerei die Vorrich¬ tung, wodurch das Rohmaterial von Kötzern oder Spulen in Form von Strähnen gebracht wird. Abheben s. Strickerei. Abingdon, Stadt in der. engl. Grafschaft Berkshire: Fabrikation von Packleinen, wollenen Zeugen und gewebten Flurteppichen. Ablaque oder Perlseide, welche in Persien erzeugt, aber wenig gebraucht wird, weil sie beim Abwinden kein warmes Wasser verträgt. Abnehmen s. Netzarbeit. Abojas, syrische Mäntel aus Seide, erfreuen sich in Europa grosser Be¬ liebtheit. Abouchouchon, eines der geringsten französischen Wollentücher, welche in den Manufakturen von Carcassonne, Nimes, Narbonne, Sedan, Grenoble für den levantiner Handel gewebt werden; nach den bestehenden Vorschriften mussten sie früher 1600 Kettenfaden halten und schwarz und weisse Salleisten haben: sie gingen in Mengen über Marseille nach Smyrna und Konstantinopel. Abrohany, Name sehr dünner Baumwollengewebe, welche in Ostindien angefertigt werden, s. Mallemolles. Abrowahatlf, (engl.: perennial Indian liemp) stammt von den zu den Sterculiaceen gehörigen Abranaarten A. angustata (Indien und Philippinen), A. fastuosa (Australien) und A. mollis (Molukken), aus dessen Bastfasern grobe Gewebe und Stricke gefertigt werden. Abruzzen, benannt von Abruzzo, nördlichster Teil des ehern. König¬ reichs Neapel: Seidenzucht, Herstellung von Stickereien auf weissem uud ge¬ färbtem (gewöhnlich) roten Baumwollenstoffe. Abschnüren s. Schnurschlag. Absetzen, in der Weberei eine Zeichnung in die Carta rigata bringen (s.d.). Absetzen der Wolle ist die Bezeichnung für das Fehlerhafte derselben, d. h. wenn die Haare des Vliesses teilweise abgestorben sind, während ein anderer Teil wieder zu wachsen anfängt, oder wenn jede Wollfaser aus zwei verschieden starken und dicken Teilen besteht. Abtafeln, ein fertig gewebtes Stück Zeug vom Webstuhl nehmen. Acanthus, auch Bärenklaue genannt, eine in südlichen Gegenden wild wachsende Staude, von welcher es 14 Arten gibt (s. Abb. 1 u. 2). Ihre Schön¬ heit veranlasste den griechischen Architekten Kallimachus zur künstlerischen Nachahmung, er benutzte Blatt- und Blütenform zur Ausstattung des korinthi¬ schen Kapitäls. Von Griechenland aus fand die Blattform allgemeine Verbrei¬ tung, sie ging auch auf alle Gebiete der Kleinkunst über (s. Abb. 3) und spielt in den nachfolgenden Stilarten eine grosse Rolle. Die europäische Textilkunst bevorzugt das Motiv eigentlich nur zur Zeit der Renaissance: sie bringt Acanthusblattwerk, Ranken u. s. w. in abwechselnder Darstellung für Weberei, Stickerei, Spitzennäherei u. a. m. unter strenger Beobachtung der Stilistik des Flächenmusters zur herrlichen Entfaltung (s. Abb. 4). Aber schon in Stoffen der Spätrenaissance sieht man den A. weniger berücksichtigt, bis er im 18. Jahrb.
4 Acanthus. in kleineren Flächenmustern zurücktritt; in der Zwischenzeit aber durch Meister des französischen Klassizismusses für architektonische Innendekoration Ver- Abb. 1. Abb. 3. Abb. 2. Wendung findet (s. Abb. 5). Die Empirezeit und die Periode Schin¬ kels nimmt den A. mit den übrigen klassischen Motiven wiederum auf (s. Abb. 6) und er kommt dann noch einmal in der modernen JRenaissance der Jahre nach 1873 in Nach¬ bildung der altitalienischen Vor¬ bilder zur Geltung (s. Abb. 7). In neuester Zeit ist der A. mit dem Studium der Naturformen und ihrer Nutzbarmachung für die Fläche Gegenstand eingehender Betrach¬ tung geworden (s. Abb. 8). Abbildungen: 1. Acanthus satinus, nach einem Holzschnitt aus: Lobelius, plantarum sev stirpium icones, Antwerpen 1581. 2. Acanthus mollis aus demsel¬ ben Werk. 8. Originalaufnahme aus dem Königl. Landesgewerbe-Museum in Stuttgart: Quadratisches Aufsatzstück eines Gewandes, gobelinartige Stopfarbeit in violettem und weissem Garn mit Darstellung einer Reiterfigur über einem Löwen; im Räude Acanthusranke mit Blüten und Früchten. Aus einem koptischen Grabe, 5.—7. Jahrhundert.
Acantlius. Abb. 4. 5
6 Acanthus. Abb. 7. Abb. 8.
Accrington—-Adler. 7 4. Acanthusrankenmotiv nach einer Darstellung aus: Heiden, Musteratlas, Blatt 102, Leipzig 1896: Borte aus aufgenähter Silberschnur auf rotem Sammet; dazwischen Candille und Füttern; Italien, 16. Jahrhundert. Original: Königl. KunstgewerbeMuseum Berlin. 5. Gobelinborte mit Acanthusblattwerk, Ranken und Eierstableiste nach einer Darstellung aus: L'Art pour Tous, XIV. Jahrg., Blatt 358. Original aus der Zeit Ludwig XIV. (1643—1715.) 6. Acanthuskelch mit Blattwerk und Blüten nach einer Darstellung aus: Heiden, Musteratlas, Blatt 41, Leipzig 1896: Abgepasste Bildweberei in farbiger Seide für den Stuhlbezug einer Rücklehne; nach Zeichnung von Karl Friedrich Schinkel, Berlin 1781—1841. Original: Königl. Kunstgewerbe-Museum Berlin. 7. Ecke einer Leinendamasttischdecke mit Borte aus Acanthusrankenwerk nach einer Darstellung aus: Gewerbehalle 1891, Blatt 24. 8. Gepresster Sammet mit Muster aus volutenartig geschwungenen Acanthusranken, nach einer Darstellung aus: Kunstgewerbeblatt 1893; Original aus der Fabrik von Th. "Wardle in London, 1892. Literatur: Ebe, Handbuch der ornamentalen Acanthusformen aller Stilarten. Berlin 1893; M eurer, Die Ursprungsformen des griechischen Acanthusornaments. Berlin 1896. Accrington, Stadt in der engl. Grafschaft Lancashire: bedeutende Baumwollfabrikation; Kattundruckereien. Achmim (El-Achmim, auch El-Echmin, koptisch Schmin genannt) das alte Chemins oder Panopolis, Stadt in Oberägypten: in neuerer Zeit viel genannt infolge der Aufdeckung alter Grabstätten, wrelche Mumien enthielten mit reichen Gewändern, die in Wirkerei verziert und mit Seidengeweben besetzt sind. (Ygl. koptische Textilfunde.) In neuer Zeit Fabrikation von Seidenstoffen. Literatur: Forrer, die frühchristl. Altertümer aus dem Gräberfelde von A. (Strassb. 1893.) Acireale, Stadt in der ital. Prov. Catania an der Ostküste Siciliens: Fabrikation von Seidenstoffen, Leinen- und Baumwollengeweben. A^ores, graue, ungebleichte Leinen, welche in verschiedener Feinheit im franz. Depart. der unteren Charente, hauptsächlich zu Barbesieur gewebt werden. Die feiner gewebten Sorten kauften früher die Holländer für ihre Bleichen und die gröberen Arten gingen über Cadiz nach Südamerika. Acri, Name einer syrischen Baumwollenart. AcupictllS, acupictilis (lat.) gestickt, mit der Nadel gestickt; acupictura, die Stickerei. Acupingere (lat.) sticken, von acus: die Nähnadel, Sticknadel. Adamaschus (lat.), der Damast (s. d.). Adapangia, Handelsname für bengalische Rohseide. Adatais, Addatis; holländ.: Adathys, feine Baumwollenzeuge, eine Art Musselin aus Ostindien; die besten werden in Bengalen erzeugt, die Sorten aus Pondichery sind weniger geschätzt. Aden, seit 1839 eine den Engländern gehörende Halbinsel mit gleich¬ namiger Stadt, an der Südwestküste Arabiens, schon im Altertum berühmt; wird von dem vielgereisten Mukkadasi (985) als die Vorhalle Chinas (Dehliz-a sin) bezeichnet und behält seine besondere Bedeutung als Eingangspunkt in das rote Meer für den Seidenhandel auf dem Seewege. Adena, levantinische Baumwollsorte aus Karamanien. Adenos, Seebaumwolle (franz.: coton de marine), die feinste unter allen Arten levantinischer Baumwolle, welche zuerst von Aleppo über Marseille in den Handel kommt. Adersja, veraltete Sorte indischer Kattune. Adjectivfarben, s. Zeugdruck. Adler (lat.: aquila; franz.: aigle; engl.: eagle); erscheint bei den meisten vorchristlichen Völkern als heiliger Vogel, später in allgemeiner Deutung als Symbol des Sieges, der Macht und Herrschaft; als Stoffmuster schon im frühen Mittelalter in vortrefflicher Stilisierung dargestellt, jedoch ohne heraldische Be¬ ziehungen, die überhaupt nur vereinzelt nachweisbar sind. Im 14. Jahrh.,
Adler. 8 Abb. 9. Abb. 10. als das Stoffmuster sicli kirchlichen Zwecken dienstbar zeigt, erscheint der A. darin als Symbol göttlicher Macht zum Schutze be¬ drängter Wesen, welche Auffassung her¬ geleitet werden kann aus dem für die Italiener unverständlichen sarazenischen Tierwerk der s. Z. ihnen zugehenden orien¬ talischen Gewebe, das sie im Sinne der biblischen Mystik umzugestalten suchten. (Vergl. Weberei, Mittelalter.) Die Dar¬ stellung des Doppeladlers auf früh¬ mittelalterlichen Geweben hat zu der An¬ nahme geführt, dass dieser durch den symmetrischen Musterumschlag entstanden sei, wie ihn die Technik der AVeberei mit sich bringt; indessen erscheint diese Auf¬ fassung fraglich bei der Betrachtung des zweiköpfigen Adlers, welcher eingemeisselt ist an dem Pilasterpfosten zu Oejuk, aus der Zeit der Hethiter (etwa 950 v. Chr.), woselbst diese Darstellung als Vogel des Donnergottes, ursprünglich der geflügelte Blitz oder Donnerkeil, wie ihn nach Justi (Geschichte der orientalischen Völker im Altertum S. 184 ff.) der babylonische Merodoch führt und wie er auch auf grie¬ chischen Münzen (Elis und Sicilien) dar¬ gestellt ist.
Adorf—Agnaux de Tartarie. 9 Abb. 11. Abbildungen: 9. Adler nach einer Darstellung aus: Heiden, Motive, Blatt 114, Leipzig 1891. Original in einem orientalischen Seidengewebe des 10. bis 11. Jahrhunderts im Königl. Kunstgewerbe-Museum zu Berlin. 10. Doppeladler nach einer Darstellung aus: Heiden, Motive, Blatt 17, Big. 1. Original wie vorher. 11. Doppeladler nach einer Darstellung aus: Justi, Geschichte der orientalischen Völker im Altertum, Berlin 1884. Original an dem Pilasterpfosten eines hethitischen Grabes bei Oejuk (etwa 950 v. Chr.). Adorf in Sachsen, Kreishauptmannschaft Zwickau: Kunstwebereien, me¬ chanische Baumwollenwebereien und Spinnereien, Weissstickerei. Adrianopel, Hauptstadt des türk. VilajetsA.; in den Vorstädten Karakabsch und Ildyrym blüht Seiden-, Woll- und Baumwollweberei, sowie Teppich¬ fabrikation. Affe, im christlichen Mittelalter als Symbol des Teufels; auf arabisch¬ italischen Seidengewehen (s. d.) des XIV. Jahrh. ohne besondere Bedeutung (?) nachweisbar. Afghanen werden Teppiche aus Afghanistan genannt, die sich im Muster an die Turkmenen (s. d.) anlehnen; auch Khiwa. Afghanistan, der pers. allgemein gebräuchliche Name des Landes der Afghanen: Fabrikation von Teppichen, Seiden- und Filzwaren. Jährliche Aus¬ fuhr von Wolle nach Indien für etwa 12 Mill. Mk.; auch Baumwollenstoffe werden nach Indien ausgeführt. Afiun-Karahissar, Hauptstadt im türk. Vilajet Khodawendikjar in Kleinasien: Teppich- und Wollenstofferzeugung. Agen, Hauptstadt des Arond. A. des Depart. Lot-et-Garonne, sowie der ehern. Landschaft Agenois: Fabrikation von Kattun, wollenen und leinenen Zeugen, besonders Segeltuch; berühmte Färbereien. Agenois, unter diesem Namen wurden früher in Bordeaux die unge¬ bleichten Flachsleinen verkauft, welche im Depart. des Lots und der Garonne, besonders in der Gegend von Agen gewebt werden. Aggonedbunder, in Bengalen die Bezeichnung für die beste Bohseide, welche in Indien und Japan in grossen Mengen verkauft wird; in Europa kommt sie unter dem Namen Tanny oder Tani in den Handel. Agnaux de Tartarie, Agnaux de Perse, im franz. Handel die feinen, gekräuselten Baranken oder Lammfelle, die aus Taurien und Persien gebracht werden, z. B. Astrachan, Krim.
10 Agnelins—Aegypten. Agnelins, ältere Bezeichnung für die in Amsterdam verkaufte feinge¬ kräuselte Wolle der kleinen gleichnamigen dänischen Landschaft. Agnus Dei, lat. deutsch: Lamm Gottes (franz.: agneau pascal, agneau deDieu;engl: lamb ofGod;) eine dem Ausspruche Johannis des Täufers (Joh. 1, 29) entnommene Bezeichnung Jesu Christi. Als bildliche Darstellung Christi unter dem Symbol eines Lammes, in der Begel mit dem Kreuz oder der Siegesfahne, auf italienischen Geweben des 15. Jahrh. (s. d.); mehr gebräuchlich ist die Darstellung auf kirchlichen Stickereien in Leinen. In der griech. Kirche nennt man A. D. das mit einem Lammesbilde versehene Tuch, mit dem beim Abend¬ mahl der Kelch zugedeckt wird. Agra, Hauptstadt des Distrikts A. in den indobritischen sog. Nordwest¬ provinzen: bedeutende Fabrikation von Goldlitzen. Agram, Hauptstadt im Königreich Kroatien und Slavonien: Teppich¬ wirkerei, Fabrikation von Seidenwaren. Aguilles, glatte, gewöhnliche Baumwollenzeuge, welche in Syrien gewebt und über Aleppo in den Handel gebracht werden. Aegypten erzeugt schon vor dem vierten vorchristlichen Jahrtausend Webereien (vgl. Georg Steindorff, Das Kunstgewerbe im alten Aeg., Lpz. 1898). In den Gräbern haben sich steinerne Spinnwirtel (s. d.) und kupferne Nadeln zum Zusammennähen der Kleider, sowie Beste von Stoffen ge¬ Abb. 12. funden, welche aus Leinwand her¬ gestellt sind. Am meisten Verwen¬ dung fanden dieselben in Gestalt von schmalen und breiten Binden zur Umwickelung der Mumien: sog. Mumienleinwand, deren älteste Pro¬ ben nach den Untersuchungen von Aug. Braulik (Altägyptische Ge¬ webe, Stuttg. 1900) mindestens 4600 Jahre, die jüngsten 1500 Jahre alt geschätzt werden. Die allermeisten dieser Gewebe bestehen aus Flachs¬ garnen und zwar aus dem mittelfeinen Handgespinst der Pflanze linum usitatissimum, welche in Unter- und Oberägypten mit Sorgfalt angebaut wurde. Den feinsten und teuersten derartigen Stoff, der an Wert dem Purpur gleichkam (s.Byssus), stellte man aus den zartesten Fäden einer Leinpflanze her, die nur im Delta Aegyptens wuchs: aus ihm wurden Kleider von solcher Feinheit gewebt, dass sie sich durch einen Siegelring ziehen Hessen. Dass die Wolle in frühester Zeit gar nicht und später nur seltener Ver¬ wendung fand, erhellt schon daraus, dass Braulik bei 350 untersuchten Ge¬ webebruchstücken nur ein einziges aus Wolle fand. Auch aus Gründen der Temperatur und der Sauberkeit wird man leinene Kleider den wollenen vor¬ gezogen haben. Ferner darf nicht unbeachtet bleiben, dass der Widder den alten Aegyptern ein geheiligtes Tier gewesen ist, so dass also in früher Zeit, als die Priesterkaste noch den bedeutendsten Einfluss auf Sitten und Gebräuche des ägyptischen Lebens ausübte, das Verbot der Wolle als Bekleidung des Körpers wohl auch auf religiösen Anschauungen beruht. Indische Baum¬ wolle lernten die Aegypter nach J. Engelmann (Geschichte des Handels¬ und Weltverkehrs, Leipz. u. Berl. 1881) zuerst etwa um 2000 v. Chr. durch die Völker des südlichen Arabiens und die Phönizier kennen; dagegen scheint ihnen die Seide erst in der Zeit nach Chr. bekannt geworden zu sein: ge¬ wiss durch den Verkehr mit den Völkern des fernen Ostens. (Vgl. Seidenstoffe aus den koptischen Funden.) Ueber das Spinnen und Weben der alten Aeg. geben uns bildliche Dar¬ stellungen Aufschluss, aus denen hervorgeht, dass diese Arbeiten nicht viel anders aber umständlicher ausgeführt wurden, als es heute zu geschehen pflegt.
11 Aegypten. Die Webestühle, mit wagerecht oder senkrecht aufgespannter sehr langer Kette, waren einfacher Art, Frauen und Männer wehten an ihnen in hockender Stel¬ lung. (Vgl. Abh. 12.) Das Mühsame dieser Handfertigkeit wird uns in einem Papyrus geschildert, der Ermahnungen und Vorstellungen eines Abenteurers an seinen Sohn enthält, welcher eine Zeitlang am Hofe des Königs Amenemhat I. Abb. 13. lebte (12. Dynastie: nach Justi, Geschichte der orientalischen Völker im Altertum, Berk), um ihm jedes andere Geschäft als das eines Schreibers zu verleiden. In dieser Schrift heisst es: „Der Weber im Innern der Häuser ist viel unglücklicher als eine Frau. Seine Kniee sind bis zur Höhe des Herzens heraufgezogen; er geniesst keine frische Luft. Versäumt er einen Abb. 14. Abb. 15. Tag, die ihm vorgeschriebene Quantität Zeug zu machen, so bindet man ihn krumm, wie den Lotos der Sümpfe. Nur wenn er den Türhütern Brot gibt, gelingt es ihm, das Tageslicht zu sehen.“ Wenn auch hier die Tätigkeit eines ägyptischen Webers in etwas grellen Farben geschildert sein mag, so erscheint die Notiz bezüglich des feuchten Arbeitsraumes insofern nicht unwichtig, als ein solcher die Dichte der Fadenfügung des Leinengewebes bekanntlich günstig beeinflusst; zum Vergleich mit dem zarten altägyptischen Byssusleinen erinnere ich daran, dass auch von den feinsten Valenciennesspitzen (s. d.) des 18. Jahrh. berichtet wird, sie seien im feuchten Kellerraum ge¬ klöppelt. Ausser den glatten Leinenstoffen, die in einfachen und gemusterten
12 Aegypten. Farbenstreifen absclxliessen, führt Braulik aus der Stoffsammlung des k. k. Oesterreichiscken Museums in Wien noch Fransengewebe (s. d.) an, ferner macht uns derselbe Forscher bekannt mit Produkten der altägyptischen Kunstweberei: Abb. 16. das sind Bändchen, welche als Gewandborten aufgenäht waren; ihre Musterung ist geometrisch, ein anderes Beispiel erinnert darin an den antiken Zinnigenabschluss (s. d.). Im Grundstoffe gemusterte Kleider wurden von den alten Aegyptern nicht getragen; wenn wir solche auf Wandmalereien abgebildet Abb. 17. finden, so handelt es sich um Darstel¬ lungen fremder Völkerschaften (siehe Abb. 13); ebenso bevorzugten die Ein¬ geborenen weisse Gewänder, bei deren Anlegung sie den Anschauungen der Griechen huldigten, in die Schlichtheit des ungemusterten Stoffes durch reiche Fältelung Abwechselung hineinzubringen, um die Umrisslinien des menschlichen Körpers vorteilhaft in Erscheinung tre¬ ten zu lassen. Neben den einfachen in Taffetbindung gewebten Stoffen waren in Aeg. broschierte Gewebe bekannt; auch nahtlose Kleider wurden durch sog. Schlauchweberei (s. d.) erzeugt. Für Leichentücher und andere Decken, Zelt¬ behänge u. s. w. stellte man Stoffe in Färberei, Malerei und Zeugdruck (s. diese Artikel im einzelnen) her, denen in manchen Fällen eine stuckähnliche Masse zu Grunde liegt (s. Abb. 14 u. 15). Wie weit man an Teppiche des alten Aeg. denken kann, wird dadurch ungewiss, dass im Altertum darunter nicht aus¬ schliesslich Fussbodenbeläge in unserem Sinne verstanden werden, sondern auch geflochtene, gemalte oder gestickte Decken für die Wände in Betracht kommen. An sonstigen altägyptischen Tex¬ tilien müssen noch die Netzarbeit in erwähnt werden, welche sich als oberster
Ahaus—Aire-sur-la-Lys. 13 Belag der eingewickelten Mumien finden; die Verzierung derselben besteht innerhalb der Maschen aus farbigen Perlen. Die Mustergebung der altägyptischen Behangstoffe haben wir uns im allgemeinen als eine geometrische vorzustellen, wie sie sich aus der Technik heraus entwickelt (s. Abb. 16); erst in späterer Zeit erscheinen mit der fort¬ schreitenden Fertigkeit in Weberei, Wirkerei und Stickerei Ornamente, in welche Reminiszenzen der altägyptischen Formensprache hineinklingen, wie sie uns aus den Denkmälern der Architektur und Malerei bekannt sind (s. Abb. 17). Wichtige Aufschlüsse geben uns hierfür die seit dem letzten Jahrzehnt in Oberägypten gemachten Gräberfunde (s. koptische Textilfunde). Die moderne Textilindustrie Aegyptens ist unbedeutend, jedoch im Auf¬ schwung begriffen. Man fertigt in Kairo u. a. 0. grobe Baumwollenstoffe für die Soldaten, halbwollene, blau gefärbte Stoffe für die Fellahweiber; wollene Decken und grobe Tücher liefert das Fayum. Die ehemals so bedeutende Leinenfabrikation in Unter- und Oberägypten hat aufgehört, ebenso ist die Fabrik der roten Mützen zu Fuah im Verfall. Abbildungen: 12. Aegyptischer Webstuhl nach einer Darstellung aus: Aug. Braulik, Altägyptische Gewebe, Stuttgart 1900. Original auf einem Wandgemälde in Beni-Hasan. Die mit a und b bezeichneten Stäbchen dienen zur Fachbildung. 13. Wandmalerei aus einem Grabe zu Beni-Hasan: Semitische Familie,, in Aegypten Einlass begehrend (nach Lepsius), nach einer Darstellung aus Justi, Ge¬ schichte der orientalischen Völker im Altertum, Berlin 1884. 14. Bemaltes Leinwandgewebe nach einer Darstellung aus : Braulik, Altägyptische Gewebe, Stuttgart 1900, Die Buchstaben a und b beziehen sich auf leichtere (a) und dunklere (b) Stellen der braungrauen Farbe. 15. Bemaltes Leinwandgewebe wie Abbildung 14. Originale von 14 und 15 im k. k. Oesterreichischen Museum in Wien. 16. Dekomponiertes ägyptisches Stoffmuster aus einer Wandmalerei nach einer Darstellung aus: Braulik, Altägyptische Gewebe, Stuttgart 1900. Die Dekomposition ist so dargestellt, dass die schwarzen vollen Quadrate für Schwarz, die Kreuze in den¬ selben für Indischrot, die Punkte für Zinnobergrün und die Kreise darin für Chrom¬ gelb gelten sollen. Das Muster besteht nach Angabe von Braulik aus sechs ver¬ schiedenen Schussfäden, die sich in der Ordnung 1, 2, 3, 4, 5, 6, 5, 4, 3, 2; 1, 2, 3, 4, 5, 6, 5, 4, 3, 2 u. s w. im Gewebe wiederholen. Original wie vorher. 17. Altägyptisches Flächenmuster aus Lotos und Spiralen mit Handwerkszeichen in Feldern, nach einer Darstellung aus: Friedricb Fischbach, Ursprung der Buchstaben Gutenbergs, Mainz 1900, Tafel V, Fig. 4. Ahaus, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Münster: Jutespinnerei und Weberei. Ahle, Pfriemen (franz.: alenes; engl.: elsins, prickers); Werkzeug aus einem Messinglieft mit eingeschraubter Nähnadel; wird bei Stickereien auf harten Stoffen (Brokat, Plüsch, Leder) gebraucht, um der Sticknadel für den Durchzug des Fadens vorzustechen. Ahmedpoor, Stadt im Vasallenstaat Bahawalpur des indo-brit. Reiches: Seiden- und Baumwollenwebereien. Aicha, Stadt in Böhmen: Spinnereien und Kattunfabrik; Wollstoff¬ druckereien. Aida, Bezeichnung eines modernen Gewebes für Tisch- und Gartendecken. Die Musterung wird hervorgebracht durch zwei straminartige Gewebe, die übereinander liegen und nach Form des Musters bald auf die rechte, bald auf die linke Warenseite gebracht werden, das ihre doppelseitige Benützung er¬ möglicht (s. Bindungen). Aiguillette (franz.), die Nestel, Nestelschnur, der Schnürsenkel, auch be¬ schlagene Achselschnüre für Militär. Ain-Tab, Stadt in der Türkei: Fabrik von Seiden- und Baumwollenwaren. Airdrie, Stadt in der schott. Grafschaft Lanark: Baumwollenwebereien. Aire-SUr-la-Lys, Hauptstadt des Kantons Aire im Arrond. St. Omer des franz. Dep. Pas de Calais : bedeutende Fabrikation von Wolle.
14 Ajamis—Albigeois. Ajamis, bunte Kattune, welche ehemals aus der Levante nach Frankreich gebracht und von dort wieder nach Afrika ausgeführt wurden. A-jour-Arbeit (franz.), s. Durchbruch. A-j our-Stoffe, durchsichtige, durchbrochene Gewebe aus Seide oder feinen Baumwollengarnen, mit leinwandartigem Grund, während auf den durchsichtigen Stellen vier Fäden zusannnendrehen, sodass Löcher im Gewebe entstehen; die Musterung ist gestreift oder karriert (s. Bindungen). Akhmyn s. Achmim. Akscher, Stadt in der asiat. Türkei: Teppichfabrik, Handel mit Wollen¬ waren und Seidentapeten. Aksu, Stadt in Ost-Turkestan oder der kleinen Buckarei: fabriziert Baum¬ wollenzeuge von erster Güte, die nach allen Orten Ost-Turkestans abgesetzt werden. Ala, Stadt in Tirol: Sammet- und Seidenwebereien. Alabama, einer der Vereinigten Staaten im östlichen Teile von Amerika: Erzeugung von Baumwolle, jährlich bis auf 2 Millionen Ballen, welche nach dem Gewinnnungsort benannt wird. Aladjas, schwere ostindische Taffete, die früher von Surate durch die ostindischen Kompagnien in den Handel gebracht wurden: es gibt gestreifte und geblümte Muster mit Banken u. s. w. Aladscha, buntgemusterte Baumwollenstoffe, ursprünglich nur im Orient angefertigt, jetzt aber auch in Deutschland und der Schweiz gemacht, von wo sie nach dem Orient ausgeführt werden. A-la-fougere, eine Gattung Kniebänder von Zwirn, die in der Auvergne gewebt werden. Alagia, im Levantehandel die auf Morea, Prevesa und Arta dichtgewebten, bunten Baumwollenzeuge, die auch mit Seide vermischt werden. Alagoas, Staat und frühere Hauptstadt in Brasilien: Haupterzeugnis in Baumwolle, welche nach ihrem Gewinnungsort benannt wird. A la grecque (franz.), unpassende Bezeichnung für Mäanderborte (s. d.), weil wörtlich: auf griechische Art. Alais, das alte Alesia, Hauptstadt des Arrond. A. im franz. Dep. Gard: bedeutende Seidenindustrie; beträchtlicher Handel mit Seidenstoffen und Bän¬ dern ; Maulbeerbaumzucht. Alamba, nordamerikanische Baumwollsorte (aus Mobile), weiss, glänzend, kräftig im Faden. Alatri, Stadt im Kreis Frosinone, im Südosten der ital. Prov. Born: hat viele Tuchfabriken. Alaunieren, Alaunen, in der Färberei, namentlich in der Türkischrot¬ färberei, die Behandlung der zu färbenden Stoffe zum Zwecke der Aufnahme und Fixierung des zu applizierenden Farbstoffes. Alba, Albe (lat. alba; franz. aube; engl, alb); das unterste Amtsgewand des Priesters der alten, der heutigen katholischen und der angelikan. Kirche. Es besteht aus weisser Leinwand und hängt faltig bis auf die Füsse. Albaida, Stadt in der span. Prov. Valencia: Leinenwebereien. Albanesische Fransen s. Fransen. Albanesische Stickerei, nach ihrer Herkunft bezeichnete Technik auf Leinen im Kreuz-, Strich- und Gobelinstich in Bot, Blau und Grün, mit Mustern aus streng stilisierten Blütenformen oder geometrischen Figuren (s. Leinenstickerei). Albarazine, spanische Wolle aus Albaracia in Aragonien. Albernus, orientalischer Stoff wie Kamlott, der über Marseille in den Handel kommt. Albi, Hauptstadt des franz. Dep. Tarn und Arrond. A.: Fabriken von Wollen-, Leinen- und Baumwollzeugen. Albigeois, eine im Handel von Toulouse, Montpellier, besonders aber auf der Messe von Beaucaire vorkommende Sorte grauer ungebleichter Leinwand von verschiedener Länge und Feinheit, sie wird in Languedoc, meistens in der Gegend von Albi verfertigt.
Albisola—Alessandria. 15 Albisola, Flecken in der ital. Prov. Genua: fertigt Spitzen aus ver¬ schiedenfarbigen Seiden- oder Leinenfäden, welche nach ihrer Fabrikationsstätte benannt werden (s. Spitzen). Alcala, Bezirksstadt in der Prov. Madrid: Leinengarn Spinnerei und ver¬ schiedene Webereien. Alcantara, Stadt in Brasilien: Seidenzucht. Alcantaraorden s. Lilienkreuz. Alcatifas de Persia, Alcatifs, im spanischen Handel die feinen orien¬ talischen Tapeten und Teppiche. Alcatquen, reiche mit Gold durchwirkte persische Teppiche, welche zu Divan decken verwandt werden. Alcazar de Sari Juan, Bezirksstadt in der span. Prov. Ciudad-Real: W ollwebereien. Alcira, Bezirksstadt, der span. Prov. Valencia: bedeutende Seidenzucht, welche jedoch gegen frühere Zeiten sehr zurückgegangen ist; die Blütezeit von A. fällt in die maurische Zeit. Alcoba^a, Stadt in der portug. Prov. Estremadura: Seiden-, Baumwollen und Wollenindustrie. Alconcher, in England eine Art wollener Bayette (s. d.) für Spanien und Amerika gefertigt. Alcoy, Stadt in der span. Prov. Alicante: grosse Anzahl von Walken, Tuch-, Wollenstoff- und Leinenwebereien, welche während des blutigen Auf¬ standes im Jahre 1873 gelitten haben. Aldekerk, Dorf im preuss. Reg.-Bez. Düsseldorf: Sammet- und Seiden¬ bandweberei. Alderney (franz. Aurigny), drittgrösste der normannischen Inseln: wich¬ tiger Erwerbszweig ist die Strumpfwirkerei. Alemanetis nannte man ehedem zu Marseille die deutsche Schocklein¬ wand, welche besonders aus Augsburg dort eingeführt wurde. Alen^otl, Hauptstadt, des franz. Depart. Orne: lebhafte Industrie in Lein¬ wand, Pique- und Barchentweberei, feinen Wollenzeugen, Stickerei- und Posa¬ mentierwaren. Die einst so bedeutende Erzeugung von Nadelspitzen, zuerst (1666) auf dem Schlosse Louray bei A., wohin der Minister Colbert Arbeiterinnen aus Venedig berufen hatte, beschäftigt nebst der Musselinestickerei noch immer an 2000 Personen, welche gewöhnlich in der Spitzenschule zu A. vorgebildet werden. (Vgl. den Artikel Spitzen.) Alen^on, ein leichter Stoff aus Seide und Baumwolle, welcher zu Anfang des 19. Jahrhunderts modern war. Alen^onnes oder toiles d’Alencon, halbweisse Hausleinwand, welche in der Niedernormandie in verschiedener Feinheit gewebt wird. Alepine, ein nach seiner Hauptfabrikationsstätte Aleppo in Syrien be¬ nannter geköperter Stoff, dessen Kette von weicher Seide, der Einschlag von weichem feinem Kammgarn, ursprünglich nur in schwarzer, später in allen Farben gebräuchlich; wird auch in Frankreich (Paris, Beauvais, Amiens) und in Deutsch¬ land (Gera, Rochlitz) erzeugt, in England von härterem Kammgarn nachgeahmt. Alepper oder aleppische Seide, welche die Europäer zu Aleppo in Syrien kaufen und über Alexandrette ausführen. Aleppo, Hauptstadt des gleichnamigen asiatisch-türkischen Vilajets: die Lage im Knotenpunkt aller Handelsstrassen, die vom Mittelmeer nach Osten führen, machte A. schon vor Jahrhunderten zu einem Haupthandelspunkt des Orients und bildet seither den Stapelplatz für europäische, levantinische, indische und persische Textilwaren. Am schwunghaftesten war der Handel A.’s vor der Auffindung des Seeweges nach Indien, während und nach der Zeit der Kreuzzüge, wo die Genuesen und Venezianer ihre Hauptniederlagen hier hatten. Aleppo, Name syrischer Baumwollenart. Alessandria, Hauptstadt der Prov. A. in Oberitalien: bedeutende Fabri¬ kation von Leinen- und Wollenstoffen. Für den Handel wichtig als Mittel¬ punkt des Verkehrs zwischen Genua, Turin und Mailand.
16 Alexandrette—Aloehanf. Alexandrette, Name syrischer Baumwollenart. Alexandria, Stadt in der schott. Grafschaft Dumbarton: Kattundrucke¬ reien und Färbereien. Alexandria, moderner halbwollener gemusterter Damenkleiderstoff. A. ist auch Bezeichnung einer ägyptischen Baumwollenart, von kurzem Stapel, der gewöhnlichen smyrnischen ähnlich, jedoch unrein und schmutziger als diese. Alexandrien, Alexandria, 331 v. Chr. von Alexander d. Gr. gegründet, von den Türken und Arabiern Iskanderijeh oder Skanderijeb genannt, Seestadt an der Mittelmeerküste Aegyptens. Hauptsitz der Seidenindustrie im frühen Mittelalter, auch bis zum Zeitalter der mamelukkischen Sultane noch besonders tonangebend in der Herstellung reicher orientalischer Brokatgewebe. Alexandrine nannte man früher feine Stoffe aus Baumwolle und Leinen¬ garn, welche durch Appretur ein seidenartiges Aussehen erhielten; sie wurden in Neuchätel und Bouen in bunten Mustern auf weissem Grunde gewebt. Alfa, (Haifa, Sparto, Espartogras) Faserstoff aus der in Nordafrika hei¬ mischen und kultivierten Grasart stipa tenacissima von grüngelber Farbe, ohne Glanz, rauh und steif, wird zu Geweben für Militär- und Matrosenkleidung verwendet. Alfeld, Kreisstadt im Kreise A. a. d. Leine: Fabrikation von Drell und Barchent; Handel mit Leinwand. Algerienne, ein ursprünglich nur in Algier hergestelltes Wollengewebe mit bunten Querstreifen für Zelte, Vorhänge u. dergl., wird jetzt auch in Europa vielfach in leichterer Ware nachgemacht und nach dem Orient ausgeführt. Algier, Hauptstadt des Depart. A. zugleich erster Handelsplatz von Al¬ gerien: Erzeugung von Teppichen, Seidengazen, goldgestickten Musselinstoffen, Hai'ks und anderen Wollwaren. Alicante, Hauptstadt der Prov. A. in Spanien: beträchtliche Baumwollen¬ fabriken und Leinwandwebereien. Alizari, (ital.: Krapp) die Krappwurzel, welche den roten Farbstoff liefert, der bei der auf Smyrna geübten Teppichindustrie eine grosse Bolle spielt. Alkmaar, Stadt in der niederl. Prov. Nordholland: bedeutende Segel¬ tuchwebereien. Allabatis, Allibalis, Alliabat, Alliabally, Allibanis, Bezeichnungen für ost¬ indische Baumwollenzeuge, teils glatt, teils broschiert und gestickt, welche am Anfänge des 19. Jahrhunderts durch Holländer und Dänen nach Europa ge¬ bracht wurden. Die holländischen Sorten waren mit Kanten aus Golfäden, die dänischen meist gestickt. Alla Tolosa, in Italien eine Gattung seidener Halstücher, welche aus feiner Organsinseide gewebt werden. Allegeas, Allegias, Allejars, mehrere Arten ostindischer Stoffe, teils ganz aus Baumwolle, teils gemischt; die baumwollenen Sorten dieses Namens sind Musselin: sie kommen auch unter der Bezeichnung Bethilles vor. Allemagnettes oder Alemanetis hiess früher in Italien die weissgebleichte Württemberger bezw. Ulmer Leinewand, welche in Livorno, Genua, Marseille u. s. w. grossen Absatz faud; sie wurde in Fadenbreite von 1600—3600 Kett¬ fäden gewebt. Allenstein, Kreisstadt im Beg.Bez. Königsberg : bedeutender Leinenhandel. Alliabably, feines Baumwollengewebe (Musselin) von Dacca in Ostindien. Alliancewappen s. Heiratswappen. Almeria, Hauptstadt der Prov. A. in Spanien, verdankt seine Bedeutung den Mauren, die dort im Mittelalter erzeugten Seidenstoffe waren durch ihre Schönheit sprichwörtlich geworden. Im 13. Jahrhundert nimmt hier die Seiden¬ industrie einen solchen Aufschwung, dass die inländische Bohseidenproduktion nicht mehr ausreicht. Aloehanf, Aloefaser (franz.: chauvre d’alves; engl.: Mexican grass), starke, lange, von spinnbarer Feinheit glänzend gelblichweisse Faser, deren Länge bis auf 50 cm, die gehaspelte Faser auf 20 —38 cm kommt, in Mexiko, Südamerika und Algier aus den Blättern einiger Agavearten gewonnen; in fein zubereitetem
Alpaka— Altkirch. 17 Zustande zu Geweben (Aloetüchern), auf den Philippinen zu Nadelspitzen ver¬ arbeitet. Ein sehr ähnliches Produkt ist der Pitehanf in Peru und Neugranada (s. a. Lisal). Alpaka, moderner glänzender Damenkleiderstoff in Leinwandbindung aus Kette von Baumwollenzwirn und Alpakaschuss. Alpakawolle, das Haar der drei in Südamerika heimischen Schafkamel¬ arten: Lama, Alpaca, Yicuna oder Vicogna, zeichnet sich aus durch seiden¬ artigen Glanz. Sie ist nur schwach gewellt, ziemlich schlicht und liefert ein sehr geschätztes Kammgarn, dessen Rohware über England nach Europa kommt. Bis zum Anfang des 19. Jahrh. ist die A. für Europa wertlos, bildet jetzt einen der vorzüglichsten Ausfuhrartikel von Peru und Chile. In England wird die A. seit etwa 1830 versponnen, in Frankreich, Belgien und Deutschland hat diese Industrie viel später Eingang gefunden. Am häufigsten wird A. mit mehreren anderen Fasern versponnen (Baumwolle, Mohair, Kammgarn oder auch Seide), solche Alpakagarne nennt man Mixed garns (gemischte Garne). Die Farbenmischung im Einschuss wird auch durch Zwirnen verschiedenartiger Alpakagarne bewirkt; solche Gewebe nennt man Twisted Alpaka. Die Alpaka¬ gewebe dienen zu Anzpgsstoffen, Möbelbezügen und Besätzen. Alsfeld, Kreisstadt in Oberhessen: Erzeugung von Leinen-, Halbleinenund Baumwollenwaren. Altarausstattung, Altarbekleidung, Altarzeug (lat.: vestis altaris, vestimentum; franz.: Ornament d’autel; engl.: altar- Ornament). Zur Altarbekleidung sind zu rechnen a) in der katholischen Kirche: der Altarbehang, die Altartücher, das Vesperale, das Corporale, das Frontale oder Antependium, b) in der evangelischen Kirche: der Altarbehang, die Vorhaltetiicher, die Altartücher: Corporale oder Leibtuch, die Pallen, und in englischen Kirchen das Yelum (s. die Artikel im Einzelnen). (Yergl. über katholische A. Bock, Geschichte der liturgischen Gewänder, 3 Bde. Bonn 1859 — 1871, über evangelische A. M e ur er , Altarschmuck, ein Beitrag zur Paramentik in der evangelischen Kirche, Leipzig 1867.) Altarbehang, Altarbehänge, Altargewand, Altarverhüllung (lat.: pallium, palla, palliota; franz.: nappe, d’autel; engl.: pallium); so heissen in ihrer Gesamtheit alle die Teile der Altarbekleidung, welche an den Altar angehängt werden. Altartuch, Altartwele (lat.: mappa, tobaleum, tuella, linteamen; franz.: linge d’autel, nappe, touaille; engl.: towel, altar-cloth). Jeder katholische Altar soll mit drei Leinentüchern bedeckt sein. Die beiden unteren bedecken nur die Altarplatte, das oberste aber muss noch zu beiden Seiten bis zum Sockel des Altartisches herabhängen; unter dem untersten liegt noch das Chrismale, ein wachsgetränktes Linnen. Ueber das oberste wird das Yespertuch (s. d.) ausser der Messe gebreitet. Diese Vorschriften datieren vom Papst Pius I. (142—157). Anderen Stoff als Leinwand zu nehmen ist streng verboten. Im Mittelalter wurden diese Leinentücher mit farbigen Streifen gewirkt oder gestickt oder auch mit strengen Mustern im Stile der Zeit bedeckt und in bescheidener Weise mit Fransenabschluss versehen (s. Leinenstickerei). Altchemnitz, Ortsgem. in Sachsen: Baumwollen- und Kammgarnspinne¬ reien ; Kattun- und Jutedruckereien (s. Chemnitz). Altdeutsche Leinenstickerei s. Leinenstickerei. Altdeutsche Stoffmuster s. Deutschland. Altdeutscher Knüpfstich s. Leinenstickerei. Altdeutsches Leinen s. Leinen. Altenburg, Haupt- und Residenzstadt des Herzogtums Sachsen-A.: Fabri¬ kation von wollenen Garnen und Leinenwaren. Altertumskonservierung s. konservieren, reinigen u. s. w. Altes Land, Marschebene im Kreis Jork des preuss. Reg.-Bez. Stade a. d. Elbe: Leinenstickerei, Baumwollen- und Tuchwebereien älterer Zeit. Altkirch, Hauptstadt im Obereisass bei Mülhausen: Baumwollspinnerei, Kattunweberei. Heiden, Handwörterbuch der Textilkunde. 2
18 Altona—Amerika Altona, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Schleswig: Wollspinnerei, Fabrika¬ tion von Wollgarn; Posamentierwaren. Altorientalische Teppiche s. Teppiche. Altstadt, Stadt in Mähren: bedeutende Leinenindustrie. Alumnatzeug, ein starker, dicht gewebter, meistens schwarz ge¬ färbter Wollenstotf, welcher in mehreren böhmischen Fabriken gemacht und meistens zu Kleidern für Ordensgeistliche und Alumnen verbraucht wird. Alvellos, Stadt in Brasilien: Seidenwebereien. Alzey, Kreisstadt der hessischen Provinz Rheinhessen, bei Mainz: ältere Webereien. Amabouks nennt man die in den nördlichen Gegenden Irlands verfer¬ tigten, gewöhnlichen, halbgehleichten Leinwandstoffe; sie werden ungebleicht zu Warensäcken, halbgebleicht zu Matrosenhemden und Sklavenkleidung gebraucht. Amamee, ein glattes, festgeschlagenes Baumwollengewebe aus Bengalen; die feinere Sorte führte auch den Namen Bissuti, die gröbere Tissuti. Sie wurden ehedem zum Kattundruck, auch zu Hemden, Betttüchern, Vorhängen u. s. w. gebraucht, später aber durch nordamerikanische baumwollene Zeuge, die sog. Domestiks verdrängt. Ämanblucee, ältere Sorte von Baumwollenzeug, die man über Aleppo bezog. Amand-les-Eaux, Hauptstadt im franz. Depart. Nord, Arrond. Valenciennes: Spitzenfabrikation. Amanouri, eine der feinsten levantinischen Baumwollen. Amarant, Name einer Zeugfarbe, welche der des gleichnamigen Pali¬ sanderholzes ähnlich ist (s. Zeugdruck). Amazones, moderne Bezeichnung eines Wollenstoffes, der zur Anfertigung von Frauenkleidern dient. Ambelakia, Stadt in der Türkei, Vilajet Janina: Baumwollenbau, Türkischrotfärberei. Amberg, Stadt im bayer. Reg.-Bez. Oberpfalz: bedeutende Fabrikation in Woll- und Leinenzeugen. Amberien-en-Bugey, Hauptort im franz. Depart. Ain, Arrond. Belley: Tuch- und Deckenfabriken; Baumwollenspinnereien. Ambert, Hauptstadt des gleichnamigen franz. Arrond. im Depart. Puyde-Dome: Band-, Segeltuchfabrikation; lebhafter Handel mit Kamelotts, Beutel¬ tuch u. s. w. Amboise, Hauptort im franz. Depart. Indre-et-Loire: Fabrikation von Teppichen und Tuchstoffen; bedeutender Handel. Ambras, Dorf in der österr. Bezirkshauptmannschaft Innsbruck in Tirol: berühmt durch die s. Zt. dort aufbewahrten Sammlungen, worunter auch einige Stoffe und Stickereien, welche sich gegenwärtig im kunsthistorischen Hof¬ museum in Wien befinden. Vgl. Ilg und Böheim, Führer durch die K. K. Ambraser Sammlung, Wien 1879. Ambrieres, Hauptort im franz. Depart. Mayenne: Kalikofabriken. Amens, Amiens, ein fester geköperter Wollenstoff, welcher aus feinem hartem Kammgarn, den Lastings gleich, aber von besserer Qualität, in Schott¬ land, England, Frankreich und Deutschland gewebt wurde; er kam in allen Farben, gestreift und gemustert, in den Handel: man fertigte ihn zuerst in Amiens, später in Yorkshire und zuletzt in Deutschland; ersetzt wurde A. später durch die im Gewebe und Garn ähnlichen Merinos und Tibets (s. d.). Amerika. Die ersten Versuche, Seidenband- und Stoffweberei in den Vereinigten Staaten Amerikas einzuführen, fallen in die 50er Jahre des 19. Jahrh., wenn auch schon früher (1836) kleinere Betriebe bestanden haben. Hohe Schutzzölle und die Freilassung der Einfuhr von Rohseide verhalfen der jungen Industrie bald zu raschem Aufschwung. Das Material bezog A. von Anfang an aus China. Die wichtigsten Sitze der Seidenindustrie befinden sich aus¬ schliesslich in den nordöstlichen Staaten, namentlich Neu-Jersey, Pennsylvanien, Neu-York, Connecticut (South Manchester) und Massachusetts, weniger in Maine und Virginien. Das Charakteristische amerikanischer Webereien ist,
Amertis—A msterdam. 19 dass die meisten keine Spezialartikel liefern, sondern neben den Sammeten auch Atlasse, neben den Bändern Besatzartikel anfertigen u. s. w. Die meisten betreiben ferner zugleich die Zwirnerei und stellen ihren Bedarf an Organsine und Trame selbst her. Infolge der teueren Handarbeit verwendet die Weberei fast ausschliesslich die mechanischen Stühle. Der Charakter der amerikanischen Seidenmanufaktur ist von dem der europäischen in vieler Hinsicht verschieden. Infolge hoher Arbeitslöhne werden aus ökonomischen Rücksichten gröbere Gespinstnummern verwendet; es wird auch weniger dicht gewebt. Die zeit¬ raubende Operation des Stoffreibens wird nur selten ausgeübt. Die Stolle werden stark gummiert, wodurch sie an Gefühl und Schönheit des Faltenwurfs verlieren. Die Gespinste werden in der Regel nicht unbeträchtlich erschwert. Die Qualität der Arbeit selbst ist weniger sorgfältig, als in Europa; im all¬ gemeinen sind die Fabrikate von ziemlich guter Qualität, aber unverhältnis¬ mässig hohem Preise. (Yergl. Silbermann, die Seide, Dresden 1897, Bd. 1 S. 137 ff.) Ueber Baumwollenindustrie in Amerika vergl. den Artikel Baum¬ wolle. (Yergl. auch über Altertümer in A. den Artikel Peru.) Amertis, Amiertjes, im holländisch-ostindischen Handel feste Baumwollen¬ zeuge oder Kalikos für Druckstoffe, welche die Holländer früher aus Bengalen, vornehmlich aus Patua, nach Europa brachten. Amiant s. Asbest. AmictllS (lat.), Ornatstück der abendländischen Kirche, gleichbedeutend mit Humerale, Schultertuch. Amiens, Hauptstadt des franz. Depart. Somme: Fabrik von Kamelotts, Wollenstoffen, Utrechter Sammet, Teppichen, Tüll- und Leinenstoflfen und be¬ deutender Handel mit diesen Erzeugnissen. Schon im Mittelalter hatte A. als eine der bedeutendsten Fabrik- und Handelsstädte Frankreichs einen Ruf. Im Jahre 1492 führten Arbeiter aus Tournai die Tuchfabrikation daselbst ein; Colbert brachte die Textilindustrie hier zu grosser Berühmtheit, indem er 1666 holländische Fabrikanten kommen liess. Jetzt ist A. besonders wichtig durch Leinen-, Hanf-, Jute-, Woll-, und Seidenabfallspinnereien. Fabriken für Manchestersammet mit 7000 Arbeitern, Plüsch (4500), Kleiderkonfektion (4000). Amita, Bezeichnung für Taffetgewebe, welche nach einem Geschichts¬ schreiber (Ende des 12. Jalirh.) unter diesem Namen in der Kgl. Manufaktur zu Palermo gefertigt wurden. Amoer, in vielen Gegenden Italiens der sog. Gros de tours. AmorgOS, griechische Insel, die östlichste der Cykladen, hatte im Alter¬ tum drei Städte: Minoa, Arkesine und Aegiale, die berühmt waren durch eine Art feinen Flachses, aus dem feine durchsichtige Gewänder hergestellt wurden. Amour, Hauptort im franz. Jura: Sammetstofffabrikation. Amour oder Lacs d’Amour, ein sog. Drell, damastartig mit runden oder ovalen Mustern, welcher im Depart. des Calvados, in Caen und der Um¬ gegend, für Servietten hergestellt wird. Amritsar, Hauptstadt der gleichnamigen Division und des Distrikts in Indien: bedeutendste Handelsstadt des Pandschab und Mittelpunkt des Transit¬ verkehrs für den Handel mit Kaschmir. Zu den Haupteinfuhrartikeln gehören Baumwolle, Stückwaren, echte Kaschmirshawls, Seide. Ausgeführt werden die einheimischen Fabrikate: Wolle und Seidenwaren, Goldfäden und besonders unechte Kaschmirshawls, die hier aus dem Seidenhaar der tibetanischen Ziege gestickt werden. Seit 1871 nimmt dieser Industriezweig ab; doch ist A. noch immer der Hauptmarkt für Kaschmirshawls. Der Gesamtwert der nach Europa ausgeführten Shawls beträgt jährlich durchschnittlich 4 Mill. Mark, von denen 1V2 Mill. Mk. auf die in A. hergestellten Nachahmungen entfallen. A. ist 1574 gegründet und wurde 1846 britisch. Amsterdam, Hauptstadt des Königreichs der Niederlande: Seide, Ta¬ peten, Wolle. A. hatte früher einen wichtigen Seidenhandel; man kaufte dort alle Sorten roher ostindischer, persischer, levantinischer und italienischer Seide, sowie gesponnene Organsine und Trame von Piemont, Mailand u. s. w.
20 Amsterdam—Ananasmuster. Amsterdam, Stadt im County Montgomery des nordamerik. Staates NeuYork: Strickwaren- und Teppichfabriken. Anabasses, blau- und weissgestreifte wollene Decken oder Tiicber, welche im Depart. der niederen Seine zu Rouen, Dartenal und in den umliegenden Ortschaften gemacht werden; auch die niederländischen Fabriken zu Leyden, Brügge, Ypern u. s. w. webten diese Stoffe in Nachahmung der französischen, welche meistens nach dem Senegal, nach der Küste von Guinea und Angola ausgeführt wurden. Anacoste oder Anacote, moderner geköperter Wollenstoff aus hartem Kamm¬ garn, eine Art Serge. In Frankreich machte man ihn aus ganz feiner Wolle, be¬ sonders inBeauvais; die niederländischen Fabriken zu Leyden, Brügge, Arschoet und Ypern liefern diesen Artikel noch. In Deutschland lieferten ehemals gute A. Penig, Gotha, Rochlit-z, Gera, Linz, Elberfeld, Breslau und Berlin für den auswärtigen Handel. Schwarz gefärbt und ganz weiss geschwefelt ging die Ware in Menge nach Spanien; in harter Wolle und weniger guter Ausführung liefern den Stoff die Holländer nach Japan, wo er unter dem Namen „Saaij“ bekannt ist. Ananashanf (franz. fibre de pine; engl, pine applehemp), Gespinstfaser aus den Blättern der Anauaspflanze. A. ist sehr fein, weiss und seidenartig glänzend, die daraus gefertigten Gewebe scheinen stark durch, weil Schussund Kettfäden, die unmittelbar aus dem Blatt entnommen, nur an den Enden durch Andrehen oder Verknoten vereinigte Bastfaserbündel sind, welche der Verdrehung gewöhnlicher Gespinstfäden entbehren: Ananasb ati s t, auf den Philippinen Pinas, malayisch Tagais. Ananas sativa, Bromelia lucida und B. semierata liefern die feinsten Fasern; die gröberen Fasern anderer Arten, z. B. Bromelia karatas, B. silvestris, B. sagenavia, werden als Silk-grass zu Tauen u. s. w. verwendet. Ananas-Leinen, aus den Gespinstfäden der trockenen Blätter einer Ana¬ naspflanze (Bromelia Pigmaea) und Mischung mit Baumwolle gefertigtes Ge¬ webe. Die feinen A.-Tücher, welche in Manila gewebt werden, nennt man Pinas. Ananasmaschine s. Wirkerei. Ananasmuster haben infolge des spitzovalen rautenförmig gerippten Frucht¬ kolbens mit dem oben auswachsenden Blattbüschel in ornamentaler Auffassung Abb. 18. etwas Verwandtes mit den aus Pinieuzapfen, Granatäpfeln und Distelblüten¬ köpfen gebildeten Stoffmustern des gotischen Zeitalters. Alle diese botanischen Motive haben aber eher eine künstlerische Verwertung gefunden, als das
Ananasmuster, 21 Ananasgewächs, welches allein in Amerika seine Heimat hat (s. Abb. 18). Das erste Erscheinen desselben in Europa fällt in die Zeit, wo in Gewändern und Tapetenstoffen das sogenannte Granatapfelmuster (s. d.) in Italien und Spanien zu voller Entfaltung gelangt ist und schon anfängt, sich von dem ursprünglichen Grundmotiv zu entfernen, bis es allmählich übergeht in BlütenAbb. 19. formen, wofür uns die sichere botanische Bezeichnung fehlt. Bei dieser Um¬ gestaltung eines allgemein herrschenden palmettenartigen Blütenmotivs, dem wir besonders in italienischen und spanischen Stoffmustern begegnen und das dort bis spät in das 17. Jahrh. die verschiedenartigsten Wandlungen durch¬ macht, scheint der Körper derA nanasfrucht in geschlossenem und offenem Zu¬ stande von bedeutendem Einfluss gewesen zu sein (s. Abb. 19). In Frankreich setzt die eigentliche fruchtbringende Tätigkeit der Prachtweberei erst am Ende des 15. Jahrh. ein; man ist also bei den Entwürfen der folgenden Stoff¬ muster frei von Ueberlieferungen alter eigener Kunstformen. Daher sehen wir den französischen Zeichner die ihm über Holland zugehenden tropischen Pflanzen in ihrer möglichst natürlichen Erscheinung für die Fläche nutzbar machen, wobei selbst der schwere Ananaskolben als neigendes Glied eines grossen palmettenförmigen Strausses dem typisch gewordenen Barockmuster in getreuer Wiedergabe nicht fehlt (s. Abb. 20). Abbildungen: 18. Ananaspflanze nach einer Darstellung aus: Illustriertes Gfartenbaulexikon, begründet von Th. Rümpler, Berlin 1902. 19. Originalaufnahme aus dem Königl. Landesgewerbe-Museum in Stuttgart:
22 Ananasmuster—Andricbau Halbseidenstoff, Grund blassrot, symmetrisches Muster gelblich und weiss: Blatt¬ gewinde, durch Knäufe verbunden, bilden spitzovale Felder, in welchen je eine grosse palmettenförmige Blüte. Italien, 17. Jahrhundert. 20. Originalaufnahme aus dem Königl. Landesgewerbe-Museum in Stuttgart: Abb. 20. Borte eines Frauenkleides, Grund dichter, roter, geschnittener Sammet, symmetrisches Muster aus gezogenen Goldfäden: Spitzengehänge, welche nach oben den Bogenabschluss der Borte bilden, umschliessen auf wechselnd gemustertem Grunde palmetten¬ artige Blütensträusse, in denen der Ananas besonders vorherrschend ist. Frankreich, Ende 17. Jahrhundert. Ananasware s. Wirkerei. Anatolische Teppiche, türkische Bezeichnung für T. aus Kleinasien, zum Unterschied von den ebenfalls in Anatolien erzeugten eigentlichen Smyrna¬ teppichen (s. Teppiche). Ancelia, moderner halbwollener, durch Bindung gemusterter Damenkleider¬ stoff aus Kette von Baumwollenzwirn und Schuss von Weft. Ancona, Hauptstadt der gleichnamigen ital. Prov., nach Venedig die wichtigste Seestadt am Adriatischen Meer: Fabrikation von Seidenwaren, Segeltuch. Andalusia, eine mittelfeine spanische Wolle. Andeyls, Hauptstadt des franz. Arrond. A.: Fabrikation von feinem Tuch, Strumpfwaren und Leinwandstoffen. Andreasberg, Stadt in der preuss. Prov. Hannover: Spitzenklöppelei, mechanische Webereien. Andreasknoten s. Knüpfarbeit. Andreaskreuz, Bezeichnung für ein Spitzenmuster in Klöppelai'beit, welches im Züricher Musterbuch von 1561 erscheint (s. Spitzen). Andrichau, polnisch Andrychow, Stadt in der österr. Bezirkshauptmann-
Andro—Annaberg. 23 scliaft Wadowice in Galizien: bedeutende Leinwand-, Tuch-und Zwillichwebe¬ reien, Blaudruckfärberei mit starker Indigoeinfuhr. Andro, Hauptstadt auf der gleichnamigen Insel im griechischen Archipel: Seidenzucht und Spinnerei, Tapetenweberei. Angebinde, (franz.: faveur; engl.: favor, favour) eine Bandschleife, die der Ritter als Zeichen der Zuneigung von einer Dame empfing. Angelica vestis (lat.), das Mönchskleid. Angers, Hauptstadt im franz. Depart. Maine-et-Loire: Segeltuchfabrik, Baumwollenspinnerei, Taschentuch, Kattun- und Zwirnstrumpfwarenmanufakturen. Angleterre, Bezeichnung für einen in Frankreich gewehten seidenen Glanztaffet. Angola, moderner roter Baumwollenstoff' in Köperbindung. Angora, moderner glänzender Damenkleiderstoff' in Leinwandbindung aus Kette von Baumwollenzwirn und Schuss von Mohair. A. heissen auch Nach¬ ahmungen der Angorafelle (s. Mohairplüsch, Lamskin). Angoratuch, Bezeichnung einer älteren Ware aus Wolle und Seidenfaser¬ haar , welche durch weiches glänzendes Aussehen auffiel, aber nicht dauerhaft war; man fertigte sie in Buttstädt und Züllichau. Angorawolle, Angorahaar, Kämelhaar, Kamlot, — fälschlich Kamelhaar genannt — (franz.: poil de chevre; engl.: mohair, ice wool; span.: mohair; türk.: tiftik); vom Arabischen Chamal = Ziege, aber auch „zart“ „fein“, eine seit alter Zeit (vergl. Moses II, 25, 4 und 35, 6) wegen ihrer bedeutenden Länge (30 cm und mehr), Dauerhaftigkeit und ihres Seidenglanzes hoch angesehene Spinnfaser: das Haarkleid der Angoraziege, welche auf den Höhen von Angora und Konieh in Kleinasien gezüchtet wird. Die feinste Wolle stammt von einjährigen Ziegen; die der älteren Tiere wird auffallend grob und verliert stark an Wert. Die geringste Sorte führt den Namen Wickelwolle (pelotage oder pellotini), dieser ist die persische Ziegenwolle (laine de perse) sehr ähnlich. Die Angorawolle ist reinweiss, seltener grau und schwarz, daher am meisten geschätzt. Ausser dieser ersten Angorawolle kommen auch noch andere Wollen unter gleicher Bezeichnung in unserem Handel vor, die auch von Ziegen stammen; aber sich von diesen unterscheiden durch den reichlichen Gehalt dicker markhaltiger Haare. Die Angoraziege ist auch in Frankreich, Spanien und Australien akklimatisiert worden, doch hat die von dort kommende Wolle einen gelblichen Schein. Ferner sind in Kalifornien, Nevada, Arizona und Neu-Mexiko bedeutende Herden dieser Ziege. Anhalt, Fürstentum, besitzt beträchtliche Schafherden, welche im all¬ gemeinen eine gute Wolle geben, die in Menge nach Hamburg, Holland und Frankreich ausgeführt wird, der Handel damit hat seinen Hauptsitz in Cöthen. Animalisieren nennt man die für Zwecke der Färberei und des Zeug¬ druckes häufig erforderliche Vorbereitung der Baumwolle, welche dazu dient, derselben eine der Schafwolle ähnliche Anziehungskraft für gewisse, andernfalls an der Baumwollfaser nicht haftende Farbstoffe zu erteilen. Animetta (lat.), das Tuch zur Bedeckung des Abendmahlskelches. Anlegetechnik, in der Stickerei das einfache Aufnähen der Goldfäden oder Schnüre, welche entweder unsichtbar oder sichtbar mit Ueberfangstichen in gleicher oder abstechender Farbe festgehalten werden und in Umrissen (nach italienischen und spanischen Vorbildern der Renaissance) oder auch in ganzen Flächen (nach Stickereien des Orients, vornehmlich China) das Muster bilden. (Vergl. den Artikel Goldstickerei.) Anmaschen s. Strickerei. Annaberg, Stadt in Sachsen: Mittelpunkt der sächs. Spitzenklöppelei und Posamentierwarenfabrikation, von denen die erstere 1561 durch Barbara Uttmann (-J- 1575), die andere im nahen Buchholz im Jahre 1590 durch prote¬ stantische Belgier (Einenkel) begründet ward; ferner Fabrikation von seidenen Stoffen, unechten Gold- xind Silbertressen (sog. Leonische Ware). Gewerbliche Fachschulen für Frauen und Mädchen. Lehranstalt für erzgebii’gische Posa-
24 Annecy—Antependium. mentierindustrie, mit der früheren Posamentierlehrlingsschule verbunden. Posa¬ mentenexport nach den Vereinigten Staaten jährlich etwa für 45 Mill. Mark. Annecy, Hauptstadt des franz. Depart. Haute-Savoie: Baumwollen-, Wollen-Spinnereien und Webereien; Seidenfabriken. Annina, römische weisse Baumwolle. Annonay, Hauptstadt des Kantons A. des franz. Depart. Ardeche: Tuchund Strmnpfwaren-Fabriken; Handel mit Seidenwaren. Anreihen s. Knüpfarbeit. Ansbach, Stadt im bayr. Beg.-Bez. Mittelfranken: Wollspinnerei; Fa¬ briken von Woll- und Posamentierwaren, Nähseiden, Goldstickereien, Tapeten und Teppichen; Frauenarbeitsschulen. Anschlag s. Häkeln. Anschlägen, 1. in der Weberei die eingeschossenen Querfäden mittels der Lade am Webstuhl zusammenschieben; 2. das Umwickeln der Nadeln eines Wirkstubles zur Bildung der ersten Schleifenreihe. Anschlagmaschen s. Strickerei. Anspach, Stadt am Taunus: Fabrikation von Wollwaren und Herstellung von Strumpfwirkstühlen. Anstreckzeug s. Webstuhl. Antependium (lat.), (franz. nappe; engl, frontal cloth), gestickter, gewirkter oder gewebter Zierbehang für die Vorderseite des Altars zum Schutz oder an Stelle Abb. 21. des Frontale. Die Anwendung des A. ist seit dem frühesten Mittelalter gebräuchlich. Die ersten Altarbehänge scheinen aus leichten faltigen Stoffen bestanden zu haben, welche mit Ringen oder Oesen zum Abnehmen eingerichtet waren, es wird eines solchen aus dem 4. Jahrh. von einem Altar Erwähnung getan, auf welchem in der Unterkirche von Cosmas und Damian in Rom schon Papst Felix II. zelebriert haben soll. Der Bibliothekar Anastasius erzählt von einer golddurchwirkten Decke, die Kaiser Konstantin unter dem Pontifikat Vitalians (657—672) für den Altar des heil. Petrus gestiftet habe; ferner: Papst Leo III.
Anterits—Apolda. 25 (795—816) habe für denselben Altar eine Bedeckung anfertigen lassen, ge¬ schmückt mit Weinranken aus reinstem Golde, mit Edelsteinen, Palmen, in deren Mitte das Antlitz des Erlösers, der Maria und der Apostel dargestellt war. Anfangs waren die Antependien jedenfalls ohne Rücksicht auf Betonung der Plächengliederung aus gemusterten Stoffen der Zeit genommen, erst in der romanischen Epoche erscheint das A. in gewisser Teilung, die sich späterhin bis zur architektonischen Linienführung steigert (s. Abb. 21). Das gestickte A. ist dem gewebten stets vorgezogen; sobald die Technik cler Goldstickerei entwickelt ist, wird diese in reichem Masse dekorativ verwendet, dann aber uimmt die Aufnäharbeit einen breiten Raum für derartige Zwecke ein, die auch in neuester Zeit wieder dafür in Anwendung gekommen ist (s. kirchliche Stoffe und Stickereien). Abbildungen. 21. Originalaufnahme aus dem Dom in Xanten: Teil eines Antependiums, in Gold- und Bildstickerei mit Darstellung von Apostelfiguren in Bogenstellungen. Frank¬ reich Ende 15. Jahrhundert. Anterits nannte man früher Westen von sogen. Bourre de Magnesie, einem floretseidenen Zeuge, das im Orient gewebt wird. Antik s. Griechenland und Rom. Antikisierend, den antiken Kunstformen nachgebildet, sich an solche an¬ lehnend, nicht unmittelbar kopiert. Antiochien, im frühen Mittelalter Residenz der Seleuciden in Syrien, erzeugt nach Berichten römischer Schriftsteller schon frühe prächtige, glatte, moirierte Gewebe und Goldbrokate und ist der Hauptsitz der Seidenindustrie wäh¬ rend der Kreuzzüge. An der Stelle des alten A. liegt das heutige A., dessen Einwohner Seidenzucht und Handel mit Seide treiben. Antrim, nordöstliche Grafschaft Irlands in der Prov. Ulster: Flachsbau, Spinnerei und Weberei in Leinen bilden die Hauptindustriezweige; daneben wird auch Baumwolle und Schafwolle gesponnen und verwebt. Antwerpen, Hauptstadt gleichnamiger Provinz im Königreich Belgien: Tuch-, Wollen- und Baumwollenwebereien. Fabrikation von Spitzen, deren Erzeugnisse in die erste Hälfte des 17. Jahrhunderts zurückgehen (s. Spitzen). Für den Seidenhandel ist A. im Mittelalter wichtig; es stand im 13. Jahrh. in lebhaften Beziehungen mit den Venetianern und war im 14. Jahrh. einer der besuchtesten Stapelplätze für Rohseide. Im 16. Jahrh. hat A. den leb¬ haftesten Handelsverkehr mit der ganzen Welt, besonders aber mit Amerika. Unter der spanischen Herrschaft der Niederlande und während der niederländ. Freiheitskämpfe wurde der Handel dieser Stadt völlig zerrüttet und 1648 durch die Sperrung der Scheldemündung von seiten Hollands aufs neue unter¬ bunden. Infolge der Eroberung der Niederlande durch die Franzosen wurde die Scheldeschifiahrt wieder frei und A.s Hafen von Napoleon wieder her¬ gestellt und vergrössert. Ueber die Stoffsammlung in A. vergl. Catalogue du musee d’antiquites d’Anvers par P. Genard. A. 1894. Anzugsstoffe, zu Anzügen benützte Gewebe, besonders Tuche, Buckskin, Loden, Cheviot, Kammgarnstoffe. Aeolian, moderner, ganz leichter, halbseidener Stoff für Ballkleider mit Kette aus Kettengarn und Schuss aus Seide. Apartadores heissen in Spanien die sachkundigen Leute, welche die Wolle sortieren. Apfelbaum, als Symbol. Darstellung des Baumes der Erkenntnis; in guter Stilisierung häufig auf deutschen und italienischen Leinenstickereien: nament¬ lich Mustertüchern des 17. und 18. Jahrhunderts. Apolda, Stadt in Sachsen-Weimar-Eisenach: Hauptort für Fabrikation von Strumpfwaren (gegründet von Zimmermann 1759—1843) im Deutschen Reich, die in A. und Umgegend in mehr als 70 Fabriken 8000 Arbeiter be¬ schäftigt. Auch Posamentierwaren werden erzeugt, ferner bestehen Woll-
26 Ap o stelfigureu— Ar ab esken, Spinnereien und Färbereien. Der jährliche Gesamtumsatz der Wollwaren be¬ trägt über 20 Mill. Mk. (Yergl. Kornfeld, Geschichte und Beschreibung der Fabrik- und Handelsstadt A., Apolda 1871.) Apostelfiguren bilden namentlich in der Gotik und Frührenaissance eine beliebte Darstellung in kirchlichen Stickereien, wo sie in sogen. Bildstickerei einzeln so ausgeführt sind, um sie als Füllung oder unter Bogenstellungen ornamental und als Symbol zu verwenden. Ueber die erste derartige Verwen¬ dung vgl. koptische Wirkereien (s. Abb. 21). Appenzell, Schweizer Kanton, ganz vom Kanton St. Gallen umschlossen: bedeutende Fabrikation von Weissstickereien: 137 Werkstätten mit 2000 Ar¬ beitern. Applikation s. Aufnäharbeit. Applikationsfarben (s. Zeugdruck), sog. Tafel- oder Körperfarben, welche ohne vorherige Beize direkt auf den Stoff gedruckt werden. Appretur (franz.: appret; engl.: finishing), Zurichtung, Ausrüstung des Gewebes, um es in Farbe, Glanz, Griff und Dichte in der äusseren Erschei¬ nung und im inneren Gefüge für den Handel besser zu veransehnlichen, schöner und auch preiswürdiger zu gestalten, welches je nach der Art und Beschaffen¬ heit des Stoffes geschieht: Wollene Gewebe werden gewalken, gerauht, ge¬ schoren, genoppt, gebürstet oder gepresst; Kammgarnstoffe sind meistens fertig, wenn sie aus dem Webstuhl kommen; baumwollene Gewebe werden, wenn sie den Leinenwaren ähnlich sehen sollen, gesengt, um die Fasern zu entfernen, dann gebleicht, gestärkt, gemangelt oder kalandriert, moiriert u. s. w. Leinene Gewebe werden mit Ausnahme des Sengens ebenso behandelt. Auch die Seidenstoffe sind grösstenteils fertig; nur leichtere Sorten von Atlas und Taffet werden mit Kleb- oder aus Ausfüllstoffen bestehender Masse be¬ strichen, zylindriert, moiriert u. s. w. Literatur: Meissner, Die Maschinen der A. Berl. 1872; ders., Der praktische Appreteur. 1875; Grothe, Die A. der Gewebe. Berl. 1882; Bornen, Bleicherei, Färberei u. A. Berl. 1879 — 85; Depierre, Die A. der Baumwollengewebe (aus dem Franz.). Wien 1888; Polleyn, Die Appretur¬ mittel, ebd. 1886; B eis er, Die A. der wollenen und halbwollenen Waren. Leipzig 1898. Appreturschulen s. Färberei- u. A.-Schulen. Apt, Hauptstadt des franz. Arrond. A. in der Provence: Fabrikation von Seidenfilaturen. Aptä (Malvo), Bast der Stämme mehrerer ostindischer Bausiniaarten; wird zur Herstellung von Tauen, Seilen, Fischernetzen und gröberen Geweben benützt. Die Bausiniafasern haben grosse Festigkeit und Widerstandskraft gegen Wasser und sind sehr biegsam; ihre Farbe ist tief braun. Arabeshi werden in spanischen und französischen Musterbüchern des 17. Jahrhunderts gewisse Spitzen genannt, deren Bezeichnung sich aber nur auf die Zeichnung (in arabischem Stil) bezieht. Arabesken (auch Mauresken genannt), ein von den Arabern erfundenes Flackornament, das sich in geradlinig-geometrischer, kreisförmig und spiralig gewundener Linienführung unter Hinzuziehung vegetabilischer Kunstformen bewegt. Dasselbe fand bei allen Völkern des Islam, denen die religiösen Vorschriften das Abbilden von Menschen und Tieren nicht gestatteten, die weitgehendste Ausbildung und kommt in der Zeit der Benaissance in Europa (Italien, Frankreich und Spanien), in Deutschland namentlich bei Ornament¬ stechern (Peter Flötner, A. Hirschvogel u. a.) zur reizvollen selbständigen Entwickelung. Der Textilkunst ist besonders die geradlinige Arabeske tech¬ nisch sehr zur Hand; aber auch die feinen, rundlich gelegten Banken weiss der Araber der Technik seiner hochentwickelten Seidenweberei, sowie der in feinstem Material geübten Stickerei und Teppichknüpferei anzupassen (s. ara¬ bischer Stil). (Vgl. Abb. 22.)
Arabias—Arabischer Stil. 27 Abb. 22. Abbildung: 22. Arabeskenmuster nach einer Darstellung aus: Kurusch, Stoffmuster des 16.—18. Jahrhdrts. Serie IV, Tafel 151; Leipzig 1888—95. Original: Sammetbrokat, Spanien 16. Jahrhdrt. Literatur: Prisd’A vennes, L’art Arabe ; D i e r ck s , Das arabische Ornament, Leipzig 1883; Liclitwark, Der Ornamentstich der deutschen Frührenaissance, Berlin 1888. Arabias, Arabiennes, eine ältere Sorte bunter Halbleinwand, welche aus Baumwollen- und Flachsgarn in der Oberlausitz (Lauban, Sebnitz) gewebt und nach Südamerika versandt wurde. Arabischer Stil, die von dem Auftreten Mohammeds bis gegen das Ende des 9. Jahrhunderts vorzugsweise in Spanien herrschende Richtung der Mo¬ hammedaner, aus welcher sich später der während der ganzen Blütezeit des Mittelalters herrschende maurische Stil entwickelte. Die Araber entbehrten einer nationalen Kunst. Die Religion, welche sonst überall die Grundlagen für| die Architektur und alle anderen Künste bildet, konnte es dort nicht werden, weil weder der ursprüngliche einfache Gestirnkultus, noch der spätere Götzendienst dem wandernden Nomadenvolke Gelegenheit zu bedeutenden Tempelbauten gab und auch die geringfügigen Bedürfnisse des Lebens keine Veranlassung zur Ausbildung eines etwaigen Kunsttriebes boten. Ihre stets regen Handelsbeziehungen zu Aegypten, Phönizien, Persien und Indien und später zu China und Japan machten sie mit allen Kostbarkeiten der alten Welt und ihren Kulturen bekannt, indessen liess ihr kriegerischer Geist und die Interessen für den Handel, ebensowenig die Prachtliebe für die Benutzung der fremden Artikel, als auch das Streben zur Nachahmung bei ihnen auf-
28 Arabischer Stil. kommen. Es nehmen demnach die Araber, als sie dem Gebote Mohammeds (im 7. Jahrhdrt. n. Cbr.) folgend, den Islam in alle Welt trugen, aus ihrer Heimat keine nennenswerte Kultur mit, sondern fanden solche überall vor und machten sie ihren Zwecken nutzbar. Die hochentwickelten Kunstformen, welche sie auf ihren gemachten Eroberungen Abb. 23. in Aegypten, Syrien, Mesopotamien, Persien und Indien kennen lernten, wurden ihnen nicht nur zu eigen, sondern sie förderten deren Fortentwickelung in ihrem Geiste, und wurden, wo sie ihre Herrschaft befestigt hatten, eifrige Pfleger der Künste und Wissenschaften. So entwickelte sich aus einem Gemisch verschiedener Elemente erst allmählich der arabisch-maurische Stil in dem maurischen Spanien und den unter seinem Einfluss stehenden Ländergebieten in Nord¬ afrika und Sizilien, der im 13. Jahrhundert seinen Höhepunkt erreicht und im 15. Jahrhundert allgemein zurücktritt. Der eigentliche Grundzug des arabischen Ornaments beruht auf einer gesetzmässigen geometrischen Linienführung (s. Ara¬ besken) , die den nüchternen berechnenden Anschauungen des arabischen Handelsmannes am meisten entspricht, wozu er auch durch den Gestirnkultus und die daraus ent¬ springende Vorliebe für Astronomie am meisten hinneigt (s. Abb. 23). Gefördert wird dieses Streben noch durch den nach dem Verbot Mohammeds gänzlichen Ausfall bild¬ licher Darstellungen. Vro der Araber solche im Flächen¬ muster vorfindet, beraubt er sie ihres natürlichen Wesens, Wffi* stilisiert mit gleicher Meisterschaft die reichlich benutzten Blätter und Blüten des Ornaments und schafft so eine einzig dastehende Formenwelt der reizvollsten Erscheinungen, Wfyyyyyffl die sich nirgends eindrucksvoller offenbart, als in den reichen seidenen und golddurchwirkten Prachtstoffen des 13. und 14. Jahrhunderts (vergl. die Darstellungen auf Tafel III). Sehr frühzeitig kam zu alledem noch die Nei¬ gung des Arabers zur Symbolik (vergl. den Artikel Adler und Baum) und die Vorliebe für Spruchbildung, welche letztere in den steifen geradlinigen kufischen Schriftzügen und dem späteren sogenannten Neschi, der flüssigen Kursiv¬ schrift, ihren Ausdruck findet (s. Abb. 24—25). Diese Inschriften geben einen Anhalt für das Alter des Gewebes, wenn sie den Namen des jeweiligen Herrschers oder Trägers des Gewandes enthalten, für welchen der Stoff gewebt wurde; oft drücken sie aber nur Segenssprüche aus dem Koran aus, zuweilen sind die Schriftzüge wiederum nur als Ornament verwendet. (Vergl. hierzu die oberen Flügel¬ decken des Adlers in Abb. 9, die Begleitränder zwischen den breiteren Bandstreifen des Stoffes in Abb. 23 u. a. a. 0.) ii I Derartige Schriftstreifeu, welche schon unter der Hand des schriftunkundigen Arabers rein als Verzierung behandelt sind, werden natürlich später in Europa gänzlich zu Band¬ mustern, wie dies schon an späteren orientalischen Teppichen wahrzunehmen ist. Ein Zeichen seiner ursprünglicheu ein¬ fachen Auffassung hat uns der Araber noch in den Vor¬ hängen und sogen. Gebetteppichen (s. d.) hinterlassen, wo er Säulen und Bogenstellung seiner Gebetnische, oft mit der hängenden Ampel (vergl. Abb. 26), in das Flachmuster hinübergenommen hat. gsalp83 iÄASGftv» w'SlÄirfSiS Abbildungen: 23. Arabisches Stoffmuster nach einer Darstellung aus: Portefeuille des arts decoratifs tissus, PI. 256. Original: Seidenstoff in Bunt auf rotem Grunde; spanisch¬ maurisch 15. Jahrhdrt.
Arabischer Stil—Aragonien. 29 24. Arabisches Stoffmuster nach eiuer Darstellung aus: Paul Schulze, Ueber Gewebemuster früherer Jahrhunderte, Leipzig 1893, S. 25. Original: Alexandrien (?) 12.—13. Jahrhundert in der KÖDigl. Gewebesammlung Krefeld. Der Abb. 24. Stoff wechselt in farbigen Seidenstreifen ab, auf welchen in Gold broschiert spitzovalePalmetten,kleine Tiere und Halbmonde; die Inschrift auf dem zweiten breiteren Streifen lautet: „assulthan alam“ oder „el sultan el alim“, d. h. der weise Sultan. 25. Originalaufnahme aus dem Kunstgewerbemuseum in Leipzig: Endigung eines Leinenhandtuches, mit querlaufender Borte in vio¬ lettem Garn im sogen. Strichstich doppelseitig gestickt (s. Holbein¬ technik) , Muster aus Bäumchen (s. Bäumchenmuster) mit paarweise zu einander gekehrten Vögeln ; dar¬ unter Felder mit arabischen In¬ schriften in ornamentaler Behand¬ lung. Arabisch 15. Jahrhdrt. 26. Arabische Bogenstellung nach einer Darstellung aus : Kumsch, Muster orientalischer Gewebe und Druckstoffe, Tafel 7, Leipzig 1893. Original in einem Seidenvorhang, Türkei 17. Jahrhundert. Abb. 25. Arabische Technik, in der modernen Stickerei eine Bezeichnung für jene Arbeiten, deren breite Flächenmusterung in Anlehnung an orientalische Vorbilder aus überstickten Fäden gebildet und von Schnur umrandet ist (vgl. den Artikel Goldstickerei). Arabisch-italisch werden Seidenstoffmuster bezeichnet, die im 13. Jahr¬ hundert durch die Verschmelzung arabischer Kunstformen mit denen Italiens entstanden. (Vgl. Abbildungen auf Tafel III und den Artikel arabischer Stil.) Aragonien, Generalkapitanat im nordöstl. Spanien mit dem Titel eines Königreiches: leistet in der Wollproduktion Spaniens verhältnismässig das
30 Arains-—Arbon, meiste; es zeichnen sich darin die Städte Saragossa, Alcaniz und Tarazona aus. Flachs- und Hanfbau am bedeutendsten in Borja und Calatayiid. Aus¬ fuhr besteht in wenigen Leinen- und Wollenfabrikaten. Abb. 26. Arains, eine Art gestreifter und würfelich gemusterter Taffet aus Ostindien. Arassa (lat.), ein Teppich aus Arras. Arbascio, starke braune Tücher aus grober Schafwolle und Ziegenhaar, welche in Albanien und Mazedonien gewebt und nach Italien und Spanien, besonders nach Neapel und Sizilien zu Capots, Capotti (Regenmänteln) für die Matrosen und Landleute verkauft werden. Arbeit (lat. opus; franz. ouvrage, m.; oeuvre; engl, work), Art und Weise der Bearbeitung, der Anfertigung u. s. w., daher immer im Zusammen¬ hänge mit der Bezeichnung einer Technik (namentlich im Lateinischen und Englischen) gebräuchlich. Arbon, Hauptort im Schweiz. Kanton Thurgau: im Schloss wird eine Seidenbandfabrik betrieben.
Arbr.oath—Arkade. 31 Arbroath, Seestadt in Forfarsliire (Schottland): bedeutende Fabrikation von Leinwand und Segeltuchen. Arcazabo, moderner Seidenbrokatstoff, der in Lyon für Abessinien und Marokko hergestellt wird. Archi-Imperiale, eine Art italienischer Serge, die zu Livorno u. a. 0. für den Handel nach Tunis gemacht wird. Architektur im textilen Ornament kommt im 13. Jahrhundert in jenen Seidengeweben zur Darstellung, welche unter dem Einfluss der arabischen Mustergebung im Orient oder in Italien gefertigt worden sind. (Vgl. Ab¬ bildungen auf Tafel III.) Arcis-Sur-Aube, Hauptstadt des Arrond. A. im franz. Depart. Aube: Seiden- und Baumwollenspinnerei, Baumwollenweberei, Strumpfwirkerei. Ardamu, persische Seidenart aus Ghilan. Ardasse, geringe Sorte persischer Seide, welche nach Italien, Frankreich und Deutschland geht und hier zu Näh- und Stickseide verarbeitet wird. Aredas oder Aridas, eine Art ostindischer leichter Stoffe aus glänzenden Fasern oder Fäden gewebt, die man von einigen seidenartigen Kräutern und Pflanzen gewinnt. Sie werden auch Grastaffet oder Grasaridäs genannt. Arenys de Mar, Bezirks- und Hafenstadt der span. Prov. Barcelona: Wollen- und Baumwollenwebereien, Spitzenfabriken. Arequipa, Hauptstadt des Depart. A. in Peru, eine der am besten ge¬ bauten Städte Südamerikas: Baumwollenmanufakturen. Ausfuhrartikel: Alpaka¬ wolle, gewaschene Schafwolle, Baumwolle. Arezzo, Hauptstadt der Prov. A. in Mittelitalien. Die ehemalige In¬ dustrie ist gesunken; es bestehen noch Seidenstoff- und Tuchfabriken. Argent (trait), im Französischen so viel als fil d’argent oder Silberdraht. Ar ge nt en lame, Lahnsilber, auch arge nt trait et applati. Man unterscheidet dies in argent en lame fin und en lame faux. Argent file ist über Seide gesponnen und heisst auch file d’argent. Das Material wird in der Weberei zu Brokatstoffen, in der Stickerei zu Tressen, in der Spitzennäherei (point d’Espagne) und Klöppelei verwendet (s. a. Goldfäden). Argentan, Hauptstadt, des Arrond. A. rechts von der Orne: am Ende des 17. Jahrhunderts bedeutende Fabrikation von Nadelspitzen, die denjenigen von Alengon gleichen, mit sechseckigem Netzgrunde und am Bande gezähnten Blümchen, geht um 1708 fast zu Grunde; erlangt aber unter Ludwig XV. und XVI. durch Mme. Du Barry wieder hohe Blüte, bis sie 1810 gänzlich in Verfall gerät. Heute bestehen in A. noch Stickereifabriken (s. a. Spitzen). Argentat, Hauptstadt des Kantons A. im Arrond. Tülle des franz. De¬ part. Correze a. d. Dordogne: Wollspinnerei, Spitzenfabrikation. Argenteuil, Flecken im franz. Depart. Seine-et-Oise, Arrond. Versailles, in dem Beliquienkästchen einer romanischen Kirche wird ein sog. heiliger Bock (s. d.) auf bewahrt. Argentifrigium (lat.), silberne Fransen. Argentine croisee, ältere Bezeichnung für einen französischen Stoff, dessen Kette aus Seide, der Einschlag aus Baumwolle ist; er wurde am meisten in der Prov. Limoisin in allen Farben gefertigt und auch zu Männerkleidern verarbeitet. Argenton-sur-Creuse, Hauptstadt des Kantons A. im Arrond. Chäteauroux des franz. Depart. Indre: Wollspinnereien, Tuchfabrikation. ArgOS, Stadt in Griechenland, erzeugt durch Hausindustrie Teppiche, welche zumeist über die Türkei in den Handel kommen (s. Grieehenl.). ArgOUges, ältere Sorten festgewebter, weissgarniger Leinwand, welche im franz. Depart. der Ille und Vilaine, besonders zu St. Malo, vorschriftsmässig 25 pariser Zoll breit, nur aus festgedrehtem, ausgesuchtem Garne gemacht wurde und zwar durfte die geringste Sorte nicht weniger als 1300 Faden in der Kette enthalten. Arkade, Beihe von Bogenstellungen, die auf Säulen oder Pfeilern ruhen; in der romanischen und gotischen Kunstepoche sehr beliebt als Einrahmung
32 Arkaden—Arrazzi. für figürliche Darstellungen auf kirchlichen Stickereien in Seide und Garn auf Leinwand, Segeltuch u. a. in. (vergl. Abb. 21). Arkaden, die Schnüre, welche am Jacquardwebstuhl die Verbindung der Platinen der Jacquardmaschine mit den Litzen hersteilen und somit das Hoch¬ ziehen der einzelnen Kettfäden ermöglichen. Arlane, Stadt im franz. Depart. Puy-de-Donn: Spitzenfabrikation. Arles, Hauptstadt des Arrond. A. im franz. Depart. Bouches du Rhone, in der Provence, eine der ältesten Städte Frankreichs: Fabrikation von Seidenwaren. Armagh, Hauptstadt der Grafisch. A. in der irländ. Prov. Ulster: Haupt¬ industriezweige: Spinnerei und Weberei in Leinen. Leinwand- und Garnhalle, in der jährlich fünf Märkte für den Verkauf von Leinenwaren abgehalten werden. Aermel (franz: manche; span.: mancha), der die Arme umgebende Teil des Unter- und Obergewandes; aus ihm hat sich die Mancha (s. d.), eine für kirchliche Zwecke benutzte Stickerei, entwickelt. Armenische Spitze s. Nadelspitzen. Armentieres, Stadt im franz. Depart. Nord: bedeutende Baumwollenund Leinwandfabrikation; Bleicherei. Armiak, eine Art russ. Kamelott, den die astrachanischen Tartaren aus Kamelhaar anfertigen und Biaza nennen. Armins (engl.), Bedeckungen (aus Leder, Tuch oder Sammet) für den Handgriff der Pike. Armoisin (ital.: Ermesino), dünner leichter Futtertaffet, der zuerst am Ende des 17. Jahrh. in und um Lucca gewebt worden ist, später aber in Lyon, Avignon, Nimes und Tours in grossen Mengen nachgemacht wurde. In Avignon webte man auch Halb-Armoisins, die ganz leicht und dünn ausfielen. Dickere, doppelte oder dreidrähtige Sorten (Ermesini rinforzati) wurden in Florenz, Mantua, Neapel und Turin zu Vorhängen, Decken und Bettzeugen verbraucht. Die Muster der A.s bestanden aus Streifen und geometrischen Mustern, auch „leicht getüpfelte“ werden beschrieben. Aus Ostindien kommen zuweilen heute noch A.s in zwei Sorten, nämlich Damaras oder geblümte und Arains oder gestreifte und gewürfelte in allen Farben. Armure (franz.). Webzettel, in der Weberei die zur Vorrichtung eines Schaftwebstuhles übliche schematische Darstellung der Geschirreinrichtung. Aus der A. muss mindestens zu ersehen sein: die Art, wie die Kettenfäden in die vorhandenen Schäfte verteilt werden sollen (Einpassierung), die Bewegungs¬ folge der Trittschemel (Tretweise) und die erforderliche Verbindungsart der Tritt¬ schemel mit den Schäften (Anschnürung). Armure ist übertragen worden auf diejenigen kleingemusterten Gewebe, deren Herstellung noch mittels Kontermarsches (d. h. ohne Jacquardgetriebe) möglich ist, höchstens (unter Beibehaltung der Schäfte) eine Schaftmaschine erfordert. Die A. fallen also zwischen die glatten (ungemusterten) und die grossgemusterten Waren (sog. Damaste), zu deren letzteren Herstellung auf die ausschliessliche Benutzung von Schäften verzichtet werden muss. Army Cloth (engl., Armeetuch); gewöhnliches graues Kommistuch, wird meist in Bradfort und Leeds für Kleinasien, Syrien und Palästina hergestellt. Arnau, Stadt in Böhmen, im 14. Jahrh. Eigentum des Herrn von Turgan: hier und in benachbarten Ortschaften werden jährlich auf 3300 Stühlen etwa 165 400 Stück Leinen- und Halbleinenstoffe gewebt; ausserdem Seiden Warenfabrik. Arnswalde, Kreisstadt im preuss. Reg.-Bez. Frankfurt i. d. Neumark, zuerst 1629 erwähnt: Fabrikation von Tuchstoffen. Abhaltung von Wollmärkten. Arpino, Stadt in der ital. Prov. Caserta, schon 303 v. Chr. erwähnt: Tuch- und Leinenstofffabriken. Arras, Hauptstadt des franz. Depart. Pas de Calais: Fabrikation von Spitzen, welche seit 1666, zuerst nach italienischen Vorbildern, die man point de France nennt; erreicht darin 1804—1811 seine höchste Entwickelung und erzeugt dann Spitzen in der Art des gemusterten Tülls (s. Spitzen). Arrazzi heissen die in Arras oder überhaupt in Flandern gewirkten Wandteppiche (s. Bildwirkerei).
Arrindy-Seide—Assemblage. 33 Arrindy-Seide, S. der Eria-Seidenraupe aus Indien, welche sehr dauer¬ haft ist. Arsamas, Kreisstadt im russ. Gouvern. Nishnij Nowgorod: Leinwand¬ fabriken, bedeutender Handel mit Leinenwaren; in den Klöstern Anfertigung von Gold- und Silberstickereien. Arschot, Kantonsstadt im Arrond. Löwen der belg. Prov. Brabant, seit dem Mittelalter bekannt: Spitzenfabrikation. Arscot, Serge d’Arscot, geköperter, feiner Wollenstoff, welcher in Südbrabant, vornehmlich in der Gegend von Aerschot, Löwen, Mecheln gefertigt wird. Arta, Ortschaft im nordöstl. Teile der span. Insel Mallorca: Seidenzucht, Baumwollenbau. Artificial leather, englisches künstliches Leder. Mehrere Lagen von starkem rauhen Baumwollenstoff durch mit Kautschuk, Guttapercha u. s. w. bereitete Firnisse untereinander verbunden. Es dient vornehmlich zum Ersatz des Leders bei Krämpelbeschlägen (Kratzen) (s. d.) Asbach, Dorf im Kreis Neuwied des preuss. Reg.-Bez. Koblenz: Seiden¬ weberei als Hausindustrie. Asbest, Erdflachs (lat.: Amianthus s. Alumen plumosum; frauz.: amiante ou asbeste). Von den vielen Arten der Fossilien, welche man mit dem gemein¬ samen Namen A. bezeichnet, ist der Amiant oder biegsame A. für die Textil¬ industrie von Bedeutung, weil seine 30—40 cm langen Fasern sich zu Garn ver¬ spinnen lassen, aus welchem unverbrennliche Gewebe hergestellt werden. Die vorzüglichsten Fabrikate derart lieferte einstmals Mad. Lena Perpenti zu Como, sie machte daraus auch Spitzen von solcher Feinheit und Weisse, die man von mittelfeinen Zwirnspitzen kaum zu unterscheiden vermochte. Auch wurden Versuche mit Geweben aus Asbest zur Schützling des Körpers gegen die Flammen gemacht, die nur zum Teil gelangen, weil die Fasern des Stoffes durch wieder¬ holtes Glühen brüchig wurden. Asch, Stadt in Böhmen: bedeutende Fabrikation von halbseidenen, halbund ganzwollenen Kleiderstoffen, Strumpf- und anderen wollenen und baumwollenen Wirkwaren (6—7000 Webstühle und 14000 Arbeiter). Wirk- und Webschule. Aschabad, Hauptstadt des transkaspischen Gebietes im russ. Zentralasien: Seidenbau. Aschenti, Negerreich an der Goldküste in Afrika: Herstellung gemusterter Kattune; Baumwollenbau. Aschersleben, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Magdeburg: Fabrikation von Wollwaren (Decken und Flanelle). Aschkali, quadratisches sog. Drehmuster (s. d.) persischer Teppiche, das aus einfach aufgefassten Pflanzen- und Tierformen neben geometrischen Elementen und streng stilisierten Ranken besteht: Einzelbilder darin sind vor allem die Cypresse. Im Kaschkai-Teppich (s. d.) vorkommend. Aschraf, Stadt in der persischen Prov. Masencleran: Baumwollenbau; Seidenzucht bedeutend. Ascoli Piceno, Hauptstadt der Prov. A. in Mittelitalien: Fabrikation von roher Seide, Flachs- und Hanfbau, Tuchfabrikation. Ashborne, Stadt in der engl. Grafsch. Derby: Baumwollenstoff- und Spitzenfabrikation. Ashford, Stadt in der engl. Grafsch. Kent: Leinwand- und Damast¬ fabrikation. Ashton-in-Makerfield, Stadt in der engl. Grafsch. Lancaster: Fabrikation von Baumwollenwaren. Assagiatore (ital.), Seidenprobierer, dessen Beruf in Oberitalien es ist, die Seidenballen auf Mass und Gewicht zu prüfen, bevor sie in den Handel gehen. Nach seinen Ergebnissen wird dann die Seide numeriert und ihr Preis bestimmt. Assam, Distrikt in Britisch-lndien, in welchem reger Betrieb von Seiden¬ zucht. Assemblage (frauz.), Zusammensetzen der einzelnen Teile einer Nadelspitze. Heiden, Handwörterbuch der Textilkunde. 3
34 Assemble—Assyrien und Babylon. Assemble, doppeltes (sog. dubliertes) in Frankreich hergestelltes Chappegarn. Assorcebunder, Name für die schlechteste bengalische Rohseide, welche in Indien und Japan in grossen Mengen verkauft wird. Assouplieren (assouplissage), das Biegsammachen der geschälten und gebleichten Seidenfaser durch wiederholtes Behandeln mit kochendem Wasser, dem auch etwas Weinstein zugesetzt wird. Assyrien und Babylon haben keine Originalproben von Stoffen hinter¬ lassen; doch legen die Trümmerfunde des alten Niniveh (zerstört 606 v. Chr.) Abb. 27. Zeugnis ab von der textilen Kunstfertigkeit seiner früheren Bewohner. Die dort seit 1840 durch Botta, Layard, Oppert, Smith u. a. wieder aufgedeckten Alabasterplatten dienten als Wandbelag der Tempel und sind zum grossen Teil getreue Nachahmungen schwerer Stoffbehänge und Teppiche, wie sie bei festlichen Einzügen als Schmuck der Hallen Verwendung gefunden hatten. Oder, wie Gottfried Semper (der Stil u. s. w. München 1878. S. 323) darüber bemerkt: „Zur Verewigung denkwürdiger Siegesfeste wurden jene Gelegenheitsdekorationen in den Steinstil umgewandelt.“ Diese Platten zeigen in Hackern Relief und farbiger Bemalung Darstellungen von Figuren: sie ver¬ gegenwärtigen Szenen aus dem Leben der Könige und Taten der Jagd- und Kriegshelden (s. Abb. 27). Alle Personen erscheinen in langen, festanliegenden, wenig gefältelten, reich gemusterten und befransten Gewändern (s. Abb. 28), die erkennen lassen, dass man es jedenfalls mit solchen aus schweren und mit Borten (s. Abb. 29) in Gold gestickten Stoffen zu tun hat. Auch Teppichmuster (s. Abb. 30) mit geometrischer Felderteilung lassen sich nach eingemeisselten Dar¬ stellungen rekonstruieren. Alle die uns hierdurch bekannt gewordenen assyrisch-babylonischen Kunst¬ formen: der Cherub, der heilige Baum (s. Abb. 31), der Granatapfel, die Palmette (s. d.) sind von besonderer Bedeutung: sie geben den Ausgangspunkt
Assyrien und Babylon. 35 für die Entwickelung der meisten späteren Stilarten, woran die Textilkunst den grössten Anteil hat. Abbildungen: Abb. 28. 27. Assyrisches Steinrelief nach einer Darstellung aus: Kunstgewerbeblatt 1893. S. 154. 28. Assyrischer Krieger nach einer Dar¬ stellung aus: Semper, Der Stil in den techni¬ schen und tektonischen Künsten; München 1878. S. 22. Abb. 29. 29. Borte von der Gewandfigur eines assyrischen Reliefs nach einer Darstellung aus: Fischbach, Ursprung der Buchstaben Guten¬ bergs, Mainz 1900. Tafel. II, Fig. 13. 30. Assyrisches Teppichmuster, mit Rand und Füllungen aus Lotospalmetten, nach einer Darstellung aus: Semper, Der Stil in den tech¬ nischen und tektonischen Künsten; München 1878. S. 51. Abb. 30. Abb. 31. 31. Assyrischer Baum nach einer Darstellung aus: Fischbach, Ursprung der Buch¬ staben Gutenbergs, Mainz 1900. Tafel II, Fig. 15.
36 Astar—Atlas. Astar, eine Gattung Musselin, welche in Kleinasien gefertigt, über Smyrna und Konstantinopel in den Handel kommt und von den Türken zu Unterkleidern und Turbans verwendet wird; man bat hiervon drei Sorten: Dagbezi, die beste, Tbadirbezi, die mittlere und Churumbezi, die schlechteste. Asti, Kreisstadt der ital. Prov. Alessandria: Seidenmanufakturen, zwei stark besuchte Messen und ansehnlicher Handel mit Wollenwaren. Astorga, Bezirkshauptmannschaft der span. Prov. Leon: Leinenspinnerei und Weberei. Astrabah, Ort für Seidenerzeugung in Persien. Astrachan, 1. Baranken, Baranjen, die nach der gleichnamigen Stadt in Russland benannten fein- und kraushaarigen Lammfelle von grauer oder schwarzer und weisser Farbe, welche aus dem südl. Russland (Krim) der Tatarei, Persien und Polen in den Handel kommen. Dem krausen Wuchs des Haares wird an Ort und Stelle dadurch nachgeholfen, indem das eben zur Welt ge¬ kommene Lamm in grobe Leinwand genäht und diese täglich mit warmem Wasser befeuchtet wird, wonach man mit der flachen Hand in gewissen Rich¬ tungen einige Male am Tage darüberfährt. Diese Behandlung wird vier Wochen lang fortgesetzt. 2. Hiernach gefertigtes und benanntes, weiches, flaumig und eisblumenartig aussehendes Plüschgewebe, dessen Grundkette aus Water, die Polkette aus Mohair und der Schuss aus Mule besteht. (Bindung wie Plüsch; s. d.) Wird im Stück gefärbt und zur Bildung des pelzartigen Aussehens griffweise in dichten, geiälligen Längs- und Querfalten zusammengedrückt (ge¬ knautscht), mit Bindfaden fest umschnürt und gekocht oder gedämpft. Astwerk (lat.: ramagium; franz.: bois mort, branchage; engl.: ramage, ramification), das in der Spätgotik beliebte Ornament aus dürren, knorrigen Aesten, erscheint in italienischen Seidengeweben des 15.' Jahrh. als Gehege für Tierfiguren dargestellt; überhaupt ist das A. in der gotischen Zeit ein beliebtes Motiv im Stoffmuster (s. auch Dornenkranz). (Vgl. Abbildungen auf Tafel III.) Atalanti, Stadt in Griechenland: erzeugt durch Hausindustrie Teppiche, (hier zuerst in neuer Zeit aufgenommen), welche zumeist über die Türkei in den Handel kommen (s. Griechenland). Atchiabanes, ältere ostindische Kattune, welche die Holländer auf den Markt brachten. Ath, Hauptstadt der belg. Prov. Hennegau: bedeutende Leinwandindustrie, Kattundruckereien, Färbereien, Spitzenfabrikation und lebhafter Handel. Athen, Hauptstadt des Königreichs Griechenland: erzeugt durch Haus¬ industrie Teppiche, welche zumeist über die Türkei in den Handel kommen. Im 11. Jahrh. wird A. als byzantinische Seidenmanufaktur gerühmt. Athlone, Stadt in der irischen Grafsch. Westmeath: Leinenwebereien. Atina, Stadt im Kreis Sora der ital. Prov. Caserta: Fabrikation von Wollendecken. Atitlan, Santiago de, Indianerort des mittelamerik. Staates Guatemala: Baumwollenweberei. Atlas (franz.: ras; engl.: rash; ital.: raso; span, raso), Gewebe, welches durch seine wenig gebundenen Kettfäden (s. Atlasbindung) eine glänzende Ober¬ fläche darstellt, die künstlerisch am ehesten in der Seide zur Geltung kommt. Letzteres berechtigt zu der Annahme und findet Bestätigung in erhaltenen älteren Schriften, dass der Atlas seinen Ursprung in der Heimat der Seide (China oder Indien) hat, Avoselbst er im frühen Altertum in mechanischer Nach¬ ahmung der Plattstichstickerei auf dem Webstuhl entstanden sein wird. Persische Seidenstoffe des 6. bis 8. Jahrh. beweisen, dass der Atlasgrund in den mit grossen Tierfiguren und Jagdszenen gemusterten Geweben bevorzugt ist. Die Aufnahme des Atlasstoffes in Europa fällt mit der Einführung der Seidenkultur zusammen. Im Altertum scheint mit dem Atlas der Name Blattin gleichbe¬ deutend gewesen zu sein; auch Pfellel, dessen Wolfram von Eschenbach er¬ wähnt, der so heiss an Glanz war, „dass ein Strauss seine Eier darin hätte ausbrüten können,“ wird für gleichbedeutend mit A. gehalten. Ursprünglich
Atlasbindung—Aetzbeitzen. 37 war der A. in den weitverzweigten Absatzländern des Orients nur als dibädsch bekannt: die arabisierte Form des persischen dibäh von dip = glänzen. Im christlichen Europa ist dieser Name von den Venetianern nur für ihre reichen Goldstoffe angenommen worden. Der französische Name für den A. (Satin) scheint zuerst im 16. Jahrh. vorgekommen zu sein. Atlasbindung ist neben der Leinwand- und Köperbindung eine Grund¬ bindung in der Weberei (s. Bindungen). Die Hochgänge der Kettfäden, die Bindungspunkte, sind derartig im Bindungsrapport regelmässig verstreut, dass nie zwei Punkte aneinanderstossen. Die Rapportgrösse schwankt je nach Feinheit des Materials und der Dichte der Fadeneinstellung zwischen 5 bis 20bindig. Als vierbindiger Atlas wird häufig der vierbindige Kreuzköper bezeichnet. Die A. ermöglicht durch das lange Flottliegen der Fäden die höchste Glanzentfaltung des Materials. Man unterscheidet der Bindung nach Kettatlas und Schussatlas: je nachdem mehr Kette oder mehr Schuss an der Oberseite des Gewebes liegt. Für die am meisten oben liegende Fadensorte verwendet man das glänzendste Material. (Ueber weitere Einzelheiten s. Bin¬ dungen in der Weberei.) Man hat Atlas von allen Faserstoffen. Der Seiden¬ atlas ist natürlich der am meist en gläuzende, weil man hierzu weiches Fadenmaterial für den Einschlag und zur Kette die feinsten Gespinste wählt. Um dem Stoff in leichteren Qualitäten Halt zu geben und zugleich den Glanz zu erhöhen, werden die Atlasse in der Hegel appretiert und zwar um so stärker, je leichter der Stoff ist; den gelinden Appret wendet man nur bei schweren Gattungen an und nur die schwersten Atlaszeuge, wo die Menge der dazu verwendeten ganz feinen Kettenseide dem Stoff Festigkeit und Glanz zugleich verleiht, können den Appret entbehren: Satins sans appret. Diese ungesteiften oder unzugerichteten Atlasstoffe, welche sich beim Anschnitt an den Rändern wie Sammet rollen, werden deshalb Rollatlas genannt. Der schönste glatte oder einfache Atlas wurde zur Zeit der Renaissance in Italien, vorzüglich in Florenz, Lucca, Genua, Turin und Venedig ge¬ fertigt ; unter diesen ist wieder der Florentiner der schönste. Gegenwärtig werden in Frankreich, England und Deutschland nicht minder schöne Atlas¬ stoffe gewebt, welche man je nach ihrer Musterung ebenso wie andere schwere Taffet- und Köperzeuge, mit den Zusätzen raye (gestreift), ä cadrille (gegittert), ä fleurs (mit Blumen), chine (geflammt) u. s. w. bezeichnet. (Vergl. hierüber die einzelnen Artikel.) Ausser seidenem Atlas werden auch halbseidene, wollene und leinene Stoffe in gleicher Bindung hergestellt. In China wird ein atlasartiger Stoff von Seide und Baumwolle oder von Florettseide und Leinen gewebt, der unter dem Namen Sirsakas in den Handel kommt. Der türkische A. ist ein halb¬ seidener Stoff, in welchem die Kette Baumwolle, der aufliegende Köper Seide ist. Der Brügge sehe A., nach gleichnamiger Stadt in Flandern benannt, hat eine Kette von Seide, einen Einschlag von AVolle, er wurde zuerst für Tapeten und Möbelbezüge verwendet; jetzt liefern ihn alle grösseren europä¬ ischen Fabriken unter dem Namen von Satins, Sateens, glattem Damast u. s. w. Atlas-Brokat ist ein dichtes, schweres wollenes Zeug auf Atlasart, mit er¬ habenen bunten Blumen, welche durch den Einschlag mit kleinen Schüssen hervorgebracht werden. Der achtbindige Atlas kann wie in Seide, so auch in glatter und glänzender AVolle (Kammgarn), in Baumwolle und Leinen gefertigt werden: man hat darum Atlasdrell, Sateens in Baumwolle und Leiuen. Atlastrikot, eine Kettenwirkware, mit zwei Reihen Kettenfäden ge¬ arbeitet. Atlastuch, moderner leichter AVollenstoff aus Streichgarn, gewalkt, ge¬ rauht und geschoren. Atri, im Altertum Adria, Atria, Hadria, Stadt in der ital. Prov. Teramo: Seidenfabrikation. Attalische Teppiche s. Bild Wirkerei. Attincta (lat.) heissen im römischen Zeitalter gefärbte Stoffe. Aetzbeizen, Aetzfarben s. Zeugdruck.
38 Atzgersdorf—Aufnäharbeit, Atzgersdorf, Dorf in Niederösterreich: Kattun- und Jutedruckerei, Fabri¬ kation von Seidenzeug, Schnüren und Borten. Aetzspitzen (auch Luftspitzen genannt), Nachahmung von Nadelsp. durch Stickerei in Baumwolle auf Wollengrund ausgeführt, welch letzterer durch flüssiges Aetzmittel, das die Stickfäden nicht angreift, zerstört wird. Bei ge¬ eigneter Wahl des Grundstoffes und der Aetzmittel können auch Ae. in Leinen, Wolle und Seide hergestellt werden. Die Ae. wurden zuerst 1883 durch Gebr. Wetter in St. Gallen gemacht. Aubagne, Hauptstadt des Kantons A. im Arrond. Marseille des franz. Depart. Bouches-du-Rhöne: Baumwollenweberei, Tuch- und Shawlfabrikation. Aubenas, Hauptstadt des Kantons A. im Arrond. Privas des franz. De¬ part. Ardeche: Fabrikation von Seiden-, Woll- und Baumwollenwaren, Färbe¬ reien ; berühmte Messen für Seide. Aubusson, Hauptstadt des Arrond. A. im franz. Depart. Creuse: seit dem 15. Jahrh. bedeutende Fabrikation von Teppichen. (Vgl. Bildwirkerei.) Auch, Hauptstadt des franz. Depart. Gers: Leinwand- und Baumwollen¬ webereien. Aucube, eine Art Zimmerteppich aus Flandern. Aue, Stadt im sächs. Erzgebirge: mechanische Baumwollenwebereien, Fabrikation von Wäsche; Klöppelschule. Auerbach. 1. Stadt im sächs. Voigtland: bedeutende Fabrikation von Weiss- und Konfektionswaren, fertiger Wäsche, engl. Gardinen; ferner Spitzen¬ klöppelei, Wollwebereien und Herstellung von Maschinenstickereien. 2. bei Thum: Strumpfwirkerei. Aufbäumen (franz.: plier; engl.: beaming), in der Weberei das Aufwickeln der gescherten und geschlichteten Kette auf den Kettenbaum des Webstuhles; bei der Appretur der Gewebe das Aufrollen des in halber Breite zusammen¬ gelegten Stückes auf die Walzen der Mange. Aufgeschweiftes Muster, in der Weberei ein Muster, welches durch ver¬ schiedenfarbige Kette entsteht. Aufkrempeln, aufkratzen (franz. recarder; engl, to card again), bezeichnet die Auflockerung von Wolle, Rosshaaren u. s. w. mittels der Krempeln durch Hand- oder Maschinenarbeit. Aufnäharbeit, Verzierung von Stoffen (Geweben und Leder) durch Aufnähen ausgeschnittener Muster (vgl. Taf. IX). Letztere bestehen aus breiten Flächen belie¬ biger anderer weicher Stoffe und erhalten zur Verhütung des Ausspringens der Kanten eine Papierunterlage, welche gleichzeitig den sicheren Halt für das Auf¬ kleben auf den zu musternden Stoff abgibt. Die Verbindung von Muster und Grundstoff“ geschieht dann durch Aufnähen von Seiden- und Metallschnürchen oder auch durch breite Ziernähte, welche zur reizvollen einheitlichen Belebung der Fläche beitragen. Einzelne Teile des Musters erhalten durch Malerei oder Plattstichstickerei eine Vervollständigung in der Zeichnung. Der Vorläufer der Aufnäharbeit ist schon im frühen Mittelalter zu suchen, wo man zuerst aus Gold getriebene Platten und Figuren als Ersatz für die Brokatweberei zur Verzierung von Kirchengewändern benutzte. Aufnäharbeiten in Leder sind aus dem 5. bis 7. Jahrh. erhalten: sie stammen aus koptischen Gräberfunden (s. d.). Zur höchsten Vollendung gelangt die Aufnäharbeit als Schmuck der Kirchenausstattung und Gewänder in Italien und Spanien, im Zeitalter der Re¬ naissance, woselbst sie in den Ornamenten viel Verwandtes mit denen der Holz¬ intarsien zeigt: ein Umstand, der sich aus der Gleichartigkeit beider Ver¬ zierungsarten ergibt. Zur Herstellung der Muster bedient man sich nicht nur der aus dem Stoff“ ausgeschnittenen Formen, sondern es kommen auch die im Ausschnitt stehen gebliebenen Teile des entstandenen Negativs zur Verwertung: (vgl. die Abb. 9 und 10 auf Tafel IX) hieraus entstehen dann in schmalen Borten die umschlagenden Arabeskenränder aus Palmetten oder kleinen kelch¬ artigen Blütenformen. In der Zeit der Spätrenaissance, als in Italien und Spanien die genähte Spitze das Bereich der verzierenden Künste erweitert, gibt der sogen, print de Venise (s. d.) Veranlassung, breite Rankenmuster aus
Aufnähspitzen—Augsburg. 39 Leinwand auszuschneiden und diese auf farbigen Sammet, auf glatte oder ge¬ musterte Seide zu applizieren, wobei für das Aufnäben und zur Füllung der offenen Blütenflächen feine Goldschnürchen Verwendung finden (s. Abh. 11 auf Tafel IX). Bleibt das reliefartige Muster in Weiss gehalten, so hat man den Eindruck einer aufgelegten venetianischen Beliefspitze, welcher Technik die neuere Zeit den Namen Elfenbeinstickerei (s. d.) beigelegt hat. Von höchster Schönheit kommen solche Arbeiten älterer Zeit in grossen Decken oder Borten aus lachsfarbenem Atlas und Bips vor, welche am Ende des 17. Jahrhunderts in Deutschland gemacht wurden. Allmählich vereinfacht man die Technik der Aufnäharbeit noch mehr, indem gewebte Litzen oder breitere Bänder aufgenäht werden (vgl. Abb. 3 auf Tafel IX). Eine Bereicherung des Formenkreises für solche Bandmuster ist gegeben in der Verzierungsart des französischen Orna¬ mentstechers Daniel Marot (1650—1712), nach dessen Entwürfen, im sogen. Kurvenstil (s. Abb. 35), verschiedene derartige Arbeiten, grosse Bettdecken und Vorhänge, entstanden sind. Der Orientale kennt die europäische Art der Aufnäharbeit nicht. Man stellt in Indien und Persien Stickereien in breiten Flächen her, indem Gold- oder Seidenfäden aufgelegt und in Relief übernäht werden oder man bedient sich der sog. Tuchmosaik (s. d.). Aufnähspitzen, durch Aufnähen genähter oder geklöppelter Muster auf einen Maschinentüllgrund hergestellte Spitzen (s. d.); sie kommen um 1780 in Paris auf. Aufnehmen s. Netzarbeit. Aufranken (franz.: lainer, garnir; engl.: to raising, torowing); rauhen, kardätschen, aufkratzen, in der Tuchfabrikation angewendet, um diesen Stoffen eine gleichmässige rauhe und haarene Aussenseite zu geben. Aufstossen, in der Wirkerei das Aufhängen der Wirkware auf die Nadel¬ reihe des Wirkstuhles. Aufstricken s. Strickerei. Aufwinde oder Klöppelbrief, das auf Papier gezeichnete Muster, welches jeder Klöppelspitze als Grundlage dient. Aufzug (franz.: chaine; engl.: chain), s. v. w. Kette eines Gewebes. Auge, Häuschen u. s. w. (franz.: oeillet, coulisse; engl.: eye); eine Schleife ziemlich in der Mitte der Litzen, oder ein Ringelchen (maillon, mail) durch welches je ein oder mehrere Kettfäden gezogen werden (s. Weberei). Augsburg, Hauptstadt des bayerischen Reg.-Bez. Schwaben: die erste Stelle nimmt die Baumwollenindustrie ein, die sich sowohl auf mecha¬ nische Baumwollenspinnerei als auf mechanische Weberei, Zwirnerei und Näh¬ fadenfabrikation erstreckt. In 10 bedeutenden Anstalten: u. a. Spinnerei am Stadtbach, Feinspinnerei A. (von Wertacli), Spinnerei am Senttelbach, Bunt¬ weberei vorm. Riedinger, Weberei am Fichtelbach, am Sparrenlech und von Müller & Keidel — mit 7200 Webstühlen, 380000 Spindeln; die Kattundruckerei, Färberei und Appretur, Seidenzwirnerei, Nähfaden¬ fabrik, Kammgarnspinnerei mit 3000 Arbeitern und 21/2 Mill. Mark Aktienkapital. A. ist Sitz der süddeutschen Textilberufsgenossenschaft und deren erste Sektion. Im Mittelalter schon durch Erzeugung aller Arten von Geweben berühmt, gelangt die Zunft der Weber aber erst im 14. Jahrh. zu besonderer Bedeu¬ tung, die ihren Höhepunkt am Ende des 16. Jahrh. erreicht hat. Schon vorher wird A. ein Stapelplatz des deutschen, italienischen und levantinischen Handels durch die Familien der Fugger, Welser und Petten: im Jahre 1504 fuhren die Schiffe der Augsburger Welser als die ersten deutschen Schiffe nach West¬ indien: der Leineweber Fugger war Stammherr eines mächtigen Fürsten¬ geschlechtes geworden! Nach dem Stande der Weberei wurde — wenn auch nicht immer mit Recht — (vergl. die Studien darüber in „Grassmann, Die Entwickelung der Augsburger Industrie im Neunzehnten Jahrhundert“, das. 1894) das wirtschaftliche Gedeihen der Stadt bemessen; die AVeberzunft hatte schon im Jahre 1368 den grössten Einfluss und ausschlaggebende Bedeutung sich errungen, so dass sie die zahlreichste war und gleich nach den Kaufleuten
40 Augsburg. rangierte. Im Jahre 1466 zählte sie 746 Meister, im Jahre 1600 etwa 2900 Meister mit 3500 Gesellen, überhaupt 11031 in der Weberei beschäftigte Per¬ sonen, welche auf 3670 Webstühlen jährlich nahezu eine halbe Million Stücke Leinwand zu der obrigkeitlich eingeführten Geschau brachten. Die Lein¬ weberei schloss natürlich auch die Entwickelung von Bleichereien, Färbereien und Handdruckereien in sich. An hauptsächlichen Webewaren aus dem Ende des 14. und Anfang des 15. Jahrh. werden (nach Paul von Stetten d. j.: Kunst¬ gewerbe- und Handwerksgeschichte der Reichsstadt Augsburg, das. 1779 und 1788) Barchets — Gewebe aus Leinen und Baumwolle — Golschen oder Kölsch — gemusterte, blau und weiss gestreifte gröbere Leinenzeuge — Abb. 32. zu Bett-, Hauszeug- und Tüchern genannt: „deren starker Absatz reiche und mächtige Leute machte, aus denen, welche teils arbeiteten, teils den auswärtigen Yerschleiss der Waren besorgten“. Aus dem Jahre 1513 wird berichtet, dass wegen der Kriege in den Niederlanden und in Italien die Baumwolle „auf einen ungeheuren Preis stieg“, was den Absatz verminderte. Allein man er¬ holte sich bald wieder, so dass im folgenden Zeitraum ausser den schon ge¬ nannten Waren auch Zwillich, Schnurtuch, Krontuch, Dicken, Ochsen, Trauben, Brabanterlein, Vierer, Dreyer (vergl. diese Artikel im Einzelnen) in grossen Mengen erzeugt wurden. „Ungeachtet zu dieser Zeit schon die Handlung mit diesen Waren, welche durch Venedig wichtig geworden, aber durch den neuen Weg nach Ostindien einen gewaltigen Stoss erlitten, so war sie dennoch sehr ahnsehnlich.“ U. a. wird nach Rechnungen aus dem Ende des 16. Jahrh. berichtet, „dass in einem Jahre 350 000 Stück allerlei Barchet gefertigt, wovon über 70000 gebleichet, ja, dass man noch im Jahre 1610 sogar 475184 allerlei Barchet hier gewirkt und dass sich vor Ausbruch des dreissigjährigen Krieges
Augsburg. 41 gegen 6000 Meister von Barchet und anderen Webern, ohne Weiber, Kinder und Gesinde hier befinden, deren Zahl aber nach dem Ende desselben bis auf 500 Meister zusammengeht.“ Gegen Ende des 17. Jahrh. kommen zu den vorher erwähnten Stoffen die bedruckten „Kotton- und Zilzwaren“ (s. d.), die mit den aus Ostindien eingehenden auf gleicher Höhe stehen, bis endlich eine abermalige Teuerung der Baumwolle, Wohlfeilheit der ostindischen Waren, Sperrung und Stockung der Handlung, „aber auch Eigennutz und Nachlässigkeit eine neue betrübte Epoche herbeibrachten.“ Neuer ist die Seidenweberei in A. Vom Gebrauch der Seide Abb. 33. und Seidenzeuge ist schon früher die Bede — man spricht im Bürgerbuche und in Steuerregistern schon im Jahre 1453 von „Svdenäer“ — auch gab es schon Sammet- und Seidenweber, „auch Felbaweber und Brocatmacher“, die aber bald gänzlich eingingen. „Um das Jahr 1720 wollte der Seideniärber Dieterich zu Helle noch eine Florfabrik anlegen, die keinen langen Bestand hatte.“ Erst seit 1755 fingen einige Seidenweber an u. a. Johann Simon Baitmair, aus Nürnberg gebürtig, ihre Industrie zu pflegen, sie machten „nicht nur halbseidene, sondern auch ganzseidene Zeuge, ja sogar Sammetzeuge, von welchen man sich bei fortdauerndem Eifer immer besseren Wachstum zu ver¬ sprechen, und ihm dessen Belohnung in reichlicher Abnehmung seiner Arbeit zu wünschen hat.“ Seit 1789 wird nach den Berichten von Grassmann die Seidenindustie mit besonderem Eifer von der Begierung gefördert. 1827 werden 6 Lot „Maulbeersamen“ dem Magistrat von A. zur Verteilung gesendet; einige Jahre später wird in Begensburg eine königliche Seideninspektion errichtet. Im Jahre 1813 führt Aug. Brentano Mezzegra den Jacquardstuhl und eine
42 Augsburg. Seidenfärberei ein: verarbeitet wurde italienische Seide. Ende der 60er Jahre wird der Betrieb eingestellt. Die vorhandenen Keime des Gedeihens der Kattundruckerei brachte Joli. Heinrich Scliüle aus Künzelsau, welcher 1745 nach A. kam und zehn Jahre später ein erledigtes Druckei-zeichen (s. d.) erhielt, zu hoher Entfaltung; aber dennoch überflügelten Abb. 34. ihn schliesslich die Engländer: er stirbt 1785. Im Jahre 1687 brachten Jeremias und Georg Neuhofer die Kenntnis der Krapprotfärberei hierher, welche durch sie eine solche Vervoll¬ kommnung erfuhr, dass sie die Leistungen der Holländer bald überflügelten; hierzu kamen die Vollendung der Formschneidekunst und die Zu¬ nahme der Baumwollenspinnerei. Im Jahre 1821 wird die erste Kirschrotfärberei hier errichtet. Die einzige Verbindung dieser älteren Periode hoch entwickelten industriellen Schaffens mit der Neuzeit vermittelt die Kattunfabrik von Schöppler & Hartmann, welche im Jahre 1780 aus der vom Tischler Johannes Apfel gegrün¬ deten Kattunmanufaktur hervorgegangen war. Der Untergang des Augsburger Gewerbes ward durch die französische Revolution und die ihr folgenden französischen Kriege vollständig besiegelt. 1835 wurde eine Weberschule mit reichen Mitteln gegründet, ging aber nach drei Jahren ein und wurde übernommen von der Firma Frisch & Co. Im Jahre 1844 führte die Firma Schöp¬ pler & Hartmann die Weberei und den Druck der Wollenmusseline als die erste im Zoll¬ verein ein, rasch entwickelte sich auch in Sachsen und Preussen eine rührige Konkurrenz, um Frankreich zu verdrängen. 1861 wird das Weber¬ haus in A. verkauft, die Innung löst sich auf; durch die amerikanischen Wirren kommt die Verteuerung der Baumwolle. Als der letzte Handweber wird in A. der im Jahre 1882 ver¬ storbene Meister David Knäule genannt. — Ueber Augsburger Muster der Renaissancezeit sind wir unterrichtet durch ein daselbst im Jahre 1534 erschienenes Modelbuch: vgl. Abb. 32 u. 33. Es zeigt, dass mit dem italienischen Weber auch seine Muster nach Augsburg gingen und hier Verwendung fanden. Sehr verbreitet ist das verschlungene Bandmotiv, das auch für die in Süddeutschland im 16. und 17. Jahi'h. geübte Kanevasstickerei (s. d.) Aufnahme gefunden hat. Der streng stilisierte Adler (Abb. 33) weist auf die Benützung alter Muster hin, ebenso die in Abb. 34 dargestellte Handtuchborte, in der wir ein italienisches Original erblicken, nach welchem in Augsburg bis ins 17. Jahrh. hinein Muster älteren Stils gewebt wurden. Abbildungen: 32. Augsburger Palmettenmuster in Feldern aus Bandverschlingungen nach einer Darstellung aus: Kunstgewerbeblatt 1887. Original im Augsburger Modelbuch von 1534. 33. Augsburger Muster nach derselben Quelle: Darstellung eines Adlers, Ränder mit verschlungenen Bandmotiven. 34. Originalaufnahme aus dem Kgl. Landesgewerbemuseum in Stuttgart: Borte
Augusta—Avignon, 48 eines Leinenhandtuches mit blau gewebten glatten Querstreifen und gemusterten Borten, welche zwischen gefüllten Zickzackbändern streng stilisierte Vögel an wappenlilien¬ artigen Blüten enthalten. Sizilien 16. Jahrhundert. Augusta, Hauptstadt des County Richmond in Georgia: Grosse Baum¬ wollenfabriken, überhaupt ein Mittelpunkt des Handels für dergleichen Waren. Augustine, ältere Stoffart aus Frankreich, von Baumwolle und Seide, die besonders in und um Rouen gewebt wurde. Augustusburg, Stadt in Sachsen bei Chemnitz: Maschinenstickerei und Herstellung von wollenen und baumwollenen Stoßen. Auma, Stadt in Sachsen-Weimar-Eisenach: Weberei, Strickerei, Strumpf¬ wirkereien, Tuchschuhfabrik und Herstellung mechanischer Webstühle. Aumale, im Mittelalter Albamaria, Hauptstadt des Kantons A. im Arrond. Neuchätel des franz. Depart. Seine-Inferieur: Herstellung von Blonden, groben Tüchern und Serge; Wollspinnerei. Aumales, ältere Sorte französischer Sergen aus A., die zu Futterstoffen Verwendung fand. Auquili, grobe Sackleinwand, in Syrien gefertigt, kommt über Aleppo in den Handel; die feineren Gattungen sind blau gefärbt, teils auch halbweiss, jedoch immer mit Baumwolle gemischt. Aurangabad, Stadt in Haidarabad, Ostindien: fertigt schöne Seidenstoffe, Gold und Silberbrokate; lebhafter Handel in Baumwolle. Aureria (lat.), der Saum, die Borte, Bordüre von Gold oder Goldgespinst. Aures, eine Art Cadis (s. d), die in Frankreich unter dem Namen Fleurets bekannt sind; werden zu Montauban gefärbt und zugerichtet: sie bestehen aus einem der dauerhaftesten Wollenstoffe. Aurifilum (lat.), Stickerei mit Goldfäden. Aurillac, Stadt in der Auvei'gne, soll angeblich schon im 14. Jahrhun¬ dert Spitzen erzeugt haben. Seit dem 17. Jahrhundert Spitzennäherei nach italienischen Vorbildern, die allgemein points de France genannt wurden. Um 1708 geht diese Industrie zurück, bis sie mit der Revolution überhaupt er¬ lischt (s. Spitzen). Auriphrygium (lat.) hiess bei den Römern die Goldstickerei. Aurisamitum (lat.), ein goldgestickter Seidenstoff. Aurotextilis (lat.), in Gold gewebt, gewirkt. Ausbessern s. Konservierung, Stopfen und Einsetzen. Ausfallmuster, Ausfallprobe, Muster einer durch Vermittler zu kaufenden oder auf Bestellung zu erzeugenden Ware, die dem Käufer die Beschaffenheit derselben zeigt. Aussetzen s. Carta l'iga. Aussig, Stadt in Böhmen: Fabriken von Modestoffen in Seide, Baum¬ wolle und Schafwolle. Aussparen, die Flächen um die Figuren herum ausfüllen, so dass der Grund eines Stoffes das Muster bildet, wie es z. B. im Zeugdruck und auch oft in altitalienischen Leinenstickereien geschehen, aber auch in jeder anderen Technik möglich ist. Austria, moderner Schirmstoff. Ausziehspitzen (itäl. punto tirato; franz. point tire; engl, drawn work). Durch Ausziehen von Fäden aus einem Leinwandstoff wird ein Netzgrund her¬ gestellt, dessen zurückbleibende Fadengruppen umrandet werden. Muster in breiten Flächen können darin entstehen durch grössere erhalten gebliebene Sto߬ reste und durch Füllung des Netzgrundes, in Art der Filetarbeiten. (S. Spitzen und Durchbrucharbeit.) Autun, Hauptstadt im franz. Depart. Saone-et-Loire: Tuch- und Fussteppichfabriken. Auxy (L’aine d’Auxy) s. Wolle von Abbeville. Avantagee heisst in Frankreich die feinste Sorte der Nankinseide (s. d.). Ave Maria (Angelica salutatio, Engelsgruss) s. Verkündigung. Avignon, Stadt im franz. Depart. Vaucluse a. d. Rhone: hier wird zuerst
44 Avila—Azuay. das franz. Seidengewerbe betrieben, veranlasst durch Papst Gregor X. (gebürtig aus Piacenza (war bis 1271 Arcbidiakonus in Lüttich, regierte 1271—76), welcher italienische Weber berief. Zur Bedeutung gelangt die Industrie erst im 15. Jahrhundert unter Ludwig XI. von Frankreich. Heute beschäftigt die Seidenindustrie 12—14000 Arbeiter, welche jährlich Waren im Werte von l1f2 Mill. Frcs. herstellen. Ausserdem Fabrikation von Posamentierwaren, Sammetstoffen u. a. m. Die Gewinnung des Krapps zur Färbung roter Tuch¬ stoffe verdankt A. einem landesflüchtigen Perser, Jean Althen, dessen Vater Gesandter des Schahs Thamas Kuli Chan war, der 1774 in Armut starb. Nach A. wird auch ein leichtes Seidengewebe benannt, sogen. Indiennes. Avila, spanische Wolle aus der Provinz gleichen Namens, welche wegen ihrer guten und feinen Qualität sehr geschätzt wird. Avio, Ortsgem. in Tirol: Seiden- und Sammetmanufakturen. Avivieren, ein Verfahren, der Seide (Strangseide) nach dem Färben wieder ein gutes Aussehen zu geben: Vornahme des „Schönens“ und „Belebens“; es geschieht mit Hilfe eines Bades, welches aus verdünnter Säure besteht. Avouet, persische Wolle von dreijährigen Schafen. Avranches, Hauptstadt des Arrond. A. in der Normandie: Fabrikation von Spitzen, Kattun; grosse Webereien und Spinnereien. Axminster, Stadt in der engl. Grafschaft Devon : Tuch- und Bandfabri¬ ken ; die berühmte Teppichfabrik befindet sich seit 1835 zu Wilton in Wiltshire bei A. Axminster-Teppich, eine Art weicher Sammetteppich mit langem, aufgesclmittenem Flor, die als Nachahnrung der Smyrnateppiche gelten kann. Der Flor kommt dadurch zustande, dass man zuerst (auf einem Handwebstuhl) eine besondere Ware herstellt: die Vorarbeit, deren Kettenfäden nicht in gleicher Dichte, sondern gruppenweise in regelmässigen Abständen angeordnet sind, und deren Einschlag aus farbiger Wolle nach einem gezeichneten Muster ein¬ getragen wird. Indem man diese Vorarbeit der Länge nach in Streifen schneidet, die je eine Kettenfadengruppe in der Mitte enthalten, und diese Streifen auf einer besonderen mit Hinnen versehenen Sengmaschine derartig sengt, dass die erst nach beiden Seiten abstehenden wollenen Einschlagläden nach oben ge¬ presst werden, erlangt man die eigentlichen Florschussfäden, die nun abwechselnd mit festen Grundschussfäden in die Teppichkette eingeschossen werden. Diese Teppichkette besteht meist aus einer Leinen- oder Jutekette zur Bildung eines festen Grundgewebes, und einer dünnen, weitgestellten Baumwollkette zur Be¬ festigung der mehr an der Überseite des Teppichs liegenden Florschüsse, die in ihrer genauen Zusammenstellung das vorher entworfene Muster geben müssen. Die Appretur des A. besteht in Dämpfen, Bürsten und Scheren (s. a. Che¬ nilleteppich). Aylanthusseide (A. Cynthia), S. des gleichnamigen Spinners (s. Seide). Ayr, Hauptstadt der Grafsch. A. in Südschottland: Segeltuch-, Baum¬ wollen-, Wollen-, Seidenwaren- und Teppichfabriken. Azara oder Azera, feine ostindische Musseline, welche die Franzosen aus Pondichery brachten. Azerbeidschan, Prov. in Persien: erzeugt Knüpf- und Wirkteppiche, jedoch meist von geringerer Sorte: dazu gehören die von Karadagh, Heris, Zendian und Hamadan (s. d.). Azores, locker gewebte, dicke und sehr langhaarige Wollenstoffe: eine Gattung starker Biber mit glänzendem Haar, welcher in mehreren böhmischen und tiroler Fabriken gewebt wird. Azuay, Assuay, eine der südl. Provinzen der südamerik. Republik Ecua¬ dor : Industrie von Geweben.
Baar—Bagdad 45 B* Baar, Dorf im Schweiz. Kanton Zug, im 9. Jahrhundert erbaut: eine der grössten Baumwollspinnereien der Schweiz; die Spinnerei an der Lorze seit 1855 im Betrieb. Babenhausen in Bayern: mechan. Spinnerei. Babylon, s. Assyrien und Babylon. Babylonica, s. Baldachin. Babylonicum (lat.) gestickte Arbeit, Stickerei; babylonica texta und stragula werden in mittelalterlichen Inventarien erwähnt. Babylonische Teppiche, s. Assyrien und Babylon. Backfischseide heisst im modernen Handel ein heller leichter Seiden¬ stoff, der zu Kleidern für junge Mädchen Verwendung findet. Backnang, Stadt in Württemberg: Wollspinnerei, Strumpfstrickerei, Tuchmacherei. Badehandtücher, Frottierstoff, Gewebe aus Leinen oder Baumwolle, welches zu beiden Seiten zahlreiche Noppen hat und dadurch geeignet wird, Wasser in sich aufzunehmen, daher zu Handtüchern, Bademänteln u. s. w. Verwendung findet. Die Herstellung ist der eines Plüschgewebes ähnlich. Auf dem leinwand- oder ripsartigen Grund erheben sich nach beiden Seiten unaufgeschnittene Schleifen (oder Noppen), die mittels zweier Polketten mit loser Spannung entweder durch eingelegte Nadeln oder durch ein eigentüm¬ liches Verfahren beim Anschlägen der Lade (schwache und starke Schläge) hervorgebracht werden. Die nicht sehr dicht stehenden Noppen gehen dem Gewebe eine rauhe Oberfläche. Bad Elster, Dorf in Sachsen: Seidensammetweberei. Baden, zum Deutschen Reiche gehöriges Grossherzogtum. Vor dem 1835 erfolgten Anschluss an den deutschen Zollverein nur ein ackerbauender Staat. Seitdem hat die Gewerbtätigkeit so zugenommen, dass B. jetzt an der industriellen Gesamtproduktion des Deutschen Reiches einen namhaften und in einzelnen Zweigen einen hervorragenden Anteil hat, wovon auf die Textil¬ industrie, besonders in Baumwolle und Seide, auch Wolle, Leinen und Hanf, nicht die geringste Tätigkeit entfällt , mit dem Hauptsitz im Wiesental und oberen Reintal, sodann in Freiburg, Waldkirch und Ettlingen, auch in Offen¬ burg, Lahr und Konstanz. (Vgl. Dietz, die Gewerbe im Grossherzogtum B., ebd. 1863.) Badia Polesine, Hauptstadt des Distrikts B. in der ital. Prov. Rovigo : Seidenspinnerei. Bafel (Bavel, vom ital.: bavella, Abfall-, Flock-, Florettseide), Ausschuss, schlechte Ware. Baffetas, Baftas, ostindische, glatte und dichte Baumwollenzeuge von verschiedener Feinheit, welche früher in Mengen nach Europa gebracht und in Holland, England, Hamburg, Kopenhagen häufig gedruckt wurden. Sie sind jetzt von der europäischen und nordamerikanischen Maschinenware, unter dem Namen calicoes, printers, domestics u. s. w., fast ganz verdrängt. Bagdad, im Mittelalter in der abendländ. Form auch Baidach genannt, Hauptstadt des asiat.-türk. Vilajets B., 763 gegründet; im 9. Jahrh. erhob sie Harun-al-Raschid zu hohem Glanze. War seither eine Hauptniederlage für arabische, indische und persische Erzeugnisse, sowie für europäische Manufaktur¬ waren, und versah Kleinasien, Syrien und einen Teil Europas mit indischen Waren, die, zu Basra eingeführt, den Tigris in Booten stromaufwärts und in Karawanen weiter nach Konstantinopel, Haleb, Damaskus und in die westlichen Teile Persiens gebracht wurden. B. selbst bringt Wolle zur Ausfuhr. Erzeugt werden seidene, baumwollene und wollene Stoffe, besonders Musseline, Taffete, Teppiche und Shawls. Wann der Anfang zu der im Mittelalter so mächtig aufgeblühten Seidenindustrie in B. gelegt wurde, ist nicht sicher bekannt ; es
46 Bagdalin—Baldachin. lässt sich nur aus einigen erhaltenen biographischen Daten (nach Karabacek: lieber einige Benennungen mittelalterlicher Gewebe) auf eine Bagdader Ko¬ lonie tusterischer Seidenweber schon im 10. Jahrhundert schliessen. (Kremer, Kulturgeschichte des Orients. Bel. 2. Wien 1877.) Bagdalin, früher ein in bunten Mustern gewebter Baumwollenstoff in persischem Geschmack, jetzt ausser Mode. BaggingS (engl.) oder Sackings, nach der Bezeichnung der schottischen Spinnereien, die groben Jutesäcke zur Verpackung von Baumwolle, während die feineren Hessians genannt werden. Die Bezeichnung ist auch auf die rohen (noch nicht zu Säcken verarbeiteten) Jutestoffe übertragen worden. Bagirmi, mohammedanischer Negerstaat im mittleren Sudan, dessen Ein¬ wohner als Weber und Färber sehr geschickt sind. Bagneres-de-Bigorre, Hauptstadt des Arrond. B. im franz. Departement Hautes-Pyrenes: Wollfabriken für Baregestoff, der hier vor alter Zeit seinen eigentlichen Ursprung hatte. Bagnols-Slir-Ceze, Hauptstadt des Kantons B. im Arrond. Uzes des französischen Departements Gard: Seidenspinnerei (jährlich für 600000 Frcs.), sowie Handel mit Seide. Baguette, s. Bay. Bahama, westindische Baumwollsorte. Bahia, Hauptstadt des Staates B. in Brasilien: Baumwollenwebereien, (seit 1867 ist hier die bedeutendste Spinnerei Brasiliens); Fabrikation von Jutewaren. B. ist auch Handelsname einer südamerikanischen Baumwoll¬ sorte. Bahn (franz.: lisse, auch le = Blatt, Bahn), ein in vollständiger Breite vorliegendes Stück Zeug. Baigues, geköperte Wollenzeuge aus Flandern. Bailleul, Hauptstadt der 2 französischen Kantone B.: Fabrikation von Spitzen, Zwirn und Leinwand. Baindix, türkische Baumwollsorte. Baize, s. Flanell. Bajaderen, französische allgemeine Bezeichnung für kleine leichte shawlsartige Tücher; auch leichte gemischte Zeuge für Frühlings- und Sommertracht. Bajota, grobe weisse Baumwollenzeuge, welche früher durch die holländiscli-ostindische Kompagnie in den Handel kamen. Bakewell, Stadt in der englischen Grafschaft Derby; Baumwollweberei. Baku, Hafenstadt in Transkaukasien auf dem Landstrich Schirwan, un¬ weit des kaspischen Meeres, nach welcher die in dem benachbarten Dorfe Amer-Adschan gefertigten Knüpfteppiche benannt werden; sie zeigen in der Borte meist schräg gestellte farbige Parallelstreifen. (Vgl. kaukasische Teppiche.) Balassoratücher, Balassores, Balazores; unter diesem Namen kannte man im englischen Handel einen zu Balassor in Ostindien aus dem Bast eines Baumes gewebten Stoff. Balastri heissen die besten in Venedig gewebten Draps-d’or. Balbriggan, Stadt in der irischen Grafschaft Dublin: Fabrikation von baumwollenen Strümpfen, Kattun und gesticktem Musselin. Balch, Stadt in der Landschaft B. im südlichen Turkestan: Hauptindustrie in Seidenstoffen. Baldachin (lat.: baldakinus; franz.: baldaquin; ital.: baldachino; engl.: baidachin), nach dem orientalischen Brokatstoff Baldacs (s. d.), woraus im frühen Mittelalter die Thronhimmel gebildet wurden, benannter Prachtüberhang für einen Altar, Thron u. dergl. Im gotischen Zeitalter findet der B. als fester von Säulen getragener Altarüberbau in der Architektur Verwendung und er¬ scheint auch in kleinerem Massstabe an Strebepfeilern als Schutzdach über Heiligenfiguren: Diese Darstellungen nimmt um 1500 die deutsche Bildstickerei und Bortenwirkerei zur Verzierung von Kaselstäben, Besätzen von Chormänteln u. s. w. auf. In das allgemeine Ornament geht der Baldachin zur Barockzeit über, wo er, ohne Säulen- oder Bogenstellungen, wieder aus dem Behangstoff
Baldachin—Baldacs. 47 dargestellt erscheint und auch als Webe- und Stickmuster an Tapetenstoffen und Pfeilerbehängen beliebt ist (s. a. Betthimmel). (Vgl. Abb. 35). Abb. 35. Abbildung: 35. Bettdecke nach einer Darstellung aus: Ornamentation Usuelle, I. anne, cahier 15 u. 16, Grundstoff Damast, Muster aus breitem und schmalem Band- und Litzenwerk auf¬ genäht: Symmetrischer Aufbau in Art einer Umrahmung, aus breiten Bändern, welche zu Voluten aufgerollt sind; darin die Darstellung eines aus Stoff gerafften Baldachins, dessen Entwicklung in Zusammenhang gebracht ist mit dem halbrunden Bogenabschluss der ganzen Umgebung. Erankreich Anfang 18. Jahrh. (Stil Marot: 1650—1712.) Baldacs (baldachino), meist mit Gold durchwirkter reicher Seidenstoff, im Mittelalter in Bagdad und Damaskus gemacht; aber auch aus Lucca kamen zahlreiche Nachbildungen.
48 Balingen—Bandanadruck. Balingen, Oberamtsstadt in Württemberg: Fabrikation von Trikots. Ballanca, schwarzwollener, mit Ziegenhaar vermischter Stoff aus Steier¬ mark zu Linz im Oesterreichischen. Ballen, Zähl- oder Stückmass: im Tuchhandel 12 Stück; auch eine gewisse Arerpackungsform, z. B. bei Baumwolle. Ballenstedt, Stadt in Anhalt: Teppichfabrik. Ballonstoffe bestehen aus sehr feinen und dichten Seiden- und Baum¬ wollengeweben von möglichst gleicher Fadenzahl in Schuss und Kette. Sie werden in vier bis neun Lagen über einander geklebt, damit sie die erforder¬ liche Dichtigkeit und Festigkeit erhalten. Balsthal im schweizerischen Kanton Solothurn; Fabrikation von Baum¬ wollenzeugen und Posamentierwaren. Balzorins, franz. Bezeichnung: 1. für leichte mit Ultramarin gedruckte Kattune und Musseline, 2. im allgemeinen eines offenen, gedruckten Gewebes mit seidener Kette und Kammgarnschuss. Bambagine, im italienischen Handel die Basinzeuge und die baumseidenen Gewebe. Bamberg, Stadt in Bayern: eine der grössten Baumwollenspinnereien Deutschlands mit 2400 Arbeitern, 125000 Spindeln, 2000 Stühlen, und Weberei, Seidenzwirnerei; Fabrik für Tuch, Wollzeug. Der Domschatz enthält wert¬ volle Reliquien (Mäntel) von Heinrich II. und seiner Gemahlin. Vgl. Pfister, Dom zu Bamberg (ebd. 1896). Bananenfaser, s. Manilahanf. Band (franz.: ruban; engl.: ribbon; span.: cinta, ruban; ital.: fettucie), Gewebe, welches sich durch geringe Breite im Verhältnis zur Länge auszeichnet und zum Binden, zum Besatz, zur Einfassung oder zum Aufputz dient. Der Qualität nach gehen die Bänder vom Einfachsten bis zur höchsten Luxus- und Modeware und sie werden aus Seide, Wolle, Kamelhaar, Baumwolle, Leinen und Gemischen dieser Stoffe hergestellt. Man webt die Bänder teils auf Posamentier¬ oder Bandwirkstühlen (an manchen Orten auch Bortenwirkerstuhl), teils auf dem sogenannten Mühlenstuhl oder der Bandmühle mit Schnellschützen, wobei eine grössere Anzahl von Bändern, auch in verschiedenen Mustern und Farben, gleichzeitig gewebt werden können. Für bunt gemusterte Bänder werden die Stühle auch mit der Jacquardvorrichtung versehen; dann aber können alle Gänge nur gleichartig gewebt werden. Viele Bänder werden noch zylindriert, moiriert und gauffriert (s. d.). Die Namen der Bänder richten sich nicht allein nach dem Material, aus welchem sie gemacht werden, sondern auch nach ihrer Breite, teils nach der Art des Webens, glatt oder gemustert, schliesslich auch nach ihrem Gebrauch. Die Hauptfabrikationsplätze für Bänder sind die Her¬ stellungsorte für Seidenwaren überhaupt: so werden seidene Bänder namentlich in Paris, Lyon, St. Etienne, am Niederrhein (besonders Sammetbänder), in Ki-efeld, Basel, Wien, leinene, baumwollene und wollene besonders in und um Elberfeld und Barmen, im sächsischen Erzgebirge, in Böhmen und dem übrigen Oesterreich gefertigt. (Vgl. Heiser u, Reintgen, Handbuch der Weberei, Bd. III: Bandweberei.) Bandagenstoffe, s. Verbandzeug. Bandanadruck, Bandatiasdruck, Bandanendruck (franz.: bandannes ; engl.: bandanoes), ein Verfahren des Zeugdruckes, bei welchem hellere Muster auf duukelm Grunde durch stellenweise Zerstörung des Farbstoffes mittels bleichend wirkender Agentien hergestellt werden. Dem Bandanadruck liegt dasselbe Prinzip zu Grunde, das in Ostindien und Japan für die Herstellung weisser Muster auf gefärbten Zeugen angewendet wird und darin besteht, dass die Stellen des Zeuges, die nicht gefärbt werden sollen, vor dem Einbringen in die Farbbrühe mit Bind¬ faden fest zusammengebunden und nachher gepresst werden, in welchem Zustande sie nichts von der Farbe aufnehmen. Das zuerst von Monteih in Glasgow zur Anwendung gebrachte, die Nachahmung der berühmten Bandanastücher be¬ zweckende Verfahren (vgl. Brandes Jour. 1823) unterscheidet sich von der einfachen orientalischen Methode im wesentlichen nur darin, dass die Pressung
49 Bandannos—Barbadoes. der von der Berührung mit Flüssigkeit freizuhaltenden Stellen der Zeuge durch bequem zu handhabende Pressapparate besorgt wird (vgl. Bandannos). Bandannos, Bandanoes, Bandanas, ostindische seidenartige Zeuge, welche aus den glänzenden Fäden einiger indischen Pflanzen verfertigt werden, die man wie den Flachs zubereitet; gewöhnlich sind sie dunkelgelb, braun oder rot gefärbt und mit hellgelben Mustern bedruckt (vgl. Bandanadruck). Bandannos heissen auch ostindische Schnupftücher von gleichem Stoff, welche auf braunem, rotem oder gelbem Grund mit weissen, gelben oder blauen Mustern gedruckt sind; ferner gibt es sogenannte türkischrote, baumwollene Bandanoestücher, geköperter Grund mit blauen und gelben Mustern, wie auch bunte, welche in den englischen Manufakturen nachgeahmt werden. Ehemals wurden letztere auch in sächsischen, preussischen und österreichischen Fabriken gemacht. Bändchenspitze s. Litzenspitze. Bändchenstickerei wurde am Ende des 18. Jahrhunderts in Deutschland, Spanien und Frankreich geübt: sie besteht aus ganz schmalen Seidenbändchen, welche aufgenäht oder auch durchzogen, in feinen bunten Streu- oder Rankenmustern die Flächen seidener weisser Tücher, Handtäschchen, Kostümteilen u. s. w. ver¬ zieren. In neuerer Zeit findet die Technik wieder vielfach Verwendung. Bandelier (lat.: baldrellus; franz.: bandouliere; engl.: baldier, baldrick), in früherer Zeit das über die Schultern gehende Wehrgehänge, an welchem ein Schwert, Dolch, Jagdhorn oder auch die Pulverfläschchen hingen; heute beim Militär der Ledergurt, woran der Säbel getragen wird, auch der Postillon trägt sein Horn am Bandelier: einer geflochtenen, wollenen, dicken Schnur. Das AVort soll durch Pyrenäenräuber des 16. Jahrhunderts, die sich Bandouliers nannten, in Gebrauch gekommen sein. Banderoles, s. Beuteltuch. Bandes, Bandelettes, in Frankreich leinene oder Garnbänder. Bandmacherstuhl (franz.: metier älabarre; engl.: bar-loom), Bandmühle, Mühlstuhl, ein zur gleichzeitigen Herstellung einer grösseren Zahl von Bändern benützter Webstuhl. Die Erfindung der Bandmühle wurde von einem Holländer gegen Ende des 16. Jahrhunderts gemacht, in verschiedenen Ländern anfangs verboten, um die Handarbeit nicht zu verdrängen, allein nach und nach immer mehr benutzt und vervollkommnet. Bandmühle, s. Bandmacherstuhl. Bandmuster 8 Flechtband. Bandwirkerrahmen, Bandrahmen, ist ein Rahmen am Bandstuhl, in dem die zur Aufwickelung der fertigen Bänder dienenden Bandrollen liegen. Banjaluka, Hauptstadt des Kreises B. in Bosnien: Tuchfabrikation. Banner (lat.: banneria; franz.: banniere: engl.: banner), im Mittelalter jede quadratische Fahne mit Wappen als Feldzeichen der Ritter; später entsteht das Banner, indem der Stoff (sog. Fahnentuch) an einer mit dem Schaft ver¬ bundenen Querstange befestigt wird. Banner und Fahnen haben für die Textil¬ kunst eine Bedeutung wegen der auf ihnen von frühester Zeit an dargestellten Zeichen oder Muster in Weberei oder Stickerei, worin sich besonders diejenigen für kirchliche Zwecke (Prozessionsbanner), Zunft- und Städtebanner auszeichneten. In der Renaissancezeit wählte man zur Darstellung der Muster gewöhnlich die Technik der Aufnäharbeit (s. d.), weil die durch sie geschaffenen breiten Flächen am ehesten weithin dekorativ wirken; auch heut wird die Applikation meistens zum Banner- und Fahnenschmuck verwendet. Bantine, (sede), Rohseide aus Genua. Bapaume, Hauptstadt des französischen Departements Pas de Calais im Arrond. Arras: bedeutende Textilindustrie. Baquiers, geringste Gattung des Baumwollengarns, welches von Smyrna in den Handel kommt. Baranjen, Baranken, s. Astrachan. Baras oder Rapper, geringe Packleinwand aus Wergflocken, die in Böhmen und auch im Erzgebirge gemacht wird. Barbadoes, westindische Baumwollsorte. . Heiden, Handwörterbuch der Textilkunde. 4
50 Barbe—Barege Barbe oder Barbet (von barbe = Bart), ältere Spitzengarnitur, welche an den Seiten des Gesichts bis an das Kinn und darunter ging. (Vgl. Abb. 36.) Abbildung: 36. Originalaufnahme aus dem Königl. Landesgewerbemuseum in Stuttgart: Barbe, Nadelarbeit in weissem Leinen. Frankreich (Alengon) zweite Hälfte 18. Jhrdts. Barbezieux, Hauptstadt im französischen Depart. Charente: Leinwandfabrikation. Abb. 36. Barcelona, Hauptstadt der spanischen Provinz B.: wichtigster Hafen- und Handelsplatz von Spanien, schon im Mittelalter bedeutend für den Handel im Mittelmeer. Hauptzweig der Industrie ist die Verarbeitung der Baumwolle (jährlich 250 000 Ballen). Ausserdem bestehen 1400 Webstühle für Seide, etwa 2000 für Schafwolle; Färbereien, Druckereien. Im Mittelalter ist Barcelona der Hauptsitz spanischer Seidenweberei, es tritt mit dem 1282 eroberten Sizilien in regen Verkehr und bezieht von ihm das Rohmaterial in grösseren Mengen. Barcelona, Baumwollsorte aus Columbia. Barcelonnette, Hauptstadt des Arrond. B. im franz. Depart. Basses Alpes: Manu¬ fakturen für Tuch- und Seidenwaren. Barchent, Barchet, Parchent, (franz.: futaine; ital.: fustagno ; engl.: fustian und dimity), dichtes, festes Köpergewebe aus Baum¬ wolle oder aus Leinen und Baumwolle. Je nach der Beschaffenheit der die rechte Seite bildenden Oberfläche des Gewebes untei’scheidet man glatte und gerauhte B.’s. Die ersteren sind so belassen, wie sie vom Stuhl kommen, bei den anderen werden die freiliegenden baum¬ wollenen Einschussfäden gerauht und nach einer Richtung gestrichen, wodurch eine faserige flaum- oder wollartige Oberfläche entsteht, die den Stoff wärmehaltender macht. Der glatte B., Bett- oder Futterbarchent, kommt roh und gebleicht vor, weiss oder mit Schuss von gefärbtem Baumwollengarn; rauher B. (franz.: futaine ä poil; engl.: top), roh, gebleicht oder schwarz gefärbt, dient zu Wachstuchdecken mit weicher Unterseite; Kleider- oder Pelzbarchent, meist ganz Baumwolle, mit weicherer Haarschicht, in ver¬ schiedener Feinheit und Schwere. Schnürb a r c h e n t ist geriffelt; Piquebarchent sieht wie mit würfligen oder anderen Mustern gesteppt aus. Bardwan, Distrikt der Division B. in der indobrit. Präsidentschaft Bengalen: Erzeug¬ nisse von Baumwolle und grober Seide. Barege, ursprünglich halboffener musselinartiger Stoff in Kette und Ein¬ schlag von Wolle, hat seine Entstehung in dem Dörfchen Auzons in den oberen Pyrenäen. Schon vor Jahrhunderten trugen dort die Frauen bei einer Taufe oder Trauung eine Kappe davon, die bis an die Ferse in Gestalt eines Sackes herunterhing. Als die Bewohner des Tales Bagaeres de Bigorre sich dieses Industriezweiges bemächtigten, gaben sie dem Zeuge den Namen Bagnos; allein
Bareges—Barockstil. 51 diese Bezeichnung wich später dem alten Barege. Der beste Stoff dieser Art wurde im Dorfe Luz im Tale von Barege verfertigt. Vor der hohen Ausbildung der Kammgarnspinnerei auf Maschinen blieb der B. ziemlich teuer. In Paris wurde er ziemlich früh nachgeahmt; aber die Kette war Seide und der Ein¬ schlag Kammgarn. In Nimes wurde B. noch billiger hergestellt durch Ver¬ wendung von baumwollener Zwirnkette und später wird er in vielen Fällen durch den Musselin ersetzt. In neuester Zeit besteht B., als sehr leichter Kleider¬ stoff, gazeartig gewebt, aus feiner Rohseidenkette und Kammgarnschuss. Bareges, Ort im Kanton Luz im Arrond. Argeies des franz. Depart. Hautes-Pyrenees mit wichtigen Fabriken von Baregestoffen. Baret, Barret, ist der Name von ursprünglich gestrickten und festgewalkten, wollenen Mützen, welche im 15. und 16. Jahrhundert die Ratsherren und Geist¬ lichen der meisten deutschen Städte trugen und welche später aus Seide und anderen Stoffen gemacht wurden. Die Anfertigung eines solchen Baretts von runder Form mit einem breiten runden oder achteckigen Deckel gehörte früher zu den Aufgaben für das Meisterstück eines Strumpfwirkers. Barfoul, baumwollener Stoff, der im afrikanischen Handel vorkommt und von einigen Negerstämmen durch die Europäer gegen Stangeneisen und Kurzwaren eingetauscht wird. Barhana, schlechteste Sorte von Smyrnateppichen, welche in Uschak erzeugt werden; die Echtheit ihrer Farben ist zweifelhaft. Bariga, s. Seide. Barking, Stadt in der engl. Grafschaft Essex: Jutefabrikation. Bar-le-Duc, Hauptstadt des franz. Depart. Meuse: Grosse Baumwoll¬ spinnereien. Barmen, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Düsseldorf; eine der grössten Industriestädte Deutschlands. Die Hauptindustrie (Herstellung von Bändern, Kordeln, Litzen, Spitzen aller Art und aus allen Stoffen: „Barmer Artikel“) beschäftigt in etwa 900 Betrieben rund 20000 Arbeiter. Ferner bestehen Färbereien und Appreturanstalten, Garnbleichen, Türkischrotgarn- und Stück¬ färberei, Garnfabriken, mechan. Webereien, Fabriken für Tapisserie-, Möbelund Dekorationsfransen und Besätze, Trikotwaren, seidene und halbseidene Tücher, Schnürlochaugen, Teppiche, Zanella, Lastings und andere Futterstoffe. Die Zahl der Band- und mechan. Webstühle für breite Waren beträgt mehr als 10 000. Die Seidentrocknungsanstalt von Elberfeld-Barmen konditioniert jährlich etwa 600000 kg. Seide. B. wird zuerst im 11. Jahrhundert als Barmont erwähnt; bis zum Ende des 17. Jahrhunderts bestand es nur aus Bauernhöfen, deren Bewohner sich aber seit dem 15. Jahrhundert schon mit der Bleicherei, dem ersten Anfänge industrieller Betriebsamkeit im Tale beschäftigten; 1606 bestan¬ den 77 Bleichen; Band- und Leinwandbereitung fand nachweislich im Anfang des 16. Jahrhunderts statt. Seit dem Anfang des 18. Jahrhunderts kam Färberei und Verwendung von Wolle, 1750 Spitzen- und Kantenweberei, Seiden¬ fabrikation u. s. w. hinzu, welche die unter Ludwig XIV. verfolgten französischen Protestanten hier heimisch machten. Von grossem Einfluss für die Entwicklung der Textilindustrie B.’s war die 1821 erfolgte Einführung der Jacquardwebereien und die zu Anfang der fünfziger Jahre des 19. Jahrhunderts erlangte Vervoll¬ kommnung der Flechtmaschinen, die Erfindung des Eisengarns u. s. w. Die Preussische Höhere Fachschule für Textilindustrie (Direktor: Albert Oettel), seit 1900 bestehend, bildet in ähnlicher Weise wie Aachen, Kräfte für Weberei, Klöppelei, Spitzenfabrikation, Stickerei und Besatzkonfektion aus. Sie enthält Fachateliers für Musterzeiebnen u. s. w. sowie eine Abteilung für Färberei. B. ist Sitz der 4. Sektion der Rheinisch-Westfälischen Textil-Berufsgenossenschaft. Barnsley, Stadt in der engl. Grafschaft York: Hauptsitz der Leinen¬ fabrikation ; Bleichen und Färbereien. Barnstaple, Municipalborough der engl. Grafschaft Devon: Fabrikation von Serge, grobem Tuch und Spitzen. Der Handel und die Wollwarenfabrikation ist in neuerer Zeit zugunsten von Bideford zurückgegangen. Barockstil bezeichnet in der allgemeinen Kunstrichtung die Zeit des 17.
52 Barockstil. und Anfang des 18. Jahrhunderts und zwar nicht einen Hauptabschnitt in der Entwicklungsgeschichte ihrer Formenwelt, sondern eine Kunstweise, in welcher die auf Grundlagen griechisch-römischer Anschauungen aufgebaute Renaissance ausklingt in eine Entartung zum Naturalismus. Der Ausgangspunkt ist Italien, wo schon nach der Mitte des 16. Jahrhunderts sich eine freiere Dichtung Bahn bricht, die im Zusammenhänge steht mit dem Bestreben der Zeit, den alten Bann der Ueberlieferung zu sprengen und den Blick auf die unendliche Mannigfaltig¬ keit des wirklichen Lebens zu lenkeu. Die Architektur bringt das Wesen dieser Epoche dadurch zum Ausdruck, dass sie die früher knapp bemessenen GrundAbb. 37. formen des Gesamtaufbaues allmählich auflöst und sich in Einzelheiten begibt, wodurch das Ganze in breiteren Linien an malerischer Wirkung gewinnt. Die Formensprache der Kleinkunst schliesst sich später dieser Richtung an, das Bereich des Elächenmusters erweitert sich dementsprechend. Im textilen Orna¬ ment bleibt für das Tapetenmuster Italiens zunächst noch das Motiv der Yase (s. d.) geltend (vgl. Abb. 87), welcher ein Blütenstrauss entsteigt. Auch die Einschliessung dieser Mittelfigur in ein annähernd spitzovales Feld geschieht noch durch Blattwerk, welches Kronen verbinden; aber dem Ganzen fehlt doch der feste bestimmte Grundzug einer Elächenteilung der eigentlichen Renaissance. Haltbarer im Zusammenhänge erscheinen in der Zackenspitze (Abb. 38) durch die Technik der Klöppelarbeit dieselben Motive, welche übrigens auch in Spanien Eingang gefunden hatten; doch wie weit haben sich die Einzelheiten von ihrem ehemaligen ornamentalen Wert entfernt! (Vgl. den Artikel Kronen im Stoff¬ muster.) Das Motiv der Zackenspitze an sich wird wiederum aufgenommen zur Bildung lambrequinartiger Felder (Abb. 39), in demselben Stoff ist das Vasen-
Barockstil. Abb. 38. Abb. 39. 53
54 Barockstil. motiv an den Sträussen mit Vögeln, welche Borten bilden, kaum noch erkenn¬ bar, und so verflachen sich selbst in Italien die Muster, welche ehedem den feinsinnigsten Beobachtungen antiker Elemente ihre Entstehung verdanken. In Spanien vollzieht sich der Uebergang zum Naturalismus im Stoffmuster lang¬ samer. Die im ganzen strenger angelegte Formenwelt, mehr oder weniger noch mit maurischen Elementen durchsetzt, lässt sich nicht so ohne weiteres in neue Bahnen lenken, wie die weicher behandelten italienischen Motive. (Vgl. Abb. 40.) Wenn auch die breit angelegten Flächen im Blattwerk und in den palmetten¬ förmigen Blüten dem malerischen Zuge der Zeit zu folgen scheinen, so zeigen die gewürfelten dicken herzförmigen Blätter und das Umschalten zwischen Grund und Muster in der Wiedergabe der Zeichnung, wie man bei allem Streben barock zu erscheinen, doch noch am Alten hängt. Selbst die seitliche Begleitborte verAbb. 40. mag ihre alte arabische Herkunft nicht gänzlich abzustreifen. Schneller folgt die Handarbeit einer neuen Mustergebung, so dass z. B. die spanischen Platt¬ stichstickereien jener Zeit schon schwer von den italienischen und deutschen Arbeiten zu unterscheiden sind; nur ganz bestimmte technische Merkmale (vgl. den Artikel Stickerei) können da den Ausschlag geben. D eu t s ch 1 an d schliesst sich zunächst dem italienischen Charakter dieser Zeit an. Vortreffliche Muster jener Art finden sich in der Kanevasstickerei (s. d.), welche am Anfang des 17. Jahrhunderts für grössere Schutzdecken, Stuhlkissen und -Bezüge gearbeitet wurden. Dem hier gegebenen Beispiel (vgl. Abb. 42) ist der Ausdruck der Zeit deutlich aufgeprägt. Den Bändern, welche die Felder bilden, ist eine dezente Schattierung gegeben: sie erinnern an das beliebte breite Bahmenwerk. Der palmettenartigen Füllung haftet nur noch weniges der Renaissance an: breite Kelchformen und gerolltes Blattwerk geben ein selbständiges Motiv ab, das dem geteilten Grundstoff in jeder Weise angepasst ist. Frankreich macht sich in
Barockstil. 55 dieser allgemeinen Bewegung der Barockzeit unabhängig. Unter Ludwig XIII. (1610—1643) fallen zwar italienische Einflüsse allgemeiner Art auf; indessen schlägt die Textilkunst bald andere Wege ein, welche zum vollständig freien Naturalismus führen, wozu die holländischen Verbindungen wesentlich beitragenv Abb. 41. Abb. 42. weil durch sie die Vermittelung exotischer Pflanzen möglich wird, deren Formen und Earbenreize derartig begeistern, dass mit ihrer Verwendung eine neue Art der Mustergebung für die Textilkunst einsetzt und auch in der späteren fort¬ schreitenden Entwickelung massgebend wird. (Vgl. den Artikel Ananas und
56 Barr—Barroches, und Abb. 20.) Die Bezeichnung der Stilarten geschieht von dieser Epoche ah in Frankreich nach den regierenden Königen, so dass der sogen. Barockstil unter Louis Treize und Louis Quatorze (1643—1715) fällt. Von grossem Einfluss für das allgemeine Ornament der Zeit wird die Tätigkeit der französichen Zeichner: Jean Lepautre (1618—1682), Le Brun (1619—1690), Jean Berain (1638 —1711), Daniel Marot (1650—1712), Charles Boulle (1647—1732), doch bleibt das Ge¬ webemuster davon unberührt, vielmehr erstreckten sich deren Entwürfe nur auf Erzeugnisse der Wirkerei und Stickerei grösserer Art, welche mit der Innen¬ dekoration im Zusammenhänge stehen: wie der Gobelin mit Grotesken (s. d.) von Berain, grosse Decken mit Aufnäharbeit (s. Abb. 35) im sogen. Kurvenstil (s. d.) von Marot u. s. w. (Vgl. darüber auch die Artikel der Techniken im Einzelnen und den Artikel Frankreich.) Abbildungen: 37. Originalaufnahme aus dem Königl. Landesgewerbemuseum in Stuttgart: Gewebte Seidentapete, Grund gelbgrüner Atlas, symmetrisches Muster blaugrüner Kips: hochstehende acanthusartige Blätter sind durch Kronen verbunden und bilden Felder, in welchen je eine gebuckelte Vase mit einem Strauss aus Blattwerk und Blüten; da¬ zwischen Vögel. Italien Ende 17. Jahrh. 38. Geklöppelte Zackenspitze nach einer Darstellung aus: Dr. M. Dreger, Ent¬ wickelungsgeschichte der Spitze, Wien 1901, Blatt 27. Das Muster besteht aus Vasen mit einem Blütenstrauss; dazwischen Kronen. Italien oder Spanien 17. Jahrh. Original im K. K. Oesterreichischen Museum für Kunst und Industrie in Wieu. 39. Originalaufnahme aus dem Königl. Landesgewerbemuseum in Stuttgart: Seidenbrokatgewebe, Grund grüner Rips, abgepasstes Muster gelblich weiss, leicht mit Silberlahn durchwirkt: Borten, abwechselnd mit lambrequinartigen Feldern aus breitem Blatt- und Blütenwerk und mit Blütensträussen und Vögeln am vasenartigen Unterteil; dazwischen Borte mit Nelkenrosetten an welliger Ranke. Randborte aus gewebten Bogenfeldern. Italien 17. Jahrh. 40. Originalaufuahme aus dem Königl. Landesgewerbemuseum in Stuttgart: Ge¬ webte Seidentapete auf Baumwollkette (sogen. Brokatelle), Grund gelb, in Köper¬ bindung, symmetrisches Muster Atlas: Breites Blattwerk und Palmettenblüten sind in dichten Reihen geordnet; innerhalb einzelner Formen ausgesparte Flächen mit ge¬ würfeltem Muster. Seitliche Abschlussborte, welche kennzeichnet, dass der Stoff als Tapete in einer Bahnbreite benutzt wurde, welche mit Holztäfelung ab wechselte. Spanien Anfang 17. Jahrh. 41. Plattstichstickerei nach einer Darstellung aus: Musterblätter für künstlerische Handarbeiten, Nr. 63. Illustrierte Frauen-Zeitung, Berlin 1895. XXII. Jahrg. Heft 13. Das Muster, auf grünem Seidengrunde in bunter loser Seide ausgeführt, besteht aus Blütenranken, welche symmetrisch geordnet in Bogenstellungen abgeschlossen sind. Spanien Ende 17. Jahrh. 42. Originalaufnahme aus dem Königl. Landesgewerbemuseum in Stuttgart: Stickerei auf Kanevas in farbiger Wolle und etwas Seide, Muster auf weissem Grunde aus Bändern, welche Felder bilden, in deren je eine palmettenartige Füllung aus Blatt¬ werk. Süddeutschland 17. Jahrh. Barr, Stadt in Elsass-Lothr.: Fabrik von Haarnetzen, Socken, Kunstwolle; grosse Färbereien. Barrage, gemusterte Leinewand zu Tischzeug, welche in Frankreich gewebt wird. Barragones, dichter geköperter Baumwollenstoff, eine Art glatter Man¬ chester, mit ganz schmalen Streifen, welcher sowohl weiss gebleicht als schwarz gefärbt, zu Beinkleidern verbraucht wurde. Der Stoff wird heut nach Buckskinmustern hauptsächlich in der sächsischen Lausitz und Böhmen unter dem Kamen Hosenzeuge gemacht. Barrakan, (arab.) s. Berkan. Barrangan (Barakan, Bakeram), wollenes Gewebe, das im Mittelalter sehr gebräuchlich war und besonders gut in Regensburg hergestellt wurde. Barras, s. Packleinwand. Barroches, feine rohe Kattune, eine der besonderen Sorten ostindischer Baftas, welche die Engländer und Franzosen aus Surate nach Europa brachten; sie haben ihren Namen von der Stadt Baroche oder Baroach.
Bar-sur-Aube—Bastancini. 57 Bar-Slir-Aube, Hauptstadt des Arrond. B. in der Champagne: Baum¬ wollenweberei; lebhafter Hanf- und "Wollhandel. Bärteltuch, das dem ersten Scheren unterzogene Tuch. Barutine, Barutinseide, eine Art levantinischer Seide, die man von Barut über Smyrna und Said nach Livorno und Marseille bringt. Sie wird zu Trame und meistens in Tressenfabriken verarbeitet. Basane (franz.), ein pelzähnliches Gewebe. Basel, Hauptstadt des Halbkantons Basel-Stadt: seit Jahrhunderten eine der wichtigsten Fabrikstädte und die erste Handelstadt der Schweiz. Die Seidenbandweberei, welche seit etwa 200 Jahren fabrikmässig betrieben wird, beschäftigt in der Stadt allein 8000 Arbeiter und 1600 Stühle. Auch Seiden¬ spinnerei, -Zwirnerei und -Färberei werden betrieben. Basford, Stadt in der engl. Grafschaft Nottingham: Hauptplatz der Spitzen- und Strumpffabrikation aus Baumwolle; Spinnerei und Bleicherei. Basin, Bazin, ein ganz aus Baumwollengarn mehrschäftig gewebter oder geköperter weisser Stoff, der dem sogen. Dimity ähnlich und entweder glatt oder mit kleinen schmalen Streifen, teils ohne Streifen und auf der einen Seite aufgekratzt, teils piqueartig wie Barchent gemustert ist. Basin royal, feiner weiss gestreifter Zwillich, ganz aus Leinengarn gefertigt, meist sächsisches Fabrikat. Basmas, dichter, feiner leinwandartiger Stoff aus der Türkei. Basra oder Bassora, jetzige Hauptstadt des asiat.-türk. Yilajets B., 635 n. Chr. angelegt, um den Persern die Verbindung mit dem Meere ab¬ zuschneiden , sowie um einen Hafenort und Schlüssel zum Euphrat und Tigris zu gewinnen; gelangte als Handelsplatz indischer und arabischer Waren für die Kalifenstadt Bagdad zu grossem Wohlstände. B. wird als vielbesuchte Stätte für den Seidenverkehr im 7. und 8. Jahrhundert genannt: hier war es zuerst, dass gegen das deutlich ausgesprochene Verbot des Propheten ein Araber seidene Kleider anzulegen wagte. (Vgl. Karabacek. Ueber einige Benen¬ nungen mittelalterlicher Gewebe, Wien 1882. S. 18.) Basselissestuhl, im weiteren Sinne ein Webstuhl mit nahezu horizontaler Kette, im Gegensatz zum Hautelissestuhl (s. d.), bei dem die Kette in vertikaler Richtung aufgespannt ist; daher Basselisse- (niederschäftige) Weberei, im Gegen¬ sätze zur Hautelisse- (hochschäftige) Weberei. Im engeren Sinne ein zur Herstellung von Teppichen, Gobelins und dergl. gebräuchlicher Webstuhl (s. Bild¬ wirkerei.) Bassinas, bassines, pelettes, tetelettes, heisst in Frankreich der Abfall beim Abhaspeln der Seide, der die innere pergamentartige Haut der abgehaspelten Kokons darstellt, woraus später die Florettseide gemacht wird; er kommt unter den Namen ricotti, wading, neri, Galletame, Basinetto u. s. w. in den Handel und wird von Italien, China und Japan geliefert. Bassines nennt man in Frankreich die Taffetbänder. Bast (franz.: über; engl.: bast; ital.: libro; span.: librillo), Baumbast, die dünne und zähe Haut oder Schale der Bäume, welche sich zwischen dem Splint und der äusseren harten Rinde befindet. In Ostindien wird B. zu feinen Geweben benützt, nachdem man ihn wie Flachs geschlagen, geröstet und gesponnen hat. Diese Zeuge haben wegen des starken Glanzes der Bastfasern viel Aehnlichkeit mit der Seide; sie kommen, meistens braun und dunkelgelb gefärbt, auch mit Seidenfäden vermischt, unter verschiedenen Benennungen nach Europa; die bekanntesten Arten sind Biambonnees, Cherquemolles, Foulas, Fontalonges, Nillas, Pinasses, Romais. B. heisst auch ein gestreiftes oder gewürfeltes Zeug, dessen Kette aus ungekochter Seide und dessen Einschlag aus Baumwolle besteht. Ausserdem kommt unter B. ein geköperter, sehr glanzreich appretierter Baumwollenstoff vor, auf dessen rechter Seite die Kette zu drei Vierteln über dem viel gröberen Einschlag frei liegt. Bastancini, feine und dünn gewebte, weiss gebleichte Leinen aus Böhmen und Schlesien, welche früher für den italienischen Handel gefertigt wurden: sie sind den klaren Schleiern ähnlich appretiert, steif gestärkt und gebläut.
58 Bastard-Atlas—Batist. Bastard-Atlas ist fünfbindiger A. Bastarde oder Batarde, in Frankreich eine unechte Sorte der Vigogne¬ wolle. Die schwarze Wolle welche von Aleppo nach Marseille gebracht wird, führt denselben Namen. Bastard-Sammet, früher Bastersammet genannt, Mittelgattung des S., der feiner als Plüsch und gröber als kurzer S. ist. Bastband, in der Weberei ein bandförmiges Fadengebilde, das durch Zusammenkleben von baumwollenen, nach Art der Kettenfäden in der Weberei angeordneten Gespinstfäden gebildet ist; diese Fäden haften also nur durch ein Klebemittel zusammen, nicht durch Einscblagfäden. Das B. zum Zusammen¬ binden verwendet, ersetzt so die aus natürlichem Bast hergestellten Streifen, die Bindfäden und andere biegsame Gebilde. Bastseide, ostindische, s. Tussah. Bataloni, im levantiner Handel die in Natolien gefertigten gemischten Ge¬ webe, deren Kette von Hanf-, der Schuss von Baumwollengarn ist; meistens, sind sie hellblau gefärbt. Batavia oder Kasimir, gleichseitiger, zweiseitiger oder Doppelköper; er nimmt seinen Anfang bei dem Vierbinder und kann nur, da stets die Hälfte Kette und die Hälfte Schuss auf jeder Warenseite liegen muss, in allen geraden Zahlen als Bindung ausgeführt werden: die Webart findet in allen Stoffarten Anwendung und es gibt ausser dem glatten ungemusterten B. auch solchen mit Streumuster in Broschierung. Batik (malayisch), (Batek- oder Battik-Sarongs, Battikdruck, Baktinieren), ein seit alter Zeit auf Java heimisches Verfahren, Baumwollenstoff zu mustern. Der Arbeiter träuft aus einem, etwa wie ein winziges Teekännchen geformten Instrument flüssiges Wachs nach Vorschrift der Patrone auf den weissen Stoff, welcher dann in die Farbenküpe kommt und die Farbe nur aut den ungedeckten Stellen annimmt; das Wachs wird hierauf ausgeschmolzen. Das Verfahren kann mehrmals ausgeführt werden, doch kommen in der Regel nur die Farben Blau und Braun, in neuerer Zeit auch Orange, zur Anwendung. In neuester Zeit ist diese Technik durch Arts and Crafts, im Haag, weiter aus¬ gebildet worden. In den Werkstätten zu Apeldoorn werden B. in Seide, Sammet, Baumwolle, Leder u. dgl. hergestellt. Man überträgt die Zeichnung auf den Stoff, gibt die Umrisse mit Wachs an, füllt die Teile, die ungefärbt bleiben sollen, in der alten Weise mit warmem Wachs und bringt den Stoff ins Farben¬ bad. Dieses Verfahren wird so oft wiederholt, bis alle gewünschten Farben an¬ gebracht sind. Zuletzt wird das Wachs durch eine Flüssigkeit entfernt. (Vgl. Rouffaer u. Juynboll, die indische Batikkunst und ihre Geschichte. Haar¬ lem 1899.) Batist (franz.: batiste; ital. und span.: battista; engl.: cambric; veralteter Name Kammertuch), (nach Einigen von dem indischen Wort Baftas (s. d.), nach Anderen von dem Namen des angeblichen Erfinders Baptiste Chambray, eines flandrischen Leinwebers im 13. Jahrhundert, herzuleiten), die feinste Leinwand, halb durchsichtig und doch dicht aus dem feinsten Flachsgarn (rame) gewebt, das für die besten Sorten nur mit der Hand gesponnen wird aus Garnen des schönsten und längsten belgischen Flachses. Die Verarbeitung des möglichst fein und gleichmässig gesponnenen Garnes geschieht ungebleicht auf gewöhnlichen Leinwebstühlen. Es geschah früher in kühlen, feuchten Räumen, um den Faden geschmeidig zu erhalten; jetzt erreicht man jedoch durch Schlichten das gleiche Resultat mit Vermeidung jeder gesundheitschädlichen Wirkung. Man unterscheidet drei Arten von Batist: den klaren oder leicht gewebten (batiste claire), die zweite Sorte, fester geschlagen (demi claire) und von stärkerem Garn, die dritte Sorte (batiste hollandee) dicht und kernig gewebt, so dass die Fäden fest anschliessen. Eine verwandte Art ist die sogenannte Batist¬ leinwand, die durch stärkei’e Fäden und grössere Dichtheit den Uebergang zur gewöhnlichen Leinwand bildet. Seit Jahrhunderten wird die eigentliche Batistweberei in Frankreich und im heutigen Belgien betrieben. Den schönsten B. von ausserordentlicher Feinheit liefern noch heute die französischen Städte
Batist a libret—Baum als Stoffmuster. 59 Arras, Bapaume, Cambrai, Lille, Peronne, St. Quentin, Troyes, Yalenciennes, sowie die Provinz Brabant, besonders Nivelles; indes bat der echte B. durch die zunehmende Fabrikation ähnlicher Gewebe in Baumwolle beträchtlich an Bedeu¬ tung verloren, während Batistleinwand grösseren Absatz findet und ausser in Frankreich und Belgien auch in England und Irland, Böhmen, Schlesien, Sachsen, und Westfalen (Bielefeld) hergestellt wird. Der schottische B. (Batistmusselin), so genannt, weil die Fabrikation desselben von Schottland ausging, ist ein feiner, batistartig gewebter Baumwollenstoff, jetzt vorzüglich in England, Frankreich, der Schweiz, in Böhmen und im sächsischen Vogtland erzeugt, der infolge der Gleichmässigkeit des Maschinengespinstes ein schöneres Aussehen als selbst der echte B. hat, weniger haltbar, aber auch weit wohlfeiler als dieser, daher sehr beliebt ist und als Kleiderstoff mit feinen Mustern bedruckt wird. Batist ä libret, s. Schleier. Batist Lappet, feines Baumwollengewebe, im Grunde mit Leinwand¬ bindung. Dasselbe wird mit Sticklade gemustert, d. h. es werden stärkere Fäden hin und her geführt und nach Plan des Musters in das Grundgewebe eingebunden. Batiststickereien als ausgenähte Nachahmungen von Rokokospitzen, wurden im Anfänge des 18. Jahrhunderts im ganzen Norden Deutschlands, besonders in Dänemark, hergestellt und erhielten sich bis ins 19. Jahrhundert. In abweichen¬ den Mustern der Spitze enthalten sie auf dreieckigen Kopf- oder Nackentüchern die reizvollsten Blütenformen und Ranken, welche für Gardinenweberei und son¬ stige transparente Füllungen gutes Material bieten. (Vgl. Abb. 43.) Abbildung: 43. Batiststickerei nach einer Darstellung aus: Heiden, Musteratlas, Blatt 13, Leipzig 1896. Borte eines dreieckigen Nackentuches, weiss in Weiss, z. T. durchbrochen gestickt. Deutschland Anfang des 18. Jahrhdts. Original: Königl. Kunstgewerbe¬ museum, Berlin. Batley, Fabrikstadt in der englischen Grafschaft York: Hauptsitz der Shoddymanufaktur und der Fabrikation grobwollener Stoffe. Batnas, dreifarbige Kattune aus Oesterreich; wahrscheinlich ist die Be¬ zeichnung aus Patnas, einer kalikoähnlichen Sorte Stoff, entstanden. Baubayna (lat.), alte Bezeichnung für eine Art Baumwollenstoff, vielleicht gleichbedeutend mit dem modernen Bombasin (s. d.). Bäuchen, Bücken, Bauchen, Büchen, das Abkochen leinener und baum¬ wollener Garne als vorbereitende Prozedur für das Bleichen in schwachen Laugen, Seifenlösungen, behufs Entfernung der Protein- und Eiweissstoffe, der Fette; überhaupt das Bleichen siedender Substanzen. Bauderoux, eine Art gemalter ostindischer Schnupftücher, welche die Franzosen früher nach Europa brachten. Bauernstickerei, s. Volkskunst. Bauge, Hauptstadt des Arrond. im franz. Depart. Maine et-Loire. AVollund Leinenfabrikation. Bauhiniafaser = Aptä, Bast der Stämme mehrerer ostindischer Bauhiniaarten, tief rotbraun, sehr fest und zähe, biegsam: Material für Seile, Taue, Netze und grobe Gewebe. Baum als Stoffmuster ist im frühen Mittelalter mit den ornamentalen Tierformen aus dem Altertum übernommen, wo die Assvrer das Motiv als Baum des Lebens schon künstlerisch verwertet haben. (Abb. 31.) Eine symbolische Be¬ deutung des heiligen Baumes liegt auch noch der Darstellung zugrunde in dem unter Nr. 44 abgebildeten runden Aufsatzstück eines koptischen Gewandes, worin nach christlicher Anschauung der Baum einer Aschenurne entsteigt, über welcher sich zwischen den Zweigen der auferstandene Genius erhebt. Die zu den Seiten der Vase (s. d.) stehenden Hirsche (vgl. den Artikel Tiere im Stoffmuster) dürften auch in Nachahmung orientalischer Vorbilder des 6.—8. Jahrhunderts, aber im biblischen Sinne zu deuten sein. Die orientalisch-byzantinische Kunst des frühen Mittelalters fasst den Baum vollständig als Ornament auf, lässt ihn indessen noch in ganzer Darstellung hinter den grossen Tierfiguren, inmitten
60 Baum als Stoffmuster. eines grossen Kreises oder frei dahinter aufwachsen: also wieder in ähnlicher Weise wie auf den uns erhaltenen assyrischen Reliefs (vgl. Abb. 27). In gleicher ornamentaler Darstellung erscheint der Baum als Mitte eines grossen Kreisfeldes auf frühmittelalterlichen Geweben des Orients oder solchen aus Byzanz, (vgl. die Abbildungen 4, 7 auf Tafel I, Abb. 2 auf Abb. 43. Tafel II) und als gleichzeitige Nadelarbeit das kleine runde Aufsatzstück eines koptischen Gewandes (Tafel I, Abb. 2); ferner als Vorläufer dieser Muster die nach assyrischen Reliefs abgebildete Borte in Abb. 29. Schon als nebensächlicheres Motiv erscheint der Baum auf den sassanidischen und byzantinischen SeidenstofFmustern mit den Reiterfiguren (s. d) (in der Abb. 1 auf Tafel II, wo von ihm nur noch die als Palmette ausgebildete Spitze und die um¬ gestalteten Keimblätter des Fusses übrig geblieben sind. Beide Motive, namentlich die Palmette (s. d.) geben zu gleicher Zeit (vgl. Abb. 8 auf Tafel I) selb¬ ständige kleinere Stoffmuster ab. Der Baum in seiner ganzen Darstellung erscheint dann nur noch im früheren Mittelalter, in den sogenannten Regens¬ burger Stoffen (s. d.) des 10.—12. Jahrhunderts, (vgl. Abb. 6 auf Tafel II) zu einer Zeit, wo er in Sizilien schon zu einem durchgehenden Blütenschaft umgebildet und in Abwechslung höchstens noch in spitzovale Felder als schlankes Baummotiv ein¬ gezwängt ist, wo ihm Papageien, Adler und Gazellen zur Seite stehen. (Vgl. Abb. 10 auf Tafel IL) Im 13. Jahrhundert wird die Kunstweberei durch die Araber von Spanien über Sizilien (Palermo) nach Italien überführt und mit ihnen orientalische Muster, die unter dem Einfluss des Islam umgebildet sind. (Vgl. den Artikel Arabischer Stil.) Die Muster¬ gebung besteht aus Pflanzen- und Tierformen und dazwischen er¬ scheint das Baummotiv in reiz¬ vollster Stilisierung jener Zeit (vgl. Abb. 45). Da den Mustern dieser sogenannten arabisch - italienischen Periode eine gewisse symbolische Bedeutung im biblischen Sinne nicht abgesprochen werden kann, so wird man nicht fehlgehen, hier noch einmal der Darstellung des Baumes die ehemalige Bedeutung zuzuweisen. (Vgl. den Artikel Weberei im Mittelalter.) Ob dann schliesslich auch in den Stoffmustern der Re¬ naissance (s. d.) mit dem beliebten Vasen-und Blütenstraussmotiv noch ein entfernter Nachläufer des der antiken Urne entsteigenden Baumes zu erblicken ist, wird schwerlich nachzuweisen sein. In neuerer Zeit hat von England aus (durch Walter Craue u. a.) das Baummotiv als Flächendekoration glückliche Ver¬ wendung gefunden, das im Sinne desjenigen auf den persischen und türkischen Stoffen und Stickereien des 17. und 18. Jahrhunderts (s. d.) rein ornamental behandelt ist.
Baum als Stoffmuster Abb. 44. Abb. 45. 61
62 Bäumchenmuster—Baumwolle. Abbildungen: 44. Originalaufnahme aus dem Kunstgewerbemuseum in Leipzig: Rundes Auf¬ satzstück eines Gewandes, gobelinartige Stopfarbeit in farbiger Wolle (vorwiegend dunkelviolett) mit etwas Stickerei in feinen weissen Fäden; Muster: Einer gebuckelten urnenförmigen Vase, der zur Seite ein Paar von Hirschen steht, entsteigt in breiter Entwickelung ein Baum, zwischen welchem sich ein Genius erhebt. Aus einem kopti¬ schen Grabe. 5.—7. Jahrh. 45. Brokatgewebe nach einer Darstellung aus: Paul Schulze, Ueber Gewebe¬ muster früherer Jahrhunderte, Leipzig 1893, S. 35. Grund schwarze Seide, Muster Gold: Ein Adler, als Symbol göttlicher Macht, führt in einem Nachen auf Wellen mit Ente und Schwänen das Ruder, vor ihm sitzt, an der Kette gefesselt, ein Hund (Ver¬ sinnbildlichung der menschlichen Seele). Hinter dem Nachen steigt ein Baum mit reicher Palmettenbekrönung auf, dem auch Granatapfelzweige (Symbol der Liebe) er¬ wachsen. Originale in den Sammlungen des Königl. Kunstgewerbemuseums Berlin, der König]. Gewebesammlung in Krefeld u. a. a. 0. Arabisch-Italienisch 14. Jahrh. Bäumchenmuster, moderne Bezeichnung für die auf Leinenstickereien vorkommenden Abschlüsse und äusseren Begleitbörtchen in Gestalt von aufrecht oder schräg stehenden kleinen stilisierten einzelnen Blüten. (Vgl. Abb. 25.) in gleicher Weise bezeichnet man die freiliegenden kleinen geklöppelten oder ge¬ nähten Zacken in Form von Pflänzchen als Bäumchenspitze. Bäumenheim, Dorf in Bayern: Flachs-, Hanf-, Werg- und Baumwoll¬ spinnerei und -weberei. Baumhaar, vegetabilisches Rosshaar = Caragatas. Bäummaschinen, am Webstuhl in Gestellen lagernde grosse Holzwalzen oder hohle Eisenwalzen, auf welche vom Färben, Appretieren u. s. w. unmittelbar kommende Gewebe aufgewickelt werden. Baumontiafaser, s. Gespinstfasern. Baumseide, Bohmsiede, Boomsiede, starkes und dichtes, aus Baumwolle und Wolle gewebtes Zeug, welches früher sehr im Gange war, jetzt aber nur im Westfälischen in geringem Masse verfertigt wird. Der Stoff wurde zur Arbeiterkleidung verwendet. Bäumstuhl, wird zum Aufbäumen der Kette bei Webstühlen mit Jacquardvorrichtuug benutzt. Baumwollblau, Neublau, Meldolas Blau: blauer, den Oxazinen angehören¬ der Teerfarbstoff für vorgebeizte Baumwolle. Baumwollcops, durch den Selfactor gelieferte Baumwollgarne. Baumwolldruck, s. Zeugdruck. Baumwolle (franz.: coton; engl.: cotton), besteht aus den Samenhaaren der Fruchtkapsel verschiedener zur Familie der Malvaceen gehörigen Gossypiumarten, welche zur Spinnfaser Verwendung finden (s. a. Gespinstfasern). Die Grundformen der Baumwollpflanzen sind: Gossypium herbaceum: die krautartige (vgl. Abb. 46), und Gossypium arboreum: die strauch- oder baumartige. Beide wachsen im tropischen Asien, Ostindien und Afrika wild, während eine dritte Sorte, Gossypium barbedense, als in Amerika heimisch betrachtet werden muss; eine besondere Art ist die Gossypium religiosum, die namentlich in China und Ostindien gebaut und deren rötlichgelbe Faser zu den echten Nankingstoffen ver¬ arbeitet wird. Das Ein sammeln der Fruchtkapseln erfordert grosse Aufmerksamkeit und eine grosse Zahl von Arbeitern, da ihr Aufspringen an verschiedenen Tagen der Erntezeit erfolgt und ein längeres Verweilen der Wolle in den aufgesprungenen Kapseln derselben schädlich ist. Die rohe Baumwolle wird einige Tage der Sonne ausgesetzt und dann mittels besonderer Maschinen egreniert, d. h. von den Samenkernen befreit. Von der bei dem Egrenieren (s. d.) angewendeten Sorgfalt hängt es ab, ob man reine, unreine oder ganz minderwertige Sorten von Baum¬ wolle erzielt. Nachdem die Baumwolle dann noch nach Farbe und Feinheit sortiert worden ist, wird sie handelsmässig verpackt: gewöhnlich durch Zusammen¬ pressen stark verdichtet und in Ballen zusammengeschnürt, in Nordamerika in Band¬ eisen gelegt, verschiedentlich auch in Säcke aus Jute, Hanf oder Haartuch genäht. Die Güte der sehr verschiedenen Handelssorten von Baum-
Baumwolle, nord-, südamerikanische 63 wolle richtet sich nach der Länge der Faser (lang- oder kurzstaplig), Feinheit (geringer Faserqnerschnitt), Farbe, Festigkeit, Weichheit und dem Glanz; auch kommt hierbei in Betracht, ob die Faser frei von Knötchen (Finnen) ist. Be¬ züglich der Farbe sind die farblosesten Sorten die geschätztesten, dann folgen die bläulichen, rötlichen und zuletzt die gelblichen und bräunlichen. Die Einteilung der Handelssorten geschieht zunächst nach der Herkunft des Produktes, alsdann werden sie nach ihrer aus obigen Merkmalen beurteilten Güte in mehrere Klassen oder Marken eingeteilt; in England unter¬ scheidet man gewöhnlich: fine, good, good fair, middling fair, good middling, good ordinary, ordinary, inferior. Hamburg bezeichnet: A, AB, B, BC, C, CD, D, DE, E, EF. (Ueber weitere Einteilungen siehe den Artikel Garnsorten.) Im allgemeinen teilt man die im europäischen Handel vorkommenden Baumwollsortön wie folgt ein: Nordamerikanische Baumwollen: Sea Island oder Georgia, an den Küsten des Staates Georgien und auf den benachbarten Inseln St. Simon und Cumberland erbaut; man teilt sie in feine, mittlere und geringere, oder in lange und kurze. Von Ansehen weiss, mit einem Schimmer in Gelb fallend; Haar lang, zart, kräftig und glänzend, finnenfrei, liegt in lockeren Flöckchen. Eine Sorte dieser Art fällt ins Kostgelbe, sie wird fleckig genannt. Faserlänge: 35—42 mm. Louisiana, Stapelplatz Neu Orleans; man unterscheidet nach Prima-, Sekundaund Terza-Qualität, kommt nach der Sea Island. Haar zart, kräftig, finnenfrei, glänzend, bläulichweiss. Die Prima frei von Schalen und Samen, die anderen Quali¬ täten sind unreiner, oft finnig und weich. Faserlänge: 21—28 mm, die gewöhn¬ liche 18—25 mm. Alabama, oder auch nach dem Verschiffungsplatz Mobile genannt, ist von gleicher Güte als Louisiana; gewöhnlich aber schmutziger und mit Samenkörnern vermischt, deshalb auch immer um 10% wohlfeiler als diese. Haar in grossen Vliessen glänzend weiss. Faserlänge: 16—22 mm. Tenessee, ihre Ausfuhr findet statt über Mobile und über New Orleans; sie hat ein trockenes und starkes Haar, das auch oft finnig, weiss, zuweilen graublau, matt, und im Angriff wergig ist. Vieles davon bleibt im Lande und wird zu geringen Stoffen verarbeitet. Faserlänge: 16—22 mm. Georgia, Carolina, Upland sind gleiche Sorten; Stapelplatz Savannah, werden in Prima-, Sekunda-, Terza- und Quartaqualität eingeteilt; die Prima, welche man zum Unterschied von Sea Island auch Upland oder lange Georgia nennt, hat einen sehr feinen, weissen und langen Flaum, der, obwohl nicht so zart und glänzend wie Louisiana, bei guter Ware doch kräftig und finnenfrei ist. Die zweite bis vierte Qualität kommen auch unter dem Namen kurze Georgia oder Bowed vor und sind um 20 % wohlfeiler als die ersten, weil sie durch Schlagen gelitten haben, leicht, schwach und meistens unrein geworden sind. Faserlänge: 16—22 mm. Virginia ist der Georgia ähnlich; das Haar ist aber ungleicher, doch kräftig : es liegt in grossen Flauschen locker beisammen. Faserlänge: 16—22 cm. Molinos kommt aus Mexiko, enthält dunkle Flocken und ist finnig. Faserlänge : 18—25 mm. Ausserdem gibt es noch Baumwollen aus Mississippi (gute Sorte), Arkansas (ziemlich gut), Missouri (ziemlich gut), Kentucky (mittelmässig), Texas gut mittel). Alle diese Sorten werden über Neu Orleans ausgeführt und gehen unter dem Namen von Mobile oder Tennessee. Südamerikanische Baumwollen: Fernambuk oder Pernambuk hat ein feines, weiches und langes Haar, ist rein und liegt in grossen, festzusammenhängenden Vliessen. Die Farbe ist durchweg mattglänzend. Sie wird zu den feinsten Zeugen verarbeitet und unter allen anderen Baumwollensorten am teuersten bezahlt. Faserlänge: 28—30 mm. Ceara oder Siara ist der ebengenannten Art (in runden Ballen) beinahe gleich, doch gibt es auch hiervon eine zweite am meisten vorkommende Sorte, deren Flaum kürzer und stärker ist. Faserlänge: 21—27 mm. Bahia, das Haar ist fein, lang und weich, allein nicht so weiss wie Fernambuk und oft mit unreifen Flocken vermischt; ihr charakteristisches Kennzeichen ist das
64 Baumwolle, südamerikanische. Vorkommen von Schalen und Samen, der entweder einzeln oder in zwei Reihen erscheint, die aus 6—10 Körnern bestehen, welche fest zusammengewachsen sind. Faserlänge: 27—36 mm. Alagoas, aus der Provinz gleichen Namens, weissgelb wie Fernambuk, aber nicht so rein. Faserlänge 20—38 mm. Maranham oder Maragnon kommt in drei verschiedenen Sorten vor, deren erste der Bahia gleich ist, die zweite und dritte Qualität ist schmutzig und meistens mit solchen Flecken vermischt, deren Kapseln auf dem Strauch nicht aufplatzten und welche unreif abgenommen wurden, weshalb sie bei der Verarbeitung viel Abgang gibt. Minas novas kann wie Bahia verwendet werden; Haar lang, zart und seiden¬ artig, liegt in kleinen Flauschen zusammen, ist aber unrein und mit unreifen Flöckchen vermengt. Faserlänge: 21—27 mm. Sertaro, im allgemeinen wie Minas novas: das Haar ist schmutzigweiss, ver¬ mengt mit unreifen Stellen, Schalen und zusammengewachsenem Samen. Faser¬ länge: 21—27 mm. Minas geraes ist geringer als die vorigen Sorten; das Haar ist zwar lang, aber stark und hart, und die Farbe ungleich blassgelb mit dunklen Flammen und matten Stellen. Faserlänge: 21—27 mm. Rio Janeiro ist sehr unrein, gewöhnlich mit gelben Flecken und Samenkörnern vermischt; das Haar ist stark und grob; doch gibt es noch eine bessere Sorte, welche gleichmässig und frei von Schalen ist. Para ist glänzend weiss, etwas gelblich, gut im Haar, aber sehr unrein und nicht so gut anwendbar wie Bahia. Faserlänge: 21—27 mm. Mapaio oder Mageio, wie Para: das Haar liegt nur in grösseren Flauschen. Faserlänge : 21—27 mm. Parahyba verhält sich ähnlich wie Minas geraes. Guianabaumwolle wird fast mit gleicher Sorgfalt geerntet als in Nordamerika, und wenn sie auch im Haar den brasilianischen Sorten nachsteht, so wird sie wegen ihrer Reinheit sehr geschätzt. Sorten sind: Surinam, kommt in geschlagenem oder ungeschlagenem Zustande. Im ersteren besteht sie in grossen Vliessen und ist ganz rein, in letzterem in kleinen Flocken und unrein; das Haar ist glänzend, weiss, kräftig, aber nicht so fein als Fernambuk. Faserlänge: 25—30 mm. Newkerry oder Nikerie (niederländische Kolonie) von Surinam. Ansehen blassgelb, das Haar in kleinen Flauschen weich glänzend ohne Finnen, nicht ganz rein, ziemlich im Wert wie Surinam. Es kommen auch schlechte Sorten vor, welche grob, wergig und sehr unrein sind. Demerary (englische Kolonie), je nach ihrer Qualität geschätzt; die beste wird über Pernambuko gestellt, die schlechteste unter Newkerry; ihr Haar ist zart und kräftig, es liegt locker. Faserlänge: 25 — 30 mm. Berbice (englische Kolonie), verhält sich der Demerary sehr ähnlich, aber nicht so lang und rein im Haar, daher sie unter Demerary zu setzen ist. Faserlänge: 20—25 mm. Essecebo (englische Kolonie), wertloser als Demerary und Berbice, weil sie weniger zart und lang ist. Cayenne (französische Kolonie), die schlechteste Guineasorte, ungleich kurz und lang, wenn auch im Haar kräftig und weich. Mit ganzen und zerquetschten Samen¬ körnern vermengt, welches letztere natürlich für die Spinner eine sehr üble Eigen¬ schaft ist. Faserlänge: 20—25 mm. Columbische Sorten sind die im Norden von Südamerika erzeugten: Varinas (Provinz Apura), ähnlich der Surinam: blassgelb, rein, aber im Haar kurz und hart; steht unter Sertaro. Barcelona, schmutzig weiss mit gelbem Scheine, höchst unrein; der Abgang beim Verspinnen beträgt 20—30°/?. Im Haar wie Minas novas. Porto-Cavallo oder Porto-Cabello, wie Barcelona, doch härter im Haar; eine andere Gattung ist geschlagen, daher rein, aber sehr ungleich im Haar und finnig. Caracas, Laguayra, Valencia, Cumana und Injira sind von gleicher Beschaffenheit: höchst unrein, so dass die Abgangsprozente zwischen 20—50°/0 wechseln. Carthagena oder St. Martha. Erstere kennzeichnet sich durch einzelne lange, fest zusammenhängende Lunte, sie ist mattglänzend, gelblichweiss , hart, kurz und lang im Haar, ungleich und unrein; steht unter der schlechtesten nordamerikanischen. Die zweite Sorte ist mattglänzend, schmutzigweiss, hat schönes Haar in Flauschen, aber höchst unrein und finnig. Beim Spinnen Abgang bis zu 20 °/0. Peruanische Sorten: Lima, weissgraues Haar, kurz und lang, hart, unrein; nicht mehr wert wie Carthagena.
Baumwolle, west-, ostindische. 65 Payta oder Paita, kennzeichnet sich durch dünne, zusammengeschlagene 'Vliesse, der Abgang beträgt 20°/0. Das Haar schmutzig weiss, kräftig, aber hart und liegt fest zusammen. Sie ist nur zu groben Gespinsten verwendbar und wird in England und Frankreich mit Wolle zusammen versponnen. Piara oder Piuara ist gleichartig blassgelb, ziemlich rein und gleich lang, doch grob im Haar. Cariaco, weiss, lang und glänzend, gleicht der Surinam. Orinoco wie Cariaco, doch gelblich. Cumana ist fein und lang, hat aber viel Abgang. Peru, schön, zart und lang, wird der Bahia gleich geschätzt. Westindische Baumwollen haben ein langes, zartes, kräftiges und finnenfreies Haar, was sie über die nördlich¬ südamerikanischen und südlich-nordamerikanischen mit Ausnahme von Sea Island stellt. Leider wird auf ihre Ernte und .Reinigung wenig Sorgfalt verwendet; daher stehen sie im Verhältnis zur Schönheit ihres Haares unter dem Preise. Die Haupt¬ arten sind: Domingo, ungeschlagen von blassweissgelber Farbe; bei guter Qualität wird sie einer Prima-Georgia vorgezogen. Die beste Sorte heisst smal seed und wächst in Gonare und Artibonite. Faserlänge: 25—30 mm. Portorico, der Domingo ähnlich, aber reiner. Eine zweite Sorte unter dem Namen Guayanilla ist von schönem Haar und steht in der Regel ziemlich mit Minas novas in einem Range. Cuba wird in Prima und Sekunda geteilt: erstere blassgelb, gemischt, stark im Faden, letztere sehr unrein und unansehnlich. Ist mit Porto-Cabello in Vergleich zu stellen. Faserlänge: 24—28 mm. St. Martin, blassgelb, lang und zart, aber sehr unrein. Curassao, wie St. Martin, aber im Haar hart und gemischt; nicht soviel wert wie Domingo. Jamaica, ungeschlagen, daher etwas unrein; Haar lang und zart, aber schmutzig gelb, doch ist sie wertvoll, weil sie sich gut spinnt. Die englischen Pflanzer be¬ zeichnen zuweilen Arten hiervon als green seed, coton und shrub coton, von denen die erste die beste ist; eine andere Sorte ist die Common Jamaica von untergeordneter Beschaffenheit. Barbadoes, gleicht der Guayanilla, doch merklich unreiner. Grenada, wie Barbadoes, doch mehr mit dunkelgelben Flammen unterbrochen, daher wertloser. Trinidad, wie Barbadoes, das Haar aber zart und kräftig und gleichartiger als Domingo. Tortola und Montserrat wie Trinidad. Cariacou, von kurzem und langem Haar, hart, sehr unrein und noch schlechter als Curassao. Die bessere Sorte geht nach England. St. Vincent, ähnelt in jeder Beziehung der Cariacou. Faserlänge: 24—28 mm. Bahama, Erzeugnis der lucayischen Inseln, zwar weiss und lang, aber hart und trocken und sehr unrein. Barthelemy, die beste der westindischen Wollen. Das Haar ist lang und seidenweich und spielt ins Rötliche. Die ganze Ernte erhält Schweden. Ostindische Baumwollen stehen den amerikanischen an Güte im allgemeinen nach; für den deutschen Handel sind die wichtigsten: Bengalische, zur Ausfuhr über Kalkutta. Die geringste Sorte ist matt weiss¬ gelblich, kurz und trocken im Haar, eignet sich daher nicht für Maschinenspinnerei. Man unterscheidet im Ausfuhrorte vier Qualitäten: Panda, Jallona, Faria und Catchowra; die schlechteste letzte kommt zum Versand nach China. Auf europäischen Bezugsplätzen unterscheidet man sie in ord., gut ord., f. ord., mittel, gut m., f. m., f. und Prima. Diese Ordnung bezieht sich nicht auf inneren Gehalt, sondern auf äusseres Ansehen und Reinheit. Faserlänge 6—16 mm. Madras oder Tinevelly, wie Bengal, aber gleicher und reiner; kann jedoch nur zu Matten und Dochtgarn gebraucht werden. Ihre Qualitäten sind f., ord., mittel und fein. Faserlänge: 12—20 mm. Western, schmutzig gelb, Haar kurz, aber noch weich und kräftig. Quali¬ täten: ord., gut ord., f. ord. Faserlänge 12—20 mm. Heiden, Handwörterbuch der Textilkunde. 5
66 Baumwolle, persische, von China, der Türkei und Griechenland. Surate oder Bombay ist im Haar wesentlich von Madras und Bengal ver¬ schieden ; es ist länger, zarter und liegt in lockeren Flöckchen und Flauschen. Diese Baumwolle ist daher auf Maschinen spinnbar. Die Farbe ist leicht graugelbweiss. Ihre Primaware wird in England Toomel genannt, ist frei von 4 allem Laub und Samen; sie wird daher vorzugsweise zu Dochtgarn verwendet. Eine gute Surate muss in Flauschen zusammenliegen und nicht in einzelnen langen Fäden bestehen. Das beigemischte Laub muss orangegelb und nicht schwarz aussehen und die Samen¬ körner dürfen nicht mit der Wolle verbunden sein. Diese Eigenschaften haben sämtlch Bezug auf Verminderung des Abgangs beim Spinnen. Manila, Haar glänzend -weiss, aber kurzlang, zart und warzig, zwar ganz rein, aber nicht ohne unreife Flöckchen, daher in der Regel nicht mehr wert als Georgia. Nanquinbaumwolle oder Bhangulpore (vom krautartigen Gossypium religiosum), ist hellbraun oder bräunlich gelb, das Haar ist stark, spröde und trocken; man kultiviert sie am meisten in China und Ostindien und verfertigt daraus Nanquin. Siam, in zwei Sorten gewonnen: weisse und rötliche; beide haben ein schönes, langes, seidenartiges Haar, das sich leicht verspinnen lässt. Man verarbeitet sie grösstenteils im Lande selbst und nur Weniges kommt nach England. Persische Baumwolle ist sehr fein, glänzend weiss und weich; sie kommt der langen Georgia am nächsten. Das Meiste davon wird in Persien selbst verbraucht und als Zeug in den benachbarten Ländern verkauft. Russland erhält etwas Weniges roh über Astrachan und Orenburg. Faserlänge: 15—20 mm. China-Baumwolle kommt in drei Arten vor: rötliche, gelbe und weisse, welche sämtlich ein feines, jedoch kurzes und trockenes Haar haben. Nach Europa kommt davon gar nichts, denn so bedeutend auch die Kultur der B. in China ist, so kann das Erzeugte doch nicht für den Verbrauch im Lande selbst hinreichen und es werden noch jährlich grosse Mengen von Madras, Kalkutta, Mauila und Nordamerika nach Canton gebracht. Faserlänge der ziemlich reinen: 20—27 mm, der unreinen 17—22 mm. Baumwollen der Türkei und Griechenland sind schon seit längerer Zeit durch die wohlfeileren und besseren ostindischen und amerikanischen Gattungen etwas vom europäischen Markte verdrängt. Der Anbau ist infolgedessen sehr beschränkt worden. Die im Handel noch vorkommenden Sorten sind: Alta Sabugia, die vorzüglichste Sorte, welche in Natolien gebaut und über Smyrna ausgeführt wird. Sie ist weiss, glänzend, ganz rein im Haar, das ebenso lang, aber härter wie das der Georgia ist. Faserlänge 20—25 mm. Uso-Sabugia, wie die erstere, aber ungleicher und härter von Haar. Faser¬ länge 16—20 mm. Kirkagatsch, wie erstere, aber matt grauweiss, kurz und lang, hart und nur mit einer Prima Madras gleichzustellen. Faserlänge 15—18 mm. Cassaba wie Kirkagatsch, zuwTeilen weicher im Haar. Adena aus Karamien, wie Cassaba, aber weicher. Salona aus Rumelien, weissgelblich, lang, zart und kräftig; da sie aber laubig und filzig ist, so steht sie hinter der Alta-Sabugia zurück. Kassaba, Kirkagatsch und Arar kommen auch unter dem Namen Nafolia vor. Ehmich oder Kinik und Baindir, beide sind im Flaum der Cassaba gleich, jedoch unreiner und deshalb wohlfeiler. Gallipoli- oder Seewolle ; unter diesem Namen verkauft man allgemein die auf den Inseln des Archipels gebaute Baumwolle, welche der Kirkagatsch gleichkommt. Smyrnische, gemeine oder commune und Magnesia; beide sind unreiner als Cassaba und daher wohlfeiler als diese. Acri, Aleppo, Said, Alexandrette sind die Namen der syrischen Baumwollen, die sehr schön weiss und feinhaarig ausfalleu; man unterscheidet Prima-, Sekundaund Tertiaqualität. Cyprische Baumwolle war früher die schönste und gesuchteste Wolle der ganzen Levante, allein sie hat an Güte sehr verloren, wie sich auch der Anbau sehr vermindert hat; denn als die Venetianer im Besitz der Insel waren (15. Jahrh.), wurden 30000 Ballen ausgeführt, jetzt beträgt die ganze Ausfuhr jährlich nicht mehr als 1000 Ballen. Auf der Insel unterscheidet man die an Bächen und Flüssen gebauten Baumwollen von der auf trockenen, bergigen Gegenden gepflanzten und gibt der
Baumwolle, ägyptische, europäische. 67 ersteren den Vorzug; im Handel teilt man sie in Fior oder Prior, welches die beste ist und der Sabugia gleich geachtet wird, in Prima-, Sekunda- und Tertiaqualität; die Prima heisst auch buon mercantile; die Sekunda heisst passabile und die Tertia commune. Die cyprische Baumwolle ist im allgemeinen länger und weicher als die smyrnischen Sorten, aber unreiner und nicht so weiss, sondern ins .Rötliche fallend. Faserlänge 15—18 mm. Tschesma ist die reinste und beste von sogen, macedonischen Wollen, weil sie aus der Mitte der Kapsel genommen und mit Sorgfalt gereinigt ist. Uxur, Uschur, gehört auch zu den besten maced. Sorten, es ist die sogen. Zehntwolle, welche die Beamten aus den Vorräten der Bauern gleich nach der Ernte aussuchen lassen und für Rechnung der Regierung verkaufen. Salonica oder Saloniki ist von gleicher Qualität wie Uxur. Faserlänge: 16—20 mm. Tricala ist eine vorzüglich schöne und gut gereinigte Sorte. Cantar heisst die B., welche auf den Feldern der Agas gewonnen und auf deren Anbau und Reinigung mehr Fleiss verwendet wird, als bei der auf den Feldern der Bauern. Im Handel wird sie „Primat Qual" genannt. Taxili ist der Name der B., welche von den Dörfern für Strafgelder oder rückständige Abgaben in die öffentlichen Magazine abgeliefert werden muss; sie ist geringer als Cantar und lässt sich nicht höher als bis Nr. 30 verspinnen. Ci ra ist der Name aller übrigen B., welche nicht zu den obigen Sorten gehört, die Qualität ist gering und man kann sie nur zu niedrigen Nummern ver¬ spinnen. Morea ist eine schöne Baumwolle, welche glänzend weiss, fein und rein und der Sabugia gleichgeschätzt werden kann. Aegyptische Baumwollen: Alexandria oder ordinäre ägyptische; sie ist von kurzem Stapel, der gewöhnlichen aus Smyrna ähnlich, jedoch unreiner und schmutziger als diese, die wohlfeilste aller levantischen Baumwollen. Man unterscheidet fior oder prima, mittellgut oder secunda und ordinär assortiert. Der Anbau dieser Gattung wird von Jahr zu Jahr ein¬ geschränkt. Maco oder Jumel, wurde 1820 von dem Franzosen .lumel angebaut und bildet seitdem einen bedeutenden Ausfuhrartikel; sie ist aus Fernambuksamen gezogen. Das Haar ist zwar hart und kräftig, aber kurzlang, finnig, selten frei von dunkelgelben Flöckchen und Laub und deshalb der Fernambuk keineswegs ähnlich. Sie wird daher nicht nach Qualität geschätzt, zumal die aus ihr gefertigten Gewebe erst gebleicht werden müssen, ehe sie gefärbt werden können, weil sonst die Ware sich nicht gleichmässig ausfärbt. Sea Island mako, setalunga, ist besser aber lange nicht so gut wie Sea Island, da sie unrein und nicht ohne Finnen ist. Die Ernte ist im September und Oktober und man bringt sie im November und Dezember zu Markte. Der Vizekönig hat davon den Alleinhandel und bestimmt den Preis frei ab Kairo. Europäische Baumwollen; Die Kultur der krautartigen Baumwollstaude (Gossypium herbaceum) ist zu verschiedenen Zeiten in Italien, Sizilien, Spanien, im südl. Frankreich, in Kärnten und im österreichischen Kronlande (Banate) versucht worden. Ausser in Italien und Spanien haben diese Versuche jedoch keinen bleibenden Erfolg gehabt. Im allgemeinen liefert auch hier ein sandiger, trockener Boden eine bessere Qualität als ein gutes, fettes Erdreich. Folgende Gattungen kommen im Handel vor: Spanische, als: Motril, Sevilla, Grenada: diese Sorten sind sämtlich fein, schmutziggelb, weich und lang. Sie werden den südamerikanischen gleichgeschätzt. Neapolitanische. Von dieser gibt es verschiedene Gattungen, die besten sind Castellamare und Dellatorre, welche ein feines, weisses Haar haben, doch ist es ungleich und kraftlos und steht daher der Georgia nach. Die Puglieser, welche in der Gegend von Bari und Lecce erbaut wird, ist geringer, weil auf ihre Kultur und Reinigung nicht soviel Fleiss verwandt wird als bei den ersteren. Die Calabresische und die blassrote von Tarent sind die geringsten und werden der gewöhnlichen Salona gleichgeachtet. Sie gehen grösstenteils nach der Schweiz und nach Frank¬ reich ; eine gewisse Menge verarbeiten die Einwohner selbst. Sizilianische, unter den besonderen Namen Bianca villa, Modica und Terra mova vorkommend; auf der Insel verkauft mau sie unrein (lordo), wie sie aus der Kapsel kommt und noch nicht von dem Samen gereinigt ist, oder gereinigt (maga-
68 Baumwolle, Ersatzmittel. lugio), d. h. von den Samenkörnern gesäubert und in Bündel geschlagen, oder fein ausgesucht (fior di robaj, welche aus der Mitte der Kapseln genommen wird. Die erstere verbrauchen die Einwohner; die beiden letzteren haben einen feinen, langen, weichen, etwas gelblichen Flaum. Malta liefert eine gelbliche und eine weisse Wolle; beide haben einen feinen, langen und weichen Flaum, welcher die schönsten Garne liefert. Es kommt davon nichts zur Ausfuhr, denn die Malteser verspinnen Alles, was sie erbauen, selbst und verkaufen ihre Garne in Triest und Livorno. Afrika liefert mit Ausnahme der ägyptischen so gut wie keine Baumwolle zur Ausfuhr. Man kennt die hochgelbe vom Whida und die vom Senegal. An der Westküste wächst sehr viele wild, sie wird aber auch fast überall, wo es der Boden gestattet, angebaut. Die an den östlichen Küsten Afrikas liegenden beiden Inseln Bourbon und Mauritius erzeugen eine sehr feine, weisse, seidenartige, aber unreine und gemischte Baumwolle. Abb. 46. Ersatzmittel für die Baumwolle hat man zu verschiedenen Zeiten vorgeschlagen; bis jetzt ist aber kein Material erfunden worden, welches sich besser, stärker und feiner verarbeiten liesse und dabei zugleich so wohlfeil und in den erforderlichen Massen zu erhalten wäre. Genannt werden: Populus nigra, die schwarze Pappel, und Populus tremula, die Aespe, liefern einen Flaum, dem nur die Biegsam¬ keit fehlt; Juncus effusus, die Binse; Eriophorum alpinum, triquetrum, vaginatum, angustifolium: verschiedene Arten des Woll- oder Dungrases; Populus canadensis, die kanadensische Pappel; Epilobium angustifolium (ung.: Keskeny Tsöverits), der Sumpfweiderich, und Epilobium hirsutum, der grosse, rauhe und zottige Weiderich; Tamarix Germanica, die deutsche Tamariske; Disteln und Graswolle: Agrostis; Seidenpflanze: Asclepias syriaca; Wollähnlicher Stoff der Rohrkolben: Typha angustifolia und latifolia; Fetabrun (tilix) auf Malta; Samenwolle der Bäume Munguba und Simauna oder Samauba.
Baum wollgaru—Baum wollgewebe. 69 A bbildung: 46. Baumwollpflanze nach einer Darstellung aus: Buch der Erfindungen, Leipzig und Berlin 1879. Bd. 6, S. 301. (Literatur s. hinter dem Artikel Baumwollspinnerei.) Baumwollengarn (twist) wird für Webezwecke in Kett- und Schussgarn unterschieden und nach der Herstellung benannt. Das Ketten- oder Watergarn ist stark gedreht und auf der Watermaschine, das Schuss oder Mule¬ garn ist schwächer gedreht und auf der Mulemaschine gesponnen; hiernach auch die Bezeichnungen: mule twist und water twist. Für die Watergarne, welche aus den Spinnereien oder Schlichtanstalten als fertig gescherte und geschlichtete Ketten bezogen werden, bedient man sich vorzugsweise des Ausdruckes Warps. Die zum Einschuss bestimmten Mulegarne, welche für die Spulen aufgewickelt, aus den Spinnereien hervorgehen, werden dementsprechend einfach Wefts oder Pincops, Kötzer oder Cops genannt. Baumwollengewebe werden schon im frühen Altertum hergestellt; man nimmt au, dass in Indien, der Heimat der Baumwolle, diese Gespinstpflanze auch zuerst praktisch verwertet wurde. In den ältesten sanskritischen Schriften werden Baumwollengewebe erwähnt, welche schon so fein waren, dass die Dichter von ihnen als von „gewebtem Wind“ sprechen, wobei aber in Frage zu stellen ist, ob damit nicht jene musselinartigen Byssusstoffe (s. d.) gemeint sind, welche aus Flachsfasern bestanden, deren erste Gewinnung und Verwendung im Altertum den Aegyptern zugeschrieben wird. Von Indien verbreitete sich mit dem Anbau auch die Verarbeitung der Baumwolle nach China, Vorderasien und Aegypten, durch Phönizier und Karthager nach Griechenland, Malta, Sizilien und Spanien. In welche Zeiten diese Ueberführung zu setzen ist, darüber hat man die uns überkommenen Notizen der Schriftsteller des Altertums wiederum mit Vorsicht aufzunehmen, da, wie gesagt, mit der Beschreibung aller dieser hochgeschätzten durchsichtigen Gewänder auch solche aus Leinwand gemeint sein können. Den Bewohnern von Amerika war die Kultur der Baumwolle und ihre Verarbeitung zur Zeit der Entdeckung bereits bekannt. Unter den Geschenken, die Columbus von den Einwohnern von Guanahani erhielt, befand sich auch Baumwolle; es wird berichtet, dass die Bewohner des Innern von Hispania ihm alle 3 Monate 25 Pfund als Tribut lieferten und auf Cuba fand man grosse Vorräte von Kohstoff und allerlei Fabrikaten. In Südamerika bestanden die bunten Kopf¬ tücher und Schürzen der wilden Indianer aus Baumwolle, die Brasilianer fertigten ihre Hamaks (Jagdgarne) daraus, die Peruaner ihre ärmellosen Hemden und Mäntel. Bei den Mexikanern war die Baumwolle fast das einzige Be¬ kleidungsmaterial. Unter den Geschenken, die Montezuma dem Cortez bot, be¬ fanden sich 30 der feinsten baumwollenen Mäntel, ausser Teppichen u. s. w., von denen Cortez einige dem Kaiser Karl V. sandte, an dessen Hofe diese Neuheiten die grösste Bewunderung erregten. Auf weissen Baumwollenstoffen entwarfen auch die Maler, die sich unter den Gesandten Montezumas befanden, Zeichnungen aller der Merkwürdigkeiten, die sie bei den Spaniern gesehen hatten. (Vergl. hierüber die Artikel Peru und Zeugdruck.) In das nördliche Amerika ist die Kultur und die Verarbeitung der Baumwolle erst durch die Europäer eingeführt worden. Wie die Araber den Anbau der Baumwolle nach Europa brachten, so fingen sie auch zuerst an, dieselbe zu verarbeiten, indem sie Baumwollenmanufakturen in Spanien gründeten. Abu Abdallah sandte an Karl den Grossen als Geschenk baumwollene Zeuge, die in Spanien verfertigt worden waren. Unter Abdarrhaman entwickelte sich diese Industrie noch weiter und gelangte im 12. Jahr¬ hundert zu hoher Blüte; im 14. Jahrhundert wurde sie in Granada schwung¬ haft betrieben. Die Christen aber hatten schon im 13. Jahrhundert bedeutende Baumwollenmanufakturen in Barcelona. Sizilien verdankt die Einführung der Baumwollenweberei gleichfalls den Sarazenen. In Italien führte Venedig zuerst die Baumwollenmanufaktur ein; hier blühte sie im Anfang des 14. Jahrhunderts und verbreitete sich bald über die benachbarten italienischen Städte. Florenz glänzte um diese Zeit durch seine ausgezeichnete Weberei, Appretur und Färberei.
70 ßaumwollengewebe—Baumwollspinnerei. Von Italien kam die Baumwollenindustrie nach der Schweiz, und zwar haupt¬ sächlich nach Zürich, wo im 14. und 15. Jahrhundert der Handel mit Baum¬ wolle und baumwollenen Zeugen ein sehr lebhafter war. Um dieselbe Zeit gelangte die Baumwolle von Venedig nach Augsburg (s. d.); durch den regen Handelsverkehr zwischen diesen beiden Städten fing Augsburg bald an, sehr beträchtliche Mengen von Geweben nach den Niederlanden auszuführen, von wo es später den Bohstoff bezog. Denn den Engländern und Niederländern wurde zwar schon zu Anfang des 14. Jahrhunderts Baumwolle durch Genuesen und Venetianer zugeführt, indes verwandte man dieselbe, soweit bekannt, nur zu Licht- und Lampendochten. Protestantische Flüchtlinge brachten die Baum¬ wollenspinnerei und -Weberei nach England. Unter Heinrich VIII. (1509—47) begann die Verarbeitung der Baumwolle in Lancashire, und eine Parlamentsakte seines Sohnes Eduard VI. spricht schon von Baumwollenwaren aus Manchester, Lacashire und Chefhire. Manchester wurde der Hauptplatz der Fabrikation baumwollener Gewebe (Kanevas, Barchent, Fustian, Dimity u. a.) und lieferte bald baumwollene Sammete und Velvetins. Aber erst durch die Einführung des Kattundrucks und die gesetzliche Beschränkung der Einfuhr ostindischer Zeuge (1700 und 1721) gelangte die englische Baumwollenindustrie zu stärkerer Entfaltung, und als dann gegen die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts die Spinnmaschinen in England erfunden wurden, vermöge welcher das Baumwollgarn so wohlfeil wie in seiner Güte vollkommen geliefert wurde, da hatte man hier den Markt erobert. Hierzu kam die Verbesserung der Webevorrichtungen, u. a. der im Jahre 1738 von dem Engländer John Kay erfundene Schnellschütze, mit dem ein Weber doppelt so viel zu webe^ vermochte, als mit dem Wurf¬ schützen. In Deutschland warSachsen eines der ersten Länder, und Plauen die erste Stadt, wo Kattunfabriken im Grossen angelegt wurden, und noch immer ist Sachsen das Hauptland für die deutsche Baumwollweberei. Als Ware lassen sich die modernen B aum w o 11 e n g e w e b e, deren Zahl und Mannigfaltigkeit eine sehr grosse ist, in gewisse Hauptgruppen einteilen, ohne dass dabei auf die stets wechselnden Modenamen Rücksicht genommen werden kann. Bei den meisten Baumwollgeweben spielt die Appretur eine grosse Rolle, um ihnen schönes, leinwandartiges, glattes, glänzendes oder auch ein rauhes, wollartiges Ansehen zu geben: 1) Einfache, glatte und dichte Baum¬ wollenzeuge, aus rohem weissem oder gefärbtem Garn, einfarbig, gestreift, gewürfelt, gemalt, bedruckt u. s. w., deren vornehmste Gattungen sind: Nanking, Shirting, Gingan, Kattun, Kaliko, Kambrik, Perkal, Sarsenet, Chiffon; dann halbdichte, wie Jakonett, Musselin oder Baumwollen¬ hatist, die aber auch huntgewebt, gefärbt oder bedruckt werden; endlich klare und offene Gewebe ohne Köper und Muster, wie Mull oder Organdy. Tarlatan, Kanevas, Bobbinet u. s. w. 2) Schwere, glatte, geköperte oder gemusterte Baumwollenzeuge, von starkem Garn fest gewebt, meistens ungefärbt oder einfarbig ; die vorzüglichsten sind : a) geköperte : D r e 11 oder Drill, Satin (Englischleder, Jeanet, Oriental), Molton, Merino (dem Woll-M. nachgebildet), B ar cli en t, Biber; b) gemusterte: Pique, Zwillich, Dimity, Wallis, Domestik, Basin; 3) Sammetartige oder sogenannte geschnittene Baumwollenzeuge, als: Manchester (oder unechter Sammet), Velvet, Velveteen, Fustian, Pillow; 4) durchbrochene, broschierte, gestickte und fassonierte Baumwollenzeuge, deren vorzüglichste sind: genadelte und broschierte Gaze, Tüll, Musselin, und broschierte G ar d i n e n st o f fe; 5) Gemischte Baumwollenzeuge, teils mit Seide, teils mit Schafwolle oder Leinen untermengt, unter den verschiedensten Namen: vergl. hierüber die ein¬ zelnen Artikel, wie auch die oben genannten Stoffarten dort überall näher beschrieben sind. Baumwollspinnerei. Noch im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts wurde alles baumwollene Garn auf der Spindel, wie in Ostindien, oder auf dem gewöhnlichen Handrade gesponnen, wobei man das Rohmaterial, in Ostindien durch den Fachbogen, in Europa durch die Handkratze, auf lockerte. Die Wohlfeilheit der Handarbeit in Ostindien hatte zur Folge, dass die Baumwoll-
Baumwollspitzen—JBaumwolhvaren-Appretur 71 Spinnerei und -Weberei in Europa nicht in die Höhe kommen konnte. Sowohl Garne als Gewebe wurden hauptsächlich aus Ostindien eingeführt. In Europa verwendete und spann man zum Teil auch baumwollenes Garn, aber nur zum Schuss. Zur Kette nahm man Leinengarn, weil das baumwollene Handgarn nicht haltbar genug war. In England fühlte man zuerst das Bedürfnis einer Vermehrung, Verbilligung und Verbesserung des Baumwollengarns und es gelang dort nach vielen Versuchen, diesen Anforderungen durch Maschinen gerecht zu werden. Schon 1762 wurden in England die Zylinderkrämpeln (umlaufende Kratzen zum Auflockern der Baumwolle) erfunden. Bobert Peels Grossvater nahm sie zuerst in Gebrauch. James Hargreaves konstruierte 1767 seine Spinnmaschine mit einer Reihe Spindeln. Eine Anzahl Baumwolle-Locken wurden eingeklemmt, die Spindeln steckten auf einem AVagen, und wenn man diesen herauszog, so drehten die Spindeln die Locken zu Faden. Der Erfinder nannte diese Maschine Jenny, nach seiner Tochter. Hargreaves ging von der ostindischen Spindel, Richard Arkwright (1769), ein Barbier, von dem deutschen Flachsspinnrade mit Spule und Fliege aus. Deshalb musste der erstere, den Faden spinnend, ausziehen und aufwickeln. Arkwright konnte dies aber nicht, da seine Spulen, wie im Handrade, sich nur um sich selbst, nicht aber fort¬ bewegten; die Spulen mussten aber spinnen und aufwickeln, ohne auszuziehen (Drosselmaschine). Die grosse Erfindung Arkwrights bestand nun darin, dass er die Locke, Lunte, den erst leicht zusammengedrehten Baumwollfaden, durch zwei AValzengarne (Zylinder) auseinanderzog oder -streckte, AValzengarne die dicht hintereinander lagen und von denen das vordere Paar geschwinder umlief als das hintere. Crompton verband die Zylinder Arkwrights mit der aus¬ ziehenden drehenden Spindel Hargreaves und nannte seine Maschine „Mule“ (daher mull twist). Diese scheinbar einfache Erfindung führte zum Gelingen der Maschinenspinnerei, durch welche so grosse Umwälzungen in Handel und Industrie entstanden. In Deutschland begann die Baumwollspinnerei zu Anfang des 19. Jahrhunderts. Gegenwärtig nimmt die Baumwollspinnerei und -Weberei, was Umfang der Anstalten, Verbrauch des Rohmaterials, Zahl der beschäftigten Hände und Anwendung maschineller Hilfsmittel anbelangt, unter allen Zweigen der Textilindustrie die erste Stelle ein. Sie hat zuerst von den Erfindungen der neueren Zeit im Fache des Maschinenwesens Gebrauch gemacht; die Spinn¬ maschine, der mechanische AVebstuhl fanden in der Baumwollenindustrie zuerst Anwendung, sie verdanken derselben ihre Erfindung und konstruktive Entwicklung; Druck- und Appreturmaschinen nahmen von ihr den AVeg in andere Gebiete der Faserstofftechnik. Literatur: Niess, Baumwollspinnerei in allen ihren Teilen; AVeimar 1885. Kuhn, Die B., ihre Kultur, Struktur und Verbreitung; AVien 1892. Karmarsch-Fischer, Handbuch der mechan. Technologie; Leipzig 1892. Spennrath, Materiallehre für die Textilindusti’ie; Aachen 1899. Zipser, Die textilen Rohmaterialien, I. Teil, 2. Auf!.; AVien 1899. AViesner, Die Rohstoffe des Pflanzenreichs, Bd. 2, 2. Auf!.; Leipzig 1902. Johannsen, Handbuch der Baumwollspinnerei u. s. w., 3. Auf!.; Leipzig 1902. Baumwollspitzen stellt man seit 1830 besonders in Frankreich der Billigkeit wegen her; aber nur mit geringem Erfolg. Baumwolltaffet, schwarzes, leinwandartiges, appretiertes, glänzendes Baumwollgewebc. Baumwollteppiche kommen als Knüpfarbeit im Orient nicht vor; es wird die B. nur zur Kette verwendet, und da die persische Baumwolle für diesen Zweck sich nicht eignet, ist man geneigt, Teppiche mit Baumwollkette für indische AVare zu halten. Geknüpfte B.-Teppiche kommen in sehr geringer Qualität aus Japan. Baumwollwaren-Appretur, die Ausrüstung der Baumwollgewebe mit besonderen, ihnen von Haus aus nicht zukommenden äusserlichen Eigenschaften durch Behandeln mit Appreturmitteln und geeigneten Vorrichtungen (Mangen, Kalandern, Pressen u. s. w.); hauptsächlich bezweckt sie den leinwandartigen, kalten, glatten Griff und runden Faden durch Stärkekleister, mit Zusatz von
72 Baumwollzwillich—Bayern. Leim, Dextrin, Pflanzenschleimen, Fetten, Stearin u. s. w. Die Appretmasse wird beiderseits (voll) aufgetragen, getrocknet, eingesprengt, gar nicht oder kalt mit schwachem Druck kalandert oder sonst speziell behandelt, und die Appretmassen sind je nach dem zu erzielenden Effekt besonders zusammen¬ gesetzt. So gibt es Leinen-, Damast-, Shirting-, Chiffon-, Glace-, Kaliko-, knirschende, hochglänzende und andere Appreturen. Baumwollzwillich, für Syrien bestimmtes Gewebe, wird im .Rheinland, in Böhmen u. a. 0. hergestellt. Bausmusselin, feines, weisses, stai'k appretiertes Baumwollengewebe zum Dui'chzeichnen, namentlich für Zeichnungen von Bauplänen. Bautsch, Stadt der österr. Bezirkshauptmannschaft Sternberg in Mähren: die ehemals bedeutende Leinwandindustrie ist zui'ückgegangen. Bautzen, Hauptstadt der sächs. Kreis- und Amtshauptmannschaft: wichtige Industrie- und Wollspinnerei nebst bedeutender Tuchfabrikation, Flachsspinnerei, Leinen- und Strumpfweberei, Bleicherei, Färberei; Herstellung von Stilckmascbinen. Bavari war am Ende des 16. Jahrhunderts in Italien ein gebräuchlicher Name für Halskrausen; der Ausdruck soll nach einem Schriftsteller dieser Zeit von dem ital. Worte für die Bewohner Bayerns, wegen der bei ihnen üblichen Pelzkragen abgeleitet sein. Bave (franz.), die erste Faser des Seidenwunns. Bavella, Bafel ist Abfall- oder Florettseide. Bavolet, (franz.) schleierartiger Kopfputz normännischer Bäuerinnen; Nackenschleier bei Damenhüten. Bay, Bayes, Bayettes, Baguettes, ein ungeköperter, sehr locker gewebter Wollenstoff, eine Art grober Flanell; auf der einen Seite langhaarig gerauht, etwas geschert, gewöhnlich nach dem Weben nur ausgewaschen, seltener etwas gewalkt, gewöhnlich weiss, oft aber auch schwarz, rot oder grün gefärbt. In Frankreich (Departement des Nords) fertigt man dergleichen Stoffe unter dem Namen Baigue für den Handel nach Spanien, wo man sie Baetas nennt. In vielen anderen Orten werden flanellartige lockere Wollenstoffe unter dem Namen Boy hei’gestellt, die im auswärtigen Handel auch Bayettes heissen. (Siehe Boy.) Bayazid, Stadt in Kleinasien, erzeugt durch Hausindustrie Teppiche nach persischen Mustern unter dem Namen Khali, welche als anatolische T. in den Handel kommen. Bayern, Königreich, hat bedeutende Baumwollenspinnereien und -Webereien. Die Textilindustrie beschäftigt 32 767 Betriebe mit 60 460 Personen, wovon auf Augsburg (s. d.) 14 : 8650 kommen. Einen bedeutenden Aufschwung hat die Webindustrie genommen. Sie ist in Schwaben sehr verbreitet, wo Augsburg der Hauptsitz für Kammgarn- und Tuchfabrikation, Baumwollspinnerei und -Weberei ist; ferner in der Pfalz (Zweibrücken, Kaiserslautex-n) und in München, dann als Hausindustrie in Niederbayern und bei Hof. Garnfärbereien und Bleichereien gibt es in Schwaben und Oberfranken; Leinspinnerei und -Weberei in Bäumen¬ heim bei Donauwörth und Memmingen u. s. w. Kunststickerei, insbesondere Gold- und Silberstickerei in München, Nürnberg und Weissenbui’g a. S. Ueber ältere Textilindustrie vgl. Augsburg. Für Seidenindustrie gibt Silbermann (Die Seide u. s. w.; Dresden 1897, Bd. 1, S. 104 u. 105) folgende Notizen: Unter Kurfürst Maxi. (1598—1651) werden ausgedehnte Maulbeei-plantagen angelegt. Verheerende Kriege vei’hindern aber weitere Ausdeh¬ nung. Schon zu Zeiten Wilhelms VI. (1508—1559) und Albrecht V. (1550—1579) sind Gartenrechnungen vorhanden, in denen Maulbeerbäume erwähnt sind. Unter dem Kurfürsten Ferdinand Maria (1651—1679) war man wieder bestrebt, die Seidenzucht zu heben. 1664 entsteht unter Joachim Becher ein ausgedehnter Seidenbauverein, der aber bald auseinander geht. Erst unter Max III. (1455 bis 1777) begann eine allgemeine Verbreitung des Seideugewei’bes. Nach 1760 geht die Seidenzucht herunter, weil die Ernten des Seidenbaues misslingen. Eine neue Periode für Bayern beginnt erst 1823—1834 unter der Regierung Maxi-
Bayetas de Pellon—Beaujolais. 73 milians I. und baut sich unter König Ludwig I. weiter aus. Im Jahre 1832 sollen in Bayern über 4 Millionen Maulbeerbäume gestanden haben; gehen aber 1838 auf 400 000 zurück. Webeschulen bestehen in Bayern zu Münchberg, Lambrecht und Passau; «ine Stickschule zu Euchenreuth, eine Klöppelschule zu Stadlern. Bayetas de Pellon oder de eien hilos, grobe Köperflanelle für den Chinamarkt, welche z. T. noch in Spanien gemacht werden und über Manila zur Einfuhr nach China kommen. Unter demselben Namen kommen sie auch im spanisch-amerikanischen Handel vor. Bayetones ingleses heissen im spanisch-amerikanischen Handel die eng¬ lischen Coatings (s. d.). Bayettes, s. Bay. Bayeux, Hauptstadt das Arrond. B. im franz. Depart. Calvados: ansehnliche Spitzenfabriken und Baumwollspinnereien. Erstere stammen aus dem Anfang des 18. Jahrhunderts; es wird vom Jahre 1709 berichtet, dass sich hier eine Industrie für Mignonette, eine Art seidener Blonde, und der point de Marly bildeten, die zu jener Zeit eine Berühmtheit erlangt hatten. Bayeux-Teppich, ein in der Stadtbibliothek zu B. in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts von dem Archäologen Montfaucon wieder aufgefundener Wandteppich, sogen, tappisserie de Bayeux. Er ist gestickt auf einer Leinwandfläche von 63 m Länge und 0,46 cm Höhe in farbiger Seide im Plattstich mit verschiedenen Richtungen des Fadens. Dargestellt ist darauf in 72 Szenen mit 530 Figuren und vielen beigefügten Inschriften die Eroberung Englands durch Wilhelm den Eroberer: für die Kultur- und Kostümgeschichte eines der wichtigsten Belegstücke aus dem Bereiche der Textilkunst. Die Arbeit wird von Einigen der Königin Mathilde, Gemahlin Wilhelms, von Anderen der Mathilde, Tochter Heinrich I. von England zugeschrieben; sie ist etwa um das Jahr 1100 entstanden. Vgl. Beschreibung in „Thierry, Histoire de la conquete de l’Angleterre (Bd. I); The Bayeux-Tapestry reproduced in autotypeplates with historic notes by Frank Rede Fowke-London Arunvel-Society 1875. Bayonne, Hauptstadt des Arrond. B. im franz. Depart. Basses-Pyrenees: Leinwandfabrikation. Bayreuth, Stadt in Bayern: grosse mechanische Baumwollen- und Flachs¬ spinnereien ; Fabrik für Baumwollenwaren. Bays (engl.), ein grober englischer Wollenstoff, getragen von den Land¬ leuten zur Zeit der Königin Elisabeth. Bayutapauts, Bayutapaux, grober Baumwollenstoff, gewöhnlich blau und weiss, oder rot und weiss gestreift, zuweilen auch blau und rot gefärbt, zum Handel nach den afrikanischen Küsten bestimmt: es gibt ostindische und fran¬ zösische B.s. Baza, Pazac oder Bazar, eine Sorte levantinischen Baumwollengarns. Bazin, s. Basin. Beaucaire, Hauptstadt des Kantons B. im Arrond. Nimes des franz. Depart. Gard. In früheren Zeiten von Kaufleuten und Fabrikanten aus allen Ländern Europas, aus der Levante und selbst aus Persien und Armenien besucht, verringerte sich schon im 17. Jahrhundert ihre Bedeutung durch die Aufhebung der Abgabenfreiheit seit 1632, die Kriege mit dem Auslande, sowie die Waren¬ lager zu Marseille, Lyon u. s. w. Seit der Revolution beschränkt sich der Handel auf Seide und Seidenfabrikate, Nimes-Shawls, Leinen, Tuch, Wolle und Baumwolle. Immerhin wird die Messe noch von etwa 50000 Personen besucht und der Warenumsatz beläuft sich auf 20 Mill. Eres. Beaufort-en-Vallee, Hauptstadt des Kantons B. im Arrond. Bauge des franz. Depart. Maine et-Loire: Segeltuchfabrikation. Beauforts, festgewebtes Segeltuch aus Hanf, welches im franz. Depart. der Mayenne und Loire, in der Gegend von Angers, besonders aber zu Beaufort gemacht wird. Beaujolais heissen Stoffe aus Leinen und Baumwolle, welche in dem Dorfe Cours nahe bei Beaujeu, im franz. Depart. Rhone gefertigt werden.
74 Beaumont—ßeidrecht. Beaumont, Hauptstadt des Kantons B. im Arrond. Castelsarrasin des franz. Depart. Tarn-et-Garonne: Tuchfabrikation. Beaumont-le-Roger, Hauptstadt des Kantons B. im Arrond. Bernay des franz. Depart. Eure: Leinwand- und Tuchfabrikation. Beaune, Hauptstadt des Arrond. B. im franz. Depart. Cöte d'Or: Fabrikation von Tuch, Sergen. Vor der Aufhebung des Edikts von Nantes (1688) beschäftigten 200 prot. Familien über 2000 Arbeiter in Manufakturen aller Art; seitdem geriet die Stadt in Verfall und hat sich nie wieder zu ihrer früheren Höhe erhoben. Beaupreau, Hauptstadt des Kantons B. im Arrond. Cholet des franz. Depart. Maine-et-Loire: Wollen- und Leinenfabrikation (Choletstoffe), s. d. Beauvais, Hauptstadt des franz. Depart. Oise und des Arrond. B., bedeutende Fabrik- und Handelsstadt. Sie besitzt eine grosse, 1664 von Colbert begründete Wandteppich- (Gobelins-) Manufaktur, Fabriken für Woll- und Baumwollwaren aller Art; ausserdem Spinnereien, Wollkämmereien, Bleichen und Färbereien. (Vergl. Labande, Histoire de B. et de ses institutions communales; Paris 1892.) Beavers, Beaverteens, englische , wie Tuch gewebte, auch gedruckte Baumwollenstoffe, dem Kalmück ähnlich, die zu Winterkleidungen dienen. Man bezieht sie von Manchester und Norwich. Sie sind den Velvets ähnlich, auch so breit als diese. Auch deutsche Manufakturen liefern B.’s. Die Beaverteens sind, da sie fester gearbeitet als die Beavers, dauerhafter als diese. Aus feiner Wolle in derselben Weise angefertigte Stoffe heissen Castorins oder Velpel. Beby, baumwollene Tücher, welche in Syrien gemacht werden und, ge¬ wöhnlich blau gefärbt, über Aleppo und Said in den Handel kommen; das Meiste geht nach den türkischen Provinzen. Bedarieux, Hauptstadt des Kantons B. im Arrond. Beziers des französi¬ schen Departements Herault: Fabrikation von Tuch und Kattun. Bedburdyk, Gemeinde im preuss. Begbez. Düsseldorf: Sammetweberei. Bedburg, Stadt im preuss. Begbez. Köln: grosse Wollweberei, Wollsjnnnerei, Kunstwollfabrik. Bedford, Hauptstadt der englischen Grafschaft B.: Anfertigung von ge¬ klöppelten Spitzen. Beederwand (nach Beeder [BidarJ, Distriktshauptstadt in Dekan), Beiderwand, Bedermann, Beiermann, Beilwand, Petermann; unter diesen verschiedenen Namen kam sonst ein gewöhnlicher Stoff, halb aus Schafwolle, halb aus Leinen¬ garn, fest und dauerhaft gewebt, gewöhnlich braun, schwarz oder dunkelblau gefärbt, in den Handel, welcher von den deutschen Landleuten und von den ärmeren Volksklassen viel getragen wurde. Auch jetzt wird dieses Gewebe teil¬ weis noch im Lüneburgschen, Schaumburgschen, in Westfalen und in Thüringen, vou den Landleuten zum eigenen Verbrauch, von den Zeugwebern zum Handel gefertigt. Den Namen beiderlei Gewand erhielt der Stoff, weil er halb aus Wolle und halb aus Leinen gemacht wird. Hieraus entstanden wiederum durch die verdorbene Aussprache der verschiedenen deutschen Provinzen die obigen Benennungen. Jetzt ist B. gewöhnlich eine Art Halbwollenlama, d. h. ein in der Kette aus Baumwollengarn, im Einschlag aus Streichgarn bestehender, leinwandartig gewebter, zuweilen aber auch geköperter Stoff, der nicht gewalkt, daher auch nicht gerauht, sondern nur glatt geschert und meist ein- oder mehr¬ farbig, gestreift oder kariert in den Handel gebracht wird. Beggars-Lace, s. Webkanten. Behaar, Sorte ostindischer Cassas oder baumwollener Gewebe. Beibazar heisst zu Marseille und in der Levante die zweite Sorte des Ziegenhaares, welche zu Webezwecken verarbeitet wird. Beidelseide, syrische Seidenpflanze. Beiderwand, s. Beederwand. Beidrecht (frauz.: etoffe ä double face), jedes ungemusterte Gewebe, bei welchem auf jeder Seite von dem Kett- und Schussfadenmaterial gleich viel
Beiersdorf in der Oberlausitz—Belgien. 75 sichtbar ist. Alle leinwandbindigen Gewebe sind B. Andere fassen den Begriff weiter auf und verstehen alle jene Stoffe darunter, welche auf beiden Seiten ihres gleichen Aussehens und der gleichen Appretur wegen getragen werden können. Beiersdorf in der Oberlausitz: Bleicherei, Leinen- und Wollwarenfabrik. Beiertheim, Dorf in Baden: Seidenbandfabrikation. Beige, in Poitou eine graue, braune oder schwarze Serge, die von natur¬ farbener Wolle (Kammgarn) gewebt ist; im allgemeinen Bezeichnung für einen naturfarbigen, oft jedoch melierten Damenkleiderstoff in Köperbindung. Beilik nennt man im Orient die groben Tücher von Saloniki, welche zu Montierungen der Janitscharen dienten. Beilwand, s. Beederwand. Beirut, Hauptstadt eines asiatisch-türkischen Vilajets: Neben starker Seidenund Baumwollenweberei wird Gold- und Silberdrahtfabrikation betrieben. Ausser¬ dem verfertigt man hier die in ganz Syrien und Aegypten berühmten, mit Nägeln verzierten bunten Koffer für Leinenzeug, die namentlich zu Brautgeschenken dienen. Die Umgegend gewinnt ausgezeichnete Seide und Baumwolle. B. war schon im Mittelalter durch seine Seidenindustrie berühmt. Beize, in der Färberei und dem Zeugdruck ein wichtiger Artikel: ge¬ wöhnlich Mordant genannt. In vielen Fällen läuft die Wirkung darauf hinaus, dass sie die Farbstoffe aus ihren Lösungen auf die Gespinstfasern niederschlägt, indem ihre Bestandteile unlösliche Verbindungen mit den Farbstoffen eingehen. Die Gewebe werden entweder in die Beizlösung eingetaucht oder mit derselben gekocht. In einigen Fällen (z. B. bei den Eisenoxydulbeizen) wird die B. auf der mit ihr imprägnierten Faser durch „Hängen“ an der Luft oxidiert; in an¬ deren Fällen wird sie durch Zusatz von Salzlösungen (Fixiermittel) auf der Faser unlöslich abgeschieden; die Methode des Dämpfens besteht darin, dass ein Gemenge von polygenetischem Farbstoff und Metallsalzbeize auf das Gewebe aufgedruckt und dieses nach dem Trocknen in einem geschlossenen Kasten dem Einfluss von Dämpfen ausgesetzt wird, wodurch das durch Zersetzung entstandene basische Salz gleichzeitig mit dem Farbstoff aus der Faser fixiert wird. Vgl. „Stübling, Die Beiz- und Färbekunst“ (Berl. 1898). Bejar, Bezirksstadt in der spanischen Provinz Salamanca: Wollhandel und Tuchfabrikation, die etwa 8000 Menschen beschäftigt. Bekhette, s. Wolle. Belelacs, seidene, taffetartige gewebte ostindische Zeuge, welche durch die Engländer nach Europa gebracht werden. Belesmes, auch Kanevas, eine Art grobes Hanfleinen, das zu Perche in Frankreich gewebt und besonders zu Strohsäcken verbraucht wird. Belfast, Hauptstadt in der irischen Grafschaft Antrim: Hauptsitz der irischen Linnenfabrikation; die Baumwollenfabrikation geht zurück. Belgamire (franz.). ein früher in Bouen gefertigter Leinenstoff mit ein¬ gewebten seidenen Blumen. Belgaon(g), Hauptstadt des Distriktes B. der indobritischen Präsident¬ schaft Bombay: Auf 300 Webstühlen werden Baumwollenzeuge angefertigt. Belgien, Königreich. Zu den Hauptindustriezweigen gehört die Leinen-, Woll- und Baumwollfabrikation. Die durch Verbreitung des mechan. Gespinstes gesunkene Leinenmanufaktur hat sich seit 1850 durch zweckmässigere Organi¬ sation emporgeschwungen, namentlich in den beiden flandrischen Provinzen. 1880 bestanden 1863 diesbezügliche Anstalten mit 33 048 Arbeitern. Die Weberei wird vorzüglich in den beiden Flandern, in einigen Orten Brabants, des Henne* gaus und der Provinz Antwerpen betrieben. Die Zahl der Webereien betrug (1880) 236 mit 11940 Arbeitern; die Ausfuhr (1895: 16010 954 Frcs.) ist im Sinken. Das belg. Handgespinst, hauptsächlich von den Armen in Flandern geliefert, konnte die Konkurrenz mit den Maschinen nicht aushalten. Die Brabanter oder Brüsseler Spitzen (s. d.) werden am besten in und um Brüssel, sowie in Mecheln geklöppelt. Den Hauptzweig der Spitzenindustrie, die gegen 140 000 Menschen beschäftigt, bilden die sogenannten Valenciennes (s. d.), die am meisten
76 Belgrad—Beudai abbas. in Westflandern verfertigt werden (Ausfuhr 1895: 2 201371 Frcs.). Für die Wollenmanufaktur ist Verviers und Umgebung der wichtigste Ort. Die Woll¬ spinnereien fertigten (1880) 7 391246 kg im Werte von 41513 785 Frcs. (Aus¬ fuhr 1898: 38 226 Mill. Frcs.) Grosse Teppichfabriken bestehen zu Brüssel, Mecheln, Jngelmünster und Tournai. Viele Strümpfe und Strickwaren werden in Leuze, Peruwelz, Tournai und Aelst (Alost) gewebt. Die vorzüglichsten Baurawollenmanufakturen befinden sich in Gent, Aelst, Kortrijk, Brüssel und dessen Vorstadt Anderlecht und Tournai (Ausfuhr: 1898: 23 235 Mill. Frcs.). Literatur: Van Bruyssel, Histoire du commerce et de la marine en Belgique (3 Bde., Brüssel 1861—1864); Meulemans, La Belgique, ses ressources agricoles, industrielles et commerciales (Gent 1865); van Bruyssel, L’industrie et le commerce en Belgique (Brüssel 1868). Belgrad, Haupt- und Residenzstadt des Königreichs Serbien: Tuchfabrik. Bellac, Hauptstadt des Arrond. B. im franz. Depart. Haute-Vienne: Fabrikation von Tuch, Decken, Leinen und Hüten. Bellacosa oder Bellcosse sind seidene broschierte Stoffe, mit etwas Gold und Silber durchwirkt, die als Nachahmung der venetianischen reichen Zeuge auf der Insel Scio für den Levantehandel gewebt werden. Bellchester, Duchester, verschiedene Sorten des englischen Manchesters oder des Velvets. Belley, Hauptstadt des Arrond. B. im franz. Depart. Ain: Seidenspinnerei, Indienne- und Musselinfabrikatiou; beträchtlicher Handel mit Seide. Bellings, der allgemeine Name mehrerer Sorten englischer gemischter Zeuge von Flachs- und Hanfgarnen in der Kette und Wollengarn im Einschlag, zu¬ weilen ganz von Wolle. Man fertigte auch in Frankreich viele Sorten davon und brachte sie unter Ballanges, Bellinges fagon de Bouracan, Tiritaines, Breluches, Berluches, Bure u. s. w. in den Handel. In neuer Zeit ist dieser Artikel durch andere Stoffe in den Hintergrund gedrängt worden. Belluno, Hauptstadt der Provinz und des Distrikts B.: Seidenspinnereien. Belutschistan, (Balutschistan, auch Beludschistan; engl.: Beloochistan), das Gedrosia der Alten, das südöstlichste Fürstentum des Hochlandes von Iran: Erzeugung von Knüpfteppichen gleichen Namens, deren ältere Sorten sehr selten und hoch im Preise sind. Sie unterscheiden sich von anderen ostpersischen und zentralasiatischen Teppichen durch ihre düstere und verschwommene Färbung, wozu das tiefdunkle Blau und das schwärzliche Braun, ebenso wie das eigen¬ tümliche Rot, beiträgt, das zwischen Rosa und Indischrot etwa die Mitte hält. Ganz unvermittelt findet sich dann in diesem düsteren Fond ein kleines weisses (seltener gelbes) Motiv, ein Kreuzchen, eine punktierte Raute oder dergleichen hingesetzt. Die Raumeinteilung wie die Einzelmotive sind fast immer geome¬ trischer Natur. Die Muster sind so dicht gestellt und in der Regel von so all¬ gemein geometrischem Inhalt, dass man in den meisten Fällen zweifelhaft bleibt, auf welche Farbe das Muster und auf welche der Grund zu beziehen ist. Der Belutschistanteppicb ist ganz aus Wolle, welche sehr weich und ziemlich lang geschoren ist, weshalb die Teppiche dick und schwer sind. Die Knüpfung ist keine besonders dichte. Die Querseiten haben den kilimartig angewebten farbig gestreiften Vorstoss, wie diese, und geknüpfte Fransen. (Vgl. Teppiche.) Belvedere, s. Seide. Belzamire, ein franz. Stoff mit seidenem Blumenmuster auf einem Grunde von Leinengarn, der ehedem in Rouen gefertigt wurde. Belzig. Kreisstadt im preuss. Regbez. Potsdam: Weberei, Wollspinnerei. Benares, Hauptstadt der Division und des Distrikts B. im indobritischen Reiche: berühmt sind die hier gefertigten Gold- und Silberhrokate, Sammete, seidene und baumwollene Stoffe. Benares, ein ostindischer Silberstoff. Benau, Dorf im preuss. Regbez. Frankfurt: Flachsspinnerei, Leinweberei. Bendarabbas, Hafenort der pers. Prov. Kerman: Handel und Bedeutung des Ortes ist gegen früher sehr gesunken; besonders werden Baumwollwaren, Tuche und Teppiche auf den Markt gebracht.
Bendorf—Berkan. 77 Bendorf, Stadt im preuss. Regbez. Koblenz: Wollspinnereien. Benfeld, Hauptstadt im Kreis Erstein in Elsass-Lothringen: grosse Baum¬ wollenspinnerei, Bandweberei, Färberei, Hanfbau. Bengalen, Präsidentschaft des Indobrit. Reiches: die inländische Industrie hat durch die massenhafte, stets zunehmende Einfuhr englischer Manufakturwaren ausserordentlich gelitten. Die früher berühmten, ausgebreiteten Musselinwehereien in Dbaka sind gleich den Baumwollwebereien zu Balasor fast gänzlich zugrunde gegangen. In und um Kalkutta bestehen jedoch noch ziemlich bedeutende Fa¬ briken von groben Baumwollstoffen und (1896/97) 9 Baumwollspinnereien, Segel¬ tuchwebereien und Seilereien; die Juteindustrie steht in hoher Blüte. Die Aus¬ fuhr an Baumwolle betrug 1898/99 6,769,920 Rupien. Bengaline, moderner Halbseidenstoff für Damenkleider; auch bedruckte halbseidene belle Ballstoffe. Bengalische Leinewand heisst ein seidenartiges, ostindisches Gewebe, dessen Fäden aus den Samenkapseln eines Krautes gesponnen und zu verschie¬ denen, zwar glänzenden, aber wenig haltbaren Stoffen verarbeitet werden. Der Stamm dieses Krautes trägt am Gipfel einen Büschel gelber Blumen, nach deren Verblühen die Fäden in Gestalt von Flocken erscheinen, welche von den Frauen des Landes versponnen werden. Bennington, Ort im County B. im südwestlichen Teile des nordamerika¬ nischen Staates Vermont: Fabriken von Strickwaren. Bentheim, Kreisstadt im preuss. Regbez. Osnabrück : Baumwollweberei. Berams, Berampaats, auch Berupates, ein grobes einfaches Baumwollen¬ gewebe, welches früher in Mengen aus Surate nach England gebracht wurde, jetzt aber nicht mehr vorkommt. Berbice, Baumwollsorte aus Guyana. Berck-Slir-Mer, Hafenort im Arrond. Montreuil des franz. Depart. Pas-deCalais: Segeltuchfabrikation. Berditschew, Kreisstadt im russ. Gouvernement Kiew: Färbereien, Band¬ fabriken. Berg, vormals ein selbständiges Herzogtum, (Ducatus Montensis), jetzt ein Teil der preuss. Rheinprovinz: wichtigstes Fabrikland Deutschlands, worin sich namentlich das Wuppertal mit Elberfeld und Barmen (s. d.) durch seine textilindustrielle Tätigkeit auszeichnet. Unter Ludwig XIV. (1643—1715) führten die Verfolgungen der Protestanten viele gewerbliche Ansiedler nach B., die dort den franz. Geschmack in Seide und Baumwolle, im Bleichen, in Spitzen, feinen Leinen u. s. w. heimisch machten. Berga, Bezirksstadt in der span. Prov. Barcelona: Mechanische Webereien. Bergamees (franz.) oder Bergamotatapeten, in Bergamo erfunden, grobe gewebte Tapeten, welche dann auch in Rouen, Leboeuf, Antwerpen, Brüssel, sowie in Böhmen und Mähren verfertigt wurden. Das Material dazu ist ver¬ schieden : die Kette gewöhnlich Hanf oder Leinen, der Einschlag von Flockseide, Baumwolle, Wolle, Kuh- oder Ziegenhaar. Bergamo, Hauptstadt der ital. Prov. B.: Seiden- und Tuchwebereien, erstere im 14. Jahrhundert eingeführt. Berge in Hannover: Teppich- und Kattunweberei. Bergisch-Gladbach, Stadt im preuss. Regbez. Köln: Merino-und Streich¬ garnspinnerei. Bergseide ist Asbest (s. d.). Berilldruck, ein Verfahren des Zeugdrucks auf Wolle, nach dem erhabene farbige Muster durch Aufdrucken mit Stücken verdickter Tafelfarben, ohne nachherige Beseitigung des Verdickungsmittels hergestellt werden. Gegenwärtig selten mehr üblich. Berkan, Perkan, Parkan, Barakan, Barrakan (ursprünglich arabisch), (in Frankreich auch bouracan) ein aus Ziegenhaar und Wolle oder aus Kamelhaar gewirktes Zeug; jetzt allgemein ein sehr dichter und schwerer, leinwandartig gewebter Stoff mit Kette aus festem, zweifädigem und Einschlag aus drei- bis sechsfädigem Kammwollzwirn, der, mittels des Kalanders (s. Appretur) mit einem-
78 Berlin wellenartigen Schimmer (Moirierung) versehen, namentlich als Möbelstoff Anwen¬ dung findet; doch kommen unter dieser Benennung auch leichtere, aus unge¬ zwirntem Kammgarn verfertigte und selbst baumwollene Gewebe vor. ln Frank¬ reich bezeichnet man mit baracan grosgrain jenen B., bei dem der Einschlag stärker und dicker als die Kette ist im Gegensatz zu Camelot baracane, in welchem die Kette stärker als der Schuss ist. Berlin. Die Anfänge der Seidenindustrie in Berlin beginnen unter der Regierung des Grossen Kurfürsten (1640—1688), nachdem Sachsen nach den Beispielen in Frankreich, England und Holland vorangegangen war. (Vgl. Schmoller und Hintze, Die Preussische Seidenindustrie im 18. Jahrhundert, aus: Acta Borussica, Denkmäler der Preussischen Staatsverwaltung im 18. Jahr¬ hundert. 3 Bde. Berlin 1892.) Die ersten Versuche der Einführung, welche mit Dresdener Unternehmern gemacht wurden, gelangen nicht; erst die Einwande¬ rung der französischen Refugies, unter denen sich Hunderte von Familien aus Seidenmanufakturen befanden, führten zu befriedigenden Ergebnissen. Eine ganze Reihe der verschiedensten Fabriken entstanden in kurzer Zeit. Man fertigte Tuch und feine Wollenzeuge, ihr schloss sich die Strumpfwirkerei auf den neuen mechanischen Stühlen an, wie sie französische Kunstschlosser in den brandenburgischen Landen zu verfertigen begannen. Berlin kommt zunächst für die Seidenindustrie ausschliesslich in Betracht. Der Erste, welcher eine Seiden¬ manufaktur anlegte, war Jean Biet, ein Unternehmer aus Paris. Eine Gaze¬ manufaktur ward 1686 begründet; zu gleicher Zeit entstehen Bandmanufakturen. Von besonderer Bedeutung war die Gobelinmanufaktur, welche Pierre Mercier 1686 einrichtete. Seit 1647 gab es in Berlin und Cölln eine Zunft der Posamentierer. Im Jahre 1697 wurde Strumpfwirkern und Barettmachern (s. Barett), aus vertriebenen Heidelbergern und Schweizern bestehend, ein Privi¬ legium bewilligt. Bei den Seidenfabriken entsprach der Fortgang nicht ganz den glücklichen Anfängen der ersten Jahre. Mangel an Kapital war die Haupt¬ ursache daran; denn die kurfürstlichen Vorschüsse allein reichten nicht aus, das genügende Rohmaterial zu beschaffen. Aber auch zollpolitische Verhältnisse spielen hinein, welche den fertigen Stücken den Absatz nach aussen hin er¬ schweren. So geht die Industrie allmählich zurück. 1690 kommt die Manufaktur von Biet zum Stillstand; die Seidenweberei von Müller und Koppisch in Spandau bei B. geht 1693 ein. Eine Berufsstatistik von 1700 weist nur noch 12 Seiden¬ arbeiter auf. Der Karmoisinsammet zum Krönungsfeste konnte noch in B. ge¬ arbeitet werden; bald danach verfiel dieser Fabrikationszweig gänzlich. Besser haben ihr Fortkommen die Seidenstrumpf- und Bortenwirkerei, die Seidenstickerei, vor allem die Fabrikation halbseidener Zeuge. Letztere fand einen Halt an der mehr und mehr aufblühenden Wollenindustrie, in der neben französischen Flücht¬ lingen, Schweizer und andere Kolonisten, wie Wegeli und Orelli tätig waren; um das Jahr 1710 sind in B. mehr derartige Arbeiter, als sich ernähren können. Hofseidensticker finden sich in B. seit dem 16. Jahrhundert in stetiger Folge: nur Fremdlinge, wobei selbst ein Türke ist. Dann nehmen französische Künstler diese Stelle ein, wie Elie Pally. Schon am Ende des 17. Jahrhunderts bestand in B. ein besonders privilegiertes Gewerbe der Gold- und Silber-, Perlen-, Seidenund Wollsticker. In enger Beziehung zur Seidenindustrie steht auch die Manu¬ faktur goldener und silberner Fäden, Tressen und sonstigen Zierats, welche 1686 begründet worden war und im ersten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts unter allen verwandten Manufakturen den glänzendsten Aufschwung nahm. Dieser Industrie¬ zweig hing mit der Einwanderung der französischen Refugies nicht zusammen. Inzwischen ist in B. und Umgegend der Seidenbau eifrig betrieben, welcher unter der Regierung Friedrich Wilhelms I. mit besonderem Nachdruck gepflegt wurde. Auch der Wollen- und Leinwandmanufakturen nimmt sich der König an. Von den französischen Sammet- und Seidenstoffmanufakturen war damals nur noch eine, die 1709 begründete von Bourgnignon, in Betrieb, die auf 10—15 Stühlen arbeitete und ihren Absatz zum guten Teil im Auslande, namentlich auf den Messen zu Frankfurt und Leipzig, fand. Für Halbseidenstoffe wird 1709 die Gutbier sehe Fabrik begründet, Delon (seit 1709) und Du ches ne (seit 1713)
Berlin. 79 gelten als Vertreter der Seidenstrumpfwirkerei. Die Jahre 1728—35 bezeichnen den Höhepunkt der industriellen Entwickelung Preussens unter Friedrich "Wil¬ helm I. 1732 kommt der bisher in Dresden tätige Seidenfabrikant Claude Pitra aus Lyon nach B. und gründet auf Veranlassung des Königs eine Manu¬ faktur. Mit dem Jahre 1735 beginnt wieder eine Handelsstockung, welche sich bis in den Anfang der Begierung Friedrichs II. ausdehnte. Friedrich der Grosse schuf schon in den ersten Wochen seiner Begierung eine neue Abteilung im Ver¬ waltungswesen, das sogenannte „Fünfte Departement“, welchem die Sorge für Handel und Industrie im ganzen Gebiete der Monarchie übertragen ward: unter den näheren Aufgaben dieser Behörde stand die Förderung der Seidenindustrie obenan. Zunächst beschränkte man sich darauf, das Vorhandene vor dem Ver¬ fall zu bewahren. Bis zum Jahre 1748 blieb die Geschäftslage eine sehr schwierige. Der Fabrikant Pitra beschäftigte 1740 von seinen 32 Stühlen nur noch 6 und musste unterstützt werden, um seinen italienischen Seidenhändlern bezahlen zu können; seit 1743 hört man nichts mehr von ihm. 1742 hatte sich einer seiner Gesellen, Cuissart aus Lyon, selbständig gemacht, musste aber wegen Nieder¬ gang des Geschäftes entweichen. Am schwersten litt unter der langen Absatz¬ stockung die grosse Gobelinsmanufaktur von Charles Vigne, welche bisher meistens für das Ausland, auch viel für den russischen Hof geliefert hatte. Der König selbst war der beste Abnehmer im Lande: unter den Geschenken, welche den fremden Gesandten gegeben wurden, sollte sich jedesmal eine Tapete von Vigne im Werte von 1500 Talern befinden. Aber die Bedeutung dieser Ber¬ liner Industrie geht dahin. Im scharfen Gegensatz dazu stehen die Sammet- und Seidenmanufakturen in Potsdam (s. d.). Nach dem Dresdener Frieden (1745) bricht eine neue Zeit für die gesamten wirtschaftlichen Unternehmungen an. Um die Entwickelung des Seidengewerbes macht sich der Minister Marschall sehr verdient. Als dieser 1749 stirbt, übernimmt Friedrich der Grosse persönlich die Leitung. In Berlin war damals der Gesamtbetrieb in allen Zweigen der Industrie, mit Einschluss der Halbseiden-, Seidenstrumpf- und Seidenbandfabrikation, auf 900—1000 Stühle gebracht worden, wovon 4—500 auf Sammet- und Seidenzeug¬ manufakturen kamen. Die Arbeiter stammten aus allen Ländern: Meister und Gesellen aus Italien und Oesterreich, aus Leipzig und Dresden, aus Hamburg, Amsterdam und Kopenhagen, aus Basel und Zürich, namentlich aber aus Frank¬ reich und zwar vorzugsweise aus Lyon, wo die preussischen Agenten besonders rührig warben. In besonderer Gunst beim König stand die Berliner Sammet¬ fabrik von Gotzkowsky, welche aus derjenigen von Blume hervorgegangen war: sie beschäftigte 1753 bereits 145 Stühle. Auch Girard und Michelet werden erwähnt, als eines der ersten Handlungshäuser das Unternehmen von Fr. W. Schütze. Bernhard Isaac wird unter den jüdischen Seiden¬ händlern als einer der ersten genannt. Viel Mühe gab sich der König schon damals um die Einführung der Seidenbandfabrikation, welche in Holland, in Basel und Krefeld so ausserordentlich grosse Erfolge aufzuweisen hatte: be¬ sonders bezeichnet werden die Posamentierer Moses Ulff und Büchling. Der Seidenbau lag hauptsächlich in den Händen der Geistlichen und Schulmänner. 1750 setzte der König besondere Preise aus für die besten Leistungen in und um Berlin. Eine hervorragende Musteranstalt für den Seidenbau wurde die in B. begründete Königliche Bealschule, die der Pastor Hecker von der Dreifaltig¬ keitskirche leitete. Der Seidenertrag hob sich stetig und betrug 1754 2637 Pfund, wovon die Kurmark allein 1835 Pfund lieferte. Um die Seidenzwirnerei zu fördern, liess man 1748 einige Seidenzwirner aus Lyon kommen; die bedeutendsten waren die Gebrüder Fonrobert; trotzdem aber konnte der Bezug des gezwirnten Materials aus Italien nicht aufgegeben werden. — Der siebenjährige Krieg bildet den Uebergang zu einer neuen Epoche auch für die Seidenindustrie in B. Mangel an Arbeitskräften verteuern den Arbeitslohn. Der auswärtige Absatz geriet gänzlich ins Stocken. Als Gotzkowsky 1756 die Leipziger Herbstmesse bezog, konnte er statt deren sonst für 40 000 Taler, nur für 200 Taler verkaufen. Trotzdem machte sich eine fühlbare Betriebsstockung zunächst nicht bemerkbar; erst nach dem Friedensschlüsse traten die Wirkungen des Krieges in Handels-
80 Berlin. krisen hervor. Der Erste, welcher der Katastrophe zum Opfer fiel, war Gotzkowsky: er legte neben den eingegangenen Seidenfabriken eine Porzellanfabrik an: G. nahm übrigens in den Jahren von 1746—1756 in der Geschichte der preussischen Seidenindustrie einen hervorragenden Platz ein. Trotzdem dann in den Jahren von 1763—66 eine ganze Reihe von Unternehmungen begründet wurden, sind erneute Krisen nicht zu vermeiden. Man sucht im einzelnen zu helfen, um wenigstens einen völligen Stillstand der Fabrikation zu vermeiden. Von 1766—1786 macht sich wiederum ein lebhafter Aufschwung bemerkbar, der namentlich in den 70er Jahren durch Massnahmen des Königs erreicht ist. Als Massstab hierfür kann gelten, dass von 1770—1780 der Absatz an allerhand Seidenwaren einheimischer Fabrikation (d. h. in Preussen überhaupt) auf den Frankfurter Messen von 2—300 000 Taler im Jahr auf 7—800 000 Taler stieg. Der König ordnet Verbesserung der Fabrikate an. Die Appretur wurde durch Einführung der französischen Zylindriermaschine vervollkommnet; das Moirieren (s. d.) der Zeuge, welches mit Hilfe einer englischen Maschine versucht worden war, wurde durch die Gebr. Massonneau wieder aufgenommen. Die in Mode kommenden chinierten Zeuge, bei welchen das Muster durch gefärbte Kette ge¬ bildet wird, werden von einem eigens aus Frankreich verschriebenen Seiden¬ arbeiter gemacht; auch auf gute Musterzeichner, Musterleserinnen, Färber und Färberinnen wird Bedacht genommen. Im Jahre 1781 beginnt wieder ein Rück¬ gang, der indessen nicht lange anzuhalten scheint. Zu den bisher genannten Er¬ zeugnissen kommt 1769 eine nach Pariser Muster und mit Pariser Arbeitern angelegte Blondenfabrik. Ferner wird in demselben Jahre eine Fabrik künst¬ licher Blumen nach italienischer Art begründet. Diese Artikel werden hergestellt aus den feinen Häuten der Kokons, bunten Seidenfäden u. s. w. Man beschäftigt auch hier meist Pariserinnen. 1773 wurde die Manufaktur an den Berliner Kaufmann Friedei verkauft, der mit 150—200 Arbeiterinnen jährlich für über 24000 Taler an Wert herstellt. Die Pflege des Seidenbaues, welcher sich Fried¬ rich der Grosse nach dem siebenjährigen Kriege wieder mit grosser Fürsorge annimmt, wird nach seinem Tode vernachlässigt. Diese Industrie hatte über¬ haupt bald nach dem Regierungsantritt Friedrich Wilhelms II. eine schlimme Zeit durchzumachen, wobei die ungünstige Seidenernte in Italien (1787) einen grossen Einfluss hatte. Der Preis des Materials stieg um mehr als 40°/0 und die Fabrikation wird eingeschränkt. In Berlin gingen über 300 Stühle, etwa der neunte Teil der bisher betriebenen, ein; 1791 ist die Krisis wieder vorüber. In den Jahren 1794 und 1795 ist die Zahl der Stühle in B. auf 3 700 und 4200, 1796 auf 4 500 Stühle gewachsen, worunter 2800 in reinseidenen Stoffen beschäftigt waren. Auf den glänzenden Aufschwung der Berliner Seidenindustrie folgte ein Rückgang: die Stühle für ganzseidene Waren gingen um 1000 herunter. Indessen erhält sich das Seidengewebe in bezug auf die Güte der Waren auf der Höhe. Die grosse Katastrophe, welche im Jahre 1806 das ganze altpreussische Verwaltungssystem umstürzte, hat auch die Berliner Seidenindustrie an den Rand des Unterganges geführt. Im Jahre 1807 sank der Betrieb auf 523 Stühle, hob sich noch einmal auf 1481, ging in der Kriegszeit aber wieder stark herab, um 1819 abermals auf 1122 zu steigen. Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts fabriziert Berlin noch die ganzseidenen und namentlich auch die gemusterten kostbaren Modestoffe. Die Zahl der Jacquardstühle betrug im Jahre 1846 für B. 372 und noch 1861 zählte man deren 208. Auch in den gemusterten Seideubändern zeichnet sich B. um diese Zeit aus. Aber im Laufe der 50er und 60er Jahre sieht man sich gezwungen, wie die übrigen Fabriken anderer Städte, zu der Herstellung leichter, glatter Stoffe überzugehen. Neben der eigentlichen Weberei entwickelte sich die Seidenzwirnerei samt der Fabrikation von Näh- und Stick¬ seide und namentlich die früher noch sehr unvollkommene Seidenfärberei zu bedeutenden Gewerbszweigen. 1871 betrug die Menge der gefärbten Seide 320000 Pfd. und noch heut ist dieser Zweig der Seidenindustrie von Bedeutung. Das eigentliche Seidenwebergewerbe ging aber immer mehr herunter. Die Gewerbe¬ zählung von 1875 wies in der Stadt nur noch 203 Seidenweber, einschliesslich der Lehrlinge auf, während überhaupt im ganzen Seidengewerbe (Spinnerei,
Berlin. 81 Zwirnerei u. s. w.) 686 Arbeiter beschäftigt waren. (lieber die Musterung der älteren Gewebe vergl. den Artikel Deutschland.) Die moderne Textilindustrie in B. erstreckt sich besonders auf gewebte Wollwaren; sie umfasst in neuester Zeit auch die Fabrikation von Orleans, Shawls, Teppichen und Strumpfwaren. Die Seidenindustrie ist so gut wie ganz zurückgegangen, dagegen haben sich Färberei und Druckerei in AVollgarn, Seide und Baumwolle, sowie das Konfektions- und Modewarengeschäft zu grosser Blüte entfaltet. — An Sammlungen von älteren Textilien besitzt das König 1. Kunstgewerbe-Muse um (Direktion: Geh. Reg.-Kat Prof. Dr. Lessing [Sammlung], Prof. Ernst Ewald [Unterrichtsanstalt], Dr. P. Jessen [Bibliothek]), die in geschichtlicher Beziehung bedeutendste der Welt. Sie verdankt seit dem Jahre 1873 sachgemässe Anlage und weiteren Ausbau der Tätigkeit Geh. Kat Lessings. Ein im Jahre 1890, gelegentlich der Gesamt¬ ausstellung dieser Stoffsammlung, herausgegebener kleiner Führer zählt 11 055 Stücke verschiedener Gruppen auf, wovon 6079 auf die Gewebe und innerhalb dieser 1472 auf solche Stoffe kommen, die vor der gotischen Periode liegen. Eine allerneueste Notiz gibt 12 000 Gesamtnummern dieser Sammlung an und es ist wohl anzunehmen, dass unter den seit 1890 gemachten Neuerwerbungen sich meistens Stoffe der älteren Epochen befinden. Den Hauptscbatz bilden die frühmittel¬ alterlichen Stoffe vor dem Erblühen der Webereien in Aegypten und Sizilien. Während das eine oder das andere Museum davon nur vereinzelte Stücke besitzt, finden sich hier Hunderte z. T. vorzüglich erhaltene Muster. Ueberaus zahlreich sind die arabischen Seidengewebe verschiedener Perioden und ihre italienischen Nachahmungen, meist in grossen Stücken vertreten, ebenso die italienischen des 15. und 16. Jahrhunderts. Grössere Gruppen bilden die chinesischen und japa¬ nischen Stoffe, denen sich kostbare Stickereien, eine Spitzensammlung und orien¬ talische Teppiche anreihen. In Arbeit befindet sich zur Zeit die ATeröffentlichung dieser „Gewebesammlung des Königlichen Kunstgewerbe-Museums zu Berlin“ (Verlag E. Wasmuth, Berlin), welche auf 400 Tafeln (200 farbig, 200 schwarz) angelegt ist. Das Werk wird im Aufträge der Preussischen Staats¬ regierung mit erheblichem Zuschuss von Staatsmitteln herausgegeben; es hat nicht nur den archäologischen und kunsthistorischen Zwecken des Unterrichts in AVebeschule und Zeichensaal zu dienen. Für die Perioden, in denen das Material reichlicher vorhanden ist, dem späteren Mittelalter und der Renaissance, wird keine Vollständigkeit angestrebt, es werden aber ausgesucht schöne und typische Exemplare gegeben. Aehnliche Publikationen hat sowohl Geh. Rat Lessing per¬ sönlich, als auch die Verwaltung der König]. Museen in Berlin als solche, über Stickereien und altorientalische Teppiche veranstaltet: vgl. hierüber die einzelnen Artikel. In der Unterrichtsanstalt des Museums bestehen Zeichenklassen für Flächenmuster, insbesondere für Weberei und Stickerei; auch wird eine be¬ sondere Fachklasse für ausführende Kunststickerei unterhalten. Die Bibliothek enthält alle Vorlagenwerke, welche im Bereiche der Textilkunst erschienen sind; ein für Studienzwecke höchst wertvoller Apparat ist die reiche Vorbildersamm¬ lung, welche Photographien und sonstiges Abbildungsmaterial, in Mappen histo¬ risch und nach Techniken geordnet, enthält und den Besuchern zur freien Be¬ nützung im Lesesaal zur Verfügang steht. Die Ornamentstichsammlung bewahrt wertvolle alte Stick- und AVebemusterbücher. Der Bibliothek angeschlossen ist die (für sich aufgestellte) Freiherrlich Lipperheidesche Kostüm¬ bibliothek, welche für Trachtenstudien das wertvollste Material bietet. — Von anderen Abteilungen der Königl. Museen in Berlin enthält diejenige der ägyptischen Altertümer [Direktor: Prof. Dr. Ermann] eine reiche Samm¬ lung von Textilien, welche in den letzten Jahren durch die koptischen Grab¬ funde eine wertvolle Bereicherung erfahren hat. Für Studien im Bereiche altchristlicher Kunst ist in Vorbereitung eine Sammlung derselben Grabfunde, welche im Kaiser Friedrich-Museum [Direktor: Geh. Reg.-Rat Dr. Bode] aufgestellt werden wird. Das Museum für deutsche Volkstrachten und Erzeugnisse des Hausgewerbes, im Jahre 1888 errichtet, enthält für Studien über geHeiden, Handwörterbuch der Textilkunde. 6
82 Bern—Bettdecken webte und gestickte Bauerntrackten und damit zusammenhängende Einzelheiten ein reiches Material. (Führer herausgegeben 1895.) Die Städtische Höhere Webeschule, (Direktor: Gr. Weber), zerfällt in eine Tages-, eine Abend- und Sonntagsschule; es wird in der Weberei Wirkerei, Posamentierer ei und Färberei unterrichtet, wobei die Be¬ dürfnisse der Berliner Textil- und Konfektions-Industrie Berücksichtigung finden. Eingeschlossen sind: kaufmännische, Musterzeichnen-, Hand- und Maschinen¬ stickerei-Kurse, die nach Bedürfnis erweitert werden. Die Dauer derselben ist je nach Bedarf und den Verhältnissen bemessen; der jährliche Kursus kostet für Schüler des preussischen Staates 60 Mark. Zum Zwecke des Unterrichts in der Stilkunde ist eine umfangreiche Stoff¬ sammlung angelegt, welche Gewebe, Stickereien, Spitzen und Teppiche älterer Zeit enthält, woran sich Musterkollektionen der modernen Industrie anschliessen. Die König 1. Preussische Zentralstelle für Textilindustrie, (Direktor: Professor Max Gürtler), übt die Aufsicht über die Preussischen Fachschulen für Textilindustrie im Aufträge des Ministeriums für Handel und Gewerbe aus. Sie fertigt Lehrmittel für die Fachschulen, übernimmt chemisch-technische Untersuchungen aller in das Textilfach schlagenden Mate¬ rialien und vermittelt die Arbeitsverteilung an die Königl. Preussischen Stick¬ schulen. Bern, Hauptstadt des Schweiz. Kantons und Bezirks B.: Woll-, Seidenund Baumwollwarenfabrikation. (Vgl. Burgundische Tapeten.) Bernau in der Mark, Stadt im preuss. Regbez. Potsdam: Woll-, Baumwoll- und Seidenweberei, Posamentenfabriken. Bernay, Hauptstadt des Arrond. im franz. Depart. Eure: Woll- und Baum¬ wollspinnereien, Garnbleichen. Wichtig ist die Leinwandmesse. Berneck, Stadt im bayr. Regbez. Ostfranken: Baumwollenweberei, Leinen¬ fabrik. Bernstadt, Stadt in Schlesien: Tuchweberei. Berthelsdorf bei Hainichen, in der Amtshauptmannschaft Döbeln der sächs. Kreishauptmannschaft Leipzig: bedeutende Flanellfabrik, Wollspinnerei und Bleichen. Berthelsdorf bei Herrenhut in der Oberlausitz: Baumwolldamastweberei. Berwer, abgeleitet von berbicinus, im Mittelalter Name eines Wollenstoffes. Besan90n, Hauptstadt des franz. Depart. Doubs und des Arrond. B.: bedeutende Fabriken liefern Leinwand, Woll-, Baumwoll- und Seidenzeuge; Tuchhandel. Besatztuch, aus Streichwolle hergestelltes T., gewalkt, gerauht und ge¬ schoren. Besigheim, Oberamtsstadt im württ. Neckarkreis: Fabrikation von Bandund Trikotwaren. Besooty, eine Sorte Cassas (s. d.) welche die Dänen ehemals aus Ost¬ indien brachten. Bestaubte Tapeten, s. Flocktapeten. Bethilles, Betilles, ein lockeres, baumwollenes, meistens weissgestreiftes oder weissgegittertes Gewebe, welches in vielen Gegenden Ostindiens häufig ver¬ fertigt und nach allen Gegenden Asiens kommt; früher brachten es die Holländer, Franzosen und Dänen auch nach Europa, allein schon seit Jahren wird der Stoff hier durch die schottischen, sächsischen und schweizerischen Musseline verdrängt. Bethune, Hauptstadt des Arrond. B. im franz. Depart. Pas-de-Calais: Leinwandbleichen und ansehnlicher Handel mit Leinwand. Bettbarchent, Bettdrell, s. Barchent. Bettdecken als abgepasste Ware, Schlafdecken (franz.: couvertures de lit), bilden in allen Stoff- und Webarten einen bedeutenden Handelsartikel. Es sind gewöhnlich dichte festgewebte Zeuge aus Schafwolle, Baumwolle, Seide und aus sonstigen gemischten Stoffen, die in deutschen, niederländischen, fran¬ zösischen und englischen Manufakturen verfertigt werden. Die schafwollenen Decken sind hierunter am gangbarsten, besonders die sogenannten Burger-
Betthimmel. 83 decken, welche im früheren Herzogtum Berg (s. d.), in und um Burg, und die Neumünster-Decken in Holstein, gewöhnlich aus Rauh- oder Pelzwolle der Weissgerber, die man aus den benachbarten Provinzen bezieht, in grosser Menge verfertigt und von da nach allen Gegenden, wo die Decken von Federn nicht in Gebrauch sind, verkauft werden. Obenan stehen eigentlich die ge¬ wöhnlichen Sorten, welche nicht nur zu Lagerdecken für die Soldaten und Krankenhäuser, sondern auch für die Kavallerie unter die Sättel der Pferde gebraucht werden. In denselben Werkstätten bei Burg u. s. w. werden auch die sogenannten Baumwollendecken gemacht, deren Kette gewöhnlich von Leinen¬ garn, der Einschlag von Baumwolle ist und welche nicht gewalkt, sondern nur trocken gerauht und aufgekratzt werden und zwar mit Karden. Ausser diesen Burgerdecken macht man auch solche in Bayern, Hannover, Sachsen u. s. w., ebenso werden sie im Böhmischen, Mährischen und Schlesischen in den ver¬ schiedensten Sorten gefertigt. Die englischen Manufakturen liefern eine grosse Menge von Bettdecken in allen möglichen Arten von Geweben und Stoffen unter den verschiedensten Bezeichnungen: Rose Blankets (weisse, wollene), Parish Man¬ tels (langhaarige, bunte), Cots oder Cuts (gewöhnliche für die Hängematten in den Schiffen), Hykes (ganz dichte und festgewebte) u. s. w. Torringtons sind geköperte Decken. Baumwollene, barchentartig gewebte und auf der einen Seite gerauhte Decken liefern namentlich die Manufakturen von Manchester unter dem Namen Counterpanes (vgl. Palampores). Dergleichen kommen auch aus Sachsen: aus der Gegend von Hohenstein. In Frankreich werden wollene Decken, meistens ungeköpert, mit und ohne eingewirkte Streifen gewebt: Cauadas (festgewebte, dicht gewalkte, weisse), deren grösster Teil nach Nordamerika geht; die besten macht man in Rouen und Darnetal aus spanischer Wolle. Castalognes oder Castelognes sind feine weisse Decken, welche ursprünglich aus Barcelona und Umgegend in den Handel kamen, später aber auch in Frankreich nachgemacht wurden. Haardecken (thibandes) werden viel im franz. Depart. Calvados gefertigt und als Pferdedecken nach der Schweiz, Belgien und Amerika geliefert. Bett¬ decken verschiedener Grösse aus Kattun, Pique, Seidenzeug u. s. w. werden auch zum Verkauf genäht; man pflegt sie mit Baumwolle, Watte oder Florett¬ seide auszustopfen und dann in Mustern zu übersteppen, damit das dazwischen wattierte Material sich nicht verschiebt. Einige Sorten dieser doppelten oder gesteppten Decken kommen unter dem Namen Courte pointe oder Contre pointe aus Frankreich. In Italien sind die Corperte per Letto als Bettdecken ein sehr guter Artikel. Gestickte Bettdecken gehören in neuerer Zeit oft zu den selbst¬ gefertigten Gegenständen der Aussteuer. Man näht Bahnen des am breitesten liegenden Kongress- oder Kanevas-, Leinen- oder Baumwollenstoffes zusammen und stickt breite Borten- oder geeignete Streumuster in rot und blauem waschbarem Garn darauf. In vornehmeren Häusern sind neben den Filetbett¬ decken, deren Untergrund aus schwerer farbiger Seide besteht, auch solche mit aufgenähtem breitem Seidenband in der Linienführung des sogenannten Kurven¬ stils (s. d.) in Aufnahme gekommen, wobei nur eine Decke für zwei zusammen¬ stehende Betten eingerichtet wird, in der Art, wie solche in früheren Zeiten für die breiten , sogenannten Plimmelbetten üblich waren. (Vgl. Abb. 35). Betthimmel (lat.: celura, coelum; franz.: ciel de lit; engl.: sperver, esperver), als Bekrönung der breiten, reichgeschmückten, sogenannten „Parade¬ betten“ hatten sich in der Renaissancezeit allmählich aus dem in geschwungenem Giebel abgeschlossenen Kopfblatt des Bettes entwickelt, wo man diesen von der bisher mit der übrigen Architektur zusammenhängenden Wandbekleidung loslöste. Ein auf vier Säulchen ruhendes Gebälk enthält in leichtem Rahmen einen glatten oder drapierten Umhang aus reich gemusterten gewebten, gestickten oder be¬ malten Stoffen, welche als Lambrequinstreifen, oberer Fries oder Behang, den herüberhängenden Abschluss bilden. Im 17. Jahrhundert fällt die vollstän¬ dige Ueberdachung des Bettes weg und der B. erscheint von der Wand her als krönender Baldachin (s. d.) über dem Kopfende des Lagers.
84 Bettleinwand—Biambonnees, Bettleinwand, eine bunte, gewöhnlich rot und weiss oder auch blau und weiss, in verschiedenen Mustern karierte Leinwand, in welcher häufig die bunten Fäden Baumwollengarn und nur die weissen Leinen sind, die sich aber durch ihr festes dichtes Gewebe auszeichnet und deshalb zu gewöhnlichen Bettüber¬ zügen verbraucht wird. Die Art des Stoffes mit der karierten Musterung ist schon im frühen Mittelalter bekannt gewesen: es haben sich zahlreiche Beispiele hiervon in koptischen Gräbern gefunden (s. d.). Bettlersammet (franz.: velours de gueux), ein französischer Stoff, dessen Kette von Leinengarn, der Einschlag von Baumwolle gemacht wird; man webt ihn besonders in der Gegend von Lyon. Bettstout (engl.), Bettdrell, Inlett, einfarbig oder gestreifter, dicht gewebter Baumwollenstoff in Bindung von vierschäftigem Köper. Betzingen, Dorf in Württemberg: Baumwollspinnerei und -weberei; Fa¬ brikation von Nähzwirn aus Leinen, und von Weberutensilien ; eigene Volkstrachten. Beuchen (Bäuchen, Büken), Wäsche, Garne, Gewebe zur Wäsche in Lauge (Beuche) einweichen. Beuel, Dorf im preuss. Regbez. Köln: Jutespinnerei und -Weberei, Gurtenfabrik und Kosshaarspinnerei. Beuteltuch, Siebtuch, Siebleinwand, Müllertuch, Müllergaze (franz.: toile ä bluteau, toile ä moulin, toile ä tamis, toile ä sas, etamine ä bluteau ; engl.: boiding cloth); durchsichtige, fein netzförmige, aber aus starken, fest gedrehten Fäden gewebte Stoffe, welche sowohl zum Durchsieben oder Durchbeuteln des Mehls in den Mühlen, als auch zu Sieben, Fensterrahmen u. s. w. gebraucht werden. Die verschiedenartige Anwendung macht dieses Gewebe zu einem bedeutenden Han¬ delsartikel. Man webt den Stoff meistens aus Wollengarn, doch kommt er auch aus Leinen, Baumwolle, roher Seide und aus Haaren in Verwendung (s. a. Haartuch). Bevagna, Stadt im Kreis Spoleto der ital. Prov. Perugia: Handel mit den berühmten Hanf- und Leinengeweben. Beveren (Beveren-Waes), Dorf in der belg. Prov. Ostflandern: bedeutende Spitzenklöppelei. Beyrut, s. Beirut. Bezane, Bezans, heissen in Frankreich verschiedene weisse oder gestreifte, auch mannigfaltig gefärbte bengalische Kattunsorten. Bezetten, Bezetta, Tournesolläppchen, mit Farbstoffen verschiedener Art imprägnierte Leinwandläppchen, die vorzugsweise zum Schminken benutzt werden. Beziers, Hauptstadt des Arrond. B. im franz. Depart. Herault: Woll¬ spinnereien, Seiden- und Wollmanufakturen; Handel mit Seide. Bhamo, Bhamr, Bhamar, Bamo oder Bhanmo; birman. Bhamaw; chines. Sin-kai (Neumarkt), bedeutendste Handelsstadt in Birma in Hinterindien. Der sehr belebte Ort ist Hauptsitz des birman.-chines. Handels. Alljährlich treffen hier vom Oktober bis Mai (nur die Regenzeit unterbricht den Verkehr) die mit Seide und Manufakturwaren beladenen Karawanen chines. Kaufleute, zunächst aus der Prov. Jün-nan und die flachen Boote der Birmanen mit ihren Baumwollballen zusammen. Der Ueberwert der Baumwollausfuhr findet seine Aus¬ gleichung zum Teil durch Einfuhr von Sammet- und Seidenzeugen, russ. Tuch u. s. w. Versuche der Engländer, von hier aus den Handel mit Südwestchina zu leiten, sind an der Landesnatur gescheitert, da zwischen B. und Jün-nan hohe schneebedeckte Ketten zu überwinden sind. (Vgl. Kreitner, Im fernen Osten, Wien 1885.) Bhangulpore, ostindische Baumwollsorte. Bharotsch, Hauptstadt des Distrikts B. der Prov. Gudsclirat in der indobritischen Präsidentschaft Bombay: bedeutende Baumwollpflanzungen. Biala, Stadt in Galizien: bedeutende Leinwandweberei und Hauptsitz der galizischen Tuchfabrikation, deren Produkte, insbesondere bunt gefärbtes Tuch, nach dem Orient, schwarzes nach der Schweiz und Amerika ausgeführt werden. Biambonnees, ostindische Zeuge, welche ganz aus Baumbast gefertigt und gewöhnlich dunkelbraun oder dunkelgelb gelärbt werden (s. Bast).
Biancavilla—Biella. 85 Biancavilla, das alte Inessa, Stadt in der Prov. Catania auf Sizilien: alle Baumwollengewebe dieses Teiles von Sizilien heissen Biancavilla-Zeuge. Bias, bucharisch und kalmückisch Bös, weisser baumwollener Stoff in drei Sorten, dem Tschaldar (s. d.) ähnlich. Er kommt häufig im russischen Handel mit den Bucharen und Kalmücken vor, am meisten in Astrachan, Orenburg und einigen sibirischen Gegenden. Biasse, rohe, levantinische Seide. Biaza, russ. Armiak, eine Art Kamlot, von den astrachanischen Tataren aus Kamelhaar gefertigt. Biber (engl.: Beavers), in einzelnen feinen Sorten nach dem Französischen Castorin und nach dem Englischen Beaver genannt, ein beidrecht geköpertes Woll-, jetzt meist Baumwollgewebe mit feiner, stark gedrehter Kette und grobem, schwach¬ gedrehtem Einschlag, das auf beiden Seiten sehr stark gerauht ist; hiernach bilden die in der Längenrichtung des Stücks, nach dem Strich liegenden Härchen des Einschlags, eine dichte Decke, wodurch der Stoff das Aussehen eines dicken langhaarigen Tuches gewinnt. Biberach in Württemberg, Stadt: Posamentierwarenfabriken. Bicester, Stadt in der engl. Grafschaft Oxford: Spitzen- und Sackleinwand¬ fabrikation. Biddeford, Stadt im County York des nordamerik. Staates Maine: Baum¬ wollspinnereien. Bideford, Hafenstadt in der engl. Grafschaft Devon: Spitzen- und Segel¬ tuchfabrikation. Biedenkopf, Kreisstadt im preuss. Kegbez. Wiesbaden: Wollweberei. Biel, Hauptstadt im Schweiz. Kanton Bern: Baumwollspinnereien. Bielefeld, Stadt im preuss. Regbez. Minden: einer der wichtigsten Plätze Deutschlands für Leinweberei und Flachsspinnerei. Erstere wird schon im An¬ fang des 14. Jahrhunderts erwähnt, jedoch erst durch Einwanderer aus den Niederlanden im 16. Jahi’hundert gefördert, die in und um B. die Fabrikation der Schleier, der sogenannten klaren Leinewand, und die Flachsspinnerei ein¬ führten. Der neue Erwerbszweig blühte besonders seit den Zeiten des Grossen Kurfürsten rasch auf. Die Batist- und Damastweberei, worin B. ebenfalls einen Ruf geniesst, kam seit dem Siebenjährigen Krieg in Aufnahme. Gegenwärtig liefert B. besonders feinere Sorten Leinen, ausserdem fertige Wäsche, wobei über 160 Firmen arbeiten (zum Teil mit Dampf getriebene Nähmaschinen) und über 3500 Personen beschäftigt sind. Von Bedeutung sind: die Ravensberger Spinnerei mit der Filiale in Wolfenbüttel (30 200 Spindeln), die Spinnerei Vor¬ wärts (10 850 Spindeln), die beide zusammen für 9 Mill. Mk. jährlich fertig stellen, und die 1863 begründete mechanische Weberei (950 Stühle und 200 000 Stück Jahresproduktion). Die grossartigen Bleichen um B. sind meist nach irländischem und belgischem System eingerichtet. In neuerer Zeit wird auch Seiden-, Sammet- und Plüschweberei betrieben. Unter dem Namen Biele¬ felder Leinwand versteht man eines der besten deutschen Leinen; durch ihr dichtes, gleiches Gewebe, durch die Gleichheit der Fäden, welche durch den Gebrauch nicht dicker werden, wie es bei der anderen Leinwand häufig der Fall ist, und durch ihre Haltbarkeit steht sie der holländischen L. wenig nach; die feinste kommt dem niederländischen Batist nahe. Früher wurden die Stücke der B.-Leinwand an beiden Enden mit einem Adler gestempelt, da die verpflichteten Schau- oder Leggemeister jedes Stück auf den „Leggen“ genau untersuchten und dasjenige, welches nicht für fehlerfrei erkannt wurde, weder ge¬ stempelt, noch auf den Bleichen zugelassen, auch nicht ausser Landes verkauft werden durfte. Bielitz, Stadt in Oesterreichisch-Schlesien: bedeutende Schafwollindustrie, ausserdem Flachsgarn- und Jutespinnerei. Von grosser Wichtigkeit ist der Handel des Ortes in Tuchwaren nach dem Orient. (Vgl. Haase, Die BielitzBialaer Schafwollwarenindustrie Teschen-Bielitz 1874). Biella, Hauptstadt der ital Prov. Navarra: viele Manufakturen in Tüchern, Leinwand* Handel mit Seide.
86 Bienenzellenmuster—Bildwirkerei. Bienenzellenmuster (franz.: dessin alveolaire; engl.: cellular pattern), ein aus sechseckigen Feldern bestehendes Muster, das im Füllgrund gewisser fran¬ zösischer Spitzen des 18. Jahrhunderts vorherrscht; aber auch schon am Ende des 16. Jahrhunderts in spanischen Sammetstoffen sehr beliebt ist, wo es auf Grund geometrischer Konstruktion entstand. (Vgl. auch Bobbinnet.) Bietigheim, Stadt in Württemberg: grosse Kammgarnspinnerei; Färbereien. Biggleswade, Stadt in der engl. Grafschaft Bedfort: Spitzenfabrikation. Bilbao, Hauptstadt der span. Provinz Biscaya: Baumwollfabrik, Tuch¬ fabriken; bedeutende Ausfuhr von Wolle. Bildgewebe (franz.: etoffes fagonnees; engl.: fancy cloth), gemusterte, fassonnierte, dessinierte, figurierte Stoffe; diejenige Art von Geweben, in denen durch Benützung verschiedenartiger Kett- und Schusseffekte, mit oder ohne Farbenverschiedenheit, eine Zeichnung (Muster, Dessin, Figur) hergestellt ist: daher Bildweberei s. v. w. Musterweberei. Die Zeichnung kann entweder in regelmässiger Anordnung auf der ganzen Fläche wiederholt, oder in Form und Grösse dem Gebrauch des Stoffes entsprechend, gleichsam architektonisch innerhalb eines bestimmt abgegrenzten Baumes mit Borte oder Einfassung, Mittelstück, Eckstücken u. s. w. angeordnet, also nur einmal ausgeführt werden. Stoffe der letzten Art werden abgepasst genannt; zu ihnen gehören Tafeltücher, Servietten, Handtücher, gewebte Teppiche u. s. w. Der Grund wird bei einfachen Stoffen meist in glatten Bindungen: leinwand-, köper-, atlas-, zuweilen auch wohl gazeartig gewebt; die Flächen des Musters werden meist durch flottere Bindungen gebildet, z. B. Leinwandgrund mit fünf- oder sechsbändigen Atlas¬ figuren , oder fünfbindiger S.chussatlasgrund mit Figuren in acht- oder zehnbindigem Atlas; oder man lässt nur den Kett- und Schusseffekt bei gleichen Bindungszahlen wirken, wie bei Damast. Bei Doppelgeweben mit mehreren Ketten und Schüssen besteht das auf glattem Grund gebildete Muster aus langflottenden Kett- oder Schussfäden, die nur an passenden Stellen abgebunden werden, oder es arbeitet wohl auch ein glattes TJntergewebe mustermässig durch ein glattes Obergewebe, z. B.: baumwollene Garten- und Kaffeetischdecken. Um das Muster möglichst hervor treten zu lassen, wird dasselbe öfters in feinem, glänzen¬ dem, lebhaft farbigem, sogar von dem Stoff des Grundes verschiedenem Material hergestellt, namentlich aber wird das Sichtbarwerden der Zeichnung durch Frei¬ liegen (Flotten) der musterbildenden Fäden erreicht. Prinzipiell soll die Faden¬ verbindung des Musters eine wirkungsvollere, gefälligere als die des Grundes sein, mindestens darf sie dieser in Glanz und Farbe nicht nächst eben. In manchen Fällen kommt ein glatter Grund überhaupt nicht zum Vorschein, indem das Muster mit seinen mannigfaltigen Formen, aus verschiedenen Ketten und Schüssen gebildet, die Fläche des Gewebes vollständig deckt: z. B. bei Gobelinimitationen. Bildwirkerei bezeichnet eine Handfertigkeit, welche auf senkrecht oder Avagerecht gespannter Kette durch Einziehen farbiger Fäden bildartige Flächen herstellt. Die Technik an und für sich reicht in ein hohes Altertum zurück und darf als eine Vorstufe der eigentlichen Weberei gelten: wir sehen sie bei allen Völkern entstehen, sobald es sich um Anfänge einer Stoffmusterung handelt. Hatten dies schon früher vereinzelt verkommende Proben, sowie die Mumien¬ stoffe von Peru (s. d.) gezeigt, so wurde die volle Bestätigung dafür gegeben durch die seit etwa zwei Jahrzehnten aus den sogen. Koptischen Gräbern (vgl. den Artikel Koptische Funde) zu uns gelangenden Wirkereien. Die künstlerische Ausbildung der B. hat je nach dem Stande der Kultur stattgefunden. Für die gröbste Art solcher Wirkereien geben uns die sogen. Kilims (s. d.) der asiatischen Völker ein Beispiel. Ihre zackig absetzende Musterung ist entstanden, indem man bunte Wolle durch bestimmte Gruppen von Kettfäden hin und her führte, ohne dabei in andere Farben oder nebenliegende Grundfäden überzugreifen. Durch diese Art der Mustergebung ist es bedingt, dass an den Kanten der einzelnen Farbenflecken die Kettfäden auseinanderfallen und Schlitze gebildet Averden. Der Orientale kennt aber keine andere Art der Bildwirkerei, sie hat bei ihm sogar seit altersher im feinsten Material, in Seide und Goldfäden, die vollendetste Ausbildung erfahren. (Vgl. den Artikel Schlitzwirkerei.) Es wohnt den Völkern
Billardtuch—Bindungen. 87 des Orients das Gefühl inne, die Art der Nadelmalerei, wie sie die auf höchster Stufe stehende Technik der B. erzeugt, durch die Stickerei darzustellen. (Vgl. orien¬ talische Stickereien.) In Europa führen uns die ersten Bildwirkereien nach den nördlichen Ländern, mit ihnen setzt eine andere Art ihres Gebrauchs ein und auch die Technik erweitert sich. (Vgl. nordische Kunstweberei.) Fanden im Orient die gewirkten Arbeiten Verwendung zur Ausstattung der Kostüme, und gröbere Kilims zu Behängen der Zelte u. dgl., so nimmt die B. in Europa unter den verschiedensten Benennungen die Gestalt des Wandteppichs (s. d.) an, dessen Musterung und Technik sich mit der Zeit so vervollkommnet, dass sie sich in Frankreich unter dem Namen Gobelin (s. d.) als Tapisserie (s. d.) in die Reihen der ersten Kunstwerke einordnet. Billardtuch, aus Streichwollen hergestelltes T., roh gewebt und im Stück gefärbt (grün), in Bindung von dreischäftigem Köper. Billerbeck in Westfalen: Leinwandweberei. Binche, Stadt in der belg. Provinz Hennegau, nach welcher man ver¬ schiedene Arten von älteren Klöppelspitzen bezeichnet, die aber nicht alle ihren Ursprung hier haben. Die eigentliche B. ist eine geklöppelte Spitze der Rokoko¬ zeit, welche sich durch ihre unendliche Feinheit in der Textur auszeichnet: ihre Blütezeit geht bis zum Ende des 18. Jahrhunderts, die Musterung bewegt sich in Ranken aus breitem Blatt- und Blütenwerk, welche der sogenannten point dAngleterre ähnlich sieht. Schon seit dem Ende des 18. Jahrhunderts werden in B. die sogenannten Fleurs ä plat für die in Brüssel auf Tüll „applizierten Spitzen“ gefertigt. (Vergl. Artikel und Tafel Klöppelspitzen, sowie das Werk: Lejeune, Histoire de la ville de B. [Binche 1890].) Bindelli nennt man in Italien die seidenen, goldenen und silbernen Borten, die besonders in Mailand auch unter dem Namen venetianische Borten verfertigt werden; in früherer Zeit wurden sie auch in Wien, Berlin, Hamburg und Leipzig gewirkt. Bindfaden, Spagen, Spagatfaden (franz.: ficelle ; engl.: string, pack thread; ital.: spago), eine aus Flachs oder Hanf gesponnene dünne Schnur, die aus zweifach oder dreifach zusammengesetzten Fäden besteht, welche bald stärker, bald schwächer, bald fester, bald lockerer gedreht sind. Die feinste Art ist der sogenannte Kanzleibindfaden, die gröbste Art der Zuckerbindfaden. (Vergl. die Artikel Schnüre und insbesondere Seilerei.) Bindlöcher werden in der Weissstickerei runde ausgeschnittene, durch Knopflochstiche übernähte Durchbrüche genannt. Bindungen heissen in der Weberei die Verkreuzungen der Kettfäden mit den Schussfäden. Man unterscheidet drei „Haupt- oder Grundbindungen“ und unzählige davon „Abgeleitete Bindungen“. Erstere sind: a) die Leinwand-, Tuch¬ oder Taffetbindung; b) die Köperbindung; c) die Atlasbindung. Zu einer Bin¬ dungseinheit, dem Bindungsrapport, gehören bei der Leinwandbindung zwei Kettund zwei Schussfäden, die wechselweise hoch oder tief liegen; bei der Köper¬ bindung mindestens drei Kett- und drei Schussfäden, von denen bei jedem Schuss¬ faden ein Kettfaden hoch oder tief liegt; bei der Atlasbindung mindestens fünf Kett-und fünf Schussfäden. (Vgl. Bindungstafel XV, Abb. 1—3.) Die Leinwand¬ bindung stellt sich als ein schachbrettartiges Muster dar; bei den Köperbindungen zeigen sich auf der Fläche des Gewebes schräg laufende Grade (Bindungsgrade), während beim Atlas die Bindungspunkte (Hoch- oder Tiefgänge der Kettfäden) regelmässig über den Rapport verteilt sind, ohne sich gegenseitig zu berühren. Die „Abgeleiteten Bindungen“ entstehen auf die verschiedensten Weisen: z. B. durch Verdoppelung der Kett- oder Schussfäden, durch Hinzufügen einzelner Bindungspunkte oder ganzer Gruppen, durch Umordnen der Fäden u. s. w. Gewebe mit einer Bindungsart über die ganze Breite nennt man „glatte“, solche mit wechselnden Bindungen nebeneinander werden als „fassonierte Gewebe“ be¬ zeichnet. (Ueber Atlas [Satin], gemischte und weitere Bindungen vgl. die Stoff¬ arten im Einzelnen.) Literatur: Denk, Bindungslehre für Gewebe, Altona 1883/86; Jos. Vincenz, Lehrbuch der Bindungslehre und Dekomposition, Dresden 1895;
Bionde—Bischweiler. 88 Fr. Donat, Methodik der Bindungslehre und Dekomposition, Wien 1892; Oelsner, Die deutsche Webeschule, Altona 1891; Reiser und Spennrath, Handbuch der Weberei, Bd. II, Die Kompositionslehre. Abbildungen auf der Bindungstafel XV: 1. Leinwand-, Tuch- oder Taffetbindung. 2. Köperbindung: vierbindiger Schussköper. 8. Atlasbindung: fünfbindiger Schussatlas. 4. Panamabindung: dreifädige und dreischüssige Taffetbindung. 5. Achtbindig gleichseitiger Köper. 6. Achtzehnbindiger Mehrgradköper. 7. Sechsbindig gebrochener Schussköper. 8. Zickzackköper von vierbindigem Kettköper (Drell). 9. Zweifädiger fünfbindiger Atlas. 10. Panama-Atlas. 11. und 12. Kreppbindungen. 18. Doppelgewebe: eine Kette, zwei Schuss; oben und unten vierbindiger Köper. 14. Doppelgewebe: eine Kette, zwei Schuss; oben achtbindiger, gleichseitiger Mehrgradköper, unten achtbindiger Kettköper. 15. Doppelgewebe: zwei Ketten, ein Schuss; oben und unten vierbindiger Köper. 16. Doppelgewebe: zwei Ketten, ein Schuss; oben vierbindiger Köper, unten achtbindiger Atlas. Oben und unten Taffet mit taffetartiger Anbindung. 17. und 18. Verbundene Hohlgewebe: zwei Ketten, zwei Schuss; oben vierbindiger gleichseitiger Köper, unten achtbindiger Atlas mit köperartiger Atlasbindung. (Die linke untere Ecke auf den Einzelbildern zeigt die Darstellung der wirk¬ lichen Fädenlage: schwarz = Schuss, weiss = Kette. Rechts von der Bindungs¬ darstellung ist Schnitt in Kettrichtung, unten ist Schnitt in Schussrichtung angeben.) Bionde (ital.) Biredschend s. Blonden. oder Birdschan, Stadt in der pers. Provinz Khorassan: erzeugt Knüpfteppiche, welche sich durch grosse Festigkeit und Dichte des Gewebes auszeicbnen, so dass 3000 bis zu 8000 Knüpfungen auf 100 qcm kommen. Dagegen fühlen sie sich bei aller sammetartigen Weichheit der Oberfläche des Flors sehr steif an und sind wenig schmiegsam. Die Musterung der Biredschend-Teppiche ist sehr wechselnd. Eines der gewöhnlichsten Motive ist das der aneinander gereihten Palmwipfel oder des Shawlmusters (s. d.). Biret (lat.: biretum, birretum), Kopfbedeckung der römisch-katholischen Geistlichkeit. Birma, zum indobritischen Reiche gehörendes Land in Hinterindien: Herstellung grober Baum wollen stofl’e und Zeuge aus inländischer Seide; Zeugfärberei. Birrus (lat.), (franz. bureau), ursprünglich ein leinenes Gewand, bei den Römeim auch der Name für eine bestimmte Gewandform: das älteste Bischofs¬ gewand. Später ein derber flockiger Stoff, sowie ein Mantel daraus; auch zu Mützen verwandt, woraus die Namen Birretum, Baret u. s. w. Bischofsornat, dasselbe besteht (nach Bock, Geschichte der liturgischen Gewänder, Bd. II. S. 222) aus folgenden Teilen: 1. die bischöflichen Strümpfe, 2. die Sandalen oder Schuhe, 3. der Amictus oder das Schultertuch, 4. die Alba, 5. der Gürtel zur Aufschürzung der Alba, 6. die Stola, 7. die Tunika, 8. die Dalmatika, 9. die Casula oder Planeta, 10. die Handschuhe, 11. die Mitra oder Infula, um welche die gefürsteten Bischöfe einen kronenartigen Kranz zu tragen pflegen, 12. der Manipulus. (Vergl. über diese textilen Einzelheiten die betreffenden Artikel.) Dazu kommen als metallische Insignien: 13. der Ring, 14. das Brustkreuz oder Pektorale; 15. der Bischofsstab und endlich als besonders auszeichnende Ornate für den Bischof und den Erzbisch.: 16. das gallikanische Pallium, 17. das erzbischöfliche Pallium. Bischofsmütze s. Mitra. Bischweiler, Hauptstadt des Kantons B. in Elsass-Lothringen: die vor 1870 bedeutende Wollgarn- und Tuchfabrikation ist infolge der veränderten Absatzverhältnisse zurückgegangen; zwei neuerdings gegründete Aktiengesell-
Bisette—Blattstechen. 89 schäften haben die Fabrikation wieder aufgenommen. Ferner bestehen Fabrikation von Leinwand, bedeutende Jutespinnerei und -Webereien. Bisette (franz.), gestickte Tresse; auch Bezeichnung für eine leinene Bauernspitze, welche die Landleute im franz. Depart. der Seine und Oise aus weissem Garn klöppeln. Biskra oder Biskara, Stadt im Arrond. Batna im südl. Algerien: Burnusund Teppichfabrikation. Bislint, eine sehr schmale Bandsorte aus Westfalen. Bisonhaar, Büffelwolle. Der amerikanische Büffel oder Bison hat zwischen seinen langen groben Haaren eine feine Wolle, welche der Merinowolle und dem Yicunnahaar ähnelt: sie wird zu Filzarbeiten und anderen groben Textilwaren verarbeitet. Bissonata, grobe Wollenstoffe, tuchartig gewebt, braun oder schwarz gefärbt, vornehmlich in Frankreich für Ordensgeistliche gefertigt. Bitlis oder Bedlis, Hauptstadt des asiat.-türk. Yilajets B.: Botfärberei und Baumwollzeugweberei; Ausfuhr von Wolle, Einfuhr von Baumwolle aus Persien. Durch Hausindustrie Erzeugung von Teppichen nach persischen Mustern. (Yergl. Anatolische Teppiche). Bitre ist eine Art der Brabanter Leinewand. Bjela, Kreisstadt im russ.-poln. Gouvernement Sjedlez: Flachsbau und Leinenweberei. Bjelosersk, Kreisstadt im russ. Gouvernement Nowgorod: Spitzenklöppelei. Bjelostök, Kreisstadt im russ. Gouvernement Grodnow: 19 Woll- und Tuchfabriken. Blanc (franz: le blanc, das Weisse), bei den französchen Manufaktur¬ warenhändlern alles das von ihrer Ware, was gebleicht worden ist: Lein¬ wand , Batist, Kalicot, Perkal, Musselin. Manche dieser Kaufleute teilen ihr blanc wieder in blanc de coton (Baumwollenweiss) und in blanc de fil {Leinenweiss). Blanc, Le, Hauptstadt des Arrond. Le B. im franz. Depart. Indre: Woll- und Leinenweberei, Tuchmacherei. Blancards oder Rouen blancards ist der Name einer der gangbarsten französischen Leinenstoffe, welcher in den beiden Departements des Calvados und der Oise aus halbgebleichtem Flachsgarn gewebt und halbgebleicht verkauft wird. Früher suchte man die besten und feinsten Stücke aus und verkaufte sie unter dem Namen Fleurets oder Floretas nach Spanien; jetzt kennt man im Handel nur B.’s von verschiedener Qualität. Blankets s. Bettdecken. Blaquets (franz.), Druckwalzentücher, starke, gewalkte wollene Tücher, welche eine gewisse Dichte, Zurichtung und Breite haben müssen, entsprechend den Verhältnissen der Druckwalze, für die sie gebraucht werden und in der sie dienen, die zu bedruckenden Stoffe unter die Walze durchzugleiten und die erforderliche Unterlage zu gewähren. Blatt, Teil des Webstuhls, dasselbe besteht aus zwei horizontalen Leisten, zwischen welchen aufrechtstehende, glatt abgerundete Stäbchen, die Rohre (Rieth, Riede) von Teichrohr, Messing oder Stahl, befestigt sind. Das B., welches in der Fuge des Ladendeckels und der des Ladenklotzes befestigt wird, dient dazu, die von dem Kettbaum durch das Geschirr (Schäfte) kommenden Kettfäden aufzunehmen und dieselben über die ganze Breite der Ware in regel¬ mässigen und paralellen Abständen von einander zu halten, andererseits dient es auch dazu, die Schussfäden, welche in die Fachöffnung der Kette eingetragen werden, gegen die fertige Ware zu drücken und somit die Dichtheit der Ware herzustellen. Blattgang, derselbe bezeichnet in der Dichtenbestimmung eines Gewebes die Summe von 20 Rohren; nach Blattgängen wird die Blatthöhe (Blattdichte) bemessen. (Yergl. Blatt.) Blattstechen gehört zu den Vorbereitungen der Webematerialien, im engeren Sinne wird das Einziehen der Kettfäden in die Riethlücken (Rohre) darunter ver-
90 ßlaubeuren—Bleichtücher. standen. Das B. wird von zwei Personen ausgeiiihrt. Die eine sticht mit dem Einziehhäkchen oder Blattstecher durch die Oeffnung zweier Rohre, während die andere so viel Kettfäden, als in dieselbe kommen sollen, abzählt und auf den Einschnitt legt. Die erste Person zieht dann den Blattstecher zurück und hält die Fäden mit der linken Hand fest. Die Zahl der ins Rohr zu ziehenden Fäden ist je nach dem herzustellenden Stoff verschieden (s. a. Blatt). Blaubeuren, Oberamtsstadt in Württemberg: Leinenweberei, grosse Blei¬ chereien. Sitz der 1. Sektion der Leinenberufsgenossenschaft. Blaue ostindische Leinwand nennt man zuweilen eine Art Baftas (s. d.). Blaumachen ist ein um das Jahr 1832 in die Schwarzfärberei der Seide eingeführtes Verfahren, das darin besteht, das auf der Faser fixierte Eisenoxyd in sogenanntes Berlinerblau überzuführen: einerseits, um die Erschwerung (s. d.) zu erhöhen, andererseits um den Ton des Schwai’z ins Bläuliche scheinen zu lassen. Bleichen (franz.: blanchiment; engl.: to bleach), heisst in der Technik die Zerstörung oder Umwandlung der organischen Farbstoffe, mit denen viele Rohmaterialien aus dem Pflanzen- und Tierreich in der Art behaftet sind, dass durch dieselben das Aussehen der daraus hergestellten Fabrikate beeinträchtigt wird. Je nach der Art der zu bleichenden Stoffe und ihrem Verhalten den bleichenden Mitteln gegenüber, sind verschiedene Arten des Bl. zu berücksichtigen. Im Allgemeinenunterscheidet man zwischen Natur-, Kunst- oder chem. Bleiche. Die Naturbleiche ist ein von alters her angewandtes Verfahren und beruht darauf, dass die in Betracht kommenden färbenden Substanzen fast sämtlich unter der Einwirkung von Luft, Feuchtigkeit und Sonnenlicht, wahrscheinlich infolge der Bildung von Ozon oder Wasserstoffsuperoxyd, zerstört werden. Es erfolgt dies um so leichter und vollkommener, je vollständiger alle sonstigen fremden Stoffe vorher durch Waschen und Beuchen (Büken) (s. d.) u. s. w. beseitigt sind. Die vorbereiteten Stoffe werden so in feuchtem Zustande der Wirkung des Sonnenlichts ausgesetzt, indem man sie auf ebener Unterlage, am besten und einfachsten auf dem Rasen (Rasenbleiche) ausbreitet. Der dem Boden entsteigende Wasserdampf, der sich niederschlagende Tau trägt zur Er¬ haltung der nötigen Feuchtigkeit bei, die aber bei trockener Luft und hoher Wärme durch Besprengen zu vermehren ist. Allmählich tritt dann eine Ver¬ änderung im Aussehen der Stoffe ein, das ursprüngliche Grau schwindet mehr und mehr, bis nach einiger Zeit das reine, schneeige Weiss hervortritt. Gegen¬ wärtig ist die Naturbleiche, die sich wegen der langen Zeit, die sie erfordert, für die Grossindustrie nicht eignet, durch die chem. B. oder Kunstbleiche fast gänzlich verdrängt. Zum B. von Baumwolle, Leinen- und Papierzeug findet der Chlorkalk Verwendung, dagegen nie bei Wolle oder Seide, weil er diese Fasern zerstöi'en w’ürde. Letztere werden gewöhnlich so gebleicht, dass man sie im nassen Zustande in einem geschlossenen Raume aufhängt, in dem man durch Verbrennen von Schwefel gasförmige, schweflige Säure erzeugt. Diese wird von dem den Stoff durchtränkenden Wasser aufgesogen und zerstört die Farbstoffe. Literatur: Hummel, Färberei und Bleicherei (deutsch von Knecht, Beil. 1891); Herzfeld, das Färben und B. (ebd. 1890); Frey, Anlage, Konstruktion und Einrichtung von Bleicherei- und Färbereilokalitäten (ebd. 1888); Joclet, Vollständiges Handbuch der Bleichkunst (2. Aufl. Wien 1895); Herz¬ feld, das Färben und B. (TI. 1, Berl. 1900). Bleicherode, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Erfurt: Fabrikation von Leinen¬ waren (26 Fabriken mit 258 Stühlen), in der Umgegend Handweberei, im Orte selbst zwei, im nahen Oberdorf eine mechanische Weberei für leinene und baum¬ wollene AVaren, ausserdem Bleicherei und ausgezeichnete Flachsbereitungsanstalten. Bleichtücher, unter diesem Namen wurden iu Hamburg und Bremen eine Sorte westfälischer Leinwand verkauft, welche aus grobem Flachs- und Hanfgarn halb gebleicht oder ganz roh vorkommt. Nach Südamerika gingen sie unter dem Namen Augule millas, nach Portugal und Brasilien unter der Benennung Brins de festo; in jenen Gegenden wurden sie zu Säcken, Decken und Ver-
Bloemfontein—Bobbinnetmaschine 91 packung verbraucht, auch dienen sie zu Unterlagen für die zu bleichenden dünnen Schleier u. s. w. Bloemfontein, Hauptstadt des Oranje-Freistaates: lebhafter Handel mit Wolle. Blonden (franz.: blondes; engl.: blonds-laces; ital.: biondes), geklöppelte oder genähte Spitzen aus starker, weicher und offener Rohseide, in der Regel weiss (nach ihrem gelblichen Schimmer B. genannt), selten schwarz oder bunt, deren weiter, netzartiger Grund mit Blumen und anderen Figuren gefüllt ist. Zuerst, um die Mitte des 18. Jahrhunderts, in Frankreich (besonders Caen, Bayeux und Chantilly) meist geklöppelt, nach der Farbe blondes ecrus oder nach Herkunft des Fadens nankings genannt, später unter verschiedenen Be¬ zeichnungen und Arten bekannt: blondes de fantasie oder Modeblonden, leichte seidene Spitzen, deren Grund mit der Bobbinnet- oder Pelinetmaschine, das Muster hinein genäht oder gehäkelt wurde; seidene sogen, points d’Espagne wurden geklöppelt, dahin gehören auch die Schmelzspitzen der Chenillenblonden, ferner die blondes en persil, d. h. diejenigen, welche in ihrem Grunde kleine Blätter in Form der Petersilie haben, endlich gibt es auch blondes des d’application: Applikationsblonden, welche früher teils mit der Maschine und in Verbindung von Klöppelei und Stickerei hergestellt wurden. Fausses blondes nennt man im allgemeinen die mit offener Seide ausgenähten Seidentüllstoffe oder auch solche mit eingewirkten Mustern, wobei die Bobbinnetmaschine Anwendung findet. Die italienischen B. werden am häufigsten in Venedig und Genua gefertigt; Spanien bezieht B. in grossen Mengen aus Paris und Le Puy;, an deutschen B. sind namentlich die des Sächsischen Erzgebirges zu nennen (vgl. Spitzen). Bludenz, Stadt in Vorarlberg: Baumwollenspinnereien, Bleicherei, mechan. Weberei. Blumlyleinwand ist der schweizer Name, der früher im Kanton Bern gewebten und durch Modeldruck gemusterten Zwilliche mit ausgesparten weissen oder blauen und roten Blumen. Blyant, blyat oder pliat, Name eines Seidenstoffes, der in einem deutschen Wörterbuche aus dem Jahre 1482 als „byssus jacinthus, edel seyden gewandt“ aufgeführt und in den späteren Kommentaren der Minnegedichte kurzweg als „kostbarer Seidenstoff“ bezeichnet wird. Bobbinnet (franz.: tulle anglais; engl.: bobbin net), Bobinet, Spitzen¬ grund, Bobinetspitzen, englischer Tüll, Bezeichnungen für spitzenartige Gewebe, welche auf der Bobbinnetmaschine (s. d.) hergestellt sind; sie geben eine Nach¬ ahmung des geklöppelten, auch genähten Spitzengrundes in dem sogen. Waben¬ oder Bienenzellenmuster wieder, welches aus sechseckigen Löchern oder Maschen besteht. B. erscheint platt oder gemustert in den verschiedensten Arten; die glatte Ware nennt man auch Quillings oder Plaitings; gemusterte B. ahmen täuschend die points d’Alen^on nach. B. hat die Eigenschaft, durch Heraus¬ ziehen von Kettenfäden in Streifen zu zerfallen, welche dichte Kanten und Zäckchen haben und dadurch zu Besatzspitzen werden. Der bedeutende Handel in B. erklärt sich dadurch, dass er den grössten Teil der früher gebräuchlichen Baumwollengaze, der handgeklöppelten, gewebten und gewirkten Spitzen verdrängt hat. B. wird vorzüglich in England (seit Anfang des 19. Jahrhunderts) und Frankreich, jetzt auch in Oesterreich und Belgien hergestellt. Bobbinnetmaschine, die künstlichste Webmaschine, ist für glatten Bobbinnet (s. d.) zuerst in den Jahren 1808 und 1809 von John Heathcoat in Nottingham konstruiert und wurde 1816 oder 1820 im franz. Depart. Calais nachgeahmt. In Sachsen hatte sich der AVeber Schönherr in Plauen und die Wirker Rupf und Bertbold zu Neukirchen Mitte der zwanziger Jahre des 19. Jahrhunderts selbständig mit der Erfindung und dem Bau einer B. beschäftigt und es wurde auch mit Unterstützung der sächsischen Regierung im Jahre 1830 in Harthan bei Chemnitz ein grosser Betrieb für Herstellung von Bobbinnet eingerichtet; aber schon im Jahre 1838 musste das unter der Firma Sächsische Bobbinnetmanufaktur um¬ gewandelte Aktienunternehmen der englischen Konkurrenz weichen. Erst im
92 Bobine—Bochara. Herbst 1879 hat die Herstellung von gemustertem Bobbinuet (engl. Tüllgardinen) in Sachsen wieder Aufnahme gefunden. Literatur: A. Ure, Cotton Manufacture of Great Britain (2 Bd., Lond. 1836; neue Aufi. 1861; deutsch Weim. 1837; 2. Ausg. 1842); S. Fer¬ guson, Histoire du tulle et des dentelles mecaniques en Angleterre et en France (Par. 1862); W. F elkin, A history of the machine-wrought hosiery and lace manufactures (Cambridge 1867); C. Müller, lieber Bobbinnetmaschinen mit Jacquard (im „Civilingenieur“ 1884); M. Kraft, Studien über mechan. Bobbinnetund Spitzenherstellung (Berk 1892). Bobine (franz.: bobbine; engl.: bobbin), die Spule in der Maschinen¬ spinnerei ; auch soviel wie Kötzer: der bimförmige Körper, der aus dem Garn beim Aufwickeln auf die Spindeln der Mulemaschine gebildet wird. Bobinoir, Vorspinnmaschine für Kammgarn und Seide; in der Weberei das Spulrad oder die Spülmaschine zum Aufwickeln der Kette. Böblingen, Oberamtsstadt in Württemberg: Spinnerei, mechan. Trikot¬ weberei, Fabrikation von Tuch, halbwollenen und halbleinenen Zeugen. BÖbrka, Stadt in Galizien : Kunstweberei, Leinenhandel. Boccadillos, spanischer Name einer aus Schlesien nach Spanien und Süd¬ amerika versandten weissgebleichten Leinwand, die auch unter dem Namen Platilles simples, einfache Platilles vorkommt und in Schlesien jauerische Lein¬ wand hiess. Sie ist sehr dünn gewebt, durchsichtig und daher billig, steif gestärkt; dient in den Kolonien zu Negerhemdeu, Totentüchern u. dergl. Boccage, eine Gattung Leinwand, damastartig, welche zu Servietten im franz. Departement des Calvados gewebt wird. Boccassini, weisse, ziemlich feine baumwollene Zeuge, musselinartig leicht gewebt, in Natolien und Morea gefertigt. Bochara, Bokhara, Buchara, Khanat in Turkestan, mit gleichnamiger Hauptstadt, welche früher unter der arabischen Herrschaft als Mittelpunkt orientalischer Wissenschaften galt. Bisher nur Hausindustrie, jetzt aber Ver¬ wertung der Seide in grösseren Spinnereien an Ort und Stelle; es werden Stoffe und Teppiche erzeugt. Der Handel durch Karawanen von jeher stark entwickelt; namentlich kommen Baumwolle und Seide zur Durch- und Ausfuhr, Baumwollgarn und Baumwollwaren, Seidenzeuge, gefärbte Lämmerfelle aus Russland zur Einfuhr. Bochara- oder Bokharateppiche kommen in grösster Mannig¬ faltigkeit nach Europa. Dem von E. v. Kuczynski für den Katalog der Teppich¬ ausstellung in Wien 1891 gegebenen Bericht entnehmen wir: Im Grundtone (rot oder rotbraun, sehr grell) stimmen sie alle mehr oder weniger überein, die Einzelheiten der Zeichnung wechseln jedoch fast in jedem Stück. Dennoch lassen sie sich von den eigentlich turkmenischen (s. d.) durch das fast durchweg reichlich vorkommende Ockergelb, durch den langhaarigen Flor, sowie in der Zeichnung, endlich durch die Menge von phantastischen Figuren auseinanderhalten, welche nach Simakoff (L’Art de l’Asie Centrale, St. Petersbourg, 1883) sämtlich auf die in den dortigen Steppen lebenden giftigen Insekten, den Skorpion und die Tarantel, zurückzuführen sind. Im Gegensatz zu den übrigen orientalischen Teppichbezeichnungen heissen die langhaarigen bokharischeu Teppiche mit weicher Oberfläche in den dortigen Gegenden Kilim (s. d.); z. T. werden dieselben von den in der Nähe des Urmitanpasses überwinternden Oezbegen hergestellt. Die B. sind ganz aus Wolle in Wolle geknüpft und haben vielfach auch einen seidenartigen Glanz; „die Oezbegen ziehen," wie Robinson (Eastern carpets, London 1882 u. 1893) erwähnt, „die schönste Wolle, da sie ihre Schafe mit grosser Sorgfalt pflegen, sie unter Obdach halten und sie sogar, wenn sie der Witterung ausgesetzt sind, in Kotzen (das sind starke, wollene Decken) einhüllen wie wir die Pferde.“ Das Gewebe dieser Teppiche ist ziemlich locker; es kommen ungefähr 6—700 Knüpfuugen auf 100 qcm; die Knüpfung geht nach Schema IV und auch nach Schema III (vgl. den Artikel Knüpfteppiche: „Technisches“). Die bokharischen T. kommen in allen Grössen vor, auch Gebetteppiche (s. d.) sind vorhanden. Die Raumeinteilung im Innengrunde ist in der Regel eine geometrische. Auch erscheint sie durch abgetreppte Zickzackbänder hervorgebracht, die von Schmal¬ seite zu Schmalseite laufen und in ihrer helleren Färbung auf dem indischroten Grunde dem Ganzen ein geflammtes Aussehen geben, das unmittelbar an die ähnlich gemusterten Seidenstoffe von Samarkand (s. d.) erinnert. Die Motive sind teils geo¬ metrischer Natur, teils vegetabilischen Urspi’uugs, aber auch in letzterem Falle von
Bocholt—Böhmen OB geometrischer Stilisierung. Oft hält es schwer, die Bedeutung einzelner, besonders phantastisch gestalteter Motive zu ergründen. Mit den von langstieligen Haken um¬ ränderten oblongen Motiven pflegt der dortige Arbeiter, wie schon bemerkt, die Vor¬ stellung von Skorpionen und Taranteln zu verknüpfen. Charakteristisch für bokharische Gebetteppiche ist die Gestalt der Nische. Diese schliesst nämlich mit dem Spitzgiebel nicht definitiv ab, sondern setzt sich in Form eines schmalen Halses, dann aber in einem annähernd kreisrunden Anhängsel nach oben fort. Dieses Anhängsel lässt sich historisch aus dem Hufeisenbogen (s. arabischer Stil) ableiten, der dann als Bekrönung der Nische zu denken wäre. Die Gesamtsilhouette dieser bokharischen Gebetnischen erinnert aber auch an die türkischen Grabsteine mit dem aufgesetzten Turban. Ueber letzteren erhebt sich ferner in der Regel eine Doppelvolute, die an Insektenfühler erinnert und vielleicht mit jenen oben erwähnten, der Phantasie der dortigen Teppich¬ knüpfer vorschwebenden Tieren in Verbindung gebracht werden darf. Von den Farben ist insbesondere das Indischrot für Bokharateppiche charakteristisch; als Grundfarbe erscheint es regelmässig verwendet. In den Motiven findet sich häufig ein Englischrot und dann ein Ockergelb; alle diese drei Farben zusammen erzeugen eine gewisse Gesamtwirkung. Der gewirkte Vorstoss an den Schmalseiten der B. ist in der Regel in blossen Streifen gemustert. (Vgl. Teppiche.) Bocholt oder Bochold, auch Bockholt geschrieben, Stadt im preuss. Reg.Bez. Münster: bedeutende Baumwollenspinnereien, berühmte Barchent- und Baum¬ wollwebereien, Fabrik grober Wollzeuge; Färbereien und Bleichereien. Bocqueralen hiessen früher die zu Hamburg gefertigten Futterleinen. Bodenwerder, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Hannover: Kunstwollfabrik, W ollgarnspinnerei. Bodiasse, chinesische, gewöhnliche Seide. Bodmin, Hauptstadt der engl. Grafschaft Cornwall: Wollindustrie. Bogensaum oder Ziersaum, entsteht an leichten Stoff kanten durch Ein¬ biegen derselben um 2—3 cm nach innen; zieht man die dann nach auf- und abwärl^ gemachten Yorstiche zusammen, so bilden sich kleine Bogen im Stoffe, welche noch ornamentaler wirken, wenn man zu den Stichen andersfarbige Seide oder Garn als die des Grundstoffes wählt (s. Ziersaum bezw. Ziernaht). Bogorösdsk, Kreisstadt im russ. Gouvernement Moskau; grosse Woll- und Seidenfabriken; Anfertigung von Tuchen, Baumwollstoffen. Bohain, Hauptstadt im Arrond. St. Quentin des franz. Depart. Aisne: Seidenfabrikation, Färbereien, Kaschmir-, Gaze- und Baregesfabriken. Böhmen. Die Textilindustrie lieferte 1890 Waren im Werte von 212 685 Milk Guld. In der Leinenindustrie haben die Spinnereien besonders in Trautenau beträchtlich zugenommen. 1890 standen in B. 22 Spinnereien mit 243 000 Spindeln in Betrieb, welche 490 000 Schock Garne im Werte von 18,65 Mill. Guld. erzeugten. Die Zahl der Webestühle für Leinen- und Halb¬ leinenindustrie betrug in 48 Fabriken 8305 Hand- und 996 mechan. Stühle mit einer Produktion von 9,65 Mill. Guld. Die Tuch- und Schafwollenindustrie, vornehmlich in und um Reichenberg, hat im fabrikmässigen Betriebe eine grosse Ausdehnung erlangt, ist aber als Handwerk dem Verschwinden nahe. Eine Spezialität bilden die türkischen Kappen (Fes), welche zu Strackonitz fabriziert werden. In gemischten Stoffen ragen insbesondere Asch, Aussig und Warnsdorf, ersteres zugleich in der Strumpfwirkerei, hervor. Die Zahl der Streichgarn¬ spinnereien betrug 1890: 90 mit 150 000 Feinspindeln und einer Produktion im Werte von 16 Mill. Guld.; jene der Kammgarnspinnereien 6 mit 127984 Spindeln und 9 949 500 Guld. Die Streichgarnweberei beschäftigte 69 Fabriken mit 6244 Arbeitern und 2093 mechan. Stühlen, welche für 13,23 Mill. Guld. erzeugten; die Kammgarnerzeugnisse 62 Fabriken mit 26 313 Arbeitern, 9713 einfachen und 3523 mechan. Jacquardstühlen und 26,63 Mill. Guld. Produktion. In der Baum¬ wollenindustrie ist die Spinnerei (1890) in 81 Fabriken mit 17 067 Arbeitern und 1 255 931 Spindeln vertreten, welche 27 790 t Garne und Zwirne im Werte von 28,12 Mill. Guld. erzeugten. Die Baumwollabfallspinnerei (31 Fabriken mit 52 752 Spindeln) erzeugte 7840 t im Werte von 3,54 Mill. Guld. Die Baum¬ wollenweberei hat nunmehr zum grossen Teil den Maschinenbetrieb aufgenommen und beschäftigt in 274 Fabriken 50 085 Arbeiter, 14 800 Hand- und 35 000 mechan. Stühle mit einer Produktion von 3,72 Mill. Stück und 420 000 m im Werte von
94 Böhmische Schocke—Bombasin. 57,12 Müll. Guld. Durch den Appreturverkehr gewann letztere einen Markt in Deutschland, da es deutschen Druckereien gestattet war, die aus Oesterreich bezogenen Gewebe in bedrucktem Zustande zollfrei nach Oesterreich einzuführen. Was die Weberei hierdurch gewann, hat die Druckerei eingebüsst, die nach dem Eingehen der kleinen Fabriken nur noch 19 allerdings bedeutende Etablissements zu Prag und Kosmanos mit 4016 Arbeitern zählt. Ausserdem haben in der Textilindustrie noch einige Bedeutung die Seidenweberei (1890: 20 Fabriken mit 2 124 000 Guld. Produktion), die Jutemanufaktur (10 Fabriken mit 3000 Arbeitern und 1,43 Mill. Guld.), 53 Färbereien mit 3129 Arbeitern, 76A-ppreturanstalten mit 3880 Arbeitern und die Wirk- und Strickwarenei’zeugung (61 Fabriken mit 6330 Arbeitern und 3,96 Mill. Guld.). Die Hausindustrie des böhmischen Erzgebirges liefert Spitzen aus Graslitz und Grossengrün, Wirk- und Posamentier¬ waren aus Weipert; einzelne Zweige, wie die Spitzenindustrie, sind durch Fachschulen gehoben worden. Neu hinzugetreten ist die Sammetweberei in Schmiedeberg. Böhmische Schocke, gewöhnliche Leinwand aus Böhmen, welche für den Druck in Stücken von 60 Ellen verkauft wurde. Böhmisch-Leipa, Stadt in Böhmen: Flachsgarnspinnerei, Kotgarnfärberei, Sammetweberei. Böhmisch-Skalitz, Stadt in Böhmen: Baumwollspinnerei, mechan. Färberei. Böhmisch-Trübau, Stadt in Böhmen: bedeutender Flachsbau, Flachs¬ spinnerei, Leinenweberei; Leinwand- und Garnhandel. Bohnerfries, eine wohlfeile Sorte Fries (s. d.), welche infolge der härteren Wolle, aus welcher sie hergestellt, zum Auffrischen für Fussböden verwendet wird. BojanÖWO, Stadt im preuss. Keg.-Bez. Posen: Tuchfabriken, Flachs¬ bereitungsanstalt. Bokas, Gattung baumwollener blauer und weisser Tücher aus Surate. Bolbec, Hauptstadt im Arrond. Le Havre des franz. Depart. SeineInferieure: Baumwollspinnerei und -druckerei, Kattun- und Wollweberei, Plüschund Spitzenfabriken; Cretonne- oder Leinwandniederlagen. Beträchtlicher Handel mit Baumwoll- und Seidenwaren. Bolbees, rohe und weissgebleichte Leinen aus der Normandie; denselben Namen führt auch eine Art bläulich gefärbtes Leinen, welches in Frankreich als toiles bleues en reserve bekannt ist. Bolchen, Hauptstadt in Lothringen: Flanellwebereien, Färbereien. Boldus sind holländische Bänder, welche zum Verpacken benützt werden. Bolhetus (lat.), der Quast, die Troddel. Bolivarflanell, s. Flanell. Bolkenhain, Kreisstadt im preuss. Keg.-Bez. Liegnitz: Baumwollspinnerei und -weberei (1 mechan. Weberei mit 500 Stühlen und 350 Pferdestärken), Leinenweberei (Aktiengesellschaft). Bologna, Hauptstadt der oberital. Prov. B.: Fabrikation von Seiden-, Leinen- und Hanfgeweben. Im 13. Jahrhundert sind hier wichtige Kokonmärkte und Seidenhaspelanstalten nachweisbar und schon im 12. Jahrhundert wird von blühender Seidenindustrie berichtet, die durch Vervollkommnung auf dem Gebiete der Spinnerei weltberühmt war. Bologneser Flor oder bononischer Flor, eine Art Kreppflor von der aller¬ feinsten Seide, der gewöhnlich schwarz ist und dann zu Trauerflor dient. Mau hat auch eine milchweisse Sorte (ital.: Velo), die von den Italienerinnen zu Schleiern Verwendung findet. Bombanasfaser, Kippen und Blätterfasern der Panamapalme; Flecht¬ material für feine Hüte u. s. w. Bombar, s. Baumwolle. Bombasin (franz.) (engl.: bombazet, vom lat. bombycinus, seidenartig), Bombaset, Bombasine, Bomesine, Bombazeen; unter diesem Namen kommen mehrere, unter sich sehr verschiedene Gewebe in den Handel; ursprünglich ist es ein seidener, ungeköperter Stoff, welcher in Mailand, Como u. a. O. Ober¬ italiens verfertigt und zu Lnterfutter verbraucht wurde; nach und nach machte
Bombast—ßonteet rooke Streep. 95 man denselben aus Kamelhaar, aus Wolle und Seide und jetzt wird er fast allgemein nur aus Schafwolle als glattes oder geköpertes Zeug gewebt. Es gekoren eigentlich auch die Alegines, Caschimiriennes und die Pondicherys dazu, der Unterschied besteht nur darin, dass die Organsinkette für letztere Arten ausgekocht (purgiert) wird. Uebrigens sind die Bombasinstoffe vielfach durch die sog. Tibets verdrängt worden. Bombast (engl., vom mittelalterlichen bombax, d. h. Baumwolle), ursprüng¬ lich Zeugstoff zum Auswattieren. Bombax, L. Wollbaum, Pflanzengattung aus der Familie der Malvaceen mit 10 tropischen Arten. Wird in Südamerika und Westindien zu Polstern verwendet. In den europäischen Handel kommt B. als Pflanzendunen oder Ceibawolle und dient zum Ausstopfen von Betten. Bombay, Hauptstadt der Präsidentschaft des Kaiserreichs Indien: be¬ deutende Baumwollenindustrie. Bombayhanf, s. Gambohanf. Bombazet, in Frankreich ein glatter Stoff von hartem grobem englischem Kammgarn. Bombykien (bombyeinae vestes), durchscheinende feine Gewebe wie coae vestes (s. d.), welche im frühen Mittelalter aus heimischer Seide in Rom ge¬ macht wurden. Bombykometer (griech.: Seidenmesser), Garntafel, eine zur Ermittelung der Feinheit, insbesondere der Baumwollengespinste dienende Tabelle, nach der die betreffende Garnnummer aus dem Gewicht eines Strähns oder Schnellers be¬ stimmt wird. Die Garnnummer gibt an, welche Länge des betreffenden Garns genommen werden muss, um die Gewichtseinheit zu erfüllen: bei dem gegen¬ wärtig allerwärts angestrebten metrischen Numeriersystem, wieviel Meter auf ein Gramm, oder wieviel Kilometer auf ein Kilogramm gehen. Bombyx, Seidenspinner, s. Seide und Seidenzucht. Bomesine, s. Bombasin. Bonefize (Bohnseiss, Knochenschlichte), flüssig bleibende Schlichte für Garn bei der Tuchweberei; wird aus Tierkadavern durch Auskochen mit Wasserdamjff in verschlossenen Apparaten erhalten und besteht aus leimhaltigem Fleischextrakt. Bone lace (engl.), Knochenspitze, in Inventarien der Königin Elisabeth (1558—1603) erwähnt, wo der Ausdruck als Klöppelarbeit aufzufassen ist, weil vor Erfindung des Holzklöppels dünne Knochen zum Aufwickeln des Garns ver¬ wendet wurden. Bonitur (vom lat. bonus, gut), im Wollhandel die kunstgerechte Beur¬ teilung eines Vliesses mittels technischer Ausdrücke und Zeichen. Bonndorf, Hauptstadt im bad. Kreis Waldshut: Musselinstickerei. Bonne-femme (taffetas-ä la), besondere Art französischer Taflet, schwarz, ohne Glanz und Appretur. Bonnetable, Hauptstadt im Arrond. Marners des franz. Depart. Sarthe: Baumwollweberei, Fabrikation von Beuteltuch und Taschentüchern. Bonnet de Turquie, s. Fez. Bonnetterie nennt man in Frankreich alle gestrickte und gewirkte Waren, sowohl von Seide, als auch von Wolle, Baumwolle und Leinen; bonnetier = Mützenmacher, Strumpfwirker. Bonnettes, s. Segelleinen. Bonneval, Hauptstadt im Arrond. Chäteaudun des franz. Dep. Eure-etLoire: Baumwollspinnerei und -Weberei. Bönnigheim, Stadt in Württemberg: Seidenzwirnerei und -färberei (über 500 Arbeiter). Bontaues, baumwollene Decken oder Schürzen mit roten Streifen, welche die nach Afrika handelnden Völker früher im Königreich Kantor, am Gambia, tauschten und wieder vertauschten; später wurden sie von europäischen Fabriken in den afrikanischen Handel gebracht. Bonteet rooke Streep, eine Gattung streifiger Bettleinen, welche in Fries¬ land gewebt und besonders nach Amerika und Westindien ausgeführt wurden.
96 Bonten—Bosnien Bonten, Handelsname für sogenannte Matrosenleinwand: grobe Ware, gewöhnlich blau- und weissgewürfelt oder kariert; auch gleiche Musterung in rot und weiss. Bookjes, s. Bockleinen. Books oder Bückmusselin, englische, leichte und durchsichtige Gewebe von ganz feinem Baumwollengarn, eine Nachahmung der französischen Linons. Bordat, starker und grober Baumwollenstoff aus Kairo, Alexandrien und Damiette, zur Kleidung der ärmeren Bevölkerung. Bordati heisst eine Art Gewebe, von Seide und Baumwollengarn aus Genua; es gibt glatte, geblümte, atlasartige, gestreifte u. s. w. Eine Sorte dieser Zeuge brauchen die Orientalen zu GürtelstofFen. Bordeaux, Hauptstadt des franz. Depart. Gironde: Woll- und Baumwoll¬ spinnereien, Fabrikation in Decken und Teppichen. Borden, Borten (franz.: bordures, galons, passements; engl.: welts, edges, trimming, laces; span.: bordes; ital.: galloni), sind gleich den Bändern (s. Band) schmale Gewebe verschiedener Gattung. Die Grenze zwischen beiden ist stilistisch kaum scharf zu ziehen; indessen unterscheidet man im Sprachgebrauch gewöhnlich nach der Beschaffenheit der Ware so, dass zu Bändern leichtere Gewebe und zu den Borten solche Besätze gerechnet werden, welche aus dickerem Material, besonders aber aus Metallgespinsten gefertigt sind: sie gehören daher mehr oder weniger zu den Posamentierarbeiten, welche zum Besetzen von Kleidungsstücken, gewebten Tapeten, Polstermöbeln u. s. w. Verwendung finden. Bordürenstoffe werden im Handel Gewebe mit abgepassten Mustern für Behangstreifen, Lambrequins u. dergl. genannt. Borghorst, Dorf im preuss. Begbez. Münster: zwei grosse Baumwoll¬ spinnereien (55 600 Spindeln), 6 Baumwollen- und Halbleineuwebereien (1400 Stühle); Färberei. Borgo di Val Sugana, Marktflecken und Hauptort im Suganatale: Seidenfilaturen. Borgo San Donnino, Hauptort in der ital. Prov. Parma: Seiden- und Hanfspinnereien. Borken, Kreisstadt in Westfalen: 4 mechanische Webereien (300 Stühle, 275 Arbeiter, 50000 Stück jährliche Produktion). Borowitschi, Kreisstadt im russ. Gouvernement Nowgorod: Leinwand¬ färberei und -druckerei; Handel mit Leinwand. Börowsk, Kreisstadt im russ. Gouvernement Kaluga: Seiden- und Segel¬ tuchfabrik. Borrat, schwarzer Baumwollenstoflf, ehedem in Sachsen gefertigt, dem Berkan ähnlich. Borre, eine Art ostindischer baumwollener Gewebe oder Nesseltücher. Borte, s. Borden. Bortenwirkerei, s. Bandwirkerei und unter Köln und Palermo. Bortenwirkstuhl, s. Bandmacherstuhl und Posamenterie. Boskowiz, Stadt in Mähren: Woll- und Baumwollindustrie. Bosnien, mit der Herzegowina nominell das nordwestlichste Vilajet des Osmanischen Beiches in Europa: einheimische Industrie von Leinen- und ge¬ wöhnlichen Wollenzeugen, welche im eignen Lande verbraucht werden. Hin¬ gegen hat es sich die österreichisch-ungarische Verwaltung angelegen sein lassen, die aus dem Orient herübergekommene Teppichindustrie, w-elche einst hier ein blühender Zweig kunstgewerblicher Tätigkeit war, zu einem neuen Aufschwünge zu verhelfen. Der alte bosnische Teppich ist auf äusserst einfachen Web¬ stühlen gewirkt, die nur eine Breite von etwa 40 cm haben, so dass zur Her¬ stellung breiterer Teppiche dieselben aus Streifen zusammengenäht wurden, was die bosnischen Arbeiterinnen nicht ohne Geschick zu machen verstanden. Bos¬ nische Teppiche wurden übrigens früher nicht nach dem Mass, sondern nach dem Gewicht verkauft. Die Musterung der bosn. Teppiche besteht aus geradlinigen Motiven, wfie sie die grobe Schlitz wirker ei zur Darstellung bringt (s. Kilim).
Boston—Bourrette-Industrie. 97 Boston, Hauptstadt des nordamerikanischen Staates Massachusetts und des County Suffolk: nach Neuyork der bedeutendste Ein- und Ausfuhrhafen der Union: bedeutender Handel mit Asien. Ein- und Ausfuhrartikel, besonders Baumwolle; Herstellung von Männerkleidern: jährlich etwa für 24 Mill. Doll. Bota, Betsche bota, persische Bezeichnung für das auf den Knüpfteppichen vorkommende Palmwipfelmuster (s. d.). Boublins, Bublins, dichter geköperter Baumwollenstoff, blau und grün changierend, welcher in Böhmen zu Sommerkleidern für Polen und Galizien ge¬ webt wird. Boucassine, französische Steifleinwand und ein grober Zwillich. Bouche, französischer leinwandartig gewebter feiner Wollenstoff, ungefärbt, in der natürlichen gelben Farbe, für den Handel nach Spanien und Italien ver¬ fertigt, wo er von den Geistlichen, die nach ihrer Ordensregel keine Hemden tragen dürfen, gebraucht wird. Bougrams, Bougran oder Bougassin, eine Art grober Steifleinwand, welche man in die Kleider unterfüttert, um denselben einen Grad von Haltung zu geben. Bouillon oder Cantille (franz.: bouillon, canntelle; engl.: bullion, purl;) ein zu Stickereien, Borden, Fransen, Epaulettes u. dergl. verwendetes Fabrikat, welches aus feinem, spiralig gedrehtem Gold- und Silberdraht besteht. Ein ver¬ wandtes Stickmaterial ist der geglättete Draht oder das Lahn (franz.: lame d’or ou d’argent; engl.: tinsel, flatted wire), woraus man auch die sogenannten Glanz¬ kantillen herstellt. Boulanges de Campos, eine Art Serge, die in Frankreich gewebt wird; sie führt den Namen von der spanischen Camposwolle und wird auch Carise oder Tiretaine genannt. Boulogne-SUr-Mer, Hauptstadt des Arrond. B. im franz. Depart. Pas-deCalais: Flachsspinnereien, Posamentenfabriken. Boulogne-Sur-Seine, Stadt im Arrond. St. Denis des franz. Depart. Seine: Leinwandbleichen mit 400 Waschhäusern. Bouloires heissen einige Sorten französischer Leinenstoffe nach dem gleich¬ namigen Dorfe im Departement der Sarthe, wohin sie die Landleute aus der umliegenden Gegend zu Markte bringen. Bourbon, afrikanische Baumwollsorte. Bourdaloue, französische, gemusterte Leinwand oder Zwillich, mit ver¬ schiedenen geometrischen Mustern, oft auch damastartig gezogen; sie wird zu Tischtüchern und Ueberzügen verbraucht. Bourdonys, Wollenstoffe, welche ehemals aus Gera kamen. Bourg-de-Peage, Hauptstadt im Arrond. Valence des franz. Depart. Drome: Seidenindustrie. Bourg-en-Bresse, Hauptstadt des franz. Depart. Ain: bedeutender Handel mit Spitzen. Bourgogne, berkanartiges glattes Zeug von Abbeville. Bourgoin, Hauptstadt im Arrond. La Tour-du-Pin des franz. Depart. Isere: Seidenfilaturen, Stoffdruckerei; Handel in Leinen- und Wollwaren. Bourme, eine Sorte persischer Rohseide. Bourre, beste Gattung der Abfallseide, welche beim Haspeln, Spulen, Putzen und Mulinieren der Rohseide gewonnen wird; sie kommt namentlich in englischen Spinnereien zur Verarbeitung. Bourszeuge werden hiernach in Frank¬ reich mehrere Gattungen unter sich verschiedener Gewebe genannt, deren Güte durch Nebenbenennungen unterschieden ist. Auch weiss gestreifte Baumwollen¬ zeuge aus Kleinasien kommen unter dieser Bezeichnung in den Handel. Bourrette (franz.), flockiger Stoff aus Seidenabfällen für Tischdecken u. s. w. bedruckt. Bourrette-Industrie wird jener Zweig der Seidenspinnerei genannt, bei welcher die in der Florettspinnerei (s. d.) erhaltenen Abfälle (Bourette, Werg, Stumba) als Rohmaterial Verwertung finden. Sie besteht seit 1855, die eigent¬ liche Entwickelung fällt in die letzte Hälfte des 19. Jahrhunderts; ihre BedeuHeiden, Handwörterbuch der Textilkunde. 7
98 Bo urr ettem asse—B rasili en. tung und Grösse bleibt von der Ausdehnung der Florettspinnerei abhängig. (Ygl. Silbe rin ann, Die Seide, Bd. II. S. 90 ff. Dresden 1897.) Bourrettemasse, Abfall aus der Bourretteindustrie (s.d.), findet als Packungs¬ und Isoliermaterial Verwendung; auch als Füllung für die Puffer der Eisen¬ bahnwaggons. Bourrette-Seide oder -Garn dient als Ersatzmittel für die Florettseiden (s. d.) und findet hauptsächlich als Einschlag für alle billigeren Artikel Ver¬ wendung, wie für Möbelstoffe, Decken, Kleiderstoffe, Druckfabrikate u. s. w. Ferner wird dieses Material für Stückpatronen der Geschütze und in Frankreich für das Artillerie-Asbestzeug als Einschlag benützt (s. a. Bourrette-Industrie). Boutanes, eine Art Dimiti oder geköperter Baumwollenstoffe, die von den Inseln Cypern und Chio nach Marseille gebracht werden. Boutonniere, point de (franz.), Knopflochstich, durch den der Grund in Nadelspitzen hergestellt wird. Boy, Boi, Boie, grober und tuchartiger lockerer Flanell aus Wolle und Kämlingen. Boyau, moderne Zeugart: abwechselnd glatte Streifen aus geköpertem Atlas und Ripsstreifen, zwischen welchen Mustei’ung auf Taffetgrund. Braban^onnes, werden Spitzenkanten von Antwerpen genannt. Brabant, Landschaft des holländisch belgischen Tieflandes: von alters her blühende Industrie, besonders in der Fabrikation von Leinen- (Brabanter Spitzen), Baumwoll- und Tuchwaren. Brabanter Spitzen, s. Spitzen. Brabantes, spanischer Name verschiedener Sorten brabanter Leinwand, welche in Flandern, namentlich in der Gegend von Gent, von den Landleuten wöchentlich jeden Markttag zum Verkauf in die Stadt gebracht und unter dem Namen Blaams Linnen verkauft werden. Brabantine nennt man in Italien eine weiss gebleichte Leinwand von verschiedener Feinheit, welche aus Holland kommt. Bradford, Stadt in der englischen Grafschaft York: Herstellung von Woll¬ garn und Stoffwaren. Die Industrie beruhte im Mittelalter auf Tuchmanufaktur; gegen Ende des 17. Jahrhunderts wurde die Kammgarnspinnerei eingeführt, die seit Erfindung der Dampfmaschine alle anderen Betriebszweige in den Hinter¬ grund drängte. Seit 1833 ist durch Sir Titus Salt das Alpaka, bald darauf auch das Mohair eingeführt. Die Saltaire-, Alpaka- und Mobairspinnerei an der Aire, 5 km von B., beschäftigt über 3000 Arbeiter. Durch S. C. Lister nahm auch die Seiden- und Velvetfabrikation grossartigen Aufschwung. Die von ihm errichteten „Mauningham Mills“ gehören zu den bedeutendsten Englands. Braga, Hauptstadt in der portug. Prov. Minho: bedeutende Woll- und Leinen Webereien. Bragan^a, Hauptstadt in der portug. Prov. Traz oz Montes: viele Taffetund Sammetwebereien. Braintree, Stadt in der englischen Grafschaft Essex: bedeutende Seiden¬ manufaktur. Bramsche, Ort im preuss. Regbez. Osnabrück: Baumwoll-, Wollwaren und Leinwandfabrikation. Bran, eine Sorte russischer Schetterleinwand; auch Kleanka im russischen Handel genannt. Brand, Stadt bei Freiberg in Sachsen: Gold- und Silberspitzenklöppelei; seit 1887 eine Klöppelschule. Brandenburg, Stadt im preuss. Regbez. Potsdam: Fabrikation von Wollund Seidenwaren; Tuchmanufakturen. Die Domkirche, um 1170 erbaut, enthält eine grosse Sammlung mittelalterlicher Messgewänder, darunter das Gewand des Schwanenordens (s. d.). Brandeum (lat.), ein seidenes oder leinenes Tuch, insbesondere zum Ein¬ hüllen und Angreifen der Reliquien. Brasilien, ausgedehnter Staat in der östlichen Hälfte von Südamerika: bedeutende Baumwollenindustrie; fertigt Spitzen in ganz selbständigem Stil nach
Brauls—Brettchenweberei. 99 den aus Portugal und Madeira eingeführten Waren (s. Spitzen, insbesondere Solspitzen). Brauls, Brawels, auch Chiadder-Boraals, baumwollene, weiss- und blau¬ gestreifte ostindische Tücher oder locker gewebte Kattune, im Handel nach den afrikanischen Küsten, wo sie die Bewohner zum Einhüllen des Kopfes, sowie zum Ueberzug des Turbans gebrauchen, weshalb sie oft unter dem Namen Turbans (s. d.) Vorkommen. Braunau, Stadt in Böhmen: bedeutende Tuchmacherei, Wollindustrie5 in der Nähe zwei Baumwollwarenfabriken. Braunsberg, Kreisstadt im preuss. Reg.-Bez. Königsberg: ehemals wurde viel Garn erzeugt, auch Tuch- und Leinenweberei getrieben. Braunsberg, Stadt in Mähren: bedeutende Schafwollindustrie. Braunschweig, Haupt- und Residenzstadt des Herzogtums B.: Fabrikation von Wollwaren. Das Herzogliche Museum in B. (Direktor: Prof. Dr. P. Meier), gegründet 1755, enthält eine Reihe frühmittelalterlicher Messgewänder, Stoffe und Stickereien (etwa 300 Nummern). (Vgl. Stoffsammlungen.) Das Vater¬ ländische Museum, gegründet 1890 im Anschluss an die Ausstellung vater¬ ländischer Erinnerungen aus den Jahren 1806—15, enthält Trachten und sonstige Textilien kirchlicher und profaner Art. Brauweiler, Dorf im preuss. Reg.-Bez. Köln: In der romanischen Kirche werden frühmittelalterliche Gewänder auf bewahrt 5 bekannt ist das Gewand des heil. Bernward. Breannes, eine französiche, locker gewebte, weissgebleichte Leinwand, die wie die Brionner zugerichtet ist und als solche verkauft wird. Brechin, Stadt in der schottischen Grafschaft Forfar: Segeltuch- und Leinenindustrie. Breda, Stadt in der niederl. Provinz Nordbrabant: bedeutende Tuch- und Teppichfabriken. Bregenz, Hauptstadt von Vorarlberg: Baumwollspinnerei und -Weberei, Fabrikation von Seidenfoulard. Bremen, freie Hansestadt: Jutespinnerei und-Weberei; Baumwollspinnerei und -Weberei. Bremergarn, s. Leinengarn. Bremer Linnen werden im Handel mehrere Sorten westfälischer Lein¬ wand genannt, welche roh nach Bremen geliefert, doi’t appretiert und als Rosenlinnen, Cannamosas, Casserillos nach Spanien und Amerika verkauft werden. Brenne, leichter Wollenstoff, zuweilen mit seidenen Streifen, welcher früher aus Frankreich kam. Breslau, Hauptstadt der preuss. Provinz Schlesien: Baumwoll- und Kammgarnfabriken5 Teppichindustrie. Schlesisches Museum für Kunst¬ gewerbe und Altertümer, gegründet 1891, (Direktion: Prof. Dr. K. Massner, Dr. Hans Seger) enthält eine umfangreiche Stoffsammlung, deren mittelalter¬ liche Gewebe und Stickereien den dortigen Kirchen entstammen. Breslauer Ballen wurden früher sehr verschiedene Sorten schlesischer Leinwand genannt, deren Hauptmarkt Breslau war. Brest, Hauptstadt im franz. Depart. Finistere: Fabrikation von wasser¬ dichter Leinwand; Wollhandel. Bretagnes, eine der gangbarsten Sorten weissgebleichter Leinwand nach gleichnamiger französischer Provinz, wo sie ursprünglich vorzüglich und in grossen Mengen gefertigt, seit langem aber auch in Deutschland und England nachgemacht wird. Brettchenweberei, eine in neuester Zeit (zuerst durch Geheimrat Jakobs¬ thal) wieder belebte uralte Technik, welche schmale Bänder und Fransenborten aus Fäden herstellt, deren Kreuzung durch das Drehen von Brettchen vermittelt wird, in welche die Längsfäden (also die eigentliche Kette) gezogen sind. Der das Muster bildende Faden befindet sich auf einer schiffchenartigen Spule und wird mit der Hand geführt (vergl. Margarethe L e hm a n n-F i 1 h e s , „Ueber Brettchenweberei“, Berlin 1901). (Näheres siehe unter „Flechtband“.)
100 Brianqon —Brodequins. Brian^on, Hauptstadt des Arrond. B. im franz. Depart. Hautes-Alpes: die Seidekrempelanstalt in einem ehemaligen Kloster zählt mehr als 600 Arbeiter; ausserdem Fabrikation von Trikots und Strumpfwaren. Durchfuhrhandel nach Italien. Brides heissen die Verbindungsstege in Nadelarbeiten der Spitzen, welche zwischen den verschiedenen Einzelfiguren des Musters liegen: daher Bride-Grund jeder unregelmässige Grund in Nadelspitzen; bride picotee heisst ein solcher Stegfaden, wenn er mit Zähnchen aus kleinen Maschen besetzt ist. Bridgeport, Stadt und Hafen des nordamerikanischen Staates Conecticut: bedeutende Fabrikation von Strickwaren und Teppichen. Bridgewaters sind englische leichte Tücher. Brieg, Kreisstadt im preuss. Reg.-Bez. Breslau; Wollspinnerei, Flanell¬ weberei ; Fabrikation von Tuch- und Posamentierwaren. Briegische Leinwand, oberschlesische Hausmacherleinwand, die zwischen Brieg und Oppeln von Landleuten gewebt und gebleicht wird. Brighouse, Stadt in der engl. Grafschaft York: Woll-, Baumwoll-, Kamm¬ garn-, Seiden- und Tapetenfabrikation. Brihuega, Bezirksstadt in der span. Provinz Guadalajara in Neukastilien: eine aus den Zeiten Ferdinands VI. (—1759) und Karls III. (—1788) stammende Tuchfabrik. Brillantgarn, ein zu Stickereien verwendetes gezwirntes Wollgarn, das in lebhaften Farben gefärbt und hierauf mit Gold- oder Silberlahn so weitläufig übersponnen wird, dass zwischen den Windungen der Grundfaden deutlich sichtbar ist. In China (s. d.) und Japan stellt man gleiches Material für Weberei und Stickerei aus farbigen Seidenfäden her, um die das Metall (Lahn odergezogenes Drahtgespinst) so gewundexr wird, dass die Farbe der Seide die malerische Wirkung des dargestellten Musters erhöht: je nach der Schattierung des Unterfadens erhält also das Gold einen grünen, roten oder bläulichen Schein. (S. a. Brokat.) Brillants, englische Bezeichnung eines älteren Wollenstoffes, der früher zu Beinkleidern Verwendung fand. Brillantstoff, geblümter Seidenstoff, in welchen Brillantgarn (s. d.) verwebt worden ist. Brillanttaffet nannte man früher einen gemusterten Taflet mit Quadraten und Steinen, in einer Schlangenlinie zusammengesetzt, gleichsam einen Wetter¬ strahl bildend. Brins heissen mehrere Sorten festgewebter roher Leinwand, welche in Frankreich gewebt und nach Amerika verkauft werden. Brionnes, beliebte französische Leinwand, locker und dünn gewebt, am meisten in gleichnamiger Stadt gefertigt. Brioude, Hauptstadt im franz. Depart. Haute-Loire: Manufakturen in Passementerie, Tüll und Wollstoffen. Brisbane, Hauptstadt der brit.-austral. Kolonie Queensland: starke Aus¬ fuhr von Wolle und Baumwolle. Britannias, unter diesem Namen werden aus der Lausitz und aus Schlesien dicht gewebte Leinenwaren, teils gebleicht, teils roh, nach Westindien, besonders nach der Havannah verschickt. Britisches Museum, s. London. Brive-la-Gaillard, Hauptstadt des Arrond. B. im franz. Depart. Correze: Musselinwebereien ; Wollhandel. Brixen, Stadt in Tirol: im Dom werden frühmittelalterliche Stoffe und Gewänder aufbewahrt; bekannt ist das sogen. Adlergewand: abgebildet auf Tafel II, 5. Brjansk, Kreisstadt im russ. Gouvernement Orel: beträchtlicher Handel mit Hanf und Hanfgespinsten. Broad-Cloth nennt man in England die feinsten wollenen Tücher, welche dort für den chinesischen Markt gefertigt werden. Brodequins (franz.) sind gestickte Strümpfe.
101 Broderie—Brügge. Broderie (franz.), Stickerei, gestickte Arbeit, Reliefspitze vorkommende Stickerei. la brode, die in der Brody, erste Handelsstadt in Galizien: Geschäfte in Wolle aus Russland, Baumwoll- und Seidenwaren. Brokat (von brocatto, ital., gestickt; franz.: brocart; engl: brocarde), ein Seidengewebe, dessen Grund und Muster ganz oder teilweis aus Gold- oder Silberfäden besteht; auch schwere glatte Seidenstoffe mit farbigem einbroschiertem Muster werden B. genannt. Die Verwendung von Metallfäden zur Weberei stammt aus dem Orient (China ?), ihr ging die Goldstickerei und das Aufnähen von goldenen Streifen und Plättchen vorauf (s. Goldstickerei). Anfangs, im 11. Jahrhundert n. Chr., werden schmale vergoldete Lederhäutchen verwandt, welche im 13. Jahrhundert durch den sogen, cyprischen Goldfaden (s. d.) ersetzt sind, der als Umwickelung eines Leinengespinstes (s. Membran) dient. Der gezogene Metallfaden kommt im 16. Jahrhundert aus Spanien und zwar hier und in Italien (Genua, Florenz, Venedig) auch in prächtigen Sammettapeten (Sammetbrokat) und Gewändern als hochstehende Oesen (s. Noppen) in An¬ wendung (s. or frisee). In China und Japan braucht man in der Weberei heut noch, so wie in alter Zeit die Lederriemchen, vergoldete schmale Streifen aus festem Papier; nur bessere Seidenbrokate enthalten gezogene Metallfäden als spiralig umwickelte Hülle eines farbigen Seidenfadens: eine Art, die überall Eingang gefunden hat (s. Brillantgarn). B. wird auch als Drap d’or oder Drap d’argent bezeichnet. (Vgl. den Artikel Broschieren.) Brokatelle, Brocardelle, ein geringerer dicker Stoff, früher aus grober Seide und Baumwolle, jetzt häufiger nur aus Baumwolle, welcher zu Tapeten, Vorhängen und Decken Verwendung findet. Im 17. Jahrhundert wurde B. gewöhnlich einfarbig aus Seide und Baumwolle mit grossblumigem Damastmuster besonders in Italien (Venedig, Mailand und Genua) gewebt; dasselbe hebt sich infolge der Verschiedenheit des Materials reliefartig vom Grunde ab (s. Abb. 40). Bromsgrove, Stadt in der engl. Grafschaft Worcester: bedeutende Grob¬ leinenfabrikat l on. Bromsia, eine Sorte levantinischer Rohseide. Bronnizy, Kreisstadt im russ. Gouvernement Moskau: Baumwollweberei. Broschieren (vom franz.: brocher, mit Seide, Gold oder Silber durchwirken) (engl.: to stitch), in der Weberei ein Verfahren anderer Musterbildung, als sie durch den Grund- und Lanzierschuss entsteht. Der hiernach benannte Broschier¬ schuss findet Anwendung, wenn Stellen des Musters durch oft wechselnde Farben, auch durch besseres Material (in Wolle oder Baumwolle durch Seide, in Seide durch Gold- oder Silberfäden) besonders hervorgehoben werden sollen. Damit nun diese Broschierschüsse, wie beim Lanzieren (s. d.) unter den anderen Stellen des Gewebes nicht flottieren, bedient man sich der sogen. Broschierlade, die den Schützen nur so weit führt, als die Broschierstelle gross ist. Hierdurch wird auch bedeutendes Material erspart. B. ist also in der Weberei ein durch den sogen. Figurschuss gleichmässig fortschreitendes Sticken; jede Broschierung besteht nur aus einem Schussfaden, der über die Breite des Broschiermusters, nicht aber über die ganze Ware läuft und so in der technischen Ausdrucksweise des Webers „besondere Effekte“ herstellt. Brossage (franz.), das Bürsten weben, meist maschinell ausgeführt. (z. B. in der Tuchfabrikation) bei Ge¬ Brown Osnabrughs sind rohe ungebleichte Leinen aus starken Hanfund Flachsfäden, welche in Irland und Schottland gefertigt und ohne Appretur nach Amerika gehen, sie sind den westfälischen sogen. Osnabrücker Leinenstoffen nachgemacht. Brown Silesia, ungebleichte feste schlesische Leinwand. Bruges (engl.), schwerer Seidenstoff, so genannt von Brügge in Flandern. Brügge, Hauptstadt der belg. Provinz Westflandern: Haupterzeugnisse sind Leinen-, Woll- und Baumwollenerzeugnisse. Die Spitzenindustrie, seit dem Anfang des 17. Jahrhunderts durch Klöppelei geübt, ist heut noch im Betrieb.
102 Eruieren —ßuchleinen. Spitzen aus dem Anfang des 18. Jahrhunderts werden in Paris unter dem Namen Malines (s. d.) verkauft; es waren dies weniger feine grossblumige Muster. B. war im 14. Jahrhundert Mittelpunkt des Welthandels im nördl. Europa; seinen Beziehungen zu Italien verdankte es zu dieser Zeit schon die Einführung der Seidenindustrie — Venetianer und Florentiner legten hier den ersten Grund dazu. Im 16. Jahrhundert zur Zeit Karls V. erlangte die Weberei der Seiden¬ atlasse, Sammete und Goldbrokate ihren Höhepunkt (s. Flandern). Bruieretl (franz.), von bruir, das ist durchdampfen, von Dampf durch¬ dringen lassen, ein technischer Ausdruck für Dämpfen oder Ausdämpfen; derselbe wird nur für die Methode der Befestigung auf Geweben gebraucht, wobei die gefärbten oder bedruckten Stoffe der Wirkung heisser Wasserdämpfe ausgesetzt oder bruiert werden. Bruneta, brunetum (lat.), (franz.: brünette), gefärbter Wollenstoff des Mittelalters. Brünn, Stadt in Mähren, wichtigste Fabrikstadt der österreichisch-unga¬ rischen Monarchie, daher das österr. „Manchester“ genannt, für Schafwollen¬ industrie, besonders Tuche, die europäischen Huf haben. Von Bedeutung ist auch die Fabrikation von Spinnerei- und Webereimaschinen; ferner Segeltuch¬ fabrikation. Das Mährische Gewerbemuseum (Direktor: Julius Leisching), im Jahre 1873 zur Hebung der Kunstindustrie vom Mährischen Gewerbeverein ge¬ gründet, enthält eine grosse Sammlung von Stoffen und Stickereien, deren letztere zum grossen Teil aus modernen Erzeugnissen des Landes bestehen. Brunnen in ornamentaler Darstellung kommen auf sarazenischen Geweben des 13. Jahrhunderts vor, sie erscheinen in der Form von Ziehbrunnen. Brussa, Hauptstadt des Vilajets Khodawendikjar in Kleinasien: Haupt¬ erwerbszweige sind Seidenzucht, -Spinnerei und -weberei. Die Seide wird haupt¬ sächlich nach Lyon ausgeführt. Auch die Baumwollkultur hat in neuester Zeit Fortschritte gemacht. Berühmt sind die seidenen Burnusse und die baumwollenen Bademäntel von B.; Hafen der Stadt ist Mudania. Brussaleinen, ein in B. gewebter lockerer, halbseidener Schleierstoff, welcher infolge der Verschiedenheit von Kette und Schuss eine wellige Textur hat. Brüssel, Hauptstadt des Königreichs Belgien, zugleich Hauptstadt der Provinz Brabant und der ehemaligen österr., früher span. Niederlande: seit dem 16. Jahrhundert Hauptort für Spitzenindustrie, welche nach eingeführten Mustern aus Italien und Spanien entstand. Es werden Klöppel- und Nadelspitzen her¬ gestellt, erstere erstreben durch den breiteren, glänzenden Leinenfaden der Umriss¬ linien eine ähnliche Wirkung wie die in Mecheln hergestellten. Im 18. Jahr¬ hundert werden Spitzen mit vereinter Nadel- und Klöpjjelarbeit verfertigt (s. Spitzen). Brustbaum, vorderer Querbaum am Webstuhl, festliegend oder drehbar angeordnet. Ueber dem B. geht die fertige Ware auf den Warenbaum (s. a. Webstuhl.) BrzozÖW, Stadt in Galizien: Tuch-und Leinenweberei, Bleicherei; Flachs-, Garn- und Leinwandhandel. Bucharischer Kattun ist Basmas. Buchau, Stadt in Württemberg: Trikot- und Baumwollwarenfabriken. Buchbinderleinwand, soviel wie Kaliko (s. d.). Buchholz, Stadt in Sachsen: die tlauptindustrie bildet die 1589 durch Georg Einenkel eingeführte Posamentierarbeit mit etwa 80 Fabriken und Ver¬ legern , 500 Arbeitern und 30 grossen Posamenten -, Spitzen- und Perlenhand¬ lungen. Buchleinen (franz.: toiles ä librets; engl.: book linnen; span.: libretas; holländ.: bookjes) nennt man nach ihrer Legeart eine gewöhnliche, bunte Leinwand, leicht gewebt, blau und weiss oder rot und weiss gewürfelt, gestreift oder kariert, welche meist nur in der Oberlausitz und in den böhmischen Grenzorten gewebt wird und nach Amerika geht.
Bucioche—Burano. 103 Bucioche, eine der gewöhnlichen Sorten französischer Wollentücher, welche dort für den Orient gewebt werden. Buckingham, Stadt in der engl. Grafschaft B.: Spitzenklöppelei, Seiden¬ spinnerei. Buckskin (vom englischen buck-skin = Bockfell), ein mit verschieden¬ artigen Köperstreifen oder anderen einfachen Dessins gemusterter wollener Stoff zu Beinkleidern, nicht gerauht, aber auf der rechten Seite glatt geschoren. Die Kette ist in der Kegel ein feines festgedrehtes Gespinst, öfters gezwirnt. Der Wohlfeilheit wegen werden auch halbwollene B. gefertigt: mit gezwirnter, baum¬ wollener Kette und einfachem streichwollenem Schuss. B. zerfällt deutlich unter¬ scheidbar in zwei Arten, die man Winter- und Sommerbuckskin nennt. Erstere sind in Weberei und Zurichtung ganz wie Tuch behandelt; durch den geköperten Grund erhalten sie dann eine grössere Beweglichkeit als Tuch und haben aber nicht das gedeckte, glänzende Ansehen desselben, dessen Mangel aber durch die Weberei bedingt ist. Sommerbuckskin wird von gezwirnter Streichgarnwerfte, oft auch ganz von Streichgarnzwirn, zuweilen mit Seide dubliert, ge¬ fertigt, und es begreift sich, dass man dazu eines sehr feinen Streichgarns bedarf; die Ware fällt daher auch dünner und noch beweglicher als der Winterbucks¬ kin aus. Buckskinbindungen sind eigene Arten von Diagonalbindungen, die auf Köperbindung beruhen. Grösstenteils fertigt man Demistoffe (s. d.) damit an, welche zu Sommerüberziehern dienen. Bücktücher, Bikkerntücher, superfeine Tücher: die beste und feinste Gattung der sog. märkischen Wollentücher, welche früher in Berlin und a. 0. im Brandenburgischen vorsclmftsmässig nur aus Kernwolle, und zwar Winterund Sommerwolle untereinander genommen, mit rechts gedrehten Kettenfäden und links gedrehten Einschlagläden von zartem, gleichem Garn, dicht gewebt, nur mit Karden gerauht und sehr gut geschoren. Budapest, Haupt- und Residenzstadt des Königreichs Ungarn: 11 Fabriken der Textilindustrie (Wollwäscherei, Jutespinnerei, 3 Blaufärbereien und Kattun¬ druckereien). SeidenerzeugungdurchEütterungderRaupenmitSchwarzwurzeln (s. d.). Büffelwolle, kanadisches Büffel- oder Bisonhaar; ein äusserst feinwolliges Elaumhaar, welches der amerik. oder kanad. Büffel (Bos Bonassus) zwischen den langen und starken Haaren hat; es wird zu feinen Filzhüten, auch zu Shawls und anderen Geweben verarbeitet. Buffin (engl.), grobes Tuch für Frauenkleider in der Zeit der Königin Elisabeth von England. Buffline, halbleinenes Hosenzeug. Bühl im Kreis Gebweiler des Bezirks Obereisass: grosse Wollkämmerei, Spinnerei und Weberei (33000 Spindeln, 900 mechan. Webstühle), Baumwoll¬ spinnerei und -weberei. Bührenzeug, s. Barchent. Bujalance, Stadt in der span. Prov. Cordova: Tuch- und Wollenzeug¬ manufakturen. Bukarest, Hauptstadt des Königreichs Rumänien: Herstellung von Tuch-, Flanell-, Leinwand- und Wollwaren. Bulgarien, Fürstentum der Balkanhalbinsel: Fabrikation von Wollgeweben und Teppichen (in Grabovo). Erzeugung von bunten Leinenstickereien für Kostüme. Bundfäden, Bindefäden, in der Weberei die (Ketten- oder Schuss-) Fäden, welche die das Muster bildenden flottliegenden Fäden niederhalten. BuntingS (franz.: etamine) , englische Leinengewebe, zu Flaggentüehern hergestellt, meist in Weiss, Königsblau und Scharlachrot gefertigt. Burail, französischer Stoff, eine Art Ferrandine (s. d.), in dem die Kette aus Florett- oder anderer Seide, der Einschlag ■ aus Baumwolle, Wolle, Ziegen¬ haar u. s. w. gemacht wird. Burano, Stadt in der ital. Prov. und im Distrikt Venedig: erzeugte seit dem Ende des 18. Jahrhunderts genähte Spitzen, welche Aehnlichkeit mit denen
104 Burat—Burkhardtsdorf. von Alencon hatten. Dieselben erhielten sich bis in die Mitte des 19. Jahr¬ hunderts. Was heute in den Spitzenschulen von B. gemacht wird, hat moderne, französische Arbeiten zum Muster. Burat, in Frankreich ein leichter, aus Florettseide und Kammgarn gewebter Stoff, der in Fr. selbst und auch in Italien, Spanien und Portugal sehr gebraucht wird. Die in Rheims gewebten Burats ä gros grains sind etaminartig. Burates, in Frankreich hergestelltes, leichtes, gewöhnliches Wollenzeug, das leinwandartig gewebt und stärker als Schleieretamin ist, es dient (schwarz gefärbt) zur Kloster- und Trauerkleidung. Buratine, Name eines älteren Stoffes, dessen Kette Seide, der Schuss feines Kammgarn ist. Buratiner Seide, eine Sorte persischer .Rohseide. Buratto, in Italien, besonders zu Neapel und in Sizilien, ein seidener Buratstoff, zu dem die Kette von bologneser Seide, der Schuss von Trameseide genommen wird. Bure, grober, leinwandartiger, langhaariger Wollenstoff, der seinen Namen wahrscheinlich von Bourre (s. d.), Wollahgang, schlechte Wolle, die man dazu nimmt, erhalten hat. Er wird in der ehemaligen Normandie gefertigt. Bureau (franz.), grober Wollenstoff. Burg bei Magdeburg: 10 bedeutende Fabriken für Tuch, die meist Militär¬ tuch liefern; ferner bestehen Flanellwebereien, Färbereien, Wollwäschereien. Burgau, Stadt im bayr. Reg.-Bez. Schwaben: Baumwoll- und Wollfabrikation. Burgdorf, Hauptstadt im Schweiz. Kanton Bern: Seidenband- und Damast¬ weberei, Woll- und Flachsspinnerei, - Weberei, Färberei; Fabrikation von Kunstwolle. BurgOS, Hauptstadt der span. Prov. B.: Wollwebereien; Handel mit Schafwolle und groben Wollgeweben. BurgOS, blaugefärbte und in Farben gedruckte Tücher aus Ostindien, eine Art Kattun, welche früher die Holländer nach Europa brachten; später wurden sie hier nachgemacht. Burgstädt, Stadt in Sachsen bei Rochlitz; bedeutende Fabrikation von Strumpfwaren; 1750 die erste Kattunfabrik, 1787 die erste Seidenweberei in Sachsen. Burgsteinfurt, Kreisstadt im preuss. Reg.-Bez. Münster: Leinenweberei, Zeugdruckerei, Färberei, grosse Baumwollspinnerei. Burgund (franz.: Bourgogne), der Name bezeichnete früher ein bei weitem grösseres Gebiet als heute, wo er auf das frühere Herzogtum B. beschränkt ist. Für Handel, Gewerbe und Kunst beginnt die glänzendste Periode B.s, an der auch die Textilkunstindustrie grossen Anteil hat, mit der Regierung Philipp des Kühnen, Herzog von B. (1363—1404), dem Stifter des jüngeren Hauses Burgund. Seine Heirat mit Margarete von Flandern ist darauf nicht ohne Einfluss ge¬ blieben. Die schönsten Denkmäler der Kunststickerei jener Zeit sind die heute noch erhaltenen sog. ßurgundischen Gewänder, bestehend aus dem Messornat des Ordens vom goldenen Vliess, welches im Aufträge Herzog Philipps für diesen angefertigt wurde. (Vgl. D ie Burgun di s ch en G ewän de r der K. K. Schatz¬ kammer. Messornat für den Orden vom goldenen Vliess. Herausgegeben vom Oesterreichischen Museum für Kunst und Industrie, Wien 1864.) Burgunder Tapeten, unter diesem Namen bewahrt das historische Museum in Bern neun grosse Wandteppiche auf, welche zum Teil der Bürger-, zum Teil der Einwohnergemeinde der Stadt gehören. Sie stammen aus der Beute, welche die Schweizer dem Herzog Karl dem Kühnen von Burgund abgenommen haben. (Vgl. Jakob Stammler, Die Burgunder Tapeten im historischen Museum zu Bern. Bern 1882.) Burhanpur, Stadt in Ostindien: Handel und Fabrikation von Musselin und kostbaren Seidenstoffen. Burkhardtsdorf, Marktflecken in Sachsen: Fabrikation baumwollener Strumpfwaren (16 Fabriken mit 1000 Strumpfmaschinen).
Burnley—Byssus. 105 Burnley, Stadt in der engl. Grafschaft Lancashire: grosse Baumwollen¬ spinnereien, sowie Druckereien und Bleichen. Burnus (arab.), ein aus einem dichten Wollstoff gearbeiteter, mit einer Kapuze versehener Mantel, das allgemein gebräuchliche Oberkleid der mohammed. Bevölkerung in Nordafrika. Der B. ist meist weiss, doch tragen Vornehme ihn auch farbig. Burrom Sannah, ostindische baumwollene Zeuge, welche die dänisch¬ asiatische Gesellschaft nach Europa brachte. Bursa (lat.), Tasche zur Aufbewahrung des Corporale oder eine solche für Reliquien. Burscheid, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Düsseldorf: 3 mechan. Webereien, 1 mechan. Spinnerei, 5 Färbereien, 4 Schäftchenfabriken, sowie Plüschweberei. Bürstmaschine, Aufsatzbürste, Vorrichtung zum Aufstellen der Fasern an Tuchen mittels Walzenbürsten. Burtscheid, ehemalige Stadt im preuss. Reg.-Bez. Aachen: bedeutende Industrie (über 5000 Arbeiter), erstreckt sich auf Fabrikation von Tuch (20 Fabriken), Kratzen (2); ferner bestehen 4 Spinnereien, 8 Webereien, 4 Kamm¬ garnspinnereien und 8 Färbereien. Burudschird, Stadt in der pers. Prov. Iräk-Adschmi: beträchtliche Industrie in Baumwoll- und Filzartikeln. Burundjuk sind zu Konstantinopel und Asien seidene Hemden, die in K. gemacht werden. Busca, Stadt in der ital. Prov. Cuneo: Seidenzucht und -weberei. Bütow, Kreisstadt im preuss. Reg.-Bez. Köslin: Wollspinnereien mit Dampfund AVasserbetrieb. Butzelleinwand, ein früher sehr gangbarer Artikel, unter welchem man eine einfache, dicke Leinwand in grosser Verschiedenheit begreift. Byssus (griech.: byssus), durchschimmernde Gewebe verschiedener Feinheit aus weissen und gelblichen Leinenfäden. Der altorientalische B. hat hinsichtlich der Feinheit verschiedene Arten aufzuweisen. Zu den einfachsten Sorten des B. sind jene feinen Leinengewebe zu zählen, in welche die Mumien Aegyptens aus der Pharaonenzeit eingewickelt wurden. Diese Mittelsorte ist aus einem mittel¬ feinen Handgespinst der Pflanze linum usitatissimum gewonnen, welche in Unterund Oberägypten mit Sorgfalt angebaut wurde. Die feinste und teuerste Abart des B., die an Wert dem königlichen Purpur gleichstand, wurde aus den zartesten Fäden jener Leinpflanze angefertigt, die nur im Delta Aegyptens wuchs. Diese Sorte des B. war im klassischen Altertum und in den frühesten christlichen Zeiten sehr gesucht und bekannt unter der Bezeichnung „alexandrinischer Byssus“. Ihm stand an Feinheit und Höhe des Preises der syrische Byssus nahe, welcher in der Nähe von Antiochien wuchs und daselbst unter der Be¬ nennung an tio ch enischer B. gewebt wurde und durch Karawanen meist auf orientalischen Märkten Absatz fand. Der alexaudrinische B. fand vorzugsweise als sudarium (suaire) zur Umhüllung des Hauptes hoher Verstorbener Verwendung. Die Zartheit des Gewebes gestattete es, die Züge des Verstorbenen zu erkennen. Dieser Eigenschaften wegen wurde er auch von hochstehenden Frauen und Ma¬ tronen als Kopfhülle, überhaupt als leichtes Obergewand (velamen peplon) in Gebrauch genommen. Seiner Zartheit wegen nannte man den B. auch linea nebula oder opus araneum, weil er in seiner Textur wie Nebel oder wie ein leichter Anhauch des Spinngewebes sich darstellte. Die Sitte verbot es aber im Altertum, nur in Byssus zu erscheinen, er blieb ein Privilegium für hochstehende Personen und Würdenträger. Gemusterte Byssusstoffe mit geometrischen Figuren, aus der römischen Cäsarenzeit bis zum Sturze des weströmischen Kaiserreiches, sind nachweisbar. Als Marktplatz der Byssusstoffe nennen die Schriftsteller des Altertums, seit den Tagen der ägyptischen Pharaonen bis auf die Zeiten der Ptolemäer und die Herrschaft der arabischen Kalifen, Alexandrien als Hauptort, desgleichen Antiochien, Damaskus und Palmyra für weniger durchscheinende Gewebe. (Vgl. F. Bock, Die textilen Byssusreliquien des christlichen Abend¬ landes, aufbewahrt in den Kirchen zu Köln, Aachen, Cornelimünster und Prag.
106 Byssus jacinthus—Byzanz Aachen 1895.) Je mehr die Kultur und Industrie nach den Kreuzzügen an Ausdehnung gewannen, auch die indischen und persischen Baumwollenstoffe Eingang fanden, desto seltener wurde der Byssus, bis er im 15. Jahrhundert überhaupt nicht mehr erscheint. (Vgl. auch Muschelseide.) Byssus jacinthus, s. Blyant.. Byzantinischer Stich wird in neuerer Zeit in der Straminstickerei jene Stichart genannt, wenn über einer gewissen Anzahl von Fäden des Grundstoffes (gewöhnlich sechs) Schrägstiche gelegt werden, die in weiterer Fortsetzung, nach oben und seitwärts, ein dichtes Zackenmuster bilden. Mit einer mittelalterlichen Technik hat der Stich nichts gemein. Byzanz, Byzantinisches Reich, auch Oströmisches, Morgenländisches, Griechisches Reich genannt, entstand, als Theodosius I. bei seinem Tode (395 n. Chr.) das Römische Reich unter seine beiden Söhne Arcadius und Honorius teilte, und umfasste die Präfektur des Orients und den grössten Teil von Illyricum, nämlich alle asiatischen Provinzen, in Afrika, Aegypten, Marmarica und Kyrene, in Europa die Halbinsel südlich der Donau, die in die Diözesen Thrazien (nebst Mösien und Scythien) und Makedonien (nebst Achia, Epirus, Thessalien und Kreta) zerfiel. Hauptstadt war Byzanz, wonach das Reich seinen Namen führte; sie wird 196 n. Chr. zerstört, bald aber wiederaufgebaut, erhebt sich zu neuer Blüte und wird, als Konstantin der Grosse sie 330 unter dem Namen Neu-Rom und Konstantinopel zur Hauptstadt des Römischen Reiches gemacht hatte, eine der bedeutendsten Städte der Welt. Im Jahre 1453 wird däs Byzantinische Reich unter Konstantin XI. von den Türken unterjocht: auf seinen Trümmern erhob sich das Osmanische Reich. Für die Geschichte der Textilkunst ist Byzanz von gleicher vielseitiger Bedeutung, wie für die übrige Entwickelung der Kunst im allgemeinen. Byzanz wird im 5. u. 6. Jahrhundert als Residenz des Reiches die leitende Stadt in Europa, nachdem Rom längst zur Bedeutungslosigkeit herabgesunken ist. Im 4.—6. Jahrhundert findet ein starker Import von orientalischen seidenen Ge¬ wändern nach B. statt. Die byzantinischen Schriftsteller jener Zeit sprechen von medischen Gewändern, die auch serische genannt werden: die Serer sind die Chinesen. Aber auch die chinesische Rohseide musste Byzanz über Persien be¬ ziehen und der Bedarf an Rohmaterial für die byzantinischen Seidenmanufakturen, welche Justinian (527—565) von Staats wegen eingerichtet hatte (s. Gynäceen), war eine Hauptursache der häufigen Kriege, welche das Reich mit den Parthern zu führen genötigt war. Diese fingen die aus China kommende Seide ab, um sie für sich seihst zu verbrauchen oder an die Byzantiner mit hohem Aufgeld zu verkaufen. Auch die Versuche Justinians, die Seide durch Vermittelung der befreundeten Aethiopier, in deren Besitz sich die alten Handelswege über das Rote Meer befanden, aus indischen Häfen zu beziehen, schlugen grösstenteils fehl, weil die Perser dazwischen kamen. Der sehnliche Wunsch Justinians, sich hin¬ sichtlich der Rohseide nicht nur von Persien, sondern auch von China unabhängig zu machen, wird ihm erfüllt durch das Angebot zweier Perser, angeblich Mönche vom Orden des heil. Basileus, welche erbötig waren, die Eier der Maulbeerraupe nach Byzanz zu bringen. Nach den Notizen von Silbermann (Die Seide, Dresden 1897 S. 30 ff.) ist nicht mit Sicherheit festgestellt, woher diese beiden Mönche eine grosse Menge Raupen in hohlen Bambusstöcken nach Byzanz brachten; Procop bezeichnet das Land als Serindia, worunter Förster mit Recht Kleinthibet (Khotan) vermutet, wo zu jener Zeit nach chinesischer Art betriebene Seiden¬ zucht in voller Blüte stand. Natürlich verging noch geraume Zeit, bis es Justinian gelang, den gewaltigen Bedai’f ganz durch heimische Rohseide zu decken; aber er hatte es doch dahin gebracht, dass Byzanz schon vom Ende des 6. Jahr¬ hunderts ab eine der Hauptexpoi’tstellen von Seide für Europa geworden war, welchen Standpunkt es bis zum 11. Jahrhundert behauptete. Mit dem Material erhielten die Griechen in den fertigen Gewändern aber auch die Muster der Seidenstoffe aus dem Orient und hier ist es oft schwer, von den in zahlreichen Beispielen erhaltenen Originalen jener Zeit zu sagen, ob sie nach persischen Mustern in Byzanz oder in Persien selbst entstanden sind. Auch das Umgekehrte tritt in den Fällen ein, 'wenn die infolge des durch Justinian eingeführten Staats-
Caballeros—Caceres 107 monopols nach Persien ausgewanderten Griechen ihre Muster dahin mit über¬ nahmen. Einen sicheren Anhaltspunkt geben hierfür nur die in einigen Geweben angetroffenen Inschriften. Die eigentlichen byzantinischen Stoffmuster, d. h. jene, welche vom orientalischen Einfluss nicht berührt sind, enthalten noch vollkommen antike Elemente. So der auf Tafel II in Fig. 3 abgebildete Seidenstoff aus dem Münster in Aachen, in welchem die Darstellung einer von griechischen Zirkusspielern gelenkten Quadriga. Noch mehr in das byzantinische Anschauungs¬ gebiet hinein gehen die kleineren Stern- und Kosettenmuster, welche den antiken Mosaiken ähnlich sind (vgl. Abb. 47). Anders verhält es sich mit dem auf Tafel II Abb. 47. in Fig. 4 dargestellten Elefantenmuster von einem Seidengewebe aus dem Münster in Aachen. Hier würde Niemand an Byzanz denken, wenn dem Stoff nicht eine griechische Inschrift eingewebt wäre. (Weiteres s. Artikel AVeberei: Geschichtliches.) Abbildung: 47. Byzantinisches Stoffmuster nach einer Darstellung aus: Paul Schulze, Ueber Gewebemuster früherer Jahrhunderte. Leipzig 1893, S. 20. Original im Domschatz zu Aachen. c* Caballeros, oder Cavalleros, eine Gattung spanischer Wolle. Cabans nennt man wollene Begenröcke aus Saloniki, die in Asien häufigen Absatz finden. Sie sind entweder langhaarig (wie Plüsch) oder ge¬ schoren. Zu Marseille versteht man unter C. (_ apotröcke für Schilfsleute von Pinchinat- oder Beveche-Geweben. Eine Art, Zagora genannt, ist von schwarzer Wolle und ohne Kapuze. Halbe C. sind diejenigen ohne Aermel. Cabesa, eine Art spanischer Wolle aus Estremadura. Cabra, Stadt in der span. Prov. Cordoba in Andalusien: Leinenindustrie. Cabuya, eine Art amerikanischer Hanf, welcher in Peru und Columbien, besonders in den ehemaligen Provinzen Panama und A^eragua wächst. Das aus demselben gesponnene starke Garn wird zu Stricken, Matten und Säcken von grosser Dauerhaftigkeit verarbeitet. Cäceres, Provinz im Königreich Spanien mit gleichnamiger Hauptstadt, in beiden ist die Industrie gegenüber der Viehzucht wenig entwickelt. Merino-
108 Caceres—Cajantes schafe mit vorzüglicher Wolle, so dass letztere die Hauptausfuhr bildet. In der Hauptstadt C. Gerbereien, Walkmühlen und Wollfärbereien. Letztere wurde 47 v. Chr. von den Hörnern begründet. Caceres, geringe Sorte spanischer Wolle, die auch unter dem Beinamen de Blassas, de Truxillo und d’Alcantara im Wollhandel Spaniens vorkommt. Cadas, Carda oder Carduns war im Mittelalter ein wahrscheinlich aus Seidenabfällen hergestellter Stoff geringerer Qualität, der für Priestergewänder Verwendung fand. Cadene, die geringste und stärkste Sorte der wollnen Fussteppiclie, welche in Vorderasien nach Art der Hautelissen, jedoch von längerem Flor und nur in einzelnen Teilen geweht und dann zusammengesetzt werden. Cadicee, Cadizee, Facon de Cadis, veralteter geköperter Wollenstoff, eine Art Droguet (s. d.). Cadillons, eine Art wollener Cadiszeuge aus Hhodez in Frankreich. Cadis, Caddis (engl.), ein ehedem sehr gangbarer, geköperter, dicker Wollenstoff, der wie Tuch geschoren und zugerichtet, in verschiedenen Farben zu Winterkleidern, schwarz gefärbt zur Kleidung für die Geistlichen in Menge verbraucht wurde. Die Cadis von Montauban waren Scharlach oder schwarz gefärbt, sowie die von Bagneres (s. d.) und die von Castres (s. d.) schätzte man am meisten. Eine sehr dauerhafte starke Sorte kommt in Frankreich unter dem Namen Aures, Fleurets von Aures oder auch Cordelats ä fil gros und ä fil fin vor. Cadricat, s. carta rigata. Caen, Hauptstadt des Arrond. C. und des Depart. Calvados: Ver¬ fertigung berühmter Blonden (s. d.) und Spitzen, Baumwoll- und Woll¬ spinnerei, Fabrikation von Watte, Stickereien, damaszierten Leinen-, und Strumpfwaren. Die Blonden aus C. werden in der Mitte des 18. Jahrhdrts. erwähnt. Man verwendete dazu chinesische Seide aus Nanking, bei ver¬ schiedenen dieser Spitzen waren Grund und Blumen aus verschiedener Seide hergestellt. Sie übertrafen jene von Chantilly (s. d.) an Qualität des Materials und Güte der Technik, standen ihnen aber in künstlerischem Wei't der Zeich¬ nung nach. Caens, im franz. Handel eine Gattung Serge, die in der Gegend von Caen gewebt wird; auch gemusterte Leinwand zu Tischzeugen, die unter dem Namen Barrage vorkommt. Caffas, ostindische, bunt gemalte Baumwollzeuge, welche früher aus Bengalen nach Europa kamen. In Deutschland wurde ehemals unter der Be¬ zeichnung Caffa ein mit Blumen gemusterter wollener Plüsch, Sammet oder Felbel zu Wagen- und Möbelkissen gefertigt, (s. a. Batik.) Cage-work (engl.), Gitterwerk, durchbrochene Arbeit. Cagli, Stadt im Kreis Urbino der ital. Prov. Pesaro e Ilrhino: Seiden¬ fabrikation. Cagliari, Hauptstadt der Prov. C. und der Insel Sardinien: Fabrikation von Baumwollzeugen und Wollmützen. Cahors, Hauptstadt des Arrond. C. im franz. Depart. Lot: Tuch¬ fabrikation. Caimancanis, musselinartig feine Baumwollgewebe, welche in der Türkei, vornehmlich zu Smyrna, zum Umbinden der Turbane gebraucht werden. Cairens, ganz feine türkische Wollenteppiche, welche sowohl als Fuss-, als auch in kleinem Massstabe zu Tisch-, Sofa- und Bettdecken in Verwen¬ dung kommen. Cajamarca, Hauptstadt in der südamerik. Bepublik Peru: Fabrikation von Woll- und Baumwollstoffen. Cajantes, eine Gattung Berkan, welcher in Frankreich (Lille und Um¬ gegend) gewöhnlich aus Kammgarn, zuweilen auch aus Seide und Kammgarn, verfertigt wird. C. kommt auch unter dem Namen Calandres, Plemates, Plummates, Gros-Grains im Handel vor.
Calabrien—Calotte 109 Calabrien, Halbinsel des Königreichs Italien. Gewinnung von Flachs und Hanf; die Seide wird besonders gerühmt. Aus dem Schilfrohr (Sarracliio) fertigen die Bewohner SchifFstaue, Körbe, Matten, Seile und Netze. Caladaris, rot oder schwarz gestreifte Kattune, die in Ostindien, vor¬ nehmlich in Bengalen, verfertigt werden. Calais, wichtige Seestadt im Arrond. Boulogne des franz. Depart. Pas de Calais: Bedeutende Industrie von Spitzen und Baumwolltüll; ferner Her¬ stellung ven Seiden- und Leinenstoffen; Flachsspinnerei. In der Verarbeitung der Rohseide zu Tüllgazen und Spitzengeweben findet C. seine besondere Eigenart. Calamacho (ital.), seidener atlasartiger Stoff aus Genua. Calamatta, Calamata, eine Art italienischer Seide, welche unzugerichtet von Genua in den Handel kommt. Man nennt sie auch Calamatta senz’ anima. Calamink oder Calminken, grober russischer Zwillich, einfach, ohne Muster, welcher aus einer geringeren Sorte des Hanfes gewebt und roh von Petersburg und Archangel grösstenteils nach Holland verschifft wird. Calancard, Calanca, ostindische Kattune, welche früher in Europa be¬ druckt wurden. Calatayud, Bezirkshauptstadt der span. Prov. Saragossa: Seiden¬ fabrikation. Calbe, an der Saale, im preuss. Reg.-Bez. Magdeburg: Fabrikation von Tuch- und Wollwaren; Wollspinnerei. Calcar, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Düsseldorf: Sammetweberei. Calcuttahanf, Sumpfhanf, Pant-, Sanchu-Pant, Fäden der Kohlmusspflanze (Corchorus olitorius), die man in Bengalen Jute nennt. Man verfertigt Stricke und Zeuge davon, verfälscht aber auch die Leinwand damit, welche zu Matrosenhemden verarbeitet wird. Calico, s. Kaliko. Calicut, Kalikut, Seestadt in der ind. Präsidentschaft Madras, führt im Mittelalter einen ausgedehnten Seidenhandel einerseits mit China, andrerseits mit Alexandrien und Byzanz. Die ersten Europäer, die 1496 nach C. ge¬ langten, fanden zu ihrem Erstaunen lucchesische Damaste und Sammete vor (vgl. Silbermann, Die Seide, Bd. 1, S. 86). Aus C. stammt auch der sog. Kaliko (s. d.). Callamancoes, geköperte Baumwollzeuge, welche die Manufakturen von Yorkshire liefern. Die Ware ist eine Art Kalmank, aber von besserer Wolle als dieser. Man hat sie sowohl einfarbig und changierend, als auch gemustert und fassoniert ohne Köper, in welchem Falle sie auch zu den wollenen Damaststoffen gerechnet werden. Callies, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Köslin: Tuchfabrikation. Callnberg, Stadt in Sachsen: Webereien, Strumpfwirkereien. Calmande, franz. Bezeichnung für Kammgarnstoffe, welche die Eng¬ länder Lastings nennen. C. wurde ursprünglich in Amiens verfertigt; später nannte man den Stoff’ auch Satin ture. Calmucs, Kalmucks, 1. eine Art wollener langhaariger Stoffe, welche aus starkem Streifgarn locker gewebt, aber dicht gewalkt und in verschiedenen Farben gefärbt in den Handel kommen und zu Winterkleidern verbraucht werden. Im allgemeinen versteht man darunter die geringeren Sorten von Biber (s. d.). 2. Eine Gattung der franz. sogen, wollenen Londres- oder Halbtücher. Calotte (franz.), (lat.: calota; engl.: callot, callote) netzartige Haube aus wollenen oder seidenen Schnüren, die durch Stickerei auch mit Gold und Perlen verziert wurde und das Haar beinahe ganz einhüllte. Sie kam am Ende des 15. Jahrhdrts. mit dem Barett (s. d.) auf, um dem oft wie ein Teller ganz auf der einen Seite des Kopfes sitzenden Barett die Befestigung zu ermöglichen. Mitte des 16. Jahrhdrts. kommt die C. ausser Mode. Die goldene und silberne G. sollten nach der Reichsordnung von 1530 nur Fürsten und dem Adel, den Geschlechtern nur die seidenen zustehen. Später ver-
110 Calquiers—Camelatin. stand man unter C. besonders das Scheitelkäppchen der kath. Geistlichen, dann auch die Narrenkappe. Calquiers, eine Gattung ostindischer Taffete und Atlasse. Caluire-et-Cuire, Ort im Kanton Neuville-sur Saöne, Arrond. Lyon: Zeugdruckereien und Färbereien. Calw, Oberamtsstadt in Württemberg: Fabrikation von Wolldecken und Trikotwaren; Baumwollspinnerei, Schönfärberei. (Vgl. Stätlin, Geschichte der Stadt C., Stuttgart 1888; Tröltsch, die Calwer Zeughandlungskompagnie und ihre Arbeiter, Jena 1897.) Calwap, Callewappen, baumwollner ostindischer Stoff, welchen früher die Dänen aus Tranquebar nach Europa brachten. Camayeux, veralteter bunter Seidenstoff, dessen farbige Kette mit dem dunstschwarzen Einschlag leinwandartig so verbunden wird, dass bei dem letzteren ein einfacher Faden mit einem doppelten abwechselt und dadurch ganz schmale Streifen entstehen; man hat denselben einfarbig und klein geflammt. Cambay, verkommener Hauptort des gleichnamigen mohammed. Vasallen¬ staates der indobrit. Präsidentschaft Bombay: berühmt wegen seiner Baum¬ wollwebereien, Manufakturen von Seide, Gold- und Silberbrokat. Cambayes, eine starke und gewöhnliche Sorte ostindischer Kattune, welche ehedem nach Europa gebracht wurden, gegenwärtig aber nur im Zwischenhandel und den philippinischen Inseln und Ostindien Vorkommen. Camblets, Camlets, engl. Bezeichnung für eine Art Kamlots: glatte Wollenzeuge aus starkem, hartem Kammgarn, gewässert wie 'Moreens (s. d.). Cambraetas, im portugiesischen Handel die schlesischen Schleierleinen. Cambrai, Hauptstadt des Arrond. C. im franz. Depart. Nord: seit alter Zeit bedeutende Industrie in Batistleinwand, den so^en. Cambricstoffen oder Kammertuch (s. d.), feinen Baumwollengeweben,, baumwollenen Spitzen und Tülls (jährlich für 8l/2 Mill. Frcs.); ferner Leinen- und Baumwollspinnereien. Dem angeblichen Erfinder der Batistleinwand, Baptiste, ist hier eine Statue errichtet. Literatur: Bouly, Histoire de C. et du Cambresis (2 Bde. Cambrai 1843); Lecluselle, Histoire de C. depuis 1789 (2 Bde. ebd. 1875); Difeckmeyer, die Stadt C. (Bielef. 1890). Cambre heissen im italienischen Handel die schlesischen Schleierleinen. Cambresine, Cambrasine nennen die Franzosen alle diejenigen baum¬ wollenen Stoffe, welche aus feinem Garn dicht und fest, leinwandartig gewebt werden und den Cambrays ähnlich sehen, und von welchen ehemals mehr als 20 Sorten von verschiedener Länge und Breite aus Ostindien eingeführt wurden; im engeren Sinne versteht man darunter die dichtgewebten, weissen, baumAvollenen Zeuge, welche aus mehreren Gegenden Asiens, aus Persien, Aegypten, Natolien über Smyrna, Kairo und Alexandrien in den Handel kommen. C. haben in neuerer Zeit mehr die Namen Cambrics, Shirtings, Percals u. s. w. angenommen. Cambre velate, italienische Benennung für Schleierleinwand. Cambric, Cambray, Cambrik (engl.), locker gewebte dünne Batistlein¬ wand, weiche man auch Kammertuch, und in Frankreich Claires nennt; sie wird zu Lille, Valenciennes, besonders aber zu Cambrai gemacht, woher sie ihren Namen hat und hier schon zur Zeit der Königin Elisabeth eingeführt sein soll. C. erscheint in ausserordentlich verschiedenen Sorten; die Fort¬ schritte in der Baumwollspinnerei führten bald zur Nachahmung des Stofles in England, Frankreich und Deutschland. Camden, Hauptstadt im amerik. Staate Neujersey: bedeutende Fabrikation von Wollwaren. Camelatin, Camelotiue ist der veraltete Name mehrerer Gattungen ge¬ ringer, auf Kamelotart gewebter Stoffe aus hartem Kammgarn, welche in den ehemaligen französischen Niederlanden und an mehreren Orten Flanderns ge¬ webt wurden. Verschiedene Sorten dieses Zeuges sind unter anderem Namen wieder aufgekommen; sie werden auch unter den Bezeichnungen Lamparilles
Cameleon—Capelle. 111 oder Nonpareilles nach dem Ausland versandt. Letzere sind entweder ganz aus Wolle, teils auch mit Leinengarn und Ziegenhaar vermischt. Andere Arten von C. werden auch Polamit genannt. Cameleon, s. Seidenwaren. Cameline heisst ein gewöhnlicher auf Kamelotart gewebter Stoff von Amiens. Camelot, s. Kamelott. Campane (ital.), eine Art Fransen von Gold, Silber oder Seide, mit kleinen Troddeln oder Flocken, die wie Glöckchen aussehen; sie werden als Besatz von Kostümen angewandt. Auch gewisse Arten von Spitzen aus Seide oder Zwirn mit halbrunden Bogen und feinen Zähnchen werden 0. genannt; letztere wurden im 18. Jahrhundert in Puy gemacht. Campania (lat.), das Feld, der Fond einer Stickerei, eines gemusterten Stoffes. Campatillas, eine Gattung wollener Stoffe, die zu Brügge geweht und für Spanien bestimmt wurden. Campes, eine Art geköperter Tuchrasche, die zu St. Pierre du chemin und Chateigneray in Frankreich gemacht werden. Campobasso, Hauptstadt der gleichnamigen ital. Provinz: Fabrikation von Tuch und Leinwand. Campos, eine Gattung Wolle aus Aragonien, die besonders nach Frank¬ reich zur Verarbeitung von Stoffen geht. Camwood, in der Wollfärberei für braune imd rotbraune Farben an¬ gewandte afrikanische Holzart. Canadaris, .ostindische und chinesische atlasartige Stoffe aus Seide und Baumwolle oder aus Seide-und Florettseide; es gibt buntgestreifte und ge¬ gitterte C. Canadas, französische Bettdecken, die besonders um Dartenal verfertigt werden. Cancatlias, eine Art ostindischer Seidenatlasse. Candagang, Spinfaser, dem Gambolianf ähnlich, von Hibiscus eriocarpus. Canevas, s. Kanevas. Cangette, eine Gattung gewöhnlicher Serge, aus der Gegend von Caen. Cannamazos ist der spanische Name aller Sorten gewöhnlicher un¬ gebleichter Leinwand aus Deutschland. In Nordamerika nennt man sie Hessians. Cannequins (franz.) sind weisse Kattune oder lange baumwollene ost¬ indische Tücher, welche im afrikanischen Handel Vorkommen. Cannette werden einfädige in Frankreich hergestellte Chappegarne (s. d.) genannt; assembles heissen die dublierten. Cannos heissen die feinen, meist gebleichten Zwilliche, welche damastartig gestreift, in Spanien und Portugal zu Handtüchern und Xieberzügen ver¬ braucht werden. Cannstatt, Oberamtsstadt in Württemberg, Baumwollweberei, Färberei; Fabrikation von Korsetts, Garne, Baumwoll- und Strumpfwaren, Wachstuch und Watte. Canons wurden im 17. Jahrhundert in Frankreich englische Spitzen¬ krausen genannt, die aus den Schäften der hohen Stiefel heraussahen. Canourges, eine französische Serge, welche zu Mende verfertigt wurde. Canques, baumwollne Gewebe, wovon die Chinesen Hemden machen. Cantazaro, Hauptstadt der ital. Prov. C. Seiden- und Sammetwebereien. Canterbury, Stadt der engl. Grafschaft Kent: bedeutender Handel mit Wolle. Canterbury (engl.), halbseidenes, buntgemustertes Gewebe, mit seidener Kette und feinem baumwollenem Einschlag. Cantille, s. Bouillon. Cantillen s. Leonische Waren. Canton, Hauptstadt in den Vereinigten Staaten von Amerika: Fabri¬ kation von Teppichen und Wollwaren. Capelle, capella (lat.), Diminutiv von capa oder cappa; besonders hiess so der abgeschnittene Mantel des heiligen Martin, daher auch das Kirchlein,
112 Capicciola—Cardauzille. in dem er verwahrt ward und daher die Kapelle. Nach obigem Begriff be¬ deutete C. ursprünglich das vollständige Messornat der katholischen Geistlichkeit. Capicciola oder Spicchetto di capicciola heisst in Italien, besonders zu Neapel und Messina, ein Seidenstoff mit Einschuss von Florettseide. Capitum (lat.), Kopfmütze, ein Verband des Kopfes, der mit einem grossen viereckigen, zu einem Dreieck zusammengelegten Tuche ausgeführt wird. CapOC, Capock oder Capuck, s. Seidenwolle. Capodistria, Stadt in der österr. Markgrafschaft Istrien: Webereien und Färbereien. Capottücher, Matrosentuche, Singonne, ein dunkelfarbiges, gewöhnlich schwarz oder braun gefärbtes, auf der einen Seite zottiges und langhaariges, dicht gewalktes Wollentuch zu Mänteln und Ueberröcken der Seeleute, welche die Manufakturen von Lille liefern. Aehnliche schwarze Zeuge, aber dicker und langhaariger, die fast das Ansehen von Schaffellen haben, sind die im Levantiner Handel bekannten Capots von Zangora, welche wie starker Plüsch und so fest gewebt werden, dass das Wasser nicht durchdringen kann und welche in Saloniki ein bedeutender Handelsartikel für alle diejenigen Schiffer sind, welche die türkischen Häfen besuchen. In England wird ein ähnliches sehr festes und dickes Matrosentuch gemacht, das Shoddy clothe heisst. Cappa, capa (lat.), (c. choralis, der Chormantel; c. missalis = dalmatica; c. aqualifera, pluvialis, ßegenmantel, Pluviale), mittelalterliches, halbrundes Gewand mit offenen Halbärmeln, im 14. Jahrhundert mit Kragen und Kapuze; nimmt unter den liturgischen Gewändern eine wichtige Holle ein. Die Bischöfe tragen sie von violetter Farbe mit weissem Pelzkragen als Kapuze, bei dem Gottesdienste im Chor, wenn sie zur Kirche gehen, um selbst Messe zu lesen und beim Weggehen nach beendetem Amte. Bei der ausschliesslich dem Gottesdienst geweihten Pluviale wurde die ursprüngliche Kappe des Mantels zu einem reich verzierten in tiefer Halbbogenform ausgeschnittenen Schilde (clipeus), das heut im allgemeinen als Cappa des Chormantels bezeichnet wird und schliesslich als Kragen ausgebildet ist. (Vgl. den Artikel Kirchengewänder.) Capuchon, Kapuze, Mönchskappe, auch ein mit einer Kapuze versehener Damenmantel. Capulla de seda, im spanischen Handel die schlechtesten Sorten der levantinischen Seiden. Caracolillo heisst ein rotes baumwollenes amerikanisch-indianisches Garn, das mit dem Schleim einer gewissen Schnecke (Carocol) gefärbt ist. Caragach, eine feine Sorte baumwollnen Garns von Smyrna. Carasee, feine und dicht gewalkte Flanelle, welche an mehreren Orten in Mähren für Italien verfertigt werden. Carbonisieren, in der AVollWarenindustrie ein Verfahren, das bezweckt, die Wolle von vegetabilischen Stoffen zu befreien, und darauf beruht, dass die Wolle der Einwirkung von Säure widersteht, während die vegetabilischen Körper dadurch zerstöst werden. Carcami (ital.), Abfälle bei der Seidenerzeugung. Carcanes, ostindische Baumwollzeuge, welche ehemals die dänisch-asia¬ tische Compagnie nach Europa brachte. Carcassonne, Hauptstadt des Arrond. C. und des franz. Depart. Aude: Bedeutende Tuchfabriken, Wollspinnereien, Manufakturen in Wolldecken und Watte. Carcassone-Tücher haben den Namen von ihrem Verfertigungsort. Man macht hier und in dem umliegenden Distrikt mehrere Sorten leichter Tücher, besonders für den Handel nach der Türkei, nach Aegypten u. s. w. Die feinsten aus spanischer Wolle heissen Mahouts, eine etwas geringere Sorte heisst Londrins. In Carcassone werden noch andere feine Tücher unter dem Namen Draps de dame, Fagon d’Elboeuf, Fayon de Sedan geweht und nach Italien, Spanien und den Kolonien verkauft. Carda, s. Cadas. Cardauzille, geringer, wollener, auf Baschart gewebter Stoff.
113 Carden—Carrick-ma-cross Carden, s, Kardendistel. Cardinaltuch, s. Kardinaltuck. Cardis, Kardis, veralteter geköperter Wollenstoff, dem Baye oder Boy (s. d.) ähnlich, der gewalkt und warm gepresst auch Walk- oder Tuchrasch, und in doppelter Breite Landserge genannt wurde, trotzdem er in der Wolle wie in der Arbeit besser als jener war. Carduus, s. Cadas. Caredaris, Cai’radarer, Carradars, sind ostindische Baumwollzeuge, bunt und schmal gestreift, den Ghingans ähnlich; die Dänen brachten sie früher unter dem Namen Donacolly in den Handel. Carelles, Carele, ein schwarzer kamelhaariger Stoff, der früher zu Westen und Beinkleidern gebraucht wurde. Cargaisonleinen, eine gewöhnliche Sorte der französichen Bretagnes, welche von Bennes in den Handel kommen. Carignan, Hauptort im Arrond. Sedan des franz. Depart. Ardennes: Tuchfabrikation. Cariguano, im früheren Mittelalter Carianum, auch Carinianum, Stadt in der ital. Provinz Turin: Seidenbau und Seidenindustrie. Cariset, Ivarozet, in Frankreich allgemeine Bezeichnung für alle dicht¬ gewalkten, auf beiden Seiten geköperten Flanelle,. sowie auch die englischen Kirseys, insbesondere aber eine Gattung Molton, welche im Departement der Yendee, zu Fontenay le Comte, aus Landwolle gemacht wird. Carisol oder Creseau, in Frankreich eine ganz dünn und durchsichtig gewebte Leinwand, welche so gearbeitet wird, dass sich zwischen den Flächen kleine viereckige Zwischenräume befinden und das Gewebe siebähnlich ausfällt. Die feinen Sorten werden von Flachs-, die ordinären von Hanfsamen geweht. C. wird wie Kanevas für Stickereien auf abgezählten Fäden verwandt. Haupt¬ beziehungsplätze sind Alengon und Bennes. Carlisle, Hauptstadt der engl. Grafschaft Cumberland: Bedeutende Baumwollfabrikation, Färberei. Carmagnola, Stadt in der ital. Prov. Turin: Fabrikation von Seiden-, Leinen- und Hanfstoffen. Carmeline, in Frankreich die Mittelsorte der Vigognewolle. Carmenische Wolle, laine de Carmenie, in Frankreich das persische Ziegenhaar. Carnet, in Frankreich eine Gattung Leinen, nach Art der Bretagnes, welche besonders nach Spanien ausgeführt werden. Carole, ein veralteter bunter Wollenstoff, welcher mittels Schäften ge¬ webt wurde, in der Kette zwei gezwirnte Fäden, im Einschlag nur einen ein¬ fachen Faden hat und zu Westen und Beinkleidern diente. Caroline, s. Stösselleinwand. Carpentras, Hauptstadt im Arrond. C. des franz. Depart. Vaucluse: Bedeutende Seiden- und Baumwollspinnereien. Carpet (engl.), (lat. carpeta. carpita) Teppich, Matratze; venetian-c. Treppenläufer; scotch-c. schottischer, dreifacher Teppich; rug-c. Sammetteppich. Carpettes (franz.), sind ganz geringe, aus den Focken oder dem Werg des Hanfs und des Flachses zwillichartig gewebte Packleinen, ungebleicht, je¬ doch häufig gestreift. Sie werden meistens in Amiens und Abbeville ver¬ fertigt und gehen grösstenteils nach Spanien, wo sie zu Wollsäcken ver¬ braucht werden. Carragheenmoos ist ein Appretmittel. Carretine changeant, ein früherer gemusterter Seidenstoff von ver¬ schiedenen Farben, ganz klein gewürfelt; sie wurden so gewebt, dass man in der farbigen Kette von 8 Fäden zu 8 Fäden einen einfachen schwarzen Faden anlegte, welchen der Einschlag von einer anderen Farbe, die dem Stoff ein schillerndes Aussehen gab, ganz deckte. Carrick-ma-Cr0SS (engl.), in Irland die Bezeichnung für eine aus Lein¬ wand ausgeschnittene und gestickte Spitze. Heiden, Handwörterbuch der Textilkunde. 8
114 Carrick-on-Suir—Cassinets Carrick-on-Suir, Marktstadt in der irischen Grafschaft Tipperary: die frühere Wollindustrie ist eingegangen, in neuerer Zeit hat die Leinen- und Flachsmanufaktur wieder an Bedeutung gewonnen. Carrierte Stoffe werden in der Weberei solche genannt, in welchen ein Streifen, der sich in der Kette befindet, auch im Schuss vorkommt, oder in welchem ein Kettenstreifen abgeschossen wird; man fertigt sie in allen Grund¬ bindungen mit Cannele- Köper- oder Atlaskarrierung. Cartagena, feste Seestadt der span. Prov. Murcia: Segeltuchfabrikation, Hanfweberei. 2. Baumwollsorte aus Columbia. Carta rigata, die, (ital.) liniertes Papier, insbesondere die durch wage¬ rechte und senkrechte Linien in kleine Quadrate geteilten Papierbogen, in welche die Muster für Weberei, Stickerei u. s. w. in vergrössertem Massstab „ausgesetzt“ werden. Jedes Quadrat (Auge) vergegenwärtigt eine Stelle, wo Kette und Schuss einander decken, bezw. ein Kreuzstich gestickt werden soll. Cartisane (franz.), eine mit Zwirn oder Metallfäden zum Sticken oder Spitzenmachen umwickelte kleine Karte: die Palette. Carton (franz.), (engl.: cartoon; lat. carto), eine auf starkem Papier in beabsichtigter Grösse ausgeführte Vorzeichnung zu einer Malerei, Stickerei, Bildwirkerei u. a. m. Cartouche (franz.), (engl, cartouch), rahmenartige Einfassung, vornehm¬ lich aus Bollwerk; dazwischen Blumen, Laubwerk und sonstige Figuren. Entsteht in der Spätrenaissance und erscheint im textilen Ornament meist als Umrahmung eines Namenszuges oder Bildes; besonders ausgenutzt wurde das Motiv für die Zwecke der Stickerei und Aufnäharbeit in Italien und Spanien (s. Abbild. 12, Tafel IX). Carvin, Hauptort im Arrond. Bethune des franz. Depart. Pas des Calais: Flachsspinnerei und Tüllfabrikation. Casa, ein ostindisches baumwollenes Gewebe, welches die Franzosen von Surate zuführten. Casaque (franz.), weitärmeliger Beisemantel, Soldatenmantel. Caschemir, s. Kaschmir. Casel, Caselkreuz, Caselstab, s. Casula. Casemir, s. Kasemir. Caserta (S. Leucio), Hauptstadt der ital. Prov. C.: erzeugt Brokate, Damaste und andere reiche Möbelstoffe. L. hat eine königliche Seiden¬ spinnerei, verbunden mit Leinen- und Tapetenwebereien. Cassaimabad sind Cassas. Cassas, Casses, Cossas, feine baumwollne musselinartige Gewebe aus Bengalen, deren Einschlag- und Kettenfäden nicht rund gedreht und fest, sondern locker und glatt sind, daher der Stoff, wenngleich dichter als Musselin, doch weich und dünn ausfällt. Die Cassas kamen ehedem in sehr grosser Menge, von verschiedener Länge und Breite, unter mancherlei Beinamen, die ihre Arten näher bezeichneten, nach Europa, sie sind aber allmählich durch die europäischen Musseline und leichten Kattune verdrängt worden. Cassel, s. Kassel. Casserillos oder Cassarilles, gewöhnlich mit dem Zusatz aplatillos oder aplatillados, ist der Name mehrerer Gattungen weissgarniger, deutscher Haus¬ leinwand, aus mittelfeinem und starkem Leinengarn fest gewebt, die über Hamburg und Bremen zur überseeischen Ausfuhr gelangte. Cassinets (engl.), sind geköperte Stoße von starker baumwollener Waterkette und Streichgarnschuss, festgeschlagen und leicht gewalkt, in der Wolle gefärbt und heiss gepresst. Sie werden vornehmlich für Beinkleider verwendet. Man hat sie in vielen Farben meliert, gestreift, karriert und gemustert, als Nachahmung des ganz wollenen Sommerbuckskins. Der sogen. Doppel-Cassinet mit zweierlei Einschlag ist in der Art hergestellt, dass wollene und baum¬ wollene Einschlagfäden miteinander abwechseln und auf der rechten Seite drei Viertel des wollenen, auf der linken drei Viertel des baumwollenen Einschlags freiliegen. Durch diese entgegengesetzte Bindungsweise schieben sich die
Castagnette—Catania. Einschlagfäden erhält. sehr dicht zusammen, wodurch 115 der Stoff seine Schwere Castagnette ist eine Zeugart, die auf beiden Seiten geköpert ist und zu Amiens von Seide, Wollengarn und Leinen gewebt wird. Castalla, Stadt in der span. Prov. Alicante: Leinwandweberei. Castalogne, Catalogne (franz.), eine Art feiner wollener Bettdecken aus Catalonien, die auch in Frankreich nachgemacht werden. Castellamare, Baumwollsorte aus Neapel. Castellamonte, Ort in der ital. Prov. Turin: Seidenfabrikation. Castellane, Hauptstadt des Arrond. C. im franz. Depart. Basses-Alpes: Tuchfabrikation und Wollspinnerei. Castellaneta, Stadt in der ital. Prov. Lecce: Gewinnung von Wolle und Baumwolle. Castello Branco, Hauptstadt in der portug. Prov. Beira: Fabrikation von Wollstoffen. Castello de Vide, Stadt im portug. Distrikt Portalegre: Tuchfabrikation. Castellön de la Plana, Hauptstadt der span. Provinz C.: Hanfbau, Segeltuch- und Leinweberei, sowie lebhafter Handel mit diesen Erzeugnissen. Castelnandary, Hauptstadt des Arrond. C. im franz. Depart. Aude: Fabrikation von Tuch und Leinwand; lebhafter Wollhandel. Castelvetrano, Stadt in der ital. Prov. Girgenti auf Sizilien: Seide-, Leinen- und Baumwollfabrikation. Castiglione Fiorentino, Ort in der ital. Prov. Arezzo: bedeutender Seidenbau. Casting of draperies (engl), Faltenwurf. Castorin (franz.), s. Biber (Gewebe). Castortapeten, s. Velourstapeten. Castortuch, Castorin, nennt man das allerfeinste, aus spanischer Wolle gefertigte Tuch, dessen Aeusseres durch ganz vorzügliche Appretur glänzend und seidenartig geworden ist. Im allgemeinen werden auch unter C. gewisse langhaarige, weisse Wollenzeuge darunter verstanden, welche als Nachahmung von Pelzwerk zum Besetzen von Kleidern Verwendung finden (s. Biber). Castravane, eine Gattung Seide, die von Aleppo in den Handel kommt und zu Tressen dient. Castres, Hauptstadt des Arrond. C. im franz. Depart. Tarn: Bedeutende Fabrikation von feinen und groben Tuchen, Kasemir und anderen Wollstoffen, Baumwoll-, Seiden- und Florettseidenzeugen; Färbereien. Casula, Casel (lat.: casula, casubula, casubla; franz. und engl.: chasuble), das eigentliche Messgewand des katholischen Bischofs und des Priesters. Anfangs, gleich der römischen Pänula, ein weiter, rings geschlossener, ärmelloser, glocken¬ ähnlicher Mantel aus schwerem Seidenstoff) nur mit einem Ausschnitt für den Kopf, schon im frühen Mittelalter mit gestickten oder gewirkten Streifen an den Rändern versehen. Behufs freierer Bewegung der Arme brachte man später Schnürenzüge auf den Achseln an, wodurch die C. über den Ai-men hinaufgezogen wurde. Gegen das Ende des Mittelalters machte man für die Arme Seitenausschnitte, die sich schliesslich so weit ausdehnten, dass Vorderund Rückseite der C. nur noch an den Schultern einen Zusammenhang hatten. Die Musterung der C. legt zunächst Gewicht auf das Kreuz (s. d.) der Rück¬ seite, die bei dem Amtieren der Geistlichen den Gläubigen zugekehrt ist, und den Stab (s. d.) der Vorderseite. Diese sind beide reich gestickt. Der Grund¬ stoff der C. ist verschiedener Art. Bei Musterungen desselben in Weberei fügt er sich dem Schnitt des Gewandes; gestickte C. sind abgepasst gemustert. (Vgl. Kirchengewänderstoffe und -Stickereien und die Abbildung zum Artikel Wiirzburg.) Cataclitus, cataclyzomatis ars (lat.), „phrygische Kunst“, Edelsteine und Glasperlen in Gold zu fassen oder auf Stoff zu nähen; daher c. opus, ein Werk dieser Kunst, phry gische Arbeit; c. vestis mit Steinen und Perlen besetztes Gewand. Catania, Hauptstadt der ital. Prov. C.: Fabrikation von Leinen-, Baum¬ woll- und Seidenzeugen. — Vgl. Guida letteraria, scientifica, artistica, amministrativa e commerciale di C. (Catania 1881).
116 Cäteau-Cambresis—Cerise. Cäteau-Cambresis, Le Cäteau, Hauptstadt im Arrond. Cambrai des franz. Depart. Nord: Bedeutende Woll- und Baumwollspinnereien, viele Merino-, Shawl-, Wollzeug- und Seidenfabriken. Cate-Caatjes, ein ostindischer Baumwollenstoff, welchen die Holländer ehedem von der Küste Coromandel, in verschiedener Feinheit nach Europa brachten. Catifah wurden im Mittelalter Sammetstoffe genannt, welche arabischer Herkunft waren. Cattivella, in Italien ein seidener Stoff zu Kleidungsstücken, der von gezwirnter Florettseide gefertigt wird; der Einschuss ist von feinerer Florettseide. Cattoene Lywaten nennt der Holländer überhaupt alle Arten baum¬ wollener Gewebe. Caudebec, 1. Hauptort im Arrond. Yvetot des franz. Depart. SeineInferieure: Bleichen, Woll- und Baumwollfabriken. 2. Stadt im Arrond. Kouen desselben Depart.: bedeutende Wollspinnerei, Tuchfabrikation und Färberei. Caudry, Stadt im Arrond. Cambrai des franz. Depart. Nord: Fabi'ikation von Musselin, Tüll und Baumwollenwaren, ebenso rege Seidenindustrie. Cavailhos, sind weissgebleichte, dicht gewebte schlesische und Lausitzer Leinen, welche diesen Namen in Spanien und Portugal von den auf dem Papierumschlag in Silber abgedruckten zwei Pferden erhielten. Cavallinen, im italienischen Handel Tele cavaline oder Bossleinwand, sind von den Cavailhos (s. d.) hinsichtlich der Appretur und Legeart ver¬ schieden; es ist eine schöne Mittelware, sorgfältig gebleicht, welche haupt¬ sächlich in Böhmen verfertigt wird und über Triest nach Italien geht. Cavarzere, Ort in der ital. Prov. Venedig: Seidenindustrie. Cayenne, eine ungebleichte französische Leinwand; es ist eine leichte, locker gewebte Ware von verschiedener Qualität, die auch unter dem Namen Lavalsche oder als Bouloir in den Handel kommt. C. heisst auch eine Baum¬ wollsorte aus Guyana. Cayenne ä fond Chine hiess ein halbseidener Stoff, der heut aus der Mode ist. Cazimir, ein dicker, geköperter Stoff aus gezwirntem Baumwollgarn, welcher zuerst in Lyon, dann auch in verschiedenen Orten Deutschlands nach¬ gemacht wurde. Der Artikel ist ausser der Mode. Ueber wollenen C. s. unter Kasemir. Ceara, Baumwollsorte aus Mexiko. Ceibawolle dient zum Polstermaterial. Celaya, Stadt im mexik. Kant. Guanajuata: Fabrikation von Wollstoffen. Celle, Kreisstadt im preuss. Beg.-Bez. Lüneburg: Wollgarnfärberei, W achsbleicherei. Celloidinwolle, reinste Kollodiumwolle, durch Behandeln reiner, von organischen nitrierbaren Substanzen freie Baumwolle, welche für photographische Zwecke verwandt wird. Cendal (franz.), (arab.: zendado; lat.: cendalum, cendalium, cindalum, celdal etc.), Sendel, Zindel, ein dünner, leichter, taffetähnlicher Seidenstoff, chinesischen Ursprungs, der im Mittelalter zuerst in Alexandrien und später in Mailand angefertigt und in Europa zu Fahnen, Decken und als Futterstoff Verwendung fand. Cendal de Bolonna, im spanischen Handel der italienische Krepp- und Schleierflor. Cenedatücher sind wollene Tücher, die in feine und halbfeine unter¬ schieden und namentlich im Oesterreichischen gewebt werden; sie gehen nach Bosnien, Dalmatien u. s. w. Cento, Hauptstadt in der ital. Prov. Ferrara: bedeutender Handel mit Hanf. Cerignola, Stadt in der ital. Prov. Foggia: Baumwollkultur. Cerise (franz.), Kirsche, kirschrot.
Cesena—Chamberguillas. 117 Cesena, Hauptstadt in der ital. Prov. Forli: Hanf- und Seidenbau. Ceuta (lat.: Septa, maurisch: Sebta), befestigte span. Stadt an der Nordküste Afrikas, in Marokko: war unter der arab. Herrschaft eine indu¬ strielle Stadt, wo von einem Araber die erste Baumwollpflanzung des Occidents angelegt wurde. Ceylon, brit. Insel an der Südspitze Vorderindiens: Weberei von Kattunstoffen für inländischen Gebrauch; Ausfuhr von Coirgarn, -seide und -faser. C. war im frühen Mittelalter ein wichtiger Handelsplatz für Seide, welche die Araber aus China bezogen; dieser Verkehr erreichte im 12. Jahrh. seinen Höhepunkt (s. Leinenstickereien aus C.). Cha ist ein sehr leichtes schlechtes seidenes Zeug, das in China ge¬ fertigt und in vielen Teilen des Reiches allgemein zur Sommerkleidung ge¬ braucht wird. Es ist dem Taffet ähnlich; aber nicht so gut gewebt und nicht so glänzend. Chabnams, ein musselinartiges baumwollnes Gewebe, das ehedem aus Ostindien, besonders Bengalen, nach Europa gebracht wurde. Chacarts, eine Art gewürfelter Kattune von allerlei Farben, welche die Franzosen von Surate nach Europa brachten. Chadderton, Stadt in der engl. Grafschaft Lancashire: lebhafte Baumwollindustrie. Chafer^onnes heissen ostindische bemalte Hals- und Schnupftücher, die früher die Franzosen von Surate brachten. Chagny, Hauptort im Arrond. Chalon-sur-Saöne des franz. Depart. Saone-et-Loire: Wollstoff- und Leinwandfabrikation. Chagrin (franz.), wird ein schmales bandartiges Gewebe des Borten¬ wirkers genannt, dessen Kette und Schuss reiches Gespinst, auch wohl Can¬ tille ist. C. heisst auch ein Seidenstoff, welcher durch eigentümliche Schnü¬ rung eine einigermassen körnige Oberfläche erhalten hat. Chagrintaffet heisst ein getüpfelter Taffet von allen Farben, der früher besonders zu Unterfutter, zu Vorhängen u. dergl. diente. Chainette, ein schwerer, klein gemusterter Seidenstoff mit doppeltem Köper, welcher früher grösstenteils in schwarzer Farbe zu Westen und Bein¬ kleidern verbraucht wurde. Chaise-Dieu, La, Hauptort im Arrond. Brionde des franz. Depart. HauteLoire: Spitzenfabrikation. Chalat (türk.), Ehrenkleid, s. Chyl’at. Chalon, Chalong, ein leichter einfach geköperter Stoff von hartem Kammgarn, der ebenso wie der Rasch, gewebt, nur feiner und auf der rechten Seite durch warme Presse geglänzt wird, gegenwärtig aber keinen Absatz mehr findet; nur für die Bühne und einige Nationaltrachten macht man ihn noch. Chalonnes-SUr-Loire, Hauptort im Arrond. Angers des franz. Depart. Maine-et-Loire: Sergefabrikation. Chälons-SUr-Marne, Hauptstadt, des Arrond. C. im franz. Depart. Marne: Fabrikation von Woll- und Baumwollzeugen. Chalons-Sur-Saöne, Hauptstadt des Arrond. C. im franz. Depart. Saoneet-Loire: Tuchfabrikation, Spitzenindustrie; bedeutender Handel. Chaly, Chalynette, Chalinet, ein feiner geköperter musselinartiger Stoff aus dem feinsten weichen Kammgarn und Seide, gewöhnlich auf ganz weissem Grunde, mit verschiedenen lebhaften, bunten Farben bedruckt. Um ihn billiger zu liefern, machte man ihn ganz ans Wolle, ohne Beimischung von Seide, allein ebenfalls nur weiss und bunt gedruckt. Cham, Dorf im Schweiz. Kanton Zug: Fabrikation von Baumwollen¬ garn (Spinnerei Hagedorn mit 300 Arbeitern). Cham, ein schwarzer, blauer, grüner oder rosenroter Baumwollenstoff, welcher im russisch-sibirischen Handel mit den Bucharen und Kalmücken vorkommt. Die besten werden nur in der Stadt Kaschkar gemacht. Chamberguillas, im spanischen Handel eine Sorte schweizer Taffetbänder; engl.: bank ribbons.
118 Chambery—Chäteauroux. Chambery, ital. Ciamberi, Hauptstadt des Depart. Savoie und des Arrond. C., seit 1860 französisch: Fabrikation berühmter Seidengaze, Spitzen, Taffet, Tuche. Chandul, Faserstoff aus den westlichen Teilen Ostindiens, ist der Bast von Lepuranda succidora, der zur Herstellung von Säcken, Matten u. s. w. benützt wird. Changeant (franz.), 1. im Handel feiner Kamelot, den man häufig zu Ryssel fertigte, 2. verschiedenartige seidene, kamelhaarene oder wollene Zeuge, wo Kette und Schuss je von einer anderen Farbe genommen wird. Das Ge¬ webe verändert daher auf verschiedene Art seine Farbe, je nachdem das Licht darauf fällt. Chantilly, Stadt im Arrond. Senlis des franz. Depart. Oise: Fabrikation von Spitzen; Wollspinnerei. Die Spitzenindustrie wird in C. gegründet durch die Herzogin von Longueville, Caterine de Rolian: sie stiftete zu Beginn des 17. Jahrhdrts. Schulen und berief Arbeiterinnen aus Havre und Dieppe; im 18. Jahrhdrt. wird C. besonders durch die schwarzen Spitzen in blonden¬ artigem Charakter berühmt. Die Industrie ging während der Revolution zu¬ grunde; Fabrikanten und Arbeiter waren verdächtig, weil sie Spitzen für die „Tyrannen“ gearbeitet hatten; erst um die Mitte des 19. Jahrhdrts. ist die Spitze aus Ch. wieder in Aufnahme gekommen (s. Spitzen). Chaperon (franz.), eine den Kopf und Hals bedeckende Kappe, die im Mittelalter von beiden Geschlechtern getragen wurde. Chappe (franz.), Gespinste aus Seidenabfällen, s. Seidengarn. Charcanas sind ostindische Zeuge von Baumwolle mit Seide vermischt. Chardonnetseide, eine im Jahre 1885 vom Grafen de Chardonnet er¬ fundene künstliche Seide aus Zellulose und vielen anderen Bestandteilen (vgl. Silber mann, Die Seide, Bd. II, S. 116 ff.). Charkow, Hauptstadt des russ. Gouvernements C.: bedeutende AVollwäschereien und Handel mit Wolle; es besteht eine im Jahre 1888 gegründete W ollhandelskompagnie. Charleston, Hauptstadt des County C. in Südkarolina, an der Küste des Atlant. Ozeans: Fabrikation von Strickwaren, Baumwollkompressen. Charlieu, Hauptort im Arrond. Roanne des franz. Depart. Loire: Seiden- und Baumwollspinnerei und -weberei. Charlotte, Hauptstadt des County Mecklenburg im nordamerik. Staate Nordkarolina: Beträchtliche Baumwollindustrie und -handel. Charlottenbrunn, Marktflecken im preuss. Reg.-Bez. Breslau: Garn¬ handel, in der Hingebung Leinen- und Baumwollwarenfabrikation. Charpie, englische (patent linte), ist ein leinenes, gebleichtes, lockei’es Gewebe mit weit auseinanderliegenden Schxxssfäden. Die Bindung ist leinwandax'tig, aber jeder Kettfaden besteht aus vier bis fünf Fäden. Der Stoff wird barchentartig axxfgerauht (s. Verbandstoffe). Charput, Hauptstadt im türk.-asiat. Kurdestan: Baumwollkultur. Chasselas, baumwollene Zeuge, die man besonders zum Handel auf der gueneischen Küste braucht. Chasublerie (von chasuble = Messgewand), hat im französischen Handel zwei Bedeutungen: 1. für alle Waren ohne Unterschied, welche zxim Kirchenschmuck bestimmt sind: s. Bischofsornat u. s. w.; 2. nur die Gewebe für Kirchenzwecke. Chateau du Loir, Hauptort im Arrond. St. Calais des franz. Depart. Sai’the: Fabrikation von Leinwand xmd Watte; Färberei. Chäteaudun, Hauptstadt des AiTond. C. im franz. Depart. Eure-et-Loire: Fabi'ikation von Wolldecken; Tuchhandel. Chäteau-Gontier, Hauptstadt des Arrond. C. im franz. Depart. Mayenne: bedeutende Leinwand-, Wollzeugfabrikation xmd -Spinnerei. In Cb. und Um¬ gegend wird eine Art Etamine gewebt, der hiernach seinen Namen hat. Chäteauroux, Hauptstadt des Arrond. Indre und des AiTond. C.: be¬ deutende Fabrikation von Tuchen und Wollspinnerei; Leixiwandhandel.
Chäteau-Thierry—Chemnitz 119 Chäteau-Thierry, Hauptstadt des Arrond. C. im franz. Depart. Aisne: Leinwandfabrikation, Baumwollspinnerei und Färberei, Wollhandel. Cb. wird 1666 als Ort der Spitzenerzeugung nach italienischen Vorbildern erwähnt, deren Fabrikate man point de France nannte. Chätellerault, Hauptstadt des Arrond. C. im franz. Depart. Vienne: Eine der bedeutendsten Industriestädte Frankreichs, u. a. Spitzenfabrikation. Chaumont-en-Bassigny, Hauptstadt des Depart. Haute-Marne: Bevöl¬ kerung fabriziert Wollzeuge. Chaussettes, eine Hauptsorte der weissen franz. Zwirnstrümpfe, welche zu Vitre und den umliegenden Ortschaften von den Landleuten gestrickt werden. Sonst nennt man C. im Französischen auch im allgemeinen einen Unter¬ ziehstrumpf, eine Art Socken, an welchen der halbe vordere Fuss fehlt. Chaux-de-Fonds, Hauptort im Schweiz, gleichnamigen Bezirk, wird am Ende des 18. Jahrhdrts. als Hauptstätte der Spitzenindustrie des Landes erwähnt. Chaves, das Aquae Flavieu der Börner, Stadt und Festung im portug. Distrikt Villa Beal: Leinweberei und Seidenindustrie. Chavonnis, dünne ostindische Musseline von Pondichery. Chazz (arab.), leichteres Seidenzeug des frühen Mittelalters, das aus seidener Kette und wollnem Einschlag in Armenien erzeugt wurde und der Beschreibung nach am meisten unserem heutigen Atlas entsprochen zu haben scheint. Cheks, Checks, in England und Nordamerika versteht man darunter die gewöhnlichen blau- und weissgewürfelten oder blau- und weissgestreiften Matrosenleinen, welche aus den Niederlanden und aus der Oberlausitz in grosser Menge nach Westindien gehen. Man unterscheidet je nach der An¬ fertigung Linnen-Cheks, Cotton-Cbeks und Mired-Cheks. Im allgemeinen be¬ zeichnet man in England mit C. baumwollene Zeuge mit kleingewürfelten Mustern. Chelos, Chelasses, Chelles, Cheloes, sind buntgewürfelte oder gegitterte, ostindische Kattune, welche in vielerlei Sorten von den Holländern, Franzosen und Dänen in Bengalen, Surate u. s. w., wo sie zu den sogen. Pagnes (Matrosenhemden) dienen, gekauft werden. Chemille, Hauptort im Arrond. Cholet des franz. Depart. Maine-et-Loire: Woll- und Baumwollmanufaktur; Färberei. Chemin (franz.) in der Weberei die Zahl der Kettenfäden in der Breiten¬ ausdehnung eines Musters, welches sich in der Breite des Stoffes mehrmals wiederholt. Chemische Wäsche, s. Fleckmittel. Chemisette, Chemisettchen (franz.), die bekannten Vorhemdchen, welche von Seidenzeug, Batist, Gfhingan, Cambric, Jaconet u. s. w. früher mehr in Mode waren, als heute. Man fertigte den Stoff zu diesen Vorhemdchen mit feinen Fältelungen auf dem Webstuhl, vornehmlich um Lichtenstein und Hohenstein im Königreich Sachsen. Auch Vorhemdchen für Damen nennt der Franzose Chemisettes. Chemnitz, erste Fabrikstadt Sachsens und eine der bedeutendsten Deutsch¬ lands ; Hauptindustriezweige sind: Baumwoll- und Kammgarnspinnerei, Weberei, hauptsächlich von Möbelstoffen, Tischdecken, Portieren, Wirkwarenfabrikation, besonders Strumpf-, Handschub- und Trikotstofffabrikation; Färbereien und Appreturen. Webstuhlfabrik und Fabriken von Maschinen für Spinnerei, Wirkerei, Strickerei und Appretur. Eine grosse Anzahl der als Chemnitzer geltenden Fabriken liegt in den nahen Ortschaften. So wird die Fabrikation von Wirkwaren, deren Mittelpunkt C. ist, und die 50000 Arbeiter beschäftigt und etwa für 70 Mill. Mark Ware fertigstellt, vielfach noch immer als Haus¬ industrie in der Umgegend von C. betrieben. Die meisten der sogen. Fabri¬ kanten sind jedoch nur Händler, welche die Appretur der bezogenen Waren und die mannigfaltige Verpackung besorgen. Die Möbelstofffabriken beschäf¬ tigten 1895 etwa 5000 Arbeiter und lieferten für mehr als 25 Mill. Mark
120 Chenebier—Chenilleteppiche. Waren, die anderen Webereien beschäftigten 300, die Färberei- und Appretur¬ anstalten 2800 Arbeiter. Chemnitz bestand schon als Ort zur Zeit Kaisers Lothar (gest. 1138), der hier ein Benediktinerkloster, jetzt Schloss C. stiftete; im Jahre 1414 erhielt C. sein ältestes Stadtrecht. Neben der uralten Lein¬ weberei und einer ausgedehnten, durch Regierungsmonopole geschützten Bleicherei, erreichte das Tuchmachergewerbe bald einen für damalige Zeiten grossartigen Umfang, und als die Stadt 1485 bei der Teilung Sachsens an die Albertinische Linie kam, war sie^ eine der blühendsten im Meissnerlande. Im dreissigjährigen Kriege wurde die Stadt (1633—1636) fast gänzlich zerstört; erst in der letzten Hälfte des 17. Jahrhunderts erhob sich die Baumwoll¬ weberei als ein neuer Nahrungszweig, welcher 1739 schon 2000 Stühle be¬ schäftigte und 20 Jahre später alle deutschen Konsumtionsplätze mit rohen Kattunen versorgte. C. wurde 1765 Sitz der in den umliegenden Dörfern ver¬ breiteten Strumpfwirkerei. Schlüssel aus Hamburg legte hier 1770 die erste sächsische Zeugdruckerei an. Die englische Piqueweberei wurde 1775, die englische Handspinnmaschine 1790 durch Forkel und Irmscher, die Baumwollmasckinenspinnerei (s. d.) nach Arkwright’schem System 1799 durch Whöler und Whitfield eingeführt. Alle diese Gewerbe erhoben C. während der Konti¬ nentalsperre zur höchsten Blüte, die aber nach dem Pariser Frieden durch die unglückliche Handelspolitik des Landes erheblich beeinträchtigt wurde, bis C. 1834 nach dem Beitritt Sachsens zum Zollverein, besonders durch den mäch¬ tigen Aufschwung des Maschinenbaues, von neuem auf blühte. — Literatur: Mitteilungen des Vereins für Chemnitzer Geschichte (Bd. 1 bis 10, ebd. 1873 bis 1899); Urkundenbuch der Stadt C. (im „Codex diplomaticus Saxoniae regiae“, II, Bd. 9, Leipzig 1879); Zöllner, Geschichte der Fabrik- und Handelsstadt C. (Lpz. 1888); Straumer, Die Fabrik- und Handelsstadt C. Ein Städtebild (ebd. 1893). Chenebier, Dorf im Kanton Hericourt im franz. Depart. Haute-Säone: Baumwollspinnerei und -Weberei. Chenille, (franz.: die Baupe; engl.: chenille; ital.: ciniglia), bandartige gedrehte und ausgefaserte Schnur von sammet- oder raupenartigem Ansehen, deren Herstellung auf dem Webstuhl folgendermassen geschieht: Die Kette besteht aus mit regelmässigen Abständen eingestellten Gruppen von Seidenund Zwirnfäden; der Einschuss ist Seide, Wolle, auch Baumwolle, die Bindung Taflet. Ist das Gewebe fertig, so werden Streifen geschnitten, bei denen die Streifen in der Mitte liegen, während rechts und links die Schussfäden quer herausstehen. Durch Drehung auf dem Schnurdrehrad werden die ausgefaserten Streifen bleibend schraubenförmig gewunden. Feinere Chenillen, besonders einfarbige, sowie Fagonchenille werden auf Ch.-Maschinen hergestellt (s. Posamenterie.) Die Ch. wird für sich allein zu verschiedenen Posamentierarbeiten verwendet, teils dient sie als Aufputz für Damenkleider. Auch als eine Art Spitzen (Ch.-horten), sowie zu sogen. Ch.-blonden, oder auch zu weissen, dicken Geweben (Ch.-stoffe) und endlich zu sammetähnlich aussehenden Teppichen, Tischdecken und Portieren wird die Ch. angewandt. Hauptsitz der Fabrikation in Deutschland ist Chemnitz und weitere Umgebung. Chenillenatlas, brochierter Sammet, ist ein veralteter, reicher, seidener Stoff, der broschierte Blumen von Chenillefäden in einem Atlasgrunde oder einem anderen Köpergrunde enthält. Chenilleschneidemaschine, eine Maschine, welche zum Zerschneiden des bandartigen Chenillegewebes (s. Chenille) in einzelne Streifen dient. Chenilleteppiche, eine Art Teppiche, die, abweichend von der gewöhn¬ lichen Art der Teppichweberei, auf beiden Seiten dasselbe Farbenmuster in Flor zeigen. Zunächst wird ein glattes Gewebe verfertigt, dessen Kette aus einzelnen gleichmässig verteilten Gruppen leinener oder baumwollener Fäden besteht, während der sehr dichte Einschlag in den durch das Muster be¬ stimmten Farben aus Kammgarn oder Seide hergestellt ist. Indem man dieses Gewebe zwischen je zwei Kettenfädengruppen der Länge nach durchschneidet und die so erhaltenen Streifen auf einem Seilerrad zusammendreht, bilden sich
Cherasco—Chieri. 121 behaarte Schnürchen, deren feine Kette, durch den stärkeren Einschlag ver¬ deckt, diesem nur zum Halte dient und die in ihrer Färbung das beabsichtigte Muster darstellen. Diese Schnürchen werden in das eigentliche Teppich¬ gewebe, dessen Kette aus Leinengarn besteht, eingeschossen und dem Muster entsprechend sorgfältig aneinander gepresst, worauf durch Aufbürsten der Chenillefäden auf beiden Seiten ein regelmässiger Sammetflor erzeugt wird. Durch dazwischen eingetragene leinene Grundschussfäden erhält die Ware den erforderlichen Zusammenhalt. Da sämtliche bei der Vorarbeit gleichzeitig er¬ haltenen Chenilleläden dieselbe Musterung zeigen, muss zu ihrer vollständigen Verarbeitung die gleiche Anzahl Teppiche von einerlei Muster hergestellt werden. Der Mannigfaltigkeit der Niiancierung ist bei dieser Methode volle Freiheit gelassen, da die Zahl der Farben ausserordentlich vermehrt und der Zeichnung jeder beliebige Grad der Feinheit gegeben werden kann (s. a. Axminsterteppich). Cherasco, Stadt in der ital. Prov. Cuneo: Seidenindustrie. Cherbourg, Hauptstadt des Arrond. C. im franz. Depart. La Manche: Fabrikation von gedruckten Kattunen, Strümpfen, Blonden; sodann Spinnerei. Chercolee, Cherconne, ist der Name von gewissen gestreiften seidenen und baumwollenen Zeugen aus Indien. Cherquermolles, ostindische baumwollene Stoffe, welche ehedem die Franzosen auf den Markt brachten. Cherub, (franz.: cherubin; engl.: cherub), Mehrzahl Cherubim, s. Engel. Chester, Stadt im County Delaware des nordamerik. Staates Pennsylvanien: Bedeutende Textilindustrie, besonders in Baumwollwaren. Chesterfield, Stadt in der engl. Grafschaft Derby: Fabrikation von Seiden- und Baumwollstoffen und Passementerie. Chevillieren der Seide, in der Seidenfärberei ein Verfahren zur Steigerung des Glanzes der gefärbten Faser. Die Arbeit wird nach dem Färben der Strangseide vorgenommen. Besonders wichtig ist das Ch. bei der Soupleseide. Das Ch. wird in der Weise ausgeführt, dass die Seidensträhnen mehrmals, abwechselnd nach rechts und links, um sich selbst aufgedreht werden, wodurch sich die einzelnen Fäden durch die gegenseitige Reibung und den grossen Druck glätten. Das Ch. geschieht in grösseren Färbereien durch Maschinen. Cheviot, ein aus gröberer Wolle, insbesondere aus Crossbreclwolle (s. d.) hergestellter Stoff, der zu Anzügen benutzt wird. Je nachdem das Roh¬ material zu Kammgarn oder zu Streichgarn verarbeitet ist, wird der daraus hergestellte Stoff mehr oder weniger glatt. Cheviotstoffe fühlen sich hart und rauh an, sind auch, da die gröbere Wolle nicht walkt, stets verhältnismässig lose, bieten aber, sofern sie ohne Kunstwolle oder sonstige Abfälle hergestellt sind, das dauerhafteste Material zu Kleidungsstücken. Die Fabrikation der Cheviotstoffe bildet einen der wichtigsten Teile der Wollindustrie, insbesondere auch in Deutschland, ist aber von derjenigen der anderen Wollstoffe nicht Avesentlich verschieden. Chevron, moderner einfarbig gestreifter schwarzer Kleiderstoff aus Wolle. Chiaak sind in der Türkei, besonders in den Gegenden am Schwarzen Meer, Sofaüberzüge von feiner wollener Serge. Die Garnitur hiervon besteht aus einem Paar von Kissen und einer grossen Decke (Makat). Chiari, Hauptstadt in der ital. Prov. Brescia: Seidenspinnerei und -Weberei. Chiasso, Flecken im Schweiz. Kanton Tessin: Seidenspinnereien. Chiavari, Hauptstadt in der ital. Prov. Genua: Fabrikation von Seiden¬ waren und Spitzen. Chiavenna, deutsch Cläven oder Clefen, Stadt in der ital. Prov. Sondrio: Seidenzucht, -Spinnerei und -Weberei. Chieri, Stadt in der ital. Prov. Turin: Leinwebereien, Seiden- und Baumwollspinnereien.
122 Chieti—China. Chieti, Stadt in Italien: Tuchweberei, Seidenbau und -handel. Chiffons (franz.), eine Art baumwollener Zeuge, eine sogen, weisse Ware, glatt und nicht geköpert. Chilime, Bett- und Sofadecken oder Teppiche von Seide und Leinen¬ garn oder aus AVolle und Leinengarn, bunt gemustert, welche in Slavonien gewebt und aus zwei Breiten zusammengesetzt sind. China ist das Stammland der Seide (s. d.). Henri Silbermann (Die Seide, ihre Geschichte, Gewinnung und Verarbeitung, Dresden 1897.) be¬ richtet darüber aus den verschiedensten Quellen: Der chinesischen Seidenstoffe findet man zuerst im Jahre 2225 v. Chr. Erwähnung getan, zu welcher Zeit sie von der Provinz Shantung, die auch als eigentliche Heimat der Seide be¬ trachtet wird, als Gabe und Huldigung an den kaiserlichen Hof des Shuutien geliefert worden sind. Im Jahre 2200 erscheint im Buche „Tschu-king“ die erste Nachricht über Seidenfärberei, in welcher die Arerwendung gefärbter Seidenstoffe beschrieben ist; auch schildert Konfucius rote und schwarze Seiden¬ zeuge, die als Tribut an den Kaiser Ju (2022) geliefert wurden. Die Haupt¬ verwendung der Seidengewebe jener Zeit bestand in der Anfertigung von Fahnen und Schirmen, welche als Abzeichen der Würde dienten, indem ver¬ schiedene Farben bestimmten Hangstufen entsprachen, in der Art, wie es heute noch in China üblich ist. Das Gelb als ausschliessliche Farbe des Kaisers, das Violett die seiner Nebenfrauen; Blau, Rot und Schwarz wurden dem ver¬ schiedenen Range der Ritter beigelegt. Aus geschichtlichen Schilderungen geht hervor, dass in China, wie auch sonst überall, die echten Seidenstoffe nur dem Gebrauch des Hofes und der Adeligen dienen durften. Erst durch die liberalen Verordnungen des weisen Kaisers Ju (2205) hat die Seidenkultur auch unter dem chinesischen ATolke Platz gegriffen. Mit der Zeit entfaltet das Seidengewerbe einen immer höher steigenden Luxus: es erscheinen im 8. Jahrh. v. Chr. Goldbrokate und ähnliche kostbare Seidenstoffe, in welche man sogar bunte Vogelfedern einzuweben und einzusticken pflegte. lieber zwanzig Jahr¬ hunderte gingen in gleicher AVeise dahin, ohne dass das Seidengewerbe die Grenzen seiner Heimatstätte Shantung überschritten hätte: es ist im grossen und ganzen auf derselben Höhe geblieben, wie zur Zeit der Einführung. Der Seidenhandel scheint bis zum 3. Jahrh. v. Chr. nicht bestanden zu haben. Die durch natürliche und politische Hindernisse und durch sittliche Originalität bedingte Absonderung Chinas wurde auf die Dauer dadurch bekräftigt, dass die mittelasiatischen Barbaren dem weiteren Umsichgreifen der fortschreitenden chinesischen Kultur unüberwindlichen Widerstand leisteten. Erst durch eine infolge politischer Unruhen entstandene Auswanderung der chinesischen Be¬ völkerung wurde der Seidenbau durch chinesische Ansiedler im Jahre 200 v. Chr. nach der Halbinsel Korea verpflanzt und etwas früher finden sich in der Hinter¬ lassenschaft der Chinesen die ersten Andeutungen über fremdländischen Arerkehr mit den Völkern AVestasiens. Aron Mittelasien kam die Seide aus China durch Vermittelung der parthischen Kaufleute nach Europa. (ATgl. den Artikel Seide.) Im 7. Jahrh. n. Chr. erhielt die Seidenkultur und -Weberei in China einen solchen Aufschwung, dass bis zum 10. Jahrh. chinesische Rohseide und Seiden¬ gewebe den wichtigsten Artikel im mittelasiatischen Handel bildeten, so dass vom Jahre 819 berichtet wird, dass einem Kaiser von China 100000 Stück Seidengewehe als Huldigung des Volkes dargebracht worden seien; ein Mandarin schenkt im Jahre 826 dem Kaiser King-Tsang eine Million Seidenzeuge. Dieses verschwenderische Umgehen mit der Seide lässt auf ihre unermesslichen ATorräte und den Luxus damaliger Zeit schliessen, da die Seidenzeuge sowohl beim hohen Adel wie im gemeinen Volke zu etwas Alltäglichem geworden sind. Seit dem 13. Jahrh. wird China durch Indien im Seidengewerbe und dessen Arerbreitung durch den Handel abgelöst; zu dieser Zeit ist dann wahrscheinlich auch die regelmässige Zucht des Maulbeerspinners nach Indien eingeführt worden. (Vgl. über Weiteres den Artikel Seide und Geschichtliches der AVeberei.) Die chinesische Seidenindustrie neuerer Zeit besitzt eine sehr be¬ deutende Anzahl AVebestühle. Besonders im Norden blüht die Kunstweberei,
China. 123 wo in Scken-si und Ss’-tsckum Sammete von hohem Werte erzeugt werden. Atlasse und Crepes webt man in Shanghai, Houpch, Hu-tschen-fu und Ningpo; Bänder in Houpch und Shanghai, schliesslich broschierte und fassonierte Gewebe in Kiangsu, besonders im Departement Kiang-nin-fu (Nankin). Die meisten der gefertigten Gewebe werden im Lande selbst verbraucht und zwar am häufigsten zu den von alters her üblichen Kleidern, die in den letzten Jahr¬ zehnten in Mengen nach Europa kamen, so dass die Museen sich mit chinesischen Stoffen reichlich versorgen konnten. Abb. 48. Chinesische Kleider: der Anzug besteht im Wesentlichen aus vierStücken: Der Po ist ein weiter Rock, welcher auf der Seite zugeknöpft wird und fast bis auf die Spanne hinabreicht, mit langen und weiten Aermeln; er ist entweder von Seide oder Wolle. Im ersten Fall kann die Seide gemustert sein. Die Wolle ist aber immer glatt: entweder Long-ell, Spanisch-Strippe oder Broadcloth, nach Stand und Würden. — Der Theong-cham ist ein Po von Baumwolle oder Mä. Ihn tragen die unteren Klassen. — Die Ma-koua ist eine Art Weste mit Aermeln, aber weit, welche vorn geknöpft wird und bis in die Gegend der Weichen reicht. Viele Ma-kouas sind von seidenem oder wollenem gemustertem Kamelott, entweder chinesischer oder englischer Fabrikation, aber auch manche von Polamit aus Leyden, von Lasting, Longells, Spanisch Strippe oder Medium Cloth. — Die Tai-koua ist ein Ueberwurf, fast wie ein Paletot und geht bis auf die Knie; sie hat weite Aermel, geschlitzt zum Zurück¬ schlagen. Oft ist sie aus Fa-n-tunn (gemusterter Stoff aus Seide und Kamelwolle) ge¬ macht, aus Polamit oder feinem Tuch. — Die Beinkleider, oft auch nur Unter¬ beinkleider, sind von leichtem Flanell oder Baumwolle, die sie mit einer seidenen Schnur unter dem Knie festbinden. Im Sommer trägt man sie auch von Mientchao, eine leichte Popeline von Seide und Baumwolle, die in Chuenn-te, eine Tagereise von Kanton, gewebt wird. —: Der Po wird von grauer und hellblauer, die Ma-koua mazarinblau oder violett, die Tai-koua dunkelblau, purpurrot, violett oder feuerrot getragen.
124 China. Die arbeitende Klasse kennt alle diese Kleidungsstücke nicht; der Arbeiter zieht je nach der Witterung 1, 2, 3 Kittel übereinander von blau-weissem oder weissem Baumwollenzeug an. Bei der Arbeit trägt er eine Art Aermelweste bis auf den halben Leib und zur Seite geknöpft, darunter eine weite Hose bis zum Knöchel, oder auch eine Kniehose. Die Frauen der unteren und mittleren Klassen tragen das lange Beinkleid und den Rock. Diese Röcke sind nach Rang und Wohlhabenheit von ver¬ schiedenen Stoffen, selten aber gemustert, höchstens mit einem Sammetstreifen verziert. Das Beinkleid ist weit und fällt sehr weit herunter. Der Rock ist paletotartig, reicht bis ans Knie und wird auf der Schulter und an der Seite geknöpft. Die vornehmen Frauen tragen ein enges Gewand bis auf die Fusspitze von Seide, darüber einen Ueberwurf, Form Paletot, mit weiten langen Aermeln; er reicht zuweilen etwas über die Taille, zuweilen bis zur Hälfte des Schenkels. Im Sommer ist er von gestickter Seide, im Winter von feinem dunkelblauem Tuch mit Goldstickereien verziert. Abb. 49. Die Musterung der Stoffe in China wird, wie die ganze Kunstweise des Volkes, schon früh von Indien her durch den Buddhismus beeinflusst, wozu vom 13. Jahrhundert an auch islamitische — hauptsächlich persische — Elemente kommen. Die Verschmelzung gewisser Kunstformen dieser Länder lässt sich im Mittelalter in Stoffen ebenso beobachten, wie es in anderen Gebieten des Kunstgewerbes, namentlich im Porzellan, der Fall ist. (Vgl. Geschichtliches im Artikel Weberei.) Und man kann oft nicht mit Sicherheit angeben, ob ein Gewebe dieser Zeit in China unter persischem oder umgekehrt in Persien unter chinesischem Einfluss entstanden sein mag. In Brokatstoffen ist die Natur des Goldgespinstes nicht entscheidend, da China in dieser Zeit zunächst auch noch vergoldete Lederhäutchen gebraucht, bevor das Papier hierzu in der Weberei Verwendung findet. Schwer ist es auch, chinesische Gewebe früherer Zeit von denen aus Japan zu unterscheiden, solange die
China. 125 Japaner nach chinesischen Vorbildern gearbeitet haben. Das Charakteristische der chineschen Kunstformen aus der Pflanzenwelt ist die strenge Stilisierung, welche ihre "Wiedergabe ohne Rücksicht auf das Material gleich erscheinen lässt: bevorzugt sind der Lotos, die Päonie und solche Blüten, welche sich der Palmettenform anschliessen lassen. (Vgl. Abb. 48—50.) In der An¬ wendung von Tiergestalten kommt zu dem Schwerfälligen das Symbolische, wobei in den meisten Fällen der indisch-buddhistische Ursprung nachzuweisen ist. In anderen Darstellungen erscheinen die Tiere nur als Embleme gewisser Eigenschaften und damit als Träger bestimmter Wünsche. (Vgl. M. v. Brandt: „Ein Kapitel axis der chinesischen Kunstgeschichte“, in „Westermanns Monats¬ hefte“ LXXXV, 508; Januar 1899.) Zu den ersteren gehört der Löwe, Shi Abb. 50. oder Shix, der als Sinnbild der Kraft und der Stärke unzweifelhaft aus Indien, wo er den Thron Buddhas trägt oder Götter und Göttinnen als Sitz dient, nach China übernommen worden ist; er findet auch Aufnahme in Japan, wo man ihn irrtümlich im Volksmunde als Hund Buddhas nennt. (Vgl. Abb. 52.) Auch der Elefant ist das Sinnbild der Kraft; er findet sich auch als Stütze oder Ver¬ zierung an buddhistischen Thronen oder als Träger von Vasen und tribut¬ bringenden Personen auf Stickereien. (Vgl. Abb. 53.) Die vier heiligen Tiere der Chinesen sind: Schildkröte, Kilin, Phönix und Drache. (S. die Artikel im Einzelnen.) Landschaftliche Darstellungen im chinesischen Ornament (vgl. Abb. 51) des 18. Jahrhunderts haben zur selben Zeit (vgl. den Artikel Rokoko) die französische Mustergebung stark beeinflusst. Die Technik in Weberei und Stickerei ist in China, ent¬ sprechend der Fülle des edelsten Materials, in jeder Weise ausgebildet; doch geht man dabei mehr vom Standpunkt künstlerischer Wirkung als auf Streben nach Effekten aus, die im Bereiche der Technik möglich wären. Hierzu sind die auf einfachen Grundlagen beruhenden Einrichtungen der Webe- und Stick-
126 China. apparate nicht angetan. Es sei denn, dass in neuester Zeit die europäische Kultur in einigen Gegenden sich Geltung zu verschaffen gewusst hat. Die gewebten Seidenstoffe enthalten Muster, welche durch Lanzieren und Bro¬ schieren hergestellt sind; in beiden Fällen ist man bemüht, der Fläche eine Abwechslung dadurch zu geben, dass die Blumen- oder andere Ornamente reihenweis in der Farbe abwechseln. Die grösste Mannigfaltigkeit ist natürlich durch die Technik des Broschierens (s. d.) gegeben, wobei das Material in Ueppigkeit verschwendet wird, so dass auf der Rückseite solcher Stoffe Strähnen von Seidenfäden flottliegen, die an der Oberfläche nur an wenigen Stellen gebunden sind: eine Art und Weise der Kunstweberei, welche auch in Abb. 51. Japan (s. d.) in erhöhtem Masse Ausbildung gefunden hat. Bei notwendigen Goldeffekten hat das aus dem Maulbeerstrauch gewonnene haltbare Papier reich¬ lich Verwendung gefunden, aus dem man auch im gedrehten Faden Stoffe zu Sommerkleidern herstellt (s. die Artikel Brillantgarn, Brokat, Goldgespinste u. s. w.). Eine reiche Ausbildung hat die Stickerei in China von früher Zeit an erfahren. Der Plattstich (s. d.) ist bei weitem bevorzugt, dessen Vor¬ zeichnung in neuer Zeit durch Auflegen dünner gestanzter Papiermuster (s. d.) erleichtert wird. (Abb. 54.) (Weiteres s. im Artikel Stickerei.) Abbildungen: 48. Originalaufnahme eines Seidengewebes (im Kunsthandel), Grund rot, Muster grün: reihenweis versetzte Lotos- und päonienartige Blüten an Hanken mit schnör¬ keligem Blattwerk. China, alt. 49. Originalaufnahme aus dem Kgl. Laudesgewerbemuseum in Stuttgart: Sammet-
China, Abb. 52. 127
128 China—Chinagras. gewebe, Grund hellblauer Atlas, Muster schwarz, geschnitten: Wellig gelegten Ranken mit gerolltem Blattwerk entsteigen in Reihen abwechselnd nach oben und unten ge¬ kehrt Palmettenblüten. China 18. Jahrhundert. 50. Originalaufnahme eines Seidengewebes (im Kunsthandel), Grund grün, Muster in bunter Seide broschiert, so dass die Einzelfiguren desselben unter sich auch innerhalb der Reihen in den Farben wechseln: Wellig geschwungene breite Ranken mit Blüten in Rosetten- und Palmettenform; dazwischen Blattwerk und Früchte. China 18. bis 19. Jahrhundert. Abb. 54. 51. Originalaufnahme eines Brokatgewebes (im Kunsthandel): Rundbild aus einem Gewände mit Darstellung einer Berglandschaft, in Gold broschiert, dessen Grund¬ fäden aus verschiedenfarbiger Seide bestehen, wodurch das Metall wechselnden Schimmer erhalten hat. China 18.—19. Jahrhundert. 52. Originalaufnahme einer Goldstickerei (im Kunsthandel) auf roter Seide mit Darstellung eines Löwen. China 19. Jahrhundert. 53. Originalaufnahme einer Goldstickerei (im Kunsthandel) auf roter Seide mit Darstellung eines aufgeschirrten Elefanten, der einen Fruchtkübel trägt. China 19. Jhrhdt. 54. Originalaufnahme von einem Gewände (im Kunsthandel), Plattstichstickerei auf gazeartigem Seidenstoff in bunter Seide, mit Darstellung von Schmetterlingen. China 19. Jahrhundert. Chinagras, chinesischer Hanf, in England China-grass und Cloth-grass, die Bastfaser von Boehmeria nivea. Ramie ist ein anderer Name für die gleiche Faser, und auch die von der sehr nahe verwandten oder besser nur
Chine—Chits. 129 als Rarität zu betrachtenden Boehmeria tenacissima abstammende Rheafaser besitzt die gleichen Eigenschaften; häufig werden sogar die Worte Rhea, Ramie und 0. nebeneinander für dieselbe Faser gebraucht. Diese Fasern liefern seidenartig glänzende, sehr dauerhafte Gewebe und Seilerwaren, auch halten sie Farbe und lassen sich leicht mit anderen Fasern zusammen verarbeiten. Das C. ist eine der allerfeinsten und zugleich stärksten Fasern; auch ist der mittlere Durchmesser der Faser dünner, als der von Jute, Flachs und Hanf. Zum Zwecke der Weberei werden die Fäden des C. im eigentlichen Sinne nicht gesponnen, sondern durch Aneinanderstückeln einzelner, Ende bei Ende gelöster und durch Rollen mit der Hand vereinigte Fasern gebildet. Das Material erscheint dadurch nicht rund, wie andere Garne, sondern glatt wie ein sehr schmales Bändchen. In England, wo dieses Material erst durch die Londoner Weltausstellung von 1851 weiteren Kreisen als Gi-asscloth (Grasleinen), wahrscheinlich infolge einer Verwechselung der Stammpflanze bekannt wurde, werden die zur Verarbeitung dahin verschifften rohen Stengel einer ähnlichen Behandlungsweise wie der Flachs unterworfen. Der Verbreitungder Chinagrasfabrikate ist namentlich die durch den amerikanischen Bürger¬ krieg veranlasste Unterbrechung der Baumwolleinfuhr förderlich gewesen. Auf der Pariser Weltausstellung 1867 trat diese Industrie bereits in be¬ merkenswerter Weise hervor, und seitdem ist dieselbe in stetem Fortschritt begriffen. Chine, Chinee, chiniert, nennt man in Frankreich jeden auf geflammte Art oder mit flammigen Mustern gewebten Stoff. Chiniert, s. Chine. Chin-tcheon, s. Foulards. Chints, eine Sorte des englischen Kalikots; man unterscheidet sie in Full-Chints, d. s. solche, die im Grunde zwei Farben Krapp haben, und in Half-Chints, oder solche, die nicht in Krapp ausgefärbt sind, sondern nur Aufdruckfarbe haben. Chipping-Norton, Stadt in der engl. Grafschaft Oxford: Wollfabriken (600 Arbeiter). Chipping-Wycombe, Stadt in der engl. Grafschaft Buckingham: Spitzen¬ fabrikation. Chiques, in Frankreich, besonders zu Alais, die geringeren Sorten der Landseide, welche nur zu Nähseide verarbeitet werden können. Chiroteken (griech.), eine Art Handschuhe; sie finden sich schon im Altertum bei den westasiatischen Völkern, von kostbarem Pelzwerk bei Persern, Griechen und Römern (digitalia). Im Mittelalter waren sie bei den meisten Kulturvölkern im Gebrauch. Die zu den noch erhaltenen Krönungsinsignien der deutschen Kaiser (s. Reichskleinodien des heil, römischen Reichs) ge¬ hörenden C. sind aus purpurfarbener Seide zusammengenäht, ausserhalb reich mit Laubornamenten in Gold- und Perlstickerei nebst aufgesetzten Email¬ plättchen in romanischem Stile bedeckt. Als Teile des geistlichen Ornats (mit gesticktem Kreuz) gehören die C. ausschliesslich der abendländischen Kirche an und erscheinen als bischöfl. Würdenzeichen hier bereits im 6. Jahrh. Chitaboully, s. Baffetas. Chiton, bei den alten Griechen das von Männern und Frauen unmittel¬ bar am Körper getragene Unterkleid. Man hat den dorischen und jonischen Ch. zu unterscheiden. Ersterer, als Männergewand eigentlich Chlaina genannt, war ein oblonges Wolltuch, so angelegt, dass es an der linken Seite des Körpers gefaltet und daher geschlossen war, während es an der rechten offen blieb und an beiden Schultern mit Heftnadeln genestelt wurde. Der jonische C. war hingegen aus Leinwand, sackartig geschlossen und wurde durch das für Hals und Kopf gelassene Loch angezogen. Chits, Zitse, in Frankreich früher auch Perses genannt, veraltete Be¬ zeichnung für baumwollene, dichte, leinwandartige, feine, gedruckte (früher auch gemalte) Stoffe, die ehedem in grosser Mannigfaltigkeit aus Bengalen und von der Küste Coromandel häufig nach Europa gebracht wurden, dann aber Heiden, Handwörterbuch der Textilkunde. 9
130 Chiwa—Chorhemd. bald von den europäischen Kattunen und verwandten Zeugen (s. Augsburg) übertroffen wurden. Chiwa, Chanat in Turkistan in Mittelasien, mit gleichnamiger Haupt¬ stadt: Erzeugung von Seide und Baumwolle. Die frühere Atlas-, Seiden- und Sammetstoffweberei ist fast nicht mehr vorhanden, seitdem die Zentralasiatische Eisenbahn im Gange ist. Chlamys, ein mantelartiges Oberkleid der alten Griechen. Die Ck. war ein unten abgerundetes Stück Zeug, das über die linke Schulter geworfen und auf der rechten Schulter mittels einer Spange zusammengeheftet wurde. Chloren der Wolle, Behandlung von Schafwolle nach dem Entfetten mit Chlor, wodurch leichtere Aufnahmefähigkeit für Farbstoffe und namentlich hei Teerfarbstoffen gleichmässige Färbungen erzielt werden. S. a. Seidenwolle. Chodschent, Kreisstadt im russ. zenti’al-asiat. Generalgouvernement Turkestan: Seidenweberei und -färberei, Stickerei, Anfertigung baumwollener Stoffe; auch Baumwollbau. Cholet, Hauptstadt des Arrond. C. im franz. Depart. Maine-et-Loir: Fabrikation von Taschentüchern, Leinen- und Baumwollzeugen, Batist, Flanell. C. ist Mittelpunkt eines Industriebezirks mit 50 000—60 000 Arbeitern. Cholets, auch unter dem Namen schlesisches Kanevasleinen bekannt; man versteht darunter ungebleichte Leinen, leicht gewebt, nach Art der grauen Platillas, in verschiedener Feinheit. Sie werden nach ihrer ganzen Breite glatt gelegt und erhalten keine andere Appretur, als dass sie gilt gemangelt, stark gepresst und genau sortiert werden, wobei man darauf sieht, dass kein gelbes oder rötliches, sondern durchaus nur silbergraues oder aschgraues Garn im Gewebe ist. Der Name kommt von der Stadt Cholet, im franz. Depart. der beiden Sevres, wo sie ursprünglich verfertigt wurden. Unter Cholets in Farben kommt ein ähnliches Fabrikat mit schmalen bunten Streifen, meist blau und rot oder blau und gelb in den Handel. Auch bunte Schnupftücher sind in Frankreich unter dem Namen Cholets bekannt. Choppats, leichte, einfache aber dauerhafte seidene Taffetstoffe, welche aus Indien kommen und in Europa durch Färben und Bedrucken weiter ver¬ edelt werden. Choquettes (franz.), Puppen und Gespinste von kranken Seidenraupen. Chor, eigentlich Korps, in der Weberei jede der Abteilungen im Web¬ geschirr (Harnisch) des Webstuhls für Bildgewebe (s. d.), enthält bei Waren mit einer Kette die Harnischschnüre für je einen Happort des Musters; bei Waren mit mehreren Ketten die Harnischschnüre für je eine Kette. Chorassan, Landstrich zwischen den Steppen des Tieflandes Turan und der Salz wüste im Innern des Hochlandes Iran: Webereien von Teppichen, Schals und Kameltuch. Chorbrett, am Webstuhl das horizontale Brett, durch dessen Löcher die Harnischschnüre laufen, welche die Litzen für die Kettfäden tragen. Chorgewänder (franz.: habits de choeur), in der kath. Kirche die beim Chordienst von den Chorherren zu tragenden Gewänder, besonders die Chorkappe, auch Chormantel genannt: s. Pluviale, und der Chorrock: s. Chorhemd. Chorhemd (lat : superpelliceum; franz.: surplis; engl.: surplice), das beim Chordienst und verschiedenen priesterlichen Handlungen nicht nur von der kath. Stifts- und Pfarrgeistlichkeit über dem Talar, sondern auch von Chorknaben getragene faltenreiche, weisse Ueberkleid von feinem Leinen oder Batist; es ist vorn geschlossen und hat lange, weite Aermel. Es ent¬ wickelte sich, wie es scheint, im 12. Jahrhdrt. in England aus der Alba; reichte im 14. und 15. Jahrhdrt. bis an die Waden herab, wurde aber später etwas verkürzt, auch mit engeren Aermeln versehen und hiess dann der Chorrock (lat.: rochettum; franz.: röchet, rochette; engl. rock). Unter den wenigen aus dem Mittelalter gebliebenen Chorhemden ist eines der interessan¬ testen das im Schloss Friedenstein zu Gotha aufbewahrte: mit tamburiert gestickten Mustern im orientalischen Geschmack.
Chorley—Ciciclia. 131 Chorley, Industriestadt in der engl. Grafschaft Lancashire: Fabriken von Baumwollgarn, Musselin, Kaliko, Indiennes und Putzwaren. Chormantel s. Pluviale. ^hotzen, Stadt in Böhmen: Flachsspinnerei mit 12 000 Spindeln und 600 Arbeitern. Chowtars, ostindische Musseline von Patna. Chrätsch, eine gewöhnliche, aus Hanfheede gewebte Packleinwand, welche aus Russland meistens nach Norwegen, Holland und den Ostseehäfen verschifft wird. Chrismale, in der kath. Kirche ein weisses Tuch, welches den zu Salbenden um die Stirn gebunden wird, damit das Salböl nicht herabfliessen kann. Christiania s. Kristiania. Christianstadt, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Frankfurt: Flachsgarn¬ spinnereien, Bleicherei. Christus, Jesus Christus (franz.: le Christ, Jesus-Christ) ist in der Textilkunst, namentlich im frühen Mittelalter, sehr oft Gegenstand bildlicher Darstellung. Bei der bekannten Abneigung der ältesten Christen gegen Ab¬ bildungen der Gottheit ist es begreiflich, dass Christus zunächst nur durch Symbole dargestellt wurde. Die wichtigsten davon sind: das bedeutungsvolle Kreuz, das Lamm (s. Agnus Dei), der Fisch, der Adler, der Weinstock und die Weinreben, das Schiff, der Hügel mit vier Flüssen, der Pelikan (s. d. betr. Artikel). Mehr allegorische Andeutungen waren der gute Hirt, der Gärtner u. s. w.; dazu treten rein äusserliche Zeichen, so z. B. des ^ und (Offenb. Joli. 1, 8. 11; 22, 13; die Buchstaben I. H. S. (s. Christusmonogramm). (Vgl. auch die Artikel Kirchliche Stoffe und Stickereien.) Christus-Monogramm, Abkürzungen des Namens Christus in dem Aus¬ druck des griechischen Alpha und Omega (d. h. Ich bin das A und das O) und Jesus (I •}* C oder J H S u. dergl.), ersteres in der frühesten Zeit der christlichen Kunst, letzteres bis zur spätgotischen Zeit auf kirchlichen Stoffen und Stickereien in ornamentaler Verwendung gebräuchlich. (Vgl. Abb. 6, Tafel IX.) Chromartikel, im Zeugdnick die mittels Chrombeizen hergestelltenDrucke. Chrysanthemum, Goldblume, Pflanzengattung aus der Familie der Kom¬ positen, wovon es 100 Arten gibt. (Vgl. Japanische Kunstformen.) Chrysidineus (lat.), mit Gold verwebt. Chrysoclavus (lat.), mit Gold durchwirkter Purpurstreifen am Saum, namentlich der liturgischen Gewänder. Chuquelas, eine Art ostindischer gestreifter, baumwollener und sei¬ dener Stoffe. Chur (ital.: Coira; roman.: Cuara; franz.: Coire), Haupstadt des Schweiz. Kantons Graubünden: Mittelalterliche Stoffe in der Sammlung der Kathedrale. Chusan hiess ein Modestoff' aus den dreissiger Jahren des vorigen Jahr¬ hunderts, von baumwollner Zwirnkette und englisch Kammgarnschuss, mittels der Jacquardmaschine in mehreren Farben geblümt gemustert. Chüzistän wird im frühen Mittelalter als Ort einer persischen Seiden¬ manufaktur genannt, wo unter dem Einfluss der Araber Atlas- und Sammet¬ stoffe hergestellt wurden. Chyl’at (Chilat, Chalat), im Arabischen so viel wie Kleidungsstück, be¬ sonders das von einem Fürsten dem Günstling verliehene Ehrenkleid; in letz¬ terer Bedeutung ist das Wort zu den Persern, Türken und anderen islamit. Völkern übergegangen. Die Verleihung des Ehrenkleides als Zeichen höchsten Wohlgefallens ist im Orient uralt und hat bestanden, bis im 19. Jahrhdrt. in Persien und der Türkei die europäische Form der Huldbezeugung durch Ver¬ leihung von Ordensdekorationen eingeführt wurde. Ciciclia, eine in der Türkei und in Griechenland bekannte Gattung seidener und halbseidener Zeuge, welche in Aleppo verfertigt werden. Es gibt C. aus Seide und Baumwolle, damastartig, mit eingewebten einfachen Blumen auf Atlasgrund; die anderen, mit dem Zunamen indische, sind reiche Stoffe mit einbroschierten goldenen und silbernen Blumen auf Grosdetourgrund.
132 Cilicium—Clinton. Cilicium (lat.), bei den alten Römern eine grobe Decke aus ciliciscken Ziegenhaaren; in der kath. Kirche das Gewand der alten Einsiedler und Mönche, auch ein unter dem andern auf blossem Körper von den Mitgliedern einzelner Orden, auch von frommen Laien getragenes härenes Hemd, sowie der in ähnlicher Weise getragene Bussgürtel von Draht. Cilimi heissen hei den Südslaven die Kilims (s. d.). Cinctus, bei den alten Römern ein kurzer Rock, der den Oberleib nackt liess und durch einen Riemen gehalten wurde. Qindacis (engl.), Seidenzeuge. Cingilum (lat.), Leibgürtel; in der kath. Kirche die weissleinene oder baumwollene Schnur mit Quasten, die dazu dient, das Unterkleid (Alba) zu gürten. Auch über den geistlichen Leibrock (Soutane) tragen die kath. Geist¬ lichen ein C., das in einem schärpenartigen, an der Hüfte zusammengesteckten Bande besteht, dessen Enden an der Seite herabfallen. Dieses C., ebenfalls von Seide oder Wolle, ist in der Regel schwarz. Cinque-Cento-Stil (vom ital. cinque cento = 500, abgekürzt für 1500), italienischer Renaissancestil (s. d.). Ciporovica, auch Ciporovci und Ciprovec genannt, das Tscliiprowatz unserer Karten, Flecken in Bulgarien, der durch seinen Teppichexport berühmt ist. Circassias, Circassiennes, Zirkas, ein kaschmirähnlicher Stoff, welcher sowohl ganz aus Streichgarn, wie auch aus Baumwolle und Leinen mit Wolle gemischt, geköpert gewebt wird. Cirencester, Stadt in der engl. Grafschaft Gloucester: Sehr bedeutende Wollmärkte. Cirkularstühle, Wirkmaschinen mit kreisförmig angeordneten Nadeln. Cirsacca sind ostindische und chinesische Atlasse von Seide und Florettseide und Baumwolle, bunt gestreift oder gegittert, s. Sirsakas. Ciudad-Real, Hauptstadt im Königreich Spanien: Woll- und Zeugweberei. Ciudad-Rodrigo, Stadt in der span. Prov. Salamanga: Fabrikation von Woll- und Leinenzeugen. Cividale del Friuli, Hauptstadt der ital. Prov. Udine: Die Einwohner treiben Kattun- und Leinweberei. Claires, Clarines, klare Schleier, eine dünne, offengewebte Batistart, von denen die feineren Sorten in Valenciennes und St. Quentin gemacht werden. Die gewöhnlichen macht man in Schlesien und Böhmen; in Amerika und West¬ indien kommen sie auch unter dem Namen klare Estopillas zu Velas (Schleier) in den Handel. ciaremont, Ort im County Sullivan in Nordamerika: Strickwarenfabriken. Classi di seta, auch Yintilizzi, nennt man in Italien glatte, leichte, seidene Zeuge. Clavus (lat.), der purpurne Streifen, der bei den römischen Senatoi'en und Rittern, bei jenen breiter, bei diesen schmäler, an der Tunika vorn in der Mitte vom oberen bis zum unteren Saume hinablief. Cleckheaton, Stadt in der engl. Grafschaft York: Fabrik für Krempeln, Tuch- und Spinnmaschinen. Clermont, Hauptstadt des Arrond. C. im franz. Depart. Oise: Leinenweberei, Strumpfwirkerei; Leinenhandel. Clermont-Ferrand, Hauptstadt des franz Depart. Puy de Dome: Fabri¬ kation von Baumwollgarn, Tafelleinen; beträchtlicher Handel mit Landes¬ produkten. Clermont-l’Herault, Hauptstadt im Arrond. Lodeve des franz. Depart. Herault: Fabrikation von Militärtuch, Levantetuch; Färbereien. Cleve, Kreisstadt im preuss. Reg.-Bez. Düsseldorf: Baumwollwebereien. Clichy-la-Garenne, Hauptort im Arrond. St. Denis des franz. Depart. Seine: Stoffdruckereien und bedeutende Bleichereien. Clinchamps (franz.), grobe Hanfleinwand zu Bar. Clinton, Stadt im County Worcester in Massachusetts: Teppich- und Ginghamfabrik.
Clisson—Colbertine. 133 Clisson heisst eine Leinwand, die ihren Namen von der gleichnamigen französischen Stadt führt. Clitheroe, Ort in der engl. Grafschaft Lancashire: Baumwollwarenfabrikation. Clochepied, eine zngerichtete Seide oder Organsinsorte, die aus 3 Läden besteht, wovon erst zwei zusammen besonders, hernach diese wieder mit dem dritten Faden noch einmal zusammengedreht oder gezwirnt worden sind. Man gebraucht diese Seide in den Gazefabriken. Cloth, wollener oder halbwollener Futterstoff mit Kammgarnkette und Baumwollenschuss oder umgekehrt, je nachdem als Bindung Atlas oder Köper gewählt ist. Clouties, englische kleine leinene Tücher für Madagaskar. Clove, Wollgewicht in England = 3,5 kg. Cluny, Hauptstadt im franz. Depart. Säone-et-Loire: Spitzenerzeugung. Coae vestes (lat.), koische Seidenstoffe des frühen Mittelalters, welche beinahe durchsichtig erscheinen. Man nimmt an, dass sich die Bezeichnung auch auf diejenigen Gewebe bezogen hat, die aus den serischen Halbseidenstoffen, durch Trennung der Seide von der Baumwolle, und nochmaliges Ver¬ weben der ersteren erzeugt wurden. Nach erhaltenen Beschreibungen sollen diese byssusartigen Stoffe (s. d.) auch mit Purpur oder Scharlach gefärbt und mit Gold durchwirkt gewesen sein (s. Cos). Coast Goods, englische Zeuge von der Küste Malabar. Coatings (engl.), Fries, Flaus (franz.: frise) nennt man eine Art glatter oder geköperter, langhaariger Wollenzeuge, welche sich von dem Kalmuk durch kürzere Haare und dünneren Körper unterscheiden und deshalb auch häufig Halb-Kalmuk genannt werden. Masquerade-Coating ist ein im Gemisch von allei'lei Farben gewebter C. Coburg (Koburg), Hauptstadt des Herzogstums C.: Mechanische Webereien. Cocarde (franz.), die Bandrosette in den Farben einer Partei oder eines Landes. Cochabamba, Hauptstadt in der südamerik. Kepublik Bolivia: Be¬ deutende Fabrikation von AVoll- und Baumwollzeugen. Cochinchina, Landschaft in Hinterindien: Baumwollweberei, Maulbeer¬ baumanpflanzungen zur Seidenzucht; Anfertigung grober Seidengewebe. Cocon (franz.), das Gespinst, mit welchem sich Schmetterligsraupen be¬ hufs der Verpuppung umgeben, insbesondere das Gespinst der Seidenraupe. Cocons werden in allen möglichen Gattungen und Namen, nach Art der Kassen und Verwendung des Gespinstmaterials auf den Markt gebracht : s. hierüber Florettindustrie, insbesondere Seide. Coconshäute nennt man die nach dem Abhaspeln der Cocons übrig¬ bleibenden Häute, welche man zu Wattseide, Florettseide und zu italienischen Blumen benützt. COCOS, s. Kokos. Codille wird in manchen Gegenden die Heede von Flachs und Hanf genannt. Coeur fleuri, in Frankreich ein feingebleichter Zwillich mit eingewebten verschiedenen kleinen geometrischen Mustern. Cohoes, Stadt im County Albany des nordamerik. Staates Neuyork ; Baumwollindustrie und bedeutende Strickwarenfabriken. Cohrasdruck, Bedrucken der Gewebe mit geschmolzenem Harz- und Wachsgemisch. Färben mit beliebigen Farbstoffen, wobei die bedruckten Stellen keine Farbe annehmen, und Entfernen des Aufdrucks durch heisses Wasser (s. a. Batik). Coimbra, Hauptstadt in der portug. Prov. Beira: Leinweherei. Coir, Bezeichnung der Fasern aus den Früchten der Kokospalme, welche zu textilen Zwecken Verwendung finden. Colbertine nannte man in Frankreich zur Zeit Colberts nach diesem eine geklöppelte Nachahmung der italienischen Barockspitze, welche auf Ver-
134 Colchester—Compiegne. anlassung von C. durch venetianische Arbeiterinnen nach Alenyon, Sedan u. s. w. eingeführt worden war. Colchester, grösste Stadt in der engl. Grafschaft Essex: Fabrikation von Segeltuch, Seide und Sammet, letztere seit der Ansiedelung flüchtiger Flamänder zur Zeit Albas im 16. Jahrh. Colitz, Stadt in der Prov. Sachsen: Baumwollspinnerei und Zwirnerei, Fabrikation von Trikotagen, Watte, Strickgarn und Docht. Collata (Tele) ist die italienische Benennung aller aus Deutschland nach Italien kommenden Steifleinwand oder Schütter. Collette ist eine ungebleichte flächsene Leinwand von mittlerer Fein¬ heit, welche im Osnabriickschen verfertigt xxnd nach den canarischen Inseln ausgeführt wird. Collodiumfäden als Ersatz für Seidengespinste sind gefärbte glänzende Fäden aus C., sie werden nach dem Patent E. Breuer dargestellt, indem eine Walze von Metall oder anderem festem Material zuerst mit Collodium, darauf mit aufgelöstem Leim, dann wieder mit C. und so fort überzogen wird, bis die Schicht die gewünschte Stärke hat. Diese präparierte Walze wird auf eine Leitspindeldrehbank gebracht und diese, nachdem man einen Schneide¬ stahl befestigt und so weit an die Walze vorgeschoben hat, dass er die Schichte durchritzt, in Bewegung gesetzt. Die Schicht wird in Fäden zerteilt und letztere abgehaspelt. Das so gefertigte Material ist zwar sehr schön, aber auch wegen seiner grossen Feuergefährlichkeit kaum zu Webezwecken an¬ wendbar. Colmar, Hauptstadt im Obereisass: Baumwoll-, Woll- und Seiden¬ spinnerei, -Weberei und Färberei; Fabrikation von Tuch, Jute, Packleinwand und Nähfaden. Literatur: Rathgeber, C. und Ludwig XIV. (Stuttg. 1873). Hausbuch von Dominikus Schmutz, hg. von Julien See (Colm. 1878, Bd. 6 der „Chroniques d’Alsace“); Die älteste deutsche Chronik von C., hg. von Waltz (C. 1891); Annalen und Chronik der Stadt C. (2. Aufl., bearbeitet von Watten¬ bach, Bd. 75 der „Geschichtschreiber der deutschen Vorzeit“, Leipzig 1897). Colombianas für den Markt von Manila: ein Lasting oder Calmande, im Stück gefärbt, Kette und Schuss von hartem Kammgarn. Col rabattu, ein bis auf die Achseln herniederschlagender Spitzenkragen, der unter Heinrich III. in Frankreich den sogen Gekrösekragen (fraise) ablöste. Columbia, Hauptstadt des Staates Südcarolina von Amerika: Bedeuten¬ der Baumwollhandel. Columbus, Name von Orten in den Vereinigten Staaten von Amerika, in welchen mehr oder weniger bedeutender Baumwollhandel getrieben wird (s. Baumwollarten). Comash (amb.) heissen im frühen Mittelalter broschierte Gewebe orien¬ talischer, d. i. rein arabischer Herkunft. Combourgs ordinaires nennt man in Frankreich die groben hänfenen Leinen, welche in der ehemaligen Normandie, meistens im Departement der Nordküsten verfertigt werden und über St. Malo und Rouen zur Ausfuhr kommen. Comfortables (engl.), nach Deutschland übergegangene Bezeichnung für die auf Strumpf- und Kettenpetinetstühlen gewirkten, auch gehäkelten elasti¬ schen wollenen Shawls für Herren, zum Warmhalten des Halses und der Brust. Comines, Ort im Arrond. Lille des franz. Depart. Nord: Band-, Baumwollzeug- und Zwirnfabriken. Commesso (ital.), eigentlich lavoro di comesso, musivische Arbeit, Applikationsstickerei. Como, Hauptsadt der ital. Prov. C.: Seidenspinnerei und -Weberei, Baumwollspinnerei. Die zahlreichen Seidenmanufakturen liefern Sammet, Taflet, Handschuhe und Strümpfe, und der Handel mit Graubünden, der Schweiz und Oberitalien beschäftigt mehrere grosse Handelshäuser. Compiegne, Hauptstadt des Arrond. im franz. Depart. Oise: Fabrikation von Hanfleinwand, Seiler- und Strumpfwaren.
Condeaux—Copsbleiche. 135 Condeaux nennt, man im franz. Leinenhandel eine halbgebleichte hänfene Leinwand, dicht und dauerhaft, deshalb in Spanien sehr gesucht. Sie wird in der Gegend von Rennes, im Depart. der Ille und Vilaine, verfertigt und über Rouen nach Spanien verkauft. Condrien, Hauptstadt im Arrond. Lyon des franz. Depart. Rhone: Seidenfabriken und Stickerei. Conegliano, Hauptstadt der ital. Prov. Treviso: Tuchfabrikation und Seidenindustrie. Conshohocken, Stadt im nordamerik. Staate Pennsylvanien: Fabrikation von Woll- und Baumwollwaren und Teppichen. Constanzer Leinwand, Tele di Constanza, eine feine, dichtgewebte, auf holländische Art gebleichte und zugerichtete flächsene Leinwand von ver¬ schiedener Qualität, welche im Breisgau und im Odenwalde aus ausgesuchtem gleichem Garn gewebt, in Constanz und in St. Gallen gebleicht und appretiert und von da nach Italien und dem südl. Frankreich verkauft wird. Contailles, in Frankreich eine Florettseide von geringer Art, die man sonst auch Rondelettes und Strasses nennt. Contil, s. Tuchfabrikation. Continue, s. Streichgarnspinnerei. Continuebleiche ist Baumwollstückbleiche. Contremarsch, in theoretischem Sinne die Kenntnis der Einzugsweisen, der Bindungen, der Trittweisen und Schnürungen, sowie der Wirkungen, welche durch Kombination der Einzugs- und Trittweisen mit den verschiedenen Schnürungen entstehen. C. im praktischen Sinne die Bauarten und Zusammen¬ stellungen aller zur Bewegung der Kettfäden notwendigen Teile an sogenannten Trittwebstühlen, ausschliesslich der Schaft- und Jacquardmaschinen. Conzetltzeug, veralteter Name für einen einfachen gewöhnlichen Wollen¬ stoff, welcher leinwandartig mit gezwirnten Kettenfäden und einfachen Fäden im Schuss gewebt wird und der sich von dem Etamin nur durch diese ge¬ zwirnten Fäden unterscheidet; man hat dieses Gewebe, dessen Kettenfaden oft drei- bis vierdrähtig ist, einfach und glatt, verschieden gefärbt, gestreift, ge¬ presst und meliert, und gebraucht es zu Frauenüberröcken, Sammetkleidern, Unterfutter, Theatergarderobe, den schwarz gefärbten zu Kleidungen für die Geistlichen. Die glatten C. kommen auch unter Polamit, die gestreiften unter Quinette in den Handel. Cöpenick, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Potsdam: Bedeutende Färberei (Spindler auf Spindlersfeld), Dampfwäscherei, Fabrikation von Slioddy, Lino¬ leum und Wachstuch; umfangreiche Hauswäscherei. Copis, Copees, Cupis, buntgewürfelte oder ginganartige Baumwollzeuge aus Bengalen, welche die Holländer und Franzosen von dort zum Handel nach den afrikanischen Küsten holten, wo sie zu Turbans und Pagnes (Hemden) verbraucht werden. Später wmrden diese Stoffe in Rouen nachgeahmt. Copou, ein feines musselinartiges Gewebe, welches die Chinesen aus einer Gattung Hanf verfertigen, den sie aus einer Cos genannten Staude ge¬ winnen. C. kommt sehr selten nach Europa; von den Chinesen wird der Stoff wegen seiner Leichtigkeit und Kühle sehr geschätzt und zu mancherlei Kleidung verbraucht. Cops ist die aus dem Englischen auch in alle Sprachen übergegangene Bezeichnung für die Aufwindungsform des gesponnenen Fadens, speziell für die zylindrisch, mit konischen Enden gewundenen Erzeugnisse der Mule-Spinn¬ maschinen. Copsbleiche, Baumwollengarne, die in Form von Cops (Kötzern), Spulen u. s. w. gefärbt werden sollen, werden auch in dieser aufgewickelten Form der Bleiche unterzogen. Um die Form des C. zu schonen und ein Verwirren des Garnes zu vermeiden, werden dieselben in Weidenkörbe gepackt und in den Bleichkier und in das Chlorkalkbad gebracht. In ähnlicher Weise wird auch die Copsfärberei als solche benannt, wenn das Färben der Garne (beson¬ ders der Baumwolle) in aufgewickelter Form geschieht. Dieselbe bietet so
136 Coquille — Cordons. wesentliche Vorteile gegenüber der Garnfärberei, dass sich diese Art der Ver¬ edlung der Baumwolle sehr rasch eingebürgert bat. Vgl. Knecht, ßawson, Löwenthal, Handbuch der Färberei der Gespinstfasern, Berlin 1894. S. 943. Coquille oder neige (franz.) bezeichnete man in Puy jene Spitzen, wenn an ihrem äusseren Saume statt der Zacken muschelartig sich verbreiternde oder fächerförmige Ornamente vorhanden waren. Corahs, einfache Taffetseidenstoffe, die aus Indien kommen und in Europa durch Färben und Bedrucken weiter veredelt werden. Coram, Tele Corame, Lederleinwand, eine aus weiss gebleichtem flächsenem Garne fest und gedrungen gewehte Leinwand, welche in der Oberlausitz und in Böhmen verfertigt und nach Triest und ganz Italien exportiert wird; gewöhnlich wird zur Kette stärkeres Garn genommen und zum Schuss feineres eingeschlagen, wodurch die Ware schön und gleich wird und sich von den Coras nur dadurch unterscheidet, dass sie dichter und kerniger ausfällt und andere Legeart hat. Coras ist der willkürlich gegebene Name einer Art sehr billiger, ge¬ wöhnlicher, gedruckter Kattuntücher, die man vorzugsweise in Sachsen fertigt. Coras-Seide, s. Corahs. Corbeil, Hauptstadt des Arrond. C. im franz. Depart. Seine-et-Oise: Fabriken von Shawls und Damast. Corbie, Hauptstadt im Arrond. Amiens des franz. Depart. Somme: Woll- und Baumwollspinnereien, Fabrik von Mützen, Wollstoffen, Sammet und Trikotagen. Cordaline oder Cordoline, der starke Leinen- oder Seidenfaden, welcher längs jeder Kante oder Leiste eines Seidengewebes hinläuft und die Gleichmässigkeit derselben bewirkt. Cord, Schusscord, Stramin, Schuhstramin, ein dicker, aus groben Ge¬ spinsten gewebter Stoff mit kleinen bunten Mustern auf einfarbigem Grunde, meist nur zum kleinsten Teile aus Wolle bestehend. Die Muster sind ent¬ weder lanziert oder in die Kette eingeschweift. Cordat heisst in Frankreich eine Art grober geköperter Tuchserge. Corde, früher ein dichter, schwerer Seidenstoff, einfarbig, in der Regel schwarz, mit ganz schmalen Rippen, welche dadurch entstehen, dass in der Kette ein zwei- und dreifach gezwirnter Faden mit einem einfachen abwechselt; zuweilen ist der stärkere Faden auch mit Baumwolle gezwirnt. Cordei, Cordein, Corden, Cordeispitzen, eine Art schmaler Besätze auf Kleidern, die in den Bandfabriken und von den Posamentieren verfertigt wurden. Man machte sie von Seide (vergl. Gorl). Cordelat, Cordillat, in Frankreich versteht man darunter: 1. eine Sorte grobes, langhaariges Wollentuch, welches an mehreren Orten im ehemaligen Languedoc verfertigt wird; 2. ein leichtes, locker gewebtes Wollentuch, eine Art Flanell, welches man in Beauvais, Puy und Bagneres macht; 3. eine Art Cadis, welche zu Mamaset, Albv, Bressar, Castres und im Tale Aure bei Montauban in verschiedenen Sorten gewebt wird. Man unterscheidet C. refins aus sehr feiner Wolle von C. molton, welche viel dicker sind. Cordeliere, s. Rasch. Corderoy, ein schwex-er, baumwollener, dem Sammet als Manchester ähnlicher Stoff. Cordet-dimiti, eine Art englischer Basins, von Ziegenhaar gewebt. Cordettes sind schmale Gewebe von hänfenem Garne, die besonders in Auvei’gne gemacht und zu Hauben verarbeitet werden. Cordonnet-en-laine, eine Art Schnüre von AVolle oder Kamelgarn, die besonders zu Ambut und Axivergne gemacht wrerden. In Deutschland werden sie in Annaberg und Umgegend, Barmen, wie überhaupt von den Posamen¬ tierern in vielen Städten gefei’tigt und heissen Schnüre und Litzen. Cordonnetseide (franz.), cordonnierte Seide, d. i. derb gezwirnte, schnurähnliche S. zu Häkel- und dergl. Aibeiten. Cordons (franz.) werden goldene und silbenie Besätze aus massiven Tressen mit Krepinen u. s. w. genannt.
Cords—Cote. 137 Cords (engl.) sind manchesterartige oder dichte und streifig gerippte Zeuge aus Schafwolle, aus Baumwolle mit Schafwolle vermischt, und ganz aus Baumwolle, der Schuss ist einfach, die Kette bis vierfach; man hat viele Sorten, welche durch eine kleine Veränderung der Streifen, des Köpers, der Breite, der Mischung, der aufgeschnittenen oder glatten Kippen u. s. w. entstehen und denen willkürliche Beinamen gegeben werden. Bei den gemischten, welche die ganz wollenen verdrängt haben, ist die Kette von Baumwollen-, der ein¬ fache Einschlag von Wollengarn. Cordulatis (lat.), Stickerei auf den Kleidern. Cordurvy (engl.), schwerer Baumwollensammet aus Manchester. Cork, Hauptstadt der irischen Prov. Munster, drittgrösste Stadt Irrlands: Kattunfabrikation, Woll- und Baumwollspinnerei. Corksrew, (engl.) Kammgarnstoff'. Cornelimünster, Flecken im preuss. Reg.-Bez. Aachen: Wollspinnerei, Tuchfabrikation. In der altgothischen Kirche werden Reliquienhüllen auf¬ bewahrt, u. a. das Grab- und Schweisstuch Christi. Coroot, Corotte, ein ganz geringer grober Kattun von verschiedenen Sorten, welcher durch die Holländer aus Ostindien nach den afrikanischen Küsten gebracht wird. Corporale (lat.), im frühen Mittelalter ein grosses feines Leinentuch (linteamen), welches zum Bedecken der Oblationen und des Kelches auf die vordere Kante des Altars gelegt wurde; eines der ältesten in Weissstickerei aus dem 7. Jahrh., in der Schatzkammer des Domes zu Monza. (Abgebildet hei Bock, Geschichte der liturgischen Gewänder.) In späterer Zeit ist das C. durch ein Paar von Kleineren ersetzt, wovon das eine (Leibtuch) auf den Altar, das andere (Schweisstuch) über den Kelch gebreitet wird. Von 1300 an heisst nur das erstere C., das zweite wird palla benannt. Corsery, ein baumwollener Stoff, welchen die Dänen aus Ostindien brachten. Corsicaines, älterer Seidenstoff, dessen Muster kleine schief liegende Vierecke bilden; die Kette ist farbig, der Schuss Grosnoir, welcher aber von dem ersteren nur insoweit ganz gedeckt wird, dass nur die Streifen des Vier¬ ecks von der Farbe der Kette erscheinen, der Grund aber schwarz und farbig rechtwinklig verbunden ist. Diese Stoffe wurden in Lyon und Tours gemacht. Cos (Insel Kos), wird im frühen Mittelalter als Ort der Seidenver¬ arbeitung genannt, ja es wird vermutet, dass die Seide schon lange v. Chr. verpflanzt worden ist und dass diese der ersten Maulbeerseide am nächsten gestanden haben soll. Wie Silbermann (Die Seide, Bd. I., S. 25) nach Movers berichtet, stand die Fabrikation der Bombykien auf der Insel Kos im Zusammenhang mit dem daselbst verehrten phönizisch-assyrischen Herakles, dem die Mythe ein aus durchsichtiger Bombykia gefertigtes Kleid beilegte, und denselben sonst in mehrfacher Weise mit der Fäi’bung der Gewänder zu¬ sammenbrachte. Die ersten Nachrichten über die Kosiche Seidenindustrie gibt uns Aristoteles, dessen Angaben von Plinius wiederholt und vervollständigt werden; sie berichten, dass das Rohmaterial zu Fäden abgewickeit wurde, um zu feinen Geweben verarbeitet zu werden. In sprachlicher Hinsicht besteht unter den Gelehrten noch insofern eine Unsicherheit, als man nicht weiss, ob das besagte Rohmaterial Kokons oder fertige serische, d. h. chinesische Ge¬ webe waren, die man wieder in einzelne Fäden auftrennte. (S. Coae vestes.) Cossack-Cords (engl.), ein früher sogenannter dichter, weissgebleichter Wollenstoff, welcher, wie das sogenannte englische Leder, köperartig gewebt, aber zahlreich gemustert und klein gestreift ist. Cossars, eine Gattung roher Kattune aus Ostindien. Cossas, im englisch-ostindischen Handel die glatten Kattune. Coswig, Stadt im Herzogtum Anhalt: Tuchfabrikation. Cote (franz.), eigentlich die Rippe, daher cote fine = fein geripptes Seidenzeug; cote fort glace = stärker geripptes; cote satinet = Seiden¬ zeug mit doppeltem Köper.
138 Coteline-—Coutanees. Coteline, moderner leichter Seidenstoff für Kleider. Cote paly, ein buntes gazeartiges Gewebe, dessen Kette von feinem Leinengarn, der Einschlag von harter Seide ist; es wird steif appretiert. Coton (franz.), Baumwolle, Kattun; Cotonnerie: Baumwollpflanzung; Kotonieren: mit Baumwolle füttern, ausstopfen. Coton-Drill (engl.), ein dichter, geköperter Stoff, welcher sowohl ganz aus Baumwolle, wie auch aus Baumwollen und Leinen, in vierbindigem Kett¬ köper gewebt wird. Er kommt in verschiedenen Breiten und Längen, weiss, bunt gestreift und kariert vor. Cotonis sind bunte ostindische Zeuge, deren Kette von Seide, der Schuss aus feinem Baumwollengarn besteht: denselben Namen führen auch bunte halb¬ seidene Decken und eine Art ostindischer Atlasse. Cotons, Cotonnes, Cottonias, Cotonaden, Cattunleinen, bunt geschossene, glatte baumwollene Web wäre; diese verschiedenen Namen führen leinwandartig gewebte Stoffe aus Baumwolle und Leinengarn, zuweilen aus beiden Materialien mit Seide vermischt, oder ganz aus Baumwolle, jedoch immer mit bunten Streifen und Mustern. Der Artikel stammt ursprünglich aus Roannes und Beaujeu, Depart. de Loire, von Alby, Depart. des Tarn, und von Rouen, St. Quentin und Roubaix. Seit Jahrhunderten liefert denselben Stoff auch Deutsch¬ land und die Schweiz unter Namen wie Gingan, Indienne u. s. w. Cottbus, Kreisstadt im preuss. Reg.-Bez. Frankfurt: Bedeutende Kamm¬ garn- und Wollspinnereien, Leinen- und Jutespinnerei, sowie Fabrikation von Kammgarn, Tuch und Buckskin, Smyrnateppichen, Läufern. Königliche Höhere Fachschule für Textilindustrie. Cotton (engl.), Baumwollenzeug. Cotton de frommages, s. Seidenwolle. Cottoni d’AugUSta ist der italienische Name der Augsburger Leinwand. Cottonines, ein dichter und starker baumwollner Stoff, dessen Kette aus Baumwolle, der Schuss von Hanfgarn. Er wird nicht nur in der Haushaltung, sondern auch zu Segeltüchern u. dergl. verbraucht und in Frankreich nament¬ lich für Italien und Spanien gefertigt. Cottonisieren, Behandeln von Geweben aus Flachsfaser oder dieser selbst mit Aetznatron, dann mit Schwefelsäure, Auswaschen und Trocknen. Coupeuse s. Flachsspinnerei. Coupieren, in der Zeugdruckerei Versetzen der Stammfarben mit Ver¬ dickungsmitteln zur Erzielung hellerer Töne. Coupons (franz.), im allgemeinen versteht mau in Langwarengeschäften geteilte Stücke und einzelne Abschnitte; in den Niederlanden werden damit feine Bettzwilliche, sowohl weiss und bunt, bezeichnet, welche gleich zu einem Bett zugeschnitten sind. Courbevoie, Hauptstadt im Arrond. St. Denis des franz. Depart. Seine: Fabrikation von Leinenwaren und gepressten Stoffen. Courpiere, Hauptort im Arrond. Thiers des franz. Depart. Puy-deDome: Fabrikation von Wollband und Passementerie. Courseulles-Sur-Mer, Flecken im Arrond. Caen des franz. Depart. Cal¬ vados : Blonden- und Spitzenfabrikation, in neuester Zeit Versuche mit solchen aus bunter Seide. Courtaille, eine französische Art grober Hanfleinwand, die in Maine und Umgegend gewebt wird. Courte-pointe (franz.), gesteppte Decke. Courtrai, Fabrikstadt in der belgischen Provinz Westflandern: Erzeugt im Anfänge des 18. Jahrhdts. Klöppelspitzen, die in Paris unter dem Namen Malines Absatz finden. Coutanees, Hauptstadt des Arrond. C. im franz. Depart. Manche: Fabri¬ kation von Spitzen, Zwirnband und ßaumwollzeugen. Coutanees sind einfache Zwilliche von Hanfgarn ohne Muster, welche die Landleute im franz. Departement des Cannes fast überall weben und die ihren Namen von der Stadt Coutanees erhielten, wo sie in früheren
Couteline—Creas. 139 Zeiten viel gefertigt wurden. Sie zeichnen sich durch Güte und Dauerhaftig¬ keit aus. Couteline, ein dicker, gewöhnlicher BaumwollenstofF oder Zwillich, meist blau und weiss gestreift, welchen die Franzosen ehedem aus Surate nach Europa brachten. Coutellines, Kutelinen, ein feiner flächsener Zwillich oder Matratzen¬ leinwand mit breiten und mittelbreiten Streifen von lebhaften Farben j ein Artikel, der an vielen Orten der ehemaligen Normandie verfertigt wird. In Deutschland macht man es in leichterer Ware. Coutils oder Coutis ist eine allgemeine Bezeichnung für die in der Bretagne und in der Picardie gefertigten verschiedenen Zwillichsorten, unter welcher sie auf den überseeischen Markt gehen. Im engeren Sinne versteht man darunter die sächsische Matratzenleinwand oder den Bettdrill, welcher blau und weiss, oder rosa, blau und weiss gestreift, auch in verschiedenen Farben geflammt, aus starkem Garn gewebt wird. Coutil ist auch ein der Buckskinkategorie angehöriges, aus feinem Streichgarn erzeugtes, einfach ge¬ mustertes, meist zu Beinkleidern verwendetes Gewebe. Couvet, Dorf im Schweizer Kanton Neuenburg: blüht im 18. Jahrh. Spitzenindustrie. Coventry, Stadt in der engl. Grafschaft Warwick: wichtig ist die Fabri¬ kation von Seide und Seidenband; auch Wollstoffe, Tuche und Trikots werden gefertigt. Covilhao, Stadt im portug. Distrikt Castello-Branco: bedeutendste Tuch¬ fabriken Portugals, Färbereien und Walkereien. Cowert Coat, engl. Herren- und Damenkleiderstoff, meist modefarbig. Crabben, Verfahren, den gemischten Geweben (Wolle und Baumwolle) ein glattes Ansehen und nicht verschwindenden Glanz zu geben durch Passieren¬ lassen von Soda- und Seifenbädern, Ausquetschen zwischen schweren Walzen und Dämpfen. Crailsheim, Oberamtsstaclt in Württemberg : Fabrikation von Baumwollund Strumpfwaren. Crapaudaille, auch Crespodaille, heisst in Frankreich ein sehr zarter und klarer seidener Crepon. Cravate, Cravatte, hat ihren Namen von den französischen Söldnern der französischen Könige erhalten und war ursprünglich ein Band oder Tuch zum Festhalten eines um den Hals getragenen Amulettes, daher im Französischen in der eigentlichen Bedeutung des Wortes eine Halsbinde, eine Halskrause, an der in der europäischen Tracht die Masche und insbesondere der Spitzenbesatz daran zur Hauptsache wurde, so dass sich an den Cravatten die barocken Spitzen noch längere Zeit erhalten. Man verstand aber auch früher, als diese Halstücher von den Männern getragen wurden, die Einlagen darunter, welche von starkem Baumwollenzeug, mit eingenähten Bosshaaren oder Borsten ver¬ fertigt wurden, um dem Stoff die nötige Haltung zu geben. Diese Unterlagen bildeten am Anfang des 19. Jahrh. einen nicht unbedeutenden Handelsartikel (s. a. Schlipse). In älterer Zeit verstand man unter C. eine Gattung ost¬ indischer Musseline aus Bengalen, welche auch zu Halstüchern und Halskrausen Verwendung fanden. Creas (franz.: crös; engl.: dowlas), vom spanischen crea, eine der gang¬ barsten und wichtigsten Leinwandsorten aus weissgarnigem, dichtgewebtem Stoff', wozu ein durchaus festes und wohlgedrehtes Gespinst genommen wird und zwar zur Kette starkes und zum Einschlag feineres Garn. C. stammt ursprünglich aus Frankreich, wird aber seit dem 17. Jahrh. in den Nieder¬ landen und Deutschland nachgemacht und geht seit dieser Zeit nach Italien, Spanien, Portugal, nach Nord- und Südamerika, obgleich die irländischen Leinen und die festen Baumwollzeuge den Absatz sehr geschmälert haben, so¬ wie der Betrug, den man sich hie und da durch Beimischung von Baumwolle erlaubt hat. Von den breiten C. (Crees larges) heissen die feinsten Sorten Extroits, die mittleren Fleurets, die geringeren Crees communes. Mittelbreite
140 Creguelas—Crimmitschau. C. heissen C. rosconnes, C. entrelarges, im Spanischen Creas entreanchas: sie sind ans geringerem Garn als die vorigen. Cräes graciennes, C. etroites, schmale C.; im Spanischen Creas estrechas oder Creas angostas. Unter Crees Morlaires begreift, man die sämtlichen obigen Sorten, denn von Morlair aus wird damit der stärkste Handel getrieben (s. a. Dowlas). Creguelas, Crehuelas, ist der spanische Name von gewöhnlichen, halb¬ gebleichten, westfälischen Leinen, die an ihrem Verfertigungsort auch als Mittelkronleinwand bezeichnet werden. Crema, Hauptstadt in der ital. Prov. Cremona: Seidenspinnerei und Leinenweberei; Erzeugung der besten italienischen Leinwand; Spitzenfabrikation. Cremieu, Hauptstadt im Arrond. La-Tour-du-Pin des franz. Depart. Isere: Tuch- und Leinenfabrikation. Crepe, s. Krepp. Crepe arophane, s. Seidenwaren. Crepe de Chine, Tuch oder Shawl aus gelblich weissem, kreppartig ge¬ webtem Seidenstoff mit gesticktem Muster in gleichfarbiger Seide im Platt¬ stich aus breit angelegten, in abgesetzten Flächen stilisierten Blumen; als Ab¬ schluss gewöhnlich breite, geknüpfte Franse. C. de Chine-Tücher kommen seit dem Anfang des 19. Jahrh. in den verschiedensten Grössen bis herunter zu den kleinsten Kravatten in Mengen aus China und haben in Europa viel Verbreitung gefunden. Crepe de laine, ein dünner und feiner, leinwandartig gewebter Wollenstoff, den man besonders zu Bagneres in Frankreich webt. Crepe de sante, s. Seidenwaren. Crepe lisse, s. Seidenwaren. Crepe barchent, s. Seidenwaren. Crepe Rachel, ein gemischter Kleiderstoff aus Baumwollkette und Kamm¬ garnschuss, bunt gemustert. Crepine (franz.), ein ganz klein gemusterter Seidenstoff, schwarz und in anderen Farben. Die Kette von bunter Seide deckt den doppelten, dunst¬ schwarzen Einschlag, so dass auf der rechten Seite zwei und ein sich be¬ grenzende Pünktchen erscheinen, wodurch der Stoff wie getupft aussieht. C. werden auch Fransen mit langen Fäden genannt. Crepon, dem Krepp ähnliches Gewebe, aber dichter geweht. Die Kette besteht aus festgedrehtem Kammgarn, der Schuss aus losem Wollgarn. Nach der Appretur wird die Ware kräuselig. Crepy, Hauptstadt im Arrond. Senlis des franz. Depart. Oise: Fabri¬ kation von Spitzen, Leinwand, Posamenterie. Crescentin, Gespinst aus Seidenabfällen. Crescentino, Stadt in der ital. Prov. Novara: Seiden- und Wollmanufaktur. Crespine, crepine (franz.), Franse, oben spitzenartig durchschlungen. unten gefranst. Crest, Hauptstadt im Arrond. Die des franz. Depart. Drome: Seiden¬ spinnereien, Tuch- und Teppichfabriken. Cretonnes (franz.), weissgebleichte, gedrungene Leinwand, bei. welcher die Kette von flächsenem und der Einschlag von hänfenem Garn ist; sie wird im Depart. des Calvados, in der Gegend von Lisieur, in sehr verschiedener Feinheit verfertigt. Unter C. versteht man in Frankreich auch dichte Kallikots von starken Nummern. Crewkerne, Stadt in der engl. Grafschaft Somerset: Leinwand- und Segeltuchfabrikation. Crezleinwand sind leichte, glatte Leinen, welche von Böhmen nach Italien gehen und dort unter dem Namen Tele greggie sehr beliebt sind; sie werden teils aus gebleichtem Garn und teils aus rohem Garn gefertigt. Crimmitschau, Stadt in Sachsen: bedeutende Industrie erstreckt sich hauptsächlich auf Spinnerei und Weberei. 80 Spinnereien mit 210000 Spin¬ deln liefern teils wollene Garne, die gleich am Orte selbst verwendet werden, teils (hauptsächlich Vigognegarne) zum Export nach England, Kussland, Skan-
Crin—Cuba. 141 dinavien, Italien, der Schweiz und den Rheinlanden. Dann folgt die Fabri¬ kation von Herrenkleiderstoffen, namentlich Buckskins und Rohstoffen, die auch in überseeischen Ländern sehr gesucht sind. Auch Cassinets, Circasiennes und Kasemirs werden in bunten Farben für Mexiko und andere Tropenländer gefertigt. Es bestehen etwa 50 Streichgarnspinnereien, 350 Handspinnmaschinen, 130 Selfactors, 1000 Buckskinstühle, 70 mechanische Stühle, 190 Stühle für halbwollene Waren; ferner 40 grosse Färbereien. Crin (franz.), Bezeichnung für dicke Seidenfäden, die man aus der aus¬ gewachsenen Seidenraupe dadurch gewinnt, dass man dieselbe tötet, den Be¬ hälter der Seidensubstanz zerreisst und auszieht. Da der so erhaltene Faden nach seiner Substanz von der Rohseide nicht verschieden ist, so zeigt er auch deren Festigkeit und Zähigkeit. Man verwendet die C. bei der Herstellung von Fischangeln. Crinolin, Gewebe mit Kette aus feinem Baumwollenzwirn und Schuss aus Pferdehaaren. Crisp (engl.), sehr feines leinenes Gewebe, feines Leinentuch. Cristaline, moderner loser Seidenstoff. Croccia (ital.) (lat.: crocea), die rote Kardinalskleidung. Croise (franz.: über Kreuz gearbeitet) nennt man in den französischen Manufakturen alle Arten geköperter Stoffe. Ausser den seidenen Croisees mit verschiedenen Beinamen kommen im Handel auch baumwollene und wollene C. vor; die ersteren sind gewöhnlich dicht gewebt, entweder bunt gestreift oder bunt gedruckt. Mehre Arten dieser geköperten Zeuge kommen unter dem Namen Oriental oder Orientine, meistens bunt gestreift, in den Handel. Die wollenen C., einfarbig, gestreift und gedruckt, eine Art Serge werden Segovis genannt: sie sind meistens aus spanischer Wolle gemacht. Crompton, Stadt in der engl. Grafschaft Lancaster: Baumwollindustrie. Cronberg, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Wiesbaden: Sammlungen weiland Ihrer Majestät der Kaiserin Friedrich, in welcher sich Stoffe und Stickereien der Renaissance und orientalische Teppiche befinden. Crossbredwolle, neuerdings Kreuzzuchtwolle genannt, die Wolle einer Schafrasse, die durch Kreuzung grobhaariger, insbesondere engl. Glanzwoll¬ schafe mit den in Australien, Südafrika und am La Plata gezüchteten fein¬ haarigen Merinoschafen erzielt wurde. Sie ist erheblich gröber und härter, als die feinhaarige Merinowolle, aber ungleich kräftiger, besitzt grosse Länge und starken Glanz. Ihre Produktion hat die Erzeugung von Merinowolle stark zurückgedrängt. C. bildet das Hauptmaterial zur Herstellung von Cheviotstoffen. Crossen, Kreisstadt im preuss. Reg.-Bez. Frankfurt: Tuchfabriken. Croy-Teppich, ein Gobelin, 1566 in Stettin gewirkt, im Besitze der Universität Greifswald, wohin ihn Herzog Ernst Bogislav 1680 stiftete: zur Erinnerung an seine hier innegehabte Rektorwürde und zum Gedächtnis des letzten direkten Gliedes aus dem alten Herzoghause von Pommern, der 1660 verstorbenen Herzogin Anna von Croy. Die Darstellung auf dem C. bezieht sich auf die Einführung der Reformation: der auf der Kanzel predigende Luther, Melanchthon und fürstliche Persönlichkeiten. Crucifix (lat.: crucifixum; franz.: crucifix; engl.: crucifix), Darstellung des Gekreuzigten, wird im frühen Mittelalter seltener in der Kunst dargestellt, noch später erscheint sie in der Textilkunst. Hier vereinzelt in der romani¬ schen Zeit als Stickerei für die Rückseite der Casein (s. d.) nachweisbar, später aber, namentlich in der gotischen Zeit, allgemein für Casein und andere kirchliche Bildstickereien sehr verbreitet (s. Kirchenstoffe und Stickereien). Csaba, Hauptgemeinde in Ungarn: Handel mit den von den slowak. Frauen gefertigten Linnen- und Hanfwebereien, Strickarbeiten, ferner mit Säcken und Matratzen. Cuba, die grösste der grossen Antillen, ehemals span. Kolonie, 'seit 1899 unter der Verwaltung von Amerika stehend: Baumwolle wurde schon früher gewonnen, seit 1862 legte man aber im Osten neue Pflanzungen an, indem die hohen Preise dieses Produkts manche Pflanzer verlockten, ihre Felder für
Cubica—Dacca 142 diese Kultur genannt. einzurichten. Cubica ist eine C. wird auch eine Baumwollsorte aiis Westindien englische Serge aus Kette und Schuss von hartem Kammgarn. Cuenza, Hauptstadt der Cuggiono, Ort in der span. Prov. C.: einst berühmt durch ihr Tuch. ital. Prov. Mailand: Leinen- und Seidenstoff¬ fabrikation. Cuire de laine (franz.), willkürlicher Name eines geköperten, brettigen, tuchartigen Wollenstoffes von kurzer Schur. Cuiteseide, entschälte, mit Seife abgekochte Seide. Cunewalde, Mittel-, Nieder- und Ober-, Dörfer der sächs. Kreishaupt¬ mannschaft Bautzen: Leinwandwebereien, mechan. Webereien, Bleichereien. Cupar, Hauptstadt der schott. Grafschaft Pife: Spinnerei, Leinen- und Kattunweberei. Curley, Haspelseidenabfälle. Curls (engl. = locken), wollene Lockenstoffe für Damen- und Herrenmäntel. Cusir, Bezeichnung für Nährohseide. Cusirino, feine italienische, zur Herstellung von Spitzen und zarten Ge¬ weben bestimmte Seidenfäden. Cussidah nannte man eine Art ostindischer Musseline im dänischen asiatischen Handel. Cuttny, starker Baumwollenstoff, für den Orient bestimmt, mit geblümten und gerankten Mustern. Cuczo, Stadt in der südamerik. Republik Peru: Woll- und Baumwollmanufakturen; Posamentierwaren. Cylindrieren, Bearbeitung mit dem Kalander (s. d.), eine Art der Pressung gewisser Stoffarten. Cypern, eine zum osmanischen Reiche gehörige, seit 1878 unter engl. Protektorat stehende Insel am östl. Ende des Mittelmeeres: Gewinnung von Baumwolle, Seidenzucht, Verarbeitung des gewonnenen Materiales an Ort und Stelle nur unbedeutend. Im Altertum durch Kunstfertigkeiten aller Art be¬ rühmt u. a. auch durch den sog. cyprischen Goldfaden. Cyperrasch, Ras des Cypre, ein schwarzer, ungeköperter Seidenstoff aus starker, gedrehter Seide; er hat viel Aehnlichkeit mit dem Gros de Tours und wird zu Lyon, Tours und Paris gemacht. Cyprische Gold- und Silberfäden, s. Brokat- und Goldgespinst. Czemke sind baumwollene, geblümt gemusterte, feste Zeuge, welche für den Orient in Böhmen und Niederösterreich gewebt werden. Czenstochau, Kreisstadt im russ.-poln. Gouvernement Petrikan: Baum¬ wolle- und Tuchfabriken. D. Daba, heisst in Russland weisser, schmaler, chinesischer oder bucharischer Kattun. Daba, Ort in der tibetanischen Provinz Ugari: die Mönche treiben wichtigen Handel mit vortrefflicher Schafwolle. Dabouis, eine schmale Sorte weisser ostindischer Kattune, welche früher durch die Franzosen nach Frankreich und Holland kamen und dort gedruckt wurden. • Dacca, Hauptstadt in Bengalen, nach welcher die feinsten ostindischen, oft gestickten Musseline, genannt werden. Man hat den Namen D. auch einigen Sorten gestreifter und kleinkarrierter europäischer Musseline gegeben.
Dag—Damassin. Dag (engl.), herabhängender Quast; dagges, Zaddeln. Daghestan, Dagestan, Landschaft am Nordostabhange 143 des Kaukasus bis zum Kaspischen Meere, mit der Hauptstadt Derbent, nach welcher der land¬ läufige, im Handel gebräuchliche Name für die im Kaukasus erzeugten Teppiche. Er hat aber nur seine Berechtigung für die in der gleichnamigen, am west¬ lichen Ufer des Kaspischen Meeres gelegenen Provinz; denn es werden auch ausserhalb derselben in den verschiedensten Gegenden des Kaukasus Tep¬ piche verfertigt, welche alle ihre eigene Benennung haben. Die Hauptorte für Teppicherzeugung in D. sind Derbent und Kuba, mit welchen Namen auch die von einander verschiedenen Hauptgattungen bezeichnet werden. Die aus Derbent sind ganz in Wolle gearbeitete Teppiche verschiedener Grösse von ziemlich grobem, eher langhaarigem Gewebe; das Muster trägt den Typus der Nomadenteppiche an sich (vgl. die Tafel Teppiche). Die Farben dieser Teppiche sind gewöhnlich hell, jedoch nicht grell: weiss, gelb, licht, braun und dergl. Für feiner als die eigentlichen Derbent-Teppiche gelten diejenigen aus Kuba (s. auch Sumakh-Teppiche). Daglocks (engl.), ist eine Wolle, die schlecht und unrein ist. DagUS, lat. (franz.: dais; engl.: days), Thronhimmel, Betthimmel, Bal¬ dachin, s. d. Dahme, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Potsdam: Tuchfabrikation. Daimiel, Hauptstadt in der span. Prov. Ciudad-Real: Woll- und Lein¬ weberei. Dais (franz.), (lat.: dasium; engl.: dais), hiess ursprünglich die mit einem Baldachin versehene Estrade, bes. am oberen Ende eines Speisesaales, samt dem dort vorstehenden Hochtisch und Thron; später sowohl das Teppichbe¬ hänge für sich, als auch der Thron u. s. w.; noch später kommt dais nur für Thronhimmel, Betthimmel, Baldachin mit Seitenvorhängen vor. Dajak, Eingeborene auf der Insel Borneo: fertigen Batiks. Dallas, Hauptstadt im nordamerik. Staate Texas: Fabrikation von Baum¬ wolle und Wollwaren. Dalmatica (lat.), (franz. daknatique; engl, dalmatic), das von den alten Römern bei feierlichen Gelegenheiten getragene, ursprünglich in Dalmatien übliche, lange, weisse Oberkleid mit Aermeln. Papst Sylvester I. führte es um 320 als Amtskleid der Diakonen ein. Vom 14. Jahrhundert wird die D. aus farbigem Stoff gefertigt, allmählich enger gemacht, so dass sie mit der Casula (s. d.) Aehnlichkeit hat, nur dass sie etwas kürzer, am Saume gerade geschnitten und mit offenen Aermeln versehen ist. Fast gleichartige Gewänder, aber reicher ausgestattet in Weberei und Stickerei, tragen auch die Bischöfe über der Alba und unter der Casula; ebenso gehörte die D. zum Krönungs¬ ornat der deutschen Kaiser und Könige. (Vgl. Kirchengewänder.) Dalry, Industriestadt in der schott. Herrschaft Ayr: Baumwollweberei. Daman, portug. Stadt an der Westküste Ostindiens: Baumwollspinnerei. Damanhur, Hauptort der Prov. Beherah in Aegypten: wichtig als Handelsmittelpunkt und Niederlage der im Orient berühmten Baumwoll- und Wollstofffabrikate. Damaras oder Damavars, in Frankreich eine Art ostindischer, leichter geblümter Taffete. Damas, franz. Bezeichnung für Damast. Damaschello (ital.), werden in Italien leichte seidene Damastsorten ge¬ nannt; schmaler liegende D. bezeichnet man als Damaschetto oder Damasquett. Damas Chine, moderner Seidenstoff aus Streifen in geflammten Mustern, die zum Teil durch Kettendruck hergestellt sind. Damaschino, s. Damast. Damascierte Gewebe, s. Damast. Damas en dorure, französischer Damaststoff mit Gold- und Silberblumen. Damassin, reiche Damastart mit Blumen von Gold und Silber, welche vorzüglich Lyon und Tours liefern, von wo aus sie früher nach katholischen Ländern zu Messgewändern geliefert wurden.
144 Damaskus—Damast. Damaskus, türk, und arab. Dimischk esch-Scham, Hauptstadt des türk. Wilajets Syrien, schon zu Davids Zeiten politisch wichtig als Residenz eines der kleinen Reiche, in welche Syrien damals zerfiel. Unter der Hei'rschaft Assyriens, Babyloniens und Persiens hatte D. nicht geringe Bedeutung durch seinen Handel. Seit Eröffnung des Suezkanals sind Handel und Wohlstand der Stadt sehr zurückgegangen. Der früher lebhafte Tauschhandel, dem D. seinen Reichtum und seinen Ruf als Haupthandelsplatz der Levante verdankte, hat den sichereren und billigeren Seeweg eingeschlagen, so dass sich der heutige Karawanenverkehr auf den Austausch einiger weniger Erzeugnisse des syri¬ schen und persischen Gewerbefleisses beschränkt. Im frühen Mittelalter war D. ein Hauptsitz der Seidenindustrie, es erzeugte die gemusterten Seiden¬ stoffe seines Namens (vgl. Damaschino, Damast). Die heutige Industrie leistet noch immer Hervorragendes, namentlich in feinen gold- und silberdurchwirkten Seidenzeugen, wollenen, baumwollenen und seidenen Kleiderstoffen. Damast (lat.: damacius, damassus; franz.: damas; engl.: damask; ital.: damasco, damaschino), ursprünglich ein einfarbiges Seidengewebe, dessen Grund glatt oder geköpert ist, in welchen man Ranken, Blumen u. s. w. einwebte. Nach einigen Angaben soll diese Art zu weben von den Einwohnern von DaAbb. 55. maskus in Syrien erfunden worden sein; von letzterer Stadt stammt auch der Name. Die älteste Musterung von Damaststoffen geht davon aus, in geo¬ metrischer Linienführung Farbe in Farbe die Fläche zu teilen (vgl. Abb. 55) und so eine Art Grunddessin zu schaffen; es hat sich diese Art von Webe¬ mustern aus der Technik heraus auch für die älteste Leinendamastweberei (s. d.) entwickelt. Später haben zuerst die Italiener und Holländer Damast gewebt, die Franzosen und Deutschen ahmten die Verfertigung bald nach. Die Wir¬ kung der Damaste beruht auf dem wechselnden Lichteffekt von Kette und Schuss, indem man z. B. das Muster im Kett-, den Grund dagegen im Schuss¬ effekt arbeitet oder umgekehrt, wobei meist Atlasbindungen zur Verwendung kommen. Seidendamaststoffe und solche aus Halbseide in mehreren Farben
Damast Caffard—Dampffarben 145 haben die verschiedensten Benennungen und werden nach anderen Einrichtungen des Webestuhles hergestellt. Der W oll e n dam as t ist ein geköperter Wollenstoff, worauf das Muster atlasartig glatt steht, man nannte ihn früher auch Florett oder geblümten Kalmank. Halbwollener Damast hat in der Fabrikation eine bedeutende Aus¬ dehnung ; er besteht aus Baumwolle (hartem Kammgarn) und ist auch zu¬ weilen mit Seide gemischt. Leinendamast (franz.: linge damasse; engl.: linen-damask) wird zum Teil aus feinsten Leinengespinsten gefertigt (s. „Leinendamast“ als besonderer Artikel.) Abbildung: 55. Originalaufnahme aus dem Kaiser Friedrich-Museum in Berlin: Leichtes Seidendamastgewebe rot, Muster in Rautenfeldern aus abgesetzten geometrischen Figuren. Arabisch-sizilisch 13. Jahrhundert. Damast Caffard (franz.), (engl.: half damask), nannte man früher einen Tapetendamast, eine Nachahmung des seidenen D. von verschiedener Qualität und Breite; einige davon haben Ziegenhaare, Florettseide, Leinengarn, Baum¬ wolle oder Schafwolle zum Einschlag, in der Kette Seide, Florettseide, auch nur Leinengarn oder Baumwolle; durch eine vorzügliche Appretur erhalten sie auf der rechten Seite ein glänzendes, seidenartiges Aussehen. Damastflor ist eine Nachahmung des eigentlichen Damastes, in dem man im Florgrunde mittels eines besonders angebrachten Harnisches die Ketten¬ fäden hach Art des Damastes einliest. In der Regel kommt dieser Stoff, zu dessen Einschlag immer rohe ungekochte Seide und zur Kette weiche oder vorher gekochte Seide genommen wird, nur in Schwarz, Weiss und Grün vor. Damastmaschine, besondere Vorrichtung an den Webstühlen, bestehend aus einer Jacquardmaschine, welche die Kettfäden mustermässig in Gruppen von zwei bis acht Fäden herstellt, während die abzubindenden Kettfäden durch besondere Damastschäfte hoch oder tief gezogen werden. Literatur: Müller, Handbuch der Weberei, Leipzig 1884. S. 609. Lembcke, Mechanische Webestühle. 5. Forts. Braunschweig 1888, S. 130. Damentuch, die leichteren Streicbgarngewebe, die gleich den eigentlichen Wolltuchen die Prozesse des Walkens, Rauhens und Scherens durchgemacht haben, also nicht fadenscheinig sind. Gewicht für 1 □ m 200—250 gr. Dameus (lat.), s. Damast. Damicaster (engl.), kurzer Mantel, getragen von den Frauen im 16. Jahrhundert. Damiette, arab. Dimjat, kopt. Tamiati, im Altertum Tamiathis, Stadt in Unterägypten: Seit dem 13. Jahrhundert ein blühender Ort und lange be¬ rühmt durch Fabrikation der gestreiften Seiderizeuge; ist in industrieller Hin¬ sicht, mit Ausnahme der Fabrikation grober Baumwollstoffe, ganz herabge¬ sunken und auch sein Handel hat nicht mehr die Bedeutung früherer Zeit, wo er, vor dem Aufblühen Alexandriens und der Anlage des Suezkanals, hauptsächlich den Handel mit Syrien vermittelte. Damm, Dorf im bayr. Reg.-Bez. Unterfranken: Kunstwollfabrikation. Dammartin-en-Goele, Hauptstadt im Arrond. Meaux des franz. Depart. Seine-et-Marne: Spitzenfabrikation. Dammerkirch, Stadt im Obereisass: Baumwollweberei. Dämpfen, im Zeugdruck, heisst die Behandlung mit Körperfarben be¬ druckter Gewebe mit Wasserdampf. Dampffarben, in der Zeugdruckerei solche Farben, welche mit dem Beizmittel (Mordant) aufgedruckt werden und dann der Einwirkung von Was¬ serdämpfen in einem geschlossenen Raum ausgesetzt werden, wodurch die Beizmittel mit den Farben in die Faser tief eindringen und letztere befestigen. Die Ware wird später nur ausgewaschen und appretiert. Das Verfahren findet hauptsächlich Anwendung bei wollnen und seidnen Stoffen. Heiden, Handwörterbuch der Textilkunde. 10
146 Dampfpresse—Decken. Dampfpresse, eine bei der Tuchfabrikation zur Erzeugung eines höheren Glanzes auf dem Gewebe in Anwendung gebrachte hydraulische Presse. Dänemark erzeugte im Anfänge des 18. Jahrh. auf Batist gestickte und ausgenähte Nachahmungen von Rokokospitzen, welche sich bis in das 19. Jahrhundert erhalten haben; geklöppelte Spitzen aus D. gleichen im all¬ gemeinen den schwedischen (s. Batiststickereien). Dänische Weissstickereien, s. Hedebo. Dansafasern von der Robinia cannabina benutzt man in Bengalen zur Verfertigung von Stricken. Danudars, gekräuselte Astrachanfelle aus der Tatarei. Danzig, Hauptstadt der Prov. Westpreussen: Tuchfabrikation. Die Marienkirche, erbaut 1353—1508, enthält eine grosse Sammlung mittelalter¬ licher Stoffe, Stickereien und Gewänder. (Vgl. Hintz, die Marienkirche in Danzig.) Danziger Leinen, nennt man im allgemeinen die verschiedenen groben hänfenen Hemdlinnen, welche in grossen ungeregelten Rollen aus Polen die Weichsel herab nach Danzig zu Markte gebracht werden. Dardanell-Leinen ist türkische, gewöhnliche Leinwand aus den Gegen¬ den um die Schlösser bei Konstantinopel, welche zu Segeltüchern und zu Hosen der Landleute verbraucht wird. Dariabanis, eine Sorte weisser Kattune aus Surate. Daridas sind bunte ostindische Zeuge, welche in Surate aus den glän¬ zenden Fäden einiger Pflanzen, die man wie Seide behandelt, gewebt werden, die jedoch selten in den grösseren Handel kommen, weil sie ohne Haltbarkeit sind und in Falten leicht brechen. Darins ist eine gewöhnliche französische Leinwand aus Hanfgarn. Daris sind glatt gewebte Baumwollenzeuge, welche ehedem in Indien Verwendung fanden, um die dort berühmt gewordenen marmorglatten Dielen zu bedecken. Darlington, Stadt in der nord-engl. Grafschaft Durham: Wollkämmerei und Flachsspinnerei, Baumwoll- und Worstedfabrikation. Darnetal, Hauptstadt im Arrond. Rouen des franz. Depart. Seine-Inferieure: Baumwollspinnereien und -Webereien, Tuch- und Wollstofffabriken; Färbereien. Darre, Dörre, Vorrichtung zum Trocknen oder schwachem Rösten vege¬ tabilischer Stoffe: wie z. B. des Flachses. Darwen, Over-, Stadt in der engl. Grafschaft Lancashire: Baumwoll¬ spinnereien. Dattel, Bezeichnung für die innerste Schicht des Seidenkokons, welche eine pergamentähnliche Schale bildet. Aus den Abfällen (Stand) wird das Crescentingarn gesponnen. Daunenperkal, modernes Bettunterzeug zur Einlage der Daunen. Dauphine, veralteter, in andere Artikel übergegangener leichter Stoff aus dünner verschiedenfarbiger Wolle, Seide und Halbseide, welcher in Lyon gemacht wurde. Deanston, Stadt in der schott. Grafschaft Perth: Baumwollindustrie. Debourreur, s. Seidenspinnerei. Debreczin, königl. Freistadt in Ungarn: bedeutende Industrie in der Herstellung von wollenen Zeugen, Mänteln u. s. w. Dechets (franz.), Seidenabfälle aller Art, welche zur Darstellung der Chappe- und Florettseide dienen. Decken (franz.: couvertures, tapis; engl.: covers, carpets), aus Tuch, meist aus Baumwollkette und Streichwollschuss, ausserordentlich mannigfaltig, glatt und velourartig, gemustert und ungemustert, in den verschiedensten Far¬ ben, in verschiedener Stärke, weich oder härter appretiert, auch kotzenartig hergestellte Gewebe, welche als Schlaf-, Reise-, Pferd- und Stubendecken und selbst als Mäntel in Verwendung kommen; s. Tuchfabrikation und die ein¬ zelnen Gattungen von Decken (s. a. Bettdecken).
Deckenzeug—Demi-cuite. 147 Decken mit eingefiigten Leinwandbildern (franz.: plafond maroufle) waren in der Barockzeit und Zopfzeit sehr beliebt; dieselben waren gemalt und auch in Plattstichstickerei hergestellt, in letzterem Falle von aufgenähten Bänden eingeschlossen. Deckenzeug (Kotzen), ein aus grobem Streichgarngespinst hergestellter, schwach gewalkter, nicht gescherter und sehr stark gerauhter Stoff mit pelz¬ artig dichtem und langem Haar, glatt oder geköpert gewebt, zu Pferdedecken, Fuss- oder Bettdecken. Deckmaschine, eine Vorrichtung an Wirkmaschinen zur Herstellung von Musterungen in glatter Kulierware, indem mit Hilfe der Decknadeln ein¬ zelne Maschen oder Maschengruppen seitlich auf andere Nadeln überschieben oder aufdecken (s. Wirkei’ei). (Vgl. Franz Reh, Fabrikation der Wirkwaren.) Decolorieren, entfärben, entbleichen. Deggendorf, Stadt im bayr. Reg.-Bez. Niederbayern: Tuchfabrikation, Leinwandhandel. Degommage, im Zeugdruck die Behandlung der Ware in den Fixier- und Reinigungsbädern, einerseits vollständige Fixierung der Beize, andrerseits Ent¬ fernung der Verdickungsmittel bewirkend. Degummieren, die Befreiung der Rohseide von dem anhaftenden Seiden¬ leim und dem Farbstoffe. Das Material wird erwärmt, gewöhnlich mit Seifen¬ lösung, ausgepresst und dann mit schwächerer Lösung derselben gekocht; schliesslich gespült und getrocknet. Dehbid, auf einem Hochplateau gelegener Ort in Persien, wo Teppiche erzeugt werden, welche denen aus Kaschkai (s. d.) in der Struktur ähnlich, aber in geringerer Qualität ausgeführt sind. Dehli, Hauptstadt im indobrit. Reich: Handel und Industrie, einst blühend und grossartig, waren in Verfall geraten, haben sich aber in neuerer Zeit wieder gehoben. Die Bazare von D. sind ihrer kostbaren Shawls, Goldund Silberstickereien im ganzen Orient bekannt. Dekatieren (franz.: decatir; engl.: to steam), Behandlung wollener und seidener Gewebe mit Wasserdampf oder heissem Wasser durch Eintauchen oder Besprengen behufs Wiedererlangung der ursprünglichen Form und Lage der Fasern, und auch behufs Verminderung des Zusammenschrumpfens (Ein¬ gehen) beim späteren Feucht- und Nasswerden. Dekomponieretl (lat.), Zusammengesetztes auseinandernehmen, zerlegen, auf lösen; in der Weberei: Absetzen des Musters auf die Patrone nach einem vorliegenden Gewebe. Dekoration, s. Innendekoration. Dekortikationsmaschine, s. Ramiespinnerei. Delft, Stadt im Bezirk Rotterdam der niederl. Prov. Südholland: nicht unbedeutend ist die Fabrikation von Teppichen in der Art der Smyrna¬ teppiche. Delineres oder Dalineres, eine mittelfeine, gut gewebte Hausleinwand, welche die Landleute im franz. Depart. Finisterre nach Vannes und Nantes bringen, wo sie gebleicht und verkauft werden. Delmenhorst, Hauptstadt im Verwaltungsbezirk Oldenburg: Wollkäm¬ merei und Kammgarnspinnerei, Jutespinnerei und -Weberei. Delphin (franz.: dauphin), in der altcbristlichen Symbolik Sinnbild der Liebe, der ehelichen Treue; nach anderen ein Führer durch das Dunkel des Totenreiches; auch Sinnbild des Christen überhaupt. Die Renaissance (s. d.) übernimmt den D. lediglich als Ornament und stellt ihn sowohl in der Weberei wie in der Stickerei in Umgebung reichen Blatt- und Blüten¬ werkes dar. Demas sedas, im Handel mit Spanien die Organsinseide. Demerary, Baumwollsorte aus Guayana. Demi-Cottons, Demittons (engl.), sind sehr billige starke baumwollene Zeuge, broschiert und gedämmt, welche für den Orient gewebt werden. Demi-cuite, s. Seidenspinnerei.
148 Demi-Draps—Dessin. Demi-Draps, Halbtücher, feine leichte, wenig gewalkte Wollentücher, in Frankreich auf englische Art kurz geschoren und stark gepresst; auch die deutschen Fabriken liefern den Artikel. Demi-Florences, s. Seidenwaren. Demi-Hollandees, in Frankreich eine feine weisse Leinwand, welche auf holländische Art gebleicht, appretiert und gelegt wird. Demi-Londres, geringe, locker gewehte und leicht gewalkte Wollentücher aus Frankreich, teils ungefärbt und ohne Appretur. Demi-Musselines, eine Gattung dünnen Linons aus Frankreich, meist aus Leinen- und Baumwollengarn, ganz glatt, gegittert oder gemustert. Demirdschik, Fabrikationsort in Kleinasien für sogen. Smyrnateppiche (s. d.). Demi-Torles, eine leicht und dünn gewebte Leinwand, die man in Frank¬ reich teils roh, teils gefärbt, zu Futter verbraucht. Demmin, Stadt im preuss. Iteg.-Bez. Stettin: Tuchfabrikation. Dendermonde, Stadt in der belg. Prov. Ostflandern: Baumwollweberei (namentlich Decken) Seilerei und Leinwandbleicherei. Denier, franz. Gewicht = 1,275 kg, bei Seidengarn nur 0,0531 g. Bei der Numerierung des Seidengarns ermittelt man, wieviel Deniers ein Strähn Seide von 476 m (ancien titre) oder von 500 m (nouveau titre) wiegt. Denims, auch Florentine, englischer Name eines leichten, glatten baum¬ wollenen Köperzeuges, das ursprünglich zu Nimes gewebt wurde. Dentelieren (franz.), auszahnen, auszacken; dentelierte Arbeit (franz.: dentelure), ausgezackte Arbeit, Spitzen, Kanten ; dentelles, Spitzen. Detltelle duchesse, eine der in Brügge gefertigten Spitze ähnliches Pro¬ dukt, welches dadurch besonders kenntlich ist, dass an den Verbindungsstäb¬ chen des Grundes, dem bride, zahllose picots oder Dörnchen angesetzt sind. (Vgl. Spitzen 19. Jahrh.). Dentelles (franz.), Spitzen. Dentelles de pot ä fleurs heissen die sogen. Pottenkanten aus Ant¬ werpen (s. d.). Dentelschnüre, von dentelli (ital.), Zähnchen, dens (lat.) Zahn, dent (franz.) Zahn, woraus das französische dentelle, das bei einer Spitze soviel wie Klöppelspitze heisst. In italienischen Musterbüchern kommt dentelli 1549 zum erstenmal, in einem Züricher Musterbuch „dentelarbeit, dentelschnüre“ im Jahre 1561 vor. Auf D. sind die ersten Spitzen in Deutschland zurück¬ zuführen. Derbent, Derbend, Hauptstadt der Landschaft Daghestan im russischen Kaukasus: erzeugt Teppiche (s. unter Daghestan). Derby, Hauptstadt der engl. Grafschaft D.: sehr bedeutende Seiden- und Baumwollfabriken; Spitzenklöppeleien, Kattun- und Strumpfwarenfabriken. In D. wurde 1718 die erste englische Seidenmanufaktur errichtet. Der-el-Kamar, Hauptstadt des asiat.-türk. Mutessariflik Libanon: Seiden¬ zucht, Seidenweberei und Stickerei. Deribands, eine Sorte weisser ostindischer Kattune. Deringa, im russischen Handel die gewöhnliche gelbe Packleinwand. Desaignes, Flecken im Arrond. Tournon des franz. Depart. Ardeche: Seidenfabriken. Desintegrieren, d. i. Entbasten des rohen Kokons und Seidenabfälle (Ab fall sei de), bevor sie zur Florettspinnerei verwandt werden. Des Moines, Hauptstadt des nordamerik. Staates Iowa: Woll- und Baumwollmanufakturen; bedeutender Handel. Desooksoys, eine Gattung baumwollener Zeuge im englisch-ostindischen Handel. Dessau, Hauptstadt des Herzogtums Anhalt: Tuchfabrikation. Dessin (franz.), (engl.: design, pattern); findet vorzugsweise Anwendung in der Textilkunst, und zwar versteht man darunter ebensowohl die Muster¬ zeichnung, nach welcher gewebt, gestickt oder gedruckt wird, als das ausge¬ führte Muster, und nennt man daher gemusterte Stoffe dessinierte und die
Dessinateur—Deutschland. 149 Vorrichtung am mechanischen Webstuhl zum Weben solcher Stoffe Dessin machen. Dessin, le, nennt der Franzose auch das Herstellen des Musters für Nähspitzen. Dessinateur (franz.), Musterzeichner. Dessiniermaschine (franz.: machine ä piquer; engl.: punching machine), in der Tuchfabrikation Vorrichtung, durch die auf der Oberfläche von Ge¬ weben Muster hervorgebracht werden. Dettingen, an der Erms, Dorf im württ. Oberamt TJrach: Baumwoll¬ spinnerei und -Weberei. Deuben, Dorf hei Dresden: Sammetstofffabrikation. Deutschbrod, Stadt in Böhmen: Tuchfabrikation. Deutsche Naht ist diejenige für Wirkwaren verwandte überwendliche Naht, bei welcher der Nähfaden den zweiten und dritten Maschenhenkel des einen Warenstückes mit dem zweiten und dritten Henkel des anderen Waren¬ teiles in jeder zweiten Beihe verbindet. Deutsche Renaissance, s. Renaissancestil. Deutsches Spinnverfahren, Vorspinnverfahren (Vorbereitung) der Kamm¬ garnspinnerei, welches man bei dem Verfeinern der Spindelbänke (Flyer) an¬ wendet. Deutschland. Textil- und Bekleidungsindustrie: 1882 waren 1223 621 Betriebe mit 2169 880 beschäftigten Personen, dagegen 1895: 1054137 Be¬ triebe mit 2 383 861 Arbeitern vorhanden. Am ältesten ist die Leinenweberei. Das Spinnen des Flachses als Beschäftigung auf dem Lande hat sehr nachgelassen, seitdem die Spinnmaschine die geübteste menschliche Hand überbietet. Die Flachsspinnerei beschäftigt gegenwärtig über 360000 Spindeln, kann jedoch den einheimischen Bedarf nicht decken. Im Jahre 1900 betrug die Einfuhr von Leinen-, Jute- und Manilahanfgarn, sowie von Nähgarn und Zwirn 19171 t (25,1 Mill. Mk.) Hauptsitz der Leinenweberei ist das schlesische Gebirge längs der böh¬ mischen Grenze, von wo sie nach der sächs. Lausitz Übertritt. Namentlich in Zittau und Umgebung werden vorzugsweise feinere Gewebe, darunter auch die viel gesuchten Damaste, hergestellt. Sehr bedeutend für die Anfertigung von Leinwand ist ferner Bielefeld (s. d.) mit Umgebung bis in die Gegend von Osnabrück und nach der Lippe zu. Hier, wie in einzelnen Bezirken von Württemberg, Franken, Thüringen, im Rheinland, Brandenburg ist die Leinen¬ weberei hausindustriell entwickelt; es mögen etwa 90000 Webstühle vorhanden sein, die indes nur bei sehr flottem Geschäftsgänge voll beschäftigt sein wer¬ den; die Mehrzahl der Weber ist nebenher landwirtschaftlich tätig. Fertige Wäsche wurde früher vorzugsweise in Bielefeld hergestellt, neuerdings aber auch in Berlin und anderen grossen Städten mit Erfolg. Seiler waren liefern Westfalen, die Seestädte, Oberschlesien, das schwäbische Bayern und das Reg.-Bez. Kassel; Packleinwand Ostfriesland und die Gegenden der Ems und mittleren W eser. Die Zwirnerei erstreckt sich hauptsächlich auf das Königreich Sachsen, auf Schlesien und die Rheinprovinz. Ausserdem befinden sich bedeutendere Nähfadenfabriken in Augsburg und Heilbronn. In der Hausindustrie wird Hervorragendes nicht geleistet; am meisten ist dieselbe in Baden und in Schwaben zu Hause. Jute waren bezog Deutschland früher aus England. Die erste Jute¬ weberei wurde in D. im Jahre 1861 in Verhelde bei Braunschweig gegründet. Seitdem sind in Meissen, bei Hamburg, Berlin und anderen Orten Jute¬ webereien und -Spinnereien entstanden, deren Erzeugnisse steigende Aufnahme gefunden haben. Da der Rohstoff eingeführt werden muss, so lässt sich an den Einfuhrziffern das Wachstum der Industrie am besten darlegen: 1880 wurden 17 564 t (6,7 Mill. Mk.), 1896: 98 845, 1900: 97 106 t Rohjute (30,1 Mill. Mk.) eingeführt. Für W olle sind etwa 1450 000 Spindeln für Streichgarn, und etwa
150 Deutschland. 600000 Spindeln für Kammgarn tätig. Die Hauptsitze der Wollspinnereien sind die Rheinprovinz, das Königreich Sachsen (namentlich die Gegend von Werdau bis Plauen), Württemberg und das Obereisass. Diese Bezirke sind auch die Hauptsitze der Tuchfabrikation, denen sich noch die Niederlausitz und der südöstliche Teil der Mark Brandenburg mit den Städten Kottbus, Forst, Spremberg, Sorau, Sommerfeld zugesellen. Besonders feine Tuche liefern Aachen, Grosseuhain und andere sächsische Städte. In Bezug auf Kammwollwaren zeichnen sich die Bezirke von Chemnitz, Glauchau bis mit Crimmitschau und Plauen, von Gera, Greiz (wollene und halbwollene Frauenkleiderstofte: sog. ,,Greiz-Gera“-Artikel), Zeulenroda und Pössneck, Mühlhausen i. E., Gebweiler und Bischweiler, auch Württemberg aus. Die Kunstwollspinnerei, vor vier Jahrzehnten eingeführt, wird hauptsächlich im Rheinland, namentlich in Aachen (82 Fabriken mit 1 200 Ar¬ beitern), Düsseldorf, Minden, Liegnitz, ferner in den sächsischen Industrie¬ orten Steingleis bei Zwichau, Werdau, Wilkau u. s. w. betrieben. Für wollene Strumpf waren sind Chemnitz, Apolda, Zeulenroda sowie einzelne Bezirke in Württemberg und dem Eisass zu nennen, für Shawlweberei Berlin, für wollene Plüsche Berlin, Barmen, Hannover und Dresden, für Teppiche Berlin, Barmen, Schmiedeberg (Schlesien), Wurzen. Die Einfuhr von Wollgarn betrug 1880: 93,1, 1896: 114,1, 1900: 110,6 Mill. Mk.; die Einfuhr von Wollwaren 26,1 und 16,1, 1900: 20,5 Mill. Mk.; dagegen stieg der Wert der Ausfuhr 1888—1900 von 190 bis auf 233,7, Woll¬ garn von 44,6 auf 56,8 Milk Mk. Die Kammgarnspinnerei hat ihre Hauptsitze im Eisass (Malmerspach, Mühleisen, Erstein und Sennheim) und in Sachsen. In S. wurde die Maschinenspinnerei am Ende der 30er Jahre eingeführt. Schon 1861 besass das Land 15 Kammgarnspinnereien mit 104600 Spindeln und einem Gesamt¬ erzeugnis von 15 Milk Mark. Die Entwickelung der deutschen Baumwollindustrie er¬ scheint um so beachtenswerter, wenn man erwägt, dass der Rohstoff im Hei¬ matlande nicht erzeugt wird; sie ist konzentriert im Obereisass (Mülhausen, Gebweiler, Thann, Münster, Markirch, Wesserling), in Sachsen (Chemnitz und Umgebung, vorzugsweise im Zschoppau-, Flöha- und Muldental); im Rhein¬ land (München-Gladbach, Dülken, Barmen, Elberfeld bis nahe zum Rhein), in Württemberg (bei Reutlingen), im nördlichen Abfall der Rauhen Alb und von hier übergehend bis nach Bayern; in Baden im südlichen Abfall des Schwarz¬ waldes; in Bayern (Augsburg) und in Oberfranken (Bayreuth bis Hof); in Schlesien (Reg.-Bez. Liegnitz bis zu dem Eulengebirge). Die Einfuhr von roher Baumwolle, die jetzt statt über London mehr und mehr über Bremen erfolgt, belief sich 1840 auf rund 10000 t, 1870 auf 71000 t, 1900 auf 313155 t (318,1 Milk Mk.). Obgleich die Spinnereien (etwa 6 Mill. Feinspindeln) ihre Erzeugung zu steigern bemüht gewesen sind, kann der Bedarf an Baumwollengarn doch nicht ganz gedeckt werden, viel¬ mehr wurden 1900 noch 19969 t (62,9 Milk Mk.) eingeführt. Erzeugt werden die gröberen und mittelfeinen Garne bis zu etwa Nr. 80, im Obereisass bis zu etwa Nr. 100; feinere Garne liefert England. Das Obereisass nimmt in Bezug auf die Feinheit der Stoffe den ersten Rang ein, dann folgen das König¬ reich Sachsen und Rheinland. F ü r W e i s s w ar en (Gardinen, Mull, Musselin) ist ausserdem das Vogt¬ land (Plauen) zu nennen, für baumwollene Strumpfwaren Chemnitz, für Bunt¬ stickerei Berlin, Rheinland und Württemberg, für Posamentierwaren Barmen, Elberfeld, Annaberg (Sachsen), Isny (Württemberg), Brieg (Schlesien), Strass¬ burg und Kolmar, für Wachstuch Berlin und Leipzig, für Schirmstoffe Chem¬ nitz, Berlin, Eisass und Rheinland. Hausindustriell entwickelt ist die Spitzen¬ klöppelei und Weissstickerei im Erzgebirge (Eibenstock, Schwarzenberg, Schnee¬ berg bis in das Vogtland), letztere auch im südlichen Württemberg.
Deutschland. 151 Die Hauptbezirke für Veredelung von Wollwaren sind Zwickau, GreizGera, Bautzen, Frankfurt a. 0., Oberfranken. Unter den Hauptbezirken für Baumwollveredelung finden sieb wieder Zwickau, ferner Mühlhausen und Düssel¬ dorf. Mit der Veredelung von Seide sind in Krefeld und Elberfeld 3900 Per¬ sonen in Fabriken und 3000 Personen im handwerksmässigen Betrieb be¬ schäftigt. Die Einfuhr von Baumwollwaren betrug im Jahre 1880: 1387 t (14,9 Mill. Mk. Wert), 1890: 1462 t (11,8 Mill. Mk.), 1900: 6302 t (35,2 Milk Mk.). Dagegen hat die Ausfuhr stetig zugenommen, sie betrug 1880: 21171 t (99,4 Milk Mk.), 1890: 28190 t (168 Milk Mk.), 1900: 40 865 t (244,7 Milk Mk.). Für die S e i d enin d u s tr i e sind Krefeld, Barmen und Elberfeld Mittel¬ punkte, ferner Berlin, Aachen, Baden und Lothringen. Der Schwerpunkt der deutschen Seidenindustrie liegt auf den Halbseidenstoffen und Sammeten, in denen sogar die berühmte französische Industrie erreicht, vielleicht überholt ist, während in den schweren Stoffen Frankreich noch den ersten Platz be¬ hauptet. Der Gesamtwert der Einfuhr (einschliesslich Rohseide) ist seit 1880 von 148,5 auf 200,6 Mill. Mk. im Jahre 1899 gestiegen; im Jahre 1900 jedoch auf 173,3 Milk Mk. zurückgegangen; der Gesamtwert der Ausfuhr (mit Ein¬ schluss der Halbfabrikate) dagegen von 237,1 auf 166,6 Milk Mk. gefallen, nachdem sich dieselbe bis in die neunziger Jahre des 19. Jahrhunderts auf gleicher Höhe gehalten hatte. Die Bleicherei, Färberei, Druckerei und Appretur der Game und Webwaren schliessen sich an den Webstoff an, dem sie zu dienen bestimmt sind, und finden sich in denselben Bezirken. In Zeugdruckerei und Appretur fand Jahrzehnte hindurch ein lebhafter Wechselverkehr mit den Nachbarländern statt, die ihre Webstoffe nach Deutschland sandten und hier im Veredlungsverkehr bearbeiten Hessen. Solche Zeugdruckereien finden sich noch in Mühlhausen i. Eis., Berlin, Augsburg, Baden, Sachsen, doch hat dieser Veredlungsverkehr durch die Erhöhung der Zölle in den Nachbarländern stark gelitten. Für Spitzenklöppelei sind die Hauptsitze Annaberg, Schneeberg (Hauptstadt für weissleinene Spitzen), Schwarzenberg, Eibenstock und Schön¬ heide (Tambourierstickerei für Decken, Gardinen, Schleier). Einer der grössten Betriebe mechanischer Spitzenfabrikation befindet sich in Leipzig-Lindenau. Für die Stickerei sind die Hauptorte Plauen und Zwickau; auch in dem württembergischen Oberland sticken seit einem Jahrzehnt mehrere Tausend Personen, aber für Rechnung schweizerischer Unternehmer. Bedeutend ist die Stickerei auch in Berlin, wo sich mit ihr sowie mit Häkelei 2900 Personen befassen. Geschichtliches: D. sieht geschichtlich wie dem Umfange des Aussenhandels nach in der Textilindustrie an erster, der Zahl der beschäftigten Personen nach an fünfter Stelle. Das Verarbeiten des Flachses und der Schaf¬ wolle war hier von jeher allgemein verbreitet. Beide Gewerbe wurden vom frühen Mittelalter an in Schwaben, Cleve, Jülich und Gelderland als land¬ wirtschaftliches Nebengewerbe oder handwerksmässig betrieben. Tuch und Leinen bildeten im Mittelalter für Augsburg, Ulm, Görlitz, Köln, Aachen u. s. w. einen Hauptexportartikel, der in England, Russland sowie in Italien und Spanien guten Absatz fand. Die Weberei der feineren Wollzeuge, die bis dahin nach Deutschland importiert worden waren, wurde 1566 von flüchtigen Flamändern in Hanau, Gera, Plauen, 1680 von Hugenotten in Berlin, Göttingen, Kassel, Eisenach eingeführt. Erst im 17. Jahrhundert kam die Konkurrenz Englands auf. Die Baumwollenweberei und Kattundruckerei wurde in Deutsch¬ land zu Ende des 17. Jahrhunderts in Augsburg (s. d.) eingeführt und der geschlossene Fabiikbetrieb — als erste Kattunmanufaktur 1750 durch flüchtige Schweizer in Plauen i. V. — begründet. Sachsen wurde neben Ostindien und der Schweiz zum hauptsächlichsten Produktionsland für Baumwollenwaren. Die S c hl e i e r w eb e r e i aus Baumwolle wurde zu Ende des 16. Jahrhunderts
152 Devants de eorps—Diadem. von niederländischen Flüchtlingen im sächsichen Voigtlande, dessen Mittelpunkt die Stadt Plauen bildet, eingeführt und bis 1600 daselbst für Rechnung Nürn¬ berger Kaufleute betrieben. Im 17. und 18. Jahrhundert dehnte sich die neue Manufaktur (Musselin, Kattun u. s. w.) immer mehr aus, bis sich kurz vor den 20er Jahren auch hierin der Maschinenbetrieb einzubürgern begann. Die S eid enind u s tr i e kam Ende des 17. Jahrhunderts durch niederländische und französische Flüchtlinge nach dem linken Rheinufer (s. Krefeld) und in die Mark (s. Berlin). Die Spitzenklöppelei wurde um die Mitte des 16. Jahrhunderts als häusliche Beschäftigung (der Bergmannsfamilien) aus den Niederlanden im sächsichen Erzgebirge eingeführt. Die Posamentierkunst wurde 1591 von flüchtigen Niederländern in das mittlere Erzgebirge, die Strumpfwirkerei ein Jahrhundert später von flüchtigen Hugenotten nach Württemberg, Sachsen und Thüringen verpflanzt. Mit der Wirkerei ist die Korsettweberei verwandt; auch sie ist eine aus Frankreich herüber ver¬ pflanzte Industrie und sie wurde im Jahre 1848 nach dem Vorbild der Fabri¬ kation in Bar le Duc zuerst in Württemberg eingeführt. Die Wirkerei mit ihren drei Hauptzweigen: der Strumpfwaren-, Handschuh- und der Trikotagenfabrikation bildet heute in D. einen Hauptzweig der Textilindustrie. Der Manufakturbetrieb kam (speziell in der Strumpfwirkerei) in den ersten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts auf; eine solche „Strumpf-, Seiden- und Wollfabricjue“ errichtete damals in Limbach David Esche, der Erfinder des deutschen Strumpfwirkstuhls. Die Strumpfwirkerei als Hand¬ werk konnte sich aber fast noch ein volles Jahrhundert erhalten. (Vgl.: „Deutsch¬ land als Industriestaat“ von Dr. F. C. Huber, Stuttgart 1901. S. 421 ff.) Devants de eorps werden im Französischen die vorderen spitz zulaufen¬ den Einsätze der Frauenkleider genannt, welche in Posamenterie, aber auch in bunter oder in weisser Spitze ausgeführt wurden. Deventer, auch Demter, Stadt in der niederländ. Prov. Oberyssel: be¬ deutende Teppichfabriken, darunter die königl. Fabrik von Smyrnateppichen; Kattundruckerei, Leinwandhandel. Deville-Ies-Rouen, Stadt im Arrond. Rouen des franz. Depart. SeineInferieure: Baumwollspinnerei und -Weberei, Bleichereien. Devisen (lat.: devisia; franz.: devises; engl.: devices), Denk- oder Wahl¬ sprüche, in Worten oder durch Sinnbild dargestellt, bilden in älteren Stoffmustern eine beliebte Darstellung, wohin sie durch die arabischen Sprüche gekommen sind. Devonshire-Plains (engl.) heissen grobe, einfarbige, sehr billige Wollen¬ tuche, zum Gebrauch der Schiffsleute und für Negersklaven in Westindien. Dewsbury, Stadt in der engl. Grafschaft York: Fabrikation von Tep¬ pichen und Wollwaren; Hauptsitz der Shoddymanufaktur. Deynze, Stadt in der belg. Prov. Ostflandern: Fabrikation von Seiden¬ stoffen ; Flachshandel. Dhaka, Stadt in der Gouverneurschaft Bengalen des indobrit. Reichs: bedeutende Industrie in Musselinen, gröberen Kattunen und Silberstickereien. Dholera, Ort in der indobrit. Präsidentschaft Bombay: Baumwollspinne¬ reien und -Webereien. Während des amerikanischen Bürgerkrieges (1862 bis 1865) war D. der Hauptbaumwollhafen von Gudschrat und gab einer auf dem europäischen Markte wohlbekannten Baumwollsorte den Namen. Dhoties heisst Shirting mit farbigen Streifen. Diablement-fort, ein französischer Stoff, dessen Kette Leinwand, der Einschlag Baumwolle ist. Diadem (lat.: diadama; franz.: diademe; engl.: diadem), ursprünglich ein Band zum Zusammenhalten des Haupthaares; es findet sich schon früh als Zeichen der Würde bei hochstehenden weiblichen und geistlichen Persönlich¬ keiten der Aegypter, Assyrer, Babylonier und Perser. Das Band wurde mit Symbolen aus Metall geschmückt. Im frühen Griechenland findet sich das D. wieder als direkte Stirnbinde und machte dann die gleiche Wandlung durch wie in seinen Stammländern, nur erhält sich eine mit Perlen besetzte Binden¬ form. Diese hauptsächlich wird in Rom zuerst nur von den Frauen als Schmuck
Diagonals—Dieppe. 153 and von den Priestern als Würdezeicken angenommen. Unter Konstantin d. Gr., der das D. reich schmückte, wurde es von den Fürstlichkeiten Europas überall angenommen. Im Mittelalter trägt man es als einen einfachen goldenen Keif oder statt seiner die Krone, zu der es durch Justinian ausgebildet wurde. Diagonals heissen geköperte Gewebte mit schräg verlaufender feiner Streifung. Diagonalstuhl oder Milanesstuhl ist ein mechanischer Kettenwirkstuhl, welcher die Kettenfäden nach und nach seitlich über sämtliche Nadeln der ganzen Reihe legt. Diamantines, älterer englischer gemusterter Köperstoff von hartem Kammgarn. Er zeichnet sich aus durch seine gute Appretur und glänzendes, atlasartiges Ansehen. Diaper (engl.) (lat.: diasprus), ein dichtes geköpertes Baumwollenzeug, eine Art Drell (s. d.) mit bunt gewürfelten eingewebten Mustern, welches zuerst in England gemacht wurde und nach Art dieser Muster to diaper, diapering, diaper-work (engl.) ein aus Blumen u. s. w. wiederkehrendes Muster, das eine Fläche völlig bedeckt, zunächst auf weichen Stoffen, dann allgemein gebräuchlich für alle in Umrisslinien eingeschnittene oder reliefartige Muster (s. a. Diaprer). Diapistis wird im 13.—14. Jahrh. als grünlicher Stoff bezeichnet, der nach dem Schriftsteller Hugo Falcanclus in Palermo erzeugt sein soll. Diaprer, Verbum des franz. Substantivs diaper (s. d.) von diaspre (s. d.), hiermit bezeichnete man im frühen Mittelalter bestimmte Brokate. Welcher Art dieselben waren, ist nicht genau zu bestimmen, doch scheinen es Stoffe gewesen zu sein, deren Muster ganz oder teilweis in Gold gewebte Tiere dar¬ stellte. Das spätere Mittelalter brauchte den Ausdruck schon in demselben Sinne, wie jetzt diaper (s. d.) angewendet wird. Diarbekir oder Diarbekr, auch Kara-Amid, Hauptstadt gleichnamiger asiat.-türk. Prov., erzeugt durch Hausindustrie Knüpfteppiche nach persischen Mustern. Diarrhodons, Bezeichnung mittelalterlicher Gewebe; von einem solchen feuerroten Stoff des 13.—14. Jahrh., der in Palermo erzeugt wurde, spricht der Schriftsteller Hugo Falcandus. Diaspre, Bezeichnung für frühmittelalterliche Seidengewebe von weisser Farbe. Der Name ist rein griechischer Abstammung. D. scheint eine Abart des sogen, „draps“ zu sein, welcher in Lyon im 14. Jahrh. in grossen Mengen hergestellt wurde. Dibadsch, Dybäg, mittelalterliche arabische Bezeichnung für Atlasstoffe und Brokate, welche in der Tiraz (Staatsweberei) zu Bagdad gefertigt wurden. Die Bezeichnung ist später sehr verallgemeinert worden und wird jetzt im Orient auf alle schweren seidenen Stoffe angewendet. Dichtenbestimmung eines Gewebes wird nach der Zahl der Kettenfäden gemacht (in Deutschland 1—10 cm), sie entbehrt noch eines Normalsystems. Die Dichte der Kette wird auch nach Gängen ausgedrückt. Dickmühle, auch Walkmühle, Filzmühle, Hammerwalke genannt, eine in der Tuchfabrikation zum Filzen der Loden verwendete Vorrichtung, in welcher das Gewebe in einem eigentümlich geformten Holztrog durch fallende Holz¬ hämmer bearbeitet wird: es ist die älteste Walke. Dickzüchen, veralteter Name für sächsische bunte Leinen, welche sehr fest und gedrungen gewebt und zu Bettinleten und Ueberzügen gebraucht wurden. Sie waren blau und weiss, rot und weiss gewürfelt oder gestreift, oder blau geflammt. Die, Hauptstadt im Arrond. D. des franz. Depart. Dröme: Seidenraupen¬ zucht, Fabrikation von Tuchen, Seiden- und Baumwollspinnereien; bedeutender Handel mit Seidenwaren und Tuchen. Dieppe, Hauptstadt des Arrond. D. im franz. Depart. Seine-Inferieure: Spitzenfabrikation, welche im 18. Jahrh. ihren Ursprung hat, deren Erzeugnisse oft als points ä la vierge bezeichnet werden. Im übrigen arbeitete man in
154 Diessenhofen—Distel. der Art des Valenciennes (s. d.), ohne die Muster an Feinheit zu erreichen. Die Herstellung, im 17. und 18. Jahrh. bedeutend, ist heute nur noch sehr gering. . Diessenhofen, Hauptstadt im Schweiz. Kanton Thurgau: Färbereien, Y erbandstofffabriken. Digne, Hauptstadt im Arrond. D. des franz. Depart. Basses-Alpes: Färbereien, Tuchmanufaktur und bedeutender Tuchhandel. Dijou, Stadt im franz. Depart. Cöte d’Or: fertigte am Ende des 17. und in der ersten Hälfte des 18. Jahrh. Klöppelspitzen. Man findet sie oft wegen ihres schweren Fadens getadelt; sonst scheinen sie in Technik und Muster nichts Eigentümliches gehabt zu haben. Dimantino, ein älterer geköperter Wollenstoff, welcher in bunten Farben zu Möbel- und Kleiderstoffen diente. Dimity (engl.), Dimitos, Demittas, Demittons, vom griech. di-mitos, d. i. vom doppelten Faden, zweidrähtig, ein englisches geköpertes Baumwollenzeug, auch ein gewöhnlich sehr dick gewebter Stoff mit streifigen Mustern auf dreioder fünfbändigem Köpergrund, wobei die Streifen gewöhnlich durch einen Wechsel von Kettenköper und Schussköperstreifen zustande kommen. D. ist ursprünglich ein levantinisches Gewebe, welches auf den Inseln des Archipels, auf Cephalonia, an vielen Orten in Kleinasien gemacht wird. In Holland zu Amersfort wurde D. zuerst, dann aber überall, in England, Frankreich und Deutschland nachgemacht. Dinan, Hauptstadt des Arrond. D. im franz. Dep. Cotes-du-Nord: Flachs¬ bau, Hanfspinnereien, Fabrikation von Flanell, Leinwand, Segeltuch und Baum¬ wollstoffen, sowie bedeutender Handel mit diesen Artikeln. Dinkesbühl, Stadt im bayr. Reg.-Bez. Mittelfranken: Fabrikation von Wollwaren; Streichgarnspinnerei; Wollmarkt. Dinklage, Gemeinde im oldenb. Amt Vechta: Baumwollweberei, Färberei und Druckerei. Diplax, doppelter, wollener Mantel, ein glattes Stück Zeug, das im frühen Griechenland getragen wurde. Discincta (lat.), loses, ohne Gürtel und Fibula übergeworfenes Gewand, Mantel. Diselset, Disselset, Distelset, nach der Limburger Chronik von 1351 Bezeichnung für Nesseltuch (aus Distel und sedum [Mauerpfeffer]), im 14. und 15. Jahrh. als Kopftuch der Frauen aus dem Bürgerstande getragen. Diss, Stadt in der engl. Grafschaft Norfolk: Flachsspinnerei und Mützen¬ fabrikation. Dissen, Flecken im preuss. Reg.-Bez. Osnabrück: bedeutende Fabrik von Segeltuch und Sackleinwand. Distel, fast jede stachlige oder dornige Pflanze, vorzugsweise solche, welche kopfartige Blütenstände haben und deren Blütenhüllen aus dornig endi¬ genden Hüllblättchen bestehen, sämtlich zur Familie der Kompositen gehörig (Abb. 56 u. 57.) Als Kunstform erscheint die Distel zuerst im gotischen Zeit¬ alter (s. d.) gleichzeitig mit dem Granatapfel (s. d.) und es hat den Anschein, dass in den Stoffmustern jener Zeit beide Motive nebeneinander zur Ver¬ wendung gelangten; während aber am Ende des 15. Jahrh. der Granatapfel allmählich verschwindet, geht die Distel noch in die Renaissance über (vgl. Abb. 58) und findet in Italien und Spanien für Kleiderstoffmuster Aufnahme. Der Uebergang dieser Blatt- und Blütenform in das 16. Jahrh. ist augen¬ scheinlich auf die Aehnlichkeit des krausen Blattwerkes mit denen des Acanthus (s. d.) zurückzuführen. In neuerer Zeit ist die D. durch England wieder für die Textilkunst als Kunstform nutzbar gemacht worden. Abbildungen. 56. Distelstaude nach einem Holzschnitt aus: Lobelius, plantarum sev stirpium iconen, Antwerpen 1581. 57. Distelstaude aus demselben Werk.
Distel. 155 Abb. 58. 58. Originalaufnahme aus dem Kgl. Landesgewerbemuseum in Stuttgart: Sammet¬ brokat, Grund gelb, mit etwas Goldlahn durcbwirkt, symmetrisches Muster rot, ge¬ schnitten und UDgeschnitten: Bänder, durch Knäufe verbunden, bilden spitzovale Felder, in welchen stilisierte Distelblüte mit Blattwerk. Spanien Ende 16. Jahrh.
156 Dittersbach—Doncherys. Dittersbach, Dorf in Böhmen: Zwirnfabrik, Weberei. Divisa (lat.), zweifarbiges Gewand. Dizaine (franz.) heisst die stärkere Linie innerhalb der carta riga (s. d.); sie erleichtert das Abzählen der Quadrate und ist auch für achtteiliges Papier üblich. Djoule heissen glatte, gewirkte persische Teppiche (eine Sorte Kilim), welche in der Gegend von Schuschter angefertigt werden. Dieselben sind an der Rückseite zottig und sehen den Jacquardgeweben ähnlich. Dmitrow, Kreisstadt im russ. Gouvernement Moskau: Baumwollspinnerei und -Weberei, Tuchfabriken. Dobby (Ratiere), s. v. w. Schaftmaschine am Webstuhl. Döbeln, Stadt in Sachsen: bedeutende Wollspinnereien. Dobruschka, Stadt in Böhmen: Weberei, bedeutende Märkte für Plachs und Garn. Dochte, Bezeichnung für einfach zusammengedrehte oder durch Flechten und Weben von Baumwollfäden hergestellte Textilerzeugnisse, platt oder schlauchförmig, dazu bestimmt, Leuchtstoffe aufzusaugen und nach dem Ende hinzuleiten, wo sie angezündet werden. Unverbrennliche Dochte stellt man aus Glaswolle, Asbest u. a. her. Docke, in der Woll-, Baumwoll- und Seidenspinnerei ein durch Zusam¬ mendrehen und Falten von Garnsträhnen gebildeter Zopf, deren eine gewisse Anzahl zu einem Bündel vereinigt werden. Dockenmaschine s. v. w. Klöppelmaschine. Dockenseide ist Seidengarn in Strähnen gelegt. Doeskins (engl. = Rehleder), leichtes, dünnes Köpertuch zu Rock- und Hosenstoffen, viel leichter als Buckskin. Dogenstola, s. Stola. Doigtier, doittier (franz.), leinenes Tuch, das die Domherren in Reims am kleinen Finger der linken Hand (als eine Art von Manipel) beim Celebrieren der Messe tragen. Dolman (türk.), ursprünglich ein Stück der ungarischen Nationaltracht, eine Jacke ohne Schösse, auf der Vorderseite mit horizontalen Reihen von Schnüren und vertikalen Reihen vou Knöpfen besetzt. Domestics (engl.), ein nordamerikanisches Baumwollzeug, auch starke Futter- oder Hemdenkattune. Man hat rohe, ungebleichte D., welche die Eng¬ länder brown sheeting, die Spanier und Mexikaner manta triquena nennen, und weisse D. (white sheeting oder shirting; manta blanca). Die schweren D. werden auch cotton osnaburghs genannt. Der Hauptfabrikationsort der D. in den Vereinigten Staaten ist Lowell, unweit Boston, in Massachusetts. Im all¬ gemeinen und namentlich wenn sie gebleicht und lang gelegt sind, nennt man diese baumwollenen Zeuge Long cloths; in Mexiko auch einige Sorten Elefantes. Domingohanf, einer der zahlreichen, aus den Blattfasern mehrerer Agavearten sowie anderer zum Teil noch nicht botanisch genau bestimmter Gewächse gewonnen, gewöhnlich unter dem Gesamtbegriff Aloehanf (s. d.) zu¬ sammengefasster Spinnstoffe, welcher aus AVestindien nach Europa gebracht wird. Dominicale (lat.), das in der alten Kirche den Kommunizierenden beim Genuss des Sakraments untergehaltene Abendmahlstuch. Dominicalis (lat.), weisser Schleier, welchen die Frauen beim Gottes¬ dienst, besonders beim Abendmahl trugen; bis zum 7. Jahrh. im Gebrauch. Domino, franz., engl., lat., Wintermantel der Geistlichen mit Kapuze. Donauwörth, Stadt im bayr. Reg.-Bez. Schwaben: Leinenweberei, Flachs¬ und Hanfbau. Doncaster, Stadt in der engl. Grafschaft York: bedeutende Spinnereien und Webereien. Doncherys, eine Art wollener französischer Sergen, die zu Dougchery an der Maas, eine Meile von Sedan, gewebt werden. Sie sind sehr dicht und dauerhaft und werden deshalb zu Montierungen für die Truppen, zu Kloster¬ kleidungen u. dgl. gebraucht.
Dongchery—Doreas. 157 Dongchery, Stadt im Arrond. Sedan des franz. Depart. Ardennes: Fa¬ brikation von Tuch- und "Wollstoffen. Doppeladler, s. Adler. Doppelflanell, ein einst als Beinkleidstoff beliebtes, nach Art der Kidderminster-Teppiche (s. d.) aus Streichgarn erzeugtes, mit kleinen flammenartigen Zeichnungen gemustertes, der Tuchfamilie angehörendes Gewebe. Doppelgewebe, verschiedenartige Stoffe, wie Pique und manche Arten von Teppichen, die durch regelmässiges, teilweises Zusammenweben zweier aufeinander liegenden, meist glatten Zeuge hergestellt werden, wobei durch die Art des Zusammenwebens das Muster hervoi’gebracht wird. (Vgl. Tafel XV, „Bindungen“, s. a. Hohlstoff.) Doppelkassinet, aus Baumwollketten, zweifachem Schuss, abwechselnd Baum- und Streichwollgarn, hergestelltes atlasbindiges Gewebe. Doppelleinwand, die aus weissgebleichtem Garn gewebte Leinwand, wie Dowlas u. s. w., an manchen Orten die bunte gewebte Leinwand, welche auf jeder Seite eine andere Farbe hat. Doppelmaschen, s. Häkeln. Doppelnähte werden zur Verbindung zweier Stoffe angewendet, welche leicht ausfasern; die dazu gebräuchliche sogen, französische Doppelnaht entsteht, indem man die beiden Stoffteile mit den Schnittkanten aufeinander legt und einige Millimeter durch Vorstiche verbindet. Nach Vollendung dieser ersten Naht werden die Teile so gewandt, dass die beiden rechten Seiten der¬ selben nach innen liegen und die Schnittkanten zwischen zwei Stofflagen ein¬ geschlossen sind; hiernach wird die Naht durch eine zweite Vorstichreihe vollendet. Doppelperse, in Oesterreich eine Gattung mehrfarbiger, auf dunklem Grunde bunt gedruckter Zitze. Doppelsammet, eine Art Sammet, die entweder auf beiden Seiten Flor hat, so dass auf einer Seite z. B. blauer Sammet, auf der andern weisser oder andersfarbener zu sehen ist; oder auf einer Seite Sammet, auf der anderen Velpel; oder endlich auf einer Seite aufgeschnittener Sammet, auf der andern unaufgeschnittener ist: ATelours canneles u. s. w., s. Sammet. Doppelschlag, ein auf Strumpfstühlen gefertiges spitzenartiges Gewebe von feinem Baumwollengarn, das auf Spannrahmen fein appretiert ist. Wenn es nass wird, geht es aber in den Maschen wie ein Strumpf zusammen; s. a. Märkische Tuche. Doppelseitige Stickerei, s. Strich stich. Doppelstäbchen, heissen in der Häkelei Maschen, die durch zweimaliges Umlegen des Fadens um die Nadel gebildet werden. Doppelsteinlinnen, eine blau und weiss, rot und weiss, lila und weiss karrierte Leinwand, welche im Rheinland gewebt und hauptsächlich nach den Nordseehäfen zur Ausfuhr verkauft wird. Doppeltaffet oder Marcellin, glattes, ziemlich schweres Gewebe aus Seide in Leinwandbindung mit zweifädiger Kette und zwei- bis dreifädigem Schuss (s. auch Seidenwaren). Doppeltuch, ein zu dicken Winterkleidern benutztes tuchartiges Doppel¬ gewebe, dessen rechte (obere) Seite gewöhnlich feiner als die linke (untere) ist und dessen Muster meist in Rippen, Rauten, eine Art Moirierung, Wellen¬ linien u. s. w. besteht. Die linke Seite ist ziemlich stark geratiht, aber nur wenig geschert, um den Stoff' möglichst warmhaltend zu machen. Doppelzinnen, s. Zinnigenmuster. Dorchester, Hauptstadt in der engl. Grafschaft Dorset: Tuchfabriken. Dordrecht, Handelsstadt der niederl. Prov. Südholland: Leinen. Im Mittelalter die reichste und wichtigste Handelsstadt des Landes. Doreas, Drurias, Durias, eine Gattung ostindischer Musseline oder Nes¬ seltücher, welche ehedem durch die Engländer, Franzosen, Holländer und Dänen von der Küste Coromandel und aus Bengalen in grosser Menge nach Europa gebracht wurden, später aber durch englische, schweizer und sächsische
Dorelot—Doublieren, 158 Musseline (s. dort). verdrängt worden sind. Aehnlich sind diesen Zeugen Bethilles Dorelot, (franz.), Haarnetz der Frauen und Mädchen. Doreloterie (vom franz.: doreloter, verzärteln), allerlei Bandwaren und Fransen. Dorfcaffard, Bauerncaffard, oder wie man das Gewebe in Frankreich nennt, Caffard de village, ein grober Stoff, entweder ganz aus Wolle, oder aus Wolle und Leinen; er dient besonders zur Kleidung für Landleute. Dorlisheim, Dorf im Unterelsass: Woll- und Baumwollfärberei, Appre¬ turwerkstätten. Dörnach, Fabrikort bei Mühlhausen im Obereisass: bedeutende Baumwoll- und Wollspinnereien, sowie -Webereien, Packleinwandfabriken; Anferti¬ gung von Garnen. Eine wertvolle Sammlung älterer Gewebe, Stickereien, Spitzen und Posamenten besitzt die Firma Dollfuss Mieg u. Co. Dornbirn, Marktflecken in Oesterreich (Vorarlberg): bedeutende Baum¬ wollspinnereien und mechanische Webereien, Kattundruckereien. K. K. Sticke¬ reischule. Dorneck, Bezirk im Schweiz. Kanton Solothurn: Seidenweberei. Dornenkranz, Dornenkrone, (franz.: couronne d’epines; engl.: thorncrown), als Attribut Christi und vieler Heiligen. Dorniks, eine Art Taffetleinen aus schottischen Manufakturen, eine Nachahmung der zu Dornik in Holland verfertigten Tischtücher oder Damaste. Dorsal, (franz.: dorsal, dossier; engl.: dorsel, dosel; lat.: dorsale, dossale, dossile), Kückenteppich, das Rücklaken (s. d.); auch Rückenkissen, daher im Lateinischen gestickter Teppich. Dorser (engl.), Rückenkissen. Dorsetteens, gemischter englischer Stoff, dessen Kette aus Kammgarn, der Einschlag aus Seide besteht; er findet in Spanien, Portugal und Südamerika Absatz. Dorsten, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Münster: Garnbleichereien, Fabri¬ kation von Teppichen. Doruses hat im französischen Handel verschiedene Bedeutungen: reiche Stoffe, Spitzen, Points d’Espagoe, Bourdalones; Achselbänder oder Epauletten, Tressen, reiche Stickereien und dergl. Dourure fine ist die echte gold- und silberreiche Ware: Dourure fausse die unechte oder leonische. Dosia oder Mao-ma sind chinesische wollene gestrickte Strümpfe, ohne Fuss- und Wadenform. Dosinken, Dogens, werden in Hamburg, Lübeck und Bremen, die Kirseys und die sogen. Duzendlaken aus England genannt, womit wollene Tuch¬ stoffe gemeint sind. Döskin, Winterbukskin, ein mit Satinbindung und Streichwolle ge¬ webtes, tuchartiges Gewebe, welches im Aussehen zwischen Tuch und Satin steht. Dossal, franz. eine Art Mantel, welcher im frühen Mittelalter von den vornehmen Ständen getragen wurde. Double Atlas ist in England eine Sorte Papier zum Kupferdruck. Double meches (Reunion), s. Kammgarnspinnerei. Doublerie oder Doubles oeuvres, auch Linge ouvre heisst in Frankreich durch Modeldruck gemusterte Leinwand. Doublerium, (lat.) (franz.: doubliere); doppeltes Tischtuch. Doublestoff, s. v. m. Doppelgewebe (s. d.), besonders auch ein zu Da¬ menmänteln benutzter sehr dicker Wollstoff. Doublet, (franz.), (lat.: doubletus; engl.: doublet); ursprünglich aus dop¬ pelter Leinwand oder Baumwolle bestehender, von beiden Geschlechtern ge¬ tragener Ueberwurf oder Bluse. Im 16. Jahrh. scheint der Name übertragen zu sein auf eine eng anschliessende, bis auf die Hüften herabreichende .lacke mit oder ohne Aermel. Doublieren, (franz.) verdoppeln, aber auch im weiteren Sinne verviel¬ fachen, ein dem Zwirnen des Garns, namentlich der Seide, vorausgehendes
Doubliermaschiue—Drahtgewebe. 159 Verfahren, nach welchem so viele Fäden, als zusammengedreht werden sollen, zusammengeführt und parallel nebeneinander liegend auf eine gemeinsame Sp>ule gewunden werden; auch diejenige Operation der Spinnerei, durch welche eine Anzahl von Watten oder Bändern zu einem Ganzen verarbeitet werden (s. Spanien). Doubliermaschine, s. Spinnerei und Seide. Doublings (engl.), Unterfutter der Staatskleider. Doublure (franz), Futter, Unterfutter eines Kleidungsstückes; auch Be¬ zeichnung für Tapetenleinwaud. Doublure, ein weisser und grober Wollenstoff, der in Frankreich zur Kleidung der Truppen dient. Douillon (franz.), die geringste Sorte von Schafwolle: Ausschuss. Doullens, Hauptstadt des Arrond. D. im franz. Depart. Somme: Baum¬ wollspinnereien. Doupions, im franz. Handel die vierte und geringste Sorte der Seide von Alais, welche zu Cordeline oder sogen. Grenade verarbeitet wird. Dourdan, Hauptstadt im Arrond. Rambouillet des franz. Depart. Seineet-Oise: Baumwollspinnereien, Fabrikation von Strumpfwaren. Dousoutis, Dussutus, Doesootjes, eine der besten Sorten weisser ostin¬ discher Kattune, welche ehedem die Engländer in Mengen aus Ostindien brachten. Doutis, Dotis, Dutys, gewöhnlicher ostindischer Kattun, welcher früher häufig durch den englischen, französischen und holländischen Handel nach Europa kam. Douzaine (draps de) heissen in Frankreich die Halbtücher, Dover, Hauptstadt des County Strafford in Amerika: Fabrikation von Kaschmirs. Dowlas, werden in England die schwersten, dicht gewebten Sorten der Leinwand aus Deutschland genannt, welche früher in grossen Mengen aus der Lausitz und Schlesien nach England gingen, jetzt aber geringeren Absatz dort finden, weil die Ware in Irland gemacht und unter der Benennung Irish Linnen im Handel vorkommt. Die deutschen Dowlasstoffe entsprechen fast der nämlichen Güte wie die Creas (s. d.). In England und Nordamerika wird dieser deutsche Artikel noch in Loom Dowlas, den schwersten, in Sleeked Dowlas, den etwas leichteren und in Rough Dowlas, den gröbsten und stärk¬ sten Stoff dieser Art verwendet. Doxale oder doxallum (lat.), rotes Altartuch. Drache, (lat.: draco ; franz.: dragon; engl.: dragon) ; ursprünglich die geflügelte Riesenschlange: das Fabeltier fast aller alten Völker, dem auch die geflügelte Eidechse zu Grunde zu liegen scheint. Das Stoffmuster übernimmt den D. schon im frühen Mittelalter aus China, wo er zu den heiligen Tieren gezählt wird und mit 5 Krallen vom Kaiser und den ihm nächst stehenden Prinzen als Wappen geführt wird. Auch Japan (s. d.) übernimmt den D. als Kunstform und Wappentier, wo er als letzteres mit 3 Krallen dargestellt er¬ scheint. (Abbildungen s. unter Japan.) Draht, s. Drahtgewebe, Goldgespinste. Drahtgewebe, Metalltuch, Metallgewebe, ein mit wenigen Ausnahmen nur aus Eisen- und Messingdraht in Grössen 10 bis 30 und noch mehr Meter Länge und 220—1500 mm Breite hergestelltes, meist glattes, selten geköpertes Gewebe. Je nach dem Gebrauch ist das Material und das Gewebe verschieden. Die gewöhnlichste Webart ist die einfache Siebform, bei welcher die Kett¬ fäden nicht bloss dieselbe Stärke, sondern auch denselben Abstand von einander haben wie die Einschussfäden; hierzu gehören die Metallgewebe für die Papier¬ fabrikation mit Formdrähten (ä vergeure); die zweite Form zeigt die Kett¬ fäden stärker als die Schussfäden, sie stehen in gleichen Abständen von einander; die Schussfäden sind nach Art der Korhgeflecbte so eingeschlagen, dass die Fäden dicht aneinander liegen. Sie dienen zu den sogen. Waschscheiben. Die Herstellung erfolgt (bei Eisendraht in durch Ausglühen erweichtem Zu¬ stande) teils auf Stühlen, sogen. Siebmacherrahmen, die nur die Anfertigung
160 Drahtwebstuhl—Draps de Berry. von 2 m Länge nicht übersteigenden Stücken gestatten, teils auf solchen, mittelst deren man endlose Gewebe zu liefern imstande ist und die meist mit dem gewöhnlichen Leinweberstuhl Aehnlichkeit haben. Drahtwebstuhl, s. Drahtgewebe. Drama, Hauptstadt im türk. Wilajet Saloniki: Baumwollbau und-Spin¬ nerei. D. liegt an der Stelle des alten Drabeskos. Dramburg, Kreisstadt im preuss. Reg.-Bez. Köslin: Tuchfabrikation. Drammen, Seestadt in Norwegen: Baumwollspinnereien, Weberei; aus¬ gedehnter Handel mit England und Holland. Drap, Draperie, (franz.), im deutschen eigentlich Tuch oder Tuchwaren, im englischen cloth. In Frankreich nennt man im allgemeinen verschiedene schwere seidene und wollene Gewebe Draps, im engeren Sinne versteht man darunter aber auch Tuch und verschiedene Arten ähnlicher Zeuge. Dabei teilt man im Handel alle Wollengewebe in die grosse und in die petite draperie und sammetartige Zeuge: etoffes veluntees. Zur grossen Draperie rechnet der Franzose sowohl die draperie commune, als auch die draperie fine; die beiden letzten Arten werden nach ihren Fabrikation Sorten auseinandergehalten. Die petite draperie wird in Frankreich je nach der Verarbeitung des Materials in einfache (unie) und geköperte (croise) eingeteilt. Die Fniesorten bestehen in gröberen Kamelotten, Berkanen (wollenen und seidenen), in einfachen und anderen Ftaminen, und sogen. Damis aus verschiedenen Fabriken. Die ge¬ köperten Sorten bestehen in Sergen, Minorquen, Prünellen, Kalamanken, Tür¬ kisen, Merino, Thibet, Cassinet, Circassia u. s. w., aus den verschiedensten Fabriken. Drap Imperial, ein ganz feines ungeköpertes Halbtuch aus Aachen, Montjoie, Eupen, Verviers u. s. w. Drap Zephir, eine Gattung feines Damentuch, sowohl einfach, als auch geköpert; die geköperten Sorten sind eine stärkere Ware Kasemir; sie ähnelt dem Draps Cachemirs. Draps ampastelees heissen in Frankreich alle die wollenen Tuche, welche eine Grundfarbe mit Waid erhalten und dann erst mit Indigo gefärbt werden. Draps Cachemirs, ein feines Halbtuch zu Damenmänteln und Sommer¬ kleidern; dasselbe wird zuweilen geköpert gewebt und ist alsdann eine Art Doppel-Casimir. ^ Draps Oesar, ebenfalls feine Halbtuche. Draps chats heissen diejenigen französischen Tuche, bei welchen die Kette von weisser, der Einschuss aber von Wolle der braunen, schwarzen oder rötlichen Schafe genommen wird; sie können daher nicht anders als schwarz gefärbt werden. Draps croises heissen geköperte Tuche auf holländische Art, die zu Viviers und an mehreren Orten im ehemaligen Languedoc gefertigt werden. Ihr stärkster Verbrauch ist zu Truppenkleidungen, da der Artikel sehr dicht und dauerhaft. Draps croises double b roch es sind wollene Köpertuche, die besonders in der ehemaligen Dauphine gewebt werden. Draps d’Abbeville, Tuche aus Abbeville gehören sowohl ihrer Webart, als auch der dauerhaften Farbe und der Appretur wegen zu den besten fran¬ zösischen Fabrikaten ihrer Art; die Draps fins werden ganz aus spanischer Leonesawolle gewebt und mit einem blauen Sahlbande und vier Auroraläden bezeichnet; auch ist gewöhnlich der Name des Fabrikanten eingestickt. Draps d’A 11 i a n c e, eine früher gebräuchliche Sorte geflammter Tuche, welche in Frankreich und Deutschland gemacht wurden. Draps d’Amiens, feine Tuche aus den Manufakturen von A. Drap d’Andely, franz. Tuche und verwandte Zeuge, die in der Normandie gewebt werden; es sind teils sehr feine, aber auch Halbtuche, welche auf englische Art gefertigt und zugerichtet werden. Draps d’argent s. Brokatstoffe. Draps de baye oder boye nennen die Franzosen einen schwarzen fest¬ geschlagenen und dichtgewalkten Wollenstoff, welcher stark gerauht, nur wenig geschoren wird und wenig Fresse erhält, daher ein rauhes, langhaariges Aussehen hat und nur zu Trauerkleidern verbraucht wird. Draps de Berry oder Double broche sind geköperte, dicht geschlagene
Draps de Chateaux roux—Draps de Sedan. > 161 und festgewalkte Halbtuche oder auch eine Art Doppel-Casimir, von verschiedener Feinheit, welche vornehmlich zu Frauenüberröcken und Sommer¬ kleidern verbraucht werden. Draps de Chateau roux, auch Draps de chateau du Parc genannt, nach gleichnamiger Stadt benannt, sind wegen ihrer Güte und ihrer Dauerhaftig¬ keit sehr geschätzt, die feinste Sorte (du Parc) ist ganz aus spanischer Wolle und nach Art der Tuche von Sedan und Elbeuf gewebt. Draps de coton, ein brauner wollener Stoff aus Troyes. Draps de dames sind locker gewebte und leicht gewalkte Tuche aus feiner zweischuriger Wolle und feinem Gespinst, welches zur Kette fest und links gedreht, zum Einschlag aber locker und rechts gedreht, genommen wird. Früher wurde dieser Artikel nur in schwarzer Farbe zu Trauerkleidern ver¬ kauft. Drap d’Elbeuf, feine Wollentuche aus der Stadt gleichen Namens; sie werden aus drei Teilen spanischer, mit einem Teil Wolle aus Portugal, Roussillon und Berry vermischt, gewebt, auf holländische Art appretiert. Die meisten dieser Tuche werden in Frankreich selbst verbraucht. Drap d’Ete ist ein Stoff von weichem Garn, der in Gera gefertigt wird. Draps d’Evreux, aus den gleichnamigen Manufakturen, nach Art der von Louviers gewebt und appretiert, von welchen sie sich nur durch eine blaue Sahlieiste mit weissem Band unterscheiden. Draps de Gobelins nennt mau in Frankreich die feinsten Scharlachtuche, welche ehedem in den vornehmsten Tuchmauufakturen zu Sedan, Louviers, Abbeville, sowie in der Gobelinfabrik zu Paris aus ganz feiner spanischer Wolle gefertigt wurden und vor Zeiten in Menge nach England, Italien und Spanien gingen. Draps de gros bureau sind grobe schwarze, weisse oder graue französische Tuche, die zur Kleidung der Landleute gebraucht werden. Draps des hommes, eigentlich Drap pour homme, schwarze wollene Tuche, die den Draps de dames gleichen, aber gröber sind, und den Männern zur Trauerkleidung dienen. Draps de Juliemes nennt man alle Tuche und ähnliche Stoffe, die in den Gobelins zu Paris verfertigt werden. Draps de Languedoc. Die ehemalige Prov. L., welche jetzt die Departements Ardeche, Aude, Gard, Haute-Garonne, Lozere, Herault und Tarn ausmacht, hat sehr wichtige Wollenmanufakturen, von welchen besonders die Tuche einen sehr starken Absatz nach der Levante, nach der Berberei, nach Italien, Spanien, Westindien und Amerika haben. Die gangbarsten unterscheidet man durch folgende Namen: Mahouds, Londrines, Seizaines und Nimes, die sich durch Wolle, Breite und Aufmachung voneinander unterscheiden. Draps de Louviers, sehr feine französische Tuche aus L., welche denen von Abbeville gleichkommen und sich durch vorzügliche Güte, Dauerhaftigkeit und schöne Appretur auszeichnen; sie werden ganz aus spanischer SegoviaLeonesawolle gewebt und durchgängig in der Wolle gefärbt; jedes Stück ist auf beiden Enden mit dem Namen des Fabrikanten und der Stadt Louviers bezeichnet, welche dort vor der Walke des Tuches eingestickt werden. Die gelben Leisten der Sahibänder haben blaue Streifen; auf alles dieses, sowie auf den Bleistempel, welcher auf der einen Seite die Inschrift Bureau de Louviers, Manufacture reglee, auf der anderen Seite das Wappen enthält, und den ganzen Stücken angehängt wird, ist beim Einkauf genau zu achten, weil andere Fabrikanten die Louvierstuche nachmachen und den Namen Louviers und den eines bekannten Manufakturisten in schon gewalkte und appretierte Stücke sticken lassen. Drap monstre, engl. Hammercloth, besonders starke und dichtgewebte und gewalkte Tuche zum Ueberziehen der Fortepiano-Hämmerchen als Ersatz der Belederung. Aachener Tuchfabriken liefern dieselbe Ware. Draps de Montagne sind gemeine französische Tuche, die besonders um Limour gewebt und auf den Messen zu Beaucaire, Pezenas und Bourdeaux abgesetzt werden. Das meiste davon wird in verschiedenen Gegenden der ehemaligen Provence und nach Italien ausgeführt. Draps de Sedan, feine französische Tuche aus Sedan, in verschiedenen Sorten, jedoch alle aus feiner, spanischer Wolle auf holländische Art gearbeitet und appretiert. Die schwarzen Tuche von Sedan gehören, sowohl in Rücksicht aut die Farbe, als auf ihre Dauerhaftigkeit, zu den vollkommensten Geweben dieser Art; man verfährt aber auch beim Färben mit der grössten Vorsicht Heiden, Handwörterbuch der Textilkunde. 11
162 Draps de Silesie—Dreipass. und kein Stück darf verkauft werden, ehe es bei der Schauaustalt aufs ge¬ naueste untersucht ist; dies gilt auch z. T. von scharlachroten und blauen Tuchen, welche vormals, wie die schwarzen, häufig nach England gingen. In Schwarz, Scharlachrot und Königsblau hatten überhaupt vor der ersten Revolution die französischen Tuche einen entschiedenen Vorzug vor den eng¬ lischen und den deutschen, was lange aufgehört hat. Draps de Silesie sind französische Tuche, die den schlesischen nachgemacht werden. Abbeville, Rheims und umliegende Ortschaften liefern diese Ware. Drap de Soie; unter dieser allgemeinen Benennung begreift man meistens alle schweren, in der Regel geköperten Seidenzeuge und Armüren, welche zu Kleiderstoffen getragen und iu sehr grosser Mannigfaltigkeit gefertigt werden, wenngleich ihr Verbrauch durch wollene und baumwollene Stoffe sie ver¬ drängt haben. Die gewöhnlichsten dieser Draps de Soie sind Cote satinee, Royale, Serge de Rome, Croisee u. s. w.; auch hierin erscheinen fortwährend neue Artikel unter den willkürlichsten Benennungen, meistens in schwarzen Stoffen. Draps de Vire, eine Art geringer Tuche, die in Vire in der ehemaligen Nor¬ mandie gemacht werden. Draps de Wilton sind feine englische Tuche. Draps petits, petit Draperie s. Draps. Drapier-Wolle, im holländischen Handel die einschürige Schafwolle, welche zu Tuchen und ähnlichen Zeugen dient. Drappo, Drappi heissen in Italien die wollenen Tuche, welche zu San Severino, Pergola, Narni, Norcia, Fabriano u. s. w. gewebt werden. Drappi di seta sind in Italien allerlei seidene Zeuge. Drappi spolinati heissen daselbst broschierte seidene Stoffe mit echtem Gold und Silber durchschossen, bei welchen die Kette von Organsinseide, der Schuss von Trameseide gemacht wird; man macht sie vorzüglich zu Neapel, Venedig und Messina. Drap de faim, (franz.) Hungertuch, Fastentuch (s. d.); d. mortuaire (franz.), Leichentuch. Draperie (franz.), (engl.: drapery); eine Dekoration, s. Innendekoration. Drapieren, (franz.), mit Stoffen bekleiden, Gewänder künstlerisch in Falten legen. Draw-Boys, ein geköperter, fagonierter Wollenstoff, eine Sorte geblümter Lasting aus den Manufakturen von Yorkshire. Drebach, Dorf in Sachsen bei Chemnitz: Fabrikation von Spitzen und Strumpfwaren. Dreget, Sammetmesser oder Sammethaken, ein messerartiges Werkzeug zum Aufschneiden der Sammetmaschen zur Herstellung des geschnittenen oder gerissenen Sammets. Dreiband, Driband, s. Flachs. Dreibindig heisst ein Köpergewebe, wenn der Einschlagfaden unter zwei Kettenfäden hinweg und erst über den dritten hinwegläuft (s. Tafel XV und Artikel „Bindungen“). Dreichorig heisst ein gemusterter Stoff, dessen Muster durch drei ver¬ schiedene Figuren gebildet wird. Dreidraht nennt man in einigen Gegenden Deutschlands die geköperten flächsenen oder hänfenen Zwilliche, welche mit vier Schäften einfach, ohne Muster, gewebt werden. Dreikronentücher, heisst eine Sorte mittelfeiner, lockergewebter und leichtgewalkter Tuche, welche von den niederländischen, sächsischen und böh¬ mischen Tuchfabriken für den levantiner Handel, mit weiss und blauen Sahl¬ ieisten, meistens in hellen Farben verfertigt werden. Es ist eine Gattung dicker Mahouds, gewöhnlich aus zweischüriger Wolle, im Stücke gefärbt, auf dem Spiegel mit drei Kronen in Gold oder Seide gezeichnet, auf dem Blei¬ stempel gleichfalls drei Kronen führend. Dreipass, (franz.: tierce-feuille, rond-trefle; engl.: round trefoil, clover), im gothischen Stil drei um ein gleichseitiges Dreieck gelegte Dreiviertelkreise, die in einen grossen Kreis gestellt sind und dessen Halbmesser zum Durch¬ messer haben. Besteht die Figur aus vier Bogen und vier Ecken, so heisst sie Vierpass. Vergl. den Artikel Passfelder im Stoffmuster.
Dreischneuss—Droguet. 163 > Dreischneuss, eine gotische Rosette, die aus drei in einem Kreis neben¬ einander liegenden Fischblasen besteht. Dreissiger nennt man die wollenen Tuche, deren Kette aus hundertmal 30, oder überhaupt aus 3000 Fäden besteht. Drell, Drill, Drillich, Zwillich, (franz.: treillis; engl.: drill), hiessen ur¬ sprünglich alle gemusterten Leinengewebe, welche mit Trillen (ohne Zugstuhl und Jacquardmaschine) hergestellt wurden. Die Muster sind einfach und klein und durch Köperbin düng erzielt. Jetzt benutzt man die kleine Jacquardein¬ richtung, wodurch eine an Damast erinnernde Zeichnung ermöglicht wird. Der Unterschied von Drillich und Zwillich besteht darin, dass ersterer nur glatten, fortlaufenden, vierschäftigen Köper ohne Muster hat, letzterer gemus¬ tert und mit soviel Schäften gewebt ist, als die Grösse der Muster erfordert. Die D. werden aus Leinen, oder aus Leinen und Hanf, jetzt am meisten aus Leinen und Baumwolle gemacht und kommen in verschiedenem Zustande in den Handel, sind entweder roh oder weiss gebleicht, durch Hinzunahme far¬ bigen Garns gestreift, quadrilliert, meliert u. s. w. Im allgemeinen ist D. ein dreibindiger Köper, auf dessen rechter Seite zwei Drittel der besonders fadenreichen Kette sichtbar sind. Man unterscheidet Sackdrillich, ein grober ungebleichter, drei- oder vierbindiger Köper; Bettdrillich, gebleicht oder ungebleicht, bald in der Art des fünfschäftigen Atlasses gewebt (Atlas-D.), bald mit Köperstreifen; Tischdrell, verschiedenartig geköpei't oder atlasartig gewebt; Schachung mit schachbrettförmigen Mustern, sogen. Steinmustern; Handtuch drell, meist mit Steinmustern in vierbindigem Köper (Zwillich¬ grund) oder fünfschäftigem Atlas, auch gestreift oder mit allerlei kleinen Mustern. Ausserdem nennt man D. auf zahlreiche Arten in der Kette Baum¬ wolle, im Einschlag aus Leinengarn bestehender oder auch ganz baumwollener Zeuge, die statt leinenem D. zu Tafelzeug, Bettzeugen u. s. w. Verwendung finden. Während früher die Fabrikation von Drell einen besonderen Zweig des Webereihandwerks bildete, wird sie gegenwärtig fast nur noch im Grossen, mit Hilfe von Maschinen ausgeführt. Dresden. Das Königl. Kunstgewerbemuseum, gegründet 1875 (Direktor: Geh. Hofrat Prof. C. Graff; Vorst.: Prof. Dr. Berling), enthält eine be¬ deutende Sammlung von Geweben, Stickereien, Spitzen und Teppichen aller Zeiten und Völker. Die hiermit in Verbindung stehende Königl. Kunstgewerbe¬ schule (Direktion wie vorher) legt besonderes Gewicht darauf, Musterzeichner für die Textilkunstindustrie auszubilden. (Semester 30 M., Ausländer 45 M.) Dressingmaschine, eine Art Kämmmaschine zur Zubereitung von Florett¬ seide; in der Tuchfabrikation Bürstmaschine zum Aufstellen der Fasern vor dem Scheren. Drieband, s. Flachs. Driesen, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Frankfurt in der Neumark: Tuchund Leinwandfabrikation. Driffield, Ort in der engl. Grafschaft York: Fabrikation von Baumwollund Seidenwaren. Drill, s. v. w. Drell (s. d.). Drillich, s. v. w. Drell (s. d.). Drogheda, Stadt in den irischen Grafschaften South und Meath: Flachs¬ spinnereien, eine grosse Baumwollfabrik. Droghetto, in Italien der Rasch und Halbrasch, welcher aus Deutsch¬ land, besonders aus Schlesien, dem Glazischen und aus Mähren bezogen wird. Droguet ist der allgemeine Name mehrerer Gattungen gemusterter oder figurierter Stoffe, welche teils ganz aus Seide, oder halb aus Seide und halb aus Baumwolle, teils ganz aus Schafwolle, oder von Leinen, von Baumwolle und Schafwolle, geköpert und leinwandartig in Frankreich, England, Holland, Deutschland und in der Schweiz, in grosser Menge und Verschiedenheit ge¬ fertigt werden. Demnach ist D. ein unendlich weitschichtiger Begriff, unter den sich eine grosse Menge von Stoffen, z. B. die ganze Fülle der gemischten Zeuge einordnen lassen.
164 Dromore—Düffel. Dromore, Stadt in der irischen Grafschaft Down: Fabrikation von Leinen und gestickten Musselinen. Drosin, ein holländischer Burat, im Volksmunde einiger Gegenden auch Klütjenstoff genannt, welcher häufig von den Mennoniten getragen wird. Die Blankeneser unterhalb Hamburgs nennen es AViederschall, d. i. Wiederschein. Der bunte D. heisst holländisch Monk. Drosselstuhl ist in der Spinnerei eine Watermaschine, (Feinspinnmaschine). Drossen, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Frankfurt: Wollspinnerei und Tuch¬ fabrikation. Drouero, Stadt in der ital. Prov. Cuneo: Seidenbau, Leinenweberei. Droylsden, Stadt in der engl. Grafschaft Lancashire: Kattunweberei, Baumwollspinnerei und Färberei. Druckblau, Handelsbezeichnung für einige Induline, d. s. Farben für Zeugdruck. Drucken, s. Zeugdruck. Druckleinwand, leicht und locker gewebte Leinenzeuge für den Druck bestimmt, die auch unter dem Namen Druckschleier in den Handel kommen. Im allgemeinen jede Leinwand, die kattunartig mit bunten Farben auf dunkel¬ blauem Grunde gedruckt werden soll. Sie wird in allen Gegenden Deutsch¬ lands gefertigt und auch gedruckt. Druckstoffe, s. Zeugdruck. Druckwalke, auch Kurbelwalke, jene Art der in der Tuchfabrikation zum Verfilzen des Loden verwendeten, Walken genannten Vorrichtungen, bei welchem die Bewegung von einer Kurbel ausgeht und daher ein Druck anstatt eines Stosses ausgeübt wird. Dschabalpur, Hauptstadt des Distrikts D. im indobrit. Reich: bedeu¬ tende Baumwoll- und Teppichwebereien. Dschaipur, Hauptstadt des Fürstentums D. im indobrit. Reich: Mus¬ selin- und Kattunfabrikation. Dschanemaz, persischer Name für den Gebetteppich (s. d.). Dschedim, gewöhnlicher Ivilim; er besteht aus schmalen, gewirkten Streifen, die zusammengenäht sind. Dschouschegan, Ort, welcher südwestlich von Kaschau in Kleinasien gelegen ist, in welchem ehemals Knüpfteppiche erzeugt wurden, welche den besten aus Teheran ähneln (s. d.). Sie stammen aus dem Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrh. Ende der 40er Jahre des vorigen Jahrhunderts ist D. zu Grunde gerichtet. Dschubbe (arab.), das aus Tuch oder Wollstoff angefertigte Obergewand des orientalischen Mannes. Es wird vorn offen getragen, hat enge, nicht ganz an das Handgelenk reichende Aermel, aus dem die Aermel des Unterkleides Entari (s. d.) hervorragen, und reicht bis zu den Knöcheln herab. In Syrien ist D. heute ein bis auf dieFüsse herabreichender europäischer Mantel mit weiten Aermeln. Dschujnabe werden in Zentralasien Knüpfteppiche aus Turkmenen genannt. Dschut, s. v. w. Jute (s. d.). Dubliertes Garn, s. Zwirn. Dublin, Hauptstadt von Irland: Leinenindustrie. Duchessespitzen, viel in den Niederlanden, besonders in Brügge hergestellte Spitzen, deren Figuren einzeln geklöppelt, dann mittels picots¬ geschmückten brides zusammengesetzt sind und deren Grund stellenweise mit der Nadel ausgearbeitet (s. Spitzen). Duck (engl.), s. Segeltuch. Duderstadt, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Hildesheim: Fabrikation von Flanell, Woll- und Baumwollstoffen. Düffel, Tüffel (Sibisieune), ein dicker, langhaariger und ungeschorener Wollenstoff, eigentlich eine gewöhnliche Sorte Kalmuck, von welchem er sich nur durch etwas kürzere Haare unterscheidet; derselbe wird tuchartig glatt, wie auch geköpert gewebt und erhält durch eine besondere Appretur eine glänzende Oberfläche. Der Stoff wird in England und Deutschland gefertigt.
Duisburg—Durchzug. 165 / Duisburg, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Düsseldorf: Baumwollspinnereien und Webereien, Gazestofffabrikation, Färbereien. Dukinfield, Stadt in der engl. Grafschaft Chester: Baumwollspinnereien. Dukla, Stadt in Galizien: Tuch- und Leinwandfabrikation. Dulbend (pers.) oder Tülbend, Tüllbund, der Turbanbund, ein Streifen baumwollnen oder seidenen Zeuges, das im Orient um die tassenförmige filzene Kopfbedeckung, die Kappe (Kank) der Männer gewunden, dieser die Turban¬ gestalt gibt. Die Dulbendmacher (Dulbendschian) stehen unter dem Patronate des Propheten, welcher vor seiner Verheiratung in Syrien mit D. handelte. Grösse und Farbe des D. bezeichnen den Unterschied der Stände, doch kommt derselbe nach Einführung des Fes (s. d.) immer mehr ab. Dülken, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Düsseldorf: Fabrikation von Seidenund Sammetwaren, Plüsch, Zwirn und Leinenwaren; Flachsspinnereien, Baum¬ wollspinnereien, Färbereien und Appreturen. Dülmen, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Münster in Westfalen: Leinwand¬ fabriken, Färbereien. Dumbarton, Hauptstadt der schottischen Grafschaft D.: Kattundruckereien, Bleichen. Dumfries, Hauptstadt der schottischen Grafschaft D.: Woll- und Strumpf¬ warenfabrikation. Dundee, Stadt in der schottischen Grafschaft Forfar: Hauptsitz der Leinenindustrie und des Leinwandhandels von Grossbritannien. Es beschäftigt in seinen Leinwand-, Drillich-, Segeltuch-, Beuteltuch- und Sacktuchfabriken gegen 25000, in der Juteweberei über 20000 Arbeiter, hat Seilereien und Strumpffabriken. Dündtelmaschine, sie stellt durch Uebereinanderflechten einzelner ge¬ drehter einfacher Garne Schnüre her im Gegensatz zu der gewöhnlichen Bildung eines Fadens oder einer Schnur durch Drehen eines parallel gelegten Fasern¬ bündels um seine gemeinschaftliche Achse. Sie dient zur Herstellung von Schnüren für den Antrieb der Spindeln an Spindelmaschinen. Dungannon, Stadt in der irischen Grafschaft Tyrone: Fabrikation von Musseline und Leinen; Flachshandel. Dünkirchen, (Dunkerque), Seestadt im franz. Dep. Nord: erzeugte im An¬ fänge des 18. Jahrh. geklöppelte Spitzen, die in Paris unter dem Namen Malines Absatz fanden. Dunkles Zeug, die Jagdtücher im Gegensatz zu den Netzen, dem lichten Zeug. Dünnstoff, Dünntuch, ist die allgemeine Bezeichnung für weitläufig ge¬ webte und daher durchsichtige gazeartige Stoffe aus ungekochter, halbgekochter oder gekochter Seide; dieselben können glatt, broschiert, fassonniert oder mit spitzenartigem Dessin sein. Sie haben ihren Ursprung im Orient. Dunstable, Stadt in der engl. Grafschaft Bedford: Spitzenfabrikation. Dunsters sind englische wollene Tuche aus Sommertshire. Duplieren, s. Doublieren. Dupliermaschine, s. Spinnerei. Durances, englische wollene Zeuge von verschiedener Farbe, die beson¬ ders nach Spanien ausgeführt werden. Durant wird in einigen Gegenden der Kalmank (s. d.) genannt. Durantini, in Italien die Cadiszeuge, welche daselbst häufig aus Frank¬ reich eingeführt und verbraucht werden. Durchbrucharbeit (franz.: ä jour; engl.: cage-work; lat.: diacoptus, durch¬ brochen gearbeitet, unterschnitten), sie entsteht im gewebten Stoff durch Aus¬ ziehen, Ausschneiden und Umsticken von Fäden; ihre künstlerische Nutzbar¬ machung geht vom frühesten Altertum mit der Weiss- und Leinenstickerei (s. d.) zusammen, daher ist sie als Vorläufer der Spitzennäherei anzusehen: point coupe (s. a. Hohlsaum). Durchschuss, s. v. w. Einschlag. Durchzug, s. v. w.. Flachsstreckmaschine.
166 Durham—Echarpes. Durham, Haupstadt der engl. Grafschaft D.: Fabrikation von Teppichen. Dürois (franz.), Bezeichnung eines glatten Stoffes von hartem Kamm¬ garn, eine Art Tamis, dicht geschlagen und geglänzt, der früher in Amiens ge¬ fertigt, viel nach Spanien ging, wo er zu Sommermänteln verwendet wurde. Dursley, Ort in der engl. Grafschaft Gloucester: Wollindustrie und Tuchfabrikation. Durujeh, Duruje (persisch) = zweigesichtig, werden in Persien die nach Art der Kilims doppelseitig gemusterten Teppiche genannt. Dushawalla wird in Ostindien der oberste Shawlarbeiter genannt. Düsseldorf, Hauptstadt des gleichnamigen preuss. Beg.-Bez.: Das Kunst¬ gewerbemuseum, gegründet 1882, vom Zentral-Gewerbeverein erhalten (Dir.: Heinrich Frauherger) enthält eine bedeutende Stoffsammlung, worin sich wertvolle Gewebe des frühen Mittelalters befinden. Auch sind die folgenden Perioden, sowie Stickereien, Spitzen und Teppiche aller Zeiten reichlich ver¬ treten. Die Sammlung ist grösstenteils durch den verstorbenen Kaplan Dr. Franz Bock zusammengebracht. Dutsch-Blankets, s. Bettdecken. Duxer Strümpfe, feine wollene Strümpfe von zwei-, drei-, vier- und mehrdrähtigem Garn aus einschüriger Wolle, dicht gewalkt, meist geschwefelt oder blau gefärbt, gut geschoren, welche die Meisterschaften zu Dux, Ober¬ leutersdorf, Töpplitz, Grauppen und an mehreren in diesem Teile Böhmens liegenden Ortschaften verfertigen. Vorzüglich schätzt man die aus Dux selbst, weil sie sehr fein sind und den englischen Strümpfen nichts nachgehen. Dybäg, s. Dibadsch. E. East-London, Hauptort in der östlichen Provinz der Kapkolonie: der zweitgrösste Weltausfuhrplatz derselben. Eau Claire, Hauptstadt im nordwestlichen Teile des nordamerikanischen Staates Wisconsin: Fabrikation von Leinen- und Baumwollwaren. Ebersbach, 1. Dorf in Württemberg: Baumwollweberei und Spinnerei, Tuchfabrik. 2. Dorf in Sachsen: bedeutende Baumwollwarenfabrikation (über 1200 mechanische Stühle in mehreren Betrieben, 450 Handwebstühle im Orte und 800 ausserhalb); Appreturanstalten. Ebingen, Stadt in Württemberg: Fabrikation von Baumwollsammet und Trikotwaren. Eboutage (franz.), eine Bezeichnung, die im Anfang des 18. Jahrh. für das Ausbessern der Nadelspitze üblich war. Ebuat, Dorf im Schweiz. Kanton St. Gallen: Baumwollwebereien (nament¬ lich Taschen- und Kattuntücher), Färbereien und Stickereien. Ecailles (franz. = geschuppt), bezeichnet in Brüsseler Spitzen des 18. Jahrh. eine Füllform des Grundes in Art des Schuppenmusters, wonach dieselben s. Z. genannt wurden. Ecce homo, Darstellung Christi mit der Dornenkrone. E. h. sind die Worte, die Pilatus dem Volke zuruft, als er ihm Jesus mit der Dornenkrone zeigt. Ev. Job. 19, 5. Häufig auf kirchlichen Stickereien dargestellt. Eccles, Stadt in der engl. Grafschaft Lancashire: Baumwollindustrie. Echantillon (franz.), Stoffmusterabschnitt. Echarpes (franz.), kleine Shawls oder Schärpen, welche in Seide, halbseiden; Baumwolle, Wolle, einfarbig oder mit eingewirkten und aufgedruckten Mustern und Kanten getragen werden; ähnlich sind die englischen wollnen Scarfs (s. d.).
Ecija—Eichenseide. 167 Ecija, Stadt in der span. Provinz Sevilla in Andalusien: Tuch-, Flanell-, Leinen-, Schleier- und Seidenwebereien. Ecrues (franz.), ältere Bezeichnung für Blonden (s. d.). Ecruseide, ist Seide in unentbastetem rohen Zustande, sei es als Grege, Trame, Cordonnets u. s. w. Edgings (engl.), sind auf Bobbinnetmaschinen gearbeitete schmale Ansatz¬ spitzen. Edredon, Gewebe aus feinem Streichgarn in dreibindigem Köper, dessen Schuss stärker als die Kette ist. Eecloo, Stadt in der belg. Provinz Ostflandern: Spitzenfabriken, Flachs¬ und Wollspinnereien. Effekt, Wirkung, in der Stoffmusterung ein Ausdruck für besonders durch Technik, Musterung oder Farbe erzeugte Schönheitswerte. Effektzwirn, s. Zwirn (s. a. Brillantgarn). Effilure (franz.), die Ausfaserung des Bandes eines gewebten Stoffes. Egalisierungstuch, in Oesterreich-Ungarn das zur Unterscheidung der Begimenter für Kragen, Aufschläge u. s. w. in 28 Farben verwendete Tuch. Eger, Stadt in Böhmen: bedeutende Fabrikation von Woll-, Baumwollund sonstigen Webwaren. Egrenieren heisst die Beinigung des Samenhaares der Fruchtkapseln von Baumwollpflanzen, welches an Ort und Stelle der Gewinnung durch Ma¬ schinen (Mühlen oder Egreniermaschinen: Cotton gin, saw gin) geschieht. Die Hauptteile solcher E.-Maschine sind ein mit Sägeblättern besetzter liegender Zylinder und ein Kasten, vorn mit eisernem Bost, zwischen dessen Stäbe die Blätter greifen, die Baumwolle abstreichen und sie dann an einem Bürsten¬ zylinder wieder abstreifen. Jede amerikanische Baumwolle ausser Sea Island wird auf der sam gin egreniert. Allein da die Baumwolle, wenn sie nicht gleich der Beinigung unterworfen wird, bald anfängt zu trocknen und dann fest zusammenhängend, sich schwer von dem Samen trennt, so bleiben ungeachtet der E.-Maschine immer noch viel Samenkörner zurück, welche nachher durch Schlagen der Baumwolle auf Matten entfernt werden. Egyptienne, veralteter französischer Stoff, mit Grosdetoursgrund und schmalen Atlasstreifen. Man gibt diesen Namen auch einem Zeuge, welches aus Wolle, Florettseide und Kamelhaar gewebt ist. Ehewappen, s. Heiratswappen. Ehewerken-Tuch hiess früher in Schwaben eine Art Hausmacherleinen. Ehingen, Amtsstadt in Württemberg: Bleicherei; Musselinstickerei. Ehrenfriedersdorf, Stadt in Sachsen: Fabrikation von Spitzen, Posa¬ menten und Strumpfwaren. Eibau, Dorf in Sachsen: mechanische Webereien, Färbereien und Druckereien; Appreturanstalten. Eibenstock, Stadt in Sachsen: Seiden-, Tüll- und Mullstickerei mittels der Stickmaschinen, sowie Spitzenfabrikation mittels der Näh- und Tambouriernadel. Letztere wurde 1775 durch Klara Angermann aus Thorn hier eingeführt. Zweiganstalt der Königl. sächs. Industrieschule zu Plauen i. V. Eichenseide ist das Produkt einer unter dem Namen Antheraea Pernyi bekannten Seidenraupe und kommt aus jenem Teile Nordchinas, von welchem Tschifu (Chefoo) die südöstlichste Grenze bildet. Die Eichenseide, auch chine¬ sische Tussahseide genannt, besonders in der Provinz Shantung in grossen Mengen gewonnen, wird zum Teil ausgeführt, teils zur Anfertigung der „pongee“-Gewebe verwendet. In Chefoo besteht ein nach europäischer Art eingerichteter Betrieb zum Haspeln und Zwirnen der für den Export be¬ stimmten Eichenseide. Shantung stellt jährlich 481280 kg mulinierter Eichen¬ seide her und gewinnt im ganzen etwa 601000 kg. Ihrer Herkunft entsprechend werden verschiedene Arten von E. unterschieden. In Japan wird die Eichen¬ seide von der Antheraea Yamamay (s. d.) erzeugt. In Europa wurden früher zahlreiche Versuche angestellt, den chinesischen Eichenspinner einzuführen, so u. a. in Italien (A. Fantoni) Frankreich, Spanien, Belgien, Oesterreich-Ungarn
Eichenzweigwerk—Einhorn. 168 und Deutschland. In Reichenbach (Schlesien) wurden in letzterer Zeit auf 40 Morgen Eichenschälwald einige Jahre hindurch sowohl chinesische wie japanische Eichenspinner gezüchtet, welche Gespinste von grosser Weichheit und Gleichmässigkeit lieferten. (Vgl. Silbermann, die Seide; Dresden 1897, Bd. I, 303 ff.) Eichenzweigwerk mit Eicheln kommt in italienischen Stoffmustern des 17. Jahrh. häufig vor (s. Streumuster); das Motiv findet auch Aufnahme im Bereiche der Leinenstickerei (s. d.) und in Filetarbeiten der Renaissance (vgl. Abb. 59) wo es in strenger Stilisierung zum Ausdruck gebracht ist. Abbildung: 59. Originalaufnahme aus dem Königl. Landesgewerbemuseum in Stuttgart: Borte, Durchzugarbeit in farbiger Seide auf Filetgrund: Darstellung von streng stilisierten Eichenzweigen mit Blättern und Früchten. Italien Ende 16. Jahrh. Abb. 59. Eiderdaunenstoffe. Wirkwaren, ganz weich appretierte Flanelle; auch allgemeine Bezeichnung für leinenes Inletzeug. Eierstab (franz.: goudron ä oves, fusarolle; engl.: eggmoulding), auch Eier¬ leiste, ist eine Bezeichnung der jonischen Blattwelle, die ihre Veranlassung nur in der zufälligen Aehnlichkeit des Hauptblattes mit einem Ei hat; ein solches ist keineswegs als das ursprüngliche Vorbild dieser Kunstform anzusehen. In der griechischen Kunst wird der E. gewöhnlich plastisch ausgeführt; er macht sich aber in den späteren Zeiten der Renaissance und des französischen Klassizismus im 18. Jahrh. mit der Aufnahme antiker Elemente auch als Flachmuster in Begleitboi'ten bemerkbar, die bestimmt sind, nach aussen hin kräftig zu wirken. (Vgl. die untere Borte in Abb. 5.) Eilenburg, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Merseburg: Fabrikation von Tuch, Kattun, Pique- und Webösen. Einbadfärberei, Färben von Textilfasern oder Textilerzeugnissen durch Eintauchen in die fertige Farbenflotte. Einbinden, in der Weberei die Kettenfäden durch die Schussfäden binden. Eindhoven, Stadt in der nieder!. Provinz Nordbrabant: Leinwand-, Damast-, Tuch-, Flanell- und Spitzenfabriken; reger Handel nach Belgien. Eingekämmte Ware ist Kulierwirkware, in welche eine Faserschicht als Futterdecke eingewirkt worden ist. Einhorn (griech.: monokeros; lat.: unicornus; franz.: licorne; engl.: unicorn), ein fabelhaftes, wildes, unbändiges Tier von Pferdegestalt, welches auf der Mitte der Stirn ein gerades, spitzes, gewundenes Horn als mächtige und gefährliche Waffe trägt. Der Glaube an das Vorhandensein eines solchen Tieres war schon im Altertum sehr verbreitet, wo es besonders in Indien und Persien Gegenstand symbolischer Darstellung gewesen und wohl auch mit dem auf frühmittelalterlichen Geumben vorkommenden chinesischen Khilin (s. d.)
Einhubmaschine—Einkrimpen. 169 verwandt ist. Von den Christen wurde das Einhorn als Bild der Reinheit, Keuschheit und Stärke beibehalten, weil man glaubte, das gewaltige, unbezähm¬ bare Tier (Hiob 39, 9 ff.) lasse sich von keinem Jäger einfangen; wenn es aber eine Jungfrau sehe, so lege es sich ruhig in deren Schoss und schlafe ein; so sei auch die göttliche Allmacht im Schoss einer Jungfrau Mensch geworden. In dieser Vorstellung erscheint daher das E. noch auf kirchlichen Stoffen, Wand¬ teppichen und Stickereien bis zum Ende des 15. Jahrh. in Einzeldarstellungen mit der Jungfrau Maria oder dem Erzengel Gabriel; daneben aber kommt die christliche Anschauung in der Szene der Einhornsjagd auf Antependien u. s. w. in breiterer Form zur Geltung. (ATgl. Abb. 60.) Abb. GO. Abbildung: 60. Darstellung nach einer Photographie (im Kunsthandel): Teil aus einem Wandteppich, Gobelinarbeit in farbiger Wolle, darauf Darstellung der heil. Jungfrau mit dem Einhorn. Original in den Königl. Sammlungen zu Madrid. Flandern Ende 15. Jahrh. Einhubmaschine, Schaftmaschine, bei welcher das Messer pro Schuss einen vollen Hin- und Hergang macht. Einkrimpen, Einkrumpen, Einkrumpfen, auch Krimpen, Krimpfen, Krumpfen, jene Eigenschaft der aus Wolle hergestellten Gewebe, zufolge welcher
170 Einlängenstuhl—Eisengarn. dieselben beim TJebergange aus dem feuchten in den trockenen Zustand an Dimension verlieren, schrumpfen, einschrumpfen (s. Tuchfabrikation). Einlängenstuhl ist ein Wirkstuhl von solcher Breite, dass nur ein Waren¬ stück, z. B. eine Strumpflänge, auf ihm gearbeitet werden kann. Einlegstäbchen, s. Weberei. Einmennic, im deutschen Mittelalter das von einem Manne gewebte Tuch; bei grösserer Breite hiess es Zweimennic, weil zwei Männer am Web¬ stuhl beschäftigt waren. Einnädlig wird diejenige Kulierwirkmaschine genannt, welche nur fallende Platinen enthält, also beim Kulieren Schleifen über je eine Nadel bildet. Einpassierung, s. v. w. Einzug. Einschiessen, in der Weberei den Schussfaden zwischen den Kettfäden hindurchführen: daher Einschluss, Einschlag oder Schuss eines Gewebes. Einschlagapparat, s. Kammgarnspinnerei. Einschlägige Leinwand nennt man eine nicht dichte Leinwand, bei welcher der Weber im Weben nur einen Schlag mit der Lade tut zum Unter¬ schied der zweischlägigen Leinwand. Einschlagseide, s. Zwirn. Einschliessen, s. Wirkerei. Einschürige Wolle ist Wolle von Schafen, die nur einmal im Jahre (um Pfingsten) geschoren werden. Einschuss, s. v. w. Einschlag oder Kette in der Weberei. Einschüttstoffe, s. Federleinen. Einspänen, diejenige beim Pressen des Tuches zur Anwendung gebrachte Arbeit, durch welche zwischen je zwei Lagen des zusammengefalteten, zum Pressen bestimmten Gewebstückes eine sehr glatte Pappetafel, der sog. Press¬ span, eingelegt wird. Einspänmaschine, eine in der Tuchfabrikation angewendete Maschine, welche das sogen. Einspänen, das bisher grösstenteils noch der Handarbeit über¬ lassen ist, durch mechanische Kraft bewirkt. Einsprengmaschine zum oberfiächlichen oder gründlichen Benetzen des Gewebstückes: wird für einen gewissen Zeugdruckprozess angewendet, insbe¬ sondere für die verschiedensten Handdruckartikel und für das Bedrucken der Wolle auf der Maschine; desgleichen zur Entwickelung der Eigenschaften der Appretur leinener und baumwollener Waren durch Zylinder, Kalander, Gau¬ frieren u. s. w. Eintrag, s. V. w. Schuss eines Gewebes. Einwalken (Einlaufen), in der Tuchfabrikation diejenige Erscheinung, welche sich beim Verfilzen der Gewebe (Walken) durch eine Abnahme der Breiten- und Längendimension zu erkennen gibt und welche gleichzeitig als Mass dieser Arbeit verwendet wird. Einziehmesser, s. Weberei. Einziehwalze, s. Spinnerei. Einzug, in der Weberei das Verfahren, die einzelnen Kettfäden in die Augen der Geschirrlitzen nach einer bestimmten, für die verschiedenen Ge¬ webebindungen aber verschiedener Ordnung einzufädeln, einzuziehen. Eipel, Stadt in Böhmen: zahlreiche Leinenwarenfabriken, grosse Flachsgarn- und Jutespinnerei, Zwirnfabrik mit Färberei und mechanische Webereien. Eisenberg, Stadt des Herzogtums Sachsen-Altenburg: Fabrikation von Wollzeugen und Plüschwaren. Eisenbrod, Stadt in Böhmen: in ihrer Umgebung grosse Baumwollspinnereien. Eisenfilz, aus Wild wolle hergestellter Filz, mit hydraulischen Pressen zusammengedrückt, imprägniert mit Stearin, Paraffin und mit Chlorleim be¬ handelt. Er dient als Schalldämpfer bei Maschinen, zur Isolierung und als stark abschwächende Unterlagen. Eisengarn, einfaches oder gezwirntes, durch ein Appreturverfahren, das sogen. Lüstrieren (s. Garn), mit hohem Glanz versehenes Baumwollgarn von
Eisfeld—Elemente. 171 grosser Festigkeit des Fadens. Es kommt sowohl gebleicht als verschieden ge¬ färbt in Strähnen, auf Spulen oder auf Pappkästchen gewickelt, in den Handel, und zum Nähen, aber auch in der AVeberei, am häufigsten als Kette, verwendet. Eisfeld, Stadt im Herzogtum Sachsen-Meiningen: AVoll- und Baumwoll¬ weberei; Flanell- und Tuchfabrikation. Eiswolle, Bezeichnung für eine zu Strick- und Häkelarbeiten verwendete Art engl. Wolle von langem, glänzendem Faden, ähnlich dem Mohairgarn. Eitorf, Dorf im preuss. Reg.-Bez. Köln: Alizarinfabrik, Tiirkisckrotfärberei. Kammgarnspinnerei und Weberei. Eklipsmaschine, Baumwollspinnmaschine, bei der den Faserbündeln eine später verschwindende Drehung erteilt wird. Elastiks, (franz.: elastiques ; engl.: elastics) ; auch K aut s ch u kg e web e genannt, sind leinene, baumwollene, wollene oder seidene Gewebe, die entweder in Kette und Einschlag oder meist nur in der Kette Kautschukfäden enthalten und besonders zu Strumpfbändern, Einsätzen in Halbstiefel, Tragbändern (Hosenträgern) u. s. w. verwendet werden. Elastique ist auch die franzö¬ sische Bezeichnung von geköperten Rock- und Hosenstoffen aus sehr dehn¬ baren Streichwollzeugen. Elatsches, leicht gewürfelte, ostindische Zeuge, reine Baumwolle und Seide, welche vormals durch die Franzosen aus Pontichery nach Europa gebracht wurden. El Baida oder la Casa blanca, Erzeugungsort der gewirkten marokka¬ nischen Teppiche: Hambel (s. Marokko). Elberfeld, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Düsseldorf, mit Barmen (s. d.) bezüglich ihrer Industrie auf textilem Gebiete in Deutschland unerreicht. Baumwollene Zeuge wurden hier zuerst im Anfänge des 18. Jahrhunderts gefertigt; die Seidenfabrikation begann durch Einflüsse französischer Einwanderer im Jahre 1760, die Türkischrotfärberei 1784; die Man¬ schesterweberei 1807; die Kattundruckerei 1826. Jetzt ist E. der Hauptsitz von Baumwoll-, Woll-, Seiden-, und aus diesen Stoffen gemischten Waren: glatte seidene und halbseidene Gewebe und Fagonnes für Möbel, wol¬ lene und halbwollene Kleiderstoffe, Zanella und halbwollene Konfektionsstoffe und aller zum Besatz bestimmten Knopfartikel; ferner der Kattundruckereien und ihrer den Wollmarkt beherrschenden Erzeugnisse, der hoch entwickelten Webe¬ reien, Wirkereien, Spinnereien, der Möbelstofffabriken, Färbereien, Appretur¬ anstalten. E. ist Sitz der 3. Sektion der Rheinisch-Westfälischen TextilBerufsgenossenschaft. Elberfelder Leinwand werden im allgemeinen alle die im Wuppertal angefertigten Leinenzeuge genannt, welche von Elberfeld nach allen Gegenden versandt werden. Elbeuf, Hauptstadt im Arrond. Rouen des franz. Depart. Seine-Inferieure: verdankt ihre Bedeutung der seit Alters her dort gepflegten Tuchindustrie. Heut bestehen noch Fabriken in Tuch mit 91 Dampfmaschinen von 1000 Pferdestärken, 17 Färbereien und 9 Wollspinnereien, welche jährlich für 40 bis 50 Mill. Frcs. Wolle verarbeiten, Manufakturen von gewürfelten Shawls und von verschiedenen Modeartikeln. E. erzeugt das gebräuchlichste Streich¬ garn. Die gesamte Industrie des Ortes liefert jährlich für 80—90 Mill. Frcs. Electra, moderne Kleiderstoffe aus Baumwolle mit Seide. Elefant, (Symbol der Beharrlichkeit, Kraft und Stärke), erscheint als Stoffmuster im frühen Mittelalter auf Geweben des Orients und wird von der byzantinischen Kunst übernommen (s. Abt. 4 auf Tafel I); tritt aber in der späteren sarazenischen Periode selten auf. In China wird der E. plastisch dargestellt als Träger von Leuchtern und Opfergeräten und in gleicher Nach¬ ahmung auf schweren Goldstickereien grosser Vorhänge als Musterung ver¬ wertet. (Vgl. im Artikel China die Abb. 53.). Elefantes sind im spanischen und mexikanischen Handel long cloth, cotton osnaburghs, schwere Domestiks. Elemente, die vier, bisweilen im frühen Mittelalter als alegorische Ge¬ stalten: Zeugen der Kreuzigung und Verherrlichung Christi personifiziert dar-
172 Elfenbeinstickerei—Elsen. gestellt; im späteren Mittelalter auf sarazenischen Stoffen in symbolischer Ornamentik aufgefasst, ist die Burg in Bedeutung der Erde, der Adler als Luft, der Drache als Feuer, das Wasser als solches dargestellt. Elfenbeinstickerei wird in neuerer Zeit eine Technik genannt, die ihren Ursprung in der Nachahmung der genähten venetianischen Reliefspitzen des 17. Jahrhunderts hat und darin besteht, die breiten Bankenmuster derselben aus aufgenähtem gewebtem Leinenband und damit vereinigten Spitzenstichen auf einem farbigen Seidengrund nachzuahmen. Die Art und Weise dieser Kmnststickerei wurde im 17. Jahrhundert, fast gleichzeitig mit dem apäteren point. de Venise, in Deutschland geübt: (vgl. Aufnäharbeit und die Abb. 11 auf Tafel IX). Elisabethstil, die in England zur Zeit der Königin Elisabeth gebräuchlich gewesene Bauweise, ca. 1530—1600. Dieser Stil charakterisiert sich durch ein Vermischen der gotischen Bauweise mit den Formen der Renaissance, ein Vorgang, der sich in ähnlicher Weise namentlich in Deutschland (die sogen, deutsche Renaissance), Holland und Dänemark vollzog, dennoch aber überall in anderen Erscheinungsformen sich äusserte. Die Textilkunst lässt derselbe ziemlich unberührt. Elkhart, Stadt im nordamerik. Staate Indiana: Strickwarenfabriken. Eiland, Stadt in der engl. Grafschaft York: Wollindustrie. Elmshorn, Stadt im Reg.-Bez. Schleswig: mechanische Lein- und Baum¬ wollweberei. Elsässer Stoffarten, Bezeichnung für die verschiedensten Arten von Leinen, Baumwollen- und anderen Weisswarenstoffen. Elsass-Lothringen, deutsches Reichsland, wird hinsichtlich der gewerb¬ lichen Tätigkeit nur von wenigen Staaten des deutschen Reiches übertroffen. Die Textilindustrie beschäftigt nahezu ein Drittel aller Gewerbetätigen: das sind nach der Gewerbezählung vom Jahre 1895 rund 10 300 Betriebe mit 105 326 Personen, dazu kommen in dei Hausindustrie tätige Arbeiter und Ar¬ beiterinnen : 2372 in Weberei (einschliesslich Bandweberei) 2114 in Näherei und Schneiderei, 860 in Häkelei und Stickerei. Die Hauptsitze der Textilindustrie sind Mülhausen, Colmar, die Täler der Thur, der Lauch, der Recht, der Leber, deren künstlich gere¬ gelte Wasserkraft Fabrikzwecken dienstbar gemacht ist; im Untereisass beson¬ ders das Breuschtal. Die Baumwollindustrie ist der ausgedehnteste Gewerbszweig des Reichslandes. Im Obereisass gelangte das Gewerbe um die Mitte des 18. Jahr¬ hunderts zu Bedeutung. Aus der Herstellung bedruckter Baumwollenzeuge (Indienne) entwickelte sich die Baumwollweberei (erster fabrikmässiger Betrieb 1750 in Sennheim; erste mechanische Weberei 1821), die Baumwollspinnerei (erste Fabrik 1803 in Wesserling), Färberei. Baumwollweberei findet sich als Fabrikbetrieb hauptsächlich in Mülhausen, als Hausindustrie namentlich im Untereisass. Die Wollindustrie ist gleichfalls bemerkenswert und hat den Haupt¬ sitz im Untereisass (Tuchfabriken von Bischweiler), die Kammgarnspinnerei im Oberelsass (Mülhausen und Malmersbach); die Garnweberei beschäftigt mehr Arbeiter im Untereisass. Wollfärberei, -Druckerei und -Appretur findet sich ausschliesslich im Oberelsass. Von der Leinenindustrie wird Flachsspinnerei hauptsächlich in grösseren Unternehmungen (im Oberelsass), Weberei viel im Kleinen als Haus¬ industrie (namentlich in Lothringen) betrieben. Seidenspinnereien sind nur im Oberelsass, grössere Seidenwebereien daselbst und in Lothringen. Seidenplüschfabriken in Püttlingen und Saargemünd. Literatur: Kraus, Kunst und Altertum in Elsass-Lothringen (2 Bde. ehd. 1876 u. 1884). — Meyer, G., Elsass und Lothringen, eine volkswirtschaft¬ liche Studie, Bielefeld 1870. Elsen, Dorf im preuss. Reg-Bez. Düsseldorf: Baumwollspinnerei und -Weberei.
Elstra—Empirestil. 173 Elstra, Stadt in Sachsen: Leinen- und Bandweberei. Elterlein, Stadt in Sachsen bei Chemnitz: Königl. Klöppelschule; Gorlnäherei, Herstellung von Leonischen Gold- und Silber- sowie Posamentierwaren. E. ist der angebliche Geburtsort der Barbara Uttmann, welche sich um die Einführung der Spitzenindustrie in Deutschland (Erzgebirge) verdient gemacht hat. Elzach, Stadt an der Elz in Baden: Seidenwarenfabriken, zwei mechanische Leinenwebereien. Embossd’ells heissen in England wollne Zeuge, die auch unter dem Namen Seraffins bekannt sind. Emertis, Emmerties, Amiertis sind ostindische feste Baumwollengewebe, zum Buntdruck bestimmt, welche früher aus Bengalen und Surate nach Europa kamen. Emmendingen, Hauptstadt im badischen Kreis Freiburg: Hanf- und Kamiespinnerei. Emortuale (lat.), Leichentuch. Empirestil wird jene Ausdrucksweise der französischen Kunst genannt, welche bestrebt war, die römische Kaiser¬ zeit nachzuahmen. Er beherrschte die Zeit Abb. 61. unter Napoleon I. (1804—1815) und bildete den Abschluss der Periode des sogen, fran¬ zösischen Klassizismusses, der unter Lud¬ wig XIV. seinen Anfang genommen hatte. Das Eindringen rein antiker Elemente in die fran¬ zösische Kunst erfuhr schon eine wesentliche Förderung durch die seit 1748 in Pompeji erfolgten Ausgrabungen, indessen gelangen sie zu dieser Zeit mit vollem Verständnis zur Anwendung; in der Napoleonischen Zeit aber sinkt die edle griechisch-römische Ausdrucks¬ weise zur vollen Armseligkeit herab. Wie die Erzeugnisse des übrigen Kunstgewerbes den Reiz der Farbenstimmung und die Beweglich¬ keit der Formensprache aufgeben, so muss sich auch die Textilkunst der Allgemeinheit fügen, allenfalls, dass hier und da technische Neuheiten auffallen, die im Zusammenhänge stehen mit dem Aufblühen maschineller Tätig¬ keit. (Vgl. Abb. 61.) Der ehemalige natür¬ liche Faltenwurf wird im Webemuster als Fläche dargestellt (vgl. Abb. 62), wobei das Muster sich nur in einer Farbe vom Grunde abhebt. Die Ornamentik scliliesst sich genau den Einzelheiten der antiken Kunst an: der Akanthus, die Palmette, die Urne, das Lorbeerund Epheublattrankenwerk, die W einranke u. a. m. sind charakteristisch auch für die Erzeugnisse der Textilkunst im Empirestil. (Vgl. Abb. 63 und 64). Der E. geht auch auf die anderen Länder über. In Deutschland weist Karl Friedrich Schinkel (gest. 1841) auf die ursprüngliche Bedeutung der missbrauchten antiken Elemente hin und sucht sie als ein Lebendiges weiter zu bilden, so dass man auch in dieser Zeit noch von Empiremustern spricht. (Vgl. Abb. 6.) Abbildungen: 61. Originalaufnahme aus dem Kgl. Landesgewerbemuseum in Stuttgart: Borte in farbiger Seide und Gold auf weissem Grunde gewebt mit verschiedener Darstellung von Grundeffekten und Blattwerk. Frankreich um 1800.
174 Empirestil. 62. Darstellung aus: Cox, l’art de decorer les tissus d’apres les collections du musee liistorique de chambre de commerce de Lyon. Paris 1900. PI. CXVIII, 6. VorAbb. 62. Abb. 63. hang, in farbiger Seide gewebt, Muster in faltiger Darstellung mit Borten und Streu¬ muster. Frankreich um 1800. 63. Darstellung aus demselben Werk (PI. CXVIII, 1): Gewebte Seidenborte mit wechselnden Palmetten und Rosettenfeldern. Frankreich um 1800.
Empoli—England. 175 64. Darstellung aus Heiden, Musteratlas, Leipzig 1896. Tafel 117, 2: Borte, farbige Tambourierarbeit auf grünem Sammet, Muster aus Weinranke, Köcher und Urne. Kopie im Kgl. Kunstgewerbemuseum zu Berlin nach einem Original im Schloss Monrepos bei Ludwigsburg. Abb. 64. Empoli, Stadt in der ital. Provinz Florenz: Baumwollfabriken. Emsdetten, Dorf im preuss. Reg.-Bez. Münster: 8 Leinen- und Nessel¬ webereien, Jutespinnerei, Färberei. Engel (lat.: angelus; frauz.: ange; engl.: angel), in der Bibel die über¬ irdischen Boten Gottes an die Menschen, in der christlichen Kunst im allgemeinen in menschlicher Gestalt dargestellt, jugendlich, geflügelt, von körperlicher Schönheit, ohne besonderes Merkmal eines Geschlechts. In der Textilkunst auf kirchlichen Stoffen des 15. Jahrhunderts vielfach dargestellt (s. Figürliches im Stoffmuster.) Engelsberger Leinwand, eine Art deutsches Leinen, nach Art der Rouennes, die in der schlesischen Stadt Engelsberg ursprünglich gemacht wurde. Enger, Dorf im preuss. Reg Bez. Minden: Garnspinnerei, Leinweberei und Leinbau. England, Stammland des Vereinigten Königreiches Grossbritannien und Irland: Die Textilindustrie ist bei weitem der wichtigste Gewerbszweig. Die Ausfuhr von Textilfabrikaten und Garnen stellt beinahe die Hälfte des Wertes der Gesamtausfuhr des Königreiches G. und I. dar. Das in der Herstellung baumwollener, wollener und leinener Produkte angelegte Kapital beträgt etwa 200 Mill. Pfd. St., der jährliche Wert der Produktion beläuft sich auf 190 Mill. Pfd. St. und die Anzahl der von diesen Industriezweigen abhängigen Personen beträgt 5 Mill. Der Betrag der jährlich verbrauchten Baumwolle ist jetzt 40mal grösser als zu Anfang des 19. Jahrh., der Wolle beinahe 6mal, des Flachses mehr als 2mal grösser. Die Ausfuhr von Baumwolle hat 14mal mehr Wert als im Jahre 1800, die von Wolle 4mal, vom Flachs 6mal mehr. Im Jahre 1890 hatten England und Wales: 6180 Betriebe mit 50 211 216 Spindeln, 857 848 männlichen, 500404 weiblichen Arbeitern, Schottland: 747 Betriebe mit 2 413 785 Spindeln, 46386 männlichen, 108205 weiblichen Arbeitern, Irland: 263 Betriebe mit 1016111 Spindeln, 23 848 männlichen, 47940 weib¬ lichen Arbeitern. Fabriken für Baumwolle bestehen (1890) 2538, für Wolle 1793, für Kunstwolle 125, für Wollgarn 753, für Flachs 375, für Hanf 105, Jute 116, Borsten 42, Kokosnussfasern 24; für Seide 623, Spitzen 403, Strümpfe 257, elastische Gewebe 54. Die Anzahl der Spindeln in den Baumwollspinnereien betrug 1899/1900: 45400. Das Hauptzentrum der Baumwollindustrie ist die Grafschaft Lancashire, wo allein 500000 Webstühle (gegen 560 955 im Jahre 1885) vorhanden sind; die wichtigsten Fabrikorte sind: Manchester, Blackburn, Preston, Ashton-under-Lyne, Stalybridge, Bolton, Rochdale, Middieton, Heywood, Stockport, Wigan und Bury. Für Strumpfwaren sind Nottingham, Derby und Leicester zu nennen. Die Grafschaften Wilts, Devon und Nots sind für Spitzenindustrie wichtig; besonders berühmt sind die Spitzen von Honiton. Ein zweites Zentrum ist Glasgow; die Grafschaften Reesrew und Lanark sind reich an Webereien (s. auch Baumwollindustrie). Von den etwa 1800 Wollfabriken liegen die meisten in England. Das Wollgeschäft ist eine Stapelindustrie Englands und hauptsächlich in Yorkshire und im Westen
176 Englische Naht—Euguera. heimisch. Die wichtigsten Plätze für die Wollindustrie sind Bradfur-on-Avon, Frome, Stroud, Trowbridge; sehr bekannt ist auch Worcester; das Haupt¬ zentrum aber ist Manchester, und in Yorkshire seine Rivalen Leeds, Huddersfield, Bradford und Halifax. Folgende Zweige werden besonders gepflegt: Feines breites Tuch (Broadcloth) in Leeds, Manchester, Halifax, Huddersfield und Bradford; Flanell in Halifax und Rochdale; Wolldecken in Wilney und Dewsbury; Teppiche in Kidderminster; die berühmten „Schottischen Tweeds“ in Aberdeen, Glalashiels und Hawick. Im Flachs- und Leinwandgeschäft stehen Irland und Schottland obenan; in England sind zu nennen Leeds, Barnsley, Halifax; der Wert der Jahresproduktion beträgt etwa 20 Mill. Pfd. St. Von den Jutefabriken sind über 100 in Schottland (Dundee, Arbroath); in Irland sind für Linnen Newry, Drogheda, Louth und Dublin wichtig, vor allem aber Belfast mit seinen niedrigen Löhnen und langer Arbeitszeit. Das Seiden¬ geschäft hat seinen Sitz hauptsächlich in den Grafschaften Cheshire, Somerset, Derby und Stafford. Wichtige Plätze sind Macclesfield, Congleton (für Seiden¬ garne und Färbereien), Glasgow, Paisley und Manchester, sowie für Seiden¬ bänder Coventry. Geschichtliches: Die Fabrikation von Wo 11 waren war bereits zur Zeit der Römer bekannt; aber es gelang erst nach Heranziehung von vlämischen Webern (seit 1665) feinere Tuche zu machen. Mechanische Webstühle wurden bereits 1785 eingeführt, doch erst seit 1807 ist ihr Gebrauch gesetzlich ge¬ stattet. Die Baumwollenindustrie hat seit der Erfindung der Spinn-Jenny (s. Baumwollspinnerei) (1767) einen grossen Aufschwung genommen. Die Seide ist schon im frühen Mittelalter bekannt, das Seidengewerbe als solches wird im 14. Jahrhundert aus Oberitalien hierher verpflanzt: 1455 ist schon von grossen Londoner Seidenwebereien die Rede. Die Seidenkultur Englands ist (nach Silbermann, Die Seide, Dresden 1897, II, 235 ff.) durch einen im Jahre 1608 datierten Brief Jakob I. an den Lord-Lieutenant, in welchem er die Seidenzucht eingehend behandelt, jeder Grafschaft verbürgt. Englische Naht, diejenige für Wirkwaren verwendete Naht, bei welcher der Nähfaden die Randmaschenstäbchen zweier Warenstücke durch Rückstiche miteinander verbindet. Englischer Gruss, s. Verkündigung Mariä. Englisches Leder, nach der Art des Gewebes auch Satin, Sateen, Satinet-, Jeans und, namentlich in den besseren Sorten, nach dem Englischen Moleskin genannt, ein sehr dichter, atlasähnlich geköperter Baumwollstoff, dessen rechte Seite, auf welcher der im Verhältnis zur Kette etwas feinere und sehr dichte Einschlag frei liegt, gerauht und geschoren, während die linke Seite nur gerauht ist. In Deutschland liefern diesen Artikel Plauen, Zittau, Erfurt, Burscheid, Bocholt, Ravensburg, Ettlingen u. a. m. In Italien wird dieser dichte atlas¬ artige Baumwollstoff pelle del diavolo genannt. Englisches Spinnverfahren, Vorspinnverfahren (Vorbereitung) der Kamm¬ garnspinnerei, welches bei dem Verfeinern Maschinen mit Flügelspindeln ohne selbständige Spulendrehung (Water-Prinzip) anwendet. Englische Tuchbindung besteht aus einem Tuchgewebe, bei welchem in der Regel zwei Ketten- und zwei Schussfäden nebeneinander gleich binden. Man wendet sie an in halbwollnen und wollnen Kleiderstoffen, sowie auch in einigen Bucks¬ kins; die T. erfordert aber eine gehörige Dichte, weil sonst lappige Ware entsteht. Englische Tüllgardinen, s. Bobbinnet. Englisch-Gras sind seidene Angelschnüre, welche aus den Seidenraupen selbst, unmittelbar bevor sie sich einspinnen wollen, hergestellt werden. Sie haben das Aussehen von Darmsaiten und sind von grosser Festigkeit. Englisch Leinen wird sowohl eine feine, gestreifte Leinwand, als auch der für Bucheinbände benutzte Kattun genannt (s. Kaliko). Engrelure (franz.), Randverzierung mit rundlichen Zäckchen, zackige Einfassung, Spitzenrand. Enguera, Stadt in der span. Provinz Valencia: bedeutende Leinen- und Wollindustrie.
Enlevage—Eplieu. 177 Enlevage (franz.), eine Bezeichnung, die im Anfang des 18. Jahrh. für das Abnehmen der Nadelspitze vom Pergamentgrunde gebräuchlich war. Entari, das Unterkleid der Männer im Orient. Es besteht aus Baum¬ wolle oder Seide, hat bis über die Fingerspitzen hinausreichende, von der Mitte des Unterarms ab aufgeschlitzte Aermel, wird unter der Brust mittels eines Shawlgürtels zusammengehalten und reicht bis an die Knöchel. Der E. ent¬ spricht in der europäischen Tracht der Weste, die ursprünglich auch lange Schösse hatte. Entfärben (franz.: decolorer; engl.: to decolour), technisches Verfahren, das die Entfernung vorhandener Farbstoffe bezweckt. Gewebe werden durch das Bleichen entfärbt (s. d.). Entoilage (franz.), Bezeichnung für eine Beihe von Spitzen und spitzen¬ ähnlichen Stoffen: 1. im Anfang des 18. Jahrh. für das Einnähen der Schling¬ stiche in Nadelspitzen gebräuchlich, 2. um 1770 eine einfache netzartige Spitze, 3. in späterer Zeit mehrere Sorten französischer Zwirnspitzen aus Dieppe und Bayeux, welche gleicher Art auch im sächsischen Erzgebirge geklöppelt wur¬ den , 4. spitzenartiges, durchbrochenes gazeähnliches Gewebe, 5. in Streifen ge¬ webter Bobbinnettüll oder Dünntuch mit spitzenartigem Muster. Entre-deux (franz.),Spitzeneinsatz. Entre larges sind in Frankreich mittelbreite Leinen. Entresins heissen in Frankreich Mitteltuche. Entschälen der Seide, die Ent¬ fernung des Seidenleims (Sericine) von der Rohseide, um die Schönheit des Seidenfadens sichtbar zu machen. Die Seide wird in heisse Seifenlösung gelegt und schwach gekocht. Der hiermit ver¬ bundene beträchtliche Gewichtsverlust wird durch das Assouplieren (s. d.) wieder ersetzt. Entschlichten, das dem Bleichen vorausgehende Einweichen, Waschen und Spülen der Gewebe zur Beseitigung der Weberschlichte. Enveloppes (franz.), im Leinen¬ handel die halben Stücke starker, weissgarniger Leinwand zur Verpackung. Envers (franz.), die linke, unrechte Seite vom Zeug. Enversins sind grobe, wollene Sergestoffe, welche in Frankreich gewebt werden. Eolienne, moderner leichter einfarbiger Seidenripsstoff. Eosin, ein prachtvoll roter, besonders zum Färben von Seide und Wolle dienender Farbstoff. a Epheu, (Hedera) Pflanzengattung der Araliaceen (vgl. Abb. 65), ein im Orient, in Nordafrika, Süd- und Mitteleuropa, sowie in England heimischer immergrüner Kletterstrauch. Er war im Altertum dem Bacchus geheiligt, auch gilt er als Symbol der Freundschaft. Von Griechenland aus, wo man ihn als Laubband verwendete (vgl. Abb. 66), wird er in spätere Stilarten übernommen, doch macht ihn sich im romanischen und gotischen Zeitalter mehr die Plastik, als das Flachmuster zu eigen. Erst der französische Klassizismus des 18. Jahrhundets bringt den E. hier in Weberei und Stickerei lediglich als Heiden, Handwörterbuch der Textilkunde. 12
178 Epiual—Erschweren. Ornament zur Darstellung, zurücktritt. wo er nach dem Empirestil (s. hier Abb. 62) Abbildungen: 65. Epheuzweig nach einem Holzschnitt aus: Lobelius, plantarum sev stirpium icones, Antwerpen 1581. 66. Originalaufnahme eines Epheulaubbandes nach einer griechischen Vase aus dem Besitze der Kgl. Museen in Berlin. Abb. 66. Epinal, Hauptstadt des franz. Depart. Vosges im gleichnamigen Arrond.: Leinwand- und Baumwollwarenfabriken. Epingle (franz.) wird der Ripsgrund in Seide genannt. Epitlgline, nach E. benannter moderner Seidenstoff, gestreift und geblümt. Epitrachelion (griecb.) (lat.: epitrachelium), ein zur Kleidung der griech.kath. Priester gehöriges breites steifes, mit Kreuzen besticktes, in der Farbe verschiedenes Band, das, um den Hals getragen, bis über den Gürtel mit beiden Enden herabhängt: s. v. w. Stola der griech. Kirche. Epurateur (franz.), Reiniger, in der Baumwollspinnerei eine von Risler erfundene Maschine, welche zuweilen an Stelle der Vorkratze angewendet wird; sie zerstört die Anordnung der Fasern in Büscheln und liefert das Material in Form gleichmässiger lockerer Faserbänder ab. Erbach, im Odenwald, Stadt in Hessen: Tuchfabriken. Erbisdorf, Dorf in Sachsen bei Dresden: Spitzenklöppelei. Erbstüll, ein grober Tüll, weiss, creme oder mode gefärbt, für Gardinen¬ stickerei verwendet. Erdflachs, s. Asbest. Erding, Stadt im bayr. Reg.-Bez. Oberbayern: Wollspinnerei und Wollzeugweberei. Erfurt, Haiiptstadt in der preuss. Provinz Sachsen: Webereien für Woll-, Baumwoll- und Leinenwaren; bedeutend ist die Herstellung von Damenmänteln. Eriaseide ist das Produkt der Rizinusspinner, Attacus ricini, die Kokons anfertigen, welche mit wenigen Ausnahmen gänzlich unentwirrbar, weil sie offen und unregelmässig gesponnen sind; dagegen eignen sich diese wilden Seiden¬ arten vorzüglich als Rohmaterial für die Florettspinnerei. Der A. ricini ist in Indien, Assam und auf Ceylon teils im wilden, meist aber im halbgezüchteten Zustande zu finden; er stammt aus Assam, wo er „eri“ genannt wird. Eriophoronwolle, s. Gespinstfasern. Erlangen, Stadt im bayr. Reg.-Bez. Mittelfranken: bedeutende Baumwoll¬ spinnerei. Ermeländische Leinen: gewöhnliche, weissgebleichte Flachsleinen, welche in Ostpreussen gewebt und im Auswärtigen auch Königsberger Leinen heissen. Ermines sind englische farbige Wollenzeuge, die nach Spanien und Portugal gehen. Erschweren der Seide heisst sie mit fremden Körpern beladen und be¬ ruht auf einem chemischen Prozess, welcher zur Gewichtsvermehrung bezw. Verfälschung der fertigen Waren dient. Auch Posamentier- und Nähseiden, Cordonnets u. s. w. werden zur Vermehrung ihres Gewichts erschwert. Das Verfahren ist oft aus technischen Gründen nicht ungerechtfertigt, um den Seiden¬ fasern mehr Fülle und Ansehen zu geben. Es geschieht durch Metallsalze und Zusatz von Oelen und Fetten, welche bei längerem Lagern grösserer Mengen
Erstein—Estopillas. 179 erschwerter Seide Selbstentzündung hervorrufen (s. a. Füllstoffe). (Vgl. Silber¬ mann, die Seide, Dresden 1897. Bd. II, S. 369 ff.) Erstein, Stadt im Untereisass: grosse Kammgarnspinnerei und Bleicherei. Erzerum oder Erserum, Hauptstadt der gleichnamigen türk. Prov. in Armenien: erzeugt durch Hausindustrie Teppiche nach persischem Muster. Erzinghian erzeugt durch Hausindustrie Teppiche nach persischen Mustern. Escamis, ein dichtgewebter, baumwollener Stoff, eine Art ungeköperter Barchent, welcher früher aus der Levante, insbesondere aus Smyrna nach Europa kam. Eschwege, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Cassel: Woll- und Haarspinne¬ reien, Wollzeug-, Flanell- und Leinweberei in grossem Umfange. Escots waren ursprünglich feine geköperte Zeuge aus gezwirntem Wol¬ lengarn, welche in Frankreich gefertigt wurden; in Deutschland machte man diese Zeuge unter dem Namen Scotts. Eskimo, auch Doubel, Double genannt, ein gewöhnlich mit vierbindigem Kreuzköper aus zwei Streichgarnketten gewebtes Doppelgewebe, welches meist zu Herrenüberziehern verarbeitet wird. Esp heisst persisch das Pferd, welches im Aschkalimuster (s. d.) eine Rolle spielt. Espagnolettes, eine Gattung ganz wollener Droguets, teils geköpert, teils glatt wie Leinwand gewebt, und zuweilen auf beiden Seiten gerauht und langhaarig. Sie führen den Namen, weil die echten aus spanischer Wolle ge¬ webt wurden. In Deutschland haben die Moltonstoffe damit Aehnlichkeit; Zeuge derselben Art führen auch den Namen Castorin, Lama, Biber. Esparto, Spartogras, spanischer Ginster (Stipa tenacissima), das zähe Pfriemengras, wächst in Spanien, auch im südlichen Frankreich und in Asien. Stengel und Aeste werden dem Flachse ähnlich bearbeitet. Das feinere Ge¬ spinst wird zum Weben von Packleinen, Segeltuch, auch wohl zuweilen zu feineren Geweben verarbeitet. Esperver (engl.), Baldachin aus Stoff, Betthimmel. Esseg, bedeutendste Industrie- und Handelsstadt von Slavonien: gi'osse Seidenspinnereien. Essener Linnen werden westfälische, dicht gewebte Leinen aus gut ge¬ drehtem Garne genannt, welche in der Gegend von Essen gefertigt und meistens roh, zuweilen auch gebleicht, ohne weitere Appretur zur Versendung gelangen. Esslingen, Oberamtsstadt in Württemberg: grosse Kammgarn- (1000 Arbeiter) unch Baumwollspinnerei (41 000 Spindeln). Essonnes, Stadt im Arrond. Corbeil des franz. Depart. Seine-et-Oise: Baumwollspinnerei, Deckenfabriken. Essui-main (franz.), Handtuch. Estaires, Stadt im Arrond. Hazebrouk des franz. Depart. Nord: Leinen¬ fabriken und -Bleichen; Fabriken von Damasttafelzeug. Estalins, bunt gefärbte Steifleinwand, welche in Schlesien für den Export nach Spanien und Südamerika gefertigt wird. Estames ist in Marseille die Benennung der dort gefertigten roten türkischen Mützen, Kappen oder des Fez. Estcoupiers cordats, von Werg gewebte Packleinen, die aus Frankreich kommen und über Marseille weiter gehen. Esteras, eine Gattung Matten, welche in Spanien, vorzüglich in Valencia, aus den Flatterbinsen gemacht und nach Holland, England, Frankreich und Italien verkauft werden, wo man sie unter dem Namen Tapis d’Espagne kennt. Es gibt davon zwei Sorten: die Estera finas, welche auf besonderen dazu ein¬ gerichteten Webstühlen gewirkt und bunt gefärbt werden, und die Esteras bastas, welche nur geflochten sind. Estopas nennt man in Portugal teils die deutschen Heedeleinen, teils die deutsche, halb von Flachs, halb von Hanf gewebte Leinwand, s. Heedeleinen. Estopillas, eine der im Auslande bekanntesten deutschen Leinen für den Export, welche in Sachsen und Böhmen, hauptsächlich aber in Schlesien
180 Estramen—Evangelistenzeichen. batistartig aus feinem Leinengarn gewebt werden. Im südlichen Europa und Amerika werden die Yelas (Schleier) daraus gemacht. E. unies sind dicht gewebte, gedrungene Schleier, welche dem Batist gleichen und die man deshalb auch häufig Battistes nennt; sie sind bläulich appretiert. Estramen (lat.), Stramin. Estras, s. Seide. Estremadura, ursprünglich ein in Spanien erzeugtes Baumwollengarn. Jetzt bezeichnet man mit E. ein meist zum Stricken verwendetes sechsdrähtiges Garn mit rundem, gleichmässigem Faden. Etain, Stadt im Arrond. Verdun-sur-Meuse des franz. Depart. Meuse: Fabrikation von Baumwollstoffen. Etaises heisst eine Art flandrischer Leinen oder Tischzeuge, die über Merville in den Handel kommen. Etaleuse, eine Flachsspinnmaschine, auf welcher der gekämmte Flachs ausgebreitet wird, um in endlose Bänder verwandelt zu werden. Etamin, Estamin, Stamin (vom franz. etamine), ein sehr dünnes Gaze¬ gewebe (s. d.), meistens aus Baumwolle, jedoch auch aus Seide, oder von Wolle und Seide in den verschiedensten Gattungen gewebt, welches wesentlich als Futterzeug in Kleidungsstücken Verwendung findet. Ganz seidene Etamin¬ stoffe werden in Lyon und Avignon gewebt. Die holländischen E. aus Wolle waren wegen ihrer guten Qualität früher sehr geschätzt. Eten, Stadt der Republik Peru: Baumwollindustrie. Eternel, Eternelle, ein veralteter französischer Wollenstoff, geköpert und mit Streifen. Etoffe (franz.), Stoff, Gewebe. Etoffe de Verdun, ein wollener, sergeartig gewebter Stoff oder ein Halbtuch. Etoupes, s. Wergspinnerei. Etramee heissen zu Abbeville hänfene Gewebe, welche später weiss gebleicht oder auch verschieden gefärbt werden. EtschigO oder Et-schi-go, eine Sorte japanischer Seide, wenig stark, aber sehr feinfadig; sie kommt auch unter der Bezeichnung Maibafi im Handel vor. Etterbeeck, Vorstadt von Brüssel: Baumwollspinnereien und Färbereien. Ettlingen, Stadt in Baden: bedeutende Aktien-Baumwollspinnerei und Weberei (1200 Arbeiter, 30 000 Spindeln), Sammetfabrik, Färberei, Bleicherei und Appreturanstalten. Eu, Stadt im Arrond. Dieppe des franz. Depart. Seine-Inferieure: Fabri¬ kation von Spitzen, Segelleinwand und Wollstoffen; Woll- und Baumwoll¬ spinnereien. Eufaule, Stadt im nordamerik. Staate Alamba: BaumwollWarenfabrikation. Eupen, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Aachen: Kammgarn- und Streich¬ garnspinnereien, Karbonisieranstalten, Färbereien, Walkereien, Fabriken von Tuch, Buckskin, Kaschmir und Trikot. Eurley, Bezeichnung für chinesische und japanische Frisons (s. d.), unter welcher dieselben von Engländern zur Florettindustrie (Chappespinnerei) auf¬ gekauft werden. Euskirchen, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Köln: 20 Tuchfabriken und Wollspinnerei. Euxinet, ein nicht mehr gangbarer halbseidener englischer Stoff aus Schafwolle und Seide. Evangelisten, die vier, gelten als Ausfluss der göttlichen Weisheit; in der ältesten Zeit symbolisch dargestellt durch vier Schriftrollen in den vier Ecken eines griechischen Kreuzes oder als vier Bücher, in kirchlichen Stoff¬ mustern später unter den bekannten Evangelistenzeichen dargestellt (s. d.). Evangelistenzeichen stellen die Evangelisten in der christlichen Kunst seit dem 5. Jahrhundert symbolisch dar: Matt heu s als geflügelter Mensch, Markus als Löwe, Lukas als Stier, Johannes als Adler; später als vier Menschengestalten mit dem Kopf des betreffenden Zeichens. Auch sind den Gestalten der E. jene vier Zeichen als Attribute beigegeben.
Everghem—Fächer als Flächenmusterung. 181 Everghem, Hauptort im Arrond. Gent der belg. Prov. Ostflandern: Baumwoll- und Leinenindustrie. Everlasting, ein fester, damastartig gewebter WollenstofF, gewöhnlich mit erhöhten oder aufliegenden Rippen oder Streifen, welche durch stärkere Kettenfäden und durch Schemelarbeit gebildet und nicht aufgeschnitten werden; unter seinem Namen kommt er nicht mehr vor. Evora, Stadt der portug. Prov. Alemtejo: Fabrikation von Tuch- und Baumwollwaren. Evreux, Stadt im Arrond. E. des franz. Depart. Eure: Fabrikation von Leinwand und Zwillich. Evron, Stadt im Arrond. Laval des franz. Depart. Mayenne: Fabri¬ kation von Leinwand und Tafelzeug; Handel mit Wollwaren und Zwirn. Exametum, examitum (lat.), ganzseidenes Gewebe. Exarentasmas, Exarentamas (lat.), werden von älteren Schriftstellern Seidenstoffe des 12. Jahrhunderts aus Palermo genannt, welche Kreismuster haben. Exeter, Hauptort der engl. Grafschaft Devon: Im 18. Jahrhundert war E. Hauptsitz der Wollmanufaktur, jetzt ist neben der Fabrikation von Haus¬ schuhen diejenige der Spitzen (Honiton lace) wichtig. Exmouth, Stadt in der engl. Grafschaft Devon: Spitzenfabrikation. Extergi facium (lat.), Tuch zum Abwischen des Gesichts. Externa (lat.), Oberkleid, im Gegensatz zu interula, Unterkleid. Exzenterstuhl, Trittexzenterstuhl nennt man Schaftwebstühle, bei denen die Bewegung der Tritte durch die an der Hauptwelle befestigten unrunde Scheiben (Exzenter) geschieht (s. Weberei). Eylau, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Königsberg: Tuchfabrik. F. Fabelwesen sind phantastisch gestaltete Menschen und Tiere, deren letztere namentlich in sarazenischen mittelalterlichen Geweben oft Vorkommen und sich verfolgen lassen bis hinauf zur ägyptischen, assyrischen und chine¬ sischen Kunst des Altertums; es gehören dahin die Sphinx, der Greif, der Drache, das Einhorn, der Phönix u. a. m., welche je nach Auffassung der Zeit in verschiedener Bedeutung und Stilisierung erscheinen (s. d. einzelnen Artikel). Menschliche Fabelwesen kommen im Flachmuster der Textilkunst seltener vor. Fach heisst in der Weberei die Oeffnung, welche zwischen den Ketten¬ fäden hervorgebracht wird, um den Schuss hindurchzuführen: in diesem Falle heisst die Kette gespalten, sonst geschlossen. Fachapparat, auch Ablegeapparat, nennt man eine bei den in der Textil¬ industrie , insbesondere in der Appretur, verwendeten Maschinen häufig in Anwendung stehende Vorrichtung, welche das aus der Maschine tretende Ge¬ webe in regelmässiger Weise übereinander zu legen hat. Fache, s. Gespinstfaser. Fächer als Flächenmusterung finden nirgends so vielseitige Anwendung als in Japan, wo die ausgedehnte praktische Verwendung derselben zur Dar¬ stellung gefühi-t hat. Es werden nicht nur die Umrisslinien wiedergegeben, sondern man geht soweit, in Geweben und Stickereien auch die Musterungen innerhalb derselben zu wiederholen, wobei die allerfeinste Ausführung beob¬ achtet wird. (Abb. 67.) Welche Bedeutung man dem Fächer in Japan bei-
182 Fachschulen—Facta da ossi. misst, geht daraus hervor, dass seine Darstellung selbst als Wappen einer Daimiofamilie erscheint. (Abb. 68.) Abbildungen: 67. Originalaufnahme aus dem Königl. Landesgewerbemuseum in Stuttgart: Seidengewebe, Grund weiss, mit Fächermuster (Kohaku) in blauen Umrisslinien und Goldpapier, Japan um 1800. 68. Darstellung eines Daimiowappens in Form zweier Fächer, von einem Seiden¬ gewebe aus der Sammlung des Königl. Kunstgewerbemuseums in Berlin. Japan, alt. Abb. 67. Fachschulen, s. Webeschiden. Facilletlein (lat.: faciletum; ital.: fazzoletto), Sch weisstuch, Taschen¬ tuch. Der Ausdruck kommt in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts vor, in welcher Zeit in Italien und Frankreich das Taschentuch in Mode kam, mit Abb. 68 dem besonders bei Brautgeschenken ein solcher Luxus getrieben wurde, dass man ihn gesetzlich zu beschränken suchte. Fa^onnerie (franz.), das Modeln, Blümeln des Zeugs; fagon liieren: mustern; fagon nie rt: gemustert; geblümt; Fagon neu r: Mustermacher. Fa^onnierte Stoffe, s. fassonierte Stoffe. Facta da ossi werden in einer alten italienischen Urkunde Spitzen be¬ zeichnet, wobei der Ausdruck „ossi“, Knochen, sich auf die Klöppel aus Bein bezieht.
Faden—Fa-lag-nel. 183 Faden (in älterer Form Fadem), Längenmass; als Garnmass die Länge eines Haspelumfangs (s. Garn), also sehr verschieden; eine Anzahl Fäden bilden ein Gebinde (s. d.). Faden (Gespinstfaden), s. Gespinstfaser. Fadenbällchen, s. Gespinstfaser. Fadenführer für Spinn- und Vorspinnmaschinen, welche unmittelbar hinter dem letzten Zylinder liegen, sind Eisenschienen mit gut auspolierten Bohrungen oder Holzschienen mit Drahtschnecken oder Schienen mit trichter¬ förmigen Zinkeinläufen. Fadengang bezeichnet in der Dichtenbestimmung eines Gewebes die Summe von 40 Fäden. Fadengebilde, s. Gespinstfaser. Fadengold ist der technische Ausdruck für das aus Tressen, Gold¬ wirkereien und Goldgeflechten ausgezupfte Gold. Fadengras (Pflanze), s. Gespinstfaser. Fadenmalerei, s. Stickerei, Fadenmaschen, s. Wirkwaren. Fadenmühle, Spinnmühle, Ueberspinnmaschine, im Posamentiergewerbe eine Maschine, welche zum Ueberspinnen, d. h. schraubenförmigen Umwinden eines inneren Kernfadens (Seele oder Futter) mit Lahn dient. Fadenreisser, eine Oeffnungsmasehine, welche die Abgangsfäden der Vorspinn- und Spinnmaschinen auflockert, so dass sie als Beimengung der Roh¬ baumwolle wieder mit verarbeitet werden können. Fadenspannung, Fadensprung, s. Nähmaschine. Faden Wächter, Vorrichtung an Textilmaschinen, die hei Fadenriss ein selbsttätiges Stillsetzen der Maschine bewirkt. Fadenzähler, Weberglas, Lupe zur Besichtigung der Webstoffe und zum Abzählen der auf einen bestimmten Raum kommenden Fäden. Die Grund¬ platte eines solchen Vergrösserungsglases enthält einen quadratischen Ausschnitt, um die Fäden pro Quadratzentimeter zählen zu können. Faenza, Hauptstadt der ital. Provinz Ravenna: Seidenspinnereien und W ebereien. Fahne, besteht aus dem Fahnenblatt oder Fahnentuch und dem Fahnen¬ stock oder der Fahnenstange. In früheren Zeiten pflegte man zu unterscheiden: 1. Das Reichsbanner, das stets länger als hoch war und das landesherr¬ liche Wappen enthielt. 2. Das einfache Banner, die Fahne des Banner¬ herren mit quadratischem Fahnenblatt. 3. Rennfahne hiess die Fahne der Ritter, die wenigstens 20 Mann ins Feld führen konnten. 4. Spitzfahne die Fahne der einfachen Ritter. 5. Rundbanner, eine nach aussen ab¬ gerundete Fahne, die namentlich hei Begräbnissen verwendet wurde. 6. Stan¬ darte, jene Fahne, die an einem Querholz befestigt erscheint und namentlich bei der Reiterei gebräuchlich ist; früher hiessen diese Fahnen Cornette. Auch für kirchliche Zwecke waren sie an einem Querholz befestigt. Faido, deutsch Pfaid, Flecken und Hauptort des Bezirks Livinen (Leventina) im Schweiz. Kanton Tessin: Fremdenindustrie und Seidenzucht. Failine, eine Art wollene Serge, die aus Frankreich kommt. Failles (franz.), einfarbige gerippte Seidengewebe. Der Ausdruck stammt von dem ebenso genannten langen und weiten Kopftuch aus schwarzer Seide, welches zur Tracht der brabanter Bürgerfrauen gehört. Failsworth, Stadt in der englischen Grafschaft Lancaster: bedeutende Textilindustrie. Faja, in der span. Nationaltracht eine breite rote Wollschärpe, welche zweifach um den Leib geschlungen wird; sie wird sowohl vom Volk, als auch vom Militär getragen. Fajüm, Fayüm, auch Faijüm, Fayjum (El-), Provinz in Oberägypten: Baumwollenbau; in neuer Zeit bekannt durch die hier gemachten Grabfunde (s. koptische Funde). Fa-lag-nel, s. Flanell.
184 Falaise—F arbtuch. Falaise, Stadt im Arrond. F. des franz. Depart. Calvados: bedeutende Spinnerei, Woll- und Baumwollweberei, Färberei. Falaises sind Sergenstoffe, die in dem Bezirk von Alengon gewebt werden. Fa-lan-jin, s. Flanell. Falbala nannte man früher die breiteste Seite der mit Silber durch¬ wirkten Gazestoffe, ebenso goldene oder silberne Spitzen. Falbeln heissen gewöhnlich breite in Falten gelegte Besätze von Frauen¬ kleidern, Mänteln oder Kragen. Falkenau, Stadt in Böhmen a. d. Eger: bedeutende Spinnereien. Falkenberg, Marktflecken im bayer. Reg.-Bezirk Oberpfalz: Lein¬ weberei und Garnhandel. Falkenburg, Stadt im preuss. Reg.-Bezirk Köslin: Kgl. Webeschule; drei Tuchfabriken. Falkenstein, in Sachsen: ausgedehnte Baumwollweberei (deutsche und englische Gardinen, Kongressstoffe), Schiffchen- und Handmaschinenstickerei, zwei grosse chemische Bleich- und Appreturanstalten für Gardinen und Sticke¬ reien, fünf englische Gardinen- und Spitzenfabriken (Falkensteiner Gardinen¬ weberei und -Bleicherei, Aktiengesellschaft). Faltenlegmaschine, eine Einrichtung, die bestimmt ist, das Legen von Falten oder Tollen in Stoffen oder Geweben auf mechanischem Wege selbst¬ tätig zu verrichten. Besondere Verwendung findet die F. bei der Fabrikation gefältelter Hemdeneinsätze und der Herstellung von Rüschen, Plisses u. s. w. Faltenwurf, s. Gewand. Famis, eine Art seidener mit Goldfäden durchwirkter Stoffe, die in Italien und Frankreich für die Levante gewebt wurden (s. a. Lüster). Fanchon (franz.), Bezeichnung einer leichten Kopfbedeckung für Damen. Fancy-Artikel ist der englische Ausdruck für alle Modewaren. Fancy-net (engl.), Bobbinnet oder gemusterter Spitzengrund. Fangschnur, Cordon, eine Schnur, die mit dem einen Ende an der Kopf¬ bedeckung (deren Verlorengehen sie verhindern soll), mit dem anderen Ende an der Uniform des Soldaten befestigt oder auch nur um seinen Hals ge¬ schlungen ist. Früher zur Ausrüstung der deutschen Kavallerie gehörig, wird die F. jetzt mehr zum Zierat und auch als Schützenabzeichen verwendet. Fangstuhl, ein Wirkstuhl, welcher ausser der gewöhnlichen Nadelreihe noch eine zweite, der ersteren entgegenstehende Nadelreihe enthält, zur Her¬ stellung von Rechts- und Rechtsware. Fano (lat.), (franz.: fanon; engl.: fanon), leichtes Tuch, Gewebstreif, daher auch Bezeichnung für Manipel. Ferner Fahnenblatt, auch Fahne und Kirchenfahne. Das althochdeutsche Wort, aus welchem Fahne entstanden ist, bedeutet überhaupt ein Zeugstück, wurde aher im Mittelalter speziell für das Nastuch gebraucht, welches der amtierende Priester über den linken Arm gehängt hatte. Fanon (franz.), Bezeichnung für das sonst Manipel (s. d.) genannte Ge¬ wandstück der kath. Priester, auch das Schultervelum, unter dem bei der feierlichen Messe der Subdiakon die Patene hält und ein vom Papste bei der feierlichen Messe getragenes seidenes Humerale (auch Orale genannt). Ferner bezeichnet F. den Bandstreifen (sudarium) an den einwärts gebogenen Stäben der Aebte und die zu beiden Seiten der Krone der deutschen Kaiser herab¬ hängenden Bänder (s. a. Fano). Fan-palk, s. Flanell. Fanta, leichter Taffet von der Insel Korea. Fantaisie nennt man in Frankreich die bourre de soie, wenn sie, wie Baumwolle, auf Maschinen gekrämpelt und gesponnen worden ist. Man braucht sie zu Strumpfwaren und Shawls. Färberei, s. Zeugdruck. Färberei- und Appreturschulen, s. Webeschulen. Farbtuch, auch Drucktuch, nennt man beim Zeugdruck dasjenige aus Wolle oder Baumwolle bestehende endlose Gewebe, welches bei den Walzen-
Farnworth—Federmosaik, 185 druckmasckinen die Unterlage für das zu bedruckende Gewebe bildet, und letztere gleichzeitig in die Trockenkammer leitet. Farnworth, Stadt in der engl. Grafschaft Lancaster: wichtige Baumwoll¬ industrie. Fars, persische Seidenmanufaktur, welche im Mittelalter durch Atlasstoffe und Sammete berühmt war. Faserstoffe sind: 1. Pflanzenfasern: Baumwolle, vegetabilische Seide, Flachs, Hanf, Jute, Chinagras, Ramie, Ahelmoschusfaser, Gamhohanf, Nessel¬ faser, Sum, Agavefaser, Aloehanf, Coir, Manilahanf, neuseeländischer Flachs, Tillandsinfaser, Kitulfaser, Piassava, Esparto. 2. Tierische Fasern: Schafund Ziegenwolle, Alpaka- und Kamelwolle, Tierhaare im allgemeinen, Muschel¬ seide. 3. Mineralische Fasern: Metallfäden, Glaswolle, Schlackenwolle, Asbestfäden. (Vergl. die Artikel im einzelnen und „Gespinstfasern“.) Fassa, Fesa oder Basa, Stadt in der pers. Provinz Farsistan, im Süd¬ osten von Schiras: hat ihren alten Glanz gänzlich eingebüsst, ist jedoch durch ihre Goldstickereien und Brokate noch jetzt berühmt. Fassonierte, fagonierte, figurierte, gemusterte Stoffe nannte man früher die verschiedenen Gewebe, bei welchen die Figuren nicht mit dem Zampeloder Kegelzug eingewirkt, sondern nur mit vielen Schäften und Fusstritten hervorgebracht wurden. Nach der Erfindung der Jacquardmaschine und der ihr ähnlichen Trittmaschine hat diese Unterscheidung aufgehört; man bezeichnet jetzt gemusterte oder figurierte Stoffe im Gegensatz zu den glatten Zeugen, unter welche man nur die leinwand- oder taffetartig und geköperten Gewebe rechnen kann. Gewöhnlich sind in fassonierten Stoffen dem Muster oder der Farbenstellung nach entsprechende Streifen eingeweht, welche in anderer Weise binden, als der Grund oder die daneben befindlichen Streifen. Es ist dem¬ nach eine Bindung in die andere gestellt, weshalb man sich auch des Aus¬ drucks „zusammengestellte Bindungen“ (s. Bindungen) bedient. Trotz der Vielseitigkeit in der Ausführung lassen sich die so erzeugten Stoffe in sechs Klassen einteilen: Langgestreifte Stoffe (raye’s); quergestreifte St. (travers); karierte St., würfelige St., mehrteilige St. (s. a. Armure und Bildgewebe). Fastentuch, Hungertuch, (lat.: cortina qudraginta dierum, circitorium oder velum quadragesimale; franz.: tenture de careme; engl.: tenten veil.) grosser Teppich aus weisser, grauer oder violetter Leinwand, mit biblischen Darstellungen bemalt, bestickt oder bedruckt, welcher in der Fastenzeit vor dem Allerheiligsten aufgehängt wird. Im Mittelalter liebte man für derartige Tücher die Weissstickerei, wohl mit Rücksicht darauf, dass das Licht, welches durch die Hochfenster für den Beschauer von hinten auf den Vorhang fiel, die gestickten Figuren und Sprüche dunkel auf hellem Grunde er¬ scheinen lässt. Fa-U-tunn (ckines.), ein broschierter Kamlott aus Seide und Wolle, der in China gewebt und zu welchem das harte Kammgarn zum Schuss aus Eng¬ land eingeführt wird. Faveur (franz.), eine Gattung farbiger schmaler Bänder aus Etienne. Fayetteville, Hauptort des County Cumberland im nordamerik. Staate Nordcarolina: Baumwollmanufaktur und -Fabrikation. Fecamp, Hauptort im Arrond. Havre des Depart. Seine-Inferieure: Kaliko- und Segeltuchfabrikation; Baumwollspinnerei. Fechenheim, Dorf im preuss. Reg.-Bez. Kassel: Litzenweherei. Federkielstickerei, s. Stickerei. Federköper, s. v. w. Federleinwand. Federleinwand nennt man eine Gattung sächsischer Barchente, worin die Kette von gebleichtem Leinengarn, der Einschlag aus feiner Baumwolle besteht. Sie unterscheiden sich von anderen Barchenten dadurch, dass nach der Breite wechselweise ein Streifen geköpert, der andere ungeköpert ist. Federmosaik, aus natürlich oder künstlich gefärbten Vogelfedern zu¬ sammengesetzte Muster oder Bilder. Bei den Indianern Südamerikas hat sich der Gebrauch erhalten und von ihnen auf die Eingewanderten übertragen,
186 Federriten—Ferahan. bunte Federn in Decken einzuwirken, eine Art und Weise der Musterung, der schon im Altertum in China Erwähnung geschieht. Federriten, gewöhnlicher, blaugestreifter Bettzwillich. Die Streifen sind meistens blau und grau von ungebleichtem Garn. In Mähren nennt man auch eine rohe Leinwand F. Federtapeten, Federteppiche, Decken oder Teppiche, in welche bunte Vogelfedern eingewirkt sind (s. Federmosaik). Feine, die, oder Höhe des Blattes (s. d.) eines Seidengewebes drückt man nach den Hunderten von Riethstäben (Blattrohren) aus, welche sich auf einem bestimmten Masse befinden. Feinspinnen, der Spinnprozess, welcher den fertigen Faden aus dem Vorgespinst herstellt. Feinspinnmaschinen ziehen die Fäden bis zur gewünschten Feinheit aus und drehen sie gleichzeitig zusammen: Watta- und Mulmaschinen. Felbel, Felpel, Felper odel Velpel, auch Pelzsammet, ein sammetartiges Gewebe, dem die langen, durch Bürsten nach dem Strich niedergelegten Florfäden ein pelzähnliches Aussehen geben; dient zum Ueberkleiden der Zylinderhüte. Feldbinde, die im 13. Jabrh. aufgekommene Militärschärpe. Sie bestand zuerst aus einem breiteren Schmuckgürtel, in welchen häufig Wappen oder andere Bilder eingestickt waren. Später, so im dreissigjährigen Kriege, wurde sie in den Landesfarben von der rechten Schulter zur linken Hüfte ge¬ schlungen. Feldkirch, Stadt in Vorarlberg: Baumwollspinnereien. Felixdorf, Dorf in Oesterreich bei Wien: Baumwollspinnereien, Baum¬ wollweberei mit Appretur und Bleicherei. Felletin, Hauptort im Arrond. Aubusson des franz. Depart. Creuse: bedeutende Teppichfabrikation, Wollspinnerei. Fellmaschine, Pelzkrempel, in der Streichgarnspinnerei eine Bezeich¬ nung für die zweite Krempel, welche die Wolle in Form einer breiten pelz¬ artigen Fläche empfängt. Felpel, Felber, s. Felbel. Fenny-Stratford, Stadt in der engl. Grafschaft Buckingham: Spitzen¬ klöppelei. Feradsche, Kleidungsstück der türk. Frauen, wird ausserhalb der Woh¬ nung getragen und besteht aus einem den ganzen Körper von den Schultern bis auf die Knöchel einhüllenden Ueberwurf aus Seide oder feinem Wollstoff, in Aegypten und Syrien auch aus Baumwolle mit einem breiten Kragen, an den sich oberhalb der den Hals und Kopf bedeckende Schleier (Jaschmak) anschliesst. Neuerdings wird statt des F. vielfach der Tscharschaf (s. d.) getragen. Ferahan, persische Provinz, nach welcher ein am meisten in Europa verbreiteter kurz geschorener Knüpfteppich benannt wird, der hauptsächlich in der Stadt Sultanabad vom Ende des 18. bis zum Anfänge des 19. Jahrhunderts erzeugt wurde. Der Ferahauteppich galt früher als eines der vorzüglichsten Produkte persischer Teppichindustrie. Ohne Anspruch auf besondere Feinheit oder besonderen Materials erheben zu können, stellte derselbe in den guten Sorten einen überaus fest gearbeiteten, unverwüstlichen, durch seine ruhigen Farben und das geschmackvolle Muster wohltuend wirkenden Bodenbelag dar, der auch durch seine Grössenverhältnisse den europäischen Bedürfnissen am meisten zusagte. Gewannen ihm alle diese Eigenschaften bald einen Weltruf, so ging infolge der massenhaften Ausfuhr seine Qualität immer mehl' herunter, so dass es schwer ist, heut noch ein wirklich gutes Stück seiner Art im Orient zu erhalten; es kommen nur noch gröbere Arten in den Handel. Der ver¬ breitetste Typus des F.-Teppichs ist durch das Heratimuster (s. d.) gekenn¬ zeichnet, dem sich auch seine Borte anpasst. Eine andere Gattung von F.Teppichen zeigt im Inneren zwei Systeme von geflammten Ranken, ein verti¬ kales und ein horizontales, die einander unter dem rechten Winkel kreuzen
Ferandine—Fibroin. 187 und. sich zu ausgeschweiften spitzovalen Feldern Zusammenschlüssen. Ein drittes Motiv ist das unter dem Namen Gule Hennai (s. d.) bekannte Muster, das aus in gelblicher Farbenstimmung dargestellten, symmetrisch an einen Stengel gereihten Narzissenblüten besteht. Die Hauptplätze für F.-Teppiche sind Täbris und Terahan, von wo aus dieselben über Trapezunt durch Karawanen in den europäischen Handel gelangen (s. a. den Artikel „Teppiche“). Ferandine, Ferrandine, früher ein leichter, halbseidener Stoff, dessen Kette ganz von Seide, der Einschlag von Wolle, Baumwolle, Leinen oder auch von Kamelhaar war. Er ähnelte dem Chaly, der Barege, der Alepine. Der Stoff wurde in Frankreich gefertigt. Ferda (arab.), Umhüllungstuch der Orientalen. Fere, La, Hauptort des Kantons F. im Arrond. Laon des franz. Depart. Aisne: Drillich- und Leinwandhandel. Fernambuk, südamerik. Baumwollsorte. Ferraschen heissen in Persien in den Häusern der Grossen jene Leute, welche die Aufsicht über die Teppichbestände haben: so genannt vom persischen Fersch, der Teppich. Ferte-Bernard, La, Hauptort im Arrond. Marners des franz. Depart. Sarthe: Leinwandindustrie. Fes, Fez, (Fäs), eine der beiden Haupt- und Residenzstädte des Sultanats Marokko. Hauptsitz der marokkanischen Industrie: man fertigt wollene Be¬ duinenmäntel, Gürtel, wollene Decken, Sättel, seidene Tücher, rote wollene Mützen, Leinen; war einst Hauptsitz der Teppicherzeugung in Marokko (s. Marokkanische Teppiche). Fes, türkische Kappen, rot und weiss, in verschiedenen Sorten unter den Bezeichnungen Abas, Nisam, Servianen, albanesische, griechische u. s. w., bonnets de Turquie, estamets casquettes, sind die aus feiner Schafwolle ge¬ strickten oder gewirkten, dann fest gewalkten runden Mützen, das Hauptstück des Kopfputzes in der Türkei, welches die Stelle des Hutes vertritt und daher einer von den einträglichsten und bedeutendsten Artikeln im levantiner Handel ist, von den Griechen ohne alle Verzierung getragen, von den Türken in roter Farbe mit einem Turban umgeben, von den Weibern in weisser Farbe, mit Tüchern, Schleiern, Fransen und anderem Kopfschmuck verziert wird. Seit 1826 ist der Fes ein Uniformstück der türkischen Armee: Nisam. Gefertigt werden diese Kappen seit uralten Zeiten in Fes; seit dem 18. Jahrhundert macht man sie aber in grossen Mengen auch in Italien, Frankreich, Deutsch¬ land, Oesterreich und Böhmen. Festenberg, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Breslau: Tuchfabrikation. Festonnierapparat, Maschine der Stickindustrie zum Einfassen von ausgeschlagenen Zacken u. dergl. Festonstich, s. Maschinenstickerei. Festonstressen heissen die doppelten, ausgebogten, gemusterten und an der einen Kante oder an beiden durchbrochenen Tressen. Fetabrun (filix) wächst auf Malta: Ersatzmittel für Baumwolle. Feuchtwangen, Bezirksstadt in Mittelfranken: Leinen-, Woll- und Damast¬ fabrikation. Feuerhemd, in früheren Seekriegen angewandtes Kampfmittel: Leinwand¬ stücke u. s. w., die, mit breunbaren Stoffen getränkt, an den feindlichen Schiffen befestigt wurden, um sie in Brand zu setzen. Feuersteinleinwand, Flintleinwand, mit grob oder fein gemahlenen Kiesel¬ steinen bestreutes Gewebe, vorher mit Leimlösung bestrichen: Schleif- und Putzmittel. Fibroin, flüssiges Sekret der Seidenraupe, eigentlich die Seidensubstanz der eigentlichen Seidenfaser, wurde in vorgeschichtlicher Zeit in Fadenform ausgezogen und zur Herstellung von Saiten und Angelschnüren verwendet. Indessen sollen nur die Chinesen (3000 v. Chr.) im Besitze dieses Materials gewesen sein. Ein scheinbar ähnliches Produkt wird japanisch als Tengusu, engl.: silkworn-got, franz.: fil de Florence genannt.
188 Fife—Filet. Fife, Grafschaft in Schottland: bedeutend sind die verschiedenen Zweige der Leinenmanufaktur; ausserdem Tuchfabrikation. Figures de Chimay nennt man niederländische Spitzen, welche zu Henne¬ gau verfertigt werden. Figuriert (franz.: figure; engl.: figured), gemustert, verziert, namentlich von Stolfen; s. fassoniert. Filatomaschine, in der Seidenfabrikation eine Vorrichtung zum Auf¬ drehen des Probefadens, das den Zweck hat, für irgend ein Seidengespinst die Anzahl von Drehungen zu finden, welche auf eine bestimmte Länge sowohl den einzelnen Rohseidenfäden als beim nachherigen Zwirnen dem Ganzen gegeben worden sind. Filatorium (lat.), Seidenzwirnmühle oder auch Spinnmühle, Maschine, auf der das Zwirnen oder Zusammendrehen mehrerer Kokonfäden zu einem Fadenbündel (Rohseidenfaden) erfolgt. Filatrice hat in Frankreich zweierlei Bedeutung: 1. die Florettseide; 2. einen Stoff, dessen Kette aus Seide, der Einschluss von Florett ge¬ macht wird. Fil d’Epreuve, eigentlich Toiles fil d’Epreuve, mittelfeine, bunte fran¬ zösische Leinen, ganz aus Flachsgarn, blau und weiss gewürfelt, blau und weiss gestreift, zuweilen auch in anderen Farben kariert und gestreift. Fil de Forez, s. Leinengarn. Fil de Sayette, s. Wollengarn. Filet, ein durch Knüpfen aus Fäden hergestelltes Netz, das mittels eines runden, glatten Holzstabes entsteht — dessen Umfang die Grösse der Maschen bestimmt — Abb. 69. und der sogen. Filetnadel, einem diinen Metall¬ stäbchen, das an beiden Enden gespalten ist und in dem sich der streifenartig aufgewickelte Fadenvorrat befindet. Der weiteren Ausbildung der Technik liegt wohl das einfache Fischernetz zugrunde, dessen Heimat kaum festzustellen sein möchte; doch kann auch das Ausziehen von Fäden, wodurch quadratischer Netzgrund ge¬ schaffen wird, zur Vervollkommnung geführt haben. Die ältesten Netzarbeiten (s. d.) sind uns als Mützen aus den koptischen Gräbern des 5.—7. Jahrh. erhalten, deren Herstellung aber nicht immer auf dem einfachen Filetknoten be¬ ruht. (Abb. 69.) Kopfnetze aus farbiger Seide mit entsprechender Musterung kommen aus dem 13.—14. Jahrh. und sind als rheinische Ar¬ beiten bekannt. Als spitzenartige Decken und Borten, meistens in weissem Garn, kommt die eigentliche Filetarbeit gleichzeitig in Italien, Spanien, Deutschland und Frankreich im An¬ fänge des 17. Jahrhs. vor; sie bildet bis ins 18. Jahrh. hinein eine der beliebtesten textilen Kunstfertigkeiten und findet weite Verbrei¬ tung durch Musterbücher. Die Musterung an und für sich schliesst sich infolge der quadratischen Grundlage derjenigen für Leinenstickerei streng an (Abb. 70); freiere Ausbildung erfahren die Muster durch den Filetguipüre und die Filetstickerei (s. d.). Auch der Orient hat die Filetarbeit in Shawls und dergl. aufgenommen, wo sie aber nur in bunter Seide zur Ausführung gelangt. (Abb. 71.) Gewebte Filetstoffe, welche den klaren Gazestoffen ähnlich sind, erscheinen im Anfang des 17. Jahrhs. in Spanien und Italien, man bediente sich ihrer für Durchzugarbeiten und Stickereien in farbiger Seide (s. a. die Netzarbeiten unter Aegypten).
Filet de Cluny—Filetguipüre. 189 Abbild ungen: 69. Originalaufnahme aus dem Königl. Landesgewerbemuseum in Stuttgart: Teil einer Mütze, in filetartiger Netzarbeit aus gelblichem Garn. Aus einem koptischen Grabe 5.—7. Jahrh. < !■ 70. Darstellung aus: Ornamentale und kunstgewerbliche Sammelmappe (Serie Y) des Kunstgewerbemuseums zu Leipzig. Tafel XXII. Decke in Filetarbeit aus weissem Garn mit Darstellung von Tieren und Blütenzweigen in Umrandung einer Ranke mit stilisierten Blütenpalmetten. Italien 17. Jahrh. 71. Originalaufnahme aus dem Königl. Landesgewerbemuseum in Stuttgart: Endigung eines Shawls, Filetarbeit in farbiger Seide, im Grunde Streumuster aus Blüten¬ zweigen, die Borte mit stehenden Bäumchen. Türkei 18.—19. Jahrh. Abb. 70. Filet de Cluny, französische Netzarbeiten aus dem 15.—17. Jahrh. Sie zeichnen sich durch einen sehr engen Netzgrund aus und durch dichtgestellte Muster, die mit einem starken Faden umnäht sind. Filetdurchzug, s. Filetguipüre und -Stickerei. Filetguipüre nennt man die auf einem Filetnetz hergestellten Arbeiten, deren Musterung sich nicht an die quadratische Grundfläche binden, sondern in rundlichen Linien durch weitergeführte Fäden gebildet werden. (Abb. 72.) Mit dem Guipüre (s. d.) in passementerieartiger Ausführung hat die Technik nichts gemein.
190 Filetstickerei. Abbil düng: 72. Originalaufnahme aus dem Königl. Landesgewerbemuseum in Stuttgart: Borte, sogen. Filetguipüre in weissem Garn: welliges Raukenmuster. Deutschland Ende 17. Jahrh. Filetstickerei, Durchzug von Fäden durch die Maschen eines geknüpften oder gewebten Netzes; erscheint im XIV. Jahrhundert als rheinische KlosterAbb. 71. arbeit, im XVI. Jahrhundert in Italien (Abb. 78) und (Abb. 74) Spanien für profane Zwecke reich in farbiger Seide ausgeführt. Als eine andere Art der Abb. 72. Filetstickerei ist diejenige zu bezeichnen, wenn das gröbere Netz als Auflage für ein aus Leinen ausgeschnittenes Mustek dient, dessen Ränder in farbiger Seide bestickt: sie wurde im 17. Jahrh. in Italien und Spanien geübt. (Abb. 75.) Abbildungen: 73. Originalaufnahme aus dem Königl. Landesgewerbemuseum in Stuttgart: Borte in Filetstickerei aus gelblichem Garn auf weissem Netz, mit eckig gelegtem Rankenmuster, das in distelartige Palmettenblüten endigt. Italien Ende 16. Jahrh.
Filieren—Fillingm aschine. 191 74. Originalaufnahme aus dem Königl. Landesgewerbemuseum in Stuttgart: Borte in Filetstickerei aus bläulichem Oarn auf weissem Netz mit Muster aus Blüten und schrägen Balken. Spanien Ende 16. Jahrh. 75. Originalaufnahme aus dem Königl. Kunstgewerbemuseum in Berlin: Borte, Aufnäharbeit aus weissem Leinen mit farbiger Seidenstickerei auf grossmaschigem grün¬ seidenem Filetnetz. Italien 17. Jahrh. Abb. 73. Abb. 74. Abb. 75. Filieren, in der Seidenfabrikation, s. v. w. Zwirnen. Filierte Seide, der aus mehreren Rohseidenfäden gezwirnte Seidenfaden. Filik-Teppiche werden orientalische Teppiche aus Ziegenhaar genannt. Filla (lat.), Schnur, mit der ein Spiegel befestigt wurde. Fillingmaschine, bei der Verarbeitung der Florettseide eine Maschine, auf der das Material in ein Vliess verwandelt und sodann in gleiche Längen
Filo ad un dente—Finsterwalde. 192 zerschnitten wird, zu ermöglichen. um die Arbeiten des Dressierens (Kämmens) und Spinnens Filo ad un dente, in Neapel eine Art Taffet, der von sog. Scomigliaseide gewebt und einem seidenen Schleier ähnlich ist, weshalb ihn die Ita¬ liener auch Velo sengro nennen. Filo d’Angora, in Italien und Oesterreich das gesponnene Ziegenhaar. Filoschegardine, s. Filousche. Filoselle, Filosello (ital.), Florettseide, d. s. Abgänge von Gespinstresten, welche das Rohmaterial zur Florettindustrie ahgeben (s. d.). Filousche, Filouche, Filosch, ein dünner durchsichtiger Baumwollenstoff mit Leinwandverbindung; man rechnet ihn unter die Musseline oder Gazestoffe. Filtrierstoffe, s. Filtriertuch. Filtriertuch, Filtertuch, Filtrierbeutel, ein dicker loser Wollstoff, der entweder durch Weberei aus gedrehtem Garn oder auch durch Filzen herge¬ stellt wird. In allen Teilen muss der Stoff hinreichend lose sein, um Flüssig¬ keiten schnell durchzulassen, und hinreichend feinporig, um auch sehr feine feste Körper zurückzuhalten. Wolle ist nach ihrer natürlichen Beschaffenheit hierzu besonders geeignet. Filtrum (lat.), Filz; filtreus: aus Filz gemacht. Filure (franz.), Gespinst. Filz ist ein Stoff aus Wolle und Tierhaaren, die man mit Hilfe von Wärme und Nässe auf einer Filztafel mit einem Filzeisen oder Filzblech von Eisen oder Kupfer über Kohlenfeuer derartig ineinandertreibt, dass sich die kurzen Härchen erst locker ineinanderschlingen, worauf man sie in einem Waschkessel mit warmem Wasser und Weinsteinlösung ineinander walkt. Filzgarn, gefilztes Garn, ein zu den Kunst- oder Ziergarnen (Effekt¬ garnen) gehöriges Garn. Als Rohmaterial ist nur filzfähiger Faserstoff, wesent¬ lich also Streichwolle anwendbar. Die Herstellung geschieht nach dem gewöhn¬ lichen Spinnverfahren bis zum Vorgarn. Der Vorgarnfaden aber wird nicht auf dem üblichen Wege durch Strecken und Drehen in fertiges Garn ver¬ wandelt, sondern durch Verfilzung der Haare des Vorgarnbündels. Der Filz¬ prozess ist derselbe wie bei gefilzten Stoffen. F. ist weicher und glätter als gedrehtes Garn und besitzt einen matten Glanz. Verwendung findet es ver¬ einzelt als weiches Schussgarn, sowie zu Posamentierartikeln u. a. Filzmaschine, eine in der Filz- und in der Tucbfabrikation gebrauchte Maschine, auf welcher eine voi'bereitete Fache oder ein Haarverliess die Be¬ schaffenheit des Filzes erhält (s. Filz). Filzmühle oder Walkmühle, eine Art Filzmaschine (s. Tuchfabrikation). Filzteppiche werden nicht gewebt, sondern gestampft und kommen vor¬ züglich in Yezd, Ispahan, Khain u. a. 0. in Persien vor. Es gibt drei Sorten, die sich nach der Stärke unterscheiden (s. Nemed). Filztuch, im gewöhnlichen Sinne ein Wollstoff, der durch Filzen der auf den Vorspinnmaschinen erzeugten Decken oder Pelze hergestellt wird und zu Fussdecken, Pantoffeln, Bieruntersätzen u. a. dient. — Dann auch ein aus kräftiger Streichwolle hergestelltes dickes Gewebe, das durch Walken stark verfilzt ist; es wird als Zylinderüberzug in der Papierfabrikation benützt. Fimbria (lat.), goldgestickter Saum, Franse, auch Halskrause; fimbriatus, mit Goldstickereien oder Fransen eingefasst. Finastre, eine der schlechtesten Sorten Ardassinseide aus Smyrna. Finette, eine Art der französischen Serge. Finishing, der englische Ausdruck für die Schlussoperationen der Appre¬ turverfahren, welche den Zweck haben, die Ware verkäuflich zu machen. Fin trait, eine Gattung Segeltücher aus Abbeville. Fiocchi (ital.), Quasten von Leinenschnüren, die sich im 17. Jahrhundert im Zusammenhänge mit den Spitzen entwickelt haben. Fior di Francia heissen in Italien die broschierten Atlasse. Finsterwalde, Stadt im Kreis Luckau des preuss. Reg.-Bezirks Frank¬ furt: Tuchfabrikation (21 Fabriken mit 5—600 mechanischen Stühlen und
Fischtücher— Flachs. 193 12—1300 Arbeitern). Das hier hergestellte fast ausschliesslich schwarze Tuch wird auf Messen in Leipzig, Frankfurt a. 0. und Braunschweig abgesetzt, sowie nach Schweden und der Schweiz versandt. Fischtücher, eine Gattung wollener Tücher für den levantiner Handel, welche in Sachsen, Schlesien und Böhmen gewebt und in den orientalischen Farben gefärbt werden. Ihren Namen haben sie von den zwei Fischen, welche auf ihrem Bleistempel den Namen der Fabrik umgeben. Fischu, Fichu (franz.), kleine Frauenhalstücher, welche durch Maria An¬ toinette in Mode gekommen sind und zuerst aus einer den Malines (s. d.) ähn¬ lichen Spitzen bestanden. Fitze, s. Garn. Fixe (franz.), kleines einer Glasplatte, wurden. wie sie Bild auf Leinwand oder Seidenstoff, bedeckt von früher zur Ausschmückung der Möbel angewendet Flachdraht, s. Lahn. Flachs, Lein, der allgemeine Name für mehr als 24 verschiedene Pflanzen, die sich durch den fünfblättrigen Kelch, durch die fünfblättrige Blumenkrone und durch die fünfschaligen Samenkapseln, die in jedem ihrer zehn Fächer einen einzelnen Samen enthalten, auszeichnen. Eine dieser Arten ist der be¬ kannte gemeine Flachs, gemeine Lein, Linum ussitatissimum, dessen eigent¬ liches Vaterland unbekannt ist; doch findet man ihn in einigen südlichen Ländern, in Aegypten, in Spanien und auch in der Schweiz, wild ohne alle Pflege wachsen. Der Flachsbau ist über ganz Europa verbreitet, doch mehr im nördlichen, als im südlichen. Lein heisst eigentlich die ganze Pflanze, Flachs aber das daraus zum Garnspinnen vorbereitete Material. (Vgl. die Artikel Byssus und Lein.) Im Handel kommen folgende Sorten von Flachs vor: Aegyptischer Flachs, ungewöhnlich lang und von rötlicher Farbe; meistens sehr stark, daher nur zu grober Leinwand brauchbar. Archangeler Flachs, lang, weich, grau in der Farbe; man schätzt ihn dem Petersburger gleich. Böhmischer Flachs wird unter den deutschen Sorten nächst den lüneburger am meisten geschätzt, er ist rein und von langem glänzenden Haar. Danziger Flachs kommt in 6 Sorten in den Handel; die beste Sorte ist rigaischer Rakitzer, dann folgt podolischer und als dritte Sorte oberländischer. Paternoster ist gering. Zweiband und Dreiband sind unrein. Finn 1 ändischer Flachs ist von grüner Farbe. Flandrischer Flachs, eine der besten und feinsten Sorten, welcher den irländischen besten Arten gleichkommt. Die Einwohner verarbeiten hiervon alles selbst für Batist-, Spitzen- und Leinwandwaren, so dass kaum etwas in den Handel kommt. Französischer Flachs ist gleich dem flandrischen fein und wird auch zu den feinsten Geweben und Spitzen verarbeitet. Man erhält daraus die unter den. Bezeichnungen Ramie und Lin de fin bekannten Sorten; Lin de gros dient nur zu mittelfeinen und starken Gespinsten. Holländischer Flachs wird wegen seines feinen und glänzenden Fadens, seiner Länge und Güte dem flandrischen gleichgeschätzt. Irländischer Flachs ist unter allen bekannten Sorten der feinste und beste; er kommt aber nicht in den Handel, weil man nur so viel baut, als in den englischen Spinnereien gebraucht wird. Königsberger Flachs kommt in verschiedenen Sorten nicht allein aus Ostund Westpreussen, sondern aus Polen und den angrenzenden russischen Provinzen nach Königsberg. Man unterscheidet unter folgenden Namen: Feiner oder Königs¬ berger Rackitzer, Kaydans R., Drujaner R., Podolischer R.; Kettenflachs in Weiss, Blau, Grau und Silberfarbig; Oberländischer, Paternoster, Liebstädter, Bauerband; Flachsdos nennt man den verwirrten Flachs. Libauer Flachs sind im Kurland erbaute Sorten von geringer und un¬ reiner Art. Lüneburger, braunschweiger, hannoveraner Flachs rechnet man unter die besten deutschen Flachssorten; er wird meist aus dem sogen. Schiesslein erzeugt. Heiden, Handwörterbuch der Textilkunde. 13
194 Flachsgarn—Flandrische Leinwand. Memeler Flachs wird in fünf Sorten geteilt unter gleichen Bezeichnungen wie Königsberger. Narwaer Rein flachs ist eine gute und rein gehechelte Ware, die nicht häufig vorkommt. Neuseeländer Flachs wird aus den Blättern einer auf den Inseln von Neuseeland wild wachsenden Pflanze, Phormium tenax, die zur Familie der Liliaceen gehört, gezogen. Man bezeichnet diese Art des Flachses auch oft Manilahanf, doch mit Unrecht, da dieser (auch Abaka genannt) von der Musa textilis gewonnen wird. Beide haben aber sehr viel Aehnlichkeit miteinander. Oesterreichischer, kärntner und tiroler Flachs ist von geringerer Qualität als der böhmische und mährische. Pernauer Flachs enthält viel Werg, die beste Sorte ist der sogen, geschneide. Petersburger Flachs wird sehr geschätzt, seine Farbe ist naturbräunlich, er wird indessen bald weiss. Rigaer Flachs kommt unter allen Gattungen im Handel am häufigsten und in grossen Mengen vor, weil R. der wichtigste Stapelplatz für diesen Artikel ist. Sächsischer und lausitzer Flachs ist dem böhmischen an Güte gleich; man ist im übrigen seit lange in Sachsen bemüht, die belgische Methode des Flachs¬ baues einzuführen. Schlesischer Flachs ist fein, fest und rein gehechelt; man hält ihn nächst dem böhmischen und mährischen für eine der besten Sorten. Thüringischer Flachs; man baut in Thüringen, wie in Hannover und Braunschweig zwei Arten von Flachs: Klängellein, Klanglein und Springflachs. Ausserdem wird der Flachsbau in allen Gegenden Deutschlands betrieben: Bayern, Württemberg, Hessen, Baden, Westfalen u. s. w.; er kommt aber in Mengen nicht in den Handel, weil er in den ihn erzeugenden Ländern zu Leinwand verarbeitet wird. Flachsgarn, s. Leinengarn. Flachsspinnerei, s. Spinnerei. Flachstich, s. Plattstich und Stickerei. Flachswolle, aus der rohen Flachsfaser durch wiederholtes Behandeln mit Sodalösung und nachfolgendes Neutralisieren durch Schwefelsäure dar¬ gestelltes Surrogat für Baumwolle, das bisher aber noch wenig praktische Verwertung gefunden hat. Flackmaschine, veraltete Bezeichnung für Schlagmaschine. Flaggentücher oder Schiffsfahnen werden von leichtem Wollenzeug her¬ gestellt, das man Fahnentuch nennt (s. Fahne). Flaine, eine Art Coutils oder Bettzwilliche. Flämisch Leinen, Vlämisch Leinen, ist einfache, gedrungen gewebte russische Leinwand von sächsischem Garne, welche in den südlichen Gegenden des Reiches gefertigt, ungebleicht nach Holland, England und Amerika ver¬ kauft werden. Flammes, französische, buntgeflammte, auf Leinwandart gewebte Zeuge, deren Kette aus Leinengarn, der Einschlag aus Baumwolle besteht. Flammierte, geflammte, chinierte oder jaspierte Stoffe heissen diejenigen tuchartigen Gewebe, welche flammige Streifen oder gesprenkelte, lange Linien haben. Man färbt dazu bestimmte Garne so, dass mehrere Stellen weiss bleiben, die übrigen aber die beliebige Farbe behalten, daher man die zur Kette oder zum Ein¬ schlag bestimmte Garnstrehne mit Bindfaden so umbindet, dass die Farbe die bewickelten Stellen nicht berühren kann und diese deshalb weiss bleiben. Auch mehrere seidene oder reiche Stoffe, sowie Bänder, auch genähte oder gestickte Arbeiten, die ein flammenartiges Muster oder gleichsam einen geflammten Glanz haben, nennt man flammiert oder flammig. Flamski Polotno oder Plotno, Polotno heisst auf russisch die flächsene Leinwand; man versteht darunter alle auf niederländische oder flandrische Art gewebte Leinwand; insbesondere begreift man darunter in Petersburg die beste Sorte der sogenannten flämisch Leinen (s. d.). Flandrische Garne, s. Leinengarn. Flandrische Leinwand werden im allgemeinen die besten und feinsten Leinengewebe genannt, die in den ehemaligen französischen und österreichischen Niederlanden srefertmt wurden.
Flandrische Textilerzeugnisse—Flanell. Flandrische Textilerzeugnisse älterer Zeit siehe 195 unter Wandteppiche, Weberei und Spitzen. Flanell oder Flonell, Franella, Fa-lan-jin, Fa-lag-nel, Faupak, ein leichtes, Abb. 76. tuchartiges Gewebe aus Wollengarn, welches entweder gar nicht oder nur sehr wenig gewalkt (gewaschen), dann gerauht, aber nicht geschoren wird, und mit verschiedenen Abänderungen, glatt, gepresst, frisiert, geköpert, gedruckt und gestreift, in Abb. 77. verschiedener Feinheit in den Handel kommt. Bei allen Gattungen wird zur Kette aus zweischüriger Wolle fest gesponnenes Garn genommen, zum Einschlag Streichwolle. Vielfach wird auch Fl. mit baumwollener Kette gemacht, den man zu¬ weilen Hemderflanell oder B olivar fl aneil nennt. Bei einigen bunten gestreiften Gattungen ist die Kette Leinengarn, und der Einschlag Schafwolle. Man webt den F. wie Tuch, doch da er nur die Wäsche mit Seife bekommt, so wird er etwas dicht geschlagen, wodurch er sich vom Boy unterscheidet, der stärker gewalkt wird. Das Rauhen geschieht nur einmal; nach demselben wird er geschwefelt und nass in die Rahmen gespannt. Die feinsten Sorten erhalten einen Köper, wie Kersey, und sind unter dem. Namen Gesundheits fl aneil, geköperter Fl. be¬ kannt. Die Herstellungsorte in Deutschland sind Sachsen, Thüringen, Württemberg, Preussen, Hannover, Hessen. In grossen Mengen findet Fl. zu Frauenunterröcken Verwendung. Ueber gedruckten oder türkischen Flanell vgl. den Artikel Golgas. In früherer Zeit wurden vor¬ zugsweise in Flandern feine Flanelle hergestellt, später auch in England und Nordfrankreich, heut stehen die deutschen Fabrikate den fremdländischen nicht nach. Ueber flanellartige Zeuge wie Moltons, Boy, Fries, Lamas, Bajetas vgl. die einzelnen Artikel.
196 Fiatted wire—Flechtbänder, Fiatted wire (engl.), s. Lahn. Flaus (Fries, Coating), tuchartiges, zuweilen geköpertes Gewebe, ist dicker und hat längeres Haar als gewöhnliches Tuch. Flechtbänder oder Bandmuster sind als Begrenzung deckender Flächen Abb. 78. aus Produkten der textilen Kunst durch Flechten, Weben oder Sticken hervor¬ gegangen und in dieser Bedeutung auch auf die allgemeine Formensprache des Kunstgewerbes übertragen worden. Die ersten schmückenden Formen derselben gingen aus dem technischen Verfahren hervor, welche bei ihrer Herstellung
Flechtbänder. 197 stattfand: d. s. Reihungen von Flechtmotiven, deren älteste Beispiele uns schon aus dem alten Aegypten und Assyrien (Abb. 76) bekannt sind, von wo sie das Abb. 79. klassische Altertum übernahm (Abb. 77) und weiter künstlerisch ausbildete. Vom Besatz- oder Bortenmotiv, für welches in der Textilkunst eine eigene Technik (s. Brettchenweberei) von frühesten Zeiten an nachgewiesen ist, welche
198 Flechtbänder. der Bortenwirkerei (s. d.) zugrunde liegt, geht das Flechtbandmuster über als reine Grundfüllung (Abb. 78), wozu der arabische Einfluss (s. arabischer Stil) beiträgt, welcher es bis zum 13. Jabrb. immer mehr selbständig erscheinen lässt. (Abb. 79 u. 80.) Auch in China und Japan wird das Motiv des Flecht¬ bandes aus der Technik heraus entwickelt, wobei als Ausgangspunkt einesteils der Mäander (Abb. 81), aber auch jene Flechtart wahrzunehmen ist, welche auf breiten Knotenverschlingungen beruht, die sich als Flachmuster aus¬ dehnen. (Abb. 82.) Vom Orient aus nehmen die Flechtbandmuster mit den übrigen Motiven der Textilkunst ihren Weg nach Europa, wobei seit dem 16. Jahrh. in Spanien, Italien und Deutschland eine Umwandlung zu erkennen ist, welche die ursprüngliche Bedeutung derselben hinten anstellt (Abb. 83 u. 84) und vielmehr auf die geflochtene Matte als die Entstehung derartiger breiter angelegter Flechtbandmuster hinzudeuten scheint. Abb. 81. Abbildungen: 76. Darstellung aus: Semper, Der Stil u. s. w. Bd. 1, Taf. XII. München 1878: Doppelborte mit Flechtband und Palmetten; von einer assyrischen Wandmalerei. 77. Darstellung aus: Margarethe Lebmann-Filhes, Ueber Brettchenweberei. Berlin 1901: Bandornament auf einem römischen Mosaikfussboden. 78. Originalaufnahme aus dem Kunstgewerbemuseum in Leipzig: Aufsatzstück eines Gewandes, gobelinartige Stopfarbeit in violetter Wolle, darauf in feinem weissen Garn gestickt: Muster aus Flechtband und Rosetten. Original aus einem koptischen Grabe 5.—8. Jahrh. 79. Darstellung aus: Heiden, Musteratlas, Bl. 2, Fig. 1. Leipzig 1896: Rosette aus Flechtbandwerk in Umrahmung von zwei durchsteckten Quadraten. Original auf einem spanisch-maurischen Seidenstoff des 13.—14. Jahrh. in der Stoffsammlung des König! Kunstgewerbemuseums zu Berlin. 80. Darstellung aus: Heiden, Musteratlas, Bl. 2, Fig. 2. Leipzig 1896: Rosette aus Kelchpalmetten im Vierpass, in Umrahmung eines rund gelegten doppelten Flecht¬ bandes. Original auf einem arabisch-indischen Seidenstoff des 13.—14. Jahrh. in der Stoffsammlung des König!. Kunstgewerbemuseums zu Berlin. 81. Darstellung aus: Heiden, Musteratlas, Bl. 100, Fig. 1. Leipzig 1896:
Flechtbänder. 199 Rosette aus Flechtbandwerk mit stilisierten Blütenranken. Original aus einer Weberei in farbiger Seide im Königl. Kunstgewerbemuseum zu Berlin. China 18.—19. Jahrh. Abb. 82. Abb. 83. 82. Originalaufnahme aus dem Königl. Landesgewerbemuseum in Stuttgart: Seidengewebe, Grund blassgrün, Muster gelb, die runden Felder Goldpapier: Rauten¬ felder aus Flechtbandwerk enthalten eingerahmte Rundbilder mit Drachen. Japan um 1800.
200 Flechtenstich—Flockentuch. 83. Originalaufnahme aus dem Kunstgewerbemuseum in Leipzig: Leichtes Seiden¬ gewebe, Grund grün, Muster gelb: In Reihen versetzte Gruppen von Flechtbandwerk. Deutschland (?) 16. Jahrh. 84. Originalaufnahme aus dem Königl. Landesgewerbemuseum in Stuttgart: Stickerei auf Kanevas in farbiger Wolle und etwas Seide, Muster aus Flechtbandwerk. Süddeutschland 16.—17. Jahrh. Flechtenstich, s. Zopfstich. Flechtspitze ist die einfachste Form der Klöpp eiarbeit, sie wird haupt¬ sächlich in der sogen. Vierflechte ausgeführt, bei der sich die Fäden bald gerade, bald schräg bewegen und mit den entgegenkommenden verkreuzen (s. Spitzen). Flechtwerk, s. Flechtbänder. Fleecy-Hosiery (engl.), gefüttertes Strumpfzeug aus Baumwolle, auf der einen Seite glatt, auf der anderen aber durch die eingelegte, fest in die Maschen eingewirkte offene Schafwolle völlig rauh wie ein Pelz, und je nach den Be¬ dürfnissen von verschiedener Dicke. In Deutschland wird der Artikel für Mützen, Strümpfe, hauptsächlich aber für Jacken, gefertigt. Flems (engl.), flämische Leinen (s. d.). Flensburg, Stadtkreis im preuss. Beg.-Bez. Schleswig: Tuch- und Wollwarenfabrikation. Flers, Hauptort im Arrond. Domfront des franz. Depart. Orne: Spinnerei und Weberei. Fleurance, Hauptort des Kantons F. im Arrond. des franz. Depart Gers: Baumwollspinnerei. Fleur de lis, s. Lilie. Fleuret ist Florett (s. d.) auch Florettseide. Fleurets nannte man früher die ausgesuchten und besten Rouen blancards, eine aus halbgebleichtem Garn gewebte Leinwand, welche von Rouen und Morlair nach Holland und England ging, und dort besser gebleicht und appre¬ tiert nach Amerika und Westindien gesandt wurde. Heut ist der Name Fleuret veraltet, man nennt den Artikel Blancard. Fleurier, Ort in der Schweiz: Erzeugung von Spitzen seit dem 17. Jahr¬ hundert. Fleuron, ein leichter französischer Stoff von Seide, Leinen und Wolle, der früher in Amiens gewebt wurde. Fliess, Vliess, s. v. w. Schafwolle. Flinder, s. v. w. Flitter (s. d.); daher die Flinderhaube, mit Goldplättchen behängte Staatshaube der Fratien im Mittelalter. Flittern, Flinkem, Flinder, Pailletten, (engl.: spangles) Plättchen, sind kleine dünne Scheiben von Messing-, Tombak- oder Silber- und Golddraht geschlagen. Man verwendet sie seit dem frühesten Mittelalter zu (echten und unechten) Stickereien. Hier waren es oft grössere in Relief getriebene leichte Platten, die im Sinne der Brokatweberei als Vorläufer der Aufnäharbeit gelten. Flixcourts, französische Leinen, die in der Gegend von Amiens gewebt werden. Flocard (franz.), quastenähnlicher Zierat am Pferdeharnisch. Flocart, floquart (franz.), der Schleier, welcher von der Spitze der burgundischen Haube (hennin) herabhing. Floches, dünne Näh-, Posamentier- und Fransenseide. Flocken, s. Wolle. Flockenleinwand oder Fockenleinwand sind die aus dem geringen, groben Werggarn gewebten Packleinen, welche aus Sachsen unter dem Namen Barras in den Handel kommen. Flockentuch, ein in früherer Zeit sehr gangbares grobes und starkes Tuch aus Abgängen der Wolle in der Spinnerei. Statt desselben fertigt man in England Tuch aus Shoddy wool.
Flockseide—Florenz. 201 Flockseide, (franz.: Frisons), Abfall vom äusseren unregelmässig ge¬ sponnenen Teil der Kokons, welcher in der Florettindustrie Verwendung findet. In Japan kommen Frisons meistens in Wattenform in Verkehr. Flocktapeten, Leinentapeten, auf welchen das Muster durch Aufträgen von pulverisierter Flockenwolle (d. i. Abfall beim Scheren des Tuches) auch Seidenstaub hergestellt worden ist. Dieselben wurden zuerst im Anfänge des 17. Jahrhunderts von Audrian in Paris aus Wachstuch gemacht. Nach Beck¬ mann (Geschichte der Erfindungen, Leipzig 1784) ist das Alter der Herstel¬ lungsart fraglich). Derselbe schreibt sie dem Engländer Lanyer (1644) oder dem Franzosen Francois (1620) zu. Sie waren auch unter dem Namen Tapisserie de tonture en laine bekannt. Flockwolle ist Scherwolle. Flocone ist der dicke, weiche und flockige Paletotstoff; sein eigentüm¬ liches Aussehen wird ihm mittels verschiedener Arten der Appretur erteilt. Seine Herstellung geschieht, indem nach 1 oder 2 Grundschüssen 1 mehrfacher Grundschuss erfolgt, der auf der rechten Seite der Ware stellenweise flottiert und dann in Tuch verbindet. Die ungebundene Stelle dient zur Bildung des Flors. Flohteppiche, Händlerbezeichnung für eigentümliche persische Knüpf¬ teppiche: sie zeigen eine kleine stilisierte Palmettenmusterung auf rotem Grunde. Flor, allgemeine Benennung für ein dünnes, durchsichtiges oder netz¬ artiges Gewebe, bei welchem die Fäden der Kette und die Einschlagfäden merklich voneinander abstehen, in vielen Sorten und verschiedenem Material. Ein wesentlicher Unterschied ist nicht zwischen Flor und Gaze, auch der Musselin hat ein gleiches Gewebe. Im allgemeinen ist die Bezeichnung Flor für offene oder klare Gewebe veraltet, statt seiner ist der Ausdruck Gaze (s. d.) für dergleichen gebräuchlicher. Flor nennt man auch bei der Sammet-, Felbel- und Manchester¬ weberei die in die Grundkette eingeschlagenen Fäden, welche über erstere hinaustreten. Florence, ein glatter in Leinwandbindung hergestellter Seidenstoff, zu welchem nur die feinen Gattungen der Seide verwendet werden und welcher an die Stelle des Taffets getreten ist. Er unterscheidet sich von diesem durch einen grösseren Glanz, der teils durch die dazu genommene ganz gekochte Seide (tout cuit), teils durch eine sorgfältige Appretur entsteht. Man machte den Stoff zuerst in Florenz, woher er seinen Namen hat. Florentiner Rasch, Raso di Firenze, eine eigene Gattung feiner bunt¬ farbiger Rasche, welche in Florenz aus dem feinsten und zartesten Wollengarn gewebt und in Ballen zu Anzugsstoffen für Männer verarbeitet werden; man nannte den Stoff sonst auch Finette. Florentines, Florentins, nennt man feine, geköperte Wollenzeuge aus den Wollenmanufakturen von Norwich und Halifax. Florenz (ital.: Firenze; lat.: Florentios), Hauptstadt gleichnamiger ital. Prov.; Die Seidenverarbeitung wird um das Jahr 1204 eingefübrt und erreicht ihre Blütezeit im 14. Jahrh. Gegen Ende des 18. Jahrh. kommt durch süd¬ deutsche Mönche die Tuchweberei hierher und die Fabrikate sind im 14. und 15. Jahrh. im Orient wie im Abendlande stark begehrt. Der steigende Reich¬ tum in der Residenz der Medicäer, die in grosser Anzahl arbeitenden Web¬ stühle und die handfertigen Weber waren der Einführung der Seide günstig. Man besitzt einen interessanten Aufsatz der florentinischen Seidenweber des 14. und 15. Jahrh., der meist in Form eines Dialogs gehalten, aber genaue Angaben über Technik und Webekunst der Seidenstoffe liefert. (Vgl. Silber¬ mann, die Seide. Dresden 1897. Bd. I, S. 81.) Vom Ende des 15. Jahrh. an entstehen Sammet-, Gold- und Silberbrokate, welche die bis dahin in den be¬ rühmten Herstellungsorten Lucca, Pisa und Genua gefertigten Stoffe über¬ trafen. Im 16. Jahrh. ging die Textilindustrie infolge innerer Kämpfe schon zurück; nur die Herstellung genähter Spitzen erhielt sich länger. Auch in neuerer Zeit ist die Industrie nicht bedeutend.
Floret—F ontange. 202 Floret, Florets, Spiegeldamast, ein glänzender, figurierter Wollenstoff s. Droguet. Floret, s. Florett und Seide. Floreteades, im spanischen Handel die Popeline. Florettas ist der Name feiner weissgebleichter flandrischer Leinen, welche durch das feine ausgesuchte flächsene Garn und durch die sorgfältige Arbeit einem starken Batist ähnlich sehen. Florettband, Frisoletband; im allgemeinen eine geringe Bandsorte von Florettseide, welche nur aus einem schmalen leinwandartig verbundenen Ge¬ webe besteht und in bunten Farben einfach und gestreift und auf Bandmühlen oder Mühlenstühlen mit vielen Gängen gefertigt wird. Es hat nicht das glatte, glänzende Ansehen des ganz seidenen Bandes, weil die Knoten der ungleichen Fäden der Florettseide sich bei aller Appretur doch nicht völlig wegbringen lassen. Florettindustrie, Zweig der Seidenabfallverarbeitung, welche im Anfang des 18. Jahrhunderts besonders in der Schweiz und im Eisass zur Entwick¬ lung gelangte. Sie beruht auf der Nutzbarmachung aller Abgänge von wirren Gespinstresten und dergl., welche sich bei der Raupenzucht und Gewinnung der Seide aus den Kokons ergeben; man ist bemüht, ihre Leistungsfähigkeit durch chemische und maschinelle Erfindungen fortgesetzt zu verbessern (s. Seidenabfälle und Florettspinnerei). Die Grossindustrie des Floretts, d. i. mechanische Seidenspinnerei, beginnt erst um 1860, hat sich aber, wie kein anderer Zweig der Textilindustrie, schnell entwickelt. In der Schweiz hatte die Florettindustrie als Hauptgewerbe schon im Jahre 1555 bestanden und war im 18. Jahrhundert namentlich an den Ufern des Yierwaldstädter Sees rege betrieben worden. Die erste mechanische Florettspinnerei entstand 1830 in Basel. In Frankreich war das Florettgewerbe schon im 13. oder 14. Jahr¬ hundert im Betrieb, doch war die Qualität der Gespinste gering. (Vgl. Silber¬ mann, die Seide. Dresden 1897. Bd. II, S. 1 ff.) Florettleinwand, s. Florleinwand. Floretts, ein dem Satin ähnlicher glänzender wollener damaszierter Stoff aus englischen Manufakturen, für Landleute bestimmt. Man nennt ihn auch Spiegeldamast. Florettspinnerei, s. Florettindustrie. Florida (Pensacola), nordamerikanische Baumwollsorte, weiss ins Graugelbe, minder glänzend und kräftig im Faden. Florleinwand oder Florettleinwand nennt man Gewebe, die sich von der gewöhnlichen dünnen Leinwand darin unterscheiden, dass sie aus glatten, feinen Fäden ganz locker geschlagen sind, so dass der Einschlag wie die Kette von¬ einander abstehen und dass bei gleicher Breite die Kette dazu weit weniger Fäden hat, als die Kette zur gemeinen Leinwand; ferner, dass der Schuss nicht mit der Lade festgeschlagen, sondern jeder neu eingeschossene Faden genau in dem gehörigen Abstand von dem vorhergehenden bleiben, wozu man sich des sogen. Regulators (s. Webemaschinen) zu bedienen pflegt. Flottliegend heissen bei atlasartigen Geweben die oben aufliegenden, die Bindungen verdeckenden Kettenfäden. Flüchtige, flüchtig stehende oder geschossene Zeuge nennen die Weber diejenigen, welche weit im Blatt stehen und locker geschossen werden. Foes, ein leinwandartiges Baumwollengewebe. Folie ist das zu dünnen Blättern oder Blechen geschlagene Metall, welches in verschiedenen Formen (Sternen, Blattrosetten u. dgl.), in ähnlicher Weise wie Füttern (s. d.), namentlich in bäuerlichen Stickereien Ver¬ wendung findet. Fond, le, das Einnähen der Schlingstiche für Nähspitzen. Fond d’or ist Goldstoff. Fontange (franz.), hohe, über ein Drahtgestell aus Spitzen oder Flor aufgebaute Frauenhaube, getragen bis etwa 1720. Die Herzogin von Fon¬ tanges soll diesen Kopfputz zum Schutze gegen die Sonne erfunden haben.
Fontenay-le-Comte—Frankenberg. 203 Fontenay-le-Comte, Hauptstadt des gleichnamigen Arrond. im franz. Depart. Vendee: Tuch- und Leinwandindustrie. Forcalquier, Hauptstadt des Arrond. F. im franz. Depart. Basses-Alpes: Seidenspinnerei. Forchheim, Stadt im bayer. Reg.-Bezirk Oberfranken: Spinnereien und Webereien. Fordingbridge, Stadt in der engl. Grafschaft Hampshire: Leinenmanu¬ faktur und Kattundruckerei. Forenza, Ort in der ital. Provinz Potenza: Leinwandindustrie. Forestieri (drappi), im italienischen und levantinischen Handel die fran¬ zösischen Tücher, welche den niederländischen nachgemacht sind. Forets-whites, auch Penistones, sind englische wollene Tücher. Forfar, Hauptstadt gleichnamiger schottischer Grafschaft: Leinwand¬ industrie. Forillos crudos nennen die Spanier die beste Sorte der schlesischen ungebleichten Platilles. Formen- oder Leinenschlagspitze bemüht sich durch gobelin- und leinen¬ artige Bindung breitere Flächen herzustellen; der einfachere Flechtenschlag wird dabei fast nur für die Verbindungen angewendet. Fossano, Stadt in der ital. Provinz Cuneo: Seidenspinnerei und -Weberei; Tuchfabrikation, bedeutender Handel. Fossombrone, Stadt in der ital. Provinz Pesaro e Urbino: bedeutende Seidenindustrie (Seta della Marca), s. d. Fossys sind eine Art ostindischer baumwollener Zeuge von verschie¬ dener Farbe. Fotalongees, ostindische, von Baumbast und Seide gemalte Stoffe mit Streifen. Fotas, Fottes, Foras (franz.: phottes), eine Gattung baumwollener, hunt¬ gewürfelter und buntgestreifter Tücher, welche die Franzosen früher von der Küste Coremandel und aus Bengalen und an den afrikanischen Küsten in den Handel brachten. Fougeres, Hauptstadt im gleichnamigen Arrond. des franz. Depart. Illaet-Vilaine: Wollspinnerei und -Wirkerei. Fougeres, Namen verschiedener Sorten französischer Leinen. Fougeres d’Emballage : starke hänfene Packleinen ; F. lialles : flächsene ungebleichte Leinen; de menage: eine weiss gebleichte, gedrungene Leinwand. Foulard, Foulas (franz.), leichter Seidenstoff, Kette von ungezwirnter Rohseide und Schuss von Florettseidengarn. Foulards werden auch ostindische seidene Basttücher genannt, welche schwer, aber sehr ungleich im Gewebe sind, zuweilen glatt, meistens aber auf rotem und braunem Grunde, mit weissen oder gelben, auch dunkeln Mustern bedruckt. Als die Zeugdruckerei sich in Europa vervollkommnet hatte, wurden die Foulards von Indien eingeführt und in Manchester, Nimes, Elberfeld, Berlin, Chemnitz u. s. w. bedruckt. Fourmies, Stadt im Arrond. Avesnes des franz. Depart. Nord: Woll¬ kämmerei, Baumwollspinnei’ei, Garnbleichen, Strumpfwirkerei. Fourrivu (franz.), Pelzwerk, Pelzmantel. Fraises (franz. = Kalbsgekröse), ein gefältelter kurzer Spitzenkragen, der nur bis an die Schultern reicht, dagegen rund um den Hals gleich¬ förmig liegt oder gesteift absteht; er wurde in Frankreich Mode zur Zeit Heinrich II., der wegen einer Narbe am Halse zum Tragen desselben ge¬ zwungen war. Franella, s. Flanell. Frange (franz.), Fadensaum, Franse (s. d.), frangieren, mit Fransen besetzen. Frankenberg, Stadt in Sachsen: Fabrikation von wollenen, halbwollenen und seidenen Webereien (Teppiche, Portieren, Cheviot u. s. w.), Steppdecken. Ferner Appreturanstalten und Färbereien, Kattundruckerei: das grösste In¬ stitut Sachsens dieser Art.
204 Frankreich. Frankreich, Republik und Grossmacht Europas. Unter den einzelnen Zweigen der Industrie kommt an Bedeutung keiner der Textilindustrie gleich (1897 : 6713 Betriebe), deren Produktion auf 3 Milliarden geschätzt wurde. Davon entfielen etwa 1200 Mill. auf Woll-, 500 Mill. auf Seiden-, 600 Mill. auf Baumwoll- und 350 Mill. Frcs. auf die Hanf-, Leinwand- und Jutemanu¬ faktur. Als wichtigster Zweig der Textilbranche ist die Seidenindustrie hervorzuheben, die seit dem 8. Jahrhundert durch Vermittelung der Friesen nachweisbar ist; im 18. Jahrhundert befestigte sich der Seidenbau namentlich im Süden; doch gab die Widerrufung des Ediktes von Nantes (1685) der bis dahin in stetigem Wachstum begriffenen Industrie einen heftigen Stoss: über 80000 geübte Handwerker siedeln nach England und Deutschland über. Lud¬ wig XVI. führt die vorzügliche weisse Originalrasse „Sina“ der Seide direkt aus China ein, während bis dahin die gelben, grünlichen und weisslichen Rassen kulti¬ viert wurden. F. ist für den Seidenbau das zweitwichtigste europäische Land, besondere Bedeutung haben die Departements der Rhone: Gard, Ardeche, Dröme und Vaucluse sind die am meisten erzeugenden Provinzen. Die bedeutendsten Sammelpunkte sind Alais, Uzes, Nimes, Valena, Chomerac, Viviers, Cavaillon, Avignon, Joncquieres, Rochemaure u. a. Der Verbrauch an roher Seide (1899: 4,7 Mill. kg), der sich in den letzten Jahren fast immer gleich geblieben ist, ver¬ langt gegenüber der Produktion (1890 etwa 650000 kg, hergestellt in 1400 Roh¬ seidenfabriken durch 45500 Arbeiter, 1899: 566000, 1900: 736000 kg) eine bedeutende Einfuhr von Kokons roher und filierter Seide. 1897 gab es: 1028 Spinnereien und Webereien mit 78000 Arbeitern, 1400000 Spindeln und 61200 mechanischen Webestühlen, während die Zahl der Handstühle zurück¬ gegangen ist. F. fabriziert in der Hauptsache Ganzseidenwaren und übertrifft darin alle übrigen Länder. Die französischen Seidenwaren zeichnen sich vor allem durch Feinheit des Geschmacks und vollendete technische Ausführung aus. Der Wert der Ausfuhr belief sich 1900 auf 263, der der Einfuhr auf 61,5 Mill. Fr. In der S c h af w o 11 e nin dus tr ie zählte man 1885: 3266000 Spindeln, 46 300 mechanische Webstiihle und 112 000 Arbeiter in 1882 Be¬ trieben, 1897: 3500000 Spindeln, 72000 mechanische Webstühle und 160000 Arbeiter in 2100 Fabriken. Sie ist am meisten entwickelt in den Depart. Nord (etwa 300Manufakturen), Ardeche (230), Tarn (150), Marne (100), Aisne(50), Seine-Inferieure (50), Sonne (50). Die Zahl der Handstühle betrug 1873: 60000, hat sich aber bis 1897 auf 23000 vermindert. Der Einfuhr von Schafwollen¬ geweben im Werte von 42,2 Mill. Fr. stand 1900 eine Ausfuhr von 220,2 Mill. Fr. gegenüber. Einen besonderen Ruf haben die Tuche und Weichgarngewebe von Elbeuf, Sedan und Louviers, die Kammgarn- und Damenkleiderstoffe von Le Cäteau-Cambresis, Rouen, Reims, Tourcoing, und Roubaix und die Shawls von Paris, Nimes und Lyon. Schliesslich nimmt F. in der Verfertigung von Wandteppichen (s. Gobelins und Savonnerieteppiche) die erste Stelle unter den europäischen Ländern ein; Mittelpunkte sind Paris, Aubusson und Beauvais. Die einheimische Wollproduktion (1899: 43 Mill. kg) reicht für den Bedarf nicht aus; es werden noch (1900) für 374,1 Mill. Fr. Rohwolle und für 29 Mill. Fr. Wollabfälle (meist aus Argentinien, Australien und dem Kapland) eingeführt; dagegen wird auch (1900 für 219 Mill. Fr.) Wolle wieder aus¬ geführt. Die Baumwollenindustrie wurde 1773 zuerst in Amiens ein¬ geführt und hat seit dieser Zeit öinen gewaltigen Aufschwung genommen. 1900: 5,29 Mill. Spindeln, 95000 Webstühle und 450000 Arbeiter. Die Haupt¬ sitze sind die Depart. Nord, Seine-Inferieure, Vosges, Pure und Aube. Als Hausindustrie wird sie hauptsächlich noch in den Depart. Rhone, Somme, Aisne, Ome, Loire und Isere betrieben. Die Einfuhr von Baumwolle war 1900 auf 168,3 Mill. Fr. angewachsen. Die Einfuhr von Baumwollgeweben belief sich im Spezialhandel 1900 auf 47, die Ausfuhr auf 152,4 Mill. Fr. Von grosser Bedeutung ist in F. auch die Leinenindustrie, welcher sich die Hanf- u. Jutemanufaktur anschliesst. Mittelpunkte für die Flachsspinnerei sind die Städte Amiens und Lille, für Hanfspinnerei Mezidon (Calvados) und Angers, für Jutegespinste Ailly (Somme) und Dünkirchen. Die Leinenweberei
Frankstadt—Frasnes-lez-Buissenal. 205 wird namentlich in Lille, Cambrai, Valenciennes und Armentieres betrieben; Hanfstoffe liefern besonders Dünkirchen und Angers, Jutegewebe einige nörd¬ liche Departements. Anfang 1898 zählte die Leinwandindustrie (ohne Jute) 550000 Spindeln, 17000 Maschinenstühle und 20000 Handstühle. Der Ge¬ samtverbrauch von Rohstoffen beläuft sich auf etwa 2100000 Zentner. Die Einfuhr an Leinenwaren betrug 1900 (Gewebe und Garn, incl. Hanf und Ramie) 17,1, die Ausfuhr (einschliesslich Jute) 41,5 Mill. Fr. Die Weiter¬ verarbeitung der Webstoffe ist im hohen Grade entwickelt, und hier kommt der französischen Industrie sehr zu statten, dass Paris noch heute der ganzen Welt die Moderichtung diktiert, sowohl was die Stoffe selbst, deren Farben und Muster, als auch deren Fasson und Bearbeitung betrifft. In der Spitzen¬ industrie haben sich einige Gegenden ihren europäischen Ruf erhalten. Solche sind die Depart. Orne (Alengon), Calvados (Bayeux und Caen), Nord (Valenciennes und Lille), Oise (Chantilly), Pas de Calais (Calais und Arras), Haute-Loire, Puy-de-Dome imd Cantal, ferner die Städte Paris, Lyon, St. Quentin u. s. w. Eingeführt werden die Spitzen zuerst im Jahre 1653 von Italien; aus Venedig kommen Arbeiterinnen, um Technik und Musterung der Nadelarbeiten (point de Venise) unter dem Namen „poiut de France‘‘ nach¬ bilden zu lassen. Die Posamentenfabrikation wird vorzugsweise in Paris, Lyon, St. Etienne, Nimes, Amiens und Nantes betrieben. Frankstadt, 1. Stadt in der österr. Bezirkshauptmannschaft Mistett in Mähren: bedeutende Leinen- und Baumwollenindustrie. 2. Stadt in der österr. Bezirkshauptmannschaft Schönberg in Mähren : grosse Leinenindustrie ; Webschule. Franse, Franche, Frange, Franze (franz.: frange, engl.: fringes; span.: fiecos), Saum oder Endigung aus dicht herabhängenden Fäden, entsteht zu¬ nächst aus den an der Querseite stehen bleibenden losen Kettfäden jedes ge¬ webten Stoffes, woraus sich die weitere Arbeit der Bortenwirker und Posa¬ mentierer entwickelt hat, auch stilistisch schon im frühen Altertum daher seine Ableitung findet, wie es die Endigungen der Binden und Tücher aus dem alten Aegypten zeigen. Künstlerische Ausbildung reichen Fransenbesatzes an den Gewändern der Assyrer (vgl. Abb. 28). Das Mittelalter lässt die Franse aus verschiedenfarbigen lang herabhängenden losen Seidenfäden als Besätze der Kirchenausstattung und Gewänder selbständig werden, zu welcher Zeit der Halter aus Bergkristallkugeln entsteht, dem später ein solcher in Holz ge¬ drechselt folgt (s. Quasten). Am Ende des 16. Jahrhunderts entsteht die Knopf¬ franse (s. d.). Die weiteste Ausbildung erfährt die F. als Möbelbesatz im 17. und 18. Jalirh., als die feste gewirkte Borte in Posamentierarbeit übergeht (s. d.). Fransengewebe sind Stoße, deren Ketten- oder Schussfäden als Fransen stehen geblieben sind, ohne dass sie eine weitere Knüpfung erhalten haben. Franzleinen sind gestreifte, im Garn gefärbte schwäbische Leinen. Franzosentuch, s. Tuch. Französische Leinen waren bis zum Ende des 18. Jahrhunderts die gesuchtesten ihrer Art, erst durch die Verbesserung der Baumwollspinnerei und die damit verbundene grössere Herstellung von Baumwollgeweben in den meisten Provinzen des Reichs, ferner durch das Emporkommen der irländischen und schottischen Leinweberei, endlich aber auch durch die wohlfeileren irischen und deutschen Leinen hat der Ruf derselben abgenommen. Nur die Toiles de Mulquinerie, d. h. die Batiste, Cambrays, Linons, Claires und die ihnen verwandten feinen Gewebe, sowie mehrere Gattungen Segelleinen, haben sich unter der allgemeinen Bezeichnung in alter Güte erhalten. Französische Stilarten nehmen in der Textilkunst besonders seit der Regierung Ludwig XIII. (1614—1643) ein Interesse in Anspruch, weil F. von da ab auch die Führung im Flachmuster übernimmt. Die Stilepochen werden nach den ehemals regierenden Königen genannt, so dass man im Lande selbst nicht vom Barock-, Rokoko-, Zopf- oder Empirestil spricht, sondern die Stil¬ arten Louis XIII., XIV. u. s. w. unterscheidet (s. unter Stil im Einzelnen). Frasnes-lez-Buissenal, Hauptort des Kantons F. der belg. Provinz Hennegau: Strumpfwirkerei.
206 Frastanz—Fries. Frastanz, Gemeinde in Vorarlberg: Baumwollspinnerei, Weberei, Rotund Blaufärberei. Fredersdorfer oder Friedersdorfer Leinen sind im Handel bekannte Namen für solche, welche in dem gleichnamigen Dorfe der Lausitz ge¬ webt werden. Freiberg, Stadt in Mähren: Schafwollindustrie, besonders starke Tuch¬ weberei, Fesfabrikation. Freiburg, 1. im Breisgau (Baden): grosse Seidenzwirnerei (Firma Carl Mez und Söhne), mit neun auswärtigen Zweiggeschäften und bedeutender Aus¬ fuhr. Sitz der 4. Sektion der Süddeutschen Textil-, der 2. Sektion der SeidenBerufsgenossenschaft. 2. in Schlesien: Aktiengesellschaft für schlesische Leinen¬ industrie (früher Kramsta und Söhne). Freistadt, 1. Stadt im preuss. Reg.-Bezirk Liegnitz: Spinnerei, Jute- und Teppichweberei (Fabrikation und Hausindustrie). 2. Stadt in Oberösterreich: Leinweberei, Zwirnfabrikation. Freiwaldau, Stadt in Oesterreichisch-Schlesien: bedeutende Leinen- und Baumwollindustrie; Flachsgarnbleicherei. French apret wird eine besondere Appretur genannt, welche auf glatte, weisse Baumwollwaren zur Anwendung kommt und wodurch der französische Batist nachgeahmt wird. French cambric, englische Bezeichnung für französischen Batist. Fresnoy-le-Grand, Stadt im franz. Depart. Aisne: Fabrikation von Gaze, Kaschmirshawls und Foulards. Freudenberg, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Arnsberg: Färbereien, Filzund Kunstwollfabrik. Freudenfahne, Fahne in glänzenden Farben, im Mittelalter bei Begräb¬ nissen hoher Personen zwischen dem Freudenpferd und dem Trauerpferd getragen, um anzudeuten, dass man mit dem Verstorbenen alle Freuden zu Grabe trägt. Freudenstadt, Stadt im württ. Schwarzwaldkreis: Woll- und Flachs¬ spinnereien. Freudenthal in Oesterreichisch-Schlesien: bedeutende Textilindustrie (Leinen, Damast, Tuch und Kotzen). Webschule. Fridingen, Stadt im württ. Schwarzwaldkreis : mechanische Wollspinnerei und Kunstwollfabrik. Friedeberg, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Liegnitz: Flachsgarnspinnerei (über 5000 Spindeln) grosse Bleicherei; Fabrikation von Strumpfwaren. Friedland, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Breslau: mechanische Webereien, Garnbleiche. Friedland in Böhmen: Wollwarenwebereien und Spinnereien, zwei Baum¬ wollspinnereien, Druckerei, Färberei und Appretur von Wollwaren, Feintuchund Zwirnfabriken. Friedländer Leinen, eine rohe Sorte schlesischer Leinwand von grober Art, die zu Friedland häufig verfertigt und besonders über Hamburg aus¬ geführt wird. Friedrichroda, Stadt im Herzogtum Sachsen-Koburg-Gotha: Drillich¬ weberei, Bleicherei und AVäscherei. Friedrichshagen, Dorf im preuss. Reg.-Bez. Potsdam: wurde 1758 durch Friedrich d. Gr. als Spinnerkolonie gegründet. Friedrichshof, Marktflecken im preuss. Reg.-Bez. Königsberg: bedeutender Grenzhandel mit seidenen Zeugen aus Frankreich und der Schweiz. Fries, ein grober und starker, nicht sehr fest geschlagener und nur leicht gewalkter Wollenstoff, mit starkem langem Haar auf der oberen Seite, welcher einfach und geköpert aus geringer Wolle und grobem Kämmling gewebt wird. Das Garn ist gewöhnlich zum Einschlag noch einmal so stark als zur Kette. In der Walke wird F. nur mit guter Seife ausgewaschen, dann mit Karden gerauht, am Rahmen gestrichen und entweder meist geschwefelt oder bunt ge¬ färbt ohne weitere Presse in den Handel gebracht; Breite und Länge ist so verschieden, als die Qualität.
Frigidines—F rocs 207 Frigidines, s. Haartuch. Frigium, (lat.) statt phrygium, goldgestickter Saum, auch goldgestickte Mitra. Frise, Toile de Frise, friesische Leinen, die beste unter allen holländischen Leinen, weshalb man auch die feinste Sorte der niederländischen Gewebe nur mit dem Namen F. bezeichnet. Frisette, ein geringer Stoff aus Wolle und Baumwolle, der in Holland gewebt wird. Frisierte Stoffe sind tuchartige Gewebe mit langhaariger Decke, welche man durch eine eigene Maschine (Frisiermühle) in kleine Knötchen gedreht hat. Leichte Boys und Droguets werden auf diese Weise eingerichtet und als Futter¬ stoffe verwendet. Frison (franz.) nennt man 1. einen schlechten Fries, 2. einen gekräuselten warmen weichen Fries, 3. eine gewisse Art gekräuselter Gold- und Silberfäden oder Kantillen, welche zu Stickereien, sowie auch zu reichen Geweben angewandt werden, 4. dasjenige Produkt, das nach dem Aufweichen der Seidenkokons im heissen Wasser und leichter Behandlung mit Bürsten oder den gebräuchlichen Besen sich zuerst vom Kokon loslöst. Es ist die äussere Hülle der Kokons, „die eiste Arbeit der Seidenraupe“ von ungleicher Stärke. Frisonnets, Seidenabfälle für die Florettindustrie, welche sich beim Abhaspeln der Kokons ergeben, wenn dieselben ungeschlagen verarbeitet werden. Frivolitäten heissen spitzenartige Handarbeiten, welche mittels ein oder zwei den Faden tragenden Schiffchen durch Schlingen und Knoten hergestellt werden. Sie wurden zuerst im 17. Jahrhundert gemacht und haben sich bis in die Neuzeit als häusliche Kunstarheit erhalten, ln Irland werden F. Occiarbeiten genannt. (Vgl. Abb. 28.) Abb. 85. Abbildung: 85. Originalaufnahme aus dem Königl. Landesgewerbemuseum in Stuttgart: Teil eines Kragens, Frivolitäten- oder Occischiffchenarbeit in weissem Garn. Irland 19. Jahrh. Frocs, Froks, grobe geköperte Wollenstoffe aus der ehemaligen Nor¬ mandie.
Frohburg—F uttertuche. 208 Frohburg, Stadt in Sachsen: Plüschweberei, Kattundruckerei. Frome, Stadt in der engl. Grafschaft Somerset: Wollfabrikation, Be¬ kleidungsindustrie. Frottiertücher, s. Badehandtuch. Frührenaissance, (franz.: renaissance primär; engl.: first revival-style) s. Renaissance. Frulloni, im ital. Handel das Beuteltuch. Frutigen, Marktflecken im Schweiz. Kanton Bern: Fabrikation von Tü¬ chern; Spitzenklöppelei. Fukusa, kleine japanische gestickte und gedruckte Decke, welche zum Verhüllen von Geschenken dient, aber Eigentümer des Spenders bleibt. Fulda, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Kassel: Leinen-, Sackleinen- und Baumwollweberei, Kammgarnspinnerei, Färberei; Fabrikation von Plüsch, Filz¬ tuch und Schuhstoffen. Fuldische Leinen, s. hessische Leinen. Full-chints (engl.), echte, krapprot ausgefärbte gedruckte Kalikos. Füllstoffe heissen die in der Gewebeappretur zum Füllen verwendeten pulverförmigen, meist weissen Stoffe, wie Gips, Stärke, Schwerspat u. s. w., welche für Leinenzeug in Gebrauch kommen. Fulneck, Stadt in Mähren: Seiden-, Tücher- und Modewarenfabriken. Fulnecker Tücher, eine sehr gute und beliebte Art Wollentuch aus gleichnamiger Stadt in Mähren, welche in Europa und im Orient starken Ab¬ satz finden. Fünfbindig, s. Bindungen. Fünfkirchen, Stadt in Ungarn: bedeutende Webereien. Furie, ursprünglich ein ostindischer und chinesischer Seidenstoff, taffetartig gewebt, auf dunklem Grund, mit grotesken aufgemalten oder gedruckten Figuren in auffallenden hellen Farben; derselbe wurde auch in Holland und Frankreich nachgemacht. Fürstenberg, Stadt im Grossherzogtum Mecklenburg-Schwerin: Woll¬ spinnerei, Tuchmacherei. Fussarbeit, (franz.: armüre) ein technischer Ausdruck in den Wollen-, Leinen- und Baumwollmanufakturen, um die durch verschiedene Fusstritte und Schäfte im Webestuhl, und durch deren mancherlei Verbindung untereinander hervorgebrachten Muster und Figuren in den Stoffen, zu bezeichnen. Fussdecken, s. Teppiche. Fussdroguet ist Kalmank. Fustagno (ital.), s. Barchent. Fustanella, das weit herabreichende, weisse, baumwollene Gewand der Neugriechen. Fustian (engl.), s. Barchent. Futaine (franz.), s. Barchent. Futterkattune, s. Sarsenettes. Futterleinwand, 1. verschieden starke, rohe und gebleichte Leinen, 2. huntgefärbte Glanzleinen und Steiffutter, 3. in Frankreich grobe rohe W ergleinwand zum Beschlagen der Stühle, Sofas u. s. w. unter dem Namen toiles d’embourrure. Futtertaffet, s. Taflet. Futtertuche, Futterzeuge, sind zum Unterfutter bestimmte leichte Streich¬ garne und kammgarne Zeuge.
Gabans—Gansbauch. 209 G. Gabans, Mäntel von Filz oder grobem Tuch, die gegen den Regen schützen sollen. Sie werden hauptsächlich in der Türkei getragen; die be¬ liebtesten sind diejenigen, welche mit einem roten oder gelben Kreuze be¬ zeichnet sind. Gabes, Stadt in der marrokk. Regentschaft Tunis: Teppicherzeugung. Gafsa, Stadt im mittleren Tunis: Fabrikation von Burnussen, Haiks und Wolldecken. Gänseaugendrell, Gänseaugenmuster, ein derber grauer oder weisser Leinenstoff, der zu Handtüchern Verwendung findet und in köperartiger Bin¬ dung mit kleinen spitzovalen Feldern gemustert ist. Gaia, Villa Nova de, Stadt in Portugal: Fabrikation von Seidengeweben. Gaillac, Hauptstadt im franz. Depart. Tarn: Spinnerei, Fabrikation von Tuchen, Haus- und Packleinen; Färberei. Gaillon, Hauptort im Arrond. Louviers des franz. Dep. Eure: Tuch- und Plüschfabrikation, Strumpfwirkerei und Baumwollspinnerei. Gala (altfranz.), reiches, prächtiges Gewand; galabrunus (lat.) frz: galebrun, Tuchsorte; im allgemeinen festlicher Schmuck, im besonderen die Hoftracht. Galans, Bandschleifen als Putz. Galashiels, Municipalborough im südl. Schottland: Hauptsitz der schotti¬ schen Wollweberei und wichtige Manufakturen von Tweedtuch und Shawls. Galetta (von Gallette-Kokon) sind durchlöcherte, flockige oder besonders dünne Kokons, welche als Seidenabfälle für die Florettspinnerei verwandt werden. Galletseide sind gesponnene Seidenabfälle. Gali-Farss heissen in Persien die geschorenen sammetartigen Teppiche. Galizien, Kronland der Oesterr.-Uugar. Monarchie: in neuerer Zeit hat sich die Tuchindustrie entwickelt und in Biala (s. d.) ihren Hauptsitz genommen. Dieser zunächst steht die Leinenindustrie, welche in den Karpathen als Haus¬ weberei betrieben wird, dann die Hausweberei von Schafwollstoffen im öst¬ lichen G. Galletame (ital.), s. Bassinas. Galliate, Ort in der ital. Prov. Novara: Seidenspinnerei, Kattunfabrikation, Baumwollweberei. Gallieren, am Jacquardwebstuhl die Schnüre mit den Plattinen, flachen Metallstäben, verbinden. Gallipoli, Baumwollsorte von den Inseln des Archipels. Galons, Galonen, allgemeine französische Bezeichnung für Tressen, daher kommt die Benennung Galonen, womit man in Deutschland eine Gattung leichter, durchsichtiger Tressen bezeichnet, bei denen der Aufzug oder die Kette aus Ge¬ spinst oder Lahn, der Einschlag aus Gespinst besteht; auch hat man G. ohne Gold und Silber. Galonperle, perlenbesetztes Band; gallonne, mit solchen Streifen versehen (s. a. Tressen). Gambohanf, auch Bombayhanf, Bastfaser der Hibiscus canabinus. Gammadion, byzantinische Bezeichnung, welche sich auf ein aus vier Buchstaben (Grossgamma) kreuzförmig gebildetes Motiv in Stoffmustern bezieht. Gänge ist die Bezeichnung für die Dichtenbestimmung eines Gewebes; man spricht daher von einer 6—24gängigen Ware. Beim Seidenweben berechnet man die Höhe der Ware nicht nach Gängen, sondern nach Fein. Ganges, Hauptort im franz. Depart. Herault: Fabriken für Seiden¬ strümpfe, wichtige Seidenhaspeleien, Filet- und Handschuhfabriken und Baum¬ wollspinnereien. Gansbauch, ein Wams, das sich vorn in eine Spitze tief herabsenkte, nach der Mitte zu mit Baumwolle oder Pferdehaaren ausgestopft war und wie ein Polster vor Brust und Bauch herabhing. Die Mode kam am Hofe Heinrich III. von Frankreich auf. Heiden, Handwörterbuch der Textilkunde. 14
210 Ganses—Garnprüfungen. Ganses, in Frankreich eine Art runder oder eckiger schmaler Schnüre, die von Gold, Silber, Seide und Zwirn geklöppelt oder auf dem Bandstuhle ge¬ macht werden. Gantes, starke Sorte Leinwand, welche von den Landleuten in der Gegend von Gent und Brügge gewebt wird. Garas, Garats, Gueras, Gerras, Gerraes, Gorras, Guerleys, unter diesen verschiedenen Namen kamen ehemals aus Ostindien gewöhnliche starke Baum¬ wollenzeuge, welche zum Druck und zu Gebrauchsstücken (Hemden, Tischzeugen, Handtüchern) in Europa Verwendung fanden. Gardelegen, Stadt im preuss. Begbez. Magdeburg: Lein- und Baumwoll¬ weberei, Zeugdruckerei. Gardinen, d. s. Behangstolfe für Betten und Fenster, bilden in allen Arten textiler Kunstfertigkeiten einen bedeutenden Artikel. Die Entstehung der eigentlichen Gardine geht mit der Entwickelung des Tafelglases für die Fensterscheiben Hand in Hand. Man verwendet zunächst zur Dämpfung des Lichtes leichte Musselinstoffe oder helle bedruckte Kattune, bis durch die Er¬ weiterung der Maschinentechnik für die Spitzen- und Tüllindustrie ein Produkt gegeben ist, das den modernen Ansprüchen in jeder Weise gerecht zu werden sucht. (Vgl. Spachtelstickerei, Spitzen- und Tüllstoffe.) Gargurans, Gorgorans, Gourgurans, schwere ostindische und chinesische Seidenzeuge, welche früher die holländisch-ostindische Compagnie nach Europa brachte. Garlix, aus weissgebleichtem Garn dicht gewebte Hausleinwand; in Böhmen nennt man sie Butzelleinwand. Garn, in der Spinnerei das Erzeugnis der Spinnmaschine. Es entsteht durch Drehung einer Anzahl parallel gelegter Fasern um ihre gemeinschaftliche Achse. Die Unterbegriffe : K e ttg ar n, S chu s s ga r n , Stick- und Strick¬ garn, Eisengarn, beziehen sich auf die Verwendung des gesponnenen Fadens als Kette oder Schuss für Gewebe, Faden zum Sticken, zum Stricken, zur Her¬ stellung von Weberflügeln (Geschirre) von starken Nähfaden, und muss der Faden für jeden dieser Zwecke bestimmte Eigenschaften aufweisen, welche sich namentlich auf die Drehungen per Längeneinheit beziehen, dann aber auch auf die Qualität des verwendeten Rohmaterials. Bei der Haspelung der Garne erfolgt die Auf¬ wickelung des Fadens in Form der Strähne, Strenge auf dem Haspel, Garnhaspel, der Weife. Man teilt, nach hergebrachter Gewohnheit oder nach gesetzlichen Vorschriften, den Strähn in eine bestimmte Anzahl kleinerer Abteilungen, welche durch das Unterbinden (Fitzen) mittels eines quer durch¬ geflochtenen Fadens (Fitzfaden) von einander geschieden werden. Eine solche Abteilung heisst ein Gebinde, Bind, Unterband, Wiel oder Wiedel, eine Fitze, und muss eine festgesetzte Anzahl von Fadenumgängen (Fäden, Haspelfäden) von bestimmter Länge enthalten. Garndruckmaschine, dient zum Bedrucken aller Fasermaterialien in Strangform. Man baut solche Maschinen, um 1—16 Farben gleichzeitg zu drucken. Garnpresse, Pack- oder Bündelpresse, eine Maschine, welche dazu dient, die zu Strähnen gehaspelten Garne in sog. Packe oder Bündel von möglichst geringem Umfang zu formen, deren jedes ein Gewicht von 10 bis 20 kg besitzt. Diese Maschinen sind verschieden, als Hebel-, Schrauben-, Hydraulische Pressen u. s. w. konstruiert und immer so eingerichtet, dass sie gleichzeitig das Einbinden der zusammengedrückten Bündel ausführen. Garnprüfungen erstrecken sich auf die Bestimmungen des verarbeiteten .Rohmaterials, der Feinheit des Garnes, dessen Drehungsgrad, Fettgehaltes, Feuchtigkeitsgrades, sowie Festigkeit und Dehnbarkeit. Literatur: Wiesner, die Rohstoffe des Pflanzenreiches, Leipzig 1870; Her z fei d, die technische Prüfung der Garne und Gewebe, Wien 1895; Rudel off, Untersuchungen über Einfluss des Materials und der Konstruktion auf die Festigkeit von Hanfseilen; Mitteilungen aus den Ivönigl. Techn. Ver¬ suchsanstalten zu Berlin, 1893; desgl. 1894.
Garns orten. 211 Garnsorten werden nach der Feinheit oder Dicke des Garnes bestimmt: a) durch unmittelbaren Vergleich mit Garnen bestimmter Feinheit, wozu die letzteren einzeln mit der Probe verflochten werden oder b) zahlenmässig durch die für ein bestimmtes Gewicht erforderliche Garnlänge. Nach der zugrunde gelegten Masseinheit unterscheidet man das metrische, oder das englische Numerierungssystem mit dem Yard als Masseinheit. Die handelsübliche Numerierungsweise ist für die Garne aus verschiedenem Material verschieden. Das metrische Numerierungssystem ist bislang nur von der gesamten Kamm¬ garnspinnerei (ausschliesslich England) und einem grossen Teil der Seiden¬ industrie (Rohseide, Organsine, Trama) angenommen, sowie von einigen weniger bedeutenden Gespinstarten (Ramie, Ziergarne u. s. w.); ausserdem werden Streichgarne und Shoddygespinste vielfach nebenher aiich metrisch numeriert. Dass sich bislang, trotz der unzweifelhaften Vorzüge, das metrische System’ so wenig Bahn gebrochen hat, liegt in der Hauptsache in dem Mangel an ge¬ setzlichen Mitteln zur Einführung und an dem Widerstande der englischen Produzenten. Uebersicht der Numerierung der Garne: 1. Baumwollgarne. Englische Numerierung (üblich im grössten Teile von Europa und Nordamerika). Die Garnnummer benennt die Anzahl Schneller, welche 1 Pfd. engl, wiegen (1 Pfd. engl. — 0,4536 kg.) Haspelung: 1 Faden oder Weifen¬ umfang = 1,5 Yards (1,3714 m); 80 Faden = 1 Gebind; 7 Gebinde = 1 Schneller = 560 Faden = 840 Yard = 768 m Fadenlänge. Verpackung: 10 Schneller bilden eine Kaute oder Docke; in einem Bündel sind so viele Kauten, als die Nummer angibt, somit ist ein Bündel = 10 Pfd. engl. — Frankreich hat die doppelte metrische Numerierung, d. h. die Garnnummer gibt an, wie viel Strähne zu je 1000 m Faden¬ länge auf Yg kg gehen. Haspelung: Haspelumfang = 1,43 m = 1 Faden; 70 Faden = 1 Gebind = 100 m; 10 Gebinde = 1 Strähn = 1000 m. Die Verpackung ist in 5kg-Bündeln. — Vigognegarne numerieren vielfach metrisch. 2. Flachsgarne. (Leinengarne.) Englische Numerierung (üblich in Gross¬ britannien und Deutschland, z. T. in Frankreich und Belgien). Die Garnnummer gibt an, wie viel Gebinde zu je 300 Yards 1 Pfd. engl, wiegen. Haspelung in Schottland und Deutschland: 1 Gebind (leas) == 120 Faden ä 2'/2 Yards = 300 Yards = 274 m. In England auf 1 Gebind = 100 Faden ä 3 Yards. — Oesterreichische Numerierung: Nummer = Anzahl Strähne ä 3600 Wiener Ellen (— 2800 m) auf 10 Pfd. engl. —• Hanfgarne werden wie Leinengarne nach engl. Numerierung be¬ stimmt. 3. Jutegarne. Englische Numerierung wie bei Leinen. — Schottische oder Belfaster Numerierung: Nummer-Anzahl engl. Pfd., welche 1 Spindel — 14 400 Yards = 13160 m Fadenlänge wiegen. Haspelung: Haspelumfang = 2 yg Yards ; 120 Faden = 1 Gebind (cut) = 300 Yards = 274 m; 2 Cut = 1 Heer = Schneller = 600 Yards = 548 m; 6 Heer = 1 Haspel oder Strähn = 3600 Yards = 3290 m; 4 Haspel = 1 Stück oder Spindel = 14 400 Y'ards oder 13160 m. 4. Nesselgarn, Chinagras, Ramiegarne haben entweder die engl. Numerierung und Haspelung der Flachsgarne oder international-meti'ische Numerierung. 5. Kammgarn. A. Weiches Kammgarn (Moosgarn u. s. w.): Metrische oder internationale Numerierung. Die Nummer gibt an wie viel Strähne zu je 1000 m auf 1 kg gehen. Haspelung entweder 70 Faden zu je 1,43 m oder 73 Faden zu je 1,37 m oder 80 Faden zu je 1,25 m = 1 Gebind = 100 m; 10 Gebinde = 1 Strähn = 1 Fitze = 1000 m. Verpackung: 5 Strähn = 1 Docke; im 5kg-Bündel sind so viele Docken, als die Nummer angibt. — Französische Numerierung: Nummer-Anzahl der Strähne, welche 1/2 kg wiegen. 1 Strähn (echeveau) = 600 Aunes (Pariser Ellen) = 720 m. — Englische Numerierung: a) Kurze Weife: Nummer-Anzahl Schneller auf 1 Pfd. engl. Haspelung: 1 Faden = 1 Yard'= 0,914 m; 80 Faden = 1 Gebind; 7 Gebinde = 1 Schneller = 560 Yards = 512 m. — b) Mittlere Weife ist genau so, wie für Baumwollgarne. — c) Lange Weife: Nummer-Anzahl der Strähne auf 1 Pfd. engl. Haspelung: l Faden = 2 Yard; 80 Faden = 1 Gebind; 7 Gebinde = 1 Strähn = 1120 Yards = 1024 m, — B. Hartes Kammgaru (Weft, Mohair, Alpaka, Cheviot) hat engl. Numerierung und letzteres auch metrische. 6. Streichgarn (auch Shoddy, Mungo, Vigogne) hat ausserordentlich verschiedene Numerierungs- und Haspelsysteme. Aus der grossen Zahl sollen nur folgende an¬ geführt werden: Die metrische Haspelung und Numerierung ist wie bei weichem Kamm¬ garn angegeben. — Die englische Numerierung und Haspelung ist wie bei hartem Kammgarn kurzer Weife. 1 Strähn = 560 Yards == 512 m; Nummer gibt an An-
212 Garnwage. zahl der Strähne auf 1 Pfd. engl. — Französische Numerierung, Sedauer: 1 Faden (fil) = 1,8 Aunes (Pariser Ellen) = 1,543 m; 1 Gebind (maque) = 44 Faden; 1 Strähn (echeveau) = 22 Gebinde = 1256 Aunes = 1492 m. Sedaner NummerAnzahl der Strähne (ä 1492 m) auf x/2 kg. — Französische Numerierung, Elboeufer: 1 Faden = 1,666 Aunes = 2 m; 1 Gebind (sou) = 45 Faden; 1 Strähn (quart) = 10 Gebinde; 1 Stück (echeveau) = 4 Strähne = 3000 Aunes = 3600 m. Elboeufer Nummer-Anzahl der Stücke (ä 3600 m) auf l/„ kg. — Preussische oder deutsche Nume¬ rierung, auch in Oesterreich noch gebräuchlich: 1 Faden = 2 ’/2 Berliner Ellen (1 Berl. Elle = 0,667 m); 1 Gebind = 44 Faden; 1 Strähn (fitze, zahle) = 5 Ge¬ binde; 1 Stück = 4 Strähne. — Nummer-Anzahl der Stücke (ä 2200 Berl. Ellen = 1467 m) auf 1 Zollpfund (500 g). — Alte Berliner oder Belgische, auch Cockwillsche Haspelung und Numerierung: 1 Strähn = 2240 Berl. Ellen (1494 m). NummerAnzahl der Strähne auf 1 Zollpfund (500 g). — Preussische Numerierung für Shoddygarne: 1 Stück = 2040 Berl. Ellen (= 1360 m). Nummer-Anzahl der Stücke auf 1 Zollpfund. — Alte österreichische oder Brünner Numerierung: 1 Faden = 2 Wiener Ellen (= 1,552 m); 1 Klapp (Wiedel, Gebind) = 44 Faden; 1 Zahle (Strähn) = 20 Klapp. Nummer-Anzahl der Strähne (ä 1760 Wiener Ellen = 1369 m) auf 1 Wiener Pfd. (560 g). — Als weitere österreichische Nummer kommt vor auch Anzahl der Strähne zu 2112 Wiener Ellen (= 1642 m) auf 1 Wiener Pfd. — Alte Wiener Numerierung: 1 Faden = 2 Wiener Ellen (= 1,55 m); 1 Gebind = 50 Faden; 1 Fitze oder Strähn = 4 Gebinde; 1 Stück = 4 Strähne. Nummer-Anzahl der Stücke zu je 1600 Wiener Ellen (= 1240 m) auf 1 Wiener Pfund. — Sächsische Numerierung: Weife entweder 2 eilig (= 1,132 m) oder 3 eilig (= 1,7 m). Nummer (bei 2 eiliger Weife) = Anzahl der Zahlen (ä 800 Leipziger Ellen = 452,8 m) auf 1 Zollpfund, oder (bei 3 eiliger Weife) = Anzahl der Stücke (ä 1200 Leipziger Ellen = 679,2 m) auf 1 Zollpfund oder auch 1 engl. Pfd. — Sämtliche sind im Fett gewogen und verlieren durch das Wasser etwa 8—12°/0 des Gewichts. 7. Sächsisches Vigognegarn. 1 Faden = 2,375 Leipziger Ellen (— 1,344 m); 1 Gebind = 80 Faden; 1 Strähn = 4 Gebinde = 760 Leipziger Ellen (= 430 m). Nummer-Anzahl der Strähne (ä 760 Leipziger Ellen oder auch ä 480 Yards) auf 1 Zollpfund. 8. Chappeseide (Florettseide, Bourrette, Spunsilk) hat grösstenteils Numerierung wie engl. Baumwolle, stellenweise auch metrisch, in folgender Art: Nummeranzahl der Schneller zu je 500 m auf x/2 kg. — 1 Faden = 1,25 m; 1 Gebind = 100 Faden; 1 Schneller (Strähn) = 4 Gebinde (= 500 m). 9. Rohe und filierte (gehaspelte) Seide (Grege, Organsin, Trama). Der Titor (Titolo, Nummer) gibt an, wie viele Gewichtsteile 1 Gebind oder 1 Strähn „Seide“ wiegt. Als Gewicht wird der Denier oder die Gräne verwendet. — Internationaler oder metrischer Titor = Anzahl der Gramme, welche 1 Strähn von 10 000 m Fadenlänge wiegt oder auch Anzahl der Gräne (0,05 g), welche 1 Gebind = 500 m wiegt. — Alter Lyoner Titor = Anzahl der Gräne (= 0,0531 g), welche 1 Gebind von 400 franz. Ellen wiegt. — Turiner Titor (ital.: legale Titolo) = Anzahl der Gräne (== 0,0533 g), welche 1 Gebind von 450 m Länge wiegt, oder auch = Anzahl der Gramme, welche 1 Strähn von 9000 m Fadenlänge wiegt. Auch wird beim Turiner Titor von 450 m der Grän zu 0,05 g genommen. — Mehrfache Garne werden durch einen Bruch bezeichnet, z. B. 40/s; doch herrschen auch hierbei wieder verschiedene Auffassungen bezüglich der Auslegung. 40/2 kann bedeuten, dass das fertige Gezwirn Nr. 20 entsprechen soll; das einfache Garn ist dann nicht Nr. 40, sondern mit Rücksicht auf die Einzwirnung etwas feiner (in Deutsch¬ land übliche Auffassung, massgebend für die deutsche Kammgaruindustrie angenommen); 40/o kann auch bedeuten, dass einfaches Garn Nr. 40 zweifach gezwirnt ist, das fertige Gezwirn ist dann der Zwirnung entsprechend etwas stärker (in England mehrfach üblich); 40/2 bedeutet ferner (in England für Chappe, in der Schweiz für Tussahseide), dass das fertige Gezwirn die Nr. 40 aufweist, dabei aber aus 2 Fäden be¬ steht. — (Vgl. Kutzer, Garnnumerierungen, Haspelungen u. s. w. Wien 1901.). Garn wage, Sortierwage, eine Vorrichtung, mittels deren man die Nummer eines Garnsträhns (Schneller) von bestimmter Länge ohne Anwendung von Ge¬ wichten feststellen kann. Die G. sind entweder kleine Schnellwagen, bei welchen das verschiebbare konstante Laufgewicht auf der Einteilung des Balkens die Nummer angibt, oder Zeigerwagen, bei denen durch Anhängen des Garnstrangs an den einen Arm das konstante Gewicht des andern Arms mehr oder weniger gehoben wird und die dadurch bewegte Zunge (der Zeiger) auf der Skala eines Gradbogens die Nummer anzeigt. Die letztere Konstruktion ist die am meisten gebräuchlichste.
Garnwinde—Gebetteppi che. 218 Garnwinde, eine Vorrichtung, um das fertige Garn gleichmässig auf¬ zureihen, in sogen. Strähne zu verwandeln, welche einen sicheren Transport des Gespinstes ermöglichen, auch später zum Verkauf oder zur weiteren Verarbeitung auf Spulen oder in Knäuel verteilt werden. Der Apparat gleicht in seiner Konstruktion dem Garnhaspel mit dem Unterschied, dass nicht, wie bei diesem, eine Zählvorrichtung zum selbsttätigen Messen der aufgewundenen Fadenlänge vorhanden ist, und besteht aus einer leichten Trommel, die von vier oder mehr gehobelten, durch entsprechende Streben miteinander verbundene Latten gebildet ist und mittels Handkurbel oder Riemenscheibe um ihre Achse gedreht wird. Die Trommel hat, je nachdem ein Faden oder mehrere Fäden zugleich auf¬ gewunden werden sollen, verschiedene Breite. Garrovillas, Stadt in der span. Prov. Caceres: Tuchfabriken. Gaschenzeuge nennt man in einigen Gegenden die leichten und rauhen Wollenzeuge, wie Coatings, Lamas, Moltons u. s. w. Gattieren, in der Baumwollspinnerei das Mischen verschiedener Baumwoll¬ sorten, wodurch ein gleichförmiges Fabrikat erzielt werden soll. Gaudivis sind gewöhnliche ostindische Kattune. Gaufrieren (von gaufrer, in Falten presssen), das Aufprägen von Mustern auf glatte Gewebe und das Pressen in mehr oder weniger feine Falten, welches durch erhitzte Metallplatten, Walzen oder dazu hergerichtete Maschinen aus¬ geführt wird. Gaze, ursprünglich nach der Stadt Gaza benannt, (franz.: gaze; engl.: gauze), wo diese Art Gewebe zuerst verfertigt wurde, ein dünn und offen ge¬ webter, durchsichtiger Stoff, mit oft mannigfacher Verbindung der Schuss- mit den Kettfäden, wodurch viele Muster und Namen entstehen. Je nach Verbindung der Schuss- und Kettfäden unterscheidet man Donna Maria-G., G. de soie, G. de Paris, G. d’ete, G. Iris. Spitzengaze ist fassonierte oder broschierte Gaze, welche mit der Jacquardmaschine genadelt und durch den Nadelstab erzeugt wird. Man hat Gaze in Seide, Baumwolle und Leinwand. Technisch unter¬ scheidet sich das Gazegewebe vom Flor- und Musselingewebe dadurch, dass die Kettenfäden paarweis zwischen je zwei Einschussfäden um einander herum¬ geschlungen oder gekreuzt sind (vgl. Bindungstafel XXVI.), während die Schuss¬ fäden gerade und einzeln liegen. Eine eigene Gattung der Gaze ist der Marly. Baumwollene Gaze wird unter dem Namen Tarlatan oder Tirletan gewebt. Damastgaze ist eine Nachahmung des eigentlichen Damasts, indem man durch eine Einrichtung des Jacquards damastartige Blumen und andere Muster webt; derartige Zeuge kommen viel in China und Japan vor. Eine andere Gattung Gaze ist der Krepp (s. d.); auch gehören dazu die Etamine- und Beutel¬ tuchstoffe. Gaze nennt der Bortenwirker eine Art Tressen, deren Kette Seide, der Einschlag von Gold- oder Silbergespinst und von starkem Lahn ist. Gebetteppiche (persisch: Tschanemaz; türkisch: Nemazi) haben den Namen davon erhalten, dass sie für Decken in Verwendung kommen, welche dem Mohammedaner als Fussteppiche während der Verrichtung seines Gebetes dienen; mit Rücksicht auf die religiöse Vorstellung des Muselmannes, dabei das Gesicht gegen die heilige Stadt Mekka gekehrt zu haben, wird in das Teppichmuster gewöhnlich eine, Mihrab genannte Nische von giebelartiger Form eingewirkt, an der Stelle, wo dann bei den Verbeugungen stets der Kopf des Betenden zu ruhen kommt. Diese Flächenmusterung aus der Gebetnische mit Darstellung der Säulen als Träger des spitzbogigen Gebälkes (vgl. Abb. 86), an welchem oft noch die hängende Ampel das Originalbild vervollständigt, findet auch An¬ wendung in gewebten und gestickten Vorhängen des Orients. (Vgl. Abb. 26.) Abbildung: 86. Darstellung aus: Rigi, Ein orientalischer Teppich vom Jahre 1202 n. Chr. und die ältesten orientalischen Teppiche, Berlin 1897: Knüpfteppich (sogen. Gebet¬ teppich) in farbiger Wolle. In Mitte auf rotem Grunde das von Säulen getrageue Gebälk, welches die Gebetnische darstellt.
214 Gebildleinen—Geelong. Gebildleinen, Zwillich, welcher auf beiden Seiten das Muster gleich zeigt. Gebweiler, Stadt im Bezirk Obereisass: Seidenband-, Flanell-, und Tuch¬ fabriken, Baumwollspinnereien und -Webereien; Färberei. # Abb. 86. flPSi®pippiw Gedenktücher sind T. mit aufgemalten oder aufgedruckten, auch gestickten Sprüchen oder Darstellungen, die an eine Persönlichkeit, ein Ereignis erinnern sollen. Die Sitte, derartige Tücher zu fertigen, lässt sich bis ins Mittelalter zurück verfolgen. Geelong, Seestadt in der brit. Kolonie Victoria in Australien: Kamm¬ garnspinnerei, Weberei und Wollwäscherei.
Geertsberger—Genua. 215 Geertsbergen, Hauptstadt im Arrond. Aelst der belg. Prov. Ostflandern : Fabrikation von Spitzen, Baumwoll- und Wollzeug. Geflammte Garne, welche innerhalb bestimmter Abstände andersfarbige Faserbiiscbel eingesponnen besitzen, werden entweder dadurch erzeugt, dass auf den Krempeln durch Einstreuen der Faserbüschel oder durch Aufstreichen des andersfarbigen Spinngutes in Querstreifen durch mit Kratzen beschlagene "Walzen an eine Krempelwalze die Faserbüschel hineingebracht, oder dadurch, dass Stücke fertiger andersfarbiger Vorgarnfäden in bestimmten Abständen quer über eine Krempelwalze aufgelegt werden. Geflammte Gewebe sind chinierte Gewebe (s. a. flammierte Stoffe). Gegittert heisst ein gewebter Stoff mit rechtwinkelig sich kreuzenden Streifen, welche grössere Quadrate in der Grundfarbe einschliessen. Wechseln dagegen Streifen von gleicher Breite mit einander ab, so ist der Stoff gewürfelt oder quadrilliert. Gehänge, in der Weberei die Schnuren nebst Hollen und Wippen, an welchen die Schäfte des Webstuhls hängen. Geisshaar nennt man die spitzigen, rauhen und spröden Haare, die sich unter der abgeschorenen Wolle befinden und auch Flocken heissen. Geköpert s. Köperbindung. Geldern, Stadt im preuss. Keg.-Bez. Düsseldorf: Seidenweberei. Gemischte Bindungen entstehen in der Weberei aus Ableitungen von Leinwand-, Köper- und Atlasbindegraden (s. Bindungen). Da nun die Ab¬ leitungen und Mischungen sehr verschiedener Art sein können, so ist auch die Bindungsanzahl eine grosse. Gemischte Gewebe entstehen, wenn Kette und Schuss von verschiedener Farbe sind. Gemusterte Stoffe s. Damast, Bildweberei. Genähte Spitzen s. Nadelspitzen im Artikel Spitzen. Genappes-Garn, auch Ispahan-Garn, ist ein mindestens zweifädiges, scharf gedrehtes Gezwirn aus Alpalkahaaren, Mohair oder den ungekräuselten langen Haaren des Landschafes, welche man, um eine glatte Oberfläche zu erhalten, sengt. Genoa, ein technischer Ausdruck in den englischen Wollen- und Baum¬ wollenmanufakturen, welcher bei vielen Fabrikaten einen geköperten Grund an¬ deutet, wenn von schweren Stoffen die Rede ist; dahin gehören Genoa Backs, Genoa Tiksets, Genoa Cords u. s. w. Gent, Hauptstadt der belg. Prov. Ostflandern: bedeutende Textilindustrie. Es bestehen (1900) über 210000 Spindeln für Flachs-, Werg-, und Jutespinnerei, 690000 für Baumwollspinnerei; ferner Spitzenmanufaktur. Im Anfänge des 17. Jahrh. erscheint hier eine Klöppelspitze in Nachahmung derjenigen aus Brüssel. Eine grosse Leinenweberei beschäftigt 3000 männliche und weibliche Arbeitskräfte. Genua, Hauptstadt gleichnamiger Provinz des Königreichs Italien: be¬ deutende Textilindustrie; erzeugt ausser glatten Stoffen in Seide, Sammete und Plüsche (9 Seidenfabriken), Bänder, Wollwaren, Baumwollwaren (17 Spinnereien und 15 Webereien), Damast, Stickereien u. s. w. — Schon im 13. Jahrh. kommen genuesische Stoffe unter dem Namen „pannus“ vor und finden zu kirchlichen Zwecken Verwendung. Zu Ende des 13. Jahrh. berichtet Marco Polo über das Auftreten der Genueser in Tauris, auf dem Kaspischen Meere und dessen Süd¬ gestaden: „und von daher kommt die ghilanische Seide“, ein Beweis, dass die persische Seide von den Italienern bezogen wurde. Während des 15. Jahrh. teilt Genua mit Venedig die Führerrolle in der italienischen Webekunst. Be¬ züglich der Spitzen gilt Genua als eigentliche Erzeugungsstätte italienischer Klöppelarbeiten. Hier wollte man sie schon (nach Dr. Dreger, Entwickelungs¬ geschichte der Spitze, Wien 1901) um 1400 nachweisen; indessen betreffen alle älteren Nachrichten nur Goldposamenten und Stickereien. Erst im 16. und 17. Jahrh. kommen dieselben in Verzeichnissen und Nachlassen häufiger vor. Be¬ sonders scheinen in G. Goldspitzen gemacht worden zu sein (s. Spitzen).
216 Geoktschaj—Geschlitzte Stoffe. Geoktschaj, Kreisort im russ. Gouvernement Baku in Transkaukasien: Seidenzucht, Teppich- und Seidenweberei. Georg, der Heilige, in der röm. Kirche gewöhnlich Ritter Sankt G., in der griechischen G. der Siegbringende genannt, stammte nach der Legende aus einer vornehmen Familie in Kappadocien, trat ins römische Heer und stieg unter Diocletian rasch empor. Als der Kaiser die Christenverfolgung begann, verwies ihm G. seine Grausamkeit und erlitt deshalb 803 den Märtyrertod. Er wird gewöhnlich als Jüngling, in antiker ritterlicher Rüstung, auf Ross, mit der Lanze einen Drachen durchbohrend, dargestellt und es ist die Annahme nicht un¬ gerechtfertigt, dass ähnliche Darstellungen in byzantinischen Stoffmustern inner¬ halb der Kreise (vgl. Abb. 1 aut Taf. II) darauf zurückzuführen sind. (Vgl. auch Reitermuster.) Georgia, Carolina oder Upland, nordamerikanische Baumwollsorte. Georgswalde, Stadt in Böhmen, an der sächs. Grenze: mechan. Webstuhl¬ fabrik, Baumwollwarenfabriken. Gepresster Sammet, s. Pressen. Gera, Haupt- und Residenzstadt im Fürstentum Reuss j. L.: den Haupt¬ zweig der bedeutenden Industrie, die sich besonders seit 1878 entwickelt hat, bildet die 1595 durch den aus Flandern eingewanderten Nikolaus de Smit be¬ gründete Woll waren Weberei (etwa 12 000 mech. Webstühle in 65 Fabriken; jährlicher Umsatz etwa 60 Mill. M., direkte Ausfuhr nach den Vereinigten Staaten von Amerika etwa 8 Mill. M.), Kammgarnspinnerei (4 Fabriken), Teppichweberei (6), Färberei; ferner bestehen Appretur- und Blanchieranstalten. Näh- und Strickschule. Gerardmer, Hauptort im Arrond. St. Die des franz. Depart. Vosges: Hanf- und Leinweberei. Geringswalde, Stadt in Sachsen: Fabrikation von Strümpfen und Chenille¬ artikeln. Gerippter Sammet, wird als solcher bezeichnet, wenn seine Maschen um dicke, darinbleibende Baumwollenfäden, anstatt um Nadeln geschlungen werden und demnach als Rippen erscheinen (s. Sammet). Gerissener Sammet wird als solcher bezeichnet, wenn seine Maschenreihen (Noppen) aufgeschnitten sind. Germanisches Museum s. Nürnberg. Germusets, ein buntgemusterter Halbseidenstoff, der auf Damastart mit doppelter Kette, die eine von Seide, die andere von Baumwolle, in Brussa und Aleppo gewebt wird. Gerona, Stadt in Spanien: Spinnerei und Weberei. Gersau im Schweiz. Kanton Schwyz: drei Seidenfabriken (Florettspinnereien und Zwirnereien). Gerstenkornmuster kommt in geklöppelten Spitzen, namentlich in denen aus Genua vor und wird der Frucht entsprechend genannt. Gerus, Landschaft an der Grenze von Kurdistan: Erzeugung von Teppichen, welche sich in Persien eines besonderen Ansehens erfreuen. Sie enthalten 4—5000 Noppen auf 100 Dem. Das alte Gerusmuster bestand in gross¬ blumigen Motiven. Geschlitzte Stoffe werden im 16. Jahrh. hergestellt, meistens in Atlas¬ geweben, indem mit Messern oder Eisen ein Muster aus reihenweis versetzten länglichen oder runden Tupfen eingeschlitzt wird. (Vgl. Abb. 87.) Entstanden sind diese Musterungen im 16. Jahrh. aus der Mode, die bauschigen Aermel des Obergewandes aus doppeltem Stoff zu bilden, wobei der obere so weit aus¬ geschnitten wurde, um den unteren hervorquellen zu lassen. Abbildung: 87. Originalaufnahme aus dem Königl. Landesgewerbemuseum in Stuttgart: Atlasstoff, rotbraun, mit Muster aus reihenweis versetzten Tupfen in geschlitzter Arbeit. Spanien Ende 16. Jahrh.
Geschnittener Sammet—Gespinstfasern. 217 Geschnittener Sammet s. V. w. gerissener Sammet (s. d.). Geschorener Sammet wird derjenige Velour genannt, dessen Noppen aufgeschnitten sind, im Gegensatz zu dem ungeschorenen, welcher aus un¬ geschnittenen Noppen besteht (s. Sammet). Gespinste oder gesponnenes Gold oder Silber werden Seidenfäden genannt, welche mit Gold- oder Silberdraht umsponnen sind, je nach der Beschaffenheit des Metalls: echte und unechte G. (s. Brokat). Abb. 87. Gespinstfasern (franz.: fibres textiles; engl.: textil-fihres) bilden das Rohmaterial der Textilindustrie und werden vom Pflanzen- oder Tierreich ge¬ liefert. Einzellige Haare sind: Baumwolle, vegetabilische Seide. Bast¬ fasern sind: Flachs, Hanf, Jute, Chinagras, Ramie, Abelmoschusfaser, Gainbohanf, Nesselfaser, Sunn; monokotyle Gefässbiindel sind: Agavefaser, Aloehanf, Cui'r; monokotyle Skier euch ym faserbündel: Manilahanf, neuseeländischer Flachs; Gefässbündelgruppen: Tillandsiafasern (Crin Abb. 88. Abb. 89. vegetal), Kitulfaser (Caryota), Piassave (Attalea); Blätter: Esparto. — Tie¬ rische Faserstoffe sind die feinen Haare und Seide. Zu ersteren gehören: die Wolle der Schafe, die Haare der Kaschmirziege (Kaschmirwolle), der An¬ goraziege (Mohairwolle), des Lama (Lamawolle), des Alpaka (Alpakawolle), des Vicuna (Vicuhawolle) und des Kamels (Kamelwolle). Die Seide ist ein Sekret der Kopfdrüsen verschiedener Schmetterlingsraupen; die echte Seide
Gespinstfasern. 218 stammt vom Maulbeerspinner (Bombyx mori); Musclielseideist ein Gespinst von gewissen Arten der Steckmuscheln. Künstliche Seide besteht aus verschiedenen Substanzen, z. B. aus künstlichen Kollodiumfäden. Mineralische Abb. 90. Abb. 91. G. haben geringere Bedeutung; zu diesen gehören: die Metallfäden, die bei den Brokatstoffen und Tressen verwendet werden; Asbestwolle und Glasseide. Die Abb. 92. Unterscheidung der Gespinstfasern voneinander wird durch die mikroskopische Untersuchung ermöglicht, im verarbeiteten Zustande durch chemische Reagentien. (Vgl. die Vergrösserungen in den Abbildungen 88—94.) Abbildungen: 88—94. Darstellungen aus: Buch der Erfindungen, Leipzig u. Berlin. S. 314-816: 88. Wollfaser, 400 mal vergrössert. 89. Baumwollfaser, 400 mal vergrössert. Bd. 6.
Gespinstfaser, 90. Leinenfaser, 400 mal vergrössert. 91. Hanffaser i n i) Abb. 93. Abb. 94. 92. Seidenfaser, 400mal vergrössert. 93. Feine unverfälschte Leinwand, 100 mal vergrössert. 94. Feiner Baumwollbatist,7 11 >} 219
220 Gestäubte Tapeten — Gimborn. Gestäubte Tapeten, Papiertapeten, auf welchen das Muster durch Wollen¬ staub ein sammetartiges Ansehen erhält: Sammet- oder Velourtapeten (vergl, Flocktapeten). Getee, Getel (engl.: getee fibre), die aus dem Bast der in Ostindien heimischen Marsdenia tenacissima gewonnene Spinnfaser von grosser Festigkeit und schönem seidenartigen Glanze. Gewand nannte man früher in Niedersachsen häufig jede Art Wollenzeug, besonders aber Wollentuch; daher hiessen Gewandschneider, Gewandausscbneider damals diejenigen Kaufleute und Fabrikanten, welche das Tuch eilen- oder teil¬ weise verkauften oder ausschnitten. Gewandhaus war in vielen Städten Sachsens ein besonderes Gebäude, das jenen Verkäufern als Niederlage eingeräumt war. Gewässerte Stoffe oder moirierte Zeuge heissen solche seidene oder wollene Stoffe, deren rechte Seite glänzende wellenförmige, jedoch nicht eingewebte Streifen hat. Oberflächlich geschieht die Wässerung dadurch, dass man die Zeuge mit Wasser einsprengt und dann mangelt oder mit heissen Metallplatten presst; diese Wässerung verschwindet aber in der Nässe. Eine zweite Wässerung, die man besonders bei seidenen und Kammgarnen, dicht gerippten Zeugen anwendet, stellt man dadurch her, dass man die Zeuge, die rechten Seiten zugekehrt, auf¬ einander legt und dann durch zwei heisse, scharf aufeinander drückende Walzen langsam durchlässt, nachdem man die Zeuge vorher mit einer entsprechenden steifen Appretur behandelt hat. Eine dritte Wässerung auf Zeuge, die nicht rippig sind, wie z. B. dünne baumwollene Stoffe, erfolgt dadurch, dass man sie zuerst steift, dann glänzt, darauf durch fein gerippte Metallwalzen gehen lässt, wodurch sie fein gerippt werden und dann wie bei zwei verfährt. In England heisst das Verfahren to make coarse goods fine. Gewebe, s, Weberei. Gewirkte Stoffe sind im Gegensatz zu den gewebten solche, deren Fäden bei den Verschlingungen Maschen bilden; sie stehen in nächster Verwandtschaft zu den gestrickten und gehäkelten Waren. Gewürfelt heissen die Muster von Geweben, wenn sie quadratische Teilungen in Art des Schachbrettes enthalten. Gezogen heisst Sammet, dessen Noppen nicht aufgeschnitten sind. Gezogene Zeuge nannte man vor Einführung der Jacquardmaschine alle diejenigen, in die mittels des Zugstuhles, des Kegel-, Zampel- oder Walzenstuhles kleine und grössere Muster durch das entsprechende Heben und Senken ver¬ schiedener Kettenfäden eingewebt wurden. Ghenaaltapat, Faserstoff der Kapselmusspflanze in Ostindien, der zu groben Geweben Verwendung findet. In Bengalen nennt man die Fasern Malta jute. Ghilams, seidene Zeuge, welche in der Provinz Nanking in China ge¬ fertigt und durch die Holländer nach Japan weiter ausgeführt werden. Ghilan, auch Gilän, pers. Provinz am Südwestufer des Kaspischen Meeres, mit der Hauptstadt Rescht (s. d.), gehörte im 16. und 17. Jahrh. zu den reichsten seidenproduzierenden Gegenden Asiens und war der Sitz eines schwunghaften Seidenhandels nach West und Ost. Ghile nannten die Genuesen die Seide, welche sie im 16. Jahrh. von den Ufern des Kaspischen Meeres bezogen: der Name stammt von der pers. Prov. Ghilan (s. d.). Giessen, Hauptstadt der Hess. Prov. Oberhessen: mechan, Baumwoll¬ weberei (Hornberger u. Söhne), Spinnerei, Weberei. Gifhorn, Kreisstadt im preuss. Reg. Bez. Lüneburg: Woll- und Baum¬ wollspinnereien. Gigerl, im Oesterreichischen eine Gattung Bettleinen. Gilets sind Westenzeuge. Gilgenmodel s. v. w. Lilienmuster in der Klöppelspitze. Der Ausdruck kommt vor in dem Züricher Musterbuch von 1561/62. Gimborn, Gemeinde im preuss. Reg.-Bez. Köln: Kunstwollenfabriken, Wollspinnerei im Leggethal.
Gimians—Glanzleinwand. 221 Gimians, im levantiner Handel die ganz feinen und grossen Stubenteppiche, welche in Kleinasien gefertigt werden und den englischen Shag-carpets und Pilecarpets ähnlich sehen; indessen nicht mit denen der hohen Preise wegen kon¬ kurrieren können. Gimpen, Gorl, (franz.: guipure, guimpure; engl.: gimps), mit farbiger Seide übersponnene Baumwollfäden, welche dadurch das Ansehen von glänzenden seidenen Fäden und eine gewisse Steifheit erhalten, welche sie geeignet macht, in allerlei Mustern zu Kleiderbesätzen, Möbelverzierungen geklöppelt (Klöppelgorl), genäht (Nähgorl) oder gewebt (Stuhlgorl) zu werden (s. a. Posa¬ menten). Gimpenspitze, nachgeahmte Reliefspitze. Die um die Konturen der Formen genähte Gimpe soll eine dicke Nadelarbeit ersetzen; sie wird oft in Seide gefertigt. Gingan, Gingham, Guingan, Gingas, unter diesem Namen kamen früher im Handel mehi’ere Sorten ostindischer, französischer, englischer und sächsischer Gewebe vor, welche teils aus Seide, aus Baumwolle und Bast, aus Baumwolle und Seide, aus Baumwolle und Leinen, bunt gestreift oder bunt gewürfelt ver¬ fertigt wurden; später gab man den Namen G. lediglich den hunten leinwandartigen Baumwollstoffen von mittlerer Feinheit, die feineren Sorten pflegt man Indiennes zu nennen. In alten Zeiten gingen ganz leinene Gingans unter dem Namen teile rigata nach Italien. Im spanischen und südamerikanischen Handel werden die G. unter dem Namen caranclones genannt. Gingerline, zu Marseille eine Bastardsorte der carmenischen Wolle. Gingham s. Gingan. Ginghamets sind gestreifte und geblümte Musselinets. Gingiras, eine Art ostindischer seidener Zeuge. Ginsterfasern (von Genester liispanica) werden zu Leinwand, Segeltüchern und Tauwerk verwendet; in Dalmatien kommen sie in grosser Menge vor. Giordes, Hauptsitz der Erzeugung einer beliebten Art von sogen. Smyrna¬ teppichen in Yorder-Kleinasien, welche in hellen Farben gehalten sind. Es kommen viel derartige Gebetteppiche vor, ihre Randborte setzt sich gewöhnlich aus schmalen Streifen mit Streublumen zusammen (s. Teppiche). Gisors, Hauptort im Arrond, Les Audeyls des franz. Depart. Eure: Baum¬ wollspinnerei, Spitzen- und Tuchfabrikation. Glaceband, atlasartiges, steifes und glänzendes, einfarbiges, seidenes Band, welches am meisten in Basel hergestellt wird. Glace d’argent, Glace d’or (franz.), mit Silber- und Goldfäden oder Lahn durchwirkte seidene Stoffe. Gladbach (München-Gladbach), Hauptsitz der rheinischen Baumwoll¬ industrie: über 30 Spinnereien mit etwa 160 000 Spindeln, darunter die grosse Aktienspinnerei und -weberei, zahlreiche mechanische Webereien, Färbereien und Druckereien, Appreturanstalten, Bleichereien und Räubereien, Fabriken für Halbseiden-, Woll- und Halbwollwaren. König 1. Preuss. Fachschule für B aum wo 1 lin dustr ie. G. ist Sitz der Rheinisch-Westfälischen Textil-Berufsgenossenschaft und ihrer 2. Sektion. Schon im Mittelalter waren Flachsbau und Leinwandhandel sehr bedeutend; die Baumwollweberei wurde gegen Ende des 18. Jahrh., die Baumwollspinnerei 1807 eingeführt. (Vgl. F. W. Strauss, Ge¬ schichte der Stadt M.-Gladbach; Gladbach 1895. Ders. Beiträge zur Geschichte der Stadt M.-G. ebd. 1898.) Glanzetamin, veralteter Name für einen leichten, leinwandartig gewebten Seidenstoff mit einer geglätteten Oberfläche, der in Amiens verfertigt wurde. Glanzgaze, dünne baumwollene G., welche man mit Hausenblase galert oder mit Collodium überzieht, sodass kein Staub durchdringt, um sie als Schutz¬ decken für Bilder, Stickereien u. s. w. zu verwenden. Glanzleinwand, locker gewebte L., welche teils im rohen Zustand, teils gebleicht oder im Stück bunt gefärbt in den Handel kommt. Nach der Mangel wird das Gewebe mit Stärke und Gummi überstrichen und dann mit einem geschliffenen Kiesel so geglättet, dass es spiegelglatt wird.
Glanztaffet—Gobelins. 222 Glanztaffet ist ein leichter Taffet, der stark mit Gummi appretiert und geglättet ist. Glanzzwirn, baumwollener Nähzwirn, der durch äusserst regelmässiges Aufspulen und Glätten auf einer besonderen Maschine einen ziemlich starken Glanz erhalten hat. Glarus, Hauptort im gleichnam. Schweiz. Kanton: Zwirnerei, Weberei, Buntweberei, Zeugdruckerei (besonders Handdruck, welcher türk. Turbane und Schleier liefert). Glasgow, grösste und wirtschaftlich die bedeutendste Stadt Schottlands: seit 1870 entwickelte sich die Baumwollspinnerei und Weberei, die Bleicherei, die Jute- und Seidenindustrie, die Fabriken von Shawls, Musselinen und ge¬ druckten Kalikos, sowie von Garnen und Zwirnen. G. ist Handelsmittelpunkt des industriellen Teiles von Schottland und vertreibt auch einen grossen Teil der Erzeugnisse der irischen Leinenmanufaktur. Glasleinwand, zum Polieren weicher Metalle dienender Baumwollstoff, auf welchem durch ein Klebemittel Glaspulver befestigt ist. Glasperlen s. Perlstickerei. Glasseide s. Glasspinnerei. Glasspinnerei, das von J. de Brunfaut ausgebildete Verfahren, Glas in lange, biegsame Fäden zu verwandeln und web- und flechtbare Gespinste (Glas¬ seide) herzustellen. Man verfertigt daraus Quasten, Gürtel u. s. w., ausserdem benutzt man das Gespinst als Einschlag für seidene Zeuge, die dadurch, je nach¬ dem das Glas gelb oder weiss ist, den Glanz und das Aussehen von Gold- oder Silberbrokat erhalten. Glastonbury, Stadt in der engl. Grafschaft Somerset: Seidenindustrie. Glaswolle, mittels eines heissen Eisens gekräuselte und verfilzte Glasseide (s. Glasspinnerei), die als plüschartiger Auszug, als Filtriermaterial verwendet wird. Glauchau, Stadt im Königreich Sachsen; für die Fabrikation von wollenen und halbwollenen Stoffen einer der wichtigsten Plätze Deutschlands: 9 mech. Webereien (Damenkleiderstoffe) mit bedeutendem Export, 25 Färbereien, Appre¬ turanstalten, Garnwäschereien und -druckereien, 2 Spinnereien, mehrere Musterzeichnereien und Jacquardkartenschlägereien, eine Jacquardmaschinen- und Web¬ utensilienfabrik. Glizzum, glizum, glisdum (lat.), im Altertum kostbares glänzendes Gewebe. Gloggnitz, Marktflecken in Niederösterreich: Baumwollspinnerei, Filz- und W ollwarenfabriken. Gloria ist ein köperbindiges, glattes Gewebe mit Kette aus Baumwolle und Einschlag aus Florettseide. Glossaret, veralteter englischer halbseidener Stoff aus feiner Schafwolle und Seide. Glossop, Stadt in der engl. Grafschaft Derby: Mittelpunkt der Baumwoll industrie der Gegend, hat auch Bleicherei, Tuchfabrikation und Färberei. Glyzine, Pflanzengattung der Schmetterlingsblütler, von denen es ver¬ schiedene Arten gibt; es sind Schlingpflanzen mit wohlriechenden, lang herunter¬ hängenden Blüten, die in China und Japan für Kunstformen der Weberei und Stickerei reichlich Anwendung finden. (Vgl. Abb. 95.) Abbildung: 95. Originalaufnahme aus dem Königl. Landesgewerbemuseum in Stuttgart: Seiden¬ stoff, Grund weisser Atlas, Muster bläulich weiss aus reihenweis versetzten rundlich gelegten Glyzinenblüten (Daimiowappen?); dazwischen Blattranken und einzelne hängende Blüten derselben Pflanze. Japan Anfang 19. dalirh. Gobelins werden in Paris einzig und allein jene Wandteppiche genannt, welche in der Fabrik gefertigt sind, welche im 15. Jahrh. die Familie Gobelin inne hatte. Der Stammvater derselben, Gilles Gobelin, betrieb eine Färberei daselbst. Im Jahre 1630 wird die französische Staatsanstalt zur Herstellung der Wandteppiche in dieses Gebäude verlegt und die Bezeichnung Gobelin ist all¬ gemein geworden für alle auf Haute-lisse- und Basse-lisse-Stühlen gewirkten
Gobelinstoffe—Goldstoff. 223 Teppiche oder A^orhänge. (ATgl. die Artikel Bildwirkerei, Kilim, Schlitz Wirkerei, Tapisserie und AVAndteppiche. Gobelinstoffe werden im modernen Handel alle derartigen Gewebe für Möbel, ATorhänge u. dgl. genannt, deren stärkere Schussfäden die schwächeren Kettfäden in der AVeise binden, dass der Stoff gerippt erscheint. Abb. 95. Godovabli (altslavisch) s. Gotaweppi. Godwob (altfriesisch) s. Gotaweppi. Göggingen in Bayern: die grösste Zwirnerei und Nähfadenfabrik Deutschlands. Goldbrokat s. Brokat. Goldfäden sind in Brokatgeweben (s. d.) und Stickereien zu verschiedenen Zeiten und bei verschiedenen Völkern auf mancherlei Art bereitet worden. Die Orientalen belegten sehr feine Tierhäute mit Blattgold, schnitten sie in ganz schmale Streifen und zogen diese entweder so in das Gewebe ein oder umwickelten mit demselben Leinenfäden. Später bediente man sich des Golddrahtes oder der mit Golddraht umsponnenen Fäden (Goldgespinst). In China und Japan benützt man Goldpapier für Gewebe und Stickereien. Goldgespinst s. Gespinste. Goldmodel werden in alten Spitzenmusterbüchern Vorlagen für Passemen terien aus Goldfäden genannt. Goldspinnerei, das Verfahren, Seidenfäden mit Golddraht zu umwickeln, s. Brokat und Goldfäden. Goldspitzen und Silberspitzen, Spitzenarten, die ganz oder teilweise aus Gold- oder Silberfäden genäht, meistens geklöppelt sind. Sie kommen im 17. Jahrh. zuerst in Spanien und Italien vor, es gingen ihnen wahrscheinlich die maurischen Gold- und Silberpassementerien voran (s. Spitzen). Goldstickerei s. Stickerei. Goldstoff, auch Goldstück (Drap d’or, auch Fond d’or), heissen diejenigen broschierten weichen Stoffe, deren schimmernder und glänzender Grund ganz aus reichem Gold- und Silbergespinst oder aus Goldlahn besteht, wodurch sie sich von dem Brokat unterscheiden, bei welchem die Muster z. T. aus feiner Seide bestehen. — Sie dienen zur Tracht der Orientalen und zu Kirchenornaten, mit leonisehem Gold zu Theater- und Maskeradenaufzügen. Eine neuere Art von G. sind die Cirsaccas-Zeuge, eine Zusammensetzung von Atlas, Tissu d’or und Fond d’or, welche den ostindischen und chinesischen Sirfakas oder Sersukers nachgemacht sind. Die Manufakturen von Lyon und Tours liefern die meisten und
224 Golgas—Gotischer Stil. schönsten Goldstoffe; doch werden sie auch in Paris, Genua, Florenz und Venedig gemacht. Leichtere derartige Stoffe liefert auch Deutschland. Golgas, gedruckte Flanelle, auch türkische Flanelle genannt, welche durch Model- oder Walzendruck doppelseitig gemustert sind. Golgasdruck, der auf Wolle angewendete Bandanadruck (s. d.); die wollenen Zeuge werden, ehe sie zwischen die Platten kommen, mit Alaun oder Weinstein gebeizt. Golsch, eine Art Barchent aus den Webereien in Ulm und anderen Gegenden Schwabens. Goole, Stadt in der engl. Grafschaft York: Woll- und Baumwollwarenfabrikation. Goor, Stadt in der niederl. Prov. Oberyssel: Webereien, Bleichereien und Färbereien. Göppingen, Oberamtsstadt im württemb. Donaukreis: bedeutende Baum¬ wollwebereien. Gorillagarn, eine Art Noppengarn, dessen Grundfaden aus langem, schlichtem Rohmaterial (Kamelhaar, Alpaka, Angorahaar, schlichter Schafwolle, auch Pflanzenfasern) gebildet wird. Zur Erzielung der Rauheiten und Knötchen setzt man Seidenabfälle zu. Gorl s. Gimpen. Gorlice, Stadt in Galizien: bedeutende Märkte für Leinwand; in der Um¬ gebung Leinen- und Wollzeugwebereien und Leinwandbleichen. Görlitz, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Liegnitz: der Hauptindustriezweig ist die Tuchfabrikation (10 Fabriken mit über 2000 Arbeitern), ferner die Fabri¬ kation von Gloriastoff (z. T. in der Umgegend). Gortinia, Stadt in Griechenland: erzeugt Knüpfteppiche. Görz, Stadt in Oesterreich: die Fabriken der Herren von Ritter gehören zu den grossartigsten der Monarchie, sie bestehen aus Baumwollspinnereien und -Webereien, mechanischen Florettspinnereien, Seidenspinnereien und -Webereien. Gossau, Dorf und Hauptort im Schweiz. Kanton St-. Gallen: Zeugdruckerei, mehrere Stickereien und Weberei. Gössnitz, Stadt im Herzogtum Sachsen-Altenburg: Spinnerei, mechan. Weberei, drei mechan. Stickereien. Gotaweppi (althochdeutsch), godwob (altfriesisch), godowabli (altslavisch), hedbav (tschechisch), hodbab (slowakisch), jedwab (polnisch), unter diesen all¬ gemeinen Namen kamen im ganzen germanisch-slavischen Norden Europas die Seidengewebe in Aufnahme, und da sie in erster Linie wohl zu kirchlichen Zwecken Verwendung gefunden haben, so kam man zu der wohl annehmbaren Vermu¬ tung, dass die Bezeichnung von „Gottesgewebe“ abzuleiten sei. Göteborg oder Got(h)enburg, Stadt in Schweden: bedeutende Baumwoll¬ spinnerei und -Weberei, Färberei, Herstellung von Gardinen und Möbelstoffen, Stickereien. Gotischer Stil bezeichnet in Deutschland und Frankreich die Kunstweise der Zeit von 1200 bis 1500, in Italien bis 1400, welche in der Baukunst durch die Ausbildung des Spitzbogens gekennzeichnet ist, dessen gebrochene Linien, Fialen, Krabben u. s. w. während dieser Zeit auch in der Kleinkunst vor¬ herrschen, wozu später für das Flachmuster Rosetten und Passfelder (s. d.), die Rose als solche, der Wein (Abb. 96), die Distel (Abb. 97) in Erscheinung treten. Das Gewebemuster, im Anfänge der Periode noch vollständig von sarazenischer Kunstweise beeinflusst, weil die europäische Kunstweberei und ihre Formensprache erst allmählich selbständig werden, lässt vom 14. Jahrh. ab Elemente erkennen, welche sich als spätere Gotik bezeichnen lassen, wobei früher und später die Mustergebung für kirchliche Stoffe (s. d.) auffällt, welche die Italiener nach gegebenen orientalischen Vorbildern in ihrem Geiste um¬ gestaltet haben, in welcher Beziehung ihnen schon die Araber vielfach vor¬ gearbeitet hatten (s. arabischer Stil). Am Ende des 14. Jahrh. hat sich in Italien die arabische Ueberlieferung verloren (vgl. die Abb. auf Tafel III); die Tiermuster sind verdrängt, die Arabesken haben sich in Blattwerk verwandelt,
Gotischer Stil. 225 welches deutliche Spuren des gotischen Stils trägt: knorriges Astwerk (Abb. 98), das zackige Distellaub (Abb. 97), halb naturalistische Blätter und Blüten, ver¬ einzelt die Lilie (Abb. 99), bis im 15. Jahrh. das sogen. Granatapfelmuster (s. d.) einsetzt und das Stoffmuster bis in die Renaissancezeit hinein beherrscht. — Abb. 96. Technisch ist im frühgotischen Zeitalter für die Kunstweberei wenig Neues zu verzeichnen; erst im 15. Jahrh. entfaltet sich die grösste Pracht des Damastes und des Goldbrokates, vor allem aber des Sammets, welcher uns bis dahin nur wenige Beispiele hinterlassen hatte. Ergiebiger gestalten sich einAbb. 97. zelne Gebiete der Kunsthandarbeiten, stätten für das Gotteshaus entstehen, manchen Gegenden die Muster hierfür Zahlreich vorhanden sind Stickereien auf Heiden, Handwörterbuch der Textilkunde. welche zumeist noch in Kirchenwerk¬ wobei zu bemerken ist, dass sich in lange bis ins 16. Jahrh. hinein halten. grobem Segeltuch und aus späterer Zeit 15
226 Gotischer Stil, Abb. 98. Abb. 99.
Gotischer Stil. 227 Leinenstickereien (s. d.). Yon letzteren gibt es unzählige Altardecken, welche in weissem und braunem Garn Ranken mit reizvollen stilisierten Blüten ent¬ halten, deren Flächen in allerlei Ueberfangstichen belebt sind. Ein ganz be¬ sonders schönes Stück eigener Art bewahrt das Germanische Museum in Nürn¬ berg. (Vgl. Abb. 100.) Kirchlichen Zwecken dienstbar gemacht ist ferner das weite Gebiet der Bild- und Goldstickerei, meistens für Kaselkreuze und -Stäbe verwendet. Die Musterung besteht in Streifen aus biblischen Figuren, welche unter Spitzbogenstellungen abwechseln. Aufgelegte Goldfäden werden in roter Seide in korbflechtartiger Musterung übernäht, die Gewänder der Heiligen sind mit farbigen Seidenfäden emailartig lasiert überstickt und die Gesichter und auch oft andere Teile in malerischer Art in farbigem Plattstich ausgeführt. — Abb. 100. Eine gröbere Art von Stickerei auf schwarzem Tuch, deren Technik an Auf¬ näharbeit erinnert, kommt in quadratischen Feldern zur Geltung, die zu Rück¬ laken für Chorgestühle zusammengesetzt sind. Auch hier hat man bunte aufgelegte Fäden in Flächen überstickt, wobei vergoldete Lederriemchen, und als Unter¬ lagen der Blütenformen, Pergamentfolien Verwendung gefunden haben. (Abb. 101.) In die frühgotische Zeit gehört die Technik der Aufnäharbeit in Perlen und getriebenen Goldplättchen; auch eine Art der Tamburierarbeit (s. d.) auf Lein¬ wand lässt sich in Deutschland um diese Zeit nachweisen. Schliesslich kommt auch hier in Aufnahme die Technik der sog. Gobelinwirkerei für Rücklaken und Wandteppiche (s. d.), deren Arbeiten mit Figurendarstellungen, Spruchbändern und verschiedenartigem Ornament in dunklen Umrisslinien merkwürdig in gleicher Wirkung stehen zu den bunten Glasfenstern mit Bleiverglasung derselben Zeit. (Ueber Einzelheiten vergl. die Spezialartikel.) Abbildungen: 96. Darstellung aus: Heiden, Motive, Leipzig, 1890, Bl. 221. Stickerei auf Leinen in farbiger Seide mit Darstellung zweier Rundfelder, um die sich Rosen und
228 Gotisierend—Grains grossiers. Weinreben ranken; in den Feldern Rosenstauden anderer Stickereien. Original: Deutsch¬ land 15. Jahrli. 97. Darstellung aus Heiden, Musteratlas, Leipzig, 1896: Kissen, Stickerei auf Leinen in farbiger Seide: Darstellung von Distelzweigen an gewundenem Astwerk. Original: Deutschland 15. Jakrh. 98. Darstellung aus: Brinckmann, das Hamburgische Museum für Kunst und Gewerbe. Leipzig, 1894, S. 25. Seidenbrokatgewebe, Grund blau, Muster Gold: Schräg aufsteigende wellige Aeste, welche von Ranken aus breiten Blättern mit kleinem Zweigwerk umschlungen sind. Italien 14. Jahrh. 99. Originalaufnahme aus dem Königl. Landesgewerbemuseum in Stuttgart: Wollenstoff, grün, mit hellroter Seide und etwas Gold broschiert: Rauten aus ver¬ schlungenen Bändern enthalten Wappenlilien. Deutschland 14.—15. Jahrh. 100. Darstellung aus dem Katalog des Germanischen Nationalmuseums in München, daselbst 1901, Tafel XV. Leinendecke, in verschiedenen Sticharten in Seide und Gold gestickt mit Darstellung eines Liebespaares zwischen einem Spruchband. Schweiz (?) 1548. Abb. 101. 101. Darstellung aus: Heiden, Musteratlas, Leipzig 1896, Bl. 9. Quadratisches Feld eines Rücklakens, Stickerei auf schwarzem Tuch in farbiger Seide und Leder¬ riemchen (übernähte Fäden und mit Pergament unterlegte Teile): einem rundlich ge¬ legten Ast entsteigen nach den vier Ecken und Mittelpartien stilisierte Blütenzweige, deren Einzelformen an die Passionsblume erinnern. Deutschland 15. Jahrh. Gotisierend, zur Gotik sich hinneigend, also entweder spätromanische, oder auch Renaissanceformen, in denen einzelne gotische Elemente Vorkommen. Göttingen, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Hildesheim: Fabrikation von Tuchund Wollwaren. Gradeis, Gradls, Grateis, Demi-Coutils, bunte Halbdrilliche oder Köper¬ leinen, welche in Sachsen und Böhmen gewebt werden. Graines (franz.), (jap.: Tane), Ausfuhrartikel aus der Seidenzucht: Seiden¬ raupeneier. Grains grossiers, Coutils de Brin (franz.), gewöhnlicher einfacher Zwillich aus starkem Garn.
Gramasia—Granatapfelmuster. 229 Gramasia, gramata, gramatia (lat.), gemusterter Bortenbesatz. Granada, Hauptstadt der gleichnam. Prov. im Königreich Spanien: Fabri¬ kation von Tuchen und Geweben. Granatapfelmuster (franz.: Grenade; pomme d’amour; engl.: pomme granate) nennt man die Bildung einer Kunstform in der Weberei der Spätgotik aus gleichnamiger Frucht in Vereinigung mit Motiven des Spitzbogens. Die Verwendung des Granatapfels als Muster kommt schon im Altertum vor und ist hier wohl auf symbolische Bedeutung zurückzfiiliren, wie er auch über¬ gegangen ist in die Ornamentik der koptischen Gewandreste. (Vgl. Abb. 3.) Weiterhin als Frucht erkennbar ist der Granatapfel in Geweben des 14. Jahrh., Abb. 102. welche in Italien unter arabischem Ein¬ fluss entstanden sind. (Vgl. Abb. 45.) Daneben geht als ähnliche, aber weniger naturalistisch wiedergegebene Schmuck¬ form der Pinienzapfen, der auch schon in Assyrien bekannt war. (Vgl. Abb. 30 u. 76.) Verwandt in der Blütenbildung nähert sich diesen Formen auch die Distel (vgl. Abb. 56 u. 57) und end¬ lich ist den Genannten wiederum in der Frucht ähnlich die Ananas (vgl. Abb. 18); beides aber erst später vorkommende Motive. Alle diese Blüten-, Blatt- und Fruchtformen haben dem Stile der Zeit entsprechend zu dem gleichartigen sogen. Granatapfelmuster Anregung gegeben, das vom 15. Jahrh. bis ins 16. Jahrh. hinein im Orient, in Europa, vornehm¬ lich in Italien, Spanien und Flandern, zu Hunderten von verschiedenen Ab¬ wechselungen erscheint. Das Grund¬ motiv zu demselben wird also dem Orient entstammen, woselbst auch schon im 12. und 13. Jahrh. verwandte spitz¬ ovale Blütenformen Vorkommen, die aber, wenn sie überhaupt in Zu¬ sammenhang damit zu bringen sind und nicht viel eher auf eine allgemeine Pal¬ mettenform der altchinesischen und persischen lotosähnlichen Blüte zurückzuführen sind, mehr an die Bildung des Pinienzapfens erinnern. An der selbständigen Ausbildung des Granatapfelmusters in Europa hat entschieden der gotische Stil mit den ihm charakteristischen Spitzbogenmotiven den grössten Anteil; denn die hieraus gebildete Umrahmung der Blüte oder Frucht ist in gleichzeitigen orientalischen Stoffmustern niemals so streng wahr¬ zunehmen wie hier; wenngleich dem gegenüberzustellen ist, dass dem Araber die spitzige Bogenstellung durch seine Architektur natürlich auch sehr geläufig war. Aber man dürfte nicht fehlgehen, nur jene Granatapfelmuster nach dem Orient zu setzen, welche die einfachere Spitzbogenumrahmung der Blüte oder Frucht in nochmaliger Einschliessung eines spitzovalen Feldes zeigen (vgl. Abb. 4 auf Tafel IV), das mit dem 16. Jahrh. auch von Italien für das Stoffmuster einsetzt, im Orient aber schon im 13. Jahrh. allgemein geworden ist. Orientalisierende Einflüsse machen sich, wie in allen Geweben Venedigs (s. d.), natür¬ lich auch beim Granatapfelmuster bemerkbar; als Fabrikationsstätte des Orients dürfte in dieser Zeit schon Skutari (s. d.) genannt werden. Die ältesten Granat¬ apfelmuster erscheinen an breiten welligen Aesten, welche sich schräg über die ganze Fläche winden (Abb. 6 auf Tafel IV); unsymmetrisch gelangen sie auch
230 Granatapfelmuster. noch zur Darstellung, wenn die Bogenfelder durch schlanke oder gerollte Blätter unterbrochen sind, deren Anordnung dem vorigen Typus entspricht. Eine grosse Vielseitigkeit im Granatmuster ist in jener Gruppe von Damast¬ oder einfarbigen Sammetstoffen wahrzunehmen, die das Kernstück als kleine Blüte oder Frucht in einer Bogenumrahmung zeigen, welche sich einer grossen Palmettenform nähert (vgl. Abb. 1, 3, 7, 11 auf Tafel IV), worin die gotische Linienführung deutlich zum Ausdruck gelangt. Ebenso weisen die in feinen Linien geschorenen Muster (vgl. Abb. 12 auf Tafel IV) auf rein europäische Herkunft hin. — Je mehr man sich der Renaissancezeit nähert, um so kleiner wird die Spitzbogenumrahmung des Hauptmotivs. (Vgl. Abb. 9 auf Tafel IV.) Ein dichter Blütenkranz umgibt dieselbe und dieser ist wiederum durch Bänder eingerahmt, den Kronen verbinden. Im Anfänge des 16. Jahrh. erscheint dann der Granatapfel mit den herauscjuellenden Fruchtkernen noch einmal in seiner Abb. 103. ältesten Gestalt und die Spitzbogenumrahmung ist abgelöst durch eine spät¬ gotische Rose. (Vgl. Abb. 102 u. 103.) Zwischen diesen Ausläufern des Granatapfelmusters liegen die Damaste der Frührenaissance, welche das ehe¬ malige einfache Motiv in reichster Entwicklung und durch Kronen verbunden zeigen (vgl. Abb. 8 auf Tafel IV), woran sich anschliessen die gleichzeitigen spanischen Stoffe mit abwechselnder Granatapfelblüte und dem Pinienzapfen, die schon in spitzovale Felder eingeschlossen sind, also den Anfang des Renais¬ sancemusters darstellen. Deutlicher tritt der Pinienzapfen in der unter Abb. 104 dargestellten Sammetbrokattapete in Erscheinung, dessen Umrahmung aus Cypressenblättern und dem aus kleinen Tulpen- und Nelkenblüten bestehenden Beiwerk den orientalischen Typus solcher Muster veranschaulichen. Völlig auf¬ gelöst erscheint dann in der ersten Hälfte des 16. Jahrh. in Spanien die Granatapfelhlüte (Abb. 105), deren gewürfelte Einzelheiten an frühere arabische spitzovale Formen erinnern. In gleicher Weise werden in späterer Zeit ähnliche Muster auch im Orient freier, wodurch der Zusammenhang mit der europäischen Formenwelt noch augenscheinlicher wird. (Abb. 106.) — Ein dem Granatapfel-
Granatapfelmuster. 231 Abb. 105. Abb. 104. Abb. 106.
232 Granatapfelmuster. muster verwandtes Motiv tritt noch einmal in Erscheinung, als am Ende des 17. Jahrh. sich der französische Barockstil unter dem Einfluss italienischer Kunstformen bildet; indessen liegt diesem Stoffmuster lediglich die Frucht der Ananas zu Grunde. (Vgl. Abb. 107 u. 18—20.) Hinsichtlich des Gebrauchs der grossmusterigen Granatstoffe ist es bemerkenswert, dass dieselben nicht nur zu Tapeten oder für sonstige Innendekoration Verwendung fanden, sondern auch zu Gewändern verschnitten wurden, wofür die Bilder jener Feit die inter¬ essantesten Beispiele aufweisen. (Vgl. Abb. 108.) Abb. 107. Abbildungen : 102. Originalaufnahme aus dem Königl. Kunstgewerbemuseum in Berlin: Sammet¬ brokat, Grund hellviolette Seide, Muster rot, geschnitten und mit or frisee: Bänder mit eingefügten Verschlingungen bilden spitzovale Felder, in welchen abwechselnd Granatapfel mit Krone und gotische Rose in gebuckelter Vase. Italien Anf. 16. Jahrh. 103. Darstellung aus: Kunstgewerbeblatt, N. F. III, S. 84, Leipzig 1891: Sammet¬ stoff (moderne Nachbildung), rot, Grund glatt, Muster geschnitten: In Reihen geordnete und durch herzförmig geschwungene Bänder mit Kronen verbundene gotische Rosen und kleinere Blüten. Original von einer venetianischen Dogenstola, Anfang 16. Jahrh. 104. Originalaufnahme aus dem Königl. Kunstgewerbemuseum in Berlin: Sammet-
Granatapfelmuster. 233 brokattapete, Grund rot, Muster mit Silberfäden durchwirkt: Reihenweis versetzte Pinienzapfenblüten sind von gefüllten Cypressenblättern umgeben und mit kleinem Blütenwerk besetzt. Persien 16. Jakrb. 105. Originalaufnahme aus dem Königl. Landesgewerbemuseum in Stuttgart: Sammetstoff, Grund weisser Atlas, Muster rot, geschnitten: Aeste, durch Knäufe ver¬ bunden, bilden spitzovale Felder, in welchen je eine granatapfelartige Blüte. Spanien 16. Jahrh. 106. Originalaufnahme aus dem Königl. Landesgewerbemuseum in Stuttgart: Stickerei auf Baumwolle in roter Seide im Webstich, Muster in Art gewebter Tapeten: Abb. 108. Aeste, mit Blättern besetzt und durch Knäufe verbunden, bilden spitzovale Felder, in denen je eine Palmettenblüte, die an granatapfelartige Gestaltung erinnert. Türkei 17.—18. Jahrh. 107. Darstellung aus: Kunstgewerbeblatt, Jahrgang 1890, Leipzig: Sammetbrokat, Grund Gold, Muster schwarz geschnitten: Eine wellige Blütenranke, durch Rosetten verbunden, bildet Felder, in welchen je eine Palmettenblüte aus dem Fruchtkolben der Ananas in Umrahmung von schlanken Blattfeldern. Frankreich Ende 17. Jahrh. Ori¬ ginal : Berlin und Leipzig. 108. Originalaufnahme nach einem Gemälde aus der Galerie der Königl. Museen in Berlin: Brustbild einer Venetianerin von Crivelli (1412 — 1486).
234 Grand-Lion—G reif. Abbildungen auf der Tafel IV. (Webereien der Gotik und Frührenaissance.) Originalaufnahmen aus dem Königl. Landesgewerbemuseum in Stuttgart: 1. Sammetstoff, rot, Muster aus feinen Linien des Atlasgrundes auf geschnittener Fläche: Granatapfelmuster. Italien 15. Jahrk. Der Stoff ist im 17. Jahrh. mit einem anderen Muster gepresst. 2. Seidendamast, hellblau, Muster (nicht ganz vollständig): Aeste mit Blättern besetzt, bilden Felder, in welchen abwechselnd je eine granatapfel- und eine pinien¬ zapfenartige Blüte. Spanien Anfang 16. Jahrh. 3. Seidendamast, rot, mit Granatapfelmuster in feinen Taffetlinien auf Atlas¬ fläche. Italien 15. Jahrh. 4. Sammetbrokat, rot und etwas Gold, Muster: Bänder bilden spitzovale Felder, in welchen je eine granatapfelartige Füllung in Spitzbogeneinrahmung. Skutari (?) 16. Jahrh. 5. Granatapfelmuster des 15. Jahrh. nach einem venetianischen Bilde. 6. Sammetbrokat, rot und Gold, mit Goldnoppen und or frisee: Wellig auf¬ steigenden Aesten entsteigen grosse und kleine Granatapfelblüten. Flandern 15. Jahrh. 7. Sammetstoff, rotbraun, Grund Atlas, Muster geschnitten: Reihenweis wechselnde Blütenfelder mit Füllung einer Granatapfelblüte. Venedig 15. Jahrh. 8. Seidendamast, weiss: Granatapfelmuster. Italien Anfang 16. Jahrh. 9. Sammetstoff, Grund gelb, Muster hellblau, geschnitten: Rundliche Felder aus Blütenkränzen enthalten Granatapfelblüten und sind von Bändern eingeschlossen, die durch Kronen verbunden werden; dazwischen Granatäpfel. Italien Anf. 16. Jahrh. 10. Seidenstoff, rot, bunt und Gold: Rosenrauken bilden spitzovale Felder, in welchen je eine spitzovale Bogenstellung mit Granatapfelblüte. Italien Ende 15. Jabrh. 11. Sammetbrokat, olivgrün, Grund Atlas, Muster geschnitten und mit etwas Gold: Wechselnde Blütenfelder mit Kernstück aus Granatapfelblüte und -Frucht. Italien 15. Jahrh. 12. Sammetstoff, grün, Muster in feinen Linien auf geschnittener Fläche: Granat¬ blüten in Bogenstellungen. Italien 15. Jahrh. Grand-Lion (franz.), gemusterter Zwillich zu Tischzeugen und Handtüchern. Grande-Venise oder Grande-rose (franz.), feine Leinen, damastartig mit Blumen gemustert, besonders im franz. Depart. des Calvados gewebt. Grands-lez, weisswollener Stoff aus Dreux in Isle de France, zu Mänteln für die Truppen. Grandureis, fein geflammter Baumwollstoff in Art der Nankings, der für Italien und die Levante gefertigt wird. Granit- oder Cannelebindung wird nur in vereinzelten Fällen als alleinige Warenbindung angewandt; umsomehr benutzt man sie zur Herstellung kräftig hervortretender Streifen in Kleider-, Buckskin- und anderen Stoffen. Grasleinen oder China-grass-cloth heissen die aus Chinagras hergestellten Gewebe. Graslitz, Stadt in Böhmen: Baumwollspinnerei, Woll- und Sammetweberei, Färberei, zwei Bleichereien, 7 Stickerei- und Konfektionsfabriken (darunter eine staatliche). G. ist Hauptsitz der Weisswarenstickerei und Konfektion, sowie Mittelpunkt der Spitzenklöppelei des Erzgebirges. Great-Yarmouth, Stadt in der engl. Grafschaft Norfolk: Seiden-, Wollund Baumwollmanufakturen. Grebenau, Stadt in der hess. Prov. Oberhessen: Leinweberei, besonders Packleinwand. Grecque-Muster s. Mäander. Grega, schmale Leinwand für Portugal. Grege, allgemeine Bezeichnung für ungezwirnte Rohseide. Gregegarn ist ein aus Wolle und Seide erzeugtes Gespinst von grosser Haltbarkeit und in Feinheit dem engl. Baumwollengarn Nr. 60 gleich; es dient als Kette zur Herstellung der feinen Longshawls und ist erst in neuer Zeit eingeführt. Greif (lat.: griphus; franz.: griffun; engl.: griffin), ein fabelhaftes Tier des Altertums, das an Grösse und Stärke einem Löwen gleich, mit dem Leib eines solchen und vier Krallenfüssen, aber mit zwei Flügeln und dem krummen
Greiffenberg—Grezseide. 235 Schnabel eines Raubvogels versehen ist. Als Kunstform verdankt er seine Ent¬ stehung dem Orient, von wo aus ihn der Grieche übernimmt und in seiner Weise idealisiert. Als Stoffmuster ist der G. erhalten auf einem sassanidischen Gewebe des 6. Jahrh. (vgl. Abb. 2 auf Tafel II), unter chinesischem Einfluss ist der G. dargestellt auf einem orientalischen Stoff des 10.—11. Jahrh. (vgl. Abb. 7 auf Tafel II). Ebenso wird er als Stoffmuster in gleichzeitigen Geweben von Sicilien übernommen (vgl. Abb. 109) und erscheint bis in das 13. Jahrh. hinein mit anderen Tierfiguren auf sarazenischen Geweben. Abbildung: 109. Darstellungaus: Paul Schulz e, Ueber Gewebemuster früherer Jahrhunderte, Leipzig 1893, S. 23. Seidenbrokat mit Darstellung von Greifenparen in reihenweis geordneten Kreisen; dazwischen Sterne. Sicilien 10.—12. Jahrh. Abb. 109. Greiffenberg in Schlesien: Leinweberei, Leinwanddruckerei und Färberei; Bleichen. Greiz, Haupt- und Residenzstadt des Fürstentums Reuss ä. L.: nimmt in der Kammgarnweberei die erste Stelle in Deutschland ein. Es befinden sich hier 12 500 mechan. Webstühle, welche Tibets, Kaschmirs, Wollwaren aller Art, Decken, Shawls, feine Kammgarnstoffe hersteilen; ausserdem arbeiten eine grosse Anzahl auswärtiger Wollwarenfabriken für Greizer Firmen; ferner bestehen be¬ deutende Färbereien, Wollzeugdruckereien, Appreturanstalten und Kammgarn¬ spinnereien. Höhere Webeschule. Grenada, westindische Baumwollsorte; auch eine spanische Baumwolle wird so benannt. Grenade (franz.), 1. Gemusterte Tischzeuge aus damastartig gewebter Leinwand. 2. Sehr feiner Berkan von Wolle und Seide aus Abbeville. Grenadine, 1. Im 18. Jahrh. schwarze Seidenspitzen, deren Material in Lyon gefärbt wurde. 2. Das feinste aller stark mulinierten Seidengespinste, das für Spitzen und Posamenten ausgedehnte Verwendung findet. 3. Franz. Seiden* zeug. 4. Damastartige Leinwand. Greven, Dorf im preuss. Reg.-Bez. Münster: Baumwollspinnereien. Grevenbroich, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Düsseldorf: Baumwollspinnerei und -Weberei, Halbwollwebereien. Grezseide (franz. greze oder grege), s. v. w. Rohseide.
236 Griechenland—Griechenland und Rom. Griechenland, Königreich, hat trotz der hohen Schutzzölle keine bedeu¬ tende Industrie. Nennenswert ist die Textilindustrie, besonders Seidenfabriken (37 Betriebe mit 8—9 Mill. kg jährlicher Produktion). Bedeutend ist auch die Erzeugung von Teppichen, deren Hauptproduktionsorte Tripolitza, Leonidi, Athen, Argos, Korinth, Atalanti, Gortinia, sowie Volo und Makrenitza in der Provinz Thessalien. Atalanti ist derjenige Platz, wo die moderne Teppich¬ erzeugung zuerst aufgenommen wurde, Tripolitza jener, welcher an Leistungs¬ fähigkeit obenan steht mit allein ein Fünftel der Gesamtproduktion im Werte von etwa jährlich 200000 Drachmen (= 150 000 M.). Die meisten Teppiche werden in der Hausindustrie erzeugt, nur vereinzelt gibt es berufsmässige Teppichweber. Ein Haupterzeugungsort derselben ist eine Frauenarbeitsanstalt: eine Schöpfung des griechischen Bankiers Syngros, welche in ihren inneren Ein¬ richtungen fast vollkommen unseren Frauenerwerbsvereinen entspricht. Mehr als 400 Frauen und Mädchen der ärmeren Bevölkerungsklasse erlernen hier ausser anderen weiblichen Handarbeiten insbesondere die Teppichweberei. Die bei der Teppichei'zeugung zur Verwendung gelangenden Rohstoffe sind fast ausschliesslich inländischen Ursprungs. Auch der Bedarf an Mineral- (Anilin-) und Pflanzenfarben wird in Athen gedeckt, welches dieselben aus dem AusAbb. 110. lande, vornehmlich aus England, Frankreich, Belgien, Deutschland und Italien bezieht. Die Musterung griechischer Teppiche scheint nach einem Bericht von Richard Oppenheimer, welchen derselbe im Jahre 1891 für die in Wien statt¬ gefundene Teppichausstellung erstattet, auf künstlerischen Wert keinen Anspruch zu haben. „Sie ist einfach in der Komposition, wenn auch mannigfaltig variiert. Die einzelnen Motive haben eigene Benennungen. Man unterscheidet die eigent¬ lichen griechischen Muster und solche Zeichnungen, welche sich an die Muster der Smyrna-Teppiche anlehnen. In neuester Zeit werden in der Fabrik einer Athener Firma Teppiche mit eingewebten Ansichten von Athener Bauwerken und Denkmälern und Sujets aus der altgriechischen Geschichte hergestellt.“ Seit einiger Zeit werden übrigens ausser den gewebten Teppichen auch ge¬ knüpfte Teppiche gefertigt. Aus der Zeit der Antike haben uns Griechenland und Rom wenige Originalstotte hinterlassen. Einige Ueberreste von Wollwirkereien sind in den Gräbern pontischer Griechen der helle¬ nistischen Zeit (etwa vom 3.—1. Jahrh. v. Chr.) gefunden (vgl. Compte rendu de la commission archeologique de St. Petersburg [für die Jahre 1878/79], 134 Tafel V), welche naturalistische Muster mit Enten, Hirschköpfen und Blättern zeigen. Mit Recht betont Alois Riegl (Altorientalische Teppiche, Leipzig 1891, S. 15), dass „die gesamte Textilkunst des Altertums augenscheinlich unter der
Griechenland und Rom. 237 Führung der Wirkerei stand und dass erst mit der Verbreitung der Seiden¬ kunstweberei neue Verhältnisse geschaffen, die allmählich das Zurücktreten der Wirkerei und ihre Ersetzung durch die Seidenweberei und Stickerei zur Folge Abb. 111. hatten.“ Einen Beweis dafür haben wir nicht nur in der Abbildung des auf einem antiken Vasenbild im Berliner Museum sich befindlichen Hautelisse-Stuhles (vgl.^Abb. 110), sondern auch in vielen Gesängen der Odyssee und Iliade werden uns Gewänder und ihre Musterungen beschrieben, die auf keine andere Abb. 112. Technik, als die der Wirkerei hindeuten, wobei auch an Durchzugarbeiten in farbiger Wolle auf Leinen oder Baumwolle gedacht werden kann, wie sie uns die koptischen Grabfunde zutage gefördert haben (vgl. Abb. 111), welche,
238 Grimma— Griphaticus. wenn sie auch nicht direkt auf griechischem Boden entstanden sein mögen, so doch wahrscheinlich auf hellenistischen Vorbildern beruhen, die wohl in Mosaikfussböden zu suchen sind. Die Musterung griechischer Gewänder haben wir uns so einfach wie möglich vorzustellen, da der Grieche viel mehr Gewicht auf die Fältelung seiner weissen wollenen oder leinenen Ueberwürfe legte und sie höchstens mit einem Saum verzierte. Die antiken Vasenbilder, welche reiches Material für dergleichen Studien bieten, zeigen nur selten in kleinen Quadraten mit einfachen Sternen und Rosetten gemusterte Kleider, von denen man annimmt, dass orientalische Personen gekennzeichnet sein sollen, oder es handelt sich um Stücke jener Periode, in welcher Griechenland noch nicht völlig frei von orientalischen Einflüssen war. Während des 7.—10. Jahrh. bemächtigen Abb. 113. sich die Griechen der Seewege und führen den Gebrauch der Seide bei den Völkern und wilden Stämmen ein, mit denen sie in dieser Periode in politischen Verkehr traten: es handelt sich hier sowohl um Seide aus dem Orient und aus Spanien. Rom besass unter den ersten Päpsten schon Seiden¬ stoffe : einige wenige daher erhaltene Ori¬ ginale (eines im Königl. Kunstgewerbe¬ museum zu Berlin, ein anderes wird in Sitten auf bewahrt [vgl. Abb. 112]) zeigen Musterungen, welche vollständig in dem Geiste klassischer Formensprache gehalten sind. Akanthusranken — auf dem Original in Berlin befinden sich dazwischen kleine Rosetten aus je vier herzförmigen Feldern, die auch auf byzantinischen Geweben wieder¬ kehren -— und wie die Ergänzung Sempers wohl richtig vermuten lässt, bilden diese die Umgebung von menschlichen Gestalten mit ornamentalen Tierfiguren. Ein drittes römisches Original, aus Grabfunden her¬ rührend (vgl. Abb. 113), weist mehr auf das Formengebiet hin, welches auf den Gewandfiguren römischer Mosaiken wahr¬ zunehmen ist. Abbildungen: 110. Darstellung aus: Eugene Müntz, La tappisserie, Paris, A. Quantin, S. 31: Darstellung eines griechischen Webestuhles (le metier de Penelope) nach einer antiken Vase aus dem Antiquarium der Königl. Museen in Berlin. 111. Originalaufnahme aus dem Königl. Landesgewerbemuseum in Stuttgart: Rundes Feld, Muster in durchzogenen farbigen Wollfäden auf Leinwand: Darstellung eines antiken Kriegers mit Schild und Speer in Umrahmung des Wogenbandes (sogen, laufender Hund). Aus einem koptischen Grabe des 5.—7. Jahrh. 112. Darstellung aus: Semper, Der Stil u. s. w., München 1878, S. 180: Rö¬ misches Seidengewebe, Grund rot, Muster gelblich: Darstellung einer Jungfrau auf einem phantastischen greifenartigen Seepferd zwischen Akanthusranken. Original im Domkapitel der Valeriakirche zu Sitten in der Schweiz. 3. Jahrh. n. Chr. 113. Originalaufnahme aus dem Königl. Landesgewerbemuseum in Stuttgart (Originalgrösse): Seidengewebe, Grund weiss, Muster blau, gelb und rot: In Rauten¬ feldern aus quadrierten Linien wechseln schalenartige Gefässe und geometrische Fül¬ lungen ab. Römisch (?) 5. Jahrh. n. Chr. Aus einem koptischen Grabe. Grimma, Stadt in Sachsen: ehemals bedeutende Tuchindustrie, welche ein¬ gegangen ist; zwei Wäsche- und Garnbleichen, Färberei und mehrere Druckereien für leinene und wollene Stoffe. Griphaticus (lat.), mit Greifen bestickter AltarvorhaDg.
Grisaille—Cluayanilla. 239 Grisaille, franz. Bezeichnung eines leichten Seidenstoffes, der aus schwarzen und weissen Fäden locker gewebt ist. Griset, Grisette, ursprünglich ein französischer, leinwandartig gewebter Wollenstoff, eine Gattung Etamine, nur mit stärkeren Fäden; später wurde er in allen Farben, teils ganz aus Wolle, oder diese mit Seide oder Baumwolle vermengt, teils ganz aus Seide gefertigt. Jetzt ist der Name im Handel dafür ein anderer geworden. Grisettas nennen die Spanier eine leicht gewebte ungebleichte Leinwand. Grödek, Stadt in Galizien: Flachsbauschule und ein wichtiger Markt für Lein. Grodno, Hauptstadt im gleichnamigen russischen Gouvernement: Tuch-, Baumwoll- und Seidenfabriken. Gronau, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Münster: 6 Baumwollspinnereien, 2 Webereien mit Druckerei und Färberei, je eine Bleicherei und Warpstärkerei. Groningen, Stadt im Königreich der Niederlande: Maschinenflachsspinnerei, Fabrikation wollener Strickwaren, Färberei und Wollkämmerei. GroppO oder grupo (ital.), Bezeichnung für eine Schnürtechnik: daher punto a groppo d. i. geflochtene Spitze oder marcramee; ursprünglich der Aus¬ druck für verschlungene, gerade oder geschwungene Linien (s. Macramee und Spitzen). Gros de Berlin, Naples, Tours, aus starken Fäden taffetartig gewebte Seidenstoffe. Gros-forts, Mortagnes, Toiles-pour-meubles, gewöhnliche, aus starkem Hanfgarn, fest und gedrungen gewebte Leinwand, welche in Frankreich von den Landleuten gefertigt wird; sie findet zu Tapezierarbeiten Verwendung. Gros-grains, Grobgrän, veralteter berkanartiger Wollenstoff. Gros point de Venise, italienische Guipürespitze, deren Musterumrisse stark unterlegt und im Innern fein durchbrochen genäht sind (s. Spitzen). Grossarias, in Spanien der allgemeine Name der gewöhnlichen Sack- und Packleinwand. Grossbritannien und Irland s. England und Irland. Grosschönau, Dorf in Sachsen: Fabrikation von baumwollenen, leinenen und halbleinenen Stoffen, Bleicherei, Färberei und Appreturanstalten. Die früher hier blühende Damastweberei ist zurückgegangen; doch liefern die noch vor¬ handenen 480 Stühle jährlich etwa 50 t der feinsten Damasttischzeuge. GrOSSenhain, Stadt in Sachsen: Woll- und Seidenspinnerei, Fabrikation von Tuch und Buckskin (10 Fabriken), Strumpf- und Wollwaren. Grosshartmannsdorf in Sachsen: Maschinenstrickerei, Weberei. Grossröhrsdorf in Sachsen: bedeutende Leinen- und Baumwollenweberei, Bleicherei, Färberei, Fabrikation von Kanevas, Zwirn, Bändern und Litzen. Grosssachsenheim, Stadt in Württemberg: Bandfabrik. Gros-trait pour Prelat, starke Leinwand, welche in Frankreich in der Gegend von Abbeville für Segeltuch gewebt wird. Gros-Zeuge sind in der Regel seidene, immer aber leinwandartig gewebte Stoffe. Man hat eine Fülle von Bezeichnungen für Stoffe in der Zusammen¬ stellung mit dem französischen Gros, obgleich dieselben nicht alle franz. Ur¬ sprungs sind. Die Unterscheidungen der verschiedenen Seidenzeuge mit „Gros“ werden hervorgebracht durch den Wechsel stärkerer oder schwächerer Ketten¬ oder Schussfäden. Grünberg, Stadt in Schlesien: Fabriken für Tuch und halbwollene Waren: 18 Betriebe, darunter die englische Wollwarenmanufaktur mit 1500 Arbeitern. Grund heissen bei gemusterten Stoffen diejenigen Flächen, von welchen sich die Muster durch Farbe oder Fadenlage abheben. Grundnetz der spitzen s. Netzarbeiten und Spitzen. Guarnellum (lat.), weisser Stoff, aus Flachs und Baumwolle gewebt, daher auch für das daraus gefertigte Hemd gebraucht. Guayanilla, Baumwollsorte aus Westindien, weiss, glänzend, kräftig im Faden.
240 Guben—Gynäceen. Guben, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Frankfurt: Tuchfabrikation, Streich¬ garnspinnereien und Färbereien. Guerleys, Gattung ostindischer Kattune. Gueuse, im franz. Handel 1. Art dünner, geklöppelter Zwirnspitzen, die einen sog. Reseau- oder netzartigen Grund und blinde Blumen haben. 2. Geringer Wollenstoff, der früher in Flandern auch unter dem Namen Picotte gewebt wurde. Guianabaumwolle s. südamerik. Baumwollen. Guibert, in Frankreich eine gut und gedrungen gewebte Leinwand aus gebleichtem Garn. Guibray (fil de), in Frankreich ein weisses Dochtgarn, welches zu Wachsstöcken, Wachslichtern u. dergl. Verwendung findet. Guilladores, Gattung baumwollener Tücher aus Ostindien. Guimpe (fraoz.), Brust- oder Vortuch der Nonnen: ärmelloses Leibchen unter dem Kleid. Guineas, Namen verschiedener Kattune aus Afrika. Guinget, in Frankreich die geringste Sorte des gehechelten Hanfs und eine daraus gewebte Leinwand. Guingets, eine Art leichter Kamelotte aus Amiens. Guingets, Sorte russischer Hanf. Guipüre, (vom altfranz. guimpure; neufranz. heisst guipor s. v. w. mit Seide überspinnen), nannte man schon in älterer Zeit besonders kräftige, aus seiden- oder metallumsponnene Schnüren (Gimpen) hergestellte Geflechte, die meist als Kleiderbesätze verwendet wurden und im ganzen schon den Posamenten sehr verwandt sind. Da für dergleichen Arbeiten dann seit dem 16. Jahrh. der Ausdruck guipüre üblich wurde, bezeichnete man allmählich auch die daraus gefertigten Spitzen mit diesem Worte und später, als die Spitze mit durch¬ gehendem Grunde vorherrschend geworden, blieb die Bezeichnung an dem Barock¬ typus der Spitze haften. Gul buda dusta, persischer Teppich mit Blumenmuster, womit nur der Name gemeint ist. Gulbani, leichter gazeartiger mit Seide und Goldlahn durchwehter Stoff aus Ostindien. Gule Hennaimuster, im Ferahanteppich vorkommend, besteht aus symmetrisch an einem Stengel gereihten Narzissenblüten, meist in gelblichen Tönen gehalten. Gumbinnen, Stadt im gleichnamigen preuss. Reg.-Bez. Gumbinnen: Woll-, Baumwoll- und Leinwebereien; Strumpfwirkerei. Gummersbach, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Köln: Wollgarnspinnerei, Kunstwoll- und Wolljackenfabrikation. Gur, weisse Kattune aus Ostindien. Gurte sind dicke bandförmige Gewebe, die als Tragbänder, als elastische Unterlage für die schneckenförmigen Stahlfedern der Kissen beim Polstern der Möbel Verwendung finden. Bessere Sorten dienen für den Grundsitz der Reit¬ sättel (Sattelgrundgurte) und zu gepolsterten Wagenarbeiten (Wagengurte), feinere und weichere Sorten zu Hosenträgern, Halftern, sowie zu eigentlichen Sattel¬ gurten (Bauchgurte). Tragbänder und Tapezierergurte werden aus sehr grobem Hanf- oder Werggarn angefertigt und sind glatt gewebt. Die Sattelgrundgurte und Wagengurte stellt mau aus Hanfgarn, Hanf- oder Leinenzwirn her oder auch aus zweidrähtigem Bindfaden, sie sind entweder glatt oder zweiseitig ge¬ köpert. Sattelgurte und Halfter bestehen ganz aus Kammwollgespinst und sind immer geköpert, oft auch mit kleinen Mustern durchwebt. In derselben Weise werden Hosenträger gefertigt. Die gewöhnlichen G. aus Hanfgarn u. s. w. werden vom Seiler am Schlagstuhl (G.-Schlagstock) gemacht, die G. aus Zwirn oder Wolle von dem Bortenwirker am Handstuhl. Gustarda, indische Bezeichnung für Teppiche. Gütersloh, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Minden: mechan. Baumwoll¬ webereien und Bandfabrik ; Fabrikation von Seidenzeugen. Gynäceen, sogen. Frauenhäuser, in welchen in Byzanz sich Seidenmanu¬ fakturen befanden, die unter Justinian im 6. Jahrh. gegründet wurden.
I I Haan—Haidamur. 241 H. Haan, Gemeinde im preuss. Reg.-Bez. Düsseldorf: Zanellafabrikation, Seiden- und Wollweberei. Haarbeutel, ebemals ein gewöhnlich schwarzes Säckchen von Seide oder auch Taffet, das sich glatt auf den Oberteil des Rückens legte, das Nackenhaare enthielt und noch mit seidenen Bändchen gebunden und verziert war. Er schützte die Kleider vor dem Puder und verdrängte wohl deshalb ungefähr seit der Mitte des 18. Jahrh. neben dem Zopfe die grosse Staatsperücke, ging von Frankreich aus, wo von 1710 ab das Militär diese Tracht annahm und für den Strassenanzug modisch machte. Seit der franz. Revolution hörte diese Mode auf. Haardecken, Haartuch, Haarzüchen, grobe Gewebe von Pferde-, Ochsen-, Kuh-, Reh- und anderen Haaren, welche man, nach vorheriger Reinigung in Wasser, wenn sie getrocknet sind, wie Wolle kartätscht oder krempelt, auf einem Rade spinnt, nachdem doubliert und zwirnt, dann aber nach Leinwandart mit zwei Schäften webt. Haarzüchen dienen zum Einpacken, zum Belegen der Fussböden im Winter, zu Pferde- und Schilfsdecken u. dergl. Auch in Nordamerika macht man unter dem Namen Taurinotuch einen Stoff aus Rinder¬ haaren, der zu Regenmänteln und Teppichen verbraucht wird. Haardraht, der feinste Golddraht, den man zu Geweben und Stickereien benutzt. Haaren im Rheinland, Dorf im preuss. Reg.-Bez. Aachen: Wollspinnerei und Tuchfabrikation. Haargewebe, Fabrikate aus Pferdehaaren und den Abfallhaaren der Gerbereien. Die kürzeren Haare werden gesponnen und als sogen. Haarzüchen zu Presstüchern, Decken, Möbelstoffen u. dergl. verwendet. Haarhaube s. Calotte. Haarlem, Hauptstadt der niederl. Prov. Nordholland: früher blühende Industrie; jetzt sind die Fabriken in Seide, Leinwand, Zwirn u. s. w. herab¬ gekommen, wichtig ist noch die Rotfärberei, Baumwollbleicherei und Druckerei, Spinnerei und Maschinenweberei. Im 18. Jahrh. ist H. berühmt wegen der vorzüglichen Bleiche des Leinenfadens zur Spitzenerzeugung. Haarseide nennt man in den Seidenmanufakturen einen einzelnen Faden roher, um sich selbst gedrehter Einschlagseide, die man zum Yerheften beim WTeben reicher Stoffe gebraucht. Haarsiebe, Haarsiebboden, aus Pferdehaaren geflochtene oder durchsichtige Gewebe. Haartreibriemen bestehen aus festen dichten Geweben von grobem Woll¬ garn mit Baumwolleinschlag, in ein- oder mehrfachen Lagen auf besonderen Stühlen hergestellt. Haartuch, (franz.: etoffes de crin), Rosshaarstoffe nennt man im all¬ gemeinen die Gewebe in Verbinduug mit Haar, insbesondere die feinen Stoffe dieser Art aus Rosshaaren in Verbindung mit anderen Fäden. Haberkorn oder Gerstenkorn (Motiv des grains de nullet) kommt in den älteren Genueser Klöppelspitzen häufig vor. Hadern, Lumpen, Fetzen, Strazzen, Allgemeinbezeichnung für Gewebe aller Art, welche durch den Gebrauch für persönliche und häusliche Zwecke unbrauchbar geworden sind. Hadmersleben, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Magdeburg: Wollspinnereien. Häfel, Bezeichnung der gefirnissten Zwirnfäden, welche die Schleifen bei den Schäften der Webstühle bilden. Hagen, Kreisstadt im preuss. Reg.-Bez. Arnsberg: Baumwollspinnerei und -Weberei, Färberei und Bleicherei. Haidamur, bedeutendes Dorf in Syrien, welches Teppiche erzeugt. Heiden, Handwörterbuch der Textilkunde. 16
Haidarabad —Häkelarbeiten. 242 Haidarabad, 1. Hauptstadt im gleichnamigen Vasallenstaat des Indo¬ britischen Reiches: bedeutende Baumwollmanufakturen. 2. Hauptstadt von Sindh: Seide und Baumwollmanufakturen. Haindorf, Dorf in Böhmen: Baumwollspinnerei, mechan. Webereien. Hainewalde, Dorf in Sachsen bei Zittau: Haarsiebbodenweberei. Hainichen, Stadt in Sachsen: Chenillefabrik, Fabrikation von Flanell und Wollphantasiewaren. Städtische Webeschule. Hairasgarn ist eine Art von wollenem Kammgarn, das aus dickhaarigen orientalischen Schafwollen gesponnen wird. Von dem englischen Schussgarn ist es besonders durch einen geringeren Glanz zu unterscheiden. Das Material wird vor dem Krempeln, wie vor dem Verspinnen reichlich gefettet, vor dem Färben wird es ausgewaschen; es findet für Teppiche und Posamenten Ver¬ wendung. _ Harbins, veralteter wollener kamelotartiger Stoff, dessen Kette halb von Seide und halb von Baumwolle ist. Haircords (engl. Haarstrick), sind ganz feine weisse Baumwollenzeuge, mit kleinen dichten Streifen, die sich dadurch auszeichnen, dass in gewissen Abständen durch gefärbte dickere Kettfäden hervortretende Längsstreifen sicht¬ Hairbims, bar sind. Häkelarbeiten „crocher“ werden mit der Häkel- oder Tambouriernadel, dem der Franzosen meist aus weissem Baumwollengarn gefertigt, einem Abb. 114. Stift aus Metall, Holz, Elfenbein oder dergl. an dessen etwas stumpfer Spitze sich ein Widerhaken befindet, mit welchem die Maschen geschlungen werden. D as Alter der Technik ist mit Bestimmtheit nicht nachzuweisen. Mau darf nach erhaltenen koptischen Gräberfunden annehmen, dass sie in Gemeinschaft mit der Strickerei und Filetarbeit schon im 5. Jahrh. geübt wurde; eine all¬ gemeinere Aufnahme findet das Häkeln erst im Anfang des 19. Jahrh., be¬ sonders in Irland, wo man sich bemüht, die venetianische Reliefspitze hierin nachzubilden. (Vgl. Abb. 114 u. 115.) Zur selben Zeit verbreitet sich die Technik auch in Nachahmung von flachen genähten und geklöppelten Spitzen über Deutschland (namentlich Sachsen und Preussen). Die grösste Vielseitigkeit gewinnt das Häkeln durch die Aufnahme von Oesenbändchen (Mignardisen), russ. Börtchen, Pointlaceband, Gimpen u. s. w., welche als fertige durchgehende Borten dem Häkelmuster als belebender Zwischensatz dienen. Vgl. Heine, Die Schule des Häkelns (4. Aufl. Lpzg. 1891); Hochfelde n, Das Häkeln (Ber¬ lin 1892).
Hakirs—Halblaken. 243 Abbildungen: 114. Originalaufnahme aus dem Königl. Landesgewerbemuseum in Stuttgart: Teil einer Borte, Häkelarbeit in Relief in gelblichweissem Garn: Muster aus einem Zweig, dessen Blüten die Zacken bilden. Irland 19. Jahrk. 115. Originalaufnahme aus dem königl. Landesgewerbemuseum in Stuttgart: Teil eines Kragens, flache Häkelarbeit in weissem Garn: Muster aus grossen und kleinen runden Scheiben auf unregelmässigem Maschengrund. Irland 19. Jahrh. Abb. 115. Hakirs werden Demi-cottons genannt. Halagia (lat.), Teppich oder Vorhang; auch Tischtuch. Haibau, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Liegnitz: Baumwoll- und Damast¬ weherei. Halbborten, Borten, deren Kette aus Seide und deren Einschlag ab¬ wechselnd aus Seide und anderem Material besteht (s. a. Bortenwirkerei). Halbenglische Naht, diejenige für Wirkware verwendete überwendliche Naht, hei welcher der Nähfaden die äussersten Henkel oder halben Maschen zweier Warenstücke miteinander verbindet. Halberstadt, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Magdeburg: Der Domschatz enthält Gewänder des Mittelalters und kostbare Bruchstücke von Geweben und Stickereien. Unter Friedrich dem Grossen im Jahre 1749 Ausdehnung in der Seidenzucht. Halbflorence, Gewebe in Leinwandbindung aus seidener Kette und baumwollenem Schuss. Halbkammgarne (Sagetten- oder Sayettegarne, Strick-, Stick- oder Tapisserie- und Strumpfwirkergarne, fil corde-peigne, Knittingyarn, Stockingyarn, hosiery-yarn, mock-worstev) werden aus mittellangen Wollen meist ähn¬ lich wie Kammgarn mit Hinweglassung der das Spinnen sehr verteuernden Kämmmaschine, oder ähnlich wie Streichgarn, jedoch unter Fortfall des ge¬ kreuzten Auflegens, erzeugt. Dadurch, dass die in der Wolle enthaltenen kurzhaarigen Teile mit verarbeitet werden, erhält der alsdann gesponnene Faden eine weniger glatte und. feste Beschaffenheit als eigentliches Kammgarn; ist jedoch glatter und glänzender als eigentliches Streichgarn. Halblaken, Halbtuche nennt man ein dünnes und leichtes Tuch, welches aus fein gesponnenem Garn und feiner Wolle gewebt, nicht fest gewalkt, aber mit besonderer Sorgfalt appretiert wird. Es dient zur Sommerkleidung und zu Frauenmänteln, und ist besonders nach den wärmeren Ländern, Italien, nach der Levante und nach Südamerika gangbar. Nach den verschiedenen Gegenden, wohin es bestimmt ist und nach der Qualität und Appretur erhält es besondere Namen, wie z. B. Drap de dames, Mahouts, Serails, Spanish Striges, Kronentücher u. s. w. In England wird das feinste Halbtuch in
244 Halbmond—Hamilton. Saddleworth gemacht. Die französischen Halbtücher kommen uuter den Be¬ zeichnungen: Carcassonnetücher, Demi-Di'aps, Demi-Londres, Draps de Langue¬ doc in den Handel. Halbmond als Musterung in türkischen Webereien und Stickereien so¬ wohl als Bedeutung des Wappens, aber auch lediglich zur Flächenfüllung von den ältesten Zeiten her nachweisbar. (Vgl. Orientalische Gewebe und Stickereien.) Halb-Perses sind holländische Kattune, die früher dort viel gebraucht und in Art persischer Muster bedruckt wurden. Halbsammet ist ungeschnittener oder nur teilweise geschnittener Sammet. Halbseidener Damast (franz.: damas-caffard, damassin; engl.: half damask), Gewebe aus Seide und anderen Faserstoffen. Halbseidene Stoffe sind alle Gewebe, in denen seidene Fäden mit denen anderer Faserstoffe gemischt Vorkommen. Haifa s. Alfa. Halifax, Stadt in der engl. Grafschaft York: nächst Leeds und Bradford Hauptsitz der Woll- und Wollgarnindustrie. Ausserdem fertigt man Baumwollwaren und Seidenplüsche. In Crossley’s Teppichfabrik sind gegen 5000 Arbeiter beschäftigt. Halina oder Hallina sind langhaarige, grobe, wollene, gewürfelte Decken oder Kotzen, welche in Oesterreich, Ungarn und Siebenbürgen gewöhnlich aus ungarischer Zackelwolle gefertigt werden. Hall, Stadt in Tirol: Fabrikation von Loden, Tuch und Zwirn. Hallencourts sind Tischzwilliche, welche bei Abbeville gewebt werden. Halles-crues, Halles de Dinan, eine französische starke flächsene Leinwand. Halluin, in Frankreich eine Art grober Serge oder sogenannte Trikots, die früher besonders zu Montierungsstücken für die Truppen gebraucht wurden. Halskrause s. Fraise. Hamadam, Hamadan, Stadt in der pers. Prov. Irak-Adschemi: Her¬ stellung von Filzteppichen, welche besonders leicht und durch Anwendung des Ziegenhaares sehr schmiegsam sind. Sie werden bezüglich der Güte mit denen von Brussa verglichen. Hamah, Stadt in Syrien: Woll-, Baumwoll- und Seidenwebereien, Ver¬ fertigung arabischer Mäntel. Hamans, Hamas, sind feine, weisse, dicht gewebte, ostindische Baumwollzeuge, eine Gattung ganz feiner weisser Kattune, welche früher nach Europa kamen; jetzt aber durch englische Shirtings, Sheetings- und Cambriks ersetzt werden. Hambel heissen in Marokko die gewirkten Teppiche (s. Kilim). Hamburg, Freie und Hansestadt, Bundestaat des Deutschen Reichs: Norddeutsche Jutespinnerei und -Weberei (in Schiffbeck), Jutespinnerei und -Weberei (H.-Harburg), Wollgarnfärberei, Hanfgarnspinnereien, Pferdehaar¬ spinnereien, Fabrikation von Hauswäsche und Anzügen. Die Anfänge der Seidenindustrie lassen sich bis zum Ende des 16. Jahrhs. verfolgen, wo nieder¬ ländische Reformierte die Sammet- und Taffetfabrikation nach der in Ant¬ werpen bekannten Art eingerichtet haben. Der dreissigjährige Krieg, welcher das übrige Deutschland wirtschaftlich zurückbrachte, berührte die Hamburger Industrie nicht oder kam ihr vielmehr zugute, weil gerade infolge des Krieges die Ausfuhr nach den übrigen deutschen Ländern einen bedeutenden Auf¬ schwung erhielt; in das Ende des 17. und die erste Hälfte des 18. Jahrh. fällt die Zeit ihrer höchsten Blüte. Im Anfang des 18. Jahrh. werden in H. auch Spitzen erzeugt, nachdem in Frankreich ihre Fabrikation zurückgegangen ist. Ferner im 17. Jahrh. Erzeugung von Bildwirkereien (s. Wandteppiche). Das Museum für Kunst und Gewerbe, gegr. 1869, seit 1877 Staatsanstalt (Direktor: Prof. Dr. Justus Brinckmann) enthält eine umfangreiche Sammlung von Stoffen, Stickereien und Spitzen aller Zeiten. Gewerbeschule für Mädchen: Zeichnen und Kunststicken. Hamilton, Stadt in der schottischen Grafschaft Lanark: Weberei und Musselinstickerei.
Hamiltonspitzen—Hardangerarbeit. 245 Hamiltonspitzen (auch schottische Spitzen), einfache Klöppelspitzen, die um die Mitte des 18. Jahrh. durch eine Lady Hamilton in Aufnahme kamen. Hanau, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Kassel: Teppich- und Strumpfwaren¬ fabrikation. In der Königl. Zeichen-Akademie eine Fachklasse für Kunst¬ stickerei. Handspitze, durch Handarbeit, ohne Zuhilfenahme mechanischer Ein¬ richtung hergestellte genähte, geklöppelte, gehäkelte, gestrickte oder geknüpfte Spitzen, die im Gegensatz zu den Maschinenspitzen auch echte Spitzen genannt werden. Handtuch (franz.: serviette de toilette; engl.: towel); s. Leinenstickerei. Handtuchdrell s. Drell. Handy-Warps, sind weisse englische Tuche. Hane-Caatjes sind weisse Musseline, welche ehemals die Holländer aus Ostindien brachten. Hanf, eine zur Familie der Urticaceen gehörige zweihäusige Pflanze. Die Grösse der einzelnen Arten ist sehr verschieden, man unterscheidet danach in der Landwirtschaft den grösseren und in freierem Stande erwachsenen Riesen-, Schleiss- oder Schlichthanf von dem feineren und niedrigen Spinnhanf. Die Bearbeitung des H. stimmt mit derjenigen des Flachses im wesentlichen überein, er gleicht im spinnfähigen Zustande dem Flachs, ist aber von mehr gelblicher Farbe, dabei gröber, härter und steifer, daher zu feinen Gespinsten nicht verwendbar. Verhältnismässig wenig H. wird zu Geweben (Hanfleinwand oder Segeltuch) oder zu Zwirnen, der meiste zu Seilerwaren verbraucht. Hänfene Gewebe sind schwerer und fester als solche aus Flachs. In Japan ist Hanf die älteste kultivierte Textilpflanze und wird, mit Indigo gefärbt, der gewöhnlichste BekleidungsstofF der Landbewohner; s. Leinenindustrie. Hanfheede, Torse, der grobe verworrene Abfall von Hanf, welcher beim Hecheln desselben an der Hechel hängen bleibt. Die verschiedenen Sorten Hanfheede werden gesponnen und zu grober Leinwand, Packtuch u. dergl. verwebt, teils von den Seilern zu geringen Stricken verarbeitet, oder, wie die Wolle gekardet, als eine Art Watte verbraucht. Hanfleinwand, Hanftuch werden alle feinen, einfachen oder gemusterten, sowie die gewöhnlichen Gewebe, welche ganz aus hänfenem Garn gefertigt werden, genannt. Die vornehmsten Arten sind die tecklenburgischen, die polnischen, die französischen Brins, Beauforts, Combourgs, Zwillich, Grosforts u. s. w.; die russischen Braus, Calamink, Chrätsch, Guingets; die niederländischen Kanevasstoffe und viele Sorten Segelleinwand. Im all¬ gemeinen soll die Hanfleinwand dauerhafter sein als die flächsene, jedoch ist sie nicht so geschmeidig und braucht längere Zeit zum Bleichen. HangingS (engl.), der Behang, das Behänge, bes. Wandteppiche; hangings of Arras, die Arrazzi, Tapeten aus Arras. Hang-tschou(-fu), Hauptstadt der chines. Prov. Tsche-kiang: bedeutende Seidenmanufakturen (7000 Wehstühle, 28000 Arbeiter); Goldstickerei. Stoffe dieser Art werden hier in grösseren Mengen und zugleich schöner und besser hergestellt als in einer anderen chines. Stadt. Auch eine Baumwollspinnerei mit über 15000 Spindeln liegt in der Nähe von H. Hanos, früher die von der holländisch-ostindischen Compagnie ein¬ geführten sogen, zehndrähtigen Atlasse mit Blumen. Hanovilles, Gattung wollener Serge, welche ehemals über Beauvais und Amiens Absatz fanden. Harami, grosser, indischer Teppich. Die Bezeichnung bezieht sich nur auf das Format. Doch scheint es, dass die so genannten Teppiche haupt¬ sächlich für Moscheen gefertigt werden. Die Muster sollen stets religiös¬ symbolische Bedeutung haben. Hardangerarbeit, eine in neuerer Zeit nach gleichnamiger Landschaft im norwegischen Amt Sönder-Bergenhus benannte Leinendurchbrucharbeit auf Kongressstoff mit umstickten Rändern und Figuren, wie sie vorbildlich in den orientalischen Korandecken erhalten sind (s. d.).
246 Harir—Heidenkeim. Harir, arabische Bezeichnung für entbastete Ibrisams: d. i. die mittel¬ alterliche Bezeichnung für Seide. Harlekins, ehedem eine Art englischer wollener Stoffe, welche bunt chinierte Muster hatten. Harlekynen, gewöhnliche fläcksene Leinen mit blauen, roten, gelben und anderen Streifen, welche früher aus Holland kamen. Harlemer Cheks, eine Sorte blau und weiss, oder rot und weiss ge¬ gitterter Leinen aus Harlem. Harnisch, Vorrichtung am Webstulil, woselbst es die Anordnung der Schnüre, Harnischlitzen, bezeichnet, welche am Musterwebstuhl die Kett¬ fäden in die Höhe ziehen. Harras nennt man in Oesterreich und Bayern doppelfädiges gedrehtes Garn aus einschüriger gekämmter Wolle. Har ras wäre ist ein aus der¬ gleichen Garn raschartig gewebter Stoff, welcher früher zu Tapeten und Möbelbezügen gebraucht wurde. Hartenstein, Stadt in Sachsen: Weberei, Weisswaren- und Strumpfwaren¬ fabrikation. Hartha, Stadt in Sachsen: Leinen- und Barchentweberei. Hartmannsdorf in Sachsen: Fabrikation von baumwollenen, ganz- und halbseidenen Handschuhen und Strumpfwaren, Färbereien, Bleicherei, Appretur¬ anstalten. Haspel oder Trommel wird eine Winde genannt, welche in grösseren Webereien dazu dient, die Kette vor dem Bäumen aufzunehmen und dieselbe zu spannen. Hausleinwand ist im Gegensatz zur Kaufleinwand eine solche, welche die Hausfrauen auf dem Lande aus selbstgesponnenem Garn für ihren Gebrauch bei Webern weben lassen. Auch versteht man darunter eine recht dichte feste Leinwand. Haute-lisse (franz.), auch haute-lice; (lat.: lichia alta; engl.: high-warptapestry) gewirkte Tapete mit Figuren u. s. w., deren Kette aus Wolle oder Seide lotrecht in den Stuhl gezogen wird (s. Bildwirkerei, Tapisserie). Hautelissestuhl, ein insbesondere zur Herstellung von Teppichen und Gobelins dienender Webstuhl mit wagerecht gespannter Kette, im Gegensatz zum Basselissestuhl. Havre, Hauptstadt des gleichnam. Arrond. im franz. Depart. SeineInferieure: Baumwollspinnerei, Färberei und Weberei. Hawick, Stadt in der schott. Grafschaft Roxburgh: Hauptsitz der schott. Strumpfwarenmanufaktur; bedeutende Fabrikation von wollenen Zeugen, be¬ sonders von Plaids und Decken. Hayti (St. Domingo), Baumwollsorte aus Westindien, weiss ins Gelbliche, oft matt, ziemlich kräftig im Faden. Hechingen, Stadt im pi’euss. Reg.-Bez. Sigmaringen: Strickgarnfabrik, Buntweberei, Baumwollfärbereien und Trikotwebereien. Hedbav (tschechisch), s. Gota weppi. Hedebo, eine Art dänischer Weissstickerei, welche auf grobem weissein Leinen meistens im Plattstich ausgefühi-t und in Durchbrucharbeit gemustert ist. Heedebaumwolle, ein aus roher, grober und grauer Flachsheede be¬ reiteter Spinnstoff. Heedeleinen, Heeden, im deutschen Leinenhandel gewöhnliche Gewebe, welche aus dem Werg des Flachses und Hanfes gewebt werden. Heedewerg, die kurzen verworrenen Fasern, beim Hecheln von Flachs und Hanf, welche sich zwischen den Zähnen der Hechel ansammeln und zu Gespinsten, zum Verpacken u. s. w. verwendet werden. Heidelberg, Stadt im Grossherzogtum Baden: gi’osse Kunstwollfabrik. Heiden, Flecken im Schweiz. Kanton Appenzell-Ausserrhoden: Baum¬ wollindustrie, Weberei und Stickerei. Heidenheim, Oberamtsstadt in Württemberg: Fabrikation von Baumwollwaren, Tuch, Sti’ickgai'n; Rot- und Blaufärbereien, chemische und Naturbleichen;
Heiliger Baum—Hermanstadt. 247 bedeutende württ. Kattunmanufaktur mit etwa 800 Arbeitern. Frauenarbeits¬ und Webeschule. Heiliger Baum wird der Baum des Paradieses genannt, welcher als Kunst¬ form zunächst in Assyrien (s. d. u. Abb. 31) erscheint und das ganze Mittelalter hindurch sowohl im Orient, als auch in Europa auf Stoffmustern zu ver¬ folgen ist (s. Baum als Stoffmuster). Heiliger Rock, der Kock, den Christus auf dem Wege zum Kreuze trug und von dem es bei Joh. 19, 23 heisst, dass er ohne Naht war. Wie bei anderen Reliquien, so streiten sich auch verschiedene Kirchen um den Besitz; in neuerer Zeit hat man nachzuweisen gesucht, dass die Reliquie in der Dom¬ kirche zu Trier die echte sei. Die sachverständige Untersuchung dieses Stückes hat ergeben, dass es sich um ein Bruchteil eines Byssiisstoffes handelt, welches in Seidengewebe des 8. Jahrb. gehüllt ist, die Vogelmuster enthalten. (Vgl. Abb. 8 auf Tafel II.) Letztere Stoffe wurden früher für Reste des Gewandes gehalten. (Vgl. Wilmowski, Der heilige Rock in Trier, 1889. Willems, La sainte robe de Treves et la relique d’Argenteuil. (Par. 1894.) Heiratswappen (franz.: armes d’alliance; engl.: arms of alliance), Doppel¬ wappen von Eheleuten, kommt auf Stickereien seit dem 15. Jahrh, vor. Helenienne, früher ein schwerer, kleingemusterter einfarbiger Seidenstoff, der unter die Gattung der Armüren gehört. Hemdentuch ist ein Baumwollenstoff in Leinwandbindung. Henderson, Hauptort des gleichnam. County in Nordamerika: Baumwollund Wollfabriken. Henequen s. V. w. Agavefaser (s. cb). Hengelo, Gemeinde in der niederl. Prov. Oberyssel: Textilindustrie. Herat, Stadt im nordöstlichen Afghanistan, bis 1715 persisch, auch später noch öfters (zuletzt 1856) von den Persern erobert, früher der Sitz einer weit und breit berühmten Teppichindustrie, welche im Jahre 1838 der Vernichtung anheimfiel. Heratimuster, nach gleichnamiger ehemals durch Teppicherzeugung be¬ rühmter Stadt genannt, kommt am meisten im Ferahanteppich (s. d.) vor und zeigt ein dichtes, scheinbar unregelmässig hingeworfenes Gemenge von Blüten und gekrümmten Lanzettblättern. Bei genauerer Betrachtung gewahrt man in dem Gewirre aus geraden Stäben gebildete Rautenfiguren, worin eine Rosette sitzt. (Vgl. Teppiche.) Herculeslitze, ein schmales Geflecht, dessen Dehnbarkeit in der Richtung der Länge dadurch abgemindert ist, dass man einige starke gestreckt gelassene Fäden (Mittelendfäden) eingeflochten hat. Herenthals, Stadt in der belg. Prov. Antwerpen: Spitzen- und Wollstofffabrikation. Herford, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Minden: die Industrie erstreckt sich auf Fabrikation von Leinen und Wäsche, Kleidern (Herforder Konfektion mit bedeutendem Export); ferner bestehen 2 Spinnereien, 2 mechan. Webereien und mechan. Teppichwebereien. Hericourt, Hauptort im Arroncl. Lure des franz. Depart. Haute-Saöne: Baumwollspinnerei, Kattunfabriken und Strumpfwirkerei. Heris, Ortschaft in der Prov. Azerbeidschan im nordwestlichen Teil Persiens: in neuester Zeit wird hier auf Bestellung von Agenten europäischer Handelshäuser eine Art von Kamelhaarteppichen hergestellt, welche in den Massen, der Dichte und Knüpfung den gröberen Sorten der Ferahanteppiche gleicht; in den Mustern aber alte, sonst selten gebräuchliche Phantasieformen nachahmt. Im Handel fälschlich Iris genannt: ihr Grundton ist gewöhnlich braun, dunkler als die Naturfarbe der Kamelhaare. Herisau, Marktflecken und im Schweiz. Hauptort Kanton AppenzellAusterroden : mehrere Fabriken für Baumwollindustrie, Musselinweberei, Stickerei, Bleicherei und Färberei. H. ist Mittelpunkt des Handels und der Industrie des Kantons. Hermanstadt, Hauptstadt des Grossfürstentums Siebenbürgen: die Indu-
248 Hermelin—Hirschberg strie erstreckt sich auf Fabrikation von Tuch, Kotzen und Wolldecken; mehrere Wollwebereien. Hermelin (lat.: hermoniae, armineae; franz.: hermine, ermine, erm; engl.: ermine), nur von fürstlichen Personen getragenes Pelzwerk aus dem Fell des sibirischen weissen Hermelinwiesels; in dasselbe werden in regelmässigen Ab¬ ständen die schwarzen Schwanzspitzen eingesetzt. Findet in der Weberei in Sammet- und Seidenstoffmustern seit dem Anfang des 18. Jahrh. häufig Nach¬ ahmung. Herrenhut, Flecken in der sächs. Kreishauptmannschaft Bautzen: die Arbeiten der Textilarbeiter finden grossen Absatz, besonders Leinwand, weib¬ liche Handarbeiten und Paramenten. Auch besteht eine Dampf- und Maschinen¬ bleicherei (Abraham Dürninger u. Co.). H. wurde 1722 von mährischen Aus¬ wanderern erbaut. Herrissons s. Werg- und Seidenspinnerei. Hersfeld, Kreisstadt im preuss. Reg.-Bez. Kassel: bedeutende Tuch- und Baumwollspinnerei, Färberei. Herve, Stadt in der belg. Prov. Lüttich: Wollspinnerei. Herzogenaurach, Stadt im bayr. Reg.-Bez. Oberfranken: Wollspinnerei, Tuch-, Flanell-, Filzschnhfabrik. Herzogenbuchsee, Dorf im Schweiz. Kanton Bern: Seidenweberei. Hesdin, Hauptort im Arrond. Montreuil des franz. Depart. Pas de Calais: Fabrikation von Strümpfen, Leinenweberei. Hessen, ein zum Deutschen Reich gehöriges Grossherzogtum. Textilindustrie besonders in den Kreisen Alsfeld, Lauterbach, Schotten, Giessen und im Odenwald. Hessians sind feine Jutestoffe. Hetaika, gefärbte russische Leinen von gelber und blauer Farbe. Hexamitum, in sechsfarbiger Musterung gefertigte Seidengewebe, deren Herstellung im 12. Jahrh. in Palermo von gleichzeitigen Schriftstellern ge¬ schildert wird. Hexenstich s. Nähen und Sticken. Hiapu, chinesisches Sommerzeug, wozu man in China die gesponnenen Fasern der Urtica nivea und in England Chinagras verwendet. Hildburghausen, Kreisstadt im gleichnamigen Kreise: Wollspinnerei. Hilden, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Düsseldorf: Fabrikation von Sammet, Seide und Teppichen; auch Erzeugung von Druckstoffen. Hildesheim, Hauptstadt des gleichnamigen Reg.-Bez.: Drell- und Baum¬ wollwebereien, Wollwaren; Handel mit Wolle, Garn und Leinwand. Hilo retorcido, im Handel nach Spanien das Garn von Rennes in Bretagne oder der Fil retors. Hilsenheim, Dorf im Kreis Schlettstadt: Weberei. Hilverzum, Ort in der niederl. Prov. Nordholland; Kattunfabrik, Teppich¬ weberei. Himmelfahrt Christi, Himmelfahrt Mariä, s. kirchliche Stoffe und Stickereien. Hinterstich oder Rückstich gehört zu den vier Grundsticharten in der Näherei, er wird hergestellt, indem man die Nadel in den Stoff einführt und 6 Fäden weiter herausführt, dann legt man den Faden von links nach rechts, führt die Nadel zwei Fäden hinter dem Ausgangspunkt ein, um sie sechs Faden weiter vor demselben wieder herauszuziehen. Hirsch, nach Psalm 42, 2, Sinnbild der Seele und der Taufe, als welches er auf Geweben des 15. Jahrh. dargestellt wird. Hirschberg in Schlesien: Mittelpunkt der schles. Leinwandindustrie, welche seit Ende des 18. Jahrh. stark zurückgegangen ist. Namentlich war H. ehedem der Sitz der sogen. Schleierweberei, welche 1570 aus den Nieder¬ landen hierher verpflanzt, 1806 aber fast gänzlich vernichtet wurde. Heut be¬ stehen noch Kammgarnspinnereien. Bedeutende Spitzenindustrie, welche auch die umliegenden kleinen Ortschaften beschäftigt. Hirschberg a. d. Saale, Stadt im Fürstentum Reussj. L.: Baumwollweberei.
Hirschfelde—Hohlstoffe. 249 Hirschfelde, Flecken in der säcks. Kreishauptmannschaft Bautzen: grosse Flachsspinnerei, Lein- und Wollweberei, Blauläi’berei. Hirschhäute (Häute des Edel- und Damhirsches, auch des nordamerik. Wapitihirsches, der die grössten liefert), dienen gegerbt zu Beinkleidern, Handschuhen, Kissen und Bettdecken. Hlinsko, Stadt in Böhmen: bedeutende Möbelstoff-, Weisswaren- und Teppichfabriken (von Haas in Wien). Hoboken, Stadt im nordamerik. Staate Neujersey: bedeutende Seiden¬ fabriken. Hochflorsammet s. Sammet. Hochrenaissance s. Renaissance. Hochstickerei nennt man in der Weissstickerei das Uebersticken von stark unterlegten Formen mit geradem oder schrägem Plattstich, welche quer zu den Stichen der vorgestochenen Unterlage ausgeführt ist; sie findet bei Blüten und Blättern, besonders aber bei Buchstaben und Monogrammen die häufigste Anwendung. Hodbab (slovakisck) s. Gotaweppi. Hof, wend. Regnizi, Hauptstadt des gleicknam. bayr. Bezirkamts H. an der Saale: Mittelpunkt der oberfränkischen Woll- und Baumwollindustrie, sie nimmt in der Textilindustrie eine hervorragende Stelle in Bayern ein. Es bestehen etwa 2000 Betriebe und Gewerbe, darunter 3 mechan. Baumwoll-, 1 Schafwollspinnerei (zusammen etwa 200000 Spindeln), 7 mechan. Webereien (1500 Stühle), 13 Fabriken für baumwollene und wollene Stoffe, 9 Appretur¬ anstalten. H. ist Sitz der 2. Sektion der Süddeutschen Textilberufsgenossen¬ schaft. Hof, Stadt in Mähren: Leinwandindustrie. Hohenelbe, Stadt in Böhmen: Flachsgarn- und Baumwollgarnspinnerei, 5 mechan. Webereien, Verbandstofffabrik, 6 Kunstbleichen und 4 Färbereien. Fachschule für Weberei, 1873 gegründet. An H. anstossend das Dorf OberHohenelbe mit Kunstbleiche, Flachsgarn- und Jutespinnerei. Hohenems oder Hohenembs, Marktflecken in Vorarlberg: Baumwoll¬ spinnereien, Webereien, Druckereien und Hotfärbereien; Fabrikation von Ge¬ spinsten, Bändern und Stickereien. Hohenleuben, Flecken im Fürstentum Reuss j. L.: Strumpfwaren¬ fabrikation und Weberei. Hohenlimburg oder Limburg, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Arnsberg: Webereien, Leinweberei und Tuchfabrikation. Hohenstadt in Mähren: Türkischrotfärberei und Baumwollspinnerei. Hohenstein-Ernstthal, Stadt im sächs. Erzgebirge: Jacquardwebereien (Waffeldecken u. s. w.), Strümpfe- und Trikotagenfabriken, Seiden- und Möbel¬ stoffweberei, Woll-, Baumwoll-, und Seidenfärberei; Strumpfstuhl- und Nadel¬ fabriken, Hohlnaht, Hohlsaum, Randverzierung von Leinwand u. s. w., hervor¬ gebracht durch das Herausziehen mehrerer nebeneinander liegender Schussfäden aus dem Gewebe und Zusammenheften der freiliegenden Kettfäden, sodass sich Muster bilden. Hohlstoffe sind Doppelgewebe, welche durch regelmässiges Zusammen¬ weben zweier Zeuge entstehen, wobei durch die Art der Verbindung beider Stoffe die Musterung entsteht. Die Art und Weise der Technik, in neuerer Zeit sehr in Mode, ist älteren Ursprungs und schon in Stoffen aus Seide und Baumwolle des 16. und 17. Jahrhs. erkennbar (vgl. Abh. 116). Abbildung: 116. Originalaufnahme aus dem Königl. Landesgewerbemuseum in Stuttgart: Stoff aus roter Seide und weisser und gelblicher Baumwolle als Hohlgewebe hergestellt, Muster aus Blütenpalmetten an vasenartigem Unterteil in Rautenfeldern aus Vögeln, Kronen und Zweigen. Italien 16.—17. Jahrh.
250 Hoike—Hohlbeinteppiche. Hoike, kurzer Mantel von weiter, glockenförmiger Form, der entweder geschlossen war und dann über den Kopf geworfen werden musste, oder auf der rechten Schulter, oder wie in England vorn mit vielen Knöpfen zu schliessen war. Dieses Kleidungsstück, das mit Pelz, Seide oder AVolle gefüttert, wurde im 14. Jahrh. von Mann und Frau getragen. Holbeck, Stadt in der engl. Grafschaft York: bedeutende Tuch¬ fabrikation. Abb. 116. Holbeinstich, Modename für den aus dem 16. Jahrh. stammenden und in der Leinenstickerei ein- und doppelseitig ausgeführten Strichstich, abgeleitet von Gemälden der altdeutschen Schule, besonders Holbeins, auf welchen die Borten der Gewänder in dieser Technik dargestellt sind (s. Abb. 117). Der Ur¬ sprung der sogen. Holbeintechnik ist im Orient zu suchen, woher die Technik nach Europa überführt wurde (s. Leinenstickerei [vgl. auch die Abb. 25]). Abbildung: 117. Originalaufnahme aus dem Kaiser Friedrich-Museum in Berlin: Borte, Stickerei auf Leinen im Strichstich in violettem Garn, Muster abwechselnd aus Feldern mit Flächenmusterung und schreitenden Löwen. Arabisch 16. Jahrh. Abb. 117. Holbeinteppiche, moderne Bezeichnung für kleinere vorderasiatische Knüpfteppiche des 16. Jahrh., deren Musterung aus zwei quadratischen Stern¬ feldern mit reichen Borteneinfassungen besteht. Diese Originale kopierten die Maler der I rührenaissance für den Hintergrund, Boden oder Stufenbelag ihrer figürlichen Darstellungen und die besonders treue Wiedergabe eines solchen
Holitz—Holland. 251 Teppichs im Bilde der Holbeinschen Madonna zu Darmstadt (vergl. Abb. 118) gab dieser Gattung den Namen. Auf Grund der Rekonstruktion solcher Teppichmuster nach Bildern der Meister des 16. Jahrh. veröffentlichte Julius Lessing das erste derartige Werk über „Altorientalische Teppich¬ muster“. (Berlin 1877.) Abbildung: 118. Darstellung aus: Klassischer Bilderschatz, Jahrg. 1894, Bl. 725: Bild der Madonna von Hans Holbein, Original in Darmstadt. Holitz, Stadt in Böhmen: Weberei. Holland, im weiteren Sinne das Königreich der Niederlande, im engeren Abb. 118. die alte Grafschaft H.: die noch aus dem 14. Jahrh. stammende Seidenmanu¬ faktur stand bis zum Ende des 18. Jahrh. in Blüte; ist aber durch Konkurrenz überflügelt und beschäftigt kaum noch 500 Stühle. Auf der Höhe steht die Seidenindustrie am Ende des 16. Jahrhs. Sie trägt in ihrer Technik und ihren Benennungen so unverkennbar die Züge derjenigen von Antwerpen, dass man sie bei einer grossen Auswanderung von Reformierten aus dieser Stadt für einen Abkömmling derselben wird halten dürfen. Amsterdam, Antwerpen, Harlem und Utrecht wurden die Hauptsitze dieser Industrie. Nach einer viel¬ versprechenden politischen und wirtschaftlichen Entwickelung sanken die ver¬ einigten Niederlande seit der Mitte des 17. Jahrhs. im wesentlichen auf den alten stadtwirtschaftlichen Standpunkt zurück. Der Handel wurde vor der Industrie in dem Grade bevorzugt, als die ostindische Compagnie nicht nur
252 Hollandas—Honiton. massenhaft ostindische Stoffe einführeu durfte, sondern sich sogar ihrer ursprüng¬ lichen Verpflichtung, rohe Seide in bestimmter Menge mitzubringen, im 18. Jahrh. einfach entziehen konnte, weil dieser Artikel weniger gewinnbringend war, als der Import von Fabrikaten. Schon seit der Mitte des 17. Jahrhs. wird über den A7erfall der Manufakturen geklagt; aber ein weiteres Wachstum ist doch noch unverkennbar, und namentlich die Einwanderung der französischen Refugie’s brachte einen bedeutenden Aufschwung. Seit 1780 aber sind sie in einen unaufhaltsamen Verfall geraten, und die mit dem Jahre 1782 eintretende wirtschaftliche Katastrophe der Niederlande hat sie vollends vernichtet. Spitzen¬ erzeugung seit dem 17. Jahrh. (Vgl. Spitzen.) Hollandas, Olandas, nennt man in Spanien und Portugal die feinen weiss¬ gebleichten niederländischen Leinen. Hollandillas sind locker gewebte schlesische und böhmische Futterleinen. Holländische Languetten sind feine Leinenbänder. Holleschau, Stadt in Mähren: Tuch- und Leinenweberei; Handel mit Wolle. Holmgrens (engl.), s. v. w. Wollprobe. Holol, äusserst dünnes Gewebe, welches im Mittelalter in Almeria als berühmtes Fabrikat gilt. Holosericum, holoserica (lat.), (vom grch. holos = ganz und serikon = Seide), mittelalterliche Bezeichnung des ganz seidenen Stoffes, im Gegensatz zu subsericum = halbseiden. Holzgewebe, ein Gewebe, das aus zylindrischen Holzstäbchen (Holzdraht) mit einer Kette von Seide oder Baumwollzwirn gebildet ist, wobei die Ketten¬ fäden, einzeln oder zu mehreren angeordnet, in weiten Zwischenräumen stehen. Solche Gewebe werden mit der Hand, meist aber auf schmalen, kurzen Web¬ stühlen hergestellt. Zu den H., die ganz aus Holzdraht verfertigt sind, ge¬ hören die sogen. Siebplatten. Eine andere Art von H. bildet die sogen. Sparterie, die aus feinen, sehr dicht nebeneinander liegenden Holzstreifen be¬ steht und zur Verfertigung von Hüten dient. Holzwolle, ist gemahlenes Holz, welches zum Bestäuben von Papier¬ tapeten und als Verpackung, Verbandmittel (statt Charpie) und gefärbt zur Anfertigung von Matten und Flechtwerk verwendet wird. Sie wurde zuerst in Amerika hergestellt. Holzzeug (franz.: matiere de bois, päte de bois; ital.: lignito; engl.: wood pulp), gleichbedeutend mit Holzstoff, Holzgewebe. Homespunes (engl. d. h. zu Hause, mit der Hand gesponnen), ein meist in allen Tönen des Braun gefärbtes, aus Streichgarn ziemlich rauh erzeugtes, tuchartiges, zu Paletots verwendetes Gewebe, welches ursprünglich nur in der schottischen Hausindustrie gemacht wurde. Honate oder Onete ist eine seidenartige Pflanzenwolle von der Insel Mauritius, welche als Ersatz der Baumwolle gilt. Hondschoote, Hauptort im Arrond. Dünkirchen des franz. Depart. Nord: Leinwandindustrie. H. war vom 11. Jahrh. an eine wichtige Stadt mit Tuchund Sergefabriken. Honey-Combs, ein auf englischen Maschinenspitzenstühlen gefertigter offener Spitzengrund, dessen Maschen die Form von Bienenzellen haben: es ist der Ausdruck für die sogen. Waffeldecken. Hong-chew Silks, ein für die Ausfuhr von Canton und Shanghai (China) nicht unwichtiger glatter, farbiger Seidenstoff. Hong-ki-poun, chinesische Taschentücher, welche in der Gegend von Canton gemacht werden. Hongrie (Points d’) wurden halbseidene gemusterte Tapeten, eine Sorte der Bergames aus Rouen genannt. Honigwabenmuster s. Bienenzellenmuster. Honiton, Ort in der englischen Grafschaft Devonshire: erzeugt Klöppel¬ spitzen auf Brüsseler Grund und in Guipüreart. Das Muster besteht aus ziem¬ lich naturalistisch gezeichneten Blumen und Blättern. Die alte Honitonspitze,
Horbury—Hyacinthe. 253 häufig in Seide, ist geklöppelt und, da sie von ausgewanderten Niederländern gefertigt wurde, den vlämischen Spitzen nahe verwandt. Horbury, Stadt in der engl. Grafschaft York: Fabrikation von Woll¬ tüchern und Flanell; auch Garnspinnerei. Hormüz-Syräf, im 7. und 8. Jahrh. eine vielbesuchte Stätte für Seiden¬ verkehr an der Westküste Indiens; beeinflusste als Hafenplatz s. Z. den ge¬ samten europäischen Seidenverkehr. Horstmar, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Münster: Seidenweberei im Hand¬ betrieb. Huckabacks nennt man in Englaud einen starken Zwillich, den man zu Tischzeugen, Handtüchern u. dergl. verwendet. Hückeswagen, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Düsseldorf: Wollspinnerei und Tuchfabrikation. Huddersfield, Ort in der engl. Grafschaft York: Hauptsitz der Woll¬ industrie, insbesondere für Shawls, Velours, gemischte Gewebe, Seidenplüsche, leichte Tuche und feine Damenkleider; auch Leinen- und Seidenwaren werden gefertigt. Abb. 119. Hüls, Flecken im preuss. Reg.-Bez. Düsseldorf: zwei Sammet- und Seiden¬ fabriken, Sammet- und Seidenweberei (Haus¬ industrie); Hadern, Frottierstoffweberei. Humpoletz, Stadt in Böhmen: 5 Tuch¬ fabriken; czechische Webeschule. Humums, glatte, baumwollene, ost¬ indische Zeuge. Hund, in der Weberei Bezeichnung der Vorrichtung am Trommelstuhl, um eine Drehung der Trommel zu bewirken; am Jacquardstuhl zwei eiserne Haken, um — bei einem gestürzten Muster — das Prisma abwechselnd in der einen und in der ent¬ gegengesetzten Richtung zu drehen. Hund, laufender, s. Wogenband. Hungertuch s. Fastentuch. Hunia, ein dem Galina (s. d.) ähn¬ liches, grobes Tuch (Wollengewebe), welches besonders in Brünn aus groben, namentlich ungarischen Schur- und Gerberwollen er¬ zeugt wird. Die Hauptmasse der H.Erzeugung dient zur Herstellung von Schuhen für die südslavische Bevölkerung. Hüsseren-Wesserling, Ort im Oberelsass: grosse Baumwollspinnereien und -Webereien, sowie Kattundruckereien und Bleichereien. Hüttenheim, Dorf im Untereisass: bedeutende Baumwollspinnerei und -Weberei (1200 Arbeiter). Huysdoek, ist der holländische Name geringer Sorten hessischer und westfälischer Hausleinen. Hyacinthe, bekannte Pflanzengattung der Liliaceen. Eine in vielen Spielarten gepflanzte Gattung ist die orientalische H. (H. orientalis) (Abb. 119), welche auch dort seit dem 16. Jahrh. vielfach Gegenstand der Flächenmusterung auf Geweben und Stickereien geworden ist. Mit den orientalischen Stoffen wurde diese Musterung auch nach Venedig und Spanien übertragen und wird im 17. Jahrh. in Italien mit Tulpen allgemein. Im 18. Jahrh. kommen von Holland nach Frankreich und Italien die schönsten H. ihrer Art und finden weiterhin reichlich Verwendung für Flachmuster. (Vgl. Abb. 86 und Orientalische Stickereien.)
254 Hydrophiler Verbandstoff—Indien. Abbildung: 119. Darstellung aus: Lobelius platarum Sev Stirpium icones, Antwerpen 1581: Hyacinthus orientalis purpurae rubeus. Hydrophiler Verbandstoff, Verbandmull, locker gewebtes Baumwollzeug, dient an Stelle der Cbarpie zu Verbandzwecken. I. Ibischfasern, aus den Stengeln mehrerer Hibiskusarten, zu Stricken und Geweben verwendbar. Ibrisam, arabische Bezeichnung für Seide, worunter die mittelalterlichen Quellen entweder die einfache oder die gezwirnte Rohseide verstehen; auch für gehaspelte, wie für die aus den Abfällen gewonnenen Seidengarne scheint der Ausdruck gegolten zu haben. Iglatl, Stadt in Mähren, bedeutende Tuchindustrie, zahlreiche Werkstätten, Spinnereien, Färbereien und AVollzeugwebereien; bedeutender Handel mit den Erzeugnissen. Igualada, Stadt in der span. Prov. Barcelona: Baumwollspinnerei, Fabrikation von Leinwand, Sammet und Wollstoffen. I. H. S. s. Christusmonogramm. Ilkeston, Stadt in der engl. Grafschaft Derby: Fabrikation von Seiden¬ waren, Strümpfen und Spitzen. Imitatgarn, aus Baumwolle bestehendes Garn, dessen Herstellung wie die des Streichgarnes erfolgt; es wird das Spinngut gefärbt und vor dem Krempeln findet das Mischen und Färben der Sorten statt. Von dem I. ebenso wie vom Vigognegarn verlangt man das gekräuselte und moosige Aussehen, was dem Streichgarn eigen ist; es ist in dieser Beziehung stark abweichend von dem glatten Baumwollgarn. Imperial, 1. Veraltetes, sergenartiges Wollenzeug, eine Gattung von ge¬ köpertem Flanell. 2. Unter dem Namen Imperiales oder Toiles imperiales wurde in Flandern ein baumwollener, auf Taffetart gewebter Stoff, eine Gattung ganz feiner Gingans, bunt gestreift und bunt quadrilliert, gewebt. 8. Auch eine Gattung leichter ostindischer Zeuge von Baumwolle mit eingewebten Blumen, Zweigen und vergoldeten Tüpfelchen führte den Namen Imperiales. Imst, Hauptort in Tirol: 2 Baumwollwebereien, Druckerei und Färberei. Incompable, Serge, eine veraltete Art seidener Croises. India Goods, im engl.-asiatischen Handel die in Ostindien vorkommenden dort gewebten Baumwollzeuge. Indien erzeugt in heutiger Zeit einige moderne Stoffarten, die hinsichtlich ihrer Technik nicht ohne Interesse sind. Die reichen, mit edlen Metallfäden durch¬ wirkten Seidenstoffe Bengals werden in Benares, Ahmedabad und Delhi (Stickereien) erzeugt und kommen öfters unter der Bezeichnung „trinkhalls“ auf den euro¬ päischen Märkten vor. Die bedruckten Gewebe „sari“ (surah), „patolo“, „bandannas“ u. a. sind zuweilen von musterhafter Ausführung. In Labore und Multan werden fassonierte Gewebe angefertigt. Die Tussahweberei hat in Raipore, Godavery und Sambalpore ihre industriellen Sitze. Nach Europa werden vor¬ zugsweise die Corahs, Surahs, Choppahs, Romais und Tussores exportiert, nur wenig bestechende und einfache, taffetartige, aber sehr dauerhafte Gewebe, die übrigens in Europa durch Färben und Bedrucken weiter veredelt werden. (Vgl. Silbermann, die Seide, Dresden 1897, Bd. 1, S. 134.); über Seidenkultur
Indien. 255 Indiens ebd. S. 263 ff., Gregeproduktion 419 ff., Mulinierindustrie 482.) Ueber die Technik und Musterung moderner indischer Gewebe ist man genau unter¬ richtet durch das im Jahre 1877 vom South Kensington Museum in London unter Leitung von J. Forbes-Watson herausgegebene Sammelwerk indischer Gewebe, das 16 Bände umfasst, in welchem 854 Muster und Originalproben enthalten sind. Die schweren Seidenbrokate, meist auf Atlasgrund in Goldund Silberfäden gewebt, zeigen dichte Muster aus stilisiertem Pflanzenwerk und kleinen Tieren, worunter einige fast noch an ältere orientalische Typen erinnern (vgl. Abb. 120 u. Abb. 10 u. 11 auf Tafel VII). Auch Streifenmuster und solche aus zierlichen Ranken, ganz im Sinne allgemeiner orientalischer Flächen¬ musterung kommen darunter vor (vgl. Abb. 2 u. 4 auf Tafel VII). Einen anderen Charakter, der mehr an Webereien der Türkei des 17.—18. Jahrhs. erinnert, zeigt der moderne Brokat in Abb. 5 auf Tafel VII. Er stellt reihenAbb. 120. weis versetzte Blütenstauden dar, deren hängende kleine Knospen in stilisierter Palmettenform auch wieder an mittelalterliche Formen erinnern, so dass man wohl annehmen kann, dass einige Muster sich durch Ueberlieferung von alters her erhalten haben, was auch von dem in Abb. 12 auf Tafel VII abgebildeten Brokat der Fall sein dürfte. Eine etwa dem Ende des 18. Jahrhs. angehörige Gruppe von leichteren gestreiften Brokatstoffen ist vertreten in dem als Abb. 6 auf Tafel VII dargestellten Gewebe, das im ganzen auch die Erhaltung älterer Muster bestätigt. Ueber die Musterung ganz alter Seidengewebe Indiens ist man nicht völlig unterrichtet, da die Kunstformen des Landes frühzeitig von fremden Elementen beeinflusst wurden. Sind es nicht chinesische oder persische Muster, welch letztere jenen so verwandt wie möglich sind, so bringt schon im frühen Mittelalter der arabische Stil eine Gleichartigkeit in der Verzierungsart mit andern orientalischen Völkern hervor, welche die genaue Bestimmung noch mehr erschweren. Wie Silbermann (Die Seide, Dresden 1897) berichtet, besass Indien nach zuverlässigen Quellen bereits in den frühesten Zeiten eine einheimische gelbe Maulbeerraupenrasse und ebenso wird auch von der Verar-
256 Indien. beitung wilder Kokons durch Spinnen zu Fäden und zu Geweben geschrieben, welche in Indien (Bengal) seit Urzeit im Betriebe gewesen sein soll, indessen ist von Beschreibungen der Muster keine Rede. Das ganze Mittelalter hin¬ durch war Indien an dem Seidenhandel sehr beteiligt und löst darin des öfteren die Chinesen ab, besonders erlangt das südliche Indien im neuen Zeitalter Interesse für die Geschichte des Seidenhandels, so dass im 13. Jahrh. China als Vermittler für den Handel mit Europa vollständig ausgeschaltet ist. Die Blütezeit der mongolischen Dynastie in China (Ende 18. und Anfang 14. Jahrh.) war eine Periode des regsten kommerziellen Verkehrs zwischen China und Vorderindien; zu dieser Zeit ist wahrscheinlich auch die regelmässige Zucht des Maulbeerspinners nach Indien eingeführt worden. Die Seestädte der Malabarküste wurden zu Stapelplätzen chinesischer Rohseide und kostbarer Gewebe. Das damalige Calicut führte einen ausgedehnten Seidenhandel, einer- Abb. 121. seits mit China, andererseits mit Alexandrien und Byzanz. Die ersten Euro¬ päer, welche 1496 nach Calicut gelangten, fanden zu ihrem Erstaunen lucchesische Damaste und Sammete vor. Kambaye betrieb lebhaften Handelsverkehr mit China und den Molukkeninseln. Aber neben der kommerziellen Grösse besass Kambaye auch Manufakturen für Talfete und andere reiche Seidenstoffe. Die Stickereien Indiens (vergl. orientalische Stickereien) haben in Technik und Musterung auch mit denen Persiens und anderer orientalischer Völker grosse Verwandtschaft, eine Ausnahme hiervon machen die sogen. Kashmirs (s. d.). Die Teppicherzeugung in Indien wird zuerst am Ende des 16. Jahrh. erwähnt, aus welcher Zeit Berichte erhalten sind, welche mitteilen, dass es mehreren Werkstätten gelungen sei, vorzügliche Imitationen persischer Teppiche zu erzielen, welche den ausländischen Erzeugnissen völlig ebenbürtig waren. Ob diese Notizen richtig sein mögen, ist nicht mit Sicherheit festgestellt; denn zwischen den dort genannten Teppichen und den heutigen Erzeugnissen, die kaum älter sein dürften als aus dem Anfang des 19. Jahrh., besteht eine grosse histo¬ rische Lücke. Es wurden Teppiche geknüpft in der Provinz Scind mit der Stadt Multan, woselbst auch solche aus Baumwollsammet gemacht werden. In Labore bestand eine der ehemaligen königlichen Teppichfabriken; heute verdankt die
Indien—Indiennes. 257 Stadt den Ruf ihrer Teppiche den Webern in ihrem Gefangenhause, während in Kashmir und Amritsar die ältere Ueherlieferung von Muster und Farbe verloren gegangen ist, weil europäische Shawlmuster die alten Formen ver¬ drängt haben. Die jüngste Nachfrage nach indischen Teppichen in Europa stammt erst aus der grossen 1851er Ausstellung in London. In moderner Zeit haben namentlich die indischen Gefangenhauswerkstätten zur Wiederbelebung der besseren Teppichgattungen beigetragen; indessen kam die Industrie erst wieder vollkommen zur Entfaltung, als grosse Pariser Häuser Kenner des orientalischen Teppichwesens nach Indien sandten, um in den grösseren Abb. 122. Gefangenhäusern die Herstellung von Kopien alter turkestanischer und persi¬ scher Teppiche zu überwachen. Der erste offizielle Versuch, diese in der Entwickelung begriffene Industrie zu unterstützen, ging im Jahre 1890 von der Regierung in Madras aus, indem die Anfertigung von Kopien sämtlicher alter Teppiche im Londoner „India Museum“ verfügt und jedes dieser Muster in den indischen Teppich¬ bezirken umgesandt wurde. Die Her¬ stellung indischer Knüpfteppiche ge¬ schieht auf demselben primitiven Web¬ stuhl, wie bei den Nomadenstämmen kaukasischer Völker (Abb. 121). Zwei einfache Balken bilden den Halter für den Querbaum, von welchem die Kette herabhängt. An derselben sitzen die Arbeiter und knüpfen nach Zeichnung — oft auch aus dem Gedächtnis — das Muster aus farbigen kurzen Wollfäden ein. Nach jeder vollständigen Reihe solcher eingeknoteter Fäden wird ein Schussfaden mit dem Kamme an¬ geschlagen. Auch der Zeugdruck (s. d.) wird in Indien schon in frühen Zeiten geübt, (s. Batik), ferner ist be¬ kannt die Musterung von Kreppstoffen durch Färben mit vorheriger Abbindung, wie sie in Japan (s. d.) gebräuchlich ist. In neuerer Zeit kommen aus Indien viele gedruckte Wandbekleidungen aus Kattun, welche mit typischen Mustern in Art von Teppichen oder gestickten Decken gefüllt sind (Abb. 122). Abbildungen: 120. Darstellung aus: Das Kunsthandwerk, .lahrg. 1873. Blatt 18. Seiden¬ brokat (sogen. Kinkob), Grund rot, Bortenmuster Gold: Symmetrisch geordnete Ranken und Rosetten; dazwischen kitine Blüten, Vögel und Fische. Untere Abschlussborte mit Zackenmuster, die obere mit Palmetten. Darüber Ansatz des karierten Grund¬ stoffes. Indien 1873. 121. Darstellung aus Porte folio of Indian art, Heft 3, Bl. 33: Indischer Knüpfteppichwebstuhl. 122. Wandbekleidung aus Kattun, in vorwiegend Blau, Rot und Braun be¬ druckt mit Cypressen zwischen Blumenranken in Umrahmung von fein gemusterten Blütenrändern; dazwischen steigende Löwen und Pfauen, welche auf mittelalterliche Ueherlieferung schliessen lassen. Indien 19. Jahrh. Indiennes ist eine Bezeichnung für: 1. Feine, dichte, gedruckte Kattune, welche aus den französischen, deutschen und schweizer Zeugdruckereien kommen Heiden, Handwörterbuch der Textilkunde. 17
258 Indische Palmetten—Isolierteppich. und früher auch Zitze hiessen; sie werden vielfältig gebraucht. Die I. von Orange in Provence und von Trojes in Champagne kommen oft unter dem Namen Todes d’Orange, Orangeleinen vor. 2. In neuerer Zeit heisst auch I. ein leichter dünner Baumwollstoff mit eingewebten bunten Streifen, zuweilen zwischen den Streifen mit Mustern bedruckt, eine Art feiner Gingan, der zu Sommerkleidern für Frauen verwendet wird. Indische Palmetten, s. Palmwipfelmuster. Infantadowolle (wörtlich Prinzenwolle), spanische Merinowolle. Inful (lat.: infula; franz.: infule; engl.: infula), die von der Mitra (s. d.) herabhängenden Rückenbinden; man braucht den Ausdruck daher auch f. M. Initialen s. Monogramm. Injira, kolumbische Baumwollsorte. Inlet ist die sächsische Bezeichnung für Bettleinwand, Federleinwand, Federritten oder Bettziechen. Innendekoration hat in neuerer Zeit für die Textilkunst besondere Be¬ deutung dadurch gewonnen, dass man bestrebt ist, alle Teile der stofflichen Zutaten den Hauptgegenständen der Räume stilistisch anzupassen. Es kommen dabei weniger technische Rücksichten in Betracht, als äusserliche, durch Stil, Form und Farbe gegebene Werte, wobei die Tätigkeit des Dekorateurs unter Leitung des Architekten beansprucht wird. Literatur: Luthmer, Werkbuch des Dekorateurs (Stuttgart 1896); ders. Malerische Innenräume aus Gegenwart und Vergangenheit (ebd. 1888). Hirth, Das deutsche Zimmer (München 1886); dei's. Formenschatz 1879. Gur litt, Im Bürger¬ hause (Dresden 1888). Dupont-Auberville, Sammlung von D. (deutsch, Stutt¬ gart 1881). Schwinghammer, Moderne D. (Ravensb. 1891—98). W. Schützl, Moderne Dekorationsmotive (I, Hamb. 1895). In ramo, im italienischen Warenhandel bezeichnet man damit die rohe, ungesponnene Baumwolle, wofür die Franzosen den Ausdruck en rame haben. Insignien s. Reichskleinodien. Irisch Leinen (spanisch: Irlandas), weissgarnige, fest und gedrungen ge¬ webte Leinen aus flächsenem Garn, welche seit vielen Jahren in Irland als Nachahmung des sonst aus Sachsen und Schlesien häufig nach England und Amerika begehrten Dowlas verfertigt. Diese Ware ist so fein, dass sie die deutschen Dowlas fast gänzlich verdrängt hat, obgleich sie dieser an innerer Güte und Dauerhaftigkeit nicht gleichkommt. Irisdruck (Fondus), Bezeichnung für eine Art Zeugdruck, wodurch ver¬ schiedene Farben nebeneinander und so aufgedruckt werden, dass sie sich ab¬ schattieren, wie es bei den Farben des Regenbogens der Fall ist. Iris-Popleens sind leinwandartig gewebte Wollenzeuge in buntschillernden Farben, welche früher sehr beliebt waren. Irland, s. Allgemeines unter England. Berühmt sind die hier seit dem Anfänge des 19. Jahrh. gefertigten Häkelarbeiten, welche in Nachahmung der Reliefspitzen aus Venedig entstanden sind (s. Häkelarbeiten). Isabel, Name eines feinen Köperstoffes aus weichem Kammgarn, aus Rochlitz in Sachsen 1845 zuerst auf den Markt gebracht. Iseghem, Stadt in der belg. Provinz Westflandern: Leinen- und Woll¬ weberei. Iskalaton gilt im Mittelalter als berühmtes Seidengewebe von Almeria. Isle, Hauptort im Arrond. Avignon des franz. Depart. Vaucluse: Seiden¬ haspeleien und -Spinnereien, Wollspinnereien, Fabrikation von Wolldecken und Hüten. Isle de France nennt man eine in den Umgebungen von Paris von Tausenden von Familien geübte Spitzenindustrie, die unter Heinrich IV. (1589 bis 1610) gegründet sein soll; indessen ist es nicht klar, oh in den darüber erhaltenen Notizen nicht Posamenten gemeint sein können. Isolierteppich, grobes Gewebe aus tierischem Haar, insbesondere aus AV ollablällen und Kuhhaar. Es wird auf einer Unterlage von dickem Pack¬ papier mit keissem Teer oder Asphalt durch Aufpressen befestigt. In dieser
Ispahan—Italien. 259 Form benutzt man das Präparat im Hochbau als schalldämpfendes und wärme¬ schützendes Mittel in Fussböden. Ispahan, auch Isfahan (das alte Aspadana), Hauptstadt der pers. Prov. Irak-Adschemi: bedeutende Erzeugung von Filzteppichen. Ispahn gilt im Mittelalter als berühmtes Seidengewebe von Almeria. Issum, Flecken im preuss. Reg.-Bez. Düsseldorf: Seidenweberei. Italian cutwork kommt in England nach Jakob I. (1603—25) in Inventarien als Bezeichnung für italienischen Durchbruch vor, womit bewiesen ist, dass England aus Italien Spitzen bezog. Italien, Land und Königreich im südl. Europa: die wichtigsten Industrie¬ zweige sind Spinnerei und Weberei. Unter den europäischen Staaten, welche die Seidenraupenzucht betreiben und Seidenkokons, sowie rohe und filierte (gesponnene) Seide erzeugen, steht I. obenan. Seit dem 16. Jahrh. ist die Abb. 123. Seidenzucht allmählich zu einem nationalen Gewerbe herangewachsen, das be¬ rufen ist, eine immer grössere Ausdehnung und in den wirtschaftlichen Ver¬ hältnissen Italiens eine bedeutende Rolle zu gewinnen. Die Anfänge der Seiden¬ zucht Italiens, fallen in das 9. Jahrh. zurück; durch Dandalo sind dann 1204 griechische Rassen hinzugekommen. (Vgl. Silbermann, Die Seide, Dresden 1897. Bd. I, S. 223.) Im 15. Jahrh. werden schon vielfache Rassen der grünen, gelben und weissen Kokons gezogen; später wandte man sich vorzugsweise der gelben Rasse zu, welche auch im Laufe des 17. und 18. Jahrh. (ausser einigen Gegenden in Piemont und Ligurien) ausschliesslich kultiviert worden ist. Am bedeutendsten
260 Italien. ist die Seidenzucht in der Lombardei, Piemont, Yenetien, den Marken und in Toskana. Die Zucht der Seidenwürmer beschäftigt 571 222, die Seidenfabrikation 172 356 Menschen, darunter 9/io Frauen und Mädchen. Die Produktion von Rohseide, die in den 80er Jahren infolge der Seidenraupenkrankheit bis auf 21/2 Million kg jährlich gesunken war, ist 1896—99 wieder beträchtlich gestiegen (3,723 Millionen kg). 1899 zählte man 1 824 604 Spindeln. Die Seidenspinnerei hat ihren Hauptsitz in der Lombardei, namentlich in der Provinz Como, auch in Piemont. Die Seidenweberei ist am blühendsten in Como, Genua, Caserta, Turin und Neapel; sie arbeitet fast nur für den Export. Im ganzen leidet dieser wichtigste Zweig neuerdings unter japanischer und chinesischer Konkurrenz. Das Seidengewerbe soll bereits im 8. Jahrh. in Rom geübt worden sein durch die zur Zeit des Bildersturmes in Byzanz brotlos gewordenen griechischen Seidenweber. Sie gründeten hier hauptsächlich der Herstellung von kirchAbb. 124. liehen Paramenten gewidmete Kunstwebereien. Aber die eigentliche Einfüh¬ rung der Seidenindustrie von Griechenland nach Italien vollzieht sich erst im Jahre 1146, als der Normannenkönig Roger I. von einem Kriegszuge grie¬ chische Seidenweber aus Korinth, Athen und Theben mit sich führte und zu Palermo ansiedelte. Dazu wird bemerkt, dass dort eine mit dem königlichen Palast verbundene Fabrikationsanstalt, vielleicht auch mit Anknüpfung an den Tiraz der sarazenischen Emire von Palermo, den die Normannenkönige beibe¬ halten hatten; aber die byzantinische Art der AVeberei behielt die Oberhand. Seit dem 13. Jahrh. findet sich die Seidenindustrie in ober- und mittelitalie¬ nischen Städten, namentlich in Venedig und Genua, in Florenz und Lucca, wobei es sich aber schwerlich um eine direkte Fbbertragung von Palermo handelt, sondern um eine solche aus dem Orient selbst, und entstehen dann jene Muster, welche man mit der Bezeichnung „arabisch-italisch“ versieht, um auszudrücken, dass dieselben in Italien, aber noch nicht frei von orientalischen Einflüssen erfunden wurden (Abb. 123) im Gegensatz zu den rein italienischen,
Izarins—Jaconets 261 welche der späteren Zeit angehören (Abh. 124). Venedig war neben Amalfi schon Jahrhunderte vorher der Hauptstapelplatz für die Seidenwaren des Ostens, die nach dem Abendlande gingen. Am bedeutendsten war im 13. Jahrh. die Seidenindustrie in Lucca, das eine berühmte Messe hatte, und dessen Kaufleute mit ihren Seidenwaren in alle Welt gingen. Parteikämpfe zwischen Guelfen und Gfhibellinen veranlassten zu Anfang des 14. Jahrh. eine Menge Luccheser Bürger zur Auswanderung, darunter besonders viele, die dem Seiden¬ gewerbe angehörten. Die meisten gingen nach Venedig und nach Florenz. An beiden Orten bildeten sie eine eigene Kolonie und hoben die Seidenindustrie daselbst im Laufe des 14.—15. Jahrh. auf ihren Höhepunkt, sodass die orien¬ talischen Waren überflüssig wurden: Italien versorgte mit seinen glatten und gemusterten Zeugen, seinen Sammeten und Brokaten fast den gesamten abend¬ ländischen Markt. Im 15. und 16. Jahrh. entstanden dann nach dem Vor¬ bilde der Manufakturen in Venedig, Genua u. s. w. solche in Neapel, Mailand und Turin. Zu Mitte des 15. Jahrh. tritt Frankreich als Konkurrent an die Seite Italiens (s. a. die einzelnen Städte). Für die Hanf- und Jute¬ industrie sind etwa 60 000 Spindeln und 750 mechanische Webstiihle tätig, deren jährliche Produktion einen Wert von 70—80 Mill. Lires erreicht. Sie hatte seit 1885 erhebliche Fortschritte gemacht; ist aber in den letzten Jahren hinter den Fortschritten der Baumwollindustrie zurückgeblieben. Wolle verarbeiteten hauptsächlich in Piemont und in den Provinzen Mailand, Vicenza und Caserta (1894) 346 000 Spindeln, 10 300 Webstühle (wovon 6 500 mecha¬ nische) und 42 000 Arbeiter. Die Baum Wollindustrie, deren Hauptsitze die Lombardei, Ligurien und Salerno sind, beschäftigt im ganzen (1897) 1900 000 Spindeln (gegen 500 000 im Jahre 1870); auch hier nimmt nur die Einfuhr von Rohstoffen zu, während einzelne Fabrikationszweige erhebliche Ausfuhx-ziffern aufweisen. (Ueber Spitzenindustrie s. d. Artikel Spitzen, über weitere Techniken die betreffenden Artikel und diejenigen der Stilarten.) Abbildungen: 123. Darstellung aus: Flachornamente, Verlag Engelhorn, Stuttgart, Blatt 102: Seidenbrokatstoff aus dem Provinzialmuseum in Stralsund, Grund rot, Muster Gold: Reihenweis abwechselnd nach rechts und links gekehrte Darstellungen eines Hundes am stilisierten Blütenbaum: in der einen Reihe auf Halbmond, in der andern mit Spruchband. Lucca, arabisch-italisch 13.—14. Jahrh. 124. Darstellung aus demselben Werk, Blatt 133: Italienisches Seidenstoffmuster aus dem Ende des 14. Jahrhs. nach einer bemalten Figur in der Benediktiner-Abtei Com bürg in Württemberg. Izarins sind baumwollene, ostindische Gewebe, welche ehedem die dänisch¬ asiatische Kompagnie lieferte. J. Jabots (franz.), die Spitzenbesätze der Brustöffnung des Manneshemdes, die aus der nicht völlig zugeknöpften Weste hervortreten mussten. Die Mode kam um 1650 auf; nach 1730 war das J. ein Spitzenbehang, der, an dem schmalen, das Halstuch vertretenden schwarzen Bändchen befestigt, die weite Oeffnung der Weste ausfüllte. In der modernen Frauenmode bezeichnet man mit J. einen mit Spitzen und dergl. besetzten Brustlatz. Jackmaschine, Spulenmaschine, eine veraltete Konstruktion der Baumwollvorspinnmaschine. Jaconets sind feine Baumwollzeuge, eine Art leichter Cambrik, mit festen runden Fäden, ein Gewebe, welches zwischen Haman oder Cambrik und Musselin
262 Jacquard weberei—Japan. die Mitte liält, deshalb auch häufig unter dem Namen Bastard vorkommt. Ur¬ sprünglich lieferten es nur die-englischen Manufakturen, während die Fabrikation jetzt allgemein geworden ist. Man hat einfache, glatte, weisse und auch farbig gestreifte in Weberei und Druckerei. Jacquardweberei, Jacquardstuhl u. s. w., s. Weberei. Jägerleinen, grünlicher Stoff aus L. für Jagdanzüge. Jagostoffe, moderne Leinenstoffe. Jahnsdorf in Sachsen: Strumpf- und Trikotwarenfabrikation. Jamaica, westindische Baumwollsorte. Jamavarteppiche, persische Bezeichnung für Teppiche mit Streifenmuster. Jamavas, veralteter, ostindischer, leichter Seidenstoff, taffetartig gewebt und mit broschierten und eingestickten Mustern. Jamdami, Jamdanis, Jamedanis, feine broschierte Musseline aus Bengalen, welche mit Blumen in Gold, Silber und farbiger Seide gemustert sind. Jamestown, Stadt im Staate Neu York: lebhafte Industrie, darunter Fabrikation von Baumwoll-, Woll- und Kammgarnwaren. Jamkhana, indischer Baumwollteppich, dessen Muster aus parallelen oder sich kreuzenden Streifen besteht. Janina, Stadt in der Türkei: besonders berühmt durch die daselbst auf Leinwand in roter Seide im Webstich hergestellten Stickereien (Abb. 125), welche dadurch eigenartig erscheinen, dass ihre geometrischen Muster in dichten Abb. 125. Stichen und zwar so ausgeführt sind, dass in verschiedenen Teilen abwechselnd die Fadenlage umsetzt, wodurch die Fläche reizvoll schattiert ist. Abbildung: 125. Originalaufnahme aus dem Königl. Landesgewerbemuseum in Stuttgart: Stickerei auf Leinen in roter Seide im Webstich in abwechselnder horizontaler und wagerechter Fadenlage: Rauten aus gezackten Balken enthalten Sterne. Begleitborte und Franse. Janina 17.—18. Jahrh. Jannequin oder Gennequin (franz.), ein grobes, baumwollenes Hand¬ gespinst in Smyrna. Japan, Liselreich in Ostasien: Seidenzucht und die Verarbeitung der Rohseide stehen obenan. Die Einführung der Seidenzucht in Japan wird in die zweite Hälfte (289) des dritten Jahrh. verlegt und koreanischen, sowie chinesischen Einwanderern zugeschrieben; ihre Befestigung und Ausbreitung findet gleichzeitig mit der des Buddhismus statt. Wie der Teebau, so hat auch
Japan 263 die Seidenzucht in Japan während der letzten 80 Jahre einen neuen Auf¬ schwung genommen. In Japan ist die Seidenzucht auf Hondo oder Honshiu, die grösste der Inseln beschränkt. Sie bildet hier die verbreitetste und wichtigste Hausindustrie, die in den meisten Fällen neben anderen landwirtschaftlichen Be¬ schäftigungen herläuft, in der Regel jedoch Haupterwerbsquell der Bewohner ist; nur für fassonierte Stoffe kommen Jacquardmaschinen bereits stark in Anwendung. Die technische Unvollkommenheit der Werkzeuge, wie sie namentlich der dort noch gebräuchliche Zainpelstuhl (vgl. die Abb. 126 auf einem Seidengewebe) mit sich bringt, wird jedoch aufgewogen durch die Hingabe, mit welcher die Weber Abb. 126. ihrem Handwerk obliegen und die ihnen ermöglicht, die Ausführung der schwersten und kompliziertesten Werke der Kunstweberei zu bewältigen. Die erste Stelle in der japanischen Seidenindustrie nimmt seit vielen Jahrhunderten Kioto ein; hier werden nach „Bavier, Japans Seidenzucht, Seidenhandel und Seidenindustrie, Zürich 1874“ von etwa 18 000 Seidenwebern auf etwa 6 000 Webstühlen gegen 6 000 Ballen von je 50 kg Rohseide jährlich verarbeitet. Den Wert der daraus gewonnenen Gewebe aller Art schätzt man auf 80 Mill. Mark. Nächst Kioto hat Kiriu, eine kleine Stadt in der Prov. Jöshiu, bedeutendere
264 Japan. Seidenweberei. Unter den Erzeugnissen der japanischen Seidenindustrie haben folgende ein besonderes Interesse, weil sie von den europäischen wesentlich ab¬ weichen und sich durch hervorragende Schönheit und Güte auszeichnen: Habutaye oder Kabe habutai, eigenartig geripptes Seidengewebe von weisser Farbe, gehört zu den prächtigsten ungemusterten Seidenstoffen, welche Japan auf¬ weisen kann. Es ist wellig gerieft, ein Mittelding zwischen Krepp und Rips. Ketteund Einschlag sind viel dicker als bei glatten und geköperten Stoffen. Die Schuss¬ fäden sind eigenartig locker gedreht. Ein dünnerer Faden, aus zwei Haspelfäden be¬ stehend, umwindet in langgestreckter Spirale einen dickeren, der aus 6 Gregefäden zusammengesetzt ist. Dies bedingt nicht bloss die eigenartige wellige Rippung des Stoffes, sondern auch seine grössere Fülle und Geschmeidigkeit. Nach Dicke und Weichheit erinnert Habutai an Sammet, von dem er jedoch sonst durchaus abweicht.. Dieses Gewebe war in Japan immer für Festkleider des Adels sehr beliebt; auch pflegte der Hof oft Geschenke damit zu machen. Chirimen oder Krepp ist der beliebteste, rauhe, glanzlose Seidenstoff der Japaner,, den sie sowohl einfach als in verschiedener Weise gemustert darstellen. Weicht auch, wie das Aussehen, so die Anfertigung der verschiedenen Sorten ansehnlich voneinander ab, so findet sich doch bei allen ein gemeinsamer Zug. Er besteht darin, dass man zur Kette wie zum Schuss ziemlich gleich starke Fäden nimmt, von denen aber dieEinschlagfäden auf der Zwirnmaschine noch besonders teils rechts, teils links gezwirnt wurden. Beim Einschlag dieser doppelt gedrehten Fäden wechselt man mit den beiden Sorten ab. Ist das Stück fertig, so kommt es in ein Bad, erleidet dabei ein starkesZusammenschrumpfen, namentlich in der Breite, wird darauf in Wasser ausgesüsst und vor völligem Trocknen über eine hölzerne Walze gerollt und gestreckt, dann an der Abb. 127. Sonne vollends getrocknet. Solche Kreppseide, bei der die Anwendung einer sogen. Kreppmaschine unbekannt ist, kann nur im Stück gefärbt werden. Die einfacheChirimenweberei wird viel in Takajama betrieben. Mon-Chirimen ist ein Bildkrepp, der mit glänzenden Fäden aus Yama-mai'-Seidegewebt wird, welche die Eigenschaften des höchsten Glanzes hat. Dieser feinste Krepp¬ stoff findet dann Anwendung als Grundstoff für Stickereien, welche abgepasst zu den Fukusa’s, d. s. Geschenktücher, dienen. (Abb. 127.) Kanoko, Kanoko-shibori oder Kanoko-sha-chirimen (Kanoko: a) ein junger Hirsch; b) gefleckt wie ein solcher. Shibori, gebunden, geknüpft, sha, Seiden¬ gewebe oder Gaze mit einfacher Kette, Chirimen, Krepp) wird ein eigentümliches leichtes, liügel- und wellenförmig gekräuseltes Seidenfabrikat genannt, das von den.
Japan. 265 japanischen Frauen als Haarschmuck, aber auch zu Halsbinden verwendet wird, wobei man es in die Form einer Rolle bringt, die man an beiden Enden mit Quasten ver¬ sieht. In beiden Fällen bringt Kanoko die beste Wirkung hervor. Es ist fast immer prächtig rot oder violett gefärbt, mit grösseren oder kleineren, runden, weissen Flecken besät. Man fertigt es nur in Kioto wie folgt: Zwei Bahnen einer sehr leichten Krepp¬ seide werden gesteift und aufeinandergeklebt. Nach dem Trocknen zeichnet man das Muster, gewöhnlich ein Netz gerader, rechtwinklig sich schneidender Linien, darauf und reibt dann den Stoff mit den Händen gründlich durch, um ihn wieder weich und geschmeidig zu machen. Hiernach erfolgt das Unterbinden. Man bedient sich dazu eines Stativs, an welchen ein zugespitzter Messinghaken befestigt ist. An diesen wird das Gewebe bei jeder Durchschnittsstelle zweier Linien der Zeichnung, der Reihe nach angehakt und etwas emporgezogen, sodann mit einem Hanffaden in mehreren Win¬ dungen fest unterbunden. Ist das Unterbinden beendet, so folgt das Baden, Färben, Trocknen und Strecken des stark zusammengeschrumpften Stoffes. Hierbei lösen sich die Bindfäden auf und werden entfernt. Die unterbundenen Stellen liefern das weisse Muster auf dem türkisch roten, pfirsichblütfarbigen oder violetten Grunde. Die Obi oder Gürtel, mit welchen japanische Damen ihre langen Kleider (Kimono) um die Lenden befestigen, werden auf besonderen Webstühlen aus bester Seide verfertigt. Es sind verschiedenartige, glatte und gemusterte Gewebe von 16 bis 24 cm Breite und 3 bis 4y2 m Länge, mit Rücksicht auf die langen Schleifen, in welche sie auf den Rücken gebunden werden. Gewänder aus Brokat, japanisch Nishiki, d. h. aus schwerem gemustertem, mit Gold und Silber durchwirktem Seidengewebe, den reichsten und kostbarsten, welche die Textilindustrie überhaupt liefert, gehörten immer zu den Zeremoniekleidern der chinesischen und japanischen Fürsten, sowie zur Ausstattung der reicheren Theater (vgl. Abb. 128 u. 7 u. 9 auf Tafel VI) und buddhistischen Tempel. Man unterscheidet Abb. 128. in Kioto Ito-nishiki, Goldfadenbrokat und Aya-nishiki d. h. Seidendamastbrokat oder mit Blumen durchwirkten Brokat. Bei den japanischen Brokaten hat namentlich die Ver¬ wendung des Gold- und Silberpapiers in hohem Grade das Interesse der europäischen Seidenfabrikanten wachgerufen. Dabei wird dieses Papier in schmale Streifen zer¬ schnitten und dient dann entweder zum Umspinnen von Seidenfäden oder es wird für sich zu Fäden gedreht und eingewoben. Die Gewebe erhalten dadurch ganz das Aus¬ sehen, als seien sie mit echten Gold- und Silberfäden durchwirkt, zeichnen sich aber daneben durch grössere Geschmeidigkeit und Billigkeit aus. Tsudzu-re-no-nishiki, d. h. stückweise Brokatarbeit, wurde zuerst im Jahre 1875 in Kioto nach einem eigentümlichen Verfahren dargestellt. Kette und Einschlag be-
266 Japan. standen aus starken, gezwirnten Seidenfäden und Goldpapierfäden. Dabei fehlte den Webstühlen die Lade; es fand deshalb kein eigentliches Anschlägen statt, die Quer¬ fäden wurden vielmehr mit den Fingern eingelegt und mit Hilfe eines Kammes aus freier Hand beigeschoben, wie dies in alter Zeit allgemein geschah. Das auf Papier aufgezeichnete Muster lag unter der Kette. Die gefärbten Schussfäden werden danach gewählt, gehen nicht durch die ganze Bahn, sondern nur soweit, als man ihrer für die betreffende Figur bedarf, während daneben liegende Teile mit anderen Farben später oder früher ausgefüllt werden. Auf diese Weise wurden Tischdecken, auch Fukusa, d. h. Gewebe zum Einhüllen und Bedecken, z. ß. von Geschenken, feinen Lackwaren und anderen Gegenständen, dargestellt. — In der Darstellung von Fig. 129. Birödo oder Sammet ist man über das einfache, glatte oder gerippte Fabrikat nicht hinausgekommen. Die dazu dienende Vorrichtung entspricht unserem früheren Handwebstuhl für Sammet. Der Flor der Polkette umschlingt parallel laufende Kupfer¬ stäbe als Nadeln. Ist das Gewebe fertig, so werden die Noppen oder Maschen mittels eines Messers aufgeschnitten, das zwischen zwei Führern geht, und die Nadeln dann herausgezogen. Sammetbildtafeln werden hergestellt, indem man vor dem Heraus¬ nehmen der Kupferdrähte das Muster auf dem gefärbten Grunde aufmalt und je nach beabsichtigter Wirkung Teile der naturalistischen Darstellung aufschneidet. Ist der
Japan, 267 Grund dann, wie dies in Abb. 129 der Fall ist, mit Goldpapier durchwirkt, so ergibt sich eine prächtige malerische Wirkung. N ui-mono oder Nui-haku, Stickerei, vornehmlich mit Seide auf Seiden- oder Wollstoffe, schliesnt sich der Seidenweberei an. Es ist ein hochentwickelter Zweig des japanischen Kunstgewerbes, bei dem sich wiederum die vorherrschenden Züge des japanischen Arbeiters, die Freude und Befriedigung an dem mit grosser Sorgfalt, viel Geschick und bewundernswertem Geschmack hervorgerufenem Produkte offenbart. Durch eine vortreffliche Abwechselung und Verbindung von Plattstickerei mit Federstich, aufgenähten Kordeln u. dgl., und durch eine mustergültige Auswahl — Zusammenstellung und Abtönung der Farben — ruft man überraschende Wirkungen hervor und haucht den Blumen, Abb. 130. Vögeln, Schmetterlingen und anderen Gegenständen, welche man nachhildet, mit der Nadel gewissermassen Lehen ein. Die Stickerei wird in den japani¬ schen Häusern von alten Zeiten her geübt; ist aber kein Erwerbszweig der weiblichen Bevölkerung geworden, sondern in ihren höchsten Leistungen schon seit langem Männerarbeit. Oft wird in geschickter Weise die Stickerei auf Seide mit dem Bemalen oder Bedrucken des Gewebes verbunden, wie sie denn auch bei den gemusterten Seidenstoffen, einschliesslich der Brokate, als ein weiteres Verzierungsmittel in Relief erscheint. (Vgl. J. J. Rein, Japan nach Reisen und Studien, Leipzig 1886.) Die Exaktheit in der japanischen Platt¬ stichstickerei wird dadurch erzielt, dass man statt des vorgezeichneten Musters dünne gestanzte Papierschablonen auflegt, die die genaue Einhaltung aller Umrisslinien und auch das bis zur hohen künstlerischen Wirkung sich steigernde Absetzen der Fäden innerhalb breiterer Flächen ermöglicht, wodurch den Einzel¬ formen eine Art Stilisierung gegeben ist. Ein ferneres Hilfsmittel der Japaner beim Sticken, Färben und Bemalen von Stoffen ist die Anwendung der in
Japanische Kunstformen. Papier geschnittenen Schablonen, deren reizvolle naturalistische Muster aus freier Hand eingeschnitten sind. (Abb. 130 u. 131.) Japanische Kunstformen haben ihren Ursprung, wie die ganze auf hoher Stufe stehende Kunstindustrie des Landes, in China. Japan hat viele Jahr¬ hunderte seinen Nachbar als mustergültiges Vorbild betrachtet, bis es schliesslich durch seinen entwickelten Natur- und Schönheitssinn einen selbständigen For¬ menkreis sich zu eigen gemacht hat, von dem vor allem das streng Konservative der Chinesen vollkommen abgestreift ist und sich zu einer feineren auf liebe¬ vollen Naturstudien beruhenden Richtung entwickelt hat. Man muss bei der Abb. 131. Betrachtung der Kunstformen in China und Japan von vornherein einen anderen Massstab als bei anderen Völkern anlegen, weil diese einer eigent¬ lichen Architektur entbehren, welche sonst der Kleinkunst vorangeht und dieser ihre Grundformen diktiert. Was wir in China und Japan an alten Architek¬ turen sehen, sind Tempelbauten mit den schwersten ungefügigen Einzelheiten von massigen Tierfiguren, die als Säulenträger geschweifter Dächer dastehen: nirgends eine durchgehende gerade Linie, die dem Auge einen gleichmässigen Ruhepunkt gestattete. Und wie die Architektur, so zeigen auch viele kunst¬ gewerbliche Erzeugnisse für sich, dass die konstruktive Kunst in Japan viel weniger entwickelt ist, als die dekorative. In der lebensvollen, getreuen Nach¬ bildung gegebener Naturgegenstände, insbesondere von Pflanzen, Vögeln, In¬ sekten und Meerestieren, sowie verschiedener Vierfüssler, in der Darstellung von Wolken, Fels- und Wasserpartien hat der Japaner eine grosse Fertigkeit. Scharf und bestimmt dem Muster entsprechend erscheint die Zeichnung in Ausdruck und Bewegung und fesselt dadurch, wie nicht minder durch die Leichtigkeit und Zartheit der vollendeten Ausführung den Beschauer (Abb. 132). In der allgemeinen Flächendekoration treten Arabesken und andere Kurven¬ ornamente gegenüber den geradlinigen Verzierungselementen (vergl. Tafel VI)
Japanische Kunstformen. 269 entschieden zurück. Von letzteren spielen namentlich der Mäander und das sogen. Henkelkreuz (Abb. 133) eine grosse Rolle. Wie bei uns, so wendet der Japaner den Mäander als Borte oder abschliessende Randverzierung an; aber auch als Füllung einer ganzen Fläche wird er gebraucht. Viele japanische Kunstformen lassen noch immer den chinesischen Frsprung erkennen. Päonie und Chrysanthemum (Abb. 134), Iris und Lotosblume, das schlanke Bambusrohr (Abb. 127) und krüppelhafte, bizarre Kiefern, blattlose blühende Zweige der Magnolie, be¬ blätterte der wilden Kirschbäume Abb. 132. (Abb. 135), die schlingende Glycine mit ihren hängenden Blütentrauben, Vögel und Insekten im Fluge und in der Ruhe: diese und noch viele andere Naturformen verwendet der Japaner gleich dem Chinesen für seine Flächen¬ dekoration gern an, ihnen schliesseu sich Glücks- und Fabeltiere, der Phö¬ nix, der Drache, das Einhorn, die Schildkröte an. Der Drache ist be¬ kanntlich das Wappentier Japans, das auf gestickten Gewändern hoher Be¬ amten und Prinzen als Hauptdekora¬ tionsmotiv auftritt (vergl. Abb. 9 auf Tafel VI). Alle diese von China über¬ nommenen Formen fand der Japaner in der herrlichen Natur seines Landes wieder, die ihm von seinem westlichen Nachbar verzerrt und plump vorgeführt wurden. Viele derselben, namentlich aber die seinen Bergen fehlenden, ver¬ pflanzte er in seine Gärtchen und Tempelhaine. Was er hier so oft und mit so viel Wohlgefallen beschaut und bewundert, die mancherlei Erzeug¬ nisse der Natur seines Landes, sind seine Kunstformen. Dieser Natur sich zu erfreuen, still zu ihren Füssen sitzend sie in ihrem Leben und Treiben zu belauschen und das leichte und ge¬ fällige Bild warm und treu, wie es empfunden und aufgenommen wurde, mit geübter, sicherer Hand wieder¬ zugeben : dies ist das Geheimnis, das sich allmählich zur Grundlage der japanischen Kunst im Gewerbe ausbildete. (Näheres darüber in J. J. Rein, Japan nach Reisen und Studien, Leipzig 1886, Bd. II, S. 373 ff., woher viele der obigen Notizen entnommen sind.) Abbildungen: 126. Originalaufnahme aus dem Königl. Landesgewerbemuseum in Stuttgart: Seidenbrokat, Grund hellblauer feiner Rips, Muster gelb, weiss und mit Goldpapier: Reihenweis versetzte Darstellung eines japanischen Webstuhles, der sich in Tätigkeit befindet. Japan etwa 1740. 127. Originalaufnahme aus dem Königl. Kunstgewerbemuseum in Berlin: Fukasa, Tuch zum Einwickeln von Geschenken, Stickerei in farbiger Seide und Malerei auf rötlich gefärbtem Kreppstofi’: Darstellung von Sperlingen im Bambusfelde. Japan 1875. 128. Originalaufnahme wie 126: Seidenbrokat von einem Theatergewande.
270 Japanische Kunstformen. Grund braun mit ausgesparten Zackenlinien in Goldpapier, Muster in flotter farbiger Seide broschiert: Wechselnde Kirschblüten und Blätter. Japan etwa 1680. 129. Darstellung aus: Heiden, Musteratlas , Leipzig 1896. Blatt 61: Bild¬ tafel, Sammetweberei mit Goldpapiergrund gemalt und durch Aufschneiden einzelner , Abb. 133. Koppen schattiert: Darstellung von Lotosblumen und einem Paar von Reihern am Wasser. Japan 1880. 130. Darstellung aus: Heiden, Musteratlas, Leipzig 1896. Blatt 58: Ge¬ schnittene japanische Schablonen für Zeugdruck: Farrenkrautblattwerk. 181. Desgleichen: Weiden im Regen. Abb. 134. 132. Originalaufnahme aus dem Königl. Landesgewerbemuseum in Stuttgart: Seidengewebe, Grund hellblau, Muster bunt lanziert: Reihen von Stauden aus Nelken und Gräserwerk; dazwischen Schmetterlinge. Japan etwa 1780. 133. Originalaufnahme wie vorher: Seidenbrokatgewebe, Grund dunkelgrün,
Japanische Teppiche—Japanische Webemuster. 271 Muster Goldpapier: Zwischen Rautenfeldern, welche in schrägen Reihen abwechselnd mit dem Henkelkreuz und Rosetten gemustert sind, stehen reihenweis versetzte Kreise mit je einem Hund in Wolken. Japan etwa 1780. 134 Originalaufnahme wie vorher: Seidenbrokat, Grund grün, Muster bunt: Abb. 135. Reihenweis abwechselnd versetzte Päonien- und Chrysanthemumblüten sind durch feine Ranken mit kleinen Blüten verbunden. Japan Anfang 19. Jahrh. 135. Originalaufnahme aus dem Königl. Kunstgewerbemuseum in Berlin: Fukusa, Tuch zum Einwickeln von Geschenken, Stickerei mit Malerei auf gefärbter Kreppseide: Darstellung eines blühenden Kirschbaumzweiges, der einen Birkenstamm streift, und Vögel. Japan 1880. Japanische Teppiche werden in minderwertiger Ausführung aus Baum¬ wolle geknüpft. Japanische Wappen erscheinen zahlreich in gewehten und gedruckten Stoffen als Musterung. (Vgl. Abb. 12 auf Tafel VI.) Sie bestehen aus rund¬ lich gelegten Blütenformen und Rosetten und gehören in dieser Ausführung den Familien der Daimios an. (Abb. 136 u. 137.) Abbildungen: 136. Darstellung eines japanischen Daimiowappens in Form eines rundlich ge¬ legten Blütenstrausses, von einem Seidengewebe. Japan 18—19. Jahrh. 137. Desgleichen aus blattartig gezacktem Kreis und Wolkenmuster. Japanische Webemuster nach historischer Folge zu bestimmen, erfordert mehr als irgend eine andere Gruppe älterer Stoffe ein ganz be¬ sonderes Studium. Die hier gegebenen Bezeichnungen der aus der reichen Sammlung japanischer Erzeugnisse des Königl. Landesgewerbe-Museums in Stuttgart stammenden Gewebe, welche der als Arzt des japanischen Kaisers in Tokio weilende Prof. Dr. Erwin Balz an Ort und Stelle gesammelt hat, sind nach dessen Aufzeichnungen wiedergegeben. (Vgl. die Abbildungen im Artikel Japan und Tafel VI.) Wenn nun auch bekanntlich die Japaner ihre ganze kunstindustrielle
Japanische Webemuster. 272 Tätigkeit und damit die Kunstformen in den ältesten Zeiten von China über¬ nommen haben, so muss doch bei der Beurteilung ihrer Gewebemuster der früheren Epochen des Umstandes gedacht werden, dass ihnen die frühmittel¬ alterlichen Stoffe persischen Ursprunges nicht unbekannt geblieben sind. Auf Grund einer Reihe — etwa um 1880 — in Japan veröffentlichten Bändchen mit farbigen Gewebemustern gelang es den eifrigen Forschungen des Direktors am Berliner Kunstgewerbemuseum Prof. Dr. Lessing — worauf an Ort und Stelle selbst auch andere Gelehrte geführt wurden — nachzuweisen, dass sich in altjapanischen Tempeln Originalstoffe der sassanidischen und frühbyzantiniAbb. 136. Abb. 137. sehen Periode befinden: ähnlich, wie sie in vielen rheinischen Kirchen auf¬ bewahrt werden, wohin dieselben während der Kreuzzüge als Hüllen der Ge¬ beine von Heiligen in grosser Anzahl gekommen sind. Solche Muster haben die Japaner in ihrer Anschauungsweise gezeichnet (vgl. Abb. 138) und mit Zeitbestimmungen veröffentlicht, die sich mit jenen decken, welche für den Ursprung der westasiatischen Muster des frühen Mittelalters mit Sicherheit nachzuweisen sind. Da nun viele der älteren japanischen Gewebe bezüglich ihrer allgemeinen Einteilung und auch sonst sehr viele verwandte Einzelheiten aufweisen, so bleibt die Frage offen, ob damalige Muster auch schon von China übernommen wurden, oder ob die Zeichnungen in dieser Gruppe von Stoffen auf selbständigen Eindrücken jener fremden Gewebe beruhen, welche sich in den Tempeln befinden. Dass man die mit Tierfiguren gefüllten Kreismuster, wie sie in Abb. 138 enthalten sind, nicht ohne weiteres nachbildete, liegt wohl in dem auch von den Buddhisten in früheren Zeiten befolgten Vorschriften, Menschen- und Tierfiguren von jeglicher Darstellung auszuschliessen; um so mehr scheint man sich aber in den rein geometrisch behandelten Flächen nach westasiatischen Vorbildern gerichtet zu haben. Es sind augenscheinlich hier¬ nach jene Muster entstanden, welchen der strenge romanische Charakter nicht abzusprechen ist. (Vgl. Abb. 2, 4, 5, 6 auf Taf. VI.) Die spätere Datierung derselben durch Prof. Bälz kann deshalb doch zu Recht bestehen, da sich be¬ kanntlich gewisse Typen von Mustern in Japan und China Jahrhunderte lang und noch bis in unsere Tage hinein erhalten haben. Auf frühen chinesischen Ursprung ist auch das unter 1 auf Taf. VI abgebildete „Shippo“-Muster, so¬ wie das daselbst unter 3 wiedergegebene „Shokko“-Muster zurückzuführen. Diese bestimmten Bezeichnungen für gewisse Arten von Mustern, wie sie in Japan üblich sind, ist auch eine Bestätigung für ihre dauernde Erhaltung. Aelteren Ursprungs ist natürlich auch das oft wiederkehrende Drachenmuster,
Japanische Webemuster. 273 in welchem das Wappentier auf rotem oder schwarzem Atlasgrunde in Rund¬ bildern oder hochaufgerichtet erscheint. Prof. Balz setzt es in die Zeit um 1500. Diese und die beiden vorher bezeiehneten geometrischen Muster können übrigens ebenso gut chinesisch wie japanisch sein und auch den der späteren Abb. 138. Zeit angehörenden Mustern (vgl. Abb. 139 u. 140) haftet noch der schwer¬ fällige Zug des Chinesischen an, worin auch westasiatische Elemente, besonders Abb. 139. Abb. 140. in den Palmettenformen, nicht zu verkennen sind. Ferner ist noch ganz im Sinne chinesischer Art und Weise der Mustergebung das feste Einschliessen nnd Gliedern der Formen innerhalb ihrer einzelnen Flächen, das sie wie die Zeichnungen in Email cloisonne erscheinen lässt. (Abb. 141.) Ein freierer Heiden, Handwörterbuch der Textilkunde. 18
Japanische Webemuster. 274 Abb. 141. Abb. 142. Abb. 143. Geist beherrscht erst die Formensprache der japanischen Stoffmuster am Ende des 17. Jahrhunderts, wenngleich auch die Zeichnungen früherer Epochen nebenher beibehalten werden. Besonders fallen dabei jene Gewebe auf, welche
Japanische Webemuster. 275 für Theatergewänder gearbeitet worden sind, deren Herstellung auch technische Fortschritte im Färben des Grundstoffes und in der Art der Broschierung er¬ kennen lassen, die nur dem Japaner eigen sind. (Vgl. Abb. 7 u. 9 auf Tafel VI.) Fast europäisch hingegen erscheint das auf derselben Tafel unter 11 dargestellte Muster, dessen Farbengebung — blau auf weiss schattiert — fast den Eindruck eines Rokokomusters in Meissener Porzellan hervorruft. Künstlerische Verwertung lässt der Chinese und Japaner — letzterer direkt mit der Bezeichnung „Buchstabenmuster“ — auch seinen Schriftzeichen zuteil werden, die hier noch einen breiteren Baum als bei den Arabern einzunehmen berechtigt sind, weil ihre einzeln abgeschlossenen Züge zugleich Bedeutung für Glück- und Segenssprüche ausdriicken. (Vgl. Abb. 142.) Im 19. Jahr¬ hundert bringen unter älteren beibehaltenen Typen von japanischen Stoff¬ mustern, wie das in Abb. 143 mit spitzovalen Feldern dargestellte, besonders die für die Obi’s (d. h. Gürtel) gewebten Stoffe neue kleinere Muster aus Blättern und Blütenranken (Abb. 10 u. 13 auf Tafel VI), worin auch Abwechse¬ lung eintritt durch meisterhafte Stilisierung von Vogelgestalten. (Abb. 8 auf Tafel VI.) Abbildungen: 138. Darstellung aus: Ethnologisches Notizblatt des Königl. Museums für Völker¬ kunde in Berlin. Bd. II, Heft 1, S. 11: Sassanidisches Stoffmuster des 6. Jahrh., gezeichnet nach einem im japanischen Werke „Die Kokkwa“ abgebildeten Originalstoff, welcher sich im Hörynji, dem ältesten Tempel Japans, befindet. Die Darstellung des Musters gibt nach japanischer Anschauung in grossen Kreisen Abkürzungen des heiligen Baumes (Palmettenkrone und Keimblätter), dem ein Paar von Löwen zu den Seiten sitzt. Zwischen den Kreisen Steinböcke und Rosetten. 139. Originalaufnahme aus dem Königl. Landesgewerbemuseum in Stuttgart: Seidengewebe, Grund blau (lose Bindung), Muster gelbbraun mit Goldpapierschattie¬ rungen: Reihenweis geordnete Ranken, welchen Palmettenblüten entsteigen. Japan um 1580. 140. Originalaufnahme wie vorher: Seidenbrokat, Grund zinnoberroter Atlas, Muster Goldpapier: Wellig aufsteigenden Ranken erwachsen reihenweis wechselnde Palmetten- und Rosettenblüten. Japan um 1750. 141. Originalaufnahme wie vorher: Seidenbrokat, Grund Goldpapier, Muster mit Hellblau und Braun: Reihenweis nach rechts und links geschwungene Päonienblüten und fliegende Vögel. China (?) um 1800. 142. Originalaufnahme wie vorher: Seidengewebe, Grund hellblauer Taffet, Muster (sogen. Buchstabenmuster) hell- und dunkelbraun: Reihenweis wechselnde und versetzte Schriftzüge. Japan (?) um 1810. 143. Originalaufnahme wie vorher: Seidengewebe, Grund hellbraun, Muster: Bänder bilden spitzovale Felder, in welchen je eine dunkel- oder hellrote Blume in grüner Umrahmung. Japan um 1810. Abbildungen auf der Tafel VI: Webereien aus China und Japan: Originalaufnahmen aus dem Königl. Landesgewerbemuseum in Stuttgart: 1. Seidenbrokat, Grund tiefblau, sogen. „Shippo-Muster“ in Grün, Gelb und Blau, mit Umrisslinien von Goldpapier: Vierpassfelder sind durch geschweifte Kreis¬ felder mit Rosetten verbunden, welche von geraden Bändern und Sechsecken quadratisch eingefasst werden; dazwischen Mäanderwerk. Japan um 17G0. 2. Seidenbrokat, Grund blau, Muster weiss und mit Goldpapier durchwirkt: Kreise, welche durch glatte Knäufe verbunden sind, enthalten runde Scheiben mit einem Paar von gegenständigen Drachen; in den Zwickeln zwischen den Kreisen Rosetten. Japan um 1750. 3. Seidenbrokat, Grund blau, sogen. „Shokko-Muster“, Muster weiss, in Reihen bunt und mit Goldpapier durchwebt: Reihenweis versetzte wechselnde Rosetten sind durch schräge Bänder mit Sternen verbunden und stehen in sechseckigen Feldern mit dazwischen liegenden kleinen Quadraten; eine Reihe der Sechsecke klein gemustert mit Rautenfeldern. Japan um 1800. 4. Seidenbrokat, Grund hellblauer Atlas, Muster Goldpapier und braun: Reihen¬ weis versetzte rundliche Sechspassfelder, welche je drei verschlungene Kreise auf ge¬ fülltem Blütengrund enthalten. Japan um 1800. 5. Seidenstoff, Grund hellblau, gerippt, Muster gelb: Bänder aus Schneckenlinien
276 Japergonsi —Jenny. bilden spitzovale Felder, in welchen reihenweise abwechselnd je ein Kreis mit rundlich gelegtem Drachen und eine doppelseitige Blütenpalmette. Japan um 1750. 6. Seidenbrokat, Grund tiefblau, Muster Goldpapier: Kreise aus gemusterten Bändern sind durch kleinere runde Felder mit Rosetten verbunden und enthalten je in fester Umrahmung einen rundlich gelegten Drachen; dazwischen geometrisches Füll¬ muster. Japan um 1730. 7. Seidenstoff von einem Schauspielergewand, Grund hellblau und braunviolett gefärbt, Muster in flottliegenden Seidenfäden broschiert: auf einem Gehege aus geometrisch verschlungenem Gitterwerk zackige Blätter und längliche Blütenbüschel. Japan um 1750. 8. Seidenbrokat, Grund blau, fein gerippt, Muster Goldpapier: Reihenweis ver¬ setzte und abwechselnd nach oben und unten gekehrte Reiher, welche als Rautenfelder stilisiert sind. Japan um 1780. 9. Seidenstoff, Grund blau, Muster gelb : Reihenweis versetzte sechseckige Felder mit Blattsternen, dazwischen in bunten flott liegenden Seidenfäden broschiert: rundlich gelegter Drache. Japan um 1750. 10. Seidenbrokat, Grund blauer Atlas, Muster Goldpapier: Weinblätter und feine Rebenranken. Japan um 1800. 11. Seidenbrokat, Grund bläulich-weiss, fein gerippt, Muster blau und mit Gold¬ papier durchwirkt: Wellig aufsteigende feine Ranken, welchen in Reihen geordnete phantastische Blüten entsteigen; dazwischen regelmässig abgesetzte Felder aus Gitter¬ werk. China (?) um 1800. 12. Seidenstoff, Grund tiefblauer Atlas, Muster reihenweis in Bunt abwechselnd: Versetzte und abwechselnde rundliche wappenähnliche Blüten an Volutenranken auf einem Gehege aus schräg aneinander gereihten länglichen Rechtecken. Japan Mitte 18. Jahrh. 13. Seidenstoff, Grund schwarzer Atlas, Muster gelblich, rot und blau: Feine Ranken mit regelmässig verteiltem Blatt- und Blütenwerk sind zu Voluten aufgerollt. Japan um 1780. Japergonsi, im dänisch-ostindischen Handel feine, glatte Musseline mit goldenen Leisten; es ist eine Gattung der ostindischen Terindams. Japons, ostindische seidene Zeuge zu Kleidern, welche früher die dänisch¬ asiatische Gesellschaft lieferte. Japrak (Blattmuster), Bezeichnung für Smyrnateppiche in roter, grüner, blauer und orangefarbener Wolle, welche in England viel Abnehmer finden. Jaquenolle, ein ostindischer Musselin, sowohl glatt als gestreift. Jarretieres (franz.), Kniebänder von Zwirn. Jaroslawl, Jaroslaw, Hauptstadt des gleichnamigen Gouvernements in Russland: Mittelpunkt der sogen. Jaroslawlschen Manufaktur, hat eine Baum¬ wollspinnerei (7 277 Arbeiter), Produktion 8 Mill. Rubel. Jaschmak, der Schleier der Türkinnen. Jaspierte Gewebe sind geflammte oder flammierte Stoffe (s. d.). Jastrow, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Marienwerder: Wollspinnerei und Tuchfabrikation. Jauer, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Liegnitz: Fabrikation von Buckskin, Teppichen, Handschuhen u. s. w. Auch das Jauersche Leinen geniesst eines bedeutenden Rufes. Java s. Batikfärberei. Jeannets, Jennets, sind ursprünglich dichte, englische, baumwollene Köperzeuge, teils weiss, teils gemustert und bunt gedruckt. Die böhmischen Fabriken führen eine gleiche Ware unter dem Namen Orientais. Jeans, den Jeannets ähnliche, einfach geköperte Baumwollzeuge, welche sich von den Denims dadurch unterscheiden, dass der Köper auf der rechten Seite ist, weshalb man sie häufig im Deutschen auch einfache Denims nennt. Jedwab (polnisch) s. Gotaweppi. Jegorgewsk, Stadt im russ. Gouvernement Rjasan: Baumwollspinnerei (Produktion etwa 5 Mill. Rubel), Weberei und Färberei. Jellinge, Ort auf Jütland: fanden sich um das Jahr 950 in den Königs¬ gräbern u. a. kostbare, meist in köperartiger Bindung hergestellte Seidenstoffe mit Gold- und Silberfäden. Jenny, eine im Jahre 1767 in England von James Hargreaves erfundene
J esuitenzeug—- J üterb og. 277 und nach seiner Tochter benannte Feinspinnmaschine für Baumwolle, jetzt durch die verbesserte Mulemaschine (Selfaktor) vollständig verdrängt, (s. Baumwoll¬ spinnerei.) Jesuitenzeug, ein schwarzes, rauhes, leinwandartig gewehtes Wollenzeug aus stark gedrehtem und heim Weben stark geschlagenem Garn; es ist etwas leichter als Alumnatzeug und wird zur Kleidung der Ordensgeistlichen, vor¬ nehmlich der Jesuiten gebraucht. Oesterreich und Frankreich liefern die AVare. Jircaza nannte man ganz feine baumwollene Zeuge zu Frauenkleidern, welche die englischen Manufakturen ehedem als Nachahmung eines ostindischen Gewebes dieses Namens lieferten. Es ist feiner Cambrik mit eingewirkten bunten Blumen. Jöhstadt, ehemals Josephstadt in Sachsen, dicht an der böhm. Grenze: Königl. Klöppelschule. Spitzenklöppelei und Fabrikation von Weisswaren, Wäsche, Posamenten und Strnmpfwaren. Jönköping, Stadt in Schweden: Damast- und Drillichwebereien; Dampf¬ färbereien. Jonzac, Hauptort im gleichnamigen Arrond. des franz. Depai't. Ch. In¬ terieure: AVoll-, Leinwand- und Hanfindustrie. Joree, Seidenraupe (Bornbyx religiosa), welche in Assam auf dem heiligen Feigenbäume lebt und einen Kokon von sehr feinem, stark glänzendem Faden erzeugt. Jours werden in der Spitzennäherei die offenen Stiche zum Füllen der Blumen genannt. Jüchen, Flecken im preuss. Reg.-Bez. Düsseldorf: Baumwollspinnerei, AVeberei, Färberei und Kleiderfabriken. Judenstich kommt als Spitzenstich in altdeutschen Musterbüchern des 16. Jahrh. vor. Jumel, ägyptische Baumwollsorte. Juncus effuSUS, die Binse: Ersatzmittel für Baumwolle. Jungbunzlau, Stadt in Böhmen: Wollspinnerei und Färberei; Baumwollwarenfabriken. Jungle, eine Gattung ostindischer Nessel. Juponstoff, modernes Baumwollgewebe zu Futterzwecken. Jute, Dschut, Juthanf, Pahthanf, Gunni (franz.: jute, chamore de Calcutta; ital.: jute; engl.: jute, gunny), Gespinstfaser aus Calcuttahanf (s. d.). Sie wurde zuerst in Dundee 1832, in Deutschland (Vechelde, Braunschweig) 1861 und etwa zehn Jahre später in Oesterreich zur Verspinnung gebracht. Das System der Jutespinnerei lehnt sich an das des Flachses resp. des Hanfes an mit dem Prinzip der Trockenspinnerei. Die Jutefaser kommt in einem Zustande auf den europäischen Markt, welcher sofort deren Verspinnung ge¬ stattet, also gereinigt, ohne feste Holzteile; die Entholzung und Röste der Faser erfolgt schon am Gewinnungsplatze. Die hauptsächlichsten Gewebe daraus sind: Baggins, ein ziemlich loses, grobes Gewebe; Tarpawlings, ein festeres, stärkeres, grobes Gewebe; Twilled-Sackings, ein Zwillich- oder Drillichgewebe von sehr grosser Festigkeit und Dauerhaftigkeit zum Verpacken schwerer Güter; Hassians ist das feinste und schönste derartige Gewebe, verwendet zu Säcken für Salz, Zucker u. s. w. Die Jutefaser kann auch gefäi’bt werden und findet in neuerer Zeit eine sich immer mehr ausbreitende Vei'wendung zur Anfertigung von Möbel- xxnd Vorhangstoffen. Ein Nachteil des Jutegewebes liegt in der Fexxergefährlichkeit, indem die axxgenblickliche Berührung mit einem brennenden Körper genügt, um ein aus Jute gefei'tigtes Zexxg sofoi’t in Flammen zxx setzen. Durch ein Imprägnieren mit einem Flamxnenschxxtzmittel ist daher diesem Uebelstand abzuhelfen. Jüterbog, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Potsdam: Bedexxtende Spinnerei und Txxchfabrikation, Färberei; ansehnliche Flachsmärkte.
278 Kabes—Kalpak. K* Kabes, Provinz in Arabien, von der im 11. Jahrh. das blühende Ge¬ deihen der Seidenzucht geschildert wird, und selbst Italien soll gleichzeitig dieselbe durch Vermittlung von K. erhalten haben. Ebenso wurde von den Arabern aus dieser Provinz die Seide nach Sizilien übertragen. Kabristan, Ort der Teppicherzeugung in Schirwan im Kaukasus. Kaffiehs, Kopfbedeckung aus Kleinasien. Kaftan (türk.), schlafrockäbnliches baumwollenes oder seidenes, häufig mit kostbarem Pelzwerk gefüttertes Kleidungsstück der orientalischen Völker. Kairuan, Stadt in der marokk. Regentschaft Tunis: Teppicherzeugung. Kaiserslautern, Stadt im bayr. Reg.-Bez. Pfalz: Die bedeutende Industrie erstreckt sich auf Kammgarnspinnerei (Aktiengesellschaft mit 61 000 Fein- und 14000 Zwirnspindeln und 1500 Arbeitern); Baumwollspinnerei (Lampertsmühle mit 1650 Arbeitern). Im Jahre 1858 wurde hier eine grosse Seidenweberei gegründet, welche Atlasse und geblümte Zeuge anfertigte. Kakamusch, im Oesterreichischen ein veralteter, aus gewöhnlicher, zweischüssiger Wolle gewebter Plüsch. Kakeda, eine aus Japan in den Handel kommende Sorte feiner Seide. Kakemono, japanische Malerei auf Papier oder Gewebe, die zum An¬ hängen und Aufrollen bestimmt, also für Fenstervorhänge, Türverschlüsse usw. verwendbar sind. Die Bezeichnung bezieht sich nur auf das Format, das be¬ deutend höher als breit ist. Kalabrien (Landschaft am Fusse Italiens) ist schon im 11. Jahrh. im Besitz des Seidenbaues, welcher dahin durch Morgenländer eingeführt worden war. Kalander, Glander, eine Appreturmaschine, mittels deren Gewebe grössere Dichte, Glätte und Glanz erhalten. Kalasiris ist ein altägyptisches Gewand. Kalemkar ist ein persisches bedrucktes Kattunzeug. Kaliko oder Calicot (benannt nach der ostindischen Hafenstadt Calicut, woher der Stoff zuerst nach Europa gelangte), die feinen engl. Druckkattune oder sog. Druckperkale, welche aus glatten, d. h. leinwandbindig gewebten Baumwollstoffen dichterer Art bestehen und zu Büchereinbänden benützt werden. Kalisch, Stadt in Russland: Tuch-, Band- und Lederfabriken. Kalkirleinwand, Pauseleinwand, besteht aus einem sehr dünnfädigen und lockeren Baumwollgewebe, welches mit Stärkekleister, dem etwas Gummi zugesetzt ist, imprägniert und dann zwischen glatten Walzen gepresst wird. Kalkutta, durch das engl. Calcutta entstandener unrichtiger Name der Hauptstadt Kalkatta des Britisch-Ostindischen Reichs. Wichtige Ausfuhrwaren sind: Jute bis zu 1/2 Mill. t und Jutesäcke, rohe Baumwolle. In der Einfuhr stehen: Baumwollwaren, Garne, Wollwaren, Kleider usw. in erster Reihe. — Ein bedeutender Industriezweig ist die Jutespinnerei. Kalmank, Kalamank, Calmaug (franz.: calmande, satin turc.), der alte Name für die in neuerer Zeit vorkommenden Lastings (s. d.). Kalmuk, Bezeichnung von locker aus Streichgarn in Köperbindung ge¬ webten Wollstoffen, welche dicht gewalkt, stark gerauht sind und langhaarig aussehen. Die K. werden vorzugsweise zu Winterkleidern verwendet und ge¬ hören in eine Kategorie mit den sog. Biberstoffen; geringere K.-Sorten werden aus starkem Baumwollgarn gewebt, aber genau so appretiert, wie die wollenen. Bei allen K.-Sorten ist die Länge und Feinheit der Haare an den Geweben für die Qualität derselben entscheidend. Kalmükenteppiche werden jene gewirkten Teppiche genannt, welche von den unter russischer Herrschaft in Ostturkestan und im russischen Zentralasien wohnenden Kalmüken erzeugt worden sind. Kalotaszeg, Landstrich in Siebenbürgen, dessen Bewohner sich durch malerische Tracht und kunstvolle Stickereiarbeiten auszeichnen. Hauptort ist Bänffy-Hunyad. Kalpak, die im Orient und von den Ungarn getragene Pelzmütze.
Kambrik—Kammgarnspinnerei. 279 Kambrik s. Cambrik. Kamelgarn, Kämelgarn (franz.: laine filee de Chevron oder fil de Turque, Caramanie; engl.: Mohairgarn; ital.: filo d’Angora oder filo di Capra); die gesponnenen Haare des Kamels, der Angoraziege und anderer asiatischer .Ziegenarten, welche zu verschiedenartigen Textilzwecken Verwendung finden. Kamelhaar, das lange, wollige Haar vom Rücken, Hals und Bauch des gemeinen (einhöckerigen) und des zweihöckerigen Kamels. Es ist je nach dem Alter des Tieres von verschiedener Feinheit, von gelbgrauer bis braungrauer Färbung und wird nach der Feinheit sortiert und versponnen. Das Gewebe aus dem feinen, echten K.-garn liefert den echten Kamlottstotf, der sich durch grosse Leichtigkeit und Weichheit auszeichnet; grobes K.-garn wird zu groben Decken, zu Stricken usw. verarbeitet. Kamelhaarteppiche werden ausser in Heris (s. d.) noch von verschiedenen Wanderstämmen türkischer Herkunft verfertigt, welche sich bis in die Provinz Kendjan und Hamadan südlich von Azerbeidschan verbreiten; sie heissen, nicht sehr langhaarig, in gewöhnlichster Art Chersek. Kamelott, Camelot (franz.), (lat.: camoca, camocatus; [im 16. Jahrh.]: engl.: camlet = Stoff aus Wolle und Seide) ist der Name für verschieden gewebte Stoffe aus Kamel- und Angoraziegenhaar. Der eigentliche K. ist ur¬ sprünglich Leinwandbindung aus Angoragarn, dann aber auch aus gewöhnlichem Kammgarn gewebt, hat in der Kette gezwirnte, im Einschlag einfache Fäden. Unter dem Namen Seiclen-K. kommt ein leichter Gros de Naples vor, bei welchem in der Kette je zwei Fäden von verschiedener Farbe und mit schwacher Drehung zusammengezwirnt sind, während der Einschuss von einer dritten Farbe ist. Der halbseidene K. unterscheidet sich hiervon dadurch, dass der Einschuss statt aus Seide, aus gezwirntem Baumwollgarn besteht. Kamenz, Stadt im Königreich Sachsen: ein bedeutender Industriezweig ist Tuchfabrikation; Dampffärberei. Kamisol (franz. vom mittellat. camisia, Hemd), ein über dem Hemd ge¬ tragenes Wams, Unterjacke. Kamka, im Mittelalter ein persisches oder griechisches Damastgewebe. Kamm, in der Weberei das Rietblatt. Kammertuch, Cambrick oder Cambric, eine niederländische Leinwand, die ursprünglich aus Camerich (Cambrai Cameracum) in den Handel kam; gegenwärtig heisst K. ein feiner Hemdenkattun und auch ein starkes, leinwand¬ artiges Gewebe aus Baumwolle, das unter dem Namen Baumwolltaffet zu Regen¬ schirmen verwendet wird. Kammgarn ist ein Wollgarn, bei dessen Herstellung man durch Kämmen die kurzen Haare ausscheidet und durch wiederholte Streckprozesse eine ge¬ streckte Lage der Haare und eine glatte Oberfläche des Fadens herbeiführt und das zu glatten Stoffen (Merino, Tibet, Kamlott, Wollmusselin, Cheviot usw.) verwendet wird. Das Streichgarn dagegen ist aus den kurzen und feinen, dabei stark gekräuselten, durch Kratzen oder Streichen unter Vermeidung des Streckens und Doublierens vorbereiteten Wollhaaren gesponnen und wird zu fuchartigen Stoffen verwendet. Kammgarnspinnerei. Zum Zwecke des Verspinnens muss die Kamm¬ wolle gleich der Streichwolle zunächst sortiert, dann z. T. durch Klopfen oder im Wolfe aufgelockert und gereinigt, jedenfalls aber immer der Wäsche mit Seife oder dergleichen unterworfen werden, um den Schweiss zu entfernen. Das Wolfen kann bei guten, reinen Wollen, namentlich bei den besseren Losen deutscher Rückenwäsche, unterbleiben. Gefärbt pflegt K. nicht zu werden, ausgenommen in dem Falle, dass man meliertes Garn erzeugen will, wozu die Vermengung verschiedenfarbiger Wollen vor und bei dem Kämmen stattfinden muss. Hierbei kann man entweder die lose Wolle oder den Kammzug in Bobinenform färben. Im übrigen färbt man wieder entweder die Garne oder ■die aus denselben verfertigten Waren. Das Einfetten vor dem Kämmen ist namentlich für die groben, langen Kammwollen allgemein gebräuchlich. Die «ngefettete Wolle spinnt sich nicht ganz so leicht, als gefettete. Es ist gut,
280 Kammgarnstoff—Kanevasstickerei. wenn die Wolle in einem etwas feuchten Raum auf bewahrt wird, wodurch sie sich besser auf den Maschinen bearbeiten lässt; die Feuchtigkeit macht sie geschmeidiger und ersetzt so einigermassen das Fett. Kammgarnstoff, ein aus Kammgarn hergestelltes Gewebe, das im Gegen¬ satz zu den tuchartigen Stoffen die Fadenhindung klar zum Ausdruck bringt und meist aus wertvollerem Fasermaterial erzeugt wird. Kämmlinge (franz.: dechet, engl.: noils). Bezeichnung der kurzen Wollfasern, welche bei der Gewinnung des Kammgarns übrig bleiben und zu Streich¬ garn Verwendung finden. Kammwolle, die zu Kammgarn verwendete Schafwolle; weiterhin jedes Gespinstmaterial, welches zur Herstellung von Kammgarn geeignet ist. Be¬ dingung hierzu ist, dass es lang und schlicht, d. h. möglichst wenig ge¬ kräuselt ist. Kammzug, Handelsbezeichnung für gekämmte Wolle, welche in eigenen Kämmereien hergestellt wird und als Halbfabrikat in Form von lockeren Bän¬ dern mit parallel liegenden Fäden an die Kammgarnspinnereien abgegeben wird und heute einen sehr bedeutenden Handelsartikel bildet; es erzeugen Frank¬ reich 60, Belgien 2, England 50, Deutschland 25 Mill. kg. Kanfu, Ort am Ostgestade des chinesischen Meeres, in welchem die Araber im Mittelalter einen Handelsverkehr mit Seide zustande brachten, der bedeutend war. Hier wurde 795 ein neuer Stapelplatz für überseeischen Seidenverkehr gegründet; 878 fällt er aber der Rachsucht chinesischer Rebellen zum Opfer. Kanevas oder Canevas (franz.), (engl.: canvass, lat.: canevacium), weit¬ maschiges, offenes Gewebe aus Leinen, Halbleinen oder auch nur aus reiner Baumwolle; erstere dienen zur Anfertigung von Leibwäsche, letztere, welche gewöhnlich sehr stark appretiert und geglänzt sind, als Futterstoffe. Locker (gitterartig) gewebte Stoffe dieser Art dienen zur Anfertigung von Fliegen¬ gittern, ähnlich gearbeitete, aber mit dickeren Fäden, werden unter der Be¬ zeichnung Stramin als Grundstoff für Wollstickerei verwendet. Kanevasstickerei ist seit dem romanischen Zeitalter nachweisbar für kirchliche Ausstattungen ; sie wird allgemeiner im 16. Jahrh., als das Kissen und. die Möbelbezüge aus Leder abgelöst werden durch gewebte und gestickte Stoffe; auch Decken und Vorhänge entstehen in gleicher Technik. Die am meisten dafür in Anwendung kommende Stichart ist der Kreuzstich, dessen Art und Weise am ehesten dafür geboten erscheint, sobald man sich darin inner¬ halb der stilgemässen Flächenmusterung bewegt, da der offene, quadratisch ab¬ geteilte Grund das Abzählen der Fäden für das dem einzelnen Stich zustehende Viereck ohne Weiteres ermöglicht. Auch der halbe Kreuzstich — sogenannter petit-point-Stich — findet schon im 13. Jahrhundert auf feiner geteiltem Grundstoffe Aufnahme. — Die Musterung in der K. bewegt sich zunächst in geometrischen Figuren; erst im Anfänge des 16. Jahrhunderts, als noch spät¬ gotische Formen das Gebiet der Kunststickerei beherrschen, werden Tisch¬ decken in freierer Linienführung gemustert: Blütenranken, Tiere und figürliche Darstellungen in strenger Stilisierung sind in farbiger Wolle, auch mit etwas Seide, in breiten Flächen auf ausgefülltem Grunde ausgeführt, wobei der Flechtenstich abwechselnd auftritt. (Abb. 144.) Wie die Leinendecken mit ähnlichen Mustern zu gleicher Zeit besonders in der Schweiz gebräuchlich waren, so sind auch diese Kanevasstickereien gleicher Herkunft. Gute vor¬ bildliche Straminarbeiten, wie man die K. noch zu bezeichnen pflegt, werden zur Zeit der Spätrenaissance bis zum Anfänge des 18. Jahrhunderts im Süd¬ deutschen in farbiger AVolle, auf weissem oder rot ausgefülltem Grunde her¬ gestellt, deren Muster im Stile der Zeit aus Band- und gerolltem Blattwerk bestehen. (Abb. 145 u. 146.) Einen besonderen Reiz erhalten derartige Ar¬ beiten, wenn diese Musterung zwischen verschieden gefüllten Grundflächen in Seide und mit Anwendung von Goldfäden ausgeführt ist. (Abb. 147.) Im Bereiche der Technik und des gegebenen Materials liegen auch noch die etwas später vorkommenden sogenannten geflammten Muster aus bunten, ineinander
281 Kanevasstickerei Abb. 144. Abb. 145. Abb. 146.
Kanevasstickerei. 282 Abb 147. greifenden Palmettenformen (Abb. 148) und Streifen; bald aber geht man im 18. Jahrh. davon aus, die Kanevasstickerei für plastisch hervortretende Muster (Abb. 149) anzuwenden, was sich von bunt schattierten grossen Blumen und Früchten bis zu landschaftlichen und figürlichen Darstellungen, im Stile der gewirkten Wandteppiche steigert, so dass Arbeiten entstehen, welche im 19. Jahrh. als Handfertigkeiten des UnAbb. 148. gesckmackes bezeichnet werden müssen, die auf dem weiten Gebiete der Flächenmusterung innerhalb häus¬ licher Kunstpflege viel Unheil angerichtet haben. Seit dem Ende des 18. Jahrhunderts wurden auch Glas¬ perlen für die Kanevasstickerei verwendet. Abb. 149. 144. Darstellung nach einer Photographie im Kunsthaudel: Tischdecke, Stickerei auf Segeltuch (Kanevas) in farbiger Wolle im Kreuz- und Flechtenstich: In Mitte Rund¬ bild in Umrahmung von stilisiertem Rankenwerk mit spät¬ gotischen Blüten; dazwischen springende Tiere. Am Rande Darstellung der zwölf Monate. Schweiz 16. Jahrh. 145. Originalaufuahme aus dem Königl. Landes¬ gewerbemuseum in Stuttgart: Stickerei auf Kanevas in farbiger Wolle im Kreuzstich in Bunt auf weissgefülltem Grunde: Reihenweis versetztes Muster aus gerolltem Blattwerk, das ineinander verbunden ist. Süddeutschland um 1700.
Kante—Kardieren. 283 146. Originalaufnahme wie vorher: Stickerei auf Kanevas in farbiger Wolle im Kreuzstich in Bunt auf weissgefülltem Grunde: Muster aus volutenartig geschwungenen Bändern mit Blattwerk, welche durch Knäufe verbunden sind und herzförmige Felder bilden. Süddeutschland um 1700. 147. Darstellung aus: Heiden, Musteratlas, Leipzig 1896. Blatt 77: Aufsteigende Borte, Stickerei auf Kanevas in violetter Seide und Gold im Kreuz- und petit-pointStich: Pilasterartiger Aufbau aus gerolltem Blattwerk, das durch Knäufe verbunden und in den Grundflächen verschiedenartig gemustert ist. Süddeutschland Anfang 18. Jahrh. 148. Originalaufnahme aus dem Königl. Landesgewerbemuseum in Stuttgart: Stickerei auf Kanevas in farbiger Wolle im Kreuzstich- Ineinandergreifende Blüten¬ palmetten , deren innere Flächen flammig schattiert sind. Süddeutschland Anfang 18. Jahrh. 149. Originalaufnahme wie vorher: Stickerei auf Kanevas in farbiger Wolle im Kreuzstich: Darstellung einer Borte aus hängenden Quasten. Süddeutschland Anfang 18. Jahrh. Kante, Rand, Saum, Besatz eines Kleidungsstückes, im Niederdeutschen namentlich für gehäkelte, geklöppelte u. dergl. Besätze gebräuchlich und daher auf Spitzen im allgemeinen übertragen; auch im Holländischen und Vlämischen heisst die Spitze Kant. In der Weberei auch so viel wie Leiste = Webekante. Kanter s. V. w. Spulengestell. Kantille s. Bouillon. Kanton (Canton), Hauptstadt der chinesischen Südprovinz Kw'ang-tung, ist im 4. Jahrh. das Ziel persischer Seefahrer für überseeischen Seidenverkehr, der bis zum Jahre 795 dauert. K. ist heute Hauptsitz der chinesischen Seiden¬ weberei und -Stickerei, Baumwollweberei, -färberei und ihrer Nebengewerbe. Kan-tschen, Ort im Westen Chinas, der im Mittelalter durch Seiden¬ handel sehr bedeutend ist. Kapelle s. Capelle. Kappenleinwand, eine leicht gewehte dünne flächsene Leinwand, in welche die Tuchhändler ihre Ware einschlagen (Wandkappen), um sie vor Staub zu schützen. Kappnaht s. Uebernaht. Kapuze (mittellat.: caputium), eine am Mantel oder Schulterkragen be¬ festigte Haube, gab dem Orden der Kapuziner den Namen. Karadagh, Distrikt der persischen Provinz Azerbeidschan, deren Haupt¬ stadt Täbris (das alte Tauris) ist: Erzeugung von Knüpf- und Wirkteppichen gleichen Namens. Ihre Wolle ist unrein, vielfach mit Kamel- und Ziegen¬ haar, sowie anderen Fasern vermischt. In den Farben ist rosa charakteristisch, die Grundfarbe ist die des Kamelhaares (s. Teppiche). Karamani, eine Art Kilimteppich, der in Ivaraman (Stadt in der Türkei) erzeugt wird. Karankas ist ein schwerer und weicher Seidenstoff aus Ostindien, mit broschierten, goldenen, silbernen und bunten Blumen auf Atlasgrund; derzeit wird er nur in der Levante und Amerika ahgesetzt. Karbonisierverfahren wird angewandt, um mit Hilfe von Säuren wieder¬ gewonnene Fasern des Seidenshoddy, sowie der Kunstwolle zu erhalten, d. h. auch entkletten von den pflanzlichen Bestandteilen. Es wird also bei Seiden¬ shoddy alles, was nicht Seide ist, deshydratiert, d. h. in Kohle verwandelt und dadurch spröde gemacht, um dann leicht zerrieben und entfernt werden zu können. Kardendistel, Karden, Weherdisteln, sind die stachligen Blütenköpfe eines skabiosenartigen Gewächses (Dipsacus fullonum), welches im südlichen Europa einheimisch ist. Karden sind von der Grösse und Gestalt eines Hühner¬ eies und mit hai’ten, in gekrümmte Borsten übergehenden Spreublättchen besetzt und kommen getrocknet im Handel vor. Die Tuchbereiter gebrauchen die Karden zum Rauhen oder Auflockern des gewalkten Tuches. Kardieren, von Karde (Kardendistel), eine dem Wollkrempeln ähnliche Einrichtung; sie bewirkt ein weiteres Auf lockern und Parallellegen der Fasern.
284 Kardinaltuch—Kaschmir. Kardinaltuch, ein für die höhere katholische Geistlichkeit in Aachen (s. d.) hergestelltes rotes Tuch. Kardusgarn nennt man in einigen Gegenden einen starken Hanfzwirn. Kareien, kammwollenen Zeugen dadurch eine glatte Oberfläche geben, dass man die Haare absengt. Karkassendraht, Haubendraht, ein mit ungezwirnter Seide besponnener und ganz bedeckter schwacher Draht. Durch das Bespinnen mit weisser Seide eignet er sich zum Gebrauch für weiblichen Kopfputz; man fertigt daraus die sogenannten eigentlichen Karkassen, welche als Unterlage der Hauben ge¬ braucht werden. Karrel op Karrel, Karreldoek, Klaverdoek Karltuch, ist die zweite Haupt¬ gattung der holländischen Segelleinwand. Karrierte Stoffe sind verschiedenartige Gewebe mit gewürfelten Mustern. Kars, Stadt in Kaukasien: Weberei grober wollener Zeuge, Herstellung von Teppichen und Filzen. Karschi, das alte Nachscheb, Stadt in Zentralasien: Fabrikation von Wollwaren und Teppichen; Handel mit Seidenstoffen. Karte, an der Jacquardmaschine ein an gewissen Stellen durchlöcherter Streifen Pappe, welcher das regelmässig abwechselnde Heben der Kettfäden bewirkt. Kartecken, der, im Mittelalter ein tuchartiger Stoff. Kas, eine wild wachsende Baumwollsorte in Nubien. Kasak -—- im engeren Sinne Karabak — heissen kaukasische Knüpf¬ teppiche, — sie haben im Grunde gewöhnlich mehrere grössere Felder, bei denen sich als Muster eine Figur wiederholt, die zwei mit dem Rücken an¬ einandergestellten runden Doppelhaken am meisten ähnlich sieht. Kaschan, Stadt in der pers. Prov. Irak-Adschemi: Erzeugung seidener Knüpfteppiche mit baumwollenem Einschlag. Kaschgar, Stadt in China: Bedeutende Fabrikation von Gold- und Silber¬ stoffen ; Leinen, Baumwolle, Teppiche und Seidenzeuge. Kaschkai, Provinz in Persien: Erzeugung von Knüpfteppichen, die im Handel Kirmanschah oder Schiraz, wohl auch Mekka genannt werden. Sie kommen in verschiedenen Qualitäten und Mustern vor und sind stets ganz in Wolle gearbeitet. Ausser der Charakteristik des einheitlichen Webstoffes und der phantastischen Zeichnung ist der seidenartige Glanz bemerkenswert; auch wird ihre echt persische Färbung gerühmt. Die verschiedenen Namen dieser Art von Teppichen sind, wie das vielfach der Fall ist, dem internationalen Handel zuzuschreiben: sie kommen von den Oertlichkeiten, über welche sie in das Ausland gehen, sind also nur Handelsbezeichnung. Bei den Kaschkaiteppichen ist dies um so erklärlicher, als das Produktionsgebiet ein sehr aus¬ gedehntes ist. Hinsichtlich der Bezeichnungen des K.-Teppichs ist zu er¬ wähnen, dass die Händler, schon nach dem Format derselben, diejenigen, welche länger und schmäler sind, als Kirmanschah, wenn kürzer und breiter, als Schiraz bezeichnen. Bis zum Jahre 1850 hat man in Schiraz tatsächlich die schönsten persischen Teppiche geknüpft; sie wurden schon zur Renaissancezeit für die Person des Herrschers oder als Geschenke für Würdenträger gefertigt. Noch heute gilt in Persien der K.-Teppich als eines der schönsten Erzeugnisse dortiger Teppichindustrie. Als typische Musterung der K.-Teppiche ist zu¬ nächst das Aschkali-Muster zu nennen. Es besteht aus primitiv aufgefassten Pflanzen- und Tierbildern neben geometrischen Elementen und streng stilisierten Ranken. Die Einzelbilder sind vor allem die Cypresse (Selw), welche zwischen Rauten und Zacken steht; Bilder aus dem Tierreich, welche dazwischen Vor¬ kommen, ist das Kamel (Schutur), der Vogel (Murgli), der Hund (Tazi) und das Pferd (Esp.). Das Bortenmuster des Kaschkai-Teppichs besteht aus Acht¬ ecken, welche mit Haken gerändert sind. Ein zweites Muster dieser Gattung von persischen Knüpfteppichen ist das sogen. Palmwipfelmuster. (Vgl. Tafel Teppiche.) Kaschmir, Staat in Ostindien unter Britischer Oberhoheit: Die Industrie
Kaschmiratlas—Kaukasische Teppiche. 285 ist namentlich berühmt durch die Verfertigung der vorzüglichen Kaschmir shawls (s. d.). Die Teppicherzeugung ist heruntergekommen durch eingeführte europäische Shawlmuster. Kaschmiratlas ist ein geschmeidiges und glänzendes Wollengewebe als Kleiderstoff: Kette und Schuss aus Kammwolle, wovon der Schuss feiner und schwächer gedreht und auf der Rechtseite flott liegt. Kaschmiret, ein tuchartiger geköperter Stoff, der in der Kette aus Florett¬ seide, im Einschlag aus Streichwolle besteht. Kaschmirmusselin, Wollenmusselin (franz.: mousseline de laine), ist aus feinem und schwach gedrehtem Kettengarn, wird locker gewebt und ist daher weich. Kaschmirshawls (franz. cachemire, engl, cashmere), werden teils aus den Haaren der feinhaarigen Kashmirziegen, teils aus dem Unterhaar der wilden Ziegen Tibets gewebt und farbig gestickt; der Hauptmarkt dafür ist Amritsar (s. d.), von wo aus auch unechte in Mengen in den Handel kommen. Die Kaschmirwolle wird auch zu indischen Shawls verarbeitet. Kashmi ratlas ist Wollenatlas, Ka s hmir mu s s e 1 ine = Mousseline de laine oder Wollen¬ musselin. (S. Shawls.) Kaschmirwolle (persische oder tibetanische Ziegenwolle), ist das feine, wollige Flaumenhaar der Ziegen von Kaschmir und Kaschmara; sie kommt in weisser, grauer und bräunlicher Farbe in den Handel und ihr Name dient auch als Stoffbezeichnung. Kasemir, Kasimir, veraltete Bezeichnung für feine Schafwollgewebe von tuchartiger Beschaffenheit, welche geköpert und nicht gerauht sind, so dass der Köper sichtbar bleibt. Besteht die Kette aus Kammgarn und der Ein¬ schlag aus Streichgarn, so ist das Gewebe einfacher K.; die Doppel- oder ge¬ strichenen K. sind ganz aus Streichwolle gewebt und wie Tuch gewalkt. Man variiert gegenwärtig die K. durch Einmischen von Baumwolle und Leinen und gibt diesen Geweben sehr verschiedene Bezeichnungen: z. B. Circassienne, Cassinet usw. Sie dienen hauptsächlich zur Anfertigung von Sommerkleidern. Kassel, Hauptort der preuss. Prov. Hessen-Nassau, Jutespinnerei und -Weberei. Kassinet s. Cassinet. Kastor s. Castortuch. Kaswin (Kazwin), Stadt in Persien: Brokat-, Sammet- und Baumwoll¬ webereien. Kätscher, Stadt im preuss. Keg.-Bezirk Oppeln: Woll-, Leinen- und Plüschweberei. Kattun (aus dem italienischen cotone, das vom arabischen Koton, d. i. Baumwolle, abstammt), leinwandbindig, aus ungefärbtem Baumwollgarn gewebt, welcher hauptsächlich für den Druck bestimmt ist, zum geringeren Teile weiss, als Shirting, Nessel und Futterleinwand oder auch einfarbig als Futterkattun in den Handel kommt. Auch andere glatte, etwas steif und glänzend appre¬ tierte Baumwollzeuge, wie Kittay, Nanking, Perkal, nennt man bisweilen K. K. im engeren Sinne heissen in Frankreich Indienne, im englischen Kaliko. Durch ein besonderes Appreturverfahren, das Gaufrieren, erhält man die moirierten, geköperten und klein gemusterten Futter- und Möbelkattune, sowie die mit verschiedenen Mustern versehenen, stark appretierten Buchbinderkattune. Feine K. mit fünf- oder mehrfarbigen Mustern auf weissem oder hellfarbigem Grund wurden früher Zitze genannt. Die Kattunfabrikation ist einer der wichtigsten Industriezweige in England, Deutschland, Frankreich und der Schweiz. Katze, in der Weberei der Fadenführer am Scherrahmen. Kaufbeuren, Stadt im bayr. Reg.-Bez. Schwaben: Baumwollspinnerei und Weberei (800 Arbeiter). Kaukasische Teppiche werden allgemein im Handel Daghestan genannt (s. d.), trotzdem auch ausserhalb dieser Provinz in den verschiedensten Gegen¬ den des Kaukasus Teppiche erzeugt werden, welche alle ihre eigene Benennung
286 Kautschukgewebe—Kempten. haben. Es gibt ganz wollene und halbwollene K. Teppiche; sie sind meist niedrig geknüpft und durch lebhaftes Farbenspiel ausgezeichnet. Bezüglich der Musterung bieten die K. ein sehr mannigfaltiges Bild, besonders gegen¬ über den persischen; trotzdem ist man imstande, bestimmte ornamentale Gruppen scharf yon einander zu trennen. In der Regel kommen geometrische oder doch geometrisch stilisierte Pflanzenmotive vor, die dann in der buntesten Weise abwechseln. Die Raumteilung geschieht anstatt durch fortlaufende Ranken häufig durch vielseitige geometrische Felder, in und zwischen denen die kleinen Füllmotive zerstreut sind. Eine einfachere Art der Raumteilung zerlegt die Innenfläche entweder in ein Netz von Rauten oder in schmale Längsstreifen, in denen lose nebeneinander gereiht die Einzelmotive in reicher Abwechselung angebracht sind. Eine weitere Eigentümlichkeit der kaukasischen Teppiche ist die Neigung, Menschen- oder Tierfiguren anzubringen, und zwar nicht die historischen Tiere des persischen Teppichs (Löwen, Stiere u. dgl.) sondern einfache Haustiere, wie Pferde und Ziegen, natürlich in strenger geo¬ metrischer Stilisierung. Nach der geographischen Lage am nördlichen und südlichen Abhange der Hauptkette des Kaukasus werden die K. Teppiche in jene von Ciskaukasien oder Daghestan und in jene von Transkaukasien ein¬ geteilt, welche in die grossen Abteilungen der Karabagh und Shirwan zer¬ fallen. Jede dieser Gattungen zerfällt wieder in mehrere Unterabteilungen, die nach den Erzeugungsorten benannt, deren Merkmale aber nicht immer genau festzustellen sind. Zu den Karabagh’s gehöx-en die aus Gendsche, Kasak und Lesghi, zu den Shirwans werden gezählt die aus Baku, Mogan, Tschetschen, Karbistan. Zu den Daghestans gehören: jene aus Dei’bent und Kuba. Die Sumakhteppiche (s. d.), auch zu der kaukasischen Hauptgruppe gehörig, sind broschierte Gewebe; es sind dahin auch die Yerne’s zu rechnen. Derselben Gattung gehören an die aus Schede und Sile. (Ygl. Tafel Teppiche.) Kautschukgewebe, s. Elastiks. Kaysersberg, Stadt im Eisass: Baumwollspinnereien und -Weberei. Kebes sind wollene Bettdecken aus Rumelien, welche teils in Plüsch oder ungeplüscht gewebt werden. Kedis, leinwandartige, einfache stai’ke Baumwollstoffe aus dem Orient, welche zix Hemden, Unterfutter usw. gebraucht werden. Kegelstuhl, durch das Jaccpiarclgetriebe verdrängter Webstuhl zur Her¬ stellung von gemusterten Stoffen, bei dem die Kettenfäden durch Ziehen mit der Hand an den sogen. Kegelschnüren gehoben werden. Kelchtuch, Kelchdecke, Kelchpalla, ursprünglich nur der eine, beim Zusammenlegen nach innen kommende Zipfel des Corporale, darum filiola genannt; später aber (etwa von 1400 ab) ein selbständiges Leinentuch, auch Schweisstuch, das zur Bedeckung des Kelches und der Patene dient, welches anfangs nur am Rand fingerbreit rot bestickt sein durfte. Nach 1560 wurde gestattet, das K. mit Seide in Farbe des Messgewandes zu übei-ziehen. Kelch¬ tücher der Renaissancezeit haben in ihren verschiedenartigen Stickei’eien auf Leinen und Seide einen gi’ossen Schatz beachtenswerter Muster aufzuweisen, welche der neueren Zeit auch für profane Zwecke viel Anregung gegebexx haben. Yor allem ist die instruktive Einteilung des Mittelfeldes mit Ecken, mittleren Zwischenteilen auf verschiedenartig hennngeführten Borten für kleinere und grössere Tischdecken des gewöhnlichen Gebrauches jenen älteren Beispielen nachgeahmt. Auch die verschiedenartigsten Besatzborten in genähten oder ge¬ klöppelten Spitzen sind daher übernommen. Kelt, ein in Schottland aus schwarzer Wolle gewebter Friesstoff. Kemeas, ostindische seidene Taffete mit Blumen. Kempen in Rheinland, preuss. Stadt im Reg.-Bez. Düsseldorf: Fabri¬ kation von Seiden-, Sammet-, Woll- und Baumwollzeugen (3 Webereien). Kempten, Stadt im bayr. Reg.-Bez. Schwaben. In K. und der nächsten Umgebung besteht eine lebhafte Industrie, besonders mechan. Baumwollspinnerei und -Weberei (3 Aktiengesellschaften mit je 45—52 000 Spindeln und 1000 bis 1200 Webstühlen), Zwirnerei, Bunt- und Leinenweberei.
Kenari—Kettenstich. 287 Kenari heissen in Persien clie zwei schmalen langen Laufteppiche, welche sich im dortigen Wohnraum an den Seitenwänden bis zum Eingänge hinziehen. Kendal-cottons, grobe Wollenstoffe zu Matrosenjacken und zur Neger¬ kleidung, die zu Kendale in Westmoreland gemacht werden. Der Name Cottons scheint eine Verstümmelung von Coating zu sein. Kennet, grobes englisches Tuch, das in Wales gemacht wird. Kentings, eine Gattung dünn und durchsichtig gewebter schlesischer Flachsleinen, welche früher in Mengen nach England gingen, jetzt aber dui'ch die irische Leinwand verdrängt worden sind. Kentucky Jeans, ein halbwollener geköperter Stoff, den Cassinets ähnlich aber gröber, der in England gewebt wird. Keper, Gewebe, s. Köper. Kerman oder Kirman, im Altertum Karmania, Stadt in Persien: man verfertigt Seidenstoffe, namentlich Atlas, Shawls aus Schafwolle und besonders aus Ziegenhaar, Wolldecken und Teppiche. Kermis sind ostindische Schnupftücher. Kerntuch, eine der besseren Sorten märkischer oder brandenburgischer Tuche, welches aus guter Kernwolle (Sommer- und Winterwolle durcheinander) mit rechts gedrehten Kett- und links gedrehten Einschlagfäden gewebt wird. Kersey (engl.) oder Kirsey, ein tuchartiger Stoff aus grober Wolle zu Mänteln. Da hei demselben der Wärmeschutz die Hauptsache ist, wird er lose gewebt, stark gerauht, aber nur wenig oder gar nicht geschert. Statt Wolle wird neuerdings auch anderes Material, besonders Kuhhaar benutzt. Der Name stammt von dem Ort K. in der Grafschaft Kent. Kersymire, im engl. Handel gedruckte Wollenstoffe. Kesmärk, Stadt in Ungarn: Kunstwehereischule; ferner Tuchweberei, Leinwandweberei und -handel, sowie Flachsbau. Kestenholz (franz.: Chätenois), Dorf in Untereisass: Fabrikation von Baumwoll-, Woll- und Seidenstoffen. Ketsches, leichte Wollfilze in der Krim, zur Verpackung der Wolle und als Zeltbekleidung. Kette ist das Fadensystem, welches auf dem Webstuhl mit dem Schuss zu einem Gewebe durch Kreuzung verbunden wird. Kettenbaum, hölzerner am Webstuhl, der den Aufzug oder die Kette für das herzustellende Gewebe enthält. Kettendruck ist eine Abart des Zeugdruckes, bei welchem die passend verdickten Farben mittels Maschinen auf die Ketten ein- oder mehrfarbig aufgedruckt werden. Die bedruckte Kette wird mit weissem, farbigem oder auch bedrucktem Garn verwebt, wodurch solche Effekte erzielt werden, wie sie durch normale Buntweberei nicht oder nur schwer zu erreichen sind. Das Verfahren des K. ist in Seidenstoffen zur Mitte des 18. Jahrh. nachweisbar; eine aus¬ giebige Verwendung findet es in der Anfertigung Brüsseler Teppiche. Kettengaze s. Gaze. Kettengranit wird öfter als der Schussgranit angewendet und zu Lang¬ streifen, wobei eine bedeutende Kettendichte vorhanden sein muss, da der Ein¬ schlag nicht sichtbar werden darf. Benützt man den K. als Grundbindung, so entsteht ein quer geripptes Gewebe. Kettenknötchenstich besteht aus einzeln gearbeiteten Kettenstichen, die eine dem gewundenen Knötchenstich ähnliche Wirkung hervorrufen; er dient gleich diesem zur Füllung kleiner Flächen, (s. Stickerei.) Kettenrips hat neben 1, 2, 3 oder 4 einfachen Fäden einen 2-, 3- oder 4fachen Faden, welcher durch seine Stärke mehr als die einfachen Fäden heraustritt und eine Rippe in der Warenlänge herstellt. Die Schussfäden haben einerlei Stärke. Kettenstich entsteht in der Stickerei durch Fadenschlingen, in welche hinein die Nadel zum nächsten Stich wieder an die Ausgangsstelle zurück¬ geführt und so ein Verketten der Schleifen gebildet wird (s. Stickerei).
Kettwig—Kiew. 288 Kettwig, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Düsseldorf: Woll- und Kammgarn¬ spinnerei, ansehnliche Tuch- und Zanellafabrikation, sowie Färberei. Khabb-i-bulend, persische Bezeichnung für langhaarige Knüpfteppiche, wozu die Erzeugnisse aus der Gegend von Schiraz (Kaschkai), Hamadan, Zendjan, Khorassan und die zentralasiatischen gehören. Khabb-i-kutah heissen in Persien kurzhaarige Knüpfteppiche; hierzu gehören diejenigen aus: Ferahan, Serabend, Kurdistan, Gherus, Khain und Biredschend; dann die turkmenischen (Tekke und Yomud), sowie die feinsten Khiva- und afghanischen Teppiche. Zu den bestgeschorenen gehören die Kurdistan-T. (Senne und Gherus), Kirman und Turkmenen. Khain, Distrikt in der persischen Provinz Khorassan: Erzeugung von Teppichen mit grellen, unangenehm wirkenden, vielfach unechten Farben, welche der Dauerhaftigkeit entbehren. Hier werden auch Filzteppiche gemacht, die zu den feinsten und teuersten Sorten gehöi'en. Khaki (pers., d. h. staub- oder erdfarbig), der Stoff xxnd die Farbe (ursprüng¬ lich nur diese) der in den Tropenländern benutzten graugelben Unifoi'men. Khali (Khalitsche), persische Bezeichnxxng für einen Teppich, welcher 2 m lang und 8 m breit ist. Dazxx gehören besonders die Bokhara und turkmenischen T., sowie alle über die genannten Grössen hinausreichenden T. Eine Grenze ist dabei durch die einfache Ai't der Technik gezogen, so dass die meisten persischen Teppiche zwar nach Belieben lang, aber nur mit grosser Schwiei’igkeit sehr bi-eit gemacht werden können. Kharput, Stadt in der Türkei: Teppicherzeugung. Khersek, persische Bezeichnung für zottige xxnd schwere Teppiche. Khi-lin (chinesisch), phantastische Tierfigur, welche den Leib vom Hirsch, den Schweif vom Ochsen und ein Horn hat. Khiwa, Khiva, Khanat in Turkestan (Zentralasien): Erzeugung von Knüpfteppichen, welche sich im Muster an die Turkmenen anlehnen; sie werden axich Afghanen genannt. Khorassan oder Chorasan, persische Gebirgslandschaft im östlichen Iran mit der Haxxptstadt Meschhed: Ehemals Erzeugung sehr guter alter Teppiche mit Tierfiguren xxnd ein dem Heratimuster verwandtem Grunddessin; auch das Palmwipfelmuster (s. d.) ist darin vertretexx. Die alten K.-Teppiche sind meist in Blau und Hellrot gehalten; der moderne Geschmack wendet sich entweder den hergebrachten geometrisch-vegetabilischen oder grossblumigen Mustern zxx. Khotan, Stadt in der chinesischen Provinz Thianschau-nanlu (Ostkurdistan) am Khotanfluss, wohin im 4. Jahrh., als K. noch nicht zu China gehöi'te, durch eine chinesische Prinzessin die Raupeneier des Maulbeerspinners überführt worden sind, deren Axisfuhr aus China bei Todesstrafe verboten war. Dieses Ei'eignis ist für die Entwicklung der Seidenkultur von Bedeutung, weil sich von K. aus die Seidenzucht allmählich über Zentralasien und von hier nach Europa vei’breitete. Es wird angenommen, dass die beiden Persei', angeblich Mönche vom Oi'den des heil. Basileus, für Kaiser Justinian (s. Byzanz) im Jahre 552 die Raupeneier aus K. brachten. Kiangsu, im chines. Depart. Kiang-nin-fu (Nankin): erzeugt broschierte und fassonierte Seidengewebe besonderer Ai't. Kichorkay ist die Bezeichnung für gewisse ostindische Baumwollzeuge, die aus Bengalen in den Handel gebracht werden. Kidderminster, Stadt in der englischen Grafschaft Worcester: Berühmte Teppichfabi’ikation. Diese Teppiche, die Kiddenninsterkarpets oder kurz K. genannt, haben ähnlich dem Doppelflanell, zwei Ketten, die beim Kreuzen mit dem Schuss ihre Stelle austauschen. Die Kreuzung ist Leinwandbindung, so dass die Stellen, die auf der einen Seite des Gewebes die Effekte, Figuren u. s. w. zum Vorschein kommen lassen, auf der anderen Seite den Grund bilden. Doch werden jetzt in K. hauptsächlich Brüsseler Teppiche hergestellt. Kiew, Hauptstadt im gleichnamigen russischen Gouveimement: soll bereits im 6. und 7. Jahrh. ein Stapelplatz für orientalische und byzantinische Gewebe gewesen sein.
289 Kilim—Kirchliche Stoffmuster. Kilim ist die allgemeine Bezeichnung für jene Wand- oder Fussdecken, deren Herstellung in farbiger Wolle auf hoch- oder auch wagerechtstehender Kette die einfachste Art der Wirkerei darstellt und deren Technik seit den ältesten Zeiten bei allen Völkern als der erste Anfang textiler Kunstfertigkeit angetroffen wird. Am meisten verbreitet ist der K. bei den Nomadenvölkern des Orients, da er ihnen als Zeltbehang ein steter Begleiter sein muss; doch kommt er als einfaches Dekorationsstück auch im Südslawischen, in Serbien, Bulgarien, Buthenen und Bumänien vor. Wie A. Biegl, „Altorientalische Teppiche“, Leipzig 1891, mitteilt, wird uns aus dem Altertum von Zeugen aus der Wolle der kilikischen Ziegen berichtet, die man cilicia (Kilikia) nannte, und es wäre nicht unwahrscheinlich, dass hiernach der K. benannt ist. Die Musterung der gröberen Kilims, welche sich in Europa für Portieren u. dergl. grosser Beliebtheit erfreuen, besteht gewöhnlich aus bunten Streifen, welche zackig abgesetzte geometrische Felder enthalten, deren einzelne Teile durch schlitzartige Oeffnungen getrennt sind, weil die Farben nicht ineinander gezogen, sondern an bestimmten Kettfäden hin und her geführt werden, wodurch eine doppelseitige Arbeit entsteht. Die stärksten und festesten K.s sind die der turkmenischen Nomaden und die baumwollenen von Yed; die feinsten kommen in Schuschter und Kurdistan vor. Letztere enthalten alle Arten von stilisierten Blumen- und anderen Mustern, welche an die schönsten antiken Wirkereien erinnern, die aus ägyptischen Gräbern kommen. Kis-kilims (Frauenarbeit oder Mädchenteppich) heissen Teppiche oben beschriebener Art, welche in Syrien von den jungen Mädchen für ihre Aussteuer gewirkt werden, in die sie zur Erinnerung eigene Haare flechten. Kilimki s. v. w. Kilim (s. d.). Kilmarnock, Stadt in der schottischen Grafschaft Ayr: Teppichweberei, Fabrikation wollener ~Shawls. Kimka (Kim-chä), unter diesem Namen kam aus China lange Zeit hin¬ durch ein damastartiges Gewebe in den Handel, das später sowohl in persischen und bagdadischen, wie alexandrinischen und griechischen Manufakturen mit vielem Geschick nachgeahmt wurde und sich im Abendlande grossen Verbrauchs erfreute. Als Camocato gelangte K. nach West-, als Kamka nach Osteuropa, namentlich Bussland. Seiner Webart nach scheint dieser Stoff am ehesten mit Atlas verwandt gewesen zu sein. Kinik, türkische Baumwollsorte. Kinishem, Kinishemski, sind russische gewöhnliche Zwilliche; gemustert sind sie die geringste Sorte der russischen Serviettenleinen. Kinkale, ostindische Seidenzeuge, eine Art leichter, mit Goldfäden, Lahn und Seide broschierter Atlas aus Surate, die in Asien sehr gesucht sind. Kinkob sind indische Gewebe mit reicher Verwendung von Metallfäden. Kioto, Stadt in Japan auf der Insel Honshiu oder Hondo: die erste Industriestadt in Japan, besonders durch Seidenindustrie. (Vgl. Japan.) Kio-tonan, eine Art chinesischer damaszierter Atlas. Kirchberg in Sachsen, Stadt im sächsischen Kreis Zwickau: Streickgarnund Kunstwollspinnerei, Wollwäschereien, Walkereien, Fabrikation von Tuch und Wollzeug. Kirchen, Dorf im preuss. Beg.-Bez. Koblenz: Baumwoll- und Kunstwoll¬ spinnerei. Kirchenfahne s. Fahne. Kirchenspitzen werden nach ihrer Verwendung für den Altarbehang oder für die Gewandung des katholischen Geistlichen (meistens an der Alba) benannt. Es wurden in alter Zeit besonders solche in Nadel- und Klöppelarbeit ver¬ wandt, welche durch ihre gröbere Technik weithin sichtbare Muster enthielten. Kirchliche Stoffmuster sind aus älterer Zeit nur vereinzelt nachzuweisen. Erst gegen Ende des 13. Jahrh. kommen sarazenische Gewebe vor, auf welchen Darstellungen vorhanden sind, deren Inhalt man mit den Psalmen Davids, welche auch vom Islam übernommen wurden, in Uebereinstimmung zu bringen sucht. Oft wiederkehrend ist die Musterung in Gold und roter Seide Heiden, Handwörterbuch der Textilkunde. 19
290 Kirchliche Stoffmuster. oder in Grün auf rotem Grunde mit den Buchstaben Y und S (als Abkürzung von Jesus Salvator), die in Reihen abwechselnd um einen Pfau und um einen Abb. 150. Abb. 151. springenden Panther geschlungen sind. (Vgl. die Abb. auf Tafel III.) Etwas später entstanden sind die Stoffmuster mit dem zur Sonne schreienden Hirsch, das
Kirchliche Stoffmuster. 291 sogen. Schwalbenmuster mit den im Neste liegenden Jungen (Abb. 150), und viele andere, welchen eine Bedeutung im biblischen Sinne nicht abgesprochen werden kann. Im 15. Jahrh. werden in Italien die Gewebemuster mit Dar¬ stellungen aus der christlichen Legende allgemeiner, selbst die Personen Christi (Abb. 151) und der Jungfrau Maria (Abb. 152) werden bildlich wiedergegeben. Hierher gehören auch die bekannten Stoffe gleicher Zeit mit der streifen¬ förmig angeordneten Wiedergabe der Verkündigung, sowie das in einigen Sammlungen vorhandene leichte Seidengewebe mit einem Muster aus reihen¬ weis wechselnden schwebenden Engelsfiguren, welche Opfergeräte oder die Leidenswerkzeuge Christi tragen. Noch im 16. Jahrh. werden, besonders in Florenz, die Aufsatzborten für Kasein und Chormäntel mit Darstellungen der Abb. 152. Himmelfahrt Mariä, der Grablegung Christi u. s. w. gewebt; dann aber ver¬ lieren sich kirchliche Muster in der Weberei vollständig, weil die Stickerei dafür sorgt; auch nimmt man Stoffe des gewöhnlichen Gebrauchs und zer¬ schneidet sie für Kirchengewänder. Im 18. Jahrh. ist es Sitte, dass die Braut¬ kleider aus reich gemusterten Seidenstoffen der Kirche gestiftet werden und aus diesen fertigt man Chormäntel, Kasein und dazu gehörige Ornatstücke. Am Anfänge des 19. Jahrh. entstehen am Rhein eigene Werkstätten, welche abgepasste Muster für die Zwecke der katholischen Kirche hersteilen und aus solchen Ueberlieferungen hat sich in neuester Zeit, besonders in Krefeld und Köln eine eigene Industrie für Kirchenparamentik entwickelt. (S. Kirchen¬ werkstätten.) Abbildungen: 150. Darstellung aus: Katalog der Gewebesammlung des Germanischen National¬ museums in Nürnberg; ebd. 1896: Seidenbrokat, Grund rot, Muster Gold und etwas
292 Kirchliche Wirk- und Stickmuster. Weiss, reihenweis geordnet: Junge Schwalben im Neste, denen die Alte einen auf einem Zweig sitzenden Schmetterling fangen will; dazwischen Eichenzweige und Wolken in Strahlen. Italien 15. Jahrh. 151. Darstellung aus gleichem Werk: Seidenbrokat, Grund rot, Muster Gold mit etwas Grün: Christus und die Jungfrau im Garten. Italien 15. Jahrh. 152, Darstellung wie vorher: Seidenbrokat, Grund rot (verschossen), Muster Gold mit Weiss, Blau und Grün: Darstellung der Madonna mit dem Kinde, als Himmels¬ königin in strahlender Sonne und auf dem Monde stehend, in hochovalem Felde, das aus Aesten mit Granatapfelblütenwerk gebildet wird. Italien 15. Jahrh. Kirchliche Wirk- und Stickmuster, welche nicht, wie diejenigen der Weberei, an eine mechanische gemäss von frühester Zeit an und werden nach besonderen arbeitet. Im Mittelalter hat Massenherstellung gebunden sind, nehmen naturdas Interesse der beteiligten Kreise in Anspruch Vorschriften in eigenen Klosterwerkstätten ge¬ für dergleichen die Leinenstickerei besonderen Abb. 153. Vorzug, wobei zunächst der baumwollene Kanevasstoff oder das lose gewebte sogen. Segeltuch als Grundstoff gewählt ist. Stickereien auf Seide und Sammet, mit Benützung echter Perlen, goldenen Plättchen und Füttern kommen für einzelne Prachtstücke in Betracht (s. liturgische Gewänder). Im gotischen Zeitalter enthalten gestickte Kaselkreuze, -Stäbe und andere Aufsatzborten der grossen Chormäntel, die Mitra, Stola und Manipel, in farbiger Seide und Goldfäden einzelne biblische Figuren und Darstellungen aus dem Leben
Kirchliche Wirk- und Stickmuster. 293 des Heilandes und der Maria. Kirchengewänder aus gewebten Sammet- und Seidenstoffen werden mit gewirkten und gestickten Borten aus den Kölner Werkstätten besetzt. — Die Zeit der Renaissance macht die dekorative Technik der Aufnäharbeit (s. d.) kirchlichen Zwecken dienstbar; aus Spanien und Italien sind uns die herrlichsten Antependien und Behänge erhalten, womit an hohen Festtagen Altäre und Säulen geschmückt wurden. Kasein, Levitenröcke und Chormäntel enthalten schwere Sammetborten, breite Auf¬ schläge und rechteckig abgepasste Felder (vgl. Tafel IX), deren Zweck oft nur durch Symbole, kleine Kreuze oder Monogramme gekennzeichnet ist, weil die ganze Anlage dieser aus breiten ruhigen Flächen bestehenden Muster, vereint durch stimmungsvolle Farben, in vornehmer Pracht die ernste Be¬ stimmung der Gegenstände ohne weiteres darstellt. In hoher Blüte steht zur selben Zeit auch die Goldstickerei, welche zusammen mit der in farbiger Seide Abb. 154. Abb. 155. ausgefübrten Plattstichstickerei geeignete Flächen des Altars köstlich belebt (vgl. Abb. 153), wobei die vornehme Stilisierung von Blatt- und Blütenformen den Eindruck des Ganzen erhöht. Das sklavische Xachbilden kirchlicher Motive hört auf, die Kunstformen werden lebendiger und freier: veraltete Ele¬ mente weichen einer vornehmen Linienführung, wovon selbst das Kreuz der Kasel, früher als aufgesetztes Kruzifix behandelt, nicht unberührt bleibt. (Vgl. Abb. 154.) Das Figürliche tritt vollkommen zurück und weicht dem Orna¬ ment der Zeit. Selbst noch im 18. Jahrh., als das übrige Flachmuster schon nicht mehr strengen Kegeln der Stilgesetze folgt, erscheinen in kirchlichen Stickereien noch künstlerisch bedeutende Ai’beiten, welche den Werkstätten in Süddeutscbland (Würzburg) entstammen. (Vgl. Abb. 155.) Hier bewahrt die Handarbeit noch lange Zeit hindurch erlernte Kunstformen älterer Epochen, bis allmählich, wie alle übrigen Gebiete der Kunstindustrie, auch die kirch¬ liche Stickerei dem Ungeschmack anheimfällt. Für katholischen Kultus hat
294 Kirchliche Wirk- und Stickmuster. man seit den 50er Jahren, besonders am Rhein, Sorge getragen, Gewänder und Kirchenausstattung besseren Vorbildern zuzuführen, indem man alte Stoffe nachwebte und für die Stickerei von neuem Werkstätten errichtete, die gleich¬ falls nach älteren Beispielen arbeiten. Den ersten Anstoss dazu gab der katholische Geistliche Dr. Franz Bock durch Schriften: „Geschichte der liturgischen Gewänder“, „der Musterzeichner des Mittelalters“, „die kirchliche Stickkunst ehemals und heute“ und Herausgabe von Mustern, dem sich Pfarrer Versteyl anschloss. Bestimmte Regeln über den stilistischen Schmuck der evangelischen Kirche schrieb zuerst im Jahre 1867 der Pfarrer Lic. M o r. Meurer „Altarschmuck, Paramentik in der evangel. Kirche“ nieder; im Jahre 1889 folgte diesem Schriftchen ein weiteres vom evangelischen Diakonus Wilhelm Johnsen in Hannover. Die Schrift von Meurer begleiten MusterAbb. 156. blätter von M. E. Beck in Herrnhut und diejenige von Johnsen Vorlagen aus der Werkstatt Stoffregen in Hannover. Das Berliner Kunstgewerbe¬ museum veranstaltete im Jahre 1891 eine Ausstellung kirchlicher Stoffe und Stickereien beider Konfessionen (vgl. darüber ausführlichen Bericht mit Ab¬ bildungen im Kunstgewerbeblatt N. F. III), welche die Tätigkeit der neu ge¬ gründeten Paramentenvereine trefflich veranschaulichte, sie zeigte auch für das evangelische Gotteshaus den Beginn einer neuen Epoche der Muster¬ gebung kirchlicher Stickereien nach alten Vorbildern. (Vgl. Abb. 156.) Lite¬ ratur: Bennhold, über die innere Ausschmückung evang. Kirchen. (Vortrag, Dessau 1894.) Hoefling, Sammlung von Initialen, Ornamenten, Paramenten u. s. w. aus dem Mittelalter, Bonn 1855. Osiander, Geschw., Ravensburg. Kunststikerei und Paramentenfabrik: Illustrierter Katalog. Versteyl, die kirchliche Leinwandstickerei, Düsseldorf 1878. 1880. Abbildungen: 153. Darstellung aus: Heiden, Musteratlas, Leipzig 1896, Bl. 12. Hälfte eines Antependiums, Stickerei auf weissem Atlas in Gold und farbiger Seide im Plattstich: Rosengehege, durch Knäule verbunden. Italien 16. Jahrh. Original im Kgl. Kunst¬ gewerbemuseum, Berlin. 154. Darstellung wie vorher. Bl. 208. Kaselkreuz, Stickerei in Gold- und farbigen Seidenfäden auf rotem Seidengrunde in Art der Aufnäharbeit: Palmetten¬ formen aus stilisierten Blüten und Ranken. 155. Darstellung wie vorher. Bl. 278. Entwurf für zwei Kaselhälften aus einer im Anfänge des 18. Jahrh. bestandenen Werkstatt zu Würzburg. Die Aus¬ führung ist in Gold und violett schattierter Seide gedacht. 156. Darstellung aus: Kunstgewerbeblatt, Leipzig 1891. N. F. III, S. 116. Antependium im romanischen Stil, in farbiger Wolle gestickt: Im Halbkreis an¬ geordnete Symbole der vier Evangelisten mit dem Agnus Dei und dem Zeichen Christi als Mitte; ringsherum Borten aus romanischem Blattwerk mit Vögeln. Original nach
Kirchenwerkstätten—Klosterleinwand. 295 alten Vorbildern für die romanische Stiftskirche in Königslutter von dem Nieder¬ sächsischen Paramentenverein im Kloster St. Marienberg bei Helmstädt gestickt. Kirchenwerkstätten waren schon im Mittelalter auch für textile Kunst¬ fertigkeiten üblich und haben noch im 18. Jahrh. viel zur Hebung der Kunst¬ stickerei und Spitzennäherei u. dergl. beigetragen. Man hat seit neuerer Zeit wieder begonnen, auch solche für den evangelischen Kultus einzurichten. (Vgl. Kirchliche Wirk- und Stickmuster.) Kirkagatsch, Baumwollsorte aus Natolien. Kirman, Namen für persische Knüpfteppiche, welche dort erzeugt werden. Einst war K. der Mittelpunkt des Reichtums und Luxus, wovon schon Marco Polo zu berichten weiss; nur seinen Ruf als Zentralpunkt für Textilerzeugnisse aus ausgezeichneter Wolle hat es noch bewahrt. Diese Wolle stammt von einer in der gebirgigen Umgegend lebenden weissen Ziegenart, deren Flaum¬ wolle, als die zarteste, für die Herstellung von Shawls und in besonderen Fällen auch der feinsten Teppiche verwendet wird. Die moderne Teppichindustrie ist entsprechend dem vorhandenen guten Material im allgemeinen nicht auf der Höhe der Vollkommenheit. Die Farben sind grell und unruhig. Um dieses etwas zu verdecken, gefallen sich die dortigen Teppichweber in der Erfindung von Mustern, welche dem europäischen Geschmack entsprechen sollen, die aber als eine Geschmacksverirrung bezeichnet werden können. Erst in allerneuster Zeit macht sich ein Fortschritt in der Farbentechnik be¬ merkbar. Kirmenschah werden Kaschkaiteppiche genannt, wenn sie länger und schmäler sind. Kissen (lat.: coussinus, franz.: coussin, engl.: cushion) entstehen im Mittelalter zunächst für kirchliche Zwecke, zum Auflegen des Missale, von Seide oder feinem Leder mit Fransen und Quasten, auf einer Seite weiss, auf der anderen violett, zum Knien (lat.: lectus) oder zum Sitzen auf den Sitz¬ brettern der Stühle, insbesondere der Chorstühle, sowie als Rücklehnen auf Ruhebetten u. dergl. Bemerkenswert erscheinen an den Kissen der Renaissance¬ zeit die Verbindung des oberen und unteren Bezuges durch Ziernähte, ge¬ klöppelte und genähte Spitzen mit eingefügten Knöpfen und Quästchen zur Vereinigung. (S. Ziernähte.) Kissmess sind ostindische Kattune. Kitay: 1. in Böhmen rohe ungebleichte feine Kattune; 2. chinesische Stoffe von Seide und Baumwolle, bunt gefärbt; 3. chinesischer Rolldamast. Kiteika, Kitaika, Kitaik, russischer Baumwollstoff, der als Futter für die Kaftans dient. Die K.-Fabrikation besteht in Russland einzig und allein in Kasan, wo sie viele Menschen beschäftigt. Der K. wird in drei Farben (blau, rot, grün) auch dort für China gewebt. Klarwerk s. v. w. reseau = Spitzengrund. Klöppel s. Klöppeln. Klöppelbrief, Klöppelkissen, s. Klöppeln. Klöppeln ist eine Art der Herstellung von Spitzen durch den „Klöppel“, einem hölzernen Kegel mit einem Knopf an dem einen und einem breiten Rande an dem anderen Ende. Er dient als Spule für das Garn. Das K. beruht nun auf bestimmten Handbewegungen, „Schläge n“, durch welche nach feststehenden Regeln die auf den Klöppel aufgewickelten Fäden verflochten werden. Die Arbeit geschieht auf einem Klöppelkissen, das die verschiedensten Formen an¬ genommen hat, nach der Aufwinde oder dem Klöpp elbr ief, auf welchem zur Befestigung der Fäden und zur Bezeichnung der Kreuzungspunkte Nadeln stecken (s. Spitzen). Klöppelschnüre sind nach einem Zürcher Musterbuch im Jahre 1536 aus Venedig nachweisbar. Klöppelspitzen s. Spitzen bezw. Klöppeln. Klosterleinwand, Klostertuch, ist eine Gattung feiner westfälischer Leinen, die früher in grosser Menge nach Frankreich gingen und zur Kleidung der
296 Kloster-Merino—Knötchenstich. Nonnen verwendet wurden. Jetzt wird sie meist als Bielefelder Leinwand ver¬ kauft, obwohl diese leichter und lockerer gewebt ist. Eine Art Mittelware der K. liefern auch Lauban und Friedersdorf. Kloster-Merino ist schwarzer Tuchstoff für die Kleidung barmherziger Schwestern. Knaps nennt man in England ein grobes blaues Wollenzeug für Matrosen¬ jacken. Knaufbildungen an den Ueberschneidungen von Abb. 157. Bändern haben sich am Anfang des 16. Jahrhunderts, als das Stoffmuster die spitzovale Teilung annahm, zu einer vielseitigen Kunstform entwickelt. Am meisten haben die Flechtbänder (s. d.) (Abb. 157) Motive dazu hergegeben; aber auch andere Formen, wie der Akanthus (vgl. Abb. 158) und die Krone (Abb. 159) sind in Italien und Spanien dafür künstlerisch verwertet worden. Abbildungen: 157—159. Darstellung aus: Heiden, Musteratlas, Leip¬ zig 1896, Bl. 27: Knaufbildungen aus Flechtband-, Akanthusund Kronenmotiv, von italienischen und spanischen Geweben des 16. Jahrhunderts. Abb. 158. Abb. 159. Kneipp’sches Leinen, sogen. Gesundheitsleinen, das seinen Namen vom Pfarrer Kneipp hat, der es für Packungen des erkälteten Körpers einführte. Es ist ein in Taffetbindung hergestelltes Gewebe aus starken Fäden, welche die Feuchtigkeit gut aufnehmen und lange erhalten. Knieband (franz.: jarretiere; engl.: garter), in alter Zeit getragen sowohl bei kurzen, wie bei langen engen Strumpfbeinkleidern. Im 14. Jahrhundert bei den Damen oft mit Seide gestickt, auch unter der Kniekehle gekreuzt und über dem Knie festgebunden; im 15. Jahrhundert häufig mit Devisen versehen. Knopflochstich (franz.: point de boutonuiere), wird zunächst angewandt, um die Einschnitte für das Knopfloch in besonderer Art zu umsäumen, als¬ dann wendet man ihn an in der Technik genähter Reliefspitzen (point de Venise, point de France usw.). Knötchenstich wird verschieden ausgeführt, am einfachsten durch zwei nebeneinander und über die gleichen Stofffäden gelegte Steppstiche (s. Stickerei).
Knotenverschlingungen—Konstantinopel. 297 Knotenverschlingungen s. Eiechtband und Knaufbildungen. Knoterei (Nopperei), in der Tuchfabrikation alle diejenigen Arbeiten, welche zur Entfernung der im Clewebe vorhandenen Garnknoten und sonstigen Unreinlickkeiten dienen. Knüpfen persischer Teppiche s. Teppiche. Knüpfen von Spitzen s. Macramee. Kochen des Tuches (Heisswasser-Dekatur), eine in der Tuchfabrikation angewendete Art der Dekatur, bei welcher jedoch nicht ein direktes Kochen des T., sondern nur eine Behandlung desselben mit Wasser von 40—70° R zur Ausführung kommt. Koische Gewänder s. Coae vestis. Kokosnussfaser, Coir, Coirkanf, ist der rotbraune Faserstoff, welcher die Schale der Nüsse (C. = Palme = Cocos nucifera) äusserlich umhüllt; er wird gesponnen und zu Teppichen, Flechtwerk u. dgl. verarbeitet. Kollodiumseide s. künstliche Seide. Köln, Hauptstadt des gleichnamigen Reg.-Bez. der preuss. Rheinprovinz: in heutiger Zeit keine nennenswerte Textilindustrie. Im 14. Jahrhundert eine Werkstatt: „Fabrices capparum et clipeorum colonienses“, welche Seidengewebe und Stickereien herstellte, worin man cypriscke Goldfäden anwandte. Ferner bestand eine Seidenfärberei und Zeugdruckerei, welche unter Aufsicht der Be¬ hörde arbeitete, (s. Zeugdruck.) Berühmt sind die Arbeiten der Bortenund Bildwirker, welchen sich Stickereien für Kirchengewänder anschliessen. (s. Stickerei und Wirkerei im Mittelalter.) Das Städtische Kunstgewerbe¬ museum, gegründet 1887 (Direktor Dr. Otto von Falke), enthält eine Samm¬ lung von Stoffen, Stickereien und Spitzen aller Völker und Zeiten, von zu¬ sammen etwa 4000 Stück. In den Kirchen St. Ursula, St. Gereon und St. Cunibert werden frühmittelalterliche sassanidische und byzantinische Seiden¬ gewebe aufbewahrt. Von Bedeutung ist ferner die Stoffsammlung des Dom¬ herrn Prof. Dr. A. Schnütgen. Kölnische Fäden, veralteter Name für Leinengarn zu Strümpfen und Stoffen, welches aus Moriaix kam. Kölnische Seidengewänder, mittelalterliche Messgewänder rheinischer Herkunft, pflegen gröberen Stoffes zu sein, als die italienischen und zeichnen sich durch die Anwendung von Blau aus. Kölsch, ein blau und weiss gestreiftes, auch gedrucktes Zeug aus Schwaben. Kolter ist eine Steppdecke. Kongressstoff, baumwollenes oder wollenes, im Grunde leinwandbindiges, weitmaschiges Gewebe aus starkem Garn, das besonders als Grundstoff für Stickereien benützt wird und häufig durch durchbrochene, mit Hilfe von Dreher¬ bindungen erzeugte Streifen (ä jour = Streifen) verziert ist. Königinhof an der Elbe, Stadt in Böhmen: Baumwollwarenfabriken, Färbereien und Flachsgarnspinnerei; eine Webschule. Königsberg, Stadt in Böhmen: Baumwollspinnerei und -Weberei. Königsberg, Stadt in Preussen: z. Zt. Friedrichs des Grossen Weberei von Seidenbändern. Konopeion, grieck., ein dünnes Zeug zum Abhalten der Mücken. Konstantinopel, Hauptstadt des türk. Reiches: die Grossindustrie fehlt fast völlig, dagegen ist das Kleingewerbe hoch entwickelt. Zur Ausfuhr kommen Teppiche aus Kleinasien, Persien, Turkestan, Mohair (Angora), namentlich nach England, Frankreich, Oesterreich und Deutschland, Lammfelle und vor allem Schafwolle; ferner Seide, Kokons und Stickereien, meist ein¬ heimischen Ursprungs. — In der Zeitperiode vom 7.-—-11. Jahrhundert be¬ hauptete K. bezüglich des Handels die weltberühmte Rolle des Stapelplatzes für Seidengewebe und war der Platz für den bedeutendsten Seidenmarkt, im Austauschhandel des Abend- und Morgenlandes. K. betrieb einzig und allein den Welthandel zur Zeit, als die eindringenden Goten und Araber überall den Verkehr unmöglich machten. Aber man bedurfte trotzdem noch der Ein-
298 Konstanz—Koptische Textilfunde. fuhr orientalischer Produkte, welche vorzugsweise benützt wurden, um die Paläste auszuschmücken. Uebrigens ist K. auch während der Kreuzzüge Haupt¬ sitz der Seidenindustrie gewesen. Konstanz, Stadt am Bodensee; Hauptzweige der Industrie sind: Leinen-, Baumwollweberei und -Druckerei, fertige Kleider, Stickereien usw. Köper, in der Wirkerei ein Pressmuster, das aus glatten und versetzt gegeneinander liegenden Einnadelfäden zusammengesetzt ist. Köperbindung s. Bindungen. Köpergewebe (Keper, Kieper), sind solche, bei welchen mehrere Kett¬ fäden abwechselnd über und unter dem Schussfaden liegen und ebenso mehr als zwei verschiedene Lagen des Schusses miteinander abwechseln (s. Bindungen). Eine Eingentümlichkeit und ein Kennzeichen des K. besteht darin, dass in jedem nachfolgenden Schuss stets der nächstfolgende Kettfaden des in vorhergegangenen Schusses gebundenen Kettfadens bindet. Durch diese fortgesetzte Bindung der Fäden werden im Gewebe erhabene und schräge Linien hervorgebracht. Man unterscheidet einseitigen (s. Levantine) und zweiseitigen (s. Batavia oder Kasemir) Köper. Die Bindungslinien, welche jeder K. verursacht, können in der Rich¬ tung von links nach rechts und umgekehrt angewendet werden. Unter dem Köpergewebe versteht man eine Anzahl der verschiedensten Stoffarten, welche alle auf Grund der Köperbindung hergestellt werden. (Vgl. Abb. 2, 5—8 auf Tafel XV.) Köper-Nanking oder Nankinett ist dreibindiger Köper oder fünfbindiger Atlas von verschiedenen Farben, oft mit melierter Kette. Köprülü oder Veles, Stadt in der Türkei: Handel und Fabrikation von Seiden und Wollgeweben. Koptische Textilfunde wurden zuerst im Anfänge des 19. Jahrhunderts auf den Totenfeldern von Sakkarah und Akhmim in Oberägypten gemacht und von den Museen im Louvre, in Turin und in London übernommen, ohne dass man diesen vereinzelten Proben besonderes Interesse entgegengebracht hätte. Erst seitdem im Jahre 1881 der Wiener Kaufmann Theodor Graf, angeregt durch den berühmten Orientalisten Prof. Karabacek, die Forschungen danach systematisch fortsetzte und es diesem gelang, die für das K. K. Oesterreichische Museum für Kunst und Industrie in Wien erworbene grosse Samm¬ lung derartiger Textilien zusammenzubringen, welche dann Alois Riegl „die ägyptischen Textilfunde im Iv. K. Oesterreichischen Museum“ (Wien 1889) beschrieb, hat sich die Aufmerksamkeit mehr und mehr jenen Denkmälern der Textilkunst zugewandt, welche ihre Geschichte des frühen Mittelalters in neue Bahnen lenkte. Die Kopten sind die christlichen Nach¬ kommen der alten Aegypter; der Name ist eine Verstümmelung aus Aegypti, die Araber nennen sie heute Kopt. Die Bestattung ihrer Toten erfolgte in voller Gewandung des Lebens. Die einbalsamierten Körper finden sich in bemalten Holzsärgen und sind bekleidet mit mehreren (gewöhnlich drei) jackenartigen, kurz- und langärmeligen Kitteln (Abb. 160), andere Mumien sind mit langen Röcken bestattet. Ebenso wie der Hauptanzug der Toten vollständig erhalten ist, finden sich auch alle Einzelheiten der Ausstattung der zu jener Zeit üblichen Tracht: genau wie sich die Sitte der alten Aegypter erhalten hatte, dem Toten auch andere Dinge mitzugeben, welche ihm im Leben lieb und wert waren. — Die Rohstoffe dieser Kostüme bestehen vorwiegend aus Leinen; Wolle kommt als Grundstoff und in der Musterung vor, Baumwolle findet sich in einigen gedruckten Mustern, dagegen ist die Seide, wenn auch an einigen Ge¬ wändern nur als Besatzstreifen, reichlich vertreten. Die Technik der Gewebe in den Leinenstoffen ist einfache Taffetbindung, die Wollenstoffe enthalten Rips¬ bindung und scheinen in den meisten Fällen auf einer Art von Wirkerei zu beruhen; seidene Gewebe sind in Taffet- und Atlasbindung hergestellt. Die Muster der Tuniken — die wollenen Kleider sind meistens ein¬ farbig — bestehen zunächst aus in farbiger Wolle eingewirkten oder aufgesetzten bortenartigen sogen. Spangen, welche von den Schultern her bis etwa zur Gurthöhe, seltener — wie in Abb. 160 — durchlaufen und in spitzovale oder
Koptische Textilfunde. 299 Abb. 160. Abb. 161. I I blattförmige Felder endigen: eine Verzierungsart, welche als Vorläufer der Stola des katholischen Priesterornates bezeichnet werden kann. Die gemusterte Halspasse ist durch runde Schulterstücke abgeschlossen. Solche „Lati clavi“, wie man letztere zu bezeichnen pflegt, ursprünglich Abzeichen der alten römischen Senatoren und Ritter, wiederholen sich in runder und quadratischer Form auf dem Vorderteil der Gewänder. (Vgl. Abb. 3, 44, 111.) Die Technik
300 Koptische Textilfunde Abb. 162. Abb. 163.
Koptische Textilfunde. 301 der Musterung auf dem leinenen Grundstoff ist verschiedenartig. Die am meisten vertretene bezeichnet man gewöhnlich als eine gobelinartige Wirkerei oder Stopfarbeit, wovon die eine Art so hergestellt ist, dass Grund und ein verschiedenfarbiges Muster zugleich, eine zweite, in welcher zuerst der purpur¬ farbene gewirkte Wollengrund und später das Muster durch Einsticken weissen Garnes entstand. (Vgl. Abb. 78.) In vielen Fällen ist der Leinengrund für derartige Musterungen so vorbereitet, dass die Schussfäden, an den Stellen, wo nur Kettfäden zur Aufnahme der Wirkerei notwendig sind, beiseite ge¬ schoben wurden oder man hat den Kaum für die Musterung ausgespart, d. h. Abb. 164. der Schuss ist mit Unterbrechung eingetragen. Unter den Grundstoffen finden sich auch Gewebe mit losen Maschen oder Noppen, welche unseren modernen Frottierstoffen nicht unähnlich sind; dieselben kommen sowohl in Gewändern — wohl für den Winter berechnet — als auch in farbig gestickten Tüchern als Zwischenteile vor. (Abb. 164.) Die Muster jener zumeist angewandten Wirktechnik, in der übrigens auch grosse Behänge mit figürlichen Darstellungen gearbeitet wurden, beruhen grösstenteils auf antiken griechisch-römischen Aus¬ läufern, seltener verraten sie den entfernten Charakter altägyptischer Ueberlieferung, wie das in Ahb. 160 wiedergegebene Gewand, oder klingen an streng orientalische Motive an. Die meisten der in grosser Zahl vorkommenden
302 Koptische Textilfunde. figürlichen Muster haben Bezug auf heidnisch-mythologische und christlichbiblische Darstellungen, welche von griechischen oder koptischen Inschriften begleitet sind. Rein ornamental sind gewöhnlich jene Muster gehalten, welche in der beschriebenen Art auf violettem Grunde ausgeführt sind. — Hier er¬ scheinen die verschiedenartigsten Flecht-, Blatt- und Blütenmuster, welche in ihrer ungezwungenen reizvollen Stilisierung gute Zeichenvorlagen abgeben. Bemerkenswert unter den vorkommenden Einzelheiten in den koptischen Muste¬ rungen ist ferner die öftere Wiederholung des Akanthusblattwerkes (Abb. 3, Abb. 6 auf Tafel I), das der antiken Urne entstammende Vasenmotiv (Abb. 44), das Weinblatt (Abb. 1 auf Tafel I) und zwischen rein ornamental behandeltem vegetabilischem Ornament die Darstellung verschiedener Tiergestalten als Sym¬ bole: wie der Löwe, der Leopard, der Hund, der Hase, der Hirsch, die Ente, der Papagei u. a. m. Von Interesse ist die Musterung in jener Gruppe Wirkereien, welche fast genaue Kopien frühorientalischer und byzantinischer Seidengewebe darstellen. Einer fast noch an sassanidischen Ursprung erinnern¬ den Zeichnung begegnen wir in dem auf Tafel I, Abb. 2 dargestellten runden Felde, das in Umrahmung eines Kreisbandes zwei Löwen an dem Baum zeigt. Deutlicher noch als laufendes Stoffmuster zeigt sich die in Abb. 4 auf Tafel I dargestellte Wirkerei, worin Kreisfelder mit Menschen- und Tierfiguren und Zwischenrosetten enthalten sind, welche genau den Typus von Mustern des VIII.—X. Jahrhunderts wiederzugeben scheinen, wie denn auch die Reiter¬ Abb. 165. figur und das Rosettenmuster in Abb. 3 gleicher Tafel denselben Ursprung ohne weiteres erkennen las in. Letzteres Stück gewinnt durch die Dar¬ stellung der Reiterfigur noch beson¬ dere Bedeutung, dass dabei an eine solche des heil. Georg (s. d.) gedacht werden kann, wofür die auf die Schlange geführte Lanze und der über dem Jüngling schwebende Engel eine Be¬ stätigung sein könnten. Solche Reiter¬ figuren haben auch als Bortenmusteruug in Wirkerei Anwendung gefunden. (Vgl. Abb. 161 u. Abb. 7 auf Tafel I.) Rein ornamentale laufende Gewebe¬ muster in Wirkerei zeigen die Abb. 163 und Abb. 5 auf Tafel I. In ersterem ist zu beobachten das früh¬ zeitige Vorkommen der Flächenteilung in spitzovale Felder, mit der palmetten¬ artig angeordneten Füllung. Ausser den Wirktechniken finden sich unter den koptischen Textilien als Musterung der Leinenstoffe noch einige Arten von Durchzugarbeiten, welche der Stickerei verwandt sind. Sie wurden direkt in den farbigen Leinengruud hineingearbeitet und zwar so, dass die gemusterte Fläche aus Reihen farbiger Wollfäden gebildet ist, wobei die als Noppen einzeln dastehenden Maschen den Eindruck eines ungeschnittenen Teppichflors hervorrufen (vgl. Abb. 111 u. 164), aber auch bei dem Gedanken an den LUsprung der Technik die Wirkung einer antiken Mosaikmusterung dieser am nächsten stellen, wofür dann die Darstellung des gewappneten Kriegers in Abb. 111 eine Bestätigung finden würde. Nahe verwandt den Durchzugarbeiten ist das eigentliche Gebiet der Stickerei, die hier in einfacheren Arten erscheint. Weitgehendere Techniken, wie die der sogen, ä jour-Stickerei, Arten von Aufnäharbeit, Leinenstickereien in sogen. Holbeintechnik (Abb. 25 u. 117), welche auch in den koptischen Grabfunden Vorkommen, gehören der arabischen Periode des 13.—15. Jahr¬ hunderts an, man kann sie, ebenso wie einige Arten der hier vertretenen AVirkereien, nicht mehr als ortsangehörige Techniken bezeichnen. Andere
Koptische Textilfunde. 303 Abb. 166. Abb. 167. Arten koptischer Handfertigkeiten sind aber die zu den Mützen verfertigten Netzarbeiten (Abb. 69. 165), welche in phrygischer Form getragen wurden und denen verwandte filetartige Stickereien. Vorgefundene "Werkzeuge be¬ weisen, dass solche Netzwerke mit einfachen Holznadeln hergestellt wurden.
304 Koptische Textilfunde. Schliesslich gehören auch Fransen und kunstvoll gearbeitete Quasten zu den Funden, welche aus koptischen Gräbern stammen. D as Wichtigste unter den koptischen Textilien bilden die Seiden¬ gewebe. Wie sehr die Seide zu jener Zeit an Ort und Stelle geschätzt wurde, geht daraus hervor, dass man gewebte Stoffe aus diesem Material in Streifen zerschnitt und sie an Gewändern hervorragender Personen zu Be¬ sätzen verwendete. Nicht immer ist von den Seidenstoffen mit Sicherheit an¬ zugeben, ob man es mit Erzeugnissen eigener Industrie oder mit solchen aus Persien und Byzanz eingeführten Waren zu tun hat. Dass den Kopten die Technik der Erzeugung von Geweben aus der Seide, welche ihnen als Roh¬ material auch von dort her zugegangen sein wird, nicht unbekannt war, ist durch Originale mit eigenartiger Musterung festgestellt; aber von einer Massen¬ produktion konnte keine Rede sein, weil die Seide zu teuer und deshalb auch nur gewissen höheren Ständen erlaubt war. Wir sahen daher auch in den Wirkereien und einigen Stickereien Muster der Seidengewebe in geringerem Material nachgebildet, und zu gewebten Stoffen die Seide mit Abb. 168. Wolle oder Baumwolle vermischt. Die sparsame Verwendung von Seide beweist auch das Vor¬ handensein von abgepasst ge¬ webten Gewandaufsätzen, die für Leinengewänder besonderer Art benutzt wurden. Das in Abb. 166 dargestellte Rundfeld aus dem germanischen Museum in Nürn¬ berg ist z. B. an anderen Stellen als Endigung einer Spange er¬ halten. In der Musterung des¬ selben fallen die indisch-persi¬ schen Palmwipfelblüten an dem baumartigen Mittelstamm auf, während die Randborte mit dem Wellenband und den kelchartigen Blüten vollständig auf Byzanz hinweisen. Merkwürdig erscheint das Vorkommen von Seiden¬ geweben hier mit den typischen Darstellungen der sassanidischen und byzantinischen Reiterfiguren (Abb. 167), bei denen die ägyp¬ tische Herstellung in koptischer Periode noch zweifelhaft erscheinen möchte. Hingegen wird man es bei einfacheren Geweben und Mustern, wie die in Abb. 8 u. 9 auf Tafel I dar¬ gestellten Stücke, mit koptischen Arbeiten zu tun haben: in letzterer ist die herzförmige Blütenbildung von Interesse. Dieselbe kehrt auch auf koptischen Wirkereien (Abb. 160 und Abb. 5 u. 7 auf Tafel I) häufig wieder und ent¬ stammt den Randeinfassungen orientalischer und byzantinischer Kreismuster. (Vgl. Abb. 1 u. 3 auf Tafel II.) Abweichend in der Musterung von den er¬ wähnten Typen koptischer Formen ist das unter Abb. 113 als griechischrömisches (?) Original dargestellte Seidengewebe, das auch diesen Funden ent¬ stammt. (Ueber bedruckte Stoffe dieser Funde s. unter Zeugdruck.) Die Sitte des Altertums, Verstorbene in voller Gewandung zu bestatten, scheint sich bei den Kopten lauge erhalten zu haben, so dass uns aus späteren Perioden, als der arabische Einfluss sich aller Kunstformen des Orients be¬ mächtigt hatte, noch überaus wertvolle Stoffe erhalten sind. Der in Abb. 168 dargestellte Stoft ist für ein tunikartiges koptisches Gewand zerschnitten und gehört als arabisches Fabrikat, das in Alexandrien hergestellt sein wird, dem
Koptische Textilfunde. 305 11.—12. Jahrh. an. Der gleichen Periode entstammen die in Mengen daher kommenden seidenen sogen. Schlitzwirkereien (s. d.). Späterer Herkunft sind auch die bunt gestreiften und karierten Seidenstoffe (Abb. 169). Merk¬ würdig erscheint hier das Vorkommen chinesischer Gewebe mit Drachenmustern Abb. 169. in farbiger Seide und Goldpapier; wie weit man darin und noch mit anderen Textilien, deren Herkunft den dortigen Funden zugeschrieben wird, den Angaben der Händler trauen darf, dazu müssen die Ergebnisse langjähriger Forschungen abgewartet werden. (Literatur: s. unter „Weberei“: Geschichtliches.) Abbildungen: 160. Originalaufnahme aus dem Königl. Kunstgewerbemuseum in Berlin: Leinen¬ gewand mit gewirkten Mustern in farbiger Wolle; durchgehende Spangen- und Aermelborten aus spitzovalen Blütenformen, welche sich auch wiederholen in der als hängen¬ der Schmuck dargestellten Halsmusterung, die in Form und Anordnung an ägyptischen Perlen-Behang erinnert. Koptisch 5.—7. Jahrh. 161. Originalaufnahme aus dem Kaiser Friedrich-Museum in Berlin: Bruchstück von dem Vorderteil eines gestreiften Leinengewandes, an dem die Halsborte und schmale heruntergeführte Spangen in Wirkerei aus farbiger Wolle erhalten sind; abwechselnde Darstellung einer Reiterfigur und eines Mannes im Kampf mit einem Löwen, in Art der antiken Muster auf byzantinischen Seidengeweben. Die Spangen enthalten Rosetten und längliche Felder mit Quadraten. Koptisch 5.-—7. Jahrh. 162. Originalaufnahme aus dem Kunstgewerbemuseum in Leipzig: Rundes Auf¬ satzstück eines Gewandes, Wirkerei auf Leinwand in purpurvioletter Wolle und weissem Garn: In Mitte kniender Zirkuskämpfer in antiker Tracht, im äusseren breiten Rande Darstellung gebändigter Löwen. Koptisch 5.—7. Jahrh. 163. Originalaufnahme aus dem König!. Landesgewerbemuseum in Stuttgart: Quadratisches Aufsatzstück eines Gewandes, Wirkerei in farbiger Wolle: Auf rotem Grunde abgesetztes Stück aus einem laufenden Flächenmuster, das besteht aus weissen Bändern mit bunten Ranken, welche durch kleine aufgesetzte runde Kreise mit Kreuzen verbunden sind und spitzovale Felder bildep, darin Blüten- und Fruchtformen in Heiden, Handwörterbuch der Textilkunde. 20
306 Koptische Textilfunde. palmettenartiger Anordnung. In der Randborte in Gelb auf Violett kleine Blüten¬ formen, welche an das altägyptische Henkelkreuz erinnern. Koptisch 5.—7. Jahrh. 164. Originalaufnahme aus dem Kunstgewerbemuseum in Leipzig: Teil eines Tuches, Stickerei auf Leinengrund — welcher mit Noppen durchwirkt ist — in farbiger Wolle. Quadratisches Mittelfeld mit Tupfen, in Einrahmung einer Eck- und Abschluss¬ borte, letztere mit Zackenmusterung. Fransenendigung. Koptisch 5.—7. Jahrh. 165. Originalaufnahme aus dem Königl. Landesgewerbemuseum in Stuttgart: Teil einer phrygischen Mütze, Netzarbeit in gelblichem Garn, Musterung aus Streifen mit Spitzbogenstellungen, in welchen je ein Kreuz. Koptisch 5.—7. Jahrh. 166. Darstellung aus : Katalog der Gewebesammlung des Germanischen National¬ museums in Nürnberg, ebd. 1896. S. 56: Rundes Aufsatzstück in violetter und gelb¬ licher Seide gewebt, Muster mit Darstellung eines Baumes, welchem Blüten in Art der indischen oder persischen Palmwipfel entsteigen. Die Randborte enthält wellige Bänder und Palmetten. Koptisch 5.—7. Jahrh. Gleiche Felder sind als Endigung von Spangen ganzer Gewandbesätze erhalten im Kaiser Friedrich-Museum und im Königl. Kunstgewerbemuseum zu Berlin. 167. Originalaufnahme aus dem Kaiser Friedrich-Museum in Berlin: Rundes Aufsatzstück eines Gewandes, in roter und gelblicher Seide gewebt mit symmetrischer Darstellung zweier gegeneinander gekehrten Reiter in antiker Tracht auf geschirrten Rossen und mit Pfeil und Bogen, auf einen Löwen schiessend. Randborte mit spitz¬ ovalen Blütenformen, welche auch in den vier aufgesetzten Halbkreisen enthalten sind. Das Muster stammt von sassanidischen Seidenstoffen des 6. Jahrhunderts und scheint dem loseren Gewebe und dem dazu verwendeten Material nach eine koptische Nach¬ ahmung eines solchen Originales zu sein. Die abgeschlossenen Ränder der äusseren Kante weisen auf ein abgepasst gewebtes Feld hin, wie solche auch in Wirkerei alsAufsatzstücke von Gewändern dort kopiert wurden. 168. Originalaufnahme aus dem Kaiser Friedrich-Museum in Berlin: Seiden¬ gewebe, das zu einem koptischen Gewände zerschnitten worden ist, Grund rot (ver¬ schossen), symmetrisches Muster blau mit weiss: Gewürfelte Bänder mit aufgesetzten runden Scheiben, welche in arabischen Schriftzügen den Namenszug eines Sultans, tragen, bilden spitzovale Felder, in welchen je zwei gegeneinander gekehrte steigende Löwen in Umrahmung aneinander gereihter Kreise mit Halbmond und Spruch in arabischer Schrift. Alexandrien (?) 11.—12. Jahrh. Aus einem koptischen Grabe. 169. Originalaufnahme aus dem Kaiser Friedrich-Museum in Berlin: Seiden¬ gewebe, Grund rot, Muster aus klein gemusterten bunten Streifen. Orient 13. (?) Jahrh. Aus einem koptischen Grabe. Abbildungen auf Tafel I: Wirkereien und Webereien des 5.—7. Jahrhunderts aus koptischen Gräbern. (Originalaufnahmen aus dem Kaiser Friedrich-Museum in Berlin.) 1. Borte, Wirkerei auf Leinwand in farbiger Wolle: Darstellung einer wellig gelegten Weinranke mit Blattwerk und Reben. 2. Rundes Aufsatzstück eines Gewandes, Wirkerei auf Leinen in farbiger Wolle: Darstellung eines stilisierten Baumes, unter welchem zueinander gekehrt ein Paar von Löwen. Das Kreisband mit welliger Ranke. Die Muster erinnern an sassanidische Vorläufer. 3. Länglich rechteckiges Aufsatzstück, Wirkerei in roter Wolle und weissem Garn: Darstellung zweier Kreise, in einem derselben zwei Reiter in antiker Tracht, welche je mit einer Lanze nach der am Boden liegenden Schlange stechen (heiliger Georg?), darüber schwebender Engel, daneben das Kreuz; im zweiten Kreise Rosette. Zwischen den Kreisen, deren Ränder durch wellige Bänder gefüllt sind, halbe Zwickelrosetten und kleines rundes Feld mit Kreuz. Dem Ganzen liegt ein laufendes Stoffmuster orientalischen oder byzantinischen Ursprungs zugrunde. 4. Wirkerei in roter Wolle und weissem Garn mit Darstellung eines laufenden Stoffmusters orientalischen oder byzantinischen Ursprungs: Reihenweis geordnete Kreise mit Darstellung eines stilisierten Baumes, an welchem Menschen- und Tier¬ figuren abwechseln; dazwischen kleine und grössere Zwickelrosetten. 5. Rundes Aufsatzstück eines Gewandes, Wirkerei auf Leinen in farbiger Wolle und weissem Garn: Darstellung eines laufenden Stoffmusters mit herzförmigen und spitzovalen gefüllten Blütenformen in Rautenfeldern aus Kreuzen und spatenförmigen Blättern. Rand mit Blattranke. 6. Borte eines Tuches, Wirkerei in Violett und Weiss auf einem Leinenstoff, der mit Noppen durchwirkt ist: Darstellung von springenden Hirschen in Umrahmung einer kreisförmig gelegten Akanthusranke.
K orallen—Kratzau. 307 7. Borte, Wirkerei in farbiger Wolle: Darstellung von Reiterfiguren in antiker Tracht, mit spitzer Mütze in der Rechten, auf geschirrten Rossen. Oberer und unterer Abschlussrand mit spitzovalen Blütenformen. 8. Gewebe aus Seide und Wolle in Schwarz und Rotviolett: Bänder mit antikem Flechtmuster sind durch kleine Kreise mit Palmetten verbunden und bilden Rauten¬ felder, in deren jedem eine pinienzapfenartige (?) Blüte an geradem Schaft mit aus¬ wachsenden Blättern und Beeren, als Abkürzung des im frühen Mittelalter im Orient und in Byzanz gebräuchlichen Baummotivs. 9. Seidenstoff, festes Gewebe, Grund roter Atlas, symmetrisches Muster weiss, in Köperbindung: Doppelranken aus Blattwerk, durch kleine Kreise mit Sternen ver¬ bunden, bilden Rauteufelder, in welchen je eine herzförmige Blüten form, die an byzantinischen Ursprung erinnert. Korallen finden in den wertvollen mittelalterlichen deutschen Kirchen¬ stickereien oft Verwendung und werden in Verbindung mit Perlen aufgenäht. Auch in Japan ist die K. ein beliebtes Stickmaterial. Korandecken, d. s. Tücher zum Einhüllen des türkischen Gebetbuches, kommen in Mengen auf den europäischen Markt und werden als Kunst¬ stickereien sehr geschätzt. Sie erinnern an die sogen. Hardanger Arbeiten (s. d.); sind aber viel feiner in der Ausführung, wozu das Material namentlich beiträgt. Die Stickerei in geometrischer Zeichnung, aus Sternen und ver¬ schieden durchbrochenen Feldern ist in weisser Seide im Plattstich auf Leinen ausgeführt. Der rechteckigen oder ganz quadratischen Mitte ist oft die Ein¬ teilung der Gebetnische (s. Gebetteppich) mit dem spitzen Bogenfelde gegeben. Korathes, Korotes, grobe und starke Kattune aus Surate und Pondichery. Kord (engl.: cord), eine Art Sammet (s. d.). Korde (franz.) oder Kordel, Schnur, Bindfaden; in der Musterweberei die Zugschnur am Jacquardstuhl (s. Weberei). Kordonnierte Seide, Kordonnet, ein zu gestrickten, gehäkelten Arbeiten usw. verwendetes, scharf gedrehtes, daher rundes und glattes, schnurähnliches Seidengezwirn, das in der Stärke der groben Nähseide oder der gewöhnlichen Strickseide vorkommt, beide Arten jedoch in der Schönheit des Aussehens übertrifft. Korinth, Stadt in der griech. Monarchie Argolis und Korinth, ist im 11. Jahrhundert als byzantinische Seidenmanufaktur sehr berühmt; in neuer Zeit Erzeugung von Knüpfteppichen. Kortrijk, franz.: Courtrai, Stadt in der belg. Provinz Westflandern: be¬ rühmt durch die Fabrikation von Leinwand, Spitzen, Zwirn, Tafel- und Baurnwollzeugen. In der Umgegend wird der feinste niederländische Flachs gezogen. Kostromä, Stadt in Russland: Spinnerei und Weberei; Handel mit Lein¬ wand und Flachs. Kotzen, s. v. w. grobes Deckenzeug (s. Decken). In Franken s. v. w. grober zottiger Bauernrock. Das böhmische Kozig, Pelzrock, Koza, Pelzwerk, das sächsische Kutte, Kittel, franz. cotte, engl, coat, hängen damit zusammen. Kötzer, in der Spinnerei das birnenförmig aufgewundene Garn. Kou-jong, feiner geköperter Wollenstoff aus China, der weich und seidenartig im Griff ist, aus welchem Tücher von etwa 2 m Länge getragen werden. Kraftstuhl (Maschinenwebstuhl), durch Wasser- und Dampfkraft ge¬ triebener Webstuhl. Krain, Herzogtum und Kronland der österreichisch-ungarischen Monarchie: Die Leinenweberei und Anfertigung grober Spitzen ist weit verbreitet. Ferner werden hergestellt: Wollzeuge, Flanelle, grobe Tücher und Wollwaren. Krämpeln s. Krempeln. Krappitz, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Oppeln: Smyrna- und PerserTeppichfabrik. Krasch, russische Bezeichnung für gewebte Tafelzeuge. Kratzau, Stadt in Böhmen: Grosse Tuch- und Schafwollfabriken, Baum¬ wollspinnereien, Webereien, Rotgarnfärbereien, Makospinnerei.
308 Krausbouillon—Krefeld. Krausbouillon, soviel w. Kantillen (s. d.). Krawatte (franz.: cravate), Halstuch, Halsbinde für Herren, angeblich so genannt nach den Kroaten, die unter Ludwig XIV in Frankreich ein Fremden¬ regiment bildeten und eine eigenartige, in Frankreich dann nachgeahmte Hals¬ bedeckung trugen, (s. a. Cravate.) Krefeld, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Düsseldorf: Sitz der deutschen Seiden- und Sammetindustrie. Es bestanden hier 1900: 26 Sammetfabriken, 84 Seidenstofffabriken, 7 Betriebe, die sowohl Seide als auch Sammet herstellen, und 39 Färbereien. In der Sammetindustrie waren 846 Hand- und 2076 mechanische Stühle in Betrieb. In der Stoffweberei wraren 1900: 5834 Hand- und 7151 Kraftstühle, in Stoff- und Sammetband 483 Hand- und 427 Kraftstühle, zusammen 16 817 Webstühle im Betrieb. Der Gesamtwert der ver¬ kauften eigenen Fabrikate betrug 82 232 939 M., wovon auf Sammet 24 943 044 M., auf Seide 57 289 895 M. entfallen. Hergestellt werden in K. reinseidene und gemischte Stoffe, bedruckte Zeuge, Fassonnets auf Jacquards, glatte und ge¬ musterte Sammete und Plüsche, alle Gattungen Bänder, sowie Möbel- und Kirchenstoffe. Geschichtliches: Im 15. Jahrhundert wird die Leinenweberei alsein landwirtschaftliches Nebengewerbe geübt, deren Produkte meistens nach Haarlem gingen und dort als holländische Ware verkauft wurden. In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts hatte dieses Gewerbe einen bedeutenden Auf¬ schwung genommen durch die Einwanderung einiger mennonitischer Familien aus den Niederlanden. Eine derselben — die Familie von der Leyen — be¬ gründete die Seidenindustrie. 1668 erwarb Heinrich v. d. L. das Krefelder Bürgerrecht, er betrieb anfangs ein Kaufmannsgeschäft, welches mit holländischen Manufaktur waren, wie Leinwand, Seidenband und Tressen handelte. Mit diesem Handel verband sich bald nach holländischem Vorbild die eigene Fabrikation, namentlich von Sammet- und Seidenband, Tressen, Borten und anderen Posa¬ mentierartikeln, von schwarzem glattem Stücksammet und von Zwirn- und Näh¬ seide. Die Seide zu den Geweben bezog man meist in gezwirntem Zustande aus Italien, zur Nähseide, die man selbst zwirnte, besonders asiatische Seiden von der holländisch-indischen Kompagnie. Eine eigene Färberei wurde in K. zuerst 1724 eingerichtet; vorher hatte man in den Kölner Färbereien oder in Holland oder Frankfurt färben lassen. Die .Leinenfabrikation und der Zwischen¬ handel mit fremden Waren traten nun mehr und mehr zurück; denn schon in den Jahren von 1720—1731 haben sich aus den verschiedenen teilweise mit¬ einander zusammenhängenden Unternehmungen der einzelnen Familienmitglieder drei besondere Geschäfte herausgebildet: Peter v. d. L., vorzugsweise Fabrik von Nähseide mit grosser Zwirnerei; Johann v. d. L. zusammen mit seinem Schwager Peter Jentges, namentlich für Sammet und Sammetband; Friedrich und Heinrich v. d. Leyen, namentlich für seidene Bänder und Tücher. Die Färberei in Leyenthal blieb noch längere Zeit gemeinschaftliches Eigentum der Brüder. Die Fabrikanten wurden angesehene Leute; als König Friedrich Wilhelm I. 1738 auf seiner Reise an den Niederrhein Krefeld besuchte, war er bei ihnen zu Gaste. Die Stadt hatte sich 1740 in der Einwohnerzahl seit 25 Jahren mehr als verdoppelt; die Fabrikation beschränkte sich schon nicht mehr allein auf die Stadt und ihr Gebiet, sondern auch in der Umgegend, im Kölnischen, in Mörs und in Xanten wurde bereits für Krefeld gearbeitet. Der Betrieb war in der Hauptsache ein hausindustrieller; nur die Zwirnerei, Färberei und Appretur fanden in grösseren geschlossenen Räumen statt. Der Verfall der Seidenindusti’ie in Holland brachte der Krefelder einen grossen Vorteil. Ganz im Gegensatz zu Preussen beruhte hier die Industrie, ohne staatliche Unterstützung, auf privaten Unternehmungen und verfügte über aus¬ gedehnte Verbindungen im Auslande, besonders in Holland und Polen. Während der Regierung Friedrichs des Grossen gewann das Geschäft der Brüder Friedrich und Heinrich v. d. Leyen eine alle anderen weit überragende Be¬ deutung. Beide Inhaber, von denen der eine 1778, der andere 1782 starb, sind als die eigentlichen Begründer des Weltrufes der Krefelder Industrie
Krempeln—Krepon. 309 anzusehen. Sie verfertigten nicht nur Seidenzeuge, sondern bemächtigten sich auch der seidenen Halstücher und Schnupftücher nach Mailänder und ostindischer Art. Daneben wurde auch die Anfertigung seidener Strümpfe begonnen. Neben den verschiedenen Unternehmungen aus dem Familienverbande der v. d. Leyen gab es noch seit etwa 1750 zwei andere Firmen, die sich zunächst nur mit der Herstellung von Sammet und Sammetband beschäftigten: die von Lingen & Comp., begründet durch den früheren Nadelmacher Gerhard Hingen in Gemeinschaft mit einem früheren Buchhalter Johannes v. d. Leyen, seit Ende der fünfziger Jahre des 18. Jahrhunderts in den Händen der Gebrüder von Beckerath, und die von Preyers & Comp., begründet durch Paiüus Preyers. Des öfteren wurde der Versuch gemacht, das Privileg der v. d. Leyen zu durchbrechen, aber ohne Erfolg; sie haben hier bis zum vorläufigen Ende der preussischen Herrschaft das Monopol behauptet. (Vgl. aus Acta Borussica: „Die preussische Seidenindustrie im 18. Jahrhundert“ usw. Berlin 1892, Bd. III, S. 81 ff. und 262 ff.) Die hier bestehende Preussische höhere Fachschule für Textil¬ industrie (Direktor Lembke) teilt sich in die höhere Webeschule und in die Färberei- und Appreturschule, mit ersterer ist verbunden eine Musterzeichenschule, Nähschule und Stickschule. Die Webeschule bildet Fabrikanten, Fabrikdirektoren, Musterzeichner, Ein- und Verkäufer vor; ebenso wird die Hand- und Maschinenstickerei, Weiss- und Krawattennäherei gelehrt. Beim Unterricht wird vorwiegend die Seiden-, Halbseiden- und Sammetindustrie (Konfektions-, Schirm-, Möbelstoffe, Tücher, Decken, Bänder und sonstige Be¬ satzartikel) berücksichtigt. Der Kursus dauert D/2 Jahr. Das Schulgeld (Vollschüler) beträgt für Deutsche 200 Mk., für Ausländer 1000 Mk. pro Jahr. Die Färberei- und Appreturschule verfolgt den Zweck, Studieren¬ den der Chemie eine möglichst vollständige Ausbildung zu gewähren und Chemiker, Färber, Bleicher, Zeugdrucker und Appreteure für ihren Beruf auszubilden. Der vollständige Kursus dauert 2 Jahre. Das Schulgeld für ordentliche Schüler beträgt die gleiche Summe wie in der Webeschule. Die Königl. Gewebesammlung in Krefeld (Conservator Paul Schulze) ist im Gebäude der vorhergenannten Fachschule aufgestellt. Sie enthält etwa 8000 Nummern von Geweben, Stickereien, Spitzen, Teppichen und Posamenten aller Zeiten und Völker. Moderne Textilerzeugnisse von besonderem Wert sind daran angeschlossen. Ein Teil der Sammlung ist in geschichtlicher Folge unter Glas und Bahmen aufgestellt und für Interessenten zugänglich. Der Verein zur Förderung der Textilindustrie in Krefeld (Vorsitzender: Kaufmann Arthur Leysner, Geschäftsführer: Conservator Paul Schulze) hat den Zweck, »Fabrikanten und Musterzeichner bezüglich der Neuheiten auf dem Gebiete der Textilindustrie auf dem Laufenden zu er¬ halten. Es liegen hierzu französische Abonnements von allen Neuheiten auf, ferner werden jährlich moderne Anschaffungen von Originalstoffen und Vor¬ lagen gemacht, welche an die Mitglieder (jährlicher Beitrag 50 Mark) ver¬ liehen werden. Krempeln, Krämpeln (Streichen, Kratzen, Kardieren, Kardätschen) der Wolle stimmt im wesentlichen mit dem K. der Baumwolle überein (s. Baum¬ wollspinnerei), doch spielt das K. besonders bei der Verarbeitung der Streich¬ wolle noch eine wichtigere Rolle als bei der Verarbeitung der Baumwolle, Heede, Jute und der Kammwolle. In der eigentlichen Streichgarnspinnerei findet ein Strecken und Doppeln gar nicht und ein besonderes Vorspinnen nur selten statt und durch das Krempeln allein muss die nötige Gleichförmig¬ keit des der Feinspinnmaschine vorzulegenden Garnes erreicht werden. Man kratzt deshalb die Wolle mebreremal hintereinander, meist auf einem Satz von drei, zuweilen auch von zwei oder vier Maschinen (s. Streichgarnspinnerei), meist unter Benutzung des Kreuzungsverfahrens (s. Kreuzung). Krempelwolf s. Wollspinnerei. Krepon s. Crepon.
310 Krepp—Kreuzstich. Krepp (franz.: crepe, vom lat. crispus = kraus), Kreppflor, ist ein leichter, durchsichtiger und gekreppter Seidenstoff, sowohl weiss und schwarz als buntfarbiger, wovon der schwarze besonders zu Trauerkleidern starke Verwendung findet. Er wird aus der feinsten Seide verfertigt: zum Einschlag nimmt man einen dreifach doublierten und stark gedrehten Faden, der nach dem Zwirnen nicht stärker als der einfache Kettfaden sein darf und der des¬ halb auf der grossen Zwirnmühle (Moulinage) mit eigens dazu eingerichteten Scheiben so gezwirnt wird, dass die eine Hälfte rechts, die andere links ge¬ dreht ist. Bei dem Weben werden die Fäden der Kett§ und des Einschlags so auseinander gehalten, dass sie, wie bei dem Flor oder der Gaze, netzförmige Augen und kleine durchsichtige Quadrate bilden. Es gibt mehrere Arten doppelten und einfachen K.’s, die sich sowohl im Gewebe selbst und in der Qualität, als auch in der Länge und Breite unterscheiden. Bezüglich der Breite hat man 18 Sorten, die von 2 zu 2 steigen, indem sie von Nr. 2, als der schmälsten, anfangen und bis Nr. 36, als der breitesten, hinaufgehen. Der Bologneser, welcher schwarz Crespo, weiss Velo heisst, wird von der aller¬ feinsten Seide wie gewöhnlicher Flor sehr dünn und locker gewebt, aber nicht durch heisses Wasser gekreppt, sondern anf eine ganz besondere Art zubereitet. Eine besondere Sorte der Kreppstoffe sind die ganzseidenen Etamine mit Krepp¬ gaze, welche man auch Etamines fagon de Crepon nennt. (Vgl. unter Japan den Artikel „Chirimen“.) Kreppbilder, Bilder die auf weisser Seide mit feinen seidenen, aus Krepp gezogenen schwarzen Fäden gestickt werden und Kupferstichen ähnlich sind. Kreszentin oder Chappe, s. Seide. Kreuz (lat.: crux, franz.: croix, engl.: cross), als Symbol des Opfertodes Christi und somit des Inbegriffs des Christentums seit dem frühesten Mittelalter auf kirchlichen Stoffen und Stickereien angewandt. In der romanischen und gotischen Periode kommt das K. selten allein zur Anwendung, sondern im Zusammenhänge mit der Darstellung der KreuzigungChristi, besonders auf Kasein imd Antependien. Erst die Renaissance verziert die Rückseite der Kasel wieder mit dem Kreuz allein, zu welcher Zeit es als kirchliche Kunst¬ form in trefflicher Ausführung erscheint. (Vgl. kirchliche Wirk- und Stick¬ muster und Abb. 154.) Kreuzfach, die Kreuzung der Kettenfäden beim gazeartigen Gewebe. Kreuz- oder gebrochener Köper (Serge brise), allgemein bekannt unter dem Namen vierbindiger Atlas, trotzdem er nicht zu letzteren, sondern unter die Abarten der Köper gehört. Die Eigentümlichkeit der Ware besteht darin, dass ein Teil des Rapportes entgegengesetzte Richtung einnimmt, so dass, wenn der erste Teil von links nach rechts laufend, der zweite Teil von rechts nach links laufend seine Bindestellen hat. Die Kreuzköper wendet man meistens in Mode¬ artikeln oder halbwollenen Kleiderstoffen, Kammwollstoffen (Shawls) u. dergl. an. Kreuznaht s. Nähen. Kreuzsteppstich kommt in der Weissstickerei auf sehr klaren Geweben zur Verwendung. Er bildet auf der Kehrseite eine dichte Kreuznaht und gleichzeitig eine Art Untergrund, welcher der Figur einen matten Ton verleiht. In der Ausführung hat der K. Aehnlichkeit mit dem Steppstich; auch findet er in Abwechselung mit der Durchbrucharbeit und Spitzenstickerei Verwendung. Kreuzstich, in der Stickerei, am häufigsten auf Leinen, aus zwei schrägen Stichen bestehend, welche quer übereinander gelegt, ein Kreuz bilden. Gestattet der Grundstoff das Zählen der Gewebefäden, so wird der Kreuzstich direkt auf demselben ausgeführt; bei dichten Stoffen bedient man sich einer Unter¬ lage aus Kanevas, dessen Fäden nach Vollendung der Stickerei ausgezogen werden. Man kennt einen einfachen oder einseitigen und einen doppelseitigen Kreuzstich, und in letzterem hat die moderne Technik nach der Herkunft ge¬ eigneter Vorbilder verschiedenartige Sticharten im Kreuzstich benannt, die z. T. auch Abarten des Flechten-, Kästchen- und Zopfstiches sind (s. Leinen¬ stickerei). Eine ausgedehnte Verwendung findet der Kreuzstich auch in der sog. Kauevasstickerei (s. d.).
Kreuztüllgewebe—Kulieren. 311 Kreuztüllgewebe, gazeartiger Stoff aus feinen Baumwoll- und Seiden¬ fäden, nach der Hauptstadt des franz. Depart. Correge, Tülle, benannt (s. Tüll). Kreuzung. Beim Uebertragen der Wolle von Krempel zu Krempel wird in der Streichgarnspinnerei das Erzeugnis der ersten Krempel (in Pelz- [oder Vlies-] oder Bandform) der nächsten Krempel entweder so vorgelegt, dass die Haare, wrelche sich nahezu gleichlaufend zur Längsrichtung der Watte einge¬ lagert haben, wieder in der Längsrichtung der Maschine verlaufen oder senk¬ recht dazu: Uebertragung ohne und mit Kreuzung. In letzterem Falle erzielt man ein rauheres Garn, aber innige Mischung, und man arbeitet deshalb für Farbe- (Melangen) und Kunstwollmischungen mit Kreuzung, für Herstellung glatter Garne (Halbkammgarn) aber ohne Kreuzung. (A7gl. Müller, Handbuch der Spinnerei, Leipzig 1892.) Kreuzzuchtwolle s. Crossbredwolle. Krimmer s. Astrachan. Krimpen s. Dekatieren. Krimpkraft (Krumpkraft, Krümpkraft, Krümmkraft, Krumpfkraft) nennt man die Eigenschaft der Gewebe, beim Trocknen „einzugehen“ — zu schrumpfen. Es ist dies keine Kraft, sondern nur eine Eigenschaft, die besser durch „Krumpffähigkeit“ auszudrücken wäre. Kristiania, Hauptstadt von Norwegen, bewahrt im Industriemuseum die älteste, ziemlich genau datierbare Bildwirkerei mittelalterlich europäischen Ursprungs, welche im 12. Jahrh. in Norwegen hergestellt ist (s. Norwegen). Krone (lat.: corona, fi'anz.: couronne, engl.: crown) erscheint als Stoff¬ muster selten in heraldischer Bedeutung, sondern scheint sich vom Anfänge des 16. Jahrh. ab lediglich als künstlerische Knaufbildung einzuführen, (siehe Knauf bildungen.) Kronenleinwand, Kronentücher (Lienzos de tres coronas), gewebte Hanf¬ stoffe aus Westfalen, welche mit drei Kronen gestempelt unter dem Namen Löwentlinnen in den Handel kommen. Krullhaar oder Krollkaar, gekräuseltes Rosshaar, das als feineres Polster¬ material für Sitzmöbel verwendet wird. Krumau (Krummau), Stadt in Böhmen: Flachsspinnerei, Fabrikation von Tuch und Kaschmir. Krüseler, auch Hülle, eine Frauenhaube, die in der Mitte des 15. Jahrh. in Mode kam. Sie rahmte das Gesicht durch eine Menge eng gefalteter Striche von weissem, überaus feinem Leinen ein; auch war manchmal der untere Rand der kapuzenartigen Haube mit solchen Strichen versehen. Kuba, Stadt in Russland: Seiden- und Teppichwebereien. (Hauptort der Teppicherzeugung in Daghestan.) KucHen, Dorf im Oberamt Geislingen des württ. Donaukreises: Baum¬ wollspinnerei und -weberei. Kufische Schrift, die von der Stadt Kufa (Provinz Irak Arabi), wo die meisten Abschreiber waren, so benannte arabische Schrift, erscheint im Mittelalter auf Geweben nicht nur als Bezeichnung des Ortes der Herstellung oder des Zweckes, sondern auch lediglich als Ornament, weil die Technik der Weberei durch den gewünschten symmetrischen Umschlag die Bedeutung des Schrift¬ zeichens aufhebt. Schon der Araber macht auf diese Weise im 18. Jahrh. seine Koransprüche dem Flachmuster nutzbar (s. arabischer Stil). Diese Schriftborten übernimmt dann Spanien und Italien mit der Technik und den Mustern der Seidenweberei vom Orient, so dass Nachklänge in den europäischen Stoffen des 14.—15. Jahi’h. mit Spruchbändern und gotischen Minuskeln damit in Zusammenhang gebracht werden können. In der Musterung der Knüpf¬ teppiche des Orients lassen sich ähnliche Ueberlieferungen kufischer Schrift durch die Technik verfolgen, welche im 16. Jahrh. zur Ausbildung eines breiten arabischen Bandmusters führen. Kula, Stadt in der türkischen Provinz Aidin: Erzeugung von Knüpf¬ teppichen, welche im Handel als Smyrna-T. gelten. Kulieren s. Wirkmaschine.
312 Kulierplüsch—Kunstwolle. Kulierplüsch s. Wirkwaren. Kuniatstuch, grobes Wollentuch aus Siebenbürgen. Kunstleinen, leinwandartige Stoffe, zu deren Herstellung Leinenlumpen, abgenutztes Tauwerk usw. zerfasert werden und das Produkt nach Art der Baumwolle gekrempelt und versponnen wird. Künstliche Seide zu erzeugen bat in neuerer Zeit viele Techniker und Chemiker beschäftigt. Frühere Versuche, eine Faser herzustellen, die den Eigenschaften der Seide ähnlich war, schlugen fehl. (Vgl. Silbermann, Die Seide usw. Dresden 1897. Bd. II. S. 115 ff.) Noch im Jahre 1879 erregte die sog. Similiseide in Lyon grosses Aufsehen, entpuppte sich aber als Betrug. Ein gutes Ersatzmittel für die echte S. ist in der wilden S. gegeben; auch wurde versucht, die Ramie (Chinagras) ihres Glanzes halber als Surrogat der S. zu verwenden, ebenso versuchte man aus der Bastfaser des Maulbeerbaumes ein der Seide gleichkommendes Rohmaterial herzustellen. Als Grundstoff für das Surrogat der künstlichen S. wählte man die durch Behandlung mit Salpeter¬ schwefelsäure aus der Zellulose (Baumwolle oder Holzstoff) gewonnene Nitro¬ zellulose, die sog. Schiessbaumwolle oder das Pyroxylin in verschiedenen Stufen der Nitrierung. Nach Silbermann kannte man 1897 folgende Arten der künst¬ lichen Seide: ein im Jahre 1885 von Graf de Chardonnet erfundenes Verfahren, das seither neue Vervollkommnungen erfahren hat; ein im März 1889 als Patent angemeldetes Verfahren von Du Vivier; das im November gleichen Jahres angemeldete Verfahren von Dr. Lehn er in Augsburg und endlich die neuesten Verfahren vonCadoreh und Langhans.— Künstliche Seide wird auch aus gefärbten oder metallglänzenden K o 11 o di um fä d e n her¬ gestellt. Kunststickereifachschulen, Anstalten zur Ausbildung in der Weiss- und Buntstickerei für das weibliche Geschlecht. In Preussen liegt die Leitung der¬ selben, welche mit den Webe- und sonstigen Schulen für Textilindustrie ver¬ bunden sind, in Händen der Kgl. Zentralstelle (s. Berlin, S. 82); ferner besteht eine Abteilung an der Kunsthandarbeitsschule des Lettevereins zu Berlin und eine mit der Königl. Zeichenakademie zu Hanau verbundene Fachschule für Kunst¬ stickerei mit zweijährigem Unterrichtsgang. Sachsen besitzt zwei vom Staate beaufsichtigte Privatinstitute für Kunststickerei, die Fachschule des Frauen¬ erwerbvereins zu Dresden (seit 1877) und eine Abteilung an der höheren Fachund weiblichen Gewerbeschule, sowie Handarbeitslehrerinnenseminar zu Leipzig (seit 1875). Besondere Sorgfalt hat man in Oesterreich diesem Unterricht zu¬ gewendet. Dort besteht die Fachschule für Kunststickerei zu Wien (1874), die Kunststickerei zu Laibach (1891) und die mit der k. k. Staatsgewerbe¬ schule verbundene Fachschule für Kunststickerei zu Triest. Kunstwolle, Lumpenwolle (franz.: laine artificielle, engl.: Shoddy, Mungo), Ersatzstoff für Naturwolle, der durch das Zerfasern wollener Lumpen, sowie von Garnabfällen aus Spinnerei und Weberei oder auch von Tuchlumpen ge¬ wonnen wird (im letzteren Fall Mungo genannt). Die K. wird meist mit natür¬ licher Wolle gemischt, als Einschlag zu wohlfeilen Tuchen von feinem Aus¬ sehen, aber geringerer Haltbarkeit gearbeitet. Die Verarbeitung der Lumpen geschieht in der Weise, dass man dieselben zuerst wäscht, dann sortiert und jene, welche neben Wolle auch noch Baumwolle enthalten, dem sog. Karboni¬ sieren unterwirft, d. h. mit Dämpfen von Salzsäuren behandelt, wodurch die Baumwolle zerstört wird. Die sortierten und genügend gereinigten Lumpen werden auf dem Wolf, einer mit Stahlspitzen besetzten Trommel, welche in einem ebenfalls mit Stahlspitzen besetzten Gehäuse rasch umläuft, zerrissen. Die sich ergebenden Fasern werden mit Hilfe von Krempelmaschinen gleich gerichtet, so dass man eine lockere Watte erhält, die dann zu Bändern gestreckt wird, welche immer länger und dünner ausgezogen werden, bis man endlich spinnbare Fäden bekommt, die zu Geweben verarbeitet werden. Die sog. Schneiderlumpen, d. h. Abfälle von neuen Tuchen, sind für den Zweig der K.-Fabrikation das beste Material und werden die aus demselben dargestellten Fabrikate gewöhnlich als Mungo bezeichnet. Die K.-Garne werden in vielen
Kurdistan—Lacborias. 313 Fällen mit neuen Wollfäden zu billigerer Ware versponnen. Manche Gewebe, der eigentliche Sboddy, bestehen aber nur aus K. und haben daher auch nur eine geringe Festigkeit und Haltbarkeit. Die K.-Industrie ist zwar ein Ge¬ werbe, durch welches grosse Mengen von Abfällen, welche sonst wertlos wären, wieder in brauchbare Waren übergeführt werden, und man hat es soweit ge¬ bracht, solche Waren derart herzurichten, dass sie vom Nichtkenner für feine Schafwollstoffe gehalten werden; sie wird aber leider auch vielfach missbraucht, indem ein grosser Teil angeblich neuer Schafwollgewebe eine sehr beträchtliche Beimengung von K. enthält und hierdurch bei schönem Aussehen an innerem Wert verliert. Kurdistan, umfasst das Gebiet der Kurden, die türkischen Provinzen Diabekr, Erzerum, z. T. Bagdad, sowie die persischen Provinzen Kurdistan oder Ardilan mit der Hauptstadt Kirmanschah. Die Wanderstämme der Kurden erzeugen die besten Teppiche, welche bei der grossen Ausdehnung des Gebietes unter verschiedenen Bezeichnungen in den Handel kommen. Kurdistan-Kilims sind die feinsten glatten Teppiche, welche Persien jetzt produziert. Dieselben sind nicht geknüpft, sondern in feiner Schlitzwirkerei hergestellt; sie zeigen entweder ein Heratimuster und Palmwipfel, oft haben sie auch im Innern ein ovales Medaillon (s. Kilim). Kurk ist die teuerste (Flaum-) Wolle in persischen Teppichen: das sind die kleinen feinen unteren Haare, welche eine besondere Ziegenart (bei Kirman) im Frühjahr verliert. Mit K. gewebte Teppiche gehören zu den grössten Seltenheiten und werden nur auf Bestellung hergestellt, da K. viel teurer als Seide zu stehen kommt. Bei den Nomadenvölkern werden daraus Teppiche für die Aussteuer gemacht; auch sind die berühmten Kirmaner Shawls daraus gefertigt. Kurvenstil ist die allgemeine Bezeichnung im Bereiche der Kunstformen des französischen Barockstils, welche von Daniel Marot (1650—1712), Jean Berain (1638 —1711), Charles Boulle (1647—1732) ausgebildet wurden und sich aus volutenartig geschlungenen Bandornamenten zusammensetzen. Für das Flachmuster sind namentlich die Entwürfe von Marot von Bedeutung ge¬ worden und als Bandaufnäharbeit verwendet. (Vgl. Abb. 35.) Kusir, Nähseide (s. Seide). Kutil, modernes festes Gewebe aus grober Baumwolle. Kutte, der weite, bis auf die Füsse herabreichende, um die Hüften durch einen Strick oder Gürtel zusammengehaltene Rock der Mönche, der am Nacken mit einer Kapuze versehen ist. L* Lace, im Englischen „die Spitze“, dessen Abstammung wohl im italie¬ nischen „laccio oder lacetto“ zu suchen ist: dort ist es die Bezeichnung für eine Verschlingung aus Fäden oder wie es in alten Musterbüchern wörtlich übersetzt wird „geschlungenes oder verstricktes Werk“, womit also die innere Zeichnung gemeint war. In England versteht man unter L. im allgemeinen eine geklöppelte Spitze, in welchem Sinne die Ableitung des Wortes auch mit der Bedeutung für Litze, Tresse, Borte usw. im Zusammenhänge stehen kann, so dass man von einer point lace, oder von einer Spitze mit eingenähter geklöppelter Litze spricht, (s. Litzenspitze.) Lacerna, ein Uebergewand der Römer, leichter als die Toga (s. d.), wurde über beide Schultern gelegt und vorn mit einem Knopf geschlossen. Lacet (franz.), Schnürband, Schnürsenkel. Lachorias sind ostindische Baumwollzeuge von Patna, welche im ost¬ indischen Handel Vorkommen.
314 Lacieren—Lambrequins. Lacieren (franz.), einschnüren, zuschnüren, mit Band durchflechten. Lacis (franz.), netzförmiges Gewebe, Netzarbeit. Lacovries, baumwollene ostind. Gewebe, welche die Dänen früher brachten. Lade, in der Weberei der den Weberkamm einschliessende Rahmen mit dem Ladenbaum, dem unteren schweren Querholze, dem Ladenstock oder oberen Querholze, welches auf den Balken des Webstuhlgestelles ruht, und dem Ladendeckel, ebenfalls einem Querholze, welches den Weberkamm festhält. Die L. dient dazu, um den Einschlagfaden, der quer durch die Kette gelegt wird, anzuschlagen, d. h. den zuletzt eingetragenen Schussfaden glatt an das Gewebe zu drücken. Es gibt je nach der Art des herzustellenden Gewebes verschiedene Arten von L.: die Handlade, Schnelllade, Broschierlade, Wippchen¬ lade, Wechsellade, Lanzierlade. In der Flachsspinnerei nennt man L. den un¬ beweglichen Teil der Handhreche. Ladik, eine Art von Smyrna-Knüpfteppichen. Ladines, ein veralteter geköperter Wollenstoff, der buntgestreift oder getupft geweht wird und durch die Heissmange (Glossing maschine) eine glänzende Appretur erhielt. Lady-Coating, der feinste, leichteste Fries, eine Art Tuchgewebe. Laguary, kolumhische Bauimvollsorte. Lahn (franz. la larne, engl, finsel, ital. lame) heisst der dünne, geplättete Metalldraht, der entweder über Seide gesponnen oder allein zu Spitzen, Zeugen, Borten und dergl. verarbeitet wird. Es gibt Goldlahn, Silberlahn, leonischen oder unechten Lahn. Er ist auf kleinen Röllchen von einer halben oder ganzen Unze im Gewicht. Man bezieht ihn von Augsburg, Berlin, Wien, Nürnberg und Freiberg. Lahnbänder (Lahn und Seide zusammengewebt) werden noch in Annaberg gefertigt und für gewisse Volkstrachten gebraucht. Lahnzeuge für Maskeraden- und Theateranzüge webt man in Chemnitz. Die Fabrikation von Lahntressen wird in Freiberg betrieben, sie unterscheidet sich in Galonen, Gaze und Korallenarbeit. Lahnarbeit in echter Ware wird in vielen Städten Deutschlands, namentlich Nürnberg und Leipzig, ge¬ macht; höchst bedeutend ist die Fabrikation aber in Moskau (Russland). Lahnborten, die aus Lahn hergestellten Gold- und Silberborten. Lahore oder Lahaur, Hauptstadt in der indobritischen Gouverneurschaft Pandschab: Fabrikation von Baumwollstoffen, Flanellen, Seidenstoffen, Goldund Silberlitzen. In früherer Zeit Fabrikation von Teppichen: Ende der 80er Jahre sind solche aus dem 16. Jahrhundei’t entdeckt, welche im Jeyporemuseum untergebracht wurden, (s. Indien.) Laibach, Stadt im österreichischen Kronlande Krain: Baumwollspinnerei, Tuchfabrikation. Fachschule für Kunststickerei, Spitzenindustrie. Lamas, 1. flanellähnliche Stoffe aus Streich wolle, schlicht geweht, doch zuweilen auch geköpert und gemustert; sie haben eine schwache Haardecke, durch welche das Gewebe sichtbar ist, sind einfarbig oder bunt, gestreift, kariert oder geflammt und dienen als Futter für Winterkleider, zu Mänteln usw. Mitunter gibt man den Namen auch besseren Stoffen, die gewöhnlich Napolitaine heissen. 2. in Italien glatte, reiche und halbreiche Stoffe. Der Aufzug ist von Organsinseide, der Einschuss von Tramseide, das Gold und Siber echt. Die ganz reichen nennt man tutta lama, die halbreichen mezza lama. Sie werden zu Neapel, Messina und Venedig gewebt. Lambrecht, Stadt des bayer. Reg.-Bez. Pfalz : Bedeutende Tuchfabrikation, Watte und Wollfilz. Seit 1900 höhere Webschule. Lambrequins sind ausgezackte Behänge für Bortenabschlüsse über Fenstern, Türen und dergl., sowie an Decken- und anderen Behangstoffen. Ihre Entstehung wird mit der Entwickelung des Zackenmusters Zusammen¬ hängen, das wiederum durch die genähte und geklöppelte Spitze eine Aus¬ bildung erhielt. Allmählich sind die Bogenfelder auch als Musterung für ge¬ webte und gestickte Stoffe als abgepasste Streifen allgemein geworden, ohne dass man sie ausschneidet. (Vgl. die Abb. 38, 39, 41 u. 3 auf Tafel IX.) Eine besondere Art von lambrequinartigen Feldern in glatten Borten ist ge-
Lametta—Lanciert. 315 Abb. 170. bildet durch das Umschlagen des arabischen Spitzbogens, dessen Motiv auf persischen und indischen Teppichen und Decken oft wiederkehrt. (Vgl. Abb. 170.) Abbildung: 170. Darstellung aus: Heiden, Musteratlas, Leipzig 1896, Blatt 17. farbigem Zeugdruck mit gefüllten Lambrequinfeldern. Indien 19. Jahrh. Borte in Lametta, feine Metallfäden, die durch Ziehen von versilberten Kupfer¬ stangen hergestellt und mit denen Stoffe zu Gewändern durchweht werden. Laminieren, soviel wie zwischen Walzen strecken, z. B. die für den Spinnprozess vorzubereitende Baumwolle auf dem Laminierstuhl oder der Streckmaschine. Lamm Gottes, s. Agnus Dei. Lampas, ursprünglich ostind. gemalte Seidenstoffe, welche durch die Holländer nach Europa kamen, und jetzt noch zuweilen über Kopenhagen in den Handel gebracht werden. Gegenwärtig versteht man unter dem Namen Lampas reich gemusterte Seidenstoffe zu Möbeln und Tapeten, Kirchenornaten und dergleichen. Lampendocht, s. Docht. Lamskin, streichwollnes Plüschgewebe, Nachahmung von kurzem Lammfell. Lanark, Stadt in Südschottland: Baumwollspinnerei und Strumpfwirkerei. Lanas churras, s. Wolle. Lana sucida nennt man auf allen italienischen Handelsplätzen jede un¬ gewaschene und unreine Schafwolle, besonders aber die aus der Levante, Berberei, Morea, Dalmatien usw. kommenden Sorten. Lancashire oder Lancaster, engl. Grafschaft: bedeutendstes textiles Industriegebiet Englands (s. d.). Schon unter Heinrich VIII (1509—47) be¬ ginnt hier die Verarbeitung der Baumwolle, welche durch protestantische Flüchtlinge von Italien dahin gebracht wird. Lanciert, (franz.) lanziert, heissen gemusterte Gewebe, welche ausser dem Grundschuss noch einen Figurenschuss haben, dessen Fäden aber nicht, wie bei den broschierten Stoffen, nur in der Breite der Figur, sondern in der ganzen Breite des Gewebes hinlaufen und auf der Unrechten Seite öfters flott liegen.
316 Laucut—Lappets-Musseline. Lancut, Stadt in Galizien: Fachwerkstätten für Weberei; Tuchfabriken, Leinwandbleicherei; Handel mit Flachs. Landeck in Westpreussen, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Marienwerder: Tuchweberei und Wollspinnerei. Landserge, buntgefärbte geköperte Wollenstoffe, welche ehedem in Hof und in Weiden in der Oberpfalz verfertigt und von den Landleuten getragen wurden. Landtücher, diese Bezeichnung gibt man sowohl im allgemeinen den aus inländischer W olle, als auch besonders den in den Landstädten verfertigten wollenen Tüchern. Langenberg, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Düsseldorf: Bedeutende Seidenund Halbseidenstoff- sowie Seidenbandfabrikation; Färbereien. Langenbielau, Dorf im preuss. Reg.-Bez. Breslau: Bedeutende mechan. Webereien für Baumwoll- und Leinenwaren (Firma Christ. Dierog mit 3000 Arbeitern), grosse Garnfärb er eien und -Bleichen. Langensalza, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Erfurt: Kammgarnspinnerei, Baumwollweberei, Nessel-, Strickgarn- und Tuchfabrikation. Um 1670 wurden hier Halbseidenmanufakturen gegründet; die Raschmacher Formfeist und Schreiber kamen im Jahre 1668 von ihren Wanderungen aus der Schweiz zurück und verwerteten ihre Kunst in L. durch Herstellung von geblümten Taffeten, Atlassen und anderen Seidenzeugen, mit baumwollenem oder leinenem Einschlag. Schüler und Nachkommen errichteten im 18. Jahrhundert weitere Manufakturen und so kam das Gewerbe zu immer höherer Blüte. Im Jahre 1720 war hier die Zahl der Seidenwirker so gross, dass sie von Kurfürst August III ein Innungsstatut erhielten. Gottlieb Gräser führte daselbst auch die Fabrikation reinseidener Gewebe ein. Langenthal, Marktflecken des Schweiz. Kantons Bern : Fabrikation von Leinen-, Woll- und Halbwollwaren. Langnau im Emmental, Dorf im Schweiz. Kanton Bern: Gerbereien, Bleichen, Tuchfabriken und Leinenindustrie. Languenane oder Bourriere, eine aus dem besten und reinsten Flachs gewebte französische Leinwand, die ihrer Güte und Dauer wegen sehr gesucht wird. Vorzüglich schön macht man sie im Departement der Nordküsten, zu Dinan, St. Brieux und den umliegenden Dörfern. Languetten- oder Schlingenstich, eine in der Weissstickerei übliche Stichart (s. Stickerei). Langwaren nannte man früher alle die Gewebe, welche im Kleinhandel nach der Elle gemessen wurden. Lanilla de Colores ist eine Handelsbezeichnung an der Westküste von Südamerika für eine Gattung mittelfeiner englischer Sergen von hartem Kammgarn. Lanipendium (lat.), Raum in den Nonnenklöstern für die Wollenspinne¬ reien und die wollenen Gewänder der Nonnen. Lannoy, eine Gattung Tripp (s. d.), die in der Gegend bei Ryssel ge¬ webt wird. Laon, Stadt im franz. Depart. Aisne: Fabrikation von Leinwand, Strumpf¬ waren, Wolldecken, Tuch. Lapisdruck, in der Zeugdruckerei eine Methode zur Erzielung von bunten Mustern auf Küpengrund, die darin besteht, dass man auf weisse Baum¬ wolle eine Reservage, die eine Beize (Tonerde = Eisenbeize) enthält, auf¬ druckt, dann mit Indigo färbt und schliesslich mit einem Beizenfarbstoff“, der dann nur an den bedruckten Stellen fixiert wird; die Erzeugnisse heissen Lapisartikel. Lappets-Musseline nennt man auf beiden Seiten rechts broschierte oder figurierte Musseline, meistenteils mit erhabenen Streifen, zwischen welchen die runden durchbrochenen Muster sich befinden; die Kette ist Muletwist und der Einschlag Weftgarn. Sie werden auf einem eigenen dazu erfundenen Stuhle gewebt, den man Lappet-Stuhl nennt.
Lappingmaschine—Leggen. 317 Lappingmaschine, soviel wie Doubliermaschine. Las pointas, Bezeichnung der Spitzen von le Puy durch die spanischen Bewohner. Lastings sind Wollatlasse, d. h. nach Atlasart dichtgewehte Zeuge aus hartem Kammgarn, die meist nur in schwarz und andern dunkeln Farben Vor¬ kommen und als Möbelstoffe, zu Schuhen, Halsbinden und Kleiderstoffen dienen. Häufig ist der Stoff ein gemischter, mit Kette von Baumwollzwirn, und heisst dann zuweilen Paramatta. Latisclavus (lat.), breiter Purpurstreifen an den Gewändern des frühen Mittelalters. (Vgl. Koptische Textilfunde.) Lauban, Stadt im preuss. Beg.-Bez. Liegnitz: Leinen- und Baumwoll¬ weberei, Garnbleiche, Kattundruckerei und Färberei. Lauenburg in Pommern: Meckan. Webereien und Wollspinnerei. Laufen, Stadt im Schweiz. Kanton Bern: Leinwand- und Garnweberei, Seidenindustrie. Laufenburg, Stadt des bad. Kreises Waldshut: Baumwollweberei, Seiden¬ zwirnerei und Seidenstoffweberei. Laufender Hund, s. Wogenband. Lauffäden der Gimpenspitzen werden aus ganz feiner Seide oder anderen feinen Fäden gebildet; sie treten gegenüber den starken Schnüren zurück: s. Rissfäden. Laufmasche, ein in Wirkware bisweilen als Fehler entstehendes, bis¬ weilen aber auch zur Musterbildung absichtlich hergestelltes breites Platinen¬ maschenstäbchen. Laval, Stadt des franz. Depart. Mayenne: Sehr bedeutend sind Fabri¬ kation von Leinwand, Zwillich, Kattun und andern Baumwollwaren. Lavalsche Leinen, Toiles de Laval, ist der allgemeine Name verschie¬ dener Sorten franz. Flachsleinwand, welche im Depart. der Mayenne und im Umkreis von mehreren Meilen verfertigt werden und die ihren Namen von der Stadt Laval, wohin sie die Weber zum Verkauf bringen, erhalten haben, weil sie von dort aus appretiert und sortiert weiter verschickt werden. Lavoro di maglio (ital.), s. v. w. Maschenarbeit. Lawn, ist die englische Benennung der schlesischen Schleierleinwand. — Die Bezeichnung L. wird gegenwärtig in England und Schottland auch für baumwollene Stoffe ähnlicher Art wie die leinenen gebraucht, (s. a. Linon.) Lea (engl.), Gebinde von Garn. Lebensbaum, heiliger Baum, s. Baum als Stoffmuster. LeCCO, Hauptort der ital. Provinz Como: Seidenbau, Seiden- und Baumwollfabriken. Leck, Dorf des preuss. Reg.-Bez. Schleswig: Wollspinnerei, Tuchfabrik mit Färberei und Walkerei. Lectoure, Stadt des franz. Depart. Gers: Wollspinnerei, Fabriken für Wollzeuge und grobes Tuch. Lederleinwand, s. Creas und Corain. Ledertuch, ein nach Wachstuchart mit Leinölfirnis unter Zusatz von Erdfarbe überzogener Baumwollstoff, häufig Barchent, welchem man durch Pressen zwischen gravierten Walzen die dem Saffian oder andern feinen Leder¬ arten eigentümlichen Nai’ben gibt. Es wird zu Tischdecken, zum Beziehen von Stühlen, Sofas u. dgl. verwendet. Leeds, Stadt in der engl. Grafschaft York: Unter den Industriezweigen sind Flachsspinnerei, die Anfertigung von Kleidungsstücken, vor allem die von Mützen und Damenkonfektion, und die Gerberei hervorzuheben. Schon im 17. Jahrh. Sitz der Wollmanufaktur. Leek, Stadt in der englischen Grafschaft Stafford: Seidenspinnerei; Fabrikation von Borten. Leggen, die in einzelnen Webereidistrikten vorhandenen amtlichen An¬ stalten zur Kontrolle der Leinenwaren nach Länge und Breite der Stücke so-
318 Lehrte—Leinendamast. wie nach Qualität; sie wurden iu den Provinzen Westpreussen, Hannover und Hessen 1875 aufgehoben. Lehrte, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Lüneburg: zwei Wollgarnspinnereien. Leichentuch, (lat. pallium emortuale; franz.: drap mortuaire; palle funeraire; engl: funeral pall); zur Bedeckung eines Leichnams oder Sarges dienendes Tuch. Schon seit dem frühen Mittelalter gebräuchlich: Viele derartigen Tücher kommen als Hülle vollständig bekleideter Toten in koptischen Gräbern des 5.—7. Jahrh. vor. Seidene gewebte Sargdecken sind auch im Orient üblich und mit Koransprüchen gemustert; sie kommen aus der Türkei (Skutari) in rot und weissem Atlasgewebe. Leichlingen, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Düsseldorf: Rotfärberei, Woll¬ spinnereien, mechan. Webereien und Färbereien, Hausindustrie in Plüsch¬ weberei. Leiden oder Leyden, Stadt in der niederländ. Provinz Südholland: Be¬ trächtlichen Erwerbszweig bildeten im 18. Jahrh. die Tuchfabriken. Nach einer Zeit des tiefsten Verfalls (besonders seit der franz. Herrschaft) hat L. sich in den letzten 50 Jahren wieder erholt, es fabriziert Tuche, Kattun, Decken und treibt Wollhandel. Lein, (lat.: linurn usitatissimus; franz.: lin; ital.: lino; engl.: linum). Die L.-Pflanze wird seit alter Zeit in verschiedenen Arten gepflanzt und teils ihrer Gespinstfasern, teils ihrer ölreichen Samen wegen gebaut. Die Gespinstfasern, welche als jyj Halbproduckt den Namen Flachs (s. d.) führen, sind von Bedeutung zur Anfertigung von Leinen¬ garn , aus welchem die Leinwand erzeugt wird. Abbildung: 171. Darstellung aus: Buch der Erfindungen, Leipzig und Berlin 1879. Bd. fi: Leinpflanze. Leinendamast, (franz.: linge damassee; engl.: linnen-damask); wird in den besten Arten aus feinsten Leinengespinsten, auch mit Seide, in ge¬ wöhnlicheren Sorten mit Vermischung von Baum¬ wolle geweht. Das Gewebe seihst ist wie jeder andere Damast durchweg ein fünf- bis achtbindiger, in den feinsten Sorten zwölfbindiger Köper oder Atlas. Leinendamast zeigt von allen D. die grösste Mannigfaltigkeit mit Rücksicht auf Muster, Fein¬ heit und Breite ; er wird gegenwärtig fast nur noch abgepasst, d. h. nach bestimmtem Mass mit Ein¬ fassung, Mittelstück und Ecken gearbeitet und zu Tafeltüchern, Servietten und Handtüchern ver¬ wendet. Derselbe ist ganz weiss, indem das Muster auf der einen Seite glänzend in mattem Grunde, auf der anderen matt in glänzendem Grunde er¬ scheint, oder weiss und gelblich (naturfarbig), in¬ dem die Figur auf der einen Seite hell in dunk¬ lerem Grunde, auf der anderen dunkel in hellerem Grunde erscheint. Der älteste Leinendamast wird in Nachahmung des italienischen Seidendamastes im 16. Jahrhundert in Deutschland (Augsburg) erzeugt, die Musterung ist anfangs geometrisch: schachbrettartig, mit Sternen oder aus sogen, versetzten Steinmustern, die auch in ältesten sizilianischeu Seidendamastgeweben erscheinen. (Vgl. Ahb. 55.) Im 17. Jahrhundert wird Sachsen in der Leinendamastweberei berühmt, ihre Musterung folgt dem Stile der Zeit (Abb. 172), woselbst das geknickte Band vorherrschend ist; später aber das Blumenmuster bevorzugt. (Abb. 173.) Böhmen und Schlesien werden
Leinendamast. 819 im 18. Jahrh. für Leinendamastweberei bedeutend; aus Schlesien und Sachsen kommen in vielen Beispielen die sogen. Friedensdecken (Abb. 174), welche Abb. 172. zur Erinnerung an die Friedenschlüsse von Breslau (1742), von Dresden (1745) und von Hubertsburg (1763) gewebt worden sind. — Vgl. E. Kumsch, Leinendamastmuster des 17. und 18. Jahrh. Dresden 1891. Abb. 173. Abbildungen: 172. Darstellung aus Kumsch, Leinendamastmuster, Bl. VI: Borte eines Leinen¬ damasttuches mit Ornament aus Band- und Blattwerk. Sachsen Anf. 18. Jahrh. 173. Darstellung wie vorher, Blatt VI: Teil einer Leinendamastdecke, rot und weiss mit Rand aus Früchten und Blumen, in Mitte Blumenkorb. Sachsen Mitte 18. Jahrh. 174. Darstellung aus der Zeitschrift: „Sammler-Daheim“, 1902, Nr. 20: Leinen¬ damasttischdecke , zur Erinnerung an den Frieden von Hubertsburg gewebt. Rand
320 Leinengarn. Abb. 174. mit Jagdscenen, in Mitte Darstellung der Herrscher mit dem Alliancewappen und dem Schloss Hubertsburg. Sachsen 1763. Leinengarn. Der aus der Faser des Flachses gesponnene Faden wird Flachsgarn, häufiger Leinengarn genannt; bei den daraus gefertigten Geweben hingegen greift die Bezeichnung Leinen ausschliesslich Platz. Während in alter Zeit die Anfertigung des L. aus Flachs vornehmlich Gegen¬ stand der Hausindustrie war und der Flachs durch Handarbeit zu Garn ver¬ sponnen wurde, ist dieser Industriezweig gegenwärtig ganz in den Hinter¬ grund getreten und wird L. sowie Gewebe aus demselben jetzt meistens unter Anwendung von Maschinen hei'gestellt. Die Handspinnerei auf dem Rade wird in den Webereidistrikten z. Z. noch gewerbsmässig von den armen Familien betrieben und die Garne werden entweder durch Aufkäufer gesammelt und den Webereien übermittelt, oder, wie namentlich in Böhmen, an bestimmten Plätzen (Trautenau) zu Markte gebracht. Die Verspinnung des Flachses auf Maschinen nahm schon im Anfänge des 19. Jahrh. in England ihren Anfang, indessen hat man erst seit etwa 50 Jahi*en damit befriedigende Erfolge erzielt, wozu die Engländer in der Ausbildung der dazu erforderlichen Hilfsmittel am meisten beigetragen haben. Es bestehen zwischen Maschinen- und Hand¬ gespinst wesentliche Unterschiede, indem jede der beiden Arten ihre be¬ sonderen Vorzüge und Mängel hat, welche für die Verwendung massgebend sind. Nicht durch die Preisverschiedenheit hat ersteres das letzte verdrängt, sondern durch die grössere Gleichmässigkeit des Fadens. Derselbe ist beim Maschinengarn immer gleichmässig voll und gerundet , das Handgarn dagegen häufig stellenweise dünner oder dicker, kantig und nicht frei von Knötchen. Dagegen ist es weit glatter als jenes, was durch hervorstehende feine Härchen rauh und wollig erscheint. Hiernach besonders unterscheiden sich beide Arten von Garnen. Das fadengleiche Maschinengarn wird überall dort angewendet,
Leinengewebe. 321 wo auf seine Eigenschaft etwas ankommt, oder bei Zwirn, glatten Bändern und Leinen. Die Gewebe daraus entbehren aber des eigentümlichen Leinen¬ glanzes, sie erscheinen nach der Bleiche rauh und reiben sich beim Tragen noch wolliger, unterliegen daher auch schneller der Abnützung. Wenn also der Leinenglanz (d. i. der sogen. Spiegel) zur Geltung kommen soll, ist das Handgarn nicht zu verdrängen. Es kann sich überhaupt um so eher gegen die Maschine behaupten, je besser gesponnen wird. — Die Leinengarne werden je nach ihrer Bestimmung, ob sie zum Verweben oder zu Zwirnen dienen sollen, schon beim Spinnen verschieden fest gedreht. Das Kettgarn erhält mehr Drehung als das mehr lockere Schussgarn; das zu Zwirn bestimmte wird ebenfalls weniger fest gesponnen. —Leinenzwirn entsteht durch Zusammen¬ drehen von 2, 3 oder 4 einzelnen Garnfäden zu einem ganzen; und zwar ge¬ schieht diese Drehung entgegengesetzt derjenigen, unter welcher das Garn entstand. Das Zwirnen erfolgt auf Zwirnrädern oder zusammengesetzten Zwirn¬ maschinen, die in der Konstruktion Aehnlichkeit mit einer Waterspinnmaschine haben. Berühmt sind die belgischen Zwirne, die zu den vorzüglich feinen Spitzen dienen. Von solcher Ware wird das Kilo bis zu 1700 Mark bezahlt. Englische und schottische Zwirne sind besonders fest und von schönem Aus¬ sehen. Auch Frankreich liefert gute Sorten, u. a. den Liller Glanzzwirn. In Böhmen, Mähren, Sachsen werden gleichfalls gute Zwirne gefertigt. — (S. a. Garn und Garnsorten.) Leinengewebe, Leinwand oder Linnen (franz.: toile; engl.: linen) sind aus Flachs, Hanf oder Heede hex*gestellt; ihre Bindung ist typisch für die glatten Gewebe. Die Kette ist in zwTei gleiche Abteilungen geordnet, welche die Fäden 1, 3, 5 bezw. 2, 4, 6 enthalten und werden diese beim Weben ab¬ wechselnd nach oben und uuten gezogen, so dass nur zwei Tritte am Web¬ stuhl nötig sind. Nach dem verwendeten Material unterscheidet man Flachsleinen (aus reinem gehechelten Flachs), Hanfleinen (aus reinem Hanf oder mit hänfener Kette und Einschlag von Flachsgarn), Heede- oder Wergleinen, halbflächsene oder Halbheedeleinen, Halblaken (mit Kette von Flachsgarn und Ein¬ schlag von Heedegarn), halbbaumwollene L. oder Halbleinen (mit Kette von Baumwollgarn und Einschlag von Flachsgarn oder umgekehrt). Die stärkste der zahlreichen Leinensorten ist das Segeltuch, das in besseren Qualitäten aus reinem Hanfgarn, in geringeren aus unreinem, Knoten enthaltenem WTerg hergestellt wird. Dann schliessen sich an die verschiedenen Arten der Sackund Pack-L. — Zu den guten, dicht gearbeiteten Sorten der L. sind zu rechnen: Das Hausleinen, die böhmischen xtnd schlesischen Creas. Zu den leichteren Sorten gehören die böhmischen und schlesischen Schockleinen, die sogen. Futterleinen, welche stark appretiert und entweder ungebleicht oder schwarzgrau u. s. w. gefärbt und marmoriert sind; im ersteren Falle heissen sie Franzleinen, im letzteren Moorleinen; das Steifleinen, sehr lose gewebt und durch starke Appretur steif gemacht. — Ausser dem weissen Leinen gibt es bunte und farbige Sorten, welche entweder aus gefärbtem Garn streifig oder kariert gewebt oder in Stücke gefärbt, oder wie Kattun ge¬ druckt sind. Andere Gewebe aus Leinengarn sind Damast, Drell, Batist, Linon und Gazen. Ein neuer Artikel in der Leinenbranche ist Leinenplüsch, der sich durch Haltbarkeit auszeichnet. Um das Leinen auf seine Echtheit zu prüfen, wird ein Streifen des Gewebes an einer Ecke ausgefasert, einen Augenblick in eine Lösung von Fuchsin in gewöhnlichen Spiritus getaucht, dann so lange mit Wasser übergossen, bis dasselbe ungetärbt abläuft. Noch feucht wird die Probe 1—2 Min. in eine Salmiaklösung getaucht; sobald die¬ selbe an der Luft trocken geworden ist, werden etwaige Baumwollfäden weiss erscheinen, während die Flachsfäden die Farbe behalten haben. — Die Herstellung von Leinenge-weben ist uralt, schon im alten Aegypten und anderen Ländern des Morgenlandes wurden im Altertum Ge¬ wänder daraus getragen, deren feinste aus dem sogen. Byssus (s. d.) be¬ standen. Auch die alten Griechen und Römer trugen leinene Kleider. Wie die aus koptischen Textilfunden (s. d.) stammenden Leinengewebe zeigen, Heiden, Handwörterbuch der Textilkunde. 21
322 Leinenindustrie—Leinenstickerei. waren solche schon im frühen Mittelalter bunt gewürfelt und kariert. In späterer Zeit ist die Verwendung der Leinwand zu Kleiderstoffen zurück¬ gegangen und vielfach durch baumwollene Stoffe ersetzt. Die Leinenindustrie war im 15. und 16. Jahrh. nirgends so entwickelt als in Deutschland; indessen schädigte der dreissigjährige Krieg und die späteren Kriege dieselbe aufs schwerste. Die lange Friedenszeit von 1815 ab Hess zwar die Leinenweberei in Westfalen, Schlesien, der Lausitz, in Württem¬ berg neu aufbliihen; aber die inzwischen erstarkte ausländische Konkurrenz machte sich doch stärker als zuvor geltend, zumal da man in England, Frank¬ reich und Belgien sowohl in der Spinnerei, als auch in der Weberei früher zum Maschinenbetriebe gelangte. An der Spitze der Leinenindustrie steht Grossbritannien, vor allem Irland. Hauptsitze der Spinnerei von Leinengarnen sind Leeds, Breadford, Dundee, Belfast, Huddersfield, Manchester; die Weberei hat auch in Irland ihren Hauptsitz. Die Bleichereien gelten als mustergiltig. In Frankreich ist das Depart. Nord der Hauptsitz der seit 1884 er¬ richteten mechanischen Flachsspinnerei; doch werden die Garne, die sich zum Teil durch besondere Feinheit auszeichnen, meist in Irland verbraucht. Die Dauphine fertigt vorwiegend Hanfleinwand; besseres Flachsleinen liefern die nordöstlichen Provinzen, die übrige Weberei meist Mittelware für den in¬ ländischen Bedarf. In Deutschland vermag die Spinnerei den einheimischen Bedarf nicht ganz zu decken, doch ist dies mit jedem Jahre besser geworden: 1893 betrug die Ausfuhr von Leinengarnen 2,473, von Leinen- und Seilerwaren 30,021; 1901: 4,9 bez. 22,82 Mi 11. Mark. Oesterreich hat in Böhmen, Oesterreich-Schlesien und Mähren zahl¬ reiche Spinnereien, in denen meist gröbere Nummern gesponnen werden. Dort ist auch die Weberei konzentriert, die zum grossen Teil noch Hausindustrie ist. Mehr und mehr vollzieht sich auch hier der Hebergang zum Fabrik¬ betrieb. Belgien verfügt mit 250000 Spindeln über eine Flachsspinnerei, die im Verhältnis zur Bevölkerung die aller anderen Länder übertrifft. Auch die billigeren Artikel der Weberei können sich auf dem Wollmarkte neben den englischen und deutschen gut behaupten. Die Schweiz ist in ihrer Leinenindustrie nicht auf der Höhe des 16. und 17. Jahrh. (St. Gallen und Appenzell) geblieben. Nur in den feinsten Geweben, den Batisten, Taschentüchern u. drgl. findet noch jetzt eine Aus¬ fuhr statt. Die Vereinigten Staaten von Amerika haben der L. noch keine besondere Aufmerksamkeit zugewendet. In Italien, Spanien, unter den slav. Völkerschaften, besonders in Bussland, in den skandinavi¬ schen Ländern, wie in den Donau Staaten werden Leiuengewebe, teils in Fabriken, teils auf Handstühlen hergestellt, der eigene Bedarf aber nicht gedeckt. Leinenschlagspitze oder Formenschlagspitze ist eine vervollkommuete geklöppelte Flechtenspitze, sie stellt durch leinenartige Bindung breitere Flächen her; das einfachere Flechten wird dabei fast nur für die Verbindungen an¬ gewendet. Leinenstickerei bezeichnet im weiteren Sinne jede auf einem leinenen Grundstoff gefertigte Stickerei, welche seit den ältesten Zeiten zur Musterung von Kleidern und anderen textilen Gegenständen gebräuchlich ist. Zunächst ersetzte die Leinwand nur andere Unterlagen und es wurden die Muster ebenso wie auf Seide und Wolle in farbigem Material ausgeführt, das mit Rücksicht auf die AVaschbarkeit kaum einer besonderen Auswahl bedurfte, da die Farben der älteren Zeiten sich grosser Haltbarkeit erfreuten (Abb. 96 und 97). So finden sich noch aus dem 15. Jahrh. namentlich viele kirchliche Leinenstickereien, Antependien, Kelchtücher u. dgl., welche in bunter Seide im Plattstich mit Apostelfiguren, gotischem Rankenwerk und Blüten bestickt sind. Aus etwas
Leinenstickerei. 323 späterer Zeit sind ferner Leinendecken (schweizer Arbeiten) für kirchliche Zwecke erhalten, deren kostbarste in Seide und Gold (Abb. 100), die meisten in bräunlichem und weissem Garn im Stielstich gearbeitet wurden. Diese Art der Leinenstickerei mit Mustern in beliebiger, freier Linienführung findet in Sticharten und in der Verzierungsweise die gleiche Entwickelung wie die übrige Kunststickerei. Eine besondere Art der L., und diese wird in engerem Sinne darunter verstanden, ist jene, welche in der Mustergebung den quadratisch teil¬ baren Grund berücksichtigt und dementsprechend auf Sticharten beschränkt ist, welche sich dem Netzfach anpassen lassen. Die am meisten dafür in An¬ wendung kommende Technik ist die des Kreuzstiches, dem sich viele andere Sticharten und Ziernähte in einfacher und doppelseitiger Ausführung anschliessen. Dieser eigentlichen Leinenstickerei, bei welcher der Grund die Ausführung und Wirkung des Musters wesentlich beeinflusst, gingen in älterer Zeit die ver¬ wandten Arbeiten auf offenen Geweben, den sog. Kanevas-Stramin- oder Abb. 175. Segeltuchstoffen voraus, welche in Material, Technik und Musterung ihren eigenen Entwickelungsgang genommen haben; bezüglich der Mustergebung ent¬ halten schliesslich etwas Gleichartiges noch die in Weiss und Bunt ausgeführten Filetarbeiten. (Vgl. hierüber die betreffenden Artikel im Einzelnen.) Die Leinenstickerei auf abgezählten Fäden hat im 16. Jahrh. in Italien und Deutschland eine weite Verbreitung gefunden, wozu besonders dafür erschienene Stickmusterbücher (s. d.) beitrugen. Für unsere Zeit wurde das Gebiet der „altdeutschen Leinenstickerei“ neu belebt am Ende der 1870er Jahre durch die Veröffentlichung älterer Muster, wie $ie sich auf Mustertüchern, Tisch- und Bettzeug erhalten haben; altitalienische Leinenstickerennuster schlossen sich daran an. Der Ursprung der L. ist im Orient zu suchen, woselbst sie in gleicher Art wie in Italien und Deutschland schon früher von den Arabern geübt wurde: Beispiele davon im Kreuzstich (Abb. 175), im Webstich (Abb. 176) und mit Durchbrucharbeit in farbiger Seide (Abb. 177), wie sie im 16. Jahrh. in Spanien erscheint, fanden sich in koptischen Gräbern der späteren arabischen Periode. Auch Mustertücher für Leinenstickerei (Abb. 178) entstammen diesen Funden; zahlreich vertreten sind darin die Borten im sogen. Holbeinstich, Kästchen-
324 Leinenstickerei. oder Strickstich (Abb. 25 u. 117). Uebrigens bedingt schon der Gebrauch der vielen Kopftücher, Shawls u. dgl. im Orient eine bei weitem grössere Aus¬ bildung der Leinenstickerei, wozu auch das Tragen von leichteren Leinen- und Baumwollengewändern Veranlassung gibt. Die grösste Vielseitigkeit ist namentAbb, 176. lieh in den überaus zahlreich vorkommenden gestickten Shawls und Festüchern wahrzunehmen, welche auch auf Baumwolle gearbeitet werden. Diese der neueren Zeit angehörigen Stücke enthalten in farbiger Seide, Goldfäden und -lahn die reizvollsten Blumen- und Flächenmuster (Abb. 179), welche sich genau dem quadratischen Fadensystem des Grundstoffes anpassen. Einfarbige LeinenAbb. 177. Stickereien in roter und blauer Seide ausgeführt, oft so, dass die ausgesparte weisse Leinwand das Muster bildet, kommen aus Fez in Marokko (Abb. ISO); dieselben haben den Weg über die griechischen Inseln genommen, sind dort und in Italien nachgebildet worden und gaben zur vielseitigen Ausbildung weitere Anregung, wobei auch die Technik des einfachen Kreuzstiches abgelöst wurde durch den Webstich (Abb. 1S1), der als deckende Flächenfüllung in der Türkei (Janina; vgl. Abb. 125) in reichen Mustern vertreten ist. Italien
Leinenstickerei. ■<yr Abb. 178. Abb. 179. 325
326 Leinenstickerei. bevorzugt im 16. Jahrh. in vornehm stilisierten geknickten Rankenmustern (Abb. 182) eine Stichart, welche filetartig durchbrochen erscheint (Abb. 183). Etwas anders gestaltet sich die Leinenstickerei in Deutschland und in den slawischen Ländern. Zunächst wird der Waschbarkeit des Materials daAbb. 181. Abb. 182. Abb. 183. durch mehr Rechnung getragen, dass statt der Seide blaues und rotes Garn zur Stickerei Verwendung findet. Aber auch der gegebenen klaren weissen Grundfläche ist dadurch mehr künstlerische Wirkung zugedacht, dass die streng stilisierten Muster derartig darauf verteilt sind, um die Leinwand dabei mit
Leinenstickerei. 327 zur Geltung kommen zu lassen. Vor allem hat man darin jegliche Kurven¬ bildung vermieden, die doch der taffetartige Grund schwer hergibt (Abb. 184). Literatur: Lessing, Muster altdeutscher Leinenstickerei, Bd. 1—3, Berlin 1878—90; Lipperheide, Muster altitalien. L., Bd. 1 u. 2, ebd. 1881 und 83; Originalstickmuster der Renaissance, herausgegeben v. k. k. Oesterr. Museum, Wien 1874; Hans Sibmacher, Stick-und Spitzenmusterbuch nach der Ausgabe vom Jahre 1597, herausgegeben wie vorher, AVien 1866; der¬ selbe, nach der Ausgabe vom Jahre 1604, herausgegeben von Dr. Georgens, Berl. 1874; Cocheris, Patrons de broderie et de lingerie (Paris 1872), hat vier der ältesten französischen Bücher veröffentlicht; Drahan, Stickmuster, Abb. 184. Wien 1873; Lay und Fischbach, Südslawische Ornamente, Budapest 1878 und 1879; Fischbach, ATorlagen für Stickerei und Häkelei, Göppingen; Lay, Ornamente südslawischer nationaler Haus- und Kunstindustrie, Wien 1875—85; Teschendorff, Kreuzstichmuster für Leinenstickerei, Berlin 1879, 84 u. v. a. Ab bi 1 düngen: 175. Originalaufnahme aus dem Kunstgewerbemuseum in Leipzig: Borte eines Leinentuches mit Stickerei in farbigem Garn in Kreuzstich: arabisches Palmettenmuster. Aus einem Koptischen Grabe des 15. Jahrhunderts. 176. Originalaufnahme aus dem Kaiser Friedrich-Museum in Berlin: Stickerei auf Leinen im Webstich in rotem Garn: Darstellung reihen weis versetzter Doppel¬ enten. Aus einem Koptischen Grabe des 15. Jahrhunderts. Arabisch. 177. Originalaufnahme wie vorher: Borte eines Leinentuches mit Stickerei in
Leinwand- oder Taffetbindung—Lennep. 328 weisser und blauer Seide; dazwischen Durchbruch: geometrische Felder. Herkunft wie vorher. 178. Originalaufnahme wie vorher: Mustertuch für Leinenstickerei in blauem Garn im Webstich. Herkunft wie vorher. 179. Originalaufnahme aus dem Kgl. Landesgewerbemuseum in Stuttgart: Endigung eines Turbantuches, Stickerei auf loser Baumwolle in farbiger Seide und Gold: Streng stilisiertes Rosenmuster. Türkei 19. Jahrhundert. 180. Originalaufnahme wie vorher: Borte, Stickerei auf Leinen in blauer Seide im Zopfstich; stilisiertes Rankenmuster mit Palmetten, welches durch den ausgesparten Grund gebildet ist. Marokko 18. Jahrhundert. 181. Originalaufnahme wie vorher: Borte eines Leinentuches mit Stickerei in rotem Garn im Webstich: Streng stilisierte, zackig geformte Blattformen und Füll¬ werk zwischen Begleiträndern. Schmale Franse in roter und weisser Seide. Griechische Inseln 17.—18. Jahrhundert. 182. Originalaufnahme wie vorher: Leinenborte, in roter Seide gestickt: Eckig gelegte Ranke mit Palmettenbäumchen. Italien 16. Jahrhundert. 183. Originalaufnahme wie vorher: Leinenborte, in roter Seide gestickt: Eckig gelegte, schräg umbiegende stilisierte Blütenzweige. Italien 16.—17. Jahrhundert. 184. Originalaufnahme aus dem Kgl. Kunstgewerbemuseum in Berlin: Borte aus Leinwand, in farbigem Garn gestickt: Rautenfelder und Bäumchen aus Nelken. Slawisch 18.—19. Jahrhundert. Leinwand- oder Taffetbindung, s. Bindungen. Leinwandtapeten, s. Flocktapeten. Leipnik, Stadt in Mähren: Tuch- und Flanellweberei; Handel mit Flachs und Leinwand. Leipzig, Stadt im Königreich Sachsen: Bedeutende Textilindustrie in Kammgarnspinnerei, Baumwollspinnerei, Wollkämmerei; mechanische Jute-, Leinen- und Segeltuchweberei; sächsische Wollgarnfabrik usw. Aus älterer Zeit sind nachweisbar die Zünfte der Tuchmacher und Färber; aus dem Jahre 1557 bewahrt das Kunstgewerbemuseum in L. einen Wandteppich, der daselbst gewirkt ist. (Abgebildet im Artikel Wandteppiche.) Im Anfänge des 17. Jahrhs. bestanden 5 Werkstätten für Spitzenklöppelei. Am Anfänge des 18. Jahrhs. wurde in L. von Arel und Böttcher die erste grosse Seidenmanufaktur errichtet. (S. weiteres unter Sachsen.) Das Kunstgewerbemuseum (im Grassi-Museum), gegr. 1873 (Direk¬ tion: Dr. Richard Graul) enthält eine umfangreiche Stoffsammlung, worin sich mittelalterliche (koptische) Textilien, Gewebe, Stickereien und Spitzen der anderen Epochen bis zur Neuzeit in besonderem Ausstellungssaal befinden. Leisnig, Stadt der sächs. Kreishauptmannschaft Leipzig: Wollspinnerei und Tuchfabriken. Leith, Hafenstadt in der schott. Grafschaft Mid-Lothian: Die Industrie erstreckt sich auf Herstellung von Segeltuch, Tauwerk usw.; Waren der Ein¬ fuhr sind: AVollgarn, Flachs, Leinengarn, Wollwaren. Zur Ausfuhr kommen Erzeugnisse der Baumwoll- und Leinenindustrie, AYollgarn, Jutewaren u. a. Leitomischl, Stadt in Böhmen: Leinenweberei, Tuch- und Schuhfabri¬ kation. Le Mans, Stadt des franz. Depart. Sarthe: Die Einwohner fertigen Segeltuch, Hanfleinwand, ausserdem AVachstuch, Musselin, Spitzen, Strumpf¬ waren ; ferner bestehen Leinwandbleichen. Lemineas sind dunkelblaue Gewebe von Baumwolle mit weissen Dessins, die hier und da in Schwaben und in der Schweiz, besonders zu Kaufbeuren verfertigt werden. Lengefeld, Stadt der sächs. Kreishauptmannschaft Chemnitz: Baumwoll-, Chenille- und Lamaweberei. Lengenfeld, Stadt in der sächs. Kreishauptmannschaft Zwickau: Streich¬ garnspinnerei, Färberei, Weissstickerei, Fabrikation von Tuch, AYeisswaren und Flanell. « Lennep, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Düsseldorf: Kammgarn- und Streich¬ garnspinnereien, bedeutende Tuch-, Jacken- und Filzfabriken. L. ist Sitz der 5. Sektion der Rheinisch-AA^estfälischen Textilberufsgenossenschaft.
Lenzburg—Levantin. 329 Lenzburg, Stadt im Schweiz. Kanton Aargau: Baumwoll- und Seiden¬ industrie, Bleichen, Färberei, Appretur, Litzenweberei. Leobschütz, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Oppeln: Fabrikation und Haus¬ industrie in AVollwaren. Leonidion, Stadt in Griechenland: Teppicherzeugung. Leonische Blumen sind aus Folie, unechtem Gold- und Silberblech (Lahn) sog. leonischem Gold gefertigt. Leonische Waren oder lyonische Waren auch als Bouillon und Cantillen bezeichnet, Fabrikate aus versilberten oder vergoldeten Kupferdrähten und sog. „Platten“, d. h. bandartig platt gewalzten Drähten. Es werden Borten, Drahtflittern, Frise oder Krausgespinst daraus gefertigt. Das letztere ist eine Art Borte, die dadurch entsteht, dass man einen Seidenfaden zuerst mit einem Abb. 185. anderen feineren Seidenfaden in weit auseinander liegenden Windungen, dann aber in entgegengesetzter Richtung mit Lahn überspinnt. Der Name L.-AV. kommt von der spanischen Stadt Leon oder von der franz. Stadt Lyon, wo¬ selbst solche Waren in grossen Mengen hergestellt werden. Lesghier, Kaukasisches Volk, meist in Daghestan, Mohammedaner, den Russen ganz unterworfen: erzeugen Teppiche, die unter dem Namen Lesghi in den Handel kommen. Man rechnet dieselben zu der kaukasischen Sorte und innerhalb derselben zur Art der Karabaghs. Leutkirch, Stadt im württemb. Donaukreis: Leinwand- und Strumpf¬ webereien. Leuze, Stadt in der belg. Provinz Hennegau: Leinenweherei, Strumplwirkerei, Kammgarnspinnerei. Levantin, ein glatt geköperter Seidenstoff, eine Art seidener Serge. Alan hat auch gestreiften, bei welchem die A^erbindung der Fäden in dem
330 Levantische Tücher—Ligature. Köper nur zur Hälfte bearbeitet wird. Er dient vornehmlich zu Damenkleidern und Mänteln, zu Unterfutter in Herrenkleidern usw. Levantische Tücher. Unter diesen Namen begreift man die aus den deutschen, niederländischen und französischen Tuchmanufakturen nach der Levante, nach Griechenland und nach Aegypten gehenden verschiedenen Tuch¬ sorten, als: Serails, Mahouts, Saglies, Cherins, Draps de dames usw. Levieren (franz.), in der Weberei den Kegelstuhl vorrichten. Levroux, Stadt des franz. Depart. Indre: Wollspinnerei, Tuchfabrikation, Handel mit Wolle. Lezajsk, Stadt in Galizien: Tuchweberei, Wollfärberei. Liage (franz.), eine eigene Zeugkette, welche dazu dient, in broschierten oder lanzierten Stoffen die Schussfäden zu binden. Libellenmuster, im Jahre 1900 für die Weltausstellung in Paris ge¬ webt, das im Stile der Empirezeit entworfen ist. Abbildung: 185. Sammetbrokat, Grund weiss, Muster tief liegend in Blau und etwas Gold auf geschnittener Fläche: Perlschnüre sind durch Rosetten verbunden und bilden breite, spitzovale Felder, in welchen je eine Libelle dargestellt. Frankreich 1900. Liber (franz.), s. Bast. Liberty, eine Art Tussahseide aus Indien, welche in Europa bedruckt wird. Librets sind grobe, flächsene Leinen, welche von den Landleuten in der Gegend Damiate in Aegypten verfertigt und nach den türkischen Provinzen, nach Marseille und Livorno verschickt werden; sie sind teils halbweiss gebleicht, teils hellblau gefärbt. Ihren Namen haben sie von den Franken erhalten, da man sie viereckig in Buchform zusammengeschlagen zum Verkauf bringt. Librillo (span.), s. Bast. Libro (ital.), s. Bast. Lichtervelde, Dorf in der belg. Provinz Westflandern: Wollweberei und Spitzenklöppelei. Lieben, Dorf in Böhmen: Mechan. Webereien, Spinnereien und Spitzen¬ weberei. Liebenau, Stadt in Böhmen: Leinen- und Baumwollwebereien, Woll¬ weberei mit Färberei und Druckerei. Liebenzell, Stadt in Württemberg: Wollspinnerei, Kettenfabrikation. Liek oder Leik, das Tauwerk, womit die Kanten der Segel besäumt werden, um sie haltbarer zu machen. Nach den Kanten, an denen das L. sitzt, wird es Ober-, Seiten- oder Unterliek genannt. Lien^os, Lienzos, im spanischen Handel die Leinen. Der Spanier nennt z. B. Lienzos de Breslao verschiedene Sorten roher, weisser, glatter und ge¬ streifter, schlesischer Leinwand, die von Breslau nach Cadiz gehen. So wird auch in Macao das chinesische Grastuch von Mä unter dem Namen Lienzo verkauft. Im spanischen Amerika pflegt man auch überhaupt alle Schnittwaren Lienzos zu nennen. Lier (franz. Lierre), Stadt der belg. Provinz Antwerpen: Seiden- und Spitzenfabrikation. Liestal, Stadt des Schweiz. Kantons Basel-Land: Florettspinnerei, Seiden¬ weberei, W ollwarenfabrikation. Ligature, Legature, Legatine, ein dichter und fester Stoff aus Wolle und Leinen, oder aus Floretseide und Leinen, zuweilen auch aus Baumwolle und Seide, mit erhabenen und broschierten, grossen Blumen, Mustern und Gittern, welcher früher häufig zum Ueberziehen der Möbel, zu Tapeten und Vorhängen gebraucht wurde. —• Ligature, galons ä livree, nennt man auch eine Art Borten oder Tressen, auf deren rechte Seite nur Gold und Silber eingewebt ist, die aber auf der Unrechten Seite aus Seide bestehen, sie werden auf ver¬ schiedene Art, glatt, gemustert, matt, mit Lahn, ausgebogen usw. gemacht und zu Livreen, Möbelbeschlägen u. dgl. verwendet.
Ligtdoek—Lilie. 331 Ligtdoek, eine leichte und schmale Sorte der holländischen Segellein¬ wand, welche zu Bramsegeln und andern kleinen Segeln verbraucht wird. Lilailas nanute man in Spanien und Portugal eine Sorte weissgebleichter Hausleinwand, welche aus Thüringen und Hessen, über Bremen dorthin ver¬ sandt wurde. Lilie (lat.: lilia, flor-decilium; franz. und engl.: fleur de lis), Pflanzen¬ gattung aus der Pamilie der Liliaceen, mit 45 bekannten, in den gemässigten Regionen der nördlichen Erdhälfte verbreiteten Arten (Abb. 186 u. 187); vom 13. Jahrh. an ornamental verwendet, wozu wohl ihre Nutzbarmachung als Wappen beigetragen hat, als welches sie zuerst von König Ludwig VII von Frankreich 1137—1180 benutzt worden ist. Unter seinem Nachfolger Philipp II (1180 —1223) begann man bereits, die Krönungsgewänder, Kreuze und Kirchen¬ geräte mit Lilien zu bestreuen, dieselben auch im Wappenschilde in willkür¬ licher Zahl zu führen, bis König Karl VI 1380—1422 die Zahl der Lilien auf drei beschränkte. Seit dieser Zeit fiiki’te das französische Wappen drei blaue Lilien in Gold. In der Symbolik ist die weisse L. das Sinnbild der Unschuld und Reinheit der Seele. In diesem Sinne trägt auf den Darstellungen der Verkündigung (s. d.) der Erzengel Gabriel gewöhnlich einen weissen Lilien¬ stengel, oder neben der Jungfrau steht ein Gefäss mit weissen Lilien. Auf Geweben und Stickereien erscheint die L. weniger in Bedeutung als Wappen, wie als Ornament, in letzter Beziehung namentlich im gotischen Zeitalter (Abb. 99), welche Weise auch die Renaissance übernimmt (Abb. 190), worin die L. schliesslich zur blütenförmigen Palmette geworden ist (Abb. 188). Als halb naturalistische Kunstform ist die L. oft in den älteren Stickereien ange¬ wendet, wobei die aufgelegten breiteren Blattflächen im gegebenen Beispiel (Abb. 189) durch Malerei gefüllt sind. Abbildungen: 186/187. Darstellung zweier Lilien aus: Lobelius, plantarum sev stirpium icones. Antwerpen 1581.
332 Lilienkreuz. 188. Originalaufnahme aus dem Kgl. Landesgewerbemuseum iu Stuttgart: Seidenstoff, Grund rotbrauner Atlas, Muster gelb geköpert: Reihenweis versetzte, lilienblütenartige Palmetten und Flammen. Italien 17. Jahrhundert. Abb. 188. 189. Darstellung aus: Heiden, Musteratlas, Leipzig 1896, Blatt 104: Ecke einer Kammtasche, Aufnäharbeit auf weissem Atlas in farbiger, z. T. bemalter Seide, mit Umrandung von Goldschnur: Blütenzweig mit Lilien, Randborte aus Ranke mit ver¬ schiedenartigen stilisierten Blüten. Original aus dem sogen. Pommerschen Kunstschrank im Kgl. Kunstgewerbemuseum zu Berlin. Augsburg 16. Jahrhundert. Abb. 189. Lilienkreuz stammt als Alcantaraorden von dem 1156 in Spanien ge¬ stifteten geistlichen Ritterorden zur Pflege der Kranken und zum Schutz der Pilger; findet sich daher (seit 1411) häufig in Stickerei oder Aufnäharbeit dar¬ gestellt aut geistlichen Gewandstücken. (Vgl. Abb. 12 auf Tafel IX.)
Lilienmuster— Linon 333 Lilienmuster in geklöppelter Spitze kommt als „Gilgen“ im Züricher Musterbuch vor. Lille, Hauptstadt des franz. Depart. Nord, flämisch Bassel: Bedeutende Textilindustrie, darunter Baumwollspinnerei und -Weberei, dagegen ist die frühere blühende Fabrikation von Spitzen, Zwirn und Tüll in Abnahme; ausser¬ dem liefert L. Posamentierarbeiten und Strumpfwaren. Die alte Spitze von Lille war im 18. Jahrhundert als eine Klöppelarbeit von grosser Feinheit be¬ kannt; sie gehörte zu den sogen. Reseauspitzen, deren Musterung auch mit der Nadel ausgeführt wurde. Daneben fertigte man billigere Ware, wie sie sonst auch Arras herstellte. 1788 beschäftigte L. noch 18 000 Arbeitskräfte darin; man trug nur noch mehr Tüll und ganz duftige Spitzen. Lima, peruanische Baumwollsorte. Limerick, Stadt in der irischen Provinz Munster: Die Industrie erstreckt sich vornehmlich auf Flachsspinnerei und Spitzenfabrikation. Früher waren die Handschuhe von L. (Limerick gloves) besonders berühmt. Limoges, man hat im Leinenhandel zwei unter sich sehr verschiedene Gewebe dieses Namens: 1. Eine Gattung buntgestreifter Bettleinwand, welche halb von baumwollenem, halb von flächsenem Garne in den Kantonen Aargau und Luzern verfertigt und meistens nach Italien verkauft wird. 2. Eine grobe rohe Pack- oder Sackleinwand aus starkem Hanfgarn, die im Departement der obern Vienne geweht wird. LimOUX, Stadt im franz. Depart. Aude: Tuchfabriken, Wollspinnerei und Färberei. Linden, Stadt im preuss. Beg.-Bez. Hannover: Mechan. Weberei, Teppich¬ knüpferei, Baumwollspinnerei und -Weberei. Lindsay, Linsay, ein veralteter, englischer, geköperter Stoff, dessen Kette aus Leinengarn, der Einschlag aber aus Wollengarn besteht und welcher in den Manufakturen von Wiltshire verfertigt wurde. Line, auch Long Line, engl, der lange Flachs, eine Bezeichnung im engl. Leingarngeschäft für Garn aus Flachs, im Gegensatz von Tow: Garn aus Werg. Linets sind leinene Gewebe, die vornehmlich in und um Abbeville ver¬ fertigt werden. Linge de table ist in Frankreich die allgemeine Bezeichnung der ver¬ schiedenen im Handel unter eigenen Namen vorkommenden Servietten-, Zwillichund Damastleinen, wobei man Linge plein, glattes, und Linge ouvre, gemustertes Tischzeug unterscheidet. Lingettes nennt man in England 1. die feinen Sorten der Flanelle, welche Salisbury in sehr schöner Ware liefert; 2. nennt man L. eine dünne und schlechte Sorte von Sergen, die auch unter den Namen Flavets Vor¬ kommen. Links- und Linksware, auch Strickware genannt, wird auf den Kulierstühlen erhalten, wenn man abwechselnd eine Reihe nur zu rechts ab¬ geschlagenen und die andere nur zu links abgeschlagenen Maschen ver¬ arbeitet. Beim Stricken wird die Ware erzeugt, wenn man abwechselnd eine Beihe glatt und eine verwendet strickt. Die AVare zieht sich im umgespannten Zustande so zusammen, dass nach beiden Seiten die Bogen der Maschen heraustreten, während die geraden Stücke verdeckt in der Tiefe liegen; sie zeigt auf beiden das Ansehen der linken Seite der glatten Kulierwaren und ist namentlich in der Höhenrichtung sehr elastisch. Linnen-Checks heissen in England und Nordamerika die gewöhnlichen blau- und weissgestreiften oder blau- und weissgegitterten Matrosenleinen, welche ganz aus flächsenem Garne gewebt sind, zum Unterschiede von den Mixted-Checks, die halb aus Baumwolle, halb aus Leinen, und den CottonChecks, welche ganz aus baumwollenem Garn gemacht werden. Linon (franz. linon, engl, lawn), Schleierleinwand, ist ein feines, weisses, leichtes und locker gewebtes Leinenzeug, welches die Mitte zwischen Batist und Schleier hält und auch mitunter Batistlinon genannt wird. Man fabriziert
334 Linostimus—Liturgische Gewänder. es gleich den Batisten in Frankreich, Belgien, Bielefeld, Böhmen und Schlesien. Bei der bestehenden Nachahmung der meisten Leinenstoffe in Baumwolle gibt es natürlich auch baumwollnen Linon und Batistlinon. Solche Stoffe werden sowohl glatt als gestreift, gegittert, geblümt usw. in England, der Schweiz, Deutschland, besonders im sächsischen Vogtlande gearbeitet. Linostimus, linostima oder linistema vestis (lat.), ein im Mittelalter aus leinener Kette und wollenem Einschlag gewebter Stoff. Linthwaite, Stadt in der engl. Grafschaft Yorkshire: Wollspinnerei und Tuchfabrikation. Linz, Hauptstadt von Oberösterreich: WollWarenfabriken; Handel in Wollzeug, Teppichen, Baumwollwaren, Tuch, Leinen und Zwirn. Lisal, s. Sisal. Lisere, ein schwerer seidener Stoff, der früher in Lyon, Tours und Paris gemacht wurde, auf welchem sich zwischen den broschierten Blumen und Mustern im Grunde grosse damastartige Muster befinden, die durch die Jac¬ quardmaschine mit den Kettfäden erzeugt werden. Lisiere ist das Sahlband. Lisieux, Stadt des franz. Depart. Calvados: bedeutende Woll-, Baumwollund Leinenindustrie. Lisieux nennt man in Frankreich mehrere Gattungen Leinen, welche im Departement des Calvados in der Gegend von Lisieux verfertigt, auf die be¬ deutenden Wochenmärkte dieses Orts zum Verkauf gebracht, dort gebleicht und appretiert und über Bouen und Caen nach Spanien und den Kolonien weiter verkauft werden. Lisire sind offene, im besonderen gazeartige Kanten an Bändern, Franzen, mit eingewebten oder einbroschierten Blumen; im allgemeinen aber jede be¬ sonders hervorgehobene Kante an allen Langwaren und Tüchern. Lissabon, Hauptstadt des Königreichs Portugal: Leinwand-, Tuch- und Baumwollfabriken, Spinnereien und Webereien für Seidenwaren. Lisse (franz.) heisst die Kette in der Weberei. Lisseuse (franz. „Glätterin“), in der Kammgarnspinnerei Name für die Wasch- und Plättmaschine, welche die in Bänder verwandelte Wolle mit Seifenwasser wäscht, um das vor dem Kämmen hineingebrachte Oel zu ent¬ fernen, dann spült und schliesslich im gestreckten Zustande trocknet, so dass den Wollhaaren auch die Kräuselung genommen wird. JTm dem Kammzug den gelblichen Stich zu nehmen, wird er in der L. wohl nach dem Waschen auch durch sog. Bleichfarben leicht gebläut. Listados, Listaos, eine der gangbarsten Sorten buntgewirkter Leinen, welche in Frankreich, in den Niederlanden und Deutschland, besonders in der Oberlausitz und im preuss. Reg.-Bez. Düsseldorf verfertigt werden. Am gang¬ barsten sind blau und weiss, oder rot und weiss gegitterte, doch werden sie auch lila und weiss und in verschiedenen andern Farben gewürfelt hergestellt. Früher verfertigte man sie ganz aus flächsenem Garn, allein seit Jahren werden sie fast allgemein halb aus Baumwoll-, halb aus Leinengarn gemacht. Listones, Ribetillos im spanisch-amerikanischen Geschäft, Bänder von Seide und Sammet. Guimhas sind Bänder von Leinen, Baumwolle oder AVolle; Cintas, Bänder im allgemeinen. Liturgische Gewänder (lat.: vestes sacerdotales; franz.: vetements sacerdotaux; engl.: sacerdotal vestments), die von den Priestern bei Aus¬ übung ihres Amtes getragenen Gewänder: sie begannen im VI. Jahrh. sich auszubilden und bestehen ohne wesentliche Veränderung bei der griechischen wie der römischen Geistlichkeit aus folgenden Teilen: 1. Strümpfe (tibialia, caligae); 2. Schuhe (sandalia, socculi, calceamenta); 3. Schultertuch (amictus. superhumerale); 4. Alba (alba, camisia, poderis, tunica talaris); 5. Gürtel (baltheus, zona, cingulum); 6. Stola (orarium); 7. Manipel (phanon, mappula); 8. zwei Ueberziehhemden (dalmatica oder tunica major und tunicella, subtile, subucula), je nach dem Range; 9. Messgewand (paenula, planeta, casula); 10. Handschuhe; 11. Ring; 12. Kopfbedeckung (mitra, tiara, phrygium, corona
Litze—Litzenspitze. 335 sacerdotalis, cidaris und cuphia); 13. Hirtenstab; 14. ein Band (pallium, p. archiepiscopale, entsprechend dem omophorion); 15. ein Schulterkleid (amiculum episcoporum, nur vom XII.—XYI. Jahrh. im Gebrauch); 16. das Rationale (pectorale, rationale episcoporum); 17. Mantel (pluviale, kappa); 18. Chorrock (rocchetum, super-pelliceum); 19. Barett. (Hierzu sind die betr. einzelnen Artikel zu vergleichen und für die Anwendung derselben Abb. 190.) Abb. 190. Abbildung. 190. Darstellung nach einer Photographie aus dem Kunsthandel: Madonnenbild von Crivelli (1412—1486). Original in der Gemäldegalerie der Kgl. Museen. (Vgl. Chormäntel aus gewebten und gestickten Stoffen der Madonna, des Petri und der beiden Päpste; die zu Füssen Petri stehende Tiara, die Mitra und die Hirtenstäbe, sowie die Alben, Stolen und Manipeln der Päpste.) Litze, (franz.: lice, lisse; engl.: lace); Schnur, Borte, Tresse, aus Leinen, Baumwolle, Wolle, Silber- oder Goldfäden gewirkt, welche als Besatz an Kleidern, besonders Militäruniformen, getragen wird. Litzen, (vom lat.: licium, Gewebfaden), dünne Schnur, Tresse u. dgl.; am Webstuhl die senkrecht gespannten Fäden zur Fachbildung, durch deren Schlingen (Litzenhäuschen) die Kettenfäden gezogen sind, um gehoben oder* gesenkt werden zu können, wenn ein Schussfaden durchgebracht werden soll. Litzenspitze, (allgemeine Bezeichnung: point lace;) eine zuerst in Italien im 17. Jahrh. erzeugte Spitze aus gewebtem schmalem Leinenband, welches in einen Brides-Grund eingenäht wurde (s. Spitzen).
336 Liverpool—Lomnitz. Liverpool, Stadt in der engl. Grafschaft Lancashire. Hervorragend ist die Stellung L.s im Baumwollhandel. 1899 kamen nach dem Vereinigten Königreich für 27,7 Mil). Pfd. St rohe Baumwolle; davon über L. für 22,6 Mill. Pfd. St. — In der Ausfuhr stehen die Fabrikate der Baumwoll-, Woll-, Leinen- und Juteindustrien obenan, allein die von Baurawollstückwaren er¬ reicht alljährlich Werte von über 30 (1899: 85,5) Mill. Pfd. St. Livorno, Hauptstadt der Provinz L. im Königreich Italien und nach Genua der bedeutendste Handelsplatz Italiens. Bedeutende Ausfuhr von BaumAvolle, Wolle, roher Seide nach der Levante. Livree (franz.), (engl.: livery), so nannte man schon im XII. Jahrh. die Kleidung, welche die Lehensherren ihren Untergebenen als eine Art von Gnaden¬ geschenk gaben; sie war besonders für feierliche Gelegenheiten bei allen diesen Personen in Stoff und Schnitt gleich. Ursprünglich ist L. die Bezeichnung der Kappen- oder Pelzmäntel, die ehedem in Frankreich der König an den grossen Jahresfesten den Bannerherren und Rittern darreichte. Lizardes, Lizales, Lisards, sind flächsene Leinen, welche die Landleute in der Gegend von Kairo und Rosette weben. Ausser diesem kommt auch ein Baumwollstoff aus Persien und Ostindien unter dem Namen Lisardes im Handel vor. Llerena, Stadt der span. Provinz Badajoz: Tuchfabriken und vorzüg¬ liche Schafzucht. Löbau, Stadt in der sächs. Kreishauptmannschaft Bautzen: Rotgarn¬ färberei, bedeutender Handel mit Garnen, Leinwand und Strumpfartikeln. Lobberich, Dorf im preuss. Reg.-Bez. Düsseldorf: Bedeutende mechan. Webereien, Appreturen und Färbereien; Erzeugung von Seidenbändern. Loches, Stadt des franz. Depart. Indre-et-Loire: Wollspinnerei und Tuchfabrikation. Lochreas ist eine irländische rohe und auch weisse Leinwand. Sie hat den Namen von der Stadt Lochrea, wo sie am meisten gemacht wird. Locrenan, eine dichte ungebleichte Leinwand, aus grobem hänfenen Garn fest und gedrungen gewebt. Sie hat ihren Namen von dem Flecken L., im Depart. Finisterre, wo sie ursprünglich verfertigt wurde; jetzt wird sie in mehreren andern Orten der Umgegend gemacht und zu Schiffssegeln ver¬ braucht. Loden, in vielen deutschen Tuchfabriken das rohe Wolltuch ohne alle Zubereitung, wie es vom Stuhle kommt. In Bayern und Württemberg heisst L. ein gewöhnlicher starker Wollenstoff, ein ungewalktes Tuch, das zwischen Boy oder Fries und zwischen Tuch steht und zu Mänteln und Kleidern dient. In Augsburg heisst L.-Weberei auch das Weben der Fussdecken. Lodeve, Stadt im franz. Depart. Herault: Tuchfabrikation (Militärtuche), Wollkämmerei und Seidenspinnerei. Lodz, Stadt des russ.-poln. Gouvernements Petrikau: Mittelpunkt der russ.-poln. Baumwoll- und Wollindustrie; 400 Fabriken mit 40000 Arbeitern und 68,2 Mill. Rubel Produktion. Von letztem bearbeiten 47 baumwollene Stoffe (42,6 Mill. Rubel Produktion). 188 wollene (21,5 Mill.), 51 halbwollene (5,6 Mill.), 9 seidene und halbseidene (0,6 Mill.), 3 leinene und hänfene (0,2 Mill. Rubel Produktion); dazu 37 Färbereien und Appreturanstalten (3,6 Mill. Rubel Produktion). — L. war noch Anfang des 19. Jahrh. unbedeutend; 1835 wurde das erste grössere Etablissement, eine Baumwollspinnerei, errichtet. Loire, franz. Departement, die alten Grafschaften Forez und Beaujolais und Teile von Lyonnais umfassend: Hoch entwickelt ist die Seidenmanufaktur, Spinnerei, Weberei, Fabrikation von Leinen, Batist, seidenen Bändern, Posa¬ menten usw. Lokeren, Stadt in der belg. Provinz Ostflandern: Berühmte Kattunund Baumwollfabriken, Handel mit Flachs, Leinwand und Stoffen. Lomnitz, Stadt in der österr. Bezirkfliauptmannschaft Semil in Böhmen: k. k. AVebschule; grosse mechan. Spinnerei, mehrere Fabriken für farbige Baumwollwaren und bedeutende Leinenindustrie.
London—Lothringische Spitzen. 387 London, Hauptstadt des britischen Reiches: Textilindustrie s. England. Das South Kensington Museum enthält die zweitgrösste Stoffsammlung meist der Periode vom 10.—18. Jahrh. angehörender Seidenstoffe, sowie grosse Sammlungen von Stickereien, Spitzen und Teppichen, über deren Inhalt be¬ sondere illustrierte Kataloge herausgegeben sind. Londoner Tücher. Darunter -verstand man früher sehr feine märkische Tücher, welche dem Realtuch fast gleich kamen und vornehmlich in dem Lager¬ hause zu Berlin aus der Prima Segoviana verfertigt wurden. Es war eine Nachahmung der feinen engl. Tücher von Bradfort in Wiltshire, die über London ausgeführt wurden. Londres und Londrins sind leichte gewebte und gewalkte Wolltücher, welche sehr häufig nach der Levante gehen, wo sie von den Türken zu Herbst¬ und Frühlingskleidern getragen werden, die aber auch in andern Farben assor¬ tiert in Italien, Portugal und Amerika Absatz finden. Abb. 191. Long-Cloth, s. Domestics. Long-Ells, eine Gattung geköperter, blau, grün, rot oder schwarz ge¬ färbter, häufig auch weiss gewaschener engl. Flanelle, welche in Exeter und in mehreren Manufakturen von Devonshire, Sommerset und Cornwall verfertigt werden. Longeria, (lat.) langes Leinentuch, Tischtuch. Long line, s. Leinengarn. Lotlguis, eine Art gewürfelten ostind. Taffets. Lorbeer war bei den Griechen dem Apollo geweiht. Er galt als Symbol der Sühne; Sänger und singende Helden wurden mit ihm geschmückt; in ähn¬ lichem Sinne gilt er bis heute als Symbol des Ruhmes. Auch als Kunstform fand der L. hier eine vielseitige Anwendung, besonders im Laubbandmotiv. Als solches übernimmt ihn der Empirestil (s. d.) neben dem Epheu und Akanthus im Stoffmuster. (Vgl. Abi). 62 und 191.) Abbildung. 191. Darstellung aus: Cox, l’art de decorer les tissus d’apres les collections du musee historique de chambre de commerce de Lyon. Paris 1900. PI. CXVII1: Gewebte Seidenstoffborte mit Darstellung des Lorbeer- und Akanthusbandmotivs. Frankreich um 1810. Lörrach, Stadt im Grossherzogtum Baden: Woll- und Baumwolldruckerei, Tuchfabrik, Seidenband-, Woll- und Baumwollweberei und -Spinnerei. LÖSSnitz, Stadt in der sächs. Kreishauptmannschaft Zwickau: Fabrikation von Hüten, Wäsche, Strumpf-, Baumwoll- und Seidenwaren. Lothringische spitzen, gewöhnliche Spitzen von Zwirn, die um St. Michel verfertigt werden. Heiden, Handwörterbuch der Textilkunde. 22
338 Lotos—Löwe. Lotos, indische Wasserrose mit schildförmigen Blättern und weisslich rötlich schattierten Blüten, war den Indiern, Assyriern und Aegyptern heilig. Blätter und Blüten fanden in der ornamentalen Kunst vielfach Verwendung. In neuerer Zeit hat den Lotos als Kunstform die moderne Richtung Englands von Japan übernommen (vgl. Abb. 129), woselbst er von alters her auch von symbolischer Bedeutung ist. Loudeac, Stadt des franz. Depart. Cötes-du-Nord: Bedeutende Fabri¬ kation von Bretagne-Linnen. Loudun, Stadt im franz. Depart. Vienne: Fabriken von Spitzen und Posamentierwaren. Loughborough, in der engl. Grafschaft Leicester: Färberei, Baumwollwaren-, Strumpfwaren- und Spitzenfabrikation. Louisiana, nordamerikanische Baumwollsorte. Louth, in der engl. Grafschaft Lincoln: Teppichfabrikation. Louviers, Stadt des franz. Depart. Eure: Zahlreiche Tuchfabriken (billige Stoffe und Modeartikel), Wollspinnerei, Walkmühlen, Bleichen; auch baut man Maschinen zur Tuchfabrikation Abb. 192. und treibt lebhaften Handel mit feinen Manufakturen. Hier wurde 1681 die erste Tuchfabrik und 1789 die erste Baumwollspinnerei Frankreichs errichtet. Lower Leinen oder Lover¬ leinen sind nacbgemachte, irlän¬ dische Leinen, die in grosser Menge nach Amerika ausgeführt werden. Löwe, erscheint als Kunst¬ form im Mittelalter in verschiede¬ ner Bedeutung. Zunächst als König der Tiere und Sinnbild der Stärke, daher in späterer Zeit Symbol Christi als des Löwen vom Stamm Juda (Offenb. Job. 5,5 u. 1. Mos. 49,9). Rein orna¬ mental, vielleicht auch im Sinne der ersten Deutung, spielt der L. im Stoffmuster der sogen, ro¬ manischen Periode eine grosse Rolle. Er kommt in orienta¬ lischen und byzantinischen Ge¬ weben des 10.—12. Jahrhs. in verschiedener Darstellung vor. Eine der ältesten ist diejenige in grosser vollständiger Erschei¬ nung mit geringem ornamen¬ talem Beiwerk. In vornehmer stilisierter Zeichnung ist seine schreitende Figur in Reihen übereinander wieder¬ holt; der Ursprung seiner ornamentalen Verwendung aus dem Altertum (s. Abb. 27 im Artikel Assyrien) ist angedeutet durch einen hinter ihm aufwachsen¬ den Baum: eine Wiedergabe, an welche noch in Stoffmustern des 13. —14. Jahrhs. erinnert wird (Abb. 192). Einen anderen Charakter nimmt das Löwenmuster an, wenn es in gedrungener Form symmetrisch so dargestellt wird, dass sich die Tiere aufgerichtet und paarweis einander gegenüberstehen. Wenn man auch geneigt ist, das bekannteste dieser Muster (Abb. 193) für eine deutsche Arbeit (Regensburg?) zu halten, so weisen doch allerlei Einzelheiten darauf hin, dass man es mit der genauen Nachahmung eines frühmittelalterlichen orientalischen oder byzantinischen Musters zu tun hat. Auffallend ist zunächst die chinesische
Löwe. 339 Kopfbildung der Löwen, Avie auch der unter denselben hockende Drache chine¬ sischen Ursprung verrät. Die spitzovale Blütenform, wohl den letzten Rest einer Baumkrone andeutend, erinnert an Byzanz, während die blattförmigen Schwanzquasten der Löwen und die kleinen Yogelpaare zwischen denselben wiederum auf etwas anderen und späteren Ursprung hinzuweisen scheinen. Dass die Stellung der Löwen, paarweis mit der Vorderseite zu einander ge¬ kehrt, eine grosse Verwandtschaft mit der Bekrönung des Löwentores von Mykene zeigen, darauf wies schon Gottfried Semper (der Stil u. s. w., Frank¬ furt a. M. 1878, Bd. I. S. 155) hin; er führt dies als Belegstück dafür an, dass die Griechen ihre ornamentalen Tiere vom Orient übernommen und sie in ihrem Geiste umgestaltet und idealisiert haben. Die gleiche Stellung der steigenden Löwen wird beibehalten, wenn dieselben in geschlossenen quadraAbb. 193. tischen (vgl. Abb. 6 auf Tafel I) oder rautenförmigen Feldern (Abb. 194) er¬ scheinen. In letzterem Stoff, der schon dem 12. Jahrh. angehört, ist in den mit dem Torusband belegten Balken auch wieder der antike Einfluss unver¬ kennbar. Andrerseits ist in dem vollständig dargestellten Baum des Tafel¬ bildes I, 6 die lange Erhaltung des frühorientalischen Elements gekennzeichnet, das sich mit chinesischen Anklängen zAvischen den drachenartig umgestalteten Löwen wiederholt im Tafelbilde I, 7. Das sai'azenische oder sogen, arabisch¬ italische Stoffmuster des 13. Jahrhs. stellt neben dem Adler auch den Löwen zwischen reichen Ranken- und Palmettenmustern dar (Abb. 192), bis er im 14. Jahrh. mit dem Ueberhandnehmen der pflanzlichen Motive gleich den anderen Tiergestalten zurücktritt. (Zu den frühmittelalterlichen Löwenmustern vgl. das Prachtwerk: „Die Gewebesammlung des königl. Kunstgewerbemuseums zu Berlin“, P. Wasmuth, Berlin 1900 ff.) Ab bildungen: 192. Darstellung aus: Paul Schulze, Ueber Gewebemuster früherer Jahr¬ hunderte. Leipzig 1893, S. 29: Seidenbrokat, Grund blauer Atlas, Muster in Gold und Damast streifenförmig angeordnet: JBogenliuien erwachsen Blütenpalmetten und feine Ranken, an ersteren ein Löwe, auf den Ranken ein Kakadu; dazwischen Gold¬ borten mit arabischem Ornament und gleichen Schriftfeldern. Orient 13. Jahrhundert.
340 Löwenberg— Luftspitzen. 193. Darstellungaus: Müntz, La Tapisserie, Paris, S. 65: Seidenbrokat, Grund rot, symmetrisches Muster Gold: Paarweis in Reihen geordnete steigende Löwen; da¬ zwischen kleine Drachen, spitzovale Palmetten und Vogelpaare. Orient oder Byzanz (?) 10.—11. Jahrhundert. 194. Darstellung aus: Justus Brinckmann, Das Hamburgische Museum für Kunst und Gewerbe, Leipzig 1894, S. 21. Seidenbrokat, Gold, blauschwarz, weiss und rot: Rautenfelder aus gemusterten Balken enthalten reihenweis abwechselnd je ein Paar steigender Löwen mit Resten eines Baumes und Doppeladler. In den Bändern antiker Torus, in den kleinen, runden Feldern abwechselnd kleine Drachen und Vögel. Byzanz (?) 12, Jahrhundert. Abb. 194. Löwenberg, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Liegnitz: Leinen- und Baum¬ wollweberei, Kattun- und Leinwanddruckerei, Bleicherei und Wollspinnerei. Lübbecke, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Minden: Trikotweberei, Strickerei und Seilerei. Lüben, Stadt im preuss. Reg. Bez. Liegnitz: Wollspinnerei und Tuch¬ fabrikation. Lucca, Hauptstadt der Provinz L. im Königreich Italien: Seiden, Sammet, Baumwoll- und Tuchfabriken. Lucka, Stadt des Herzogtums Sacbsen-Altenburg: Handschuhmacherei, Teppich- un4 Portierenweberei. Luckenwalde, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Potsdam: 82 Tuchfabriken, darunter eine der grössten Preussens, 8 Hutfabriken, Wollspinnereien. Ludhiana (Ludihama), Stadt im indobrit. Gouvern. Pandschab: Be¬ deutende Industrie, besonders in Kaschmirshawls, Baumwollzeugen, Schärpen und Turbans. Ludwigshafen am Rhein, Stadt im bayer. Reg.-Bez. Pfalz: Trikotweberei, Jutespinnerei und -Weberei. Luftspitzen, s. Aetzspitze.
Lukas—Lyon. 341 Lukas, Evangelist, erscheint als Kunstform in symbolischer Darstellung eines Ochsen. Lumpen, s. Hadern. Lumpenwolle, s. Kunstwolle. Luneville, Stadt im franz. Depart. Meurthe-et-Moselle: Woll- und Baumwollspinnerei, Manufakturen in Leinwand, Tüllstickerei. Luquoise heissen seidene und reiche Stoffe, welche ursprünglich zu Lucca in Italien gewebt, später aber auch in andern Gegenden Italiens nachgemacht wurden. Lurgan, Stadt in der irischen Grafschaft Armagh: Fabrikation feiner Leinwand. Lüster heisst ein leinwandartig gewebter, stark glänzend appretierter Stoff, bei dem die Kette aus Baumwolle, der Einschlag von hartem Kammgarn besteht, in besseren Sorten von Alpaka- oder Mohairgarn. L. hat einen feinen matten Glanz und ein schillerndes, changierendes Aussehen, weil Kette und Schuss verschiedene Farbennüancen haben und zwar so, dass die erstere stets dunkler gefärbt ist. Sie sind teils glatt, teils mit eingewirkten damastartigen Blumen und andern kleinen Mustern, wie auch quadrilliert und chiniert; am meisten begünstigt sind die einfachen, schillernden Stoffe in verschiedenen grünen, grauen und braunen Modefarben. — L. oder Lüstergarn heisst ein Garn, das aus der groben, langen und schlichten, stark glänzenden Wolle des engl. Landschafes hergestellt wird (s. a. Brillantgarn). Lustrati, in Italien die Glanztaffete; die meisten liefert Florenz. Lüstrieren (franz.), Glanz geben, ein Appreturverfahren für Garn. Lustrinos de LitlO nennen die Spanier die leicht und locker gewebten schlesischen Leinen, welche in verschiedenen bunten Farben, im Stück gefärbt und geglättet zu Hutfutter und dgl. dienen. Lüstrins (franz. lustrines) sind glänzende, figurierte, atlasartige Stoffe, sowohl aus Seide als auch von Kammgarn. Die seidenen L. haben auf der rechten Seite Muster oder Blumen, die durch die Figurkette gebildet werden, auf der linken Seite aber nur einen glatten Grund. Der zweifache Einschuss verbindet sowohl den Grund als auch das Muster in den Kettfäden, die über dem Grunde liegen, und bringt dadurch auf der linken Seite den glatten Grund hervor. Sie werden in Frankreich und Italien gefertigt. — Zeuge ähnlicher Art und unter gleichen Namen, worunter man aber grösstenteils einen glatten Stoff versteht, werden in den deutschen Seidenmanufakturen ganz vorzüglich gewebt. Lüttich, franz. Liege, fläm. Luik, Stadt im Königreich Belgien: Be¬ deutende Wollzeugfabriken, Flachsspinnerei und Weberei. Lüttringhausen, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Düsseldorf: Bedeutende Tuchfabriken, Bandwirkerei, Streich- und Eisengarnspinnerei. Luzern, franz. Lucerne, Kanton der Schweiz: Die Industrie erstreckt sich auf Baumwollzwirnerei, Florettseidenspinnerei, Seidenzwirnerei, -Winderei und Weberei, Halbleinen- und Wollwarenfabrikation. Lyma, Baumwollsorte aus Peru, schmutzig weiss, matt, ziemlich kräftig im Faden. Lyon, Stadt des franz. Depart. Rhone: Die Seidenindustrie ist die wichtigste in L. und die Seidenstoffe sind weltberühmt. Im Anfang des 19. Jahrhunderts zählte man ungefähr 4000 Webstühle. Aber nach Erfindung des Jacquardstuhles stieg die Zahl schnell. 1894 arbeiteten 85 000 Webstühle für die Seidenfabrikanten, darunter 16 000 in L.; die andern in deff Umgebung. Ausserdem bestehen auch 25 000 mechan. Webstühle in 230 Fabriken in dem Departement Rhone und den angrenzenden Departements, welche, wie die Handwebstühle, für die Seidenfabrikanten von L. arbeiten. Man erzeugt alle Arten von Seidenstoffen; in den letzten Jahren sind Schnürungen, gemusterte und einfarbige Stoffe, Surrah-, Moire-, Sammet- und Atlasstoffe, chines. Kreppe und Musseline besonders wichtig geworden. Seidenweber gibt es etwa 95 000; rechnet man die Spuler, Zettler und Arbeiter in Färbereien, Appreturanstalten usw. dazu, so beschäftigt die Seidenindustrie in und um L. 210 000 männliche und
342 Mä—Mäander. weibliche Arbeiter. Fabriken bestehen 310; Ein- und Verkäufer der Seiden¬ waren werden 320, Seidenbändler etwa 70 gezählt. Die Fabrikate gehen vor¬ nehmlich nach Nordamerika (etwa für 50, vor den hohen Eingangszöllen 100 Mill. Frcs.), nach England, China, Japan und Indien. Die Exportziffern betragen 250 Mill. Frcs. für die Seidenstoffe und 120 bis 150 Mill. Frcs. für verarbeitete Stoffe, wie Modewarenstoffe, Kleider- oder Regenschirmstoffe usw. Man zählt über 75 Appreturanstalten, 89 Färbereien mit 6000 Arbeitern. Die Gold- und Silberwirkerei beschäftigt 1000 Arbeiter in 70 Fabriken, 27 Fabriken bestehen für Seiden- und Wollposamenterien. — Neben dem Seiden¬ handel ist auch der Handel mit Baumwolle und Schafwolle (5—6 Mill. kg jähr¬ lich), mit Tüchern und Zeugen bedeutend. Im Börsenpalais eine bedeutende Stoffsammlung: Cox, l’art de decorer les tissus d’apres les collections du musee historique de chambre de commerce de Lyon, Par. 1900. M. Mä, Thou-mä, Chinagras, ist ein chinesischer Spinnstoff, der aus den Stengeln einer Pflanze, welche den botanischen Namen Urtica nivea (schneeweisse Nessel) führt, verfertigt wird. Mäander, auch ä la greque, ist die Bezeichnung für ein sehr häufig in Anwendung gebrachtes Band, dessen Muster aus einem einfachen, geradlinig hinund herlaufenden Streifen oder aus mehreren ineinander verschlungenen schmalen Bändern zusammengesetzt ist. Die Zwischenräume der oft sehr künstlichen spiralischen Windungen oder rechtwinkligen Banddurchschlingungen sind zuweilen mit Abb. 195. Quadraten oder Rechtecken, sowie mit Blu¬ men, Blattrosetten, Sternen u. dergk aus¬ gefüllt. Das Mäanderschema ist eines der älte¬ sten Motive der ornamentalen Kunst; es findet sich sowohl in den Ueberresten der uralten ägyptischen, indischen und chinesi¬ schen Erzeugnisse, als auch in den Werken der griechischen und römischen Kunst. „Sein Ursprung aus der Weberei leidet kaum einen Zweifel“, sagt C. Bötticher, „und es kann deshalb regelrecht auch nur mittelst eines Netzes von Quadraten verzeichnet wer¬ den ; daher das rechtwinklig organisierte aus lauter Quadraten, Würfeln, Platten gebildete Wesen desselben.“ (Vgl. Matthias, die Formensprache des Kunstgewerbes, Liegnitz 1875.) Der Ursprung dieser Kunstform aus dem Geflecht und der Weberei erklärt ohne Weiteres das gleichzeitige Erscheinen derselben bei allen Völkern, sobald sie beginnen textile Erzeugnisse zu schaffen. Man kann deshalb dem Mäander keine eigentliche Heimat zuschreiben. Die vielseitigste und vornehmste Ausbildung erfuhr der M. im alten Griechenland, wo er die Grundlage abgibt für die verschiedenai’tigsten Flechtbänder; indessen ist an chinesischen Geweben und Stickereien nachzuweisen, dass auch hier das Motiv in den erdenklichsten Variationen als Borte (Abb. 52 u. 81) oder Flächen¬ muster (Abb. 195) erscheint und andrerseits erklären die Funde aus Peru (s. d.) zur Genüge (Abb. 196), dass eben die Bildung des Grundelementes ohne Weiteres durch die Technik entsteht.
Macaio—Madapolam. 343 Abbildungen: 195. Mäandergrundmuster von einem chinesischen zweifarbigen Seidengewebe des 18. Jahrhs. 196. Mäanderborte von der Wirkerei in Leinen mit farbiger Wolle; aus einem Grabfunde in Peru des 16. Jahrhs. Abb. 196. Macaio, südamerik. Baumwollsorte. Macclesfield, Stadt in der engl. Grafschaft Chester: bedeutende seit 1756 betriebene Seidenmanufaktur. Es bestehen ausserdem Baumwoll-, Zwirn- und Knopffabriken. Maco, ägyptische Baumwollsorte. Macrame (vom arabischen mucharram = gegittert, Gitterwerk), eine zu Spitzen und Fransen verwendete Technik der Knüpfarbeit, dem der sogen, point noue verwandt ist. Letztere erscheint indessen mehr als eigentliche Besatz¬ spitze in weissem Garn, während die Macrame-Arbeit sich zu breiter Franse 197. in farbigem Garn ausgebildet hat (Abb. 197). Die Technik wird, wie der Name, aus dem Orient stammen, die Musterung entbehrt der sonst in Spitzen¬ arbeiten geschätzten Leichtigkeit. In neuerer Zeit ist die Macrame-Arbeit, besonders durch Handarbeitswerkstätten in Hamburg und München, wieder sehr in Aufnahme gekommen. (S. Spitzen.) Abbildung: 197. Darstellung aus Kunstgewerbeblatt, Leipzig N. F. IV. S. 130: Franse, Macramöarbeit in farbiger Seide, Muster aus .Rautenfeldern mit Knöpfenbildung. Italien (?) 16.—17. Jahrh. Madapolam (ostind.), ursprünglich ein grobes, geköpertes Baumwollgewebe; jetzt ein dem beschwerten Shirting ähnliches, glattes Baumwollgewebe zu Wäsche,
344 Madeirastickereien—Mähren bedruckt auch zu Kleidern u. a. In Frankreich zuweilen Bezeichnung für die feinsten Kalikots; im allgemeinen aber weit gebräuchlicher für grobe geköperte Kattune. Madeirastickereien sind doppelte Durchbrucharbeiten in kleinen geome¬ trischen oder stark stilisierten Pflanzenmustern. Solche ganz durchbrochen ge¬ arbeiteten Stickmuster wurden einst als englische Stickereien bezeichnet; heute ist diese Benennung dafür so ziemlich in Vergessenheit geraten, um dem von der Insel stammenden Namen Platz zu machen, welche sich durch grosse Sauberkeit der Ausführung auszeichnen. Sie kommen gewöhnlich nur als Besatzspitzen vor; meist sind darin nur die Schnittränder umstickt, seltener noch die Flächen mit Mustern gefüllt. Der Stoff ist stets bei allen Bindlöchern ganz unter die Stiche eingearbeitet, sodass sich auch auf der Kehrseite niemals ein Fäserchen loslösen kann. Als Stickgarn kommt gewöhnlich solches in hellblauer Farbe zur Anwendung. Madonna, (franz.: Madone; engl.: Madonna); die heil. Jungfrau als Ge¬ genstand der Verehrung und Anrufung, und als solcher bildlich dargestellt: (Vgl. kirchliche Stoffmuster: Abb. 152.) Madrapas, eine Art grober ostindischer Musselin. Madras, Hauptstadt der Präsidentschaft des Indobritischen Reiches: die Industrie ist nicht bedeutend; wichtig ist nur Baumwollfabrikation (Musseline, Tücher, sogen. Madrastaschentücher); eingeführt werden engl. Baumwollwaren (Shirtings, Kattune) und Garne. Madras, ostindische Baumwollsorte. Madrastücher, buntgegitterte, baumwollene Tücher. Sie werden wegen ihrer echten, glänzenden Farben und ihrer Feinheit in Asien und Afrika sehr geschätzt und kamen durch den Handel auch nach Europa. Madrid, Hauptstadt des Königreichs Spanien: Teppichknüpferei. Maffersdorf, Fabrikort bei Beichenberg in Böhmen: Wollspinnerei, Deckenund Teppichfabriken. Magdeburg, Stadt der preuss. Provinz Sachsen: Fabrikation von Wollund Baumwollwaren, Handschuhe, Band. Magnanerie (franz.), Seidenbau, Maulbeerbaum pflanzung; Magnanier, Seidenzüchter. Magnesia, griechisch-türkische Baumwollsorte. Magnettes, mittelfeine flächsene Leinen, welche grösstenteils aus Westfalen, Schlesien und Belgien roh nach Holland gehen, dort gebleicht und appretiert, und unter dem obigen Namen für wirkliche holländische Leinwand wieder ver¬ kauft werden. Magrabines, Maugnerbines, gewöhnliche flächsene Leinen, welche in Oberägypten von den Landleuten gewebt, roh oder halbgebleicht nach Kairo zu Markte gebracht werden. Mahomiennes sind baumwollene Gewebe, die man früher in Elberfeld verfertigte. Mahouds, Mahous auch Mahons genannt, eine der gangbarsten Sorten europäischer Tücher für den levantiner Handel, welche sich durch ihre schöne Appretur, Feinheit und Leichtigkeit auszeichnen und in der ganzen Türkei zu Frühlings- und Herbstkleidern in grosser Menge verbraucht werden. Es ist eine Gattung dicht gewalkter Halbtücher von ganz feinem Garn aus feiner Wolle gesponnen. Mähren, Markgrafschaft und Kronland der Oesterr.-Ungar. Monarchie: Obenan steht die Schafwollwarenindustrie, deren Mittelpunkt besonders Brünn ist, das mit seinen tuchartigen Modestoffen fast den ganzen österr. Markt ver¬ sorgt und einen beträchtlichen Handel selbst mit dem Orient und Amerika treibt. Von grosser Bedeutung ist ferner die Flachsspinnerei und Leinenweberei, die ihre Hauptsitze in den Bezirken Römerstadt, Schönberg, Stemberg, MährischTrübau, Zittau u. s. w. hat, sowie, ebenfalls in den nördl. Gegenden, die Ver¬ fertigung verschiedener Baumwollwaren. Es bestanden (1890) in M. 62 Streich¬ garnspinnereien mit 187840 Feinspindeln, 58 Streichgarnwebereien mit 1387 Hand- und 1903 mechan. Stühlen, 30 Kammgarnwebereien mit 991 einfachen
Mailand—Manchester. 345 und 950 Jacquardstühlen, 3 Baumwollspinnereien mit 98000 Spindeln, 16 Webe¬ reien mit 2000 mechan. Stühlen, 153 Handwebereien mit 10000 Stühlen, 5 Flachs¬ spinnereien und 40 Leinenwebereien mit 5700 Hand- und 300 Jacquardstühlen. Mailand (ital.: Milano; lat.: Mediolanum), Stadt im Königreich Italien: Hauptzweig der Industrie ist Fabrikation von Seide und Seidenstoffen, Garnen und Geweben in Baumwolle, Wolle und Leinen. Mailänder Gold, zu Stickereien verwendeter, nur auf einer Seite vergol¬ deter platter Silberdraht. Mailänder Spitzen sind Nadelspitzen (s. d.). Mailion, Binge (Zeugringel) am Webstuhl. Maine-et-Loire, Depart. im nordwestl. Frankreich. Die Industrie be¬ schäftigt sich mit Segeltuch-, Leinwand-und Wollzeugfabrikation; ebenso werden Baumwollspinnerei und -Weberei betrieben. Mainz, Hauptstadt der hess. Prov. Bheinhessen: Einer der wichtigsten Yerkehrsplätze am Rhein und Stapelplatz für die von den niederländ. und belg. Häfen den Rhein heraufkommenden Waren. Majebashi, Hauptstadt des japan. Ken Guma (Provinz Kotsuke), ist Mit¬ telpunkt der bedeutendsten Seidenzucht und liefert die beste japan. Rohseide. Majo (Jumel), ägypt. Baumwolle. Makats sind leichte geköperte Wollenstoffe, einfarbig in allen hellen Farben, welche in der Türkei zu Decken gebraucht werden. Es ist eigentlich eine Art von doppelt geköperter feiner Serge, welchen die Manufakturen in Languedoc über Marseille nach der Levante liefern. Ma-Kien, die chinesische Bezeichnung für gewöhnliche europäische Tuche; gesucht sind in China hauptsächlich die dunkelblauen und himmelblauen, nächstdem die roten, braunen und schwarzen Tuche. Malboroughs, ein bunter geköperter älterer Wollenstoff, dessen Kettfäden in der Farbe von den Einschlagfäden verschieden sind und welcher durch Kalandrieren eine glänzende Appretur erhält; die feineren Sorten haben zuweilen auch zur Kette einen mit Seide zusammengedrehten Wollenfaden. Malerleinwand ist eine besonders fest und glatt gearbeitete grundierte Leinwand. Malines, der franz. Name für die Stadt Mecheln und für die dort ge¬ fertigten Spitzen (s. d.). Malines, ein fester, melierter Stoff aus Kammgarn, dessen Gewebe lein¬ wandartig ist; dabei ist der einfache Einschlagfaden von anderer Farbe, als der zwei- oder dreifach gezwirnte Kettfaden. Mallemolles, Malmoles, ist eine Gattung feiner ostindischer Musseline aus Bengalen, welche sich vornehmlich durch ihre Weichheit auszeichnen. Sie werden in Ostindien häufig mit Gold- oder Silberlahn bestickt. Im europäischen Handel kommen sie jetzt nur noch selten vor. Maltuch, s. Malerleinwand. Marners, Stadt im franz. Depart. Sarthe: Fabriken für Leinwand und Baumwollzeug, Flachsspinnerei. Mamoudies, Mamodies; unter diesem Namen hat man im Handel einige Gattungen feiner baumwollener Gewebe, welche früher sehr gesucht waren. Die M. aus der Levante sind eine Art fest gewebter Cambresine (s. d.), jedoch feiner im Gespinst und roh von gelber Farbe. Eine andere Sorte heissen die Engländer und Franzosen Chits Mamoudies; diese sind ebenfalls roh, man nimmt sie in den Kattunfabriken zum bunten Druck. Die dänisch-ostindischen M. sind bunt gedruckte baumwollene Stoffe von verschiedener Qualität. Mancha (lat.), franz.: manche = Aermel), Umkleidung für den Arm beim Tragen des Kreuzes im Zuge der Prozession. Manchester, Stadt in der engl. Grafschaft Lancashire: ist Mittelpunkt der engl. Baumwollindustrie und als Stapelplatz ihrer Erzeugnisse in unmittelbarer Handelsverbindung mit allen Handelsplätzen der Erde. Die Baumwollbörse von M. beherrscht den Weltmarkt. Es bestehen Baumwollspinnereien und -Webereien, Färbereien und Druckereien.
346 Manchester—Manufaktur. Manchester (franz. manchester, velours color; engl, furtion), sammetartige Zeuge aus Baumwollgarn, welche als Nachahmungen des eigentlichen seidenen Sammets (s. d.) wie dieser glatt und als Köper gewebt und weiter behandelt sind. Sie haben ihren Namen von der englischen Stadt Manchester, wo sie zuerst gemacht wurden und wo noch jetzt, in Stadt und Umgegend, der Haupt¬ sitz der Fabrikation ist. In England heissen derartige Stoffe auch Velvets, Velverets und Velveteens, Namen, die auch bei uns gangbar geworden sind und die alte Benennung etwas verdrängt haben. Sammetmanchester heissen die schwersten und feinsten Stoffe, welche den echten Sammet am besten nachahmen. Die unechten Sammete werden jetzt in Frankreich und Deutschland ebenfalls fabri¬ ziert, hier namentlich zu Seifhennersdorf, Deuben und Chemnitz in Sachsen, in Berlin und Elberfeld, zu Kornthal und Ebingen in Württemberg, auch in meh¬ reren Ortschaften Böhmens. Mandrenaque ist ein auf den Philippinen angefertigter Stoff, dessen Kette aus Baumwollgarn, der Einschlag aber aus Fäden von Palmblättern ge¬ nommen ist. Manila, Hauptstadt der Philippinen in Ostasien: ein Hauptzweig der In¬ dustrie ist die Verarbeitung von Manilahanf (s. d.) zu Geweben, Spitzenstickereien und auch zu Tauwerk. Ausserdem verfertigt man Nanking, Flechtarbeiten und Teppiche. Bedeutende Einfuhr von Baumwollgeweben, Garnen und Wollwaren. Manila, ostindische Baumwollsorte. Manilahanf, Bananenfaser, Abaca (franz. chanope de manille; engl, siamhemp), ist die gelblichweisse oder bräunlichgelbe Bastfaser der Blätter von dem Aflfenpisang (Musa textilis). Die weisseste, aus den innersten Blattscheiden prä¬ parierte Sorte, welche rein ausgehechelt einen seidenartigen Glanz zeigt, wird zu Glockenschnüren und allerlei Flechtwerk verai’beitet, zuweilen auch als Einschlag in seidenen und baumwollenen Möbeldamasten verwendet. Die sehr festen Fasern sind verholzt. Geringere Sorten und gröberes Material stammen von anderen Musa-Arten, besonders von der überall in den Tropen gebauten gewöhn¬ lichen Banane oder Paradiesfeige. Manipel, (lat.: manipulus; franz.: manipule; engl.: maniple); anfänglich (seit Gregor d. Gr.) ein feines leinenes Tuch, das der amtierende Priester zum Abtrocknen des Gesichtes und der Hände, sowie zur Säuberung der heil. Gefässe gebi’auchte; seit dem 9. Jahrh. hier und da als Zierrat bald rechts bald links über dem Arm oder in der Hand getragen, aber nach 1115 als Schweisstuch erwähnt, wird es im 12. Jahrh. allmählich zum blossen Schmuck, und in dieser Eigenschaft als breites Band, in Farbe, Muster und Ausstattung durch Fransen, Glöckchen u. s. w. sich der Stola anschliessend, vom Priester über dem linken Unterarm getragen. Bis zum 14. Jahrh. war die M. ziemlich lang, nachher all¬ mählich kürzer. Manisocks, ein glattes Baumwollgewebe besserer Art, gewöhnlich aus Garnen No. 32—50 hergestellt. Manissa, das alte Magnesia, Stadt im asiat.-türk. Wilajet A'idin: Weberei baumwollener Stoffe. Manresa, Stadt in der span. Provinz Barcelona: Grosse Spinnereien und Tuchfabriken. Mansfield, Stadt in der engl. Grafschaft Nottingham: Grosse Strumpf¬ wirkereien, Baumwollwaren und Spitzenfabriken. Mantelzeug, in Oesterreich wurde früher ein glatter Stoff aus gezwirntem Wollgarn unter diesem Namen gefertigt. Mantilla (Mantille), in Spanien der grosse Frauenschleier, der auf dem Kopf befestigt wird und den Oberkörper umhüllt; danach Bezeichnung für ein kleines, leichtes Frauenmäntelchen, das für die Sommertoilette ungefähr um 1730 in Frankreich Mode wurde. Manufaktur (vom lat. manu factum, d. i. mit der Hand gemacht), be¬ zeichnet besonders die Werkstätten der Handarbeit, im allgemeinen die Ver¬ edlungsgewerbe , im Gegensatz zu der Hohproduktion und dem Handel. Unter Manufakturwaren versteht man jetzt besonders Erzeugnisse der Textilindustrie.
Marabuseide—Marokko. 347 Marabuseide, aus drei bis vier nicht entschälten Rohseidenfäden stark gezwirnte, daher sehr steife Seide von blendender Weisse. Maragnon, südamerik. Baumwollsorte. Maranham, Baumwollsorte aus Brasilien, weiss ins gelbliche, glänzend und kräftig im Faden. Marceline und Marcelinette, einfache, glatte, taftartig gewebte Seiden¬ stoffe, eine Art double florence, aber schwerer, fester und glänzender als dieser; in allen Farben, vorzüglich aber in schwarz sehr im Gebrauch zu Frauenkleidern und Mänteln. Der Name stammt wohl von der französ. Stadt St. Marcellin (Depart. Isere). Marchais, Marchey, ostindische, buntgegitterte und buntgestreifte Baumwollzeuge, eine Sorte Gingans, bei welcher die vielfarbigen, abstechenden Muster nicht wie bei den gewöhnlichen leinwandartig eingewebt, sondern aufgemalt und eingefärbt werden. Marguerite, ein halbseidener Stoff von Wolle und Zwirn, mit etwas Seide vermischt, der in Hautelisse gewebt, früher zu Amiens sehr viel verfertigt wurde. Marienberg in Sachsen, Stadt in der sächs. Kreishauptmannschaft Chem¬ nitz: Baumwollspinnerei, Flachsbereitungsanstalt, Spitzen- und Häkelindustrie. Markirch, franz. Saint Marie-aux-Mines, Stadt im Kreis Rappoltsweiler des Bezirks Obereisass: Baumwollspinnerei und -Weberei, Woll- und Seiden¬ weberei, Färberei, Bleicherei und Appreturen. Die Baumwollgewebe, welche als Articles de Saint Marie-aux-Mines einen Weltruf erlangten, wurden Mitte des 18. Jahrh. durch Johann Georg Reber von Mülhausen eingeführt. Märkische Tuche waren früher alle in der Provinz Brandenburg ver¬ fertigten Wollentücher, von welchen es viele Sorten gab, worunter solche im Doppelschlag besonders berühmt waren. Gegenwärtig versteht man darunter Tuche aller Art aus Luckenwalde, Cottbus, Crossen, Züllichau, Schwiebus, Sommerfeld u. s. w. Marklissa, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Liegnitz: Kammgarnspinnerei, Kattun- und Baumwollweberei. Markt-Redwitz, Redwitz, Marktflecken im bayr. Reg.-Bez. Oberfranken: Woll-, Baum woll- und Buntweberei. Marlotte, ein vorn offenes Kleid mit Stehkragen, meist kürzer als der Rock, eine Art Schaube, welche die Damen zur Zeit Franz I. zuerst trugen, die aber in der zweiten Hälfte des 16. Jahrh. allgemein wurde und sich all¬ mählich zum blossen Mäntelchen verkürzte. Rabelais erwähnt die M. und Berne (M. ohne Aermel) zuerst im „Gargantua“. Marly, verschiedene Sorten grossmaschiger Gaze, grösstenteils aus Zwirn oder Leinengarn gewebt, zum Teil auch mit Baumwolle, Wolle oder Seide. Es gibt schwarzen, weissen, eng- und weitmaschigen, groben, mittein, feinen, mehr oder weniger steif appretierten. Nach seinem verschiedenen Gebrauch richten sich seine Nebenbenennungen, als: Fenstermarly oder Fenstergaze, meist grün oder blau gefärbt und steif appretiert; Putzmarly zu Unterlagen in Damenhüten; gestreifte und broschierte M.; Steifpetinett, Marlyflor und Marlygaze. Letztere beiden sind entweder ganz seidene oder bestehen aus Seide und Baumwolle, sind fassoniert und gestreift, meistens schwarz (vgl. unter Point p. de Marly). Marocs, Raz de Maroc, ist ein sergeartiger, etwas langhaariger Wollen¬ stoff, der in Rheims, Rethel, Chalons u. s. w. geköpert und ungeköpert in allen Farben von verschiedener Qualität verfertigt wird. Die feinsten aus spanischer Wolle bezeichnet man mit Segovies. Marokkanische Teppiche werden als solche schon Knüpfarbeiten aus dem 16. Jahrh. bezeichnet, welche geometrische Muster in meistens Grün und Rot enthalten. Moderne Teppiche aus Marokko erfreuen sich ihrer grellen Farben und lockeren Technik keiner grossen Beliebtheit in Europa (s. Teppiche). Marokko oder Maghreb al-akssä (d. h. der äusserste Westen), Sultanat in Nordafrika: Der Gewerbefleiss ist verschwindend klein und befasst sich mit der Verfertigung von roten Mützen (Fes), Seidenweberei und Teppichfabrikation. Die ältere Industrie in Seidengeweben und Teppichen ist bedeutender gewesen.
348 Marsch—-Matrosentuch. Die Stoffmuster waren streifig (vgl. Abb. 7 u. 9 auf Tafel VII) oder bewegten sich in rein geometrischer Linienführung. Marsch heisst in der Weberei die Gesamtheit aller Schussfäden in der Höhe des Musters. Marseille, Hauptstadt des franz. Depart. Bouches-du-Rhöne: erzeugt werden Baumwolle, Seidenabfälle, Wolle; während Tuche, Merino und Baumwollgewebe französischen und fremden Ursprungs ausgeführt werden. Marseiller Arbeit ist eigentlich eine erhabene ausgenähte Arbeit, indem man auf dichtem, weissem Baumwollzeug, feiner Leinwand oder einem andern festen und feinen Gewebe, welches mit Watte ausgefüttert wird, durch sogen. Steppstiche verschiedene Figuren und Blumenwerk bildet. Die auf diese Art durchnähten Bettdecken hatten früher einen starken Absatz nach Spanien, Italien, der Levante u. s. w., sind aber gegenwärtig durch die wohlfeileren Pikeedecken beinahe ausser Gebrauch gekommen. Wegen der Aehnlichkeit dieser genähten Arbeit mit dem Pikee gibt man diesem Stoff in Frankreich häufig den Namen Marseille. Mascades nennt man im spanisch-amerikanischen Handel seidene Kopf¬ tücher ; Mascades de mano, Taschentücher. Mascarets, ein dem Satin ähnlicher, aber nicht so fester und starker Stoff von hartem Kammgarn, glänzend, mit eingewebten atlasartigen Mustern. Maschinennähen wird zuerst um die Mitte des 18. Jabrh. geübt. Im Jahre 1755 nahm der Engländer F. Weisenthal ein Patent auf einen Apparat, welcher mit einer zweispitzigen Nähnadel versehen war, die in der Mitte durchlöchert, den Stoff durchstach, ohne gewendet werden zu müssen. Von 1755—1846 verfolgten Thomas Saint, J. Duncan, J. A. Dodge, B. Thimonnier und Walter Hunt mit Aus¬ dauer das Studium zur Vervollkommnung der Nähmaschine. Sie nahmen verschiedene Patente und trugen auch viel zur Lösung dieses schwierigen Problems bei, ohne aber grosse praktische Resultate zu erzielen. Erst gegen 1850 wurde nach zahl¬ reichen Versuchen durch Thomas Howe und J. M. Singer die neue Maschine ein brauchbares Werkzeug, und seit der Zeit haben zahlreiche Vervollkomm¬ nungen die einfache Maschine abgeändert und daraus ein fast vollkommenes Werkzeug gemacht, das heute fast unentbehrlich geworden ist (s. Nähmaschine). Maschinenspinnerei, die erste englische wird in Deutschland (Kromford) Rheinland 1784 errichtet, von wo aus sich diese Art der Spinnerei im Rheinland und in Sachsen verbreitete. Maschinenspitzen, auf der Klöppelmaschine, dem Wirkstuhl oder der Bobbinetmaschine hergestellte Spitzen (s. Spitzen). Maschinenstickerei, s. Stickerei. Maschinenstickerschulen, Fachschulen zur Ausbildung der in der Ma¬ schinenstickerei beschäftigten Arbeiter. In Vorarlberg, wo ungefähr 3000 Stick¬ maschinen und fast ebensoviel Kettenstichmaschinen in Tätigkeit sind, besteht eine solche Schule seit 1891 in Dornbirn. Sie steht unter einem Ausschuss aus staatlichen, kommunalen, Handelskammer- und Industrievertretern. Alle zwei Jahre findet eine Ausstellung statt. Maskat, Hauptstadt des Sultanats Oman an der Nordostküste Ostarabiens: Bedeutender Handel mit Baumwollwaren. Massachusetts, einer der Vereinigten Staaten von Nordamerika: hervor¬ ragende Fabrikation von Baumwoll-, Woll- und anderen Textilwaren. Massiru, ein leichter, einfacher Seidenstoff, eine Art Demi florence, wel¬ cher in Ostindien, vorzüglich in Surate, viel verfertigt wird. Die Mongolen und Mohammedaner in ganz Asien tragen von diesem Zeuge lange Beinkleider. Matabies ist in Ostindien der Beiname aller derjenigen dichten und leichten Baumwollzeuge, welche mit Mustern oder Zeichnungen von Gold und Silber gearbeitet werden. Diese Dessins sind teils mit Gold- und Silberlahn eingewebt oder gestickt, zum Teil auch nur leicht aufgedruckt. Matrosenleinen, s. Bonten. Matrosentuch, Singonne, Agneline, eine Gattung langhaariger, zottiger Tücher, gewöhnlich schwarz gefärbt, welche wie grober Plüsch, allein sehr fest
Matrosentücher—Melbourne, 349 gewebt und so dicht gewalkt werden, dass das Wasser nicht durchdringen kann. Es ist eine Nachahmung der türkischen Capots von Zagora, hat das Ansehen eines schwarzen behaarten Schaffells und dient zur Winterkleidung für die ärmeren Volksklassen, sowie auch als Satteldecken bei der Kavallerie als Ersatz der ge¬ bräuchlichen Schaffelle. Man verfertigt es in Böhmen, Mähren und in österr. Schlesien. Matrosentücher, gewöhnliche, blau und weiss, rot und weiss, auch rot, blau und weiss gegitterte Hals- oder Taschentücher, welche in der Oberlausitz verfertigt und nach Hamburg, Bremen, Amsterdam für den spanischen und amerikanischen Handel verkauft werden. Früher waren sie ganz aus Leinengarn, jetzt werden sie halb von Baumwolle und Leinen oder ganz aus Baumwollgarn verfertigt. Matte, ein Flechtwerk oder Gewebe aus Stroh, Bast, Binsen, Bohr u. s. w., das zur Verpackung von Waren, zu Teppichen, Fussabstreichern u. s. w. dient. Maulbeerseide, weisse chinesische Seide, im Gegensatz zur gelben, welche aus Westasien kommt. Maureske, s. V. w. Arabeske (s. Arabischer Stil). Maurisch (franz. moresque, engl, moorish), die Kunstweise der Araber, welche die westliche Nordküste Afrikas und vom Anfänge des 8. bis Ende des 15. Jahrh. einen grossen Teil Spaniens beherrschten, enthält ursprünglich arabische und byzantinische Elemente (s. Arabischer Stil). Mawata, s. Flockseide. Mayenne, Stadt im franz. Depart. Mayenne: Baumwoll- und Wollspinnerei, Leinwand-, Kaliko- und Taschentuchfabrikation, Hemden- und Hosenfabrikation. Mayennes, im franz. Handel eine weissgebleichte Leinwand von feinem ausgesuchten Hanfgarn, welche im Depart. der Mayenne an mehreren Orten ver¬ fertigt wird. Ausserdem versteht man unter diesem Namen mehrere Sorten flächsener Leinwand, welche in der Nähe der Stadt Mayenne gewebt, wie die lavalschen Leinen gebleicht, appretiert und assortiert werden und welche dann als lavalsche Leinen in den Handel kommen. Mazamet, Kantonsstadt im südfranz. Depart. Tarn: Bedeutende Woll¬ spinnerei, Fabrikation von Flanell. Mazankury Muga ist eine Assamsche Seidenraupe (Saturnia assamensis), welche auf dem Adakurrybaume lebt und eine fast weisse Seide erzeugt. Mecheln, franz. Malines, Stadt in der belg. Provinz Antwerpen: Wichtige Manufakturen in Spitzen, Hüten, Wollwaren, Teppichen, Flachs- und Hanf¬ spinnerei. Mechelner Grund, eine Grundbindung der Beseauspitzen. Mechlinet, ein feines Westenzeug von Leinen und Baumwolle, das früher in Gloucestershire verfertigt wurde. Medaillon (franz. medaillon, engl, medallion), s. v. w. Bundbild. Medietas (lat.) (franz. ferandine), aus Leinen und Seide bestehender Stoff. Mediotwist, Garn, s. Twist. Meerane, Stadt der sächs. Kreishauptmannschaft Chemnitz: ist einer der wichtigsten deutschen Plätze für die Fabrikation von wollenen, halbwollenen und aus Wolle, Baumwolle und Seide gemischten Kleiderstoffen (9 mechan. Webereien und Hausindustrie in- und ausserhalb der Stadt), ferner eine Kammgarnspinnerei. Webeschule. Mehun-Sur-Yevre, Stadt im franz. Depart. Cher: Wollenstoff- und Lein¬ wandfabriken. Meklenburghs, ein glänzend appretierter wollener Stoff in England, eine Art von geblümtem Wolldamast, bei welchem der leinwandartige Grund aus bunten Streifen besteht, zwischen welchen mehrfarbige Blumen einbroschiert sind. Die Kettfäden, mit welchen die Streifen angelegt werden, sind doppelt und dreifach gezwirnt, wodurch das Gewebe fest und steif wird. Melangegarn, s. Moulineegarne. Melbourne, Hauptstadt und Haupthandelsplatz der brit. Kolonie Victoria: die grösste Stadt Australiens: Textilwarenfabrikation.
350 Melieren—Metzingen. Melieren (vom franz. meler mischen), das Vermischen verschiedenfarbiger Wolle vor dem Spinnen zur Herstellung melierter Gespinste und melierter Tuche. Melsungen, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Kassel: Webereien u. Tuchfabriken. Membran, heisst das Pergament, welches im Mittelalter dazu benutzt wurde, vergoldet oder versilbert, um einen Leinen- oder Baumwollfaden gesponnen, den gezogenen Metallfaden zu ersetzen. Memmingen, Stadt im bayr. Reg.-Bez. Schwaben: Tuch- und Leinen¬ weberei, Flachs- und Wollspinnerei, Fabrikation von Bindfaden und Jacquard¬ decken. Mende, Hauptstadt des franz. Dep. Lozere: Wollspinnerei, Tuchfabrikation. Mengen, Stadt im württemb. Donaukreis: Tuchfabrikation, Weissstickerei und Strickwaren. Menin, Stadt in der belg. Provinz Westflandern: Spinnerei und Weberei. Mensale (lat.), leinenes Tischtuch, Tafeltuch. Merida, Stadt der Republik Venezuela: Teppichfabrikation, Handel mit Baumwollstoffen. Merino (engl, merino, marrino), heissen leichte geköperte Zeuge aus Kamm¬ wolle mit dreifädigem, auch vierfädigem, auf beiden Seiten rechtem Köper. M. kommen in allen Farben und gemustert vor und waren eine Zeitlang beliebt zu Frauenkleidern und Umschlagetüchern. Die Stoffe, durch Sengen, Scheren und heisses Pressen mit Glanz appretiert, kamen ursprünglich aus England und wurden dann auch in Deutschland und Frankreich fabriziert. Gegenwärtig ist die Ware nicht mehr in Kurs, und an ihre Stelle sind die in Deutschland zuerst gefertigten Thibets getreten: vollere und weichere Stoffe ohne glänzende Appretur. Eine wohlfeilere hierher gehörige Ware ist halbwollener M. mit baumwollener Kette und Kammgarneinschlag, dreifädig geköpert; sie heisst Paramatta. Merinogarn ist ein Garn aus feiner, kurzer Wolle; auch halbwollene Strumpfwirker- und Strickgarne werden so genannt. Merinowolle ist eine sehr feine, stark gekräuselte, feste, aber weiche und elastische Wolle, die man zu besseren Stoffen (Tuchen) verarbeitet, sie stammt von den Merinoschafen. Merkbänder, Buchzeichen, wurden im Mittelalter zu kostbaren Buchein¬ bänden hergestellt, und bestanden aus einem, der Ausstattung des Einbandes entsprechend reichen, selbst goldenen und mit Edelsteinen und Perlen besetzten Halter, an welchem Seidenschnüre zum Einlegen zwischen die Blätter hingen. Später traten an ihre Stelle die am Buchrücken befestigten Bänder. Merw, Hauptort der Oase im S.-O. der Turkmenischen Wüste: Herstellung von Teppichen und Seidenstoffen. Meschede, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Arnsberg: Wollspinnerei, Fabri¬ kation von Wollwaren und Kunstwolle. Meschhed (d. h. Grabmal), Hauptstadt der pers. Provinz Chorassan: liefert ausgezeichnete Teppiche, Shawls nach Kaschmirmustern (Meschhedi), Filz, Seidenstoffe und gedruckte Baumwollzeuge. Messgewand (lat.: paratura missatica; franz.: habit de choeur; s. litur¬ gische Gewänder), im gewöhnlichen Sprachgebrauch nennt man die Casula (s. d.) Messgewand. Messina, Stadt im nordöstl. Teile der Insel Sizilien: die Industrie ist gering, es besteht Seidenspinnerei; eingeführt werden Woll-, Baumwoll- und Seidenwaren, Decken, Teppiche, Kattun und baumwollene Tücher. Messolan, Masselan, auch Miselane (aus dem italienischen Mezzolana, Halb¬ wolle), ist ein gewöhnlicher, sehr haltbarer Stoff, halb aus Leinengarn, halb aus Schafwolle gewebt. In Sachsen, Schlesien, Böhmen wurde dieses Zeug einfach und doppelt, glatt, geköpert, gedruckt und meliert angefertigt. Metaxa (lat.), Bezeichnung für Rohseide im römischen Zeitalter. Metier (franz.), Web- oder Wirkstuhl, Stickrahmen. Mettmann, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Düsseldorf: Seiden- und Baumwollwarenindustrie. Metzingen, Stadt im württemb. Schwarzwaldkreise: Wollspinnereien, Tuch-,
Mexiko—Mitra. 351 Woll- und Strumpfwaren, Woll- und Baumwöllfärberei, Baumwollzwirnerei und Bandweberei. Mexiko, Föderativrepublik: der wichtigste Zweig der rasch wachsenden Industrie ist die Baumwollmanufaktur, besonders in Guadalajara und Puebla, die sich auf grobe weisse Kattune (mantas), die landesüblichen Shawls (rebözos), Tischdecken und Bettdecken erstreckt, aber dem Bedarf nicht genügt, sodass trotz des hohen Zolls Baumwollfabrikate den Haupteinfuhrartikel bilden. Die 125 Fabriken mit 14759 Webstühlen und 491443 Spindeln verbrauchten (1899) 26,5 Mill. kg Baumwolle und produzierten 10,2 Mill. Stück Tuch und 1,9 Mill. kg Garn. 1900/1 arbeiteten in 153 Fabriken 26709 Arbeiter. Geringer ist die W ollmanufaktur. Mezzetta ist eine Sorte sizilianischer Seide. Miava, Hauptort im ungar. Komitat Neutra: Tuch- und Leinenweberei. Michelstadt, Stadt in der hess. Provinz Starkenburg: Baumwoll- und Tuchweberei. Mi-fil ist die feinste, aber auch die klarste und dünnste Sorte, der im franz. Handel unter dem Namen Quintins oder Quintes vorkommenden fläch senen Leinen. Mi-florence (Halbflorence, Halbtaffet), ein leichter, taffetartig gewebter Seidenstoff, welcher sich von dem dünnen Taffet durch einen vorzüglichen Glanz unterscheidet und fast ausschliesslich zu Unterfutter verwendet wird. Mignardise (franz., d. i. Zierlichkeit), zur Verzierung dienende Litzen oder Gimpen, besonders schmale leinene oder baumwollene Börtchen, mit seitlich hervorragender Fadenschlinge (Picots), die als Grundlage für anzuhäkelnde Spitzen zur Herstellung von Wäschebesätzen u. dgl. dienen. Mignonetten, 1) eine Gattung zarter, geklöppelter weisser Zwirnspitzen, nicht über 5—8 cm breit. 2) Kattune mit kleinem Muster. 3) Baumwollene, gemustert gewebte oder broschierte feine Halstücher, eine Nachahmung der Linontücher. Migot, im Handel von Languedoc die Brack- oder Ausschusssorte der span. Wolle. Milanese (ital,: mailändisch), ehemals Benennung der Schnur, mit welcher die Figuren der Reliefstickerei eingefasst wurden. Milanesstuhl, eine AVirkmaschine; Milaneswaren, die damit hergestellten Wirkwaren. Mille-Points, ein englischer geköperter, atlasartiger, ganz klein gemusterter Wollenstoff, eine Art glänzend appretierter Kalmank. Millrayes, Tausendstreifige, nennt man die feinen, ganz kleingestreiften, ostind. Musseline, und die ihnen nachgemachten, schmalgestreiften, weissen und bunten Baumwollzeuge. Mina-Cloths, ein dichter, geköperter Stoff aus Wolle und Baumwolle, ähnlich dem Doppel-Casimir, der aber dicker und fester ist. Sehr häufig wurden auch von diesem Gewebe Hals- und Umschlagtücher für Frauen, einfarbig oder gedruckt verwendet. Minas geraes, südamerik. Baumwollsorte. Minas novas, südamerik. Baumwollsorte. Minorka, ein geköperter, halbseidener Stoff von Seide und Flachsgarn. Mirecourt, Hauptstadt des gleichnamigen Arond. im franz. Depart. ATosges: Spitzenindustrie, die schon im 16. Jahrh. nachweisbar. Anfänglich Klöppel-, später Nadelarbeiten nach italienischen Vorbildern mit geometrischen und stilis. Blumenmustern. Mirfield, Stadt in der engl. Grafschaft York: bedeutende Wollspinnereien. Mistek, Stadt in Mähren: Woll-, Baumwoll- und Leinenindustrie. Mitra (lat.: mitra; franz.: mitre; engl.: mitre), Band, Kopfbinde, Mütze, wird im 14. Jahrh. fast allgemein von vornehmen Leuten getragen und später von den höheren christlichen Priestern übernommen, statt der vorher üblichen Rundkappe oder Stirnbinde (lat.: corona). Die Bischöfe der griechischen Kirche trugen dagegen schon in frühester Zeit den noch jetzt üblichen kegelförmigen
352 Mittelalterliche Weberei—Mohn.# Hut in Gestalt der Sidaris des jüdischen Hohenpriesters, eine Form, die der päpstlichen Tiara (s. d.) zu Grunde liegt. Seit dem 9. Jahrh. wurde mit Aus¬ nahme geringer Schwankungen jene Gestalt der Mitra gebräuchlich, welche aus 2 cornua (aufsteigenden Spitzen) besteht, die den Vorder- und Hinterkopf über¬ ragen und durch ein Zwischenfutter verbunden sind. Alle Teile, der untere breite Saum, welcher sich aus der Stirnbinde gebildet hat, die nach oben stei¬ gende Borte (titulus), welche die cornua vertikal durchschneidet, sowie die Enden der corona (infulae) werden reich in Gold, Perlen und Seide gestickt. (Vergl. Abbild. 190.) Mittelalterliche Weberei, s. Weberei, Geschichtliches. Mittelalterliche Stickerei, s. Stickerei, Geschichtliches. Mitteltuch heisst das in den brandenburgischen und schlesischen Manu¬ fakturen aus guter Mittelwolle verfertigte Tuch, welches nur einen Schlag mit der Lade erhält, aber doch dicht und fest gewebt und gut gewalkt wird. Mittweida, Stadt in der sächs. Kreishauptmannschaft Leipzig: Baumwoll¬ webereien und -Spinnereien. Mixed-Checks, im engl. Handel die in England und Schottland verfertigten gewöhnlichen Matrosenleinen, bei welchen die weissen Fäden von flächsenem Garne, die bunten Fäden aus Baumwolle bestehen; sie sind meistens blau und weiss gestreift oder gegittert. Möbelleinen nennt man die feineren und dichtgewebten Listados, eine gangbare, in verschiedenen Mustern buntgewürfelte Leinwand, welche teils halb aus Leinen und halb aus Baumwolle, teils ganz aus Baumwolle, in verschiedenen Gegenden Deutschlands und in den Niederlanden fest und gedrungen gewebt werden. Model heisst die erhabene Druckform für Zeugdruck. Modeldruck, s. Zeugdruck. Modeltuch, s. v. w. Mustertuch für Stickerei. Modesne, in Frankreich ein halbseidenes dünnes Zeug, das von Florett¬ garn, Zwirn oder Baumwolle, mit Wolle vermischt, gewebt wird. Modica, sizilianische Baumwollsorte. Modigliana, Stadt in der ital. Provinz Florenz: Seidenspinnerei. Modugno, Stadt in der ital. Provinz Bari: Baumwollmanufaktur. Mogdischu (Mogduschu, Makdischu, Madischa, ital. Mogadiscio), Ortschaft an der Küste von Italienisch-Somalland in Ostafrika: Wichtiger Handelsplatz für die Produkte des Somallandes. Die berühmten Gewebe wurden früher bis nach Arabien und Persien verkauft. Mogg oder Mock-QuiltingS, ein gemusterter Baumwollstoff in Manchester und Glasgow, welcher wie Pikee gewebt wird, allein nicht so fest und dicht, wie dieser ist, deshalb auch Halb-Pikee genannt wird. Mohair, die engl. Bezeichnung für Angorawolle (s. d.). Die daraus ge¬ webten Stoffe, wie auch solche, in denen die Ziegenwolle nur einen Bestandteil neben andern bildet, führen jetzt ebenfalls häufig den Namen Mohairs, obschon ein wesentlicher Unterschied zwischen diesen und den Kamelotts nicht besteht, da auch diese vielfach als Mischgewebe auftreten. Das Mohairgarn wird jetzt häufig als Schussgarn verwebt und durch seine Verbindung mit Kammgarn, Baumwolle, Alpaka und Seide eine grosse Mannigfaltigkeit von Stoffen erzeugt. Am stärksten wird die Fabrikation derselben in England (Bradford, Manchester) betrieben, in Frankreich besonders in Roubaix und Lille, in Deutschland in Chemnitz und Umgegend, Schlesien, Berlin, Gera, Weida, in Oesterreich im Reichenberger Bezirk. — Mohairspitzen sind schwarze Wollspitzen. Mohair¬ plüsche sind Wollenplüsche. Mohn, Pflanzengattung der Payaveraceen, mit zweiblättrigem, hinfälligem Kelch, vielblättriger Blume, zahlreichen Staubgefässen und einer Fruchtkapsel, in neuer Zeit durch die englische moderne Richtung für Flachmuster, nament¬ lich bedruckten Baumwollstoffen und Velveteen’s. Abbildung: 198. Darstellung einer Mohnstaude aus: Lobelius, plantarum sev stirpium icones. Antwerpen 1581.
Mohr—Montagnana. 353 Mohr, Moir, Moor, moiriert heissen dichtgewebte seidene Zeuge mit damast¬ artigen Blumen, die einen Atlasköper haben, auf einem Grunde von Gros-de-tour, doch gibt es auch halbseidene Mohrs, deren Kette von Seide, der Einschlag von Kamelhaar, Wolle oder Baumwolle ist, und ganz wollene (s. Moreens). Das Gewebe hat den Namen von dem Mohr, d. h. der geflammten und gewässerten Oberfläche (s. Abb. 198. gewässerte Stoffe). Die eingewebten Blumen sind von verschiedener Grösse, wie bei dem Damast; es bleibt aber viel freier Grund zwischen und neben den Mustern, denn nur dieser nimmt den eigentlichen Mohr oder die Wässerung an, nicht aber die atlasartigen Blumen, die wegen des Atlasköpers weich sind. Mok-Satins sind starke, steife, glän¬ zende W ollenstoffe, eine Art wollener Damast, dessen Einschlag, wie bei dem Satin, wechsel¬ weise über vier Kettfäden geht, wodurch das Gewebe ein atlasartiges Ansehen erhält; die Muster und Blumen sind jedoch dunkler und nicht so bunt wie bei dem Satin. Moldgarn, in Westfalen die Benennung für ein ziemlich grobes Leinengespinst, das als Einschlag für Leinwand verwendet wird. Moleskin, soviel wie Englisches Leder. (s. d.). Beim halbwollenen M. besteht die Kette aus Baumwolle, der Einschlag aus Streichgarn; ferner in England Bezeichnung für feine Westenstoffe, die auf baumwollenem Grunde Muster aus feinster Wolle haben, in Oesterreich ein feiner, dichter, rauher, ge¬ schorener und gefärbter Barchent. Molinos, Baumwollsorte aus Mexiko, weiss, ins gelbe, glänzend im Faden. Moll, Molton, Multon (franz.: molleton), ein weiches, langhaariges Gewebe aus guter Mittelwolle. Es wird entweder wie das Tuch glatt, leinwandartig oder geköpert gewebt, auf beiden oder nur einer Seite gerauht und mit einem Schnitt geschoren. In der Dichtheit und Walke steht der Stoff zwischen Flanell und Fries, ist lockerer wie dieser und dichter wie jener. M. ist aus feiner kurzer Wolle gefertigt. Man gebraucht dieses warmhaltende und leichte Zeug zu Unter¬ kleidern; die Farbe ist meist weiss, doch wird es auch gefärbt. — In neuerer Zeit sind auch baumwollene M. häufig fabriziert; es ist dies eine Art dicker baumwollener Barchent, der auf beiden Seiten stark gerauht, welcher dadurch eine weiche, langhaarige Oberfläche erhält. Mollet, im franz. Handel eine Sorte ganz schmaler Fransen von Zwirn, Seide, Gold und Silber. Mollicia (lat.), gestickter Teppich, mit opus plumarium (s. d.) geschmückt. Molton, s. Moll. Mondovi, ehemals Montevico oder Monreale, Hauptort in der ital. Provinz Cuneo: Fabriken in Seide und Kattun. Monfalcone, Stadt in der österr. Bezirkshauptmannschaft Gradisca: Seidenzucht, Seiden- und Baumwollspinnerei. Monogramm (griech.) oder Handzeichen (lat. signum). Monogrammstickerei, s. Weissstickerei. Mons, vläm. Bergen, Hauptstadt der belg. Provinz Hennegau: Woll- und Baumwollspinnerei. Montagnana, Hauptort in der ital. Provinz Padua: Seidenindustrie, Woll¬ spinnerei. Heiden, Handwörterbuch der Textilkunde. 23
354 Montagnetücher—Moskau Montagnetücher sind gewöhnliche Sorten franz. Tücher, die aus Wolle ge¬ webt werden; sie gingen früher meist in die Provence und nach Italien. Montauban, Hauptstadt des franz. Depart. Tarn-et-Garonne: Woll-, Baumwoll- und Seidenspinnereien, zahlreiche Fabriken für Beuteltuch, Mitteltuche (Cadis de M.) u. s. w. Montbeliard nennt man in Frankreich eine dicht und gedrungen gewebte, blau und weiss gestreifte oder blau und weiss gegitterte flächsene Leinwand zu Matratzen und Bettinleten; sie wurde zuerst in der Gegend von Montbeliard, Stadt im franz. Depart. Doubs, verfertigt. Montcahiard, Montcayer, ein feiner halbseidener berkanartiger Stoff, ge¬ wöhnlich in schwarzer Farbe, dessen Kette von gezwirnter Seide und der Ein¬ schlag von doppelt oder dreifach gezwirntem Kammgarn, und welcher sowohl glatt leinwandartig, als auch geköpert gewebt wird. Montelimar, Stadt im franz. Depart. Drome: Bedeutende Fabrikation von Seidenwaren. Handel mit Rohseide. Montjoie, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Aachen: Kunstwoll-, Tuchfabriken, Streichgarn Spinnereien und Seidenweberei. Montrose, Parlamentsborough der schott. Grafschaft Forfar: Flachsspin¬ nerei, Maschinenweberei und grosse Bleichen; eine Leinwandhalle. Montserrat, westindische Baumwollsorte. Moosgarn, persisches Garn, ein namentlich zu Wollenstickereien ver¬ wendeter, zweifädiger Wollenzwirn, aus verhältnismässig grober Wolle, welcher ein geperltes Aeussere zeigt und der Stickerei ein moosiges Ansehen verleiht. Moquette, Mocades, früher Bezeichnung für ausgezogene Sammetteppiche (Brüsseler Teppiche), jetzt für buntgemusterten Doppelplüsch, welcher dadurch entsteht, dass zwei Stück Plüsch übereinander liegend gewebt werden (mittels zweier Grundketten und mehrerer Polketten), wobei die Polkettenfäden beim Arbeiten wechselweise von den unteren in das obere und von dem oberen in das untere Gewebe übergehen. Durch Zerschneiden der zwischen den beiden Grund¬ geweben liegenden Polkettenfäden in der Mitte erhält man beim Abziehen zwei mit dem Flor gegeneinander gerichtete Plüschstücke. Die Grundkette ist ge¬ wöhnlich von Hanf- oder Leinengarn, während die Polkette entweder von Baum¬ wolle und Wolle oder ganz von Wollgarn gebildet ist. Morano Calabro, das antike Muranum, Stadt in der ital. Provinz Cosenza: Seiden- und Wollweberei. Moratalla, Stadt in der span. Provinz Murcia: Tuch- und Leinenweberei. Moravian heisst das englische achtfädige baumwollene Stick- und Nähgarn. Mordant, s. Beize. Morea, griechisch-türk. Baumwollsorte. Moreas, ursprünglich ein atlasartiger halbseidener Stoff, welcher, wie die Lüstrine, droguetartig gewebt wurde und gewöhnlich bunt gestreift in Frank¬ reich und Deutschland vorkam; später wurde er ganz aus Baumwolle gemacht und das glänzende Aeussere bei demselben durch die Mangel hervorzubringen gesucht; jetzt kommt er wieder mehr in Halbseide unter dem Namen, aber ein¬ farbig vor. Die Kette ist Baumwolle. Moreen ist ein Stoff mit Kette und Einschlag aus starkem englischem Kammgarn, bei billigen Sorten mit Einschlag aus Jute; die kräftige Moirierung wird in der Presse unter starkem Druck erzeugt (s. gewässerte Stoffe); M. dient zu Unterröcken. Morella, Hauptstadt in der span. Provinz Castellon in Valencia: Tuch¬ weberei und Färberei. Morenos oder Lien§os Morenos nennt man in Spanien und Südamerika mehrere Sorten französischer ungebleichter Leinwand, meistens von billiger Qua¬ lität, welche in Frankreich unter dem Namen Toiles bises, Toiles brunes be¬ kannt sind. Moresken (franz.: mauresques; engl.; moresques), fast gleichbedeutend mit Arabesken (s. d.). Vgl. auch den Artikel „Arabischer Stil“. Moskau, Generalgouvernement mit gleichnamiger Hauptstadt im russischen
Moskowiter Gespinste—Mozambique. 355 Reich: bedeutende Textilindustrie, 38 Tuchfabriken, 29 Wollwebereien, 329 Baum¬ wollspinnereien und -Webereien, 247 Seidenwebereien, 123 Färbereien und 27 Kattundruckereien, s. a. Russland. Moskowiter Gespinste sind gewisse Sorten Gold- und Silbergespinste, welche aus Russland nach Asien und der Türkei gehen. Moskowitischer Damast, ein durch den russisch-chinesischen Handel nach Europa gekommener Seidenstoff, der häufig mit Florett- oder anderer geringerer Seide gerüischt ist und auch unter dem Namen Rolldamast vorkam. Mossley, Municipalborough in der engl. Grafschaft Lancashire: Baumwoll¬ industrie, Färberei und Bleichen. MOSS Side, Fabrikstadt in der engl. Grafschaft Lancashire: bedeutende Baumwollspinnereien. Mosul (Mossul), Hauptstadt des asiat.-türk. Wilajets M.: früher blühende Fabrikstadt, Stapelplatz für Orient. Waren, namentlich waren Baumwollwaren und feine Lederstoffe berühmt. So hat von M. der Musselin (s. d.) seinen Namen. Einzelne Färbereien bestehen noch heute. Mossulstickerei wird Stickerei auf Baumwolle in farbigem Garn genannt, welche Blütenformen in bogiger Linien¬ führung aus losen Stichen zeigt, die dem sogen. Hexenstich ähnlich sehen. Motril, spanische Baumwollsorte, weiss, ins rötliche Gelbe, glänzend, kräftig im Faden. Mouchoirs, im franz. die allgemeine Benennung der im Handel vorkom¬ menden Hals- und Taschentücher aus Seide, Baumwolle, Leinen, Wolle und Bast. Moulinage, die (franz.), das Zwirnen der Seide; moulinierte Seide = filierte, gezwirnte Seide. Moulineegarne, Moulinetgarne, besonders zur Herstellung von Damen¬ kleiderstoffen verwendete Zwirne, welche durch Zusammenzwirnen von verschie¬ denfarbig gefärbten Wollengarnen entstanden sind, oder bei welchen ein Baumwoll- und ein Wollfaden zusammengezwirnt sind, die sich durch das Ausfärben verschieden färben. Andere ähnliche Effekte ergebende Garne sind die Melange-, Beige , Jaspee-, Yigoureux- und Zibelinegarne. Die Melangegarne entstehen durch Zusammenmischen von gefärbter und ungefärbter, bezw. verschieden ge¬ färbter Wolle, die gemeinschaftlich versponnen werden; die Beigegarne, wenn von Natur aus verschieden farbige Wollen gemischt und zusammen versponnen werden; bei Yigoureuxgarnen wird der Kammzug verschiedenfarbig bedruckt, dann gedämpft, gewaschen und versponnen. Jaspeegarne sind Zwirne aus Nop¬ pengarnen (Effektgarnen), und bei den Zibelinegarnen sind der gefärbten Wolle ungefärbte lange andere Tierhaare (beinahe ausschliesslich das glänzende Mohair¬ haar) beigemengt, welche nach der Appretur der Stoffe längere ungefärbte Haar¬ enden bilden. Moulins, Hauptstadt des franz. Depart. Allier: Woll- und Baumwollspin¬ nerei, Seidenweberei. Mouscron, Gemeinde in der belg. Provinz Westflandern: Woll- und Baum¬ wollweberei. Mousquets sind feine und sehr dichte, wollene Teppiche mit bunten, sehr lebhaften und abstechenden Zeichnungen; sie kommen aus Kleinasien über Smyrna und Saloniki in verschiedener Grösse und Feinheit nach Marseille, Livorno und Triest. Demi-M. hiessen diejenigen, bei welchen die Pole oder das aufgeschnittene Haar kürzer ist und welche mit weniger Festigkeit gewebt sind. Mousselin de laine, s. Wollmuslin. Moustiquaire, leichte und durchsichtige Zeuge, eine Gattung dichter Sei¬ dengaze, welche in China und Bengalen glatt, geblümt und gestreift aus der so¬ genannten Moque-Seide gewebt, und in ganz Asien zu Bettvoi’hängen und Som¬ merkleidern verbraucht werden. Mozambique, Floccoune, Perle, Sadowa, sind wollene Doppelstoffe, bei welchen der Oberstoff flott liegt und auf der Rauhmaschine durchgerissen wird, wodurch ein meist aus Vierecken gebildetes Muster hervortritt. Geringe Waren dieser Gattung bestehen, ähnlich wie Manchester, nur aus Grund- und Polscliuss (Effekt- oder Flocconneschuss), bessere Sorten jedoch aus Grund-, Futter- und
356 Mozartteppich—Münstereifel, Pol- oder Flocconneschuss. Der lose gedreht und flottliegende Polschuss wird durch das Rauhen zerrissen und die verbleibenden Schussstückchen treten durch die weitern Zurichtungsarbeiten (Klopfen u. s. w.) nach oben und bilden auf¬ rechtstehende Flocken. Mozartteppich (Royal-Axminster-Teppich), Modenamen für einen in neuester Zeit in den Handel gekommenen Teppich, welcher als maschinelle Nach¬ ahmung des Smyrnateppichs aufzufassen ist. Auf einem sogenannten Röhrchen¬ stuhl (von den Amerikanern Alexander Smith und Skinner erfunden) sind die einzuknüpfenden farbigen Fäden auf Rollen gewickelt, nebeneinander aufgereiht und werden in einer dem Rapport in der Schussrichtung entsprechenden end¬ losen Kette über die Einbindungsstellen weggeschaltet; durch besondere Greifer werden sie von den Spulen abgezogen, an die Kettenfäden angeknüpft und schliess¬ lich durch Zirkularmesser abgeschnitten. Mühlhausen in Thüringen, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Erfurt: Königl. Web- und Wirkschule, Fabrikation von wollenen, halbwollenen und baumwollenen Waren, Kamm-, Streich- und Strumpfgarn. Mühltroff, Stadt in der sächs. Kreishauptmannschaft Zwickau: mechan. Kammgarnweberei, Chenillevorarbeitenweberei, Strickerei. Mule-Twist (Mulegarn), das weiche, besonders als Einschuss dienende Baumwollgarn, welches auf der Mulemaschine (Halb- oder Ganz-Selfaktor) fein gesponnen wird. Mülhausen, Stadt im Bezirk Obereisass: Schulen für Spinnerei und We¬ berei. M. ist Mittelpunkt eines der bedeutendsten Bezirke der festländischen Baum¬ wollindustrie. Die Fabriken liegen teils in M. meist in Dörnach und zwischen beiden Orten. 1746 führten Sam. Köchlin, Joh. Jab. Schmaltzer und Joh. Heinr. Dollfus die Fabrikation bedruckter Baumwollgewebe (sog. Indiennes) ein. Jetzt bestehen 14 Baumwollspinnereien, zahlreiche Webereien, Druckereien mit über 80000 Arbeitern; ferner Zwirnereien, Woll- und Kammgarnspinnereien. M. ist Sitz der Textil-Berufsgenossenscbaft für Elsass-Lothringen. Mülheim am Rhein, im preuss. Reg.-Bez. Köln: Fabrikation von Sammet, Seide, Leinen und Segeltuch. Webschule. Mülheim a. d. Ruhr, im preuss. Reg.-Bez. Düsseldorf: Woll- und Baum¬ wollspinnerei, Kattunweberei. Mulinieren (franz.), s. Moulinage und Moulineegarne. Mull, ein klarer, feiner, weisser und weicher Musselin, namentlich zur Frauenkleidung verwendet. Ursprünglich ein aus Ostindien kommendes Fabrikat, das aber gegenwärtig in Europa überall erzeugt wird, wo feine Baumwollwaren gefertigt werden. Müllerbeuteltuch, s. Beuteltuch. Müllergaze, Müllertuch, s. Beuteltuch. Mülsen, Mülsen-St. Jakob , Mülsen-St. Michael, Mülsen - St. Niklas, drei Fabrikdörfer in der sächs. Kreishauptmannschaft Chemnitz: Webschule; Hand¬ weberei in Woll- und Baumwollwaren. Multan, Hauptstadt in der indobrit. Lieutenant-Gouverneurschaft Pandschab: Seiden-, Teppich-, Brokat- und Zitzmanufakturen. Mumienleinwand, s. v. w. ägyptische Leinwand. Münchberg, Stadt im bayr. Reg.-Bez. Oberfranken: vier mechan. Bunt¬ webereien, mechan. Zwirnerei, bedeutende Handweberei und Färberei. Webeschule. München, Haupt- und Residenzstadt des Königreichs Bayern: Gold-Silber¬ stickereigeschäfte. Handel mit Möbelstoffen, Portieren und Teppichen (s. a. Bayern). Münchengrätz, Stadt in Böhmen: Fransen-, Seidenzeug- und Teppich¬ fabrikation. Münster, Hauptstadt der preuss. Provinz Westfalen: Fabrikation von Leinwand und Baumwollzeugen. Münster im Eisass: grosse Spinnereien und Webereien, im 18. Jahrh. gegründet. Münstereifel, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Köln: Streichgarnspinnerei, Tuch-, Wollzeug- und Leinenweberei.
Münsterleinen—Muster. 357 Münsterleinen. Nicht alle Sorten der aus dem preuss. Reg.-Bez. Münster kommenden Leinen versteht man unter diesem Namen, sondern nur ein grobes graues Hanfleinen, zu Segel- und Packtuch, aus den Gegenden an der Ems hinab, welches meistens nach Bremen und Holland geht. Muschelseide, Lana penna, auch Pinna marina (ital.: Bisso, Bissus, lanapesce pelodi nacchera, pelo d’astura) sind die glänzenden, seidenartigen Fäden mehrerer Gattungen Seemuscheln, wie Kammmuschel, Pecten, Miesmuschel, Mytilus u. s. w., die mit 4—6 cm langen Haarbüscheln (Byssus) im Meere sich an die Felsen ansetzen. Die nützlichste Muschel dieser Gattungen ist die sogen. Steckmuschel oder Schinkenmuschel (Pinna nobilis L.) auch Seidenmuschel, Hol¬ stenmuschel und Pistolenholster. Die Fäden werden nach gehöriger Reinigung verarbeitet. Die Anwendung der Steckmuschel für Webereizwecke war schon im Altertum bekannt: besonders zur Herstellung von Reitermänteln; die feinsten Muschelseidengewebe wurden in Indien angefertigt und dann nach Griechenland gebracht; die Araber nannten die Muschelseide Meereswolle. Musseline (franz.: musseline; engl.: murlin), ein feiner, locker gewebter, halbdurchsichtiger Baumwollstoff, zu welchem man Garn nimmt, dessen Fäden beim Spinnen wenig gedreht werden, wodurch dessen Oberfläche fast niemals ganz glatt ausfällt, sondern immer mit kleinen rauhen Fäserchen, wie mit einem zarten Flaum bedeckt ist. Die einfachen glatten Musseline werden mit einfacher Leinwandbindung gewebt, wobei es nach den verschiedenen Graden der Feinheit auf einen sehr gleichen, fein und locker gesponnenen Faden, auf gute Schlichterei und Behandlung der Ketten ankommt. Man verwendet Garn von No. 70 bis No. 300. M. wurde ursprünglich in Ostindien und im Orient gefertigt und von dort eingeführt, wird aber schon seit langer Zeit in England, Frankreich, Deutsch¬ land und der Schweiz ebenso gut und durch Fabrikbetrieb bedeutend billiger hergestellt. Die Ware kommt in ausserordentlicher Verschiedenheit, einfach, glatt, gestreift, durchbrochen, geblümt, gestickt und gedruckt in den Handel. — Die Musselinweberei und die Ausfuhr von Geweben nach dem Orient wurde in der Schweiz und Deutschland (im Vogtland) schon lange vor Einführung der Spinnmaschinen auf Grund von Handspinnerei betrieben. Mit der Ausbildung der Maschinenspinnerei ging die Garnerzeugung vollständig an diese über, wäh¬ rend die AVeberei dem Handstuhl verblieb, weil für den Maschinenstuhl zu zart. Sie wird meistens in Kellerräumen betrieben, da die Arbeit in trockener Luft nicht gut gelingt. Durch Präparieren des Garnes mit Glyzerin scheint man sich jetzt übrigens dieser Notwendigkeit überheben zu können. — Ver¬ schiedene Einzelsorten der Musselingewebe werden mit besonderen Namen be¬ zeichnet, z. B. Vapeur, ein feinerer und lockerer gewebter; Zephyr, der aller¬ feinste M. aus den höchsten Garnnummern. An der Herstellung dieser Web¬ waren beteiligen sich alle europäischen Fabrikländer; am stärksten ist die Pro¬ duktion und Ausfuhr Englands mit den Hauptsitzen Manchester und Glasgow. Die engl. AVaren sind besonders wohlfeil; die französischen behaupten immer einen Vorzug durch Schönheit und Mannigfaltigkeit ihrer Dessins. Die Schweiz liefert in gewissen Branchen Vorzügliches und ihre gestickten Waren sind ebenso schön als wohlfeil. In Deutschland hat die Musselinweberei und -Stickerei ihren Sitz von lange her im sächs. Vogtlande. In verschiedenen Städten Württem¬ bergs, Bayerns und Oesterreichs ist die M.-Fabrikation ebenfalls im Gange. Musselinets sind feine baumwollene, musselinartige Gewebe mit einem glatten Boden, eine Nachahmung der ostindischen Doreas (s. d.), aber glatt ge¬ streift, atlasstreifig gemustert und bunt gestreift. Sie kommen unter wechseln¬ den Modenamen zu allen Zeiten vor. Mustardevelin oder mustardvillars (engl.), grauer Wollenstoff des 15. u. 16. Jahrh. wahrscheinlich so benannt von Montiguliers bei Harfleur. Muster (lat.: patronus; franz.: dessin; engl.: pattern); ornamentale Zeich¬ nung, bes. auf einer Fläche, zu deren Füllung verwendet und wiederkehrend. Man unterscheidet besonders gerades, wiederkehrendes M. mit geradem oder schrägem Ansatz (rapport), von gestürztem oder Spitzeumuster (franz. dessins ä retour, ä regard); ferner einfach wiederkehrendes, von mit dem Wechsel wieder-
358 Muster ausnehmen—Nähen. kehrenden, endlich auf Streifen laufendes (franz.: dessin courant) vom Reihungs¬ muster; s. a. Ramage- und Streumuster. Muster ausnehmen, aussetzen, die Zeichnung für die Musterweherei an¬ fertigen. Musterbrief, die auf dem Klöppelpolster befestigte und mit Nadeln be¬ steckte Yorzeicbnung einer Klöppelspitze. Musterweberei, s. Bildweberei. Mutterkiste nannte man früher beim Leinwandhandel eine kleine Kiste mit einzelnen Leinwandstücken, als Muster oder Proben. Sie gingen mit den grossen Ballen, damit man beim Verkauf nicht nötig hatte, diese zu öffnen. N. Nacteur (franz.), in der Wollkämmerei oft gebrauchter Ausdruck für den Vorstech- und Vorsteckkamm der Kammmaschine. Nadelfertigmachen, in der Tuchfabrikation die Tätigkeit, durch welche das Eingehen des Gewebes, das sogen. Krimpen, Krumpfen, ein Schmälerwerden nach vollendeter Appretur oder im Kleidungsstücke verhindert wird und die meist aus einer Behandlung des Gewebes mit Dampf besteht. Nadelmalerei heisst die durch Plattstichstickerei hergestellte künstlerisch vollendetste Bildstickerei, weil sie dem Gemälde in der Wirkung am nächsten kommt. Eine besondere Art der Bildstickerei wird als N. bezeichnet, wenn über ripsartiger Fläche aus starken Fäden in farbig schattierter Seide und feinem Gold und Silber gestickt ist, so dass die Fläche wie emailartig lasiert erscheint (s. spätgotischer Stil S. 227). Aehnliche Wirkungen werden in der sogen. Gobelinstickerei erzielt, so dass man die feinsten ihrer Art auch mit N. be¬ zeichnet. Nadelmasche nennt man jede Masche einer Wirkware, welche auf einer Nadel des Wirkstuhles gehangen hat. Nadelspitzen heissen im Gegensatz zu geklöppelten oder auf der Maschine hergestellteu Spitzen alle diejenigen, welche mit Hilfe von Unterlagen aus tracierten Vorzeichnungen auf Papier und Stoff genäht werden (s. Spitzen). Nageum, nugium (lat.), dünner Kleiderstoff, besonders leichter Schleier. Nagold, Oberamtsstadt im württemb. Schwarzwaldkreis: Wollspinnerei und Tuchfabrikation. Nagpur, engl. Nagpore, Stadt in Vorderindien: Man fertigt grobe und feine Baumwollzeuge, Zitze, Turbane, Seiden- und Brokatstoffe, Decken und andere Wollwareu, Zeltleinwand. Nähen, mit Hilfe von Nadel und Faden Stoffteile oder Flächen zu einem Ganzen zu verbinden oder vei’zieren, wonach man die Verbindungsnaht oder kurzweg Naht und die Verschönerungsnaht oder Ziernaht unterscheidet, die je nach ihrer Herstellungsweise Hand- oder Maschinennähte sind. Das Bezeichnende für die Handnäherei besteht darin, dass ein Faden mittels Nadel in solcher Weise in die Stoffteile eingeschlungen wird, dass sowohl auf der Ober- als Unter¬ seite derselben flott liegende Fadenlagen (Stiche) entstehen, die sich linienartig aneinanderreihen und die Naht bilden. Herstellung und Gestalt geben den Stichen und Nähten den Namen und bedingen die Festigkeit der letzteren. Die verschieden benannten Nähte beruhen auf vier Sticharten: d. i. der Vorstich, der Rück- oder Hinterstich, der Saumstich, der Ueberwindlingsoder Ueberwendlingsstich. — Der Vorstich, oder die Reihnaht ge¬ nannt, wird zu einfachen Nähten, zur Vereinigung leichter Gewebe, zu gelegten Säumen und zum Ziehen gelegter Falten verwendet, er ist der erste und ein-
Nähfaden—Nähmaschine. 359 fachste aller Stiche und stellt eine lose Naht her. Der Rück- oder Hinter¬ stich, meistens mit der Maschine hergestellt, wird über sechs Fäden heraus¬ geführt, dann legt man den Faden von links nach rechts, führt die Nadel zwei Fäden hinter dem Ausgangspunkt ein, um sie sechs Fäden weiter vor demselben wieder herauszuziehen. Ganz eng aneinandergereihte Hinterstiche ergeben den Saum- oder Steppstich, der zu Einfassungen dient. Er gibt die festeste Naht und erfordert eine grosse Regelmässigkeit. Um die Steppnaht fadengerade zu machen, wird ein Faden des Gewebes herausgezogen, den man durch Stepp¬ stiche ersetzt. Für Wäschegegenstände, wo der Saum nicht nur als Rand¬ befestigung , sondern auch als Verzierung dienen soll, wird derselbe entweder mit bunten Garnen überstickt oder auch in Durchbrucharbeit ausgeführt (s. Leinenstickerei und Ziernähte). Mit üb er wen d liehen Stichen kann man nur entweder zwei Webekanten oder zwei gesäumte Schnittkanten verbinden. Man legt beide Kanten aufeinander und sticht, ein bis zwei Fäden tief, durch beide hindurch: es findet diese Art des N. für Wäschegegenstände und Kleiderkonfektion Anwendung. Aus Naht und Saum zusammengesetzt sind die französische und die Kappnaht. Bei beiden werden erst zwei Schnittkanten durch Stepp¬ stiche miteinander verbunden, dann beide Schnittkanten nach derselben Seite umgebogen, bei der französischen Naht eingebogen und mit Steppstichen, bei der Kappnaht fest eingerollt und mit Saumstichen auf den einen Stoffteil genäht. Die Flanell- oder Hexennaht gebraucht man zum Nähen und Flicken von Flanell, sowie zum Herunternähen umgelegter Teile in tuchähnlichen Stoffen; die holländische, Gegenstich- oder Kreuznaht findet Anwendung zum Flicken in Leinen- und grobem Baumwollenzeug, weil sie dem Gewebe ganz ähnlich ist und nicht eine so scharfe Kante bildet, wie die überwendliche Naht. Die Seitenstichnaht kommt besonders beim Ausbessern der Wäsche vor. Mit Stiel-, Fischgräten-, Hexen- und Kettenstich werden besonders Verschönerungs- und Ziernähte ausgeführt. Auch durch Aufnähen von Soutache bildet man letztere. — In der Maschinennäherei wird der Nähfaden von Spulen entnommen. Die zwangläufige Führung der Nadel erfordert die Anwendung anderer Stiche und Nahtarten, als die in der Handnäherei üblichen. Man kann mit Hilfe sogen. Einfaden-und Zweifadennähten den Ketten- und den Steppstich ausführen; ersterer wird mehr für gewisse Stickereien und Ziernähte, letzterer, der . doppel¬ seitig ist, in der Kleiderkonfektion und Weissnäherei verwendet und dient auch in letzter Zeit für verschiedene Arten von Flachstickerei (s. a. Stickerei). (Vgl. Hillardt, Handarbeitskunde, Teil 3, Wien 1895; Th. de Dillmont, Encyklopädie der weiblichen Handarbeit.) Nähfaden, häufig gebrauchter Ausdruck für alle zum Nähen verwendeten Gespinste und Zwirne. Nähmaschine, mechanische Vorrichtung zur Herstellung von Nähten in Textilstoffen, Leder und anderen Materialien (s. Maschinennähen und Nähen). Nachdem vorher verschiedene Systeme der N. patentiert worden waren, deren Anwendung mehr oder weniger auf dem Prinzip der Handnäherei beruhten, war es die von Barthelemy Thimonnier im Jahre 1829 erfundene, welche in grösserer Anzahl benutzt wurde, die mittels einer Hakennadel und eines fort¬ laufenden Fadens den einfachen Kettenstich herstellte. Darauf folgte die im Jahre 1836 von Walter Hund in New York erfundene N., die den Doppel¬ steppstich ausführte, der jetzt von den N. fast ausschliesslich gemacht wird, indem er eine Nadel mit an der Spitze befindlichem Oehr für den Oberfaden und eine dem Weberschiffchen ähnliche Vorrichtung für den Unterfaden an¬ wendete. Diese Konstruktion, welche die Grundlage der heutigen Schiffchen¬ maschine bildet, blieb lange Zeit fast unbekannt, weil der Erfinder aus Mangel an Selbstvertrauen unterliess, sie der Oeffentlichkeit zu übergeben. Als der eigent¬ liche Schöpfer der N. gilt daher gewöhnlich Elias Howe aus Spencer (Massa¬ chusetts). Der eifrigste seiner Konkurrenten und zugleich derjenige, der sich das grösste Verdienst um die Einführung der N. erwarb, war J. M. Singer (gest. 1875). Die Zahl der Patente auf N. beträgt gegenwärtig mehrere Tausende.
360 Naht—Nanking. Die gebräuchlichsten Systeme sind Singer, Wheeler & Wilson, Willcox & Gibbs, Grover & Baker. Die wichtigsten der mit der N. hergestellten Sticharten sind der Ein- und Zweifadenkettenstich, sowie der Doppelsteppstich (s. Nähen). Die Sicherheit der Stichbildung wird ausser von dem genauen Zusammenspiel von Nadel, Schlingenfänger und Stoffschieber durch geeignete Anspannung und Lei¬ tung der Fäden bedingt. Das richtige Mass der Fadenspannung während der Stichbildung und des Fadenanzuges am Ende derselben ist für die Festigkeit der Naht und die Verhinderung des Fadenbruchs während der Arbeit bestimmend. Die Anspannung der Fäden vermitteln kleine Schrauben (Reibungsbremsen), die sich an der Seite der Maschine befinden. Den Fadenzug bewirkt der Faden¬ sprung, ein Teil der Fadenleitung, dem eine, dem Bewegungsgesetz der Näh¬ werkzeuge entsprechende springende Bewegung erteilt wird, so dass er kurz vor Beendigung eines Stiches den für diesen überflüssigen Fadenteil aufnimmt und ihn als Reserve für die nächste Stichbildung zurückhält (s. a. Stickmaschine). Literatur: Daul, Die Nähmaschine, Hamburg 1865; Herzberg, Die N., ihr Bau und ihre Bedeutung, Berl. 1863; Derselbe, Die N.-Industrie in Deutsch¬ land, Berl. 1862; Lind, Das Buch von der N., Berl. 1891; Richard, Die N., Hannover 1876; Wolter, Die N., ihr Nutzen und ihre Bedeutung, Berl. 1865. Naht, hat die Aufgabe, zwei Flächen zu einem Ganzen zu verbinden; ursprünglich auf Stoffe für Gewänder und Decken angewendet, ist sie als Symbol auch auf andere Werke der Kunst übergegangen, woselbst sie von grosser stili¬ stischer Bedeutung ist. (Vgl. hierüber die Kapitel § 18—21 in Semper, Der Stil u. s. w. Frankfurt a. M. 1878.) Nähwaren, Näherei. Darunter versteht man im allgemeinen alle mit der Nähnadel genähte Arbeiten, gewöhnlich Kleidungsstücke, insofern sie keine zunftmässigen Schneiderarbeiten sind. Naila, Stadt im bayer. Reg.-Bez. Oberfranken: Mechan. Buntweberei und Teppichweberei. Nainsook, Nainsuch, häufig auch Nansouques, sind feine ostindische Musse¬ line, welche in Bengalen gewebt und früher nach Europa gebracht wurden. Die holländischen, welche vorzugsweise häufig vorkamen, waren die feinsten und unter¬ schied man davon zwei Sorten. Die englisch-indischen wurden in einfache, glatte und gestickte eingeteilt, auch gab es Nansouquestücher; die gestickten sind mit Gold, Silber und Seide sehr fein gearbeitet und werden in Indien sehr oft in zwei Hälften geschnitten, welche man in Bengalen Adasari nennt. Im dänisch-ostind. Handel kamen glatte weisse Nainsuchs Chaunpore mit goldenen Leisten, bor¬ dierte Nainsuchs mit Gold oder Silber in verschiedenen Sorten vor. Für den europäischen Markt werden Musseline dieser Art unter dem Namen Linons in eigenen Fabriken angefertigt. Nämets sind sehr feine persische Teppiche. Nancy, deutsch Nanzig, Hauptstadt des Depart. Meurthe-et-Moselle: Seit 1871 hat N. in Bezug auf Gewerbe und Handel bedeutende Fortschritte gemacht. Es gibt 38 Fabriken von weltberühmten Stickereien aller Art, 10 Tuchfabriken; in der Umgegend Fabriken für Wollzeuge, Musselin, Watte, Strumpfwaren; ausserdem Baumwollspinnerei und -weberei. Nanking (franz. nanquiu), Nankin, in echter Ware ein chinesischer Stoff, der seinen Namen nach einer dortigen Provinzialhauptstadt hat, die aber in Wirklich¬ keit Kiangning heisst. Es ist ein leinwandartig gewebter, fester und dichter Stoff aus stärkerem Garne, als Kattun, früher sehr beliebt zu Sommerkleidern wegen der Echtheit seiner gelbrötlichen Farbe, die beim Waschen fast noch schöner wurde. Dieses Nankinggelb ist eine Naturfarbe; die Stammpflanze, Gossypium religiosum, trägt gelbe Wolle. Die Chinesen verstehen auch weisse Baumwollzeuge ganz wie echt zu färben, aber die Haltbarkeit der Farbe ist nicht die gleiche. Die Bezeichnung ostindischer N. bezieht sich nur auf die chinesische Ware und man behauptet sogar, dass alle Versuche, diesen echten Nankingbaumwollstrauch auch in andern Provinzen zu ziehen, selbst in den nächstgelegenen, inso¬ fern misslungen sein sollen, dass er bald ausartete. In Europa wurde der Stoff bald nachgeahmt und fast überall, wo Baumwolle verarbeitet wird, gefertigt.
Nanquinbaumwolle—Napolitaines. 361 Die dazu benützten weissen, mit Eisenlösungen gefärbten Stoffe trafen aber doch meistens den echten Farbenton nicht so genau, dass sie nicht leicht zu unter¬ scheiden gewesen wären, und die Farbe ging bei jeder Wäsche mehr aus. Auch an Haltbarkeit des Stoffes blieben die echten N. unerreicht. — England liefert diese unter dem Namen Nankeens in mancherlei Abänderungen mit besonderen Nebenbenennungen. Der Hauptsitz ihrer Verfertigung ist Manchester und die umliegende Gegend. — In Deutschland hatte die Fabrikation in Sachsen und Böhmen, namentlich in der Oberlausitz ihre Hauptsitze. Man fertigte bald auch den Stoff in andern Farben, grau, grün, blau, bunt gestreift, geflammt gewürfelt, meliert usw., ferner neben glatten auch verschiedene Köpernankings, so dass die Benennung N. sich über eine ganze Klasse starker baumwollener Sommerstoffe verbreitete. Gegenwärtig hat der Bezug der chinesischen Ware so gut wie auf¬ gehört, und auch an Stelle der europäischen Fabrikate sind schönere Stoffe mit anderen Namen getreten. Nanquinbaumwolle, s. ostindische Baumwollen. Nanquinett, Nankinet, sind leichte Baumwollenzeuge, welche, wie der Nanking, jedoch aus feinerem Garn und nicht so dicht gewebt werden; gewöhn¬ lich nimmt man zur Kette Garn von Nr. 30 und zum Schuss Nr. 60. Oft ver¬ kauft man auch unter diesem Namen feine buntgefärbte Perkale. Nantes, Hauptstadt des franz. Depart. Loire-Inferieure: Fabriken für Kattun, Tuch- und andere Wollstoffe. Napoleontaschentuch bezeichnet man eine besondere Art von gedruckten Tüchern aus dem Anfang des 19. Jahrhs. Napolitaines (franz. oder ital. Napolitano), nach der Stadt Neapel benannte weiche, feinwollige Stoffe zu Frauenkleideru, Mänteln und Tüchern, ursprünglich Abb. 199. Abb. 200. aus Streichwollengarn, jetzt meistens mit Kette von Baumwollzwirn und Ein¬ schuss von Streichgarn. Die ganz wollenen, welche eine Art feiner Flanell sind, heissen auch Lama (s. d.). Man hat sie in bunten Farben, gestreift und karriert,
362 Narwa—Naturwolle. geflammt, mit eingewebten Mustern, häufig bunt gedruckt. In Deutschland werden derartige Stoffe im sächsischen Erzgebirge, in Berlin und anderen Orten, in Oesterreich namentlich in Böhmen und Mähren fabriziert. Narwa, auch Narva, Hafenstadt im Kreis Jamburg des russ. Gouvernem. Petersburg: grosse Tuchfabrik, Flachsspinnerei und auf der Narowainsel Kränholm (zu Esthland gehörig) die Kränholmer Manufaktur (BaumwollspinnereiAktiengesellschaft mit 402 086 Spindeln). Narzisse, Pflanzengattung aus der Familie der Amaryllidaceen mit gegen 20 Arten, vorzugsweise im mittleren Europa und in den Mittelmeerländern ein¬ heimisch. Es sind blühende Zwiebelgewächse. Am bekanntesten sind die in Süddeutschland einheimischen N. mit gelben Blüten (Abb. 199) und mit weissen Blüten (Abb. 200). Als Kunstform erscheint die N. auf Geweben und Sticke¬ reien der späteren Renaissance und der Barockzeit, oft zusammen mit der Nelke (vgl. Abb. 203) und mit anderen in dieser Zeit als Streumuster verwendeten Blumen. In neuerer Zeit ist sie als Druckmuster und dgl. gebraucht. Abbildungen: 199 u. 200. Darstellungen der Narzisse aus: Lobelius, plantarum sev stirpium icones, Antwerpen 1581. Nate, moderner, mercerisierter Baumwollenstoff. Natte (franz.), (lat.: natta; engl.: mah), Strohseil, Matte; daher: nattes entrelacs, engl.: matwork, Flechtwerk als Ornament; moulure nattee (franz.) mit Flechtwerk verziert. Naturwolle ist ungefärbtes, braunes oder graues Wollgarn, das gewöhn¬ lich als Strickgarn, neuerdings auch vielfach als Material für Webwaren (dem Licht ausgesetzte Vorhangstoffe u. s. w) verwendet wird. N. ist auch Bezeich¬ nung für neue, noch nicht als Gewebe gebrauchte Schafwolle im Gegensatz zu Kunstwolle.
Naumburg—Nelke. 333 Naumburg an der Saale, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Merseburg: Fabri¬ kation von Wollwaren. Nay, Stadt im franz. Depart. Basses-Pyrenees: Spinnereien, Barett- (Kopf¬ bedeckung der Pyrenäenbewohner), Fes-, Tuch- und 'Wollstofffabrikation. Neapel, Provinz mit gleichnamiger Hauptstadt im Königreich Italien: Bedeutende Seidenindustrie, Woll- und Baumwollspinnerei und -Weberei, Posa¬ mentenindustrie, Spitzen-, Schleier- und Weisswarenfabrikation. Neapolitanische Baumwolle, s. Baumwollsorten. Nebula (lat.), dünner durchsichtiger Kleiderstoff und das daraus be¬ stehende Kleid. Necanias, Nicanias, Necanees, sind blau und weiss gestreifte, ostindische Kattune. Die Engländer unterscheiden breite Ware, Necanees broad, und schmale Ware, Necanees narrow; die europäischen Gingans haben diese Ware fast ganz verdrängt. Abb. 203. Needle-work (engl.) Nadelarbeit, Stickerei. NeganepOS, sind ursprünglich bunte, baumwollene Zeuge, in verschiedenen einfachen Farben, welche zum Handel nach Afrika gebraucht wurden. Sie sind später in Rouen nachgemacht worden. Negrepelisses, ein langhaariger, stark gerauchter Barchent aus einigen Gegenden der französischen Landschaft Quercy, welcher meistens schwarz gefärbt, zum Teil auch weiss, grün, gelb, blau über Bordeaux in den Handel kommt, jedoch grösstenteils nur in Frankreich verbraucht wird. Neisse, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Oppeln: Spitzenfabrikation. Nelke, Pflanzengattung aus der Familie der Caryophyllaceen. Es sind schön blühende krautartige Gewächse, die grösstenteils in der nördlichen ge¬ mässigten Zone Vorkommen. Die bekannteste Art ist die Gartennelke (Dianthus caryophyllus L. — Abb. 201 u. 202), die im südl. Europa, vorzugsweise in Dal¬ matien zu Hause ist, sich aber auch, z. T. wohl verwildert, durch Norditalien und die Schweiz, ja selbst in England auf Mauern und Felsen findet. Die
Nelson 864 Blumen sind fleischfarbig rosa, auch vom reinsten Weiss bis zum dunkelsten Purpur. Ihre Anwendung als Kunstform lässt sich besonders in Italien seit dem 17. Jahrh. auf Geweben verfolgen, woselbst sie sowohl in halbnaturalistischer Auffassung (Abb. 208), als auch in strenger Stilisierung palmettenförmig (Abb. 204) neben Tulpen und Kaiserkronen im sogen. Streumuster (s. d.) erscheint. Auch in späteren orientalischen Kunstwebereien und Stickereien (s. d.) wird die N. gern als Musterung gewählt, sie kommt darin als Strauss neben der Hyacinthe und Tulpe vor: bevorzugt ist sie in Persien; aber auch Indien nimmt sie als Motiv für die Flächendekoration auf (Abb. 170). In Deutschland und den slawischen Ländern kommt häufig eine nelkenartige Blume zur Darstellung, welche sich aber eher der Kornblume zu nähern scheint, mit welcher die N., namentlich in der Stilisierung, viel Verwandtes zeigt (Abb. 184). In bekannter naturalistischer Auffassung kommt die N. in Japan auf Geweben und Stickereien vor (Abb. 205). Abb. 205. Abbildungen: 201 u. 202. Darstellungen der Gartennelke aus: Lobelius, plantarum sev stirpium icones, Antwerpen 1581. 208. Originalaufnahme aus dem Königl. Landesgewerbemuseum in Stuttgart: Brokatstoff, weiss und Silber: Streumuster aus stilisierten Nelkenzweigen. Italien 17. Jahrh. 204. Originalaufnahme wie vorher: Halbseidenstoff, ohne Rücksicht auf das Muster farbig durchschossen mit Darstellung von nelkenartigen Palmettenblütenzweigen in symmetrischer Anordnung. Italien 17. Jahrh. 205. Darstellung aus: Heiden, Musteratlas, Leipzig 1896. Bl. 58. Geschnittene Papierschablone mit Darstellung blühender Nelkenzweige. Japan 19. Jahrh. Nelson, Municipalborough in der engl. Grafschaft Lancashire: Bedeutende Baumwollspinnereien.
Nema sericum—Netzarbeiten. 365 Nema sericum (lat.), wurde im alten Rom gezwirnte Seide genannt. Nemazi, türkischer Name für Gebetteppich (s. d.). Nemeds heissen in Persien Filzteppiche; dieselben werden aus vermengten Wollen gestampft, und zwar so lange, bis sie das haarige Gefaser verlieren. Das Muster wird (meist in farbiger Wolle) in besonderer Art eingepresst. Nerechta, Stadt im russ. Gouverneur. Kostroma: Baumwollspinnerei und -Weberei, Handel mit Flachs und Garn. Neri, Haspelseidenabfälle, s. Bassinas. Nesselfaser heisst die mit Flachs zubereitete Bastfaser der grösseren Brennesselarten, welche vor der Einführung der Baumwolle zur Erzeugung von Garnen, Nesselgarn und Geweben (Nesseltuch) diente. Das Spinnen von Nessel¬ fasern ist keineswegs neu; denn höchst wahrscheinlich wurden deren bereits im 16. Jahrhundert gesponnen. Ein Schriftsteller, der zur Zeit der Königin Elisabeth lebte, berichtete schon, dass man in Ostindien zu Kalikut und Goa aus dem Baste verschiedener Nesseln sehr feine Stoffe verfertige. Gewiss ist, dass man später in Holland und Belgien Nesselfäden zum Weben leinwandartiger Gewebe anwendete. Diese scheinen von der Urtica utilis, welche in Java den Namen Ramie führt, gewesen zu sein. Die utilis gibt perlmutterweisse Fasern, während die Urtika nivea grünlichweisse liefert. Diese sind steif, jene sehr weich an¬ zufühlen. Nesseltuch ist meist ein ungebleichtes leinwandbindiges Gewebe aus dem zarten feinen Garn, welches man aus den Stengeln der grossen Brennessel ge¬ winnt. Diese Fabrikation ist aber jetzt durch baumwollene Stoffe verdrängt. Häufig versteht man heut unter N. mittelfeine und gröbere, ungebleichte Baumwollzeuge, welche meist zu Leibwäsche und zu Unterfutter in Kleidern benützt werden. Nestel, Nestelschnur (lat.: nastula; franz.: aiguillefe; engl.: aiglets), eine zum Zusammenschnüren von Kleidungsstücken dienende Schnur, an den Enden mit einer metallenen Spitze, Nestelstift, Schnürsenkel (franz.: fer d’aiguillette; engl.: tag), zum Durchstecken durch Löcher. Nestelverzierung (franz.: lacet; engl.: strapwork), Verzierung in Gestalt schmaler, sich kreuzender, aber nicht geflochtener, sondern verknoteter Bänder. Netz (franz.: canevas; engl.: canvass), ein aus Maschen bestehendes Gestrick. Netzarbeiten sind im weiteren Sinne alle durch Flechten oder Knoten entstandene Maschenwerke, wozu diejenigen Fadengebilde vom einfachsten Fischernetz bis zum feinsten Grundnetz der Nadel- oder Klöppelspitzen und auch verwandte Stickereien, Häkeleien und Knüpfereien zu rechnen wären; die moderne Handarbeit versteht aber darunter die durch Netzschützen hergestellten sogen. Filets (s. d.), deren Musterung durch Auf- oder Abnehmen der Maschen entstehen, welches in ein und derselben Reihe oder auch nur bei bestimmten Reihen geschehen kann: je nachdem wird der Fadendurchbruch verschieden Abb. 206. sein, wodurch sich diese Art der N. besonders von der eigentlichen Filetarbeit unterscheidet. Noch weiter gehen sie davon ab, wenn kreisförmige Netze mit langen und kurzen Maschen auf diese Weise gebildet werden, welche als Vor¬ läufer der sogen. Solspitzen (s. d.) gelten können. Zum eigentlichen Netzwerk
366 Netzschkau—Neudeutsche Stickerei. führte die uralte AnwenduDg des Knotens. Bei den Alten war der spanische Hanf zu Netzen der beste. Man machte Netze, worin Eber gefangen wurden, von so grosser Feinheit, dass ein einziger Mann so viel davon auf seinem Bücken tragen konnte, als hinreichte, um einen ganzen Wald damit zu umstellen. Das¬ selbe Geflecht diente in dichteren Maschen auch als Brustharnisch, wozu der Faden, obschon an sich fein, dennoch aus 3—400 Einzelfäden zusammengezwirnt war. Abb. 207. Diese Industrie scheint — wie Gottfried Semper nach Plinius und Herodot berichtet — besonders in Aegypten geblüht zu haben, wovon die Ziernetze aus Glasperlenschnüren, welche uns noch an Mumien erhalten sind, Zeugnis ablegen. Dieser Schmuck war auch bei den Griechinnen, sowie bei den hetruskischen und römischen Damen gebräuchlich. In Indien dient das Netz als reiches Motiv für Kopfbedeckungen und Halsbänder, wobei grosser Geschmack entwickelt wird. Des¬ gleichen für Gewänder und Behänge in Ja¬ pan, woselbst das Motiv des Netzes als köstliche Flächenverzierung Verwendung gefunden hat (Abb. 206). I s Mittelalter liebte in Deutschland und Spanien das zier¬ liche Netzwerk als Schmuck des Haupthaares und leichteste Körperhülle; auch aus den koptischen Textilfunden (s. d.) sind Kopf¬ netze und Mützen aus ähnlichem Geflecht erhalten (Abb. 207). (Ueber den durch Nähen und Klöppeln hergestellten Spitzen¬ netzgrund vergl. den Artikel Spitzen.) In neuerer Zeit werden die Netzarbeiten durch alle möglichen Schlingstiche in sogen. Spinnen-, Würfel- und anderen -Mustern belebt, welche Art der Handarbeit dann schliesslich in die allgemeine Filetarbeit (s. d.) übergeht. Abbildungen: 206. Originalaufnahme aus dem Königl. Landesgewerbemuseum in Stuttgart: Sammetstoff von einem Obi (Gürtel), blau, Grund ungeschnitten, Muster geschnitten: Darstellung von Netzwerk, in das sich Schwalben gefangen haben. Japan 19. Jahrh. 207. Originalaufnahme wie vorher: Teil einer Mütze, Netzarbeit in gelblichem Garn. Aus einem koptischen Grabe des 5.—7. Jahrhs. Netzschkau, Stadt in der Amtshauptmannschaft Plauen: Spinnerei und bedeutende Textilindustrie. Netzstrickmaschinen (Filetmaschinen), dieselben stellen das Netzwerk mechanisch mit rhombischen Maschen her. Der geschlungene Knoten ist dem durch Hand geschlungenen Filetknoten ganz gleich; nur erfolgt die Netzbildung durch das Zusammenwirken zweier Fadensysteme. Neubistritz, Stadt in der österr. Bezirkshauptmannschaft in Böhmen: Webschule, Tuch- und Baumwollindustrie. Neudeck, Stadt in der österr. Bezirkshauptmannschaft Graslitz in Böhmen : Spitzen- und Handschuhfabrikation, Wollspinnerei. Die hier erzeugten Spitzen enthalten geometrische oder stilisierte Blumenmuster aus starkem Faden. Neudeutsche Stickerei bezeichnet Prof. Dr. jur. Frh. v. Weissenbach in Leipzig eine von ihm kürzlich erfundene Technik, welche auf abgezählten Fäden verschiedene Sticharten herstellt, die auf Grund der Permutations-(Versetzungs-) lehre entstehen. Der Ausgangspunkt ist eigentlich der Kreuzstich und die der Leinenstickerei angepassten Arten des Flechten-, Holbein- und Kästchenstiches, indessen bietet die N. St. interessante Abwechselungen, welche auch eine Erwei¬ terung des bisher beschränkten quadratischen Formengebietes ermöglichen. Die Bildung der Muster geschieht lediglich aus Schlingen und Knoten, welche dem
Neueudorf— Newcastle-under-Lyme. 367 Arbeitsfaden charakteristisch eigentümlich sind und sich tunlichst den verschie¬ denen Bindungen des Gewebes anschliessen, so dass damit eine Uebertragung der Bindungslehre auf die Stickerei ermöglicht ist. Eine Reihe von Stoffen sind auf Anregung des Erfinders entstanden, welche der betreffenden Arbeiterin es wesentlich erleichtern, selbstschöpferisch in leichter, rascher Weise völlig neue Formen, insbesondere Sterne, Rosetten, Kränze und andere Bortenmotive, zu schaffen. Vgl. Theorie und Praxis der Neudeutschen Stickerei von Prof. Dr. jur. Hanns Frh. v. Weissenbach, Verlag der „Deutschen Modenzeitung“, Aug. Pölich in Leipzig (s. Stickerei). Neuendorf bei Potsdam im Kreis Teltow: Baumwoll-, Kammgarn- und Seidenspinnerei; Hausweberei. Neuffen, Stadt im württemb. Schwarzwaldkreis: Decken- und Gurtenweberei, mechan. Strickerei. Neugersdorf bei Löbau, Dorf in der sächs. Kreishauptmannschaft Bautzen: Bedeutende Fabrikation von Baumwoll- und Halbwollwaaren, Strumpfstrickerei. Neuhaus, Stadt in Böhmen: Tuch- und Wollwarenfabrikation, Färbereien. Neuhückeswagen, Landgemeinde im Kreis Lennep des preuss. Reg.-Bez. Düsseldorf: Wollspinnereien, Tuch- und Seidenwebereien, Band Wirkereien und Filzfabrik. Neukirchen im Rheinland, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Düsseldorf: Plüsch¬ weberei (Hausindustrie). Neukirchen bei Ziegenhain, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Kassel: Spitzen¬ klöppelei. Neumünster, Stadtkreis im preuss. Reg.-Bez. Schleswig: Tuch-, Woll- und Halbwollindustrie. Neunkirchen, Mai'ktflecken und Sitz der Bezirkshauptmannschaft in Nieder¬ österreich : Zitz- und Kattundruckerei, Spinnereien. Neuotting, Stadt im bayer. Reg.-Bez. Oberbayern: Wollspinnerei und Tuchfabrikation. Neurode, Stadt im preuss. Reg.-Bez, Breslau: Mechan. Weberei und Färberei, Spinnerei und Handweberei, Handel mit Decken, Teppichen, Tuch¬ schuhen und Bändern. Die früher sehr bedeutende Tuchfabrikation ist zurück¬ gegangen. Neuruppin, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Potsdam: Wollspinnerei und Tuch¬ fabriken. Neusalza, Stadt in der sächs. Kreishauptmannschaft Bautzen: Chemische Bleichen und bedeutender Handel mit Leinengarn. Neuseeländischer Flachs (Blattfaser für Weberei), eine in Neuseeland einheimische Pflanze. Das Material ist dem gewöhnlichen Hanfe ähnlich und erzielt haltbarere Gewebe. Neuss, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Düsseldorf: Kunstwollfabriken, mechan. Weberei von baumwollenen und halbwollenen Zeugen. Neustadt in Oberschlesien: Teppich-, Leinen- und Damastweberei. Neustadt an der Orla im Grossherzogtum Sachsen-Weimar: Fabrikation von Tuch, Flanell, Instrumententuch. Neustadt an der Mettau, Stadt in Böhmen: Weberei und Leinenhandel. Neustädtel in Sachsen, Stadt in der Kreishauptmannschaft Zwickau: Spitzenklöppelei und Stickerei. Neustadtl, Stadt in Mähren: Leinen-, Baumwollweberei und Flachsbau. Neutitschein, Stadt in Mähren: Fachschule für Weberei, Wollindusti’ie, Hutfabriken. Neuwerk, Dorf im Kreis Gladbach des preuss. Reg.-Bez. Düsseldorf: Vereinigte vormals Pougssche Spinnereien und Webereien, Sealskinfabrik (Broich¬ mühle), Baumwollwaren- und Kunstwollfabrikation. New-Bedford, Hauptort des County Bristol im nordamerik. Staat Massa¬ chusetts : Bedeutende Baumwollspinnereien. Newcastle-under-Lyme, Municipalborough in der engl. Grafschaft Stafford: Fabriken für seidene und baumwollene Waren.
368 New-Hampshire—Niederzwönitz. New-Hampshire, einer der Neuenglandstaaten der Vereinigten Staaten von Amerika: Wichtig ist die Fabrikation von Baumwoll-, Woll- und Strick¬ waren. Newkerry, südamerik. Baumwollsorte. New-Orleans, nordamerikanische Baumwollsorte, weiss, minderglänzend, sehr kräftig im Faden. Newton, Stadt im County Middlesex in Massachusetts: Baumwoll-, Kamm¬ garn- und Seidenspinnereien. Newtown and Llanllwchaiarn, Stadtim engl. Fürstentum Wales: Mittel¬ punkt der Flanellfabrikation der Grafschaft. Newtownards, alte Fabrikstadt in der irischen Grafschaft Down. Flachs¬ spinnerei, Leinen- und Musselinweberei. Niederlande, Nederland, Königreich. Berühmt sind die Segeltuchfabriken und die Werkstätten für Tauwerk in Rotterdam, Amsterdam, Gouda. Vorzüg¬ liche Leinenwaren werden in Leiden und Brabant fabriziert. In der Tuch¬ fabrikation, mit deren Erzeugnissen die N. einst das stärkste Geschäft in Europa machten, sind dieselben von Belgien längst überflügelt; doch liefern Leiden, Delft, Utrecht, Tilburg, Maastricht und Roermond immer noch ausgezeichnete Waren. Auch die Baumwollmanufaktur hat sich seit 1830 mehr entwickelt, namentlich in Nord- und Südholland, Brabant und besonders in Oberyssel. Das Seidengewerbe brachten französische Auswanderer nach den N. und erhoben es in kurzer Zeit zu hoher Blüte. Zwar wurde schon früher (1682) in Amsterdam eine Weberei mit hausindustriellem Betrieb errichtet, doch gelang es erst mit Unterstützung der Refugie’s, in Utrecht eine Fabrik anzu¬ legen, welche 1816 einging. In Haarlem wurden grosse Seiden-, HalbseidenGazefabriken, in Utrecht und Staarden Sammet Webereien angelegt. (Vgl. die Auszüge von Silbermann, Die Seide u. s. w. Dresden 1897, S. 113.) „Die Holländer,“ sagt Davenant (1697), „haben eine solche Seidenmanufaktur in ihrem Lande, dass wir von dort mehr Seide importieren, als wir von Indien hierher¬ bringen; .... der grösste Teil der Sammete kommt aus Holland.“ Auf dem spanischen Markt vermochten die holländischen Seidenstoffe sogar die französischen Fabrikate zu verdrängen. Die Gewerbeverfassung hat durch strenge Gesetze auf die Güte der Fabrikate hingearbeitet; u. a. mussten die Seidenfärber in Amsterdam die Versicherung abgeben, dass sie die Seide nicht erschweren würden. Die Gewebe wurden amtlich untersucht und mit dem Stadtsiegel versehen, welches bei der vorzugsweise entwickelten Hausindustrie dem Käufer dieselbe Garantie bot, wie ein renommierter Firmenstempel in heutiger Zeit. Aber schon im ersten Viertel des 18. Jahrhs. lassen sich sichere Anzeichen des bevorstehenden Verfalls der Seidenmanufakturen wahrnehmen. Es wurden auch Mittel in Vor¬ schlag gebracht, um die untergehende Seidenindustrie zu heben, indessen zu spät, um mit der von Frankreich, England und dem Niederrhein erwachsenen Kon¬ kurrenz einen aussichtsreichen Kampf aufnehmen zu können. Die Spitzenindustrie hat im 17. Jahrh. in den Niederlanden eine be¬ deutende Stellung eingenommen, doch scheint man zuerst vorzugsweise nach italienischen Vorbildern gearbeitet zu haben. Auffallend ist in dieser Zeit die dichte Musterung der vornehmlich erzeugten Klöppelspitzen. Im 18. Jahrh. erhalten die niederl. Städte Brabant, Haarlem und vor allem Mecheln das Uebergewicht in der Spitzenindustrie, wozu besonders der feine Leinenfaden bei¬ trägt, der damals in keinem andern Lande in solcher Güte erzeugt wurde. Niederoderwitz, Dorf in der Amtshauptmannschaft Zittau: Bedeutende Leinwandweberei und -bleicherei. Niederösterreich, meist gebräuchlicher Name für das Erzherzogtum Oester¬ reich unter der Enns: Baumwollspinnereien und -Webereien, Jutefabriken, Baumwolldruckereien und -färbereien, Appreturanstalten und Bandfabriken, Seiden¬ weberei, Kammgarnspinnerei, Erzeugung von Teppichen, Decken und Kotzen, Posamentierwaren, Wäsche und Kleidern. Niederzwönitz, Dorf in der sächsisch. Amtshauptmannschaft Chemnitz: Buntweberei, Strickereien, Weberei und Spitzenfabrikation.
Niemes—Nordische Kunstwebereieu. 369 Niemes, Stadt in Böhmen: Fabrikation von Leinen-, Baumwoll- und Tuchwaren. Nikerie, südamerik. Baumwollsorte. Nillas, chinesische und ostindische Zeuge, welche aus Baumbast mit Seide gemischt gewebt werden; sie kamen durch die Franzosen nach Europa. Nilsaris, Nilsarias, dichte und festgeschlagene ostindische Kattune aus Surate, mit grossen runden, blauen Flecken, welche in Streifen, Ranken oder schachbrettartig geordnet sind. Nimes, Hauptstadt des franz. Depart. Gard: Die Textilindustrie ist zurück¬ gegangen, dagegen werden jetzt Florett-, Stick- und Nähseide, Teppiche, Tisch¬ decken, Möbelstoffe, Shawls und Tartans, Foulards und Schnüre fabriziert. Das Seidengewerbe wird 1411 eingeführt; unter Ludwig XII erhielt N. 1498 durch grosse Fabriken bedeutenden Zuwachs. Nims, Draps de Nims; eine Gattung mittelfeiner Halbtücher aus den franz. Manufakturen von Carcassonne, Lodeve, Clermont u. s. w. Sie werden aus feiner Roussillon- und Languedocwolle gewebt, sollen vorschriftmässig 2200 Kettfäden haben und im Stück gut gefärbt sein. Ningpo, Stadt in China: Erzeugung von Atlasstoffen und Krepps. Nismer Shawls sind gewöhnliche, halbwollene Umschlagtücher in ver¬ schiedener Weise fassoniert. In Deutschland wird das Fabrikat ebenfalls vor¬ züglich schön und billig hergestellt. Nivelles, Stadt in der belg. Provinz Brabant: Wollspinnereien, Woll- und Baumwollweberei, Leinwandindustrie. Nobilta ist in Italien, besonders im Toskanischen, eine Art breiter Moor oder glatter Tabin, von Seide mit Baumwolle vermischt. Noeud COlllant (franz.), gleitender Knoten beim Stricken und Häkeln. Nomadenteppiche unterscheidet man innerhalb der persischen Knüpf¬ teppiche besonders; die Ornamentik ist eine sehr einfache; ältere Beispiele davon mit zuverlässiger Datierung sind kaum nachweisbar. Eine besondere Gruppe der N. erscheint durch die wohlbekannten Motive der Wirktechnik charakterisiert, (vgl. Alois Riegl, Altorientalische Teppiche, Leipzig 1881. S. 58 u. 66ff.). Nonpareille, im franz. Warenhandel unterscheidet man durch die Be¬ zeichnung im allgemeinen die feinsten oder ausgesuchtesten Sorten mehrerer Artikel von den mittleren oder geringeren, z. B. die ersten Sorten von Seiden¬ band aus den Manufakturen von Lyon, St. Etienne und Chaumont. Insbesondere versteht man darunter einen leinenen kamelotartigen Stoff (s. Camelatin). Noppen heissen die kleinen Maschen des Sammets oder sammetartigen Gewebes, welche aufgeschnitten den Flor bilden. Sie bleiben unaufgeschnitten bei dem sogenannten ungerissenen Sammet. Auch einzelne auf Geweben liegende, mit gewebten, kleinen, manchmal geknoteten Schlingen werden N. genannt; die¬ selben können auch in Brokatstoffen aus Metallfäden gebildet sein. Nordhorn, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Osnabrück: Baumwollspinnerei, drei Baumwollwebereien. Nordische Kunstwebereien, unter dieser allgemeinen Bezeichnung kommen seit dem Beginn der 70er Jahre des 19. Jahrhs. Wirkereien und Knüpfarbeiten aus Schweden und Norwegen, welche in Nachahmung der altnordischen Weberei entstehen, die sich in jenen Ländern vom frühesten Mittelalter bis in das 19. Jahrh. als Hausindustrie erhalten hatte, aber allmählich durch die Maschinen¬ arbeit verdrängt und zuletzt ganz in Vergessenheit geraten war. Museen, Ver¬ eine und Fachschulen sorgten dafür, dass zur Wiederbelebung dieser verloren gegangenen Handfertigkeit vor allem ältere Arbeiten beschafft wurden, nach welchen man die Technik in entsprechenden Mustern lehren konnte. Dieselben bestehen in frühester Zeit lediglich aus geometrischen Figuren (Abb. 208), welche in Art des orientalischen Kilim’s (s. d.) streifenförmig geordnet sind; erst um 1500 wurde die Technik durch Einführung der vlämischen Wirkerei, welche sich später den nördlichen Gegenden Deutschlands mitteilte (Abb. 209), erweitert und beweglicher gemacht, wobei auch moderne Entwürfe im Stile japanischer Muster (Abb. 210) entstanden. Trotz der systematischen Pflege dieser alten Heiden, Handwörterbuch der Textilkunde. 24
370 Nordische Kunstwebereien
Nordische Ivunstwebereien. 371 Webe- und Knüpftechnik (Abb. 211), worin zunächst der „Handarbetets Vänner“ in Stockholm, ein anderer aus Lund in Schweden eifrig tätig war, wollte es nicht gelingen, den dort erzeugten Arbeiten ein grösseres Absatzgebiet zu erschliessen und man begann deshalb in dem nordschleswig’schen Dorf Scherebek unter Leitung des Pastors Jakobsen, später in H a mb ur g (F r 1. B rin c kmann), in Berlin (Fabrikant P. Lindhorst, der Lette-Verein, da¬ selbst) u. a. 0. der nordischen Kunstweberei erhöhte Aufmerksamkeit zuzuwenden. Die Technik der Wirkerei ist einfacher Art, besonders zur Herstellung der rein geometrischen Muster (s. Kilim). Reicher ist die vlämische Wirkerei ausgestattet, die das ganze Gewebe mit bunten unregelmässigen Mustern bedeckt, Abb. 210. die dadurch entstehen, dass man auf baumwollener Kette lediglich den Einzugsfaden verwendet, der sich auf kleinen, schiffchenartigen Spulen befindet und nun nach buntem Musterblatt, das auf kleinkariertem Musterzeichenpapier vorgezeichnet ist, ausgeführt wird. Dabei sind so viele Spulen in Arbeit, wie das Bild Farben enthält. Bei einer dritten Technik erscheinen die Figuren in hochflorigem Plüsch, der eingeknüpft ist und geschoren wird (Abb. 211). Ausser Webereien nach nordischen Mustern werden auch solche nach romanischen, gotischen und mau¬ rischen, sowie in modernen Stilarten ausgeführt, wobei man sich allmäh¬ lich von fremden Elementen unab¬ hängig machte und nach Entwürfen arbeitete, die von 0. Eckmann, W. Leistikow, van de Velde, Hans Thoma, Mohrbutter u. a. hergestellt wurden, wobei neben rein geometrischen auch figürliche und pflanzliche Motive, oft zu gros¬ sen zusammenhängenden Darstel¬ lungen vereinigt, geboten wurden. Hiei’bei ist das Hauptgewicht auf klare, energische Zeichnung und kräftig wirkende Farben gelegt. (Vgl. die Artikel: Kilim, Bildwirkerei, Wandteppiche.) Abbildungen: 208. Darstellungaus: Extrablätter der Illustrierten Frauenzeitung, Berlin, Jahr¬ gang 1900, Heft 9: Nordische Kunstweberei in Stopfarbeit aus farbiger Wolle; Nach¬ ahmung eines gewebten sogen. „Karamany“. Moderne Arbeit. 209. Darstellung aus: Brinckmann, Das Hamburgische Museum für Kunst und Gewerbe, Leipzig 1894. S. 97: Stuhlkissen, Arbeit eines niederelbischen Bild¬ wirkers der ersten Hälfte des 17. Jahrhs. in farbiger Wolle: auf schwarzem Grunde Darstellung eines Papagei’s auf schwerem Blumengehänge. 210. Originalaufnahme aus dem Königl. Landesgewerbemuseum in Stuttgart: Schlitzwirkerei in farbiger Seide auf hellblauem Grunde, Kirschblütenzweig und ein Paar von Schwalben. Japan, Anfang 19. Jahrh. 211. Darstellung wie 209: Stuhlkissen in Knüpfarbeit auf dunkelblaugrünem Leinen, die Noppen in gelber, weisser, roter und dunkelblauer Wolle, mit geometrischer Musterung. Schleswig’sche Hausindustrie 18. Jahrh.
N ördlingen—N orwich. 372 Abb. 211. Nördlingen, Stadt im bayer. Reg.-Bez. Schwaben: Teppich- und Loden¬ tuchfabriken. Normandie, in der Spitzenindustrie repräsentiert durch Caen, le Havre, Bayeux und Dieppe: hier bildet seit dem 16. Jahrhundert die Spitzenklöppelei die alleinige Beschäftigung der Fischerfrauen und Mädchen. Norrköpping, Stadt im schwed. Län Oestergötland: Bedeutende Baum¬ wollspinnerei und Fabriken für Wollwaren. Ausgeführt werden seewärts nament¬ lich Woll- und Baumwollgewebe. North-Bierley, Stadt in der engl. Grafschaft York: Bedeutende Woll¬ spinnerei. Norwegen (norweg., schwed. und dän.: Norge), Königreich auf der West¬ seite der Skandinavischen Halbinsel: Die Industrie im engeren Sinne hat nur eine geringe Entwickelung; das Textilgewerbe beschäftigte 1899 etwa 9000 Per¬ sonen. Seit dem Mittelalter wird als Hausindustrie geübt die einfache Wirkerei in farbiger Wolle, worin Wandteppiche mit figurenreichen Darstellungen und Decken mit geometrischen Mustern erzeugt werden. Besondere Aufmerksamkeit hat hierauf gerichtet und erhaltene Beispiele veröffentlicht der Direktor des Kunstindustriemuseums in Christiania H. Grosch: vgl. Altnorwegische Teppich¬ muster , Berlin 1888 , und A11 n o r w e g i s c h e B i 1 d t e p p i c h e im Kunst¬ industriemuseum zu Christiania, Berlin 1901. Norwich, Municipalborough in der engl. Grafschaft Norfolk: Schon seit 1336 war N. wegen seiner wollenen Zeuge, die nach dem 19 km entfernten Orte Worsted auch Worstedstuffs hiessen, berühmt. Hier legten 4000 flamländ. Flüchtlinge im 16. Jahrhundert den Grund zur Industrie von Tuch, wollenen Zeugen und Strümpfen in England. Wichtig sind noch die Fabrikation wollener und seidener Shawls, ausserdem Fransen, Gaze und Krepp, Mousselin-de-Laine, Damentucb und Damast.
Nor wich—Oberkette 373 Norwich, Hauptort des County New London im südöstl. Teile von Connec¬ ticut: Vier grosse Baumwollwerke und Fabriken von Wollwaren. Nottingham, abgekürzt Notts, Hauptstadt der Grafschaft N. im mittleren England: Ist Mittelpunkt der Bobbinet- und Spitzenmanufaktur, insbesondere der Seiden- und Baumwollstrumpfwirkerei. Nouveautes ist in Frankreich die Bezeichnung für die neuesten Modeartikel. Novara, Hauptstadt der Provinz N. im Königreich Italien: Leinwand¬ weberei und Handel mit Seide. Novi, Stadt in der ital. Provinz Alessandria: Seidenzucht und Seiden¬ spinnerei, bedeutender Handel. Nowawes, Dorf im Kx’eis Teltow des preuss. Reg.-Bez. Potsdam: ehemals Königl. Fachschule für Plüschweber; Plüsch- und Baumwollweberei. — N. wurde 1751 von Friedrich d. Gr. für evang. Böhmen angelegt. Nowgorod, Hauptstadt des gleichnamigen russischen Gouvernements. Der Seidenverkehr über N. ist von Wichtigkeit. Schon zur Zeit von Swätoslaw (981—1015) und Wladimir (9. Jahrh.) kamen skandinavische Kaufleute nach N., um sich mit Seidenzeugen zu versehen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass bereits im Jahre 1060 eine Ansiedelung deutscher Kaufleute in N. bestanden hat, die schon eine eigene Kirche besassen. Die Vermittlerrolle russischer Handelsstädte erreichte während der genuesisch-venetianischen Fehden im 13. Jahrhundert ihren Höhepunkt. Noyales, starke und dichte Leinen, welche aus reinem, ausgelesenem Hanfe, fest und gedrungen, mit besonders starken S xhlleisten zu Noyale, Janze, Piree, im Depart. der Ille und Vilaine gewebt und zu Schiffssegeln verbraucht werden. Ausser diesem Segelleinen nennt man in Frankreich auch noch N. ein feines und mittelfeines Halbleinen, welches im Depart. der Oise zu Noyon nach Art der Lavallinnen gebleicht und appretiert wird. Numerotage ist die Numerierung der Garne. Nuneaton, Stadt in der engl. Grafschaft Warwick: Bandfabrikation und Baumwollspinnerei. Nürnberg, Stadt im bayer. Reg.-Bez. Mittelfranken: Im 14. Jahrhundert Seidenweberei; 1578 zog N. italienische Seidenfärber in seine Mauern. Im Jahre 1718 gehören die Spitzenweber N.’s noch zur Zunft der Posamentierer. Das Germanische Nationalmuseum, gegründet 1852, enthält eine umfangreiche Stoffsammlung, über welche Kataloge erschienen sind: I. Teil: Katalog der Gewebesammlung, verfasst von Dr. Theodor Hampe, 1896, ent¬ haltend Gewebe und Wirkereien, Zeugdrucke. IT. Teil: Stickereien, Spitzen und Posamentierarbeiten, verfasst von Dr. Hans Stegmann, 1901. Nürtingen, Stadt im württemb. Schwarzwaldkreis: Baumwollspinnerei, Strumpf- und Gurtenwebereien, Tuchfabrik, Seegrasspinnerei und mechanische Strickereien. o. Oberbaum, der Kettenbaum am senkrechten Webstuhl. Oberehnheim, franz. Obernai, Stadt im Kreis Erstein des Bezirks Untereisass: Baumwollindustrie, Fabrikation von Decken und Teppichen. Oberfach (Obergelese) heisst in der Weberei die Gesamtheit der Kett¬ fäden, welche am Webstuhl durch die Schäfte oder die Tritte nach oben ge¬ zogen werden; die nach unten gezogenen Fäden heissen Unterfach. Oberkette, bei sammetartigen Geweben die zweite, den Flor hervor¬ bringende Kette.
Oberleutensdorf—Oelsnitz. 374 Oberleutensdorf, Stadt in Böhmen: Baumwollspinnerei und "Weberei, Tuchfabrikation. Oberlitze, am Musterwebstuhl die Schnur, welche die Schleife oder das Auge trägt, durch welche ein Kettenfaden gezogen ist. Oberlungwitz, Landgemeinde in der sächs. Kreishauptmannschaft Chemnitz : Handschuh-, Trikotagen- und Strumpfwarenfabriken. Oberoderwitz, Dorf in der sächs. Kreishauptmannschaft Bautzen: be¬ deutende Leinwandweherei. Oberösterreich, meist gebräuchlicher Name für das Erzherzogtum Oester¬ reich ob der Enns: bedeutende Leinen- und Baumwollindustrie, zumeist in Kleinmünchen bei Linz. Es bestehen 9 Baumwollspinnereien mit 1467 Ar¬ beitern und 128000 Spindeln, 4 Baumwollwebereien, 1 Flachsspinnerei (10700 Spindeln), 3 Leinenwebereien, 1 Schafwollweberei. Als Hausindustrie wird die Leinenweberei im Mühlviertel nördlich von der Donau betrieben. Oberstdorf, Marktflecken im bayr. Heg.-Bez. Schwaben: bedeutende Baumwollindustrie. Obi, japanischer Gürtel (s. Japan). Ocana, Bezirksstadt der span. Provinz Toledo: Leinen-, Flanell- und Seidenfabrikation. Occischiffchenarbeit, s. v. w. Frivolitäten (s. d.). Odaliske (vom türk.), frühere Handelsbezeichnung feiner orientalischer Wollenstoffe für Kleider und Turbane, nach den Haremsbewohnerinnen. Odenkirchen, Stadt im preuss. Heg.-Bez. Düsseldorf: Baumwoll- und Kammgarnspinnereien, Seiden-, Baumwoll- und Halbwollwebereien, Baumwolldruckerei, Fabriken für Kunstwolle, Lampendocht und Watte. Oederan, Stadt in der sächs. Kreishauptmannschaft Chemnitz: Fabrikation von Teppichen, Decken, Flanell und Tuch. Odrau, Stadt in Oesterreich-Schlesien: Fabrikation von Tuch, Woll-, Baumwoll-, Leinen- und Seidenwaren. Oedt, Marktflecken im Kreis Kempen des preuss. Heg.-Bez. Düsseldorf: Fabrikation von Sammet- und Seidenwaren, Zwirn, Leinenweberei, Färberei und Bleicherei. Offenbach, Stadt in der hess. Provinz Starkenburg: Trikot- und Börsen¬ weberei, Gold- und Silberspinnerei. Offenburg in Baden, Hauptstadt des gleichnamigen Kreises : Baumwoll¬ spinnerei und -Weberei, Leinwandweberei und Bleiche, Färbereien, Seiden¬ färberei. Oeffner, s. Biet. Oggersheim, Stadt des bayr. Heg.-Bez. Pfalz: grosse Baumwollspinnerei und -Weberei. Ohligs, Stadt im preuss. Heg.-Bez. Düsseldorf: Fabrikation von Seiden¬ waren. Olbersdorf, Dorf in der sächs. Kreishauptmannschaft Bautzen: Bleicherei, Weberei, Jutespinnerei und Säckefabrik, meckan. Spitzenklöppelei. Oldenburg, ein zum Deutschen Reiche gehöriges Grossherzogtum: Er¬ wähnenswert sind: die Leinenindustrie (als Hausindustrie) des Ammerlandes, die Strumpfstrickerei im Amte Cloppenburg. Oliva, Stadt der span. Provinz Valencia: Seidenraupenzucht und Leinen¬ weberei. 2. Ort bei Danzig: im Kloster daselbst werden ältere gewebte und gestickte Gewänder aufbewahrt. Olona, eine in neuerer Zeit auf den Hawai-Inseln entdeckte nesselartige Pflanze, deren gespinstartige Fasern für Textilzwecke verwendbar erscheinen. Oloron-Sainte Marie, Stadt im südwestfranz. Depart. Basses-Pyrenees: Wollspinnerei und Herstellung von Decken, Strümpfen und Strumpfwaren. Olot, Stadt in der span. Provinz Gerona: Baumwollspinnereien und Fabrikation von Seiden-, AVoll- und Baumwollwaren. Oelsnitz im Vogtland, Stadt in der sächs. Kreishauptmannschaft Zwickau: Bedeutende Fabrikation von Axmiusterteppichen (Finna Koch und te Kock
Oelsnitz—Opus pulvmarium. 375 mit über 1000 Arbeitern, die grösste derartige Fabrik Deutschlands), Kamm¬ garnstoffen , engl. Gardinen und Kongressstoffen, Drellstoff, Tischdecken und Tüchern; Jutewebereien und Druckereien, Färbereien und Appreturanstalten. Oelsnitz im Erzgebirge, Dorf in der sächs. Kreishauptmannschaft Chem¬ nitz: Weberei und Strumpfwarenfabrikation. Oeltuch, ein wasserdichtes Leinen- oder Baumwollengewebe, das mit Oelfirnis oder Harzlösungen getränkt ist und zu Schutzkleidern für Seeleute, sowie als Verpackungsmaterial verwendet wird. Ombres (ombrierte Zeuge), Wollstoffe mit farbigen Streifen, deren Ränder verwaschen erscheinen. Die farbigen Streifen sind in der Mitte am dunkelsten; zwischen je zwei derselben liegt ein hellerer, vom Dunkeln in das Hellere allmählich übergehend. Diese Färberei geschieht auf einer Maschine, in der sich mit wollenem Zeuge überzogene Scheiben in einem Farbenkessel drehen. Ueber diese Scheiben hin, unter stattfindendem Druck, passiert das zu ombrierende Zeug zu wiederholten Malen, zieht dadurch die Farbe an, so¬ weit es von den in gewissen Entfernungen aneinander stehenden Scheiben berührt wird, während eben diese Farbe seitwärts in die Fasern abnehmend ausfliesst und dadurch die Abstufung hervorgebracht wird. Wolkige oder marmorartige 0. erhält man dadurch, dass man das Garn beim Färben bereits ombriert, indem man dasselbe an verschiedenen Stellen mit Fäden oder sonstwie umbindet, sodass hier weniger Farbe dazwischen gelangen kann als an den freiliegenden Partien. Doch nur bei Wollwaren ist das Verfahren anwendbar; baumwollene Zeuge sind gedruckt, wenn sie ombriert erscheinen. Oncegarn ist eine Art Baumwollgarn. Ondes nennt man im allgemeinen in Frankreich die gewässerten Seiden-, Wollen- und gemischten Zeuge; insbesondere aber versteht man darunter ein leichtes Wollengewebe von Amiens. Onteniente, Bezirksstadt in der span. Provinz Valencia: Tuch- und Leinenweberei. Oost-Roosebeke, Marktflecken in der belg. Provinz Westflandern : Spitzen¬ fabrikation und Weberei. Opladen, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Düsseldorf: Wollspinnerei, Türkisch¬ rotfärbereien und Seidenappreturanstalten. Oporto, Hauptstadt der portug. Provinz Minho: Fabriken für Baum¬ wolle und Seide. Opus acu pictum (lat.), Nadelmalerei, Stickerei. Opus Alemannicum (lat.), vielfarbige Stickerei. Opus anglicanum (lat.), ein Kunstwerk, an welchem Weber und Gold¬ schmied miteinander gearbeitet haben. OpUS anglicum (lat.), englische Stickerei im Mittelalter, welche in einer Art Kettenstich ausgeführt wurde. Sie war so hergestellt, dass von einem Punkte aus eine Linie spiralförmig aufgewunden war, die je nach der Zeichnung die Farbe wechselte: eine Art der Darstellung, welche später einige Kupfer¬ stecher wieder aufnahmen. Oft waren diese Arbeiten in sehr kostbarem Material, auch unter Verwendung von Edelsteinen u. s. w. ausgeführt, weshalb die Bezeichnung o. — a. für sämtliche prächtige Stickereien üblich wurde; besonders scheinen diejenigen Arbeiten, bei welchen grössere Flächen mit Gold¬ oder Silberblech belegt waren, im 18. Jahrhundert so bezeichnet worden zu sein. Opus araneum (lat.), durchbrochene Weissstickerei. OpUS breudatum (lat.), Bortenstickerei. Opus cypricum (lat.), kostbare Stickarbeit. Opus pectineum (lat.), eine Art broschierten Gewebes, bei welchem die Kette über einen Kamm (pecten) lief. Opus phrygicum, racamatum (lat.), Bantstickerei. OpUS plumarium (lat.), Federstickerei, Plattstich. OpUS polymitarium (lat.), bunte Teppichweberei. Opus polymitum (lat.), vielfädige oder mehrfarbige Arbeit in Stickerei. Opus pulvinarium (lat.), Stickarbeit im Kreuzstich.
376 Opus textile—Orientalische Kunstwebereien und Stickereien. Opus textile (lat.), Weberei. Opus theotonicum (lat.), Nadelarbeit. Orange, Stadt im südfranz. Depart. Yaucluse: Seidenspinnerei, Hand¬ schubfabrikation, Woll- und Baumwollwebereien. Orange, Toiles d’Orange, eine veraltete Art feiner, bunter, echtfarbiger Kattune, welche im Depart. Yaucluse, zu Orange und im Depart. der Aube, zu Troyes angefertigt wurden. Orarium (lat., franz. u. engl.), 1. Tuch zum Reinigen des Mundes, Taschentuch, Schweisstuch, Tellertuch. 2. Bezeichnung für die Stola bis zum 9. Jahrhundert. 3. Schweisstuch am Abtstab. 4. Langschleppendes Gewand. Orditura (lat.), Gewebe, Weberei. Ordonnance (franz.), Bezeichnung für die Yerteilung des Blumenwerkes in der Spitze. Orfroi (franz.), (lat.: orfra, orfrea, orfredum, orfresium = aurifrigia), Goldgewebe. Organdis (franz.: organdie, engl.: book muslin, book); lockere, feine und glatte Baumwollgewebe, weiss oder farbig, etwas dichter gewebt als Musselin, aber ebenso fein im Faden, nur etwas steifer appretiert. Der Stoff kam früher aus Ostindien, wird aber schon längst in allen europäischen Musselinwebereien gefertigt. Organsinseide (Kettenseide, frz.: organsin; ital.: organzino; engl.: organzine); die gezwirnte, aus den besten Kokons gewonnene Seide, die in den Geweben die Kette, den Aufzug bildet. Man unterscheidet zweifädige (o. ä deux bouts) und dreifädige (o. ä trois bouts). Jeder Faden besteht aus drei bis acht Kokonfäden. Organzin, ein heute noch üblicher Name für Seide (s. Organsin): stammt vom Seidenmarkt Urgendsch in China, der in Europa im Mittelalter als 0. bekannt war. Orientales, Satin, ein baumwollener Croisee oder köperartig gewebter Stoff älterer Zeit, der den Jeans entspricht ( s. d.). Orientalische Kunstwebereien und Stickereien, unter dieser allgemeinen Bezeichnung pflegen in Europa alle diejenigen west- und vorderasiatischen Textilien zu erscheinen, welche dort nach dem späteren Mittelalter bis zum Anfänge des 19. Jahrhs. entstanden sind, deren bestimmte Herkunft wir im einAbb. 212. zelnen aber nicht mit Sicherheit anzu¬ geben vermögen. Ausgeschlossen davon sind die Produkte aus China und Japan; nur diejenigen der Türkei werden noch dahin gerechnet. Bei der Herstellung dieser Arbeiten ist Persien zunächst reichlich beteiligt; indessen kommen auch andere Länder dabei in Frage, vor allem die Türkei mit Konstantinopel, der Hauptstadt des Islam, wo seit alters her Prachtstoffe und Stickereien hergestellt wurden. Ferner ist Brussa zu nennen, das auch seine alte Seidenzucht und -Weberei bewahrt hat, so dass selbst Lyou noch heut Seide daher bezieht. Auf gleicher Höhe ist lange Zeit Skutari mit seinen prächtigen Sammeten geblieben, ebenso waren Städte wie Damaskus und Aleppo durch ihre älteren Arbeiten zu berühmt, als dass sich diese Industrie so schnell dort verloren hätte, wenn auch nicht zu verkennen ist, dass die ge¬ samte orientalische Weberei und Stickerei
Orientalische Kunstwebereien und Stickereien. 377 durch die Maschinen und durch die europäische Anilinfärberei ihren Haupt¬ reiz eingebüsst hat. Die sichere geographische Bezeichnung dieser orientalischen Textilien wird erschwert durch den ihnen innewohnenden gemeinsamen Zug der Flächen¬ teilung und ihre Einzelheiten. Vorherrschend ist zunächst das spitzovale Feld, Abb. 213. das als Decke in einer Spitzbogenfüllung abgeschlossen ist und als laufendes Muster sich aus gefüllten Bändern ins Unendliche fortsetzt: ein Typus der Raumeinteilung, der dort schon im frühen Mittelalter erscheint (Abb. 163 u. 168) und seit dem 16. Jahrh. sowohl in Persien (Abb. 212) und Indien (Abb. 213), als auch in der Türkei (Abb. 214) allgemein wird. Daneben waren im Orient von jeher Streifenmuster in allen Richtungen xmd bunten
378 Orientalische Kunstwebereien und Stickereien. Abwechselungen gebräuchlich, welche zuerst glatt oder geometrisch gemustert (Ahb. 169), später mit Blütenwerk gefüllt sind (Abb. 215 u. 216). Die Fül¬ lung der spitzovalen Felder innerhalb der laufenden Stoffmuster gleicht im 16. Jahrh. denjenigen der RenaisAbb. 214. sancegewebe aus Italien und Spanien, was hinsichtlich der Palmettenformen auf eine Ueberführung derselben vom Orient nach Europa schliessen lässt, wobei die Wahrnehmung interessant ist, dass der Orientale niemals die Kunstformen des Abendlandes ko¬ pierte, wozu doch in jener Zeit vor allem die aus d.er Antike übernom¬ mene Vase gehörte. Im Gegenteil. Die granatapfelartige Blüte macht im Orient alle möglichen Variationen selbständig und in vornehmer Ent¬ wickelung durch (vgl. Abb. 4 auf Taf. IV), welcher sich der Pinien¬ zapfen anschliesst (Abb. 104) und zu dem die Tulpenblüte ihre graziöse Formenbildung hergibt (Abb. 106 u. 217). So sehr man nun geneigt sein wird, gerade diese oft wiederkehren¬ den Palmetten nach Persien zu setzen, so lehrt doch der Vergleich der spitz¬ ovalen Kernbildung, innerhalb der letztgenannten tulpenähnlichen Blüte, mit Flächenmustern auf Metallen und Porzellanen aus Indien, dass der¬ gleichen Kunstformen Allgemeingut des Orients waren und geblieben sind. Auch das schlank aufwachsende Cypressenmuster (Abb. 122), dessen Heimat wir in Indien vermuten, kehrt in Kleinasien und in anderen Gegen¬ den des Morgenlandes wieder. Frag¬ lich erscheint auch die persische Herkunft jener Stoffmuster, welche innerhalb der spitzovalen Felder auf blattzackiger Fläche zierliche Blütenranken enthalten, die an Fliesenbeläge erinnern und in der Türkei entstanden sein können (Abb. 218). Ebenso wie in Europa im 17. Jahrh. die Stoffmuste¬ Abb. 215. rung übergeht zu kleineren Dessins, so hat auch der Orien¬ tale zu derselben Zeit seine sogen. Streumuster (Abb. 216 u. 219) aus ganz leicht ge¬ zeichneten Blütenzweigen, de¬ ren zierliche Bewegungen auf liebevollenNaturbeobachtunffen beruhen, die denselben einen eigenen Beiz verleihen und mit zu den schönsten Produk¬ ten gehören, welche die Kunst¬ weberei überhaupt zu erzeugen vermag. Hierzu kommt aller¬ dings die Leichtigkeit und Güte der Seide und die meisterO
Orientalische Kunstvvebereien und Stickereien. 879 hafte Schattierung unter Anwendung feiner Gold- und Silberfäden im Grunde, zwischen dessen schmiegsamen Falten diese lieblichen Kinder der köstlichen Flora des Orients sich gleichsam wie leicht aufgestreut abheben. Und dabei ist jede plastische Erscheinung dieser zu Kunstformen gestalteten Blumen ver¬ mieden. Der Orientale benützt dieselben als Vorbilder, er entlehnt den Blättern derselben die zierliche Zeichnung, die harmonische Farbenzusammenstellung des Rot und Grün, Blau und Gelb; er nimmt aber aus der ganzen Erscheinung nur soviel heraus, als sich in der Fläche darstellen lässt, ohne dass der Cha¬ rakter derselben unterbrochen wird. Auf dieser einzig dastehenden Kunst¬ weise in der Stilisierung seiner Naturformen beruht denn auch die Gleichmässigkeit der Formensprache in allen älteren orientalischen Erzeugnissen der Kleinkunst. Wie der Orientale an der Pflanze Zweig auf Zweig, Blatt auf Abb. 216. Blatt, Blume auf Blume sich entwickeln sieht, so ordnet er auch den Stamm und die Zweige des Ornaments, das sich ohne weiteres der Fläche jeden Belags, der Form jeden Gerätes, vor allem jeder Technik im Bereiche des Flächen¬ musters anpassen lässt. Die Ornamente der Gewebe des 18. Jahrhs. erscheinen vom europäischen Einfluss nicht mehr ganz unberührt, sie enthalten Palmettenformen, breitere Ranken und Blumen, die nicht frei von italienischen und französischen Ele¬ menten sind (vgl. Abb. 8 auf Taf. VII), wozu der verstärkte Verkehr mit Venedig, Genua und Lyon beitrugen, so dass sich Originalmuster nur ixoch in den gewöhnlichen Stoffarten erhalten haben. In Indien (s. d.) werden Brokat¬ stoffe mit kleineren Mustern nach alten Vorbildern heut noch gewebt. Sonst hat sich nur an wenigen Stellen im Orient eine Art bäuerlicher Weberei und Stickerei ei'halten, selbst die entferntesten Oi’tschaften in Aegypten, Syrien und Marokko sind europäisch beeinflusst. Viele der grossen Handelsplätze in der Levante erhalten schon seit Jahrzehnten die für ihren Geschmack gefertigten Seiden- und Brokatstoffe aus Elberfeld, Krefeld und von anderen deutsclien, französischen oder englischen Manufakturen, so dass wir oft modenie Waren
380 Orientalische Kunstwebereien und Stickereien. aus dem Orient erhalten, welche schon vor 50 Jahren bei uns angefertigt wurden. Als tunesische Webereien der neueren Zeit werden bunt und in Gold gestreifte Halbseidenstoffe mit geometrischen Mustern bezeichnet (Abb. 7 u. 9 auf Taf. VII), welche aber ebensogut auf Bestellung in Europa gemacht sein können, dasselbe gilt von den in Weiss, Gold und Blau gewebten Brokatstoffen, welche mit Sternen und Halbmonden als für Aegypten oder die Türkei gelten können (Abb. 1 u. 3 auf Taf. VII). Die Musterung der Stickereien des Orients schliesst sich den Ge¬ weben an; auch sie werden meistens als persische Arbeiten bezeichnet, wähAbb. 217. rend man es vielfach mit solchen aus der Türkei, aus Indieo, Syrien, Marokko, Nordafrika u. s. w. zu tun hat. Sehr häufig finden wir in einfachen Leinen¬ stickereien im sogen. Webstich die Muster der gewebten Prachtstoffe kopiert (Abb. 106), wobei es sich um Arbeiten aus Gegenden handelt, deren Bevölke¬ rung auf geringer geistiger Ausbildung stehen geblieben ist. Hingegen ent¬ wickelte sich an Stätten höherer Kultur eine selbständige, reichere und freiere Darstellung in vielseitiger Technik. Unter grösseren Ax-beiten fallen zunächst jene aus Persien und aus der Türkei in Mengen zu uns kommenden Pracht¬ vorhänge auf, welche auf leichter Seide oder dünnem Kaschmir in ein oder zwei Farben im Tamburierstich bestickt sind mit einem einzigen grossen Baum, der unten in Wurzeln endigt, seine Zweige nach beiden Seiten aus-
Orientalische Kunst Webereien und Stickereien. 381 breitet und reichen Blütenschmuck enthält. Da der ganze orientalische Hausrat und sein Schmuck mehr auf Beweglichkeit angelegt ist, als der europäische, so ist man bemüht, Decken und sonstige textile Ausstattung leichter und falten¬ reich zu gestalten, weshalb man nicht, wie bei uns, an Techniken für feste, brettsteife Stücke gebunden ist. Daher ist der Plattstich wenig, die Aufnäh¬ arbeit gar nicht gebräuchlich, während die Goldstickerei nur vereinzelt für glatte Prachtvorhänge der Mo¬ scheen in hohem Belief und sonst Abb. 218. in aufgenähten Fäden, dem Lahn oder der Kantille, Verwendung findet. Schon die viel leich¬ teren Grundstoffe, welche man aus Seide, feinem Leinen, Batist oder Baumwollengeweben wählt, bedingen eine weniger schwere Füllung durch die Stickerei. Ein Ersatz für die Aufnäharbeit be¬ züglich der Wirkung ist dem Orientalen gegeben in der Tuch¬ mosaik, wobei die Verbindungen durch den sehr reichlich verwen¬ deten Tamburierstich herge¬ stellt sind. In dieser Tuch¬ mosaik fertigte man im Orient ganze Zelte: es sind solche aus dem 16. Jahrh. von der Be¬ lagerung Wiens als Beutestücke dort zurückgeblieben. Auch Tep¬ piche und vollständige Wand¬ behänge werden in Stickerei aus¬ geführt; ganz besonders aber für Türbehänge, weil sowohl die Moschee, als auch die Wohnräume im Innern einer hölzernen Tür entbehren, hier vertritt der Türteppich oder gestickte Vorhang den ZimmerabSchluss. Daher können wir uns die aus dem Orient kommenden geweb¬ ten und gestickten Decken mit dem portalartigen Abschluss erklären (Ahb. 26), der gleichsam die Architektur darstellt. Eine genauere Betrachtung solcher Stücke wird aber bald lehren, wie geistvoll die Nachahmung wirklicher Architektur vermieden ist und die¬ selbe in Textilformen übersetzt ist. Ueberhaupt bieten die feinen Stickereien des Orients eine ebensolche Fülle reizvoller Motive, wie die Webereien, wobei die Tamburierarbeiten gerade in dem Masshalten der Farbengebung die edelsten Muster zeigen (Abb. 220). Eine unabsehbare Menge orientalischer Stickereien ist in den schmalen shawlartigen Tüchern nach Europa gekommen, welche an Ort und Stelle zu Handtüchern als Schmuck des Turbans (Peschkir) oder des Gürtels (Schalwax>) dienen. Der Grundstoff dieser Tücher besteht aus weissem Baumwollen- oder Leinengespinst: vom gröbsten bis zum feinsten Batistgewebe, das dann oft eine weiche kreppartige Struktur zeigt. Die zu Handtüchern verschnittenen Stoffe sind in Schuss und Kette aus verschieden starkem Material gewebt, wodurch eine ungleichmässige, rauhe Oberfläche entsteht, wie auch wir sie von unseren Frottiertüchern her kennen. Beiz voll und geradezu vorbildlich ist die Stickerei an diesen Tüchern, welche in breiten, gleichmässig gemusterten Endborten mit darunter stehendem Abschlussrand Anwendung gefunden hat (Ahb. 179). Das
382 Orientalische Kunstwebereien und Stickereien. Material zur Stickerei besteht aus farbigen, gedrehten, feinen Seidenfäden und Gold, weniger in Benützung kommt Silber. In der Technik verdient neben der mühevollen oft doppelseitigen Arbeit die Vielseitigkeit innerhalb eines Tuches bemerkt zu werden. Die feineren derartigen Tücher (Tschewre) sind im sogen. Gobelinstich ausgeführt, welcher über den Kett- oder Schussfäden des Grundstoffes so gearbeitet wird, dass die Stickerei den Grund auf beiden Seiten völlig bedeckt und die Flächen in den farbigen Schattierungen den Ein¬ druck einer abgetönten Malerei hervorrufen; diese Stichart ist hierbei dem Muster so angepasst, dass Blatt- und Blütenflächen ihrer organischen Ent- Abb. 220. Abb. 219. Wickelung entsprechend gerippt erscheinen. Oefter sind die Blumen durch flaches Modellieren und Schattieren mit Nadel und Faden wie in einer Lack¬ malerei dargestellt. Der Goldfaden greift hier und da, wie mit dem Pinsel hineingewischt, als Darstellung der Gliederung durch eine Blattrippe vermit¬ telnd in die Seidenfäden ein; Kernstücke der Blüten und einige Ausläufer der Blätter sind wieder in breitem Lahn gestickt — und so bildet das Ganze in seiner künstlerischen Vielseitigkeit eine Musterkarte für Stickerei, die mit einem Namen gar nicht zu bezeichnen ist. Vielseitig ist auch die Leinenstickerei (s. d.) des Orients, die vielfach zu Kostümen Anwendung findet: reich gestickt mit gefüllten Blütenstreifen und Streumustern sind die sogen, persischen Frauenbeinkleider, die in gewebten Stoffen nachgebildet werden (Abb. 216). Viel Verwendung zur Stickerei finden im Orient neben Stanioleinlagen auch Muscheln und Perlen. Vorbildlich ist die in Abb. 213 wiedergegebene Kastenauflage aus Indien, welche aus braunem Sammet besteht, auf welche weisse und hunte Perlen aufgenäht sind.
Orientine—Orleans. 383 Abbildungen: 212. Darstellung aus: Portefeuille des arts decoratifs tissus, PI. 256: Seiden¬ brokat , Grund roter Atlas, symm. Muster weiss, blau, gelb und Gold: Bänder mit Blattzacken bilden spitzovale Felder, in welchen je drei Palmettenblüten an gemein¬ samer Endigung. Persien 16. Jakrli. 213. Darstellung aus Heiden, Musteratlas, Leipzig 1896, Bl. 89: Ober- und Seitenteil eines Kästchens, brauner Sammet, mit farbiger Perlenstickerei. Spitzovales geschweiftes Feld mit Blütenrosette und -Ranken, Palmettenrändern und Vögeln. Indien 17.—18. Jahrhundert. Original im Königl. Kunstgewerbemuseum zu Berlin. 214. Darstellung aus Cox, l’art de decorer les tissus d’apres les collections du musee kistorique de chambre de commerce de Lyon. Paris 1900. PI. LXII.: Kleiner Sammetteppich, rot und gelb. In der Mitte spitzovales Feld, umgeben von einem Rande aus Tulpen und Nelken; obere und untere Abschlussborte mit Lambrequinfeldern. Skutari (?) 16.—17. Jahrh. 215. Originalaufnahme aus dem Königl. Landesgewerkemuseum in Stuttgart: Teil einer Schärpe, aus farbiger Seide gewebt: Querstreifen mit Ornament und Blüten¬ nelken, in der Längsborte wiederholen sich die letzteren. Persien 17. Jahrh. 216. Darstellung aus Kunstgewerbeblatt, N. F. II, S. 2: Seidenbrokat, Gold und bunt: in breiten und schmalen schrägen Streifen Streumuster aus Blütenzweigen. Persien oder Türkei 17.—18. Jahrh. Original im Kgl. Kunstgewerbemuseum zu Berlin. 217. Darstellung wie 213, Blatt 111: Stilisierte Tulpenblüte von einem orien¬ talischen Seidenstoff des 16.—17. Jahrhs. aus dem Kgl. Kunstgewerbemuseum zu Berlin. 218. Originalaufnahme wie 215 : Seidenbrokat, Grund roter Atlas, symmetrisches Muster: Bänder in Weiss und Gold mit Maureskenornament bilden spitzovale Felder, in welchen auf goldener blattartig abgeschlossener Fläche ein spitzovales Kernstück mit stilisiertem Strauss aus Tulpen und Nelken, umgeben von reichem Rankenwerk. Persien oder Türkei 16. Jahrh. 219. Originalaufnahme aus dem Königl. Kunstgewerbemuseum zu Berlin: Seiden¬ stoff, Grund hellgrün, Muster bunt und etwas Gold: Reihenweis nach rechts und links gewendete Blütenstauden. Türkei 17.—18. Jahrh. 220. Originalaufnahme wie 219: Teil einer Decke, Tamburierarbeit auf rot¬ braunem Kaschmir in gelblichgrüner Seide: Zu spitzovalen Feldern geordnete Lilienranken. Persien 17. Jahrh. Abbildungen auf der Tafel VII (AVebereien aus Indien, Persien und der Türkei). Originalaufnahmen aus dem Königl. Landesgewerbe¬ museum in Stuttgart: 1. Seidenbrokat, weiss blau, in Damast und Gold: Zwischen schrägen festen Bändern mit Stern und Halbmond Rosenranken und gleiche AVappenzeichen. Türkei? 19. Jahrh. 2. Seidenbrokat, weiss und Gold : feine aufsteigende Blütenranken. Indien 1867. 3. Seidenbrokat wie Nr. 1: gestreift und mit welligen Blumenranken. 4. Seidenbrokat, rot, Gold und bunt: Streifen mit dichten Blütenranken. In¬ dien 1867. 5. Seidenbrokat, rot, Silber nnd Gold mit etwas Dunkelgrün: Reihenweis ver¬ setzte Blütenstauden. Indien 1867. 6. Seidenbrokat, rot, Gold und bunt: Streifen mit Blütenranken. Indien 18. Jahrh. 7. Gestreifter Seidenbrokat mit geometrischen Mustern. Tunis 19. Jahrh. 8. Seidenstoff, Grund und Muster farbig: durch Bogenstellungen verbundene Blütenpalmetten. Persien? 19. Jahrh. 9. Gestreifter Seidenbrokat wie Nr. 7. 10. Seidenbrokat, rot, Gold, etwas Silber und Dunkelgrün: dichte Blütenranken. Indien 1867. 11. Seidenbrokat, farbige Streifen, darauf schräge Goldstreifen mit dichten Blüten¬ ranken und Palmetten. Indien 1867. 12. Seidenbrokat, rot, Gold und Silber: dreiteilige Bänder mit Sternen. Indien 1867. Orientine, ein starker, barchentartiger Stoff, welcher früher aus Ost¬ indien kam, später aber allgemein in Europa verfertigt wurde. Orinoco, peruanische Baumwollsorte. Orleans, Hauptstadt des Depart. Loiret: Fabrikation von Strumpfwaren, Tuchen und Posamenten. Im 16. Jahrhundert Anfertigung von Seidenwaren, durch Mailänder Weher eingeführt.
384 Orleans—Oesterreich-Ungarn. Orleans, halbwollene, glattgewebte Stoffe mit Baumwollgarnkette und Schuss aus Kammgarn. Die 0. kommen in allen Farben gefärbt oder bedruckt, meliert, moiriert, auch mit Seidenstreifen bergestellt vor und gehören zu den wichtigsten Geweben zur Anfertigung von Frauenkleidern. Auch moderne Gazestoffe werden 0. genannt. Örlinghausen, Dorf im Fürstentum Lippe: Plüsch- uud Leinenweberei (Hausindustrie), Wäschefabrikation. Ormusinus (lat.) (franz.: armoisin, taffetas), dünner, leichter Seidenstoff, Ornament (lat.: ornamentuni; franz.: ornement; engl.: ornament), Ver¬ zierung, Schmuck. Ornat (vom lateinischen), Schmuck, Amtstracht des Geistlichen und der Mitglieder vom Bitterorden (s. a. liturgische Gewänder). Ornis, eine Gattung feiner Musseline von Brampur, mit eingewebten goldenen oder silbernen Streifen, welche im Innern Asiens viel gebraucht werden, seltener nach Europa kommen. Orraye ist ein schwerer, dichter Seidenstoff mit erhabenen, eingewirkten, goldenen Blumen und Mustern auf Atlasgrund, welcher auf beiden Seiten recht ist. Man verfertigt diesen Stoff hauptsächlich in Persien. Orsoyseide s. v. w. Organsin. Ortigues sind franz. Packleinen aus Languedoc, die besonders nach Marseille und andern Häfen in der Provence gehen. Oschatz, Stadt in der sächs. Kreishauptmannschaft Leipzig: Fabrikation von Tuch- und Filzwaren, gehäkelte Wollwaren. Osimo, Stadt in der ital. Provinz Ancona: Florettseidenfabrikation und Handel. Osmanisches Reich s. Türkei. Osnabrück, Hauptstadt des gleichnamigen Beg.-Bezirks der preuss. Provinz Hannover: Flachsspinnereien und Baumwollwebereien, Handel mit Tuch, Manufaktur- und Weisswaren. Osnaburghs, cotton, sind feste, starke, baumwollene Zeuge (amerik. Domestiks), long cloth im engl.-asiatischen, im spanisch-amerikanischen Handel elefantes genannt. Sie sind den Osnahrücker Leinen so ähnlich als möglich in Griff, Zurichtung und Aufmachung nachgebildet. Osörkow, Stadt im russ.-poln. Gouvernement Kalisch: Baumwoll- und W ollspinnereien. Ossett, Stadt in der engl. Grafschaft Yorkshire: Tuchfabriken und Wollspinnerei. Ostada (lat.), ein feiner Wollenstoff. Ostade, ein veralteter, geköperter, fest gewalkter Vrollenstoff, eine Art Kasemir, der auf der rechten Seite einigemal gerauht, nach dem Färben im Bahmen axisgespannt, dann mit einem Schnitt geschoren und endlich in eine warme Presse gesetzt wird. Osterode am Harz, Stadt im preuss. Beg.-Bez. Hildesheim: Woll-, Leiuenund Baumwollfahriken, Garnspinnereien. Osteroder Zeuge, im allgemeinen versteht man darunter verschiedene in dieser hannoverschen Fabrikstadt verfertigte Wollenzeuge, als mehrere Sorten weisser, gestreifter und gedruckter Flanelle, Chalons, Tamis, Lüstrins u. s. w., insbesondere aber die einfarbigen und bunten, ganzen und halben Kamelotte, welche dort vorzüglich angefertigt wurden und daher zu ihrer Zeit starken Absatz fanden. Oesterreich-Ungarn. In Oesterreich beschäftigt die Textilindustrie 2287 Fabriken mit 3058 Maschinen und 154194 Pferdestärken, 296481 Ar¬ beitern und 425 Mill. Gulden Produktionswert, insbesondere Baumwollweberei, sowohl fabrikmässig (194 Fabriken mit 48 884 Arbeitern), als Handweberei (28 319 Arbeiter), vorzugsweise in Böhmen, Mähren, Schlesien, Niederösterreich und Vorarlberg, Baumwollspinnerei (153 Fabriken mit 32 815 Arbeitern), ebenda Spinnerei von Streichgarn (187 mit 6977) und Kammgarn (10 mit 4621), Weberei von Streichgarn (199 mit 20654) und Kammgarn (126 mit 34526), Vorzugs-
Ostheim—Paina. 385 weise in Böhmen (Reichenberg), Mähren (Brünn, Iglau), Schlesien, in Biala (Galizien) und Niederösterreich, dann Seidenweberei (65 Fabriken mit 11724 Arbeitern, in Niederösterreich, Böhmen und Mähren, Flachsspinnerei (42 Fabriken, 315 000 Spindeln und 17 195 Arbeitern) in Böhmen, Mähren und Schlesien, Leinen¬ weberei (75 Fabriken mit 20828 Arb.) ebenda, Jutemanufaktur (20 mit 5941) hauptsächlich in Niederösterreich, Mähren und Böhmen, Bandfabrikation (87 mit 3795), Wirkwaren (83 mit 8652) ebenda, dann 212 Appreturanstalten mit 8373 Arbeitern (s. Wien). Ostheim vor der Rhön, Stadt im Grossherzogtum Sachsen-WeimarEisenach: Weberei, Fabrikation von Plüsch. Ostritz, Stadt iu der sächs. Kreishauptmannschaft Bautzen: Fabrikation von Jutegarnen und -geweben, Schirm- und Kleiderstoffen, Militärtuch. Oswestry, Municipalborough in der engl. Grafschaft Salop: Weberei von Baumwollzeug, Leinwand und Wollstoffen. Oudenaarde, Stadt in der belg. Provinz Ostflandern: Leinen- und Baumwollfabriken. Ourvilles nennt man eine gewisse Sorte Leinen, die zu Ourville in der ehemaligen Normandie gewebt werden. Ouvrages moresques werden in spanischen und französischen Muster¬ büchern des 17. Jahrhunderts Spitzen betitelt, deren Bezeichnung sich nur auf das Muster bezieht. Ouvree, Seide, Rohseide. Oxford, moderner, hell gestreifter Baumwollstoff für Sporthemden. P. Pabanizy, Stadt im russ.-poln. Gouvernement Petrikau: Woll- und Baumwollfabriken, Leinweberei. Pabellones sind spanische, wollene Decken. Packleinwand, Packtuch, ist die geringste und gröbste aller Leinwand¬ sorten; man webt sie aus dem kurzen, schlechten Werg oder der Heede des Flachses und des Hanfes, in Westindien aus geringer Baumwolle, in Südamerika und Brasilien aus Baumbast und kommt unter verschiedenen Namen in den Handel. Man gebraucht sie zum Einpacken, zur äusseren Bedeckung der Waren, Kisten, Packen, Körbe u. dgl. Ein gangbarer Artikel der P. war früher in Sachsen und auch im sonstigen Handel unter Barras bekannt. Packloden, lockere Werggarne in Schlesien. Padua, Provinz mit gleichnamiger Hauptstadt im Königreich Italien: Seiden-, Woll- und Baumwollweberei, Hanf- und Leinengewebe. Das Seiden¬ gewerbe ist im 14. Jahrhundert eingeführt. Paeaukas, Pautkas, eine Sorte geringer, ostindischer Kattune, sowohl weiss als bunt. Paenula, grosse, weite Kapuze mit langem Schulterkragen, von den Römern der Kaiserzeit getragen. Pagetstuhl, eine vom Engländer Paget erfundene flache, mechanische, regulär arbeitende Kulirwirkmaschine mit wagrecht liegenden Nadeln. Pagne, Panicos, baumwollene Schürzen, welche afrikanische und indische Völkerschaften zur Bedeckung der unteren Teile des Körpers tragen. Iu Ost¬ indien bestehen sie aus feinen Kattunen. Eine eigne Sorte dieser P. hat hoch¬ rote Streifen und heisst Panossares. Pahthanf, soviel wie Jute (s. d.). Paina, Panha, ist brasilianische Baumwolle. Heiden, Handwörterbuch der Textilknnde. 25
Paisley—Palermo. 386 Paisley, Stadt in der engl. Grafschaft Renfrew: liefert vor allem Zwirne, dann Modewaren in Seiden-, Halbseiden- und Baumwollzeugen ; ferner bestehen Twist- und Leinengazefabriken, Bleicherei und Färberei. Paita, peruanische Baumwollsorte. Paka, Neupaka, Stadt in Böhmen: mechan. Weberei und Wollwarenfabrik. Abb. 221. Pako, AVolle von der Lamaart Auchenia pakos Tschudi (Alpaka), sehr lang, ausserordentlich fein, meist einfarbig, weiss oder schwarz (s. a. Al¬ pakawolle). Palampores, grosse, bis auf die Erde hängende, gesteppte oder ausgenähte Bettdecken, welche aus dem Orient kommen. Abb. 222. Palanche, in Frankreich ein grober Stoff aus AVolle und Leinen; man braucht ihn zum Unterfutter. Palas heissen Teppiche in Zentralasien, welche von Turkmenen gewebt werden: es sind dies ausserordentlich widerstandsfähige Kilims. Palermo, Hauptstadt der Insel Sizilien in gleichnamiger Provinz: im Jahre 1146 über¬ führt König Hoger I hierher die besten Seiden¬ weber aus Theben und Korinth und richtet staatliche Seidenmanufakturen unter dem Namen „thirazza“ oder „hötel de Tiraz“ ein. Dieselben zerfielen in einzelne Werkstätten, von denen sich die eine mit der Herstellung der einfachsten Gewebe, der glatten und bunt¬ farbigen Taffete (amita, dimita, trimita) abgab; eine andere fertigte Sammete und Atlasse; die dritte geblümte Zeuge von grüner Farbe, die vierte Brokate, Goldstoffe und reiche Bunt¬ gewebe. Besonders gewann die Sammetweberei hier eine grosse Ausdehnung; auch die Palermitaner Borten, in Gold und farbiger Seide auf fester Leinenkette gewebt, sind berühmt; von hier aus verpflanzt sich diese Bortenwirkerei nach Köln. Thieräz bedeutet ursprünglich eine Borte
Paliacattücher—Palmette. 387 mit Scliriftzeicken, gleichviel in welchem Stoff ausgeführt, sodann das Schrift¬ ornament als Kleiderbesatz, Stickerei, auch — mittelalt. tiraz — einen kost¬ baren Stoff. Wichtige Beläge für die Fabrikation in Palermo sind nns erhalten in den Fürstengräbern daselbst (Abb. 221 u. 222). Die Muster bewegen sich vollständig im arabischen Formenkreis: Kufische Schriftbänder mit Koran¬ sprüchen u. s. w. In den laufenden Stoffmustern erscheint die orientalische Tierwelt noch weiter aufgelöst, Reste von Bäumen mit geraden Blütenschaften deuten auf alte Uebertragungen hin. Von Palermo aus wird die Kunstweberei des Orients weiterhin nach Europa verpflanzt. Abbildungen: 221. Darstellung aus: J regali selpolcri del duomo di Palermo, Neapel 1784. Endigung eines Aermels mit aufgesetzten gewirkten Goldborten, welche kufische Schriftzüge, Ornamentbänder und Rosetten enthalten. Sicilien (Palermo) 12. .Tahrh. 222. Darstellung wie vorher: Seidengewebe, Grund rot, symmetrisches Master gelb: Zwischen geradschaftigen Blütenbäumen wechseln in Reihen Paare von Gazellen und Adlern ab. Sicilien (Palermo) 12. Jahrh. Paliacat-, Pulicattücher, feine baumwollene Schnupftücher aus Palla, bei den alten Römern das gewöhnlich wollene, weisse, der Levante. später bunt¬ farbige , bei Trauer schwarze, weite Obergewand der Frauen, das beim Aus¬ gehen über die Tunika (s. d.) und Stola (s. d.) geworfen wurde. Pallium (lat.), ein etwa handbreiter, weisser, wollener Streifen, den die Erzbischöfe über die Schultern um den Hals anlegen. Vorn und hinten hängt von ihm ein gleicher, ursprünglich langer, später kürzerer Streifen aus gleichem Material herab. Ursprünglich war das P. mit schwarzen, später mit dunkel¬ roten Kreuzen besetzt. Palmat (palmät side), im Mittelalter, besonders in Deutschland gangbares Gewebe; kommt viel in Minnegedichten vor u. a. als Bettzeug; nach den Be¬ schreibungen scheint es ein sehr weicher Stoff gewesen zu sein. Palmette, eine aus dem Altertum stammende Kunstform, welche gebildet ist aus einer meist symmetrisch gestalteten Blüte, deren Kelch fächerförmig gelegte Blätter entsteigen. Die älteste solcher Formen ist entstanden aus dem Lotos, den die Aegypter und Assyrer schon in dieser "Weise ornamental verwendeten (vgl. Abb. 223. Abb. 29—31); als gleiche Kunstform wird dort auch schon der Pinienzapfen gebraucht. Aus der Plastik, worin die P. als Stelen¬ bekrönung bei den Griechen die vielseitigsten Bildungen erfährt, geht dieselbe auf alle Gebiete der Flächenmusterung über und macht zu allen Zeiten die verschiedensten Stilwandelungen mit, weshalb in der Textil¬ kunst wohl die meisten Abwechselungen der P. erscheinen. Die ersten Entwicklungen beginnen für die P. als Bekrönung des Baumes, der im frühmittelalterlichen Stoffmuster vom Alter¬ tum her (s. den Artikel Baum als Stoffmuster) übernommen wird und sich in sarazenischen Geweben bis zum 13. Jahrh. (Abb. 223) er¬ hält. Ein strenger orientalischer Typus solcher Baumpalmette kommt auch im per¬ sischen Knüpfteppich vor (Abb. 224); sie gleicht fast den Formen die aus sassanidischen Stoffen bekannt sind. Die Selbständigkeit der P. entwickelt sich im Stoffmuster aus verschiedenartigen Blütenformen, wozu die chinesische und die persisch-arabische Kunst im Mittelalter Motive hergibt (Abb. 24. 48—50). Ein neues Element erscheint für das Wesen der P. im 15. Jahrh. im Granat¬ apfelmuster (s. d.), dessen vielseitige Umgestaltung sowohl im Orient (Abb. 106),
Palmette. 388 als auch in Europa zu frischen Bildungen reiner Palmettenformen der Renais¬ sance (s. d.) führt, wozu freilich in Italien der Geist der Antike lxxithilft, in strengen Grenzen zu bleiben, die auch in Spanien noch durch arabischen Ein¬ fluss innegehalten werden (Ahh. 105 u. 225). Aber schon die Spätrenaissance, in der das Vasenmotiv mit den daraus entsteigenden Tulpen-, Nelken- und Abb. 224. Abb. 225. Narzissenblüten vorherrscht (Abb. 37. 38), gibt in letzteren neue Anregung zur Bildung von P. — Italien und Spanien hinteidässt in den sogen. Streumustern (s. d.) des 17. Jahrhs. kleine Blütenpalmetten, die sich zu Anfang des 18. Jahi-hs. noch als grössere Zweige erhalten (Abb. 20 u. 226), bis fast gleich¬ zeitig in Frankreich xxeue grössere Formen der P. entstehen, welche dieselbe erst selbständig (Abb. 107), dann aber in Zusammensetzung einzelner Blüten und Blätter zur Dax'stellung bringen. (Abb. 227.) Mit dem französischen Klassizismus erscheint die Palmette wieder im Sinne der Antike (Abb. 63). Abbildungen: 223. Darstellung einer Palmettenform von der Bekrönung des auf einem sara¬ zenischen Seidenbrokatstoffes erscheinenden Baumes. 13.—14. Jahrh. 224. Darstellungaus Heiden, Motive, Leipzig 1890. Bl. 291: Palmettenform von dem auf einem altpersischen Knüpfteppich erscheinenden Blütenbaum. 225. Oi’iginalaulnahme aus dem König]. Landesgewerbemuseum in Stuttgart: Sammetstoff, braun , Grund grippt, Muster geschnitten und ungeschnitten: In sechs¬ eckigen Feldern aus geraden Bändern wechseln nach oben und unten gekehrt Pal¬ metten ab. Italien oder Spanien Ende 16. Jahrh. 226. Oi’iginalaufnahme wie vorher: Seidenstoff, Grund blau, Muster bunt schattiert: Zweige aus wellig geschwungenen feinen Blatti’anken mit reihenweis nach rechts und links gewandten Palmettenblüten. Italien Anfang 18. Jahrh.
Palmwipfel-Muster. 227. Originalaufnahme wie vorher: Seidenstoff, Grund weiss. Muster bunt: Zwischen wellig aufsteigenden Blumen¬ ranken sind in spitzovalen Feldern Blumen und Blätter zu Palmetten geordnet. Frank¬ reich Anfang 18. Jahrh. 389 Abb. 226. Palmwipfel-Muster, persisch Miri Bota, auch als indische Palmette bezeichnet, ist eine im Orient, am meisten in Persien und Indien vor¬ kommende Flächenfüllung, die gebildet ist aus spitzovaler Cypressenbliite mit nach vorn überhängendem Wipfel. Sie wird wegen ihrer häufigen Wieder¬ kehr auf Tüchern auch Shawimuster (schalnuma) genannt, in welchem Falle ihre Innenfläche aus vielen kleinen Blüten besteht. Als in Seide gewebtes Muster ist die Form schon im frühen Mittelalter bekannt (Abb. 166), von wo aus es sich in späterer Zeit oft wiederholt, auch als Druckmuster im Orient (Abb. 228) und in Europa erscheint. In Persien gibt es besondere Arten von Teppichen (Chorassan, Serabend) welche das Palmwipfel-Muster als Füllung des Innengrundes tragen. Abb. 227.
390 Pamiers—Paariges. Abbilldung: 228. Originalaufnahme aus dem Königl. Landesgewerbemuseum in Stuttgart : Baumwollenstoff, auf rotem Grunde in Bunt gedruckt mit Darstellung des Palmwipfel¬ musters. Orient 19. Jahrli. Abb. 228. Pamiers, Stadt im franz. Depart. Ariege: Woll- und Baumwollspinnereien. Panamabindung, Mattenbindung, englische Thichbindung, Abart der Lein¬ wandbindung, bei welcher Ketten- und Schussfäden in gleichgrosse Gruppen zusammengefasst sind, so dass im Gewebe kleine Quadrate („Würfel“) von ab¬ wechselnden Ketten- und Schussfäden entstehen. Panamaloden, moderner Kleiderstoff aus gemischter Wolle, daher stärker wie die Panamas (s. d.), aber in gleicher Bindung. Panamas, halbwollene Stoffe, die mit baumwollener Kette und doppeltem wollenen Schuss gewebt werden, so dass die Ware ein den geflochtenen Pa¬ namahüten ähnliches Aussehen erhält. Pangfil, eine Gattung seidener Zeuge aus China. Panha oder Paina ist eine Baumwolle in Brasilien. Panicos, Leinwand aus Portugal. Paniston, Peniston, eine Sorte englischer Molton, die sich durch den feinen Köper und ihre Weichheit auszeichnen. Panne, sammetartiger Stoff, der wie Plüsch gewebt wird. Die Grund¬ kette ist Organsinseide, die Pole, welche die glänzende sammetartige Oberfläche bilden, von feiner Wolle. Der Stoff kommt aus Frankreich, wird aber auch in den Niederlanden (Utrecht und Tournay) verfertigt. Panno-Canari-Comis, veralteter, leinwandartig gewebter Baumwollstoff. Panno-Combrido, ostind. Kattune, welche es in verschiedenen Arten für Druckstoffe gibt. Panno de algodao cruliso, ungebleichte, glatte Baumwollgewebe aus Brasilien. Pannos de Ferros, feine Leinenstoffe, besonders Oberlausitzer Dowlas, welcher für das Ausland gewebt wird. Pannus, pannum (lat.), im Mittelalter Gewebe, Gewand; panmim diarodhinum, dunkelroter Kleiderstoff; p. tartaricus, schweres Seidengewebe aus dem Orient. Panriges sind geblümte, ostind. Seidenzeuge.
Pantalon—Paramatta. 391 Pantalon, clie lange Hose, wurde 1794 in Paris erfunden und blieb dann allgemein in Gebrauch. Panuelos sind in Spanien Tücher aller Art: P. de olon bodardos, engl, embroidered cambric handkerchiefs = gestickte Batisttaschentücher, welche nach Süd- und Nordamerika gehen: estampados (printed boraers) mit gedruckten Kanten, Gannuelos de olansito (engl. Maculipatam handkerchiefs) sind Taschen¬ tücher von baumwollenem Kamlot. Päonie, Pfingst- oder Gichtrose, zur Familie der Ranunkulaceen gehörige Pflanzengattung mit nur wenigen Arten. Als Zierpflanze von Bedeutung ist die aus China stammende. Sie bildet meistens grosse Büsche mit etwas bläulich¬ grünen Blättern und enthält dicke, runde, kugelige Blumen vom reinsten AVeiss bis zum purpurvioletten Rot. Diese kommt in China und Japan, sowohl als gewebtes, wie ausgemaltes und gesticktes Stoffmuster reichlich in Anwendung in verschiedenartiger Stilisierung, sowie in naturalistischer Auffassung, letztere namentlich in Ausführung des Plattstiches. Papelines (Popelins, engl, poplin), ein ziemlich leichter, halbseidener Stoff, welcher taffetartig gewebt wird, dessen Kette aus Seide, der Einschlag aber aus glänzendem Kammgarn oder aus Baumwolle besteht. Dem P. ist ein gewisser Glanz eigen, der, wenn er den Gespinsten fehlt, durch die Appretur ergänzt wird. Die Stoffe erscheinen in allen Farben, glatt oder fassonniert. Popeline de Abb. 229 a. laine, besteht halb aus englischem oder fran¬ zösischem , halb aus deutschem Kammgarn. Papiermuster als Unterlage oder Vor¬ zeichnung werden gestanzt und in China und Japan als Hilfsmittel in der Plattstich¬ stickerei verwendet, das die gezeichnete ATorlage ersetzt und auf den zu bestickenden Grund aufgeklebt wird. Dies hat den Vorteil einer klaren Zeichnung mit scharfen Um¬ risslinien ; natürlich bleiben die P. nur auf Ein¬ zelformen, wie Arögel, abgeschlossene Blumen und kleine Rankenmuster (Abb. 229 a u. b) beschränkt, deren letztere namentlich für Gewandkragen und Aufschläge A7erwendung finden. A b b i 1 djun gen: 229 a. Originalaufnahme aus dem Kgl. Kunstgewerbemuseum in Berlin: Papier¬ muster als Vorzeichnung für die Plattstichstickerei zu einem Gevvandkragen: Chry¬ santhemumblütenranke. China 19. Jahrh. 229 b. Darstellung wie vorher mit Abb. 229 b. Ranke aus Sternblüten. Papierspitzen, mit Stahlpunzen in Spitzenmusterung ausgeschlagene Papiere als Hülle für Blumensträusse, zum Aus¬ legen von Kartons u. dgl. Papierstramin, ein an Stelle des Stramin oder Kanevas (s. d.) zum Sticken bestimmtes Kartonpapier, das mit reihen¬ weise angeordneten Löchern oder Vertiefungen versehen ist. Papierzeug, der Brei aus zermahlenen Hadern u. s. w. und Wasser, Papiermasse. Para, südamerikanische Baumwollsorte. Paraguay, Republik Südamerikas: erzeugt Spitzen wie Spanien. Parahyba, südamerikanische Baumwollsorte. Paramatta, ein dreibindiges Köpergewebe mit baumwollener Kette und Einschlag von Kammgarn.
392 Parament—Passfeld. Parament (lat.: paramentum; franz.: parement; engl.: parament). Para¬ mente heissen sämtliche zu einer Kirche gehörige Prachtgewänder der Geist¬ lichen, Bekleidungen der Altäre, Kanzeln u. s. w. Paramentik ist die Lehre von der Gestaltung dieser Gegenstände. Für das Weisszeug fordert die Kirche nur Linnen und Hanf, Baumwollenstoffe sind ausdrücklich verboten, Wolle tunlichst zu vermeiden, Seide mit Vorzug anzuwenden (s. Altarausstattung, liturgische Gewänder, kirchliche Stoffe und Stickereien). Parangon, ein im levantinischen Handel vorkommendes Seidenzeug. Parat Messen früher einfarbige, schwarze Zeuge aus Wolle und Seide, aus welchen man in Niedersachsen Umschlagetücher und Regenmäntel fertigte. Parchent, s. Barchent. Parchim, Stadt im Grossherzogtum Mecklenburg-Schwerin: Tuchfabriken mit Walkerei und Spinnerei. Paris, Hauptstadt Frankreichs: ein Hauptzweig der Industrie ist die Weberei mit 60000 Spindeln (1575 Betriebe), Fabrikation von Kleidungs¬ und Toilettegegenständen (34246 Betriebe). Im Jahre 1523 erhält P. von Mai¬ länder Seidenwebern Zuzug (s. Frankreich). Parisienne, ein kleingemustertes Seidengewebe. Parketten nennt man im Oesterreichischen die gewöhnlichen Fussteppiche. Parma, Hauptstadt der gleichnamigen Provinz im Königreich Italien: Seiden- und Wollengewebe, seidene und baumwollene Spitzen. Im Juni findet eine Messe für Seidenhandel statt. Part (vom lat.), Teil, in der Weberei = Patrone. Parterre, Partor, veralteter Seidendamast, den man als „leichten Stoff“ bezeichnete. Parthenay, Stadt im franz. Depart. Deux-Sevres: Wollspinnerei und Zeugweberei. Partinico, Stadt in der-ital. Provinz Palermo auf Sizilien: Seiden- und W ollmanufakturen. Parura (Plaga, lat.), die durch Stickerei oder reiche Stoffaufsätze ge¬ schaffene Ausschmückung liturgischer Gewänder, namentlich der Alba. Parusnoe Polotno, russisches Segeltuch, einer der beträchtlichsten Aus¬ fuhrartikel Russlands, aus gutem Hanf und Fiachsheede; man verbraucht es für die russische Marine. In Nordamerika geht diese Ware unter dem Namen Russia Sail Duk. Passament, das (ital.: passamano; franz.: passement; engl.: passement; passemente (franz.), passemented (engl.) — mit Posamenten besetzt). Borten-, Tressenarbeit, Goldstickerei u. s. w. Daraus im 18. Jahrh. entstanden: der Posamentier, Bortenwirker. Die ältesten Arbeiten gehen zusammen mit der Entwickelung der Fransen aus stehen gebliebenen Kettfäden, woraus sich auch die erste Saumverzierung mit der Spitzenknüpfung (macrame) bildete. Passements, dieser älteste Terminus für Spitze, den wir in früheren Ur¬ kunden und Inventaren antreffen, bezeichnet in älterer Zeit vorzugsweise das Produkt einer Fabrik und beweist dadurch den frühen Ursprung desselben. Dieser Ort ist Mirecourt in der Landschaft von Lorraine. Passepoil (franz.), Paspel, eingenähte 1—2 mm breite Streifen anders¬ farbigen Tuchs in den Nähten, besonders der Uniformen. Passerformen, bei mehrfarbigem Druck die verschiedenen Model, Formen oder Steine, die je eine Farbe aufdrücken, namentlich beim Zeugdruck ge¬ bräuchlicher Ausdruck, d^r darauf zurückzuführen ist, dass beim Herrichten sehr genau darauf geachtet werden muss, dass jede Form in das Muster passt. Passfeld, eine im romanischen Stil aus der Architektur entstandene Kunstform, welche im gotischen Zeitalter für das Flachmuster eine weitere Ausbildung erfuhr. Zur Hand lag die Form der spitzbogigen Umrahmung des Granatapfelmusters (s. d.) und es steigern sich die Teile eines solchen Feldes vom Dreipass (Abb. 230 u. 231) bis auf das Sechsfache in dieser Periode, wozu namentlich auch die fünfblättrige gotische Rose (s. d.) Verwen¬ dung findet.
Paterson—Päwlowskij Possäd. 393 Abbildungen: 230 u. 231. Darstellung zweier Dreipassfelder von italienischen Seidengeweben des 15. Jahrh. aus: Heiden, Musteratlas, Leipzig 1896. Bl. 29. Abb. 231. Abb. 230. Paterson, Stadt im nordamerik. Staate Neujersey: bedeutende Fabriken von Seidenwaren, Seidenfärberei und Flachsspinnerei. Patissoies sind chinesische, teils glatte, teils broschierte seidene Zeuge. Patnas, verschiedene ältere Artikel huntgedruckter, halb- und ganz feiner Kattune oder Kalikos aus Oesterreich. Patole, leichter, ostind. Seidenstoff, welcher gedruckt, gemalt oder gestickt wird und zu Leihgürteln von den Eingebornen Verwendung findet. Patron d’Hollande, holländische Patronen, Name eines damastartigen Zwillichs von verschiedener Feinheit zu Tischtüchern und Servietten, welche früher nur in Holland gewebt, jetzt aber auch in Sachsen gefertigt werden. Patrone, in der Weberei die auf kariertem Papier entworfene Zeichnung eines Musters. Patronieren, vermittelst der Patrone malen, oder ein Muster in die Carta riga eintragen. Pattes et quennes nennt man in einigen Provinzen Frankreichs die schlechteste und kürzeste Sorte unter der Schafwolle. Pau, Hauptstadt des franz. Depart. Basses-Pyrenees sowie der ehemaligen Grafschaft Bearn: die Industrie erstreckt sich auf Leinwandweberei (Mouchoirs de Bearn), Flachsspinnerei und Färberei. Pausa, Stadt in der sächs. Kreishauptmannschaft Zwickau: Strumpf¬ wirkerei, Wollweberei und Kattundruckerei. Pausleinwand, Bausleinwand, Bausmusselin, Bauskattun, Zeichenkattun, Kalkierleinwand, weisser Baumwollbatist, der durch Bestreichen mit aufgelöstem Alaun und mit verschiedenen, teils harzigen, teils öligen Substanzen, sowie durch nachfolgendes Stärken und schliessliches Glätten mittels erhitzter Druck¬ walzen des Glanzkalanders mit einer durchscheinenden Appretur versehen ist und sich zum Durchzeichnen von Zeichnungen eignet. Pautkas, eine Art ostindischer, teils weisser, teils gefärbter Kattune verschiedener Art. Pavie, ein gemusterter, weisser Zwillich zu Tischzeugen, ähnlich dem Patron d’Hollande. Pavillon-Etamine sind E.-zeuge von allerlei Farbe, welche besonders zu Schiffsflaggen verbraucht werden und auch unter dem Namen P.-leinen Vor¬ kommen. Päwlowskij Possäd, Flecken im russ. Gouvernement Moskau: bedeutende Fabrikation von Seiden-, Baumwoll- und Wollstoffen, Färbereien.
394 Pawoloki—Pelzzeug. Pawoloki, im Mittelalter ein Seidenstoff aus Kiew. Pawtucket, Stadt im nordamerik. Staate Rhode-Island: bedeutende Fabriken von Zwirn, Garn, Kattun, ferner Bleichereien, Färbereien und Zeug¬ druckerei. Payta, peruanische Baumwollsorte, schmutzig-weiss, matt und ziemlich kräftig im Faden. Pazac, s. Baza. Pearlin-Spitzen sind solche aus Schottland. Peau de Gant, moderner Kleiderstoff aus weissem Seidendamast. Peau de Poule, ein veralteter, einfarbiger Seidenstoff mit punktierten Mustern aus Lyon und Tours. Peau de soie, moderner, seidener Kleiderstoff in fünfbindigem Atlas. Pechtmals heissen mehrere im levantiner Handel vorkommende Sorten Badetücher oder Servietten, welche meist in der Türkei verfertigt werden. Sie sind aus Leinen- und Baumwollgarn gewebt, in der Hegel kornblumenblau gefärbt und roh. Eine bessere Sorte mit schmalen, roten Seidenstreifen aus Saloniki heisst Kirckalems. Aus Kairo kommt eine Sorte P. von weissem Leinengarn mit seidenem Rand und Streifen; man braucht sie zu Bart- und Waschtüchern. Die feinste und grösste Sorte heisst Photas, ist ganz Seide, rot mit kleinen, farbigen Strichen und einem blauen Rand, und dient zur Bade¬ zeremonie der Bräute bei den Griechen, Armeniern und Juden. Peebles, Hauptstadt der gleichnamigen Grafschaft im südl. Schottland: Fabrikation von Strümpfen und Wollzeugen, Kattun und Leinwand. Peilau, Dorf im preuss. Reg.-Bez. Breslau: Fabrikation von Leinen- und Baumwollwaren. Peitz, Stadt im preuss, Reg.-Bez. Frankfurt: acht Tuchfabriken, Kamm¬ garnspinnerei und Kunstwollfabrik. Pekinstreifen, bezeichnet im feinsten Elsässer Satin, d. i. der festeste Leinenstoff, Streifen in Köperbindung. Peking, Haupt- und Residenzstadt des chines. Reichs: erzeugte seidene Teppiche. Pelache, eine Gattung starker und gewöhnlicher französischer Plüsche, deren Grundkette von gezwirntem Leinengarn, die Polkette von Baumwolle ist. Pelams, Pelangs, Pelings, glatte, atlasartige Seidenstoffe aus China. Pelikan, Vogel, welcher der Sage nach seine Brust mit dem Schnabel öffnet und seine Jungen mit seinem Blut tränkt, daher häufig Symbol der Selbstaufopferung und des Opfertodes Christi. Die Darstellung kommt wieder¬ holt auf italienischen Geweben aus dem Ende des 14. Jahrh. vor. Pelleton heisst im levantiner Handel eine Sorte der asiatischen Ziegenhaai*e oder die sogenannte Wickelwolle, welche man meistens in der Hut¬ macherei gebraucht. Pelo, geringe Seide, gewöhnlich zu Gold- und Silbergespinsten benutzt (s. Pelseide). Pelo di Diavolo, ein ganz fester, doppelt geköperter Baumwollstoff, satinartig appretiert, aus Oesterreich, der in Italien zu Sommerkleidern für Männer Verwendung findet. Pelotage, die geringste Sorte der aus Peru und Buenos Aires kommenden Vigognewolle. Pelote, ein Beiname der rohen und unzugerichteten Seide, die Messina liefert. Pelseide (Pelo}, Bezeichnung der Rohseidenfäden, welche, aus 8, 10 oder mehr Kokonfäden gedreht, als Grundlage zu den Gold- und Silbergespiusten benutzt werden. Pelzpikee ist auf einer Seite gerauhter Pikee. Pelzzeug, im allgemeinen mehrere Sorten dichter, einfach oder geköpert gewebter Wollenstoffe, welche zum Ueberziehen der Pelze gebraucht werden; insbesondere aber die aus England unter dem Namen Fleecy Hosiery (s. d.) kommenden wollenen Stoffe, welche auf einem Strumpfwirkerstuhl so gewirkt
Penig—Persennige. 395 werden, dass sie auf der einen Seite glatt, auf der andern aber durch die ein¬ gelegte und fest in die Masche eingewirkte offene Wolle, langhaarig und völlig rauh, wie ein Pelz ausfallen. Penig, Stadt in der sächs. Kreishauptmannschaft Leipzig: Wollwebereien und Zeugdruckereien. Penistons, Panistons sind engl. Wollenstoffe, eine Gattung ganz starker, gewöhnlicher Tücher oder ungeköperter Molton von geringer Wolle, welche in der Nähe von Halifax gewebt werden. Peplos, der (griech.), das Zeugstück, welches die griechischen Frauen sich als Chiton anlegten und mit Spangen befestigten. Pequins, Pekings, glatte und gestreifte chinesische Seidenstoffe, die unter gleichem Namen auch in Europa gemacht werden. Früher verstand man darunter auch gemalte oder gedruckte Leinentapeten. Perches heissen mehrere Sorten gewöhnlicher Leinen aus der gleich¬ namigen ehemaligen Provinz im jetzigen Departement der Orne, welches von den Landleuten in der Gegend von Alengon aus starkem Hanfgarn gewebt wird. Perfilum (lat.), gewebtes, durchwirktes Gewand. Periclysis (lat.), ringsum laufender, gestickter Saum eines Kleides. Perie-Moeunemolam-Caatjes sind weisse, ostindische Druckkattune. Perkal, Perkales, Paracals sind ursprünglich ostindische, feine leinwand¬ artig gewebte Baumwollzeuge, dichter als Musselin, fast ganz wie die Cambriks, weshalb sie auch häufig so genannt werden. Gegenwärtig sind nur noch euro¬ päische P. am Markte, da unsere Baumwollwebereien ihn ebenso gut und billiger liefern. Es kommen aber bei diesen dichten Webstoffen viele ver¬ schiedene Feinheitsgrade vor, und man verwendet dazu Garn Nr. 36—120. Die aus den stäi-keren Garnen Nr. 40 — 60 gewebten, zum Druck bestimmten P. sind einerlei mit Kaliko und werden Druckperkals genannt. Die feinsten hierher gehörigen Stoffe werden auch Batistmusselin genannt. Die Stoffe werden glatt und gestreift, gefärbt und gedruckt hergestellt. Perkalin heisst das gepresste baumwollene Zeug für Buchbinder. Perkan, s. Berkan. Perlkantille ist solche von halbrundem, gepresstem Draht. Perlenstickerei findet in Europa seit dem Mittelalter in kirchlichen Textilien Anwendung. Die Perle wird in Begleitung von Goldstickerei oder aufgelegten Plättchen dazwischen aufgenäht; nur besonders hervorragende Kirchengewandstücke des 12. u. 13. Jahrhunderts sind damit ausgestattet. Die am meisten dem Material und dementsprechend der Stilistik angepasst ist die P. des Orients, woselbst jene der wilden Völker sogar ungewöhnlich schöne Bei¬ spiele bezüglich der Schattierungen aufzuweisen haben. Die Anwendung des vorhandenen Meeresproduktes ist auch in den kultivierteren Teilen Indiens (Abb. 213) und Persiens sehr gebräuchlich: aus verschiedenfarbigen auf¬ genähten Perlen werden der Stickerei Begleitränder gegeben, die sich den dort vorhandenen schmiegsam anfügen. ’ Perlenstrickerei wurde in Deutschland seit der Mitte des 18. Jahrh. für kleine Täschchen und sonstige Damengebrauchsartikel angewendet. Man zog die Perlen nach dem in Carreaus aufgezeichneten Muster auf den Faden auf und sie wurden wie die übrigen Fäden mit Hilfe der Nadeln zu einer ge¬ musterten Fläche verschlungen. Perlis, veralteter, geköperter Wollenstoff. Perljava, moderner Stoff aus Baumwolle für Stickerei. Pernambuk, südamerik. Baumwollsorte. Perpetuane, Perputelle, Perpetuel, Sempiterne, feiner, geköperter Wollen¬ stoff“ aus Kammgarn, eine Art feiner und dicht gewebter Serge, welche zuerst aus England kam und später auch in Frankreich gewebt wurde. Im Eisass und in Sachsen fertigte man P. unter dem Namen Imperiale. Perrotine wird nach ihrem Erfinder Perrot in ftouen eine Zeugdruck¬ maschine genannt. Persennige (Persening), Bezeichnung für alle wasserdicht gemachten
396 Perses—Peru. Gewebe aus Leinen-, Hanf- oder Jutegarn, die zu Wagenplanen, Kahndecken u. s. w. verwendet werden. Früher führte diesen Namen nur geteertes Segeltuch. Perses, Persiennes wurden früher in Frankreich die mehrfarbig ge¬ druckten und ausgemalten Baumwollenstoffe genannt, welche als Nachahmung der gemalten, ostindischen Chites gemacht wurden, die über Persien nach Europa kamen. Der Name ist heut noch für österreichische feinere Kattune dieser Art gebräuchlich. Persien, der westliche Teil des iran. Hochlandes in Westasien: Baum¬ wolle gedeiht bis zu 2000 m besonders um Ispahan, Kerman, Jezd, sowie im Norden. Die kaspisclien Provinzen sind Sitz des Seidenbaues, ferner auch Chorassan. Die Viehzucht ist die Hauptbeschäftigung des nomadischen Teils der Bevölkerung, sie erstreckt sich auf Schafe und Ziegen, zur Erzeugung der feinsten Wollen, in Kurdistan, Kerman, Chorassan, Luristan u. s. w. An Indu¬ strie besteht Filz- und Flanellarbeit, Shawl, Teppich- und Seidenweberei. Von der Regierung und den Grossen des Reichs nicht Aveiter unterstützt, bringt Gewerbe und Kunst keinen lohnenden Erwerb mehr, da die Konkurrenz mit den eingeführten europäischen Waren unmöglich ist, für die der Perser grosse Vorliebe zeigt. Daher kommt es, dass die ehemals berühmten Erzeugnisse der Seiden-, Sammet- und Teppichweberei jetzt in gei'inger Qualität und grosser Wenge ausgeführt werden. (Vgl. den Artikel „Orientalische Kunstwebereien und -Stickereien“.) Die erste Seide hat P. von den Chinesen erhalten, unwahrscheinlich ist die Ileberführung derselben aus Indien. Die Sassaniden (250—650) bringen das neupersische Reich zur Blüte, zu dieser Zeit in der Hauptstadt Ktesiphon, welche im frühen Mittelalter für Europa eine ähnliche Bedeutung gewinnt wie Babylon für das klassische Altertum, reiche Entwickelung der Seidenindustrie, aus welcher Periode uns durch Reliquienhüllen Gewebe er¬ balten sind (s. Weberei, Geschichtliches). Seit dem 9. Jahrh. tritt persische Rohseide in solchem Ueberfluss auf den Seidenmärkten auf, dass sie der chine¬ sischen Konkurrenz macht. P., welches bald gänzlich unter dem arabischen Einfluss steht (s. arabischer Stil), produziert die weltberühmt gewordenen Atlas- und Sammetgewebe (s. orientalische Kunstwebereien). Persische Baumwolle, s. Baumwollsorten. Persische Stickereien, s. orientalische Kunstwebereien und Stickereien. Persische Teppiche, s. Teppiche. Pertes sind französische Leinen, welche nach gleichnamigem Ort benannt sind. Peru, nach ihrem Ursprung benannte Baumwollsorte. Abb 232. Peru (span. El Peru), südamerik. Republik. Für die Textilkunst sind von Bedeutung die auf dem Totenfeld von Ancon in P. gemachten Funde, worüber von Reis s und St übel (Berlin 1887) ein Prachtwerk mit illustrierten Abbil¬ dungen erschienen ist. Die alten Peruaner pflegten ihre Toten bekleidet und
Peruanische Wolle—Petit fin. 397 in zusammengekrümmter Stellung, in Tierfelle oder Matten gehüllt, als Ballen zu bestatten. Neben den Toten findet man Waffen und Gerät, bei den Frauen Spindel, Webeutensilien und Arbeitskästcben. Aus diesen Funden wissen wir. dass die Textilindustrie bei den Peruanern einen ganz hervorragenden Platz ein¬ nahm, zu welcher ihnen in der feinen Wolle des Lama, Alpaka und Vicuna Abb. 233. ein ganz vorzügliches Material zu Ge¬ bote stand; auch Baumwolle wurde in reichem Masse verwendet. Technik und Musterung dieser dort herstammenden Gewebereste (Abb. 232 u. 233) erinnern lebhaft an die koptischen Textilfunde (s. d.), wenngleich alles etwas einfache¬ rer Art ist, als in jenen, weil sie frei von fremden Einflüssen und vor allem die Muster sich lediglich aus der Technik heraus entwickeln, somit auch interes¬ sante Beispiele geben für die Entstehung einfachster linearer Ornamentik, sowohl in Wirkerei, in gewebten und genetzten spitzenähnlichen Arbeiten; auch bemalte Stoffe wurden gefertigt. (Ygl. die Artikel Baumwollengewebe, s. S. 69, und Zeugdruck.) Abbildungen: 232—233. Darstellungen aus: Fischb ach, Ornamente des Feuerkultus im Werke Ursprung der Buchstaben Gutenbergs, Mainz 1900. Peruanische Wirkereien in Wolle und Baumwolle mit Mustern aus Hakenborten und stilisierten Vogelkörpern. Peruanische Wolle, Peruvianische Wolle heisst in der Regel die feine, seidenartige Wolle des in Chili und Peru vorkommenden Chili-Hueque (Camelus Arancanus Mol.) oder des peruanischen Schafkamels. Die schöne Wolle desselben, von welcher die weisse am besten ist, wird teils in Südamerika zu feinen Stoffen verarbeitet, teils nach Europa gebracht. Häufig heisst auch so die Pacos- und die Yigogna- (Yicuna) Wolle, obwohl diese von der P. W. sich bedeutend unterscheidet. Perugia, Hauptstadt der gleichnamigen Provinz im Königreich Italien: Fabriken für Seidenzeuge, Sammet und Leinwand. Perugino oder Perugini, veralteter, mehrfarbiger Wollenstoff aus Gera. Peruvienne, auch Droguet lisere oder lustrine genannt, früher ein schwerer, bunt gemusterter Seidenstoff, dessen mehrfarbige Blumen durch die Liseriearbeit hervorgebracht wurden. Pesaro, das alte, umbrische Pisaurum, Hauptstadt der ital. Provinz Pesaro-Urbino: Fabriken für Seiden-, Hanf- und Wollgewebe. Pessots, Paisseau, ein geköperter Wollenstoff aus Frankreich, eine Art Serge, welcher früher an mehreren Orten des Depart. du Gard gemacht wurde. Petenuche, auch sonst Galette de cocon, in Frankreich eine Art seidenen Wergs, "welche noch geringer als Florettseide ist. Doch findet sie nach gehöriger Reinigung und Färbung ihre nützliche Verwendung zu geringen Stoffen: Bändern und Livreetressen. Petermann, s. Beederwand. Petersburg, Hauptstadt des russ. Reichs: Sehr wichtig sind die Baumwollfabriken (26 mit 32,4 Mill. Rubel Produktion), ferner 16 Wollwarenfabriken. (s. Russland). Peterswaldau, Dorf im preuss. Reg.-Bez. Breslau: Baumwollspinnereien und -Webereien, Färbereien und Zeugdruckereien. Petins sind gemischte Zeuge aus Kamelgarn und Wolle. Petit bordure, ein französisches, schmales Wollenband. Petit drap, ein Wollenstoff in Taffetbindung aus Frankreich; unter petit draperie versteht man in Frankreich die einfachen und geköperten leichten Wollenstoffe, als die Berkane, Ivamelotts, Etamines, Serge, Merinos u. s. w. Petit fin, eine Sorte des flandrischen Sayettegarns.
398 Petit grain—Phoras. Petit grain, ein Seidenstoff in Art des Grosdetours. Petit pied nannte man früher eine geringe Sorte von Spitzen aus Valenciennes, welche als Besätze zu Manschetten verbraucht und auch Tiers-bassehauteur genannt wurde. Petit Velours in Frankreich dasselbe, was die Engländer Yelveret, einen leichten Sammet, nennen. Petit point-Stich ist halber Kreuzstich. Petit toile, eine gute, fest und dicht gewebte Leinwand, weiss und blau oder rot und weiss gestreift, auch in diesen Farben klein gegittert. Der Stoff kommt aus Rouen. Pettinet (Petinet), leichte, durchsichtige oder gazeartig gewirkte, mit vielen regelmässigen, netzartigen Oeffnungen versehene Gewebe, welche aus Seide, feinem Leinenzwirn oder Baumwolle auf besonderen Stühlen hergestellt werden; früher benutzte man dazu nur den Kulierstuhl, während später der eigentliche Kettenpettinetstuhl auf kam und jenen grösstenteils vertrat, mit Ausnahme bei starker, wollener Ware. Glatter P. als Grund zu genähten Spitzen und Stickereien kommt nur noch in Seide vor, indes die aus Zwirn bestehende Ware jetzt auf der Bobbinetmaschine gearbeitet wird. Auf dem Pettinetstuhl arbeitet man in den verschiedensten Mustern spitzenähnliche Tücher, Shawls, Schleier u. dgl. und in England in grosser Menge die Ma¬ schinenspitzen. Pezenas, Stadt im franz. Depart. Herault: Seidenspinnerei und Fabri¬ kation von Leinwand. Pezetta da tingere, P. di Levante, s. Bezetten. Pfäffikon, Dorf im Schweiz. Kanton Zürich: Baumwoll- und Seiden¬ industrie, Rosshaarspinnerei. Pfaidlerwaren sind genähte weisse, baumwollene und leinene Waren, wie Hemden, Kragen, Röcke, Leibchen u. s. w.; der Ausdruck ist im Oesterreichischen gebräuchlich. Pfauengewebe, mittelalterliche Bezeichnung eines orientalischen Seiden¬ stoffes, wahrscheinlich wegen der Vielfarbigkeit. Pfellel, im Mittelalter so benannter Seidenstoff von rein arabischer Her¬ kunft, welcher mit dem franz. vielerwähnten paile identisch ist. Pf., der im Grunde so viel wie Atlas war, hiess auch Salamander. Pfersee, Dorf im bayr. Reg.-Bez. Schwaben: Spinnerei, Weberei, Bunt¬ weberei, Färberei und Bleicherei, Fabrikation von Putzwolle und Trikotwaren. Pflanzenseiden, vegetabilische Seiden, die in der Technologie ver¬ wendeten glänzendweissen Samenhaare, ausser der Baumwolle. Sie entstammen zumeist den Asklepiadeen, hier besonders der afrik.-ind. Calotropis gigantea R. Br. (Mudar). Auch die zu den Apocynaceen gehörige Beaumontia grandiflora Wall. (Indien) liefert eine Seide. Meistens besitzen dieselben aber nicht die zu weiterer Verwendung genügende Festigkeit und werden daher von den glänzenden Bastfasern (Manilahanf, Ramie u. a.) an Wert übertroffen. Pfriemen oder Besenpfriemen (Spartium scoparium L.), zu Besen und Zeugen verwendet. Die Bauern in den Cevennen (Frankreich) weben Leinen¬ tücher und Hemden daraus, die weniger rauh sind als solche aus Werg. Pfucken, in einigen Gegenden Deutschlands das Abwerg, Werg oder die Hemden von Flachs oder Hanf. Pfullingen, Stadt im württemb. Schwarzwaldkreise: Baumwollspinnerei und -weberei, Tuch- und Zwirnfabrikation. Pheide oder Pheit, im späteren Mittelalter ein rohes Wollentuch. Philadelphia, die bedeutendste Stadt im nordamerik. Staate Pennsylvanien: P. ist nach Newyork die bedeutendste Industriestadt der Vereinigten Staaten, namentlich in Textil- und Manufakturwaren. Phoenicium (lat.), scharlachrotes Gewebe. Phoras, eine Art baumwollener Nesseltücher, welche ehedem aus Ost¬ indien kamen, jetzt aber in Frankreich für die afrikanische Küste gewebt werden.
Photas—Pinasses Photas, Phottes, gewöhnliche Baumwollzeuge aus Indien. 399 Ph. heissen auch die seidenen, carmoisinroten Badetücher mit blauem Band und kleinen, bunten Strichen, welche in der Türkei die Griechen, Armenier und Juden bei den Badezeremonien ihrer Bräute gebrauchen. Phrygien in Kleinasien, war zur Bömerzeit so berühmt wegen seiner Leistungen in der Kunstweberei und Stickerei, dass jemand, der das Gewerbe der Stickerei betrieb, Phryio, Phrygier, und verzierte Gewänder phrygische genannt wurden. Phrygienne, ehemals ein seidener Modestoff mit kleinen Broschüren auf Atlasgrund. Phrygische Mütze, Beutelmütze, deren Zipfel nach vorn getragen wird. Phrygische Stoffe wurden im Altertum gestickte Stoffe genannt. Phrygium heisst die hohe, spitze Mütze aus weisser Seide mit einem Goldreifen, welche der Papst bis ins 14. Jahrh. hinein trug. Piara, peruanische Baumwollsorte. Picot, le, das Häkchen, Zähnchen, Knöpfchen, namentlich die kleine Masche, welche sich bei Nadelspitzen reihenförmig an den Bändern findet. Picots werden auch ganz schmale, gewebte Zwirnkanten genannt. Pieds Courts, eine geringere Sorte der französischen Moquettes oder sammetartigen Möbelzeuge, Decken oder Teppiche aus Abbeville, Lille und Tournay. Pielles Cabrados und negros werden im spanisch-amerikanischen Handel leichte wollene Hosenzeuge (Sommerbuckskins) genannt. Pikee (franz.: pique; engl.: guilting, marseille; ital.: trapuntino), ein dichtes, schweres Baumwollgewebe, welches infolge von erhöhten und vertieften Stellen, die auf der Oberfläche miteinander abwechseln, wie gesteppt (pique) erscheint. Es gehört zu den Doppelgeweben, d. h. es werden bei seiner Her¬ stellung zwei übereinanderliegende Ketten verwendet, von denen jede besonderen Einschuss erhält. Die Verbindung beider Ketten geschieht dadurch, dass zeit¬ weise einzelne Fäden der einen Kette in die andere verlegt und durch die Einschussfäden dieser Kette mit gebunden werden. Das obere Gewebe bildet die rechte Seite, die untere Kette bildet den Grund der Unrechten Seite, wozu ein stärkeres Garn genommen wird, sodass man zu dieser Garn Nr. 16 nimmt, wenn jene aus Garn Nr. 32 besteht. Die P. sind entweder ganz weiss oder einfarbig und mit verschiedenen Mustern bedruckt, oder durch verschieden¬ farbige Einschlag- und Kettfäden gegittert, gestreift oder broschiert. Die Ware wurde zuerst in England hergestellt, die Fabrikation ist dann auch in Frank¬ reich und Deutschland heimisch geworden. Pikeestickerei bezeichnet eine Art der Weissstickerei, in welcher grösser angelegte Figuren mit verschiedenen Füllstichen auf grobem Stoffgrunde, deren Umrisslinien aus aufgenähten Schnürchen bestehen, s. Weissstickerei. Pillows sind gewöhnliche, englische Bettbarchents aus Baumwolle und Leinen. Häufig werden sie auch ganz aus Baumwolle gewebt und man unter¬ scheidet: Shoren-P., deren Oberfläche geschoren ist, Beaverd-P., mit einer durch Karden aufgerauhten Oberfläche, und Printed-Beaverd, eine Art Manchester, ganz von Baumwolle, mit buntfarbigen Mustern bedruckt. Pilouw, englischer, gemischter, geköperter Stoff aus Schafwolle und Leinengarn, mehrfarbig und in mannigfaltigen Mustern, wurde früher zu Herren- und Frauenkleidern getragen. Pinara, peruanische Baumwollsorte. Pinasses heissen alle die braunen und dunkelgelben ostindischen Stoffe, welche ohne alle Beimischung ganz von Baumbast gewebt werden und die nicht so weich und glänzend ausfallen, als andere Gewebe dieser Art, die aus Seide und Bast bestehen, namentlich die ostindischen Guingans, Stillas und Cherquemolles. Auch ein geköpertes, in der Kette aus blauem, im Einschlag aus weissem Baumwollengarn bestehendes Gewebe nennt man Pinas oder Pinassa, dasselbe kam auch ursprünglich aus Ostindien und wurde später in Europa nachgeahmt.
400 Pinatuch—Plagulae. Pinatuch (vom span, pina, die Ananas), auf der Insel Manila gewebter, durchsichtiger Muselin aus Ananasfasern. Pinchina, Pinchinat heissen im allgemeinen verschiedene Sorten tuchartig gewebter französischer Droguets, die für Italien, Küsten der Berberei, die Levante und Griechenland gewebt werden. PincOpS, die von der Spinnmaschine fertig gelieferten Kötzer von baum¬ wollenem Schussgarn, welche direkt in die Schützen des mechanischen Web¬ stuhls eingelegt werden. Pinerolo, Stadt in der ital. Provinz Turin: Fabrikation von Seiden-, Baumwoll- und Wollwaren. Pinienzapfen (lat.: piniolus; franz.: pomme de pin; engl.: pine apple), eine seit dem Altertum vorkommende Kunstform, welche neben dem Lotos schon bei den Assyriern erscheint Abb. 234. (vgl. Abb. 30. 31) und ebenso wie der Granatapfel im 15. Jahrhundert zwischen dem gotischen Spitzbogen¬ feld im Stoffmuster in Aufnahme kommt (s. die Artikel gotischer Stil, Granatapfelmuster, Abb. 104 u. 2 auf Tafel IY). Abbildung: 234. Darstellung aus: Lobelius, plantarum sev stirpium icones, Antwerpen 1581, Palma pinnus sine conifera. Pinna (lat.), Franse, Borte eines Gewandes. Pinna Marina ist der ital. Name der Muschelseide. In den niederl. Fabriken wurde früher auch unter diesem Namen ein feines, oliven¬ farbiges, in Gold spielendes Tuch angefertigt, das die Farbe der Mu¬ schelseide nachahmen sollte und zu Kleidungsstücken verwendet wurde. Pintados sind ostindische, ge¬ malte Kattune. Pioscanski kilims heissen die in Pirot (Bulgarisch-Serbien) in Wirktechnik gearbeiteten Fussteppiche. Pirot ist das Zentrum der Teppichindustrie des Balkans. Pita, in Amerika die Fasern einer Agaveart (Agave foetida L.), welche dort ihrer Feinheit und Geschmeidigkeit wegen den anderen A.-Arten zu den sogen. Aloezeugen vorgezogen werden. Schon in Amerika nennt man letztere auch pita; allein in Europa, namentlich in Frankreich, nennt man den Manila¬ hanf (s. Abaca) auch pita, franz.: pite oder pitte. Pitehanf, s. Aloehanf und Pita. Pittsfield, Stadt des nordamerik. Staates Massachusetts: Fabriken für Woll-, Baumwoll-, Seiden- und Strickwaren. Pizzi d’Italia, eine Art Zwirnspitzen, welche in Oberitalien geklöppelt werden. Placardieren. (vom franz.), einen Zeugstoff mit verschiedenen Beizen so vorbereiten, dass er in der Küpe die Farbe nur für den Grund annimmt, das Muster aber weiss bleibt. Plagulae sind die kleinen Stücke höchst kostbaren, gewebten oder ge¬ stickten Stoffes, die man der Dalmatica zwischen Borten auf Brust oder Rücken, der Alba vorn und hinten über dem Fusssaum und auf die Aermelränder auf¬ nähte. Die P. der Alba bestehen gewöhnlich aus dem Stoffe der Kasel.
PJaids—Plüsch 401 Plaids oder Plaidings sind gewürfelte buntfarbige Zeuge von hartem Kammgarn, die vorzüglich in Schottland gewebt werden. Der Artikel dient zu IJmschlagetüchern, Bettvorhängen, Tapeten, Schlafröcken und hauptsächlich aber zur schottischen Nationaltracht, wobei der Plaid (oder Tartan), eine Art Mantel, charakteristisch ist. Planeta (lat.), mittelalterliche Bezeichnung für Kasel. Plasch, feiner Lahn zu Gespinsten, Passamentarbeiten u. s. w. Platilles, Platillas, eine der gesuchtesten und gangbarsten Sorten fran¬ zösischer flächsener Leinwand, welche in gleicher Güte auch in Schlesien und Böhmen und auch in England gemacht wird. Platinen (franz.), die Hebehaken der Jacquardmaschine; auch hakenförmige Teile am Strumpfwirkerstuhl. Plattseide, Stickseide, welche aus nur einem Rohseidenfaden besteht und sehr schwach gezwirnt ist. Plattstich, die Art der Stickerei, auch als Flachstich bezeichnet, welche sich in keiner Weise an die Textur des gegebenen Grundstoffes bindet, sondern lediglich nach der Vorschrift des Musters die Fäden neben- oder übereinander legt. Wegen der ursprünglichen Anwendung der Federn für die Plattstich¬ stickerei hiess sie im Altertum opus plumarium, arabisch rekhameh, wovon das italienische ricami (s. Stickerei). Plau, Stadt im Grossherzogtum Mecklenburg-Schwerin: Tuchfabrik mit Wollspinnerei. Plauen im Vogtland in der sächs. Kreishauptmannschaft Zwickau: Mitte der sechziger Jahre des 19. Jahrhunderts trat zu der Weberei weisser Baumwollwaren (Mull, Gardinen u. s. w.), der sogen. Plauenschen Waren, und der Weissstickerei als Handstickerei die mechan. Stickerei (Heilmannsche Stickmaschine) hinzu und P. wurde attch Mittelpunkt der sächs. Stickereiindustrie (Einsätze, Kragen, Taschentücher). 1881 wurde die Fabrikation der gestickten Tüllspitzen (dentelles de Saxe, dentelles orientales) und darauf der Luftspitzen (Aetzstickerei) mit solchem Erfolge eingeführt, dass die vogtländische Spitzen¬ industrie sich auch hierin rasch den Weltmarkt eroberte und die altberühmte Spitzenindustrie in England, Frankreich und Belgien ernstlich bedrohte. Die Zahl der in P. vorhandenen Handstickmaschinen stieg (1872—92) von 1300 auf 4200, sank aber wieder durch die Einführung der Schiffchenstickmaschine mit Kraftbetrieb auf (1900) 1500 Handmaschinen, dafür aber waren etwa 3500 Schiffchenmaschinen vorhanden. In P. sind 50—60000 vielfach hausindustriell beschäftigte Arbeitskräfte in diesen Zweigen der Textilindustrie tätig. Der Wert der hergestellten Artikel ist zu 50—60 Mill. M. anzunehmen, von denen für etwa 35—40 Mill. M. nach dem Auslande gehen. In den letzten Jahren ist ferner die Tamburierindustrie (Bonnaz’ Tamburiermaschine für Gardinen, Spitzen u. s. w.) aufgenommen worden, ebenso die Bandnäherei (PointlaceArtikel). Es bestehen ferner eine bedeutende Baumwoll-, Streichgarn-, Vigogne¬ spinnerei, 16 Färbereien, 13 Bleich- und Appreturanstalten, 5 Zwirnereien. Pleures, in Frankreich die Wolle, welche von verreckten Schafen ab¬ genommen worden ist; man bezieht von derselben viel aus Deutschland. Pliat, s. Blyant. Pliss£ (franz., d. i. gefältelt), eine bei der Damenkleidung beliebte Gar¬ nierung, die aus regelmässig gefalteten Zeugstreifen besteht. Plocdecken, in Frankreich eine Art schlechter Fussdecken, die von Kuhhaaren gemacht sind. Plochingen, Dorf im württemb. Neckarkreis : Baumwollspinnerei, Hadernsortieranstalt. Pluie, in Frankreich eine Gattung Droguet, in dem die Kette von Seide oder Kamelhaar, der Einschlag z. T. von Gold- oder Silberfäden gemacht ist. Der Stoff sieht wie brillantiert aus. Plunkets-Azures, englische, blau gefärbte Tücher aus Essex, Suffolk u. s. w. Plüsch (franz.: peluche; engl.: plush, shag; ital.: peluzzo, felpa; span.: felpa), ist ein sammetartiger Stoff, und unterscheidet sich von diesem nur durch Heiden, Handwörterbuch der Textilkunde. 26
402 Plüssen—Point. bedeutend längere Behaarung. P. wird sowohl ganz in Seide, als ganz in Wolle, in Baumwolle und neuerdings in Leinen hergestellt. Die Güte dieser Gewebe besteht hauptsächlich darin, dass sie dicht und fest geschlagen sind und die ganz egale, nicht gar zu lange Pole den Grund ganz bedeckt. Doppel¬ plüsch hat Behaarung auf beiden Seiten, doch auf der inneren kürzer, in ver¬ schiedenen Farben. Plüssen, in der Appretur des Tuches soviel wie Fertignoppen, hat den Zweck, alle durch Zufall in das Gewebe gekommenen fremdartigen Körper (Stroh- oder Holzsplitterchen u. s. w.), vorstehende Fadenenden, die durch An¬ knüpfen gebrochener Fäden entstandenen Knoten u. dgl. zu entfernen; es ge¬ schieht mit dem Nopp- oder Plüsseisen, der Noppzange u. s. w. Pluviale (lat.: pluviale; franz.: pluvial; engl.: pluvial, cope), eigentlich Regenmantel und ursprünglich auch als solcher für die Geistlichkeit bei Pro¬ zessionen und im Winter in der Kirche gebraucht; erst von etwa 1250 an als reichgeschmücktes Festgewand für allgemeine kirchliche Zwecke als Chorgewand, Chormantel. Anfangs ist das Pluviale mit Aermeln ausgestattet, wogegen Innocenz III. ein Verbot erlässt. Die in der Mitte der geraden Seiten des halb¬ kreisförmig geschnittenen Stoffes zum Ueberziehen über den Kopf aufgenähte Kapuze (cappa) wird mit der Zeit zu einem aufgesetzten Schilde (clipeus) oder zu einem geschweiften Kragen umgewandelt. (Vergl. Abb. 5 auf Tafel IX.) Poches, in den Städten am Schwarzen Meere schwarzseidene Turbane, die zu Bagdad und Pru gewebt und häufig nach Konstantinopel gebracht werden. Poil (franz.), Haar, die haarige Oberfläche, der Flor sammetartiger Ge¬ webe. (Vgl. Pol.) A trois poils, ä quatre poils u. s. w. = dreidrähtig, vierdrähtig u. s. w. Poil de chevre (franz.), d. i. Ziegenwolle, nennt man einen Stoff mit einem Einschlag aus Kammwolle und Kette aus Baumwolle; öfter werden dem¬ selben auch Wolle und Seide eingewirkt. P. de ch. wird auch Angorawolle genannt. Point (franz.), Stich, Nadelstich, Naht; gros point, weiter Stich; point de boutonniere, Knopflochstich; point de chainette, Kettenstich; point de Chine, chinesische ausgenähte Tapete; point croise, Kreuzstich; point noue, Schlingstich. Die Bezeichnung von point ist im Französischen für Spitze allgemein; man nennt demnach die Arten von Spitzen: Point ä ecailles, eine vereinzelt zur Rokokozeit noch vorkömmende Steg¬ spitze. Point a l’aiguille, jede Nadelspitze. Point ä la reine, scheint eine Klöppelspitze gewesen zu sein, man nimmt an, dass sie in den Niederlanden erzeugt wurde und zwar von Arbeiterinnen, die des besseren Verdienstes wegen aus Alengon dorthin ausgewandert waren. Point ä la vierge, am Ende des 18. Jahrhunderts in der Normandie erzeugte Spitze aus einem Netzgrunde mit ganz einfachen Rosetten. Point clair, eine glänzende Spitze aus Seide. Point Colbert, werden franz. Spitzen genannt, welche in der Art gearbeitet sind, wie man in Alengon, Argentan, Bayeux u. s. w. kurz nach 1665, d. b. dem Jahre, in welchem auf Betreiben Colberts die Spitzenindustrie daselbst aufgenommen wurde, arbeitete. Man bemühte sich darin, Stücke in der Art der italienischen Vorbilder, besonders der venetianischen Reliefspitze, zu fertigen. Point conte heisst eine Netzspitze in Musterbüchern, weil die Anzahl der darin vorkommenden Felder an dem Netze der Zeichnung abgezählt werden musste. Point coupe, Durchbruch, auf dessen Grundlage die Anfertigung der Spitzen von Venedig und Alengon beruht. Point d’Alengon, genähte Spitzen in Nachahmung der venetianischen Re¬ liefspitzen; in Alengon hat man aber auch schon vorher Spitzen in Art der Filetarbeiten gefertigt. Point d’Angleterre; über die Bedeutung dieser Spitze gehen die Meinungen auseinander. Viele wollen darin eine ganz bestimmte Art erkennen, andere erblicken ein niederländisches Erzeugnis, welches so genannt wurde, weil es
Pointas— Polen, 403 für England angefertigt. Es wird z. T. ein Handelsnamen für geklöppelte niederländische Spitzen mit Rankenmuster sein. Auch eine Rokokospitze „eine Art gemischter Grund und Netzspitze“ bezeichnet man als P. d’A. Point de Bourgoigne, Klöppelspitze, schon im 16. Jahrhundert berühmt, mit feinem Reseau, auf welchem die breiten Ornamente und Blumenranken mit durchlöcherten Umrisslinien und mit einer Art Füllung aufliegen, welcher diese Teile erscheinen lässt, als wären sie aus dem allerzartesten Batist appliziert. Point de France heissen alle seit 1665 in Frankreich nach italienischen Vorbildern genähten Spitzen. Es bildet sich im selben Jahre eine eigene Gesellschaft, mit einem ausschliesslichen Privilegium für 10 Jahre, zur Er¬ zeugung der P. de Fr. Es werden 1666 für diese Art der Spitze folgende Erzeugungsorte bestimmt: Le Quesnoy, Arras, Reims, Sedan, ChäteauxThierry, Loudun, Alengon, Aurillac. 1675 erlischt das Vorrecht dieser Ge¬ sellschaft und der Name point de France bleibt besonders den Erzeugnissen von Alengon haften; dennoch bezeichnet man aber die hier gemachten als points d’Alengon. Point de Marly bildet den Uebergang von der Grundspitze mit Muster zum reinen Tüll. Einen dem Tüll verwandten Stoff liebten die Damen des 17. Jahrhdts. zur Herstellung der hohen, haubenartigen Kopfbedeckung. Es war eine Art Kanevas, ganz durchsichtig wie Gaze, worauf erst die Blumen mit der Nadel ausgeführt wurden. Diese Spitzenart wurde in Leinen und Seide gearbeitet, sie entstand 1760 und 1770, wurde zwei Jahrzehnte in Spanien, England, besonders aber in Bayeux ausgeführt. Point de Milan ist eine den niederländischen Grundspitzen verwandte Klöppel¬ arbeit aus Mailand. Point de rose, die feinste Art der point de Venise, deren Grund mit kleinen Sternen in Form von Rosen gefüllt ist. Point de ruccroc, Glücksspitze, wird die schwierigste und mühevollste Technik einer Brüsseler Spitze genannt. Point d’Espagne, eine Art Stickerei mit ausgeschnittener Arbeit, woran Gold- und Silberfäden in Form von Oesen die Ränder umsäumen und die inneren Leinenflächen in farbiger Seide gestickt sind; daneben scheinen sie auch in schwarzer Seide vorgekommen zu sein. Point d’esprit führt der point de Lille, wenn er die Erzeugnisse von Malines und Alengon nachahmt. Point de Venise heisst die genähte Reliefspitze aus Venedig. Point lace, die in Nachahmung der venetianischen Reliefspitze gearbeitete Litzenspitze auf genähtem und später auf geklöppeltem Grunde. Das Muster ist aus gewebtem Bändchen gebildet. Point noue, Bezeichnung für den italienischen punto a gropo, d. i. eine geflochtene Spitze, die auch unter dem Namen Macramee erscheint. Point plät, aufgelegte Tüllspitze. Point royal soll eine Nachahmung des niederländischen Typus sein (point ä la reine), der um 1700 in Alengon erzeugt wurde. Pointas oder Puntas sind flandrische Spitzen. Point long, eine Art flandrischer Tapeten. Points (franz.), Mehrzahl von point (s. d.) Spitze. Point sarrasin, in Frankreich die auf türkische Art gewebten Tapeten, welche in der Savonnerie zu Chaillot verfertigt werden. Poisdamast wurden früher ein- und zweifarbige Seidendamaststoffe mit Kantenstreifen genannt, welche vom Orient kamen. Poken (Boken), eine Vorarbeit der Flachsspinnerei. Pol (vom franz. poil), der Sammetflor, daher Polfaden, Polkette, Pol¬ schuss u. s. w. Vgl. Sammet und Polfäden. Polackenleinwand nennt man in den böhmischen Fabrikdörfern längs der schlesischen Grenze eine gewöhnliche starke Leinwand, welche als Segeltuch verbraucht wird. Polamit, Polemit, Polomit, s. Kamlot. Polen, früher eigenes Königreich, bildet seit 1874 das russ. General¬ gouvernement Warschau mit den 10 Weichselgouvernements: Textilindustrie (besonders Woll- und Baumwollfabriken), namentlich in Lodz (s. d.); ausgeführt werden Baumwolle, Rohseide und Seidenstoffe. — Die ältere Kunstweberei wurde
404 Polen. durch Perser und Türken eingeführt, besonders beeinflussten diese anfangs die Muster. Nach Notizen aus Kotaczkowski, Wiado mösci, fabrykach i rekodzielach w dawnej Polsce, Warschau 1881. (Nachrichten über die Fabriken und Handwerke im alten Polen) gründete ein polnischer Edelmann (Fürst Radziwill) am Ende des 17. Jahrh. eine Seidenfabrik in Sluck, welche Gürtel und Brokatstoffe fertigte; alsdann geschieht in demselben Buche einer in Krakau errichteten Seidenmanufaktur Erwähnung: im Zusammenhänge hiermit werden als Leiter dieser Werkstätten Mazarski (für Sluck) und Maslowski (für Krakau) genannt. TJebrigens brachten die Händler zur Mitte der 1880er Jahre die meisten polnischen Stoffe aus der Gegend von Warschau, so dass auch hier eine Fabrik bestanden haben wird. Die Schärpe (Abb. 285 u. 236), ein Hauptstück der polnischen National¬ tracht, entspricht dem persischen Gürtel (Abb. 215) und ist gleich diesem in Abb. 235. Guerstreifen und Längsborten gemustert, die Abschlussenden enthalten Blumen¬ stauden oder Sträusse in Vasen. Der persische Gürtel ist im Material weicher als jener, man merkt den polnischen Fabrikaten das Schwerfällige in der Hand¬ fertigkeit an, infolgedessen findet ein verschwenderisches Umgehen mit Metall¬ fäden statt, so dass manche Stücke brettsteif in glänzender Silberfläche er¬ scheinen. Auch trägt hierzu bei die für doppelseitige Verwendung berechnete Ausführung; man hat z. B. auf einer Seite blaue, auf der anderen Silberstreifen; selbst in einer Fläche wechseln rechts und links die Grundfarben derselben, um je nach Bedarf in Erscheinung zu treten. Die Musterung an und für sich ist unbeholfen, zum Teil in linearer Ausführung; doch stehen diese polnischen Schärpen in hohem Werte. Die Fabrikationsstätte ist gewöhnlich auf dem
Polen, 405 Stücke vermerkt (wie hier in Abb. 235); auch kommen Bezeichnungen des Verfertigers vor. Wie übrigens allmählich die Musterung sich befreit von orientalischem Einfluss, das zeigt die Füllung der Endigung in Abb. 236, worin sich gebuckelte Vasen mit Blumensträussen befinden. Gleiches lässt sich auch bei anderen Stoffen wahrnehmen. So sind z. B. streng orientalische Elemente in den spitzovalen ausstrahlenden Blütenformen auf dem in Abb. 237 dar¬ gestellten Brokat nicht zu verkennen; aber die unbeholfene Anordnung der¬ selben an gewundenen welligen Rankenstreifen lassen darauf schliessen, dass das Muster keiner formensicheren Hand des Orientalen entsprungen ist; auch zeugen dafür die fast hebräisch anklingenden schriftartigen Zeichen, welchen einzelne Blüten auf dem sterngefüllten Grunde entsteigen. Feineres Empfinden Abb. 236. einer — wenn auch barocken — Formensprache verrät das in Abb. 238 dar¬ gestellte Stoffmuster, dessen Blüten im Geiste einer gewissen Chinoiserie fast einen französischen Anstrich haben, dem sich noch mehr die feinen Ranken im Stile der Regencezeit anzuschliessen scheinen; indessen sprechen Farben — weiss ist in Polen als Grundfarbe beliebt — und vor allem das Material dafür, dass man es mit einem Fabrikat des Ostens zu tun hat. Auf dem Wege zwischen dem Osten und Westen Europas liegt scheinbar auch die Anfertigung des in Abb. 239 wiedergegebenen Tapetenstoffes, welcher bezüglich des darauf befindlichen polnischen Adlers mit sächsischem Kurhut und der Krone ver¬ muten lässt, dass er für den im Jahre 1697 zum König von Polen erwählten Kurfürst Friedrich August von Sachsen gewebt wurde. Wenn auch wiederum der Goldfaden und seine Behandlung den Meister des Orients verraten, so haben doch bei der Komposition des Musters Europäer die Hand geführt, ver¬ mutlich französische Weher, welche schon zur Zeit des Grossen Kurfürsten aus Preussen nach Sachsen übergesiedelt waren. Abbildungen: 235—239. Darstellungen aus dem Kunstgewerblatt N. F. II. Leipzig (Verlag E. A. Seemann), nach Originalen aus dem Königl. Kunstgewerbemuseum in Berlin: 235. Endigung einer polnischen Schärpe, in roter, blauer Seide und Silber ge-
406 Polenteppiche. wirkt: ungemusterte Querstreifen sind eingefasst von Borten mit Blütenranken in eckiger Linienführung; im Felde zwei streng stilisierte Blütenstauden in persischem Geschmack. Polen, bezeichnet Sluck, Ende 17. Jahrh. 236. Desgl. zur Hälfte auf Silber- und Goldgrund gewirkt und in Streifen auf rot und grün oder blau und rot mit Ranken gemustert; im Felde zwei Blumensträusse in gebuckelten Vasen. Polen, bezeichnet F. S., Anfang 18. Jahrh. 237. Seidenbrokat, derber weisser Ripsgrund, Muster in Grün und Gold; zwischen wellig aufsteigenden Blattranken, welchen strahlende Blüten, kleines BlattAbb. 237. werk und Früchte entsteigen, wechseln reihenweis nach rechts und links gewendet einzelne Blütenstauden an einer Art von schriftartigem Gehege ab; dazwischen kleine Sterne. Polen, Anfang 18. Jahrh. 238. Seidenbrokat, Grund weisser Rips, symmetrisches Muster in Rot und Gold: Palmettenförmige Blüten wechseln zwischen feinen geschwungenen Blattranken reihenweis ab. Polen? Anfang 18. Jahrh. 239. Seidenbrokattapete, Grund rot, Muster in Damast und Gold: Zwischen wellig aufsteigenden Blütenranken sind goldene Ranken durch Kronen verbunden, welche ein Wappenschild mit polnischem Adler und dem sächsischen Kurhut einschliessen; seitliche Abschlussborten. Polen? Ende des 17. Jahrhs. Polenteppiche werden mit Unrecht geknüpfte Perserteppiche aus Seide, Silber- und Goldfäden genannt (Abb. 240). Nach ,, Alois Riegl, Altorien¬ talische Teppiche, Leipzig 1891“, ist die falsche Bezeichnung dafür vielleicht dadurch entstanden, dass dem Wiener Hof einstmals von Peter dem Grossen von Russland ein derartiges Stück zum Geschenk gemacht worden ist. Die eigentlichen in Polen (s. d.) in der Fabrik von Mazarski in Sluk gearbeiteten Teppiche sind in grober Wolle geknüpfte, kleine Stücke, welche in hohen Noppen auf weissem Grunde ein bescheidenes farbiges Bortenmuster haben,
Polfäden—Polnische Leinen. 407 das in seiner eckigen Zeichnung, ähnlich den Quer- und Längsborten der in Abb. 285 wiedergegebenen Schärpe, an Kreuzstichmuster erinnert : also unvoll¬ kommene Anfänge der Knüpfarbeit darstellen. Einer der mir aus dem Königl. Kunstgewerbemuseum in Berlin bekannten Teppiche dieser Art trägt die eingekniipfte Marke M. und bestätigt seine Herkunft aus der Mazarskiscben Fabrik. Abb. 238. 240. Darstellung aus Cox, l’art de decorer les tissus d’apres les collections du musee historique de chambre de commerce de Lyon. Paris 1900. PI. LXI: Knüpf¬ teppich in farbiger Seide, Gold und Silberfäden: Im Felde stilisierte Blütenranken in symmetrischer Anordnung, am Rande Ranke mit Palmettenblüten. Persien 17. Jahrli. Polfäden, in der Gazeweberei diejenigen Kettenfäden, welche über allen Schussfäden liegen; in der Sammetweberei die Kettenfäden, aus denen der Flor, die Haardecke, gebildet wird. Pölitz, Stadt in der österr. Bezirkshauptmannschaft Braunau in Böhmen: Leinen- und Baumwollweberei. PolizeailX, starke gewöhnliche Hanfleinwand aus Frankreich, von der die besseren Sorten halb gebleicht nach den Kolonien gehen. Polledavys, Pouldavids, französisches Segeltuch aus Hanf und Heedegarn; welches seinen Namen vom Flecken Bouldavid, dem Verfertigungsort, hat. Polnische Leinen werden diejenigen genannt, welche in den Provinzen des ehemaligen Königreiches und in Galizien gewebt werden. Es sind ver-
408 Polpra—Pondicherv schiedene Sorten starker Hausleinwand, sowie Sack- und Packleinen, Zwillich und Drell, die nach Königsberg, Danzig und Elbing gehen. Polpra (lat.), Purpurgewand. Polymita, bunt gemusterte Gewebe, deren Fabrikation im Mittelalter in Alexandrien geblüht hat. Pomedelbindungen verschiedener Art werden zu einzelnen Streifen in Kleiderzeugen angewendet, um Ketten-Kanneles zu erzeugen. Pommeri heissen die gemusterten, seidenen, ganz zugeschnittenen, aber nicht zusammengenähten, mit bunter Seide gestickten Schlafröcke, zu welchen Abb. 239. die Europäer die Muster nach China gebracht haben und welche durch die¬ selben nach anderen Gegenden Asiens weiter verkauft werden; im europäischen Handel kommen sie nicht vor. • 'f*: Pommersche Leinen werden mehrere Sorten guter mittlerer Hausleinen genannt, welche längs der Küsten der Ostsee in Schwedisch-Pommern und auf der Insel Rügen von den Landleuten gewebt und nach Bergen, Stralsund, Stettin u. s. w. zum Verkauf gebracht werden. Pompadour, Bezeichnung für einen zierlichen Strickbeutel. Pompadour¬ muster, moderne Bezeichnung für Streifen mit kleinen Blümchen und anti¬ kisierendem Beiwerk. Pompons (franz.), Zieraten von Passementeriearbeit, namentlich Bällchen aus Seide und Wolle (s. Posamentierarbeit). Poncho (span.), ein in Südamerika gebräuchlicher Mantel indian. Ur¬ sprungs, früher nur ein Stück Tuch mit einem Schlitz in der Mitte, durch welchen der Kopf gesteckt wird. Pondichery, Hauptstadt des gleichnamigen franz. Gouvernements auf
Pongeeseide—Populus canadensis. 409 Vorderindien: eine Musterspinnerei, Manufakturen für Tischleinwand und Baumwollgewebe. Pongeeseide liefert der Ailanthus-Sp'inner, es werden besonders viel Zeuge daraus aus China eingeführt. Pontivy ist eine französische Leinwand. Abb. 240. Ponto in arcato (ital.), kleine unscheinbare Bogensäumchen an genähten Spitzen aus Italien. Popeline, s. Papelines. Poperinghe, Stadt in der belg. Provinz Westflandern: Baumwollspinnerei und Leinwandbleicherei. Populus canadensis, die kanadensische Pappel: Ersatzmittel für Baumwolle.
410 Populus nigra—Posamentierwaren Populus nigra, die schwarze Pappel: Ersatzmittel für Baumwolle. Populus tremula, die Aespe: Ersatzmittel für Baumwolle. Porte-epee, das (franz.), eigentlich Degengehenk, jetzt Degenquaste. Portiere, s. v. w. Türvorhang. Porto-Cabello, kolumhische Baumwollsorte. Porto-Cavallo, kolumhische Baumwollsorte. Portorico, westindische Baumwollsorte; weiss, ins Gelbliche, wenig glänzend, ziemlich kräftig im Faden. Portugal, Königreich auf der Pyrenäischen Halbinsel: in neuerer Zeit grosse Fortschritte in der Textilindustrie. Wichtig ist die Woll- und Seiden¬ industrie (letztere in Lissabon und Oporto), die Leinenweberei, Spitzenfabri¬ kation (Erzeugnisse, welche teils den spanischen ähnlich, teils in der Art der Malines gefertigt und grösstenteils nach Südamerika gehen) in Peniche, Villa do Conde, Vianna und die Anfertigung von Segeltuch. Porzellanspitzen, durchbrochenes Porzellan: mit Porzellanmasse getränkte, gewebte Spitzen, welche durch den Brand verzehrt werden, so dass das Spitzen¬ muster in Porzellan übrig bleibt. Posament (franz.: passement), Besetzung mit Schnüren, Borten und anderer Posamentierarbeit (franz.: passementerie; engl.: trimming). Posamentierwaren, Passamenten begreifen die Franzosen unter dem Namen passementerie, wovon die boutonnerie, d. li. Knöpfe aller Art, ein Nebenzweig ist. Sie umfassen eine grosse Menge verschiedener Artikel, welche teils zu Möbelbesätzen, teils zum Besatz von Kleidungsstücken aller Art dienen. Die vorzüglichsten sind die Tressen, Fransen, Schnüre, Gorl oder Gimpen (Agrements), Borten, Bänder und Troddeln. Das Material dazu ist Zwirn, Baumwolle, Wolle, Seide, echtes und unechtes Gold und Silber. Die Herstellung der P. geschieht teils durch Hand-, teils durch Maschinenarbeit. Der Posamentier stuhl oder Borten wirkerstuhl enthält die wesentlichen Teile des gewöhnlichen Webstuhles meist in etwas abgeänderter Form und ist zur Herstellung von Mustern mit entsprechenden Vorrichtungen versehen, oft auch mit dem Jacquardgetrieb verbunden. Aeusserlich unter¬ scheidet sich derselbe durch seine geringe Breite, da er nur zur Herstellung schmaler Arbeiten bestimmt ist. Ein Hilfsmittel der P. ist auch die Klöppel¬ arbeit. Der Ursprung der Posamenten sind die aus stehengebliebenen Ketten¬ oder Schussfäden gebildeten Fransen (s. d.), der später die gewirkte Besatz¬ borte gegeben wurde, wodurch teilweise auch eine Vereinigung von Fransen¬ borte und Quaste hergestellt wird, wie sie schon die geschmückten Figuren auf assyrischen Reliefs aufweisen (Abb. 28). Die freihängende Quaste, welche im Mittelalter an kirchlichen Gewändern erscheint, besteht dort zu¬ nächst aus losen, längeren farbigen Seidenfäden, denen zur Beschwerung und Vermeidung von Verwickelungen eine Kugel aus Bergkristall, Bernstein oder Metall als oberer beweglicher Körper eingezogen wurde: die erste Entstehung des später gedrechselten, tibersponnenen und überklöppelten Halters, dem der sogen. Mantel folgt. Die Quaste erfährt in der Renaissancezeit als Ecken der Kissen, für den Griff des Klingelzuges, als Schmuck der Möbel, als Zierat des Gespannes eine reiche Ausbildung. Die zierlichsten Quasten entstehen aus weissem Leinen in Italien; sie werden mit der Zeit grösser und schwerer aus Seiden- und Goldfäden hergestellt, ohne dass dann im Charakter wesent¬ liche Veränderungen eintreten. Vielseitiger gestaltet sLh die Quaste an der gewebten, geknüpften oder gewirkten Borte in Form der Franse. Im Mittelalter hängen die losen Seidenfäden lang in bunten Farbengruppen an ganz schmaler Borte herunter. Das 16. Jahrh. entwickelt an der breiteren Borte schmale Fransen aus langen Noppen, die sich lange, auch als oberer Abschluss erhalten (Abb. 241); bei länger herunterhängenden Fädenbüscheln kommt die sog. Knopffranse mit Zuhilfenahme der Knüpfarbeit (s. Macrame und Abb. 197) . zur Geltung; sie wird im 17. und 18. Jahrh. abgelöst durch Netzwerk, das geknüpfte Bällchen und Fransen dazwischen vereinigt und erweitert, wodurch
Potsdam. ein bis als mit 411 den Spitzen ähnliches Maschenwerk mit Fransen entsteht (Abb. 241 u. 242), sie fast in Schniirborten und Gehänge gesetzt (Abb. 243) ihren Charakter hängende Begleitborte aufgegeben hat. Im Orient ist die P. im allgemeinen der Netzarbeit (s. d.) verbunden, als selbständiges Produkt aber nicht so Abb. 241. vielseitig als in Europa ausgebildet. Schnur- und Bandposamenten werden in China und Japan als Behang der Tabakstäschchen, auch für Vorhänge des Hauses und der Tempel geknüpft und geflochten. (Vgl. Siegel, Zur Ge¬ schichte der Posamentiergewerbes [Annaberg 1892]; Dornbrach, Das Posa¬ mentierkunstgewerbe [Dresden 1894]). Abb. 242. Abbildungen: 241—243. Originalaufnahmen von Fransenborten des 17. und 18. Jahrhs. aus der Sammlung des königl. Kunstgewerbemuseums zu Berlin. Potsdam, Hauptstadt des gleichnamigen preuss. Beg.-Bez., erhält unter Friedrich Wilhelm I. (1718—40) Privilegien für Maulbeeranpflanzungen und Seidenindustrie, welche unter Friedrich dem Grossen erweitert werden, es ar-
Pottendorf—Pressen. 412 beiten 1749 in Nowawes bei P. gegen 200 Stühle für Seiden- und Sammet¬ weberei, deren Zahl sich noch bis 1780 ziemlich erhält; später geht die In¬ dustrie für Sammet und Seide zurück und bleibt beschränkt auf gewöhnliche Artikel. Pottendorf, Marktflecken in der österr. Bezirkshauptmannschaft Mödling, in Niederösterreich: Baumwollspinnerei und Zwirnerei (die erste der Monarchie, 1804 gegründet). Abb. 243. 1 Pottenkanten, Pöttges-Kanten, geklöppelte Spitzen aus Antwerpen um die Mitte des 18. Jahrhdts., auch dentelles de pot ä fleurs ein Blumentopf das immer wiederkehrende den Tulpenliebhabern Ornament bildete; in A. erschien davon ein Musterbuch, das zu Seltenheiten gehört. Pottuch, eine Art russischer Leinen, die über Petersburg in den Handel kommen. Poulangis, ein gewöhnlicher, geköperter Stoff aus Plachs- oder Hanfgarn und Wolle, welcher in Frankreich auch unter den Namen Berluche, Burn, Bellinges, Tiretaine u. s. w. verfertigt werden. Poult de SOie, seidener Pou oder Pout, ein schwerer, grosdetourartiger Seidenstoff mit einem erhabenen kleinen Korn, welcher zuerst in Holland, später in Krefeld, Berlin und Wien gewebt wurde. Pou de la reine ist ein ganz schwerer Seidenstoff. Poussin wird ein Muster der Spitzen von Dieppe genannt. Prag, Hauptstadt Böhmens: Baumwollspinnereien und Druckereien. Im Jahre 1767 wurde hier eine Spitzenschiüe gegründet, welche niederländische Ware nachahmte, ging aber bald wieder ein. Prato, Stadt in der ital. Provinz Florenz: Woll- und Baumwollspinnerei. Precieuse, moderner seidener Kleiderstoff in Taffetbindung, gestreift. Preetz, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Schleswig: Woll- und Baumwoll¬ weberei. Prerau, Stadt in Mähren: bedeutende Tuchweberei, Fabrikation von Seilerwaren. Prescot, Stadt in der engl. Grafschaft Lancashire: Baumwollspinnerei und Fabrikation von Segeltuch. Pressein, die Schnüre an Urkunden zum Anhängen des Siegels. Pressen von Zeugen geschieht in älterer Zeit durch heisse Metallmodel, jetzt durch gravierte kupferne Walzen. Das P. des Sammets wird im 16. Jahrh. in Italien und Spanien zuerst bekannt und von dort nach den Niederlanden überführt. Die Muster, auf Holz geschnitten, werden nach gewebten Stoffen kopiert, als Grundstoff nimmt man nicht selten die auf weiter geschnittener von 1600 bis genannt, weil sympathische den grössten
Pressnitz—Punto, 413 Fläche gerissenen roten Sammete mit Granatmuster und presst, ohne Rück¬ sicht auf dasselbe das der späteren Zeit darauf. (Ygl. Abb. 1 auf Tafel IV.) Pressnitz, Stadt in Böhmen: Spitzenklöppelei. Preston, Municipalborough in der Grafschaft Lancashire: ist seit dem Aufkommen der Baumwollindustrie (1777) Fabrik- und Handelsstadt. Es gibt hier und in der nächsten Umgebung über 200 Fabriken, meist Baumwollfabriken, dann Leinwandindustrie, ausserdem eine Tuchkalle. Preussen, Königreich : die Hauptsitze der Baumwollspinnerei und -Weberei finden sich im Rheinland und Schlesien, für Wolle hei Aachen und in der Niederlausitz, für Leinen bei Bielefeld und in Schlesien, für Seide in Krefeld und Elberfeld-Barmen. Ueber die Einführung der Seidenindustrie s. Berlin. Prexillas, Pressilles, spanischer Name einer gewöhnlichen Leinwand, welche aus der ersten Heede des Flachses gewebt wird. Printers (engl.), sind Drucktücher, d. h. baumwollener, glatter, ungebleich¬ ter Kattun, worauf später gedruckt wird. Prints ist der im überseeischen Handel gebräuchliche englische Ausdruck für alle feineren gedruckten glatten Baumwollwaren, die sonst auch Zitse, von dem ostindischen Chits stammend, genannt wurden: es sind heut bedruckte Kattunstoffe. Promenettes sind wollene Bänder aus Frankreich. Prossnitz, Stadt in Mähren: bedeutende Baumwoll-, Woll- und Leinen¬ industrie. Prunel, Prunelle (franz.), ein fester, atlasartiger Kammgarnstoff, ur¬ sprünglich aus Abbeville, Amiens und anderen Orten des Departements der Somme, in der Regel schwarz, zu Frauenschuhen und Möbelbezügen. (Vgl. Lasting, der dem P. ähnlich ist.) Prünell, Wollenstoff, woraus die Chorröcke der Geistlichen im Mittelalter gemacht wurden. Prusciin, älterer gestreifter Wollenstoff, dessen Grund kamelottartig ist. Prussian-Shawls, englische Bezeichnung für die in bunten türkischen Mustern auf baumwollenem Köper gedruckte Tücher mit Fransen. Prussienne, älterer bunt gemusterter Seidenstoff mit damastartigen Blumen aus Berlin, Krefeld, Wien u. s. w. In Frankreich kam der Stoff in besserer und schwererer Art unter dem Namen Peruvienne in Mode. Puglieser, s. neapolitaner Baumwollsorten. Pulvinar, das (lat.), ursprünglich das Götterpolster, der vor den Statuen und Altären der Götter bereitete, mit kostbaren Teppichen bedeckte Sitz der¬ selben, dann Lagerstätte oder Sitz der Kaiser und Kaiserinnen; im Mittelalter Polster. Pungees sind chinesische Tücher von unappretiertem Taflet. Punta de lana, im spanischen Handel ein geringer Wollenstoff. Puntas, im spanischen Handel die Kanten oder Spitzen. Die Puntas Gantes, welche Gent in grossen Mengen nach Spanien schickt, sind, sowie die Amberes, Encaxes de hilo de Alemania, oder erzgebirgisclie Spitzen (diese in älterer Zeit) ein dort beliebter Artikel. Puntas coxas nennt der Spanier die gröberen Sorten, Puntas de Lieja, die aus Lüttich. Puntas de Mosquito sind holländische, maschenartig gewebte Zwirnspitzen. Punto (ital.), Stich, Spitze; hiernach, wie im Französischen (s. point), die Bezeichnungen folgender Arten: Punto, in alter Zeit im Italienischen nicht Spitze, sondern ein Fadenkreuz bei gezählter Fadenstickerei. Punto a fogliami, eine Art der venetianiscken Reliefspitze mit Ranken und Blättern in weitem Netze. Punto agropo ist die geflochtene oder geknotete Spitze, welche der Macramearbeit gleicht. Punto a reticella, genähte und geklöppelte' Sternspitze des 16. und 17. Jahrkdts. Punto a rilevio, die venetianische Reliefspitze. Punto a spina, Name für Dorne oder Picots.
414 Purl—Pyroxylin Punto a vermi celli, grobe Art der venetianischen Reliefspitze, so benannt nach den Wülsten der Ränder, welche mit kleinen Würmchen zu verglei¬ chen sind. Punto burato ist eine grobe Spitze auf Kanevasgrund. Punto disfilato ist eine Netzspitze. Punto di Spagna wird in Italien eine Spitze bezeichnet, welche entweder in Spanien gemacht und nach Italien eingeführt oder umgekehrt. Punto fiamengo ist eine flämische Spitze. Punto in arcato, späterer Name der einfachen Bogensäumchen. Punto in aria, wörtlich Luftspitze, weil die Formen auf weitem Grunde frei liegen. Die Muster bestehen aus pflanzlichen oder auch figürlichen Orna¬ menten. Punto reale ist eine wirkliche Stickerei. Punto tagliato, eine in Doppeldurchbruch hergestellte Spitze, d. h. die Fäden werden in beiden Richtungen des Gewebes ausgezogen; die so ent¬ standenen Muster sind meist geometrischer Art, andere weiter ausgeführte nähern sich denen des point coupe, mit dem p. t. überhaupt gleich ist. Punto tagliato a fogliami, s. v. w. punto a rilevio. Punto tirato, einfacher Durchbruch, d. h. die Fäden werden nur in einer Richtung des Gewebes ausgezogen. « Purl (engl.), s. Bouillon. Purle oder perlle werden in England im Anfänge des 17. Jahrhunderts schmalere Zackenbesätze in Leinen, auch solche mit Gold und Silber genannt. Purpurstoffe und daraus gefertigte Gewänder behaupten im frühen Mittelalter unter allen farbigen Geweben die hervorragendste Rolle. Der Purpur nimmt in der Geschichte der Seide eine besondere Stelle ein. Als Erfinder der Purpurfärberei gelten die alten Phönizier, welche den Farbstoff aus drei Schneckenarten gewannen. Den P. nahm man übrigens nicht nur für einen bestimmten Farbenton an, sondern es waren dreizehn verschiedene Schattie¬ rungen davon bekannt; darunter werden ausser dem Violett und Rot auch Grün und Gelb genannt. Verschiedentlich, z. B. unter Konstantin, wurden die teuersten Arten des P., purpura blatta, oxyblatta, hyacinthina (Amethysty, Janting) und tyrica (doppelt gefärbter), den Untertanen verboten. In Byzanz gelangte die Purpurfärberei seit dem 9. Jahrhdt. zur neuen weltberühmten Blüte. Die Körperschaft der Purpurfärber (murile-guli) genoss weitgehende Privilegien, ihre Gewerbe waren indessen, was das echte Purpurverfahren an¬ langt, verstaatlicht und das Geheimnis des letzteren streng bewahrt. Infolge der strengen Massnahmen und des durch das Regal beschränkten Absatzes verliert die byzantinische Purpurfärberei nach und nach an Umfang und Be¬ deutung, um schliesslich im 12. Jahrhdt. gänzlich zu erlöschen. Put-Teppiche sind indische Knüpfteppiche aus feiner, weisser Unterwolle. Puttou, ein grobes tibetanisches, unweit Lhassa gefertigtes wollenes Tuch für China. Puy, Le, Hauptstadt des franz. Depart. Haute-Loire: berühmte Fabriken für Blonden und Spitzen, Handel mit Spitzen und Seidenwaren. P. ist be¬ züglich der Spitzenanfertigung schon in alter Zeit berühmt. Man vermutet, dass solche hier schon im 16. Jahrhdt. nach italienischen Vorbildern gearbeitet wurden. Sie wurden als Blonden aus Seide, sowohl schwarz als weiss, auch von Wolle, farbig und in Gold oder Silber hergestellt, endlich ahmte man auch die points de Fi*ance mit dem doppelten Grunde gern nach. Die Bezeich¬ nungen der Spitzen von P., welche teils geklöppelt, teils genäht waren, sind sonderbarer Art, wie z. B. l’Ave Maria, les Serpents, l’Echelle, le Pater u. s. w. In Le Puy wird nach Notizen von Semper und Silbermann eine wert¬ volle Sammlung mittelalterlicher Gewebe in Form von Schontüchern aufbewahrt (Bibel des Theodulfus), aus dem 9.—12. Jahrhdt., welche 55 chinesische, arabische und griechische, seidene und halbseidene Gewebe enthält. Pye, Pylaken, ein grobes, dicht gewalktes Wollentuch, welches in West¬ falen gewebt und in Sachsen und Holland von den Landleuten getragen wird. Pyroxylin ist Schiessbaumwolle.
Quadriga—Quinte?. 415 Q. Quadriga (lat.), vierspänniger Triumphwagen der alten Römer, als Stoff¬ muster dargestellt auf einem im Dom zn Aachen sich befindlichen Seiden¬ gewebe aus der byzantinischen Kunstepoche des 5.—8. Jahrhs. (Abgebildet auf Tafel II in Fig. 3.) Quadrillen-Atlas, früher ein vielfarbig gewürfelter Seidenatlas. Quadrillen-Taffet, ältere Bezeichnung für die heutigen sogen, schotti¬ schen Waren, d. s. Seidenzeuge mit karierten Mustern. Quadrilliert heissen gewebte Stoffe mit quadratischem Muster, dessen quadratische Felder von durchgehenden Längs- und Querstreifen gebildet werden, sowohl bei gegitterten als bei gewöhnlichen Stoffen (s. schottische Muster). Quadruples Silesias, im spanischen Handel eine weissgebleichte flächsene Leinwand aus Böhmen und Schlesien; ungebleicht heisst sie Brown-Quad r u p 1 e s. Quarantains, feine franz. Wollentücher, deren Kette nach alter Regel aus 4000 oder 40mal 100 Fäden bestehen muss, wovon sie den Namen haben; sie werden auch Quarantecentes genannt. Quartos nennt der Spanier den Ausschuss der feinen Wolle, die ge¬ wöhnlich nur halb so viel als Seguengas gilt; man nennt sie auch wohl Terceiras. Quast, meist Quaste (lat.: auriculus, bolhetus, floccus, honpeta, pendile, tasselus; franz.: boufette, campane, houppe; engl.: tassel, dag), ein durch Posa¬ mentierarbeit hergestelltes Gehänge aus büschelförmig zusammengebundenen Fäden oder zusammengerollten Fransen (s. Posamentierwaren). Quatre fils, mehrere Sorten franz. Segelleinen, welche wegen ihrer Güte und Haltbarkeit sehr geschätzt und auf den französischen und spanischen Kauffahrteischiffen verbraucht werden. Quedlinburg, Stadt im preuss. Reg.-Bezirk Magdeburg: Fabrikation von Tuch. In der Schlosskirche Teile eines deutschen Knüpfteppichs aus dem 11. Jahrh. Vgl. hierüber den Artikel Teppich. Queen-Cords sind veraltete, gerippte, schwere, baumwollene Zeuge, eine Art Manchester, die meistens nur zu Beinkleidern getragen wurden; man hatte davon im englischen Manufakturhandel viele Sorten. Quehle, altdeutsche Bezeichnung für Handtuch. Quezaltenango, Stadt in der mittelamerik. Republik Guatemala: Leinen-, Baumwoll- und Wollweberei. Quinet, Quinette, ein kamelottartiger Stoff, teils ganz aus Wolle, teils von Wolle und Ziegenhaaren, der zu Frauenröcken, Kamisolen und Futter ver¬ wendet wird. Quintain nannte man früher in Frankreich einen Leinwandgrund im point coupe. Quintes, Quintins, im französischen Handel die beste Leinwand aus Bretagnes. Qu int in hiess auch im Mittelalter ein feiner netzartiger Stoff aus Leinenfasern, er wurde als Grundlage für Netzarbeiten verwendet.
416 Rabat— Ramie. R. Rabat, Rebät, Rbät oder Arbet, Hafenstadt an der Westküste Marokkos: nächst Fez Hauptsitz der Industrie des Landes; es werden viel Teppiche, Mäutel (Haiks), Wollen-, Baumwollen- und Seidenstoffe gefertigt. Die hier erzeugten Knüpfteppiche (Zrbia) haben indessen keinesfalls die Bedeutung der¬ jenigen, welche vom 14. —17. Jahrh. in Marokko hergestellt wurden: sie ent¬ halten in grellen Farben und mittelmässigen Wollen geometrische Muster, welche in der Anordnung den Arbeiten aus Bochara und Turkmenen ähnlich sind, indessen durch ihre Unruhe sehr verlieren. Rabatue (toile), eine Gattung Leinwand aus Lyon, welche sehr leicht und dünn gewebt ist. RaCCOnigi, Stadt in der ital. Provinz Cuneo: Seidenkultur und Spinne¬ rei, Wollfabrikation. Raccort nennt man das Anschlussverhältnis mehrerer Rapporte. Rack, in der Tüllweberei die Stolflänge, die einer bestimmten Anzahl Schussbewegungen entspricht. Der R. zählt bei Tattings-Maschinen 240 Vorund Rückwärtsbewegungen der Schlitten, bei den Maschinen für glatten Tüll 720, bei den Twist-Lace-Maschinen 960 solcher Spiele. Radcliffe, Stadt in der engl. Grafschaft Lancashire: Baumwollweberei und Kattundruckerei. Radevormwald, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Düsseldorf: 5 Woll- und Baumwollspinnereien und Tuchfabriken. Rädlemodel in alten Musterbüchern s. v. w. Radmuster, womit die Reticellaspitze (s. d.) gemeint ist. Radzimir, moderner Stoff aus Seide in festem Taffetgewebe. Raffaels Tapeten werden die Arrazis oder Wandteppiche genannt, welche Papst Leo X. nach Kartons von Raffael in Brüssel für die Sixtinische Kapelle in Rom anfertigen liess. Die Bordüren dazu komponierte Giovanni da Udine. Die im Vatikan in einer eigenen Galerie aufgehängten Teppiche sind 22, aber nur 11 nach den Entwürfen R.s (7 von seinen Kartons kamen nach Schloss Hamptoncourt bei London und befinden sich jetzt im South Kensington-Museum); die Teppiche wurden 1527 nach der Plünderung Roms durch das Heer Karls von Bourbon und 1798 von den Franzosen genommen, 1555 und 1808 aber wieder zurückgekauft (s. Wandteppiche). RagUSa, Hauptstadt gleichnamiger Bezirkshauptmannschaft in Dalmatien: war im Mittelalter bis zum 17. Jahrh. Mittelpunkt einer bedeutenden Industrie und Handelsplatz. Die Spitzen aus R. werden schon frühe neben veneziani¬ schen und genuesischen Arbeiten genannt; indessen ist eine bestimmte Art heute nicht mehr festzustellen. Rahmen (lat.: coronix ; franz.: cadre, encadrement; engl.: frame), zur Renaissance und Barockzeit in Nachahmung der plastischen Arbeiten vielfach in Reliefstickereien und Aufnäharbeiten (s. d.) vorkommend. Ramagemuster, in der Weberei Bezeichnung für kleine Streumuster aus verschiedenartigen geometrischen Figuren. Ramassierschnur, Gavasinschnur, Vorrichtung am Seidenwebstuhle. Ramen, Coton de Rames, gewöhnliche oder starke Baumwollgarne, die ihren Namen von der Stadt Ramlah in Palästina haben und welche früher nach Marseille in den Handel kamen. Ramie, auch Rame, s. Chinagras. In China wird die R. noch heute auf eine den Europäern resp. Fremden nicht zugänglich gemachte, aber manuelle Art zu feinen Gespinsten und Geweben verarbeitet. In Europa bot früher die Verspinnung grosse Schwierigkeiten, die erst allmählich durch Erfindung von Maschinen gehoben sind. (Vgl. Michotte, Traite scientifique et industriel de industriel de la ramin, Paris 1891.)
Rammeldamast—Ravenna. 417 Rammeldamast (franz.: damasquette; engl.: Venetian-stuff). Seidenstoff aus dem 16. Jahrh. Ränderstuhl, Wirkstuhl, welcher ausser der gewöhnlichen Nadelreihe noch eine zweite, der ersteren entgegenstehende, Nadelreihe enthält zur Herstellung von Ränderwaren. Rappoltsweiler, Stadt im Bezirk Obereisass: Baumwollwebereien und Kattunfabriken. Rapport (vom franz.), die regelmässige Wiederkehr einer Figur oder Figurengruppe in einem gewebten, gestickten, gedruckten Muster; beim Zeug¬ druck auch das richtige Aufeinandertreffen der verschiedenen nacheinander abgedruckten Formen, für welches die Rapportstifte dienen. (Vgl. Passer¬ formen.) Rasch (franz.: rass oder raz; ital.: raso), im allgemeinen mehrere Sorten gewöhnlicher, geköperter Kammgarn-, auch Streichgarnzeuge, welche entweder glatt gepresst sind und keine Haare auf der Oberfläche haben, teils aber wollig und ungeschoren sind, auch keine Walke erhalten und je nach ihrer Zurichtung ver¬ schieden benannt werden. Früher war R. sehr gangbar zu eigentlichen Kleidungs¬ stoffen, worin er jetzt durch andere wollene und halbwollene Stoffe, wie Merino, Neapolitaine, Bombasin, Kassinet u. s. w. ersetzt wird. Sogen. Tuchrasch oder Krämpelrasch heisst auch Cadis oder Cadis ras. In Frankreich kennt man auch seidene und halbseidene Rasche. Florentiner R. ist ein ganz feiner geköperter Wollenstoff. Velours raz heisst an vielen Orten der unaufgescknittene Sammet. Raso ist in Italien die allgemeine Bezeichnung für den seidenen Atlas. Razetto ist halbseidener italienischer Tapetenatlas. Rasetti di Cipro die leichten, dünnen A. aus Cypern. Der Name, früher auch arras, arrasium lautend, ist von Arras abzuleiten. Zur Zunftzeit bildeten die Raschmacher eine eigene Gruppe der Wollenweber. Raschau, Dorf in der sächs, Kreishauptmannschaft Zwickau: Spitzen¬ klöppelei und Posamentenfabrikation. Rasenleinen, feines weisses L., das seinen Namen davon hat, weil es auf dem Rasen gebleicht ist. Ratines (Ratines, Rateens), sind friesartige, geköperte Wollenzeuge, deren Haar nicht nach dem Strich gelegt, sondern auf besonderen Maschinen frisiert, d. b. gekräuselt oder geknötelt worden ist. Ratines drapees, R. appretees en drap heissen die franz. wie Tuchrasch, aber fester gewalkten R.-Stoffe. Ratiniermaschine oder Frisiermühle, mechan. Vorrichtung zum Ratinieren (franz.), d. h. zum Zusammenknoten der Härchen bei tuchartigen Stoffen, welche als Ratine bezeichnet werden. Rationale (lat.) Pastorale, ein Prachtstück bischöfl. Messkleidung. Ein Brust- und Rückenstück von kostbarem gesticktem Stoff ist durch Schulter¬ stücke verbunden. Das R. ist nicht mehr in Gebrauch. Ratti-Coatings sind gewöhnliche, geköperte Wollenzeuge. Ratzebuhr, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Köslin: Tuchfabrikation und W ollspinnereien. Raufwolle ist Sterblings- oder Gerber wolle, d. i. Schafwolle von toten Tieren. Raumois sind gewöhnliche ungebleichte französische Zwilliche aus der ersten Heede des Flachses. Raupenseide, geringe, aus dem Gespinst anderer Raupen als des Seiden¬ wurmes gewonnene Seide. Rauschen, den Golddraht für Gewebezwecke durch die Walzen gehen lassen. Rauschtaffet, moderner Kleiderstoff aus Seide und Baumwolle in schrägen, abgesetzten feinen Köperstreifen gemustert. Rautenstich, ein Stickstich, welcher kleine Vierecke bildet. Ravenna, Hauptstadt der gleichnamigen Provinz im Königreich Italien: Seidenbau, Seidenspinnerei und -weberei. Heiden, Handwörterbuch der Textilkunde. 27
418 Ravensberger Leinen—Regensburg. Ravensberger Leinen sind mehrere Gattungen westfälischer fester L., die unter den Namen bielefei der, herforder, holländische und warendorfer L. nach allen Ländern versandt werden. Ravensburg, Stadt im württemb. Donaukreis : Flachs- und Hanfspinne¬ reien, Baumwoll- und Leinenwebereien, Färbereien und Bleichereien. Ravenstuch, Ravendoek, eine starke, dicht gewebte, ungebleichte Lein¬ wand, welche in verschiedenen Provinzen Russlands gemacht und über Peters¬ burg in den Handel gebracht wird. Sie ist leichter und feiner als gewöhn¬ liches Segeltuch und daher nur zu Topp-, Boots- und anderen kleinen Segeln brauchbar. Der Name kommt vom Reffen oder Zusammenbinden des Segels; die breite gewöhnliche Sorte heisst in Petersburg Wlamek. Rayiert (vom franz. raye, gestreift) sind Garne, die streifenweise in ver¬ schiedenen Farben gefärbt sind, dementsprechend gibt es seidene Modestoffe mit Rayestreifen. Raypour, ostindische Seide. Reading, Stadt in der engl. Grafschaft Berkshire: Fabriken von Segel¬ tuch, Sackleinwand, Sammet und seidenen Bändern. Reading, Stadt im norclamerik. Staate Pennsylvanien: Woll- und Baum¬ wollindustrie. Realtuch, Royaltuch, ältere Bezeichnung der feinsten Sorten breiter märkischer Tuche. Rechen, Vorrichtung am Webstuhl, welche den Schützen hin und her treibt. Recouvees (toiles crues), eine Art roter Creas aus Bretagne. Redekamm, s. Riet. Redo (lat.), dicker Wollenstoff für die Sattelunterdecke der Pferde. Redordiendi (ital.), seidene Strähnen zu entzwirnen, wie es nach den Berichten von Plinius die Frauen im alten Rom an chinesischen Gewändern taten, um die Fäden neu zu verweben. Reels sind bunt gestreifte sächsiche Zwilliche. Gewöhnlich ist diese Ware blau und rot gestreift, auf einem hellen oder dunklen Grunde; die blauen und roten Streifen sind teils von Baumwolle, teils von Seide, das übrige Leinen. Refe, im italienischen Handel der Zwirn. Refin, im franz. Wollhandel die allerfeinste Sorte Wolle einer besonderen Gattung, z. B. R. Segovie, die feinste Segoviana u. s. w. Refleuret, im franz. Wollhandel die Sorte Wolle, welche auf die sogen. Prime folgt. Doch gilt dies nur in Ansehung der kastilischen und aragonischen W. Bei der aus Roussillon versteht man die feinste Sorte. Reformees, Toiles reformees, eine Gattung gesuchter Segelleinen aus Frankreich. Regatta, moderner Anzugstoff, drellartig, aus Leinen und Baumwolle gewebt, gewöhnlich blau und weiss gestreift. Regencestil, in Frankreich unter der Regentschaft des Herzogs von Orleans (1715—1723) ein Uebergangsstil, welcher die etwas steifen älteren Formen lockert, aber noch nicht der völligen Willkür des Rokoko verfällt. Von grossem Einfluss auf seine Ausbildung ist die Tätigkeit des Hofbaumeisters Gilles Marie Oppenort, der seine Studien in Rom machte. Das Stoffmuster wird wenig davon berührt: nur vereinzelt kommen Gewebe vor, deren Zeich¬ nung an jene zierlichen Ornamente erinnert, wie sie in vielen Holzschnitzereien dieser Zeit auf uns gekommen sind. (Abb. 244.) Abbildung: 244. Darstellung aus: Cox, l’art de decorer les tissus d’apres les collections du musee historique de chambre de commerce de Lyon PI. LXX: Seidenbrokat, Gruud weisser Atlas, Muster Silber und etwas Gold: Zierliche Ranken sind zu Zickzack¬ bändern gelegt, dazwischen Palmetten. Frankreich Anfang 18. Jahrh. Regensburg, Hauptstadt des bayr. Reg.-Bez. Oberpfalz: war im 2. Jahrh. n. Chr. Handelsplatz. Unter den Agilolfingern wurde es Hauptstadt Bayerns.
Reggio nell’ Emilia—Reichenberg. 419 Nach der Entsetzung dieser Dynastie (788) erhielt es die Benennung einer Kgl. Stadt. 739 wurde das Bistum B. durch Bonifacius gestiftet. Vom 11. bis 15. Jahrh. war R. eine der blühendsten und volkreichsten Städte Süd¬ deutschlands. Die Handelsstrassen nach R. nehmen von Venedig aus unter Heinrich II. (1000) und dem Schutzrecht Papst Urban II. (1095) ausserordent¬ liche Belebtheit an. Seit dem 10. Jahrh. fördern die Züge Otto des Grossen die Beziehungen mit Italien, wie den reichen Zufluss von Seidengeweben nach Deutschland. Im Jahre 1314 soll R. von Lucca aus die Seidenweberei er¬ halten haben; doch wird angenommen, dass in R. schon im 10. Jahrh. Halb¬ seidengewebe nach orientalischen Mustern hergestellt wurden. Abb. 244. \ ; yv -. ....... SW ' . -tx s)0> v-v -w ■steS&i.z v Cw. .•'V ‘ ;; y C<t/ fr.fr j^S:70 :A> C & V3 ...... ^ sSSjÖS'-’ ä, 41#, SäK* >. tu K m Reggio nell’ Emilia, Hauptstadt der gleichnamigen Provinz im König¬ reich Italien: ansehnliche Seiden- und Bandweberei und Handel mit solchen Erzeugnissen. Regnie, Regny, Reygnie, sind gute und dauerhafte Leinen, die im gleichnamigen Dorfe im franz. Depart. der Rhone aus feinem Hanf geweht werden. Regulator, Vorrichtung am Webstuhl; er besteht aus einem Räderwerke, das mit dem Brustbaum in Verbindung steht und durch welches das Auf¬ wickeln des Zeuges entsprechend der Geschwindigkeit des Webeprozesses be¬ wirkt wird. Rehna, Stadt in Mecklenburg-Schwerin: 2 Tuchfabriken. Reichenau, Dorf in Sachsen (Amtshauptmannschaft Zittau): bedeutende Textilindustrie. Reichenau, Stadt in Böhmen: k. k. Webeschule; Tuch-, Baumwoll- und Leinenfabriken, Streicbgamspinnerei. Reichenbach, im Vogtland (Amtshauptmannschaft Plauen): Hauptzweige der Industrie sind Fabrikation wollener und baumwollener Waren, Bleicherei, Appretur, Färberei, Kammgarn- und Streichgarnspinnerei, Wollkämmerei und -Wäscherei (zus. etwa 150 Firmen). Reichenberg, Stadt in Böhmen: Hauptgegenstand der Industrie der Stadt und ihrer Umgebung (die Dörfer Rochlitz, Katharinenberg, Proschwitz, Maffersdorf u. s. w.) ist Fabrikation von Tuchen, Schafwollwaren, Teppichen und Wollwaren. Die Tuchfabrikation war schon zu Anfang des 15. Jahrh. ein¬ gebürgert; 1605 wurde die erste Färberei errichtet. Die Schafwollindustrie hob sich schnell, seit J. G. Berger 1798 die erste Fabrik erbaute und 1806
420 Reichskleinodien— Reinigen. die ersten Maschinen aufstellte, hauptsächlich aber durch die Errichtung der J. Liebiegschen Fabrik. R. liefert jährlich Tuch im Wert von mehreren Mil¬ lionen Gulden. Fachschule für Weberei, 1852 errichtet. Das Nordböhmische Gewerbemuseum, gegründet 1873, Direktor: Dr. Gustav Pazurek, besitzt eine umfangreiche geordnete Stoffsammlung. Reichskleinodien, die bei der Krönung der römisch-deutschen Kaiser gebrauchten Abzeichen der Kaiserwürde, ursprünglich in der Krönungsstadt Aachen, später teilweise in Nürnberg verwahrt, seit 1797 in der k. k. Schatz¬ kammer in Wien, worunter sich das priesterliche Krönungsornat befindet, dessen Gewänder reich gestickt sind. Die einzelnen Stücke stammen aus verschiedenen Zeiten, die gewebten und gestickten Stoffe sind Arbeiten von Sarazenen auf Sizilien (s. Palermo und Stickerei). Das prächtigste Stück darunter ist der Krönungsmantel von halbrunder Form, der auf purpurroter Seide in Gold und Perlen gestickt ist und eine symbolische Darstellung von Tierfiguren unter dem heiligen Baum enthält; derselbe ist 1183 gearbeitet. Vgl. Bock, die Kleinodien des heiligen römischen Reiches deutscher Nation, Wien 1860. Reihenweis versetzt ist ein Stoffmuster, wenn seine Figuren so abwech¬ seln , dass unter der Mitte von Endigungen derselben sich die Achsen der nächsten Reihe befinden. Reims, Hauptstadt des gleichnamigen Arrond. im franz. Depart. Marne: bedeutende Textilindustrie in sogen. Reimser Artikeln: Tuch, Flanelle, Meri¬ nos, Decken, Strümpfe und andere Wollwaren. In R. und Umgegend richtete Colbert die Spitzenindustrie mit Hilfe flamändischer und venezianischer Ar¬ beiterinnen ein; man arbeitete bis etwa 1675 nach italienischen Vorbildern, die point de France genannt wurden. Reinerz, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Breslau: 2 private Webeschulen und Handweberei. Reines Fach nennt man es in der Weberei, wenn Ober- und Unterfach zwei vollständige Ebenen bilden und keine Fäden des oberen in das Unterfach hineinhängen. Reinigen, konservieren von älteren Textilien hat Museen und Sammler sehr beschäftigt, seitdem die Grabfunde aus Oberägypten (s. koptische Textil¬ funde) das wertvollste Material für die Geschichte der Textilkunst zutage fördern, welches ohne vorherige gründliche Säuberung nicht zu bearbeiten ist. Nicht nur der durch Einbalsamierung und Zersetzung des Leichnams entstandene süsslich-widerliche Geruch macht den Umgang damit unerträglich, sondern auch der mit Feuchtigkeiten durchsetzte Staub lassen die den Stoffen erhaltenen Muster gänzlich unkenntlich erscheinen. Mehr oder weniger haben auch die Stoffe selbst darunter gelitten: Leinen und Baumwolle weniger, Wolle infolge seiner Aufnahmefähigkeit aller feuchten Elemente am meisten, und Seide seiner Zartheit wegen nicht minder. Alle diese Textilien reinigt man am besten ohne alle Ausnahme mit kaltem Wasser, das je nach dem Zustande der Gegen¬ stände mit Karbol, Benzin, Salmiak oder Lysol in geringem Masse ver¬ mischt werden kann. Die Reinigung der Seidenstoffe hat natürlich mit grösster Vorsicht und im einzelnen zu geschehen, während man für die gröberen und grösseren Stücke ein gemeinsames ordentliches Wannenbad be¬ reiten kann, das durch Zu- und Abfluss verbrauchten und reinen Wassers regulierungsfähig sein muss. Mit dem Abtrocknen verbindet man am besten das Glätten der Stoffe zwischen grobem Fliesspapier. Auf hängen und Wasser¬ ablauf ist dem Zustande der Stücke nicht förderlich; grössere Tücher oder Gewänder können vor der Behandlung mit Fliesspapier durch weiche Frottiei’stoffe abgetrocknet werden. Seidene Zeuge werden am zweckmässigsten auf einer stumpfen Glasplatte mit dem Betupfen durch einen Schwamm behandelt; erträgt es die Faser, so ist dienlich, dem Wasser etwas Seifen- oder Fettgehalt zuzuführen, um den Stoff für das Ziehen nach der Achse beweglicher zu machen. Zur Ablösung des Schmutzes muss das Gewebe der Bindung nach mit dem weichsten Schwamm bestrichen werden. Die Unterlage der Glasplatte wird die Abspülung durch klares Wasser wesentlich erleichtern, sie ist bei
Reiterfiguren im Stoffmuster—Renaissance. 421 Seidenstoffen um so wichtiger, als dadurch das spätere Ausschwitzen des Salz¬ gehalts vermieden wird. Allen gereinigten Stoffen ist ein einmaliges festes Anpressen und leichtes Plätten zwischen Papier und Leinenstoffen von grossem Nutzen, indessen soll das Trocknen derselben nur mit leichter Bedeckung ge¬ schehen. Festere Stoffe bewahren die Museen gewöhnhlich aufgenäht auf Leinen in leichten Holzrahmen auf, ebenso leichtere Gewebe, welchen man zum Schutz der rechten Seite Gelatinepapier überlegt. Sehr brüchige Seidenstoffe bewahrt man am besten zwischen zwei dünnen Glasplatten. Vgl. auch: Fr. Rathgen, Die Konservierung von Altertumsfunden, Berlin 1898, S. 131. Die Reinigung grösserer Textilien, wie der Wandteppiche und dergleichen künstlerische Ausstattungen des Wohnraumes steht oft im Zusammenhänge mit einer Aus¬ besserung derselben, die am besten von sachkundiger Hand geschieht. Für Gobelins und Verwandtes hat in neuer Zeit die besten Erfolge aufznweisen die Berliner Gobelinmanufaktur von Ziesch & Co., welcher u. a. auch die Wieder¬ herstellung der berühmten Wandteppiche (s. d.) aus den kgl. preuss. Schlössern in vorzüglicher Weise gelungen ist. Vgl. W. Ziesch & Co., Berlin SO., Anleitung zur sachgemässen Behandlung alter echter Gobelins und Paul Hirschfeld, Ueber die Kunst der Gobelinweberei, zur Erinnerung an das 25jährige Bestehen der Berliner Gobelinmanufaktur W. Ziesch & Co., Berlin 1904. — lieber das Reinigen und Ausbessern von Spitzen vgl. Tina Frau¬ berger, Handbuch der Spitzenkunde, Leipzig 1894, S. 199 ff. Reiterfiguren im Stoffmuster erscheinen im frühen Mittelalter, besonders auf Geweben der sassanidischen Periode des G. — 8. Jahrh.; gleichzeitig auch a\if Wirkereien, die aus koptischen Funden (s. d.) stammen. Zunächst sind es Könige, welche dargestellt werden, deren Bezeichnung nach bestimmten Perioden möglich ist durch den Kopfschmuck im Vergleich mit sassanidischen Münzen. Andere R. sind durch beigegebene Attribute auf Darstellungen von Märtyrern zurückzuführen. (Vgl. den Artikel Georg und die Abb. 1 auf Taf. H, 3 und 7 auf Taf. I, ferner Abb. 167.) Reliefspitzen (ital.: punti a rilievo), venezianische Spitzen mit erhabenen oder auch völlig frei geai’beiteten Blumen. Reliefstickerei, s. Stickerei. Reliquienhüllen, d. s. Umwickelungen von Knochenresten heilig ge¬ sprochener Märtyrer, haben für die Geschichte der Textilkunst insofern Be¬ deutung, als uns in ihnen gewöhnlich die Muster jener Zeit der Heiligsprechung enthalten sind: viele der frühmittelalterlichen Beläge für Kunstweberei ver¬ danken wir ihrer Erhaltung. Remise, le (franz.), am Webestuhle die Gesamtheit der Schäfte ein¬ schliesslich der Vorrichtung zum Aufhängen derselben. Rempli, le (franz.), das Herstellen der Füllmuster in den Hauptformen der Nähspitzen. Renaissance (franz.), (ital.: il rinascimento; engl.: renaissance, revival style), die Wiederaufnahme oder „Wiedergeburt“ der antiken Kunstformen. In der allgemeinen Kunstgeschichte als die „Kunst der neueren Zeit“ be¬ zeichnet, beginnt in Italien bereits im Anfänge des 15. Jahrh., in Deutschland erst 100 Jahre später. Mit der Wiederaufnahme des Quellenstudiums der ur¬ sprünglichen Werke antiker Kunst kehrt man gleichzeitig zur Beobachtung der Gebilde in lebender Natur zurück, und diese Vereinigung beider Elemente führt zu einem höchst geistvollen Ganzen, dessen WTesen sich in knapp be¬ messenen und dem Gegenstand zierlich angepassten Formen äussert. Der eigentliche Ursprung dieser Umbildung der Formensprache in der Kunst ist in allgemeinen äusseren Zuständen jener Zeit zu suchen, worauf zunächst die Kirche von bedeutendem Einfluss war. Um die Wende vom 12. zum 13. Jahrh. hatte die religiöse Begeisterung ihre stärkste Machtentfaltung erreicht: sie erfüllt alle Gemüter und bestimmt alle Handlungen , sie findet in den Kreuz¬ zügen — deren letzter in das Jahr 1270 fällt — ihren deutlichsten Ausdruck. Eine Gegenströmung macht sich zunächst seitens der weltlichen Herrscher geltend, welcher die geistige Auflehnung Einzelner folgt als Vorboten jenes
422 Renaissance. tieferen ernsteren Umschwunges, der auf eine Erneuerung des religiösen Lebens drang und schon im späten Mittelalter anfängt, sich auch im künstlerischen Leben zu äussern. Der Trieb nach Freiheit und Selbstbestimmung findet aber noch weitere Nahrung durch andere grosse Ereignisse, wie sie in der Erfindung der Buchdruckerkunst, in der Entdeckung Amerikas, sowie auch in der Erobe¬ rung Konstantinopels durch die Türken die Zeit bewegten, welche einen Strom griechischer Bildung nach dem Abenrilande führte, der dem dort lebhaft er¬ wachten Sinn für die Antike reiche Nahrung zutrug. In Italien, wo die nordische Gotik geleistet hatte, was sie zu leisten ver¬ mochte, bedurfte es keiner übergrossen Begeisterung für die Antike, um mit den mittelalterlichen Traditionen zu brechen, denn — wie Wilhelm Liibke sagt — „so tief lag der Geist der antiken Kunst noch immer im Genius des Volkes, so eindringlich predigten die Denkmäler, selbst in arger Verstümme¬ lung, ihre unvei'gängliche Schönheit.“ Die erste Periode der neu erstandenen Kunst, die it ali e n i s ch e F rüh¬ re naiss an ce (1420 —1500), ist in der Architektur charakterisiert durch freie Aufnahme antiker Formen und Vermischen mit mittelalterlichen Elementen: es ist die Zeit der ungebundenen Schaffens¬ lust, die sich durch Frische und Unmittel¬ Abb. 245. barkeit auszeichnet. Die italienische Hochrenais¬ sance (1500—1550) basiert auf einem gesichteten Studium der Antike; letztere wird streng nachgeahmt. Das Ornament bekommt einen grösseren Massstab und ein besseres Verhältnis zum Ganzen, ver¬ liert aber an Frische und Zierlichkeit; es strebt mehr nach lebhaftem Ausdruck und malerischer Wirkung. Die deutsche Kenaissance bildet sich in dieser Zeit zugleich mit der französischen, indem um das Jahr 1520 die Formen der italienischen Re¬ naissance einen allgemeinen und schnellen Eingang finden. Die Spätrenaissance (1550 bis 1700) geht in allen Kulturländern ziemlich gleichartig weiter in dem Be¬ streben , clnrch Fülle und Pracht starke Eindrücke hervorzubringen, und entwickelt sich im 17. Jahrh. zum Barockstil (s. d.). Die technische Ueberlieferung des Mittelalters bildet die Renaissance in allen Zweigen des Kunsthandwerks zur höch¬ sten Vollkommenheit aus, wobei den tex¬ tilen Künsten hinsichtlich der gänzlich neuen Umgestaltung der Innenräume grosse Aufgaben zufielen. Vor allem gibt neben dem Holzgetäfel in be¬ scheidener Höbe der Wand einen Teil des Schmuckes der gewebte Stoff. Genua, Venedig und Florenz stellen Tapeten aus Sammet, Seide, Gold- und Silberfäden her, welche als Füllung zwischen die Pilaster mit kleinen Säulchen eingelassen werden; ihre Muster sind zu diesem Zwecke eigens ohne seitlichen Ansatz komponiert, weil ihre Wirkung nur auf eine Bahnbreite berechnet ist (Abb. 245). Ueber dem Getäfel erheben sich in grösseren Prachträumen herrliche Teppiche in Hautelisseweberei, deren Musterung im Sinne altpompejanischer Wandmalereien den Blick weit aus dem begrenzten Raum hiuausführen in blumenbekränzte Hallen (Abb. 246). Ebenso dienten Gobelins, Stickereien und gewebte Stoffe als Vorhänge vor Türen und Fenstern, in welcher
Renaissance 423 Abb. 246. Verwendung sie oft nur eine Fortsetzung der Wandbekleidung waren. Auch sonst wurde mit Teppichen und allerlei Geweben im vornehmen Hause ein ffirTrmri l ''äff Fa 91 Jr jKt’ m "w-fräsa f£rt !• 'birafrff*4 grosser Luxus getrieben. Reich gestickte Decken in Stramin und Aufnäharbeit aus Tuch, Sammet und Seide (Abb. 247) hingen von einfacheren Tischplatten bis auf den Boden hinab. Die Verbindung der italienischen Seestädte mit dem
424 .Renaissance. Orient kam der Vorliebe für orientalische Knüpfteppiche und Textilien anderer Art zu Hilfe. Wenn auch die oberitalienischen Städte kostbare Artikel in Sammet, Seide und Brokat lieferten, welche als Handelsartikel durch alle Lande gingen, so konnten doch dem echt künstlerischen Geschmack, wie er dem 16. Jahrh. eigen war, die dekorativen Vorzüge der orientalischen Original¬ stoffe nicht entgehen. Derselbe Geschmack ging auch nach dem Norden hinüber; wie sehr er hier blühte, zeigen uns die Bilder Holbeins und holländischer Maler dieser Zeit. Die Sitzmöbel, welche im Mittelalter nur mit Decken oder losen Kissen belegt waren, erhielten eine feste Polsterung, die nächst dem Leder auch aus gewebten und gestickten Ueberzügen bestand. Die Kissen kamen Abb. 247. dabei aber nicht aus der Mode, sondern finden auf Bänken und Truhen noch reichlich Verwendung. Gelegenheit zur textilen Ausstattung bot das Bett der Renaissance, das im vornehmen Haus als ein Kunstwerk und Schmuck der Wohnung betrachtet wurde. Es behielt seine Gestaltung als Himmelbett von früher her; nur die Ausbildung war freier und künstlerischer. Ein aus Sammet und Seide bestehender Baldachin, der auf der unteren Seite bestickt war, ruhte auf vier karyatidenartig oder als Säulen gestalteten Pfosten; schwere Vorhänge schlossen rings die vier Seiten ab und waren mit Fransen oder Gold- und Silberspitzen garniert. Gestickte Decken lagen über den Kissen, seit dem Ende des 16. Jahrh. aber auch Spitzendecken der kostbarsten Art von der ganzen Länge und Breite des Bettes. — Das Webemuster der Frührenaissance bleibt von antiken Elementen
Renaissance. 425 so gut wie unberührt, es behält vielmehr das Granatapfelmuster (s. d.) Geltung, das sich erst am Anfänge des 16. Jahrh. allmählich zur gebundenen Palmetten¬ bildung schliesst (Abb. 105), dem sich vereinzelt, wenn die spätgotische Rose mit Blattwerk und Strauss aufwächst (Abb. 102), die Vase in spitzovalen Feldern einordnet (Abb. 5, Taf Y). Die spitzovalen Felder werden zunächst gebildet aus breiteren Flechtbändern, welche durch Knäufe verbunden sind. Dieser allgemeine Typus des Renaissancestoffmusters macht bis zum Barockstil viele Wandlungen durch, worin bald die Vase mit reich entwickeltem Strauss aus orientalisierenden Blumen (Tul¬ pen, Nelken) vorherrscht und die Abb. 248. früher festere Bandeinschliessung sich lockerer aus Blättern und Ranken gestaltet (Abb. 248), eine Art der Mustergebung, die gleich¬ zeitig in Italien und Spanien ver¬ treten ist. Daneben sind Stoffe erhalten, deren Zeichnung auf freie¬ ren, rein italienischen Ursprung schliessen lässt, denn ihre Einzel¬ heiten: die Maske (Abb. 249), der Delphin (Abb. 250), der Akanthus (Abb. 6 auf Taf. Y), die gebuckelte Yase, dazwischen Greifen und ge¬ flügelte Vogelgestalten (Abb. 245) verraten das antike Element. Wie weit bei diesen Stoffen der Re¬ naissance neben Italien andere europäische Länder, wie Frank¬ reich, die Niederlande u. s. w. an der Fabrikation beteiligt sein mö¬ gen, wird kaum mit Sicherheit festzustellen sein, weil Material, Technik und Musterung zu dieser Zeit mehr oder weniger auf ita¬ lienische Einführung zurückzufüh¬ ren sind. Eine Ausnahme hiervon macht Spanien, das seine mauri¬ schen Elemente lange Zeit hindurch im Stoffmuster bewahrt. Auch technisch ist eine Gruppe von Geweben besonders gekenn¬ zeichnet. Dieselben bestehen ge¬ wöhnlich aus festem rotem (seltener grün) Seidengrund, der mit feinen ge¬ zogenen Gold- und Silberfäden durchwirkt ist; das Muster selbst ist weiss mit Silber und gelb mit Gold und enthält in spitzovalen Feldern aus ge¬ schuppten Bändern (Abb. 251) oder spitzigen Blättern (Abb. 252), spitzovale Palmettenblüten, die den frühorientalischen Ursprung nicht verleugnen können. Ferner sind Verbindungsranken und das Füllwerk im Charakter der Arabesken, sowie einzelne gewürfelte Flächen innerhalb der klar abgesetzten Figuren bezeichnend für die spanische Herkunft. In gleicher Technik sind aus Spanien wieder Muster mit der Blumenvase in geschlossenem spitzovalem Felde erhalten; immer aber wird die strengere Formengebung darin sich unterscheiden von der weichen Linienführung des italienischen Zeichners. Eine durchgreifende Aenderung im Stoffmuster vollzieht sich nach der Mitte des 16. Jahrhts., wozu die Einführung der spanischen Tracht beiträgt. Während man früher keinen Unterschied zwischen dem Muster für die Tapete und dem des Gewandes machte — noch Crivelli malt eine Venezianerin im eng anschliessenden Kostüm, das aus grossem Granatapfelmuster geschnitten ist;
426 Renaissance. vgl. Abb. 108 — scheidet inan jetzt zwischen Kleider- und Tapetenstoff. An¬ fangs gestalten sich die bisher üblichen Muster aus spitzovalen Feldern mit Vasen (Abb. 253) oder Palmettenblüten (Abb. 58' u. 225) kleiner; nur dass in Abb. 249. letzteren öfter die Mittelfiguren in der Richtung wechseln, in stilistischer Erkennt¬ nis, dass das Muster des Kostüms nicht an ein Oben und Unten gebunden ist. Gegen Ende des 16. Jahrh. hört die Teilung in den Kleiderstoffmustern auf, es erscheinen kleine Palmetten (Abb. 1, Abb. 250. 3, 11 auf Taf. Y) und geometrische Figuren, die reibenweis versetzt sind, und im 17. Jahrh. beherrscht das Streu¬ muster aus kleinen Blütenzweigen dieses Gebiet (Abb. 254 u. 255) der textilen Fläche. Die Technik der Sammet¬ weberei steht in der Renaissaucezeit auf höchster Stufe. Sowohl die Tapeten¬ stoffe mit ungeschnittenen und geschnit¬ tenen Flächen auf Atlas- und geripptem Seidengrund, wie auch die kleinmusterigen Zeuge bringen in vielseitiger Ab¬ wechselung reizvolle Muster zur Dar¬ stellung. Die Verwendung von Goldund Silbergespinst in gezogenen und übersponnenen Fäden erhöht die Wir¬ kung, wobei jedoch nirgends durch über¬ mässige Vergeudung des glänzenden Ma¬ terials die Grenzen der Vornehmheit im Charakter des Ganzen überschritten sind. Auch die stumpfen Grundgewebe der
Renaissance Abb. 251. Abb. 253. 427 Abb. 252. Abb. 254.
428 Renaissance. Trachtenstoffe sind durch leichten Durchschuss aus schmalem Gold- und Silber¬ lahn wirksam belebt. In Spanien werden Seidenstoffe mit kleinen geometrischen Mustern erzeugt, die inmitten ungeschnittener Noppen lose Fädenbüschel aus Seide hängen lassen: d. i. velours ä moustaches (Schnurrbartsammet). Als neues Dekorationsmittel kommt die Sammet pr es sung auf, durch welche der Musterung in scharfen Umrisslinien noch weniger Grenzen gezogen sind, als in der Weberei (Abb. 8 auf Taf. V); man benutzt hierzu mit Vor¬ liebe auch die Sammete der gotischen Zeit, auf deren weit geschnittene Fläche, ohne Rücksicht auf die darin enthaltenen grossen Bogenlinien der Granatapfel¬ umrahmungen, das Muster des neuen Stils gesetzt wird. (Abb. 1 auf Taf. IV.) Die Damast Weberei in Seide stellt prächtige Tapetenstoffe und Kleiderzeuge aus dem besten Material her, indessen bleiben die darin möglichen Effekte erst der späteren Zeit Vorbehalten. Auch das Broschieren in Seiden- Abb. 255. und Goldfäden wird in dieser Periode nicht übermässig ausgenützt, weil grössere Muster auf Gesamtwirkung in breiteren Linien angelegt sind und den Kostümstoffen unnützes Beschweren ihrem Gebrauch hinderlich wäre. Den weichen Atlasstoffen, die nur durch die Güte ihres Materials und durch die Leuchtkraft ihrer Farbe im eng anschliessenden Gewände wirken sollen, gibt man eine künstlerische Belebung durch das Schlitzen, welches mittels Eisen oder scharfer Messer geschieht: es entstehen längliche oder quadratische Risse, die durchgehen ,oder die obere Fadenschicht des Gewebes nur lockern, wodurch der Stoff in ähnlicher Weise gemustert wird, wie der gewebte velours ä mou¬ staches (Abb. 87). Gewebe aus Leinen, Baumwolle und Wolle, z. T. mit Seide gemischt, erscheinen zur Renaissancezeit in gleicher Musterung wie die Stoffe aus edlerem Material, und man wird hierbei am ehesten geneigt sein, viele der¬ selben für Erzeugnisse ausserhalb Italiens und Spaniens zu halten. An be¬ sonders grossmusterige Stoffe ist dabei nicht zu denken, es handelt sich um solide Webwaren, die in den nördlichen und nordwestlichen Ländern Europas für den eigenen Bedarf hergestellt und dort verwendet wurden, wo die Mittel
Renaissance. 429 versagten, in dem Masse die Häuslichkeit und eigene Person auszustatten, wie es in Italien und Spanien geschah. (Vgl. Abb. 9, 10, 12 auf Taf. V.) Und doch hat auch diese Gruppe von Stoffen ihren eigenen Heiz, die selbst, wie die vorkommenden Hohlgewebe aus Seide und Baumwolle zeigen (Abb. 116), technischer Eigentümlichkeiten nicht entbehren. Dazu gehört auch jene Art der Gewebe, deren durchgehendes Muster, durch wechselnde Schussfarbe an beliebigen Stellen in Streifen unterbrochen wird (Abb. 204). Einen breiten Baum nehmen die Stickereien der Renaissance ein. Da tritt zunächst die vornehme Pracht der Kirchenausstattung in den Vordergrund (s. kirchliche Wirk- und Stickmuster), wozu die Aufnäharbeit (s. d.) Muster von höchster Schönheit erstehen lässt, die den dekorativen Sinn der Zeit so recht zum Ausdruck bringen. (Vgl. Taf. IX.) Stickereien in aufgenähten Goldfäden und im Plattstich auf Sammet-, Atlas- und Seidenstoffen schliessen sich diesen gleichwertig an, wobei in Rücksicht auf die ungebundene Freiheit der Handarbeit im Zusammenhänge mit edlem Material und Farben¬ sinn die wunderbarsten Werke der Kleinkunst geschaffen werden, die unüber¬ trefflich erscheinen, deren gefällige Art und Weise sich überträgt auf das weite Gebiet der Leinenstickerei (s. d.) und vor allem auf die zartesten Schöp¬ fungen italienischer Renaissance: die Spitzen (s. d.). Die Mustergebung in den Handarbeiten der Renaissance ist deshalb eine so vielseitige und lehr¬ reiche, weil hiermit neue Gebiete der verzierenden Künste erschlossen, ältere erweitert werden und beides unter vornehmer Berücksichtigung des Zweckes geschieht, dem sie dienen sollen. Abbildungen: 245. Originalaufnahme aus dem Königl. Kunstgewerbemuseum in Berlin: Tapeten¬ stoff, Grund gelbe gerippte Seide, ehemals mit Goldlahn durchwirkt, symmetrisches Muster aus Akantliusranken, welche zu Voluten aufgerollt sind; dazwischen gebuckelte Vasen, Greifenköpfe und Vögel. Italien 16. Jahrh. 246. Darstellung eines in Haute-lisse-Arbeit gewirkten Wandteppichs nach einer Photographie aus dem Kunsthandel; Original: Brüssel 16. Jahrh., im Besitz der spa¬ nischen Krone. 247. Originalaufnahme wie 245: Viertel einer Tischdecke, Aufnäharbeit auf rotem Tuch in gelbem Sammet und weissen Schnüren: Bänder mit Ranken aus Akanthusblattwerk bilden einen Mittelstem, welcher nach den vier Ecken in volutenartig ge¬ schwungenen Ranken mit Blüten ausläuft. Die Aufnäharbeit ist durch überstickte Flächen unterbrochen. Venedig 16. Jahrh. 248. Originalaufnahme aus dem Königl. Landesgewerbemuseum in Stuttgart: Seidenstoff, Grund rot, symmetrisches Muster gelb: Verschlungene Blätter, durch Knäufe verbunden, bilden spitzovale Felder, in deren jedem eine gebuckelte Vase mit Blütenstrauss. Spanien 16. Jahrh. 249. Darstellung aus: Cox, l’art de decorer les tissus d’apres les collections du musee historique de chambre de commerce de Lyon, Paris 1900, PI. XLIV: Seiden¬ stoff, Grund roter Atlas, symmetrisches Muster gelblich und mit Gold und Silber durch¬ wirkt: Bänder und geschwungene Blätter, durch Masken und Knäufe verbunden, bilden Felder, in welchen abwechselnd eine Blumenvase und ein Palmettenstrauss, über dem letzten aufsteigende geflügelte Drachen. Italien 16. Jahrh. 250. Darstellung wie vorher, PI. XLV: Seidenstoff, Grund weiss, symmetrisches Muster rot, reihenweis geordnet: Paarweis verbundene Delphine bilden herzförmige Felder, in welchen je eine Vase mit palmettenförmig geordneten Aehren: dazwischen kleine Blütenpalmetten Italien 16. Jahrh. 251. Originalaufnahme wie 248: Seidenbrokat, Grund rot, symmetrisches Muster weiss, gelb und rot, mit gezogenen Metallfäden durchwirkt: Schuppenbänder und Knäufe bilden spitzovale Felder, in welchen herzförmig spitzovale Palmetten und Arabeskenranken. Spanien 16. Jahrh. 252. Originalaufnahme wie 248: Seidenbrokat, Grund rot, symmetrisches Muster gelb mit Gold durch wirkt: Spitziges Blattwerk und breite Arabeskenbänder, durch Knäufe verbunden, bilden Felder, in welchen spitzovale Palmetten. Spanien 16. Jahrh. 253. Originalaufnahme wie 248: Sammetstoff, Grund weiss, ehemals leicht mit Silberlahn durchwirkt, symmetrisches Muster grün, geschnitten und ungeschnitten: Gewürfelte Bänder, durch Knäufe verbunden, bilden gedrungene spitzovale Felder, in deren jedem eine Vase mit Blüten. Spanien Ende 16. Jahrh.
430 Renaissance, 254. Originalaufnahme wie 248: Sammetstoff, grün, Grund uugeschnitten, darauf geschnitten und ungeschnitten: Sireumuster aus reihenweis versetzten und wechselnden Blütenzweigen. Italien 17. Jahrh. 255. Originalaufnahme wie 248: Seidenstoff, Grund rot, Muster gelb: reihenweis wechselnd nach oben und unten gekehrte Blütenzweige. Spanien 17. Jahrh. Abbildungen auf Tafel Y (Webereien der Renaissance). Original¬ aufnahmen aus dem Köuigl. Landesgewerbemuseum in Stuttgart: 1. Sammetstoff, violett, Grund ungeschnitten, symmetrisches Muster geschnitten: Kelchförmige Palmetten in spitzovalen Feldern aus geschwungenen Palmetten. Italien oder Spanien Ende 16. Jahrh. 2. Sammetstoff, Mau, Grund Atlas, symmetrisches Muster geschnitten und ungeschnitten: Doppelbänder mit Flechtwerk, durch Knäufe verbunden, bilden spitzovale Felder, in welchen je ein palmettenartiger Blütenstrauss. Spanien 16. Jahrh. 3. Sammetstoff, Grund weisser Atlas, wodurch das Muster auf höher liegender Fläche in geschnittenem rotem Sammet mit ungeschnittenen Umrisslinien gebildet wird: Kleine Palmetten an geknickten Bändern. Italien Ende 16. Jahrh. 4. Sammetbrokat, blau, Grund gerippt, mit Silberfäden durchwirkt, Muster ge¬ schnitten und ungeschnitten: Rundlich gelegte Schuppenbänder bilden Felder, welche durch stilisierte Blütenzweige gefüllt werden. Frankreich (?) 16. Jahrh. 5. Seidenstoff, Grund grün, symmetrisches Muster rötlich weiss: Flechtbänder bilden Felder, in welchen abwechselnd je eine gebuckelte Vase mit stilisiertem Blüten¬ strauss. Italien oder Spanien 16. Jahrh. 6. Sammetstoff braun, Muster gerippt, symmetrisches Muster geschnitten und ungeschnitten: Zu Voluten geschwungene Akanthusranken endigen in Blüten. Italien 16. Jahrh. 7. Seidendamast, hellblau, Muster aus reihenweis nach rechts und links ge¬ schwungenen grossen und kleinen Blütenzweigen. Italien 17. Jahrh. 8. Sammetstoff, grün, Muster gepresst: Schräg gelegte Aeste bilden Rauten¬ felder, in welchen je eine Blütenpalmette. Utrecht (?) 17. Jahrh. 9. Stoff aus Leinen und Baumwolle, weiss und blau: Zu Voluten aufgerollte Ranken enthalten stilisierte Blüten. Süddeutschland 17. Jahrh. 10. Stoff aus Baumwolle und Wolle, weiss, rot und grün: Wellig aufsteigenden Ranken entsteigen in Reihen geordnete Rosettenblüten. Süddeutschland 17. Jahrh. 11. Sammetstoff, braun, Grund Atlas, symmetrisches Muster geschnitten und ungeschnitten: Blütenpalmetten in Rautenfeldern aus Zweigen und Sternen. Italien 17. Jahrh. 12. Stoff aus Baumwolle und Wolle, weiss, grün und rot: Reihenweis versetzte kleine Blüten. Süddeutschland 17. Jahrh. Abbildungen auf Tafel IX. (Aufnäharbeiten der Renaissance.) Original¬ aufnahmen aus der Sammlung der Städtischen Höheren Webeschule in Berlin: 1. Querlaufende Borte, Aufnäharbeit auf gelbem Atlas in farbigem, vorwiegend violettem Sammet und weisser loser Seide als Umrandung: Von einem Ast ausbiegendes Blattwerk und Ranken. Gelbseidene geknüpfte Franse als unterer Abschluss. Italien 16. Jahrh. 2. Querlaufende Borte, Aufnäharbeit auf weisser Seide in bunter Seide und Goldschnur: symmetrische Ranke aus Kelchpalmette, Blattwerk und Blüte. Spanien 16. Jahrh. 3. Geschweiftes Feld eines Lambrequins, Aufnäharbeit auf rotem Tuch in weissem Seidenband: Herzförmiges Feld aus geschwungener Ranke. Deutschland um 1700. 4. Rechteckiges Feld, Aufnäharbeit auf Seide in farbigem Sammet, Gold und Silber: Breiter Rand aus rundlich gelegter Ranke mit stilisiertem Blattwerk. Italien 17. Jahrh. 5. Kragen eines Kirchengewandes, Aufnäharbeit auf rotem Sammet in gelbem Seidenbrokat mit silberübersticktem Leinenrips und Goldschnur: Einer Mittelpalmette entsteigen Blattranken. Franse und Schnur als Abschlusskante. Spanien 16. Jahrh. 6. Rechteckiges Feld als Aufsatzstück eines Levitenrockes, Aufnäharbeit auf gelbem Atlas in rotem Sammet und bunten Atlasstoffen, mit Goldschnurumrandung: I H S (Abkürzung von „jhesus“) im Dornenkranz und von Blattwerk und Arabesken umgeben. Italien oder Spanien 16. Jahrh. 7. Aufsteigende Borte, Aufnäharbeit auf grünem Sammet in gemustertem Brokat-
Renaissancestickerei—Reutlingen 431 Stoff, Silber- und Goldschnüren: Symmetrisch verbundenes Rankenwerk; dazwischen Vasen und Vögel. Italien 16. Jahrh. 8. Aufsteigende Borte, Aufnäharbeit auf weissem Atlas in farbigem Atlas und braunen und gelben Schnüren als Umrandung: Zu kelchartigen Blattpalmetten sym¬ metrisch verbundene Ranken. Italien 17. Jahrh. 9. Querlaufende Borte, Aufnäharbeit auf weissem Seidendamast in hellbraunem Sammet, mit Umrandung von gelber Schnur. Umschlagendes Rankenmuster in sym¬ metrischer Anordnung, wobei einmal der Sammet, das andere Mal der weisse Grund als Negativ des ausgeschnittenen aufliegenden Stoffes. Spanien 16. Jahrh. 10. Querlaufende Borte, Aufnäharbeit auf blauem Atlas in gelbem Goldbrokat¬ stoff, mit Umrandung von Goldfäden: Nach oben und unten gekehrte Palmetten, wo¬ bei einmal der Brokat, das andere Mal der unterlegte blaue Atlas als Negativ des ausgeschnittenen aufliegenden Stoffes das Muster bildet. Die Abschlusskante aus flecht¬ werkartig gestickten Goldfäden. Spanien 16. Jahrh. 11. Querlaufende Borte, Aufnäharbeit auf schwarzer Seide in weissem Leinen und Goldstickerei in Anlehnung an venezianische Reliefspitzen: Rauken werk und Blüten, dazwischen Vögel. Italien (Venedig?) 17. Jahrh. 12. Rechteckiges Feld als Aufsatzstück eines Levitenrockes, Aufnäharbeit auf rotem Sammet in gelbem Brokat und Goldschnur: Cartoucherahmen und Arabesken¬ blattwerk, in Mitte eingesetztes Lilienkreuz. Spanien 16. Jahrh. Renaissancestickerei, moderne Bezeichnung für eine Art der Weiss¬ stickerei, deren Muster, aus ausgeschnittenem Leinen, nach allen Seiten mit Languettenstichen begrenzt und wieder untereinander mit glatten, geschlungenen Stäbchen verbunden sind: es ist eine Nachahmung von Spitzenarbeit, die an Madeirastickerei erinnert. Rendsburg, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Schleswig: Wollspinnereien und Baumwollweberei. Renforce, Toile r., eine starke und dichte Leinwand aus Frankreich für Segeltuch. Elsässer R., auch Madapolam genannt, ist dicht gewebte feine Leinwand. Rentoilieren (vom franz.), auf neue Leinwand bringen. Reppen, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Frankfurt a. 0.: Wollspinnereien und Tuchmacherei. Repsgewebe, s. Rips. Requets (franz)., sind weisse Leinen zu Betttüchern, groben Handtüchern u. s. w. aus Vitre. Rescht, Hauptstadt der persischen Provinz Ghilan: umfangreiche Seiden¬ weberei und Stickerei, Erzeugung von Tuchmosaiken. Reseau (franz.), Netzwerk, Maschengrund; der Ausdruck soll sich in den Archiven von Alengon im Jahre 1717 zum erstenmal befinden. Reservage (Reservepapp), bezweckt im Zeugdruck auf mechanischem und chemischem Wege das Eindringen des Farbstoffes oder des Beizmittels in das ungefärbte oder gefärbte Gewebe an denjenigen Stellen zu verhindern, welche von ihm bedeckt sind. Rete (lat.), netzförmiges, seidenes Ornament. Rethel, Hauptstadt im gleichnamigen Arrond. des franz. Depart. Ardennes: Kammgarnspinnerei, Shawls- und Tuchfabriken, welche die feinsten Merinotuche liefern. Reticella (ital.), Stern- oder Netzspitze von reticello = Netzarbeit, als Verkleinerungswort von rete = Netz (s. Spitzen). Retictllum (lat.), Netz, Netzarbeit, Häkelwerk, das Haarnetz der alten Römerinnen. Daher franz. reticule, umgestaltet in redicule, Arbeitsbeutel der Frauen, Strickbeutel. RetlSS, Stadt in der span. Prov. Tarragona: 80 Baumwollspinnereien, 5000 Webstühle, Seidenspinnerei und -weberei, Leinen- und Bandfabriken. Reutlingen, Haupt- und Oberamtsstadt in Württemberg : Textilindustrie in allen Zweigen; es bestehen sehr grosse Baumwollenwebereien, Trikotwebe¬ reien, Wolle- und Baumwollspinnereien, Zwirnereien, Webereien für wollenen Schuhstoff, Plüsch u. dgh, Färbereien, Fabrikation von Strickmaschinen, Rund-
432 Reveche—Riflel stuhlwaren, Tuch- und Metalltuch. Fachschule für Spinnerei, Weberei und W irkerei. Frauenhandarbeitsschule. Reveche, auch Reverse, ein dem Flanell oder Fries ähnlicher, starker, ungeköperter, ganz locker gewebter Wollenstoff, lang gerauht, der in vielen Gegenden Frankreichs gewebt und für ärmere Klassen zur Kleidung ver¬ braucht wird. Revennes, eine starke zu Segeltuch gebräuchliche schlesische und böh¬ mische Leinwand. Rheahanf (Kantliura- oder Kalluihanf). Die Faser der in Ostindien heimischen Pflanze Rhea (Urtica') tenacissima, dem Ramiehauf ähnlich, aber als Gespinstfaser weniger wertvoll als dieser. Rheine, Stadt im preuss. Reg.-Bezirk Münster: 6 Baumwoll- und 1 Jute¬ spinnerei. Rheineck, Rheinegg, Stadt im Schweiz. Kanton St. Gallen: Baumwoll¬ industrie (Stickerei, Zwirnerei) und Fabrikation von Seidenbeuteltuch. Rheinische Wolle nennt man eine einschurige, gewöhnliche langhaarige W. aus den Rheingegenden, die für französische, englische und holländische Manufakturen aufgekauft und zu verschiedenen Zeugen verarbeitet wird. Rheinisch Garn, aus einschuriger langer, gekämmter Wolle gesponnenes Garn, welches früher nur am Rhein gemacht wurde, jetzt aber auch aus Thü¬ ringen und Sachsen kommt. Rheonin, ein aus Auramin dargestellter, braungelber künstlicher Farb¬ stoff, welcher im Kattundruck Verwendung findet. Rheydt, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Düsseldorf: Seiden- und Sammet¬ fabriken, Baumwollspinnereien und Webereien, Färbereien. Riabauls, smals, grobe weisse Kattune, welche früher die Engländer aus Ostindien brachten. Ribben ist eine Behandlung, welcher man in einigen Gegenden den Flachs unterwirft, entweder nach dem Schwingen oder anstatt desselben; es geschieht mit dem sogen. Ribbemesser. Ribdelüre war früher in Frankreich als ein ripsartiger Stoff bekannt. Ribe (Ripen), Hauptstadt des gleichnamigen dänischen Amts: Dampf¬ baumwollweberei, Leinenweberei. Ribetillos ist die Bezeichnung an der Westküste Amerikas für Seidenund Sammetbänder. Ricamere (ital.), und recamar (span.) = sticken. Richelieustickerei, moderne Bezeichnung für eine Art der Weissstickerei mit Reliefumrandung, deren Ursprung auf eine Nachahmung der venezianischen Reliefspitzen zurückzuführen ist (s. a. Elfenbein- und Renaissancestickerei). Ricotti (ital.), s. Bassinas. Rideau (franz.), Vorhang für Fenster, Bett, Bühne u. s. w. Ride-Cords, ein fester, dauerhafter Wollenstoff zu Reitbeinkleidern mit schmalen Rippen auf Köpergrund, der zuerst in England, heut aber überall geweht wird. Ried, Stadt in Oesterreich: Lein- und Tuchweberei, Riedlingen, Oberamtsstadt im württemb. Donaukreis: Fabrikation von Wollwaren und Eisengarn. Riesenburg, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Marienwerder: Tuchweberei und Färberei. Webeschule. Riet, Rietblatt, Rietkamm, Redekamm, Scheidekamm, Oefl’ner oder Teiler, am Webestuhl ein Rahmen, welcher mit feinen Stäben von Rohr (Riedgras, daher der Name) oder Metall quer überspannt ist und dazu dient, die durch¬ gezogenen Kettenfäden in der Ebene gleichmässig auszubreiten und jeden ein¬ geschossenen Schussfaden an den vorhergehenden hinzuschieben. Riffel, ein eiserner Kamm, durch welchen die getrockneten Lein- oder Flachsstengel gezogen werden, um die an ihnen sitzenden Samenkapseln zu entfernen, die Stengel parallel zu legen und etwaiges Unkraut zu beseitigen. Der R. wird dazu auf einem Block befestigt. O
Riffy—Robozos. 433 Riffy oder Risty, eine Gattung levantinischer Baumwolle, die man aus Alexandrien in Aegypten nach Marseille bringt. Riflart oder Ritflart heisst im franz. Handel die langhaarigste Schafwolle. Rio Janeiro, siidamerik. Baumwollsorte. Riom, Hauptstadt des Arrond. R. im franz. Depart. Puy-de-Dome: Woll¬ spinnerei, Fabrikation von Leinwand, Plüsch, Garn; Flachsbau. Rips (Rihs, Reps, Rippen, franz. und engl, reps), sind dicht gewebte, dauerhafte Stoffe, deren gerippte Oberfläche durch die starken, zwei- und dreifädig gezwirnten Kettfäden hervorgebracht wird, in welche ein Einschlag von viel feinerem gezwirnten Garn gewoben und fest angeschlagen wird. Die Stoffe, die zuerst in England gefertigt und früher nur in Baumwolle hergestellt wurden, werden jetzt überall fabriziert und namentlich mit Baumwoll- oder Wollkette und wollenem Einschlag zu Damenkleidern, Möbelbezügen, Türvor¬ hängen u. s. w. verwendet. Eine ganz feste und dichte Sorte heisst RipsSatin , sie ist auf der einen Seite gerippt, auf der andern Seite atlasartig. Auch webt man die Stoffe in Seide und werden sie dann hauptsächlich für Damenkleider verwendet. Die Wollripse kommen mit Querrippen vor, welche durch abwechselndes Einschiessen eines schwachen und eines starken Fadens erhalten werden; dieser wird Repsflanell genannt. Ripsbindung ist eine Abart der Leinwandbindung, welche dadurch ent¬ steht, dass in Kette oder Schuss neben feinen Fäden starke Fäden abwech¬ seln, wodurch entweder im Schuss oder in der Kette Rippen hergestellt werden, so dass man von Kettenrips oder Schuss rips spricht. Eine dritte Art ist der volle Rips, bei welchem starke und schwache Fäden in Kette und Schuss zugleich vertreten sind. Rise, Rizee-Leinen, auch Leinwand von Trapezunt, eine Flachsleinwand, welche im türkischen Handel Paschalik Trabesun, in der Stadt Rise oder Irisch in grosser Menge gefertigt und nach allen Gegenden ausgeführt wird. Die feinste Sorte geht nach Konstantinopel, nach Aegypten und der Nordküste von Afrika, wo man sie zu grossen Schleiern für die Frauen beim Ausgehen gebraucht; die gewöhnliche Sorte wird von den Arabern zu Hemden verwendet. Rissfäden oder Hauptfäden der Gimpenspitze werden aus gröberem Material gebildet. Ritzer, ungeschnittener Sammet. Ritzernadeln, die zum Weben der¬ selben gebrauchten Sammetnadeln. Rive de Gier, Stadt im Arrond. St. Etienne des franz. Depart. Loire: bedeutende Seidenindustrie, Kurzwaren. Rives-Slir-Fure, Stadt im franz. Depart. Isere, Arrond. St. Marcellin: Fabrikation von Seidenzeug (Foulards) und Flor; Seidenhandel. Rivoli, Stadt in der ital. Prov. Turin: Wolle, Leinen- und Seidenzeug¬ weberei. Rizon, ein älterer reicher Stoff, bei welchem die Arabesken von Gold, die Blumen von Silber broschiert waren, der in Lyon gemacht wurde. Rizzato, gerissener Sammet in Italien. Roanne, Hauptstadt des Arrond. R. im franz. Depart. Loire: bedeutende Baumwollspinnereien und -Webereien, Strumpfwirkerei. Roannes, in Frankreich verschiedene Arten gemischter Gewebe aus Leinen- und Baumwollengarn aus Roanne im Depart. der Loire und den um¬ liegenden Ortschaften; sie werden zu Betttüchern gebraucht. Robe (franz.), früher im franz. Handel die zu einem Kleide abgemessenen Stücke ganz seidener Zeuge, welche aus Ostindien nach Europa kamen; all¬ mählich wurde der Ausdruck üblich für alle zu einem Frauenkleide abgepassten Stücke. Auch für lang herabreichendes Damenkleid (namentlich mit Schleppe); ferner Amtstracht von Magistratspersonen, Rechtsgelehrten, Geistlichen, jetzt besonders Hauptbestandteil der richterlichen Amtstracht. Robozos sind in Mexiko lange Tücher, sogen. Long Shawls. Ihr Ver¬ brauch ist ein grosser, so dass Millionen Piaster darin jährlich umgesetzt wer¬ den, da jede Frau und jedes Mädchen ihren Shawl zugleich als Mantel, KopfHeiden, Handwörterbuch der Textilkunde. 28
434 Rocaille—Rokoko putz und zuweilen sogar als Oberkleid gebraucht: in ihren Robozo hüllt sich die Mexikanerin für ihr Negligee, seinen malerischen Faltenwurf sieht man überall. Rocaille (franz.), Grotten-Muschelwerk, welche Bezeichnung mit der Bil¬ dung des Wortes Rokoko (s. d.) im Zusammenhänge steht. Roccetto (ital.), röchet (franz.), Chorhemd. Rochdale, Stadt in der engl. Grafschaft Lancashire: ein Hauptsitz der engl. Baumwollweberei, Flanell- und Wollindustrie (über 100 Fabriken), sowie auch Spinnereien. Rochelles sind gute hänfene Leinen, welche im Depart. der Mayenne und Loire, zu Angers, Saumur, besonders aber zu Beaufort gewebt, nach den Kolo¬ nien ausgeführt und zu Hemden und Betttüchern verwendet werden. Rochlitz, Marktflecken in Böhmen: Webeschule; mechan. und Baumwoll¬ webereien (15 Webereien mit Handbetrieb). Rock, heiliger, s. heiliger Rock. Rockville, Ort im nordamerik. Staate Connecticut: bedeutende Textil¬ warenfabriken. Rodez, Hauptstadt des franz. Depart. Aveyron: Fabrikation von Serge. Trikot, Tuch, AVolldecken. Rodondos, spanisch Liengos rodondos, weisse flandrische Leinen für Spanien, die ihren Namen von der walzenförmigen Zusammenlegung der Stücke haben. Roemals, Romais oder Roumals, bunt gegitterte und gestreifte Baum¬ wollentücher, welche ehedem aus Ostindien kamen, jetzt aber in England und Deutschland nachgemacht werden. Sie dienen zu Kopftüchern. Rohleinen ist ungebleichte, graue feste L. Rohseide, s. Seide. Rokoko (franz.), (abgeleitet von roc = Felsen; oder rocaille = Grottenund Muschelwerk), der im 18. Jahrh. unter französischem Einfluss herrschende Kunststil, welcher die breiten kräftigen Linien des Barockstils (s. d.) bis zur steifen Eleganz mit Hinneigung zu antiken Formen mässigt. Der eigentliche Uebergangsstil tritt nach Ludwig XIV. unter der Regentschaft des Herzogs von Orleans (1715—1723) ein (s. Regencestil); erst im zweiten Drittel des 18. Jahrh. — in Frankreich unter Louis XV. (1723—1774) beginnt jene völlige, mit allen architektonischen Formen spielende Willkür, welche als R. bezeichnet wird. Dieser Stil Louis Quinze herrscht in Frankreich bis um 1755, in Deutschland bis gegen 1770. Das Kennzeichen desselben ist die Auflösung aller symmetrischen Formenbildungen in leichte, geschweifte Linien aus flüssigen vegetabilischen Elementen, die alle struktiven Forderungen überwuchern, gleichsam als ob die Unregelmässigkeit zum Gesetz erhoben zu sein scheint. Und dennoch herrscht innerhalb einer gewissen Launenhaftigkeit eine anmutige schöpferische Kraft, welche in der scheinbaren Unordnung der ungleichmässigen Teile das rhyth¬ mische Gleichgewicht wiederherstellt. Als der eigentliche Schöpfer dieser Stil¬ art wird der Ornamentstecher Juste Aurele Meissonier (1693—1750) angesehen, wozu indessen auch andre Zeichner und Maler: Frangois Cuvillies (1698—1768), Antoine Watteau (1684 —1721), Frangois Boucher (1703 —1770), Pillement (1727—1808) u. a. beigetragen haben. Im allgemeinen ist die Bezeichnung Rokoko nur zutreffend anwendbar auf die Schöpfungen der dekorativen Künste, das eigentliche Wesen dieser Stilart kommt in der Bauweise nicht zum Ausdruck. Im Textilmuster spielen in dieser Zeit neben den geschnörkelten und muschelartigen Einzelheiten (Abb. 256) die naturalistisch behandelten Blumen in reicher Schattierung eine grosse Rolle (Abb. 257), welche man dem gemalten Dekor des Porzellans nachzuahmen sucht: in der Weberei durch die auf höchster Stufe stehende Technik des Broschierens über gefülltem Damastgrund (Abb. 258), in der Stickerei durch feinste Ausführung des Plattstiches (Abb. 259). Blütenzweige gehen über zu breiteren Blumenstücken, die immer noch flach und dekorativ behandelt sind; Bänder, Spitzen (Abb. 260), Nachahmungen des Pelzbesatzes (Abb. 261) sind in wellig aufsteigende Ranken eingeflochten.
.Rokoko 435 zarte abgedämpfte Farbentöne verbinden das Ganze und erzeugen jene graziöse, kokette Wirkung, die dem üppigen Charakter jener frivolen Zeit entspricht. Abb. 256. Abb. 257. Vor der Mitte des 18. Jahrh. macht sich in französischen Stoffmustern ein chinesischer Einfluss geltend, der auf die in Massen von dort nach Europa
436 Rokoko. gelangenden Porzellane zurückzufiihren ist und bisweilen in Darstellungen von phantastischen Architekturen und Genreszenen ausartet. Seit etwa 1745 finden in Frankreich Kunst und Wissenschaft eine Förderin in der Marquise de Pompadour. Als Anhängerin der Antike gewann sie grosses Interesse an den zu ihrer Zeit (1748) beginnenden Ausgrabungen in Pompeji, denen die Fran¬ zosen überhaupt mehr Teilnahme als selbst die Italiener entgegenbrachten. Auf das Betreiben dieser mächtigsten Frau am französischen Hofe entsendet man einige Künstler, damit sie an Ort und Stelle die ersten Zeugen des klassischen Altertums studieren. Und mehr und mehr werden die Formen des Rokoko Abb. 258. mit griechisch-römischen Elementen durchsetzt, die später den Stil Louis Seize charakterisieren (s. Zopfstil) und zur Zeit der Herrschaft des Empire (s. d.) in einen gekünstelten Klassizismus ausklingen, worauf in der Restauration noch einmal das alte abgelebte Rokoko den Geschmack reizt. Aber es kam nicht mehr mit dem graziösen Zauber seiner Jugend, sondern es war welk und altersschwach geworden; man verstand die Formen nicht mehr, die Beweglich¬ keit jener Zeit war verloren gegangen. Für gewebte Stoffe mit Mustern im Stile Louis Quinze tritt als Dekoration der vornehmen Räume die Seide in den Vordergrund, wo in Damasttapeten grosser Luxus getrieben wird. Durch die aus Ostindien ein-
Rokoko 437 geführten leichteren Musseline erhält man einen billigeren Ersatz für Wandbeklei¬ dungen der Boudoirs und intimeren Salons, dem die chinesischen Papiertapeten folgten. Schon vorher hatte man angefangen, Stoffmuster auf Leinwand aufzuAbb. 259. drucken; man versuchte dasselbe1 jetzt mit der Baumwolle und indem man einen künstlichen Glanz hinzufügen lernte, er¬ hielt man im Zits (s. Chits) das gewünschte Surrogat der Seide, das sich jeder Musterung, jeder Färbung, selbst dem zar¬ testen Blumenschmuck gerecht erwies. Für luxuriösen Wand¬ schmuck wurden wahre Kunst¬ werke in Gobelinwirkerei nach Zeichnungen berühmter Maler geschaffen, die in kleineren abgepassten Stücken auch für Möbelzüge Verwendung fanden. Der orientalische Fussbodenteppich mit seinen kräftigen Farben und seiner strengen Linienführung passt nicht mehr in Umgebung des tändelnden Geschmackes der Zeit, er wird ersetzt durch den sogen. Savonnerieteppich (s. d.), der in Knüpftechnik bunte Blumen und antikisierendes Ornament ent¬ hält, das ihn zum Spiegelbilde des gemalten Plafonds werden lässt. Der Bedarf au Stoffen für das Trachtenwesen hat sich erweitert durch die Aufnahme des Reifrockes der Frau und den langen Rock des Mannes mit seinen grossen Aufschlägen, Taschen und Patten. Beide erhalten durch Stickerei reichen Schmuck, wenngleich für das weibliche Kostüm auch grossgeblümte gewellte
438 Rokoko. Abb. 261. Abb. 262.
Rokokospitze—Rolland-Chaine. 439 helle Seidenstoffe verbraucht werden. Herrenrock, Weste und Kniehose be¬ stehen aus klein gemusterten Sammetstoffen (Abb. 262). Zum Schmuck des Kostüms gehört als Besatz und als selbständiges Stück die Spitze (Abb. 263), deren Form und Wesen ohne weiteres dem Charakter der Zeit entspricht. Abb. 263. Abbildungen : 256. Originalaufnahme aus dem Königl. Landesgewerbemuseum in Stuttgart: Seidenstoff, Grund braun, Muster gelblich: Blattranken und wechselnde verschobene Felder. Frankreich erste Hälfte des 18. Jahrh. 257. Originalaufnahme aus dem Königl. Kunstgewerbemuseum in Berlin: Seiden¬ gewebe, für einen Stuhlbezug abgepasst, Grund hellblau, darauf in weissem Felde Blumenstrauss in Umrahmung eines Kranzes aus leichten Rauken. Mitte 18. Jahrh. 258. Originalaufnahme wie 256: Seidenbrokat, Grund weiss in Damast gemustert, Muster in Bunt und Gold broschiert: Federartig geschwungenen Blattranken entsteigen reihenweis nach rechts und links geschwungene Blumenzweige. Frankreich erste Hälfte des 18. Jahrh. 259. Darstellung nach einer im Kunsthandel erschienenen Photographie: Antependium, Stickerei auf weisser Seide in Gold und bunter Seide: In Mitte Darstellung der Kreuzigung Christi in Umgebung eines Rahmenwerkes mit umwundenen Blumen¬ gehängen. Würzburg Mitte 18. Jahrh. 260. Originalaufnahme wie 256: Seidenstoff, Grund weiss, Muster bunt: Ueber Streifen aus gemusterten Bändern steigen feine wellige Blumenranken auf. Lyon 18. Jahrh. 261. Originalaufnahme wie 256: Seidenstoff, Grund weiss, Muster farbig: Zwischen Streifen aus durchbrochenen Bändern mit welliger pelzbesetzter Auflage steigen leichte Blumenranken auf. Frankreich 18. Jahrh. 262. Originalaufnahme wie 256: Sammetstoff, geschnitten und ungeschnitteD, rötlich braun und weiss: Felder aus raupenartigen Bändern enthalten Blütenzweige. 18. Jahrh. 263. Originalaufnahme aus dem Königl. Kunstgewerbemuseum in Berlin: Spitze, Klöppelarbeit in weissem Leinen mit Rankenmuster aus Schnörkelwerk und Blumen. Valenciennes 18. Jahrh. Rokokospitze. Das Zeitalter des R. hat der Spitze der Farblosigkeit wegen eine Bedeutung verliehen; allerdings nur unter der Bedingung, dass sie sich dem neuen Gedanken unbedingt unterwarf. Sie behält länger die Sym¬ metrie, als andere Kleinkünste, was indessen durch die Falte aufgehoben wird; später findet der Naturalismus ein freies Feld. Besondere Bedeutung erlangen die frei gemusterten Grundflächen, die sogen. Reseauspitze kommt zur un¬ bedingten Vorherrschaft. Die Nähspitze tritt immer mehr in den Hinter¬ grund; schon 1729 ist von einer Spitze die Rede, „ohne geringste Erhebung in der Arbeit“ (Abb. 263). Rolette oder auch Rollette, eine Art grober Batistleinen aus dem Fland¬ rischen. Rolland-Chaine, ein älterer feiner, geköperter Stoff, ganz aus AVolle oder auch mit Baumwolle gemischt, mit vollen und kettenartigen erhabenen Streifen; er wird in England gefertigt.
Rollatlas—Romanischer Stil. 440 Rollatlas, s. Rolldamast Atlas. wurden früher ostindische Seidendamaststoffe genannt und von den Holländern und Dänen nach Europa gebracht. Rolle, ein dünnes wollenes Zeug mit einer langhaarigen Oberfläche, eine Art Flanell, welcher geköpert und ungeköpert in Frankreich gewebt wird. Rolles, Rolls, Weissrollen, im englisch-amerikanischen Handel eine mittel¬ feine, weissgebleichte Leinwand, eine Art der Casserillos, welche in AVestfalen, Schlesien und in der Oberlausitz gewebt wird. Rollgrosdetour nennt man einen ostindischen Seidenstoff, der nach Art der Grosdetour mit achtdrähtigen Kettfäden und einfachem Einschlag gewebt ist. Rollsaum findet Verwendung anstatt einfach gezogener Falten bei leichten Geweben. Man rollt hierzu die Stoffkante wie zu einem Schnürchen auf und hebt dieses Röllchen gleich auf die Nadel, die immer beim Daumen in den Stoff und beim Zeigefinger aus demselben geführt wird. Der Faden wird erst nach mehreren Stichen angezogen; in dem mit der linken Hand auf die Nadel gebrachten Stoff entstehen von selbst die Falten. Rom, Hauptstadt des Königreichs Italien: Fabrikation von Seidenwaren, Seidenstoffen für Möbel. Zur Zeit des Bildersturmes in Byzanz (8. Jahrh.) kamen brotlos ge¬ wordene griechische Seidenweber hierher und gründeten Kunstwebereien zur Herstellung von Kirchengewändern. Der Anfang der Seidenverarbeitung auf römischem Boden kann in das 4. Jahrh. n. Chr. gesetzt werden; schon in dem Zeitraum vom 2.—4. Jahrh. sollen die Römer durch die Provinz Mesena mit der Hauptstadt Schiraz, am Küstenlande des persischen Golfs, die Seide direkt von China bezogen haben (s. auch den Artikel Griechenland und Rom). Romais sind Corahs aus Indien. Romanischer Stil (franz.: style roman, engl.: romanesque style), die vom Jahre 1000—1200 in Europa herrschende Kunstweise, welche sich bildet aus altchristlichen Formen im Zusammenhänge mit byzantinischen und orien¬ talischen Elementen, die der germanische Geist zu einem Ganzen verbindet, in dem ein Stil zum Ausdruck gelangt von rastlos reicher Erfindung, aber ge¬ bunden durch strenges Festhalten an einfachen klaren Gesetzen. Der Charakter dieser Epoche, deren Anfang, das 10. Jahrh., als Ausgangspunkt des Mittel¬ alters betrachtet wird und welche etwa bis zur Mitte des 13. Jahrh. reicht, ist dem aller früheren Entwickelungsstufen entgegengesetzt. Während in der antiken Welt die einzelnen Völker sich selbständig neben- und nacheinander entfalteten, jedes seine Sonderkultur, bedingt durch geistige Anlage und die äussere Naturumgebung, durch den Charakter des Landes, die Einflüsse des Klimas, für sich entwickelte, treten jetzt alle Nationen in ein Verhältnis ge¬ meinsamer, gleichartiger Kulturtätigkeit. Das Christentum gab allen dieselbe Richtung, das gleiche Ziel, die nämliche Grundlage, aber — wie AVilhelm Lübke sagt — seine Herrschaft wollte nicht die Eigentümlichkeit der Ein¬ zelnen in Fesseln schlagen, sondern dem Individuum innerhalb der allgemeinen Schranken eine freie Betätigung seines Könnens und Wollens gewähren. Die Kirche war aber in dieser Epoche die ausschliessliche Trägerin der Bildung, und mit dem Christentum verbreitete sich Gesittung und geistiges Leben durch ihre klösterlichen Ansiedelungen überallhin. Diese waren in einer Zeit wilder Gärung und roher Kämpfe ein Asyl für jede höhere Kultur, und von ihnen aus drang allmählich jede Kunst und Wissenschaft in weitere Kreise. Das alles gilt vor allem von der Architektur, die während des ganzen Mittelalters, alle höhere Tätigkeit beherrschend, den Reigen auführt. Und trotz¬ dem die Baukunst vorherrschend auftritt und alle anderen Künste in ihren Dienst drängt, so pflegt man doch im Bereiche der Kleinkunst von einer roma¬ nischen Periode weniger zu sprechen. Am schwierigsten wird es, die AVerke der textilen Kunst ohne weiteres in diesen Begriff einzuordnen; hier ist die Zeit des Mittelalters (vgl. AFeberei Geschichtliches) noch vielmehr als sonstwo abhängig vom Orient und von Byzanz, deren Ornamentik unter dem Einfluss des Islam steht (s. arabischer Stil). Zu Beginn der romanischen Kunst-
Romanisierend—Ronneburg. 441 weise ist besonders das geometrische Element im Stoffmuster vorherrschend: Quadrate, Rauten oder ovale Felder sind mit Palmetten, Sternen und Rosetten gefüllt, wobei die Anwendung von Tierfiguren zurücktritt. Es erhalten sich • ähnliche Muster am längsten in Spanien (s. d.), wo die Kunst des Islam mehr als in anderen Ländern zur Entwickelung gelangte und vom 8. Jahrh. an sieben Jahrhunderte das Wesen des Flachmusters beherrschte (Abb. 264 und auf Tafel II und III). Anders sieht es auf dem Gebiete der Stickerei (s. d.) aus: sie befreit sich als selbständige Handarbeit im Dienste der Kirche am ehe¬ sten von morgenländischen Einflüssen (s. a. Kirchliche Wirk- und Stickmuster). Abb. 264. Abbildung: 264. Darstellung aus Paul Schulze: Ueber Gewebemuster früherer Jahrhun¬ derte, Leipzig 1893. S. 27: Seidenstoff, Grund rotviolett, symmetrisches Muster gelb: Gefüllte Bänder bilden spitzovale Felder, in welchen je eine achtteilige Rosette mit Palmettenendigungen. Spanien 13. Jahrh. Romanisierend heisst frühgotisch, aber noch mit Nachklängen des Ro¬ manischen. Römerstadt, Stadt in Mähren: Webeschule, bedeutende Leinweberei, Bleicherei, Woll- und Seidenindustrie; bedeutender Flachsbau. Romorantin, Hauptstadt des Arrond. R. im franz. Depart. Loir-et-Cher: Fabrikation von Tuch für das Militär. Romsey, Stadt in der engl. Grafschaft Hampshire: Sackleinwand- und Sergefabrikation. Rondelette, im französischen Handel eine schlechte Florettseide, die auch den Namen Bourres, Strasses u. s. w. fiiln’t; ferner eine Gattung Leinwand. Ronneburg, Kreisstadt im Herzogtum Sachsen-Altenburg: Streichgarn¬ spinnerei, Wollkämmerei, Färberei, namentlich aber Woll- und Halbwollstoff¬ fabrikation; Webeschide.
Honsdorf—Roselinnen. 442 Ronsdorf, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Düsseldorf: Seidenwarenfabrikation, insbesondere von Bändern. Roquetin, eine Art Goldfäden, die im Fürstentum Dombes gemacht und häufig in den Gold-, Silber- und Seidenfabriken zu Paris, Lyon und Tours verarbeitet wird. Rose-cran, eine Gattung gemusterter Tischzeuge aus Frankreich. Rose (Rosa), die typische Gattung der Familie der Rosaceen mit zaldAbb. 266. Abb. 265. reichen, über die ganze nördliche Erdhälfte verbreiteten und mehreren in Deutschland einheimischen Arten. Für die Ornamentik ist besonders die sog. Heckenrose von Bedeutung (Abb. 265 u. 266), deren einfache fünf blätterige Blume zur künstlerischen Darstellung in der Fläche, besonders im gotischen Zeitalter, Anregung gab, wozu der herrschende Spitzbogenstil beitrug, der im Granatapfelmuster (s. d). zur fünfblätterigen Umrahmung des Kernstückes und auch als Passfeld ausgebildet ist (Abb. 103). Auch die Renaissance wendet sich der Rose als Kunstform zu; hier gibt das Astwerk Motive zur Bildung des spitzovalen Feldes im Webemuster her (Abb. 267) und die italienische Stickerei des 16. Jahrh. bringt dasselbe in vollendetster Form zum Ausdruck (Abb. 153). Eine vortreffliche Stilisierung weiss der Orientale dem Motiv der Rose zu geben (Abb. 179), dieselbe Auffassung ist auch im modernen englischen Flachmuster vorherrschend. Abbildungen: 267 und 268. Darstellungen zweier Heckenrosen aus: Lobelius, plantarum sev stirpium icones, Antwerpen 1581. 229. Originalaufnahme aus dem Königl. Landesgewerbemuseum in Stuttgart: Sammetstoff, Grund goldgelber Atlas, symmetrisches Muster grüner geschnittener Sammet: Doppelt gelegte Aeste sind zu spitzovalen Feldern verschlungen und ent¬ halten Rosenzweige. Italien um 1500. Roselinnen, im bremer Leinwandhandel die gewöhnlichen und mittel¬ feinen L. aus dem Osnabrückschen.
Rosenberg—Rotellaarbeit, 443 Rosenberg, 1. Grossgemeinde im Ungar. Komitat Liptau: Baumwoll¬ spinnerei und -Weberei. — 2. Stadt in der österr. Bezirkshauptmannschaft Kaplitz in Bömen: Tuch- und Flanellfabrikation (Handbetrieb), Wollspinne¬ reien, Flachshandel. Rosenspitze (ital.: punto rosalino; franz.: pointe de rose), Rankenspitze der Barockzeit: Nachahmung des point de Yenise in feinster Ausführung. Rosenthal, Dorf im Gerichtsbezirk Reichenberg in Böhmen: Vigogneund Schafwollspinnerei, Tuchfabriken. Rosettas hiessen früher feine wollene Zeuge mit einfachem Köper aus besserem Material, sie wurden von den Bombasins und den Orleans verdrängt. Abb. 267. Rosette, eine Kunstform, die einer aufgeblühten Rose entspricht, d. h. aus einem um einen Kern gruppierten Kreis von Blättern oder mehreren solchen besteht. Rosshaargewebe, s. Haartuch. Rosswein, Stadt in der sächs. Kreishauptmannschaft Leipzig: Woll¬ spinnereien, Tuchfabriken (eine Innungsfabrik mit eigener Spinnerei, Walkerei und Appretur), Strumpfwirkereien, Fäi'bereien; Fabriken für Filzwaren, Haaruud Wolldecken, Lama- und Militärtuche; im nahen Böhringen eine be¬ deutende Wollwarenfabrik. Rostbeize, s. Beize. Rotellaarbeit bezeichnet eine in neuerer Zeit aufgekommene weibliche Handfertigkeit, bestehend in dem Aufnähen rund zugeschnittener kleiner Stoff-
Rothenburg—Rücklaken 444 teile, die zusammengefaltet und in der Mitte tütenartig auf einen festen Kanevasstoff gelegt werden. Eine grosse Farbenmannigfaltigkeit gestattet die Her¬ stellung vieler Muster, die zu Teppichen, Decken, Kissen u. dgl. Verwendung finden können. Rothenburg a. d. Tauber: im Jahre 1598 Seidenbau. Rotondos, Rodondos, in Spanien und Amerika mehrere Sorten nieder¬ ländischer und deutscher gebleichter Flachsleinen Liengos rodondos. Rottenburg, Oberamtsstadt in Württemberg: Leinwandweberei, Strickerei und Färberei. Rouanes, Rouans, sind weiss gebleichte Leinen aus Schlesien, Böhmen und der Oberlausitz als eine Nachahmung der Toile de menage aus Rouen. Roubaix, Fabrikstadt im Arrond. Lille des franz. Depart. Nord: Mittel¬ punkt eines bedeutenden Industriebezirks mit vier Fünfteln der Textilfabrika¬ tion Nordfrankreichs, und bat selbst 350 Fabriken, wovon 275 mit Weberei beschäftigt sind (jährlich werden bis 17 000 t Gewebe durch die Bahn ver¬ sandt), welche die verschiedenen Roubaixartikel (Seiden-, Woll-, Baumwollund Leinenstoffe) als Tuche, Shawls, Kleider- und Möbelstoffe, Teppiche, Tafelleinen u. a. hersteilen; bedeutende Woll- (Kammgarn-) und BaTimwollspinnerei, Fabrikation von Zwirn, Kammblättern u. s. w.; Webeschule. Rouen, Hauptstadt des franz. Depart. Seine-Inferieure: bedeutende Textil¬ industrie. Die hier erzeugten R o u e n n e ri e s sind feine Baumwollwaren (auch Taschentücher), die aus gefärbten oder doch z. T. aus gefärbten Garnen ge¬ webt sind; es gibt an 160 Baumwoll- und Leinenspinnereien; ausserdem Tuchund Seidenfabriken. Rouens, Toiles de Rouen, Rouenneries, ist die allgemeine Benennung der mannigfachen Gewebe, welche in gleichnamiger Stadt und im Umkreise von 10 Meilen derselben gefertigt werden. Es gehören dazu zunächst alle Arten von Leinenstoffen, deren jede wiederum unter anderer Bezeichnung mit dem Beinamen R. in den Handel kommt; auch bedruckte Baumwollengewebe werden dazu gerechnet. Rouge-Waren werden in Oesterreich die türkischrot gefärbten und ge¬ druckten Zeuge genannt. Rouleaux (vom franz. rouler, rollen), sind Fenstervorhänge, Rollvor¬ hänge, welche nach oben aufgezogen und aufgerollt werden können, im Gegen¬ satz zu den Vitragen, die seitlich zurückgezogen werden und welche die ersteren nach und nach verdrängen. Ferner bezeichnet man als R. Walzware, d. h. auf Walzendruckmaschinen gedruckte Zeuge. Rouleaux de Beaujeu, in Frankreich verschiedenartige Gewebe, welche im Depart. der Rhone, zu Tarare, Forez, Beaujeu und anderen nahegelegenen Orten in Mengen gefertigt werden, namentlich sind es ungebleichte dichte Leinen. Roustet oder Rouzet, französischer starker, grober Wollenstoff aus ge¬ ringerem Material oder auch aus dem Abfall der besseren und der Scherwolle, zur Kleidung der ärmeren Volksklassen verwendet. Roux-Noux, Name von Shawls in hellen Farben auf roter Kette, welche 1839 in Wien sehr gangbar waren. Roveredo, Stadt in Tirol, am Leno: Hauptsitz der Seidenindustrie und des Seidenhandels, hat zahlreiche Seidenhaspeleien (Filanden), Seidenzwirne¬ reien (Filatorien). Der Seidenhandel entwickelte sich im 16. Jahrh. und hatte seine grösste Blüte im 18. Jahrhundert. Royale, Handelsname für verschiedene französische Stoffe, sowohl aus Seide, als auch aus Baumwolle. Roybons, eine Sorte des franz. Kasemirs. Rubanets, veraltete englische Westenstoffe aus Wolle und Kammgarn. Rübelizeug ist ein grober, grauer Barchent, der in der Schweiz ge¬ webt wird. Rücklaken (lat.: dorsale; franz.: dossier; engl.: dosel, dorsel), Rukkelaken (flämisch), Rückenteppich, im Mittelalter ein Tuch, ein Behang, kleiner
Rückstich—Russland, 445 Teppich, welcher als Wandbedeckung über der Bank oder im Chorgestühl dienten, aber nicht fest mit der Wand verbunden, sondern „gerückt“ werden konnten. Rückstich, s. Nähen. Rüg (engl.), grober Wollenstoff aus dem Ende des 16. Jahrhunderts. Rumänien, Königreich an der unteren Donau: die Industrie ist erst im Werden: es bestehen zwei Tuchfabriken. Vielfach hat sich die Hausindustrie verbreitet, die in Gebirgsorten zahlreiche Webereien und Stickereien erzeugt. Rumänische Teppiche sind auf gewöhnlichen Handstühlen gewebt; geknüpfte oder gefilzte T. werden nicht erzeugt. Sie sind an Ort und Stelle unter dem Namen „Velintze“ bekannt und gleichen den serbischen, bulgari¬ schen Erzeugnissen, jedoch ohne die zarten Muster und die Farbenstellung. In letzter Zeit verwendet man nur Anilinfarben; die Musterung besteht aus geometrischen Figuren und Streifen in Art der Kilitns. Rumburg, Ort in Oesterreich: Webeschule. Rummelsburg, 1. Kreisstadt im preuss. Keg.-Bez. Köslin: Werkmeisterei für Weberei; Wollspinnereien und Tuchfabriken. '— 2. Kolonie bei Berlin: Plüsche und Wollwarenfabriken, Appretur und Färberei. Rundschnüre (franz.: les cordons), sind von Gold, Silber, Seide, Kamel¬ haar, Wolle, Zwirn u. dergl. rund und stark gedreht, und werden besonders zu Besätzen für Kleider gebraucht. Rupfen, moderner kanevasartig gefärbter Baumwollenstoff. Rüssels, fester, geköperter, atlasartiger Wollenstoff, gewöhnlich schwarz, zu Westen und Beinkleidern in England, auch in Sachsen und Böhmen gewebt. Russia-Duck, russisches Segeltuch, das in England nachgemacht ist; doch wird die echte Ware wegen ihrer Geschmeidigkeit und Dauer höher o O geschätzt. Russische Leinen aus verschiedenen Garnen, welche mit der Hand auf Spindeln gesponnen werden, bilden eine wichtige Industrie in B. Am meisten wird darin in den Gouvernements ^Vrchangel, Kasan, Kaluga, Jaroslaw, Tambow, Tula, Wladimir, Moskau u. s. w. gearbeitet. Die gangbarsten Sorten sind: Flämisch Leinen, Parussnoe Polotno oder Segeltuch, Kavenstuch, Calaminken, Kinisheim, Brau, Chrätsch, Deringa, Krasch oder Serviettenleinen; ausserdem liefert der russische Handel: weissgebleichte Hausleinen, die aber wegen der sorglosen Behandlung den deutschen nicht gleichkommen. Der rus¬ sische Landmann schlichtet nämlich zumeist die rohen Gewebe in Bottige mit Asche und Kalk, übergiesst sie mehrmals mit siedender Lauge, wickelt diese Leinen in Hollen und steckt sie in einen warmen Backofen; sobald sie erkaltet und abgewickelt sind, werden sie horizontal in der Luft schwebend wiederholt mit Wasser begossen, wonach sie dann in einigen Tagen ganz weiss erscheinen. Diese Geschwindigkeit des Bleichverfahrens schadet aber der Haltbarkeit. Verschiedene Benennungen sind für: gefärbte Leinen = Krasclienina, Wams¬ tuch; gestreifte L. = Pestrada, gedruckte = Naboika; Glanzleinen = Loschtschenoije; Steifleinwand = Woschtschanka. Ausserdem kommen gemusterte Sorten unter den Namen Konowat, Deburet uud Tscheschnika vor. Russischer stich, schmale durchbrochene Querstreifen in Geweben, welche durch verschiedene Arten der Fädenverkj’euzung hervorgebracht werden und besonders als Verzierung baumwollener Gardinen- und Kleiderstoffe, wie Mull, Jaconnet dienen. Russland, Kaisertum und Grossmacht. In H. findet sich von altersher eine bedeutende Hausindustrie, die von der bäuerlichen Bevölkerung neben der Landwirtschaft betrieben wird, doch ist stellenweise (in den Gouvernements Nishnij Nowgorod, Wladimir, Kaluga, Tida u. s. w.) auch schon die landwirt¬ schaftliche Tätigkeit zurückgetreten und die gewerbliche fast ausschliesslich geblieben. Die Zahl der in der Hausindustrie beschäftigten Personen wird auf 8 Mill., der Wert ihrer Produkte auf 20 Mill. geschätzt, welche Zahlen sich auf die Textilindustrie im Jahre 1891 etwa wie folgt verteilten: Wollwaren: 1044 Fabriken mit 95 313 Arbeitern und einer Produktion von 106 Mill. Hubel;
446 Russland. B aum w o 11 w aren: 912 Fahr. mit 255 310 Arb. Prod. = 346 Mill. Rubel* Seidenwaren: 259 Fahr, mit 18435 Arb. Prod. = 13 Mill. Rubel; Flachs¬ waren: 174 Fabr. mit 46313 Arb. Prod. = 41 Mill. Rubel. Im Jahre 1897 produzierten 4582 Fabriken für 851218 000 Rubel Faserstoffe. Die Baumwollfabrikation spielt eine wichtige Rolle und wird vom Staate besonders unterstützt; ihr Ursprung reicht bis Anfang des 18. Jahrh, zurück. Jetzt werden verarbeitet gegen 20,25 Mill. Pud Baumwolle, wovon gegen 2,11 Mill. Pud aus Amerika, Aegypten, Ostindien und Persien kommen, die übrigen 18,14 Mill. aus Turkestan, Kaukasien, Chiwa, Buchara und Kanada. Der jährliche Umsatz der Baumwollindustrie erreicht 459 Mill. Rubel. Es gibt 245 Fabriken, darunter 91 Spinnereien und 154 Webereien mit 80 Mill. Spindeln und 300 000 mechan. Webstühlen, wovon die Arbeitszeit auf 300 Tage im Jahre und 10 Stunden des Tages bestimmt ist. Die Zahl der Arbeiter beträgt gegen 225100, darunter 111200 in den Spinnereien. Die Baumwollen¬ industrie ist besonders entwickelt in den Gouvernements Moskau, Wladimir und Petersburg. Es werden hergestellt gegen 13,4 Mill. Pud Garn. Die her¬ gestellten Gewebe sind: Mitkal, Zitz, Kattun und Barchent. Der heimische Bedarf wird fast vollständig durch die russische Produktion gedeckt, wie das Sinken der Einfuhr von Garn zeigt: in den 70er Jahren = 422130 Pud zu 15,61 Mill. Rubel, im Jahre 1901 = 135 618 Pud zu 4,72 Mill. Rubel, Die Einfuhr von Baumwollwaren ist sehr mässig, während die Ausfuhr fortwährend steigt, besonders nach der Türkei, Persien und China; 1900: 4,91 und 1901: 4 Mill. Rubel. Zur Wo 11 f ab rikation legte Peter d. Gr. (1682—1725) den Grund, um Tuch für das Militär herzustellen. 1830 gab es schon 390 Fabriken mit 67 000 Arbeitern und einer Produktion von gegen 7 735 000 Arschinen (= 0,7 m) Tuch; 1900: 1284 Fabriken mit 98360 Arbeitern und einer Produktion von 114,3 Mill. Rubel Wert. Ausgeführt werden gewöhnliche Wolle, Merinowolle. Wollabfälle und Wollwaren: 1892 für 13 345 230, 1893 für 8 747960, 1894 für 8935418, 1895 für 8865 390, 1900 für 7,43 und 1901 für 7,14 Mill. Rubel. Auch das Seidengewerbe wurde — wie Silbermann, Die Seide, Dresden 1897, Bd. 1 S. 113 berichtet — durch das Beispiel Preussens an¬ geregt, von Peter dem Grossen ausserordentlich gefördert und von Katharina, Paul und den späteren Regenten fortgesetzt. Man legte grosse Maulbeer¬ plantagen an, die russischen Bauern zeigten jedoch für die dazu notwendige Tätigkeit kein Verständnis. Auch zur Belebung der Seidenmanufaktur zog Peter d. Gr. französische Kräfte heran, sodass 1714 eine stattliche Anzahl von Sammet- und Brokatwebereien in Moskau, Wladimir und Jaroslaw im Betrieb war, 1809 waren 194 mit 4996 Stühlen tätig und erzeugten 7 HO 000 lf. Arschin (1 Arschin = 0,71 m) Seidenstoffe, 505 Stück andere kostbare Gewebe. 400 000 lf. Arschin Seidenbänder, 6 400 Stück Tüllgewebe und 12 000 Paar Handschuhe. 1812 ist die Anzahl der Webereien infolge der Kriegswirren auf 105 herabgesunken, um jedoch 1818 wieder auf 210 zu steigen. 1823 fand der Jacquardstuhl Eingang. In der Zeitperiode 1826—29 erzeugte man jähr¬ lich etwa 5 Millionen lf. Arschin Stoffe und 115 000 Stück Goldbrokate, 1845 belief sich der Produktionswert auf 6, 1850 auf 61/2 Mill. Rubel. In neuer Zeit bestehen in Moskau, St. Petersburg, Riga, Bialystock, Warschau und Lodz, meist unter französischer Leitung bedeutende Stoff-, Tüll-, Spitzen- und Bandfabriken. Moskau allein besitzt 15 000 Stühle und erzeugt neben anderem auch reiche Brokate und golddurcbwirkte Gewebe. Wie alt die Erzeugung von Seidengeweben in Russland sein mag, dar¬ über ist man nicht unterrichtet. Hingegen gibt Silbermann nach verschiedenen Quellen Nachrichten über den Seidenverkehr in Russland während des Mittel¬ alters an (vgl. Die Seide, Bd. I, S. 61 ff.), wonach im 4.-—6. Jahrh. in Kiew und Nowgorod Märkte mit Seidenwaren aus Byzanz und dem weiteren Orient stattgefunden haben. „Die Vermittlerrolle russischer Handelsstädte zwischen dem extremen Orient und AVesteuropa — schreibt Silbermann — erreicht während der genuesisch-venezianischen Fehden im 13. Jahrh. ihren Höhepunkt:
Russland. 447 während jedoch die Bedeutung der südlichen Städte mit der endgültigen Be¬ festigung der venezianischen Herrschaft und der Invasion der Mongolen zu Abb. 268. Ende war, bleibt Nowgorod unter dem Schutze der mächtigen Hansa in seiner kommerziellen Wichtigkeit fortbestehen.“ Abb. 269. Ueber die Musterung älterer russischer Gewebe ist man wegen der Un¬ kenntnis der Originale natürlich wenig unterrichtet, die hier in Abb. 268 bis
Russland. 448 271 wiedergegebenen Stoffe werden über die Zeit um 1700 nicht hinausgehen, doch kann hinsichtlich ihrer Herkunft kaum ein Zweifel bestehen. Von der allgemeinen Ornamentik Russlands ist bekannt, dass im Laufe des 10. Jahrh. mit dem Christentum byzantinische Kunstformen Eingang finden, die aber all¬ mählich eine innige Verbindung mit dem Orientalismus in seinen ausschweifend¬ sten Launen erkennen lassen. Die bald verwilderten Formen vermischen sich im Laufe der Zeit mit denen des abendländischen Mittelalters und später mit den Einzelheiten der italienischen Renaissance, wozu seit dem Anfang des 18. Jahrh. französischer Einfluss kommt. Man würde also dementsprechend in dem unter Abb. 268 dargestellten Brokat eine sehr späte Hinterlassenschaft des Byzantinismus erkennen können, die Feldereinteilung in dem unter Abb. 269 abgebildeten Stoff erinnert an Kassettenmuster der Renaissance, in welchen Abb. 271. Abb. 270. noch weinblattartige spät gotisierende Blattrosetten sich befinden. Einzelheiten von Weinreben, Blattwerk und Trauben umrahmen auch die halbitalienische, halbfranzösische Barockblütenpalmette des in Abb. 270 wiedergegebenen Musters und von allen aus jüngster Zeit — vielleicht um 1820 — verrät der mit Chenille durchwirkte Brokat (Abb. 271) den französischen Einfluss. Auffallend bei drei dieser dargestellten Gewebe — auch von anderen mir bekannten russischen Stoffen ist es mir erinnerlich — erscheint die weisse Grundfarbe und die reiche Verwendung eines (Kupfer)vergoldeten Metallfadens, im übrigen sind keine besonderen äusseren Kennzeichen wahrzunehmen. (Ueber russische Spitzen, s. Spitzen.) Abbildungen: 268. Originalaufuahme aus dem Königl. Landesgewerbemuseum in Stuttgart: Seidenbrokat, Grund weiss, geometrisch in Damast gemustert, dazwischen in Rauten Kreuzbildungen in Gold. Russland 18. Jahrh.
Ruten—Sachsen. 449 269. Originalaufnahme wie vorher: Diagonalen, durch Quadrate verbunden, bilden Rauten, in welchen je eine Blattrosette. Russland 17.—18. Jahrh. 270. Originalaufnahme wie 269. Grund blau , Muster gelblich grün schattiert: Weinblätter und Trauben an geknickten Ranken bilden spitzovale Felder, in welchen eine Blütenpalmette. Russland um 1700. 271. Originalaufnahme wie 269. Seidenbrokat, Grund weisser Atlas, Muster Gold mit bunter Chenille: Kelchartige Palmetten aus antikisierendem Blattwerk mit Strauss aus Sternblumen und Gehängen aus solchen. Russland Anfang 19. Jahrh. Ruten, die Messingstäbchen, um welche die den Flor des Sammet¬ gewebes bildenden Noppen geschlungen werden, mit einer Längsrinne zur Er¬ leichterung des Aufschneidens des Flors oder einem scharfen Haken an einer Seite, welcher beim Herausziehen der Rute die Noppen zerschneidet. Rya nennt man in Schweden eine Technik des Knüpfens, wobei jeder Wollbüschel nur einfach um den Kettfaden herumgelegt (nicht geknotet) wird, also eigentlich gar nicht Knüpfarbeit genannt werden kann. Die Hinterseite wird gewöhnlich geleimt. Ryen heissen die in Norwegen plüschartig hergestellten Teppiche oder Kissenbezüge. Ryssler Leinen, Toiles de Lille, werden alle Sorten gemusterter Tisch¬ zeuge genannt, welche in Lille gefertigt sind; besonders auch eine Gattung bunt gegitterter Flachsleinwand, welche dort in feinster Güte hei'gestellt wird. s. Saaij, s. Anacoste. Saalburg, Stadt im Fürstentum Reuss j. L.: Woll- und Baumwollweberei. Saaralben (Saaralbe), Stadt in Elsass-Lothringeu: Seidenfärberei. Saargemünd, Stadt in Elsass-Lothringen: Fabrikation von Seiden- und Plüschwaren. Saarunion, Stadt im Bezirk ITnterelsass: Fabrikation von Seilei'waren (die grösste Seilfabrik der Reichslande), seidenen Haarnetzen und Handschuhen. Sabanum (lat.), langfaserig gewebtes Tuch aus Leinen, Byssus oder Baumwolle, als Badetuch, Leichentuch, sowie auch in alter Zeit gebraucht, um das Haupt des Täuflings abzutrocknen. Sacadizos, der ganz geringe Ausschuss der spanischen Wolle. Sachette, in Italien eine feine weissgebleichte und geglättete Leinwand aus Deutschland und Oesterreich. Sachsen, ein zum Deutschen Reiche gehöriges Königreich: den wichtigsten Industriezweig bildet die Textilindustrie mit 85428 Betrieben und 266688 be¬ schäftigten Personen. Zu den ältesten Gewerben gehört die Leinenweberei, sie wird besonders in den an Schlesien und Böhmen grenzenden Teilen der Lausitz betrieben. Trotz des Rückganges gegen das letzte Jahrzehnt des 18. Jahrh. sind die vortrefflichen Fabrikate der 1666 in Grossschönau eingeführten Damastweberei noch sehr geschätzt. Hauptsitz der Zwillichmanufaktur ist Waltersdorf bei Zittau; leinenes Band wird hauptsächlich in Grossröhrsdorf und Pulsnitz gefertigt. Unter „Säch¬ sische Leinen“ werden im Handel alle möglichen Arten von Creas, Dowlas, Damastleinen, Serviettenleinen, Buchleinen u. v. a. Artikel verstanden, die hier gefertigt sind. Die grösste Wollkämmerei besitzt Leipzig, die grössten Kamm¬ garnspinnereien Leipzig, Chemnitz, Harthau bei Chemnitz, Schedewitz, Heiden, Handwörterbuch der Textilkunde. 29
450 Sachsen — Saddleworth. Liebschwitz, Wilkau und Arnsdorf bei Penig, die grössten Streichgarn- und Vigognespinnereien Crimmitschau, Werdau und Reichenbach, die grössten Baumwollspinnereien Leipzig, Chemnitz, Fürth, Scharfenstein, Zschopau, Hohenfichte, Witschdorf, Mohsdorf und Oberlautersdorf. Hauptsitze der Tuchfabrikation sind Grossenhain, Bischofswerda, Kamenz, Kirchberg mit Umgebung und Leisnig. In Bosswein, wo bereits 1376 eine Tuchmacher¬ innung begründet Wurde, ging die Tuchmacherei seit der Mitte des 19. Jahrh. zurück und hat vor mehreren Jahren ganz aufgehört. In Crimmitschau mit Umgebung und Werdau werden vorzugsweise Buckskins, halbwollene und leichte tuchartige Stoffe, in Oederau, Hainichen, Reichenbach und Mylau Flanelle gefertigt. Glauchau und Meerane liefern Kleider- und Möbel¬ stoffe, Zittau und Reichenau Orleans. Hauptsitze der Baumwollen- und Halbbaum Wollweberei sind das Vogtland, die Chemnitzer Gegend und ein Teil der Lausitz. Die Seidenweberei wird in Frankenberg, Elster¬ berg, Hokenstein-Enlstthal und Callnberg betrieben; man hatte im Jahre 1864 Versuche angestellt, die Seidenzucht in grösserem Massstabe einzuführen, allein die Hoffnung wurde bald aufgegeben. Seidenspinnereien gibt es in Grossenhain, Rodewiscll und Cunnersdorf bei Kirchberg. Bad Elster fertigt Seidensammet. Erwähnenswert sind noch die bedeutende Jutespinnerei und Weberei in Meissen und die Nesselweberei in Zittau. Für die Fabrikation von Strumpfwaren (Strickerei und Wirkerei) sind die Hauptsitze Chemnitz, Hohenstein, Limbach, Lössnitz und Burgstädt mit Umgebung. Die Spitzenklöppelei im oberen Erzgebirge (Annaberg, Schneeberg, Eibenstock) beschäftigt immer noch eine Anzahl weiblicher Hände, hat aber unter der Konkurrenz der mechan. Stickerei schwer zu leiden. Doch ist durch eine Anzahl Klöppelschulen im oberen Erzgebirge die Kunstfertigkeit der Klöpplerinnen sehr gefördert worden. Die Stickerei und Spitzen¬ fabrikation (Nadelarbeiten) hat einen bedeutenden Aufschwung genommen, der Hauptplatz dafür ist Plauen, ferner Eibenstock, Schneeberg, Auerbach und Falkenstein. Die Posamentenfabrikation blüht im Obererzgebirge und im Vogtland. Für die Veredelung der Gespinste und Gewebe, Spitzen und Stickereien, Strumpf- und Strickwaren bestehen bedeutende Anlagen, in welchen namentlich auch das Ausland Fabrikate veredeln lässt. Die Haupt¬ plätze dafür sind Plauen, Chemnitz und Reichenbach. Die Wäsche¬ fabrikation ist vertreten in der Gegend von Plauen und Schneeberg; Rüschen fabriziert Leipzig, Korsetts Oelsnitz i. V. In Freiberg und Umgegend blüht die Fabrikation leonischer Waren. Sachsen, Provinz des preuss. Staates: die Textilindustrie ist vertreten durch Wollspinnereien in Mühlhausen und Langensalza, Baumwoll¬ spinnereien in Magdeburg und bei Halle, Wollwebereien in Magde¬ burg, Burg, Barby, Langensalza und Zeitz, Leinenweberei in und bei Nordhausen und in Worbis (Eichsfeld), Baumwollweberei ebenda und in Mühlhausen, Wirkerei und Strickerei, Häkelei und Stickerei, Färbereien und Veredelungsanstalten für Garn und Gewebe mit im ganzen etwa 23 000 Gewerbtätigen. Säckingen, Stadt im bad. Kreis Waldshut: bedeutende Seidenband- und Seidenstofffabrikation, Baumwollwebereien, Kattundruckereien, Seiden- und Baumwollfärbereien. Sackings, Baumwollverpackung, s. v. w. Baggings (s. d.). Sackleinwand, grobe, aber feste und dichte Gewebe zu Säcken für Ge¬ treide, Mehl u. s. w. In Sachsen fertigt man sie teils aus starkem flächsenen Garne, teils aus Flachs- und Hanfhede. Aus Westfalen, Hannover, Braun¬ schweig kommen die besseren Sorten der Hemdeliunen und die gewöhnlichen Löwentlinnen, welche viel nach den Nordseehäfen verschickt werden. In den Niederlanden, Frankreich und Russland bildet S. einen grossen Handelsartikel. Vielfach wird jetzt S. aus Jute verfertigt. Saddleworth, Stadt in der engl. Grafschaft York: bedeutende Baum¬ wollweberei und Fabrikation feiner Tücher.
Saffrou-Waldau—Saint Nicolas. 451 Saffrou-Waldau, Stadt in der engl. Grafschaft Essex: Leinwandweberei und Garnspinnerei. Saga, auch sagurn, saia, sagia, saium (lat.), (franz.: saye, serge, sayette); halb geschorener Wollenstoff, Flanell, feines Wollengewebe (saia drappata), Wollsammet, Plüsch, Sieneser Sammet; (franz.: saiere) Seidensammet; Saignetus (franz.: sayette, saignette) blutroter Stoff, Scharlachstoff (s. a. Saye). Sagatl, Hauptstadt des Fürstentums Sagan: ein Hauptzweig der Indu¬ strie ist die Tuchfabrikation; ferner bestehen Wollspinnerei, Fabrikation von wollenen Phantasie- und Strumpfwaren ; in der Umgebung Flachsspinnerei. Sagathis ist ein geköpert gewebter, sergeartiger Wollenstoff, der früher viel in allen Farben für Sommerkleider getragen wurde, jetzt aber durch die Orleans und die Circassias verdrängt ist; nur in China findet er noch Absatz. Sagettengarne, s. v. w. Halbkammgarne (s. d.). Said, syrische Baumwollsorte. Saida (das alte Sidon), Stadt in Syrien, Hafen von Damaskus : bedeutender Seidenhandel. Saint Afrique, Stadt im Arrond. A. des franz. Depart. Aveyron: Fabri¬ kation von Wollstoffen und Decken; Baumwoll- und Wollspinnerei. Saint Antonin, Stadt im franz. Depart. Tarn-et-Garonne: Wollspinnerei und Sergeweberei. Saint Brieuc, Hauptstadt des franz. Depart. Cotes-du-Nord: Woll- und Leinenspinnereien, Fabrikation von Leinwand und grobem Halbwollzeug (tiretaine). Saint Calais, Stadt im franz. Depart. Sarthe: Fabrikation von Tuch, Serge und gestreiften Baumwollzeugen. Saint Chamond, Stadt im franz. Depart. Loire: Fabrikation von Bändern, Spitzen, Posamenten und Kautschuckgeweben; Handel mit Seide. Saint Die, Stadt im franz. Depart. Yosges in Lothringen: Fabrikation von Musselin, Tüll, Kirchenschmuck, Leinwand, Teppichen und Strumpfwaren; Färberei, Bleicherei. Saint Etienne, Stadt im franz. Depart. Loire: Fabrikation von Bändern (vier Fünftel aller in Frankreich gefertigten) und viele mannigfaltige Seiden¬ waren. Saint Gaudens, Stadt im franz. Depart. Haute-Garonne: Fabrikation von Leinenband, Wollspinnerei und -Weberei; Handel mit Wolle, Häuten und Tuch. Saint Georges sind rohe llächsene Leinen von mittlerer Feinheit, welche im Depart. der niedern Seine verfertigt und von den Webern auf den Wochen¬ märkten des Fleckens St. George zum Verkauf gebracht werden. Meistens werden sie von den Kaufleuten aus Kouen und Lisieux aufgekauft, welche sie bleichen und appretieren lassen, und dann unter dem Namen Blancards nach Spanien und Amerika verschicken. Saint James, eine Art französischer Leinen, die den Bretagnes ziemlich gleicht und besonders nach Spanien ausgeführt wird. Saint Jean, grobe Leinwand, die in Beaujolais gewebt wird. Sie ist aus Hanf und wird roh verhandelt. Saint Junien, Stadt im franz. Depart. Haute-Vienne: Fabrikation von Hüten, Wolldecken und Leinwand. Saint Lucie, eine der vorzüglichsten Sorten franz. Seide, die zweimal über die Mühle geht und zu den schönsten Stoffen verwendet wird. Saint Maixent, Stadt im franz. Depart. Deux-Sevres in Poitou: Woll¬ spinnerei, Fabrikation von Serge, Trikots und Handel mit Leinwand. Saint Marcellin, Hauptstadt im gleichnamigen Arrond. des franz. Depart. Isere: Musteranstalt für Seidenzucht. Saint Maur, franz. sergeartiges geköpertes Zeug axis Seide, Florettseide oder mit feiner Wolle gemischt. Saint Nicolas, eine Art wollener Sergen, die zu Troyes und Suippes ge¬ webt werden. Man braucht sie besonders zu Montierungsstücken für die Truppen.
452 Saint Omer—Sammet. Saint Omer, Stadt im franz. Depart. Pas-de-Calais: Fabrikation von Tuch, Stickereien, Wolldecken und Posamenten; ferner eine Strumpfwirkerei. Saint Quentin, Stadt im franz: Depart. Aisne: bedeutende Industrie in Woll- und Baumwollspinnerei, grosse Tüllfabriken, Stickereien und Weberei von Tafelleinen, Leinen und Baumwollwaren, Posamentenfabriken. Saint Rambert sind rohe franz. Leinen, die über Lyon und Marseille nach Spanien und Portugal ausgeführt werden. Saint Remy, eine Sorte Seide, welche um Arles erbaut, gesponnen und gezwirnt wird und in verschiedenen Sorten zu Beaucaire in den Handel kommt. Salamine ist ein älterer, einfarbiger, in allen Farben gefertigter Seiden¬ stoff, der zu den Armüren gehört, und bei welchen die mehrfachen Kettfäden von Gros noir oder trame double von kohlschwarzer Seide sich mit zweifachem Einschuss von bunter Seide abwechselnd dergestalt verbinden, dass auf der rechten Seite ganz kleine Pünktchen in schiefer Linie hervorragen und die Oberfläche ein schillerndes Aussehen erhält. Salampores, Salempuris, Salempours, Serampores sind ostind. Kattune, welche sich durch sorgfältige Arbeit und Biegsamkeit auszeichnen und welche aus mehreren Gegenden der Küste Coromandel und aus Bengalen nach Europa kommen. Den Namen haben sie von der Stadt Salamporis auf Coromandel. Salampori, ein veralteter Modestoff, von ganz feiner Wolle, glatt und geköpert, mit einbroschierten bunten Mustern; die ganz feinen waren von angoraischem Ziegenhaar und die Muster von Seide, wodurch der Stoff sehr schöne und glänzende Falten bildete. Salendang, buntgewebter Baumwollstoff für den ostindischen Markt. Salerno, Hauptstadt der gleichnamigen Provinz in Italien: grossartige, von Schweizern angelegte Fabriken, Baumwollspinnerei, -Weberei, -druckerei; grosse Seidenweberei. Salford, Vorstadt von Manchester: Tuch-, Seide-, Baumwoll- und Leinen¬ fabrikation; Bleichen und Färbereien. Salisbury, Hauptstadt der engl. Grafschaft Wiltshire: Wollspinnex*ei und Spitzenfabrikation. Salisbury-White ist ein leichter Wollenstoff mit gerauhter und ge¬ schorener Oberfläche, eine Art weisser dichter Flanell oder weisses Halbtuch. Salleiste, auch Leiste, Salband, Salende genannt, die Webkante, die längs der Gewebe zu beiden Seiten hinlaufende schmale Einfassung, die von stärkeren oder andersfarbigen Kettenfäden und den mit ihnen verschränkten Schussfäden gebildet ist. Salona, Baumwollsorte aus Bumelien. Salonica, mazedonische Baumwollsorte. Saloniki, mazedonische Baumwollsorte. Salubratapete, wasch- und desinfizierbare Wandbekleidung, bestehend aus Baumwollgewebe, das mit einer Oelfarbscliicht überzogen ist. Saluzzo, Stadt in der ital. Provinz Cuneo: Seidenspinnerei und -Weberei. Salzwedel, Stadt im preuss. Heg.-Bez. Magdeburg: Fabrikation von Tuch, Woll- und Baumwollwaren, Leinwand und Damast. Samenwolle der Bäume Munguba und Simauna oder Samauba, werden als Ersatzmittel der Baumwolle verwendet. Sämling, slovakischer Hanf aus Ungarn von der zweiten Einsammlung; der der ersten Sammlung heisst Bösling. Sammet (lat.: sametum, samit, samis examitum; franz.: velours j engl.: velvet; ital.: velluto; span, terciopelo); ein Gewebe, das wie Velpel oder Plüsch aus zwei Ketten besteht, von denen die erste die Grund- und Unter kette, die zweite die Flor-, Poil-, Pol-, oder Sammetkette genannt wird. Durch die Grundkette mit dem Einschläge entstehen die ge¬ wöhnlichen Webarten: Taflet, Köper oder Atlas, wonach der Sammet zunächst technisch unterschieden wird. Die darüber auf besonderem Baum sich be¬ findliche Polkette, deren Fäden durch die Schaftlitzen und das Riet ganz gleichmässig zwischen die Grundfäden vexdeilt sind, wird durch einen beson-
Sammet. 453 deren Tritt aufgehoben und in das so gebildete Fach legt man eine Nadel oder Rute. Ist hiernach die Polkette niedergezogen, d. h. wieder unter die Grundkette gebracht, so haben sich sämtliche Polfäden in Schleifen um die Ruten gelegt, wodurch die Noppen entstehen. Hat man die Polkette durch mehrere Schussfäden wieder mit der Grundkette gebunden, so legt man eine neue Rute ein und so entstehen je nach der Zahl der eingelegten Ruten die einzelnen Reihen der Noppen. Die Entfernung der Ruten aus dem Gewebe geschieht entweder dadurch, dass sie herausgeschnitten oder herausgezogen werden, wo¬ nach man den Sammet als geschnittenen (Velours coupe) und ge¬ zogenen oder ungeschnittenen (Velours frises) bezeichnet. Die Ruten unterscheiden sich in Sammet- und in Setzruten; letztere sind im Ver¬ hältnis zu ersteren dünner und höher und werden gewöhnlich bei sehr hohem Flor (Moleskin), hei fassoniertem Sammet und bei leichten Sammetbändern mit Schlingfaden angewandt. Das Aufschneiden der Noppen geschieht mit dem Dreget, einem zugespitzten, hakenförmigen Messer, das in der Vertiefung der Rute entlang gezogen wird. (Vgl. hierzu Fig. 11—18 auf Tafel XVI.) In Ansehung der einfachen und künstlichen Art des Gewebes unter¬ scheidet man glatten einfachen, fassonierten einfachen mit Tritt¬ maschine oder Schäften, gemusterten S. mit Jacquardmaschine, doppelten und reichen S. Der einfache glatte S., von welchem der gerissene oder geschorene am gangbarsten ist, wird in sehr verschiedener Güte angefertigt und hiernach in Kieper und Bastard (früher Baster) unterschieden: Plüsch, mit den nämlichen Handgriffen gewebt, mit langhaariger Oberfläche, ist hiervon die geringste Art. Zum Kiepersammet, den man auch italienischen oder genueser S. nennt, nimmt man bessere Seide und mehr Fäden als zum Bastard: man spricht hiernach von so und so viel fädigem oder drähtigem S. Der fassonierte oder gemusterte S. wird auf dem Stuhl des glatten S. her¬ gestellt; aber es gehören dazu nach der Verschiedenheit der Muster und Farben zwei und mehrere Polbäume mit ebenso viel Polketten. Zuweilen hat man auch Gold- und Silberfäden eingewebt und reiche Muster erzeugt: es ist das Velours or frisees. Ein reiches gemustertes Sammetgewebe, bei dem die Polfäden durch den Harnisch regiert werden müssen, und das wegen der ver¬ schiedenen Einarbeitung viele Polbäume nötig macht, wird hergestellt, indem die Polbäume durch Rollen oder Klötzchen ersetzt werden. Der Doppel¬ sammet (Velours ä double face) hat auf beiden Seiten eine Pole oder haarige Oberfläche; gewöhnlich ist dabei die eine Seite anders in der Farbe. Pelzsammet (Panne) hat ein höheres Haar als der gewöhnliche und ist mehr eine Art Velpel, man hat ihn glatt, gemustert, gedruckt und gepresst. Gemalter S. (mit Wasserfarben) wurde im 18. Jahrh. in England erzeugt, der sich auch nach Frankreich und Deutschland verpflanzte, ebenso ge¬ druckter S. zu Tapeten, Kleidern, Möbeln und Westen: eine besondere Art von Bildern wurde am Ende des 18. Jahrh. in Sammetkettendruck hergestellt. Gepresster S. hat Muster, welche mit heissem Eisen ein¬ gedrückt werden, wobei man dasselbe Verfahren anwendet wie bei dem ge¬ druckten Plüsch, es kommt diese Art oft unter dem Namen Utrechter S. in den Handel. Der S. wurde ursprünglich nur aus Seide gewebt, jetzt besteht bei dem eigentlichen echten S. zumeist nur der Flor aus Seide, der Grund aus Baum¬ wolle ; selbst die teuersten Sorten besitzen einen solchen aus geringwertiger Seide. Die Nachahmungen des S. in Wolle und Baumwolle gehören der neueren Zeit und die in Leinen der neuesten Zeit an. Der im Handel unter dem Namen Manchester (franz.: manchester velours coton; engl.: fustian, velvet, velveteen, cord) auftretende Baumwollsammet besteht aus der Kette, dem Grund und Pol schuss. Grundschicht und Kette bildet einen glatten, leinwandartigen oder geköperten Grund. Der Polschuss legt sich zwischen den Grundschuss und läuft so über die Kette, dass mindestens 3/4 desselben auf der rechten Gewebeseite in parallelen Streifen flott liegen. Diese Streifen bilden mit dem Grunde flache Schläuche und werden nach dem Weben mit
454 Sainmetbäncler. einem feinen Messerclien aufgeschnitten. Die so entstandenen Faserenden bürstet man auf der Maschine auf, wodurch der den Grund deckende Flor entsteht. Hierauf folgt noch Färben, Scheren und Sengen, letztere Arbeiten, um einen gleichmässigen Flor zu erzielen. Die Höhe des Poles ist bei Man¬ chester eine sehr beschränkte. Langer Flor kann nur durch weiten Stand der einzelnen Büschel erzielt werden, was zu einer geringeren Deckung des Grundes führt. Wie bei dem echten S. unterscheidet man auch bei M. geschnittenen und ungeschnittenen; ferner gestreiften, welcher entweder dadurch entsteht, dass man die Pole nur streifenweise aufschneidet, oder dadurch, dass schon bei dem Weben zwischen den Polstreifen breitere Grundstreifen stehen bleiben. Zu den letzteren Geweben gehören der Kord (franz.: velours ä cötes, cordelet; engl.: cord). Das Alter des Sammets ist nach erhaltenen Stoffen nicht mit Be¬ stimmtheit nachzuweisen, man stützt sich dabei auf die Beschreibung in älteren Schriften und kommt zunächst auf die verschiedensten Benennungen und Um¬ schreibungen des Gewebes. Gottfried Semper (Der Stil u. s. w., Bd. I, § 44) möchte die Etymologie des Wortes velours, welches im 18. Jahrh. auf kam, nicht von velum und ursus herleiten, sondern mit dem englischen velvet und dem deutschen Felbel in Zusammenhang bringen, und dabei an Welf, an das glatte Fell des jungen Hundes oder Löwen denken. Henri Silbermann (Die Seide u. s. w.) teilt nach Prof. Karabacek (Ueber einige Benennungen mittelalterlicher Gewebe, Wien 1882) und nach Fr. Michel (Becherclies sur le commerce etc. des etoffes de soie etc. en France pendant le moyen äge. Paris 1852) für Sammet einige arabische Bezeichnungen mit — als catifah, sciamito u. s. w. — und berichtet, dass ausser dem echt arabischen Sammet von Beyrut, Damaskus und Alexandrien auch andere unter der Bezeichnung „Samis de Bomanie“ im Handel vorkamen. Als Abart des Sammets wird Timit ge¬ nannt und des öfteren erwähnt, dass die gi'üne Farbe des S. sich im Mittelalter besonderer Beliebtheit zu erfreuen hatte. Die ältesten, dem Plüsch ähn¬ lichen Stoffe, waren nach Semper solche aus Atlas von vielfädigem Einschlag, dessen Fäden zur Hälfte oder zum Teil zerschnitten wurden, damit sie als lose Enden ein weiches langhaariges Vlies bildeten. Dergleichen Stoffe in Wolle sind bereits den alten Römern bekannt gewesen und werden als Spezialität der damaligen gallischen Wollenindustrie von Plinius und anderen alten Autoren oft erwähnt. Der Textur des Sammets verwandt sind auch die aus koptischen Gräbern gekommenen Leinengewebe mit hängenden Noppen, ferner die daher stammenden Durchzug- und Knüpfarbeiten in farbiger Wolle. Dem Sammet noch näher stehend ist im Kaiser Friedrich-Museum zu Berlin ein violetter ungemusterter langhaariger Seidenstoff aus koptischen Grabfunden, 12.—13. Jahrh. (?), vielleicht auch älter (?), welcher bezüglich des Alters dem aus dem Pergament-Codex des Theodulf (9.—12. Jahrh.) zu Le Puy in Frankreich gleich¬ käme ; letzterer wird als das älteste erhaltene Beispiel von S. genannt. Der Orient, der alte Sitz aller Seidenkultur, war auch der Sitz der Sammetmanu¬ faktur und alle Dichter und Chronisten lassen ihn unter orientalischen Fabri¬ kationsnamen von dort kommen. Auch unter den Geschenken des Harun-alRaschid an Karl den Grossen sollen sich schon Sammetstoffe befunden haben. Eigentümlich bleibt die Erscheinung, dass unter den der heutigen Zeit ver¬ hältnismässig zahlreich erhaltenen frühmittelalterlichen und mittelalterlichen Seidenstoffen die Gewebe in Sammet sich aus diesen Epochen nur nach zwei bis drei Stücken zählen lassen und sie führt zu der Frage, ob diese paar der ältesten Beispiele von Sammet nicht dicke gerauhte Atlasstoffe sein können. (?) Die eigentliche Aufnahme des Sammets fällt erst in die Zeit des 14. bis 15. Jahrh., woher sich sowohl aus dem Orient, als auch aus Italien und Spanien die schönsten Stücke in Mengen erhalten haben. (Sammettapeten s. Tapeten). Sarnmetbänder sind in ihrer Herstellung dem Stücksammet als Web¬ ware gleich und werden auf dazu eingerichteten Bandstühlen wie dieser hergestellt. Man unterscheidet S. in „mit“ und „ohne“ feste Kanten, von denen die ersteren einer besonderen Lade bedürfen. Das Weben der S. ohne feste
Sammetbrokat—Sankt Wendel. 455 Kanten ist einfacher, indem sie als Stücksammet dargestellt und durch Schling¬ fäden getrennt werden. Sammetbrokat, s. Brokat und Broschieren. Sammetspitzen werden solche aus Chenille genannt. Sammetstuhl, der mit einem zweiten Kettenbaum für die Polkette ver¬ sehene Web stuhl. Sammettapeten, s. Tapeten. Sana, Stadt in der Türkei im gleichnamigen Wilajet: die Industrie liefert grobe Mäntel, dicke Baumwollzeuge und kostbare Silberstoffe. Sandalina, gewöhnlicher, glatter Wollenstoff, der in Oberitalien gewebt und über Livorno nach Spanien ausgeführt wird. Sandals sind gestreifte Taffete, oder auch mit Sandelholz rot gefärbte seidene Gewebe, die von Konstantinopel nach den Handelsplätzen in der Levante gebracht werden. Sandbach, Stadt in der engl. Grafschaft Chester: Seidenspinnerei und W ollweberei. Sandow, Dorf im preuss. Beg.-Bez. Frankfurt : Wollspinnerei, Teppichund Tuchfabrikation. Sandschak-Scherif (türk, „die edle Fahne“), die Fahne des Pro¬ pheten, die heiligste Beliquie der Türken, die der Sage nach aus den ersten Kriegen des Propheten stammt, später in den Besitz der Omajjaden, Abassiden und Fätimiden und bei der Eroberung Aegyptens in den des Sultans Selim I überging. Der S. wird in der kaiserlichen Schatzkammer zu Konstantinopel aufbewahrt, aus der er nie herauskommt. Diejenige Fahne, welche gelegentlich in Gebrauch genommen wird, ist eine ebenfalls sehr alte Nachbildung von grünem Seidenzeug mit goldenen Fransen, die, ohne Aufschrift und Zeichen, nur an der Spitze der Stange das einzige Wort ’alem (Fahne) trägt. Bei grossen Kriegen sowie bei schweren inneren Unruhen wird der S. auf der Sophienmoschee oder dem Serail aufgepflanzt, worauf dann jeder waffenfähige Mann sich dem Sultan zur Verfügung stellen muss. Nur wenn der Sultan persönlich mit ins Feld zieht, oder wenn bei dem Islam und dem Osmanenreich drohender äusserster Gefahr die Entzündung fanatischer Kampflust not¬ wendig erscheint, wird der S. ins Lager gebracht und vom Mufti oder vom Sultan persönlich enthüllt. Sand wolle, die Wolle von Schafen aus sandigen Gegenden, von der in¬ folge grosser Sandbeimengungen bei der Fabrikwäsche oft 40—50°/0 vom Ge¬ wicht verloren geht. Sangales, Sangalettas, Zangalettas, sind leichte, dünn gewebte flächsene Leinen, welche weissgebleicht und roh, besonders aber in verschiedenen bunten Farben gefärbt aus Böhmen, Schlesien, Sachsen und St. Gallen nach Spanien, Italien, Westindien und Amerika gehen. Sangles, im franz. Handel die aus Hanf geflochtenen Gürtel, Tragbänder und Sattelriemen, welche vornehmlich in Paris, Chalons, Carbonne usw. grau, weiss, gestreift, in verschiedenen Breiten von den Seilern verfertigt werden. Sankt Blasien, Flecken im bad. Kreis Waldshut: Baumwollspinnerei im ehemaligen Klostergebäude. Sankt Gallen, Hauptstadt im gleichnamigen Schweiz. Kanton: Sitz der Vorarlbergischen Stickerei- und Weisswarenindustrie mit Stickereibörse. Sankt Martha, columbische Baumwollsorte. Sankt Martin, westindische Baumwollsorte. Sankt Michel, Hauptstadt im südöstl. Teil Finnlands: Herstellung grober Woll- und Leinenwaren. Sankt Tönis, Flecken im preuss. Beg.-Bez. Düsseldorf: Seiden- und Sammetweberei. Sankt Vincent, westindische Baumwollsorte. Sankt Wendel, Stadt im preuss. Beg.-Bez. Trier: Wollspinnereien und Tuchfabrik.
456 Sanuas—Satinade. Sannas oder Sanas, leinwandartige, weisse nnd blaugefärbte baumwollene Gewebe, welche früher in Mengen aus Ostindien nach Europa kamen und in den Kattundruckereien verarbeitet wurden. Sans Nuance, ein reicher Seidenstoff mit eingewirkten goldenen Blumen auf Grosdetours-, auf Atlas-, auf Lisere, auf Fondd’or- oder anderem Grunde, welchen die Manufakturen von Lyon zu Staatskleidern und Westen lieferten. Santiago de Compostela, Stadt in der span. Prov. Cornea: Fabrikation und Handel mit Leinwand, Seide und Garn. Saracenicum, im Mittelalter ein Seidenstoff, welcher von Sarazenen (Arabern) in Spanien und Sizilien hergestellt wurde; es ist hieraus der Name Saracenet, Sarsenet entstanden. Sarepta, deutsche von Herrnhutern gegründete Kolonie im russ. Gou¬ vernement Ssaratow: Weberei in Seide, Wolle und Leinen. Sargues, eine Art Serge, halb aus Leinen und halb aus kardätschter Wolle, die in Oberlanguedoc gewebt wird. Sarong, Bezeichnung für in Ostindien gangbare bunte Webewaren. Auch die auf Java in Batik (s. d.) hergestellten Zeuge für Frauenröcke werden S. genannt. Sarpinka, russischer Baumwollstoff aus Sarepta. Sarsche (vom franz. Serge), leichtes wollenes, halbseidenes Zeug. Kron¬ sarsche, von feiner Wolle, geköpert; Hoppeisarsche, auf beiden Seiten gleich; Tuchsarsche, derber, wollen, nicht geköpert. Sarsenet (engl.), eigentlich ein seidener (s. Saracenicum), jetzt aber ein baumwollener, leinwandartig dicht gewebter, glatter Stoff, im Stück gefärbt und stark appretiert. Einfarbig versteht man darunter im allgemeinen die farbigen Futterkattune, welche öfter durch Walzen so gepresst sind, dass sie ein geköpertes oder klein gemustertes Gewebe nachahmen. Im spanischen Handel heissen S. Zangalete. Sasch (arab.), Nesseltuch, Turbanstoff. Sassanidische Seidengewebe des 5.—S. Jahrhunderts sind als Reliquienhüllen (s. d.) in Kirchen erhalten geblieben. Sie zeigen in kräftiger Struktur Muster aus Kreisen oder quadratischen Feldern, auch in Streifen geordnet mit dem heiligen Baum, neben demselben Paare von Tieren: Greifen, Löwen, Steinböcke, Gazellen, ferner Darstellung von Fürsten auf der Jagd in antiker und reicher persischer Kleidung. Die Webereien dieser Periode sind von höchster Seltenheit und zugleich von grösster Wichtigkeit als Schlüssel für die Uebertragung der Formen aus dem Orient nach dem mittelalterlichen Europa. (Vgl. Abbildungen 1, 2 auf Tafel II.) Satin (franz.), (lat.: cetinus); Atlas oder Rasch. Die Araber nannten im Mittelalter den Atlasstoff nach dem chinesischen Handelsplätze Tseu-thung (jetzt T’swan-tscheu-fu am Kaiserkanal, Provinz Kiang-fu) Zeitunijj, mit dem Artikel Aszeitunijj, woraus in Europa Acetuni, Aceituni, Setuni, Satin usw. geworden ist. S. ist ein seidenes Gewebe mit glänzender Oberfläche; indessen kommt S. auch für die verschiedenartigsten Zeuge aus Wolle oder Baumwolle in Anwendung, welche durch die Art ihrer Herstellung und Appretur Glanz zeigen: wie Englischleder, Jeanet, Oriental usw. Eine Abart des S. sind die sogen. Satinets, gewöhnlich leichter gewebte, meist halbseidene Atlasse. Die Baumwollsatins heissen in England Sateens; Wollsatins werden Satins de laine genannt. Satin d’Amerique, gemischte Gewebe, in denen die Faser der Agave Americana mit eingewoben wird.- Satin Delhi heisst ein vorzugsweise in Garn aus Kammgarn gefertigter feiner Wollenstoff; aber auch ein sächsischer Halbwollenstoff führt diesen Namen. Satin striped sind Alpakazeuge, welche in der Baumwollkette breitere Seidenstreifen und Alpaka als Einschuss erhalten. Satin trame coton, ein Atlasgewebe aus Seide und Baumwolle. Satinade (franz.), leichter und dünner Stoff' mit Seidenkette und Wollen¬ oder Leinenschuss und gewöhnlich Atlasstreifen auf Taffetgrund; auch ein leichter gestreifter Atlas.
Satine—Scarf. 457 Satine (franz.), eine Abart des Satin, atlasartiges mehrfarbiges Seiden¬ zeug, vornehmlich in Krefeld gewebt. Satinet ist Englischleder. Satingarn hiess früher das harte Kammgarn. Satinieren, glänzend machen, von Satin, der AtlasstofF. Satin uni et ä dents heissen die seidenen Atlasbänder, welche ins¬ besondere aus Basel kommen. Satterpori, bunt karierte baumwollene Schnupftücher, welche ehedem im dänischen Handel voi'kamen. Saulganshi, ostindische Kattune ven Trankebar. Saum (lat.: parura, paratura; franz.: bord), der durch Nähen eines schmalen umbrochenen Streifens gefertigte, oft mit Stickerei oder anderem Schmuck verzierte Rand eines Gewebes. Saumstich wird die den Saum herstellende Naht genannt. Sauvagagi, ältere ostindische Kattune, die auch als Sauvaguzeen, Souaguzen, Savogessen nach Europa kamen; man unterschied darin S. brown = ungebleichte; dougtys = dichte und starke; white = weisse oder gebleichte; S. balazees = gebleichte, feine u. s. w. Sauwabund, Sewaudbund, die dritte Sorte ostindischer Seide. Savannah, Hauptort im nordamerik. Staate Georgia: Baumwollfabrik, der Haupthandel ist Baumwolle. Saved list-cloth oder Bocking ist ein grobes Tuch, welches die Eng¬ länder für den ostindischen Markt führen und die Eingeborenen tragen. Man sieht sehr darauf, dass die Leiste des Tuches, wie die Engländer es nennen, saved ist, d. h. weiss, ohne Farbe, so dass also das Tuch in der Wolle ge¬ färbt sein muss. Savonnerie, die (franz.: Tapis veloutes haute lisse), so werden die in einem Hospice de la S. im Dorfe Chaillot, nächst Paris, nach orientalischer Art geknüpften Teppiche genannt. Die Muster entsprechen der Stilart des frühen antikisierenden Rokoko (s. d.): es sind schwere Akanthusranken, bunte Blumengehänge und Palmetten in Bronzefarben, auf schwarzem Grunde dar¬ gestellt. Seit 1825 ist die S. mit der Manufacture des Gobelins vereint. Sawn, ostindisches Baumwollgewebe. Saxonnienne, veralteter, klein gemusterter, einfarbiger, zu den Armüren gehöriger Seidenstoff, bei welchem die einfachen bunten Fäden der Kette so durchschossen wurden, dass Muster und Ribben erhaben erschienen. Saybusch in Galizien: Tuchfabriken. Saye (auch Soye, Soy), 1. ein festes, wasserdichtes, ganz feines Zeug, das in der ital. Prov. Venedig verfertigt und nach der Levante verschickt wird. 2. ein Zeug von hartem Kammgarn (vgl. Chalon). Sayegarn (Sayetgarn, Fil de Sayette), ein aus feiner Kammwolle ge¬ sponnenes Garn, welches mehrdrähtig, zuweilen auch mit Seide gemischt, in den Handel kommt; man unterscheidet hartes und weiches S. und verfertigt es nach der Stärke in verschiedenen Nummern bis zu einem hohen Grade von Feinheit. Das harte dient zu verschiedenen Geweben, während man das weiche zu Posamentierarbeiten, Strümpfen (Sayetstrümpfe), Stickereien u. s. w. gebraucht. Sayette nennt man in Frankreich allgemein alle aus langer Kammwolle verfertigten Zeuge, insbesondere die verschiedenen geköperten und einfachen Wollenzeuge, als Sergen, Berkane, Kamelotts, Rasche und Etamine, wie sie in Amiens gefertigt werden. Sodann werden S. die englischen, holländischen und flandrischen Ratinen oder Raveschen genannt, sowie auch die leichten, halb¬ seidenen und seidenen Sergen. Scafati, Stadt in der ital. Prov. Salerno: Baumwollkultur, Woll- und Baumwollindustrie. Scapulierzeug, schwarzer oder weisser Kamelott zur Kleidung für Kloster¬ geistliche in katholischen Ländern (s. a. Skapulier). Scarf (engl.) in England wollene schmale Schärpe.
458 Schablone—Schal. Schablone (vom mittelniederl. cliampeliven), (franz.: Champion: Kämpe, Vorbild, auch carton; engl.: stencil), Modell, Muster, starkes, geöltes Papier oder Blech, aus welchem Muster ausgeschnitten sind, um sie auf die Fläche zu bringen, auch Patrone genannt. In Japan (s. d.) ist die Anwendung dei Schablone in der Textilindustrie sehr ausgebildet, wozu in erster Abb. 272. Reihe das dortige Verfahren des Zeugdruckes (s. d.) und gewisser Arten von Zeugfärberei Gelegen¬ heit bieten. Ferner spielt die Vor¬ zeichnung des Musters für Stickerei in Verbindung mit Malerei auf Grund der Schablone in Japan eine grosse Rolle: die Fertigkeit in der künstlerischen Darstellung solcher Muster steht daher dort auf höchster Stufe. (Vgl. Abb. 272.) Abbildung: 272. Darstellung aus: Heiden, Musteratlas, Leipzig 1895, Bl. 58: Schablone mit Fächerpalmenbaum¬ muster. Japan 19. Jalirh. Schablonenstechmaschine oder Stüpfelmaschine, eine maschi¬ nelle Einrichtung zur Herstellung solcher Papierschablonen zum Vor¬ zeichnen von Stickmustern u. dgl., hei denen die Musterlinien durch dicht aneinander gereihte Nadel¬ stiche dargestellt sind, so dass die Musterung nach dem Auflegen der Schablone auf das Arbeitsstück durch Aufreiben eines farbigen Harzpulvers auf dieses übertragen und durch Erhitzen befestigt werden kann. Auch für Vorzeichnungen von Spitzenmustern (Nadelarbeiten) finden Sch. Verwendung. Schabracke (türk.), die aus Tuch, Fell oder dergl. gefertigte, meist ver¬ zierte Sattelüberlegedecke, die zum Schutz des Sattels dient. Auch werden Decken, die mehr als blosse Paradestücke unter den Sattel gelegt werden, S. genannt. Schabrunke, die über die Pistolenhalter oder Packtaschen des Kavallerie¬ gepäcks gelegte Decke. Schachwitz nennt mau bei denen im Handel nach dem Auslande unter dem Namen Breslauer Ballen vorkommenden Geweben, diejenige Sorte, welche aus weissgebleichtem gemustertem Zwillich oder Drell zu Servietten, Hand¬ tüchern und Bettüberzügen besteht. Auch kommt unter Sch. eine rot- und weissgestreifte oder ebenso gegitterte Leinwand zu Tischdecken vor, die man „steingemustert“ nennt. Schaffhausen, Hauptstadt des gleichnamigen Schweiz. Kantons: Fabri¬ kation von Verbandstoffen und Bindfaden, Trikotweberei, Kammgarn- und Wollspinnerei. Schafwolle s. Wolle. Schag, ein dichtes langhaariges Tuch, welches von den Einwohnern der Orkneys- und Schottlandinseln aus der groben Wolle der dortigen Schafe ge¬ fertigt und vorzugsweise nach Schottland verkauft wird. Schal, Umschlagetuck, s. Shawl.
Schalkau— Scherwolle. 459 Schalkau, Stadt im sachs.-meining. Kreis Sonneberg: Wollspinnerei, Zeug- und Bandweberei, Strumpfwirkerei. Schaly, leinwandartig gewebter, feiner wollener Kleiderstoff. Schang-hai, bedeutendste Handels- und Hafenstadt Chinas: ausgedehnte Baumwoll- und Seidenindustrie. Schappe s. Chappe. Scharmbeck, Flecken im preuss. Reg.-Bez. Stade: Wollspinnerei, Tuch¬ fabrikation. Schärpe (lat.: escerpa; franz.: ecbarpe; engl.: scarf, sasb); als Tracht einiger Völker eine breite, gewebte oder gestickte Binde aus seidenen, halb¬ seidenen und wollenen Stoffen; als Dienstzeichen der Offiziere ein Band aus Wolle oder Seide in den Landesfarben, mit Silber- und Goldfäden durch wirkt und meist mit Quasten verziert (s. a. Shawls). Scharpie s. Charpie. Scharzen, eine Art wollener Decken. Schässburg, Stadt in Siebenbürgen: Woll-, Leinen- und Baumwollweberei. Schaube, Oberrock im 16. Jahrh., mit Pelz gefüttert oder verbrämt, vorn mit senkrechter Oeffnung und mit breit ausgelegtem Pelzkragen. In der Reformations- , zeit ist die S. das charakteristische Kleidungsstück des Mannes, aus Brokat, Sammet und Atlas, für den niederen Stand auch aus einfachen Stoffen gefertigt. Schecke, gleichbedeutend mit Jacke, auch ein enger Rock mit kurzen Schössen; sie erscheint in der Mitte des 14. Jahrhunderts. Scheckei, im Oesterreichischen die Bettleinwand. Schecken nennt man in den Weberdörfern der Oberlausitz und in den böhmischen Grenzorten die gewöhnlichen blau- und weissgestreiften oder ebenso gegitterten Leinen, welche im Handel nach dem Auslande unter dem Namen Buchleinen Vorkommen. Schedewitz, Dorf in Sachsen, bei Zwickau: Kammgarnspinnerei und Weberei halbwollener Futter- und Kleiderstoffe mit Färberei. Scheibenberg, Stadt in Sachsen, bei Annaberg: Fabrikation von Spitzen und Posamenten. Schelklingen, Stadt im württ. Oberamt Blaubeuren: in der 1806 auf¬ gehobenen Benediktinerabtei ist Baumwollweberei. Schellentracht, eine im 16. Jahrh. aufgekommene Mode, die Kleider, namentlich die Mäntel, mit Schellen zu behängen. Schemacha, Stadt im russ. Gouvernement Baku in Transkleinasien: die früher bedeutende Seidenweberei ist infolge der Erdbeben 1859 und 1872 zurückgegangen: auch 1902 wurde S. durch ein Erdbeben verwüstet. Schendi, eine der Hauptstädte des altägyptischen Reiches: Kattun¬ weberei, Färberei. Schenectady, Stadt im nordamerik. Staate Neuyork: Fabrikation von Strick- und Posamentierwaren. Scherbaum, Vorrichtung am Webstuhl. Scherbrief, die Vorschrift, wie beim Scheren (s. d.) der Kette für einen bestimmten Stoff vorzugehen ist. Scheren der Kette, das Abmessen und Ordnen der für eine Zeugkette erforderlichen Fäden. Scherflocken = Scherwolle. Scherkanter, Scherlatte — Scherbank. Schermaschine, in der Tuchfabrikation eine Appreturmaschine, in der Weberei soviel wie Kettenschermaschine; auch eine Maschine der Filzhut¬ fabrikation. Scherrahmen, Schweifrahmen, Zettelrahmen, eine Art Haspel, auf welchen der Weber die zur Kette gehörige Zahl Fäden von den Spulen der Scherbank aufwindet. Scherung, die Kette eines Gewebes. Scherwolle, die beim Tuchscheren abfallenden Härchen, zum Velutiereu von Tapeten, Wollmosaik.
Schetterleinwand—Schirgiswalde, 460 Schetterleinwand oder Schotterleinwand (lat.: ristatela; franz.: bougran; engl.: buckram); Leinwand. grobe, der Gaze ähnlich gewebte, dabei ziemlich steife Schettertaffet, Zindeltaffet, ein sehr leichter und durchsichtiger Taflet. Schiavina, dichtes starkes Wollentuch, lang geschoren, welches an mehreren Orten in Dalmatien und Slavonien aus schwarzer und brauner Land¬ wolle verfertigt und zu Kapuzen oder kurzen Matrosenmänteln verbraucht wird. Schichtweberei ist eine moderne Bezeichnung für die gobelinartige Wirkarbeit, in welcher heut die nach Art der orientalischen Kilims (s. d.) erzeugten Decken, Teppiche u. s. w. hergestellt werden. Der Ausdruck hat seinen Ursprung nach den sich durch die Technik ergebenden geraden Schlitzen, deren äussere Wirkung dem „Schichtensystem“ der Bauweise entspricht, wonach zwei sich parallel begrenzende Flächen „Schichtenflächen“ genannt werden. (Ygl. auch Schlitzwirkerei.) Schiemannsgras, seemännischer Ausdruck für die aus altem Tauwerk aufgelösten Garnfäden, die, nach Bedürfnis geteert und zusammengedreht, zum Verbinden und Umwickeln der Taue dienen. Schiertuch, in Westfalen ein leichtes Segeltuch. Schiessbaumwolle, Schiesswolle oder Pyroxylin, (franz.: coton explosible ou coton fulminant), eine durch Umwandlung gewöhnlicher Baumwolle mittels Einwirkung rauchender Salpetersäure und konzentrierter Schwefelsäure sich bildende Trinitrocellulose, die in der Sprengtechnik eine grosse Rolle spielt. Schiessspule, in der Weberei == Schütze. Schiesswolle s. Schiessbaumwolle. Schiff, als symbolische Darstellung Christi oder der christlichen Kirche überhaupt, erscheint im Webemuster des 14. Jahrhdts. nicht selten; es wird als kleiner Nachen (Abb. 45), häufig auch als Segelschiff dargestellt, welches der Aufnahme bedrängter Wesen dient. Schiff, in der Weberei = Schütze. Schildkröte, in China und Japan dargestellt als Symbol des Glückes und langen Lebens, auf Geweben und Stickereien vorkommend, namentlich in Japan auf dem „Fukusa“, d. i. ein Geschenktuch (s. d.). Schilfleinen, braun und grün gesprenkelter kräftiger Modestoff. Schillertaffet, deutsche Bezeichnung für changeant taffetas. Schillernde Zeuge sind im allgemeinen diejenigen, welche, je nachdem das Licht darauf fällt, in einer oder zwei Farben schillern, was dadurch entsteht, dass die Kette des Stoffes eine andere Farbe hat, als der Schuss. Erfordernis zur beabsichtigten Wirkung ist es, dass die Fäden viel Glanz haben. In neuerer Zeit stellt man auch schillernde Stoffe dar, bei denen das Schillern durch die eigentümliche Beschaffenheit der Teerfarbstoffe, mit denen sie gefärbt sind, hervorgebracht wird (s. a. Changeant und Lüster). Schillingsfürst, Marktflecken im bayr. Reg.-Bez. Mittelfranken: Seiden¬ bandweberei. Schiltach, Stadt im badischen Kreis Offenburg: Tuch- und Lodenstoff¬ fabrikation. Schiniert == chiniert. Schinkel, Dorf im preuss. Reg.-Bez. Osnabrück: Baumwollweberei. Schio, Hauptort in der ital. Provinz Vicenza: bedeutende Tuchfabriken, Streicbgarnspinnerei und Färberei. Schiptücher, gewöhnliche Tücher, welche in Schlesien und Polen aus grober Wolle gewebt, im Stück gefärbt und von den Landleuten getragen werden. Schiräs, Schiraz, ehemals blühende Stadt der pers. Provinz Farsistan: Industrie in Baumwolle, Wolle und Seide, Teppichfabrikation. S. ward nach der Vertreibung der Sassaniden Hoflager der Chalifen in der Mitte des 7. Jahrh., erreichte seine höchste Blüte unter dem Mongolenkaiser Hulagu im 13. Jahrh. bis auf Timur, der es 1387 und 1392 eroberte. Schirgiswalde, Stadt in Sachsen, bei Bautzen: mechan. und Handweberei in Leinen und Barchent; Strumpfwirkerei.
Schivelbein—Schleier. 461 Schivelbein, Staclt im preuss. Reg.-Bez. Köslin: Damast-, Tuch- und Baschweberei; Fabrikation von AVollwaren. Schlackenwerth, Stadt in Böhmen: Spitzenfabrik. Schlackenwolle, ein aus Hochofenschlacke erzeugtes Kunstprodukt, das zwischen Drahtplatten gepresst als Wandbekleidung für provisorische Bauten Verwendung findet. Schlag, in der W eher ei die Lade des Webestuhles, auch die Bewegung des Blattes gegen eingeschossene Fäden, um ihnen die rechte Lage zu geben, in der Spitzenklöppelei entstehen durch Fadenkreuzungen „Schläge“ ver¬ schiedener Art, je nachdem die Klöppelpaare bewegt oder gedreht werden, sodass es Halbschläge und Ganzschläge gibt (s. Spitzen). Schlaggarne, Wand, die auf dem Vogelherd verwendeten Netze, die zwei Flügel bilden und durch eine Bückleine rasch zusammenschlagen, dass sie ihrer ganzen Länge nach deckend wirken. Schlagholz, das messer- oder kammförmige hölzerne Werkzeug, welches bei manchen Arten der Handweberei, z. B. der Teppichweberei der Asiaten, zum Anschlägen des Schlussfadens gebraucht wird. Schlagmaschine, Schlag- und Wickelmaschine, Maschinen der Baum¬ wollenspinnerei und der Wergspinnerei; auch eine Maschine zum Zusammen¬ drehen (Schlagen) der Litzen von Hanfseilen. Schlagwolf, Vorrichtung zur Wollspinnerei. Schlan, Stadt in Böhmen: grosse Baumwollspinnerei. Schlangen- oder Zickzackköper entsteht, wenn der Weber nicht immer die Tritte der Reihe nach, d. h. geradedurch, tritt, sondern abwechselnd vor¬ wärts und rückwärts (im Spitz) arbeitet. Da beim Rückwärtsarbeiten der Köpergrat ebenfalls rückwärts laufen wird, so entstehen im Muster Zickzack¬ oder Schlangenlinien, die in der Richtung der Kette verlaufen. Schlangenlahn ist Kantille, welche etwas ausgedehnt und geglättet wurde, so dass sie wellige Biegungen behält. Schlauchkops wird beim Spulen der Garnkörper genannt, wenn das Garn ohne eine Unterlage auf die blanke Spindel der Spülmaschine aufgespult worden ist. Schlauchweberei stellt Hohlgewebe her, im modernen Sinne auf dem Rundwirkstuhl entstandene Schläuche (s. Wirkwaren), in welcher Art nach Notizen von Braulik, Altägyptische Gewebe, Stuttgart 1900, die alten Aegypter schon nahtlose Kleider fertigten. Schlawe, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Köslin: Leinwandweberei, Woll¬ spinnerei, Färberei, Leinwandmarkt. Schleier, Schlier, Schier, Klar, Nonnenschier, (lat.: faciale, velum, galumna, jugale, pallium umbrale; franz.: claire, linon, batist ä libret, voile; engl.: lawn, veil muffler; span.: estopillas), leinwandartig und auf Battistart locker gewebter, daher halbdurchsichtiger Baumwollen- oder Leinenstoff, schon bei den alten Völkern (s. Byssus) von den Frauen getragen, teils um das Ge¬ sicht zu verhüllen, teils als Kopfputz. In der Karolingerzeit wurde ein runder Sch. von etwa iy2 m Durchmesser aus weisser, oft gestickter Leinwand ge¬ tragen; später (im 12. Jahrh.) war er kleiner, oft aus feinem Seidengewebe, und wurde unter den Stirnreif gelegt; im 13. und 14. Jahrh. wurde er be¬ deutend länger und dünner besonders von der Jugend benützt. Im Abend¬ lande gehört der Sch. zur Tracht der Nonnen und zum Schmuck der Bräute. Die heutigen Orientalinnen legen ihn ausser dem Hause in Gestalt zweier Binden um Stirn und unteren Teil des Gesichtes, so dass nur die Augen freibleiben. Technisch unterscheidet man dichte oder dicke, klare oder dünne Sch. Die dichte Art unterscheidet sich von der Batistleinwand darin, dass der Faden weicher, ihr Einschlag etwas feiner als die Kette, und das Gewebe demnach dünner ist, und dass sie nach der Bleiche gestärkt und geplättet wird; die klare Art unterscheidet sich durch ihre zarten Fäden im Einschlag wie im Aufzug, welche um ein merkliches voneinander entfernt sind.
462 Schleieretamin—Schlitz Wirkerei Schleieretamin (franz.: etamine ä voile), leinwandai’tig gewebter AVollenstoff aus Kammgarn, der ähnlich dem Wollmusselin ist; meist weiss oder schwarz, der besonders in Frankreich gefertigt und zu Priesterkleidern, Hals¬ binden, Halstüchern, Trauerkleidern, sowie zu Unterfuttern gebraucht wird und für Italien und Spanien ein sehr gangbarer Handelsartikel ist. Schleierleinwand s. Linon. Schleiertuch, ein wenig oder gar nicht gestärkter, sehr locker gewebter, feiner leinwandartiger Baumwollstoff, ähnlich dem Linon (s. d.). Schleim nennt man klare und dünne Schleier aus feinem Flachsgarn, welche glatt, weiss gestreift oder weiss gewürfelt verfertigt, und unter dem Namen Ravensburger Leinen in den Handel kommen. Schleitheim, Stadt im Fürstentum Reuss j. L.: AVoll- und Baumwoll¬ weberei, Strumpfwirkerei. Schlema (Ober-S.) in Sachsen, bei Zwickau: Maschinenstickerei, Shoddyspinnerei, Färberei, Bleicherei, Appreturanstalt. Schlesien, ein ehemals zur Krone Böhmens gehöriges Herzogtum: I. Preussisch-Schlesien: bedeutende Textilindustrie, wovon die Flachsspinnerei und Leinenweberei die grossartigste im ganzen Staate ist; sie hat ihre Sitze in den Kreisen Lauban, Hirschberg, Löwenberg, Landes¬ hut, Waldenburg, Glatz, Habelschwerdt, ferner in Leobschütz, Neisse und Neu¬ stadt in Oberschlesien. Die Baumwollspinnerei und -Weberei ist ver¬ breitet auf dem platten Lande der Kreise Reichenbach, Neurode, Glatz, Schweidnitz und einigen anderen. Tuchfabrikation und W ollspinnerei findet sich ausschliesslich in Görlitz, Sagan, Grünberg, Breslau, Frankenstein und Liegnitz; Stickerei und Spitzenklöppelei in den Kreisen Hirsch¬ berg, Liegnitz, Fraustadt, Breslau, Leobschütz, Ratibor u. a. Die Veredelung von Garnen und Geweben zählt umfangreiche Betriebe. II. Oesterreichisch- Schlesien: Das wichtigste Erzeugnis der Textilindustrie sind die Tuche und Woll waren von Bielitz, Troppau, Jägerndorf und Teschen usw. In der Zahl der Dampfwebstühle für Streich¬ garnüberragt das Land sogar Böhmen. Nächstdem sind zu nennen die Damast-, Leinen- und Zwillich waren von Freiwaldau, Zuckmantel, W ürbenthal, Engelsberg, Freudenthal, Wigstahl u. a. Baumwollwaren besonders in Friedek und Umgebung. Schlesische Leinwand, die in der Prov. Schlesien meist auf Handstühlen gefertigten Leinengewebe, welche trotz der Ueberhandnahme des Verbrauchs baumwollener Ware anstatt der leinenen und der Fortschritte in der Maschinen¬ flachsspinnerei und -AVeberei im Leinenhandel noch einen bedeutenden Rang einnehmen. Schleswig-Holstein, Provinz im preuss. Staate: Wollweberei in Kiel, Lemenweberei in den Kreisen Tondern, Hadersleben u. a. Schlettau, Stadt im sächsischen Erzgebirge: Posamenteufabrikation und Spitzenhandel. Schlichtbürsten, zwei Bürsten zum Aufträgen der Schlichte auf beide Seiten der Kette des Gewebes. Schlichten, das Tränken der Kettenfäden mit Mehl- oder Stärkekleister, damit sie glatt und steif werden und beim Weben nicht reissen. Schlichtmaschine, Dressingmaschine, besorgt in der AVeberei das Schlichten und zugleich das Aufbäumen der Kette. Schlingfäden erteilen den Sammetbändern, welche ohne feste Kanten gewebt werden, die Ränder. Schlitzwirkerei kann man ihrer äusseren Erscheinung nach die älteste der eigentlichen AVeberei voraufgegangene Technik im Bereiche der Textil¬ kunst bezeichnen, welche auf hoch- oder wagerecht gespannter Kette durch Hin- und Herverflechten bestimmter Fadengruppen derselben eine sich in Schlitzen absetzende Musterung herstellt. Die älteste, gröbste und einfachste Art derselben ist uns erhalten im orientalischen Kilim (s. d.). Die feinsten Schlitzwirkereien in Seide und Goldfäden haben die koptischen Textilfunde
463 Schlipse. gebracht, welche nach den darauf be¬ findlichen arabischen Inschriften dem 12.—15. Jahrh. angehören, aber wohl auch heute noch im Orient gemacht werden. Hier sind schmale und breitere Borten als Endigung von feinen Leinen¬ tüchern in dieser Art eingewirkt, deren Farben und Musterung lebhaft an alt¬ ägyptischen Einfluss erinnern (Abb.273). Iler Entwicklungsgang dieser Technik führt durch viele Vorstufen schliesslich zur sogenannten Gobelinarbeit (s. Wand¬ teppiche) ; ältere orientalische Arbeiten in Wolle sind erhalten u. a. in dem aus St. Gereon in Köln stammenden Wand¬ behang des XI. Jahrhdts. mit Kreisen, in welchen die Darstellung von Fabel¬ tieren in Umrahmung romanischer Orna¬ mentborten (vgl. Abbildungen in Müntz, La Tapisserie u. a. a. 0. — Original¬ stücke in den Museen zu Berlin und Lyon —) an frühmittelalterliche Stoff¬ muster erinnern. Eines der prächtigsten Beispiele dieser Wirkereien in Seide ist die aus Bamberg stammende Arbeit (ab¬ gebildet in Cahi e r & Martin, Melanges d’archeologie Bd. II, S. 251) mit Reiter¬ figuren in Kreismustern auf kleingemu¬ stertem Grunde aus herzförmigen Blät¬ tern, die für frühbyzantinische Kunst¬ formen bezeichnend sind. Welcher me¬ chanischen Hilfsmittel man sich bei der Herstellung dieser feinsten textilen Kunst¬ fertigkeit damals bediente, in der auch heute noch in China und Japan Uner¬ reichbares geleistet wird (Abb.210 u.274), ist schwer zu sagen. (Vgl. Weberei.) Abi). 273. Abbildungen: 273. Originalaufnahme aus dem Kaiser Friedrich-Museum in Berlin: Teil der Endigung eines feinen Leinen tuches, bestehend aus zwei breiten und einer schmalen Borte in farbiger Seidenwirkerei. Arabisch 13. Jahrh. Aus einem Koptischen Grabe. 274. Originalaufnahme nach einer sich im Kunsthandel befindlichen Decke (äusserer Abschluss eines Be¬ hanges) in farbiger Abb. 274. Seidenwirkerei: flie¬ gende Reiher in Wolken. China 18. bis 19. Jahrh. Schlipse, Kra¬ watten oder Hals¬ binden wurden frü¬ her vorzugsweise aus Frankreich be¬ zogen ; seit lan¬ gem aber werden sie in allen be¬ deutenden Städten
464 Schluckenau—Schonen Deutschlands gefertigt und für diesen Artikel in neuerer Zeit eigens Seiden¬ stoffe mit abgepassten Mustern gewebt. (Vgl. Tafel VIII, Abb. 6, 8, 10.) Schluckenau, Stadt in Böhmen: bedeutende Leinen-, Schafwoll-, Baumwollwareu-, Sammetfabrikation und Baumwollspinnerei. Schmallenberg, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Arnsberg: Wollspinnereien, -Wirkereien und -Färbereien. Schmiedeberg im Riesengebirge: Seiden-, Plüsch-, Chenille-und Leinen¬ weberei, Wollspinnerei, Leinen- und Kattundruckerei, Bleicherei und Appretur, sowie Fabrikation von Teppichen und Nadelspitzen. Schneeberg, Stadt in Sachsen, bei Zwickau: die früher hier blühende Stickerei und Spitzenklöppelei ist durch die Einführung der Maschinen zurück¬ gedrängt; weitverbreitet ist die Maschinenstickerei, die Weissstickerei, die An¬ fertigung von Blonden und Konfektionen, von Korsetten und Tüll. Spitzen¬ klöppelmeisterschule zur Ausbildung von Klöppelschullehrerinnen, Klöppel- und Stickerfachschule. Schneiderzeugleinen, derber ungebleichter Leinenstoff zu Futterzwecken. Schneller, in der Spinnerei s. v. w. Strähn; am AVebstuhl s. v. w. Treiber oder AMgel (engl, picker). Schnellschütze am AVebstuhl s. Schütze. Schnellzeug heisst die Schnurenverbindung, mittels welcher die aus Holz gefertigten Treiber den Schützen (Schnellschützen) in Bewegung setzen. Schnupftücher s. Taschentücher. Schnürbrett s. Chorbrett. Schnürchen, Schniirl, Musterung eines Gewebes durch einzelne dickere Kettenfäden in regelmässigen Abständen, daher Schnür che nperkal und Schnürchen musselin. Schnüre (franz.: cordeaux; engl.: corcls), aus mehr oder weniger zahl¬ reichen gedrehten Fäden bestehende Gezwirne oder Geflechte; auch eine be¬ stimmte Anzahl an eine S. gereihter Dinge, z. B. Perlen. Erstere werden eingeteilt in Rund- und Plattschnüre oder Litzen und wellige S. und aus Leinengarn, Baumwolle, AVolle und Seide, teils von Posamentierern, teils in besonderen Fabriken, wie in Barmen, Elberfeld, Radeberg, Pulsnitz, Annaberg, Schneeberg u. s. w. gefertigt und bilden einen wichtigen Handelsartikel; Gohlund Silberschnüre liefern die Gold- und Silberspinnereien. Schnurenmaschinen mit im Kreise laufenden Spulen oder Klöppeln werden zur Abfertigung aller Arten von Schnüren benutzt. Schnurrad, in der Posamentiererei ein fahrbares Holzgestell, das oben an einem Kreisbogen eine Anzahl von Haken trägt, mittels welchen durch Drehung aus einzelnen Fäden die Schnüre hergestefft werden. Schnurschlag, abschnüren, das Schnellen einer gefärbten angespannten Schnur zur Vorzeichnung gerader Linien. Schnürstrümpfe werden aus starker Leinwand oder Leder gefertigt und finden in der Chirurgie Anwendung. Schnürung, das Verbinden der Schäfte mit den Tritten des AVebestuhles. Schocke, Schockleinwand hiess man in Böhmen und Schlesien im all¬ gemeinen jede Leinwand, welche nach dem Stück, das 60 Ellen in der Länge hielt, verkauft wurde. Schoddy s. Shoddy. Schönau, Stadt im badischen Kreis Lörrach: Baumwollspinnereien und -Webereien. Schönau, Dorf in Böhmen: Fabrikation von Posamentier- und Band¬ waren, AVäsche, Borten, Gurten. Schönberg, Stadt in Mähren: bedeutende Leinenindustrie, Seiden- und Baumwollwarenfahrikation; eine AVebeschule. Schöneck, Stadt in Sachsen: Gardinenweberei, AVeissstickerei, Korsett¬ fabrikation. Schonen, schwedische Landschaft: bedeutende Wollspinnerei und -Weberei.
465 Schönen—Schuschter. Schönen, einen gewebteu Stoff nach dem Färben noch mit einer Säure, einem Salz oder Alkali behandeln, um die Nüance der Farbe zu verändern. Schönheide, Marktflecken in Sachsen : Hand- und Maschinenstickerei, Fabri¬ kation von Weiss- und Konfektionswaren, Wollweberei mit Druckerei und Färberei. Schönlanke, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Bromberg: Streichgarnspinnerei, Tuchweberei. Schönlinde, Stadt in Böhmen: Woll- und Baumwollwebereien, Strumpfund Zwirnfabriken, Bleichereien und Färbereien; Fachschule für Wirkerei. Schopfheim, Hauptstadt im bad. Kreis Lörrach: Baumwollspinnerei und -Weberei, Bleicherei und Färbereien. Schop-Romals, eine Sorte baumwollener, buntgewirkter ostindischer Schnupftücher. Schotte-Buttadar, feine musselinartige ostindische Gewebe mit goldenen Leistenbändern. Schottisches Garn, bunt geflammtes Garn. Schottisches Leinen ist Gingan. Schottische spitzen s. Hamiltonspitzen. Schottische Teppiche (engl.: scotch carpets), Fussteppiche, gewöhnlich mit aufgeschnittener, sammetartiger Oberfläche, welche aus drei Geweben be¬ stehen, die nach Art der Kidderminsterteppiche die Plätze wechseln, so dass die Zeichnung auf beiden Seiten gleich ist, aber in verschiedenen Farben. Die Ware wird auch in Frankreich und Deutschland erzeugt. Schottische Zeuge, Gewebe mit bunten und lebhaften Farben in Streifen, vorzüglich aber in gewürfelten (schottisch karierten) und gegitterten Mustern. Sie gehören bei den Schottländern zur Nationaltracht und es unter¬ scheiden sich, die Angehörigen der verschiedenen Stämme (Clans) durch her¬ gebrachte feststehende Farbenzusammenstellungen. Schottland, früher selbständiges Königreich, seit 1707 die nördl. Hälfte des vereinigten Königreiches Grossbritannien: Baumwollfabrikation in Lanarck und Renfrew; Seiden- und Baumwollwaren in Glasgow und Paisley, sowie die Kattundruckerei, namentlich der Shawls. Einen Stapel¬ artikel bilden Leinwand und andere Fabrikate aus Flachs. Diese Industrie ist über das ganze Land verbreitet, zum Teil als Nebenbeschäftigung. Fabrikmässig betrieben wird sie vornehmlich in Dundee, nächstdem in Forfar, Dumfries, Perth, Aberdeen und Inverary. Seit der Mitbewerbung Irlands und dem vermehrten Verbrauch wollener Stoffe beschränkt sich jedoch S. vorzugsweise auf gröbere Gewebe, zu denen Russland den Hanf, die Niederlande und Deutschland den Flachs liefern. In der Erzeugung von Plaids, Tartans und Tweeds steht S. unübertroffen da. Hauptsitz der Industrie sind die Distrikte von Dundee, Glasgow und Arbroath. Schrägfachmaschine, solche Schaft- und Jacquardmaschinen, bei welchen die hinteren Platinen mehr gehoben bezw. gesenkt werden, so dass man ein reines Schrägfach erhält. Schriftbänder, Spruchbänder im Webeornament s. kufische Schrift. Schubstuhl, Webstuhl, auf welchem eine grössere Anzahl Bänder gleich¬ zeitig nebeneinander gewebt werden können. Schuja, Stadt im russ. Gouvernement Wladimir: Baumwollspinnerei, Färberei, Druckerei. Schultertuch, Schultervelum, liturgisches Gewand, s. v. w. Amictus, s. a. Velum. Schuppenmuster, von der Hautbildung des. Fisches stammende Kunst¬ form, welche auch in der Textilkunst vielfach Verwendung gefunden hat. Schürze (lat.: fauda, tablerium ; franz.: tablier; engl.: apron), als blosses Schutzmittel bei der Arbeit schon im frühen Mittelalter, als Kleidungsstück von Frauen und Jungfrauen seit Mitte des 16. Jahrhunderts, oft nur als Zierde getragen. Schuschter (Schuster), Stadt in der pers. Prov. Chusistan: bedeutende Baumwoll-, Woll- und Seidenindustrie; Teppicherzeugung. Heiden, Handwörterbuch der Textilktmde. 30
466 Schuss—Schweidnitz Schuss, in der Weberei die in der Breite laufenden Fäden, auch die Bewegung, welche diese Fäden durch die Fäden der Kette hinführt: daher Schussfaden, Schussgarn, Schussspule. Schusslizere, Seidenzeug mit stark flottliegenden Schussfäden. Schüttorf, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Osnabrück: Baumwollspinnerei, 5 Webereien in Leinen und Nessel, 5 Färbereien. Schütze, der, Weberschilf, Schussspule, schiffförmiges, in der Grösse zwischen 5 und 20 cm haltendes Werkzeug aus Holz, Bein oder Elfenbein, welches die Garnspule aufnimmt und den durch ein Loch an der Seite ab¬ laufenden Schussfaden durch die Kette hinführt. Früher wurde der Sch. mit der Hand geschleudert, jetzt durch eine eigene Vorrichtung (s. Schnellzeug) geschnellt: daher Schnelllade, Schnellschütze. Schwabach, Stadt im bayr. Reg.-Bez. Mittelfranken: Goldspinnerei; Fabrikation von sogen. Schwabacher Nadeln: Nähnadeln mit grossen Oehren zur Goldstickerei, ferner von Nähnadeln feinster Sorte. Schwaben, Regierungsbezirk des Königreichs Bayern: die Industrie erstreckt sich auf Baumwollspinnerei, Woll- und Leinenweberei und Kattunclruckerei. Schwäbische Leinwand heissen die aus dem Königreich Württemberg und dem bayr. Oberdonaukreise in den Handel gebrachten Leinengewebe, welche meist nach der Schweiz, Italien und Frankreich verschickt werden. So wird in Augsburg eine Hemdenleinwand (Tele di Cotone) gefertigt, welche zur Hälfte aus flächsenem, zur andern Hälfte aus Baumwollengarn gewebt, sehr schön gebleicht und wie die holländische Leinwand zugerichtet wird. Kempten und Kaufbeuren liefern gewöhnliche und mittelfeine flächsene Hemdenleinwand, weisse und buntgefärbte Futterleinwand, leinene Schnupftücher u. s. w. Nördlingen bringt ausser Bettdrillichen eine Menge halb aus Baumwolle, halb aus Leinen gefertigte Stoffe, ferner rohen Zwillich und Sackleinwand zu Markte. Auch die Ulmer Ware wird viel begehrt. Die dortigen Leinwandhändler haben den grössten Teil des Handels mit schwäbischer Leinwand an sich gebracht und besorgen den Versand ins Ausland. Schwabmünchen, Marktflecken im bayr. Reg.-Bez. Schwaben: mechan. Weberei, Strumpf- und Baumwollwarenfabrikation. Schwanenboy, ein weicher flanellartiger Baumwollenstoff, der trotz seiner Leichtigkeit dick und warm ist und daher häufig zu Unterröcken, Bettdecken, Nachtkleidern usw. verwendet wird. Es gibt einfachen S., der eine auf¬ gekratzte, langhaarige Oberfläche hat, und doppelten, der auf beiden Seiten aufgekratzt und gewöhnlich weiss ist, jedoch auch farbig und bunt gestreift mit eingewirkter oder gedruckter Kante vorkommt. Schwanenordengewand, ein Mantel der Ritter des Schwanenordens, welcher 1440 vom Kurfürsten Friedrich II von Brandenburg gestiftet \vard. Derselbe wird aufbewahrt im Dom zu Brandenburg; er besteht aus einem Sammetbrokatstoff, der in Gold (mit or frisee) und Rot mit prächtigem, schräg aufwachsendem Granatapfelmuster (ähnlich der Abb, 6 auf Tafel IV) bedeckt. Der Stoff ist italienisches oder burgundisches Fabrikat. Schwarzburg-Rudolstadt, ein zum Deutschen Reiche gehöriges Fürsten¬ tum: Spinnereien, Fabrikation von Mull- und Tuchwaren. Schwarzenbach, 1) an der Saale, Stadt im bayr. Reg.-Bez. Oberfranken: zwei Baumwollwebereien, Türkischrot- und andere Färbereien; 2) am Wald, Flecken das.: Baumwollweberei, Weiss-, Filetguipüre- und Spitzenstickerei. Schwarzwurzeln zur Aufzucht der Seidenraupen werden in nördlichen Gegenden verwendet, wo der Maulbeerbaum nicht gedeiht. Vgl. D r. Udo Dämmer, Ueber die Aufzucht der Raupe des Seidenspinners mit den Blättern der Schwarzwurzeln. Frankfurt a. 0. 1897. Schweden, Königreich: 188 Garnspinnereien; die Textilindustrie als häuslicher Erwerb von hoher Bedeutung. Schweidnitz, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Breslau: bedeutende Streich¬ garnspinnereien, Tuch-, Woll- und Leinwandwebereien und -Fäi’bereien.
Schweif—Schweiz. 467 Schweif, in cler Weberei = Kette; daher schweifen, anschweifen, die Kette scheren. Schweifen, in der Bleicherei die Zeuge im Wasser spülen. In der Spinnerei die Vereinigung der Fäden von einer Anzahl im Schweifgestell aufgesteckten Kettengarnspulen und Aufwickeln auf einen grossen senkrechten oder wagerechten Haspel, Schweifrahmen, Scherrahmen zur Bildung der Kette. In der Schnürefabrikation und Seilerei wiederholtes Führen, Anschirren oder Aufziehen eines Fadens von einem Haken zu einem andern Haken und zurück, bis die zu einem Strange bezw. einer Litze erforderlichen Fäden auf¬ gewickelt sind. Schweisstuch (lat.: sudariolum; franz.: suaire; engl.: sudary), 1) Kopf¬ tuch, von Herrschern unter die Krone aufs Haupt gelegt; aus den herab¬ hängenden Zipfeln entstanden die Infulen. Ein solches gehört zu dem Krönungs¬ ornat der deutschen Kaiser; 2) ein zur Zeit Gregor I getragenes leinenes Tuch, woraus später der Manipel hervorging, es dient zum Anfassen des Kelches, des Bischofstabes usw. (s. Veronikatuch). Bei den Juden das Tuch zur Um¬ hüllung des Kopfes eines Leichnams oder auch des ganzen Leichnams. 3) Als Taschentuch (Faciletlein) seit dem 16. Jahrh. eingeführt. Schweiz, die Anfänge der Textilindustrie — Woll- und Leinenindustrie — lassen sich bis ins 13. Jahrh. zurückverfolgen; auch die Züricher Seiden¬ manufaktur ist so alt. Im 16. Jahrh. begann die Seidenindustrie allgemeiner zu werden, ebenso die Sammet-, Seidenweberei und Passementerie; im 17. Jahrh. folgte die Musselinmanufaktur, Stoffdruckerei, Bleicherei, Strumpfweberei und Spitzenklöppelei. Das 18. Jahrh. brachte die Baumwollspinnerei und Stickerei. Die Spitzenklöppelei ist inzwischen fast ganz eingegangen, wesent¬ lich zurückgegangen ist die Leinenmanufaktur, vorübergehend auch die Wollfabrikation. In 1099 Betrieben für Baumwolle waren 1901: 49 023 Arbeiter be¬ schäftigt; für Seide 235 Betriebe mit 33 506 Arbeitern; für Wolle 65 Be¬ triebe mit 4166 Arbeitern; für Leinen 13 Betriebe mit 956 Arbeitern; für andere Textilwaren 322 Betriebe mit 9542 Arbeitern. Die Stickerei¬ industrie beschäftigt in 130 Fabriken etwa 16000 Stickmascbinen, 2600 Schifflimaschinen mit 6000 Arbeitern. Ausserdem arbeitet der österr. Vorarl¬ berg lediglich für den Platz St. Gallen. Die Rohseidenerzeugung und Seidenspinnerei ist in Tessin bedeutend, während Seidenstoffe besonders in Zürich, Bern, Basel, Schafi¬ hausen, Aargau, Glarus, Thurgau, Graubünden und für Zürichs Rechnung in Zug, Schwyz und Unterwalden erzeugt werden; Seidenbänder besonders in Basel, dann im bernischen Jura und in Solothurn. Ungenügend für den Bedarf ist die Wollwarenindustrie, welche in Zürich, Bern, Glarus, Schaffhausen und Solothurn durch Fabriken vertreten ist; sehr bedeutend aber die Industrie in Baumwolle, in der die Schweiz unter den Staaten Europas den vierten Rang einnimmt. Die erste Stelle behauptet Zürich, dann Aargau, Glarus und St. Gallen. Nur vier Kantone betreiben diese Spinnerei nicht. Der Export geht nach Deutschland, Oesterreich, Frankreich und Italien. Die Baumwollweberei, in allen Kantonen betrieben, ist am bedeutendsten in Zürich, Aargau, Glarus, St. Gallen, Appenzell, Zug und Thurgau; Fabrikate sind glatte und fassonierte Gewebe, Buntweberei und Pikeeweberei für Tischdecken, Bett¬ überwürfe u. dgl., billige Rock- und Hosenstoffe für die Levante, Indien und Afrika; berühmte Musseline kommen aus Appenzell (Herisau), St. Gallen und Zürich für Amerika und England. Nachahmungen von indischen Geweben mit Seide und Metallfäden werden in St. Gallen (Toggenburg und Nieder-Uzwyl) für Nord- und Südamerika, Afrika, Türkei und Asien gefertigt; Leinenweberei treibt man im Emmenthal in Bern (Burgdorf und Langenthal), genügt jedoch dem Bedarf keineswegs. In der Färberei wird Grosses ge¬ leistet, die schweizer roten Garne, Adrianopeler und krappvioletten Tücher werden nirgends in Güte und Farbe übertroffen, und die bedruckten Foulards sind weit berühmt. Hauptsitze für Stoffdruckerei sind Glarus, Zürich, Aargau,
468 Schweizer Leinen—Sedjazek. Appenzell, Bern und Neuenburg. Die Spitzenklöppelei wird nur in Waadt und Neuenburg in grösserer Ausdehnung betrieben. Schweizer Leinen bildeten früher für Italien, für Südfrankreick und die Levante einen wichtigen Handelsartikel, der infolge der zunehmenden Baum¬ wollweberei von seiner Bedeutung verloren hat. In geringer Menge kommen aus der Schweiz nach den genannten Ländern noch verschiedene Gattungen fläcksener und hänfener Gewebe, die in einigen Kantonen der Schweiz teils aus dort selbst erzeugtem Flachs oder Hanf verfertigt, oder aus Maschinengarn gewebt werden, teils roh aus Schlesien, Böhmen und Schwaben bezogen, dort gebleicht oder bunt gefärbt und appretiert und als Schweizer Fabrikat ver¬ kauft werden. Schwelm, Stadt im preuss. Beg.-Bez. Arnsberg: Leinenwarenfabrikation, Damast, Band und Litzen. Schwenningen, Fabrikdorf in Württemberg: Fabrikation von Posamentier¬ waren und Florettseide. Schwiebus, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Frankfurt: bedeutende Tuch¬ fabrikation. Schwillieren, das Verfahren, Nähzwirn, Seidenfäden u. dgl. dadurch zu glätten und ihnen Glanz zu erteilen, dass man die über ein Windehakenpaar gehängten Garnsträhne zusammenwindet und hierauf die einzelnen Fäden durch wiederholtes Auf- und Zusammendrehen der Strähne aneinanderreibt. Die zur Ausübung dieses Verfahrens dienenden Maschinen, die oft eine grössere Anzahl Windehakenpaare enthalten, heissen Scliwilliermaschinen. Schwyz, Kanton der Schweiz: die wichtigsten Industriezweige sind Baumwoll- und Seidenspinnerei und -Weberei. Sciali heisst das schwere Gewebe des Kamelottstoffes im Gegensatz zu dem leichten, welches den Namen Soff führt. Scigliano, Stadt in der ital. Prov. Cosenza: Seidenspinnerei und -Weberei; AV olldeckenfabrikation. Scoffino, italienische Bezeichnung für Lüstrin. Score heisst in England ein Wollgewicht von 20 Pfd. Scotsch Carpets (engl.), schottische Teppiche (s. d.). Scutari s. Skutari. Sea Island, 1) nordamerik. Baumwollsorte (lange Georgia), weiss, mit Stich ins Gelbliche, seidenglänzend, sehr kräftig im Faden; 2) ägyptische Baum¬ wollsorte : maco. Sealskin, unter diesem Namen (seal = Robbe, Seehund; skin = Fell) kommen zwei verschiedene Stoffe vor: der eine wird nach Art der Rutenplüsche aus Mohairgarn gewebt, während der andere aus Kuhhaar- und Kälberhaar¬ garnen hergestellt wird. In letzterem Fall wird der Flor wie bei den Streich¬ garngeweben durch Rauhen und Klopfen bezw. durch Aufbürsten erzeugt. Sebnitz, Stadt in Sachsen, bei Pirna: mechan. AVebereien: Leinenweberei, deren Erzeugnisse sich unter Sebnitzer Leinen eines »bedeutenden Rufes erfreuen, man webt dort alle Arten feinster und gewöhnlicher Stoffe. Sechsteilig werden Teppiche genannt, deren Muster sechs Farben haben. Secreton, mittelfeiner, ostindischer weisser Kattun aus französischen Kolonien. Sedan, Hauptstadt des gleichnam. Arrond. im franz. Depart. Ardennes: bedeutende Fabrikation berühmter feiner Tuche, sowie Strumpfwirkerei und AVollspinnerei. Die Spitzenerzeugung in S. im 18. Jakrk. beschränkte sich auf Nadelarbeiten im Stil derjenigen von Argentan; seit der Revolution lag der Erwerbszweig darnieder. Sedansche Tücher aus gleichnamiger Stadt werden in verschiedenen Sorten von feiner spanischer AVolle, auf holländische Art gearbeitet und appretiert; man hat draps fin in premiere et seconde quakte. Auf diese folgen die entresins aus weniger feiner Wolle. Ausser diesen Sorten liefert S. auch viele Londres und Demi-Londres für den Levantiner Handel. Sedjazek, im levantiner Handel eine Gattung kleiner wollener Teppiche,
Seebaumwolle—Seide 469 auf denen die Türken ihre Gebete verrichten; auch Nemazi genannt (siehe Gebetteppiche). Seebaumwolle, s. Adenos. Seeland, Provinz im Königreich der Niederlande: Kalikofabriken. Seerbands, ostindische Musseline von verschiedenen Sorten. Seerhandconat, ostindische Musseline in verschiedener Feinheit. Seewolle oder Gallipoli, Baumwollsorten von den Inseln des Archipels. Segelkaliko, grober, starker Kattun, der in Ostindien für Segeltuch ge¬ braucht wird. Segeltuch, Segelleinwand, Duck (franz.: toile a voile Bonnettes ; engl.: sail cloth); eine grobe, fest gewebte Leinwand, welche zu Segeln verbraucht wird. Das niederländische S. wird wegen seiner Dauerhaftigkeit am meisten geschätzt, das beste und schwerste davon ist der sogen, holländische Kanevas, auf dieses folgt Karltuch. Leichtere Arten von S. werden zu Stickereien (s. Kanevas- und Leinenstickerei) verwendet. Segovia, Hauptstadt der span. Provinz S.: Wollwäschereien, welche die berühmte Segoviawolle liefern, und bedeutende Tuchfabrikation, die zur Maurenzeit 60 000 Arbeiter beschäftigt haben soll. Segoviatuch, drap Segovie, ein feines Wolltuch, das in den niederländ. Fabriken zu Eupen, Montjoie, Stolberg u. a. 0. gemacht wird; es ist eine Art doppeltes Halbtuch und dient zu Damenmänteln und Sommerröcken. Segovienne, Segovia-Etamine, feiner Stoff aus spanischer Wolle, welchen die englischen Manufakturen in verschiedenen Sorten liefern. Seide (lat.: serica; griech.: ßö/ußv^', franz.: soie; engl.: silk; ital.: seta; span.: seda; holländisch: zijde; dänisch: silke; ungarisch: selyem; polnisch: jedwab; böhmisch: hedvabi; schwedisch: silke; russisch: szeolk), besteht aus sehr feinen Fäden, welche die sogen. Seidenraupe spinnt, die nach mehreren Verwandlungen zu einem Schmetterling (Phalaena Bombyx mori) wird, der zu den spinnenden Nachtfaltern gehört. Obgleich es noch viele andere Seiden¬ spinner gibt, versteht man unter S. üblicherweise nur das Produkt der gewöhnlichen Maulbeerraupe : Bombyx mori. (Abb. 275.) Er ist mit ausgebreiteten Flügeln etwa 4 cm breit und höchstens 2,06 lang, seine Flügel sind schmutzig- oder gelblichweiss, mit drei blassbraunen Streifen und einem mondförmigen, oft kaum sichtbaren Fleck; seine kurze Lebensdauer ist ausschliesslich dem Geschäft der Fortpflanzung gewidmet. Das Männchen stirbt bald nach der Begattung; das AVeibchen legt einige Tage nacheinander 300—500 Eier und stirbt dann eben¬ falls. Die Eier entwickeln sich bei einer AVärme von 10° Celsius, wozu in warmen Ländern die Sonnenwärme hinreicht, in kühlen Gegenden aber künst¬ liche Abwartung zu Hilfe genommen werden muss. In Asien, dem eigentlichen Vaterlande dieses Insektes, bleiben die Eier den AVinter über an den Bäumen sitzen und die kleinen Haupen entschlüpfen im Frühling ihrer Hülle, sobald die Sonnenwärme den Knospen des Maulbeerbaumes die Blätter entlockt, in Europa hebt man sie in bestimmter Temperatur den Winter über auf und lässt sie nicht eher auskommen, als bis Nahrung für sie da ist. Die in Europa allgemein benutzte Bombyx mori, deren Nahrung die Blätler des weissen Maxilbeerbaumes sind, ist ausserordentlich gefrässig und dabei sehr empfindlich gegen Kälte, Nässe und Wind. Zu ihrem Gedeihen gehört warme, trockene, heitere Luft und Hube, trotzdem erkranken und sterben viele. Die kleinen Raupen sehen anfangs schwarz aus, häuten sich aber viermal während ihres 6 — 7 Wochen langen Lebens und verändern bei jeder Häutung die Farbe: nach der letzten erscheint die Raupe weisslich oder braun mit dunklerem Kopfe, woraus man schliessen kann, dass die Zeit der Verwandlung nahe ist; sie hört jetzt auf zu fressen, wie vor der Häutung, wird unruhig, läuft schnell umher und sucht einen bequemen Platz, um sich einzuspinnen. Sie klebt nun zwei Tropfen des klebrigen Saftes (Fibroin), der ihr aus zwei Oeffnungen neben dem Maule hervorquillt, an den Gegenstand an, wo sie sich einspinnen will, bewegt den Kopf hin und her und haspelt dabei einen dünnen, klebrigen, an der Luft rasch erhärtenden Faden hervor, den sie mit den Vorderfüssen um sich wickelt.
470 Seide. Den ersten Tag spinnt sie nur ein unordentliches, weitläufiges, unzusammenhängendes Gewebe, das dem eigentlichen Gehäuse als Befestigung dient, über welches sie ein Zickzack mit strafferen Fäden spinnt, bis nach 7—8 Tagen ein ovaler Schlauch (C o c o n) von der Grösse eines Taubeneies fertig ist, der sie unsichtbar macht und aus dem sie nach 2—3 Wochen als Schmettei’ling durch¬ bricht. Der Cocon besteht aus einem einzigen Faden von durchschnittlich 400—500 m Länge. Das äussere, lockere Gespinst, die Flockseide — franz. bourre, engl, floss-silk — besteht aus viel dünneren und darum schon viel weniger wertvollen Fäden. Der Querschnitt einer Coconwand zeigt, Abb. 275. wenn vergrössert, 5—10 Seidenschich¬ ten , die fest oder locker Zusammen¬ hängen. 7—9 Tage nach dem Ein¬ spinnen der Raupen werden die Cocons von ihren Trägern genommen und von der sie umgebenden Flockseide ge¬ trennt. Man wählt die besten zur Zucht aus und tötet die Puppen der anderen, indem man sie der Sonne aussetzt, aber auch durch Wasserdampf und geheizte Luft, trocknet sie hierauf und bewahrt sie zum Ab¬ haspeln auf oder verkauft sie an fabrikmässig eingerichtete grössere Haspel¬ anstalten oder Filandas. Die sogen. Doppelcocons, franz. douppions, ital. doppioni, sind weder zum Ab¬ haspeln noch zur Zucht geeignet. Sie entstehen dadurch, dass zwei oder drei Raupen denselben Winkel aufsuchen und ihre Fäden beim Einspinnen kreuzen und verstricken. Um dieses zu verhüten, bedient man sich be¬ sonderer Vorrichtungen: dem „appareil cellulaire isolateur“. Auch die spitzen Cocons (pointus), sowie die sehr grossen lockeren (cocalons) sind schwer abzuhaspeln. Geringwertig sind auch die chaquettes und calcines, d. h. solche Cocons, in denen das Insekt starb, bevor es den Faden vollendete. Alle die fehlerhaften Cocons, wozu noch die durchlöcherten C. perces, ferner die C. piques, C. tarmate, C. rugginose, welche in allen möglichen Gattungen, Rassen und Namen auf den Markt gebracht werden, bilden ein geschätztes Material der Florettspinnerei (s. Florett¬ industrie.) Das Ab haspeln der Cocons geschieht erst, nachdem man sie in heisses Wasser getan hat, um die harzigen Teile auflösen zu lassen, durch welche die Fäden miteinander vereinigt sind. Nach dem Kochen erfolgt das Schlagen der Cocons, welches die Entfernung des äusseren Flaumes und der Flockseide bezweckt, die den Cocon umgeben, welches auch in einem Wasser¬ bade geschieht. In vielen Betrieben wird dem Schlagen der Cocons mit den Händen vor dem maschinellen Verfahren der Vorzug gegeben. Das Seiden¬ haspeln geschieht mittels einer mechanischen Vorrichtung und hängt die Güte der Seide zum Teil mit von der Sorgfalt des Abhaspelns ab; denn nun erst kommt das Zwirnen oder Filieren der aufgehaspelten Roh- oder Gre zeseide, franz.: soie ecrue, ital.: seta grezza. Soll die Seide gefärbt werden, so wird sie locker gezwirnt; soll sie zum Einschlag beim Weben dienen und Avird der Faden aus zwei oder mehr rohen, locker gedrehten Seidenfäden ge¬ macht, so heisst sie Trama-, Tram- oder Einschlagseide; dagegen ent¬ steht die Ketten- oder Organsinseide, wenn man vier und mehr Fäden
Seide. 471 zu einem zusammenzwirnt, nachdem man zwei und zwei je zu einem Faden zusammengedreht hat. Die Einrichtung der Filier- und Zwirn maschinell war lange Zeit ein Geheimnis der Piemontesen und ein Engländer, John Lombe, setzte sein Leben aufs Spiel, um sich in Piemont eine genaue Kenntnis der¬ selben zu verschaffen. Bei seiner Rückkehr legte er in Derby eine Seiden¬ mühle an, von wo sich dieser Industriezweig weiter ausbreitete und sich nach Frankreich, Deutschland und der Schweiz verpflanzte, wo früher alles mühsam durch Händearbeit gesponnen wurde. D as Mulinieren (moulinage) der Rohseide bezweckt die Vereinigung mehrerer Grezefäden unter gleichzeitiger Verbindung derselben vermittelst der Drehung und Zwirnung. Nach dem Putzen der Rohseide folgt das Dub¬ lieren. Es besteht in der Vereinigung mehrerer einfacher nur gereinigter Fäden auf einer einzigen Bobine. Die fertig gezwirnte rohe Seide wird, um sie in den Handelsverkehr bringen zu können, aus der Bobinenform in die übliche Strangform übergeführt. In England hat ein Strang von 48 Zoll engl, einen Umfang von 1,219 m mit 2496 Fäden, oder einer von 44 Zoll = 1,118 m mit 818 Fäden. In Frankreich hat der Strang 1 m Umfang, 1 Strang = 4 Ge¬ binde zu 8000 Fäden, also 12000 m. Zur Anfertigung solcher Stränge be¬ dient man sich einer Wi n d e ma s ch i n e. Die gezwirnte Seide kommt in die Färberei, wo sie zunächst durch Kochen in einem Seifenbade von dem gummösen Stoffe, der bastartig den Faden umgibt, befreit wird. Diese Operation ist nötig einmal, weil ohne sie die Färbung nicht so gut gelingt, andrerseits aber auch deshalb, weil erst durch sie das Material die volle Elastizität er¬ langt, von welcher die Dauerhaftigkeit der Gewebe abhängt. (Vgl. Knecht, Rawson & Löwenthal, Handbuch der Färberei, Berlin 1895; Steinbeck, Bleichen und Färben der Seide und Halbseide, Berlin 1895. Silber mann, die Seide u. s. w. Bd. II, S. 280.) In den Seidenfärbereien werden die ein¬ zelnen Strähne, nachdem sie gefärbt, gewaschen und aufgewunden sind, bis zu einem gewissen Grade gestreckt, wodurch sich die getrennten Fasern wiederum fester an den Faden anschliessen, so dass dieser ein Ganzes bildet. Durch das Strecken gewinnt die Seide nicht nur an Glanz, sondern auch an Dauerhaftigkeit. Unter dem Konditionieren der Seide versteht man die Feuchtigkeitsbestimmung derselben, d. h. man ermittelt ihren Wassergehalt gegenüber dem wirklichen Handelswert. Aus den der Trockenanstalt über¬ gebenen Seidenballen werden einzelne Probestränge gezogen, deren genaues Gewicht man durch doppelte Wägung findet, welche kontrolliert und auch doppelt notiert wird. Die hierauf stattfindende Trocknung dieser Probebündel erfolgt bei einer Temperatur von 105 — 108° Celsius, bei welcher die Seide während einiger Stunden in dem durch Dampf geheizten Trocknungsapparate verbleibt und wobei deren abnehmendes Gewicht durch die unmittelbar darüber befindliche Wage mehrmals genau bestimmt und registriert wird. Nach dem so gefundenen Gewicht wird das des ganzen Ballens berechnet. Ausser dem Konditionieren wird die Seide noch einer Prüfung unterworfen, das ist die Bestimmung der Faserfeinheit, welche man als Titrieren (s. d.) bezeichnet. Geschichtliches: Die Seidenindustrie wird im frühen Altertum in China, dem Heimatlande derselben, zuerst getrieben; von dort hat sich dieselbe in den ersten Jahrhunderten der christlichen Zeitrechnung über Indien und Persien bis nach Vorderasien verbreitet, trotzdem jedes Land sie als einen kostbaren Besitz für sich zu bewahren suchte. Als im 6. Jahrh. in Byzanz (s. d.) unter Justinian der Seidenbau eingeführt wurde, bestand dort schon eine Industrie, welche den Rohstoff von den persischen Händlern bezog: die Industrie selbst hatte ihren Schwerpunkt in den kaiserlichen Gynäceen (s. d.), in welchen für Rechnung des Staates und zumeist für die Bedürfnisse des Hofes gearbeitet wurde; die Privatindustrie war daneben nur in beschränktem Masse vertreten. Der Import vom Orient war noch immer sehr bedeutend; der Expoi’t nach dem Abendlande, besonders der von kostbaren Stoffen, zeit¬ weise beschränkt. Erst im 12. Jahrh. ist die Fabrikation in Griechenland bedeutend geworden, neben Byzanz wurden Korinth, Athen und Theben die
472 Seide. Hauptstätten derselben. Früher als in Griechenland blühte die S. in Syrien, das im 8. Jahrh. an die Araber verloren ging. Diese eigneten sich das Ge¬ werbe an und verbreiteten es über die Nordküste von Afrika bis nach Spanien und Sizilien. Jeder Emir hatte bei seinem Palaste einen „Tiraz“, in dem für seinen Bedarf seidene und goldgestickte Zeuge gewebt wurden: die Stadt Almeria zählte zu Evrisis Zeiten (Mitte 12. Jahrhdts.) 800 Stühle. Von Griechenland aus erfolgte die Einführung der S. nach Italien, indem König Roger I. 1146 von einem Kriegszuge griechische Seidenweber nach Palermo brachte. (Vgl. Palermo und Italien.) In Frankreich war schon infolge der Kreuzzüge die S. im 18. und 14. Jahrh. in Uebung gewesen, namentlich in Paris und im Süden, auch durch die ITebersiedlung des päpstlichen Hofes nach Avignon (s. d.); aber erst unter Ludwig XI. (1461—83) gewinnt das Gewerbe dauernden Bestand, wozu die Berufung von Seidenarbeitern aus italienischen Städten besonders beitrug. Im Jahre 1466 wird die Manufaktur in Lyon, und 1470 jene in Tours ge¬ gründet. Letztere kam eher in Blüte als Lyon, dessen grosse Messen anfangs mehr dem Handel mit italienischen Waren dienten. Es hatte in der Mitte des 16. Jahrhdts. schon eine beträchtliche Anzahl Stühle im Gange, an denen neben den Italienern viele einheimische Arbeiter tätig waren, und fertigte Brokate und Seidenstoffe, die sich wohl mit den Produkten von Florenz vergleichen konnten. Franz I. (1515—47), der durch italienische Einflüsse der Industrie die künstlerische Richtung zu geben verstand, wurde der zweite Begründer der Manufaktur von Lyon, teils durch das Privilegium, das er 1536 zwei Genueser Unternehmern erteilte, teils durch den grossen Vorzug des Stapel¬ rechts auf alle in das Königreich eingeführte Rohseide, welches er der Stadt 1540 gewährte. Heinrich IV. (1589—1610) führte den Seidenbau als einen allgemeinen Zweig der Landeskultur auch in den nördlichen Provinzen ein und förderte die Manufakturen, namentlich in Paris. Unter seiner Regierung fand ein Plan von Barthelmy Laffemas zur Förderung von Handel und Gewerbe Annahme, in welchem auch die S. eine hervorragende Stelle einnahm und welcher später von Colbert erweitert und von Pont chartrain und Chamillart im Jahre 1700 umgebildet wurde. Colbert erhob die S. in Frankreich auf den Gipfel ihrer Blüte; ihre Erzeugnisse übertrafen an Geschmack und Solidität die der Italiener, die sie nicht nur von dem inländischen Markt vollständig ausgeschlossen, sondern auch auf den fremden Märkten erfolgreich bekämpften. Lyon gewann jetzt vor der alten Nebenbuhlerin Tours und vor den übrigen Fabrikationsstädten, unter denen namentlich Paris, Avignon und Nimes zu nennen sind, einen bedeutenden Vorsprung. Trotz seines hochentwickelten Seidenbaues muss Frankreich im 18. Jahrh. doch fast zwei Drittel seines Bedarfs an Rohseide von auswärts beziehen, besonders aus Italien. In Sp anien knüpft die S. unmittelbar an diejenige der Mauren an, welche im Laufe der mittelalterlichen Jahrhunderte zu hoher Blüte gelangt war. Ihre Gesetze und Verordnungen Hessen die katholischen Könige nach der Eroberung von Granada (1492) bestehen; im übrigen suchten sie das Gewerbe auf alle Weise zu fördern. In Kastilien wurden Seidenmanufakturen zu Toledo begründet; neue Manufakturen entstanden auch in der grossen Hafenstadt Sevilla, deren Betriebsstärke 1650 auf 3000 Stühle angegeben, während das alte Granada 1540 etwa 1000 beschäftigte. Während der Regierung Ferdinands und Isabellas (1479—1504) wird schon viel zum Schutze der bedeutenden Seidenzucht des Landes getan und die Einfuhr fremder Fabrikate und fremden Materials verboten. Karl V. (1519—56) schaffte das Einfuhrverbot für fremde Fabrikate ab, während die Ausfuhr des Rohmaterials erlaubt blieb; die Italiener, namentlich Genuesen, kauften massenhaft spanische Seide auf und führten ihre Fabrikate auf den spanischen Markt. Seit dieser Zeit ist die spanische S. in raschem Verfall begriffen; erst im 18. Jahrh. kam sie wieder zu grösserer Bedeutung, so dass Valencia am Ende desselben als Nebenbuhlerin von Lyon gilt. Auch die Niederlande sind im Besitze einer alten S. gewesen, welche ihren Ursprung auf die mittelalterlichen Handelsbeziehungen zurückführt.
Seide. 478 Brügge war schon im 18. Jahrh. eine Station der Lucchesischen Käufleute; im 15. Jahrh., vielleicht auch schon früher, besteht dort in dem Gewerk der cultensteckers eine eigenartige Seidenindustrie. Das Gewerk verfertigte alle Sorten von Wämsern, Westen, Schleuderärmeln und dergleichen Luxus¬ gewändern, fütterte die Kleider mit Seide und machte — wovon es den Namen führt — die prächtigen seidenen Bettdecken, die man im Mittelalter Culten nannte. Seidenweber und Seidenbereiter (Zwirner und Winder) bildeten samt den Gold- und Seidenstickern und den Bortenwirkern eine Unterabteilung des Gewerks, das mit dem der eigentlichen Kleidermacher wegen der Befugnis zur Verarbeitung von Sammet und Seide in beständigem Streit lebte, bis der Magistrat 1552 auch den Kleidermachern diese Befugnis verlieh. Auch in Gent haben im 14. und 15. Jahrh. die Weber seidene Waren neben den wollenen gefertigt; die Hauptstätte der S. aber war Antwerpen, das schon im 13. Jahrh. in lebhaften Handelsbeziehungen mit den Venetianern stand und im 14. Jahrh. als grosser Stapelplatz für Seidenwaren bekannt war. Noch 1550 verbot eine Kleiderordnung Karls V. den Bürgern das Tragen seidener Gewänder; aber schon seit dem 16. Jahrh., wo die Verlegung der Handelswege aus dem Orient vom Mittelmeer an die atlantischen Küsten einen allgemeinen Aufschwung der wirtschaftlichen Tätigkeit hervorbrachte, bestand dort eine bedeutende Industrie von selbständigem Charakter, die Satin, Sammet, Cassa- und Trippsammet (mit Wolle oder Leinen vermischt), Burate (aus Seide und Wolle), leichte Taffete, Damaste und Brokate fertigte. Im 18. Jahrh. erreichte die S. ihren Höhepunkt, seit dem Ende desselben ist sie gänzlich in Verfall geraten. Die weitere Ausbreitung der S. steht im Zusammenhang mit der im 16. Jahrh. beginnenden und bis ins 18. Jahrh. hinein sich fortsetzenden Gegen¬ reformation, die 1685 in der Aufhebung des Edikts von Nantes gipfelte. Aus Italien, aus den spanischen Niederlanden, aus Frankreich wandern nament¬ lich in der zweiten Hälfte des 16. und am Ende des 17. Jahrhdts. Ströme von Flüchtlingen, um ihren Glauben zu bewahren, in die benachbarten Länder aus: nach der Schweiz und nach Deutschland, nach Holland und England, nach Dänemark und Schweden, selbst nach Amerika. Sie sind unter anderem auch die Träger und Arerbreiter der Seidenindustrie gewesen. Aber, wrie in dem Werke: „Die Preussische Seidenindustrie im 18. Jahrh. u. s. w., Darstellung von 0. Hintze, Berlin 1892, Bd. III“, dem diese (nach unten angegebenen Quellen ausgearbeiteten) Notizen entnommen sind, ausgesprochen wird, ist die landläufige Vorstellung, als ob Holland und England, Deutschland und die nordischen Reiche erst durch die französischen Refugies den Anstoss zur Ein¬ führung der S. erhalten hätten, nicht haltbar; „es handelt sich in den meisten Fällen nur um eine Stärkung der Industrie, um die Einführung neuer Artikel, eines besseren Geschmackes, einer vollkommeneren Technik; die Franzosen haben in dieser Beziehung für Europa gewirkt wie die Lucchesen für Italien. Andererseits ist die Schädigung der französischen Manufakturen wohl kaum eine so starke gewesen, wie gewöhnlich angenommen wird.“ Nach Hamburg (s. d.) kam die S. über Antwerpen, es waren Dänemark, Schweden und Russland, dazu ein grosser Teil von Deutschland ihre Abnehmer. In England beruht die Einführung der S. in der Hauptsache auf der bewussten Initiative der Regierung nach dem Muster Frankreichs. Es bestand schon Mitte des 15. Jahrhdts. in London ein Zweig des Seidengewerbes; aber es handelte sich dabei nur um Bänder, Borten, Gürtel, Haarnetze und dergleichen seidene Posamentierarbeit, nicht um die eigentliche Stoffweberei; aber noch das 16. Jahrh. hindurch herrschte das Bestreben, durch Luxusedikte den gewöhnlichen Leuten den Gebrauch von seidenen Kleidungsstücken zu verwehren; erst im Anfänge des 17. Jahrhdts. reizten die Erfolge Heinrich IV. von Frankreich zur Nachahmung. Eine epochemachende Bedeutung für die englische Industrie hatte die Ansiedlung der französischen Refugies. Sie führten die schweren kostbaren Modestoffe, die schwarzen lüstrierten Taffete und andere Gattungen von Zeugen ein, die man bisher in England nicht gefertigt hatte, und verliehen der Industrie erst den universalen Charakter und die Möglichkeit,
474 Seide, den Bedarf des Landes an Waren zu decken. Den Rohstoff bezog man aus Italien, aus China (durch die ostindische Compagnie) und aus Persien. Es handelte sich dabei zum gi-ossen Teil um wirkliche Rohseide (Grege), die erst im Lande selbst gezwirnt wurde. Den eigenen Seidenbau, der durch Jakob I. seit 1608 eingeführt worden war, scheint England im 18. Jahrh. ganz aufgegeben zu haben; doch suchte man ihn in den Kolonien Karolina und Georgia heimisch zu machen. In Schweden bemühte sich die Regierung seit dem westfälischen Frieden (1648) Seidenmanufakturen nach französischem Muster anzulegen: die erste ward 1649 in Stockholm gegründet, andere folgten. Auch in Dänemark wurden auf Anregung der Regierung Seidenfabriken nach französischem Muster in der Hauptstadt begründet* 1735 wurde ein Kommerzienkollegium als besondere Behörde zur Beförderung der Manufakturen geschaffen. In Russland bestand ein alter Seidenhandel von Persien her. Now¬ gorod mit seinen Messen und seinem Stapelrecht war der Mittelpunkt für den Betrieb der orientalischen Stoffe. Auch bestand schon im 17. Jahrh. eine Seidenindustrie, die aber im wesentlichen nur Posamentierweberei war; erst Peter der Grosse führte die grosse S. nach dem Vorbilde der westeuropäischen Staaten ein. In der Schweiz wurden schon im 13. und 14. Jahrh. florartige Seiden¬ gewebe aus harter, ungekochter Seide, namentlich zu Schleiern und Kopftüchern, und vorzugsweise für den Export nach dem Norden und Osten verfertigt; im 15. Jahi'h. ist diese Industrie wieder untergegangen; ihre Neubegründung knüpft sich an die Einwanderung der „Locaimer“ um 1550, protestantischer Flücht¬ linge aus allen Teilen Italiens. Während des 17. Jahrhdts. kam es zu einem lebhaften Aufschwung der Industrie; man fertigte besonders Sammet und flor¬ artige Gewebe und betrieb auch die Tramezwirnerei und Florettspinnerei. Die eigentliche Stofffabrikation, die noch in den Anfängen war, wurde dann durch die französischen Refugianten in der Zeit von 1681—1717 eingeführt und hob sich bis zum Ende des 18. Jahrhdts. zu hoher Blüte. Auch nach Basel brachten in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhdts. protestantische Flücht¬ linge aus Italien, den Niederlanden und Frankreich die S. Hier handelte es sich vorzugsweise um Sammet- und Bandweberei; namentlich in der letzteren gewann Basel durch Einführung der Maschinenstühle seit dem letzten Drittel des 17. Jahrhdts. eine hervorragende Bedeutung. Deutschland begann die S. mehr und mehr einzuführen, nachdem Ulmer Kaufleute die am Comersee erlernte Sammetweberei um das Jahr 1515 in ihre Vaterstadt übertrugen. In Augsburg (s. d.) machte man um 1541 Versuche mit Goldzieherei und Brokatweberei. Nürnberger Handelsherren legten in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhdts. Seidenzüchtereien und Filaturen in Italien, namentlich in Verona und Roveredo, an und liessen in ihrer Heimat¬ stadt selbst Atlas und andere Zeuge weben. Um dieselbe Zeit soll sich nach älteren Angaben der Kurfürst (Joachim II.?) dem Beispiele des Kurfürsten von Sachsen folgend, durch einen Locarner Flüchtling eine Sammetwebei’ei haben anlegen lassen. Der dreissigjährige Krieg brachte die Entwicklung der S. in Deutschland sehr zurück. In Augsburg, Frankfurt, Köln bestanden auch in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhdts. noch Seidenmanufakturen; doch handelte es sich nur um Zwirnerei, Färberei, Bandweberei und Herstellung leichter halbseidener Stoffe, und der Umfang des Gewerbes war nicht bedeutend; nur in Hamburg war ein Aufschwung erfolgt. Von grossem Einfluss für die spätere Entwicklung der S. ist die Tätigkeit des bekannten Johann Joachim Becher, der nicht nur durch seine Schriften, sondern mehr noch durch eine rührige Agitation bei Fürsten und grossen Herren die wirtschaftlichen Fort¬ schritte, die er namentlich in Holland kennen gelernt hatte, in Deutschland auf die Bahn zu bringen suchte. In seinen Plänen spielt auch die Einführung der Seidenmanufaktur eine grosse Rolle. Auf seine Veranlassung wurden 1664 Versuche in Mannheim und Heidelberg gemacht, die sich aber zerschlugen;
Seidenabfälle—Seidenband. 475 doch waren von Erfolg begleitet die Maulbeerpflanzungen bei Würzburg und später in München und Wien. In Oesterreich übernahm Becher 1666 die Leitung solchen Werkes selbst, doch fehlte es sowohl hier wie da immer noch an der richtigen Unterstützung seitens der Begierungen. Besser gelang nachher die Begründung der S. in Sachsen, wo sie in den 70er Jahren des 17. Jahrhdts. der Kommerzienrat Daniel Crafft betrieb. Auch Langensalza wird um diese Zeit genannt, woselbst von Schweizer Webern eine Manufaktur von Stoffen aus Seide und Baumwolle in Betrieb war; seit 1700 wurde der grosse Mess¬ platz Leipzig Hauptsitz der sächsischen Sammet- und Seidenindustrie. An diesen allgemeinen Bestrebungen zum Wohle der Volkswirtschaft nimmt auch der Grosse Kurfürst von Brandenburg teil. (Vgl. Berlin u. Krefeld.) Literatur: a) Werke, woraus die geschichtlichen Notizen entnommen sind: Pariset, Histoire de la soie (Paris 1862, 2 Bde.); ders.: Les industrie de la soie (Lyon 1890); Francique-Michel, Recherches sur le commerce, la fabrication et l’usage des etoffes de soie, d’or et d’argent et autres tissus precieux en occident, principalement en France pendant le moyen-äge (Paris 1852, 2 Bde.); Heyd, Geschichte des Levantehandels, Bd. II, 683 ff.; Clement van Cauwenberghs, L’industrie de la soie ä Anvers depuis 1532 jusqu’ä nos jours (Bulletin de la societe royale de geographie d’Anvers depuis 1887, p. 105—146); Bertholon, Du commerce et des manufactures distinctives de la ville de Lyon, Montpellier 1787; Bürkli-Meyer, Geschichte der Zürcherischen Seidenindustrie, Zürich 1884; Caesar Moreau, ßise and progress of the silketrade in England, London 1826; Anderson, Origin of commerce etc., London 1801, 4 Bde.; Bartolomeo Cechetti, Dell’ introduzione dell’ arte della seta in Venezia (Venezia 1866); TJeber Florenz: Pagnini, Deila decima . . . della moneta e della mercatura de’ Fiorentini fino al secolo XVl. Lisbona e Luca 1765—66, II. 106—124 u. 240 ff. und Pöhlmann, Die Wirtschaftspolitik der Floren¬ tiner Renaissance; von Justi, Von Manufakturen und Fabriken (Kopenhagen 1757, S. 107). Für Russland: von Ordega, Gewerbepolitik Russlands (Tübingen 1885); Sto rch, Historisch-statistisches Gemälde des russischen Reiches am Ende des 18. Jahr¬ hunderts, 4 Bde. (Riga 1797, Bd. III, 238 ff.); Geering, Handel und Industrie der Stadt Basel (ebd. 1886). b) Allgemeine Werke: Acta Borussica, Denkmäler der preuss. Staats¬ verwaltung im 18. Jahrh. u. s. w.: Seidenindustrie und ihre Begründung durch Fried¬ rich d. Gr., 3 Bde., Berlin 1892; Arles-Dufour, Exposition universelle de 1862. CoDsiderations generales sur les soies, les soieries et les rubans; Bavier, Japans Seidenzucht, Seidenhandel und Seidenindustrie, Zürich 1874; Bolle, Der Seidenbau in Japan, Wien 1898; Bozzi, Notes sur l’industrie serigene, Bagnols 1861; Broglio d’Ajano, Die venetianische Seidenindustrie und ihre Organisation bis zum Ausgang des Mittelalters, Stuttgart 1893; Bujatti, Geschichte der Seidenindustrie Oesterreichs, Wien 1893; Udo Dämmer, Ueber die Aufzucht der Raupe des Seidenspinners (Bombyx Mori L.) mit den Blättern der Schwarzwurzel, Frankfurt a. O. 1897; D older, Die Fabrikation von Seidenstoffen im Kanton Zürich, ebd. 1851; Dumas, Rapport sur l’amelioration des races de vers a soie, Paris 1857; Dunder, Anleitung zur Seiden¬ zucht. 3 Bde., Wien 1854; Duseigneur-Kleber, le cocon de soie, Paris 1875; Rondot, l’enseignement necessaire ä l’industrie de la soie, Lyon 1877; derselbe, L’art de la soie, 2 Bde., Paris 1885—87; Silbermann, Die Seide, ihre Geschichte, Gewinnung und Verarbeitung, 2 Bde., Dresden 1897; \roshida, Entwicklung des Seidenhandels und der Seideniudustrie vom Altertum bis zum Ausgang des Mittel¬ alters, Heidelberg 1895; Ueber künstliche Seide: Cadoret, deutsch von Heil, Krefeld; Süvern, Berlin 1900. Abbildung: 275. Darstellung der Verwandlung der Seidenraupe bis zum Schmetterling aus dem „Buch der Erfindungen“, Leipzig und Berlin 1879, Bd. 6, S. 310. Seidenabfälle, die Seidenfäden, welche beim Einsammeln des Kokons hängen bleiben, oder die von Kokons herrühren, welche bereits durchbohrt oder sonst beschädigt sind, endlich der innerste Teil des Kokons; sie werden Galetseide genannt und zu Florettseide, Chappe u. s. w. verwendet. Seidenband wird entweder auf den gewöhnlichen Posamentierstühlen, auf der Jacquardmaschine oder auf dem sogen. Mühlenstuhl oder der Band¬ mühle verfertigt und kommt in ausserordentlicher Verschiedenheit vor; wenn-
476 Seidenberg—Seidenwaren. gleich man zunächst nach glatten und gemusterten und diese Sorten nach Güte und Breite unterscheidet (s. Band). Seidenberg in der Oberlausitz, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Liegnitz: Seidenweberei, Fabrikation von Tuch und Schirmstoffen. Seidenbiber werden im Handel fälschlich die zugerichteten Seehundsfelle genannt, denen die langen Haare ausgezogen sind, so dass sie einen graubraunen weichen, gekräuselten Pelz bilden. Seidengarne aus Florettseidengespinsten (franz.: soie filee; engl.: silk yarn) kommen unter verschiedenen Benennungen in den Handel als: Crescentin (Kreszentine), Cliappe (chape, Schappe), Galettam, Gallet, Fiorettino, Sambatella, Fantaisie u. s. w. und zwar je nach dem Zeuge, aus dem sie erzeugt worden sind, in verschiedenen Güten und Sorten. Die besseren Sorten der Gespinste werden als Einschlag bei verschiedenen Seidenstoffen, als Kette bei mancherlei Halbseidenzeugen, zu Hutvelpel, groben Bändern und Schnüren und als Stick¬ seide, zum Stricken und zur Strumpfwirkerei gebraucht; aber selbst die schönsten erreichen an Feinheit, Glätte, Glanz und Festigkeit nicht die gute, gehaspelte und filierte Seide. Für die Erzeugung gewisser Waren ist Florettseide, in geringeren mit Baumwolle oder Wolle versponnen. Seidengaze, Seidenstramin, lockeres leinwandartiges Gewebe aus stark gedrehten Baumwollfäden, welche mit wenig gedrehten Seidenfäden um¬ wickelt sind. Seidenindustrie, s. Seide. Seidenkamelott, leinwandartiges Seidengewebe, dessen Kettenfäden aus zwei Seidenfäden verschiedener Farbe gezwirnt sind, während die Schussfäden eine dritte Farbe haben. Seidenleinen, gazeartiges Gewebe aus feinen Leinenfäden mit Streifen aus Seide. Seidenmuschel, s. Muschelseide. Seidenpflanze, syrische, Beidelsär, Asclepias syriaca Lin., eine aus Amerika nach Europa verpflanzte Zierpflanze, welche von der sogen. Seiden¬ wolle verschieden, in den kälteren, nördlichen Gegenden sehr gut fortkommt und deren Samenwolle vermischt mit anderer Baumwolle zu verschiedenen Stoffen verarbeitet werden kann. Seidenshoddy wird hergestellt aus seidenen Lumpen. Aus ihnen wird in der Art Avie es die Shoddyfabriken an wollenen Lumpen üben (s. Kunst¬ wolle), schönes und dauerhaftes Garn hergestellt. Die erste Seidenshoddyspinnerei Avurde bei Chemnitz eröffnet. Seidentapeten, s. Tapeten. Seidenteppiche werden im Orient seit alter Zeit geknüpft. Erhalten sind die schönsten aus der persischen Dynastie der Safiden (1502 —1736) (s. Teppiche); die in neuer Zeit aus Ispahan, Kaschan und Sultanabad kommenden (Ahb. 329, S. 576) sind künstlerisch nicht von Bedeutung. Seidenwaren, bei denen die S. ganz oder nur zum Teil das Material bilden, sind ein umfangreiches Gebiet der Textil-und Textilkunstindustrie; die Menge dieser Waren ist nicht allein ungemein gross, sondern auch so Avechselnd, einzelne Artikel so kurz von Dauer und die ihnen beigelegten Namen so will¬ kürlich, dass ihre Aufstellung kaum nützlich erscheint, zumal die meisten unter besonderen Artikeln aufgeführt sind. Nach der Art ihrer Herstellung unter¬ scheiden sich die Seidengewebe wie andere in glatte, geköperte, gemusterte, Gaze und S ammete. Unter den glatten und leinwandartig geAvebten Stoffen sind die geAVÖhnlichsten die Taffete, leichtere und schAverere Zeuge aus entschälter S. mit Organsinkette und Einschlag von Tramseide. Ganz leichte Gewebe bilden den Futt ertaffet: Avignon, Florence, Halbtaffet — Demi — Florence, etAvas schwerere den Ivleidertaffet. Bei diesen ist die Kette ein-, der Einschuss ein- bis dreifädig. Doppeltaffet (Mar cell ine) hat durchaus zweifädige Kette und zwei- bis dreifädigen Schuss. Die dichtesten taffetartigen Zeuge heissen Gros mit vielen Beinamen: de Najdes, de Tours, d’Orleans u. s. w., sie haben zweifädige Kette und zAvei- bis sechsfädigen
S eiden Weberei—Selim s. 477 Schuss, sind, daher zum Teil sehr stark im Faden und zeigen deshalb eine Art von regelmässiger Körnung auf der Oberseite oder erscheinen gerippt, wenn dicke mit dünnen Fäden wechseln. Zu den geköperten Stoffen gehören die verschiedenen Sergen (Croise, Levantin, Drap de Soie, Bombasin u. s. w.), der Atlas oder Satin. Gemusterte Zeuge kommen in der grössten Mannigfaltigkeit und unter den verschiedensten Namen vor und es gehören dahin alle gewürfelten, gestreiften, geblümten Gewebe. Zn den Seidensammetstoffen gehört der echte, geschnittene und ungeschnittene S., sowie Plüsch und Velpel. Gazeartige Gewebe kommen als Gaze, Flor, Marly, Krepp, Stramin, Barege, Beutelgaze vor. Die gemischten Stoffe zeigen grosse Verschiedenheit in der Zusammenstellung des Materials, der Farben und Muster und es geht darin die Seide in Verbindung mit Wolle, Alpaka, Mohair, Baumwolle und Leinen ein, entweder als Kette oder als Schuss. Bei den Mischgeweben hat besonders auch das Garn aus Abfallseide Verwendung. Seidenspinnerei s. Spinnerei. Seidenweberei s. Weberei. Seidenwirkerschnur, eine aus mehreren Schnüren zusammengesetzte und demnach als 8-, 12-, 24- u. s. w. schniirig benannte Seilerware zum Gebrauche für Seidenwirker. Seidenwolle, die Samenwolle des von der Baumwollenstaude sehr ver¬ schiedenen Seidenwollenbaums, von welchem es mehrere Arten gibt, die in Ostindien und in Amerika wild wachsen. Die Frucht besteht aus einer Samen¬ kapsel, die einem Gäuseei ähnlich ist. Die darin enthaltene seidenartig glänzende Wolle wird mit vieler Mühe und Sorgfalt gesponnen und mit Baum¬ wolle untermengt verarbeitet. Seidenzeuge, s. Seidenwaren. Seihtuchleinen, locker gewebter weisse L., welche zum Durchgiessen von Flüssigkeiten gebraucht wird, um sie von unreinem Beiwerk zu säubern. Seile, Stricke, Taue, Tauwerk (franz.: cordes; engl.: rips cordage), werden bekanntlich von den Seilern oder, wie man sie in den deutschen Städten nennt, von den Reepsschlägern verfertigt, in neuerer Zeit aber auch sehr viel auf Maschinen mehrfacher Konstruktion, diese heissen Patenttaue, die am meisten in England aus russischem Material hergestellt werden. Stricke und Taue, besonders die Ankertaue, werden aus gutem Hanf, oft mehrere hundert Meter lang, armdick und stärker gedreht und mit Teer ge¬ tränkt. Am meisten geschätzt werden die Sorten aus gutem, festem, Inländi¬ schen oder kurischen Hanf. Auch die alten, abgenützten Seilerwaren bilden noch einen Handelsartikel, indem man sie auseinanderzupft und das Werg zum Kalfatern der Schiffe braucht. Unter den vei'schiedenen Sorten in der Seilerei hergestellten Waren ist der Bindfaden am dünnsten, meist aus dem Zusammen¬ drehen zweier Fäden gebildet; das Sackband hat stärkeren Draht, noch stärkeren haben die Schnuren. Die Korden bestehen aus zwei oder drei Fäden mit sehr starkem Draht; die Stricke nehmen nach beiden Enden zu ab und bilden die geringste Sorte; die Stränge sind aus besserem Material, da sie beim Fuhrwesen verwendet werden, wobei sie haltbarer sein müssen; die Leinen teilen sich in Pack-, Wasch- und Fangleinen und sind in den stärkeren Sorten aus vier, in den schwächeren aus drei Litzen gedreht. Seizains sind französische mittelfeine, im Stück gefärbte Wollentücher, die in den Fabriken des Depart. des Ardeche, der Aude, des Gard, der oberen Garonne z. T. mit spanischer Wolle vermischt, für den Handel nach der Türkei, Aegypten und Persien verfertigt werden. Selfaktor, Selbstspinner, eine Mulmaschine, bei welcher das Ein- und Ausfahren des Wagens und die Aufwickelung des Gespinstes selbsttätig durch einen besonderen Mechanismus erfolgt und welche beim regelmässigen Gange menschlicher Beihilfe nicht bedarf. Der S. wurde 1825 zuerst von Roberts in Manchester erfunden und in neuer Zeit haben viele Verbesserungen des¬ selben stattgefunden. Selims heissen Demikottons (s. ch).
478 Selimskaja—Serge chevroD. Selimskaja, verschiedenfarbiger Baumwollstoff aus der Bucharei. Semees (franz.), die über den Grund der Alengonspitze verstreuten Blümchen und Blätter, Streublumen. Semil, Stadt in Böhmen: Baumwollspinnerei und -Weberei. Semiramis, älterer, geschmeidiger, glänzender und leichter Seidenstoff. Sempiterne (span.), Name einer feinen, wollenen Serge, welche aus Frankreich und England nach Spanien kommt. Sempiternelle, die gröbere Art von Sempiterne. Semur-en-Auxois, Hauptstadt im gleichnamigen Arrond. des franz. Depart. Cote d’Or: Wollspinnerei und Tuchfabrikation. Senble, älterer, leichter, damastartig gemusterter Stoff von feinem Kamm¬ garn aus den französischen Manufakturen. Sendel, Zendal, Sindel, Zindel, (franz. cendal), ein im Mittelalter viel gebrauchter Seidenstoff (s. Cendal), aus welchem man im 13. Jahrh. die sogen. Send elbin de um den Helm, dann besonders im 15. Jahrh. um irgend eine Kopfbedeckung trug, die auch Schapel genannt wurde. Sennheim, Stadt im Kreis Thann des Bezirks Obereisass: Kammgarnund Baumwollspinnerei und -weberei, Stoffdruckerei und Färberei. Senoues, Stadt im Arrond. St. Die des franz. Depart. Yosges: Baum¬ wollspinnerei und -weberei in einer Benediktinerabtei. Sensburg, Stadt im preuss. Keg.-Bez. Gumbinnen: Flachsbau und Leinenweberei. Sera, in der alten Geographie die Hauptstadt des Seidenlandes Serica. Serabend, Teppichfabrikationsort in Persien, wo eine Gattung nach Art des modernen Ferahanteppichs geknüpft wird, die aber steifer und spröder im Gefühl ist und zu den dichtgewebtesten des Landes gehört. Kette und Einschlag sind aus Baumwollgarn oder -zwirn, der Flor aus Schafwolle. Das Muster ist ziemlich gleichbleibend und besteht aus Palmwipfeln (s. d.), Bordüre aus Streifen. Serafins, alte englische Wollenzeuge, auf weissem Grunde mit bunten Blumen so gedruckt, dass die Muster erhaben erscheinen. Serails, Serailtücher, aus feinem Garn, nur locker gewebte und ganz leicht gewalkte Tücher aus feiner zweischiiriger Wolle mit hellblau und weissen Salleisten, gewöhnlich im Stück gefärbt. Sie kommen aus Frankreich und gehen in Mengen nach der Türkei und Aegypten. Serajewo, Hauptstadt von Bosnien: Teppichweberei. Serapes, wollene Decken aus Mexiko, welche im engl. Handel unter dem Namen Blankets allgemein bekannt sind. Sie dienen in M. zur Bekleidung eines grossen Teiles der männlichen Bevölkerung und werden an Ort und Stelle von einem Indianerstamm gefertigt. Serasses oder Sarasses, weisse Baumwollenzeuge aus Bengalen oder von der Küste Coromandel. Serbattes, Serbettes, feine ostindische Musseline mit goldenen Leisten¬ bändern: sie kamen früher durch die Holländer aus Dacca nach Europa; unter dem Namen Serbars oder Schurbars lieferte später die Musselinweberei zu Schwanenstadt in Oberösterreich eine der ostindischen nachgemachte Sorte halbdichter Musseline von verschiedener Feinheit. Serbien, Königreich der Balkanhalbinsel: Tuchfabriken in Belgrad, Uzie und Paracin. Die Hausindustrie ist am bedeutendsten in der Herstellung eigenartig bunter, dauerhafter Teppiche; berühmt sind die Teppiche von Pirot. Serge, Sersche oder Sarsche (franz.), (engl.: serge); Benennung von mehreren Arten seidener, halbseidener, wollener und gemischter Gewebe, die mit drei oder vier Schäften geköpert oder mit fünf oder siebenbündigem Atlas u. s. w. gewebt sind und hauptsächlich als Futterstoffe Verwendung finden; doch gibt es auch wollene S. aus festem Kammgarn, die durch Rauhen und Scheren ganz halbtuchmässig appretiert sind. Die bekannteste aus sehr glattem guten Kammgarn ist die S. de Berry. Serge Chevron wird mit Schlangenköper der Kette und auf Spitzmuster gewebt.
Serge Diamante—Shaub. 479 Serge Diamante entsteht aus Spitzreihen und Treten zugleich. Sergette, schmale wollene Serge aus verschiedenen französischen Manu¬ fakturen, gewöhnlich weiss oder grau; auch nennt man S. einen tuchartigen Droguet. Sericin wird der Seidenleim oder Bast der Seidenkokonfaser genannt, der sich vom tierischen Leim durch seine Unlöslichkeit in heissem Wasser unterscheidet. Sericum (lat.): die Seide. Serikien wird um das Jahr 46 v. Chr. China bei den Griechen genannt, das Volk aber Serer, weil die Seide dort herkam. Serikojs (hebräisch), erinnert an die chinesische Bezeichnung der Seide und war einer ägyptischen Webekaste beigelegt, scheint (nach Silbermann, Die Seide, Dresden 1897, Bd. I.) mehr die Operationen des Kämmens oder Hechelns zu bedeuten, oder, wie Andere haben wollen, eher auf bunte Lein¬ wand, und überhaupt auf sehr feines Leinen, als auf die Seidenfaser zurück¬ zuführen zu sein. Serimeter, der Seidenmesser, welcher dazu dient, die Festigkeit (Zug¬ festigkeit) oder das Gewicht des Seidenfadens festzustellen. Serinda, nach dem alexandrinischen Geographen Ptolemaeus (um 125 n. Chr.) die Hauptstadt des Seidenlandes. Serino, Stadt in der ital. Prov. Avellino: Seidenbau und Seidenweberei. Serpillieres, grobe, aus hänfenem Werg locker gewebte Packleinen aus Frankreich. Sersche, s. Serge. Sertaro, südamerikanische Baumwollsorte. Servianen, s. Fes. Serviette (lat.: servieta; franz.: serviette; ital.: salvietta; engl.: doily, table-napkin); Tellertuch, kam schon unter den späteren römischen Kaisern auf, wurde im Mittelalter nur von Voniehmen, z. B. schon von Karl dem Grossen, benützt, für Bürger aber wohl erst gegen das Ende des 16. Jahrh. allgemein gebräuchlich. Die Trincierbücher des 17. Jahrh., in denen die S. auch als Fatscheinlein bezeichnet wird, enthalten Anweisungen, der S. durch kunstreiches Zusammenfalten die Gestalt von Fächern, Schiffen u. s. w. zu geben, um Tafeln damit zu schmücken. Das Kunstgewerbemuseum in Berlin bewahrt ein Tischtuch aus dem Anfang des 17. Jahrhdts., an dem die Servietten (für 12 Personen) angewebt sind, d. h. sie hängen, jede für sich, an den Seiten getrennt vom Tuch als Borte herunter. Serwing, dicke, aus alten Kabelgarnen geflochtene glatte Taue zur Be¬ kleidung der Ankertaue u. dgl. Seta della marca, eine in Rom so benannte mittelmässige Seidenart. Seta Ghella hiess bei den Florentinern die Seide im 14. Jahi’h., welche sie von den Ufern des Kaspischen Meeres bezogen. Der Name stammt von der persischen Provinz Ghilan. Setangula, ägyptische Baumwollsorte. Sevilla, Hauptstadt in gleichnamiger spanischer Provinz: Schon im Mittelalter bedeutende Seidenindusti’ie; noch aus dem 17. Jahrh. wird berichtet, dass in S. Tausende von Menschen mit Seidenweberei beschäftigt wurden, die heute sehr zxirückgegangen ist. (Vgl. Spanien.) Sevilla, spanische Baumwollsorte. Seydavi, eine Gattung levantinischer Seide, welche von Seyd, dem alten Sidon, nach Marseille zu Mai’kte gebracht wird. Sgersh, Stadt im russ. Gouvernement Petrikau: Baumwollspinnereien und Wollfabriken. Shag, s. Plüsch. Shallons, s. v. w. Chalon. Shantung Pongee, moderner seidener Kleiderstoff. Shaub, eine Art ostindischer halbseidener Bastas.
480 Shawl—Siam. Shawl (engl.), franz.: chäle, vom indischen und persischen schäl, welches einen Umhang, Mantel, ärmellosen Kock aus feiner Ziegenwolle bedeutet, und nach Angabe des Arabers Ibn Batuta von dem Namen einer indischen Stadt — Schälitat — hergeleitet sein soll. Grosses, viereckiges Tuch (Longshawl), aus der Yliesswolle der tibetanischen Hausziege gewebt und im Orient gürtelartig um den Leib gewunden, in Europa als Umhängetuch getragen, ist ostindischer Her¬ kunft. In Kaschmir soll die Industrie im 16. u. 17. Jahrh. 40 000 Shawlwebstühle mit etwa 120000 Arbeitern beschäftigt haben; gegenwärtig ist die Industrie infolge der politischen Verhältnisse und der Konkurrenz der Maschinenarbeit sehr gesunken. Die tibetanische Wolle wird in Kaschmir erst mit Reiswasser gebleicht und dann gefärbt; G. W. Leitner teilt in seinem Account of shalweawing (Lahore 1882) 58 Farbenschattierungen mit. Die Zeichnung entwirft der Obershawlarbeiter (Dushawlawaller) in Umrissen, der Shawlmeister über¬ setzt dieselbe in eine schriftliche Anweisung, in welcher jedes Zeichen eine Farbennüance oder eine Zahl bedeutet; mit diesem Blatte in der Hand nimmt er neben dem Weber Platz und liest ihm die Zeichen der Reihe nach vor, wonach dieser arbeitet ohne zu wissen, welches Muster er webt. Anstatt eines Weberschiffs bedient man sich hölzerner Nadeln. Es werden immer zwei Shawls nach einem Muster gewebt, die man nach Beendigung der Arbeit durch Zerschneiden der (doppeltlangen) Fransen trennt. Für den Spiegel ist das sogen. Palmwipfelmuster (s. d.) besonders beliebt, die Borte setzt sich aus geometrischen und kleinen Pflanzenmotiven zusammen. Der Ursitz der Shawlweberei ist das grosse Hochtal Kaschmir im Himalajagebirge. Niemals bringen die Weber ihre Stoffe anderwärts in gleicher Farbenschönheit zustande wie in der Heimat; man erklärt dies auch aus der grossen Reinheit von Luft und Wasser in Kaschmir. Nachgeahmt werden die Kaschmirshawls in Amritsar (s. d.) Die europäische Nachahmung der Sh. sind mit Hilfe besonderer Ein¬ schlagfäden nach Art der broschierten und lanzierten Stoffe nur aus Kamm¬ garn oder aus Wolle mit baumwollener Kette und Einschlag von Kammgarn. Die Hauptorte der europäischen Shawlfabrikation sind Paris, Lyon, Nancy, Niines, Norwich, Edinburgh, Wien, Zürich, Basel, Berlin. Shawlmuster werden besonders die aus Palmwipfeln gebildeten Palmetten (sogen, indische P.) genannt, deren Bildung auf umgebogene Cypressenblätter zurückzuführen ist. Shepton-Mallet, Stadt in der engl. Grafschaft Somerset: Industrie in Sammet, Tuch, Strümpfen und Flor. Sherborne, Stadt in der engl. Grafschaft Dorset: Leinwand- und Seiden¬ industrie. Sherbwoke, Stadt in kanad. Provinz Quebec: Woll-und Baumwollindustrie. Shipley, Stadt in der engl. Grafschaft York: bedeutende Wollindustrie. Shirting, Sheeting (engl.), weisses Baumwollengewebe, ganz oder halb gebleicht, von sehr verschiedener Feinheit, ursprünglich zu Hemden bestimmt. Beide Artikel kommen in England auch als Long-cloth, in Amerika als Domestik vor. Shoddy, shoddy-wool (engl.), (franz.: chiffons de laine); Ausdruck für die wieder brauchbare Wolle, die man mittels krämpelartiger Maschinen aus bereits getragenen Wollzeugen, sogen, wollene Hemden, Abfälle oder Lumpen, reisst und die unter Vermischung von etwas guter Wolle oder auch ohne solche, wenn man zum Zerreissen Lumpen aus Kammgarn und locker gewirkte Ware, z. B. Tibets, Flanelle, Strumpfzeug u. s. w. verwendet, zum Wiederverspiunen dient. In England, Frankreich und Deutschland werden aus Shoddygarn Anzugs¬ stoffe hergestellt, die ihrem Aussehen nach den feinsten Wollstoffen gleichen, indessen hinter diesen an Haltbarkeit weit zurückstehen (s. a. Kunstwolle). Shrewsbury, Stadt in der engl. Grafschaft Shropshirn: Flachsspinnerei, Seidenbandweberei, Leinwandfabriken. Bedeutend ist der Handel mit walisi¬ schen Wollenzeugen. Siam, ostindische Baumwollsorte.
481 Siamoise—Siklät. Siamoise (franz.), Modename bunter französischer Seiden-, Halbseiden-, Wollen- und Leinenstoffe. Früher wurde eine Art der S. in Frankreich als Basin pour meubles, cotonade, verkauft. B o s t o u s heissen die festen und dichten, aus gezwirntem Garn gefertigten Zeuge dieser Art. Siamskönigstoff, Seidenstoff mit eingewirkten farbigen, goldenen und silbernen Blumen. Siapalens, Sjappolens, feine bunt gemalte Baumwollenzeuge, die aus der Levante kommen. Siara, südamerikanische Baumwollsorte. Sibirienne ist ein starkes Köpertuch. Sibirischer Lein, Linum sibiricum, von dem gewöhnlichen Lein ab¬ weichendes Gewächs, das in den südlichen und östlichen Steppen Russlands teils wild wächst, teils angebaut wird. Die Stengel wachsen und reifen un¬ gleich, daher erfordert die Einsammlung mehr Mühe; auch braucht das Auf¬ lösen der Bastrinde im Wasser mehr Zeit, doch wird ein starkes, haltbares Gespinst daraus erzeugt. Sibisienne, s. Düffel. Sibmachermuster werden Stickmuster genannt, welche auf Leinen im Kreuzstich nach dem von S. herausgegebenen und wieder von neuem veröffent¬ lichten Musterbüchern gearbeitet sind. S. lebte bis 1611 in Nürnberg. Sicilianische Baumwolle, s. Baumwollsorten. Sicilietl, die grösste Insel des Mittelmeeres, gelangte durch die Sarazenen in den Besitz des Seidengewerbes, welche 878 dieselbe vollständig beherrschten. Als im 12. Jahrh. S. durch die Normannen erobert wird, finden diese eine wohl eingerichtete maurische Seidenmanufaktur, welche vom König Roger sehr gefördert wurde, so dass dadurch selbst der byzantinische Handel in eine Krisis gerät und einen Krieg zwischen den Normannen und den mit den neidischen Venetianern verbundenen Griechen zur Folge hat. Roger geht aus demselben siegreich hervor und nimmt (1146) die besten Seidenweber aus Theben und Korinth nach Palermo (s. d.). Heut ist die Seidenweberei sehr zurückgegangen und nur bei Messina von Belang. Sicilienne, modernes Seidengewebe. Sicyonienne, älteres Haargewebe, das zu Schuhstoffen Verwendung fand. Sidschillat (arab. von dem lat. sigillatus), bunter mit kleinen Figuren gemusterter bedruckter Leinenstoff. Siebenbürgen, Ungar. Grossfürstentum: Textilhausindustrie. Siebleinwand, s. Beuteltuch. Siebmacherstuhl, Siebstuhl, ein Webstuhl, auf welchem gewebte Sieb¬ böden hergestellt werden. Siebtuch, s. Beuteltuch. Siena, Hauptstadt der gleichnam. ital. Provinz: Seidenwebereien, Fabri¬ kation von Wollstoffen, Leinen und Hanfgeweben. Die Seidenindustrie wurde 1438 durch Nello di Francesco eingeführt und gelangte bald zu einer derartigen Blüte, dass S. mit Florenz in Konkurrenz treten konnte. S. ist im 16. Jahrh. auch ein Hauptort für Spitzen gewesen, wovon ein Musterbuch „Blumen der Nadelarbeit, von Matteo Florini, 1593“ Zeugnis gibt. Die Spitze selbst ist ein aus genähten Bändern hergestelltes Produkt, das vornehme Muster in Rosetten und Blütenformen darstellt. Siget, in Westfalen das Mollengarn (Leinen), welches so fein als möglich gesponnen, auch gut gezwirnt ist und zu Schnürriemen und Band verarbeitet wird. Siglaton, s. Siklät. Signach, Stadt im russ. Gouvernement Tiflis: Seidenzucht. Signaculum, s. v. w. Merkbänder (s. d.). Signoria, in Italien ein glattes schwarzes Seidenzeug. Sigtermann, früher im holländ.-ostindischen Handel feine, glatte Musse¬ line mit goldenen Leistenbändern. Siklät, siglät, siglaton, sigilöt, cyclät, cisclato, syclatowne, chekelatoun u. s. w., in allen Schriften des mittelalterlichen Orients und Occidents sehr Heiden, Handwörterbuch der Textilkunde. 31
482 Silassen—Siriusseide. verbreitet, nach Prof. Ivarabaceks Erklärung sämtlich aus dem mittellateinischen cyclatus (Stoff, aus welchem die cyclas genannten, unten rund geschnittenen Frauenkleider gemacht wurden) entstandene Bezeichnung von Seidenstoffen, welche bereits im 9. Jahrh. in Tebris, Bagdad und anderen orientalischen Städten, im 11. Jahrh. auch in Almeria in Spanien gemacht wurden: ur¬ sprünglich nur einfarbige, in vertieften Umrisslinien gemusterte, dann mehr¬ farbige, endlich auch im 12. Jahrh. broschierte Stoffe. Die früheste Art des S. scheint eine Art Vorläufer des Damastes gewesen zu sein, was auf seinen Ursprung aus China hinweist. Er war durch grosse Festigkeit und Dauer¬ haftigkeit ausgezeichnet; häufig bestand die Kette aus ungebleichtem Leinen, der Einschlag aus Seide. Siklatun ist nach Einigen kein mustergewebtes, sondern ein nach dem Zeugdruckverfahren hergestelltes GTewebe. Silassen hiessen früher buntgedruckte Schnupftücher aus Paliacat. Silberfäden, cyprische, s. Brokat. Silbergespinst, Seidenfäden mit ganz dünnem Silberdraht umwickelt. Silberspitzen, s. Spitzen. Silberstoff, Seidengewebe mit geplättetem Silberdraht oder mit Silber¬ gespinst broschiert (s. Brokat). Sile, Stadt im türk.-kleinasiat. Sandschak Amasia der Provinz Siwas: Erzeugung einer Art Sumakkteppiche, d. h. gewirkte oder broschierte kau¬ kasische Gewebe. Es gibt darin nur ein Muster, das aus einem geradlinigen S besteht, dessen breite weisse Bänder mit S-förmigen Motiven gefüllt sind, während die zwischen den Bändern freigebliebenen rechteckigen Felder breit zugespitzte Hakenfiguren enthalten. Silesias, allgemeiner spanischer und portugiesischer Name einiger Sorten schlesischer Leinwand. Silesies, leichte französische Tuchstoffe. Silk (engl.) Seide. Silk-Cotton nennen die Engländer die Samenwolle des in Ostindien und Amerika wachsenden Wollbaumes; s. Seidenwolle. Silkeen, eine Gattung schmal gerippter Manchester von seidenartigem Ansehen, auf farbigem Grund bunt gedruckt, aus den englischen Manufakturen. Silk-Nankeens, halbseidener englischer Nankin, in verschiedenen Mustern mit atlasartigen Seidenstreifen auf einem Baumwollgrund. Silouette, gemischter, leinwandartig gewebter Stoff mit Baumwollkette und Leineneinschlag von verschiedener Farbe, so dass das Gewebe ein schillerndes Aussehen erhält. Die Ware kommt aus Frankreich. Silver-Cords, englischer, schmal gerippter Manchester. Silveret, veralteter, geköperter Halbseidenstoff. Similiseide, erregte im Jahre 1879 als künstliches Surrogat aus Lyon grosses Aufsehen. Ein Baumwoll- oder Flachsfaden ging in einen geheimnis¬ vollen Apparat hinein und sollte auf der andern Seite in Form eines pracht¬ vollen Seidenfadens heraustreten. Dies Verfahren stellte sich aber als ein Betrug dar (s. künstliche Seide). Sinaseide ist chinesische S. Sindelfingen, Stadt in Württemberg: Seiden-, Teppich- und Leinen¬ weberei ; Baumwollindustrie. Sindones, durchsichtige, aus Leinen gewebte Stoffe des Mittelalters. Sinesische Kangam, eine Sorte grober und feiner Nankin von blauer Farbe, in China gefertigt. Sirica, sii'icella (lat.), zunächst syrischer, dann auch anderer seidener Stoff (s. Sirische Gewebe). Sirische Gewebe, sirica, panni di sirico, hochrote Seidenstoffe, im Oi’ient und später in Spanien und Italien gemacht, welche ihren Namen von siricum, Mennige, Gelbrot, führten, also nicht von dem Lande Syrien. Vgl. Siklät. Siriusseide, Glanzstoff, Pauliseide, eine Art der Kunstseide, die durch Auflösung von Cellulose in Kupferoxydammoniak und Füllung mit verdünnter Essigsäure gewonnen wird. S. zeigt hohen Glanz und grosse Weichheit (daher
Sirsakas—Skutari. 483 ihre Verwendung als Ersatz für Menschenhaar), aber nur geringe Festigkeit, besonders in feuchtem Zustande. Sirsakas, Sersukers, Cirsacas, Cirsacca, ursprünglich ostindische atlasartige Zeuge, bei welchen auf einem Köpergrunde von Baumwolle bunte Streifen und Würfel von Seide oder von Florettseide mit gedecktem Köper gewebt sind. Auch einem reichen, zusammengesetzten Gewebe von Atlas, Tissu cl’or und Fond d’or gab man in Frankreich den Namen Sirsacca. Sisal (Grashanf) ist Aloehanf (s. d.), kommt aber von einer besonderen Art von Agave aus Yukatan (Agave Sisal), so genannt, weil sie zuerst bei der gleichnamigen Stadt in Yukatan zur Gewinnung des Faserstoffes benutzt wurde. Das Gewächs kommt übrigens in allen Gegenden des tropischen Amerika vor. Sisteron, Stadt im gleichnam. Arrond. des franz. Depart. Basses-Alpes: Baumwoll- und Seidenspinnerei. Sistresay, bunt gestreifter Halbseidenstoff, der auf Damastart mit doppelter Kette, die eine von Seide, die andere von Baumwolle, und mit einem Einschlag von Florettseide gewebt wird. In der Türkei, wo S. sehr gangbar ist, unterscheidet man zwei Sorten: die bessere aus Ostindien und Damaskus, die geringere aus Aleppo, Konstantinopel und Brussa. Sittaras, baumwollene rohe Kattune von Patna. Siwas, Hauptstadt des gleichnam. türk. Wilajets: Baumwollweberei und Färberei, Teppicherzeugung. Sjadra, gewöhnliche, ostindische rohe Kattune. Sjewsk, Stadt im russ. Gouvernement Orel: Hanfspinnerei und Weberei. Skandinavien, Halbinsel im Norden Europas: durch Vermittlung der Friesen gelangt man hier im 8. Jahrh. in den Besitz der Seide. Die Ueberreste des Skandinavier - Königs Olaf II (gegen 1030 4) wurden in Abb. 276. purpurseidene Gewänder gehüllt. Skapulier (lat.: scapularium = Schulterkleid), ein als Ueberwurf zur Schonung des Haupt¬ gewandes dienender Teil der Mönchskleidung. Skernewizy, Stadt im russ.poln. Gouvernement Warschau: zwei Tuchfabriken. Skipton, Stadt in der engl. Grafschaft York: Wollund Baumwollindustrie. Skotschau, Stadt in Oesterr.Sehlesien: Streichgarnspinnerei, Tuchfabrikation. Skutari, Hauptort des gleich¬ namigen türkischen Wilajets: Seiden-, Baumwoll-, Woll- und Sammetwebereien. Ueber ältere Webereien aus S. ist man nicht völlig unterrichtet; doch lassen Sammetstoffe mit leichtem Atlasgrund auf Baumwollkette der neueren Zeit (Abb. 276) im Vergleich mit früheren derartigen orientalischen Geweben darauf schliessen, dass liier die Kunstweberei schon im 16. Jahrh. in hoher Blüte stand. (Vgl. Orientalische Kunstwebereien und Stickereien.) Abbildung: 276. Originalaufnahme aus dem Königl. Landesgewerbemuseum in Stuttgart: Sammetstoff, Grund weisser Atlas auf Baumwollkette, symmetrisches Muster roter geschnittener Sammet: Spitzovale Felder aus Blättern, darin Rosetten. Skutari An¬ fang 19. Jahrh.
484 Skutsch—Solisooty Skutsch, Stadt in Böhmen: ausgedehnte Wäschestickerei. Slawische Hausindustrie, s. Volkskunst. Slivno, Stadt in Bulgarien: Tuchfabriken. Slonim, Stadt im russ. Gouvernement Grodno: 9 Tuchfabriken. Sluck, Stadt im russ.-poln. Gouvernement Warschau: Ende des 17. Jahrli. Weberei für seidene Schärpen; s. Polen. Smalkens, dünne Leinen-, Florett-, auch Seidenstoffe mit Gold und Silber durchwebt, die früher besonders zu Amsterdam und Haarlem gewebt wurden. Smerlo s. V. w. Festonstich in der Spitzennäherei. Smichow, Gemeinde in Böhmen: zwei Kattunfabriken. Smyrna, uralte griech. See- und Handelsstadt im türk. Wilajet Aidin, an der Westküste Kleinasiens: Fabrikation von Seiden- und Halbseidenstoffen; Spitzen. Teppiche s. Smyrnateppiche. Smyrnaspitzen werden nicht nur diejenigen Erzeugnisse aus S. selbst, sondern auch solche, welche sich an den Trachten der Frauen von Brussa, Manissa u. s. w. befinden, genannt (s. Spitzen). Smyrnateppiche oder „türkische Teppiche“ sind Knüpfarbeiten, sie stammen zum allergeringsten Teile aus Smyrna selbst, sondern grösstenteils aus dem Innern Vorder-Kleinasiens, von woher sie aus entlegenen Städten und Dörfern nach der Küste gebracht werden. Als Hauptsitze der Erzeugung der beliebtesten Sorten von S.-Teppichen werden heute genannt: Uschak, Giordes, Kula, Demirdschik, Sparta, Ladik, Pergamos und Melas. Während die drei letztgenannten Orte schon seit alten Zeiten der Teppichfabrikation obliegen, haben sich Demirdschik und Sparta, erst in neuer Zeit diesem Industriezweige hingegeben: von namhafter Bedeutung aber sind die Erzeugnisse von Uschak, Giordes und Kula, weil sie verschiedene Er¬ scheinungsformen repräsentieren: Uschak arbeitet türkische Dessins, in Giordes werden persische Muster nachgeahmt und Kula liefert sogenannte KhorassauImitation. (Vgl. Teppiche.) Snowdoners, veraltete farbige Baumwollenstoffe aus Berliner Manu¬ fakturen. Sochs, eine Gattung levantischer Baumwolle, welche besonders nach Marseille geht. Socorro, Stadt in dem zur südamerik. Föderativrepublik Kolumbien gehörigen Staat Santander: Baumwollplantagen, Baumwollspinnerei und-Weberei. Soesjes, Susjes, Süsses, leichte ostindische Baumwollstoffe, eine Art Flor, verschiedenfarbig und weiss gestreift, in verschiedener Feinheit als Kopfbinden für Judenfrauen. Unter gleichem Namen versteht man auch die blau und weiss gestreiften seidenen chinesischen Krepptücher. Sof, eine Art feiner leichter, teils changierender, teils mit broschierten Mustern versehener Ivamelott, welcher in Kleinasien verfertigt und von den Franzosen unter dem Namen „Chalys“ nachgeahmt wird. Söflingen, Dorf im württ. Oberamt Ulm: Weberei, Erzeugung von Kunst¬ baumwolle, Baumwollweberei. Sohland, Dorf in Sachsen, bei Bautzen, nahe der böhm. Grenze: Leineuund Baumwollweberei, Webwarenfabrik. Soie, s. Seide. Soie de France s. Vivierseide. Soie plate, grobe Stickseide, w'elche zur Verfertigung seidener persischer Teppiche verwendet wird. Soie vegetale, franz. Bezeichnung der Agavefaser. Soje, ein glattes Wollenzeug. Soldin, Stadt im preuss. Heg.-Bez. Frankfurt: die in früherer Zeit blühende Tuch-, Wollzeug- und Strumpffabrikation ist gegenwärtig unbedeutend. Solesmes, Stadt im Arrond. Cambrai des franz. Depart. Nord: Weberei von Batist, Linon (Schleierleiuwand), Taschentüchern und BauimvollwTaren. Solisooty, musselinartiges Baumwollgew'ebe aus Bengalen, dessen Kette und Einschlagfäden nicht fest und rund gedreht, sondern locker und glatt sind,
Sologesses—Sourbassis, 485 daher das Gewebe, wenn auch dichter als Musselin, so doch weich und dünn ausfällt. Sologesses, feine ostindische Musseline. Solspitze oder Sonnenspitze, Bezeichnung für eine filetartig gearbeitete Nadelspitze mit Mustern aus runden Scheiben, die im 17. Jahrh. zuerst in Spanien und später in Brasilien, Venezuela usw. gemacht wurden (s. Spitzen.) Soltau, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Lüneburg: Filz-und Teppichfabriken, Handel und Wolle. Somain, Stadt imArrond. Douai des franz. Depart. Nord: Wollkämmerei und -Spinnerei, Handel mit Tuch und Leinwand. Sommerfeld, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Frankfurt: bedeutende Tuch¬ fabriken, deren Artikel auf den Frankfurter und Leipziger Messen sehr gesucht sind; Färberei und Appreturen. Werkmeisterschule für Weber. Sommerhausen, Marktflecken im bayr. Reg.-Bez. Unterfranken: Seiden¬ bandfabrikation, Schlauchwebereien. Sommerieres, französischer, geköperter und leicht gewalkter Wollen¬ stoff, der sich von der Serge dadurch unterscheidet, dass er auf beiden Seiten lang gerauht und auf der rechten Seite mit einem Schnitt geschoren, so dass er zu den franz. Molton gerechnet wird. Die Bezeichnung stammt vom gleich¬ namigen franz. Fabrikationsort. Sommerspitzen heissen Klöppelarbeiten aus Mecheln, so genannt wegen ihrer vorwiegenden Verwendung für Toiletten dieser Jahreszeit. Sommertressen, durchbrochene Borten, deren Anschweif ganz aus Seide besteht, die aber zum Einschlag sowohl Seide, als auch einen starken Goldund Silberlahn erhalten, den man groben Riegel nennt und womit die Blumen¬ muster gebildet werden; broschierte Sommertressen nennt man sie, wenn einzelne Teile der Blumen oder die Mitte derselben aus Bouillon oder Cantille gemacht sind, in welchem Falle man sie mit 3 Schützen webt. In der Werkstatt des Bortenwirkers sind S. mit Gallonen gleichbedeutend. Sommerwolle heisst die im Herbst oder zum zweitenmal abgeschorene Wolle. Sonnenburg, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Frankfurt: Fabrikation von Plüschwaren und Teppichen; Seidenweberei. Soots Romais, bunt gegitterte und gestreifte ostindische Baumwolltücher. Sopra Calici, italienische seidene Tücher aus Organsinseide mit Florett¬ einschuss. Sorau, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Frankfurt: Bedeutende Tuch- und Leinenfabrikation. Königliche Webeschule mit dazu gehöriger Muster¬ sammlung. Soria, die Wolle aus der span. Provinz Soria, welche durch das Waschen im kalten Wasser eine Härte erhält, die sie von Natur nicht hat, weshalb sie zu den geringeren Sorten mitgerechnet wird. Sorkroten, ein ostindischer Kattun. Sorrento, Stadt in der ital. Prov. Neapel: Seidenzucht und -fabrikation. Sorting-Cloths sind englische Tücher, S o r t ing-P ack - C1 o t h s solche gewöhnlicher Art. Sorting-Pennistone, gewöhrdiches Tuch aus geringer und Ausschuss¬ wolle aus Halifax. Sosie, s. v. w. Soejes (s. d.). Sotteville les Rouen, Stadt im franz. Depart. Seine Interieure, Arrond. Rouen: Maschinenspinnerei und -Weberei in Baumwolle und Leinen. Sou-cha, chinesisches Beuteltuch, Seidengaze; auch ein blau gestreifter seidener Crepon aus China. Soumak, s. Sumakh. Souple, weichgemachte Seide, welche eine Faser darstellt, deren Bast nur teilweise entfernt wurde, weshalb sie auch den Namen „halbgekochte“ Seide (mi-cuit, mezzo-cotto) führt. Sourbassis, eine feine Sorte weisser oder gelblicher persischer Seide.
486 Soutache—Spanien. Soutache, schmales, seidenes, wollenes oder baumwollenes gewebtes Börtchen, das als verzierender Besatz auf Nabten gebraucht wird, auch mit Gold durchwirkte Plattscbnur oder Litze, die zum Sticken verwendet wird. Soutane (franz.), ein langer, mit engeif Aermeln versehener Leibrock der katholischen Geistlichen, der als Untergewand unter der liturgischen Amts¬ tracht getragen wird. Southampton, Hauptstadt in gleichnamiger engl. Grafschaft: Seiden¬ industrie, Teppichweberei. Sowerby, S. Town und S. Bridge, zwei zusammenhängende Städte in der engl. Grafschaft York: Baumwoll- und AVorstedspinnerei, Färberei, Fabri¬ kation von Wachstuch. Soygarn ist Sayetgarn, s. Kammgarn. Spachtelstickerei, mit der Hand oder mechanisch hergestellte sogen. Spinnenmuster zwischen dem Gitterwerk von Gardinen und Spitzen. Spaichingen, Oberamtsstadt in Württemberg: Baumwoll-, Florettseidenuud Seidenspinnerei; Fabrikation von Halbseidenwaren. Spaliere hiessen früher Gewebe von verschiedenem Material, welche statt der Tapeten zum Ausschlagen von Wohnräumen gebraucht wurden; man fertigte sie aus Wolle, Leinen und Seide. Spanien, Königreich: Textilindustrie in den Provinzen Katalonien, Valencia, Murcia, Galizien und Asturien, vornehmlich Baumwolle, Leinen und Anfertigung von Geweben daraus. Woll- und Seidenindustrie in Sevilla; auch die baskischen Provinzen haben von jeher regen Betrieb im Textilgewerbe. In ältesten Zeiten werden besonders erwähnt die Leinenstoffe von Soetabis (Jativa), ferner Wollenstoffe, die in dem heutigen Katalonien und Nordvalencia, hauptsächlich in Tarraco, gewebt wurden. In letzterer Stadt stellte man auch Abb. 277. fertige Gewänder her, die in grossen Massen nach Italien exportiert wurden. In Galizien Avurden die lacernae, Soldatenmäntel, gemacht, die ebenfalls über das ganze Reich Verbreitung fanden. In der Blütezeit des Kalifats (9. Jahrh.) beschäftigte die Textilindustrie
Spanien. 487 Millionen von Menschen. Die maurischen Schleiergewebe, die Seiden-, Brokatund Damaststoffe Andalusiens waren überall auf das höchste geschätzt und wurden im 10. und 11. Jahrh. in grossen Massen exportiert. In Cordova allein sollen sich unter Hakem 11. (961—76) 130 000 Menschen von Seidenweberei ernährt haben, in Sevilla waren 16000 Seidenwebstühle in Tätigkeit. Einer der Hauptorte für Seidenfabrikation war Almeria. In den Alcaicerias, den Seidenstoff¬ lagern der grossen Handelsplätze, waren Stoffma'ssen im Werte von vielen Millionen Dinaren aufgehäuft. Die Wollenweberei wurde übrigens von den Eingeborenen, die Leinen- und Baumwollweberei von den Syrern und Aegyptern betrieben. Die Eroberung Granadas (1492) trug Kastilien die reiche Seidenindustrie dieses letzten muhammedanischen Staates ein und Isabel war darauf bedacht, Abb. 278. sie ebenfalls auf ihrer bisherigen Höhe zu erhalten; die Seidenfabrikation blieb daher zunächst auch denselben Gesetzen unterworfen, welche die maurischen Könige für sie geschaffen hatten. Auch die Tuchindustrie hatte sich unter Isabel rasch entwickelt und beide Gewerbtätigkeiten fanden grosse Verbreitung, deren Haupterzeugungsstätten ausser Granada, Sevilla, Barcelona und Valencia noch Toledo, Segovia, Avila, Valladolid, Burgos, Medina des Campo und Cuenca wurden. In Sevilla waren Zehntausende von Arbeitern mit der Herstellung von Seidenstoffen und Wolltüchern beschäftigt; in Toledo wurden von mehr als 560 Mützenmachern Millionen der unter dem Namen „Fes“ bekannten Kopf¬ bedeckungen angefertigt, die über Cadiz nach Nordafrika ausgeführt wurden. Toledo war neben Sevilla auch der hauptsächlichste Fabrikationsort für Seiden¬ stoffe, und etwa 40 000 Menschen waren zeitweise in diesem Zweige beschäftigt.
488 Spanien. Unter Karl Y. (1519—1556) befand sieb Spanien auf dem Gipfel seiner politischen Macht und besass eine ungemein leistungsfähige Industrie; indessen führte das Regierungssystem seines Sohnes, Philipp II. (1556 —1598) einen Ver¬ fall der materiellen Kultur herbei, der sich so schnell vollzog, dass nach Philipps Tod schon grosse Zweige der gewerblichen Tätigkeit ihre Lebenskraft fast eingebüsst hatten. Zum Zwecke der Förderung der Leinenindustrie war der Flachsbau, namentlich im Norden Spaniens, mit so gutem Erfolge eingeführt worden, dass bereits 1535 der Import ausländischer Leinwand verboten werden konnte. Aber auch dieser Industriezweig vermochte sich auf die Dauer, unter der wachsenden Ausbeutung der gesamten nationalen Industrie seitens der in ewiger Finanznot befindlichen Regierungen und infolge der teuren Löhne wie der hoben Produktionskosten der spanischen Manufakturen, der Konkurrenz des Auslandes gegenüber nicht zu halten. Hatte die spa¬ nische Industrie um die Mitte des 16. Jahrhdts. nicht nur die Iberische Halbinsel und die grossen Kolonien ganz ausschliesslich mit ihren Erzeugnissen versehen, son¬ dern auch im Auslande star¬ ken Absatz gefunden, so war das Land im 17. Jahrh. mehr und mehr auf die fremden Waren angewiesen worden; ganze Industrie¬ zweige waren eingegangeu, die noch vorhandenen be¬ schäftigten höchstens ein Zehntel der Kräfte, die ein Jahrh. früher in ihrem Be¬ trieb tätig gewesen waren. Mehr als drei Viertel der GesamtbevölkerungSpaniens kleidete sich unter Karl II. (1665—-1700) in fremdlän¬ dische Stoffe, die einheimi¬ schen Fabriken lieferten nur noch Stoffe geringster Qua¬ lität. Wo sich um diese Zeit, noch Reste von Industrie¬ tätigkeit erhalten hatten, da waren es fast nur Ausländer, die sie betrieben ; eine rühm¬ liche Ausnahme machten ausschliesslich die Katalanen, die auch in den Zeiten des tiefsten Verfalls der Industrie immer eine gewisse Pflege zuteil werden Hessen. — Die Musterung der ältesten spanischen Seidenstoffe beruht natürlich voll¬ ständig auf Eingebungen des Islam (s. arabischer Stil), worin geometrische liguren mit stilisierten Blättern und Blütenansätzen, dazwischen arabische Inschriften, die Elemente bilden, aus deren Verbindungen die „Märchen der Linie“, die Arabesken, geschaffen wurden (Abb. 79, 80, 264, 277—78). Auch in späterer Zeit bleibt eine solche Flächenteilung vorherrschend (Abb. 23); selbst zur Zeit der Renaissance, als im Bereiche der spanischen Textilkunst der italienische Einfluss unverkennbar ist, herrscht die orientalische Formenwelt vor, die über Venedig von neuem Nahrung erhalten hatte und Muster daher mit denen Spaniens verwandt erscheinen lässt (Abb. 279). Bezeichnend für spanische Brokatstoffe des 16. Jahrhs. ist ferner das Vorkommen von gezogenen
Spanien—Spanische Spitzen. 489 Gold- und Silberfäden in denselben, deren erste Erscheinung hier mit der Ent¬ wicklung der Filigranarbeit im Zusammenhänge steht (vgl. Spanien im Artikel Renaissance S. 425, dazu Abb. 251—52). Ganz frei von orientalisierenden Elementen mit einem Streumuster im Stile italienischer Spätrenaissance ist der unter Abb. 280 dargestellte Silber¬ brokat, der den spanischen Doppeladler und die Wappenzeichen der unter ihm vereinigten Reiche Leon und Kastilien, zwischen Namenszügen (Karl V. [?] und Philipp II. [?]) enthält. Ueber die Gewebemuster Spaniens aus 280 dem 18. Jahrh. ist man zweifel¬ haft. Es wird versucht, eine Gruppe von Seidenstoffen als solche zusammenzustellen, welche grosse phantastische, schräg aufsteigende und gewundene frucht- und blattartige Gebilde enthalten, die von feinen Ranken mit orientalisieren¬ den Blüten verbunden sind; eine verwandte Gruppe solcher Stoffe hat reiche Broschierungen in Gold und Silber: es gehen die Meinungen darüber auseinander, ob beide Arten als spanische Erzeugnisse, oder ob eine von ihnen venetianischen Ursprunges sein möchte (vgl. Venedig). Ueber spanische Teppich¬ muster älterer Zeit ist man durch einige geknüpfte Originale des 16. Jahrhdts. (s. Teppiche) unter¬ richtet : sie schliessen sich im we¬ sentlichen den orientalischen Vor¬ bildern an; ebenso wie die heute in Madrid bestehende Manufaktur gute alte persische Knüpfteppiche nachahmt (Abb. 281). Ueber Spitzen und Stickerei s. die betreffenden Artikel. Abbildungen: 277. Originalaufnahme aus dem königl. Landesgewerbemuseum in Stuttgart: Seidenstoff, leichtes Gewebe, Grund blau, Muster weiss, aus geometrischen Sternfeldern. Spanisch-maurisch 13.—14. Jahrh. 278. Originalaufnahme aus dem Kaiser Friedrich-Museum in Berlin: Seiden¬ damast blau, symm. Muster: Blattrosetten sind durch Ranken mit spitzigen Blättern verbunden. Spanisch-maurisch 13. Jahrh. 279. Originalaufnahme aus der königl. Gewebesammlung in Krefeld: Seiden¬ stoff, Grund roter Atlas, symm. Muster: gelb, grün und weiss. Uebereinander auf¬ wachsende grosse orientalisierende gefüllte Blüten und Blattwerke entsteigen einem brunnenartigen Becken; dazwischen kleine Tiere und Zweige. Spanien 16. Jahrh. 280. Originalaufnahme wie 277 : Silberbrokatstoff, weiss und bunt: Streumuster aus Zweigen mit Blüten und Früchten; dazwischen Namenszüge (Karl V. [?] und Philipp II. [?]), der spanische Doppeladler und die Wappenzeichen von Leon und Kastilien. Spanien Ende 16. Jahrh. 281. Darstellung nach einer Photographie aus dem Kunsthandel: Knüpfteppich aus der Fabrik in Madrid nach einem persischen Original des 16.—17. Jahrhs. Spanische Kette ist gekräuselter Lahn von geglätteter Kantille. Spanischer Weber, veralteter Name der Tuchmacher, welche feine Tuche machten. Spanische Spitzen, s. Spitzen.
490 Spanish stripes—Spinnen. Spanish Stripes, ein im Orient vielfach verwendetes leichtes dünnes Tuch aus Zephyrwolle in vorzugsweise hellen Farben; es wird in Deutschland, besonders in Sachsen, lediglich für den levantinischen Handel erzeugt. Spannkreuz, Fadenkreuz, im Kettenwirkstuhl ein Rahmen mit Leitungs¬ rolle für die Kettenfäden. Spannrahmen, in der Appretur Rahmen, auf welchen die gerauhten Stücke vor dem Scheren zum Trocknen aufgespannt werden. Spannstab oder Sperrrute, besteht aus zwei Latten, die an den äussern Enden mit Stiften besetzt sind, welche beim Weben in die Kanten des Stoffes gesetzt werden, um eine etwaige Verminderung der Breite desselben zu ver¬ hindern. Sparseide, ein feiner flächsener Zwirn, der in Barmen, Elberfeld u. s. w. verfertigt und statt der Seide an nicht in die Augen fallenden Stellen ge¬ braucht wird. Sparterie, s. Holzgewebe. Spätrenaissance, s. Renaissance. Speculation, veraltete Bezeichnung für einen glatten ungeköperten Stoff aus Baumwollen- oder Leinenkette mit seidenem Schuss, welcher durch Appre¬ tur ein Aussehen wie Moiree erhielt. Speicher, Dorf im Schweiz. Kanton Appenzell-Ausserrhoden: Stickex-ei und Baumwollindustrie. Speiden, im holländ. Handel die Nadeln; sowie Spei de werk oder Speldevers: die Spitzen und Zwirnbänder. Spenal, Spinal, veraltete Bezeichnung für schweizer oder österreichische Baumwollenstoffe zu Fi'auenkleidern. Speyer, Stadt im bayr. Reg.-Bez. Pfalz: bedeutende Baumwollspinnei’ei. Spidernet, Tricot de Berlin, hiess ehemals ein weisses, durchsichtiges, gemustertes Gewebe, welches auf dem gewöhnlichen Strumpfstuhl durch Uebei'legen der Maschen von einer Nadel auf die andere aus einfachem feinem Baum¬ wollengarn erzeugt wurde. Der Bobbinnet verdrängte das Fabrikat. Spiegeldamast wird auch Droguet genannt (s. d.). Spiegeltaffet nennt man T. wenn er kleine glänzende Muster in Atlas¬ bindung hat. Spindel (franz.: fuseau; engl.: spindle); langer dünner ein- oder zwei¬ seitig zugespitzter kreiselartiger Körper, über der kürzeren Spitze von einer metallenen Scheibe (Wirbel oder Spinnwirtel) umfasst, von altersher — schon bei den alten Aegypteim — zum Spinnen gebraucht, bis das Spinnrad erfunden wurde. Das Wort ist übertragen auf die zu gleichem Zweck am Spinnrade und an den Spinnmaschinen angebrachte Walze, dann auf Aehsen, Wellen und ähnliches. Auch der Klöppel zur Anfertigung von Spitzen wird Spindel genannt: daher im Französischen point au fuseau = Klöppelspitze. Spindelguipürearbeiten, s. Teneriffaarbeiten. Spinnen, Paseni zu eineixi Faden zusammendrehen; davon übertragen auf das Abhaspeln der Seidenkokons. Das Sp. mittels der Handspindel ist uralt; es wurde zunächst durch das im Jahre 1530 von Johann Jürgen in Wolfenbüttel erfundene Spinnrad auf eine, wenn auch sehr unvollkommene, höhere Stufe gebracht. Nur langsam fand diese noch in der Jetztzeit benutzte mechanische Vorrichtung Verbreitung, denn es gibt gewisse Ai’ten von Batist und Spitzengarnen, zu deren Herstellung die Spinnmaschine nicht hinreicht. Man hat daher auch die Verbessei’ung der Spinnräder nicht vernachlässigt; insbesondere hat der Franzose Lebec in Nantes 1832 das Spinnrad so herzu¬ richten verstanden, dass dasselbe zur Ei’zeugung der feinsten Garne zu ver¬ wenden ist. Ein gewaltiger Umschwung vollzog sich durch die Einführung der Spinnmaschinen für Was sei’- und Dampfbeti’ieb, deren Entwicklung zu Anfang des 18. Jahrhs. begann. Indem man auf die Verai’beitung grosser Mengen eines Faserstoffes ausging, wies man die Vorarbeiten der meehan. und ehern. Reinigung hesondei’en Maschinen zu, bewirkte die ei’ste Umordnung der Fasern zu einem endlosen Flor auf der Krempel und gelangte von diesem
Spinnen. Abb. 281. 491
492 Spinnen. bandförmigen Fasergebilde zu der fadenförmigen Vorstufe des Feingespinstes (Vorgarn) durch schrittweises Strecken (wie es in der Baumwoll-, Kamm¬ garn-, Chappe-, Seiden-, Jute- und Wergspinnerei üblich ist) oder durch Längsteilung (wie in der Streichgarnspinnerei), worauf die auf eine Vielzahl von Fäden berechneten Feinspinnmaschinen durch die Arbeitsvorgänge des Streckens und Drehens die erforderliche Feinheit und Festigkeit begründeten, unter geeigneter Aufstapelung des fertigen Fadens auf Spindeln bezw. Spulen. Die Maschinenspinnerei verfügt zur Zeit über zwei Hauptarten von Feinspinn¬ maschinen: den Selfaktor und die Drosselmaschine. Beim Selfaktor, der aus der Cromptonschen Mulefeinspinnmaschine hervorging, wechseln (wie bei der Handspindel) das eigentliche Spinnen und (Strecken und Drehen) und das Aufwinden miteinander ab, indem die zur Aufnahme des Gespinstes bestimmten Spindeln auf einen Wagen so angeordnet sind, dass sie bei dessen Entfernung von dem Streckwerk (Wagenausfahrt) die Zusammendrehung (Ver¬ dichtung, Festigung) des verdünnten Vorgespinstes und bei dessen Annäherung an das Streckwerk (Wageneinfahrt) die geordnete Aufwindung des Feingespinstes bewirken. Erst nachdem es gelang, alle erforderlichen Bewegungen der zu¬ sammenwirkenden Organe automatisch von der Maschine selbst bewirken zu lassen, rechtfertigte sich die üblich gewordene Bezeichnung „Selfaktor“, die aus dem englischen selfacting-mule entstand. Den Abschluss des hier angedeuteteii Gedankens erreichte 1872 0. Wolf in Vöslau durch Gestaltung einer Vorrich¬ tung, die den Stillstand der Maschine bewirkt, sobald die Spindeln eine vor¬ geschriebene Fadenlänge aufgenommen haben. Bei der Drosselmaschine (Drosselstuhl), deren erste Gestaltung B. Arkwight 1775 zuzuschreiben ist, erfolgt wie bei dem Handspinnrad das Spinnen und Aufwinden gleichzeitig, womit neben Raumersparnis und grösserer Lieferung sogleich die Möglichkeit des vollständig automatischen Betriebes mittels elementarer Betriebskraft (z. B. Wasser, daher auch Watermaschine) gegeben ist; die Aufwindung der fertigen Fäden erfolgt hier nicht unmittelbar auf Spindeln, sondern mittels rotierender Flügel auf Spulen, die durch die auflaufenden Fäden nachgezogeü, durch Reibung auf ihren Stützflächen in gewissem Masse zurückgehalten werden, also unter Beanspruchung der Festigkeit des Fadengehildes; deshalb ist die Herstellung der feinsten und schwächsten Garne auf dieser Maschine aus¬ geschlossen, die vielmehr dem Selfaktor verblieben ist. Am meisten ist in dieser Beziehung eine als Ringmaschine bekannte Umgestaltung der Drossel¬ maschine dem Selfaktor nahe gerückt worden, bei welcher nicht die Spule, sondern ein beliebig leicht zu machender Fadenleiter (Läufer) auf einer ring¬ förmigen Bahn durch den auflaufenden Faden nachzuziehen ist. Die Feinheit der Gespinste wird allgemein durch eine Vergleichung zwischen Länge und Gewicht eines gewissen Fadenstückes festgestellt, indem man z. B. (bei der internationalen Numerierung) angibt, wieviel Meter des Fadens auf 1 g gehen; hat also ein gewisses Fadenstück L Meter Länge und G Gewicht, so ist die metrische Feinheitsnummer N = — Auf die G Prüfung der Feinheit folgt in allen Fällen, wo die Verwendung der Garne anderwärts geschieht, noch die geeignete Verpackung derselben, sei es in Form der Cops, wie sie der Selfaktor liefert, oder in Form geweifter Strähne, die zu Docken und Paketen von abgerundetem Gewicht zusammengelegt und durch scharfes Pressen auf den kleinstmöglichen Raum gebracht werden (s. Garne und Garnsorten). Je nach dem Spinnmaterial unterscheidet man als wichtigste Arten der Spinnerei die Flachs-, Hanf-, Jute-, Seiden-, Baumwoll- und Wollspinnerei. Die Flachsspinnerei (s. a. Flachs) ist eines der ältesten Gewerbe: schon die alten Aegypter haben uns in den Gräbern die einfachsten Spinngeräte hinter¬ lassen. 1865 wurden in Pfahlbauten der Schweiz 40 Spindeln neben Bruch¬ stücken leinener Gewebe aufgefunden, deren Alter auf wenigstens 3000 Jahre geschätzt werden muss. 1787 wurden in Darlington in England die ersten Spinnversuche auf Maschinen angestellt. Der eigentliche Begründer der
Spinnen. 493 mechanischen Flachsspinnerei ist Philippe de Girard, welcher 1810 in Frank¬ reich das erste Patent auf Flachsspinnereimaschinen nahm. 1829 wurde die erste mechanische F. in Leeds durch Dampfkraft in Betrieb gesetzt. Für 1902 ist die Anzahl der Spindeln in Tausenden: für Grossbritannien mit 1600, Frankreich 550, Oesterreich-TJugarn 350, Deutschland 360, Belgien 250, Russ¬ land 240, Italien 80, Schweiz 12, Holland 10, Schweden 10, ganz Europa 3600, Nordamerika 120, Ostindien 160, die ganze Erde 4000 anzunehmen. Deutsch¬ land liefert vorzugsweise die Flachsgarnnummern 8 bis 60 und die Werggarn¬ nummern bis 30. Zur Fasergewinnung im grossen dient hauptsächlich die Bastfaser der Spezies Linum usitatissimum L. oder des gemeinen Leins (s. Lein, Leinenindustrie und Flachs). Die in sogen. Kapellen getrockneten Lein¬ pflanzen werden durch Riffeln oder Reffein von den Samenkörnern befreit: die Samenkapseln und Blätter streift man von den Stengeln ab. Es folgt das Rösten, Rotten oder Weichen, um den Bast und die Fasern zu trennen und zu lösen. Die Flachsdarren dienen zum Trocknen des gerösteten Flachses. Das Botten geschieht mittels des Botthammers oder Bleuels, mit welchem der Flachs gleichsam gedroschen wird; in einigen Gegenden wendet man dafür das Boken an als Hilfsarbeit des Brechens. Der einfachste zum Brechen verwendete, von Hand bewegte Apparat ist die Hand breche oder Brake; man nimmt hierzu auch Brechmaschinen in Gebrauch, bei welchen der Flachs durch ein paar geriffelte Walzen geht. Um noch vorhandene Holz¬ teilchen zu entfernen, bedient man sich der Schwingmaschinen. Durch den nun folgenden Hechelprozess geschieht die Zerteilung und Zerlegung des Flachses unter gleichzeitiger Absonderung der kürzeren Fasern. Zur Bildung eines gleichmässigen Bandes des gehechelten Flachses und zu dessen allmäh¬ licher Ueberführung durch Yorgespinst zum Feingani, welches in der Arbeit des Streckens und Anlegens besteht, dient die Anlegemaschine. Von da aus kommt das Band zum Strecken und Duplieren auf die Flachsstreckund Dupliermaschine oder den Durchzug. Das letzte Duplieren und Strecken, sowie die Bildung des Vorgarns erfolgt auf der Spindelbank, Vorspinnmaschine oder Flyer. Das Feinspinnen erfolgt meist auf der sogen. Watermaschine: man verspinnt das Vorgarn unter Anwendung von heissem Wasser (Nassspinnerei). Die Trockenspinnmaschine enthält in den Einzieh- und Streckwalzen noch besondere Vorrichtungen zur Bildung des Fadens. In der Nassspinnerei für Flachs und Werg hat in neuester Zeit die Ringspindel der Baumwollspinnerei Eingang gefunden. Die Nach- und Vollendungsarbeiten sind die gleichen wie bei der Wergspinnerei. Die Werg- oder Heedespinnerei umfasst die Verarbeitung der beim Hecheln des Flachses ausgekämmten kürzeren, verworrenen und vielfach ver¬ schlungen durcheinander liegenden Fasern; das erzeugte Garn wird Werg oder Heedegarn genannt. Zur Reinigung der Heeden dienen Oeffner oder Schlag¬ oder Wickelmaschinen; Karden oder Krempeln gleichen den Baumwollkrempeln. Die Wergstrecke und Vorspinnmaschine sind von ent¬ sprechender Konstruktion als diejenigen zur Flachsbearbeitung, ebenso die Wergfeinspinnmaschinen. Das Haspeln der Flachs- und Werggarne findet auf der Garnhaspel oder Weife statt. Zur Vollendungsarbeit gehört das Trocknen der nass gesponnenen und gehaspelten Garne, wozu sie sofort in Trockenkammern kommen. Um Garn direkt in die zum Wehen erforder¬ liche Form zu bringen, wird dasselbe oft schon in den Spinnereien mittels sogen. Schussspulmaschinen gespult. — (Vgl. Pfuhl, Weitere Fortschritte in der Flachsgewinnung, Riga 1895; Kuhnert, Der Flachs, seine Kultur und Verarbeitung, Berlin 1897.) Die Hanfspinnerei stimmt im wesentlichen mit der Flachsspinnerei überein, nur dass die Maschinen, der stärkeren Hanffaser entsprechend, kräftiger gebaut sind. Die Jutespinnerei findet nach zwei Methoden statt. Das eine, nur in England gebräuchliche Verfahren zerschneidet oder zerreisst die Fasern und sie werden darauf wie Flachs verai’beitet: das so erzeugte Garn heisst g e-
494 Spinnen. hechelte« oder Jute-Hechelgarn (engl, jute-line-yarn). Bei der zweiten, in Deutschland und Oesterreich ausschliesslich üblichen Methode werden die zerrissenen Fasern auf Krempeln verarbeitet und ähnlich wie Flachs gesponnen: dies liefert das kardierte Garn oder Jute-Werggarn (engl.: jute-tow-yarn) genannte Gespinst. Unter Seidenspinnerei ist nur die Verarbeitung der Florettseide (s. Florettindustrie) zu verstehen, da bei der Behandlung der gehaspelten Seide (s. d.) ein wirklicher Spinnprozess nicht stattfindet. Denn der Rohseidenfaden besteht aus einer Anzahl nebeneinander liegender Fäden, während die unter dem Namen Florett- oder Galetteseide zusanmiengefassten Materialien als Ge¬ spinste im eigentlichen Sinne zu bezeichnen sind, da jeder Faden aus vielen ein¬ zelnen kurzen Fasern durch Zusammendrehen derselben gebildet wird. In den Florettspinnereien wird zunächst der Klebstoff aufgelöst, worauf man die durch Auswaschen und Stampfen bearbeitete Masse trocknet und die Fasern sortiert. Die nachfolgenden Operationen sind, je nachdem dasselbe eine fein¬ faserige, mehr oder weniger dichte Masse oder ziemlich lange, nur lose zu¬ sammenhängende Fäden darstellt, entweder der Kammgarn- und der Wergspinnerei oder der Baumwollspinnerei entnommen, indem als Vorarbeit des Spinnens in dem einen Fall ein Kämmen oder Hecheln, im andern ein Krempeln stattfindet. Obwohl die schönsten Florettgarne an Feinheit, Glätte und Glanz niemals den besseren Sorten der gehaspelten und filierten Seide gleichkommen, finden dieselben ihrer Wohlfeilheit wegen ausgedehnte Verwen¬ dung (s. Seidengarne). Das Spinnen der Florettseide geschieht teils auf Spinn¬ rädern, teils auf Maschinen. Im erstem Falle bedient man sich des früher auch für die Wollspinnerei gebräuchlichen Handrades, wenn die Fasern'kurz sind, während die langen Fasern auf dem Trittrade versponnen werden. Ebenso sind hei der Maschinenspinnerei für kurzes und für langes Material verschie¬ dene Methoden in Anwendung. Das erstere wird ganz wie Baumwolle be¬ handelt, indem man die von der Krempelmaschine gelieferten Bänder auf der Streckmaschine zusammenlegt (dupliert) und auszieht, dann auf eine Vorspinn¬ maschine bringt und das erhaltene Vorgespinst auf einer Mulemaschine dem Feinspinnprozess unterwirft. Dagegen sind für lange Florettseide die in der Kammgarn- und Flachsspinnerei üblichen Maschinensysteme im Gebrauch. Die beim Kämmen der Florettseide sich ergebenden Seidenabfälle (Bourrette, Stumba) bilden das Material einer weiteren Industrie, der Bourrettespinnerei (s. d.), die im wesentlichen nach dem Verfahren der Kammgarn¬ spinnerei arbeitet. Die Abgänge werden nicht versponnen, sondern als Watte, die geringsten als Polster- oder Packmaterial oder als schlechte Wärmeleiter zur Umhüllung von Dampfleitungen u. s. w. verwendet. Aehnlich der Kunst¬ wolle (s. d.) wird auch die durch Zerfasern seidener Lumpen gewonnene Seide (Seidenshoddy) zu geringwertigen Stoffen verwendet. — Die Wollspinnerei, die Vorbereitung der sogen. Streichwolle und das Verspinnen derselben war bis gegen Ende des 18. Jahrhdts. reine Handarbeit, ln England hat die Entwickelung der Streichgarnspinnerei ungefähr gleichen Gang mit der Baumwollspinnerei (s. d.) genommen, bis man allmählich die in der letzteren Industrie benutzten Maschinen passend umänderte, um sie der Natur des animalischen Faserstoffes auf das vorteilhafteste anzupassen. Be¬ züglich der Kammwollspinnerei ging die Einführung von Maschinen an Stelle der Handarbeit wegen der sich in den Weg stellenden Schwierigkeiten nur langsam vor sich und es wurde noch bis in das Jahr 1850 viel mit der Hand gesponnen. Auch zur Herstellung der Flachsspinnmaschinen gaben die Baumwollspinnmaschinen die Grundlage ab, auf welcher nach den gewonnenen Erfahrungen allmählich Zweckentsprechenderes geschaffen wurde. Ebenso üben aut das uralte Geschäft des Seilers die im Gebiete der Spinnerei errungenen \ orteile der Maschinenarbeit ihren Einfluss aus und bemühte man sich mit Erfolg, das Spinnen der Taugarne auf Maschinen zu bewerkstelligen. (S. a. Baumwollspinnerei und Kammgarnspinnerei in bes. Artikeln.) Literatur: Brüggemann, Die Spinnerei, ihre Rohstoffe, Entwickelung
Spinnenköpfe—Spitzen. 495 und heutige Bedeutung, Leipzig 1899; dei*s., Theorie und Praxis der rationellen Sp., Stuttgart 1897/8; Hennig, Die Streichgarn- und Kunstwollsp. in ihrer gegenwärtigen Gestalt, Berlin 1894; Hentschel, Prakt. Lehrbuch der Kammgarnsp., Stuttgart 1900; Johannsen, Studien über den Wickelkörper des Selfaktors, Leipzig 1895; Müller, Handbuch der Sp., Leipzig 1892; Heiser, Lehrbuch der Spinnerei, Weberei und Appretur, ehd. 1901; Zipser, Tech¬ nologie der Sp., Wien 1902. Spinnenköpfe (ital.: grimelli) werden Abfälle der Florettseide genannt, wenn beim Spinnen derselben Hisse entstehen, die man auskämmt und grobe, sogen. Knüpfseide daraus spinnt. Spinnenseide, aus Spinnenfäden bestehender Ersatz für Seide. Nach Silb ermann (Die Seide, Dresden 1897, Bd. I, S. 333 ff.) verwertet man die faserigen Produkte der Spinnen zu Textilzwecken seit den ersten Jahren des 18. Jahrh. Während man jedoch früher die Kokons der ausgeschlüpften jungen Spinnen sammelte, zerzupfte und verspann, haspelt man in neuerer Zeit nach einem vom Missionar Pater Cambone erdachten Verfahren die Fäden von den lebendigen Spinnen ab, indem man diese auf einem Rahmen in kleine Schlitze einklemmt, mit den Fingern die Fäden abzieht und deren 12 bis 24 zu einem Gregefaden vereinigt. Es werden hierzu namentlich die Spinnen Madagaskars (Nephila madagascarensis), an Ort und Stelle Halabe genannt, verwendet. Trotz der ausserordentlichen Feinheit besitzt die Spinnenseide grössere Festigkeit als die Maidheerseide. Spinnereischulen, Anstalten, die Spinner in ihrem Fache ausbilden sollen. Früher bezog sich das nur auf das Handspinnen, jetzt ausschliesslich auf das Maschinenspinnen. Die 1850 gegründeten 3 Spinnschulen in der sächs. Lausitz, sowie 5 Spinnschulen in Hessen, welche Schulkinder im Flachs- und Werg¬ spinnen unterrichteten, sind wieder eingegangen. Andererseits hat man in den bereits 1755 in Oesterreich gegründeten Spinnschulen, die aber schon Anfang des 19. Jahrhs. unter dem Einfluss des Maschinenspinnens wieder aufgegeben worden sind, wohl die ältesten Fachschulen überhaupt oder die Anfänge zu unserem jetzigen Fachschulwesen zu erblicken. Spinnereischulen für Maschinen¬ spinnerei gibt es in Mülhausen (Eisass) seit 1861 und in Reutlingen (Württem¬ berg), beide in der Hauptsache für Baumwollspinnerei bestimmt und als Ge¬ sellschaftsunternehmungen mit Staats- und Gemeindeunterstützung verwaltet und mit Webschulen verbunden. Beide haben einjährigen Lehrgang und ver¬ langen eine Vorbildung, welche ungefähr dem Einjährig-Freiwilligenzeugnis entspricht, sowie ein Alter von 16 oder 17 Jahren. Die Arbeitsschulen sind mit sämtlichen zur Baumwollspinnerei verwendeten Arbeitsmaschinen ausgestattet. In beiden Schulen wird der Unterricht über die gesamte Spinnereitechnologie ergänzt durch Unterricht in technischer Mechanik und allgemeine Maschinen¬ kunde. Zu den Sp. ist auch die Abteilung für Spinnerei an den höheren Fach¬ schulen für Textilindustrie (s. Webeschulen) zu rechnen. Spinnewebenmuster werden die in den durch Klöppel- und Nadelarbeit hergestellten Kreise und Sterne der Solspitzen und Relicellaspitzen genannt. Spinnmaschinen, s. Spinnerei. Spinnmühle, s. Filatorium. Spinnpläne, Erläuterung des üblichen Ganges der Florettverarbeitung. Spinnrad (franz.: rouet ä filet, filoir; engl.: spinning-wheel); wurde 1530 vom Bildschnitzer Johann Jürgen in Wolfenbüttel erfunden. Vorher spann man mit der Spindel. Jürgen setzte an deren Stelle die Flügelspindel oder Drossel (franz.: broche), auf welcher die Spule (franz.: bobine; engl.: pirne) locker sitzt und den von der Drossel geführten Faden aufnimmt. Spinnwirtel, s. Spindel. Spitzen (franz.: dent eiles, points; engl.: laces; span.: encajes; ital.: punti); Kanten, Zacken, Besätze, als Endigung, Abschluss oder Einsatz und Verbindung von Stoffen, auch selbständige grössere Arbeiten, deren durchscheinend ge¬ musterte Flächen darauf angelegt sind, einen gegebenen Untergrund wirkungs¬ voll zu beleben. Sie werden gefertigt aus Fäden der Leinen-, Baumwoll-,
496 Spitzen Woll-, Seiden-, Gold- und Silbergespinste und entstehen durch Knüpfen, Stricken, Häkeln, Filieren, Sticken, Nähen, Klöppeln und Weben. Der Leinen¬ faden ist darin in älterer Zeit bevorzugt, seine Faser ist lang und zäh, deshalb widerstandsfähiger gegen Kälte, Hitze, Feuchtigkeit und Trockenheit als andere Fadenarten. Der Gebrauch von Spitzen ist im Anfang gekennzeichnet durch die technische und stilistische Entwickelung. Die Besatzspitze ist zurückzuführen auf eine Verbindung von Endigungen der Ketten- oder Schussfäden eines zur Bedeckung dienenden Stoffes, worin sie den Anfängen der Franse gleichkommt; die Füllspitze ist entstanden einesteils aus dem Durchbruch in Leinen, anderer¬ seits aus dem Netz. — Nach den am meisten vorkommenden Gattungen von Sp. unterscheidet man im allgemeinen Nadel-, Klöppel- und Maschinen¬ spitzen. In dem technischen Entwickelungsgange der Nadelspitze erscheint der einfache Durchbruch: punto tirato (wenn die Fäden in einer Richtung des Gewebes ausgezogen sind), und der doppelte Durchbruch : punto tagliato (Abb. 282) (wenn die Fäden in beiden Richtungen des Gewebes ausgezogen sind), als erste und älteste Art, von denen sich Beispiele schon an Abb. 282. Leinentüchern der koptischen Textilfunde (s. d.) finden. Das Vorkommen von Fransen und Netzen (Abb. 69, 165, 207) daselbst weist darauf hin, dass die aus Flechten gebildete Art von Spitzen zu derselben Zeit ihre Vorläufer hat. Beide Arten der Durchbruchspitze — auch point coupe genannt — haben im 16. Jahrh. vielseitige Ausbildung erfahren: es entstehen als fort¬ laufende Ränder und Füllungen aus ausgezogenen quadratischen Feldern in Leinendecken geometrische und auch streng stilisierte Muster aus Tier- und Pflanzenformen, die häufig von Stickerei in weissem Garn begleitet sind (Tafel X, Abb. 1). Als weitere Entwickelung in ausgeschnittenen Rändern und Feldern solcher Decken, deren Füllung dann wieder durch Benähen der gespannten Netzfäden im Knopflochstich (point de boutonniere) in Sternmustern geschieht, ist der punto di reticella (Netz- oder Sternspitze) entstanden (Tafel X, Abb. 4). Mit der Steigerung des Bedarfs an Spitzen macht man sich von der Leinwand insofern unabhängig, als man das quadratische Vorwerk für die Reticellaspitze auf Pergament herrichtet, womit der Musterung der genähten Spitze die volle Freiheit für die weitere Entwickelung gegeben wurde. Sie ist nun nicht mehr an eine geometrische Linienführung gebunden, es entstehen rundliche Formen, deren Verbindung durch sogenannte Stege (brides) herge¬ stellt wird, und man nennt das Erzeugnis: punto in aria, d. i. Luftspitze (Abb. 283, 284 u. Tafel X, Abb. 9). Diese technische Erweiterung führt allmählich immer mehr zur Aufnahme geschwungener Linien und die Nadel¬ spitze erreicht in dem punto a relievo (Abb. 285), der Reliefspitze Venedigs, einen künstlerischen Höhepunkt. Iln’e Herstellungsweise ist eine unendlich
Spitzen. 497 mühevolle infolge der ganz frei verlaufenden, an gar kein festes Grundgefüge gebundenen Ranken mit den reizvollsten arabeskenähnlichen Blättern- und Blütenformen aus Tausenden von winzigen in ä jour gearbeiteten Füllstichen Abb. 283. Abb. 284. Abb. 285. in den Innenflächen, deren Ränder sich kräftig in mehreren Abstufungen er¬ heben, die nach aussen hin durch zierliche strahlende Ansätze (picots) gemildert werden. Die Reliefspitze, welche die Italiener je nach der äusseren Gestaltung Heiden, Handwörterbuch der Textilkunde. 32
498 Spitzen. auch punto a fogliami (mit Laubwerk) und punto a vermicelli (Würmchenspitze) nennen, ist auch am Ende des 16. Jahrhs. und Anfang des 17. Jahrhs. in Spanien erzeugt worden, jedoch ohne die erhabenen Ränder und in fast noch ungebundenerer, freierer, edler Zeichnung, die besonders in Zacken mit stilisierten Blütenformen zu reicher Entfaltung gebracht wird (Abb. 38). — Am Ende des 17. Jahrhs. gewinnt für die genähte Spitze neben Italien und Spanien auch Frankreich an Bedeutung. Im Jahre 1666 berief Colbert Abb. 286. Abb. 287. venetianische Spitzennäherinneil nach A1 e n g o n, der Hauptstadt des franz. Depart. Orne, woselbst schon früher den Spitzen verwandte Arbeiten gemacht wurden: eine wertvolle Arbeit über diesen Ort ist vorhanden in dem Buche von Mme. Despierres: „Histoire du point d’Alengon“. Die ersten nach italienischen Vorbildern in Frankreich genähten Spitzen gehen sämtlich unter dem Namen point de France in den Handel; erst als sich die vom Staate privilegierte Gesellschaft im Jahre 1675 auflöst, die in vielen Städten des Reichs arbeiten liess, wird der point d’Alengon wieder selbständig. In dem Buche der Mme. Despierres sind über die Technik der älteren genähten Alencon-
Spitzen. 499 spitzen die ersten näheren Aufschlüsse gegeben. Hiernach hat eine der¬ artige Nadelspitze bis zu ihrer Fertigstellung 12 Vorgänge durchzumachen, deren Folge, die hier mit einigen Erläuterungen, welche Frau Tina Frauberger in ihrem „Handbuch der Spitzenkunde“, Leipzig 1894, dazu gibt, auch für verwandte Arten solcher Spitzen der heutigen Zeit von Interesse ist: 1) Le dessin, das Muster, das sich in der Alengonspitze im Anfänge an das der Reliefspitze Venedigs anlehnt, später aber natürlich dem französischen Geschmack der Zeit folgt, wird auf das Papier — früher auf Pergament — aufgezeichnet. 2) Le picage, das Vorstechen: das bis zum Rapport vorgezeichnete Muster wird mit der Pikiernadel auf einer weichen Unterlage in regelmässigen Abständen durchstochen. 3) La trace, das Vornähen: stellt das Gerüste für die einzunähenden Formen oder Füllungen her, nachdem ein Teil des durchstochenen Papiers auf Leinwandstreifeu genäht ist. 4) Le fond oder l’entoilage, das Einnähen der Schlingstiche: der Schling- oder Knopflochstich, durch welchen das Ausnähen der Hauptformen des Spitzenmusters geschieht, ähnelt in seinem Aussehen der Leinwand. Kleine Lücken in solchem dichten Grunde nennt der Franzose „portes“ oder ,Jours“ und ein Muster, das in kleinen Rautenfeldern abgesttzt ist „cpiadrillefe“. 5) Le rempli, die Füllmuster: sie vermehren die Unterabteilungen der Arbeit, deren Zahl je nach dem Reichtum der Motive des Spitzenmusters wechselt. Bei den Reliefspitzen kommen weniger derselben in Anwendung als in den Grundspitzen; erstere müssen, den kräftigen Formen entsprechend, ziemlich fest und dicht gearbeitet werden, während die Gestaltung der anderen Grundmotive fein und luftig geschieht. Einzelne, viel angewendete Füllmuster haben eigene Namen, die nicht nur in Frankreich und Belgien, sondern zum Teil auch heut noch, wo Nadelspitzen gemacht werden, in Ge¬ brauch sind: gaze serree oder ordinaire, gaze claire, gaze quadrillee, pointd’Argentan, point mignon, point ä trou u. s. w. 6) Les brides, der Steggrund des Musters besteht aus sechseckigen Feldern, zu welchen sich die locker angeordneten Schlingstiche gebildet haben, die hierbei zu einer grossen Masche auseinandergezogen sind. Er wird heut auf die verschiedenste Art ausgeführt, die zum Teil nicht völlig der Herstellungsweise des Steggrundes an den Spitzen des 18. Jahrhs., bei denen er sehr viel und auch als Ziermuster angewendet wurde, entspricht. Es gibt drei Arten des Steggrundes: a) brides ä picots: Stege mit Zähnchen, b) brides bouclees: geschlungene Stege, c) brides tortillees: gezwirnte Stege. 7) Le reseau, der Maschengrund, von welchem es drei Arten gibt: a) ge¬ wöhnlicher = reseau ordinaire, hergestellt mittels eines doppelt gedrehten Schling¬ stiches, b) kleiner = petit reseau, aus gleichem Stich in hin und her gehenden Reihen gearbeitet, c) getupfter = reseau mouche, eine Spielart des vorigen, die zusammen häufig auch als Füllrnuster verwendet werden. 8) Les modes, die Zierstiche, welche erst mit dem Aufkommen des Maschen¬ grundes erscheinen, werden zwischen Gerüstfäden ausgeführt, welche den Halt der einzunähenden Muster bilden, sie lassen eine grosse Mannigfaltigkeit der Ausführung zu, ihre Grundlage bildete ursprünglich der einfache und der gezähnte Steggrund. 9) La brode, die Stickerei dient dazu, dem Muster Halt und festen Umriss zu geben, der es wirkungsvoller, klarer und mit schönen Formen hervortreten lässt. Sie besteht darin, durch Annähen von Fäden an den Umrisslinien die letzteren z. T. reliefartig zu verstärken und dabei beschädigte Formen auszugleichen. 10) L’enlevage, das Herabnehmen der Spitze von dem Papier wird be¬ werkstelligt, indem die Fäden, welche zum Aufnähen der Tracierfäden dienten, zwischen den zwei Leinwandstreifen zerschnitten werden. 11) L’eboutage, das Ausbessern der Spitze bevor sie mit den anderen einzeln gearbeiteten Stücken zusammengesetzt wird. 12) L’assemblage, das Zusammensetzen einzelner Teile. Der Point d’Argentan weist in technischer Beziehung mit der Spitze aus Alen§on keinen Unterschied auf (Taf. XI, Abb. 7). Auch die Brüsse¬ ler Nadelspitzen sind den französischen derselben Zeit darin nahe ver¬ wandt (Abb. 287); ebenso wie diejenigen, welche früher in Burano erzeugt wurden. Ueber die Entwickelung der Nadelspitze in den Niederlanden ist man nicht genügend unterrichtet, obwohl dort den Klöppelspitzen ent¬ sprechend auch mit der Nadel gefertigte Arbeiten entstanden sein werden. Die moderne belgische Spitz’enfabrikation verfügt, wie in dem Buche
500 Spitzen. von Tina Frauberger weiter ausgeführt wird, über die ganze Stufenleiter der Nadelspitzenarten: „Das Bild, das die Industrie jedoch auf den ersten Blicken bietet, ist keineswegs er¬ freulich. Erst beim Eindringen in die Werkstätten grosser Fabrikanten, bei Durchsicht der auf Bestellung oder für Ausstellungen gearbeiteten Spitzen erhält man eine Vorstellung von dem regen, vorwärts drängenden Geist, dem Kunstverständnis, der technischen Leistungsfähigkeit der heutigen belgischen Spitzenfabrikation, welche mit der fran¬ zösischen Hand in Hand geht. Tatsache ist, dass französische Häuser ihre Spitzen z. T. in Belgien hersteilen lassen, Belgien selbst die besten Muster von Paris erhält. Hier wie dort kann das Beste, Vollkommenste erzeugt werden, wenn ein tüchtiger mit künstlerischem Verständnis begabter Leiter die Arbeit überwacht.“ Zu den Spitzen in verschieAbb. 288. dener Herstellungsart kann man rechnen die sogen. Band- oder Litzen spitze, welche auch wohl in Nachahmung venetianischer Ar¬ beiten in Italien (?) entstanden, aber insofern von Wichtigkeit ist, als sie der Vorläufer einer grossen Gattung von geklöppelten Spitzen zu sein scheint, indem das plan¬ los auf genähtem Steggrund sich windende Raukenmuster aus ge¬ webter Einlage später in Leineu¬ schlag geklöppelt wurde (Tafel XII, Abb. 1). Eine netzartige Nadelarbeit ist die sogen. Solspitze, welche aus Spanien stammt (Tafel X, Abb. 3) und deren In ustrie sich in neuer Zeit in den südamerika¬ nischen Ländern sehr verbreitet hat (Abb. 288), auch bei uns zu einer neuen Technik (s. Teneriffa¬ arbeiten) mitverwandter Musterung führte. Zu den im Orient überhaupt wenig erzeugten Spitzen in Nadelarbeit gehört die sogen. „Smyrna“- oder „Armenische Spitze“, welche aus bunter und auch ganz aus weisser Seide hergestellt werden, sie kommen als Besätze, Kostümauflagen u. dergl. vor, ihre Musterung besteht aus Ranken mit frei herausstehenden Blüten, welche die Zacken bilden (Abb. 289). Die Technik der Kl ö p p e 1 s p i t z e n (franz.: faits au fuseau ; ital.: dentelli a piombini; engl.: pillow laces) beruht auf einer Drehung und Kreuzung von Fäden, durch welche nach Massgabe eines auf dem Klöppel¬ kissen befindlichen Klöppelbriefes mittels der das Material enthaltenden Klöppel nach den durch vorgesteckte Nadeln geleiteten Schlägen Grund und Muster zugleich entstehen. Diese wie offene und dichte Gewebeflächen erscheinenden Fadengebilde haben ihre technische Entwickelung in der Her¬ stellung von Grundmustern, welche nach bestimmten Arten der Verschlingung sich äusserlich unterscheiden, ihnen voran geht der einfachste Flechteu¬ schlag, der durch 2 Klöppelpaare Börtchen herstellt, die gleichlautend be¬ zeichnet werden; breitere in dieser Art geklöppelte Spitzen, heissen Flecht¬ spitze; es folgen als Grundmuster: 1. einfacher Löcher schlag mit 4 Klöppelpaaren, 2. Lö eher schlag mit doppelt gedrehten Fäden mit 6 Klöppelpaaren, 3. Netzschlag mit 4 Klöppelpaaren, 4. Leinenschlag mit 4 Klöppelpaaren, 5. Tüllgrund mit 6 Klöppelpaaren, 6. Brüsseler Grund mit 6 Klöppelpaaren, 7. Fond ä la vier ge mit 8 Klöppelpaareu. 8. Eternellegrund mit 8 Klöppelpaaren, 9. Roseugrund mit 10 Klöppel¬ paaren, 10. Z i e rg r u n d aus Löcherschlag mit Flechtenschlägen mit 10 Klöppel-
Spitzen. 501 paaren, 11. Valenciennes-Grund, aus Flechten mit 2 Klöppelpaaren, im ganzen mit 10 Klöppelpaaren. Die Einteilung der Klöppelspitzen nach Herkunft und Zeit ist noch schwieriger, als bei den Nadelspitzen* der Versuch, es auf Grund der ange¬ führten technischen Verfahren zu ermöglichen, dem auch das Handbuch der Spitzenkunde von Tina Frauberger folgt, scheint noch am ehesten zum Ziele zu führen. Es lassen sich demnach unterscheiden: Flechtspitzen, Formenschlagspitzen, Leinenschlagspitzen, Le i nensch1agspitzen mit Netzgrund, Zier netzspitzen, denen sich solche anschliessen, welche durch Vereinigung von Klöppel- und Nadelarbeit hergestellt wurden. Die Flechtspitze darf ihrer einfachen Technik entsprechend als die älteste gelten; sie ist seit dem Ende des 15. Jahrh. nicht nur in Italien, sondern auch in Spanien, den Niederlanden und Deutschland hergestellt und Abb. 289. gmsm besteht gewöhnlich aus Zacken, die sich am ehesten als Besatz eignen (Abb. 290). Die Formenschlagspitze zeigt Muster in breiteren Einzelheiten als die Flechtspitze (Abb. 291), ihre bandartigen Flächen bilden Kreise und Rosettenfelder in Quadraten und halbrunden Zacken, die im ganzen an den italienischen Typus der Reticellaspitze erinnern. Die Zwischenteile sind ge¬ wöhnlich durch ein ovales Blättchen, das man Haber körn, Gerstenkorn, auch wohl mouches nennt, gefüllt. Diese Art der Formenschlagspitze soll im 17. Jahrh. hauptsächlich in Genua gemacht worden sein, woselbst auch dergleichen Arbeiten in Metallfäden hergestellt wurden (Tafel XII, Abb. 6). Die Leinenschlagspitze tritt mit der Aufnahme geschwungener Formen mehr und mehr in den A^ordergrund (Abb. 292, 293). Als Heimat dieser Gattung von Klöppelspitzen wird Flandern, Brabant und Schleswig an¬ genommen, woselbst sie in der zweiten Hälfte des 17. Jahrh. erscheinen; im Erzgebirge, in Russland (Abb. 294) und in sonstigen slawischen Ländern haben sie sich in einfacheren Mustern bis zum heutigen Tage erhalten. Man be¬ zeichnet solche Spitzen auch noch als Leinenrissspitzen, Spitzen mit
502 Spitzen. unterbrochenem Riss oder mit geteiltem Riss und nach der Art des Musters und eigentümlicher technischer Varianten als Klo s t e r a rb eit, sowie nach der Verwendungsart als Kirchenspitzen. In bunter Seide kommen übrigens dergleichen Muster auch in mährischen AermelAbb. 290. besätzen, in Verbindung mit Stickereien auf Leinen vor. Als Abart gehört zu dieser Gruppe auch die Guipüre-, Gimpenocler Posamentierspitze, deren Aussehen infolge des Materials und der dadurch be¬ dingten technischen Eigentüm¬ lichkeit ein von den Leinen¬ spitzen grundverschiedenes ist, trotzdem hat das Wort Guipüre (s. d.) auch für solche Auf¬ nahme gefunden (Tafel XII, Abb. 6). Die Leinen schlag¬ spitzen mit Netzgrund sind in technischer Beziehung der vorigen Gruppe verwandt; nur dass die Verbindungen aus einem regelmässig gestalteten Netz gebildet werden (Tafel XI u. Abb. 292). Die Musterung innerhalb desselben scheint sich ganz den Nadelspitzen Italiens anzupassen. Zu Voluten aufgerollte wellig gelegte Ranken endigen in Zweige.und Blüten, die teilweis schon mit einem Ziernetz durchbrochen sind. Der Ausgangspunkt für diese Aid der Klöppelspitzen scheint die ReliefspitzeVenedigs Abb. 291. gewesen zu sein, der das Ranken¬ muster aus gewebter Litze mit genähtem Grunde folgte. Diese Spitzen sollen, wie die der vorigen Gruppe, meist in Flan¬ dern und Brabant hergestellt worden sein; von einigen wird auch Mailand (?) als Herstellungsort einer gleichen Art ge¬ nannt. Die Gruppe der Zier¬ netzspitzen steht bezüglich der technischen Vollkommenheit in der Kunst des Klöppelns auf gleicher Höhe wie in ihrer Weise die gleichzeitigen Nadel¬ arbeiten des 18. Jahrh., mit denen auch die Muster zu wett¬ eifern scheinen. Mit der vorigen Art von Klöppelspitzen haben nur noch die ziemlich allgemein bezeichneten V alenciennesS pitzen die meiste Ver¬ wandtschaft (Tafel XII u. Abb. 295), unterscheiden sich aber, wie auch die noch folgenden Arten, durch den überaus feinen Faden, mit dem sie hergestellt sind, und die etwas lockere Bildung des Leinenschlages, aus dem das
Spitzen. 503 Muster besteht (Abb. 295). Unter der grossen Gruppe von ValenciennesSpitzen erscheinen besonders feine Klöppelarbeiten, die man für Erzeugnisse aus Bin che hält und zwar in Nachahmung der point d’Angleterre (?); auch Spitzen aus Ypern sollen von ähnlichem Charakter sein. Die in Ma¬ lines und Umgegend erzeugten Spitzen (Abb. 296) gehören zu den wenigen Arten von Klöppelarbeiten, welche am ehesten richtig erkannt werden wegen des stärkeren Ärbeitsfadens, der das im Leinenschlag hergestellte Muster umAbb. 292. gibt (Tafel XI, Abb. 296). Eine verwandte technische Eigenart wohnt auch den sogen. Brüsseler Spitzen inne (s. Abb. 287), das in einer einzigen Bändchenauflage der Bänder einzelner Teile des Musters besteht und durch das Zurückführen des Fadens gebildet wird. In die Gruppe der Spitzen mit vereinigter Klöppel- und Nadelarbeit gehören zunächst die Aufnähspitzen, deren Formen geklöppelt und entAbb. 293. weder auf einen echten Klöppelgrund oder auf Tüll aufgenäht werden. Mau ordnet auch den viel umstrittenen point d’Angleterre hier hinein, um dessen Erzeugung sich auch Frankreich und die Niederlande streiten. Zu den kombinierten Spitzen werden ferner die seidenen Spitzen, sogen. Blonden (Abb. 297), dann die in mehreren Orten Frankreichs (Bayeux, Le Puy u. s. w.) erzeugten Chantilly-Spitzen und endlich die als Torchon¬ spitzen vorkommenden Arten, deren geometrische Muster aus den einfachsten Verflechtungen gebildet werden.
504 Spitzen. Unter den drei Arten von Maschinens pitzen sind die auf Grund der im Jahre 1809 von Heathcoat erfundenen Bobbinnetmaschine (s. d.) ent¬ standenen Erzeugnisse die ältesten. Der erste Vorschlag zur Einführung der Abb. 294. Jacquardmaschine in Bobbinnetweberei ging einem französischen Patent zufolge im Jahre 1824 von Colas et Delompues in Lyon aus; doch erst zu Anfang der 1840 er Jahre gelang es Samuel Draper in Nottingham, die praktische AnAbb. 295. Wendung der Jacquardmaschine in der Tüllspitzenfabrikation mit Erfolg zu er¬ zielen. Den Hauptanteil in der Maschinenspitzenfabrikation nehmen England und Frankreich; neben diesen kommen Oesterreich und in neuester Zeit, be¬ züglich der Anfertigung von Tüllgardinen, das Königreich Sachsen in Betracht.
Spitzen. 505 Den Hauptsitz der englischen Fabrikation bildet Nottingham und Umgebung; in Frankreich ist es vorzugsweise Calais und Saint-Pierre les Calais , welche ausgezeichnete Tüllspitzenfabrikate liefern. Die Tüllspitzen sind zusammengesetzte, teils leinwandbindige, teils gazebindige, gobelinartige Gewebe, bestehen also aus zwei Fadensystemen, der Kette und dem Schuss. Die Kettenfäden laufen geradlinig oder im Zickzack der Spitze entlang und bilden in letzterem Falle das Gerippe für die zu er¬ zeugenden Grundmascben. Die Schussfäden erstrecken sich stets nur über den von 1—8 Kettenfäden begrenzten Kaum. Geklöppelte Maschinenspitzen sind vornehmlich solche Arten, die wie die Torchonspitze, sich durch ein¬ fache Bindungsweise des Grundes aus¬ Abb. 296. zeichnen, und einfach gemusterte schmale Valenciennes. In den Jahren 1872 bis 1873 versuchte der Franzose Malhere grössere Mannigfaltigkeit in die Erzeug¬ nisse der Klöppelmaschine zu bringen, in¬ dem er jedem einzelnen Klöppel die Tätig¬ keit und den Weg durch eine Jacquard¬ maschine vorschrieb, so dass sämtliche Klöppel einer Maschine ebenso unab¬ hängig voneinander bewegt werden können, wie dies von der Klöpplerin bei der Füh¬ rung der Handklöppel geschieht. Mangel¬ hafte Ausführung der Maschine verhinderte jedoch die praktische Verwertung. Die Luft- oder Aetzs pitzen werden auf Plattstichstickmaschinen er¬ zeugt; man fertigt hierauf die Muster durch Stickerei auf Zeug oder Papier an und entfernt durch Ausätzen die zwischen den Figuren stehen gebliebenen Teile. Nach dem älteren Verfahren sind das Grundgewebe und die Stickfäden von ver¬ schiedenem Material (z. B. Baumwolle und Wolle), so dass ihre Zerstörung ver¬ schiedene chemisch wechselnde Mittel erfordert; in neuerer Zeit werden zu dem Grundgeweb e und den Stickfäden gleiche Materialien verwendet und das erstere vor dem Besticken durch Behandeln mit ver¬ dünnter Schwefelsäure oder Salzsäure so vorbereitet, dass es nach dem Besticken beim Erhitzen zerstört wird oder es wer¬ den die Stickfäden mit Salmiakgeist oder alkalischer Lauge durchtränkt und das Grundgewebe nach dem Besticken durch ein Säurebad entfernt (s. Stickerei S. 525). Ueber den geschichtlichen E n t w i ck e lu n g s gan g der Spitze ist man trotz einer Reihe guter literarischer Arbeiten (Mrs. B. Pall is er, History of lace, London 1902; ältere Auflage von 1875 in franz. Uebersetzung: Hi s t o ir e de 1 a d ente Ile, 1890; J. Seguin, La dentell e, Paris 1875; Mme. Despierres, Histoire du point d’Alengon, Paris 1886; Tina Frauberger, Handbuch der Spitzenkunde, Leipzig 1894; Dr. M. Dreger, Entwickelungsgeschichte der Spitze, Wien 1901) nicht völlig unterrichtet, da die Bearbeitung des Materials hinsichtlich der Gleichartigkeit und Uebertragung, ferner durch missverstandene Ausdrücke der Technik, Muste¬ rung usw. eine der schwierigsten ist, welche sich den Forschungen hierdurch eröffnet.
506 Spitzen. Spitzen im engeren Sinne erscheinen erst mit dem 16. Jahx-h.; die Nadelspitze als punto tagliato, die Klöppelspitze gleichzeitig in Form einer Flechtenspitze. Beide Arten können ihren Ursprung in Italien haben: die Nadelarbeit jedenfalls; für die Klöppelspitze kommen auch die Niederlande in Frage. Bestimmtere Daten über die Industrie in den einzelnen Ländern und Orten hat man versucht zu ermitteln aus Bildern, aus Musterbüchern und aus erhaltenen Urkunden in Inventaren u. dgl. Italien nimmt zunächst ein besonderes Interesse in Anspruch, woselbst Venedig als die gerühmteste Erzeugungsstätte genannt wird. Dr. Dreger führt u. a. das für die Entwickelung der Spitze überhaupt höchst wertvolle „New Modelbuch“ an, das zwischen 1561 und 62 bei Christoff Froschower in Zürich erschienen ist und „allerlei Art Klöppelschnüre, wie sie derzeit in OberDeutschland gang und gäbe sind“ . . . „die jetzt von 25 Jahren in unseren Landen aufgekommen und gebräuchlich sind“, enthalten. „Sie wurden nämlich im Jahre 1586 zum erstenmal durch Kaufleute aus Venedig und aus Italien gebracht.“ Dieses Buch macht uns auch mit den in jener Zeit gebräuchlichen Benennungen von Spitzen bekannt, die nach italienischen Nadelarbeiten in Deutschland geklöppelt wurden. So z. B. eine Borte mit Andreaskreuz (sechs¬ eckige Felder mit gekreuzten Balken in Kauten), ganz in Art des geometrischen Abb. 297. Doppeldurchbruchs, ferner ähnliche mit eckigem S und 0, auch „Rädlemodle“ mit ovalen Rosetten aus grösseren und kleineren Löchern u. a. m. Bei jedem dieser Muster ist die Zahl der Klöppel angegeben, mit welchen die Arbeit herzustellen ist. Ausser den Durchbrucharbeiten und berühmten Reliefspitzen müssen in Venedig auch Goldspitzen erzeugt sein; denn es wird erwähnt, dass im Jahre 1574 sich Heinrich III bei einem Besuche daselbst über dergleichen Arbeiten ausspricht. Auch in Mailand und Genua werden Metallspitzen erzeugt, doch sind die Klöppelarbeiten in Leinen verbreiteter. Vor dem 17. Jahrh. wird Genuesische Spitze wenig erwähnt, seit 1689 ist sie all¬ gemein in Gebrauch unter dem Namen point de Genes und bildet einen be¬ deutenden Handelsartikel. 1764 heisst es bei Palliser: „In Genua werden viele Spitzen erzeugt, die jedoch im Vergleich zu flandrischer Arbeit minderwertiger Art sind. Die Industrie geht, wie die venetianische, durch die vielen Edikte und Einfuhrverbote des Auslandes schliesslich zugrunde. Spitze wird dort „pizzo“ genannt, es werden nur Klöppelspitzen a piombini oder a mazetta ge¬ macht. Die Spitzenerzeugung ist der Küste entlang von Albisola bis Santa Margherita bekannt. Spitzen von Albisola, schwarz oder weissfarbig, bildeten einst einen ansehnlichen Ausfuhrgegenstand nach Cadiz, Madrid und Sevilla. In den Kirchen der Stadt werden Spitzen aufbewahrt, die um 1600 dort angefertigt worden sind; auch Spitzen aus Aloefasern werden dort er¬ zeugt. Burano erzeugt etwa Ende des 18. oder Anfang des 19. Jahrhdts. Spitzen: über ihre Nadelarbeit nach flandx’ischer Art scheint man sich nicht
Spitzen. 507 klar zu sein, eine Nachahmung des point d’Alengon enthält auf dichtem Grunde Streumuster, die wie gestickt erscheinen. Spanien erscheint in Italien als „punto di Spagna“ schon zurzeit der Renaissance, seine Erzeugnisse sind aber wohl, mit Ausnahme der sogen. Solspitze, auf italienische Nachahmungen zurückzuführen; dieselben gelangen erst später zu grösserer Bedeutung. Eine Vereinigung von geschnittener Spitze in Leinen, mit Stickerei in farbiger Seide und mit Umrandung von Goldösen ist nur in wenigen Beispielen aus Spanien erhalten (Abb. 298), hingegen war die Filetarbeit in Weiss und solche mit bunter Stickerei im 17. Jahrh. sehr ausgebildet. Nach Angaben von Palliser fasst man unter „point d’Espagne“ allgemein Gold- oder Silberspitzen und jene in Farben gestickte Spitzen zu¬ sammen, die während der Regierung Louis XIV viel in Frankreich getragen wurden. In spanischen Dokumenten aus Toledo und Sevilla aus dem 15. und 16. Jahrh. und aus Granada im 16. und 17. Jahrh. wird nichts von Spitzen erwähnt. Ei'st bei der Auflösung spanischer Klöster im Jahre 1830 lernt man dort angefertigte Nadelspitzenarbeiten kennen. Ferner führt Tina Frauberger aus Palisser an: „Im 17. Jahrhundert sollen in Spanien viele Frauen mit der Erzeugung von Gold-, Silber- und Leinenspitzen beschäftigt gewesen sein, die, was Schönheit der Arbeit betrifft, Aehnlicbkeit mit der Abb. 298. Spitze aus Flandern gehabt habe. Dagegen heisst es 1634, Spanien beziehe viele Spitzen aus Isle de France, während die Franzosen flandi-ische Spitzen vorziehen. Von Antwerpen wurden Spitzen über Cadiz nach Spanien gebracht unter dem Namen: puntos de mosquito e de transillas. Gegen die Mitte des 18. Jahrhdts. scheint die Spitzenindustrie in Verfall geraten zu sein. Goldund Silberspitzen werden in Barcelona, Talavera de la Reyna, Valencia und Sevilla gemacht. In Catalonien, besonders in Barcelona, werden seidene Spitzen, Blonden, erzeugt.“ Portugal erzeugt Nadelarbeiten, jedoch nicht als Industrie. 1726 wird Portugues point erwähnt. Nach 1755 gründet der Marquis de Pombal eine Spitzenmanufaktur in Lissabon. In Madeira, Brasilien, Venezuela, Chile, Paraguay werden schmale Klöppelspitzen und solche in Nachahmung der alten spanischen Solspitzen angefertigt. In Frankreich steht als Spitzenerzeugungsstätte Alengon obenan, woselbst nach der Mitte des 17. Jahrhdts. eine Manufaktur errichtet wird, die nach Vorbildern aus Venedig arbeitet. Eine Nadelspitze velin wird im Zusammenhänge mit point de coupe zum erstenmal 1639, dieser zuletzt 1662 genannt (Abb. 299 und Tafel XI, Abb. 4). Ueber die hier gegründete Gesell¬ schaft s. S. 403 unter point de France; über Technik, Muster usw. S. 498ff. Ueber andere französische Spitzenmanufakturen berichtet Seguin: In Arge nt an wird 1665 von der Königl. Manufaktur ein Bureau errichtet, das bis 1675 be¬ stand. Dann hört man nichts mehr davon bis zum Jahre 1708, von welcher Zeit an wieder Spitzen fabriziert werden und zwar meist Spitzen mit reseau de brides, 1810 war die Fabrikation hier zu Ende. Die Spitzenmanufaktur in Lille beginnt mit den ersten Jahren des 17. Jahrhdts.; man machte
508 Spitzen. Klöppelspitzen fagon Malines oder fagon Yalenciennes. Die heute unter diesem Namen bekannte Spitze hat Aehnlichkeit mit der Malines, unterscheidet sich jedoch im reseau, der viel feiner ist. Ar ras arbeitete wie Lille; im vorigen Jahrh. schätzte man die Spitzenarbeiterzahl von Lille und Arras auf 30000, heute sind es nur noch wenige Hundert. Le Puy wird unter den französischen Städten als diejenige betrachtet, die zuerst Spitzen erzeugte; man machte Klöppelspitzen: Blonden, seidene Spitzen, solche von Leinen in allen Farben, wollene Spitzen und guipures modernes. Anfänglich ahmte man die „guipures gothiques, italiennes“ nach, die einzigen im 16. Jahrh. bekannten Spitzen; später unterwirft man sie der Mode, ändert die Muster und nimmt als Vorbild die Malines- und alten Yalenciennesspitzen. Aurillac war ein wichtiger Mittelpunkt der Spitzenerzeugung, die sich von dort in Murat bis Limousin ausbreitete. Man weiss nichts über den Anfang dieser Industrie, die sich gegen die Mitte des 17. Jahrhdts. entwickelt, wo die Erzeugnisse dieser Stadt gesucht sind. Ende des 17. Jahrhdts. sollen auch hier Metallspitzen gefertigt sein. Unter point d’Aurillac sind stets Klöppel¬ arbeiten zu verstehen. Die Industrie ist vor 1789 zu Ende. In Tülle wurden gewöhnliche Spitzen gemacht. Man vei’fertigte auch Streifen einfachen, geklöppelten Netzwerkes, das man den Spitzen anzusetzen pflegte, um sie zu Abb. 299. verbreitern. Als man die Spitzen gefältelt zu tragen begann und sie in Reihen übereinandersetzte, wurden solche Streifen sehr wichtig. Im besonderen be¬ schäftigte sich Tülle mit der Herstellung solcher ungemusterter Netzstreifen. Mirecourt gilt als eine der ältesten Spitzenfabriken Frankreichs; man machte dort Klöppelspitzen. Im 17. Jahrh. befand sich in Dijon eine Spitzen¬ manufaktur, wo man Klöppelarbeiten fertigte; sie war gegründet, um Findel¬ kindern Beschäftigung zu geben. Gegen die Mitte des 18. Jahrhdts. wird ihrer nicht mehr erwähnt. In Auxerre gründete Colbert eine Manufaktur des points de France, deren Betrieb aber bald eingestellt wurde. Sedan er¬ zeugte Nadelspitzen unter gleichem Namen, die sich in der Musterung denen von Argentan anschliessen. Die Manufaktur von Lyon ist gegen die Mitte des 17. Jahrhdts. für Gold- und Silberspitzen die bemerkenswerteste von Frankreich. Saint Etiennes Spitzen gleichen den Valenciennesarten; Saint Bonnet le Chateau ist jetzt Mittelpunkt dieser Fabrikation. Bourg Argental scheint ehemals eine Fabrik für Blonden gehabt zu haben; um 1778 war die t abrik schon 20 .Jahre alt; auch in Sassenages in der Dauphine wurden Blonden angefertigt, ebenso in Pont de Beauvoisin, wo die Manufaktur bei Ausbruch der Revolution 1789 aufhörte. Chantilly wird weder im 17. noch im 18. Jahrh. erwähnt, während sich die nächste Umgebung von
Spitzen 509 Paris mehr und mehr der Spitzenarbeit begab, späterhin der Mittelpunkt für die Spitzenindustrie der Isle de France. Man fertigte Klöppelspitzen an, besonders seidene. Die weissen Leinenspitzen von Isle de France waren zuerst point coupe und passements aux fuseaux ou guipures gotbiques. Dann kamen die blumigen Muster unter Louis XIV; welche points de France, gleich¬ viel ob Nadel- oder Klöppelarbeit, genannt werden, dann die points de Malines und d’Angleterre. Die Spitzenarbeit von D i e p p e erscheint zuerst Ende des 17. Jahrhdts. In Caen und Bayeux haben sich die jüngeren Industrien sehr entwickelt; Caen wird zum erstenmal 1705 genannt, es werden zuerst dort Leinen-, dann schwarze Seidenspitzen und Blonden gemacht. Bayeux’s Spitzenmanufaktur, die heute hohes Ansehen geniesst, entstand 1709. Man fertigte weisse und schwarzseidene Spitzen an. Seit einigen Jahren hat M. A. Lefebure dort die Nadelspitzenarbeit eingeführt und entwickelt. Die Niederlande nehmen im Bereiche der Spitzenindustrie, besonders der Klöppelarbeiten, eine hervorragende Stelle ein, so dass man sogar annimmt, die Technik der letzteren wäre hier, unabhängig von Italien, aus den Arbeiten der Posamentierer heraus entstanden. Jedenfalls geben niederländische Bilder aus dem Anfänge des 16. Jahrhdts. Beweise dafür, dass hier durchbrochene Leinenarbeit nicht unbekannt war, wenngleich Spitzenmuster auf einen Zu¬ sammenhang mit Italien hinweisen. Reiche Ausbildung erfahren die Zacken¬ besätze der Kragen, deren geometrische Klöppelmuster auf Reticellavorlagen zurückgehen. Neben den rein geometrischen Durchbruch- und Zackenarbeiten, die, nach den Bildern zu schliessen, bis in die Mitte des 17. Jahrhdts. vorherrschen, gewahren wir auch die Blumen-, Ranken-, Schnörkel- und Vasen¬ motive, die wir bereits in den italienischen Musterbüchern fanden; nur ist der Eindruck, da die Arbeiten meist in Klöppeltechnik ausgeführt sind und auf die Reinheit der Form weit weniger Wert gelegt ist, ein einigennassen anderer. Vgl. Dr. M. Dreger, Entwickelungsgeschichte der Spitze, Wien 1901, S. 63. der sich darüber noch weiter ausspricht: „Wenn Holland selbst vielleicht auch weniger Spitzen erzeugte, obgleich es wenigstens um 1660—1670 sogar nach England und Italien ausführen konnte, so richteten sich jedenfalls viele Orte der Niederlande nach diesem Absatzgebiete und waren ihm ja auch geistig in mancher Beziehung nahe verwandt. Durch ihre Dicht¬ heit scheint die ganze Spitze viel glatter, ruhiger; die kräftige Form geht allerdings verloren, das Ganze erscheint mehr als einheitlicher, duftiger Stoff. So wie die holländische Malerei gegenüber der italienischen Linearverkürzung mehr die Luft¬ perspektive betont, so sind auch hier mehr Tonwerte als scharfe Formen gegeben. Das ist nicht mehr die klare Renaissance des Südens; es liegt im Ganzen ein gewisser Dämmerschein, wie er die Natur des Nordens und die Seelen des Nordländers immer durchzieht. Es ist darum auch nicht zu verwundern, dass diese Art der Spitze von Holland bis Schleswig hin gepflegt wurde und, wie wir aus englischen Bildnissen er¬ sehen, auch in England besonders beliebt war. Es kann aber auch nicht befremden, dass die nordische Spitze mit ihrer sozusagen gemilderten Renaissancerichtung in den Ländern, die der Barocke erst zustrebten, gleichfalls Absatz fand und später auch auf das halb barocke, halb klassizistische Frankreich wieder Einfluss erlangte. Jedenfalls nimmt die niederländische Spitze, wie wir aus dem Kampfe der Nachbarstaaten gegen ihre Einfuhr deutlich erkennen, bereits in der ersten Hälfte des 17. Jahrhdts. einen ganz besonderen Rang ein; für die südlichen Niederlande, insbesondere für Antwerpen, Brügge, Gent, Ypern und Lüttich — Brüssel tritt erst später mehr in den Vorder¬ grund — bildet die Klöppelarbeit bereits eine Hauptquelle des Reichtums.“ Als Erzeugnis aus Antwerpen werden die sogen. Pottenkanten (Tafel XI, Abb. 12, 13) bezeichnet, die bis zum 18. Jahrh. in Klöppelarbeit hergestellt wurden. Das darin vorherrschende Vasenmotiv erscheint als Nadel¬ arbeit schon früher und ist auch in anderer Form in einer aus Italien stammenden Klöppelspitze des 17. Jahrh. vorhanden (Abb. 300). England ist in der Spitzenerzeugung zunächst auch vom Auslande ab¬ hängig: schon im Jahre 1463 verbietet Eduard IV. die Einfuhr von Spitzen¬ arten, womit aber mehr Borten, Besätze und Schnüre in Art von Posamentier¬ arbeiten gemeint sind; auch bei einem 1556 beschriebenen Hemd, welches der Königin Mary als Neujahrsgeschenk überreicht wird, heisst es „mit weis-ser floren-
510 Spitzen tinischer Arbeit“, woraus nicht ersichtlich, ob dies Spitze war; aber sicher weisen auch hier die Bilder auf italienische Arbeiten hin. Ferner werden Verbote erlassen gegen die Einfuhr flanderischer Spitzen, die später aufge¬ hoben sind. (Vgl. die von Tina Frauberger gesammelten Auszüge aus dem Werke der Palliser.) Unter der Königin Anna (1702—1714) erscheinen die Mechelner und Brüsseler Spitzen in den Rechnungen des Hofes. 1711 wird die Einführung von Gold- und Silberspitze verboten. Unter Georg II. (1727 bis 1760) sind Brüsseler Spitzen sehr beliebt. Anlässlich der Hochzeit des Prinzen von Wales (1736) trägt der Hof gleichwohl Spitzen englischer Her¬ kunft ; nur der Herzog von Marlborough erscheint in point d’Espagne. Georg III. (1760—1820) ordnet 1764 an, dass bei der Hochzeit seiner Schwester mit dem Herzog von Braunschweig alle Stoffe und Spitzen, die getragen werden, eng¬ lischer Herkunft sein sollen. Man achtet des Befehls wenig. Drei Tage vor der Hochzeit wird bei der Modistin des Hofes Nachforschung gehalten und beinahe alle Spitzen, Silber- und Goldstoffe werden beschlagnahmt. In Frank¬ reich werden um 1788 englische Spitzen getragen, Avährend man in England immer noch Handerisches Fabrikat bevorzugt. Im 16. und 17. Jahrh. scheinen sich Klöppelspitzenmanufakturen in verschiedenen englischen Grafschaften be¬ funden zu haben; doch hat es nur Devonshire zu einem Ruf von Dauer geAbb. 300. bracht, unter ihnen sind die von Honiton am bekanntesten. Im Jahre 1623 werden die Klöppelspitzenarbeiten aus Buckinghamshire erwähnt; auch in Bedfordshire Avurden Spitzen erzeugt, in beiden Orten wurde nach Vorbildern von Lille und Arras gearbeitet, so dass jene Erzeugnisse oft mit der Bezeichnung Englisch Lille Vorkommen. Gegen Ende des 18. Jahrh., seit dem Ausbruch des Krieges mit der französischen Republik und dem ihm folgenden Zollkriege nahm die Spitzenmanufaktur in England neuen Aufschwung. Man deckte den Bedarf an Spitzen durch heimatliche Fabrikate. Mit bestem Erfolge wurden fran¬ zösische Spitzen nachgeahmt, die mit Hausse Valenciennes oder French ground bezeichnet werden. Seit 1815 beginnt sich die englische Spitzenarbeit Asieder lebhafter zu entwickeln, 1862 (Weltausstellung) ist schon ein grosser Fort¬ schrittbemerkbar. L eber den Point d’Angleterre äussert sich Dr. Dreger in seinem Spitzenwerke (S. 97) folgendermassen : „Was der p. d’A., der auch sonst häufig vorkommt, eigentlich ist, darüber gehen die Meinungen der Forscher allerdings sehr auseinander. Viele Avollen, mit Seguin. in ihm eine ganz bestimmte Art erkennen; andere wie Frau Palliser nehmen an, dass der Point d’Angleterre überhaupt ein niederländisches Erzeugnis ist, dass nur deshalb so genannt wurde, weil es insbesondere für England angefertigt wurde; im Kauder¬ welsch der GeschäftsAA'elt bezeichnet man wieder einige bestimmte Arten mit diesem Namen, doch ohne anzuerkennenden Grund. Ich glaube, dass die Hauptursache der
Spitzen. 511 Meinungsverschiedenheit wieder darin beruht, dass man urkundliche Erwähnungen aus den allerverschiedensten Zeiten durcheinanderbringt und nicht bedenkt, dass in manchen Erwähnungen der Ausdruck „d’Angleterre“ tatsächlich den Erzeugungsort, in anderen einen Typus bezeichnen soll. Bei dem engen Zusammenhänge, den wir bisher immer zwischen den Niederlanden und England sahen, bin ich übrigens überzeugt, dass man die Spitzenarten der beiden Länder überhaupt nicht klar auseinanderhalten kann, .“ u. s. w. In Schottland heisst die Spitze pearlin; 1621 wird angeordnet, dass nur pearlin, welche in Schottland erzeugt wurde, getragen werden darf. Um die Mitte des 18. Jahrh. bringt die Herzogin von Hamilton Spitzen¬ arbeiterinnen vom Kontinent nach Schottland, um mit deren Hilfe diese Arbeit einzuführen. 1754 und 1778 heisst es, dass die Unternehmung der Herzogin Fortschritte macht; nach dem wird der Spitzenarbeit in Schottland nicht mehr erwähnt. In Irland bildet sich am Anfänge des 18. Jahrh. die Dublin Society, welche patriotische Unternehmungen fördert; seit 1773 wird derselben nicht mehr gedacht. Im Jahre 1846, wo Irlaud von der Hungersnot heimgesucht wurde, sucht man den Armen durch Einführung der Spitzenarbeit Verdienst zu verschaffen. Lady de Vere ist die erste, die Unterricht in der Schule in Curragh erteilen lässt. Die Arbeit ist unter Irish oder Curragh point bekannt. Vorbild war Brüsseler Applikationsspitze. Bekannt ist Irish lacet. Der Grund ist crochet (Häkelarbeit), in welchen das Muster eingesetzt ist, das mit Spitzen stieben gefüllt ist. Ueber die Einführung der Spitzen in Deutschland gibt das auf S. 506 Abb. 301. erwähnte Züricher Modelbuch die beste Auskunft. Von italienischen Mustern hat zunächst die Reticellaspitze die weiteste Ausbildung und Umgestaltung erfahren; auch die italienische Rankenspitze erfährt in Deutschland eine wenig künstlerische Verwertung, welche derjenigen in den slawischen Ländern gleich¬ kommt. Auf eine nicht unbedeutende Spitzenerzeugung in den Rhe in landen weist ein Musterbuch mit Originalproben hin, welches im Königl. Kunstgewerbe¬ museum zu Berlin aufbewahrt wird. Dasselbe stammt aus Köln und enthält Filetarbeiten und Klöppelspitzen des 17. Jahrh., von denen einige den italie¬ nischen Ursprung verraten (vgl. Abb. 290, 291), andere aber (Abb. 301, 302) wohl als selbständige Erzeugnisse gelten können, worauf namentlich das Wolkenband in Abb. 302 hindeutet, das auch in früheren rheinländischen Wirkereien erscheint. Die Spitze des sächsischen Erzgebirges (Abb. 303, 304), durch Barbara Uttmann, geb. v. Elterlein (geb. 1514, gest. 1575) eingeführt — vgl. hierüber das Werk von Emil Finck, Barbara? Uttmann, die Begründerin der Spitzenindustrie im Erzgebirge. Annaberg 1886, Rudolph & Dieterici — hat unzweifelhaft ihre Entstehung in der Borten¬ wirkerei und Schnurwerken der Posamentierer, was mir bestätigt wird durch einige Blätter aus einem Musterbuch mit Originalarbeiten, welche das Museum in Breslau besitzt. Auf Grund solcher Arbeiten hat Barbara Uttmann unter der Mithilfe protestantischer Brabanterinnen die Klöppelarbeit dort eingeführt,
Spitzen 512 welche sich bald in der Umgegend verbreitete, worüber eine im Jahre 1827 von Heinrich Repmann erschienene Schrift berichtet: „Anfangs hatte das Spitzenklöppeln bloss zu Annaberg seinen Sitz und war noch kein Gegenstand der sächsischen Gesetzgebung geworden. Bald verbreitete es sich aber aucli in die benachbarten Städte und überhaupt in die Aemter Wolkenstein, Grünhayn, Schwarzenberg, Wiesenburg und Lauterstem und in das Voigtland und in¬ sonderheit auch auf die Dörfer. Da mau anfangs das Spitzenklöppeln für eine städtische Nahrung ansah, so mussten diejenigen, welche es auf dem Lande betrieben, schon vor dem Jahre 1609 gleich anderen Handwerkern auf den Dörfern Schutz- und Klöppel¬ geld entrichten. So wie sich nun das Spitzenklöppeln immer mehr ausbreitete, ebenso Abb. 302. entstanden auch von seiten der Spitzenherren Klagen über den Betrug ihrer Klöppel¬ leute. Sie beklagten sich vorzüglich darüber, dass die Klöppelmägde von verschiedenen Spitzenherren Zwirn und Geld zugleich aufnähmen und nachgehends die daraus und die dabei gefertigten Spitzen anderwärts verkaufen.“ 1713 kommen neue Klagen der Klöppelberren, 1717 wird von den Spitzen¬ verlegern in Schneeberg über den Betrug der Klöppelleute Beschwerde ge¬ führt, welche sich in den folgenden Jahi’en wiederholen. 1818 wird die Königl. Klöppelschule zu Ehrenfriedersdorf errichtet. Nach Mrs. Palliser wurden in Hamburg Spitzen erzeugt, die Hamburg-Point heissen und wahrscheinlich eine Sorte vom drawn work war, wie der „Dresden point“. In Berlin siedeln Abb. 303. sich infolge eines Ediktes des Grossen Kurfürsten (29. Oktober 1685) zugunsten flüchtiger Arbeiter französische Protestanten an, welche die Spitzenarbeit ein¬ führen. Nach Verlauf mehrerer Jahre besitzt Berlin allein au 450 Spitzen¬ werkstätten und man liefert Spitzen nach Polen und Bussland. Als Berliner Arbeit ist durch den preussischen Adler gekennzeichnet die unter Abb. 305 dargestellte Klöppelspitze (Tafel XI, Abb. 16). Auch in Hannover, Leip¬ zig, Ansbach und Elberfeld sollen Spitzenmanufakturen bestanden haben. In Halle wurde sog. „Hungarium“ lace, Point de Hongrie gemacht, eine Bezeichnung, die für Stickerei um 1632 in Anwendung war. 1604 erscheint das Musterbuch für Durchbrucharbeit bezw. Spitzen von Sibmacher in Nürn-
Spitzen. 513 berg. Nach Süddeutschland setzt Mr. Palliser Klöppelarbeiten in der Art, wie sie unter Abb. 306 wiedergegeben ist. Auch gröbere Klöppelarbeiten wurden in Süddeutschland und Tirol erzeugt. (Tafel XII, Abb. 4, 5.) Dass in Tondern (Schleswig) Spitzen angefertigt wurden, bestätigt der dänische König Christian IV. in seinen Aufzeichnungen über die Reisen in seinem (damaligen) Lande zwischen 1619—1625. Nach Dr. Dreger sollen im Jahre 1712 Brabanter Frauen zur Hebung der Spitzenerzeugung nach Tondern berufen sein; man stellte eine der niederländischen nahestehende Art her. Später wurden im Abb. 305. ganzen Norden, besonders in Dänemark, auf Batist gestickte und ausgenähte Nachahmungen von Rokokospitzen sehr beliebt und erhielten sich bis in unser Jahrhundert. (Vgl- Abb. 43.) Oesterreich ist besonders mit böhmischen Erzeugnissen seit dem An¬ fänge des 19. Jahrh. an der Spitzenfabrikation beteiligt; in neuerer Zeit macht sich durch die in Wien gegründeten staatlichen Spitzenschulen ein wohltuender Einfluss hinsichtlich des Geschmackes in Nadel- und Klöppel- AI >b. 306. arbeiten bemerkbar, welcher davon ausgeht, die Mustergebung derselben in neue freiere Bahnen zu lenken. (Abb. 307 und Tafel VIII, Abb. 3.) Im Orient ist die Spitzenerzeugung nie zu einer besonderen Entfaltung gekommen. Ziernähte und breitere Säume werden in flechtwerkartigen Spitzen¬ stichen ausgeführt, eine besondere Ausbildung haben derartige Arbeiten in der schon erwähnten sogen. Smyrna- oder armenischen Spitze (Abb. 289) erfahren; Goldspitzen und Tressen von einiger künstlerischer Bedeutung werden auch in der Türkei gefertigt. (Abb. 308, 309.) Spitzenartige Durchbrucharbeiten werden in den Korandeckchen (s. d.) hergestellt. Heiden, Handwörterbuch der Textilkunde. 33
514 Spitzen. Literatur: Dietrich, Die Spitzenindustrie in Belgien und Frankreich zu Ende des 19. Jahrh., Leipzig 1900; Dreger, Entwickelungsgeschichte der Spitze mit besonderer Rücksicht auf die Spitzensammlung des K. K. österr. Museums für Kunst und Industrie, Wien 1901; Fischer, technologische Studien im sächs. Erzgebirge, Leipzig 1878; Tina Frauberger, Handbuch der Spitzenkunde (Seemanns Kunst¬ handbücher), Leipzig 1894; Gorbunoff, Ueber^russische Spitzenindustrie, Wien 1886; Abb. 307. Abb. 308. Abb. 309. Jamnig und Richter, Die Technik der geklöppelten Spitze, Wien 1886; Hg, Ge¬ schichte und Terminologie alter Spitzen, Wien 1876; Kraft, Studien über mechanische Bobbinet- und Spitzenherstellung, Berlin 1892; Lipperheide, Das Spitzenklöppeln, Berlin, 1898; Palliser, A history of lace, London 1902; Rasmussen, Klöppel¬ buch, Anleitung zum Selbstunterricht, Kopenhagen 1884; Schneider, Die Spitzen¬ fabrikation im sächs. Erzgebirge, Schneeberg 1860; Seguin, La dentelle, Paris 1875; Voshage, Das Spitzenklöppeln, Leipzig 1894.
Spitzen. 515 Abbildungen: 282. Mexikanische moderne Durchbrucharbeit aus: Sammler-Daheim 1900, S. 1160. 288. Genähte spanische Spitze, 17. Jahrh., aus: Heiden, Musteratlas, Leipzig 1896, Bl. 23. 284. Desgleichen. 285. Genähte venetianische Spitze (Haubendeckel), 17. Jahrh., wie vorher, Bl. 144. 286. Genähte Spitze, wie Nr. 283. 287. Geklöppelte Spitze, Brüssel Anfang 18. Jahrh. Original: Königl. Kunst¬ gewerbemuseum Berlin. 288. Mexikanische Solspitze, 19. Jahrh. Original: Königl. Landesgewerbemuseum in Stuttgart. 289. Teil eines Kragens, Nadelarbeit in farbiger Seide; sogen. Smyrna- oder armenische Spitze des 19. Jahrh. Original: Kunstgewerbemuseum in Leipzig. 290. Geklöppelte Flechtspitze aus einem Kölner Musterbuch, Italien (?) 17. Jahrh. Original im Königl. Kunstgewerbemuseum zu Berlin; dargestellt im Kunstgewerbeblatt, Leipzig 1888, S. 215. 291. Geklöppelte Formenschlagspitze, wie vorher. 292. Geklöppelte Leinenschlagspitze, niederländisch 17. Jahrh. Original im Königl. Kunstgewerbemuseum in Berlin; dargestellt im Handbuch der Spitzenkunde von Tina Frauberger, Leipzig 1894. 293. Geklöppelte Leinenschlagspitze, Flandern Anfang 18. Jahrh. Original im Kunstgewerbemuseum zu Leipzig. 294. Endigung eines russischen Handtuches mit geklöppelten Spitzen Anfang 19. Jahrh. Original und Darstellung wie Nr. 292. 295. Geklöppelte Valenciennesspitze, 18. Jahrh. Original und Darstellung wie vorher. 296. Teil einer Barbe, geklöppelte Malinesspitze, 18. Jahrh. Original und Dar¬ stellung wie vorher. 297. Geklöppelte Seidenblonde, Chantilly Anfang 19. Jahrh. Original wie 289. 298. Geschnittene und farbig gestickte Leinenspitze, Spanien 17. Jahrh. Original wie Nr. 292. 299. Genähte Alengonspitze, um 1800. Original und Darstellung wie Nr. 292. 300. Geklöppelte niederländische (?) Spitze, 17. Jahrh. Original wie Nr. 292. 301. Geklöppelte Spitze, wie Abb. 290. 302. Desgleichen. 303. Geklöppelte sächsische Blonde, 19. Jahrh. 304. Desgleichen. 305. Geklöppelte Spitze, Berlin Ende 17. Jahrh. Original wie Nr. 292. 306. Geklöppelte süddeutsche (?) Spitze, 18. Jahrh. Original wie Nr. 289. 307. Türkische Goldtresse, 19. Jahrh. Original im Königl. Landesgewerbe¬ museum Stuttgart. 308. Desgleichen. 309. Geklöppelte Spitze (Muster gesetzlich geschützt), ausgeführt im K. K. Zentral-Spitzenkurs in Wien, 1900. Dargestellt in „Dekorative Kunst, IV, I.“ Abbildungen auf der Tafel X. Nadelspitzen des 16. und 17. Jahrh. 1. Borte aus Leinwand, in Durchbrucharbeit und Stickerei aus weissem Garn gemustert: Geteilte Bautenfelder aus kleinen Quadraten und Spitzensternen; dazwischen gestickte stilisierte Wappenlilienblüten. Italien Ende 16. Jahrh. Original im Kunst¬ gewerbemuseum zu Leipzig u. a. a. O. 2. Darstellung aus: Dr. M. Dreger, Entwickelungsgeschichte der Spitze u. s. w., Wien 1901, Bl. 22: Durchbruchspitze, Nadelarbeit in weissem Garn: geometrische Felder mit entsprechender Füllung aus Sternen und Rosetten. Italien (?) um 1600. 3. Originalaufnahme wie Abb. 1: Spitze (sog. Solspitze) in weissem Leinen, filetartige Nadelarbeit, Muster: In quadratischen Feldern abwechselnde rundliche Stern¬ füllungen. Spanien 16.—17. Jahrh. 4. Originalaufnahme wie Abb. 1: Teil eines Mustertuches für Durchbrucharbeit und Spitzennäherei: Borten in Doppeldurchbruch und sog. Reticellamuster. Italien Ende 16. Jahrh. 5. Originalaufnahme aus dem Kgl. Kunstgewerbemuseum in Berlin: Borte, Nadelarbeit in weissem Leinen, auf den breiten genähten Flächen ist zwischen Durch¬ bruch gestickt; die Begleitborte mit ausgeschnittenen Feldern. Spanien Ende 16. Jahrh. 6. Darstellung wie Abb. 2: Teil der Randborte eines Leinentuches, Nadelarbeit (sog. punto in aria), Muster in quadratischer Teilung mit Sternen auf den Kreuzungs¬ punkten, dazwischen gedrungene Volutenbänder. Italien Ende 16. Jahrh. 7. Originalaufnahme wie Abb. 5: Einsatzspitze, Nadelarbeit in weissem Leinen
516 Spitzen. (sog. punto in aria), Muster auf geraden und schrägen Netzfäden aus glatten und auf¬ gerollten kleinen Bändern mit Zacken; schmale Begleitränder. Italien um 1600. 8. Originalaufnahme wie Abb. 1: Geschnittene Zackenspitze mit Nadelarbeit in weissem Leinen (sog. point coupe), Muster aus breiter Ranke mit stilisierten Blüten; Zacken aus aufgerollten Bändern. Spanien oder Italien Ende 16. Jahrh. 9. Darstellung wie Abb. 2, Bl. 24: Spitze, Nadelarbeit in weissem Leinen. Muster aus wellig gelegter Ranke mit wechselnden Blüten, deren einzelne die Zacken bilden. Spanien 17. Jahrh. Abbildungen auf der Tafel XI: Nadel - und Klöppelspitzen des 18. Jahrh. 1. Originalaufnahme aus dem Kgl. Landesgewerbemuseum in Stuttgart: Spitze, Nadel- und Klöppelarbeit in weissem Leinen auf regelmässigem Netzgrund: In sym¬ metrischer Anordnung wachsen rechts und links zu den Seiten eines vasenartigen Gefässes Zweige und Blumen aus, deren innere Flächen Füllstiche in wechselnder Muste¬ rung enthalten. Französisch? um 1750. 2. Originalaufnahme wie Abb. 1: Spitze, Nadelarbeit in weissem Leinen, in breiten Flächen auf Netzgrund, mit verschiedenartigen Füllstichen innerhalb der Einzel¬ formen des Musters aus Zweigen mit stilisierten Blüten, welche als Zackenbildungen frei auslaufen. Französisch 18. Jahrh. 8. Originalaufnahme aus dem Kgl. Landesgewerbemuseum in Stuttgart: Spitze, Nadelarbeit in weissem Leinen: Muster in breiten Flächen aus Blattwerk und Blüten. Frankreich 18. Jahrh. 4. Originalaufnahme wie Abb. 1: Spitze, Nadelarbeit in weissem Leinen mit rundlich gelegten Ranken aus Blattwerk und Blüten auf wechselndem Grunde aus ver¬ schiedenartigen Füllstichen. Französisch, erste Hälfte 18. Jahrh. 5. Originalaufnahme wie Abb. 1: Spitze, Nadelarbeit in weissem Leinen mit einem Muster aus phantastischem Blatt- und Muschel werk mit verschieden gemusterten Flächen in wechselnden Füllstichen auf genähtem Wabengrund. Französisch. Erste Hälfte 18. Jahrh. 6. Darstellung aus Dr. M. Dreger: Entwickelungsgeschichte der Spitze, Wien 1901, Bl. 80, 81a: Spitze, Nadelarbeit in weissem Leinen auf regelmässigem Netz¬ grund: wellig verschlungenen Bändern entsteigen feine Ranken und Blütenzweige. Frankreich, Stil Louis XVI. 7. Originalaufnahme wie Abb. 1: Spitze, Nadelarbeit in weissem Leinen auf regelmässigem Netzgrund, Muster aus Ranken mit phantastischen Blüten, welche füll¬ hornartigen Bildungen entsteigen; innerhalb der Flächen Musterung aus wechselnden Füllstichen. Französisch. Erste Hälfte 18. Jahrh. 8. Originalaufnahme wie Abb. 1: Spitze, Klöppelarbeit in weissem Leinen (Teil einer Barbe), Muster aus geschweiften Feldern, welche durch ein welliges Band gebildet werden, darin abwechselnde Blumenzweige. 9. Darstellung wie Abb. 3 Bl. 79 b: Spitze, Klöppelarbeit in weissem Leinen im Leinenschlag auf Netzgrund (Teil einer Barbe): In Feldern aus welligem Bande mit Rosetten und Blattwerk wechseln Blütenzweige ab. Valenciennes um 1750. 10. Darstellung wie Abb. 6 Bl. 77: Spitze, Klöppelarbeit in weissem Leinen im Leinenschlag: Teil einer Barbe, Klöppelarbeit in weissem Leinen: Dem aus Ranken und Feldern bestehenden Rande entsteigen Blütenzweige. Niederländisch, gegen Mitte des 18. Jahrh. 11. Originalaufnahme wie Abb. 1: Spitze, Klöppelarbeit in weissem Leinen (Teil einer Barbe), Muster im Leinenschlag mit Faden um den Kontur: Zwischen Rändern aus bogigen gemusterten Zackenfeldern, Blatt- und Blütenwerk wechseln übereinander ab: Amor mit Schwänen, Blumenvase und Füllhorn mit Vogel. Brüssel oder Malines 18. Jahrh. 12. Originalaufnahme aus dem Kunstgewerbemuseum in Leipzig: Spitze, Klöppel¬ arbeit in weissem Leinen im Leinenschlag auf Netzgrund: Symmetrisches Muster aus volutenartig geschwungenen Ranken, welche einer kelchartigen Blütenpalmette ent¬ steigen. Niederländisch 18. Jahrh. 13. Originalaufnahme wie Abb. 12: Spitze (sog. Pottenkant), Klöppelarbeit in weissem Leinen im Leinenschlag auf Netzgrund: Symmetrisches Muster aus Blumen¬ ranken, welche einem vasenartigen Gefäss entsteigen. Niederländisch 18. Jahrh. 14. Originalaufnahme wie Abb. 1: Spitze, Klöppelarbeit in weissem Leinen im Leinenschlag auf verschieden gemustertem Netzgrunde, Muster aus wellig gelegten Blättern, welche von einem Bande durchschlungen werden. Valenciennes 18. Jahrh. 15. Originalaufnahme wie Abb. 1: Spitze, Klöppelarbeit in weissem Leinen im Leinenschlag mit Faden um den Kontur auf wechselndem Netzgrund: Muster aus
Spitzenmaschine—Spremberg. 517 wellig geschwungenen und gezackten Blattfeldern; dazwischen kleine Blütenzweige. Malines 18. Jahrh. 16. Originalaufnahme wie Abb. 1: Spitze, Klöppelarbeit in weissem Leinen im Leinenschlag mit Faden um den Kontur auf regelmässigem Netzgrund, Muster: Unter einem bogigen Rande aus Blatt- und Blütenwerk sind Amoretten mit Pfeil und Bogen zwischen fliegenden Vögeln dargestellt. Deutschland 18. Jahrh. 17. Darstellung wie Abb. 3. Bl. 77: Gewundene Blätter und Blüten mit ver¬ schieden gefülltem Grunde. Niederländisch, gegen Mitte des 18. Jahrh. Abbildungen auf der Tafel XII: Nadel- und Klöpp elsp itzen des 18. und 19. Jahrh. 1. Originalaufnahme aus dem kgl. Kunstgewerbemuseum in Berlin: Spitze aus gewebter Litze auf einem Grunde aus Nadelarbeit, Muster aus wellig gelegter Ranke mit Blütenansätzen an den volutenartig geschwungenen Endigungen. Italien 17. Jahrh. 2. Originalaufnahme aus dem Kunstgewerbemuseum in Leipzig: Spitze aus ge¬ webter Litze auf geklöppeltem Grunde, Muster aus wellig gelegter Ranke mit stili¬ sierten Blütenformen, deren innere Flächen in Nadelarbeit durch wechselnde Füllstiche belebt sind. Italien 17. Jahrh. 3. Darstellung aus Dr. M. Dreger, Blatt 60: Spitze, Klöppelarbeit in weissem Leinen auf regelmässigem Netzgrund: zu Voluten aufgerollte Ranken und Tiere. Oberitalienisch oder niederländisch 17.—18. Jahrh. 4. Originalaufnahme wie Abb. 2: Geklöppelter Spitzenbesatz an gewebter Leinen¬ borte. Süddeutschland 17. Jahrh. 5. Originalaufnahme wie Abb. 2: Geklöppelte Spitze in weissen groben Leinen¬ fäden. Süddeutschland 17. Jahrh. 6. Darstellung wie Abb. 2: Spitze, Klöppelarbeit in weissem Leinen: rundliche Zacken mit Rosettenfeldern, die durch Bogenlinien verbunden sind; offener Grund aus dem sogen. Gerstenkornmuster. Cluny 19. Jahrh. 7. Darstellung wie Abb. 2: Spitze, Nadelarbeit in weissem Leinen: fächer¬ förmige Zackön an Bogenlinien; darüber Blütenwerk. Brüssel, modern. 8. Darstellung wie Abb. 2: Spitze, Klöppelarbeit in weissem Leinen: Muster aus Blattwerk und Trauben. Brügge (?) modern. 9. Darstellung wie Abb. 2: Spitze, Nadel- und Klöppelarbeit: Zacken aus rundlichen Bändern mit Kelchblüten und Rosetten. Brüssel, modern. (Anmerkung: Die auf den Tafeln X—XII abgebildeten Spitzen aus der Sammlung des Kunstgewerbemuseums in Leipzig sind entnommen den „Ornamentalen und kunstgewerblichen Sammelmappen“ Serie IV und V, Leipzig 1893.) Spitzenmaschine oder Klöppelmaschine, eine zur Spitzenfabrikation und zu Posamentierarbeiten benützte Vorrichtung, mittels deren die Verflechtung der auf stehenden Spulen (Klöppel) aufgewundenen Fäden dadurch erzielt wird, dass, während diese Fäden an der Bildungsstelle des Geflechtes strahlenförmig zusammenlaufen, die Klöppel in Kurvenschlitzen einer Stützplatte derartig mechanisch verschoben werden, dass die zur Bildung des Geflechtes erforder¬ liche Kreuzung und Verschlingung der Fäden entsteht. Je nach den darauf herzustellenden Waren enthält die S. verschiedene Vorrichtungen, die als Gang-, Haupt-, Zwischen- und Nebenteller bezeichnet werden. Bei den zur Anfertigung geflochtener Schnuren, Litzen oder Borten, sowie zum Umflechten von Stäben (Peitschenstielen), Fäden und Knöpfen verwendeten Flechtmaschinen ist der Gang unmittelbar ein Abbild des Fadenlaufs in dem fertigen Geflecht. Besondere Einrichtungen der Maschinen, die eine Aenderung der Kurvengestalt und damit auch des Klöppellaufs sowie die zeit¬ weilige Ausschaltung gewisser Klöppel gestatten, ermöglichen sowohl die Her¬ stellung gemusterter Geflechte, als auch einen Wechsel von Flechtung und Zwirnung der Fäden, wie derselbe den Handklöppelwerken eigentümlich ist. Spitzenmusterbücher, s. Stickmusterbücher. Spitzenstich, s. unter Nadelarbeiten der Spitzen. Spitzmuster, s. Weberei. Spoglie di Serpe, früher in Mode gewesenes buntes italienisches Seidenzeug. Spolier, veraltetes, gestreiftes, aus Leinengarn und Seide gemischtes Gewebe zu Tapeten. Spremberg, Kreisstadt im preuss. Reg.-Bez. Frankfurt: Hauptindustrie-
518 Spreyen—Stehende Schnürung. zweig ist die Tuchfabrikation (40 Fabrik- und 14 Lohnwebereigeschäfte mit etwa 4000 Arbeitern und einer Jahresproduktion von 170000 Stück Tuch im Werte von 20 Mill. Mark). Königl. Webeschule. Spreyen, Spreyten, baumwollene, bunt bedruckte und ausgemalte Bettdecken, welche früher über Holland von der Küste Coromandel nach Europa kamen. Springe, Stadt in Hannover: Flachsspinnerei, Fabrikation von Wollgarn, Teppichen und Watte. Springfield, Stadt in den Yer einigten Staaten von Nord-Amerika. 1. Hauptstadt von Illinois: Woll- und Teppichfabrikation; 2. Hauptstadt des County Hamyden in Massachusetts: Fabrikation von Woll-, Baumwoll- und Strickwaren. Sprottau, Stadt im preuss. Beg.-Bez. Liegnitz: Fabrikation von Strumpf¬ waren und Chemisetts. Spruchband, (lat,.: legendarium, rotulum; franz.: banderole, pancarte, rouleau; engl.: label, srol, banderole;) Band mit umgerollten Enden zur Auf¬ nahme einer Inschrift. Die Verwendung der Schrift als Ornament stammt aus dem Orient (s. kufische Schrift) und hat sich von dortigen Geweben, besonders im gotischen Zeitalter, auch auf deutsche gewirkte und gestickte Wandbehänge und Decken übertragen (vgl. Abb. 100). Sprung, die geteilte Kette am Webstuhl; s. Fach. Spulen, auch Leere oder Ledge genannt, in der Spinnerei ein rohr¬ förmiger Körper zur Aufwickelung von Gespinsten. Spülmaschine, eine zum Aufwickeln von Fäden auf Spulen dienende Maschine, und Spulrad. Square-net oder rhombischer Grund heisst eine Art von Tüllspitzen¬ grund, der durch die Maschine hergestellt wird. , Ss’-tschuen, Stadt in China: erzeugt Sammetstoffe von grossem Wert. Stäbchen oder Stäbchenleiter als Kandbesatz in Weissstickerei ist eine Vorstufe der genähten Spitze, welche durch Schlingstiche auf vorgezogener Kandbogenlinie entstehen. Stadthagen, Stadt im Fürstentum Schaumburg-Lippe: mechan. Leinenund Damastweberei. Stadtoldendorf, Stadt im Herzogtum Braunschweig: mechan. Weberei für Leinenwaren nebst Appreturanstalt. Staerleinwand, s. Steifleinwand. Stäfa, Gemeinde im Schweiz. Kanton Zürich: Seidenweberei und -Zwirnerei. Stalybridge, Stadt in der engl. Grafschaft Chester: blühende Fabrikation von Baumwollzeugen. Stambul, ältere Bezeichnung für einen Anzugsstoff aus Wolle und Baumwolle. Stambul-Chaly, ein in Garn gefertigter Musselin, dessen Muster grössere und kleinere Blumen bilden, dient zu Damenkleidern und wird viel in den Donaufürstentümern und der Türkei verbraucht. Stamin, (lat.: staminea; franz.: etamine; engl.: tammy) auch Etamin, Tamis, starker leinener Stoff. Stangenleinwand heisst besonders im Oesterreichischen ein locker ge¬ webter weisser Zwillich mit doppelt überschlagenen Fäden, der zu Servietten und Handtüchern Verwendung findet. Staniol, Stanniol, ist eine Zinnfolie, die in bäuerlichen Stickereien, ge¬ wöhnlich rot oder grün gefärbt, zum Aufnähen gebraucht wird. Starkenbach, Stadt in Böhmen: bedeutende Leinen- und Baumwollfabrikation, Kattundruckerei; Leinwandhandel. K. K. Webeschule. Staufen, Stadt im bad. Kreis Freiburg: Tuchfabrikation. Stauracis (lat.), Stickerei mit Kreuzen; stauracin, mit solchen Kreuzen in regelmässiger Wiederkehr bestickt, meist als Streumuster. Stechseide, gezwirnte Seide. Stegelstich, durchbrochener Querstich in Geweben. Stehende Schnürung ist eine Verbindung der Schäfte mit den Tritten
Steifleinwand—Stickerei. 519 des Webstuhls, welche bewirkt, dass beim Treten nur ein Oberfacb, kein Unterfach gebildet -wird. Steifleinwand, Staerleinwand, Staarleinwand, Steifschetter, ein lockeres, ganz durchsichtiges Gewebe von Flachs- oder Hanfgarn, bei welchem die Fäden der Kette und des Einschlages etwas von einander entfernt sind, und das, mit Leim oder Gummi überzogen, mehr oder weniger gesteift wird. Es dient zu Unterfutter der Kragen, Aermel, Knopflöcher, zum Ausstaffieren der Mützen u. s. w. und kommt in verschiedener Feinheit, teils roh, teils ungebleicht, schwarz oder braun gefärbt vor. Steiglade, eine Wehstuhllade mit zwei Schützenkästen übei'einander. Steinarbeit oder Schachwitz, Würfelmuster oder auch Steinmuster in Leinenzeugen, bestehend aus rechteckigen Feldern, welche durch den regel¬ mässigen Wechsel von Ketten- und Schussköper gebildet werden. Steinflachs, s. v. w. Asbest. Steinhänger Leinen, eine dichte, feine und weissgebleichte Hausleinwand aus gleichnamigem Kirchspiel bei Bielefeld, wegen ihrer Güte sehr geschätzt. Steinkerkers, gestreifte und gegitterte Halstücher von Musselin aus Bengalen, welche früher in Europa mit Gold und Silber ausgestickt wurden. Stendal, Stadt im preuss. Beg.-Bez. Magdeburg: Tuchfabriken. Steppmaschine, Steppstichmaschine, s. Nähmaschine. Steppnaht, Steppsaum, Steppstich, entsteht durch eng aneinander ge¬ reihte Hinterstiche: s. Nähen. Sterblingswolle, wenig haltbare, morsche und matte Wolle von kranken und gefallenen Schafen. Sternberg, Stadt in Mähren: Webereifachschule; zwei mechan. Webereien, Baumwollenindustrie, Leinen-, Seiden-, Baumwollwaren- und Segeltuchfabrikation. Die hier und in der Umgegend erzeugten Leinen- und Baumwollenzeuge sind unter dem Namen Sternberg er waren bekannt. Stettin, Hauptstadt der preuss. Prov. Pommern: zur Zeit Friedrich des Grossen Seidenbandweberei, heute keine Textilindustrie. Stich, die Art der Führung und Lage der Fäden beim Nähen und Sticken; s. Nähen und Stickerei. Stickerei (lat.: opus acu pictum, phrygicum, racamatum, Alemannicum, acupictura, ricamum; franz.: broderie, oeuvre ä l’aiguille; engl.: embroidery, needle-work); das Erzeugnis eines Arbeitsverfahrens, welches aus einem An¬ einanderreihen von Fäden besteht, die man mit Hilfe eines spitzen Instrumentes auf eine natürliche oder künstlich geschaffene geschmeidige und weiche Fläche in geraden Linien oder mannigfach gestalteten Schleifen heftet. Die Elemente der auf diese Weise entstandenen Linien- oder Flächenmuster heissen Stiche, welche Gottfried Semper stilistisch mit den Einheiten vergleicht, womit die Mosaiken zusammengesetzt sind, wenn man die Stickerei als eine Art der Mosaik in Fäden bezeichnet, wodurch im künstlerischen Sinne ihr allgemeiner Charakter und ihr Verhältnis zur Malerei und Skulptur festgestellt ist. Die Einteilung der Stickereien kann erfolgen nach Art des Grundstoffes und dem zu diesem verwendeten Material: Seiden-, Woll-, Leinen-, Gold- und Silberstickereien, Mull-, Stramin-, Tüllstickereien u. s. w., nach Farbe des Grundstoffes: Weiss- und Buntstickerei, nach der S tichart: Kreuzstich-, Plattstich-, Kettenstich-, Strichstichstickerei u. s. w., nach der Mustererzielung: Flach-, Belief-, Applikationsstickei’ei u. s. w., nach der technischen Ausführung: Hand- und Maschinenstickerei. Die einfachste Art der Stickerei ist diejenige im Kreuzstich, der durch Ausfüllen von kleinen Quadraten, welche in Kette und Schuss des Grundgewebes vorgezeichnet erscheinen, Muster entstehen lässt, die von Ursprung an auf geometrische Figuren angewiesen sind, aber auch sonst aus keinen anderen Elementen als quadratischen hervorgehen können. Nächst dem Baum¬ wollen- oder Leinenstoff (s. Leinenstickerei) ist das offene Gewebe des Kanevas (s. Kanevasstickerei) der geeigneteste Grund dafür; Stoffe aus feineren dicht¬ gewebten Fäden werden im Kreuzstich mit Hilfe von Kanevasauflage bestickt,
520 Stickerei. die man wieder auszielit. Der halbe Kreuzstich oder petit-point wird auf ganz fein geteiltem Grunde gearbeitet. Zu den Stickereien auf abgezählten Fäden gehören viele Arten von Stichen, welche zum Teil erst in neuer Zeit auf Grund von älteren europäischen und orientalischen Vorbildern entstanden und willkürlich be¬ nannt worden sind; als die gebräuchlichsten kann man bezeichnen: Zopf- oder Flechten stich, welcher aus dem Kreuzstich entsteht, wenn sich die Stickfäden nicht ganz im Quadrat, sondern über einen oder zwei Grundfäden weiter kreuzen und so die Darstellung einer Flechte oder eines Zopfes hervorrufen. Strich-, Linien- oder H o 1 b e i n s t i c h (s. d.), welcher in eckigen Umrisslinien Stern- und Rankenmuster in ein- und doppelseitiger Ausführung selbständig oder Einzelheiten als Erweiterung im Kreuzstichmuster darstellt. Werden durch ihn Muster aus umrandeten kleinen Quadraten gebildet, so erscheint er als Kästchenstich. In geraden und dicht neben¬ einander überstochenen Fäden aus quadratisch abgesetzten Flächen gebildete Muster sind im Flach- oder Gobelinstich gestickt, der sich auf dicht gewehtem Leinengrund und in breiteren Flächen als Webstich kennzeichnet, weil er das Aussehen eines Gewebes, wie es durch den Durchschuss des Einschlags durch die Kette entsteht, nachzuahmen weiss. In der Kanevas- oder Straminstickerei führt die Encyklopädie der weiblichen Handarbeiten von Therese de Dillmont (Dörnach im Eisass) nahezu an 50 Stichweisen auf, welche durch die verschiedensten Ver¬ setzungen der immer wieder wechselnden Fadenlagen entstehen; davon sind Hauptarten : Blattstich, Ausführung in getrennten Reihen über 2 Doppelfäden nach der Breite und nach der Höhe. Der Faden geht unter den mittleren Fäden wagerecht durch, greift nach rechts aufwärts schräg über zwei Doppelfäden. Darstellung: Gerade Reihen in der Mitte zusammengeschlossener Schrägstiche, in Gestalt von Blattrippen. Byzantinischer Stich zum Ausfüllen grosser Flächen, dessen erste Reihe aus sechs Schrägstichen nach der Höhe und Breite über zwei Doppelfäden, die zweite in gleich vielen Stichen über einen Doppelfaden besteht. Darstellung: Ineinander geschobene schräge Reihen gleich breiter Zackenlinien in stufenförmigen Absätzen. Flammen- oder Wasserstich, in verschiedenen zackig abgesetzten geometrischen Grundmustern im Flachstich ausgeführt, bei denen die einzelnen Figuren mit einer Farbe, aber in vielen Schattierungen regelmässig abgetönt erscheinen. Florentiner Stich, wird abwechselnd über einen und über zwei Doppelfäden des Stramins in schräger Richtung ausgeführt. Darstellung: Schräge Reihen aus inein¬ ander geschobenen kurzen und läugeren schrägen Stichen, in ähnlicher Wirkung eines Köpergewebes. Grätenstich, in der Wirkung dem Stengelstich gleich: ein über drei senkrechte und drei wagerechte Fäden nach abwärts geführter Arbeitsfaden wird mit einem Rück¬ stich über die letzte Straminkreuzung festgehalten. Diese Rückstiche laufen abwechselnd je nach der Lage der langen Stiche nach rechts oder links. Darstellung: Auf- und abwärts schräglaufende Stiche, deren Teilung durch kleine Mittelstiche die Wirkung grätenförmig erscheinen lässt. Griechischer Stich, wie der gewöhnliche Kreuzstich über vier Fäden nach der Höhe und ebensoviel nach der Breite beginnend, der darauf folgende Deckstich wTird gleich über acht Fäden nach der Breite geführt; in der Erscheinung einem unregel¬ mässigen Zopfstich ähnlich. Jacquardstich, zur Ausfüllung grösserer Flächen; die erste Stichreihe besteht aus sechs Schrägstichen nach der Höhe und Breite über je zwei Doppelfäden, die zweite in gleich vielen Stichen über einen Doppelfaden. Darstellung: Ineinander ge¬ schobene schräge Reihen abwechselnd schmale und breite Zackenlinien in stufenförmigen Absätzen. Kaschmirstich, in Nachahmung des gleichnamigen Gewebes, entsteht durch einen Schrägstich über ein Straminkreuz und zwei Schrägstiche über zwei Fäden nach der Höhe und Breite. Kettenstich, in Nachbildung von orientalischen Arbeiten: Füllung von dicht an¬ einander stehenden von oben nach unten laufenden Sohlingstichen, welche in verschie¬ denen Farben die Fläche diagonal streifen. Mailänder Stich, in der ersten Reihe läuft der Hinterstich in nach abwärts aus¬ geführter Reihe abwechselnd über eine und vier schräge Straminkreuzungen, in der
Stickerei. 521 zweiten nach aufwärts zu arbeitenden Reihe über drei und zwei, in der dritten, wieder nach abwärts führenden Reihe abermals über drei und zwei, in der vierten, wieder nach aufwärts gerichteten Reihe wieder über eine und vier Straminkreuzungen. Die folgenden langen Stiche sind unter die letzten kurzen, die kurzen auf die Mitte des nächsten langen Stiches zu stellen. Maltastich, mit dem Quästchenstich (s. d.) verwandt, wird auch auf grobem ge¬ teilten Leinenstoff ausgeführt und greift je nach der Stärke des Materials über vier bis sechs Webefäden. Ein wagerechter Querstich hält gewisse Fadenbüschel zusammen, die über einen Stab eingezogen werden. Maurischer stich als Würfelmuster, das sich stufenartig aufbaut und aus schrägen Stichen über ein, zwei, drei, zwei und einen Doppelfaden gebildet. Mosaikstich, dessen erste Reihe aus einem kurzen und einem längeren Schräg¬ stich, die zweite zurückgehende Reihe aus kurzen Stichen gebildet, deren letztere die erste ergänzen. Darstellung: Schräge köperbindige Reihen aus abwechselnd langen und kurzen Stichen. Muschelstich aus einem Faden, der auf- und abwärts über sechs Doppelfäden nach der Höhe und unter einem nach der Breite geführt wird. Wenn der vierte Faden gespannt ist, wird die Nadel zwischen dem dritten und vierten wagerechten und rechts vom dritten überlegten Längsfaden herausgeführt. Die vier gespannten Fäden sind nun mit einem Hinterstiche über einen Doppelfaden des Ranevas zu binden. In diese Hinterstiche wird dann ein Faden in abstechender Farbe zweimal eingezogen und so kleine runde Muscheln gebildet. Wagerechte Steppstiche über zwei Doppel¬ fäden verdecken den Grund zwischen den langen Stichreihen. Darstellung: Auf Reihen von Stichbündeln sind ovale Felder aneinander geschlossen. Orientstich: schräg gestellte Stiche über einen, zwei, drei und vier Doppelfäden bilden Dreiecke. Der erste Stich des zweiten Dreieckes kommt unter und in die Mitte des vorhergehenden. Gobelinstiche füllen die durch die Dreiecke leer gelassenen Stellen an den Rändern aus. Osmanischer oder Trikotstich, der Technik in orientalischen Sumakhteppichen nachgebildet: man arbeitet eine Reihe schräger Stiche über vier senkrechte und wage¬ rechten Stofffäden und rückt hierbei bei jedem Stiche um zwei senkrechte Stofffäden weiter. Die zweite Reihe wird in entgegengesetzter Richtung gestickt und vollendet den Stich. Darstellung: Eng aneinander geschlossene wagerechte Reihen von Flechten. Pariser Stich, stellt ein Grundmuster aus geraden, einfachen, abwechselnd langen und kurzen Fäden dar, die über drei und einen Faden des Grundgewebes gestickt sind. Perlstich, wird aus der ersten Reihe des Kreuzstiches gebildet, gleicht also einem groben sog. petit-point. Plüschstich zur Nachahmung orientalischer Knüpftechnik, besteht aus Schlingen, welche durch einen Kreuzstich festgehalten werden. Man arbeitet diese Schlingen am besten über einen schmalen Holzstab oder über ein breites Fischbein, wodurch das Gleichhalten sämtlicher Schlingen bedeutend erleichtert wird. Sobald die den Noppen eines Plüschgewebes ähnlichen Schlingen aufgeschnitten werden, erhält man eine samt¬ artige Fläche. Quästchenstich zur Nachahmung von Knüpfteppichen mit kurz geschorenem Yliess, der mit dem einfachen Maltastich (s. d.) verwandt ist. Jeder Stich verlangt in der Breite zwei Stofffäden und je zwei Stofffäden bleiben zwischen den einzelnen Reihen frei. Die dicht gestickte Fläche macht in geschorenem Zustande den Eindruck eines geknüpften Teppichs. Reissstich entsteht, indem zuerst der ganze auszufüllende Grund mit grossen Kreuzstichen über vier Fäden nach der Höhe und Breite überarbeitet wird, dann werden diese mit vier Stichen übernäht, welche über die ersten Fäden nach rechts und links über je zwei Straminfäden gemacht werden und sich im Kreuzungsraum des Stramins begegnen. Sie bilden über den ersten Kreuzstichen wieder ein Kreuz. Renaissancestich, besonders geeignet für grösser angelegte quadratische Muster. Man arbeitet einen wagerechten Stich über zwei Doppelfäden und überfäDgt diesen mit einem senkrechten, über einen Doppelfaden reichenden Stich an seinem Ausgangs¬ punkte und mit einem zweiten gleichen Stiche in seiner halben Länge. Anschliessend an den wagerechten Stich führt man dicht darunter einen zweiten wagerechten Stich über zwei Doppelfäden aus und überfängt ihn abermals mit zwei kurzen senkrechten Stichen. Darstellung: Je vier gerade Stiche über zwei Fäden bilden ein Quadrat. Ripsstich in Nachahmung des gleichnamigen Gewebes, über zwei senkrechte und einen wagerechten Faden in senkrechten Reihen ausgeführt. Rokokostich, in schrägen Reihen gearbeitet, indem der Faden über vier einfache oder zwei Doppelfäden gelegt ist, die Nadel nach links gewendet und unter einem
522 Stickerei. Doppelfaden durchgeführt wird. Darstellung: Reihenweis durch wagerecht liegende Stiche gebundene Schleifen. * Schottischer Stich für Würfelmuster, besteht aus schrägen Stichen über ein, zwei, drei, zwei und einen Doppelfaden, die nur durch halbe Kreuzstichreihen vonein¬ ander getrennt sind. Darstellung: Je vier quadratische Felder aus schrägen Stichen sind einzeln von Perlstichen eingerahmt, so dass ein kariertes Muster entsteht. Smyrna-Knüpfstich zur Nachahmung langhaariger orientalischer Knüpfteppiche wii’d, gleich dem doppelten Maltastich (s. d.), aus vier Stichen bestehend, auf grobfädigem Leinenstoff nach gezählten Fäden in wagerechter Reihe gearbeitet. Jeder, als kleines Quästchen erscheinende Knüpfstich reicht über vier Stofffäden, und vier Fäden werden stets in der Höhe zwischen den Reihen freigelassen. Nach der reihen¬ weisen Vollendung wird jede Stichreihe sogleich geschoren. Smyrna-Kreuzstich entsteht, wenn ein einfacher Kreuzstich über vier Fäden nach der Breite und vier Fäden nach der Höhe ausgeführt werden. Darüber arbeitet man einen zweiten gerade stehenden Stich, ebenfalls über vier Fäden nach der Höhe und vier Fäden nach der Breite. Ueber sechs bis acht Fäden lässt sich der gleiche Stich ausführen. Stengelstich wird schräg über zwei Doppelfäden nach der Höhe und Breite und unter einem Doppelfaden ausgeführt, der wieder in die Reihe des Ausganges der Stiche zurückgeführt ist; zwischen den langen Stichen liegen Steppstiche. In der Wirkung ähnlich dem Grätenstich. Sternchenstich, dessen einzelne Figuren aus acht Stichen bestehen, die einem gemeinsamen Mittelpunkte zustreben. Man beginnt mit einem schrägen Stiche über zwei Fädenkreuzungen von rechts nach links abwärts, wobei man den Faden in die als Mittelpunkt dienende Webelücke führt, sticht unter zwei Fäden senkrecht nach aufwärts, arbeitet auf der Rechtseite zum Mittelpunkt zurückkehrend, einen ebenfalls gleichseitigen, nach links aufwärts weisenden Stich über zwei Fadenkreuzungen, worauf man mit einem wagerechten Stich nach links die sich so bildende Sternchenfigur fortsetzt. Ungarischer Stich wird — als Füllmuster einfarbig — in unterbrochenen Reihen so gearbeitet, dass immer eine Reihe in die andere zurückgreift, diese ergänzt und dadurch den Grundstoff vollkommen bedeckt. Man arbeitet einen senkrechten Stich über zwei Fäden, daneben einen senkrechten Stich über vier Fäden, der den ersten nach oben und unten um je einen Faden überragt und wieder einen kurzen senkrechten Stich über zwei Stofffäden in gleicher Höhe mit dem ersten kurzen Stiche. Ein Hauptelement im Bereiche der Stickerei ist der Plattstich, welcher, indem er seine Fäden über die Fläche hinlegt, nicht wie der Kreuz¬ stich mosaikartig zusammengesetzt, sondern seine Muster durch eine Reihung von einzelnen Stichen entstehen lässt, welches so geschieht, dass die Enden derselben Zusammentreffen und sich die Fäden, wie in einer gewebten Atlas¬ fläche, ganz oder zum Teil ihrer Länge nach berühren. Auf diese Weise ist die Möglichkeit der Darstellung jeder Figur gegeben: mag die vorgeschriebene Zeichnung in geraden oder geschwungenen Linien begrenzt sein. Durch dichtes Nebeneinanderlegen und durch das Doppeln der Fäden, ferner durch Unterlagen, die von Fäden übersponnen werden, erlangt man mehr oder weniger reliefartig hervortretende Muster, welche die Stickerei in das schon erwähnte verwandte Verhältnis zur Malerei und Skulptur bringen. „Der Plattstich ist darum auch — wie Jacob von Falke sagt — in jenen Zeiten, wo die Stickerei eine Kunst war, die am meisten geübte Technik gewesen.“ (S. Geschichtliches.) Dem Plattstich zur Seite steht der Stielstich für die Ausführung dünnerer Verbindungslinien; man arbeitet ihn steil und schräg, ersteren durch Ueberstechen eines vorgezogenen Fadens von links nach rechts, letzteren ohne Vorziehen, so dass die Nadel von rechts nach links über ein bis zwei wage¬ rechten und vier bis sechs senkrechte Fäden geführt und der lezte Stich bis zur Hälfte des vorletzten zurückgreift. Für Weiss- und Buntstickerei kommen nach den Ausführungen von Therese de Dillmont noch folgende Sticharten in Betracht: Languetten- oder Schlingenstich, von links nach rechts über einem vorgezogenen Faden gearbeitet. Schnur stich, von links nach rechts über eine in Vorstichen angegebene Linie gearbeitet, und um demselben ein reliefartiges Aussehen zu verleihen, wird noch
Stickerei. 523 ein starker, runder Faden beim Arbeiten eingelegt. Die Nadel wird unter dem vorgezogenen Faden herausgeführt, und man arbeitet, nach aufwärts stehend, dicht anein¬ ander gereihte, senkrechte Stiche. Der Stich findet hauptsächlich in der Buchstaben¬ stickerei Anwendung. Steppstich, besteht aus ziemlich kleinen, dicht aneinander gereihten gewöhn¬ lichen Steppstichen (s. Nähen), die von rechts nach links ausgeführt werden. Man verwendet diese Stichart vorzugsweise zum Füllen von Buchstaben, Blättern und Blumen. Sandstich nennt man verstreut angebrachte Steppstiche. Kreuzsteppstich, nur bei sehr klaren Geweben anwendbar; er bildet auf der Kehrseite eine dichte Kreuznaht und gleichzeitig eine Art Untergrund, welcher der Figur einen matten Ton verleiht. Zur Ausführung dieses Stiches führt man die Nadel wie zum gewöhnlichen Steppstich in den Stoff ein, hierauf unter dem Stoff in schräger Richtung nach der entgegengesetzten gleichlaufenden Linie der Musterung und dort heraus. Nachdem wird die Nadel wieder wie zum gewöhnlichen Steppstich in den Stoff ein- und in schräger Richtung ebenfalls unter dem Stoff nach der ersten Linie und an der für den nächsten Stich geeigneten Stelle herausgeführt. Es findet diese Stiehart auch Anwendung für die Spitzenstickerei. Einfacher Knötchenstich entsteht durch 2 nebeneinander und über die gleichen Stofffäden ausgeführte Steppstiche. Kettenknötchen stich besteht aus einzeln gearbeiteten Kettenstichen, die eine dem gewundenen Knötchenstich ähnliche Wirkung hervorrufen; er dient gleich diesem zur Füllung kleiner Flächen. Wickelstich, zur Ausführung von Mustern in Weissstickerei, die erhaben sind und schnell ausgeführt werden sollen. Man windet den Faden um die Spitze der durch den Stoff geführten Nadel so viele Male, als es die Länge des Stiches erfordert, hält dann die Fadenwindungen mit dem Daumen fest, zieht die Nadel und den rest¬ lichen Teil des Fadens durch den gewickelten Faden, sticht hierauf die Nadel an der Stelle, wo sie zuerst durch den Stoff geführt wurde, wieder hinein und zieht sie an der für den nächsten Stich bezeichneten Stelle heraus. Bilderstich, in Nachahmung mittelalterlicher Stickereien (s. Geschichtliches), wird mit ziemlich dickem Material über ausgespannten Fäden ausgeführt, die mit Ueberfangstichen festgehalten werden. Altdeutscher Knüpfstich, meist auf Leinen gearbeitet und nach aus¬ wärts ausgeführt, indem die Nadel wagerecht unter dem Stoff den Faden fest anzieht und denselben von links nach rechts legend unter dem ersten Stich durchgezogen und der Knoten zugeschürzt wird. Romanischer Stich; man führt die Nadel je nach dem zur Verwendung kommenden Material zwei bis drei Fäden links von der Zeichnung heraus und rechts hinter ebenso vielen Stofffäden ein, unter diesen etwas schräge durch und ein wenig nur von der beizubehaltenden Linie heraus. Nach Anziehung des Arbeitsfadens führt man einen Stich über denselben aus, indem man die Nadel wieder gerade neben der gezeichneten Linie ein- und weiter nach links zum nächsten Stich gehen lässt. Mossulstich, nach orientalischen Vorbildern geübte Stichart, welche mit dem doppelseitigen Steppstich verwandt ist. Die Blattformen sind dazu vorher mit kurzen Stielstichen oder feinen Schnürchen einzufassen. Arabische Technik oder orientalische Stickstiche, für grössere Arabesken und Füllstichformen, welche man ausführt, indem gezogene Längsfäden durch Ueberlegstiche festgehalten und dadurch Flechtenmuster verschiedener Art dargestellt werden. Tamburierarbeit tritt an Stelle des genähten Kettenstiches bei grösseren Stickereien, wo letzterer mit Hilfe einer besonderen Häkelnadel, der Tamburiernadel, durch Bildung von Maschen entsteht. Eine besondere Stelle unter den Handarbeiten nimmt die Goldstickerei ein. Man unterscheidet darin: DieAnlegetechnik, welche besteht in einfachem Aufnähen der Metallfäden oder Schuüre, welche entweder unsichtbar oder sichtbar mit Ueberfangstichen in gleicher oder abstechender Farbe festgehalten werden. Die Korde l't echnik, in der Ausführung der vorigen verwandt, doch werden sämtliche Formen über gespannte Schnureinlagen — Kordeln — angelegt. Bei beiden Arten werden die Fäden nur auf der Arbeitsseite geführt. Das Stechen, wenn die Muster mit geraden oder schrägen Plattstichen be¬ deckt werden: die einzige Technik, bei welcher der Goldfaden auch auf die Kehrseite geführt wird. Das Sprengen, wobei der Goldfaden über die zu stickenden Formen, welche eine dichte steife Unterlage erfordern, hin- und zurückgeführt und nach jedem Legen
524 Stickerei mit ein oder zwei Stichen festgehalten wild.. Bei dieser Technik kommt die Spindel in Anwendung, auf welcher der Metallfaden aufgewunden ist. Phantasiestickereien mit Kantille und Flitter werden hier jene Arbeiten genannt, bei denen die Muster durch verschiedenartiges Aufnähen von Kan¬ tillen, Flitter, Folien, bunten Steinen u. s. w. gebildet werden. ITeber Aufnäharbeiten siehe den besonderen Artikel. Als Hauptsticharten für die Maschinenstickerei kommen in Betracht der Plattstich und der zur Nachahmung desselben abgesonderte Doppel¬ steppstich, der Kreuzstich, der Abb. 310. Kettenoder Tamburierstich und der aus diesem hervorgegangene Fe st on- oder Languettenstich. Der Plattstich wird auf Maschinen er¬ zeugt, welche mit kurzen, der KettenundDoppelsteppich auf Maschinen, welche mit sogen, endlosen Fäden arbeiten, wie die gewöhnliche Nähmaschine. In fast allen Fällen ist dabei der zu bestickende Stoff in einen Rahmen ausgespannt, welcher nach Massgabe des Musters be¬ wegt wird, während die Nähmaschinen an ihrer Stelle bleiben. Der umgekehrte Fall, bei welchem der Stoff festliegen bleibt und die Maschinen bewegt werden, kommt seltener vor. Die Bildung des Kettenstiches erfolgt entweder durch eine Hakennadel in Verbindung mit einem Schlingenleger oder durch eine Oehrnadel in Verbindung mit einem schwingenden Haken (Schnepper) oder durch eine Oehrnadel in Verbindung mit einem sich drehenden Greifer. Die Bildung des Doppelsteppstiches erfolgt durch die Verschlingung zweier Fäden. Der Ober¬ faden wird mittels der Nadel durch den Stoff nach unten hindurchgeführt und durch die hierbei gebildete Schlinge wird der Unterfaden in seiner ganzen noch freien Länge hindurchgezogen, zu welchem Zwecke er auf einer Bolle aufgehaspelt ist. Wird hierauf der Unterfaden wieder nach oben gezogen, so ist er durch den unteren Faden verbunden. Die von der Nadel auf die gewöhnliche Art gebildete Schlinge ist nicht weit genug; sie muss erweitert werden, um den gesamten Unterfaden hindurchzulassen. Dies geschieht ent weder durch ein Gehäuse, das sogen. Schiffchen, welches die walzenförmige Spule in sich selbst vollständig aufnimmt und mitsamt der Spule durch die Schlinge, dieselbe erweiternd hindurchgeht, oder es geschieht durch einen besonderen Greifer, welcher die Schlinge des Ober¬ fadens erfasst und über die feststehende Scheibenspule des Unterfadens hinüber¬ zieht, ohne selbst durch die Schlinge durchzugehen. Eine besondere Art, deu Doppelsteppstich zu bilden, besteht darin, dass ein sich im Kreise bewegendes
Stickerei. 525 Schiffchen nach Art der Gfreifer die Schlinge erweitert, sie über die im Innern des Schiffchens befindliche Spule hinüberzieht und selbst durch die Faden¬ schlinge hindurchgeht. Solchen Schlingenfängern kommen Eigenschaften zu, welche teils dem Schiffchen, teils dem Greifer eigen sind. (S. a. Stickmaschinen.) Bei den in neuester Zeit auf der Schiffchenmaschine hergestellten Aetzoder Luftspitzen werden die baumwollenen oder leinenen Muster entweder auf Wolle (Crepe lisse) (Abb. 310) oder bei feineren Mustern auf Seide ge¬ stickt, während die seidenen Muster dann auf baumwollenem Gewebe gestickt werden. Die Spitzen sind, damit kein Verspannen u. s. w. eintritt, auf Porzellanzylinder gewickelt. Wo Pflanzenfasern, tierische Stoffe, Metalle u. s. w. gemischt auftreten, wird Guttapercha als Stickgrund genommen, welches dann durch ein geeignetes Lösungsmittel (Schwefelkohlenstoff, Benzin u. drgl.) auf¬ gelöst wird. Das Aussehen der Spitze wird mit von der Wahl des Stiches abhängig sein. Im allgemeinen verfährt man auf der Plattstichstickmaschine in der Weise, dass man auf den Grundstoff zunächst ein Halt und Zusammen¬ hang gebendes Gerippe hervorruft uDd dann zwischen dieselben Spachtelstiche legt und zu den gewünschten Ziergebilden verschlingt. Die Steppstichstick¬ maschine wird besonders angewendet, wenn es sich um die Herstellung netz¬ artiger Luftspitzen handelt. Man verfährt hierbei im allgemeinen in der Weise, dass man auf den Grundstoff sich kreuzende Steppstiche stickt und diese wieder an den Knotenpunkten, wo sich die einzelnen Fäden überdecken, so umstickt, dass gewisse Arten von Verknotungen entstehen, welche die Steppstiche nach dem Zerstören des Grundstoffes in ihrer gegenseitigen Lage halten. — Geschichtliches: Von den textilen Schwesterkünsten, der Weberei und Stickerei, wird die Stickerei als die ältere bezeichnet, weil ihre ersten Erzeugnisse der Flechterei am nächsten liegen, aus welcher beide hervorgingen. Gottfried Semper bezeichnet den Plattstich als den älteren, da er den meisten wilden Völkern schon geläufig ist, die ihn benützen, um teils mit den Bärten, teils mit den gespaltenen Spulen der AVgelfedern oder anderen natürlichen buntfarbigen Fäden auf Tierhäuten und Baumrinden allerhand bunte, meistens geschmackvolle Muster auszuführen. „Wahrscheinlich wegen der ursprünglichen Anwendung der Federn für die Plattstichstickerei heisst sie bei den Lateinern opüs plumarium, arabisch rekameh, wovon das italienische ricamo.“ Jacob von Falke deutet in seinem Vortrage „Geschichtlicher Gang der Stickerei“, in der Zeitschrift für bildende Kunst, Bd. III, S. 63, darauf hin, dass man bei diesem Federstich, welcher die Fäden von einer Mittellinie schräg nach rechts und links legte, ungefähr wie sich der Bart an den Federkiel ansetzt, ebenso gut an einen Vergleich des bunten, schillernden Eindrucks der Stickerei mit den Vogelfedern denken kann. Das Alter des Kreuzstichs führt man auf die Darstellungen ägyptischer Wandmalereien zurück, die nicht nur Nachahmungen gewirkter Teppiche (Abb. 16, S. 12), sondern auch ausgeführte Stickereien dieser Art mit allen stilistischen Eigentümlichkeiten aufweisen. Dass die Stickerei neben der Wirkerei auch bei den alten Assyrern in hoher Blüte stand, beweisen die ausgegrabenen Alabasterplatten ihrer Tempel (s. Assyrien und Babylon), und auch die Beschreibung über die Ausstattung der Stiftshütte (s. dieselben im 2. Buch Mose u. a. a. 0.) deuten darauf hin, dass Wirkerei und Stickerei schon im Altertum zu hoher Kunst entfaltet waren, zumal die Weberei in ihrem Entwicklungstadium noch nicht im stände sein konnte, diesen Zwecken in solcher Weise vollkommen zu genügen. Homer führt in verschiedenen Stellen der Iliade auf die Kunstfertigkeiten der Nadel hin; auch Virgil und Ovid erwähnen in ihren Werken reicher Stickereien; Plinius schreibt die Kunst des Stickens den Phrygiern zu, woselbst König Attalus der erste gewesen sein soll, der stickte: man bezeichnete daher während der Glanzperiode des alten Borns die Nadelwirkerei als phrygische Arbeit — opus phrygium und die Sticker phrygiones. Diese Phrygier waren als Ausländer nach römischer Auffassung barbari, und aus solcher Bezeichnung hat dann mittelalterliches Latein barbaricarii oder auch brambaricarii gemacht, eine Korruption, die in dem deutschen Verbrämen sich erhalten zu haben
526 Stickerei scheint. (Vgl. clie Stickkunst im Mittelalter von Richard Freiherr v. Mansberg, Illustrierte deutsche Monatshefte LXV. 388. Januar 1889). Ueber die Arten der Stickereien des Altertums lassen sich nach den literarischen Quellen nur Vermutungen aufstellen; sehr wahrscheinlich ist es, dass es sich dabei mehr um gewirkte Arbeiten handelt, bei denen die Stickerei höchstens als Ergänzung auftritt. Von bedeutenderen Kunstwerken der Stickerei konnte doch überhaupt erst die Rede sein, als das geeignetste Material, die Seiden- und Goldfäden, in grösserem Umfange dazu bereit standen. Die in den koptischen Gräbern (s. koptische Textilfunde) gefundenen Gewandreste beweisen, wie in spätrömischer Zeit die Stickerei auf Leinen und Baumwolle in den dafür gebräuchlichen Techniken geübt wurde (s. Leinenstickerei), wobei eine Art Durchzugarbeit in farbigen AVollfäden auf gewebtem Grundstoff einen Uebergang von der Wirkerei auf die Stickerei am besten darstellt (Abb. 111, S. 237), gleichzeitig auch vom stilistischen Standpunkt aus die Nachahmung der antiken Mosaikarbeiten durch Nadel und Faden deutlich erkennen lässt. In dieser Durchzugarbeit, welche als Vorläufer des späteren Wehstiches an¬ zusehen ist, sind übrigens nicht nur Gewandteile, sondern auch Wandbehänge mit antikisierenden figürlichen Darstellungen erhalten (s. Teppich). Weitere Belagstücke für die Stickereien vor dem ersten Jahrtausend sind kaum nachzuweisen. Auch aus Byzanz (s. d.), dem letzten Hort antiker Kultur, wissen wir darüber nichts Bestimmtes. Es ist anzunehmen, dass dort, als dem Hauptsitz der Seidenweberei, auch Stickereien angefertigt wurden; die Gynäceen (s. d.) Justinians werden sicher auch gestickte seidene Kleider angefertigt haben, indessen konnten sich Beispiele aus dieser Zeit schwer erhalten. (Vgl. hierüber das kürzlich erschienene Werk: Dr. M. Dreger, Künstlerische Ent¬ wickelung der Weberei und Stickerei u. s. w. Wien 1904.) Eines der ältesten Werke mittelalterlicher Kunststickerei ist der Krönungsmantel des hl. Stephan von Ungarn und seiher Gemahlin Gisela, im Kronschatz zu Ofen befindlich. Diese kostbare Arbeit ist inschriftlich als Stiftung des genannten Fürsten¬ paares bezeichnet und vom Jahr 1031 datiert. Das halbrunde Gewand besteht aus dunkelviolettem Purpurseidenstoff und ist bedeckt mit Bildstickerei mit Gold¬ fäden, wie sie für die Technik des ganzen Mittelalters bezeichnend ist. In der Mitte die Darstellung Christi, die Fiisse auf bezwungene Ungetüme setzend, von ihm ausgehend nach rechts- und links in mehreren Reihen die Apostel, die Propheten, viele Heilige, die Geschenkgeher selber und vielerlei Figuren; dazwischen geflügelte Engel, symbolisches Getier und ornamentales Laubwerk. Dem ungarischen Krönungsmantel zur Seite steht der kaiserliche Mantel Heinrich II im Domschatz zu Bamberg, doch ist dessen Herkunft zweifelhaft, wie es auch mit einigen anderen Gewändern in Bamberg und München der Fall ist, welche gleichfalls auf den Kaiser Heinrich und seine Gemahlin Kunigunde zurück¬ geführt werden. Die Technik der Bamberger Stickereien ist die gleiche wie die vom ungarischen Krönungsmantel. Als Arbeit der Königin Mathilde, Gemahlin Wilhelms I von England, gilt der um das Jahr 1100 entstandene sogen. Bayeux¬ teppich (s. d.). Nach den Werkstätten von Palermo (s. d.) führen die Kunststicke¬ reien, welche zu den Reichskleinodien (s. d.) gehören und im 12. Jahrh. angefertigt wurden, sie bezeichnen den Höhepunkt künstlerischer und technischer Voll¬ endung in der Stickerei romanischer Periode, welche vornehmlich in der An¬ wendung von Goldfäden, getriebenen Silherplättchen, echten Perlen und anderen Edelsteinen als Prachtstücke für den Gebrauch in Kirchen, für Fürsten und V ornehme in Klosterwerkstätten, Burgen und Schlössern hergestellt wurden. Eine strenge Scheidung der Herkunft solcher hervorragenden Beispiele der Kunststickereien des früheren Mittelalters ist nicht möglich, da ausser den Hauptstätten in Byzanz und Sizilien, auch Italien, besonders Norditalien, Deutsch¬ land, England und Frankreich seit dem 12. Jahrh. in Konkurrenz treten. Im 13. Jahrh. kommen für weniger kostbare Stücke die Stickereien auf Leinewand und geteiltem Stramingrund in Gebrauch, es erscheinen dabei auch Bildstickereien in Tamburierarbeit, die den Grund völlig bedecken und den Eindruck einer Mosaik oder Glasmalerei hervorrufen. Altarbekleidungen,
Stickerei. 527 Kirchengewänder und Decken anderer Art enthalten in bunter Seide auf ab¬ gezählten Fäden reiche Darstellungen mit geometrischen Musterungen ; auch die Weissstickereien im Webstich für Schleier und Velen gehören dieser Zeit an. Die bedeutenderen Gewänder der romanischen Periode sind abgebildet bei Dr. Franz Bock, Die Reichskleinodien des heil, römischen Reiches deutscher Nation, Wien 1860, wozu man vergleiche von demselben Verfasser: „Geschichte der liturgischen Gewänder des Mittelalters, 3 Bcle., Bonn 1856—71“. Inter¬ essante Studien darüber veröffentlicht Dr. Moriz D reger in dem Werke: „Künstlerische Entwickelung der Weberei und Stickerei, Wien 1904“. Die Zusammenstellung dieser Stücke mit gleichzeitigen Mosaiken, Miniaturen und anderen Werken der Kleinkunst enthält für die Datierung solcher Denkmäler die sichersten Hinweise. Im 13. und 14. Jahrh. stellt sich die Kunsstickerei die Aufgabe, mit der Malerei zu wetteifern, man kommt auf eine Technik der Bildstickerei, die eine freiere Behandlung des Figürlichen ermöglicht, wobei eine besondere Art der Goldfadenverwendung (brocle ä or battu) Aufnahme findet, deren Ursprung aus Ari’as hergeleitet wird. Eine goldige Unterlage, welche aus dicht neben¬ einander liegenden und mit zarter Seide auf Leinwand gehefteten Fäden, wird mittels Ueberfangstiche so fein schattiert, dass die Wirkung mit dem Ausdruck Abb. 311. „Nadelmalerei“ treffend bezeichnet ist. Diese Technik hat sich durch das ganze 15. Jahrh. erhalten und wurde nach Entwürfen berühmter Maler aus¬ geführt. Ein Maler aus der Schule Giottos schreibt in seinem Buche über die Kunst: „dass es eine Gattung Meister gäbe — ricamatori, Sticker — welche sich von den Malern auf die Gewebe, die sie in Rahmen gespannt haben, die Entwürfe zeichnen Hessen, um sie dann in Seide und Gold höchst kunstreich auszuführen.“ Diese Art der Kunststickerei kam auch in Deutschland und den Niederlanden zu glänzender Entfaltung, sie stand im 14. Jahrh. in engster Beziehung mit den Malerschulen zu Köln und Prag, im 15. Jahrh. mit der niederländisch-burgundischen Schule, aus welcher Zeit die prächtigsten Schöpfungen dieser Art stammen: wie das Antependium aus Pirna, jetzt im Museum des Kgl. sächsischen Altertumsvereins, und vor allem die in der K. K. Schatzkammer zu Wien aufbewahrten sogen. Burgundischen Gewänder (s. d.). Ein Hauptsitz solcher Stickereiwerkstätten war das gewerbreiche Köln, woselbst sich im 14. Jahrh. eine eigentliche Zunft der Kunst- und Wappen¬ sticker gebildet hatte, welche sowohl für die Kirche, wie für den übrigen Bedarf arbeitete. (Vgl. Joh. Jac. Merlo, Nachrichten von dem Leben und dem Wirken Kölnischer Künstler, Köln 1852.) Diese Innung nahm so sehr die Stickerei als ihr Recht in Anspruch, dass sie es den Nonnenklöstern be¬ stritt, diese selbst mit Gewalt an der Arbeit hindern wollte. Merlo berichtet
528 Stickerei auch die Namen verschiedener Stickerinnen, die das Geschäft gewerblich mit besonderen Spezialitäten betrieben haben, wie aus den Beisätzen „factrix mitrarum, factrix stolarum, factrix casularum“ ersichtlich ist. Bei diesen Kölner Arbeiten, die in kaufmännischem Export durch alle Länder verbreitet wurden, gingen Weberei und Stickerei Hand in Hand, die Weberei arbeitete vor und die Stickerei führte einzelne Teile vollkommener aus. Der Bedarf war mannigfach. Einen Hauptgegenstand bildeten die Wappen, daher auch die Zunft ihren Namen führte, einen anderen die goldgewirkten mit Figuren und reizvollem Rankenornament (Abb. 311 und 812) verzierten Borten, aus welchen Kreuze und Stäbe der Kasein gebildet wurden. Der Wetteifer der Stickerei mit der Malerei und Plastik führte bisweilen zu einer Entartung; es wurde das Mass dessen überschritten, was mit Nadel und Eaden stilgemäss erreichbar ist und es mochte dies wohl erkannt woi'den sein, indem man das Streben nach derartigen malerischen Effekten gänzlich der Gobelinwirkerei überliess und die Reliefstickerei nur für solche Stücke verwendete, deren Bestimmung es war, in ebenen Flächen zu erscheinen. Das Zurückdrängen kirchlicher Elemente durch die Formensprache der Renaissance (s. d.) lenkte auch die Kunststickerei in andere Bahnen. Ihre Aufgaben wmrden vor allem erweitert durch die Umgestaltung der Innen¬ räume fürstlicher und bürgerlicher Häuser. Neue moderne Bedürfnisse, ge-, boten durch Veredlung der Sitten und Gebräuche, forderten der Zeit ent¬ sprechende Befriedigung und ein weites Feld öffnete sich gerade hier, prak¬ tischen Sinn mit künstlerischem Empfinden zu vereinigen. Was allein hat uns diese Zeit an Leinenstickereien (s. d.) gebracht, wozu der erweiterte Gebrauch von Tischzeug und anderer waschbaren Austattungsstücke Anregung gab! Als ganz neue Technik erscheint die Aufnäharbeit (s. d.); das Aufnähen von Goldfäden auf Seide, Sammet und Leinwand ist in bescheidene Grenzen zurückgekehrt, nicht, wie in alter Zeit, um mit schweren Brokatwebereien in Konkurrenz zu treten und durch die Fülle des Gegebenen zu prunken, sondern weite eintönige Flächen werden vornehm belebt und passen sich in Zeichnung und Ausführung abwechselnd dem Ganzen an. Auch das Kostüm bedarf bis¬ weilen der Hilfe einer in Kunststickerei geübten Hand, obgleich schon der gewebte Stoff und Spitzenschmuck das Gewand vornehmer Leute kennzeichnen. Das Bestreben nach malerischer Wirkung scheint übrigens noch einmal seine Befriedigung gefordert zu haben in der Anwendung reich gemusterter Seiden¬ stoffe zur Aufnäharbeit und wo dies nicht reichte, in der Bemalung einfarbiger Gewebeauflagen, was allerdings nur inmitten der Stickerei als Schattierung einzelner Flächen geschah. Malerisch erscheinen auch die der Spätrenaissance angehörigen grossen Decken in petit-point auf leichtem Kanevas, welche grosse Rankenmuster mit buntem Blütenschmuck enthalten, sowie ihn die Plattstich¬ stickerei in naturalistisch werdender Auffassung erstehen lässt. Anregung zur Nachahmung in der Stickerei (s. Elfenbeinstickerei) geben die genähten venetianischen Spitzen, deren Muster in ausgeschnittener Leinwand und mit Spitzenstichen belebt einen lachsfarbigen Atlasgrund füllen. Im übrigen ist die Musterkarte für europäische Kunststickerei der Renaissance und folgenden Periode keine allzu ergiebige, sie kann sich bei weitem nicht messen mit der Fülle von technischen Abwechselungen, wie sie die orientalischen Stickereien (s. d.) von alters her bewahrt haben. Geläufige Sticharten gehen mit den Rändern und Alphabeten der Sticktücher (s. d.) aus Italien und Spanien nach Deutschland und den übrigen europäischen Ländern, für Verbreitung guter Zeichnungen wurde auch durch Stickmusterbücher (s. d.) reichlich gesorgt. Die Perioden des Barock-, Rokoko-, Zopf- und Empirestils (s. d. ein¬ zelnen Artikel) bringen der Stickerei in technischer Beziehung keine wesent¬ lichen Neuerungen. Bemerkenswert erscheint die Erweiterung der Aufnäharbeit mittels gewebter Bänder (Abb. 85), wozu der französische Ornamentstecher Marot (1650—1712) Entwürfe für grosse Decken im sogen. Kurvenstil herstellt. Unabhängig hiervon kam im 18. Jahrh. für kleinere Arbeiten die Bändchen¬ stickerei (s. d.) auf. Für die Ausstattung der entwickelten Polstermöbel tritt
Stickerei. 529 die Kanevasstickerei (s. d.) in den Vordergrund. Eine besondere Tätigkeit wird in der Kostümstickerei entfaltet: zunächst für Einsätze u. dgl. (Abb. 313) der Frauentracht; noch ausgedehnter aber um die Mitte des 18. Jahrh. für den reich gestickten Galarock und seinen Zubehör des vornehmen Mannes. Grosser Luxus für Wäscheausstattung (Taufkleidchen u. s. w. in Piquestickerei) wird in der Weissstickerei getrieben, worin auch die eine Zeitlang alles be¬ herrschende Spitze (Abb. 43, S. 60) in Nachahmung der Stickerei erscheint. Aus kirchlichen Werkstätten dieser Zeit sind die Würzburger Arbeiten Abb. 313. (Abb. 155, S. 293) erwähnenswert. Am Ende des 18. Jahrh. erscheinen in vornehmen Häusern und Schlössern die gestickten Tapeten nicht selten (Abb. 314), wozu die aus China kommenden Wandbekleidungen Anregung gaben, die auch der europäischen Plattstichstickerei in farbig schattierter Seide zu neuem Auf¬ schwünge verhalfen; daneben erhielten sich bis in die Empirezeit hinein Borten in Aufnäharbeit für Zimmerausstattung. (Abb. 64, S. 175.) Im Anfänge des 19. Jahrh. setzt die Haupttätigkeit der Stickerei mit den Arbeiten auf Kanevas- und Gazegrundstoffen ein. Am meisten geschätzt wird zuerst der holländische Leinenkanevas, den auch wohl die dort gemalten, sehr beliebten Blumenmuster dazu begleiteten. Als Haupterzeugungsstätte jener Heiden, Handwörterbuch der Textilkunde. 34
530 Stickerei. Zeit wird Berlin genannt, woselbst ein Fräulein Henriette Jiigel die Mode des Kreuzstichs auf Kanevas und Gaze von neuem eingeführt haben soll. Ein grosses Absatzgebiet der Verleger bildeten die Berliner Stickmuster¬ vorlagen, welche nach gemalten Originalen auf Zinkplatten geätzt wurden, so dass jeder Farbeton sein eigenes Zeichen im Quadrat erhielt, besondere Koloristen setzten dann die Farben mit der Hand ein. Die fabrikmässige Anfertigung von Stickmustern zu jener Stickerei in Stramin mit Wolle und Seide förderte hauptsächlich die Gattin des Kunsthändlers Wittich in Berlin vom Jahre 1809 an. Um das Jahr 1850 beschäftigten in Berlin gegen 20 Stickmusterverleger 800—1000 Koloristen, welche jährlich gegen 100 000 ver¬ schiedene Einzel muster in Unmengen von Auflagen in die Welt gehen Hessen. Es wird berichtet, dass einzelne Handlungen für „30—40 000 Taler“ Abb. 315. Stickmuster fortwährend auf Lager hatten. Zu dieser Massenerzeugung sind noch zu rechnen die auf Kanevasgrund „angefangenen Stickmuster“, welche die Frauen im eigenen Hause für ihren Bedarf vollendeten, um ein Bild zu gewinnen, welche Fülle von Erzeugnissen des Geschmackes oder Un¬ geschmackes über sechs Jahrzehnte hindurch den Weltmarkt überflutete. In stilistische Bahnen wurde die Kreuzstichstickerei eigentlich erst wieder zurück¬ geführt durch die am Ende der 1870er Jahre erschienenen altdeutschen Muster für Leinenstickerei (s. d.). Die in dieser Zeit in allen europäischen Ländern herrschende kunstgewerbliche Bewegung hat auch anderen Gebieten der Kunst¬ stickerei aut Grund älterer Vorbilder neue Wege gewiesen und wenn darin, hier wie überall, die Maschine der Handarbeit ein unliebsamer Gehilfe ward, so blieb dieser dennoch ein grosses Feld zur Betätigung selbständigen Schaffens als eigene Kunst im Hause. — Die neueste Zeit gibt keiner Technik einen besonderen \ orzug, es sei denn, dass dieser oder jener Fabrikant einen Spezial¬ artikel in bestimmter Ausführung als Modesache erscheinen lässt. Im all¬ gemeinen passt man den wechselnden Formenkreis aus zierlichen naturalistischen, wilden oder gebändigten, geschwungenen und linearen Elementen (Tafel VIII)
531 Stickerei. einer zwanglosen Stickweise an; in grösseren Arbeiten für dekorative Zwecke wechseln Aufnäharbeit mit einer Musterkarte von Sticharten ab, die Malerei tritt helfend zur Seite. Für kleinere Gebrauchs- oder Zierstücke ist der Grundstoff mit abzahlbaren Fäden noch immer bevorzugt, erst vor kurzem ist in der „neudeutschen Stickerei“ (s. d.) eine Abwechselung von Sticharten dafür erschienen. (Abb. 315.) Für die Musterung in freierer Linienführung wird immer der Plattstich in Verbindung mit dem Stielstich die gegebene Technik bleiben. (Abb. 316 a u. b.) Abb. 316 a. S Abb. 316b. Ä Im ' .ißl ' JL J ■ k SS ’ ' V v mm Abbildungen: 310. Darstellung aus der Leipziger Illustrierten Monatsschrift für Textilindustrie, Jahrgang 1890: Maschinenstickerei von Adolf Naef & Cie. in St. Gallen. 311 und 312. Darstellungen aus: Heiden, Musteratlas, Leipzig 1896, Bl. 132: Stilisierte Rosenranke mit Blüten und Bäumchen, von gewirkten Kölner Borten des 15. Jahrh. 313. Darstellung aus: Heiden, Motive, Leipzig 1892, Bl. 211: Einsatz von einem Frauenkleide, Stickerei auf gelbem Rips in schwarzer Seide im Plattstich, Italien Anf. 18. Jahrh. Original im Kgl. Kunstgewerbemuseum zu Berlin. 314. Darstellung wie Abb. 311, Bl. 117: Tapete, Stickerei auf weissem Atlas in farbiger Seide im Plattstich: Ranken, in Palmetten, Akanthus und Blüten endigend, mit Gehängen aus Perlschnüren, bilden spitzovale Felder, in welchen Kelch mit Blumenstrauss, zu den Seiten Adler. Berlin um 1780. Original wie Abb. 313. 315. Darstellung aus: Neudeutsche Stickerei von Prof. Dr. jur. Hanns Frhr. v. Weissenbach, Verlag der Deutschen Modenzeitung, Leipzig 1904, S. 31: Börte mit
Stickerei. 532 Sternen an Bogenlinien, auf geteiltem Grundstoff in umgedrehtem Kettenstich aus¬ geführt. 316. Darstellung wie Abb. 311: a) abgepasste Stickerei für ein Kissen, auf dunkelgrünem Atlas in hellgrüner und weisser Seide im Platt- und Stilstich: Stilisierter Myrtenzweig, b) Borte, auf grünem Tuch, in grüner, gelber und weisser Wolle im losen Platt- und Stilstich: Löwenzahnstauden. Arbeiten aus der Royal shool of art needle work, London 1885. Originale wie Abb. 313. Literatur: a) Geschichte und Technik: Alford, M., Needlework as art, London 1886; Alvin, L., Les anciens patrons de broderies, de dentelle et de guipure, Brüssel 1863; Bach, Emilie, Die weibliche Handarbeit, Vortrag, Reichenberg 1880; Baumberger, Gr., Geschichte des Zentral¬ verbandes der Stickereiindustrie der Ost-Schweiz und des Vorarlbergs, St. Gallen 1891; Bock, Dr. F., Geschichte der liturgischen Gewänder des Mittelalters, 3 Bde., Bonn 1856—71; Braun, Jos., Winke für die Anfertigung und Verzierung der Paramente. Freiburg i.|B. 1904; Day und Mary Buckle, Art in needlework, London 1900; Dillmont, Therese de, Encyklopädie der weiblichen Handarbeiten, Dörnach (Eisass); Dreger, M., Entwickelung der Weberei und Stickerei u. s. w., Wien 1904; Drei¬ dax, Therese, Der gute Geschmack in weiblichen Haudarbeiten u. s. w., Gera 1897; Falke, J. von, Geschichtlicher Gang der Stickerei, 1869; Fischer, H., Technolo¬ gische Studien im sächs. Erzgebirge, Leipzig 1878; Georgens, Die Schulen der weibl. Handarbeiten, Leipzig 1884, 12 Hefte; G rem lieh, G., Kurzer Abriss des Maschinen¬ stickens, St. Gallen 1893; Hohenheim, Klara v., Praktische Anweisung zu Tapisserie¬ arbeiten, Berlin 1900; Lefebure, Les broderies et dentelles, Paris 1887; Lipperheide, Frieda, Dekorative Kunststickerei, Berlin 1888—96; Marshall, Frances and Hugh, Old English embroidery: is technique and symbolism., 1894; Martin, F. R., Stickereien aus dem Orient, Stockholm 1899; Moser, R. & Sohn, Anleitung zur Monogrammstickerei u. s. w., Leipzig 1889 ; Motivenalbum für moderne Hand¬ arbeiten der „Wiener Mode“, Wien 1901; Obermayer-Wallner, Die Technik der Kunststickerei, Wien 1896; Paulson Twonsend, W. G., Embroidery or the craft of the needle, with preface by Walter Crane, London and New York, 1899; SaintGeorge, A. v., Die Kunst der Goldstickerei, Wien; Schinnerer, Luise, Lehrgänge für Weissstickerei und Knüpfarbeit, Stuttgart 1893; Taurel, Ed. C., Die Aesthetik der Frauenhandarbeiten, deutsche Bearbeitung von K. Maiss, 1891; Tikkanen, J. J., Finnische Textilornamentik, Leipzig 1901. b) Vorlagenwerke: Bach, Emilie, Muster stilvoller Handarbeiten, Wien 1879—81; dieselbe. Neue Muster im alten Stil, Wien 1887; Bender, Elise, Moderne Kunststickereien, 1890—93; Braunmühl, C. v., Das Kunstgewerbe in Frauenhand, München 1884; Clasen-Schmid, Mathilde, Musterbuch für Frauenarbeiten, Leipzig 1881; Dill¬ mont, Th. de, Album de broderies au point de croix, Dörnach 1885; dieselbe, Alphabete und Monogramme, 1889; dieselbe, Koptische Stickereien; dieselbe, Die Stickerei auf Netzkanevas; dieselbe, Vorlagen für die Plattstichstickerei; die¬ selbe, Die Soutage und deren Verwendung, 1891; Dreger, Wiener Kunststickereien, Wien 1900—02; Farcy, L. de, La broderie de 11 siede jusqu’a nos jours, Paris 1892; Fröhlich, W., Neue Borden u. s. w., Berlin 1888; derselbe, Neue farbige Kreuzstichmuster, Berlin 1888; Gnant, Monogrammalbum u. s. w., Stuttgart 1889; Hirth, G., Album für Frauenarbeit, 1880; Hochfelden, B. u. H. Wahl, Muster im Sezessions- und Jugendstil für Kreuz- und Holbeinstich, Leipzig 1900; Hofmann, R., Muster lür Gardinenfabrikation in Hand- und Maschinenstickerei, Plauen 1883; Kabilka, P. u. J., Kreuzstichmuster im neuen Stil, Wien 1900; Kick, W., Preis¬ gekrönte Stickereiarbeiten der württ. Handarbeitsschulen, Stuttgart 1892; Koch, A.. Moderne Stickereien, Darmstadt 1900; Kumsch, E., Spitzen und Weissstickerei, Leipzig 1889; Lay & Fischb ach, Südslawische Ornamente, Esseg und Hanau 1880; Lessing, J., Muster altdeutscher Leinenstickerei, Berlin 1878—92; Lipperheide, Frieda, Musterblätter für künstlerische Handarbeiten, Berlin 1889—95; dieselbe, Muster altitalienischer Leinenstickerei, Berlin 1881—93; Mantel, Mechanische Sticke¬ reien, St. Gallen 1897; Müller, C. H., Almanach, Stickereimustervorlagen für Schulund Hausgebrauch, Berlin 1875; Originalstickmuster der Renaissance, k. k. österr. Museum in Wien, 1874; Prignot, E., La broderie moderne, Liege, Paris 1884; Rassmüssen, S., Collection Nora, Altnordische Stickereien auf wollenem Javagewebe, Kongreskanevas oder Segeltuch, Kopenhagen 1897; Redtenbacher. M., Farbige Stickereivorlagen, Karlsruhe 1891; derselbe, Vorlagen für Stickerei in Leinen, Seide und Gold, Karlsruhe 1895; Reitz, A. u. E., Farbige Flachstich-
Stickereifachschulen—Stick- und Spitzenmusterbücher, 533 muster, Hamburg 1891; Schaffers, A., Mustervorlagen für farbige Kreuzstichstickerei, Leipzig 1887; Schmidt, C., Vorlagen für Litzennäherei, Stuttgart; Steffahny, Stickereimuster, Leipzig 1892; Stuhlmann, A., Stickmuster für Schule und Haus, Stuttgart 1890—93; Teschendorff, Toni, Kreuzstichmuster für Leinenstickerei, Berlin 1879, 84; Versteyl, H. A., Die kirchliche Leinwandstickerei, Düsseldorf 1878—80; Volksstickereien, russische, aus der Sammlung von W. A. Sollergub. Stickereifachschulen, s. Kunststickereifachschulen. Stickertressen, Borten mit Kette von Seide und Schuss aus Metall¬ gespinst. Stickmaschine, Einrichtung zur mechanischen Herstellung von Stickerei. Es werden je nach der mit denselben hauptsächlich erzeugteu Sticharten be¬ sonders zwei Arten von St. unterschieden: die Plattstichstick- und die Kettenstichstick- oder Tamhouriermaschine. Bei den Plattstich¬ stickmaschinen wird die Leistungsfähigkeit durch die grosse Zahl der gleich¬ zeitig nach demselben Muster hergestellten Einzelstickereien, bei den Tambouriermaschinen durch die hohe Arbeitsgeschwindigkeit bedingt. Die erste brauchbare Plattstichstickmaschine erfand Josua Heilmann in Mülhausen im Eisass 1828. Sie beruht auf der unmittelbarsten Nachahmung der Handarbeit; doch findet nicht das Eortsetzen der Nadeln von Stichpunkt zu Stichpunkt statt, sondern die entsprechende Einstellung des Stoffes in die fest bleibende Laufbahn der Nadeln. Der Stoff ist hierbei auf einem senkrecht stehenden Rahmen aufgespannt, der in seiner Ebene allseitig verschiebbar ist. Die dem zu stickenden Muster entsprechende Verschiebung des Rahmens erfolgt mittels eines Panthographen oder Storchschnabels in der Weise, dass ein Stift an dem längeren Arm desselben auf eine Schablone, die das meist sechsfach vergrösserte Muster darstellt, und zwar auf die Endpunkte des jedem Stickfaden ent¬ sprechenden Schraffierstriclis aufgesetzt wird, während der kürzere Arm die auf das wirkliche Mass des Stickfadens reduzierte Bewegung auf den Rahmen überträgt. Bei den Schiffchenstick maschinell befindet sich die Nadel auf der Vorderseite, der Unterfadenführer auf der Rückseite des Stoffes, welcher, wie bei Heilmann, in einem senkrecht stehenden, durch einen Storchschnabel bewegbaren, bezw. einstellbaren Rahmen ausgespannt ist. Die Kettenstich¬ stickmaschine wendet für die Stichbildung sowohl die Oehrnadel wie die Hakennadel an. Bei der mit Kettenstich arbeitenden Bonnaz- oder Tarnbouriermaschine erfolgt die Steuerung der Transportvorrichtung und der stichbildenden Werkzeuge durch eine von der Hand der Arbeiterin bewegte Kurbel, weshalb dieselbe auch vielfach Kurb eistickmaschine genannt wird. Zur Herstellung von sogen, glatten und hohlen Waren auf einer Maschine hat man kombinierte Maschinen, die je nach dem Gebrauch vereinigte Apparate enthalten. (Vgl. Erni, Leitfaden für Maschinenstickerei, Dornbirn 1901; Fischer, H., Die Stickmaschine, im „Civilingenieur“, Bd. 23—25; Jäk, J., Die rationelle Behandlung der Stickmaschine und ihrer Apparate im Betriebe, Leipzig 1886; Müller, Neuerungen an St. im Dinglerschen „Polytechn. Journal“, Bd. 254. 265.) Stick- und Spitzenmusterbücher erscheinen zuerst in der ersten Hälfte des 16. Jahrh. in Deutschland; sie enthalten in älterer Zeit vornehmlich italienische Arbeiten und bilden für den geschichtlichen und technischen Ent¬ wickelungsgang vieler Nadelarbeiten ein wichtiges Studienmaterial. (Vgl. über Modelbücher und ihren kunstgeschichtlichen Wert: „Lichtwark, Der Ornamentstich der deutschen Frührenaissance, 1888. Derselbe, Das Model¬ buch des Peter Quentel, Leipzig 1885.) Eines der ältesten aller bekannten Stickmusterbücher erschien in Zwickau im Jahre 1525 unter folgendem Titel: Eyn Model Buchleyn Darauss leychtlich das gewurck dises nach angetzeygten Formen erlernet werden mag. Gedruck yn der Fürstlichen Stadt Zwickaw durch Jorg Gastei 1525. (Vgl. E. K um sch, „Das älteste aller bekannten Modelbücher“ in der Zeitschrift „Kunst und Handwerk“, Jahrgang 1903.) Dem Alter nach folgt das nur in dem einen Exemplar des k. k. Oesterr.
Stickperlen—Stickseide. 534 Museums in Wien bekannten sogen. Züricher Musterbuches von Christoff Froschower vom Jahre 1561—62, das. für die Bestimmung von Spitzen eines der wichtigsten ist. (Vgl. im Artikel Spitzen, S. 506.) Es folgen hiernach eine lange Reihe solcher Bücher, die in Deutschland, Italien und Frankreich u. s. w. erschienen und zum Teil in neuerer Zeit auf Veranlassung von Museen u. a. neu aufgelegt sind. Als die wichtigsten sind zu nennen: Beckers, Matthes, Frankfurt a. M., 1601; Bel in, Antoine, Lyon 1537 und 1555; Bindoni, Giovanni Antonio, „II monte“, Venedig 1559; Bock, Joh. Gottfr., Augsburg 1762; Brettschneider, Andr., Neues Modelbuch, Leipzig 1619, mit einem Vorwort von P. dessen, neu erschienen Berlin 1892; Calepino, Francesco, Venedig 1563; Ciotti, Venedig, 1591, Neuausgabe Berlin 1891; Cocheris, Hyppolite, Patrons de broderie et de liugerie du XVI. siede, enthaltend: Nourry, Claude, dict le Prinee, 1530—33; Saincte Lucie, Pierre de, 1537; Belin, Antoine; Crivellari, Gasparo, Padua; Crophius, Mart. Gottfr., Augsburg um 1750; Danielli, Barthol., Bologna um 1610; Egenolff, Christ., Frankfurt a. M. 1533; Foillet, Jacques, 1598, Neuausgabe: Berlin 1891; Franco, Giac., Venedig 1596, Neuausgabe: 1876; Fürst, Rosina, Helena, Nürnberg 1666; Gargano, Lucchino, “Pretiosa gemma“, Venedig 1600; Gien, Jan de, nach Vorbildern von Vinciolo, Lüttich 1597; Hoffmann, W., Frankfurt a. M. 1604, Neuausgabe: Berlin 1891; de r se 1 be, Frankfurt a.M. 1607, Neuausgabe: k. k. österr. Museum AVien 1876; Lathomus, Sigismund, Frankfurt a. M. 1607 ; M i gn e r a k , Paris 1605; Netto, Joh. Friedr., Wasch-, Bleich-, Platt- und Nähbuch u. s. w., Leip¬ zig 1799; desgl. der Jüngere: „Neue Originaldessins für die neu erfundene Stickerei über Stricknadeln“ u. s. w., Dresden 1809; O s t a u s , Giov., „La vera perfettione“, Venedig 1567; Pag an, Matthias, Venedig 1558, Neuausgabe: 1884; Paganino, Aless., A7enedig 1527, Neuausgabe: 1878—80; Parasole, Isabella Catanea, „Studio delle virtuose dame“, Rom 1597; „Pretiosa gemma“. Rom 1600; „Teatro delle nobili et vir¬ tuose donne“, Rom 1616; Parasole, Elisab., Catanea, Rom 1616, Neuausgabe: Berlin 1891; Le Pompe, Venedig 1569, Neuausgabe: k. k. österr. Museum AVien 1879; Quentel, Pet., Köln 1527—29, Neuausgabe: Leipziger Kunstgewerbe¬ museum 1878 (?); Romana, Lucrezia, Venedig 1625, Neuausgabe: 1876; Sandt, Joh. Friedr. v., Leipzig um 1729; Schartzemberger, Augsburg 1534; Sera, Domenico da, Venedig 1546, Neu¬ ausgabe: 1879; Serena, Venedig 1564; Sibmacher, Joh., Nürnberg 1604; der¬ selbe, 1601, Neuausgabe von Dr. Georgens, Berlin 1874; derselbe, 1597, Neu¬ ausgabe: kt k. österr. Museum AVien 1866; Tagliente, Giov. Ant., Venedig 1531, Neuausgabe: 1879; Unverzagt, J. G., Augsburg 1703; \7 a v a ss o re , Giov. Andrea. A enedig 1531; Vecellio, Cesare, Venedig, 1600, Neuausgabe: 1876; derselbe. „Corona delle nobili et virtuose donne“, ATenedig 1592 und 1601, Neuausgabe: Berlin 1891; Vinciolo, Federico de, Paris 1587; Zoppino, Nicolo, Venedig 1530, Neu¬ ausgabe: 1878. ° ’ Stickperlen sind farbige Glasperlen, abgerundet oder aus ganz kurzem feinen Röhrchen. Stickrahmen, ein unveränderlicher oder stellbarer, auf Füssen ruhender Holzrahmen, auf welchen der zu bestickende Stoff gespannt wird. Stickseide, s. Seide und Seiden garne.
Sticktücher—Stil. 535 Sticktücher waren in alter Zeit statt der Musterbücher als „Modeltiicher“, auch für Spitzennäherei, gebräuchlich. Die meisten stammen, sowie jene, aus dem 16. Jahrh., sie erhielten sich als Familienerbstücke und trugen wesentlich zur Weiterführung der Muster bei. Tücher gleicher Art fanden auch im Orient Verwendung, es haben sich dergleichen in koptischen Gräbern gefunden, welche aus dem 15. Jahrh. stammen. (Abb. 317.) Abbildung: 317. Originalaufnahme aus dem Kaiser Friedrich-Museum in Berlin: Teil eines Musterbuches für Leinenstickerei im Webstich. Orient 15.—16. Jahrh. Stiegen heissen in Hamburg die gewöhnlichen Halbflachsleinen aus Flachs und Heedegarn. Stielstich, a) der schräge, wird ohne Vorziehen in der Weise aus¬ geführt, dass man die Nadel von rechts nach links schräg unter einen bis zwei wagrechte und vier bis sechs senkrechte Fäden führt, so zwar, dass der letzte Stich bis zur Hälfte des vorletzten zurückgreift; b) der steile, wird auf vorgezogenem Faden von links nach rechts ausgeführt und zwar oberhalb des vorgezogenen Fadens hinein- und unterhalb desselben herausgeführt. Bei feinen Zeichnungen wird nur so viel vom Stoff gefasst, als der Einlagfaden deckt (s. Stickerei). Stil (lat: stilus; franz. und engl.: style), das in einem Werke der Kunst oder des Kunstgewerbes hervortretende bestimmte künstlerische Formensystem, dem die textilen Arbeiten in engerem Sinne eigentlich nur in der Musterung unterworfen sind. Diese ist aber nicht allein zu verstehen in der nach Land und Zeit sich unterscheidenden Kunstweise, sondern wie der Stoff seinem Gebrauche nach und im Verhältnis der Technik zur Musterung einen Gegenstand künstlerisch belebt, unterliegt auch gewissen Stilgesetzen, die in der Lage oder Kichtung der zu bekleidenden Fläche gegeben sind. (Vgl. Matthias, die Formensprache des Kunstgewerbes, Liegnitz 1875.) Eine wagerechte Fläche wird den Forderungen des Schönheitssinnes genügen, wenn sie eine Einteilung nach Grund, Spiegel oder Plan hat, dessen Mitte betont ist und dessen Band ein den Verhältnissen des Ganzen angemessener Saum umgibt. Von grossem Einfluss auf die Art der schmückenden Elemente wird es sein, ob eine wagerechte Fläche tiefer oder höher als das Auge des Beschauers liegt. Es müssen also alle plasti¬ schen Gestaltungen für die Fussbodenfläche ungeeignete Motive sein, da körper¬ lich dargestellte Kunstformen nur für die Zimmerdecke zweckentsprechend und als stilgerecht zu bezeichnen sind. Ebensowenig dürfen figürliche Darstellungen dazu angewandt werden, die Fussbodenfläche zu schmücken. Um die Darstellungs¬ weise der Pflanzenformen stilgerecht in der Fussbodenfläche erscheinen zu lassen, d. h. dieselbe unter allen Umständen als eine von Erhebungen und Vertie¬ fungen gänzlich freie Fläche zu charakterisieren, werden die Naturformen stilisiert, d. h. flächenartig in Umrissen angedeutet: man zeichnet die pflanz¬ lichen Motive so, wie sie in der Natur gesehen werden, nämlich in der Ansicht von oben, so dass man in das Innere der geöffneten Blume sieht. (Vgl. orien¬ talische Stoffe lind Stickereien.) Die schmückenden Formen der senkrechten Flächen textiler Gegenstände müssen in ihrer Entwickelung von unten nach oben gerichtet sein; die Falten der schlichten Flächen eines Vorhanges sind nach dem Gesetze der Massensymmetrie geordnet und laufen in senkrechter Kichtung abwärts. In Beziehung auf den Saum der hängenden Fläche gilt die Kegel, dass der unteren Umsäumung derselben der grössere Formenreich¬ tum zuerteilt werden muss im Gegensatz zu einer senkrecht stehenden Wand, bei welcher auf den Schmuck des oberen Saumes besonderes Gewicht zu legen ist. Eine abwärts gerichtete Flächenmusterung ist nur am Platze, wenn sich dieselbe aus der Anordnung der deckenden, verhüllenden oder raumabschliessen¬ den Flächen von selbst ergibt, d. h. wenn ein Teil derselben über die be¬ kleideten Glieder hinausragt, durch eigenes Gewicht nach unten fällt und einen Ueberhang bildet, wobei natürlich die sonst senkrecht aufgerichteten Ausläufer
536 Stil. der Schmuckformen ebenfalls hinabfallen und so, von vorne gesehen, den Ein¬ druck machen, als wenn diese nachträglich angenommene Richtung von oben nach unten eine absichtlich herbeigeführte sei. Es gilt dies von überhängenden Tischdecken und anderen Möbelbekleidungen, vom Spitzenschmuck an den Gewändern der Damen, welcher vom Hals und Nacken abwärts fällt, und von vielen anderen Verwendungen der Erzeugnisse textiler Kunst, bei denen man sich wohl zu hüten hat, den Ueberhang oder TJeberfall in seinem Wesen mit dem eigentlichen Vorhänge zu verwechseln. Ein weites Gebiet in der Stilkunde ist die Behandlung der Naturformen in der Ornamentik und die Gestaltung derselben in den verschiedenen Zeiten und Ländern, woran zunächst die vegetabilischen Schöpfungen einen Haupt¬ anteil haben. Alle uns aus hervorragenden Kunstepochen überkommenen textilen Werke legen Zeugnis davon ab, dass man die aus der Pflanzenwelt in diese Kunst aufgenommenen Typen einer Verwandlung unterworfen hat, bevor sie als Schmuckform in Erscheinung traten. Die Art der in Betracht kom¬ menden Blätter und Blüten war durch die dem betreffenden Lande eigentüm¬ lichen Gewächse, teils durch gewisse religiöse Gebräuche, teils durch strenge Forderungen der Symbolik bedingt. Der Grad der Stilisierung und die Art und Weise der Umgestaltung solcher Pflanzen ist je nach dem Charakter der werktätigen Nation und je nach ihrer Kulturfähigkeit, sowie auch nach den zu Gebote stehenden Materialien ein sehr verschiedener. Aber auch in einem und demselben Kunststile werden in der Regel verschiedene Grade der Stilisierung pflanzlicher Motive wahrgenommen, und zwar tritt die eigentümliche Erschei¬ nung ein, dass die frühesten der technischen Produkte eines Volkes oder einer ganzen Periode meistens ganz streng stilisiert, die späteren dagegen freistilisiert und die letzten mehr oder weniger naturalistisch dargestellt sind. Im Stile der alten Aegypter (S. 12) erscheinen als Pflanzenornament die Lotosblüte (Abb. 17), der Papyrus und die Palme. Die Lotosblüte bildet den Urtypus für alle Palmettenformen (S. 387). Die gleichen pflanzlichen Motive finden sich in den erhaltenen Kunstwerken Assyriens und Baby¬ lons (S. 34), erweitert ist der Formenkreis durch den Pinienzapfen und Granatapfel und in voller Gestaltung erscheint der Baum des Lebens (Abb. 31). Diese Kunstformen Aegyptens und Assyriens übernehmen die Griechen (S. 236), wandeln sie aber ganz in ihrem Geiste noch einmal um. Es werden ihre Ornamente streng nach den Naturgesetzen für die Pflanzenbildung ge¬ staltet und man gelangt dadurch zu den Typen jener Formensprache, die heute noch im Bereiche aller Künste verstanden wird. Zu den bereits gebräuch¬ lichen Pflanzenformen kommen noch hinzu: der Akanthus (8. 3), der Lorbeer¬ zweig (S. 337), die Weinrebe mit Blatt und Traube (s. d.), der Efeu (S. 177). Für alle diese Einzelformen schaffen die Griechen jene Rankenbildung, deren Vorbild man früher irrtümlich am Akanthus suchte, die aber lediglich als eine selbständige Formenbildung bezeichnet werden muss. Die Kunst der Römer, welche ursprünglich die ornamentalen Motive der griechischen Kunst aufnahm, schuf in ihrer letzten Zeit wieder mehr nach den Vorbildern, welche die Natur ihr bot, ihre Ornamente erscheinen daher in freier, fast halbnaturalistischer Auffassung. Nach dem Auftreten des Christentums übernahm und verwertete die byzantinische Kunst (Tafel I u. II) die Formenelemente des grie¬ chischen und römischen Stils. Für die textile Kunst ordnen sich hier ein die uns aus koptischen Gräbern überkommenen Gewandreste mit den spätantiken Ornamenten (S. 298). Alle bisher vorgekommenen vegetabilischen Formen wiederholen sich in zum Teil feiner und zierlicher Ausführung und frischester h arbengebung: der Akanthus (Tafel I, 6), die Weinranke mit Blattwerk und Reben (Tafel I, 1), der Granatapfel (Tafel I, 8), die Palme (S. 303) und vor allem der Baum des Lebens (S. 59) in vollständig christlicher Symbolik: wie er der Aschenurne entsteigt in Umgebung der zu neuem Leben erwachten Geister (Abb. 44, S. 61). Der romanische Stil (S. 440), welcher sich zunächst an die starre byzantinische Weise anschloss, näherte sich später mehr und mehr den Typen der natürlichen Gebilde. Seine Ornamentik zeichnet sich
Stil. 537 aus durch ihren bedeutenden Formenreichtum, durch die eigenartige Umge¬ staltung und Durchbildung der überkommenen oder neu aufgenommenen vege¬ tabilischen Elemente (Tafel II u. III), deren Verbindungslinien in Schwung und Kühnheit den Einfluss des Islam verraten. Die arabisch-maurische Kunstweise (S. 27) stand in ihren Anfängen zu der römischen und byzan¬ tinischen Kunst in inniger Beziehung. Sie nahm die Typen dieser Stile auf, entwickelte sie in ihrer Weise und fügte neue, der Natur entlehnte, aber streng stilisierte Elemente zu den alten Vorgefundenen hinzu. Ihre Hauptstärke zeigt die arabische Kunst in der nach ihr benannten Arabeske, deren Entwickelung eine Umgestaltung und weitere Durchbildung der Elächendekoration zur Folge hat. Dieses Ornament besteht aus einer fein berechneten Zusammenstellung, Verschlingung und Durchflechtung vegetabilischer und geometrischer Gebilde, welche die ganze Fläche nach festen, richtigen Kunstgesetzen überziehen und deshalb, ungeachtet ihres ausserordentlichen Formenreichtums, eine vollständige Klarheit aller Teile, die Harmonie aller Farben und Formen zeigen. Zu diesen Motiven tritt die Anwendung der Schrift als Ornament (S. 29 u. 311 und Tafel III). Der gotische Stil (S. 224) liess die herkömmlichen Motive der vorangegangenen Kunstweisen zum grössten Teile unberücksichtigt und näherte sich nach richtigen Grundsätzen wieder den Vorbildern, welche die Natur ihm bot. Man suchte für den ornamentalen Schmuck der gewerblichen Schöpfungen die Motive meistens in der nächsten Umgebung und bediente sich namentlich der Blätter der Eiche, der Distel (S. 225), des Efeus, der Rebe (S. 225), der Rose (S. 225 u. 442), des Klees, des Hopfens, der Platane, der verschiedenen Ahornarten, sowie einiger Blumen, insbesondere der Rosen — die Rosettenbildung war stets ein hervorragendes Motiv — der Lilien (S. 226 u. 331) und mancher Früchte, worunter namentlich der Granatapfel (S. 229 u. Tafel IV) die weitgehendste Bedeutung erlangt hat. Schon während der gotischen Kunstweise kehrte man in Italien zu dem Studium und zu der An¬ wendung der griechischen und besonders der römischen Kunstformen zurück, um eine Wiedergeburt der antiken Kunst zu erlangen. Die Renaissance (S. 421) erreichte zwar nicht die hohe organische Durchbildung, d. h. den aus dem innersten Wesen eines Werkes hervorgehenden Ausdruck in ihren orna¬ mentalen Formen, zu welcher sich z. B. die erste Zeit der Gotik empor¬ geschwungen hatte; allein sie steht durch die lebensvolle Darstellung ihrer schmückenden Mittel, durch den grossen Reichtum, die hohe Schönheit und die harmonische Durchbildung ihrer dekorativen Formen unter allen Kunst¬ weisen auf der höchsten Stufe. Die ornamentalen Motive der sogen. Früh¬ renaissance waren meistens' den Dekorationen der römischen Kunstwerke ent¬ nommen und bestanden grösstenteils aus vegetabilischen Elementen. Aber auch eine feine Beobachtung der natürlichen Gebilde und eine direkte Aufnahme von Vorbildern aus dem Pflanzenreiche lässt sich vielfach nachweisen. Diese der organischen Natur entliehenen Motive tragen alle die Merkmale einer stil¬ gerechten Behandlungsweise an sich. Sie sind von allen Kleinigkeiten und Zufälligkeiten, mit denen sie in der Pflanzenwelt vorgefunden werden, frei¬ gemacht, nach den Gesetzen der Symmetrie und der Proportionalität auf den gegebenen Elächen angeordnet und mit den ausgesuchtesten technischen Hilfs¬ mitteln zur Darstellung gebracht. In der Hochrenaissance zeigen die vege¬ tabilischen Elemente eine noch blühendere Gestalt und üppige Anordnung. Das Hauptmotiv des antiken Ornamentes, das Akanthusblatt fand wieder all¬ gemeine Verwendung. Die Spätrenäissance verwendete orientalische Blätterund Blütenformen: die Tulpe (s. d.), die Nelke (S. 363), die Hyacinthe (S. 253), die Narzisse (S. 362) — sie alle entsteigen als palmettenförmig an¬ geordneter Strauss der antikisierenden urnenförmigen Vase und werden frei im Streumuster (s. d) des 17. Jahrh. Der Barockstil (S. 51) lässt in Italien das antike Element in breiter malerischer Auffassung ausklingen, in Frankreich dagegen beginnt man schon unter Ludwig XIII. die klassischen Originale von neuem in Italien zu studieren und im Stile Louis XIV. ist man bereits auf die antike Formenwelt zurückgekommen. Der Akanthus mit seinen
538 Stil, vollen Hanken und dem breiten Laubwerk wird das Lieblingsmotiv; aber es bleibt zumeist den grösseren Flächen der Innendekoration Vorbehalten, für Stoffmuster geben exotische Pflanzen die Formen her, welche als grosse Palmettensträusse in Erscheinung treten (S. 22 u. 282). Im Zeitalter des Ro¬ koko, dem Stile Louis XV. (S. 484), ist man bemüht, diese Palmetten in lockere Blumensträusse aufzulösen, sie erscheinen in Reihen abwechselnd nach rechts und links gekehrt und durch Bänder und zarte Spitzenornamente ver¬ bunden ; bald macht sich aber auch hier in Einzelheiten der antike Einfluss geltend, welcher im Stil Louis XVI. (s. Zopfstil) mehr und mehr hervor¬ tritt, bis der Empirestil (S. 173) vollends im Akanthus, im Lorbeer und in allen sonstigen Elementen die römische Kaiserzeit nachzuahmen sich be¬ strebt. In Deutschland versucht Karl Friedrich Schinkel den Klassizismus in die alten Bahnen zurückzuführen, allein nur kurze Zeit vermag er sich zu be¬ haupten, um einem vollständigen Naturalismus in der Wiedergabe pflanzischer Formen die Oberhand zu lassen. In den 1870 er Jahren ist es wieder die italienische Renaissance, unter welcher ein neuer Stil im Sinne antiken Geistes sein Banner erhebt. Doch das sklavische Kopieren alter Vorbilder hatte bald seine Reize verloren und man begann von neuem die Naturformen zu studieren, um dem Flachmuster aus der heimischen Pflanzenwelt frische Kunstformen zu¬ zuführen: ein Beginnen, in dem wir heute noch stehen und dessen Schöpfungen an phantastischen Rankengebilden mit dem „Jugendstil“ oder als „Sezession“ (Tafel VIII) in Erscheinung treten, während das übrige Kunstgewerbe, be¬ sonders die Möbelformen, sich der sogen. Biedermaierzeit zuwenden, d. i. die Zeit in Deutschland um die Mitte des 19. Jahrh., zu der die Menschen, von idyllischer Selbstzufriedenheit beseelt, auch an bescheidenen Freuden ihr volles Genüge fanden. Aelter als die Anwendung von Kunstformen aus der Pflanzenwelt sind aber jene Ornamente, welche sich aus der Linie selbst entwickelt haben: Zick¬ zack, Dreieck, Raute und Quadrat aus der geraden, die Wellenlinie, das Oval, die Spirale, der Kreis aus der gekrümmten. Die Verwendung solcher Gebilde in der Zusammensetzung über die Fläche hinweg bezeichnet man als den geometrischen Stil. Da nun den Anfängen der Textilkunst, der Flechterei, Wirkerei und Weberei, die geradlinigen Kunstformen technisch am nächsten liegen, so folgert man hieraus, dass dieser Teil der Ornamentik sich überhaupt aus den Halm-, Gräser- und Fadenverflechtungen entwickelt habe. Auch die Uebertragung dieses geometrischen Stils als Verzierung für die keramischen Körper schien gegeben in den geflochtenen Körben, die als Formen für Tongefässe dienten und deren Struktur nach dem Brande des Tons auf der Aussenseite des Gefässes Flechtenmuster hinterlassen musste. Gegenüber dieser allgemein verbreiteten Theorie Gottfried Sempers — Der Stil in den technischen und tektonischen Künsten, Bd. I: „Die Textile Kunst“; 2. Aufl. München 1878 — vertritt Alois Riegl — Stilfragen. Grund¬ legungen zu einer Geschichte der Ornamentik, Berlin 1893 — einen anderen Standpunkt, indem er das plastische Kunstschaffen dem in der Fläche bildenden voranstellt und so dem Entwickelungsgange des Ornaments einen anderen Aus¬ gangspunkt gibt. Die Semperschen Lehren von der Stilistik der textilen Künste werden davon nicht berührt. Die weitgehendste Ausbildung hat der geometrische Stil in der arabischen Kunst gefunden: beide Elemente, das geometrische wie das pflanzliche, sind in unerschöpflich wechselnder AVeise in der Arabeske vereinigt. Die Tiersymbolik des Altertums und Mittelalters hat auch in der Textil¬ kunst zu figuralen Darstellungen geführt, die besonders den orientalischen Geweben und älteren Teppichen eigen sind. A7om stilistischen Standpunkt aus sind dergleichen Musterungen, besonders ’ auf Fussbodenflächen, natürlich zu verurteilen; aber die Meisterschaft des Orientalen in der Stilisierung hilft uns ohne weiteres über diese Bedenken hinweg. Der Koran verbietet dem Islam ja ohnedies die getreue Nachbildung aller beseelten Gestalten und so führt uns die ausgebildete Phantasie des muhammedanischen Künstlers Menschen- und
Stil. 539 Tiergebilde in der Fläche vor, die ihre natürliche Form vollkommen ausschliesst, welche in sicher geführten Umrissen, gleich der Pflanze, zum Ornament ge¬ worden sind (Tafel II u. III). Diese bis in das 14. Jahrh. hinein sich geltend machenden figürlichen Stoffmuster haben in ihrer Zeit auch religiös-symbolische Bedeutung gewonnen, die dem Araber durch den ihm bekannten Psalter ver¬ ständlich war. Andererseits haben die Abendländer, als sie die ihnen über¬ kommenen sarazenischen Stoffe kopierten, sich diese orientalischen Tierfiguren nach ihrem Sinne zu eigen gemacht, so dass man verschiedenen Erklärungen für die gleichen Darstellungen begegnet. Der schreitende oder ruhig stehende Löwe (S. 339) bezeichnet nach Karabacek „Die persische Nadelmalerei Susandschird, Leipzig 1881“, S. 137 ff., in der muhammedanischen Symbolik gleich dem Adler den Herrscher, sultän, melik, oder die Herrschaft, mulk. Den unwiderleglichen textilen Beweis bringt der Wiener Gelehrte in einer arabischen Goldborte des 12. Jahrh., auf der abwechselnd die Figuren eines stehenden Löwen und Adlers sich aneinanderreihen. Eine gleiche Symbolik spricht sich auf dem S. 338 dargestellten Stoffmuster aus. Es erscheint auf demselben der schreitende Löwe mit einem sitzenden Wiedehopf (fälschlich als Kakadu bezeichnet) in wechselnder Folge. Letzterer gilt für einen Weisen und die Symbolik in dieser Zusammenstellung wird nach Karabacek durch die unter jedem Löwen¬ bilde auf einem Bande laufende Unterschrift als „der Sultan, der Weise“ erklärt. Ein anderes sarazenisches Muster in italienischer Nachbildung des 14. Jahrhdts. zeigt den Löwen, wie er einem Adler zuvorkommend, dessen Yogelbeute beim Halse erhascht, während der Adler, zornig die Flügel schlagend, das Nachsehen hat. Die Symbolik geht hier auf einen hochgestellten sehr tapferen Mann, Fürsten oder Feldherrn, zu dessen Eigenschaften die Kühnheit des Löwen gehört. Der Symbolik des Todes wird die Darstellung eines Adlers zugeschrieben, wenn er aus stilisierten Wolken und Sonnenstrahlen hervorbricht und darunter ein vor Begierde nach seinem Opfer lechzender Löwe wie zum Angriff schreitet. Nach christlicher Legende werden die Darstellungen des Löwen auf den königlichen Löwen vom Stamme Juda bezogen, der den Heiland repräsentiert. Ein von China in den muhammedanischen Tierkreis übertragenes Symbol ist das Khi-lin: ein Wesen, das vom Hirsche den Leib, vom Ochsen den Schweif und ein Horn hat. Die europäische Formensprache hat damals das Einhorn (S. 168) geschaffen. Vom frühen Mittelalter an bis zur spätitalienischen Epoche des 14. Jahrhdts. enthalten die Seidengewebe Darstellungen von Jagdhunden und Jagdleoparden. Diese hängen nach Karabacek mit der Vorliebe der Muhammedaner für das Weidwerk zusammen. Das Jagen mit dressierten Hunden und Leoparden haben die Araber von den Sassaniden: (vgl. die Darstellungen Tafel II, 1 u. Tafel III). Die textile Bedeutung dieser zur Jagd abgerichteten Tiere ist eine wechselnde. Gewöhnlich ist es „das Treiben des Wildes“, arabisch „thardwachsch“, welcher Ausdruck als Name auf eine derartig gemusterte Gattung von Gewänden überging. Dann wieder erscheinen Hasen, Gazellen oder Belie vom Jagdhunde oder Leoparden angefallen. Diese Darstellungen in einem Gehege deuten die Kirchensymboliker „als den Garten der Kirche, wo der von inneren und äusseren Feinden bedrängte Christ, durch das aufgescheuchte Beh versinnbildlicht, Schutz sucht und findet“. Das Vorkommen von Tierdarstellungen in symmetrischer Wiederholung, wie es schon auf den assyrischen Alabasterplatten der Fall ist, und später in Griechenland auf Vasenbildern sich oft wiederholt, führte bei den Vertretern der Semperschen Textilornamentik zu den Bezeichnungen „Teppichstil“ und „Wap p e n s t i 1“ , dem Alois Biegl in seinem schon angeführten Werk ein besonderes Kapitel widmet. Der Wappenstil erschien bestätigt durch den symmetrischen Musterumschlag des Adlers, wodurch er sich zum Doppeladler (S. 8) gestaltete. Abbildungen: Tafel II: Webereien des frühen Mittelalters: 1. Zeichnung nach einer Darstellung aus: Friedrich Fischbach, Die wichtigsten Webeornamente bis zum 19. Jahrhundert, Wiesbaden 1902, Tafel 6: Seidengewebe,
540 Stil. Grund blaugrün, symm. Muster: In Reihen geordnete Kreise, von Bändern aus herz¬ förmigen Blüten gebildet, enthalten unter einem Baum zwei sich gegenüber gestellte Reiter in antiker Tracht, welche mit Pfeil und Bogen auf Tiere schiessen, die vom Jagdleoparden gepackt sind; zwischen den Kreisen Zwickelrosetten. Original an einem Altar im Dom zu Mailand. Sassanidisch 6. Jahrh. 2. Zeichnung wie Abb. 1, Tafel 12: Seidengewebe, Grund grün, verschossen, symm. Muster: Kreise aus Bändern mit Blättern und Blüten, durch achteckige Rosettenfelder verbunden, enthalten je einen geflügelten Greif mit Pfauenschweif; in den Zwickeln Rosetten. Original im South Kensington-Museum, London (?). Sassanidisch 6. Jahrh. 3. Zeichnung nach einer Darstellung aus: Paul Schulze, Ueber Gewebemuster früherer Jahrhunderte, Leipzig 1898, S. 18: Seidengewebe, Grund purpurblau, symm. Muster gelblich: Grosse Kreise aus Bändern mit herzförmigen Blüten sind durch kleine Vielecke verbunden und enthalten die Darstellung einer antiken Quadriga mit Rosselenkern und Diskoswerfern, davor Opferaltar; dazwischen Steinbänke. Original im Domschatz zu Aachen. Byzanz 8. Jahrh. 4. Zeichnung wie Abb. 1, Tafel 17: Seidengewebe, Grund rot, symm. Muster bunt: Grosse Kreise aus Bändern mit antikisierendem Ornament enthalten je einen aufgeschirrten Elefanten, dem hinter seinem Rücken ein Baum aufwächst; zwischen den Kreisen Rosetten. Original im Domschatz zu Aachen mit einer griechischen In¬ schrift, wodurch der Herstellungsort des Gewebes, trotz seines streng orientalischen Inhaltes, nach Byzanz (5—8. Jahrh.) datiert ist. 5. Zeichnung wie Abb. 1, Tafel 3: Seidengewebe, Grund rötlichbrauner Purpur, symm. Muster violett: In Reihen versetzte Adler; dazwischen Rosetten. Original im Dom zu Brixen. Orient oder Byzanz 8.—10. Jahrh. 6. Zeichnung nach einer Darstellung aus: Julius Lessing, Gewebesammlung des König! Kunstgewerbemuseums zu Berlin, 1901: Seidengewebe auf Leinenkette, Grund grün, symm. Muster mit umwickeltem Membran: Qudratische Felder aus Bändern mit antikisierendem Ornament, welche durch kleine Kreise verbunden sind, enthalten je ein Paar gegenständig gekehrter Löweo, welche auf einen Drachen treten; dazwischen ein Baum. Regensburg (?), nach orientalischen Vorbildern 10.—11. Jahrh. 7. Zeichnung wie Abb. 1: Seidengewebe (ergänztes Bruchstück), Grund grün, symm. Muster gelblichbraun: Kreise aus einem Band mit Pfauen, kleinen Adlern und Palmetten enthalten je ein Paar sitzender geflügelter Löwen, dazwischen Baum mit chinesischem Laubwerk. Original: König! Kunstgewerbemuseum Berlin. Orient unter chinesischem Einfluss 10.—11. Jahrh. 8. Zeichnung wie Abb. 1, Tafel 6: Seidengewebe, Grund purpurrot, symm. Muster gelblichbraun: Quadratische Felder aus Balken mit Rautenteilung enthalten je ein Paar von zu einander gekehrten Enten. Original im Domschatz zu Aachen. Bvzanz 6.—8. Jahrh. 9. Zeichnung wie Abb. 1, Tafel 5: Seidengewebe, Grund rot, symm. Muster weiss: Rautenfelder aus Bändern mit Spaten und Kreuzen, welche durch vierteilige Sterne verbunden sind, enthalten je einen Kreis mit zackigem Stern. Original aus einem koptischen Grabe des 5.—7. Jahrh. 10. Zeichnung nach einem Original aus dem Kaiser Friedrich-Museum in Ber¬ lin: Seidengewebe, Grund rot, symm. Muster grün: Wellige Bänder mit Zickzacklinien bilden spitzovale Felder, in welchen reiheuweis abwechselnd je ein Paar von Greifen und Adlern zwischen Palmetten. Sizilien 10.—11. Jahrh. Tafel III: Webereien des späteren Mittelalters: 1. Darstellung aus: Jahrbücher der König! Preuss. Kunstsammlungen, Berlin 1880, S. 6: Leinenstofl mit aufgedrucktem Goldmuster nach einem Seidenbrokatgewebe: Ranken mit reihenweis geordneten spitzovalen Blütenfeldern mit federartigem Rande, dazwischen ein Kranich im Kampf mit einem Löwen. Original im Berliner Gewerbe¬ museum. Das Muster ist orientalischen Ursprungs, im 14. Jahrh. in Italien nach¬ gewebt und in Deutschland gedruckt. 2. Darstellung aus’ Dupont-Auberville, L’ornement des tissus, Paris 1877: Seidenbrokatgewebe, Grund rot, Muster grün mit etwas Weiss und Blau und Gold: In Streifen geordnete Jagdtiere und Schwäne zwischen Blütenzweigen und Rosetten. Arabisch-italienisch 14. Jahrh. 3. Darstellungaus: Paul Schulze, Ueber Gewebemuster früherer Jahrhunderte, Leipzig 1893, S. 31: Seidenbrokatgewebe, Grund blau, symm. Muster Gold, reihenweis versetzt: Adler und Jagdtiere zwischen Baumkronen, geraden und schräg liegenden Schrift tafeln. Arabisch-italienisch 14. Jahrh.
Stilisieren—Stippelarbeit. 541 4. Darstellung aus: Gewerbehalle, Jahrg. 1876, Bl. 12: Seidengewebe, Grund rot, symm. Muster grün, mit etwas Weiss und Blau; Reihenweis versetzte Blattkronen, welche in Ranken mit Blüten endigen und spitzovale Felder bilden, in deren jedem eine Löwenmaske; dazwischen kufische Schrift in Blattornament. Arabisch-italienisch 14. Jahrh. 5. Darstellung aus: Katalog der Gewebesammlung des Germanischen National¬ museums, I. Teil, Nürnberg 1896, S. 84: Seidenbrokatgewebe, Grund grün, Muster Gold: In drei Reihen übereinander abwechselnd ein Adler, Löwe und Hund mit Krone, je au einer Blütenranke, dazwischen kleine Vögel. Orient 13. Jahrh. 6. Darstellung wie Abb. 3, S. 30: Seidenbrokatgewebe, Grund blau, Muster Gold mit etwas Bunt, reihenweis versetzt: Taube mit aufgerolltem Spruchband mit Krone; dazwischen Strahlenrosetten. Arabisch-italisch 14. Jahrh. 7. Darstellung wie Abb. 5, S. 86: Seidenbrokatgewebe, Grund rot, Muster Gold, reihen weis versetzt: Einem Füllhorn entsteigender Löwe, der von einem. geflügelten Drachen angegriffen wird, welcher auf einem Spruchbande steht, dazwischen ein fliegender Drache. Arabisch-italisch unter chinesischem Einfluss 14. Jahrh. 8. Darstellung wie Abb. 5, S. 89: Seidenbrokatgewebe, Grund schwarzgrün, symm. Muster Silber, reihenweis versetzt: Paare von pelikanartigen Vögeln stehen auf dem Teile einer Palmette mit Spruchband, die in feinen Ranken mit Blattwerk herz¬ förmig nach oben geschwungen sind; dazwischen kleine Tiere. Orient 13. Jahrh. 9. Darstellung wie Abb. 5, S. 94: Seidenbrokatgewebe, Grund rot, symm. Muster Gold, reihenweis versetzt: Baumkronen sind mit hängenden Granatäpfeln durch Ast¬ werk verflochten, auf welchem Panther an strahlender Sonne ruhen, zu der ein Adler fliegt. Italien 14.—15. Jahrh. 10. Darstellung wie Abb. 5, S. 96: Seidenbrokatgewebe, Grund rot, Muster Gold, reihenweis wechselnd: Pelikan mit eingeschlungenem Y und springender Hund mit eingeschlungenem S in Abkürzung von Yesus Salvator. Arabisch-italisch 14. Jahrh. 11. Darstellung wie Abb. 5, Tafel VI: Seidengewebe, Grund rot, symm. Muster grün, reihenweis abwechselnd; Palmenbäume, an welchen Jungfrauen abwechselnd Löwen und Hunde an der Kette halten; dazwischen Blütenranken und Palmetten. Orient 13. Jahrh. 12. Darstellung wie Abb. 3, S. 33: Seidengewebe, Grund rot, symm. Muster grün: Dichtes Zweigwerk und kleine Tiere. Italien 15. Jahrh. Tafel VIII: Europäische Textilmuster der Neuzeit: 1. Darstellung aus: Kunstgewerbeblatt, Leipzig 1903, Heft 7: Entwurf zu einer Aufnäharbeit von C. Schlotke in Barmen. 2. Darstellung aus: Kunstgewerbeblatt, Leipzig 1902, Heft 9: Stickerei im Plattund Stilstich nach Entwurf von Prof. 0. Gussmann, ausgeführt von Frl. A. Angermann in Dresden. 3. Darstellung aus: Kunstgewerbeblatt, Leipzig 1902, Heft 11: Fächer mit ge¬ klöppelter Spitze, Entwurf und Ausführung aus dem K. K. österr. Spitzenkurs in Wien. 4. Darstellung wie Abb. 3; Gesticktes Kissen, Entwurf und Ausführung aus der K. K. österr. Kunstgewerbeschule in Wien. 5. Darstellung aus: Kunstgewerbeblatt, Leipzig 1903, Heft 1: Gedrucktes Stoff¬ muster nach Entwurf von Erich Kleinhempel ausgeführt von Franz Geisberg, Chemnitz. 6. Darstellung aus: Deutsche Kunst und Dekoration, Darmstadt, Juni 1900, S. 424; Krawattenstoffmuster nach Entwurf von Adolf Simon in Krefeld ausgeführt von Audiger & Meyer daselbst. 7. Darstellung wie Abb. 4: Seidenstoffmuster nach Entwurf von Fräulein Elise Unger in Berlin. 8. Darstellung wie Abb. 6, S. 419: Krawattenstoffmuster nach Entwurf von Karl Meyer ausgeführt von E. Vogelsang in Krefeld. 9. Darstellung wie Abb. 6, S. 423: Möbelstoffmuster nach Entwurf von H. E. Berlepsch-Valendas in München ausgeführt von Wellmann & Mink, Krefeld. 10. Darstellung wie Abb. 6, S. 419: Krawattenstoffmuster. Stilisieren heist Naturformen für künstlerische Darstellung nicht in voller Naturtreue, mit allen Zufälligkeiten der Gestaltung und Färbung, sondern auf ihre Grundformen zurückgeführt, benutzen. Stippelarbeit, Stippelformen, Druckformen, insbesondere für Zeugdruck, in deren Oberfläche Messingstifte, Stippelmodel, eingeschlagen sind, welche entweder das Muster gänzlich oder doch einen Teil desselben bilden.
542 Sterling—Stoffprüfungen. Stirling, Hauptstadt gleichnamiger Grafschaft in Schottland: Baumwollund Wollwarenfabrikation; besonders Teppiche. Stockach, Stadt im hacl. Kreis Konstanz: Zwirnerei- und Trikotweberei. Stockinet, veralteter geköperter Baumwollenstoff. Stockport, bedeutender Fabrikort in der engl. Grafschaft Chester: Baum¬ wollspinnerei und Baumwollzeugfabriken; Garn-, Musselin und Seidenmann¬ fakturen. Stoff (franz.: etoffe ; engl.: stuff) nannte man früher die schweren Seiden¬ zeuge, welche mit Taffet- oder Atlasgrund teils gemustert, teils broschiert, teils auch mit Gold- und Silberfäden durchwirkt waren. Gegenwärtig begreift man unter St. alle gewebten oder gewirkten Zeuge und spricht von leichten, schweren, feinen, groben, weichen Kleider-, Sommer- oder "Winter-, Möbel-, Tapeten-, Gardinen- und dergleichen Stoffen. Stoffetta, in Italien seidener Sammetstoff mit broschierten Blumen¬ mustern im Taffetgrund. Stoffprüfungen sind für ältere Textilien hinsichtlich ihrer Herkunft oft von besonderer Wichtigkeit, für moderne Erzeugnisse sind sie dem gewissen¬ haften Kaufmann, namentlich zur Beurteilung der gemischten Gewebe, unent¬ behrlich ; sie finden durch das Mikroskop oder durch chemische Reagentien statt. Die Leinenfaser (x4bb. 90) charakterisiert sich durch ihre walzen¬ förmige, niemals platte oder stark um sich selbst gedrehte Gestalt, ferner durch ihre schmale, oft nur als eine Längslinie erscheinende Innenhöhle. Als Hauptkennzeichen der Baumwolle (Abb. 89) dient deren zu¬ sammengesunkene, glatte, bandförmige Beschaffenheit; die lange Zelle ist in der Regel pfropfenzieherartig um sich selbst gewunden. Während die Leinen¬ faser eine sehr enge, häufig nur als Längslinie sichtbare Innenhöhle besitzt, zeigt die Baumwollfaser, mehr oder weniger deutlich, eine breite Innenhöhle; auch die schief gestreifte oder gegitterte Beschaffenheit der Zellwand ist für die Baumwolle charakteristisch, ausserdem ist sie viel biegsamer und deshalb mehr gekräuselt als die Leinenfaser. Die Bastfaser der gemeinen Nessel (s. Nesseltuch) gleicht unter dem Mikroskop der Baumwollzelle; doch ist sie durch abwechselnde Erweiterungen und Verengerungen von ihr zu unterscheiden. Die Bastfaser des Hanfes (Abb. 91) ist lang und walzenförmig, aber ungleich starrer als die Bastfaser des Leins. Die Innenhöhle der Zelle ist in der Regel ziemlich weit, die Wand ist stark verdickt, die Verdickungsschichten treten meistens als Längsstreifen der Wand deutlich hervor, auch zeigen sich liier und da etwas schiefgestellte Querlinien und die Porenkanäle. Die Bastzellen des neuseeländischen Flachses sind sehr lang, glänzend, weiss, seltener gelblich gefärbt. Gleich der Leinenfaser ist sie walzen¬ förmig und wie diese stark verdickt; ihre Innenfläche erscheint in der Regel als einfache Längslinie, es fehlt jede Streifung irgend einer Art. Das Chinagras, welches das sogen. Grasleinen (gras-cloth) liefert, ist durch den Glanz seiner Fäden und seine Stärke ausgezeichnet. Die Faser ist sehr lang, starr und bandförmig wie die Baumwolle, aber nicht wie diese, der sie an Breite gleichkommt, um sich selbst gewunden. Die Wolle (Abb. 88) ist ein röhrenförmiges, aus zahlreichen, ver¬ schieden gebauten Zellen zusammengesetztes Gebilde, welches aus der sogen. Haarwurzel, die in der Haut des Tieres eingebettet liegt, hervorwächst. Unter dem Mikroskop erscheint die W. als eine walzenförmige Röhre, welche mit dachziegelförmig sich deckenden Schuppen bekleidet ist. Die Haarröhre selbst wird von zahlreichen faserartigen, dicht aneinander liegenden Längszellen ge¬ bildet, welche ein zentrales Mark, aus kleineren, meistens undeutlichen Zellen bestehend, umgeben. Der Sei den faden (s. Seide) ist glatt, walzenförmig, strukturlos, ohne eigentliches Ende und ohne Innenhöhle; die Breite des Fadens ist nach der Seidenart verschieden; in der Regel ist die Breite des Fadens überall dieselbe.
. Stoffprüfungen. 548 Die Oberfläche ist glänzend, nur in seltenen Fällen erblickt man kleine Un¬ ebenheiten oder Eindrücke. Die Prüfung der Leinwand besorgt der erfahrene Händler zunächst durch das Auge und das Gefühl; aber nicht jede Ware ist von gleicher Glätte und gleichem Glanz. Schon die Leinwand aus Handgespinst ist glänzender, als das aus Maschinengarn gefertigte Gewebe. Auch eine aus gebleichtem Garn gewonnene Leinwand ist nicht so glatt, als das im Stück gebleichte Leinen. Das Mikroskop oder die Weberlupe zeigt die Ursachen der grösseren oder geringeren Glätte des Fadens: das feine Handgespinst ist weniger gedreht als der Faden des Maschinengarns, die Oberfläche des Fadens aus ersterem ist, wie es scheint, mehr angegriffen, die Fasern sind rauher, der Faden erscheint deshalb nicht so glänzend. Eine mit Baumwolle untermischte Leinwand hat selten ein so glattes, glänzendes Ansehen als die reine, feine Leinwand. Der Baumwollfaden erscheint unter der Lupe rauher und weniger abgerundet, das gemischte Gewebe ist deshalb häufiger scheinbar feiner als die reine Leinwand. Uebrigens verändert die Art der Appretur das Ansehen der Gewebe: eine stark mit Kleister appretierte Leinwand ist natürlich glänzender und steifer als ein schwach appretiertes Leinengewebe. Je gleichmässiger der Leinenfaden unter der Lupe erscheint und je glatter, länger und gleichmässiger die Bast¬ zellen der einzelnen Fäden sind, um so vorzüglicher ist die aus diesen Fäden gewebte Leinwand (Abb. 93). So selten nun ein gemischter Faden aus Baum¬ wolle und Leinen vorkommt, so häufig enthält die Leinwand, neben aus der Leinenfaser bestehenden Fäden, solche aus Baumwolle: dahin gehört z. B. die sogen. Halbleinwand. Die wichtigeren Prüfungsmethoden zur Erkennung der Baumwolle in Leinengeweben, denen eine Entfernung jeglicher Appretur durch Auswaschen vorangehen muss, sind folgende: Die Oelprobe für ungefärbte Gewebe. Man taucht ein Stückchen der zu prüfenden Leinwand in Baumöl oder Rüböl, welches vom Gewebe alsbald aufgesogen sein wird. Durch gelindes Pressen zwischen Löschpapier entfernt man das überflüssige Oel. War das Gewebe gemischt, so erscheint dasselbe gestreift: der Leinenfaden wird durchsichtig, der Baumwollfaden bleibt un¬ durchsichtig. Die Yerbrennungsprobe. Ein Leinfaden, in senkrechter Stellung ungebrannt, erscheint nach dem Erlöschen der Flamme am angebrannten Ende in glatter, zusammenhängender Form verkohlt, während ein Baumwollfaden, ebenso behandelt, sich pinselförmig auseinanderspreizt. Auch mit gefärbter Ware gelingt der Versuch, wenn das Gewebe frei von Chromgelb ist. Die Kaliprobe. Aus Leinfasern bestehende Gewebe sollen in einer kochenden konzentrierten Kalilauge innerhalb zwei Minuten tiefgelb gefärbt erscheinen, während aus Baumwolle bestehende Gewebe eine nur schwach¬ gelbe Färbung annehmen; gemischte Gewebe sollen nach dieser Methode ge¬ streift erscheinen. Die Schwefelsäureprobe. Nachdem man eine Probe des Stoffes ein bis zwei Minuten in gewöhnliches englisches Vitriolöl getan hat, legt man sie zur Entfernung der Säure in Wasser, welches die aus der Baumwolle er¬ zeugte gummiartige Masse auflöst. Zur schnelleren Beförderung der Säure tut man den Stoff noch in Salmiakgeist und wäscht ihn nochmals aus. Nach Abpressen der Feuchtigkeit mittels Löschpapiers ist das Resultat festzustellen. YVar Baumwolle vorhanden, so fehlen dieselben in dem Gewebe. Die Farbeprobe mit rotfärbenden, weingeistigen Tinkturen. Reine Leinengewebe färben sich beim Eintauchen in einer Viertelstunde gleichtörmig orangerot, reine Baumwollgewebe gleichförmig gelb; ist das Gewebe gemischt, so erscheinen die Leinenfäden gelbrot, die Baumwolle gelb, das Ganze gestreift. Leinenfaser in Salpetersäure getaucht, färbt sich nicht. Reine Baumwollengewebe wird man nicht mit reinen Leinengeweben verwechseln können. Mit Jod oder Schwefelsäure behandelt, quillt die Faser auf, sie verkürzt sich dabei, färbt sich schön blau und windet sich hin und
544 Stoffsammlungen lier und es erscheinen dunkelblaue Ringe oder Spiralen, ähnlich wie bei der Leinenfaser. Englische Schwefelsäure löst die Baumwollfaser etwas schneller als die Leinenfaser; Jodlösung für sich färbt sie gelber als die L. Die äusseren Schichten der Nesselfaser quellen unter Jod und Schwefelsäure als breite, die inneren Schichten dagegen als sehr dicht ge¬ wundene zarte Spiralbänder auf. In englischer Schwefelsäure wird die N. nicht so schnell aufgelöst als die Baumwolle. Die Hanffaser wird durch Jod und Schwefelsäure blau gefärbt, die Säure wirkt nicht so schnell als auf die Baumwolle oder Leinenfaser, auch winden sich die aufquellenden Schichten selten spiralförmig. Gegen Aetzkali und gegen Salpetersäure u. s. w. verhält sich die Hanffaser ähnlich wie die Leinenfaser; doch färbt sie sich, wahrscheinlich wegen ihres grösseren Gehaltes an Holzstoff, in kochender Kalilauge ungleich gelber. Neuseeländischer Elachs wird von Jod und Schwefelsäure in der Regel erst blau gefärbt und quillt dann ähnlich wie die Leinenfaser auf. Das Chinagras wird von Schwefelsäure viel langsamer als die Baum¬ wolle und Leinenfaser angegriffen; kochende Aetzkalilösung färbt dieselbe hellbraun, Jod und Schwefelsäure blau, sie quillt dabei langsamer als Leinen auf. Die Wolle verbreitet beim Verbrennen den Geruch einer verbrannten Feder; Zucker und Schwefelsäure färben sie rosenrot, letztere zerlegt das Haar in seine einzelnen Teile, greift sie aber nur sehr langsam an. Kalte Aetzkalilösung wirkt auch nur langsam auf das Haar, kochende dagegen löst es rasch und vollständig auf. Jod und Schwefelsäure färben das Wollenhaar niemals blau. Der Seidenfaden wird von der englischen Schwefelsäure sehr schnell gelöst und in eine klebrige, schleimige, fadenziehende, sich mit Wasser schwer vermischende, halbflüssige Masse verwandelt; während das Wollenhaar derselben Schwefelsäure lange widersteht. Das Aufquellen der Seide in der Schwefel¬ säure erfolgt von aussen nach innen, die innerste Partie erhält sich bisweilen für einige Minuten als festes walzenförmiges Stäbchen, während die äusseren Teile, ohne deutliche Schichtung zu zeigen, bereits aufgequollen sind. Zucker¬ und Schwefelsäure färben den sich rasch auflösenden Seidenfaden schneller als die Wolle rosenrot; Jod und Schwefelsäure bewirken, wie bei der Wolle, keine blaue Färbung. Von kochender Aetzkalilösung wird die Seide rasch und vollständig aufgelöst. Verbrennende Seide riecht wie eine verbrannte Feder. Bei Vermischung von Wolle und Baumwolle prüft man, indem die zerzupften Fäden des farblosen Gewebes mit Jodlösung angefeuchtet werden und man einen Tropfen Schwefelsäure damit in Verbindung bringt, wo¬ durch im Falle des Vorhandenseins von Baumwolle eine schöne blaue Fär¬ bung hervortritt, während die vorhandene Wolle kaum bemerkbar ange¬ griffen wird. Als chemische Probe auf Wolle und Seide genügt die Anwendung englischer Schwefelsäure. Taucht man ein reines Seidenzeug dahinein, so löst sich dasselbe in wenigen Sekunden zu einer weichen, klebrigen, in Wasser, wie es scheint, schwer löslichen Masse auf. Waren Seide und Wolle durch¬ einander gewebt, so verschwindet die Seide, während letztere ziemlich unver¬ ändert zurückbleibt; ist auch Baumwolle dabei, so verschwindet auch diese, aber ungleich später als die Seide. Ist ein seidenes Gewebe mit Baum¬ wolle vermischt, so bleibt die letztere, wenn man dasselbe mit Aetzkali¬ lösung kocht, unverändert zurück; die Seide sowohl als die Wolle, weuu solche vorhanden ist, sind durch das Aetzkali vollständig verschwunden. Stoffsammlungen entstanden um die Mitte des 19. Jahrhs., zunächst im Interesse der kirchlichen Ornate, welchen mittelalterliche Vorbilder zugrunde gelegt werden sollten. Der Kanonikus Dr. Franz Bock aus Aachen war einer der ersten, welcher die Aufmerksamkeit auf die in alten Kirchen befindlichen Textilien (s. textile Kirchenschätze) lenkte und auch ihre Muster modernen Zwecken dienstbar machte. Mit der Gründung von Kunstgewerbemuseen zur
545 Stoffsammlungen. Förderung des allgemeinen Geschmackes musste auch der Pflege textiler Künste besonders gedacht werden* denn wohl nirgends waren die bescheidensten Grenzen des Schönheitssinnes so verletzend überschritten, als gerade auf diesem Gebiete der Kunstindustrie, dessen notwendige Erzeugnisse in der persönlichen Bekleidung und häuslichen Umgebung am meisten verbreitet sind. Das Be¬ dürfnis der Benutzung älterer Vorbilder hat im Laufe der Zeit dahin geführt, dass bei der Anlage von Fachschulen der Textilindustrie auch direkt daran angeschlossene Stoffsammlungen für technische und künstlerische Studien ein¬ richtet wurden, und nicht allein aus Liebhaberei nennen Textilfabrikanten einen kleinen Originalmusterschatz ihr eigen. So haben die letzten fünf Jahrzehnte ein erstaunliches Material an Geweben, Stickereien, Spitzen und Teppichen aller Zeiten und Völker aus Gräbern, Kirchen und Schlössern zutage gefördert und einen gewaltigen Umschwung in Geschmack und Technik aller textilen Künste herbeigeführt. Aber nicht minder sind diese Stoffsammlungen ein un¬ entbehrliches Hilfsmittel geworden zur Darstellung wichtiger Gebiete innerhalb der Geschichte der Menschheit. Von öffentlichen Stoffsammlungen besonderen Inhalts (s. Ausführliches bei den einzelnen Städten) sind bekannt: Aachen: Städtisches Suermondt-Museum, Führer von Dr. Kisa, 1902. — Amsterdam: Niederländisches Museum, vgl: Kalf, Catalogus van de textile Kunst weefsels, gobelins, tapyten, borduurwerk in het Nederlandsch Museum voor Geschiedenis en Kunst te Amsterdam, 1903. — Barmen: Preussische höhere Fachschule für Textilindustrie: alte und neue Gewebe, Stickereien, Spitzen und Posamenten. — Berlin: Königl. Kunstgewerbemuseum, Führer von Julius Lessing, 1890; vgl. auch: Gewebesammlung des Königl. Kunstgewerbemuseums zu Berlin, Herausgegeben von Julius Lessing, Abbildungswerk von 400 Tafeln. Vorbilder¬ hefte (Nr. 13) aus dem Kunstgewerbemuseum zu Berlin, Herausgegeben von Jul. Lessing, Berlin 1891: Orientalische Teppiche. — Königl. Museum für Völkerkunde, vgl. den allgemeinen Führer. — Kaiser Friedrich-Museum: Wirkereien, Gewebe und Stickereien der altchristlichen Zeit. — Abteilung für ägyptische Altertümer der Königl. Museen: altägyptische und koptische Stoffe. — Städtische höhere Webeschule: alte und neue Gewebe; Stoffsammlung Grunow: vornehmlich Stickereien, Katalog von Max Heiden, 1901. — Samm¬ lung des Museums für Deutsche Volkstrachten und Erzeugnisse des Haus¬ gewerbes, vgl. allgemeinen Führer, 1895. — Bern: Historisches Museum; vgl. auch: Der Paramentenschatz im historischen Museum zu Bern, 1895. — Bologna: Städtisches Museum, allgemeiner Führer. — Braunschweig: Herzogliches Museum: mittelalterliche Messgewänder; vgl. H. Biegl, die Sammlung mittelalterlicher Gegenstände, 1879 u. 1884. — Breslau: Museum schlesischer Altertümer: Gewebe, Stickereien, Spitzen u. s. w. aller Zeiten und Völker. — Brünn: Mährisches Gewerbemuseum: Textilien, vornehmlich der mährischen Hausindustrie. — Brüssel: Museum am Porte de Hai: Lyoner Gewebe des 17. u. 18 Jahrh. — Sammlung Errera, vgl. Collections d’anciennes etoffes, 1901. — Budapest: Kunstgewerbemuseum: Weberei und Stickerei südslawischer Hausindustrie. — Chemnitz: Gewerbemuseum des Handwerker¬ vereins. — Städtische Vorbildersammlung: Aeltere und neuere Gewebe, Tapeten, Stickereien und Teppiche. —Darmstadt: Textilsammlung der Grossherzog¬ lichen Zentralstelle für Gewerbe. — Dortmund: Städtisches Museum. — Dresd en: Kgl. Kunstgewerbemuseum; vgl. die Veröffentlichungen aus dieser Sammlung von E. Kumsch: 1. Stoffmuster des 16.—18. Jahrh., Leipzig 1888 bis 1895; 2. Spitzen und Weissstickereien des 16.—18. Jahrh., Leipzig 1889; 3. Leinendamastmuster des 17. u. 18. Jahrh., Leipzig 1891; 4. Muster orienta¬ lischer Gewebe und Druckstoffe, Leipzig 1893. — Dortmund: Städtisches Museum. — Dublin: Gewerbemuseum. — Düsseldorf: Kunstgewerbe¬ museum; vgl.: Wegweiser durch die Textilsammlung des Herrn Dr. F. Bock, 1884; Bock, Katalog frühchristlicher Textilfunde, 1886; Orientalische Stoffe und frühitalienische Stoffe für den Orient, 1890. — Edinburgh: Gewerbe¬ museum. — Florenz: Textilmuseum; vgl. Catalogue of textile fab ries at the gallery of tapestries in Florence, 1891. — Frankfurt a. M.: Sammlung der Heiden, Handwörterbuch der Textilkunde. 35
546 Stoffsammlungen. Kunstgewerbeschule: Stoffe, Stickerei und Spitzen. — St. Gallen: Kunst¬ gewerbeschule. — Genf: Kunst- und Gewerbemuseum. — Hamburg: Museum für Kunst und Gewerbe; vgl. Justus Brinckmann, Das Hamburgische Museum für Kunst und Gewerbe, Leipzig 1894, S. 17—97. — Hannover: Kunst¬ gewerbemuseum : Stoffe, Stickereien und Spitzen, grösstenteils von Dr. Bock zusammengebracht. — Hirschberg i. Schl. Gewerbeverein: Erzeugnisse der heimischen Leinenindustrie und Spitzen. -— Jena: Städtisches Museum: Stickereien und Kostüme. — Kaiserslautern: Pfälzisches Gewerbemuseum. — Karlsruhe: Grossherzogi. Sammlung für Altertums- und Völkerkunde: Samm¬ lung Badischer Trachten im Kunstgewerbemuseum: Stoffe, Stickereien, Spitzen und Posamenten. — Kiel: Thaulow-Museum, Kunstgewerbemuseum der Prov. Schleswig-Holstein: Benaissancestickereien, Bauernwebereien. — Köln: Städti¬ sches Kunstgewerbemuseum: Stoffe, Stickereien, Spitzen u. s. w. aller Zeiten und Völker. — Erzbischöfliches Museum: Mittelalterliche Gewebe und Stickereien. — Sammlung des Domherrn Prof. Dr. Schnütgen: Kirchliche Gewänder, mittelalterliche Gewebe, Stickereien u. s. w. — Krefeld: Königl. Gewebesammlung; vgl. Ueber Gewebemuster früherer Jahrhunderte, von Paul Schulze, Krefeld, Leipzig 1893. — Kristiania: Kunstindustriemuseum; vgl. den allgemeinen Führer und die Veröffentlichungen vonH. Grosch, Altnorwegische Teppichmuster, Berlin 1888; Altnorwegische Bildteppiche im Kunstindustrie¬ museum zu Kristiania, Berlin 1901. — Landsberg i. Bayern: Geschicht¬ liches Museum: Webeindustrie und Trachten. — Leipzig: Städtisches Kunst¬ gewerbemuseum; vgl. Künstlerische Nadelarbeit und Handweberei, Führer durch eine Ausstellung, 1902; Ornamentale und Kunstgewerbliche Sammel¬ mappen, Serie IV u. V, Leipzig 1893: Spitzen des 16.—19. Jahrh. aus der Sammlung des Kunstgewerbemuseums in Leipzig. — Lindau: Städtisches Museum: Stickereien, Kostüme und Hauben aus heimischen Familien. — London: South Kensington Museum; vgl. Bock, Textile fabrics; a descriptive catalogue of the collection of church — vestments, dresses, silk stuffs, needleworks and tapestries, forming that section of the S. K. M. London 1870; Cole, A descreptive catalogue of the collection of tapestry and embroidery in the S. K. M. London 1888; Porte folio of industrial arts u. s. w., London; Art handbooks: Textil fabrics, illustrated, 1876. — Lyon: Textilsammlung im Börsen¬ palais ; vgl. Armbruster, Specimens de soieries et tissus faisant partie des collections du mussee (Lyonais) d’art et l’industrie; Cox, l’art de decorer les tissus d’aprös les collections du musee historique de chambre de commerce de Lyon. Paris 1900. — Magdeburg: Städtisches Kunstgewerbemuseum. — Manchester: Städtisches Museum. — Mailand: Museum Poldi Pezzoli: Spätitalienische Gewebe. — Mülhausen i. Eisass: Museum für industrielles Zeichnen: Stoffe, Musterproben aller Perioden der Mühlhauser Industrie seit ihrer Begründung 1746, in Foliobänden nach Jahrgängen geordnet. — München: Bayrisches Nationalmuseum: Fachsammlung von Textilarbeiten und Volks¬ trachten in der Abteilung für allgemeine Kulturgeschichte. — Münster: Bischöfliches Museum für christliche Kunst: Beiche Sammlung von alten Kirchengewändern, Erzeugnisse der frühen Textilarbeiten und Stickereien. — N ottingh am: Museum von Castle: Spitzensammlung. — Nürnberg: Germanisches Museum; vgl. Hampe, Katalog der Gewebe, Wirkereien und Zeugdrucke, 1896; Stegmann, Katalog der Stickereien, Spitzen und Posa¬ mentierarbeiten, 1901; Bayrisches Kunstgewerbemuseum: Mittelalterliche und Benaissancegewebe. — P aris: Musee pour l’art et industrie; Musee du Louvre; Textilsammlung im Hotel Cluny. — Petersburg: Nationalmuseum; Museum für Volksindustrie. — Prag: Sammlung des Kunstgewerbemuseums. — Beichenberg i. Böhmen: Nordböhmisches Gewerbemuseum: reiche Samm¬ lung aller Textilien. — Born: Museum für Kunst und Industrie. — Sig¬ maringen: Fürst!. Hohenzollernsches Museum; vgl. Verzeichnis der Textil¬ arbeiten, 1874. — Stuttgart: Königl. Landesgewerbemuseum: Führer durch die Stoffsammlung von Max Heiden (in Arbeit). — Trier: Bischöfliches Museum. — Turin: Kunstgewerbemuseum: mittelalterliche Stoffe. — Wien:
Stola — Stradellas. 547 K. K. Oesterreich. Museum für Kunst und Industrie; vgl. die mit besonderer Rücksicht auf die Sammlungen dieses Museums herausgegebenen Werke von Dr. M. Dreger: Entwickelungsgeschichte der Spitzen, Wien 1901 und Künst¬ lerische Entwickelung der Weberei und Stickerei, Wien 1904. — Zürich: Sammlung der Webeschule: Spätes Mittelalter, Renaissance, Epoche Louis XIV. u. XV. — Stola (lat.: stola; franz.: etole; engl.: stole); bei den Byzantinern ein langwallendes Erauengewand mit langen Aermeln, meist aus Seide, auch von den Kaisern (in weisser Seide) getragen, ebenso von Beamten und Priestern. St. in der katholischen Kirche ein (aus dem Schweiss- und Mundtnche, orarinm) entstandener Zeugstreif, welchen der Priester um den Hals legt und mit beiden Enden vorn bis zum Knie hängen lässt, je nach der Würde frei, oder auf der Brust oder an der rechten Hüfte verschlungen. St. heisst auch ein Achsel¬ hand, vom italienischen Adel bis zum 17. Jahrh. je nach dem Rang, über der rechten oder linken Schulter, vorn oder hinten herabhängend getragen. Ein der St. ähnliches Gewandstück tragen auch die älteren französischen und eng¬ lischen Könige, ähnlich bei der englischen refonnierten Geistlichkeit; ebenso legten sich die Dogen Venedigs im 16. Jahrh. über die reich gestickten Seiden¬ oder Sammetgewänder Streifen prächtiger Stoffe, die man Stolen nannte. Stollberg in Sachsen bei Chemnitz: mechan. Weberei und Zwirnerei, Damastweberei, Fabrikation von Strumpfwaren, Strumpfmaschinen, Strumpf¬ stuhlnadeln und Watte. Stonehaven, Hauptstadt der schott. Grafschaft Kincardine: Leinweberei. Stopfen, eine Nadelarbeit zur Ausbesserung von Geweben oder Stricke¬ reien, mittels welcher die fehlenden oder zerrissenen Fäden durch neue ersetzt werden. Je nach Art des Gewebes kann man die Schussfäden desselben zum St. verwenden, sonst wählt man am besten ausgefaserte Fäden eines neuen, dem alten entsprechenden Stoffes. Es gibt vier Stopfarten: die Leinwand¬ stopfe, Atlas- oder Köperstopfe, Damaststopfe und die ver¬ lorene oder unsichtbare Stopfe. Alle Stopfarten sind nach eingezogenen Längen oder Kettenfäden auf der linken Seite des auszubessernden Gewebes auszuführen. Das St. selbst erfolgt möglichst nach der Textur des Gewebes, man hat hierfür besondere Stiche. Beim Strumpfstopfen wird unterschieden: die gewöhnliche Gitterstopfe mit rechtwinklig sich kreuzenden Fäden und die weit mühsamere Maschen- oder Strickstopfe, durch welche die Textur des gestrickten Strumpfes nachgeahmt wird. In neuerer Zeit hat man versucht, für das Strumpfstopfen Maschinen (Stopfmaschinen) zu konstruieren, doch sind dieselben bis jetzt ohne praktische Bedeutung. In der Tuchfabi'ikation heisst St. speziell das Zunähen der beim Scheren des Tuchs entstandenen kleinen Löcher, das durch besondere Arbeiterinnen geschieht. Stoppgarn, Plattgarn, fil plat oder fil au grelot, eine Sorte französischer und holländischer weissgebleichter Garne, wird in Nummern 14—20 assortiert und zum Steppen und Sticken der Linons, Cambrics und Batiste verkauft. Store (franz.), (ital.: stora); Rollvorhang, insbesondere die reicher ge¬ musterten Gardinen in voller Fensterbreite; die Bezeichnung ist auch über¬ tragen auf die chinesischen und japanischen Papiervorhänge. StÖSSel, die horizontal liegenden Nadeln der Jacquardmaschine. Stösselleinwand, Tele Carolina, eine mittelfeine, weiss gebleichte Lein¬ wand, welche früher in Italien sehr begehrt war: sie kam aus Schlesien. Stossnaht nennt man die durch besondere Stichart verbundenen Webe¬ kanten von Leinenstoffen, sie findet namentlich da Anwendung, wo die Breite des Gewebes unzulänglich ist. Stout, moderne Stoffart; s. v. w. Nessel. Strabane, Stadt in der irischen Grafschaft Tyrone: bedeutende Leinen¬ weberei. Stradella, Stadt in der ital. Prov. Pavia: Seidenraupenzucht, Seiden¬ weberei, Tuchmanufaktur. Stradellas nennt man die aus den franz. Manufakturen kommenden
548 Straelen—Streichgarnspinnerei. wollenen Shawls mit Damastmuster. Die schönsten kommen aus Paris und Lyon, leichtere und wohlfeilere aus Nismes, Reims und Roubaix. Straelen, Flecken im preuss. Reg.-Bez. Düsseldorf: Sammet- und Seiden¬ web ei'ei. Stragulum (lat.), Decke, Teppich; stragulatus pannus, buntgestreifter Stoff; stragula vestis, aus solchem gefertigtes Gewand; stragulum funehre, Leichentuch; stragula heisst auch das Vespertuch, welches zum Schutz über den Altartüchern liegt. Strähn, Strehn (franz.: echeveau; engl.: hank), ein Garnmass : 1) Im Königr. Sachsen zu 2 Zaspel a 20 Gebind ä 20 Faden a 3 Ellen (2 m) für 3/4 baumwoll. Garn oder ä 4 Ellen (22/3 m) = 2400 Ellen = 1359,312 m resp. 3200 Ellen = 1812,416 m. 2) In England ist 1 St. baumw. Garn = 840 Yards = 768 m, 1 St. Maschinengarn = 3000 Yards = 2742 m, 20 St. = 1 Bündle oder Bündel. 3) In Frankreich hat der St. 10 echevettes oder Gebinde ä 1000 m Länge, d. h. 70 Fäden ä 142/7 m Länge. Straits, im englischen Tuchhandel die geringen und schmalen Tücher aus der Grafschaft Cornwall. Strakonitz, Stadt in Böhmen: Wollspinnerei, bedeutende Fabrikation der türkischen Feskappen (seit 1805). Stralau, Dorf im preuss. Reg.-Bez. Potsdam: Jutespinnerei und -Weberei; Fabrikation von Teppichen. Stramin (lat.: estramen; franz.: canevas, auch etamine = Siebtuch, Beuteltuch, Haartuch; engl.: canvass; holländ.: stamijn); sehr weitläufiges und so aus kleinen offenen Quadraten bestehendes Gewebe von stark gezwirntem Garn, als Grundstoff für Stickerei, besonders Kreuzstich (s. d.), s. v. w. baum¬ wollener oder seidener Kanevas (s. d.). Schuhstramin oder Schuhkord heisst ein namentlich zu Pantoffeln verwendeter Stoff, der teils aus grobem Kamm¬ garngespinst, teils aus Baumwolle besteht und auf einfarbigem Grunde kleine bunte Muster zeigt. Strasses heisst die gewöhnliche Florettseide, welche zu Westenzeugen und anderen Geweben verwendet wird. Straussberg, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Potsdam: Fabrikation von groben Tuchen, Federplüsch, Kammgarnstoffen, Flanell und Teppichen. Strazza (vom ital. straccia), die Abfälle beim Mulinieren der Rohseide und bei der Bearbeitung der Florettseide. Strazzen, s. v. w. Lumpen, Hadern. Strecken, in der Spinnerei die Fasern recken und parallel legen. Strehlen, Kreisstadt im preuss. Reg.-Bez. Breslau: bedeutende Weberei als Hausindustrie. Streichbaum, am Webstuhl eine unbewegliche vierkantige Latte, über welche das gewebte Zeug von dem Brustbaum auf den Zeugbaum geht; oder an kurzen Webstühlen ein unbeweglicher senkrechter Baum unter oder über dem Kettenbaum, von dem kommend die Kette sich um den Streichbaum fast rechtwinkelig nach dem Brustbaum wendet. Streichgarn, s. Wollengarne. Streichgarnspinnerei. Die Herstellung des Streichgarnes, d. h. des Gespinstes aus Streichwolle, erfordert einige Vorbereitungsarbeiten, welche wesentlich in dem Waschen der Wolle, dem Färben, der Ausscheidung etwa anhängender Kletten, dem Auflockern durch den sogen. Wolf und dem Ein¬ fetten bestehen; die xmmittelbare Vorbereitung zum Spinnen wird aber durch das Krempeln oder Streichen gleich dergestalt bewirkt, dass die letzte Krempel auch das A orgarn bildet, woran sich unmittelbar das Feinspinnen reiht. Die St. hat in neuerer Zeit für fast alle Faserstoffe Anwendung gefunden, so für alle Schafwollsorten, für Baumwolle, Tierhaare verschiedenster Art, für Abfälle der Kammgarn-, Baumwoll-, Hanf-, Flachs- und Seidenspinnerei, für durch Auf¬ lösen von Lumpen und Fäden wiedergewonnener Knnstwolle, für Asbest u. s. w. Der Unterschied des Streichgarnspinnverfahrens gegenüber den unter sich ziemlich gleichartigen Spinnverfahren (s. Spinnen) der Kammgarn- und Baum-
Streichköper—Strickerei 549 Wollspinnerei besteht darin, dass die besonderen Maschinengattungen für Strecken und Doppeln und für Vorspinnen in Wegfall kommen. (Vgl. Otto Luegers Lexikon der gesamten Technik u. s. w. ßd. 7, S. 561 und die dazu angegebene vielseitige Literatur.) Streichköper nennt man häufig den Cassinet, dessen Schuss aus Vigogne¬ garn besteht, wodurch dieser ein feineres * glatteres Aussehen und einen weicheren Griff erhält. Streichriegel, Vorrichtung am Webstuhl zwischen dem Brust- und Warenbaum, über welchen die fertige Ware geht. Streichserge, Strichserge, ein geköperter, tuchartiger Wollenstoff, eine der Hauptarten aller S.-stoffe, deren Kette aus Kammgarn, der Schuss aus Streichgarn besteht. Er wird nach dem Färben am Rahmen mit der Bürste stark gestrichen. Streichwolle, s. Wolle. Strepsikeroswolle, Schafwolle von der Insel Candia, länger aber gröber als die unserige. Streublumen, kleine Blumen und Blätter, welche regelmässig oder un¬ regelmässig über eine Fläche ausgestreut sind, sie sind als Stoffmuster der Spätrenaissance in Italien beliebt (s. a. Seruees und Streumuster). Streumuster (franz.: dessin de jeter; engl.: aspersed pattern), ein solches Muster, welches auf freiem Grund einzelne Figuren, namentlich Blumen, Sterne oder dergl. in Abständen — ohne Zusammenhang untereinander — enthält. St. aus Blumensträussen (Eichenzweigwerk und Nelken) werden im 17. Jahrh. für die sogen, spanische Tracht gebräuchlich (s. Renaissance und Abbildungen auf Tafel V); Muster im gleichen Sinne, dazwischen mit kleinen Tieren, erscheinen in Italien schon einmal am Anfänge des 15. Jahrhdts. (vgl. Abb. 12 auf Tafel HI). Strichstich, s. Holbeinstich. Strickerei (franz.: tricotage, estame; engl.: knitting; ital.: far lavori a magli, far calze; span.: hazer media); Nadelarbeit, bestehend in dem Flechten oder in der künstlichen Verschlingung eines einzigen Fadens in Maschen ohne Knoten, wodurch die Arbeit das Ansehen eines gewebten Stoffes erhält, dessen Faden sich aber wieder aufziehen oder auffädeln und von Neuem bearbeiten lässt, der sich auch, ohne zu zerreissen, ausdehnt und sich wieder zusammen¬ zieht. Das Stricken wurde um 1550 erfunden; es wird berichtet, dass Hein¬ rich VIH. von England um 1547 ein Paar „Tricots“ aus Spanien bekommen habe; in Frankreich erschien Heinrich II. zuerst 1559 in Tricots; William Rider war 1564 der erste Stricker in England. 1589 hatte William Lee in Cambridge den Strumpfstrickstuhl (s. Wirkerei) erfunden, musste aber vor den Handstrickern nach Frankreich fliehen, wo er sich zu Rouen niederliess und dort mehrere Jahre mit Glück arbeitete, starb aber zu Paris in einer sehr dürftigen Lage. Zwei seiner Leute blieben in Frankreich, die übrigen kehrten nach England zurück, um den ersten Grund zur Strumpfwirkerei zu legen, welche lange Zeit dort allein heimisch war. Im Jahre 1614 liess der venetianische Gesandte heimlich den ersten Stuhl nebst Arbeitern nach Venedig schaffen und 1664 wurde die erste Strumpfmanufaktur auf einem Schlosse im Gehölze von Boulogne, nahe bei Paris errichtet. Nach Deutschland wurde (zuerst in Sachsen) der Strumpfwirkstuhl durch David Esche von Limbach zu Anfang des 18. Jahrh. eingeführt. Die Strickerei besteht aus Schlingen, auch Maschen genannt, die mittels Fadens und zweier Nadeln gebildet werden. Zur Ausführung kreis- oder zylinderförmiger Gegenstände nimmt man 4 oder 5 Nadeln. Mit einer auf linker Handnadel durch Knüpfen dargestellten Masche wird durch die in der rechten Hand befindlichen Nadel eine neue Masche ge¬ bildet und von einer zur andern Nadel abgehoben. Man nennt „Maschen anlegen“ oder „anschlagen“ das Bilden der Grundmaschen, auf welchen die Arbeit dann ausgeführt wird. Der Faden wird in Deutschland hierbei über die linke Hand gelegt und zwischen dem fünften und vierten Finger, von aussen nach der inneren Hand, zwischen dem vierten und dritten Finger, aus und
550 Strickgarn—Strümpfe. zweimal um den kleinen Finger laufen gelassen. In Frankreich, England und Italien läuft der Faden einfach über die linke Hand. Es gibt vier Arten, die Maschen anzuschlagen: der Kreuzanschlag auf viererlei Weise, das Auf¬ stricken, das Aufschleifen auf zweierlei Weise und den Oehrenanschlag. Durch viele Fadenverschlingungen entstehen auch verschiedene Maschen : d. h. glatte oder rechte Maschen, wonach man von Glattstricken und Rechtsstricken spricht, verkehrte oder linke Maschen, womit Krausstrickerei oder Links¬ strickerei ausgeführt wird. Das Abwechseln beider Verfahren heisst Verdrehen. Durch Hohlmaschen werden Löcher in festgestrickten Flächen beim Musterstricken gebildet, sie entstehen, indem der Faden über die Nadel gelegt und die so entstandene Schlinge bei der nächsten Reihe als Masche abgestrickt wird. In Verbindung mit anderen Maschen werden auch Knötchen oder K n ö p f c h e n maschen gebildet, die wie Schnürmuster auf¬ liegen. Kettenmaschen werden am Rande solcher Arbeiten angewendet, die man streifenweise ausführt: sie bilden eine Kette, welche den Kanten der Strickerei mehr Festigkeit und Gleichheit gibt; auch werden sie zum Zwecke des leichteren Auffassens der Endmaschen gemacht. Eine Masche von der linken Nadel auf die rechte gleiten lassen, ohne sie abzustricken, heisst ab¬ heben; je nach dem Zusammenfassen der Maschen spricht man von glatt, verkehrt, glatt verkehrt oder verkehrt verdreht abnehmen. Unter Zunehmen für Erweiterung eines Strumpfes versteht man das Fassen nur einer Masche und das Anknüpfen mehrerer daran; ebenso gehören das Auf¬ nehmen oder Maschen fallen lassen zur Strickweise für Strümpfe. Das Ausbessern einer Strickerei geschieht durch Stopfen (s. d-); ist ein Teil der Strickerei durch neue zu ersetzen, so werden die Maschen des neuen Stückes mit jenen des alten mit der Nähnadel und dem Faden der Strickerei verbunden: man bezeichnet dies Verfahren als das Anmaschen. Zum Stricken grosser, sich nicht schliessender Stücke sind auch 50 cm lange Nadeln im Gebrauch, welche an einem Ende in einen Knopf auslaufen, um das Hinab¬ gleiten der Maschen zu verhindern. Bei Benützung von Rahmen werden durch solches Handstricken selbst grosse, breite und lange Decken angefertigt; die Strumpfstricker bedienten sich auch eines Strumpfbrettes. Im Anfang des 19. Jahrhdts. waren gestrickte Spitzen sehr modern. Vgl. Dillmont, Encyklopädie der weibl. Handarbeiten, S. 229—286; August Dem min, Die Wirk- und Webekunst, Wiesbaden, S. 143—148; Georgens, Das Stricken, Leipzig 1882—85; Gb e r m ay er-Walln e r, Die Technik der Kunststrickerei, Wien 1896. Strickgarn, Strickzwirn, nennt man die zum Stricken verwendeten, mehrfädig zusammengedrehten, wollenen und baumwollenen Garne, welche zu¬ meist mehrere sächsische Fabriken zu Chemnitz, Burgstädt, Penig u. s. w. in vorzüglicher Güte liefern. Strickkord ist ^ein wollener Rockstoff. Strickmaschine, s. Wirkmaschine. Strickstopfe, s. Stopfen. Strohdünntuch, seidenes Gazegewebe, in das einfache Muster von feinen Strohstreifen einbroschiert sind. Stroma (griech.), Polster, Teppich, Lager; daher Stromatik = T eppichwebkunst. Stromberg in Westfalen, Flecken im preuss. Reg.-Bez. Münster: Leinenund Baumwollweberei, Bandfabrikation. Strond, Stadt in der engl. Grafschaft Gloucester: bedeutende Fabrikation von Tuch, Kasemir und Garn; Wollspinnerei, Scharlachfärberei und Walk¬ mühlen. Strümpfe (franz.: bas; bonneteiüe = Strumpfwaren; engl.: stockings, kose; span.: medias); bereits im Altertum bekannte Fussbekleidung, welche im Mittelalter bei den Römern bis über die Schenkel reicht; im 13. Jahrh. wurden sie zu Hosen vereinigt, im 16. Jahrh. aber wieder am Knie von den¬ selben getrennt. Für die Frauentracht sind die St. gleichzeitig gebräuchlich.
Strumpfwaren—Sukkerdon 551 Anfangs genäht, seit dein 7. Jakrh. auch schon gewebt, später gestrickt (s. Strickerei). Seidene St. kommen im 16. Jahrh. auf; Königin Elisabeth von England widmete der Strumpfwirkerei grosse Aufmerksamkeit. Strumpfwaren, s. Wirkwaren. Strusi (ital.), (franz.: frisons), Seidenahfälle, welche beim Haspeln ge¬ wonnen werden; man unterscheidet: st. ä feu und st. ä vapeur (bessere Gattung), je nachdem die Haspelbecken mit direktem Feuer oder mit Dampf geheizt werden. Strussa, Watte, welche beim Zerreisen der Doppelkokons gewonnen und zur Florettindustrie verwertet wird. Stückkette, bei gazeartigen Geweben die Gesamtheit der Kettenfäden, welche immer im Oberfach bleiben. Stuhl, s. Webstuhl. Stuhlmatt, früher ein für Stuhlüberzüge gefertigtes Leinengewebe mit Würfeln von farbiger Baumwolle. Stuhlmühle, ein durch mechanische Kraft getriebener Webstuhl, wie die Bandmühle. Stuhlweissenburg, Stadt in Ungarn: die Einwohner fertigen Tuch, Flanell und Kattun. Stumba, s. Seide. Stumpen ist Seidenwerg (ital.: pettenuzzi stumba), der beim Kämmen der verschiedenen Florettseiden in den Werkzeugen zurückgeblieben. Stuttgart, Haupt- und Residenzstadt des Königreichs Württemberg: Trikotweberei. Als Abteilung der Königl. Württ. Zentralstelle für Gewerbe und Handel das Landesgewerbemuseum, gegründet 1849, darin eine neuerdings umgeordnete grosse Stoffsammlung, enthaltend: koptische Gräber¬ funde, Gewebe, Stickereien, Spitzen, Zeugdrucke u. s. w. aller Zeiten und Völker. Auch auf die Neuzeit ist der Inhalt der Sammlung ausgedehnt. In Sammelbänden werden 285 000 Musterproben der seit 1849 in Paris u. s. w. erzeugten Gewebe auf bewahrt. Von chinesischen und japanischen Geweben und Stickereien besitzt das Museum die grösste Sammlung in einem Vermächtnis und Ankäufen durch Prof. Bältz. Ein Führer durch die Stoffsammlung ist in Vorbereitung. Styl, s. Stil. Stybolines, aus Wollen- und Leinengarn bereitete Filztuche, werden zumeist in Frankreich gefertigt und statt der Leder als Krempelbeläge benutzt. Subserica (Stamoserica), frühmittelalterliche Stoffe, welche seidene Kette und leinenen und baumwollenen Einschlag enthalten. Der Gebrauch derselben war nach der Aussage von Amurianus Marcelinus ihres bedeutend billigen Preises wegen ein sehr ausgedehnter. Sllbucula (lat.), die untere der beiden Tuniken (tunica intima), auch die Tunicella der liturgischen Gewänder. Süchteln, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Düsseldorf: Sammetweberei, zwei Sammet- und Sammetbandfabriken, je zwei Seidenfärbereien, Zeugdruckereien und Appreturanstalten. Sudanstoffe, die aus Zentralafrika kommenden mit Indigo gefärbten Baumwollstoffe, die sorgfältig bearbeitet werden und ein stark begehrter Artikel sind; sie kommen auf die Märkte von Marokko. Südslawische Stickereien, s. Volkskunst. Sujewö-Orjechowo, zwei einander gegenüberliegende Fabrikdörfer, das eine im russ. Gouvernement Moskau, das andere im Gouv. Wladimir: sie bilden den Mittelpunkt des sogen. Sujewschen Fabrikbezirks, wo sich zahlreiche Fabriken befinden, darunter die Nikolsche Baumwollmanufaktur mit 9 Mill. Rubel Umsatz und 18 000 Arbeitern, ferner die Ponceaufärberei der Bogorodsko-Gluchowschen Manufaktur mit 5. Mill. Rubel Produktion und 10400 Ar¬ beitern, 4 Seidenwebereien u. a. Daneben hat sich bedeutende Hausweberei entwickelt: in Sujewö allein werden 400 Betriebe mit 4200 Webstiiklen gezählt. Sukkerdon sind ostindische Musseline.
552 Sultanabad—Suzeni Sultanabad, Stadt in der pers. Provinz Irak Adschmi: Schaf- und Ziegenzucht, Teppichfabrikation; besonders werden geknüpfte Seidenteppiche mit baumwollenem Einschlag hergestellt. Sulz, auch Ober-Sulz, Stadt im Bezirk Obereisass: Baumwoll- und Seiden¬ spinnerei; Seidenbandweberei. Sulzmatt, Dorf im Bezirk Obereisass: Baumwollspinnerei und -Weberei; Seidenspinnerei. Sumakhteppiche jeder Art sind broschierte Gewebe, bei welchen die Schussenden entweder kurz am Gewebe auf der Rückseite abgeschnitten sind oder lose auf letzteren hängen. Es gibt zwei Arten von S., die in Daghestan gearbeitet werden: die feinere Sorte in Derbent, die gröbere in dem Orte Küre. Der Grund der S., wozu die Verne- und Sileteppiche gehören, ist am häufigsten ziegelrot, seltener dunkelblau, das Muster gewöhnlich geo¬ metrisch (s. Teppiche). Sunnhanf (Sunn, ostind. Hanf, engl.: sunn hemp, janapan) ist eine der Jute ähnliche Spinnfaser, welche von der ostindischen, zu den Hülsenfrüchtlern gehörigen Pflanze, Crotalaria juncea (binsenähnliche Klapperhülse), gewonnen, auch auf Java und Borneo kultiviert wird. Die Faser ist blassgelblich und zeigt einen lebhaften, doch etwas schwächeren Glanz als Jute, ist etwa 500 mm lang, besitzt geringere Festigkeit als Hanf, aber grössere als Jute. Superfin broad cloths, ein breites, feines, starkes Tuch, wird in den englischen und französischen Fabriken für den Export nach China gefertigt. Surahs sind einfache Taffete aus Indien, die in Europa durch Färben und Bedrucken veredelt werden. Surate, Baumwollsorte aus Ostindien, weiss ins Graugelbe, matt, ziemlich kräftig im Faden. Surat’sche Atlasse, s. v. w. Cotonis (s. d.). Surat’sche Taffete, s. v. w. Aladjas (s. d.). Surcot (franz.), auch Sorcos, Sorquaine, Sobrecot, ein Ueberkleicl des Mittelalters für beide Geschlechter. Surepachs oder Surbands sind ostindische Musseline. Sürfilieren (Zweimalspinnen), wird in der Streichgarnspinnerei angewendet, um aus grobem Vorgarn höhere Nummern zu spinnen, falls für einmaliges Spinnen der Verzug zu hoch wird. Dabei wird so verfahren, dass das Garn auf der ersten Maschine Rechtsdraht erhält, wenn es auf der zweiten links gesponnen wird, und umgekehrt. Surinam, Baumwollsorte aus Guyana, weiss ins Gelbliche, glänzend, ziemlich kräftig im Faden. Surtout (franz.), ITeberrock, Ueberzieher. SÜS, persische Seidenmanufaktur, welche im Mittelalter durch x\tlas und Sammet berühmt war. Susa in Tunis lieferte im Mittelalter sehr zarte und kostbare Seiden¬ zeuge. Susandschird, ein zu Anfang der 80er Jahre des 19. Jahrh. vom Kauf¬ mann Graf in Wien erworbener seidener Knüpfteppich, der dadurch berühmt ward, dass ihn Prof. Ivarabacek für mittelalterlich hielt. Die Wiener Aus¬ stellung von Teppichen im Jahre 1891 brachte indessen mehrere solcher Stücke jüngeren Datums, wodurch jene Datierung, erschüttert wurde. (Vgl. Dr. Joseph Karabacek, Die persische Nadelmalerei Susandschird, Leipzig 1881; Riegl, Altorientalische Teppiche, Leipzig 1891, S. 84 ff.) Susces, leinwandai'tige, leichte Seidenzeuge aus Bengalen. Susjes, s. Soesjes. Su-tschou, Su-tschau, Hauptstadt der chines. Prov. Kiang-su: die Be¬ wohner zeichnen sich von alters her durch ihren Gewerbefleiss, Erzeugung und Färben von Seiden- und anderen Zeugen aus. Sutton-in-Ashfield, Stadt in der engl. Grafschaft Nottingham: Baum¬ wollindustrie und Spitzenklöppelei. Suzeni (pers.: Nadelwerk), Stickerei, bei welcher die Fäden von Grold,
Svila—Ta-jong. 553 Seide u. s. w. nicht selbst durch den Stoff durchgezogen, sondern, ähnlich wie Litzen, mit feinen Stichen aufgenäht werden. Svila = Seide (von svivat = winden, abgeleitet), ein alter, im Mittelalter weit verbreiteter, noch jetzt im Serbischen üblicher und durchaus un¬ verfälschter Ausdruck. Swandowns sind gemusterte englische Westenzeuge. Köper-S., eine be¬ sondere Art Barchent mit vierfädigem beidrechtem Köper. Swanskin (engl.), eine Art Flanell. Symmetrisch ist ein Stoffmuster, dessen beide Hälften übereinstimmen, wenn man es durch eine Senkrechte im Augenpunkt geteilt denkt. Syndonus war im Mittelalter die vorzüglichste Gattung des Cendals (s. d.), wahrscheinlich indischer Herkunft, wogegen dieser Ausdruck nach Anderen nicht ein bestimmtes Textil, sondern ohne Unterschied mantelartige Kleidungsstücke bezeichnete. Syräf, im 7. und 8. Jahrh. eine vielbesuchte Stätte für Seidenverkehr an der Westküste Indiens. T. Tabis, Tabin, Tabinet heissen moirierte Zeuge; später verstand man darunter zwei verschiedene Arten von Geweben: 1) einen glatten, dünnen ge¬ wässerten Taffet zu Futter, Vorhängen u. dgl. 2) halbseidene, gewässerte Kamelotts oder englische Tabins. Tabor, Stadt in Böhmen: Baumwollwarenfabrikation, Tuchmanufaktur und Kunststickerei; Streichgarnspinnerei. Tabourets, Taborets, veralteter buntgemusterter, glänzender Wollen¬ stoff zu Möbelbezügen; auch in manchen Gegenden heut zu Hocken für Bauern¬ frauen verwendet. Täbrfs (Tebris, Täbriz oder Tauris), Hauptstadt der pers. Provinz Azerbeidschan: bedeutende Baumwollweberei, Seidenwirkerei, Färberei und Druckerei. T. war während der Kreuzzüge Hauptsitz der Seidenindustrie. Tafeldruck, Zeugdruck mit hölzernen Formen und mit bereits fertigen (also nicht erst durch einen chemischen Prozess hervorgerufenen) Farben. Tafelseide, Organsinseide aus vier bis fünf Fäden. Tafetan heisst im Spanischen der Taffet. Taffet, Tafft (im 17. Jahrh. Daffat, im 18. Taffent; franz.: taffetas, vom ital. taffetä, das wieder aus dem pers. tafteh entstanden; engl.: taffeta; lat.: taffata); glatter auf Leinwandart gewebter Seidenstoff, zu welchem nur die feineren Gattungen der Seide verwendet werden, und welcher bald leichter, bald schwerer oder dichter, je nachdem er mehr oder weniger feinere oder stärkere Kettenfäden enthält, in grosser Verschiedenheit in den Handel kommt. Die schweren T. mit zweifädiger Kette und zwei- bis zehnfädigem Einschlag heissen Gros; Marcellin oder Doppeltaffet steht im Aussehen und in der Schwere zwischen Gros und eigentlichem Taffet. Futtertaffet, Florence und Milflorence oder auch Halbflorence, letzterer mit seidener Kette und baumwollenem Einschlag, sind leichtere Taffetarten. Ein leichter, aus Florett¬ seide hergestellter T. heisst Faille. Taffetgrund heisst der leinwandartige Grund bei geblümten Seidengeweben. Taffetspiegel, glänzende Streifen mit Kette von Organsinseide in Gaze¬ geweben. Taillure (franz.), Stickerei auf Besätzen; Applikation. Ta-jong ist Tuch für China.
554 Takata—Tanta, Takata, Stadt auf der japau. Insel Nipon (Hondo): bedeutende Baum¬ wollweberei. Talanche, grober und gewöhnlicher Stoff aus hänfenem oder flächsenem Garn und gewöhnlicher Schafwolle, glatt oder farbig gestreift, in Frankreich zur Kleidung für die ärmeren Yolksklassen. Talar, (lat. talaris), eine lange Tunika der spät-röm. Zeit; dann das Privatkleid der kath. und das Amtskleid der prot. Geistlichkeit. Talavera de la Reina (lat. Talabriga), Bezirksstadt in der span. Provinz Toledo in Neukastilien: früher berühmt wegen seiner heute fast verschwundenen Seidenweberei; jetzt Herstellung von Tuch, Hüten u. s. w. Taled, Taledot heisst man die weis sen Tücher aus feiner gekämmter Wolle, mit einer blauen Kante, welche die Juden beim Gebet über den Kopf schlagen; die gesuchtesten waren früher die, welche in Tunis verfertigt und über Livorno nach Europa gebracht wurden. Ta-li-tan oder Hai-mian, chinesische baumwollene Teppiche mit aus¬ genähtem Band, welche den Chinesen als Bettdecken dienen und in der Provinz Kouang-tong gewebt werden. Tama-ito (aus dem Japanischen), Bezeichnung für ein polsterähnliches aus durchbrochenen Doppelkokons hergestelltes Material für die Florettindustrie. Tamarix Germanica, die deutsche Tamariske: Ersatzmittel für Baumwolle. Tambourierarbeiten werden mit der Tambouriernadel, einem Häkchen, feiner Häkelnadel (franz.: crochet, engl.: hook) gestickt. Das T. ist eine Art des Kettenstichs, der durch ineinandergreifende Schlingen gebildet wird; man stellt ihn auch durch Maschinen her. Eine ausgedehnte künstlerische Ver¬ wertung findet die T. im Orient (s. orientalische Stoffe und Stickereien), wo¬ selbst grosse Decken in einfarbiger Seide mit breit angelegten Flächenmustern gefüllt werden (Abb. 220). In Deutschland und England war die T. schon im Mittelalter für grosse kirchliche Stickereien auf Leinwand gebräuchlich: s. opus anglicum. Tamettes, ostindische baumwollene Schnupftücher. Tamis, Tammys, (franz.: Damy), Wollenstoff in Leinwandbindung, der sich von Etamin nur durch die Appretur unterscheidet; er führt den Namen, weil er früher zu Siebböden diente. Tamise (Ternsche), Marktflecken in der belg. Prov. Ostflandern: Flachs¬ und Baumwollspinnerei, Kattundruckerei, Leinwandbleichen, Fabrikation von Segeltuch. Tammagusta, Hauptsitz der Seidenindustrie während der Kreuzzüge. Tämmerfors (finn.: Tampere), Stadt im finn. Län Tawastehus: zahlreiche Fabriken, darunter Baumwoll- und Leinenspinnerei und -Weberei, Tuchfabriken. T. ist die bedeutendste Fabrikstadt Finnlands. Tarnworth, Stadt in der engl. Grafschaft Stafford: Tuchweberei und Baumwollspinnerei. Tananariva, Hauptstadt der Insel Madagaskar: Fabrikation gesuchter Teppiche von Seide und Baumwolle und wasserdichter Zeuge. Tandems hiessen früher schlesische und böhmische weissgebleichte Leinen von mittlerer Feinheit. Tandschur (engl.: Tanjore), Hauptstadt der indobrit. Präsidentschaft Madras: Seiden-, Musselin- und Kattunweberei. Tang, ostindischer Musselin aus Bengalen. Tanjebs, Tansjebs, Tangebs, ostindische Sorten gewöhnlicher, mittelfeiner und feiner Musseline, glatt, gestickt und mit goldenen Leistenbändern. Tann an der Rhön, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Kassel: Fabrikation von Leinen-, Woll-, Baumwoll- und Plüschwaren. Tannhausen, Dorf im preuss. Reg.-Bez. Breslau: grosse Baumwollwarenfabrik, Bleichen. Tannwald, Stadt in der österr. Bezirkshauptmannschaft Gablonz in Böhmen: Baumwollspinnerei und -Weberei. Tanta, Hauptstadt der Prov. Garbie in Unterägypten: der Umsatz um
Tapalos—Tarlatan. 555 fasst u. a. Seidentücker, Stickereien und Mützen, welche von den Wallfahrern als Erinnerung gekauft werden, während die Manchestergüter, welche früher die wichtigste Rolle hier spielten, fast ganz unberücksichtigt bleiben. Tapalos sind im mexikanischen Handel englische und französische Shawls in bunten Farben. Tapestry (engl.), gewirkte Tapete, eine Art Teppich (s. d.). Tapete (grieck.: tapes, täpeta; lat.: tapes, tapetia, tapecius, tapicium, tapesium; pers.: tanbese, tabeste; arab.: thänfise; ital.: tappeto; franz.: tapis; engl.: tapet), Decke zum Ueberbreiten, Behang oder Bekleidung der Wände, bestand schon im Altertum aus gewebten oder gewirkten Stoffen: die Stein¬ platten der assyrischen Tempel (s. Assyrien und Babylon) geben Beweis dafür, wie solche Wandbekleidungen in den Steinstil umgesetzt wurden. Griechen und Römer übernahmen die Sitte von den Asiaten, in Byzanz und im Abend¬ lande erhielt sie sich, durch den Handelsverkehr mit den Arabern immer neu aufgefrischt für Kirchen und Paläste. (Vgl- Bildwirkerei, Wandteppiche, Rukkelaken, Tapisserie.) Neben den aus Wolle oder Seide oder beiden, auch mit Gold und Silber gewirkten oder gestickten Tapeten erhielten sich die auf Leinwand oder Seide gemalten, für welche der Geschmack wieder allgemeiner wurde, als man in Europa dergleichen chinesische Arbeiten kennen lernte. (Vgl. die Seiden- und Sammetgewebe in den einzelnen Artikeln über die Stilarten.) Tapiau, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Königsberg: in der Besserungsanstalt werden Decken, grobes Tuch (Want), Baumwollzeuge (Nessel), Strohmatten und Fischernetze angefertigt. Tapis, franz. (lat.: tapes; engl.: tapet), Teppich, bes. Wandteppich (s. d.), tapis ä personnages, Teppich mit eingewirkten menschlichen Figuren; tapis sarrasinois, lat.: tapisseria Sarracenorum, Sarazenenteppich, mit orientalischen Mustern; tapis velu, rauher sammetartiger Teppich, Fussteppick. Tapis werden an einigen Orten gewisse Sorten bunter orientalischer Tücher genannt. Tapis fa^on d’Ecosse, s. schottische Teppiche. Tapis veloutes haute lisse, s. Savonnerieteppiche. Tapisserie (franz.), Teppichwirkerei, Teppichstickerei, besonders die Kunst des Wirkens von Teppichen und Tapeten mittels Handarbeit, dann auch übertragen auf die Herstellung solcher auf dem mechanischen Webstuhl (s. Teppich und hierin Wandteppiche). Tapisseriestickerei ist die allgemeine Bezeichnung für Arbeiten auf Kanevas in den darin üblichen Sticharten. Tappart, Tappert (vom mittelalt. tabardum), im 15. Jahrh. ein Mantel aus grobem Wollenstoff. Tappissendis, ostindische Kattune, gemalt und auf beiden Seiten ge¬ druckt, zum Beschlagen der Wände, zu Bettdecken, Hals- und Taschentüchern. Tapsel oder Tapseis sind gewöhnliche, blau und bunt gestreifte Kattune für den Negerhandel. Taquis oder Toiles ä taquis sind baumwollene Stoffe von Aleppo. Taranto (Tarent), Stadt in der ital. Prov. Lecce: Woll-, Leinen- und Baumwollweberei, Fabrikation von Strumpfwaren und Handschuhen. Tarantola, ein zu Taranto im Königreich Neapel gewebtes blaues Tuch. Tarare, Stadt im franz. Depart. Rhone: ist Mittelpunkt eines wichtigen Industriebezirks mit über 60 000 Arbeitern und berühmt durch seine glatten und gestickten Musseline und Seidenplüsche für Hüte; Seidenfabrikation. Tarares, in Frankreich verschiedene Arten guter Leinwand, auch mit Baumwolle gemischt, besonders zu Fenstervorhnngen, aus der Stadt Tarare. Tarlatan (franz.: tarlatane), der leichteste baumwollene Kleiderstoff, welcher gazeartig erscheint, aber Leinwand besitzt. Er ist weiss oder ein¬ farbig, liegt einfach oder doppelt breit und dient meist zu Ballkleidern, doch auch als Material zu Ausputz. Die Stoffe sind sehr wohlfeil, vertragen aber nicht das Waschen.
556 Tarliscetti—Taus. Tarliscetti, auch Stramazetti, italienischer Name für die in Oberschlesien gewehte bunt gestreifte Leinwand. Tarnatane, ursprünglich ostindische, sehr klare und dünne Baumwollmusseline, die später in Europa nachgemacht und unter dem Namen Tarlatans oder Tirletans in den Handel kommen. Tarne et Garonne, Depart. in Südfrankreich: Seidenspinnereien und -Webereien; Leinenweberei. Tarnobrzeg, Marktflecken in Galizien: Leinenweberei. Tarnow, Stadt in Österreich. Galizien: Damast- und Leinenweberei. Tarragona, Hauptstadt der gleichnamigen span. Provinz: Seidenweberei und Garnspinnerei; Herstellung von Blonden und Spitzen. Tarrasa, Bezirksstadt der span. Provinz Barcelona in Catalonien: Tuch-, Baumwoll- und Wollzeugweberei. Tartan, Tartan-Plaid, bunt gewürfelter Wollenstoff, auch mit baum¬ wollenem oder seidenem Einschlag, der in Schottland gewebt wird. Eine Nach¬ ahmung dieses Stoffes sind die wollenen und baumwollenen gross gegitterten Merinos (s. d.). Tartaricus pannus (lat.), (engl.: tartarium), im Mittelalter schwerer Seidenstoff aus dem Orient (nach anderen aus Tortona in Oberitalien); er war in Gold gestreift und wurde in Italien und England für kirchliche Zwecke verwendet. Tartenete oder Trina ist der älteste italienische Name, welcher in Er¬ kunden für Spitzenarten erscheint; er bezeichnet eigentlich dort weniger die Sache als den Zweck, auf ähnliche Weise wie man im Französischen den Namen passement findet. Taschentuch, Schnupftuch, Sacktuch, Facilletlein (franz.: mouchoir; engl.: pocket handkerchief); der Gebrauch desselben kam, vermutlich aus Italien, in der zweiten Hälfte des 16. Jahrh. auf und gab sehr bald zu grossem Luxus an Stickereien Anlass. Der Stoff war Kammertuch oder feine Lein¬ wand, gewöhnlich weiss, doch auch farbig, mit Besatz aus kostbaren Spitzen; auch hohle, durchbrochene Nähte fassten das T. ein und an den Ecken hingen kleine Quasten; in heutiger Zeit in grosser Mannigfaltigkeit hergestellt aus Leinen, Baumwolle und Seide, weiss, einfarbig, bunt gedruckt und gemustert. Die weissen leinenen und batistenen T. werden viel in Frankreich (Cambray, Yalenciennes u. s. w.), Böhmen, Westfalen, Schlesien und der Oberlausitz, weisse baumwollene aber im sächsischen Voigtlande, im sächs. Erzgebirge u. s. w. gefertigt, welche beiden Gattungen man häufig mit Stickereien versieht. Bunt¬ gedruckte leinene mit rotem Grunde und schwarzen und weissen Mustern, teils ganz von Leinengarn, teils mit Baumwolle gemischt, teils ganz von Baum¬ wolle kommen meist aus Sachsen und Böhmen, während andere gedruckte in allen Kattunfabriken zu billigen Preisen zu haben sind. Buntgedruckte seidene T. kommen aus Ostindien, die in Elberfeld, Barmen, Wien u. s. w. nacligeahmt werden. Taugarn, das zu den schwersten Seilerarbeiten benutzte grobe Hanf¬ gespinst. Taunton, Stadt in der engl. Grafschaft Somerset: Fabrikation von Tuch und Seidenzeugen. Taunton, einer der beiden Hauptorte des County Bristol im nordamerik. Staate Massachusetts: eine Anzahl Fabriken für Baumwollwaren, namentlich Garne. Tauntons heissen in England die mittelfeinen und gewöhnlichen Wollen¬ tücher, welche in der Stadt Taunton und Emgebung gewebt werden. Taurinotuch, ein aus Rinder- und anderen Tierhaaren, mit Wolle ver¬ mischt, gewebter tuchartiger Stoff, welcher in Amerika zu Fussteppichen und auch zu Kleidungsstücken für Matrosen, sowie für ärmere Volksklassen ver¬ braucht wird. Tauröste, ein Röstverfahren hei der Flachs- und Hanfbereitung. Taus, Stadt in Böhmen: Leinen- und Baumwollweberei, Fabrikation von Bändern, Zwirn und Wirkwaren.
Tauwerk— Templin, 557 Tauwerk, Taue, im Seewesen alle Seile, sie mögen stark oder schwach, von Hanf, Manilagras oder Draht gefertigt sein. Taxili, mazedonische Baumwollsorte. Tazi heisst persisch der Hund, welcher im Aschkalimuster des Knüpf¬ teppichs eine Holle spielt. Tbik (koptisch: Sperberstadt; arab.: Dabik), Städtchen in Aegypten, im 13. Jahrh. aber zum Dorf herabgesunken; einst berühmt wegen seiner Ge¬ webe und Stickereien. Tcheuse, Tscheuze oder Tsckeutse, ein chinesischer Taffet von dichtem Gewebe, weich und geschmeidig, so dass er ohne Falten bleibt, auch wenn man ihn noch so oft zusammenlegt und mit den Händen reibt oder drückt; er lässt sich wie die Leinwand waschen und wird deshalb in Asien zu langen Beinkleidern, Unterkleidern und Hemden verbraucht. Tearing goods nennt man in England die für den Export nach Afrika bestimmten flächsenen und baumwollenen Zeuge. Tebris, Stadt in Persien, s. Täbris. Tecong ist ein Negerzeug von grobem Plachsgarn, das früher im spani¬ schen Mittelamerika vorkam. Teiken heissen in Westfalen alle Arten von Drillich oder Zwillich. Teil, bei gemusterten Stoffen das Muster in seiner einmaligen vollen Ausdehnung, Happort. Teiler, s. Riet. Teke-Teppiche, s. Turkmenen Tek-Iplik, feinster Smyrnateppich aus Uschak. Tekko, eine seit 1800 eingeführte Stofftapete, besteht aus einem mit Oelfarbe überzogenen und bedruckten Baumwollstoff, dem durch Gaufrierung Seiden- oder Damasteffekte verliehen werden. Tela (lat.), Gewebe; T. cellulosa, Bindegewebe; T. cornea, Horngewebe; T. depurata, gereinigter Mull. Tela Carolina, s. Stösselleinwand. Tela de lana (span.), s. Circassias. Tela tinta nennen die Italiener die leichten dünnen Putterleineu, bunt in verschiedenen Farben im Stück gefärbt, welche aus Schlesien, Böhmen und aus der Schweiz kommen. Tele cavalline, s. Cavailkos. Tele COrame (Corame, Lederleinwand), in Böhmen und in der Lausitz (besonders in Georgswalde, Warnsdorf, Rumburg, Bautzen, Zittau, Löbau, Herrnhut) aus weissgebleichtem flächsenen Garn fest und gedrungen gewebte Leinwand, welche dadurch, dass zur Werfte stärkeres Garn genommen wird, sich von der Creas unterscheidet. Tele d’Argovi, in Italien bunt gedruckte Leinen aus dem Kanton Aar¬ gau in der Schweiz. Tele di Cotone, s. Schwäbische Leinwand. Tele greggie, in Italien leichte Leinenstoffe aus der Oberlausitz und Böhmen. Tele rigate, in Italien bunte Leinen aus Schlesien und Böhmen. Telfs, Dorf in der österr. Bezirkshauptmannschaft Innsbruck in Tirol: grosse Baumwollspinnerei. Telgte, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Münster: Baumwoll-, Leinen- und Wollweberei. Telläro ist die auf Kreta übliche Bezeichnung des Handwebestuhls für Teppiche. Telon, in Frankreich eine Art Droguet. Teltsch, Stadt in Mähren: Wollwaren-, Tuch-und Hutfabrikation, Baum¬ wollweberei und Färberei. Temesvär, Hauptstadt des ungar. Komitats Temes: Fabrikation von Tuch und Seidenstoffen. Templin, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Potsdam: Tuch-, Leinwand- und Baumwollweberei.
558 Teneriffa-Arbeit—Teppich Teneriffa-Arbeit bezeichnet Frau von Renthe-Fink, Jena, die von ihr erfundene Technik, welche mit Hilfe der Ornamentenspindel SolspitzenImitationen herstellt. Das hölzerne Werkzeug, wonach man auch von Spindelguipürearbeiten spricht, ist ein auf Fuss runder, drehbarer Apparat und dient an Stelle des bisher gebräuchlichen Kissens oder der Wachstuchunterlage als Grundform für die über Nadeln hin und her zu leitenden Fäden und Bänder. Durch das beliebige Emstecken der Nadeln, die man in den ver¬ schiedenen Lochkreisen versetzen kann, ist es möglich, auf einer Spindel Sterne und Blütenformen verschiedener Grösse herzustellen. Die reichliche Auswahl von Löchern ermöglicht auch die Anwendung des feinsten Faden¬ materials und grosse Mannigfaltigkeit der Muster. Je nach Art des Musters wird die Nadel wie beim Filetstopfen durch Wickelfäden geleitet oder als ab schürzender oder verzierender Faden benutzt. Die Verwendung ganz un¬ gleichen Materials für einen Apparat, die Möglichkeit, die Nadeln nach Bedarf zu versetzen und dadurch Vielseitigkeit der Muster zu erzielen, sind besondere Vorzüge. Durch eine einfache Drehung des Apparates kann man das fertig¬ gearbeitete Ornament von den Spindeln streifen. Die Ornamente können je nach dem verwendeten Material, Seide, Leinen und Perlgarn, Schnur, Pelzbise, Tresse, Bast, AVolle, Chenille, Goldfäden, Band u. s. w. zur Verzierung mannig¬ faltiger Handarbeiten benutzt werden. Die Muster entsprechen vollkommeu denjenigen der im 16. Jahrh. in Spanien hergestellten Solspitzen. (Vgl. Abb. 3 auf Tafel X.) Tenessee, nordamerikanische Baumwollsorte, weiss, ins Graublaue, matt, ziemlich kräftig im Faden. Tennis, moderner leichter Anzugsstoff aus Wolle, geköpert und mit schmalen farbigen Streifen. Tepis, geringe, ostindische, baumwollene, mit Florettseide vermischte bunt gestreifte Zeuge. Teplitz, Stadt in Böhmen: Baumwollweberei, -Färberei und -Druckerei, Fabriken für Posamentierwaren, Strumpfwaren, Web- und Wirkwaren. Teppich (franz.: tapis; ital.: tappeto; lat.: tapete); stammt vom griech. tapes: Sammelnamen für T.; der Engländer hat für drei Hauptgattungen von T. bestimmte Bezeichnungen geschaffen: carpet = Fussteppich, hanging = Wandteppich, rüg = Möbelteppich; ferner tapestry für Wirkerei (Gobelin¬ technik), das dem franz. tapisserie entspricht. Je nach dem Gebrauch unterscheiden sich die Teppiche zur Bedeckung der wagerechten Fläche im Gegensatz zu solchen für die Wand nicht nur sti¬ listisch (s. Stil), sondern auch mehr oder minder technisch voneinander. Nach allgemeinen Begriffen entspricht der Fussbodenteppich seiner Verwendung, wenn er durch besondere Dicke, neben dem Zweck des Schmuckes, auch noch den des wärmenden Schutzes eiffüllt, während der Wandteppich, lediglich nur das künstlerische Bedürfnis befriedigend, auch aus leichterem Material bestehen kann. Im Orient, dem Ersprungslande beider Arten, machen Klima und Be¬ hausung derartige Unterschiede nicht zur Bedingung, wir finden daher auch dort den schweren Teppich an der Wand oder als Türvorhang oder auch um¬ gekehrt, die leichtere Decke für den Fussboden verwendet. Wandteppiche oder sogen. Gobelins, im Orient Kilims, be¬ zeichnet man als gewirkte Teppiche; sie entstehen auf wagerecht oder senk¬ recht ausgespannter Kette, wonach der Webstuhl Basselisse oder Hautelisse genannt wird. Das Einziehen der Schussfäden, durch welche das Muster gebildet wird, geschieht mittels kleiner Spulen aus freier Hand, das Anschlägen mittels eines Kammes. Der Karton oder eine ausgemalte sogen. Patrone befindet sich unter der Kette, so dass sie dem Arbeiter beständig vor Augen ist, um Auswahl und Anordnung der Farben einrichten zu können. Die rechte Seite ist bei der Arbeit unten resp. hinten, wenn ein senkrechter Stuhl benutzt wird. Der das Muster bildende Einschlag erstreckt sich auf einmal nur über eine kleine Anzahl von Kettenfäden, welche mit dem Finger genommen werden, um die Schussspule darunter durchstecken zu können. Das
Teppich 559 Inein au clerarbeiten der auf diese Weise gebildeten Gewebestücke — bei gröberen Arbeiten bleiben die entstandenen Schlitze offen (vgl. Tafel XVI, Abb. 83) — erfolgt durch Einscklingen eines besonderen Nähfadens oder das Muster ist überhaupt, wie eine Nadelmalerei, durch Fäden ineinander so fein schattiert, dass innerhalb desselben keine Randleisten entstanden. Fussbodenteppiche werden als sogen. Florteppiche mit der Hand geknüpft oder in Art der Sammetstoffe gewebt. Knüpfteppiche — Smyrna-, türkische oder Savonnerie-Teppiche — werden auf einem Stuhle mit aufrecht gespannter Kette ohne Hilfe einer künst¬ lichen mechanischen Einrichtung angefertigt (S. 256), indem die einzelnen Wollfäden (im Sinne der Weberei als Florschussfäden oder Noppen bezeichnet) einzeln durch je zwei Kettfäden geknüpft werden, so dass die beiden Fadenenden als Büschel auf der rechten Seite herausstehen (Tafel XVI, Abb. 28), also den Schnittflächen von Noppen gleich sind. Diese Knüpfmethode oder Knotenart kommt bei den meisten orientalischen Knüpfteppichen vor, sie wird auch bei allen europäischen Erzeugnissen verwendet. Seltener erscheint der Knoten nur um einen Kettenfaden geschlungen, wie ihn Abb. 27 auf Tafel XVI zeigt, hingegen sind die Verschlingungen der Fäden je nach Herkunft des orienta¬ lischen Erzeugnisses oft verschieden: vgl. Abb. 29—31 auf Tafel XVI zu den später aufgeführten einzelnen Arten. Die Bildung der Noppen, welche den Flor erzeugen, geschieht durch ein Stäbchen, das man quer über die Kette legt und den Faden um dasselbe herumschlingt. Nachdem eine Reihe von Knoten oder Noppen über die ganze Breite des Teppichs gebildet ist, werden zwei bis vier Schussfäden, je nach der Dicke des Knotens und Schussmaterials eingetragen, welche die Kette leinwandartig verbinden. Die Zahl der Noppen, welche eine Knüpferin täglich nach der gebräuchlichsten orientalischen Art knüpfen kann, beträgt etwa 7000. Auf zehn □ cm kommen in grobem Ma¬ terial 144, in mittlerer Feinheit 225 und in feinster Ausführung 376 Knoten. Mechanisch hergestellte, also gewebte Florteppiche, unterscheiden sich in S ch u s s f 1 o r t ep pi ch e und in K e 11 enf 1 o r t ep p i ch e, je nachdem das eine oder andere die Noppen erzeugt. Als einfachstes Gewebe, bei welchem der Flor vom Schussfaden gebildet wird und welches als Teppich Verwendung finden könnte, ist der Manchester- oder der unechte oder Baumwollsammet zu nennen, sobald er farbig bedruckt wird. Doch der aus der Ebene eines Ge¬ webes herausstehende Flor als Schuss wird fast ausnahmslos dadurch gebildet, dass ein besonderer Schussfaden eingetragen wird, hierher gehören die gewebten C h en il 1 e t e p p i ch e und Axminsterteppiche: s. beide Arten in beson¬ deren Artikeln und die Abbildungen auf Tafel XVI. Zu den Ketten flortep pichen zählen: 1. Brüsseler Teppiche (franz.: moquette, m. bouclee, m. epinglee; engl.: Brussel carpets), d. s. alle farbig gemusterten Kettflor¬ teppiche, bei denen die Polfäden nicht bedruckt (also nur gefärbt) und die Noppen nicht aufgeschnitten sind; 2. Tournay-Velourteppiche (franz.: tapis de Tournay, moquette veloutee; eDgl.: Wilton-carpets), d. s. alle farbig gemusterten Kettflorteppiche, bei denen die Polfäden nicht bedruckt (also nur gefärbt) und die Noppen aufgeschnitten sind; 3. Tapestry ist jeder farbig gemusterte Kettflorteppich, bei dem bedruckte Polfäden verwendet und die Noppen nicht aufgeschnitten sind; 4. Tapestry-Velourteppiche sind alle farbig gemusterten Kettflorteppiche, bei denen bedruckte Polfäden vex-wendet und die Noppen aufgeschnitten sind. Der Typus der Kettenflorteppiche ist in der Bindungsart der echte Sammet (s, d. und den Artikel Weberei). Für den Fall, dass Dicke und Farbenmuster des Teppichs mit Hilfe eines besonderen nach Länge und Arbeits¬ richtung verlaufenden Kettenfadensystems (Polkette) erzielt werden, verfügt die Technik über eine gewisse Mannigfaltigkeit von Möglichkeiten der Herstellung, welche zu den genannten vier Hauptarten geführt hat. Eine orientalische Art von T. sind die Filzteppiche, welche in der Weise hergestellt werden, dass ein der beabsichtigten Dicke des Teppichs ent¬ sprechend tiefer Rahmen gebildet oder im Fussboden ein solcher Raum aus-
560 Teppich. gehoben wird, in welchen vermengte Wollen gebracht und so lange mit Schlägeln geklopft werden, bis sie das haarige Gefaser verlieren und als formen¬ lose Masse sich dem Rechteck des Rahmens anpassen, hiernach wird ein Muster aus farbigen Fäden in die Oberfläche eingepresst. Gestickte Teppiche erscheinen sowohl als Wand- wie als Fussteppiche in verschiedenster Technik (s. Stickerei). In Europa werden solche schon seit älterer Zeit auf Kanevas in farbiger Wolle im einfachen oder doppelten Kreuzstich hergestellt und wirken in den quadratisch abgesetzten Umrisslinien wie die orientalischen Knüpfteppiche. In Nachahmung der letzteren entstehen in neuerer Zeit auch im Malta-, Quästchen- und Smyrna¬ knüpfstich auf Stramin gearbeitete Fussbodendecken und Kissen. Das Material ist bei allen Arten von Teppichen heut ausschliesslich Wolle, d. h. die Musterung, während das Grundgewebe aus Baumwolle oder Abb. 318. sonstigen Stoffen bestehen kann. Im Orient unterscheidet man als Knüpf¬ arbeit Schafwoll-, Ziegenhaar-, Kamelhaar- und Filzteppiche. Seidenteppiche mit Gold- und Silberfäden wurden in alter Zeit als besondere Prachtstücke hergestellt, die heut in Seide geknüpften orientalischen Teppiche «haben wenig künstlerischen Wert. Auch europäische Wandteppiche enthalten neben der Wolle Seiden- und Metallfäden. Die geschichtliche Darstellung führt uns für beide Haupt¬ gruppen von Teppichen wieder nach dem Orient, dem Ursprungslande aller textilen Künste. Hinsichtlich des gewirkten Wandteppichs war man, infolge seiner weitgehenden technischen und künstlerischen Ausbildung in Europa, lange im Zweifel darüber, ob derselbe nicht von Anfang an eine selbständige Entwickelung von hier aus genommen habe, da ja doch die Tech¬ nik der Wirkerei allenthalben als Vorläufer einer regulären Weberei aus der I lechterei hervorgegangen ist, also auch die weitere Gestaltung derselben im Abendlande ohne weiteres erfolgt sein kann. Diese Folgerungen erscheinen jetzt hinfällig durch die Grabfunde in Oberägypten, welche figurenreiche
Teppich. 561 Wandbehänge in Wirkerei, Stickerei und Zeugdruck zu Tage gefördert haben, die der spätantiken Zeit angehören (s. die einzelnen Artikel). Yon ihnen ist anzunehmen, dass sie die Brücke bilden für die später sich entwickelnde europäische Bildwirkerei. Aber schon vorher war ein Beweisstück gegeben für die Anfänge abendländischer Wirkerei nach orientalischen Mustern in dem in einzelnen Teilen zu Lyon, Nürnberg und Berlin aufbewahrten Wandteppich aus farbiger Wolle mit Tieren und Kreisen aus antikisierenden Bandstreifen, Abb. 319. aufgesetzten runden Feldern und romanischen Ornamentzwickeln, in welchen sich, wie in derbreiten Abschlussborte mit Arabeskenranken, Löwenmasken wiederholen (Abb. 318): Darstellungen, welche deutlich den auch in sarazenischen seidenen Schlitzwirkereien (s. d.) sich wiederholenden Grundtypus eines orientalisch-byzan¬ tinischen Webemusters erkennen lassen, das mit nordisch-abendländischen Elementen durchsetzt ist. Diese Arbeit wird dem 10.—11. Jahrh. zugewiesen. Aus dem 12. und 13. Jahrh. sind weitere europäische Wandteppiche erhalten in einer Wirkerei aus Norwegen (veröffentlicht: „Altnorwegische Teppichmuster im Kunstindustriemuseum zu Christiania von H. Grosch, Berlin 1889“) und in Heiden, Handwörterbuch der Textilkunde. 36
562 Teppich. einem in Streifen erhaltenen Knüpfteppich, welcher in der Schlosskirche zu (Quedlinburg auf bewahrt wird: vgl. Wandteppiche und Decken des Mittelalters in Deutschland, herausgegeben von Julius Lessing, Berlin 1899, Heft 1. In einem zweiten Heft dieser Veröffentlichung wird ein gewirkter Wandteppich aus dem Dome zu Halberstadt dargestellt, welcher in Deutschland am Ende des 12. Jahrh. gemacht ist. Diesen wichtigen Stücken der romanischen Periode mit figuralen Darstellungen schliessen sich verschiedene europäische Wand¬ behänge und Decken in gestickter Arbeit an: der Teppich von Bayeux u. v. a. Aus Frankreich ist vom Jahre 1277 eine Notiz über tapis sarrasinois erhalten, aus welcher nicht recht ersichtlich, ob man es mit orientalischen Originalen zu tun hat oder ob von Wirkereien die Rede ist, welche dort nach sarazenischen Vorbildern gearbeitet wurden (vielleicht wie das in Abb. 818, S. 560 dargestellte Stück?), womit der Anfang der im 16. Jahrh. glänzend entwickelten franzö¬ sischen Tapisserie-Manufakturen bestimmt wäre. Im 14. Jahrhundert hat sich die Kunst der Wirkerei für Wandteppiche in Flandern entwickelt (Abb. 60 S. 169), von der Stadt Ar ras, dem ältesten Hauptsitz derselben heissen diese Arbeiten in Italien bis heute Arrazzi; daneben werden die Manufakturen von Brügge, Gent, Ypern, Löwen u. a. genannt. Die Sitte, die Wände in Kirchen und Palästen mit Rukkelaken (d. li. bewegliche Tapeten) zu bekleiden, auf welchen mythologische, biblische (Abb. 319), historische oder Romanszenen mit reichen Bordüren, oft Kopien nach Miniaturen oder Gemälden der berühmten Maler der Zeit, dargestellt waren, verbreitete sich über ganz Europa. Als Arras von den Franzosen im Jahre 1479 zerstört worden war, wurde Brüssel der Hauptsitz dieser Industrie, doch blieb derselben der gewohnte Name. In Brüssel erreichte sie ihren Höhepunkt, woselbst die Arrazzi für Papst Leo X. nach Kartons von Raffael hergestellt wurden. Als Kennzeichen der Fabrikations¬ stätten hat man am Rande Marken eingewirkt: Anfangsbuchstaben der Stadt, Wappenzeichen u. dgl. (s. Teppichmarken). Die Herzoge von Mantua, Florenz u. s. w. Hessen grosse Bildteppiche in Brüssel hersteilen; Karls V. Siege und Eroberungen wurden auf dieselbe Weise verherrlicht. Zahlreiche solcher Teppich¬ folgen mit biblischen oder antiken Historien in reichen Umrahmungen von Grotesken oder üppigen Frucht- und Blumengehängen (Abb. 246, S. 423) be¬ finden sich u. a. an den Höfen von Wien, Madrid, viele im Pi'ivatbesitz. Die Blütezeit der Tapisserie-Manufakturen von Frankreich datiert von der Regierungszeit Franz I. (1515—47) her, welcher 1535 (nach anderen 1516) mit flanderischen Arbeitern in Fontainebleau eine Fabrik gründete. Dieselbe wurde anfangs von Philibert Babou, später v6n dem Architekten Sebastian Serlio geleitet, und arbeitete vielfach nach Zeichnungen der Maler der Schule von Fontainebleau. Auch die Nachfolger Franz I. begünstigten diese Industrie und es wurden gegründet von Heinrich II. (1547-^59) La Trinite, Rue de Denis, von Karl IX. (1560—74) eine Manufaktur in Tours; dann jene im Faubourg St. Antoine (1597, nach dem Louvre und den Tuillerien im Jahre 1603 übertragen) und im Palais les Tournelles (1607 nach dem Faubourg St. Morceau übertragen), eine Schöpfung Heinrich IV. (1589—1600) und La Savonnerie (1627 und 1825 nach den Gobelins übertragen) von Ludwig XIII. (1616—43) errichtet, dessen Sohn Ludwig XIV. diese Manufaktur dauernd begründete, und zwar der Reihe nach in den Gobelins (1662), zu Beauvais (1664) und zu Aubusson (1665). Den flanderischen Arbeitern wurden 1630 die Gebäude der Färber Gobelin (s. d.) überwiesen und seit jener Zeit führen die französischen Wandteppiche oder Tapisseries den Namen Gobelins, welcher dann fälschlich für alle in Schlitzwirkerei und verwandter Technik hergestellten Textilien üblich geworden ist. In Aubusson hatte sich infolge der Einwanderung protestantischer Arbeiter aus den Niederlanden die reformierte Kirche ziemlich ausgebreitet und es wanderten von hier aus nach der Aufhebung des Edikts von Nantes (1685) Scharen von Angehörigen derselben aus und verpflanzten die Teppichwirkerei nach England und Deutschland. Die Bedeutung Aubussous verlor sich nunmehr und an seine Stelle wurde von Ludwig XIV. die Fabrik von Beauvais begünstigt und ging förmlich in die Staatsregie über. Hervor-
Teppich. 563 ragende Künstler wie Jul. Hardouin Mansard, Francois Boucher, Souflet, u. a. wurden im Laufe der Zeit mit der obersten Leitung dieses Instituts betraut. Unter Ludwig XV. (1715—74) erholte sich auch Aubusson wieder; in jener Zeit kopierte man vorwiegend Gemälde von Poussin, Lebrun, Watteau, Boucher, Cochin u. a., aber auch rein ornamentale Entwürfe im Stile der Zeit wurden berücksichtigt. Mehr als durch die revolutionären Ereignisse und die Kriege des 18. u. 19. Jahrh. wurde die französische Bildwirkerei durch den Wechsel der Mode beeinträchtigt, welche sich den gemalten Tapeten zuwandte und die Tapisserie auf Möbelbezüge beschränkte. Während der Revolution war die Manufakture des Gobelins in ihrem Bestehen bedroht. Marat, einer der Häupter der französischen Bewegung, verlangte die Auflösung dieser Staatsfabrik, Abb. 320. indessen begnügte man sich, Tapisserien mit bourbonischen Lilien, mit Zeichen des Königtums und seiner Verherrlichung im Jahre 1793 zu verbrennen und im folgenden Jahre aus den vorhandenen 321 Vorlagen für Gobelins 121 als „antirepublikanisch, fanatisch oder unmoralisch“ auszuscheiden, darunter auch Entwürfe aus dem griechischen Sagenkreise. Napoleon I. erklärte 1804 die Fabrik wieder zum Kroneigentum und gab ihr umfangreiche Aufträge zur Verherrlichung seiner Regierung, welche bei seinem Sturz erst zum Teil aus¬ geführt waren. Nicht wenige davon sollen 1814 und 1815 zerstört woi'den sein, wie 1848 solche mit Ansichten königlicher Schlösser u. s. w.; doch haben seit dem ersten Kaiserreich alle Regierungen der Fabrik ihre Fürsorge zugewendet. — In den übrigen Ländern steht die Kunst der Teppichwirkerei natürlich in der technischen Ausführung zuerst unter dem Einfluss Flanderns und der Niederlande und später unter der Führung Frankreichs. So im 15. u. 16. Jahili. die Fabriken in Rom, Florenz, Madrid u.a.m. Auch in Deutschland wurde die
564 Teppich. Bildwirkerei schon im 15. Jahrh. geübt und aus der Blütezeit des 16. Jahrh. sind allenthalben noch Stücke erhalten: so der im Leipziger Kunstgewerbe¬ museum befindliche daselbst 1551 gearbeitete Teppich mit dem Urteil Salomonis (Abb. 320), der sogen. Croy-Teppich (s. d.) von 1566 aus Stettin, aus dem Ende des Abb. 321. 16. Jahrh. die Hamburger Arbeiten im dortigen Kunstgewerbemuseum (vgl. Abb. 209, S. 370) u. v. a. Zu Anfang des 17. Jahrh. zog Maximilian 1. flandrische Bild¬ wirker nach München und unter dem Grossen Kurfürsten und unter Friedrich 1. wirkten französische und flandrische Teppichwirker für die preussischen Schlösser. Ueber die Herstellung von Wandteppichen in Berlin berichtet Dr. Paul Seidel im Jahrbuch der Königl. Preuss. Kunstsammlungen des Jahres 1891. In der dort enthaltenen Kolonieliste von 1699 der aus Frankreich vertriebenen und vom Grossen Kurlürsten aufgenommenen französischen Protestanten wird
Teppich. 565 in der Reihe von 15 Tapisseristen, deren 7 allein aus Aubusson stammten, auch Pierre M e r c i e r genannt, welcher Berliner Arbeiten mit seinem Namen zeichnete. Der Grosse Kurfürst ernannte ihn durch Bestallung vom 7. No¬ vember 1686 zum „Tapeten Würker“. Welche Aufgaben seiner harrten, da¬ von legen u. a. Zeugnis ah die heut noch im Schlosse Monbijou erhaltenen 6 Wandteppiche aus einer Folge, die nach dem Plane des Grossen Kurfürsten die bedeutendsten kriegerischen Leistungen seiner Regierungszeit in dieser Abb. 322. Weise zu verewigen bestimmt waren. Mercier verlässt Berlin 1714 als „Inspecteur des Tapisseries“ in Dresden, wo König August II. ein Atelier für Tapetenwirkerei eingerichtet hatte, das aber 1756 aufgegeben wurde. Unter der Regierung König Friedrich Wilhelm I. gelangte die Manufaktur von Charles Vigne noch zu einiger Bedeutung, indessen vermag man der französischen Konkurrenz nicht stand zu halten. Eine Vorstellung von dem grossen Bedarfe des Berliner Hofes an Wandteppichen gibt der Seidelsche interessante Bericht in einer Inhaltsübersicht der Inventare von 1691 und 1699. Daraus
566 Teppich. geht hervor, (lass sich in den Schlössern von Potsdam damals 106 vollständige Garnituren und 47 einzelne Tapisserien befanden. Da bei den Garnituren im Inventar immer die Stückzahl angegeben ist, ergibt sich, dass im Jahre 1690 sich in den Stadtschlössern von Berlin und Umgegend über 800 Wandteppiche befanden. „Von diesem ungeheuren Schatz,“ heisst es weiter, „hat sich leider nicht der 25. Teil in den Schlössern erhalten, davon abgesehen, was noch im 18. Jahrh. zum Bestände hinzugekommen, aber auch fast vollständig wieder verschwunden ist. Mau könnte auf den Gedanken kommen, dass geringe Haltbarkeit der Teppiche dieses Verschwinden verursacht hat; aber das ist nicht der Grund, denn gute Wandteppiche, wenn sie nicht zu schlecht behandelt werden, sind ausserordentlich dauerhaft. Dieser Wandschmuck ist vielmehr der Mode zum Opfer gefallen, da er mit seinen kräftigen Farben und energischen Formengebuugen dem Geschmack vom Ende des vorigen Jahrhunderts nicht mehr zusagte. In den Jahren 1789 und 1793 sind auf dem Hofe des Berliner Schlosses in öffentlicher Auktion allein 110 Stück Wandteppiche verschleu¬ dert worden, von denen der teuerste mit 36 Talern und der billigste mit 16 Groschen bezahlt wurde. AVas in dieser Zeit nicht für die Schlösser verloren gegangen ist, dem hat die Schinkelsche Kunstperiode den Rest gegeben , um uns dafür kalte weisse Stuckwände zu lassen.“ Abb. 323. Heute werden natürlich solche hier noch vorhandenen Denkmäler der Kunst-und Kulturgeschichte sorgsam gepflegt; die Berliner Gobelinmanufaktur von AVilhelm Ziesch & Co. ist mit der Konservierung derselben beauftragt: die Stücke werden gereinigt, sachgemäss ausgebessert und die ausgefallenen oder durch Brand beschädigten Teile neu eingearbeitet. Der genannten Hof¬ kunstweberei vonZiesch ist es überhaupt nach grossen Opfern und Anstrengungen gelungen, in ihren neuen Schöpfungen den französischen Wandteppichen tecliniscKund künstlerisch gleichzukommen (s. Abb. 321). Abseits von der in den Niederlanden und in Frankreich sich zu hoher Kunst entwickelnden Bildwirkerei hatte seither in Erzeugnissen bäuerlicher Hausindnstrie sich an einzelnen Stellen die Technik der sogenannten Schicht¬ weberei (s. d.) erhalten, Avelche der Herstellungsweise jener Gobelins voran¬ gegangen war. Diese erfuhr in neuer Zeit als nordische Kunstweberei (s. d.) eine weitere Ausbildung, indem man die bisher darin geübte geometrische Mustergebung erweiterte und der Technik freiere Kunstformen diktierte, welche sie neben der Verwendung zu Kissen, Schutzdecken und leichten Möbelteppichen auch an dekorativen Wandbehängen teiluehmen liess. Namhafte Künstler stellten
Teppich. 567 Entwürfe dazu her, die teils in Anlehnung an ältere Motive, gotisches Distel¬ blattwerk (Ahh. 322), reizvolle Blütenstauden in Art der Verdürenmuster (Abh. 323) enthalten oder den figuralen Stil der Neuzeit (Abb. 324) zur Gel¬ tung kommen lassen. Die dafür eingerichteten Werkstätten in Scherebek, Lund in Schweden, in Berlin und Hamburg mussten aber ihre Tätigkeit auf¬ geben, weil der Bedarf für dergleichen zum Kostenaufwand in keinem Verhält¬ nis steht. Was wir in geschichtlicher Folge über die Wirkerei und den Wandteppich durch Schriften und erhaltene Ueberreste darzustellen vermochten, ist bei der Knüpftechnik und dem FuSsteppich nicht ohne weiteres möglich. Dass Abb. 324. in Europa Ansätze des letzteren vor dem 16. Jahrh. nicht zu finden sind, er¬ scheint in der späten Ueberlieferung vom Orient her begreiflich, weniger auf¬ geklärt dagegen ist das Fehlen frühmittelalterlicher Fussteppiche aus der Heimat selbst. Wenn auch nicht zu verkennen ist, dass die Völker des Alter¬ tums im Gebrauch sowohl, als auch in den Beschreibungen von Textilien schon keinen strengen Unterschied machten zwischen Teppichen und anderen Geweben, geschweige denn in den Arten von Belagdecken, so bleibt die Erscheinung doch merkwürdig genug, dass unter so vielen uns durch Grabfunde über¬ kommenen Wirkereien und Stickereien nicht ein einziges Stück vorhanden ist, welches dem Fussteppich entspricht. Auch die Knotenbildung der orientalischen Knüpfung ist nirgend wahrzunehmen. Eine plüschartige Wirkung, deren reihenund stichweise abgesetzte Musterung scheinbar den Mosaiken nachgeahmt ist,
568 Teppich wird nur erzielt in vorhandenen Durchzugarbeiten auf leinenen Grundgeweben (vgl. Abb. 164, S. 301 u. 111, S. 237). Die in Abb. 164 dargestellte Decke mit quadratischen Feldern und geometrischer Borteneinfassung stammt von einer jener Umhüllungen, welche den in voller Gewandung bestatteten Leich¬ nam als äusseres Tuch umgab. Ein solches ist gewöhnlich nur in den vier Ecken derartig gemustert, kann also unmöglich als Fussbodenbelag gedient haben. Es erscheint gewagt, das Aufkommen der Knüpftechnik des orienta¬ lischen Fussteppichs erst in eine Zeit rücken zu wollen, die der ersten Er¬ scheinung der mechanisch gebildeten Sammetfläche nicht fern liegt und doch müssen Belagstücke älterer Zeit noch erwartet werden. Denn die in dem schon erwähnten Quedlinburger Teppich vorhandene Knüpftechnik, über einen und zwei Fäden, bleibt bis jetzt als einziges und ältestes Beispiel ihrer Art bestehen; sie hat aber sicher ältere Vorläufer gehabt. Die Datierung der altorientalischen Knüpftepiche, auch nur nach der Zeit ihrer Entstehung, ist sehr schwer: fast die einzige Handhabe bot bisher ihr Vorkommen auf europäischen Bildern, worauf Julius Lessing in seinem Wei'ke „Altorientalische Teppichmuster nach Bildern und Originalen“ im Jahre 1877 zuerst hinwies. Er konnte nach ihrer genauen Darstellung niederländischer, venezianischer und deutscher Meister (vgl. den Artikel Holbeinteppicli mit Abbildung S. 251) mit ziemlicher Sicherheit Teppiche des 15.. 16. und 17. Jahrhs. vorführen. Demselben Verfasser folgt Alois Riegl in dem geschichtlichen Gange seines Buches „Altorientalische Teppiche, Leipzig 1891“, und auch Wilhelm Bode in seinem Aufsatze „Altorientalische Tierteppiche“ in dem Werke „Teppich-Erzeugung im Orient, Wien 1895“, sowie in seiner Monographie „Vorderasiatische Knüpfteppiche, Leipzig 1900“, greift bei den Datierungen auf Bilder zurück; bringt aber ausserdem Originale von orien¬ talischen Knüpfteppichen des 14. und 13. Jahrhs. bei. Auf Grund morgenländischer Quellen glaubte Prof. Karabacek einen im Jahre 1880 aufgefundenen orientalischen Florteppich in Seide auf einem Gewirke aus Metallgeflecht als eine persische Nadelmalerei „Susandsehird“ (s. d.) aus dem 14. Jahrh. be¬ zeichnen zu sollen; indessen erschien diese Datierung zweifelhaft, als später ein zweites Stück ganz gleicher Art und Ausführung gefunden wurde, dessen Ent¬ stehungszeit in die Jahre 1865—1877 gesetzt werden musste. Ein Irrtum in der Datierung durch eine orientalische Inschrift scheint auch vorzuliegen in dem von Alois Riegl veröffentlichten Gebetteppich: „Ein orientalischer Teppich vom Jahre 1202 n. Chr.“, Berlin 1895. (Vgl. Abb. 86, S. 214.) Nach allem, was bisher über dieses Gebiet morgenländischer Kunst er¬ forscht worden ist, scheinen sich die Muster der älteren orientalischen Knüpf¬ teppiche in ähnlicher Weise der Zeit nach zu gestalten, wie in den übrigen Werken textiler Erzeugnisse; nur dass ihre Folge etwas später einsetzt, als in den Geweben und Stickereien. Im Mittelalter erscheint das Motiv des Lebensbaumes, an dem Palmettenblüten übereinander aufwachsen (vgl. Abb. 224. S. 388); darauf folgen Teppichmuster mit Tieren in achteckigen Feldern, welche zwischen sich noch die Abkürzung des Baumes haben: beides in Ver¬ wandtschaft mit den sarazenischen Stoffmustern des 8. —12. Jahrhdts. (Vgl. die Webemuster Abb. 8 und 10 auf Tafel H). Den Baumteppich setzt Geheim¬ rat Bode in das 13. Jahrh., mehrere Stücke, mit Paaren von Tieren, nach Bildern in das 14. Jahrh. und ein Original, das in der Drachenfigur chinesischen Einfluss erkennen lässt, in dieselbe Periode. Von solchen altorientalischen Tierteppichen führt er auch vom Bilde Giottos im St. Peter in Rom ein Bei¬ spiel mit Adlern an, dem sich romanische Webemuster zur Seite stellen lassen. (Vgl. Abb. 9 und 10 und Tafel II, Abb. 5.) Aus dem 15. Jahrh. ist zunächst eine ganze Reihe von Teppichen mit grosser geometrischer Musterung erhalten, welche den Anforderungen der Technik, als auch der Bestimmung des Knüpf¬ teppichs zum Fussbodenbelag am natürlichsten entspricht: dem Stilgesetz nach¬ kommend, das im griechisch-römischen Mosaik allgemein vorherrscht und den Ursprung solcher Ornamentik bis in das Altertum zurück bestimmen lässt, zu welchem Beweise Geheimrat Lessing die in Alabaster umgesetzten Fussboden-
Teppich. 569 teppiche aus Niniveh (Abb. 30, S. 35) heranzieht. Die Datierung der mit den verschiedenartigsten Sternfüllungen gemusterten kleinasiatischen Teppiche hat geschehen können nach dem im Jahre 1526 von Holbein gemalten Bilde (Abb. 118, S. 251), welchem ein Intarsiabild mit fast gleichem Teppich aus S. Maria in Organo zu Verona des Jahres 1499 gegenübergestellt werden kann. Eine Abb. 325. t zweite Gruppe derselben Zeit enthält ähnliche geometrische Elemente, die durch Bandverschlingungen vereinigt sind, woraus sich dann ein Muster aus streng stilisierten, geknickten Rankenverästelungen gebildet hat: Typen, welche sich in arg verstümmeltem Zustande bis auf den heutigen Tag in der Smyrna¬ fabrikation erhalten haben. (Vgl. den Rand in Fig. 13 und Abb. 10 auf Tafel XIII.) In der folgenden Zeit des 16. und 17. Jahrh. erscheinen alt-
570 Teppich, orientalische Teppiche, welche sowohl im Material, als auch in der Feinheit der Ausführung, das Schönste darstellen, was orientalische Textilkunst zu leisten vermochte, wenngleich in der Musterung alle Stilgrenzen der Knüpf¬ technik weit überschritten sind. Aeusserlich zeichnen sie sich aus durch ein kurz geschorenes, dichtes, sammetartiges Yliess von feinstem Korn; als Material erscheint neben der Wolle oder auch nur allein Seide, häufig Gold und Silber verwendet, wodurch allein schon diese Gruppe als die reichste, vielfach nur für Luxuszwecke bestimmte, sich kennzeichnet. Diese Teppiche werden als persische Erzeugnisse bestimmt, im Hinblick auf die Musterung wird eine dahin gehörende Art als Jagd- oder Tierteppich genannt. Der weite innere Plan enthält, vielfach auf rotem Grunde, durch ein rundes oder spitzovales Feld die Betonung der Mitte und in den vier Ecken je einen Zwickel: eine Teilung, wie sie den meisten abgeschlossenen ebenen Flächen in orientalischen Kunstwerken eigen ist, in welcher sich die Füllungen aus zierlich durch¬ gebildeten Einzelheiten auf wechselndem Grunde sternförmig einordnet. Die Musterung besteht aus feinen stilisierten Ranken mit lotosartigen Palmetten¬ blüten, deren Formensprache chinesisch anklingt, wie denn überhaupt dem ganzen Dekor der ostasiatische Einfluss innewohnt, den das stilisierte Wolken¬ ornament dazwischen vollends bekräftigt. Inmitten dieser dicht gefüllten Ebene, die einer bunten Wiese gleicht, ist eine Jagd dargestellt. Die Jäger erscheinen hoch zu Ross zwischen Löwen, Tigern, Panthern, Steinböcken u. a. m., in anderen Prachtteppichen überwiegen wieder die Darstellungen reizvoller Paradiesvögel, Wiedehopfe, Kraniche u. dgl.; die Randborten enthalten ge¬ schweifte Felder mit arabischer Schrift und Blütenrosetten, in einem anderen wechseln zierliche geflügelte Engelsgestalten zwischen Arabesken ab, und so gestaltet sich ein Kunstwerk immer schöner als das andere, unvergleichlich in seiner Art. Das Ganze erinnert den Eingeweihten in etwas an die gemalten Flächenfüllungen der Fliesenwände oder an die geschnittenen Lederdecken der farbig bemalten und vergoldeten Koraneinbände; aber hier scheinen alle Ge¬ stalten lebendig geworden zu sein im Glanze schillernder Seide, goldener und silberner Gespinste, deren köstliche Gesamtwirkung uns gleichsam die Pracht einer orientalischen Märchenwelt vergegenwärtigen möchte. Viele wunderbare Stücke dieser Art vereinigte im Jahre 1891 die Teppichausstellung des K. K. Oesterreichischen Handelsmuseums in Wien, von denen die schönsten in dem von dieser Stelle aus veröffentlichten Prachtwerke „Orientalische Teppiche, Wien 1894“ farbig dargestellt sind. (Vgl. auch das Vorbilderheft Nr. 13 des Kgl. Kunstgewerbemuseums zu Berlin: Julius Lessing, Orientalische Teppiche.) In der Zeit fast gleich und jenen im Charakter verwandt sind verschiedene Teppiche erhalten, wie die Abb. 325 ein Beispiel darstellt. Es herrschen darin vor die Palmettenblüten an feinen Ranken und mit Wolkenmustern durchsetzt, einzelne Vögel beleben die Zwischenräume und die Innenfläche ist seltener geteilt (xkbb. 326), sondern durchgehend gemustei’t. Für die Zeit de» Entstehung dieser Arten von Prachtteppichen gibt Geheimrat Bode die Dynastie der Safiden (1502—1736) an, welche die persische Kunst zu hoher Blüte führte, nachdem sie sich durch eine Reihe schwerer Kämpfe befestigt hatte. Diese Datierung sollen auch die Inschriften auf einigen dieser Stücke bekunden; ihre Bestätigung findet sie aber auch in dem Vorkommen chinesischer Motive im Dekor. „Diese — so äussert sich der Gelehrte weiter darüber — erklärt sich nicht etwa aus dem Mangel an schöpferischer Begabung für die Kunstsprache oder aus der Entlehnung und Verarbeitung fremder Motive, die ja für die Perser wie lür die sarazenische Kunst überhaupt bezeichnend sind: es ist vielmehr gerade charakteristisch für die Zeit der Safiden, welche — voran Schah Abbas der Grosse — für die blühende chinesische Kunst ihrer Zeit eine besondere Vorliebe hatten.“ Dieser Gruppe von Seidenteppichen mit Silber- und Goldfäden ordnen sich technisch die sogen. Polenteppiche (s. d.) an, deren Muster in der ganzen Linienführung strenger gehalten ist; aber in allem durchaus persischen Ursprung verrät. Die Teilung des Mittelfeldes in älteren orientalischen Teppichen durch grosse spitzovale Felder oder Sterne ist auch noch einer vorderasiatischen Art
Teppich. 571 von grösserem Umfange eigen, die sich darin etwas der geometrischen Gruppe des 15. Jahrhdts. anschliesst, sonst aber in übrigen Teilen zwischen diesen Hauptfiguren aus arabeskenartigen Einzelheiten eine Füllung aus Palmetten¬ blütenranken enthält, die bis in das 17. Jahrh. hinein Vorkommen. Dieselben erscheinen auch in einem gleichzeitigen Teppich (Abb. 327), dessen Grund¬ teilung aus umschlagenden ausgesparten arabischen Kelchformen besteht. Dieses Stück enthält überhaupt eine Beihe von Motiven, welche aus anderen Gruppen zusammengetragen erscheinen: so die alte Grundform der arabischen Palmette (Abb. 224, S. 388), die durch Bänder vereinigten strengen Blütenformen, das chinesische Wolkenornament u. v. a. Für geometrische Teppichmuster, die sich bis heutigen Tages fortsetzen, ist als Urtypus hinzudeuten auf das spanisch¬ maurische Element des späten Mittelalters (Abb. 23, S. 28), das nicht allein die mannigfachen Sternbildungen aus Bändern enthält, sondern auch in den schmalen Begleitborten auf die zum reinen Ornament gewordene kufische Schrift hinweist, welche noch im Schirwanteppich des vorigen Jahrhunderts erscheinen (Abb. 13, Tafel XIII). Abb. 326. Gleichwie die Wiener Ausstellung von 1891 für die Geschichte der älteren orientalischen Teppiche von grösster Wichtigkeit war, so hat sie auch wert¬ volle Beiträge geliefert für die näheren Ortsbestimmungen der modernen Er¬ zeugnisse, die enthalten sind in dem der damaligen Ausstellung beigegebenen Katalog. Man kann hiernach das Charakteristische besonderer Arten allgemein zusammenfassen: Die Einteilung aller orientalischen Teppiche erfolgt zunächst uach dem Webstoffe: s. Material S. 560. Nach der Verfertigung unterscheidet man kurzhaarige (persisch Khabb-i-kutah) und langhaarige (Khabb-ibulend) Teppiche; wenn zottig und schwer, werden sie Khersek genannt. Zu den ersteren gehören die Eerahan-, Serabend-, Kurdistan-, Gerus-, Kha'inund Biredschend-, dann die turkmenischen (Tekke und Yomud) sowie die feinsten Khiva- und afghanischen Teppiche; langgeschoren sind die Erzeug¬ nisse aus der Gegend von Schiraz (Kaschkai), Hamadan, Zendjan, Khorassan und die zentralasiatischen. Zu den bestgeschorenen gehören die lvurdistaner (Senne und Gerus), Kirmaner und turkmenischen Teppiche. Sehr
572 Teppich. ungleich, stufenförmig geschoren sind die Ferahanteppiche. Nach dem Gewebe teilen sich die T. in glatte und plüschartige: die ersteren Kilims genannt. Die stärksten und festesten sind die der turkmenischen Nomaden und die Abb. 327. baumwollenen von Yezd; die feinsten kommen in Schuschter und Kurdistan .Wpllm16 gest ,11t. vgl. ' ,^®rd®n nacli verschiedenen Knüpfsystemen herTafel XVI, Abb. 27—31 und Beschreibungen S. 559. Nach
Teppich. 573 Umfang und Format teilen sich die T. in Khali (Kalitsche), Sedschade und Dschanemaz (Gebetteppiche). Khalis sind Teppiche von 2 m Länge und 3 m Breite. Eine Grenze ist dabei durch die Art der Herstellung gezogen, so dass die meisten Stücke zwar nach Belieben lang, aber nur mit. grosser Schwierigkeit sehr breit gemacht werden können, so dass solche zu den ge¬ suchten Seltenheiten gehören. Die Masse der orientalischen T. sind den dortigen Wohnräumen angepasst. Ueber das obere, dem Eingänge entgegen¬ gesetzte Ende derselben ist ein die ganze Breite des Baumes einnehmender, meist filzartiger Teppich (Serendaz) gelegt, von dem aus sich den Seiten¬ wänden entlang schmale lange Laufteppiche (Kenari) hinziehen. Der grössere Mittelteppich kommt, wie in einem Bilderrahmen ruhend, so viel mehr zur Geltung, und bleibt auch dadurch besser erhalten. Die Nomadenteppiche, ursprünglich für das Zeltinnere bestimmt, sind sehr selten lang und propor¬ tionierter als die alten, von den sesshaften Einwohnern erzeugten Teppiche. Eine kleinere Gattung Khali heisst Khalitsche. Seitdem gewisse Gattungen orientalischer Teppiche sich in Europa eingebürgert haben, wird bei der An¬ fertigung solcher Stücke bezüglich der hier gebräuchlichen Grössen Bücksicht genommen. Teppiche in den Massen von 1:2m lang heissen Sedschade, grössere dieser Gattung Tscharpai (vierfüssig). Dschanemaz heissen die Gebet¬ teppiche (s. d.). Auch nach Farben und Muster werden natürlich die orien¬ talischen T. unterschieden, wobei in älteren Stücken die Symbolik eine hervor¬ ragende Bolle spielt. Die Bezeichnungen der orientalischen Knüpfteppiche erfolgt nun meistens nach dem Herstellungsorte. Da aber dieser nicht immer mit Sicherheit anzu¬ geben ist, so erscheinen im Handel dafür auch die Namen der Häfen, von wo aus sie nach Europa gelangten. Das bringt natürlich eine grosse Ver¬ wirrung in die Unterscheidung der vielen Arten, welche erweitert wird durch mündliche falsche Uebertragungen. Persien erzeugt in der im nordwestlichen Teile des Buiches gelegenen Provinz Azerbeidschan, deren Hauptstadt Täbris (das alte Tauris) ist, Knüpf- und Wirkteppiche, meist jedoch in geringerer Sorte. Aus dem Distrikte von Karadagh kommen T., in welchen das Bosa vorherrscht, die Grundfarbe entspricht derjenigen des Kamelhaares. Wolle unrein, Dichte verschieden, Knüpfung: 85—120 Knoten auf 10 qcm nach Abb. 30, Taf. XVI. Sie unter¬ scheiden sich schwer von den in der kaukasischen Provinz Karabagli geknüpften Arten. Ferner kommen aus H e r i s, Ortschaft nahe der Provinz Gilan, Kamelhaarteppiche auf Bestellung europäischer Häuser, ähnlich dem gröberen Ferahan, im Handel fälschlich Iris genannt. Aus den Provinzen Zendjan und Hamadan, südlich von Azerbeidschan; Material: grobe Wolle oder Kamelhaar, in gewöhnlicher Form heissen sie Khersek. In dem Distrikte von Hamadan erzeugen die Karagözlu-Nomaden derartige Teppiche: vgl. Abb. 1. Taf. XIII. — Ferahan (s. d.), persische Provinz, erzeugte früher die besten Sorten der Knüpfteppiche. Die Haupterzeugungsstätte derselben ist die Stadt Sultanabad, halben Wegs zwischen Hamadan und Ispahan, jetzt fabrikmässiger Betrieb für europäische Handelshäuser; aber heut noch Handarbeit von Frauen auf aufrechtstehendem Webstuhl. Die Grössen, abgesehen von besonderer Bestellung: 4—6 m Länge, 2—3,70 m Breite, bei den älteren Stücken über¬ trifft die Länge die Breite um das 3—4fache ihres Masses. Material des Ge¬ webes: Baumwolle in Kette und Einschlag, der Knüpfung: Wolle eigener Zucht;' mit der Flaumwolle werden die ganz feinen kleinen Teppiche von grosser Weichheit erzeugt; Knüpfung: Abb. 29 Taf. XVI, bei einigen auch nach Abb. 30. Der verbreitetste Typus des Ferahanteppichs ist durch das Heratimuster (s. d.) (Abb. 1 Taf. XIV) gekennzeichnet, das aus der Stadt gleichen Namens (Herat) stammt, diesem schliesst sich die Heratiborte aus Palmetten an. Die Hauptstapelplätze für Ferahanteppiche sind Täbris und Teheran, von wo aus dieselben über Trapezunt in den Handel kommen, nach welcher Hafenstadt sie auch häufig genannt werden. Serabend, eine Teppich¬ gattung nach Art des modernen Ferahan, nur viel steifer und spröder, ge-
574 Teppich. hört, zu den dicktgewebtesten des Landes. Knüpfung auf 10 qcm 1000 bis 1500 Knoten nach Schema 29 und 30, Tafel XVI. Haupteigentümlickkeit im Dessin ist das Palmwipfelmuster: vgl. Abb. 8, Tafel XIII. Kurdistan, mit diesem Gesamtnamen wird die längs der türkischen Grenze vom Umrisse bis hinab gegen Kirmanschab sich hinziekende, von zahlreichen Wanderstämmen von Kurden durchzogene Hockgebirgslandschaft, welche von jeher zu den vor¬ züglichsten teppicherzeugenden Gegenden Irans zählte, bezeichnet. Es haben sich dort mehrere Zentralstellen der Industrie selbständig entwickelt, die auch in der Eigenart der Erzeugung von Kennern unterschieden werden: d. s. Senne als Hauptart des Distriktes von Ardilan und Gerus. Ersterer ist ein im Gewebe sehr feiner Teppich, er gilt als der zierlichste der mo¬ dernen Knüpfarbeiten; er wird wegen seiner geringen Grösse und Dicke in Europa mehr als Zierteppich für Diwan und Tisch benutzt. Die Dichte seines Flors ist so eng, dass beim Umbiegen die Fäden der Kette nicht Abb. 328. sichtbar werden. Eine Untersuchung der Textur hat als Grösstzahl der Knüpfungen auf 100 qcm die Summe von 7200 Knoten ergeben. Diese Noppenzakl geht hei den gröbsten Stücken auf 3000 herab. Die Knüpfungs¬ art ist nach Abb. 29, Tafel XVI. Hier ist wieder das Heratimuster typisch, dem sich eine einfache Borte anschliesst; auch das Palmwipfelmuster ist darin oft vertreten. Die von dem nur wenige Tausend Familien zählenden Kurden¬ stamme der Gerus herrührenden Teppiche sind in Ausführung dem Senne¬ teppich ähnlich, nur noch etwas rauher als dieser. Kurdistan-Kilims werden die feinsten glatten Teppiche genannt, welche Persien erzeugt. Sie sind gobelinartig gewirkt, von grösster Feinheit und enthalten auch das Herati¬ muster, welches häufig in der Mitte von einem Rautenfeld unterbrochen wird. Kasckkai heissen im europäischen Handel Kirmanschah oder Schiraz, wohl auch hier und dort unter dem Namen Mekka bekannt. Es ist ein in den verschiedensten Sorten und mehreren Mustern vorkommender Knüpf¬ teppich, welcher von den über den südwestlichen Teil Persiens ausgebreiteten
Teppich 575 Nomadenstämmen der Kaschkai ganz in Wolle gearbeitet wird und dessen Charakteristik ausser dem einheitlichen Webstoff noch in dem seidenartigen Luster zu suchen ist. Die verschiedenartige Benennung desselben beruht auf Handelsnamen (s. den bes. Artikel Kaschkai). Dieser Teppich gilt in Persien heut noch als der schönste neben dem Senne aus Kurdistan. Die Oberfläche desselben ist in der Regel nicht kurz geschoren, die Knüpfung keine beson¬ ders dichte, sie schwankt zwischen 1000 und 1500 auf 100 qcm bei einer Technik nach Abb. 29 und 30 auf Tafel XVI. Die Musterung besteht aus kleinem Streuwerk und Rosetten (Aschkali genannt), in einer anderen Art erscheinen die Palmwipfel mit der Randborte aus einem Wellenband, das mit kelchförmigen Blüten durchsetzt ist: vgl. Abb. 328 und Abb. 3 und 7 auf Tafel XIII, Abb. 7 auf Tafel XIV. Kirman (s. d.) ist eine aus gleichnamiger im Südosten Persiens gelegenen Stadt stammende Teppichart von geringer Feinheit, dessen beliebteste Musterung im kaschmir oder kirmaner Shawlmuster besteht. Khorassan (s. d.) soll früher die besten Erzeugnisse Persiens geliefert haben, was durch heutige Arbeiten kaum noch bestätigt wird. Dahin gehören die in dem Distrikte von Kha'in erzeugten Teppiche mit grellen, vielfach unechten Farben, welche auch der Dauerhaftigkeit entbehrten. Die Khorassanteppiche sind mit wenigen Ausnahmen in Wolle auf baumwollener Kette geknüpft, der Einschlag ist gleichfalls Baumwolle. Auch die Erzeug¬ nisse der Stadt Biredschend gehören zu dieser Gattung. Persische Filzteppiche (Nemeds) werden in der Gegend von Yezd in dem Dorfe Taft gefertigt, auch diejenigen von Ispahan sind berühmt, gleiche Fabrikate kommen aus Kha'in und Biredschend. Sie erreichen oft eine Dicke von 4 cm. Eine Sorte, welche besonders leicht und durch An¬ wendung des Ziegenhaares sehr schmiegsam ist, wird in Hamadan verfertigt. Persische Seidenteppiche kamen früher aus den berühmten Staats¬ teppichwebereien und wurden in der Regel aus dem Produkte der Seidenraupe erzeugt, deren Kultur im Mittelalter und bis in die jüngste Zeit nicht nur über das chinesische Turkestan, die Ländergebiete des Oxus und Jaxartes und die Oase von Merw, sondern auch in Khorassan, Mazenderan und Ghilan all¬ gemein verbreitet war, von wo aus sie ihren Weg nach dem Kaukasus fand. In neuer Zeit werden Seidenteppiche nur in der Stadt Kasch an und in Sultanabad erzeugt. In letzterem Orte ist diese Industrie auf europäische Anregung entstanden. Im wesentlichen ist die Textur der einen und der anderen Gattung dieselbe: Seidenkette, Baumwolleinschlag und Seidenflor; nur sind die Sultanabader Teppiche spröder und steifer, was hauptsächlich von der grösseren Stärke des zur Verwendung kommenden Seiden- und Baumwollgarns herrührt: 2 Einschüsse zu je 16 und 8 Faden gegen fünffach bei dem Kaschaner. Bei beiden Arten wird grobe Stickseide (soie plate) verwendet. Die Zahl der Knüpfungen beträgt bei Kaschan etwas über 4000, bei Sultanabad 3600—4000 auf 100 qcm. Die Knüpfung ist nach Abb. 29 auf Tafel XVI. Die Musterung ist dem europäischen Geschmack angepasst. (Vgl. Abb. 329.) Im vorliegenden Teppich hat man den Teil einer Galerie mit Chinoiserien zu einer Art von Gebetteppichfüllung umgestaltet. Die Farben sind sehr brillierend. Zu den zentralasiatischen Teppichen gehören die Turkmenen, die Khiva, die Belutschistan und Bokhara. Turkmenen werden in Zentralasien Dschujnabe genannt und im Handel irrtümlich Bokhara (s. d.), mit welchen sie nur die eigentümliche rotbraune Farbe gemein haben, die dem Indischrot am nächsten kommt; sie gehören zu den dauerhaftesten, dichtesten und bestgeschorenen Teppichen Zentralasiens. D as Gelb, das den Bokharas so eigentümlich ist, kommt in den turkmenischen nur selten vor. Neuerdings kommt auch ein Zinnoberrot darin zur Ver¬ wendung, das auf den Verfall des Farbensinnes hindeutet. Auf allen Turk¬ menen begegnen wir im wesentlichen einer und derselben Art der Raum¬ einteilung: zwei Motive von geometrischer Grundform wechseln in versetzten Reihen miteinander ab, das eine kreuzförmig aus vier Balken, an deren jedem ein Doppelhaken ansetzt, das zweite von achteckiger Form mit Stern, der in
576 Teppich. der Regel durch vier ins liegende Kreuz gestellte Motive gefüllt ist. Charak¬ teristisch für den Yomudteppich sind die Achtecke mit äusserem Rahmen, der in vier Teile zerlegt ist. An den Teketep pichen (Abb. 5, Tafel XIV) erfahren die Achtecke durch mehrfache Aus- und Einsprünge ihrer Umriss¬ linien eine weitere Entwickelung, oft bis zu einem Zweiunddreissigeck. Eine etwas abweichende Art der Raumteilung findet sich an solchen Knüpfteppichen befolgt, die ganz bestimmten Sonderzwecken zu dienen haben: d. s. die GebetAbb. 329. teppiche der Yomud (Abb. 330), deren Nischen durch ein klar gezeichnetes Netzmuster ausgefüllt sind. Eine besondere Eigentümlichkeit dieser turk¬ menischen Teppiche liegt noch darin, dass ihre Borten nicht an allen Seiten gleich behandelt sind. Olt wechselt das Muster nicht nur an Lang- und Schmalseite, sondern auch an den beiden Schmalseiten untereinander. Gewirkte Vorstösse kommen häufig vor; in anderen Fällen treten geknüpfte Fransen an ihre Stelle. Die Wolle dieser Teppiche ist oft sehr fein und hat namentlich
Teppich. 577 nach längerem Gebrauche ein sammetartiges Lustre. Hier und da werden auch Seidenfäden eingewebt. Bei einem ganz neuen Teppich wurde beobachtet, dass die weissen Musterfelder in Baumwolle gewebt waren. Der turkmenische T. gehört zu dem kurzhaarigen Typus. Neben dem Florteppich wird von den Turkmenen auch ein sumakhartiger, sehr derber, aber ausserordentlich wider¬ standsfähiger Kilim gewebt, welcher an Ort und Steile Palas heisst. An die turkmenischen Teppiche lehnen sich im Muster die im Handel bald Khiva, Abb. 330. bald Afghanen genannten Teppiche an, welche gewöhnlich mit gröberer oder langhaariger Wolle gewebt sind; doch kommen auch sehr feine und dichte Arbeiten vor, die sorgfältig geschoren und in ihrer ziegelroten Gesamtfärbung durch prächtigen Glanz sowie Geschmeidigkeit ausgezeichnet sind. Selten sind die Teppiche aus Belutschistan (s. d.). Auch über Bokhara siehe den besonderen Artikel. Nach den von dort kommenden Berichten ist anzunehmen, dass die heut im Handel als Mos ul bezeichneten Knüpfteppiche (vgl. Abb. 4 und 5 auf Tafel XIII) aus Bokhara stammen; es würde sich in den hier abgebildeten Stücken um neuere Erzeugnisse handeln. Ueber kaukasische Teppiche vgl. den besonderen Artikel. Dazu gehören die Karabagh Heiden, Handwörterbuch der Textilkunde. 37
578 Teppich. und Gendsehe; eine Abart hiervon sind die Kasaks (vgl. Abb. 6 auf Tafel XIV) und die Lesghi. Eine besondere Gattung der kaukasischen Teppiche sind die aus dem im Osten zwischen den unteren Lauf des Kur und die Halbinsel von Apscberon eingekeilten Landstriche Schirwan (vgl. die Abb. 9—d3 auf Tafel XIII), die sich wiederum unterscheiden nach den Er¬ zeugnissen der Ortschaften Baku, Mogan und den Arten T sch et sehen und Kabristan. Die Teppiche der Landschaft Daghestan (s. d.) werden unterschieden nach solchen aus Derb ent (ganz aus Wolle, Knüpfungsart 29 Abb. 331. auf Tafel XYI) und den feineren dieser Art aus Kuba. Die Sumakhteppiche jeder Art sind broschierte Gewebe (vgl. Abb. 8 auf Tafel XIY), bei welchen die Schussenden entweder kurz am Gewebe, auf der Rückseite abgeschnitten sind, wie bei den Verne und Sile, oder lose auf letzteren hängen, wie bei den eigentlichen Sumakhs. (Ygl. Bindungstafel XYI, Abb. 31.) Anatolische Teppiche, auch Smyrna- oder türkische Teppiche im Handel genannt, vertreten eine uralte Industrie der Knüpftechnik in Klein-
Teppich. 579 asien. Als Hauptsitze der Erzeugung beliebter Sorten werden beute genannt: Uscbak, Giordes (Abb. 6 auf Tafel XIII), Kula (Abb. 331), Demirdscbik, Sparta, Ladik (Abb. 332), Pergamos (Abb. 2 auf Tafel XIII) und Melas (s. den Artikel Smyrnateppiche). Die Industrie trägt überall die Merkmale häuslicher Tätigkeit, die Teppickarbeit wird wie ein Geheimnis ge¬ hütet, um der im Lande einzig blühen¬ den Industrie keine fremdländische Konkurrenz zu schaffen. Der grösste Teil der zu verarbeitenden Wolle stammt von den eigenen Schafen und wird im Hause gesponnen, sie ist von fettiger Sorte, doch glaubt man, dass sie nicht immer gewaschen wird, da gewisse Farben, wie blau und gelb, in der ungewaschenen Wolle schöner er¬ scheinen. Das Färben derselben be¬ sorgen die Männer während der Regen¬ zeit überall im Hause, doch gibt es in Kula und Uscbak auch eigentliche Färbei\ Es wird hier die im Lande gebaute Krappwurzel viel zum Rot¬ färben verwendet, weniger Cochenille. Indigo gibt die blaue, die Kreuzbeere die grüne und gelbe, der Gallapfel die schwarze und Valonea die weisse und braune Farbe; zur Hervorbringung hellerer und dunklerer Farbentöne dienen verschiedene Holzgattungen, und von chemischen Produkten werden nur solche verwendet, die, wie Vitriol, Alaun, Zinn, zur Färberei durchaus notwendig sind. Der Billigkeit halber und auch um der Mode, welche zur Zeit des Sultans Abdul Asis (1830 bis 1876) an gelben Farben Gefallen fand, ein Zugeständnis zu machen, be¬ diente man sich einige Zeit lang der Anilinfarben; doch da man merkte, dass darunter die Güte und Dauer¬ haftigkeit der Teppiche litt, kehrte man wieder zum alten Gebrauche der vegetabilischen Farbstoffe zurück. Die Webstükle sind die ältesten ihrer Gattung. In Uscbak ist die Teppicherzeugung am ausgedehntesten und vollendetsten. Von 2000 Webstühlen sind (nach dem Berichte Routiers aus dem Jahre 1885) 600 in Tätigkeit, und versehen 4000 Arbeiter und Arbeiterinnen das Knüpfen und Weben der Teppiche und das Waschen und Färben der Wolle. Die Muster der heute hier erzeugten Teppiche sind türkisch und werden alten Teppichstücken, die entweder in der Familie vererbt oder von einer anderen Familie entlehnt sind, nachgebildet. In Giordes werden hauptsächlich persische Muster nachgeahmt. Kula liefert sogenannte Khorassanimitationen. Auf Bestellung wird aber überall Alles ge¬ arbeitet und kein Ort beschränkt sich heut auf bestimmte Erzeugnisse. In Hinsicht auf die Güte lassen sich die Smyrnateppiche in dicke, mittlere und dünne teilen. Die dicken sind die geschätztesten, und die besten davon stammen aus Uschak. Die schlechteste Sorte, die ebenfalls hier erzeugt wird, heisst Barhana, und wird für die Echtheit ihrer Farben nicht garantiert. Die mittleren Sorten stammen aus Kula, Giordes und Demirdschik. Der Unterschied zwischen diesen und denen von Uschak besteht auch noch darin,
580 Teppich. dass in Kula Hanf, in Giordes und Demirdschik Baumwolle zur Kette ver¬ wendet wird, während Uschak Wolle nimmt. Die feinste Qualität aus Uschak führt den Namen Tek-Iplik. Muster und Textur sind hierbei ausser¬ ordentlich fein. Syrische Teppiche sind aus dem Anfänge des 18. «iahrh. bekannt. Ihre Erzeugung ist übertragen von einer Anzahl Familien aus Brussa nach Dörfern in den Distrikten Hakkar, Hossu, Safita und Hazzur im Mutessariflik Tripolis in Syrien. Das bedeutendste dieser Dörfer — etwa ein Dutzend — ist Haidamur, etwa 30 Meilen östlich von Tripoli; es scheint alle anderen in Bezug auf Güte, Dauerhaftigkeit und Zeichnung der Teppiche zu übertreffen. Eine Gattung guter Teppiche wird auch im Dorfe Fiki oder Fakeh erzeugt. Die Hauptfarben solcher syrischen Teppiche sind rot und schwarz, öfter karminrot und schwarz, mit schwarzen oder dunkelbraunen Figuren an den beiden Enden. In einem etwa 10 Meilen von Haidamur entfernten Dorfe sind die Hauptfarben der Teppiche rot und grün mit weissen Borten und das Muster zeigt weisse Kreise mit roten und grünen Mittelpunkten. Vom Orient her hatte sich die Teppichindustrie auch nach Bosnien und der Herzegowina verpflanzt; aber sie war sehr in Verfall geraten und wurde von der österreichisch-ungarischen Regierung in neuer Zeit wieder gepflegt, so dass man nach gegebenen Mustern gute Ware zu arbeiten im stände ist. Bulgarische Teppiche kamen früher aus der Stadt Pirot, die heute zu Serbien gehört. Hier wurden gewöhnliche Sorten kleinen Formats zu sehr billigen Preisen erzeugt, unter dem Namen Pirocanski-Kilim. Auch Ciporovica wird als Teppicherzeugungsstätte genannt. Rumänische Teppiche sind unter der Bezeichnung Velintze be¬ kannt, sie gleichen den serbischen, bulgarischen und similaren Torontaler Er¬ zeugnissen, indessen ohne die feineren Muster und Farbenzusammenstellungen. Serbien nimmt unter den Teppich erzeugenden Ländern der Levante keinen unbedeutenden Platz ein, den es durch das frühere bulgarische Pirot erobert hat. Zurzeit der Türkenherrschaft, als die Teppiche nicht nur beim reichen Landadel, sondern bis nach Konstantinopel lohnenden Absatz fanden, beschäftigte sich fast die ganze weibliche Bevölkerung der etwa 10000 Seelen zählenden Stadt Pirot mit der Herstellung von Teppichen, doch nachdem der wohlhabende Adel, überhaupt alle Mohammedaner das Land verlassen haben, finden nur etwa 1000 Personen noch ihre Beschäftigung. Die Teppichweberei ist immer Hausindustrie gewesen, umgeben von einem Sagenkreise mit Märchen und Volksliedern, welche sich von Mutter auf Tochter übererbte. Man hält daher fest an wenigen hergebrachten Ornamenten, die jeder Weberin beim Namen bekannt sind und ohne jede Vorlage unter ihren Fingern entstehen. Erst in neuester Zeit hat man sich gegen gute Bezahlung herbeigelassen, auch nach angegebenen Mustern in Zeichnung und Farbe zu arbeiten. Die älteren Stücke haben einen schwarzen, die der neueren Zeit einen roten Grund, alle Muster schliessen sich der geometrischen Formengelmng an. Heber indische Teppiche siehe den Artikel Indien. Vgl. auch den Aufsatz „Indische Teppiche“ von Vincent J. Robinson in dem Werk: „Teppich¬ erzeugung im Orient“, herausgegeben vom K. K. Oesterr. Handelsmuseum in Wien, 1895. Die Erzeugung von Teppichen im nördlichen und westlichen China ist eine verbreitete Hausindustrie. Man erzeugt gewirkte, geknüpfte und Filz¬ teppiche : alle drei Gattungen werden mehr zur Bedeckung der Betten und als Reise- und Satteldecken, weniger aber als Bodenbelag verwendet. In Peking werden tür die kaiserlichen Paläste einzelne Teppiche von besonderer Schön¬ heit in Seide und mit Goldfäden durchwirkt hergestellt, wiewohl die grösste Zahl der im Besitze des Hofes befindlichen Teppiche dieser Art zentral¬ asiatischen Ursprungs sein soll. Die Kette der gewöhnlichen Teppiche ist meist Baumwolle, der Einschlag und die Knüpfung Schaf- oder Kamelwolle. Die meisten chinesischen Teppiche zeigen eine ganz feste, organische Raum-
Teppich. 581 gliederung. Die Mitte wird betont durch eine Blütenrosette, die Ecken durch Mäanderwerk, das auch in den Abschlussrändern eine Rolle spielt; dazwischen Streumuster in regelmässigen Abständen aus stilisiertem Blütenwerk, Rosetten, auch Fledermäusen, Schmetterlingen u. a. m. angebracht. Der Farbenreichtum ist mit den übrigen orientalischen Teppichen nicht zu vergleichen. Der Grund ist gewöhnlich weiss, namentlich in kleineren Stücken, in grösseren ist Rot und viel Gelb als kaiserliche Farbe vertreten. Typische Beispiele für gute Erzeugnisse kommen aus S a m a r k a n d in Chinesisch-Turkestan. (Ygl. Abb. 4 auf Tafel XIV.) Japanische Teppiche sind in älteren Zeiten völlig unbekannt. In den Wohnräumen der höheren Stände vertreten dort die Felle der auf der Jagd erlegten Tiere ihre Stelle. Erst vor etwa zwei bis drei Jahrhunderten begann man in Japan selbst Teppiche zu erzeugen, welche Nabeshima ge¬ nannt wurden; diese Fabrikation geriet aber gänzlich in Verfall. Seit der Eröffnung des Landes und der Zunahme des Verkehrs hat sich der Gebrauch von Teppichen verbreitet und man ahmt seit der Mitte des 19. Jahrh. chinesische und europäische Teppichmuster nach. In Kishiu und den angrenzenden Pro¬ vinzen, wo früher eine Art Flanell, Mompa genannt, erzeugt wurde, fertigte man Teppiche aus Baumwolle, Hanf und Seide an, die in Tokio iisw. einen starken Absatz fanden. Baumwollteppicke werden jetzt in Sakai bei Osaka in der Provinz Idzumi hergestellt. Die Teppicherzeugung wird als Haus¬ industrie betrieben und beschäftigen die Kaufleute, welche sich mit dem Handel des Artikels befassen, die Arbeiter. Hanfteppiche werden in Fusimi bei Kioto in der Provinz Yamasiro, in Mikage, zwischen Osaka und Kobe, und in Komagasaki bei Hiogo erzeugt. Aus Marokko sollen Teppiche des 14.—17. Jahrh. stammen, welche grosse Sternmuster in Art der vorderasiatischen Knüpfarbeiten enthalten, die zum grössten Teil in Rot und Grün gehalten sind. Andere setzen diese Art von Knüpfteppichen nach Damaskus (?). Als einstige Hauptsitze der Teppich¬ weberei in Marokko werden Fez und Marokko bezeichnet, heute hat sich die Industrie in Rabat und El Baida (Casa blanca) aufgetan. In Rabat werden die Knüpfteppiche (Zebia), in Casa blanca die gewirkten Teppiche (Hambel) erzeugt. Eine Spezialität der marokkanischen Teppiche sind die Tuarekteppiche, welche die Frauen arbeiten; sie kommen seltener in den Handel, sondern werden dem Eigentümer bei seinem Tode als Leichentuch ins Grab mitgegeben. Die älteren in Europa erzeugten Fussteppiche in Knüpf¬ arbeit stammen aus Spanien, wohin die Industrie im 16. Jahrh. von den Sarazenen verpflanzt worden ist. Die Muster lehnen sich an orientalische Typen gleicher Zeit an, doch kommen auch andere vor, die darin im Sinne der Gewebe Tapetenstoffen gleichen. Die moderne Nachahmung orientalischer Knüpfteppichein Europa begann in Deutschland in der Mitte des 19. Jahrhdts. NachBerichten von Julius Lessing (Altorientalische Teppiche, Berlin 1877) wurden: im Jahre 1853 von der preussischen Regierung zwei Techniker aus Kottbus und Schönberg in Schlesien nach Giordes, Kula und Uschak in Kleinasien gesandt, um die Smyrnatechnik zu studieren und man fing dann an, genau nach der orientalischen Art mit Hilfe von Haute-lisse-Webstühlen zu arbeiten: zuerst in der Gevers & Schmidt sehen Teppichfabrik in Schmiedeberg in Schlesien, derselben folgten Schütz & Juel in Wurzen bei Leipzig, die heute als „Vereinigte Smyrna-Teppichfabriken“ bekannt sind. In Oesterreich traten zuerst Philipp Haas & Söhne aus Wien, J. Ginzkey in Maffersdorf bei Reichenberg, Jos. Dierzer in Kleinmünchen, Gebr. Schaumann in Stockerau mit Erzeugnissen dieser Art auf. Belgien fertigte Smyrnateppiche bei Stevens Michel & Co. in Brüssel, aus Holland kamen dergleichen aus der Kgl. Teppichfabrik in Deventer und von Jan Henkensfeldt in Delft. Die neuere Zeit hat in allen grösseren Textilindustriezentralen Europas Werk¬ stätten für Teppichknüpferei entstehen lassen. Ueber das Kopieren nach
582 Teppich. orientalischen Vorbildern ist man längst hinaus, man folgt auch hierin dem Geschmacke der Neuzeit; doch der gute alte Teppich des Morgenlandes ist zu widerstandsfähig, als dass er schon gänzlich vergessen worden wäre. Literatur (ausser den im Text angeführten Werken): a) Wandteppiche und ältere verwandte Technik: Bock, F., Kunst¬ geschichtliche Beiträge über die vielfai-bigen Gobelinwirkereien und Purpurstickereien der spätrömischen und frühbyzantinischen Kunstepoche, Hannover 1886; Böttiger, J., Svenska statens samling af säfda tapeter historic och beskrifvande förteckning, Stockholm 1895—98; Boucher, Fr., Fac-Simile d’apres, 1882; Boyer de Ste. Suzanne, Les tapisseries Franqaises, 1879; Castel, A., Les tapisseries, Paris 1876; Champeaux, A. de, Tapestry, South Kensington Museum, Art handbook, London 1878; Deyroll, L., Notice sur hart de la tapisserie dans ses rapports avec la peinture et sur les moyens d’execution dont peut disposer l’artiste tapissier dans les manufactures des Gobelins et de Beauvais, Paris 1878; Dillmont, Th. de, Koptische Stickereien, Muster altchristlicher Kunst in Aegypten, Dörnach 1887; Duhamel du Monceau, Die Kunst, türkische Tapeten zu weben, welche unter dem Namen der Tapeten von Savonnerie bekannt sind, Leipzig und Königsberg 1768; Dupont, P., La stromatourgie. Documents relatifs ä la fabrication des tapis de Turquie en France au 17. siede; 1882; Egyptian art, Teil 5 der Portefolios of South Kensington Mu¬ seum in London; Farcy, L. de, Histoire et description des tapisseries de la cathedrale d’Angers, 1890; Fenaille, M., Etat general des tapisseries de la manufacture des gobelins depuis son origine jusqu’a nos jours (1600—1900), Paris 1903; Forrer, Die Gräber- und Textilfunde von Achmim-Panopolis, 1891; Gentili, P., Arazzi antichi e moderni, Roma 1897; Gerspach, E., La manufacture nationale des gobe¬ lins, Paris 1892; Derselbe, Les tapisseries coptes, Paris 1890; Graft, J., van der, De Tapijtfabrieken der 16. en 17. eeuw, Middelburg 1869; Guichard, E. et A. Darcel, Les tapisseries decoratives du Garde-meuble, Paris 1877; Hankiewicz, C., v., Die Kilimweberei und die Kilimwebeschule des W. R. v. Fedorowiez in Okuo, Wien 1894; Hauser y Menet, Tapices de la corona d’Espaha, Madrid 1903; Jubinal, Achille, Les anciennes tapisseries historiees, ou collection des monuments les plus remarquables de ce genre du moyen äge ä partir du 11. siede au 16. s. incl. gravures d’apres les dessins de Victor Sansonetti, Paris 1838; Kawashima, J., Art fabrics exhibited at worlds Columbia exposition at, Chicago 1893; Les sing, J., Die Wand¬ teppiche aus dem Leben des Erzvaters .Takob, Vorbilderhefte (25) Berlin 1900; Der¬ selbe, Der Croy-Teppich im Besitz der Kgl. Universität Greifswald, Berlin 1902; Manners, Victoria, Descreptive notes on the tapestry in Haddonhall, London 1899; Maple, Concerning carpets and art decoration of floors, Bradford 1886; Mayer, Joh. Ulrich, Königliche Französische Tapezereyen u. s. w., Augsburg 1690; Müntz, E., La tapisserie, Paris 1888; Derselbe, Tapisseries, broderies et dentelles, Paris 1890; Derselbe, Les tapisseries de Raphael au vatican, Paris 1897; Recuil de 313 peintures et tapisseries de la manufacture nationale de Beauvais (sous l’administration de) M. Badin etc., Paris 1904; Regensburg, Gobelins aus dem 14. .Tahrh. im Rathaus, 1875; Riegl, A., Die ägyptischen Textilfunde im K. K. Oesterr. Museum, Wien 1889; Seelig, Frau, Leitfaden für den Unterricht in der Kunst- und Haus¬ weberei nach den Erfahrungen der Kieler Kunstgewerbeschule, Kiel 1904; S o i 1, E., Les tapisseries de Tournai, 1892; Stammler, .T., Die Burgunder Tapeten im hi¬ storischen Museum zu Bern, 1865; Tapisseries anciennes et modeles de ta¬ pisseries en 16.—18. siede, Paris 1891; Tarabulini, D., L’arte degli arrazzi e ia nuova galleria dei gobelins al Vaticano, Roma 1884; Turgan, Les grandes usines de France, 1—3 gobelins, Paris 1860; Villaamit, G., Cruzada — Los tapices de Goya, Madrid 1870; Wauters, A., Les tapisseries bruxelloises, Essai historiqne sur les tapisseries et les tapisseries de haute et de basse-lisse de Bruxelles, Br. 1878; Ziesch, W. & Co., Anleitung zur sachgemässen Behandlung alter echter Gobelins und Ueber die Kunst der Gobelinweberei u. s. w., Berlin 1904. b) Orientalische Knüpfteppiche u. s. w.: Coxon, H., Oriental car¬ pets, how they are made and conveyed to Europe, London 1884; Eckmann, O., Moderne Knüpfteppiche nach eigenen Entwürfen, ausgeführt durch die Vereinigten Smyrna-Teppichfabriken Schmiedeberg, Cottbus, Hannover, Linden, Berlin 1901; Fröh¬ lich, W., Orientalische Teppiche, Berlin 1890; Holt, Rosa, Belle, Rugs, Oriental and Occidental autique and modern, Chicago 1901; Jäck, Eug., Der Einfluss der Orientalen auf unsere Teppichfabrikation; Jan itsch, J., Der orientalische Teppich als Vorbild, 1891; Lipperheide, F. & Clara M a rgg r af f, Die Smyrnaarbeit, Berlin
Teppich. 583 1886; Mumford, «I., Oriental rugs, London 1901; Orientaux, Ornements, tapis, toiles peintes etc., 1892; Riegl, A., Aeltere orientalische Teppiche aus dem Besitze des Allerhöchsten (Oesterreichischen) Kaiserhauses, Wien 1895; Robinson, V. J., Eastern carpets, London 1882, 1893; Stehbing, E., The holy carpet of the mosque at Ardebil, London 1893; Teppiche des Orients und der unreelle Handel damit, Stuttgart 1900; Turkey carpets and their manufacture, London 1884; Wierzbicki, L. v., Decken, Teppiche u. s. w., Ser. III, IV, X von „Ornamente der Hausindustrie Ruthener Bauern“, Lemberg 1883—89. Abbildungen: 318. Darstellung aus: Müntz, La Tapisserie, Paris 1888, S. 93: Teil eines Wandteppichs, Wirkerei in farbiger Wolle, weiss und bunt: Muster aus verbundenen Kreisen mit antikem Eiechtband, darin phantastische Tiergestalten in symbolischer Be¬ deutung ; Randborten aus romanisierendem Arabeskenwerk mit Löwenköpfen. Fran¬ zösische oder nordische Arbeit unter dem Einfluss eines gewebten orientalischen Seiden¬ stoffes, 10.—12. Jahrh, 319. Darstellung nach einer Photographie aus dem Kunsthandel: Wandteppich, Wirkerei in farbiger Wolle mit Darstellung der Verkündigung Mariä. Flandern, 15. Jahrh. 320. Darstellung aus: Kunstgewerbeblatt, Leipzig 1892. S. 49. Wandteppich, Wirkerei in farbiger Wolle mit Darstellung des Urteils Salomonis. Leipziger Arbeit des Webers Seger Bombeck, 16. Jahrh. 321. Originalaufnahme nach der Kopie eines im Kgl. Schlosse zu Berlin vor¬ handenen Wandteppichs mit Zeichnung von Boucher: Mädchen mit Korb. Original Frankreich Ende 18. Jahrh., Kopie von der Berliner Gobelinmanufaktur W. Ziesch & Co., 1903. 322. Darstellung aus: Kunstgewerbeblatt, Juli 1898: S. 184. Wandteppich „Flora“ gezeichnet und gewirkt von William Morris; die Figur von Edward Burne Jones. Aus dem Werke „Aymer Vallance, William Morris, London, George Bell and Sons“. 323. Darstellung aus: Kunstgewerbeblatt, September 1902, X. F. XIII. H. 12: Wandteppich mit Muster aus stilisierten Blumenstauden in Art der gotischen Verdüren, in Nordischer Bildwirkerei gearbeitet von Ida und Carlotta Brinckmann für das Ham¬ burger Museum für Kunst und Industrie. 324. Darstellung nach einer Photographie: Wandteppich, Entwurf von AValter Leisticow, gewebt im Lettehaus für die Nordische Kunstweberei, Inhaber P. Lind¬ horst, Berlin. 325. Darstellung aus Porte folio of art, South Kensington Museum, London: Knüpfteppich in farbiger Wolle und Seide, Grund rot, Muster bunt: stilisierte Blüten¬ ranken, chinesische Wolken und Vögel. Persien 17. Jahrh. 326. Darstellung nach einer Photographie aus dem Kunsthandel: Knüpfteppich in farbiger Seide, Grund rot, Muster bunt: Ranken und Blüten in Palmettenform. Persien 16.—17. Jahrh. 327. Darstellung aus: Julius Lessing, Orientalische Teppiche, Vorbilderheft 13, Berlin 1893: Knüpfteppich in farbiger Wolle, rot, blau und bunt: Ausgesparte arabische Palmetten greifen als umschlagendes Muster ineinander und enthalten wechselnde sti¬ lisierte Blütenranken; am Rande Bänder und stilisierte Wolken. Persien 16. bis 17. Jahrh. 328. Originalaufnahme aus den Beständen des Hauses Rudolph Hertzog in Ber¬ lin: Hälfte einer persischen Satteltasche, Knüpfarbeit in farbiger Wolle: im Felde Sterne in Rauten, Rand mit Wellenband. Kaschkai 19. Jahrh. 329. Originalaufnahme wie Abb. 328: Geknüpfter Seidenteppich mit Darstellung einer Gebetnische aus zusammengestellten chinesischen Formen. Persien (Ispahan) 19. Jahrh. 330. Originalaufnahme wie Abb. 328: Gebetteppich, Knüpfarbeit in farbiger Wolle, vorwiegend rot, weiss und mit Blau: Kreuz, verschieden gemusterte Zacken¬ ränder mit Mäanderansätzen u. s. w. Turkmenische Arbeit der Yomuden, 19. Jahrh. 331. Originalaufnahme wie Abb. 328: Knüpfteppich in farbiger Wolle: In Mitte spitzes Feld auf gelblich-braunem Grunde, Randborten bunt, gestreift mit Streublumen. Kula in Anatolien Ende 18. Jahrh. 332. Originalaufnahme wie Abb. 328: Schmaler Gebetteppich, Knüpfarbeit in farbiger Wolle: Die Nische kupferrot, Füllmuster bunt, vorwiegend auf Hellblau, Ränder aus schrägen gefüllten Bändern. Ladik in Anatolien Ende 18. Jahrh.
Teppich—Teppichgrund. 584 Abbildungen auf der T a fei XIII: Orientalische K n üp f t ep p i ch e des 18. und 19. Jahrh. (Originalaufnahmen aus den Beständen des Hauses Rudolph Hertzog in Berlin): 1. Muster: Rauten in länglich spitzen gezackten Feldern mit Grundfüllung in Weiss und Gelblichbraun, die Zwickel und in den Rändern bunte Rosettenfüllung u. dgl. auf vorherrschend naturfarbenem Kamelhaargrund. Hamadan im Teppichbezirk Azerbeidschan. 2. Rotbraunes spitzes Feld mit aneinander gereihten Blütenrosetten und länglich gezogenen tulpenähnlichen Formen; die Zwickel auf blauem Grunde. Pergamos (das alte Bergama), Provinz Mysien in Anatolien. 3. Gezackte Rauten mit symmetrischer Füllung aus geraden Bändern in Um¬ rahmung von zackig abgesetztem Grunde mit buntem Fallwerk auf tiefblau-schwarzem Grunde; in den Zwickeln gestreift. Schiraz im Teppichbezirk Kaschkai, Persien. 4. Rötlichgelber Grund mit reihenweis versetzten Nelkenblüten; Borte auf weissem Grunde. Mosul (?) in der Provinz Bagdad, nächst der Landschaft Kurdistan. 5. In gleicher Färbung und derselben Herkunft wie Abb. 4. 6. Gebetteppich mit blaurotem Giebelfeld. Giordes in Anatolien. 7. Dunkelblauer Grund mit buntem Muster aus Palmwipfeln. Schiraz im Teppich¬ bezirk Kaschkai, Persien. 8. Dunkelblauer Grund mit kleinem Palmwipfelmuster, Ränder im rötlichen Ton mit buntem Füllwerk. Serabend im Teppichbezirk Ferahan, Persien. 9. Blauer Grund mit weissem Eckfeld, bunte Rosettenblüten. Tschetschen (?) im Teppichbezirk Schirwan, Kaukasus. 10. Blaugrüner Grund, bunte Füllung und Ränder. Baku (?) im Teppichbezirk Schirwan, Kaukasus. 11. Blauer leuchtender Grund mit sechseckigen Feldern und stilisierten Blüten. Weisser Mittelrand mit geflochtenen stilisierten Blättern; Begleitborten mit Nelken¬ blüten. Schirwan im Kaukasus. 12. Hellblau und bunt, Vielecke, dem Aschkalimuster ähnlich, mit geometri¬ schem Füllwerk und Hakenrauten. Mogan (?) im Teppichbezirk Schirwan, Kaukasus. 13. Tiefes Schwarzblau mit zackigen Rautenfeldern; Rand mit Bandornament aus Motiven der kritischen Schrift. Kabristan im Teppichbezirk Schirwan. Kaukasus. Abbildungen auf der Tafel XIV: Orientalische Teppiche «des 18. und 19. Jahrli. (Originalaufnahmen aus den Beständen des Hauses Rudolph Hertzog in Berlin): 1. Blauer Grund mit Heratimuster in Bunt, Ecke auf weissem Grunde, Rand¬ borte grün. Eigentlicher Ferahan, der über Trapezunt in den Handel kommt und da¬ her oft fälschlich so genannt wird. 2. Ineinandergreifende Rautenfelder und Zackenlinie in Bunt auf verschieden¬ farbigem Grunde. Pergamos (das alte Bergama), Provinz Mysien in Anatolien. 3. Verschiedenfarbige Sechsecke mit Füllung aus geometrischen Figuren und Darstellung der Webekämme. Kasak im Teppichbezirk Karabagh, Kaukasus. 4. Roter Grund, im Muster ist das Gelb vorherrschend. Samarkand in Chinesisch-Turkestan. 5. Braunroter Grund, weiss, blau und gelb: Geometrische Teilung und Muste¬ rung. Turkmenischer (Teke-) Teppich, Zentralasien; im Handel Bokhara. 6. Rötlicher Kupfergrund mit dem sogenannten Spinnenmuster. Kasak im Teppichbezirk Karabagh, Kaukasus. 7. Blauer Grund mit buntem Muster; Randborte mit gewundenem Band. Schiraz im Teppichbezirk Kaschkai, Persien. 8. Verschiedene Vielecke auf rotem Grunde; im Rande Zackenband und Wogen¬ band (sogen, laufender Hund). Sumakh, Kaukasus. 9. Weisser Grund, buntgestickte Palmetten in Reihen; darunter Mäanderbänder. Im Handel Zeli. 10—12. Drei Kilimwirkereien in Weiss und Bunt, Kaukasus. Teppichbaum, die hölzerne AValze am Teppichwebstuhl zum Aufwickeln des fertigen Stückes. Teppichgrund, zu Ende des XIV. Jahrh. begannen die Maler vielfach den Grund der Tafelbilder mit orientalischen Teppichmustern zu versehen oder durch Teppiche direkt zu ersetzen. Auch schwere Sammetbrokattapeten, be¬ sonders jene in Rot und Gold aus Burgund und Italien, waren zur Vorlage
Teppichmarken—Textile Kirchenschätze. 585 als Hintergrund beliebt, so dass die Bilder, noch bis zur Spätrenaissance, häufig ein gutes Studienmaterial für gleichzeitige Teppich- und sonstige Flach¬ muster abgeben (s. Holbeinteppich und Teppich). Teppichmarken enthalten die Wandteppiche (s. unter Teppich) bedeu¬ tender Fabriken, wonach ihre Bestimmung erfolgt. So tragen diejenigen aus Amiens ein A oder auch eine französische Wappenlilie, aus Antwerpen gleichfalls A, aus Beauvais ein rotes Herz, einen weissen Stab oder zwei B; in späterer Zeit wurde der Name des Verfertigers eingewirkt. Brüssel trägt die Anfangsbuchstaben B in verschiedensten Anordnungen, häufig mit Wappenschild dazwischen. Florenz F oder Lilie. Paris P und Wappen¬ lilie. Tournai zeigt einen Turm mit Mauerkrone. Terciopelo liso, glatter, seidener Velpel im mexikanischen Handel. Terindans, Terindains, Terrindaines sind feine ostindische Musseline. Terlices, Tarlices, Terlizzi, Terliggi sind feine, bunt gestreifte Drilliche, welche in den Niederlanden, in Frankreich und in Deutschland früher für den italienischen und spanischen Handel gewebt wurden. Termalam ist ein russischer Schlafrockstoff. Ternauxshawls, französische, aus Kaschmirwolle gewebte Shawls, die ihren Namen nach dem Fabrikanten Guillaume Louis Ternaux, geb. 1763 zu Sedan, gest. 1838, haben, welcher die Zucht tibetanischer und anderer Ziegen zu Gunsten der Shawlfabrikation in Frankreich einführte. Terra mova, sizilianische Baumwollsorte. Teschen, Stadt in Oesterreichisch-Schlesien: eine Flachsbereitungsanstalt und Spinnerei. Tesser-Garen, im alten holländischen Handel die Webganie. Tetelettes (franz.), Bassinas. Teufen, Dorf im Schweiz. Kanton Appenzell-Ausserrlioden: Musselin¬ fabrikation und Stickerei. Tewkesbury, Stadt in der engl. Grafschaft Gloucester: Baumwollweberei und Strumpfwirkerei. Texendi (lat.) nannten die Kömerinnen es, wenn sie die entworrenen Seidenfäden aus fertigen chinesischen Gewändern von neuem verwebten. Textil-Berufsgenossenschaften: 1. Norddeutsche für die preuss. Provinzen Hessen-Nassau, Hannover, Schleswig-Holstein, Sachsen, Pommern, Brandenburg, Ost- und Westpreussen, Posen; für die beiden Mecklenburg, Sachsen-Weimar, Oldenburg ohne Birkenfeld, Braunschweig, Sachsen-Meiningen, Sachsen-Altenburg, Sachsen-Coburg-Gotha, Anhalt, die beiden Schwarzburg, Waldeck und Pyrmont, die beiden Reuss, Schaumbui’g-Lippe, Lippe, Bremen und Hamburg. Sitz ist Berlin ohne Sektionsbildung. 2. Süddeutsche für Bayern, Württemberg, Baden, Hessen und die Hohenzollernschen Lande. Sitz ist Augsburg, Sitz der 4 Sektionen: Augsburg, Hof, Stuttgart, Freiburg i. Br. 3. Schlesische für die Provinz Schlesien. Sitz ist Breslau, ohne Sektions¬ bildung. 4. Textilberufsgenossenschaft für Elsass-Lothringen: Sitz ist Mühlhausen im Eisass; ohne Sektionsbildung. 5. RheinischWestfälische für die Provinzen Rheinland und Westfalen, sowie für das Fürstentum Birkenfeld. Sitz ist M.-Gladbach; Sitz der 7 Sektionen: Düssel¬ dorf, M.-Gladbach, Elberfeld, Barmen, Lennep, Aachen, Münster in Westfalen. 6. Sächsische für das Königreich Sachsen. Sitz ist Leipzig; ohne Sektions¬ bildung. Textile Kirchenschätze haben sich seit dem frühen Mittelalter an¬ gesammelt, zunächst aus orientalischen Stoffen und Stickereien, welche während der Kreuzzüge aus dem Morgenlande als Reliquien mitgebracht wurden, dann aber dadurch, dass die allmählich ausser Gebrauch gesetzten liturgischen Ge¬ wänder aufbewahrt wurden. Auch Stücke der weltlichen Tracht sind der Kirche überwiesen worden, und man verwendete dieselben zur Anfertigung von Casein u. dgl. Die Stoffe der späteren Zeit sind zumeist vom Kunst¬ handel in Musterabschnitten für die Stoffsammlungen der Museen zerlegt; ältere und kostbare Textilien, namentlich solche, welchen eine gewisse religiöse
586 Textile Kirchenschätze Bedeutung anhängt, bilden noch immer ein wertvolles Studienmaterial an ihrer Stelle und sind zum Teil gelegentlich kunstgewerblicher Ausstellungen ver¬ öffentlicht worden. An solchen sind zu nennen: (vgl. auch die einzelnen Städte für die Literatur.) Aachen, Domschatz: grössere Anzahl mittelalterlicher Webereien und Stickereien vom 8.—15. Jahrh. — Andechs, Bayern: Schatz der ehemaligen Kloster-, nunmehrigen Wohlfahrtskirche: bemerkenswert das sogen. Brautkleid der hl. Elisabeth, ein Seidengewebe des 11.—12. Jahrh. und andere Gewebe; vgl. P. Emmeran Heindl, der heil. Berg A. in seiner Geschichte, seinen Merk¬ würdigkeiten und Heiligtümern, München 1895. — Aschaffenburg, Schloss¬ kapelle: Mittelalterliche Gewänder. — Augsburg, Dom: mittelalterliche Ge¬ wänder aus frühorientalischen Seidenstoffen. — Bamberg, Domschatz: Prachtgewänder aus der Zeit Kaiser Heinrich II und seiner Gemahlin Kuni¬ gunde. Dieselben sind grösstenteils beschrieben und abgebildet in dem Pracht¬ werke „Die Kleinodien des heiligen römischen Reiches deutscher Nation“ von Dr. Franz Bock, Wien 1864. — Ehemalige Abtei und Stiftskirche Michels¬ berg zu Bamberg: Gewänder und Stickereien des Mittelalters. — Benedict¬ beuren im bayr. Reg.-Bez. Oberbayern: Purpurstoff des 12. Jahrh. mit der Darstellung Samson den Löwen erwürgend, in mehreren Sammlungen und Ab¬ bildungen vorhanden. — Brandenburg a. d. Havel, Dom: Reichhaltige Sammlung mittelalterlicher Gewänder (14.—15. Jahrh.), darunter das Gewand des Schwanenordens (s. d.). — Brauweiler, ehemal. Abteikirche: Frühmittel¬ alterliche Stoffe und Gewänder, darunter die Casel des hl. Bernhard. — Breslau, Maria Magdalena-Kirche: Aeltere Paramente und Stickereien, z. T. im Museum schles. Altertümer. — Brixen in Tirol: Reiche Sammlung ge¬ wirkter und gestickter geistlicher Ornate, darunter das sogen. Adlergewand: vgl. die Abb. 5 auf Tafel II. — Cammin in Pommern, Domschatz: Pracht¬ gewänder; vgl. R. Spuhrmann, der Camminer Dom in Pommern. — Cornelymünster bei Aachen: Gestickte Messgewänder und Ornate des 15.—17. Jahrh., darunter eines in Genueser Sammet, zweihöhig gewebt. — Danzig, Samm¬ lung der Oberpfarrkirche zu St. Marien: Sammlung von Paramenten; vgl. A. Hinz, Die Schatzkammer der Marienkirche zu Danzig, das. 1870. — Düsseldorf, Schatz der Andreaskirche: Prachtgewänder von schweren Seiden- und Sammetbrokatstoffen mit Silberstickereien; vgl. P. Clemen, Die Kunstdenkmäler der Rheinprovinz III, 1, S. 29. — Schatz der Lambertuskirche: Paramente; vgl. Clemen, III, 1, S. 45. — Essen, Schatzkammer der Münsterkirche: Paramente; vgl. Clemen, II, 3, S. 42. — Fritzlar, Schatz der St. Petrikirche: Paramente u. s. w., darunter bedeutende romanische und gotische Stücke; vgl. Beissel, Stadt und Stift F. in: Stimmen aus Maria Laach 1895, S. 378. — Fulda, Domschatz: Mittelalterliche Gewebe und Mess¬ gewänder, Antependium. — Füssen bei Hohenschwangau: Gewand aus altem orientalischen Seidenstoff. — Halberstadt, Cither der ehemal. Domkirche: Reiche Sammlung mittelalterlicher Gewänder. Von besonderem Interesse jene Textilien, welche Bischof Konrad von Halberstadt als Beute aus dem durch die Lateiner eroberten Byzanz 1208 mit nach H. brachte und sie seiner Kathe¬ drale zum Geschenk machte; vgl. E. Hermes, Der Dom zu Halberstadt u. s. w. Festschrift, 1896; J. Lessing, Wandteppiche und Decken des Mittelalters III, Berlin 1903. — Hass eit in Belgien, Kirche zu: Sammlung flandrischer und brabanter Spitzen des 17. und 18. Jahrh.; liturgische Gewänder des 16.—18. Jahrh. — Helmstedt, Klosterkirche Marienberg: Gestickte Vorhänge, Wand¬ teppiche, Leinenstickereien; vgl. P. D. Meier, Die Bau- und Kunstdenkmäler des Grh. Braunschweig I, S. 43. — Hildesheim, Dom: Reich gestickte und gewebte Paramente. — Köln, Domschatz; vgl. Bock, Das heil. Köln u. s. w. Leipzig 1858—61. — St. Gereon: frühmittelaltex-liche Gewänder und Stoffe. — Limburg a. L., Domschatz: Kostbare Messgewänder, Mitra aus der Renaissancezeit aus der Kurtrierschen Hofkapelle stammend. — Maaseyk in Holland, Sakristei der ehemaligen Stiftskirche: Frühmittelalterliche Gewebe aus Reliquienschreinen. — Maestricht, St. Servatiuskirche: Reichhaltige Samm-
Textilkunst—Thielt. 587 lung frühmittelalterlicher G-ewebe. — Mainz, Dom: Mehrere Ornate vom 16.—18. Jahrh., Bildwirkereien, flämische Gobelins des 16. —17. Jahrli. — Pfarrkirche St. Stephan: Casel des Erzbischofs Williges von Mainz. Zahl¬ reiche Stickereien des Mittelalters, Byssusgewebe u. s. w. — Metz, Dom: Mantel, angeblich von Kaiser Karl dem Grossen, bestickt mit grossen Adlern. — München, Frauenkirche: Aeltere Paramente; vgl. G. v. Bezold und B. Kiehl, Die Kunstdenkmäler des Königreichs Bayern I, S. 1002. — St. Cajetan: Liturgische Gewänder; vgl. Bezold I, S. 962. — Münster; vgl. über die in den verschiedenen Kirchen der Diözöse M. aufbewahrten Textilien den Katalog der „Ausstellung westfälischer Altertümer und Kunsterzeugnisse, Juni 1879“. — Prag, Dom von St. Veit: Grosse Anzahl von Prachtgewändern des Mittelalters. — Quedlinburg, Schlosskirche: 5 Streifen eines europäischen Knüpfteppichs des 12. Jahrh.; mehrere mittelalterliche Stoffe u. s. w.; vgl. J. Lessing, Mittelalterliche Wandteppiche und Decken I, Berlin 1901. — Regensburg, Domschatz: Grössere Anzahl älterer Ornate und Stickereien. — Schotten-Abteikirche Emmeram: Casel und 2 Dalmatiken mit Besätzen aus alexandrinischen Stoffen des 13. Jahrh. — Siegburg, Sakristei der Pfarr¬ kirche: Byzantinische Gewebe in Reliquienschreinen, darunter dasjenige mit grossen schreitenden Löwen. — Speyer, bischöfliches Domkapitel: Mittel¬ alterliche Gewänder. — Stralsund, Kirche der Calandsbrüder: Zahlreiche Gewänder und Stickereien des Mittelalters. — Tongern in Belgien: Reiche Sammlung frühmittelalterlicher Webereien und Stickereien, desgl. eine grosse Zahl von Prachtgewändern des Spätmittelalters und der Renaisancezeit. — Trier, s. den Artikel „Heiliger Rock“. — Xanten, Domschatz: Paramente aus dem 11.—12. Jahrh., gotische Wandteppiche. — Yburg, Diözöse Osna¬ brück : Casel des Bischofs Benno von Osnabrück. Mit den Aufnahmen solcher textilen Kirchenschätze für das Kgl. Kupfer¬ stichkabinett der Kgl. Museen in Berlin, wurde in den 1850 er Jahren der Grundstock zu der im dortigen Kunstgewerbemuseum befindlichen Stoffsammlung gelegt. Unter der Leitung von Geheimrat Lessing ist derartigen Zeichnungen die grösste Aufmerksamkeit zugewandt worden zur Benützung für das Werk: Gewebesammlung des Kgl. Kunstgewerbemuseums zu Berlin 1900 ff. Eine Sammlung photographischer Aufnahmen der in Kirchen befindlichen Stoffen und Stickereien veranlasste in den 1880er Jahren der Konservator Paul Schulze in Krefeld durch den Hofphotographen Anselm Schmitz in Köln. Ygl. auch Bock, Dr. F., Geschichte der liturgischen Gewänder, 3 Bde, Bonn 1856—1871, ebenso den Katalog der Ausstellung kirchlicher Gewänder und Stickereien in Krefeld 1887.“ — Textilkunst vom lateinischen textilis, das etwas bezeichnet, was durch Verschlingung oder Verknüpfung von Fäden entstanden ist. Dementsprechend rechnet man zur T. das Flechtwerk, das Gespinst, das Gewebe, Wirkarbeit, Stickerei, Netzwerk, Spitzen, Knüpfarbeit u. dgl., aber auch die Musterung der Textilstoffe durch Weben, Sticken, Färben und Drucken u. s. w. Textilpflanzen, Gespinstfasern (s. d.) liefernde Pflanzen. Textur (vom lat.), Gewebe, dem Gewebe ähnliches Gefüge. Thalheim im Erzgebirge, Dorf in der sächs. Kreishauptmannschaft Chemnitz: Flachs-, Streichgarnspinnerei, Strumpfwirkerei (19 Fabriken), Mantel¬ fabriken. Thann, Stadt im Bezirk Obereisass: Baumwollspinnerei, Bleichereien und Färbereien. Theben wird im 11. Jahrh. als byzantinische Seidenmanufaktur genannt. Thepois (Thebois), ostindische Kattune. Thibandes, s. Bettdecken. Thibet, s. Tibet. Thielt, Stadt in der belg. Provinz Westflandern: früher bedeutende Tuchindustrie von der noch die Tuchhalle Zeugnis ablegt. Jetzt wird Spitzen¬ klöppelei und Leinenweberei getrieben.
588 Thiene—Tischdecken Thiene, auch Tiene, Stadt in der ital. Provinz Vicenza in Venetien: Wollzeug- und Tuchweberei. Thiengen, Stadt im bad. Kreis Waldshut: Baumwollspinnerei und -Weberei. Thikset heissen die aus den englischen Manufakturen stammenden ge¬ streiften oder gerippten ManchesterstofFe mit aufgedruckten bunten Mustern. Thiräz (arab.), Staatsfabrik von Webereien; eine solche bestand z. B. in Tuster. Am bekanntesten ist das sogen. Hotel de Thiräz, die von Hoger II. in der ersten Hälfte des 12. Jahrh. eingerichtete, mit dem Palast verbundene Weberei in Palermo (s. d.). Thomär, Stadt im portug. Distrikt Santarem in Estremadura: Baum¬ wollspinnerei und Seidenweberei. Thurgau, Kanton der Schweiz: die Industrie erstreckt sich auf Stickerei (1901: 3471 Arbeiter, Weissweberei (786), Buntweberei (763), Seidenweberei (585), Baumwollspinnerei (209), Strickerei (458). Thyatira, nördlichste Stadt in Lydien: im Altertum durch seine Purpur¬ webereien berühmt. Tiara, ursprünglich s. v. w. Mitra (s. d.), die hohe päpstliche Kopf¬ bedeckung, zuerst weiss ohne Kronenrand, dann gestreift mit einem Stirnreif und titulus und geradlinig kegelförmig. Bonifacius VIII. (1294—1303) gab dem Stirnreif die Gestalt einer Krone und setzte darüber noch einen zweiten goldenen Kronreifen; seit Papst Paul II. (gest. 1471) besteht die T. aus pur¬ purnen, blauen und grünen Streifen mit dreifachem Heif darum (vgl. Abb. 190). Tibet (Thibet), feine, geköperte ganzwollene Zeuge, die sich nur durch grössere Weichheit und den Mangel glänzender Appretur vom Merino (s. d.) unterscheiden. England und in Deutschland besonders Crimmitschau und Gera produzieren T. Tiere im Stoffmuster, siehe Fabeltiere und deren einzelne Artikel, sowie Stil. Tiffany (engl.), dünner halbdurchsichtiger Seidenstoff. Tiflis-Portieren werden die im gleichnamigen russ. Gouvernement ge¬ wirkten kilimartigen Türvorhänge genannt. Tigrine, älterer Stoff aus Seide und feiner Kammwolle, geköpert und chiniert. Tilburg, Fabrikstadt in der niederländ. Provinz Nordbrabant: sehr be¬ deutende Tuch- und Wollzeugfabriken. Tinevelly, ostindische Baumwollsorte. Tino (Tinos, Tenos), eine der Kykladeninseln im griech. Archipel: Seidenweberei, Fabrikation von seidenen Borten, Bändern, Strümpfen. Tireh, Tire, im Altertum Tyrrha in Lydien, Stadt im türk. Wilajet Aidin in Kleinasien: Teppichfabrikation, Baumwollweberei und Handel. Tiretains, französische und englische Stoffe aus Wolle oder mit Kette von Leinen oder Hanfgarn. Tirlemont, Stadt in der belg. Prov. Brabant: Wollspinnerei, Fabrik, von Flanell, Baumwollzeug und wollenen Strümpfen. Tirol, eine zum cisleithanischen Teile der Oesterreichisch-Ungarischen Monarchie gehörige gefürstete Grafschaft: am bedeutendsten ist entwickelt in Nordtirol die Baumwollspinnerei mit 7 Fabriken, 1 118 Arbeitern und 109 636 Feinspindeln, die Streichgarnspinnerei (8 Fabriken, 6 710 Feinspindeln), die Streichgarnweberei (8 Fabriken, 120 mechan. Stühle), die Baumwollweberei (8 Fabriken, 1 767 mechan. Stühle) und in Südtirol die Erzeugung von Roh¬ seide (33 Fabriken lieferten 1890: 71605 kg), die Seidenspinnerei (12 Fabriken, die mit 22 662 Spindeln 20000 kg Seide spannen) und die Seidenwebereien (5). Die Spinnerei und Weberei von Flachs und Schafwolle ist Hausindustrie. Tischdecken, allgemeine Bezeichnung für Gewebe zu bekannten Zwecken in den verschiedensten Stoffen. Man hat leinene und halbseidene Damast-T., dann baumwollene, halbwollene, wollene in allen Farben und Mustern; ferner buntgedruckte Circassia- und Kaschmirdecken, gedruckte Wachstuchdecken
Tischnowitz—Toilettes. 589 u. dgl. m. Fabrikationsorte sind Chemnitz, Gera, Glauchau, Grossschönau, Leipzig, Penig, Reichenbach u. s. w. Tischnowitz, Stadt in Mähren: Tuch- und Wollzeugfabriken, Türkischrotfärbereien und Baumwollwebereien. Tissu (franz.), (engl.: tissue) Gewebe; cloth of tissue wurde besonders für gold- oder silberdurchwirktes seidenes Gewand gebraucht. T. or oder t. argent war früher auch nur für einen geblümten und mit Gold- oder Silber¬ fäden broschierten Seidendamast gebräuchlich. Tissu-Kaschmir, ein dreibindig geköpertes Tuch aus feinem Kammgarn, in Tücherform oder in ganzen Stücken, für Deutschland einfarbig mit grell¬ farbiger Kante, für den Orient buntfarbig und mit Blumenmustern, wird namentlich in Gera in Menge gefertigt. Titre ist die Stärke der Seidenfäden, welche man zu einem Gregefaden vereinigt. Titrieren, titrage, Seide sortieren, entweder nach der Feinheit des Fadens oder nach dem Verhältnis des Gewichts zur Länge. Tiverton, Stadt in der engl. Grafschaft Devon: Wollzeugweberei und eine grosse Spitzenfabrik. Tlemsen, Stadt in der alger. Provinz Oran: Teppich-, Decken- und 'Vollzeugmanufakturen und bedeutender Handel. Tocouy, Leinengewebe aus Buenos-Ayres. Tocuyos werden in Valpareso die ungebleichten Domestiks genannt. Todmordon, Stadt in der engl. Grafschaft Lancaster: Baumwoll-, Seiden und Worstedfabriken. Todtnau, Stadt im bad. Kreis Lörrach: Baumwollspinnerei und -Weberei. Toile (franz.), Blümchen in Spitzen. Toilerie, in Frankreich allerlei Weisszeug von Baumwolle, zuweilen mit Seide vermischt. Toiles ist im Französischen der allgemeine Name eines jeden leinwand¬ artigen Zeuges, im engeren Sinne versteht man darunter nur die flächsenen und hänfenen ungemischten Gewebe vom feinsten Linon bis zum stärksten Packtuch und man bezeichnet die Sorten durch Beinamen, welche sich teils auf den Stoff beziehen, woraus sie gemacht sind, oder auf den Fabrikationsort, teils auf ihre Appretur und äussere Gestaltung oder auf ihren Gebrauch: Toiles ä chapeaux = Ganzleinwand. Toiles ä sas, ä bluteau = Beuteltuch. Toiles ä tamis, bläulich gefärbte, stark gestreifte Schetterleinen; auch ein lockeres durchsichtiges Gewebe zum Nähen der Tapeten und zu Modeltüchern in Art von Kanevas. Toiles ä veste, Kleiderfutterstoffe, Staubrockstoffe. Toiles ä voiles = Segelleinen. Toiles beau blanc sind Lavalsche Leinen. Toiles blanches non battues wie vorher. Toiles bleues en reserve ist feines, bläulich gefärbtes Leinen. Toiles de Chasses, damastartige Tischzeuge. Toiles de COffre, Kofferleinwand, Kuffertuch, eine gute mittelfeine franz. Hausleinwand. Toiles de Coton, mit Baumwolle gemischte, bunt gefärbte und gedruckte Stoffe in Art der Indiennes. Toiles de Halles assorties = Brins. Toiles de laines, Stoff aus Streichgarn. Toiles de Lille = Rysseler Leinen. Toiles d’emballage = Packleinen. Toiles d’embourrure = Futterleinen. Toiles de mulquinerie heissen die feinsten Leinenbatiste, Claires, Cambrays, Linons u. a. Toiles d’ortie = Nesseltuch. Toiles ecrues heissen alle Rohleinen, welche gebleicht sind. Toilettes heissen in einigen französischen Gegenden die rohen Linons, Claires und Batiste, wenn sie noch ungebleicht und ohne Appretur sind.
590 Toilinet—Tours Toilinet, Toilinets oder Rubanets sind gewebte Westeuzeuge. Tokät, Tokäd, Stadt im türk.-kleinasiat. Wilajet Siwas: einst blühende Manufakturen in Teppichen, Seiden-, Woll- und Baumwollstoffen. Tokio (Yedo, Yeddo), Haupt- und Residenzstadt Japans: Strumpf¬ warenfabriken, baumwollene Unterhosen und Unterjacken, für welche schweizer, und amerikanische Wirkmaschinen in Tätigkeit sind, ferner gestrickte Hand¬ schuhe, Filz, Türkische Handtücher. Tomäschow, Fabrikstadt im russ.-poln. Gouvernement Petrikau: zahl¬ reiche Wollstoff-, besonders Tuchfabriken mit etwa 6 Mill. Rubel Produktion. Tondern in Schleswig, nach hier wurden 1712 brabanter Frauen zur Hebung der Spitzenindustrie berufen; man stellte eine Sp. in niederländischer Art her. Tonkin, Stadt in China: spielt im 3. Jahrh. eine Rolle als Ziel der persischen Seefahrer, welche Seide holen. Topische Färberei, s. Zeugdruck. Toque, Tocque, ostindische, musselinartige Baumwollgewebe. Toraglie heissen in Italien die Tischtücher. Toro, Bezirksstadt der span. Provinz Zamora in Leon: Tuch- und Wollzeugweberei. Torres Novas, Stadt im j^oHug. Distrikt Sentarem in Estremadura: Leinen und Baumwollweberei. Tortins sind gewöhnliche französische wollene Tapetenzeuge. Tortola, westindische Baumwollsorte. Tottori, Stadt auf der japan. Insel Nipon (Hondo): Baumwoll- und Seidenindustrie. Tou, ein feines Tuch aus Tibet, das nach China verkauft wird. Toul, Arrond.-Hauptstadt im franz. Depart. Yonne, Arrond. Auxerre: Fabrikation von Leinwand, Baumwollzeugen, Wirkwaren, Stickereien, Hüten und Mützen. Toulon, Stadt im franz. Depart. Var in der Provence: Fabrikation von Stickereien, Baumwollgarn und Segeltuch. Toulouse, Hauptstadt des franz. Depart. Haute Garonne: Fabriken für Baumwollgarn, Seiden-, Wollen-, Leinen- und Baumwollwaren, Posamenten und Strümpfen. Tour (franz.), Umlauf, in der Weberei Marsch; die Gesamtheit der Schussfäden in der Länge oder Höhe des Musters eines gewebten Stoffes. Tourangestes, gewöhnliche franz. Sergen aus Landwolle. Tourcoing, Fabrikstadt im franz. Depart. Nord in Flandern: Woll-, Baumwoll- und Leinenspinnerei, Fabrikation von Tafelleinen, Teppichen und Baumwollbändern. Tourka, Kendyie, russische Jute, Spinnfaser aus der abgeschälten Rinde der Schösslinge von Apocynum venetum L. (Südeuropa, Kleinasien, Sibirien, nördl. Ostindien, Mandschurei, Japan). T. wird von den Turkomanen zur Herstellung von Bindfaden und Tauen, auch zur Anfertigung von Sackleinwand benutzt. Die Faser ist von brauner, gelber bis weisser Farbe und weich im Griff, ähnlich wie Wolle. Tournay, Stadt in der belg. Provinz Hennegau: die Industrie erstreckt sich auf Herstellung wollener Stoffe, Strumpfwaren, sehr geschätzter Teppiche, Leinwand und Band. Tournesolläppchen, s. Bezetten. Tournon, Arrond.-Hauptstadt im franz. Depart. Ardeche : Seidenspinnerei, Foulardsdruckerei, Seidenzucht. Tours, Stadt im franz. Depart. Indre-et-Loire: Fabrikation von Tuch, Teppichen, Seidenwaren, M olle, Posamenten und Leder. Im Jahre 1340 soll T. die ersten Seiden-Webestühle besessen haben; im Jahre 1470 zog Ludwig XI. italienische Seidenweber an sich und errichtete in seinem Schlosse Plessis-lesTours eine bedeutende Seidenmanufaktur. Aus T. kommen die berühmten Gros-de-Tours- und Gros-de-Naplas-Seidenstoffe in den Handel.
Tow—Tricotbindung, 591 Tow, die englische Bezeichnung für Werg oder Heede. Die in allen deutschen Handelsnotizen vorkommenden Towgarne sind solche aus Flachswerg. Tow-linen ist Leinwand aus Heedegarn, Hedeleinen. Toy (engl,), ein meistens blau und schwarz gewürfelter Wollenstoff. Trace, la, tracieren, das Yornähen des Musters für Nadelspitzen. Tracticium aurum (lat.), gezogene Goldfäden. Trama (ital.), Trame (franz.), Tramseide, Seide von mittlerer Güte und Stärke, als Schuss verwebt; vgl. Organsinseide. Trames (lat.), gestickter ornamentaler Streifen. Tramoserica (Dramio serica), frühmittelalterliche Stoffe, in denen Leinen¬ kette mit seidenem Einschlag verwoben war. Trapezunt in Kleinasien, nach Smyrna der wichtigste Handelsplatz der asiat. Türkei; schon im 8. bis 10. Jahrh. hat T. Bedeutung für Seidenmärkte, wonach sich die chinesischen Kaufleute richten müssen. Die Hauptartikel nach und aus Persien bestehen in Baumwoll- und Schafwollmanufakturen, Seidengeweben, Teppichen und Shawls, Seidenkokons. Trautenau, Stadt in Böhmen: Garn- und Flachsspinnereien, Leinenwebereien, eine Garnbörse. T. ist Mittelpunkt der Leinenspinnerei im böhm. Riesengebirge. Travers (quergestreift) sind die im Schuss gestreiften verschiedenfarbigen Modestoffe. Treillis (franz.), Gegitter, Drill, Treillis d’Allemagne, Name eines im 16. Jahrh. am franz. Hofe getragenen Putzes; scheint Spitzen bedeutet zu haben. Treillis wird gewöhnlicher Drillich zu groben Mehlsäcken und grobem Soldatenzeug genannt. Trentaines heissen in französischen Manufakturen die rohen, mittelfeinen Wollentücher, deren Kette mit 3000 Fäden angelegt wird. Treppen in gewebten Stoffen sind Streifen von ungleicher Dichtigkeit. Tres de Cores heissen in Portugal die bunt gestreiften und geflammten Zwilliche. Tresquille, eine Art ungewaschener AVolle, die nach Marseille geht. Tresse (vom franz.), Borden mit seidener Kette und Schuss von mit echtem oder unechtem Gold- oder Silberdraht übersponnenen Seidenfäden, oder auch von Lahn, Gold- oder Silberdraht. Tressenseide ist eine Art Flockseide. Treuen, Stadt in der sächs. Kreishauptmannschaft Zwickau: Handweberei von seidenen und halbseidenen, baumwollenen, halbwollenen und wollenen Stoffen, besonders von Tüchern; Streichgarn- und Vigognespinnereien, Färbe¬ reien, Flanellfabrikation, Bleicherei; mechan. Webereien; grosse Fabrik für baumwollene Treibriemen und Seilerwaren, Appretur; Karbonisierungsanstalt von Wolle; Weissstickerei. Treue Wolle ist W., deren Haare in ihrer ganzen Länge gleichen Durch¬ messer haben. Treviglio, Stadt in der ital. Prov. Bergamo (Lombardei): Tuchweberei und Seidenspinnerei. Treviso, Hauptstadt gleichnamiger ital. Provinz: Seidenraupenzucht und -Spinnerei; Fabrikation von Tuch und Seidenzeug. Tricala, mazedonische Baumwollsorte. Tricot (franz.), Trikot, gestrickter oder gewirkter elastischer Stoff aus AVolle, Seide, Baumwolle für anliegende Kleidungsstücke. Das Wort, sowie tricoter, stricken u. s. w. scheint neueren Ursprungs und aus dem deutschen Stricken gebildet zu sein. In Frankreich führt man es auf den Ort Tricot im Depart. Oise zurück, wo aber nur Sergefabrikation im 17. Jahrh. nach¬ zuweisen ist, oder auf trique, hölzerner Stab. Tricotage (franz.), die gewirkten und gestrickten Strumpfwaren. Tricotbindung entsteht durch Ober- und Futterschuss vierbindiger Köper bei 2 und 2 Schuss Wechselung. Um sehr feine Rippen zu erzielen, schiesst man nach 2 Oberschuss 1 Futterschuss ab.
592 Tricot de laine—Tscharschaf. Tricot de laine nennt man im franz. Handel eine Art gewöhnlicher wollener Tücher für Matrosen, Soldaten u. s. w. Tricotine, einfarbiger, klein gemusterter Seidenstoff mit dunstschwarzem Einschlag. Tricots, Tricotes nennt man die auf dem Strumpfwirkerstuhl gewehten Zeuge aus Wolle, Baumwolle oder Seide. Trieges sind bunt gestreifte Drilliche aus der Schweiz. Trient, Stadt in Tirol: Seidenzeug- und Tuchfabrikation. Trift, das Schwungrad am Spinnrad. Trikala, Stadt in Griechenland: Woll- und Baumwollindustrie. Tringles (engl.: Leisten, Federn), Hilfsvorrichtung, um beim Weben aufgeschweifter Muster auf dem Jacquardstuhl einzelne Fäden der Figurenkette zu heben; sie besteht aus hölzernen Linnolen, welche parallel zu den Schuss¬ fäden in die Schleifen der Litzen gesteckt sind. Trinidad, westin dis che B aumwollso rte. Trinkhalls (engl.) sind reiche mit Metallfäden durchwirkte und gestickte Seidenstoffe, die in Benares, Ahmedabad und Delhi in Indien erzeugt werden. Triomphante (franz.), früher ein schwerer Seidenstoff mit Gros-de-ToursGrund und damastartigen Blumen. Trip, Tripp, Tripsammet, ein sammetartiger Stoff, der fast wie Plüsch geweht wird. Tripes de alfombra, spanisch-mexikanische Teppiche. Triplieren nennen die Weber bei leichten wollenen Zeugen die Ketten¬ fäden nicht in 2, sondern in 4 Schäfte einlegen, damit sich die Fäden nicht aneinander reiben und nicht so leicht zerreisen. Tripolis oder Tripolitza, Stadt in Griechenland: Teppicherzeugung. Trittmaschine, Vorrichtung am Webstuhl, welche dem Weber ermög¬ licht, mit einem und demselben Tritt der Reihe nach die verschiedenen Fach¬ bildungen der Kette hervorzurufen. Trittweberei, die Musterweberei mittels Schäften und Tritten. Troddeln, s. Quasten und Posamenten. Trogen, Flecken im Schweiz. Kanton Appenzell-Ausserrhoden: Baum¬ wollindustrie und Stickerei. Trois-quarts-fournis, franz. Creasleinen. Trolly, englische Klöppelspitzen. Trommelköper, moderner, dicht gewebter Baumwollstoff. Trommelstuhl, ein Musterwebstuhl mit einer Walze (Trommel), auf welcher nach Massgabe der Platinen Klötzchen (Prisen) angebracht sind, welche bei der Umdrehung der Trommel die Platinen umlegen. Tropea, Stadt in der ital. Prov. Catanzaro: Leinwand-, Damast-, Atlas¬ weherei; Fabrikation von Baum Wolldecken. Troppau, Stadt in Oesterreichisch-Schlesien: Wollstofffabrikation, Jute¬ spinnerei und Tuchweberei. Trowbridge, Stadt in der engl. Grafschaft Wiltshire: Fabriken für Kasemir, Tuch und andere Wollzeuge. Troyes, Hauptstadt des franz. Depart. Aube: wichtig ist die Strumpf¬ wirkerei (Handschuhe, Trikots, auch aus Florettseide), Baumwoll- und Woll¬ spinnerei. Trübau, Mährisch-Trübau, Stadt in Mähren: Fabriken für Seideuwareu, mech. Baumwollweberei, Schön- und Schwarzfärberei. Trüffettes, feine, weissgebleichte, flächsene Leinen aus Beauvais. Tschalder, weisser, gewöhnlicher, starker Baumwollenstoff, den die Buckarenweiber weben. Tscharhadd heissen in Persien ganz quadratische, kleine Teppiclillecke. Tscharschaf, der Mantel den die islamit. Frauen ausserhalb des Hauses als Ueberwurf tragen, ähnlich dem Feradscke (s. d.), von dem der T. sich da¬ durch unterscheidet, dass er um die Taille enger anschliesst. Den Haupt¬ unterschied zwischen T. und F^radsche bildet jedoch der Schleier, der beim
Tschekmen—Tuch. 593 T. das Gesicht nur leicht verhüllt und sich vom Schleier der Europäerin kaum unterscheidet. Der T. ist daher eine wesentliche Neuerung der türk. Frauen¬ kleidung. Tschekmen sind moltonartige Wollenstoffe aus Circassien tmd Kuban; die daraus gefertigten Beinkleider heissen Chalwars. Tschembert, lange Musselintücher aus Konstantinopel. Tschesma, mazedonische Baumwollsorte. Tschimberts, weisse und bunte Musseline aus Konstantinopel. Tschina amsuta (China’s Seide), Ausdruck der in Sakuntala (ein indi¬ sches Gedicht?) vorkommt, welcher in Indien lediglich der chines. Seide bei¬ gelegt wurde zum Unterschied von dem weniger bestechenden einheimischen Produkt. Tschusan, buntfarbig gemusterter Stoff aus Baumwolle und Kammgarn. Tuanse, atlasartiger chinesicher Stoff. Tuarekteppiche, eine in Europa fast ungekannte Art aus Marokko. Tuariks, Tuareg (?) sind die Bewohner der mittleren Sahara, zum Berberstamm gehörig. Tuch (franz.: drap; engl.: cloth, woolen cloth; ital.: panno lano), ein dichtes, wolliges, gewalktes oder gefilztes Gewebe von Streichgani, welches in den meisten europäischen Ländern, sowie in Nordamerika und in einigen Gegenden Asiens teils von einzelnen Webern gefertigt und grösstenteils zu Anzugsstoffen verbraucht wird. Durch fortwährende Vervollkommnung der bei der Herstellung des T. erforderlichen Vorrichtungen und Maschinen ist dieselbe erleichtert, verbessert und wohlfeiler geworden. Das Spinnen der Wolle, das Weben, Walken, Rauhen, Bürsten, Scheren, Dekatieren und Pressen wird durch Maschinen bewerkstelligt. Nicht allein die Feinheit der zweckmässig sortierten Wolle und die Gleichheit des daraus gesponnenen Garns bestimmen die Güte des Tuches, sondern auch das mehr oder minder dichte Gewebe, das mit ein, zwei und drei Schlägen der Lade gearbeitet wird, sowie die Farbe und endlich die Appretur. Die Anzahl der Kettfäden gilt als Massstab der Feinheit. Das Garn zu den Tuchen war vor dem Aufkommen der Spinnmaschinen natürlich Handgespinst, jetzt dient dazu die Sorte von Maschinengespinst, welche Streich¬ garn genannt wird (s. Wollgarn). Die Anfertigung des gewöhnlichen Tuches kommt ganz mit der Leinenweberei überein und geschieht mit zwei Tritten oder Schäften, welche die in zwei Hälften geteilte Kette von jedem Einschuss ab¬ wechselnd kreuzen. In neuerer Zeit wird auch viel Köpertuch gemacht, das unter dem Namen Croise in den Handel kommt. Es ist dies der gewöhnlichere Stoff' zu leichteren Manusröcken und zeigt, ausser etwa durch einen geschmeidigeren Angriff, keinen äusseren Unterschied von anderem T., da bei beiden die Fäden¬ bindung durch die nachfolgende Bearbeitung unsichtbar gemacht ist und erst durch Abtragen als Fadenscheinigkeit wieder zum Vorschein kommt. Das gute Tuch besteht ganz aus Wolle; Ware mit Baumwollkette und Wolleinschuss ist Halbtuch. Beim Aufbäumen der Kette verwendet man zu beiden Seiten eine Anzahl grober Fäden, um die Salleiste oder den Anschrot zu erhalten, welcher bei Bestimmung der Breite des Stoffes nicht mitgerechnet wird. Letztere berechnet man nach Hunderten von Kettenfäden: schmale Tuche ent¬ halten 14—22, breite bis zu 48 Hunderten. Für den Handel dient die Breiten¬ angabe nach Vierteln, d. h. Viertelellen. Es muss aber die Länge und Breite des Stückes, die es im fertigen Zustande haben soll, auf dem Webstuhl be¬ trächtlich überschritten werden, da das Gewebe durch das Walken bedeutend eingeht. Die Kettfäden sind vor dem Aufziehen mit warmem Leimwasser ge¬ tränkt und wieder getrocknet, sind also glatt, hart und steif; die Einschuss¬ fäden dagegen werden im feinsten Zustande verarbeitet. Wenn das Tuch¬ gewebe vom Wehstuhl kommt, sieht es wie ein rohes grobes Leinengewebe aus und wird Loden genannt. Das filzige Wesen, welches die Fäden ver¬ deckt, wird ihm erst durch das Walken und Rauhen gegeben. Zunächst wird der Loden genoppt, d. h. mit kleinen Stahlzangen oder auf einer Maschine werden Knötchen, Fadenenden u. dgl. sowie Spänchen und Strohteile entfernt. Heiden, Handwörterbuch der Textilkunde. 38
594 Tuchartige Stoffe—Tuchscherer. Der Loden hat entweder schon die für das Tuch bestimmte Farbe, indem bereits die AVolle für das Garn gefärbt wurde, oder er empfängt sie nach dem Weben oder auch erst nach dem Walken. Hiernach gibt es i n d er W olle, im Loden und im Stück gefärbtes Tuch und das letztere ist daran kenntlich, dass es an einem Durchschnitt im Innern die Farbe in hellerem Ton zeigt als auf der Aussenseite, weil durch das Walken das Eindringen der Farbenbrühen erschwert worden ist. Die wollgefärbten Loden kommen vom Webstubl direkt in die Walke, die noch weissen dagegen in die Farbe, der aber erst eine gründliche Wäsche in der Waschmaschine vorhergeht (s. Walken). Das ge¬ walkte und gewaschene Tuch wird zum Trocknen auf einen Rahmen gespannt und dabei gerade gezogen und gereckt. Hierbei dienen die Webekanten als Anhängepunkte und Handhaben: es ist dies ihre hauptsächliche Bestimmung. Zur Verschönerung der durch das Walken entstandenen Filzdecke des Tuches wird dasselbe gerauht und dann geschoren. Alle Bearbeitungen des Tuches erfolgen nur auf der einen Seite, indessen die spätere Linksseite so bleibt, wie sie aus der Walke kommt. Oefter wird das T. gewöhnlich noch deka¬ tiert, um ihm einen weniger grellen, aber dauerhaften Glanz zu erteilen. Man wickelt dasselbe zu diesem Zweck auf einen kupfernen, an den Enden offenen, im Mantel mit vielen feinen Löchern versehenen Zylinder, bringt diesen in einen geschlossenen Baum und lässt heisse Wasserdämpfe eintreten, welche das T. durchdringen. Es erhält dadurch Glanz und verhindert das Einlaufen. Zuletzt wird das T. gepresst, wodurch es noch an Glanz und gutem Aussehen gewinnt. Die Abteilungen, in denen das T. dann in den Handel kommt, heissen Stücke, welche eine Länge von etwa 30 m haben. Bei den feinen Tuchen sind die Stücke in Kappen von Ganzleinwand ein¬ gebunden, während gewöhnliche T. nur zusammengeschnürt werden. Das Ende des Tuchstückes, welches die Aussenseite bildet, heisst das Mantelende, und das durch einen Saalbandstreifen abgegrenzte halbe oder dreiviertel ist der Spiegel; auf ihm werden die Signaturen angebracht, wenn sie nicht auf einer angehangenen Marke mitgegeben sind (s. Tuchsorten und den Artikel Wolle). Anfänglich war T. ein dicker und rauher Stoff, allmählich wurde das Gewebe verfeinert und derjenigen Beschaffenheit zugeführt, in der wir es heute kennen. Deutsches T. war schon im 10. Jahrh. berühmt, und von hier aus verpflanzte sich das Gewerbe nach Flandern und den Niederlanden, wo es vorzüglich auf¬ blühte, nach der Schweiz und Italien. Von den Niederländern erhielten die Engländer anfangs ihren Tuchbedarf gegen Wolle, bis sie selbst zu fabrizieren anfingen. Durch das ganze Mittelalter waren T. ein Hauptmarktartikel auf den deutschen Märkten (s. Aachen). Tuchartige Stoffe heissen diejenigen Gewebe von Streichgarn, welche nach Art der Tuche gewalkt, gerauht, geschoren und appretiert werden, wie z. B. Ratine, Kirsey, Biber, Sergen, Droguets und Rasche. Tuchbaum, die hölzerne Walze am Tuchwebstuhl zum Aufwickeln des fertigen Gewebes. Tuchmosaik, eine in Persien, Indien und in der Türkei zu besonders künstlerischer Entfaltung gelangende Stickerei, deren Muster aus kleinen Teilen ausgeschnittener Tuchstücke zusammengesetzt ist. Durch Tambouriersticlie in farbiger Seide werden Ziernähte auf den aneinanderstossenden Stoffrändern gebildet, wodurch die in der Art gemusterten Decken und Behangstoffe der dekorativen Wirkung einer Mosaikarbeit gleich kommen. Besonders gerühmt werden die älteren Tuchmosaiken aus Rescht in der persischen Prov. Ghilan (s. a. orientalische Kunstwebereien und Stickereien). Tuchrasch, ein aus Streichgarn gewebter und tuchartig weiter behandelter und zugerichteter Rasch. Tuchschere, eine der gewöhnlichen Schafschere ähnliche, nur viel grössere Schere, die vor der allgemeinen Einführung der Schermaschine zum Scheren des Tuches gebraucht wurde. Tuchscherer, auch Appreteur genannt, derjenige, der die Zurichtung von Tuchen und tuchartigen Stoffen einschliesslich des Pressens und Dekatierens besorgt.
Tuchsorten. 595 Tuchsorten oder tuchartige Gewebe gibt es sehr viele und die oft eigen¬ tümlichen Benennungen durch Rohstoff, Bindungsgesetze, durch die damit vor¬ genommenen Prozesse, sowie durch Aehnlichkeit mit anderen Produkten, durch das Land, in dem, oder das Volk, von dem sie hergestellt wurden, begründet, oft auch ganz willkürlich gewählt. Die wichtigsten sind: (s. Näheres hei den betreffenden Artikeln.) (Vgl. auch Otto Luegers Lexikon, Bd. 7). Alpaca, Angora, Kaschmir: Gewebe mit langhaariger, velourartiger Oberfläche. Beaver, stark gewalktes und gerauhtes Gewebe. Boi, Boy, aus Baumwollkette und Wollschuss hergestellte Futterstoffe. Buckskin, meist gemustertes zu Beinkleidern verwendetes Gewebe. Cachemirette, aus gezwirntem Garn in Köperbindung mit zarter Haardecke. Cassinet, dreibindig geköpertes Halbwollgewebe. Cheviot, gemustertes Halbwollgewebe mit Köperbindung. Circassienne, ein dem Kaschmir ähnliches Gewebe, aber wenig gewalkt. Coating, Fries, Fl aus, langhaariges Gewebe, stark gewalkt. Coutil gehört den Buckskingeweben an. Croise, in Köperbindung hergestelltes Gewebe, meist zu Röcken verwendet. Decken (wollene und halbwollene) werden in ausserordentlich mannigfacher Weise, fein und grob, ungefärbt, einfarbig und gemustert hergestellt. Döskin, auch Winterbuckskin, ein dem sogen. Satin ähnliches Gewebe. Doppeltuch, Doppelcassinet, Doppelflane.il, schwerere, dichte Gewebe aus zwei übereinander liegenden Ketten oder aus einer Kette in Atlas¬ bindung. Double oder Eskimo, ein in Köperbindung hergestelltes, namentlich zu Ueberziehern verwendetes Gewehe. Drap auch Köpertuch, mit feinem Schuss und gröberer Kette ausserordent¬ lich dicht hergestelltes Köpergewebe. Düffel, ein fünfbindiges, mattglänzendes Köpergewebe. Edredon oder Ei der dun, geköpertes, sehr weiches Gewebe. Flanell, leichtes, sehr weiches in Köperbindung hergestelltes Gewebe, an einer Seite haarige Fläche. Floconne, dickes, weiches, zu Winterröcken und Mänteln verwendetes Doppelgewebe. Hallina, grobes kotzenartiges Gewebe. Homespunes, meist braun gefärbtes, in der schottischen Hausindustrie ge¬ fertigtes, ziemlich rohes Gewebe. Imitierte Kammgarnstoffe aus Streichgarn werden aus leicht verfilzter, gewaschener und gut gerauhter Ware hergestellt, die ganz glatt geschoren und um¬ ständlich dekatiert ist. Kalmuck, langhaarig hergestelltes ungeschorenes Gewebe. Kastor, Halbwollgewebe, das viele Prozeduren des Rauhens, Scherens, Pressens, Dämpfens u. s. w. durchzumachen hat. Kirsey, dickes, grobes, ungemustertes Gewebe, meist zu Soldatenmänteln verwendet. Lady-Coating, eine Art Fries, feines, leichtes Damentuch, das in einer Sorte auch Kastorin genannt wird. Lama, ein mit Leinwand- oder Köperbindung, flanellähnliches Gewebe, an einer Seite gerauht. Linsey-Wollsey, ein in England besonders für Damenkleider verwendetes, in Leinwandbindung sehr dicht gewebtes Halbwollgewebe. Matelasse, ein dem Pikee ähnliches Wollgewebe. Melton oder Molton, ein oft aus gezwirntem Garn hergestelltes Gewebe raff, sogen, gemischter Dekatur, d. h. wechselnder AVasser- und Dampfdekatur. Mozambique, schweres doppel-, auch dreifaches, meist mit Quadratmuster hergestelltes Gewebe. P a u p e 1 i n e, zu den Buckskins gehörig. Perle, ein dem Mozambique verwandtes, schweres Gewebe. Presidents, zum Teil ganz aus Kunstwolle gefertigtes Gewebe, das genoppt ist. Rat ine, dickes, weiches, zu Winterröcken verwendetes Gewebe, dessen Härchen, ähnlich wie beim Perle, zu Knötchen und Knöpfchen zusammengedreht werden. Ratine-velour, Qualität und Bindung wie vorher; nur dass die Oberfläche mit langem, sammetartigem Haar besetzt ist.
596 Tuckeries—Tulpe Sadowa, ein dem Perle und Mozambique ähnliches Gewebe, Satins, mit Atlasbindung gewebte, sonst aber dem Melton, Beaver ver¬ wandte Gewebe. Sealskin, weiches, zartes, geschmeidiges Gewebe aus Mohairgarnen oder aus Kälber- oder Kuhhaaren. Toile nattee, Treillis, den Buckskins verwandte Gewebe. Tricots, häufig in Kreuzköperbindung, manchmal schwere, oft auch leichtere, gemusterte Gewebe, ähnlich dem Buckskin appretiert. Tuch rasch, grobes, schwach gewalktes Köpergewebe. Union- Cloth, ein dem Presideuts verwandtes und gleich appretiertes Gewebe. Velour, dem Coating ähnliches Woll- oder Halbwollgewebe, dessen Härchen nicht verstrichen, sondern frei aufrecht wie beim Sammet stehen gelassen werden, zu Mänteln und Winterröcken verwendet. Welline, ein dem Ratine vollkommen ähnliches Gewebe; nur dass die Här¬ chen zu wellenartigen Gebilden zusammengearbeitet sind, sodass das Gewebe ein baumrindenartiges Aussehen zeigt. Je nachdem diese Wellen zur Kette oder zum Schuss verlaufen, werden sie W. ä longue, travers, diagonale, genannt. Diese Gewebe werden mit Vorliebe zu Winterröcken verwendet. W e 11 i n g t o n, dichtgewebter Stoff zu wasserdichten Regenmänteln verwendet und zu diesem Belmfe mit Alaunlösungen imprägniert. Tuckeries, ostindische Baumwollzeuge. Tudorsiil, der seit dem Regierungsantritt der Könige aus dem Hause Tudor (1485—1603) in Aufnahme gekommene Stil der Englischen Kunst, die Zeit der engl. Spätgotik. Tuf (franz.), grobes Zeug aus starker Hanfwergkette und Einschuss von Kuh- und Hundehaaren. Es wird zu geringen Eussdecken u. dgl. gebraucht. Tufts, gemusterte und bunt gedruckte Manchester aus englischen Manu¬ fakturen; sie werden jetzt ersetzt durch die Velvets und Velveteens. Tülle, Hauptstadt des franz. Depart. Correze: bedeutende Fabrikation von Spitzen (Plisses de T.), Woll- und Baumwollzeugen. Tüll (franz.: tull), durchsichtiges, lockeres, mit netzartigen, regelmässigen Oeffnungen versehenes Gewebe aus Seide oder feinem Baumwollengarn, das auf dem Petinet-, oder Bobbinnetstuhl gewebt wird und dadurch bezüglich seiner Maschenverbindung eine Verschiedenheit in der Art erhält. Die Ware, welche auf dem Petinetstuhl gefertigt wird, nennt man maille de france und eine Sorte derselben mit sehr fester dichter Verbindung maille fix. Der auf dem Bobbinnetstuhl gewebte T. heisst maille anglaise oder tu Ile anglais, weil jener Stuhl in England erfunden wurde. Der Name Tüll ist entstanden von der Stadt Tülle im Depart. Correze in Frankreich, wo man den Stoff zu¬ erst wirkte (s. Bobbinnet und Petinet). Tüllmaschine, besondere Art von Deckmaschinen am Wirkstuhl. Tulpe (Tulipa Gesneriana), in Kleinasien und Südrussland heimische, im 16. Jahrh. nach Europa gebrachte Blume (Abb. 333 a—c), wird in vielen Varietäten bes. in Holland kultiviert. Als Kunstform im Stoffmuster des Orients ist die T. vor dem 16. Jahrh. kaum erkennbar, wozu wohl beiträgt die ähnliche ornamentale Gestaltung der Lotosblüte (Abb. 30, S. 35) und anderer im Orient erscheinenden vegetabilischen Gebilde. Persien und Indien (s. orientalische Kuustwebereien lind Stickereien) enthalten in Stoffen und Stickereien die T. vortrefflich stilisiert (vgl. Abb. 214, 217, 218, S. 378, 380, 381), in derselben Auffassung geht sie über in spanische Gewebe des 16. Jahrh. (Abb. 279, S. 488) und wird zur Zeit der Spätrenaissance allgemein in Sträussen, welche mit Nelken, Narzissen u. s. w. den Vasen (s. d.) entsteigen, die selbst zu Spitzenzacken ausgebildet sind (Abb. 38, S. 53). Abbildung: 333a—c. Drei Darstellungen von Tulpa Gesneriana L. aus: Lobelius, plantarum seu stirpium icones, Antwerpen 1581.
597 Tunica—Türkische Spitzen. Tunica (lat.), das enge ärmellose Unterkleid der Römer, im Mittelalter mit laugen oder kurzen Aermeln, jetzt ein Bestand des geistlichen Ornats. Auf der Tunica der römischen Amtspersonen war der Clavus angebracht, ein senk¬ rechter Streif vom Halse abwärts, und zwar ein breiter, latus clavus, oder zwei schmale, angustus clavus, später, wie neue Funde (s. Koptische Textil¬ funde) wahrscheinlich machen, ein oder mehrere gewebte oder gewirkte runde oder viereckige Felder. Tunis, Regentschaft in Marokko: Teppicherzeugung, deren Erzeugnisse auf ziemlich niedriger Stufe stehen. Turban (vom türk, tulbend), die nationale Kopfbedeckung der Türken und anderer Mohammedaner, aus einem um den Fes wulstig gewundenen Muslin- oder Seidenstreif, von den Nachkommen Mohammeds in grüner Farbe getragen. Abb. 333. a. b. c. Turin, Hauptstadt der gleichnamigen ital. Provinz: Fabriken für Seiden¬ waren, in welchen teure Kleiderstoffe, Paramenten, Möbelstoffe und Wirkereien erzeugt werden.! Türkei. Osmanisches Reich in Südeuropa, Westasien und Nordafrika. Bedeutende Seidenspinnereien und Teppichwebereien. Weltberühmt, sind die Teppiche von Uschak u. s. w. (s. Teppiche), die meist über Smyrna als sogen. Smyrnateppiche ausgeführt werden; ferner Seidenstoffe und andere Webwaren aus Brussa und Biredscliik. Am Ansehnlichsten ist die Industrie in Kon¬ stantinopel, welches Kleider, Stickereien, Posamenten und Teppiche liefert. Gewerbefleissig ist auch das Gebiet von Adrianopel mit Fabrikation von Schafwollwaren, Decken, Säcken, Strümpfen und Geweben aus Ziegenhaaren (besonders in Philippopel). Das Wilajet Saloniki fertigt besonders Manu¬ fakturwaren aus Seide und Baumwolle, Leinwand und Seidengarn, während Janina (mit den industriellen Hauptplätzen in Janina, Volo, Tirnowa, Larissa, Arta) vorzugsweise leichte Seidenstoffe und Kattune aus englischem Baumwoll¬ garn, Halinatuch, Gewebe und Espartogras, Garne, Flanelle, Abbastuch, weisse Kappen, Säcke und Decken aus Ziegenhaaren fertigt. Monastir ist hervor¬ ragend in Seidenweberei, Teppich- und Leinwandfabriken, welche Artikel auch das Wilajet Sofia erzeugt, ausserdem Schnüre, Strümpfe und Shawls. Un¬ bedeutend ist die heutige Industrie in Skutari und auf den Inseln, dagegen erzeugt Kreta besonders Seidenstoffe. Türkische Flanelle, s. Golgos. Türkische Kappen, s. Fes. Türkische Naht, s. Wirkerei. Türkische Spitzen, s. Spitzen.
598 Türkiscb-Rotgarn—Twist, Türkisch Rotgarn, ein Baumwollengarn von überaus haltbarer und vor¬ züglich schöner roter Farbe, das früher nur aus der Levante nach Europa kam, wo dessen Zubereitung lange Zeit unbekannt blieb, bis man das Geheimnis durch Ansiedelung griechischer Färber in Triest, Wien, Marseille näher kennen lernte, von da es bald weiter in Frankreich, England und in Deutschland (am stärksten in Elberfeld und Umgegend) sich so ausbreitete, dass jetzt fast in allen Ländern, wo die Baumwollweberei heimisch ist, auch Färbereien ange¬ legt sind, welche die rote Farbe in gleicher Güte und bei dem wohlfeilen Maschinengespinst auch weit billiger liefern, wodurch die Einfuhr aus der Türkei ganz aufgehört hat. — In der Levante befanden sich die beträchtlichsten Garnfärbereien in Griechenland und Thessalien und zwar zu Boba, Kaphanii, Turnovo, Larissa, Saloniki, Pharsala, Arta, Janina und in allen Dörfern, welche am Fusse des Ossa und Pelion liegen. Turkmenische Teppiche, erzeugt von den Turkmanen (Turkomanen, Turkmenen oder Truckmenen), einem türk.-tartar. Volk auf der Ostseite des Kasp. Meeres, z. T. den Bussen unterworfen, werden in Zentralasien Dschujnabe genannt und heissen im Handel irrtümlich Bokhara, mit welchen sie nur die rotbraune Farbe gemein haben. Sie gehören zu den dauerhaftesten, dichtesten und bestgeschorenen Teppichen Zentralasiens (s. Teppich). Turkomanische Seide kommt seit dem 7. Jahrh. in allgemeinen Gebrauch. Der Volksstamm Hakas steht als eine Bohseide erzeugende Nation im 9. Jahrh. mit den Arabern in regem Verkehr. Die zwischen Khorassan und China ihren Wohnsitz einnehmenden, kulturell vorgeschrittenen Stämme der FTiguren (Hei-hu) betrieben sowohl die Seidenzucht wie die Seidenweberei, besonders Fabrikation kostbarer Brokate. Sie stand in ihrem Lande auf hoher Stufe der Vollkommenheit, als es im 10. Jahrh. durch den Gesandten Chinas be¬ reist wurde. Turnhout, Stadt in der belg. Provinz Antwerpen: bedeutende Fabrikation von Zwillich, Leinwand und Tuchen. Turquoise, älterer, französischer, halbseidener, auf Atlasart gewebter Stoff, bei welchem der Grund aus Baumwolle, die Streifen aus Seide be¬ stehen. Turschiz, Ort in der pers. Prov. Khorassan: Teppicherzeugung. Tussahseide liefert der indische Eichenspinner in Assam und Bengalen; auch gibt es chinesische wilde T. Die T.-Weberei hat in Baipore, Godavery und Sanibalporo in Indien ihre industriellen Sitze. Die T. lässt sich bleichen und färben und findet vielfach Verwendung zur Herstellung gefärbter Seiden¬ plüsche; ihr Preis ist zwei- bis dreimal so niedrig als der gewöhnlichen Seide. Tussores sind Corahs aus Indien; es werden darunter Gewebe aus gelblicher Bohseide in Taffetbindung verstanden, welche man zu Kleiderstoffen verwendet. Tuster, Schuster, Stadt in Persien (Chusistan), im Mittelalter berühmter Fabrikationsort für Atlas und Sammet. Während das pers. Süs zugleich mit seiner politischen Bedeutung auch die seidengewerbliche Tätigkeit verlor, be¬ hauptete T. seinen Buhm auch dann noch, als bereits der grösste Teil seiner Atlasarbeiter nach Bagdad verzogen war. Die Bedeutung T. dauert fort bis in die Mitte des 14. Jahrh. Im 10. Jahrh. legten Arbeiter aus T. in Bagdad eine Seidenkolonie an. Twele, besonders grob gewebtes Handtuch. Twilled Domestiks ist der Gattungsname in Nordamerika für alle stärkeren baumwollenen geköperten Stoffe amerikanischer Erzeugung. Twine ist ein dem Burnus oder Paletot ähnlicher Ueberwurf ohne Taille mit Aermeln, für Männer- wie für Frauentracht; für den Sommer von leich¬ terem Stoff. Twist, der auch im deutschen Handel gebräuchliche engl. Name für baumwollenes Maschinengarn, d. h. auf Maschinen gesponnenes Garn (von to twist, d. i. drehen, spinnen). Je nachdem die Feinspinnmaschinen dem
Tyrium—Uni. 599 System der Water- oder dem der Mulemaschinen angehören, unterscheidet man Water- und Muletwist, jenes derber, dieses loser gedreht; eine zwischen beiden stehende, auf Mulemaschinen erzeugte Gattung heisst Mediotwist. Tyrium (lat.), Purpurstoff von der Stadt Tyrus, welche während der Kreuzzüge Hauptsitz der Seidenindustrie ist. u. Ueber Kreuz gearbeitet = Köper. Ueberriegeln, eine starke Schnur mit einer schwächeren in weitläufigen Schraubenlinien umwinden. Ueberschuss, ein Fehler an Geweben, wenn der Schussfaden öfter, als er sollte, über dieselben Kettenfäden geht (vgl. Unterschuss). Ueberspinnen — überriegeln. Uddevalla, alte schwedische Stadt im Län Goteborg und Bohus: grosse Baumwollspinnerei und Weberei. Udine, Hauptstadt in gleichnamiger ital. Prov. der Landschaft Venetien: bedeutende Seidenindustrie und Handel mit Flachs und Hanf. U-lang, auch U-ling, chinesische Bezeichnung für Lastings. Ulanka, der im Schnitt der polnischen Nationaltracht nachgebildete Uni¬ formsrock der Ulanen. An Nähten und Säumen ist die U. mit Passepoils (s. d.) in der Kragenfarbe besetzt; die Brustklappe ist rabattenartig geschnitten und mit zwei Knopfreihen besetzt; bei Paraden wird an dieselbe eine der Farbe des Kragens entsprechende Rabatte angeknöpft; ein Zubehör der U. ist die Leibbinde von Tuch mit Besatz in der Kragenfarbe. Auf den Schultern be¬ finden sich Passanten für die Epauletten. Ullersdorf im preuss. Reg.-Bez. Breslau: eine grosse Flachsspinnerei. Ulm, Hauptstadt des württembergischen Donaukreises: bedeutende Leinen¬ industrie; grosser Tuchmarkt. U. hat im 14. Jahrh. Seidenweberei. Ulmer Leinwand heissen alle im Württembergischen gewebten Leinwand¬ sorten, da U. im Besitze des Haupthandels dieser Fabrikate ist. Ulverston, Stadt in der engl. Grafschaft Lancashire: Wollspinnerei, Baumwollweberei. Uelzen, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Lüneburg: Tuch- und Wollwarenfabriken: Handel mit Wolle und Flachs. Umgekehrter Köper, Gewebe, in welchem teils die Kette, teils der Schuss flott liegt. Umlauf, im 16. Jahrh. gestickter Behang an Schenktischen. Umspinnen = überriegeln. Unentschälte Seide hat noch ihren natürlichen gummiartigen Ueberzug. Ungarn, Königreich: Spinnen und Weben ist in einigen nördlichen Komitaten verbreitet, Leinenweberei am meisten in der Zips; gedruckte Lein¬ wand liefert die Umgegend von Eperies; im ganzen Lande, namentlich aber in Nordungarn, werden wollenes Grobtuch, Feintuch, grobe Decken, Teppiche, Halinatücher (Bauernmäntel), grobe Zwirnspitzen, Seiler- und Siebmacher¬ waren hergestellt. Die Seidenindustrie hat sich sehr entwickelt. Ungarische Tapeten sind Ledertapeten. Ungekochte Seide = unentschälte Seide. Ungerissen oder ungeschnitten ist Sammet (s. d.), dessen Noppen nicht aufgeschnitten sind. Uni (franz.), einfarbig, ungemustert; Ueniton, der einfarbige, die ge¬ musterte Tapete einer Wandfläche ganz oder teilweise umrandende Farbenton.
600 Union carpets—Vaihingen. Union Carpets (engl.), Doppelteppiche, deren beide Gewebe auf ihrer ganzen Ausdehnung Zusammenhängen, da in gewissen Zwischenräumen Binde¬ schüsse durch beide Ketten geschossen sind. Unreines Fach heisst in der Weberei ein Fach (s. d.), wenn die ge¬ hobenen Kettenfäden nicht sämtlich genau in einer Ebene liegen. Unterbaum, Zeugbaum, die hölzerne Walze am Webstuhl, welche zum Aufwickeln des fertigen Gewebes dient. Unterfach, Untergelese, in der Weberei das Fach, welches durch Herab¬ ziehen eines Teiles der Kettenfäden gebildet wird. Unterkette, die das Grundgewebe bildende Kette sammetartiger Gewebe. Unterschuss, 1. Fehler bei Geweben, wenn ein Schussfaden öfter als er sollte unter denselben Kettenfäden hingeht (vgl. Ueberschuss). 2. wird an¬ gewandt, um einen Stoff dichter zu machen. Derselbe kann aus bedeutend geringerer Qualität bestehen; die Hauptsache bei seiner Anwendung ist die Bindung: es werden halbwollene Double, Ratine und ähnliche Stoffe damit hergestellt. Untertuch, das Stück Zeug, welches der Weber an der eingezogenen Kette befestigt, um sie über den Brustbaum zum Zeugbaum zu führen. Untreue Wolle ist AV., deren Haare nicht in ihrer ganzen Länge gleiche Dicke haben. Unverbrennliche Leinewand, leinwandartiges Asbestgewebe (s. Asbest). Upland, nordamerikanische Baumwollsorte. Urach, Oberamtsstadt in AVürttemberg: Baumwoll- und Flachsspinnerei, Baumwollweberei, Bleicherei, Färberei; Leinwandfabrikation. Urbeis, Dorf in Obereisass: Baumwoll- und Seidenweberei. Urmia, Stadt in der pers. Prov. Azerbeidschan: Erzeugung von Baumwollgeweben und Seidenwirkwaren. Uschak, Stadt im türk, kleinasiat. Sandschak Kutahia: seit Alters her berühmter Erzeugungsort für sogen. Smyrnateppiche (s. den Artikel Teppich), Uschur, mazedonische Baumwollsorte. Uso-Sabugia, Baumwollsorte aus Natolien. Uster, Marktflecken im Schweiz. Kanton Zürich: Baumwollspinnereien und -Webereien, Färbereien. Utrecht, Hauptstadt der gleichnamigen Provinz im Königreich der Niederlande: bedeutende AVoll- und Tuchindustrie. Im 17. Jahrh. gelingt es, mit Unterstützung der Refugies eine Seidenfabrik anzulegen, es werden darin 500 Arbeiter beschäftigt; 1816 geht dieselbe ein. Utrechter Sammet (franz.: velours d’Utrecht), eine ursprünglich in den franz. Manufakturen zu Amiens und Abbeville nach holländischer AVeise, gegenwärtig auch in deutschen Fabriken nachgeahmte langhaarige Art Plüsch, welche besonders zu Möbelbezügen verwendet wird. Uxur, mazedonische Baumwollsorte. Uzel, eine in gleichnamigem Ort im franz. Depart. der Nordküsten ge¬ fertigte gute Leinwand. V. Vaals, Dorf in der niederl. Provinz Limburg: Tuchfabrikation. Vacha, Stadt in Sachsen-AVeimar-Eisenach: AVollkämmerei und -Spinnerei. Vaels, Gemeinde in der niederl. Provinz Limburg: Tuch- und Woll¬ weberei ; Näh- und Sti’icknadelfabrik. Vaihingen auf den Fildern, Dorf im württembergischen Neckarkreis: Trikot Weberei.
Vaisou—Vasen im Stoffmuster. 601 Vaison, Stadt im franz. Departement Vaucluse, Arrond. Orange: Seiden¬ spinnerei, Baumwollweberei. Vajus (lat.), goldenes Gewebe, goldgestickte Decke. Valdobbiadene, Stadt in der ital. Provinz Treviso (Venetien): bedeutende Seidenzucht und -Spinnerei. Valence, Hauptstadt des franz. Departements Drome: Fabrikation von Seidenwaren, Leinen- und Wollzeugen, mit Kattundruckerei. Valencia, ehemaliges Königreich in Spanien: Hanf- und Flachsbau, Seidenweberei. Valencia, kolumbische Baumwollsorte. Valencias, verschiedene dauerhafte bunte Winterwestenzeuge, deren Kette aus Baumwollzwirn und Einschlag aus feiner Kammwolle, mit oder ohne Seide durchwebt, gefertigt werden, kommen meist aus englischen und französischen Manufakturen, seltener aus sächsischen und böhmischen. Valenciennes, Hauptstadt des gleichnamigen Arrond. im französischen Departement Nord: bedeutende Fabrikation von Batist, Linon und Gaze. Valenza, Stadt in der ital. Provinz Alessandria: Tuchfabrikation. Valladolid, Hauptstadt der gleichnamigen span. Provinz: Wollweberei, Fabrikation von Tuch, Seidenzeug und Band. Valladolid, Stadt im mexikanischen Staate Yucatan: bedeutende Baum¬ wollindustrie. Valleraugne, Stadt im Arrond. Vigan im franz. Depart. Gard: Seiden¬ manufakturen, Strumpfwirkerei und Seidenraupenzucht. Valls, Stadt in der span. Provinz Tarragona: Baumwoll- und Woll¬ spinnereien, Leinenweberei. Vanes heissen in Frankreich die wattierten Bettdecken von Pikee oder Kattun, welche besonders in Marseille verfertigt und unter dem Namen Courtepointe nach Italien, Spanien, Amerika und der Levante gehen. Vannes, Hauptstadt im gleichnamigen Arrond. des franz. Departements Morbihan: Baumwollzeug- und Leinwandfabrikation, Fabrikation von Spitzen. Vans, Les, Stadt im franz. Departement Ardeche, Arrond. Largentiere: Fabrikation von Seide und Leinwand, sowie bedeutender Handel mit Waren daraus. Vapeur (franz.), dem Musselin (s. d.) ähnliches Gewebe. Varel, Stadt in Oldenburg: Baumwollspinnereien und -Webereien. Varese, Stadt in der ital. Provinz Como: Seidenspinnerei und-Weberei, Seidenx-aupenzucht; Fabi'ikation von Baumwollwaren. Varinas, kolumbische Baumwollsorte, weiss ins Gelbe, minderglänzend, ziemlich kräftig im Faden. Vasen im Stoffmuster erscheinen nach einem bis jetzt bekannten Bei¬ spiel (Abb. 44, S. 61) in Nachahmung der griechischen Aschenurne als Flach¬ ornament zuerst in koptischen Gewandresten, und zwar vermutlich in gleicher Bedeutung; denn im gegebenen Beispiel entsteigt einer solchen der Baum des Lebens als Umgebung auferstandener Geister. Dass eine ornamentale Ver¬ wendung der Vase hier in anderem Sinne gemeint sein könnte, ist unwahr¬ scheinlich angesichts der in Abb. 168, S. 800 dargestellten koptischen Wirkerei, auf welcher ein palmettenartig angeordneter Strauss dargestellt ist an der aus Aegypten stammenden Volutenendigung der Lotosblüte. Uebei'haupt ist sonst im Mittelalter an Stoffmustern des Orients und aus Byzanz die Entwickelung von vegetabilischen Kunstfonnen immer nur an Gebilden wahrzunehmen, welche den gerollten Keimblättern ähnlich sehen: so an den zwischen Tiergestalten aufwachsenden Bäumen oder an einzelnen Palmetten (Abb. 4, 6, 7, 10 auf Tafel II), welche Stilisierung sich übrigens im Orient erhält bis ins 16. Jahrh. hinein (Abb. 218, S. 381), bis dann die Blütenbüschel als gewundener Zweig oder als Staude die Fläclie beleben (Abb. 219, S. 382). Die Vase erscheint somit aus den orientalischen Stoffmustern ausgeschlossen; finden wir ähnliche Formen, so sind diese auf Ampeln oder Räuchergefässe zurückzuführen, sonst liegt ein orientalisches Muster vor, das in Venedig oder Spanien europäisiert
602 Vasen im Stoffmuster. wurde (Abb. 26, S. 30), wie denn auch hier der orientalische Ziehbrunnen zum urnenförmigen Gefäss geworden ist (Abb. 279, S. 488). Etwas anders ist es in China und Japan, wo die Räucherbecken und Vasen aus Bronze und Por¬ zellan ein weites Gebiet künstlerischen Schaffens darstellen, dessen Erzeugnisse Abb. 336. Abb. 334. derartig begeistern, dass man ihre wechselnden Formen in schwere Gold¬ stickerei übersetzt als Musterung breiter Prachtvorhänge aus hellblauem oder rotem Atlas, sie in Massen über weite Flächen verstreut oder auch vereinzelt den Elefanten als Träger eines Abb. 335. Blumenkübels darstellt (Abb. 53, S. 127). Und dennoch wird man im chinesischen oder japanischen Webe¬ muster, das sich im Stücke unzählige Male wiederholt, die Vase gar nicht oder selten finden. — Das europäische Stoffmuster der Renaissance (s. d.) gibt in der Wiederbelebung verschiedener antiker Elemente frühzeitig die Vase zu er¬ kennen, sie wird unmittelbar nach dem Granatapfelmuster ein wesent¬ liches Bindeglied in der Flächen¬ teilung, natürlich lediglich als Kunst¬ form aus der Plastik heraus, wo sie dem Pilasterstreifen im organischen Aufbau so vieler pflanzlicher Gebilde unentbehrlich geworden ist. Auch hier helfen Keramik und Metall neue Körper schaffen, die in geistvoller AVeise dem Flachmuster angepasst sind (Abb. 334). Sobald die gotische Bogenlinie das Stoffmuster verlassen hat und sich aus dem Kernstück des Granatapfels allmählich der Blütenstrauss im spitzovalen Felde ent¬ wickelte, kommt die Arase zur Geltung: anfangs noch als Träger gotischer Rosen oder der in natürlicher Gestaltung wieder¬ kehrender Granatäpfel (Abb. 5 auf Tafel Ar und Abb. 102, S.229), später entsteigen ihr leichte Schnittblumen aus Nelken, Tulpen und Narzissen. Die gedrungene,
603 Vasen im Stoffmuster. henkellose, gebuckelte Urne nimmt dann im italienischen und spanischen Stoffmuster der Renaissance als Vase auf hohem Fuss mit erhöhtem Hals, reichen Henkelansätzen und Verzierungen (Ahb, 248, S. 425) eine fast selbständige Stellung innerhalb des freier ge¬ wordenen Feldes ein und behauptet diese noch als Streumuster des 17. Jahrh. (Abb. 335). In der Zeit der Spitzenentwickelung teilt sie sich selbst der Leinwand als Nadel- und Klöppelarbeit mit (Abb. 336 und Abb. 38, S. 53) und noch das barocke Tapetenmuster Italiens bietet Vasenmotive in reicher Ab¬ wechselung (Abb. 337 und Abb. 37, S. 52). Das französische Stoffmuster bedarf für seine neue Gestaltung aus gross entwickelten Ananas¬ palmetten (Abb. 107, S. 232 und 19, S. 21) der Vasen nicht mehr, sie kommen auch im 18. Jahrh. nicht wieder in Aufnahme, höch¬ stens dass man sich vereinzelt aus dem Füll¬ horn einen ähnlichen Blumenhalter entwickelt hat (Abb. 314, S. 529) und dass die Empire¬ zeit auch hierin das antike Element von neuem auffrischt (Abb. 64, S. 175). Bescheiden treten vasenartige Gefässformen im textilen Ornament noch auf in den sogen. Pottenkanten Hollands (Ahb. 12 und 13 auf Tafel XI), auch der bäuerlichen Kunst dienen Darstel¬ lungen von Topfformen als Ausgangspunkt stilisierter Blütensträusse (Ahb. 338); in¬ dessen hat die eigentliche Vase mit der italienischen Spätrenaissance ihre ornamen¬ tale Bedeutung für das Stoffmuster ver¬ loren. Abb. 337. Ahb. 338. Abbildungen: 334. Darstellungen aus Heiden, Musteratlas, Leipzig 1896. Blatt 140: Vase als Kunstform von einem italienischen Seidengewebe des 16. Jahrhts., aus der Sammlung des König! Kunstgewerbemuseums in Berlin. 335. Originalaufnahme aus dem Königl. Landesgewerbemuseum in Stuttgart:
604 Vegetabilische Seiden— Veloursteppiche. Seidenstoff, Grund rotbraun, symmetrisches Muster bunt: In Reihen versetzte Vasen mit Blütensträussen; dazwischen kleine Blüten und Eidechsen. Italien, 17. Jahrh. 336. Darstellung wie Abb. 1, Blatt 23: Zacken einer Spitze, Nadelarbeit in weissem Leinen, mit Darstellung einer Vase zwischen Blattranken mit Blüten. Italien oder Spanien, 17. Jahrh. 337. Darstellung wie Abb. 335. Seidenstoffborte, Grund grün, Muster gelb: Uebereinander gestellte Vasen mit Blütenpalmetten. Italien, 17. Jahrh. 338. Darstellung aus: Kunstgewerbeblatt, März 1900, Seite 115: Gewebter Brustlatz in geschnittenem Sammet: Bliitenstrauss und Vögel an zweihenkeligem Topf. Vierlanden, 19. Jahrh. Vegetabilische Seiden, s. Pflanzenseiden. Veilchen (Viola), Pflanzengattung aus der Familie der Violaceen mit gegen 100 fast über die ganze Erde verbreiteten Arten (Abb. 339). Als Kunstform in symbolischer Bedeutung im Orient sehr häufig verwendet, be¬ sonders im Mittelalter (Abb. 4, Tafel IU) in Abb. 339. strenger Stilisiernng, aber blauer Farben¬ gebung. Der persische Dichter spricht von ihr: „Bekümmert und niedergebeugt vom Schmerze der Trennung, beklagt es seufzend das Geschick und fordert, indem es vom Gram gebeugt, im blauen Gewände der Trauer erscheint, zur Betrachtung auf. (Blau ist bei den Persern die Farbe der Trauer.) Seinem qualvollen Zustande gegenüber ist derjenige beneidenswert, der das Leben des Glücklichen gelebt und als Märtyrer gestorben ist“ u. s. w. (Vgl. Karabacek, Susandschird, S. 158 ff.) Abbildung: 339. Darstellung einer Viola canina L. aus Lobelius a. a. O. Antwerpen 1581. Velarium, s. Velum. Velez Rubio, Bezirksstadt der span. Velours ä deux drähtiger Sammet usw. poils Provinz Almeria: Tuch- und Leinenweberei. Velin heissen nach 1675 die in Alengon nach italienischen Mustern gearbeiteten Nadelspitzen, ein Name, der von dem Per¬ gamentuntergrunde entlehnt ist, auf dem man schon die Venezianer Spitze zu arbeiten pflegte. Vellutini, italienische Bezeichnung der leichten Sammetstoffe. (franz.), zweidrähtiger Sammet, ä trois p. = drei- Velours ä moustaches (franz.), Schnui'rbartsammet, welcher am Ende des 16. Jahrhunderts namentlich in Spanien für Kleiderstoffe hergestellt wurde; der Name entstammt den innerhalb der Figuren über den Noppen hoch heraus¬ hängenden Seidenbüscheln. Velours cisele oder coupe = gerissener Sammet. Velours de gueux (franz.), s. Bettlersammet. Velours du nord, moderner Sammet. Velours figure (franz.), gemusterter Sammet. Velours plein (franz.), glatter Sammet. Velours ras (franz.), ungeschnittener Sammet. Velours rayes (franz.), lang gestreifter Sammet. Velours russe (franz.), russischer Sammet. Velourstapete, s. Tapeten und Sammetstoffe. Veloursteppiche, s. Teppiche.
Velour travers—Venedig. 605 Velour travers nennt man 1. ein quergestreiftes, halbwollenes Zeug zu Damenkleidern; 2. einen Seidenstoff zu Westen aus Elberfeld; 3. einen Rock¬ stoff, der aus den Tuchfabriken zu Krimitzschau und Brünn kommt; 4. ein aus Kammgarn gefertigtes Kleiderzeug aus Glauchau. Veloute, ein halbseidener Westenstoff, der kariert oder einfarbig aus den Fabriken zu Elberfeld kommt. Veloutine, leichter moderner Sammetstoff. Velpel, Felbel, s. Sammet. Velum, das (lat.), Schleier, Nonnenschleier (Weihei), Tuch, Decke; Altarvelum ist ein viereckiges gemustertes Seidentuch, welches über einen Rahmen gespannt während des Gottesdienstes vor die auf dem Altar stehende Hostie gestellt wird; Kelchvelum, Kelchtuch, in der Mitte mit einem Kreuz bezeichnet, wird über den Kelch gedeckt; Schultervelum, Schultertuch, der lange Stoffstreifen, welcher um den Hals des segnenden Priesters gelegt wird und mit dessen Enden derselbe die Monstranz hält. Velutiert (vom franz. velours), sammetartig gemacht. Velverets sind sammetartige Zeuge aus Baumwollgarn, welche als Nach¬ ahmungen des eigentlichen seidenen Sammets mit denselben Handgriffen wie dieser gewebt und weiter behandelt sind. Sie haben Rippen und zuweilen farbige, aufgedruckte Muster, kommen viel aus Manchester in England, werden aber auch in sächsischen und preussischen Fabriken hergestellt. Die Velvets und Velveteens sind auch buntgedruckte manchesterartige Zeuge, von denen das erstere die bessere Qualität anzeigt, liegen aber schmäler als die V., be¬ sitzen Köpergrund und ihr Einschlag geht nur über einen Kettenfaden, nicht über zwei, wie bei den V. Velvet (engl.), s. v. w. Sammet (s. d.). Velveteen, s. V. w. unechter Sammet (s. Velverets). Venedig (Venezia), Provinz mit gleichnamiger Hauptstadt im König¬ reich Italien: Baumwollspinnerei und -Weberei, AVoll- und Seidenwaren, Spitzen und Stickereien. Für die ältere Seidenindustrie Italiens ist Venedig neben Genua einer der bedeutendsten Hauptorte. Zunächst ist es der Handel, durch welchen die Aufmerksamkeit auf orientalische Erzeugnisse des Seidengewerbes gelenkt wird. Schon zur Zeit Karls des Grossen sollen venetianische Kauf¬ leute Seidenstoffe aus dem Orient nach Pavia befördert haben. In den ersten Jahrhunderten des Mittelalters machte hauptsächlich die Kirche von Seiden¬ gewändern Gebrauch und die Venetianer versorgten den römischen Markt mit arabischen und griechischen Waren. Vom 11.—13. Jahrh. lässt sich durch Urkunden verfolgen, dass venetianische Seidenfabriken in Konstantinopel und Tyrus bestanden haben; deren Erzeugnisse nach Italien gelangten. Hierdurch ward allmählich die Grundlage geschaffen zur Nachahmung der Seidenzeuge des Orients, zumal das Sinken der arabischen Kultur im 13. Jahrh. das Wachsen der italienischen Städte begünstigte. Die älteste Ueberlieferung über die Seidenindustrie in Venedig stammt aus dem 11. Jahrh. Das Gewerbe wird als Hausindustrie betrieben; ein Statut der Seidenweberzunft ist aus dem Jahre 1265 erhalten. Die Seidenweber werden darin als Samitarii bezeichnet: der Samit, sogen. Examitum oder Sciamitum war das wertvollste und ver¬ breitetste Seidenzeug dieser Zeit. Auch technische Bestimmungen sind in diesem Statut enthalten. Für jede Art der Seidengewebe war die Breite, die Zahl der Fäden im ganzen und Zahl derselben pro Zahn des Weberkammes vorgeschrieben, somit die Dichtigkeit des Stoffes bestimmt; auch war die Länge jedes Stückes angegeben. Es war verboten, Baumwolle in Seidengewebe hin¬ ein zu verweben, das Sahlband musste in bestimmter Weise und Farbe ge¬ fertigt werden; endlich musste in den Geweben dieselbe Qualität Seide und Gold anfangs, in der Mitte und am Ende gebraucht werden. (Vgl. Romolo Graf Broglio d’Ajano, Die venetianische Seidenindustrie und ihre Organisation bis zum Ausgang des Mittelalters, Stuttgart 1893.) Eine neue Phase der Entwickelung trat in Venedig mit Einwanderung von Kaufleuten und Seiden¬ arbeitern aus Lucca ein, wodurch erst die Industrie ganz zur Entfaltung ge-
1)06 Venetianerstickerei—Verlegen. langte; zugleich trat das kaufmännische Element mehr in den Vordergrund. Es wurde bestimmt, dass kein Weber Kaufmann sein durfte, aber auch kein Kaufmann die Weberei treiben konnte. Ueber die Musterung dieser ältesten Gewebe Venedigs ist kaum etwas Bestimmtes zu ermitteln. Wir haben uns die Stoffe, für welche anfangs die Kirche der alleinige Abnehmer war, im Mittelalter zunächst vorzustellen mit Darstellungen von stilisierten vegetabi¬ lischen Elementen und Tiergestalten (vgl. Tafel III und die Beschreibungen im Artikel Italien) und später dem allgemeinen Geschmack der Zeit folgend, wobei immer der orientalische Einfluss mehr als sonst in Stoffen aus Italien vorherrschend bleibt. Ebenso wie für Gewebe gilt Venedig auch für die Spitzenindustrie im Anfänge ihrer Entstehung als die erste tonangebende Stadt Italiens, von wo aus dieselbe ihre weitere Laufbahn vermöge der venetianischen Handels¬ verbindungen genommen hat. (Vgl. Spitzen und Stickerei, auch den Artikel Renaissance.) Venetianerstickerei ist eine moderne Bezeichnung für jene Weissstickereien, welche nach Vorlagen von Reliefspitzen aus Venedig gefertigt werden, sich im Muster und der Technik vollständig denen anschliessen. Venetienne, ein aus der feinsten italienischen Seide gewehtes, grosdetourartiges, glattes oder gemustertes Seidenzeug, welches in italienischen und französischen Manufakturen gefertigt und besonders nach der Levante ver¬ schickt wird. Auch nennt man V. einige leicht gewalkte und gerauhte Wollen¬ stoffe aus Streichgarn. Venezuela, Bundesrepublik im Norden Südamerikas: Herstellung von Stickereien und Spitzen, Fabrikation grober Baumwollenstoffe für die ländliche Bevölkerung. Venise (Grande-V. oder Grande-Rose), feine Flachsleinen, damastartig mit eingewirkten Blumen, mit und ohne Borten zu Tafeltüchern und Servietten, in den niederländischen Manufakturen zu Gent, Brügge, Cortryk usw., sowie im franz. Departement Calvados in der Gegend von Caen verfertigt. Petit-V. (Rosette, R. perlee) heissen die an denselben Orten gefertigten gleich feinen Leinen, mit kleineren Mustern, häufig ohne Blumen, nur gewürfelt. Verbandzeug, Bandagenstoffe, s. Charpie. Verbindungsnähte, s. Ziernähte. Verbindungsstege, s. tmdes und Spitzen. Vercelli, Stadt in der ital. Provinz Novara: ausgedehnter Hanf-, Flachs¬ und Seidenbau, Seidenspinnerei und Handel. Verdun sur Meuse, Arx-ond.-Hauptstadt im franz. Departement Maas: Leinwand-, Spitzenfabrikation; Stickereien, Wäsche und Posamenten. Verdüren werden die mit stilisiertem Blütenwerke gemusterten Wand¬ teppiche in Wirkarbeit genannt, die in der gotischen Periode ei'scheinen. Die Bezeichnung stammt von dem französischen Tapis de verdure, d. i. Rasen¬ teppich (vgl. Abb. 323, S. 566.) Verfilzen ist eine Eigenschaft der Wollhaare, die sich unter dem Ein¬ flüsse des Druckes, der Wärme und Feuchtigkeit vermöge ihrer rauhen Oberfläche unlösbar miteinander verwirren, worauf die Herstellung von Filzen und Tuchen beruht. Vgl. Walken, s. a. Filzteppiche. Veria, türk. Kai’aferin, Stadt im türk. Wilajet Saloniki: Textilindustrie (Badetücher). Verkündigung Mariä durch den Engel Gabriel (franz.: annonciation; engl.: annunciation; lat.: annunciatio), auch englischer Gi'uss, sehr häxxfig seit der frühgotischen Zeit Gegenstand bildlicher Darstellxxng in der Kunst, namentlich in Bildern, von wo axxs dieselbe auch auf die Wirkerei in Wand¬ teppichen übei’ging. (Vgl. Abb. 319, S. 561); auch die Stoffmusterung für kirchliche Gebrauchsstücke (s. kirchliche Stoffe und Stickereieix) hatte zur gleichen Zeit dieses Motiv aufgenommen. Verlegen, die Kettenfaden für gestreifte Zeuge in gehöidger Ordnung auf den Wehstuhl bringen.
Verneteppich—Vierlande. 607 Verneteppich, s. Sumakhteppiche. Verneuil, Stadt im franz. Departement Eure des Arrond. Evreux: Woll¬ spinnerei, Leinen-, Baumwoll- und Wollzeugweberei; Fabrikation von Bändern. Vernoux, Stadt im franz. Departement Ardeche: Seidenspinnerei, Tuchund Seidenfabrikation und bedeutender Tuchhandel. Verona, Hauptstadt gleichnamiger ital. Provinz: Seidenspinnereien und bedeutende -färbereien; das Seidengewerbe ist im 14. Jahrhundert eingeführt. Veronicatuch, Schweisstuck der heil. Veronica, der Legende zufolge das Tuch, mit welchem die Heilige dem kreuztragenden Christus das Gesicht trocknete, wobei sein Abbild auf dem Tuche zurückblieb: vera icon, das wahre Bild. Ein solches Tuch mit dem blutüberlaufenen Antlitz Christi mit der Dornenkrone wird in den Darstellungen entweder von der Heiligen selbst oder von Engeln gehalten. Versailles, Arrond.-Hauptstadt im franz. Departement Seine et Oise: Baumwollspinnerei, Fabrikation von Kaschmirskawls. Versecz, Stadt in Ungarn: Seidenraupenzucht. Verseidigungsverfahren gehen davon aus, die vegetabilische Faser mit einer die Seidensubstanz in gelöstem Zustande enthaltenden Flüssigkeit zu behandeln und nachträglich den Fibroinniederschlag auf der Faser selbst hervorzubringen. Versmold, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Minden: Leinenweberei, Segel¬ tuchfabrik. Verviers, Stadt in der belg. Provinz Lüttich: bedeutende Tuchfabriken, Walkmühlen und Färbereien, Woll- und Baumwollspinnereien, Bandfabrikation. Vervins, Arrond.-Hauptstadt im franz. Departement Aisne: Leinen-, Baumwoll- und Schafwollweberei, Wollspinnfabrik und Leinwandhandel. Vezelise, Stadt im franz. Departement Meurthe et Moselle: Tuch- und Seidenweberei, Fabrikation von Stickereien. Vicenza, Stadt in gleichnamiger ital. Provinz: bedeutende Seidenspinnerei, Fabrikation von Seidenzeugen. Vicunnawolle, s. Vigognewolle. Vienne, Arrond.-Hauptstadt im franz. Depart. Isere: bedeutende Tuch¬ fabrikation (besonders von wohlfeilen Zeugen zu Beinkleidern und Paletots), Fabriken für Baumwollwaren und Leinwand, Seidenweberei. Vierbindig heisst ein Köpergewebe, wenn jeder Schussfaden über je drei Kettenfäden flott liegt und erst vom vierten gebunden wird. Vierdraht, ein älterer, dem Berkan ähnlicher dichter Wollenstoff. Vierlande, Teil des hamburgisckeu Staates, wo sich noch heutigen Tages die volkstümlichen Arbeiten behaupten, welche von bäuerischen Stickerinnen für die eigene Tracht oder den Schmuck des Hauses angefertigt werden. Der Zusammenhang mit den allgemeinen Wandlungen des Stiles ist darin unver¬ kennbar, doch haben sie eigenartige, durch Jahrhunderte überlieferungsweise festgehaltene Kunstformen des nationalen Geschmackes bewahrt. Neben ge¬ stickten Handtüchern und leinenen Bettzeugen sind es auch eigentümliche Spitzenarbeiten in weissen Leinenfäden, guipüreartig auf schrägem Filet her¬ gestellt (Abb. 340), welche erhalten sind. Ein besonderes Schmuckstück der Tracht bilden die gewebten (Abb. 338) und gestickten Brustlätze (Abb. 341) mit abgepasstem Muster. Letztere bestehen aus strengen Palmettenformen, Blumenranken und kleinem Getier. Die Technik der Stickereien ist ausge¬ dehnt auf Arbeiten aus reliefartig behandelten Auflagen von Seidenfäden, Goldlahn und Füttern. Reich verziert sind die gestickten seidenen Nacken¬ tücher. Für Rücklaken und sonstige Behangstoffe fertigte man ausser den gobelinartig gewirkten Arbeiten (Abb. 209, S. 370) Gewebe aus Leinen und Wolle an, in welchen sich historische und biblische Darstellungen mit eigen¬ artigen ornamentalen Pflanzen und Tiergestalten vereinigen; auch eine beson¬ dere Technik der Knüpfarbeit (Abb. 211, S. 372) hat sich erhalten. Eine reichhaltige Sammlung solcher Erzeugnisse nordischen Hausfleisses bewahrt das Hamburgische Museum für Kunst und Industrie: vergl. den von Justus Brinckmann in Leipzig 1894 erschienenen Führer S. 49 ff.
608 Viersen—Vigognewolie. Abbildungen: 340. Darstellung aus: Kunstgewerbeblatt, Leipzig 1900: Zwischensatz zu einem Kopfkissen, Filetdurchzugarbeit in weissem Leinen auf schrägem Grunde, Muster aus Blütenranken und Vögeln. Vierlande, 18.—19. Jahrh. 341. Darstellung wie vorher: Brustlatz, Stickerei und Bortenwirkerei in Seide, Goldlahn und Füttern auf Sammet: palmettenartige Blutenformen und Ranken. Vier¬ lande, 18.—19. Jahrh. Viersen, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Düsseldorf: Fabriken für Seidenund Sammetwaren, sowie Woll-, Baumwoll- und Leinenweberei. Zwirnerei und Bandfabriken, Bleichereien und Färbereien und lebhafter Handel; in der Um¬ gegend Flachsbau. Ueber Sammetbandweberei in V. finden sich aus dem Jahre 1786 Nachrichten; als 1812 das Sammetband aus der Mode kommt, zerstreuen sich die dahin aus Frankreich eingewanderten Arbeiter. Abb. 340. Vierzotl, Stadt im franz. Depart. Cher des Arrond. Bourges: Fabrikation von Leinen-, Woll- und Seidenwaren. Vigan, Stadt im franz. Depart. Gard: Seidenbau, Seiden- und Baumwoll¬ spinnerei, Strumpf Wirkerei. Vigans, eine grobe Tuchsorte, zu gewöhnlichen Unterkleidern, Regenmänteln u. dgl., die in Languedoc vei'fertigt und nach der Levante ausgeführt wird. Vigevano, Stadt in der ital. Provinz Pavia: Fabriken für Seidenzeuge, Baumwollgespinste; Handel mit Seidenraupeneiern. Vigognewolle, Vicognewolle, feine seidenartige W. des in Südamerika auf den Cordilleras heerdenweise lebenden Schafkamels oder Vicogna, Vicuna, AGcunha. Im Handel werden die Sorten von Peru, Chili und Bueuos-Ayres unterschieden, wovon die letztem weniger als die ersten geschätzt werden. Von jeden dieser Sorten hat man feine und gewöhnliche Qualitäten. Pelotage, d. h. Wickel- oder Flockwolle, die geringsten, sich schwer zum Verspinnen eignenden Haare. Eine Mittelgattung ist die Bastardwolle, Carmeline, vicuna
609 Vigognia—Yimoutiers. bastarda, welche häufig mit der besseren Y. vermischt wird. Das sogen. Vigognegarn führt nur einen geborgten Namen, denn es besteht lediglich aus feiner Schafwolle mit 1/ö Baumwolle. Vigognia nennt man im englischen Handel ein Strumpfgarn, das aus feiner Schafwolle und der Wolle von verschiedenen Wolle tragenden Pflanzen gesponnen wird. Vigoureux, moderner geköperter feiner Wollenstoff. Vigoureuxgarne, s. Moidineegarne. Villafranca di Verona, Stadt in der ital. Provinz Verona: bedeutende Seidenzucht. Villarobledo, Stadt in der span. Provinz Albacete; Leinen- und Woll¬ webereien. Abb. 341. Villedieu, Stadt im franz. Depart. Manche des Arrond. Avranches: Fabrikation von Leinwand und Spitzen. Villefranche, Stadt im franz. Depart. Rhone: Fabrikation von Baumwollgeweben, Kattun, Leinen- und Tischzeugen, hat Bleichereien. Villers-Bretonneux, Stadt im franz. Depart. Somme, Arrond. Amiens: sehr bedeutende Wo 11- und Baumwollspinnerei, Fabrikation von Flanell-, Wollund Baumwollstrumpfwaren. Vilvorde, Stadt in der belg. Provinz Brabant: Baumwollweberei, Spitzen¬ klöppelei; Verfertigung von Rosshaarzeugen und Posamentierwaren. Vimoutiers, Stadt im franz. Depart. Orne, Arrond. Argentan: mechan. Flachsspinnerei, bedeutende Leinwandmanufaktur, Spitzenklöppelei, Fabrikation von Posamentenwaren und Rosshaarzeugen. Vimoutiers, grobe, locker gewebte franz. Hanfleinen, die zuweilen auch Kameras genannt werden, roh in der natürlichen Hanffarbe oder safranH ei den, Handwörterbuch der Textilkunde. 39
610 Vintilizzi —V olkskunst. gelb gefärbt, werden in der Stadt V., zu Dromfort und in der Umgegend (Depart. Orne) verfertigt. Vintilizzi, in Italien eine Art seidener Zeuge, die auch den Namen classi di seta führen; sie haben einen leinwandartigen rauhen Grund. Vire, Arrond.-Hauptstadt im franz. Depart. Calvados: Baumwoll- und Wollspinnerei, Wollkrämpelei, Färberei; bedeutende Fabrikation von Tuch. Virginia, Staat der nordamerikanischen Union: Baumwollbau und Baum¬ woll- und Wollstofffabriken. Virginia, nordamerikanische Baumwollsorte. Värginie, älterer auf Atlasart gearbeiteter Seidenstoff mit breitem Köper, sowohl einfarbig, als in zwei abstechenden Farben. Viterbo, Stadt in der ital. Provinz Rom: Tuchfabriken. Vitragen, s. Rouleaux. Vitre, Arrond.-Hauptstadt des franz. Depart. Ille et Vilaine: Fabrikation von Leinwand, Wollzeugen, Flanell, Segeltuch, Zwirn- und Strumpfwaaren. Unter Franz I werden Florentiner Seidenwebereien angelegt, denen man 1476 ausgedehnte Privilegien bewilligt. Vitrees heissen in Frankreich die in und um Vitre gefertigten Sorten Leinwand als 1. meist gebleichte flächsene Hausleinen, 2. Vitrees brin sur brin, feste und gedrungene, aus bestem Hanf gewebte Leinen, welche zu Servietten und Handtüchern dienen, 3. Toiles renforcees, dichte breite Hanfleinen zu Segeltüchern. Die V. gehen meist über Rennes und St. Uterlo nach den überseeischen Kolonien. Vitry, Arrond.-Hauptstadt im franz. Depart. Marne: Fabrikation von Baumwollstoffen und Wirkwaren. Vitrys heissen die in und um Vitry gefertigten ungebleichten Leinen. Vittoria, Stadt in Sizilien: bedeutender Seidenbau. Vivierseide, genannt Soie de France, wird in Nanterre bei Paris gemacht. Vizille, Industriestadt im franz. Depart. Isere: Baumwollspinnerei und Zeugdruckerei. Vlies nennt man die Wolle, wie sie auf den einzelnen Fellen im natür¬ lichen Zusammenhang ist und beim Scheren stets erhalten wird. Vodena, Stadt im türk. Wilajet Saloniki: Woll- und Baumwollweberei. Vogel, in der Weberei der Treiber zum Bewegen des Schnellschützen. Vogelfedern, werden im 13. Jahrhundert in China als Schmuck in Seidenstoffe gewebt. Vogtland (Vogelland), Landschaft im Königreich Sachsen: zeichnet sich vorzüglich aus durch seine Industrie in Woll- und Baumwollwaren, Zwirnereien, Musselinfabriken und Stickereien. Der Hauptort und Hauptsitz derselben ist Plauen. Vohwinkel, Dorf im preuss. Reg.-Bez. Düsseldorf: mechanische Webe¬ reien und Färberei. Voile nennt man in Frankreich verschiedene, aus Bengalen in den Handel gebrachte baumwollene Gewebe, sowie dünne und durchsichtige, den ostindischen Geweben nachgeahmte wollene Zeuge: beide Arten werden zu Schleiern verwendet. Voiron, Stadt im franz. Depart. Isere, Arrond. Grenoble: Webereien von Hanfleinwand, sogen. Toiles de Voiron (auch in der Umgegend), Lein¬ wand, Bleichen, Seidenwebereien, Färbereien und Handel mit den Industrie¬ produkten, namentlich Leinwand. Voirons, die in und um Voiron gefertigten verschiedenen feinen Hanfleinen. Volant (franz.), fliegend; breiter, lose aufgesetzter Besatz an Damen¬ kleidern, welche zur Rokokozeit, als der Rock in Mode kam, in Posamenterie, bunter oder weisser Spitze angewendet wurden. Volkskunst bezeichnet eine der ersten Stufen auf dem Wege künst¬ lerischer Entwickelung im Bereiche jener Handfertigkeiten, zu welchen der Hausfieiss aus eigenem Bedürfnis heraus Anregung gibt. Ob eine solche zur Befriedigung des Schmückens oder der notwendigen Bekleidung des eigenen Körpers und seiner Behausung vorliegt, immer werden textile Erzeugnisse dabei in den Vordergrund treten. Das ursprüngliche Wesen einer Volkskunst
Vollgarn—Wachstuch. 611 ist im Laufe der Jahrhunderte so gut wie ganz verloren gegangen, da die fortschreitende Kultur andere Lebensgewohnheiten, Verkehrsverhältnisse und Arbeitsteilung bedingt, womit die Ueberlieferung von Traditionen verwischt, der Sinn des Geschmackes einem steten Wechsel unterworfen ist. Inmitten der modernen kunstgewerblichen Bewegung der letzten Jahrzehnte haben die in den Museen erhaltenen älteren Werke des Hausfleisses nordischer und südslavischer Völker oft genug Anstoss gegeben zu neuen Ansätzen einer volks¬ tümlichen Kunstweise, indessen führten solche Versuche nur teilweis zum Ziele. Erst wenn diese wichtige Frage, welche sie namentlich vom Stand¬ punkte der Volkswirtschaft aus geworden ist, noch mehr mit dem Wesen des Schulunterrichts und den Fortbildungsschulen im Allgemeinen verbunden sein wird, kann man vielleicht auf bessere Erfolge rechnen. Vollgarn nennt man das bessere und feinste Leinengarn, besonders das in Westfalen verfertigte. Volos, Volo, Hauptstadt des griech. Nomos Magnesia, Haupthafenplatz für Thessalien: Teppicherzeugung. Voltri, Stadt in der ital.Provinz Genua: Baumwollspinnerei, Tuchfabrikation. Vorarlberg, der westliche Teil von Tirol, früher selbständiges Kronland, mit der Hauptstadt Bregenz: die ziemlich rege Industrie beschäftigt sich namentlich mit Baumwollspinnerei (17 Spinnereien mit 179 000 Spindeln und 1872 Arbeitern) und Weberei (22 Betriebe mit 3168 Webstühlen und 2294 Arbeitern), Flachsspinnerei, Färberei, Druckerei, Bleichereien und Appreturen mit 1092 Arbeitern, Musselinweberei, Weissstickerei, Kotfärberei, Spitzen¬ klöppelei, deren Produkte nach der Schweiz ausgeführt werden. Vorderbaum, in der Weberei der Brustbaum. Vordergeschirr, die Schäfte am Jacquardwebstuhl, durch welche die Bindungen für das Grundgewebe gebildet werden. Vorst, Marktflecken im preuss. Reg.-Bez. Düsseldorf: Fabrikation von Seidenzeug und Sammetband. Vorstoss (an Uniformen u. dgl.), soviel wie Passepoil (s. d.). Vorstechmaschine dient zum Herstellen der durchlöcherten Karten für die Jacquardmaschine. Vorstich, s. Nähen. Vourine, im französischen und levantiner Handel die feinste Gattung der persischen Legisseide. Vreden, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Münster: Plüsch-, Nessel- und Bunt¬ weberei. Vukovar, Stadt in Ungarn: Seidenzucht und Seidenzwirnfabriken. w. " Wachsbarchent, s. Wachstuch. Wachsleinwand, s. Wachstuch. Wachstaffet (Gesundheitstaffet, Taffetas ciree), Taflet oder Leinwand mit einem aus Leinöl, Bleiglätte, Terpentin, Kolophonium, Mennigen und einem Farbstoff zusammengesetzten Firnis auf beiden Seiten überzogen, ist gewöhn¬ lich grün, braun oder schwarz. Er wird zum Umwickeln rheumatischer Glieder gebraucht, sowie zu Schweissblättern in Frauenkleidern, Hutüberzügen usw. und kommt besonders aus Paris und Lyon, sowie auch aus einigen grösseren Städten Deutschlands. Wachstuch ist ein verhältnismässig neuer Artikel mit einem nicht mehr passenden alten Namen. Das alte W. oder die W.-Leinwand hatte in der Tat
612 Wad, Wadmal—Waldheim. wächserne Ueberzüge, die aber schon längst passenderem Material gewichen sind. Die heutigen Stoffe, welche in besonderen Fabriken, je nach den ver¬ schiedenen Bestimmungen, in grosser Mannigfaltigkeit hergestellt werden, sind leichtere oder schwerere Baumwoll- oder Leinengewebe, z. T. auch solche aus Werg oder Jutegarn, die mit einer biegsamen farbigen Firnisscbicht überzogen, oft auch lackiert sind. Die Stoffe werden in Bahmen eingespannt und zunächst mit einer Leim- oder Kleisterschicht grundiert, um die Poren des Gewebes zu schliessen. In den meisten Fällen wird auch die Lnterseite grundiert und erhält eine schwache Firnisdecke, ausgenommen die geringe, nur zu Packtuch u. dgl. dienende Ware, sowie den zu den Möbeldecken bestimmten Wachs¬ barchent, dessen weiche Unterseite unverändert bleibt. Die auf den Unter¬ grund getragene erste Schicht von Firnisfarbe wird nach dem völligen Aus¬ trocknen mit Bimsstein eben geschliffen und ebenso wird mit jeder folgenden verfahren. Wie viel Schichten aufgetragen sind, hängt von der Art und Stärke der Ware ab. Den Beschluss macht ein Glanzfirnis oder eine Lackierung; gedruckte Sachen werden erst nach dem Drucken geglänzt. Die einfarbigen Waren sind meist schwarz oder sonst dunkelfarbig und die feinen Sorten nehmen sich wie lackiertes Leder aus und dienen auch häufig an dessen Stelle da, wo nicht die volle Festigkeit des Leders erforderlich ist. Das meiste wird gedruckt oder sonst farbig figuriert und dient dann zu Fussboden- und Wandtapeten, Möbeldecken, zum Ausschlagen von Wagen und ähnlichen Zwecken. Das Drucken geschieht auf Tafeln mittels Druckblöcken in Art des Tapetendrucks. Daneben dient zur Ausstattung das Maserieren, eine Nachahmung von Nutzhölzern. Es dienen dazu besonders hölzerne Walzen mit erhaben geschnittener Musterung. Ein Hauptsitz der Fabrikation von W. ist Leipzig; ausserdem gibt es Fabriken in Offenbach, Frankfurt a. M., Berlin, Wien, Chemnitz, Breslau, Hannover, Altona. In Frankreich bestehen in Paris und Bouen bedeutende Fabriken, die ihren Absatz meist in Spanien und den Kolonien haben. Wad, Wadmal (engl, wadmoll), dicker, aber weicher Wollenstoff des 16. Jahrhunderts; feiner als Loden, schon im 10. Jahrhundert bekannt. Wädenswyl, Gemeinde im Schweiz. Kanton Zürich: Seidenweberei, Fabrikation von Tuch und Baumwollwaren. Wading, s. Bassinas. Wadmal, s. Wad. Waffelstoff, Stoff mit waffelähnlichen, erhaben scheinenden Mustern, in Wolle, Halbwolle und Baumwolle für Anzugsstoffe und Damenmänteln (aus Glauchau), sowie in Seide und Halbseide. Wagstadt,. Stadt in Oesterreichisch-Schlesien: Fabrikation von Tuch Ilmhängetüchern und Bändern. Waiblingen, Oberamtsstadt in Württemberg: Seidenweberei, Tuch¬ macherei und Tapisserie. Waidhofen, an der Thaya, Stadt in Österreich: bedeutende Band- und Wollzeugweberei, Färberei. Wakefield, Stadt in der engl. Grafschaft York: Garnfabrikation, Tuchund Strumpfwarenmanufaktur. Wald, Dorf im Schweiz. Kanton Zürich : Seiden- und Baumwollindustrie, Stickerei. Waldenburg, 1) in Schlesien: Flachs-, Leinwand- und Bleichschau, blachsspinnerei, Leinwand- und Garnmärkte. — 2) in Sachsen: bedeutende Strumpfwirkerei, Fabrikation von wollenen, baumwollenen und leinenen Stoffen und Posamenten. 3) Stadt im Schweiz. Kanton Basel-Landschaft: Seiden¬ bandweberei und Seidenabgangkrempelei. Waldhaar, eine Art Segge oder Bietgras, das in Süddeutschland, be¬ sonders in Baden und am Oberrhein wächst und zu Polstermaterial, Matten und geflochtenen Fussteppichen Verwendung findet. Waldheim, Stadt in Sachsen: Fabrikation von Baumwollwaren, Leiuwand, Barchent, Flanell und Tuch, Strumpfwaren und Trikotagen.
W aldkirch—W al zenglättpresse. Waldkirch, 613 Stadt im bad. Kreis Freiburg : Baumwoll- und Seidenspinnerei, Leinwand-, Baumwoll- und Seidenweberei; Fabrikation von Seidenband. Waldmünchen, Stadt im bayer. Beg.-Bez. Oberpfalz: Spinnerei und Tuchfabrikation. Waldshut, Stadt im Grossherzogtum Baden: Baumwollspinnerei und -Weberei, Seidenzwirnereien und -Webereien, Färbereien und Bleichereien. Waldwolle, ein aus den Nadeln der Kiefer (Pinus sylvestris), seltener der Fichte, bereiteter Faserstoff, der als Ersatz für Kuh-, Kälber- und Ross¬ haare zum Polstern von Möbeln usw. verwendet wird und sich deshalb sehr dazu eignet wegen des Nadelholzgeruches. Man hat auch versucht die W. zu verspinnen und daraus sehr gute, feste Fäden erhalten. Mit Wolle oder Baum¬ wolle vermischt, verfertigt man daraus eine Art Gesundheitsflanell. Die W. wurde zuerst 1840 durch J. Weiss in Ziegenhals (Oberschlesien) dargestellt; einen kräftigen Aufschwung hat diese Industrie namentlich durch die Fabrikate von L. und E. Lairitz in Remda (Thüringen) genommen. Wales, ein mit dem Königreich England vereinigtes Fürstentum: Woll¬ garn-, Flanell- und andere Wollstofffabrikation. Walkblaue Tuche sind solche, welche nach dem Waschen blau gefärbt und dann erst völlig gewalkt werden. Sie färben besser durch, als die nach der Walke gefärbten, und kosten doch nicht so viel Farbe, als die wollblauen Tuche. Walken nennt man in der Tuchfabrikation die Bearbeitung des Wollgewebes, um eine Verfilzung der Wollhärchen auf beiden Oberflächen zu bewirken, was durch Schlagen, Quetschen, Schieben bezw. Walzen des durchnässten, in Seifenwasser eingeweichten Gewebes erreicht wird. Das Walken wird in Maschinen verschiedener Konstruktion ausgeführt; in den sogen. Hammerwalken (Walk-, Dick-, Filzmühlen, Lochwalken) bearbeiten niederfallende schwere hölzerne Hämmer das Gewebe. In einer verbesserten Konstruktion, der Patentwalke (Druck- und Kurbelwalke), wirken leichtere, auf- und niedergeschobene Hämmer durch Stoss und Druck. In den Walz¬ walken, die weniger Seife und Arbeitszeit erfordern und eine schöne Filzdecke hervorbringen, wird das Gewebe mittels Walzen bearbeitet. Walkrasch (Cadis ras), geköperte Wollenzeuge, welche tuchartig ge¬ walkt, geschoren und warm appretiert sind und meist im allgemeinen Cadis (s. d.) heissen. Walkringen, Hauptsitz der Leinenindustrie des Schweiz. Kantons Bern. Wallis, Baumwollstoff, s. v. w. Dimity (s. d.). Waltersdorf, Fabrikdorf bei Grossschönau in Sachsen: Fabrikation von Damasttischzeugen, Baumwoll- und Halbwollenstoffen, Garnbleicherei usw. Walzendruck, ein in der Kattundruckerei von Christian Philipp Ober¬ kampf 1780 erfundenes Druckverfahren mittels Walzendruckmaschinen oder Walzenpressen, welches später auch in der Typographie und im Tapetendruck Anwendung fand. Nach anderen Angaben soll der W. in Schottland erfunden und zuerst mit Erfolg um das Jahr 1785 in der Druckerei von Livesey, Hargreaves, Hall & Komp, zu Mosney bei Preston in Anwendung gebracht worden sein; jedenfalls aber ist dieses Verfahren zuerst in England zur Ausführung gelangt. Die Ersparnis gegenüber dem Handdruckverfahren ist so gross, dass eine einzige W.-Maschine, bei der zwei Arbeiter uncl ein Knabe zum Nachfüllen der Farbe angestellt sind, dieselbe Arbeit verrichtet, die 200 Männer und ebenso viel Knaben durch gewöhnlichen Handdruck zustande bringen. Ein Stück von etwa 20 m kann mit der Maschine in einer Minute gedruckt werden, indem eine jede der drei oder vier Walzen einen Teil des Musters auf das bei beständiger Drehung der Räder forteilende Eeug aufdruckt. Walzenglättpresse, eine Art. Walzwerk, d. h. eine mit zwei oder drei in einem Gestell gegeneinander gelagerten horizontalen Walzen versehene Maschine, mittels deren Gewebe glatt gepresst werden. Tn der Gewebe¬ zurichtung oder Appretur führt die W. die Bezeichnung Kalander oder Walzenmange; derartige Maschinen mit drei hölzernen Walzen waren schon
614 Walzentempel—Wasserdichte Gewebe. gegen Mitte des vorigen Jahrhunderts gebräuchlich, welche im Laufe der Zeit mannigfaltige Verbesserungen erfahren haben. Walzentempel, eine Vorrichtung an Webstühlen, welche mittels einer rauhen Walze den Stoff während des Webens in die Breite zieht. Walzenwalke, eine bei der Zurichtung wollener Gewebe benutzte Ma¬ schine, welche die älteren Hammerwalken verdrängte. Wand, ein gewöhnlicher dicker, tuchartiger Stoff, meist aus weisser und schwarzer Wolle gemischt, daher grau meliert, welcher von den Landleuten in Ostpreussen zum eigenen Gebrauch viel gewebt wird. Wandkappen, s. Kappenleinwand. Wangen, Oberamtsstadt im württembergischen Donaukreis: Baumwoll¬ spinnerei. Wanten, die seitlichen Haltetaue der Schiffsmasten und ihrer Verlänge¬ rungen, der Stengen. Sie sind mit dünnen Tauen, Webeleinen, ausgewebt; so dass sie Strickleitern bilden. Warendorf, Stadt im preuss. Beg.-Bez. Münster: bedeutende Leinwandund Damastweberei, Bleicherei und Leggeanstalt, Fabrikation von Woll- und Baumwollwaren. Im Kreise W. wird viel guter Flachs und Hanf gebaut für beträchtliche Weberei, welche Waren dorfer Leinen liefert, eine der besten und feinsten Sorten Flachsleinen, die aus dem besten Garne gewebt und ge¬ bleicht werden, den Bielefelder Leinen gleich an Güte sind und meist auch unter letzterem Namen in den Handel kommen. Ferner bestehen drei Tuch¬ fabriken, Druckereien und Blaufärbereien. Warmbrunn, Marktflecken im preuss. Beg.-Bez. Liegnitz: bedeutende Leinweberei. Warneton, Stadt in der belg. Provinz Westflandern: Leinweberei, Fabrikation von Spitzen. Warnsdorf, Stadt in Böhmen: bedeutende Fabrikation für Baumwoll¬ waren (besonders Hosen- und Bockstoffen), Tischzeug und gemischte Waren aus Leinen, Baumwolle und Wolle, Stoffdruckerei und Färbereien, Fabrikation von Köper, Atlas, Sammet und Bips, sowie lebhafter Handel; Garn- und Warenbörse. Warp (engl. = Kette), in der Spinnerei Bezeichnung für Kettenfäden, Kettengarn; Warpspinnerei, eine Spinnerei für Kettengarn. Warpcops nennt man in der englischen Maschinenspinnerei die Kötzer mit Garn, das nicht abgewickelt, sondern wie es auf den Spindeln gewunden wai', abgezogen ist. In das von der Spindel herrührende Loch wird gewöhn¬ lich eine Papierhülse gesteckt und von dieser das Garn heim Verweben ab¬ gewickelt. Warrington, bedeutende Fabrikstadt in der engh Grafschaft Lancaster: Fabrikation von Baumwollgarn, Segeltuch und Leinwand. Warschau, Stadt im gleichnamigen Gouvernement in Bussisch-Polen: Leinweberei, Herstellung von Wollengarn und Wollenwaren (jüdische Talasse und Bauerntuch). Waschen, s. Beinigen. Washers (Wash-whithes), eine Sorte englischer gewöhnlicher Wollentuche, welche besonders in York und Lancastershire gefertigt wird. Wasselnheim, Stadt in Elsass-Lothringen: Baumwoll- und AYollspinnerei, Fabrikation von Kaliko, Baumwoll- und Strumpfwaren. Wasserdichte Gewebe werden durch Imprägnieren oder Ueberziehen mit bestimmten Stoffen hergestellt. Es dienen hierzu Paraffin, Wachs, Leinöl¬ firnis usw., am häufigsten aber Kautschuk. Man wendet auch eine Maschine dafür an, welche einen Kautschukteig völlig gleichmässig den Geweben auf¬ trägt. Da diese dann auch zugleich luftdicht sind, wodurch sie für Kleidungs¬ stücke ungesund, stellt man auch leinene wie wollene Gewebe wasserdicht, aber nicht ganz luftdicht her, indem man sie mit gewissen Lösungen tränkt oder überzieht, wobei schwefelsaure Tonerde, Seife, Soda, Alaun, Kupfervitriol, Bleizucker, Leim, Wasserglas, Hausenblase u. dgl. Anwendung finden.
Wässern—W eberei. Wässern, einem Watergarn, ein 615 Gewebe Wasserzeichnung geben. auf der Watermaschine hergestelltes Feingespinst, das in Baumwolle zur Kette genommen wird. Waterproof (engl. = wasserdicht), ein starkes, sehr fest geköpertes wollenes Zeug, das ehedem aus England kam, jetzt aber in mehreren Fabriken Deutschlands auch viel gefertigt wird und zu Männerröcken dient. Waterspinnmaschine, Watermaschine. Watertown, Stadt in New York: Fabrikation von Baumwoll- und Wollwaren. Watertwist, Watergarn, s. d. Watte (franz.: ouate; engl.: wad, wadding), Futterstoff, grösstenteils aus aufgelockerter und geschlagener Baumwolle von besonderen Geschäftsleuten gefertigt und zwar auf der Wattmaschine, wie sie auch in der Baumwoll¬ spinnerei als Yorarbeiterin gebraucht wird, welche die Ware gleich in der be¬ kannten Tafelform abliefert. Der Wattenmacher bestreicht sein Produkt zur Förderung des Zusammenhalts noch auf beiden Seiten mit einer dünnen Leim¬ oder Gummilösung. Für sanitäre Zwecke wird auch wollene Watte gefertigt, welche etwas mehr Filzung hat und auf den Oberflächen nicht gummiert ist. Wattierleinen = Schneiderzeugleinen. Wattignies, Flecken im franz. Departement Nord, Arrond. Lille: Weberei, Baumwollspinnerei und Posamentenfabrik. Wattseide, spelaja, blaze, Handelsnamen für Seidenabfälle, welche sich bei der Raupenzucht ergeben und zur Florettindustrie benutzt werden; ihre Einführung geschieht vornehmlich aus China. Wattwyl, Dorf im Schweiz. Kanton St. Gallen: Musselin- und Leinen¬ weberei, Stickerei und Webschule; lebhafter Handel. Webe, früher beim Leinwandhandel in Hamburg eine Länge von 72 Hamburger Ellen = 41,27 m. Webeleinen, s. Wanten. Weberblatt, s. Kietblatt. Weberei (franz.: tissage; engl.: weaving): Herstellung flächenartig aus¬ gedehnter Erzeugnisse: Gewebe (tissu-web), Zeuge, Stoffe (etoffes-clothes), welche durch rechtwinkelig sich kreuzende Fadengruppen gebildet werden, deren eine Kette, Aufzug, Zettel (chaine-warp) durch die ganze Länge des Gewebes, die andere Fadengruppe Schuss, Eintrag, Einschlag (trame-weft, woof) in der Querrichtung läuft. Durch die Umkehr des Schusses werden an den äussersten linken und rechten Kettenfäden Ränder gebildet, die man Kante, Leiste, als das Sahlband oder die Sahlleiste (lisiere-list) bezeichnet. Die mannigfachen Verkreuzungen von Ketten- und Schussfäden, die Bin¬ dungen (s.d.) entstehen, indem ein Teil der ersteren über, ein anderer unter die Schussfäden geführt wird, wobei die verschiedenen Kettfäden bei den auf¬ einander folgenden Schüssen abwechseln. Das Weben geschieht von altersher mittels mechanischer Vorrichtungen: der Webstühle (metiers-lormes), die als Handwebstühle (zum Betrieb durch Hand und Fuss) höchst einfach, als mechanische Webstühle (für Kraftbetrieb) sehr verschieden eingerichtet sind. Der Handwebstuhl besteht aus einem Gestell von vier senkrechten Balken, die durch Querhölzer verbunden sind. Vorn und hinten befindet sich je eine drehbare Walze: der Kettbaum zur Aufnahme der Kettenfäden und der Warenbaum, auf welchen das fertige Stück Zeug aufgewickelt wird. Die Breite der Bäume entspricht derjenigen der Ware und ist demgemäss eine sehr verschiedene. Zur Vermittelung der Fadenkreuzungen (Bindungen) müssen Kette und Schuss abwechselnd gehoben und gesenkt werden. Hierzu ist die Bildung des Faches (pas-lease) mittels der Schäfte oder Flügel (lames-leawes) notwendig. Jeder derselben besteht aus einem Holzstab, zwi¬ schen welchen die Litzen (s. d.) oder Helfen (lisses-hedles) mit den Augen (maillons) ausgespannt sind. Wird der Schaft gehoben oder nach unten ge¬ senkt, so müssen alle durch seine Litzenaugen gezogenen Kettläden gehoben bezw. gesenkt werden. Diese Bewegung der Schäfte nach oben und unten
616 Weberei. wird durch die unter dem Sitze des Webers drehbar gelagerten hölzernen Hebel, Tritte oder Schemel bewirkt, welche an ihrem oberen freien Ende durch Schnüre mit den unteren Schaftstäben verbunden sind. Je nach der Bindung ist diese Schnürung verschieden. Zur Einführung des Schusses dient der Webschütze oder der Schützen (s. d.), welcher den Schussfaden durch das Fach führt. Der eingetragene Schuss muss dann fest an die vordere Spitze des Webfaches angeschlagen werden, wozu das Rietblatt, Riet (s. d.) (peigne-reed) oder der W eb e r k amm dient, welcher in einem auf dem oberen Balken des Stuhlgestelles pendelnden Rahmen, die Lade (chasse-lathe) ein¬ gesetzt ist. Um das bei einfachen Webereien notwendige Werfen und Auf¬ fangen der Schützen mit der Hand zu vermeiden, wurde das S chn e 11 z e u g (s. d.) angebracht. Das regelmässige Aufwickeln der fertigen Zeuge auf den Waren¬ baum vermittelt der Regulator (s. d.). Der Spannstab, in den ver¬ schiedensten Formen gearbeitet (s. d.), dient zur Innehaltung der gleichen Breite des Gewebes. Die mechanische Weberei (tissage mecanique-pawersloom-weaving) fertigt dieselben Stoffe wie die Handweberei, nur bedient sie sich zu ihrer Herstellung mehr oder weniger selbsttätiger Maschinen. Im engeren Sinne bezeichnet man damit das Weben mit Hilfe von selbsttätig arbeitenden Webstühlen, mechanischen Webstühlen oder Kraftstühlen (metier ä tisser mecanique-powerloom). Ein Zwischenglied zwischen Hand- und mechanischem Webstuhl ist der sogen, halbmechanische Webstuhl oder mechanische Handwebstuhl von Laeserson und Wilke, der durch einen Handhebel am Eusstritt vom Arbeiter be¬ wegt wird. Die Fachbildung, Ladenbewegung, Schuss und Anschlag erfolgen mechanisch. Trotz des Vorteils, diesen Stuhl im Hausbetrieb benützen zu können und trotz der schnelleren Arbeit führte sich der Stuhl nicht ein, weil die physische Kraft des Arbeiters nicht ausreicht, den Stuhl den ganzen Tag zu bewegen. Der mechanische Webstuhl besteht aus denselben Hauptteilen, wie der Handwebstuhl; nur ist alles von Eisen, der grösseren Kräfte wegen, die hier zur Anwendung kommen. Die Lade ist unten am Gestell drehbar au¬ geordnet (Stehlade), wodurch der Aufbau des Stuhles niedriger wurde. Wie am Handwebstuhle sind vorhanden: die Schäfte mit den Tritten, die Lade mit Riet, Schützenkästen, Treibern und Schützen, sowie der Regulator, der beim mechanischen Betrieb unbedingt erforderlich ist, um das bei jedem Schuss gefertigte Stück Ware sofort aufzuwickeln, weil die Lade durch Mechanismus getrieben, immer genau dieselbe Schwingung machen muss. Der Antrieb des mechanischen Webstuhls geschieht durch eine in der Mitte des Stuhlgestells drehbar gelagerte Welle (Hauptwelle), die an ihrem ausserhalb des Stuhles liegenden Ende eine feste und eine lose Scheibe trägt. Soll der Stuhl in Be¬ trieb gesetzt werden, so leitet der Weber den Transmissionsriemen, der wäh¬ rend des Stuhlstillstandes auf der Losscheibe läuft, mittels einer Riemengabel auf die Festscheibe und die Bewegung beginnt. Unter der Hauptwelle, durch Zahnräder mit ihr verbunden ist eine zweite Welle angebracht, auf die soviele Exzenterscheiben aufgesetzt werden, als Tritte für die Bewegung der Schäfte vorhanden sind. Bei jeder Umdrehung der Welle drücken die Exzenter (s. d.) genau wie die Füsse des Webers die Tritte nach unten, wodurch die in ähn¬ licher Weise befestigten und geschnürten Schäfte gehoben bezw. gesenkt werden. Durch Spiralfedern werden die Tritte gegen die Exzenterscheiben angelegt. Für die Schützenbewegung (den Schützenschlag) sind auf derselben Welle, links und rechts, Schlagexzenter (kreisrunde Scheiben mit nasenartigem An¬ satz) angebracht. Eine gegen diesen Schlagexzenter laufende konische Rolle wird von dem Ansatz weggestossen und diese Bewegung wird durch Hebel aut den Treiber im Schützenkasten übertragen, wodurch der Schützen aus dem Kasten getrieben wird. Die beschriebene Bauart der mechanischen Stühle ist die englische, die am meisten Anwendung findet und vorbildlich geblieben ist. Bei breiteren
Weberei. 617 Stühlen, für schwere Waren sind verschiedene Abänderungen gemacht worden. So wird z. B. beim Federschlagstuhl der Schlag nicht durch Schlagexzenter, sondern durch eine starke Feder ausgeführt, die während des Stuhllaufes auf¬ gezogen und zum Schlag plötzlich losgelassen wird. Diese plötzliche Be¬ wegung des Zusammenziehens, die immer ganz gleichmässig erfolgt, wirkt durch Hebel auf den Treiber des Schützen. Da aber bei diesem Federschlag die Schnelligkeit des Ganges beschränkt ist, wird der Exzenterschlag vor¬ gezogen. Bei der Herstellung farbiger Querstreifen in Geweben, oder bei Ver¬ wendung verschiedenen Schussmaterials für Ober- und Unterware, sowie bei farbig gemusterten Stoffen, müssen mehrere Schützen abwechselnd arbeiten. Dies erfordert die Anbringung von mehreren Schützenkästen an einer oder besser noch an beiden Seiten des Webstuhls. Diese Schützenkästen werden entweder übereinander oder wie in einem Revolver im Kreise angeordnet. Im ersteren Falle erfolgt der Wechsel der Kästen durch Verschiebung in verti¬ kaler Richtung, im zweiten Falle durch Drehung des Revolvers. Eine frühere Anordnung der Kästen an Handwebstühlen nebeneinander mit vertikaler Ver¬ schiebung (Schiebelade) ist bei mechanischen Webstühlen nicht angewandt worden. Für schmale Stühle und leichte, einfache Ware hat man neuerdings eine Art des Schützenwechsels konstruiert, die es ermöglicht, dass die abgelaufene Spule automatisch aus dem Schützen entfernt und durch eine frische Spule aus einem mit gefüllten Spulen neben dem Webstuhl angeordneten Behälter ersetzt wird, ohne Zutun des Webers und Stillstand des AVebstuhls. In Deutschland haben diese Versuche aber zu keinem nennenswerten Erfolge ge¬ führt, während in Amerika vielfach damit gearbeitet wird, besonders für ein¬ fachere Ware in billigerer Qualität. Die Schützen (navettes-shuttles) haben für mechanische Webstühle stets¬ eine gerade Form, sind entweder aus Holz mit Eisenspitzen, oder ganz aus Eisen oder Stahl hergestellt. Als Schleifschützen gleiten sie mit ihrer unteren Fläche über die Kettfäden, während sie als Rollschützen mit Rollen versehen sind, mit denen sie über die Bahn rollen, z. B. bei schweren Wollwaren. Die einzulegende Spule ist entweder auf der Schützenspindel oder Seele festsitzend durch eine Feder gehalten (Schleifspule), dann muss der Faden in axialer Richtung von der Spitze der Spule ablaufen; oder die Spule ist drehbar auf¬ gesetzt (Rollspule), sodass der Faden rechtwinklig zur Achse abläuft; oder die Garnspule ist in dem mit einem federnden Deckel versehenen Schützen fest eingedrückt und ohne Hülse (Schlauchspule), dann läuft der Faden aus dem Innern der Spule ab. Als Breithalter kommen bei mechanischen Webstühlen selten die Spannstäbe zur Anwendung, man verwendet vielmehr sogen, selbst¬ tätige Tempel, die beim Abziehen der Ware sich drehen und das Gewebe stets in gleicher Weise und an derselben Stelle spannen. Sie werden her¬ gestellt als Walzen mit Riffeln oder Spitzen (Walzenbreithalter) oder als Walzen mit exzentrisch eingesetzten Rädchen mit Spitzen (Rädchenbreithalter) oder als Scheiben mit Spitzen (Scheiben- oder Sonnenbreithalter). Die Bauart der mechanischen Stühle richtet sich nach den zu erzeugenden Waren. Die mannigfaltigen Konstruktionen werden wie folgt unterschieden, erstens nach den zu fertigenden Waren, in: 1. Schmale oder englische Webstühle für leichte Baumwoll-, Halbwoll- und Wollwaren; für schwerere schmale Gewebe derselben Materialien, sowie für Leinen und Jute, sowie für einfache Läufer, Teppiche schwerer gebaut. 2. Breite Webstühle, Tuch- oder Buckskinstühle, für Tuch, Wollstoffe, schwere Baumwoll- und Leinenstoffe, gemusterte Teppich- und Möbelstoffe. 3. Teppichwebstühle für geschnittene und gezogene Teppiche (Brüssel-, Velours-Tapestry) und ähnliche schwere Gewebe. 4. Seiden webstühle für glatte und gemusterte Seidenzeuge. 5. Doppelsamtstühle, zur Herstellung billiger Sammete, in zwei überein¬ anderliegenden durch die Polfäden verbundenen, nach dem Schneiden selbständigen Geweben.
618 Weberei. 6. Bandstühle oder Bandmühlen zur Herstellung von Bändern. 7. Rund web Stühle, Webstühle ohne Schützen. Nach der Konstruktion in: A. Kurbelstühle (engl.: crank-looms) mit Bewegung der Lade durch eine Kurbel. B. Scheiben Stühle (engl.: wiper-looms) mit Bewegung der Lade durch unrunde Scheiben oder Nutzylinder (nur für schwere Waren). Nach der Anordnung der Lade: 1. Mit Stelilade mit Schwingung um eine unter der Kette gelagerte Achse, wodurch die Lagerung sicherer und der Stuhl stabiler wird. 2. Mit Hängelade mit über der Kette gelagerter Schwingungsachse (fast wie bei Bandstühlen) angebracht, bedingt höhere Bauart des Stuhles. Nach der Art des Schützenschlags unterscheidet man: 1. Unterschläger, mit im unteren Teile des Webstuhls befindlicher Schützen¬ schlagvorrichtung. 2. Mittelschläger, mit unten befindlichem Schlagexzenter und oben befind¬ lichem Schlagarm und Peitsche. 3. Ob er schläger, bei Hängeladen und Stühlen mit sehr langsamem Gang. Nach den Einrichtungen für die Musterbildung werden die Webstühle unterschieden in: 1. Trittstühle oder Exzenterstühle. Die Fachbildung erfolgt durch Tritte und Exzenter; für leinwandartige und andere glatte Stoffe. 2. Schaft maschinell Stühle, für einfache gemusterte Waren. Die Fach¬ bildung erfolgt durch die Schaftmaschine. 3. Jac quar dkr af ts tühl e, für Musterware mit grösseren Dessins; die Fach¬ bildung erfolgt durch die .Tacqardmaschine. Diese drei Arten können mit Wechsellade versehen sein, um nachein¬ ander verschiedenfarbige Fäden einschiessen zu können; sie heissen dann Wechselstühle. Die Kette sowohl als auch der Schuss verlangen vor dem Verweben verschiedene Vorbereitungsarbeiten: für beide das Spulen, für die Kette ausserdem das Scheren, Aufbäumen, Leimen oder Schlichten, Einziehen der Kettfäden in die Litzen der Schäfte und in das Riet. Bei der Handweberei hat die Vorarbeiten der Weber selbst mit einfachem Appa¬ rate zu besorgen, in der mechanischen Weberei werden dieselben, mit Aus¬ nahme des Einziehens, durch besondere Maschinen ausgeführt. Das Spulen (bobinage-spooling), geschieht in kleineren Betrieben auf dem bekannten Spulrad; regelmässiger und schneller geschieht die Arbeit auf der Spülmaschine, welche eine Anzahl Spulen gleichzeitig bewickelt, und deren Einrichtung in Nebenumständen mannigfach abgeändert werden kann. Die Einrichtungen sind ausserdem verschieden, je nachdem sogen. Lauf spulen oder Schleifspulen gebildet werden sollen. Oft werden auch die Kötzer der Selfaktoren (s. den Artikel Spinnerei), direkt als Schleifspulen verwendet, ebenso wie man neuerdings Kreuzrollen auf den Spinnmaschinen herstellt, die als solche gleich beim Scheren der Kette gebraucht werden können. Das Scheren oder Schweifen der Kette (cnrdir-warping), Kettaufschlagen oder Zetteln hat den Zweck, die Fäden von den Spulen zu sammeln und in gleicher Länge unter gleicher Spannung nebeneinander auf den Kett- oder Scherbaum zu bringen; es erfolgt mittels Schweif- oder Scherrahmens und des Spulengestells (s. die einzelnen Artikel). In der mechanischen Weberei geschieht das Kettenscheren auf Schermaschinen, Kettschermaschi¬ nen, Zettelm aschinen (curdissoir-warping frame). Man unterscheidet bei den Schermaschinen das englische nnd das sächsische (Schönherrsche) System. Bei ersterem wird ein Teil der zur Webkette gehörigen Fäden auf die volle Kettbaumbreite geschert, bei letztei'em immer nur auf einen Teil der Baum¬ breite, aber in der richtigen Webekettendichte. In neuerer Zeit ist eine zwi¬ schen den beiden Maschinensystemen stehende Abart sehr in Aufnahme gekommen : die Teil- oder Sektionsschermaschine (Konusscher und Bäummaschine).
Weberei. 619 Um ein Zerreissen der leichter gedrehten Garne aus Flachs, Baumwolle und Wolle zu verhindern, werden die Kettfäden entweder im Wehstuhl oder vor dem Aufbäumen durch Bestreichen mit Klebstoffen gestärkt und glatt gesti’ichen: es ist dies das Schlichten, Stärken oder Leimen (parer, encoller-dressing). Im Webstuhl geschieht es, indem der Weber das jeweilig zwischen Kettbaum und Geschirr befindliche Stück der Kette mittels Bürsten mit der Schlichtmasse (Leim oder Kleister, Mehl-, Dextrin-, Moosschlichte) bestreicht. Da hierbei die Gleichmässigkeit fast ausgeschlossen ist, so ge¬ schieht das Schlichten meist vor dem Bäumen mittels Schlichtmaschinen. Man unterscheidet darin die schottische Schlichtmaschine, die Zy 1 i n de r-Sizingmaschine, die Lufttrocke n-S izingm aschine und die Strangschlicht¬ maschine. Während bei der letzteren Art die Kette in Strangform ge¬ schlichtet wird (ball warping and sizing), geschieht dies bei den ersten drei Arten von den Scherbäumen in voller Breite (beam warping and sizing). Das Aufbäumen (pliage-beaming) besteht im Aufwinden der gescherten Kettfäden auf den Kettbaum derartig, dass die Breite der nebeneinander liegen¬ den Fäden etwas grösser ist, als diejenige der zu webenden Ware, und alle Fäden gleichmässige Entfernung von einander haben, welche mittels Scheidekammes geschieht, der aus zwei Leisten von der Länge des Kettbaumes be¬ steht, zwischen die in gleichen Entfernungen Metallstäbchen eingesetzt sind. In der mechanischen Weberei besorgen die Schlichtmaschinen das Trocknen und Auf bäumen in einem Durchgänge der Fäden; indessen müssen für die Ketten in Knäulform besondere Bäummaschinen (machine ä enroulerbeaming machine) angewendet werden. Ist die Kette aufgebäumt, so wird der Kettbaum in den Webstuhl ein¬ gelegt und es beginnt das Ein ziehen der Kettfäden (passage-drawing) durch die Litzenaugen der Schäfte, indem dieselben der Beihe nach in Haken der Einziehnadel gelegt werden. Die Verteilung der Fäden auf die einzelnen Kämme richtet sich nach der Art der Bindung des anzufertigenden Stoffes. Nachdem erfolgt in derselben Weise mittels des Einzieh messers das Ein¬ ziehen der Kettfäden in das Bietblatt, wobei je nach der Dichte der Kette zwei oder mehrere Fäden durch eine Lücke gezogen werden. Die durch¬ gezogenen Kettfäden werden zunächst zusammengeknotet, um ein Zurück¬ bleiben zu verhindern. Durch die entstehenden Schlingen wird ein Stab ge¬ steckt, der durch Schnüren direkt mit dem Warenbaum oder über den Brust¬ baum hinweg mit demselben verbunden ist. Ist auf dem Webstuhl vorher dieselbe Ware gearbeitet worden, so fällt das Einziehen in Schäfte und Biet¬ blatt weg und wird durch einfaches Andrehen ersetzt. Hierzu bleiben von der früheren Kette die durch Schäfte und Blatt laufenden Enden erhalten und es werden die Fäden der neuen Kette angedreht, wobei kein richtiger Knoten, sondern nur eine Umschlingung gebildet wird, die fest genug ist, um durch Ziehen an der alten Kette ein Durchziehen der neuen durch Schäfte und Biet zu ermöglichen. Vorarbeiten des Schusses. Das Spulen (devidage-spooling) be¬ zweckt, soweit dies nicht schon auf der Spinnmaschine geschehen ist (wie z. B. hei Baumwollgarn als Schusskötzer (pincops) , das Schussgarn in eine für das Weben brauchbare Form zu bringen. Baumwoll-, feines Leinen- und Streichgarn werden auf Holz- oder Blechspulen mit konischem Ansatz ge¬ bracht; weiches Kammgarn wird auf konische (canette), hartes Kammgarn (Weft) und Seide auf zylindrische Papierhülsen (tube) gewickelt. Starke Garne werden in Schlauchspulen (Kötzer) ohne Spule oder Hülse gebracht. Die Schussspulmaschinen (devidoir-pirn winder) unterscheiden sich in solche mit Beibungsrollen- und solche mit Trichtersystem. Die Herstellung der Schlauch¬ spulen geschieht auf Kötzerspulmaschinen (cop winder). Um den Schuss beim Wehen weicher und nachgiebiger zu machen und dadurch ein dichteres Zu¬ sammenschlagen zu bewerkstelligen, erfolgt ein Anfeuchten der Schussspulen (trempe-wetting), entweder durch Einlegen in Wasser oder besser im An¬ feuchtapparat, einem eisernen Kasten mit abhebbarem Deckel, der die
620 Weberei. Spulen aufnimmt. Durch Einpressen von Wasser mittels einer Pumpe, oder durch das Aussaugen der Luft und das dadurch bedingte Nachdringen des Wassers werden die Spulen vollständig von Wasser durchdrungen. Hierauf wird das überschüssige Wasser aus den Spulen durch eine Centrifuge entfernt. Die Musterung der Gewebe geschieht innerhalb des Webestuhles durch Kontermarsch, durch die Schaftmaschine oder durch die Jac¬ quardmaschine. In der Vorrichtung zur Fachbildung am Handwebstuhl ist der Kontermarsch der am meisten gebräuchlichste. Jeder Schaft hängt andern einen Ende eines oben im Stuhlgestell angebrachten zweiarmigen Hebels, von dessen anderem Ende eine Schnur nach unten führt, die am Ende eines langen unten quer im Stuhl über den Tritten angebrachten einarmigen Hebels, der „langen Marsche“ befestigt ist. Unter dem Schaft, ebenfalls über den Tritten querliegend, ist ein kurzer einarmiger Hebel „die kurze Marsche“ angebracht und mit der unteren Querleiste des Schaftes verbunden. Wird an der kurzen Marsche gezogen, so muss der Schaft gesenkt werden, durch Zug an der langen Marsche wieder gehoben. Es muss daher jeder Tritt mit den langen Marschen derjenigen Schäfte geschnürt werden, deren Kettfäden bei dem betreffenden Schuss gehoben, und mit den kurzen Marschen der Schäfte, deren Kettfäden bei demselben Schuss gesenkt werden sollen. Jeder Schaft muss demnach mit sämtlichen Tritten teils durch die kurzen, teils durch die langen Marsche verbunden sein, in welcher Weise wird durch die jeweilige Schnürung nach dem Musterhilde bestimmt (s. Bindungen). Es ist ersichtlich, dass die Zahl der Tritte und Schäfte nur eine beschränkte sein kann, und dass nur kleinere Bindungsrapporte damit erzielt werden können. Zur Her¬ stellung grösserer Bindungsrapporte, bei denen viele Schäfte und Tritte ge¬ braucht werden, kommt die Schaftmaschine in Anwendung, bei welcher die Tritte weg¬ fallen. Sie steht auf Querpfosten über den Schäften. Letztere sind an die Platinen angehängt, welche aus starkem Draht oder Holz bestehen. Durch einen horizontalen Hebel (Messer genannt), vermitteln die Platinen das Hoch¬ gehen der Schäfte (H u h pl ati n en). Die Senkplatinen ziehen den Schaft nach unten. Zu jedem Schaft gehören zwei Platinen, die links und rechts neben dem Messer stehend, die Haken diesen zukehren und mit Nadelkasten und Nadelbrett vei'bunden sind. Je nachdem nun die durch Federn nach vorn gerückten Nadeln in das Loch eines vorgelegten Kartenblattes (s. S. 621) treffen oder nicht, erfolgen die Hebungen oder Senkungen der Schäfte. Diese Maschine wird vom Weher in Tätigkeit gesetzt, indem er einen unten, hinten am Stuhl drehbar gelagerten, kräftigen einarmigen Hebel niedertritt. Dadurch wird durch Schnur- und Hebelverbindung das Messer mit den Platinen ge¬ hoben, ein Zylinder, der auf allen Seiten mit Löchern versehen ist, von dem Nadelbrett entfernt und gewendet. Beim Hochlassen des Tritthebels senkt sich das Messer (die Maschine fällt ein), der Zylinder wird mit der nächsten Karte gegen das Nadelbrett gepresst und somit die PlatinenstelluDg für den nächsten Schuss vorbereitet. Während man hei der Musterbildung durch die Schaftmaschine noch dadurch beschränkt ist, dass die auf einen Schaft ge¬ zogenen Kettfäden immer gleichzeitig gehoben werden, ermöglicht die Jacquardmaschine die Herstellung eines Musters, welches über zahlreiche Kett- und Schussfäden gehen, sogar ohne AViederholung des Rap¬ ports die ganze Breite der AVare einnehmen kann. Sie wurde im Jahre 1805 von Charles Marie Jacquard in Lyon erfunden und verdrängte alle früheren zur Herstellung zusammengesetzten Muster gebrauchter Apparate, als den Kegelstuhl, Zampelstuhl, Trommelstuhl, die Leinwandmaschine u. v. a. (vgl. Kar marsch, Handbuch der mechanischen Technologie, Leipzig 1876; F. Kohl, Geschichte der Jacquardmaschine, Berlin 1873). Durch die Jacquardmaschine wird ermöglicht, dass innerhalb des Rap¬ portes jeder einzelne Kettfaden unabhängig von dem anderen gehoben werden kann. Er hat seine besondere Litze und den Heber, die Harnischschnur.
Weberei. 621 Der letztere ist durch eine zweite Schnur, Korde oder Platinenschnur an den Hebehaken, Platine, geknüpft. Jede Platine, hier nur Hubplatine, ist mit einer horizontalen, federnden Nadel derartig verbunden, dass ein Zurück¬ drücken der Nadel ein Schiefstellen der Platine bewirkt, wie bei der Schaft¬ maschine. Für jede Heihe der Platinen ist ein Messer vorhanden, die alle in einem Rahmen befestigt sind und mit diesem gehoben werden können. Die Ein- und Ausrückung der Platinen aus dem Bereich der Messer geschieht durch die Nadeln, das Prisma oder Zylinder und die darüberlaufenden Karten. Es erfolgt also ein Hub des betr. Kettfadens, wenn die zugehörige Platine in ihrer Ruhestellung senkrecht verbleibt, d. h. wenn die Nadel in den Zylinder eintreten kann, wenn also in die Pappkarte für die Nadel ein Loch geschlagen ist. Ist kein Loch geschlagen, so wird die Nadel und mit ihr die Platine zurückgedrückt aus dem Bereich des Messers, kann somit nicht an ihrem oberen Haken vom aufwärtsgehenden Messer erfasst werden und bleibt auf dem Platinenboden stehen, der Kettfaden wird nicht gehoben. Eine Senkung der Fäden erfolgt nur bei beweglichem Platinenboden, besonders bei der mechanischen Weberei. Die Anzahl der Platinen ist bei den Jacquard¬ maschinen sehr verschieden. Man hat solche mit 100, 200, 400, 600, 800 und 1200 Platinen bei sog. Grobstichmaschinen. Bei Feinstichmaschinen steigt die Zahl der Platinen bis 2640. Die Harnischschnüre werden auseinandergeführt und geordnet, durch das sog. Harnisch- oder Chorbrett, Gallierbrett, entweder ein mit entsprechender Bohrung versehenes Holzbrett, oder ein Rahmen, in dem durchlöcherte Por¬ zellanplatten eingesetzt sind, oder ein aus sich kreuzenden Metallstäben ge¬ bildetes Gitter. Durch die Löcher dieses Brettes werden die Harnischschnüre nach der Reihenfolge der Platinen gezogen, eingalliert. Die einmalige Ein¬ ziehung der Schnüre sämtlicher Platinen nennt man Kurs oder Chemin; bei den für mehrere Rapporte eingezogenen Schnüren spricht man von mehr¬ teiliger, gleichlaufender Schnürung, oder von einer „Gallierung geradedurch“. Ist das Muster symmetrisch, ohne sich zu wiederholen, so erhält jede Korde zwei Harnischschnüre und es werden diese so eingalliert, dass die Schnüre der ersten Platine ganz aussen links und rechts im Chorbrett ein¬ gezogen werden und die beiden Schnüre der letzten Platine in der Mitte des Brettes dicht nebeneinander stehen. Es ist dies die einteilige zusammen¬ laufende Schnürung oder „Gallierung einfach auf Spitz“. Wiederholt sich ein symmetrisches Muster mehrmals im Webstuhl, so muss jede Korde so¬ viel Schnüre erhalten, als halbe Rapporte vorhanden sind und die Gallierung erfolgt je einer Schnur von der ersten bis zur letzten Platine, dann rück¬ wärts je eine von der letzten bis zur ersten; dann wieder vorwärts u. s. f. Man nennt diese Gallierung, die mehrteilige zusammenlaufende Schnü¬ rung, oder Gallierung mehrfach auf Spitz. Unterhalb des Chorbretts werden an die Harnischschnüren die Litzen angeknüpft, die an ihrem unteren Ende durch ein Gewicht zum Strammhalten der Schnüre, das Harnischeisen, beschwert sind. Sämtliche Harnischschnüre zusammen mit dem Chorbrett und der Eingallierung nennt man den Harnisch, und man unterscheidet je nach der Stellung, wo sich die erste Platine in der Maschine, sowie die erste Har¬ nischschnur im Chorbrett befindet, erstens einen Chemnitzer Harnisch, zweitens einen Berliner und drittens einen englischen oder offenen Harnisch. Der Ausführung eines Musters auf dem Webstuhle geht die Verfertigung einer auf Papier gemalten Zeichnung desselben voraus. Diese Patrone, aus welcher dann der Weber die jeweilige besondere Anordnung des Stuhles ab¬ leitet, muss über den Lauf oder die Lage eines jeden Ketten- und Eintrag¬ fadens Aufschluss geben und eine genaue vergrösserte Abbildung des gewebten Stoffes darstellen. Hierzu bedient man sich verschiedener Linienpapiere, die auch nach dem Italienischen Carta-rigata-Papiere genannt werden; sie sind in eine bestimmte Anzahl von Quadraten oder Rechtecken von den ver¬ schiedensten Verhältnissen der Breite zur Höhe eingeteilt: genau, wie sich eben die Verhältnisse der Dicke der Kettenfäden zur Stärke der Schussfädeu
622 Weberei heraussteilen. Denn man muss sich vorstellen, dass der Zwischenraum von einer Linie zur anderen die jeweilige Dicke des Kettenfadens bei den vertikal laufenden oder die Dicke des Schuss- oder Eintragfadens bei den horizontal laufenden Linien darstellt. Die für die Patrone notwendige Yergrösserung der zuerst gemalten Skizze des Musters geschieht mittels Netzes; das älteste mechanische Verfahren geschah durch den Storchschnabel, dann bediente man sich optischer Apparate und in neuerer Zeit hat sich die Photographie dieses Kunstzweiges bemächtigt, welches Verfahren aber noch nicht viel über Ver¬ suchsanfänge hinausgekommen ist. Die Werkzeichnung oder Patrone ist also der Plan, auf welchem die Verflechtung der Ketten- und Schussfäden fest¬ gestellt wird und die Jacquardkarten sind das Endresultat aller vorangegangenen Arbeiten. Die Herstellung der Karten erfolgt durch Kartenschlagmaschinen, deren vollständigste jene ist, hei welcher auf einen Schlag sämtliche Löcher einer Karte hergestellt werden. Dem Kartenschlagen geht das Levieren, Einlesen (lisage-reading) voraus. Man bedient sich hierzu eines Levierrahmens, auf welchen so viel senkrechte Schnüre eingespannt sind, als die Jacquardmaschine, für die leviert wird, Platinen besitzt. Jede Schnur ent¬ spricht einem bestimmten Kettenfaden des Musters. Der Levierer nimmt nun nach der Patrone, mit der ersten Querreihe beginnend, alle Schnüre vor, deren Kettfäden in der Patrone als Hochgang gezeichnet sind. Die Kartenschlag¬ maschine, im Bau der Jacquardmaschine sehr ähnlich, enthält so viele Aus¬ schlagstempel wie die Jacquardmaschine Platinen und der Zylinder Löcher hat. Degen diese Stempel wirkt eine gelochte Platte (Matrize), auf welche die zu lochende Karte gelegt wird. Jeder Stempel stützt sich gegen ein be¬ sonderes Blech (Platte), die durch eine Schnur gehoben werden kann. Im Ruhezustand steht dem Stempel ein Ausschnitt in der Platte gegenüber, sodass der Stempel federnd zurückweichen kann. Wird die Platte aber gehoben , so wird der Stempel festgehalten und beim Anschlag der Matrize durch die davor liegende Karte gedrückt. Die von den Platten nach oben gehenden Schnüre sind mit den Schnüren des Levierrahmens verbunden, sodass die entsprechenden Platten im Schlagwerk gehoben werden, wenn im Levierrahmen die einge¬ schobenen Querschnüre angezogen werden. Durch einen Tritt auf einen Hebel erfolgt der Anschlag der Matrize und das Durchlochen der Karte. Es gibt auch Schlagwerke, bei denen nicht die ganze Karte auf einmal, sondern die einzelnen Reihen einzeln geschlagen werden, wobei die Stempel entweder durch Schnüre (Strippenmaschine) oder durch eine Klaviatur (Clavismaschine) betätigt werden. Auf besonderen Maschinen, den Jacquardkartenkopiermaschinen, lassen sich die Pappkarten kopieren bezw. vervielfältigen. In der mechanischen Weberei sind für die Vorrichtungen zur Fachbildung noch von Wichtigkeit: Das Glesch irr (Schäfte oder Flügel) sind entweder (paarweise) über Rollen aufgehängt oder frei an Hebelarmen. Die Bewegung erfolgt, wie beim Handstuhl, durch Tritte, auf die hier Exzenter wirken (umwundene Scheiben, die je nach der Art der Bindung verschiedene Form haben). Bei der Anordnung der Tritte unterscheidet man Innentritte (innerhalb des Stuhlgestells) und Aussentritte (ausserhalb) (Bradford-System, Bradfordloom); bei schweren Waren und für eine grössere Zahl von Schäften und Tritten wendet man die Bundscheiben (tappetwheels von Woodcroft) an. Bei mehr als 12—16 Schäften verwendet man die Schaft- oder Trittmaschinen (ratiöredobby) oder bei noch weitergehenden Musterungen die Jacquardmaschine (machine jacquarde — jacquard engine). Diese Maschinen können eingeteilt werden 1. in reine Aufzugmaschinen (nur für oberes Fach) oder Auf- und Niederzugmaschinen (für volles Fach); 2. in Einhub- und Doppelhubmaschinen, je nachdem ein oder zwei Messer angewendet werden. Bei den ersteren macht das Messer per Schuss einen vollen Hin- und Hergang, bei den letzteren aber einen Hin- oder Hergang und kommt abwechselnd das eine oder andere Messer zur Wirkung. Die letzteren haben für jeden Schuss zwei Platinen (für jedes
Weberei. 623 Messer eine) oder, wie nur bei den Schaftmaschinen, statt dessen eine Doppel¬ platine (mit 2 Haken). Die ersteren werden bei langsam gehenden Webstühlen (breiten Musterstühlen, Buckskinstühlen), letztere bei schnellgehenden Web¬ stühlen (engl. System) angewendet und finden jetzt bei solchen ausschliessliche Verwendung. Die Schaftmaschinen werden noch eingeteilt in Offenfach- und Geschlossen¬ fach-Maschinen, je nachdem durch die Maschine diejenigen Schäfte, die beim nächsten Schuss in derselben Stellung sein sollen wie heim vorhergehenden, in dieser während des Ladenanschlags verbleiben oder nicht, also während der Ladenbewegung das Fach offen oder geschlossen ist. Verschiedene Kon¬ struktionen der seitlich am Stuhl angeordneten Schaftmaschinen für mechanische Webstühle (Einhubmaschinen) sind: Die Schönherrsche Schaftmaschine, die Crampton-Schaft- oder -Trittmaschine, die Schaftmaschine von Güleher in Biala, ferner die oben in der Mitte des Stuhls angeordnete Schaftmaschine von Hutchinson & Hollingworth in Dobcross (Dobcross dobby), die HattersleyEinhubmaschine. Doppelhubmaschinen sind die Hodgsonmaschine mit Zylinderwendung für jeden Schuss, die Hattersleymaschine mit Zylinderwendung für je 2 Schuss, die Tannwalder-Maschine, Maschine von Livesey (Blackburn dobby), bei denen 2 Zylinder abwechselnd zur Wirkung kommen, die eine für die geraden, die andere für die ungeraden Schüsse. Wesentlich verschieden von diesen mit Messern arbeitenden Schaft¬ maschinen sind die von Knowles in Worcester, Mass. N. A. und die von G. Hagdson in Bradfort, bei denen statt der Messer entweder ausschliesslich Zahnräder oder Zahnräder und Zugstangen verwendet sind. Die Schaftmaschinen können die Musterung bewirken mit Hilfe von Karten (Papp- oder Metallkarten mit Löchern, Holz- oder Metallkarten mit Stiften oder Daumen, Kartenketten mit Rollen aus Gusseisen oder Hartgummi), oder mit Hilfe von Trommeln (Stift-, Daumen- oder Löchertrommeln). Die Jacquardmaschinen sind als Einhubmaschinen (für Halbfach) ganz in gleicher Weise gebaut wie für die Handstühle, nur ist der Hebel zur Hebung des Messerkastens seitlich angeordnet und erhält den Antrieb von der Haupt¬ welle durch eine Kurbel oder einen Exzenter. Die Maschinen für Möbelstoffe, Teppiche sind meist Auf- und Niederzugmaschinen, mit abwärts gehender Be¬ wegung des Platinenbodens. Um das Auswechseln der Karten bei Mustern mit Spiegel und Bordüre bei Decken etc. zu vermeiden, sind zuweilen 2 Zy¬ linder, der eine oberhalb, der andere unterhalb des Nadelbretts gelagert, an¬ gebracht, jeder mit besonderen Karten. Während der Arbeit mit dem einen Zylinder ist der andere ausgeschaltet. (Aug. Fröbel, Chemnitz.) Bei den Jaquardmaschinen für Velour- und Brüsselteppiche ist stets die Einrichtung getroffen, dass sich das Gallierbrett um einen halben Hub mithebt, wodurch alle von der Maschine nicht gehobenen Polfäden halb so hoch gehoben werden. Dadurch wird ein Doppelfach gebildet, welches gestattet, dass der Schütze für das Grundgewebe durchlaufen kann, gleichzeitig aber auch die Nadel zur Herstellung der Sammetschlinge durchgeschoben werden kann. Die Harnischschnüre sind über dem Gallierbrett mit Knoten versehen. Die Doppelhub-Jacquardmaschinen sind stets ganz aus Eisen mit je 2 Platinen für jede Litzenpartie. Die Platinenschnüre der beiden zusammen¬ gehörigen Platinen sind mit den Hebern der betr. Litzenpartie verbunden. Beide Platinen sind an gemeinsamer Nadel angeordnet. Jede Platinengruppe hat ihre besonderen Messer, diese abwechselnd für jeden Schuss eine Auf- oder Herabbeweguug, sodass, je nach dem Muster, die Platine der einen oder der anderen Gruppe für die betreffenden Litzen von dem heraufgehenden Messer erfasst und gehoben wird. Für gewisse Gewebe, bei denen eine Bindekette glatt durchbindet, oder bei Damast, werden auch Jacquard- und Schaftmaschinen gleichzeitig, letztere dann für das Vordergeschirr verwendet. Zur Vermeidung des dabei ent¬ stehenden Kreuzfaches und der dadurch bedingten starken Beanspruchung der
624 Weberei. Kettfäden werden auch besonders eingerichtete, aber sehr komplizierte Jacquard¬ maschinen angewendet. (Patent Günther, Sachs. Webstuhlfabrik v. Schönherr.) Die Verkreuzungen der Ketten- und Schussfäden nennt man Bindungen, welche unterschieden werden nach dem jeweiligen Rapport, d. i.: die regel¬ mässige Wiederkehr einer Kett- und Schussfadengruppe, welche nach be¬ stimmten Regeln unter einander verkreuzt sind. Der kleinste Bindungsrapport umfasst zwei Kett- und zwei Schussfäden, derartig, dass der erste Kettenfaden über den ersten Schuss und unter den zweiten Schuss geht, während der zweite Kettfaden unter den ersten und über den zweiten Schuss zu liegen kommt. Sie bildet die erste Gruppe der Grundbindungen (s. den Artikel Bindungen und Tafel XV). Die auf d<-r Patrone (s. S. 621) dargestellten senkrechten Quadratreihen werden als Kettfäden, die wagerechten als die Schussfäden be¬ trachtet und man bezeichnet den Hochgang des Kettenfadens über den Schuss durch einen farbigen Punkt. Die Leinwand bin düng, d. i. der einfachste Bindungs¬ rapport, muss sich also hei regelmässiger Wiederholung als schachbrettartiges Feld kennzeichnen (Abb. 1, Taf. XV). Zur Herstellung dieser Fadenkreuzung bedarf es im Webstuhl nur zweier Schäfte, von denen der erste, der von den vom Kettenbaum ablaufenden Fäden zuerst erreicht wird, die sämtlich ungerade numerierten Fäden in seinen Litzen führt, während der zweite die geraden Kettenfäden enthält. Da diese Bindung nur zwei verschiedene Schussfäden enthält, so bedarf man zur Bewegung der Schäfte auch nur zweier Tritte, und zwar ist die Verbindung der Schäfte mit den Tritten durch Bindfäden (die Schnürung) derartig zu wählen, dass der 1. Tritt den 1. Schaft beim ersten (untersten) Schüsse tief zieht, den 2. dagegen hebt; beim 2. Schüsse, für den der 2. Tritt getreten wird, muss der 2. Schaft gehoben, der 1. dagegen gesenkt werden. Die Anzahl der Schäfte richtet sich somit nach der Anzahl der ver¬ schieden hebenden Kettfäden, die der Tritte nach der der verschieden bindenden Schussfäden. Dem Weber wird für die Einrichtung des Stuhles der Einzug der Kettfäden über der Patrone vorgezeichnet, indem man einige querliegende Quadratreihen als Schäfte betrachtet und auf den ersten Schaft diejenigen Fäden markiert, die dorthin gezogen werden sollen, auf den zweiten und folgenden die jeweilig dahin zu ziehenden. Für die Anzahl der Tritte und die anzu¬ gebende Reihenfolge, in der diese Tritte zu treten sind (Trittweise), benutzt man einige senkrechte Quadratreihen neben der Patrone, und markiert hier für den jeweilig vorliegenden Schuss den zu tretenden Tritt ebenfalls durch farbigen Punkt. An den Kreuzungsstellen der Schaftreihen, mit denen der Tritte, wird für den Weber die Schnürung gezeichnet, indem man die Ver¬ bindung für die Hochgänge ebenfalls durch Farbe markiert. Ist die Kette sehr dicht eingestellt, sodass auf jeden Schaft auf 1 cm mehr als 10 Litzen kommen, dann vermehrt man die Schäfte, so dass an Stelle jedes einzelnen Schaftes zwei oder drei treten, die dann natürlich gleiche Hebungen haben müssen. Eine Vermehrung der Tritte ist nur notwendig bei mehreren ver¬ schiedenen Schüssen. Die Köperbindung (s. Taf. XV, Abb. 2) (serge-regular tweel) ist die zweite Grundbindung. Es sind mindestens 3 Schäfte und 3 Tritte notwendig. Man benennt die Köper einesteils nach der Fadenzahl des Bindungsrapportes, indem man von 3, 4, 5, 7, 8 oder 12 bdg. Köper spricht, andernteils aber auch, je nachdem in der Hauptsache der Schuss oder die Kette, oder beides gleichmässig an der Oberseite der Ware liegt, indem man von Schussköper, Kettköper oder gleichseitigem (beidrechtem) Köper spricht. Der Köper charakterisiert sich in Bindung als auch im Gewebe durch schräg über das Gewebe laufende Grate (Diagonal). Die Köperbindung entsteht, indem der Hochgang des 1. Kettfadens über den ersten Schuss, der des 2. Kettfadens über den 2. Schuss, der des 3. über den 3. Schuss erfolgt u. s. w. je nach Grösse des Bindungsrapports. Während sowohl bei den Kett- als auch bei den Schussköpern nur ein Kettfaden bei jedem Schüsse hoch oder tief liegt, ist beim gleichseitigen Köper gleichviel
Weberei. 625 Kette und Schuss oben, z. B. beim 8bindigen 4 Kettfaden oben und 4 unten. Die Verschiebung der Bindung erfolgt in jedem weiteren Schüsse um je einen Kaden nach links oder nach rechts, je nachdem dies die gewünschte Grat¬ richtung verlangt. Bei der Atlasbindung (satin—broken tweel) als dritte der Grund¬ bindungen (Abb. 3, Taf. XV), sind die Bindungspunkte regelmässig über den Bindungsrapport verstreut, ohne aneinander zu stossen. Der kleinste Atlas ist der öbindige; 5 Kett- und 5 Schussfäden mit 5 Hocbgängen im Bindungs¬ rapport. Je nach der am meisten obenliegenden Fadensorte unterscheidet man auch hier Kett- und Scbussatlas. Man gebt bei den Atlasbindungen nicht über die lßbindige hinaus und konstruiert sie, indem man die Bindungszahl, z. B. 8, in zwei Teile teilt, die aber nicht gleich sein dürfen (4: 4), und nicht ineinander aufgehen dürfen (2:6); drittens nicht durch eine dritte Zahl teilbar sein dürfen (z. B. beim 15bdg. 9:6); beim 8bindigen also in 3 und 5. Diese Zahlen nennt man die Fortschreitungszahlen. Man arbeitet z, B. mit 3, indem man von dem zuerst in die Patrone gesetzten Hochgang auf die Kreuzuug des nächsten Kett- und Schussfadens rückt und zählt von hier aus¬ gehend auf dem Kettfaden nach unten 3 Punkte ab und markiert den ge¬ fundenen farbig. Hat man beim 8bdg. Köper beim 1. Schuss den 1. Kettfaden gehoben, so hebt also der 2. Kettfaden beim 4. Schuss, der 3. beim 7. Schuss, der 4. würde beim 10. Schuss zu heben haben und zwar ist dies der 2. Schuss des nächsten Rapportes. Es gehört somit auch ein Hochgang auf den 2. Schuss des 1. Rapportes und wird dann von diesem mit 3 wie oben weitergezählt. Es verteilen sich die Bindungspunkte im ganzen Rapport nach der Reihe der Kettfäden wie folgt auf die Schüsse: 1. 4. 7. 2. 5. 8. 3. 6. Schuss. Der einzige unregelmässige Atlas ist der 6bdg., dessen Bindungszahl nur in gleiche oder ineinander aufgehende Zahlen zu teilen ist. Man setzt die Bindungspunkte entweder auf den 1. 3. 5. 2. 4. 6. Schuss oder besser, da hierbei beim Ansetzen der weiteren Rapporte der 1. und 6. köperartig an einander stossen, auf den 1. 3. 5. 2. 6. 4. Schuss, wobei dieser Uebelstand vermieden wird. Abgeleitete Bindungen. Die einfachen Ableitungen erhält man durch Veränderungen des Einzugs (Passierung), der Trittweise, oder auch der Schnürung. Bei den Einzügen unterscheidet man: Gerade durch, wenn der 1. Kettfaden auf den 1. Schaft, der 2. Faden auf den 2. Schaft u. s. f. bis der letzte auf den letzten Schaft passiert (eingezogen wird); springend, wenn die Kettfäden der Reihe nach passiert werden: z. B. 1. 3. 2. 4. Schaft, oder 1. 3. 5. 2. 4. 6. Schaft; im Doppelspitz, d. h. gerade durch bis zum letzten Schaft und von diesem rückwärts wieder bis zum ersten. Auf den letzten und ersten Schaft stehen dann 2 gleich bindende Fäden nebeneinander. Um dies zu vermeiden und eine scharfe Spitze zu bekommen, passiert man auf Spitz 1. 2. 3. 4. 5. 6. 7. 6. 5. 4. u. s. f., so dass der erste und letzte Schaft nur halb soviel Fäden erhalten als die übrigen; satzweise, indem man z. B. die ersten 4 Schäfte 3- oder 4mal gerade durch passiert, dann die Schäfte 5—8 ebenfalls mehrmals gerade durch. Weiter gibt es noch eine Anzahl Passierungen, die von der Spitzpassierung abgeleitet sind: gebrochen Spitz, verlängert Spitz u. s. w., weiter ineinander geschobene Passierungen, satz¬ weise Passierungen, mustermässige u. s. w. Aehnliche Veränderungen, wie in der Passierung, kann man auch in der Trittweise machen, indem man die Tritt¬ weise gerade durch umwandelt in Trittweise auf Spitz, oder satzweise, oder kombinierte Trittweisen anwendet. Ableitungen der Taffetbindung erreicht man zunächst, indem man 2 oder mehrere Kettfäden neben einander auf denselben Schaft passiert, also gleich binden lässt. Man erhält dann mehrfädige Leinwand, Längsrips. Mehrschüssige Leinwand, Schussrips, Gros de tours erhält man bei einfädiger Passierung durch Verdoppelung der Schüsse in ein und dasselbe Fach. Um ein Zurückgleiten des schon eingeschossenen Schusses Heiden, Handwörterbuch der Textilkunde. 40
626 Weberei. beim zweiten und den folgenden in dasselbe Fach gelegten Schüssen zu ver¬ meiden, ist die Anordnung einer anders bindenden Leiste erforderlich, es genügt schon unter Umständen je ein Faden an jeder Seite. Weitere Um¬ bildungen der Kipsbindungen sind die Flecht- und Versatzripse. (Taf. XV, Abb. 4.) Eine dritte Ableitung der Taffetbindung ist die Panamabindung, eine mehrfädige und mehrschüssige Leinwand, bei der ebenfalls wegen des Zusammenfallens mehrerer Schüsse in ein Fach besondere Leisten erforder¬ lich sind. Ableitungen der Köperbindung erhält man zunächst im Köper mit verstärktem Grat, indem man im Eapport mehrere Kettfäden neben einander hoch oder tief binden lässt; hiei'her gehören eigentlich auch die gleichseitigen Köper. Taf. XV, Abb. 5. Verteilt man bei grösseren Kapporten die Hoch¬ gänge, dass wechselweise einzelne und mehrere Kettfäden nebeneinander hoch oder tief binden, so erhält man die grosse Gruppe der Mehrgratköper, zu¬ sammengesetzte Köper (Taf. XV, Abb. 6), im allgemeinen Diagonale genannt. Diese können wieder einseitig oder gleichseitige sein, je nachdem mehr Kette oder Schuss oder von beiden gleichviel an der Oberseite liegt. Zu diesen treten die Zier- oder Phantasieköper, bei denen der Köpergrat zwar beibehalten ist, deren weitere Ausschmückung aber in freier Weise ge¬ schieht. Köper mit steilem oder flachem Lauf erreicht man entweder durch Verdoppelung der Schüsse oder der Kettfäden oder durch veränderte Tritt¬ weisen bezw. Passierungen. Bei allen diesen Ableitungen bleibt die Grat¬ richtung von links oben nach rechts unten, oder von rechts oben nach links unten in der ganzen Gewebebreite erhalten. Aendert man aber die Passierung eines 4bdg. Köpers um in eine gebrochene, also 1. 2. 4. 3. Schaft, oder bei einem 6bdg. Köper in 1. 2. 3. 6. 5. 4. Schaft, so erhält man Gebrochene Köper (serge brise). (Taf. XV, Abb. 7.) Wählt man für Köper eine Passierung auf Spitz, so erhält man Schlangen- oder Zickzackköper in der Quer¬ richtung (Taf. XV, Abb. 8), bei einer Trittweise auf Spitz dagegen einen solchen in der Längsrichtung. Werden bei einer Passierung gerade durch einzelne Kettfäden verdoppelt und verdreifacht, so entsteht Wellenköper (serge onde). Wendet man bei einem auf Spitz passierten Köper eine Trittweise auf Spitz an, so erhält man Augenköper (serge diamante), womit sich schon sehr grosse Figuren erzielen lassen, die namentlich in der Musterung der Leinen¬ gewebe vielfach Verwendung finden. Beim Kristallköper werden die Köper¬ grate sowohl in der Kett- als auch Schussrichtung unterbrochen, und dann in der entgegengesetzten Kichtung und gleichzeitig im entgegengesetzten Bindungs¬ effekt fortgesetzt, so dass also gegen den Kettgrad ein Schussgrad stösst und umgekehrt, wodurch scharf abgesetzte Steinchen entstehen. Endlich gibt es Flechtköper, bei denen die Grade verschiedener Kichtungen durch einander geflochten erscheinen. Ableitungen der Atlasbindung sind: Mehrfädiger Atlas (Taf. XV, Abb. 9), bei dem mehrere Kettläden nebeneinander gleichzeitig hochgehen, d. h. es sind in der Patrone neben jeden Atlaspunkt ein oder mehrere Punkte hinzugefügt; Mehrschüssiger Atlas, bei dem jeder Faden über mehrere Schüsse hintereinander hochgeht, d. h. es sind jedem Atlaspunkt mehrere Punkte darüber oder darunter hinzugefügt; Panamaatlas (Abb. 10), eine Vereinigung der Methoden von 1 und 2; Atlasköper (Satinette) erzielt durch köperartiges Ansetzen von Punkten an jedem Atlaspunkt; Phantasieatlas, Ziergrundbindungen, Armures, Atlasbindungen, bei denen die Beifügung in noch freierer Weise erfolgt, oder bei denen der Atlas nur zur Stellung einzelner Figuren oder Schaffung gewisser Kuhepunkte Verwendung findet. Andere Ableitungen entstehen durch Aufeinanderlegen mehrerer Bindungen (sog. Crepe, Sable), oder durch freies Aufzeichnen mehr oder weniger regel¬ mässiger Figuren (Taf. XV, Abb. 11 u. 12), oder durch Umordnen von Fäden, sowohl in der Kett- als auch Schussrichtung u. s. w. Doppelgewebe und Hohlgewebe. Ist mittels einfacher Kette und einfachem Schuss unter Anwendung der vorgenannten Bindungen und starkem
Weberei. ' 627 Material eine gewünschte Dicke des Gewebes nicht zu erreichen, so muss man zu einer weiteren Verstärkung greifen. Diese kann bewirkt werden: 1. durch Einfügung eines zweiten Schusses (Unterschuss) oder 2. einer zweiten Kette (Unterkette) oder 3. sowohl eines Unterschusses als gleichzeitig auch einer Unterkette. Gewebe mit Ober- und Unterschuss (Taf. XV, Abb. 13 u. 14), meist als Kleiderstoffe Verwendung findend, können auf Stühlen mit einfacher Kette ohne weiteres gearbeitet werden, nur muss durch Hinzunahme neuer Tritte für die Unterschüsse, sowie durch Aenderung der Schnürung die Bildung eines Ober- und eines Unterfaches ermöglicht werden, die mit einander nach jedem oder je 2 Schüssen jeder Sorte abzuwechseln haben. Man muss für die Ober¬ und Unterbindung Bindungen wählen, deren Kapporte gleichzeitig oder ineinander aufgehen, also wie in Abb. 13 z. B. einen 4bdg. Schussköper oben und einen 4bdg. Kettköper unten. Das Gewebe zeigt dann auf der Rückseite bei gleichem Schussmaterial das gleiche Aussehen. Dies ist aber weder notwendig, noch immer erwünscht. Man wählt für Kleiderstoffe sehr gern für die Ober¬ ware eine feinere Bindung, für die Unterware eine gröbere; schiesst wohl auch zwei feine Oberschuss und einen dicken Unterschuss u. s. w. Vor allem ist zu beachten, dass die Oberschüsse gut auf die dazu gehörigen Unterschüsse aufrutschen können; es kann also niemals ein Faden, der unter den Unterschuss ging, über den dazu gehörigen Oberschuss gehen. Bei Geweben mit Ober- und Unterkette (Taf. XV, Abb. 15 u. 16) ist eine Vermehrung der Schäfte zur Aufnahme der Unterkette notwendig, während die Trittzahl dieselbe bleiben kann. Auch hier müssen die Bindungszahlen ineinander aufgehen. Man wählt für die Oberkette meist Kettbindungen, für die Unterkette Schussbindung, damit auf der Rückseite auch die Kette sichtbar wird. Hierbei ist ebenfalls zu beachten, dass ein Verkreuzen der zu einander gehörigen Fäden der Ober- und Unterkette nicht eintritt. Die Unterseite kann leichter gemacht werden, indem man für je 2 Oberkettfäden nur einen Unter¬ kettfaden einstellt. Erreicht man mittels Unterkette oder Unterschuss die gewünschte Stärke nicht, oder verlangt die Musterung reichere Effekte (s. später), so wendet man Hohlgewebe an, d. h. man schafft durch eine Unterkette und einen Unterschuss ein zweites Gewebe, das fast stets mit dem Obergewebe fest verbunden wird. Diese Verbindung geschieht entweder dadurch, dass ein Faden der Unterkette über einen Oberschuss geht (Anbindung) oder, dass ein Faden der Oberkette unter einen Unterschuss geht (Abbindung), oder beides gleichzeitig, oder man wendet eine weitere Kette (Bindekette) an. Als zusammengesetzte und besondere Bindungen sind folgende Arten von Geweben zu bezeichnen: (Vgl. hierzu die Tafel XVI.) Schlauchgewebe, offene Hohlgewebe, nur an den Leisten verbunden, Verwendung bei Spritzenschläuchen, Hohldocht, Säcken ohne Naht, bei Rund¬ tuch , Fischbeinband, hohlen Leisten an Bändern, Gurten, Borten u. dergl. (Abb. 1.) Gemusterte Hohlgewebe, Schlauchware, bei der die Oberware mustermässig auch als Unterware arbeitet und umgekehrt. An den Wechsel¬ stellen der Ware entstehen feste Verbindungen. Verwendung bei Gartentischdecken, Vorhang- und Portiörenstoffen. (Abb. 2.) Verbundene Hohlgewebe. Um die in Hohlgeweben mehrfach über einander liegenden Gewebe fest zu verbinden, wird eine besondere Bindekette angewendet. Verwendung meist bei Walkwaren, Kleiderstoffen, doch auch bei Möbelstoffen etc. (Abb. 3 und 4.) Piquebindungen, gesteppte Bindungen. Durch einen stark gespannten Unterkettfaden werden mustermässig 2 Schussfäden der meist in Taffet ge¬ bundenen Oberware tief geholt, wodurch das Gewebe einen gesteppten Eflekt erhält, der durch einen dicken Unterschuss Doch gehoben werden kann. Soll die Steppung noch kräftiger erscheinen, z. B. bei Piquebettdecken, so wird noch ein dicker Futterschuss zwischen Ober- und Unterware gelegt. Zu
628 Weberei. reicherer Musterung werden auch noch farbige Musterketten hinzugenommen. (Abb. 5 und 6.) Schusssammetbindungen für Velvet (Baumwollsammet, unechter Sammet) Manchester. Das Gewebe besteht aus einem festen Grundgewebe mit Taffet-, Köper- oder Kreuzköper-, seltener Atlasbindung. Auf diesem Grund¬ gewebe liegen die Sammet- oder Velvetschüsse „atlasartig“ eingebunden. Nachdem die Ware vom Stuhl genommen und auf der Rückseite gummiert worden ist, werden die durch die Velvetschüsse gebildeten Röhrchen oder Schläuche mittels langer, fast nadelartiger Messer an den in der Schnittzeichnung durch Pfeil bezeichneten Stellen der Kettrichtung nach aufgeschnitten, wodurch sich die sammetartige Oberfläche entwickelt (geschnittener Manchester); bleiben die Schläuche auch für den Gebrauch des Stoffes bestehen: (ungeschnittener Man¬ chester.) Diese Velvets oder Manchester werden teils im Stück gefärbt und wie Sammet verwendet, teils werden sie in glattem oder geschnittenem Zustande bedruckt und als Vorhang- und Möbelstoffe gebraucht. (Abb. 7.) Eine Abart der Velvets sind die Cords, Twils. Sie haben eine streifige Beschaffenheit, indem die Einbindungen der Velvetschüsse immer auf die gleichen Kettfäden fallen und in weiteren Zwischenräumen neben einander angeordnet sind. Werden dann die Schüsse an den durch Pfeil bezeichneten Stellen aufgeschnitten, so geben die aufgeschnittenen Fäden mehr oder weniger dicke Rippen auf dem Gewebe (siehe Schnitt, Abb. 8). Verwendung zu kräftigen Kleiderstoffen, Jagd- und Kutscheranzügen. Chenille, eine Abart von Schusssammet, die aber nur als Vorarbeit hergestellt wird. Man ordnet die Kettfäden zu je 4 oder 6 in 1 Rietlücke an und lässt dann eine grössere Anzahl Rietlücken frei, so dass die Schussfäden hier flott liegen. Die Bindung ist Taffet. Das fertige Gewebe wird an den mit Pfeil bezeichneten Stellen in schmale Streifen zerschnitten und diese dann auf einem Drehrad gedreht, so dass eine Raupe gebildet wird, oder auf einem Brennapparat so gebrannt, dass die erst seitwärts stehenden Schussfäden nach oben gerichtet werden. Diese Streifen finden dann als Schussmaterial Ver¬ wendung bei Tüchern, Shawls, Posamenten, Damenkleiderstoffen, Westenstoffen, Portieren, Tischdecken; die gebrannte Art besonders bei Teppichen (Axminster), wobei die Vorarbeit durch mustermässiges Einschiessen bunter Schuss¬ fäden besonders sorgfältig gewebt werden muss, um nach der Verarbeitung als Schussmaterial das gewünschte Muster zu ergeben. (Abb. 9.) Die Einbindung der Chenille bei Axminster siehe Abb. 24. Es gibt auch eine Chenillebindung, bei der, um ein Abgleiten der Fäden zu vermeiden und um dem Streifen grössere Festigkeit zu geben, Schlingerfaden angeordnet sind. (Abb. 10.) Kettsammetbindungen, Echter Sammet. Der eigentliche Sammet besteht aus einem Grundgewebe, auf welchem, von einer zweiten Kette gebildet, aufrecht stehende Fädenbüschel angeordnet sind, die als Flor, Flour oder Velour die ganze Oberfläche bedecken. Die Grundkette arbeitet mit dem Schuss Taffet, doppelschüssigen Taffet, Köper, auch wohl Atlas, und ist sehr straff gespannt. Die Anordnung der Grund- und Pol-(Sammet-)Fäden kann sehr verschieden, je nach Qualität des herzustellenden Sammets, sein. Das Weben des Sammets geht folgendermassen vor sich: Es werden zunächst zwei oder mehrere Grund¬ schüsse verwebt, wodurch sowohl die Grundfäden als auch die Polfäden fest eingebunden werden. Beim nächsten Tritt gehen nur die Polfäden hoch und man legt nun eine dünne Metallrute ein (wie einen Schuss), worauf weitere Grundschlisse erfolgen, welche die Grund- und Polfäden wieder gemeinsam einbinden. Die Polfäden bilden somit über die aufrecht stehenden Ruten Schleifen, die entweder bestehen bleiben können, „ungeschnittener Sammet“, „gezogener Sammet“, oder aufgeschnitten werden: „geschnittener Sammet“; bei sehr hohen Ruten: „Plüsch“. Die Ruten für geschnittenen Sammet (Schneideruten), Setz¬ oder Stellruten sind unten schmal und haben an ihrer oberen breiten Seite eine Rinne, in der das Schneidemesser geführt wird. Die Ruten für gezogenen Sammet haben meist kreisrunden oder elyptischen Ausschnitt (Friseruten).
Weberei. 629 Je nach Art der Einbindung der Polkette in das Grundgewebe unter¬ scheidet man die Bindungen: „Pol auf“ für gewöhnlichen Sammet und „Pol durch“ für bessere, feinere Sammete. Bei „Pol auf“ geht der Polfaden, ehe er über die Hute geht, schon über einen oder mehrere Grundschüsse hoch. Bei „Pol durch“ geht der Polfaden unter dem letzten Grundschuss vor der Rute tief, kommt dann nur bei der Rute hoch und geht bei dem folgenden Grundschuss wieder tief. (Abb. 11—18 u. Schnitte Abb. 14—17.) Auf me¬ chanischen Webstühlen werden Sammete als Doppelsammete, meist aber nur in billigen Qualitäten hergestellt. Die Ware ist eigentlich ein verbundenes Hohlgewebe, wobei an Stelle der Bindekette die Polfäden treten, die durch ein zwischen den beiden Waren laufendes Messer zerschnitten werden und den Flor für die beiden dadurch entstehenden Stoffe gehen. (Abb. 18.) Bindungen für Frottierhandtücher, eine Art Sammet ohne Ruten. Die Einstellung dieser Stoffe in der Kette ist meist: 1 Grund-, 1 Polfaden, ersterer mit fester, letzterer mit elastischer Spannung. Grundbindung meist taffetähnliche Bindungen. Nachdem in einer bestimmten Entfernung vom fertigen Gewebe 8—6 Schuss mit kurzen Ladenanschlägen eingetragen sind, erfolgt ein langer Ladenanschlag (in den Schnitten durch Pfeil bezeichnet), der das fertig gestellte Gewebestückchen an das früher gewebte heranschiebt. Die Schüsse gleiten auf der straffgespannten Grundkette fort, nehmen aber die ein¬ gebundene, locker gespannte Polkette mit und bilden sich aus letzterer die Schleifen. (Abb. 19 u. 20.) Dreher-, Ajour- oder Gazebindungen. (Echte Gaze mit Drehung.) Besonders eingerichtete Litzen (Dreherlitzen) ermöglichen es, einen Schlingerfaden während der Fachbildung um einen Grundfaden mit halber oder auch ganzer Drehung herumzuschlingen, so dass der Schlingerfaden wechselweise links oder rechts vom Grundfaden zu liegen kommt. Erfolgt die Scblingung nach mehreren Schüssen wie bei Abb. 22 u. 23, wobei auch grössere Zwischenräume zwischen den einzelnen Kettfädengruppen gehalten werden, so werden die Schüsse dichter zusammengezogen, wodurch grössere Oeffnungen im Gewebe entstehen. Ver¬ wendung zu Kleiderstoffen, in Verbindung mit anderen Bindungen auch zu Vorhangstoffen, Shawls etc. (Abb. 21—23.) Teppichbindungen. Ausser mittels einfacher Bindungen (Läufer¬ stoffe), oder als Doppel- oder Hohlgewebe (Germania-, bezw. Kidderminster¬ teppiche), werden Teppiche als Hörige Gewebe hergestellt, indem man 1. auf ein festes Grundgewebe durch eine besondere Bindekette farbige Chenillestreifen als Schussfäden aufwebt, in denen das Muster enthalten ist. (Axminsterteppiche, Chenilleteppiche. Abb. 24.) 2. Durch Herstellung wie Sammet und Plüsch, indem man farbige oder vorgedruckte Polfäden über Ruten hochgehen lässt und entweder Zug- oder Schnittware bildet. (Brüssel-, Brüssel-Velour-, Tapestry-Teppiche.) Die Pol¬ fäden liegen bis zu 5 über einander, von denen einer in der gewünschten Farbe über die Ruten gehoben wird. (Abb. 25 u. 26.) 3. Durch Einknüpfen von farbigen Eadenstückchen in eine Kette, SO' dass die Eadenenden nach oben stehen und den Flor des Teppichs bilden. (Geknüpfte, Knüpf- oder Smyrnateppiche.) (Abb. 27—31.) Bindungen für Schicht-, Schlitz- und Gobelingewebe (vergl. Nordische Kunstwebereien), siehe den Text bei den Abbildungen 32—35. Abbildungen auf der Tafel XVI: Darstellungen von Gewebebindungen (II) und Knüpftechnik. 1. Schlauchgewebe; Ober- und Untergewebe Taffetbindung. 2. Gemustertes Hohlgewebe; Ober- und Unterware Taffetbindung. 3. Verbundenes 2faches Hohlgewebe; Oberware 4bdg. Kettköper (vollschwarz gezeichnet), Unterware 4 bdg. Schussköper (als Kreuz gezeichnet); die Bindekette im Schnitt und Patrone „punktiert“ gezeichnet. 4. Verbundenes 3faches Hohlgewebe; alle 3 Waren haben Taffetbindung. Eine Bindekette (runde Punkte in der Patrone) verbindet diese 3 Waren zu einer geschlosse¬ nen Masse; Verwendung zu gewebten Treibriemen.
630 Weberei 5. Piquebindung für Halbpique (ohne Unterschuss). Die Hochgänge der Unter¬ kette sind vollschwarz gezeichnet. 6. Piquebindung für volle Ware. Obergewebe TafFet, Untergewebe und Stepp¬ effekt Zickzackköper. 7. Velvet, Grundgewebe Taflet (durch Kreuz bezeichnet). Velvetschüsse „atlas¬ artig“. Schussfolge: 1 Grund-, 3 Velvetschuss. 8. Cordsbindung. Grundgewebe 4bdg. gleichseitiger Köper; Velvetschüsse cannelebdg. Schussfolge: 1 Grund-, 2 Velvetschuss. 9. Chenillebindung. 4 Fd. Kette binden mit den Schussfäden Taflet, zwischen den Kettfädengruppen liegen die Schüsse frei. 10. Chenillebindung mit Dreherfaden. (Vgl. Abb. 21, Gazebindung.) Der Schnitt zeigt die nach oben „gebrannten“ Schussfäden. 11. 12 u. 13. Kettsamtbindungen. In den Patronen bedeuten die schrägschraf¬ fierten Rechtecke links die Rutenfolge; die Punkte sind Hochgänge der Grundkette; die Kreuze Hochgänge der Polkette über Grundschüsse, die schwarzen Quadrate sind Hochgänge der Polkette (Schleifen, Noppen, Schnittstellen) über die Ruten. Ein¬ stellung: 2 Grund-, 1 Polfaden. 11. Sammet- oder Plüschbindung „Pol auf“. 3 Grundschuss, 1 Rute, hierzu Schnitt Abb. 14. 12. Sammet- oder Plüschbindung „Pol durch“. 3 Grundschuss, 1 Rute, hierzu Schnitt Abb. 15. 13. Plüschbindung. Grundgewebe 4 bdg. gleichseitiger Köper; 2 Grundschuss, 1 Rute; die Hochgänge der Polfäden über die Ruten sind taffetartig versetzt. 14 u. 15. Schnitte zu den Bindungen Abb. 11 u. 12. Bei den Schnitten Abb. 16,17 u. 18 sind die Grundketten nicht mit eingezeichnet. 16. Schnitt durch ein Plüschgewebe mit sehr hohen Ruten. 17. Schnitt durch ein Plüschgewebe „Pol auf“ und taft'etartiger Versetzung der Polhochgänge über die Ruten. 18. Schnitt durch ein Doppelsamtgewebe. 19. Bindung für Frottierhandtücher mit Noppen auf nur einer Seite der Ware. In den Patronen bedeuten die „Punkte“ Hochgänge der Grundfäden, die „schwarzen Quadrate“ Hochgänge der Polfäden. In den Schnitten sind die Grundfäden nicht mitgezeichnet. 20. Bindung für Frottierhandtücher mit Noppen auf beiden Seiten der Ware, für gemusterte Waren verwendbar, da je nach Bedürfnis die andersfarbigen Polnoppen nach oben oder unten kommen können. 21. Dreher- oder Gazebindung mit gleichmässiger Fädenverteilung. 22. Dreherbindung mit gruppenweiser Stellung und symmetrischer Drehung der Kettfäden. 23. Dreherbindung mit gruppenweiser Stellung der Kettfäden. Je drei Kett¬ fäden schlingen sich um drei andere; die zwischen je zwei Drehungen liegenden drei Schuss binden mit den sechs Fäden jeder Gruppe Taflet. 24. Schnitt durch einen Axminster-, (Chenille-)Teppich. Der schwarze Faden ist eine dicke feste Stopferkette, als Unterlage; die gezogene Kettfadenlinie ist eine Grundkette, die die Schüsse (runde Punkte) fest mit der Stopferkette verbindet, die Büschel sind Chenillevorarbeit (s. Abb. 9 u. 10), die durch eine Bindekette (gestrichelt) auf das Grundgewebe befestigt werden. 25. Schnitt durch einen Brüsselteppich (mit gezogenen Noppen). Eine Grund¬ kette (in der oberen Hälfte der Zeichnung dünn gezeichnet) bindet taffetartig mit den Grundschüssen, zwischen die eine dicke festgeleimte Stopferkette (dicker Strich) mit eingebunden wird, dazu kommen 3—5 Polfäden verschiedenfarbig (bei Brüssel) oder 1 Polfaden vorgedrückt (bei Tapestry) für die Polbindung (nur zwei gezeichnet). Diese Polfäden werden bei Tapestry alle auf einen Baum gebäumt, müssen aber bei Brüssel- und Brüssel-Velour des verschiedenen Verbrauchs wegen, jeder für sich auf eine Rolle gewickelt sein. 26. Brüssel-Velour (mit aufgeschnittenen Noppen). Die Grundbindung muss hierbei 3 schüssig werden, damit die aufgeschnittenen Fadenflocken nicht so leicht herausgerissen werden können. Sonst wie Abb. 24. Die Ruten sind hierbei am Ende mit einem Messer versehen, die beim mechanischen Herausziehen alle darüber liegen¬ den Schleifen aufschneiden. 27—31. Verschiedene Knotenarten aus orientalischen Knüpfteppichen. In Abb. 27 wird der Knoten nur um je einen Kettfaden geschlungen, kommt sehr selten vor. Abb. 28 zeigt den in den meisten orientalischen Knüpfteppichen an¬ gewandten Knoten, der auch nur bei allen europäischen Knüpfteppichfabrikanten im Gebrauch ist. Abb. 8 findet sich in Teppichen aus Sultanabad. Abb. 9, das Gegen-
Weberei. 631 stück zum vorigen, bei chinesischen Teppichen und auch bei persischen aus Ferahan, Serabend, Kaschkai, Kirman, Bokhara u. a. Abb. 10 bei indischen Teppichen und persischen aus Bokhara, Belutschistan, Kain und Khorassan. Nach jeder geknüpften Reihe Knoten folgen 2—4 Schuss, je nach Dicke des Knoten und Schussmaterials. Das Grundgewebe ist fast stets taffetartig gebunden. 32. Schichtweberei, nordische Weberei. Nach je 2, 4, 6 oder 8 Grundschuss (= 1 Schicht), werden mit der Hand die farbigen Musterfäden eingeflochten, der¬ artig, dass die einzelnen farbigen Fäden nur soweit eingelegt werden, wie die be¬ treffende Figur geht (wie bei Broschierungen). Aus der unteren Hälfte der Zeichnung, die die Rückseite darstellt, ist zu ersehen, dass fast gar kein farbiges Material auf der Rückseite unbenutzt liegt. 33. Gobelinbindung (Schlitzweberei). Die buntfarbigen Schussfäden werden taffetartig, mustergemäss in die Kettfäden eingeflochten; die einzelne Farbe liegt nur soweit, als sie in der Figur gebraucht wird. Sind der Zeichnung nach in der Kett¬ richtung längere oder kürzere gerade Linien, so entstehen im Gewebe Schlitze, die keine Verbindung haben (durch Pfeile bezeichnet). Diese müssen mittels besonderer Fäden zugenäht werden. Verwendung vor allen bei den französischen, deutschen und englischen Gobe¬ lins (Bildteppichen), aber auch bei Kilims und anderen orientalischen Stoffen. 34. Bindung, wie sie in Norwegen und Schweden bei gobelinartigen Geweben angewandt wird. Die aneinander stossenden farbigen Schussfäden werden ineinander eingehängt, sodass keine Schlitze entstehen, sondern auch an langen Linien in der Kettrichtung stets Verbindung vorhanden ist und ein Vernähen überflüssig wird. 35. Bindung der Schwedischen „Flossa“-Webereien. Eine Vereinigung von Schichtweberei und Knüpfarbeit, indem mustermässig Knoten, ähnlich den persischen in Abb. 28 nur gestürzt, in die Kette eingeknüpft werden, während der Grund von glatter Taffetware gebildet wird, die aus Schichten von 2—6 Schuss, je nach Stärke des Materials, bestehen. Die geschichtliche Darstellung der Technik in der Weberei lässt sich an Originalproben nur zum geringsten Teile entwickeln; wohl aber geben uns einige Abbildungen von Webstühlen über die älteste Art der me¬ chanischen Anfertigung von Zeugen eine Darstellung. So ist uns der altägyptische Stuhl erhalten (Abb. 12, S. 10), an dem die Weber in hockender Stellung arbeiteten, und auch ein griechischer Webstuhl mit hochstehender Kette ist durch die Darstellung auf einer Vasenmalerei auf uns gekommen. (Abb. 110, S. 236.) Im übrigen lässt sich vermuten, dass die gemusterten Stoffe der ältesten Zeiten in Wirkerei hergestellt wurden, so wie uns noch viele Originalproben in den Koptischen Textilfunden (s. d.) erhalten sind. Im Mittelalter erreichte die Weberei einen hohen Grad der Vollkommenheit; erst in späteren Jahrhunderten bildete sich dieselbe, bis dahin nur Hausindustrie, allmählich zum Fabrikbetrieb aus. Die Weber arbeiteten nicht mehr auf eigene Rechnung, sondern erhielten Garn und Muster, zuwreilen auch den Stuhl, von einem Unternehmer, an welchen sie die fertige Ware gegen Stücklohn ab¬ lieferten. Bis zum Anfang des 19. Jahrh. war die Herstellung von aus¬ gedehnteren Webemustern mit grossen Schwierigkeiten verbunden, da bei einer zu grossen Anzahl der anzuwendenden Schäfte und Tritte dieselben leicht in Unordnung gerieten. Man ersetzte daher die Schäfte durch einfache Schnüre, an welche die Litzen derart angebunden wurden, dass alle gemeinschaftlich zu hebenden Kettfäden durch das Emporziehen einer Schnur ihre Bewegung er¬ hielten. Diese Einrichtung war indes unvollkommen, solange man das Auf¬ ziehen der Schnüre (Lätzen) in der nötigen Reihenfolge durch eine besondere Person, den Latzenzieher oder Ziehjungen (vgl. den japanischen Webestuhl in Abb. 126, S. 263), mit der Hand verrichten lassen musste. Ausserordentlich wichtig für die Leistungsfähigkeit der Webstühle in der Musterweberei war daher die Erfindung Jacquards, durch dessen um 1805 praktisch ausgeführten, sinnreichen Mechanismus diese Arbeit von demselben Mann besorgt wird, der schon die Fachbildung und das Einträgen des Schussfadens bewirkt. Die wesentlichste Umgestaltung erfuhr jedoch die gesamte Weberei durch die Ein¬ führung der mechanischen Websttihle, bei welchen die einzelnen Teile derart verbunden sind, dass die bewegende Kraft an einer Stelle eingeleitet werden
632 W eb erglas—W ebeschulen kann. Im Prinzip verwandte Maschinen (jedoch nur für Handbetrieb) waren zum Weben von Bändern schon zu Ende des 16. Jahrh. im Gebrauch. Der erste Entwurf eines wirklichen Maschinenwebstuhls aus dem Jahre 1678 von De Game in London kam nicht zur Ausführung, und auch die 1747 von Baucanson erfundene Webmaschine hatte keinen Ei’folg. Vierzig Jahre später konstruierte Cartwright eine derartige Maschine, die sich aber auch nicht all¬ gemein einführte. Nachdem Horrocks in Stockport seinen 1803 patentierten Maschinenstuhl bis 1813 mechanisch verbessert hatte, gelang es ihm, demselben in der Baumwollindustrie einige Bedeutung zu verschaffen, doch erst von 1822 an gelangte durch Boberts der mechan. Webstuhl zu allgemeiner Einführung. Die Geschichte der Weberei nach Material und Mustergebung ist in den einzelnen Artikeln Leinen, Baumwolle, Seide und Wolle behandelt und in entsprechender Folge bei den Stilperioden in den Artikeln Stil, Romanischer-, Gotischer-, Renaissancestil u. s. w. ersichtlich; auch unter den Angaben über Technik und Musterung der Textilien in einzelnen Ländern ist die betreffende Uebersicht gegeben. Literatur: Bar low, A., The history and principles of weaving by hand and by power, London 1879; Bona, Die drei Grundbindungsarten in der Weberei u. s. w., Grimberg 1876; Braulik (s. unter Aegypten); Denk, R., Die Bindungslehre für Ge¬ webe, Altona 1883—86; Donat, F., Bindungslexikon für Schaftweberei, Wien 1897; Ders., Method. d. Bindungslehre, Dekomposition u. s. w., Wien 1892; Ders., Tech¬ nologie der Jacquardweberei, Wien 1902; Fel dg es, Anleitung zur Kenntnis der Seidenstoffe, Krefeld 1868; Finsterbusch, R., Die mechanische Weberei und die Fabrikation der Kunst- und Figurendreher, Altona 1890; Fox, The mechanics of waeving, London und Newyork 1900; Gloor, F., Px-aktische Anleitung zur Erlernung der Seidenbandweberei, Basel; Grand, P., Notice sur la fabrication des etoffes de soie pour meubles ä Lyon, 1867; Grüner, A., Mechanische Webereipraxis, sowie Garnnummei-ierungen u. s. w., Wien 1898; Jahnel, K., Die Webfehler, deren Ent¬ stehung und Ursachen, Altona 1890; Kinzer & Fiedler, Technologie der Hand¬ weberei, Wien 1893; Knorr, Elemente der Weberei, Chemnitz 1872; Kohl, F., Ge¬ schichte der Jacquardmaschine, Berlin 1873; Lamoitier, Traite theorique et pratique de tissage, Pai’is 1900; Lembcke, E. R., Die Vorbereitungsmaschinen in der mechanischen Weberei, Leipzig 1877; Ders., Mechanische Webstühle, Braunschweig, 1886—96; Mey, O., Kraftbedarf mechanischer Webstühle, Dresden 1892; Müller, E., Handbuch der Webei’ei und Zurichtungsai-beiten, Leipzig 1896; Nübling, E., Ulms Baumwollweberei im Mittelalter, Leipzig 1890; Oberholzer, AVegweiser lür die Ein¬ richtung und Behandlung des mechanischen Webstuhls, Lörrach 1900; Oelsner, Die deutsche Webschule, Altona 1899 ff.; Pfuhl, Die Jute uixd ihre Verarbeitung, Berlin 1891; Posselt, Recent improvements in textile machinery, London 1898; Reh, F., Lehrbuch der mechan. Webei-ei, AVien 1889; Ders., Der mechan. Seidenwebstuhl, AVeimar 1891; Reiser & Spennrath, Handbuch der AVebei’ei, München 1885 bis 1900; Reiser, Ueber Fehler in AVollenwaren und die Vei'hütung, Aachen 1894; Schanis, J., Grundzüge der Theoi’ie der Schaftweberei, Dresden; Ders., Handbuch der gesamten AVeberei, AVeimar 1892: Schmoller, G., Die Entwickelung und die Krisis der deutschen AVeberei im 19. Jahrh., Berlin 1873; Ders., Die Strassburger Tücher- und AVebei’zunft, Sti’assbui’g 1879; Sconfietti, Der Schützenführer für mechan. AVebstühle, Chemnitz; Simon, Etudes analytiques des principaux tissus, Paris 1897; Vinzenz, J., Lehrbuch der Bindungslehre und Dekomposition für Tuchund Buckskinwebei'ei, Dresden 1895; Wenzel, Die Bindungslehre für Gazegewebe, Glauchau. Weberglas, soviel wie Fadenzähler (s. d.). Weberkamm = Rietblatt. Weberkarde, AVeberdistel, s. Kardendistel. Weberknoten, eine eigentümliche Verschlingung von zwei Fadenenden, deren sich der AVeber zum Anknüpfen abgerissener Fäden bedient. Weberschiff = Schiff. Webeschulen, Lehi’anstalten für theoretische und praktische Ausbildung der AVebei’eibeflissenen. Dieselben haben sich aus den Spinnereischulen ent¬ wickelt, deren erste 1755 in Oesterreich gegründet wurde, indessen am Anfang des 19. Jahrhunderts unter dem Einfluss der Maschinenspinnerei aufgegeben werden mussten. (S. Spinnereischulen). Auch eine im Jahre 1770 zu Hohen-
AV ebkante—AV echsellade. 633 elbe in Böhmen gegründete Lehrwerkstätte für AVeberei ging bald wieder ein. Die erste lebensiäkige Webeschule ward 1830 zu Reichenbach im Vogtland errichtet, ihr folgten bedeutendere in Elberfeld (1844) und Mühlheim a. Rh. (1852) in Preussen, Münchberg in Bayern (1855), Reutlingen in Württemberg (1855) und Chemnitz in Sachsen (1857). Man unterscheidet zwischen h ö h e r e n W., welche meist ein- oder zweijährige Kurse haben, vollen Tagesunterricht erteilen und Eabrikleiter und Beamte für grössere Webereibetriebe heranbilden und den einfachen W., welche vielfach nur bei einjährigem Kursus durch Abend- und Sonntagunterricht Arbeitern oder Werkfübrern Gelegenheit zur Fortbildung in ihren Fächern geben. Nach einem vom Geheimen Oberregierungsrat und Vortragenden Rat im kgl. preuss. Ministerium für Handel und Gewerbe 0. Simon herausgegebenen. Ueberblick „Ueber das gewerbliche Fortbildungs- und Fachschul¬ wesen in Deutschland“ Berlin 1903, sind zurZeit die wichtigsten Textil¬ fachschulen : 1. In Preussen: zu Aachen: (höhere Fachschule für die AVollenindustrie, Abteilungen für Spinnerei, Weberei, Färberei, Appretur, StopfereiT Dessinateure), Barmen: (höhere F. für Wreberei, Klöppelei, Spitzenfabrikation, Stickerei, Besatzkonfektion, Musterzeichnen, Färberei), Berlin: (höhere F. für AVeberei, Färberei, Wirkerei, Posamentiererei, Stickerei, Musterzeichnen, AVäsche-, Kleider- und Mäntelkonfektion), Kottbus: (höhere F. für die Wollenindustrie,. Abteilungen für Weberei, Färberei, Appretur, Stopferei, Dessinateure), Kre¬ feld: (höhere F. für die Seiden- und Sammetindustrie, Abteilungen für Spin¬ nerei, Weberei, Färberei, Appretur, Stickerei, Musterzeichnen), MünchenGladbach: (höhere F. für die Baumwollenindustrie, Abteilungen für Spinnerei, AVeberei, Färberei, Appretur), Sorau: (höhere F. für die Leinenindustrie, Ab¬ teilungen für Flachskultur, Spinnerei, Seilerei, Weberei, Färberei, Appretur, Musterzeichnen, Handarbeiten, AVäsche- und Kleiderkonfektion), Forst: (F. für die AVollenindustrie, Abteilungen für AVeberei, Färberei, Stopferei, Dessi¬ nateure), Sommerfeld und Spremberg: (F. für die AVollenindustrie, Ab¬ teilungen für Weberei), Mühlhausen in Th.: (F. für die AVollen- und Halb¬ wollenindustrie, Abteilungen für AVeberei und Wirkerei), Ronsdorf: (F. für Bandwirkereien), Langenbielau: (F. für die Leinen- und Baumwollenindu¬ strie, Abteilungen für AVeberei, Färberei, Stickerei und Wäschekonfektion), Bramsche: (F. für die Leinenindustrie, Abteilung für AVeberei), Eupen: (F. für AVollenindustrie, Abteilung für Weberei). Ausserdem gibt es 7 Fach¬ schulen für Handstickerei in Schlesien. 2. In Sachsen: 27 Fachschulen für Weberei, Wirkerei und Posamen¬ tiererei, davon aber nur 5 Webe- und 1 Wirkschule mit Tagesunterricht (Chemnitz, Grossschönau, Seifhennersdorf, AVerdau, Zittau, Limbach). Ausser¬ dem 28 Klöppelschulen und 1 Stickschule. 3. In Bayern: Webeschulen zu Münchberg, Lambrecht, Passau; Stick¬ schule zu Enchenreuth • Klöppelschule zu Stadlern. 4. In Württemberg: Fachschule für Spinnerei, AVeberei und AAGrkerei zu Reutlingen, Webeschulen zu Heidenheim, Laichingen, Sindelfingen; Strick¬ schule zu AVolfschlugen. 5. In Hessen-Darmstadt: AVebeschule zu Lauterbach. 6. In den Fürstentümern Reuss: Webeschulen zu Greiz und Gera. 7. In Elsass-Loth ringen: „Spinn- und AVebeschule zu Mül¬ hausen“. Die Schweiz besitzt eine Seidenwebeschule zu Wattwyl. Zu den ersten und auch bedeutendsten österreichischen AVebeschulen zu Reichen¬ berg in Böhmen (gegründet 1852), Brünn (1860), AVien und Bielitz sind nach 1870 mehr als 20 andere derartige Fachschulen hinzugekommen. Webkante, soviel wie Salleiste (s. d.). Webstich, s. Stickerei. Wechsellade, eine Webstuhllade, in welcher abwechselnd mit mehreren Schützen gewebt werden kann.
634 W eckelsdorf—W einlaub Weckelsdorf, Marktflecken in Böhmen: Leinen- und Baumwollweberei, Leinwand- und Garnbleiche. Weende, Dorf im preuss. Reg.-Bez, Hildesbeim: Wollspinnerei und -Weberei. Wefel (engl.: weft = Webel), Wefelspulen, Spulen zum Aufwickeln der Schussfäden. Weft, in der Weberei baumwollenes Scbussgarn. Wegberg, Dorf im preuss. Reg.-Bez. Aachen: mechanische Leinenweberei und Flachsbau. Wegscheid, Marktflecken im bayr. Reg.-Bez. Niederbayern: Leinen¬ industriegenossenschaft; Leinen- und Damastweberei, Seiden- und Madrastücherfabrikation. Wehen, Dorf im preuss. Reg.-Bez. Wiesbaden: Wollspinnerei und Wollwarenfabrik. Wehr in Baden, Dorf im bad. Kreis Lörrach: Buntweberei, Zeugdruckerei und Färberei, Wollplüschfabrikation. Wehrsdorf, Fabrikdorf in Sachsen: bedeutende Leinenweberei, Jacquard¬ weberei, Bleicherei usw. Weida, Stadt in Sachsen-Weimar-Eisenach: Woll- und Baumwollwarenfabrikation, Teppichwebereien. Weiden, Stadt im bayr. Reg.-Bez. Oberpfalz: Fabrikation von Rasch. Weife, ein Haspel zum Aufwinden, daher das W e i f e n des Garns. Weihei, ein Stück Zeug, das die Nonnen über den Kopf legen, und das den obern Teil des Gesichts fast ganz bedeckt. Weil in Baden, Dorf im bad. Kreis Lörrach: Seiden- und Baumwoll¬ färberei und -appretur. Weilburg, Kreisstadt im preussischen Abb. 342. Reg.-Bez. Wiesbaden: Wollspinnerei und Färberei. Weilderstadt, Stadt in Württemberg: Wollzeugweberei, Kunstbleiche, Färberei; Fabrikation von Teppichen und Decken. Weiler im Allgäu, Marktflecken im bayr. Reg.-Bez. Schwaben: Segeltuch- und Leinenweberei. Weiler bei Thann, Dorf im Bezirk Obereisass: Baumwollspinnereien und We¬ bereien. Weimar, Hauptstadt des Grossher¬ zogtums Sachsen-Weimar-Eisenach: Kamm¬ wollspinnerei, Fabrikation von Tuch und Leinwand. Weinfelden, Marktflecken im Schweiz. Kanton Thurgau: mechanische Weberei und Stickerei. Weingarten in Württemberg, Stadt im württ. Donauki-eis: Leinen und Strumpf¬ weberei, Flachs- und Hanfspinnerei. Weinheim, Stadt im bad. Kreis Mann¬ heim : Leinenweberei, Seidenzwdrnerei und -fäi’berei. Weinlaub, Weinornament (fimz.: vigne, pampre; engl.: pampre), gebildet aus dem edlen Weinstock oder der edlen Rebe (vitis vinifera, Abb. 342), welcher der Alten W eit angehört. Schon im Altertum sehr beliebt als Ornament •(Abb. 27, S. 34), in frühcliidstlicher Zeit in Andexxtxxng der evangelischen Gleichixisse vom W einstock xxnd der Rebe. In demselben Sinn wird auch
Weinlaub—Weipert. 635 Christus häufig als Weinstock dargestellt. Die frühchristliche Zeit bringt das Motiv in koptischen Wirkereien häufig zur Darstellung als Ranke (Abb. 1 auf Taf. I), sowie in selbständiger Erscheinung oder als Endigung der spitzovalen Gewandaufsätze (Abb. 78, S. 196). Das eigentliche Mittelalter lässt Wein¬ stock und Rebe im Stoffmuster seltener hervortreten; erst die Gotik nimmt dieselben wieder auf in den Kreis ihrer vegetabilischen Kunstformen, so dass am Ende des 14. Jahrh., für kirchliche Zwecke angefertigt, eine ganze Reihe von Geweben mit dem Weinblattmuster erscheinen, die in Italien ihren Ur¬ sprung haben (Abb. 343). Gleichzeitig kommen in kirchlichen Leinenstickereien Motive derselben Art vor (Abb. 96. S. 225), die wohl immer in Anlehnung an die ursprüngliche christliche Symbolik Anwendung gefunden haben. Die folAbb. 343. genden Stilperioden nehmen daran keinen Anteil und das Vorkommen von Weinranken und Trauben in der Empirezeit (Abb. 64, S. 175) ist auf die Nachahmung derselben aus der Antike zurüchzufiikren, wo diese Kunstformen im Sinne bachantischer Deutung aufzufassen sind. Abbildungen: 342. Darstellung von vitis vinifera aus: Lobelius a. a. 0., Antwerpen 1581. 343. Darstellung aus: Gewerbehalle, Stuttgart 1882: Seidengewebe, Grund rot, Muster grün: Feine Ranken bilden reihenweis versetzte herzförmige Felder, in welchen je ein Weinblatt; dazwischen Trauben, Blattranken und Vögel. Italien 14.—15. Jahrh. Weipert, Stadt in Böhmen: Fabrikation von Spitzen, Posamentier-, Wirk-, Seiden- und Halbwollwaren. W. ist Stapelplatz der Posamentenindustrie (Hausindustrie) Oesterreichs.
636 W eissenburg—W erg, Weissenburg, Stadt im bayr. Reg.-Bez. Mittelfranken: Fabrikation von Gold- und Silberdraht, Borten, Tressen und Tuch. Weissenburg, Stadt im Bezirk Untereisass: Strumpfwarenfabrikation, Färberei. Weissfärben, den von allen Verunreinigungen befreiten und gebleichten Stoffen einen schwachen Farbenton zu geben; so färbt man Seide mit Orseille pariserweiss und mit Blauholzkomposition perlweiss, Tuche mit Schlämmkreide weiss, während Wolle durch Bleichen und Bläuen eine schöne weisse Farbe erhält. Weisskirchen, Stadt in Mähren: Hanfspinnerei, Fabrikation von Tuch, Seidenzeug, Flanell und Strumpfwaren. Weissstickerei, weites Gebiet weiblicher Handarbeit, das als Wäsche¬ ausstattung weiss in weiss in Erscheinung tritt und daher so bezeichnet wird. Technisch und künstlerisch bat sich die W. aus den Vorläufern der Spitzen¬ industrie auch für andere Zwecke erweitert; in welchem Falle ihre Erzeugnisse aber denjenigen der Leinenstickerei eingeordnet werden. Als die ältesten W. sind wohl die in weissem Garn gestickten Schleier aus Byssus (s. d.) zu be¬ zeichnen, deren farbloses Muster auf eine transparente Wirkung angelegt war. Diesem Zwecke genügte die W. auch auf kirchlichen Vorhangdecken (Corporale und Velum) der romanischen Periode. Als aufgelegte Muster in dicken Spitzenstichen erscheint die W. bis in das 15. Jahrb. hinein. Die Renaissance lässt sie mit der Entwickelung der Spitze Hand in Hand geben (vgl. Taf. X). Im 18. Jahrb. beginnt die gestickte Spitze ihre Entwickelung, die Vorliebe für dergleichen erweitert sich bis zu den breitesten Besätzen an Frauenröcken; auch Nackentücher (Abb. 43, S. 60) mit den reizvollsten Phantasieblumen auf Batist werden modern. Die Ausstattung des Täuflings wurde ganz und gar in Weissstickerei (sogen. Pikeearbeit) ausgeführt, deren letzte Reste heut noch bewahrt geblieben sind. Die neuere Zeit bat in der Madeira-, Venetianer-, Richelieu- und noch anderen Arten der W. neue Verzierungsarten zugeführt. (Vgl. den Artikel unter Stickerei.) Weiss waren ist der Sammelname für alle ungefärbten baumwollenen Gewebe, wie Musselin, Gaze, Schirting, Drell usw., sowie die gemusterten, broschierten usw. Gardinen- und anderen Stoffe und endlich für alle Weiss¬ stickereien, -näliereien usw. Die Hauptsitze der Weisswarenfabrikation sind England, Schottland, Frankreich, die Schweiz, Württemberg, das sächsische Vogtland und andere Gegenden von Deutschland. Die Weissstickereien kommen besonders in grosser Menge aus dem sächsischen Vogtland, wo wieder Plauen den ersten Rang einnimmt. Wellbaum, am Posamentierstukl die Holzwalze, auf welche das Fertige aufgewickelt wird. Wellingborough, Stadt in der engl. Grafschaft Northampton: Seiden¬ spinnerei, bedeutende Spitzenfabrikation. Wells, Stadt in der engl. Grafschaft Somerset: Strumpfwirkerei, Fabri¬ kation von Spitzen und Wollwaren. Wenew, Stadt im russ. Gouvernement Tula: Seidenzeug- und Segeltuch¬ fabrikation. Werdau, Stadt in der sächs. Amtshauptmannschaft Zwickau: Vigogneund Kammwollspinnerei, Streich- und Kammgarnweberei, Tuch- und Buckskin¬ fabrikation, Appreturen für Wollwaren, Färberei. Webeschule. Werden, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Düsseldorf: Streichgarnspinnerei, Tuchfabriken, Seiden-, Leinen- und Wollweberei, Färberei und Zeugdruckerei. Werft, s. v. w. Kette eines Gewebes. Werg, Wercb, W errig, Heede (franz.: l’etoupe; engl.: tow), sind die wirren Fasern von Hanf oder Flachs, welche in den Hecheln Zurückbleiben und noch ein nutzbares Nebenprodukt abgeben, das zu Garn versponnen wird, wobei es aber gleich der Baumwolle erst gekratzt oder kardiert werden muss. Dieses Garn verwebt man zu groben Leinen wie Sack- und Packleinwand, auch mischt man es häufig zu reinem Flachs- und Hanfgarn wie geringem
Werk—Wien. 637 Wollgarn, und in England spinnt man auf besonders konstruierten Maschinen aus demselben das sogen. Towgarn. Die schlechteste Sorte W. wird zum Kalfatern von Schilfen benutzt, eine etwas bessere findet in der Seilerei V erwendung. Werk, in der Weberei s. v. w. Geschirr. Werkseide = Wattseide. Wermelskirchen, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Düsseldorf: Fabrikation von Baumwoll- und Seidenband, Seiden-, Halbseiden- und Halbwollstoffen, Plüsch, Lasting und Leibwäsche; Plüschfärberei. Wernigerode, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Magdeburg: Wollzeug- und Leinenweberei, Fabriken für Baumwollwaren. Werther, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Minden: Flachsbau sowie lebhafter Handel mit Flachs und Leinen. Weserleinen nennt man die verschiedenen Sorten Flachsleinen, Halb¬ flachsleinen und Hedeleinen, welche an den verschiedenen Ortschaften des Wesergebietes in Hannover, Braunschweig, Westfalen gefertigt und über Ham¬ burg, Bremen, Amsterdam viel ausgeführt werden, besonders nach Amerika und Westindien. Wesserling, Fabrikort in Elsass-Lothringen: Gesellschaft für Baumwoll¬ spinnerei im Tal St. Amarin, Kattunfabrik. Western, ostindische Baumwollsorte. Westernhemd (vom lat. vestis; althochdeutsch Wester), das weisse Kleid, womit in der alten Kirche der Täufling bekleidet wurde; in der protestantischen Kirche ein weisses Tuch, das während des Taufgebets und Segens über den Täufling ausgebreitet wird. Westfalen, Provinz im preuss. Staate. Obenan stehen die Bearbeitung des Flachses zu "Garn und Leinenzeugen und die sonstige Textilindustrie. Der eigentliche Sitz der letzteren ist schon seit dem 14. Jahrh. zwischen der Lippe und Weser. Im Ravensbergischen, in und um Bielefeld (s. d.), welches schon damals der Handelssitz für Garn und Leinwand war, wird die berühmte feine Leinwand gefertigt. Auch die Wollweberei, Strumpf- und Bandfabrikation, Tuch- und Baumwollbranche ist bedeutend. Westfälische Leinwand nennt man im Handel die in Westfalen und der Rheinprovinz in Städten und Dörfern aus selbst erbautem Hanf und Flachs gewebten Leinen, welche als Bielefelder, Tecklenburger, Steinhäger, Ravens¬ berger, Warendorfer, Osnabrücker, Essener, Münstersche, Lippesche, Paderborner, Rhadener, Weserlinnen, Aarlinnen bekannt sind. Sie werden in ver¬ schiedenen Sorten gefertigt und haben wegen ihrer inneren Beschaffenheit, Güte und Preiswürdigkeit fast auf allen europäischen Märkten einen guten Ruf. West-Houghton, Stadt in der engl. Grafschaft Lancashire: Seidenfabrik, Druckerei und Baumwollspinnerei. Wetteren, Stadt in der belgischen Provinz Ostflandern: Fabriken für Leinen- und Wollzeuge und Spitzen. Musterwerkstätten für Jacquardweberei und Handel mit Flachs und Leinwand. Wevel, in der mittelalterlichen Webersprache der Einschlag oder Schuss. Wheeling, Hauptstadt des nordamerik. Staates Westvirginien: Fabriken für Seiden- und Baumwollwaren. Whitney, Marktstädtchen in der engl. Grafschaft Oxford: Wollweberei, besonders von guten Wolldecken, Fabrikation von Filz und Handschuhen. Wickelstich, s. Nähen. Wickelwolle, s. Angorawolle. Wickrath, Flecken im preuss. Reg.-Bez. Düsseldorf: Baumwollspinnerei und Fabrikation von Leinen- und Baumwollwaren. Wien, Hauptstadt des österreichischen Kaiserreichs: die Erzeugung von Seidenwaren, besonders Modestoffen (82 Betriebe, 1041 Arbeiter), Bänder (32 776), türkische Kappen, Betten und Wäsche, Schirmen, Kleidern (bedeutende Ausfuhr nach dem Orient, 6172 Betriebe, 24991 Arbeiter).
638 Wien er-N eustadt —W inzenheim Aus dem 17. Jahrhundert wird über Seidenmanufakturen berichtet, welche der Nationalökonom Becher ins Leben rief; deren Bestehen aber nur von kurzer Dauer war. Auf dem Tabor in W., der 1676 angelegt wurde, bestanden zwei Bandmühlen, von denen mit der Belagerung (1683) jede Spur verloren ging. — Zur Förderung der Spitzenindustrie berief Kaiser Franz um die Mitte des 18. Jahrhunderts Brüsseler Arbeiterinnen. Das K. K. österr. Museum für Kunst und Industrie (Direktor: Prof. Dr. v. Scala), gegründet 1864, enthält eine reiche Stoffsammlung, deren Inhalt durch die Veröffentlichungen von Dr. Moriz Dreger (s. u. Stoffsamm¬ lungen) bekannt gegeben wird. Wiener-Neustadt, Stadt im Erzherzogtum Oesterreich: Fabriken für Sammet- und Seidenwaren. Wilkau, Industriedorf in Sachsen: grosse Sammetgarn- und Streichgarn¬ spinnerei, Buntstickerei. Willich, Dorf im preuss. Reg.-Bez. Düsseldorf: Seidenweberei, Yelvetschneiderei. Wilmslow, Stadt in der engl. Grafschaft Chester: Seiden- und Baumwollwarenfabriken. Wilton, Stadt in der engl. Grafschaft Wiltshire: einst Hauptsitz der Teppichfabrikation. Wiltonteppiche sind Axminsterteppiche (s. d.). Wilz, Stadt im Grossherzogtum Luxemburg: Wollspinnerei und Tuch¬ fabrikation. Wimborne Minster, Stadt in der engl. Grafschaft Dorset: Wollzeugund Strumpfweberei. Winde, Pflanzengattung aus der nach Abb. 344. ihr benannten Familie der Convolvulaceen mit gegen 150 über die ganze Erde ver¬ breiteten Arten. Die Blumenkrone ist trich¬ terförmig (Abb. 344), die Blüte erscheint in weisser, rötlich oder bläulich schattierten Farben an einem sich schlingenden Stengel mit spiessförmigen Blättern. Blumen und das mit ihnen verbundene Geranke haben für die Plattstichstickerei und für die Kunstweberei in Broschierarbeit am Ende des 18. Jahrh. vielfach als Kunstform Anwendung gefunden. Sie kommen häufig als Bortenbesätze auf französischen oder spanischen Kostümteilen vor, woselbst sie sich den antikisierenden gewundenen Schnü¬ ren und Gehängen anpassen. (Abb. 345.) Abbildungen: 344. Darstellung einer Winde aus Lobelius, plantarum a. a. 0. . . . 345. Darstellung aus: Heiden, Muster¬ atlas, Leipzig 1896, Blatt 107: Teil der ge¬ stickten Borte eines Frauenrockes im Stile Louis XVI. Spanien oder Frankreich, Ende 18. Jabrh. Winterthur, Stadt im Schweiz. Kan¬ ton Zürich: zu den wichtigsten Industrie¬ zweigen gehören die Baumwollindustrie (Spinnerei, Zwirnerei, Weberei, Bleicherei, Färberei), Seidenweberei und Stickerei. Bedeutender Handelsplatz. Winzenheim, Hauptort des Kantons W. im Bez. Obereisass: Baumwoll¬ spinnereien und Webereien.
Wipperfürth —Wirkwaren. 639 Wipperfürth, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Köln: vier Wollspinnereien,, drei Tuchfabriken, je eine Fabrik für Kunstwolle und Holzwolle. Wippchenlade ist eine Brosckierlade. Wirkerei, s. Bildwirkerei, Kilim, Wandteppiche. Wirkschulen, s. Webeschulen. Wirksworth, Stadt in der engl. Grafschaft Derby: Baumwollmanufaktui', Fabrikation von Gingans. Wirkwaren, Gewirke, Strumpfwaren (engl.: knitted web, stocking böse; franz.: tricotage, bas, bonneterie; span.: medias), eigene Arten von Zeugen, welche nicht aus einem durch gekreuzte Fäden gebildeten Gewebe, sondern aus ineinandergreifenden Maschen bestehen, wozu ein einziger Faden den Stoff geliefert hat, und welche demnach auch durch blosses Ziehen an diesem Faden wieder ganz aufgetan werden können; nach Art der Maschenbildung unter¬ scheidet man Kulierwaren (fast genau so, wie beim Stricken mit der Hand) und Kettenwaren. Wirkwaren sind demnach Maschengewebe (tissu ä maileloqse fabrics), die durch Reihen gleicher, nebenander liegender Fadenschleifen gebildet und untereinander verschlungen sind. Derartige Stoffbildungen oder Maschengewebe werden auch hergestellt durch Stricken und Häkeln. Aus dem Abb. 345. Stricken (s. d.) ging die Maschinenwirkerei hervor, indem Lee 1589 in Eng¬ land hierzu eine sinnreiche Maschine, den gewöhnlichen Strumpfwirkerstuhl erfand, welcher dasselbe Maschenwerk wie die Hand liefert, aber fiuf andere Weise, ohne irgendwie die Handgriffe des Strickens nachzuahmen. Auf den gewöhnlichen Strumpfstühlen können nur breite Flächen gewirkt werden, die dann, wenn sie runde schlauchartige Stücke geben sollen, zusammengenäht werden müssen. Man hat jetzt aber auch Strumpfmaschinen (von F. A. Eisen¬ stuck in Chemnitz erfunden), welche selbsttätig hohle Stücke, wie Strümpfe, Hosen, Socken, Mützen u. dgl. ganz fertig und richtig geformt abliefern (reguläre Ware). Auch die Breitwirkstühle sind in Sachsen sehr vervoll¬ kommnet worden. Ausserdem sind zu dem Maschinenapparat noch hinzu¬ gekommen die Rund Stühle, welche hauptsächlich der Massenherstellung wohlfeiler Baumwollstrümpfe dienen und zumeist von Stuttgarter Fabriken in Mengen hergestellt werden. Dieselben erzeugen nur gleichweite Schläuche, welchen durch Zerschneiden, Ausschneiden, Zusammennähen und endlich feuchtes Ausarbeiten über hölzernen Formen eine dauerlose Strumpfform gegeben wird (geschnittene Ware). Die französischen Rundstühle sind vorzüglicher und leistungsfähiger als die englischen. Die Maschinenbauerei hat auch für Strick¬ maschinen zum Hausgebrauch gesorgt, der früheren Goffeschen ist jetzt die Lambsche gefolgt, deren Leistungen sehr gelobt werden. — Gute W. müssen elastisch sein, sich dem Körper eng anschmiegen und dabei so dicht sein, dass sie eine vollkommene Decke bilden; sie heissen in diesem Falle nicht ge¬ schlossene, sondern gezwungene oder hungerige; ist der Faden zu
640 Wirkwaren. stark und die Ware infolgedessen zu dick und dicht, volle oder völlige. Hinsichtlich des Materials, wie der Arten und Sorten von W. besteht eine grosse Mannigfaltigkeit; man verarbeitet Wolle, Baumwolle, Leinen und Seide, letztere beiden Stoffe namentlich zu Strümpfen und Handschuhen; auch ver¬ wendet man in neuerer Zeit viel Shoddygarne. Die wesentlichen Teile des Kulie r s tuhl e s , welche sich gegenseitig ergänzen und die Wirkerei nach verschiedenen Methoden bewerkstelligen, sind: die Nadel, die Platine und die Presse. Die Verrichtungen zur Bildung einer neuen Maschenreihe bestehen in dem Anschlägen, Orlet-Schlagen oder dem Einschliessen. Ferner kommen hinzu: das Kulieren, das Verteilen oder Partagieren, das Vorbringen der Schleifen, Ausstreichen des Platinenwerks, Pressen der Nadeln, Aufträgen der Ware, Ab¬ schlagen der Ware. Vom Handwirkstuhl werden unterschieden: Rösschen-, Walzen- und Handkulierstuhl ohne Schwingen. Reguläre Kuli er waren erhalten ihre Gestalt als Gebrauchsgegenstand während des Wirkens; als geschnittene Waren werden sie aus grossen Stoffstücken herausgeschnitten, entweder mit der Hand, oder mittels Schneidstempel heraus¬ geschlagen oder durch Schneidformen zwischen Pressen. Nach Art der Maschen¬ form unterscheidet man: Glatte und gemusterte W are. Glat t e K ulie rware mit der einfachsten Maschenform wird bisweilen mit einer Futterdecke versehen. (Eingekämmte Ware oder Pelz.) Auch können Farbmuster in mannigfaltiger W eise erzeugt werden (Ringelware, langgemusterte, Jacquard¬ ware, unterlegte Farbmuster), pattierte Ware und überdruckte und auf¬ genähte Verzierungen durch Sticken, Brodieren oder Bordieren (broder — embroider). Gemusterte Kulierwaren mit Erhöhungen, Fadenanhäufungen oder Oeffnungen in der Ware bedürfen zu ihrer Herstellung besonderer Maschinen, der Maschinenstühle, und heissen daher auch Maschinenwaren. Die Ränder¬ oder Fangmaschine mit 2 Nadelreihen liefert: 1. sog. Rechts- und Rechtsware, die man beim Handstricken erhält, wenn eine Masche glatt, die nächste ver¬ kehrt gestrickt wird, auch Ränderware. 2. Fangware, bei der einzelne Doppel¬ maschen gebildet werden, 3. Links- und Linksware, Strickware, 4. Fangplüsch. Mittels der Pressmaschine, Blechmaschine werden Pressmuster erzeugt, unter Anwendung verschiedener farbiger Fäden Farbpressmuster. Die Stech- oder Petinetmaschine liefert durchbrochene Waren, ebenso in weitgehender Weise die Deckmaschine, Haken-, Kanten-, Bajonett-, Ananas- oder Tüllmaschine. Durch Decken oder Aufdecken, Ueberhängen einzelner Maschen auf andere Nadeln mittels der Nadeln einer Deckmaschine werden dichtere Stellen und lockere Stellen mit Oeffnungen abwechselnd erzeugt, sodass freie Muster entstehen oder regelmässig wiederkehrende (Ananas). Die Kettenwaren werden ebenfalls eingeteilt in glatte und gemusterte. Zu den glatten Kettenwaren gehören: 1. Dichte Waren, mit nur einer Maschine gearbeitet (halber, einfacher Trikot, einlegiger Atlas, Kettentuch und englisch Leder), 2. Dichte Kettenwaren mit zwei oder mehreren Maschinen gearbeitet (einfacher Trikot, Atlas [Atlastrikot], wollener Sammet, Plüsch, Pelz, Sammet [seidener Sammet], Trikot mit Futter, Tuch mit Futter); 3. Plattierte Ketten¬ waren; 4. durchbrochene Kettenwaren, Filetwaren; 5. Schusskettenwaren. Wirk¬ muster in Kettenwaren sind zumeist Pressmuster. Mech anische Wirkerei. Gegenüber den Handwirkstühlen, bei denen eine Reihe von Arbeiten durch den Arbeiter vorgenommen werden müssen, werden die einzelnen Arbeiten an den mechanischen Stühlen durch Zusammen¬ wirken der einzelnen Maschinenteile ohne Mithilfe des Arbeiters durchgeführt. Die mechanischen Kulierstühle werden als Rundkulierstühle gebaut. Man unter¬ scheidet nach der Nadelstellung französische und englische. Der Antrieb er¬ folgt ausser durch Elementarkraft häufig auch durch die Hand des Arbeiters. Besonderer Wert ist auf selbsttätige Abstellung bei Eintritt von Fadenbrüchen, Einlauf zu starker Fäden oder Verbiegen von Nadeln gelegt. Durch Abände¬ rung und besondere Zutaten an den Stühlen, wird die Herstellung der übrigen
Wirkwaren. 641 Wirkwaren auch auf Fundstühlen ermöglicht. Es werden gebaut: Französische Fundstühle für Plüschware und für Futterwaren; für Wirkmuster: die FundFänder- oder Fund-Fangstühle (genau nach dem Vorbilde des Handränderstuhls entstanden); Stühle für Links- und Linksware (auch Fundstrickstühle oder Fundleiern genannt); Fundstühle zum Wirken von Pressmustern. Englische Fundkulierstiihle werden gebaut, teils mit feststehenden, teils beweglichen Nadeln für glatte Waren; ferner Fundwirkstühle zur Herstellung von Wirkmustern, Fechts- und Fechts- und Fangwaren, durch kleine Aenderung auch für FangPerlware ; für Links- und Linksware und für Pressmuster. Flache mechanische Kulierstühle gelangten erst zu häufigerer Einführung, nachdem sie mit selbst¬ tätiger Windevorrichtung und zur Herstellung regulärer Waren eingerichtet wurden. Sie sind auch zur Herstellung von Wirkmustern als Fänder- und Fangstühle, sowie für Links- und Linksware. Dagegen sind Pressmuster an flachen mechanischen Stühlen nicht so leicht herzustellen als an Puudstühlen. Von Deckmaschinenmustern wird nur das Ananasmuster mechanisch her¬ gestellt. (Vgl. Willkomm, Technologie der Wirkerei.) Mechanische Kettenstühle zur Herstellung fast ausschliesslich grosser Stoffstücke sind fast nur als flache Stühle in Verwendung. Flache mechanische Kettenstühle für glatte Waren ähneln in ihrer An¬ ordnung ganz den Handstühlen, werden aber auch mit Jacquardgetriebe (Me¬ chanismus wie in der Weberei) gebaut. Von den flachen mechanischen Kettenstühlen zur Herstellung von Wirkmustern, Fänder- und Fangmustern hat der Fangkettenstuhl (Fasche 1- oder Polkamaschine) weitgehende Verwendung gefunden. Strickmaschinen sind Wirkmaschinen, bei denen die Maschenbildung und die Vollendung der Produkte nach Art des Handstrickens geschieht. Die Fundstrickmaschinen ermöglichen die Herstellung der Strumpflänge, <les Fusses und der Ferse auf maschinellem Wege. (Fundstrickmaschine von Mac Narry.) Eine Verbesserung der amerikanischen Tuttlemaschine ist die Fundstrickmaschine von Biernatzki, beides Abänderungen der Bickfordmaschine und zwar kann mit diesen Verbesserungen auch Fechts- und Fechtsware ge¬ arbeitet werden. Am besten entspricht die Strickmaschine von S. W. Lamb dem Bedürfnisse, Strümpfe mit Ferse und Spitze herzustellen, eine flache Strickmaschine, bei der die Nadeln durch Schlossdreiecke oder Heber bewegt werden. Mit ihr lassen sich Wirkwaren mannigfachster Art herstellen, ausser Fingelware auch Fänderware, Zwei- und Zweiränderware oder Patentränder, sowie Fangware und Pressmuster. Zur Herstellung von Links- und Linksware werden von M. Ulbricht und Strickmaschinenfabrik in Kappel Maschinen mit Doppelhakennadeln hergestellt. Nur in seltenen Fällen sind die als reguläre Ware benannten Gegen¬ stände einteilig, sondern sie werden meist aus mehreren Teilen zusammen¬ gefügt, die auf der Wirkmaschine so geformt sind, dass sie ohne Zerschneiden mit ihren Kanten an einander genäht werden können. Die zu verwendenden Nähte müssen hierbei, ebenso wie bei den geschnittenen Waren, ebenso elastisch sein wie die Ware selbst. Derartige Nähte sind: die Halbenglische Naht oder gewöhnliche Schlingennaht; die Polnische Naht; die Türkische Naht; die Deutsche Naht und die Englische Naht. Ein fabrikmässiger Betrieb der Wirkerei für den Export findet nament¬ lich in England, einigen Gegenden Deutschlands und in Frankreich statt; in England, als dem ältesten Sitze der Industrie, ist dieselbe sehr umfangreich und ausgebildet. Frankreich zeichnet sich nur durch den speziellen Artikel seidener Strümpfe, sowie Theatertrikots aus Seide und Baumwolle aus, worin es unerreicht dasteht. In Deutschland wird hauptsächlich die Herstellung von W. betrieben in Sachsen (Gegend von Chemnitz); es werden dort vorzugs¬ weise baumwollene Strumpfwaren, sowie wollene, baumwollene, leinene und seidene Handschuhe gefertigt. Aus Burgstädt kommen besonders feine sei¬ dene, wollene und baumwollene Jacken, in welchen Artikeln auch Stuttgart Hervorragendes leistet, ebenso Stollberg und Oelsnitz. Für Wollenartikel ist Heiden, Handwörterbuch der Textilkunde. 41
Wischau—Wollbärte 642 Apolda in Thüringen die bekannte Hauptstadt, ausserdem ist Zeulenroda zn nennen, ferner Nürnberg, Erlangen, Calw und Reutlingen. Wischau, Stadt in Mähren: Schaf- und Baumwollindustrie. Witney, ein englischer schmaler Calmucs. Witney-blankets sind englische wollene Bettdecken. Wittenberg, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Merseburg: Fabrikation von Strumpfwaren, Leinenwaren und Segeltuch; die ehemals bedeutende Tuchfabrik ist eingegangen. Wittenberge, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Potsdam: Woll-, Tuch- und Shoddyfabrikation. Wittgensdorf, Dorf in der sächs. Amtshauptmannschaft Chemnitz: Baumwollspinnerei, Fabriken für Strumpfwaren und Handschuhe, je zwei grosse Bleichereien und Färbereien. Wittstock, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Potsdam: drei Tuchfabriken, Spinnereien und Färbereien. Wladimir, Gouvernement in Russland: bedeutende Baumw ollmanufakturen, Färbereien, Tuch- und Leinwandfabriken. Wlamek, s. Ravenstuch. Wogenband, Wasserwogenband, Wellenband, laufende Welle, laufender Hund (vgl. Abb. 346 a), einer der griechischen Ornamentränder, wie der Zinnigenabschluss (b), das Torusband (c) und die Perlscbnur (d). Die Ent¬ stehung der als freie, an einander gereihte Krönung erscheinenden laufenden Welle ist wohl eine rein geometrische oder eine Uebersetzung der einfachen Mäanderlinie ins Runde. Nahe liegt auch die Bildung derselben in der Flechterei und Wirkerei, woselbst das Ornament als Abschlussborte in den einfachsten Arbeiten (Abb. 232, S. 396) aus der Technik heraus entwickelt erscheint. In gleicher Entstehung kommt das W. vor auf gewirkten orienta¬ lischen Teppichen, ganz besonders enthält eine Art von Sumakhdecken das Motiv. (Vgl. auch die Randborte in Abb. 111, S. 237.) Abbildung: 346. Darstellung aus: Katalog der Gewebesaramlung des Germanischen National¬ museums in Nürnberg, Teil 1, Nr. 213: Bruchstück einer Wirkerei mit Rändern ab¬ wechselnd bunt gemustert; frühmittelalterlich. Woiloks, in Russland aus Filz und Rinderhaaren verfertigte Decken, welche zum Belegen des Fussbodens in Zimmern dienen. Sie werden in ver¬ schiedener Grösse besonders um Kaluga und in Sibirien gefertigt und zumeist über Archangel verschifft. Wolf, Vorbereitungsmaschine der Spinnerei, kommt als Klopfwolf und Reisswolf oder Oeffner in der Baumwollspinnerei vor. In der Wollspinnerei wird auch ein Krempelwolf und ein Klettenwolf angewendet. Wolkenmuster (lat.: nubiatum; franz.: nebule, nuees; engl.: nebuly), als Kunstform auf orientalischen Geweben, Stickereien und Teppichen des 16. und 17. Jahrh. sind keine seltenen Erscheinungen. Man setzt den Ursprung derselben nach China, wo das Motiv schon frühzeitig im Flachmuster Ver¬ wendung findet und sich auf die persische Kunst überträgt. Hier erfährt die Form im Teppich oft eine besondere Gestaltung (Abb. 325, S. 569), die im Webemuster (Abb. 347) sich einfacher dai’bietet. Auch die sog. buddhistischen Kugeln, welche in Gruppen zu dreien das Wolkenmuster häufig begleiten, sind von China her übernommen. Abbildung: 347. Originalaufnahme aus dem Kgl. Laildesgewerbemuseum in Stuttgart: Seidengewebe, abweehselnd in weissen und bunten Streifen gemustert: die ersteren mit den buddhistischen Kugeln, die anderen mit dem Wolkenornament. Persien oder Türkei 17. Jahrh. Wollbärte oder Barttuch ist ein tuchartiges, gewalktes langen glänzenden, gewalkten Wollfasern (Angorawolle) auf Zeug mit sehr der Oberfläche.
W olldecken—W olle. 643 Es wird beim Gebrauch in etwa handbreite Streifen zerschnitten und an das Schauende der Tuche genäht zur Verzierung. Wolldecken werden aus Wollengarn und zuweilen auch mit baumwollener Kette in allen möglichen Farben, Mustern und Formen zu den verscbiedensten Zwecken fabrikmässig angefertigt. Wolle (franz.: laine; engl.: wool; Abb. 346. ital.: lana), die eigenartige Haardecke des Schafes, ist schon vom Altertum her (s. Geschichtliches) ein wichtiger Artikel a als Bekleidungsstoff gewesen und mit der Zeit ein Weltartikel von grösster Bedeu¬ tung geworden. Anfangs verarbeitete man die W., wie sie die gewöhnlichen Schafe gaben, doch bestanden schon Sortenunter¬ schiede je nach den verschiedenen Län¬ dern, wovon namentlich die englische W. als die beste und längste galt, und es wurden grosse Mengen davon für die nie¬ derländischen Tuchmachereien ausgeführt, bis 1660 die Ausfuhr streng verboten wurde, eine Massregel, die sich bis 1825 erhalten hat. Vor etwa anderthalb hun¬ dert Jahren begann eine neue Periode in der Wolleproduktion durch Einführung der edlen spanischen Schafe, zunächst nach dem Kurfürstentum Sachsen, wes¬ halb die hier gezüchtete feine W. den Abb. 347. Namen Elektoralwolle erhielt. Die edlen spanischen oder eigentlich mauri¬ schen, aus Afrika stammenden Schafe bilden zwei Rassen, die eigentlichen Me¬ rinos, die Träger der Elektoralwolle, und die Negrettis. Die ersten sind Stallvieh und haben die feinste W., in¬ dessen die andere mit dichterem, kräf¬ tigem und nicht ganz hochfeinem Vliess aus jenen entstanden sind durch ein Wan¬ derleben, indem sie im Sommer in den Gebirgen von Altkastilien und Aragonien, im Winter in den Ebenen von Estrema¬ E dura und der Mancha geweidet wurden. Die W. der Schafe aus der Provinz Burgos heisst Burgalesas und ist meist rosa, selten weiss; die Cuencas wolle ist geringerer Qualität. Die W. der Negrittaschafe nennt man in Spanien I nfantadowolle und die aus Leon Leonesas. Nach dem Vorgänge Sachsens haben dann auch die übrigen Länder, Oesterreich, Ungarn, England, Frankreich, spanische Schafe aus Spanien oderDeutschland eingeführt und ihre Herden durch spanisches Blut veredelt, teils durch Me¬ rinos, teils durch Negrettis. Alle wirklichen Schäfereien halten jetzt mehr oder weniger veredeltes Vieh und man sucht durch Kreuzungen möglichst drei Ziele zugleich zu erreichen: Wollfeinheit, Wollmenge und Körperschwere. Da die Veredelung immer vom männlichen Tiere ausgeht, so sind edle Zuchtwidder sehr teuere Gegenstände. In England wird hauptsächlich auf grossen Schafen die lange, kräftige und glänzende Wolle gezüchtet, wie sie zu Kammgarn er-
644 Wolle. forderlich ist. Die Verpflanzung der spanischen Edelschafe ist nirgend besser gelungen als in Sachsen und einigen anderen Gegenden Deutschlands, jedoch nicht in allen. Hier ist die Merinowolle nicht nur ebenso gut, sondern meist besser, weicher und zarter als in ihrem Vaterlande, so dass man also in Deutsch¬ land tatsächlich die feinste A\r. antrifft und die Engländer, welche alle hoch¬ feine W. kaufen müssen und sie früher von Spanien nahmen, jetzt nur das Wenigste dort, sondern die Hauptmenge in Deutschland kaufen. Geschichtliches. Die Verarbeitung der Wolle zu Kleidungsstücken ist wohl in allen Ländern der gemässigten Zone der Verbreitung des Schafes auf dem Fasse gefolgt; überall in Vorder- und Mittelasien, in Aegypten, in Mittel- und Südeuropa finden wir Wollenweberei als uraltes Hausgewerbe. Ebenso alt war gewiss auch das heute noch bei den Kalmücken und Kirgisen gebräuchliche Verfahren, die Wolle mittels der Einwirkung heissen Wassers oder eines Leimes zu filzen. Die frühesten Nachrichten über die Wolle als einen der Hauptartikel der Industrie und des Handels weisen auf Babylon und Niniveh, woselbst die wichtigen Ausstattungen der Wohnräume daraus be¬ standen. Dass auch bei den Aegyptern die Wollenmanufaktur und die Teppich¬ wirkerei in grossem Umfange seit den ältesten Zeiten betrieben ward, davon geben uns die Nachrichten aus der Bibel Kenntnis. Babylonische Mäntel sollen in Syrien schon im 2. Jahrhundert getragen worden sein. Von da hat sich die Wollenweherei als ausgebildeter Industriezweig wahrscheinlich nach Phönizien und Kleinasien verbreitet. Den Griechen war die Wolle in der höchsten Kulturperiode der beliebteste Kleidungsstoff; der volle Faltenwurf derselben trat an die Stelle der gekniffenen und welligen Leinenzeuge. Besonderen Huf in der Herstellung von Wollenstoffen erlangten die Städte Milet, Samos, Korinth, Karthago, Tarent, auch die spanischen Städte Cartagena, Tarragona u. s. w. Ueberhaupt muss in den letzten Jahrhunderten des Altertums die Schafzucht in Spanien auf einer sehr hohen Stufe gestanden haben, denn der römische Geograph Strabo berichtet, dass ein ausgezeichneter Zuchtwidder mit 1 Talent, d. s. etwa 4700 Mark, bezahlt worden sei. Besonders gesucht war die natur¬ schwarze Wolle Spaniens. Nach den Berichten von „Dr. K. Weinhold, Nor¬ disches Leben, Berlin 1856“, war bei den Sachsen und Skandinaviern das Wadmal, ein grobes hausgemachtes Wollenzeug, das gewöhnlichste Tauschmittel und diente statt des Geldes. Man unterschied verschiedene Sorten, gewöhnliche und feinere, darunter auch gestreifte Stoffe. Sehr stark und dick war der Loden, dem ähnlich, wovon Plinius sagt, dass es dem Eisen und selbst dem Feuer Widerstand geleistet hätte. Noch derber war das Elockenzeug oder der Pilz. Die Strickwolle wurde in den baltischen und Nordseeländern seit frühesten Zeiten zum Stricken der meistens blauen grossen Strümpfe oder Hosen, der gemeinsamen Tracht für Frauen und Männer, benützt. In Friesland musste zu den Zeiten Karls des Grossen die Wollenweberei zu grösserer Vollendung gediehen sein, da friesische Mäntel von ihm als Geschenke in das Ausland ge¬ sandt wurden. Seit dem 10. Jahrh. wurden die deutschen Wollenmanufakturen berühmt und lieferten die Modestoffe. Von Deutschland aus zog sich die feinere Wollenweberei mehr nach Flandern und wurde durch den Schutz, den ihr Balduin III (gest. 1162) zu teil werden liess, besonders gepflegt. Er berief deutsche Weher und Spinner in seine Staaten zur Bereitung der feinsten Tuche und vorzüg¬ lich der fast ebenso hoch wie die Purpurseide geschätzten Scharlachtücher. Von Flandern und Belgien verpflanzte sich dann die feine Tuchfabrikation zunächst nach Florenz, dann auch nach den übrigen Städten Italiens, Mailand, Genua und Neapel. In Florenz blühte die Wollenweberei bereits im Anfänge des 14. Jahrh. Nach Giov. Villani waren 200 Gewölbe für Wollenverkauf schon damals in Florenz, wurden 70—80000 Stücke Tuch des Jahres gefertigt, während zwanzig Appreturanstalten jährlich für 30000 Goldgulden ausländisches Tuch verfeinerten. Während der bürgerlichen und darauffolgenden religiösen Un¬ ruhen in Flandern und Brabant wanderten viele der geschicktesten Wollen¬ weber nach fremden Staaten, die meisten nach England, ein Teil nach Deutsch¬ land. Ihnen verdankt England den Flor seiner Wollenindustrie. In der Mitte
Wollendrack —Wollengarne. 645 des 16. Jahrh., zurZeit Eduard III, flüchteten über 100 000 Wollenweber aus Flandern, meistens nach England. Frankreichs Tuchmanufakturen brachte vor¬ züglich Colbert in Aufnahme. In der Schweiz bestanden gleichfalls sehr alte Fabriken, die besonders zu Zürich blühten. Die altberühmten deutschen Wollen¬ manufakturen — so schreibt auch Gottfried Semper im § 41 seines Werkes: „Der Stil“ — wetteifern mit mehr oder weniger Vorteil mit den englischen und fran¬ zösischen. Gewisse Fabrikate, z. B. das für Stickereien, Posamentierarbeiten und Strickgewehe so notwendig lange Kammgarn, wird nirgends so schön bereitet und gefärbt wie in Norddeutschland. Die langhaarigen angoraartigen Schafe der Nordseeküste und der Haide liefern dazu den fast einzig geeigneten Bohstoff. Wollendruck, d. h. das Bedrucken von Wollenstoffen mit Mustern, ist erst gegen das Ende des 17. Jahrhunderts aufgekommen. Man legte den Stoff zwischen zwei genau aufeinander passende Formen, in welche dasselbe Muster ganz durchbrochen eingeschnitten war, goss auf die obere Form eine heisse Farbenbrühe, welche an den durchbrochenen Stellen den mit Weinstein und Alaun präparierten Stoff durchdrang und unten wieder abfloss (s. G o 1 g a sdruck). Bei dem, früher besonders in Mülhausen im Eisass angewandten, Ber ill druck (s. d.) bediente man sich heisser Messingformen und Farben, welche mit Beizen und Stärke oder Gummi verdickt waren; da diese Ver¬ dickungsmittel nicht wieder entfernt wurden, lagen die Farben erhaben auf: erhabener Druck. Im Jahre 1810 fing man in Sachsen an, die aufgedruckten Farben durch Dämpfe zu fixieren, mittels heisser Walzen usw., später durch Wasserdampf. Diese Methode ist dann im Laufe der Zeit viel¬ fältig ausgebildet und verbessert worden. S. Zeugdruck. Wollengarne werden auf zwei Arten aus verschiedenen Wollsorten her¬ gestellt, wonach man Streichgarn (engl.: woolen; franz.: laine cardee) und Kammgarn, auch Saye-, Sayet- oder Soyegarn genannt (engl.: worsted; franz.: laine peignee) unterscheidet. Als Streichwolle dient kurze, stark ge¬ kräuselte Wolle, als Kammwolle möglichst lange, nicht oder mir wenig ge¬ kräuselt. Hiernach und infolge der verschiedenen Behandlung erscheint das Streichgarn im Faden weich und rauh, wollig und dient zu tuchartigen ge¬ walkten Stoffen, während das Kammgarn glatt, dichter an Körper ist und zu glatten Zeugen, Tibets u. a. gebraucht wird. Für Streichgarn wird die ge¬ reinigte, auf Maschinen gelockerte und mit Oel gefettete Wolle, weiss oder für wollfarbige Tuche schon gefärbt, durch Krempelmaschinen zunächst in rollen¬ artige Tafeln verwandelt und schreitet dann weiter in ähnlicher Weise wie beim Verspinnen von Baumwolle (s. Baumwollengarn) zu Lunte, Vorgespinst und Feingespinst vor. Zum Behufe der Kammgarnspinnerei wird dazu die geeignete lange Wolle eingeölt und gekämmt, d. h. durch Beihen von heissen Stahlnadeln gezogen, wodurch die kurzen Fasern (Kämmlinge) herausgehechelt und die langen in parallele Lage zu einander gebracht werden, während die Hitze die Neigung zum Kräuseln aufhebt. Die gekrümmte lange Wolle, der Zug, bildet klafter¬ lange, lockere Bänder, welche der Spinnmaschine übergeben werden. Neben der Handkämmerei hat man verschiedene Kämmmaschinen, doch ist die erstere nicht ganz entbehrlich. Die Weite und das Numerieren des Garns stimmt meistens mit den beim Baumwollgarn üblichen überein. Je nach der Be¬ stimmung der Garne im Webstuhl unterscheidet man auch bei der Wolle Kettengarn und Schussgarn; das erstere erhält beim Spinnen stärkere Drehung als das andere, und für Tuche und andere der Walke unterliegende Stoffe haben beide auch entgegengesetzte Drehungen, das eine rechts, das andere links. Frankreich nimmt in Bezug auf die Qualität und die hohe Feinheit seiner Streichgarne den ersten Bang ein, namentlich sind die W. von Beims, Elboeuf und Sedan bisher als die feinsten anerkannt. Oesterreich gleicht sich in den mittleren und niederen Sorten mit Frankreich und besitzt in Brünn die grösste Streichgarnspinnerei Europas. Belgien liefert ebenfalls gute, mittlere und gewöhnliche Sorte. Alle diese Länder versorgen England und Deutschland mit Streichgarn.
646 Wollenstoffe—Württemberg, Wollenstoffe, s. AVolle und Wollenwaren. Wollenwaren (Wollenzeuge) nennt man alle aus Schafwolle, allein oder mit anderen Faserstoffen gemischt, hergestellten Gewebe, vornehmlich versteht man aber unter Wollzeugen Stoffe, welche aus Kammgarn allein oder mit Streichgarn, Seide, Baumwolle usw. gemischt angefertigt werden, wie z. B. Kasemir, Fries, Kamlot, Lasting, Moltons, Merino usw., die alle unter den be¬ treffenden Artikeln behandelt sind. Wollfarbig heisst ein Stoff, wenn die dazu verwandte Wolle bereits gefärbt war. Wollindustrie, s. Wolle. Wollkämme bestehen aus einem mit zwei Hornplatten belegten und mit einem Stiele versehenen Brettchen mit zwei Beihen langen Stahlnadeln (Zähne), durch welche die zur Verfertigung von Kammgarn dienende Wolle gezogen wird, nachdem die Zähne vorher erhitzt sind, wodurch der Wolle die Kräuse¬ lung und das Bestreben, sich zu verfilzen, entzogen wird. Im Handel unter¬ scheidet man die W. nach der Anzahl und dem weiteren Stand der Zähne in 24er, 26er, 28er und 80er und verkauft sie entweder paarweis oder nach dem Dutzend. Uebrigens sind die W. immer mehr durch Maschinen verdrängt worden, zumal die Wollkämmerei auch eine der Gesundheit schädliche Tätig¬ keit ist. Wollrrjolton, s. Barchent. Wollmosaik, in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts für Teppiche, Tapeten u. dgl. gebräuchlich, entstand durch Aufstäuben verschiedenfarbiger Scherwolle auf einem mit flüssigem Kautschuk getränkten Stoff. Wollmusselin (franz.: mousseline de laine), ein leichter, locker gewebter leinwandartiger Sommerstoff aus feinem Kammgarn zu Damenkleidern, meist buntbedruckt mit weissem oder farbigem Grund, wird in Deutschland, England und Frankreich in Menge gefertigt. Eine wohlfeilere Sorte mit baumwollener Kette heisst Milaine. (Vgl. auch Etamine und Flor.) Wollspinnerei, s. Spinnerei. Wolltapeten, s. Tapeten. Wongshy (chinesische Gelbschoten) heissen die Samengefässe einer zu den Gentianeen gehörenden, auf Batavia wachsenden Pflanze, welche zum Gelb¬ färben von Seiden- und Wollenzeugen dienen und deshalb nach Europa ge¬ bracht werden. Worksop, Stadt in der engl. Grafschaft Nottingham: Woll- und Strumpf¬ warenfabriken. Worstead (engl.), wollener Stoff, so benannt von der Stadt Worstead (Norfolk). Worsted ist hartes Kammgarn. Woylach (russ. = Filz), eine wollene Decke, die, mehrfach zusammen¬ gelegt, als Sattelunterlage dient. Wrapper (engl.), langer wollener Shawl. Wünscheiburg, Stadt im preuss. Beg.-Bez. Breslau: Leinen-, Tuch- und Wollweberei, Strumpfwirkerei. Würbenthal, Stadt in Oesterreichisch-Schlesien: bedeutende Spinnerei, Zwirnerei und Weberei, Garn- und Zwirnbleichen, Fabrikation von Tischdecken und Kaffeetüchern. Württemberg, Königreich in Süddeutschland: die Textilindustrie ist sehr ausgedehnt, besonders die Baumwollfabrikation; Spinnereien bestehen in Metzingen, Esslingen, Kuchen, Betzingen, TJnterhausen, Wangen, Heidenheim, Brühl, Urach, Nürtingen, Bempflingen, Unterboihingen, Cannstatt, Calw. Die Spinnerei hat bedeutend gelitten, da grosse Mengen von englischen Gespinsten, auch von amerikanischen, auf den Markt kommen. Die Baumwollweberei er¬ zeugt namentlich Bunt- und Jacquax-dwebereien, aber auch glatte, rohe Ge¬ webe, gestreifte farbige Hemdenstoffe. Eine grosse Verbandstofffabrik in Heidenheim. Die früher sehr starke Handweberei geht mehr und mehr zurück. Die S c h a f w o 11 i n d u s t r i e ist zum grossen Teil auf den Import schlesischer,
Würzburg—Xylolin. 647 ungarischer und englischer Wolle angewiesen; es werden Kammgarne zu Bietigheim, Esslingen und Salach gesponnen, hier ist die Konkurrenz der französischen Kammgarnspinnerei fühlbar. Kunstwolle wird in Cannstatt her¬ gestellt; Tuch und Buckskin namentlich in Esslingen, Heidenheim, Göppingen, Reutlingen, Backnang, Calw und Nagold; wollene Teppiche und Flanelle in Heidenheim, Balgheim, Aalen, Ereudenstadt; Wollfilz in Gingen a. Br. Leinengarne werden noch viel mit der Hand besonders auf der Alb und den Fildern gesponnen, noch mehr aber auf diese Weise ge¬ woben. In Laichingen und Umgegend, Blaubeuren und Stuttgart wird bessere und Handelsleinwand, in Böblingen, Göppingen und Stuttgart Leinwanddrill, in Stuttgart und Blaubeuren Tischzeug hergestellt. Der Hauptsitz der Leinen¬ industrie ist Urach, besonders für Spinnerei. Seidenzwirnerei ist in Bönnigheim und Jsny, Seidenweberei in Böblingen, Waiblingen, Sindelfingen, Gmünd u. a. Wollindustrie in Stuttgart, Heidenheim, Calw, Reut¬ lingen, Nagold, Metzingen, Esslingen, Göppingen usw. W o llfil z f ab rik ati on in Giengen. W o 11 e n e und baumwollene Strumpfwaren in Ebingen, Tuttlingen, Oberndorf, Calw, Reutlingen u. a. Leinene Gimpen und Einsätze, geklöppelte Spitzen u. dgl. werden in grosser Menge zu Nürtingen, Reutlingen u. a. 0. gefertigt. Die Weisswarenindustrie (Stickerei in Ravensburg) hat besonders durch die Einfuhr englischer Artikel zu leiden. Würzburg, Hauptstadt des bayr. Reg.-Bez. Unterfranken: Im 18. Jahrh. betrieb Kurfürst Johann Philipp von Mainz hier die Seidenzucht mit Erfolg. Eine bedeutende kirchliche Stickereiwerkstatt wurde im Anfänge des 18. Jahrh. unterhalten, wovon noch Originale (vgl. Abb. 155, S. 293) vorhanden. Im Kunstgewerbe-Museum zu Berlin Sammlung von Entwürfen aus derselben. Wurzen, Stadt in Sachsen: Weberei, Bleicherei, Teppiche und Filz¬ fabrikation. Wüstegiersdorf, Dorf im preuss. Reg.-Bez. Breslau: Wollspinnerei und -Weberei, Leinwandfabrikation und Leinwandhandel. Wüstewaltersdorf, Dorf im preuss. Reg.-Bez. Breslau: Leinwand- und Baumwollweberei, Färberei, Bleicherei und Appreturanstalten. Wyschnij Wolotschök, Stadt im russ. Gouvernement Twer: zwei Baum¬ wollspinnereien und eine Weberei. X. Xalisko, einer der Pacificstaaten der Republik Mexiko : Baumwollindustrie. Xamitum, aus Hexamitum entstandene mittellateinische Bezeichnung sechsdrähtigen Seidenstoffs, später des Sammets, welches Wort aus dem obigen hervorgegangen ist. Xanten, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Düsseldorf: Sammetfabrikation, Baumwoll- und Leinenweberei. Xeres de los Cavalleros, Stadt in der span. Provinz Badajoz: Leinen¬ industrie. Xyloidin ist der schon früher von Braconnot durch Einwirkung von Salpetersäure auf Stärkemehl, Holz, Baumwolle erzeugte Stoff; aus dem später die Schönbeinsche Schiessbaumwolle und das Kollodium entstand. Xylolin, billiger leinwandartiger, von Claviez & Co. in Leipzig-Plagwitz und Adorf in den Handel gebrachter Webstoff, dessen Kette aus Baumwolle und dessen Einschuss aus zylindrisch zusammengedrehten Streifen von dünnem Holzstoffpapier besteht, und der zu Arbeitskleidern, Tischdecken, Handtüchern, Unterkleidern usw. verwendet wird.
648 Yamamayseide—Zagori. Y. Yamamayseide (jap.), richtiger Yama-mayu, bedeutet Berg (Yama) oder wildes Kokon (mayu), Produkt des Eichenspinners. Yan-tioh, eine Sorte Flanelle, die als Spanish stripes (s. d.) in Asien auf den Weltmarkt gebracht werden. Yapendjis, Filzmäntel mit Velpel aus Kaukasien, welche nach Russland und der Moldau verkauft werden. Yarkand, Stadt im chinesischen Ostturkestan, am Flusse Y.: Teppich¬ erzeugung. Yard, das englische, seit 1889 auch in Indien gesetzlich vorgeschriebene, sowie in den Vereinigten Staaten von Amerika geltende Ellenmass von 3 engl. Fuss = 0,9144 m. Yarmouth, s. Great-Yarmouth. Yeux de perdrix, in Frankreich ein halbwollenes, halbseidenes Zeug, das die Hautelisseweber verfertigen. Man macht auch in Zittau gemusterte Tischzeuge, die so benannt werden. Yezd, Stadt in Persien: Erzeugung von Filzteppichen, welche zu den feinsten und teuersten Sorten gehören. In allen Berichten wird als Eigen¬ tümlichkeit darauf hingewiesen, dass es in Y. im 17. Jahrhundert Seidenweber gab, welche es verstanden, in ihre Gewebe Figuren einzuwirken „und selbst Schrift, so trefflich wie die beste Handschrift“. Yomudteppiche sind solche aus Turkmenen, der Grundton ist eisen violett; neuerdings kommt auch ein Zinnoberrot zur Verwendung, das auf beginnenden Verfall des Farbensinnes deutet. Der Name stammt von Yomnuden, einem türkischen Stamme der um das alte Merv gelagerten Nomaden. S. Teppich. Yonkers, Stadt im nordamerik. Staate New York: Woll- und Baumwollwarenfabrikation, Teppiche, Seidenwaren und Hüte. Ypern, Stadt in der belg. Provinz Westflandern: Spitzenfabrikation, auch Woll- und Leinenstoffe; war einst Sitz der ausgebreitetsten Tuchfabri¬ kation. Yssengeaux, Arrond.-Hauptstadt im franz. Departement Haute Loire: Fabrikation von Spitzen, Bändern, Blonden; Seidenzwirnerei. Yu-cha-usa heissen in China die aus Frankreich und Deutschland ein¬ geführten Kamelots. Yu-Iing nennt man in China den Lasting. Yu-mau den holländischen und Y u - s h o den englischen Kamlot. Yvetot, Hauptstadt des gleichnamigen franz. Arrond., Departement Seine Interieure: Fabrikation von Baumwollstoffen (grobes Garn, gewöhnliche Zeuge, wohlfeile bedruckte Kattune), Leinwand, Sammet und Strumpfwaren. z. Zabbara, Zappares, Zapara, Zappora, nennt man in den Mittelmeer¬ ländern die Fasern der Agave, welche als Schuss zu verschiedenen Geweben (Pferdedecken, Fischernetzen, Tressen, Spitzen, Halstüchern usw.) verarbeitet werden, während zur Kette Seide dient. Zackelwolle, die Wolle des ungarischen Zackeischafes. Zagori, Hauptstadt eines kleinen unabhängigen Gebietes im türkischen Vilajet Janina, deren Einwohner besonders Wollweberei und Seidenzucht treiben.
Zahl—Zeitz. 649 Zahl, ein Garnmass, welches auch Zaspel oder Haspel genannt wird = 1/2 oder 1/3 Strähn = 10 oder 20 Gebind zu 9, 10, 18, 20 oder zu 40 Faden zu 8 bis 4 Ellen (2—-2 2/3 m) Länge den Faden. Zähne, am 'Webstuhl die Stäbe des Bietblattes. Zamora, Hauptstadt gleichnamiger span. Provinz: Weberei und Färberei von Wollenwaren. Zampel, Zampelzug, eine Vorrichtung am Zampelstuhl, einem ver¬ alteten Webstuhl für grossmusterige Stoffe. Sie besteht aus einer Menge, an der Seite des Stuhls vertikal befestigter Zampel schnüre oder Zampelkarden, welche nach der Patrone des Musters in verschiedene L atzen, starke, teils vor den Zampelschnüren hinlaufende Schnüre, gelesen sind. Durch einen Zug an einer Latze werden die vor ihr liegenden Zampelschnüre ge¬ spannt und dadurch wieder die Kettenfäden gehoben. Solche Zampelstühle sind sowohl in Indien als auch in Japan noch im Gebrauch (s. Abb. 126, S. 263). Zampelwebstuhl — Zampel. Zampten sind Zampellatzen (s. Zampel). Zanella, ein atlasbindiges Gewebe mit baumwollener Kette und kamm¬ wollenem Schuss. Zangalet, s. Sarsenets. Zangalettes, s. Sangales. Zante, Zankynthos, Hauptstadt gleichnamiger jonischer Insel: bedeutende Baumwollspinnerei, Fabrikation von Haarteppichen, Seidenzeugen und Leinwand. Zapara, s. Zabbara. Zapparazeuge, s. Zabbara. Zappares, Zappora, s. Zabbara. Zara, Hauptstadt des österr. Königreiches Dalmatien: Woll-und Seidenw arenfabrikation. Zarasas heissen im spanischen Handel die gedruckten Kattune oder Kalikos. Zaspel, älteres Garnmass, s. Zahl. Zatteltracht, auch Zaddeltracht, eine im 13. Jahrh. aufgekommene Tracht, bei der die Bänder der männlichen Kleidung in lange Zacken oder Streifen (Zatteln) zerschnitten oder mit Zatteln besetzt waren. Zeesinge nennen die Seeleute die dünnen Taue aus ungeteertem Hanf, welche zum Beffen der Segel dienen. Zeger nannte man früher die aus dem Ziegenhaar von der griechischen Insel Zia gefertigten, mit Seewasser gewalkten und wasserdichten Zeuge. Zehnbindig, Köper, in welchem ein Schussfaden über neun Kettenfäden flott liegt und erst den zehnten bindet. Zehner (Dizaine), die stärkere Linie, welche je zehn kleine Quadrate der Carta rigata (s. d.) begrenzt. Zeichenkattun, soviel wie Pausleinwand (s. d.). Zeidler, Dorfi. Böhm.: Wirk- u. Posamentierwaren, namentlich Zwirnknöpfe. Zeitschriften für Textilindustrie: Leipziger Monatsschrift für Textil industrie, Leipzig, dazu Wochenberichte; Zeitschrift für die ge^ samte Textilindustrie, Leipzig - Gohlis; Deutsche Tuchhalle, Forst (Lausitz); Deutsche Teppich- und Möbelstoff-Zeitung, Darmstadt; Das deutsche Wollengewerbe, Grünberg (Schlesien); Der deutsche Leinenindustrielle, Bielefeld; Die Seide, Krefeld; Die Textilzeitung, Berlin; Die deutsche Wirkerzeitung, Apolda-Berlin-Chemnitz; Zeit¬ schrift für Posamentenindustrie, Dresden-A.; Der Konfektionär, Berlin; Färber-Zeitung, Berlin; Leipziger Färber-Zeitung; Zeit¬ schrift für Farben- und Textil-Chemie, Karlsruhe in Baden; Zeit¬ schrift für Musterzeichner, Adorf i. V.; Deutsche Kunst und Deko¬ ration, Darmstadt. Zeitz, Stadt im preuss. Beg.-Bez. Merseburg: Wollspinnerei, Zeugdruck, Färberei; Wäsche-, Flanell-, Wachstuch-, Wollen-und Halbwollwaren-, Pikee-, Damast-, Bettdecken-, Vicognegarn-, Fries-, Handschuh-, Baumwollwaren- und Kattunfab rik en.
650 Zele — Zeugdruck. Zele, Flecken in der belg. Provinz Ostflandern: Weberei, Fabrikation von Sack-, Segelleinwand und Bettdecken; I lachs- und Hanfbau. Zell im Wiesental, Stadt in Baden: Baumwoll-, Seiden-und Kammgarn¬ spinnerei, Buntweberei und Fabriken für Kunstwolle, Baumwollwaren. Zeltleinwand, soviel wie Segeltuch. Zempel, s. Zampel. Zendeltaffet, leichtes leinwandartiges Gewebe aus gekochter Seide. Zenia, ein starkes gestreiftes, aus Rindshaaren und grober AVolle ge¬ webtes Zeug, dient in Italien zum Ausschlagen der Gondeln. Zenica, Stadt im bosn. Kreis Travnik: Teppichfabrikation. Zephyrgarne, Zephyrwolle heissen die vielfädigen, locker gezwirnten, weichen Kammgarne, welche, in allen gangbaren Farben gefärbt, zur Woll¬ stickerei (Tapisserie) häufige Verwendung finden. Die sächsischen Kammgarn¬ spinnereien liefern grösstenteils das Garn, das hauptsächlich in Berlin, Ham¬ burg und Altona gefärbt wird. Zephyrwolle, s. Zyphyrgarne. Zerbase, persische gold- und silberdurchwirkte Zeuge; eine Art Orraye, ist auf beiden Seiten rechtsseitig. Zerbst, Stadt im Herzogtum Anhalt: Streichgarnspinnerei, Fabrikation von Tuch, Plüsch und Seidenwaren. Zetani (satin), ursprünglich aus China importiertes Atlasgewebe, wird im Mittelalter in arabischen und griechischen Webereien zum wichtigen Er¬ zeugnis. Seine Natur geht aus der italienischen Bezeichnung „Zetani raso“ hervor, was ein „glattes“ Gewebe andeutet und dem arabischen „atlas“ gleich¬ bedeutend ist. Zetel, Gemeinde im Amte Varel des Grossherzogtum Oldenburg: Leinenund Baumwollweberei. Zethau, Dorf in Sachsen bei Dresden: bedeutender Flachsbau, Weberei. Zettel (vom lat. schedula), in der Weberei s. v. w. Kette, auch Part oder Patrone. Zettelbaum, der Kettenbaum am Bandwebstuhl. Zettelende, die beiden Längsenden eines gewebten Stückes, im Gegen¬ satz zum Sahlband. Zetteln, die Kette scheren. Zettelrahmen = Scherrahmen. Zettelrolle, Zettelspule, am Bandwebstuhl eine oder mehrere Spulen zum Aufwickeln sehr schmaler Ketten (anstatt auf einen Kettbaum). Zeug, gewebter Stoff; am Webstuhl die Schäfte nebst Zubehör. Zeugbaum = Unterbaum am Webstuhl. Zeugdruck, ein Verfahren, um auf Zeugen durch teilweise Färbung Muster hervorzubringen, dem die Färberei voraufging, jedoch auch schon uralt ist (s. Geschichtliches). Anfangs druckte man nur auf Leinwand; die mit der Verbreitung der Baumwollstoff© aufgekommene Kattundruckerei ist derjenige Zweig, welcher am meisten zu Erfindungen und Verbesserungen auf diesem Gebiete Anlass gegeben hat, indem die Baumwolle sich vorzüglich zur An¬ nahme der Farben eignet. Woll- und Seidendruck haben sich erst später aus¬ gebildet. Um einen Baumwollenstoff zur Aufnahme eines vollkommenen Druckes vorzubereiten, wird er zuerst gebleicht (dies geschieht bei dem Aufträgen von Türkischrot jedoch nicht) und dann wird die Oberfläche durch Absengen von allen feinen Fäserchen befreit, um nachher auf dem Kalander geglättet zu werden. Hierauf werden die für den Walzendruck bestimmten Zeuge in einer Anzahl Stücke zusammengeheftet und auf eine Walze aufgewunden, was mittels eines besonderen Apparates geschieht, welcher alle Falten verhindert. Es gibt fünf Methoden des Druckes für Muster und Figuren. Die erste wird mit der Hand mittels viereckiger hölzerner Blöcke oder Druckformen (Model), auf deren Oberfläche die Muster durch eingesetzte Messingstreifen und -stifte ge¬ bildet sind, ausgeführt. Bei der zweiten Methode erfolgt er durch grössere Holzformen, welche über die ganze Zeugbreite reichen und durch eine Maschine
Zeugdruck. 651 in Tätigkeit gesetzt werden, die nach ihrem Erfinder Perrot den Namen Per rotine führt. Die dritte Methode, welche jedoch veraltet ist, bewirkt den Druck durch gravierte Kupferplatten. Die vierte besteht in einem System kupferner gravierter Zylinder oder Walzen, die in einer sehr zierlichen aber auch sehr komplizierten Maschine angebracht sind, mittels deren 2, 3, 4 und selbst 5 Farben schnell nacheinander durch blosse Drehung der durch Elementar¬ kraft bewegten Maschine aufgedruckt werden können. Ein solcher automatischer Drucker verrichtet das Geschäft mit solcher Geschwindigkeit, dass von einigen Mustern ein Stück in einer Minute bedruckt werden kann. Die fünfte Methode besteht in dem Bedrucken der Gewebe mit Hautereliefwalzendruckmaschine, welche von Oberkampf 1780 erfunden worden ist und in welcher die Relief¬ walzen mit den erhaben in Holz geschnittenen oder mit aus Metallkomposition durch Guss hergestellten Mustern besetzt sind. Die Druckmaschinen sind in der Neuzeit sehr verbessert worden und auch die Reliefwalzendruckmaschine für den gleichzeitigen Druck mit mehreren Farben eingerichtet. Ausserdem sind in chemischer Beziehung vielerlei verbesserte Verfahrungsweisen und Farbezubereitungen erfunden worden; so anstatt des 1750 in der Schweiz er¬ fundenen Kuhkotbades die Anwendung eines künstlichen Gemisches aus phosphor¬ saurem Natron und phosphorsaurem Kalk; ferner die Anwendung des Blut¬ albumins , anstatt des teuerem Eiweiss; ferner der Gebrauch verschiedener Verdickungsmittel (wie Salep, Tragant, Sirup, geröstete Stärke) und die Be¬ festigung der Beizen auf dem Stoff durch Ammoniakgas; der 1811 erfundene Lapisdruck stellt mittels Ausfärbens in der Blauküpe und im Krappkessel mehrere Farben zugleich her: die Dampffarben auf Baumwolle und Seide, das Giessen der Muster mittels Farbebrühe und das Aetzen weisser Muster mittels Chlorkalks usw. Die oben erwähnte Zeugdruckmaschine von Perrot hat Ver¬ breitung in Frankreich, in der Schweiz, in Belgien und Deutschland gefunden. In dieser Maschine sind drei hölzerne Druckmodel von 0,75—1 m Länge und 5—12 cm Breite angebracht, die mit Birnbaumholz belegt und mit erhaben geschnittenen oder gegossenen Metallmustern belegt sind. Diese Model sind zueinander rechtwinkelig gestellt und können eine nach der andern so in Be¬ wegung gesetzt werden, dass sie gegen die vordere, obere oder hintere Seite eines vierseitigen Prismas treffen, welches mit Tuch überzogen ist und sich um eine Achse zwischen den 3 Formen dreht. Der Kattun wird durch einen Zylinder, auf den er sich aufwindet, über das Prisma hinweggezogen und während dessen durch das Spiel der Formen bedruckt. Um den sanften elastischen Druck der menschlichen Hand nachzuahmen, sind Federn vorhanden, welche die Form gegen das Prisma drücken. Jede Form wird nach voll¬ brachtem Drucke mit einem ausgespannten und mittels einer mechanischen Bürste mit Farbe bestrichenem Tuche in Berührung gebracht, um zu einem abermaligen Abdrucke bereit zu sein. Mittels der Perrotine lassen sich mehrere Muster herstellen, welche die Walzendruckmaschine ohne Beihilfe der Relief¬ walzen nicht zu drucken vermag. Die Walzendruckmaschine besteht aus einer gravierten Kupferwalze, welche, sich drehend, gegen eine andere mit Tuch überzogene Walze drückt und gehörig mit Farbe versehen wird, so dass sie dem zwischen beiden Walzen durchlaufenden -Stoff einen gefärbten Druck mitteilen kann. Das Muster wird entweder auf einen massiven oder auf einen hohlen Zylinder von Kupfer, Messing oder Kanonenmetall graviert, welch letzterer auf eine starke eiserne Welle aufgetrieben wird, die als Achse dient. Die Erfindung des Amerikaners Jakob Perkins, Gravierung mittels stählerner Prägewalzen von einer Oberfläche auf die andere zu übertragen, gab ein Mittel ab, die Kattundruckwalzen auf weniger kostspielige Weise herzustellen. Perkins Erfindung wurde zu dem Zwecke von Locket in Manchester 1808 benützt. Es wird zuerst daB Muster auf eine kleine 78 cm im Quadrat haltende Fläche gezeichnet, so dass die Grösse dieser Fläche in einer bestimmten Anzahl von Wiederholungen genau der Fläche des Zylinders gleich ist, hierauf wird das Muster auf eine Walze aus weichem Stahl übertragen und eingraviert und dann diese Walze gehärtet. Die so hergestellte Matrize kommt nun in eine
652 Zeugdruck. besonders konstruierte Presse, worin sie rotierend gegen eine andere Aveiche Stahlwalze gedrückt wird, so dass sich auf letzterer das vertiefte Muster er¬ haben darstellt. Auf diese Weise wird die Herstellung der Walzen viel billiger, als beim Gravieren mit der Hand. Für gewisse Muster werden die Kupfer¬ walzen auf einer Art Guillochiermaschine mittels einer Diamantspitze graviert. Eine besondere Art des Walzendruckes besteht in der Anwendung hölzerner Walzen, worauf die Zeichnung erhaben ausgeschnitten ist. Neuerdings werden solche Reliefwalzen auch dadurch hergestellt, dass man glatte Holzwalzen mit einem aus leichtflüssigem Metall gegossenen Mantel bekleidet, worauf das Muster durch den Guss in eine Form hergestellt ist. Enthält eine und dieselbe Maschine Walzen mit vertieftem Muster und Reliefwalzen zugleich, so heisst sie eine vereinigte Druckmaschine. Eine besondere Kenntnis erfordert es, die Bereitung und Zusammen¬ setzung der im Zeugdruck zur Verwendung gelangenden Farben dem jeweiligen Verfahren anzupassen. Sie hat sich zunächst nach den farbigen Wirkungen zu richten, welche erzielt werden sollen, nach den Farbstoffen und Farbbildern oder Beizen, welche zu fixieren sind, und nach der Natur des Gewebes, welches dem Druck unterliegt. Es lassen sieh (nach Luegers Lexikon der gesamten Technik, Bd. 7, S. 986) im allgemeinen dafür sieben Arten kennzeichnen: 1. Die Fixierung erfolgt im Baumwolldruck durch Dämpfen, wenn die Druckfarbe im wesentlichen aus einer anorganischen Körperfarbe oder einem Farblack und aus Albuminlösung besteht. 2. Enthält die Druckfarbe als wesentlichen Bestandteil einen organischen Farbstoff und ist er ein substantiver und wasserlöslich, so sind neben der Ver¬ dickung nur Substanzen wie Essigsäure und Glyzerin vorhanden, welche seine Löslichkeit und seine Vereinigung mit der Faser befördern. Nach dem Auf¬ druck führt ein Dämpfprozess die Fixierung mit dem Gewebe herbei. (An¬ wendung im Woll- und Seidedruck). Ist der Farbstoff unlöslich und besitzt er keine Verwandtschaft der Mitteilsamkeit zur Faser, wie Indulin oder In¬ digo , so ist die Druckfarbe mit einem Lösungsmittel (Acetin) oder das zu bedruckende Gewebe mit einem Reduktionsmittel (Traubenzucker) zu versehen, welches während eines Dämpfprozesses seine lösende Wirkung auf ihn ausübt und in die Faser einzudringen ermöglicht. (Anwendung im Baumwolldruck.) 3. Enthält die Druckfarbe neben der Verdickung eine farbbildende orga¬ nische Substanz, so ruft diese im Moment des Aufclruckens die Farbe hervor (Diazoverbindung auf mit Naphtol grundiertem Baumwollgewebe) oder sie liefert erst durch Oxydation die Farbe, weshalb das Oxydationsmittel der Druckfarbe beigefügt ist (Anilinschwarz aus Anilinsalz. Anwendung im Baumwolldruck). 4. Enthält die Druckfarbe Beize, so führt nach deren Fixierung und nach Entfernung der Verdickung die Ausführung im Bade eines Beizenfarb¬ stoffes zur Bildung farbiger Muster an den von der Druckfarbe voi'ker be¬ deckten Stellen. (Kombination von Druckerei und Färberei, Herstellung ge¬ musterter Färbeware im Kattundruck). 5. Enthält die Druckfarbe eine Mischung von Beize und Farbstoff, so erfolgt die Fixierung beim Verhängen an der Luft oder beim Dämpfen, wobei entweder die Bildung des unlöslichen Farblackes stattfindet, oder, wenn ein solcher bereits vorhanden ist, dieser in Lösung geht und von der Faser auf¬ genommen wird, um nach Verfliichtigung des Lösungsmittels unlöslich in der Faser zu bleiben (Genre vapeur et application, Anwendung im Baumwolldruck.) 6. Enthält die Druckfarbe teils mechanisch wirkende, (Harze, Fette, Ton, Bleisulfat), teils chemisch wirkende Substanzen (Zuckeroxyd, Rhodankalium, Calciumacetat, Kupfersulfat und -nitrat, Bleinitrat, Zinnsalz, Kaliumsulfid), so verhindern diese das Eindringen des Farbstoffes oder des Beizmittels in das ungefärbte oder gefärbte Gewebe an denjenigen Stellen, welche von ihnen be¬ deckt sind. (Reserve, Schutzgang. Anwendung des Reservagedruckes im Baumwoll- und Seidedruck.) 7. Enthält die Druckfarbe Substanzen, welche dazu dienen, einem bereits gefärbten oder gebeizten Gewebe den Farbstoff oder die Beize auf chemischem
Zeugdruck. 653 Wege durch TTeberführung in lösliche Form stellenweise zu nehmen, wegzu¬ ätzen, so benützt man gegenüber Beizen, die meist Metalloxyde sind, Alkali salze schwacher, die Faser nicht angreifender Säuren, wie Zitronens., Opals., Weins., gegenüber Farbstoffen oxydierende Agentien, wie Kaliumbi chromat (mit Schwefelsäure), rotes Blutlaugensalz (mit Natronlauge) oder reduzierende Substanzen, wie Zinnsalz, Zinnoxydulnatron, Zinkstaub (Aetze, Enlevage, An¬ wendung in Baumwoll-, Woll- und Seidedruck). Beim Baumwollendruck unterscheidet man in der Anwendung von Beizenfarbstoffen, Tanninfarbstoffen, Küpenfarbstoffen, Entwickelungsfarben und Albuminfarben; ferner im Gebrauch von Eeservage druck, welcher be¬ zweckt, die Aufnahme bezw. die Entwickelung einer Farbe, die durch Klotzen oder Färben auf den Stoff gebracht wird, durch vorherigen Aufdruck gewisser Substanzen an den bedruckten Stellen zu verhindern; in der Anwendung des Aetzdrucks, welcher gestattet, mit dem vorhandenen Walzenmaterial die Zahl der Artikel bedeutend zu vermehren, indem mit derselben Walze, die ein buntes Muster in weissem Grunde drucken würde, umgekehrt ein weisses Muster in farbigem Grunde durch Zerstörung resp. Lösung der Farbe oder Beize hervorgerufen wird. Die Herstellung gemusterter Färbe¬ artikel, einer stets Weiss im Muster enthaltenden Ware, welcher zum Teil auch die durch Reservieren und Aetzen fabrizierten Artikel zuzurechnen sind, besteht in einer Kombination von Druckerei und Färberei, insofern eine oder mehrere Beizen auf das Gewebe aufgedruckt und nach deren Fixieren die Farbe durch Ausfärben mit Beizenfarbstoffen entwickelt wird. Der W oll druck oder das örtliche Färben wollener Zeuge geht im allgemeinen einfacher vor sich als der Druck der Baumwolle, da die Befesti¬ gung der Farbstoffe, als welche hauptsächlich Säurefarbstoffe dienen, infolge grösserer ATerwandtschaft dieser zu der Wollfaser leichter zu bewerkstelligen ist. Sie erfolgt durch blosse Anwendung von Wasserdampf, wozu das Gewebe vorher sorgfältig gereinigt, unter Umständen auch gebleicht sein muss. Auch das Chloren der AVolle vor dem Bedrucken derselben ist von Vorteil. Die Aufnahmefähigkeit der Wolle für Farbstoffe wird ferner dadurch erhöht, dass man sie mit Zinn präpariert: sie stannatiert. Auch Aetzeffekte lassen sich im Wolldruck erzielen. Der Seiden druck arbeitet mit denselben Hilfsmitteln wie der Woll¬ druck; er gestaltet sich insofern noch einfacher, als ein Prägnieren des zu bedruckenden Materials sich erübrigt. Zur Geschichte des Zeugdruckes haben die im letzten Jahr¬ zehnt immer mehr erforschten Koptischen Textilfunde (s. d.), die wichtigsten Beiträge geliefert; erst durch sie ist es möglich geworden, für gedruckte Stoffe des frühen Mittelalters sichere Originalstücke beizubi’ingen und von hier aus nach dem Altertum hinauf Rückschlüsse über dieselben zu ziehen, wovon uns vorher griechische und römische Geschichtsschreiber umständlich berich¬ teten , ohne dass wir uns eine rechte Vorstellung davon machen konnten. Plinius erzählt mit deutlichen AVorten, dass die Aegypter die Kunst verstan¬ den, durch verschiedene Beizen, die man auf die gewebten Stoffe auftrug, so dass sie unsichtbare Muster bildeten, diese Stoffe so zu präparieren, dass sie bunt und mehrfarbig gemustert aus dem Färbekessel, in den man sie nur einen Augenblick eintauchte, herausgehoben wurden. Solche Stücke liegen uns nun vor in den Funden aus Oberägypten. Es sind AVandbehangstoffe aus Lein¬ wand, die auf rotem oder blauem Grunde ausgesparte grosse figurale Muster zeigen. Einer derselben ist fast vollständig erhalten in der Sammlung des Kunstgewerbemuseums in Berlin (s. Kgl. Pr. Kunstsammlungen 1900), auf welchem dargestellt ist die Geschichte Daniels in der Löwengrube. Die Technik dieser dem eigentlichen Zeugdruck voraufgegangenen Musterfärberei stimmt überein mit dem heute noch in Indien gebräuchlichen Batik (s. d.), dessen Verfahren durch Wachsabdeckuug in Japan (Abb. 348) mittels Schablonen (s. d.) künst¬ lerisch. erweitert worden ist, in neuester Zeit auch in Holland und Frankreich durch Anwendung chemischer Hilfsmittel noch mehr der Neuzeit entsprechend
654 Zeugdruck. entwickelt ist. Der Wachsmalerei mit Blau- oder Rotfärbung kam man in früher Zeit für kleinere Muster bald in Anwendung von Formen zu Hilfe, die aus Holz oder Ton bestanden und die wir uns zunächst im Sinne unserer grösseren oder kleineren Stempel vorzustellen haben. Welche allgemeine Ausdehnung diese Technik in den ersten Jahrhunderten v. Chr. schon genommen hatte, weist Dr. R. F orrer (Die Kunst des Zeugdruckes vom Mittelalter bis zur Empirezeit, Strassburg i. E. 1898) nach durch ein in einem (Trabe zu Achmim gefundenes Kinderkleidchen, dessen Musterung aus einem gewellten Rauteunetz mit eingelegten Sternen besteht. Und zwar ist erwiesen, dass dieses Gewand nicht im fertigen Zustande bedruckt, sondern aus einem im Stück behandelten Stoff geschnitten wurde. Hergestellt ist die Musterung mit Hilfe von drei verschiedenen Stempeln. Einen sassanidischen Zeugdruck des 6. Jahrh. bildet Geh.-R. Lessing im Jahrbuch der Königl. Preuss. Kunstsammlungen, Jahrgang 1880 ab, der im Muster den Raub des Ganymed (auffliegender Adler mit einem Knaben in seinen Fängen) darstellt. Der feine Baumwollenstoff ist in Schwarz, Gold und Rot mit Model bedruckt. Eine Reihe weiterer Zeugdrucke des frühen Mittelalters veröffentlicht Dr. Forrer auch in dem Werke: Die Zeug¬ drucke der byzantinischen, romanischen, gotischen und späteren Kunstepochen, Strassburg 1894. Derselbe Forscher macht uns in dem zuerst genannten Buche näher bekannt mit dem von Cennino Cennini um 1400 dargestellten Verfahren zur Herstellung von Zeugdrucken in Italien mittels Holzmodel; er bringt ferner „Eine Nürnberger mittelalterliche Anweisung zur Anfertigung von Zeug¬ drucken“ — alle diese wichtigen literarischen Quellen begleitet Forrer mit persönlich gesammelten wertvollen Originalen. Abb. 348. Abbildung: 348. Originalaufnahme aus dem Königl. Landesgewerbemuseum in Stuttgart: Gedruckter Baumwollenstoff, Grund hellblau, Muster in Weiss ausgespart: [Felder mit Schrift. Japan 18. Jahrh. Die Formengebung der gedruckten Stoffe weicht übrigens kaum von der¬ jenigen der Gewebe ab; man kann sogar nachweisen, dass sich Muster gewebter Originalstoffe aus dem 13. Jahrh. als genaue Nachahmungen im Zeugdruck wiederholen. (Vgl. Abb. 1 auf Tafel III). Und so haben auch die Koptischen Funde andere Druckstoffe des 13. Jahrh. gebracht (Abb. 349), die sich ohne Weiteres der arabisch-sizilianischen allgemeinen Formensprache in der Muste¬ rung anschliessen. Frühzeitig tritt auch der Zeugdruck als Hilfsmittel für
Zeugdruck. 655 die Stickerei auf, wofür Julius Lessing im genannten Artikel des Jahrbuchs den unter Abb. 350 wiedergegebenen Stoff beibringt, in welchem die kleinen Rosetten um die sechseckigen Felder herum teilweis gestickt sind. Im 17. Jabrh. erschienen auch Modelvordrucke auf Leinen für Spitzen. —■ Abb. 349. Abbildung: 349. Originalaufnakme aus dem Kaiser Friederich-Museum in Berlin: Leinen¬ stoff, in Braunschwarz gedruckt mit einem Adler und Pfauen zwischen einer Borte aus arabischem Ornament. Orient oder Sizilien (?) 12,—13. Jahrh. (Aus einem koptischen Grabe). Deutschland nimmt im Mittelalter in der Herstellung von Zeugdrucken die erste Stelle ein und zwar kommt nach Dr. Forrer dafür in frühromanischer Periode die Gegend am Niederrhein, um Köln und Siegburg herum, in Be¬ tracht, woher die meisten Beweisstücke gekommen sind. Die Muster zeigen einfach gezeichnete Tiergestalten, Vögel, Greifen, Hasen, Hunde u. s. w., in Kreisen oder spitzovalen Feldern, die reihenweis geordnet sind, andere mit Rankenmotiven durchsetzt. Das Grundmaterial besteht aus Baumwolle oder farbiger leichter Seide, welche sie mehr oder weniger als Futterstoffe charak¬ terisieren, der Druck ist in Schwarz, Braun, Grün, Silber und Gold ausgeführfc. Vom Unterrhein führt Forrer den Zeugdruck rheinabwärts bis Mainz, dann östlich durch Bayern (Nördlingen, Ulm und Nürnberg, später Regens¬ burg, Augsburg u. s. w.) nach Oesterreich, südlich über Strassburg nach der Schweiz. Eine westliche Linie führte von Köln aus nach Holland und von dort nach Flandern und Frankreich. Gegen Mitte und Ende des 14. Jahrh. erscheinen die Bild-Zeugdrucke: die Vorläufer der auf Papier und Pergament abgedruckten Holztafeldruckbilder. Hierher gehört der von A. Essenwein im Anzeiger für Kunde der deutschen Vorzeit, 1872, abgebildete Stickereivordruck mit Darstellung des Todes der Maria, woran sich viele erhaltene Beispiele schliessen mit Bildern aus dem Leben Jesu, der Verkündigung Mariä u. s. w.
Zeugdruck. 656 Im 15. Jahrh. wird das gewebte Grranatapfelmuster (s. d.) im Zeugdruck wiederholt, die Renaissance verwendet die Kleider- oder Tapetenmusterung seltener für das billigere Surrogat, erst im 17. Jahrh. werden die Drucke wieder häufiger, namentlich in der zweiten Hälfte desselben sieht man den Zeugdruck nicht allein in Deutschland, sondern auch in Holland, Frankreich, Oesterreich u. s. w. an Ausdehnung gewinnen. • Ahb. 350. Abbildung: 350. Darstellung aus: Jahrbuch der Königl. Preuss. Kunstsammlungen, Berlin 1880: Druck in Gold und Schwarz auf Baumwolle: In Reihen versetzte Sechsecke aus einem Flechtband, darin je ein Adler; dazwischen kleine Blütensterne, welche stickt sind. 0nomal im K. G.-M. zu Berlin. 11.—12. Jahrh. Am Ausgange des 15. Jahrh. wurde der Zeugdruck zumeist von den Buchdruckern gehandbabt, womit in Uebereinstimmung steht, dass statt der früher üblichen Anwendung verschiedener Farben eine Zeit lang alle Druck¬ stoffe in Schwarz erscheinen. Erst als im 17. Jahrh. diesem Zweige der J extilkunst wieder mehr Beachtung geschenkt wurde, benutzte man neben der schwarzen Aufdruckfarbe auch rot, violett, blau, weiss und grün und es wur¬ den, wie Dr. Forrer schreibt, diese Farben mit Oel angerieben. Neben dieser Abart von Oelfarbendruck übte man als weitere Ueberlieferung aus der goti¬ schen Periode den Sammet- oder Wolldruck, wozu man ein grobes Flachs¬ gewebe mit Kleister oder Leim bedruckte und darauf farbigen geschabten Wollstaub streute. So erschienen solche Arbeiten als Nachahmungen von Sammettapeten und gleichen Altarbehängen. Eine Konkurrenz ward gegen Ende des 17. Jahrh. den deutschen sogen. Oeldrucken in den Fabrikaten aus England und Holland, welchen ein besseres Verfahren der Farbenveibindung
Zeugdruck. G57 mit dem Gewebe zu Gründe lag. Eine neue Art „mit Wasserfarben nach Schweizer Art“ zu drucken, hing auch mit einer neuen Herstellungs¬ weise zusammen „die gedruckte Ware nach dem Drucke zu färben.“ Diese englisch-holländische Manier kam um 1690 in Benützung und begann sich schnell zu entwickeln (s. im Artikel Augsburg). Das Verfahren glich jener schon von Plinius erwähnten Technik der Wachsfärberei. Der Stoff wurde unter Anwendung von Holzformen mit Wachs- oder Kleistermasse bedruckt, man färbte ihn hierauf in Indigobottichen und wusch dann die Aufdruckmasse aus. Ein solcher Dekor mit dem Streumuster der Zeit stimmte fast genau überein mit den gleichzeitig gebräuchlichen, blau bemalten Geschirren aus chinesischem Porzellan und Delfter Fayence und so wurde jene Zeugmusterung auch als „Porzellandruck“ bezeichnet. Interessante Einzelheiten teilt Dr. E. Forrer aus älteren Schriften in seinem 1898 erschienenen Werke mit. Neben den Blumenmustern verstieg man sich auch wieder zu figuralen Darstellungen aus der biblischen Geschichte, Darstellungen von Städten" und dergleichen, ähnlich, wie sie in das Damasttischzeug übergegangen sind, welches in jener Zeit in Süddeutschland und Oesterreichisch - Schlesien gewebt wurde. (Abb. 174 S. 320). Auf der Höhe der Fabrikation im Zeugdruck standen in jener Zeit die Fig. 351. Erzeugnisse von Neuhofer in Augsburg (s. im Artikel Augsburg S. 42). Abbildung: 351. Kattundruck aus einem Berliner Musterbuch von 1830—1840. Hamburg erhielt seine erste Zeug¬ druckerei im Jahre 1737. In Sachsen gründete G. Öehme die erste Druckerei zu Zschopau, dann folgte 1741 Preussen, woselbst unter Friedrich dem Grossen ein Schweizer Kattundrucker Duplantier eine Druckerei in Berlin errichtete. Ausläufer derselben haben sich mit be¬ scheidenen Produkten noch bis in die 30er Jahre des 19. Jahrhdts. erhalten. (Abb. 351). Auch in Breslau wurde unter dem Protektorate Friedrich des Grossen eine Kattunfabrik eingerichtet, welcher allenthalben ähnliche Anlagen folgten. Alle solchen Gründungen überragten aber die Augsburger Manu¬ fakturen bis zum Ende des 18. Jahrhdts. Um die Mitte des 18. Jahrhdts. beginnen die Fabriken im Obereisass sich zu entfalten, woselbst Mülhausen ein bedeutender Mittelpunkt wird. Der Buhm elsässischer Druckindustrie und der Weltruf ihrer Fabrikate beginnt mit der Einrichtung einer Fabrik von Haussmann in Logelbach bei Kolmar, deren Begründer Chemiker in der Augsburger Fabrik von Schüle gewesen war. Mülhausen, ehedem eine freie, zum Schweizer Bunde gehörige Stadt, wurde 1798 dazu gedrängt, sich unter französische Staatsleitung zu stellen, wozu die gefürchtete Konkurrenz ihrer Fabrikate den Anlass gegeben hatte. Nun stieg die dortige Kattunindustrie zur höchsten Vollendung, derart, dass sie bald die' vorher so grossartige deutsche Fabrikation gänzlich hintenanstellte und im Weltmarkt neben der englischen Industrie die erste Stelle einnahm. Von da ab macht diese Industrie durch Erfindung des Walzendrucks (s. d.) und anderer maschineller und chemischer Hilfsmittel gewaltige Fortschritte, woran auch die elsässischen Fabrikanten sehr verdienstlich beteiligt sind, so dass ihre Erzeugnisse sich stets auf der Höhe der Zeit erhalten haben. In England soll erst im Jahre 1690 eine Zeugdruckerei zu Eichmond »von einem aus Frankreich vertriebenen Hugenotten angelegt worden sein. Die englischen Seiden- und Wollweber widersetzten sich nicht nur der AnHeiden, Handwörterbuch der Textilkunde. 42
658 Zeugdruck. fertigung gedruckter Stoffe im eigenen Lande, sondern auch deren Einführung aus Indien in der heftigsten Weise, jedoch wurden seihst trotz des Verbotes der Regierung solche von der englischen und holländisch-ostindischen Kom¬ pagnie durch Schmuggelhandel eingeführt, bis noch strengere Gesetze er¬ lassen wurden, welche das Tragen solcher Stoffe durchaus verboten; auch in Frankreich wurden ähnliche Gesetze erlassen. Um das Jahr 1735 wurde zwar in England das letztere Gesetz aufgehoben und die Herstellung sogen, englischer Kattune erlaubt, jedoch mit der Einschränkung, dass die Kette aus Leinen¬ garn und nur der Einschuss aus Baumwolle bestehe und dass eine hohe Ab¬ gabe entrichtet werde, so dass das Emporblühen dieser Industrie unmöglich wurde, und es wird vom Jahre 1750 berichtet, dass nur 50000 Stück ge¬ mischter Stoffe gedruckt worden sind. Erst um das Jahr 1766 fasste die Fabrikation in Lancashire festeren Fuss, woselbst sie später einen ausser¬ ordentlichen Aufschwung nahm. Im Jahre 1774 wurde die oben erwähnte Beschränkung aufgehoben, die Abgaben vermindert und 1831 dieselben ganz abgesetzt. In Frankreich hob man diese Beschränkungen schon früher auf, jedoch gegen den lebhaften Einspruch der Weber in Lyon und Rouen, und blühte daselbst diese Industrie kräftig auf, obschon sich die französischen Kattun¬ drucker den englischen gegenüber insofern im Nachteil befanden, als sie die Baumwollengewebe teuerer bezahlen mussten. Nach Otto v. Schorn, Die Textilkunst, Leipzig 1885, beginnt hier die Entwickelung des Zeugdrucks zu einer eigentlichen Industrie gegen Ende des 17. Jahrhdts., nachdem unter Ludwig XIV eine siamesische Gesandtschaft mit farbigen Blumenmustern be¬ druckte Kattune nach Frankreich gebracht hatte. Diese fanden Nachahmung und kamen unter der Bezeichnung „Indiennes“ in den Handel. (Siehe auch die Artikel Bandanadruck, Batik, Berilldruck, Golgasdruck, Lapisdruck, Walzen¬ druck, Wollendruck; auch unter Japan). Literatur: Benade & Storek, Der Zeugdruck, Artikel in Karmarsch und Heerens Technischem Wörterbuch, Prag 1890; Breyga, Handbuch des gesamten Baumwollzeugdrucks, Leipzig 1881; Crookes, A practical handbook of dyeing and calico-printing, London 1874; Depierre, Traite de Ja teinture et de l’impression des matieres colorantes artificielles, Paris 1892; Din gier, Neues Journal für die Indienneoder Baumwolldruckerei, der Leinen-, Seiden- und Wollzeugdruckerei u. s. w., Augs¬ burg 1815—1818; Duerr, Bleaching and Calico-Printing, London 1896; Forrer, Die Zeugdrucke der byzantinischen, romanischen, gotischen und späteren Kunst¬ epochen, Strassburg 1894; Derselbe, Les imprimeurs de tissus dans leurs relations liistor. et artist. avec les corporations, Strassburg 1898; Derselbe, Die Kunst des Zeugdrucks vom Mittelalter bis zum Empirestil, Strassburg 1898; Georgiewics, von, Lehrbuch der chemischen Technologie der Ctespinnstfasern, Leipzig und Wien 1898; Grothe, Färberei und Zeugdruck, Leipzig 1885; Joclet, Woll- und Seidendruckerei, Wien 1879; Kielmayer, Die Entwickelung der Färberei, Druckerei und Bleicherei, Augsburg 1879; Kurrer, von, Geschichte der Zeugdruckerei, Nürnberg 1840; Der¬ selbe, Die Druck- und Färbekunst, Wien 1848—50; Derselbe, Das Neueste in dem Gebiet der Färberei und des Kattundrucks, Berlin 1861; Lauber, Handbuch des Zeugdrucks, Wien und Moskau 1887—98; Lehne, Tabellarische Uebersicht über die künstlichen organischen Farbstoffe und ihre Anwendung in Färberei und Zeugdruck, Berlin 1893, Ergänzungsband 1898—99; Meyer, Das Färben und Bedrucken der Gewebe, Hamburg 1891; Möhlau, Organische Farbstoffe, welche in der Textil¬ industrie Verwendung finden, Dresden 1890; Noelting und Lehne, Anilinschwarz und seine Anwendung in Färberei und Zeugdruck, Berlin 1892; Persoz, Traite theorique et pratique de l’impression des tissus, Paris 1846; Rouffaer und Juynboll, Die indische Batikkunst und ihre Geschichte, Haarlem 1899; Sansone, Der Zeug¬ druck, Berlin 1890; Schützen berger, Traite des matieres colorantes comprenant leurs applications a la teinture et ä l’impression, Paris 1867; Derselbe, Die Farb¬ stoffe mit besonderer Berücksichtigung ihrer Anwendung in der Färberei und Druckerei, Berlin 1873; Seemann, Japanische Färbeschablonen, Leipzig 1899; Soxhlet, Anilinfärberei und Druckerei auf Baumwollwaren, Wien 1890; Zipser, Geräte und Maschinen der V äscherei, Bleicherei, Färberei und Druckerei, Wien 1894.
Zeulenroda — Znaim. 659 Zeulenroda, Stadt im Fürstentum Reuss ä. L.: Fabrikation von wollenen und baumwollenen Strumpfwaren und Zeugen, Färbereien und Leinwandhandel. Zibelinegarne, s. Moulineegarne. Ziegenhain, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Kassel: Strumpfwarenfabrikation und Teppichknüpferei. Ziegenhals, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Oppeln: Schafwollspinnerei, Leinen- und Damastweberei, Bleicherei und Fabriken für Strumpf- und Wollwaren. Ziegenwolle, die Haardecke verschiedener Ziegenarten, dient zur Her= Stellung von Schals, Teppichen u. dgl. Zielenzig, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Frankfurt a. 0.: Streichgarn¬ spinnerei, Wollspinnerei, Tuchfabrikation. Zierstiche, s. Nähen. Ziesar, Stadt im preuss. Reg.-Bez. Magdeburg: Tuch-, Leinen- und Strumpfweberei. Ziesel, die Schnüre zum Ziehen der Lätzen am Zampelstuhl. Zindeltaffet, ein sehr leichter Taflet. Zinna, Ortschaft im preuss. Reg.-Bez. Potsdam: bedeutende Leinwand¬ weberei, Plüsch- und Wollzeugfabrikation. Zinnigenabschluss, Zinnigen, Mauerzinnen nannte man im 16. Jahrh. in Deutschland die Spitzen, also dem italienischen merli entsprechend. Gottfried Semper weist bei dem Z i n Abb. 352. nigenmuster als Umrand¬ ung textiler Stoffe auf dessen Ursprung aus der Baukunst hin, woselbst schon in Aegyp¬ ten und Assyrien als Sims¬ bekrönungen Zinnen im sog. Dreischlitz erscheinen, die in erweiterter Form auch als Borte antiker Mosaikfussböden wahrzunehmen sind. Abb. 352 stellt eine kilimartig gewirkte Decke aus Kaukasien dar, in welcher ein solcher Abschluss zur breiten linearen Kunstform geworden ist, die aus der Schichtweberei her¬ aus sich weiter entwickelt hat und in den orientalischen Kilims auch als wechselnder Quer¬ streifen charakteristisch ist. Abbildung: 352. Originalaufnahme einer gewirkten Decke aus blauer und weisser Wolle mit Randborteu aus Zinnigen-Abscklüsseu, Kaukasisch 19. Jahrh. Zitltenhof, in der Umgegend von Pernau in Livland liegendes Rittergut mit einer grossen Tuchfabrik, welche jährlich 10000 Stück Tuche und Trikot¬ fabrikate von über 1 Million Rubel fertigt. Zittau, Stadt in der sächs. Kreishauptmannschaft Bautzen: Baumwoll¬ spinnerei, Kleiderstoffweberei (darunter die Aktiengesellschaft Mechanische Weberei mit 750 Arbeitern). Handel mit Garnen, Leinenwaren und Baum¬ wollstoffen. Zitz, Zitse, ein feiner, bunter Kattun; der Name kommt vom englischen chits, chints, chintz, einem aus dem Indischen stammenden Wort, das soviel wie chinesisch heisst. Znaim, Stadt in Mähren: Tuchfabrikation und Baumwollweberei.
Zotingen—Zopfstil 660 Zofineen Stadt im Schweiz. Kautou Aargau: Seidenbänder-, Wirk-, HalbwoU-und Baumwollwarenfabrikation, Färberei und Garnspinnerei; Lernwand- und AVachstuchfabriken. _TT .. , . Zölkiew Stadt in Galizien: Tuch- und AV ollzeugweberei. Zopfstil bezeichnet in Deutschland die Kunstweise der Zeit nach Friedrich dem (Kossen, welche aus dem in Frankreich herrschenden Stil Louis XVI. Abb. 353. entstanden ist. Letzterer beginnt seine Entwickelung schon um die Mitte des 18. Jahrhdts., indem die antikisierende Richtung eine zierliche A erbindung mit den Resten des Rokoko (s. d.) eingeht. Und wie in den übrigen Stilarten die französische Kunstweise im Kreise der Architektur keine Rolle spielt, sondern mehr in der Dekoration der Innenräume auf dem Gebiete der Kunst¬ industrie viel ausschliesslicher zur Geltung kommt, so auch hier. Inmitten weisser glatter Flächen zwischen den immer knapper werdenden, geradlinig sich gestaltenden plastischen Umrahmungen aus vergoldetem Stuck, dessen
Zopfstiel. Dekoration auch die Möbel annehmen (Abb. 358), machen sich die Erzeugnisse der textilen Künste geltend, um möglichst zarte Farbentöne zur massigen Belebung des Ganzen hineinzutragen. Gewebe und Stickereien, erstere in Tapetenstoffen (Abb. 354), passen sich in ihren Zeich¬ nungen den modellierten Einzelheiten aus ovalen Medail¬ lons , Urnen, Perlengehängen u. dgl. an, die Muster wiederholen sich im pilasterartigen Aufbau, genau so, wie die italienische Renaissance die Antike kopierte, nur dass hier jeder Linie etwas eigen ist, was den vorneh¬ meren Zug der organischen Entwickelung von dort her nicht hinübergenommen hat. Dieselbe Leichtigkeit in der Auffassung überträgt sich auch stilistisch auf die Technik. Die Tambourierarbeit muss genügen, um mit Zuhilfenahme einiger Malerei einen Lambrequinstreifen mit Querstange und umwickelter Draperie plastisch dar¬ zustellen (Abb. 345, S. 639 u. Abb. 355). Und dennoch hilft das Graziöse, mit welchem solcher stilistische Leichtsinn verübt ist, über jedes Bedenken hinweg: die geschickte Vereinigung des Materials im Zusammenhänge mit Ele¬ ganz und Vornehmheit der Farbengebung bergen ihre unwillkürlichen Reize. Aber der künstlerische Zauber einer taufrischen Blütenlese antiker Formensprache aus Klein-Trianon war gar bald verweht in der kalten nüch¬ ternen Ausdrucksweise eines steifen Empire’s (s. d.). Abbildungen: 353. Darstellung aus: Heiden, Musteratlas, Leipzig 1896 : Bl. 131. Lehnstuhl, Holz geschnitzt und vergoldet, gepolsterte Rücklehne und Kissen mit gesticktem Ueberzug. Original (aus dem Zimmer der Königin Maria Antoinette) im Königl. Kunstgewerbe-Museum zu Berlin, Frankreich um 1790. 354. Darstellung aus: L’art decorer etc. par Mr. Cox, Lyon 1900 Bl. CXL: Seidenstofftapete, Grund rot, Muster weiss: Pilasterartiger Aufbau von Blumenfeldern und Vasen zwischen Gehängen in geraden Doppellinien. Frankreich um 1790. Abb. 355. 661 Abb. 354.
Zoppot—Zweirecktiger Köper. 662 355. Darstellung wie 353: Behangstreifen, Stickerei auf weissem Atlas in far¬ biger Seide im Tambourierstich mit gemalten Zwischenteilen: Bogenfelder aus drapier¬ ten Bändern und gewundenen Blatt- und Blütenranken. Frankreich um 1790. Zoppot, Dorf im preuss. Beg.-Bez. Danzig: Fabrikation von Shoddyzeugen. Zottelsammet, Wollenstoff mit langen, herabhängenden Noppen, von den Völkern des Nordens in Nachahmung des Tierpelzes gearbeitet, wahrscheinlich identisch mit einem solchen Stoffe, welcher in einem koptischen Grabe ge¬ funden ist. (Vgl. Sammet, S. 454). Zrbia heissen in Marokko die Knüpfteppiche. Zschopau, Stadt in der sächs. Kreishauptmannschaft Zwickau: Streich¬ garnspinnerei, Appreturanstalt, Baumwollspinnerei, Bleicherei, Zwirnerei, Fär¬ berei, Kattundruckerei, Strumpfwirkerei, Fabriken für Buckskin, Kassinet, Flanell, Baumwoll- und Leinenwaren. Züchen, Züchenleinwand, weiss und bunt gestreifte, zwillichartig bezw. rautenweise aus flächsenem Garn gewebte Zeuge, welche als Bettzeug verwendet und an vielen Orten Deutschlands teils für den heimischen Bedarf, teils für den Export nach Italien, Spanien, Portugal und Amerika gefertigt werden. Zuckmantel, Stadt in Oesterreichisch-Schlesien: Baumwoll-, Leinen-, Damast- und Seidenindustrie. Zug, in der Musterweberei Vorrichtung zur Fachbildung durch Ziehen anstatt durch Treten. Zugnadeln, Zugruten werden die zur Anfertigung des gezogenen Sam¬ mets erforderlichen Buten genannt. Zugstuhl = Kegel- oder Zampelstuhl. Zürich, Stadt im gleichnamigen Schweiz. Kanton: bedeutende Baumwollund Seidenspinnerei und -Weberei, Druckerei, Färberei. Zurichten, bei Geweben appretieren. Zurkamwolle, die lange, zottige und harte Wolle einer wallachischen Schafrasse. Zurück weben, fehlerhafte Stellen eines Gewebes wieder auf lösen. Zurzach, Marktflecken im Schweiz. Kanton Aargau: Stickerei, Leinwandlind Wäschefabrikation. Zusammengesetzte Bindungen werden bei fassonierten Stoffen angewendet, während einfache und gemischte Bindungen, wenn sie als selbständische Warenverbindung Vorkommen, glatte Stoffe erzeugen, (s. Taf. XVI). Zuschneidemaschinen, Maschinen zum gleichzeitigen Zuschneiden mehrerer Lagen Tuch usw. Zütphen, Stadt in der niederl. Provinz Gelderland: Fabrikation von Leinwand, Tuch, Baumwollwaren. Zu Wefel gedreht heisst links gedrehtes, zu Werft gedreht rechts gedrehtes Garn. Zwehle, Twehle (althochdeutsch: dwahilla von dwahom, waschen, daher I ucli zum Abtrocknen), schmales Leinentuch, Handtuch, Tischtuch u. dgl. Zweibrücken, Stadt imbayer. Beg.-Bez. Oberpfalz: mechanische Zwirnerei, Stickerei; I abrikenfür Seidenplüsch, Herrenkleider, Strickwolle, Tuch und Flanell. Zweichorig, Stoffe, welche so gewebt sind, dass die Schäfte in zwei Partien oder Chore geordnet sind. Zweifädig, aus zwei Fäden zusammengezwirnt, von Leinenzwirn, Organsiuoder Tramseide; zweifädigen Grund hat ein Sammetgewebe, wenn immer zwei Kettenfäden des («rundgewebes neben einem Faden der Sammetkette liegen. Zweihändig heissen Tapeten, Avelche mit zwei Druckformen bedruckt, also zweimal durch die Hände gegangen sind. Zweimännig werden Handwebestühle genannt, auf welchen breite Stoffe \ on zw ei Arbeitern gewebt werden, die abwechselnd den Schützen werfen oder auffangen. Zweirechtiger Köper zeigt auf beiden Seiten gleich viel von Kette und Schuss.
Zwettl—Zwillich. 663 Zwettl, Stadt in Niederösterreich: Leinwand-, Baumwoll-, Tuch- und Bandweherei; Färberei. Zwickau, Hauptstadt der gleichnamigen kgl. säclis. Kreishauptmannschaft: Fabriken für Säcke und Tuch; Vigognespinnereien, Strumpfwirkereien. Zwickau, Stadt in Böhmen: Baumwollwarenfabrikation, Bleicherei, Bunt¬ färberei und Türkischrotfärberei. Zwiebelmuster, für Damastweherei und Leinenstickerei in Nachahmung sächsischen Porzellandekors als Tischzeug modern geworden. (Abh. 356). Abbildung: 356. Darstellung (aus der Modenwelt) des sogen. Zwiebelmusters, gezeichnet für Stickerei im Kreuz- und Strichstich. Zwillich, Abh. 356. Zwilch, Drell, Drill, Drillich, Trillich(franz.: treilis, coutil; engl.: treilis, ticking), ist eine Gattung von Geweben, welche, obwohl sie nicht durchgängig einerlei bedeu¬ ten , doch die genannten Namen führen und welche das gemein haben, dass sie geköperte, und zwar teils glatte, teils gemusterte Stoffe sind, in den meisten Fällen mit einfacher, z. T. auch reicherer Musterung und geradlinigen Figuren, doch auch, da man jetzt zur Zwillichweherei seiht den .Taccjuardstuhl benützt, mit freieren Zeichnun¬ gen , den eigentlichen Damast nachahmend und diesen sogar z. T. verdrängend. Der Un¬ terschied von Zwillich und Drillich besteht darin, dass der erstere nur einen glatten, fort¬ laufend vierschäftigen Köper ohne Musterung hat, der letztere dagegen ge¬ mustert und mit so viel Schäften gewebt ist, als die Grösse der Muster er¬ fordert. Ursprünglich webte man alle hierher gehörenden Artikel aus Leinen und stärkere zuweilen aus Hanfgarn, während man jetzt neben solchen auch viel halbleinenen mit baumwollener Kette oder solchem Einschlag, sowie ganz¬ baumwollene und solche hat, bei denen mehr oder weniger Baumwolle in den Leinenstoff eingeschmuggelt ist. Die Stoffe sind entweder roh belassen oder weiss gebleicht, einige durch Hinzunahme farbigen Garns gestreift, quadrilliert, meliert usw. Die Gewebe dienen in ihren verschiedenen Sorten zu mancherlei Zwecken: als Bettzwillich, entweder ganz Leinen mit gestreiften Mustern, oder rot-, blaustreifig mit baumwollenem Schuss. Die Qualität ist verschieden; die besten Bettzwilliche kommen aus der Gegend von Zittau, Bautzen und Löhau, dann aus Rumburg, Warnsdorf und überhaupt aus den böhmischen Gegenden an der sächsischen Grenze, ferner aus dem Eisenachschen, Gothaischen usw. und werden meist auf den Messen in Leipzig, Frankfurt und Wien verkauft oder gehen über Hamburg und Bremen nach Amerika und Spanien. — Nach-
664 Zwirn—Zwittau. ahmungen der leinenen Z. in ganz Baumwolle heissen Bettdrell, Matratzen¬ zwillich, Coutils und bestehen nur aus fortlaufendem vierschäftigem Köper, z. T. farbig gestreift und kariert und nur in gewöhnlichen Sorten vorkommend und zu geringer Tischwäsche, Matratzen, Rouleaux und Strohsäcken verwend¬ bar. Sebnitz in Sachsen ist der Hauptsitz dieser Industrie. Dann hat man Tischzeug- und Handtuchdrell mit grösseren und kleineren rechtwinkeligen Mustern (Baummuster, Kreuzdukatenmuster, Steinmuster, gebrochener Stab usw.) oder das Tischzeug in damastähnlichen Figuren auf dem Jacquardstuhle gewebt. Die Oberlausitz, namentlich Waltersdorf, Steinigtwolmsdorf, Sohland, liefert eine schöne Ware dieser Art, dann auch in Böhmen, Schluckenau, Rumburg, Warnsdorf, Trautenau und dann besonders Sternberg, Zwittau, Janowitz, Olmütz, sowie Brünn, in Preussen ist Düsseldorf, Elberfeld, Mettmann, die Halber¬ städter Gegend, dann Marburg, Fulda usw. hervorragend in der Zwillich¬ fabrikation. Wichtig ist schliesslich noch die Fabrikation von Hosendrell, von Leinen und Baumwolle gemischt, gestreift, gemustert, geflammt und meliert, namentlich in Zittau. Zwirn heisst im allgemeinen jeder Faden, der durch Zusammendrehen (Zwirnen) zweier oder mehrerer Fäden entstanden ist. Je nach der Zahl der verwandten Fäden heissen die Z. 2-, 3-, 6-, 8-drähtig usw. Höhere Ziffern verbundener Fäden (von 10 oder 12 ab) gehen über den Begriff von Z. hinaus und bilden Kordeln. Zweifädiger Z. heisst Eisengarn und ist mit Stärke appretiert. Je nach dem Material gibt es Leinen-, Wollen-, Baumwollen-, Seiden- und Hanfzwirn. Häufig nennt man die gezwirnten Artikel dennoch Garn, so namentlich die wollenen und baumwollenen Strickgarne, die alle ge¬ zwirnt sind. Die Garne zu den Z. sind in neuerer Zeit hauptsächlich Maschinengarne mit Ausnahme der feinsten Gespinste aus Flachs zu den hoch¬ feinen Spitzen. In Böhmen, wo sehr viel Z. von jeher geliefert werden, hat das englische Maschinengarn auch schon grossenteils das Handgarn verdrängt. D as^ Z. selbst geschieht auf Maschinen (Zwirnmühlen), die entweder Hand¬ maschinen sind von 16 — 82 Spindeln oder grosse komplizierte Werke von 100 — 200 Spindeln, die von Wasser oder Dampf betrieben werden. Die Z. kommen roh oder meist gebleicht in verschiedenen Farben und auch meliert in den Handel und die verschiedenen Stärkegrade sind durch Nummern be¬ stimmt. Das Material zum Nähzwirn, der immer stärker gedreht ist, als andere Sorten, ist Leinen, Hanf oder Baumwolle, die letztere hauptsächlich durch die Engländer eingeführt. Es werden in Deutschland vieler Orten, namentlich auch in Sachsen, gute Zwirne geliefert; indessen besteht doch noch eine ansehnliche Einfuhr von rohen, gebleichten und farbigen Leinenzwirnen aus England, wo vorzügliche Qualitäten von Leith, Paisley, Aberdeen, Dundee und Dublin her¬ gestellt werden. Z. werden ausser zum Nähen, Stricken, Sticken und Zeichnen auch gebraucht zur Herstellung von Wirkwaren, namentlich Handschuhen und Strümpfen, zu Häkelarbeiten, als Kette zu gewissen Webereiwaren, zu Lampen¬ dochten, die feinsten zu Spitzen. Der leinene Litzenzwirn ist eine besondere zu den Litzen der Webegeschirre bestimmte AVare. Im sächsischen Vogtlande, der Pflegstätte der Weisswaren und des Spitzenklöppelns, werden die hierzu nötigen Baumwollzwirne und überhaupt alle Zwirnsorten von mehreren grösseren und kleineren Anstalten gefertigt, und es bilden darunter die Z. zur Maschinen¬ stickerei einen starken Anteil. Böhmen liefert besonders im Leitmeritzer Kreise jeden Z., ebenso Laubegast und Lockwitz bei Dresden; ferner AVestfalen, Hannover, Hessen, Gotha usw. Zwirnen, mehrere Fäden zu einem zusammendrehen. Zwischensatz, Einsatz (franz. entre-deux), ungezackte Spitzen zum Ein¬ setzen zwischen zwei Zeugstücke. Zwittau, Stadt in Oesterreich: Schafwollspinnerei, Fabrikation von Leinen- und Barchentwaren, Tuch, Jutewebstoffen; Färberei und Flachshandel. s-x>
Tafel 1. Wirkereien und Webereien aus koptischen Gräbern. OrigtnalaufnaJimen aus dem Kaiser Friedrich Museum in Berlin.

Tafel II. Webereien des frühen Mittelalters. Nach vorhandenen Abbildungen und Originalen gezeichnet von Ernst Flernming, Berlin.

Tafel III. Webereien des späteren Mittelalters. Darstellungen nach vorhandenen Abbildungen.

Tafel IV. Webereien der Gotik und Frührenaissance. OHghutlaufnahmen aus dem Königl. Landes-Gewerbcmuseumin Stuttgart.

Tafel V. Webereien der Renaissance. Originalaufnahmen aus dem Königl. Landes-Gewerbemuseum in Stuttgart.

Tafel VI. Webereien aus China und Japan. , Originalaufnahmen aus dein Königl. Landes-Gewerbemusewn in Stuttgart

Tafel VII. Webereien aus Indien, Persien und der Türkei. Originalaufnahmen aus dem Königl. Landcs-Gewerbemuscum in Stuttgart.

Tafel VIII. Europäische Textilmuster der Neuzeit. Darstellungen nach vorhandenen Abbildungen.

Tafel IX. Aufnäharbeiten der Renaissance. Originalaufnahmen aus der Sammlung der Städtischen Höheren Webeschule in Berlin, gezeichnet von Ernst Flemming, Berlin.

Tafel X. Genähte Spitzen des 16. und 17. Jahrhunderts. Darstellungen nach vorhandenen Abbildungen.

Tafel XI Genähte und geklöppelte Spitzen des 18. Jahrhunderts. Darstellungen nach Originalen und vorhandenen Abbildungen.

Tafel XII. Spitzen des 18. und 19. Jahrhunderts. Darstellungen nach vorhandenen Abbildungen.

Tafel XIII. Orientalische Knüpfteppiche des 18. und 19. Jahrhunderts. Onginalaufnahmen aus den Beständen des Hauses Budolph Hevtzog in Berlin.

Tafel XIV. Orientalische Teppiche des 19. Jahrhunderts. Originalanfnahmen aus den Beständen des Hauses Rudolph llertzog in Berlin.

Tafel XV. Darstellungen von Bindungen in der Weberei. s“i“ o.. i"p* L1 £-= l! b- i.!:- ÜVlTM lVIVLVWIV jiji ..9 -i !.fr-‘ s. H L‘ 9» Originaläufnahmen nach Zeichnungen von Ernst Flemming, Berlin.
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Tafel XVI. Darstellungen von Gewebebindungen (II) und Knüpftechnik. irHjffi ;r:A A :W,: :r ? gm? ,'s‘A !■ j. .,.i. . i: rli: .,a 'i ll!i; f1 r II i 1. ,5lUJl - *|i1 r1- *j‘* l:14i. Mitgeteilt von Ernst Flemming, Berlin Kjliijycj: i EBHK


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